8————— 4 A 3— A= Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 212. Eduard Ottmann in Gießen, aoßgaſſe Lit A. Nr. 256. eiß- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Mora ens 7 dhr ben Auend 8 dffen 1 3 3 gabe eines geliehenen Buches wird von e Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 8 2. Lesepreis. B 3 ledem Tag 5 Pf bezahl den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 3 9 bine⸗ Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 7 hin kerlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 3. 9 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und bchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: Monat: 1 Nr.— Ff. 1 Nrr. 50 Pf. 2 M. Pf. —— 2₰ 1 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. ¹ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt— der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage keſtgeſetzt und 8 ¼ 83 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverlei en der Bücher nicht ſtattfinden darf, dehbenn di 5 34 ſelben von mir gelie den, auch dafür zu ſtehen haben. — 8 ——„ — — WMaldemar der Sieger. Hiſtoriſcher Roman von B. S. Ingemann. Dem Daͤniſchen nacherzaͤhlt von L. Kruse. * Vierter Theil. Leipzig, bei Chriſtian Ernſt Kollmann, 1 8 2 7. Waldemar der Sieger. Vierter Theil. —x „Ein verfluchter Streich!“ murmelte der Kö⸗ nig den folgenden Tag nach Carls Flucht, waͤhrend er, zur Reiſe angezogen, mit einem offenen Schreiben in der Hand im Gemache der Koͤnigin auf und nieder ging.„Darum hatte er ſolche Eile mit der Ausfertigung des Lehnbriefes und mit dem Urlaub, zu Hauſe zu bleiben, bis ich ſelbſt wieder in's Feld ziehe! Um Gott! eine ſolche Vermeſſenheit iſt ſeit der Geſchichte mit Ritter Folkeſohn und Köͤnig Swer⸗ kers Tochter ohne Gleichen. Und was iſt nun dabei zu thun? Graf Albert verzeiht ihnen bis in die Ewigkeit nie; koͤmmt er zuruͤck, reißt er Kariſeburg uͤber ihren Koͤpfen nieder, und for⸗ dert den Pabſt und die Cleriſei auf, die Ehe zu loͤſen.“ „Schade um die anziehende Rigmor!“ fiel die Königin ein:—„koͤnnen ſie gerettet wer⸗ 1* auf irgend eine Weiſe verſöhnet werden—“ „Daran iſt nicht zu denken. Alles was ich thun kann, iſt, ihnen ſo lange wie möoͤglich den Frieden zu ſichern, und Graf Albert, ſo lange irgend ein wahrſcheinlicher Grund ſich darbietet, in Eſtland bleiben zu laſſen.— Der wackere Albert iſt mir mit Leib und Seele ergeben; allein ich kenne ihn; er iſt wie Eiſen und Stahl, wenn es ſeinem Rechte als Vater und ſeinen haͤuslichen Verhaͤltniſſen gilt; darein geſtattet er weder dem Kaiſer noch dem Koͤnig, ſich zu mi⸗ ſchen.— Doch komm jetzt, meine Beengierd! laß uns das aus dem Sinne ſchlagen. Du wirſt nun bald Deine liebe Audocia wieder⸗ ſehen.“ „Dank! mein Waldemar!“ entgegnete Been⸗ gierd, ſeine Hand mit Waͤrme druͤckend:„Du weißt nicht, wie mich dieſe Reiſe erfreuet! Zwar fuͤhle ich mich ſtark genug, den albernen Haß des niedriggeſinnten Haufens zu verachten; die Liebe des groͤßten Mannes floͤßt mir Muth ein, der Verkennung einer ganzen Welt zu trotzen; allein es ſchmerzt doch, ſich gehaßt zu ſehen, und den, mein theurer Koͤnig! und kann Graf Albert ₰ 9ꝗ„v ich fuͤhle mich doch manchmal, wenn Du fern biſt, ganz fremd und verlaſſen unter dieſen fremden Menſchen, die mich um Deine Liebe und Dein Zutrauen beneiden, und jedes Wort und jede Miene misdeuten. Die einzige weibliche Seele, die mich hier verſtand und mir Wohl⸗ wollen bezeigte, war die wackere Rigmor; doch jetzt hat ſie mich auch verlaſſen, und ich ſehne mich doppelt nach meiner lieben, freundlichen Audocia.“ „Sie war die Vertraute Deiner erſten Ju⸗ gend,“ aͤußerte der Koͤnig theilnehmend,„und doch ſchmerzt es mich tief, daß Du außer mei⸗ nen Landen die Liebe und Hochſchaͤtzung ſuchen mußt, die man Dich hier vermiſſen laͤßt. Doch darf dies unſer Gluͤck nicht ſtöͤren, theure Been⸗ gierd. Das Volk iſt ein eigenſinniges, launen⸗ haftes Kind, das keinen Sinn fuͤr wahre Groͤße hat, die ſich nicht in Milde und herablaſſender Freundlichkeit ausſpricht; allein es iſt gutmuͤthig, veraͤnderlich und leicht zu gewinnen. Schenke ihm nur ein Laͤcheln, einen freundlichen Abſchieds⸗ gruß, und Du wirſt ſehen, daß meine braven Daͤnen nicht vergeſſen werden, wenn wir zuruͤck⸗ 6 kehren, daß Du Daͤnemarks und Waldemars Koͤnigin biſt.“ Mit dieſen Worten reichte der Köͤnig, eine bittere Mißmuthsthraͤne in dem ſchoͤnen Auge der Koͤnigin wegkuͤſſend, ihr ſchnell die Hand, fuͤhrte ſie hinunter, hob ſie auf ihren leichten Zelter und warf ſich ſelbſt auf ſeinen weißen Hengſt. Dann zog der praͤchtige Zug, denn viele Ritter und Frauen begleiteten fie, durch die Straßen von Ribe, wo ein großes Menſchengewimmel, von der Neugierde herbeigezogen, ihnen gaffend nach⸗ ſchauete. „Was muß eine ſolche Reiſe nicht dem ar⸗ men Lande koſten?“ ſagte ein dicker ſchwerfaͤlli⸗ ger Buͤrger, in einem kurzen ledernen Wamſe und einem großen Schurzfelle, indem er verdrieß⸗ lich die ſchmutzige Muͤtze uͤber die Ohren zog. Es war der Altmeiſter der zahlreichen Grob⸗ ſchmiede in Ribe.„Das iſt nun auch der Ein⸗ fall der Koͤnigin,“ fuhr er fort;„was verſte⸗ hen wir Schweine uns auch auf eine ſolche Perle! die wiſſen die Deutſchen beſſer zu wuͤr⸗ digen. Nun werden wir bald erfahren, wie ſie ein Wunder und ein Geſchrei uͤber ihre große 4 7 Schoͤnheit und ihr feines Weſen anſtimmen. Draußen wird man ſie auf den Haͤnden tra⸗ gen, waͤhrend wir hier Ach und Wehe uͤber fie rufen!“ „Na, na! Meiſter Claus!“ entgegnete ein kleiner, ſtattlicher Mann, der neben ihm, mit der weißen baumwollenen Muͤtze in der Hand, ſtand,„welch großes Ungluͤck iſt denn dabei, daß ſie ein Bischen friſche Luft ſchoͤpft, und ſich in der Welt umſieht.— Eine Koͤnigin kann doch nicht das ganze Jahr hindurch, ſo wie Eure gute Hausehre, am Spinnrocken ſitzen. So wie ſie, als unſere Koͤnigin, geehrt und geliebt wird, darf ſie ſich wohl nach alten Freunden und Ver⸗ wandten ſehnen.— Es iſt hart, fremd und uͤbel gelitten da zu ſeyn, wo man ſeine Heimath haben ſollte.“ „Ihr habt gut, ſie zu loben, Meiſter Kjeld!“ verſetzte der dicke Grobſchmied.„Ihr verdient Jahr aus Jahr ein Euer gutes Geld mit dem Putzen ihrer Cdelſteine und ihres golde⸗ nen Geſchmeides. Waͤhrend Ihr Armbaͤnder und goldene Schnallen fuͤr die hoffaͤrtige Koͤnigin ſchmiedet, muß ich um halben Lohn Halseiſen und Buͤgel fuͤr die armen Bauern ſchmieden, die ihr nicht die Koͤnigsſteuer bezahlen wollen.— Nein, da lobe ich mir Koͤnigin Dagmors Zei⸗ ten, da bezahlte mir der reiche Bauer mehr fuͤr ein Pflugeiſen, als ich nun an hundert Buͤgeln verdiene!“ „Schande uͤber Beengierde der Herrgott ſey mit dem Koͤnig!“ tönte es nun in allen Straßen, ſobald der Zug voruͤber war. „Hoͤrt! wie unverſchaͤmt!“ ſagte der kleine Goldſchmied.„Singen ſie nicht da das ſchaͤndliche Lied von der Koͤnigin wieder?“ „Es iſt der Abſchiedsgruß, und ſie kann ein Mal ihrem guten Engel danken, wenn der Be⸗ willkommnungs⸗Gruß nicht noch ſchlimmer wird,“ murmelte der Grobſchmied.„Es iſt gut, daß ſie fort ſind, es waͤre doch hart, wenn der Kö⸗ nig es hoͤren muͤßte. Er wird ſo Kreuz genug an ihr haben!“ „Ein Gluͤck iſt es fuͤr die leichtfertigen Jun⸗ * gen, daß der Koͤnig nicht hoͤrt, was ſie ſin⸗ getz,“ verſetzte der Goldſchmied. Er iſt ſchon ——— —— — 9 der Mann, ſowohl Große als Kleine in Zucht zu halten.“ „Sprecht nicht von Zucht, Meiſter Gold⸗ ſchatz,“ brummte der Grobſchmied.„Wollt Ihr nicht mit den Voͤgeln ſingen, unter denen Ihr ſeyd, ſo huͤtet Euch, daß ſie Euch nicht zum Pfluckſiſch machen.— Geht nach Hauſe und ſchmiedet einen goldnen Henkel zu Eurem ſpani⸗ ſchen Krug! Der Krug geht ſo lange zum Brunnen, bis er bricht.“ Darauf ging der barſche Altmeiſter zu ſeiner Eſſe, und der ſtatt⸗ liche Goldſchmied ſchlich ſich kluͤglich durch die Menge fort. Drei Monate waren vergangen, ſeit das koͤ⸗ nigliche Paar nach Schwerin gezogen war. Es war eine kalte Octobernacht. In einer duͤſtern, engen Zelle im Kloſter Lockum, im Calenbergi⸗ ſchen, ſaß ein langer Poͤnitenz thuender Moͤnch. halb aufrecht in einem ſchwarzen Sarge, der ihm zum Bette diente. Auf einem Betſchemmel neben ihm brannte eine Lampe zwiſchen einem Stun⸗ denglas und einem Todtenſchaͤdel. Sein Geſicht 10 war furchtbar abgezehrt, mit einzelnen großen, faſt koͤniglichen Zuͤgen, doch waren die mehrſten von dieſen unter einem graugeſprenkelt halb roͤth⸗ lichen Barte verborgen, der ſich ungekaͤmmt um die ſchmutzigen gelben Wangen verwilderte. Ein großer, zerriſſener Ciſtercienſer⸗Mantel, deſſen weiße Farbe nicht mehr zu erkennen war, bedeckte den untern Theil ſeines rieſengroßen, ausgemer⸗ gelten Koͤrpers. Von oben war er bis zum Guͤrtel nackt. Sein Nuͤcken und die ſpitzen Schultern waren mit blutigen Streifen bedeckt, und eine knotige Poͤnitenz⸗Geiſel in ſeiner Hand verrieth den Anlaß dazu. Dieſer reuige Selbſt⸗ peiniger, der durch ſeine ſtrengen Bußuͤbungen in dieſem Kloſter bereits in den Geruch großer Heiligkeit gekommen war, rang nun mit dem⸗ ſelben Eifer, womit er fruͤher nach weltlicher Gewalt und Ruhme geſtrebt, nach dieſer Ehre. Er ſchien in der Einſamkeit der Nacht von ſchweren Anfechtungen geplagt zu ſeyn; ſo ſtarrte er wild vor ſich hin, waͤhrend er ein Kreuz ſchlug.„Weiche von hinnen, Verſucher!“ mur⸗ melte er;„biſt Du nun wieder da mit der ver⸗ fluchten Krone, mit den Dolchen, mit dem Gifte! 11 Von hinnen, ſage ich! oder biege Dich in den Staub und knie nieder. Siehſt Du denn nicht, daß ich ein heiliger Mann bin?— Siehſt Du denn nicht, wie ſie meine Fuͤße kuͤſſen, wenn ich da draußen auf dem ſpitzen Steine ſitze und mich geißele; wie ſich die andaͤchtigen Pilger vor mir neigen, wenn die Glorie um meinem Kopf im Sonnenſcheine leuchtet. Ach! nein, nein! das iſt ja Blendwerk,— das koͤmmt von Dir, alter Hochmuths⸗Teufel! ſo lange ein Tropfen Blut in meinem ſuͤndigen Koͤrper noch uͤbrig bleibt, ge⸗ lingt es mir nicht, Dich ganz herauszupeitſchen. Nun iſt es wieder Mitternacht. Nun gilts, den Schwarzen außer der Thuͤre zu halten„— er iſt doch der Schlimmſte!“ Jetzt fing er eifrig zu beten an, doch hin und wieder entſchluͤpften ſeinem Munde fuͤrchterliche Fluͤche, und er zuͤchtigte ſich ſelbſt deswegen hart mit der Geiſel. Da wurde die Thuͤre halb ge⸗ oͤffnet, ein Paar wilde, ſchielende Augen ſtarrten ihn an, und unter einer aſchgrauen Pilgerkaputze kam ein ſchwarzgekraͤuſelter Bart und ein braunes, verwegenes Geſicht zum Vorſchein. 12 „Schonet Euern armen Ruͤcken, mein from⸗ mer Heiliger!“ ſprach lachend eine hoͤhnende Stimme.„Ihr peitſcht doch nicht den alten Biſchof Waldemar aus der heiligen Haut heraus.“ „Weiche von hinnen, Satan!“ rief der Biſchof, und ſtarrte entſetzt den naͤchtlichen Gaſt an. „Kennt Ihr Euren alten Freund nicht mehr? hochwuͤrdiger Herr!“ fuhr der Pilger ein⸗ tretend fort.„Seht doch nicht einen andaͤchti⸗ gen Pilger fuͤr den leidigen Teufel an. Komme ich auch ein wenig ſpaͤt in der Nacht, und werde ich auch der Schwarze geheißen, ſo ſind mir doch bis jetzt weder Kralle noch Pferdefuß gewachſen. Kennt Ihr mich denn jetzt, Hochwuͤrden?“ Der Pilger warf Kaputze und Mantel ab, und der ſchwarze Graf Heinrich ſtand im praͤchtigen, ritter⸗ lichen Anzuge, mit dem großen Rubinen⸗Hals⸗ bande uͤber der Bruſt, vor ihm. „Graf Heinrich! was wollt Ihr hier?“ ſtam⸗ melte der Biſchof verwirrt, und warf den Mantel uͤber die nackten Schultern, indem er ſich voͤllig erhob und aus dem Sarge ſtieg.„Warum kommt Ihr hieher und ſtort mich in meiner Andacht? Die 13 Welt und ihre eiteln Haͤndel habe ich aufgegeben, wie Ihr ſeht. Ein verwildertes Weltkind, wie Ihr es ſeyd, iſt nur ein Verſucher, mir vom boͤ⸗ ſen Feinde geſchickt, um mir den Weg zur Hei⸗ ligkeit zu verengen.“ „Ich kehre von einer heiligen Wallfahrt zu⸗ ruͤck, Hochwuͤrden!“ entgegnete der Graf,„und den ſoll alles Unheil treffen, der mich in Zu⸗ kunft nicht einen frommen Herrn nennt. Kein Pilger geht ja Lockum⸗Kloſter voruͤber, der Euch nicht beſucht; ſollte denn ich, Euer alter Freund, Eurer Thuͤre voruͤbergehen, ohne Euch zu be⸗ gruͤßen! Es iſt eine gute Weile, ſeit wir uns nicht geſehen, und nichts iſt veraͤnderlicher, als der Menſch; ſo aber haͤtte ich nicht erwartet, Euch zu treffen.— Wurde der Thron, den Ihr Euch erkaͤmpfen wolltet, ſobald zum Sarg? wurde das Scepter, zu dem Ihr geboren waret, eine elende Poͤnitenz⸗Geißel, und muß der Koͤ⸗ nigsſohn, der kuͤhne Biſchof Waldemar, ſo enden?“ „So endet alle Hoheit und Eitelkeit der Welt. Redet mir nur nicht vom Scepter und Thron!— die fluchwuͤrdigen Traͤume ſind vor⸗ uͤber!“ 14 „Auch wenn Ihr vernehmt, daß nur ein kuͤhner Entſchluß und eine gluͤckliche Nacht von⸗ noͤthen iſt, um das zu vollfuͤhren, an das wir vergeblich in zehn Jahren gedacht haben?“ „Verſucher! Verſucher! iſt das die Froͤmmig⸗ keit, die Du aus dem heiligen Lande mit⸗ bringſt?“ „Ich bin auch im Lande der Weiſen gewe⸗ ſen, Hochwuͤrdiger! Unter den Wunderwerken Egyptens habe ich gelernt, was menſchliche Ge⸗ walt und menſchlicher Wille vermoͤgen, wenn ſie feſt und beharrlich ſind.“ „Allein die Natter, die nie ſtirbt, das Feuer, das nie erloͤſcht,— welches Mittel habt Ihr gegen ſie im Lande der Weiſen gefunden?“ „Gegen ſie giebts auch Mittel, Hochwuͤr⸗ den. Ich bringe einen Schatz in die Heimath mit, der alle Wallfahrten und jede Poͤnitenz ent⸗ behrlich macht. Wuͤßtet Ihr nur, welch koͤſtli⸗ ches Naß dieſer köſtliche Jaspis enthaͤlt; waͤre ein Tropfen davon nur der Eure, dann koͤnntet Ihr Euren ſuͤndigen Leib ſchonen, und duͤrftet nie fur Eure Seele bange ſeyn.“ Mit dieſen Wor⸗ ten zog Graf Heinrich einen klargeſchliffenen Jas⸗ 415 pis hervor, in dem ein rothes Naß eingeſchloſſen war, und hielt ihn gegen die Lampe. „Blut, Blut!“ ſchrie der Biſchof auf,— „brennt nicht Blut genug in unſern Seelen?“ „Aber dies Blut, Hochwuͤrden! löͤſchet jeden Blutbrand in alle Ewigkeit. Es loͤſchet alle Flammen des Fegefeuers und der Hölle. Es löſchet alle alte und neue Suͤnden. So hat mir der fromme Pelagius geſagt. Seht! ein ſolcher Schatz iſt unter Bruͤdern ein Koͤnigreich werth. „Ha!— allein iſt es aͤcht?“ Die ma⸗ gern Finger des Biſchofs kruͤmmten ſich krampf⸗ haft, nach der Reliquie ausgeſtreckt, welche der Graf ſchnell an ſich zog. „Glaubt Ihr, daß ein paͤbſtlicher Legat, daß der fromme Biſchof Pelagius in Alba ſeine Se⸗ ligkeit fuür Gold verſchwoͤren wuͤrde? Das Blut iſt, bei meiner Seele! aͤcht genug, und theuer habe ich es bezahlt; entweder wird Pelagius und die ganze heilige Kirche in alle Ewigkeit ver⸗ dammt ſeyn, oder ich beſitze Vergebung der Suͤnden und Seligkeit genug fuͤr uns Beide.“ 16 „Einen Tropfen, nur einen einzigen auf meinen brennenden Scheitel!“ rief der Biſchof knieend.„Der doppelte Bannſtrahl lodert noch dort und kämpft mit dem Heiligenſchein.“ „Wohl, es ſey, Hochwuͤrden!“ verſetzte Graf Heinrich kalt, und verbarg die Reliquie mit einem haͤßlichen Laͤcheln in ſeinem Buſen wieder,„wenn wir uns wieder ſehen; doch unter einer Bedin⸗ gung: Ihr ſeyd, wie ich ſehe, zu heilig, um an meinem weltlichen Plane Antheil zu nehmen; allein einen heiligen Freund kann ich auch brau⸗ chen.— Wenn Ihr von einer vermeſſenen That ſprechen hoͤrt, wegen welcher der Bannſtrahl mei⸗ nen Krauskopf bedroht, ſo zeigt mir, was Ihr bei dem Pabſte Honorius vermoͤgt; dann koͤnnt Ihr Euch vielleicht noch drauf beſinnen, ob ein Tropfen aus dieſem Jaspis und ein eingebildeter Heiligenſchein, oder die Krone des Koͤnigs von Daͤnemark, am beſten Euren brennenden Schei⸗ tel abkuͤhlen kann.“ „Hal ich verſtehe Dich, Du biſ doch der leidige Satan! Weiche von hinnen, Verſucher! weiche von hinnen, ewiger Luͤgner! Dein heile ges Blut, wie Deine Krone, ſind nichts als 17 Blendwerk der Hoͤlle!— Dein Spottwort war nur Wahrheit,— ja hier iſt mein Thron, hier mein Scepter; ich biete Dir noch Troͤtz.“ Mit dieſen Worten, von einem wilden Blicke beglei⸗ tet, ließ der ungluͤckliche Biſchof ſich mit Stolz an dem Rande ſeines Sarges nieder und ſchwang die Geißel uͤber ſein kahles Haupt.— „Wahnſinniger Thor mit Euch iſt nichts mehr auszurichten!“ murrte Graf Heinrich vol⸗ ler Unmuth, den Pilgermantel um ſich werfend, und begab ſich mit Hohngelaͤchter von dannen. „Lache nur, daß die ganze Hoͤlle bebt!“ fluͤſterte der Biſchof, und ſchlug ein Kreuz; „von hinnen mußt Du doch!“ blaß und er⸗ mattet ſank er in den Sarg zuruͤck. Als er am Morgen zur voͤlligen Beſinnung kam, erhob er ſich mit feierlichen, triumphirenden Zuͤgen, und erzaͤhlte den andaͤchtigen Kloſterbruͤ⸗ dern, wie er dieſelbe Nacht eine ſchwere Anfech⸗ tung gehabt, allein daß er durch den Beiſtand der heiligen Jungfrau, unter ſtrengen Bußuͤbungen, den boͤſen Feind aus ſeiner Zelle vertrieben habe. Er hoffte, daß er nun, ſo wie der heilige An⸗ tonius, ſich auf immer den Verſucher vom Halſe IV. 2 18 geſchafft, und daß man ihm nun bald See⸗ lenmeſſen leſen und dann den Deckel ſeines Sar⸗ ges zuſchließen koͤnne.— 1 Graf Heinrich ſetzte indeſſen, wie ein andaͤch⸗ tiger Pilger, die Reiſe in ſeine Heimath fort, und wegen ſeiner Froͤmmigkeit und Demuth von ſeinen Landsleuten höchlich bewundert, ging er zu Fuß durch ſeine ganze Grafſchaft durch bis nach Schwerin. An einem klaren Wintertage zeigte ihm endlich die untergehende Sonne in der Ferne den See bei Schwerin und die hohen Thuͤrme des Schloſſes. Er hemmte die Schritte und ſann darauf, wie er ſeine ſchoͤne Gemahlin uͤberraſchen und ſich von ihrer Treue uͤberzeugen koͤnnte. Denn ſeine ſtarke Neigung zur Eifer⸗ ſucht hatte ihn waͤhrend der heiligen Wallfahrt nicht verlaſſen.— Je mehr er der Heimath nahete, deſto thörichter kam es ihm vor, auf die Treue einer ſchoͤnen Hausfrau, die nicht ſtrenge gepruͤft worden war, zu bauen. So wie er in dieſen Gedanken langſam vorwaͤrts durch den ſchwarzen, entblaͤtterten Eichenwald ſchritt, ge⸗ wahrte er einen k lichen Herrn, vom Schloſſe den von cht todt bin, woll⸗ 21 Schweſterſohnes, des jungen Grafen Nicolaus, des Sohnes des Grafen Claus.“ „Wie, faſelſt Du? einen ſolchen Anſpruch hat er ſich zu machen erkuͤhnt, und man iſt dumm genug geweſen, ihm beizuſtimmen?“ „„Wie geſagt, Herr Graf! der Koͤnig war als Eigenthuͤmer und Herr im Schloſſe, und Eure ſchoͤne gutherzige Gemahlin konnte ihm nichts ver⸗ weigern. Sie glaubte ja außerdem, daß Ihr todt waͤret.“— „Nichts, nichts konnte ſie ihm verweigern? Tod und Hoͤlle, nun luͤgſt Du, Satan!“ „Ihr mißdeutet mich, geſtrenger Herr Graf! Der heilige Auguſtinus bewahre meine Zunge vor Verlaͤumdung. Ich rede nur von dem An⸗ ſpruch auf Grafſchaft und Schloß. Von andern darf ich nichts reden— jedoch“— „Warum ſtockſt Du? Von Grafſchaft und Schloß ſey nun die Rede nicht, mein Erbe und mein Mannslehn werden mir wohl die deutſchen Geſetze und der Kaiſer behaupten.— Die An⸗ maßung iſt mir ſogar willkommen; Koͤnig Wal⸗ demar ſoll ſie bereuen. Er hat mich zu vorſchnell todt geglaubt; aber was weiter?“ „Nichts weiter, geſtrenger Herr! nur we⸗ gen beweislicher Thatſachen koͤnnt Ihr ihn ver⸗ antwortlich machen. Blicke und Gebehrden darf ich nicht deuten;— an ſolche kehren ſich die deutſchen Geſetze und der Kaiſer auch nicht.“ „Blicke und Gebehrden?— ha, truͤgſt Du, Satan, wird es Dein Leben koſten!“ „Ich ſage nichts Beſtimmtes, geſtrenger Herr! ich hege nur einen Verdacht, eine kleine Furcht, welche die Sorge fuͤr Eure Ehre und meine Sicherheit mir nicht geſtatten, ganz zu ver⸗ ſchweigen. Eure ſchoͤne Gattin war, wie geſagt, ſehr, ſehr zuvorkommend gegen den ſchoͤnen be⸗ redten Koͤnig. Die Koͤnigin Beengierd wurde jeden Tag unzufriedener, und ſuchte die Abreiſe zu beſchleunigen; aber immer wurde ſie durch Hinderniſſe aufgeſchoben. Als endlich die hohen Herrſchaften vorgeſtern abreiſten, weinte die ſchöͤne Graͤſin recht ruͤhrend. Man ſagt, daß ein kleiner Zwiſt zwiſchen ihr und der Konigin ihr recht nahe gegangen ſeyn ſoll. Seitdem iſt ſie recht traurig geweſen, und das koſtbare Armband, das ihr der König beim Abſchiede uͤberreichte, benachtet ſie oft mit zaͤrtlichen Thraͤnen.“ 23 „Tod und Hölle, Arnfred! darf ich Dir glauben? Du hegſt einen alten Groll gegen den König! ich weiß, daß es Dich freuen wuͤrde, wenn Du ihn in Noth und Ungluͤck erblickteſt.“ „ Das kann ich nicht laͤugnen, geſtrenger Herr! als ein guter Chriſt darf ich alles Boͤſe haſſen, und Euern Feind haſſe ich, wie alle un⸗ gerechte Tyrannen und Verfuͤhrer der Unſchuld; doch merket darauf: ich klage ihn nicht an; ich darf in dieſer Sache nichts bezeugen; denn was mir als Beichtvater anvertraut ſeyn kann, ver⸗ langt Ihr doch nicht zu wiſſen? das vermoͤget weder Ihr, Herr! noch vermag es irgend eine Gewalt der Erde uͤber meine Lippen zu bringen. Was ich ſagen darf, verurtheilt Niemanden; und huͤtet Euch, daß Ihr nicht mehr hinein legt, als daran iſt; ich wollte Euch nur einen Wink geben.“ „Einen ſchoͤnen Wink, mein frommer Herr! der mir die Hoͤlle offen zeigt!— Es ſind Dir alſo Geheimniſſe anvertraut, die Dir Niemand auspreſſen kann. Gut, gut! weiß ich nur, wo der Hollenſchatz verborgen liegt, iſt es auch mir anheim geſtellt, ob ich ihn herausgraben will 6 24 oder nicht. Ha! die Schande ſoll theuer ge⸗ rächt werden.— Doch wehe Dir, haß Du mich getaͤuſcht!“ „Unterſucht ſelbſt, Herr Graf! und findat Ihr, daß ich auch nur ein Wort, das nicht Wahrheit iſt, geſagt habe, ſo ſey ich ſelbſt der Erſte, Euxer gerechten Rache verfallen!“ Graf Heinrich ſchwieg und betrachtete den ſchlauen Pfaffen mit einem durchdringenden Blicke.— Er gewahrte ein triumphirendes Laͤ⸗ cheln in ſeinen niedertraͤchtigen Zuͤgen, und ohne weiteres Bedenken ergriff er ſeinen Dolch und ſetzte ihn dem zweideutigen Anklaͤger an den Hals, indem er ſchaͤumend ausrief:„Bekenne nun Alles, oder fahre zur Hoͤlle als ein nieder⸗ traͤchtiger Luͤgner und Verlaͤumder!“ Inn Arnfred ſiel auf die Kniee und bat ihn, zu bedenken, daß der gewiſſenhafteſte Pfaffe doch nur ein Menſch, und daß es eine große Suͤnde ſey, ihn uͤber Vermoͤgen zu verſuchen und ihn zu zwingen, ſeinen heiligen Amtseid zu verletzen. „Geſchwaͤtz, elender Heuchler!“ fuhr der Graf wie vocher fort,„Du wollteſt ja gezwun⸗ gen ſeyn! haͤtteſt Du ſchweigen und Deinen Eid 25 nicht brechen wollen, waͤre nicht einmal die Haͤlfte von dem, was Du geſagt, Deinem Munde ent⸗ ſchluͤpft. Kurz und gut alſo: ſterbe als ein gif⸗ tiger Ehrenſchaͤnder, oder bekenne; ein Wort iſt mir genug; ſchuldig oder unſchuldig!— Du weißt, wen ich meine.— Schwoͤre, daß Du ewig verdammt ſeyn willſt, wenn Du luͤgſt!“ „Gott und die heilige Jungfrau vergeben Euch die Suͤnde, geſtrenger Herr!“ ſagte der Pfaffe zitternd,„allein ich waſche meine Haͤnde, durch eine Luͤge will ich nicht das Verbrechen verbergen. So wiſſet denn, die ſchoͤne Suͤnderin geſtand mir in einer reuigen Stunde Alles in dem Beichtſtuhle; doch bereuete ſie ihre Offen⸗ heit gleich wieder, aus Furcht, daß ich ſie ver⸗ rathen moͤchte. Um ſich meiner Verſchwiegenheit zu verſichern, drohete ſie mir, mich bei Euch einer ſuͤndlichen Neigung zu ihr beſchuldigen zu wollen, inſofern ich ſie verriethe.— Nun wißt Ihr Alles, Herr Graf! Es ſey denn gewagt! Glaubt nun, wem Ihr wollt, ich ſpreche das Wort aus: Es ſey mir zur Verdammniß, wenn ich luͤge!— ſchuldig! ſchuldig!“ 26 „Wohl! ich will Dir glauben, ſo wie man einem Pfaffen mit Deinem Geſichte glauben kann. Allein— von jetzt an ſchweige, wie ein todter Hund. Kein Menſch ſoll meine Schande wiſſen; ich werde ſie als ein kluger Mann tra⸗ gen, und mich wie ein Praͤlat raͤchen.— Ich war nicht vergebens im Lande der Weiſen. Meine Rache ſoll reifen, ehe ſie trifft; dann aber ſoll ſie ſicher und gewaltig treffen, und Europa ſoll mit Staunen erfahren, was ein deutſcher Graf vermag. Folge mir in's Schloß, Arnfred; ſey treu und verſchwiegen, und Du ſollſt es nicht bereuen.— „Ich bin mit Leib und Seele der Eurige, geſtrenger Herr!