4——.— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 5 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mtr. pPpf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. — 3 „ 3„ 3 3„=„„—„ 5. Auswüörtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Buücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— 8* das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 6 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das 2 Jeiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 1 wv———= —— 8& Waſhington Irving's ſaͤmmtliche Werke. Zwanzigſtes bis zweiundzwanzigſtes Baͤndchen. — Die Geſchichte de s Lebens und der Reiſen Chriſtoph's Columbus. Erſtes bis drittes Baͤndchen. Frankfurl am Main, 1828. Gedruckt und verlegt bei Johann David Sauerläͤnder. Die Geſchichte de s Lebens und der Reiſen Chriſtoph's Columbus von Waſhington Irving. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt. ——— Späte Jahrhunderte Sehen die Zeit, wo der Ocean Löſ't die Bande der Dinge, wo großer Erdſtrich ſich aufthut, ein Tiphys Neue Welten entdeckt, nicht der Länder Letztes iſt Thule. — Seneca's Medea. Erſtes bis drittes Baͤndchen. Frankfurt am Main, 1828. Gedruckt und verlegt bei Johann David Sauerlaͤnder. Vorrede des Ueberſetzers. Indem ich den Wünſchen des Herrn Verlegers durch Uebernahme einer Verdeutſchung des trefflichen Ge⸗ ſchichtswerkes aus der Feder des genialen Waſhing⸗ ton Irving nachkomme, habe ich billig um Nachſicht zu bitten, wo die eilende Arbeit mir Feſſeln an⸗ legte und die Ueberſetzung wohl überhaupt nicht ſo vorzüglich erſcheinen könnte, als es der Gegenſtand und deſſen ausgezeichnete Behandlung verdient. Das Motto hat Aufſehen erregt, wo ich es mittheilte. Wiewohl es in den vier Baͤnden der vor mir liegenden engliſchen Ausgabe in dem lateiniſchen Original abgedruckt iſt, ſo ſchien mir doch die Ueber⸗ tragung in's Deutſche wünſchenswerth, um ſogleich auch dem Laien den überraſchenden Genuß zu ver⸗ ſchaffen. So wie es Irving gibt, ſtimmt es nicht ganz mit anderen Ausgaben des Tragikers Seneca überein, welche Tethys(des Oceanus Gemahlin) ſtatt Tiphys(der Argonauten Steuermann) leſen; auch iſt die proſodiſche Regel in der Versabtheilung verletzt worden. Während ich jedoch dieſe Stelle aus Seneca's Medea nach Anleitung unſeres Autors frei übertrug und der Verdeutſchung dadurch einen natürlicheren Ausdruck geben konnte, will ich doch hier, den Männern vom Fach zur Genüge, auch die proſodiſch richtige Ueberſetzung mit Aufnahme jener Variante geben. Die Stelle des Chors, aus welchem ſie entnommen iſt, lautet im ariſtophaniſch⸗ anapäſtiſchen Metrum ungefähr ſo: Wohl der Nachwelt Jahrhunderte tagen, Wo der Ocean wird loͤſen der Dinge Bande und weit raget ein Erdſtrich hin, Wo Tethys enthuͤllt Welten dem Auge, Nicht der Laͤnder letztes iſt Thule. Irving zußert ſich in dem Anhang von der At⸗ — 7— lantis des Plato über das Merkwürdige dieſer un⸗ bewußten Prophezeihung, welche wenigſtens zeige, wie die Bilder der entzündeten dichteriſchen Phan⸗ taſie oft dem Prophetenwort nahe kommen. In Uebereinſtimmung damit ſtehen die Worte Schillers, wo er Columbus anredend, auf die neue Welt hin⸗ weiſt: 5 Traue dem leitenden Gott und folge dem ſchweigenden Weltmeer 3 Waͤre ſie noch nicht, ſie ſtieg jetzt aus den Fluthen empor. Mit dem Genius ſteht? Natur in ewigem Bunde, Was der eine verſpricht, leiſtet die andre gewiß. Es iſt immer eine angenehme und erfreuliche Beſchäftigung, dem bahnmachenden Genius auf ſei⸗ nen Spuren nachzugehen und die Geheimniſſe ſeines Heranreifens zu belauſchen. Selbſt manchem erwachſenen Leſer mag es bei dieſem Buche zu Muthe werden, wie dem ungedul⸗ digen Knaben, welcher ſeinen Robinſon nicht lieſt, ſondern verſchlingt, ſich im einſamen Genuß innigſt in alle Drangſale und Entbehrungen, denen ſein Held unterworfen iſt, hineinlebt, und nur davon träumt, auch einmal ſo groß und berühmt zu werden.*) Dann verſchwindet es wieder, wie eine reizende Sage in den Hintergrund der Geſchichte, und alle Sturm⸗ und Sonnenſchein⸗Landſchaften des einfachen und darum ſo mächtigen Erzählers ſcheinen nur op⸗ tiſche Täuſchungen geweſen zu ſeyn. Spielend knüpft ſich bei dem Aufrollen des ge⸗ heimnißvollen Vorhangs in der Kunde von Colum⸗ bus das träumend ſich erinnernde und prophetiſch träumende Alterthum in den Namen Thule und Atlantis an die ganze romantiſche Welt des Mittelalters, und dieſes wieder an unſere Zeit, an den König in Thule und des bizarren Hofmann At⸗ lantis im Mährchen vom goldnen Topf. Noch iſt es ſchön und beziehungsreich, daß der fromme und kühne, ausdauernde Columbus den Namen ſeines Erlöſers, wie ſein Heiliger deſſen ») Herr Sauerlaͤnder wird ſich vermuthlich entſchließen, eine gedraͤngte Biographie Chriſtoph's Columbus nach dieſem Werke fuͤr den Gebrauch der Jugend bearbeiten zu laſſen, Bürde trug, welcher darunter zu vergehen meinte, da es ihm war, als trage er eine Welt auf ſeinen Schultern. So ſchritt Columbus durch die brauſen⸗ den Strudel, über den himmeltragenden Atlas hin⸗ aus, ein Chriſtophorus, die beiden Ufer verbindend, und pflanzte dort die Fahne des Kreuzes. Viel Blut mußte fließen in der neuen Welt, und es iſt als ob die Genien der Menſchheit jene wilden Stürme aufgereizt hätten, welche Columbus auf ſeiner Ruckfahrt mit ſeinem Geheimniß zu begraben drohten; aber höher geweihte Geiſter dämpften die Wuth der Elemente und zeigten über der Sturm⸗ welt Maͤrtyrerkronen für beide, Heiden und Chriſten. Bedeutungsvoll iſt auch der Name, mit dem ihn die Geſchichte nennt. Columbus wollte, als er nach Spanien kam, Colon,(colonus) der Anſiedler, ge⸗ nannt ſeyn. Noch lieber möchten wir ihn mit der Taube(columba) vergleichen, wenn ſein Geiſt den Oelzweig des Friedens brächte über die entzweite neue Welt, welche jetzt erſt ſeinem Namen die Ehre gidt. In der That exiſtiren Familien, welche ihren Namen und ihre Herkunft von der Familie unſeres Colombo*) ableiten und eine Tanbe mit einem Oelzweig im Wappen führen. M. *) Das Wappen, womit der Koͤnig von Spanien Colum⸗ bus nach der Entdeckung der neuen Welt begnadigte, iſt in dem 7. Kapitel des 5. Buchs dieſes Werkes be⸗ ſchrieben; er erhielt den Thurm und den Loͤwen von Caſtilien und Leon, und, um die entdeckte Welt zu be⸗ zeichnen, eine Inſelgruppe von Wellen umgeben. Ueber das urſpruͤngliche Siegel ſeiner Familie und uͤber die Wappen der Colombos in Italien findet ſich bei Ir⸗ ving keine Notiz. VBorrede. Als ich mich im Winter 1825— 26 zu Bor⸗ deaux aufhielt, bekam ich einen Brief von Herrn Alexander Everett, Geſandten der nordamerikaniſchen Freiſtaaten zu Madrid, der mich mit einem gerade unter der Preſſe befindlichen Werke des Don Mar⸗ tin Fernandez de Navarrete, Secretärs der König⸗ lichen Akademie der Geſchichte ꝛc. bekannt machte, welches eine Sammlung von Documenten uͤber die Reiſen des Columbus enthalten ſollte, worunter ſich viele neu entdeckte von äußerſter Wichtigkeit befän⸗ den. Herr Everett äußerte bei dieſer Gelegenheit, wie wünſchenswerth es wäre, wenn dieſes Werk von einem unſerer Landsleute ins Engliſche übertragen würde. Ich theilte dieſe Anſicht, und da ich ſchon — 12— ſeit geraumer Zeit einen Beſuch in Madrid beab⸗ ſichtigt hatte, ſo reiſte ich kurz darauf nach dieſer Hauptſtadt, mit dem Vorſatze, während meines dortigen Aufenthaltes die Ueberſetzung dieſes Wer⸗ kes ſelbſt zu unternehmen. Bald nach meiner Ankunft erſchien die Sammlung des Herrn Navarrete. Ich fand, daß ſie viele bis dahin unbekannte Documente enthielt, welche uͤber die Entdeckung der neuen Welt mehr Licht verbrei⸗ teten, und in hohem Grade von dem Eifer und der Thaͤtigkeit des gelehrten Verfaſſers zeugten. In⸗ deſſen gab das Ganze doch vielmehr eine Maſſe rei⸗ cher Materialien zu einer Geſchichte, als dieſe ſelbſt. So unſchätzbar auch ſolche Thatſachen für den fleißi⸗ gen Forſcher ſeyn mögen, ſo wirkt doch der Anblick unzuſammenhängender Papiere und Actenſtücke ab⸗ ſchreckend auf den gewöhnlichen Leſer, welcher eine deutliche und fortlaufende Erzaͤhlung verlangt. Dieſe Umſtaͤnde machten, daß ich in meinem Vorſatze wan⸗ kend wurde; aber der Gegenſtand war ſo intereſſant und nationell, daß ich mich nicht entſchließen konnte, ihn aufzugeben. Wie ich mir die Sache reiflicher überlegte, ent⸗ — 13— deckte ich, daß es zwar ziemlich viele Bücher in ver⸗ ſchiedenen Sprachen gaͤbe, welche von Columbus handelten, daß dieſelben jedoch ſämmtlich beſchränkte und unvollſtändige Nachrichten über ſein Leben und ſeine Reiſen enthielten, während eine Menge werth⸗ voller Einzelnheiten über den Gegenſtand nur im Manuſcript oder in der Form von brieflichen Mit⸗ theilungen, von Journalnachrichten oder öffentlichen Urkunden exiſtirten. Eine Geſchichte, mit gewiſſen⸗ hafter Treue aus dieſen verſchiedenen Materialien gezogen, ſchien mir eine Lücke in der Literatur aus⸗ zufüͤllen, und verſprach mir eine befriedigendere Be⸗ ſchaͤftigung und ein willkommneres Werk für mein Vaterland zu ſeyn, als die Ueberſetzung, mit wel⸗ cher ich umging. Die großen Begünſtigungen, welche ich bei mei⸗ ner Ankunft in Madrid fand, gaben mir Muth, ein ſolches Werk zu unternehmen. Ich wohnte in dem Hauſe des amerikaniſchen Conſuls, O. Rich, Squire, eines der unermüdlichſten Bücherkenner in Europa, welcher mehrere Jahre hindurch beſondere Nachforſchungen nach allen möglichen Documenten über die älteſte Geſchichte Amerika's gemacht hatte. In ſeiner reichen und ſeltnen Bibliothek fand ich eine der beſten Sammlungen uͤher die Geſchichte der ſpaniſchen Colonieen, worunter viele Documente wa⸗ ren, nach welchen ich anderwärts vergeblich geſucht haben würde. Dieſe Werke ſtellte er zu meiner völlig freien Benutzung, mit einer Liberalität und einem Vertrauen, wie ſie bei den Beſitzern ſolcher ſeltnen und werthvollen Werke wenig angetroffen werden; ſeine Bibliothek ward meine Hauptquelle im Verlauf der unternommenen Arbeit. Ferner ſtanden mir die Königliche Bibliothek zu Madrid und die Bibliothek des Jeſuiten⸗Collegiums von St. Iſidor, zwei berühmte und ausgedehnte Sammlungen, bei welchen große Ordnung und Libe⸗ ralität herrſcht, zu Gebote. Von Don Martin Fer⸗ nandez de Navarrete, welcher viele bedeutende und intereſſante Actenſtücke näherer Belehrung mittheilte, die er im Laufe ſeiner Nachforſchungen entdeckt hatte, wurde mir der freundlichſte Beiſtand gelei⸗ ſtet: und ich kann mich nicht enthalten, dem beharr⸗ lichen Eifer dieſes würdigen Mannes meine Bewun⸗ derung zu zollen, als eines der letzten Veterane der ſpaniſchen Literatur, welcher in ſeinen Studien faſt ganz auf ſich ſelbſt beſchränkt, aber in ſeinen Nach⸗ forſchungen unermüdlich iſt, in einem Lande, wo ge⸗ genwärtig literariſche Bemühungen nur wenig Auf⸗ munterung und Belohnung finden. Ich muß außerdem noch die Liberalitaͤt des Her⸗ zogs von Veraguas, des ſtammhaltenden Abkömmlings von Columbus, erwähnen, welcher mir die Einſicht ſeiner Familienarchive geſtattete und ſich ein beſon⸗ deres Vergnügen daraus machte, mir die Schätze zu zeigen, welche ſie enthalten. Endlich darf ich nicht vergeſſen, meinem trefflichen Freunde Don Antonio de Ugina, Schatzmeiſter des Prinzen Francisco, ei⸗ nem Manne von Talenten und Gelehrſamkeit, und beſonders in der Geſchichte ſeines Vaterlandes und der von demſelben abhängigen Länder wohl unter⸗ richtet, meinen innigen Dank darzubringen. Seinen unverdroſſenen Nachforſchungen, ſeinen ſtillen, unge⸗ nannten Beiträgen verdankt die Welt einen großen Theil der ſicheren Belehrung, welche nunmehr über die Thatſachen der erſten Coloniſation gegeben wer⸗ den kann. Dieſer Mann iſt in dem Beſitz der mei⸗ ſten Papiere ſeines verſtorbenen Freundes, des Hiſtorikers Munjos, welcher durch den Tod mit⸗ ten in ſeinen wichtigen Arbeiten unterbrochen wurde. Dieſe und mancherlei andere Documente ſind mir von Don Antonio mit einer Güte und Freundlichkeit mitgetheilt worden, welche meine Verbindlichkeit ſehr erhöhete, ohne ſie mir drückend zu machen. Mit dieſen und anderen Hülfen, welche mir meine beſonderen Verhäͤltniſſe am Ort gewährten, habe ich verſucht, nach beſten Kräften und mit mög⸗ lichſter Benutzung der Zeit, welche mir bei dem . Aufenthalt in einem fremden Lande zu Gebote ſtand, dieſe Geſchichte zu ſchreiben. Ich habe ſorgfältig alle Werke, gedruckte und im Manunſcript vorhan⸗ dene, verglichen, welche mir mit dem Gegenſtande in Beziehung zu ſtehen ſchienen; indem ich dieſelben, ſo weit es in meiner Macht war, mit Original⸗Do⸗ cumenten, dieſen ſicheren Leuchten hiſtoriſcher For⸗ ſchung, zuſammenhielt, und verſuchte, die Wahrheit aus widerſprechenden Zeugniſſen zu ermitteln, welche einmal unvermeidlich ſind, wo mehrere Perſonen dieſelben Thatſachen erzählen, indem ſie dieſel⸗ ben aus verſchiedenen Standpunkten und unter dem Einfluſſe verſchiedenartiger Intereſſen und Empfin⸗ dungen betrachten. Bei der Ausführung dieſes Werkes habe ich es vermieden, mich bloßen Speculationen oder allge⸗ meinen Betrachtungen hinzugeben, ſolche ausgenom⸗ men, welche die Natur des Gegenſtandes herbei⸗ führte, indem ich es vorzog, eine genaue und aus⸗ führliche Erzählung zu geben, dabei keinen Umſtand auszulaſſen, welcher zur Charakteriſtik der Perſonen, Begebenheiten und Zeiten zu gehören ſchien, und mich bemühte, jede Thatſache in einem ſolchen Ge⸗ ſichtspunkte zu zeigen, daß der Leſer ihre Bedeuten heit erkennen möge und zu eigenen Betrachtungen und Schlüſſen veranlaßt werde. Da viele Punkte in der Geſchichte Erläuterun⸗ gen erforderten, welche aus gleichzeitigen Ereigniſ⸗ ſen und der Literatur der Zeit geſchopft werden mußten, ſo habe ich es vorgezogen, ſtatt die Er⸗ zählung damit zu überladen, am Ende des Werkes abgeſonderte Erläuterungen mitzutheilen. Dieſes ſetzte mich zugleich in den Stand, mich in eine größere Breite des Einzelnen einzulaſſen, wo der Gegenſtand von origineller oder beſonders anziehen⸗ der Natur war und die Quellen der Belehrung der Art, daß ſie ſich nicht in den planen Gang der Lec⸗ türe fügten. Irving's Columbus 1— 3 2 Bei allem dem übergebe ich dem Publikum die⸗ ſes Werk mit großer Schüchternheit. Alles, was ich dabei zu meinen Gunſten ſagen darf, iſt, daß ich von einem ernſten Streben nach Wahrheit aus⸗ ging, frei von Vorurtheilen über die in meiner Geſchichte geſchilderten Nationen, von großem In⸗ tereſſe für meinen Gegenſtand und von dem Eifer belebt, durch Fleiß viele Mängel zu erſetzen, deren ich mir wohl bewußt bin. Madrid, 1827. Waſhington Irving. E r ſt e s B uſch. Einleitung. Ob in alten Zeiten, jenſeits der Geſchichte ober der Ueberlieferung, in einer weit entfernten Perlode der Kultur, wo, wie Einige meinen, die Kuͤnſte in einer dem ſpaͤteren Alterthum unbekannten Vollkommenheit gebluͤht haben moͤ⸗ gen, eine Gemeinſchaft beſtand zwiſchen den entgegenſtehen⸗ den Kuͤſten des atlantiſchen Meeres; ob die egyptiſche Sage von der Inſel Atlantis, welche Plato erzaͤhlt, wirklich keine Fabel, ſondern die dunkle Ueberlieferung von einem großen Lande war, welches durch eine jener maͤchtigen Erſchuͤtte⸗ rungen unſerer Erdkugel gebildet worden, die von dem Ocean die Spuren auf den Gipfeln hoher Berge hinterlaſ⸗ ſen haben, dieſes wird immer Gegenſtand weitausſehender und ertraͤumter Speculationen bleiben. So weit ſich die beglaubigte Geſchichte erſtreckt, iſt von dem Feſtlande und von den Inſeln der weſtlichen Halbkugel bis zu ihrer Ent⸗ 2* — 20— deckung gegen das Ende des funfzehnten Jahrhunderts nichts bekannt geweſen. Ein umherirrendes Schiff mag einſt die Kuͤſten der alten Feſtlande aus dem Geſicht verloren haben und von Stuͤrmen durch die Wildniß der Gewaͤſſer getrie⸗ ben worden ſeyn, ehe ein Compaß entdeckt war, aber es kehrte nie zuruͤck, um die Geheimniſſe des Oceans zu ent⸗ ſchleiern. Und obgleich von Zeit zu Zeit manches Beweis⸗ ſtuͤk nach den Ufern der alten Welt geſchwommen kam, welches den verwunderten Bewohnern die Gewißheit von Land weit hinter ihrem Waſſer⸗Horizonte geben konnte, ſo verſuchte doch Keiner, ein Segel zu ſpannen und dieſes in Geheimniß und Gefahr gehuͤllte Land aufzuſuchen. Oder wenn die Sagen der Scandinaviſchen Seefahrer Grund ha⸗ ben und ihr myſterioͤſes Vinland die Kuͤſte von Labrador, oder das Geſtade von Neufundland war, ſo hatten ſie doch von der neuen Welt nur voruͤbergehende Schimmer, welche auf keine gewiſſe oder feſtbegruͤndete Kenntniß leiteten und in kurzer Zeit der Menſchheit wieder verloren gingen.*) Ausgemacht iſt es, daß im Anfange des funfzehnten Jahr⸗ hunderts, als die hellſten Koͤpfe in allen Richtungen den zerſtreuten Lichtern der Erdkunde nachgingen, noch eine tiefe Unwiſſenheit uͤber die weſtlichen Regionen des atlantiſchen Meeres unter den Gelehrten herrſchte; ſeine weiten Gewaͤſ⸗ ſer wurden mit Ehrfurcht und Verwunderung betrachtet, *) Man leſe in den Erläuterungen am Ende dieſes Werkes den Artikel: Scandinaviſche Enrdeckungen. — 21— als ſchienen ſie die Welt mit einem Chaos zu begraͤnzen, in welches keine Vermuthung eindringen koͤnne, und jeder Ver⸗ ſuch einer Unternehmung gefuͤrchtet werde. Wir beduͤrfen keiner entſchiedneren Beweiſe dafuͤr, nach der Beſchreibung, welche erif al Edrizi, genannt der Nubier, ein ausgezeich⸗ neter arabiſcher Schriftſteller, deſſen Landsleute im Mittel⸗ alter die kuͤhnſten Schiffer waren und alles inne hatten, was man damals in der Geographie wußte, von dem atlantiſchen Meere liefert: 3 „Der Ocean,“ bemerkte er,„umgibt die letzten Gren⸗ zen der bewohnten Erde und alles dahinter iſt unbekannt. Niemand war noch im Stande, irgend etwas daruͤber in's Klare zu ſetzen, wegen der ſchwierigen und gefahrvollen Schiffahrt, des großen Dunkels, der unermeßlichen Weite und der haͤufigen Stuͤrme deſſelben, aus Furcht vor ſeinen großen Raubſfichen und unbezaͤhmbaren Winden; doch befin⸗ den ſich viele Inſeln darin, einige bevoͤlkert, andere unbe⸗ wohnt. Kein Seefahrer wagt es, in die weiten Gewaͤſſer einzudringen, oder wenn es irgend unternommen worden, ſo geſchah es nur, indem man die Kuͤſten im Auge behielt, ohne den Muth zu haben, ſich von ihnen zu entfernen. Die Wellen dieſes Meeres, wiewohl ſie ſich hoch wie Berge thuͤrmen, tragen ſich, ohne zu berſten; denn wenn ſie ber⸗ ſteten, ſo wuͤrde es den Schiffen unmoͤglich ſeyn, ſie zu durchfurchen.“*³) ——⏑⏑⏑——½ *) Xerif al Edrizi's Beſchreibung von Spanien; Conde's ſa⸗ niſche Ueberſetzung, Madrid 1799. Es iſt Gegenſtand des folgenden Werkes, die Thaten und Gluͤckswechſel des Seefahrers zu erzaͤhlen, welcher zuerſt die Urtheilskraft hatte, die Geheimniſſe dieſer gefahrvollen Waſſerwuͤſte zu ahnen, und den Muth, ihr Trotz zu bieten, welcher durch ſeinen kuͤhnen Geiſt, ſeine unbeugſame Standhaftigkeit und ſeinen heldenhaften Muth die Enden der Erde mit einander in Verbindung brachte. Die Erzaͤh⸗ lung ſeines ſtuͤrmiſchen Lebens iſt der Ring, welcher die Ge⸗ ſchichte der alten und der neuen Welt verbindet, Erſtes Kapitel. Geburt, Herkunft und Erziehung des Columbus. Von der Jugendzeit Chriſtoph's Columbus iſt nichts Ge⸗ wiſſes bekannt. Die Zeit ſeiner Geburt, ſein Geburtsort, ſeine Herkunft, ſind ganz in Dunkel gehuͤllt, und die Will⸗ kuͤhrlichkeiten der Erklaͤrer ſeines Lebens ſind ſo verwir⸗ rend, daß es ſchwer iſt, die Wahrheit aus dem Geſpinnſte von Vermuthungen, womit ſie verwoben iſt, herauszufinden. Nach dem Zeugniſſe eines ſeiner Zeitgenoſſen und Freunde*) muß er entweder im Jahr 1435 oder 1436 geboren ſeyn. Mehrere Orte ſtreiten ſich um die Ehre, ſein Geburtsort zu ſeyn, aber es ſcheint hinlaͤnglich ermittelt zu ſeyn, daß er in der alten Stadt Genua das Licht der Welt erblickte. Eben ſo iſt uͤber ſeine Abkunft Streit entſtanden. Mehr als eine edle Familie will ihre Herkunft von ihm beweiſen, ſeitdem ſein Name ſo beruͤhmt geworden iſt, daß er Aus⸗ *) Andrez Bernaldez, unter der Benennung des Pfarrers von Los Palacios bekaunt. Bemerkungen über die Ge⸗ burt, den Geburtsort und die Herkunft des Columbus finden ſich in den Erläuterungen am Ende dieſes Werkes. 24— zeichnung verleiht, ſtatt ſie zu empfangen. Es iſt allerdings moͤglich, daß alle dieſe Zweige aus einem gemeinſchaftlichen Stamm herruͤhren, obgleich auseinander geriſſen und einige danieder geſchmettert in den buͤrgerlichen Kriegen Italiens. Es hat nicht den Anſchein, als ob ſeine Familie mit einem adeligen Geſchlechte verwandt geweſen, ſo weit er ſelbſt und ſeine Zeitgenoſſen es erforſcht haben, auch iſt die Sache unweſentlich fuͤr ſeinen Ruhm. Es ſſt ſicher ehrenvoller für ſein Andenken, daß er der Gegenſtand der Eiferſucht mehrerer edlen Geſchlechter geworden iſt, als daß man im Stande waͤre, den Erlauchtetſten als ſeinen Nachkommen zu bezeichnen. Sein Sohn Fernando der ſeine Geſchichte ſchrieb und eine Reiſe zur Erforſchung ihrer Herkunft machte, uͤbergeht alle Anſpruͤche dieſer Art mit Stillſchweigen, und ſagt, es ſey beſſer, daß ſeine Familie ihren Ruhm von dem Admiral geerbt habe, als daß ſie uͤber ihn hinausſaͤhen, um ſich zu verſichern, ob ſeine Vorfahren geadelt worden waͤren und ſich Falken und Hunde gehalten haͤtten;„denn,“ fuͤgt er hinzu,„ich bin von der Anſicht, ich koͤnnte von keinem Adel des Alterthums ein groͤßeres Anſehen ableiten als das⸗ jenige, der Sohn eines ſolchen Vaters zu ſeyn.“*) Die Eltern des Columbus waren arme, doch brave und verdiente Leute. Sein Vater war Wollkaͤmmer und lebte lange in der Stadt Genua. Er war das aͤlteſte von vier Kindern und hatte zwei Bruͤder, Bartholomeo und ²) Hist, del Almirante, cap. 2. — — 25— Giacomo, oder, wie deſſen Name im Spaniſchen heißt, Diego, und eine Schweſter, von welcher nichts bekannt iſt, als daß ſie mit einem Mann von niederem Stande, Namens Giacomo Bavarello, verheirathet war. Der italieniſche Familienname iſt Colombo; er iſt von ihm ſelbſt in ſeinen fruͤheren Briefen und von anderen in ihren Schriften uͤber ihn in's Lateiniſche als Colum⸗ bus uͤberſetzt worden, dem Gebrauche der Zeit entſprechend, wo das Lateiniſche die allgemeine Schriftſprache und die⸗ jenige war, in welche man jeden Namen von hiſtoriſcher Wichtigkeit uͤbertrug. Der Entdecker von Amerika iſt jedoch in der ſpaniſchen Geſchichte beſſer bekannt unter dem Namen Criſtoval Colon, indem er ſo ſeinen Namen veraͤn⸗ derte, als er ſich nach Spanien begab. Der Hauptgrund, welchen ſein Sohn fuͤr dieſe Aenderung angibt, war, damit ſeine Nachkommen ſich von den Seitenlinien ſeines Stam⸗ mes unterſchieden. Zu dieſem Ende ging er auf die Ver⸗ muthung des roͤmiſchen Urſprungs ſeines Namens zuruͤck, naͤmlich Colonus, den er in Colon abkuͤrzte, um ihn der caſtilianiſchen Zunge gelaͤufiger zu machen. Von den verſchiedenen Benennungen iſt der Name Columbus in der gegenwaͤrtigen Geſchichte beibehalten, als derjenige, mit welchem er am allgemeinſten durch die ganze Welt bekannt iſt. Seine Erziehung war beſchraͤnkt, aber doch wohl ſo gut, als es die duͤrftigen Umſtaͤnde ſeiner Eltern erlaubten. Im fruͤhen Kindesalter lernte er leſen und ſchreiben, und er ſchrieb eine ſo ſchoͤne Hand, ſagt Las Caſas, welcher viele — 26— von ſeinen Manuſcripten beſaß, daß er damit ſein Brod haͤtte verdienen koͤnnen. Hierauf folgte Arithmetik, Zeichnen und Malen, und er erlangte darin, wie Las Caſas be⸗ merkt, ebenfalls eine ſolche Geſchicklichkeit, daß er ſich da⸗ mit ſeinen Lebensunterhalt haͤtte verſchaffen koͤnnen.*) Er wurde auf kurze Zeit nach Pavia, jener großen Schule der Gelehrſamkeit der Lombardei, geſandt. Hier ſtudierte er Grammatik und wurde mit der lateiniſchen Sprache ver⸗ traut. Seine Erziehung war indeſſen hauptſaͤchlich auf ſolche Wiſſenſchaften berechnet, welche ihn zum Seemann bilden ſollten. Er erhielt Unterricht in der Geometrie, der Geo⸗ graphie, der Aſtronomie, oder wie man ſie damals nannte, der Aſtrologie, endlich im Seeweſen.**) Schon in fruͤher Jugend hatte er eine ſtarke Neigung fuͤr die Erdkunde, ſo⸗ wie einen unwiderſtehlichen Trieb zum Seeleben, und mit Eifer verfolgte er jedes verwandte Studium. Wenn er in ſeinem ſpaͤteren Leben mit einer feierlichen und ſelbſt aberglaͤu⸗ biſchen Stimmung, in Folge der großen Begebniſſe, welche durch ſeine Thaͤtigkeit hervorgerufen worden waren, auf ſeine Laufbahn zuruͤckſah, ſo gedachte er dieſer fruͤhen Rich⸗ tung ſeines Geiſtes als eines verborgenen Antriebes der Gottheit, die ihn zu den Studien gefuͤhrt und ihm die Reigungen eingefloͤßt habe, damit er fuͤr die hohen End⸗ 9 *) Las Casas, Hist Ind. I. 1. c. 3. MS. **) Hist, del Almirante cap. 3. 4 — 2,— zwecke, zu welchen ſie ihn erleſen, die noͤthige Reife, ge⸗ winnen moͤge.*) Wenn man der Jugendgeſchichte eines Mannes wie Co⸗ lumbus nachgeht, deſſen Handlungen einen ſo außerordent⸗ lichen Einfluß auf die Dinge auf Erden gehabt haben, iſt es anziehend, zu bemerken, wie viel er dem Zuſammenwir⸗ ken der Umſtaͤnde, und wie viel dem angeborenen Drang des Geiſtes zu verdanken gehabt hat. Der originelle wie der wahrhaft geniale Geiſt geht doch mehr oder weniger aus ſeiner Zeit hervor, und der ſtarke Trieb, welchen Columbus fuͤr das Werk uͤbernatuͤrlichen Einfluſſes betrachtete, iſt ihm unbewußt das Produkt der aͤußeren Begebenheiten geweſen. Dann und wann einmal nimmt der Gedanke eine ploͤtzliche 8 allgemeine Richtung, entweder indem er ein lange vernach⸗ laͤßigtes Gebiet der Erkenntniß wieder betritt und ſeine ver⸗ lorene Pfade wieder entdeckt und neu eroͤffnet, oder indem er mit Verwunderung und Entzuͤcken ein neues, noch unbe⸗ tretenes Feld der Unterſuchung betritt. So geſchieht es, daß ein mit feuriger Einbildungskraft begabter Geiſt, indem 4 er den Impuls des Tages in ſich aufnimmt, alle minder begabte Zeitgenoſſen uͤberfluͤgelt, der Fuͤhrer im Gedraͤnge 3 wird, welches ihn zuerſt mit in Bewegung brachte, und vor⸗ waͤrts zu Werken der unſterblichkeit mit ſich fortreißt, welche ſchwaͤchere Geiſter niemals zu unternehmen gewagt haben wuͤrden. Wir finden einen Beleg zu dieſer Bemer⸗ 2 *) Schreiben an die caſtiliſchen Souverains, 1501. — 28— kung an Columbus. Die ſtarke Neigung zum geographiſchen Studium, welche er ſo fruͤh empfand und welche ſeinen nachherigen Thaten den Aufſchwung gab, lag in der Zeit, worin er lebte. Geographiſche Forſchung war der glaͤnzende Lichtpfad, welcher fuͤr immer das funfzehnte Jahrhundert auszeichnen wird— dieſes leuchtende Zeitalter der Erfindun⸗ gen in den Annalen der Welt. Waͤhrend der langen Nacht des moͤnchiſchen Aberglaubens und ihrer Falſchwiſſerei, war die Geographie mit den anderen Wiſſenſchaften fuͤr die euro⸗ paͤiſchen Nationen verloren. Gluͤcklicherweiſe war ſie nicht fuͤr die Menſchheit verloren gegangen; ſie hatte in dem Schooße von Afrika eine Zuflucht gefunden. Indeß die pe⸗ dantiſchen Scholaſtiker der Kloͤſter Zeit und Talente ver⸗ ſchwendeten, und die Gelehrſamkeit mit leeren Traͤumereien und ſophiſtiſchen Spitzfindigkeiten verwechſelten, nahmen die arabiſchen Weiſen, in Senaar verſammelt, die Vermeſſung eines Breitegrades vor, und berechneten den Umkreis der Erde auf den weiten Ebenen von Meſopotamien. Wahres Wiſſen, auf dieſe Weiſe gluͤcklich gerettet, nahm nunmehr ſeinen Weg nach Europa zuruͤck. Das Wiederer⸗ wachen der Wiſſenſchaften begleitete das Wiederaufleben der Literatur. Unter den mancherlei Schriftſtellern, welche der erwachende Eifer fuͤr die alte Literatur neu in Aufnahme brachte, waren Plinius, Pomponius Mela und Strabo. Von dieſen lernte man wieder einen Schatz von geographi⸗ ſchen Kenntniſſen, welche lange Zeit dem Auge der Welt erſtorben geweſen waren. Die Neugier wurde angeregt, dieſen vergeſſenen Pfad wieder zu verfolgen, der auf ſolche Weiſe ploͤtzlich geoͤffnet wurde. Das Werk des Ptolemaͤus war zu Anfang des Jahrhunderts von Emanuel Chryſole⸗ ras, einem edlen und gelehrten Griechen, ins Lateiniſche uͤberſetzt und auf ſolche Art den Studierenden Italiens naͤ⸗ her gebracht worden. Eine andere Ueberſetzung war gefolgt, unternommen von Giacomo Angelo de Scarpiaria, wovon die netten und ſchoͤnen Exemplare in den italieniſchen Buch⸗ handlungen allgemein verbreitet wurden.*) Auch die Schrif⸗ ten von Averroes, Alfraganus und anderen arabiſchen Wei⸗ ſen fingen an geſucht zu werden, welche die heilige Flamme der Wiſſenſchaften waͤhrend der europaͤiſchen Finſterniß ge⸗ naͤhrt hatten. Die ſo wiederauflebende Erkenntniß war aber beſchraͤnkt und unvollkommen; doch gleich dem wiederkehrenden Mor⸗ genlichte war ſie voll Reiz und Schoͤnheit. Sie ſchien eine neue Schoͤpfung in's Leben zu rufen und brach mit allem Zauber einer Wundererſcheinung in den empfaͤnglichen Ge⸗ muͤthern an. Sie waren erſtaunt uͤber ihre Unwiſſenheit in der Welt rings um ſie her. Jeder Schritt ſchien eine neute Enideckung zu ſeyn, denn jede Region außer ihrem Vater⸗ lande war ihnen gewiſſermaßen terra incognita. Von ſolcher Art war der Zuſtand des Erlernens und des Empfindens in Beziehung auf dieſe intereſſante Wiſſen⸗ ſchaft, in der erſten Zeit des funfzehnten Jahrhunderts. Ein immer ſtaͤrkeres Intereſſe erwachte ſeit den Entdeckun⸗ *) Andres Hist, B. Let., lib. III. cap, 2. — 30— gen, welche läͤngs der Kuͤſten von Afrika am atlantiſchen Meere hin gemacht zu werden anfingen, und muß beſonders bei einem vom Meer umgebenen und handeltreibenden Volke wie die Genueſer großen Eindruck gemacht haben. Dieſen Umſtaͤnden duͤrfen wir die enthuſiaſtiſche Verehrung fuͤr die Studien der Erdkunde zuſchreiben, welche Eolumbus in ſei⸗ ner Kindheit einſog und welche auf alle ſeine nachherigen Gluͤcksumſtaͤnde von Einfluß waren. In Betrachtung ſeiner duͤrftigen Erziehung iſt es be⸗ merkenswerth, wie wenig er von Jugend auf allen Beihuͤl⸗ fen verdankte, wie viel dagegen ſeiner angeborenen Eharak⸗ terfeſtigkeit und der Fruchtbarkeit ſeines Geiſtes. Die kurze Zeit, welche er in Pavia zubrachte, war kaum hinreichend, um ihm die Elemente der noͤthigen Wiſſenſchaften beizubrin⸗ gen; die vertraute Kenntniß derſelben, welche er in ſeinem nachherigen Leben bewies, muß das Reſultat fleißiger Selbſt⸗ erlernung und gelegentlicher Uebungsſtunden mitten unter den Sorgen und unruhen eines ſtuͤrmiſchen und unſteten Lebens geweſen ſeyn. Er war einer fener Maͤnner von ſtarkem, kraͤftigen Naturell, die ſich ſelbſt zu bilden ſcheinen, die bei dem erſten Beginn ihrer Laufbahn mit Entbehrun⸗ gen und Hinderniſſen zu kaͤmpfen haben, dadurch aber eine unerſchrockenheit, ſich in ſchwierigen Lagen zu bewegen und eine Gewandtheit ſie zu beſiegen, fuͤr ihre ganze Laufbahn erwerben. Solche Maͤnner lernen große Zwecke mit ſchwa⸗ chen Mitteln erreichen, indem ſie dieſen Mangel durch die Huͤlfsquellen eigener Energie und Erfindungskraft erſetzen. Dieſes iſt von den erſten Anfaͤngen durch den ganzen Ver⸗ — 31— lauf ſeines Lebens einer der bemerkenswertheſten Zuͤge in der Geſchichte des Columbus. Bei allen Unternehmungen erhoͤht die Dürftigkeit und augenſcheinliche Unzulaͤnglichkeit ſeiner Mittel die Groͤße ſeiner Unternehmungen. Zweites Kapitel. [—q—— Jugendzeit des Columbus. Columbus verließ die univerſitaͤt Pavia noch ſehr jung und kehrte in ſein vaͤterliches Haus nach Genua zuruͤck. Es iſt von Guiſtimani, einem gleichzeitigen Schriftſteller in den Annalen dieſer Republik verſichert und von anderen Ge⸗ ſchichtſchreibern wiederholt worden,*) daß er einige Zeit in Genua verweilt und ſeines Vaters Wollarbeits⸗Geſchaͤft mit betrieben habe. Dieſer Behauptung wird mit Unwillen von ſeinem Sohne Fernando widerſprochen, der uns jedoch keine Belehrung an der Stelle jener Nachricht gibt.**) Der ge⸗ woͤhnlichen Annahme zufolge iſt er unmittelbar in den See⸗ dienſt eingetreten, zu welchem er erzogen und durch ſeinen — ᷣꝓÖD ») Anton. Gallo de Navigatione Columbi etc. Mura- tori t. 23. Barta Senarega de rebus Genuensibus. Muratori t. 24. **) Hist. del Almirante, cap. a. — 32— unruhigen und unternehmenden Geiſt ganz gemacht war. Er ſagt ſelbſt von ſich, daß er in ſeinem vierzehnten Jahre ſchon in See gegangen ſey.*) 3 In einer Seeſtadt hat das Meer eine unwiderſtehliche Anziehungskraft fuͤr einen Juͤngling von brennender Neu⸗ gierde, und ſeine Phantaſie malt ſich jenſeits der Waſſer⸗ flaͤche gern alles reizend und begehrungswuͤrdig aus. So bot Genua, von der Landſeite durch ſteile Berge befeſtigt und eingeengt, nur wenig Spielraum fuͤr Unternehmungen an der Kuͤſte, waͤhrend ein anſehnlicher und weitverbreiter See⸗ handel, welcher jedes Land beruͤhrte, und eine regſame Ma⸗ rine, die ſich in jedem Meere ſchlug, natuͤrlicherweiſe ſeine Kinder in die Gewaͤſſer als in ihr eigentliches Element her⸗ auslockte. Foglieta ſpricht in ſeiner Geſchichte von Genua von dem Hang der dortigen Jugend, ihr Gluͤck auswaͤrts auf ſolchen Streifereien zu ſuchen, mit der Abſicht, bei der Ruͤckkehr in ihre Vaterſtadt ſich einen eignen Herd zu gruͤn⸗ den; jedoch fuͤgt er hinzu, es kaͤmen von Zwanzigen, welche auf dieſe Weiſe die Fremde ſuchen, kaum Zwei zuruͤck; ent⸗ weder daß ſie ſtuͤrben oder in anderen Ländern heiratheten, oder abgehalten wuͤrden von den Schreckniſſen der Buͤrger⸗ kriege, welche die Republik aufrieben.**) Das Seeleben auf dem mittellaͤndiſchen Meere beſtand in zener Zeit aus gewagten Fahrten und kuͤhnen Unternehmun⸗ *) Hist. del Almirante, cap. 4. **) Foglieta istoria de Genoa 1. II. 8 4 — 33— gen. Selbſt eine Handels⸗Expedition glich einem kriegeri⸗ ſchen Kreuzen und die Kauffartheifahrer mußten ſich oft ih⸗ ren Weg von Hafen zu Hafen erkaͤmpfen. Seeraͤuberei galt fuͤr ein erlaubtes Gewerbe. Die haͤufigen Fehden zwi⸗ ſchen den italieniſchen Staaten, das Kreuzen der Catalonier, die Armada's, von Privat⸗Edelleuten ausgeruͤſtet, welche eine Art Souverainetaͤt in ihren Beſitzungen ausuͤbten, ja kleine Armeen und Geſchwader in ihrem Sold unterhielten; die einzelnen und vereinigten Raubſchiffe von Abentheurern auf ihre eigene Fauſt, eine Art Condottieri zur See, manch⸗ mal gebraucht von im Krieg begriffenen Staaten, dann wie⸗ der das Meer auf den Fang für ſich durchſtreifend; dieſes und die fortwährend gegen die mohamedaniſche Macht un⸗ ternommenen heiligen Kriege, machten die kleinen Meere, welche auf Schiffahrt hauptſaͤchlich angewieſen waren, zu Schauplaͤtzen heftiger Kaͤmpfe und entſcheidenden Gluͤckswech⸗ ſels. Dieſes war die rauhe Schule, aus welcher Columbus hervorging, und es waͤre gewiß von aͤußerſtem Intereſſe geweſen, die fruͤhzeitige Entwickelung ſeines Genies mitten unter dieſen ernſten Widerwaͤrtigkeiten zu beobachten. um⸗ geben von Druck und Demuͤthigungen, welche jeden armen Gluͤcksritter zur See umlagern, ſcheint er doch ſtets einen kuͤhnen Schwung der Gedanken genaͤhrt und ſeine Phantaſie mit Bildern glorreicher Unternehmungen erfuͤllt zu haben. Die ſtrengen und mannigfachen Lehren, welche er in ſeiner Jugend empfing, gaben ihm das praktiſche Geſchick, die Menge von Huͤlfen, die unerſchrockene Entſchloſſenheit und Irving's Columbus, 1— 3, 3 — 34— wachſame Selbſtbeherrſchung, welche ihn nachmals auszeich⸗ neten. Auf dieſem Wege werden Fruͤchte bitterer Erfahrung zu heilſamer Arznei, durch ein kraͤftiges Naturell und einen hochſtrebenden Geiſt. Doch uͤber dieſer ganzen Periode ſeines Lebens ſchwebt ein Dunkel. Sein Sohn Fernando, der es am beſten auf⸗ hellen konnte, hat es nicht gethan, oder hat uns da und dort mit quer fallenden Lichtern geblendet; vielleicht ohne es zu wollen, aus falſchem Stolze bemuͤht, die Duͤrftigkeit und Dunkelheit, aus welcher ſein Vater ſich emporſchwang, be⸗ ſonders hervorzuheben. Ein Paar ungewiſſe und zerſtreute Anekdoten ſind alles, was von dieſer Zeit exiſtirt; aber ſie ſind intereſſant, weil ſie Aufſchluß geben uͤber das buntbe⸗ wegte und an Abenteuern reiche Leben, welches er gefuͤhrt haben muß. Seine erſte Fahrt, von welcher wir etwas wiſ⸗ ſen, war eine Kriegsruͤſtung zur See, welche die Erobe⸗ rung einer Krone zum Gegenſtand hatte. Eine Armada ward in Genua ausgeruͤſtet durch Johann von Anjou, Her⸗ zog von Calabrien, zu einem Zuge gegen Neapel, in der Hoffnung, dieſes Koͤnigreich fuͤr ſeinen Vater, den Koͤnig Renier oder Renato, auch René, Graf von Provence ge⸗ nannt, in Beſitz zu nehmen. An dieſer Expedition nahm die Republik Genua Antheil, indem ſie Schiffe und Geld dazu lieferte. Es gab auch viele Privatleute von Unterneh⸗ mungsgeiſt, welche Schiffe oder Galeeren ausruͤſteten und zu dem Banner von Anjou Truppen warben. Unter dieſen wird ein muthiger Seecapitain Namens Colombo genannt. Es waren zwei Seehelden dieſes Namens, ein Oheim und 1 — 35— ein Neffe, welche zu dieſer Zeit Beruͤhmtheit erlangten, und welche von Fernando Columbus zur Verwandtſchaft gezaͤhlt werden. Sie werden von den Hiſtorikern gelegentlich als franzoͤſiſche Commandofuͤhrer genannt, weil Genua zu da⸗ maliger Zeit unter dem Schutz oder vielmehr unter der Botmaͤßigkeit von Frankreich ſtand, und ſeine Schiffe und deren Capitains, welche bei den Expeditionen dieſer Macht gebraucht wurden, waren der franzoͤſiſchen Marine gleichge⸗ ſtellt.* Da die Namen dieſer beiden Capitains waͤhrend des unbekannten Theiles der Laufbahn unſeres Columbus von Zeit zu Zeit im Allgemeinen in der Geſchichte vorkom⸗ men, ſo iſt dadurch viel Verwirrung bei einigen ſeiner Bio⸗ graphen entſtanden, welche annahmen, daß der Entdecker von Amerika damit gemeint ſey.**) Mit dieſen Commandeurs ſegelte er bei verſchiedenen Gelegenheiten und eine ziemliche Zeit hindurch;***) und ſo wird behauptet, daß er unter dem Oheim der Expedition gegen Neapel beigewohnt habe. Es iſt fuͤr dieſe letztere Thatſache kein Gewaͤhrsmann unter den gleichzeitigen Schrift⸗ ſtellern, da von ihnen keiner naͤhere Nachrichten aus ſeiner fruͤheren Lebensgeſchichte gibt; aber es iſt wiederholt von Spaͤteren verſichert worden, und die Umſtaͤnde vereinigen ſich, der Behauptung Gewicht zu geben. Ausgemacht iſt *) Chaufepie's Suppl. de Bayle, II. Art. Columbus. **) Man ſehe in den Erläuterungen den Artikel: Die Co⸗ lombo's. ***) Hist. del Almirante, cap. 5. 4 3 4 es, daß er einſt ein eigenes Commando in Dienſten dieſes Koͤnigs von Neapel erhielt und zu einem kuͤhnen Unterneh⸗ men gebraucht wurde, um eine Galeere von dem Hafen von Tunis abzuſchneiden. Dieſes wird beiläͤufig von ihm ſelbſt in einem ſeiner Briefe an Ferdinand und Iſabella, den er viele Jahre ſpaͤter niederſchrieb, erzaͤhlt.„Es gluͤckte mir,“ ſagt er,„daß Koͤnig Renier(der nunmehr in Gott ruht) mich nach Tunis ſandte, um die Galeere Fernandina wegzu⸗ nehmen, und als ich nach der Inſel San Pedro in Sardi⸗ nien kam, unterrichtete man mich, daß noch zwei groͤßere und ein kleineres Schiff mit der Galeere ſeyen, bei welcher Nachricht meine Mannſchaft ſo in Beſtuͤrzung gerieth, daß ſie beſchloß, nicht weiter zu gehen, ſondern nach Marſeille wegen eines anderen Schiffs und mehr Mannſchaft zuruͤckzu⸗ kehren. Als ich durch keine Mittel ihrer Herr werden konnte, gab ich ihrem Verlangen zum Scheine nach, wäͤh⸗ rend ich den Compaß anders richtete und alle Segel aufzie⸗ hen ließ. Es war ſchon Abend und am folgenden Morgen befanden wir uns im Angeſicht des Vorgebirgs von Car⸗ thagena, indeß alle feſt der Meinung waren, daß wir nach Marſeille ſegelten.“*) Wir beſitzen keine weiteren Aufzeich⸗ nungen uͤber dieſe kuͤhne That; aber wir erblicken darin ſtarke Anzeichen des entſchloſſenen und beharrlichen Geiſtes, welcher ihm Erfolg in ſeinen wichtigeren Unternehmungen ſicherte. Seine Liſt, die unzufriedene Mannſchaft mit der *) Hist, del Almirante, cap. 4. — — 37— Richtung des Schiffes zu taͤuſchen, iſt ganz in Uebereinſtim⸗ mung mit dem Kunſtgriff, die Berechnung zu veraͤndern, zu welchem er auf ſeiner erſten Entdeckungsreiſe ſeine Zuflucht nahin. Der Kampf Johanns von Anjou, Herzogs von Cala⸗ brien, um die Krone von Neapel, dauerte ungefaͤhr vier Jahre mit wechſelndem Gluͤck, war aber am Ende erfolg⸗ los. Seine Expedition zur See, wobei Columbus thaͤtig war, zeichnete ſich durch Thaten der unerſchrockenheit aus, und als der Herzog genoͤthigt ward, auf der Inſel Iſchia Zuflucht zu ſuchen, kreuzte zu gleicher Zeit eine Anzahl Ga⸗ leeren vor der Bay von Neapel, um ſie zu bewachen.*) Es kommt nun ein Zwiſchenraum von vielen Jahren, aus welchem wir nur eine oder zwei ganz dunkle Spuren von Columbus haben. Man vermuthet, daß er vornehmlich im mittellaͤndiſchen Meer und in der Levante beſchaͤftigt war, manchmal bei Handelsfahrten, dann wieder bei bluti⸗ gen Streitigkeiten zwiſchen den italieniſchen Staaten, auch bei frommen und raͤuberiſchen Angriffen gegen die Unglaͤubi⸗ gen; zufaͤllig kommt eine Bemerkung von ihm ſelber vor, daß er auf der Inſel Scio geweſen und dort die Art ken⸗ nen gelernt, wie man den Maſtix gewinne.**) Einige neuere Autoren glauben Beweiſe entdeckt zu haben, daß er ein wichtiges Commando im Seedienſt ſeines Vaterlandes ——V;ʒ— 9ᷣᷣↄ *) Man ſehe den Artikel: Exoedition Johann's von Anjon, in den Erläuterungen. **) Hist, del Almirante, cap, 4. — 38— verwaltet habe, Chaufepie fuͤhrt in ſeiner Fortſetzung von Bayle einen Bericht an, daß Columbus im Jahr 1474 Ca⸗ pitain einiger genueſiſchen Schiffe im Dienſte Ludwigs XI. von Frankreich war, und daß er zwei ſpaniſche Galeeren an⸗ griff und wegnahm, um den Spaniern einen Einfall, den ſie in Rouſſillon gemacht hatten, zu vergelten, weßhalb der Koͤnig Ferdinand ein Schreiben mit Gegenvorſtellungen an den franzoͤſiſchen Monarchen richtete.*) Auch Boſſi in ſei⸗ nen Memoiren uͤber Columbus erwaͤhnt eines in den Archi⸗ ven von Mailand gefundenen, im Jahr 1476 von zweien beruͤhmten mallaͤndiſchen Edelleuten bei ihrer Ruͤckkehr von Jeruſalem geſchriebenen Briefes, worin erzaͤhlt werde, in dem Jahr vorher, als die venetianiſche Flotte vor Cy⸗ pern ſtationirt geweſen, um dieſe Inſel zu bewachen, ſey ein genueſiſches Geſchwader unter der Anfuͤhrung eines ge⸗ wiſſen Colombo bei ihnen vorbeigeſegelt, welches das Kriegs⸗ geſchrei der Genueſer„Viva San Giorgio!“ ausgeſtoßen haͤtte und welches man ohne Beſchwerniß haͤtte ziehen laſ⸗ ſen, da beide Republiken damals im Frieden mit einander geweſen waͤren.**) Der Colombo, welcher bei dieſen beiden Anlaͤſſen genannt wird, war aller Wahrſcheinlichkeit nach der alte genueſiſche Admiral dieſes Namens, der, nach Zurita und anderen Hiſtorikern, zu dieſer Zeit ein Geſchwa⸗ der commandirte, mit welchem er den Koͤnig von Portugal *) Chaufepie's Suppl. de Bayle Vol. II. Art. Co- lumbus... **) Bossi, Hist. Colomb. IIlustr. Nro. 7. nach der mittellaͤndiſchen Kuͤſte von Frankreich brachte. Da Columbus oft unter ſeiner Flagge fuhr, ſo iſt er bei dieſoen Gelegenheiten vielleicht mit dabei geweſen. Die letzte ungewiſſe Begebenheit in dem wenig bekann⸗ ten fruͤheren Leben des Columbus wird von ſeinem Sohne Fernando erzaͤhlt. Derſelbe gibt ihm einen bedeutenden Antheil an einem Seeſiege des juͤngeren Colombo, Neffen des eben erwaͤhnten alten Admirals, welcher, wie er ver⸗ ſichert, ein beruͤchtigter Corſar geweſen iſt, ſo furchtbar durch ſeine Thaten gegen die Unglaͤubigen, daß die Muͤtter der Sarazenen ihre unartigen Kinder mit ſeinem Namen in Schrecken zu ſetzen pflegten. Dieſer verwegene Seeraͤuber hatte von vier reich belade⸗ nen venetianiſchen Galeeren gehoͤrt, welche auf ihrem Ruͤck⸗ wege aus Flandern begriffen waren, und eroberte dieſelben mit ſeinem Geſchwader an der portugieſiſchen Kuͤſte, zwi⸗ ſchen Liſſabon und dem Cap St. Vincent. Es gab ein hitziges Gefecht, die Schiffe enterten und die Beſatzungen fochten Mann gegen Mann, Fahrzeug gegen Fahrzeug. Das Treffen dauerte vom Morgen bis zum Abend, mit großem Blutvergießen von beiden Seiten. Das von Columbus be⸗ fehligte Schiff war im Handgemenge mit einer großen ve⸗ netianiſchen Galeere. Sie warfen Handgranaten und an⸗ dere feurige Geſchoſſe, und die Galeere fing Feuer. Die Schiffe waren mit Ketten und eiſernen Haken an einander gefeſſelt und konnten nicht getrennt werden; beide wurden von dem Brand ergriffen und waren bald eine feurige Maſſe. Die Leute ſprangen in's Meer; Columbus faßte — 40— ein ſchwimmendes Ruder, welches ihm zu erreichen gluͤckte, und da er ein geſchickter Schwimmer war, kam er gluͤcklich an's Land, wiewohl es zwei gute Stunden entfernt war. Es war Gottes Wille, ſetzt ſein Sohn Fernando hinzu, daß er die Kraft dazu behielt, damit er fuͤr groͤßere Dinge auf⸗ behalten werde. Als er ſich von ſeiner Erſchoͤpfung erholt hatte, ging er nach Liſſabon, wo er viele von ſeinen ge⸗ nueſiſchen Landsleuten fand und veranlaßt wurde, hier ſei⸗ nen Aufenthalt zu nehmen.*) So lautet der Bericht, welchen Fernando von ſeines Vaters erſter Ankunft in Portugall gibt, und derſelbe iſt durchgaͤngig von den neueren Geſchichtſchreibern angenom⸗ men worden. Daß Columbus bei dieſem Seetreffen mit ge⸗ weſen, iſt nicht unmoͤglich; aber es ereignete ſich mehrere Jahre nach dieſer Periode ſeines Lebens. Einige Hiſtoriker erwaͤhnen deſſelben, als habe es im Sommer des Jahres 1485 ſtattgefunden, welches faſt ein Jahr nach ſeiner Ab⸗ reiſe von Portugall geweſen waͤre. Die einzige Moͤglichkeit, dieſe Thatſache ſtehen zu laſſen, ohne der Wahrhaftigkeit des Hiſtorikers zu nahe zu treten, iſt, daß man annimmt, Fer⸗ nando habe dieſes Abenteuer, welches er bei Sabellicus ohne Angabe der Zeit erwaͤhnt fand, mit einem anderen ver waihe ſelt⸗ bei welchem ſein Vater thaͤtig war. *) Hist. del Almirante, cap. 5. Man ſehe in den Er⸗ läuterungen den Artikel: Gefangennehmung der venetia⸗ niſchen Galeeren. ——— — 41— Indem wir daher dieſe romantiſche und heroiſche Ankunft des Columbus an den Geſtaden von Portugall als etwas Apokryphiſches dahingeſtellt ſeyn laſſen, werden wir dage⸗ gen in den großen Unternehmungen zur See, in welche die⸗ ſes Koͤnigreich ſich damals einließ, fuͤr einen Mann von ſei⸗ nem Charakter und Beſtreben umfaſſende Gegenſtaͤnde der Anziehung finden. Zu dieſem Ende iſt es jedoch noth⸗ wendig, daß wir einen Blick auf gewiſſe geſchichtliche Er⸗ eigniſſe werfen, die, mit den Entdeckungen zur See ver⸗ knuͤpft, Liſſabon in jenem Augenblick zu dem großen Sam⸗ melplatz der Maͤnner von geographiſchen und. nautiſchen Kenntniſſen aus allen Theilen der Welt, erheben mußte, Drittes Kapitel. — Fortſchritte der Entdeckungen unter dem Prinzen Heinrich von Portugall. Die Laufbahn der neueren Entdeckungen hatte kurz vor der Zeit des Columbus begonnen, und die atlantiſchen Kuͤ⸗ ſten von Afrika waren in der damaligen Periode der Schau⸗ platz nautiſcher Unternehmungen. Einige haben ihren Ur⸗ ſprung einem Ereigniß zugeſchrieben, welches ſich im vier⸗ zehnten Jahrhundert ereignet haben ſoll. Ein Englaͤnder — 42— Namens Macham, welcher mit einer Dame, ſeiner Gelieb⸗ ten, nach Frankreich floh, war durch die Gewalt der Stuͤrme weit aus dem Angeſicht des Landes hinaus verſchlagen wor⸗ den; nachdem er auf der hohen See umher geirrt war, kam er an einem unbekannten und unbewohnten Eiland an, wel⸗ ches mit ſchoͤnen Waldungen bedeckt war und nachmals Ma⸗ deira*) genannt wurde. Andre haben dieſe Erzaͤhlung fuͤr eine Fabel erklaͤrt und die canariſchen Inſeln als die erſte Frucht der neueren Entdeckungen genannt. Dieſe beruͤhmte Gruppe, die gluͤcklichen Inſeln der Alten, wohin ſie ihre Gaͤrten der Hesperiden verlegten und von wo Ptolemaͤus die Laͤngengrade zu zaͤhlen anfing, war fuͤr die Welt lange verloren geweſen. Es exiſtiren freilich unbeſtimmte Nachrichten, daß ſie von Zeit zu Zeit, in weiten Zwiſchenraͤumen, waͤhrend der dun⸗ kelen Zeitalter der Welt, von irrenden Schiffen arabiſcher, normaͤnniſcher oder genueſiſcher Abenteurer beſucht worden ſeyen; aber alles dieſes blieb in Ungewißheit und fuͤhrte zu keinem guͤnſtigen Erfolg. Erſt im vierzehnten Jahrhundert ſind ſie wirklich wieder entdeckt, und dem Menſchengeſchlechte zuruͤckgegeben worden. Seit dieſer Zeit wurden ſie gele⸗ gentlich von kuͤhnen Seefahrern verſchiedener Laͤnder beſucht. Der groͤßte Gewinn, welcher aus ihrer Entdeckung hervor⸗ ging, war, daß die haͤufigen Fahrten, welche nach ihnen unter⸗ *) Man ſehe die Erläuterungen, Art: Entdecennmg von Madeira. nommen wurden, die Seeleute vertrauter damit machten, ſich weit auf das atlantiſche Meer hinaus zu wagen, und die⸗ ſelben auf eine gewiſſe Weiſe an ſeine Gefahren gewoͤhnten. Der große Antrieb zu Entdeckungen kam nicht vom Zu⸗ fall, ſondern er war die tiefbedachte Kraftaͤußerung eines die Zeit bewaͤltigenden Geiſtes. Dieſer war Prinz Heinrich von Portugall, Sohn Johann's des Erſten, mit dem Bei⸗ namen der Raͤcher, und Philippa von Lancaſter, Schweſter Heinrichs IV. von England. Der Charakter dieſes beruͤhm⸗ ten Mannes, von deſſen Unternehmungen der Geiſt des Co⸗ lumbus aufgeregt wurde, bedarf einer naͤheren Ausfuͤhrung. In fruͤhem Jugendalter begleitete Prinz Heinrich ſeinen Vater nach Afrika, bei einer Expedition gegen die Sara⸗ zenen, in welcher er ſeine ſiegreichen Banner auf die Zinnen von Ceuta pflanzte. Heinrich zeichnete ſich wiederholt in dieſem Feldzuge aus. Seine Neigung ſtand aber mehr nach den Kuͤnſten als nach den Waffen, und er verfolgte, ſelbſt mitten im Kriegsgetuͤmmel dieſe eines Prinzen hoͤchſt wuͤrdi⸗ gen Studien. Waͤhrend er ſich in Ceuta befand, ſammelte er bei den Mauren viele Belehrungen uͤber das Innere von Afrika und die Kuͤſte von Guinea, welches den Europaͤern unbe⸗ kannte Regionen waren. Er faßte die Idee, daß wichtige Entdeckungen zu machen waͤren, wenn man laͤngs der Weſt⸗ kuͤſte von Afrika hinabſegelte. Bei ſeiner Ruͤckkehr nach Portugall wurde dieſe Idee bei ihm zum herrſchenden Ge⸗ danken. Er zog ſich von dem lauten Gepraͤnge des Hofes zuruͤck, begrub ſich in die Einſamkeit eines Landſitzes in den — 44— Algarven, nahe bei Sagres, in der Nachbarſchaft des Cap's St. Vincent und im offenen Angeſichte des Meeres. Hier verſammelte er bedeutende wiſſenſchaftliche Maͤnner um ſich und verfolgte das Studium aller Zweige der Wiſſenſchaften, welche mit der Kenntniß des Seeweſens zuſammenhingen⸗ Er war ein faͤhiger mathematiſcher Kopf und ſetzte ſich in den Beſitz der ganzen Aſtronomie, welche von den Arabern in Spanien gekannt war. Bei dem Studium der Werke des Alterthums hatte Prinz Heinrich nach ſeiner Meinung hinlaͤngliche Beweiſe gefunden, daß man Afrika umſchiffen koͤnne, ſo daß es moͤg⸗ lich ſey, nach Indien zu gelangen, indem man ſich an deſſen Kuͤſten hielte. Ihm war der Bericht von der Reiſe des Eudoxus von Cyricus aufgefallen, von welchem es heißt, daß er von dem rothen Meer in das Weltmeer und auf demſelben bis nach Gibraltar geſegelt ſey, welches durch die Expedition Hanno's des Carthaginienſers beſtaͤtigt zu wer⸗ den ſchien, der von Gibraltar mit einer Flotte von ſechzig Schiffen ausfuhr und der afrikaniſchen Kuͤſte folgend die Ufer von Arabien erreicht haben ſoll.*) Freilich wurden dieſe Reiſen von verſchiedenen Schriftſtellern des Alterthums wieder in Zweifel gezogen, und die Moͤglichkeit, Afrika zu umſchiffen, iſt, nachdem ſie lange Zeit von den Geographen angenommen worden, von Hipparchus wieder in Abrede ge⸗ ») Man ſehe in den Erläuterungen den Artikel: umſchif⸗ fung von Afrika bei den Alten. — 45— ſtellt worden, und es hat ſeitdem ſein Bewenden dabei gehabt. Er betrachtete jedes Meer als abgeſchloſſen und in ſein eige⸗ nes Baſſin vom Grunde gefeſſelt, und Afrika als ein nach dem Suͤdpol fortlaufendes und das indiſche Meer umgebendes Land, ſo daß es Aſien jenſeits des Ganges erreiche. Dieſe Meinung war auch von Prolemaͤus angenommen und wei⸗ ter verbreitet worden, deſſen Werke zur Zeit des Prinzen Heinrich die erſte Autoritaͤt in der Erdbeſchreibung waren. Dennoch kehrte der Prinz zu der alten Annahme zuruͤck, daß man Afrika umſchiffen koͤnne, und er fand ſeine Mei⸗ nung von verſchiedenen gelehrten Maͤnnern neuerer Zeit bekraͤftigt. Dieſe Vermuthung zur Gewißheit zu bringen und die Umſchiffung von Afrika zu vollenden, war ein dem Ehrgeiz eines Fuͤrſten ganz angemeſſener Gegenſtand, und ſein Geiſt gluͤhte von dem Gedanken an die umfaſſenden Vortheile, welche ſeinem Lande daraus erwachſen wuͤrden, wenn die Entdeckung von Portugall ausginge. Die Italiener, oder, wie man ſie im Norden von En⸗ ropa nannte, die Lombarden, hatten lange Zeit den ausge⸗ dehnten Verkehr mit Aſien allein an ſich gezogen. Sie hatten Handels⸗Niederlaſſungen in Conſtantinopel und im ſchwarzen Meere gebildet, wo ſie die reichen Produkte der Gewuͤrz⸗Inſeln, welche nahe am Aequator liegen, und Seide, Gummi, Weihrauch, koſtbare Steine und andere Luxus⸗ Artikel aus Egypten und dem ſuͤdlichen Aſien empfingen und uͤber ganz Europa verbreiteten. Die Republiken Ve⸗ nedig und Genua ſtiegen in Folge ihres Handels zu an⸗ ſehnlicher Macht und Opulenz empor. Sie hatten Facko⸗ — 46— reien in den entlegenſten Laͤndern, ſelbſt in den kalten Re⸗ gionen Moskau's und Norwegens. Ihre Kaufleute wett⸗ eiferten an Pracht mit den Fuͤrſten. Ganz Europa war ihrem Handel zinsbar. Aber dieſer Handel hatte mit ent⸗ fernten Laͤndern des Oſtens, durch die weitlaͤufigſten und koſtbarſten Umwege, zu thun. Er ging durch mancherlei Zwiſchenhaͤnde und war den Verſpaͤtungen und Beſchwerun⸗ gen der inneren Schiffahrt und den langwierigen und un⸗ ſicheren Reiſen der Caravanen unterworfen. Lange Zeit hindurch hatten die Waaren von Indien auf dem perſiſchen Meerbuſen, dem Euphrat, dem Indus und dem Oxrus nach dem mittellaͤndiſchen und dem caspiſchen Meere gefuͤhrt wer⸗ den muͤſſen, und von da erhielten ſie ihre Beſtimmung fuͤr die verſchiedenen Maͤrkte von Europa. Nachdem der Sul⸗ tan von Egypten Arabien erobert und den Handel in ſeinen alten Canal zuruͤckgefuͤhrt hatte, wurde er immer mit gro⸗ ßen Koſten und Aufenthalt beſorgt. Seine koſtbaren Waa⸗ ren mußten durch das rothe Meer gebracht werden, dann auf Kameelen nach den Geſtaden des Nils, auf welchem ſie nach Egypten transportirt wurden, um zu den italieniſchen Kaufleuten zu gelangen. Waͤhrend ſo der reiche Handel des Oſtens durch waghalſige Monopoliſten vergroͤßert wurde, ſtieg der Preis jedes Artikels durch die ſtarken Koſten des Transports. Es war der große Gedanke des Prinzen Heinrich, durch Umſchiffung von Afrika einen direkten und leichten Weg zu den Quellen des Handels zu oͤffnen, ihn ſchnell auf eine neue und einfache Bahn zu bringen und in einer goldenen Fluth auf ſein Land zu leiten. Heinrich war jedoch mit dieſen Gedanken ſeinem Zeitalter voraus. Er hatte mit der Unwiſſenheit und den Vorurtheilen der Menſchen zu kaͤm⸗ pfen und die Verzoͤgerungen auszuharren, welchen lebhafte und durchdringende Geiſter durch die langſame Mitwirkung der Traͤgen und Zweifler ausgeſetzt ſind. Die Schiffahrt auf dem atlantiſchen Meere war noch in ihrer Kindheit, und obgleich Mehrere ſich hinauszuwagen Luſt trugen, ſo ſahen doch die Seeleute ſtets noch mit Mißtrauen auf eine ſtuͤrmiſche Flaͤche, welche kein gegenuͤberliegendes Ufer zu haben ſchien. In ihren Reiſen hielten ſie ſich immer dicht an die Kuͤſte, aus Sorge die Zeichen des Landes aus dem Geſicht zu verlieren, welche ihre furchtſame Schiffahrt leite⸗ ten. Jedes kuͤhne Gebirgsland und weit hinaus ragende Vorgebirg war eine Mauer gegen ihr weiteres Vordringen. Sie krochen aͤngſtlich an den Kuͤſten der Berberei hin und glaubten eine erſtaunenswerthe Fahrt gemacht zu haben, wenn ſie ein Paar Grade außerhalb der Meerenge von Gi⸗ braltar zuruͤckgelegt hatten. Das Cap Non, die Graͤnze der alten Unternehmungen, war lange Zeit das Aeußerſte ihrer Wagniſſe; ſie zauderten, dieſen felſigen Punkt zu um⸗ ſegeln, welchen Wind und Wellen peitſchten, und der ſie in die wuͤthende See hinaus zu ſchleudern drohte. Unabhaͤngig von dieſer unbegruͤndeten Furcht, gab es noch andre Bedenken, welche die Philoſophie ſelbſt heiligte. Die alte Theorie von den Zonen war allgemein angenom⸗ men. Man glaubte noch immer, die Erde ſey am Aequa⸗ tor von einem ſengenden Himmelsſtrich umgeben, in welchem — 48— die Sonne ihren feurigen Lauf uͤber den Koͤpfen beſchreibe, indem ſie die Halbkugeln durch eine Region von un⸗ ertraͤglicher Hitze theile. Die leichtglaͤubigen Seeleute bilde⸗ ten ſich ein, die aͤußerſte Graͤnze ſicherer Unternehmung ſey das Cap Bojador. Sie bewahrten die aberglaͤubiſche Mei⸗ nung, wer daruͤber hinaus ſegle, komme nie wieder zu⸗ ruͤck.*) Sie blickten mit Schrecken auf die reißenden Stroͤ⸗ mungen um daſſelbe her und auf die wuͤthende Brandung die an ſeiner duͤrren Kuͤſte tobt. Sie malten ſich dahinter die fuͤrchterlichen Gegenden der brennenden Zone aus, von zundenden Sonnenſtrahlen verſengt, eine Feuerregion, wo ſelbſt die Wellen, welche an die Kuͤſten ſchlagen, unter der unertraͤglichen Hitze des Himmels kochten. Dieſe Irrthuͤmer zu zerſtreuen und der Schiffahrt ein der Groͤße ſeiner Plaͤne angemeſſenes Ziel zu geben, nahm Prinz Heinrich den Beiſtand der Wiſſenſchaften zu Huͤlfs. Er bildete ein See⸗Collegium und errichtete ein Obſerva⸗ torium zu Sagres, wohin er die erſten Profeſſoren in den Zweigen nautiſcher Gelehrſamkeit berief; er gab ihnen Ja⸗ eob Mallorca zum Praͤſidenten, einen Mann, im Seeweſen erfahren und in der Fertigung von Charten und Inſtru⸗ menten geſchickt. Die Wirkung dieſer Einrichtung ward bald ſichtbar. Alles, was von der Erdkunde und in der Schiffahrt bekannt war, wurde zuſammengerafft und in ein Syſtem gebracht. *) Mariana Hist. Esp., lib. II, cap. 22. — 49— Große Verbeſſerungen wurden mit den Karten vorgenom⸗ men. Der Compaß wurde gleichfalls in groͤßere Aufnahme gebracht, beſonders unter den Portugieſen, was den See⸗ mann muthiger und unternehmender machte, indem es ihn in den Stand ſetzte, an den truͤbſten Tagen und in den dunkelſten Naͤchten zu ſegeln. Aufgemuntert durch dieſe Vortheile, und angefeuert durch die Freigebigkeit des Prin⸗ zen Heinrich, wurde die portugieſiſchen Marine beruͤhmt fuͤr die Entſchloſſenheit ihrer Unternehmungen und die Aus⸗ dehnung ihrer Entdeckungen. Das Cap Bojador wurde umſchifft, die Gegend der Sonnenwende befahren und ihrer eingebildeten Schreckn ſſe entkleidet; der groͤßere Theil der afrikaniſchen Kuͤſte, vom Cap Blanco zum Cap de Verde entdeckt, und das Cap de Verde und die azoriſchen Inſeln, welche dreihundert Stunden vom Feſtland entfernt liegen, von dem vergeßlichen Reiche des Oceans erlangt. Um ſich der ruhigen Fortſchritte und des vollen Gluͤckes ſeiner Entdeckungen erfreuen zu koͤnnen, wirkte ſich Heinrich den Schutz einer paͤpſtlichen Bulle aus, welche der Krone Portugall unumſchraͤnkte Gewalt uͤber alle Laͤnder verlieh, die ſie in dem atlantiſchen Meere entdecken moͤchte, bis nach Indien, mit voller Entſuͤhnung Aller, welche auf dieſer Expedition ſterben wuͤrden, zugleich mit den Schrecken der Kirche Jeden bedrohend, welcher ſich dieſen chriſtlichen Erobe⸗ rungen einmiſchen ſollte.*) *) Vasconcelez, Hist. de Juan II. Irving's Columbus, 1—3. 4 4 3 — —— ——— Heinvich ſtard am 13. Roveinber 1473, ohne den großen Gegenſtand ſeines Ehrgeizes ins Werk zu ſetzen. Erſt viele Jahre nachher verwirklichte Vasquez de Gama, indem er mit einer portugieſiſchen Flotte den Pfad verfolgte, welchen Jener bezeichnet hatte, deſſen Vorausſetzungen; er umſchiffte das Vorgebirg der guten Hoffnung, ſegelte weiter nach der ſuͤdlichen Kuͤſte von Indien und erdͤffnete auf dieſe Weiſe eine große Straße fuͤr den Handel mit den reichen Laͤndern des Oſtens. Indeſſen lebte Heinrich doch noch lange genug, um manche reiche Belohnung ſeines großen und edlen Gei⸗ ſtes zu erndten. Er ſah⸗ durch feine Beſtrebungen ſein Vaterland in einer gyoßen und vegſamen Bahn des Gluͤckes. Die Entdeckungen der Portugieſen waren das Staunen und die Bewunderung des funfzehnten Jahrhunderts; und die portugieſiſche Nation, erſt eine der kleinſten⸗ unter den Voͤl⸗ bern, ſtieg ſchnell zur Hoͤhe einer der bedeutendſten empor. Alles das wurde nicht durch Waffen, ſondern durch die Wiſſenſchaften und Kuͤnſte, nicht durch die Klugheit eines Cabinets, ſondern durch die Weisheit einer Akademie bewirkt. Es war das große Werk eines Fuͤrſten, welcher ſchoͤn durch die Worte bezeichnet wird:„voll ven Gedanken hoher Un⸗ ternehmungen und von Handlungen eines edlen Gemuͤthes:“ eines, der den großherzigen Sinnſpruch zu ſeiner Deviſe hatte:„das Talent, Gutes zu thun,“ das einzige Talent, des Ehrgeizes eines Fuͤrſten wuͤrdig.*) 7 9) Joam de Barros, Asia decad. E Heinrich befahl bei ſeinem Tode ſeinem Vaterlande die Obſorge, den Weg nach Indien zu verfolgen. Er hatte Compagnien und Vereine geſtiftet, durch welche der Eifer des Handels mit in die Sache verflochten, und dieſelbe ein Gegenſtand des Intereſſes und der Mitbewerbung fuͤr un⸗ ternehmende Koͤpfe wurde.* Von Zeit zu Zeit gerieth Liſſabon in ein Getuͤmmel von Aufregung, wenn irgend eine neue Expedition vom Stapel gelaſſen wurde, oder ein Ge⸗ ſchwader mit Nachrichten von neuentdeckten Regionen und neugeſehenen Koͤnigreichen zuruͤckkehrte. Alles war in ſiche⸗ rer Erwartung und froͤhlicher Hoffnung. Die elenden Hor⸗ den der afrikaniſchen Kuͤſten wurden zu maͤchtigen⸗Nationen vergroͤßert, und die Reiſenden hoͤrten beſtaͤndig von reichen Laͤndern weiter hinaus. Es herrſchte noch Zwirlicht in den geographiſchen Kenntniſſen; Einbildung ging Hand in Hand mit der Entzeckung, und wenn die letztere ihren langſamen und ſicheren Weg ſchlich, bevoͤlkerte die erſtere alles, was jenſeits lag, mit Wundern. Der Ruf der portugieſiſchen Entdeckungen und der beſtaͤndig auslaufenden Erpeditionen, zog die Aufmerkſamkeit der Welt auf ſich. Fremdlinge von allen Gegenden, Gelehrte, Neugierige und Wagehaͤlſe, ver⸗ ſammelten ſich in Liſſabon, um die naͤheren Unmſtaͤnde dieſer Unternehmungen zu erfragen, oder ſich an deren Vortheilen mit zu intereſſiren. Unter dieſen war auch Chriſtoph Co⸗ *) Lafitan conquéte dés Portugais, t. 1. I. 1. 4* —— ———— — 52— lumbus, entweder, wie behauptet wird, durch den zufaͤlli⸗ gen Ausgang eines ſchrecklichen Abenteuers dahin ver⸗ ſchlagen, oder durch edle Neugier und den Verfolg ehren⸗ voller Gluͤcksumſtaͤnde dahin gezogen.*) Viertes Kapitel. Aufenthalt des Columbus in Liſſabon. Ideen über Inſeln im Ocean. Columbus kam ungefaͤhr im Jahre 1470 nach Liſſabon. Er ſtand zu dieſer Zeit in der vollen maͤnnlichen Kraft und war von einnehmendem Aeußeren. Ausfuͤhrliche Beſchrei⸗ bungen von ſeiner Perſon geben ſein Sohn Fernando, Las Caſas und andere ſeiner Zeitgenoſſen.*) Dieſen Berichten zufolge war er groß von Geſtalt, wohlgebaut, muskuloͤs und von einem vornehmen und wuͤrdigen Benehmen. Sein Geſicht war laͤnglich und weder voll noch mager; die *) Herrera, decad. I. lib. 1. **) Hist. del Almirante, cap. 3. Las Casas hist. Ind. 1. 1. c. 2. MS. Zuͤge waren ſchoͤn, von Sommerſproſſen bedeckt, und die Farbe neigte zum Roͤthlichen; er hatte eine Adlernaſe; die Backenknochen ſtanden etwas hervor, die Augen waren licht⸗ grau und ſchnell erregbar; ſeine Zuͤge hatten etwas Ge⸗ bietendes. Sein Haar war in der Jugend von heller Farbe; aber Sorgen und Muͤhſeligkeiten faͤrbten es, nach Las Caſas Bericht, fruͤh grau, und in ſeinem dreißigſten Jahr war ſein Kopf ſchon ganz weiß. Er war maͤßig und einfach in ſeiner Lebensweiſe und Kleidung, im Geſpraͤche beredt, ge⸗ winnend und freundlich gegen Fremde, und von einer Lie⸗ benswuͤrdigkeit und Sanftheit im haͤuslichen Leben, welche die Seinigen unendlich an ihn feſſelte. Seine Gemuͤthsart war von Natur reizbar,*) aber er unterdruͤckte dieſen Hang durch die Groͤße ſeines Geiſtes, indem er ſich immer mit feinem und edlem Ernſt benahm und ſich nie ein Unmaaß im Ausdruck der Rede erlaubte. Sein ganzes Leben hin⸗ durch war er bekannt fuͤr einen eifrigen Bekenner der reli⸗ giͤſen Gebraͤuche, indem er mit Strenge die Faſten und Ceremonien der Kirche hielt; doch beſtand ſeine Froͤmmig⸗ keit nicht in bloßem Formelweſen, ſondern war von jenem hohen und feierlichen Schwung der Begeiſterung belebt, welcher ſeinem ganzen Charakter eine entſchiedene Rich⸗ tung gab. Waͤhrend er in Liſſabon lebte, war er gewohnt, in der Kapelle des Kloſters Aller Heiligen zum Gottesdienſt zu *) Illescas, hist. Pontifical. l. I. — 54— gehen. In dieſem Kloſter waren mehrere Damen von Rang, entweder Pfruͤndnerinnen oder in religioͤſen Aemtern. Mit einer von dieſen, Donna Felipa Monis de Paleſtrello wurde Columbus bekannt. Sie war die Tochter eines italieniſchen Cavaliers, Bartolomeo Monis de Paleſtrello, welcher einer der ausgezeichnetſten Seefahrer unter dem Prinzen Heinrich war, auf der Inſel Porto Santo eine Colonie angelegt und dort das Regiment gefuͤhrt hatte. Die Bekanntſchaft wurde bald zur Leidenſchaft und endete mit einer Heirath. Es ſcheint, daß es eine bloße Neigungsehe geweſen, da die Dame ohne Vermoͤgen war Dieſe Verbindung feſſelte Columbus in Liſſabon. Als der Vater ſeiner Gattin geſtorben war, wohnte das neu⸗ vermaͤhlte Paar mit ihrer Mutter zuſammen. Da die Letztere das Intereſſe wahrnahm, welches ihr Schwiegerſohn bei allen Gegenſtaͤnden kund gab, welche die See betrafen, erzaͤhlte ſie ihm alles, was ſie von den Reiſen und Unternehmungen ihres verſtorbenen Mannes wußte, und brachte ihm alle ſeine Papiere, Karten, Journale und Notizen⸗Buͤcher.*) Dieſes waren Schaͤtze für Columbus. Er machte ſich mit allen Seewegen der Portugieſen, mit ihren Plaͤnen und Ent⸗ wuͤrfen bekannt, und da er durch ſeine Heirath und ſeinen Wohnort in Portugall Unterthan dieſes Landes geworden war, ſo machte er gelegentlich die Reiſen nach der Kuͤſte von Guinea mit. Wenn er am Land war, brachte er ſeine *) Oriedo, cronica de los Indias, lib. II. cap. 2. Zeit damit zu, um See⸗ und Landkarten fuͤr den Unter⸗ halt ſeiner Familie zu zeichnen. Seine Umſtaͤnde waren be⸗ ſchraͤnkt und er mußte eine ſtrenge Sparſamkeit beobachten; doch hoͤren wir, daß er einen Theil ſeiner knappen Mittel zur Unterſtuͤtzung ſeines betagten Vaters in Genua und zur Erziehung ſeines juͤngeren Bruders verwandte. 5 Die Fertigung einer correcten See⸗ oder Landkarte er⸗ forderte in jenen Tagen einen Grad von Kenntniſſen und Erfahrung, welche dem Beſitzer derſelben auf Auszeichnung Anſpruch gaben. Die Erdkunde tauchte eben aus der Dun⸗ kelheit hervor, in welcher ſie Jahrhunderte hindurch ge⸗ ſchlummert hatte. Ptolemaͤus war noch immer eine Haupt⸗ autorität. Die Seekarten des funfzehnten Jahrhunderts zeigen ein Gemenge von Wahrheit und Irrthuͤmern, worin Dinge, vom Alterthum uͤberliefert, und andere aus neueren Entdeckungen bekannt, mit Volksmaͤrchen und ausſchwei⸗ fenden Vermuthungen vermiſcht und verwechſelt ſind. In einer ſolchen Periode, wo die Leidenſchaft fuͤr Entdeckungen zur See jede Huͤlfe ſuchte, um ihre Unternehmungen zu erleichtern, waren die Kenntniſſe und Geſchicklichkeit eines faͤhigen Weltkarten⸗Zeichners, wie Columbus, beſonders willkommen, und die ausgezeichnete Correctheit ſeiner See⸗ und Landkarten gab ihm Ruf unter den Gelehrten.**) Wir *) Munoz, hist. del N. Mundo, t. II. *) Die Wichtigkeit, welche man den cosmographiſchen Kennt⸗ niſſen beizulegen anfing, iſt aus der Auszeichnung er⸗ ſichtlich, welche Mauro, ein italieniſcher Kloſterbruder — 56— V ſehen ihn demgemaͤß, ſchon in der fruͤheren Zeit ſeines Auf⸗ enthaltes in Liſſabon, in einem Briefwechſel mit Paulo Tos⸗ 1 canelli von Florenz, einem der wiſſenſchaftlichſten Manner jener Zeit, deſſen Mittheilungen großen Einfluß darauf hatten, ihn zu ſeinen nachmaligen Unternehmungen zu begeiſtern. Waͤhrend ſeine geographiſchen Arbeiten ihn auf ſolche Weiſe mit den Gelehrten in ehrenvolle Verbindung brachten, waren dieſelben insbeſondere dazu geeignet, eine Reihe von Gedanken fuͤr Unternehmungen zur See in ihm zu naͤhren. Indem er beſtaͤndig Karten verglich und die Fortſchritte und Richtung der Entdeckungen anmerkte, wurde er auf den Gedanken geleitet, wie viel von der Welt immer noch erhielt, weil er eine Welt⸗Karte ausführte, welche man als die zuverläſſigſte der damaligen Zeit ſchätzte. Ein Facſimile dieſer Karte, nach dem Maaßſtabe des Originals, befindet ſich nun im brittiſchen Muſeum und iſt mit einem geographiſchen Commentar von dem gelehrten Zurla herausgegeben worden. Die Venetianer ließen Jenem zu Ehren eine Medaille ſchlagen, auf welcher ſie ihn cosmographus incomparabilis naunten(colline del Bussol Naut. p. 2. c. 5.) Doch Ramuſio, welcher 8 dieſe Karte in dem Kloſter Santo Michele de Murano geſehen hatte, hält ſie für eine bloße verbeſſerte Copie der von Marco Polo aus Chatay mitaebrachten Karte (Ramusio t. II, p. 17. Ed. Venet. 1606). Wir hören auch, daß Americus Veſpucius hundert und dreißig Du⸗ caten(im Werth von fünfhundert fünf und fünfzig Dol⸗ lars unſerer Zeit) für eine See⸗ und Landkarte gegeben hat, die zu Mallorca im Jahr 1439 von Gabriel de Valesca gemacht wurde.(Barros, D. I. 1, c. 15. Terroto por Cofino. Intend. p. 25.) unbekannt ſey, und auf Mittel und Wege zu ſinnen, wie ſolches zu entſchleiern. Seine haͤuslichen Verhaͤltniſſe und die Verwandtſchaften, welche er durch ſeine Heirath ge⸗ wann, waren ganz dazu gemacht, dieſen Gang ſeiner Speku⸗ lation zu foͤrdern. Er wohnte eine Zeitlang auf der neu⸗ entdeckten Inſel Porto Santo, wo ſeine Gattin einiges Eigenthum geerbt hatte, und waͤhrend ſeines dortigen Auf⸗ enthalts gebahr ſie ihm einen Sohn, welchem er den Na⸗ men Diego gab. Dieſer Aufenthalt ſtellte ihn an die eigent⸗ liche Graͤnze der Entdeckungen. Die Schweſter ſeiner Gattin war mit Pedro Torreo verheirathet, einem Seefahrer von Ruf, welcher ſeiner Zeit auch Gouverneur von Porto Santo war. Da ſie in Familien⸗Verhaͤltniſſen und haͤuslicher Eintracht oft zuſammen verkehrten, ſo fiel ihr Geſpraͤch natuͤrlich oft auf die Entdeckungen, welche in ihrer Naͤhe laͤngs der afrikaniſchen Kuͤſte gemacht wurden, auf den lange geſuchten Seeweg nach Indien und auf die Moͤglich⸗ keit, daß auch im Weſten unbekannte Laͤnder exiſtiren koͤnnten. Bei ihrem Zuſammenſeyn auf jener Inſel mußten die⸗ ſelben auch haͤufige Beſuche von Reiſenden erhalten, welche nach Guinea gingen, oder von daher kamen. Indem ſie ſo von dem Getuͤmmel und Laͤrm der Entdeckungen umgeben lebten, mit Leuten in Beruͤhrung kamen, welche hierdurch zu Gluͤck und Ehren gelangt waren und in den friſchen Spuren ihrer neuen Triumphe daher kamen, loderte der feurige Geiſt des Columbus in Enthuſiasmus fuͤr die Sache auf. Es war eine Periode allgemeiner Aufregung fuͤr alle, welche mit dem Seeleben zu thun hatten oder in der Naͤhe — 58— des Meeres lebten. Die neuen Entdeckungen hatten ihre Einbildungskraft entzuͤndet und ſie mit Geſichten von anderen Eilanden erkuͤllt, die von groͤßerer Fuͤlle und Schoͤnheit in den endloſen Raͤumen des atlantiſchen Oceans noch zu entdecken ſeyen. Die Meinungen und Traͤumereien der Alten uͤber dieſen Gegenſtand kamen wieder in Umlauf. Die Geſchichte der Antilla, einer von den Carthaginienſern ent⸗ deckten großen Inſel im Weltmeere, wurde haͤufig erwaͤhnt, und Plato's ertraͤumte Atlantis fand jetzt Manche, die feſt daran glaubten. Viele meinten, die canariſchen und azori⸗ ſchen Inſelgruppen ſeyen nur Reſte, welche vor ihrer Ueber⸗ ſchwemmung zuruͤckgeblieben ſeyen, und es muͤßten noch an⸗ dere und groͤßere Stuͤcke von dieſem untergegangenen Lande in entlegeneren Theilen wes atlantiſchen Oceans vorhanden ſeyn.. Eins der auffallendſten Symptome des aufgeregten Zu⸗ ſtandes des Volksglaubens waren die herrſchenden Geruͤchte uͤber unbekannte Eilande, welche man hin und wieder in dem Weltmeere erblickt haben wollte. Viele dieſer Geruͤchte waren bloße Fabeln, zu dem Ende erfunden, um die vor⸗ herrſchende oͤffentliche Stimmung in unterhalten; viele auch hatten ihren Urſprung in der Selbſttaͤuſchung der Reiſenden, deren erhitzte Einbildungskraft Inſeln in den Sommer⸗ wolken erblickte, welche laͤngs dem Horizont lagern und den Schiffer oft mit dem Anſchein entfernten Landes taͤuſchen. Ein gewiſſer Antonio Leone, ein Bewohner von Ma⸗ deira, erzaͤhlte unſerem Columbus, daß er drei entfernte Inſeln geſehen habe, nachdem er hundert Stunden weſtlich geſegelt ſey. Aber Angaben ſolcher Art, welche von allen am beſtimmteſten ausgeſprochen und am eifrigſten verfochten wurden, waren die, welche die Bewohner der canariſchen Inſeln erzaͤhlten, die lange Zeit beſonderen optiſchen Taͤu⸗ ſchungen unterworfen waren. Sie bildeten ſich ein, ſie ſaͤ⸗ hen von Zeit zu Zeit ein großes Inſelland im Weſten, mit hohen Bergen und tiefen Thaͤlern. Es wurde nicht bei be⸗ decktem Himmel oder taͤuſchendem Dunſtkreiſe, ſondern an den jenen tropiſchen Klimaten eignen hellen Tagen und mit aller Deutlichkeit geſehen, worinnen man entfernte Gegen⸗ ſtaͤnde aus ihrer reinen, durchſichtigen Atmoſphaͤre hervor⸗ treten ſieht. Das Eiland wurde nur von Zeit zu Zeit geſe⸗ hen: waͤhrend zu anderenmalen bei dem hellſten Wetter nicht eine Spur davon zu entdecken war. Wenn es aber erſchien, war es immer an der naͤmlichen Stelle und in derſelben Geſtalt. Die Bewohner der canariſchen Inſeln waren ſo uͤberzeugt von deſſen Vorhandenſeyn, daß man ſich an den Koͤnig von Portugall wandte und um die Erlaub⸗ niß anhielt, das Land zu entdecken und in Beſitz zu nehmen; und es wurde wirklich das Ziel mehrerer Expeditionen. Das Inſelland war jedoch zu keiner Zeit zu finden, wiewohl es immer fortfuhr, in Zwiſchenraͤumen das Auge von Neuem zu taͤuſchen. Es liefen alle moͤgliche ſeltfame und phantaſtiſche Nachrich⸗ ten von dieſem eingebildete Landen um. Einige meinten, es ſey die bei Ariſtoteles vorkommende Antilla; andere hielten ſie fuͤr das Eiland der ſieben Staͤdte, von der alten Le⸗ gende der ſieben Biſchoͤfe ſo genannt, welche mit einer Menge von Nachfolgern, zur Zeit der Eroberung Spaniens durch die Mauren, von da entflohen und vom Himmel zu einer unbekannten Inſel im Ocean geleitet, dort ſieben praͤchtige Staͤdte gegruͤndet haben ſollten; wieder einige be⸗ trachteten ſie als ein anderes in Legenden genanntes Eiland, von welchem es hieß, daß ein ſchottiſcher Prieſter Namens St. Brandan daſelbſt in dem ſechſten Jahrhundert gelandet habe. Dieſe letzte Sage ging in den Mund des Volkes uͤber. Die angebliche Inſel wurde nach ihm St. Brandan oder St. Borondon genannt und lange Zeit ſelbſt in den See⸗ karten als in weiter weſtlicher Entfernung von den canari⸗ ſchen Inſeln verzeichnet.* Das naͤmliche geſchah mit dem fabelhaften Eiland Antilla, und dieſe falſchen Bezeichnungen angeblich vorhandener Inſeln haben in verſchiedenen Perio⸗ den Veranlaſſung zu der Behauptung gegeben, daß die neue Welt ſchon vor der Zeit ihrer allgemein geprieſenen Entde⸗ ckung bekannt geweſen waͤre. Columbus indeſſen betrachtete alle dieſe Erſcheinungen vorhandenen Landes als bloße Taͤuſchungen. Er nahm an, daß dieſelben von Felſen herrührten, die im Ocean hervor⸗ ſtehen, und in der Entfernung unter gewiſſen atmoſphaͤri⸗ ſchen Einfluͤſſen die Geſtalt von Inſeln angenommen haͤt⸗ ten; oder daß es ſchwimmende Inſeln geweſen ſeyen, wie ſie Plinius, Seneca und Andere beſchreiben, aus zuſammenge⸗ *) Man ſehe den Artikel: die Inſel St. Brandan, in den Erläuterungen, — 61— wachſenen Wurzeln oder einer leichten und poroͤſen Stein⸗ art gebildet und mit Baͤumen bedeckt, welche auf dem Ocean vom Winde umhergetrieben worden ſeyen. Die Eilande St. Brandan, Antilla und die Inſel der ſieben Staͤdte haben ſich lange ſeitdem als fabelhafte Vermu⸗ thungen oder als atmoſphaͤriſche Trugbilder ausgewieſen. Aber die Geruͤchte von denſelben ſind intereſſant, inſofern ſie den Zuſtand der oͤffentlichen Kenntniß von dem atlanti⸗ ſchen Meere feſtſtellen, waͤhrend deſſen weſtliche Regionen noch unbekannt waren. Sie wurden von Columbus ſaͤmmt⸗ lich mit puͤnktlicher Sorgfalt niedergeſchrieben und moͤgen doch einigen Einfluß auf ſeine Vorſtellung gehabt haben. Ob nun auch ſeine Seele viel in Ahnungen lebte, ſo ſuchte dennoch ſein durchdringender Verſtand in tieferen Quellen Nahrung fuͤr ſein ernſtes Nachſinnen. Aufgeregt von dem Trieb in den vorgehenden Ereigniſſen verlegte er ſich, ſo erzaͤhlt ſein Sohn Fernando, von Neuem auf das Studium der Schriftſteller uͤber Geographie, die er zuvor geleſen hatte, und erwog die aſtronomiſchen Gruͤnde, welche die Theorie bekraͤftigen moͤchten, die allmaͤhlig in ſeinem Geiſte Geſtalt gewann. Er machte ſich mit allem bekannt, was uͤber Erdkunde von den Alten geſchrieben oder von den Neueren entdeckt worden war. Seine eigenen Reiſen befaͤ⸗ higten ihn, viele von ihren Irrthuͤmern zu verbeſſern und manche von ihren Theorieen zu wuͤrdigen. Waͤhrend ſein Geiſt auf dieſe Weiſe eine entſchiedene Richtung genommen, iſt es anziehend, zu erfahren, aus welcher Maſſe von aner⸗ — 62— bannten Thatſachen, vernuͤnftigen Hypotheſen, phantaſierei⸗ chen Erzaͤhlungen und Volksſagen ſein großer Plan der Entdeckung durch das unablaͤſſige Arbeiten ſeines kraͤftigen Geiſtes ins Werk geſetzt wurde. Fuͤnftes Kapitel. Gründe, auf welche Eolumbus ſeinen Glauben an das Vorhandenſeyn unentdeckten Landes im Weſten ſtutzte.— In den vorhergehenden Kapiteln iſt verſucht worden, zu zeigen, wie Columbus allmaͤhlig zu ſeinem großen Zwecke von dem Geiſt und den Ereigniſſen der Zeit, worin er lebte, erzogen wurde. Sein Sohn Fernando jedoch unter⸗ nimmt es, die ſicheren Data zu liefern, auf welche der Plan⸗ der Entdeckungen ſeines Vaters begruͤndet geweſen.*)„Er thut dieſes,“ bemerkt er,„um zu zeigen, aus welchen ſchwachen Argumenten ein ſo großer Entwurf entſtand, und an's Licht kam; und um diejenigen zufrieden zu ſtellen⸗ *) Hist. del Almirante) cap. 65. 7, 83 — 4 — 63— welche die Amftaͤnde und Motive genau zu kennen wuͤnſch⸗ ten, die ſeinen Vater zur Ausfuͤhrung ſeines Unterneh⸗ mens leiteten.“ Da dieſe Behauptung aus Bemerkungen und Documen⸗ ten hervorging, welche er in dem Nachlaſſe ſeines Vaters fand, ſo iſt dieß zu wichtig und anziehend, als daß man keine beſondere Erwaͤhnung davon machen ſollte. In dieſem Me⸗ morandum ſtellte er die Begruͤndung der Cheorie ſeines Vaters unter folgende Geſichtspunkte: 1) die Natur der Dinge; 2) die Autoritaͤt gelehrter Schriftſteller; 3) die Be⸗ richte von Seeleuten. Unter der erſten Rubrik ſetzte er zum Grundprinzip, daß die Erde eine feſte Kugel ſey, welche rund um von⸗ Oſten nach Weſten umfahren werden koͤnne und auf welcher die Menſchen auf den gegeneinanderliegenden aͤußerſten Punk⸗ ten als Gegenfuͤßler erſcheinen muͤßten. Den Umfang der Erde von Oſten nach Weſten theilte Columbus auf dem Aequator nach Ptolemaͤus in vierundzwanzig Stunden, jeden von funfzehn. Graden, welches dreihundert und ſechzig Grade ausmacht. Von dieſen nahm er an, indem er die Err ugel des Ptolemaͤus mit der fruͤheren Abbilduug des Marinus von Tyrus verglich, daß funfzehn Stunden den Alten be⸗ kannt geweſen ſeyen, von der Meerenge von Gibraltar oder vielmehr von den canariſchen Inſeln bis zu der Stadt Thinaͤ in Aſien, ein Ort,, welcher als die oͤſtliche Graͤnze der be⸗ kannten Welt angenommen wird. Die Portugieſen hatten die weſtliche Graͤnze durch ihre Entdeckung der Azoren und der Inſeln des gruͤnen Vorgebirgs(Cap de Verde) grade — 64— um eine Stunde erweitert. Es blieben alſo nach Columbus Berechnung noch acht Stunden oder ein Drittheil des Erd⸗ umfangs unentdeckt und unbeſucht. Dieſer Raum konnte in großen Flaͤchen von den oͤſtlichen Theiten Aſiens ausgefuͤllt ſeyn, welche ſich moͤglicherweiſe ſo weit erſtreckten, daß ſie faſt die Kugel umgaͤben und ſich den weſtlichen Kuͤſten von Europa und Afrika naͤherten. Die Ausdehnung des Oceans zwiſchen dieſen Feſtlanden, bemerkt er, wuͤrde kleiner ſeyn, als man anfaͤnglich angenommen haͤrte, wenn die Meinung des Arabers Alfranganus gelten koͤnnte, welcher der Erde einen kleineren Umfang gab, indem er die Groͤße der Grade gegen die Annahme anderer Cosmographen verminderte, eine Theorie, welcher Columbus zu Zeiten Glauben beigemeſſen zu haben ſcheint. Dieſe Praͤmiſſen zugegeben, war es offen⸗ bar, daß ein Schiffer, welcher den geraden Lauf von Oſten nach Weſten verfolgen wuͤrde, an den aͤußerſten Enden von Aſien ankommen und dazwiſchenliegendes Land entdecken muͤſſe. aater der zweiten Rubrik ſind die Schriftſteller genannt, deren Ausſpruͤche fuͤr ihn ſo gewichtig waren, daß ſie ihn uͤberzeugten, der dazwiſchenliegende Ocean ſey nur von maͤßi⸗ ger Ausdehnung, und koͤnne leicht durchſegelt werden. Un⸗ ter dieſen fuͤhrt er die Meinung von Ariſtoteles, Seneca und Plinius an, daß man von Cadix nach Indien in we⸗ nigen Tagen kommen koͤnne, von Strabo, welcher bemerkt, daß der Ocean die Erde umgebe, indem er im Oſten die Ufer von Indien, im Weſten die Kuͤſten von Spanien und — 65— Mauritanien beruͤhre, ſo daß es leicht ſey, von einem Ende zum andern in der naͤmlichen Linie zuͦ ſchiffen.*) Zur Beſtaͤrkung in der Idee, daß Aſien, oder wie er es immer nennt, Indien ſich weit nach Oſten ausdehne, ſo daß es den groͤßeren Theil des unbekannten Zwiſchenraums ausfuͤlle, werden die Ausſagen von Marco Polo und Jo⸗ hann de Montevilla(John Mandeville) angefuͤhrt. Dieſe Reiſenden hatten in dem dreizehnten und vierzehnten Jahr⸗ hundert die entlegenen Gegenden Aſiens beſucht, weit jenſeits der Regionen, welche bei Ptolemaͤus vorkommen; und ihre Berichte von der Ausdehnung dieſes Feſtlandes nach Oſten hin, uͤbten einen großen Einfluß, Columbus zu uͤberzeugen, daß eine Reiſe nach Weſten nicht von langer Dauer ſeyn und ihn zu jenen Kuͤſten oder zu dem ausgedehnten und reichen Eilande, welches denſelben angraͤnze, fuͤhren werde. Die Belehrung uͤber Marco Polo ruͤhrte wahrſcheinlich von Paulo Toscanelli, einem bereits erwaͤhnten beruͤhmten Leh⸗ rer zu Florenz her, mit welchem Columbus im Jahr 1474 in Briefwechſel ſtand, und welcher demſelben Abſchrift von einem kurz zuvor von ihm an Fernando Martinez, einen ge⸗ lehrten Domherrn zu Liſſabon erlaſſenen Sendſchreiben ſchickte. Dieſer Brief beſtaͤtigt die leichte Moͤglichkeit, durch eine Fahrt nach Weſten in Indien anzukommen, und verſichert, die Entfernung betrage nur viertauſend Meilen in einer direkten Linie von Liſſabon nach der Provinz Mangi, in der Naͤhe von Cathay, welche ſeitdem fuͤr die noͤrdliche Kuͤſte ———— *) Strabo Cos, lib. I, II. Irving's Columbus. 1— 3, 5 — 66— von China angeſehen. wurde. Von dieſem Lande gibt er eine⸗ prachtvolle Beſchreibung. aus dem Werke des Marco Polo. Er fügt hinzu, daß in dem Wege dahin die Inſeln⸗ Antilla und Cipango laͤgen, welche nur zwrihundert und fuͤnfund⸗ zwanzig Stunden von⸗ einander entfernt ſeyen, eine Fuͤlle von Reichthuͤmern beſaͤßen und paſſende Landungsplaͤtze fuͤr die Schiffe boͤten, um ſich mit. friſchen Lebensmitteln zur⸗ Reiſe zu verſehen.. 3 Unter der dritten Rubrik ſind⸗ mancherlei Zeichen von⸗ Land im Weſten aufgezaͤhlt, welche: nach den Kuͤſten der bekannten Welt: gefluthet waren. Es⸗ iſt merkwuͤrdig zu ſehen, wie ein Geiſt gleich Columbus, wenn er⸗ einmal in einer Unterſuchung warm geworden, ihr jeden beſtäͤrigenden Umſtand zufuͤgt, ſo vag und trivial er auch ſeyn moͤge. Er. ſcheint beſonders auf die Daͤmmerungen von⸗ Belehrung auf⸗ merkſam geweſen zu⸗ ſeyn, welche von alten⸗ Seemaͤnnern kamen, die bei den juͤngſten Reiſen nach den afrikaniſchen⸗ Kuͤſten mit geweſen waren eben ſo von den Bewohnern der kuͤrzlich entdeckten⸗ Inſeln, welche. gleichſam auf den Vor⸗⸗ poſten der geographiſchen Erfahrung⸗ ſtanden. Alle dieſe Notizen ſind ſorgfäaͤltis unter⸗ ſeinen Memorabilien niederge⸗ legt, um ſie mit bei den Thatſachen und Meinungen, welche ſchon in ſeinem Kopfe Wurzel gefaßt hatten, einzuſchalten. Der Art iſt zum Beiſpiel der Umſtand, welchen ihm Martin Vicenti, ein Pilote im Dienſte des Koͤnigs von Portugall mittheilte, daß er, nachdem er vierhundert: und fünfzig Stunden weſtlich vom Cap⸗ Vincent geſteuert ſey. ein Stuͤck geſchnitztes Holz aus dem Waſſer gezogen habe, 1 — 67— welches beſtimmt nicht mit einem eiſernen Inſtrumente be⸗ arbeitet worden ſey. Da die Winde es von Weſten herge⸗ trieben haͤtten, ſo muͤſſe es wohl von irgend einem unbe⸗ kannten Land gekommen ſeyn, welches in dieſer Richtung liege. Von Pedro Correa, Columbus Schwager, wird eben⸗ falls angemerkt, daß er auf der Inſel Porto Santo ein aͤhnliches Stuͤck Holz geſehen habe, welches von dieſer Him⸗ melsgegend hergetrieben worden. Er hatte auch von dem Koͤnig von Portugall gehoͤrt, daß Schilfrohr von ungeheu⸗ rer Groͤße nach einer jener Inſeln von Weſten hergeſchwom⸗ men ſey, bei deſſen Beſchreibung Columbus das große Schilfrohr, welches nach Ptolemaͤus in Indien wachſen ſoll, zu erkennen glaubte. Eine Anzeige iſt gleichfalls notirt, welche ihm von den Bewohnern der Azoren uͤber Staͤmme hoher Fichten wurde, von einer Art, welche auf keiner der Inſeln wachſe, die von den Weſtwinden an ihre Ufer geworfen wuͤrdenz aber beſonders eine von den Leichnamen zweier Menſchen, die auf der Inſel Flores gelandet ſeyen, deren Zuͤge von allen be⸗ kannten Menſchenracen verſchieden geweſen.⸗ Dieſem iſt der Bericht eines Seemannes von dem Ha⸗ fen von St. Mary beigefuͤgt, welcher verſicherte, daß er in dem Verlauf einer Reiſe nach Irland im Weſten Land geſehen habe, welches von dem Schiffsvolk fuͤr irgend eine entfernte Gegend der Tartarei gehalten worden⸗ Noch ſind andere Geſchichten von aͤhnlicher Art aufnotirt; auch die Geruͤchte uͤber die angeblichen Eilande St. Brandan und 5* — 68— der ſieben Städte, welchen aber, wie bereits bemerkt wor⸗ den, Columbus keinen ſonderlichen Glauben beimaß. Das waͤre ein kurzer Auszug der Gruͤnde, von welchen, nach Fernando's Angabe, ſein Vater ausging, von einem Satz zum andern, bis er zu dem Schluß kam, daß in dem weſtlichen Theile des Weltmeeres unentdecktes Land ſeyn müuͤſſe, daß es zu erreichen, und endlich, daß es von Men⸗ ſchen bewohnt ſey.. Es iſt offenbar, daß mehrere der hier genannten Thatſa⸗ chen zu Columbus Wiſſenſchaft gelangt ſind, als er die Idee ſchon gefaßt hatte, und nur dazu dienten, dieſelbe zu befeſti⸗ gen; dennoch iſt alles, was nur einiges Licht auf den Gang der Gedanken wirft, die zu ſo großem Ausgange fuͤhrten, von dem aͤußerſten Intereſſe, und die Kette von Schluͤſſen, welche hier geliefert wird, wenn ſie auch vielleicht nicht ſehr logiſch in ihrer Verknuͤpfung iſt, bleibt doch als ein Aus⸗ zug aus den Papieren von Columbus ſelbſt, eins der merk⸗ wuͤrdigſten Documente in der Geſchichte des menſchlichen Geiſtes. Wenn man dieſes Raiſonnement aufmerkſam betrachtet, iſt es augenfaͤllig, daß das große Argument, welches Co⸗ lumbus zu ſeinem Unternehmen beſtimmte, das unter der er⸗ ſten Rubrik genannte, iſt, daß der oöſtlichſte Theil des den Alten bekannten Aſiens von den Ahzoren nicht weiter als ein Drittheil der Erdperipherie entfernt ſeyn koͤnne; daß dieſer Zwiſchenraum großentheils von dem unbekannten Reſte Aſiens ausgefuͤllt ſeyn muͤſſe, und daß, wenn der Um⸗ fang der Erde kleiner waͤre, als bisher allgemein angenom⸗ — 69— men worden, die Kuͤſten Aſiens durch eine maͤßige Reiſe nach Weſten erreicht werden koͤnnten. Es iſt merkwuͤrdig, wie ſehr der Erfolg dieſer großen Unternehmung von zwei gluͤcklichen Irrthuͤmern abhing, von der eingebildeten Ausdehnung Aſiens nach Oſten und von der vorausgeſetzten minderen Groͤße der Erdkugel; beides Irrthuͤmer der gelehrteſten und tiefſten Philoſophen, aber ohne welche Columbus ſchwerlich auf ſein Unternehmen ver⸗ fallen waͤre. Was die Idee betrifft„ durch direktes Segeln nach Weſten Land zu ſinden, ſo liegt dieſelbe jetzt unſerem Faſſungsvermoͤgen ſo nahe, daß es einigermaßen die Ver⸗ dienſte des erſten Gedankens, und die Kuͤhnheit des erſten Verſuches ſchmaͤlert; aber in jenen Tagen war, wie dies richtig bemerkt worden iſt, der Umfang der Erde noch un⸗ bekannt; Niemand konnte ſagen, ob der Ocean nicht von unendlicher Ausdehnung und es unmoͤglich ſey, ihn zu durch⸗ ſchiffen; noch waren die Geſetze der ſpeeiſiſchen Schwere und der Centripetalitaͤt nicht im Reinen, wodurch, wenn die Kugelform der Erde vergewiſſert war, die Moͤglichkeit, die Reiſe um die Welt zu machen, offenbar geworden waͤre.*) Die Thunlichkeit einer ſolchen Fahrt nach Weſten, um Land zu finden, war eines jener Geheimniſſe der Natur, welche als Gegenſtaͤnde bloßer Speculation fuͤr unglaublich gehal⸗ ten werden, aber die einfachſten Dinge, die man ſich denken kann, wenn man einmal Gewißheit daruͤber hat. —— *) Malte-Brun, Géographie universelle t. 14. Note grap. sur la découverte de PAmérique. Wie Columbus ſich ſeine Theorie gebildet hatte, wur⸗ zelte ſie mit eigner Feſtigkeit in ſeinem Kopfe und uͤbte ih⸗ ren Einfluß auf ſeinen Charakter und ganzes Benehmen. Er ſprach nie zweifelhaſt oder zoͤgernd, ſondern mit der groͤßten Beſtimmtheit davon, als ob ſeine Augen das ver⸗ heißene Land geſehen haͤtten. Keine Pruͤfung noch Wieder⸗ waͤrtigkeit konnte ihn nachher von der beharrlichen Verfol⸗ gung ſeines Gegenſtandes mehr abhalten. Ein tiefes reli⸗ gioͤſes Gefuͤhl vermiſchte ſich mit ſeinem Nachdenken und g⸗b demſelben zuweilen einen Anſtrich von Aberglauben, aber dieſer war von einem großen und ferhabenen Charakter; er betrachtete ſich in der Hand des Himmels ſtehend, aus den Menſchen erwaͤhlt, um dieſen hohen Endzweck zu zerfuͤllen; er las wie er meinte ſeine ſo betrachtete Entdeckung in der heiligen Schrift vorausverkündet und in den geheimnißvollen Ausſpruͤchen der Propheten dunkel abgeſchattet. Die Enden der Erde ſollten zuſammengebracht werden und alle Natio⸗ nen und Zungen und Sprachen unter der Fahne des Hei⸗ landes vereinigt werden. Dieſes ſollte die glorreiche Voll⸗ endung ſeines Unternehmens ſeyn, indem es die entlegenen und unbekannten Regionen des Erdkreiſes mit dem chriſt⸗ lichen Europa in Gemeinſchaft braͤchte, das Licht des wah⸗ ren Glaubens in die umnachteten Heidenlaͤnder tragend, und ihre zahlloſen Voͤlker unter der heiligen Herrſchaft der Kirche ſammelnd. 4 Se Die enthuſiaſtiſche Natur ſeiner Entwuͤrfe gaben ſeinem Geiſte Aufſchwung und ſeinem ganzen Benehmen Wuͤrde und Hoheit. Er betrachtete die Fuͤrſten faſt mit einem Ge⸗ — 11— fuͤhle von Gleichheit. Seine Anſichten waren fuͤrſtlich und ungebunden; ſeine vorgeſetzte Entdeckung war die von Rei⸗ chen; feine Lage ward in dem Verhaͤltniß glaͤnzend, auch konnte er nie, ſelbſt nach langen Zwiſchenraͤumen, nach er⸗ neuerten Wiederwaͤrtigkeiten und unter dem Druck der ge⸗ genwaͤrtigen Armuth, nachlaſſen von dem, was, einer nur moͤglichen Entdeckung gegenuͤber, ein uͤbermaͤßiges Verlan⸗ gen ſchien. Diejenigen, welche nicht begriffen, wie ein gluͤhender und kraͤftiger Geiſt durch nur vermuthete Wirklichkeit zu ſo feſter Ueberzeugung gelangen koͤnne, ſuchten ſich die Sache anders zu erklaͤren. Als der glorreiche Erfolg die Richtig⸗ keit der Meinung des Columbus beſtaͤtigt hatte, wurden Verſuche gemacht, um zu beweiſen, daß er vorher ſichere Belehrung uͤber die angeblich von ihm entdeckten Laͤnder empfangen habe. Unter dieſen war ein albernes Maͤhrchen von einem durch die Stuͤrme verſchlagenen Piloten, welcher in ſeinem Hauſe geſtorben ſeyn und ihm geſchriebene Nach⸗ richten von einem unbekannten Land im Weſten hinterlaſſen haben ſollte, zu welchem derſelbe von widrigen Winden hin getrieben worden ſey. Dieſe Erzaͤhlung iſt, nach der Aus⸗ ſage des Fernando Columbus, nicht beſſer begruͤndet, als eine der Volksſagen uͤber das erdichtete Eiland St. Brandan, welches ein portugieſiſcher Capitafn, der von Guinea zuruͤck⸗ kam, jenſeits Madeira geſehen zu haben vorgab. Es lief einige Zeit als ein unzuverlaͤſſiges Geruͤcht um, veraͤndert und nüancirt nach den Zwecken derer, welche den Ruhm des Colambus zu verdunkeln ſtrebten. Endlich fand es ſeinen Weg zum Druck und iſt von verſchiednen Hiſtorikern nach⸗ geſprochen worden, bei jeder neuen Erzaͤhlung anders, und voller Widerſpruͤche und Unwahrſcheinlichkeiten.*) Auch iſt noch verſichert worden, daß Columbus in ſeinen Entdeckungen einen Vorgaͤnger in Martin Behaim, einem gleichzeitigen Weltbeſchreiber, gehabt, welcher, wie man be⸗ hauptete, zufaͤllig an der Kuͤſte von Suͤdamerika gelandet ſey, und daß Columbus mit Huͤlfe einer Seekarte oder eines Globus, welchen Behaim entworfen und worauf die neu⸗ entdeckte Welt abgezeichnet geweſen, ſeine Reiſe gemacht habe. Dieſes Geruͤcht hatte ſeinen Urſprung in einem unge⸗ reimten Mißverſtaͤndniß eines lateiniſchen Manuſcripts und war von Beweisdocumenten durchaus ununterſtüͤtzt: indeſſen kam es ebenfalls in umlauf, und iſt vor wenigen Jahren wieder aufgefriſcht worden, mit mehr Eifer als Klugheit; aber gegenwaͤrtig iſt es voͤllig widerlegt und zur Ruhe ge⸗ bracht. Das von Behaim beſuchte Land war die Kuͤſte von Afrika uͤber dem Aequator; der Globus, den er verfertigte, wurde im Jahr 1492 beendigt, waͤhrend Columbus auf ſei⸗ ner erſten Reiſe begriffen war: er enthaͤlt keine Spur von der neuen Welt und liefert auf dieſe Art den beſten Beweis, daß ihre Exiſtenz dem Behaim unbekannt war.**) *) Man ſehe in den Erläuterungen den Artikel: Gerücht über den Piloten, welcher im Hauſe des Columbus ge⸗ ſtorben ſeyn ſoll. *½) Man ſehe in den Erläuterungen den Artikel: Martin Behaim. Es giebt einen gewiſſen neidiſchen Geiſt, der in dem Ge⸗ wande gelehrter Unterſuchung umher ſpionirt nach dem Fußtapfen der Geſchichte, ihre Denkmaͤler niederwirft und ihre ſchoͤnſten Trophaͤen verſtuͤmmelt. Man ſollte darauf Acht haben, große Namen vor ſo verderblicher Gelehrſamkeit zu bewahren. Sie vernichtet einen der heilſamſten Zwecke der Geſchichte, den naͤmlich, Beiſpiele zu liefern, wie viel der menſchliche Geiſt und ein preiswuͤrdiges Unternehmen zu voll⸗ fuͤhren im Stande iſt. Zu dieſem Ende iſt in den vorher⸗ gehenden Kapiteln die Muͤhe uͤbernommen worden, den Auf⸗ ſchwung und Fortgang dieſer großen Idee in Columbus Geiſte nachzuweiſen; zu zeigen, daß ſie das Werk ſeines Genie's war, durch den Impuls des Zeitalters geweckt und von den zerſtreuten Stralen der Wiſſenſchaft aufgenaͤhrt, welche auf gewoͤhnlichen Geiſtern wirkungslos verweilen. Sechſtes Kapitel. Briefwechſel des Columbus mit Paulo Toscanelli. Ereigniſſe in Portugall in Bezug auf Eut⸗ deckungen. Nicht ſpaͤter als im Jahre 1474 hatte Columbus den Plan gefaßt, eine weſtliche Straße nach Indien zu ſuchen, doch lag derſelbe noch roh und unreif in ſeinem Geiſte. — 74— Dieß geht aus dem ſchon erwaͤhnten Briefwechſel mit dem gelehrten Paulo Toscanelli von Florenz hervor, welcher im Sommer dieſes Jahres ſtattfand. Das Sendſchreiben Tos⸗ canelli's iſt die Antwort eines Briefes von Columbus und giebt der darin ausgedruͤckten Abſicht, eine Fahrt nach We⸗ ſten zu machen, ſeinen Beifall. Um ihm deutlicher die Leich⸗ tigkeit, in dieſer Richtung nach Indien zu kommen, zu be⸗ weiſen, ſandte er ihm eine Seekarte, zum Theil nach Pto⸗ lemaͤus und zum Theil nach der Beſchreibung des Vene⸗ tianers Marco Polo entworfen. Die oͤſtliche Kuͤſte von Aſien war den weſtlichen Kuͤſten von Afrika und Europa gegenuͤber gezeichnet, und nur einen maͤßigen Raum fuͤllte das Wellmeer dazwiſchen, in welchem in bequemen Abſtaͤn⸗ den Eipango, Antilla und die anderen Inſeln vertheilt wa⸗ ren.*) Columbus wurde durch das Schreiben und die Karte Toscanelli's, den man fuͤr einen der tuͤchtigſten Erd⸗Kenner damaliger Zeit hielt, ſehr aufgemuntert. Er ſcheint ſich das Werk von Marco Polo verſchafft zu haben, welches in verſchiedene Sprachen uͤberſetzt worden iſt und in den mei⸗ ſten Bibliotheken im Manuſcript exiſtirte. Dieſer Schrift⸗ *) Dieſe Karte, mit welcher Columbus auf ſeiner erſten (Entdeckungsreiſe ſegelte, behauptet Las Caſas(I. 1.1c. 12.) im Beſitz gehabt zu haben, als er ſeine Geſchichte ſchrieb⸗ Es iſt ſehr zu bedauern, daß ein ſo intereſſantes Docu⸗ ment verloren ſeyn ſolt⸗ Es mag noch unter dem Acten⸗ wuſt der ſpaniſchen Archive vergraben liegen. Wenige Gegenſtände bloßer Neugierde ſind wohl koſtbarer. ſteller gibt wundervolle Nachrichten uͤber die Reichthuͤmer von Cathay und Mangi, oder Manzu, welches ſeitdem fuͤr das noͤrdliche und ſuͤdliche China bekannt wurde, an deſſen Kuͤſten nach der Seekarte Toscanelli's ein Reiſender, wel⸗ ſcher direkt nach Weſten ſegelte, ſicherlich ankommen wuͤrde. Er beſchreibt in ungemaͤßigten Ausdruͤcken die Macht und Groͤße des Monarchen dieſer Laͤnder, des großen Khans der Tartarei, und den Glanz und die Groͤße ſeiner Haupt⸗ ſtaͤdte, Cambalu und Quinſay, und die Wunder der Inſel Cipango oder Zipangi, welches man fuͤr Japan erklaͤrt. Dieſes Eiland ſetzt er Cathay gegenuͤber, fuͤnfhundert Stun⸗ den in den Ocean. Er ſtellt es dar mit einem Ueberfluß von Gold, koſtbaren Steinen und anderen auserleſenen Ge⸗ genſtaͤnden des Handels, mit einem Herrſcher, deſſen Palaſt mit Goldblech gedeckt ſey, wie die Palaͤſte in anderen Laͤn⸗ dern mit Blei. Die Berichte dieſes Reiſenden ſind von vielen fuͤr fabelhaft gehalten worden; aber wiewohl ſie voll üppiger Uebertreibungen ſind, ſo ſind ſie doch ſeitdem im Weſentlichen richtig befunden worden. Wir gedenken ihrer hier im Beſondern wegen des Einfluſſes, den ſie auf die Einbildungskraft des Columbus hatten. Das Werk des Marco Polo iſt ein Schluͤſſel zu vielen Theilen ſeiner Geſchichte. Bei ſeinen Bewerbungen an den verſchiedenen Hoͤfen von Europa ſtellte er die Laͤnder, welche er entdecken wollte, als Regionen von unerſchoͤpflichen Reich⸗ thuͤmern dar, wie ſie der Venetianer beſchrieben hatte. Die Laͤnder des greßen Khans waren die Gegenſtaͤnde der Nach⸗ forſchung auf allen ſeinen Reiſen, und bei ſeinem Kreuzen 2**) Hist. del Almirante, cap. 4. zwiſchen den Antillen ſchmeichelte er ſich beſtaͤndig mit der Hoffnung, daß er bei der reichen Inſel Eipango und den Kuͤſten von Mangi und Cathay ankommen werde.*) Waͤhrend die Abſicht, in der Entdeckung des Weſtens vorzuſchreiten, in Columbus Geiſte zur Reife gedieh, machte er eine Reiſe nach dem Norden von Europa. Ueber dieſe Fahrt haben wir keine andere ſchriftliche Notiz, als die fol⸗ gende Stelle, welche von ſeinem Sohn aus einem ſeiner Briefe gezogen iſt:—„In dem Jahr 1477 im Februar ſchiffte ich hundert Stunden jenſeits Thule, deſſen ſuͤdliche Gegenden drei und ſiebenzig Grade vom Aequator entfernt ſind und nicht drei und ſechzig wie Einige behaupten, noch auch iſt es in der Linie gelegen, welche dden Weſten des Ptolemaͤus einſchließt, ſondern es liegt weſtlicher. Die Eng⸗ laͤnder, beſonders die von Briſtol, fahren mit ihren Waaren nach dieſer Inſel, welche ſo groß wie England iſt. Als ich dort ankam, war das Meer nicht mit Eis bedeckt und Ebbe und Fluth waren ſo groß, daß der iterſchie ſechs und zwanzig Faden betrug.“**) Die als Thule bezeichnete Inſel wird algenin ſüe Jo⸗ land gehalten, welches weit nach Weſten von der Ultima Thule der Alten liegt, wie es in der Karte des Ptolemaͤus gezeichnet iſt. Es iſt nichts weiter von dieſer Reiſe be⸗ ) Ein ausführlicherer Bericht von Mareo Polo und ſeinen Schrifren ſteht unter den Erläuterungen im Anhang. —- 77— kannt, bei welcher wir Anzeichen von dem ungeduldigen, brennenden Verlangen finden, ſich von den Graͤnzen der alten Welt loszureißen und in die unbekannten Regionen des Weltmeeres einzudringen. Mehrere Jahre vergingen ohne eine entſchiedene Anſtren⸗ gung von Seiten des Columbus, ſeinen Plan in Ausfuͤhrung zu bringen. Er war zu arm, um die noͤthige Ausruͤſtung fuͤr eine ſo wichtige Expedition ſelbſt zu ſtellen. Da er uͤbrigens erwartete, große heidniſche Laͤnder anzutreffen, welche keiner geſetzlichen Macht unterworfen ſeyen, betrach⸗ tete er es als ein Unternehmen, welches ſich nur im Dienſt eines unabhaͤngigen Staates machen laſſe, der von den ent⸗ deckten Laͤndern Beſitz nehmen, ihn aber durch Wuͤrden und Privilegien, welche ſeinen Verdienſten angemeſſen waͤren, be⸗ lohnen koͤnnte. Waͤhrend der letzteren Zeit der Regierung Alphonſo's von Portugall war ſo wenig Trieb in der Sache der Ent⸗ deckungen, daß man mit Wahrſcheinlichkeit die Annahme eines ſolchen Vorſchlags nicht vorausſetzen konnte. Dieſer Monarch war mit Spanien wegen der Erbfolge der Prin⸗ zeſſin Juana zu tief in Kriege verwickelt, als daß er ſich in Unternehmungen des Friedens von einer ausgedehnten Natur haͤtte einlaſſen koͤnnen. Die offentliche Stimmung war gleichfalls nicht fuͤr ein ſo gefahrvolles Unternehmen zu gewinnen. Ungeachtet der vielen Reiſen, welche nach den Kuͤſten von Afrika und den benachbarten Inſeln gemacht worden, und daß der Compaß in allgemeineren Gebrauch gekommen war, hatte die Schiffahrt doch immer mit Hin⸗ — 78— derniſſen zu kaͤmpfen, und die Serkahters wagten ſellen ſich weit vom Lande zu entfernen⸗ Die Entdeckungen gingen langſam an den Kuͤſten von Afrika fort, und die Schiffer fuͤrchteten ſich, tief in der ſuͤd⸗ lichen Hemiſphaͤre zu kreuzen, mit deren Sternen ſie voͤllig unbekannt waren. Solchen Leuten ſchien das Project einer Reiſe direkt nach Weſten auf die Mitte dieſer unendlichen Waſſerwuͤſte hin, um ein ertraͤumtes Land zu ſuchen, ein eben ſo ausſchweifender Plan, als es heutzutage ſeyn wuͤrde, in einem Luftballon in die Regionen des Himmels einzu⸗ dringen, um nach irgend einem entfernten Stern zu ſchiffen. Die Zeit war jedoch angebrochen, wo die Macht der Schiffahrt ihre Ausdehnung erhalten ſollte. Das Jahrhun⸗ dert war den raſchen Fortſchritten der Wiſſenſchaften guͤn⸗ ſtig. Die neue Erfindung der Buchdruckeret machte die Menſchen faͤhig, ihre Gedanken und Entdeckungen einander ſchnell und ausfuͤhrlich. mitzutheilen. Sie zog die Gelehr⸗ ſamkeit aus den Bibtiotheken und Kloͤſtern hervor und brachte ſie vertraulich zu dem Studierpulte der akademiſchen Zoͤg⸗ linge Baͤnde voller Belehrung, welche frͤher nur in koſt⸗ baren Manuſeripten exiſtirt hatten, ſorgfaͤltig als Schaͤtze bewahrt und dem armen Sthuͤker oder unhekannten Kuͤnſtler verſchloſſen, kamen nun in Jedermanns Hand: Von da an war kein Ruͤckſchritt in der Erkenntniß, noch ein Stillſtand in ihrer Laufbahn denkbar. Jeder Schritt' vorwaͤrts ward unmittelbar: und gleichzeitig und weit verbreitet, in tauſend Formen verzeichnet und fuͤr immer bewahrt, Es konnte nie wieder ein Zeitalter der Finſterniß kommen;⸗Nationen moch⸗ — 79— ten ihre Augen dem Lichte ſchließen und in eigenwilliger Blindheit daſitzen, aber ſie konnten daſſelbe nicht austreten;. es mußte immerfort leuchten, gluͤcklicheren Theilen der Welt durch die um ſich greifende Gewalt der Preſſe gegeben. uUnter dieſen Conjuncturen beſtieg ein Herrſcher den Thron von Portugall, welcher einen von Alphonſo verſchie⸗ denen Ehrgeiz beſaß. Johann II. hatte die Leidenſchaft fuͤr Entdeckungen von ſeinem Großoheim, dem Prinzen Heinrich geerbt, und mit ſeiner Thronbeſteigung lebte dieſelbe wieder in ihrer ganzen Staͤrke auf. Seine erſte Sorge war, ein Fort auf St. George de la Mina, an der Kuͤſte von⸗ Guinea, zu errichten, um den Handel zu beſchuͤtzen, der in⸗ der Nachbarſchaft, mit: Goldſtaub, Ebenholz und Sclaven⸗ getrieben wurde⸗ 1 Die afrikaniſchen Entdeckungen hatten Portugall großen Ruhm gebracht, aber bis dahin mehr Koſten als Gewinn ausgetragen. Die Beendigung des Weges nach Indien ver⸗ ſprach jedoch alle ihre Verwendungen und⸗ Muͤhſeligkeiten zu verguͤten und der Nation eine Quelle⸗ unberechenbaren Wohlſtandes zu eroͤffnene Das Project des Prinzen Hein⸗ rich, welches nuamehr ein halbes Jahrhundert, hindurch langſam verfolgt worden war, hatte eine ungeduldige Neu⸗ gierde uͤber die entlegenen Theile von Aſien erregt und alle ſowohl wahre als falſche Berichte von Reiſenden wieder ins Andenken gerufen.⸗ Außer dem ſchon erwaͤhnten, Staunen erregenden Werke⸗ des Marco Polo, gab es eine Reiſebeſchreibung von Rabbi Benjamin ben⸗Jonah, von Tudela, einem beruͤymt gewor⸗ — 8⁰0— denen ſpaniſchen Juden, der im Jahr 1173 von Saragoſſa reiſte, um die verſprengten Ueberreſte der hebraͤiſchen Staͤmme aufzuſuchen, wo ſie auch auf dem weiten Erdkreiſe zerſtreut waͤren. Indem er mit unermuͤdlichem Eifer in dieſer from⸗ men Abſicht pilgerte, drang er auch bis nach China und ſetzte von da nach den Suͤdinſeln Aſiens uͤber.*) Ferner gab es Beſchreibungen von Carpini und Ascelin, zweien Moͤnchen, welche, der eine im Jahre 1246, der andere im folgenden Jahre vom Pabſt Innocenz IV. als apoſtoliſche Legaten abgeſandt wurden, um den Groß⸗Khan der Tar⸗ tarei zu bekehren, und das Journal Wiſhelm's Rubruquis (oder Ruysbrook), eines beruͤhmten Franziskaners, welcher im Jahre 1253 von Ludwig IX. von Frankreich, der ſich, da⸗ mals auf ſeinem ungluͤcklichen Kreuzzug nach Palaͤſtina be⸗ fand, in aͤhnlicher Abſicht dahin geſandt wurde. Dieſe frommen, jedoch phantaſtiſchen Miſſionen mißlangen nun zwar, aber die merkwuͤrdigen Erzaͤhlungen davon, welche zuruͤckblieben, dienten bei ihrem Wiederaufleben im funf⸗ zehnten Jahrhundert dazu, die oͤffentliche Wißbegierde nach dieſen entfernten Laͤndern Aſiens neu zu entzuͤnden. In dieſen Reiſebeſchreibungen finden wir zuerſt Erwaͤh⸗ nung von jenem vielbeſprochenen Prieſter Johann, einem angeblichen chriſtlichen Koͤnig, welcher in einem entlegenen — Bergeron voyages en Asie, tom. I. Das Werk des Benjamin von Tudela, urſprünglich hebräiſch geſchrieben, erhielt einen ſolchen Ruf, daß die Ueberſetzung ſechzehn Auflagen erlebte. Andres hist. B. Let. II. c. 6. Theile des Morgenlandes herrſchen ſollte, lange Gegenſtand der Neugierde und Nachforſchung war, deſſen Koͤnigreich jedoch in der Erzaͤhlung jedes Reiſenden eine andere Lage zu haben und vor der hiſtoriſchen Forſchung eben ſo wie die einge⸗ bildete Inſel St. Brandan zu verſchwinden ſchien. Alle Fabeln und Traͤumereien uͤber dieſen Schattenkoͤnig und ſein orientaliſches Reich wurden wieder in Umlauf geſetzt. Man wollte wiſſen, daß in dem Inneren von Afrika, in dem Oſten von Benin, Spuren ſeines Reiches zu finden ſeyen, weil dort ein maͤchtiger Fuͤrſt herrſche, welcher ſich unter den Zeichen ſeiner Koͤnigswuͤrde auch eines Kreuzes bediene. Johann II. hatte umfaſſenden Antheil an der oͤffentlichen Stimmung, welche durch dieſe Erzaͤhlungen geweckt wurde. In der erſten Zeit ſeiner Regierung ließ er wirklich Miſſio⸗ nen nach dieſem ertraͤumten Prieſter Johann abgehen, in deſſen Reich zu reiſen der romanhafte Wunſch manches re⸗ ligioͤſen Enthuſiaſten war. Die praͤchtige Vorſtellung, welche er ſich von den entfernten Gebieten des Morgenlandes ge⸗ macht hatte, legte es ihm nahe ans Herz, das glaͤnzende Project des Prinzen Heinrich in Erfuͤllung zu bringen und der portugieſiſchen Flagge den Eingang in die indiſchen Meere zu ſichern. Unzufrieden mit dem langſamen Gang, welchen ſeine Entdeckungen laͤngs der Kuͤſte von Afrika nah⸗ men, und uͤber die Hemmungen, welche jedes Cap und Vor⸗ gebirg den nautiſchen Unternehmungen in den Weg legte, rief er die Wiſſenſchaften zu Huͤlfe, um Mittel an die Hand zu geben, wodurch der Schiffahrt mehr Ausdehnung und groͤßere Sicherheit verliehen werden koͤnne. Seine zwei Irving's Columbus. 1— 3. 6 Phyſiker, Roderigo und Joſeph, der letztere ein Jude, die faͤhigſten Aſtronomen und Erdkundigen ſeines Koͤnigreichs, traten mit dem beruͤhmten Martin Behaim in eine gelehrte Berathung uͤber dieſen Gegenſtand zuſammen. Das Er⸗ gebniß ihrer Conferenzen und Studien war die Anwendung des Aſtrolabiums auf die Schiffahrt, um dem Seemann bei dem hohen Stand der Sonne Gewißheit uͤber die jedesmalige Entfernung vom Aequator zu geben.*) Dieſes Inſtrument iſt ſpaͤter verbeſſert und in den neueren Quadranten umge⸗ aͤndert worden, von welchem es bei ſeinem erſten Gebrauch ſchon alle weſentliche Eigenſchaften beſaß. Es iſt unmoͤglich, den Erfolg zu beſchreiben, welcher der Schiffahrt aus dieſer Erfindung erwuchs. Sie riß ſich nun auf einmal aus ihrer langen Abhaͤngigkeit vom Lande los und erhielt die Freiheit, auf dem weiten Meere umher zu ſchwaͤrmen. Die Wiſſenſchaft hatte auf dieſe Art Fuͤhrer geſchaffen fuͤr die Entdeckungen auf dem ſpurloſen Ocean. Statt an den Kuͤſten hin zu ſchiffen, wie die Seefahrer der Alten, und wenn ſie vom Lande weggetrieben wurden, bei der unſicheren Fuͤhrung durch den geſtirnten Himmel in Zweifeln und Aengſten langſam ihren Ruͤckweg zu ſuchen, durften ſich jetzt die Schiffer kuͤhn in unbekannte Meere wagen, verſichert, den Weg durch Huͤlfe des Compaſſes und des Aſtrolabiums auch wieder zuruͤck zu finden, wenn ſte in der Ferne keinen Hafen antraͤfen. *) Barros decad. I. lib. IV. c. 2. Maffei l. IV. p. 6. u. 7. —-—— Siebeutes Kapitel. Vorſchläge, welche Columbus dem Hofe von Por⸗ tugall machte. Die Anwendung des Aſtrolabiums auf die Schiffahrt war eines jener zeitgemaͤßen Ereigniſſe, welche etwas von der Vorſehung geordnetes zu haben ſcheinen. Es war das eine, was noch fehlte, um den Verkehr uͤber das weite Meen hinaus zu erleichtern, und es benahm den Projecten des Columbus jenen ſchwindelnden Charakter, welcher ihrer Aus⸗ fuͤhrung ein ſo großes Hinderniß legte. Es war unmittel⸗ bar nach dieſem Ereigniß, daß er der Krone Portugall den Antrag zu ſeiner Entdeckungsreiſe machte. Dieſes iſt die erſte Bewerbung, uͤber welche wir deut⸗ liche und unbeſtreitbare Gewaͤhrſchaft haben, wiewohl feſt verſichert worden, daß er in einer fruͤheren Periode eine ſolche an ſein Vaterland Genua gerichtet habe. Der Ho don Portugall hatte große Freigebigkeit in der Belohnung von nautiſchen Unternehmungen gezeigt. Die meiſten von denen, welche Entdeckungen in ſeinen Dienſten gemacht hat⸗ ten, waren bei der Regierung der Inſeln und Laͤnder, welche ſie entdeckt hatten, angeſtellt worden, wiewohl viel von 6* — 84— ihnen Fremde geweſen waren. Durch dieſe Freigebigkeit ermuthigt, und bei der Ungeduld, welche Koͤnig Johann II. zeigte, einen Seeweg nach Indien zu finden, wußte ſich Columbus eine Audienz bei dieſem Monarchen auszuwirken. Er machte demſelben den Vorſchlag, wenn der Koͤnig ihn mit Schiffen und mit Leuten verſehen wolle, ſo gedenke er auf einem kuͤrzeren und geraderen Wege nach Indien zu kommen, als der ſey, welchen ſie ſuchten. Sein Plan war, in ge⸗ rader Richtung nach Weſten quer durch das atlantiſche Meer zu ſchiffen. Er entwickelte ſodann ſeine Hypotheſe uͤber die Ausdehnung Aſiens, und beſchrieb hierauf die unermeßlichen Reichthuͤmer der Inſel Cipango, als des erſten Landes, bei welchem er anzukommen hoffte. Ueber dieſe Audienz haben wir zwei Berichte, welche einigermaßen in entgegengeſetztem Geiſte geſchrieben ſind, den einen von ſeinem Sohne Fer⸗ nando, den andern von Joam de Barros, dem portugieſiſchen Geſchichtſchreiber. Es iſt merkwuͤrdig, auf die verſchiedenen Geſichtspunkte zu achten, welche uͤber eine und dieſelbe Sache von dem enthuſiaſtiſchen Sohn und von dem kalten, vielleicht von Vorurtheilen beſtimmten Geſchichtſchreiber aufgefaßt wurden. 3 Der Koͤnig hoͤrte nach Fernando's Gewaͤhrſchaft ſeinen Vater mit großer Aufmerkſamkeit an, aber er war nicht geneigt, ſich in ein neues Proiekt dieſer Art einzulaſſen, wegen der Koſten und Muͤhſale, welche bereits mit der Erforſchung des Weges laͤngs den afrikaniſchen Kuͤſten ver⸗ knuͤpft ſeyen, und die bis jetzt noch keinen guͤnſtigen Er⸗ folg verſpraͤchen. Sein Vater unterſtuͤtzte indeſſen ſeinen Antrag mit ſo trefflichen Gruͤnden, daß der Koͤnig uͤberredet wurde, ſeine Einwilligung zu geben. Die einzigen Schwie⸗ rigkeiten, welche blieben, waren die Bedingungen; denn Co⸗ lumbus, ein Mann von edler, vornehmer Geſinnung, for⸗ derte hohe, ehrenvolle Titel und Belohnungen, damit er, wie Fernando ſich ausdruͤckt, einen Namen und eine Fa⸗ milie hinterlaſſen koͤnne, ſeiner Thaten und Verdienſte werth.*) Barros dagegen ſchreibt die ſcheinbare Uebereinſtimmung des Koͤnigs bloß der Zudringlichkeit des Columbus zu; er betrachtete ihn, ſagt der Hiſtoriker, als einen ruhmredigen Mann, nur darauf erpicht, ſeine Bedeutenheit zu zeigen, und phantaſtiſchen Traͤumen hingegeben, wie die von der Inſel Cipango.**) Wirklich iſt die Meinung, daß Colum⸗ bus ein eingebildeter Mann geweſen, auch von ſpaͤteren portugieſiſchen Schriftſtelleen angenommen worden, aber was die Inſel Cipango betrifft, ſo wurde dieſelbe von dem Koͤnige fuͤr nichts weniger als eine Traͤumerei gehalten, denn er hatte ſchon durch ſeine Miſſion an den Prieſter Johann gezeigt, daß er bei ſolchen Erzaͤhlungen von Rei⸗ ſenden aus dem Morgenlande ziemlich leichtglaͤubig ſey. Das Raiſonnement des Columbus muß auf die Seele des Koͤnigs einigen Eindruck gemacht haben, da es ſicher ermittelt iſt, daß er den Antrag einer gelehrten Junta uͤbergab, welche *) Hist. del Almirante, cap. 10. **) Barros Asia, decad. 1. lib. III. c. 2. . 86— mit allen auf Entdeckungen bezuͤgigen Gegenſtaͤnden beauß tragt war. Dieſe Junta beſtand aus zwei vorzüglichen Cosmogra⸗ phen, den Meiſtern Roderigo und Joſeph, und des Koͤnigs Beichtvater, Diego Ortiz de Cazadilla, Biſchof von Ceuta, einem Manne von dem Rufe ausgezeichneter Gelehrſamkeit, einem Caſtilianer von Geburt, gewoͤhnlich Cazadilla nach ſeinem Geburtsort genannt. Dieſes wiſſenſchaftliche Collegium begutachtete den Gegenſtand als ausſchweifend und traͤumeriſch. Demungeachtet ſchien der Koͤnig nicht zufrieden geſtellt zu ſeyn. Dem Hiſtoriker Vasconcelez zufolge,*) berief er ſeinen Geheimenrath, der aus den Praͤlaten und aus Maͤn⸗ nern von der groͤßten Gelehrſamkeit im Koͤnigreiche beſtand, und verlangte ihren Rath, ob dieſe neue Bahn der Entdek⸗ kung einzuſchlagen oder diejenige zu verfolgen ſey, welche be⸗ reits eroͤffnet vorliege. Der Antrag des Columbus wurde von dieſem Collegium einſtimmig verworfen, und in der That ſchien ein allen Entdeckungen feindſeliger Geiſt in ih⸗ nen erwacht zu ſeyn. 4 Es mag wohl nicht uͤberfluͤſſig erſcheinen, in der Kuͤrze der Discuſſion des Collegiums uͤber die große Frage zu fol⸗ gen. Vasconcelez fuͤhrt eine Rede des Biſchofs von Ceuta an, in welcher derſelbe ſich nicht allein der vorgeſchlagenen Unternehmung als einem ganz unvernunftigen Projecte wi⸗ derſetzt, ſondern ſelbſt ſein Mißfallen uͤber alle weitere Ver⸗ folgung der ſpaniſchen Entdeckungen ausſpricht.— Ste *) Vasconcelez vida del roy Don Juan II, 1. IV — 87— ſtreben darnach— ſagt er— die Aufmerkſamkeit der Na⸗ tion zu zerſtreuen, ihre Huͤlfsquellen zu erſchoͤpfen, und ihre Kraft zu zerſplittern, und kommen darin den ſchon allzu großen Schwaͤchungen des Krieges und der Peſt zu Huͤlfe. Waͤhrend man ſeine Kraͤfte auf dieſe Weiſe außerhalb Lan⸗ des auf fernen und unerſprießlichen Expeditionen vergeude, ſetzte man ſich den Angriffen eines thaͤtigen Feindes, des Koͤnigs von Caſtilien aus. Die Groͤße der Herrſcher be⸗ ſtehe weniger in der Ausdehnung ihrer Laͤnder als in der Weisheit und Faͤhigkeit, mit welcher ſie regierten. Bei der portugieſiſchen Nation, fuhr er fort, waͤre es Thorheit, ſich Unternehmungen hinzugeben, ohne zuerſt die Mittel zu be⸗ fragen. Der Koͤnig habe bereits hinreichende Unternehmun⸗ gen von gewiſſem Erfolg in Haͤnden, ohne noͤthig zu ha⸗ ben, ſich in andere von ungezuͤgelter, phantaſtiſcher Natur einzulaſſen. Wenn er Beſchaͤftigung geben wolle zum wah⸗ ren Wohle der Nation, ſo reiche dazu der Krieg mit den Mauren in der Berberei hin, bei welchem ſeine glorreichen Erfolge von ſicherem Gewinn ſeyen, indem man dieſe be⸗ nachbarten Feinde zu laͤhmen und zu ſchwaͤchen ſuche, die ſich ſchon ſo gefaͤhrlich im Beſitze der Macht gezeigt haͤtten. Dieſe kalte und kluge Rede des Biſchofs von Ceuta, ge⸗ gen die Unternehmungen gerichtet, welche der Ruhm von Portugall waren, verwundeten den Nationalſtolz des Don Pedro de Meneſes, Grafen von Villa Real, und veranlaß⸗ ten ihn zu einer Antwort voll Wuͤrde und Patriotismus. Es iſt behauptet worden, daß dieſe Erwiederung zu Gun⸗ ſten der Vorſchlaͤge des Columbus geweſen, aber dies laͤßt ſich nicht klar erweiſen. Er mag wohl den Antrag mit Achtung behandelt haben, aber ſeine Beredſamkeit hatte jene Unternehmungen zum Gegenſtande, mit welchen die Portu⸗ gieſen ſchon ſo lange beſchaͤftigt waren. Portugall, ſagt er, ſtehe nicht mehr in der Kindheit, noch ſeyen ſeine Fuͤrſten ſo arm, daß es ihnen an Mitteln gebrechen koͤnne, um ſich auf Entdeckungen einzulaſſen. Selbſt zugegeben, die von Columbus vorgeſchlagenen ſeyen problematiſch, warum ſollte man deßhalb diejenigen verlaſ⸗ ſen, welche auf ſo ſicheren Grundlagen von dem verſtorbenen Prinzen Heinrich angelegt und mit ſo gluͤcklichen Ausſichten fortgefuͤhrt worden ſeyen. Kronen, faͤhrt er fort, bereicher⸗ ten ſich durch Handel, befeſtigten ſich durch Buͤndniſſe und erwuͤrben Reiche durch Eroberungen. Die Anſichten einer Nation koͤnnten nicht immer dieſelben ſeyn; ſie erweiterten ſich mit ihrer Wohlhabenheit und glüͤcklichen Lage. Portu⸗ gall ſtehe im Frieden mit allen Fuͤrſten von Europa. Es habe nichts zu befuͤrchten, wenn es ſich in ausgedehnte Un⸗ ternehmungen einlaſſe. Es werde der groͤßte Ruhm fuͤr die portugieſiſche Macht ſeyn, in die Geheimniſſe und Schrek⸗ ken des Weltmeeres einzudringen, welche fuͤr die anderen Nationen der Welt ſo fuͤrchterlich waͤren. Auf ſolche Art be⸗ ſchaͤftigt, wuͤrde ſie dem Muͤſſiggang entgehen, den eine lange Reihe von Friedensjahre erzeugten, dem Muͤſſiggang — dieſer Quelle der Laſter, dieſer heimlichen Feile, welche nach und nach die Kraft und Tapferkeit der Nationen hin⸗ weg nage. Es ſey eine Schmach, ſetzte er hinzu, daß man den portugieſiſchen Namen mit eingebildeten Gefahren be⸗ — 89— drohe, nachdem er ſich ſo unerſchrocken bei den wirklichen und ſehr furchtbaren gezeigt habe. Große Seelen ſeyen zu großen Unternehmungen gemacht. Er wundere ſich ſehr, wie ein ſo religioͤſer Praͤlat wie der Biſchof von Ceuta ſich dieſem Werke widerſetzen koͤnne, deſſen letzter Grund die Verbreitung des katholiſchen Glaubens, ſeine Ausdehnung von Pol zu Pol ſey, indem es Glanz auf die portugieſiſche Nation zuruͤckſtrahle und Reiche und unvergaͤnglichen Ruhm auf ſeine Fuͤrſten haͤufe. Er ſchloß damit, daß er erklaͤrte, obgleich er nur ein Krieger ſey, ſo wage er doch, mit ei⸗ ner Stimme und einem Geiſte wie vom Himmel, jedem Fuͤrſten, der dieſes Werk hinausfuͤhren werde, gluͤcklicheren Erfolg und dauernderen Nachruhm zu verkuͤndigen, als je die tapferſten und gluͤcklichſten Herrſcher erlangt haͤtten.*) Dieſes war die warme und hochherzige Rede des Grafen Villa Reäl zu Gunſten der afrikaniſchen Entdeckungen. Es wäre ein Gluͤck für Portugall geweſen, wenn ſeine Bered⸗ ſamkeit fuͤr Columbus in die Schranken getreten waͤre; denn es wird berichtet, daß dieſelbe mit Beifallrufen aufgenom⸗ men worden ſey, daß ſie die Gruͤnde des kaltbluͤtigen Caza⸗ dilla uͤberwaͤltigt und den Koͤnig und deſſen Geheimenrath mit neuem Eifer fuͤr die Verſuche der Umſchiffung der En⸗ den Afrikas erfuͤllt habe, welche man nachmals mit ſo glänzendem Erfolg ausfuͤhrte. *) Nasconcelez I. IV. La Clede hist. portug. FI. XIII. t. 3. —— Achtes Kapitel. — Abreiſe des Columbus von Portugall. Seine Be⸗ werbungen bei anderen Höfen. Johann II. von Portugall wird allgemein als ein weiſen und großmuͤthiger Regent dargeſtellt, und als ein ſolcher, der nicht gewohnt war, ſich von ſeinen Raͤthen regieren zu laſſen. In dieſer merkwuüͤrdigen Verhendlung mit Colum⸗ bus indeſſen ſcheint er ſeiner gewohnten Gzeiſtesgroͤße vergeſ⸗ ſen und hinterliſtigen Rathgebern Gehoͤr geliehen zu haben, welches zu allen Zeiten der wahren Klugheit entgegen war, und in dieſem Fall viele Kraͤnkung und Reue zur Folge hatte. Als einige ſeiner Raͤthe ſahen, daß der Monarch mit ihrer Entſcheidung unzufrieden ſey und immer noch eine heimliche Neigung fuͤr das Unternehmen hege, ſchoben ſie eine Liſt unter, vermoͤge deren alle Vortheile der Sache geſichert werden koͤnnten, ohne der Wuͤrde der Krone zu nahe zu treten, wenn man in foͤrmliche Unterhandlungen einginge uͤber ein Project, welchns ſich als ein leeres Hirn⸗ geſpinnſt erweiſen koͤnnte. Es wurde der Vorſchlag ge⸗ macht, Columbus ſolle in Ungewißheit gelaſſen werden, waͤh⸗ rend man ein Schiff in jener Richtung, welche er bezeich⸗ net hatte, abſenden wolle, um ſich zu verſichern, ob ſeine Theorie auf einem ſicheren Grund beruhe. Dieſer hinterliſtige Rath wird Cazadilla, dem Biſchof von Ceuta, zugeſchrieben und ſtimmt mit der kleinlichen Po⸗ litik uͤberein, welche den Koͤnig Johann gern uͤberredet haͤtte, die glaͤnzende Bahn ſeiner afrikaniſchen Entdeckungen zu verlaſſen. Der Koͤnig wich in boͤſer Stunde von ſeiner gewohnten Gerechtigkeit und Großmuth ab, und beging die Schwaͤche, dieſe Liſt zu geſtatten. Man erſuchte den Co⸗ lumbus, einen ausfuͤhrlichen Plan ſeiner vorgeſchlagenen Fahrt mitzutheilen, ſammt Karten und anderen Documen⸗ ten, nach welchen er die Reiſe einrichten wolle, damit die⸗ ſelben in dem Rath des Koͤnigs gepruͤft wuͤrden. Er that es mit Bereitwilligkeit. Es wurde ſodann eine Caravelle ab⸗ geſchickt, mit dem oſtenſibeln Befehl, Lebensmittel nach den Inſeln des gruͤnen Vorgebirgs zu bringen, aber mit der geheimen Inſtruction, den in den Papieren des Columbus bezeichneten Weg einzuſchlagen. Von dieſen Inſeln abſe⸗ gelnd, ſteuerte die Caravelle mehrere Tage weſtwaͤrts. Das Wetter wurde ſtuͤrmiſch, und da die Lootſen nicht von Ehr⸗ geiz geſpornt wurden, und nichts als eine unermeßlichs Wuͤſte von wilden toſenden Wogen ſahen, die ſich immer vor ihnen ausdehnte, ſo verloren ſie allen Muth, weiter vor⸗ zudringen. Sie fuhren nach den Cap de Verde Inſeln zu⸗ ruͤck, und von da nach Liſſabon, indem ſie ihren Mangel an Entſchloſſenheit damit verdeckten„ daß ſie ſich uͤber das — 92— Project des Columbus, als ſey es toll und unvernuͤnftig, luſtig machten.*) Dieſer unwuͤrdige Verſuch, Columbus um ſeine Entdek⸗ kung zu betruͤgen, erweckte deſſen gerechten Unwillen. Koͤ⸗ nig Johann ſoll die Unterhandlung mit ihm wieder ange⸗ knuͤpft, aber Columbus dieſelbe mit Feſtigkeit abgelehnt zhaben. Seine Gattin war einige Zeit vorher mit Tode ab⸗ gegangen; das haͤusliche Band, welches ihn an Portugall gefeſſelt hatte, war zerriſſen; er entſchloß ſich daher ein Land zu verlaſſen, wo er mit ſo wenig Redlichkeit behan⸗ delt wurde, und ſich anderwaͤrts nach Protection umzuſehen. Gegen Ende der Jahres 1484 reiſte er in der Stille von Liſſabon ab, und nahm ſeinen Sohn Diego mit ſich. Der Grund, welchen er fuͤr ſeine heimliche Entfernung aus dem Koͤnigreich anfuͤhrte, war, weil er beſorgte, der Koͤ⸗ nig moͤchte ihn davon abhalten; ein anderer Grund ſcheint ſeine Armuth geweſen zu ſeyn. Waͤhrend er ſich naͤmlich in jene Speculationen vertiefte, welche fuͤr die Menſchheit ſo wichtig werden ſollten, waren ſeine haͤuslichen Angelegenhei⸗ ten zerruͤttet worden. Es ſchien, als habe er ſogar in Ge⸗ fahr geſchwebt, wegen Schulden verhaftet zu werden. Ein erſt ſpaͤt entdeckter Brief, welchen der Koͤnig von Portugall einige Jahre nachher an Columbus ſchrieb, und worin er ihn einlud, nach Madrid zuruͤckzukehren, verſpricht ihm 5 Mfist de Almirante, cap. 8. Herrera, decad. I. 1. 1. c. 7. — 93— Sicherheit gegen jeden Arreſt, der in Gemaͤßheit irgend ei⸗ nes Proceſſes, ſey es in buͤrgerlichen oder Kriminalſächen, gegen ihn verhaͤngt werden koͤnnte.*) Es folgt nunmehr ein Zwiſchenraum von einem Jahr, in welchem die Vorſchritte des Columbus ungewiß ſind. Ein neuerer ſpaniſcher Geſchichtſchreiber von großer Sorgfalt und Genauigkeit iſt der Meinung, daß er unmittelbar nach Genua abgereiſt ſey, wo er nach ſeiner Angabe im Jahr 1485 ſicher geweſen ſeyn ſoll, um den Antrag ſeines Unter⸗ nehmens, welchen er fruͤher ſchriftlich gemacht, in Perſon zu wiederholen; doch habe er eine veraͤchtliche Antwort da⸗ rauf erhalten.**) Die Republik Genua war freilich nicht in einer Lage, welche einem ſolchen Unternehmen guͤnſtig geweſen waͤre. Sie kraͤnkelte an ihrem allmaͤhligen Verfall und unter den Bedraͤngniſſen eines fremden Krieges. Caffa, ihr großer Stapelplatz in der Krimm, war unlaͤngſt in die Haͤnde der Tuͤrken gefallen, und ihre Flagge ſtand auf dem Punkt, vom Archipelagus verjagt zu werden. Ihr Geiſt war mit ihrem Gluͤck gebrochen; denn bei den Nationen wie bei den Individuen iſt die Unternehmung ein Kind der Gluͤcksgunſt und ſchmachtet in den ſchlimmen Tagen dahin, wo Regſam⸗ keit grade am noͤthigſten iſt. So ſchien auch Genua, klein⸗ muͤthig durch ſeine Ungluͤcksfaͤlle, ſein Ohr einem Antrage zu verſchließen, der es zu zehnfachem Glanz emporgehoben, *) Navarecte collect. t. II. dec. 3. **) Munjoz, hist. Nvo. Mundo 1. II. — 94— und den goldnen Zauberſtab des Handels Itallen zuge⸗ wandt haͤtte. Von Genua ſoll Columbus ſein Project nach Venedig weiter getragen haben. Es exiſtiren keine Urkunden, womit dieſe Annahme zu beweiſen waͤre. Ein italieniſcher Schrift⸗ ſteller von Verdienſt und Gruͤndlichkeit ſagt, es ſey in Vene⸗ dig eine alte Ueberlieferung hieruͤber vorhanden. Eine aus⸗ gezeichnete Magiſtratsperſon dieſer Stadt, ſetzt er hinzu, habe ihm verſichert, daß ſie fruͤher in den Staatsarchiven von Columbus Antrag etwas niedergelegt gefunden, daß die⸗ ſer aber in Folge des kritiſchen Zuſtandes der National⸗An⸗ gelegenheiten abgelehnt worden ſey.*) Die langen und ver⸗ jaͤhrten Kriege, welche zwiſchen Venedig und ſeiner Vater⸗ ſtadt gefuͤhrt wurden, machen dieſe Vermuthung jedoch zwei⸗ felhaft. Verſchiedene Schriftſteller nehmen an, daß er in dieſer Zeit ſeinen alten Vater beſucht, einige Einrichtungen zu deſſen Vortheil getroffen, und, nachdem er die Pflichten eines frommen Sohnes erfuͤllt, wieder den Wanderſtab er⸗ griffen habe, um ſein Gluͤck bei fremden Hoͤfen zu ver⸗ ſuchen.*) *) Bossi, Doenment Nro. XIV. **) Es iſt allgemein behauptet worden, daß um dieſe Zett Columbus ſeinen Bruder Bartholomäus mit Vorſchlä⸗ gen nach England an den König Heinrich VII. abge⸗ ſandt habe, wo er mehrere Jahre verweilte. Jedoch beweiſt Las Caſas aus Briefen und Schriften des Bar⸗ tholomäus, welche er beſaß, daß dieſer den Bartholo⸗ meo Diaz auf ſeiner Reiſe von Liſabon im Jahr 1486 Es wird bemerkt worden ſeyn, daß einige der vorherge⸗ henden Umſtaͤnde, in welchen man verſucht hat, die Zwi⸗ ſchenzeit von der Entfernung des Columbus aus Portugall bis zu der erſten Nachricht, welche wir von ihm aus Spa⸗ nien haben, feſtzuſtellen, nur auf Vermuthungen beruhen. Aber der Art iſt die Verlegenheit in Entſchleierung der dun⸗ keln Stellen ſeiner Geſchichte, bevor der Glanz ſeiner Ent⸗ deckungen helles Licht auf ſeinen Pfad geworfen hat. Alles was hier gethan werden kann, iſt, von einer iſolirten That⸗ ſache zur andern vorſichtig uͤberzugehen. Daß er waͤhrend dieſer Zwiſchenzeit ſehr mit Armuth zu kaͤmpfen hatte, ſcheint aus der troſtloſen Lage hervorzugehen, in welcher wir ihn zuerſt in Spanien antreffen, und es iſt einer der außeror⸗ dentlichſten Umſtaͤnde ſeines ereignißvollen Lebens, daß er gewiſſermaßen ſich von Hof zu Hof betteln mußte, um den Fuͤrſten die Entdeckung einer Welt anzubieten. ben Küſten von Afrika entlang begleitete in deren Verfolg dieſer das Vorgebirg der guten Hoffnung ent⸗ deckte und ven wo er im December 1487 zurückkehrte. An den König Heinrich wandte er ſich nicht früher als im Jahre 1488, wie aus der Aufſchrift einer Seekarte tervorgeht, welche Bartholomäus dem König überreichte⸗ Las Casas hist. Jnd. lib. I. cdp. 7. Zweites Buch. Erſtes Kapitel. Erſte Ankunft des Columbus in Spanien. Es iſt anziehend, die erſte Ankunft des Columbus in ei⸗ nem Lande zu beobachten, welches der Schauplatz ſeines Ruhmes werden ſollte und durch ſeine Entdeckungen ſo groß und maͤchtig wurde. Hier begegnen wir einem jener ſtar⸗ ken und belehrenden Contraſte ſeines thatenreichen Lebens. Die erſte Spur, welche wir von ihm in Spanien fin⸗ den, liegt in dem Zeugniſſe, welches einige Jahre nach ſei⸗ nem Tode in dem beruͤhmten Proceß zwiſchen ſeinem Sohne Don Diego und der Krone, Garcia Fernandez, ein Arzt in dem kleinen Seehafen Palos de Moguer in Andaluſien, ab⸗ legte. Ungefaͤhr eine halbe Stunde von dieſer Stadt ſtand und ſteht noch bis auf den heutigen Tag ein Franciskaner⸗ Kloſter, der Santa Maria de Rabida geweiht. Dem Zeug⸗ niſſe jenes Arztes zufolge, hielt eines Tages ein Reiſender zu Fuß mit einem jungen Knaben an dem Thore dieſes Klo⸗ ſters und bat den Thuͤrſteher um ein Stuͤckchen Brod und um Waſſer fuͤr ſein Kind. Waͤhrend man ihm dieſe aͤrm⸗ liche Erfriſchung reichte, ging zufaͤllig der Prior des Klo⸗ ſters, Juan Perez de Marchena voruͤber; die Geſtalt des Fremden fiel ihm auf, und da er nach dem Ausſehen und Dialect vermuthete, daß es ein Fremdling ſey, ließ er ſich mit ihm in ein Geſpraͤch ein und vernahm bald das Naͤhere von ſeiner Geſchichte. Dieſer Fremde war Columbus, von ſeinem jungen Sohne Diego begleitet. Woher er kam, geht aus dieſer Nachricht nicht klar hervor;*) daß er in trauri⸗ —ͦ *)„Lo dicho almirante Colon veniendo a la Rabida, aue es un monasterio de frailes en esta villa, el qual demando a la porteria que le diesen para aduel ninico, que era nino, pan i agua que be- bies e.“ Das Zeugniß des Garcia Fernandez exiſtirt im Manuſcript unter den mannichfaltigen Schriften des Pleito oder Proceſſes, welche in Sevilla aufbewahrt werden. Ich habe einen beglaubigten Auszug, der für den verſtor⸗ benen Hiſtoriker Juan Baut. Munjos gemacht wurde, benutzt. Es liegt einige Dunkelheit in einem Theile des Veweiſes der Garcia Fernandez. Er wurde mehrere Jahre nach dem Ereigniß egeben. Der Mann bemerkt, Columbus wäre mit ſeinem Kinde von dem caſtiliſchen Hofe gekommen; aber er verwechſelt offenbar einen ande⸗ ren Beſuch, welchen Columbus in dem Kloſter La Nabida machte, mit dieſem. Bei dem Gebrauch, welcher von ſeinem Zeugniſſe gemacht wurde, iſt der Irrthum durch Ver⸗ gleichung mit andern wohlbegründeten Thatſachen berich⸗ tigt worden. Irving's Columbus. 1— 3 7 gen Umſtaͤnden war, laͤßt ſich aus ſeiner Art zu reiſen ſchließen; er war auf dem Wege nach der benachbarten Stadt Huelra, um ſeinen Schwager aufzuſuchen, welcher eine Schweſter ſeiner verſtorbenen Gattin geheirathet hatte.*) Der Prior war ein Mann von ausgebreiteten Kenntniſ⸗ ſen. Seine Aufmerkſamkeit hatte ſich einigermaßen auch auf geographiſche und See⸗Studien gerichtet, vermuthlich wegen die Naͤhe von Palos, deſſen Einwohner zu den un⸗ ternehmendſten Seefahrern der Spanier gehoͤrten und haͤu⸗ ſige Reiſen nach den neuentdeckten Inſeln und Laͤndern der afrikaniſchen⸗ Kuͤſte machten. Er unterhielt ſich ſehr gut mit Columbus und war erſtaunt uͤber die Graͤße ſeiner An⸗ ſichten Es war ein merkwuͤrdiges Ereigniß in dem ein⸗ föͤrmigen Leben eines in Kloſtermauern. eingeſchloſſenen Moͤnches, daß ein Mann von ſo ſonderbarem Charakter, mit einer ſo außerordentlichen Unternehmung umgehend, ſich wegen Brod und Waſſer an das Thor ſeines Kloſters ge⸗ wandt haben ſollte. Er behielt ihn, als Gaſt und, ſeinem eigenen Urtheil mißtrauend, ſandte er nach einem wiſſen⸗ ſchaftlichen Freunde, um mit ihm zu ſprechen; dieſer Freund war Garcia Fernandez, der Aezt von Palos, derſelbe, wel⸗ cher jenes intereſſante Zeugniß lieferte. Fernandez war gleichfalls erſtaunt uͤber die Erſcheinung und. Geſpraͤche des Fremdiinges⸗ Mehrere Conferenzen. fanden in dem alten *) Wahrſcheinlich der⸗ ſchon erwähnte Pedro Correa⸗ von welchem er über Anzeichen von Land in dem Weſten Nach⸗ richten aus der Nähe von Puerto Santa erhalten hatte⸗ Kloſter ſtatt, und das Project des Columbus wurde in den ſtillen Kloſtermauern von La Rabida mit einer Ehrerbie⸗ tung behandelt, welche es unter dem Geraͤuch und den An⸗ maßungen von Gelehrten der Hoͤfe und von Philoſophen vergeblich geſucht hatte. Die alten Seeleute von Palds tru⸗ gen ſogar Winke zuſammen, welche ſeine Theorie zu bekraͤf⸗ tigen ſchienen. Einer Namens Pedro de Velasco, ein alter erfahrener Lootſe des Ortes, verſicherte, er ſey ungefaͤhr vor dreißig Jahren, in dem Verlauf einer Reiſe, durch die ſchlimme Witterung ſo weit nach Nordweſten verſchlagen ſer Richtung Land zu finden ſey. Da. es jedoch ſchon ſpaͤt im Auguſt war, ſo beſorgte er, der Winter moͤchte ihn uͤberraſchen, und verſuchte nicht nach einer Entdeckung aus⸗ zugehen.*). Der Pater Juan Pereß beſaß jenen herzlichen Eifer in der Freundſchaft, welcher gute Wuͤnſche in gute Thaten verwandelt. Da er voͤllig uͤberzeugt war, daß das vorge⸗ ſchlagene Unternehmen fuͤr Spanien von der aͤußerſten Wich⸗ tigkeit ſeyn wuͤrde, ſo bot er Columbus an, er wolle ihn mit guten Empfehlungen nach Hofe verſehen, und gab ihm den dringenden Rath, ſich dorthin zu begeben und den ſpa⸗ — *) Hist. del Almiranté, cap, 8. — 100— niſchen Regenten ſeine Antraͤge zu machen. Juan Perez ſtand in vertrauten Verhaͤltniſſen mit Fernando von Tala⸗ vera, Prior des Kloſters von Prado und Beichtvater der Koͤnigin, einem Manne, welcher hoch in der koͤniglichen Gunſt ſtand, und in den oͤffentlichen Angelegenheiten großen Einfluß uͤbte.* An ihn gab er dem Columbus einen Brief mit, worin er den armen Abenteurer und ſein Unter⸗ nehmen dem Schutze Talavera's empfahl und deſſen freund⸗ ſchaftliche Verwendung beim Koͤnig und bei der Koͤnigin in Anſpruch nahm. Da die Gewalt der Kirche an dem Hofe von Caſtilien allmaͤchtig war und Talavera in ſeiner Stel⸗ lung als Beichtiger den unmittelbarſten und vertrauteſten Zutritt bei der Koͤnigin hatte, ſo war von dieſer Vermitt⸗ lung das Beſte zu hoffen. Mittlerweile uͤbernahm Pater Juan Perez die Sorge fuͤr den Knaben des Columbus, bereit, ihn im Kloſter zu behalten und zu erziehen. Das leben⸗ dige Intereſſe dieſes wuͤrdigen Mannes, in ſo fruͤher Zeit erregt, erkaltete niemals; und viele Jahre nachher, in den Tagen des gluͤcklichen Erfolgs, ſah Columbus durch die glaͤnzende Schaar von Hoͤflingen, Praͤlaten und Philoſo⸗ phen, welche ſich die Ehre zueigneten, ſein Unternehmen beſchuͤtzt zu haben, auf dieſen beſcheidenen Moͤnch zuruͤck kam, welchen er als jenen bezeichnete, der ihm Freundſchaft am thäͤtigſten bewieſen. Er blieb bis zum Fruͤhjahr 1476 Salinas, cron. Franciscana de Peru, I. I, c. 14. Me- lendez tesoros verdaderos de las Indias 1. I, c. 1. — 101— in dem Kloſter, zu welcher Zeit der Hof in der alten Stadt Cordova ankam, wo das Herrſcherpaar ſeine Truppen zu ſammeln beſchloß, um einen Fruͤhlingsfeldzug gegen das mauriſche Koͤnigreich Granada zu unternehmen. Jetzt, von friſcher Hoffnung erhoben und einer baldigen Audienz durch den Einfluß des Briefes an Fernando de Talavera entge⸗ genſehend, ſagte Columbus dem wuͤrdigen Prior von La Rabida Lebewohl, ließ ihm ſein Kind zuruͤck, und reiſte in froher Erwartung nach dem Hofe von Caſtilien, Zweites Kapitel. — Charakter Ferdinands und Iſabella's. (1486.) Die Zeit, in welcher Columbus ſein Gluͤck in Spanien zu ſuchen anfing, fiel in eine der glaͤnzendſten Perioden die⸗ ſes Reiches. Die Vereinigung der Koͤnigreiche Arragon und Caſtilien durch die Vermaͤhlung Ferdinands und Iſabella's hatte die chriſtliche Macht auf der Halbinſel befeſtigt und jenen inneren Fehden ein Ziel geſetzt, welche das Land ſo lange zerruͤttet und der mohamedaniſchen Herrſchaft Wachs⸗ thum gegeben hatten. Nun wurde die ganze Kraft des ver⸗ einten Spaniens auf das ritterliche Unternehmen der mau⸗ riſchen Eroberung verwandt. Die Mauren, welche ſich einſt, einer Ueberſchwemmung gleich, des ganzen Landes bemaͤch⸗ tigt hatten, wurden jetzt in den Gebirgsgraͤnzen des Köͤ⸗ nigreiches Granada eingeſchloſſen. Die ſiegreichen Heere Fer⸗ dinands und Iſabella's ruͤckten unausgeſetzt vor und draͤng⸗ ten dieſes trotzige Volk in engere Schranken zuruͤck. Unter dieſen Herrſchern begannen die verſchiednen kleinen Reiche Spa⸗ niens ſich als ein Volk zu fuͤhlen und als ein ſolches zu handeln, ja in den Kuͤnſten wie durch die Waffen zu einer hohen Stufe emporzuſtreben. Ferdinand und Fſabella ſollen nicht wie Gatte und Gattin, deren Beſitzthuͤmer unter der Gewalt des Mannes gemeinſchaftlich ſind, mit einander ge⸗ lebt haben, ſondern wie zwei innig verbuͤndete Monarchen.*) Beide hatten in Ruͤckſicht ihrer geſonderten Erblaͤnder ge⸗ trennte Rechte der Souverainetaͤt; beide hatten ihren eige⸗ nen Staatsrath, und waren oft in entlegnen Theilen ihres Reiches weit von einander entfernt, um ihre koͤnigliche Ge⸗ walt auszuuͤben. Und dennoch waren ſie durch uͤbereinſtim⸗ mende Anſichten, gemeinſame Intereſſen und große wechſel⸗ ſeitige Achtung ſo gluͤcklich mit einander verbunden, daß dieſe doppelte Staatsverwaltung niemals der Einigkeit der Ent⸗ ſchluͤſee und Handlungen in den Weg trat. Alle Acte der Souverainetaͤt wurden in beider Namen vollzogen; alle Staatsurkunden mit beider Unterſchrift verſehen, und beider —— *) Voltaire essai sur les moeurs, dc. — 103— Bildniß auf die Münzen des Reiches gepraͤgt; das koͤnig⸗ liche Inſiegel zeigte die vereinigten Wappen von Caſtilien und Arragonien. Ferdinand war von mittlerer Statur, von ſchoͤnem Eben⸗ maaße und durch koͤrperliche Anſtrengungen kuͤhn und ge⸗ wandt. Seine Haltung war frei, aufrecht und majeſtaͤtiſch. Er hatte eine offene, heitere Stirn, welche noch kuͤhner er⸗ ſchien, da ſein Haupt zum Theil kahl geworden war. Die Augenbrauen waren groß und getheilt, und wie ſein Haupt⸗ haar glaͤnzend kaſtanienbraun, die Augen hell und belebt, das Geſicht von friſcher Farbe und von den Kriegszuͤgen etwas verbrannt; der Mund von maͤßiger Groͤße, wohlge⸗ formt und von liebreichem Ausdruck, die Zaͤhne weiß, doch klein und unregelmaͤßig, die Stimme durchdringend, die Rede ſchnell und fließend. Sein Geiſt war klar und gewandt, ſein Urtheil ernſt und ſicher. Er war einfach in Kleidung und Lebensweiſe, von immer gleicher Gemuͤthsart, in der Religionsuͤbung andaͤchtig und ſo unermuͤdlich in Geſchaͤften, daß man ſagte, die Arbeit ſcheine ihm Erholung zu ſeyn. Ein großer Beobachter und Kenner der Menſchen, ſuchte er in den Arbeiten des Cabinets ſeines Gleichen. Dieſes iſt das Bild, welches die ſpaniſchen Geſchichtſchreiber ſeiner Zeit von ihm entwerfen. Man hat jedoch hinzugeſuͤgt, er habe mehr Andaͤchtelei als Froͤmmigkeit beſeſſen, ſein Ehrgeiz ſey mehr gierig als großartig geweſen, er habe im Kriege we⸗ niger den Ritter als den Fuͤrſten ſehen laſſen, minder fuͤr den Ruhm als um den Beſitz gefochten, und ſeine Politik ſey kalt, ſelbſtiſch und ſchlau geweſen. In Spanien nannte — 4104— man ihn den Weiſen und Klugen, in Italien den Frommen, in Frankreich und England den Ehrgeizigen und Treulo⸗ ſen.*) 4 Bei dieſem Gemaͤlde mag es nicht unpaſſend gefunden werden, auch des Gluͤckes eines Monarchen andeutend zu gedenken, der durch ſeine Staatskunſt einen ſo großen Ein⸗ fluß auf die Geſchichte des Columbus und auf die Schick⸗ ſale der neuen Welt uͤbte. Der Erfolg begleitete alle ſeine Schritte. Obgleich ein nachgeborner Sohn beſtieg er doch durch Erbfolge den Thron von Arragonien; Caſtilien er⸗ langte er durch Vermaͤhlung, Granada und Neapel durch Eroberung, und Navarra's bemaͤchtigte er ſich als eines herrenloſen Landes, nachdem Pabſt Julius II deſſen Regen⸗ ten, Juan und Catalina, in den Bann gethan und ihren Thron dem erſten Beſttzergreifer zugeſagt hatte.**) Er ſandte ſeine Heere nach Afrika und brachte Tunis, Tripoli, Algier und die meiſten Staaten der Berberei unter ſeine Botmaͤßigkeit oder doch unter ſeine Oberherrſchaft. Eine neue Welt gaben ihm die Entdeckungen des Columbus, ohne alle Verwendung von Koſten, denn die Ausgaben der Un⸗ ternehmung trug ſeine Gemahlin Iſabella allein. Drei Ge⸗ genſtaͤnde lagen ihm von Anfang ſeiner Regierung am Her⸗ zen, und er arbeite mit moͤnchiſchem und verfolgungsſuchti⸗ *) Voltaire essai sur les moeurs, ch. XIX. *) Pedro Salazar di Mendoza, nmionarq. de Esp. lib. III. cap. 5.(Madrid 1770, tom. I, p. 402.)— Gonzalo de IIlescas, hist. pontif. I. VI. cap. 23, sect. 3. — 105— gem Eifer an ihrer Vollfuͤhrung, dieß war die Beſiegung der Mauren, die Vertreibung der Juden und die Einfuͤh⸗ rung der Inquiſition in ſeinen Reichen. Er brachte alle dieſe Vorſätze zu Stande und wurde dafuͤr vom Pabſt In⸗ nocenz VIII. mit der Benennung„ Hoͤchſtkatholiſche Maje⸗ ſtaͤt“ beehrt, ein Titel, welchen ſeine Nachfolger mit Be⸗ harrlichkeit beibehalten haben. Gleichzeitige Schriftſteller ſchildern Iſabellen mit Begei⸗ ſterung, aber auch die Zeit hat ihre Lobſpruͤche geheiligt. Sie iſt einer der reinſten und ſchoͤnſten Charaktere in den Blaͤttern der Geſchichte. Sie war von edlem Wuchſe, von mittlerer Groͤße, ihre Erſcheinung war voll Wurde und An⸗ muth und ihr Benehmen aus Ernſt und Freundlichkeit ge⸗ miſcht. Ihre Farbe war ſchoͤn, ihr Haar dunkelbraun, ins Roͤthliche ſchimmernd, die Augen von hellem Blau mit ei⸗ nem liebreichen Ausdruck, und aus ihren Zugen ſprach eine eigenthuͤmliche Beſcheidenheit, welche einer wunderbaren Willensſtaͤrke und Ernſthaftigkeit des Gemuͤthes zur Ver⸗ ſchoͤnerung diente. Obgleich ſie ihrem Gemahl auf's In⸗ nigſte anhing und immer auf ſeinen Ruhm bedacht war, ſo behauptete ſie doch ſtets ihre beſonderen Rechte als verbuͤn⸗ dete Herrſcherin. Sie uͤbertraf ihn an Schoͤnheit, perſoͤn⸗ licher Wuͤrde, Schaͤrfe des Verſtandes und Seelengroͤße.*) Die thaͤtigen und entſchloſſenen Eigenſchaften des Mannes mit der Milde des Weibes vereinigend, nahm ſie Theil an *) Garribai, hist. de Espanja, t. II. I. 18. c. 1. — 106— den kriegeriſchen Berathungen ihres Gemahls, folgte ihm auf ſeinen Zuͤgen*) und beſchaͤmte ihn nicht ſelten in der Staͤrke und Unerſchrockenheit ihrer Maßregeln; waͤhrend ſie, von einem edleren Bilde des Ruhms begeiſtert, ſeiner fei⸗ nen, berechnenden Staatskunſt einen beſſeren, hoͤheren Geiſt einzufloͤßen wußte. Doch am glaͤnzendſten tritt der Charak⸗ ter Iſabellens in der inneren Verwaltung ihres Reiches her⸗ vor. Ihre zarte und muͤtterliche Sorgfalt war unablaͤſſig auf die Verbeſſerung der Geſetze und auf die Heilung der Uebel einer langen Reihe innerer Kriege gerichtet. Sie liebte ihr Volk, und immer bedacht, es zu begluͤcken, milderte ſie, ſo viel es in ihrer Macht ſtand, die harten Maßregeln ihres Gemahls, die zwar auf daſſelbe Ziel gerichtet, aber von mißverſtandenem Eifer beſeelt waren. So war ſie, obgleich in ihrer Froͤmmigkeit faſt verfinſtert und vielleicht zu ſehr dem Einfluſſe geiſtlicher Rathgeber hingegeben, doch jeder Maßregel feind, wodurch die Religion auf Koſten der Menſch⸗ lichkeit gefoͤrdert werden ſollte. Sie widerſetzte ſich kraͤftig der Vertreibung der Juden und der Einfuͤhrung der Inqui⸗ ſition, wiewohl zum Ungluͤck für Spanien ihre Beichtvaͤter dieſen Widerſtand allmaͤhlig zu uͤberwinden wußten. Sie war immer die Fuͤrſprecherin der Milde gegen die Mauren, und dennoch war ſie die Seele des Krieges gegen Granada. *) Verſchiedne Rüſtungen von Kopf bis zu Fuß, welche Iſa⸗ bella getragen hatte und noch in dem königlichen Zeug⸗ haus zu Madrid bewahrt werden, zeigen, daß ſie in den Feldzügen perſönlich den Gefahren ausgeſetzt geweſen. — 107— Dieſer Krieg erſchien ihr nothwendig, um den chriſtlichen Glauben zu beſchuͤtzen, und ihre Unterthanen von heftigen und furchtbaren Feinden zu befreien. Waͤhrend ihr ganzes oͤffentliches Denken und Handeln fuͤrſtlich und erhaben war, lebte ſie im Haͤuslichen einfach, maͤßig und ohne Prunk. Wenn ſie von Staatsgeſchaͤften Muße hatte, verſammelte ſie die faͤhigſten Koͤpfe in den Zweigen der Literatur und Geiſtesbildung um ſich, und ließ ſich in Befoͤrderung der Kuͤnſte und Wiſſenſchaften von ihnen Rath ertheilen. Durch ihren Schutz erhob ſich Salamanca zu jener Hoͤhe, welche es unter den gelehrten Inſtituten des Zeitalters ein⸗ nahm. Sie befoͤrderte die Vertheilung von Ehren und Be⸗ lohnungen fuͤr die Verbreitung nuͤtzlicher Kenntniſſe; ſie pflegte die neu erfundene Buchdruckerkunſt und ermunterte zur Einrichtung von Preſſen in allen Theilen des Koͤnigrei⸗ ches; Buͤcher durften frei von allen Abgaben eingefuͤhrt wer⸗ den, und es ſollen in dieſer fruͤhen Periode der Kunſt deren mehr in Spanien gedruckt worden ſeyn, als in dem gegen⸗ waͤrtigen wiſſenſchaftlichen Zeitalter.