“ ſagte Arnfred, indem er demuͤ⸗ thig den Steigbuͤgel hielt, waͤhrend der Graf ſich in den Sattel ſchwang. Auf dem Gaule des Pfaffen ſprengte nun der furchtbare Pilger dem Schloſſe zu. 3 „Ich habe ihn da, wo ich wollte,“ mur⸗ melte Arnfred und ſchlich langſam hinterdrein. „Was ich geſchworen, das kann ich verantwor⸗ ten: ſchuldig, ſchuldig! das iſt doch der Eine wie der Andere,— wer in einer Sache ſuͤndigt, 27 der ſuͤndigt in Allen;— die ſproͤde Graͤfin mag nun ſagen, was ſie will, er glaubt ihr doch nicht. Und der Koͤnig— ha! moͤchte ich den Tag erle⸗ ben, mich an ihm, dem Grafen Otto und dem ganzen ſtolzen Stamme geraͤcht zu ſehen; dann wuͤrde ich erſt das alte Jucken von der Hunde⸗ peitſche verſchmerzen.“ 8 „Doch das Brennen von der Skorpion⸗ Peitſche wirſt Du nie verſchmerzen!“ fluͤſterte eine Stimme dicht hinter ihm. Er ſah ſich ent⸗ ſetzt um, und eine weibliche Geſtalt ſtand vor ihm, als eine arme Keſſelflickerin angezogen, und ſtarrte ihn mit zwei ſchwarzen, funkelnden Augen unter der zerlumpten Kaputze an.— In der Hand, die von praͤchtigen Ningen glaͤnzte, ſchwang ſie eine bunte Geißel, die mit einer Schlangen⸗ haut uͤberzogen zu ſeyn ſchien.—„Dank fuͤr das letzte Mal, gekruͤmmter Satan!“ fluͤſterte ſie, indem ſie lachte und ihn am Mantel faßte.—„Es war unweit des Galgens; he, he! damals haſt du mir gute Beute gebracht! Doch jetzt, jetzt haſt Du Dein Meiſterſtuͤck gemacht.— Raecht ſo! luͤge, truͤge und ſchwoͤre Dich in die Gewalt des Lügenvaters! das hat nichts zu bedeuten! Aber 28 Rache, Rache! das iſt die rechte Freude, die wahre Luſt!“ Dann begann ſie um ihn zu tan⸗ zen, und wuͤhlte mit den Fuͤßen in den abgefalle⸗ nen duͤrren Blaͤttern im Walde, ſo daß ſie ihm um die Ohren ſauſten, waͤhrend ſie als eine wuͤ⸗ thende Furie die Schlangengeißel uͤber ſein Haupt ſchwang. „Huͤlfe! Huͤlfe!“ ſchrie der entſetzte fuſte wie gelaͤhmt vor Schrecken.—„Laß mich, laß mich! Du Plagegeiſt der Höͤlle!“ Je mehr er aber ſchrie, deſto wilder lachte die Geſtalt, uͤber Stock und Stein im Zwielichte ihn mit ſich hinwir⸗ belnd, bis er vor Grauen und Entſetzen ohne Be⸗ ſinnung niederfiel. „ Swend, Swend!“ rief ſie nun mit durch⸗ dringender Stimme, und ein plumper, halber⸗ wachſener Burſche, mit einem Knuͤttel in der Hand und einem Bogen auf dem Ruͤcken, in zerlumpten Kleidern„ ſprang aus den Gebuͤſchen hervor. „Hier bin ich, gnaͤdige Frau!“ rief er. „Ich bin auf dem Schloſſe geweſen; allein dies Mal haben doch Eure Sterne gelogen: der König 29 und die Koͤnigin ſind vorgeſtern abgereiſt, und der Schloßkapellan hat kein Unheil angerichtet.“ „Sieh! da liegt er,“ unterbrach ſie ihn; „er hat Unheil genug angerichtet! Allein, es iſt gut; ſo muß es ſeyn, und die Sterne haben doch nicht ganz gelogen.“ „Wie!— Habt Ihr ihn ſelbſt gefangen und in den Schlaf geſungen? Soll ich ihn nun vor die Stirn ſchlagen, den Hund?“ „ Nein, laß ihn ſo! Er hat ſeinen Lohn nach Verdienſt! Er lebt doch nicht, bis die Sonne auf's Neue untergeht; was er aber geſaͤet, das werde ich ernten. Nun weiß ich mehr als der alte Thor ſelbſt. Wo haſt Du die Pferde?“ „Sie ſtehen gleich hier an dem Zaune.“ „Fort denn! darin hat Dein Aeltervater Recht gehabt:— hier hielt der Scorpion mit dem Schuͤtzen Rath;— allein hier darf das ſtolze Wild nicht fallen. Schnell! fort von hier nach Ribe!— haſt Du Deinen Bogen?“ „Ach, gnaͤdige Frau! lieber zehn Maͤn⸗ ner, als ein Weib! ſie ſoll ſo ſchoͤn ſeyn?“ „Das hilft Ihr nicht! was kehren ſich die Sterne daran? Sieh mich an, ich war auch einmal ſchoͤn! doch was kehrten ſich die kalten Sterne daran? Wehe mir, wehe! jetzt bin ich eine boſe Norne mit der Schlangengeißel; ein Plagegeiſt der Hoͤlle, und vermag alle Schelme im Mondſcheine bis zum Tode zu er⸗ ſchrecken! Wer erkennt jetzt noch die ſchöͤne Herzogin? und ſie wurde doch zum Scepter und zur Krone geboren.“ Mit dieſen Worten be⸗ deckte ſie die verwilderten Augen mit den Haͤnden und weinte bitterlich. „Ach! weint doch nicht wieder, hochgeborene Frau;“ ſchluchzte der Burſche.„Ihr ſeyd noch erſchrecklich ſchon, und ich kann es nicht aushal⸗ ten, Euch weinen zu ſehen; lieber muͤßt Ihr doch ſingen und lachen, wenn es nicht anders ſeyn kann.— Ich will Euch ja bis ans Ende der Welt folgen, und Alles thun, was Ihr wollt.“ e „Wohl, ſo komm denn, Selave! komm, mein treuer Wolfsjunge, Du ſollſt Graf wer⸗ den; Du ſollſt ein Herzog, wie mein Kind, werden, wenn ich in mein Reich komme.— 31 Gold und Edelgeſteine habe ich genug; nimm Al⸗ les;— aber gieb mir Rache!“ „Ach! Ihr ſeyd ſo gut und freigebig, ſchöne Frau! wie koͤnnt Ihr denn ſo grauſam ſeyn? wenn ich daran denke— „Darfſt Du denken? Wolfsjunge! heule, heule! aber denke nicht: Nein! Gehorchen ſollſt Du, dazu biſt Du geboren; und meinen Augen ſollſt Du gehorchen, ſo wie ich den gluͤhenden Augen da oben gehorchen muß. Fort, fort! Ehe der Vollmond wiederkehrt, muß es geſchehen ſeyn!— willſt Du nicht, ſo wollen tauſend Andere.“ Sie ergriff ihn krampfhaft am Arme und Beide verſchwanden durch die duͤrren, raſ⸗ ſelnden Gebuͤſche.- Bleich und zitternd ſtand Arnfred den fol⸗ genden Tag vor dem Altare in der Schloßkapelle zu Schwerin, und las die Meſſe. Graf Hein⸗ rich und ſeine Gemahlin ſaßen in dem praͤchti⸗ gen, herrſchaftlichen Betſtuhle.— Die Zuͤge des Grafen waren unruhig und duͤſter, und die ſchöne Graͤfin Audocia verbarg ihre Thraͤnen hin⸗ ter dem Schleier. Der Graf betrachtete ſie von Zeit zu Zeit mit einem ſcharfen, verdachtvollen 3²2 Blick. Endlich warf ſie den Schleier zuruͤck, und wandte das ſchmerzensvolle Antlitz gegen den Al⸗ tar, indem ſie auf den Betſchemmel, in inniges Gebet verſunken, niederknieete. Als ihre ſchoͤnen betenden Augen von dem Himmel zuruͤckkehrten, traf ihr Blick den zitternden Pfaſſen. In dem⸗ ſelben Augenblicke ſtuͤrzte er, von einem Nerven⸗ ſchlage getroſſen, mit einem furchtbaren Geſchrei vor dem Altare nieder, und wurde mit Entſetzen I aus der Kapelle getragen. Er lallte den Namen des Grafen hervor und ſchien ihm etwas Wich⸗ tiges ſagen zu wollen, allein ehe dieſer in's Schloß zuruͤckkam, war er todt. Auf dem Wege von Schleswig, wo Wal⸗ demar ſich einige Tage aufgehalten hatte, ritt er an einem hellen Wintertage an der Seite der Koͤnigin nach Ribe zu, dem Gefolge voraus, das, aus Furcht, ihre vertraute Unterredung zu unterbrechen, ſich in ehrerbietiger Eatkernund hielt. „Ich hatte Unrecht, liebet Waldemar!“ ſagte die Königin mild und liebreich, den Her⸗ 33 melinmantel zuruͤckſchlagend und ihm die Hand reichend.„Ich glaubte mich uͤber eine ſo elende Leidenſchaft erhaben. Mir traͤumte nie, daß ich von dieſer Krankheit ſchwacher Seelen uͤberwunden werden koͤnnte. Verzeihe mir!“ 8 „Alles iſt vergeben und vergeſſen! ich begreife nur nicht!“ „Ja, ja! Du begreifſt es. Geſtehe mir nur, beſter Waldemar, wenn irgend ein Weib in der Welt mich eiferſuͤchtig machen koͤnnte, waͤre ſie es. Sie beſitzt Alles„ was mir fehlt. Sanftere, liebreichere Zuͤge, als die meiner Au⸗ docia, habe ich nie geſehen, und ich kann es keinem Manne verdenken, wenn er herzliches Wohlgefallen an ihr findet.“ „Ich glaube doch nicht, daß ſie mir mehr als alle wackere, freundliche Weiber gefaͤllt. „Etwas mehr doch, etwas mehr; aber was hat das zu bedeuten? Ich haͤtte mich daruͤber freuen ſollen, daß meine Freundin auch die Dei⸗ nige iſt; allein es war, als ſey ein boͤſer Geiſt uͤber mich gekommen, und jedes freundliche Wort, jeder lebhafte Blick, den Ihr wechſeltet, war mir ein Dolchſtich.“ IV. 3 — ͦ ͦ—— „GUnbegreiflich! daß ich es nicht merkte.“ „Ich verſtellte mich; ich verachtete ſelbſt meine Schwaͤche, und war zu ſtolz, mich zu ver⸗ rathen, bis ich ihr unterlag, und ſie mich bei⸗ nahe wahnſinnig gemacht hatte; da erſt draͤngten ſie ſich hervor, die undeutlichen halben Worte und Beziehungen, die ich vor Dir gehuͤtet und verachtet hatte; jetzt aber gewannen ſie immer tiefere Bedeutung. Ueber Alles das, was man erzaͤhlt hatte von Dir und einer ſchoͤnen ſchwe⸗ diſchen Wittwe, und von Jungfrau Kirſtinen von Riſe, die an unſerm Hochzeittage auf ein⸗ mal verſchwand, hatte ich bisher immer gelacht, aber jetzt ſtiegen alle ſolche Gedanken als boͤſe Geiſter aus dem tiefſten Abgrund der Seele herauf, um mich zu verwirren; Deine fruͤhere Aufmerkſamkeit fuͤr Audocia fiel mir ein, und wie Du uns Beide verließeſt, um in die Arme einer Dritten zu eilen; die fromme, unſchuldige Dagmor ſchien mir ein ungluͤckliches Opfer Dei⸗ nes Leichtſinnes und Deiner Unbeſtaͤndigkeit, und Du, der einzige Mann in der Welt, den ich ſchaͤtzte und liebte, warſt nur eine ſchwache, all⸗ 35 taͤgliche Seele, wie tauſend Andere; ein treulo⸗ ſer, ſchwacher Weiberverfuͤhrer!“ „Beengierd! meine trefflichſte Beengierd! ſelbſt Deine Eiferſucht hat mich ſtolz gemacht; ſie iſt mir nur ein neuer Beweis Deiner Liebe und ich werfe Dir nichts vor; einiges Unrecht habe ich doch auch; ich will es Dir geſte⸗ hen! Meine gar zu gerade Weiſe, liebenswuͤr⸗ digen Frauen meine Huldigung darzubringen, hat oft meine Ehre dem Verdachte und der Ver⸗ laͤumdung preisgegeben; den Fehler habe ich nie ablegen koͤnnen, doch laß es vergeſſen ſeyn! Ich werde nun taͤglich aͤlter und zahmer, mein Haar beginnt grau zu werden. Nur wenn ich Dich ſehe, fuͤhle ich mich jung und kraͤftig genug, eine Welt zu beherrſchen. Noch trage ich nicht die Krone Knuds des Großen, aber an Deiner Seite ſehe ich einem herrlichen trefflichen Koͤnigsleben entgegen, ſobald wir nach Ribehuus kommen.“ „Ach! moͤchte ich nie mehr Nibehuus ſehen,“ unterbrach ihn die Koͤnigin heftig mit einem tie⸗ fen Seufzer,„es iſt mir von Herzen verhaßt, das dunkle ſinſtre Schloß, wo nur Haß und Verkennung meiner harren!“ 3* 36 „um Gott! meine Beengierd! biſt Du Mor⸗ gen noch der Meinung, ziehen wir uͤbermorgen nach Schleswig oder nach Roeskild, oder nach welchem meiner Schloͤſſer, das Du am liebſten haſt? Doch glaube nur, der Ort traͤgt am we⸗ nigſten zu unſrer Zufriedenheit bei. Könnteſt Du nur meinem Rathe folgen, theuerſte Been⸗ gierd, könnteſt Du Dich mehr vertrauensvoll, mehr herablaſſend der launenhaften Menge naͤ⸗ hern, die nur ein Laͤcheln, einen freundlichen Blick braucht, um uns zu vergoͤttern, dann wuͤrde alles gut werden. Das aͤußere Gepraͤge meiner Hoheit und Groͤße koͤnnen nur verwandte Seelen faſſen und ſchaͤtzen; der beſchraͤnkte Hau⸗ fen wird dadurch emport, und nennt es Ueber⸗ muth!“* „Sollte denn Daͤnemarks Koͤnigin nöthig haben, ſich zu demuͤthigenden Kunſtgriffen und Poſſenſpielen herabzulaſſen, um dem rohen veraͤcht⸗ lichen Haufen zu ſchmeicheln?“ entgegnete Been⸗ gierd ſtolz.„Nein, bin ich Konigin, will ich mich auch als Koͤnigin fuͤhlen und zeigen; und wollen meine Unterthanen mich nicht lieben, ver⸗ achten ſollen ſie mich nicht.“ — 37 „Verſtehe mich recht, hochherzige Beengierd! die Freundlichkeit und Milde, die ſo gewaltig die Herzen gewinnen, ſoll keine Larve, kein ge⸗ heucheltes angenommenes Weſen, ſondern der wahre Ausdruck freundlicher Geſinnung ſeyn! Liebe nur mein Volk recht von Herzen, theure Gattin! liebe es wie eine Mutter ihre Kinder; und Du wirſt ſehen, daß meine braven Daͤnen mit Liebe und nicht mit Haß vergelten.“ Die Koͤnigin ſchwieg ploͤtzlich, und gluͤhende Röthe faͤrbte ihre Wangen. Ihre Seele ſchien einen ſchweren Kampf zu beſtehen.„Ja Du haſt Recht, mein Waldemar!“ ſagte ſie endlich raſch; „ich empfinde ſchmerzlich Deinen milden ſcho⸗ nenden Vorwurf. Nie war ich Mutter Deines Volkes; allein Dein Herz beurtheile mich nicht gar zu ſtreng! Es iſt leicht zu lieben, wo man auf den Haͤnden getragen wird; allein wo Vor⸗ urtheile und Unfreundlichkeit uns begegnen, iſt es eine ſchwere Pflicht: lieben zu ſollen. Indeſſen verſpreche ich Dir heilig, mein Koͤnig, es ſoll an⸗ ders werden; ja bei Gott! es ſoll anders werden.“ In dem ſchwarzen Auge der bewegten Koͤni⸗ gin glaͤnzten Thraͤnen; der Koͤnig fluͤſterte, ihre 38 Hand liebevoll druͤckend:„Amen! Gott gebe ſei⸗ nen Segen dazu, dann bin ich der gluͤcklichſte Mann in der Welt. Das Gefolge ſchloß ſich ihnen an, denn Ribe war nahe. „Das Volk ſtroͤmt uns ſchon entgegen, Herr Koͤnig!“— aͤußerte Junkherr Strange. „Schaut dort, wie es glaͤnzt und ſtaͤubt beim Strome! und hoͤrt, wie ſie ſchon laͤrmen und rufen!“ „Die Weiſe, uns zu empfangen, gefaͤllt mir wenig!“ fluͤſterte die Koͤnigin aͤngſtlich.„Es iſt ja ein Auflauf, als erwarteten ſie den Feind.“ „Die Freiheit kann man dem Volke nicht be⸗ nehmen, theure Koͤnigin,“ entgegnete Waldemar. „Mir iſt es immer eine Freude, wenn meine lieben Unterthanen mir ſo lebendig und heiter entgegen wogen.“ „Als ich an Deiner Seite an der Spitze Deines Heeres gegen die vielen Tauſende des Kaiſers ritt, mein Waldemar! da war ich ge⸗ troſt und froh; allein heute iſt es mir, als fuͤhr⸗ teſt Du mich in eine Wuͤſte gegen einen Haufen 39 wilder Thiere, die mich an Deiner Seite zer⸗ reißen wollen.“ „Ruhig, ruhig, meine muthige Beengierd! damit Niemand Dein ungegruͤndetes Mistrauen merke! Sollteſt Du nicht an meiner Seite, unter Deinen eigenen lieben treuen Kindern, ſicher ſeyn?“ Waͤhrend beide mit leiſer Stimme dieſe ge⸗ heimen Worte wechſelten, nahete die Volks⸗ menge mit Geraͤuſch und Freudengeſchrei. Der König gruͤßte freundlich nach allen Seiten, allein es war der beklommenen Koͤnigin unmoͤglich, den Haufen mit einem ruhigen freundlichen Blick zu betrachten, und waͤhrend die Luft vom Freude⸗ jauchzen fuͤr den Koͤnig wiederhallte, toͤnte hin und wieder das alte Spottlied aufs neue, und Beengierd ſelbſt vernahm deutlich den gehaͤſſigen verletzenden Schlußreim: .„ Schande ihr Beengierd, der Herr Gott ſey mit dem Koͤnig!“ „ Hört Ihr den Willkommungs⸗Gruß Eurer Konigin, Waldemar!“ fragte ſie erblaſſend mit gekraͤnktem Stolze, waͤhrend ſie ſchnell den Schleier 40 herabzog, um die hervorquellenden bittern Thraͤ⸗ nen zu verbergen. „ Tod und Verderben!“ rief der Koͤnig hoͤchſt aufgebracht.„Wer erdreiſtet ſich, die Majeſtaͤt zu beleidigen? haut ſie auf der Stelle nieder!“ Auf den Wink des Koͤnigs ſprengte ſogleich ein Haufen Ritter in die Volksmenge hinein, wo das freche Schandlied geſungen wurde. Un⸗ ter Geraͤuſch und Geſchrei wurde ſogleich die Menge zerſtreut, doch konnte dabei nicht verhin⸗ dert werden, daß Kinder und Weiber hie und da umgeworfen wurden, und daß viele Unſchul⸗ dige mit den Schuldigen leiden mußten. War man vorher nicht gegen die Koͤnigin aufgebracht, ſo geſchah es nun; und obgleich der Köͤnig noch immer von vielen mit verdoppel⸗ tem Eifer laut begruͤßt wurde, ſo tonte doch das Hohngeſchrei gegen die Koͤnigin noch lauter von allen Seiten. In der hoͤchſten Erbitterung zog der König ſelbſt ſein Schwert, und war im Be⸗ griff, unter die Tollkuͤhnen hinein zu ſprengen, doch ſich ploͤtzlich faſſend, hielt er ſeinen Hengſt an. Der ganze Zug hielt ſtill an der Suͤdthors⸗ brücke, und der König gebot Stillſchweigen. ——-G—— —— 41 „ Still, ſtill! der Koͤnig will reden,“ toͤnte es ſchnell vom Munde zu Munde, und in dem⸗ ſelben Augenblick war alles ſo ſtill, als waͤre die große Volksmenge durch einen Zauberſchlag ver⸗ ſteinert worden. 4 Und nun erhob der Koͤnig ſeine ſtarke Stimme, und ſprach gewaltige Worte zum Schrecken und zur Beſchaͤmung der Aufruͤhrer und zum Ruhm der Koͤnigin, auf die, wie er behauptete, jedes eele und hochherzige Volk ſtolz ſeyn muͤſſe. Er erinnerte ſeine trauen Mannen an das, was Daͤnemark in den letzten denkwuͤrdigen Jahren geworden war; an den Glanz und die Ehre, wo⸗ zu er den daͤniſchen Thron gehoben, ſeitdem die muthige Koͤnigin Beengierd denſelben mit ihm getheilt; zeigte ihnen die Nothwendigkeit der gro⸗ ßen Aufopferungen, welche ſo große und wichtige Unternehmungen erheiſchten, und erklaͤrte laut, daß wenn ſeine Siege fuͤr zu theuer erkauft ge⸗ halten wuͤrden, und wenn das daͤniſche Volk ſo entartet und erniedrigt waͤre, daß es die Ehre geringer als das Gold ſchaͤtzte, da wuͤrde er ſich ſchaͤmen, das Scepter zu tragen, das der Stolz ſeiner Vorfahren geweſen.„Nennt Ihr mich 42 Waldemar den Sieger,“ ſchloß er und ſchlug heftig aufwaͤrts mit der bewaffneten Rechten,„und ſeyd Ihr ſtolz darauf, daß Daͤnemarks Koͤnig dieſen Namen mit Fug trage, wie koͤnnt Ihr denn Gott bitten mit mir zu ſeyn, und Schande uͤber meine theure Koͤnigin, die meine Gewalt und meinen Ruhm theilt, wuͤnſchen? Verdient mein Regiment von den Daͤnen getadelt zu wer⸗ den, ſo ſey die Schande nur mein! Von mir iſt jedes ſtrenge Gebot ausgegangen und dort oben werde ich es verantworten; in meiner Hand ruht das Geſetz und das Schwert, doch das Heil und der Sieg kam von oben. Er kam mit Hoheit und nahm Platz an meiner Seite. Seht, daͤniſche Maͤnner, in dieſer Ge⸗ ſtalt kam Heil und Segen, Luſt und Freude, kam Gewalt und Ruhm zu Daͤnemarks Koͤnig herab; ſie begleitete mich unverzagt gegen den maͤchtigſten Feind; jeder daͤniſche Krieger, der ſie erblickte, ward unbeſiegbar, aber unſre Feinde er⸗ bleichten und entflohen. Und eine ſolche Koͤni⸗ gin wollt Ihr nicht verehren und lieben?“ „Es lebe die Königin! es lebe der Koͤnig!“ 43 riefen nun tauſend Stimmen unter dem Volke laut und lermend. „Dank, mein Waldemar!“ fluͤſterte Been⸗ gierd, und warf den Schleier von den ſchoͤnen geruͤhrten Zuͤgen zuruͤck.„Durch Dich ver⸗ nehm ich das erſte freundliche Wort von Dei⸗ nen Daͤnen! Gebe Gott und unſre Frau, daß es nicht das letzte ſeyn moͤge.“ 4 Kaum hatte ſie dieſe Worte eugeſerrchen, als der König einen ziſchenden Ton, wie von einem Pfeile, dicht an ſeinem Ohre höͤrte; er breitete entſetzt ſeine Arme gegen die Koͤnigin aus, und ſie ſank von dem Sattel herab in ſeine Arme. „Mord! Mord! Verraͤtherei! Die Koͤnigin iſt ermordet!“ riefen tauſend Stimmen mit Grauen und Entſetzen. Schweigend und blaß ſtand der Koͤnig da, mit der blutenden ohnmaͤchtigen Koͤni⸗ gin in ſeinen Armen. Ein großer verroſteter Pfeil ſteckte in ihrem ſchoͤnen Buſen, Niemand hatte bemerkt, woher er gekommen war. „Gottes Urtheil! Gottes Urtheil!“ murmel⸗ ten einzelne Stimmen unter dem Volke; aber das Geſchrei des Entſetzens uͤber die graͤßliche 44 That und der Jammer bei dem großen, ſprach⸗ loſen Schmerz des Koͤnigs, uͤbertaͤubte alle Aeu⸗ ßerungen des unbefriedigten Haſſes und der Er⸗ bitterung.— 1 Die Ritter ſchlangen einen dichten Kreis um das koͤnigliche Paar, und waͤhrend Meiſter Harfenſaite augenblicklich die Wunde unterſuchte, und den Pfeil aus dem Buſen der Koͤnigin her⸗ auszog, wurde der koͤnigliche Wagen geholt. Doch die Wunde war toͤdtlich, und ehe der Wa⸗ gen kam, lag die Königin todt in den Armen des ungluͤcklichen Koͤnigs. 4 Der Einzug des Koͤnigs Waldemar in Ribe, mit der Leiche der Koͤnigin Beengierd,— in dem⸗ ſelben goldenen Wagen, der einſt unter dem Freudenjauchzen des Volks die Koͤnigin Dagmor vom Strande getragen hatte,— war ein Trauer⸗ Anblick, den kein Daͤne, der ihn erlebt hatte, je vergaß. Selbſt diejenigen, die am eifrigſten Spottlieder von der ſtolzen Koͤnigin geſungen, waren jetzt von Mitleid bewegt, und verfluchten den Mörder, als ſie die ſchoͤne Leiche, weiß und blu⸗ tig, in den Armen des zernichteten Koͤnigs ſa⸗ hen. Von allen entſetzten und theilnehmenden 45 Zuſchauern gebehrdete ſich doch Niemand ſo ſon⸗ derbar, als ein kleiner bucklichter Mann in einer Bauernjacke, der immer an der Seite des Wa⸗ gens lief und wie ein Wahnſinniger heulte, in⸗ dem er die ſonderbarſten Spruͤnge machte, Ge⸗ ſichter ſchnitt und mit einer heiſeren quaͤckenden Stimme Vivat rief. Es war der vorherige Hof⸗ narr Claus Klumpe. Der Koͤnig ſchien in ſei⸗ nem tiefen Schmerz weder ihn noch irgend einen Gegenſtand außer ſich zu bemerken. Als endlich der Wagen bei der Schloßtreppe in Ribehuus anhielt, und die Leiche der Koͤnigin aus jenem getragen wurde, lag die kleine Misgeburt knieend vor der Wagenthuͤre. Da geſchah es, daß die kalte und blutige Hand der Königin durch die erſchuͤtternde Bewegung von ihrem Buſen herab⸗ ſank und das verdrehte Geſicht des Zwerges be⸗ ruͤhrte, und mit einem durchdringenden Geſchrei ſprang er auf, draͤngte ſich heulend durch den Volkshaufen und ſtuͤrzte ſich uͤber das Gelaͤnder in den tiefen Schloßbrunnen; allein in dem gro⸗ ßen allgemeinen Schrecken und Verwirrung bekuͤm⸗ merte ſich Niemand um den wahnſinnigen Zwerg. 46 Mehr als drei Jahre waren ſeit jenem un⸗ gluͤcklichen Tage verfloſſen. Es war einer der erſten ſchoͤnen Fruͤhlingsabende im Mai, und Sioelands hellgruͤne Buchenwaͤlder ſtanden neu belaubt in ihrer ganzen Pracht und Herrlichkeit. In dem ſchönen Buchenhain bei Kariſeburg hatte ein traulicher Kreis von ritterlichen Herren und Frauen ſich im Graſe um die Quelle gelagert, waͤhrend die friedliche Abendglocke laͤutete, und die untergehende Sonne ihre letzten Strahlen auf die kleitten Luͤ⸗ cken des weißen viereckigten Kirchenthurmes warf. An der Seite eines langen, gelbhaarigen Rit⸗ ters ſaß eine junge ſchöne Rittersfrau, mit einer goldnen Haube uͤber den braunen Haarflechten, und mit einem ſchlummernden Kinde im Arme. Ein kleiner zweijaͤhriger Knabe ritt laͤrmend in den Gebuͤſchen auf dem großen Schlachtſchwert des Ritters herum, und hatte ſeine Freude daran, von der alten trippelnden Pflegemutter, die Sorge fuͤr ihn tragen ſollte, weglaufen zu koͤnnen. Eine alte ehrwuͤrdige Matrone, mit einer ſchwarzen goldgeſaͤumten ſpitzigen Haube, breitete das Tiſch⸗ tuch uͤber das friſche Gras, und eine zarte Jung⸗ frau mit goldſtoffenem Mieder half ihr das laͤnd⸗ 47 liche Mal bereiten. Auf der Wurzel eines abge⸗ hauenen Baumes ſaß ein Herr in Reiſekleidern, mit einem großen goldenen Ring um den Arm, ſtill und ernſt mit einem Saitenſpiel, und ſang das Lied von Junkherr Stranges Heimkehr mit Königin Dagmor, waͤhrend ſeine liebevollen blauen Augen mit innigem Wohlbehagen auf der blaſenden Jung⸗ frau ruheten, welche der Koͤnigin Dagmor nicht unaͤhnlich war, aber doch noch mehr Kirſtine von Riſe in ihren gluͤcklichen Tagen aͤhnlich ſah. „Ein herrlicher Abend, meine Rigmor!“ ſagte der Ritter und druͤckte die Hand der ſchoͤnen Frau,„ſchlaͤft unſre kleine Hedwig ſchon?“ „Ach ja! Sie bekuͤmmert ſich nicht um den ſchoͤnen Abend,“ entgegnete Rigmor ernſt,„wie kannſt Du denn ſo ruhig ſeyn, Carl! und wie duͤrfen wir hier ſitzen und alte Lieder anhoͤren, oder an ſonſt etwas Heiteres in dieſer Welt den⸗ ken, ehe wir einen Entſchluß genommen haben? Verliere doch den wilden Albert nicht aus dem. Geſichte! Marthe! daß er nicht in den Teich faͤllt.“. „Laßt uns froh ſeyn, ſo lange wir es koͤn⸗ nen, theure Rigmor!“ nahm Carl von Riſe ru⸗ 48 hig das Wort.„Noch iſt er ja nicht nach Ribe gekommen, und die Gefahr iſt heute nicht groͤßer, als ſie ſeit drei Jahren geweſen; naͤher iſt ſie, das iſt wahr, allein alles muß ja ein Ende nehmen, und ich bin beinahe froh zu erfahren, daß das Gewitter nahet, von dem wir wußten, daß es doch einmal kommen mußte. Traͤte Dein Vater in dieſem Augenblicke unter uns, und ſaͤhe uns ſo friedlich hier beiſammen ſitzen, vielleicht wuͤrde er uns dann, ob auch nicht um unſert⸗ willen, ſo doch der unſchuldigen Kinder wegen vergeben; wollte er uns aber trennen, nahete er mit bewaffneter Gewalt und verlangte Dich zu⸗ ruͤck, wuͤrde er erfahren, daß ich nicht vergebens Waͤlle und Graͤben um die Burg habe. Ich vertraue aber dem Koͤnig und dem guten Erz⸗ biſchof.“ „Ach! glaubſt Du denn, daß der Köoͤnig ſich um uns bekuͤmmert? Seitdem die arme Koͤnigin vor ſeinen Augen ermordet wurde, iſt er ja vor Gram alt und grau geworden. Und der Erzbi⸗ ſchof? der denkt ja nur an Schriften und ge⸗ lehrte Sachen.“ „Gott helfe dem Koͤnig! wir ſind doch 49 tauſendmal gluͤcklicher, als er, meine Rigmor! trauert er noch eben ſo tief, wie fruͤher, um die Koͤnigin Beengierd? guter Thorgeir!“ wandte ſich Carl an dieſen,„wie ſtand es um ihn, als Ihr ihn das letzte Mal ſahet?““ „Ich bewundere ihn in Widerwaͤrtigkeiten, wie im Gluͤck,“ entgegnete Thorgeir Danaſkald, und legte das Saitenſpiel zur Seite. „SZwar ſieht er faſt einem Greiſe aͤhnlich; ſein Haar iſt aſchgrau und ſeine Stirn gerunzelt worden; allein das Feuer in ſeinem Adlerblick iſt nicht er⸗ loſchen, und vielleicht hat er in dieſen drei trau⸗ rigen Jahren mehr fuͤr Daͤnemarks Wohl, als durch alle ſeine Siege, gewirkt. Er ſitzt taͤglich im Geheimzimmer mit Erzbiſchof Andreas und dem gelehrten Abt Gunner von Hm, und ar⸗ beitet an dem neuen Geſetzbuch; er verſaͤumt nie den Rath, und zu Gericht zu ſitzen; ja man fluͤſtert ſich ſogar ins Ohr, daß er ſeinen verwe⸗ genen Plan gegen England noch auszufuͤhren denkt und ſich bald in ſeiner Kraft erheben wird, um die Krone Knuds des Großen zuruͤckzugewin⸗ nen. Er wacht oft ganze Nächte, und es iſt beinahe eine Seltenheit, daß er, wie eben zu die⸗ IV. 4 50 ſer Zeit, einige Tage in der Jagd Erholung ſucht. Allein der Beſuch des Grafen Heinrich ſcheint ihn zu erheitern.