*) Es iſt wunderbar, wie ſehr die Schickſale der Laͤnder zuweilen von den Tugenden Einzelner abhaͤngen, und wie es großen Geiſtern verliehen iſt, indem ſie die verborgenen Kraͤfte einer Nation vereinigen, aufregen und leiten, ihr gleichſam das Siegel ihrer eignen Groͤße aufzudruͤcken. Solche Weſen verwirklichen die Idee der Schutzengel, welche *) Elogio de la Reina Catholica, por Diego Cle- mencin, Madrid 1821. — 108— vom Himmel auserſehen ſind, um uͤber die Geſchicke der Reiche zu wachen. Ein ſolcher war Prinz Heinrich fuͤr das Koͤnigreich Portugal geweſen, und ein ſolcher war jetzt fuͤr Spanien die erlauchte Iſabella, Drittes Kapitel. Anträge, welche Columbus dem Hofe von Caſtilien machte. Columbus kam fruͤh im Jahr 1486 in Cordova an. Er hatte ſich jedoch in ſeiner Hoffnung eines unmittelbaren Schutzes getaͤuſcht; er fand es unmoͤglich, auch nur Gehoͤr zu erhalten. Statt daß Fernando von Talavera, Prior von Prado, durch die Empfehlung des Juan Perez de Mar⸗ chena ſich fuͤr ſeine Sache haͤtte verwenden ſollen, betrachtete er ſeinen Plan als ausſchweifend und unmoͤglich.*) Auch bildete das wenige Intereſſe, auf welches er ſeine Hoffnung des Erfolgs bei Hofe grundete, und die ſchlichte Kleidung, in welcher ihn ſeine Armuth zu erſcheinen zwang, einen widerſinnigen Contraſt in den Augen der Hoͤflinge mit dem *) Salazar, chron. del Gran Cardenal, I. I. cap. 62. — 109— Glanze ſeiner Verſprechungen.„Weil er ein Fremder war,“ ſagt Oviedo,„ und in ganz gewoͤhnlicher Kleidung kam, auch durch nichts anderes empfohlen war, als durch den Brief eines armen Kloſterbruders, glaubten ſie ihm nicht und liehen ſeinen Worten ihr Ohr nicht, wodurch er in ſeiner Einbildung ſehr gekraͤnkt war.“*) Die von Columbus am ſpaniſchen Hof in vergeblichen Bemuͤhungen zugebrachte Zeit hat vielen Tadel erregt. Es iſt aber nicht mehr als billig, die Lage des Herrſcherpaares in jenem Zeitpunkte zu be⸗ denken, welcher gewiß zu ſeinem Vorbringen aͤußerſt unge⸗ legen war. Der Krieg gegen Granada kam grade in vollem Gang und der Koͤnig wie die Koͤnigin nahmen an den mei⸗ ſten Gefechten ſelber Theil. Wie Columbus nach Cordova kam, glich der Hof einem Feldlager. Die mauriſchen Gegen⸗ koͤnige von Granada, Muley Boabdil, der Oheim, auch El Zagal genannt, und Mahomed Boabdil der Neffe, unten dem Beinamen El Chiquito bekannt, hatten grade ein Buͤnd⸗ niß geſchloſſen, und ihre Vereinigung forderte ſchnelle und kraͤftige Maßregeln. Fruͤh im Lenze ruͤckte der Koͤnig aus, um die mauriſche Stadt Loxa zu belagern, und obgleich die Koͤnigin in Cor⸗ dova zuruͤckblieb, ſo war ſie doch beſtaͤndig mit Ausruͤſtung von Truppen und Ergaͤnzungs⸗Mannſchaft beſchaͤftigt, und mußte zu gleicher Zeit den vervielfachten Beduͤrfniſſen der Staatsverwaltung Genuͤge leiſten. Am 12. Juni erſchien ſie auf dem Kriegsſchauplatz, welcher damals vor Moclin *) Oviedo I. II. e. 5. war, welches man belagerte, und beide Regenten blieben einige Zeit in der Vega von Granada, indem ſie den Krieg mit unermuͤdlichem Eifer verfolgten. Sie waren kaum nach Cordova zuruͤckgekehrt, um ihre Siege durch oͤffentliche Feſte zu feiern, als ſie auch ſchon wieder nach Gallizien aufbre⸗ chen mußten, um einen Aufſtand des Grafen von Lemos zu unterdruͤcken. Von dort gingen ſie fuͤr den Winter nach Salamanca.*). Dieſe kurze Skizze der Beſchaͤftigungen und Unruhen, in welchen das ſpaniſche Herrſcherpaar in dem erſten Jahre nach Columbus Ankunft lebte, mag, eine Vorſtellung von ihrer Regierung bis zu dem Ende ſeiner Unterhandlung geben, welche grade mit ihrem mauriſchen Kriege zuſammen⸗ traf. Der Hof zog immer von Ort zu Ort nach dem Eg⸗ forderniß des Augenblickes. Die Souveraine waren entwe⸗ der auf Reiſen oder im Feld, und wenn ſie auf kurze Zeit Ruhe hatten von den Muͤhſeligkeiten des Krieges, ſo ſtanden tauſend Klagen bereit, die ihre Zeit und Huͤlfe in Anſpruch nahmen, veranlaßt durch die Veraͤnderungen und Reformen, welche ſie mit Energie in allen ihren Laͤndern vornahmen. Mitten unter ſolchen draͤngenden Ruͤckſichten von inner⸗ licher und unmittelbarer Wlchtigkeit, und ſo erſchoͤpfend fuͤr den Schatz, darf man ſich nicht wundern, daß die Mo⸗ narchen wenig Zeit fanden, dem Entwurf einer fremden Ent⸗ deckung nachzuhaͤngen, der viele Ruͤckſichten und Bedenken hervorrief, große Koſten verurſachte, und allgemein fuͤr *) Pulgar, Zurita, Garibay ꝛc⸗ — 111— den ungezuͤgelten Traum eines Enthuſiaſten galt. Es iſt ſelbſt noch die Frage, ob eine geraume Zeit hindurch ſeine Vorſtellung zu ihrer Kunde kam. Fernando von Talavera, welcher ſein Vertreter hatte ſeyn ſollen, war ſeiner Sache nicht guͤnſtig und ſelbſt zu viel mit den Kriegsereigniſſen be⸗ ſchaͤftigt, indeß er mit dem Hofe den Feldzuͤgen beiwohnte, da er einer der Gewiſſensraͤthe war, welche die Koͤnigin in dieſem ſogenannten heiligen Kriege umga ben. Waͤhrend des Sommers und Herbſtes des Jahres 1486, der Zeit, worin der eben bemerkte Feldzug nebſt den ande⸗ ren Ereigniſſen ſtatt hatte, blieb Columbus in Cordova. Er fuhr fort, ſich durch Zeichnen von Land⸗ und Seekarten zu ernaͤhren*) und vertraute der Zeit und wiederholten Bewerbungen, ſich Anhaͤnger und Freunde von Einfluß zu verſchaffen. Err hatte gegen den Spott der Aufgeklaͤrten und Anmaßenden, eines der groͤßten Hinderniſſe, welche be⸗ ſcheidnes Verdienſt an einem Hofe finden kann, viel zu kaͤm⸗ pfen. Er war jedoch von einer heiteren Gemuͤthsverfaſſung und mit einer Fuͤlle von Enthuſiasmus begabt, was ihn uͤber jede Anfechtung erhob. Es lag auch eine Wuͤrde in ſeinem Betragen und eine ernſte Aufrichtigkeit in ſeiner Un⸗ torhaltung, die ihm nach und nach Freunde erwarben. Einer der wichtigſten war Alonzo de Quintanilla, Controleur der Finanzen von Caſtilien, der ihn in ſein Haus aufge⸗ nommen haben und ein eifriger Verfechter ſeiner Theorie *) Cura de los Palacios, c. 118) geworden ſeyn ſoll.*) Er wurde mit Antonio Geraldini, Nuncius des Papſtes, und mit deſſen Bruder, Alexander Geraldini, Inſtructor der juͤngeren Kinder Ferdinands und Iſabellens bekannt, welche beide mit Waͤrme in ſeine An⸗ ſichten eingingen.*) Durch die Huͤlfe dieſer Freunde wurde er bei dem beruͤhmten Pedro Gonzalez de Mendoza, Erz⸗ biſchof von Toledo, und Groß⸗Cardinal von Sbaüen ein⸗ gefuͤhrt.**) Dieſer war die wichtigſte Perſon am Hofe. Der Koͤnig und die Koͤnigin ſahen ihn immer an ihrer Seite, im Kriege wie im Frieden. Er begleitete ſie auf ihren Feldzuͤgen, und ſie unternahmen nichts von Bedeutung, ohne ihn dabei zu befragen, Peter Martyr hat ihn ſcherzhafter Weiſe den dritten Koͤnig von Spanien genannt. Er war ein Mann von hellem Verſtande, beredt, einſichtsvoll und von großer Faͤhigkeit und Gewandtheit in Geſchaͤften; einfach doch ſon⸗ derbar ſorgfaͤltig in ſeiner Kleidung; groß und ehrwuͤrdig, dabei anmuthig und fein in ſeinem Benehmen. Wiewohl ein eleganter Gelehrter, war der Groß⸗Cardinal gleich man⸗ chem wiſſenſchaftlichen Mann ſeiner Zeit nur wenig in der Erdkunde bewandert und in ſeinen religioͤſen Zweifeln ſehr beharrlich. Als man ihm die Idee des Columbus zum erſten⸗ mal nannte, machte ſie ihn ſtutzen, als ob ſie irrglaͤubige *) Salazar, chron, g. cardenal, I. I. c. 62. 24) Spotorno pag. 46 ***) Oviedo l. II. c. 4. Salazar 1. I. c. 62 — 113— Sätze enthielte, die ſich mit der in den heiligen Schriften beſchriebenen Geſtalt der Erde nicht vereinigen ließen. Naͤ⸗ here Erklaͤrungen machten jedoch Eindruck auf einen Mann von ſo ſchneller Faſſungskraft und geſundem Sinn. Er uͤberzeugte ſich, daß auf jeden Fall nichts Gottloſes an dem Verſuche ſey, die Graͤnzen der menſchlichen Kenntniſſe zu erweitern und ſich der Werke der Schoͤpfung zu verſichern: als aber einmal ſeine Skrupel beſeitigt waren, ſchenkte er Columbus volle, freundliche Aufmerkſamkeit. Dieſer, die Wichtigkeit ſeines Hoͤrers wuͤrdigend, bemuͤhte ſich, in ihm die Ueberzeugung von der Richtigkeit ſeiner Theorie zu erwecken. Der helldenkende Cardinal hoͤrte mit großer Aufmerkſamkeit zu; er ſah die Groͤße des Gedan⸗ kens und fuͤhlte das Gewicht der Gruͤnde; zugleich gefiel ihm die edle und ernſte Haltung des Columbus, und unver⸗ ſehens wurde er ſein treuer und dienſtergebener Freund. 4) Die Verwendungen des Cardinals verſchafften Columbus eine Audienz bei den Souverainen. Er erſchien mit Beſcheiden⸗ heit, doch mit Selbſtbewußtſeyn vor ihnen, denn er be⸗ trachtete ſich, wie er nachmals in ſeinen Briefen erklaͤrte, als ein Werkzeug in der Hand des Himmels, um deſſen große Plaͤne auszufuͤhren.*) Ferdinand war ein zu trefflicher Menſchenkenner, als daß er den Charakter des Columbus nicht gewuͤrdigt haͤtte. Er *) Oviedo I. II. c. 4. Salazar 1. I. c. 62. **) Schreiben an die Souveraine von 1501. Irving's Columbus. 1— 3. 8 — 114— fand, wie kuͤhn auch ſeine Einbildungskraft und wie glaͤn⸗ zend auch ſeine Speculationen ſeyen, ſo fehle es doch dem Entwurfe nicht an wiſſenſchaftlicher und praktiſcher Begruͤn⸗ dung. Sein Ehrgeiz wurde durch die Moͤglichkeit von weit wichtigeren Entdeckungen, als die, welche Portugal mit Ruhm uͤberſchuͤttet hatten, aufgeregt. Dennoch blieb er nach ſeiner Art kalt und vorſichtig, und beſchloß, die Mei⸗ nung der gelehrteſten Maͤnner im Koͤnigreiche daruͤber an⸗ zuhoͤren und ſich nach ihrer Entſcheidung zu richten. Er uͤbertrug demzufolge die Unterſuchung des Gegenſtandes dem Prior von Prado, Fernando von Talavera, und er⸗ maͤchtigte ihn, die gelehrteſten Aſtronomen und Cosmogra⸗ phen zu verſammeln und mit Columbus eine Conferenz zu hal⸗ ten, damit dieſelben von der Begruͤndung ſeiner Vorſchlaͤge unterrichtet wuͤrden; dann ſollten ſie in Berathung treten und ihr Gutachten erſtatten.) ——ʒ—y—— *) Hist. del Almirante, cap. I1. Viertes Kapitel. Columbus vor dem Rath zu Salamanca. Die intereſſante Berathung uͤber den Antrag des Co⸗ lumbus[wurde in Salamanca, dem großen Sitze der Ge⸗ lehrſamkeit in Spanien, gehalten. Der Verſammlungsort war das Dominicanerkloſter zu St. Stephan, wo Columbus Wohnung erhielt und mit großer Gaſtfreundſchaft im Laufe der Unterſuchung bewirthet wurde.*) Religion und Wiſſenſchaft waren zu jener Zeit und ins⸗ beſondere in Spanien eng verbunden. Die Schaͤtze der Ge⸗ lehrſamkeit waren in Kloͤſtern eingemauert und die Lehr⸗ ſtuͤhle wurden ausſchließlich mit Kloſtergeiſtlichen beſetzt. Die Herrſchaft des Clerus erſtreckte ſich uͤber den Staat ſo gut wie uͤber die Kirche, und Stellen von Ehren und Einfluß an den Hoͤfen wurden mit Ausnahme des Erbadels faſt allein der Geiſtlichkeit anvertraut. Es war etwas Ge⸗ woͤhnliches, Cardinaͤle und Biſchoͤfe in Helmen und Harni⸗ ſchen an der Spitze der Heere zu ſehen, und der Biſchofſtab wurde waͤhrend des heiligen Krieges gegen die Mauren oft *) Hist. de Chiapa por Remesel, I. II. cap. 27. 4 8* — 116— mit der Lanze vertauſcht. Das Zeitalter war ausgezeichnet durch das Wiederaufleben der Gelehrſamkeit, aber noch viel mehr durch ſeinen vorherrſchenden Religionseifer, und Spa⸗ nien uͤbertraf alle andre Laͤnder der Chriſtenheit, in der Gluth ſeiner andaͤchtigen Opferungen. Die Inquiſition war grade in dieſem Koͤnigreiche eingefuͤhrt worden, und jede Meinung, welche nach Ketzerei ſchmeckte, uͤbergab ihren Be⸗ kenner dem Haß und der Verfolgung. Das war die Geſtalt der Zeit, als ein Rath von Weiſen aus der Geiſtlichkeit in dem Collegſatſtifte St. Stephan zu⸗ ſammentrat, um die neue Theorie des Columbus zu unter⸗ ſuchen. Das Collegium beſtand aus Profeſſoren der Aſtro⸗ nomie, Geographie, Mathematik und andrer Zweige der Wiſſenſchaften, zugleich aus verſchiedenen Wuͤrdentraͤgern der Kirche und gelehrten Moͤnchen. Vor dieſer erleuchteten Verſammlung erſchien Columbus, um ſeine Theſes vorzu⸗ tragen und zu vertheidigen. Wohl war er von den Un wiſſenden und vom Poͤbel als ein Traͤumer verſpottet wor⸗ den, aber er war auch uͤberzeugt, daß er nur ein Collegium von wiſſenſchaftlich gebildeten Maͤnnern vor ſich haben duͤrfe, die ſeinem Raiſonnement ohne Leidenſchaft zuhoͤrten, um mit ſeiner Anſicht den Triumph davonzutragen. Der groͤßere Theil dieſer gelehrten Junta kam, ſo iſt es ſehr wahrſcheinlich, gegen ſeine Idee eingenommen dorthin, wie ſolches mit Maͤnnern in Aemtern und Wuͤrden gegen bloße Dilettanten zu geſchehen pflegt. Man iſt dann ge⸗ neigt, den zu examinirenden Mann als einen Delinquenten⸗ oder Betruͤger zu betrachten, deſſen Suͤnden und Irrthuͤmer — 117— an das Tageslicht kommen und an den Pranger geſtellt wer⸗ nen ſollen. Auch Columbus mußte vor einem gelehrten Collegium in einem ſehr unvortheilhaften Licht erſcheinen 3 ein unbekannter Seefahrrr, kein Mitglied irgend einer ge⸗ lehrten Geſellſchaft, von allen Zierrathen und Umſtaͤnden entbloͤßt, welche der Unwiſſenheit jezuweilen orakelmaͤßiges An⸗ ſehen geben; nur auf die Staͤrke ſeines urkraͤftigen Geiſtes geſtuͤtzt. Einige von der Junta unterhielten den Volks⸗ glauben, daß er ein Gluͤcksritter, oder am mildeſten zu ſagen, ein Traͤumer ſey, und andre beſaßen die kraͤnkliche Gereiztheit auf jede Neuerung in ihren anerkannten Lehren, die den dummen und pedantiſchen Leuten in ihren Kloͤſtern uͤber die Koͤpfe wachſen koͤnnte. Welch ſeltſames Schauſpiel muß der Saal des alten Collegiatſtiftes bei dieſer merk⸗ wuͤrdigen Conferenz dargeboten haben! Ein einfacher See⸗ mann mitten vor einer gebieteriſchen Schlachtordnung von Profeſſoren, Moͤnchen und Wuͤrdentraͤgern der Kirche ſte⸗ hend, wie er ſeinen Satz mit natuͤrlicher Beredſamkeit auf⸗ recht erhaͤlt und ſo zu ſagen die Sache der neuen Welt fuͤhrt. Es wird berichtet, als er die Gruͤnde ſeiner Mei⸗ nung auseinander zu ſetzen anfing, haͤtten ihm nur die Kloſterbruͤder von St. Stephan Aufmerkſamkeit geſchenkt,*) indem dieſes Kloſter in den Wiſſenſchaften mehr bewandert war, als der uͤbrige Theil der Corporation. Die anderen ſchienen ſich in eine feindſelige Poſition gegen ihn verſchanzt *) Remesel, hist. de Chiapa, I. II. c. 7. — 118— zu haben, die naͤmlich: nachdem ſo viele tiefe Philoſophen und Erdkundige die Geſtalt der Welt zum Gegenſtand ihrer Unterſuchung gemacht haͤtten und ſo mancher tuͤchtige See⸗ mann vor abertauſend Jahren auf ihr herumgeſchifft waͤre, ſey es eine ſtarke Anmaßung fuͤr einen gemeinen Mann, zu glauben, es bleibe fuͤr ihn noch eine ſo große Entdeckung zu machen uͤbrig. Mehrere Einwuͤrfe dieſes gelehrten Koͤr⸗ pers ſind uns von der Geſchichte uͤberliefert worden und haben der Univerſitaͤt Salamanca vielen Spott eingetragen. Aber ſie liefern einen Beweis, nicht ſowohl von der beſon⸗ deren Schwaͤche dieſer Geſellſchaft, als vielmehr von dem unvollkommenen Zuſtande der Wiſſenſchaften in jener Zeit uͤberhaupt, und von der Art, wie die Kenntniſſe, ungeachtet ihrer ſchnellen Verbreitung, doch ſtets durch moͤnchiſche Ver⸗ flnſterung in ihrem Fortſchreiten gehemmt waren. Alles wurde durch das truͤbe Medium jener Zeitalter angeſehen, wo die Lichter des Alterthums ausgetreten waren und der Glaube die Stelle der Unterſuchungen erſetzen mußte. In eine Maſſe von religioͤſen Streitfragen verwickelt, war die Menſchheit auf Nuͤckſchritten begriffen und von den Graͤnz⸗ punkten der Kenntniſſe der Alten laͤngſt abgewichen. So wurde denn Columbus gleich an der Schwelle der Unter⸗ ſuchung, ſtatt mit geographiſchen Einwuͤrfen, mit Stellen aus der Bibel, alten und neuen Teſtaments, aus der Ge⸗ neſis, den Pſalmen Davids, den Propheten, den Epiſteln und Evangelien angegriffen. Dieſen fuͤgte man die Aus⸗ ſpruͤche verſchiedener heiligen und ehrwuͤrdigen Commenta⸗ toren der Kirche bei, als des heiligen Chyſtoſtomus, des h. — 119— Auguſtinus, des h. Hieronymus und Gregorius, des h. Ba⸗ ſilius und Ambroſius, und des Lactantius Firmianus, eines beruͤhmten Verfechters des Glaubens. Saͤtze der Kirchen⸗ lehre wurden vermiſcht mit philoſophiſchen Discuſſionen, und ein mathematiſcher Beweis wurde nicht angenommen, wenn er mit einer Stelle der Schrift, oder mit deren Er⸗ klaͤrungen durch einen der Kirchenvaͤter, zu ſtreiten ſchien. Auf ſolche Art wurde die Moͤglichkeit von Antipoden in der ſüͤdlichen Halbkugel, eine Meinung, welche von den Weiſeſten des Alterthums ſo allgemein verfochten wurde, daß ſie bei Plinius nur der große Streit der Gelehrten und der Dumm⸗ koöpfe heißt, ein Stein des Anſtoßes bei einigen der Weiſen von Salamanca. Einige unter ihnen widerſprachen heftig einer ſolchen Begruͤndung der Theorie des Columbus, indem ſie ſich mit Eitaten aus Lactantius und dem heiligen Augu⸗ ſtinus waffneten, welche in jenen Tagen fuͤr die erſte evan⸗ geliſche Autoritaͤt galten. Aber obgleich dieſe Schriftſteller als Maͤnner von großer Gelehrſamkeit und als zwei der groͤß⸗ ten Lichter des ſogenannten goldenen Alters der kirchlichen Weisheit bekannt ſind, ſo waren doch ihre Schriften ganz dazu geeignet, eine beſtaͤndige Finſterniß im Reiche der Wiſſenſchaften zu unterhalten. Die Stelle aus Lactantius, welche den Columbus wider⸗ legen ſollte, lautet erſtaunlich laͤcherlich und iſt eines ſo tie⸗ fen Theologen voͤllig unwuͤrdig:„Iſt wohl irgend Jemand ſo verruͤckt,“ fragt er,„daß er glaubte, es gaͤbe Antipoden, die mit den Fuͤßen gegen die unſeren ſtehen, Menſchen, die mit in die Hoͤhe gekehrten Beinen und mit herunter haͤn⸗ — 120— genden Koͤpfen gehen? daß eine Gegend der Erde exiſtire, wo alle Dinge unterſt zu oberſt ſtehen, wo die Baͤume mit ihren Zweigen abwaͤrts wachſen und wo es in die Hoͤhe regnet, hagelt und ſchneit? Die Idee, daß die Erde rund ſey,“ fuͤgt er hinzu,„war der Grund der Erfindung dieſer Fabel von den Antipoden mit den Fuͤßen in der Luft: denn jene Philoſophen gehen in ihren Ungereimtheiten von dem urſpruͤnglichen Irrthum weiter, und leiten einen aus dem anderen ab.“ Gewichtigere Einwuͤrfe wurden von der Au⸗ toritaͤt des heiligen Auguſtinus hergenommen. Er erklaͤrt die Lehre von den Antipoden unvertraͤglich mit der hiſtori⸗ ſchen Wurzel unſeres Glaubens; denn wer verſichere, daß es bewohnte Lander auf der anderen Seite unſerer Erdkugel gaͤbe, naͤhme an, daß dort Voͤlker waͤren, die nicht von Adam abſtammten, da es unmoͤglich fuͤr deſſen Abkoͤmmlinge geweſen, uͤber das dazwiſchen liegende Weltmeer zu kommen. Dieſes wuͤrde alſo der Bibel den Glauben entziehen, welche ausdruͤcklich erklaͤrt, daß alle Menſchen von Einem Eltern⸗ paare abſtammen. Solcher Art waren die unerwarteten Vorurtheile, welche Columbus gleich im Anfange ſeiner Verhandlung zu beſte⸗ hen hatte, und welche ſicher mehr dem Kloſter als der Uni⸗ verſitaͤt gleichſehen. Seinem einfachſten Satze von der Ku⸗ gelform der Erde wurden bildliche Ausſpruͤche der Bibel entgegengeſetzt. Man bemerkte, in den Pſalmen heiße es, der Himmel ſey ausgeſpannt gleich einem Felle;*) das heiße *) Extendens coelum sicut pellem. 103, Pſalm. — 121— nach den Auslegern der Vorhang oder die Decke eines Zel⸗ tes, welche bei den alten Hirtenvoͤlkern aus Thierfellen ge⸗ macht geweſen; und der heilige Paulus vergleiche in ſeinem Briefe an die Hebraͤer den Himmel mit einem Tabernakel oder Zelt, welches uͤber die Erde ausgebreitet ſey, woraus abzunehmen, daß dieſelbe flach ſeyn muͤſſe. Columbus, der ein ſehr religioͤſer Mann war, fand, daß er nicht allein in Gefahr komme, widerlegt, ſondern ſogar der Ketzerei be⸗ ſchuldigt zu werden. Andere, mehr in den Wiſſeuſchaften bewandert, gaben die Kugelform der Erde und die Moͤg⸗ lichkeit einer entgegengeſetzten, bewohnbaren Halbkugel zu; aber ſie brachten die Einbildung der Alten wieder hervor und behaupteten, es ſey unmoͤglich dorthin zu gelangen, wegen der unertraͤglichen Hitze der heißen Zone. Selbſt wenn zugegeben wuͤrde, daß man uͤber dieſe hinausſegeln koͤnne, muͤſſe der umfang der Erde doch ſo groß ſeyn, daß man wenigſtens drei Jahre zur Reiſe brauche und diejeni⸗ gen, welche ſie unternaͤhmen, vor Hunger und Durſt um⸗ kommen muͤßten, weil es unmoͤglich waͤre, ſich auf ſo lange Zeit mit Lebensmitteln zu verſehen. Man bemerkte ihm, daß nach der Autoritaͤt Epikur's*) die Erde auch bei der Kugelform nur auf der noͤrdlichen Halbkugel bewohnbar und nur auf dieſer Seite vom Himmel umgeben ſey; auf der anderen finde man ein Chaos, einen Abgrund oder eine un⸗ endliche Waſſerwuͤſte. Es war nicht die kleinſte Ungereimt⸗ *) Acosta, I. I. cap. 1. — 122— heit, welche man vorbrachte, daß ein Schiff, welches ſelbſt ſo gluͤcklich waͤre, auf dieſem Wege die aͤußerſten Graͤnzen von Indien zu erreichen, doch niemals zuruͤckzukehren im Stande ſeyn wuͤrde, weil die runde Form der Erdkugel eine Art Berg bilde, den man auch mit dem guͤnſtegſten Winde nicht hinanſegeln koͤnne.*) Dieſes ſind Proben der Irrthuͤmer und Vorurtheile, der Vermiſchung von Unwiſſenheit und Gelehrſamkeit, und des pedantiſchen Moͤnchthums, womit Columbus bei der Unter⸗ ſuchung ſeiner Theorie zu kaͤmpfen hatte. Duͤrfen wir uns über die Schwierigkeiten und Verzoͤgerungen wundern, die er an den Hoͤfen erlebte, wenn ſolche flache und gemeine Anſichten von gelehrten Maͤnnern einer univerſitaͤt ausge⸗ ſprochen wurden. Wir duͤrfen indeſſen nicht glauben, daß die hier erwaͤhnten Entgegnungen, weil ſie diejenigen ſind, welche man uͤberliefert hat, die alleinigen geweſen waͤren; ſie ſind nur wegen ihrer großen Ungereimtheit der Nachwelt aufgezeichnet worden. Wahrſcheinlich wurden ſie nur von wenigen und ſolchen Perſonen vorgebracht, welche, in theo⸗ logiſche Studien vertieft, und in kloͤſterliche Betrachtung zuruͤckgezogen, wenig Gelegenheit fanden, die aus Buͤchern geſchoͤpften irrigen Anſichten mit den Erfahrungen des Ta⸗ ges zu berichtigen. Es wurden ohne Zweifel auch Erwiede⸗ rungen vorgebracht, welche vernuͤnftiger und dieſer ausge⸗ zeichneten Univerſitaͤt wuͤrdiger waren; und es muß um der *) Hist. del Almirante, cap. 2. — 123— Gerechtigkeit willen bemerkt werden, daß des Columbus Antworten bei vielen ſeiner gelehrten Examinatoren Ein⸗ gang fanden. Zur Entgegnung der Einwaͤnde aus den Stellen der heiligen Schrift bemerkte er, die gottbegeiſterten Seher haͤtten ſich nicht techniſch als Erdkundige, ſondern figuͤrlich in einer Allen verſtaͤndlichen Sprache ausgedruͤckt. Die Commentare der Kirchenvaͤter behandelte er mit Ehr⸗ furcht als fromme Erlaͤuterungen, aber nicht als philoſo⸗ phiſche Erhaͤrtungen, die man nothwendig annehmen oder verwerfen muͤſſe. Den von den alten Philoſophen entlehn⸗ ten Zweifeln ſtellte er kuͤhn und gewandt gleiche Gruͤnde entgegen; denn er war in allen Theilen der Cosmographie trefflich bewandert. Er zeigte, daß die beruͤhmteſten unter dieſen Weiſen angenommen hatten, die beiden Halbkugeln ſeyen bewohnt, wiewohl fie meinten, der heiße Erdguͤrtel laſſe keine Gemeinſchaft zwiſchen ihnen zu, und er widerlegte demzufolge auch dieſe Schwierigkeit, denn er ſelbſt war nach St, Georg la Mina in Guinea gereiſt, welches ſchon unter der Equinoctial⸗Linie liegt, und hatte dieſe Gegend nicht nur zum Durchſchiffen tauglich, ſondern in einem Ueberfluß von Bevoͤlkerung, Fruͤchten und Weideplaͤtzen angetroffen. Als Columbus vor dieſe gelehrte Koͤrperſchaft trat, ſchien er nur der einfache und gewoͤhnliche Seemann zu ſeyn, einiger⸗ maßen vielleicht in Verlegenheit vor der Groͤße ſeiner Auf⸗ gabe und dem vornehmen Anſehen ſeines Auditoriums. Aber er beſaß einen Grad religioͤſen Gefuͤhls, welcher ihm Ver⸗ trauen zur Ausfuͤhrung der von ihm erkannten großen Be⸗ ſtimmung einfloͤßte, und war von einem feurigen Tempe⸗ — 124— rament, welches ſich in dem Gang der Rede durch ſeine eigne edle Flamme entzuͤndete. Las Caſas und andere ſei⸗ ner Zeitgenoſſen haben von ſeiner imponirenden Geſtalt, ſeiner vornehmen Haltung, ſeiner gebietenden Miene, ſeinen leuchtenden Augen und dem uͤberredenden Ton ſeiner Stimme geſprochen. Wie moͤgen ſie ſeinen Worten Majeſtaͤt und Kraft verliehen haben, wo er ſeine Seekarten bei Seite wer⸗ fend und ſeine praktiſche und und wiſſenſchaftliche Lehre eine Zeitlang aus den Augen ſetzend, den ahnungsvollen Geiſt hell auflodern ließ gegen die Schriftſtellen ſeiner Opponen⸗ ten und dieſe auf ihrem eigenen Grund und Boden ſchlug, indem er mit erhoͤheter Stimme die herrlichen Spruͤche der heiligen Schrift und die geheimnißvollen Weiſſagungen der Propheten ausſprach, welche er in den Stunden der Begei⸗ ſterung als Bilder und Verkuͤndigungen der erhabenen Ent⸗ deckung betrachtete, mit welcher er umging. Unter der Anzahl derer, welche ſich durch ſeine Ver⸗ nunftgruͤnde uͤberzeugen ließen, und von ſeiner Beredſamkeit ergriffen wurden, war Diego de Deza, ein wuͤrdiger und gelehrter Moͤnch von dem Orden ber Dominikaner, zu der Zeit Profeſſor der Theologie in dem Convent zu St. Ste⸗ phan, der aber nachmals zum Erzbiſchof von Sevilla, der zweiten geiſtlichen Wuͤrde in Spanien, erhoben wurde. Die⸗ ſer treffliche und gelehrte Theologe war ein Mann, deſſen Geiſt uͤber die engherzige Kirchenzucht und Buͤcherweisheit erhaben war, der den Werth der Wiſſenſchaften zu ſchaͤtzen wußte, wenn auch von ungelehrten Lippen verkuͤndet. Er blieb kein unthaͤtiger Zuhoͤrer, er faßte ein edles Intereſſe — 125— fuͤr die Sache, und indem er Columbus mit aller Kraft vertheidigte, beſaͤnftigte er den blinden Eifer ſeiner ſtren⸗ geren Collegen, ſo daß er ihm, wenn auch kein vorurtheil⸗ freies, doch ein leidenſchaftsloſes Gehoͤr verſchaffte. Durch ihre vereinten Anſtrengungen, heißt es, ſeyen die gelehrte⸗ ſten unter den Kathedermaͤnnern gewonnen worden.*) Eine große Schwierigkeit war es, den Plan des Columbus mit der Weltbeſchreibung des Ptolemaͤus in Einklang zu bringen, welcher alle Studirende unbedingt huldigten. Wie wuͤrden die erleuchtetſten jener Weiſen erſtaunt ſeyn, wenn ihnen Jemand geſagt haͤtte, daß der Mann bereits lebe, Copernicus, deſſen Planetenſyſtem die große Theorie des Ptolemaͤus umſtoßen werde, welcher die Erde noch dem Univerſum zum Mittelpunkte gab! Aller Anſtrengung ungeachtet war jedoch eine uͤberwaͤl⸗ tigende Maſſe von traͤgem Moͤnchthum und gelehrtem Stolz in dieſer akademiſchen Koͤrperſchaft, die ſich weigerte, De⸗ monſtrationen an einen unbekannten Fremden ohne Ver⸗ moͤgen, ohne Verbindung und ohne die geringſte academiſche Wuͤrde, zu verſchwenden.—„Es war erforderlich,“ ſagt Las Caſas,„ehe Columbus ſeinen Loͤſungen und Vernunft⸗ gruͤnden Eingang verſchaffen konnte, den Zuhoͤrern die irri⸗ gen Gruͤnde zu benehmen, auf welchen ihre Einwendungen beruhten; eine weit ſchwerere Aufgabe, als ſeine Saͤtze leh⸗ rend vorzutragen.“ Es fanden oͤftere Conferenzen ſtatt, *) Remesel hist. de chiapa, I. II. c. 7. aber ohne eine Entſcheidung herbeizufuͤhren. Die Unwiſſen⸗ den, oder was noch ſchlimmer iſt, die mit Vorurtheilen Be⸗ hafteten, blieben halsſtarrig auf ihrem Widerſpruch ſtehen, mit aller unfreundlichen Hartnaͤckigkeit beſchraͤnkter Koͤpfe; die Billigeren und Einſichtsvolleren nahmen wenig Antheil an Discuſſionen, die an ſich ermuͤdend und ihren gewoͤhn⸗ ichen Beſchaͤftigungen fremd waren; ſelbſt diejenigen, welche den Plan mit Beifall anhoͤrten, betrachteten ihn nur wie einen reizenden Traum, der zwar voller Wahrſcheinlichkeit und ſchoͤner Ausſichten ſey, aber niemals erfuͤllt werden koͤnne. Fernando von Talavera, welchem das Project per⸗ ſoͤnlich empfohlen war, hatte zu wenig Achtung fuͤr daſſelbe und war zu ſehr mit dem Laͤrm und Gedraͤnge der oͤffent⸗ lichen Angelegenheiten beſchaͤftigt, als daß er auf eine Been⸗ digung haͤtte dringen ſollen, und ſolchergeſtalt erfuhr die unterſuchung fortwaͤhrenden Aufſchub und Vernachlaͤſſigung. Fuͤnftes Kapitel. Fernere Bewerbungen bei dem Hofe von Caſtilien. Columbus folgt dem Hofe mit in's Feld. (1487.) Die Berathungen des Collegiums zu Salamanca wurden durch die Abreiſe des Hofes nach Cordova zeitig im Fruͤh⸗ — 127— jahre 1487 unterbrochen; dieſe Reiſe wurde durch die Kriegs⸗ laͤufte und durch den merkwuͤrdigen Zug gegen Malaga be⸗ ſchleunigt. Fernando von Talavera, nun Biſchof von Avila, begleitete die Koͤnigin als Beichtvater. Lange Zeit blieb Columbus unberuͤckſichtigt und folgte den Bewegungen des Hofes. Er wurde zuweilen durch die Ausſicht ermuthigt, daß ſeine Vorſchlaͤge in unmittelbare Erwaͤgung gezogen wuͤrden, da zu dem Ende Conferenzen angeſetzt werden ſoll⸗ ten; aber der Sturm der Kriegsereigniſſe, welcher den Hof von Ort zu Ort fuͤhrte und ihn in das Getuͤmmel und die Verwirrung eines Feldlagers brachte, ſetzte alle Fragen von minderer Wichtigkeit auf die Seite. Man hat allgemein ge⸗ glaubt, Columbus habe dieſe Jahre, die er mit aͤrgerlichen Sollicitationen verſchwendete, in dem traͤgen und einfoͤrmigen Vorzimmer⸗Dienſte zugebracht; aber im Gegentheil, er ging oft mitten durch die Scenen der Gefahr und Aben⸗ teuer, und indeß er ſeinen Zweck verfolgte, wurde er oft in die entſcheidenſten Lagen dieſes wilden, rauhen Gebirgs⸗ krieges mit hineingefuͤhrt. So oft der Hof einen Zeitraum der Ruhe gewann, ſchien man geneigt, ſeine Sache aufs Neue in Erwaͤgung zu ziehen; aber das Getuͤmmel und die Stuͤrme kehrten zuruͤck, und die Frage war wieder ver⸗ geſſen. Waͤhrend dieſer Zeit erfuhr er den Spott und die un⸗ wuͤrdige Behandlung, woruͤber er ſich ſpaͤterhin beklagte; die ſeichten Koͤpfe und die Unwiſſenden machten ihn als einen eitlen Traͤumer laͤcherlich und die Unbilligen kraͤnkten ihn mit dem Namen eines Abenteurers. Selbſt die Kinder, fagt man, deuteten ſich auf die Stirn, wenn er vorbeiging, da man ſie gelehrt hatte, ihn als eine Art von Verruͤckten zu betrachten. Im Verlaufe dieſer langen Bewerbungen deckte er ſeine Ausgaben zum Theil durch das Zeichnen von Karten. Der wuͤrdige Moͤnch Diego de Deza half ihm ge⸗ legentlich aus ſeiner eignen Caſſe und mit Verwendungen bei den Souverainen. Er war einen Theil dieſes Zeitraums Gaſt des Alonzo de Guintanilla, und eine betraͤchtliche Periode hindurch bewirthete ihn der Herzog von Medina Celi, ein Edelmann von großen Beſitzungen, der ſich mit Seeunternehmungen viel zu thun machte.. Zu Gunſten der beiden Herrſcher iſt zu bemerken, daß ſie ihn, waͤhrend der Unbeſtimmtheit ſeiner Lage, dem koͤ⸗ niglichen Gefolge beizaͤhlten, ihm Gelder zur Beſtreitung ſeiner Ausgaben und Quartiere anweiſen ließen, wenn er aufgefordert wurde, den Bewegungen des Hofes zu folgen und die Berathungen abzuwarten, die zu verſchiednen Ma⸗ len feſtgeſetzt wurden. Aufzeichnungen mehrerer dieſer Sum⸗ men exiſtiren noch in dem Rechnungsbuche des Franzisco Ponzalez von Sevilla, eines der koͤniglichen Schatzmeiſter, das man kuͤrzlich in den Archiven von Simancas gefunden hat. Aus dieſen Poſten koͤnnen wir einigermaßen die Au⸗ fenthalte des Columbus waͤhrend ſeines Harrens an dieſem umherziehenden, kriegeriſchen Hofe erfahren. Eine dieſer Aufzeichnungen war eine Geldſumme, wel⸗ che er erhielt, um nach Hofe ins Lager vor Malaga zu kommen, waͤhrend der denkwuͤrdigen Belagerung von 1487, wo dieſe Stadt ſo hartnaͤckig und tapfer von den Mauren — 129— vertheidigt wurde. In dem Laufe dieſer Belagerung haͤtte ſeine Bewerbung faſt ein gewaltſames Ende gefünden, als ein fanatiſcher Sarazene den Verſuch machte, Ferdinand und Iſabella durch Meuchelmord umzubringen. Er verfehlte das koͤnigliche Zelt und griff ſtatt des erlauchten Paares Don Alvaro de Portugal an und Donna Beatris de Bobadilla, Marquiſe von Moya. Nachdem er den Don Alvaro ge⸗ faͤhrlich verwundet hatte, wurde er bei einem auf die Mar⸗ quiſe gezielten Angriff uͤberwaͤltigt und ſogleich von den Die⸗ nern in Stuͤcke gehauen.*) Die genannte Dame war eine Frau von großer Trefflichkeit und Charakterſtaͤrke. Sie nahm an den Schritten des Columbus vielen Antheil, und ihre Empfehlungen bei der Koͤnigin, deren beſonderer Lieb⸗ ling ſie war, waren von beſonderem Einfluß.**) Der Feldzug endigte mit der Einnahme von Malaga. Es ſcheint waͤhrend dieſer ſtuͤrmiſchen Belagerung ſich keine Zeit zur Behandlung von Columbus Anfragen ergeben zu haben, wiewohl Fernando von Talavera, Biſchof von Avila, zugegen geweſen zu ſeyn ſcheint, da er in feierlichem reli⸗ gioͤſen Triumphzuge die eroberte Stadt betrat.**) Die Fe⸗ ſtung capitulirte am 18. Auguſt 1487 und der Hof hatte kaum Zeit nach Cordova zuruͤckzukahren„ indem in Malaga die Peſt ausbrach, —— Retrato del buen vasallo, I. II. c. 16. ulgar cronica. Irving's Columbus. 1—3, 9 „ Pulgar cronica c. 87. P. Martyr. 22) — 130— Die Souveraine brachten den Winter in Saragoſſa zu, mit verſchiedenen Staatsangelegenheiten von augenblicklicher Wichtigkeit beſchaͤftigt; ſie betraten das mauriſche Gebiet uͤber Murcia im folgenden Fruͤhjahre wieder, und zogen ſich nach einem kurzen Feldzuge im naͤchſten Winter nach Valla⸗ dolid zuruͤck. Ob Columbus den Hof auf dieſen Zuͤgen be⸗ gleitet hat, iſt nicht ausgemacht, obgleich eine Anweiſung auf dreitauſend Maravedi's, vom Juni 1488 datirt, es glaublich macht. Aber wie konnte ein ruhiges Gehoͤr von einem Hofe erwartet werden, der von dem Geraͤuſche der Waffen umgeben und beſtaͤndig auf dem Marſche war? Daß Columbus dieſer Verzoͤgerungen ungeachtet in ſei⸗ nen Hoffnungen waͤhrend dieſer Zwiſchenzeit immerfort ver⸗ troͤſtet wurde, iſt wahrſcheinlich. Im Laufe des Frühlings erhielt er einen Brief von Johann II. Koͤnig von Portu⸗ gal, am 20. Maͤrz 1488 geſchrieben, worin dieſer ihn einlud, an ſeinen Hof zuruͤckzukehren, und ihm Sicherheit gegen jede moͤgliche Verfolgung in Civil⸗ oder Criminalſachen zuſagte. Dieſer Brief mag ſeinem Inhalte nach wohl eine Antwort auf ein Schreiben des Columbus geweſen ſeyn, in welchem dieſer Unterhandlungen zur Ruͤckkehr begonnen zu haben ſcheint. Er hielt es jedoch nicht fuͤr geeignet, der Einla⸗ dung dieſes Monarchen Folge zu leiſten. Im Februar 1489 gingen Ferdinand und Iſabella von Valladolid nach Medina del Campo, woſelbſt ſie eine Ge⸗ ſandtſchaft Heinrich's VII. von England empfingen, der mit ihnen in ein Buͤndniß trat. Ob Columbus in dieſer Zeit eine Antwort auf ſeine Vorſtellungen an den Koͤnig von — 131— England bekam, iſt nicht auszumitteln. Daß er waͤhrend ſeiner Unterhandlung mit Spanien einmal ein günſtiges Schreiben von Heinrich VII. erhielt, ſagt er ſelbſt in einem ſpaͤteren Briefe an Ferdinand und Jſabella.*) Das ſpaniſche Herrſcherpaar kehrte im Mai nach Cor⸗ dova zuruͤck, und Columbus ſcheint ihnen hier wieder ins Andenken gebracht worden und auch Schritte geſchehen zu ſeyn, um die lang vertagte Unterſuchung in friſchen Gang zu bringen. Diego Ortiz de Zuniga ſagt in ſeinen Anna⸗ len von Sevilla, daß die Souveraine an dieſe Stadt ge⸗ ſchrieben haͤtten, wegen eines Quartiers und ſonſtiger Be⸗ quemlichkeit fuͤr Columbus, der dort an den Hof kommen ſole, um einer Conferenz von Wichtigkeit beizuwohnen. Die Stadt erfuͤllte den Befehl, aber die Berathung wurde aufgeſchoben, da ſie der nahe Feldzug unterbrach,„in wel⸗ chem,“ fuͤgt der Autor hinzu,„derſelbe Columbus mit im Gefecht erſchien, und Beweiſe ablegte, daß ſeinem Wiſſen und ſeinen hohen Wuͤnſchen ausgezeichnete Tapferkeit zur Seite ſtehe.“**) Es iſt auch ein koͤniglicher Befehl vorhanden, vielleicht das Schreiben, worauf hier angeſpielt wird, aus Cordova vom 12. Mai deſſelben Jahres datirt; derſelbe iſt an die Magiſtrate aller Staͤdte und Oerter gerichtet und beſiehlt, *) Hist. del Almirante I. cap 12. **) Diego Ortiz de Zuniga, Ann. de Sevilla, I. XII, ao. 1489. p. 404. 9* — 132— daß man Freiquartiere fuͤr Chriſtoph Columbus und ſeine Leute in Bereitſchaft halten ſolle, da ſolche in koͤniglichen Dienſtangelegenheiten beſchaͤftigt ſeyen.*) Der Feldzug, an welchem der Geſchichtſchreiber von Se⸗ villa dem Columbus einen ſo ehrenvollen Antheil einraͤumt, war einer der glorreichſten in dieſem Kriege. Die Koͤnigin Iſabella erſchien von ihrem Hof umgeben und dieſer um⸗ faßte wie gewoͤhnlich einen ſtattlichen Zug von Praͤlaten und Moͤnchen, unter denen vorzuͤglich der aufſchiebende Schiedsrichter der Anſpruͤche des Columbus, Fernando von Talavera, erwaͤhnt wird. Einen großen Theil des Erfol⸗ ges in dieſem Feldzuge ſchreibt man der Gegenwart und den Rathſchlaͤgen Iſabellens zu. Die Stadt Baza, welche ſechs Monate lang tapferen Widerſtand geleiſtet hatte, er⸗ gab ſich bald nach ihrer Ankunft; und am 22. December ſah Columbus den Muley Boabdil, den aͤlteren der beiden Koͤnige von Granada, in Perſon alle ſeine uͤbrige Beſitzun⸗ gen und Anſpruͤche an die Krone, auf die ſpaniſchen Sou⸗ veraine uͤbertragen. Waͤhrend dieſer Belagerung ereignete ſich ein Umſtand, der auf das fromme und begeiſterte Gemuͤth des Columbus tiefen Eindruck gemacht zu haben ſcheint. Zwei ehrwuͤrdige Moͤnche kamen im ſpaniſchen Lager an, welche am heiligen Grabe in Jeruſalem in Dienſten geſtanden hatten. Sie brachten eine Botſchaft vom Großſultan von Egypten, wo⸗ *) Navarrete, t. II. doe. Nr. 4. — — 133— rin dieſer drohte, alle Chriſten in ſeinen Reichen dem Tode zu weihen, und das heilige Grab zu zerſtoͤren, wenn die ſpaniſchen Souveraine nicht von dem Kriege gegen Granada abſtaͤnden. Die Drohung konnte die beiden Herrſcher in ihren Entſchluͤſſen nicht wankend machen, aber Iſabella ſicherte tauſend Ducaten in Gold,*) fuͤr den jaͤhrlichen fortdauernden Unterhalt der Moͤnche, welche den Dienſt am Grabe verſaͤhen, und uͤberſandte einen Schleier, von ihrer eignen Hand gewirkt, um ihn im Heiligthume aufzuhaͤn⸗ gen.*⁵*) Es wird aus einer Unterredung des Columbus mit die⸗ ſen Moͤnchen und aus deſſen frommem Unwillen uber die Drohung des Sultan wahrſcheinlich, daß Columbus hier je⸗ nen begeiſterten Entſchluß faßte, den er mehr oder minder bis zu ſeinem Tode unterhielt. Er beſchloß naͤmlich, den Gewinn, der ihm aus ſeiner gehofften Entdeckung werden wuͤrde, zu dem frommen Zweck zu verwenden, das heilige Grab aus der Gewalt der Unglaͤubigen zu befreien. Das Getuͤmmel und Getͤſe des Feldzuges vereitelte die Berathung in Sevilla; und die Ausſichten des Columbus wollten auch waͤhrend der folgenden Feſtlichkeiten ſich nicht erheitern. Ferdinand und Iſabella zogen naͤmlich im Fe⸗ bruar 1490 mit großem Glanz im Triumph zu Sevilla — *) Oder 1423 Dollars, im Werth von 4269 Dollars une ſerer Zeit. **) Garibay, compend. hist. I. XVIII, c. 36. ein. Es fanden dort die Vorbereitungen zur Vermaͤhlung ihrer aͤlteſten Fochter, der Prinzeſſin Iſabella mit dem Prinzen Don Alonzo, vermuthlichen Thronerben von Por⸗ tugal ſtatt. Das Beilager wurde im Monat April mit großem Gepraͤnge gehalten. Den ganzen Winter und Fruͤh⸗ ling hindurch war der Hof in einem beſtaͤndigen Taumel von Pracht und Feſtlichkeiten, von Gaſtmahlen, Turnie⸗ ren und Fackel⸗Proceſſionen. Welche Moͤglichkeit war fuͤr Columbus denkbar, in dieſem wechſelnden Getuͤmmel von Krieg und Luſtbarkeiten Gehoͤr zu erlangen? Erſt im Winter 1491 gluͤckte es ihm, die lang verſcho⸗ bene Antwort auf ſeine Antraͤge zu erhalten. Die Sou⸗ veraine waren im Begriff, ihren letzten Feldzug in der Vega von Granada zu eroͤffnen, mit dem feſten Vorſatze, nicht eher ihr Lager bei dieſer Stadt zu verlaſſen, bis ihre ſiegreichen Banner von ihren Thuͤrmen herabweheten. Columbus ſah wohl ein, wenn der Hof ſich einmal in Bewegung geſetzt haͤtte, ſey auch an keine Hoffnung der Aufmerkſamkeit auf ſein Unternehmen mehr zu denken. Er drang daher auf eine entſcheidende Antwort. Es iſt wahr⸗ ſcheinlich, daß nun die Conferenz ſtatt fand, welche der Hi⸗ ſtoriker von Sevilla hinausgeſetzt nennt, und daß der Rath von ſachverſtaͤndigen Maͤnner, dem das Project anvertraut worden, wieder zuſammen trat. Es iſt ausgemittelt, daß um dieſe Zeit Fernando von Talavera, von den Souverainen aufgefordert, das Gutach⸗ ten dieſes gelehrten Collegiums vortrug. Er unterrichtete Ihre Majeſtaͤten, es ſey die allgemeine Anſicht der Junta, daß der Plan unbegruͤndet und unausfuͤhrbar ſey, und daß es ſo großer Monarchen nicht wuͤrdig ſeyn koͤnne, ſich auf Unternehmungen einzulaſſen, die mit ſo ſchwachen Gruͤnden, wie die hier vorgebrachten, unterſtuͤtzt ſeyen.*) Obgleich dieſes der allgemeine Bericht des Committee's war, hatte Columbus doch auf mehrere der gelehrten Mit⸗ glieder deſſelben einen Eindruck gemacht, der ſehr zu ſeinen Gunſten wirkte. Er hatte einen thaͤtigen Freund an dem Pater Diego Deza, dem Erzieher des Prinzen Juan ge⸗ wonnen, der durch ſeine Stellung und geiſtliche Wuͤrde Zu⸗ tritt zum Koͤnige hatte. Die Namen mehrerer anderen Männer von Rang und Verdienſt werden als ſolche genannt, welche ſeiner Bewerbung guͤnſtig geweſen ſeyen. In der That gebot das ernſte und wuͤrdige Benehmen des Colum⸗ bus, ſeine klaren Einſichten uͤber alle Gegenſtaͤnde ſeines Faches, das Große und Edle ſeiner Betrachtungen und die energiſche Art, ihnen Eingang zu verſchaffen, uͤberall Ehr⸗ erbietung, wo es ihm gluͤckte, die Aufmerkſamkeit zu feſſeln. Eine gewiſſe Ruͤckſicht fuͤr ſein beabſichtigtes Unternehmen hatte ſich demzufolge allmaͤhlig am Hofe feſtgeſetzt, und un⸗ geachtet des unvortheilhaften Berichtes der gelehrten Junta, von Salamanca, ſchienen die Souveraine doch ungern einem Project ihr Ohr zu verſchließen, das bei guͤnſtigem Aus⸗ gang ſo wichtig werden konnte. Fernando von Talavera wurde von den Monarchen beauftragt, Columbus, der ſich damais in Cordova aufhielt, zu unterrichten, daß die gro⸗ *) Hist. del Almirante, cap. 2. ßen Sorgen und Koſten des Krieges es ihnen unmoͤglich machten, ſich in neue Unternehmungen einzulaſſen, daß ſie aber nach Beendigung des Feldzuges Muße zu finden hofften, um mit ihm uͤber ſein Anerbieten in naͤhere Unterhandlung zu treten.*) Dieſes war eine zu aͤrmliche Antwort nach ſo manchen Jahren vergeblichen Harrens, aͤngſtlicher Erwartung und aufgeſchobner Hoffnungen. Was auch in der von den Re⸗ genten dictirten Antwort von gnaͤdigen Wendungen vorge⸗ kommen ſeyn mochte, es ging durch das erkaͤltende Medium verloren, welches die Botſchaft auszurichten hatte. Auf je⸗ den Fall war es Columbus ſchmerzlich, die Antwort aus den Haͤnden einer Perſon zu erhalten, die ſich ihm ſtets zu⸗ wider gezeigt hatte; er erſchien daher vor dem Hofe zu Se⸗ villa, um ſein Schickſal aus dem Munde der Monarchen zu empfangen. Ihre Antwort war im Weſentlichen dieſelbe⸗ ablehnend, weil ſie ſich im gegenwaͤrtigen Augenblick nicht auf die Unternehmung einlaſſen koͤnnten, aber Hoffnung ge⸗ bend auf Schutz, wenn ſie ſich von den Sorgen und Koſten des Krieges befreit haben wuͤrde. Columbus hielt dieß le⸗ diglich fuͤr eine ausweichende Erklaͤrung, um ſeiner los zu werden; er glaubte die beiden Souveraine gegen ihn einge⸗ nommen durch die Entgegnungen der Unwiſſenden und Fin⸗ ſterlinge, gab alle Hoffnung auf, vor dem Thron je wie⸗ der in Gnaden zu erſcheinen, und kehrte voll Aerger und Un⸗ willen Sevilla den Ruͤcken. *) Hist. del Almirante, 1. c. Sechſtes Kavitel. — Bewerbung bei dem Herzoge von Medina Celi. Rückkehr nach dem Kloſter La Rabida. Wiewohl Columbus jetzt alle Hoffnungen auf eine Un⸗ terſtuͤtzung durch die caſtiliſchen Herrſcher aufgegeben hatte, ſo war er doch nicht geneigt, alle Verbindung mit Spanien abzubrechen. Ein zarteres Band hatte ihn bereits an die⸗ ſes Land gefeſſ lt. Waͤhrend ſeines erſten Beſuches in Cor⸗ dova war ihm eine Dame in dieſer Stadt, Beatrix Enri⸗ quez, theuer geworden. Dieſe Neigung hat man als einen weiteren Grund angegeben, warum er ſich ſo lange in Spa⸗ nien verweilte und den Aufſchub ertrug, den er erfahren mußte. Wie die meiſten Ereigniſſe in dieſer Zeit ſeines Le⸗ bens, iſt auch das Verhaͤltniß zu dieſem Weibe in Dunkel gehuͤllt. Die Ehe ſcheint daſſelbe nicht geheiligt zu haben. Die Dame ſoll aber von edler Abkunft geweſen ſeyn.*) Sie war die Mutter ſeines zweiten Sohnes Fernando, wel⸗ —— *) Zuniga, annales eccles, de Sevilla, lib. XIV. P. 496. 1 3 — 1348— cher ſein Biograph wurde, und den er immer mit ſeinem ehelichen Sohne Diego auf gleiche Linie ſtellte. Nicht geneigt, Spanien zu verlaſſen, obgleich an allem Erfolg bei Hofe verzweifelnd, verſuchte Columbus nunmehr, einige reiche und maͤchtige Maͤnner fuͤr ſeinen Plan zu ge⸗ winnen. Es waren unter den ſpaniſchen Granden mehrere, welche große Beſitzungen hatten und in ihren Herrſchaften kleinen Souverainen glichen. Von der Zahl dieſer waren die Herzoge von Medina Sidonia und Medina Celi. Beide hatten Guͤter gleich Fuͤrſtenthuͤmern, laͤngs der Seekuͤſte, mit Haͤfen und Schiffen, die ihnen zu Gebote ſtanden. Dieſe Edelleute dienten der Krone mehr wie verbuͤndete Fuͤrſten als wie Vaſallen, und brachten Heere von ihren Leuten ins Feld, die ſie durch eigene Oberſten oder in Perſon be⸗ fehligten. Sie leiſteten der Krone mit ihren Armada's und Schaͤtzen erſprießliche Kriegsdienſte, aber ſie bewachten auch eiferſuͤchtig ihr Recht, uͤber ihre Streitkraͤfte zu gebieten. Waͤhrend der Belagerung von Malaga war der Herzog von Medina Sidonia Fuͤhrer eines freiwillig von ihm ge⸗ ſtellten Heerhaufens von Rittern aus ſeiner Umgebung; er ſchoß zu gleicher Zeit aus eignen Mitteln zwanzigtauſend Doblas in Gold*) zu, und lieferte hundert Schiffe, einige bewaffnet, andre mit Lebensmitteln beladen, von ſeinen reichen Beſitzungen. Die haͤusliche Einrichtung dieſer Edlen *) Oder 35, 514 Dollars, im Werth von heutigen 106, 542 Dollars. — 139— glich den Einrichtungen kleiner Souveraine; ganze Heere ih⸗ rer Leute draͤngten ſich auf ihren Beſitzungen, und ihre Haͤu⸗ ſer waren erfuͤllt mit Perſonen von Verdienſten und mit jungen Cavalieren von Familie, die ſich unter ihrem Schutz dem Dienſte der Waffen und den Kuͤnſten widmeten. An den Herzog von Medina Sidonia wandte ſich Co⸗ lumbus zuerſt. Sie hatten mehrere Unterredungen und Ver⸗ handlungen mit einander, konnten aber zu keinem Ende kommen.*) Der Herzog ward einige Zeit von den glaͤn⸗ zenden Verſprechungen in Verſuchung gefuͤhrt, aber eben dieſe Verſprechungen warfen einen Schein von Uebertreibung auf das ganze Unternehmen, und Gomera verſichert uns, daß er daſſelbe am Ende als den Traum eines italieniſchen Schwindlers*) verworfen habe. Columbus wandte ſich nun an den Herzog von Medina Celi und eine Zeit lang mit großem Anſchein von Erfolg. Sie traten verſchiedentlich in Unterhandlung, und einmal war der Herzog auf dem Punkt, ihn auf die beabſichtigte Fahrt auszuſenden, mit drei bis vier Caravelen, die in ſei⸗ nem Hafen bereit ſtanden. Da er indeſſen beſorgte, daß eine ſolche Expedition ihm von der Krone ſehr uͤbelgenom⸗ men werden koͤnne, gab er dieſelbe ploͤtzlich auf, indem er bemerkte, das Unternehmen ſey zu groß, um in der Hand eines Unterthans zu liegen, und nur fuͤr eine unabhaͤngige *) Hist. del Almirante, c. 12. Herrera hist. Ind, decad. I. I. I. c. 8. *) Gomera hist. Ind. c. 15. 8 — 4140— Macht geeignet.*) Er gab Columbus den Rath, ſich noch einmal an die ſpaniſchen Monarchen zu wenden und bot ihm ſein Fuͤrwort bei der Koͤnigin an. Columbus ſah auf dieſem Wege ſeine Zeit und ſein Le⸗ ben in vergeblichen Hoffnungen und bitteren Erfahrungen dahinſchwinden. Er fuͤhlte einen Widerwillen nach Hofe zu⸗ ruͤckzukehren, und dieſem in ſeinen taͤuſchenden Bewegungen zu folgen. Er hatte ein aufmunterndes Schreiben vom Koͤ⸗ nige von Frankreich erhalten,**) und beſchloß keine Zeit zu verlieren, um in Paris zu erſcheinen. Mit dieſem Ent⸗ ſchluß ging er wieder nach dem Kloſter La Rabida, um ſei⸗ nen aͤlteſten Sohn Diego in Empfang zu nehmen, welcher beſtaͤndig unter der Obhut ſeines eifrigen Freundes, des Pater Juan Perez, geblieben war, und ihn mit ſeinem an⸗ dern Sohne in Cordova zu laſſen. Als der wuͤrdige Moͤnch den Columbus wieder an ſeiner Kloſterpforte ſtehen ſah, nach faſt ſiebenjaͤhrigen Sollicita⸗ tionen am Hofe, und ſeiner geringen Kleidung die Armuth und Kraͤnkungen, die er erfahren hatte, anſah, war er ſehr bewegt; als er aber hoͤrte, daß der Reiſende auf dem Punkt ſtehe, Spanien zu verlaſſen, und daß eine ſo wich⸗ tige Unternehmung fuͤr ſein Vaterland auf immer verloren ſeyn ſollte, ward ſein feuriger Geiſt maͤchtig aufgeregt. Er forderte ſeinen gelehrten Freund, den Arzt Don Garcia *) Schreiben des Herzogs von Medina Celi an den Groß⸗ Cardinal. S. Navarrete t. II. doc. 14. **) Hist. del Almirante, cap. 12. — 141— Fernandez auf, ihm beizuſtehen, und ſie hielten nun wieder Berathungen uͤber das Project des Columbus. Er ſprach auch die Beihuͤlfe des Martin Alonzo Pinzon an, des Haup⸗ tes einer Familie von vermoͤgenden und ausgezeichneten See⸗ fahrern zu Palos, die fuͤr ihre praktiſche Tuͤchtigkeit und kuͤhne Unternehmungen bekannt waren. Pinzo gab dem Plan des Columbus ſeinen entſchiednen Beifall und er bot ſich an, ihn mit Geld und in Perſon zu unterſtuͤtzen, auch die Aus⸗ gaben des Columbus zu beſtreiten, wenn er ſich wieder an den Hof wenden wolle. Pater Juan Perez ſah ſeinen Glauben in der Ueberein⸗ ſtimmung ſeiner gelehrten und ſachkundigen Rathgeber beſtaͤ⸗ tigt. Er war einſt Beichtvater der Koͤnigin geweſen, und wußte, daß ſie Perſonen ſeines heiligen Berufes immer Zu⸗ tritt geſtattete. Er nahm ſich vor, ihr unmittelbar uͤber die Sache zu ſchreiben, und beſchwor Columbus, ſeine Reiſe aufzuſchieben, bis er Antwort erhalten koͤnne. Columbus wurde bald uͤberredet, denn er war an Spanien durch jene Verbindung gefeſſelt, der er ſich in Cordova hingegeben hatte. Es wurde ihm zu Muthe, als muͤſſe er abermals ſeine Heimath verlaſſen, wenn er Spanien aufgaͤbe. Auch war es ihm ein empoͤrender Gedanke, an einem andern Hofe denſelben Neckereien und Hintanſetzungen ausgeſetzt zu ſeyn, denen er in Spanien und Portugal unterworfen geweſen. Da er alſo zu bleiben beſchloß, ſah ſich der kleine im Kloſter verſammelte Rath nach einem Botſchafter um, den man mit dieſer wichtigen Miſſion beauftragen koͤnne. Man waͤhlte einen gewiſſen Sebaſtian Rodriguez, einen Lootſen — 142— aus Lepi, einen der kluͤgſten und entſchloſſenſten Maͤnner in der umgebung am Meere. Die Koͤnigin war zur Zeit in Santa Fe, der militairiſchen Stadt, welche in der Vega vor Granada nach dem Abbrennen des koͤniglichen Lagers erbaut worden war. Der ehrliche Pilote bewies ſich treu, hurtig und energiſch auf dieſer Reiſe. Er wurde bei der guͤtigen Koͤnigin vorgelaſſen und uͤbergab den Brief des Geiſtlichen. Iſabella war ſchon zu Gunſten des Projectes eingenommen, ſie hatte bereits das Empfehlungsſchreiben des Herzogs von Medina Celi erhalten, welches dieſer am Schluſſe ſeiner letzten Verhandlung mit dem Seefahrer abſandte. Sie ſchrieb dem Juan Perez zuruͤck, dankte ihm fuͤr ſeine eifri⸗ gen Dienſte und forderte ihn auf, unmittelbar bei Hofe zu erſcheinen und dem Cheiſtoph Columbus ſichere Hoffnung zu geben, bis er das Weitere von ihr vernehmen werde. Die⸗ ſes koͤnigliche Schreiben brachte der Loolſe nach Verlauf von vierzehn Tagen und erregte damit bei der kleinen Junta des Kloſters lebhafte Freude. Kaum hatte der enthuſiaſtiſche geiſtliche Herr es empfangen, als er auch ſchon ſein Maul⸗ thler geſattelt hatte und ganz in der Stille, vor Mitternacht, nach Hofe abreiſte. Er nahm ſeinen Weg durch die erober⸗ ten mauriſchen Lande und ritt nach der neuen Pflanzſtadt Santa Fe, wo die Souveraine die enge Einſchließung der Hauptſtadt Granada's leiteten. 1 Das heilige Amt des Juan Perez bahnte ihm die Straße nach einem Hofe, der in ſeinem religioͤſen Eifer bekannt war, und wie er einmal bei der Koͤnigin zur Audienz ge⸗ langte, gab ihm ſein fruͤheres Verhaͤltniß als Beichtvater — 143— große Freiheit in der Aeußerung ſeiner Rathſchlaͤge. Er fuͤhrte die Sache des Columbus mit eigenthuͤmlicher Begei⸗ ſterung, ſprach, aus vertrauter Kenntniß, von ſeinen edlen Abſichten, ſeinem wiſſenſchaftlichen Geiſte und Erfahrungen, kurz von ſeiner vollkommenen Faͤhigkeit, das Unternehmen auszufuͤhren; er ſtellte vor, auf welchen ſicheren Gruͤnden das Project beruhe, welche Vortheie aus dem gluͤcklichen Erfolg erwachſen und welchen Ruhm es auf die ſpaniſche Krone haͤufen werde. Gewiß hatte Iſabella nie den Plan mit ſo redlichem Eifer und eindrucksvoller Beredſamkeit ver⸗ theidigen hoͤren. Von Natur unbefangener und empfaͤngli⸗ cher als der Koͤnig und mehr als er feuriger und edler Ent⸗ ſchließungen faͤhig, ließ ſie ſich von den Vorſtellungen des Fuan Perez, dem ihr Liebling, die Marquiſe von Moja mit reinem weiblichen Enthuſiasmus zur Seite ſtand, uͤber⸗ reden.*) Sie befahl, daß man ihr den Columbus wieder ſchicken ſolle, und indem ſie mit der gnaͤdigen Ruͤckſicht, welche ihr eigen war, ſeine Duͤrftigkeit und uͤble Lage be⸗ dachte, ließ ſie ihm zwanzigtauſend Maravedis in Gulden⸗ ſtuͤcken*) anweiſen, um ſeine Reiſekoſten zu beſtreiten, ſich ein Maulthier anzuſchaffen und mit anſtaͤndiger Garderobe zu verſehn, damit er geziemend am Hofe erſcheinen koͤnne. Der wuͤrdige Geiſtliche verlor keine Zeit, das Reſultat ſeiner Sendung ſogleich mitzutheilen; er uͤberſandte das *) Retrato del buen vasallo, I. II. cap. 16. **) Zweiundſtebenzig Dollars, uach heutigem Werthe de⸗ ren 216. — 144— Geld und einen Brief durch Vermittlung eines Bewohners von Palos an den Arzt Garcia Fernandez, der beides dem Columbus einhaͤndigte. Letzterer leiſtete den in dem Schrei⸗ ben gegebenen Verhaltungsbefehlen Folge. Er vertauſchte ſeine abgenutzte Kleidung gegen eine dem Hofleben gemaͤßere, kaufte ſich ein Maulthier und machte ſich, von neuen Hoff⸗ nungen belebt, auf den Weg zum Lager vor Granada.) Siebentes Kapitel. — Bewerbung bei dem Hofe zur Zeit der Uebergabe von Granada. (1492.) Columbus wurde bei ſeiner Ankunft im Hoflager mit Auszeichnung empfangen und ſeinem treuen Freunde Alonzo *) Die meiſten Einzelnheiten dieſes zweiten Beſuches im Kloſter La Rabida ſind aus dem Zeugniß entnommen, welches Don Garcia Fernandez in dem Proceß zwiſchen Diego, dem Sohne des Columbus, und der Krone ablegte, — 145— de Guintanilla, dem General⸗Rechnungsführer, zu gaſtlicher Pflege empfohlen. Der Augenblick war jedoch zu ereigniß⸗ voll, als daß man fuͤr ſeine Angelegenheit unmittelbare Auf⸗ merkſamkeit haͤtte gewinnen koͤnnen. Er kam noch zeitig an, um von der merkwuͤrdigen Uebergabe Granada's an die ſpaniſche Waffenmacht Zeuge zu ſeyn. Er ſah Boabdil, den letzten der mauriſchen Koͤnige, von der Alhambra aus⸗ ruͤcken, die Schluͤſſel dieſes Lieblingsſitzes der mauriſchen Macht vor ſich her tragend; waͤhrend der Koͤnig und die Koͤnigin mit der ganzen Ritterſchaft, den Granden und Wuͤrdentraͤgern Spaniens ſich in ſtolzem feierlichen Zuge vorwaͤrts bewegte, um dieſes Zeichen der Unterwuͤrfigkeit entgegenzunehmen. Es war einer der glorreichſten Triumphe in der ſpaniſchen Geſchichte. Nach einem Zeitraume von beinahe achthundert Jahren muͤhſeliger Kaͤmpfe, wurde der Halbmond voͤllig in den Staub geworfen, das Kreuz an ſeiner Statt erhoͤht, und das Banner von Spanien ſah man auf dem hoͤchſten Thurm der Alhambra wehen. Der ganze Hof, und alle Heerſchaaren waren in ein Meer von Freude verſetzt. Die Luͤfte ertoͤnten von Jubelgeſchrei, von Triumphgeſaͤngen und dankerfuͤllten Siegeshymnen. Wo man hinblickte, ſah man kriegeriſche Luſtbarkeiren und fromme Opferungen, denn man betrachtete den Ausgang nicht bloß als einen weltlichen Triumph, ſondern als einen Sieg der Chriſtenheit. Der Koͤnig und die Koͤnigin zogen in der Mitte mit mehr als gewoͤhnlichem Glanze, und jedes Auge ſah in ihnen mehr als bloße Sterbliche, als habe ſie der Himmel ſelbſt zur Rettung und Wiederaufrichtung Spaniens Irving's Columbus. 1— 3. 4 10 — 146— geſandt.*) Der Hof war von den Ruhmwuͤrdigſten dieſes kriegeriſchen Landes, dieſes heldenkuͤhnen Zeitalters, von der Bluͤthe ſeines Adels, von den ehrwuͤrdigſten Haͤuptern ſei⸗ ner Kirche, von Heldenſaͤngern und Troubadours und von dem ganzen Gefolge des romantiſchen Zeitalters in reizendem, maleriſchem Gedraͤnge umgeben. Da war nichts als das Zllttzen der Waffen, das Rauſchen der Gewaͤnder und die Toͤne der Muſik und Feſtlichkeit. Vermiſſen wir ein Bild von unſerm Seemann in dieſer glänzenden und frohlockenden umgebung?— Ein ſpaniſcher Schriftſteller gibt es uns:„Ein unberuͤhmter und wenig bekannter Mann folgte damals dem Hofe. In dem Haufen zudringlicher Supplicanten verloren, ſeine Einbildung in den Winkeln der Vorzimmer mit dem glaͤnzenden Projekt der Entdeckung einer Welt aufrecht erhaltend; truͤbfinnig und niedergeſchlagen in der Mitte der allgemeinen Luſtbar⸗ keiten, ſah er mit Gleichguͤltigkeit und faſt mit Verachtung das Ende eines Eroberungskrieges, der alle Herzen mit Jubel erfuͤllte und das hoͤchſte Ziel der Wuͤnſche erreicht zu haben ſchien. Dieſer Mann war Chriſtoph Columbus.“** Der Augenblick war jedoch erſchienen, wo die Monar⸗ chen ſeinen Vorſchlaͤgen Gehoͤr zu geben bereit waren. Der Krieg gegen die Mauren hatte ſeine Endſchaft erreicht, Spanien war von dem fremden Eroberer befreit, und ſeine — ʒ—ʒʒ⅓ꝛ—ꝛ—:·— *) Mariana, hist. de Espanja, lib. XXV, c. 18. **) Clemencin elogio de la Reina Catolica, p. 20. — 147— Beherrſcher konnten nun ihre Augen mit Ruhe auf fremde Unternehmungen richten. Sie hielten dem Columbus ihr Wort. Vertraute Leute mußten mit ihm in Unterhandlung treten; Fernando von Talavera, der ſich bei der neueſten Eroberung zum Erzbiſchof von Granada emporgeſchwungen hatte, war unter ihnen. Gleich bei dem erſten Anfang der Negociation indeſſen erhoben ſich unerwartete Schwie⸗ rigkeiten. Columbus war ſo eingenommen von der Groͤße ſeines Unternehmens, daß er ſich nur auf fuͤrſtliche Be⸗ dingungen einlaſſen wollte. Seine hauptſaͤchlichſte Forderung war, daß man ihn mit der Wuͤrde und den Gerechtſamen eines Admirals und Vicekoͤnigs der Laͤnder, welche er ent⸗ decken werde, bekleiden muͤſſe; ſammt dem Zehnten von allem Ertrage, ſey er nun durch Handel oder durch Eroberung erworben. Die Hofleute, welche mit ihm unterhandelten, waren entruͤſtet uͤber dieſe Bedingungen. Ihr Stolz war beleidigt, daß ein Mann, den ſie immer fuͤr einen bettel⸗ haften Gluͤcksritter angeſehen hatten, nach einem Rang und nach Ehren ſtrebte, die uͤber die ihrigen erhaben waren. Einer bemerkte ſpottend, das ſey eine feine Art zu unter⸗ handeln, indem er auf jeden Fall der Ehre der Admiral⸗ ſchaft ſicher ſeyn koͤnne, und nichts zu verlieren habe, wenn die Sache nicht gluͤcke. Hierauf erwiederte Columbus ſo⸗ gkeich, er wolle den achten Theil der Koſten uͤbernehmen, mit der Bedingung, daß ihm auch der achte Theil des Gewinns dafuͤr werde⸗ Seine Forderungen wurden jedoch unzuläͤſſig befunden. Fernando von Talavera hatte den Columbus immer fuͤr — 148— einen traͤumenden Speculanten vder zudringlichen Hunger⸗ leider gehalten; nun dieſen Mann zu ſehen, der jahrelang uur ein armer und beugſamer Sollicitant in ſeinem Vor⸗ zimmer geweſen, wie er einen ſo hohen Ton anſtimmte und eine Stellung forderte, die an die ehrfurchtgebietende Wuͤrde des Thrones reichte, weckte in gleichem Maße das Erſtau⸗ nen und den Unwillen dieſes hohen Praͤlaten. Er ſtellte Iſabellen vor, daß es die Majeſtaͤt einer ſo erlauchten Krone erniedrigen wuͤrde, an einen unbekannten Fremdling ſolche ausgezeichnete Ehren zu verſchwenden. Dieſe For⸗ derungen, meinte er, ſeyen auch im Fall eines gluͤcklichen Erfolges ungemeſſen, wuͤrden aber, wenn die Sache fehl⸗ ſchlage, ins Laͤcherliche gezogen werden, als ein Beweis der großen Leichtglaͤubigkeit der ſpaniſchen Herrſcher. Iſabella nahm immer Ruͤckſicht auf die Meinungen ihrer geiſtlichen Raͤthe, und der Erzbiſchof als ihr Beichtvater war von beſonderem Einfluß. Seine Gruͤnde ſchreckten ihre daͤmmernde Gunſt zuruͤck. Sie glaubte ſelbſt, die verſpro⸗ chenen Vortheile wuͤrden um zu großen Preis erkauft. Man bot dem Columbus maͤßigere Bedingungen und ſolche an, welche noch ſehr ehrenvoll und vortheilhaft erſchienen. Es war alles vergebens, er wollte nicht einen Punkt ſein er Forderungen aufgeben, und die Unterhandlungen wurden demzufolge abgebrochen. Es iſt unmoͤglich, der außerordentlichen Beharrlichkeit und Geiſtesgroͤße, welche Columbus von dem Augenblick an zeigte, wo er den erhabenen Gedanken der Entdeckung gefaßt hatte, ſeine Bewunderung zu verſagen. Ueber acht⸗ — 149— zehn Jahre waren ſeit ſeinem Briefwechſel mit Paolo Tos⸗ canelli von Florenz verfloſſen, woraus ſein Entſchluß her⸗ vorging. Den groͤßten Theil dieſer Zeit hatte er mit Be⸗ werbungen an den Hoͤfen zugebracht, und wie viel Mangel, Hintanſetzung, Spott, Schmach und Verſaͤumniß hatte er ertragen! Aber nichts konnte ſeine Standhaftigkeit erſchuͤt⸗ tern, nichts ihn zu Bedingungen herabſtimmen, die er unter der Wuͤrde ſeines Unternehmens hielt. In allen den Verhandlungen vergaß er ſeiner gegenwaͤrtigen Ruhmloſig⸗ keit und Duͤrftigkeit; ſeine lebhafte Einbildungskraft ver⸗ wirklichte ihm die Groͤße ſeiner beabſichtigten Entdeckungen, und er fuͤhlte wohl, daß er um Reiche unterhandle. Wiewohl er einen ſo großen Theil ſeines Lebens ſchon mit fruchtloſen Sollicitationen zugebracht hatte,— wie⸗ wohl er keine Gewißheit daruͤber hatte, daß nicht dieſelbe muͤhſelige Laufbahn an einem andern Hofe wieder von vorn anfangen werde— ſo war er doch ſo unwillig uͤber die wiederholte Zuruͤckſetzung, die er in Spanien erfuhr, daß er beſchloß, dieſes Land lieber auf immer zu verlaſſen, als in ſeinen Forderungen nachzugeben. Er nahm daher von ſeinen Freunden Abſchied, beſtieg ſein Maulthier und kehrte Santa Fe den Ruͤcken; dieß war im Anfange des Februars 1492. Er ſchlug den Weg nach Cordova ein, von wo er unmittelbar nach Frankreich abzureiſen vorhatte. Als die beiden Freunde, welche an die Idee des Colum⸗ bus ernſtlich glaubten, ihn nun wirklich auf dem Punkt ſahen, das Land zu verlaſſen, wurden ſie von Betruͤbniß erfuͤllt, da ſie ſeine Abreiſe als einen unerſetzlichen Verluſt — 150— zur die Nation betrachteten. Unter dieſen befand ſich Luis de St. Angel, Obereinnehmer der geiſtlichen Revenuͤen von Arragonien. Er wirkte ſich eine unmittelbare Audienz bei der Koͤnigin aus, von Alonzo de Quintanilla begleitet, der ihn bei allen ſeinen Vorſtellungen lebhaft unterſtuͤtzte. Die Noth des Augenblicks gab ihm Muth und Beredſam⸗ keit. Er beſchräͤnkte ſich nicht auf Bitten, er miſchte ſelbſt Vorwuͤrfe ein. Er druͤckte ſein Erſtaunen aus, daß eine Koͤnigin, die den Muth gehabt habe, ſo viele große und gefahrvolle Unternehmungen zu machen, bei einer anderen zaudern koͤnne, wo der Verluſt ſo unbedeutend und der Gewinn ſo unberechenbar ſey. Er erinnerte ſie, wie viel damit fuͤr die Ehre Gottes, die Macht der Kirche und die Ausdehnung ihrer eigenen Gewalt und Herrſchaft ge⸗ ſchehen koͤnne. Welcher Gegenſtand der Reue, des Trium⸗ phes ihrer Feinde, der Beſorgniſſe ihrer Freunde müſſe dieſe von ihr abgewieſene Unternehmung werden, ſobald ſie von einer anderen Macht in Ausfuͤhrung komme! Er rief ihr in's Gedaͤchtniß, welchen Ruhm und Zuwachs an Macht andre Fuͤrſten durch ihre Entdeckungen erlangt haͤtten; hier zeige ſich eine Gelegenheit, ſie alle zu uͤbertreffen. Er be⸗ ſchwor Ihre Majeſtaͤt, ſich nicht von den Verſicherungen der gelehrten Leute irre machen zu laſſen, daß das Projekt nur der Traum eines Halbverruͤckten ſey. Er wies auf die Urtheilskraft des Columbus und auf das Geſunde und Praktiſche ſeiner Plaͤne hin. Keinesweges koͤnne das Fehlſchlagen ein uͤbles Licht auf die Krone werfen. Es ſey der Maͤhen und Koſten wohl werth, ſelbſt bloße Zweifel — 151— uͤber einen Gegenſtand von ſolcher Wichtigkeit aufzuhellen, denn es komme erleuchteten und hochherzigen Fuͤrſten zu, Fragen von ſolcher Art nachzuforſchen, und die Wunder und Geheimniſſe des Univerſums zu entſchleiern. Er wie⸗ derholte das großmuͤthige Anerbieten des Columbus, den achten Theil der Koſten tragen zu wollen, und belehrte die Koͤnigin, daß die ganze Ausruͤſtung zu einem ſo großen Unternehmen nur aus zwei Schiffen und ungefaͤhr dreimal⸗ hunderttauſend Kronen beſtehe. Dieſe und viele andere Gründe wurden vorgebracht, mit jener uͤberredenden Kraft, welche redlicher Eifer verleiht. Die Marquiſin von Moya ſoll ihre Beredſamkeit ebenfalls angewendet haben, um die Koͤnigin zu uͤberzeugen. Der edle Geiſt Iſabellens entzuͤndete ſich fuͤr die Sache. Es ſchien, als ob der Gegenſtand jetzt zum erſtenmal in ſeiner ganzen Groͤße in ihrer Seele aufgegangen waͤre, und ſſie erklaͤrte, daß ſie entſchloſſen ſey, das Unternehmen aus⸗ zufuͤhren. Sie zoͤgerte nur einen Augenblick. Der Koͤnig be⸗ handelte die Sache mit Kaͤlte, und die koͤniglichen Finanzen waren durch den Krieg gaͤnzlich erſchoͤpft worden. Es mußte einige Zeit verfließen, bis ſie ſich wieder erholten⸗ Wie konnte ſie auf den Schatz eine Anweiſung ausſtellen, in einer Angelegenheit, welcher der Koͤnig entgegen war? St. Angel erwartete den Entſchluß mit zitterndem Herzen⸗ Der naͤchſte Augenblick gab ihm ſeinen Muth zuruͤck. Mit einem Enthuſiasmus, dieſer Koͤnigin und des Gegenſtandes wüͤrdig, rief ſie aus:"Ich unternehme das Werk fuͤr — 152— meine eigne caſtiliſche Krone und will meine Juwelen ver⸗ pfaͤnden, um die noͤthigen Gelder herbeizuſchaffen.“ Dieſes war der kuͤhnſte Augenblick in dem Leben Iſabellens; er beſiegelte auf immer ihren Ruhm als Beſchutzerin der Ent⸗ deckung der neuen Welt. 4 St. Angel, ungeduldig, des edlen Antriebes ſich zu ver⸗ ſichern, bemerkte Ihrer Majeſtaͤt, daß es nicht der Verpfaͤn⸗ dung ihrer Juwelen beduͤrfe, ſondern daß er bereit ſey, die noͤthigen Fonds vorzuſchießen. Sein Anerbieten wurde mit Freuden angenommen, die Fonds kamen baar aus den Rent⸗ caſſen von Aragonien; ſiebzehntauſend Gulden wurden von St. Angel's Berechner aus dem Schatze des Koͤnigs Ferdinand vorgeſchoſſen. Dieſer kluge Monarch trug in⸗ deſſen Sorge, daß ſein Koͤnigreich ſchon nach Verlauf weni⸗ ger Jahre ſchadlos dafuͤr gehalten wurde; denn zur Ent⸗ geltung dieſer Anleihe wurde ein Theil des von Columbus aus der neuen Welt mitgebrachten Goldes dazu verwandt, die Gewoͤlbe und das Getaͤfel der koͤniglichen Saͤle des gro⸗ ßen Palaſtes von Saragoſſa zu vergolden, jener arragoni⸗ ſchen Stadt, welche vordem Aljaferia oder der Wohnort der mauriſchen Koͤnige geweſen war.*) 3 Die Koͤnigin ſandte in aller Eile einen reitenden Boten an Columbus ab, um ihn zuruͤckzurufen. Er ward zwei Stunden von Granada eingeholt, auf der Bruͤcke von Pi⸗ nos, einem Paß in den Gebirgen, welcher aus den blutigen —— *) Argensola anales de Aragon 1. I, c. 10. — 253— Treffen zwiſchen den Chriſten und Unglaͤubigen waͤhrend der mauriſchen Kriege bekannt iſt. Als der Courier ſeine Botſchaft uͤbergab, zauderte Columbus, ſich aufs Neue den Zoͤgerungen und zweideutigen Vertroͤſtungen des Hofes aus⸗ zuſetzen. Als er aber in dem Briefe das brennende Ver⸗ langen der Koͤnigin und das wirkliche Verſprechen ausge⸗ druͤckt fand, welches ſie gegeben hatte, ſo kehrte er augen⸗ blicklich nach Santa Fé zuruͤck, der edlen Geſinnung dieſer Fuͤrſtin vollkommen vertrauend. Achtes Kapitel. — Uebereinkunft mit den ſpaniſchen Souverainen. (1492.) Als Columbus in Santa Fé ankam, erhielt er ſogleich eine unmittelbare Audienz bei der Koͤnigin, und die Gnade, womit ſie ihn aufnahm, ſoͤhnte ihn mit allen erlittenen Kraͤnkungen wieder aus. Ihr guͤtiges Antlitz verſcheuchte jede Wolke des Zweifels und des Mißtrauens. Die Zuſtim⸗ mung des Koͤnigs wurde bereitwillig gegeben. Seine Ein⸗ wendungen waren durch die Vermittlung verſchiedener Per⸗ ſonen beſeitigt wordenz unter ihnen wird ſein Oberkammer⸗ — 154— herr und Liebling, Juan Cabrero, beſonders erwaͤhnt; aber hauptſaͤchlich der Achtung fuͤr den Eifer, welchen die Koͤni⸗ gin zeigte, iſt dieſe ſeine ſpaͤte Einwilligung zuznſchreiben. Iſabella war von nun an die Seele dieſes großen Unter⸗ nehmens. Sie wurde von hohem edlem Enthuſiasmus an⸗ getrieben, waͤhrend der Koͤnig kalt und berechnend blieb, wie in allen ſeinen Unternehmungen. Einer der großen Endzwecke, welche Columbus im Auge hatte, war die Ausbreitung des chriſtlichen Glaubens. Er erwartete an den Enden Aſiens anzukommen, im weiten und praͤchtigen Reiche des Groß⸗Khans, und hoffte die von demſelben abhaͤngigen Provinzen zu beſuchen, von welchen er ſo außerordentliche Dinge in den Berichten von Marco Polo geleſen hatte. Indem er Ihren Majeſtaͤten dieſe reichen und in halber Barbarei ruhenden Gegenden be⸗ ſchrieb, rief er ihnen ins Gedaͤchtniß, daß der Groß⸗Khan in fruͤheren Zeiten das Verlangen kund gegeben habe, den chriſtlichen Glauben anzunehmen, ſowie, daß von Paͤpſten und frommen Koͤnigen Geſandtſchaften an ihn abgeſchickt worden ſeyen, um ihn und ſeine Unterthanen in den katho⸗ liſchen Lehrſätzen zu unterrichten. Er betrachtete ſich nun⸗ mehr in dem Fall, dieſes große Werk hinauszufuͤhren. Er bemerkte, daß durch dieſe Entdeckung eine unmittelbare Ge⸗ meinſchaft mit dieſem unermeßlichen Reich eroͤffnet werden koͤnne; daß das Ganze ſchnell unter die Botmaͤßigkeit der Kirche kommen und auf dieſe Weiſe, wie es in der heiligen Schrift vorausverkuͤndet worden, das Licht der Offenbarung ſich bis zu den Enden der Erde erſtrecken werde. Ferdinand —— — 155— horchte mit Wohlgefallen auf dieſe Ausfuͤhrungen. Er be⸗ trachtete die Religion von ſeinen Intereſſen abhaͤngig; er hatte in dieſer Hinſicht bei der neuen Eroberung von Gra⸗ nada gefunden, daß die Ausdehnung der Gewalt der Kirche ein lobenswuͤrdiges Mittel ſey, ſeiner eigenen Herrſchaft Zuwachs zu geben. Nach den Lehren des Tages ward jede Nation, welche ſich weigerte, die Wahrheiten des Chriſten⸗ thums anzunehmen, als gute Beute fuͤr jeden chriſtlichen Eroberer angeſehen; und es iſt wahrſcheinlich, daß Ferdi⸗ nand mehr durch die Erzaͤhlungen des Columbus von den Reichthuͤmern Mangi's und Cathay's und anderer dem Groß⸗Khan angehoͤrenden Provinzen, als von der Beſorgniß fuͤr das Seelenheil deſſelben und ſeiner halbwilden Unter⸗ thanen angeſpornt wurde. Iſabella folgte edleren Trieben; ſie war erfuͤllt von frommem Eifer bei dem Gedanken, ein ſo großes Werk des Heils zur Ausfuͤhrung zu bringen.— Aus verſchiedenen Gruͤnden alſo waren beide Regenten mit Columbus Anſich⸗ ten uͤber dieſen beſonderen Gegenſtand in Uebereinſtimmung, und als er ſich nachher zu ſeiner Reiſe anſchickte, wurden ihm wirklich Briefe an den Groß⸗Khan der Tartarei mit⸗ gegeben. Der feurige Enthuſiasmus des Columbus blieb hierbei nicht ſtehen. In den freien und ruͤckhaltloſen Mittheilun⸗ gen, welche das Herrſcherpaar ihm nun erlaubte, leuchtete ſein ahnungsvolles Gemuͤth in Verſprechungen unermeßlichen Wohlſtandes auf, der aus dieſen Entdeckungen hervorgehen werde, und er aͤußerte den Wunſch, daß die ſo erlangten — 156— Schaͤtze zu dem frommen Zweck verwandt werden ſollten, das heilige Grab zu Jeruſalem aus den Haͤnden der Un⸗ glaͤubigen zu erloͤſen. Das Herrſcherpaar laͤchelte bei dieſem Sprung ſeiner lebhaften Einbildungskraft, aber ſie erklaͤr⸗ ten, wohl damit uͤbereinzuſtimmen, und verſicherten ihn, daß ſie auch ohne die Fonds, welche er vorausſetze, zu dieſem heiligen Unternehmen geneigt waͤren.*) Was der Koͤnig und die Koͤnigin für einen Einfall augenblicklicher Erregung gehalten haben mochten, war jedoch ein tiefer und mit Liebe gehegter Plan des Columbus. Es iſt wirklich ein ſonder⸗ barer und charakteriſtiſcher umſtand, der nirgends beſonders hervorgehoben worden iſt, daß die Befreiung des heiligen Grabes einer der großen Gegenſtaͤnde ſeines Chrgeizes war, den er den uͤbrigen Theil ſeines Lebens hindurch verfolgte und der in ſeinem letzten Willen feierlich vorgeſehen iſt. In der That betrachtete er dieß als eines der großen Werke, zu welchen er vom Himmel als Fuͤhrer auserſehen worden, und ſpaͤter ſah er ſeine wichtige Entdeckung nur als eine vor⸗ bereitende Gnade der Vorſehung zur Ausfuͤhrung dieſes ſeines Vorſatzes an,.— Als nunmehr ein vollkommenes Einverſtaͤndniß mit dem *) Protestè a vuestras Altezas que toda la ganancia desta mi empresa se gastase en la conquista de Jerusalem, y vuestras Altezas se rieron, y dijeron que les placia, Fy que sin este tenian aquella ana. Journal des Columbus, bei Navarrete, t. 1. p. 117. — 157— Herrſcherpaar erreicht war, wurde Juan de Coloma, der Secretaͤr des Koͤnigs, beauftragt, die Artikel der Ueberein⸗ kunft aufzuſetzen. Sie waren folgenden Inhaltes: 1. Columbus ſolle fuͤr ſich ſelbſt auf Lebenszeit und fuͤr ſeine Erben und Nachfolger auf ewige Zeiten die Wuͤrde eines Admirals in allen Laͤndern und Reichen erhalten, welche er in dem Ocean entdecken oder erobern werde, mit aͤhnlichen Ehren und Vorrechten, wie ſich der Großadmiral von Caſtilien in ſeinem Bereich zu erfreuen habe; 2. Er ſolle Vicekoͤnig und Gouverneur aller gedachten Laͤnder und Reiche werden, mit dem Vorrechte, drei Bewer⸗ ber zum Gouvernement jeder Inſel oder Provinz vorzu⸗ ſchlagen, aus welchen von den Regenten einer ausgewaͤhlt werde; 3. Er ſolle berechtigt ſeyn, den zehnten Theil von allen Perlen, Edelſteinen, Gold, Silber, Spezereien, ſowie allen anderen Artikeln und Kaufwaaren, auf welche Art ſie auch im Umfange der Admiralitaͤt gefunden, gebrochen, getauſcht oder gewonnnen wuͤrden, nach Abzug der Koſten fuͤr ſich zu behalten. 4. Er oder ſein Lieutnant ſolle der einzige Richter ſeyn in allen Proceſſen und Irrungen, welche aus dem Ver⸗ kehr zwiſchen jenen Gegenden und Spanien hervorgehen wuͤrden, im Anbetracht, daß der Großadmiral von Caſtilien eine aͤhnliche Gerichtsbarkeit in ſeinen Diſtricten uͤbe. 5. Er ſolle gegenwaͤrtig und in allen kommenden Zei⸗ ten den achten Theil der Koſten fuͤr die Ausruͤſtung von — 158— Schiffen zu dieſer Entdeckung beitragen und hierfuͤr den achten Theil des Gewinns erhalten. Der letzte Punkt, worin erlaubt wird, daß Columbus ein Achtel des Unternehmens ſelbſt tragen koͤnne, wurde in Folge ſeines entruͤſteten Anerbietens feſtgeſetzt, als man ihm vorwarf, er verlange große Belohnungen, waͤhrend er doch keine Ausgaben mitbeſtreite. Er erfuͤllte dieſe Verpflichtung durch den Beiſtand der Pinzons in Palos und fuͤgte der Ausruͤſtung ein drittes Schiff bei. So iſt wirklich ein Achtel der Koſten zu dieſer von einem maͤchtigen Reiche unter⸗ nommenen großen Expedition von dem Einzelnen getragen worden, der den Plan davon entwarf und noch dazu ſein Leben an den Erfolg ſetzte. Die Uebereinkunft wurde von Ferdinand und Iſabella in der Stadt Santa Fé, in der Vega oder Ebene von Granada am 17. April des Jahres 1492 unterzeichnet. Ein Freiheitsbrief oder eine Beſtallung fuͤr Columbus von aͤhnlichem Inhalt, wurde in der Form ausgefertigt, und von den Souverainen in der Stadt Granada am 390. deſſel⸗ ben Monats vollzogen. Vermoͤge dieſes wurden die Wuͤrden und Vorrechte eines Vicekoͤnigs und Gouverneurs ebenfalls in ſeiner Familie erblich gemacht und er und ſeine Erben ermaͤchtigt, ihrem Namen den Titel Don vorzuſetzen, eine Auszeichnung, die in damaligen Zeiten nur Perſonen von Rang und anſehnlichen Beſitzungen ertheilt wurde, jetzt aber, bei der Allgemeinheit des Gebrauches in Spanien, allen Werth verloren hat. Alle koͤnigliche urkunden, welche in dieſer Angelegenheit — 4159— erlaſſen wurden, trugen die beiden Unterſchriften Ferdinands und Iſabellens, aber der Letzteren caſtiliſche Krone beſtritt die Koſten allein, und waͤhrend ihren Lebzeiten durften ſich außer Caſtilianern faſt keine Anſiedler in den neuen Laͤndern niederlaſſen.*) Der Hafen von Palos de Moguer in Andaluſien wurde zu dem Platz erkoren, wo die Ausruͤſtung geſchehen ſollte. Die Einwohner dieſer Hafenſtadt waren in Folge irgend einer ſchlimmen Auffuͤhrung von dem koͤniglichen Rathe verur⸗ theilt worden, die Krone auf ein Jahr mit zwei bewaffneten Caravelen zu verſehen. Eine koͤnigliche Ordonnanz erging am 30. April, daß der Magiſtrat von Palos zehn Tage nach Empfang dieſes Befehls die zwei Caravelen zum Aus⸗ laufen bereit halten und dieſelben mit ihrer Mannſchaft zur Verfuͤgung des Columbus ſtellen ſolle. Dieſer wurde ſodann ermaͤchtigt, ein drittes Fahrzeug anzuſchaffen und auszu⸗ ruͤſten. Die Mannſchaft von allen Dreien ſollte den ge⸗ woͤhnlichen Sold der auf bewaffneten Schiffen angeſtellten Seeleute erhalten und dieſe Loͤhnung vier Monate voraus bekommen. Sie ſollten in derjenigen Richtung ſegeln, welche Columbus unter koͤniglicher Autoritaͤt ihnen angeben wuͤrde, und ihm in allen Dingen Folge leiſten, jedoch mit der Be⸗ merkung, daß weder er noch ſie nach St. Georg la Mina, noch nach einer andern der neuentdeckten Beſitzungen von Portugal ſchiffen duͤrften. Eine Beſcheinigung ihres guten *) Charlevoix, hist. S. Domingo I. I., p. 79. — 160— Betragens, von Columbus unterſchrieben, ſolle ihre Enthe⸗ bung von der Verbindlichkeit gegen die Krone bezeichnen.*r) Es gingen zu gleicher Zeit Befehle von den Monarchen an alle oͤffentliche Autoritaͤten, ſowie Leute jeden Ranges und Standes an den Seekuͤſten von Andaluſien aus, worin ihnen anempfohlen wird, fuͤr die Ausruͤſtung der Schiffe Lebensmittel und ſonſtige Beihuͤlfe jeder Art zu billigen Preiſen abzulaſſen, und mit Strafen wurden diejenigen be⸗ droht, welche irgend ein Hinderniß verſchuldeten. Auflagen ſollten von keinem Artikel zur Ausruͤſtung der Schiffe er⸗ hoben werden; alle Criminal⸗Proceduren gegen die Perſonen oder das Eigenthum derer, die der Expedition beiwohnten, ſollten waͤhrend ihrer Abweſenheit eingeſtellt werden und erſt zwei Monate nach ihrer Ruͤckkehr wieder beginnen.*) — Eine ausgezeichnete Gnade, welche das edle, liebreiche 5 Gemuͤth Iſabellens bezeichnet, widerfuhr Columbus vor ſeiner Abreiſe von Hofe. Ein Albala oder Patent wurde am 8. Mai von der Koͤnigin erlaſſen, welches ſeinen Sohn Diego zum Pagen bei dem Prinzen Don Juan, mit einer Beſtimmung fuͤr ſeinen Unterhalt, ernannte, eine Ehre, welche ſonſt nur den Soͤhnen von Perſonen hohen Ranges widerfuhr.***) Auf ſolche Art mit der Erfuͤllung ſeiner theuerſten *) Navarrete, collect. de Viages, t. II., doc. 6. *) Navarrete collect. t. II., doc. 8. 9. *) Navarrete collect. t. II., doc. 11. — 4161— Wuͤnſche begnadigt, nach einem Zeitraume voll Widerwaͤrtig⸗ keiten und Verzoͤgerungen, die einen gewoͤhnlichen Menſchen zur Verzweiflung gebracht haͤtten, nahm nunmehr Columbus am 12. Mai vom Hofe Abſchied und reiſte mit frohem Herzen nach Palos ab. Moͤgen ſich diejenigen, welche unter dem Druck von Schwierigkeiten bei der Verfolgung großer und wuͤrdiger Unternehmungen muthlos werden, erinnern, daß achtzehn Jahre ſeit dem erſten Entſchluß des Columbus verfloſſen, bis er in den Stand geſetzt wurde, denſelben in Ausfuͤhrung zu bringen; daß er die meiſte Zeit mit hoff nungsloſen Bewerbungen, unter der Laſt von Armuth, Spott und Vernachlaͤſſigung, zubrachte, daß der Lenz ſeiner Jahre in Muͤhſalen dahinſchwand, und daß er, als ſeine Beharr⸗ lichkeit endlich mit Erfolg getroͤnt wurde, ungefaͤhr in ſeinem ſechs und funfzigſten Lebensjahre ſtand. Sein Beiſpiel ſollte Kleinmuͤthige lehren, in ihren Unternehmungen niemals zu verzweifeln. Neuntes Kapitel. Zuruͤſtung der Expedition in dem Hafen von Palos. Columbus zeigte ſich noch einmal an der Pforte des Kloſters La Rabida, aber jetzt mit triumphirender Miene. Irving's Columbus. 1— 3. 11 * — 162— Er wurde von dem wuͤrdigen Prior mit offenen Armen empfangen und blieb wieder ſein Gaſt, ſo lange er in Palos verweilte.*) Der Charakter und die Stellung des Juan Perez gaben dieſem Manne großes Anſehen in der Nach⸗ barſchaft, und er benutzte dieſes ſo viel er nur konnte zur Unterſtuͤtzung des erſehnten Unternehmens. Von dieſem eifri⸗ gen Freunde begleitet, erſchien Columbus am 23. Mai in der Kirche des heiligen Georg zu Palos. Hier wurde der koͤnigliche Befehl wegen der zwei Caravelen, welche die Stadt zu liefern und ihm zur Verfuͤgung zu ſtellen habe, foͤrmlich von dem beeidigten Notar des Ortes in Anweſen⸗ heie der Alcalden und Regidors und vieler Einwohner der Stadt abgeleſen, und puüͤnktliche Erfuͤllung verſprochen.*) Als aber die beabſichtigte Fahrt bekannt wurde, lief ein Erſtaunen und eine Art von Schauder durch das ganze Staͤdtchen. Die Einwohner ſahen die ihnen abgeforderten Schiffe ſammt ihrer Bemannung als Opfer an, welche dem Verderben geweiht werden ſollten. Die Eigenthuͤmer von Schiffen weigerten ſich, fuͤr einen ſo verzweifelten Dienſt Fahrzeuge zu ſtellen, und die kuͤhnſten Seeleute entſetzten ſich vor einem ſo tollen und traͤumeriſchen Kreuzzuge in die Wildniſſe des Oceans. Alle die ſchrecklichen Erzaͤhlun⸗ gen und Fabeln, mit welchen die Unwiſſenheit und der Aberglauben dunkle und in Geheimniß gehuͤllte Laͤnder zu *) Oviedo cronica de las Indias I. II, c. 5. *†) Navarrete collect, de Viages t. II. doc 7. — 463— bevoͤlkern geneigt ſind, wurden jetzt fuͤr die unbekannten Lande der unendlichen Meeresflaͤche heraufbeſchworen, und ſpukten bei den Baſenſchaften von Palos, damit Ahle abgeſchreckt wuͤrden, ſich zu der Unternehmung mit einſchif⸗ fen zu laſſen. Nichts kann einen ſtaͤrkeren Beweis von der kuͤhnen Natur dieſes Unternehmens geben, als die ausnehmende Furcht, womit dieſe Gemeinde von Meeresbewohnern daſſelbe betrachtete, welche doch aus den keckſten Seeleuten damaliger Zeit beſtand. Ungeachtet des gebietenden Tones des koͤnig⸗ Gewalt beizutreiben, und die Schiffsherrn ſammt ihrer Mannſchaft zu zwingen, mit Columbus in See zu gehen, es ſey auch nach welcher Richtung er, den koͤniglichen Be⸗ fehlen zufolge, ſchiffen werde. Juan de Penaloſa, ein Mitglied des koͤniglichen Hausmarſchallamtes, wurde abge⸗ ſandt, um auf die ſtrenge Erfuͤllung dieſes Gebotes zu achten, mit zweihundert Maravedi's Diaͤten, ſo lange als . 11*½ — 414— derſelbe mit dieſem Geſchäft beauftragt waͤre, welche Tag⸗ gelder von denjenigen zu bezahlen ſeyen, die ſich gegen den Befehl ſetzen oder ſaͤumig zeigen wuͤrden; außerdem enthielt das Mandat noch andre Strafbeſtimmungen. Dieſer Befehl wurde von Columbus in Palos und in der benach⸗ barten Stadt Moguer in Vollzug geſetzt, aber augenſchein⸗ lich mit eben ſo ſchlechtem Erfolg, wie der vorige. Die Gemeinden dieſer Oerter geriethen in voͤllige Verwirrung, es gab Streit und Unruhe, aber es konnte nichts zu Stande gebracht werden. Endlich trat Martin Alonzo Pinzon, ein reicher und unternehmender Schiffer, deſſen bereits fruͤher gedacht worden iſt, auf und nahm ſich dieſer Seeerpedition entſchieden und mit perſoͤnlichem Intereſſe an. Welches Einverſtaͤndniß er mit Columbus wegen ſeiner Belohnung unterhielt, iſt nicht bekannt. In dem Zeugenverhoͤr, welches viele Jahre ſpaͤter in dem Proceß zwiſchen Don Diego, Columbus Sohn und der Krone ſtatt hatte, wurde von mehreren Zeugen ver⸗ ſichert, Pinzon habe ſich mit ihm auf Theilung ſeines Ge⸗ winns verbunden; aber die Ausſagen in dieſem Proceß waren ſo voller Widerſpruͤche und offenbarer Irrthuͤmer, daß es ſchwer iſt, den Grad der Wahrheit auszumitteln, den ſie enthalten haben moͤgen. Da kein unmittelbarer Gewinn bei der Expedition erfolgte, ſo geſchah auch kein Anſpruch dieſer Art. Gewiß iſt es, daß der Beiſtand Pinzons ſehr zu rechter Zeit der Sache Nachdruck gab; und viele Zeugen in jenem Proceß erklaͤrten, daß es, wenn er nicht ge⸗ kommen wäre, durchaus unmoͤglich geweſen ſey, die noͤthige S ——— Ausruͤſtung zuſammenzubringen. Er und ſein Bruder Vin⸗ cente Yanjes Pinzon, auch ein Schiffer von großer Ent⸗ ſchloſſenheit und Tuͤchtigkeit, der nachmals eine ausgezeich⸗ nete Stellung erhielt, beſaßen Fahrzeuge und hatten Ma⸗ troſen in ihren Dienſten. Sie waren zugleich mit vielen Schifferfamilien in Palos und Moguer verwandt und uͤbten einen großen Einfluß auf die ganze Nachbarſchaft aus. Es wird vermuthet, daß ſie Columbus mit den Fonds ver⸗ ſahen, um den achten Theil der Koſten an der Aus ruͤſtung zu tragen, wozu er ſich verpflichtet hatte. Sie lieferten auch eins von den Schiffen, und entſchloſſen ſich den Be⸗ fehl anzunehmen und die Erpedition mitzumachen. Ihr Beiſpiel wirkte Wunder und beſtimmte mit Huͤlfe von Ueberredungen eine große Anzahl ihrer Verwandten und Freunde, ſich anzuſchließen, ſo daß durch ihre große An⸗ ſtrengung die Schiffe binnen einem Monat vom Tage der eingegangenen Verbindlichkeit ſegelfertig daſtanden.*) Nach den großen Schwierigkeiten, welche mehrere Hoͤfe dieſer Expedition entgegenſetzten, iſt es erſtaunenswerth, welche unbetraͤchtliche Zuruͤſtung dazu erfordert wurde. Es iſt klar, daß Columbus ſeine Forderungen auf die engſten Graͤnzen beſchraͤnkte, damit man nicht zu große Koſten zur abſichtlichen Verhinderung vorſchuͤtzen koͤnne. Drei kleine Schiffe waren augenſcheinlich alles, was er verlangt hatte. Zwei davon waren leichte Barken, Caravelen ge⸗ *) Ausſage des Ariaz Perez in dem Proceß⸗ — 166— nannt, nicht groͤßer als man ſie in neuerer Zeit zur Schif⸗ fahrt auf den Stroͤmen und an den Kuͤſten brauchte. Ab⸗ bildungen von ſolcher Art Schiffen exiſtiren noch auf alten Gemaͤlden und Kupferſtichen.*) Sie werden als offene Fahrzeuge dargeſtellt, ohne Verdeck in der Mitte, aber am Vordertheil und Hintertheil in die Hoͤhe gebaut, mit Kajuͤten und Verſchlaͤgen zur Bequemlichkeit der Schiffs⸗ mannſchaft. Peter Martyr, der gelehrte Zeitgenoſſe des Columbus ſagt, daß nur eines von den dreien Schiffen ge⸗ deckt geweſen ſey.**) Die geringe Groͤße der Schiffe wurde von Columbus bei einer Entdeckungsreiſe fuͤr einen Vortheil gehalten, weil ſie es ihm moͤglich machte, ſich den Kuͤſten zu naͤhern und in kleinere Fluͤſſe und Haͤfen einzulaufen. Bei ſeiner dritten Reiſe, als er in dem Meerbuſen von Paria vor Anker lag, beklagte er ſich uber die Groͤße ſei⸗ nes Schiffes, welches nahe an hundert Tonnen Gewicht hatte. Aber daß ſolche lange und gefahrvolle Expeditionen nach unbekannten Meeren in Schiffen ohne Verdeck gemacht wurden und ſich in den heftigen Sturmen, von weichen ſie oft heimgeſucht wurden, erhalten konnten, iſt einer jener wunderbaren Umſtaͤnde dieſer kuͤhnen Reiſen. Waͤhrend die Schiffe ausgeruͤſtet wurden, gab es neue Verwirrung und Schwierigkeiten. Eines von dieſen Schiffen, *) Man ſehe in den Erläuterungen den Artikel: Schiffe des Columbus. **) Peter Martyr, Decad. I, I. 1. — y— — 167— die Pinta genannt, war mit ſeinem Eigenthuͤmer und Schiffe⸗ volk von den Magiſtraten unter der Autoritaͤt der Sou⸗ veraine zu dieſer Expedition gepreßt worden; und es iſt ein auffallender Beleg von der despotiſchen Gewalt, welche in jenen Zeiten uͤber den Handel ausgeuͤbt wurde, daß ehr⸗ ſame Leute auf dieſe Weiſe mit Dienern und Schiffen ge⸗ zwungen werden konnten, an einem von ihnen fuͤr toll und wahnſinnig gehaltenen Vorhaben Theil zu neymen. Die Eigenthuͤmer dieſes Schiffes, Gomez Rascon und Chri⸗ ſtoval Guintero, zeigten den groͤßten Widerwillen gegen die Reiſe und nahmen thaͤtigen Antheil an einigen Unruhen und Streitigkeiten, welche ausbrachen.*) Verſchiedene Seeleute waren eben ſo genoͤthigt worden, an Bord der anderen Schiffe zu gehen; ſie und ihre Freunde legten alle erdenkliche Hinder⸗ niſſe in den Weg, um die Reiſe aufzuſchieben und wankend zu machen. Die mit Ausbeſſerung der Schiffe beſchaͤftigten Arbeiter verrichteten ihr Tagewerk auf eine nachlaͤſſige und unvollkommene Weiſe, und wenn man ihnen anbefahl, es beſſer zu machen, ſo entfernten ſie ſich**); einigen von den Schiffsleuten, welche ſich freiwillig geſtellt hatten, kam Reue an, fo tollkuͤhn geweſen zu ſeyn, oder ſie wurden von ih⸗ ren Verwandten abſpenſtig gemacht und ſuchten ſich zuruͤck⸗ zuziehen; andre riſſen aus und ließen ſich nicht mehr ſehen. Alles mußte mit den haͤrteſten und willkuͤhrlichſten Maß⸗ *) Journal des Columbus, Navarreke t. I. p. 4. Hisr, del Almirante, c. 15. *) Las Casas hist, Ind, 1. I. c. 77. MS. — 168— regeln gegen das oͤffentliche Müethrihell und den Widerſpruch der Leute durchgeſetzt werden. 1 Endlich im Anfang des Auguſts waren alle Schwierig⸗ keiten beſiegt und die Schiffe zur Abfahrt bereit. Das groͤßte, welches eigens zu dieſer Reiſe hergerichtet wurde, und mit einem Verdeck verſehen war, erhielt den Namen Santa Maria; am Bord dieſes Schiffes ſteckte Columbus ſeine Flagge auf. Das zweite, die Pinta, kam unter den Befehl des Martin Alonzo Pinzon, welchem ſich deſſen Bru⸗ der Franciseo Martin als Steuermann beigeſellte. Das dritte, die Ninja genannt, welches ſchmale Segel hatte, wurde unter die Obhut des dritten Bruders Vicente Yanſez Pin⸗ zon geſtellt. Es waren noch drei andre Steuermaͤnner, Sancho Ruiz, Pedro Alonzo Ninjo und Bartholomeo Rol⸗ dan. Roderlgo Sanchez von Segovia war General⸗Inſpec⸗ tor der Ausruͤſtung, und Diege de Arana, aus Cordova gebuͤrtig, Ober⸗Alguazil. Roderigs de Escobar ging mit als koͤniglicher Notar, ein Beamter, der immer bei Seeex⸗ peditionen der Krone ſeyn mußte, um alle Verhandlungen in amtlicher Form aufzunehmen. Es waren endlich noch ein Arzt und ein Wundarzt dabei, dann verſchiedne Pri⸗ vat⸗Abenteurer, einige Dienerſchaft und neunzig Makroſen — alle zuſammen einhundert und zwanzig Perſonen.*) Ehe Columbus ſeine Reiſe antrat, nahm er ſeinen Sohn ³) Chatydir, hist. 8. Doming. 1 8 znuujo⸗ hie. nuevo mundo, 1, 11. 11 Diego aus dem Kloſter La Rabida und ſtellte ihn unter die Aufſicht des Juan Rodriguez Cabezudo, eines Einwohners der Stadt Moguer, und Martin Sanches, eines Geiſtlichen an demſelben Ort;*) vermuthlich damit er die Welt etwas kennen lerne, ehe er an den Hof kaͤme. Als das kleine Geſchwader zur See fertig war, ſo ging Columbus, um ſeinem Unternehmen die geziemende Feierlich⸗ keit zu geben, bei dem Pater Juan Perez zur Beichte und nahm das heilige Abendmahl. Seine Officiere und die Mannſchaft folgten ſeinem Beiſpiele, ſie begannen ihre See⸗ fahrt voll Ehrfurcht und mit den froͤmmſten und ruͤhrendſten Andachtsuͤbungen, indem ſie ſich der beſonderen Leitung und Obhut der Vorſehung empfahlen. Eine tiefe Traurigkeit verbreitete ſich bei ihrem Abgang uͤber das ganze Staͤdtchen Palos, denn faſt ein Jedes hatte einen Verwandten oder Freund am Bord des Geſchwaders. Die Herzen der See⸗ leute, ſchon durch eigne Furcht niedergeſchlagen, wurden noch viel mehr durch die Betruͤbniß derer entmannt, die ſie zuruͤckließen, welche nun unter Schluchzen und Weinen und boͤſen Vorbedeutungen von ihnen Abſchied nahmen, als ſollten ſie dieſelben nie mehr wiederſehen. ) Zeugniß des Juan Rodriguez Cabezudo in dem Proceß zwiſchen Don Diege Columbus und dem Fiscus, Drittes Buch. Erſtes Kapitel. Abreiſe des Columbus auf ſeiner erſten Expedition. (1492.) Es war an einem Freitag Morgen ganz in der Fruͤhe, am 3. Auguſt des Jahres 1492, als Columbus zu ſeiner erſten Entdeckungsreiſe die Anker lichten ließ. Er fuhr von der Bank von Saltes, einer kleinen Inſel, welche die Arme des Fluſſes Odiel bilden, im Angeſicht der Stadt Huelva abwaͤrts und ſteuerte in ſuͤdweſtlicher Richtung nach den canariſchen Inſeln, von wo er gerade nach Weſten hin⸗ uͤber zu ſchiffen beabſichtigte. Von dieſer Reiſe legte er ſich ein regelmaͤßiges Tagebuch an, welches er fuͤr die ſpaniſchen Souveraine beſtimmte. Es faͤngt mit einer feierlichen Vor⸗ rede an, worin mit folgenden Worten die Gruͤnde und Aus⸗ ſichten, die ihn zu dieſem Unternehmen geleitet, auseinan⸗ dergeſetzt ſind: In nomine D. N. Jesu Christi: Wenn, allerchriſt⸗ lichſte, allerhoͤchſte, allerdurchlauchtigſte und großmaͤchtigſte Gebieter, Koͤnig und Koͤnigin der Spanier und der Inſeln im Meere, unſere Souveraine, in dem gegenwaͤrtigen Jahre Eintauſend vierhundert und zweiundneunzig, nachdem Ew. Hoheiten dem Krieg gegen die Mauren, welche in Europa herrſchten, ein Ziel geſetzt und den Feldzug in der großen Stadt Granada beendigt, wo ich, am zweiten Fanuar die⸗ ſes gegenwaͤrtigen Jahres, die koͤniglichen Banner Ew. Ho⸗ heiten mit gewaffneter Hand auf die Thuͤrme der Alham⸗ bra, der Veſte dieſer Stadt, pflanzen ſah, und den mau⸗ riſchen Koͤnig erblickte, wie er aus den Thoren der Stadt trat und die koͤniglichen Haͤnde Eurer Hoheiten und mei⸗ nes Herrn des Prinzen kuͤßte; wenn nun unmittelbar darauf, in demſelben Monat, an Ew. Hoheiten von mir die Anzeige geſchehen iſt, von den Laͤndern Indiens und von dem Fuͤrſten, der genannt wird der Groß⸗ Khan, welches in unſerer Sprache gedollmetſcht iſt Koͤnig der Koͤnige, wie ſelbiger und ſeine Vorfahren zu verſchiede⸗ nen Zeiten nach Rom geſandt haͤtten, um ſich Lehrer unſe⸗ res heiligen Glaubens zu erbitten, die ſie in ſelbigem unter⸗ richten moͤchten, und wie der heilige Vater dieſelben niema⸗ len damit verſehen, daß daher ſo viel Volkes verloren ſey, die an Abgoͤtterei glauben und Lehren der Verderbniß ein⸗ ſaugen:— ſo haben Ew. Hoheiten als katholiſche Chriſten und Regenten, als Bekenner und Foͤrderer des heiligen chriſtlichen Glaubens, und als Feinde der Secte des Ma⸗ homed, alles Irrglaubens und jeder Ketzerei, Sich ent⸗ — 12— ſchloſſen, mich, Chriſtophorus Columbus, nach genannten dieſen Gegenden von Indien auszuſenden, ſelbige Fuͤrſten, ihr Volk und ihre Laͤnder zu ſehen, ingleichen die Natur und Beſchaffenheit derſelbigen insgeſammt, wie auch die Wege, welche fuͤr deren Bekehrung zu unſerem heiligen Glauben einzuſchlagen ſeyen, zu erforſchen; und haben zu dem Ende befohlen, daß ich nicht zu Land nach Oſten gehe, wie es der Gebrauch iſt, ſondern mittelſt einer Reiſe nach Weſten, welche Fahrt unſeres Wiſſens und Dafuͤrhaltens bis auf den heutigen Tag noch Niemand unternommen hat. Ew. Hoheiten haben alſo, nachdem Sie alle Juden aus Ih⸗ ren Koͤnigreichen und Laͤndern vertrieben, mir in demſelben Monat Jaͤnner befohlen, mit einer hinlaͤnglichen Zuruͤſtung nach den gedachten Laͤndern Indiens auszulaufen, und haben zu dem Ende große Gnaden auf mich gehaͤuft, indem Sie mich in den Adelſtand erhoben, daß ich mich hinfuͤro Don ſchreiben koͤnne, haben mich zum Groß⸗Admiral des Welt⸗ meeres ernannt, wie auch zum beſtaͤndigen Vicekoͤnig und Statthalter aller Inſeln und Feſtlande, welche ich entdecken und gewinnen wuͤrde, und welche von da an entdeckt und gewonnen werden moͤchten in dem großen Ocean; und ſolle mein aͤlteſter Sohn mein Nachfolger ſeyn, und ſo fort von Geſchlecht zu Geſchlecht, auf ewige Zeiten.— Demge⸗ maͤß bin ich abgereiſt von der Stadt Granada, Sonnabend den 12. Mai in demſelben Jahre 1492, nach Palos, dem Seehafen, wo ich drei fuͤr ſolchen Dienſt gut geeignete Schiffe ausruͤſtete, und von dieſem Hafen mit Lebensmitteln und mit vielen Seeleuten wohl verſehen ausfuhr, Freitag — 173— den 3. Auguſt deſſelben Jahres, eine halbe Stunde vor Son⸗ nenaufgang, und meinen Weg nahm nach den canariſchen Inſeln, Ew. Hoheiten Beſitzthum, von da zu ſegeln in ge⸗ rader Richtung, und weiter zu ſchiffen bis ich bei den In⸗ dien ankaͤme und mich der Botſchaft Ew. Hoheiten an jene Fuͤrſten entledigen koͤnne und erfüllen moͤge alles, was Sie mir geboten haben. Zu dieſem Endzweck nehme ich mir vor, waͤhrend dieſer Reiſe ganz punktlich Tag fuͤr Tag aufzu⸗ ſchreiben, was ich thue und ſchaue und erfahre, wie ſolches hiernach zu erſehen ſeyn wird. Auch, meine ſouveraine Gebie⸗ ter, außerdem, daß ich in jeder Nacht alles dasjenige niederſchreiben will, was ſich am Tage zugetragen hat, und am Tage die Schiffahrt waͤhrend der Nacht, ſetze ich mir vor, eine Karte zu zeichnen, auf welcher ich die Gewaͤſſer und Laͤnder im großen Weltmeer eintragen will in ihrer ei⸗ gentlichen Lage unter ihren Graden, ferner auch ein Buch zu ſchreiben, worin ich alles nach den Laͤngegraden vom Ae⸗ quator, und nach den Breitegraden von Weſten verzeichnen werde; und uͤber alles das wird es noͤthig ſeyn, daß ich den Schlaf vergeſſe und eifrig der Schiffahrt warte, um dieſe Dinge zu vollenden, welche eine große Arbeit ſeyn wer⸗ den.*) So ſind von Columbus foͤrmlich und ausdruͤcklich die Gegenſtaͤnde dieſer außerordentlichen Fahrt beſchrieben wor⸗ den. Die weſentlichen Thatſachen, welche noch aus ſeinem *) Navarrete collect, viag. t. I, p. 1. — 1— Tagebuch hervorgehen, ſind in dem gegenwäͤrtigen Werk an ihrem Ort eingetragen.*) Als ein Fuͤhrer, um darnach zu ſegeln, hatte er eine Seekarte oder Weltkarte entworfen, welche nach der ihm von Paolo Toscanelli zugeſandten be⸗ richtigt war. Keine von dieſen iſt mehr vorhanden; nur die Erdkugel oder das Planiſphaͤrium des Martin Behaim aus dem Jahr der erſten Reiſe des Admirals exiſtirt noch und gibt eine Vorſtellung, wie die Karte des Columbus ausgeſe⸗ hen haben mag. Dieſe Erdkugel zeigt die Kuͤſten von Eu⸗ ropa und Afrika, vom ſüdlichen Irland bis an die Enden *) Ein Auszug aus dieſem Tagebuche, welchen aas Caſas gemacht, iſt kürzlich entdeckt und in dem erſten Bande der Sammlung des Senijor Navarrete bekannt gemacht worden. Viele Stellen dieſes Auszuges wurden ſchon viel früher von Las Caſas in ſeiner Geſchichte von In⸗ dien benutzt, und daſſelbe Journal iſt von Fernando Columbus in der Lebensbeſchreibung ſeines Vaters fleißig ausgeſchrieben worden. In der gegenwärtigen Erzählung von ſeiner Reiſe hat der Verfaſſer das von Navarrete mit⸗ getheilte Tagebuch, die Geſchichte des Las Caſas im Ma⸗ nuſcript, die Geſchichte Indiens von Herrera, das Leben des Admirals von ſeinem Sohne, die Chronik Indiens von Oviedo, die Geſchichte Ferdinands und Jſabellens von Anarez Bernaldez, Pfarrer von Los Palacios, ſowie die Briefe und Decaden über den Ocean von Peter Martyr benutzt; alle dieſe waren, mit Alusnahme von Herrera, Zeitgenoſſen und Bekannte von Columbus. Sie ſind die hauptſächlichſten Gewährsmänner, welche befragt wurden; zerſtreute Aufklärungen wurden gelegentlich aus anderen Quellen entnommen, —— — 175— von Guinea, und dieſen Welttheilen gegenuͤber auf der ent⸗ gegenſtehenden Seite des atlantiſchen Meeres die aͤußerſten Graͤnzen von Aſien oder, wie man es nannte, von Indien. Zwiſchen dieſen liegt die Inſel Cipango(oder Japan), welche nach Marco Polo funfzehnhundert Meilen von der aſiati⸗ ſchen Kuͤſte entfernt iſt. Columbus ruͤckte dieſe Inſel in ſeiner muthmaßlichen Berechnung ungefaͤhr tauſend Meilen zu weit nach Oſten, ſo daß ſie etwa in die Gegend von Florida zu liegen kam.*) Die Gluͤckſeligkeit des Columbus, als er nach ſo vielen Jahren getaͤuſchter Hoffnungen endlich auf ſeine große Unternehmung ausging, wurde ſehr gedaͤmpft durch das Mißtrauen in die Entſchloſſenheit und Beharr⸗ lichkeit ſeiner Mannſchaft. So lang er ſich noch im Ange⸗ ſichte Europa's befand, war er nicht ſicher, daß die Leute nicht in einem Augenblick der Reue und Unruhe einſtimmig von dem Verfolg der Reiſe abſtehen und auf ihre Ruͤckkehr dringen koͤnnten. Es ereigneten ſich bald Dinge, welche dieſe Beſorgniß beſtaͤtigten. Am dritten Tage gab die Pinta Signal von einem vorgefallnen Ungluͤck: es zeigte ſich, daß ihr das Steuerruder gebrochen war. Columbus argwoͤhnte, daß es von den Eigenthuͤmern abſichtlich geſchehen ſey, um das Schiff untauglich zu machen und damit zuruͤckſegeln zu duͤrfen. Wie bereits oben bemerkt, waren ſie großentheils wider ihren Willen zum Dienſte genommen, und ihre Cara⸗ — *) Malte-Brun geogr. univ. t. II. p. 283. vele den koͤniglichen Befehlen gemaͤß fuͤr die Expedition aus⸗ gehoben worden. Sh Columbus wurde ſehr beſtuͤrzt uͤber dieſen Unfall. Er gab ihm einen Vorſchmack von den ferneren Schwierigkeiten, die ihm durch eine Mannſchaft bereitet wuͤrden, welche zum Theil zur Fahrt gepreßt worden, und insgeſammt voll von Zweifeln und uͤbeln Erwartungen war. Selbſt gewoͤhnliche Hemmungen konnten bei dem gegenwaͤrtigen kritiſchen Stand der Reiſe einen paniſchen Schrecken verbreiten, Meuterei in den drei Schiffen zur Folge haben, und den Zweck ſeiner Reiſe voͤllig zunichte machen. Der Wind blies grade ſtark in ihre Segel, ſo daß er ſelbſt keinen Beiſtand leiſten konnte, ohne ſein eignes Schiff in Gefahr zu ſetzen. Gluͤcklicherweiſe befehligte Martin Alonzo Pinzon das ſchadhafte Schiff, und da derſelbe ein geſchickter und gewandter Seemann war, ſo gelang es ihm, das Steuer⸗ ruder mit Stricken zurecht zu binden, ſo daß das Fahrzeug wieder regiert werden konnte. Das war jedoch nur ein au⸗ genblickliches und ſchwaches Mittel; die Stricke lockerten ſchon am folgenden Tage, und nun waren die anderen Schiffe gezwungen, die Segel einzuziehen, bis man das Ru⸗ der wieder in Stand ſetzen konnte. Dieſer beſchaͤdigte Zuſtand der Pinta und der fernere Umſtand, daß ſie leck wurde, beſtimmten den Admiral, bei den canariſchen Inſeln zu verweilen, und ſich nach einem Schiff umzuſehen, womit ſie erſetzt werden koͤnne. Er be⸗ hauptete, ſie ſeyen nicht weit mehr von dieſen Inſeln ent⸗ fernt, obgleich ihm von den Lootſen des Geſchwaders wider⸗ —, — 177— ſprochen wurde. Der Ausgang bewies, daß er recht gehabt und ein beſſerer Beobachter und Rechner war; denn ſie ka⸗ men am 6. Morgens auf der Hoͤhe der canariſchen Inſel an. Ueber drei Wochen wurden ſie bei dieſen Inſeln aufgehal⸗ ten, indem ſie ſich vergebens nach einem anderen Fahrzeug umſahen. Sie waren daher genoͤthigt, der Pinta ein neues Steuerruder zu geben, und ſie ſo gut wie moͤglich fuͤr die Reiſe auszubeſſern. Die ſpitzwinklichen Segel der Ninja wurden ſodann in viereckige verwandelt, damit ſie ſteter und ſicherer arbeiten und den andern Schiffen nachkommen koͤnne. Waͤhrend ſie zwiſchen dieſen Inſeln kreuzten, bekamen ſie auch Teneriffa zu Geſicht, deren hoher Pick das Schau⸗ ſpiel heftigen Ausbruchs von Rauch und Flammen gab. Das Schiffsvolk erſchrak bei dieſem Anblick, erklaͤrte es in der Angſt fuͤr ein außerordentliches Naturwunder und leitete eine uͤble Vorbedeutung daraus ab. Columbus hatte große Noth, ihnen ihre Furcht zu benehmen, erklaͤrte den natuͤr⸗ lichen Zuſammenhang dieſer vulkaniſchen Ausbruͤche und er⸗ laͤuterte ſeine Lehre mit dem Beiſpiele des Berges Aetna und anderer wohlbekannten Vulkane. Indem man ſich mit Holz, Waſſer und Lebensmitteln von der Inſel Gomera verſah, kam ein Schiff von Ferro, welches ausſagte, daß drei portugieſiſche Caravelen bei die⸗ ſer Inſel gekreuzt haͤtten, welche, wie man ſage, beabſichtig⸗ ten, den Columbus gefangen zu nehmen. Der Admiral vermuthete irgend eine Hinterliſt von Seiten des Koͤnigs von Portugal, um ſich zu raͤchen, weil er nun in ſpaniſchen Irving's Columbus. 1—3. 12 — 178— Dienſten in See gehe; er verlor daher keine Zeit, das hohe Meer zu gewinnen, ungeduldig, dieſen Inſeln bald aus dem Geſicht und voͤllig aus dem Geleiſe der Schiffahrt zu kom⸗ men, indem er fuͤrchtete, es moͤchte ihnen irgend etwas begeg⸗ nen, was ihre Expedition, die unter ſo ſchlimmen Auſpi⸗ cien begonnen, zunichte machen koͤnnte. Zweites Kapitel. —— Fortſetzung der Reiſe. Abweichung der Mag⸗ netnadel. (1⁴92.) Fruͤh Morgens am 6. September ließ Columbus bei der Inſel Goinera die Anker lichten, und nun erſt konnte man ſagen, daß er in die Regionen der Entdeckung einge⸗ drungen ſey, nachdem er dieſe Graͤnz⸗Eilande der alten Welt hinter ſich hatte und weſtwaͤrts nach den unbekannten Gegenden des atlantiſchen Meeres ſteuerte. Aber drei Tage hindurch hielt eine voͤllige Windſtille die Schiffe mit flartern⸗ den Segeln in einer kurzen Entfernung vom Lande gefeſſelt. Das waren Tantalusqualen fuͤr Columbus, welcher vor 3 179— Begierde brannte, weit in das offene Weltmeer hineinzu⸗ ſchiffen, wo ihre Blicke kein Land und kein Segel mehr traͤ⸗ fen, was in der reinen Atmoſphaͤre dieſer Breitegrade ſchon eine unglaubliche Entfernung ſeyn mußte. Am naͤchſten Sonntage den 9. September ſah er Ferro, die letzte der canariſchen Inſeln ungefaͤhr neun Stunden entfernt liegen. Dieß war die Inſel, wo man die portugieſiſchen Caravelen erblickt hatte; er war alſo ganz in der Naͤhe der Gefahr. Zum Gluͤck erhob ſich mit Sonnenaufgang ein guͤnſtiger Wind, welcher die Segel wieder ſchwellte, und im Laufe des Tages verſchwanden die Hoͤhen von Ferro allmaͤhlig am Horizonte. Als die letzte Spur von Land verſchwunden war, ſank den Schiffleuten aller Muth. Sie ſchienen im eigentlichſten Sinn von der Welt Abſchied genommen zu haben. Jenſeits lag alles, was ihrem Herzen theuer war: Vaterland, Weib und Kind, Freunde, das Leben ſelbſt; vor ihnen nichts als ein Chaos, Geheimniß und Gefahr. In der Niedergeſchla⸗ genheit des Augenblicks verzweifelten ſie, jemals ihre Hei⸗ math wieder zu ſehen. Mancher rauhe Seemann vergoß Thraͤnen und Einige brachen in lautes Wehklagen aus. Der Admiral gab ſich alle Muͤhe, ihren Jammer zu lindern und ihnen ſeine eignen glaͤnzenden Hoffnungen einzufloͤßen. Er beſchrieb ihnen die prachtvollen Gegenden, wo er ſie hin⸗ fuͤhren wolle, die Eilande der indiſchen Gewaͤſſer, die von Gold und Edelſteinen ſtrotzten, die Laͤnder Mangt und Ca⸗ thay mit ihren Staͤdten voll unuͤbertroffenen Reichthums und Glanzes. Er verſprach⸗ihnen Laͤndereien und Schätze 12* — 186— und alles was ihre Begterde reizen oder ihre Einbildungs⸗ kraft entflammen konnte; auch wollte Columbus ſeine Leute nicht mit dieſen Verſprechungen taͤuſchen, ſondern er ſelber glaubte, daß ſich das alles verwirklichen werde. Nun ertheilte er Befehle an die Commandeurs der an⸗ deren Schiffe, daß, im Fall ſie durch irgend einen Umſtand getrennt wuͤrden, jedes ſeinen Weg nach Weſten fortſetzen ſolle; doch nachdem ſie ſiebenhundert Seemeilen*) geſegelt waͤren, ſollten ſie von Mitternacht bis zum Tagesanbruch beilegen, weil er in dieſem Abſtande ſicher Land zu finden hoffe. Mittlerweile aber, da er es fuͤr moͤglich hielt, daß er in der bezeichneten Strecke kein Land enldecken moͤchte, und da er vorherſah, daß die leeren Schrecken, die ſich ſchon bei der Mannſchaft erhoben, mit dem Raume wachſen wuͤrden, der ſich zwiſchen ihnen und ihrer Heimath ausdehnte, ſo ver⸗ fiel er auf eine Liſt, welche er auf der ganzen Reiſe fort⸗ ſpielte. Er fuͤhrte zwei Berechnungen, die eine echt, worin der wahre Lauf des Schiffes bemerkt war, und die er ins⸗ geheim fuͤr ſeine Souveraine aufhob; die andre, welche zu Jedermanns Einſicht offen lag, ward taͤglich um eine An⸗ zahl Meilen verkuͤrzt, ſo daß die Mannſchaft im Irrthum *) Das engliſche lesgues, Seemeilen, iſt fruͤher einigemal durch Stunden überſetzt worden, als deren ungeſäh⸗ ren Betrag. A. d. Ueberſ. — 181— blieb uͤber die eigentliche Strecke, welche ſie zuruͤckgelegt hatten.*) Am 11. September, als ſie ungefaͤhr hundert und funf⸗ zig Seemeilen weſtlich von Ferro waren, trafen ſie auf ein Stuͤck von einem Maſtbaum, der nach der Dicke des Hol⸗ zes zu urtheilen einem Schiff von ungefaͤhr hundert und zwanzig Tonnen angehoͤrt haben mochte und offenbar ſchon lange im Waſſer gelegen hatte. Das Schiffsvolk, welches mit Zittern und Zagen auf alles Acht hatte, was ihre Hoff⸗ nung oder Furcht erregen konnte, ſah mit troſtloſen Blik⸗ ken auf dieſen Ueberreſt einer ungluͤcklichen Reiſecompagnie, der ihnen ſehr ominoͤs beim Eintritt in dieſe unbekannten Meere entgegengeſchwommen kam. Am 13. September Abends, ungefaͤhr zweihundert See⸗ meilen von der Inſel Ferro, entdeckte Columbus zum er⸗ ſtenmal die Abweichung der Magnetnadel, eine Naturerſchei⸗ nung, welche niemals vorher bemerkt worden war. Er ge⸗ wahrte gegen die Daͤmmerung hin, daß die Nadel, ſtatt . *) Es iſt fälſchlich behauptet worden, Columbus habe zwei Tagebücher gehalten; er betrog ſeine Leute bloß mit der Berechnung oder dem ſogenannten Schiffs⸗Journal. Sein Tagebuch führte er privatim für ſich und für ſeine Sou⸗ veraine. In einem Briefe, welchen er von Granada im Jahr 1503 an den Pabſt Alexander VII. ſchrieb, ſagt er, er habe einen Bericht von ſeiner Reiſe gemacht, der in dem Styl von Cäſars Commentaren geſchrieben ſey, und den er Seiner Heiligkeit zu überreichen beab⸗ ſichtige. — 132— nach dem Nordpol hinzuweiſen, ungefaͤhr einen halben Strich oder zwiſchen fuͤnf und ſechs Graden nordweſtlich zeigte, und noch mehr wich ſie am folgenden Morgen ab. Betroffen uͤber dieſen umſtand, beobachtete er ihn aufmerkſam drei Tage hin⸗ durch und fand, daß die Abweichung zunehme, je weiter er komme. Anfaͤnglich aͤußerte er nichts von dieſer Erſcheinung, da er wußte, wie leicht dieſes Volk beunruhigt wurde, aber bald erregte es die Aufmerkſamkeit der Steuermaͤnner und erfuͤllte ſie mit Schrecken. Es ſchien, als ob die Grundge⸗ ſetze der Natur ſich veraͤnderten, wo ſie hindrangen, und daß ſie in eine andere Welt eintraͤten, wo unbekannte Einfluͤſſe regierten.*) Sie bemerkten, daß der Compaß auf dem Punkt ſtehe, ſeine verborgene Kraft zu verlieren, und was ſollte ohne dieſen Fuͤhrer in der Wildniß des ſpurloſen Oceans aus ihnen werden? Columbus bot ſeine wiſſenſchaftlichen Kenntniſſe und ſeinen Scharfſinn auf, um mit Gruͤnden ge⸗ gen ihren Schrecken zu ſtreiten. Er ſagte ihnen, die Rich⸗ tung der Magnetnadel gehe nicht nach dem Polarſtern, ſon⸗ dern nach einem fixen unſichtbaren Punkt. Die Abweichung werde daher nicht von einem Trug in dem Compaß, ſon⸗ dern von der Bewegung des Nordſterns ſelbſt veranlaßt, welcher, wie die anderen Himmelskoͤrper, ſeine ungeregelten Bewegungen und Umpvaͤlzungen habe, und taͤglich ſeinen Kreis um den Pol beſchreibe. Die hohe Meinung, welche dieſe Steuermaͤnner von Columbus als einem hochgelehrten *) Las Casas hist. Jnd. 1. I. c. 6. an— — 183 Aſtronomen hatten, gaben ſeinem Vorgeben Gewicht, und ihre Unruhe legte ſich. Bis jetzt war das Polarſyſtem des Copernipus unbekannt; daher war die Erklaͤrung des Co⸗ lumbus ſehr wahrſcheinlich und ſcharfſinnig, und ſie beweiſt ſeine Gegenwart des Geiſtes, immer geruͤſtet, ſich der Wider⸗ waͤrtigkeiten des Augenblicks zu bemaͤchtigen. Dieſe Theorie war zuerſt nur in der Noth erfunden, um die Gemuͤther zu beruhigen, aber Columvus ſcheint in der Folge ganz zufrieden damit geblieben zu ſeyn. Dieſe Naturerſcheinung hat fuͤr uns nichts Fremdartiges mehr, aber mit der Ur⸗ ſache derſelben ſind wir noch immer nicht bekannt gewor⸗ den. Es iſt eines jener Raͤthſel der Natur, welche der taͤglichen Beobachtung und ihren Verſuchen offen liegen, auch nach der vertrauten Bekanntſchaft damit ganz einfach ſind, aber wenn man ihnen naͤher nachforſchen will, den menſchlichen Geiſt ſeiner Schranken bewußt werden laſſen, indem ſie die Erfahrung des Practikers taͤuſchen und den Stolz der Wiſſenſchaft demuͤthigen⸗ Drittes Kapitel. Fortſetzung der Reiſe.— Verſchiedene Schrecken der Seeleute. (1492.) Am 14. September wurden die Reiſenden durch den Anblick von Gegenſtaͤnden erfreut, die ſie fuͤr Vorboten von Land anſahen; ein Reiher naͤmlich und ein tropiſcher Vogel, Rabo de junco ⁷) genannt, welche um die Schiffe herſchweb⸗ ten und von denen weite Fluͤge uͤber's Meer nicht bekannt ſind. In der folgenden Nacht wurden ſie durch die Er⸗ ſcheinung eines Meteors mit Grauen erfuͤllt; Columbus nennt es in ſeinem Tagebuch eine große Feuerflamme, die von dem Himmel ins Meer zu fallen ſchien, in der Ent⸗ fernung von ungefaͤhr vier bis fuͤnf Seemeilen. Dieſe in warmen Elimaten und beſonders in den Sropenlaͤndern ge⸗ woͤhnlichen Meteore werden immer bei klarem, blauem Aether in jenen Breitegraden wahrgenommen, als fielen ſie vom Himmel herab, aber nie unter Wolken. In der durchſichti⸗ 5 Die weiße Bachſtelze, water-wagtail, nennt ſie Irving in der Note. — 135— gen Atmoſphaͤre der dortigen Naͤchte, wo jeder Stern in ſeinem reinſten Glanz erſcheint, ziehen ſie oft einen leuch⸗ tenden Schweif nach, der ungefaͤhr zwoͤlf bis funfzehn Se⸗ cunden dauert und den man einer Flamme vergleichen kann. Der Wind war bis dahin guͤnſtig geweſen, zuweilen mit voruͤbergehendem Wolkenhimmel und Regenguͤſſen. Sie hat⸗ ten taͤglich weite Fortſchritte gemacht, doch ſetzte Colum⸗ bus nach ſeinem geheimen Plan es ſich zur Pflicht, taͤglich in der offen fuͤr Jedermann daliegenden Berechnung eine Anzahl von Meilen zu unterſchlagen. Sie waren nunmehr unter den Einfluß des Paſſatwindes gekommen, welcher der Sonne folgend, beſtaͤndig in der Rich⸗ tung von Oſten nach Weſten zwiſchen den Wendekreiſen weht, und in einige benachbarte Grade des Weltmeeres hinuͤberſtreift.*) Mit dieſem grade in ihrer Linie wehenden guͤnſtigen Luftzuge wurden ſie ſanft doch ſchnell uͤber das ruhige Meer fortgetrieben, ſo daß ſie mehrere Tage lang kein Segel zu wenden brauchten. Columbus kommt immer auf die ſanfte milde Heiterkeit des Wetters zuruͤck, welches in dieſer Strecke des Weltmeeres ſo erfriſchend und labend iſt, ohne große Kuͤhle. In ſeiner kunſtloſen und ausdrucks⸗ vollen Sprache vergleicht er den reinen balſamiſchen Mor⸗ gen dem des Aprils in Andaluſien, und demerkt, daß nur die Geſaͤnge der Nachtigall fehlten, um ihm die Taͤuſchung *) Man ſehe in den Erläuterungen den Artikel: die Winde. — 186— zu vollenden.„Er hatte Urſache, ſo zu ſagen,“ bemerkt der ehrwuͤrdige Las Caſas;„denn wunderbar iſt die wuͤr⸗ zige Luft, die einen umweht, wenn man die Haͤlfte des Weges nach dieſem Indien zuruͤckgelegt hat, und je mehr die Schiffe ſich dem Lande naͤhern, deſto entſchiedener wirkt die gemaͤßigte Temperatur und Milde der Luft, die Klarheit des Himmels und die lieblichen Wohlgeruͤche, welche aus den Buͤſchen und Waͤldern hervorbrechen, lieblicher ſelbſt als in den Tagen des Aprils in Andaluſien.*) Sie ſahen nunmehr breite Strecken von Pflanzen und Kraͤutern auf der Oberflaͤche des Waſſers ſchwimmen, welche alle von Weſten trieben und ſich in großer Zahl vermehr⸗ ten, als ſie weiter ſchifften. Einige von den Pflanzen wa⸗ ren ſolche, die auf Felſen wachſen, andre die in Fluͤſſen an⸗ getroffen werden; einige waren gelb und verwittert, andre ſo gruͤn, daß ſie augenſcheinlich noch nicht lange vom Lande weggetrieben waren. Auf einer dieſer Pflanzen ſaß ein lebendiger Krebs, den Columbus ſorgfaͤltig aufbewahrte. Sie ſahen ferner einen weißen tropiſchen Vogel, eine Art, welche nie uͤber Meer ſchlaͤft. Auch Thunſiſche ſpielten um die Schiffe, von denen die Mannſchaft der Ninja einen toͤd⸗ tete. Jetzt rief ihnen Columbus die Stelle bei Ariſtoteles ins Gedaͤchtniß, von Schiffen aus Cadiz, welche an den Kuͤ⸗ ſten jenſeits der Meerenge von Gibraltar ſegelnd, von einem heftigen Oſtwinde nach Weſten getrieben wurden, bis ſie *) Las Casas hist. Ind. 1. I. c. 36, MS. — 4187— eine Gegend im Ocean erreichten, die mit großen Feldern von Kraͤutern bedeckt waren, welche verſunkenen Inſeln glichen und zwiſchen denen ſie viele Thunfiſche ſahen. Er vermuthete in dieſem Kraͤutermeere, wie ſie es nannten, angekommen zu ſeyn, aus welchem zwar jene alten Schiffer aͤrgerlich wieder umgekehrt ſeyen, welches er aber mit neube⸗ lebter Hoffnung als ein Zeichen nahen Landes betrachte. Doch hegte er nicht im mindeſten die Vermuthung, daß er bereits dem Gegenſtande ſeines Forſchens, dem oͤſtlichen Ende Aſiens nahe ſey; denn nach ſeiner Berechnung hatte er erſt dreihundert und ſechzig Seemeilen*) zuruͤckgelegt, ſeitdem er die canariſchen Inſeln verlaſſen; er ſetzte aber das große Feſtland Indien viel weiter in den Weſten. Am 18. September war noch immer daſſelbe Wetter: ein ſanſter ſtetiger Oſtwind ſchwellte alle Segel, waͤhrend das Meer, um mit Columbus zu reden, ſo ruhig war, wie der Guadalquivir bei Sevilla. Er hatte zu bemerken ge⸗ glaubt, daß das Meereswaſſer friſcher werde, je weiter ſie kaͤmen und er hielt dieß fuͤr einen Beweis vorwaltender Milde und Reinheit der Luft.*) Das Schiffsvolk war insgeſammt in geſpannter Erwar⸗ tung; jedes Schiff ſtrebte dem andern voran zu kommen, um zuerſt Land zu entdecken. Alonzo Pinzon jauchzte dem *) Zwanzig von den Graden der Breite, die übereinſtimmende Entfernung, die in dieſem Buche vorkommt. **) Las Casas hist, Ind. I. I. cap. 36. Admiral von der Pinta zu, und berichtete, daß er einen langen Zug von Voͤgeln geſehen habe und aus einigen An⸗ zeichen an dem noͤrdlichen Horizont ſchließe, daß in dieſer Richtung Land zu finden ſey. Da ſein Schiff ein guter Segler war, ſo ſetzte er alle Segel bei und wollte ſich eifrig dranhalten. Es war aber nur ein Gewoͤlk im Norden, wie es oft uͤber Gegenden des Landes lagert, und bei Sonnenuntergang nahm es Geſtalten und Formen an, welche Viele fuͤr Inſeln hieltenz der allgemeine Wunſch war, nach dieſer Himmels⸗ gegend zu ſchiffen, Columbus aber war uͤberzeugt, daß ſie ſich getaͤuſcht hatten. Jeder, der eine Seereiſe gemacht hat, muß von den Taͤuſchungen Zeuge geweſen ſeyn, die durch Wolken entſtehen, welche auf dem Horizonte, beſonders um die Zeit des Aufgangs oder Untergangs der Sonne lagern, die das Auge, von der Einbildungskraft und dem Ver⸗ langen unterſtuͤtzt, gern in das langerſehnte Land verwan⸗ delt. Dieß iſt inſonderheit innerhalb der Wendekreiſe der Fall, wo die Wolken bei Sonnenuntergang die ſeltſamſten Geſtalten annehmen. Am folgenden Tage gab es Nebelregen, von Wind nicht begleitet, und Columbus hielt dieß fuͤr gute Anzeichen; auch kamen zwei Pelikane auf die Schiffe geflogen, Voͤgel, von denen er bemerkt hatte, daß ſie ſich ſelten auf zwanzig Stunden vom Lande entfernen. Er ſondirte daher mit dem Senkblei, fand aber bei einer Laͤnge von zweihundert Faden noch keinen Grund. Er hielt es fuͤr moͤglich, daß ſie jetzt zwiſchen Inſeln ſchifften, welche weit auseinander ſüͤdlich und — 189— noͤrdlich laͤgen, aber er wollte nicht den gegenwaͤrtigen guͤn⸗ ſtigen Wind verſaͤumen, um dieſelben aufzuſuchen. Auch hatte er zuverſichtlich geaͤußert, daß nur dann Land erſchei⸗ nen werde, wenn man ſich in gerader weſtlicher Richtung halte; ſeine ganze Unternehmung war auf dieſe Vermuthung begruͤndet, er beſorgte deßhalb, allen Glauben und ſein gan⸗ zes Anſehen bei ſeinen Leuten zu verlieren, wenn er zu zweifeln und zu ſchwanken ſcheine und ſeinen Weg von Strich zu Strich des Compaſſes fortſuche. Er beſchloß daher, kuͤhn den Lauf immer nach Weſten fortzuſetzen, bis er die Kuͤſte von Indien erreichen wuͤrde, und auf ſeiner Ruͤckreiſe, wenn es ſich fuͤglich ausfuͤhren laſſe, dieſe Inſeln. aufzuſuchen.*) Ungeachtet der Vorſicht, welche er angewandt hatte, un das Schiffsvolk uͤber die zuruͤckgelegten Strecken zu taͤu⸗ ſchen, wurden ſie nun ſehr ungeduldig uͤber die Laͤnge der Fahrt. Sie waren viel weiter weſtlich vorgedrungen als irgend Jemand zuvor unternommen hatte, und wiewohl ſie ſchon weit von menſchlicher Huͤlfe entfernt waren, ſo fuhren ſie doch fort, große Striche des Oceans hinter ſich zu laſſen und weiter und weiter in die anſcheinend grenzen⸗ loſe Waſſerwuͤſte einzudringen. Freilich hatten ſie mancherlei Anzeichen von Land mit Freuden wahrgenommen und immer noch begegneten ihnen andere Zeichen, aber alle erfuͤllten ſie — *) Hist. del Almirante, cap. 30. dluszüge von Colum⸗ bus Tagebuch, bei Navarrete VII. 1. — 190— nur mit leeren Hoffnungen; von voruͤbergehendem Zujauch⸗ zen begruͤßt, zog eines nach dem andern vorbei und die grenzenloſe Ausdehnung des Meeres und des Himmels blieb bei ihnen wie zuvor. Selbſt der guͤnſtige Wind, welcher wie von der Vorſehung geſandt ſchien, um ſie nach der neuen Welt hinuͤberzutragen, mit ſeinem ſchmeichelnden mil⸗ den Hauch, verwandelte ſich bei ihrer erfinderiſchen Furcht⸗ ſamkeit in eine eigene Urſache des Schreckens; ſie fingen an ſich einzubilden, daß dieſer Wind in den gegenwaͤrtigen Meeren immer nur von Oſten nach Weſten wehe, und daß es ihnen auf dieſe Art unmoͤglich werde, Spanien jemals wieder zu erreichen. Columbus bemuͤhte ſich auf alle Weiſe, dieſe uͤberhand nchmende Burcht zu beſchwichtigen, bald durch Gruͤnde und 1 Ausfuͤhrungen, bald durch Erweckung neuer Hoffnungen und Hinweiſung auf neue Spuren von nahem Land. Am 20. September erhob ſich der Wind mit leichtem Wehen von Suͤdweſt. Dieß machte, obgleich es ihrem Vordringen hin⸗ derlich war, einen gluͤcklichen Eindruck auf das Schiffsvolk, denn ſie erſahen daraus, daß der Wind doch nicht allein in der Richtung nach Weſten wehe.*) Verſchiedene Voͤgel be⸗ ſuchten jetzt wieder das Schiff, drei davon waren von kleiner *») Mucho me fue necessario este viento contrario, porque mi gente andaban muy estimulados que densaban que no ventaban estos mares vientos para volver à Espanja. Tagebuch des Columbus, Na⸗ varrete t. I. p, 12. — 191— Art, wie ſie ſich in Buͤſchen und Baumſtuͤcken aufhalten; ſie kamen zwitſchernd am Morgen an und flogen am Abend wieder davon. Ihr Geſang war fuͤr die Herzen der nieder⸗ geſchlagenen Seeleute ſehr erquickend und ſie bewillkommten ihn als Stimme von Land. Der groͤßere Vogel, bemerk⸗ ten ſie, war ſtark von Schwingen und ſchien zu weiten Seereiſen tauglich zu ſeyn, aber die kleinen Thierchen waren zu ſchwach, um weit zu fliegen, und ihr Singen bewies daß ſie vom Fluge nicht erſchoͤpft waren. Am folgenden Tage war entweder voͤllige Windſtille oder es wehten leichte Luͤfte von Suͤdweſt. Das Meer erſchien, ſo weit das Auge reichen konnte, von Pflanzen bedeckt, eine Naturerſcheinung, die in dieſer Gegend des Oceans haͤufig bemerkt wird und ihm zuweilen das Anſehen großer uͤberſchwemmter Wieſen gibt. Dieß wird der außerordent⸗ lichen Menge von Seepflanzen zugeſchrieben, die auf dem Grund des Meeres bis zu ihrer Reife wachſen, und dann von der Bewegung der Wellen und Stroͤmungen losgeriſſen werden, wo ſie auf die Oberflaͤche des Waſſers kommen.*) Dieſe Pflanzengefilde wurden zuerſt mit großer Zufrieden⸗ heit betrachtet, aber am Ende kamen ſie an vielen Stellen ſo dicht und verſchlungen, das ſie einigermaßen das Weiter⸗ ſegeln der Schiffe hemmten, wozu es gerade keine großen Maſſen bedurfte. Die Mannſchaft, immer bereit, ſich das Aergſte zu denken, rief ſich jetzt die Erzaͤhlungen vom Eis⸗ meer ins Gedaͤchtniß, wo ſich Schiffe zuweilen ganz feſtge⸗ *) Humbolds Erzählung, b. 1, c. 1. — 192— fahren haben ſollten. Sie ſtrengten ſich daher auf's äußerſte an, dieſen ſchwimmenden Feldern auszuweichen, damit ihnen kein Ungluͤck der Art begegnen koͤnne.**) Andere hielten dieſe Pflanzengeflechte fuͤr ein Anzeichen, daß das Meer ſeichter werde, und fingen an, von drohenden Felſen, von Sandbaͤnken und tuͤckiſchem Flugſand zu reden und von der Gefahr, ſozuſagen mitten im Ocean auf den Strand zu laufen, wo dann ihre Schiffe verfaulen und in Stuͤcke zer⸗ fallen koͤnnten, weit von menſchlicher Huͤlfe entfernt und ohne Kuͤſten, wohin die Mannſchaft ſich retten koͤnne. Es ſpukte ohne Zweifel eine verwirrte Erinnerung an die alte Erzaͤhlung der verſunkenen Inſel Atlantis in ihrem Kopf und ſie fuͤrchteten, ſie moͤchten in dieſer Gegend des Oceans angekommen ſeyn, wo die Schiffahrt von einem unterge⸗ gangenen Reiche und den Ruinen der vom Meer verſchlun⸗ genen Landſtriche unterbaut waͤre. Um dieſe Furcht zu zerſtreuen, zog der Admiral oft das Senkblei zu Rathe, aber wiewohl er eine bedeutende Tiefe hinabmaß, ſo fand er doch nirgends Grund. Die Gemuͤther der Schiffenden wurden indeſſen allmaͤhlig un⸗ ruhiger. Sie waren erfuͤllt von leeren Schreckniſſen und aberglaͤubiſchen Einbildungen; ſie machten aus Allem einen Gegenſtand des Entſetzens und aͤrgerten ihren Seeherrn mit unaufhoͤrlichem Murren. Drei Tage hindurch wehten angenehme Sommerluͤfte aus dem Suͤden und Weſten und das Meer war ſo glatt *) Hist. del Almirante, c. 18, — 193— wie ein Spiegel. Ein Wallfiſch tauchte mit ſeinem unge⸗ heuern Ruͤcken in einiger Entfernung auf, welches Colum⸗ bus ſogleich fuͤr ein guͤnſtiges Zeichen erklaͤrte, indem er verſicherte, dieſe Fiſche hielten ſich gewoͤhnlich in der Naͤhe des Landes auf. Dem Schiffsvolk aber wurde es bei der Stille des Wetters unheimlich zu Muthe. Sie bemerkten, daß die widrigen Winde, die ſie erlebten, nur unbeſtaͤndig und voruͤbergehend und ſo ſchwach ſeyen, daß ſie die Flaͤche des Meeres nicht kraͤuſelten, welches eine todte Ruhe behalte, wie ein See von ſtebendem Waſſer. Alles, ſagten ſie, weiche in dieſen ſeltſamen Regionen von der Welt ab, an die ſie gewoͤhnt ſeyen. Die einzigen Winde von einiger Kraft und Beſtaͤndigkeit, die ſich erhoͤben, kaͤmen von Oſten und dieſe haͤtten doch nicht die Staͤrke, die erſtorbene Ruhe des Oceans zu unterbrechen; es ſey daher Gefahr, entweder in den ſte⸗ henden und uubegraͤnzten Gewaͤſſern umzukommen, oder von widrigen Winden auf immer von ihrer Heimath abge⸗ ſchnitten zu werden. Columbus fuhr fort mit bewunderungswuͤrdiger Geduld ſich zu dieſen ungereimten Einbildungen herabzulaſſen; er bemerkte, die Ruhe des Meeres muͤſſe ſicherlich die Urſache der Naͤhe von Land ſeyn, und zwar in der Richtung, aus welcher der Wind herwehe, der deßhalb keinen hinlaͤnglichen Spielraum auf der Waſſerflaͤche habe, um große Wogen zu bilden. Aber es gibt nichts, was den Menſchen allen Vernunftgruͤnden ſo unzugaͤnglich macht, als die Eindruͤcke der Furcht, welche die Geſtalten der ertraͤumten Gefahr tauſendfaͤltig vermehren und umbilden, ſo daß der gewand⸗ Irving's Columbus, 1— 3, 13 X — 194— teſte Scharfſinn ſie nicht zu zerſtreuen im Stande iſt. Je mehr Columbus mit Gruͤnden hervortrat, deſto ſtaͤrker wurde das Murmeln ſeiner Mannſchaft, bis ſie eines Sonn⸗ tags, am 25. September, eine ſtarke Schwellung des Mee⸗ res ohne Wind erlebten. Dieß iſt eine Erſcheinung, die in dem großen Weltmeer oft vorkommt und entweder die hin⸗ ſchwindenden Wogen eines voruͤbergegangenen, ſtuͤrmiſchen Windes ſind, oder die Bewegung, welche das Meer von einem entfernten Windſtrome erfaͤhrt; es wurde nichts deſto weniger von den Seeleuten mit Erſtaunen bemerkt und vertrieb die eingebildeten Schreckniſſe, welche die Windſtill hervorgerufen hatte. Columbus, der ſich bei ſeinem feierlichen Unternehmen unter den beſonderen Schirm des Himmels geſtellt becrachtete, er⸗ innert in ſeinem Tagebuche, daß dieſes Anſchwellen des Meeres von der Vorſehung ſo gefuͤgt worden, um das aufruͤhreriſche Laͤrmen ſeiner Leute zu beſchwichtigen, und vergleicht es mit demjenigen, welches Moſes ſo wunderbar beiſtand, als er die Kinder Jérael aus der Knechtſchaft Egyptens erloͤſte.*) *) Como la mar estuviesse mansa y Ilana murmu- raba la gente diciendo, quc, pues por alli no habia mar grande que nunca ventaria para vol- ver a Espanja; pero despues alzose mucho la mar y sin viento, que los asombraba; por 10 cual dice aqui el Almirante; as: que may necesa- rio me fae la mar alta, que no parécio, Salvo el tiempo de los Iadios cuando salieron de Egipto contra Moyrses que los sacaba de captiverto.— Tagebuch des Columbus, Navarrete, t. I. Viertes Kapitel. Fortſetzung der Reiſe.— Entdeckung von Land. (1492) Die Lage des Columbus wurde von Tag zu Tage be⸗ denklicher. Im Verhaͤltniß zu ſeinem Vordringen in die Regionen des Oceans, wo er Land zu finden hoffte, wuchs die Ungeduld ſeines Schiffsvolkes. Sie verlachten jetzt als truͤgeriſch jene guͤnſtigen Zeichen, die ſein Vertrauen geſtei⸗ gert hatten; und es war Gefahr vorhanden, daß ſie ſich empoͤrten und ihn zur Umkehr noͤthigten, vielleicht in dem Augenblick, wo er im Begriff war, das Ziel aller ſeiner Muͤhen zu erreichen. Mit Unmuth ſahen ſie ſich immer weiter fortgetrieben uͤber graͤnzenloſe Oeden, die ihnen wie eine die bewohnte Welt umgebende endloſe Waſſerwuͤſte er⸗ ſchien. Was ſollte aus ihnen werden, wenn ihre Vorraͤthe zu Ende gingen? Ihre Schiffe waren zu ſchwach und mangelhaft ſelbſt fuͤr den großen Weg, den ſie ſchon zu⸗ ruͤckgelegt hatten; aber wenn ſie immer vorwaͤrts ſchifften und mit jedem Augenblick den ungeheuern Raum vergroͤßer⸗ ten, der ſie bereits vom Lande trennte„ wie ſollten ſie je im Stande ſeyn ihre Ruͤckreiſe zu bewerkſtelligen, wenn ſie 13*† 3 — 196— nirgends einen Hafen faͤnden, um ſich mit friſchen Lebens⸗ mitteln zu verſehen und ihre Fahrzeuge auszubeſſern. So naͤhrte einer die Unzufriedenheit des andern, man rottete ſich in den verborgenen Theilen des Schiffs zuſam⸗ men, zuerſt in kleinen Gruppen von zwei bis drei, dann aber in groͤſſerer Menge, welche furchtbar wurde, da man ſich in aufruͤhreriſcher Widerſetzlichkeit gegen den Admiral verband und gegenſeitig aufreizte. Sie ſchrieen gegen ihn als einen ehrgeizigen Tollkopf, der in ſeiner verruͤckten Phantaſie beſchloſſen habe, etwas Auffallendes auszufuͤhren, um ſich beruͤhmt zu machen. Was waren ihm ihre Leiden und Bedraͤngniſſe, da er doch offenbar darauf ausging, ſein eignes Leben an das Ohngefaͤhr ſeines Ruhmes zu wa⸗ gen? Eine ſo tolle Fahrt fortzuſetzen, heiße, die Schoͤpfer ihres eignenen Ungluͤcks werden. Welche Pflichten baͤnden ſte, auszuharren, oder wann ſollten ſie ihrer Verpflichtung ledig betrachtet werden koͤnnen? Sie waͤren ſchon weit uͤber die Graͤnzen, die vor ihnen Menſchen befahren hat⸗ ten; ſie ſeyen in entlegene Meere eingedrungen, die noch nie ein Schiff durchſchnitten habe. Wie weit ſollten ſie noch nach dieſem ertraͤumten Lande ſegeln? Sollten ſie weiter vordringen, bis ſie den Tod faͤnden, oder bis jede Ruͤckkehr unmoͤglich wuͤrde? Wer wolle ſie andererſeits tadeln, wenn ſie ihre Sicherheit beriethen und ihren Lauf* heimwaͤrts richteten, bevor es zu ſpaͤt ſey? Wuͤrden ſie nicht vielmehr wegen des Muthes gelobt werden, womit ſie ein ſolches Unternehmen, begonnen und wegen ihrer Kuͤhn⸗ heit, daß ſie darauf noch ſo lange beharrt haͤtten? Was . 3 — 197— die Klagen betreffe, welche der Admital uͤber ihre eigen⸗ maͤchtige Heimkehr erheben koͤnne, ſo wuͤrden ſie gewiß kein Gewicht erhalten, da er ein Fremder, ein Mann ohne Freunde und ohne Einfluß ſey. Die Plaͤne deſſelben waͤren von den Gelehrten als nichtig und eingebildet verworfen und von Leuten aller Staͤnde mißbilligt worden. Er habe demnach keinen Anhang, vielmehr wuͤrde eine große Zahl ſich freuen, den Stolz auf ihre Anſicht durch ſeinen Unter⸗ gang zu befriedigen*). Dies find einige von den Gruͤnden, womit dieſe Leute ſich zu einer offenen Widerſetzlichkeit gegen die fortdauernde Reiſe ruͤſteten, und wenn wir das feurige Naturell des Spaniers bedenken, welches jedem Zwange widerſtrebt, und die beſondere Zuſammenſetzung dieſes Schiffsvolkes aus Leu⸗ ten, die man groͤßtentheils zur Reiſe gezwungen hatte, ſo koͤnnen wir uns die beſtaͤndige Gefahr einer offenen und verzweiflungsvollen Empoͤrung leicht vorſtellen. Es waren Einige darunter, welche ſich nicht ſcheuten, die verruchteſten Vorſchlaͤge zu dieſem Ende zu machen. Sie gaben zur Beſchwichtigung aller weiteren Klagen des Admirals den den Anſchlag, ihn, wenn er ſich weigere zuruͤckzukehren, in's Meer zu werfen und bei ihrer Ankunft in Spanien vorzu⸗ geben, er ſey uͤber Bord gefallen, waͤhrend er die Sterne und Himmelsbilder mit ſeinen aſtronomiſchen Werkzeugen ——— *) Hist. del Almirante, c. 19. Herrera hist. Ind., decad. I. 1. I. c. 10. — 198— betrachtet habe, ein Jorgeben, welches Niemand zu wider⸗ legen die Neigung oder die Beweiſe haben werde.*) Columbus merkte wohl die meuteriſchen Abſichten, aber er behielt eine heitere und feſte Haltung, indem er die ei⸗ nen mit guͤtigen Worten beſaͤnftigte, den Ehrgeiz und die Habſucht der anderen reizte und die Widerſpenſtigſten mit harten Strafen bedrohte, wenn ſie irgend etwas unternaͤh⸗ men, um die Reiſe zu hindern. Am 25. September wehte der Wind wieder gunſtig und ſie waren im Stande, ihren geraden Lauf nach Weſten fortzuſetzen. Die Luͤfte waren angenehm, das Meer ruhig, die Schiffe ſegelten nahe bei einander und Columbus ſprach viel mit Martin Alonzo Pinzon uͤber die Karte, die er drei Tage vorher an Bord der Pinta geſchickt hatte. Pinzon meinte, nach den Andeutungen dieſer Seekarte koͤnne Cipango ſo wie die andern Inſeln, welche der Admiral dort verzeichnet habe, nicht mehr weit entfernt liegen. Columbus glaubte halb und halb daſſelbe, hielt es jedoch auch fuͤr moͤglich, daß die Schiffe von der ſtarken Stroͤ⸗ mung an ihnen vorbeigeriſſen worden, oder daß man noch nicht ſo weit gekommen ſey, als die Steuermaͤnner gerechnet haͤtten. Er wuͤnſchte die Karte wieder zuruͤck zu haben; Pinzon band ſie ans Ende eines Taues und warf ſie ihm an Bord hinuͤber. Waͤhrend Columbus, ſein Steuermann und mehrere erfahrene Seeleute an der Karte ſtudierten und ſich Muͤhe gaben, ihren jetzigen Standpunkt daraus zu *) Hist. del Almirante, c. 19 5 — 199— erſehen, wurden ſie ploͤtzlich durch einen Schuß von der Pinta ausgeſchreckt; und als ſie aufſahen, erblickten ſie den Martin Alonzo Pinzon auf dem Hintertheil ſeines Schiffes, wo er mit lauter Stimme ſchrie:„Land, Land; Senjor, ich bitte um den Lohn!“ Er wies nach Südweſt, wo wirk⸗ lich in einer Entfernung von ungefaͤhr fuͤnfundzwanzig Meilen ſich ein Schein von Land zeigte. Columbus warf ſich auf die Kniee und dankte Gott; Martin Alonzo wie⸗ derholte das Gloria in excelsis, worin ſein und des Ad⸗ mirals Schiffsvolk laut mit einſtimmte.*) Die Schiffer ſtiegen nun auf den Maſtkorb oder klet⸗ terten im Takelwerk herum, das Auge nach Suͤdweſten ge⸗ richtet; Alle beſtaͤtigten die Gewißheit von Land. Die Ueberzeugung wurzelte ſo feſt, daß Columbus es noͤthig fand, von ſeinem gewohnten Wege abzuweichen und die ganze Nacht nach Suͤdweſten zu ſegeln. Das Morgenlicht aber vernichtete alle ihre Hoffnungen wie einen Traum. Das begruͤßte Land war nichts als eine Abendwolke gewe⸗ ſen und hatte ſich in der Nacht zertheilt. Mit ſchwerem Herzen ſchlugen ſie wieder den Weg nach Weſten ein, den Coltumbus nur verlaſſen hatte, um ſich ihren heftigen Waͤnſchen gefaͤllig zu zeigen. Mehrere Tage ſegelten ſie fortwaͤhrend mit demſelben guͤnſtigen Winde, bei ruhigem Meer und mildem, lieblichem⸗ Wetter; die Gewaͤſſer waren ſo ſtill, daß die Seeleute ſich damit ergoͤtzten, daß ſie um das Schiff herum ſchwammen: *) Tagebuch des Columbus, primer viage, Navarrete t. I — 200— Delphine kamen in großer Menge, und fliegende Fiſche, die in die Luft ſprangen, fielen aufs Verdeck nieder. Die fer⸗ neren Anzeigen von Land unterhielten die Aufmerkſamkeit der Mannſchaft und taͤuſchten ſie unvermerkt auf ihrer Bahn. Am 1. October waren ſie, nach der Ausrechnung des Steuermanns an Bord des Admiralſchiffes, erſt fuͤnfhund ert und achtzig Seemeilen weſtlich gekommen, ſeitdem ſie die canariſchen Inſeln verlaſſen hatten. Die Berechnung, welche Columbus der Mannſchaft zeigte, war fuͤnfhundert und vier⸗ und achtzig, aber die Rechnung, welche er heimlich fuͤhrte, be⸗ trug ſiebenhundert und ſieben.*) Am folgenden Tage flu⸗ tete das Kraͤuterwerk von Oſten nach Weſten und am dritten Tage ſah man keine Voͤgel mehr. Das Schiffsvolk fing nun an zu fuͤrchten, daß ſie zwi⸗ ſchen Inſeln hindurch gekommen und die Voͤgel von einer derſelben zur anderen geflogen ſeyen. Columbus hegte auch einige Bedenken der Art, aber er wollte doch ſeinen Lauf nach Weſten nicht aͤndern. Die Leute fingen wieder an zu murmeln und zu drohen; aber am folgenden Tage wurden ſie aufs Neue von ſolchen Voͤgelſchwaͤrmen heimgeſucht und die Anzeigen von Land wurden ſo mannichfaltig, daß ſie aus einem Zuſtande von Muthloſigkeit in ungeduldige Er⸗ wartung verſetzt wurden. Ein Jahrgeld von dreißig Kronen**½) war von der ſpa⸗ *) Ravarrete t. I. p. 16. **) 117 heutige Dollars, niſchen Regierung dem verſprochen, welcher zuerſt Land ſe⸗ hen wuͤrde. Bemuͤht, dieſe Belohnung zu verdienen, ſchrieen die Schiffer bei jeder mindeſten Veranlaſſung: Land! Um dieſem falſchen Laͤrm ein Ende zu machen, wel⸗ cher beſtaͤndigen Verdruß erregte, erklaͤrte Columbus, wenn irgend einer ſo rufen und dann bis zum dritten Tage kein Land erſcheinen wuͤrde, ſo ſollte er alle ferneren Anſpruͤche auf dieſe Belohnung einbuͤßen. Am Abend des 6ten Octobers fing Alonzo Pinzon an, das Vertrauen auf ihren gegenwaͤrtigen Lauf zu verlieren und machte den Antrag, daß man mehr nach Suͤden ſteuern ſolle. Aber Columbus ſchlug es fortwaͤhrend ab und blieb bei ſeiner weſtlichen Richtung*) Da er eine ſo wichtige Perſon in ſeiner Schaar, wie Alonzo Pinzon, von ſeiner Anſicht abweichen ſah, und beſorgte, Zufall oder Abſicht koͤnne die Schiffe zerſtreuen, ſo befahl er, wenn eine der Caravelen von ihm getrennt wuͤrde, ſolle ſie weſtwaͤrts ſegeln und verſuchen, ſo bald als moͤglich wieder zu den an⸗ deren zu kommen; auch beſtimmte er, daß die Schiffe ſich bei Sonnenauf⸗ und untergang nahe zu ihm halten ſollten, da um dieſe Tageszeiten die Beſchaffenheit der Atmoſphaͤre der Ent⸗ deckung entfernten Landes am guͤnſtigſten ſey? Am Morgen des 7. Octobers bei Sonnenaufgang, glaubten einige von der Mannſchaft des Admirals Land im Weſten zu erblicken, aber ſo undeutlich, daß niemand es laut zu rufen wagte, aus Beſorgniß er moͤge ſich ge⸗ —— *) Tagebuch des Columbus, Navarrete f. I. p. 17. — 202— taͤuſcht haben und damit jede Ausſicht auf Belohnung ver⸗ lieren: aber die Ninja„ein guter Segler, eilte voraus, um die Thatſache feſtzuſtellen. Bald darauf wurde eine Flagge an ihrem Maſt emporgezogen und eine Kanone losgefeuert, welche das verabredete Signal von Land war. Neue Freude erwachte auf den Schiffen und jedes Auge wandte ſich nach Weſten. Als ſie jedoch naͤher kamen, ſank ihre aus Wolken erbaute Hoffnung dahin und ehe es Abend wurde, hatte ſich ihr erſehntes Land abermals in Luft auf⸗ geloͤſt.*) Nun ſank das Schiffsvolk in einen eben ſo tiefen Grad von Niedergeſchlagenheit herab, als es ſich kaum noch gluͤcklich gefuͤhlt hatte; bis wieder Ereigniſſe eintraten, die ihnen neuen Muth einfloͤßten. Columbus hatte anſehnliche Schwaͤrme kleiner Landvoͤgel bemerkt, die ſuͤdweſtlich flogen, und ſchloß daraus, ſie muͤßten eines nahen Landes gewiß ſeyn, wo ſie Futter und Ruheoͤrter faͤnden. Er wußte, welche Wichtigkeit die portugieſiſchen Seefahrer auf den Flug der Voͤgel legten, denen folgend ſie die meiſten ihrer Inſeln entdeckt hatten. Er war nun fiebenhundert und fuͤnfzig Seemeilen weit gekommen, in welcher Entfernung er die Inſel Cipango zu finden gehofft hatte; da ſie nicht er⸗ ſcheinen wollte, konnte er ſie wohl durch einen Verſtoß in der Berechnung der Breite verfehlt haben. Er beſchloß da⸗ her am 7. October Abends, ſeine Fahrt zu aͤndern und den *) Hist. del. Almirante cap. 20. Tagebuch des Columbus, Navarrete, t. I. —-— — 203— Lauf weſt⸗ ſuͤd⸗weſtlich nach der Himmelsgegend zu neh⸗ men, welcher die Voͤgel folgten, und dieſe Richtung we⸗ nigſtens zwei Tage fortzuſetzen.. Auf jeden Fall war es keine große Abweichung von ſeinem angenommenen Wege, auch kam es mit den Wuͤnſchen der Pinzons uͤberein und mußte ſeinen Begleitern im Allgemeinen neuen Muth ein⸗ floͤßen. 8 Drei Tage lang ſegelten ſie in dieſer Richtung, und je weiter ſie kamen, deſto haͤufiger und ermuthigender waren die Anzeigen von vorhandenem Land. Zuͤge von kleinen bunten Voͤgeln, einige von der Art wie ſie auf den Feldern ſingen, ſchwaͤrmten um die Schiffe her und flogen dann weiter nach Suͤdweſt; andre hoͤrte man bei Nacht voruͤber ziehen. Thunfiſche ſpielten in dem ruhigen Meer; man er⸗ blickte einen Reiher, einen Pelican, eine Ente, alle nach der naͤmlichen Richtung ſchwimmend. Die Gewaͤchſe, welche um die Schiffe her auf dem Waſſer trieben, waren friſch und gruͤn, als kaͤmen ſie eben erſt vom Lande, und die Luft, bemerkt Columbus, war ſo lieblich und balſamiſch wie Aprilluͤfte in Sevilla. Das Alles erſchien aber der Mannſchaft nur wie Taͤu⸗ ſchungen, die ſie ins Verderben zoͤgen, und als ſie am Abend des dritten Tages die Sonne an einem kuͤſtenloſen Hori⸗ zonte untergehen ſahen, brachen ſie in offenen Tumult aus. Sie ſchrieen gegen dieſen Frevel, das Schickſal zu verſuchen, indem man immer noch tiefer n das graͤnzenloſe Meer ein⸗ draͤnge. Sie beſtanden darauf, daß man umkehre und die Fahrt als erfolglos aufgebe. Columbus ſuchte ſie mit ſanf⸗ — 204— ten Worten und mit Verſprechung großer Belohnungen zu vertroͤſten; ats er aber ſah, daß dieſes nur den Laͤrm vermehrte, nahm er einen entſchiedenen Ton an. Er ſagte ihnen, ihr Murren ſey umſonſt, die Expedition ſey von den Souverainen unternommen, um Indien aufzuſuchen, und, komme auch was da wolle, er ſey entſchloſſen, darauf zu beharren, dis ſie durch den Beiſtand Gottes das Werk vollbracht haͤtten.*) —Vʒ— ʃ y— *) Hist. del Almirante, cap. 20. Las Casas I. I. Columbus Tagebuch, bei Navarrete t. I, p. 19.— Es iſt von verſchiedenen Geſchichtſchreibern verſichert worden, Columbus habe einen oder zwei Tage, bevor er die neue Welt erblickt, mit ſeinem aufrühreriſchen Schiffs⸗ volke unterhandelt und ihnen verſprochen, wenn ſie binnen drei Tagen kein Land entdeckten, die Reiſe aufzugeben. Sie haben für dieſe Behauptung keine Gewährſchaft, weder in der Geſchichte ſeines Sohnes Fernando, noch in der des Biſchofs Las Caſas, welche beide die Papiere des Admirals vor ſich hatten. Keine Erwähnung rines ſolchen uUmſtandes geſchieht in den Auszügen des Tage⸗ buchs bei Las Caſas, die man neuerlich aufgefunden hat, noch auch erzählen ihn Perer Martyr und der Pfarrer von Los Palacios, beide Zeitgenoſſen und Bekannte des Columbus, welche ſich ſchwerlich einen ſo wichtigen um⸗ ſtand hätten entgehen laſſen. Die Behauptung beruht auein auf der Autorität Oviedo's, welcher den eben ge⸗ nannten an Glaubwürdigkeit nachſteht und über viele Ein⸗ zelheiten dieſer Reiſe von einem Steuermann Namens Hernea Perez Matheos, welcher dem Columbus feind war, ganz falſch geleitet wurde. In den ſchriftlichen Prozeßacten zwiſchen Don Diego, Sohn des Admirals, und der Krone, befindet ſich die Ausſage eines gewiſſen — 205— Columbus hatte nunmehr ſeinen Untergebenen Trotz ge⸗ boten, und ſeine Lage wurde verzweifelt. Zum Gluͤck aber waren die Zeichen von der Naͤhe des Landes am folgenden Tage der Art, daß ſie keinen Zweifel mehr zuließen. Außer vielen friſchen Pflanzen, wie ſie in den Fluͤſſen wachſen, ſa⸗ hen ſie gruͤne Fiſche von einer Art, die ſich an den Klip⸗ pen aufhaͤlt; ein Dornzweig mit Beeren, erſt friſch vom Stamm getrennt, trieb neben ihnen her; dann fiſchten ſie ein Rohr auf, ein kleines Bret und, was mehr als alles Pedro de Bilbao, welcher bezeugt, daß er oft gehört habe, wie einige der Lootſen und Schiffer zurück ver⸗ langt hätten, aber daß ihnen der Admiral Geſchenke ver⸗ ſprochen und ſie gebeten habe, einen oder zwei Tage zu warten, bis wohin ſie gewiß Land finden würden: Pedro de Bilbao oyo muchas veces que algunos pilotos y marineros querian velverse sino fuera por el Al- mirante que les promctio dones, les rogé espera- sen dos o tres dias i que antes del termino des- cubriera tierra.“ Dieſe Worte geben, wenn das Zeug⸗ niß wahr iſt, nichts von einer Unterhandlung kund, nach welcher er die Fahrt hätte aufgeben wollen. Auf der andern Seite wurde von einigen Zeugen in dem obenerwähnten Prozeß behauptet, daß Columbus, nachdem er einige hundert Seemeilen vorgedrungen ſey, ohne Land zu finden, das Vertrauen auf ſein Unter⸗ nehmen verloren und zurückzukehren gewünſcht habe, daß er aber von den Pinzons überredet und ſelbſt bei der Ehre angegriffen worden wäre, die Reiſe fortzuſetzen. Dieſe Behauptung trägt die Unwahrheit an der Stirn. Es iſt völlig in Widerſpruch mit der ſtandhaften Feſtig⸗ keit und unerſchrockenen Entſchloſſenheit, die Columbus nicht allein hier, ſondern vom Anfang bis zum Ende ſeiner — 206— war, einen kuͤnſtlich geſchnitzten Stab. Alle Trauer und Widerſetzlichkeit ging jetzt in die froͤhlichſte Erwartung uͤber; und den Tag uͤber war Jeder erpicht, der erſte zu ſeyn, der das heißerſehnte Land entdeckte. Am Abend, als einer unwandelbaren Vorſchrift am Bord des Admiralſchiffes gemaͤß die Schiffenden das Salve Regina oder das Abendgebet an die heilige Jungfrau geſungen hat⸗ ten, hielt Columbus eine eindringliche Rede an ſein Schiffs⸗ volk. Er pries die Guͤte Gottes, der ſie mit ſo ſanften mühſeligen und gefahrvollen Reiſe bewies. Dieſes Zeug⸗ niß rührt von einigen meuteriſchen Schiffern her, welche die Verdienſte der Pinzons erheben und den Ruhm des Columbus verkleinern wollten. Glücklicherweiſe wider⸗ legen die Auszüge aus dem Tagebuche des Letzteren, welches er von Tag zu Tage mit ehrlicher Einfachheit und mit dem Gepräge der Wabrhaftigkeit niederſchrieb, dieſe Er⸗ findungen, und zeigen, daß er im Gegentheil am Tage vor der Entdeckung ſich ſehr beſtimmt und gebieteriſch über die Fortſetzung der Reiſe, allen Gefahren und Schwierigkeiten zum Trotz, hatte vernehmen laſſen. Es iſt bemerkenswerth, daß, Columbus am Abend des 7. October, ehe er ſeinen Lauf weſt⸗ſüdweſtlich richtete, nach den neueren Berechnungen längs dem ſechs und zwanzigſten Grade nördlicher Breite faſt ganz weſt⸗ lich ſegelte. Dieſes würde ihn nach den nördlichen Dua⸗ jos oder Bahama Inſeln, oder vielmehr, wenn man die ſo reißende Strömung des Meerbuſens bedenkt, ihn plötzlich nach der Oſtküſte von Florida geführt haben. Auf dieſe Weiſe hätte der ganze Gang der ſpaniſchen Entdeckung ſeine Richtung längs den atlantiſchen Küſten von Nordamerika genommen und die jetzigen vereinigten Staaten eine ſpaniſche Bevölkerung erhalten⸗ und guͤnſtigen Winden uͤber den ruhigen Ocean gefuͤhrt, der ihre Hoffnungen beſtaͤndig durch friſche Zeichen aufrecht erhalten habe, die ſich gemehrt haͤtten, wie ihre Furcht gewachſen ſey, und der ſie auf dieſe Art zu einem verheiße⸗ nen Lande geleitet und gefuͤhrt habe. Er erinnerte ſie dann an einen Befehl, den er beim Abſegeln von den eanariſchen Inſeln gegeben hatte, daß ſie, nachdem eine Strecke von ſiebenhundert Seemeilen nach Weſten zuruͤckgelegt waͤre, nach Mitternacht beilegen ſollten. Die gegenwaͤrtigen Andeutun⸗ gen haͤtten dieſe Vorſicht gerechtfertigt. Er halte es fuͤr wahrſcheinlich, daß ſie in derſelben Nacht noch das Land er⸗ reichten. Er ſchaͤrfte ihnen daher ein, auf dem Vordercaſtell ſorgfaͤltig Wache zu halten, und verſprach demjenigen, der zuerſt die Entdeckung machen werde, ein ſammtnes Wamms noch zu dem von den Regenten verſprochenen Jahrgehalt.