“ „Des Grafen Heinrichs von Schwerin?“ fragte Carl aufſpringend,„er zum Beſuch bei dem Koͤnig? das iſt eine merkwuͤrdige Neuigkeit. Er und der Koͤnig waren ja Todtfeinde?“ „Das ſind ſie oft geweſen, und haben ſich wieder verglichen. Wenn der Koͤnig im Ernſt boͤſe wird, kriecht der ſchlaue Graf immer zu Kreuze, wie Ihr wißt. Seit der alten Ge⸗ ſchichte mit Johan Ganz hat der Koͤnig ihn ja zweimal gezwungen, ihm lehnspflichtig zu ſeyn. Als der Koͤnig zum letzten Mal in Schwerin war, und man ganz allgemein den Grafen fuͤr todt hielt, nahm er im Namen ſeines Muͤndels die Haͤlfte des Schloſſes und der Grafſchaft in Beſitz. Dazu hatte er wohl nicht ſo ganz Recht; doch das ſoll dem Grafen bei dieſem Beſuche wie⸗ der erſetzt worden ſeyn! Er wagte nicht, ohne Ge⸗ leite zu kommen. Doch jetzt ſind er und der Koͤnig die beſten Freunde von der Welt. Graf Heinrich iſt ein raſcher, heiterer und geſitteter Mann, und dem Koͤnig thut einige Erholung und Zerſtreuung Noth.“ 51 „Und nun ziehen ſie zuſammen af. die Jagd, ſagt Ihr?“ „Ja! und mit rechtem Eifer; es belebt den Koͤnig wunderbar. Ich war vorgeſtern mit, als ſie nach Fyen*) ſegelten; ich habe den Koͤnig in dem letzten Jahre nicht ſo aufgeraͤumt geſe⸗ hen. Der Graf erzaͤhlte von ſeiner Wallfahrt nach Aegypten und dem heiligen Lande, ſo auch von einer merkwuͤrdigen Reliquie, die er mitge⸗ bracht und der Kirche in Schwerin geſchenkt hat. Er ſchwur alles Ernſtes darauf, daß es das wirkliche Blut des Herrn ſey, das an jedem Himmelfahrtstage von dem Biſchof vorgezeigt werden ſoll, und wo alle Pilger, die zu der Zeit Schwerin beſuchten, eben ſo gut bei ihm, als bei dem Pabſte in Rom, Ablaß haben koͤnn⸗ ten.— Das iſt ein kuͤhner und verwegener Herr, aber auf ſeine Froͤmmigkeit baue ich keine Schloͤſſer.“ „Ich noch weniger, Thorgeier! Na! was ſagte der Koͤnig zu dieſem Großthun?“ *) Fuͤnen. 4* 52 3 „Er laͤchelte ein wenig und lobte die Froͤm⸗ migkeit des Grafen. Zur Vergeltung lobte der Graf ihn wieder, und meinte, daß er ein auser⸗ kohrner Guͤnſtling des Himmels ſeyn müͤſſe, weil ſogar Siegesfahnen aus den Wolken zu ihm herunterfielen, wenn es ihm und ſeinen Bi⸗ ſchoͤfen gut duͤnkte, und weil kein Weib ohne Gefahr ihn anſehen koͤnne; allein dieſe Artigkeit nahm der Koͤnig doch uͤbel, er wurde ploͤtz lich ernſt, und bat den Grafen, zu bedenken, daß alles Heil und aller Segen nur von oben komme, und daß ſein Liebesgluͤck in dieſer Welt nun ſeit drei Jahren geſtorben und begraben ge⸗ weſen.“ „Armer Koͤnig! er vergißt doch nie die ſchoͤne Beengierd.“ „Er dachte gewiß nur an ſie; aber Graf Heinrich ſchien ſeine Worte anders zu deuten; das konnte ich an ſeinem ſchielenden Blicke be⸗ merken. Der Graf ſoll etwas eiferſuͤchtig ſeyr, wißt Ihr; Ihr habt wohl das alberne Geruͤcht gehoͤrt, daß der Koͤnig, bei ſeinem letzten Beſuche in Schwerin, waͤhrend der Abweſenheit des Gra⸗ 53 fen, ein Liebesabentheuer mit ſeiner ſchoͤnen Frau gehabt haben ſoll.“ „Lauter Luͤge und Verlaͤumdung!“ ſagte Carl heftig. „Das Geſchwaͤtz iſt ja auch ſeit lange ver⸗ geſſen!“ verſetzte Thorgeir.„Dieſen einzigen Blick ausgenommen, konnte man auch nichts anders an dem Grafen bemerken, als daß er dem Koͤnig ſehr ergeben ſey.“ „Wer von den treuen Mannen des Koͤnigs war mit?“ fragte Carl nach einem ernſten Still⸗ ſchweigen. „Der junge Koͤnig Waldemar und Junkherr Strange, ſo auch der Droſt und der alte Kaͤm⸗ merling, die gewoͤhnlichen Falkenknaben und Diener nicht mitgerechnet. Sie hatten viele Hunde und Falken mit, und wollten ſich nach den kleinen Inſeln unweit Fyen begeben. Ich waͤre auch mitgefolgt, haͤtte ich es nicht noth⸗ wendig und wichtig erachtet, Euch ſobald wie moͤglich die Botſchaft von der Heimkehr des Gra⸗ fen Albert zu bringen.“ Carl verſank in tiefe Gedanken.„Hm! waͤre ich doch in dieſem Augenblicke bei dem Koͤ⸗ 54 nig!“ ſagte er endlich.„Wann dachte er wieder in Ribehuus zu ſeyn? und wann wird der Graf Albert erwartet?“. „In drei Tagen werden ſie Beide in Ribe eintreffen. Euer Schwiegervater ſey noch in Hol⸗ ſtein, hieß es.“ „Und der Erzbiſchof rathet mir, zu ent⸗ fliehen?“ „Ja! inſofern ſeine Vorbitte und die des Koͤnigs, ſo wie er fuͤrchtet, ohne Erfolg bleibt.“ Carl verſank wieder eine Weile in tiefes Sinnen.„Willſt Du wie ich, meine Rigmor,“ rief er endlich raſch und entſchloſſen,„ſo ziehen wir Alle morgen nach Ribe. Sobald der Koͤnig zuruͤckkommt, werfen wir uns zu ſeinen Fuͤßen, und bitten ihn, Deinen Vater mit uns auszuſoͤhnen. Ich kann und darf doch nicht laͤnger vom Koͤ⸗ nig getrennt ſeyn; und Du wirſt doch nie recht gluͤcklich und zufrieden werden, bevor Dein ſtren⸗ ger Vater uns verziehen und uns und den un⸗ ſchuldigen Kleinen ſeinen Segen gegeben hat.“ „Du haſt leider wieder Recht!“ ſeufzte Rigmor,„und es aͤrgert mich nur, daß Du kluͤger ſeyn ſollſt. Es hilft uns wenig, zu tro⸗ 5⁵ tzen. Ich bin nun in drei Jahren ſo kuͤhn und heiter, als moͤglich, erſchienen, aber Du weißt, was ich ins Geheim gelitten habe. Ich ſchlafe doch keine Nacht recht ruhig, ſo lange Furcht und Ungewißheit mich quaͤlen. Und doch— ich bin doch ſonſt nie gern verzagt; allein ich weiß nicht, wie ich mir vorkomme; ich werde mit jedem Tage immer aͤngſtlicher vor der Stunde, da ich als eine arme Suͤnderin vor ſeine Au⸗ gen treten muß. Mir traͤumt jetzt ſo oft, daß er mich verfluche und mich von Dir und dem theuern Kinde reißen wuͤrde! Ach! ich darf ihn doch nicht ſehen! Nein, ich glaube, daß ich vor Schrecken ſterben wuͤrde, wenn ich ihn unverſoͤhnt wieder ſaͤhe, ſo wie er in dieſer Nacht im Traume vor mir ſtand.“ „So ſollſt Du ihn auch nicht ſehen. Ich reiſe allein, meine Rigmor! und ſehe Dich nicht wieder, ehe ich mit Gottes und aller Hei⸗ ligen Huͤlfe Dir Friede und Verzeihung bringe.“ „Jeſus Maria! ſoll ich denn hier allein in der Burg bleiben? wenn er mittlerweile ſchickt und mich ins Gefaͤngniß oder ins Kloſter ſchlep⸗ pen laͤßt?“ 56 „Damit wird es keine Noth haben; dafuͤr weiß ich Rath! Thorgeir! wackerer Thorgeir!“ fuhr Carl, die Hand des ſtillen Barden ergrei⸗ fend, fort:„Ihr habt mir Proben Eurer Freundſchaft gegeben. Es gilt nun mein Leben, mein hoͤchſtes Gluͤck! Ihr ſeyd nicht Krieger! allein wenn es darauf ankoͤmmt, edle Weiber und unſchuldige Kleine zu beſchuͤtzen, ſo weiß ich, daß Ihr Muth und Mannhaftigkeit beſitzet, Kariſeburg jedem Feinde verſchloſſen zu halten, bis ich zuruͤckkehre.“ „Duͤrft Ihr Euch meinem Schutze anver⸗ trauen, edle Frau?“ fragte Thorgeir, und wandte ſich freundlich zu der beklommenen Rig⸗ . mor:—„ſo gelobe ich Euch und Ritter Carln, daß Niemand, der Euch uͤbel will, ſeinen Fuß innerhalb der Mauern von Kariſeburg ſetzen ſoll, ſo lange ich den Arm zu Eurer Vertheidigung bewegen kann. Ja, wenn der Koͤnig ſelbſt mir geboͤte, die Burg zu oͤffnen.“— „Der Koͤnig? Nein! dem Koͤnig muͤſſen wir gehorchen!“ unterbrach Carl den eifrigen Freund, „ſelbſt wenn er unſer Leben verlangen ſollte, muͤſſen wir ihm gehorchen! Aber deßhalb bin 57 ich ruhig: kann der Koͤnig uns nicht retten, zu unſerm Untergange bietet er die Hand nicht.“ „Allein der Vater!“ unterbrach ihn Rigmor aͤngſtlich. „Er ſoll mich nicht hier ſuchen, ich will ihm ſelbſt entgegen gehen. Wenn ich nicht hier bin, wird er ſelbſt in ſeinem heftigſten Zorne nichts Gewaltſames gegen die Burg, die ſein Kind und ſeine Kindeskinder einſchließt, un⸗ ternehmen. Haltet nur das Burgthor verſchloſſen, dann ſeyd Ihr Alle hier ſicher. Ich ziehe dem Gewitter entgegen; doch fuͤrchte nichts, theure Gattin! Der Koͤnig will und muß uns durch⸗ helfen. Ich ſuche ihn, wo er auch ſey, und begegne Deinem Vater an ſeiner Seite.“ „So iſt es am beſten,“ ſprach Thorgeir; „rich bin alſo morgen Befehlshaber auf Kariſe.“ „Nein, wirklich?“ fluͤſterte die ſchoͤne blau⸗ aͤugige Jungfrau Margarethe, Carls und Kirſti⸗ nens juͤngſte Schweſter, und betrachtete Thorgeir Danaſkald erſtaunt und zaͤrtlich, indem ſie den Korb zur Seite ſtellte und naͤher trat;„ſollt Ihr nun Befehlshaber hier auf der Burg ſeyn und uns Alle vertheidigen? Ich glaubte, daß 58 Ihr nur verſtuͤndet, ſchoͤne Lieder zu dichten und zum Saitenſpiele zu ſingen.“ „Ich kann mich auch nicht großer Kriegs⸗ thaten ruͤhmen, edle Jungfrau!“ entgegnete Thorgeir erroͤthend,—„allein ich bin doch bei den Siegen in Polen und Preußen mit gewe⸗ ſen. Außerdem weiß ich einen Preis,“ fuͤgte er kuͤhner hinzu,„der mich vielleicht noch zu einem mannhaften Helden, wenn Noth an den Mann ginge, machen koͤnnte.“ Jungfrau Margarethe ergriff ergluͤhend den Korb wieder, um das Salzfaß und die ſaure Milch auf den Tiſch zu ſtellen. „Wollt Ihr nun das Abendbrot genießen, Kinder! dann iſt Alles nach unſerer geringen Gelegenheit bereit,“ ſprach nun Carls Mutter, die alte ſorgſame Frau Ellen, und verneigte ſich ſtattlich, waͤhrend der Schluͤſſelbund an ihrer Seite klirrte. Sie war vor Alter beinahe taub, und bekuͤmmerte ſich nur um das Hausweſen. „Ja, liebe Mutter!“ ſagte Carl mit erhoͤh⸗ ter Stimme, und fuͤgte leiſer hinzu, indem ſie ſich niederließen:„Laßt uns in Gottes Namen eſſen und heiter ſeyn, damit die gute Alte nichts 59 merke.“ Jungfrau Margarethe las mit from⸗ mer Herzlichkeit das Tiſchgebet, und Alle be⸗ muͤheten ſich, ruhig und heiter zu ſcheinen. Al⸗ lein die Heiterkeit, die ſie hervorzukuͤnſteln ſuch⸗ ten, wurde bald durch Carls zuverſichtliche Ruhe und Rigmors leichtbeweglichen Sinn wahr und wirklich. Von einem Becher köͤſtlichen Weins belebt, an der Seite der niedlichen Margarethe, ſtimmte ſogar Thorgeir Danaſkald ein Lied zu Daͤnemarks und der daͤniſchen Frauen Ruhme an, wofuͤr ſie ihn mit einem lieblichen Laͤcheln belohnte. Allein Carl war indeſſen wieder in tiefe Gedanken geſunken. „Gott ſegne und bewahre den König,“ rief er plötzlich und ergriff den Becher,„moͤge es ihm wohl gehen! und auch Deinem harten, braven Vater, meine Rigmor, meinem alten Herrn und Waffenmeiſter; auch ihn ſegne Gott, welch Urtheil er auch uͤber uns ausſpricht.“ Er leerte geruͤhrt den Becher; dann erhob er ſich ſchnell:„Und nun lebe wohl, meine Rigmor! Lebt wohl, meine lieben Kinder, und alle ihr lie⸗ ben Freunde! Ich habe keine Ruhe laͤnger hier, ich muß fort!“ 60 „Jeſus Maria! ſchon?“ rief Rigmor entſetzt. „Ich muß fort; es iſt mir, als brennte die Erde unter meinen Fuͤßen; ich muß zum Koͤnig! ſey getroſt und bete, meine Nigmor! ſo Gott will, komme ich bald mit Frieden und Gluͤck zuruͤck. 74 „Wohin, mein Sohn?“ fragte die alte Mutter, waͤhrend ſie ungeſtort die Ueberbleibſel der Mahlzeit fuͤr das Hausgeſinde zurecht legte. „Nach Hofe, Mutter! in den Dienſt des Koͤnigs.“ „Nun in Gottes Namen denn, mein Sohn! Vergiß nicht Deinen warmen Schlachtmantel, die Nacht iſt noch immer kuͤhl.“ Mit gewaltſam niedergekaͤmpfter Heftigkeit umarmte nun Carl Frau und Kinder und alle zuſammen, und uͤbergab die Sorge fuͤr ihre Si⸗ cherheit noch einmal dem Thorgeir Danaſkald. Ohne den ſchmerzlichen Abſchied zu verlaͤugnen, eilte er auf einem kuͤrzern Pfade nach dem Schloſſe, und ließ Thorgeir mit den Andern nachfolgen. Als der freundliche Barde, mit Carls Mut⸗ ter unter dem Arme, und Frau Rigmor, mit 61 der kleinen ſchlafenden Hedwig an der Bruſt, und Albert an der Hand, von Margarethe und der alten Marthe begleitet, den Burghof erreicht hatten, winkte Ritter Carl ihnen noch ein herz⸗ liches Lebewohl zu, und ſprengte in voller Ruͤ⸗ ſtung uͤber die Zugbruͤcke, von einem alten Diener mit grauen Haaren begleitet, der zwei heitre, voͤllig geſattelte Pferde an einer Leine an der rechten Hand fuͤhrte und einen ziemlich großen Mantelſack hinter dem Sattel hatte. Der alte Diener war Biſchof Peders treuer Martin, der gleich nach dem Tode des Biſchofs ſich in Carl von Riſe's Dienſt begeben hatte. Ohne ein Wort zu ſprechen, ritt Carl lange an Martins Seite. Der alte treue Burſche kannte ſeinen Herrn ſo gut, daß er ihn nicht mit ſeinem Geſchwaͤtz plagte, ſobald er merkte, daß der Herr nicht bei Laune war. Daß die Reiſe von Wich⸗ tigkeit, und daß Ritter Carl ſich es nicht bequem zu machen geſonnen ſey, hatte er ſogleich ver⸗ muthet, als er Befehl erhalten, den großen Kriegsmantelſack, und zwei friſche Pferde zum Wechſeln, mitzunehmen. Da es nun ſchon tief in der Nacht mit verhaͤngten Zuͤgeln auf dem 4 62 Wege nach Lorſoͤer fortging, und Carl zugleich fragte, was fuͤr Wind es ſey, errieth Martin ganz recht, daß er nach Fyen oder Juͤtland wollte. So waren ſie eine lange Strecke We⸗ ges geritten, ohne an andere Raſt zu denken, als nur die Pferde zu wechſeln. „Eine ſchoͤne, helle Nacht!“ ſprach endlich Carl;„wie weit ſind wir in den Monat hinein?“ „Wir haben heute den ſechſten Mai, geſtren⸗ ger Herr Ritter! und wohl bald den ſiebenten,“ entgegnete Martin;„denn nach dem Monde zu urtheilen, muß es doch wohl gleich Mitternacht ſeyn. Der ſechſte Mai liegt mir von der Zeit meines ſeligen Herrn immer im Gedaͤchtniß,“ fuhr er fort, denn er merkte, daß Carl des lan⸗ gen Stillſchweigens ſatt war,„da mußte er im⸗ mer beim Koͤnige ſeyn, damit Ihr es wißt; und dann hatte er anderswo keine Ruhe. Das war nun eine ſeiner wunderlichen Grillen! Chriſtus ſey der Seele des frommen ſeligen Herrn gnaͤ⸗ dig! allein wenn die Zeit nahete, war kein Aus⸗ kommen mit ihm!“ — —— — 63 „Sonderbar!“ unterbrach ihn Carl,„weißt Du nicht die Veranlaſſung dazu?“ „Hm! er muß wohl ſeine eignen Gedanken dabei gehabt haben; allein was ein ſo kluger und gelehrter Herr denkt, das uͤberſteigt weit den Verſtand eines einfaͤltigen Laien.— Einſt, als ich mich mit ihm in Welſchland aufhielt, erzaͤhlte er mir etwas von einem geheimnißvollen Buche, in das er hineingekuckt; allein ich muß beinahe glauben, daß es ihm uͤbel bekommen iſt. Es war traun! der Cyprianus, oder wie er heißt,— allein da ſey Gott vor; laßt uns nichts davon in dieſer Stunde ſprechen.“ Mar⸗ tin machte ſchnell ein Kreuz und murmelte ein Gebet hervor. Bei Martins Worten war Carl wieder ſtumm und gedankenvoll geworden.— Er ge⸗ dachte des wunderbaren Begebniſſes in Saeby⸗ hoffs Schloßthurm, und obgleich er damals noch ein Kind geweſen, ſtand doch jener ſchauerliche Auftritt, als die Lichter erloſchen und der Biſchof zu Boden ſtuͤrzte, noch lebhaft vor ſeiner Seele. Er gedachte dabei des vielen Sonderbaren„ das er erlebt, und was damit in Verbindung zu 64 ſtehen ſchien; der Erzaͤhlung Saxos von dem Bergmanne, der hinter ſeinem Stuhle in der Nacht, da Koͤnig Knud ſtarb, geſtanden; der geheimen, unterbrochenen Beichte in Biſchof Pe⸗ ders Alkoven; jenes duͤſtern Kellers, in dem er den mit Bann belegten Biſchof uͤber ſeinem Haupte mit dem ſterbenden Mörder reden hoͤrte. Dies Alles lief nun in Carls Kopfe herum, und als er Slagoeſe naͤher kam, gedachte er auch des heiligen Anders und des Erſtaunens, das die Nachricht von ſeinem Tode bei Graf Albert und Biſchof Peder erregt hatte. „Woran denkſt Du, Martin!“ fragte auf einmal Carl, ſich aus ſeinen Traͤumereien heraus⸗ reißend.„Sage! glaubſt Du an glüͤckliche und ungluͤckliche Tage, an den Einfluß der Sterne, an Wahrſagungen und dergleichen, wovon ich in meiner Kindheit ſo viel gehoͤrt habe??“ „Wenn der gelehrte Biſchof Peder ſich nicht erdreiſtete, es zu laͤugnen und wenn Ihr ſelbſt, Herr Ritter, des Danebrogs Panier von dem Him⸗ mel herabfallen geſehen habt, ſo weiß ich nichts ſo Unbegreifliches, daß wir nicht glauben koͤnnten.“ „Allein man kann auch zu viel glauben, be⸗ 65 hauptete der kluge Pater Wilhelm auf Kariſe. Er hat mich mit großem Eifer gewarnt, zu viel an ſolche Sachen zu denken, die uns nur zu Traͤumern und Schwaͤrmern machen, meint er, und uns die Tuͤchtigkeit im Leben benehmen. In den letz⸗ ten drei Jahren habe ich ſeinen Rath befolgt, und weder ich noch meine Bauern haben davon Nach⸗ theil gehabt, mein' ich. Was unſern Verſtand uͤberſteigt, Martin, das ſollen wir nur auf ſich be⸗ ruhen laſſen, und nicht darnach gruͤbeln; alles, was uns nicht beſſer und gluͤcklicher machen kann, kömmt vom boͤſen Feind, ſagt Pater Wilhelm.“ „Pater Wilhelm mag ſo klug auf der Welt ſeyn, wie er will, Herr!“ entgegnete Martin, „aber mir wird er in Ewigkeit nie einbilden, daß der ſelige Herr Anders zu Slagelſe und mein eigner frommer Biſchof ſich nicht tauſendmal beſſer auf die himmliſchen Dinge verſtanden, als er ſich traͤu⸗ men laͤßt, und das auch, ohne es vom boͤſen Feinde gelernt zu haben. Haͤtte mein alter ſeliger Herr noch gelebt, haͤtte er Euch gewiß einen guten Rath geben koͤnnen, wenn Ihr ihm vertraut haͤttet, was Euch am Herzen liegt, und warum wir ſo in die wilde Nacht hinein ſprengen muͤſſen.“ IVN. 5 66 „Glaubſt Du das wirklich, Martin? welchen (Rath meinſt Du denn, daß Dein Biſchof mir ge⸗ geben haben wuͤrde, wenn ich ihm geſagt, daß Graf Albert in dieſen Tagen zuruͤckkehrt und mich von meiner lieben Gattin trennen will, und daß der Koͤnig in dieſer Nacht vielleicht mit ſeinem aͤrgſten Todfeind unter einem Dache ſchlaͤft.“ „ Das find zwei ſchlimme Botſchaften, Herr Carl! doch die letzte, die letzte iſt, mit Erlaub⸗ niß, doch die ſchlimmſte. Ich weiß wohl, was Biſchof Peder geſagt haben wuͤrde, wenn Ihr mir es nicht uͤbel nehmt, Herr! „Nun? heraus damit!“ 1„, Denkt erſt an den König, und hinterdrein an Euch ſelbſt! wuͤrde er geſagt haben, und haͤtte er dieſe Stunde erlebt, ſo haͤtte er und auch ich gewiß heute Nacht beim Koͤnig gewacht.“ „Gott vergebe es meinem klugen Beichtva⸗ ter, wenn er nicht weiſer iſt als Du, und ich und Dein alter ſeliger Biſchof,“ ſagte Carl un⸗ ruhig, und ritt immer ſchneller,„ich habe oft fort gewollt, er hat mir aber immer bewieſen, daß es Schwaͤrmerei und Thorheit ſey! Dein frommer Biſchof hatte mir es an die Seele gebunden, 2 67 keinen Mai⸗Monat von dem Koͤnig abweſend zu ſeyn; er war freilich damals krank und wunder⸗ lich. Pater Wilhelm hat mich davon losgeſpro⸗ chen; er hat mir dies und vieles andere eben ſo, wie Graf Albert und Abſalon Balg es ge⸗ than haben wuͤrde, allein mit tiefer Gelehrſam⸗ keit und aus der heiligen Schrift ſelbſt erklaͤrt. Es iſt ferner nun der dritte Fruͤhling, daß ich den Koͤnig nicht geſehen; ich wußte ja auch, daß er mir gram ſey! Seit dem graͤulichen Tode der Koͤ⸗ nigin hat er ja auch Niemanden ſehen wollen!“ „Ja, das war eine ſchreckliche Miſſethat,“ ſeufzte Martin;„wer kann noch in dieſer Welt ſicher ſeyn, wenn nicht einmal die Königin an der Rechten eines ſo maͤchtigen Herrn es iſt? Weiß noch Niemand, woher der Pfeil gekommen?“ „Doch! gewiß, alter Martin!“ verſetzte Carl, gen Himmel ſehend;„es giebt Einen, der es weiß, und er vergißt es nicht am juͤngſten Tage.“ „Daran habt Ihr Recht, Herr Ritter! der allmaͤchtige Herr Gott trifft wohl einmal alle Schelme und Moͤrder, und wenn das, was Ihr vom Koͤnig und ſeinem Todfeind ſprachet, wahr iſt“— 5* 4 68 3 „So Gnade Gott Land und Reich!“'ſeufzte Carl und ſpornte ſeinen Hengſt an. Allein auf einmal ſprang er plöͤtzlich zur Seite und ſtieg; auch Martins Pferde wurden ſcheu, und es koſtete ihm Muͤhe, ſie zu halten. Sie befanden ſich ſo eben in einem Hohlweg zwiſchen zwei großen Bergen; die Pferde wollten nicht weiter. „Was kann denn hier im Wege ſeyn?“ rief Carl. „Behuͤte! Seht Ihr denn das Rad uͤber uns nicht, Herr? und ſeht nur, es ſtehen zwei Teufel da oben und ringen um den Todten!“ Carl erhob den Kopf und ſah mit Erſtau⸗ nen, daß wirklich ein Hochgericht ſich auf dem Gipfel des Berges uͤber dem Hohlweg befand, und daß zwei dunkle Geſtalten ſich unter dem Rade bewegten, und in Begriff ſchienen, ein Grab zu bereiten. „Cs iſt wohl ein Verbrecher, den man ins⸗ geheim begraͤbt,“ ſagte er ruhig;„bete ein Va⸗ terunſer, Martin! und laßt uns in Gottes Na⸗ men weiter ziehen!“ In dieſem Augenblick vernahm er eine weib⸗ 4 — 69 liche Stimme laut und durchdringend droben ſingen: „So betten wir ihn in den tiefen Sand. Juͤngſt gab ich ihm rothes Gold in die Hand, Gut hat ſie die Stolze getroffen!“ Carl ſchauderte und ſuchte das Pferd vor⸗ waͤrts zu treiben; es ſtand aber wie in der Erde gewurzelt. Er faltete die Haͤnde und ſah mit ſtillem Gebet gen Himmel, da gewahrte er eine ſchöne Sternſchnuppe oder eine ferne Feuerkugel, die ſich langſam am Horizonte herabſenkte. „Da fiel ein großer Stern in der Krone des Nordens“ rief die weibliche Stimme unter dem Rade,„ich ſah es, Alter! ich ſah es! Er⸗ löſcht nun auch der Stern im Auge des Loͤwen? „Noch nicht“ erwiederte eine hohle maͤnn⸗ liche Stimme,„allein verdunkelt wird er wer⸗ den; denn das Crater herrſcht und der Schütze hat die Gewalt!“ „Zauberei und Teufeleien!“ fluͤſterte Martin und ſchlug ein Kreuz.„Koͤnntet Ihr nur den Schimmel vorwaͤrts treiben, ſo folgten meine Pferde wohl nach!“ Carl ſpornte den Hengſt wieder; wie ein 70 Blitz ſprengte er nun durch den Hohlweg fort. Martin folgte dem Herrn, und bald hatten ſie den Galgenberg und die raͤthſelhaften Geſtalten aus dem Geſicht verloren. —— Denſelben ſchoͤnen Fruͤhlingstag, an deſſen Abend Thorgeir Danaſkald Carl von Riſe be⸗ ſucht und ihm die wichtigen Botſchaften gebracht hatte, war die koͤnigliche Jagdgeſellſchaft am fruͤhen Morgen mit heiterm Hoͤrnerklang auf der kleinen freundlichen Inſel Lyoͤn, Foaborg ge⸗ genuͤber, ans Land gegangen. An einer Quell, dicht an dem ſo eben neu belaubten Buchenwalde, unweit des Strandes, hatte der König ſein Zelt errichten laſſen. Graf Heinrich, der den vorher⸗ gehenden Tag auf der Jagd ſich an den Fuß ge⸗ ſtoßen hatte, wie es hieß, hatte ſeine Abweſen⸗ heit den Tag entſchuldigen laſſen, und war auf ſeinem Schiff zuruͤck geblieben, waͤhrend der Ko⸗ nig und ſein Sohn, der junge Waldemar, mit Falken und Hunden, vom Junkherrn Strange, Aſtrod Frocke und einigen Jaͤgern begleitet, auf der Inſel herumſtreiften.. 71 Der alte Kaͤmmerling Andreas hatte indeſſen vollauf zu thun, das Zelt einzurichten, in dem die Herrſchaften zu Abend zu ſpeiſen und zu uͤbernachten gedachten. Der alte treue Kaͤmmer⸗ ling hatte das Zelt mit ſcharlachenen Decken und friſchen Maien geſchmuͤckt, und das Lager des Koͤnigs und des Prinzen ſo bequem wie möglich gemacht. Er hatte zugleich mit Mund⸗ ſchenk Bioͤrn den Wein in die kuͤhlen ſilbernen Kannen gießen, und die goldnen Becher putzen und hinſtellen laſſen, waͤhrend er nicht vergaß, mit dem Koch zu ſchelten. Vor dem Zelte hatte er große belaubte Buchenzweige hinſtellen laſſen, zwiſchen welchen Fackeln und Wandlichter bren⸗ nen ſollten; denn obgleich er ſelbſt keinen Ge⸗ ſchmack daran fand, wußte er doch, daß es den Koͤnig erheitern koͤnne, und wiewohl ſelbſt kein Freund von der Muſik, hatte er doch die Horn⸗ blaͤſer des Koͤnigs auf einem etwas entfernten Huͤgel, von dem ſich ein Wiederhall verbreitete, hingeſchickt, und ſowohl fuͤr dieſe als fuͤr die Falken und Hunde des Koͤnigs emſig Sorge ge⸗ tragen. Die Sonne war untergegangen; es war 72 ſpaͤt geworden und der Koͤnig noch nicht von der Jagd zuruͤckgekehrt. Der alte Kaͤmmerling be⸗ gann ungeduldig zu werden, und mit den Die⸗ nen zu brummen. Er hatte ſchon ein Paar Mal die Fackeln anzuͤnden, und aus Sparſamkeit wie⸗ der ausloͤſchen laſſen; da vernahm er endlich die Jagdhoͤrner und das Hundegebell, und eilte, um alles in Bereitſchaft zu haben. 5 Der koͤnigliche Jagdzug nahete dem Zelte. Der Koͤnig ging voran, zwiſchen dem Prinzen und Junkherrn Strange,. „Nun bin auch ich ermuͤdet und hungrig,“ ſagte der Koͤnig,„ich merke wohl, daß wir alt werden, Strange! Deine Beine halten wohl auch nicht viel laͤnger aus!“ „Das glaube ich wohl, Herr Koͤnig!“— entgegnete Junkherr Strange, dem man ein wenig Schmerz anſah,„ ſo wie Ihr uns herumgefuͤhrt habt! Es iſt ja kein Meer oder Geſtraͤuch auf der ganzen Inſel, wo wir nicht geweſen ſind.“ „Ich wollte mich noch einmal verſuchen, ob ich eine Tagwanderung mit der Sonne aushal⸗ ten koͤnnte!