*) Der Wind hatte in dieſen Tagen ganz friſch geblaſen, die See ging hoͤher als gewoͤhnlich, und ſie hatten weite Fortſchritte gemacht. Mit Sonnenuntergang nahmen ſie ihren Weg wieder nach Weſten, und durchfurchten die Wo⸗ gen in raſchem Laufe; die Pinta fuͤhrte als der beſte Segler den Zug an. Die groͤßte Aufregung herrſchte in den Schif⸗ fen, und kein Auge ſchloß ſich die ganze folgende Nacht. Als die Daͤmmerung hereinbrach, nahm Columbus ſeinen Stand oben auf dem Kaſtell oder der Kajuͤte im Hinterheil ſeines Schiffes. Wie heiter und zuverſichtlich auch ſeine Haltung *) Hist. del Almirante, eap. 31. — 208— an jedem Tage geweſen ſeyn mochte, dieſes war immer eine Zeit der peinlichſten Unruhe fuͤr ihn, und als er nun von den Schatten der Nacht der Beobachtung ſeiner Gefaͤhrten entzogen wurde, hielt er mit unausgoſetzter Aufmerkſamkeit Wache, indem das Auge laͤngs dem duͤſteren Horizonte nach den geringſten Zeichen von Land ſpaͤhete. Ploͤtzlich, um zehn Uhr, glaubte er in einiger Entfernung ein Licht ſchimmern zu ſehen. Aus Beſorgniß, ſeine ungeduldige Erwartung moͤge ihn getaͤuſcht haben, rief er den Pedro Gutierrez Kammerherrn des Koͤnigs zu ſich und fragte ihn, ob er nicht auch Licht in jener Gegend ſehe; dieſer bejahete es. Columbus, noch immer zweifelnd, ob es nicht ein Trugbild der Einbildungskraft ſey, rief den Rodrigo Sanchez de Se⸗ govia heran, und that an ihn die naͤmliche Frage. Aber waͤhrend dieſer das Hintertheil des Schiffes beſtieg, war das Licht verſchwunden. Sie ſahen den Schimmer noch ein⸗ oder zweimal mit ploͤtzlichem Erſcheinen und Verſchwinden, als waͤre es eine Fackel in der Barke eines Fiſchers, die mit den Wellen ſtiege und ſaͤnke, oder als trage Jemand das Licht an der Kuͤſte, und es bewege ſich auf und ab, wie er von Haus zu Haus gehe. Doch dieſer Schimmer war ſo voruͤberſchwindend und ungewiß, daß Wenige etwas daraus machten, aber Columbus betrachtete ihn als eine ſichere Buͤrgſchaft des Landes, und noch mehr als ein Zeichen, daß dieſes Land von Menſchen bewohnt ſey. 3 Sie ſetzten ihre Fahrt bis zwei Uhr des Morgens fort, als ein Kanonenſchuß von der Pinta das frohlockende Sig⸗ nal von wirklichem Land gab. Einer der Matroſen, Namens — 209— Roderigo de Triana, entdeckte es zuerſt; aber die Beloh⸗ nung wurde nachmals dem Admiral zuerkannt, weil er fruͤ⸗ her das Licht geſehen hatte. Das Land lag deutlich vor ih⸗ nen, ungefaͤhr zwei Seemeilen entfernt; man zog daher die Segel ein, und ließ die Schiffe langſam treiben, waͤhrend man mit Ungeduld die Daͤmmerung erwartete. Die Gedanken und Gefuͤhle des Columbus in dieſem kur⸗ zen Zeitraume moͤgen wohl ſtuͤrmiſch und inhaltſchwer ge⸗ weſen ſeyn. Endlich hatte er, jeder Schwierigkeit und Ge⸗ fahr zum Trotz, ſein Werk vollendet. Das große Geheim⸗ niß des Weltmeeres war enthuͤllt; ſeine Idee, einſt der Spott der Weiſen, war mit Triumph begruͤndet; er hatte ſich einen Ruhm erworben, welcher ſo lange dauern mußte, als die Welt ſtand. Es iſt ſchwer ſelbſt fuͤr die Einbildungskraft, ſich die Gefuͤhle eines ſolchen Mannes in dem Augenblick einer ſo begeiſternden Entdeckung zu denken. Welch verwirrendes Gedraͤnge von Vermuthungen mag ſeinen Geiſt beſtuͤrmt haben, uͤber dieſes Land, welches jetzt in Dunkel gehuͤllt vor ihm lag! Daß es fruchtbar war, zeigten die Gewaͤchſe, die von ſeinen Kuͤſten hergeſchwommen kamen. Auch glaubte er in der balſamiſchen Luft die Wohlgeruͤche gewuͤrztragen⸗ der Haine einzuathmen. Das von ihm beobachtete Licht hatte bewieſen, daß das Land von Menſchen bewohnt ſey. Aber wer waren dieſe Bewohner? Glichen ſie denen der uͤbrigen Welttheile; oder waren ſie irgend ein fremdartiges, rieſenhaftes Geſchlecht, womit die Einbildungskraft in jenen Zeiten gern alle entlegene und unbekannte Regionen bevoͤl⸗ Irving's Columbus. 1— 3. 14 — 210— kerte? War er zu irgend einer Inſel weit im indiſchen Meere gelangt, oder war es jenes beruͤhmte Eipango ſelbſt, der Gegenſtand ſeiner goldnen Traͤume? Tauſend Gedan⸗ ken dieſer Art muͤſſen ihn umlagert haben, als er mit ſei⸗ nem ungeduldigen Schiffsvolke den Anbruch des Tages er⸗ wartete, begierig, ob das Morgenlicht eine unwirthbare Wildniß enthuͤllen, oder ob es uͤber Gewuͤrzhainen daͤmmern werde und uͤber ſchimmernden Tempeln, vergoldeten Staͤd⸗ ten und all dem Glanze orientaliſcher Verfeinerung. Viertes Buch. Erſtes Kapitel. Erſtes Landen des Columbus in der neuen Welt. (1492.) Es war am Morgen eines Freitages, am 12. October 1492, als Columbus die neue Welt zum erſtenmal erblickte. Wie der Tag graute, ſah er ein ebenes und ſchoͤnes Eiland von mehreren Meilen im Umfang vor ſich liegen, es war ſehr friſch und gruͤn und mit Baͤumen bedeckt, als ſey es nur ein ununterbrochener Baumgarten. Wiewohl Alles in der wilden Ueppigkeit einer ungezaͤhmten Natur erſchien, ſo war doch die Inſel augenſcheinlich ſtark bevoͤlkert, denn man ſah die Bewohner aus den Waͤldern kommen und von allen Seiten nach der Kuͤſte rennen, wo fie ſtanden und die Schiffe anſahen. Sie waren alle ganz nackt und nach ihren Stel⸗ lungen und Bewegungen ſchienen ſie in Erſtaunen verloren zu ſeyn. Columbus gab den Schiffen das Zeichen, daß man 14* — 212— Anker werfe, und die Boote mit bewaffneten Leuten be⸗ manne. Er beſtieg ſein eignes Boot, reich in Scharlach ge⸗ kleidet und das koͤnigliche Banner tragend, waͤhrend Mar⸗ tin Alonzo Pinzon und Vincent Janjez, deſſen Bruder, zu⸗ ſammen in ihren Booten abſtießen, jeder das Banner der Unternehmung tragend, welches mit einem gruͤnen Kreuze bemalt war und auf beiden Seiten unter einer Krone die Buchſtaben F. und J., die Anfangsbuchſtaben der caſtili⸗ ſchen Monarchen Fernando und Iſabella zeigte. Als ſie ſich den Kuͤſten naͤherten, erfreute ſie der Anblick der maͤchtigen Waͤlder, die in jenen Climaten eine ausneh⸗ mend reizende Vegetation haben. Sie ſahen Fruͤchte von verſuchender Geſtalt aber unbekannter Art an den Baͤumen, welche uͤber die Kuͤſten herabhingen. Die Reinheit und Lieb⸗ lichkeit der Atmoſphaͤre, die Kryſtallhelle des dieſe Eilande umſpuͤlenden Meeres, verleihen ihnen einen wunderbaren Reiz, welcher auf Columbus empfaͤngliches Gemuͤth einen maͤchtigen Eindruck gemacht haben muß. Kaum hatte er das Land betreten, ſo warf er ſich auf die Kniee, kuͤßte die Erde und dankte Gott unter Thraͤnen der Ruͤhrung. Alle folgten ſeinem Beiſpiel und alle Herzen ſtroͤmten von denſel⸗ ben Empfindungen des Danks uͤber. Columbus ſtand jetzt auf, zog ſein Schwert, entfaltete das koͤnigliche Banner, verſammelte die zwei Kapitaine mit Rodrigo de Escobido, dem Notar der kleinen Flotte, Rodrigo Sanchez und den uͤbrigen Gelandeten um ſich, und nahm feierlich im Namen der caſtiliſchen Souveraine Beſitz von der Inſel, welcher er den Namen San Salvador beilegte, Nach Vollendung der — 213— noͤthigen Formalitaͤten und Ceremonien, forderte er alle Anweſende auf, ihm den Eid der Treue zu leiſten, als Ad⸗ miral und Vicekoͤnig, der die Perſonen ihrer Gebieter vor⸗ ſtelle.*) Nun aͤußerten ſich die Empfindungen ſeiner Leute in Zeichen der heftigſten Bewegung. Sie, die ſich noch vor Kur⸗ zem fuͤr Geopferte angeſehen hatten, die man dem Verder⸗ ben entgegen fuͤhre, betrachteten ſich jetzt als Guͤnſtlinge des Gluͤcks, und gaben ſich dem graͤnzenloſeſten Entzuͤcken hin. Sie draͤngten ſie in uͤberſtroͤmender Begeiſterung um den Admiral; einige umarmten ihn, andre kuͤßten ihm die Haͤnde. Die, welche waͤhrend der Reiſe die widerſpenſtigſten und unruhigſten geweſen waren, wurden nunmehr die demuͤ⸗ thigſten und entzuͤckteſten. Einige baten um ſeine Gunſt als eines Mannes, der bereits Reichthuͤmer und Ehren zu vergeben habe. Mancher Verworfene, der ihn zuvor frech *) In den Tablas Chronologicas des Padre Claudio Cle⸗ mente ſteht eine Gebets⸗Formel, welche von Columbus zu dieſem Anlaß aufgeſetzt ſeyn ſoll und dem Befehle der caſtiliſchen Souveraine gemäß ſpäter von Balbog, Cortes und Pizarro bei ihren Entdeckungen auch ange⸗ wendet wurde. Sie lautet ſo:„Domine Deus ae- terne et omnipotens, sacro tuo verbo coelum et terram et mare creasti; benedicatur et glorifice tur nomen tuum, laudetur tuan majestas, quaa dignata est per humilem servum tuum; ut ejus sacrum nomen agnoscatur et praedicetur in hac altera mundi parte., Tab. Chron. de los Den- cub. decad. 1, Valencia 1689. — 214— beleidigt hatte, kroch jetzt zu ſeinen Fuͤßen und flehte um Verzeihung fuͤr alle Kraͤnkungen, die er ihm angethan hatte, und gelobte fuͤr die Zukunft die unbedingteſte Unterwerfung unter ſeine Befehle.*) Die Eingebornen der Inſel hatten die Schiffe, als dieſe in der Morgendaͤmmerung mit einge⸗ zogenen Segeln ſich um ihre Kuͤſten bewegten, fuͤr Unge⸗ heuer gehalten, die uͤber Nacht aus der Tiefe des Meeres aufgetaucht ſeyen. Sie hatten ſich am Ufer ſchaarenweiſe verſammelt, und beobachteten die Bewegungen der Schiffe mit grauenvoller Erwartung. Ihr Wenden ohne Anſtren⸗ gung, das Einziehen und Entfalten ihrer mit rieſenhaften Fluͤgeln vergleichbaren Segel, erfuͤllte ſie mit Staunen. Als ſie aber ihre Boote der Kuͤſte nahen, und eine Anzahl frem⸗ der Weſen in blitzendem Stahl urd buntfarbigen Kleidern am Ufer ausſteigen ſahen, da flohen ſie beſtuͤrzt in ihre Waͤlder. Sobald ſie jedoch bemerkten, daß man weder Miene machte, ſie zu verfolgen, noch ſie zu helaͤſtigen, er⸗ holten ſie ſich allmaͤhlig von ihrem Schrecken und naͤherten ſich den Spaniern mit großer Ehrfurcht; ſie warfen ſich haͤufig auf die Erde nieder und machten Zeichen der Anbe⸗ tung. Waͤhrend der Ceremonien der Beſitzergreifung ſahen ſie in furchtſamer Bewunderung auf die Geſtalten, die Beaͤrte, die ſtrahlenden Ruͤſtungen und ſchimmernden Gewaͤn⸗ *) Ovieda, 1. I. cap. 6. Las Casas hist. Ind. 1. I. gap. 40. — 2415— der der Spanier. Vor Allen zog der Admiral ihre Auf⸗ merkſamkeit auf ſich, denn ſeine maͤchtige Geſtalt, ſein ge⸗ bietendes Weſen, ſein ſcharlachnes Kleid und die Unterwuͤr⸗ figkeit, die ihm ſeine Gefaͤhrten bewieſen, alles verkuͤndete, daß er ihr Gebieter ſey.*) Als ſie ſich von ihrer Furcht mehr und mehr erholt hatten, kamen ſie zu den Spaniern heran, beruͤhrten ihre Baͤrte und pruͤften ihre Haͤnde und Geſichter, deren Weiße ſie bewunderten. Columbus, erfreut durch ihre Einfalt und Sanftheit, ſowie durch das Vertrauen, welches ſie gegen Weſen zeigten, die ihnen ſo fremd und furcht⸗ bar erſcheinen mußten, ließ ſie in ihren Unterſuchungen durchaus nicht ſtoͤren. Die verwunderten Wilden wurden durch dieſe Guͤte ganz gewonnen; nun glaubten ſie, die Schiffe ſeyen aus dem kryſtallnen Firmamente hergeglitten, welches ihren Horizont begraͤnzte, oder ſie haͤtten ſich auf ihren maͤchtigen Schwingen von oben herab gelaſſen, indem dieſe Wunderweſen Bewohner des Luftreiches ſeyen.*) Die Eingebornen der Inſel waren kein minderer Gegen⸗ ſtand der Neugierde von Seiten der Spanier, da ſie wirk⸗ *) Las Casas 1l. c. **) Der Glaube, daß die weißen Männer vom Himmel herab kämen, war durchgänaig bei den Bewohnern der neuen Welt angenommen. Als im Laufe der ſpäteren Reiſen die Spanier mit dem Caziken Nicaragua zuſammenkamen, fragte er ſte, auf welche Art ſie vom Himmel herabkä⸗ men, ob ſie flögen oder ſich auf Wolken herabließen. Herrera decad. 3, I. IV. cap. 5. einmal gebraͤuchlich war, a — 216— lich von allen bisher geſehenen Menſchenracen verſchieden waren. Ihr Aeußeres verſprach weder Reichthum noch Bil⸗ dung, denn ſie waren voͤllig nackt und mit bunten Farben bemalt. Bei einigen ging die Zeichnung nur uͤber einen Theil des Geſichts, die Naſe und um die Augen herum, bei anderen erſtreckte ſie ſich uͤber den ganzen Koͤrper und gab ihnen ein wildes und phantaſtiſches Anſehen. Ihre Haut war von roͤthlich gelber, ins Kupferfarbige ſpielender Farbe, und Baͤrte hatten ſie gar nicht. Ihr Haar war nicht ge⸗ krauſt, wie bei den neuentdeckten Voͤlkern der afrikaniſchen Kuͤſte unter der naͤmlichen Breite, ſondern ſtrack und dick, theilweiſe kurz uͤber den Ohren abgeſchnitten, doch hinten waren einige Locken gelaſſen und fielen uͤber die Schultern herab. Ihre Zuͤge, wiewohl undeutlich gemacht und entſtellt durch das Bemalen, waren angenehm; ſie hatten hohe Stir⸗ nen und beſonders ſchoͤne Augen. Sie waren von maͤßigem Wuchs und wohlgebaut; die meiſten ſchienen unter dreißig Jahren zu ſeyn; nur ein Weib war unter ihnen, ganz jung, unbekleidet wie ſie, und von ſchoͤner Geſtalt. Da Columbus die Ver Inſel des aͤußerſten Indie Eingebornen mit dem allg muthung hegte, er ſey auf einer ns angekommen, ſo nannte er die emeinen Namen Indianer, welcher ls die wahre Beſchaffenheit ſeiner Entdeckung bekannt wurde, und ſeitdem auf alle Ureinwoh⸗ ner der neuen Welt uͤberging. Die Spanier entdeckten bald, daß dieſe Inſelbewohner von Natur gutartig nnd ſanft, aͤußerſt einfach und kunſtlos — 217— ſeyen. Ihre einzigen Waffen waren Lanzen, an einem Ende im Feuer gehaͤrtet, oder mit einer Spitze von Stein, oder dem Zahn, auch Knochen eines Fiſches. Man ſah kein Eiſen unter ihnen, auch ſchienen ſie deſſen Eigenſchaften nicht zu kennen, denn wenn ihnen ein bloßes Schwert gezeigt wurde, ſo faßten ſie es ohne Argwohn bei der Schneide. Columbus ließ farbige Muͤtzen, Glasperlen, Schellen und andre Kleinigkeiten unter ſie vertheilen, welche von den Portugieſen zum Handel mit den Nationen der Goldkuͤſte von Afrika benutzt werden. Sie nahmen ſie als unſchaͤtzbare Geſchenke, hingen die Perlen um den Hals, und waren un⸗ endlich entzuͤckt uͤber dieſen Putz und uͤber den Klang der Schellen. Die Spanier blieben den ganzen Tag am Land und erlabten ſich nach ihrer angſtvollen Reiſe in den herr⸗. lichen Hainen der Inſel; ſie kehrten erſt ſpaͤt am Abend nach ihren Schiffen zuruͤck, hoͤchlich erfreut uͤber Alles, was ſie geſehen hatten. Am naͤchſten Morgen bei Tagesanbruch war die Kuͤſte voon Eingebornen erfuͤllt, alle Furcht vor den Geſtalten war verſchwunden, die ſie anfaͤnglich fuͤr Ungeheuer der Tiefe ge⸗ halten hatten; einige kamen an die Schiffe herangeſchwom⸗ men, andre ruderten in leichten Barken heran, die ſie Ca⸗ noes nennen und aus ausgehohlten Bauwſtaͤmmen gemacht ſind, geraͤumig genug, um vierzig bis fuͤnfzig Menſchen darin aufzunehmen. Dieſe handhabten ſie geſchickt mit Ru⸗ dern, und wenn ſie umſtuͤrzten, ſchwammen ſie ohne Schre⸗ cken im Waſſer wie in ihrem natuͤrlichen Element umher, — 218— ſie mit Calabaſchen aus.) faͤßen als Dinge von Werth auf. Dieſe ſchnitten ſie in kleine Stuͤckchen, ſie, zerdruͤckten ſie durch Preſſen un und der ſich dann lange aufheben ließ, —C—— ſtalt der ulmen gewonnen. wandten ihre Canoes mit großer Leichtigkeit und ſchoͤpften Sie zeigten große Begierde ſich noch mehr von dem Spielzeug und Flitterwerk der weißen Maͤnner zu ver⸗ ſchaffen, nicht grade, weil ſie ihm irgend einen inneren Werth beilegten, ſondern weil alles, was aus den Haͤnden der Fremdlinge kam, eine uͤberirdiſche Kraft in ihren Augen beſaß, als haͤtten jene es aus dem Himmel mitgebracht. Sie laſen ſogar Stuͤckchen Glas und Scherben von irdenen Ge⸗ Nur wenige Sachen konnten ſie als Gegengabe bieten, bloß Papagayen, deren ſie eine Menge gezaͤhmte beſaßen, und aus Baumwolle ge⸗ drehtes Garn, woran ſie Ueberfluß hatten und dicke Ballen von fuͤnf und zwanzig Pfund fuͤr die kleinlichſten Dinge her⸗ gaben. Sie brachten auch Kuchen von einer Art Brod, Caſſava genannt, ein Hauptbeſtandtheil ihrer Nahrung und nachmals ein wichtiger Gegenſtand der Verproviantirung fuͤr die Spanier. Es wurde aus einer großen Wurzel Namens Yuka gemacht, die ſie auf den Feldern bauten. roͤſteten oder doͤrrten d formten ſie dann zu einem breiten duͤnnen Kuchen, den man hart werden aber erſt in Waſſer *) Die Calabaſchen der Indianer, die ihnen ſtatt⸗Gläſer und irdenem Geſchirr dienen, und ihnen alle Arten von Haus⸗ rath abgeben, werden aus hohen Bäumen von der Ge⸗ — 219— getaucht werden mußte, um ihn eſſen zu koͤnnen. Dieſe Kuchen waren unſchmackhaft, doch naͤhrend; das bei der Bereitung ausgepreßte Waſſer aber war ein toͤdtliches Gift. Sie hatten noch eine andre Art Yuka, welche nicht dieſe giftige Eigenſchaft beſaß und als Wurzel gekocht oder gerd⸗ ſtet gegeſſen wurde.*) Die Habſucht der Entdecker ward bald durch den An⸗ blick von kleinem Goldſchmuck gereizt, den einige der Ein⸗ gebornen in den Naſen trugen. Dieſe tauſchten das Gold freudig gegen Glasperlen und kleine Schellen aus, beide Theile waren mit dem Handel zufrieden, einer ohne Zweifel uͤber die Einfalt des anderen verwundert. Da aber das Gold Gegenſtand des koͤniglichen Monopols auf allen Ent⸗ deckungsreiſen ſeyn ſollte, ſo verbot Columbus jeden Handel damit ohne ſeine ausdrückliche Genehmigung; daſſelbe Verbot legte er auf den Eintauſch von Baumwolle, indem er der Krone allen Handel damit vorbehielt, wo ſie in einiger Menge gewonnen wuͤrde. Er forſchte bei den Eingebornen nach, wo das Gold gefunden werde. Sie antworteten ihm durch Zeichen, indem ſie nach Suͤden deuteten, und er verſtand ſie dahin, daß in jener Richtung ein Koͤnig mit einem Ueberfluß von Schaͤtzen lebe, ſo reich, daß er mit großen Gefaͤßen von purem Golde bedient werde. Er nahm auch aus ihren Zeichen ab, daß im Suͤden, in Suͤdweſten und nach Nordweſten Land zu *) Acosta hist. Ind. I. IV. c. 17, — 220— finden ſey, und daß man von letzteren Gegenden haͤuſig fuͤdweſtlich gehe, um Gold und Edelſteine zu holen, und auf dieſem Wege die Inſeln beſuche, und die Bewohner davon zu fuͤhren. Mehrere Eingeborne zeigten ihm die Narben von Wunden, welche ſie in Gefechten mit ſolchen feindlichen Ein⸗ draͤngern erhalten hatten. Es iſt augenſcheinlich, daß ein großer Theil der ſo verſtandenen Nachrichten bloße Ver⸗ muthungen aus Hoffnungen und Wuͤnſchen des Columbus waren; denn er ſtand unter dem Zauber ſeiner Einbildungs⸗ kraft, welche jedem Gegenſtande eine eigenthuͤmliche Geſtalt und Farbe lieh. Er war uͤberzeugt, daß er bei jenen von Marco Polo beſchriebenen Inſeln angekommen ſey, welche Cathay gegenuͤber in dem chineſiſchen Meere liegen, und ſuchte alles mit den von dieſen reichen Gegenden gegebenen Nachrichten in Einklang zu ſetzen. So hielt er die Feinde, welche die Eingebornen aus Nordweſten kommen ließen, fuͤr das Volk des aſiatiſchen Feſtlandes, fuͤr die Unterthanen des Groß⸗Khans der Tartarei, welche von dem venetiani⸗ ſchen Reiſenden als im Krieg mit den Inſeln begriffen und als Raͤuber ihrer zu Sclaven gemachten Bewohner darſtellt. Das Land im Suͤden mit dem Ueberfluß an Gold konnte kein anderes, als die beruͤhmte Inſel Cipango ſeyn; und der Koͤnig, der ſich aus Gefaͤßen von purem Golde bedienen ließ, mußte der Monarch ſeyn, deſſen praͤchtige Stadt und ſtrahlenden Palaſt mit Daͤchern von Golde Marco Polo in ſo glaͤnzenden Ausdruͤcken beſchrieben hatte. Die Inſel, mit welcher Columbus auf dieſe Art die neue Welt betrat, hieß bei den Eingebornen Guanahani. — 221— Sie traͤgt jetzt noch den Namen San Salvador, den ihr der Entdecker gab, obwohl ſie die Englaͤnder Katzen⸗Inſel(Cat- Island) genannt haben.*) Das Licht, welches er am Abend vor ſeinem Landen geſehen hatte, konnte auf der Watlings⸗ Inſel geweſen ſeyn, welche wenige Meilen oͤſtlich liegt⸗ San Salvador iſt eine der der groͤßeren unter den Lucdhos oder Bahama⸗Inſeln, die ſich nach Suͤdoſt und Nordweſt, von der Kuͤſte Florida's nach Hispaniola Gaꝛti) hinziehen und die noͤrdliche Kuͤſte von Cuba uͤberdecken. Am Morgen des 14. Octobers ſchiffte ſich der Admiral bei Tagesanbruch auf den Booten ſeiner Schiffe en, um die Inſel zu unterſuchen, und wandte ſich nach Nordneſten. Die Kuͤſte war von Felſenriffen umgeben, innerhalb wecher das Waſſer tief genug und hinlaͤnglicher Raum war, die Schiffe der ganzen Chriſtenheit aufzunehmen. Der Eii⸗ gang war ſehr ſchmal, auch befanden ſich mehrere Sand⸗ baͤnke darin, aber das Waſſer war ſo ſtille wie in einem Teich.**) Das Eiland ſchien durchaus mit ſchoͤnen Waldungen be⸗ wachſen, von Stroͤmen durchſchnitten und ein breiter See in deſſen Mitte zu ſeyn. Als die Boote weiter fuhren, *) Es hat ſich neuerlich Streit erhoben, welche Inſel es geweſen, auf welcher Columbus zuerſt gelandet ſey; man verweiſt den Leſer deßhalb auf die Unterſuchung dieſer Frage in den Erläuterungen, unter dem Artitel: Erſtes Landen des Columbus. 1. **) Primer Viage de Colom, Navarrete t. 1. — 222— trafen ſie zwei bis drei Doͤrfer an, deren Einwohner, ſowohl Maͤnner als Weiber, an die Kuͤſte liefen, ſich auf die Erde warfen, die Haͤnde und Augen erhoben, entweder um dem Himmel zu danken oder die Spanier ſelbſt wie uͤbernatuͤr⸗ liche Weſen zu verehren. Sie liefen neben den Booten am Ufer hin, riefen den Spaniern zu und luden ſie mit Zei⸗ chen zum Landen ein, indem ſie ihnen mancherlei Fruͤchte und Gefaͤße mit Waſſer anboten. Da ſie jedoch ſahen, daß die Boote ihren Lauf fortſetzten, ſo ſprangen viele von den Indianen ins Meer und ſchwammen ihnen nach, andre aber filgten in Canoes. Der Admiral nahm ſie alle mit Guͤte und Freundlichkeit auf, und ſchenkte ihnen Glasperlen und andre Kleinigkeiten, die ſie mit Entzuͤcken als himm⸗ liche Gaben annahmen; denn es war die unveraͤnderliche sdee der Wilden, die weißen Maͤnner ſeyen vom Himmel herab gekommen. Auf dieſe Art ſetzten ſie ihren Weg fort, bis ſie an eine kleine Halbinſel kamen, die ſich in zwei bis drei Tagen vom Hauptlande trennen ließ und von Waſſer umzogen von Columbus als ein trefflicher Ort zur Anlegung eines Forts bezeichnet wurde. Es ſtanden ſechs indianiſche Huͤtten dar⸗ auf, mit Hainen und Gaͤrten umgeben, ſo reizend wie die in Caſtilien. Als die Seeleute des Herumfahrens muͤde waren und die Inſel dem Admiral nicht von der Wichtig⸗ keit erſchien, um eine Colonie anzulegen, ſo kehrte er auf ſeine Schiffe zuruͤck, und nahm ſieben von den Eingebornen mit ſich, damit ſie die ſpaniſche Sprache lernen und zu Dollmetſchern dienen koͤnnten. — 223— Nachdem ſie noch einen Vorrath von Holz und Waſſer eingenommen, verließen ſie die Inſel San Salvador an demſelben Abend, da der Admiral ungeduldig war, ſeine ſo gluͤcklich begonnenen Entdeckungen zu verfolgen und vor Allem zu dem reichen Lande des Suͤdens zu gelangen, wel⸗ ches, wie er ſich ſtets ſchmeichelte, die beruͤhmte Inſel Ci⸗ pango ſeyn werde. Zweites Kapitel. — Kreuzen zwiſchen den Bahama⸗Inſeln. (1492.) Als Columbus San Salvador verließ, wußte er nicht, welchen Weg er nehmen follte. Er ſah eine große Menge ſchoͤner Inſeln, gruͤn und eben und fruchtbar, die ihn in verſchiebnen Richtungen einluden. Die Indianer an Bord ſeines Schiffes aͤußerten durch Zeichen, daß es deren eine unzaͤhlige Menge gebe, gut bevoͤlkert und in beſtaͤndigem Krieg mit einander. Columbus faßte ſogleich die Ver⸗ muthung, ſie ſeyen in jenem Archſpelagus angelangt, von welchem Marco Polo ſagt, er dehne ſich an der Kuͤſte von Aſien aus und beſtehe aus ſiebentauſend vierhundert und — 224— acht und funfzig Inſeln, die an Gewuͤrzen und balſamtra⸗ genden Baͤumen einen Ueberfluß haͤtten. Von dem Gedanken erfreut, waͤhlte er die groͤßte der umherliegenden Inſeln zu ſeinem naͤchſten Beſuche. Sie ſchien ungefaͤhr fuͤnf Seemeilen entfernt, und nach den Zei⸗ ſchen der Wilden waren die Bewohner reicher als die von San Salvador, indem ſie Armbaͤnder und Fußringe, auch andre Zierrathen von purem Golde truͤgen. Da die Nacht hereinbrach, befahl Columbus, daß die Schiffe beilegen ſollten, weil die Schiffahrt bei dieſer un⸗ bekannten Inſelgruppe ſchwierig und gefaͤhrlich war und er in der Dunkelheit auf einer fremden Kuͤſte zu ſtranden fuͤrchtete. Am Morgen wurden die Segel wieder aufge⸗ zogen, aber der Wind war ihnen entgegen und verzoͤgerte das Weiterkommen, ſo daß ſie erſt bei Sonnenuntergang vor der Inſel Anker warfen. Frühmorgens am folgenden Tage(den 16.) gingen ſie ans Land und Columbus nahm feierlich von demſelben Beſitz, indem er der Inſel den Na⸗ men Santa Maria de la Conception beilegte. Das naͤm⸗ liche Schauſpiel ergab ſich hier wie bei den Einwohnern von San Salvador. Die Wilden offenbarten daſſelbe Stau⸗ nen und Grauſen; ſie waren eben ſo ſanft und einfach, eben ſo nackt und duͤrftig. Columbus ſah ſich vergeblich nach Armbaͤndern, Fußringen und anderen koſtbaren Gegenſtaͤnden um; ſie waren entweder eine Erdichtung der indianiſchen Fuͤhrer oder ſeine eigene falſche Auslegung ihrer Zeichen. Indem er fand, daß nichts auf der Inſel ſie weiter — 225— feſſeln koͤnne, kehrte er an Bord zuruͤck und ſchickte ſich an, ſeinen Lauf nach einer anderen, groͤßeren Inſel im Weſten zu nehmen. Einer der Indianer von San Salvador am Bord der Ninja, vermeinend er ſolle von dieſen Fremdlingen von ſeiner Heimath weit hinweggefuͤhrt werden, ſprang in das Meer und ſchwamm nach einem breiten Canoe hin, der mit Eingebornen angefüllt war, Das Boot der Caravele ſtieß ab, um ſie zu verfolgen, allein die Indianer ſtrichen in ihrer leichten Barke ſo behende uͤber die Flaͤche des Meeres weg, daß man ſie nicht erreichen konnte; ſie landeten und flohen gleich wilden Thieren in ihre Waͤlder, Die Schiffer nah⸗ men den Canoe als Beute mit und kehreen an Bord der Caravele zuruͤck. Kurze Zeit darauf naͤherte ſich ein kleiner Canoe einem der Schiffe von einer entfernteren Seite der Inſel; es war nur ein Indianer darin, welcher gekommen war, um einen Ballen Baumwolle gegen kleine Schellen umzutauſchen. Als er nahe bei dem Schiff ſtill hielt, aber ſich fuͤrchtete, hineinzuſteigen, ſprangen einige Schiffer ins Meer und nahmen ihn gefangen. Es war dem Columbus fehr darum zu thun, jede Furcht oder Mißtrauen, welche durch die Verfolgung der Fluͤchtlinge oder durch den entflohenen indianiſchen Fuͤhrer auf der Inſel etwa verbreitet wuͤrden, zu verſcheuchen, denn er hielt es fuͤr aͤußerſt wichtig, ſich den guten Willen der Einge⸗ bornen zum Vortheil der kuͤnftigen Reiſen zu erhalten. Er hatte alles, was geſchehen war, von dem Hintertheil ſeines Schiffes mit angeſehen und befahl, daß man ihm den Ge⸗ fangenen bringen ſolle; der arme Indianer wurde vor Irvings Columbus. 1—. 15 — 226— Furcht zitternd zu ihm gefuͤhrt und bot ihm ſeinen Ballen Baumwolle als Geſchenk an. Der Admiral nahm ihn mit der groͤßten Freundlichkeit auf, dankte fuͤr die Gabe, ſetzte ihm eine buntgewirkte Muͤtze auf, haͤngte ihm gruͤne Glasperlen um den Arm und Schellen in die Ohren, dann befahl er denſelben mit ſeinem Ballen Baumwolle wieder in den Canoe zu ſetzen, und ließ ihn erſtaunt und entzuͤckt von dannen fahren. Auch befahl er, daß der andre Canoe, den man weggefangen und an die Ninja gehaͤngt hatte, abgeloͤſt werde, damit ihn die Ei⸗ genthuͤmer wieder holen koͤnnten. Als der Indianer die Kuͤſte erreicht hatte, konnte Columbus erkennen, wie ſeine Lands⸗ leute ſich um ihn draͤngten, ihn ausfragten, ſeinen Schmuck bewunderten und auf ſeine Erzaͤhlung horchten, wie man ihn behandelt habe. Von dieſer Art waren die ſanften und weiſen Maßre⸗ geln, welche Columbus beibehielt, um den Wilden eine gute Meinung von den weißen Maͤnnern zu geben. Ein aͤhnli⸗ licher Vorfall ereignete ſich, nachdem er die Infel Concep⸗ tion verlaſſen hatte und nach der groͤßeren Inſel ſchiffte, die einige Seemeilen weſtlich lag. Mitten in der Meerenge, welche die beiden Inſeln ſcheidet, trafen ſie einen einzelnen Indianer in einem Canoe an. Er hatte nur ein Stuͤck Caſ⸗ ſavabrod und eine Calabaſche mit Waſſer als Seevorratth bei ſich, und war ein wenig roth wie mit Drachenblut be⸗ malt. Er hatte auch eine Schnur von den Glasperlen um⸗ haͤngen, von denen, die ſie den Bewohnern von San Sal⸗ vador gegeben hatten; dieſes bewies, daß er von dort kam, 8 — 227— und wahrſcheinlich fuhr er von einer Inſel zur andern, um Nachricht von den gekommenen Schiffen zu geben. Colum⸗ bus bewunderte die Kuͤhnheit dieſes einfachen Schiffers, der in einer ſo gebrechlichen Barke eine ſo große Umfahrt machte. Da die Inſel noch fern war, ſo befahl er, den Indianer und ſeinen Canoe an Bord zu nehmen; er behandelte ihn mit der groͤßten Guͤte, gab ihm Brod und Honig zu eſſen, und Wein zu trinken. Weil das Meer ſehr vuhig war, ſo erreichten ſie die Inſel erſt, als es zu dunkel war, um An⸗ ker zu werfen, indem ſie fuͤrchteten, die Taue koͤnnten durch Felſen zerſchnitten werden. Die See war um dieſe Inſel ſo durchſichtig, daß ſie am Tage bis auf den Grund ſehen und ſich einen Ort ausſuchen konnten, und ſo tief, daß ſie in zwei Flintenſchußweiten keinen Ankergrund fanden. Sie ſetzten daher den Canoe des indiſchen Reiſenden wieder in See, gaben ihm alle ſeine Effecten zuruͤck, und ließen ihn vergnuͤgt nach der Kuͤſte fahren, um die Eingebornen auf ihre Ankunft vorzubereiten, waͤhrend die Schiffe bis zum Morgen beilaͤgen. Die liebreiche Aufnahme des armen Indianers bewiekte den erwarteten Eindruck, die Eingebornen kamen waͤhrend der Nacht in ihren Canoes, begierig, die wunderbaren und guͤtigen Fremdlinge zu ſehen. Sie umgaben die Schiffe, hol⸗ ten alles her, was die Inſeln hervorbrachten, Fruͤchte und Wurzeln und klares Waſſer aus ihren Quellen. Columbus vertheilte unbedeutende Geſchenke unter ſie, und denen, die an Bord kamen, gab er Zucker und Honig. . 15* Am naͤchſten Morgen landete er, und nannte die Inſel dem Koͤnige zu Ehren Fernandina; ſie iſt dieſelbe, welche jetzt Exuma heißt. Die Bewohner glichen in jeder Hinſicht denen der vori⸗ gen Inſeln, außer daß ſie kluͤger und etwas erfinderiſcher er⸗ ſchienen, Einige von den Weibern trugen knappe Decken oder Schuͤrzen von Baumwolle, andere hatten Maͤntel von demſelben Stoff, aber die meiſten gingen ganz unbekleidet. Ihre Wohnungen waren ſehr einfach, in der Geſtalt eines Pavillons oder hohen runden Zeltes, aus Baumzweigen, Rohr und Palmblaͤttern zuſammengeſetzt. Sie waren ſehr reinlich und nett gehalten, und ſtanden unter ſchoͤnen, ſchat⸗ tigen Baͤumen. Zu Ruhelagern hatten ſie Netze von Baum⸗ wolle, an zwei Punkten aufgehaͤngt, die ſie Hamaks nann⸗ ten, ein Name, der ſeitdem in der Sprache der Seeleute allgemein geworden iſt. Indem Columbus verſuchte, die Inſel zwei Seemeilen von dem nordweſtlichen Cap zu umſchiffen, fand er ei⸗ nen anſehnlichen Hafen, geraͤumig genug, um hundert Schiffe aufzunehmen, mit zwei Eingaͤngen, durch eine davorliegende Inſel gebildet. Waͤhrend hier die Mannſchaft mit den Faͤſ⸗ ſern an's Land ging, um Waſſer zu holen, erquickte er ſich in dem Schatten der Baumparthieen, welche nach ſeiner Beſchreibung ſchoͤner waren, als er irgend welche geſehen hatte; das Land war ſo friſch und gruͤn, wie im Mai die Gegenden von Andaluſien; die Baͤume, Fruͤchte, Kraͤuter, Blumen, ſelbſt die meiſten Skeine waren von den ſpani⸗ — 229— ſchen ſo verſchieden, wie der Tag von der Nacht.*) Die Bewohner bewieſen wie die anderen Inſulaner, daß ihnen der Anblick civiliſirter Menſchen etwas ganz Fremdes ſey. Sie betrachteten die Spanier mit Ehrfurcht und Bewunde⸗ rung, naͤherten ſich ihnen mit gunſtgewinnenden Gaben, von allen Gegenſtaͤnden, die ihre Duͤrftigkeit oder vielmehr ihre einfache und natuͤrliche Lebensweiſe ihnen gewaͤhrte: mit Fruͤchten ihrer Felder und Haine, mit Baumwolle, welche ihr werthvollſtes Produkt war, und mit gezaͤhmten Papagaien. Als die Spanier landeten, um ſich mit Waſſer zu verſehen, fuͤhrten ſie dieſelben zu den kuͤhlſten Quellen, den lieblichſten und friſcheſten Baͤchen, fuͤllten ihnen die Faͤſſer, rollten ſie zu den Booten, und ſuchten ihre himmliſchen Gaͤſte auf jede Art zu erfreuen. Wie ſehr auch dieſer Urzuſtand von Duͤrftigkeit der Phantaſie eines Dichters geſchmeichelt haben moͤchte, ſo war er doch fuͤr die Spanier eine Quelle beſtaͤndigen Verdruſſes, da ihre Habſucht durch die kleinen Stuͤckchen Gold, die ſie bei den Indianern gefunden, und durch ihre Andeutungen von Inſeln voll Gold, auf's Hoͤchſte gereizt war. Sie verließen Fernandina am 19. October und ſegelten ſuͤdoͤſtlich nach einer Inſel Namens Saometo, woſelbſt, wie Columbus aus den Zeichen der Fuͤhrer abnahm, eine Gold⸗ mine war und ein Koͤnig, der in einer anſehnlichen Stadt reſidirte, und große Schaͤtze beſaß, reiche Kleider und gold⸗ —— *) Erimer Viage de Colon. Navarrete t. I. nen Schmuck trug, und Herr aller Inſeln umher war. Sie fanden das Eiland, aber weder den Monarchen, noch die Goldmine; entweder hatte Columbus die Eingebornen falſch verſtanden, oder ſie hatten nach Maaßgabe ihrer eignen Durftigkeit den armſeligen Putz und geringen Schmuck eini⸗ ger Haͤuptlinge der Wilden damit gemeint. Columbus preiſt jedoch die Schoͤnheit der Inſel, welcher er den Namen ſei⸗ ner koͤniglichen Beſchuͤtzerin Iſabella gab.*) So reizend auch die anderen von ihm entdeckten Inſeln waren, ſo er⸗ klaͤrte er doch, daß dieſe alle uͤbertreffe. Gleich ihnen war ſte mit Baͤumen, Geſtraͤuchen und Kraͤutern von unbekann⸗ ter Art und uͤppiger tropiſcher Vegetation bedeckt. Das Klima hatte dieſelbe milde Temperatur; die Luft war lieb⸗ lich und balſamiſch, das Land lag hoͤher und hatte ſchoͤne gruͤnende Huͤgel; die Kuͤſte fuͤhrte feinen Sand, von durch⸗ ſichtigen Wellen ſanft beſpuͤlt. Columbus war entzuͤckt uͤber die reizenden Landſchaften dieſer Inſel.„Ich wußte nicht,“ ſchreibt er,„wohin ich zuerſt gehen ſollte, meine Augen wurden nicht muͤde, das herrliche Gruͤn anzuſchauen., Am ſuͤdweſtlichen Ende der Inſel fand er Seen mit Quellwaſſer, von Gehoͤlz uͤberſchat⸗ tet und mit Ufern voll Kraͤuter. An dieſen Quellen ließ er alle Waſſertonnen friſch fuͤllen.„Hier ſind betraͤchtliche Teiche zu finden,“ ſchreibt er in ſeinem Tagebuch,„und die Waldung umher iſt wunderſchoͤnz hier und auf dem ganzen *) Gegenwärtig heißt ſte Isla Larga und Exumeta⸗ — 231— Eiland iſt alles gruͤn, und das Laubwerk wie im April in Andaluſien. Das Singen der Voͤgel iſt ſo ergoͤtzend, daß man ſich kaum von dieſen Oertern trennen kann; da ſind Schaaren von Papagafen, welche die Luft verdunkeln, und von anderen Voͤgeln groß und klein, in ſo vielen Gattungen. und ſo verſchieden von den unſrigen, daß es zu bewundern iſt; und dann die tauſend Arten von Baͤumen, jeder mit anderen Fruͤchten, und von einem koͤſtlichen Duft, ſie machen mich ganz verwirrt und traurig, daß ich ſie nicht kenne, denn gewiß ſind alle von trefflichen Eigenſchaften. Ich werde davon einige als Proben mit nach Hauſe nehmen, und auch von den Pflanzen einige.“ Columbus bemuͤhte ſich, die Spezereien und Gewuͤrze des Morgenlandes in ihnen zu entdecken, und bei ſeinem Nahen war es ihm geweſen, als athme er in den Luͤften, die von der Inſel herweheten, die wuͤrzigen Geruͤche, welche ſich von den Eilanden der indi⸗ ſchen Gewaͤſſer verbreiten ſollen.„Wie ich mich dieſem Cap naͤherte,“ ſagt er,„dufteten mir ſo herrliche, feine Wohl⸗ geruͤche von den Blumen und Baͤumen des Landes entgegen, daß es das Lieblichſte von der Welt war. Ich glaube, es gibt hier Kraͤuter und Baͤume, welche in Spanien von großem Werth ſeyn wuͤrden, zu Farben, Arzneien und Ge⸗ wuͤrzen, aber ich kenne ſie alle nicht, und das quaͤlt mich ſehr.“*) Die Fiſche, welche dieſe Meere im Ueberfluß enthalten, —xx *) Primer Viage de Colon, Navarrete c. I. — 232— waren ihm eben ſo fremd, wie die meiſten Dinge dieſer neuen Welt, Sie wetteiferten mit den Voͤgeln in tropiſchem Farbenglanze; von einigen ſtrahlten die Schuppen das Sonnenlicht gleich koͤſtlichen Edelſteinen zuruͤckz wenn ſie um die Schiffe ſpielten, warfen ſie den Schimmer von Gold und Silber durch die klaren Wellen, und die Delphine, die man aus ihrem Elemente zog, ergoͤtzten das Auge mit ſchil⸗ lerndem Farbenwechſel, wie man ihn dem Chamaͤleon in der Fabel zuſchreibt. Thiere des Feldes ſah man nicht auf dieſen Inſeln, au⸗ ßer Eidechſen, die ſchon erwaͤhnten Hunde, eine Art Ka⸗ ninchen, von den Eingebornen Utia genannt und Guanas. Die letzten wurden von den Spaniern mit Abſcheu und Ent⸗ ſetzen betrachtet, denn ſie hielten ſie fuͤr boͤſe und giftige Schlangen, aber man hat ſie ſpaͤterhin als ganz unſchuldige Thiere kennen gelernt, welche von den Indianern fuͤr einen großen Leckerbiſſen gehalten werden. Einige Tage durchſtrich Columbus die Inſel, umſonſt be⸗ muͤht, den angeblichen Herrſcher zu finden oder eine Ver⸗ bindung mit demſelben einzuleiten, bis er ſich am Ende wie⸗ wohl ungern von ſeinem Irrthum losſagte. Aber kaum war die eine Taͤuſchung verſchwunden, als wieder eine an⸗ dere erſchien. Die Eingebornen hatten, als die Spanier ſie uͤber die Quelle des bei ihnen vorgefundenen Goldes befrag⸗ ten, alle nach Suͤden gezeigt. Columbus fing jetzt an, Nachrichten von einer Inſel zu ſammeln, die in dieſer Rich⸗ tung liege und Cuba genannt werde, aber alles, was er uͤber dieſelbe aus den Zeichen der Eingebornen abnehmen konnte, ward von ſeiner Phantaſie mit Farben ausgemalt, vergol⸗ det und uͤbertrieben. Er glaubte zu vernehmen, ſie ſey von großer Ausdehnung, habe einen Ueberfluß an Gold, Perlen und Spezereien, treibe einen ausgedehnten Handel mit die⸗ ſen koſtbaren Artikeln, und große Kauffartheiſchiffe gingen zu dieſem Zweck an ſeine Bewohner ab. Wenn er dieſe falſchverſtandenen Nachrichten mit der Kuͤſte von Aſien, wie ſie nach der Beſchreibung des Marco Polo auf ſeiner Karte verzeichnet ſtand, verglich, folgerte er ſodann, daß dieſe Inſel jenes Eipango, und die Kauffar⸗ theiſchiffe die des Groß⸗Chans ſeyn muͤßten, der einen aus⸗ gedehnten Handel auf dieſen Meeren treibe. Hiernach rich⸗ tete er ſeinen Reiſeplan ein; er nahm ſich vor, unmittelbar nach dieſer Inſel zu ſchiffen, und ſich mit ihren Haͤfen, Staͤdten und Produkten bekannt zu machen, um die noͤthi⸗ gen Handelsverbindungen anzuknuͤpfen. Er wollte dann eine andre große Inſel Namens Bohio aufſuchen, von welcher die Eingebornen ebenfalls eine wundervolle Beſchreibung machten. Sein Aufenthalt auf dieſen Eilanden ſollte von der Menge Goldes, Spezereien, Edelſteine und anderer Ge⸗ genſtaͤnde des Levanten⸗Handels abhaͤngen, die er dort an⸗ treffen wuͤrde. Darauf wollte er auf das Feſtland von In⸗ dien gehen, welches nach ſeiner Berechnung in einer Fahrt von zehn Tagen zu erreichen war, und die Stadt Guinſey aufzuſuchen, welche nach Marco Polo eine der praͤchtigſten Hauptſtaͤdte der Welt war; dort wollte er in Perſon die Schreiben des caſtiliſchen Koͤnigspaares an den Groß⸗Chan abgeben, und wenn er deſſen Antwort erhalten, mit dieſer — 234— Urkunde im Triumph nach Spanien zuruͤckkehren, um zu be⸗ weiſen, daß er den großen Endzweck ſeiner Reiſe erfuͤllt habe.*) Dieſes war der glaͤnzende Plan, den Columbus in ſeiner Phantaſie naͤhrte, als er im Begriff war, die Ba⸗ hama⸗Inſeln zu verlaſſen, um nach Cuba unter Segel zu gehen. Drittes Kapitel. Entdeckung und Landen auf Cuba. (1492.) Die Abreiſe des Columbus verſchob ſich einige Tage durch widrige Winde und durch Windſtille, von ſtarken Re⸗ genguſſen begleitet, welche letztere ſeit ſeiner Ankunft bei den Inſeln mehr oder minder angedauert hatten. Es war die Zeit der Herbſtregen, die in dieſen heißen Klimaten der brennenden Hitze des Sommers folgen, in der zweiten Haͤlfte des Auguſtmondes beginnen, und bis zum Monat November anhalten. — *) Kagebuch des Columbus, Navarrete t. I. Endlich am 24. October um Mitternacht lichtete er vor der Inſel Iſabella die Anker; aber er fand Windſtille bis gegen Mittag, da erhob ſich ein ſanfter Wind, der, wie Columbus bemerkt, recht liebevoll zu wehen anfing. Alle Segel blaͤhten ſich, und er nahm nun ſeinen Lauf weſt⸗ ſuͤd⸗weſtlich, in welcher Richtung nach der Beſchreibung das Land Cuba von Jſabella aus liegen ſollte. Nachdem er drei Tage geſchifft war, waͤhrend deſſen er eine Gruppe von ſieben bis acht kleinen Inſeln antraf, die er Islas de Arena nannte und welche man fuͤr die heutigen Mucaras⸗ Inſeln haͤlt, und nachdem er durch die Bahama⸗Bank und durch den Bahma⸗Canal geſegelt war, kam er am Morgen des 28. Octobers auf der Hoͤhe der Inſel Cuba an. Der Cheil, welchen er zuerſt entdeckte, ſcheint die Kuͤſte weſtlich von Nuevitas del Principe geweſen zu ſeyn. Als er ſich dieſer anſehnlichen Inſel naͤherte, erſtaunte er über das Großartige ihrer Umriſſe, uͤber ihre hohen luftigen Berge, welche ihn an die Gebirge von Sicilien erinnerten, uͤber ihre fruchtbaren Thaͤler und lang geſtreck⸗ ten Ebenen, von anſehnlichen Stroͤmen durchſchnitten, uͤber die herrlichen Waldungen, dann uͤber die kuͤhnen Vorge⸗ birge und geſtreckten Plateau's, welche bis in die weiteſte Ferne verſchwanden. Er warf Anker in einem ſchoͤnen Fluß, ohne Klippen und Untiefen, von durchſichtigem Waſſer, und die Ufer von Baͤumen beſchattet. Hier ſtieg er an's Land und nahm Beſitz von der Inſel; er gab ihr den Na⸗ men Juana, dem Prinzen Juan zu Ehren, und den Fluß nannte er San Salvador. — 236— Bei der Ankunft der Schiffe waren zwei Canoes von der Kuͤſte abgeſtoßen, aber als die Inſulaner das Boot herankommen ſahen, welches den Grund zum Ankern unter⸗ ſuchte, flohen ſie mit Schrecken davon. Der Admiral be⸗ ſuchte zwei Huͤtten, welche die furchtſamen Bewohner ver⸗ laſſen hatten. Sie enthielten nur duͤrftigen Hausrath, ein Paar Netze aus Faſern von Palmen geflochten, Angelu und Harpune von Knochen, noch einiges ſonſtige Fiſcher⸗ geraͤth und einen Hund von derſelben Art, wie er ſie auf den kleineren Inſeln getroffen hatte, die niemals bellen. Er befahl, daß nichts hinweggenommen oder aus ſeiner Ordnung verruͤckt werden duͤrfe, und begnuͤgte ſich damit, die Lebensart dieſer Leute aufzunotiren. Er kehrte in ſein Boot zuruͤck und fuhr den Fluß eine Strecke hinauf, immer entzuͤckter uͤber die Schoͤnheit des Landes. Die Waldung, welche die beiden Ufer bedeckte, beſtand aus Baͤumen von hohem und weitem Umfang; einige trugen Fruͤchte, andere Bluͤthen, wieder andere, einen be⸗ ſtaͤndigen Kreislauf von Fruchtbarkeit verkuͤndend, trugen beides, Bluͤthen und Fruͤchte zugleich; unter ihnen waren viele Palmen, aber verſchieden von denen in Spanien und Afrika; mit ihren großen Blaͤttern waren die Huͤtten der Indianer gedeckt. Die beſtaͤndigen Lobpreiſungen, welche Columbus uͤber die Schoͤnheit der Landſchaften macht, ſind in der Eigen⸗ thuͤmlichkeit der Gegenden, welche er ſah, allerdings be⸗ gruͤndet. Dieſe uͤppigen und heißen Climate haben einen einzigen Glanz, eine wunderſame Mannigfaltigkeit und Ueppig⸗ —— — 237— keit der Vegetation. Das Gruͤn der Haine und die Farben der Blumen und Bluͤthen erſcheint dem Auge vermoͤge der durchſichtigen Reinheit der Luft und der tiefklaren Blaͤue des Himmels in den lebhafteſten Tinten. Die Waͤlder ſind voll Leben, von Voͤgeln mit herrlichem Gefieder durchſchwaͤrmt. Papagayen und Spechte in vielfarbigem Gemiſch werfen einen bunten Schimmer uͤber das gruͤne Laubwerk der Haine, und Colibri's ſchweben, nach einer irgendwo gemachten tref⸗ fenden Vergleichung, gleich belebten Theilchen eines Regen⸗ bogens von Blume zu Blume. Hochrothe Flamingo's werden zuweilen durch die Oeffnung eines Waldes auf einer ent⸗ fernten Savannah erblickt, ſie haben das Anſehen von Sol⸗ daten, die in Bataillons anruͤcken, und ſtellen einen vor⸗ ausgehenden Fuͤhrer zur Wache, um bei drohender Gefahr ein Zeichen zu geben. Nicht die unbedeutendſte Seite der belebten Natur iſt das Gewimmel von Inſekten aller Art, die auf den Pflanzen leben, und herrliche Fluͤgeldecken ent⸗ falten, die dem Auge gleich koſtbaren Gemmen entgegen ſchimmern.*) Außer den immer wiederkehrenden Bemerkungen uͤber den Zauber der verſchiedenen Gruppen und uͤber das Ver⸗ gnuͤgen, welches er bei den neuen Toͤnen und Gegenſtaͤnden dieſes Landes empfand, ſcheint ſeine Seele beſonders jene *) Die Damen von Havannah tragen bei feſtlichen Gelegen⸗ heiten eine Menge dieſer Inſekten in den Haaren, ein Schmuck, der dem Glanz der Rubinen, Saphire und Diamanten gleichkommt⸗ — 238— herrlichen Eindruͤcke in ſich aufgenommen zu haben, welche die Schoͤnheiten und Wunder der Natur bei einzelnen Men⸗ ſchen hervorbringen. Er ſpricht dieſe Gefuͤhle mit eigen⸗ thuͤmlichem Enthuſiasmus und zugleich mit der Kunſtloſig⸗ keit und Einfalt eines Kindes aus. Wenn er von lieblichen Plaͤtzen in den Hainen oder laͤngs der blumigen Ufer dieſes geſegneten Eilandes redet, ſo ſagt er: man moͤchte da ſein ganzes Leben zubringen.“ Cuba tauchte ihm wie ein Elyſium auf.„Es iſt das reizendſte Inſelland,“ ſchrieb er, „welches je ein Auge erblickt hat, reich an trefflichen Haͤfen und tiefen Fluͤſſen.“ Das Clima fand er gemaͤßigter als auf den anderen Inſeln, die Naͤchte waren weder warm noch kalt, waͤhrend die Voͤgel und Heimchen die gauze Nacht zirpten. Es liegt warlich ein Zauber in den Naͤchten der Tropenlaͤnder, in der tiefen Blaͤue des Himmels, in dem hellen Glanz der Sterne und in der leuchtenden Klarheit des Mondes, welcher der reichen Landſchaft und den balſa⸗ miſchen Hainen Reize verleiht, die maͤchtiger ſind als die Pracht des Tages. In dem lieblichen Dufte der Waͤlder und in den Wohl⸗ geruͤchen der Blumen, welche jeden Lufthauch verſuͤßen, athmete Columbus den balfamiſchen Duft der orientaliſchen Gewürzhaine und an den Kuͤſten fand er in der Geſtalt von Auſterſchaalen jene Muſcheln, welche die Perlen hervor⸗ bringen. Aus dem Graſe, welches am Rande des Meeres wuchs, ſchloß er auf die friedliche Ruhe des Oceans, der dieſe Inſeln ſanft umſpule und niemals die Kuͤſten mit zor⸗ nigen Wogen peitſche. Seit ſeiner Ankunft auf dieſen An⸗ — 239— tillen hatte er nur ſtilles, mildes Wetter gehabt, und er zog daraus den Schluß, daß eine ewige Heiterkeit uͤber die⸗ ſen gluͤcklichen Meeren ſchwebe. Er verſah ſich nicht der Stuͤrme, die jezuweilen mit wahrer Wuth hier hauſen. Charlevoix bemerkt, indem er als Augenzeuge redet:„das Meer um dieſe Inſeln iſt in der Regel ruhiger als die unſrigen; aber wie bei manchen Menſchen, die nicht leicht zum Zorne gereizt werden, die Ausbruͤche der Leidenſchaft eben ſo heftig als ſelten ſind, ſo wird auch dieſes Meer furchtbar, wenn es einmal erregt iſt. Es bricht alle Feſſeln, uͤberſtroͤmt das Land, ſchwemmt alles hinweg, was es auf ſeinem Wege findet und hinterlaͤßt ſchaudererregende Ver⸗ heerung, welche von der Gewalt der Fluthen Zeugniß gibt. Nach dieſen Stuͤrmen, die unter dem Namen Hurricanes bekannt ſind, findet man die Kuͤſten mit Seemuſcheln be⸗ deckt, welche die in den europaͤiſchen Meeren gefundenen an Glanz und Schoͤnheit weit uͤbertreffen.“*) Es iſt indeſſen ein ſonderbarer Umſtand, daß man von den Hurricanes, die faſt jaͤhrlich die Bahamas und andre Inſeln in der naͤchſten Umgebung von Cuba verheeren, ſelten hoͤrt, daß ſie dieſen ihren Einfluß auch auf jenes beguͤnſtigte Land erſtrecken. Es iſt, als ob die aufgeregten Elemente bei ihrem Nahen von dem Zauber dieſer Inſel in Sanftheit umgewandelt wuͤrden. In eine Art von Aufruhr der Einbildungskraft fand *) Charlevoix hist. St. Dominga I. I. p. 20. Paris 1730. Columbus auf jedem Schritt einen Gegenſtand, welcher ihm die Nachrichten beſtaͤtigen mußte, die er von den Eingebor⸗ nen erhalten hatte oder erhalten zu haben glaubte. Er hatte ſeiner Meinung nach, uͤberzeugende Beweiſe, daß Cuba Goldminen und Gewuͤrzhaine beſitze und daß das kryſtall⸗ helle Waſſer ſeiner Kuͤſten von Perlen uͤberſtroͤme. Er zweifelte nicht laͤnger, daß dieſes die Inſel Cipango ſey 3 er lichtete daher die Anker und fuhr laͤngs der Kuͤſte nach Weſten, in welcher Richtung nach den Zeichen ſeiner Ge⸗ waͤhrsmaͤnner die praͤchtige Stadt ihres Koͤnigs liegen follte. In dem Laufe dieſer Fahrt landete er an einigen Stellen und beſuchte mehrere Doͤrfer, beſonders eins an den Ufern eines breiten Fluſſes, dem er den Namen Rio de Maras gab.*) Die Haͤuſer waren zierlich aus Palmzweigen ge⸗ baut, in der Form von Pavillons, aber nicht in geraden Straßen, ſondern unregelmaͤßig da und dort, zwiſchen den Waldparthieen und unter dem Schatten breiter vollaſtiger Baͤume, gleich den Zelten eines Lagers; wie ſie noch jetzt auf vielen ſpaniſchen Colonien und in den Doͤrfern des Inneren von Cuba angetroffen werden. Die Bewohner flohen nach dem Gebirg oder verſteckten ſich in die Waͤlder. Columbus merkte ſich genau die Bauart und das Material ihrer Wohnungen. Die Cabanen waren beſſer aufgefuͤhrt als er ſie vorher geſehen hatte, und ausnehmend reinlich gehalten. Er fand in ihnen rohe Bildſaͤulen und hoͤlzerne *) Nun Savanah la Mar genannt. 241— Masken, mit vieler Geſchicklichkeit geſchnitzt. Alles das verrieth hoͤhere Kunſt und Cultur, als er auf den kleineren Inſeln bemerkt hatte, und er vermuthete, daß dieſes zu⸗ nehmen wuͤrde, je naͤher er der Terra firma kaͤme. Da er in allen dieſen Wohnungen Fiſchergeraͤth antraf, ſo ſchloß er daraus, daß dieſe Kuͤſten nur von Fiſchern bewohnt ſeyen, die ihren Fang in den Staͤdten des Landes zu Markte braͤchten. Er glaubte auch Ochſenſchaͤdel gefunden zu haben, welches ihm bewies, daß auf der Inſel ſolches Zug⸗ vieh ſey; doch iſt zu vermuthen, daß es Schaͤdel von dem Manati oder Seekalb geweſen, die er an der Kuͤſte geſehen hatte. Nachdem Columbus eine gute Strecke nordweſtlich ge⸗ fahren war, bekam er ein großes vorſpringendes Plateau zu Geſicht, dem er von den Waͤldern, womit es bedeckt war, den Namen Cap der Palmen gab und welches den oͤſtlichen Eingang der Stelle bildet, die nun als Laguna de Moron bekannt iſt. Hier belehrten drei von den Indianer der Inſel Guanahani, die an Bord der Pinta waren, den Kapitain Martin Alonzo Pinzon, daß hinter dieſem Cap ein Fluß laufe, von welchem man nur noch vier Tagereiſen nach Cubanacan habe, wo Gold im Ueberfluß anzutreffen ſey. Hiermit bezeichneten ſie eine in dem Mittelpunkt von Cuba gelegene Provinz, in ihrer Sprache Nacan, welches Mitte bedeutet. Pinzon hatte jedoch die Karte Toscanelli's genau ſtudirt und alle Ideen des Columbus uͤber die ver⸗ muthetete Kuͤſte von Aſien eingeſogen. Er ſchloß alſo, daß die Indiauer von Cublay⸗Chan, dem Beherrſcher der Tar⸗ Irving's Columbus. 1— 3. 16 — 242— taren nnd von einigen Theilen ſeiner Reiche rebeten, die von Marco Polo beſchrieben werden.*) Er glaubte zu verſtehen, daß Cuba keine Inſel, ſondern Feſtland waͤre, welches ſich in weiter Ausdehnung nach Norden erſtrecke, und daß der Koͤnig, der hier in der Naͤhe reſidire, im Kriege mit dem Greß⸗Chan lebe. Dieſes Gewebe von Irrthuͤmern und Mißverſtaͤndniſſen theilte er unmittelbar dem Columbus mit. Es enttaͤuſchte den Admiral ſeines Irrthums, daß dieſes die Inſel Cipango waͤre, aber es ſetzte einen anderen an deſſen Stelle. Er vermuthete, daß er das Feſtland von Aſien, oder wie er es nannte, Indien erreicht habe, und wenn dem ſo war, konnte er von Mangi und Cathay, dem letzten Ziel ſeiner Reiſe nicht mehr weit entfernt ſeyn. Der fragliche Fuͤrſt, welcher uͤber dieſe Umgebungen herrſchen ſollte, mußte daher irgend ein orientaliſcher Herrſcher von Bedeutung ſeyn; er ent⸗ ſchloß ſich alſo, den Fluß hinter dem Cap der Palmen auf⸗ zuſuchen und ein Geſchenk nebſt einem der Empfehlungs⸗ briefe des caſtiliſchen Koͤnigspaares an dieſen Monarchen abzuſenden; wenn er deſſen Reich beſucht haͤtte, wollte er nach der Hauptſtadt Cathay's, der Reſidenz des Groß⸗ Chans abreiſen. Aber jede Bemuͤhung, den bezeichneten Fluß zu entdecken, war vergeblich. Ein Vorgebirg dehnte ſich nach dem an⸗ deren aus; kein Ankerplatz war zu finden; der Wind wurde ——ʒ——— *) Las Casas, lib. I. cap. 44. MS. — 243— unguͤnſtig, und das Gewoͤlk des Himmels drohte mit ſchlim⸗ mem Wetter; er ſchiffte alſo nach dem Fluß zuruͤck, wo er vor ein oder zwei Tagen vor Anker gelegen und dem er den Namen Rio de los Mares gegeben hatte. Am erſten November, bei Sonnenaufgang, ſandte er zwei Boote ans Ufer, um mehrere der Cabanen zu beſuchen, aber die Bewohner flohen in die Waͤlder. Columbus ver⸗ muthete, daß ſie ſich vor ihren Waffen fuͤrchteten und in dem Wahne ſtaͤnden, es ſey eine der raͤuberiſchen Expedi⸗ tionen des Groß⸗Chans, um ſie zu Gefangenen und Sclaven zu machen. Er ließ daher am Nachmittage wieder ein Boot an das Ufer abgehen, mit einem Indianer an Bord, um die Leute von den friedlichen und wohlthaͤtigen Abſichten der Spanier zu unterrichten und ihnen zu ſagen, daß ſie mit dem Groß⸗Chan in gar keiner Verbindung ſtaͤnden. Nach⸗ dem der Indianer dieſes den am Ufer ſtehenden Wilden, zum Theil wohl zu ihrer großen Verwirrung, zugerufen hatte, ſprang er ins Waſſer und ſchwamm ans Geſtade. Die Eingebornen nahmen ihn gut auf und ließen ſich ſo ſehr von ihrer Furcht zuruͤckbringen, daß, ehe der Abend kam, uͤber ſechzehn Canoes um die Schiffe verſammelt wa⸗ ren, mit Ladungen von Baumwollen⸗Garn und anderen einfachen Handelsartikeln dieſer Inſulaner. Columbus ver⸗ bot jeden Tauſchhandel, außer mit Gold, damit die Einge⸗ bornen verſucht wuͤrden, die eigentlichen Reichthuͤmer ihrer Inſel zu zeigen. Sie konnten nichts der Art anbieten und waren von allem Schmuck aus koſtbaren Metallen entbloͤßt, bis auf einen der in ſeiner Naſe ein maſſives Stuͤck Silber 16* — 244— trug. Columbus verſtand aus den Zeichen dieſes Mannes, daß der Koͤnig ungefaͤhr vier Tagereiſen weit im Inneren wohne, daß viele Boten abgeſandt worden, um ihm Nach⸗ richt von der Ankunft der Fremden an der Kuͤſte zu geben, und daß dieſe Boten noch vor Ablauf dreier Tage von ihnen zuruͤck erwartet wuͤrden, wie nicht minder viele Kaufleute aus dem Inneren, um mit den Schiffen in Tauſchhandel zu treten. Es iſt ſehr merkwuͤrdig, an Columbus wahrzuneh⸗ men, wie erfinderiſch ſeine Einbildungskraft ihn bei jedem Schritte taͤuſchte, und wie er alles in ein großes Gewebe von falſchen Schluͤſſen vereinigte. Ueber der Seekarte Tos⸗ canellis bruͤtend, mit ihr die Berechnungen ſeiner Reiſe in Uebereinſtimmung bringend, und uͤber die irrig ausgelegten Worte der Indianer nachſinnend, glaubte er nicht anders, als er ſey ſchon an den Ufern von Cathay angelangt und nur ungefaͤhr hundert Stunden von der Hauptſtadt des Groß⸗Chans entfernt. Voll Ungeduld, ſich dort hin zu be⸗ geben und ſich ſo kurz als moͤglich in den Laͤndern dieſes gegenwaͤrtigen zinsbaren Fuͤrſten aufzuhalten, beſchloß er, die Ankunft der Boten und Kaufleute gar nicht abzuwar⸗ ten, ſondern zwei Abgeſandte zu beordern, den in der Nach⸗ barſchaft wohnenden Monarchen in ſeiner Reſidenz aufzu⸗ ſuchen. Zu dieſer Miſſion waͤhlte er zwei Spanier, Rodrigo de Jerez und Luis de Torres; der letztere war ein getaufter Jude, welcher Hebraͤiſch und Chaldaͤiſch, auch etwas Ara⸗ biſch verſtand, deren eine oder die andere Sprache Colum⸗ bus bei dieſem morgenlaͤndiſchen Fuͤrſten als bekannt voraus⸗ — 245— 1 ſetzte. Zwei Indianer wurden ihnen als Fuͤhrer beigegeben, der eine aus Guanahani, und der andere von dem Weiler am Geſtade dieſes Fluſſes. Die Abgeſandten erhielten Schnuͤre von Glasperlen und anderes Flitterwerk zur Be⸗ ſtreitung ihrer Reiſekoſten. Ihre Inſtructionen lauteten dahin: ſie ſollten den Koͤnig benachrichtigen, daß Columbus von dem caſtiliſchen Herrſcherpaare abgeſandt worden, um Briefe und ein Geſchenk an ihn perſoͤnlich zu uͤberbringen, mit dem Wunſche, ein freundſchaftliches Verhaͤltniß zwiſchen den beiden Maͤchten anzuknuͤpfen. Ferner erhielten ſie den Befehl, ſich genau von der Lage und den Entfernungen ge⸗ wiſſer Provinzen, Haͤfen und Stroͤme zu unterrichten, die der Admiral ihnen nach den Beſchreibungen, die er von der Kuͤſte Aſiens beſaß, einzeln mit Namen nannte. Er verſah ſie außerdem mit Proben von Gewüͤrzen und Spezereien⸗ um ſich zu verſichern, welche von dieſen koſtbaren Artikeln in jenem Land im Ueberfluß angetroffen wuͤrden. Mit die⸗ ſen Gegenſtaͤnden und Inſtructionen gingen die Botſchafter ab, und es wurden ihnen ſechs Tage zur Hin⸗ und Her⸗ reiſe anberaumt. Es moͤgen wohl Viele in unſeren Tagen uͤber dieſe Geſandtſchaft zu einem nackten Haͤuptling der Wilden in dem Inneren von Cuba, den man fuͤr einen aſia⸗ tiſchen Monarchen gehalten, ſich des Laͤchelns nicht erweh⸗ ren koͤnnen; aber das war eben die eigenthuͤmliche Natur dieſer Reiſe, eine ununterbrochene Kette von goldnen Traͤu⸗ men— die alle nach dem truͤgeriſchen Buche des Marco Polo ausgelegt wurden. Viertes Kapitel. Ferneres Landen auf der Inſel Cuba. Indeß Columbus auf die Ruͤckkehr ſeiner Geſandten war⸗ tete, ließ er die Schiffe kalfatern und ausbeſſern; er ſelbſt war außerdem beſchaͤftigt, Nachrichten uͤber das Land einzu⸗ ſammeln. Den Jag nach ihrer Abreiſe, fuhr er auf dem Fluß ungefaͤhr zwei Stunden ſtromaufwaͤrts, wo er erſt friſches Waſſer fand. Hier landete er und erkletterte eine Anhoͤhe, um einen Blick ins Innere des Landes zu thun. Aber die Ausſicht war ihm durch dichte und hohe Waͤlder von der wildeſten und reizendſten Ueppigkeit verſperrt. Un⸗ ter den Baͤumen waren einige, die er fuͤr die Stamm⸗Aloe's hielt; mehrere waren wohlriechend und er zweifelte nicht, daß ſie bedeutende Eigenſchaften als Arome beſaͤßen. Die Reiſenden waren ausnehmend begierig, die koſtbaren Han⸗ delsartikel kennen zu lernen, die unter den geſegneten Him⸗ melsſtrichen des Orients wachſen, und ihre Einbildungskraft taͤuſchte ſie immer mit nichtigen Hoffnungen. Zwei bis drei Tage hindurch erregte man die Aufmerk⸗ ſamkeit des Admirals durch Geruͤchte, daß ſich Zimmtbaͤu⸗ me und Muskatnuß und Rhabarber vorgefunden haäͤtten, — 247— aber bei naͤherer Nachforſchung wies ſich alles als leere Taͤu⸗ ſchung aus. Er zeigte den Eingebornen die wirklichen Pro⸗ ben dieſer und anderer Gewuͤrze und Spezereien vor, die er aus Spanien mitgenommen hatte, und ſie gaben ihm da⸗ rauf durch Zeichen zu verſtehen, daß dieſe Artikel in Suͤd⸗ oſten im Ueberfluß vorkaͤmen. Er zeigte ihnen auch Gold und Perlen, und einige alte Indianer berichteten ihm, daß es ein Land gebe, wo die Eingebornen Zierrathen davon um den Hals, um die Arme und um die Fußknoͤchel trä⸗ gen. Sie nannten dieſe Welt wiederholt Bohio, welches Columbus fuͤr den Namen des fraglichen Ortes hielt, der eine reiche Provinz oder Inſel waͤre. Sie miſchten aber ih⸗ ren wahrhaften Berichte viele Uebertreibungen bei, indem ſie von Nationen in der Ferne ſprachen, die nur Ein Auge haͤtten, von anderen mit Hundekoͤpfen, welche Menſchenfreſ⸗ ſer waͤren, ihren Feinden die Haͤlſe abſchnitten und ihnen das Blut ausſaugten.* Alle dieſe Ausſagen von Gold und Perlen und Speze⸗ reien, von denen wohl manche dem Admiral zu Gefallen erfunden wurden, mußten bei ihm die Vermuthung unterhal⸗ ten, daß er an den koͤſtlichen Ufern und Eilanden des Oſtens angekommen ſey. Als ſeine Leute ein Feuer anzuͤndeten, um den Theer zum Kalfatern der Schiffe fluͤſſig zu machen, bemerkten ſie, daß das Holz, welches ſie brannten, einen maͤchtigen Wohlgeruch ausſtroͤme, und als ſie es unterſuch⸗ *) Primer Viage de Colon, Navarrete LXXI, p. 48. — 248— ten, glaubten ſie es fuͤr Maſtix zu erkennen. Dieſes Holz traf man in den benachbarten Waͤldern in großer Menge, ſo daß nach Columbus Schaͤtzung wohl tauſend Centner von dieſem koſtbaren Harze jedes Jahr geſammelt werden konnte, und daß dieſer Ort gewiß ausgiebiger war als Scio und andere Inſeln des Archipels. Im Verfolg ihrer Nachfor⸗ ſchungen in dieſem Koͤnigreiche der Pflanzen trafen ſie auch die Patate oder Kartoffel an, ein unſcheinbares Knollenge⸗ waͤchs, damals gering geachtet, aber eine koſtbarere Ent⸗ deckung fuͤr die Menſchheit als alle Spezereien des Oſtens. Am 6. November kamen die beiden Abgeſandten zuruͤck, und alles draͤngte ſich um ſie her, von dem Innern des Landes und von dem Fuͤrſten zu hoͤren, in deſſen Hauptſtadt ſie geweſen. Sie erzaͤhlten: nachdem ſie zwoͤlf Stunden weit vorgedrungen, ſeyen ſie zu einem Dorfe gekommen von bei⸗ laͤufig funfzig Haͤuſern, denen an der Kuͤſte aͤhnlich, doch groͤßer gebaut, und das ganze Dorf zaͤhle mindeſtens tau⸗ ſend Einwohner. Sie wurden mit großer Feierlichkeit auf⸗ genommen; die Eingebornen fuͤhrten ſie in das beſte Haus, und ließen ſie auf Stuͤhlen ſich niederſetzen, welche wohl die Bedeutung von Ehrenſeſſeln hatten, aus einzelnen Stuͤck⸗ chen Holz zuſammen geſetzt, denen man die Geſtalten vier⸗ fuͤßiger Thiere gegeben hatte. Sie reichten ihnen darauf die Hauptgegenſtaͤnde ihrer Nahrung, Fruͤchte und Pflanzen dar. Als die Wilden auf dieſe Art die Geſetze der Hoͤflich⸗ keit und Gaſtfreundſchaft erfüͤllt hatten, ſetzten ſie ſich im Kreis um ihre Gaͤſte auf die Erde, und erwarteten, was dieſelben vorzubringen haͤtten. — 249— Der Jude, Luis de Torres, fand, daß ſein Hebraͤiſch, Chaldaͤiſch und Arabiſch nichts fruchten werde, und der Lu⸗ cayiſche Dollmetſcher mußte den Redner machen. Er hielt nach der indianiſchen Sitte eine ordentliche Rede, worin er die Macht, den Reichthum und die Großmuth der weißen Maͤnner erhob. Als er geendigt hatte, draͤngten ſich die Indianer um dieſe wunderbaren Maͤnner, die ſie wie die vori⸗ gen Inſulaner fuͤr uͤbermenſchliche Weſen hielten. Einige beruͤhrten ſie und unterſuchten ihre Haut und ihre Kleidung, andere kuͤßten ihnen die Haͤnde und Fuͤße, zum Zeichen der Unterwuͤrfigkeit und Anbetung. Bald darauf gingen die Maͤnner hinaus und ließen die Weiber hereintreten, mit wel⸗ chen ſich die naͤmlichen Ceremonien wiederholten. Von die⸗ ſen Weibern trugen einige eine ſchmale Schuͤrze von ge⸗ ſchlungener Baumwolle um die Huͤften, aber die meiſten Bewohner von beiderlei Geſchlecht gingen ganz nackt. Es ſchien unter ihnen ein gewiſſes Rangverhaͤltniß, auch Klaſ⸗ ſenunterſchiede zu beſtehen, unter einem Oberhaupte, welches mit einiger Macht bekleidet war, waͤhrend bei allen fruͤher entdeckten Staͤmmen dieſer Inſeln eine vollkommene Gleich⸗ heit zu herrſchen ſchien. Das waren alle Merkmale, die ſie von der morgenlaͤn⸗ diſchen Stadt und ihrem Hofe angetroffen, welche ſie er⸗ wartet hatten. Da war nun keine Spur von Gold oder anderen koſtbaren Artikeln, und wie ſie Proben von Zimmt, Pfeffer und anderen Gewuͤrzen vorwieſen, ſagten ihnen die Bewohner, daß dieſes nicht in ihren Gegenden, ſondern weit weg ſuͤdweſtlich zu finden ſey. — 250— Die Abgeſandten beſchloſſen aus dieſem Grunde, nach den Schiffen zuruͤckzureiſen. Die Eingebornen haͤtten ſie gerne uͤberredet noch einige Tage zu bleiben, aber da ſie auf ihre Abreiſe drangen, war gleich eine Menge berrit, ſie zu begleiten, indem dieſelben ſich einbildeten, ſie kehrten nun in den Himmel zuruͤck. Sie nahmen indeſſen nur einen von den Anfuͤhrern und ſeinen Sohn mit, denen ein Die⸗ ner folgte. 8 Auf ihrem Ruͤckwege bemerkten ſie zuerſt den Gebrauch einer Pflanze, welche jetzt der erfinderiſche Eigenſinn der Menſchen zu einem allgemeinen Gegenſtande des Luxus ge⸗ macht hat. Sie ſahen mehrere von den Eingebornen mit Feuerbraͤnden herumgehen, und mit getrockneten Kraͤutern, die ſie in ein Blatt davon wickelten, es an dem einen Ende anſteckten, das andre in den Mund nahmen und nun be⸗ ſtaͤndig Rauch in dicken Wolken ausſtießen. Dieſe Rollen nannten ſie Tobacco, ein Name, den man ſeitdem auf die Pflanze, woraus ſie gemacht werden, uͤbertragen hat. Die Spanier waren ſehr erſtaunt uͤber dieſe ſonderbare Gewohnheit, ob ſie gleich auf Wunder ſchon vorbereltet waren. Bei ihrer Ruͤckkehr zu den Schiffen machten ſie eine vor⸗ theilhafte Beſchreibung von der Schoͤnheit und Fruchtbar⸗ keit des Landes. Sie hatten viele Weiler von drei bis vier Haͤuſern angetroffen, ſtark bevoͤlkert, unter ſchattigen Baͤumen, die mit unbekannten Fruͤchten von verſuchender Geſtalt und herrlichem Duft belaſtet waren. Ringsum waren Felder, mit Agi oder gemeinem Pfeffer, mit Kartoffeln und ——— — 251— mit einer Species Lupine oder Ge nuͤßbohne angebaut. Auch gab es Felder mit der Pflanze, woraus ſie ihr Caſſava⸗ Brod bereiteten. Dieſe Gewaͤchſe und die Fruͤchte ihrer Waͤlder bildeten die Hauptnahrungsmittel der Eingebornen, die in ihrer Lebensweiſe ſehr einfach und maͤßig waren. Er fanden ſich auch große Quantitaͤten der Baumwollen⸗ ſtaude, einige erſt geſaͤet, andere in voller Bluͤthe, und andre zu Garn gedreht, oder zu Netzen geſchlungen, aus welchen ſie ihre Hangmatten machten. Von dieſer Baum⸗ wolle lagen große Vorraͤthe, verarbeitet und roh, in ihren Haͤuſern. Sie hatten mancherlei Voͤgel von ſeltnem Ge⸗ fteder und unbekannten Arten geſehen; viele Enten, einige Rebhuhner und wie Columbus hatten ſie den Geſang eines Vogels gehoͤrt, den ſie fuͤr die Nachtigall hielten. Alles indeſſen, was ſie erblickt hatten, deutete auf Uranfaͤnge der Cultur, denn ſammt allen Schoͤnheiten war das Land in einem wilden, unbebauten Zuſtande. Die Verwunderung mit welcher man ſie betrachtet hatte, zeigte klar, daß dieſes Volk mit civiliſirten Menſchen nichts zu thun habe, auch konnten ſie nichts von einer Stadt erfahren, die anſehn⸗ licher als die von ihnen beſuchte geweſen waͤre. Der Be⸗ richt der Abgeſandten machte den glaͤnzenden Phantaſien des Columbus uͤber dieſen heidniſchen Fuͤrſten und ſeine Haupt⸗ ſtadt ein Ende. Er kreuzte indeſſen in einer bezauberten Region, uͤber welche ſeine Einbildungskraft eine magiſche Gewalt ausuͤbte. Sowie die eine Taͤuſchung geſchwunden war, folgte eine andere; denn waͤhrend der Abweſenheit der Abgeordneten hatten ihm die Indianer durch Zeichen — 252— Nachricht von einem Ort in Oſten gegeben, wo die Leute an den Ufern der Fluͤße Gold mit Fackeln ſuchten und es dann mit Haͤmmern in Goldbarren verwandelten. Wenn ſie von dieſem Platze ſprachen, gebrauchten ſie wieder die Worte Babeque und Bohio, die Columbus wie bisher fuͤr die Eigennamen der Inſeln oder Gegenden hielt. Die wahre Bedeutung dieſer Benennungen iſt verſchieden ausgelegt worden. Man ſagt ſie wuͤrden von den Indianern der Kuͤſte der Terra firma beigelegt, die man bei ihnen auch Caritaba nennt.*) Auch ſagt man, Bohio bedeute ein Haus, und werde oft von den Indianern gebraucht, um die ſtarke Bevoͤlkerung einer Inſel auszudruͤcken. Daher wurde es haͤufig auf Hispaniola angewandt, gleich dem all⸗ gemeineren Namen Hayti, welcher Hochland bedeutet, auch wohl Quisqueya(d. h. das Ganze) wegen ſeiner Ausdeh⸗ nung. Die falſche Auslegung dieſer und anderer Woͤrter war bei Columbus die Quelle beſtaͤndiger Irrthuͤmer. Manch⸗ mal verwechſelte er Babeque und Bohio mit einander, als ob beides dieſelbe Inſel bedeute, manchmal waren ſie ihm verſchieden und lagen in geſonderten Himmelsſtrichen, und Quisqueya hielt er fuͤr einerlei mit Quiſay oder Quinſey (d. h. die himmliſche Stadt) von welcher er, wie ſchon be⸗ merkt worden, eine ſo glaͤnzende Vorſtellung aus den Schrif⸗ ten des venetianiſchen Reiſenden gewonnen hatte. *) Munjoz, Hist, n. mundo, c. 3. — 253— Der große Gegenſtand, den Columbus vor Augen hatte, war, bei einem geſegneten und kultivirten Lande des Oſten anzukommen, wo er Handelsverbindungen im Namen ſeiner Herrſcher anknuͤpfen und eine anſehnliche Quantitaͤt von orientaliſchen Kaufwaaren als reiche Trophaͤen ſeiner Ent⸗ deckungsreiſe mit hinweg fuͤhren koͤnne. Die Jahrszeit ruͤckte vor, die kuͤhlen Naͤchte deuteten auf den herannahenden Winter; er beſchloß daher nicht weiter nach Norden vor⸗ zudringen, noch auch in uncultivirten Gegenden zu ver⸗ weilen, welche zu coloniſiren er jetzt die Mittel nicht hatte. Da er der Meinung war, er befinde ſich an der oͤſtlichen Kuͤſte von Aſien, beſchloß er ſich oſt⸗ſuͤd oͤſtlich nach Ba⸗ beque zu wenden, welches er fuͤr irgend eine reiche und civiliſirte Inſel hielt. Ehe er den Fluß verließ, dem er den Namen Rio de Mares gegeben,*) nahm er mehrere von den Eingebornen an Bord, um ſie nach Spanien mitzunehmen, ſie ſollten dort die Landes⸗Sprache lernen, um bei kuͤnftigen Reiſen als Dollmetſcher dienen zu koͤnnen. Er nahm deren von beiderlei Geſchlecht, da er von den Portugieſen wußte, daß man die Maͤnner auf der Reiſe immer zufriedener geſtellt und bei ihrer Ruͤckkehr anhaͤnglicher gefunden, wenn man ihnen Weiber zur Begleitung mitgegeben hatte. In ſeiner eignen Begeiſterung und mit den religioͤſen Gefuͤhlen dama⸗ liger Zeit ſah er große Siege fuͤr den Glauben und hohen *) Savanah ſa Mar. — 254— Ruhm fuͤr die Krone aus der Bekehrung dieſer wilden Na⸗ tionen hervorgehen, indem er die Eingebornen auf ſolche Weiſe unterrichten ließ. Er bildete ſich ein, die Indianer haͤtten keine Gottesverehrung, aber die Faͤhigkeit, die Ein⸗ druͤcke der Religion in ſich aufzunehmen, da ſie mit großer Ehrfurcht und Aufmerkſamkeit die retigioͤſen Ceremonien der Spanier anſahen, ein Gebet, das man fie lehrte, bald aus⸗ wendig wußten und das Zeichen des Kreuzes mit der ruͤh⸗ rendſten Demuth machten. Sie hatten wohl eine Vorſtellung von jenem Leben, aber eine beſchraͤnkte und verwirrte; es war ſchwer fuͤr bloße Wilde, die Idee eines reinen geiſtigen Daſeyns und himmliſcher Seligkeit zu faſſen, getrennt von den Ergoͤtzungen der Sinne oder von der reizenden Umge⸗ bung, die im Leben ihr Lieblingsaufenthalt war. Peter Martyr, ein Zeitgenoſſe des Columbus erwaͤhnt der Vor⸗ ſtellungen der Wilden uͤber dieſen Gegenſtand:„Sie beken⸗ nen ſich zu dem Glauben, daß die Seele unſterblich ſey und nehmen an, nachdem dieſelbe die Huͤllen des Leibes abgeſtreift, ſo gehe ſie aus in die Waͤlder und Berge und lebe dort beſtaͤndig in Hoͤhlen; auch laſſen ſie ihr den Genuß von Speiſe und Trank, und behaupten, daß ſie ſich dort Hunger und Durſt ſtille. Die antwortenden Stimmen, die man aus den Grotten und Hoͤhlen vernimmt und von den Lateinern Echo genannt werden, ſind nach ihrer Meinung die Seelen der Verſtorbenen, die in dieſen Oertern herumwandeln. 9) * Peter Martyr, decad. 8. c. 9. M. Loch's trans- lation, 1612, — 255— Von dem natuͤrlichen Hang zur Froͤmmigkeit, den Co⸗ lumbus unter dieſen armen Menſchen zu finden glaubte, von ihrer ſanften Natur und ihrer Unbekanntſchaft mit kriege⸗ riſchen Kuͤnſten zu ſchließen, hielt er es fuͤr ein Leichtes, ſie alle zu frommen Mitgliedern der Kirche und zu gehorſamen Unterthanen der Krone zu machen. Er beſchließt ſeine Speculationen mit einer Darſtellung der Vortheile, die man aus der Coloniſation dieſer Welttheile ziehen koͤnne, indem er einen großen Handel mit Gold hier vorausſetzt, welches man im Inneren im Ueberfluß finden muͤſſe, ferner mit Perlen und Edelſteinen, von welchen, obgleich er keine ge⸗ ſehen, er doch haͤufige Nachrichten erhalten, mit Gummi und Gewuͤrzen, wovon er unzweifelhafte Spuren zu finden meinte, und mit Baumwolle, die in großer Menge wild anzutreffen war. Viele von dieſen Artikeln, bemerkt er, wuͤrden wohl einen naͤheren Markt als Spanien in den Haͤfen und Staͤdten des Groß Chans finden, zu welchen bald zu kommen er nicht in Zweifel ſtellte.*) — *) Primer Viage de colon, Navarrate I. I. Fuͤnftes Kapitel. — Entdeckungsfahrt nach der angeblichen Inſel Babeque. Entweichen der Pinta. (1492.) 