“ verſetzte der Koͤnig. „Ihr könntet noch mit dem Monde um die 73 Wette gehen, glaube ich faſt,“ fuhr der heitere Strange fort.„Der ſtrahlende Koͤnig des Ta⸗ ges, wie Olof Hriteſkald ihn nennt, iſt ja ſchon laͤngſt beſchaͤmt zur Ruhe gegangen.“ „Allein der Koͤnig ging doch heute etwas weiter als um Lyoͤn herum,“ meinte der Koͤ⸗ nig,„wie viele tauſend Jahre iſt er nicht ſchon in ruhigem Glanze und Majeſtaͤt um die Welt gewandert, und nach tauſend Jahren ſchreitet er wohl eben ſo ruhig uͤber unſre Graͤber hin. Wenn ich es recht bedenke, Strange!“ ver⸗ ſetzte der Koͤnig ernſt,„ſo iſt es mit unſrer gan⸗ zen Groͤße ſchlecht beſtellt, und ein Menſchenleben iſt doch zu kurz, etwas auszurichten, das nach hundert Jahren der Rede noch werth ware. So wird man alt, ehe man es ſelbſt merkt; das, dem ich in meiner raſchen Jugend nachſtrebte, habe ich doch ſo ziemlich erreicht, und noch mehr dazu. Was iſt aber das alles? Sollte Waldemars Leben nicht mehr werth ſeyn? aufrichtig geſprochen, Strange! Selbſt die Hoheit und Gewalt.eines Kai⸗ ſers erſcheint mir duͤrftig und gering, ſeit ich zwei Kaiſer uͤber die Elbe gejagt habe.“ „Vielleicht könntet Ihr zuletzt noch nach dem — 74 Sitze auf dem hohen Stuhle des heiligen Peters ſtreben,“ nahm Strange, ſcherzend, wie ge⸗ woͤhnlich, das Wort.„Geſtehen muͤßt Ihr doch, daß die Hoheit und Gewalt des Pfaffenkai⸗ ſers etwas in der Welt zu bedeuten hat, ſo lange Koͤnige und Kaiſer ſich nicht entbloͤden, ihm den Steigbuͤgel zu halten.“ „Unter uns, alter Strange! der iſt gewiß der groͤßte Herrſcher der Erde, der die Seelen beherrſcht; das Gehirn, das zuerſt jenen verwe⸗ genen Gedanken gebar, verdiente wohl eine grö⸗ ßere Krone, als die der Koͤnige und Kaiſer zu tragen. Daher habe ich auch immer jenen maͤch⸗ tigen Roͤmerbiſchof mehr, als alle Beherrſcher der Welt geehrt; doch danke ich meinem Gott, daß ich nicht an ſeiner Stelle bin,“ „Warum das? Herr Koͤnig! Ihr wuͤrdet fuͤrwahr! auf dem heiligen Stuhle nicht ſchlafen!“ „Richtig, Strange! das meine ich eben. Der Statthalter des Herrn ſollte nie ſchlafen, und glaubte er nicht, daß er es in der That ſey, ſo ſchlief er wohl noch weniger.“ „Ich weiß nicht, ob ich Euch recht verſtehe, Herr König!“ oo—· 75 „Siehſt Du, Strange,“ fuhr der Koͤnig fort,„mit dem Glauben des heiligen Anders und des Biſchofs Peders wuͤrde ich Berge verſetzt ha⸗ ben; mit dem eigenen muß ich mich begnuͤgen laſſen, Throne zu verſetzen, und bevor der Thron Knuds des Großen ganz und vollkommen auf dem alten Platze ſtehe”“— „O ſeht doch, ſeht!“ unterbrach ihn der junge Waldemar, gen Himmel zeigend,„eine Feuer⸗ kugel!“ Alle ſahen gen Himmel und betrachteten die ſeltene Natur⸗ Erſcheinung. „Ein herrlicher Anblick!“ rief der Koͤnig, und indem nun der Mond ſein kraͤftiges, allein jetzt ziemlich tief gefurchtes Herrſcher⸗Antlit be⸗ leuchtete, und der Wind ſeine faſt erbleichten Locken bewegte, zog ein Ausdruck von ploͤtzlicher Wehmuth uͤber ſeine Stirne, und es war, als haͤtte er ſeine vorausgegangenen Freunde in den 3 Wolken geſehen. Schweigend und ernſt ging der Koͤnig mit dem Junkherr Strange weiter⸗— Dagmors vierzehnjaͤhriger Sohn ſtand noch, die klaren blauen Augen gegen den Himmel er⸗ hoben, da; er ſtand auf ſeinen Jagdſpieß gelehnt, in dem kurzen ledernen Kleid, mit kleinen goldnen Kronen dicht beſetzt. Waͤhrend die hellgelbe Haar⸗ fuͤlle, die nur von einem goldgeraͤnderten purpur⸗ nen Baret halb verborgen war, um den leinenen Kragen und die friſchen zartgefaͤrbten Wangen in Locken herabfiel, ſah er faſt einer ſchoͤnen ver⸗ mummten Jungfrau aͤhnlich. Außer dem reinſten Gepraͤge von Sanftmuth und Milde, ſprach doch zu gleicher Zeit ein Ausdruck von Kuͤhnheit und leicht beweglicher Heftigkeit, die aus den Zuͤgen des Juͤnglings verrieth, daß er Waldemar des Siegers Sohn ſey. Er hatte ſich in das An⸗ ſchauen des geſtirnten Himmels und in frommen Gedanken an den unendlichen Frieden, womit der König der Koͤnige die unruhige Welt beherrſcht, verloren. Er mußte ſeine Schritte verdoppeln, um den Vater einzuholen. Sie ſtanden nun vor dem Koͤnigszelte, und der König wurde von der ſchoͤnen Beleuchtung an⸗ genehm uͤberraſcht. „Nein, ſeht nur den alten Kaͤmmerling!“ ſagte er,„hat er nicht ganz ſeine Maͤßigkeit verleugnet und alles ſo fuͤr uns geſchmuͤckt, als zu einem Maifeſte? So iſt's Recht, braver Andreas!/ * 77 „Das Abendbrod iſt bereit, gnaͤdigſter Koͤnig und Herr!“ ſagte der alte Kaͤmmerling, ſich aͤu⸗ ßerlich ſteif und ehrerbietig verneigend, waͤhrend Freudenthraͤnen uͤber die Freundlichkeit des Koͤ⸗ nigs aus ſeinen Augen quollen. Der Koͤnig trat mit dem Gefolge in das Zelt hinein. „Es iſt doch aͤrgerlich, daß Graf Heinrich nicht mit geweſen“ ſagte er, und warf ſich in den goldnen Feldſeſſel am Tiſche.„Heute hat meine Treue ſein Meiſterſtuͤck gemacht, das ſoll kein ſchwerinſcher Spuͤrhund ihm nachmachen!“ „„ Und mein kuͤhner Falk ſtieg ſo hoch, daß ich ihn kaum erblicken konnte,“ ſagte der junge Waldemar. „Er brachte Dir aber keine Beute, mein Sohn! Du wirſt kein tuͤchtiger Jaͤger werden.“ „Ich ſehe lieber den Vogel fliegen als herun⸗ terfallen, Vater, und das thut Ihr ja auch! Als Ihr den ſtolzen Adler in ſeinem Fluge getroffen, that es Euch doch leid, daß er ſiel!“ „Du magſt Recht haben, Sohn meiner Dagmor!“ ſagte der Koͤnig ernſt.„Es iſt doch immer eine rohe eigenſuͤchtige Freude, den Adler in ſeinem Fluge zu hemmen, und den Koͤnigs⸗ 78 vogel von einem haͤmiſchen elenden Pfeil fallen zu ſehen. Aber wo bleibt unſer luſtiger Graf? Nal da iſt er ja!“. In einem Jagdkleide von gruͤnem Sammet, mit dem Roſenkranz von Rubinen und Smarag⸗ den um den Hals, den ruſſiſchen Federhut in der Hand, trat Graf Heinrich in das Koͤnigs⸗ zelt. Er hinkte ein wenig mit dem rechten Fuße; ſeine dunklen Zuͤge waren unruhig und verwirrt, und ſein Blick unſicher und ſchielend, waͤhrend er mit Muͤhe eine geheime Unruhe zu bekaͤmpfen ſchien, und ein freundliches Geſicht machte.„Ent⸗ ſchuldigt mich, gnaͤdigſter Herr Koͤnig,“ ſprach er mit unſichrer Stimme, indem er den Koͤnig de⸗ muͤthiger als ſonſt begruͤßte.„Ich habe den ganzen Tag fuͤr die Heilung meines Fußes ſorgen muͤſſen und haͤtte beinahe die Ehre und das Gluͤck, Euch aufwarten zu koͤnnen, aufgeben muͤſſen.“ „Setzt Euch, Graf! und macht keine Um⸗ ſtaͤnde,“ entgegnete der Koͤnig.„Strengt nicht den Fuß durch das Stehen an. Wenn wir nach Ribehuus kommen, wird Euch Meiſter Harfen⸗ ſaite bald gerade auf beiden Beinen machen. Er heilt alle Beinſchaͤden trefflich und ſchnell; er . 79 weiß, daß es mir in den Tod zuwider iſt, jeman⸗ den hinken zu ſehen.“ „ Was hat denn Euer Gnaden 3 viel dage⸗ gen?“ fragte Graf Heinrich, indem er dem Feellddſeſſel zur Linken des Konigs nahete, allein ſich doch nicht eher niederließ, als bis der junge Prinz Platz zur Rechten des Vaters genommen hatte. 8 „Was ich gegen das Hinken habe,“ wie⸗ derholte der König,„nun! ich weiß es ſelbſt nicht recht; allein alles Wackelnde und Unge⸗ wiſſe, alles Verzogene und Schiefe in Gebehrden und Zuͤgen ruͤhrt von innerer Schiefheit her, ſagt Erzbiſchof Andreas, und obgleich ich nicht daran glaube, faͤllt es mir doch oft ein.“ Graf Heinrich verfaͤrbte ſich, und Junkherr Strange ſah den Koͤnig verlegen an und blinkte mit den Augen; allein Waldemar merkte nichts und ſchien den Naturfehler des Grafen, ruͤck⸗ ſichtlich des ſchielenden Auges, ganz vergeſſen zu haben. „Nun zum Henker! warum ſetzt Ihr Euch denn nicht?“ ſagte der Koͤnig ungeduldig, als Alle rings um ihn noch ſtehen blieben,„hier 80 ſind wir ja nicht bei Hofe. Fuͤllt die Becher, Biörn! Wir koͤnnen eine Herzſtaͤrkung brauchen!“ Schnell ließen ſich Alle nieder. Mundſchenk Biorn fuͤllte die Becher, und der König leerte ſopgleich den ſeinigen mit allen Zeichen eines hef⸗ tigen Durſtes. „Nun kann ich begreifen!“ ſprach er, in⸗ dem er nach den geſalzenen Fleiſchſpeiſen langte, ohne die Anrichtung des gebratenen Wildprets abzuwarten;„nun kann ich begreifen, wie Eſau das Recht der Erſtgeburt um eine Schuͤſſel Lin⸗ ſen erkaufen konnte. Er wird ſeine Beine eben ſo gut, wie wir, auf der Jagd gebraucht ha⸗ ben. Waͤret Ihr heute mit geweſen, Graf Heinrich,“ fuhr er kurz hernach fort,„wuͤr⸗ det Ihr kaum ſo zuͤmperlich nach Becher und Schuͤſſel langen!“ „Weil Ihr keine aͤußeren Schiefheiten ver⸗ tragen koͤnnt, Herr Koͤnig!“ gab dieſer laͤchelnd zur Antwort,„ſo muͤßt Ihr mir erlauben, daß ich, um die inneren in etwas auszugleichen, heute Abend faſte. Ich habe ein Geluͤbde in dem hei⸗ ligen Lande gethan, und das habe ich bis heute Abend zu erfuͤllen verſaͤumt.“ 81 „Eil laßt hoͤren! wie klingt das Geluͤbde?“ „Daß ich nicht froh und heiter ſeyn und keinen Rebenſaft genießen wuͤrde, ſo lange die Stirn meines gnaͤdigen Herrn Koͤnigs eine Furche truͤge, wozu ich Anlaß gegeben haͤtte.“ „Das war ſchoͤn und fromm gedacht, wacke⸗ rer Graf Heinrich, ob es Euch auch nur in dieſem Augenblicke eingefallen iſt. Wohlan! die Fur⸗ chen, von denen Ihr redet, ſind laͤngſt ausge⸗ glaͤttet; allein die, welche noch zuruͤck ſind, werden mit jedem Tage tiefer und vermehren ſich. Doch heute Abend wollen wir froh ſeyn und jeden alten Groll vergeſſen. Es lebe unſer geehrter Gaſt, Graf Heinrich!“ Der König leerte ſeinen Becher und ſo auch ſeine Mannen, den alten duͤrren Kaͤmmerling Andreas ausgenommen, der nie den diaͤtetiſchen Vorſchriften des Meiſter Harfenſaite entgegen handelte. Der Koͤnig ließ die Becher auf's Neue fuͤl⸗ len und begann eine ſcherzhafte Unterredung mit Junkherrn Strange und Aſtrad Fracke, welche Graf Heinrich mit vielem Witz und Feinheit IV. 6 82 auszuſpinnen wußte. Die Becher wurden indeſ⸗ ſen haͤufig geleert, und Alle wurden luſtig, den alten Kaͤmmerling ausgenommen, der, wie ge⸗ woͤhnlich, wortkarg, ohne bemerkt zu werden, am Ende des Tiſches ſaß, aber ſelbſt genau Al⸗ les beobachtete, und ein ſcharfes Auge auf den fremden Grafen hatte, der zwar ſehr haͤuſig den Becher an den Mund ſetzte, aber beinahe nichts trank, und doch der Luſtigſte von Allen ſchien. Auf Veranſtaltung des Kaͤmmerlings began⸗ nen die Hornblaͤſer auf dem Huͤgel luſtige Jagd⸗ ſtuͤcke und Kriegslieder zu blaſen. Der alte An⸗ dreas bemerkte, daß dieſe Ueberraſchung dem Koͤnig gefiel, und ſeine ſcharfen Zuͤge druͤckten eine ſonderbare Miſchung von Freude und von Unbehaglichkeit, die ihm die Muſik verurſachte, daruͤber aus. Viele heitere Erinnerungen aus ſeiner Jugend durchzogen lebhaft die Seele des Koͤnigs; allein nun ſtimmten auf einmal die Hoͤrner ſein Lieblingsſtuͤck, den ſtolzen ſpaniſchen Rittertanz an, den er zweimal mit Beengierd getanzt hatte.— Eine innige Wehmuth miſchte ſich in die Freude Waldemars; er ergriff den — 18——e 83 Becher und leerte ihn ſtill zum Andenken der ab⸗ geſchiedenen Braut ſeiner Jugend. „Ein ſonderbares Maͤhrchen iſt doch das ganze Leben,“ ſagte er, ſanft den Becher vor ſich hinſtellend,„doch das hoͤchſte Gluͤck und Freude ſind nur ſchoͤne Zauberſchloͤſſer eines Sommernachttraumes.“ „Sehr wahr, Herr Koͤnig!“ aͤußerte Graf Heinrich mit einem froͤmmelnden Laͤcheln,„aber je mehr Abwechſelung in dem Maͤhrchen iſt, um ſo mehr ergoͤtzlich ſcheint es mir; wenn ich einen recht luſtigen Traum durchtraͤumen ſoll, muß ich bald im Himmel, bald in der Hoͤlle ſeyn. Nichts iſt doch langweiliger als einfoͤrmiges Gluͤck. Nein! oben und unten! das iſt in der Ordnung; und ein guter Chriſt muß ſich in Alles fuͤgen.“ „Doch wohl nicht darein, in die Höͤlle zu fahren? mein guter Graf! Laßt uns nicht ſo vermeſſen ſcherzen.“ „Mit Gluͤck und Ungluͤck muß ein guter Chriſt ſcherzen koͤnnen,“ entgegnete Graf Hein⸗ rich,„und was iſt wohl Himmel und Hoͤlle anders? Bevor ich meine heilige Wallfahrt ge⸗ than, wurde ich auch oft von Mißmuth mitten 3 6* 84 in meiner Freude befallen, wenn ich bedachte, wie kurz und eitel ſie war;— allein ſeht, Herr Koͤnig! hier habe ich zwei köſtliche Kleinode, die ich von einem Einſiedler in der Naͤhe des heili⸗ gen Grabes bekommen; wenn man ſie betrach⸗ tet, lernt man, wie ein guter Chriſt, den Wech⸗ ſel und Unbeſtand des Gluͤcks recht ſchoͤn und erbaulich zu finden.— Seht!— hier iſt ein Zweig von den Palmen und Ueberreſte der pur⸗ purnen Kleider, die vor unſerm Herrn, als er ſeinen Einzug in Jeruſalem hielt, ausgebreitet wurden. Der fromme Einſiedler ſchwur auf das Sacrament, daß ſie aͤcht ſeyen, und daß derje⸗ nige, der ſie bei ſich truͤge, nie verzagen koͤnne, wie ſehr ſein Gluͤck auch im Leben wechſele. Wollt Ihr ſie aus meiner Hand annehmen, Herr Koͤnig, ſo habe ich meine heilige Wall⸗ fahrt nicht vergebens gemacht.“ „Dank, Dank!“ ſagte der Koͤnig ſinnend, und nahm die abgebleichten, verwelkten Reliquien an.—„Allein ſeyd Ihr ſo gewiß, mein gu⸗ ter Graf! daß Ihr derſelben nie nöthig haben werdet?“ 8⁵ „Ich habe mehrere der Art, Herr König, und göͤnne ſie Euch vor Allen,“ verſetzte Hein⸗ rich,„obgleich Ihr ein ſo begluckter Guͤnſtling des Himmels ſeyd, daß Ihr ſie gewiß nie brau⸗ chet. Allein ſofern Ihr es geſtattet, will ich Euch nun ein luſtiges Lied vorſingen, das ich von demſelben Einſiedler eines Abends, als er nach langem Faſten ein Raͤuſchchen in aller Zucht und Froͤmmigkeit bekommen, gehoͤrt habe.“ Ohne Antwort abzuwarten, ſtimmte nun Graf Hein⸗ rich mit ſeiner falſchen hoͤchſt laͤcherlichen Sing⸗ ſtimme ein halb andaͤchtiges, halb gottloſes Lied an, ſo eingerichtet, daß bei jedem Schlußreim getrunken wurde. Das Lied war eine kurzwei⸗ lige Miſchung von Deutſch und ſchlechtem La⸗ tein. Alle lachten, nur der alte Kaͤmmerling bemerkte das Anſtoͤßige des Inhalts, obgleich er wenig davon verſtand. Durch das laute Ge⸗ laͤchter und das haͤufige Trinken wurden ſowohl der Koͤnig als Junkherr Strange und Aſtrad Fracke etwas berauſcht; auch der junge Prinz trank mehr als gewoͤhnlich, doch wurde er, ſtatt auf⸗ geraͤumt zu werden, ſchlaͤfrig darnach. Der dicke Mundſchenk Bioͤrn verſaͤumte nicht, fuͤr 86 ſich ſelbſt, wie fuͤr die Andern, fleißig einzu⸗ ſchenken; er wankte und lachte uͤbermaͤßig, doch ohne ſeine Amtspflicht zu vergeſſen. „Es iſt ſpaͤt,“ ſagte endlich der Koͤnig, ſeine Beſonnenheit mit Kraft und Wuͤrde zu⸗ ruͤckrufend;„ Thorheit hat, wie alles Andere, ſeine Zeit. Nuͤn wollen wir aufhoͤren, dieweil das Spiel noch gut ſteht.— Es iſt ja mor⸗ gen Sonntag!“ Der alte Andreas Kaͤmmerling, der durch den heftigen Hunger des Koͤnigs verhindert wor⸗ den war, das Tiſchgebet vor dem Mahle herzu⸗ ſagen, wollte nun nach alter Sitte das Dank⸗ gebet ſagen. Er erhob ſich mit gefalteten Haͤn⸗ den; doch der König gab ihm einen Wink und ſchuͤttelte den Kopf:„Laßt gut ſeyn,“ ſagte er,„wir muͤſſen heute Abend uns ohne Gebet durchhelfen,— wir wollen nicht durch unge⸗ legenes Gebet den Herrn laͤſtern; der Wein i*ſt doch gar zu ſehr unſer Meiſter geworden.“ Graf Heinrich lachte und betheuerte, daß er es gar wohl ſpuͤre; er erhob ſich ſchwankend mit den Uebrigen und ſchien in ausgelaſſener —— —— 87 Luſtigkeit Claus Klumpes vorheriges Geſchaͤft abernommen zu haben, indem er es nicht ſeiner Wuͤrde unangemeſſen fand, durch poſſenhafte Ge⸗ behrden und das Geſcchterſchneiden eines Hof⸗ narren die allgemeine Luſtigkeit zu beleben; er wuͤnſchte dem Koͤnig und Allen eine ruhige Nacht, und verließ das Zelt, um, wie er ſagte, den Rauſch im Schiffe auszuſchlafen. Junkherr Strange, Aſtrad Fracke und Mund⸗ ſchenk Bioͤrn taumelten unter Gelaͤchter und Scherz ihrem Zelte zu, gand nahe an dem des Königs, waͤhrend dieſer mit ſeinem Sohne ſich in die innere Abtheilung deſſelben begab, wo ſie ſich ſorglos, von Muͤdigkeit uͤberwaͤltigt, auf ihr Lager warfen.— Die Fackeln vor dem Koͤnigszelte waren er⸗ loſchen. So auch die Kerzen bei Junkherr Strange und Aſtrad Fracke, ſo wie im Diener⸗ zelte neben an. Alle Diener des Koͤnigs ſchlie⸗ fen. Sie waren dem Beiſpiele ihres Herrn ge⸗ folgt, und hatten Bier und Meth nicht geſpart. Auf der kleinen friedlichen Inſel war es ſtill wie in einem Schlafzimmer. Niemand hielt Wache da, wo kein Unfrieden zu vermuthen war. In 88 dem aͤußerſten Theile des Koͤnigszeltes brannte noch eine einzelne Kerze.— Dort ſchlich ſtill und ſpukhaft Andreas Kaͤmmerling halb ausgezo⸗ gen noch herum, und bereitete ſein einfaches har⸗ tes Lager gerade vor dem Eingange zur Schlaf⸗ ſtelle des Königs und des Prinzen. Bevor er an die Ruhe dachte, zaͤhlte er ſorgfaͤltig die ſil⸗ bernen Becher und Weinkruͤge, und legte ſie in einen großen kupferbeſchlagenen Schrein, in wel⸗ chem außerdem eine bedeutende Menge Silber und Gold aufbewahrt wurde, Dann nahm er das Kaͤſtchen mit den Edelſteinen und Kleinodien des Koͤnigs, ſo auch mit einigen wichtigen Schriften, die ihm der Koͤnig in Verwahrung gegeben, und verbarg, wie gewoͤhnlich, dieſe wichtigen Dinge unter ſein Kopfkiſſen. Erſt da dies Alles auf das Genaueſte beſorgt war, warf er ſich auf das Lager, mit den hagern Haͤnden uͤber der Bruſt gefaltet, indem er leiſe das Abendgebet herſagte. Dann erhob er ſich noch ein Mal, um nachzuſehen, ob der Koͤnig oder der Prinz nicht ſeiner beduͤrften. Er zog den ſcharlachnen Vorhang von dem innerſten Theile des Zeltes zuruͤck, und als er vernahm, daß ——-ℳèÖ —ᷣᷣᷣᷣↄ— 89 Beide ruhig ſchliefen, ging er leiſe zu ſeinem Lager zuruͤck, ließ aber doch noch die Kerze brennen.— „Ein ſuͤndiger, gottloſer Abend,“ murmelte erz„Koͤnige und Fuͤrſten ſind doch auch Men⸗ ſchen,— kein Tiſchgebet,— kein Segen!— Der ſchwarze Graf lachte haͤßlic— Hm! haͤtte ich doch nur einen einzigen wachſamen und nuͤchternen Mann heute Nacht hier,— nicht einmal den wachſamen Treu habe ich,— wa⸗ rum ſollten auch die Hunde in das Schiff des Grafen?“. Mitternacht war laͤngſt voruͤber. Die Kerze war ausgebrannt; der alte Kaͤmmerling erhob ſich wieder aͤngſtlich vom Lager.„Was kann es helfen, daß ich hier liege?“ murmelte er, „tauſend Eingaͤnge kann man ſich zu einem Zelte machen.— Hml! der ſchwarze Graf ſang und lachte doch wie ein Teufel.“ Es mar ſtock⸗ finſter im Zelte; es war ihm, als fluͤſterte Je⸗ mand in der Naͤhe, und mit Entſetzen vernahm er, daß Jemand dicht in ſeiner Naͤhe ſich bewegte. Er griff nach ſeinem Schwerte, fuͤhlte ſich aber in demſelben Augenblicke von vier ſtarken Armen 90 gehalten, und bevor er ſchreien konnte, war er ſchon geknebelt. Er ſchlug in der Verzweiflung wuͤthend um ſich herum; doch er war alt und ſchwach, und vermochte nichts gegen ſeine ſtum⸗ men und ſtarken Widerſacher. 1 Waͤhrend dies im vordern Theile des Zeltes vorging, befand ſich der Koͤnig noch in ſeinem erſten Schlafe. Prinz Waldemar ſchlief unruhig, und kurz vorher war ihm ein lautes Geſchrei ent⸗ ſchluͤpft. Da erwachte der Koͤnig durch ein lei⸗ ſes Geraͤuſch und Geklirr von Waffen. Er rich⸗ tete ſich ſchlaftrunken halb aufrecht und tappte nach ſeinem Schwerte.— „Hilf, hilf Vater! ich bin gebunden,“ rief nun Prinz Waldemar; in demſelben Augenblicke fuͤhlte ſich der Koͤnig von einer eiskalten, eiſen⸗ gepanzerten Hand am Halſe ergriffen:„Still, Tyrann! oder Du biſt des Todes!“ fluͤſterte Graf Heinrichs wohlbekannte Stimme.„Legt dem Knaben den Knebel in den Mund, Burſchen!“ „Verraͤtherei!“ rief der Koͤnig und befreiete durch eine raſche und kraͤftige Bewegung ſeinen Hals von dem gewaltſamen Drucke; allein jetzt empfand er einen tiefen Dolchſtich in der rechten 91 Seite. Er taumelte zur Erde, und waͤhrend er im Dunkeln mit den ſtarken unbewaffneten Haͤn⸗ den wuͤthend um ſich ſchlug, fuͤhlte er die Fuͤße feſt zuſammengeſchnuͤrt, und den Kopf ſo eng in die Bettdecke gewickelt, daß er keinen Laut hervor⸗ bringen und kaum Athem holen konnte. Bald waren ſeine Haͤnde auch gebunden, und acht ſtarke Arme trugen ihn in die kuͤhle Nachtluft hinaus.— Es war heller Mondſchein; doch der Koͤnig konnte weder ſehen noch hoͤren; er war nahe daran, zu erſticken! Der Schmerz und der Unmuth betaͤubten alle ſeine Sinne. Der junge Prinz, der auch von vier bewaffneten Burſchen getragen wurde, hatte indeſſen das Ge⸗ ſicht frei. Er war auch an Haͤnden und Fuͤßen gebunden, und der Knebel machte ihn ſtumm. Der Mond ſchien ihm in die Augen, und er bemerkte, daß er und der Vater in den Wald gefuͤhrt wurden. Er erkannte Graf Heinrich, der, dicht in ſeinen Mantel gehuͤllt, mit gezuͤck⸗ tem Schwerte in der Hand, blaß und zitternd an ihrer Seite ging, und mit gedaͤmpfter Stimme die Knappen antrieb. 92 „Wie iſt es mit den Andern abgelaufen?“ fluͤſterte der Graf. „Die drei vornehmen Herren ließen ſich im Schlafe knebeln und wie Schweine binden, ſtren⸗ ger Herr!“ brummte eine rauhe, tiefe Stimme. „Die Dienerſchaft war auch gut zugedeckt und leicht zu handthieren; es waren wohl ein Paar kleine Jungen, die uns entliefen.“ „Zum Teufel, rede leiſe, Du Hund! Iſt Jemand Euch entlaufen, koͤnnen wir ja noch verrathen werden. Der alte Drache iſt doch wohl nicht entkommen?“ „Er ſchlug und biß um ſich wie der leidige Satanas. Es gelang ihm, den Knebel auszu⸗ reißen und ich mußte ihm das Maul mit mei⸗ nem Dolche ſtopfen. Mein Bruder nahm den Schrein und das Kaͤſtchen.“ „Gut, gut! braver Kunz! kommen wir nur gut von hier weg, ſollſt Du und Dein Bruder die Haͤlfte des Schatzes haben. Nun raſch und vorſichtig, ihr Burſche! erſt nach dem Walde, dann durch das Geſtraͤuch zum Schiffe hinun⸗ ter. Der Wind iſt ganz entgegen,— es ſtuͤrmt verdammt.— Ihr muͤßt rudern, daß Euch das 93 Blut aus den Naͤgeln hervordringt;— allein Ihr ſollt es nicht bereuen.“ „Ihr muͤßt es ſelbſt vor Gott verantworten!“ murmelte der alte Jaͤger.„Ich waſche mir die Haͤnde; ſoll Jemand deshalb in der Hoͤlle brennen?“ „Schweige ſtill, du Hund! das iſt meine Sache,“ fluͤſterte der Graf, waͤhrend der Wald den unruhigen Koͤnigsraͤuber und ſeine Beute verbarg. „Haſt Du ſie geſehen?“ lispelte ein kleiner zehnjaͤhriger Knabe mit einer Ziegenmuͤtze und einer kurzen Jacke, indem er aus dem Geſtraͤuch, mit einem Falken in beiden Haͤnden, herausſprang. „Hul es waren die Raͤuber! Jems wer mag dns ſeyn, den ſie wieder mit ſich geſchleppt haben?“ „Ach! Gott ſey uns gnaͤdig!“ jammerte ſein Gefaͤhrte, ein noch kleinerer Knabe, mit einem duͤnnen Strick und einer leeren Falken⸗Kappe in der Hand;—„ich ließ den Falken des Koͤnigs fliegen! Ach! Gott ſey uns gnaͤdig; der Eine war der junge Koͤnig Waldemar, ich habe ſein Geſicht geſehen. Der Mond ſchien gerade auf ihn hin. Er ſah aus wie Peer Jemsſohns Ole, als er im Sarge lag.“ 94 „Da ſey Gott vor! laß uns zum Koͤnige laufen! laß uns ſchreien und Lerm machen.“—„Huͤlfe! Huͤlfe! Raͤuber! Raͤuber!“ ſchrien nun beide aus allen Kraͤften und eilten nach dem Königszelte. Dort lag der Kaͤmmerling Andreas in ſeinem Blute am Fuße des leeren Lagers des Koͤnigs. Die entſetzten Knaben ſchuͤttelten ihn. Es entſchluͤpfte ihm noch ein tiefer Seufzer, indem er nach dem Lager des Koͤnigs mit der Hand tappte, und den Geiſt aufgab. Sie eilten zum naͤchſten Zelte. Dort lagen Junkherr Stranges und Aſtrad Fra⸗ ckes Kleider und Waffen, ſo wie auch Mund⸗ ſchenkes Bioͤrn Guͤrtel mit den Vorſchneide⸗Meſ⸗ ſern; aber kein Menſch war zu ſehen. Mit Lerm und Geſchrei liefen die Knaben zum Strande hinunter. Dort ſtanden zwei von den Dienern des Koͤnigs, unſchluͤſſig und niedergeſchlagen, die Haͤnde ringend, waͤhrend ein junger raſcher Boots⸗ mann eifrig mit dem Koͤnigsſchiffe und den Bo⸗ ten herumtummelte, um eines von ihnen flott zu machen; allein ſie waren alle durchbohrt, halb ge⸗ ſunken, und ohne Takel und Anker. „Wo iſt ſein eigenes Fahrzeug, das des ſchwarzen Satans?“ rief der Bootsmann. 95⁵ „Dort hinter dem Geſtraͤuche, allein hoͤrt Ihr die Ruder? ſie haben ſchon vom Lande abge⸗ ſtoßen. Daß Gott erbarme! Was ſollen wir jetzt thun!“ „Ihnen nach; ihnen nach!“ rief der Boots⸗ mann,„das kleine Ruderſchiff haͤlt wohl noch die See!— Kommt Burſche, ans Werk! Kommt mit, Jungens! Ihr ſollt das Waſſer ausſchoͤpfen.“ Ohne weiteres Bedenken ſprangen die beiden Diener und der eine Falkenjunge in das Boot; der kleinere war bang und zoͤgerte. Sie ließen ihn ſtehn, ſtießen vom Strande ab, und nun ward aus allen Kraͤften gerudert. Jammernd lief der zuruͤckgelaſſene Knabe am Ufer auf und nieder. Es ſtuͤrmte heftig, der hellſte Mondſchein wechſelte heftig mit ſchwarzer Finſterniß, waͤhrend kleine ſchwarze Wolken uͤber die Inſel hinflogen. Auf ein⸗ mal vernahm der Knabe ein gedaͤmpftes Jammer⸗ geſchrei; das lecke Boot war geſunken; allein ein Schiff mit vielen Rudern kaͤmpfte ſich mit gewaltſamer Anſtrengung durch die Brandung vom Ufer hinweg. 96 Ein größeres Entſetzen, ein mehr zernichten⸗ der Gram hat vielleicht nie das daͤniſche Volk er⸗ griffen, als da das Geruͤcht von dieſer unerhoͤrten Verraͤtherei und dieſer ungeheuern Gewaltthar das ganze Reich wie ein Lauffeuer durchlief. Das Geruͤcht vergroͤßerte ſogar das Ungluͤck und es hieß einige Tage hindurch, daß ſowohl der Koͤnig als ſein Sohn ermordet waͤren. Nun wurde man erſt gewahr, wie ſehr Waldemar der Sieger, ſeiner Strenge ungeachtet, von dem Volke geliebt war. Der gewoͤhnliche alltaͤgliche Verkehr des Lebens hörte auf. Es war, als haͤtte der Blitz in alle Burgen und in alle Huͤtten eingeſchlagen. Weiber und Kinder jammerten. Mit allen Zeichen des Schauders und der Trauer in den entſetzten gramvollen Zuͤgen, verſammel⸗ ten ſich die Maͤnner auf den Maͤrkten und an den Gerichtsplaͤtzen, um ſich zu berathen, nicht wegen einer neuen Koͤnigswahl, nicht wie das jetzt gelenkt und beſchuͤtzt werden ſolle,— ſon⸗ dern nur von Rache und von der Befreiung des Koͤnigs, inſofern er noch lebte. Den vierten Tag nach dieſem ungluͤcklichen Er⸗ eigniß war der Reichsrath im Ritterſaal in Ribehuus 97 verſammelt, und viele von den ergebenſten Lehns⸗ maͤnnern und Rittern des Koͤnigs waren herbei⸗ geſtromt. In ſeiner ſchwarzen Ruͤſtung ſtand Graf Albert von Nordalbingien mitten unter dem verſammelten Reichsrathe; aus ſeinen Zuͤgen ſpra⸗ chen die tiefſte Trauer und der furchtbarſte Groll. An ſeiner Seite ſtand Graf Otto mit gluͤhenden Wangen, und die Hand krampfhaft an das Heft des Schwertes geballt. Der alte Erzbiſchof An⸗ dreas ſaß ſtumm und blaß, mit Thraͤnen in den matten Augen, in einem Armſeſſel. Außer dem tiefen Grame, der ihn zu Boden druͤckte, wurde der ehrwuͤrdige Greis auch zu dieſer Zeit von einem ſchweren koͤrperlichen Uebel gequaͤlt; eine unheil⸗ bare Hauptkrankheit hatte ihn gezwungen, ſein Amt aufzugeben, und er harrete ſeit einiger Zeit nur der Erlaubniß des Pabſtes, um den Krumm⸗ ſtab niederzulegen und ſich ganz von den Men⸗ ſchen abzuſondern. Die große, allgemeine Noth hatte ihn nun aus ſeinem einſamen Studierzim⸗ mer im Capitelhauſe hervorgerufen. Er ſaß am Ende des Tiſches in tiefen Gedanken„ waͤhrend Abt Gunner mit zornſpruͤhenden Blicken heftio auf den Fliſen auf und nieder ging. IV.. 7 98 „Er lebt! er lebt! Graf Albert weiß es,“ fluͤſterte der Eine zum Andern, und Alle harre⸗ ten mit geſpannter Aufmerkſamkeit der Worte des ſo eben eingetretenen Feldherrn. „Ja, er lebt! unſer geliebter Herr und Koͤ⸗ nig lebt!“ ſprach endlich Graf Albert mit ge⸗ daͤmpfter Stimme.„Ich habe ſichere Nachrich⸗ ten. Er iſt gefaͤhrlich verwundet, allein doch am Leben nach Magdeburg gekommen. Nach aller Vermuthung verſchmachtet er jetzt mit ſeinem Sohne in einem der Gefaͤngnißthuͤrme des ver⸗ ruchten Heinrichs Borwin, vielleicht in Lenzen oder in Lesnitz.“ Nach einem allgemeinen Ausbruch der Theil⸗ nahme erfolgte das Stillſchweigen tiefer Nieder⸗ geſchlagenheit, und es war einen Augenblick hin⸗ durch todtſtill im Saale.„Edle Herren und daͤniſche Maͤnner!“ nahm Graf Albert das Wort wieder,„das Ungluͤck iſt groß,— nie hat Daͤ⸗ nemark ein groͤßeres erlebt. Eine ſo unerhoͤrte, himmelſchreiende Meuchelthat hat ihres Gleichen kaum in der Chronik, und wohl muß eine ſo verwegene Miſſethat uns mit Grauen und Ent⸗ ſetzen ergreifen; aber ſo lange Waldemar der * 99 Sieger lebt, und treue daͤniſche Maͤnner da ſind, iſt die Noth nicht groͤßer, als die Hoffnung; ſo lange nur ein Tropfen treues und ehrliches Blut in unſern Adern fließt, wuͤrde die Frage eine Schande ſeyn: was Daͤnemark thun will, um ſeinen großen Koͤnig zu befreien und zu raͤchen? Alles wollen wir thun,— ich leſe es aus Eu⸗ ren Blicken! brave Daͤnen!— Alles! Kein Opfer iſt ſo groß, daß wir es nicht gern bringen ſoll⸗ ten; unſer letztes Scherflein, unſern letzten Bluts⸗ tropfen wollen wir hingeben!“ „Alles, Alles!“ rief die Verſammlung wie aus einem Munde, und alle Haͤnde ſtreckten ſich empor und alle Augen funkelten. „Kein Gedanke,“ fuhr der Graf fort,„kein Gedanke an eigene Rache, eigenes Gluͤck und Wohlſeyn, an Freunde und Verwandte, Gatten und Kinder,— kein Verhaͤltniß, keine Verpflich⸗ tung, nicht Liebe und nicht Haß,— ja ſelbſt nicht einmal unſere weltliche Ehre, inſofern ein ſolcher Fall denkbar iſt, ſollen von dieſer Stunde an unſer Leben, unſere Seele dem Dienſte des theuern Koͤnigs in ſeiner großen Noth und Un⸗ luͤck entziehen! Das beſchwoͤre ich, das beſchwoͤre d 7* 100 jeder treue, edelgeborene Daͤne mit mir! Eher vergehen Land und Reich, eher moͤgen unſere Haͤnde verwelken, unſere Namen und Ehre ver⸗ tilgt, und daͤniſche Treue und Mannhaftigkeit ein Spottname vor der Welt werden!— Eher moͤ⸗ gen unſere Herzen in der feigen Bruſt zuſame menſchrumpfen, und das Licht unſerer Augen in der Nacht ewiger Verdammniß erloͤſchen, als wir dieſe Schande ungeraͤcht laſſen, als wir unſern Herrn und Koͤnig in fremder und ſchmaͤhlicher Gefangen⸗ ſchaft verlaſſen,— das ſchwoͤren wir, ſo wahr uns Gott helfe und ſein heiliges Wort!“ „Amen!“ ſprach der Erzbiſchof und erhob ſich;—„Amen!“ rief der Abt Gunner.— Alle wiederholten den furchtbaren Eid, dann m ſuhr der duͤſtre Feldherr fort: „Ihr alten, ehrwuͤrdigen Herren und Raͤthe des Reichs! Ihr, die Ihr nicht laͤnger Lanze und Wehr zur Befreiung und Rache des Koͤnigs zu fuͤhren vermoͤget, lenket indeſſen das Land mit Weis⸗ heit, waͤhrend ich und jeder daͤniſche Mann, der Wehr und Waffe füuhren kann, uns Alle wie Einer vereinen, um dieſen Schandflecken von Daͤ⸗ nemarks Ehre abzuwaſchen, indem wir den nieder⸗ 101 traͤchtigſten Verraͤther und ehrloſeſten Ritter in der Chriſtenheit, einen Abſchaum, jenem gleich, der mit dem falſchen Kuß den himmliſchen Koͤnig ver⸗ rieth, mit Rache und gerechter Strafe heimſu⸗ chen. Tod und Verderben uͤber Graf Heinrich von Schwerin! Tod und Verderben ſeinen Freun⸗ den und Beſchuͤtzern!“ 1 „Tod und Verderben uͤber ſie!“ wiederholten die erbitterten, entflammten Ritter. „Fragt nicht, wie es geſchehen ſoll!“ fuhr der tuͤchtige Graf Albert noch immer fort:— „Hier ſtehe ich, der Freund und leibliche Neffe des Koͤnigs; hier mein tapferer Vetter, Graf Otto von Luͤneburg; daͤniſche Muͤtter haben uns Beide geboren: Daͤnemark iſt unſer Mutterland, und Daͤnemarks theurer Koͤnig unſer Verwandter und Herr. An ſeiner Seite haben wir Daͤne⸗ marks Heermacht oͤfterer zum Ruhm und Siege gefuͤhrt, als Graf Heinrichs Freunde mit Fuͤrſten und Kaiſern mit Schande an Nordalbingiens Grenzen ſich gefluͤchtet haben. Jeden daͤniſchen Ritter und Mann, der jetzt unter unſerm Panier fuͤr die Befreiung des Koͤnigs und Daͤnemarks Ehre fechten will, den empfangen wir mit offnen 10²2 Armen als Freund und Waffenbruder, waͤre er ſelbſt unſer Todfeind!— Von dieſer Stunde, bis der Koͤnig wieder frei und geraͤcht auf ſei⸗ nem Throne ſitzt, haben wir Alle nur einen Tod⸗ feind, einen Haß, einen Willen: Rache und Frei⸗ heit fuͤr Waldemar den Sieger! Tod und Ver⸗ derben ſeinen Feinden!“ Laͤrmende Beifallsaͤußerungen erfuͤllten die Halle.— Da naͤherte ſich mit feſten Schritten ein langer Ritter im blauen Stahlpanzer, mit geſchloſſenem Helmgitter und einem weißen Kreuz in dem rothen Schilde; er begruͤßte die Verſamm⸗ lung und blieb gerade vor Graf Albert ſtehen. „Rache und Freiheit fuͤr Waldemar den Sie⸗ ger! Tod und Verderben ſeinen Feinden!“ wie⸗ derholte er und ſchlug das Viſir zuruͤck.— Mit funkelnden Augen ſtand Carl von Riſe da, vor dem Angeſichte ſeines furchtbaren Schwiegervaters, und ein zorngluͤhender Blick des duͤſtern Grafen, der unwillkuͤhrlich die Fauſt um das Heft ſeines Schwertes kruͤmmte, traf ihn. Doch feſt und ruhig ſchauete ihm Carl in die ſtolzen, erbitterten Zuͤge.„Geſtrenger Graf Albert, mein vorheri⸗ ger Waffenmeiſter und Herr!“ ſagte er,„Ihr 103 ſchauet vor Euern Augen den Mann, der Ver⸗ dammung aus Euerm Munde und den Tod von Eurer gewaltigen Hand erwartet.— Ich gebe Euch mein Ritterwort darauf: ich werde dem Ur⸗ theile und der Rache, wenn ihre Stunde gekom⸗ men iſt, nicht entweichen; allein Gott und die edle daͤniſche Ritterſchaft haben Cuern Eid und ritterliches Wort vernommen: von dieſer Stunde an, bis der Koͤnig frei und geraͤcht auf ſeinem Throne ſitzt, haben wir nur einen Willen, einen Haß und einen Todfeind!”“. „Wohll es iſt geſchworen!“ verſetzte der Graf mit hohler Stimme, und er erblaßte vor zuruͤckge⸗ haltenem Unmuthe, waͤhrend er die Hand vom Schwerte nahm und ſie ſtark gegen den Bruſthar⸗ niſch preßte.„Wollt Ihr mich aber nicht uͤber mein Vermögen verſuchen, Carl von Riſe!“ fuhr er mit einem Tone, der aus einem Abgrund her⸗ aufzuſteigen ſchien, fort,„ſo laſſet das Helmgit⸗ ter herunter, damit ich Euer verhaßtes Antlitz nicht ſehe, bevor ich, ohne meinen Eid zu brechen, vor den Augen der ganzen Welt Eure vermeſſene Stirn zerſchmettern kann!“ 8 5 — 104 Es glaͤnzte eine Thraͤne in Carls Auge; er verneigte ſich ſchweigend, ließ das Viſir herab und trat ſtumm nnter die erſtaunten Ritter zuruͤck. Ein allgemeines Verſtummen erfolgte„ und es dauerte einige Augenblicke, bevor Graf Albert Faſ⸗ ſung und Ruhe zuruͤckgewann. Der alte Erzbi⸗ ſchof hatte ſich erhoben, um ein verſoͤhnliches Wort zu reden; als er aber den lodernden Groll in den eiſenfeſten Zuͤgen des Heerfuͤhrers bemerkte, faltete er die Haͤnde und ſchien ein leiſes Gebet herzuſagen, jedoch drang kein Wort uͤber ſeine Lippen. Graf Albert ertheilte nun kurz und kraͤftig die noͤthigen Befehle an die Haͤuptlinge, die Schiffs⸗ 8* fuͤhrer und die Ritter. Dann verließ er die Ver⸗ ſammlung, nachdem er zuerſt dem Reichsrathe und dem Erzbiſchof uͤbertragen, unverzuͤglich fuͤr die Kriegsſteuer und die nothwendigen Anzeigen und Aufforderungen an das Volk zu ſorgen. Graf Alberts ſchwarzer Hengſt ſtampfte unge⸗ duldig im Schloßhofe. Mit feſten, heftigen Schrit⸗ ten ſtieg der duͤſtre Heerfuͤhrer die Schloßtreppe hinunter. Sein großes Schlachtſchwert klirrte an den Steinen, und in ſeinem ſtrengen Blicke glaͤnzte die Hoffnung auf eine große, furchtbare Rache. 105 Er ſchwang ſich in den Sattel, und der junge Schildknappe, der das Pferd hielt, wich zuruͤck vor deſſen gewaltigen Spruͤngen.„Steh!“ rief der Graf barſch, und das feurige Thier ſtand unbe⸗ weglich.„Was will das ſagen?“ fragte er ver⸗ wundert, indem er ein kleines Kerbholz*), das mit einem ſeidenen Faden an den Sattelknopf befe⸗ ſtigt war, losriß und las. Der Graf ſtarrete das Kerbholz erblaſſend an.„Wer iſt beim Pferde geweſen? Junge! rief er. „Niemand, geſtrenger Herr!“ entgegnete der Schildknappe zitternd,„niemand anders als ein verruͤcktes Weibsbild, die vor kurzem nach Euch fragte und den Hengſt liebkoſete. Sie ging ſo⸗ gleich wieder fort, ich habe nicht bemerkt, wo ſie geblieben.“ „Hoͤllengedanke!“ murmelte der Graf leiſe, und ritt langſam aus dem Schloſſe. *⁴) Daͤniſch: Budſtikken„ ein Staͤbchen oder Kerb⸗ holz, worin Runen eingekerbt ſind, und das in alten Zeiten ſtatt kurzer Umlaufs⸗Schreiben, beſonders in Norwegen, gebraͤuchlich geweſen. 106 Als Carl von Riſe aus der Ritterhalle heraus⸗ trat, um nach Graf Alberts Gebot ſeine Panier⸗ mannſchaft ſogleich zu ſammeln und auszuruͤſten, fuͤhlte er eine kraͤftige Hand an ſeiner Schulter. Er wandte ſich, und Graf Otto ſtand mit gluͤ⸗ henden Blicken vor ihm, und ſah ihn mit einem freundlichen, theilnehmenden Blicke an. „Braver, treuer Carl!“ ſprach Otto,„koͤn⸗ nen wir denn nie mehr Freunde ſeyn, wie vor⸗ her? Jetzt vereint doch das Ungluͤck alle Herzen und Haͤnde?“ Carl ſchlug das Helmgitter zuruͤck und ſchauete ihm mit tiefem Schmerz in das ehrliche Geſicht, waͤhrend alle alte Erinnerungen mit einer wun⸗ derlichen Miſchung von Unmuth und Wohlwol⸗ len durch ſeine Seele zuckten.„ Ich habe Euch ſehr geliebt, Graf Otto!“ ſagte er bewegt,„und beim lebendigen Gott! ich liebe Euch noch, als waͤren wir leibliche Bruͤder! Da iſt meine Hand; bis der Koͤnig frei und geraͤcht, bis dieſe Zeit großer Noth voruͤber iſt, ſind wir Waffen⸗ bruͤder und Freunde im Leben und Tod!“ „So recht, braver Carl! im Leben und 107- Tode!“ wiederholte Otto, und druͤckte ſeine Hand mit Heftigkeit und Waͤrme. „ Aber uͤberleben wir dieſe ſchwere Pruͤfung des Koͤnigs und des Landes,“ fuhr Carl fort, und ſeine Zuͤge wurden wieder duͤſter und leiden⸗ ſchaftlich,„und falle ich nicht, niedergeſchmettert von des Grafen Alberts unverſoͤhnlichem Arme, ſo bin ich noch immer Ritter und Bruder, und fuͤr meine und meiner ungluͤcklichen Schweſter Ehre muß ich einen Kampf mit Euch auf Leben und Tod kaͤmpfen. Nehmt zum Pfande darauf dieſen mei⸗ nen ritterlichen Handſchuh!“ „Wie! im Ernſt? Carl!“ fragte Otto, „willſt Du der Affe Deines Waffenmeiſters, und eben ſo eigenſinnig und unverſöhnlich wie er ſeyn? Kann das alte Mißverſtaͤndniß denn nicht vergeſſen und todt ſeyn?“ „Nein! ſtolzer Graf von Luͤneburg!“ verſetzte Carl und warf den Handſchuh vor ſeine Fuͤße, „nicht eher, als bis die Entehrung todt, und der Schimpf, den Ihr wild und uͤbermuͤthig auf einen unbeſcholtenen und ehrlichen Ritterna⸗ men geworfen habt, vergeſſen iſt. Achtet Ihr Euch zu hoch und zu vornehm, den Handſchuh 108 eines einfachen Ritters aufzunehmen, und denkt Ihr durch Cure königliche Geburt Euch dem mir ſchuldigen Ehrenerſatz entziehen zu wollen,— ſo wiſſet: wenn ich den Tag erlebe, meinen Koͤnig frei zu ſehen, werde ich Euch Angeſichts ſeiner und der ganzen Ritterſchaft fuͤr einen ehrloſen Ritter erklaͤren.“ „Tod und Höͤlle!“ rief Otto und ergriff den Handſchuh mit wuͤthender Heftigkeit,„das erkuͤhnt Ihr Euch, mir zu ſagen!— So kommt denn ſogleich! Ihr ſollt keinen Augenblick daran zweifeln, daß Graf Otto von Luͤneburg einen Stahlhandſchuh aufnehmen darf!“ „Daran habe ich nie gezweifelt, braver Otto!“ entgegnete nun Carl ruhig,„auch ohne Pfand wuͤrde ich Dir glauben; gieb mir nun aber Dei⸗ nen Handſchuh, weil Du den meinigen empfan⸗ gen haſt, und bis die Zeit und die Stunde ge⸗ kommen iſt, da das Schwert zwiſchen uns ent⸗ ſcheiden darf, ſollſt Du, bei dem heiligen Mi⸗ chael und der heiligen Jungfrau, kein beleidigen⸗ des Wort von meinen Lippen hoͤren, ſo wie ich darauf vertraue, daß Du nie den Namen nen⸗ neſt, der zwiſchen uns das Zeichen eines Tod⸗ 109 kampfes ſeyn muß; bis dahin ſind wir einträch⸗ tige Waffenbruͤder, und ſelbſt wenn ich vor Dei⸗ nem Schwerte fallen muͤßte, werde ich meine Freundſchaft fuͤr Dich mit meiner Ehre be⸗ wahren!“ „Wunderlicher Traͤumer, der Du biſt!“ ver⸗ ſetzte Otto beſaͤnftigt, waͤhrend er den Handſchuh auszog und ihm denſelben uͤberreichte.„Da haſt Du mein Pfand; ich werde es einloͤſen, in wel⸗ cher Stunde Du es willſt. Muͤſſen wir uns denn endlich die Haͤlſe brechen, ſo haſt Du Recht: es kann immer fruͤh genug geſchehen, wenn wir nichts beſſeres zu thun haben!“ Darauf umarmten ſie ſich mit warmer Herz⸗ lichkeit und verließen Hand in Hand Schloß. Erſt als Graf Albert und die heftigen jungen Ritter den Reichsrath verlaſſen hatten, konnte man dort zu ruhiger, beſonnener Erwaͤgung kom⸗ men. Den ruͤckſichtsloſen, gewaltigen Eifer, den Koͤnig zu befreien, hielt man jetzt fuͤr vergeblich, ja wohl auch fuͤr gefaͤhrlich. „Ich habe dieſen Morgen einen geheimniß⸗ vollen Wink bekommen,“ ſprach der Erzbiſchof; „ich weiß nicht, ob vom Freund oder Feind; 8 110 dies Kerbholz lag auf meinem Betſchemmel; ich bitte Euch, deſſen Inhalt geheim zu halten, da⸗ mit keine vielleicht ungegruͤndete Furcht den Eifer des Volkes fuͤr die Befreiung des Koͤnigs hem⸗ men moͤge.— Vernehmt, was hier ſteht!“ Und nun las er dieſelben Worte, die juͤngſt an einem aͤhnlichen Staͤbchen den Grafen Albert entſetzt hatten:„Reitze den Wolf nicht, waͤhrend Deine Hand noch in ſeinem Schlunde iſt!“ Alle ſchwiegen, und eine aͤngſtliche Unruhe ſtand in den Zuͤgen der alten Herren gemalt. „Moͤge auch dieſer Wink von Freund oder Feind herruͤhren,“ nahm Abt Gunner endlich das Wort,„ſo duͤrfen wir ihn nicht verachten. Der Koͤnig und ſein Sohn ſind in der Gewalt ihres Todfeindes. Wenn auch der ſchlaue Ver⸗ raͤther ſelbſt durch dieſes drohende Wort nur die Haͤnde der Daͤnen binden will, bleibt es doch im⸗ mer wahr, daß er durch einen einzigen Wink an ſeine Henker Daͤnemarks Stolz und letzte Hoff⸗ nung zernichten kann. Die Furcht vor dem Kai⸗ ſer und andern Fuͤrſten wird den Rachſuͤchtigen vielleicht allein abhalten, ſeine Miſſethat durch den Mord ſeiner koͤniglichen Gefangenen zu kroͤnen. 411 Mein Rath, edle Herren, iſt daher, daß wir ohne Aufſchub einen Eilboten mit der Nachricht von der unthat, und einer Aufforderung zum Beiſtand, an Kaiſer Friedrich in Capua, und an ſeinen Sohn, Koͤnig Heinrich in Deutſchland, ſchicken; denn freuen ſie ſich auch des Ungluͤcks unſers ſiegreichen Königs, und hoffen vielleicht, Vortheile daraus zu ziehen, muͤſſen ſie ſich doch fuͤrwahr um ihrer eigenen Ehre willen einer Sache annehmen, die mittelbar alle geſalbten Haͤupter angehet und eine Beleidigung der Majeſtaͤt aller rechtmaͤßigen Koͤnige iſt!“. Der Erzbiſchof meinte, es wuͤrde noch wich⸗ tiger und wirkſamer ſeyn, dem Pabſte die Sache in ihrem ganzen haͤßlichen Lichte darzuſtellen, ihn aufzufordern, Kraft ſeines goͤttlichen ſe„ die Geſalbten des Herrn zu beſchuͤtzen und ihr Ge⸗ faͤngniß durch den Bannſtrahl zu ſprengen. Es wurde beſchloſſen, Beider Rath zu fol⸗ gen. Abt Gunner entwarf ſogleich die beiden von ihm vorgeſchlagenen Botſchafter. Mit faſt ju⸗ gendlichem Feuer ergriff der fromme Erzbiſchof ſelbſt die Feder, und ſtellte in einem Schreiben an den Pabſt, mit den gluͤhendſten Farben, Wal⸗ 112 demars große Verdienſte um die Kirche und die Chriſtenheit dar, und ſetzte ihm die Verhaͤltniſſe des Koͤnigs mit dem Grafen von Schwerin, ſo wie deſſen vermeſſene Unthat, klar und kraͤftig aus⸗ einander. Er bewies, daß dieſe keinesweges als Nothwehr entſchuldigt werden koͤnnte, indem er freilich geſtand, daß die Lehnsherrſchaft des Koͤ⸗ nigs uͤber Schwerin ſich nur auf der Ueberlegen⸗ heit und dem Waffengluͤcke begruͤndete; aber er be⸗ merkte zugleich dabei, daß jenes Necht ehrlich in offener ehrlicher Fehde erkaͤmpft, und nicht allein von Kaiſer und Pabſt, ſondern ſelbſt mit dem Eide der Treue des uͤberwundenen Lehnsmannes beſie⸗ gelt ſey, welches Eides kein chriſtlicher Ritter ei⸗ genmaͤchtig ſich uͤberheben duͤrfe, waͤre er auch niedertraͤchtig genug geweſen, ſich denſelben ab⸗ zwingen zu laſſen. Schluͤßlich bewies er, daß Graf Heinrich, ſowohl Kraft der Geſetze der Rit⸗ terſchaft, als des Urtheiles der chriſtlichen Kirche, unverweigerlich als ein treubruͤchiger, ehrloſer Rit⸗ ter und gottloſer Verraͤther verurtheilt werden muͤſſe, weil er— ohne von dem heiligen Vater von ſei⸗ nem Eide geloͤſet zu ſeyn— dieſen freventlich ge⸗ brochen, und weil er ohne foͤrmliche Abſagung, 113 unter der Larve der Freundſchaft ſich ſo ſchwer gegen ſeinen Koͤnig und Lehnsherrn verwirkt habe. „„Aber wahrlich, wahrlich!“ ſagte der fromme Erzbiſchof, und hielt im Vorleſen inne.„Euch, guten Herren, kann ich nicht verſchweigen, was ſich mir bei jeder Zeile, die ich ſchreibe, aufdringt, was ich aber dennoch dem heiligen Vater nicht vertrauen will: wahrlich, eine maͤchtigere und ge⸗ rechtere Hand, als die des Grafen von Schwerin, hat unſern ſiegesſtolzen Köͤnig erreicht; indem jener elende Maulwurfshaufen einen großen ſchwer⸗ beladenen Wagen umwarf, erging ein ſtrenges Gottes⸗Urtheil uͤber einen rieſengroßen Geiſt, der auf ſeiner Hoͤhe ſchwindlig wurde, und in ſeiner Gebieterkraft den Ruhm des Hoͤchſten uͤber ſeinem eigenen vergaß. Allein der Rich⸗ ter der Koͤnige iſt barmherzig, wir wollen nicht verzagen.“ Er ſchwieg und ſchloß das Schreiben. „Ach warum gehen mir Kraft und Geſund⸗ heit ab!“ ſeufzte er, nachdem er das Geſchrie⸗ bene durchgeleſen, und den Uebrigen uͤberreicht hatte;„meine Worte ſind matt. Der Herr lege ſeine Staͤrke und ſeinen Segen hinein! IV. 8 Wer bin ich auch, der ich die ſtrafende Hand vom Haupte des Koͤnigs abziehen will? Mich ſelbſt hat ja der Herr mit der Siechheit des Ausſatzes, der meinen Fuß gelaͤhmt, geſchlagen, und mich unwuͤrdig gemacht, vor den heiligen Stuhl Sankt Peters hinzutreten und mit leben⸗ digen und feurigen Worten die Sache meines Königs zu vertheidigen. Wer uͤberbringt nun dem heiligen Vater dieſe meine leste Bitte an ihn und die Chriſtenheit?“ „Ich! ich!“ ſprach Abt Gunner, ſich mit Heftigkeit erhebend.„Zwar bin ich weit ent⸗ fernt, einer ſo wichtigen Sendung ſo wuͤrdig, wie Ihr, Hochwuͤrdiger, zu ſeyn! Mit Eurer Siech⸗ heit des Ausſatzes, die Ihr beſeufzet, wuͤrdet Ihr viel reiner vor St. Peters Stuhl ſtehen, als ich; nur meine Liebe zum Koͤnig und Vater⸗ lande darf ich mit der Ewigen meſſenz ſo Gott will, und unſere heilige Frau, ſoll es mir nicht an lebendigen und feurigen Worten fehlen, wenn es die Freiheit und Errettung des Koͤnigs Waldemar gilt! Vertraut mir die Botſchaft, hochwuͤrdiger Herr, noch in dieſer Stunde ziehe ich von hinnen, ich ruhe nicht, ehe ich die hei⸗ 115 lige Stadt geſehen! Nie ſehe ich Daͤnemark und Euer frommes Antlitz wieder, bevor ich, ſowie einſt Euer muthiger Bruder, dem Todfeinde des Koͤnigs Waldemar mit einem himmliſchen Blitz, der ihn zerſchmettern wird— ſtaͤnde er auch vor dem Altar des Herrn— entgegen treten kann!“ „Niemanden als Euch, wuͤrdiger Abt!“— entgegnete der Erzbiſchof,„duͤrfen wir mit Hoffnung und Zuverſicht dieſe Botſchaft anvertrauen. Es be⸗ gleiten Euch die Engel Gottes auf dem gefaͤhrlichen Wege! Vielleicht werdet Ihr nie mehr in dieſer Welt mein Antlitz ſehen; vollfuͤhrt Ihr aber mit Klugheit dieſes Werk, werde ich Euch einſt vor dem Thron des Herrn danken. Friede ſey mit Euch!“. Mit dieſen Worten uͤberreichte er ihm das Schreiben, und machte, ohne ihn jedoch zu be⸗ ruͤhren, mit den drei emporgeſtreckten Fingern das Zeichen des Segens uͤber ſein gebeugtes Haupt. Knieend ſagte Abt Gunner und tief bewegt die gewoͤhnliche Formel: in articulo mortis her, und wollte die Hand des Erzbiſchofs ergreifen, um ſie an ſeine Lippen zu druͤcken; dieſer aber 8* 116 zog die Hand ſchnell zuruͤck;„Nuͤhrt mich nicht an!“ ſagte er wehmuͤthig und aͤngſtlich,„damit nicht meine Unreinigkeit und Befleckung auch Euch anſtecke, und Eure heilige Wallfahrt ver⸗ hindere; ich hoffe zu ihm, der die Ausſäͤtzigen heilt, daß ich, wenn wir uns wiederſehen, Euch eine reinere Hand reichen und Euch den Bruder⸗ kuß zu den Fuͤßen des Allbarmherzigen geben kann. Gott ſey mit Euch und uns allen!