8. Am 12. November richtete Columbus ſeinen Lauf ſuͤd⸗ öſtlich, um der Biegung ſeiner Kuͤſte wieder zuruͤck zu folgen. Dieſes kann als ein anderes kritiſches Ereigniß ſeiner Reiſe angeſehen werden, da es von großer Wirkung auf die nachfolgendenden Entdeckungen war. Er war weit in den Meeresſtrich zwiſchen Cuba nnd den Bahamas hinaus⸗ geſegelt, den man den alten Canal nennt. In zwei bis drei Tagen weiter wuͤrde er ſeinen Irrthum wahrgenommen haben, daß er Cuba fuͤr einen Theil des Feſtlandes gehalten, ein Irrthum auf dem er ſein ganzes Leben hindurch blieb. Er wuͤrde auch Winke uͤber die Naͤhe des Continents erhalten haben und nach der Kuͤſte von Florida gekommen oder von der Stroͤmung der Meerenge dahin gefuͤhrt worden ſeyn oder um Cuba ſeinen Lauf ſuͤdweſtlich fortſetzend, auf die entgegengeſetzte Kuͤſte von Yucatan gekommen ſeyn und ſeine roͤhlichſten Erwartungen erreicht haben, indem er der Ent⸗ decker von Meriko geworden waͤre. Es war jedoch Ruhm genug fuͤr Columbus, die neue Welt enldeckt zu haben. Ihre goldnen Laͤnder wurden aufgehoben, um den nachfol⸗ genden Unternehmungen Glanz zu verleihen. Er ſchiffte nun zwei bis drei Tage laͤngs der Kuͤſte hin, ohne ſich aufzuhalten, um ſie zu erforſchen. Es waren keine volkreichen Staͤdte und Flecken zu ſehen, die man, wenn ſie nahe am Meer gelegen haͤtten, von den Schiffen aus be⸗ merken konnte. Indem er an einem großen Cap vorbei⸗ fuhr, dem er den Namen Cap Cuba gab, wandte er ſich oͤſtlich ins Meer hinaus, um Babeque aufzuſuchen, ward aber bald durch widrigen Wind und ſtuͤrmiſche See zuruͤck⸗ zukehren gezwungen. Er warf deßhalb in einem tiefen und ſicheren Hafen Anker, dem er den Namen Puerto del Prin⸗ cipe gab, und brachte mehrere Tage damit zu, daß er mit ſeinen Booten einen kleinen Meerbuſen mit einer Gruppe von kleinen, aber reizenden Inſeln in der Nachbarſchaft befuhr, die ſeitdem den Namen El Jardin del Rey erhalten haben. Den Meerbuſen nannte er den See von Nueſtra Seniora; in neuern Zeiten war er ein Schlupfwinkel der Piraten, die in den Kanaͤlen und einſamen Landungsplaͤtzen des Meerbuſens ſichere und verborgene Aufenthaltsoͤrter fanden. Dieſe Inſeln waren mit anſehnlichen Baͤumen bewachſen, unter denen die Spanier Maſtix und Aloe zu entdecken glaubten. Columbus vermuthete deßhalb, ſie ſeyen ein Theil der unzaͤhligen Inſeln, welche die Kuͤſte von Aſien umgeben und reich an Gewürzen ſeyn ſollten. Waͤhrend er auf Puerto del Principe war, ſteckte er an einem hohen und weit hinausragenden Ort in der Naͤhe des Hafens ein Irving's Columbus. 1— 3. 17 — 258— Kreuz auf; dieſes war ſein gewoͤhnliches Zeichen, daß er von einem Orte Beſitz genommen habe. Am 19. ging er wieder unter Segel, es trat faſt gaͤng⸗ liche Windſtille ein, aber dann erhoh ſich ein Oſtwind; mit dieſem ſchiffte er ſo gut er konnte nach Nord⸗Nord⸗Oſt und war bei Sonnenuntergang ſieben Seemeilen von Puerto del Prinzipe. Nun wurde Land! gerufen, man ſah es ge⸗ rade nach Oſten, ungefaͤhr ſechzig engl. Meilen,“) welches Co⸗ lumbus nach den Zeichen der Eingebornen fuͤr die lang er⸗ wartete Inſel Babeque hielt. Er fuhr die ganze Nacht hindurch nach Nordoſten. Am folgenden Tage war ihnen der Wind beſtaͤndig entgegen, er blies gerade aus der Him⸗ melsgegend, nach welcher er ſegeln wollte. Er bekam auf einige Zeit die Inſel Iſabella zu Geſicht, aber er huͤtete ſich, dahin auszulaufen, damit die indianiſchen Dollmetſcher von der Inſel Guanahani, die nur acht Seemeilen von der Inſel Iſabella**) entfeynt lag, nicht entwiſchen moͤchten,— indem die armen Wilden ihre Heimath immer feſt im Auge behielten. Da er den Wind beſtaͤndig gegen ſich hatte, und das Meer ſtuͤrmiſch war, ſo nahm Columbus wieder ſeinen *) Wo league ſteht, wird, wenn es auf dem Meere iſt⸗ durch Seemeile, auf dem Lande durch Stunde über⸗ ſetzt. Hier und an einigen andern Stelten hat Irving das Wort mile gebraucht. Da er darunter die engliſche Meile verſtehen kann, welche etwa ein Viertel einer league beträgt, ſo iſt in der Regel dieſe Bezeichnung . beibehalten worden. Anm. d. Ueberſ. **) Tagebuch des Columbus, Auvarrete's Sammlung t. k. p. 61. * — 259 Lauf zurück nach Euba und gab den andern Schiffen das Signal, eben ſo zu thun. Die Pinta, unter den Befehlen des Martin Alonzo Pinzon, hatte ſich jedoch unterdeſſen ein ziemliches Stuͤck vorwaͤrts nach Oſten gearbeitet. Da er die anderen Schiffe mit dem ihm widrigen Winde gar leicht erreichen konnte, ſo wiederholte Columbus das Signal, aber es ſchien unbemerkt zu bleiben. Als die Racht hereinbrach, ſo zog er die Segel ein und machte Signalfeuer oben auf dem Maſt, in der Hoffnung, daß Pinzon ſich mit ihm ver⸗ einigen werde, aber als der Morgen anbrach, war von der Pinta nichts mehr zu ſehen.*)⸗ Die Sache war die: Pinzon hatte von einem der In⸗ dianer an Bord ſeiner Caravele uͤbertriebene Beſchreibungen von einer Inſel oder Gegend mit großen Neichthuͤmern, wohin er ihn fuͤhren wolle, erhalten. Seine Habſucht er⸗ wachte ploͤtzlich, und da ſein Schiff der beſte Segler war, ſo konnte er ſich fleißig gegen den Wind halten, waͤhrend die anderen davon abſtehen mußten. Er war daher auch der erſte, der dieſe goldnen Regionen entdeckte und konnte ſich zuerſt mit ihren Fruͤchten bereichern Der Obergewalt des Admirals war er laͤngſt uͤberdruͤſſig, und gielt ſich zur Gleichheit im Commando berechtigt, da er zu der Ausruͤſtung⸗ viel Geld beigeſchoſſen hatte. Er war ein alter Seefahrer, ——Q——ℳę/ *) Las Casus hist. Ind. t. I. c. 27. Hist. del Almiä- Eüttte eap. 29. Tagebuch des Columbus, bei Navar⸗ rete t. I. Ir= — 260— das Orakel des Seeſtaͤdtchens Palos, und von ſeiner Wohl⸗ habenheit und Stellung aus gewohnt, unter ſeinen Seeka⸗ meraden den Ton anzugeben. Es hatte ihn gekraͤnkt, daß er gezwungen war, in untergeordnetem Verhaͤltniß auf ſei⸗ nem eignen Schiff die Fahrt mitzumachen, und es war zwi⸗ ſchen ihm und dem Admiral ſchon zu oͤfterem Wortwechſel gekommen. Die ploͤtzliche Verſuchung, die ſeinem Geiz ſich oͤffnete, war, vereint mit ſeinem vorherigen Mißvergnügen, zu maͤchtig fuͤr ihn, um an ſeine Pflicht zu denken. Er vergaß, was er dem Admiral als ſeinem Chef ſchuldig war, bekuͤmmerte ſich nicht um ſeine Signale und hielt ſich auf dem Lauf nach Oſten, wobei er den Vortheil genoß, daß er beſſer ſegelte, um ſich nach und nach von den beiden andern Schiffen ganz zu trennen. Columbus war außerſt entruͤſtet uͤber dieſes Entweichen. Außerdem, daß es ein auffallendes Beiſpiel von Inſubor⸗ dination war, arzwoͤhnte er noch einen boͤſen Plan. Ent⸗ weder beabſichtigte Pinzon, ſich ein beſonderes Commando und beſondere Vortheile anzumaßen, oder nach Spanien zu⸗ ruͤckzueilen, und den Lorbeer der Entdeckung vor ihm weg⸗ zuhaſchen. Das ſchwere Segeln ſeines Schiffes machte in⸗ deſſen jeden Verſuch, ihn zu verfolgen, fruchtlos: er ſetzte daher ſeinen Lauf nach Cuba fort, um die Entdeckung ſei⸗ ner Kuͤſte zu beendigen.— Am 24. November gewann er wieder die Spitze Cuba, und warf in einem ſchoͤnen Hafen Anker, den die Muͤndung eines Fluſſes bildete, welchem er den Namen St. Katha⸗ b — 261— rina gab. Derſelbe war von reichen Wieſen begraͤnzt, die be⸗ nachbarten Berge hatten treffliche Waldungen, und Fichten gab es genug, um Maſte fuͤr die ſchoͤnſten Schiffe daraus zu machen, dazu auch majeſtaͤtiſche Eichen. In dem Fluß⸗ bett fanden ſie Steine mit Goldadern. Columbus fuhr noch einige Tage fort, an der Inſel Cuba die Kuͤſten zu erforſchen; er erhebt mit enthuſiaſtiſchen Worten die Pracht und Friſche und das herrliche Gruͤn der Landſchaften, die Klarheit der Fluͤſſe und die Menge und Bequemlichkeir der Haͤfen. Seine Beſchreibung von einem dieſer Plätze, dem er den Namen Puerto Santo gab, iſt ein Zeugniß von ſeinem lebhaften und kindlich einfachen Sinn fuͤr die Schoͤnheiten der Natur.„Die Annehmlichkeit dieſes Fluſſes und die Klarheit des Waſſers, durch welches man den Sand auf dem Grund ſehen kann; die Menge Palm⸗ bäume von verſchiednen Arten, die hoͤchſten und ſchoͤnſten, welche ich noch angetroffen habe, und eine unendliche Menge von anderen großen und gruͤnen Bäumen; die Voͤgel mit rei⸗ chem Gefieder und das Gruͤn der Felder, machen dieſes Land, durchlauchtigſte Gebieter, ſo wunderbar ſchoͤn, daß es alle andere an Reizen und Lieblichkeit uͤbertrifft, wie der Tag die Nacht uͤberſtralt. Aus dieſem Grunde ſage ich oft zu mei⸗ nen Leuten, ſo viel Muhe ich mir auch gebe, fuͤr Ihre Majeſtaͤten eine vollſtaͤndige Beſchreibung davon niederzule⸗ gen, ſo kann doch meine Zunge den ganzen wahrhaftigen umfang nicht ausdruͤcken, und meine Feder ihn nicht be⸗ ſchreiben, und ich bin ſo uͤberwaͤltigt von dem Anblick ſo = 262= vieler Schoͤnhereen, daß ich nicht weiß, wie ich ſie erzaͤhlen ſoll.*) Die Durchſichtigkeit des Waſſers, welche Columbus der Reinheit der Fluͤſſe zuſchreibt, iſt die Eigenthuͤmlichkeit des Meeres in jenen Breitegraden. Die See iſt in der Umge⸗ bung einiger dieſer Inſeln ſo klar, daß man bei heiterem Wetter bis auf den Meeresgrund ſieht, wie auf den Boden eines kryſtallhellen Brunnens, und die Bewohner tauchen vier bis fuͤnf Faden tief hinunter, um Muſcheln und andere Schalthiere zu holen, die man von der Oberflaͤche wahr⸗ nimmt. Die lieblichen Luͤfte und klaren Gewaͤſſer gehoͤren zu den groͤßten Reizen dieſer Inſeln. Als einen Beweis der rieſenhaften Vegetation dieſer Kü⸗ ſten erwaͤhnt, Columbus die ungeheure Groͤße der Canoes, die aus einzelnen Baumſtaͤmmen gemacht ſind. Einer, den er ſah, war ſo geraͤumig, daß er hundert und funfzig Perſo⸗ nen faſſen konnte. Unter anderen Gegenſtaͤnden, die er in den indianiſchen Gebaͤuden antraf, war auch ein Wachsku⸗ chen. Columbus nahm ihn mit, um ihn dem caſtiliſchen Herrſcherpaare als ein Geſchenk zu uͤberbringen,„denn wo Wachs iſt,“ ſagt er,„da muͤſſen auch tauſend andere gute Dinge ſeyn.“**) Man hat ſpaͤter vermuthet, daß es von Puratan herruͤhre, da die Bewohner von Cuba nicht ge⸗ wohnt geweſen ſeyen, Wachs zu ſammeln.***½) *) Hist. del Almirante, cap. 29. **½) Tagebuch des Columbus, Navarrete t. I. 4***)„ Herrera, hist. Ind., decad. I. — ſo gut hinter ſich laſſen konnte, — 263— Am 5. December erreichte Columbus das öͤſtliche Ende G von Cuba, welches er fuͤr die oͤſtliche Spitze von Aſien hielt, oder, wie er es immer nennt, von Indien. Er gab ihr daher den Namen Alpha und Omega, Anfang und Ende. Er war nun ſehr in Verlegenheit, welchen Weg er nehmen ſolle. Er wuͤnſchte der Kuͤſte nach Suͤdweſten her⸗ um zu folgen, welches ihn zu den civiliſirteren und reiche⸗ ren Theilen von Indien bringen ſollte. Andererſeits aber mußte er, wenn er dieſen Weg nahm, alle Hoffnung auf⸗ geben, die Inſel Babeque zu finden, welche die Indianer nun nach Nordoſten verlegten und wovon ſie nicht aufhoͤr⸗ ten, die wundervollſten Beſchreibungen zu machen. Es herrſchte jetzt ein Zuſtand von Verlegenheit, welcher ein ganz charakteriſtiſcher Zug dieſer außerordentlichen Reiſe war, da eine neue und unbekannte Welt vor dem Entdek⸗ ker ausgebreitet lag, wonach er nur die Haͤnde ausſtrecken durfte, aber in welcher er, wo er ſich auch hinwandte, die wahren Regionen des Gewinns und des Entzuͤckens eben Sechſtes Kapitel. * Entdeckung der Inſel Hispaniola. (1492.) Am 5. December, waͤhrend Columbus von der oͤſtlichen Spitze Cuba's in's weite Weltmeer ſteuerte, unentſchloſſen, welchen Weg er nehmen ſolle, zeigte ſich Land in Suͤdoſt, welches vor dem Auge immer groͤßer und ausgedehnter wurde, indem ſich ſeine hohen Berge an dem reinen Hori⸗ zont aufthuͤrmten und die deutlichen Wahrzeichen einer In⸗ ſel von großer Ausdehnung wurden. Als die Indier ſie erblickten, riefen ſie Bohio, den Namen, von welchem Co⸗ lumbus meinte, daß ſie darunter irgend ein goldreiches Land verſtuͤnden. Wie ſie ſahen, daß Columbus darauf los ſteuerte, zeigten ſie große Furcht und flehten ihn an, dort keinen Beſuch zu machen, indem ſie ihm durch Zeichen zu verſtehen gaben, die Bewohner ſeyen ein wildes und grau⸗ ſames Volk, ſie haͤtten nur ein Auge und ſeyen Menſchen⸗ freſſer. Die Winde waren unguͤnſtig und die Naͤchte ſchon lang, ſie wagten daher waͤyrend derſelben in dieſen unbe⸗ kannten Meeren kein Segel zu gebrauchen, und hatten dem⸗ —,— — — 4 — 265— gemaͤß faſt zwei Tage zu thun, bis ſie bei dieſer Inſel an⸗ kamen. In der durchſichtigen Atmoſphaͤre der Tropenlaͤnder er⸗ kennt man die Gegenſtaͤnde auf eine große Entfernung, und die Reinheit der Luft und die Heiterkeit des tiefblauen Him⸗ mels geben den Landſchaften eine magiſche Wirkung. Unter dieſen vortheilhaften Lichtern entſchleierte ſich Hispaniola dem Auge, als ſie naͤher kamen. Seine Berge waren hoͤ⸗ her und felſiger als die der andern Inſeln, aber die Felſen ragten aus herrlichen Waldungen empor. Das Gebirg hatte eine ſanfte Abdachung in fruchtbare Ebenen und gruͤne Sa⸗ vanna's, waͤhrend die Erſcheinung von angebauten Feldern, viele Feuer bei Nacht, und Rauchſaͤulen, die ſich am Tage von verſchiedenen Seiten erhoben, bewieſen, daß die Inſel gut bevoͤlkert ſey. Sie ſtieg in der ganzen Pracht der tro⸗ piſchen Vegetation vor ihnen auf, eine der ſchoͤnſten Inſeln der Welt, aber dazu beſtimmt, eine der ungluͤcklichſten zu werden. Am Abend des 6. Decembers lief Columbus in einen Hafen am weſtlichſten Ende der Inſel ein, dem er den Na⸗ men St. Nicolas gab, mit welchem er noch bis auf dieſen Tag genannt wird. Der Hafen war geraͤumig und tief, mit weithinſchattenden Baͤumen umgeben, von denen viele ſchwer mit Fruͤchten beladen waren; und eine reizende Ebene dehnte ſich im Innern des Platzes aus, von einem ſchoͤnen Strome durchſchnitten. Von der Anzahl Canoes zu ſchlie⸗ ßen, die man in verſchiedenen Richtungen ſah, befanden ſich offenbar große Doͤrfer in der Naͤhe, aber die Eingebornen — 266— waren mit Schrecken entflohen, als ſie die Schiffe erblickt hatten. Sie verließen den Hafen St. Nicolas am 7. December, und fuhren laͤngs der noͤrdlichen Seite der Inſel an der Kuͤſte hin. Dieſe war hoch und bergig, aber mit gruͤnen Savanna's und weitgedehnten Ebenen umgeben. An einer Stelle ſahen ſie in ein reiches, lachendes Thal hinauf, das ſich zwiſchen zwei Bergen weit in's Innere erſtreckte, und in einem trefflichen Culturſtande zu ſeyn ſchien. Mehrere Tage wurden ſie in einem Hafen zu bleiben ge⸗ noͤthigt, den ſie Port Conception nannten; eine kleiner Fluß ergoß ſich in denſelben, nachdem er ſeinen ſchlaͤngelnden Lauf durch eine reizende Gegend genommen. Die Kuͤſte hatte„ Fiſche im Ueberfluß, und es ſprangen ſogar einige in die Boote. Sie warfen die Netze aus und fingen eine große Menge, unter ihnen mehrere Arten, die einigen bei Spa⸗ nien vorkommenden ſehr aͤhnlich waren, die erſten Fiſche, an denen ſie eine ſolche Aehnlichkeit bemerkt hatten. Sie vernahmen auch den Geſang des Vogels, den ſie fuͤr die Nachtigall gehalten hatten, und mehrerer anderen, welche bei ihnen heimiſch waren. Dieſe erinnerten ſie, vermoͤge der einfachen Verknuͤpfung der Gedanken, die dem Herzen theuer ſind, lebhaft an die Haine ihres weitentfernten An⸗ 8 daluſiens. Sie bildeten ſich ein, die Geſtalt der umgeben⸗ den Landſchaft gleiche den ſchoͤneren Gegenden von Spanien, und in Folge dieſer Vergleichung nannte der Admiral die Inſel Hispaniola. 2 In der Naͤhe des Hafens fanden ſich Spuren roher Cul⸗ 8 — 267— tur des Bodens, aber die Eingebornen hatten die Kuͤſte bei ihrer Aukunft verlaſſen. Einmal ſahen ſie in einiger Ent⸗ fernung ein Feuer aufglimmen, doch es verſchwand, als ſie in die Naͤhe kamen. Da Columbus mit den Leuten in Ver⸗ kehr zu treten wuͤnſchte, ſo ſandte er ſechs wohlbewaffnete Maͤnner in's Innere. Sie trafen mehrere bebaute Felder, auch Spuren von Wegen und ausgebrannte Feuerſtellen, aber die Bewohner waren mit Schrecken in die Berge ge⸗ flohen. Wiewohl die ganze Gegend einſam und verlaſſen war, ſo troͤſtete ſich Columbus doch mit dem Gedanken, es muͤß⸗ ten volkreiche Staͤdte im Innern ſeyn, wohin die Leute ſich gefluͤchtet haͤtten, und die Feuer, die er geſehen, ſeyen Sig⸗ nalfeuer, gleich denen, die auf den Bergen in den Laͤndern der alten Welt oͤfters brannten, in den Zeiten der mauri⸗ ſchen Kriege und bei ploͤtzlichen Verwuͤſtungen der Seekü⸗ ſten, um die Landbewohner zu warnen, damit ſie ſich eiligſt von der Kuͤſte entfernten. Am 12. December richtete Columbus mit groher Feier⸗ lichkeit ein Kreuz auf einer hervorragenden Stelle im Ein⸗ gang des Hafens auf, zum Zeichen, daß er hier Beſitz ge⸗ nommen habe. Drei von den Seeleuten, welche ſich in der Nachbarſchaft herumtrieben, bemerkten eine große Anzahl von Eingebornen, die ſogleich die Flucht ergriffen; aber die Seemaͤnner verfolgten ſie und waren nach ziemlicher An⸗ ſtrengung ſo gluͤcklich, eine junge ſchoͤne Wilde einzuholen, und brachten die fremde Schoͤnheit im Triumph zu den Schiffen. Sie war voͤllig nackt, ein ſchlimmes Zeichen von — 268— dem Culturzuſtande der Inſel, aber ein goldner Schmuck, den ſie in der Naſe trug, gab Hoffnung, daß man dieſes koſtbare Metall hier finden werde. Der Admiral vertrieb ihre Angſt bald durch ſeine Guͤtigkeit. Er kleidete ſie, machte ihr Geſchenke von Glasperlen, Armbaͤndern, Schellen und anderen Kleinigkeiten, und ſandte ſie mit einigen ſeiner Leute und mit dreien indianiſchen Dollmetſchern an's Land zuruͤck. Dieſes einfache Geſchoͤpf war ſo erfreut uͤber ihren Schmuck und ſo eingenommen von der guͤtigen Behandlung, daß ſie recht gern mit den indianiſchen Weibern, die ſie am Bord antraf, dort geblieben waͤre. Die Leute, welche mit ihr ausgeſchickt waren, kamen ſpaͤt in der Nacht zuruͤck, da ihr Dorf zu weit entfernt lag, und ſie ſich fuͤrchteten, tief in's Innere zu dringen. Auf den guͤnſtigen Eindruck ver⸗ trauend, den die von dem Weibe gemachte Erzaͤhlung her⸗ vorbringen mußte, ſandte der Admiral am folgenden Tage neun entſchloſſene, wohlbewaffnete Leute ab, um das Dorf aufzuſuchen, in Begleitung eines Bewohners von Cuba als Dollmetſcher. Sie fanden das Dorf ungefaͤhr vier und eine halbe Stunde nach Suͤdoſt, in einem freundlichen Thal an dem ufer eines ſchoͤnen Fluſſes.*) Es enthielt tauſend Haͤuſer, aber alle ſtanden leer, denn die Spanier hatten die Bewohner entfliehen ſehen, als ſie naheten. Der Dollmet⸗ *) Dieſes Dorf war früher unter dem Namen Gros⸗Morne bekannt; es lag am Ufer des Fluſſes Trois Rivières, der ſich ungefähr eine halbe engl. Meile weſtlich von Port de Paix in's Meer ergießt. Navarrete t. I. — 269— ſcher wurde zu ihnen geſandt; nur mit großer Muͤhe konnte er ihre Furcht beſchwichtigen, indem er ſie der Guͤte dieſer Fremdlinge verſicherte, die vom Himmel gekommen ſeyen, und in der Welt herumreiſten, um ſchoͤne und koſthare Ge⸗ ſchenke zu machen. Durch dieſe Erzaͤhlung zutraulich ge⸗ macht, wagten ſich von den Eingebornen eine Anzahl von zwei tauſenden zuruͤck. Sie naͤherten ſich den neun Spa⸗ niern mit langſamen und aͤngſtlichen Schritten, wobei ſie oft ſtille ſtanden und die Haͤnde auf den Kopf legten, zum Zeichen tiefer Verehrung und Unterwuͤrfigkeit. Sie waren ſchoͤn gebaut, huͤbſcher und regelmaͤßiger als die Eingebor⸗ nen der andern Inſeln.*) Waͤhrend die Spanier mit Huͤlfe ihrer Dollmetſcher mit ihnen ſprachen, ſahen ſie eine andere Schaar herannahen. An ihrer Spitze war der Mann der Indianerin, die am Abend vorher an Bord der Schiffe ge⸗ weſen war. Sie brachten ſie im Triumph auf ihren Schul⸗ tern, und ihr Mann war faſt außer ſich vor Dankbarkeit uͤber die Guͤte, womit man ſein Weib aufgenommen, und uͤber die praͤchtigen Geſchenke, die man ihr gemacht hatte. Da nun die Indianer mit den Spaniern vertrauter ge⸗ worden waren, und ſich einigermaßen von ihrer uͤbermäͤßi⸗ gen Furcht erholt hatten, fuͤhrten ſie dieſelben in ihre Haͤu⸗ ſer⸗ und ſetzten ihnen Caſſava⸗Brod, Fiſche, Wurzeln und Fruͤchte von verſchiedner Art vor. Als ſie von den India⸗ nern hoͤrten, daß die Spanier Freude an den Papagaien —xix;- *) Las Casas lib. I. oqp. 53. Ms. — 270— haͤtten, brachten ſie eine Menge gezaͤhmte herbei und boten ihnen uͤberhaupt alles an, was ſie hatten; dieſes war die edle Gaſtfreundſchaft, die auf dieſer Inſel herrſchte, wo bis dahin das Laſter der Habſucht noch nicht bekannt war. Der große Fluß, welcher ſich durch dieſes Thal ergoß, war von ſtottlichen Waldungen begraͤnzt, worunter viele Palmen, Bananen, und allerlei Baͤume voll Bluͤthen und Fruͤchte ſich befanden. Die Luft war mild wie im April; die Voö⸗ gel ſangen den ganzen Tag und einige ließen ſich auch die Nacht uͤber hoͤren. Die Spanier hatten bis jetzt noch nicht die Verſchiedenheit der Jahrszeiten auf dieſer entgegengeſetz⸗ ten Seite der Welt wahrzunehmen Gelegenheit gehabt; ſie waren erſtaunt, die Stimme dieſer vermeintlichen Nachti⸗ gall mitten im December zu hoͤren, und betrachteten es als einen Beweis, daß es in dieſen gluͤcklichen Elimaten keinen Winter gebe. Sie kehrten entzuͤckt von der Schoͤnheit des Landes auf die Schiffe zuruͤck; ſie uüͤbertraͤfen, wie ſie ſich ausdruͤckten, ſelbſt die fruchtbaren Ebenen von Cordova. ke beklagten nur das eine, daß ſie unter den Bewohnern gar keine Spuren von Schaͤtzen angetroffen haͤtten. Und hier kann man ſich unmoͤglich enthalten, bei einer Schilderung zu verweilen, welche die erſten Entdecker von dem Zuſtande der Sitten in dieſem verhaͤngnißvollen Lande vor der An⸗ kunft der weißen Maͤnner mittheilen. Nach ihren Berich⸗ ten lebte die Bevelkerung von Hayti in jener urſtaͤndlichen 1 und wilden Einfelt, welche einige Philoſophen als den beneidenswertheſten Zuſtand auf Erden mit Liebe geſchildert haben: von den Segnungen der Natur umgeben, und ohne . — 271— Kenntniß erkuͤnſtelter Beduͤrfniſſe. Die fruchtbare Erde brachte z9re hauptſaͤchlichſte Nahrung faſt freiwillig hervor, ihre Fluͤſſe und Kuͤſten hatten Fiſche im Ueberfluß, und ſie fingen die Utia, die Guana und eine Menge von Voͤgeln. Dieſes war fuͤr Weſen von ihrer Maͤßigkeit und ſanften Gewoͤhnung ein großer Ueberfluß, und was die Natur ſo willig gab, theilten ſie gerne mit der ganzen Welt. Gaſt⸗ freundſchaft, heißt es, war bei ihnen ein allgemein aner⸗ kanntes Geſetz der Natur; es war nicht nothwendig, bekannt zu ſeyn, um ihre Theilnahme zu gewinnen; jedes Haus war dem Fremden offen wie ſein eigenes.*) So bemerkt auch Columbus in einem Schreiben an Luis de St. Angel: „Wahr iſt es, nachdem ſie Vertrauen gefaßt und die Furcht vor uns verlaren hatten, waren ſie ſo freigebig mit allem was ſie beſaßen, daß es Niemand glauben wuͤrde, der es nicht ſelbſt mit angeſehen. Wenn man ſie um irgend etwas bat, ſo ſagten ſie niemals nein, fondern ſie gaben es lieb⸗ reich und bewieſen ſo viele aufrichtige Freundſchaft, als gaͤ⸗ ben ſie ihr eignes Herz hin; und ob eine Sache von hohem oder geringem Werthe war, ſie zeigten ſich zufrieden mit allem, was man ihnen dafuͤr gab Auf allen dieſen Inſeln ſcheint jeder Mann ſich mit Einem Weibe zu hegnügen, aber zwanzig geben ſie ihrem Haͤuptling oder „Koͤnig. Die Weiber arbeiten wohl durchgaͤngig mehr als die Maͤnner; ich war aber nicht im Stande zu erfahren, ob — )) Charlevoix hist. St. Doming. 1. I. — 272— ſie abgeſondertes Eigenthum beſitzen; doch ich denke vielmehr, was einer hat, das theilen alle, beſonders in allen Arten von Lebensmitteln.“*) Eine der anziehendſten Beſchreibungen von den Bewoh⸗ nern dieſer Inſeln liefert der alte Peter Martyr, der ſie, wie er ſagt, aus den Unterredungen mit dem Admiral ſel⸗ ber ſchoͤpfte.„Es iſt gewiß,“ ſpricht er,„daß das Land bei dieſen Voͤlkern ſo ſehr allen gemeinſam iſt wie die Sonne und das Waſſer, und daß das Mein und Dein,“ die Saat alles Unheils auf Erden, bei ihnen nicht zu finden iſt. Sis ſind mit ſo wenigem zufrieden, daß ſie in einem ſo großen Lande eher Ueberfluß als Mangel haben, ſo daß ſie in dem goldnen Zeitalter zu leben ſcheinen, ohne Muͤhſale in offenen Gaͤrten lebend, nicht umſchanzt von Graͤben, noch durch Hecken getrennt, noch auch von Mauern beſchirmt. Sie theilen alles redlich mit einander, ohne Geſetze, ohne Buͤ⸗ cher und ohne Richter. Sie halten den fuͤr einen boͤſen und unheilbringenden Menſchen, der Vergnuͤgen daran findet, Anderen wehe zu thun, und obgleich ſie keine Freunde von überfluͤßigen Dingen ſind, ſo machen ſie doch Vorraͤthe fuͤr den Anwachs der Wurzeln, woraus ſie ihr Brod berei⸗ ten, indem ſie mit ſolcher einfachen Koſt zufrieden ſind, wo⸗ durch die Geſundheit bewahrt und Krankheit verhuͤtet wird.„**) 3 *) Schreiben des Columbus an Luis de St. Angel, Navar⸗ rete t. I. p. 167. **) Peter Martyr decad. I. I. III. — 273— Vieles von dieſer Schilderung mag von der Einbildungs⸗ kraft verſchoͤnert ſeyn, aber dieſelbe wird allgemein von gleich⸗ zeitigen Geſchichtſchreibern fuͤr wahr erklaͤrt. Sie alle ſtim⸗ men damit uͤberein, daß das Leben dieſer Inſulaner ſich der poetiſchen Gluͤckſeligkeit des goldnen Alters naͤhere, indem ſie unter der unbeſchraͤnkten aber patriarchaliſchen Herrſchaft ihrer Caziken lebten, frei von Stolz und frei von Beduͤrf⸗ niſſen, in einem Lande des Ueberfluſſes, eines gluͤcklich ge⸗ maͤßigten Clima's, mit einem natuͤrlichen Hang nach heiteren harmloſen Vergnuͤgungen. Siebentes Kapitel. Küſtenfahrt bei der Inſel Hispaniola, (1492) 5 Als das Wetter günſtig wurde, machte Columbus am 14. December einen zweiten Verſuch, die Inſel Babeque zu entdecken, doch ſeine Abſicht wurde abermals durch wi⸗ drige Winde vereitelt. Im Laufe dieſes Verſuches ſchiffte er nach einer, dem Hafen Conception gegenuͤberliegenden 3 Inſel, welcher er wegen ihrer Menge Schildkroͤten den Na⸗ Irving's Columbus. 1— 3. 18 — 274— men Tortugas gab. Die Eingebornen flohen nach den Felſen und Waͤldern, und Alarmfeuer glaͤnzten auf den Hoͤhen, woraus er ſchloß, daß dieſe Inſel feindlichen Ein⸗ fäͤllen wohl mehr als die andern unterworfen ſey. Das Land war ſo ſchoͤn, daß er einem der Thaͤler den Namen Vallé de Paraiſo oder Thal des Paradieſes gab und einen ſtattlichen Strom nach dem Quadalquivir benannte, jenem berühmten Fluß, der ſich durch eine der lieblichſten Pro⸗ vinzen von Spanien ergießt.*) Columbus ging am 16. December um Mitternacht unter Segel und ſteuerte wieder nach Hispaniola. Als er den halben Weg der Meerenge, welche die Inſeln trennt, zuruͤckgelegt, bemerkte er einen Canoe mit einem Indianer und war, wie bei fruͤherer Ge⸗ legenheit, erſtaunt uͤber deſſen Kuͤhnheit, ſich in einem ſo gebrechlichen Fahrzeuge ſo weit vom Lande zu wagen, und uͤber die Geſchicklichkeit, womit er das Fahrzeug uͤber dem Waſſer hielt, ungeachtet der Wind blies und die See etwas hoch ging. Er ließ ihn und ſeinen Canoe an Bord nehmen, und als er nahe bei einem Dorf an der Kuͤſte von Hispa⸗ niola Anker warf, welcher Platz gegenwaͤrtig unter dem Namen Puerto de Paz bekannt iſt, entließ er ihn gut be⸗ wirthet und mit vielerlei Geſchenken bereichert. Bei dem erſten Verkehr mit dieſen Staͤmmen ſcheint Guͤte nie ihren Eindruck verfehlt zu haben. Die guͤnſtigen Erzaͤhlungen, welche von ihnen dieſer Indianer und die, *) Tagebuch des Columbus, Navarrete collect, t. 1. 4 1 —O—O———;— — 275— mit welchen die Spanier bei ihrem fruͤheren Landen in Be⸗ ruͤhrung gekommen waren, zum Beſten gaben, verſcheuchten ſchnell alle Furcht bei den Inſulanern. Ein freundlicher Verkehr war bald eingeleitet und die Schiffe bekamen von einem Caziken aus der Nachbarſchaft einen Beſuch. Von dieſem Haͤuptling und ſeinen Raͤthen erhielt Columbus wei⸗ tere Nachrichten uͤber die Inſel Babeque, welche in keiner großen Entfernung liegen ſollte. Dieſer Inſel geſchieht ferner keine Erwaͤhnung, auch ſcheint es nicht, daß Columbus noch einen weiteren Verſuch gemacht habe, ſie aufzuſuchen. In den alten Karten iſt keine ſolche Inſel verzeichnet und es iſt wahrſcheinlich, daß es eine jener falſchen Auslegungen indianiſcher Woͤrter war, die den Columbus und andere von den erſten Entdeckern zu ſo vielen fruchtloſen Nachfor⸗ ſchungen veranlaßten Die Menſchenrace auf Hispaniola erſchien Columbus ſchoͤner, als auf irgend einer der entdeckten Inſeln, und von ſanfter, friedlicher Gemuͤthsart. Einige trugen unbedeuten⸗ den Goldſchmuck, den ſie willig fuͤr Kleinigkeiten austauſch⸗ ten. Das Land hatte Abwechslung durch hohe Berge und reizende Thaͤler, die ſich tief in's Innere zogen, ſo weit das Auge reichen konnte. Die Berge hatten eine ſo ſanfte Abdachung, daß man die hoͤchſten mit Stieren haͤtte pfluͤgen koͤnnen und das uͤppige Wachsthum der Waͤlder offenbarte die Fruchtbarkeit des Bodens. Die Thaͤler waren von einer Menge klarer und ſchoͤner Stroͤme durchſchnitten; auch ſchie⸗ nen ſie an vielen Stellen angebaut und zu Getreidefeldern, Obſtgaͤrten und Weideplaͤtzen benutzt zu ſeyn. 18* — 276— Waͤhrend widrige Winde die Schiffe im Hafen hielten, bekam Columbus einen Beſuch von einem jungen Caziken von anſcheinend großem Anſehn. Er wurde von vier Wilden auf einer Art Tragbahre ſitzend dahergebracht und von zwei⸗ hundert ſeiner Unterthanen begleitet. Da der Admiral bei ſeiner Ankunft an der Mittagstafel ſaß, ſo befahl der junge Haͤuptling ſeinem Gefolge, außen zu bleiben, trat in die Cajuͤte, nahm neben Columbus Platz und gab nicht zu, daß dieſer aufſtand oder ſonſt irgend eine Foͤrmlichkeit beobach⸗ tete. Nur zwei alte Maͤnner kamen mit ihm herein, ſie ſchienen ſeine Raͤthe zu ſeyn und ſetzten ſich zu ſeinen Fuͤßen. Alles was man ihm zu eſſen oder zu trinken reichte, beruͤhte er nur und ſchickte es ſeinem Gefolge, indem er fortwaͤh⸗ rend eine ernſte und gravitaͤtiſche Haltung zeigte. Er ſprach nur wenig, ſeine zwei Raͤthe ſahen ihm auf den Mund, fingen jeden Gedanken auf und theilten ihn mit. Nach der Tafel uͤber⸗ reichte er dem Admiral einen kuͤnſtlich gearbeiteten Guͤrtel und zwei Stuͤcke Goldes. Columbus gab ihm eine Klei⸗ dung, einige Bernſtein⸗Perlen, farbige Schuhe und ein Flaͤſchchen mit Orangebluͤth⸗Waſſer; er zeigte ihm ſpaniſche Muͤnzen, auf denen die Bildniſſe des Koͤnigs und der Ko⸗ nigin gepraͤgt waren und ſuchte ihm die Macht und Groͤße ſeiner Herrſcher deutlich zu machen; er entfaltete auch das koͤnigliche Banner und die Fahne des Kreuzes; indeſſen war er nicht im Stande, ihm einen klaren Begriff durch dieſe Zeichen beizubringen; der Cazike wollte nicht glauben, daß es einen Welttheil gebe, der ſo wunderbare Weſen und der⸗ gleichen wunderbare Dinge hervorbraͤchte; er blieb bei der — allgemeinen Vorſtellung, das die Spanier mehr als bloße Sterbliche waͤren und daß das Land und die Herrſcher, von denen ſie redeten, nirgends anderswo als im Himmel ſeyn koͤnnten. Am Abend wurde der Cazike wieder in dem Boot an's Land geſetzt, mit großen Ceremonien und einer Kanonen⸗ ſalve ihm zu Ehren. Er zog auf die naͤmliche Weiſe da⸗ von, wie er gekommen war, auf einer Tragbahre ſitzend und von einem großen Gefolge ſeiner Unterthanen umgeben; nicht weit hinter ihm kam ſein Sohn, auf dieſelbe Art ge⸗ tragen und begleitet, und ſein Bruder zu Fuß, auf zwei Diener geſtuͤtzt. Die Geſchenke, welche er von dem Admiral erhalten hatte, ließ er mit großem Gepraͤnge vor ſich her⸗ tragen. Man gewann nur wenig Gold an dieſem Ort, und was die Bewohner davon beſaßen, gaben ſie willig her. Das Land der Verheißung lag weiter hinaus, und einer der alten Raͤthe des Caziken erzaͤhlte dem Columbus, daß er bald bei Inſeln ankommen werde, die reich an dieſem koſtbaren Metall waͤren Ehe er den Ort verließ, befahl der Admiral, ein großes Kreuz in der Mitte des Dorfes aufzurichten, und aus der Bereitwilligkeit, womit die In⸗ dianer dabei behuͤlflich waren und aus ihrer ſchnellen Nach⸗ ahmung der Andachtsuͤbungen der Spanier ſchloß er, daß es ein Leichtes ſeyn werde, ſie alle zum Chriſtenthum zu bekehren. Am 19. December ſegelten ſie vor Tagesanbruch, doch mit unguͤnſtigem Winde ab, und am Abend des 20. kamen — 278— ſie in einem ſchoͤnen Hafen an, welchem Columbus den Namen St. Thomas gab, und den man fuͤr die nunmeh⸗ rige Bai von Acul haͤlt. Er war von einem reizenden und wohlbevoͤlkerten Boden umſchloſſen. Die Einwohner kamen zu den Schiffen, einige in Canoes, andere ſchwimmend, Fruͤchte von verſchiedenen unbekannten Arten, von herrlichem Duft und wuͤrzigem Geſchmack darreichend. Dieſes und alles was ſie ſonſt noch beſaßen, gaben ſie freiwillig hin, beſonders ihren goldenen Schmuck, der wie ſie ſahen von den Fremdlingen ſehr begehrt wurde. Eine merkwuͤrdige Freigebigkeit und Großmuth herrſchte bei dieſem Volke; ſie hatten keinen Begriff von Tauſchhandel und gaben alles mit großer Guͤte umſonſt hin. Columbus erlaubte aber ſeinen Leuten nicht, aus dieſer ihrer freigebigen Natur Vortheil zu ziehen, ſondern befahl, daß bei allem etwas dagegen ge⸗ geben werden ſolle. Mehrere von den benachbarten Caziken 4 beſuchten die Schiffe, brachten Geſchenke und luden die Spanier in ihre Doͤrfer ein, wo dieſe dann mit ſehr großer Gaſtfreundſchaft aufgenommen wurden. 3 Am 22. December kam ein langer Canoe mit Einge⸗ bornen gefuͤllt auf einer Sendung von einem großen Ca⸗ ziken Namens Guacanagari, der dieſe ganze Seite der Inſel beherrſchte. Ein vornehmer Diener des genannten Haͤupt⸗ lings ſtieg aus dem Canoe und uͤberbrachte als Geſchenke fuͤr den Admiral einen breiten Guͤrtel mit farbigen Steinchen und Knochen kuͤnſtlich durchwirkt, und eine hoͤlzerne Maske, wovon die Augen, Naſe und Zunge von Gold waren. Er entledigte ſich ſodann einer Botſchaft des Caziken, welcher — — — 279— bat, die Schiffe moͤchten ſeiner Reſidenz gegenuͤber anlanden, welche etwas mehr nach Oſten an dieſer Kuͤſte lag. Da der Wind es unmoͤglich machte, die Einladung unmittelbar an⸗ zunehmen, ſo ſandte der Admiral den Notar des Geſchwa⸗ ders mit mehreren von den Seeleuten an ihn ab. Er reſi⸗ dirte in einer, an einem Fluß gelegenen Stadt, an der Spitze, genannt Punta Santa, jetzt Honorata. Es war der groͤßte und beſtgebaute Ort, den ſie noch auf den Inſeln wahrgenommen hatten. Der Cazike empfing ſie auf einer Art von öͤffentlichem Platz, der zu dieſem Anlaß ſauber herge⸗ richtet und aufgeputzt war, und nahm ſie mit großen Ehren auf, indem er jedem einen Anzug von Baumwolle ſchenkte. Die Einwohner draͤngten ſich mit Lebensmitteln und Er⸗ friſchungen von mancherlei Art um ſie her. Die Seefahrer wurden dann wie ausgezeichnete Gaͤſte in die Haͤuſer ge⸗ führt; man überreichte ihnen Kleidungsſtuͤcke von Baum⸗ wolle und was ſonſt Werth in ihren Augen zu haben ſchien, verlangte aber nichts dagegen; gab man ihnen jedoch etwas, ſo ſchienen ſie es hochzuhalten, wie eine heilige Reliquie. Der Cazike haͤtte ſie gern die ganze Nacht bei ſich be⸗ herbergt, aber ihre Befehle lauteten auf baldige Ruͤckkehr. Als er von ihnen Abſchied nahm, machte er ihnen Geſchenke mit Papagayen und Stuͤcken Gold fuͤr den Admiral, und viele von den Eingebornen begleiteten ſie zu den Booten, trugen ihnen die Geſchenke und wetteiferten mit einander, ihnen Dienſte zu leiſten. 2 In ihrer Abweſenheit waren eine Menge Canoes mit einigen kleineren Caziken bei dem Admiral zum Beſuch ge⸗ — 280— weſen. Alle verſicherten ihn, daß die Inſel von Schaͤtzen uͤberſtroͤme; namentlich erzaͤhlten ſie ihm von einer Gegend im Innern, weiter nach Oſten, die ſie Cibao nannten, deren Cazike, ſo viel man aus ihren Zeichen abnehmen konnte, Fahnen von verarbeitetem Golde habe. Columbus, der ſich wie gewoͤhnlich ſelbſt taͤuſchte, bildete ſich ein, dieſer Aus⸗ druck Cibao muͤſſe der verdorbene Name von Cipango und der Haͤuptling mit goldnen Fahnen kein anderer als der bei Marco Polo beſchriebene prachtliebende Fuͤrſt dieſer Inſel ſeyn.*) Achtes Kapitel. Schiffbruch. (1492.) Am Morgen des 24. Decembers ging Columbus vom Hafen Conception vor Sonnenaufgang unter Segel und ſteuerte nach Oſten, in der Abſicht, an der Kuͤſte des Ca⸗ ————— *) Tagebuch des Columbus. Navarrete's Sammlung t. I. Hist. del Almirante, c. 31. 32. Herrera d. I. lib. I. c. 15, 16. 8 — 281— ziken Guacanagari Anker zu werfen. Der Wind ging vom Lande, aber ſo ſchwach, daß er kaum die Segel ſchwellte, und die Schiffe kamen nicht weit voran. Um 11 Uhr ſpaͤt, grade in der Chriſtnacht, waren ſie ungefaͤhr eine oder anderthalb Seemeilen von der Reſidenz des Caziken entfernt, und da Columbus die See ſtill und ruhig fand und das Schiff ſich faſt gar nicht fortbewegte, zog er ſich zuruͤck, um ein wenig zu ruhen, indem er die Nacht vorher nicht geſchlafen hatte. Er war in der Regel auf ſeinen Kuͤſten⸗ fahrten erſtaunlich wachſam und brachte ganze Naͤchte in jedem Wetter auf dem Verdeck zu; er verließ ſich nie auf die Sorgfalt Anderer, wo irgend Schwierigkeit oder Gefahr vorhanden war. In dem gegenwaͤrtigen Momente hielt er ſich fuͤr vollkommen geſichert, nicht nur weil voͤllige Wind⸗ ſtille eingetreten war, ſondern weil die Boote am vorher⸗ gehenden Tage auf ihrer Fahrt zu dem Caziken die Kuͤſte unterſucht und weder Felſen noch Sandbaͤnke angetroffen hatten. Niemals zeigte ſich wohl die Wichtigkeit von dem wach⸗ ſamen Auge des Fuͤhrers einleuchtender; denn kaum hatte ſich der ſorgenvolle Admiral zuruͤckgezogen, als der Steuer⸗ mann ſeinen Stand einem Schiffsjungen anvertraute und ſich ſchlafen legte. Dieſes war ein grobes Dienſtvergehen, bei dem unveraͤnderlichen Befehl des Admirals, daß das Steuerruder niemals den Schiffsjungen uͤberlaſſen werden ſolle. Die Matroſen, welche die Wache hatten, machten ſich die Abweſenbeit des Admirals gleichfalls zu Nutze und in kurzer Weile lag die ganze Mannſchaft in tiefem Schlaf. — 282— Waͤhrend nun das Schiff in tiefer Ruhe lag, fuͤhrten es die verrätheriſchen Stroͤmungen, welche um die Kuͤſte ziehen, ſchnell und heftig auf eine Sandbank hin. Der gedanken⸗ loſe Junge hatte die Brandung nicht wahrgenommen, obgleich ſie ein Getoͤſe machte, daß man es eine Stunde weit hoͤren konnte. Erſt als er das Steuerruder hinausfahren ſah und die Waſſer ans Schiff hinanbrauſen hoͤrte, fing er an nach Huͤlfe zu ſchreien. Columbus, den ſeine ſorgenvollen Ge⸗ danken niemals in tiefen Schlaf fallen ließen, war der erſte, der den Schrei hoͤrte und aufs Verdeck ſprang. Der Schiffs⸗ patron, deſſen Pflicht es geweſen waͤre, Wache zu halten, war der zweite, ihm folgten andre von dem Schiffsvolk, noch ſchlaftrunken und ohne die Gefahr ihrer Lage zu ahnen. Der Admiral befahl ihnen, das Boot zu nehmen, und einen Anker hinten am Schiff auszuwerfen, damit man verſuchen koͤnne, das Schiff wieder flott zu machen. Der Patron und die Matroſen ſprangen ins Boot, aber ſie waren ver⸗ wirrt und ganz vom Schrecken überwaͤltigt, wie es wohl zu geſchehen pflegt, wenn man ploͤtzlich durch Laͤrm aus dem Schlaf geriſſen wird. Statt den Befehl des Columbus aus⸗ zufuͤhren, ruderten ſie der anderen Caravele zu, die unge⸗ faͤhr eine halbe Seemeile entfernt war, indeß er in der Meinung ſtand, ſie wuͤrfen Anker, und ſicher hoffte, das Fahrzeug bald wieder in tiefer See zu haben. Wie das Boot bei der Caravele ankam und die Nach⸗ richt von dem gefaͤhrlichen Zuſtande brachte, in welchem ſie das Schiff verlaſſen hatten, wurden ihnen Vorwuͤrfe ge⸗ macht üher ihr verzagtes Entweichen uud ihnen die Auf⸗ — — nahme verweigert. Der Kapitain und mehrere ſeiner Leute ſtießen in ihrem Boot ab und beeilten ſich, dem Admiral zu Huͤlfe zu kommen; ihnen folgte der feigherzige Schiffs⸗ patron und ſeine Gefaͤhrten, voll Scham und Verwirrung. Sie kamen zu ſpaͤt; das Schiff konnte nicht mehr ge⸗ rettet werden, die reißende Stroͤmung hatte es immer haͤr⸗ ter auf die Sandbank geſetzt. Wie der Admiral ſah, daß das Boot ihn ſchaͤndlich verlaſſen habe, das Schiff ſich ganz quer gegen die Stroͤmung legte und das Waſſer immer hef⸗ tiger andrang, ließ er den Maſt kappen, in der Hoffnung, das Schiff dadurch hinlaͤnglich leichter zu machen, um wieder flott zu werden. Jede Muͤhe war umſonſt. Der Kiel ſaß feſt im Sande und der Stoß hatte mehrere Fugen aufge⸗ riſſen; waͤhrend nun der Strom immer die volle Lage traf, ſenkte ſich das Schiff immer ſchiefer, bis es ganz auf der Seite lag. Zum Gläͤck blieb das Wetter ruhig, ſonſt waͤre das Schiff in tauſend Truͤmmer gegangen und Mann und Maus in der Stroͤmung und Brandung umgekommen. Der Admiral und die Mannſchaft retteten ſich an Bord der Caravele. Diego de Arana, Oberrichter der kleinen Flotte, und Pedro Gutierrez, des Koͤnigs Mundſchenk, wurden auf der Stelle als Abgeordnete ans Land zu dem Caziken Guacanagari geſchickt, um ihn von dem beabſich⸗ tigten Beſuche des Admirals und ſeinem ungluͤcklichen Schiff⸗ bruch Nachricht zu geben. Mittlerweile legte der Admiral dis zur Nacht bei, da ſich ein leichter Wind von der Kuͤſte erhob und ihm die Gegend nicht bekannt genug war, in — 284— welcher Klippen und Sandbaͤnke rings umher verborgen ſeyn konnten. Die Reſidenz des Caziken war ungefaͤhr anderthalb See⸗ meilen von dem Wrack entfernt. Wie Guacanagari von dem Ungluͤck hoͤrte, das ſeinen Gaſt betroffen hatte, offen⸗ barte er die groͤßte Betruͤbniß und vergoß ſogar Thraͤnen. Er ſchickte ſogleich ſeine Leute mit allen Canoes ab, die man auftreiben konnte, groß und klein, und ſie leiſteten ſo thaͤti⸗ gen Beiſtand, daß das Schiff in kurzer Zeit ausgeladen war. Der Cazike ſelbſt, ſeine Bruͤder und Verwandte, leiſteten alle erdenkliche Huͤlfe zur See und zu Land, hiel⸗ ten ſcharfe Aufſicht, daß alles in der gehoͤrigen Ordnung vor ſich ging und das aus dem Wrack gerettete Eigenthum mit unverletzlicher Treue abgeliefert wurde. Von Zeit zu Zeit ſandte er einen ſeiner Verwandten oder eine andre vor⸗ nehme Perſon ſeines Gefolges zu dem Admiral, um ihm ſein Beileid zu bezeugen und ihn zu beſchwoͤren, ſich darum nicht zu graͤmen, denn alles, was ſie beſaͤßen, ſtehe ihm zu Gebote. Nirgends in der civiliſirten Welt konnte die geruͤhmte Sitte der Gaſtfreundſchaft ſo ſtrenge Anwendung finden, wie ſie von dieſem uncultivirten Wilden geuͤbt wurde. Alle aus den Schiffen ans Land gebrachte Effecten wurden in der Naͤhe ſeiner Wohnung niedergelegt, und eine bewaff⸗ nete Wache umſtand ſie die ganze Nacht, bis die Haͤuſer zu ihrem Empfang hergerichtet waren. Aber auch bei dem gemeinen Mann ſchien keine Neigung vorhanden, aus dem ungluͤck der Fremdlinge Vortheil zu ziehen. Obſchon ſie — 285— Dinge hier erblickten, die in ihren Augen unſchaͤtzbare Kleinode waren, die auf ihre Kuͤſte nur ſo hingeworfen wurden und jeder Beraubung zugaͤnglich waren, ſo geſchah doch nicht der mindeſte Verſuch, etwas wegzunehmen, und bei dem Transport aus den Schiffen wurde auch nicht die geringſte Kleinigkeit zuruͤck behalten. Im Gegentheil, allge⸗ meines Mitleiden druͤckte ſich in ihren Zuͤgen und Geberden aus, und wer es nicht wußte, konnte glauben, das Ungluͤck habe ſie ſelber betroffen.*) „So liebevoll, ſo lenkſam, ſo friedlich iſt dieſes Volk,“⸗ ſagt Columbus in ſeinem Tagebuche,„daß ich Ew. Maje⸗ ſtäten ſchwoͤren kann, es gibt kein beſſeres Volk auf Erden, und auch kein beſſeres Land. Sie lieben ihren Nebenmen⸗ ſchen wie ſich ſelbſt, ihre Reden ſind immer freundlich, ſanft und von Laͤcheln begleitet, und ob ſie gleich nackt gehen, ſo gereichen ihnen ihre Sitten doch nur zur Zierde und zum Preiſe.“**⁴) *) Hist. del Almirante, c. 32. Las Casas I. I. é. 9. **) Hist. del Almirante, 1. c. Neuntes Kapitel. Verkehr mit den Eingebornen. (1492.) Am 26. December kam Guacanagari an Bord der Ca⸗ ravele Ninja, um den Admiral zu beſuchen, und da er ihn ſehr traurig fand, ſo war das theilnehmende Herz des Ca⸗ ziken ſo bewegt, daß er Thraͤnen vergoß. Er wiederholte die Ausrichtung, die er hatte machen laſſen, und beſchwor Columbus, ſich dem Schmerz nicht zu ſehr hinzugeben, indem er ihm alles anbot, was er beſaß, wenn ihm damit Huͤlfe werden koͤnne. Er hatte bereits drei Haͤuſer hergeliehen, um den Spaniern Obdach zu geben ſowie die aus dem Wrack gelandeten Sachen unterzubringen, und er wollte noch mehr Huͤlfe ſchaffen, wenn es Noth thue. Waͤhrend ſie mit einander ſprachen, kam ein Canoe von einer anderen Seite der Inſel und brachte Stuͤcke Goldes, um ſie gegen kleine Schellen umzutauſchen. Auf nichts legten die Wilden ſo großen Werth als auf dieſes Spiel⸗ zeug. Die Indianer liebten den Tanz uͤber die Maßen, ſie paßten ihn der Cadenz gewiſſer Geſaͤnge an und begleiteten dieſe mit dem Ton einer Art von Trommel, die aus Baum⸗ — — 287— kloͤtzen gemacht war, und mit dem Geraſſel hohler hoͤlzer⸗ ner Buͤchſen; aber wenn ſie ſich die Schellen um den Leib banden und den hellklingenden Ton zu den Bewegungen des Tanzes den Takt machen hoͤrten, ſo war das wilde Entzuͤcken graͤnzenlos. Die Schiffer, welche von der Kuͤſte Land„berichteten dem Admiral, daß betraͤchtliche Quantitaͤten von Gold zum Tauſch angekommen ſeyen, und große Stuͤcke mit Ungeduld fuͤr wahre Kleinigkeiten hingegeben wuͤrden. Dieſe Nach⸗ richt heiterte die Schwermuth des Columbus etwas auf. Als der theilnehmende Cazike den ſchnellen Wechſel in ſei⸗ nen Zuͤgen wahrnahm, fragte er, was die Schiffteute ihm geſagt haͤtten. Sowie er den Inhalt der Nachricht erfuhr und merkte, daß der Admiral wirklich begierig war, Gold zu erlangen, gab er ihm durch Zeichen zu verſtehen, daß es nicht weit von hier, zwiſchen den Bergen, einen Platz gebe, wo Gold in ſolcher Menge gefunden werde, daß man wenig Werth darauf lege. Er verſprach ihm von dort ſo viel zu ſchaffen, als er verlange. Der Ort, auf den er anſpielte und welchen er Cibao nannte, war in der That eine Ge⸗ birgsgegend, wo die Spanier nachmals betraͤchtliche Gold⸗ minen antrafen, aber Columbus wollte den Namen immer auf die Inſel Cipango deuten.*) Guacanagari ſpeiſte mit dem Admiral am Bord der Caravele, worauf er dieſen einlud, an's Land zu gehen, um *) Primer Viage de Colon, Navarrete t. I. p. 114. — 288— ihn in ſeiner Reſidenz zu beſuchen. Hier hatte er ein kal⸗ tes Mahl bereiten laſſen, ſo auserleſen und mannichfaltig als es ſeine einfachen Mittel geſtatteten; es beſtand aus Utia's oder Kaninchen, Fiſchen, Wurzeln und den verſchie⸗ denartigen Fruͤchten, welche die Inſel im Ueberfluß hervor⸗ brachte. Der edle Cazike that, was in ſeiner Macht ſtand, um ſeinen Gaſt zu ehren und ihn uͤber ſein ungluͤck zu troͤ⸗ ſten, indem er inniges Mitgefuͤhl und dabei eine zarte Auf⸗ merkſamkeit bewies, wie man ſie von einem Wilden kaum erwartet haͤtte. Es lag ein eingeborner Adel und ein An⸗ ſtand in ſeinem Benehmen, welche die Spanier oft in Ver⸗ wunderung ſetzten. Er war ausnehmend ſorgfaͤltig und zier⸗ lich in ſeiner Art zu eſſen, welches langſam und mit Maͤ⸗ ßigkeit geſchah; als er fertig war, wuſch er ſich die Haͤnde und rieb ſie mit zarten wohlriechenden Kraͤutern, welches Columbus fuͤr einen Gebrauch hielt, um die Haut in ihrer Feinheit und Zartheit zu erhalten. Er ließ ſich mit großer Ehrerbietung von ſeinen Unterthanen bedienen, und benahm ſich gegen ſie mit anmuthvoller und fuͤrſtlicher Majeſtaͤt. Seine ganze Haltung hatte in den begeiſterten Augen des Columbus das Gepraͤge der angeborenen Grazie und Wuͤrde eines hohen Geſchlechtes.*) Die Herrſchaft bei dem Volke dieſer Inſel war wirklich erblich, und ſie hatten eine einfache aber ſchlaue Art, ſich *) Las Casas, l. I. c. 70. MS. Primer viage de Co lon, Navarrete LXXI, p. 114. — 289— der Wahrhaftigkeit der Abſtammung moͤglichſt zu verſichern. Wenn ein Cazike ohne Kinder ſtarb, ſo ging ſeine Gewalt auf die Kinder ſeiner Schweſtern eher als auf die der Bruͤ⸗ der uͤber, da man ſie ſicherer fuͤr ſeines Blutes halten konnte, denn man bemerkte wohl, daß die angeblichen Soͤhne eines Bruders zuweilen gar nicht mit ihren Oheimen verwandt waren, aber die Kinder ihrer Schweſtern konnten doch ſicher nur die ihrer Mutter ſeyn. Die Regierungsform war ganz despotiſch, die Caziken hatten volle Gewalt uͤber Leben und Tod, uͤber das Eigenthum und ſelbſt uͤber die Religion ih⸗ rer Unterthanen. Sie hatten wenige Geſetze und herrſchten nach ihrem Urtheil und Gutduͤnken, aber ſie regierten mild und man gehorchte ihnen unbedingt und mit Freudigkeit. Durch die ganze traurige Geſchichte dieſer Inſel ſeit ihrer erſten Entdeckung durch die Europaͤer laufen fortwaͤhrende Beiſpiele ihrer innigen und unterwuͤrfigen Treue gegen ihre Caziken. Nach dieſem Mahle fuͤhrte Guacanagari den Columbus in die ſchoͤnen Gaͤrten, die ſeine Reſidenz umgaben. Sie wurden von mehr denn tauſend Eingeborenen bedient, welche alle voͤllig nackt waren. In dem Schatten ihrer Haine gruppirten ſich die Inſulaner, und fuͤhrten mehrere ihrer Nationalſpiele und Taͤnze aus, die Guacanagari angeord⸗ net hatte, um die Schwermuth ſeines Gaſtes zu zerſtreuen. Als die Indianer mit ihren Spielen zu Ende waren, gab ihnen Columbus auch eine Unterhaltung, welche zugleich da⸗ rauf berechnet war, ihnen vor dem kriegeriſchen Geiſte der Spanier Ehrfurcht einzufloͤßen. Er ſchickte an Bord der Irving's Columbus, 1—3. 19 — 290— Caravele nach einem mauriſchen Bogen ſammt einem Koͤcher mit Pfeilen, und nach einem Caſtilianer, der die Feld⸗ zuͤge von Granada mitgemacht hatte, und im Gebrauch die⸗ ſer Waffe geuͤbt war. Der Cazike erſtaunte, mit welcher Genauigkeit der Mann den Pfeil zum Ziele ſchoß, da er ſelber kein kriegeriſcher Mann, und an den Gebrauch von Waffen wenig gewoͤhnt war. Er erzaͤhlte dem Admiral, die Caraiben, welche oft Abſtecher auf ſeinem Gebiet mach⸗ ten und ihm ſeine Unterthanen wegfuͤhrten, ſeyen eben ſo mit Pfeilen und Bogen bewaffnet. Columbus verſicherte ihn des Schutzes der caſtiliſchen Herrſcher, welche den Ca⸗ raiben den untergang bereiten wuͤrden, denn die Spanier beſaͤßen noch fuͤrchterlichere Waffen, gegen welche keine Ver⸗ theidigung moͤglich ſey. Um ihm dieſes zu beweiſen, ließ er einen Lombard oder eine ſchwere Kanone, und eine Flinte losfeuern. Von dem maͤchtigen Schall dieſer Waffen ſielen die Indianer zu Boden, als ob ſie vom Donner geruͤhrt waͤren, und wie ſie die Gewalt der Kugeln ſahen, welche die Baͤume zerriſſen und zerſplitterten, wurden ſie von Schrecken erfuͤllt. Als man ihnen aber ſagte, die Spanier wuͤrden ſie mit dieſen Waffen gegen ihre furchtbaren Feinde, die Caraiben, vertheidigen, ging ihre Furcht in zutrauens⸗ oolle Froͤhlichkeit uͤber, denn ſie betrachteten ſich nun unter dem Schutz der Soͤhne des Himmels, die mit Donner und Blitz bewaffnet aus den Luͤften herabgeflogen ſeyen. Der Cazike machte darauf dem Admiral Geſchenke mit verſchiedenen National⸗Koſtbarkeiten, einer aus Holz ge⸗ ſchnitzten Maske, an welcher die Augen, Ohren und andere — 291— Theile von Gold waren; er hing ihm Platten von demſel⸗ ben Metall um den Nacken, und ſetzte ihm eine Art von goldner Krone auf's Haupt. Er zeigte ſich auch gegen das Gefolge des Admirals in ſeiner angebornen Freigebigkeit, indem er verſchiedene Geſchenke unter ſie vertheilte; dabei war ſein Benehmen in allen Dingen, trotz ſeiner einfachen und wilden Natur, von der Art, daß es einem feinerzogenen Prinzen der civiliſirten Welt Ehre gemacht haben wuͤrde. Welche Kleinigkeiten auch Columbus zum Gegengeſchenk gab, ſie wurden mit Ehrfurcht wie himmliſche Gaben an⸗ genommen. Die Indianer wiederholten, indem ſie die euro⸗ paͤiſchen Manufactur⸗Waaren bewunderten, beſtaͤndig das Wort Turey, welches in ihrer Sprache Himmel heißt. Sie verſicherten die verſchiednen Qualitaͤten des Goldes durch den Geruch zu unterſcheidenz und eben ſo, wenn ihnen ir⸗ gend etwas von Zinn, Silber oder anderem weißen Metall gegeben wurde, welches ſie nicht kannten, rochen ſie daran und erklaͤrten es fuͤr„Turey von vortrefflicher Qualitaͤt. Wirklich war alles, was aus den Haͤnden der Spanier kam, koſtbar in ihren Augen; ein verroſtetes Stuͤck Eiſen, das Ende von einem Riemen, ein Nagelskopf, alles hatte einen verborgenen, uͤbernatuͤrlichen Werth und den Geruch von Tu⸗ rey. Nach kleinen Schellen aber ſtrebten ſie mit einer Be⸗ gierde, welche nur der Habſucht der Spanier nach Golde gleichkam. Sie konnten bei ihrem Erklingen der Extaſe nicht Meiſter werden, und tanzten und bewegten ſich in tauſenderlei Geſtalten. Einmal gab ein Indianer eine ganze Hand voll Goldkoͤrner fuͤr eine einzige Schelle hin, und 49* — 2⁰2— kaum war er in ihrem Beſitz, als er nach dem Walde lief, und ſich oͤfters umſah, aus Furcht, es moͤchte die Spanier gereuen, ein ſo unſchaͤtzbares Kleinod um ſolchen Spottpreis hinweggegeben zu haben.*) Die ausnehmende Guͤte des Caziken, die Sanftheit ſei⸗ nes Volkes, die Menge Goldes, die man taͤglich brachte, um dagegen die unbedeutendſten Kleinigkeiten einzutauſchen, und die Erzaͤhlungen, welche die Spanier beſtaͤndig von Quellen des Reichthums im Innern dieſer reizenden Inſel hoͤrten, alles trug dazu bei, den Admiral fuͤr das erlittene Ungluͤck zu troͤſten.. Die ſchiffbruͤchige Mannſchaft, die an der Kuͤſte wohnte und ſich mit den Eingebornen herumtrieb, war entzuͤckt uͤber das luſtige Schlaraffenleben. Die Exiſtenz dieſer In⸗ ſulaner, die vermoͤge ihrer Sitteneinfalt von allen Sorgen und Muͤhſeligkeiten der von kuͤnſtlichen Beduͤrfniſſen umla⸗ gerten eiviliſirten Welt nichts wußten, erſchien den Spa⸗ niern wie ein reizender Traum. Sie bekuͤmmerten ſich faſt um gar nichts. Ein Paar Felder, wohl mit Arbeit ange⸗ baut, lieferten ihre Hauptnahrung an Wurzeln und Pflan⸗ zen. Ihre Fluͤſſe und Kuͤſten hatten Fiſche im Ueberfluß, ihre Baͤume ſchwankten unter der Laſt goldner und farbi⸗ ger Fruͤchte, die unter der tropiſchen Sonne zu koͤſtlichem Duft und wuͤrzigem Wohlſchmack heranreiften. Von der Guͤte der Natur zu ſanfter Ruhe erzogen, brachten ſie ei⸗ *„) Las Casas 1. I. c. 70. Ms. — 293— nen großen Theil des Tages in ſuͤßem Nichtsthun hin, in jenem Vollgenuß des Gefuͤhls, den ein blauer Himmel und ein uͤppiges Clima verleiht, und an den Abenden tanzten ſie in ihren duftenden Hainen zu ihren Nationalgeſaͤngen oder zu den rauhen Toͤnen ihrer Waldtrommeln. So war das ſorgloſe und Feiertags⸗Leben dieſer einfa⸗ chen Menſchen beſchaffen; hatte es auch nicht den freien Spielraum der Vergnuͤgungen, und nicht die verfeinerten Genüͤſſe, welche die Civiliſation gibt, ſo war es doch auch ſicher von den meiſten ſeiner kuͤnſtlichen Armſeligkeiten frei⸗ Der ehrwuͤrdige Las Caſas bemerkt, indem er von ihrer voͤlligen Nacktheit ſoricht, es ſcheine faſt, als lebten ſie in dem Urzuſtande der Unſchuld wie unſere Stammeltern, ehe ihr Fall die Suͤnde in die Welt brachte. Er haͤtte hinzu⸗ fuͤgen koͤnnen, ſie ſchienen auch von dem Fluche der Kinder Adams frei zu ſeyn, die ihr Brod im Schweiße ihres An⸗ geſichts eſſen ſollten. Wenn die ſpaniſchen Schiffer auf ihr muͤhevolles und peinliches Leben zuruͤckblickten, und an die Sorgen und Drangſale dachten, die bei der Ruͤckkehr nach Europa wie⸗ der ihr Loos wurden, ſo iſt es nicht zu verwundern, daß ſie mit ſehnſuͤchtigem Verlangen bei dem freien ſorgloſen Daſeyn dieſer Indianer verweilten. Wohin ſie ſich wand⸗ ten, wurden ſie mit liebreicher Gaſtfreiheit aufgenommen. Die Menſchen waren einfach, offen und herzlich; die Wei⸗ ber reizend, gefaͤllig, und geeignet, Bande zu knuͤpfen, die auch das unbeſtäͤndigſte Herz feſſeln. Sie ſahen ſie in Gold glaͤnzen, das ſie ohne Muͤhe erlangen konnten, und — 294— jedes Vergnuͤgen gewaͤhrten ſie ihnen ohne Koſten. Von dieſen Vortheilen beſtochen meldeten ſich Viele bei dem Admiral, ſtellten ihm die Schwierigkeiten und Leiden vor, die ſie auf ihrer Ruͤckreiſe zu ertragen haͤtten, wo eine ſolche Menge in eine kleine Caravele zuſammengepreßt wuͤrde, und baten um die Erlaubniß, auf der Inſel bleiben zu duͤrfen.*) Zehntes Kapitel. Erbauung des Forts La Navidad. (1492.) Der von Vielen unter dem Schiffsvolk ausgedruͤckte leb⸗ hafte Wunſch, zuruͤckbleiben zu duͤrfen, verbunden mit dem freundlichen und friedlichen Charakter der Eingeborenen, gab nunmehr dem Admiral die Idee, den Grund zu einer kuͤnf⸗ tigen Colonie zu legen. Das Wrak der Caravele lieferte hinlaͤngliches Material, um ein Fort zu erbauen, welches ſich von ihrem Geſchuͤtz vertheidigen und mit ihren Lebens⸗ mitteln verſehen ließ, denn er konnte Proviſion genug abge⸗ *) Primer Viage de Colon, Navarrete LXXI, p. 116. —— — 295— ben, um eine kleine Garniſon auf ein Jahr damit zu ver⸗ ſehen. Die Leute, welche auf dieſe Weiſe auf der Inſel zu⸗ ruͤckblieben, mußten dieſelbe durchforſchen, ſich mit ihren Goldminen und anderen Quellen des Reichthums bekannt machen; ſie konnten zugleich durch Tauſch eine bedeutende Quantitaͤt Goldes von den Eingeborenen erlangen; ſie ſoll⸗ ten ihre Sprache lernen und ſie mit ihren Sitten und Ge⸗ wohnheiten bekannt machen, ſo daß die Indianer bei kuͤnfti⸗ gem Verkehr ihnen von großem Nutzen ſeyn konnten. Un⸗ terdeſſen wollte der Admiral nach Spanien zuruͤckkehren, den gluͤcklichen Erfolg ſeiner Unternehmung anzeigen, und mit verſtaͤrkter Ausruͤſtung zuruͤckkehren⸗ Sobald dieſer Gedanke in Columbus Seele aufſtieg, ge⸗ dieh er auch mit der gewohnten Geiſtesgegenwart und Schnelligkeit zur Ausfuͤhrung. Das Wrak wurde ausein⸗ ander genommen und ſtuͤckweiſe an's Ufer gebracht, ein günſtig gelegner Ort ausgeſucht und zur Errichtung eines Thurms Anſtalten gemacht. Als Guacanagari Nachricht er⸗ hielt von der Abſicht des Admirals, einen Theil ſeiner Leute zur Vertheidigung der Inſel gegen die Einfaͤlle der Carai⸗ ben zuruͤckzulaſſen, indeß er um Verſtaͤrkung zu holen in ſeine Heimath zuruͤckging, war er hoͤchlich erfreut. Auch ſeine Unterthanen offenbarten große Freude bei dem Gedan⸗ ken, die wunderbaren Maͤnner bei ſich zu behalten, wie nicht minder bei der Ausſicht auf das Wiederkommen des Admirals, mit Schiffen, die mit Schellen und anderen koͤſt⸗ lichen Dingen beladen waren. Sie leiſteten freiwillig und mit Ungeduld Beiſtand zur Erbauung des Forts— ſie — 296— ließen ſich nicht traͤumen, daß ſie dazu behuͤlflich waren, ſich ſelber das blutige Joch ewiger, qualvoller Sclaverei auf den Nacken zu laden. Die Zuruͤſtungen fuͤr das Fort hatten kaum begonnen, als einige Indianer die Nachricht uͤberbrachten, daß die Ca⸗ ravele Pinta in einem Fluß am oͤſtlichen Ende der Inſel angekommen ſey. Columbus verſchaffte ſich von Guacana⸗ gari ſogleich einen Canoe mit mehreren Indianern bemannt, auf welchem er einen Spanier mit einem Brief an Pin⸗ zon abſandte, worin er ihm keine Vorwuͤrfe machte, ſondern ihn nur aufforderte, ſogleich zu ihm zu ſtoßen. Nach drei Tagen kam der Canoe zuruͤck; er hatte die Inſel zwanzig Seemeilen weit an der Kuͤſte umſchifft, ohne irgend etwas von der Pinta zu hoͤren noch zu ſehen; und wiewohl der Admiral unmittelbar darauf fernere Nachrichten von ihrer Ankunft im Oſten hatte, ſo wollte er dieſen nun keinen Glauben beimeſſen. Das Entweichen jenes Schiffes war eine Quelle großer Beſorgniſſe fuͤr Columbus geweſen und hatte alle ſeine Plaͤne veraͤndert. Wenn Pinzon vor ihm in Spanien ankam, ſo ſuchte er ohne Zweifel ſein Betragen durch beleidigende Ver⸗ drehungen zu entſchuldigen, die ſeinen kuͤnftigen Expeditio⸗ nen ſchaͤdlich ſeyn mußten. Er konnte es ſelbſt verſuchen, ihn in der oͤffentlichen Meinung zu verdraͤngen, und ihm den Rahm der Entdeckung zu rauben. Sollte die Pinta zu Grund gehen, ſo war die Lage des Columbus noch bedenk⸗ licher. Nur Ein Schiff von Dreien blieb dann zuruͤck, und dieſes eine war ein ſchwacher Segler. Von der zweifelhaften — — 297— Ruͤckkehr dieſer gebrechlichen Barke uͤber einen ungeheuern Raum des Weltmeeres hing der letzte Erfolg ſeiner Expe⸗ dition ab. Und wenn dieſes letzte Fahrzeug auch zu Grunde ging, ſo war damit jede Nachricht von ſeiner großen Ent⸗ deckung in die Tiefe begraben; die Dunkelheit ſeines Schick⸗ ſals konnte vielleicht von allen kuͤnftigen Unternehmungen abſchrecken, und die neue Welt blieb dann unbekannt wie zuvor. Er durfte einen ſolchen Ausgang nicht wagen, in⸗ dem er ſeine Reiſe verlaͤngerte, und jenen glaͤnzenden Welt⸗ gegenden nachforſchte, welche ihn in jeder Richtung einzula⸗ den ſchienen. Er entſchloß ſich daher, keine Zeit zu verlie⸗ ren, und auf geradem Wege nach Spanien zuruͤckzukehren. Waͤhrend das Fort errichtet wurde„erhielt der Admiral fortwaͤhrend jeden Tag neue Beweiſe von der Freundſchaft und Guͤte Guacanagari's. Wenn er an's Land ging, um die Oberleitung der Arbeiten zu beſorgen, wurde er von dieſem Haͤuptling auf die großmuͤthigſte Art aufgenommen. Er hatte das geraͤumigſte Haus des Ortes fuͤr ſeinen Em⸗ pfang hergerichtet, es mit Palmenblaͤttern beſtreuen oder als Teppiche belegen laſſen, und mit niedrigen Stuͤhlen von einem ſchwarzen Holze verſehen, das wie Erdpech glaͤnzte. Wenn er den Admiral aufnahm, ſo geſchah dieſes immer mit einer Art von fuͤrſtlicher Großmuth, indem er ihm Zier⸗ rath von Gold um die Schultern hing oder ihm ein Ge⸗ ſchenk von aͤhnlichem Werthe machte. Bei einer dieſer Gelegenheiten kam er ihm beim Landen entgegen, von fuͤnf zinsbaren Caziken begleitet, deren jeder eine goldne Krone trug; ſie fuͤhrten ihn mit großer Ehr⸗ — 298— erbietung nach dem ſchon erwaͤhnten Hauſe, wo ſie ihn auf einen dieſer Stuͤhle niederſetzen ließen, und Guacanagari ſeine eigne goldne Krone abnahm, und ſie ihm auf’'s Haupt ſetzte. Columbus nahm ſeinerſeits einen Halsſchmuck von feingefaͤrbten Glasperlen von ſeinem Halſe, und legte ihn dem Caziken um den Nacken; er that ihm einen Mantel von feinem Tuche um, den er trug, gab ihm ein Paar farbige Stiefel und ſteckte ihm einen dicken ſilbernen Ring an den Finger, auf welches Metall die Indianer einen gro⸗ ßen Werth legten, da es auf ihrer Inſel nicht gefunden wurde. Der Art waren die Handlungen des Wohlwollens und der Freundſchaft, welche beſtaͤndig zwiſchen Columbus und ſeinem gefuͤhlvollen, freigebigen Caziken gewechſelt wurden. 4 Der Letztere gab ſich alle erdenkliche Muͤhe, dem Admi⸗ ral vor ſeiner Abreiſe noch eine Menge Gold zu verſchaf⸗ fen. Dieſe neuen Zuſchuͤſſe und die unbeſtimmten Geruͤchte, die er aus den mimiſchen Zeichen und deren unvollkommenen Auslegung abnahm, erfuͤllten die Seele des Columbus mit glaͤnzenden Vorſtellungen von dem Reichthum, welchen das Innere der Inſel bergen muͤſſe. Die Namen der Caziken, Berge und Provinzen wurden in ſeiner Einbildung vermiſcht und ſchienen ihm verſchiedne Oerter zu bedeuten, wo große Schätze gefunden wuͤrden; vorzuͤglich kam immer der Name Cibao vor, als die Goldregion in den Bergen, von wo die Eingebornen das meiſte Erz zu ihrem Schmuck bezoͤgen. In dem Piment oder rothen Pfeffer, der auf dieſer Inſel ſehr gemein iſt, glaubte Columbus wieder eine Spur orien⸗ 7 — 299— taliſcher Gewuͤrze zu finden, auch meinte er einige Arten Rhabarber angetroffen zu haben. Indem Columbus mit der gewoͤhnlichen Lebhaftigkeit ſei⸗ nes Gemuͤthes aus einem Zuſtande von Zweifel und Beſorg⸗ niſſen in froͤhliche Hoffnung uͤberging, betrachtete er nun ſeinen Schiffbruch als einen jener von der Vorſehung ge⸗ heimnißvoll gefuͤgten Umſtaͤnde, um den Erfolg ſeines Unter⸗ nehmens auszubilden. Ohne dieſes ſcheinbare Ungluͤck wuͤrde er hier nicht geblieben ſeyn und die verborgenen Schaͤtze dieſer Inſel nicht entdeckt haben, ſondern er haͤtte an meh⸗ reren Stellen die Kuͤſte beruͤhrt und waͤre wieder weiter ge⸗ fahren. Als einen Beweis, daß die gnaͤdige Hand der Vorſe⸗ hung uͤber ihm walte, fuͤhrt er den umſtand an, daß er bei voͤlliger Ruhe des Meeres Schiffbruch gelitten habe, ohne Wind und Wogen; eben ſo das Entweichen des Piloten mit den Matroſen, die ausgeſandt waren einen Anker am Hintertheil auszuwerfen; denn haͤtten ſie ſeinen Befehl er⸗ fuͤllt, ſo waͤre das Schiff wieder flott geworden, und wuͤrde ſeine Reiſe fortgeſetzt haben, wo dann die Schaͤtze der In⸗ ſel ihnen ein Geheimniß geblieben waͤren. Nun aber blickte er vorwaͤrts auf glorreiche Fruͤchte, die dieſes vermeintliche Uebel getragen;„denn er hoffe,“ ſagt er,„wenn er aus Spanien zuruͤckkehre, werde er eine Tonne Goldes von Je⸗ nen, die er zuruͤckgelaſſen, durch Tauſch geſammelt finden, und Goldminen und Gewurze in ſolcher Menge entdeckt ſe⸗ hen, daß dieß Herrſcherpaar noch vor drei Jahren im Stande ſeyn wuͤrde, einen Kreuzzug zur Befreiung des heiligen Grabes zu machen.„Denn ſo betheuerte ich damals — 300— Ew. Hoheiten,“ fuͤgt er hinzu,„daß aller Gewinn dieſes meines Unternehmens zur Eroberung von Jeruſalem ver⸗ wendet werden ſolle, und Ew. Hoheiten laͤchelten und ſag⸗ ten, daß es Ihnen gefiele, und daß auch ohne dieſes Sie ſehr geneigt waͤren, ſolches zu unternehmen.“*) Der Art war der traͤumeriſche aber edle Enthuſiasmus, den Columbus zeigte, als ſich ſeiner Seele Ausſichten von grofen Reichthuͤmern eroͤffneten. Was bei manchen Gemüuͤ⸗ thern eine habſuͤchtige ſchmutzige Begierde, dieſe Schaͤtze zu haͤufen, erweckt haben wuͤrde, erfuͤllte ſeine Einbildungskraft mit Plaͤnen von glaͤnzender hinopfernder Natur. Aber wie kurzſichtig ſind unſere Verſuche, die unerforſchlichen Wege der Vorſehung zu deuten. Der Schiffbruch, den Columbus als eine Handlung der goͤttlichen Gnade anſah, um ihm die Geheimniſſe des Landes zu entſchleiern, feſſelte und be⸗ ſchraͤnkte alle ſeine nachherigen Entdeckungen. Er band ſein Gluͤck auf ſeine ganze uͤbrige Lebenszeit an dieſe Inſel feſt, welche beſtimmt war, fuͤr ihn eine Quelle von Sorgen und Unruhen zu werden, ihn in tauſend Widerwaͤrtigkeiten zu verflechten und den Abend ſeines Lebens mit Demuͤthigung und Ungnade zu umwoͤlken. *) Primer Viage de Colon, Navarrete LXXI. p. 117. —. Eilftes Kapitel. Herſtellung des Forts La Navidad. Abreiſe des Columbus nach Spanien. So groß war die Thaͤtigkeit der Spanier in der Auf⸗ fuͤhrung ihrer Veſte, und der Beiſtand, den die eſe nehr nen leiſteten, ſo foͤrdernd, daß dieſelbe in zehn Tagen zum Dienſt voͤllig hergeſtellt war. Es wurde ein großes Ge⸗ woͤlbe gemacht, uͤber dieſem ein ſtarker hoͤlzerner Thurm aufgerichtet und das Ganze mit einem breiten Graben ein⸗ gefaßt. Man verproviantirte die Burg mit allem Vorrath, den man aus dem Wrak gerettet hatte und den man der kleinen Caravele entziehen konnte. Als die Kanonen auf⸗ gefahren wurden, gewaͤhrte die kleine Feſtung einen furcht⸗ erweckenden Anblick, welcher hinreichend war, dieſes nackte und unkriegeriſche Volk in Reſpect zu erhalten und zuruͤck⸗ zuſchlagen. Wirklich glaubte Columbus, es ſey nur wenig bewaffnete Macht erforderlich, um die ganze Inſel zu unter⸗ jochen. Er hielt ein Fort und die Einſchraͤnkung einer Gar⸗ niſon auf dieſen Raum zugleich geeigneter, um ihrem Um⸗ herſchweifen vorzubeugen und willkuͤhrliche Handlungen der⸗ ſelben unter den Eingebornen zu verhuͤten. — 300— Als das Fort vollendet war, gab er ihm ſammt dem dabeiliegengen Dorf und dem Hafen den Namen La Na⸗ vidad, oder die Geburt, zum Gedaͤchtniß, daß ſie hier auf Weihnachten aus dem Schiffbruch gerettet worden waren. Es meldeten ſich eine Menge Freiwillige, die auf der In⸗ ſel zu bleiben wuͤnſchten; von ihnen waͤhlte Columbus neun⸗ unddreißig der tuͤchtigſten und bravſten aus. Das Comman⸗ do vertraute er dem Diego de Arana, aus Cordova ge⸗ buͤrtig, dem Notar und Alquazil des Geſchwaders, welchem alle Gewalt gegeben ſeyn ſollte, die er ſelbſt von den ſpa⸗ niſchen Souverainen uͤberkommen hatte. Fuͤr den Fall daß er mit Tode abgehen ſollte, war Pedro Gutierrez zu ſeinem Nachfolger beſtimmt. Es wurden in ihre Zahl aufgenom⸗ men ein Arzt, ein Schiffszimmermann, ein Schreiner, ein Boͤttcher, ein Schneider und ein Conſtabler, lauter in ihrem Beruf geſchickte Leute. Das Boot des Schiffes wurde ihnen dagelaſſen, um es zum Fiſchfang zu benutzen, ferner eine Menge Saͤmereien und eine große Quantitaͤt von Tauſchartikeln fuͤr die Indianer, um damit ſoviel Gold als moͤglich bis zur Ruͤckkunft des Admirals herbeizuſchaffen*) Wie der Zeitpunkt der Abreiſe herannahete, verſammelte Columbus den Theil ſeiner Mannſchaft, der auf der Inſel zuruͤckblieb und hielt eine ernſte und ergreifende Rede an ſie. Er befahl ihnen im Namen ihrer Herrſcher, dem Offi⸗ —— *) Primer Viage de Colon, Navarrete LXXI. Hist. del Almirante, e. 33 — 303— ciere Gehorſam zu leiſten, den er ihnen zum Commandan⸗ ten geſetzt hatte; ſie ſollten ferner den groͤßten Reſpect und die groͤßte Ehrerbietung gegen den Caziken Guacanagari und ſeine Haͤuptlinge beobachten und ſich ſtets erinnern, wie ſtark ſie ihm fuͤr ſeine Guͤte verpflichtet ſeyen und wie wichtig die Fortdauer derſelben fuͤr ihre Wohlfahrt waͤre. Sie haͤtten bei ihrem Verkehr mit den Eiuͤgebornen ſich mit Vorſicht zu benehmen, ſie immer mit Sanftmuth und Gerechtigkeit zu behandeln und jeden Gewaltſchritt und allen Streit zu vermeiden, vor allem aber mit den Weibern der Indianer ruͤckſichtsvoll umzugehen, da das Gegentheil ſchon haͤufig die Quelle von Unheil und Verwirrung bei dem Ver⸗ kehr mit wilden Voͤlkerſchaften geweſen waͤre. Er warnte ſie noch beſonders, ſich nicht zu zerſtreuen, vielmehr ſich ordentlich zuſammen zu halten, da ihre Sicherheit nur in ihrer vereinten Kraft beſtehe, auch ſollten ſie ſich nicht uͤber das befreundete Gebiet Guacanagari's hinauswagen. Er machte es dem Arana und den anderen mit hoͤherer Gewalt bekleideten Maͤnnern zur Pflicht, ihr moͤglichſtes zu thun, um eine vollſtaͤndige Kenntniß von den Erzeugniſſen und Erzminen der Inſel zu gewinnen, Gold und Speze⸗ reien herbeizuſchaffen und die Kuͤſte zur Auswahl eines beſe ſeren Platzes fuͤr ihre Niederlaſſung zu unterſuchen, da der gegenwaͤrtige Hafen unvortheilhaft und gefaͤhrlich war, wegen der Klippen und Sandbaͤnke, die ſeinen Eingang umlagerten. Am 2. Januar 1493 ging Columbus an's Land, um dem großmuͤthigen Caziken und ſeinen Haͤuptlingen Lebewohl — 304— zu ſagen, da er am folgenden Tage unter Segel gehen wollte. Er gab ihnen allen ein Abſchiedsfeſt in der Woh⸗ nung, die zu ſeinem Gebrauche gedient hatte, und emfahl die zuruͤckbleibende Mannſchaft ihrer Guͤte, beſonders den Diego de Arana, den Pedro Gutierrez und den Rodrigo Escobedo, ſeine Lieutenants, indem er den Caziken verſicherte, daß er bei ſeiner Ruͤckkehr aus Spanien ihnen eine Fuͤlle von Koſtbarkeiten mitbringen wolle, die alles uͤbertreffen wuͤrden, was er und ſein Volk je geſehen haͤtten. Der edle Guacanagari zeigte große Betruͤbniß bei dem Gedanken an ſeine Abreiſe und verſicherte ihn, daß er die Zuruͤckbleibenden mit Lebensmitteln verſehen und ihnen alle erdenkliche Dienſte leiſten wolle. Um den Indianern noch eine Probe von dem kriegeriſchen Geiſte der weißen Maͤnner zu geben, ließ Columbus kleine Gefechte und Scharmützel von ſeinen Leuten ausfuͤhren. Sie zeigten dabei den Gebrauch ihrer verſchiedenen Waffengat⸗ tungen, ihrer Schwerter, Schilde, Lanzen, Armbruſte, Flinten und Kanonen. Die Indianer waren erſtaunt uͤber die Schaͤrfe der Schwerter und uͤber die toͤdliche Gewalt ihrer Armbruſte und Schießgewehre; wie aber die ſchweren Geſchuͤtze auf dem Fort geloͤſt wurden, dicke Ringelwolken ausſpieen, die Waͤlder mit dem Widerhall ihres Donners erfuͤllten und die Baͤume mit Kugeln von Stein zerſplit⸗ terten, die in damaligen Zeiten bei der Artillerie im Ge⸗ brauch waren, da ergriff ſie tiefes Grauen und Bewunde⸗ rung. Als ſie daran dachten, daß dieſe furchtbaren Kraͤfte alle zu ihrem Schutz angewendet werden ſollten, freuten ſie — 305— ſich unter Zittern und Zagen; denn kein Caraibe ſollte es nunmehr wagen, die Ruhe ihrer Inſeln zu beeintraͤchtigen und ſie als Gefangene hinweg zu ſchleppen*) Nachdem die Feſtlichkeiten dieſes Tages vorbei waren, umarmte Columbus den Caziken und die Hauptanfuͤhrer und nahm foͤrmlichen Abſchied von ihnen. Guacanagari war ſehr bewegt und weinte; denn, hatte ihm das wuͤrdevolle Benehmen des Admirals und die Idee ſeiner uͤberirdiſchen Natur Ehrfurcht eingefloͤßt, ſo war er dagegen von ſeinem liebreichen Weſen ganz hingeriſſen worden. Die Abſchieds⸗ ſcene war wirklich beklemmend fuͤr alle. Die Ankunft der Schiffe war ein Wunderereigniß und eine außerordentliche Aufregung fuͤr die Inſulaner geweſen, die bis jetzt von ihren Gaͤſten nur gute Eigenſchaften kennen gelernt hatten, und von ihren himmliſchen Gaben entzuͤckt waren, waͤhrend den rauhen Seemaͤnnern die blinde Ehrfurcht ſchmeichelte, die man ihnen bezeugte, und die Guͤte und unbegraͤnzte Widmung ſehr zuſagte, womit man ſie aufgenommen hatte. Der ſchwerſte Abſchied war der zwiſchen den dableiben⸗ den und abreiſenden Spaniern; denn ein ſtarkes Band der Sympathie entſteht in der Gemeinſchaft von Gefahren und Abenteuern und feſſelt die Herzen der Menſchen innig an⸗ einander. Die kleine Garniſon zeigte jedoch einen froͤhlichen Geiſt und feſten Entſchluß. Sie blickten mit ſtolzen Hoff⸗ nungen hinaus auf die Zukunft des Tages, wo ihr Admiral *) Primer Viage de Colon, Navarrete LXXI, p. 121. Irving's Columbus, 1—3, 20 * — 306— mit großer Verſtäͤrkung aus Spanien zuruͤckkommen werde, und ſie verſprachen ihm auf dieſe Zeit genuͤgende Auskunft aͤber alle Dinge dieſer Inſel. Die Caravele wurde noch einen Tag aufgehalten, weil einige Indianer fehlten, die ſie mit nach Spanien nehmen wollten. Endlich wurde das Signal mit der Kanone gegeben; ein herzliches Lebewohl riefen ſie dem Haͤuflein ihrer Kameraden zu, die ſie in der Wild⸗ 3 niß einer unbekannten Welt zuruͤckließen uld die ihre Gruͤße erwiederten, als ſie ihnen ſehnſuͤchtig am Ufer nachſchauten; aber leider waren ſie vom Schickſal beſtimmt, ihre Ruͤck⸗ kunft nicht mehr zu begruͤßen. Fuͤnftes Buch. Erſtes Kapitel. (1493.) 