“ Thraͤnen erſtickten ſeine Stimme; er verbarg das ehrwuͤrdige Antlitz in den biſchöflichen Mantel, waͤhrend er mit gefalteten Haͤnden ſein Haupt gegen den Tiſch herunter neigte und betete. Abt Gunner erhob ſich innig geruͤhrt und verließ ſtumm und ſchweigend die Halle. Noch war keine Stunde vergangen, bevor der kraͤftige und eifrige Gunner, mit einer zahlrei⸗ chen Bedeckung von Knappen, in Begleitung von Johann Ganz und noch einem Ritter, welche die andern Briefe an den Kaiſer und ſeinen Sohn uͤberbringen ſollten, Ribe verließ. Neunzehn lange Monate waren beinahe ver⸗ ſtrichen, und noch war zur Verwunderung Vie⸗ ler kein entſcheidender Schritt zur Befreiung des Koͤnigs und ſeines Sohnes unternommen. Die Furcht vor einer noch gewaltſamern Unthat, von Seiten des Grafen Heinrich, hatte ſich wie eine betaͤubende Laͤhmung unter dem Volke ver⸗ breitet. Graf Alberts ſtrenge und eifrige Be⸗ fehle, Graf Ottos unbaͤndige Heftigkeit und Carl von Riſes unermuͤdliche Thaͤtigkeit waren nicht faͤhig, dieſe allgemeine Sorge, die ſelbſt die tapferſten Ritter verzagt und unſchluͤſſig machte, und auf die Haͤuptlinge und eifrigſten Mannen des Koͤnigs zuruͤckwirkte, zu beſchwichtigen. Dieſe Stimmung war in allen Geſichtern gemalt, und ſelbſt Graf Albert ſchauderte ins Geheim vor dem entſcheidenden Unternehmen, das er oͤffentlich zu beſchleunigen ſchien. Die Abweſenheit des Koͤnigs und der ver⸗ laſſene herrenloſe Zuſtand des Landes verbreiteten auch bald ihre traurigen Folgen. Eine zerſtoͤrende Schlaffheit verrieth ſich in allen ſolchen Verhaͤlt⸗ niſſen, wo eine kraͤftige Lenkung von oben vermißt wurde. Seeraͤuber, von denen man ſeit Men⸗ ſchengedenken in Daͤnemark nichts geſehen hatte, wurden nun dreiſt und ſuchten die Kuͤſten, wie 118 gefraͤſſige Raben, heim. Die Waͤlder waren von Straßenraͤubern angefuͤllt, das Vieh der Bauern wurde von den Feldern fortgetrieben und ſelbſt die Kloͤſter uͤberfallen und gepluͤndert. Die innere Sicherheit des Landes erheiſchte verdoppelte Wachſamkeit und Anſtrengung, und die Krieger, die ſich unter Graf Alberts Panier verſammelten, mußten dies oft aufs neue verlaſſen, um Naͤu⸗ ber zu bekaͤmpfen und einzufangen. Der Schatz war ausgeleert, und das durch ſo viele Kriege ver⸗ armte Volk konnte die Kriegsſteuer nicht aufbringen. Es war ein trauriger Weihnachts⸗Abend im Jahr 1224. Auf Kariſeburg ſaßen die Bewoh⸗ ner des Schloſſes ſtill und mißmuthig beim Ka⸗ min; Thorgeir Danaſkald vermochte keinen Ton, der ihn und andere erheitern und troͤſten konnte, aus 4 dem Saitenſpiele zu locken. Seeiit jenem ungluͤcklichen Fruͤhlingsabend, als Ritter Carl die Heimath verlaſſen, hatten nur die entſetzlichſten und traurigſten Berichte dieſe, wie alle Daͤnen heimgeſucht. Die große, allgemeine Landtrauer ſchien auch jeden andern Gram verdraͤngt zu haben. Die Weiſe, auf 119 welche Graf Albert den Schwiegerſohn empfan⸗ gen hatte, war als ein oͤffentliches auffallendes Ereigniß genugſam bekannt geworden, und Rig⸗ mor ſchien auch die Hoffnung, mit ihm ver⸗ ſoͤhnt zu werden, aufgegeben zu haben. Carl hatte ſeit jenem Abend weder Frau noch Kinder geſehen. Er begleitete den ſtrengen Heerfuͤhrer ſtumm und treu mit geſchloſſenem Helm, und war unermuͤdlich, jedes Unternehmen, das ihm zur Rettung des Landes und des Koͤnigs an⸗ vertraut wurde, auszufuͤhren. In Saxos Schule hatte der Knabe die Kunſt gelernt, die damals noch unter den vornehmſten Rittern ſelten war: er ſchrieb ſo gewandt, wie ein Pfaffe, und war auf dieſe Weiſe nicht ganz von Rigmor getrennt. Der alte Martin war zwar ein langſamer, aber treuer und vorſichtiger Liebesgaſt, und er hatte auch, zu dieſer einiamen Weihnachtsfeier, Gruß und Brieflein von ſeinem Herrn nach Kariſe ge⸗ bracht. Zur Belohnung ſaß er nun auch am Kamin, an der Seite ſeiner ſchönen Gebieterin und ſollte nun auch als ein willkommner Gaſt am Tiſche der lieben Herrſchaften ſein Weihnachts⸗ mahl eſſen und einen Becher Wein leeren. 120 Carls Brief war in Odenſee, der groͤßten Stadt in Fyen, geſchrieben, und deſſen Inhalt drehete ſich wie gewoͤhnlich am meiſten um den Koͤnig, und um alles, was zu ſeiner Befreiung unternommen wurde. Endlich haͤtte der unermuͤdliche Graf Albert, hieß es, ein Heer geſammelt, und ruͤckte gegen Hamburg.— Er ſey, wie gewöhnlich, finſter und ſtumm, und was er zu unternehmen gedachte, wußte Niemand; er ſchickte haͤuſige Boten mit Briefen und geheimen Auftraͤgen ab. Carln hatte er eine wichtige Botſchaft an die Getreuen des Koͤnigs in Fyen und auf den kleinen In⸗ ſeln anvertraut.„Graf Heinrich fuͤrchtet uns,“ hieß es weiter„er zittert vor ſeinen großen Gee fangenen. Kein Gefaͤngniß glaubt er ſicher ge⸗ nug; der Koͤnig iſt nicht mehr in Lenzen; er iſt auf einige Zeit in Lesnitz in dem engen, run⸗ den Verbrecherthurm eingeſchloſſen geweſen. Ach, Rigmor!“ aͤußerte hier der theilnehmende Carl und die Schrift wurde ſchlecht und ſchwer zu leſen, „dort hat Koͤnig Waldemar der Sieger nur einen Raum von acht Fuß gehabt, in dem er ſeinem Unmuth Luft hat geben koͤnnen, und fruͤher war ein Königreich ſeiner großen Seele zu eng. Muß 121 nicht jedes treue und redliche Herz vor Unmuth und Schmach brechen? So raͤcht ſich jene elende Sklaven⸗Seele an dem gefangenen Löwen. Selbſt dieſer enge wohlverwahrte Kaͤfig war dem Verraͤther nicht ſicher genug. Danebrog⸗Schloß, jenſeits der Elbe, die feſteſte, unzugaͤnglichſte Raͤuberburg, verbirgt nun Daͤnemarks Hoffnung und Stolz. Man ſpricht von Unterhandlungen mit dem Kaiſer; aber Niemand vertraut auf ihn. Es ſind Verraͤther alle zuſammen!“ Das Schrei⸗ ben ſchloß mit Ausdruͤcken uͤber Rigmor und die Kinder, die eine gewaltſam niedergekaͤmpfte Sehn⸗ ſucht verriethen, und eine ſchlecht verhehlte Furcht vor ihrer Sicherheit. Er bat ſie und Thorgeir, die ſtrenge Vorſicht zu beobachten, und wie in den unruhigſten Kriegeszeiten die Burg verſchloſ⸗ ſen zu haben; er ſchien dadurch nur vor Naͤu⸗ bern und Landſtreichern warnen zu wollen. Doch fuͤgte er noch hinzu, daß Graf Alberts tiefe Ver⸗ ſchwiegenheit, ihr Verhaͤltniß betreffend, ihm furcht⸗ bar waͤre. MRigmor hatte die Lampe anzuͤnden laſſen, und las das Schreiben noch einmal durch. Sie ſaß lange ſinnend, mit dem Pergament in der — 1 1 Hand; dann erhob ſie ſich ſchnell, und umarmte mit ungewoͤhnlicher Heftigkeit die Kinder. Der kleine Albert ſaß auf Thorgeirs Knie, und fand Vergnuͤgen daran, Toͤne aus dem verſtimmten Saitenſpiel herauszulocken; die kleine Hedwig ſchlief, mit dem Kopf in Jungfrau Margarethas Schoos. Durch die heftige Umarmung der Mutter fuhr ſie erſchrocken aus dem Schlafe empor, und weinte, aber Margaretha klapperte ihr mit dem Schluͤſſelbunde vor den Ohren, dann ward das freundliche Kind wieder heiter. „Du oͤnnteſt ihr in dieſer unruhigen Zeit faſt eine beſſere Mutter, als ich, ſeyn, gute Margaretha!“ ſagte Rigmor raſch;„und Eure Geduld bewundere ich, lieber Thorgeir! Ihr laßt ja den wilden Jungen Euer Saitenſpiel ganz verſtimmen?“ „So ſchickt es ſich um ſo beſſer zu den Lie⸗ dern, die ich jetzt nur ſingen kann,“ verſetzte Thor⸗ geir mißmuthig,„allein“ fuͤgte er, ſich ſeines Klein⸗ muths ein wenig ſchaͤmend, hinzu,„kann Jung⸗ frau Margarethe fromm und mit Geduld Pſalmen mit Eurer ehrwuͤrdigen Schwiegermutter ſingen, und die alte Mutter Marthe den Kindern ruhig 123 Maͤhrchen erzaͤhlen, ſo ſollte wohl ich auch ein Lied von Hoffnung in der Nacht, beſonders an einem Allen erfreulichen Weihnachts⸗Abend, ſin⸗ gen koͤnnen.“ „So recht, braver Thorgeir!“ verſetzte Rig⸗ mor.—„Gebt uns ein frommes und freudiges Weihnachtslied, ehe wir heute Abend zur Ruhe gehen. Der Trauerlieder hören wir genug. So lange das Volk die Haͤnde in den Schoos legt und trauert, wird Koͤnig Waldemar nicht aus dem Kerker befreit!“ „In der That! Ihr macht uns alle zu Schanden! edle Frau!“ rief Thorgeir, ſich er⸗ hebend, beherzt.„So wie Ihr da vor mir ſteht, ſeht Ihr faſt wie eine Heldin aus. Waͤhrend ich nur Trauerlieder ſinge und ganz Daͤnemark jammert, habt Ihr tauſend verwegene Gedan⸗ ken und denkt, den Koͤnig auf vielerlei Weiſe zu befreien.“ „Nur Schade, daß es bloß Gedanken und ſchöne Traͤume ſind,“ entgegnete Rigmor,„Luft⸗ ſchloͤſſer koönnen wir alle bauen; allein was iſt wohl da zu thun, wo ſelbſt mein ſtarker Vater ſich nicht ruͤhren darf, ohne das Uebel noch aͤr⸗ — — 124 ger zu machen? Haſt Du Danebeog⸗ Schloß geſehen, alter Martin?“. „Ich bin ein Mal dort voruͤber gekommen mit meinem in Gott entſchlafenen Herrn,“ gab Martin zur Antwort,„es haͤngt wie ein Adler⸗ neſt oben am Felſen, hoch uͤber der Elbe.— Keine Katze kann da hinauf klettern; kenne ich aber den ſchwarzen Graf Heinrich recht, laͤßt er den Koͤnig dort nicht lange bleiben, wenn er Euren Herrn Vater mit unſerm Heere auf dem andern Elbufer ſieht!“ „Hat er denn noch mehr Kerkerlöcher und Raubſchloͤſſer?“ „Beim Kreutze! derer hat er und ſeine Freunde genug, edle Frau! Das ſchlimmſte von dieſen allen iſt vielleicht ſein eignes verdammtes Hundeloch im Schloßthurme zu Schwerin; das iſt in ganz Deutſchland verrufen! Nun hat er das Schloß ſo feſt gemacht, daß kein Teufel es nehmen kann; und das hat er leicht thun koͤnnen; denn es liegt auf einer Inſel, muͤßt Ihr wiſſen, und muß unzugaͤnglich gemacht werden koͤnnen!“ „Daß es fruͤher ſo nicht geweſen iſt, hat mein Vater bewieſen,“ verſetzte Rigmor muthig. „Sage mir, Martin!“ fuhr ſie dann nach eini⸗ gem Sinnen fort.„Haſt Du welche von den vielen Raͤubern geſehen, von denen es jetzt uͤber⸗ all herum wimmeln ſoll!“ „Gehoͤrt habe ich davon, edle Frau, aber noch keinen geſehen! Bei mir, kann ich denken, iſt wohl auch nichts anders zu holen, als zer⸗ ſchlagene Schaͤdel; doch will ich Euch rathen, hochgeborne Frau, die Burg wohl verſchloſſen zu halten und daß Ihr und Jungfrau Margarethe Euch nicht ſehr weit ohne Bedeckung wagt, denn mit Zucht zu melden, muͤßt Ihr wiſſen, daß dies verruchte Raubgeſindel ſchoͤnen Frauen und Jungfrauen noch mehr als Vieh und Gold und altem Kloſterwein nachſtreben ſoll!“ Rigmor laͤchelte; Thorgeir Danaſkald aber wurde aufmerkſam.„Alſo iſt unſere Vorſicht doch nicht ſo ungereimt, als Ihr behauptet, edle Frau!“ ſagte er bedenklich. „Glaubt mir,“ erwiederte ſie ſchnell, ſeine Hand mit Waͤrme faſſend;„ich verkenne Eure Freundſchaft und Aufopferung um unſertwillen nicht; und wegen der unſchuldigen Kinder, die Ihr wie ein Vater liebt, und dieſer furchtſamen — ——— —-—᷑—C—COꝭQ··——— — 126 Jungfrau wegen, bitte ich Euch, Cuer Geluͤbde nur nicht zu bereuen und Kariſeburg nicht zu verlaſſen, bevor mein Carl zuruͤckkehrt.“ „ Das verſteht ſich ja von ſelbſt, edle Frau!“ entgegnete Thorgeir.„Kann ich nicht um den Ruhm des Ritters, ruͤckſichtlich großer Heldenthaten, buh⸗ len, und auch nicht die Krieger durch Geſang entflammen, deſſen ich vielleicht doch faͤhig waͤre, ſo kann ich denn doch von hieraus Troſt und zuverſichtliche Hoffnung unter das Volk verbrei⸗ ten, und Niemand ſoll mir nachſagen, daß ich mein Wort gebrochen, und diejenigen verlaſſen habe, die mir in der Noth anvertraut wurden!“ Mit dieſer Erklaͤrung war Rigmor zwar zu⸗ frieden, aber ſie mochte Thorgeirs feierlichen Ton nicht. Sie laͤchelte und ſcherzte uͤber die Vor⸗ ſicht der klugen Maͤnner, und neckte Thorgeir, wie gewoͤhnlich, mit der Behauptung, daß dennoch kein Frauenzwinger ſicher ſey, das einen verlieb⸗ ten Skald zum Waͤchter habe. Doch gab ſie ſogleich der Unterredung eine andere Wendung, um Margarethens gluͤhende Wangen zu ſchonen, und bald ſchien die Stimmung ſich bei allen zu erheitern.— Selbſt die Furcht Margarethens und 5 127 der alten Marthe gab der launigen Hausfrau Anlaß zu manchem Scherz. Sie uͤberredete die Letztere, alte Raͤubergeſchichten zu erzaͤhlen, und wenn dann die alte Erzaͤhlerin ſelbſt und Jung⸗ frau Margaretha ſich in der groͤßten Spannung befanden, ſprang Rigmor auf und rief:„da ſind ſie,“ um die erſchrockenen aufſchreienden Weiber auszulachen. Doch mitten in ihrer Hei⸗ terkeit wurde Rigmor zuweilen ploͤtzlich ernſt, und als die Kinder zu Bette gebracht wurden, war ſie gegen ihre Gewohnheit heftig bewegt. Ihre kuͤhnen Augen trugen ſogar Spuren von Thraͤnen, als ſie wieder aus der Kinderſtube heraustrat, und ſich zum Weihnachtsmahl ſetzte. Die alte taube Großmutter, die ſtumm auf dem CEhrenkiſſen ſaß, betrachtete ſeufzend den Platz, welchen der Sohn ſonſt einzunehmen pflegte. Alle verſtanden ſie; auch Rigmor ſeufzte; doch in demſelben Augenblicke ſtrahlte eine ſo leb⸗ hafte Freude aus ihren Augen, als ſaͤhe ſie ihn wieder da ſitzen. Da wurde auch allmaͤhlig der lieben Abweſenden mit Worten gedacht, und ſo wurde auch mit freundlicher Wehmuth der armen Kirſtine erwaͤhnt, die nun als geweihte Nonne, 128 den zweiten Weihnachtsabend in Weſterwin⸗Klo⸗ ſter verlebte. Zuletzt ſtimmte auch Thorgeir, verſprochener Maaßen, ein frommes und freudiges Weihnachtslied an, und unter gegenſeitigen from⸗ men Wuͤnſchen und Hoffnungen trennten und begaben ſie ſich zur Ruhe. Der alte Martin ſollte am naͤchſten Morgen fruͤh abreiſen. Damit die Ruhe nicht geſtoͤrt werde, hieß es, hatte die Burgfrau veranſtaltet, daß es in der Stille, wenn er wolle, geſchehen könne. Als die Bewohner der Burg den naͤchſten Morgen zum Fruͤhſtuͤck ſich verſammelten, wurde die junge Hausfrau vermißt. Man wartete bis zur Zeit der Meſſe; allein als ſie auch dann nicht zum Vorſchein kam, wurde ſie uͤberall, doch vergebens geſucht. Thorgeir war verzweifelt. Nun erſt erfuhr er, daß das Burgthor auf den Befehl der Haus⸗ frau, Martins halber, die ganze Nacht nicht ver⸗ ſchloſſen geweſen. Er fuͤrchtete, daß ſie entwe⸗ der von Raͤubern, oder von Ausgeſchickten des Grafen Albert, heimlich entfuͤhrt worden. Da bemerkte er ploͤtzlich ein Zettelchen zwiſchen den 3 129 Saiten und las mit Erſtaunen einen ſcherzenden Vorwurf von der Hand Rigmors, weil er ſie nicht beſſer gegen die Raͤuber geſchuͤtzt; das Brief⸗ lein endigte mit der ernſtlichen Betheuerung, daß jeder Schritt, ſie zu ſuchen, eben ſo vergeblich, als ihr und ihnen allen gefaͤhrlich ſeyn wuͤrde, und daß auch Ritter Carl keine beunruhigende Nachricht von Kariſe erfahren duͤrfte. An einem klaren Froſtmorgen im Januar glaͤnzte die Sonne von den bereiften wollenen Zelten an der Elbe zuruͤck, wo Graf Albert ſein Lager geſchlagen hatte, und wo tauſend blanke Spieße und Hellebarden zwiſchen den Kriegerwa⸗ gen, dem Wurfgeſchuͤtz und dem wehenden Pa⸗ niere blinkten. Reiſige, Bogenſchuͤtzen und ge⸗ harniſchte Krieger wimmelten durcheinander, und vor dem großen Zelte des Heerfuͤhrers pflanzte ein junger langer Ritter die heilige Dansbrogs. Jahne mit dem weißen Kreuz. Graf Albert hatte wichtige Nachrichten aus Deutſchland erhalten. Er ſaß halb geruͤſtet im ledernen Koller am Zelttiſche, den Backen auf die Hand geſtuͤtzt, und ſtarrte die wichtigen Brief⸗ IV. 9 8 130 ſchaften an, waͤhrend er hin und wieder bedenk⸗ lich den Kopf ſchuͤttelte. In einem Winkel des Zeltes ſtand ein feingebauter Schildknappe mit ſchönen dunkelblauen Augen, allein mit ſchmutzi⸗ gen, erdfahlen Wangen, und einer eiſenblechernen Haube, tief in die Augen gedruͤckt. Sein gruͤner Waffenrock war ungewoͤhnlich lang, und unter den zottigen, weiten, ledernen Hoſen kamen ein Paar bocklederne Halbſtiefeln zum Vorſchein, die um die Haͤlfte zu groß zu ſeyn ſchienen, und mit Riemen um die Knoͤchel feſtgeſchnuͤrt waren, um nicht abzufallen. Der Knabe putzte emſig den Schmutz und Staub von den Sporen des Heerfuͤhrers ab; verlor aber oft den ledernen Lap⸗ pen aus der Hand, und ſchien dieſer Arbeit nicht gewohnt. In ſeinen Bewegungen ſprach ſich eine ungewoͤhnliche Leichtigkeit und Gewandtheit aus, aber zugleich eine Art Verlegenheit, wie bei Kindern, wenn ſie zum erſten Mal einen neuen Anzug tragen. Graf Albert winkte und der verlegene Knappe brachte die goldnen Sporen. „Schlecht genug beſtellt,“ brummte der Feld⸗ herr, und ließ ſie feſtſchnallen,„wenn Du es —y,; —— * 131 morgen nicht beſſer machſt, ſchicke ich Dich fort. Nun den Harniſch!“ Leicht wie ein Vogel, holte der Knappe den ſchwarzen Harniſch„ und zog die Riemen mit bebender Hand an. „Na! warum zitterſt Du?“ ſagte er ſanf⸗ ter,„darfſt Du mir nicht in die Augen ſehen? Knabe! willſt Du dem Grafen Albert dienen, mußt Du raſch und unverzagt ſeyn, und ein hartes Wort vertragen koͤnnen; ich meine es nicht ſo bös. Es iſt gut ſo, laß nun den Rit⸗ ter kommen!“ 1 8 Der Knappe eilte nach dem Ausgange des Zeltes, und ſagte der Wache ein paar Worte ins Ohr, dann ging er in ſeinen Winkel zuruͤck, und putzte an dem Federbuſch am Helm des Herrn. Kurz hernach trat Carl von Riſe mit geſchloſſenem Helm ein, von zwei ſtarken Reu⸗ tern begleitet, die auf ſeinen Wink einen ſchwe⸗ ren ledernen Sack zu den Fuͤßen des Grafen hinſchleppten und dann wieder fortgingen. „Hier iſt Gold und Silber von den Zunft⸗ bruͤdern St. Knuds,“ ſprach Carl,„der alte Schloßherr in Nyeborg, Herr Ludolph, iſt zwar geſtorben, allein mit dem Briefe hatte es ſeine 9* 14132 Richtigkeit. Man erſuchte mich, ihn Euch zuruͤck⸗ zubringen, und Euch zugleich zu ſagen, daß eine doppelt ſo große Summe noch zuwege gebracht werden kann, wenn derſelbe Brief an Buͤrger⸗ meiſter Pwald in Roeskild, oder an das Gilde⸗ haus in Odenſee geſchickt wird. Ich bringe au⸗ ßerdem 400 wohlbewaffnete Reuter, aus Bütgetn und Bauern beſtehend, mit.“ Graf Albert vernahm Carls Bericht, ohne ihn anzuſehen oder etwas zu erwiedern. Er ſtreckte nur die Hand nach dem Briefe aus und nickte; dann ſchien er mit großer Bewegung das große Wachs⸗Siegel zu betrachten, in welchem St. Knuds Bild mit Scepter und Krone abgedruͤckt war. Carl verneigte ſich ſchweigend, und ging mit einem gedaͤmpften Seufzer wieder hinaus. Graf Albert ſaß einige Zeit unbeweglich und ſinnend. Dann winkte er der Wache, und ſo⸗ gleich fuͤllten Haͤuptlinge und Ritter das Zelt. Carl war auch unter ihnen, doch blieb er in der weiteſten Entfernung ſtehen. Der Knappe ſtellte ſich ehrerbietig hinter den Stuhl des Heerfuͤh⸗ rers; nun erhob ſich Graf Albert und beprüßte die verſammelten Ritter. 133 „Edle Herren und daͤniſche Maͤnner!“ ſprach er,„Ihr wundert Euch wohl alle, daß ſo viele Monate verſtrichen ſind, in welchen ich Euch nicht nach Koͤnig Waldemars Kerker gefuͤhrt habe, um ſeine Ketten zu ſprengen und ſeinen Todfeind zu zernichten. Ich haͤtte es thun können; allein ein geheimer Wink hat meinen Arm mit Läͤh⸗ mung, und meine Seele mit Schauder ſelbſt vor dem Siege geſchlagen. Was koͤnnte es uns und Daͤnemark helfen, wenn wir das Gefaͤngniß des Koͤnigs zerbrochen, und ihn und den Sohn in ih⸗ ren Ketten ermordet gefunden haͤtten? Graf Heinrich von Schwerin kann keine Unthat den⸗ ken, die er nicht auch auszuuͤben im Stande waͤre. Seht, darum habe ich gezoͤgert. Wird irgend ein Ritter oder edelgeborner Mann mich deshalb anklagen oder mich der Kaͤlte und Feigheit zeihen?“ „ Niemand, Niemand in der Welt!“ riefen alle.„Das Leben des Koͤnigs geht allem vor.“ „So iſts;“ fuhr Graf Albert mit bittrer Selbſtverlaͤugnung fort:„ſelbſt vor unſerm eignen guten Namen und weltlichen Ruhm. Allein, bei St. Michael! es iſt mir ein theureres Opfer, als tauſend Leben. Vielleicht wird mein Name des⸗ 134 halb befleckt in der Chronik ſtehen! Vielleicht wird eine verblendete Nachwelt mit Spott und Verach⸗ tung erzaͤhlen: Graf Albert von Nordalbingien ließ ſeinen koͤniglichen Ohm im Gefaͤngniß ver⸗ ſchmachten, und that zu ſeiner Errettung keinen Schritt. Ha! wuͤßte derjenige, der ſo ſpricht, was ein ehrlicher Ritter erduldet, der das Schwert gezuͤckt und den Arm frei hat und dennoch die Schlange um den Hals des Bruders nicht hinweg⸗ reißen kann, ohne beide zu toͤdten! Der Koͤnig iſt nicht laͤnger auf Danebrog⸗Schloß; er iſt nach Schwerin abgefuͤhrt.“ „Nach Schwerin!“ wiederholten Viele.— „Wehe! das Schloß iſt nicht zu nehmen!“ „Es giebt kein Schloß, das nicht zu nehmen waͤre, und am allerwenigſten das zu Schwerin, das habe ich bewieſen!“ verſetzte der Feldherr; „allein wo das Henkerſchwert an einem Haare uͤber dem Scheitel des edlen Gefangenen haͤngt, dort iſt die zerbrechlichſte Lehmwand ein unbezwingliches Bollwerk.“ „Erlaubt aber, mein fuͤrſtlicher Verwandter!“ unterbrach ihn Graf Otto heftig,„warum ſtehen dir denn hier? Was ſollen wir mit dem Schwerte in der Hand, wenn wir es nicht brauchen durfen? Warum haben wir ſo viel Muͤhe gehabt, dies Heer zuſammen zu bringen? Weshalb hat Carl von Riſe Gold und Silber bei den Zunftbruͤdern geſammelt? Wozu alle die tapfern Maͤnner, die jetzt unſer Panier umgeben?“ „Nur Geduld, mein kuͤhner Vetter!“— er⸗ wiederte der Heerfuͤhrer—„hoͤrt mich zu Ende, tapfere Waffenbruͤder! Der Erzbiſchof und der NReeicchsrath haben ihre Hoffnungen auf Unter⸗ handlungen geſetzt. So was iſt mir aͤrger als die Peſt; doch muß ich geſtehen, daß es bisher das Haͤgſte ſchien. Schon ſeit lange ſind Eilboten an Kaiſer und Pabſt geſendet, wie Ihr wißt. Von dem Pabſte haben wir nichts gehoͤrt; allein der Kaiſer unterhandelt mit dem Grafen Hein⸗ rich, ſeinem lieben Getreuen, wie er ihn nennt, und der Biſchof von Hildesheim macht den Ver⸗ mittler. Es dreht ſich um eine Entſagung aller wendiſchen und norddeutſchen Beſitzthuͤmer; der Koͤnig aber weigert ſich ſtandhaft. Hoͤrt weiter!“ fuhr er bitter lachend fort.„Auf dem Reichs⸗ tage in Nordhauſen hat der Sohn des Kaiſers, wie ein Roßkamm um gekroͤnte Haͤupter gedingt. 136 und dem Grafen Heinrich funfzehn Kannen Rhein⸗ wein fuͤr zwei Koͤnige geboten? Wie gefallen Euch ſolche wuͤrdige Vermittler und edle Freunde?“ „Schande und Verderben uͤber ſolche Freunde!““ riefen die Ritter erbittert. „Und auf was meint Ihr wohl, daß ihre Freundſchaft und Vermittelung hinauslaufen?“ fuhr Graf Albert fort.„Auf die Freiheit des Köͤnigs? Nein! Die Rede davon iſt nur Schein!— Nein, eine kaiſerliche Haft ſtatt ei⸗ ner graͤflichen, das iſt die Meinung!“ „Tod und Verderben uͤber die Niedertraͤchti⸗ gen!“ riefen alle. „Und duͤrfen wir nun harren, bis die ruhm⸗ liche Unterhandlung niedergeſchrieben und beſiegelt iſt?“ nahm Graf Albert das Wort wieder.„Hol⸗ ſtein iſt abgefallen; Graf Heinrich belagert Lauen⸗ burg; der junge verbannte Graf Adolph, Hein⸗ rich von Werle und der neue bremiſche Erzbi⸗ ſchof vereinen ſich mit ihm; der Feind verbirgt ſich nicht laͤnger. Er wagt, uns die Spitze zu bieten. Wenn wir vorruͤcken, muß es zu einer Schlacht kommen, und dann iſt die Stunde da, 4 2 r 137 wo wir unſern köeuken ungluͤcklichen Koͤnig tͤ⸗ chen und befreien können!“ „ Zur Schlacht, zur Schlacht!“ riefen alle Haͤuptlinge und Ritter, und Graf Albert gab ſogleich Befehl zum Aufbruch. Mitten in dem großen allgemeinen Getuͤmmel ſtand Graf Alberts neuer Knappe, mit dem Streit⸗ hengſt ſeines Herrn am Zuͤgel, vor ſeinem Zelte, und hatte viele Muͤhe, das muthige Thier zu hal⸗ ten; da eilte der alte Martin mit allen Zeichen der Angſt und des Entſetzens hinzu und zhmte den ſteigenden Hengſt. „Um Gottes Willen, theure Frau!“ fluͤſterte er,„treibt doch dieſen gefaͤhrlichen Scherz nicht weiter.— Ihr wollt doch wohl nicht mit in die Schlacht— 2 „Slaubſt Du denn, daß ich hergekommen bin, um Stiefeln und Sporen zu putzen?“ fragte Rigmor, die in dieſer Vermummung nur von dem alten Diener erkannt ward, den ſie mit ih⸗ rer unwiderſtehlichen Beredſamkeit gezwungen hatte, ein verſchwiegener und behuͤlflicher Mit⸗ wiſſer ihres gewagten Unternehmens zu ſeyn. „Ach! wenn mein Herr das erfaͤhrt, bin 138 ich des Todes!“ jammerte Martin, und rang die Haͤnde.„Ich beſchwoͤre Euch, edle Frau! laßt auch Euch in Sicherheit bringen, ehe wir krzur Schlacht vorruͤcken!“ „Glaubſt Du, daß Graf Alberts Tochter ge⸗ zuͤckte Schwerter nicht ſehen darf?“ „Ach nein! Ihr ſeid nur gar zu verwegen! Allein wenn Euch nun ein Ungluͤck begegnet, herzliebe Frau?“ „Schweig, Alter! ich bin kein Kind! Was man von einem Knappen verlangen kann, darf ich wohl wenigſtens unternehmen; bringe mir nur meinen kleinen Nordbalken*). Ich werde wohl ſelbſt den Hengſt halten koͤnnen.“ „Der ſchlaͤgt Euch den Kopf entzwei, geſtrenge Frau! Ihr haltet ihn zu ſtraff. Ach! ich blin⸗ der Thor! der ich ſolch Ungluͤck nicht voraus ge⸗ ſehen!“”“ „Schweigſt Du nicht, wie eine Mauer, Alter! verraͤthſt Du mein und das Leben Deines Herrn— fluͤſterte Rigmor, ſo wie Graf Albert in voller Ruͤſtung aus dem Zelte trat. *) Eine Art kleiner norwegiſcher Pferde. —— —— 139 Martin verſtummte, und beeilte ſich, den klei⸗ nen Nordbalken zu holen, auf welchem ſeine ei⸗ genfinnige Gebieterin mit ihm von Kariſe ent⸗ flohen war. „Erlaubt Ihr, geſtrenger Herr! daß ich das heilige Kreuzpanier vertheidige und fuͤhre?“ fragte Carl von Riſe, mit verſchloſſenem Viſir vor den Heerfuͤhrer hintretend. „Wir denken dies Mal nicht durch Wunder und Wahrzeichen zu ſiegen!“ entgegnete der Graf mit bittrem Hohn.„Derfjenige, der eigenmaͤchtig jenes Wunderpanier aus Schleswig geholt, mag es aufbewahren, und dem Koͤnig und der Kirche dafuͤr verantwortlich ſeyn. Wer unter mir fech⸗ ten will, muß dem Panier des Herzogs von Nordalbingien folgen!“ „Glaubt Ihr denn an groͤßeres Gluͤck unter dem Neſſelblatt als unter dem Kreuze, geſtren⸗ ger Herr?“ ſagte Carl mit gedaͤmpftem Unmuth und inniger Bekuͤmmerniß.„Wohlan! erlaubt denn Carln von Riſe, mit ſeinem Herzblute das Panier des Herzogs von Nordalbingien zu ver⸗ theidigen!“ „Es ſey! Herr Ritter!““ verſetzte der duͤſtre 140 Feldherr.„Vertheidigt denn mein Neſſelblatt, doch laßt es nicht fahren, weil es brennt.“ Carl verneigte ſich, mit der Hand auf der treuen Bruſt, und eilte nach den beiden Panieren hin. Mit ſtillem Schmerz nahm er das große Kreuz⸗ Banner, verwahrte es, ſorgfaͤltig zuſammenge⸗ rollt, in einer ledernen Halfter, und ſchnallte es hinter dem Sattel feſt. Dann ergriff er die her⸗ zogliche Fahne mit dem gruͤnen Neſſelblatte, und ſchwang ſich raſch auf den Streithengſt. „Du lieber, treuer Carl!“ fluͤſterte der ver⸗ mummte Knappe,„wuͤßteſt Du, wo Rigmor jetzt ſtehet, dann wuͤrde das Panier in Deiner Hand wohl brennen!“ „Nal wie lange ſoll ich warten, Knabe?“ rief Graf Albert barſch,„traͤumſt Du und ſprichſt mit dem Hengſte? Schnell zog Rigmor das beſaͤnftigte Pferd dem Zelte naͤher. Der Hengſt kannte die Stimme ſeines Herrn, und ſtand geduldig wie ein Lamm, bis er ſich auf deſſen Ruͤcken geſchwungen; da baͤumte er ſich vor Stolz und Freude. Wie ein Blitz ſprengte der Feldherr an die Spitze des ge⸗ ſammelten Heeres, von dem ſchmaͤchtigen Knappen 1 141 auf dem kleinen Nordbalken und dem alten Martin begleitet, der diesmal kein Bedenken trug, ſeinen Herrn zu verlaſſen. 4 Waͤhrend beide feindliche Heere ſich bei Moͤln begegneten, und die blutige Schlacht, die von Morgen bis Abend dauerte, und deren ungluͤck⸗ licher Ausgang nur zu bekannt iſt, geſchlagen ward, wurde ein anderer, aber geheimer Kampf fuͤr die Freiheit des gefangenen Koͤnigs in einem weiblichen Herzen gekaͤmpft, das gemeinſame Noth und Ungluͤck mit unwiderſtehlicher Gewalt zu dem vorher ſo gewaltigen Sieger hinzogen. Die ungluͤckliche Graͤfin Audocia, die durch ihre Bewunderung und unvorſichtige Ergebenheit fuͤr den Koͤnig Frieden und Ruf verſcherzt hatte, ſeufzte auch in einer Art Gefangenſchaft, beinahe unter demſelben Dach, wie der König. In jenes abgelegene, gefaͤngnißaͤhnliche Gemach, das von Graͤfin Ida fruͤher bewohnt worden, hatte der eiferſuͤchtige Graf Heinrich ſie mit ty⸗ ranniſcher Grauſamkeit einſperren laſſen. Ihre unverhehlte Theilnahme fuͤr den gefangenen Koͤ⸗ nig, als er in Lesnitz und auf Danebrog gefan⸗ 142 gen ſaß, hatte den Grafen in ſeinem Verdachte beſtaͤlkt.— Um ſie noch mehr zu quaͤlen, hatte er den Koͤnig eben in den Thurm, der ihrem wohlverſchloſſenen Gemache gegenüber ſtand, gebracht, wo das Elend und die herabwuͤrdi⸗ gende Behandlung des hohen Gefangenen ihr jeden Tag einen peinlichen Anblick gewaͤhren mußte. Von dem Augenblick an da dieſes geſchehen war, und wo Audocia mit eigenen Augen den großen Koönig als den gemeinſten Verbrecher ge⸗ feſſelt, ihrem Gitterfenſter voruͤber nach dem Thurm hatte fuͤhren ſehen, war aller Glaube an die Menſchlichkeit ihres wilden Gemahls aus ih⸗ rer Seele vertilgt. Sie verachtete und haßte ihn nun in demſelben Verhaͤltniß, als das Mit⸗ leid und die erniedrigte Hoheit den gefangenen Koͤnig zum Gegenſtand ihrer innigſten Theil⸗ nahme machte. Sie fuͤhlte ſich von allen Pflich⸗ ten gegen einen Eheherrn, der ſie ſo unwuͤrdig verkannt und gemißhandelt hatte, entbunden, und ſann nur darauf, wie ſie dieſen taͤuſchen, und ſich und den Konig von der empoͤrenden Haft befreien konnte.. Graͤſin Audocia war nicht mehr die uͤppig 143 bluͤhende Frau, deren ſchöne Geſtalt ſelbſt den rohen bejahrten Krieger begeiſtern konnte. Der Gram und die Zeit hatten ſtark an ihrem Aeu⸗ ßeren genagt; auch erregte ſich mitunter der leiſe Vorwurf eines eitlen Selbſtbehagens an deſſen Huldigung, der ihr ſo viele Kraͤnkung ge⸗ koſtet hatte. Das Edlere ihres Schmerzes ver⸗ lieh ihr zuweilen das Anſehen einer ſtillen Kreuz⸗ traͤgerin; allein der Unmuth und die Bitterkeit, welche das plumpe Betragen des Grafen ihr ein⸗ floͤßte, hatte ihren leidenden Zuͤgen eine nicht ſchoͤne Schaͤrfe gegeben, die Viele in dem Ver⸗ dacht beſtaͤrkte, daß ihre Leiden nicht ganz un⸗ verſchuldet ſeyen. Deſſen ungeachtet herrſchte eine Wuͤrde in ihrem Weſen und Benehmen, welche bei allen Ehrfurcht und Theilnahme er⸗ regte. Die weibliche Dienerſchaft im Schloſſe hatte beſonders großes Mitleid mit ihr, und ſie beſaß einen geheimen Goͤnner an Kunz Rothna⸗ ſes Bruder, des alten Graͤnzwaͤchters, der wegen ſeiner Verdienſte um jenen Naͤuberzug Burg⸗ voigt des Schloſſes geworden war. Er hatte naͤmlich die Nacht, als der Koͤnig gefangen ward, mit großer Vorſicht die verſteckten Diener des 144 Grafen vom Schiffe nach dem Walde, wo der Raub geſchah, geleitet. Er war auch behuͤlflich geweſen, die koͤniglichen Schiffe zu durchbohren, und hatte die koͤſtlichen Kleinode und den Schrein mit Silber und Gold, welche der treue Kaͤmmer⸗ ling Andreas bis zu ſeinem letzten Athemzuge ver⸗ theidigte, geraubt. Von dieſem Schatze hatte er und ſein Bruder nicht ſo viel bekommen, als ihnen billig ſchien, und ſelbſt nach der Meinung dieſes rohen Kaͤmpens behandelte der Graf ſo⸗ wohl ſeine Gattin als den gefangenen Köͤnig zu ſtrenge. Durch die Vermittelung einer er⸗ gebenen Dirne hatte die Graͤſin, waͤhrend der Abweſenheit ihres Eheherrn, das demuͤthigende 6 Rettungsmittel ergriffen, in Unterhandlung mit dem ſchlauen Burgvoigt zu treten, und durch das Verſprechen einer großen Belohnung ſeine Be⸗ denklichkeit zu uͤberwinden. Sie hatte ihm einen Entwurf zur Flucht mitgetheilt, auf deſſen kluge und beſonnene Ausfuͤhrung ſie ihre ganze Hoff⸗ nung ſetzte. Mitten unter den geheimen Vorbereitungen zu dieſem Wagniſſe, erreichte die Botſchaft das Schloß, daß eine große Schlacht bei Möln, —————— 145 wenige Meilen von Schwerin, gehalten wuͤrde, und daß ohne Zweifel Graf Heinrich und ſeine Verbuͤndeten fiegen wuͤrden. Nun war Eile von⸗ noͤthen, und die Flucht ſollte noch denſelben Abend, zwei Stunden nach dem Ave Maria, vor ſich gehen. Der alte Burgvoigt war thaͤtig und vorſichtig. Er ſchwatzte vertraut mit dem muͤr⸗ riſchen Gefangenwaͤrter, und lud ihn zu einem luſtigen Freudengelage wegen des Sieges des Grafen Heinrichs ein. Die Graͤfin brachte den Tag in aͤngſtlicher Spannung zu. Der gefangene Koͤnig ahnete nicht, wie thaͤtig daran gearbeitet wurde, ihm den Kerker zu öͤffnen. Es wurde Abend. Vier Pferde ſtanden ge⸗ ſattelt und verborgen an der Schloßbruͤcke. Der barſche unbewegliche Gefangenwaͤrter lag berauſcht in ſeinem Bette. Die Dienerſchaft und die Wache ſangen luſtig in der Geſindeſtube, und tranken mit ſolchem Eifer die Geſundheit ihres Herrn, daß Niemand von ihnen mehr auf den Fuͤßen ſtehen konnte. Der Burgvoigt hatte ſich des Schluͤſſelbundes zum Gefaͤngniß bemaͤchtigt, und die Hofhunde im Stalle eingeſchloſſen. Graͤ⸗ fin Audocia ſtand zur Reiſe angezogen, mit ihren IV. 40 146 Kleinoden unter den Arm, in ihrem Gemache. Die Thuͤre war nur angelehnt und ſie harrte des Zeichens von ihrer vertrauten Dirne, um den eig⸗ nen Kerker zu verlaſſen, und als eine freundliche Freiheitsbotin in den Thurm des gefangenen Ko⸗ nigs zu treten. Die zweite Stunde nach dem Ave Maria war beinahe verſtrichen, und es war ſchon ganz dunkel. Ungeduldig und aͤngſtlich ſah die Graͤſin aus dem Gitterfenſter in den Schloß⸗ hof hinab. Der Geſang in der Geſindeſtube hatte aufgehoͤrt; eine große Bewegung und Unruhe fand unter der Schloßwache und der betrunkenen Dienerſchaft auf der Treppe ſtatt. Gleich nach⸗ her gewahrte ſie Fackeln; ſie vernahm Pferdege⸗ trampel im Hofe, und mit Entſetzen erkannte ſie ploͤtzlich die Stimme ihres Gmahls, der mit wil⸗ dem Fluchen den Burgvoigt und den Gefaͤngniß⸗ waͤrter rief! „Alles iſt vorbei! Ich bin verloren!“ jammerte ſie, und ſtuͤrzte ruͤcklings ohne Beſinnung um. Ueberraſcht und beſtuͤrzt hatte der Burgvoigt ſogleich dem barſchen Hausherrn die Gefaͤngniß⸗ ſchluͤſſel uͤberliefern muͤſſen; allein ſchlau ver⸗ ſuchte er, dem misgelungenen Unternehmen den 147 Schein der Treue und Vorſicht zu geben, indem er mit verſtelltem Dienſteifer berichtete, daß das Geruͤcht von dem Siege des gnaͤdigen Herrn alle ſeine treuen Diener toll vor Freude gemacht haͤtte, und daß der Gefangenwaͤrter ſo berauſcht ſey, daß man ihm ſo wichtige Schluͤſſel nicht anvertrauen duͤrfe. „Du gehoͤrſt alſo nicht unter die treuen Die⸗ ner, weil Du allein ſo klug geweſen biſt, alter Fuchs!“ brummte der Graf mit einem ſchie⸗ fen argwöhniſchen Blick;„Du gehſt jetzt in das Hundeloch, bis die Sache unterſucht iſt.— Fuͤhrt ihn fort, Burſchen!“ Ein Paar Schildknappen aus dem Gefolge des Grafen zogen den Burgvoigt ſogleich mit ſich fort. Der Graf ergriff eine Fackel, und wandte ſich zu dem vornehmen Kriegsgefangenen, den er mit ſich fuͤhrte.„Beliebt, mir zu Eurem Ohm zu folgen, mein hochfuͤrſtlicher Herr! Ihr ſehnt Euch wohl nach ihm, kann ich mir denken,“ ſagte er mit hoͤhniſcher Hoͤflichkeit;„Euer zarter Knappe darf Euch begleiten. Es iſt Platz genug da für den ganzen daͤniſchen Hofſtaat.“ Mit einem ſtolzen triumphirenden Laͤcheln in den vermeſſe⸗ 10* 148 nen Zuͤgen putzte der Graf die Fackel, indem er ſie gegen einen Felſenſtein ſchlug, daß die Funken ihm um die ſchwarzbraunen Wangen ſto⸗ ben, und eilte mit ſchnellen Schritten der Thurm⸗ pforte zu. Von bewafſneten Reiſigen umgeben, folgte langſam der hohe Kriegsgefangene, im ſchwar⸗ zen Harniſch, ohne Helm, mit einer blutigen Ach⸗ ſelſchaͤpe um die Stirne, und mit Ketten an Haͤnden und Fuͤßen. Der ſtolze, bis hieher unuͤberwindliche Graf Albert nahete ſo dem Kerker ſeines Koͤnigs. Nach dem anſtrengenden Kampfe eines ganzen Tages war der tapfere Feldherr, ermuͤdet und von Wun⸗ den betaͤubt, in die Gewalt des Grafen Heinrichs gefallen. Er hatte ſeitdem kein Wort geſprochen und kein Zeichen von Schmerz oder Unmuth ge⸗ aͤußert. Als eine bewegliche Bildſaͤule ließ er nun ſeinen ſchwankenden Gang nach dem Kerker von dem Knappen unterſtuͤtzen, der ſein Schick⸗ ſal treu getheilt hatte, und in dem er ſeine mu⸗ thige Tochter noch nicht erkannte. Auf eine traurige Weiſe ſah nun Rigmor den erſten abentheuerlichen Zweck ihres verwege⸗ nen Unternehmens erreicht. Sie hatte naͤmlich 149 erſt gedacht, einen Weg in das Gefaͤngniß de0 Königs ſinden zu koͤnnen, den ſie damals auf Danebrog Schloß glaubte. Damals hoffte ſie in ihrer dreiſten Begeiſterung nichts weniger, als durch Weiberliſt das zu erreichen, was der maͤnn⸗ liche Muth aller Daͤnen Bedenken trug, zu wa⸗ gen. Doch kaum war ſie in dem Lager ange⸗ langt und hatte erfahren, daß der Koͤnig nach Schwerin gebracht war, als ſie ihren Entwurf veraͤnderte, und, indem ſie dem Heere in den ent⸗ ſcheidenden Kampf zur Befreiung des Koͤnigs folgte, hoffte ſie zugleich, in der Geſtalt eines geringen Dieners, die Liebe und Verzeihung des Vaters zu gewinnen. Die große Verſuchung, ſich ihrem treuen Carl zu erkennen zu geben, hatte ſie gluͤcklich uͤberwunden; denn ſie fuͤrchtete mit Recht, daß ſeine Heftigkeit und Sorge ſie verrathen und ihren ganzen Plan geſtoͤrt haben wuͤrde. In der Schlacht hatte ſie Carln, mit dem Panier in der Hand, tapfer kaͤmpfen, und— als der Vater verwundet an ihrer Seite lag— ihn noch in der Naͤhe rufend und fechtend geſehen; allein als endlich die Feinde ſie umgaben, und ſowohl ſie als den ohnmaͤch⸗ 150 ben Vater banden, war ſie vom Schmerz uͤber⸗ waͤltigt und betaͤubt worden, daß ſie nichts wei⸗ ter vernommen hatte, bevor ſie auf einem fremden Pferde feſtgebunden und mit dem Vater auf dem Wege nach Schwerin ſich befand. Als ſie nun an der Seite des gedemuͤthigten Vaters dem Gefaͤngniſſe des Koͤnigs nahete, zuck⸗ ten jene erſten verwegenen Gedanken wieder durch ihre Seele, und ſelbſt ihr Bekuͤmmerniß um Carl mußte einen Augenblick dieſen kuͤhnen, ſtolzen Traͤumen weichen. Graf Heinrich hatte ſeine neuen Gefangenen durch den finſtern Thurmgang und eine tiefe Wendeltreppe hinuntergefuͤhrt. Nun hielt er bei einer kupferbeſchlagenen Thuͤre inne, und raſſelte mit Schloͤſſern und Stangen. Die Thuͤr ging auf und die Gefangenen traten in ein geraͤumi⸗ ges, aber feuchtes und ſtockſinſteres Gewölbe. Graf Heinrich blieb, mit der Fackel in der Hand und mit boshafter Freude in den ſtolzlaͤchelnden Zuͤgen, in der Thuͤre ſtehen, um zu ſehen, wie dieſer Beſuch auf den gefangenen Koͤnig wirken wuͤrde, und damit Graf Albert nicht Licht ver⸗ 151 miſſen ſollte, um das eigene Elend und das ſie nes Koͤnigs zu uͤberblicken. „Schlaͤfſt Du? mein Sohn!“ klang eine tiefe Stimme aus dem Innerſten des Gewoͤlbes. „Iſt das ein Blendwerk der Hoͤlle? oder ſteht wirklich mein tapferer Albert gefeſſelt und blutig vor meinen Augen? Durch dieſe Stimme ſchien Graf Albert den Gebrauch ſeiner Sinne zuruͤckzubekommen. Er ſtarrte in den Winkel hin, woher die gewaltige Stimme kam, und nun beleuchtete der Fackel⸗ ſchein die ſtolze Koͤnigsgeſtalt.— In Feſſeln und ſtarken Buͤgeln geſchloſſen, ſaß der gemißhan⸗ delte Koͤnig ruhig und majeſtaͤtiſch auf einem gro⸗ ßen Felſenſteine, eine Kette, die an die Mauer feſtgenagelt war, um den Hals. Seine Kleider waren zerriſſen und farblos, und mit dem gro⸗ ßen grauen Barte und dem herunterhaͤngenden ſtarken Haar ſah er faſt aus wie ein gefeſſelter Rieſe mit einem Löwenkopfe. An ſeiner Seite ruhete der junge, bleiche Mitgefangene; er war auf dieſelbe Weiſe an die Nhauer 9 ge ſchien ruhis zu ſchlafen. 152 „Mein Herr und König!“ rief Graf Albert, und zum erſten Male in ſeinem Leben mußte er unwillkuͤhrlich vor einem Menſchen hinknieen. „Spotte meiner nicht, ohne es zu wollen!”“ ſprach der Koͤnig.„Komm in meine Arme; der Thron, an den ich hier gefeſſelt bin, ſoll mich nicht zum Hochmuthe verleiten. Du zauderteſt lange, mein Neffe!“ fuhr er ſchmerzlich fort, „ſo aber biſt Du doch zu fruͤh gekommen. Es ſey! auch das kann ich ertragen, noch bin ich Koͤnig! ein Feind ſoll mich nicht klagen hoͤren. Will⸗ kommen, Ungluͤcksgefaͤhrte!“ Graf Albert erhob ſich und ſchwankte in die halbausgeſtreckten Arme des Koͤnigs, die von den Ketten zuruͤckgehalten wurden. Da verſchwand ploͤtzlich der Fackelſchein, indem die Gefaͤngnißthuͤr mit Geraͤuſch zugeſchlagen wurde, und ein un⸗ muthiges Gelaͤchter außer derſelben verrieth Graf Heinrichs verdorbene Freude. „Er iſt nicht gluͤcklicher als wir,“ ſagte der Koͤnig.„Jetzt ruhig, braver Vetter! Wann vurde die Schlacht gehalten? Wer iſt gefallen? Erzaͤhle mir Alles! Ich kann es hoͤren!“ — —— 153 Ddie Ruhe des Konigs gab auch dem zernichteten Feldherrn Faſſung und Ruhe zuruͤck. Er berich⸗ tete dem Koͤnig alles, was geſchehen war; ſo auch die unuͤberwindlichen Hinderniſſe und die allge⸗ meine Furcht fuͤr ſein und des Prinzen Leben, die ſo lange jeden Entwurf zu ihrer Befreiung unaus⸗ fuͤhrbar gemacht haͤtten. Doch nicht ohne den tief⸗ ſten Gram konnte er berichten, wie das Kriegs⸗ gluͤck in dieſer Schlacht, auf welche alle Daͤnen ihre letzte Hoffnung geſetzt, ſich von ihm getrennt haͤtte; und der Koͤnig troͤſtete ihn nur wenig miß der Betheuerung, daß er ſelbſt keinen beſſern Plan haͤtte entwerfen können, und daß ſelbſt der Tapferſte nicht Herr des Sieges ſey. „Mit wem ſprichſt Du? Vater!“ fragte jetzt eine ſanfte, freundli eStimme.„Mir traͤumte, daß Du auf Deinem Khrone ſaͤßeſt und Graf Al⸗ bert Dir eine Siegesbotſchaft braͤchte. Seyd Ihr es wirklich, Graf Albert?“ „Ihr habt wahr getraͤumt, mein junger koͤ⸗ niglicher Herr!“ gab der Graf zur Antwort;„ich traf meinen Koͤnig groͤßer im Kerker als auf dem erſten Throne der Welt; und habe ich ihm auch die Botſchaft von einer Niederlage gebracht, bin . F 4 1⁵⁴4 ich doch Zeuge eines Sieges geweſen, wie ich kei⸗ nen groͤßern gewonnen: Des Siegs des Helden uͤber das Ungluͤck.“ Prinz Waldemar ſeufzte tief, und die ver⸗ mummte Rigmor gab auch ein hoͤrbares Zeichen ihrer Theilnahme. „Du biſt nicht allein gekommen, Albert! Wen haſt Du mitgebracht?“ fragte der Koͤnig. „Ich vernehme hier einen fremden Zeugen uiſot7 Elends!“ „ Ein treuer Diener und Knappe iſt mir hier hergefolgt. Er nennt ſich Carl;— den verhaß⸗ ten Namen ausgenommen, iſt er ein wackerer Burſche.“ „Albert, Albert!“ verſezte der Koͤnig,„hat Dich das Ungluͤck noch nicht gelehrt, zu ver⸗ zeihen?“ „Denkt Ihr denn Euerm Todfeinde zu ver⸗ zeihen?“ lautete tief und tonlos die Antwort; „ kenne ich Euch recht, kann Euch keine Kette ſo tief beugen, daß Ihr je das Koͤnigsblut in Euern Adern vergeßt?“ onn 6 an⸗ 2 „ Es iſt ein Unterſchied zwiiſchen einem ver⸗ — 155 wegenen Freunde und einem verruchten Feinde. Wurde Carl von Riſe auch gefangen?“ „Er focht wacker; das laͤugne ich nicht. Er iſt faſt eifriger als ich geweſen, um einen ent⸗ ſcheidenden Schritt herbeizuleiten. Er hat wohl auf Wunder gerechnet, kann ich mir denken. Ob er gefangen oder gefallen iſt, weiß ich nicht.— Wollt Ihr aber, mein koͤniglicher Ohm, mir die⸗ ſen Abgrund der Hoͤlle nicht noch tiefer machen, ſo verſchont mich, daß ich nie wieder dieſen Na⸗ men hoͤre!“ 1 Der Koͤnig, ohne etwas darauf zu erwiedern, 4 fragte nun nach dem Erzbiſchof, dem Abt Gun⸗ ner, dem Grafen Otto und ſeinen andern treuen Mannen. Allein Rigmor ſeufzte tief in ihrem fer⸗ nen Winkel und dachte an den treuen Carl und die unſchuldigen Kleinen, die ſie verlaſſen, um das Gefaͤngniß des Vaters und des Koͤnigs zu theilen. Die Dunkelheit und die Kerkerluft mach ten ſie einen Augenblick kleinmuͤthig. Sie wik⸗ kelte ſich ſtill in ihren Mantel und weinte, doch ließ ſie den Mitgefangenen ihre Verzagtheit nicht merken. Von der uͤbermaͤßigen, Spannung und Anſtrengung ermuͤdet, ſchlummerte ſie endlich in 9 1⁵⁶ ihrem Winkel ein und traͤumte wieder von einem gluͤcklichen Leben auf Kariſe, von Flucht und verwegenen Unternehmungen. Unweit der kleinen Stadt Moͤln, in dem Lauenburgiſchen, wo die blutige Schlacht vorge⸗ fallen war, ſtand in der Naͤhe des Wahlplatzes eine kleine Huͤtte mit zerriſſenem Strohdache und kleinen zerloͤcherten Blaſenſcheiben in zwei un⸗ gleichen Fenſtern, die tief in der zerbrochenen Thonwand ſteckten. An einem lauen Tage im Maͤrz, zwoͤlf Wochen nach der Schlacht, ritt ein alter, graubaͤrtiger Mann uͤber den Wahllplatz, auf einem großen, ſchwer bepackten Hengſte. Er war wie ein lauenburgiſcher Bauernſchmied geklei⸗ det, mit einer ledernen Muͤtze und einem kurzen Schurzfelle von Ochſenhaut. Er hielt den Zuͤgel in de r rechten Hand, und der linke Aermel ſei⸗ ner zottigen Lammfells⸗Jacke ſchlotterte leer und los an ſeiner Seite, wo das Heft eines großen Meſſers aus ſeinem Guͤrtel hervorragte. Er hielt oft ſtill und betrachtete mit wehmuͤthiger Auf⸗ merkſamkeit einzelne Stellen des Wahlplatzes, wo 157 die Erde durchwuͤhlt oder kleine Huͤgel aufgewor⸗ fen waren, und an allen ſolchen Stellen ſtieg er vom Pferde und knieete nieder, waͤhrend er eine Menge Gebete hervormurmelte und Kreuze in die feuchte Sanderde zeichnete.— Als er die ver⸗ fallene Huͤtte erreichte, ſah er ein altes Weib auf der Schwelle ſitzen und Wolle kratzen. Er ſtutzte, als er ihren wunderlichen Anzug be⸗ merkte; denn ſie trug ein ritterliches Waffen⸗ wamms vom feinſten gelben Leder, und ihr gruͤn⸗ geſtreifter wollener Rock war durch eine koſtbare blauſeidene Achſelſchaͤrbe mit dem Waffenwamms verbunden. „Das verruchte Raͤuberpack!“ murmelte der alte Reiter auf daͤniſch.„Sieh' mal, wie ſie die Leichen unſerer Ritter gepluͤndert haben.— Tod und Hölle!“ rief er ploͤtzlich, als er naͤher kam, und der Hengſt wieherte und ſchnaubte; „das iſt ja die Achſelſchaͤrpe meines armen Herrn?“ Der alte Martin war der Reiter, und das große Pferd, das er ritt, war Carl von Riſe's Streithengſt, den der getreue Diener in der Nacht nach der Schlacht verwundet auf dem Wahl⸗ platze gefunden, als er ſelbſt mit einem Arme 4 1⁵58 weniger aus ſeiner Betaͤubung erwachte, und vom Blutverluſte ermattet, unter den vielen tauſend Leichen die ſeines Herrn vergebens ſuchte. Das ſtolze Thier hatte er doch gerettet, und bei einem mitleidigen Dorfſchmied Dach und Pflege fuͤr ſich und den treuen Schimmel erhalten. Mit dem geheilten Armſtumpf, und in den alten, ſchmutzi⸗ gen Kleidern des Schmieds, die er ſich aus Vor⸗ ſicht fuͤr die eigenen eingetauſcht, hatte der Alte nun erſt das Krankenlager verlaſſen, und ſein er⸗ ſter Ausflug war nach dem Wahlplatze. Er be⸗ fuͤrchtete aus guten Gruͤnden, daß ſein Herr ge⸗ fallen ſey; und hatte Carl von Riſe ſein Grab auf dem Wahlplatze gefunden, wollte der gottes⸗ fuͤrchtige Martin doch, wo moͤglich, ein Gebet an ſeinem Grabe herſagen, und, ſo gut wie er es vermochte, die ungeweihete Erde mit einem heili⸗ gen Zeichen reinigen. Als er nun die Achſelſchaͤrpe an dem Leibe des alten Weibes zu erkennen glaubte, ſprang er wie ein Wuͤthender vom Pferde, und fuhr auf daſſelbe los:„Hieher mit der Schaͤrpe meines Herrn, verfluchtes, raͤuberiſches Weibsſtuͤck!“ rief er auf Daͤniſch, und faßte es beim Rocke. 159 „Ein toller Menſch!“ rief ſie erſchrocken, und verlor die Wolle und die eine Kratze aus dem Schooße, waͤhrend ſie aufſprang und ſich mit der andern und den ſpitzen Naͤgeln zur Ge⸗ genwehr ſetzte. Endlich kam Martin zur Beſinnung und ſchaͤmte ſich, ein altes gebrechliches Weib angefallen zu haben.„Was nuͤtzt mir ſeine Schaͤrpe, wenn er doch ſelbſt todt und begraben iſt?“ brummte er, und in ſchlechtem Deutſch begann er nun die Frau beſaͤnftigen zu wollen, indem er ihr er⸗ klaͤrte, daß ſeine Meinung nur geweſen, ſie um einen Trunk Waſſer zu bitten, um ſeinen Durſt zu loͤſchen. „Nun das iſt doch keine Art, Waſſer zu verlangen, weiß ich! toller Menſch!“ brummte, ſich ermuthigend, das Weib.„Waͤre mein Sohn zu Hauſe, traun! er wuͤrde Euch ſelbſt das Waſ⸗ ſer aus dem Grunde des Brunnens holen laſſen. Wollt Ihr Euch ordentlich betragen,“ fuͤgte ſie ſanfter hinzu,„waͤre es doch Suͤnde, Euch ei⸗ nen Trunk Waſſer zu verweigern. Ihr ſollt auch einen Tropfen Milch darin haben, wenn Ihr ma⸗ 160 3 nierlich ſeyn wollt. Allein iſt Euer Gaul auch toll? er wiehert und ſchnaubt ja wie ein Teufel!“ „Altes, treues Thier! Du kennſt wohl auch die Schaͤrpe wieder?“ ſprach Martin, und ſtrei⸗ chelte den unruhigen Hengſt, indem er ihn an ein altes Stacket bei dem Fenſter band.„Ich muß ſchoͤn thun mit dem alten Satan,“ mur⸗ melte er;„hat ſie ihn gepluͤndert, weiß ſie wohl auch, wo ſein Grab iſt.— Ich darf mich wohl ein Bischen in Eurer Wohnung ausruhen?“ ſagte er nun ſo laut und ſanft, als er es in ſeinem verdorbenen Deutſch vermochte. Nach vielem Brummen und Bedenken geſtat⸗ tete ſie ihm, hineinzutreten. Doch kaum hatte er den Fuß uͤber die Schwelle geſetzt und war in die niedrige Stube hineingetreten, als er wie beſeſſen auf eine große Truhe losfuhr, auf welcher ein ſtahlblauer, ritterlicher Harniſch lag, und als er im Heerdwinkel den dreieckigten, rothen Schild ſeines Herrn, mit dem weißen Kreuze, gewahr wurde, konnte er ſeinen Unmuth nicht laͤnger zu⸗ ruͤckhalten.„Verfluchtes Raͤuberweib! wo habt Ihr ihn hingelegt?“ rief er. Das Weib ſtarrte ihn aufſchreiend an.„Ach! helft mir, lieber 161 Herr!“ ſchrie ſie auf einmal,„hier iſt ein tol⸗ ler Mann, der mich ermorden will!“ In demſelben Augenblicke wurde der leinene Vorhang eines großen hohen Bettes im Winkel zuruͤckgeſchlagen, und ein bleiches aber jugendli⸗ ches Geſicht, mit gelben Haaren und langem Barte, kam zum Vorſchein.— „Martin, alter Martin!“ rief Carl von Riſe's wohlbekannte Stimme, und der treue Diener lag mit einem lauten Geſchrei uͤbermaͤßiger Freude vor dem Bette ſeines Herrn und kuͤßte unter Freudenthraͤnen ſeine Hand. Als nun die Alte ihre Freude erſah und er⸗ fuhr, wer der tolle Schmied ſey, wurde auch ſie ſo froh, daß ſie dem alten Martin um den Hals fiel und ihn küßte. Dann trippelte ſie fort, um Milch und gutes Bier, und was ſonſt Gutes im Hauſe war, zu holen, waͤhrend Ritter Carl und Martin gegenſeitig ihre Herzen ergoſſen. Erſt fragte Carl nach dem Könige und Grafen Albert, und ob es wahr ſey, daß Beide im Schweriner Schloſſe gefangen gehalten wuͤrden. Martin ſeufzte; er beſtaͤtigte die traurige Wahr⸗ IV. 11 162 heit und nannte eine Menge tapferer Ritter, die gefallen oder gefangen waren. „Und meine Rigmor?“ ſeufzte Carl,„ſie ſitzt nun auf Kariſe und beweint meinen Tod. Du ſahſt ſie ja am Weihnachtsabend, Martin; allein Du haſt mir keine Botſchaft von ihr ge⸗ bracht. Sie war doch geſund und wohl?