20* Küſtenfahrt nach dem öſtlichen Ende von Hispaniola. Zuſammentreffen mit Pinzon. Gefecht mit den Eingebornen an der Meerenge von Semana. Es war am 4. Januar, als Columbus von La Navidad unter Segel ging, um nach Spanien zuruͤckzukehren. Da der Wind ſchwach war, ſo wurde es noͤthig, die Caravele 1 am Tau aus dem Hafen zu ziehen und zwiſchen den Riffen und Baͤnken mit Vorſicht hinauszufuͤhren. Sie richtete dann ihren Lauf oͤſtlich, nach einem hohen Vorgebirg mit Baͤumen, doch auch mit Raſen bedeckt und wie ein Zelt ge⸗ formt; in der Ferne hatte es das Anſehen einer hochge⸗ 1 thuͤrmten Inſel und hing mit Hispaniola nur durch einen — 308— flachen Strich Landes zuſammen. Dieſem iſolirten Vor⸗ gebirg gab Columbus den Namen Monte Chriſti, wel⸗ chen es noch traͤgt. Die Gegend in der naͤchſten Umgebung war ganz eben, aber weiter ins Land hinein ſtieg eine hohe Reihe von Bergen empor, mit ſchoͤnem Gehoͤlz und breiten fruchtbaren Thaͤlern, von vielen Stroͤmen bewaͤſſert. Da der Wind ihnen entgegen war, ſo wurden ſie zwei Tage lang in einer großen Bai weſtlich von dem Vorgebirge auf⸗ gehalten. Am 6. gingen ſie mit Wind vom Lande wieder unter Segel, lavirten um das Cap und fuhren dann zehn Seemeilen weiter; der Wind wehte ihnen hierauf abermals von Oſten entgegen. Ein Matroſe, der auf den Maſtkorb geſtellt war, um die Steuernden vor Felſen zu warnen, ſchrie jetzt, er ſehe in der Ferne die Pinta. Alles ward aufgeregt durch die Nachricht, denn es war allerdings ein froͤhliches Ereigniß fuͤr das Schiff, in dieſen einſamen Ge⸗ waͤſſern ſeinen Reiſegefaͤhrten wieder zu treffen. Die Pinta kam ihnen in dem Winde mit geſchwellten Segeln entge⸗ gen, und da der Admiral merkte, daß er ſich vergeblich gegen den widrigen Wind halten werde, und daß kein ſiche⸗ rer Ankerplatz in der Naͤhe vorhanden war, ſchiffte er nach der Bai weſtlich von Monte Chriſti zuruͤck und die andre Caravele folgte. Bei der erſten Unterredung ſuchte ſich Martin Alonzo Pinzon vor dem Admiral wegen ſeines Ent⸗ weichens zu entſchuldigen, behauptete, es ſey wider ſeinen Willen geſchehen, und ſchuͤtzte allerlei ſchwache und unzu⸗ laͤngliche Entſchuldigungen vor. Columbus hielt ſeinen Un⸗ willen zuruͤck und ſchwieg zu der Vertheidigung ſtill. Pin⸗ —.— — 309— zon hatte ein großes Gewicht bei der Mannſchaft des Ge⸗ ſchwaders, die meiſten Seeleute waren aus ſeiner Stadt, einige darunter ſeine Verwandte und einer der Kapitaine war ſein Bruder, waͤhrend Columbus von ihnen als ein Fremder angeſehen wurde, und was noch ſchlimmer war, als ein Auslaͤnder. Pinzon hatte ihm dieſes mehrere Male auf der Reiſe mit unzarten Worten zu verſtehen gegeben, und ſich unziemliches Anſehen beigelegt, waͤhrend er den Ad⸗ miral mit Geringſchaͤtzung behandelte. Columbus wollte keinen Zank von aͤhnlicher Art hervorrufen, der ihm die Ruͤckfahrt verderben konnte, und hoͤrte alſo ganz ruhig, aber unglaͤubig die Entſchuldigungen Pinzon's an, uͤber⸗ zeugt, daß er ſich abſichtlich aus ſelbſtiſchen Zwecken von ihm entfernt hatte. Mehrere Einzelnheiten, aus ſeiner und anderer ſeiner Begleiter Erzaͤhlung geſammelt, beſtaͤtigten dieſe Annahme. Es war einleuchtend, daß er es von einer ploͤtzlichen Habſucht angetrieben, gethan hatte. Als er ſich von der anderen Caravele trennte, ſteuerte er oͤſtlich, um eine Innſel mit angeblichen Reichthuͤmern zu ſuchen, welche die Indianer an Bord ſeines Schiffes beſchrieben hatten. Nach⸗ dem er ſich einige Zeit bei einer Gruppe von kleinen Inſeln aufgehalten hatte, die man fuͤr die Caicos erklaͤrt, wurde er endlich von den Indianern nach Hispanivla gefuͤhrt, wo er jetzt ſchon drei Wochen geweſen, und an verſchiedenen Orten mit den Eingebornen Tauſchhandel getrieben hatte, beſonders in einem Fluß ungefaͤhr funfzehn Seemeilen oͤſtlich von dem Hafen La Navidad. Er hatte eine betraͤchtliche Menge Goldes zuſammengebracht, wovon er die eine Haͤlfte — 310— als Kapitain behielt und das Uebrige unter ſeine Mann⸗ ſchaft vertheilte, um ſich ihrer Treue und Verſchwiegenheit zu verſichern. Mit ſo reicher Beute hatte er den Strom verlaſſen und zum Ueberfluß vier Indianer und zwei Maͤd⸗ chen, die er mit Gewalt geraubt, mitgenommen, um ſie in Spanien zu verkaufen. Er erklaͤrte, gar nichts davon ge⸗ wußt zu haben, daß Columbus in ſeiner Naͤhe bei der Inſel angekommen ſey, behauptete aber, ihn aufgeſucht zu haben, als ſie in der Naͤhe von Monte Chriſti zuſammengetroffen waͤren.*) Auf dieſe Weiſe mit der anderen Caravele wieder ver⸗ eint, wuͤrde Columbus ſich ermuthigt gefuͤhlt haben, den Kuͤſten ſeiner eingebildeten Inſel Cipango nachzuforſchen, in welchem Fall er ſicher war, ſeine Schiffe ganz mit Schaͤz⸗ zen beladen heimzufuͤhren; aber er hatte alles Vertrauen auf die Pinzon's verloren; er fand ſich haͤufig der Anma⸗ ßung und Widerſpenſtigkeit dieſer Maͤnner ausgeſetzt und war nicht ſicher, daß Martin Alonzo nicht abermals bei der geringſten Verſuchung entweichen werde. Er beſchloß daher ſeinen Weg nach Spanien fortzuſetzen und die Entdeckung dieſer goldnen Regionen auf eine folgende Expedition zu verſchieben. Die Boote wurden demgemaͤß einen breiten in die Bai ſich ergießenden Fluß hinaufgeſandt, um Vorrath von Holz und Waſſer fuͤr die Reiſe zu ſammeln. Dieſer Fluß, von *) Hist, del Almirante, c. 34. — —— ꝗ— —.= — — 311— den Eingebornen Yaque genannt, ſtroͤmt von den Bergen im Innern herab und nimmt bei ſeinem Lauf in den Ocean mehrere kleinere Fluͤſſe in ſich auf. Columbus bemerkte in dem Sande ſeiner Muͤndung viele Goldkoͤrner*) und fand auch welche in den Reifen ihrer Waſſertonnen ſtecken, weß⸗ halb er dieſem Strom den Namen Rio del Oro oder Gold⸗ fluß beilegte; er wird gegenwaͤrtig der Santiago genannt. In deſſen Nachbarſchaft trafen ſie Schildkroͤten von außer⸗ ordentlicher Groͤße an, Columbus bemerkt auch in ſeinem Tagebuche, daß er drei Meerjungfern geſehen, die ſich uͤber die Oberflaͤche des Waſſers erhoben haͤtten und daß er eben ſolche fruͤher an den Kuͤſten Afrika's angetroffen habe. Er aͤußert, daß ſie keinesweges die ſchoͤnen Weſen ſeyen, wofuͤr ſie ausgegeben wuͤrden, wiewohl ſie einige Spuren von menſchlicher Geſichtsbildung an ſich truͤgen. Es wird ver⸗ muthet, daß es Manati's oder Seekaͤlber geweſen, die man undeutlich in einiger Entfernung wahrgenommen, und daß die Einbildungskraft des Columbus, welche geneigt war, jedem Gegenſtande der neuen Welt einen wunderbaren Charakter beizulegen, dieſe mißgeſchaffnen Thiere fuͤr die Sirenen aus den Geſchichten des Alterthums gehalten habe. Am Abend des 9. Januars gingen ſie wieder unter *) Las Caſas meint, es ſeyen Stückchen Markaſit geweſen, der in dieſem und den andern Flüſſen des Gebirgs von Cibao im Ueberfluß vorhanden ſey. Las Casas hist Ind. I. I. c. 76 =— 312— Segel und am folgenden Tage kamen ſie bei einem Fluß an, wo Pinzon Tauſchhandel getrieben hatte, und welchen Columbus den Namen Rio de Gracia gab; aber er erhielt den Namen von ſeinem erſten Entdecker und iſt lange Zeit der Fluß des Martin Alonzo genannt worden. Hier bekam er neue Beweiſe von Pinzon's Zweideutigkeit; denn er ver⸗ ſicherte ſich, daß derſelbe ſechzehn Tage in dem Fluß vor Anker gelegen, obgleich er ſeine Mannſchaft genoͤthigt hatte, zu erklaͤren, er ſey deren nur ſechſe dageweſen; auch daß er von dem Schiffbruch bei dem Hafen La Navidad Nachricht hatte, jedoch zoͤgerte, dem Admiral zu Huͤlfe zu eilen, bis er ſeinem eigenen Zwecke, ſich Gold zu ſammeln, genuͤgt hatte.*) Columbus fuhr fort, dieſe auffallende Pflicht⸗ verletzung mit Stillſchweigen zu uͤbergehen; aber er zwang den Pinzon, die vier Maͤnner und zwei Maͤdchen wieder frei zu laſſen, die er aus der Naͤhe geraubt hatte, und die er gut gekleidet und mit vielen Geſchenken entlaſſen mußte, um ſie fuͤr das erlittene Unrecht zu entſchaͤdigen und ihnen die uͤblen Vorurtheile von den Spaniern zu benehmen. Dieſe Herausgabe geſchah mit großem Widerſtreben und unter vielen hochmuͤthigen Worten von Seiten Pinzons. Als der Wind guͤnſtig wurde— denn in dieſen Welt⸗ theilen wird oft der Paſſatwind im Herbſt und Winter von Nordweſt⸗Winden unterbrochen— ſetzten ſie ihren Lauf an der Kuͤſte der Inſel fort, bis ſie zu einem ſchoͤnen Gebirgs⸗ *) Hist. del Almirante, c. 34. — 313— vorſprung kamen, dem ſie den Namen Cape del Enamorada oder das Cap der Liebenden gaben, welches aber jetzt als Cap Cabron bekannt iſt. Etwas jenſeits deſſelben ankerten ſie in einer großen Bai oder vielmehr in einem Meerbuſen drei Seemeilen breit und der ſo weit ins Innere ſich er⸗ ſtreckte, daß Columbus zuerſt meinte, es ſey ein Arm des Meeres, der Hispaniola von einer anderen Inſel trenne. Beim Landen bemerkten ſie, daß die Bewohner ganz ver⸗ ſchieden von dem ſanften friedlichen Volke waren, welches ſie zuvor auf dieſer Inſel geſehen. Sie hatten ein wildes Ausſehen und ein trotziges und kriegeriſches Benehmen. Sie waren haͤßlich bemalt und trugen das Haar lang und hinten geknuͤpft, auch mit Federn von Papagayen und an⸗ dern bunten Voͤgeln geſchmuͤckt. Sie waren mit Bogen und Pfeilen, mit Keulen und mit furchtbaren Schwertern bewaffnet. Ihre Bogen hatten eine Laͤnge wie die der eng⸗ liſchen Bogenſchuͤtzen, die Pfeile waren von duͤnnem Rohr mit Spitzen von hartem Holze, auch wohl von Knochen oder Zaͤhnen eines Fiſches. Schwerter trugen ſie von Pal⸗ menholz, ſo hart und ſchwer wie Eiſen, nicht ſcharf, aber breit, faſt zwei Finger dick, und faͤhig, mit einem Streich durch Helm und Schaͤdel zu dringen.*) Wiewohl auf dieſe Weiſe zum Kampfe geruͤſtet, machten die Eingebornen keine Miene, die Spanier zu beleidigen; im Gegentheil ſie ver⸗ tauſchten an dieſelben zwei von ihren Bogen und mehrere *) Las Casas, hist. Ind. lib. I. cap. 77. MS. — 314— Pfeile, und einer von ihnen ließ ſich bewegen, an Bord des Admiralſchiffes zu kommen. Wie Columbus die trotzigen Mienen und die kuͤhne un⸗ baͤndige Art dieſes wilden Kriegers wahrnahm, war er ge⸗ neigt zu glauben, er und ſeine Gefaͤhrten muͤßten von der Nation der Caraiben ſeyn, die in dieſen Meeren ſo ſehr ge⸗ fuͤrchtet wurde, der Meerbuſen aber, in welchem er Anker geworfen, eine Meerenge, welche ihre Inſel von Hispaniola trenne. Wie er den Indianer daruͤber befragte, zeigte die⸗ ſer nach Oſten, als nach der Himmelsgegend, wo die carai⸗ biſchen Inſeln zu finden ſeyen. Er ſprach auch von einer Inſel, die er Mantinino nannte, die, wie Columbus ihn verſtand, bloß von Weibern bevoͤlkert war, welche die Ca⸗ raiben einmal im Jahr aufnahmen, um fuͤr die fernere Be⸗ voͤlkerung ihrer Inſel zu ſorgen. Alle maͤnnliche Gebur⸗ ten, die aus dieſen Beſuchen hervorgingen, wurden den Vaͤ⸗ tern ausgeliefert, die weiblichen blieben bei ihren Muͤttern. Dieſe Amazonen⸗Inſel wird im Verlaufe von Columbus Reiſen wiederholt erwaͤhnt und iſt eine jener Selbſttaͤuſchun⸗ gen, die durch das Werk des Marco Polo zu erklaͤren ſind. Dieſer Reiſende beſchreibt zwei Inſeln nahe bei der Kuͤſte von Aſien, die eine nur von Weibern, die andre von Maͤn⸗ nern bewohnt, zwiſchen welchen ein aͤhnlicher Umgang ſtatt⸗ finde,“) und Columbus, der ſich in jenen Gegenden zu befin⸗ *) Marco Polo, lib. III. cap. 37. ——— ——— —— — 315— den glaubte, deutete gern ſogleich die Bezeichnungen der Indianer auf die Beſchreibungen des Venetianers aus. Nachdem der Admiral dieſen Krieger an Bord ſeiner Caravele bewirthet und ihm mehrere Geſchenke gemacht hatte, ſandte er ihn an die Kuͤſte zuruͤck, in der Hoffnung, durch ſeine Vermittlung einen Tauſchhandel mit Gold bei ſeinen Gefaͤhrten zu eroͤffnen. Als das Boot ſich dem Lande naͤ⸗ herte, ſah man uͤber fuͤnfzig Wilde mit Bogen und Pfeilen, mit Wurfſpießen und Keulen bewaffnet hinter den Baͤumen lauern. Auf ein Wort von dem Indianer, der in dem Boot war, legten ſie ihre Waffen bei Seite und kamen hervor, den Spaniern entgegen. Die Letzteren verſuchten nach Anweiſung des Admirals einige von ihren Waffen zu kaufen, um ſie als eine Merkwuͤrdigkeit mit nach Spanien zu nehmen. Sie gaben zwei von ihren Bogen her, aber ploͤtzlich faßten ſie Mißtrauen, oder ſie beabſichtigten dieſes Haͤuflein von Fremdlingen zu uͤberwaͤltigen, ſprangen nach dem Ort, wo ſie ihre Waffen gelaſſen hatten, rafften ſie auf und kehrten mit drohenden Geberden und mit Stricken verſehen zuruͤck, als wollten ſie die Spanier binden. Dieſe griffen ſie ſogleich an, verwundeten zwei und ſchlugen die Uebrigen von dem blitzenden Leuchten und der Schaͤrfe der europaͤiſchen Waffen erſchreckt in die Flucht. Die Spanier wuͤrden ſie verfolgt und einige mit dem Schwert nieder⸗ gemacht haben, aber der Steuermann, der das Boot befeh⸗ ligte, verhinderte ſie daran. Dieſes war der erſte Kampf, den ſie mit den Indianern zu beſtehen hatten und das erſte⸗ mal, daß Blut der Eingebornen von den weißen Maͤnnern — 316— in der neuen Welt vergoſſen wurde. Columbus beklagte es, daß alle ſeine Bemuͤhungen, einen friedlichen Verkehr zu unterhalten, vereitelt wurden, troͤſtete ſich indeſſen mit dem Gedanken, daß, wenn dieſes Caraiben oder Graͤnzvoͤlker der Indianer von kriegeriſchem Charakter waͤren, denſelben nun eine Furcht vor der Macht und den Waffen der weißen Maͤnner eingejagt worden, die ſie abſchrecken werde, die kleine Garniſon des Forts La Navidad zu beunruhigen. Dieſe Wilden waren aber von dem Geſchlecht der Ciqua⸗ yens, eines kuͤhnen und tapfern Stammes der Indianer, die einen gebirgigen Theil der Inſel bewohnten, der ſich fuͤnf und zwanzig Stunden laͤngs der Kuͤſte und mehrere Stunden weit ins Innere erſtreckte. Sie waren an Sprache, Mienen und Sitten von den andern Eingebornen dieſer Inſel verſchieden und hatten mehr von dem rauhen, aber unabhaͤngigen und kraͤftigen Weſen, welches die Gebirgsbe⸗ wohner auszeichnet. Ihr freier und kuͤhner Geiſt zeigte ſich den Tag nach dem Gefecht, als der Admiral, bei dem Erſcheinen einer großen Menge von ihnen, eine ſtarke Abtheilung ſeiner Leute wohl bewaffnet in dem Boot an die Kuͤſte ſetzen ließ. Die Eingebornen naͤherten ſich ſogleich frei und ver⸗ trauend, als ob nichts vorgefallen waͤre; auch verriethen ſie bei ihrem nachherigen Verkehr nirgends Zeichen von lauernder Furcht oder Feindſeligkeit. Der Cazike, der uͤber das benachbarte Gebiet herrſchte, war mit an der Kuͤſte. Er ſandte eine Schnur Perlen von kleinen Steinen, oder vielmehr aus Muſchelſchaalen gemacht, — — 317— an Bord, welches die Spanier fuͤr ein Zeichen und Pfand der Freundſchaft nahmen; aber ſie waren noch nicht mit dem ganzen Sinn dieſes Symbols bekannt, welches der Wampum⸗Guͤrtel, das Unterpfand des Friedens war, und unter dieſen Indianern ſehr heilig gehalten wird. Der Haͤuptling folgte kurz darauf, trat nur mit dreien von ſei⸗ nem Gefolge in das Boot und wurde an Bord der Ca⸗ ravele aufgenommen. Dieſes offene und vertrauensvolle Benehmen, welches ſo ſehr die tapfere und edle Natur bezeichnet, wurde von Co⸗ lumbus gehoͤrig gewuͤrdigt. Er empfing den Caziken mit herzlicher Freundſchaft, ſetzte ihm kalte Kuͤche vor, wie ſie es in der Caravele hatten, beſonders Zwieback und Honig, die den Indianern große Leckereien zu ſeyn ſchienen, und nachdem er ihm die Wunder des Schiffs gezeigt, und ihm und ſeinen Begleitern viele Geſchenke gegeben hatte, ließ er ſie, ſehr erfreut uͤber die Unterhaltung mit ihnen, ans Land zuruͤckgehen. Die Reſidenz des Caziken war ſo weit ent⸗ fernt, daß dieſer ſeinen Beſuch nicht wiederholen konnte, aber als einen Beweis ſeiner hohen Achtung ſandte er dem Ad⸗ miral ſeine goldne Krone. Die Geſchichtſchreiber des Co⸗ lumbus haben den Namen dieſes Gebirgs⸗Haͤuptlings nicht uͤberliefert; er war ohne Zweifel derſelbe, der einige Jahre ſpaͤter in der Geſchichte dieſer Inſel unter dem Namen Mayonabex als Cazike der Ciguagyans erſcheint und der ſich in dem entſcheidendſten Gluͤckswechſel mit Tapferkeit, Offen⸗ heit und Großherzigkeit benahm. Columbus blieb einen bis zwei Tage laͤnger in der Baf, — 318— waͤhrend welcher Zeit der freundlichſte Verkehr mit den Eingebornen ſtattfand, die ihnen Baumwolle und vielerlei Fruͤchte und Pflanzen herbeibrachten, aber ihren kriegeriſchen Charakter dabei nicht verlaͤugneten, indem ſie immer mit Pfeil und Bogen bewaffnet erſchienen. Von vier jungen Indianern, die an Bord kamen, erhielt Columbus ſo an⸗ ziehende Berichte uͤber die Inſeln, die nach Oſten liegen ſollten, daß er ſich entſchloß, dieſelben auf dem Wege nach Spanien zu beruͤhren, und gewann es uͤber die beiden jun⸗ gen Maͤnner, ihn als Fuͤhrer dahin zu begleiten. Er nahm daher einen guͤnſtigen Wind wahr und ſegelte vor Tages⸗ anbruch am 16. Januar aus dieſer Bai ab, welcher er in Folge des Kampfes mit den Eingebornen den Namen Golfo de las Flechas oder Golf der Pfeile gab, der aber jetzt unter der Benennung Golf von Semana be⸗ kannt iſt. Nachdem Columbus die Bai verlaſſen hatte, ſteuerte er zuerſt nach Nordoſt, in welcher Richtung die jungen In⸗ dianer ihm die Inſeln der Caraiben und die Inſel Man⸗ tinino, den Wohnort der Amazonen, zu zeigen verſprachen; es war naͤmlich ſein Wunſch, von jeder einige Eingeborne mitzunehmen, um ſie dem caſtiliſchen Herrſcherpaare vor⸗ zuſtellen. Als er ſechzehn Seemeilen geſegelt war, aͤnderten jedoch die Indianer ihre Meinung und zeigten nach Suͤdoſt⸗ Dieſe Richtung wuͤrde ihn nach Portorico gebracht haben, welches in der That unter den Inſulanern als das Eiland der Caraiben bekannt war. Der Admiral ließ ſogleich die Segel wenden und ſteuerte nach dieſer Gegend. Er war — — 319— noch nicht zwei Seemeilen weit gekommen, als ſich ein guͤnſtiger Wind zur Reiſe nach Spanien erhob. Er be⸗ merkte eine Finſterkeit in den Geſichtern der Seeleute, als er von der Richtung nach der Heimath abwich. Indem er nun an die wenige Zuverlaͤſſigkeit der Gefuͤhle und Neigun⸗ gen dieſer Leute dachte, an den Geiſt des Ungehorſams, den ſie bei fruͤheren Gelegenheiten auf der Reiſe gezeigt hatten, an den Mangel von Treue und Geſetzlichkeit auf Seiten Pinzons und endlich an den baufaͤlligen Zuſtand ſeiner Schiffe, ward er nun ploͤtzlich zum Einhalten bewogen. So lange er ſeine Ruͤckreiſe verzoͤgerte, war das Schickſal ſeiner Entdeckung der Gunſt von tauſend zufaͤlligen Ereigniſſen uͤberlaſſen, und ein widriger Umſtand konnte ihn und ſeine gebrechlichen Fahrzeuge und jede Erinnerung an ſie auf immer in den Ocean begraben. Er unterdruͤckte das große Verlangen weiteren Entdeckungen nachzugehen und beſchloß, was ihm bisher gegluͤckt war, dem Zufall moͤglichſt zu entziehen, ſtellte daher zur großen Freude ſeines Schiffsvolks die Segel in den Wind und richtete ſeinen Lauf nach Spanien.*) 7 *) Tagebuch des Columbus, Navarrete t. I. Las Casns hist. Ind. I. I, c. 77. Hist del Almirante, cap. 34. 35. ——ʒÿ:—— Zweites Kapitel. Ruckreiſe. Heftige Stürme. Ankunft auf den Azoren. .(1493.) Die Paſſatwinde, die dem Columbus bei ſeiner Hinreiſe ſo günſtig geweſen und ihn mit vollen Segeln nach der neuen Welt gefuͤhrt hatten, waren ihm bei ſeiner Ruͤck⸗ fahrt eben ſo unguͤnſtig. Der guͤtige Windhauch ſchwand bald dahin und fuͤr den uͤbrigen Theil des Januars wehten nun haupiſaͤchlich leichte Oſtwinde, die ihn hinderten, weite Fortſchritte zu machen. Er wurde zugleich durch das ſchlechte Segeln der Pinta aufgehalten; ihr Vordermaſt war gebrech⸗ lich, ſo daß er nur wenige Segel tragen konnte, ein Uebel, welches Pinzon in dem Hafen zu heben verabſaͤumt hatte, wie er ſo gierig nach Gold ſtrebte. Das Wetter war fort⸗ waͤhrend mild und angenehm, und das Meer ſo ruhig, daß die Indianer, die ſie mit nach Spanien nahmen, haͤufig in's Waſſer tauchten und um die Schiffe ſchwammen. Sie ſahen viele Thunſiſche, wovon ſie einen toͤdeten, nebſt einem großen Hay; dieſe gaben ihnen einen augenblicklichen Zu⸗ wachs zu ihren Lebensmitteln, an denen ſie bald Mangel leiden mußten, da ihr Seevorrath ſich auf Brod, Wein — 321— und Agipfeffer beſchraͤnkte, den ſie bei den Indianern als ein wichtiges Nahrungsmittel kennen gelernt hatten. Im Anfang Februar, ungefaͤhr im achtunddreißigſten Grade noͤrdlicher Breite, außerhalb der Strecke des Oceans, den die Paſſatwinde beſtreichen, bekamen ſie guͤnſtigeren Wind und waren im Stande, in gerader Richtung nach Spanien fortzuſegeln. Wegen der haͤufigen Aenderungen wurden die Steuermaͤnner ganz verwirrt in ihren Rechnun⸗ gen und wichen ſehr von einander ab, am meiſten aber von der Wahrheit. Columbus, der ſeine beſondere Berechnung mit großer Genauigkeit fuͤhrte, war ein wachſamer Beob⸗ achter aller der Erſcheinungen, nach welchen erfahrene See⸗ leute die Breiten und Laͤngen meſſen, in Raͤumen, die dem ungeuͤbten Auge nur wie eine leere Flaͤche von Geaͤſſern erſcheint. Auf allen ſeinen Reiſen ſtudierte er die einfachen Zeichen, welche die See, die Luft und der Himmel an Handen geben, mit dem ſcharfen wachſamen Auge eines echten Seekapitains; ſein und ſeiner Schiffe ganzes Schickſal hing in den von ihm durchſchifften unbekannten Regionen oft von dieſen Beobachtungen ab„ und die Feinheit im Ent⸗ ziffern ſolcher Zeichen der Elemente, wozu er ſich erhob, wurde von den gewoͤhnlichen Seeleuten faſt wie etwas Uber⸗ natuͤrliches betrachtet. In dem gegenwaͤrtigen Fall, bei ſeiner Ruͤckkehr nach Hauſe, hatte er ſich gemerkt, wo die großen Strecken der ſchwimmenden Pflanzen anfingen, und wo ſie aufhoͤrten; und wo er ſie hinter ſich hatte, zog er den Schluß, daß er hier ungefaͤhr wieder in demſelben Laͤn⸗ gegrad angekommen ſey, wie dort wo er ſie auf ſeiner Hin⸗ Irvings Columbus. 1-——3 21 — 322— reiſe zuerſt angetroffen hatte, naͤmlich etwa zweihundert und ſechzig Seemeilen weſtlich von Ferro. Am 10. Februar un⸗ terſuchten Vicente Yanjez Pinzon und die Piloten Riuz und Bartolomeo Roldan, die an Bord des Admiralſchiffes waren, die Karten und verglichen ihre Rechnungen, um ihren Stand darnach zu beſtimmen, aber ſie konnten ſich nicht zurecht finden. Sie glaubten alle, ſie muͤßten wenigſtens hundert und fuͤnfzig Seemeilen naͤher gen Spanien gekommen ſeyn, als Columbus fuͤr die wahre Berechnung erkannte, und in die Breite von Madeira; waͤhrend er wohl wußte, daß ſie ungefaͤhr die Richtung nach den Azoren hatten. Er ließ ſie jedoch in ihrem Irrthum und ſorgte im Gegentheil, daß ſie ſich noch mehr verwirrten, damit ſie von der Reiſe keine klare Vorſtellung gewoͤnnen und er allein die rechte Kenntniß von dem Wege nach den neuentdeckten Laͤndern beſaͤße.*) Am 12. Februar, als ſie ſich ſchmeichelten, nun bald Land zu Geſicht zu bekommen, fing der Wind an heftig zu blaſen, und das Meer ſchlug hohe Wellen; ſie hielten ſich in ihrem Lauf immer nach Oſten, aber mit großer An⸗ ſtrengung und Gefahr, wegen der Aufregung der Elemente. Am folgenden Tage nach Untergang der Sonne wurde der Wind noch heftiger und die See ging hoͤher; drei Blitze in Nord⸗Nordoſt betrachtete Columbus als Zeichen eines *) Las Casas, hist. Ind. I. I. cap. 70. —xx — —,— nahen Sturmes, entweder aus dieſer oder aus der entge⸗ gengeſetzten Himmelsgegend. Es dauerte nicht lange, ſo brach er mit fuͤrchterlicher Gewalt uͤber ſie herein; ihre kleinen und gebrechlichen Fahrzeuge, offen, ohne Verdeck, waren wenig geeignet fuͤr die wilden Stuͤrme des atlanti⸗ ſchen Meeres. Die ganze Nacht mußten ſie mit entbloͤßten Maſten und Stangen ſchiffen, von der Wuth der Winde hin und hergeſchleudert. Als der Morgen des 14. Februars graute, trat etwas Ruhe ein und ſie ſpannten einige Segel; aber der Wind erhob ſich aufs neue mit doppelter Gewalt von Suͤden her, raſete den ganzen Tag und verſtaͤrkte ſeine Wuth in der Nacht, waͤhrend die Schiffe in gegenſtroͤmender See fuͤrchterlich litten, deren hohe, ſchaͤumende Wogen ſie jeden Augenblick zu verſchlingen oder in Stuͤcke zu zer⸗ reißen drohten. Drei Stunden lang gaben ſie dem Schiffe noch ſo viel Segel, um es uͤber die Wellen hinauszufuͤhren, aber der Sturm wuchs und nun war alle Muͤhe vergebens ihm zu widerſtehen, ſie mußten ſich ihm uͤberlaſſen. Die Pinta that daſſelbe, aber bald verlor das Admiralſchiff ſie in der Dunkelheit der Nacht aus dem Geſicht. Columbus hielt ſich ſo viel er konnte nordoͤſtlich, um der Kuͤſte von Spanien naͤher zu kommen und machte Signalfeuer oben auf dem Maſt fuͤr die Pinta, damit dieſe eben ſo thue, um zuſam⸗ menzubleiben. Aber dieſe konnte wegen der Schwaͤche ihres Vordermaſtes den Wind nicht aushalten und mußte ihm volle Gewalt laſſen, ſie in gerader noͤrdlicher Richtung zu verſchlagen. Eine Zeitlang antwortete ſie auf die Signale des Admirals, aber ihre Feuer ſchimmerten immer ferner 21* — 324— und ferner, bis ſie ganz verſchwanden und nichts mehr von ihr zu ſehen war. Columbus fuhr die Nacht fort ſich leidend gegen die Stuͤrme zu verhalten, voll Beſorgniß uͤber das Schickſal ſeines Schiffes und voll Furcht uͤber das Loos der Pinta. Als der Tag anbrach, bot das Meer das fuͤrchterliche Schau⸗ ſpiel einer von wilden ſchaͤumenden Wogen erfuͤllten Waſſer⸗ wuͤſte, die des Sturmes Peitſchen immer mehr zur Wuth aufreizte. Er ſah ſich angſtvoll nach der Pinta um, aber ſie war nirgends zu ſehen. Nun ſpannte er ein Segel auf, um ſein Schiff der See entgegen zu halten, damit ſich ihre hohen Wellen daran braͤchen. Als die Sonne auf⸗ ging, ſtiegen Wind und Wellen mit ihr, und im Verlauf eines fuͤrchterlichen Tages war die huͤlfloſe Barke ganz der Wuth der Stuͤrme preisgegeben. Wie Columbus alle menſchliche Huͤlfe daniedergeworfen und vereitelt ſah, verſuchte er es, den Hlmmel mit feier⸗ lichen Geluͤbden und Bußhandlungen zu verſoͤhnen. Auf ſeinen Befehl wurden eine Anzahl Bohnen, der Zahl der am Bord befindlichen Perſonen gleich, in ein Baret gethan und eine mit dem Zeichen des Kreuzes kenntlich gemacht. Jeder von der Mannſchaft that ein Geluͤbde, daß er, wenn die bezeichnete Bohne ihn traͤfe, als Pilger zum Heilig⸗ thum der Santa Maria de Guadelupe mit einer fuͤnfpfuͤn⸗ digen Wachskerze wallfahrten wolle. Der Admiral war der erſte, der die Hand ins Baret that, und er griff das Loos. Von dieſem Augenblick betrachtete er ſich als einen Pilgrim, an die Erfuͤllung des Geluͤbdes gebunden. Ein anderes Loos — — 325— wurde auf dieſelbe Art gezogen, fuͤr eine Pilgerfahrt zur Mutter Gottes von Loretto; fiel auf den Matroſen Pedro de Villa und der Admiral verpflichtete ſich, die Koſten dieſer Reiſe zu tragen. Ein drittes Loos wurde zur Pil⸗ gerfahrt nach Santa Clara de Moguer gezogen, um dort eine feierliche Meſſe leſen zu laſſen und die ganze Nacht in der Kapelle zu wachen; bieſes Loos fiel wieder auf Columbus. Der Sturm raſte mit unablaͤſſiger Heftigkeit fort; der Admiral und alle Seeleute thaten das feierliche Geluͤbde, wenn ſie behuͤtet wuͤrden und das Land erreichten, wollten ſie, wo ſie auch zuerſt ankommen moͤchten, in Proceſſion barfuß und in ihren Hemden an's Land gehen, und Gebete des Dankes in einer der heiligen Jungfrau geweih⸗ ten Kirche darbringen. Außer dieſen gemeinſamen Verſoͤh⸗ nungsopfern, gelobte jeder noch eine beſondere fromme Ver⸗ richtung, indem er ſich zu einer Pilgerfahrt, oder zu Wachen, oder zu anderen Bußuͤbungen und Dankopfern an ſeinem liebſten Andachtsorte verpflichtete. Dergleichen war immer im Gebrauch bei den Seeleuten aus katholiſchen Laͤndern, wenn Stuͤrme und Gefahren eintraten, aber beſonders war es der Fall in dieſem aberglaͤubiſchen Zeitalter. Der Him⸗ mel ſchien indeſſen taub gegen die frommen Geluͤbde, die Stuͤrme tobten nur immer wilder und fuͤrchterlicher, und Alle hielten ſich fuͤr verloren. Die Gefahr des Schiffes ver⸗ groͤßerte ſich durch den Mangel an Ballaſt; das Aufzehren des Waſſers und der Vorraͤthe hatte es ſo leicht gemacht, daß es voͤllig zum Spielball der Wellen geworden war. Um dieſem abzuhelfen und es ſtetiger zu machen, befahl — 327— meine Worte eingefloͤßt, als ſie zuruͤckkehren wollten, wie ſie mehrere Male im Sinn gehabt hatten; aber mehr als alles ſchlug mich darnieder, der Gedanke an meine beiden Soͤhne, die ich auf der Schule von Cordova zuruͤckgelaſſen hatte, huͤlflos, in fremdem Lande, ohne irgend ein Zeug⸗ niß der vom Vater geleiſteten Dienſte, welche, wenn ſie be⸗ kannt geworden, Ew. Hoheiten wohl beſtimmt haben wuͤr⸗ den, ſich ihrer gnaͤdig anzunehmen. Und wiewohl ich einer⸗ ſeits durch den Glauben getroͤſtet wurde, daß die Gottheit vielleicht ein Werk von ſo großer Erhebung ſeiner Kirche nicht geſtatten wolle, die durch ſo manchen Aufruhr und Widerſpruch gegangen, damit ſie in ihrer Unvollkommenheit beharre; ſo dachte ich doch auch wieder an meine Suͤnden, und hielt es fuͤr eine Strafe, die mir Gott bereitet, daß ich des Ruhmes beraubt ſeyn ſolle, der mir auf dieſer Welt dafuͤr gezollt wuͤrde.“*) Mitten in dieſen qualvollen Betrachtungen offenbarte ſich Columbus ein Auskunftsmittel, um, wenn auch er und ſeine Schiffe untergehen ſollten, den Ruhm ſeiner Thaten ſeinen Namen uͤberleben zu laſſen, und ſeinen Souverainen deren Vortheile zu ſichern. Er ſchrieb auf Pergament ei⸗ nen kurzen Bericht von ſeiner Reiſe und Entdeckung, und daß er von den neugefundenen Laͤndern im Namen Seiner katholiſchen Majeſtaͤten Beſitz genommen habe. Dieſes ver⸗ ſiegelte er, richtete es an den Koͤnig und die Koͤnigin, und *) Hist. del Almiraute, cap. 36. — 326— der Admiral, daß alle leere Tonnen mit Seewaſſer gefuͤllt werden ſollten, welches denn auch einigermaßen den Zuſtand verbeſſerte. Waͤhrend dieſes langen und ſchrecklichen Kam⸗ pfes ward die Seele des Columbus verzehrender Angſt zur Beute. Er fuͤrchtete, die Pinta ſey in dem Sturm unter⸗ gegangen. In dieſem Fall beruhte die ganze Nachricht von der Entdeckung, das Geheimniß der neuen Welt, allein auf ſeiner gebrechlichen Barke, und eine Woge des Oceans konnte ſie auf ewig in Vergeſſenheit begraben. Der Auf⸗ ruhr ſeiner Empfindungen mag aus ſeinem eigenen Brief an die Souveraine am beſten beurtheilt werden:„Ich haͤtte dieſen unſeligen Ausgang mit minderem Schmerz ertragen, wenn meine Perſon allein im Spiel geweſen waͤre, da ich fuͤr mein Leben dem allmaͤchtigen Schoͤpfer verſchuldet bin, und auch zu andern Zeiten dem Tod ins Antlitz geſchaut habe. Aber es war fuͤr mich ein Gegenſtand unendlicher Sorge und Beſtuͤrzung, denken zu muͤſſen, daß, nachdem ich aus der Hoͤhe mit Glauben und Gewißheit ausgeruͤſtet wor⸗ den, dieſe Unternehmung zu beginnen, nachdem ich ſie glor⸗ reich hinausgefuͤhrt, und da ich auf dem Punkte war, meine Gegner zu widerlegen, und Euern Hoheiten großen Ruhm und weiten Umfang von Reichen zu ſichern, es der goͤttlichen Allmacht gefallen ſollte, dieſes alles durch meinen Tod zu vernichten. Es wuͤrde auch immer noch ertraͤglicher gewe⸗ ſen ſeyn, hätten mich nicht Andere begleitet, die durch meine Ueberredung dazu verleitet worden, und die in ihrem großen Jammer nicht allein die Stunde ihrer Geburt ver fluchten, ſondern auch die Furcht verwuͤnſchten, die ihnen — — 328— uͤberſchrieb es mit einer Verſicherung von tauſend Ducaten fuͤr den, der das Paket uneroͤffnet uͤberliefern wuͤrde. Dann wickelte er es in ein mit Wachs getraͤnktes Tuch, ſteckte dieſes in die Mitte eines Wachskuchens und verſchlos das Ganze in eine große Tonne, warf dieſe in die See und gab ſeinen Leuten als Vorwand an, daß er hiermit ein religio⸗ ſes Geluͤbde erfuͤlle. Fuͤr den moͤglichen Fall, daß dieſe Nachricht das Land nicht beruͤhren ſollte, ſchloß er eine Ab⸗ ſchrift auf aͤhnliche Weiſe ein und ſetzte die Tonne auf das Hintertheil des Schiffes, damit ſie, wenn die Caravele von den Wellen verſchlungen wuͤrde, davonſchwoͤmme und ſo er⸗ halten wuͤrde. Dieſe Vorſichtsmaßregeln milderten einigermaßen ſeine Unruhe, und noch mehr ward er beruhigt, als er nach hef⸗ tigen Regenſchauern in der Daͤmmerung einen Strich blauen Himmels im Weſten gewahr wurde, welcher ihm die Hoff⸗ nung gab, daß der Sturm ſich nun in dieſer Richtung verlieren werde. Die Hoffnung taͤuſchte ihn nicht; ein guͤn⸗ ſtiger Lufthauch folgte, aber die See ging immer noch ſo hoch und ſtuͤrmiſch, daß man waͤhrend der Nacht faſt kein Segel gebrauchen konnte. Am Morgen des 15. Februars bei Tagesanbruch, gab Riu Garcia, der auf dem Hauptmaſt aufgeſtellte Matroſe, das Signal: Land! Das Entzuͤcken der Mannſchaft, als ſie die alte Welt wieder zu Geſicht bekam, war jenem gleich, welches ſie empfand, da ſie die neue zuerſt erblickte. Das Land wurde in oſt⸗ nord⸗oͤſtlicher Richtung grade uͤber dem Vordertheil des Schiffes geſehen und nun entſtand die ge⸗ — 329— woͤhnliche Verſchiedenheit der Meinungen unter den Piloten. Der eine meinte, es muͤſſe die Inſel Madeira ſeyn; ein anderer hielt es fuͤr den Felſen von Eintra in der Naͤhe von Liſſabon; die meiſten ſetzten es, von ihren heißen Wüͤn⸗ ſchen geleitet, der ſpaniſchen Kuͤſte nahe. Columbus dage⸗ gen urtheilte aus ſeiner Privat⸗Berechnung und aus ſeinen Beobachtungen, daß es eine der Azoren ſey. Bei ihrem Näͤherkommen zeigte ſich's, daß es eine Inſel ſey: ſie war nur fuͤnf Seemeilen entfernt, und die Reiſenden wuͤnſchten ſich Gluͤck, daß ſie ſo bald in einem Hafen ankommen wuͤr⸗ den, als ploͤtzlich der Wind ſich wieder oſt⸗nord ⸗oͤſtlich drehte, und in grader Richtung vom Lande her blies, waͤh⸗ rend die See von Weſten ſtuͤrmiſch ging. Zwei Tage trieben ſie nunmehr unſtet im Angeſichte der Inſel, vergeblich bemuͤht, ſie zu erreichen oder auf einer anderen Inſel anzukommen, wovon ſie dann und wann durch den Nebel und die Wolkenzuͤge des Sturms eine Spur in der Ferne erblickten. Am Abend des 17. kamen ſie der zuerſt geſehenen Inſel ſo nahe, daß ſie Anker werfen konn⸗ ten, aber ſie mußten das Tau ſogleich wieder loͤſen und in die offene See ſtechen, wo ſie bis zum folgenden Morgen lavirten, und dann unter dem Schutz der noͤrdlichen Seite der Inſel Anker warfen.— Mehrere Tage war Columbus in einem ſolchen Zuſtande von Aufregung und Angſt gewe⸗ ſen, daß er faſt keinen Biſſen zu ſich nahm, noch der Ruhe genoß. Obgleich er grade ſehr an Gichtſchmerzen litt, de⸗ nen er unterworfen war, ſo hatte er doch ſeinen wachſamen Stand auf dem Verdeck behauptet, der Winterkaͤlte, den 1 — 330— Schlaͤgen des Sturms und den durchnaͤſſenden Wogen zum Trotz. Erſt in der Nacht des 17. Februars war es ihm moͤglich, ein wenig zu ſchlafen, mehr aus Erſchoͤpfung als mit ruhiger Seele. Dieſes waren die Schwierigkeiten und Gefahren, welche bei ſeiner Ruͤckkehr nach Europa ſeiner harrten; wenn nur ein Zehntheil davon ſeine Hinfahrt umlagert haͤtte, ſo waͤre ſeine furchtſame und aufruͤhreriſche Mannſchaft ſicher mit den Waffen in der Hand gegen das Unternehmen aufgeſtanden, und Columbus niemals der Ent⸗ decker der neuen Welt geworden. Drittes Kapitel. Verkehr mit der Inſel St. Maria. (1492.) Columbus uͤberzeugte ſich, als er das Boot an's Land ſchickte, daß die Infel, bei welcher er nun angekommen, die ſuͤdlichſte der Azoren, St. Maria war: eine Beſitzung der Krone Portugal. Die Bewohner waren erſtaunt, als ſie die leichte Caravele an ihrer Kuͤſte vor Anker liegen ſahen, wie es ihr moͤglich geweſen, ſich in dem Sturm zu erhal⸗ ten, welcher vierzehn Tage lang mit beiſpielloſer Wuth ge⸗ —— — — 331— tobt hatte; aber wie ſie hoͤrten, daß dieſes vom Sturm umhergeſchleuderte Schiff Nachrichten von einem fremden Welttheile jenſeits des Oceans bringe, wurden ſie von Ver⸗ wunderung und Neugierde erfuͤllt. Auf die Frage der Schiffer, wo man die Caravele ſicher vor Anker legen koͤnne, antworteten ſie mit einem Fingerzeig auf eine Bucht in der Naͤhe; aber wie das Boot abſtoßen wollte, uͤberredeten ſie drei von den Matroſen, an der Kuͤſte zu bleiben und ſie mit den naͤheren Umſtaͤnden dieſer beiſpielloſen Reiſe zu er⸗ freuen. Am Abend begruͤßten drei Leute von der Inſel die Ca⸗ ravele, und ein Boot wurde an ſie abgeſchickt, das ihnen gebratenes Gefluͤgel, Brod und Erfriſchungen aller Art von Juan de Caſtanjeda, Gouverneur der Inſel brachte, welcher ein Bekannter von Columbus ſeyn wollte und ihm viele Gruͤße und Gluͤckwuͤnſche uͤberbringen ließ. Er entſchuldigte ſich mit der ſpaͤten Tageszeit und entfernten Wohnung, daß er nicht ſelber gekommen ſey, verſprach ihn aber am näͤch⸗ ſten Morgen zu beſuchen und mehr Erfriſchungen mitzubrin⸗ gen, wie auch die drei Maͤnner, die er noch immer zuruͤck⸗ hielt, um ſeine außerordentliche Neugierde hinſichtlich dieſer Reiſe zu befriedigen. Da an der benachbarten Kuͤſte keine Haͤuſer waren, ſo blieben die Boten die Nacht uͤber an Bord. Am folgenden Morgen erinnerte Columbus ſeine Leute an ihr im Angeſichte der Gefahr abgelegtes Geluͤbde, eine fromme Proceſſion an dem erſten Orte, wo ſie landen wuͤr⸗ den, zu vollbringen. Bei der benachbarten Kuͤſte, nicht — 332— weit vom Meere entfernt ſtand eine kleine Einſiedelei oder Kapelle, der heiligen Jungfrau geweiht, die zu dieſem Zwecke gut gelegen war, und er traf daher unmittelbar An⸗ ſtalten zur Verrichtung dieſer gottesdienſtlichen Handlung. Die drei Boten ſandten bei ihrer Ruͤckkehr nach ihrem Dorfe einen Prieſter hinaus, um die Meſſe zu leſen, die Haͤlfte der Mannſchaft ging an's Land und pilgerte barfuß und in ih⸗ ren Hemden nach der Kapelle, waͤhrend der Admiral zu⸗ ruͤckblieb, um auf ſie zu warten und dann mit dem uͤbrigen Schiffsvolk dieſelbe Ceremonie zu machen. Aber ein unsroßmuͤthiger Empfang war den armen vom Sturm verſchlagenen Seeleuten bei ihrer erſten Ruͤckkehr zu den Sitzen cultivirter Menſchen bereitet, weit verſchieden von dem Mitgefuͤhl und der Gaſtfreundſchaft, welches ſie unter den Wilden der neuen Welt gefunden. Kaum hatten ſie ihre Gebete und Dankſagungen begonnen, als der ganze Troß des Dorfes zu Fuß und zu Pferde, den Gouverneur an der Spitze, die Kapelle umzingelte und ſie alle zu Ge⸗ fangenen machte. Da ein hervorragendes Stuͤck Land die Einſiedelei vor den Augen der Caravele verbarg, ſo blieb der Admiral mit dem Vorfall unbekannt. Als es eilf uhr wurde und die Pilger noch nicht zuruͤck waren, fing er indeſſen an zu fuͤrchten, daß ſie von den Portugieſen zuruͤckgehalten wuͤr⸗ den oder das Boot auf einer von den Klippen, welche die Inſel umgeben, von der Brandung zertruͤmmert worden ſey. Er lichtete daher die Anker und fuhr ſo weit zuruͤck, daß er die Gegend der Kapelle und des benachbarten ufers uͤber⸗ — 333— ſchauen konnte; da erblickte er eine Anzahl bewaffneter Rei⸗ ter, welche abſtiegen, in das Boot traten und nach der Ca⸗ ravele zu ruderten. Jetzt erwachte der alte Argwohn des Admirals wegen Feindſeligkeiten der Portugieſen gegen ihn und ſein Unternehmen; er befahl ſeinen Leuten, ſich zu be⸗ waffnen, aber es zu verbergen, bereit, die Caravele zu ver⸗ theidigen oder das Boot zu uͤbermannen. Dieſes naͤherte ſich indeſſen anſcheinend friedlich; der Gouverneur der Inſel war an Bord, und als er in die Nähe kam, wo er verſtan⸗ den werden konnte, verlangte er perſoͤnliche Sicherheit fuͤr den Fall, daß er auf die Caravele kaͤme. Der Admiral gab ſie ſogleich, aber der Portugieſe, noch immer miß⸗ trauifch und ſeiner eigenen boͤslichen Abſichten bewußt, fuhr fort eine feindliche Entfernung beizubehalten. Nun konnte Columbus ſeinen Unwillen nicht mehr bezaͤhmen: er warf dem Gouverneur ſeine Treuloſigkeit und das Unrecht vor, welches er nicht allein den ſpaniſchen Monarchen, ſondern ſeinem eigenen Herrn anthue, indem er ihm ſo unwuͤrdig begegne. Er machte ihn mit ſeinem Rang und Auftrag be⸗ kannt, entfaltete die Patente, mit den caſtiliſchen Koͤnigs⸗ ſiegeln bekraͤftigt, und drohte ihm mit der Rache ſeiner Re⸗ gierung. Die Antwort Caſtanjeda's war in einem anmaßen⸗ 3 den, veraͤchtlichen Tone gegen die Patente des Herrſcher⸗ paares, ſowie voll Trotz gegen Columbus, und ſchloß damit, daß er erklaͤrte, was er gethan, ſey in Ueberein⸗ ſtimmung mit den Befehlen des Koͤnigs ſeines Herrn ge⸗ chehen. Nach einem unerſprießlichen Wortwechſel kehrte das Boot an die Kuͤſte zuruͤck und verließ den Columbus ſehr verwirrt uͤber die unerwartete Feindſeligkeit; ſo daß er be⸗ ſorgte, es moͤchte ein Krieg zwiſchen Spanien und Portu⸗ gal waͤhrend ſeiner Abweſenheit ausgebrochen ſeyn. Am folgenden Tage wurde das Wetter ſo ſtuͤrmiſch, daß ſie von ihrem Ankerplatz hinweggetrieben und gezwungen wurden, gegen die Inſel St. Michael hin weiter in See zu gehen. Zwei Tage lang kreuzte das Schiff dort in großer Gefahr, waͤhrend die Haͤlfte ſeiner Mannſchaft an der Kuͤſte zuruͤck⸗ gehalten wurde und der groͤßere Theil der an Bord befind⸗ lichen Leute Landſaͤſſige und Indianer waren, die man bei ſchwieriger Schiffahrt faſt gar nicht brauchen konnte. Zum Gluͤck erhob die See, wiewohl ſie hoch ging, keine ſolche widrige Wellen, die ſie neulich bedraͤngt hatten, ſonſt wuͤrde ſich die Caravele, ſo ſchwach bemannt, kaum in dem Sturm haben erhalten koͤnnen. Am Abend des 22. wurde das Wetter gemaͤßigt, und Columbus kehrte wieder auf ſeinen Ankerplatz vor St. Ma⸗ ria zuruͤck. Kurz nach ihrer Ankunft kam das Boot vom Landungsplatz her; es hatte zwei Prieſter und einen Notar an Bord. Nach einer vorſichtigen Erkundigung und Ver⸗ ſicherung freien Geleits kamen ſie an Bord der Caravele, und verlangten Einſicht von den Papieren des Columbus zu nehmen, auf Befehl Caſtanjeda's, welcher ihm durch ſie verſichern ließ, daß er ihm jeden in ſeiner Macht ſtehenden Gefallen erweiſen werde, wenn er wirklich in Dienſten des ſpaniſchen Herrſcherpaares ſtehe. Columbus merkte, daß dieß eine bloße Finte des Gouverneurs war, um ſeinen Ruͤckzug aus der feindlichen Stellung, die er gegen ihn an⸗ genommen hatte, zu verdecken; er hielt ſeinen Unwillen zu⸗ ruͤck, und druͤckte ſeinen Dank fuͤr die freundliche Bereit⸗ 3 willigkeit des Gouverneurs aus, zeigte ihnen ſeine Beglau⸗ bigungsſchreiben und befriedigte damit die Prieſter und den Notar auf leichte Weiſe. Am folgenden Morgen waren Boot und Seeleute in Freiheit geſetzt; dieſe hatten waͤhrend ihrer Gefangenhaltung von den Einwohnern Naͤheres erfah⸗ ren, was uͤber das Betragen Caſtanjeda's Aufſchluß gab. Der Koͤnig von Portugal eiferſuͤchtig, die Expedition des Columbus moͤge ſeine eigenen Entdeckungen beeintraͤchtigen, hatte an die Gouverneurs der Inſeln und entfernten See⸗ haͤfen den Befehl erlaſſen, dieſen Mann feſtzunehmen, wo ſie 8 ihn greifen koͤnnten.*) In Gemaͤßheit dieſes Auftrags ſchmeichelte ſich Caſtanjeda im erſten Augenblick mit der Hoffnung, Columbus in der Kapelle uͤberfallen zu koͤnnen; da ihm dieſes jedoch mißgluͤckte, ſo beabſichtigte er, ſich ſei⸗ ner mit Liſt zu bemaͤchtigen, wurde aber daran verhindert, da er ihn auf ſeiner Hut fand. Das war der erſte Em⸗ pfang, den der Admiral bei ſeiner Ruͤckkehr in die alte Welt erlebte, ein ernſter Vorbote der Drangſale und Kraͤn⸗ kungen, die ihn durch ſein ganzes Leben begleiten ſollten, zum Lohn fuͤr eine der groͤßten Wohlthaten, die jemals ein Meenſch ſeinen Nebenmenſchen erwieſen.*)* * Hist. del Almirante cap. 39. Las Casas hist. Ind. I. I, cap. 72. —O—— Viertes Kapitel. Ankunft in Portugal. Beſuch bei Hofe. (1493.) Columbus blieb noch zwei Tage bei der Inſel St. Maria, weil er ſich mit Holz und Ballaſt verſehen wollte; aber die ſtarke Brandung an der Kuͤſte machte ihm dieß unmoͤglich. Der Wind blies ſuͤdlich, und da es unter dieſen Umſtaͤnden fuͤr die Schiffe gefaͤhrlich war, an der Inſel vor Anker zu liegen, aber die Fahrt nach Spanien ſich mit dieſem Winde bewerkſtelligen ließ, ſo ging er am 24. Februar unter Se⸗ gel und hatte ſchoͤnes Wetter bis zum 27., wo er in einer Entfernung von hundert und fuͤnfundzwanzig Seemeilen vom Cap St. Vincent wieder ungünſtigen Wind und eine ſtuͤrmiſche, ſchwerzubekaͤmpfende See antraf. Die Geiſtes⸗ ſtaͤrke des Columbus beſtand in dieſen Gefahren und Verzoͤ⸗ gerungen eine harte Probe; die Widerwaͤrtigkeiten ſchienen zu wachſen, je naͤher er ſeiner Heimath kam, und es ging am Ende uͤber ſeine Kraͤfte, die Klage zu unterdruͤcken, daß er ſo zu ſagen an der Schwelle ſeines Hauſes zuruͤckgeſtoßen werde. Er ſtellte den Gegenſatz vor Augen, den die rauhen Stuͤrme, welche um die Kuͤſten der alten Welt wuͤtheten, mit den oͤrdernden Winden, der Stille des Meeres und dem balſamiſchen Fruͤhlingswetter machten, welche er jenen neuentdeckten geſegneten Laͤndern, die in ewigen Lenzen grünten, zuſchrieb.„ Wohl,“ ſagt er,„moͤgen die heiligen Gottesmaͤnner und weiſen Philoſophen behaupten, daß das irdiſche Paradies an den aͤußerſten Enden des Morgenlan⸗ des zu finden ſey, denn dieſes ſind die mildeſten Regionen der Erde." Nachdem er mehrere Tage mit ſtuͤrmiſchem und widri⸗ gem Wetter zu thun gehabt hatte, traf die Caravele am Sonnabend den 2. Maͤrz ungefaͤhr um Mitternacht ploͤtzlich ein Windſtoß, der alle ihre Segel zerriß, und da er in ſei⸗ ner Heftigkeit nicht nachließ, ſo war ſie gezwungen mit ent⸗ bloͤßten Stangen ſich ihm zu uͤberlaſſen, in jedem Augenblick ihrem Untergehen entgegenſehend. In dieſer Stunde der Dunkelheit und Gefahr rief das Schiffsvolk wieder die Huͤlfe des Himmels an. Man warf ein Loos fuͤr eine Pilgerung barfuß zu dem Heiligthume der Santa Maria de la Ceuta in Huelva, und wie vorher ſiel das Loos auf Columbus. Die Wiederholung dieſer Beſtimmung war etwas eigenes. Las Caſas betrachtet ſie fromm als einen Wink Gottes fuͤr den Admiral, daß dieſe Stuͤrme ſeinetwegen erregt worden, um ſeinen Stolz zu demuͤthigen und ihn abzuhalten, ſich den Ruhm einer Entdeckung anzumaßen, die das Geſchenk des Allmaͤchtigen ſey, und zu welcher ihn Gott nur als Werk⸗ zeug erleſen.* 4 1 2) Las Casas hist, Ind, lib. I. c. 73. Irving's Cylumbus. 1—3. 22 2 — 338— Es erſchienen mehrere Anzeichen, daß ſie ſich in der Naͤhe von Land befänden, welches ſie fuͤr die Kuͤſte von Portugal hielten: aber der Sturm vermehrte ſich in ſo ho⸗ hem Maaße, daß ſie daran zweifelten, od einer von ihnen lebend den Hafen erreichen werde. Die ganze Mannſchaft that das Geluͤbde, wenn ſie mit dem Leben davon kaͤmen, wollten ſie am naͤchſten Sonnabend bei Waſſer und Brod faſten. Die Verwirrung der Elemente wurde im Lauf der folgenden Nacht immer groͤßer. Die See thuͤrmte ſich wild zu Berge, in dem einen Augenblick wurde die leichte Cara⸗ vele hoch in die Luft geſchleudert und im naͤchſten Momente ſchien ſte der gaͤhnende Abgrund verſchlungen zu haben. Der Regen fiel in Strömen herab, und blendende Blitze zuckten und der Donner bruͤllte aus verſchiedenen Himmels⸗ gegenden.. In der erſten Wache dieſer gefahrvollen Nacht ließen die Matroſen den uͤblichen Willkomm⸗Ruf Land! er⸗ toͤnen, aber dieß vermehrte nur die allgemeine Angſt. Sie wußten nicht, wo ſie waren, noch wo ſie in einer Bucht ankommen ſollten; ſie fuͤrchteten auf den Strand zu laufen oder an den Klippen zu zerſchellen, und ſo war ihnen das erſehnte Land ein Gegenſtand des Schreckens. Sie zogen die Segel ein, hielten ſich ſo viel ſie konnten auf der hohen See, und erwarteten den Morgen in großer Angſt. Bei Tagesanbruch am 4. Maͤrz ſahen ſie ſich in der Naͤhe des Felſen von Eintra an der Muͤndung des Tajo. Obgleich Columbus fortwaͤhrend großes Mißtrauen gegen die guten Abſichten der Portugieſen unterhielt, ſo ließ doch — 3 der immer noch tobende Sturm Columbus keine Wahl, und zwang ihn hier Schutz zu ſuchen; er ging alſo ungefaͤhr um drei Uhr gegen Raſtello uͤber vor Anker, zur großen Frreude ſeiner Mannſchaft, die Gott fuͤr die Erloͤſung aus ſo vielen Gefahren dankte. Die Bewohner der Kuͤſte kamen von verſchiednen Seiten herbei, und wuͤnſchten ihnen Gluͤck zu der, wie ſie verſicher⸗ ten, recht wunderbaren Rettung. Sie hatten das Fahrzeug den ganzen Morgen mit großer Angſt beobachtet, und fuͤr ihr Heil zum Himmel gefleht. Die aͤlteſten Seeleute des Ortes betheuerten dem Columbus, daß ſie noch nie einen ſo ſtuͤrmiſchen Winter erlebt haͤtten; viele Schiffe waren Mo⸗ nate lang, von Wetter zuruͤckgehalten, im Hafen geblieben, und eine große Zahl hatte wäͤhrend der Zeit Schiffbruch gelitten. 2 Unmittelbar nach ſeiner Ankunft ſandte Columbus einen Courier an den Koͤnig und die Koͤnigin von Spanien mit der großen Nachricht von ſeiner Entdeckung. Er ſchrieb ferner an den Koͤnig von Portugal, der damals in Valpa⸗ raiſo war, und bat um die Erlaubniß, mit ſeinem Schiff nach Liſſabon zu kommen: es hatte ſich das Geruͤcht verbrei⸗ tet, ſeine Caravele ſey reich mit Gold beladen, und er glaubte ſich nicht hinlaͤnglich ſicher in der Muͤndung des Tajo, in der Naͤhe eines Ortes wie Raſtello, der von ar⸗ men Leuten und zweideutigem Geſindel bewohnt war. Um aber jedes Mißverſtaͤndniß uͤber die Natur ſeiner Reiſe zu heben, verſicherte er den Koͤnig, daß er nicht an der Kuͤſte von Guinea geweſen, noch auch auf einer anderen der por⸗ 22* — 340— tugieſiſchen Colonieen, ſondern daß er von Cipango und den außerſten Enden Indiens komme, die er nach Weſten ſchif⸗ fend entdeckt habe. Am folgenden Tage forderte Don Alonzo de Acunja, Ca⸗ pitain eines anſehnlichen portugieſiſchen Kriegsſchiffes, wel⸗ ches bei Raſtello ſtationirt war, vom Bord dieſes Schiffes Columbus auf, von ſich und ſeinem Fahrzeug Auskunft zu geben. Dieſer erklaͤrte ſogleich ſeine Rechte und Wuͤrden als Admiral Ihrer caſtiliſchen Majeſtaͤten und verweigerte es, ſein Schiff zu verlaſſen oder einen an ſeiner Stelle ab⸗ zuſenden. So wie der Capitain ſeinen Rang und die au⸗ ßerordentliche Sendung erfuhr, kam er an die Caravele heran mit lauter Muſik von Trommeln, Pfeifen und Trom⸗ peten, bewies Columbus alle Ehrerbietung als ein edler, wackerer Mann, und bot ihm ſeine beſten Dienſte an. Der Eindruck, den es in Liſſabon machte, als die Nachricht dort ankam von jener wundervollen Barke, die in dem Tajo vor Anker lag, mit Eingebornen und den Produkten einer neu⸗ entdeckten Welt beladen, mag leichter gedacht als beſchrieben werden. Liſſabon hatte faſt ein Jahrhundert hindurch ſeinen ſchoͤnſten Ruhm von den Entdeckungen zur See hergeleiket, aber hier war ein Werk, das alle dieſe Unternehmungen ver⸗ dunkelte. Kaum haͤtte es groͤßere Neugierde erwecken koͤn⸗ nen, wenn das Schiff mit den Wundern eines anderen Pla⸗ neten befrachtet angekommen waͤre. Einige Tage lang bot der Tajo ein lebendiges, vielbewegtes Gemälde dar, indem er von Gondeln und Booten wimmelte, die ſich um die Cara⸗ vele herumdraͤngten. Vom Morgen bis in die Nacht wurde —,— — 341— das Schiff mit Beſuchen uͤberhaͤuft, wobei ſich Cavaliere von hohem Rang und verſchiedne koͤnigliche Officiere ein⸗ ſtellten. Alle horchten mit geſpannter Aufmerkſamkeit au die Erzaͤhlungen des Columbus und ſeiner Leute von den Abenteuern ihrer Reiſen und von der neuen Welt, die ſie entdeckt hatten; ſie beſchauten mit unerſaͤttlicher Neugierde die Arten unbekannter Pflanzen und Thiere und insbeſon⸗ dere die Indianer, die von den in allen Welttheilen vor⸗ handenen Menſchenracen ſo ganz abwichen. Einige waren von edler Begeiſterung uͤber den Plan dieſer der Menſchheit ſo ſehr zur Ehre und zum Nutzen gereichenden Entdeckung er⸗ fuͤllt, bei anderen wurde die Habſucht entflammt durch die Beſchreibungen von wilden herrenloſen Regionen, die von Gold, Perlen und Gewuͤrzen uͤberſtroͤmten; wieder andre aͤrgerten ſich uͤber den Unglauben des Koͤnigs und ſeiner Rathgeber, durch welchen eine ſo außerordentliche Erwerbung fuͤr Portugal auf immer verloren war. Am 8. Maͤrz kam ein Cavalier Namens Don Martin de Noronja mit einem Schreiben vom Koͤnige Johann, wel⸗ ches dem Columbus zu ſeiner Ankunft Gluͤck wuͤnſchte, und ihn einlud ins Hoflager zu kommen, welches grade zu Val⸗ paraiſo, ungefaͤhr neun Stunden von Liſſabon verſammelt war. Der Koͤnig ließ zu gleicher Zeit in ſeiner gewohn⸗ ten großmuͤthigen Geſinnung den Befehl ergehen, daß alles, was der Admiral fuͤr ſich, ſeine Mannſchaft oder ſein Schiff verlangen wuͤrde, ihm im Augenblick reichlich und unentgeld⸗ lich geliefert werden ſolle. Columbus haͤtte gern die Einladung des Koͤnigs abge⸗ — 342— * lehnt, da er auf deſſen gute Miene kein großes Vertrauen ſetzte; aber das ſtuͤrmiſche Wetter gab ihn in ſeine Gewalt, und er hielt es fuͤr kluͤger, allem Argwohn ſcheinbar zu entſagen. Er ging alſo noch an demſelben Abend, nur von ſeinem Piloten begleitet nach Valparaiſo. Die erſte Nacht ſchlief er in Sacamben, wo fuͤr ſeine ehrenvolle Aufnahme Vorbereitungen getroffen waren. Da das Wetter regneriſch wurde, ſo erreichte er Valparaiſo erſt in der folgenden Nacht. Als er ſich der koͤniglichen Reſidenz naͤherte, kamen die erſten Cavaliere des Hofes ihm entgegen, und begleite⸗ ten ihn mit großen Ceremonien nach dem Palaſte. Sein Empfang bei dem Monarchen war eines ſo aufgeklaͤrten Fuͤrſten wuͤrdig. Er befahl ihm, ſich in ſeiner Gegenwart zu ſetzen, eine Ehre, die nur Perſonen von doͤniglichem Rang zu Theil wurde, und nach vielen Gluͤckwuͤnſchen uͤber den herrlichen Erfolg ſeiner Unternehmung verſicherte er ihn, das ihm alles in ſeinem Koͤnigreiche, was ſeinen Gebietern oder ihm ſelbſt von Nutzen ſeyn koͤnne, zu Dienſten ſtehe. Es folgte eine lange Unterredung, in welcher Columbus eine Erzaͤhlung von ſeiner Reiſe und von den Laͤndern gab, die er entdeckt hatte. Der Koͤnig hoͤrte anſcheinend mit großem Vergnugen doch mit wahrhaftem innerlichen Schmerz. und Aerger zu; beſtaͤndig quaͤlte ihn der Gedanke, daß ihm dieſe glaͤnzende Unternehmung einſt angeboten war, daß ſie gewiſſermaßen um Protec'ion bei ſeinem Hofe gebettelt, und daß er ſelbſt ſie verworfen hatte. Eine gelegentliche Be⸗ merkung zeigte, was in ſeinen Gedanken vorging. Er aͤu⸗ ßerte das Bedenken, ob dieſe Entdeckung nicht doch eigent⸗ 1 — ——, —,. — 343— lich der Krone Portugal angehoͤre, und zwar nach den Be⸗ ſtimmungen des Tractats mit dem caſtiliſchen Herrſcher⸗ paare vom Jahr 1479. Columbus erwiederte, daß er von ſolchen Bedingungen nie geleſen, noch irgend von etwas dem aͤhnlichen gehoͤrt habe: es ſey ihm der Befehl ertheilt wor⸗ den, nicht auf La Mina, noch nach der Kuͤſte von Guinea zu ſegeln, und dieſe Befehle habe er gewiſſenhaft erfuͤllt. Der Koͤnig gab ihm eine gnaͤdige Antwort, er druͤckte ihm ſeine Zufriedenheit aus, daß er ſo puͤnktlich gehandelt habe, ſowie ſeine Ueberzeugung, daß dieſe Angelegenheit ſicher zwiſchen den beiden Maͤchten ohne anderweitige Vermittlung wuͤrde berichtigt werden. Indem er den Columbus fuͤr dieſen Abend entließ, befahl er ihn als Gaſt der Pflege des Priors von Crato, der erſten unter den anweſenden Per⸗ ſonen, bei welchem er eine ſehr ehrenvolle und gaſtfreund⸗ liche Aufnahme fand. 3 Am folgenden Tage hatte der Koͤnig eine zweite Unter⸗ redung mit dem Admiral, in welcher er viele genaue Nach⸗ fragen uͤber den Boden, die Produkte und die Menſchen der neuentdeckten Gegenden that, ſo wie uͤber den Weg, den er zu dieſer Reiſe eingeſchlagen habe; uͤber alles dieſes gab Columbus die genuͤgendſte Auskunft und ſuchte das Gemuͤth des Königs aufs gewiſſeſte zu beruhigen, daß dieſes Regionen ſeyen, die zuvor unbekannt geweſen und von keiner chriſtlichen Macht ſich jemals zugeeignet worden. Dennoch war der Kdoͤnig beunruhigt, als koͤnnte dieſe aus⸗ gedehnte und unbegraͤnzte Entdeckung auf irgend eine Weiſe den Beſitz ſeiner neuerworbenen Territorien gefaͤhrden. Er — 344— war in Ungewißheit, ob Columbu Weg zu den naͤmlichen Laͤndern gefu ſtand ſeiner eigenen Entdeckungen geworden und in jener paͤpſtlichen Bulle mit inbegriffen waͤren, welche der Krone Portugal alle Laͤnder zuſicherte, die es vom Cap Non bis zu dem Indien entdecken wuͤrde. Als er dieſe Bedenken ſeinen Raͤthen vorlegte, beſtaͤtig⸗ ten ſie dieſelben mit Leidenſchaftlichkeit. Von ihnen waren einige dieſelben, welche einſt den großen Plan verlacht und Columbus als einen Traͤumer verſpottet hatten. Ihnen war ſein glruͤcklicher Erfolg eine Quelle der Beſtuͤrzung; jede Hindeutung auf ſeine Wichtigkeit fuͤhlten ſie wie einen Vorwurf auf ſich laſten, und die mit Ruhm gekroͤnte Ruͤck⸗ kehr des Columbus war eine tiefe Demuͤthigung fuͤr ſie. Unfäͤhig, die hohen und edlen Gedanken zu faſſen, die ihn in dieſem Augenblick uͤber alle untergeordnete Ruͤckſichten erhoben, legten ſie allen ſeinen Handlungen kleinliche und unedle Motive unter. Seine natuͤrliche Freude wurde fuͤr beleidigendes Triumphiren ausgegeben, und ſie beklagten ſich uͤber ihn, daß er einen ruhmredigen, großſprecheriſchen Ton annehme, wenn er mit dem Koͤnige von ſeiner Entdeckung rede, als wolle er ſich an dem Monarchen dafuͤr raͤchen, daß dieſer ſeine Antraͤge zuruͤckgewieſen habe.*) Daher ſuch⸗ s nicht einen kuͤrzeren nden, welche der Gegen⸗ *) Vasconcellez vida de D. Jnan II. lib. VI. Die portugieſiſchen Geſchichtſchreiber legen allgemein dem Co⸗ lumbus zur Laſt, daß er ſich hochmüthig benommen und ruhmredig von ſeinen Entdeckungen mit dem Könige ge⸗ ten ſie mit der groͤßten Ungeduld dieſe Bedenken, die in der Seele des Koͤnigs aufdaͤmmerten, zu beſtaͤrken. Einige, welche die mitgebrachten Eingebornen geſehen hatten, be⸗ haupteten, ihre Farbe, ihr Haar und ihre Sitten ſtimmten ganz mit den Beſchreibungen von dem Volke des Theiles von Indien uberein, welches in dem Bereich der portugieſi⸗ ſchen Entdeckungen liege und in der paͤpſtlichen Bulle mit inbegriffen ſey. Andre bemerkten, daß kein großer Abſtand von den Tercera⸗Inſeln zu denen ſey, welche Columbus entdeckt habe und daß die Letzteren daher offenbar der Krone Portugal angehoͤrten. Als ſie den Koͤnig ganz ver⸗ ſtoͤrten Geiſtes ſahen, gingen Einige ſogar ſo weit, daß ſie ihm den Vorſchlag machten, damit Columbus verhindert werde, dieſe Unternehmung zu verfolgen, muͤſſe er ermordet werden; ſie erklaͤrten, er habe den Tod verdient, weil er die beiden Nationen mit ſeinen vorgeblichen Entdeckungen zu betruͤgen und gegen einander aufzureizen wage. Es wurde ausgemittelt, daß dieſe Ermordung ganz gut vor ſich gehen koͤnne, ohne etwas Gehaͤſſiges auf ſich zu laden, und man koͤnnte ſein hochmuͤthiges Benehmen dazu fuͤglich benutzen, — ͦ—— ſprochen habe. Es iſt offenbar, daß ſie ihre Nachrichten von den als partyeiiſch anzuſehenden Höflingen hatten. Faria y Souza geht in ſeiner Europa Portuguesa, (parte III. c. 4.) ſo weit, daß er ſagt, Columbus ſey in den Seehafen von Raſtello bloß deßhalb eingelaufen, um es Portusal durch den Anblick der Trophäen ſeiner Entdeclungsreiſe empfinden zu laſſen, wie viel es verloren, indem es ſeine Vorſchläge abgewieſen habe. 4— 346— indem man ſeinem Stolz zu nahe traͤte, ihn zum Streit reizte und ihn dann aus der Welt ſchaffte, als ſey es bei zufaͤlliger Gelegenheit und auf eine ehrenvolle Art geſchehen. Es iſt ſchwer zu glauben, daß ſolche verderbte und feige Rathſchlaͤge einem ſo gradherzigen Monarchen wie Johann II. gegeben wurden, aber die Sache wird von mehreren Hiſtorikern, ſowohl Portugieſen als Spaniern, behauptet,*) und es ſtimmt mit dem tuͤckiſchen Rath uͤberein, der dieſem Monarchen fruͤher hinſichtlich der Entdeckungsreiſe des Co⸗ lumbus ertheilt worden war. Es gibt eine unaͤchte Red⸗ lichkeit an den Hoͤfen, welche oft geneigt iſt, ihren Eifer durch Niedrigkeit zu bezeugen, und es iſt eine große Schwaͤche der Regenten, daß ſie oft die ſtaͤrkſten Vergehen dulden, wenn ſie aus perſoͤnlicher Dienſttreue herzuruͤhren ſcheinen. Gluͤcklicherweiſe beſaß der Koͤnig zu viel Geiſtesgroͤße, um die vorgeſchlagene ſchaͤndliche Maßregel zu genehmigen. Er ließ dem großen Verdienſte des Columbus Gerechtigkeit widerfahren und ehrte ihn als einen ausgezeichneten Wohl⸗ thaͤter der Menſchheit; er hielt es auch als ein edler Fuͤrſt fuͤr ſeine Pflicht, alle Fremdlinge zu beſchuͤtzen, die von widrigem Geſchick in ſeine Haͤfen einzulaufen gezwunzen wuͤrden. Andre ſeiner Raͤthe ſtellten eine kuͤhnere und feindſeligere Politik auf. Sie gaben den Rath, man ſolle 2 *) Yasconcelles vida del Rey Don Juan II., c. VI. Garcia de Reesende vida de Dom Joam II. Las Casas hist. Ind. I. I. cap. 74. MS. 1 — — 2 — 347— Columbus nach Spanien ziehen laſſen; doch ehe er eine zweite Ausruͤſtung machen koͤnne, ſolle eine anſehnliche Flotte abgeſchickt werden, unter der Fuͤhrung von zwei portugieſi⸗ ſchen Matroſen, die mit dem Admiral die Fahrt gemacht hatten, um ſogleich von dem neuentdeckten Welttheile Beſitz zu nehmen; denn man hielt den Beſitz auf jeden Fall fuͤr den erſten Titel, und eine Appellation ans Schwert fuͤr den beſten Weg, eine ſo zweifelhafte Frage zu entſcheiden. Dieſer Rath, in welchem eine Miſchung von Muth und Hinterliſt lag, wurde von dem Koͤnige mehr gebilligt, und er entſchloß ſich heimlich aber ſchnell, ihn in Ausfuͤhrung zu bringen, indem er Don Franzisko de Almeida, einen der ausgezeichnetſten Seeofficiere jener Zeit, zum Befehlshaber der Flotte auserſaͤhe.*) Mittlerweile wurde Columbus, nachdem er mit ausge⸗ zeichneter Achtung behandelt worden, von Don Martin de Noronja nach ſeinem Schiffe zuruͤckgebracht, und ein großer Zug von Cavalieren des Hofes begleitete ſie; er ſelber ritt auf einem Maulthier und auf einem anderen ſein Pilote, dem der Koͤnig ein Geſchenk von zwanzig Espidinos oder Ducaten in Gold gemacht hatte.**) Auf ſeinem Wege hielt Columbus bei dem Kloſter San Antonio zu Villa Franca, um der Koͤnigin ſeine Aufwartung zu machen, die den leb⸗ *) Vasconcellez I. VI. **½) Acht und zwanzig Dollars in Gold nach jetzigem Werth, oder vier und ſiebenzig Dollars, wobei der heruntergeſetzte Werth der edlen Metalle in Anſchlag gebracht iſt. — 348— haften Wunſch geaͤußert hatte, ihn zu ſehen. Er fand ſie von einigen ihrer Lieblingsdamen umgeben und wurde aufs ſchmeichelhafteſte von ihr aufgenommen. Ihre Majeſtaͤt ließ ihn die Hauptumſtaͤnde ſeiner Reiſe erzaͤhlen und die geſehenen Laͤnder beſchreiben; ſie hing mit großer Aufmerk⸗ ſamkeit an den Erzaͤhlungen dieſes außerordentlichen und kuͤhnen Mannes, deſſen Thaten im Munde aller Leute leb⸗ ten. Dieſelbe Nacht ſchlief er in Llandra, und als er am Morgen abzureiſen im Begriff ſtand, kam ein koͤniglicher Diener an, der ihm von Seiten Seiner Majeſtaͤt anbot, ihm bis an die Graͤnze das Geleite zu geben, falls er es vorzoͤge, zu Land nach Spanien zu gehen, auch ihn auf koͤnigliche Koſten mit Pferden, Logis und allem zu verſehen was er noͤthig habe. Da indeſſen das Unwetter ſich gelegt hatte, ſo zog Columbus es vor, in ſeiner Caravele nach Spanien zuruͤckzukehren. Er ſtach alſo am 13. Maͤrz wie⸗ derum in See, kam am 15. bei Sonnenaufgang wohlbe⸗ halten an der Bank von Saltes an und fuhr am Mittag in den Hafen von Palos ein, von wo er im verfloſſenen Jahr am 3. Auguſt weggeſegelt war; er hatte alſo nicht ganz ſieben und einen halben Monat gebraucht, um dieſe wichtigſte aller Unternehmungen zur See in Ausfuͤhrung zu bringen.*) ——;———jãcx— *) Werke, die zu dieſem Kapitel im Allgemeinen benutzt worden ſind: Las Casas hist. Ind. I. I. c. 74. Hist. del Almirante, c. 39. 40. 41. Tagebuch des Columbus bei Navarrete t. I. Faͤnftes Kapit⸗. Empfang des Columbus in Palos. (1493.) Die glorreiche Ruͤckkehr des Columbus war ein wunder⸗ bares Ereigniß in der Geſchichte des kleinen Hafenſtaͤdtchens Palos, wo ein Jeder mehr oder minder bei dem Schickſale der Fahrt mitbetheiligt war. Die wichtigſten und wohl⸗ habendſten Schiffscapitaine des Ortes waren mitgegangen, und kaum war eine Familie, die nicht einen Verwandten oder Freund unter der Mannſchaft hatte. Die Abreiſe der Schiffe zu einer, wie man es anſah, traͤumeriſchen und ver⸗ zweifelten Kreuzfahrt hatte Trauer und Jammer uͤber das Staͤdtchen verbreitet, und die Stuͤrme, die den Winter hin- durch geraſet hatten, waren nur dazu gemacht, die oͤffent⸗ liche Niedergeſchlagenheit zu vergroͤßern. Viele beklagten ihre Freunde als verloren, die Einbildungskraft lieh ihrem Looſe geheimnißvolle Schrecken, indem man ſich ausmalte, wie ſie uͤber wilde oͤde Regionen unbegraͤnzter Gewaͤſſer getrieben wuͤrden, wie ſie unter Klippen und Sandbäͤnken, in tofenden Strudeln ihren Untergang faͤnden, oder jenen — 350— 23 Ungeheuern der Tiefe zur Beute wuͤrden, mit welchen die Leichtglaͤubigkeit in damaligen Zeiten jedes entfernte und unbeſuchte Meer bevoͤlkerte.*) Es lag etwas viel Schreck⸗ licheres in ſo geheimnißvollem Schickſal, als der Tod in ſeiner gewiſſen und gewoͤhnlichen Erſcheinung zeigen konnte. Wie ihnen die Nachricht gebracht wurde, daß eines von den Schiffen ihrer Seefahrer an die Kuͤſte gekommen ſey, geriethen die Einwohner in große Bewegung; wie fie aber hoͤrten, daß ſie im Triumphe von der Entdeckung einer neuen Welt zuruͤck kaͤmen, wie ſie im Hafen das Schiff mit aufgerollten Segeln erblickten, da brach das ganze Staͤdt⸗ chen in einen ungemeſſenen Jubel aus. Die Glocken wurden gelaͤutet; alles rannte in ausgelaſſener Freude mit tollem Laͤrm und athemloſer Ungeduld hinaus. Die einen waren begierig, das Schickſal eines Verwandten, die anderen das eines Freundes zu erfahren, und alle wollten wiſſen, wie es mit dieſer wunderbaren Entdeckung zugegangen ſey. Als Columbus an's Land ſtieg, draͤngte ſich die Menge um ihn *) In den See⸗ und Landkarten jener und ſelbſt ſpäterer Zeiten beweiſen die vielen Arten von furchtbaren und häßlichen Ungeheuern, die allen entlegenen Theilen des Weltmeeres angedichtet werden, die Schreckniſſe und Gefahren, womit die Einbildungskraft die Gewäſſer aus⸗ ſtattete. Daſſelbe läßt ſich auch von entfernten und un⸗ bekannten Ländern ſagen; die entlegenen Theile von Aſten und Afrika werden/ mit Ungeheuern dargeſtellt, di e mit den exiſtirenden Weſen, welche die Naturgeſchichte nennt, kaum irgend eine Aehnlichkeit haben. —ÿü4 — 351— her, ihn zu ſehen und zu begruͤßen, und eine große Pro⸗ ceſſion ſetzte ſich nach der Hauptkirche in Bewegung, um Gott fuͤr die große Entdeckung zu danken, die von den Leuten des Ortes bewerkſtelligt worden— das gedankenloſe Volk vergaß in dem Uebermaaß der Freude die tauſend Schwierigkeiten, die ſie der Unternehmung in den Weg ge⸗ legt hatten. Wo Columbus ſich zeigte, hällten die Straßen von Jubel und Freudengeſchrei wieder, er empfing Ehren, die nur gekroͤnten Haͤuptern gebuͤhren, die aber ihm mit zehnfacher Waͤrme und Aufrichtigkeit dargebracht wurden. Welch ein Contraſt mit ſeiner Abreiſe wenige Monate zu⸗ vor, wo ihm nur Vorwuͤrfe und Verwuͤnſchungen folgten, oder vielmehr, welch ein Contraſt mit ſeiner erſten Ankunft vor Palos, als ein armer Wandersmann, der fuͤr ſein Kind an der Pforte eines Kloſters um ein bischen Brod und Waſſer bat. Ang Da Columbus vernahm, der Hof ſey in Barcelona, wollte er ſogleich mit ſeiner Caravele ſich dorthin begeben; indem er aber die Gefahren und unglucklichen Ereigniſſe bedachte, die er ſchon auf den Meeren erfahren, entſchloß er ſich den Weg zu Lande zu machen. Er ſandte ein Schrerben an den Koͤnig und die Koͤnigin ab, worin er ſie von ſeiner An⸗ kunft benachrichtigte, und reiſte ſodann nach Sevilla, um dort ihre Befehle zu erwarten. Er nahm ſechs von den Ein⸗ gebornen aus der neuen Welt mit; einer von ihnen war auf der Reiſe geſtorben und drei mußte er krank in Palos zuruͤcklaſſen. Es war ein merkwuͤrdiges Zuſammentreffen, welches wohl beglaubigt erſcheint, daß an dem näͤmlichen Abend, als Co⸗ lumbus in Palos ankam, und waͤhrend die Toͤne der Freude noch von den Thuͤrmen herabſchallten, die Pinta unter den Befehlen des Martin Alonzo Pinzon ebenfalls in den Hafen einlief. Nach ihrer Trennung von dem Admiral in dem Sturme war ſie von heftigen Winden in die Bai von Bit⸗ caja getrieben worden und hatte im Hafen von Bayonne Schutz geſucht. Ungewiß, ob Columbus den Sturm über⸗ lebt habe, und auf jeden Fall ungeduldig, ihm zuvor zu kommen und die günſtige Aufnahme am Hofe und bei der Nation zuerſt zu erlangen, hatte Pinzon ſogleich an das Herrſcherpaar geſchrieben, ihnen die von ihm gemachte Ent⸗ deckung angezeigt und um die Erlaubniß gebeten, nach Hofe zn kommen und das Naͤhere in Perſon zu berichten. So⸗ bald es das Wetter erlaubte, war er wieder unker Segel gegangen, in der Hoffnung, ſich in dem Hafen ſeines Ge⸗ burtsortes einen glorreichen Empfang zu bereiten. Als er nun in Palos einlief und das Schiff des Admirals vor Anker liegen ſah, und erfuhr, mit welchem Enthuſiasmus er aufgenommen, und mit welchen Freudenbezeigungen ſeine Ruͤckkehr gefeiert worden, da ſtarb ihm aller Muth dahin. Er mußte ſich alle ſeine Anmaßungen und ſein boͤtliches. Entweichen vor Cuba ins Gedaͤchtniß rufen, womit er die weitere Verfolgung der Entdeckungen gehemmt hatte. Man ſagt, er habe ſich gefuͤrchtet, Columbus in dieſer Stunde des Triumphes zu begegnen, damit er ihn nicht verhaften moͤge; aber es iſt wahrſcheinlicher, daß er ſich ſcheute, mitten in dem Jubel vor dem Publicum als dein Abtruͤnniger in — 353— der Sache zu erſcheinen, die ſo allgemeine Bewunderung erregte. Er beſtieg das Boot, landete heimlich und ließ ſich nicht ſehen, bis er hoͤrte, daß der Admiral abgereiſt ſey. Dann kehrte er in ſein Haus zuruͤck, krank und tief erſchuͤttert. Palos war ſeine kleine Welt geweſen, hier hatte er mit unbeneidetem Anſehen geherrſcht; nun aber fand er ſich in der oͤffentlichen Meinung beſchimpft und bil⸗ dete ſich ein, Jedermann weiſe veraͤchtlich mit Fingern auf ihn. Alle Ehren wurden auf Columbus gehaͤuft, alle be⸗ geiſterte Lobeserhebungen wegen ſeiner Unternehmung la⸗ ſteten auf Pinzons Seele als eben ſo viele Vorwuͤrfe, und wie er zuletzt noch eine Reſcript mit ſtrengen Verweiſen vom Hofe erhielt, wegen des Briefes, den er an das Herr⸗ ſcherpaar geſchrieben hatte, vermehrte der nagende Schmerz ſeine Koͤrperſchwachheit; er ſtarb in wenigen Tagen, ein Opfer ſeines Neides und ſeiner Gewiſſensbiſſe.*) Pinzon war ein Mann von hellem Verſtand und großem Unternehmungsgeiſt, einer der faͤhigſten Koͤpfe unter den Seefahrern ſeiner Zeit und das Haupt einer Familie, die ſich unter den fruͤheren Entdeckern beſtaͤndig ausgezeichnet hatte. Seiner Aufmunterung hatte Columbus viel zu danken, als er arm und unbekannt nach Spanien kam, denn er bot ihm ſeine Boͤrſe an und ging in ſeinen Plan mit Freu⸗ den ein. Er hatte ihm durch ſeinen perſoͤnlichen Einfluß in Palos kraͤftig zur Seite geſtanden, um die oͤffentlichen *) Munjoz hist. n. mundo 1. IV. sect. 14. Charle- voix hist. S. Domingo 1. II. Irving's Columbus. 1— 3, 23 — 354— Vorurtheile zu bekaͤmpfen, und die Schiffe zu bemannen und auszuruͤſten, als ſelbſt die Befehle der Herrſcher nichts fruchten wollten; er hatte einen Theil der Koſten beſtritten, die der Admiral tragen mußte, endlich war er ſammt ſeinen Bruͤdern mit auf die Reiſe gegangen und hatte ſein Leben wie ſein Gut an den Ausgang gewagt. Es war ihm alſo ein bedeutender Anſpruch an den Ruhm dieſes unſterblichen Unternehmens nicht ſtreitig zu machen; doch da vergaß er den großen Standpunkt der Sache, er verlor den hohen Gegenſtand aus den Augen, uͤberließ ſich einer niedrigen ſchmutzigen Leidenſchaft und befleckte damit auf ewig ſeinen Namen. Daß er eigentlich ein Mann von edler Natur ge⸗ weſen, geht aus der Macht der Gewiſſensbiſſe hervor; denn ein gewoͤhnlicher Menſch konnte nicht als ein Opfer der Selbſtverdammung fuͤr eine unwuürdige Handlung fallen. Seine Geſchichte zeigt, wie ein Abirren von der Pflicht die Verdienſte von tauſend Handlungen aufwiegen kann, wie ein ſchwacher Augenblick oft die Schoͤnheit eines ganzen Lebens zunichte macht, und wie wichtig es fuͤr den Mann in allen Verhaͤltniſſen iſt, nicht allein wahr gegen andere, ſondern auch gegen ſich ſelbſt zu ſeyn.*)S *) Die Kinder und Erben des Martin Alonzo Pinzon zeig⸗ ten in der Folge eine große Gereiztheit gegen Columbus; ſie ſuchten auf mancherlei Art das Verdienſt ſeiner Ent⸗ deckung zu verkleinern und ihrem Vater die öffentliche Meinung zuzuwenden. Unter anderen Uebertreibungen lieſt man auch die Verſicherung: ehe das Herrſcherpaar Sechſtes Kapitel. Aufnahme des Columbus am ſpaniſchen Hofe in Barcelona. Der Brief des Columbus an die ſpaniſchen Monarchen, in welchem er ſeine Entdeckung ankuͤndigte, hatte das groͤßte Aufſehen am Hofe erregt. Man ſah den gluͤcklichen Aus⸗ 5 gang als eines der außerordentlichſten Ereigniſſe dieſer gluͤck⸗ lichen Regierung an, und da es ſo unmittelbar auf die Er⸗ oberung von Granada folgte, erklaͤrte man es fuͤr einen beſonderen Beweis der goͤttlichen Gnade nach einem im wah⸗ die Anträge angenommen, habe Pinzon Miene gemacht, auf ſeine Gefahr und Koſten mit zweien ſeiner eigenen Schiffe nach Land im Weſten auszugehen, von weichem er aus Papieren, die in der päpſtlichen Bibliotbek zu Rom gefunden worden, wie auch aus einer Prophezeihung von den Zeiten Solomos Winke entnommen; in der letzteren ſolle geſchrieben ſeyn, wenn man von Spanien weſtlich ſegle, in einem mittleren Lauf zwiſchen Norden und Süden, im fünf und neunzigſten Längengrade, werde die fruchtbare und reizende Inſel Cipango gefunden werden. Munjoz hist. n. mundo I. IV. sect. 14. Es wird nicht unintereſſant ſeyn, hier einiges Nä⸗ here über Palos und die Pinzons einzuſchalten, was mir 23* — 356— ren Glauben vollendeten Siege. Das Herrſcherpaar ſelbſt war einige Zeit ganz berauſcht und verwirrt von dieſer ſo ploͤtzlichen und leichten Exwerbung eines neuen Reiches von unbegraͤnzter Ausdehnung und augenſcheinlich unerſchoͤpfli⸗ chem Reichthum; und ihr erſter Gedanke war darauf gerich⸗ tet, daſſelbe gegen alle Anſpruͤche und Mitbewerbung zu ſichern. Kurz nach ſeiner Ankunft in Sevilla erhielt Co⸗ lumbus einen Brief von ihnen, der ihr großes Entzuͤcken ausſpricht und ihm befiehlt, ſogleich am Hofe zu erſcheinen, und uͤber die Art und Weiſe der Ausruͤſtung einer zweiten und groͤßeren Expedition ſein Gutachten abzugeben. Da der Sommer vor der Fhuͤre und die Zeit zu Seereiſen guͤnſtig war, ſo wuüͤnſchten ſie, er moͤge in Sevilla oder an einem anderen Orte Einrichtungen treffen, welche die Expedition beſchleunigten, und ihnen mit dem zuruͤckgehenden Courier kund geben, was von ihrer Seite zu thun waͤre. Dieſen von einem Freunde mitgetheilt wurde, der es auf einer Reiſe an Vord des Dampfbootes zwiſchen Sevilla und Cadix zu ſammeln Gelegenheit hatte.„Auf meiner Reiſe ſtromabwärts,“ ſagt er,„fand ich einen Seemann aus Huelva an Bord. Er war ein für ſeinen Stand ganz unterrichteter Mann und ich erhielt von ihm fol⸗ gende Auskunft, auf die man ſich verlaſſen kann. Pa⸗ los iſt zu einem armen Dorfe von ungefähr vierhundert Einwohnern herabgeſunken und beſitzt nur vier bis fünf Barken, die zum Fiſchfang gebraucht werden. Die be⸗ nachbarte Stadt Huelva hat ſich dagegen ſehr vergrößert, und hauptſächlich auf ſeine Koſten, La Rabida, das Fran⸗ ziskaner Kloſter, exiſtirt noch und wird von Brüdern — 357— Brief erhielt er unter der Adreſſe:„Dem Don Chriſtoval Colon, unſerem Admiral des Oceans, Vicekoͤnig und Gouverneur der in den Indien entdeckten Eilande 3“ zu gleicher Zeit wurden ihm noch weitere Belohnungen zuge⸗ ſichert. Columbus verlor keine Zeit, den Befehlen ſeiner Gebieter Folge zu leiſten. Er uͤberſandte ein Memoire uͤber die noͤthigen neuen Schiffe, Mannſchaft und Munition, und nachdem er in Sevilla alle Vorkehrungen getroffen, welche die Umſtaͤnde erlaubten, reiſte er nach Barcelona ab, und nahm die ſechs Indianer und die verſchiedenen Pro⸗ dukte und Merkwürdigkeiten mit, die er aus der neuen Welt heruͤbergebracht hatte. Der Ruf ſeiner Entdeckung war ſchnell durch ganz Spa⸗ nien gedrungen, und da ſein Weg ihn durch mehrere der ſchoͤnſten und volkreichſten Provinzen dieſes Landes fuͤhrte, deſſelben Ordens bewohnt. Es liegt auf einer Anhöhe, welche über die ſandigen Flächen der umgebenden Land⸗ ſchaft hervorragt. Die Familie der Pinzons hat ſich ſchon vor langer Zeit nach Huelva gezogen, wo gegen⸗ wärtig noch vier bis fünf Zweige derſelben leben. Sie ſind nicht wohlhabend; ſie verehren das Andenken ihres Vorfahren und bewahren noch einige Urkunden von ſeiner Handſchrift; ſie bleiben auch ſeinem Stande treu. In der Nähe von San Lucar zeigte mir der Seemann eine kleine ſaubere Felucca, die einen jungen Pinzon von dieſer Familie zum Führer hatte. Derſelbe Seemann erwähnte gelegentlich, er habe in Sevilla bei dem Bau einer Dachdecke an dem Hauſe eines Domherrn geholfen, welcher der letzte Sprößling des Fernando Cortes ſey.“ — 358— ſo ſah ſeine Reiſe dem Zuge eines Herrſchers aͤhnlich. Wo er durchkam, ſtroͤmten die Bewohner der Umgegend herzu, beſetzten die Landſtraßen und uͤberſchwemmten die Flecken und Doͤrfer. In den großen Staͤdten waren die Straßen, die Fenſter und Balkone mit ungeduldigen Zuſchauern ge⸗ fuͤllt, und die Luft erſchallte von Jubelgeſchrei. Seine Durchreiſe wurde immer durch den Andrang von Menſchen gehemmt, die ihn durchaus ſehen wollten, wie auch die In⸗ dianer, die man mit großer Verwunderung anſtarrte, als ob ſie die Bewohner eines anderen Sternes waͤren. Es war unmoͤglich, die ſtuͤrmiſche Neugierde zu befriedigen, die ihn und ſeine Leute an jedem Ort, wo ſie verweilen muß⸗ ten, mit tauſend Fragen uͤberfiel; die Geruͤchte hatten ſich im Munde des Volkes wie gewoͤhnlich vergroͤßert, und die neuentdeckte Welt wurde mit allen Arten von Wundern an⸗ gefuͤllt. Es war ungefaͤhr um die Mitte des Aprils, als Colum⸗ bus in Barcelona ankam, wo denn alle Vorbereitungen gemacht waren, um ihn aufs feierlichſte und glaͤnzendſte zu empfangen. Die Milde und Heiterkeit des Wetters und der Jahrszeit in dieſem beguͤnſtigten Klima trugen das ihrige dazu bei, den Glanz der denkwuͤrdigen Feierlichkeit zu erhoͤhen. Als er ſich der Stadt naͤherte, kamen ihm viele von dem juͤngeren Adel des Hofes und Hidalgos von ſtatt⸗ lichem Anſehen mit einer großen Volksmenge entgegen, um ihn zu begruͤßen und zu begleiten. Sein Eintritt in die edle Stadt iſt mit einem jener Triumphe verglichen worden, welche die Roͤmer ihren Eroberern zu geſtatten gewohnt —— —— — 359— waren. Zuerſt im Zuge Lamen die Indianer, nach ihrer wilden Sitte bemalt und mit ihrem goldnen Nationalſchmuck geziert. Hinter ihnen wurden verſchiedene Arten von leben⸗ digen Papagaien nebſt ausgeſtopften Voͤgeln und anderen Thieren von unbekannten Geſchlechtern, dann ſeltne Pflan⸗ zen, denen man koͤſtliche Eigenſchaften beilegte, daher getra⸗ gen. Große Sorgfalt war angewandt, die indianiſchen Kronen, Armbaͤnder und andre Zierrathen von Golde, welche einen Begriff von dem Reichthum der neuentdeckten Laͤnder geben konnten, dem Auge anſchaulich darzulegen. Nun folgte Columbus ſelbſt, zu Pferde, umgeben von einer glaͤnzenden Schaar aus der ſpaniſchen Ritterſchaft. Auf den Straßen war wegen der wogenden Menge kaum durch⸗ zukommen; die Fenſter und Balkone waren von Schoͤnen erfuͤllt, und ſelbſt auf den Daͤchern draͤngten ſich die Zu⸗ ſchauer. Es war, als ob das Auge der Menge ſich nicht ſaͤttigen koͤnnte in dem Anblick der Trophaͤen aus einer un⸗ bekannten Welt und des merkwuͤrdigen Mannes, der ſie entdeckt hatte. Es lag eine Erhabenheit in dieſem Ereig⸗ niß, welche dem oͤffentlichen Jubel feierliche Empfindungen beimiſchte. Man betrachtete es als eine große und ausge⸗ zeichnete Begnadigung der Vorſehung, zum Lohn fuͤr die Froͤmmigkeit des Herrſcherpaares: dazu kam das hoheit⸗ liche und ehrwuͤrdige Anſehen des Entdeckers, welches, ſo ſehr verſchieden von der Unmuͤndigkeit und Ueberwallung, die man gewoͤhnlich bei ſolchen Irrfahrten vorausſetzt, ganz in Uebereinſtimmung mit der Groͤße und Wuͤrde ſeiner Un⸗ ternehmung erſchien. — 360— um ihn mit gebuͤhrender Pracht und Auszeichnung zu empfangen, hatten die Herrſcher befohlen, daß ihr Thron oͤffentlich aufgeſtellt werde, unter einem reichen Baldachin von Goldbrokat in einem großen und glaͤnzenden Saale. Hier erwarteten der Koͤnig und die Koͤnigin ſeine Ankunft, ſitzend in ihrer koͤniglichen Pracht, den Prinzen Juan an ihrer Seite, von den Großwuͤrdentraͤgern ihres Hofes, und von dem erſten Adel aus Caſtilien, Palencia, Catalonien und Arragon umgeben, alle mit Ungeduld des Augenblicks harrend, den Mann zu ſehen, der eine ſo unberechenbare Wohlthat auf die Nation gehaͤuft hatte. Endlich trat er herein, in der Mitte einer glaͤnzenden Schaar von Rittern, aus denen er, ſagt Las Caſas, mit einer kraͤftigen, ehr⸗ furchtgebietenden Geſtalt hervorragte, und ſeine ausdrucks⸗ vollen Zuͤge, von dem grauen Haupte noch ehrwuͤrdiger ge⸗ macht, gaben ihm das erlauchte Anſehen eines roͤmiſchen Senators; ein beſcheidnes Laͤcheln ſchwebte uͤber ſeinen Mie⸗ nen und zeigte, daß er ſich der Pracht und Glorie freue, worin er daher zog;*) gewiß, nichts konnte auf ein von edlem Ehrgeiz entflammtes Gemuͤth, welches ſich der großen Dienſte wohl bewußt war, maͤchtiger wirken, als dieſe Be⸗ weiſe der Bewunderung und Dankbarkeit einer ganzen Na⸗ tion, oder vielmehr einer Welt. Als Columbus ſich dem Throne nahete, ſtanden die Herrſcher auf, als empfingen ſie eine Perſon vom hoͤchſten Range. Er beugte die Kniee ) Tas Casas hist. Ind. I. I, c. 78. MS. und verlangte ihre Haͤnde zu kuͤſſen; dieſes Zeichen der Va⸗ ſallenſchaft ward jedoch von den Souverainen nur nach eini⸗ ger Zoͤgerung zugelaſſen. Sie erhoben ihn auf die gnaͤdigſte Weiſe und befahlen ihm, ſich in ihrer Gegenwart niederzu⸗ ſetzen; eine ſeltne Ehre bei dieſem ſtolzen und ceremoniellen Hofe.*) Aufgefordert von Ihren Majeſtaͤten gab nun Columbus einen Bericht von den wichtigſten Ereigniſſen ſeiner Reiſe und eine Beſchreibung der Inſeln, die er entdeckt hatte. Er legte die Gegenſtaͤnde aus, die er mitgebracht, die unbe⸗ kannten Voͤgel und andere Thierarten, die ſeltnen Pflanzen von mediciniſchen und aromatiſchen Eigenſchaften, das klare Gold in Koͤrnern und rohen Stuͤcken, und anderes zum Schmuck der Wilden verarbeitet; vor allem aber zeigte er die Eingebornen jener Laͤnder, welche Gegenſtand großer unerſchoͤpflicher Wißbegierde wurden, da fuͤr den Menſchen nichts ſo anziehend iſt, als die Verſchiedenheit ſeiner eignen Gattung. Alles das nannte er nur die Vorboten groͤßerer Entdeckungen, welche er noch zu machen habe, welche Koͤ⸗ nigreiche mit unendlichen Schaͤtzen den Beſitzungen Ihrer Majeſtaͤten hinzufuͤgen und ganze Voͤlkerſchaften zu Beken⸗ nern des wahren Glaubens machen wuͤrden. Das Herrſcherpaar hoͤrte die Rede des Columbus mit tiefer Ruͤhrung an. Wie er damit zu Ende war, ſanken *) Las Casas, hist. Ind. I. I, c. 78. Hist. del Al- mirante, cap. 81. — 362— ſie auf die Kniee, erhoben die gefalteten Haͤnde gen Him⸗ mel und brachten unter Thraͤnen des Dankes und der Freude Gott Lob und Preis fuͤr ſeine unendliche Gnade; alle An⸗ weſenden folgten ihrem Beiſpiel, eine tief andaͤchtige Begei⸗ ſterung ergriff die glaͤnzende Verſammlung und verhinderte den lauten Ausbruch des Jubels. Der Wechſelgeſang des Te Deum laudamus, von dem Chor der koͤniglichen Ka⸗ pelle geſungen und von den Kammerſaͤngern mit melodiſchen Stimmen beantwortet, ſtieg aus ihrer Mitte als ein heh⸗ rer Leib geweihter Harmonieen empor, er trug die Gefuͤhle und Gedanken der Hoͤrer gen Himmel,„ſo daß es ſchien,“ ſagt der ehrwuͤrdige Las Caſas,„als ob ſie in dieſer Stunde der Freuden der Seligen theilhaftig geweſen.“ Dieſes war die feierliche und fromme Erhebung, mit welcher der er⸗ lauchte Hof von Spanien das erhabne Ereigniß feierte, in⸗ dem er ein wohlgefaͤlliges Opfer von Toͤnen und Dankgebe⸗ ten brachie und Gott die Ehre gab fuͤr die Entdeckung ei⸗ ner neuen Welt. Columbus zog ſich nun aus der koͤniglichen Gegenwart zuruͤck, und wurde von dem ganzen Hofe und von einem jubelnden Volksgedraͤnge nach ſeinem Quartier begleitet. Mehrere Tage war er Gegenſtand der allgemeinen Neugierde, und wo er ſich zeigte, erſchien er von einer bewundernden Menge umgeben. Waͤhrend die Seele des Columbus in glorreichen Entwuͤrfen ſchwelgte, vergaß er nicht jenen from⸗ men Plan zur Befreiung des heiligen Grabes. Es wurde fruͤher gezeigt, wie er ihn den Regenten von Spanien zu der Zeit vortrug, als er zuerſt ſeine Entwuͤrfe vorlegte, ———— — 363— wo er ihn den großen Gegenſtand nannte, der durch die Segnungen ſeines Unternehmens ſollte bezielt werden. Be⸗ feuert von dem Gedanken an die umfaſſenden Gluͤcksguͤter, die ihm ſelbſt nun zuwachſen ſollten, that er ein Geluͤbde, binnen ſieben Jahren ein Heer von viertauſend Reitern und funfzigtauſend Fußgaͤngern, und eine gleiche Macht in den naͤchſten fuͤnf Jahren zum Zweck der Befreiung des hei⸗ ligen Grabes zuſammenzubringen. Dieſes Geluͤbde war in einem ſeiner Schreiben an die ſpaniſchen Souveraine nieder⸗ gelegt, worauf er ſich oͤfters bezieht, welches aber nicht mehr exiſtirt, und wovon auch nicht bekannt iſt, ob es am Schluß ſeiner erſten Reiſe oder bei einer ſpaͤteren Gelegen⸗ heit geſchrieben wurde, als der Umfang und die Reichthuͤ⸗ mer ſeiner Entdeckungen ſich mehr uͤberſehen lleßen. Er ſpielt in ſeinen hinterlaſſenen Schriften oͤfters darauf an, und bezieht ſich ausdruͤcklich darauf in einem Briefe, den er im Jahr 1502 an den Pabſt Alexander VI. ſchrieb, und worin er ſich wegen der Nichterfuͤllung rechtfertigt. Es iſt zum vollen Verſtaͤndniß des Charakters und der Motive des Columbus erforderlich, dieſes weitausſehende und traͤu⸗ meriſche Project wohl im Gedaͤchtniß zu behalten. Man wird finden, daß es in ſeiner Seele mit dem Unternehmen der Entdeckung eng verflochten war, und ein heiliger Kreuz⸗ zug der Gipfel der erhabenen Endzwecke ſeyn ſollte, zu wel⸗ chen ihn der Himmel als Fuͤhrer erleſen habe. Es zeigt, wie ſehr ſeine Seele uͤber ſelbſtiſche und gewinnſuͤchtige Ent⸗ wuͤrfe erhaben, und wie ſie nur erfuͤllt war mit jenen from⸗ ¹ — 364— men und heldenmaͤßigen Entſchließungen, welche in der Zeit der Kreuzzuͤge die Gedanken der tapferſten Krieger und er⸗ lauchteſten Herrſcher entflammten und ihre Unternehmungen leiteten. Siebentes Kapitel. — Aufenthalt des Columbus in Barcelona. Auszeicha nung von Seiten der Regenten und des Hofes. (1493.) Die Freude über dieſe große Entbeckung beſchränkte ſich nicht auf Spanien. Die Nachricht davon verbreitete fich in die Naͤhe und Ferne durch Geſandtſchaften, Briefe von Ge⸗ lehrten, Verbindungen der Kaufleute und Erzaͤhlungen der Reiſenden. Allegretto Allegretti, ein gleichzeitiger Schrift⸗ ſteller, meldet das Ereigniß in ſeinen Annalen von Siena im Jahr 1493, wie es eben dieſem Hofe durch Briefe von dortigen, in Spanien anweſenden Kaufleuten angezeigt wurde.*) Die Neuigkeit gelangte nach Genua durch die * Diarj Senesi de Allegr. Allegretti. Muratori Ital. Script. t. 23. — 365— Ruͤckkehr der Geſandten dieſer Stadt, Francesco Marcheſi und Antonio Grimaldi, und wurde unter die glorreichen Ereigniſſe dieſes Jahres verzeichnet.“) Die Republik mag vielleicht die Gelegenheit, ſich die Entdeckung zuzuwenden, durch Nichtachtung verſcherzt haben, doch war ſie nachmals immer ſtolz auf die Ehre, das Vaterland des Entdeckers zu ſeyn. Sebaſtian Cabot erzaͤhlt, er ſey grade in London geweſen, als die Nachricht von der Entdeckung dort ange⸗ langt ſey; ſie habe großes Aufſehen und Bewunderung am Hofe Heinrichs VII. erregt, indem man geaͤußert,„dieſe Sache ſey mehr goͤttlicher als menſchlicher Natur.“**) Die ganze civiliſirte Welt war in der That von Bewun⸗ derung und Entzuͤcken erfuͤllt. Jedermann betrachtete es als ein Ereigniß, bei welchem er ſelbſt mehr oder minder betheiligt ſey, und welches ein neues unbegraͤnztes Feld der Unterſuchung und Erwerbung oͤffne. Von der graͤnzenloſen Freude der Gelehrten damaliger Zeit beſitzen wir ein Zeug⸗ niß in einem Briefe des Peter Martyr an ſeinen Freund Pomponius Laͤtus.„Ihr ſagt, mein geliebter Pomponius,“ ſo ſchreibt er,„daß Ihr vor Entzuͤcken in die Hoͤhe ſpran⸗ get und Euch die Freude Thraͤnen hervorlockte, als Ihr meine Briefe geleſen, die Euch von der vordem verſchloſſe⸗ ner Welt der Antipoden ſichere Kunde gaben. Ihr habt gefuͤhlt und gethan, wie es einem Mann von ſo ausgezeich⸗ *) Foglieta istoria di Genova, d. 2. *) Hackluyt, collect, voyages, p. 7. — 366— netem Wiſſen ziemte. Welche koͤſtlichere Nahrung mag wohl für ein ſtrebendes Gemuͤth gefunden werden, als dieſe Nach⸗ richt? Ich fuͤhle eine wahre Gluͤckſeligkeit des Geiſtes, wenn ich mich mit den geſcheuteſten jener Leute unterhalte, die aus dieſen Welttheilen zuruͤckgekommen ſind. Mir iſt wie einem Armen zu Muthe, dem ſich reiche Schatzkammern oͤffnen. Unſere Seelen, mit Laſtern befleckt, fuͤhlen ſich er⸗ hoben, wenn ſie ſich der Betrachtung ſo glorreicher Erfolge hingeben.“*) Ungeachtet alles dieſes Frohlockens wurde doch Niemand die eigentlichen Vortheile dieſer Entdeckung gewahr. Nie⸗ mand hatte einen Begriff davon, daß dieſes ein ganz neuer Welttheil ſey, den die Meere von der alten Welt trennen. Allgemein war die Meinung des Columbus angenommen, daß Cuba das Ende des aſiatiſchen Feſtlandes waͤre und daß die umliegenden Inſeln in den indiſchen Gewaͤſſern laͤgen. Dieſes yarmonirte mit den fruͤher erwaͤhnten Anſichten des Alterthums uͤber die maͤßige Entfernung Spaniens von dem aͤußerſten Ende Indiens, wenn man in weſtlicher Rich⸗ tung ſegele. Die Papagayen ſchienen auch denen zu glei⸗ chen, von welchen Plinius ſagt, daß ſie in den entlegenen Laͤndern Aſiens in Menge angetroffen wuͤrden. Darum nannte man auch die Laͤnder, welche Columbus beſucht hatte, Weſt⸗Indien, und da er in eine große Region von unent⸗ deckten Laͤndern eingedrungen zu ſeyn ſchien, ſo bekam das Ganze die umfaſſende Benennung:„die neue Welt,⸗ ») Briefe des Peter Martyr, 1. 53. — 367— Waͤhrend ſeines ganzen Aufenthaltes in Barcelona er⸗ griffen die beiden Herrſcher jede Gelegenheit, um Columbus perſoͤnliche Zeichen ihrer hohen Gunſt zu geben. Er hatte zu jeder Zeit Zutritt bei ihnen und die Koͤnigin liebte es, ſich mit ihm uͤber ſeine Unternehmungen zu unterhalten. Der Koͤnig zeigte ſich dann und wann zu Pferde, den Prinzen Juan an der einen Seite und Columbus an der anderen. Um in ſeiner Familie den Ruhm ſeiner Thaten fortdauern zu laſſen, wurde ihm ein Wappen ertheilt, wel⸗ ches die koͤniglichen Schilder von Caſtilien und Leon mit dem zu dieſer Entdeckung erfundenen Emblem einer Inſel⸗ gruppe von Wellen umgeben, zeigte. Dieſes Wappen er⸗ hielt ſpaͤter die Deviſe: Por Castilla y por Leon Nuevo Mundo hallo' Colon. Für Caſtilien und Leon Fand eine neue Welt Colon. Das Jahrgeld von dreißig Kronen,*) welches von den Souverainen dem zugeſagt war, welcher auf dieſer erſten Fahrt das Land zuerſt erblicken wuͤrde, erhielt Columbus zugeſprochen, als derjenige, welcher zuerſt das Licht an der Kuͤſte geſehen hatte. Es wird behauptet, daß der Matroſe, welcher das wirkliche Land verkuͤndete, ſo aͤrgerlich ward *) Im Goldwerth von neun und dreißig Dollars und im Werth von hundert und ſiebzehn Dollars beutiger Zeit. uͤber das vermeintliche Vorenthalten der ihm gebuͤhrenden Belohnung, daß er ſein Land und ſeinen Glauben verließ, nach Afrika ging und ein Muſelmann wurde; eine Anecdote, die auf der Glaubwuͤrdigkeit Oviedo's*) beruht, welcher aͤußerſt unzuverlaͤſſig in der Erzaͤhlung dieſer Reiſe iſt und viele falſche Behauptungen von den Feinden des Admirals aufgenommen hat. 3 Es mag beim erſten Anblick wenig mit der anerkannten Großmuth des Columbus uͤbereinſtimmend befunden werden, daß er dem armen Matroſen dieſe Belohnung entzog; aber es war dieß ein Gegenſtand, wobei ſein ganzer Stolz im Spiel war und er ohne Zweifel mit der Ehre geizte, nicht allein der Unternehmer der Entdeckung, ſondern auch per⸗ ſoͤnlich der Entdecker zu ſeyn. Naͤchſt der Gnade des Koͤnigspaares war fuͤr ihn die Gunſt wichtig, welche er bei Pedro Gonzalez de Mendoza, dem Groß⸗Cardinal von Spanien und erſten Wuͤrdentraͤger des Reiches fand, bei einem Manne, deſſen großartiger Charakter, Froͤmmigkeit, Gelehrſamkeit und wahrhaft fuͤrſt⸗ liche Eigenſchaften ſeiner Gunſt einen großen innerlichen Werth gaben. Er lud Columbus zu einem Bankett ein, wo er ihm den Chrenplatz anwies und ihn mit Foͤrmlich⸗ keiten bedienen ließ, wie ſie in dieſem ceremoniellen Zeit⸗ alter nur Souverainen gebuͤhrten. Bei dieſer Mahlzeit ſoll die wohlbekannte Anecdote mit dem Ei vorgefallen ſeyn. *) Oviedo cronica de las Indias, I. II. c. 5. 1 — 369— Ein flacher Hoͤfling, den die vielen auf Columbus gehaͤuften Ehren aͤrgerten und der ihm als Fremden noch mißgünſtiger war, fragte ihn gradezu, ob er denn glaube, wenn Indien nicht von ihm entdeckt worden, daß es keine anderen Leute gebe, die dieſer unternehmung faͤhig waͤren. Hierauf gab ihm Columbus keine Antwort, ſondern er nahm ein Ei und lud die Geſellſchaft zu dem Kunſtſtuͤck ein, es auf die Spitze zu ſtellen. Jeder verſuchte es, aber vergeblich; da nahm Columbus das Ei und ſtieß es mit der Spitze auf den Tiſch, daß es mit dem zerbrochenen Ende feſtſtand, und be⸗ wies auf dieſe einfache Art, daß, nachdem er einmal den Weg nach der neuen Welt gezeigt, nichts leichter ſey, als dieſem Wege zu folgen.) e Die Gunſt, womit die Herrſcher ihn begnadigten, ver⸗ ſicherte ihn auf eine Zeit lang der Artigkeit des Adels; denn an einem Hofe wetteifert einer mit dem andern, den Mann mit Aufmerkſamkeiten zu uͤberſchuͤtten,„den des Koͤnigs Majeſtaͤt auszuzeichnen geruhen.“ Er ertrug alle dieſe Schmeicheleien und Begünſtigungen mit gebuhrender ———ʒ——— *) Dieſe Anecdote beruht auf der Autorität des italieniſchen Geſchichtſchreibers Benzoni(I. I. p. 12. ed. Venet 1472.) Man hat ſie als trivial verworfen, aber die Einfalt des Vorwurfs machte ihre Strenge aus, und ſie iſt für die praktiſche Schlauheit des Columbus charakteriſtiſch, Die Aligemeinheit dieſer Anekdote mag eine Probe für ihren Werth ſeyn. S. 4= Irving's Columbus. 1—3, 24 — 370— Beſcheidenheit, obgleich fuͤr ihn eine ſtolze Genugthuung in dem Gedanken liegen mochte, daß er alles dieß der Nation durch ſeinen Muth und ſeine Beharrlichkeit im eigentlichen Sinn abgetrotzt hatte. Kaum konnte man in dem Manne, der nun der Genoſſe der Fuͤrſten, der Gegenſtand allgemei⸗ ner Bewunderung und Verehrung war, den unbekannten Fremdling wiedererkennen, welcher noch kurze Zeit vorher die Zielſcheibe des Spottes und der Witzeleien an demſelben Hofe geweſen, indem ihn die einen als einen Abenteurer verlachten, die anderen mit Fingern als einen Wahnſinnigen bezeichneten. Diejenigen, welche ihn waͤhrend ſeiner langen Bewerbung mit Schmach behandelt hatten, ſuchten nun die Erinnerung daran durch Schmeicheleien zu verwiſchen. Alle, die ihn mit hochmuͤthiger Protectionsmiene behandelt oder ihm ein hoͤfiſches Laͤcheln gegoͤnnt hatten, gaben ſich jetzt die Miene, als waͤren ſie ſeine Beſchuͤtzer geweſen und als habe man auch ihren Bemuhungen die Entdeckung der neuen Welt zu verdanken. Kaum einer der großen Maͤnner am Hofe jedoch iſt von den Biographen des Columbus unter ſeinen Wohlthaͤtern aufgezeichnet; und natuͤrlich, denn waͤre ihm nur der zehnte Theil dieſer geruͤhmten Goͤnnerſchaften wirklich zu Theil geworden, ſo wuͤrde er nicht um eine Ausruͤſtung von drei Caravelen ſieben Jahre muͤhſelig haben ſollicitiven duͤrfen. Columhus kannte wohl die Schwaͤchen jenes angeblichen Schutzes der Großen. Die einzigen Goͤn⸗ 3 ner, von denen er mit Dankbarkeit in ſeinen hinterlaſſenen Briefen bemerkt, daß ſie bei ſeiner Sache wahrhaft eifrig und von Einfluß geweſen, ſind ſeine beiden wuͤrdigen — 371— Freunde, Diego de Deza, nachmals Biſchof von Palencia und Sevilla, und Juan Perez, Prior des Kloſters La Rabida. Auf ſolche Weiſe geehrt von ſeinen Souverainen, ange⸗ ſchmeichelt von den Großen, vergoͤttert vom Volke, ſchluͤrfte Columbus den Honigſeim der allgemeinen Gunſt, bis Haß und Verlaͤumdung Zeit gewannen, die Suͤßigkeit mit bittrer Arznei zu miſchen. Seine Entdeckung brach mit ſo ploͤtz⸗ lichem Glanze uͤber die Welt hervor, daß ſie ſelbſt den Neid blendete und den lauten Beifall der ganzen Menſchheit gewann. Es waͤre gut zur Ehre der menſchlichen Natur, wenn die Geſchichte gleich dem Roman mit der Erfuͤllung der Wuͤnſche des Helden ſchließen koͤnnte; dann wuͤrden wir Columbus in dem vollen Genuß eines großen wohlverdien⸗ ten Gluͤckes verlaſſen. Aber ſein Leben war dazu beſtimmt, einen neuen Beweis, wenn es deſſen noch bedurfte, von der Unbeſtaͤndigkeit der oöͤffentlichen Gunſt zu geben, ſelbſt wo dieſe durch ausgezeichnete Dienſte gewonnen wurde. Keine Groͤße iſt jemals durch unbeſtreitbarere, unzweideutigere und hoͤhere Verdienſte um die Menſchheit erworben worden, aber keine zog ihrem Beſitzer unerbittlichere Eiferſucht und Verlaͤumdung zu oder verwickelte ihn in unverdienteres Ungluͤck und Bedraͤngniſſe. So geht es mit dem ſtrahlen⸗ den Verdienſte: grade ſein Glanz reizt die grollenden Lei⸗ denſchaften niedriger und kriechender Seelen, die nur zu oſt augenblicklichen Einfluß beſitzen, um ihn der Welt zu 24* — 372— verdunkeln; gleichwie die Sonne, wenn ſie mit vollem Glanz am Himmel aufgeht, durch die Waͤrme ihrer Strahlen die ſchlechten, ſchaͤdlichen Duͤnſte aufzieht, die eine Zeit lang ihren Ruhm umwoͤlken. Achtes Kapitel. Päpſtliche Bulle der Theilung. Vorkehrungen zu einer zweiten Reiſe des Columbus. (1493.) In dem Gebraͤnge der Luſtbarkeiten verloren die ſpani⸗ ſchen Herrſcher keine Zeit, jede Maßregel zu ergreifen, die zur Sicherung ihrer neuen Erwerbung dienen konnte. Wenn man gleich die Vermuthung unterhielt, daß die ſo eben ent⸗ deckten Laͤnder ein Theil der Reiche des Groß⸗Chans und anderer morgenlaͤndiſchen Fuͤrſten ſeyen, die in der Civiltee⸗ ſation ſchon bedeutende Fortſchritte gemacht haͤtten, ſo ſcheint auf Seiten Ihrer katholiſchen Majeſtaͤten doch nicht der min⸗ deſte Zweifel obgewaltet zu haben, daß ſie zu der Beſitz⸗ nahme berechtigt ſeyen. Waͤhrend der Kreuzzuͤge hatte ſich unter den chriſtlichen Fuͤrſten eine ihren ehrgeizigen Plänen — 373— außerſt guͤnſtige Lehre feſtgeſtellt. Nach dieſer Doctrin wa⸗ ren ſie berechtigt, die Laͤnder aller unglaͤubigen Nationen mit Krieg zu uͤberziehen, zu verheeren und von ihnen Beſitz zu nehmen, alles unter dem Vorwande, die Feinde Chriſti zu uͤberwaͤltigen und das Reich ſeiner heiligen Kirche auf Erden zu verbreiten. In Uebereinſtimmung mit dieſer Lehre hielt man den Papſt, nach ſeiner Obergewalt uͤber die weltlichen Dinge fuͤr ermaͤchtigt, uͤber alle heidniſche Laͤn⸗ der zu Gunſten ſolcher frommen Fuͤrſten zu verfuͤgen, die ſich anheiſchig machten, ſie unter die Herrſchaft der Kirche zu bringen und den rechten Glauben bei ihren umnachteten Bewohnern auszubreiten. Kraft dieſer Gewalt hatte Papſt Martin V. und ſeine Nachfolger der Krone Portugal alle Laͤnder zugeſprochen, welche dieſelbe vom Cap Bojador bis nach Indien entdecken wuͤrde, und Ihre katholiſche Maje⸗ ſtaͤten hatten in einem mit dem portugieſiſchen Monarchen im Jahre 1479 abgeſchloſſenen Staatsvertrage ſich verbind⸗ lich gemacht, die alſo erworbenen Territorialrechte zu reſpectiren. Dieſer Vertrag war es, auf welchen Johann II. anſpielte, als er mit Columbus jene Unterredung hielt, in welcher er ſeine Anſpruͤche auf die neuentdeckte Welt zu wahren beabſichtigte. Bei der erſten Nachricht, welche die Souveraine von dem Admiral uͤber den gluͤcklichen Erfolg ſeiner Sendung er⸗ hielten, gebrauchten ſie ſogleich die Vorſicht, ihrer Entde⸗ ckung die Sanction des Papſtes zu ſichern. Alexander VI. hatte erſt juͤngſt den heiligen Stuhl beſtiegen, ein Papſt, den die Hiſtoriker mit jedem Laſter und Verbrechen, die die Menſchheit entehren, gebrandmarkt haben, aber den alle als ausnehmend feſt und klug darſtellen. Er war ein geborner Valencianer, und da er alſo ein Unterthan der Krone von Arragonien geweſen, konnte man vermuthen, daß er fuͤr Ferdinand guͤnſtig geſtimmt ſey; aber in manchen dortigen Fragen hat er nicht grade die herzlichſte Zuneigung fuͤr dieſe Seine katholiſche Majeſtaͤt bewieſen. Immer war Ferdinand vor ſeinem weltlichen und hinterliſtigen Charakter auf der Hut und bemuͤhte ſich ihn in dieſer Hinſicht wo er konnte zu gewinnen. Er ſchickte demgemaͤß Geſandte an den roͤmiſchen Hof ab, und kuͤndigte die neue Entdeckung als einen außerordentlichen Triumph des Glaubens an, in⸗ dem er die große Verherrlichung und den Gewinn ausein⸗ anderſetzte, der von der Ausbreitung des Chriſtenthums durch die weiten Heidenlaͤnder auf die Kirche uͤberfließen werde. Man gab ſich ferner Muͤhe, außer Zweifel zu ſetzen, daß die gegenwaͤrtige Entdeckung nicht im mindeſten die von dem heiligen Stuhl der Krone Portugal ertheilten Beſitzungen gefährde, welches man ſorgfaͤltig vermieden habe. Ferdinand, der mindeſtens ein eben ſo ſchlauer Politiker als frommer Regent war, ließ zugleich dem Papſt einen Wink geben, welcher ihn verſichern moͤchte, daß die Krone Spanien auf alle Faͤlle dieſe wichtigen Erwerbungen zu behaupten geſonnen ſey. Seine Geſandte waren inſtruirt, zu aͤußern, daß viele gelehrte Maͤnner behauptet haͤtten, dieſe neuent⸗ deckten Laͤnder beduͤrften, nachdem ſie von Ihren katholiſchen Majeſtaͤten einmal in Beſitz genommen ſeyen, zu deſſen bleibender Beſtaͤtigung nicht mehr der paͤpſtlichen Sanction; — 375— indeſſen als fromme Regenten, dem Regimente der Kirche gehorſam, baͤten Sie Seine Heiligkeit, eine Bulle zu er⸗ laſſen, welche dieſe Erwerbung und andre noch zu machende Entdeckungen der Krone von Caſtilien zuſichere. Die Nachricht von der Entdeckung verſetzte den roͤmiſchen Hof wirklich in kein geringes Erſtaunen und Entzuͤcken. Die ſpaniſchen Herrſcher hatten ſich durch den Krieg gegen die Mauren in Spanien, der in dem Lichte eines frommen Kreuzzuges erſchien, bereits zu hoher Achtung in den Augen der Kirche erhoben; und wenn ſie auch reichlich belohnt wurden durch die Erwerbung des Koͤnigreichs Granada, ſo hielt man doch die ganze Chriſtenheit deßhalb zum Danke gegen ſie verpflichtet. Die gegenwaͤrtige Entdeckung war ein viel groͤßeres Werk, es war die Erfuͤllung einer der erhabenen Verheißungen der Kirche; denn ihr waren ver⸗ ſprochen:„die Heiden zum Erbtheil und die aͤußerſten Enden der Erde zum Eigenthum.“ Man machte daher keine Schwiesrigkeiten, zu gewaͤhren, was als ein beſcheidenes Verlangen fuͤr einen ſo wichtigen Dienſt angeſehen werden konnte; doch iſt vorauszuſetzen, daß die Genehmigung des weltlich geſinnten Papſtes nicht minder durch jene Inſinua⸗ tionen des ſtaatsklugen Monarchen beſchleunigt wurden. Es erſchien demgemaͤß eine Bulle, datirt vom 2. Mai 1493, welche dem ſpaniſchen Herrſcherpaare die nämlichen Rechte, Privilegien und Beguͤnſtigungen hinſichtlich der neu⸗ entdeckten Regionen ertheilte, wie den Portugieſen bei ihren afrikaniſchen Entdeckungen, jedoch unter derſelben Bedingung der Einfuͤhrung und Verbreitung des chriſtlich⸗katholiſchen — 376— Glaubens. Um indeſſen allen ſtreitigen Intereſſen zwiſchen den beiden Maͤchten in dem weiten Felde ihrer Entdeckun⸗ gen vorzubeugen, erging am folgenden Tage eine zweite Bulle, welche die beruͤhmte Demarcationslinie feſtſetzte, wo⸗ durch ihre beiderſeitigen Territorien unzweideutig und für immer beſtimmt ſeyn ſollten. Dieſes war eine auf der Landkarte von einem Pol zum andern gezogene Linie hun⸗ dert Seemeilen weſtlich von den Azoren und den Cap⸗Ver⸗ diſchen Inſeln. Alles Land, welches von den ſpaniſchen Seefahrern weſtlich von dieſer Linie entdeckt und von irgend einer chriſtlichen Macht nicht vor den verfloſſenen Weih⸗ nachten ſchon in Beſitz genommen worden, ſollte der ſpani⸗ ſchen Krone eignen; dagegen alles Land in entgegengeſetzter Richtung Portugal angehoͤren ſollte. Es ſcheint dem Papſte niemals eingefallen zu ſeyn, daß beide, indem ſie ihre aus⸗ 5 einanderfuͤhrende Bahnen der Entdeckung verfolgten, der⸗ einſt einmal wieder in Colliſion gerathen und die Frage der Territorialherrſchaft bei den Antipoden erneuern konnten. In der Zwiſchenzeit wurden, ohne die Sanction der roͤmiſchen Curie abzuwarten, in Spanien die groͤßten Zu⸗ ruͤſtungen zu einer zweiten Expedition von den Monarchen betrieben. Um einen geregelten und beſchleunigten Geſchaͤfts⸗ gang fuͤr die Angelegenheiten der neuen Welt zu gewinnen, ſtellte man dieſelben unter die Oberleitung des Juan Rodri⸗ guez de Fonſeca, Archidiaconus von Sevilla, der ſich all⸗ maͤhlig zu den Bisthuͤmern von Bajadoz, Palenzia und Burgos aufſchwang und zuletzt Patriarch von Indien wurde. Er war ein Mann von Familie und Einfluß; ſeine Bruͤder — 377— Alonzo und Antonio waren Senjors oder Herren von Coca und Alacyos, und der letztere General⸗Controleur von Ca⸗ ſtilien. Juan Rodriguez de Fonſeca wird von Las Caſas als ein Weltmann geſchildert, mehr zu zeitlichen als zu geiſtlichen Dingen geſchickt, und zu dem unruhigen Amte, Armada's auszuruͤſten und zu bemannen, ganz geeignet. Der hohen geiſtlichen Wuͤrden ungeachtet, zu welchen er emporſtieg, ſchien man ſeine weltlichen Functionen nie mit dieſen heiligen Aemtern unvertraͤglich zu halten. Indem er ſich einer beſtaͤndigen, wiewohl unverdienten Gunſt ſeiner Gebieter erfreute, verwaltete er die Controle der indiſchen Angelegenheiten ungefaͤhr dreißig Jahre. Er muß wohl ohne Zweifel Talente als Geſchaͤftsmann beſeſſen haben, die ihm dieſe Dauer der Oberverwaltung ſicherten; aber er war heimtuͤckiſch und rachſuͤchtig, und in den Genugthuungen die er ſich perſoͤnlich verſchaffte, haͤufte er nicht allein Unrecht und Kraͤnkung auf die ausgezeichnetſten unter den erſten Entdeckern, ſondern er hemmte auch nicht ſelten die Fort⸗ ſchritte ihrer Unternehmungen zum großen Schaden der Krone. Solches war er im Stande, ganz im Stillen und durch ſeine oͤffentliche Stellung geſichert, zu veruͤben. Auf ſein hinterliſtiges Benehmen ſpielen verſchiedentlich, doch in vorſichtigen Ausdruͤcken gleichzeitige Schriftſteller von Ge⸗ wicht und Glauben an, wie der Pfarrer von Los Palacios und der Biſchof Las Caſas; man ſieht es deutlich, daß ſie ſich fuͤrchteten, die ganze Fuͤlle ihrer Empfindungen aus⸗ zuſprechen. Spaͤtere ſpaniſche Schriftſteller, ſtets mehr oder minder durch geiſtliche Oberaufſicht bewacht, haben gleich⸗ — 378— falls zu glimpflich uͤber dieſen niedriggeſinnten Mann ge⸗ urtheilt. Er dient zum warnenden Beiſpiele, als einer jener tuͤckiſchen Staatsmaͤnner, die oft wie der Wurm an der Wurzel wuͤrdiger Unternehmungen liegen, mit ihrem un⸗ geſehenen Einfluß die Fruͤchte ruhmwuͤrdiger Handlungen verderben und die Hoffnungen der Nation vereitlen. Um Fonſeca in ſeinem Dienſt zu unterſtuͤtzen, wurde ihm Francisco Pinelo als Schatzmeiſter und Juan de So⸗ ria als Oberzahlmeiſter oder Controleur beigegeben. Ihre Aemter fuͤr die Geſchaͤfte Indiens waren auf Sevilla fixirt; dabei dehnten ſie ihre Wachſamkeit auf Cadiz aus, wo ein Hall⸗Amt fuͤr die neue Straße der Schiffahrt errichtet wurde. Es legte den Grund zu dem Koͤniglichen Indiſchen Hauſe, welches ſich nachmals zu ſo großer Macht und Wich⸗ tigkeit erhob. Ein gegenuͤberſtehendes Amt wurde in His⸗ paniola unter der Leitung des Admirals begruͤndet. Dieſe Aemter waren dazu beſtimmt, die Regiſter von der Ladung, Mannſchaft und Munition jedes Schiffes, die von mitſchif⸗ fenden Rechnungsfuͤhrern ausgefertigt wurden, zu conſtati⸗ ren. Alle auf ſolche Art angeſtellte Perſonen waren den beiden General⸗Controleurs, als Oberbeamten der Kron⸗ revenuen verantwortlich, indem die Regierung alle Koſten der Coloniſation tragen wollte und dafuͤr auch allen Vor⸗ theil und Gewinn zu ziehen beabſichtigte. 1 Die kleinlichſten und ſchaͤrfſten Berichte mußten uͤber alle Koſten und Ertraͤgniſſe gefuͤhrt werden, und die wach⸗ ſamſte Vorſicht wurde bei den zu den Angelegenheiten der neuentdeckten Laͤnder gebrauchten Perſonen beobachtet. Nie⸗ — 379— mand durfte hinuͤber gehen, um Handel zu treiben oder eine Niederlaſſung zu gruͤnden, ohne ausdruͤckliche Erlaub⸗ niß von der Krone, von Columbus oder von Fonſeca, und es waren auf die Uebertretung die ſchwerſten Strafen ge⸗ ſetzt. Man hat die Unwiſſenheit des Zeitalters in Grund⸗ ſätzen des Handels und Verkehrs, ſowie das Beiſpiel Por⸗ tugals in den afrikaniſchen Beſitzungen angefuͤhrt, um den auf ſolche Weiſe an den Tag gelegten engherzigen und eifer⸗ ſuͤchtigen Geiſt der Regierung zu entſchuldigen, aber dieſer Geiſt hat mehr oder minder immer in der Politik Spaniens bei der Verwaltung ihrer Colonien ſeinen Einfluß geuͤbt. Einen anderen Beweis von der despotiſchen Herrſchaft, welche die Krone uͤber den Handel ausuͤbte, liefert eine koͤnigliche Verordnung, daß alle Schiffe in den Haͤfen von Andaluſien ſich bereit halten muͤßten, um zu dieſer Expedition gebraucht zu werden. Columbus und Fonſeca wurden ermaͤchtigt, alle Schiffe zu miethen oder zu kaufen, die ſie fuͤr die Expedi⸗ tion tauglich hielten, und ſie mit Gewalt zu nehmen, im Fall man ſich widerſetzen ſollte, ſelbſt wenn die Fahrzeuge ſchon von anderen Leuten in Beſchlag genommen waͤren, dafür aber den ihnen billig erſcheinenden Preis zu bezahlen. Sie wurden ferner authoriſirt, die noͤthigen Proviſionen, Waffen und Ammunition aus allen Oertern oder Schiffen an ſich zu bringen, wo ſie ſich vorfinden wuͤrden, und da⸗ fuͤr einen ordentlichen Preis an die Eigenthuͤmer zu ent⸗ richten; auch ſollten ſie nicht allein Matroſen, ſondern auch Officiere, in welchem Rang und in welchen Verhaͤltniſſen ſie auch angetroffen wuͤrden, wenn ſie dieſelben fuͤr den — 380— Dienſt noͤthig faͤnden, mit guter Bezahlung und Gage in den Dienſt der Flotte nehmen. Die Civilbehoͤrden und Leute von jedem Rang und Stand wurden aufgerufen, alle er⸗ forderliche Huͤlfe zur Ausruͤſtung des Geſchwaders zu leiſten, und vor Erhebung von Anſtaͤnden unter Androhung der Caſſation und Conſiscirung ihres Vermoͤgens gewarnt. Um fuͤr die Koſten der Expedition Sorge zu tragen, wurden die koͤniglichen Revenuen aus zwei Drittheilen des Kirchen⸗ zehnten dem Pinelo zur Verfuͤgung geſtellt; weitere Gelder floſſen aus unſeliger Quelle zu, es war der Ertrag von Juwelen und anderen koſtbaren Gegenſtaͤnden, das dem Ficus anheimgefallene Eigenthum der ungluͤcklichen Juden, die in Folge eines verfolgungsſuͤchtigen Edictes vom ver⸗ floſſenen Jahre aus dem Koͤnigreich verbannt wurden. Weil dieſe Huͤlfsquellen noch nicht zureichten, ſo erhielt Pinelo den Auftrag, die fehlenden Summen mittelſt eines Anlehens herbeizuſchaffen. Es wurden auch Requiſitionen von Pro⸗ viant aller Art, ſowie von Geſchuͤtz, Pulver, Flinten, Lan⸗ zen, Schwertern und Armbruſten ausgeſchrieben. Die letzt⸗ genannte Waffe ward, der Einfuͤhrung der Schießgewehre ungeachtet, doch von Vielen der Flinte vorgezogen, fuͤr furchtbarer und zerſtoͤrender gehalten; denn der letzteren bediente man ſich noch mit einem Luntenſchloß, auch waren ſie ſo ſchwer, daß ſie einer eiſernen Stuͤtze bedurften. Die aus den Feldzuͤgen gegen die Mauren von Granada aufgehaͤuf⸗ ten Kriegsvorraͤthe lieferten einen großen Theil dieſer Aus⸗ ruͤſtung. Faſt alle die genannten Verordnungen ergingen ſchon am 23. Mai, waͤhrend Columbus noch in Barcelona 8 — 381— war. Selten iſt wohl ein aͤhnliches Beiſpiel von Thaͤtig⸗ keit bei den langſamen Aemtern Spaniens vorgekommen. Da die Bekehrung der Heiden als der große Endzweck dieſer Entdeckungen ausgeſprochen ward, ſo erlas man zwoͤlf eifrige und geſchickte Geiſtliche, um die Flotte zu begleiten. Unter dieſen befand ſich Bernardo Buyl oder Boyl, ein Benedictinermoͤnch, von Talent und in dem Geruch der Heiligkeit, aber einer jener feinen Politiker der Kloͤſter, die ſich zu damaliger Zeit in alle weltliche Ange⸗ legenheiten zu miſchen wußten. Er war mit Erfolg kurz vorher in Verhandlungen mit Frankreich uͤber die Ruͤckgabe von Rouſillon aufgetreten. Vor Abgang der Flotte wurde er noch vom Papſte zum apoſtoliſchen Vicar der neuen Welt ernannt und ſeinen geiſtlichen Bruͤdern als ſolcher vorgeſetzt. Dieſe fromme Miſſion wurde mit allen zu ihren geweihten Verrichtungen noͤthigen Dingen gehoͤrig ver⸗ ſehen; die Koͤnigin gab aus ihrer eigenen Kapelle Kirchen⸗ geraͤth und die Gewaͤnder her, um bei allen feierlichen Hand⸗ lungen gebraucht zu werden. Iſabella nahm von Anfang an den waͤrmſten und innigſten Antheil an dem Wohle der Indianer. Durch die Erzaͤhlungen des Columbus von der Sanftheit und Einfalt dieſer Wilden gewonnen und die⸗ ſelben vom Himmel ihrem beſonderen Schutz empfohlen an⸗ ſehend, waren ſie ihrem Herzen in der Bloße und Unwiſſen⸗ heit ihrer Natur theuer geworden. Sie befahl, daß man hohe Sorgfalt auf ihre religioͤſe Erziehung verwenden und ſie mit der groͤßten Guͤte behandlen ſolle, machte es Co⸗ lumbus deßhalb auch zur Pflicht, ſchwere Strafen uͤber alle — 382— Spanier zu verhaͤngen, die ſich ſchmachvolle Behandlung oder Ungerechtigkeiten gegen dieſelben erlauben ſollten. Vor der Abreiſe des Columbus aus Barcelona wurde noch die proviſoriſche Vereinbarung von Santa Fé beſtaͤtigt, die ihm die Titel, Vortheile und Rechte eines Admirals, Vicekoͤnigs und Gouverneurs aller von ihm entdeckten oder noch zu entdeckenden Laͤnder gewaͤhrte. Es wurde ihm auch das koͤnigliche Siegel vertraut, mit der Ermaͤchtigung, die Namen Ihrer Majeſtaͤten bei Ertheilung von Patenten und Commiſſionen in dem Bereiche ſeiner Oberherrſchaft zu ge⸗ brauchen, zugleich mit dem Rechte, im Fall der Abweſen⸗ heit einen Stellvertreter zu ernennen, und dieſen auf die Dauer ſolcher Zeit mit ſeinen eigenen Machtbefugniſſen zu verſehen. In jener Uebereinkunft war feſtgeſetzt, daß fuͤr alle den der Regierung der Inſeln und Laͤnder zu beſetzende Stellen Columbus drei Bewerber auswaͤhlen ſolle, von denen die Regierung einen ernennen werde; um Zeit zu gewinnen und dem Columbus volles Vertrauen zu beweiſen, ermaͤch⸗ tigten ihn die Herrſcher, die Perſonen ſogleich aus eigner Wahl zu beſtimmen, und dieſe ſollten dann ihre Stellen nach dem Gutbefinden Ihrer Majeſtaͤten behalten. Er erhielt zugleich den Titel und die Gewalt als General⸗Capitain der auslaufenden Flotte, mit unbeſchraͤnkter Macht uͤber die Mannſchaft, uͤber die Niederlaſſungen in der neuen Welt und uͤber die weiter auszufuͤhrenden Entdeckungen. Dieß waren die Flitterwochen der koͤniglichen Gnade, in welchen Columbus das wohlverdiente Vertrauen ſeiner Ge⸗ — — 383— bieter in unbegraͤnztem Maaße genoß, ehe neidiſche Geiſter es wagten, einen Flecken auf ſeine Ehre zu werfen. Nachdem er alle Zeichen öoͤffentlicher Gunſt und beſonderer Verehrung genoſſen, beurlaubte er ſich bei den Regenten am 28. Mai. Der ganze Hof begleitete ihn von dem Palaſte nach ſeiner Wohnung, und war ſodann bei ſeiner Abreiſe von Barce⸗ lona nach Sevilla befliſſen, ihm die gebuͤhrenden Foͤrmlich⸗ keiten des Abſchiedes zu erweiſen. Neuntes Kapitel. Diplomatiſche Verhandlungen zwiſchen den Höfen voon Spanien und Portugal hinſichtlich der neuen Entdeckungen. 8. (1493.) Die Sorge der ſpaniſchen Monarchen, daß die Exs⸗ pedition unverweilt abgehn möge, wurde durch die Vorgaͤnge am Hofe von Portugal vermehrt. Johann II. hatte leider unter ſeinen Raͤthen gewiſſe Politiker von jener kurzſichti⸗ gen Natur, welche Schlauheit fuͤr Weisheit halten. Indem er ihren hinterliſtigen Rathſchlaͤgen folgte, hatte er die neus Welt verloren, wie ſie noch ein Gegenſtand ehrenvoller Un⸗ ternehmung fuͤr ihn war; als er nun wieder ihrem Rathe folgte, ſuchte er das Verſcherzte durch liſtige Vorkehrungen dennoch fuͤr ſich zu gewinnen. Er hatte zu dem Ende eine große Ausruͤſtung unternommen, deren bekannter Zweck eine Expedition nach Afrika war, aber deren wahrhafte Beſtimmung es ſeyn ſollte, ſich jener neuentdeckten Laͤnder zu bemaͤchtigen. Damit Argwohn verhuͤtet werde, ließ man Don Ruy de Sande als Geſandten an den ſpaniſchen Hof abgehen, um die Erlaubniß zur Freigebung einiger verbotenen Artikel von Spanien fuͤr dieſe Reiſe nach Afrika auszuwirken. Er legte auch eine Geſuch bei den ſpaniſchen Monarchen ein, daß ſie ihren Unterthanen verbieten moͤchten, jenſeits des Cap Bo⸗ jador auf den Fiſchfang auszugehen, bis die Beſitzungen bei⸗ der Nationen genau beſtimmt ſeyn wuͤrden. Die Entdeckung des Columbus, den wahren Gegenſtand der Sorgen, beruͤhrte er nur gelegentlich. Es wurde der Ankunft und Aufnahme deſſelben in Portugal erwaͤhnt, die Gluͤckwuͤnſche des Koͤ⸗ nigs Johann uͤber den gluͤcklichen Erfolg der Reiſe ange⸗ bracht, und ſeine Zufriedenheit ausgedruͤckt, daß der Admi⸗ ral dortmals den Befehl erhalten habe, weſtlich von den canariſchen Inſeln zu ſegeln, ſowie die Hoffnung, daß die caſtiliſchen Herrſcher fortfahren wuͤrden, ihren Schiffen die⸗ ſen Weg vorzuſchreiben, da alles ſuͤdlich von dieſen Inſeln durch die paͤpſtliche Bulle der Krone Portugal zugeſichert ſey. Er endete damit, daß er das vollkommenſte Vertrauen des Konigs Johann ausſprach, wenn auch einige von den neuentdeckten Inſeln Portugal von Rechtswegen gebuͤhrten, — 385— die Sache doch gewiß in dem freundnachbarlichen Geiſte aus⸗ geglichen werde, welcher zwiſchen beiden Maͤchten ſo gluͤck⸗ lichen Beſtand habe. Ferdinand war ein zu ſchlauer Politiker, als daß er ſich leicht haͤtte taͤuſchen laſſen. Er war fruͤhe von den wahren Abſichten des Koͤnigs Johann unterrichtet worden, und hatte vor der Ankunft des portugieſiſchen Geſandten den Don Lope de Herrera mit doppelten Inſtructionen und zweien Schreiben ſehr verſchiedenen Inhaltes an den portugieſiſchen Hof abgeſandt. Der erſte war in verbindlichen Ausdruͤcken abgefaßt, indem er die Gaſtfreundſchaft und Guͤte, welche man Columbus erwieſen habe, geziemend verdankte und uͤber die wahre Beſchaffenheit ſeiner Entdeckungen Licht verhrei⸗ tete, womit das Geſuch verbunden war, daß man den portugieſiſchen Seefahrern verbieten moͤge, dieſe neuentdeck⸗ ten Laͤnder zu beſuchen, in der naͤmlichen Weiſe, wie die ſpaniſchen Monarchen ihren Unterthanen jede Einmiſchung in die afrikaniſchen Beſitzungen der Krone Portugal unter⸗ ſagt haͤtten. Im Fall jedoch der Abgeordnete faͤnde, daß der Koͤnig Johann Schiffe nach der neuen Welt entweder ſchon geſen⸗ det oder zu ſenden im Begriff ſtehe, ſollte er das freund⸗ ſchaftliche Schreiben zuruͤckhalten und das andere vorzeigen, welches in ernſten und peremtoriſchen Ausdruͤcken gefaßt war, und ſich jede Unternehmung ſolcher Art verbat.*) *) Herrera hist. Ind. decad. I. 1. II, Zurita anale⸗ de Aragon 1, I. c. 25, Irving's Columbus. 1— 3 25 — 386— Ein feiner diplomatiſcher Weltkampf begann nun zwiſchen den beiden Monarchen, welcher jeden in das Geheimniß ih⸗ rer Zuͤge uneingeweihten Zuſchauer in Verwirrung ſetzen mußte. Reeſende erzaͤhlt uns in ſeiner Geſchichte Koͤnig Johanns II., daß der portugieſiſche Regent durch anſehn⸗ liche Geſchenke oder vielmehr durch Beſtechungen einige ver⸗ traute Mitglieder des caſtiliſchen Cabinets in ſeinem Inte⸗ reſſe gehalten habe, die ihn von den geheimſten Rathſchlaͤ⸗ gen ihres Hofes unterrichtet haͤtten. Die Landſtraßen wa⸗ ren mit Courieren bedeckt. Kaum hatte Ferdinand einen Entwurf ſeinen Miniſtern mitgetheilt, ſo wurde er auch ſchon dem feindlichen Hofe uͤberbracht. Die Folge war, daß die ſpaniſchen Monarchen unter dem Einfluß eines boͤſen Zaubers zu ſtehen ſchienen. Koͤnig Johann kam allen ihren Bewegungen zuvor, und ſchien ihre Gedanken errathen zu koͤnnen. Ihre Geſandte begegneten auf dem Wege den por⸗ tugieſiſchen, welche Vollmacht hatten, die Punkte zu beſei⸗ tigen, uͤber welche jene ſich ſo eben beklagen ſollten. Oft, wenn Ferdinand eine ſchnelle und zu Verlegenheiten geeig⸗ nete Frage den Geſandten an ſeinem Hofe vorlegte, und nicht anders glaubte, als dieſe wuͤrden nun neue Inſtruc⸗ tionen von ihrem Souverain fordern, war er erſtaunt, unmittelbar darauf ſehr beſtimmte Antworten von ihnen zu erhalten, waͤhrend die meiſten Fragen, welche vorkommen konnten, durch geheime Benachrichtigung vorgeſehen und be⸗ antwortet wurden. Da der Verdacht der Verraͤtherei auf dieſe Weiſe ſehr nahe lag, ſo ſuchte Koͤnig Johann, indeß er ſeine Agenten insgeheim bezahlte, den Argwohn von ih⸗ — — 387— nen auf andere zu leiten, indem er reiche Geſchenke von Juweelen an den Herzog von Infantado und andere ſpa⸗ niſche Granden von unbeſtechlicher Treue verſchwendete.*) Dieſer Art iſt die raͤnkeſpinnende diplomatiſche Schlau⸗ heit, die nur zu oft fuͤr feine Politik ausgegeben und als Weisheit der Cabinette geprieſen wird; aber alle ſolche ver⸗ derbte und unredliche Maßregeln find erleuchteter Staats⸗ maͤnner und edler Fuͤrſten unwuͤrdig. Die großen Grund⸗ regeln des Rechts und Unrechts beſtehen eben ſo zwiſchen Nationen wie zwiſchen Individuen; ein edles, offenes Beneh⸗ men, eine unerſchuͤtterliche Treue, wie ſehr ſie auch den augenblicklichen Endzwecken entgegen ſcheinen koͤnnen, iſt doch die einzige Politik, die den letzten und ehrenvollſten Sieg davontraͤgt. Koͤnig Johann, von den doppelten Inſtructionen des Don Lope de Herrera auf den ſchon erwaͤhnten heimlichen Wegen unterrichtet, empfing ihn auf eine Art, welche jede Zuflucht zu dem entſchieden abgefaßten zweiten Schreiben unnoͤthig machte. Er hatte bereits einen außerordentlichen Geſandten an den ſpaniſchen Hof abgeſandt, um dieſen bei guter Laune zu erhalten, und beſtimmte nunmehr den Dok⸗ tor Pero Diaz und Don Ruy de Pena zu Botſchaftern an die ſpaniſchen Souveraine, um alle Fragen uͤber die neuen Entdeckungen auszugleichen, indem er verſprach, es ſolle *) Reesendi vida del Rey Dom Joham II. cap. 157. Fa- ria y Souza, Europa Portuguesa t. II. c. 4. p. 3. 25* — 388— binnen ſechzig Tagen von ihrer Ankunft in Barcelona an kein Schiff auf eine Entdeckungsreiſe ausgehen. Dieſe Geſandte waren beauftragt, um allen Anſpruͤchen 5 ein Ende zu machen, vorzuſchlagen, daß eine Linie von den 2 canariſchen Inſeln quer nach Weſten gezogen und alle Laͤn⸗ der und Meere noͤrdlich von dieſer Linie dem caſtiliſchen 4 Hofe, alle ſuͤdlich davon gelegene der Krone Portugal ange⸗ hoͤren ſollten, mit Ausnahme einiger Inſeln, die bereits in dem Beſitz einer oder der anderen der beiden Maͤchte ſeyen.*) Ferdinand hatte nun den Vortheil auf ſeiner Seite; ſein Ziel war, Zeit fuͤr die Zuruͤſtung und Abreiſe des Colum⸗ bus zu gewinnen, indem er den Koͤnig Johann in weitlaͤu⸗ ſige diplomatiſche Negociationen verwickelte.**) Zur Be⸗ antwortung ſeiner Antraͤge ſandte er Don Pedro de Ayala und Don Garcia Lopez de Caravajal mit einer feierlichen Botſchaft nach Portugal, wobei großer außerlicher Glanz und Pomp, und Freundſchaftsverſicherungen nicht geſpart wurden, deren ganzer Zweck jedoch auf den Vorſchlag hin⸗ auslief, die zwiſchen beiden Maͤchten entſtandenen Territo⸗ rial⸗Irrungen einer ſchiedsrichterlichen Entſcheidung oder dem Hofe von Rom zu uͤberlaſſen. Die prachtvolle Ambaſ⸗ ſade bewegte ſich mit feierlicher Langſamkeit vorwaͤrts, aber ein Specialgeſandter wurde vorausbeordert, um den Koͤnig von Portugal von ihrer Ankunft zu benachrichtigen, damit — *) Quirita lib. I. cap 25. Herrera decad, I. I. II. v, 5. **) Vasconeeles Don Juan II, lib. VI. ——„——G,f — — 3839— er in der Erwartung ihrer Mittheilungen hingehalten werde. Koͤnig Johann verſtand die ganze Natur und Beſchaf⸗ fenheit dieſer Ambaſſade und merkte wohl, daß Ferdinand ihn zu uͤberliſten gedenke. Die Geſandten kamen endlich an und uͤbergaben ihre Creditive mit breiten Formalitaͤten und Ceremonien. Wie die Audienz zu Ende war, ſah er ih⸗ nen veraͤchtlich nach und ſagte:„dieſe Geſandtſchaft von unſerem Vetter hat weder Kopf noch Fuß.“ Er machte damit eine Anſpielung ſowohl auf die Beſchaffenheit der Ge⸗ ſandtſchaft als auf die perſoͤnliche der Geſandten. Don Garcia de Caravajal war naͤmlich ein eitler und unbedeu⸗ tender Mann und Don Pehros de Ayala auf einer Huͤfte lahm.*) In dem Uebermaaße ſeines Aergers ſoll Koͤnig Johann ſogar von weitem feindliche Abſichten gezeigt und die Gele⸗ genheit wahrgenommen haben, die Geſandten auf eine Re⸗ vue ſeiner Cavalerie aufmerkſam zu machen, auch zweideu⸗ tige Worte geaͤußert haben, die man als drohende Zeichen ausdeuten konnte.**) Die Geſandtſchaft kehrte nach Caſti⸗ lien zuruͤck und verließ ihn in einem Zuſtande von Verwir⸗ rung und Gereiztheit; aber was auch ſein Kummer gewe⸗ 3 ſen ſeyn mochte, ſo hielt ihn doch ſeine Klugheit von einem offenen Bruch zuruͤck. Er ſetzte einige Hoffnung auf das *) Vasconceles, lib. VI. Barros Asia d. I. 1 III, cap. 2. **) Vasconceles, lib. VI. — 390— Dazwiſchentreten des Papſtes, an welchen er eine Geſandt⸗ ſchaft abgeordnet hatte, um ſich uͤber die anmaßlichen Ent⸗ deckungen der Spanier zu beklagen, als ſtreckten ſie die Haͤnde nach Laͤndern aus, die ihm durch jene paͤpſtliche Bulle zugeſichert wordenz er begehrte ernſtlich Abſtellung dieſes Eingriffes in ſeine Rechte. Hier war ihm jedoch ſein vorſichtiger Gegner, wie ſchon gezeigt, zuvorgekommen, und er war abermals dazu beſtimmt, den kuͤrzeren zu zie⸗ hen. Die einzige Antwort, welche ſeine Geſandte erhielten, war eine Hindeutung auf die Theilungslinie von Pol zu Pol, die von Seiner Heiligkeit ſo weiſe ausgemittelt wor⸗ den.*) Dieſes waren die Zuͤge des koͤniglichen Spieles der Diplomacie, bei welchem die Spielenden um den Beſitz ei⸗ ner neuentdeckten Welt wetteten. Johann II. war erfahren und einſichtsvoll, und hatte liſtige Raͤthe, die ihm bei allen Bewegungen zur Seite ſtandenz aber wo es ſich um tiefe und ſchlaue Politik handelte, war Ferdinand Meiſter des Spiels. *) Herrera, dec. I. 1. II. ——.,— 4 Zehntes Kapitel. Fernere Vorbereitungen zur zweiten Reiſe. Charak⸗ ter Alonzo's de Ojeda. Streitigkeiten des Co⸗ lumbus mit Soria und Fonſeca. (1493.) Voll Beſorgniß, der portugieſiſche Hof moͤge eine Ein⸗ miſchung in ihre Entdeckung wagen, hatte das ſpaniſche Herrſcherpaar im Laufe der Unterhandlungen wiederholt an Columbus geſchrieben, daß er ſeine Abreiſe beſchleunigen moͤge. Sein Eifer bedurfte jedoch keiner Anſpornung. Gleich nach ſeiner Ankunft in Sevilla im Anfang Juni, ging er mit allem Fleiß an die Ausruͤſtung ſeiner Flotte, indem er von der ihm verliehenen Gewalt, in den Seehaͤfen von An⸗ daluſien Schiffe und Mannſchaft zu requiriren, Gebrauch machte. Er wurde bald auch von Fonſeca und Soria un⸗ terſtuͤtzt, welche noch einige Zeit in Barcelona geblieben wa⸗ ren, und durch ihre vereinte Anſtrengung war bald eine Flotte von ſiebenzehn großen und kleinen Schiffen in Be⸗ reitſchaft. Die beſten Steuermaͤnner wurden fuͤr den Dienſt ausgeſucht, und die Schiffsmannſchaft in Gegenwart Soria's, des Controleurs, gemuſtert. Man engagirte eine Anzahl — 392— geſchickter Oekonomen, Bergknappen, Zimmerleute und andre Gewerbtreibende fuͤr die vorhabende Coloniſation. Pferde zum militaͤriſchen Gebrauch und fuͤr's Land, Horn⸗ vieh und Hausthiere aller Art wurden gleichfalls herbei⸗ geſchafft. Von Kornfruͤchten und Saͤmereien verſchiedener Pflanzen, Weinſtoͤcken, Zuckerrohr, Pfropfreiſern und jungen Baͤumen wurden gehoͤrige Vorraͤthe eingeladen, ſammt einer großen Menge Fabrikwaaren, die aus Flitterſtaat, Perlen, Schellen, Spiegeln und anderen wohlfeilen Kleinig⸗ keiten zum Handel mit den Eingebornen beſtanden. Auch fehlte es nicht an Mundvorrath aller Art, an Kriegs⸗ munition und an Arzneimitteln und Erfriſchungen fuͤr Kranke. Ein hoher Grad von Exaltation herrſchte bei dieſer Ausruͤſtung. Man machte ſich uͤber die neue Welt die ſtaͤrkſten Einbildungen. Die Erzaͤhlungen der von dort gekommenen Reiſenden waren voll Uebertreibungen, denn ſie hatten in der That nur ganz unbeſtimmte und ver⸗ wirrte Kenntniſſe von jenen Laͤndern, gleich der Erinnerung von einem Traume, und es iſt verſchiedentlich gezeigt worden, wie Columbus ſelbſt alle Gegenſtaͤnde durch taͤuſchende Glaͤſer angeſehen hatte. Die Lebendigkeit ſeiner Beſchreibungen und die ſanguiniſchen Hoffnungen ſeines lebhaften Geiſtes bereiteten ihm, indem ſie das Publicum zu einem wunder⸗ aͤhnlichen Enthuſiasmus aufregten, eine Reihe bitterer Er⸗ fahrungen. Die Begierde der Habſuͤchtigen entflammte er mit Gedanken an Regionen von herrenloſen Reichthuͤmern, wo die Stroͤme eine Menge Goldſand fuͤhrten und die Berge mit Edelſteinen und koſtbaren Metallen erfuͤllt ſeyen, , — 393— wo die Waͤlder Weihrauch und Spezereien hervorbraͤchten und die Meereskuͤſten mit Perlen beſaͤet ſeyen. Andre naͤhr⸗ ten Traͤume von hoͤherer Art. Es war ein romantiſches und kriegeriſches Zeitalter, und da die Kriege mit den Mauren voruͤber waren und die Feindſeligkeiten gegen Frank⸗ reich ruhten, duͤrſtete der kuͤhne und unruhige Geiſt der Nation, der Einfoͤrmigkeit des Friedens uͤberdruͤſſig, nach Heldenthaten. Die neue Welt bot weite Bahnen für kuͤhne Wagniſſe und außerordentliche Abentheuer, die dem ſpani⸗ ſchen Charakter jenes Zeitalters, ihres glaͤnzenden Culmi⸗ nationspunctes, angemeſſen waren. Viele Hidalgos von hohem Rang, Cavaliere vom Hofe und andaluſiſche Ritter in Waffen gepruͤft und zu kuͤhnen Thaten gereift durch die romantiſchen Kriege in Granada, draͤngten ſich zu dem Zuge, der eine im Dienſte des Koͤnigs, der andere auf ſeine eigenen Koſten. Ihnen ſollte das Unternehmen der Anfang einer neuen Reihe von Kreuzzuͤgen werden, die an Aus⸗ dehnung und Glanz die ritterlichen Waffenthaten im ge⸗ lobten Lande uͤbertraͤfen. Sie malten ſich große und rei⸗ zende Inſeln des Oceans, die ſie angreifen und unterjochen wollten, um deren innere Schaͤtze ſie ringen muͤßten und auf deren eroberte Staͤdte das Banner des Kreuzes ge⸗ pflanzt werden ſollte. Dann wollten ſie ihren Weg an den Kuͤſten Indiens oder vielmehr Aſiens weiter verfolgen, nach Mangi und Chatay eindringen, den Groß⸗Chan be⸗ kehren, oder was daſſelbe war, zum Gefangenen machen, und auf dieſe Weiſe eine glorreiche kriegeriſche Laufbahn in den koͤſtlichen Laͤndern der halbwilden Nationen des Oſtens 2 —— — 394— eroͤffnen. So hatte niemand einen Begriff von der Natur und Beſchaffenheit des Dienſtes, zu dem er ſich einſchiffte, noch von der Lage und den Eigenſchaften der Regronen, auf die er eingeengt wurde. Waͤren den Menſchen in dieſem Fieberwahn ihrer Einbildungskraft nuͤchterne Thatſachen und die kalte Wirklichkeit geboten worden, ſie wuͤrden ſie mit Unwillen zuruͤckgeſtoßen haben; denn es gibt nichts was das Publicum mit weniger Gelaſſenheit ertraͤgt, als in dem ſuͤßen Rauſche goldner Traͤume geſtoͤrt zu werden. Unter den bekannten Perſonen, die ſich zu dieſem Kreuz⸗ zuge meldeten, war ein junger Ritter mit Namen Don Alonzo de Ojeda, beruͤhmt durch außerordentliche perſoͤn⸗ liche Gaben und einen kuͤhnen Geiſt, der durch viele ge⸗ fahrvolle Unternehmungen und wunderſame Waffenthaten unter den erſten Entdeckern glaͤnzte. Er ſtammte aus einer guten Familie, war ein leiblicher Vetter des ehrwuͤrdigen Vaters Alonzo de Ojeda, Inquiſitors von Spanien, hatte unter dem Herzog von Medina Celi ſeine Laufbahn be⸗ gonnen und die Feldzuͤge gegen die Mauren mitgemacht. Er war von kleiner Figur aber kraͤftiger Leibesbeſchaffenheit, wohlgeſtaltet, das Antlitz braun, von ſchoͤnen lebendigen Zuͤgen, und von großer Staͤrke und Gewandtheit. Mit allen Waffengattungen war er vertraut, in allen ritterli⸗ chen und kriegeriſchen Kuͤnſten gewandt, ein trefflicher Rei⸗ ter und in der Lanze wie wenige geuͤbt. Mit kuͤhnem Muthe, hochgeſinnt und freigebig, von großer perſoͤnlicher Tapferkeit, leicht zum Kampfe gereizt, doch geneigt zu ver⸗ geben und Beleidigungen zu vergeſſen, war er lange der —m „p — 395— Abgott der raſchen ſchwaͤrmenden Jugend, die ſich zu den Zuͤgen in der neuen Welt verbanden, und der Held mancher wunderbaren Sage. Las Caſas gibt, indem er ihn der hiſtoriſchen Beruͤhmtheit uͤberliefert, eine Anekdote von einer ſeiner Thaten, welche zwar der Aufzeichnung unwerth, doch den ſonderbaren Charakter dieſes Mannes bezeichnet. Als die Koͤnigin Iſabella einſt den Thurm der Haupt⸗ kirche von Sevilla beſtieg, der unter dem Namen der Gi⸗ ralda bekannt iſt, trat Ojeda, um Ihre Majeſtaͤt zu un⸗ terhalten und eine Probe ſeines Muthes und ſeiner Geſchick⸗ lichkeit abzulegen, auf einen großen Balken, der zwanzig Fuß vom Thurm hinausragte, in einer ſo ungeheuern Hoͤhe, daß die Menſchen unten wie Zwerge ausſahen und den Ojeda ſelbſt beim Hinabſehen ein Schauder uͤberlaufen mußte. Dieſen Balken beſchritt er ruͤſtig und mit einer Gleichguͤl⸗ tigkeit, als gehe er auf dem Boden ſeines Zimmers dahin. Wie er an's Ende des Balkens kam, ſtellte er ſich auf ein Bein und hielt das andere in die Luft; dann drehte er ſich ſchnell um und kehrte eben ſo ſicher nach dem Thurm zu⸗ ruͤck, unbeirrt von der ſchwindelnden Hoͤhe, aus welcher er bei dem kleinſten Fehltritt herabgeſtuͤrzt und in Stuͤcke zerſchmettert worden waͤre. Darauf ſtellte er ſich wieder mit einem Fuß auf den Balken und ſtemmte den anderen gegen die Mauer des Thurmes; in dieſer Stellung warf er eine Orange nach der Thurmſpitze, ein Beweis, ſagt Las Caſas, von ſeiner ungeheuern Muskelkraft. So war Alonzo de Ojeda, der bald unter den Begleitern des Co⸗ lumbus hervorragte und in jeder Unternehmung von wag⸗ — 396— halſiger Natur der erſte war, der ſich wie aus wahrem Behagen in Gefahren begab, und mehr aus Vergnügen am Kampfe, als um ſich auszuzeichnen, in's Gefecht ſtuͤrzte. ⸗) Die Anzahl derer, die ſich zu der Expedition einſchiffen durften, ſollte ſich nur auf tauſend belaufen, aber es draͤng⸗ ten ſo viele zu, die als Volontaͤrs den Zug ohne Anſpruͤche auf Gehalt mitmachen wollten, daß die Zahl ſich bis auf zwoͤlfhundert vermehrte. Eine Menge Leute wurde aus Mangel an bequemem Schiffsraum abgewieſen, aber man⸗ chen gelang es doch, ſich heimlich einzuſchwaͤrzen, ſo daß ungefaͤhr funfzehn hundert Mann mit der Flotte unter Se⸗ gel gingen. Da Columbus, in ſeinem lobenswerthen Eifer für das Beſte der Unternehmung, alles gehoͤrig vorſah, was fuͤr mancherlei denkbare Faͤlle noͤthig ſeyn konnte, ſo uͤber⸗ ſchritten bald die Koſten der Ausruͤſtung die dafuͤr ausge⸗ worfenen Summen. Dieſes erzeugte gelegentliche Bedenk⸗ lichkeiten auf Seiten des Controleurs Juan de Soria, ſo daß dieſer ſich einigemal weigerte, die Berechnungen des Admi⸗ rals zu unterzeichnen, und im Laufe der Verhandlungen die dem Charakter und der Stellung des Columbus gebuͤhrende Achtung aus den Augen geſetzt zu haben ſcheint. Er erhielt deßhalb wiederholte und ſtarke Zurechtweiſungen von den Souverainen, welche mit Nachdruck befahlen, daß man Co⸗ lumbus mit der groͤßten Ehrerbietung begegnen und alles *) Las Casas lib. I. Ms. Pizarro, Varones illustres. Herrera hist. Ind. decad. 1. 1. II. e. 5. —— — — thun ſolle, um ſeinen Plan zu erleichtern und ſeine Zufrie⸗ denheit zu erlangen. Nach aͤhnlichen Andeutungen, die in den koͤniglichen Briefen an Fonſeca, Archidiaconus von Se⸗ villa vorkommen, hat wahrſcheinlich dieſer gelegentlich eben⸗ falls ſeine Amtsgewalt uͤberſchritten. Er ſcheint ſich ver⸗ ſchiednen Requiſitionen des Columbus, namentlich uͤber Be⸗ diente und andre Leute zu ſeiner unmittelbaren Verwendung widerſetzt zu haben, waͤhrend doch Columbus als Admiral und Vicekoͤnig einen gehoͤrigen Hausſtand nebſt Gefolge ver⸗ kangen konnte, eine Ausgabe, die der Praͤlat fuͤr uͤber⸗ flüſſig hielt, weil alle in der Erpedition mit inbegriffene Leute zu ſeinem Befehl ſtaͤnden. Zur Erledigung der Be⸗ ſchwerde befahlen die Herrſcher, daß er zehn Escuderos de à pie oder Bediente und zwoͤlf Perſonen zu anderen haͤus⸗ lichen Beſchaͤftigungen erhalten ſolle; ſie erinnerten bei die⸗ ſer Gelegenheit Fonſeca an ihren Willen, daß er in der Sache und in der Form ſeiner Verhandlungen mit dem Ad⸗ miral immer bemuͤht ſeyn ſolle, denſelben zufrieden zu ſtel⸗ len, mit dem Anfuͤgen, daß, da die ganze Ausruͤſtung ſeinen Befehlen anvertraut ſey, es nicht mehr als billig waͤre, daß man ſeine Wuͤnſche beruͤckſichtige und Niemand ihn mit Kleinigkeiten und Bedenklichkeiten hinhalte.*) Dieſe kleinen Zwiſtigkeiten ſind einer beſonderen Beach⸗ tung werth wegen der Wirkung, die ſie auf das Gemüuͤth des Fonſeca nachgelaſſen zu haben ſcheinen; denn von hier *) Navarrete collect. VII. 2. Documentos Nr. 62— 66. — 398— muͤſſen wir jene ſonderbare Feindſeligkeit herleiten, die er ſtets gegen Columbus zeigte, die jaͤhrlich an Bitterkeit zu⸗ nahm uno die er auf die mißguünſtigſte ſchadenfroheſte Art vollfuͤhrte, indem er insgeheim Hinderniſſe und Bedraͤngniſſe auf ſeinen Pfad haͤufte. Waͤhrend die Flotte noch im Hafen feſtgehalten wurde, kam die Nachricht, daß eine portugieſiſche Caravele von Madeira nach Weſten unter Segel gegangen ſey. Es er⸗ wachte ſogleich der Verdacht, daß ſie ihren Weg nach den neuentdeckten Laͤndern nehmen werde. Columbus berichtete ſogleich an die Souveraine und traf Vorbereitungen zur Abſendung eines Theiles ſeiner Flotte, um das Fahrzeug zu verfolgen. Sein Vorſchlag wurde genehmigt, kam jedoch nicht zur Ausfuͤhrung. Als man dem Hofe von Liſſabon Vorſtellungen machte, ſo erklaͤrte Koͤnig Johann, das Schiff ſey ohne ſeine Erlaubniß dorthin geſegelt und er werde drei andre Caravelen hinbeordern, um es zuruͤckzubringen. Dieſe Antwort diente nur dazu, die Eiferſucht des ſpaniſchen Monarchen zu verſtaͤrken, indem er das Ganze fuͤr einen fein angelegten Plan hielt, der Art, daß die Schiffe zu⸗ ſammenſtoßen und vereint ihren Lauf nach der neuen Welt richten ſollten. Columbus erhielt daher den Befehl, nun keine Stunde laͤnger zu ſaͤumen und weit von dem Cap Vincent in See zu gehen, auch die portugieſiſchen Kuͤſten und Inſeln gaͤnzlich zu meiden, um ſich keinerlei Beunru⸗ higung auszuſetzen. Wenn er in den von ihm entdeckten Meeren irgend Schiffe antreffen wuͤrde, habe er ſich ihrer zu bemaͤchtigen und die Mannſchaft mit ſchweren Strafen zu belegen. Fonſeca bekam ebenfalls Befehle, auf ſeiner Hut zu ſeyn, und wenn irgend eine Expedition von Por⸗ tugal abginge, die doppelte Zahl von Schiffen ihnen nach⸗ zuſenden. Dieſe Vorſichtsmaßregeln zeigten ſich indeſſen uͤber⸗ fluͤſig. Ob jene Caravelen wirklich abgeſegelt und wohin ſie von Portugal in ſchaͤdlicher Abſicht geſandt worden, war nicht zu erfahren. Columbus ſah und hoͤrte auf ſeiner ganzen Reiſe nichts mehr von ihnen. Es ſey uns vergoͤnnt, der Deutlichkeit wegen hier den — 399— Gang der Zeitfolge zu unterbrechen und zu erzaͤhlen, wie dieſe Territorial⸗Anſpruͤche zwiſchen den beiden eiferſuͤchtigen Maͤchten endlich ausgeglichen wurden. Es war fuͤr den Koͤnig Johann unmoglich, ſeine Unruhe bei den unbegraͤnz⸗ meilen von ſeinen Beſitzungen wagen duͤrften und keinen Platz und Spielraum fuͤr ihre Reiſen nach Suͤden gewin⸗ Nach vielen Differenzen und Schwierigkeiten wurde dieſer wichtige Streit von Deputirten der beiden Kronen, die in Tordeſillas in Alt⸗Caſtilien im naͤchſten Jahre zuſammen⸗ traten, am 7. Juni 1494 durch Unterzeichnung eines Staats⸗ vertrages dahin entſchieden, daß die paͤpſtliche Theilungslinie dreihundert und ſiebenzig Seemeilen weſtlich von den Cap⸗ Verdiſchen Inſeln angenommen wurde. Man ſette feſt, daß innerhalb ſechs Monaten von beiden Maͤchten eine gleiche Anzahl Caravelen und Seeleute ſich bei der Inſel Groß⸗Canaria treffen und mit gelehrten, der Seefahrt kun⸗ digen Aſtronomen verſehen ſeyn ſollten. Dieſe haͤtten dann nach den Cap⸗Verdiſchen Inſeln zuſammen abzugehen und von da weſtlich dreihundert und ſiebenzig Seemeilen zuruͤck⸗ legen, die vorgeſchlagene Linie von Pol zu Pol zu beſtim⸗ men, und ſo den Ocean zwiſchen den beiden Nationen zu theilen;*) die beiden Maͤchte verpflichteten ſich feierlich, die alſo vorgeſchriebenen Graͤnzen zu beobachten und uͤber die⸗ ſelben hinaus keine Unternehmung zu machen, doch war es den ſpaniſchen Seefahrern erlaubt, die oͤſtlichen Strecken des Oceans frei zu durchſchiffen, um die ihnen vertragsmaͤßig geſicherten Reiſen zu vollenden. Mancherlei Umſtaͤnde ver⸗ hinderten die beabſichtigte Sendung zur Beſtimmung der Demarcationslinie, aber der Staatsvertrag blieb in Kraft und verhuͤtetete jede weitere Discuſſion. Auf dieſe Weiſe, ſagt Vasconceles, wurde die groͤßte aller jemals zwiſchen beiden Kronen beregten Fragen— denn es handelte ſich um die Theilung einer neuen Welt— auf freundſchaftlichem Wege durch die Klugheit und Ge⸗ ſchicklichkeit der beiden ſchlaueſten Monarchen, die je den Scepter gefuͤhrt, ausgeglichen. Sie erhielt ihre Erledigung zur Zufriedenheit beider Partheien, waͤhrend ſich beide zu den großen Laͤndern, die innerhalb ihrer Graͤnzen entdeckt werden konnten, berechtigt hielten, ohne auf die Rechte der urſpruͤnglichen Bewohner irgend einige Ruͤckſicht zu nehmen. — *) Zurira hist. del Rey Fernand. l. I. c. 29. Vas- sonceles lib. 6. FInh al t. Vorrede des Ueberſetzers...... Vorrede des Verfaſſers...... Erſtes Buch. Einleitung..... Erſtes Kapitel. Geburt, Herkunft und Erziehung des Columbus.. 2. Zweites Kapitel. Jugendzeit des Columbus— Drittes Kapitel. Fortſchritte der Entdeckungen unter dem Prinzen Heinrich von Portugal.. Viertes Kapitel. Aufenthalt des Columbus in Liſſabon. Ideen uͤber Inſeln im Ocean.. Fuͤnftes Kapitel. Gruͤnde, auf welche Columbus ſeinen Glauben an das Vorhandenſeyn unentdeckten Landes im Weſten ſtuͤtzte.... Sechſtes Kapitel. Briefwechſel des Columbus mit Paolo Toscanelli. Ereigniſſe in Portugal in Bezug auf Entdeckungen... Siebentes Kapitel. Vorſchlaͤge, welche Colum⸗ bus dem Hofe von Portugal machte... Achtes Kapitel. Abreiſe des Columbus von Por⸗ tugal. Seine Bewerbungen bei anderen Hoͤfen 73 8³ Zweites Kapitel. Fortſetzung der Reiſe. — 402— Zweites Buch. Erſtes Kapitel. Erſte Ankunft des Columbus in Spanien....... Zweites Kapitel. Charakter Ferdinands und Iſabella's........ Drittes Kapitel. Antraͤge, welche Columbus dem Hofe von Caſtilien machte.... Viertes Kapitel. Columbus vor dem Rath zu Salamanca.. 4 1... Fuͤnftes Kapitel. Fernere Bewerbungen bei dem Hofe von Caſtilien. Columbus folgt dem Hofe mit in's Feld....... Sechſtes Kapitel. Bewerbung bei dem Herzoge von Medina Celi. Nuͤckkehr nach dem Kloſter La Rabida.... Siebentes Kapitel. Bewerbung bei dem Hofe zur Zeit der Uebergabe von Granada.. Achtes Kapitel. Uebereinkunft mit den ſpaniſchen Souverainen.*..... Neuntes Kapitel. Zuruͤſtung der Expedition in dem Hafen von Palos.—.. Drittes Buch. Erſtes Kapitel. Abreiſe des Columbus auf ſeiner erſten Expedition.. Ab⸗ weichung der Magnetnadel... Seite 96 126 137 144 153 161 170 178 — — 403 Drittes Kapitel. Fortſetzung der Reiſe. Ver⸗ ſchiedene Schrecken der Seeleute. Viertes Kapitel. Fortſetzung der Reiſe. Ent⸗ deckung von Land 3. 2... Viertes Buch. Erſtes Kapitel. Erſtes Landen des Columbus in der neuen Welt. 3.... Zweites Kapitel. Kreuzen zwiſchen den Bahama⸗ Inſeln—.... Drittes Kapitel. Entdeckung und Landen auf Cuba.... ... Viertes Kapitel. Ferneres Landen auf der Inſel Cuba... 3... Fuͤnftes Kapitel. Entdeckungsfahrt nach der an⸗ geblichen Inſel Babeque. Entweichen der Pinta Sechſtes Kapitel. Entdeckung der Inſel Hispa⸗ niola(Hayti)..,... Siebentes Kapitel. Kuͤſtenfahrt bei der Inſel Hispaniola.... Achtes Kapitel. Schiffbruch. 4. Neuntes Kapitel. Verkehr mit den Einge⸗ bornen... Zehntes Kapitel. Naoidaodod.. Eilftes Kapitel. Herſtellung des Forts La Na⸗ vidad. Abreiſe des Columbus nach Spanien. *** *. Erbauung des Forts La Seite 184 195 301 — 404— Fünfſtes Buch. Erſtes Kapitel. Kuͤſtenfahrt nach dem öſtlichen Ende von Hispaniola. Zuſammentreffen mit Pin⸗ W6 zon. Gefecht mit den Eingebornen an der Meer⸗ 3 enge von Samana.... 307 Zweites Kapitel. Ruͤckreiſe. Heftige Stürme. . Ankunft auf den Azoren... 320 Drittes Kapitel. Verkehr mit der Inſet St. Maria. 1. 330 Viertes Kapiter. Ankunft in Portugal. Beſuch 3 bei Hofe.„..... 336 Fuͤnftes Kapitel. Empfang des Columbus in 5 Polos..... 349 Sechſtes Kapitel. Aufnahme des Golumtus am ſpaniſchen Hofe in Barcelona... 355 Siebentes Kapitel. Aufenthalt des Eolumbus in Barcelona. Auszeichnung deſſelben von Seiten der Regenten und des Hofes.* 364. Achtes Kapitel. Paͤpſtliche Bulle der Theilung. 5 Vorkehrungen zu einer zweiten Reiſe des Columbus 372 Neuntes Kapitel. Diplomatiſche Verhandlungen zwiſchen den Hoͤfen von Spanien und Portugal hinſichtlich der neuen Entdeckungen.. 883— Zehntes Kapitel. Fernere Vorbereitungen zur zweiten Reiſe. Charakter des Alonzo de Ojeda. Streitigkeiten des Columbus mit Soria und Fonſeca Seite 301 Etwaige Berichtigungen und Druckfehler werden im zweiten Band angezeigt. 4 1 3 — ————