“ „ Wohlauf wie der Fiſch im Waſſer,“ ent⸗ gegnete Martin, und trocknete insgeheim eine Thraͤne, waͤhrend er ſich verlegen und aͤngſtlich von dem Lager abwandte. „Und die lieben Kleinen?“ fragte Carl. „Flinke, geſunde Kinder!“ verſetzte Martin. „Doch moͤge nun der Herr fuͤr Frau und Kin⸗ der ſorgen, bis Ihr hergeſtellt ſeyd, lieber Herr! Sagt mir nur noch, was Ihr macht! Ihr ſeyd nahe daran geweſen, bei St. Peter anzuklopfen, wenn ich mich nicht irre.“ „Ohne Zweifel waͤre ich lebendig unter den Gefallenen begraben worden, haͤtte dieſe brave Frau ſich nicht meiner angenommen. Sie war zwar nebſt ihrem Sohne im Begriff, mich unter den andern Leichen auszupluͤndern; als ſie aber inne wurde, daß noch Leben in mir ſey, ſtraͤubte v v 163 ſie ſich mit Haͤnden und Fuͤßen dagegen, als man mich in die Grube werfen wollte. Ich vernahm den lauten Streit, konnte aber nur das linke Augenlied bewegen, und das hatte die gute Frau bemerkt. Ihr Sohn mußte mich nach der Huͤtte ſchleppen, und wie wenig Lebenskraft damals noch in mir war, bin ich doch jetzt naͤchſt Gottes Beiſtande durch ihre Kunſt und Pflege beinahe geheilt und hergeſtellt. Mir fehlen nur noch we⸗ nige Kraͤfte, ſcheint mir, um mich auf mein Pferd ſchwingen zu köͤnnen.— Ach! mein treuer, muthiger Schimmel!“ „Der iſt, meiner Seele! auch wohlauf wie ein Fiſch im Waſſer,“ rief Martin froh.„Er iſt es, der draußen ſteht und wiehert.“ Carl erhob ſich aus dem Bette und ſchwankte nach dem Fenſter hin, durch deſſen zerriſſene Blaſenſcheibe er das wohlbekannte, weißgeſpren⸗ kelte Pferdemaul erkannte. „Alter, treuer Schimmel,“ rief er und ſtreichelte dem lieben Thiere das Maul, waͤh⸗ rend der Hengſt mit dem ganzen Kopfe durch das zerbrechliche Fenſter fuhr; und es fehlte nicht 3 11* 164 viel, daß er in ſeiner unbaͤndigen Freude das ganze Haus heruntergeriſſen haͤtte. „„Ei! werdet Ihr nun auch toll, Herr Rit⸗ ter?“ rief die Wirthin, die hinzueilte, und ihn mit dem Anſehen, als ſey ſie ſeine Großmutter, nach dem Lager zuruͤckzog.„Wollt Ihr Euer Eingeweide ordentlich geheilt haben, muͤßt Ihr mich ſchalten laſſen und noch einen ganzen Mo⸗ nat auf dem NRuͤcken ſtill liegen. Iſt das eine Manier, die tolle Beſtie durchs Fenſter zu uns hereinzuziehen?“ 2 „Das iſt ja mein alter, treuer Schimmel!“ verſetzte Carl.„Seyd nicht böſe, Alte! nun riege ich ja wieder ſtill. Geh' doch hinaus und zaͤhme den Schimmel, Martin!“ Waͤhrend Martin hinausging, und Carl ſtill und ermuͤdet da lag, ſchalt noch die Wir⸗ thin auf die Daͤnen und ihre Ungeſchicklichkeit. „Ihr werdet wohl ſo toll und unbaͤndig von den vielen Fiſchen, die Ihr eſſen ſollt; um nichts wird man nicht Euern Koͤnig den großen Fiſcher⸗ Koͤnig nennen, und von ihm ſagen, daß wenn er ſein ganßes Land verkaufen wuͤrde, um Teller dafuͤr zu kaufen, er doch nicht genug fuͤr ſeine 4 165 vielen Fiſche bekommen koͤnnte. Aber woran denkt Ihr nun? Seht Ihr Geiſter dort im Win⸗ kel am hellen, lichten Tage? Ich muß Euch wohl auf dieſen Strauß eine Herzſtaͤrkung berei⸗ ten.“ Sie verließ die Stube mit dieſen Wor⸗ ten, von denen Carl nichts vernommen hatte, ſondern mit unruhigem und bekuͤmmerten Blicke das weiße Kreuz in ſeinem Ritterſchilde betrachtete. „Ach Martin!“ ſagte er bleich und aͤngſtlich, als der alte Diener wieder hereintrat,„wo iſt das Panier geblieben?“ „Das verdammte Neſſelblatt?“ fragte Mar⸗ tin,„dort haͤngt es ja an Euerm Bette!“ „Ja! das Ungluͤckspanier habe ich gerettet,“ verſeßte Carl;„es war ſchon zu einer Schuͤrze fuͤr meine Alte beſtimmt; ich gab ihr meine Ach⸗ ſelſchaͤrpe dafuͤr. Aber ach! das heilige Panier, Martin! das theuerſte Kleinod des Landes und des Reichs,— das habe ich eigenmaͤchtig aus dem Dome in Schleswig geholt,— iſt es ver⸗ loren gegangen, bin ich ungluͤcklich!“ 4 „Behuͤte! das heilige Panier,“ fuhr Mar⸗ tin fort,„das habe ich ja nicht in der Schlacht geſehen! Haͤtten wir das, ſtatt jenes verfluchten Lumpen, vor Augen gehabt, waͤre vielleicht jetzt der Koͤnig geraͤcht und frei geweſen!“ 4 „Ach! wir durften es ja nicht entfalten!“ ſeufzte Carl.„Das alte Vorurtheil und der un⸗ gluͤckſelige Stolz des Grafen Albert war Schuld daran. Ich mußte es zuſammenrollen und hin⸗ tenan auf den Sattel binden.“ „So ſeyd in Gottes Namen getroſt, Herr!“ rief Martin froh,„dann bringe ich es gewiß mit. All Eure Habe liegt unberuͤhrt auf dem Schimmel, ſo wie ich ihn gefunden.“ Schnell eilte Martin hinaus und kehrte eben ſo ſchnell mit dem ſorgfaͤltig zuſammengerollten Panier zuruͤck; er zog es aus der Halfter und entwickelte es in ſeiner ganzen Pracht auf dem Bette ſeines beruhigten Herrn. „Gott und unſere liebe Frau ſeyen gelobt! Rolle es ſchnell wieder zuſammen, lieber Mar⸗ tin,“ ſagte Carl, nach der Thuͤre ſehend,„meine Alte darf es nicht ſehen; wie alt ſie auch ſey, putzen mag ſie ſich doch gern; wenn ſie ſich nun eine Sonntagsſchuͤrtze davon zuſchneiden möchte?“ 3 167 Martin gehorchte, und verbarg das zuſammen⸗ gerollte Panier unter ſeinem Kopfkiſſen. Es war nicht bloß Carl von Riſe, der ſchwer und lange an gefaͤhrlichen Wunden litt, die gleich⸗ ſam die edelſte und tiefſte Wurzel des Lebens be⸗ ruͤhrt hatten; das ganze daͤniſche Volk litt an ei⸗ ner einzigen unheilbaren Wunde, und mit Koͤ⸗ nig Waldemar dem Sieger waren auch faſt alle Kraͤfte des Volkes gebunden. Der heftige Graf Otto, der mit genauer Noth aus der ungluͤcklichen Schlacht bei Moͤln entkommen war, hatte mit gro⸗ ßem Unmuth und Trauer Alles aufgeboten, um ein Heer wieder zu ſammeln. Die Streikkraͤfte des Landes waren erſchoͤpft, und das Elend war uͤberall groß. Wenn der Koͤnig nicht vor dem Schluſſe des Jahres frei wuͤrde, ſchien der Un⸗ tergang des Volks und des Landes unabwendbar. Seit der Gefangenſchaft des Grafen Alberts vermißte Daͤnemark auch einen Heerfuͤhrer, der mit allgemeinem Zutrauen einen neuen Feldzug leiten konnte; denn Graf Otto wurde, trotz ſei⸗ ner Gewandtheit und Kuͤhnheit, doch nicht fuͤr 44G 168 beſonnen genug gehalten, um ihm die Fuͤhrung eines Heeres anzuvertrauen. Jeder neue, gewalt⸗ ſame Schritt ſchien außerdem in dieſem Augen⸗ blicke hoͤchſt bedenklich; denn Graf Heinrich hatte aus uͤbermuͤthigem Trotz auf ſein Kriegsgluͤck und, im Vertrauen auf ſeine Gewalt uͤber das Leben der Gefangenen, Aeußerungen fallen laſſen, die das Schlimmſte befuͤrchten ließen. „Jede Bedingung muͤſſen wir jetzt eingehen; das Leben und. die Freißeit des Köngs koͤnnen nicht zu theuer erkauft werden!“ So war die traurige Erklaͤrung, womit der Reichsrath ſich ent⸗ ſchloſſen hatte, mit Graf Heinrich um die Los⸗ laſſung des Koͤnigs zu unterhandeln. Abt Gun⸗ 4 ner war, das wußte man, mit einer drohenden Bulle vom Pabſte nach Schwerin gekommen. Verſchiedene deutſche Fuͤrſten ſchienen ſich der Sache ſehr anzunehmen, und Graf Otto uͤber⸗ nahm nun die bitterſte aller Unternehmungen, als friedlicher Vermittler nach Schwerin zu ziehen. Im November⸗Monat ritt er aus Ribe, von den ergebenſten Nittern des Koͤnigs begleitet, un⸗ ter welchen Carl von Riſe ſich nun auch befand. Der Letztere war jetzt zwar ooͤllig hergeſtellt und 169 geſund, allein außer der großen, allgemeinen Land⸗ trauer, die ihn mit allen Daͤnen zu Boden druͤckte, trug ſein Herz noch einen Gram, den er nicht geahndet hatte; er hatte naͤmlich endlich ver⸗ nommen, daß ſeine Gattin von Kariſe verſchwun⸗ den ſey, und entweder freiwillig entflohn, wozu er doch keinen Grund erſinnen konnte, oder von Raͤubern oder geheimen Abgeſchickten des Vaters entfuͤhrt war. Den wahren Hergang der Sache wagte Martin dem Herrn nicht zu eroͤffnen, ſo lange er ſelbſt, der Mitwiſſer von Rigmors Wagniß, noch nicht wußte, ob ſie mit Graf Albert gefan⸗ gen, oder in der Schlacht getoͤdtet war. Graf Otto's Neiſezug nach Schwerin ſah ei⸗ ner ſtillen, traurigen Leichen⸗Beſtattung aͤhnlich. Viele von den reichſten und angeſehenſten Maͤn⸗ nern des Landes begleiteten ihn, um mit ihrer ganzen Habe und Gut den Koͤnig loszukaufen, oder als Geißeln ſtatt ſeiner ins Gefaͤngniß zu gehen. Unter dieſen Getreuen des Koͤnigs erſchien zwar der alte Erzbiſchof nicht ſelbſt, obgleich er mehr als irgend Jemand, ſowohl durch klugen Rath, als durch haͤuſige Schreiben an den Pabſt und an die maͤchtigſten Fuͤrſten Europa's, zur 170 Befreiung des Koͤnigs thaͤtig war. Allein der unheilbare Ausſatz, der ihn gezwungen hatte, ſein erzbiſchöfliches Amt niederzulegen, hielt ihn nun mehr als ein Jahr in freiwilliger Gefangenſchaft. Auf der kleinen Inſel Ifse, in dem Landſee deſſelben Namens, an der nördlichen Kuͤſte Scho⸗ nens, lebte der gottesfuͤrchtige Greis, wie ein zweiter Hiob, von der ganzen uͤbrigen Welt ge⸗ trennt. Ein kleines ſteinernes Haus umſchloß dort mit ſeinen dunkeln Mauern den frommen Herrn, deſſen einziger Umgang Buͤcher und Schrif⸗ ten waren. Die wenigen Diener, die er mitge⸗ bracht, durften, der gefaͤhrlichen Anſteckung we⸗ gen, ihm nicht nahe kommen; ſie wohnten in ei⸗ nem andern Hauſe, und zu beſtimmten Stunden reichten ſie ihm durch eine Luͤcke ſeine einfache Nahrung und wenigen Beduͤrfniſſe. So hatte er es ſelbſt, aus Beſorgniß fuͤr ihre Geſundheit, an⸗ geordnet. Die Thuͤr ſeiner engen Einſiedlerwoh⸗ nung hatte er von innen mit einer großen eiſernen Stange verrammelt, und oͤffnete ſie Niemanden. Die Luͤcke, die ihm zugleich als Fenſter diente, war ſo hoch in der Mauer angebracht, daß er eben mit der Hand hinaufreichen, und was ihm gebracht 4 —— ———— 171 wurde, empfangen konnte; er konnte durch dieſelbe nur den Himmel, allein kein Menſch weder ihn noch ſein Elend ſehen. Friſche Luft genoß er nur des Freitags, wenn er faſtete. An dieſem Tage mußten ſeine Diener die Inſel verlaſſen, dann oͤff⸗ nete er ſeine Thuͤr und ging mit einem großen Kreuze auf den Schultern zu den Ueberreſten des alten Schloſſes Brahesborg hinauf, welche ſich auf einem Berge befanden, von dem er uͤber die Oſtſee hinaus nach der lieben vaͤterlichen Kuͤſte hinuͤberſehen konnte. Er hatte die Hoffnung auf Huͤlfe durch jede weltliche und menſchliche Kunſt aufgegeben, doch verzagte er unter der ſchweren Pruͤfung nicht.— Er verwandte die Zeit in ſeiner Einſamkeit auf die Durchſicht ſeines wich⸗ tigen Geſetzgebungs⸗Werkes und auf fromme Buß⸗ uͤbungen und Forſchung in den heiligen Schriften. Ein Lotterbett, ein hoͤlzerner Seſſel, ein Bet⸗ ſchemmel, ein eichener Tiſch— der ihm zugleich als Buͤcherbret diente— machten beinahe all ſein einfaches Stubengeraͤthe aus. An ſeinem Lager ſtand das große Kreuz, das er, zum Andenken der Wanderung des Erloͤſers nach Golgatha, jeden Freitag trug. In ſeinem bußfertigen Einſiedlerle⸗ 172 ben trug er nur einen groben Bernhardiner⸗Man⸗ tel, ohne irgend ein Zeichen ſeiner Wuͤrde an ſei⸗ nem elenden Koͤrper. Doch an der Seite des ſteinernen Zimmers, das er bewohnte, hatte er eine kleine, zierliche Hauskapelle, mit einem Mut⸗ tergottesbilde und einem Cruciſix errichten laſſen; dort wurde auch ſeine erzbiſchoͤfliche Inful und ſein Krummſtab aufbewahrt. An der Wand hin⸗ gen auch, unter andern praͤchtigen Zeichen ſeiner 5 vorhergehenden Hoheit und Wuͤrde, und mehre⸗ ren heiligen Reliquien, ein Meßgewand und zwei koͤſtliche Stola's. Auf ſeinem Tiſche lag Hiob's Buch ſtets aufgeſchlagen, und daneben viele Schriften, die ſowohl von ſeiner Gelehr⸗ ſamkeit und ſeinem Fleiße, als von ſeiner und des Zeitalters Froͤmmigkeit zeugten. Seine ei⸗ gene liebſte Arbeit, das nun ganz vollendete und abgetheilte Hexaaͤmeron, von dem er eine zier⸗ liche Abſchrift beſaß, nahm er oft mit ſtillem Wohlbehagen in die Hand; und wenn ſeine körperlichen Leiden es geſtatteten, und die Trauer uͤber das Ungluͤck des Koͤnigs und des Landes ihm nicht den Muth und die Kraft dazu benah⸗ men, erfriſchte er— nach den rechtswiſſenſchaft⸗ 173 lichen Studien in den umherliegenden römiſchen und cononiſchen Rechten, nebſt einer großen Sammlung von alten daͤniſchen Geſetzen— den Sinn durch heilige Gedichte, beſonders durch ein Gedicht auf die ſieben Sakramente und ei⸗ nige ſogenannte Sequenzen zum Ruhme der Jungfrau Maria. Die heilige Jungfrau war das einzige Weib, an das der fromme Herr ſich je zu denken geſtattet und vor ihr ſein Herz zu ergießen. Unter der kleinen ausgeſchnitzten hoͤl⸗ zernen Tafel in der Hauskapelle, auf der ſie, mit dem heiligen Kinde im Arme, abgebildet B war, wurde eine immer brennende Lampe ſorg⸗ faͤltig unterhalten, und noch als Erzbiſchof hatte er Sorge getragen, daß ihre Feſttage mit noch groͤßerer Pracht, als vorher, begangen wur⸗ den. Wenn er nun ſo in ſeiner Einſamkeit la⸗ teiniſche Lieder auf ſie niederſchrieb, die kein Anderer, als er ſelbſt, je hoͤrte und ſahe, wurde ihm oft froh und getroſt zu Muthe, und es war ihm, als ſey die heilige Jungfrau ihm nahe und bringe ihm in ſeinem Unglucke Troſt und Segen.— 174 In einem ſolchen lichten und begeiſterten Augenblicke ſaß er am Weihnachts⸗Abend dieſes ungluͤcklichen Jahres an ſeinem Schreibtiſche, und ſagte leiſe eine Hymne zur Ehre der heiligen Jung⸗ frau her, in welcher er ſie und ihren goͤttlichen Sohn um die Errettung des Königs und des Landes flehte. Obgleich ein hochheiliger Abend, hatte er doch nichts anders, als einen Trunk Waſſer und ein Stuͤck geroͤſtetes Gerſtenbrod, woraus ſein gewoͤhnliches Abendbrod beſtand, zu genießen gedacht. Als er nun nach vollendeter Arbeit ſich zu dem einſamen und duͤrftigen Mahle niederließ, gedachte er der vorigen Tage, wo er an der Seite ſeines Koͤnigs dieſen heili⸗ gen Abend in einem frohen Gelage unter Freun⸗ den und Verwandten verlebt, und brauſenden Wein aus dem goldenen Becher des Köͤnigs ge⸗ noſſen hatte. Er ſeufzte tief, und faltete ſeine Haͤnde; nachdem er nun aber, nach dem ge⸗ woͤhnlichen Tiſchgebete, den Waſſerbecher an die Lippen brachte, vernahm er mit Ueberraſchung und Verwunderung, daß er mit demſelben köͤſt⸗ lichen Weine, den er am Tiſche des Köͤnigs am Weihnachtsabend zu genießen pflegte, angefuͤllt 175 war. Ohne irgend einen natuͤrlichen Grund zu dieſer Ueberraſchung zu ſuchen, knieete er andaͤch⸗ tig nieder, alles irdiſche Elend in dem innigſten Gebete und der Dankſagung wegen dieſes wun⸗ derbaren Zeichens, das er hierin zu ſehen glaubte, — und das, wie geringfuͤgig es auch ſeyn mochte, ihm die Erfuͤllung ſeiner inbruͤnſtigſten Gebete zu verheißen ſchien,— vergeſſend. Wie er nun mit lauter Stimme einen frohen Weihnachtspſalm anſtimmte, klopfte es, gegen die Gewohnheit, an die Luͤcke. Es war ſchon ſpaͤt, und Niemand wagte ſonſt um dieſe Zeit ihn zu ſtoͤren. Er er⸗ hob ſich erwartungsvoll und oͤffnete die Luͤcke. „Freuet Euch in Eurem Ungluͤcke, hochwuͤr⸗ diger Vater,“ klang von außem eine ſtarke mann⸗ hafte Stimme,„der Koͤnig iſt frei, er ſchickt Euch dieſe Botſchaft.“ „Geſegnet ſeyſt Du, der Du mir ſolche Weihnachts⸗Botſchaft bringſt,“ entgegnete der Greis. Irre ich nicht, ſo biſt Du mein treuer Pflegeſohn, Carl von Riſe.“ „Ach ja! Hochwuͤrden,“ verſetzte Carls Stimme mit einem tiefen Seufzer,„ich bin der Carl, fuͤr den Ihr ſo vaͤterlich geſorgt, als ich 176 noch ein Kind war, und der doch jetzt nicht wie ein Sohn in Eurem Alter fuͤr Euch ſorgen darf. Nicht einmal Euer ehrwuͤrdiges Antlitz vergoͤnnt Ihr mir zu ſehen, und Eure Hand darf ich nicht an meine Lippen druͤcken!“ „Mein Antlitz darf Niemand ſehen, der das Licht erblicken will, meine Hand Niemand be⸗ ruͤhren, der zu leben wuͤnſcht. Doch vergoͤnne mir nun, mich zu freuen, mein Sohn, und das Dankopfer meines Gebetes vor das Antlitz des Herrn, der heute Erloſung in Iſrael gebracht, darzubringen!“ Darauf knieete er mit dem Briefe des Königs in den gefalteten Haͤnden, und Rit⸗ ter Carl ſtand ſchweigend außer den Mauern und wagte nicht, ſeine Andacht zu ſtoͤren. „Wann wurde der Koͤnig frei?“ fragte end⸗ lich der Erzbiſchof, und erhob ſich. „Am Tage St. Thomas des Apoſtels 1 war die Antwort. „und unter welchen Bedingungen „Es ſteht im Briefe, Hochwuͤrden! verſchont mich, es zu ſagen. Der gehaͤſſige Bund zer⸗ druͤckt mir das Herz, und erfuͤllt meine Seele mit Gift und Galle!“ 277 4 177 „Ruhig, Sohn! den bitterſten Kelch, den der Herr uns reicht, muͤſſen wir leeren. Laß meine Diener Dich laben und komm in einer Stunde wieder.“ Mit dieſen Worten ſchloß der Erzbiſchof die Luͤcke zu, und ließ ſich ruhig in ſeinen hoͤlzer⸗ nen Seſſel nieder. Dann ruͤckte er die Lampe naͤher, und las das Schreiben des Koͤnigs. Er vernahm von den ungeheuren Summen von Gold und Silber, die zu verſchiedenen Zeiten ausbe⸗ zahlt werden ſollten; von den kleinlichen Forde⸗ rungen von Scharlach und Pelzwerk fuͤr die Rit⸗ ter des Grafen Heinrich; von den vierzig Gei⸗ ßeln, die ſtatt des Königs im Gefaͤngniß bleiben ſollten, bis alles bezahlt war, und unter welchen ſogar die jungen Prinzen, und der eigne Bruder des Erzbiſchofs, unter den vornehmſten Maͤnnern des Landes genannt waren. Bei dieſem allen verzog ſich noch keine Miene in dem ernſten Antlitz des Einſiedlers. Er las, daß der junge Koͤ⸗ nig Waldemar bis Oſtern im Gefaͤngniß ver⸗ bleiben ſollte; er ſah, daß noch gar keine Rede 6 von der Freiheit des Grafen Albert war; und ſein Antlitz wurde duͤſter; allein nun las er, wie IV. 12 178 Graf Heinrich fuͤr jedes Tauſend Mark, die an dem Loͤſegelde fehlte, ſich willkuͤhrlich einen daͤni⸗ ſchen Mann, als Geißel, waͤhlen duͤrfe, und wie es gleich nachher hieß, daß jede Geißel ſich nur freiwillig ſtellen muͤſſe. Da klarten die Zuͤge des Greiſes ſich wieder auf.„Groß gedacht,“ ſagte er,„daß Niemand in dieſer Stelle Wi⸗ derſpruch findet, daß Niemand bezweifelt, daß nicht jeder daͤniſche Mann mit Freude ſich der Haft fuͤr ſeinen Koͤnig ſtellen wolle.“ Nun ſtieß er auf die wichtigen Punkte von der Ent⸗ ſagung aller norddeutſchen und wendiſchen Laͤn⸗ der, von der Abtretung Rendsburgs an den Gra⸗ fen Adolph, und von dem furchtbaren Eid, wel⸗ chen der Koͤnig und alle ſeine Mannen ſchwoͤren ſollten, die erlittene Beleidigung nie raͤchen, oder auf die Wiedereroberung der abgetretenen Laͤnder je denken zu wollen;z und ſo wie er nun zum Schluſſe dieſes ſchaͤndlichen Vergleichs kam, wur⸗ den ſeine Zuͤge unruhiger; bei Manchem ballte er krampfhaft die magere Fauſt.„Großer Rich⸗ ter dort oben!“ ſeufzte er,„fuͤhre uns nicht in Verſuchung, damit mein Mund nicht den ver⸗ fluche, dem Du Gewalt uͤber den Starken gabſt, 4 6 — 179 und meine Seele nicht frage: gibt es Gerchäig⸗ keit unter der Sonne!“ Er hatte den unerhoͤrt demuͤthigenden Ver⸗ gleich bis zu Ende geleſen, und geſehen, daß ſein eigener muthiger Bruder Jacob, der tapfere Mundſchenk Bioͤrn Aſtrad Fracke, und ſelbſt der biedere Graf Otto von Luͤneburg mit ſo vielen bra⸗ ven Daͤnen ihn unterſchrieben und befiegelt hat⸗ ten. Nun erfuhr er durch die eignen Worte des Koͤnigs, daß dieſer ſelbſt mit der Hand auf der Reliquie des heiligen Bluts und mit beiden Haͤnden auf das heilige Teſtament den ſchweren Eid abgelegt hatte, wodurch er jeder Rache und jedem Erſatz entſagte. Da ergriff die furchtbarſte Angſt und das Entſetzen den gottesfuͤrchtigen Greis, und beſonders als er las„ was der Koͤ⸗ nig mit zitternder Hand hinzugefuͤgt hatte:„Ich kann, ich will es nicht ertragen; ich breche die⸗ ſen Bund, ſollte es mir auch die ewige Selig⸗ keit koſten. Willſt Du meine Seele von der Verdammung befreien, ſo ſage„ daß der heilige Vater mich von dieſem Eide löſe!“ Die Haare ſtanden dem frommen Erzbiſchof zu Berge; er ſtuͤrzte auf ſein Angeſicht auf den 12* 180 ſteinernen Boden nieder, und betete mit Thraͤnen und tiefen Seufzern fuͤr die Seele ſeines un⸗ gluͤcklichen Koͤnigs. So war eine geraume Zeit vergangen; da klopfte es wieder ſtark an die Luͤcke. Er erhob ſich mit funkelnden Augen und mit einer Kraft und Wuͤrde, ſo wie man ihn fruͤher vor den Altar treten ſah. Er ſtieß die Luͤcke mit dem großen Kreuze auf, und rief mit lauter Stimme: „Carl von Riſe! ſage meinem Herrn und Koͤnig: die Rache gehoͤrt dem Herrn, und der Meineidige wird ſein Antlitz nicht ſehen!“ „Tod und Hoͤlle, Alter! was ſprichſt Du?“ klang von außem eine gewaltige Stimme, die nicht Carln von Riſe gehoͤrte„eine ſolche Ant⸗ wort erdreiſteſt Du Dich, Deinem Herrn und Koͤnig durch ſeinen Diener zu ſchicken?“ „Waldemar! mein Koͤnig? iſt es moͤglich?“ rief der erſtaunte Erzbiſchof.„Kommt der König ſelbſt in das Haus des Ausſaͤtzigen, um Heil⸗ mittel zu holen fuͤr eine gichtbruͤchige Seele?) „An wen anders, als an Euch, ſollte ich mich wenden, frommer Vater! wenn es meinem Seelenfrieden gilt?“ entgegnete Waldemar ſanf⸗ 181 ter,„die Feſſeln, die ich abgeworfen, wuͤrde ich noch getragen haben, haͤttet Ihr nicht den heili⸗ gen Vater bewogen, meinem Todfeinde mit dem Banne zu drohen. Allein die Feſſeln, die ich juͤngſt getragen, waren leicht gegen diejenigen, die mich jetzt zu Boden druͤcken; jetzt habe ich keinen Frieden. Brennende Ketten beengen meine Seele und zerreißen mir das Herz. Kann ich nicht von dieſem Seelenbund der Hölle geloͤſt werden, muß ich vor Unmuth und Schmach vergehen!“ „Waldemar, mein Herr und König!“ gab der Erzbiſchof mit bebender Stimme zur Antwort. „Fruͤher habe ich mit Schmerz uͤber Euch getrauert; allein meine Trauer war ſtill in Gott; nun betruͤbt Ihr meine Seele bis zum Tode. Ach! koͤnnte ich doch Euer Antlitz ſehen? koͤnnte ich mit einem Tone, wie der der letzten Poſaune, Euch von dem Schlunde der Verdammniß, an deſſen Rande Ihr ſchwankt, zuruͤckrufen. Es waͤre beſſer, wenn Ihr ungeraͤcht bis an Euren Sterbetag in Feſ⸗ ſeln laͤget, König Waldemar! als wenn Ihr Euch jetzt Freiheit und Rache, und alle Gewalt und 182 . Hoheit der Welt, mit der Gefangenſchaft der Seele und dem ewigen Tode erkauftet!“ „Hoͤrt mich, hoͤrt mich!“ rief der Konig;„und wagt nicht, mich zu verdammen! Gegen einen ehr⸗ loſen Ritter, gegen einen verruchten, meineidigen Raͤuber kann ich keine Verpflichtungen haben. Ich ſchwur ihm den Eid der Nothwehr; allein haͤtte ich gedacht, daß der mich binden koͤnnte, haͤtte ich mich, beim lebendigen Gotte! lie⸗ ber dem Teufel verſchworen. Meine Zunge ſprach das Wort, doch eine laute Stimme in meiner Bruſt ſchwur einen andern Eid„ den der große Raͤcher dort oben vernommen hat. Er, der die Gewalt beſitzt, auf immer zu loͤſen und zu bin⸗ den, kann mich ja auch von meiner Qual be⸗ freien und mir die Freiheit meiner Seele zuruͤck⸗ geben. Ein einziges Wort von dem heiligen Va⸗ ter kann vor Gott und der Welt mich von dem erzwungenen Eide, den ich einem meineidigen Raͤuber und Verraͤther geleiſtet, erloͤſen!“ „Das canoniſche Racht, Herr Köͤnig!“ entgegnete der Erzbiſchof,„wird Ja ſagen und alle Biſchoͤfe und Prieſter ihm beiſtimmen. Eure Mitwelt wird es vielleicht als Recht vertheidigen; 183 doch das Geſetz Gottes wird„Nein, Nein!“ in alle Ewigkeit ſagen. Das Geſetz, welches der Herr in die Herzen der Heiden geſchrieben, ruft Wehe uͤber die Suͤnde, ob auch alle Weiſen der Welt, ob auch ein Engel vom Himmel ſie Tugend nennen wuͤrde. Zwang Dich auch der Meineidige zum Eid, ſo werde darum ſeines Gleichen nicht; was Du beim Blute des Herrn im Namen des höchſten Gottes geſchworen, mußt Du bis zum juͤngſten Gerichtstage halten.“ „Tod und Verdammniß! Nein!“ rief der Koͤnig.„Willſt Du deshalb nicht an den Pabſt ſchreiben, ſo werde ich es ſelbſt thun; biſt Du ein heuchleriſcher Heiliger und ein Kopfhaͤnger geworden, ſo habe ich doch noch treue und ver⸗ ſtaͤndige Diener unter meinen Biſchoͤfen!“ „Denkt an Saul und Simei, Herr!“ bat der Erzbiſchof aͤngſtlich;„denket an Antiochus und Alcimus, Koͤnig! damit die ſtrafende Hand des Herrn Euch nicht mit Laͤhmung und Tod ſchlage!“ „Ich bin nicht hergekommen, um eine Buß⸗ predigt zu hören,“ verſetzte der Koͤnig mit lau⸗ tem Unmuth.„Biſt Du deinem Koͤnig treu . 184 nnd unterthan, Andreas Suneſohn, ſo ſchreibe! ich befehle es Dir!“ „Nein, nein! in Ewigkeit, nie!“— rief der Erzbiſchof mit einer Stimme, als ſpraͤch ein fremder gewaltiger Geiſt aus ſeinem Munde. „Hoͤrt, Waldemar Waldemarsſohn! ſo ſagt der Herr, Dein Richter, der treuloſe Zedechias brach gegen ſeinen Feind den Eid, den er in meinem heiligen Namen geſchworen, und ich ließ zu, daß ſeine Soͤhne vor ſeinem Angeſichte ge⸗ ſchlachtet wurden, und die Lichter ſeiner Augen verloſchen.“ Inndem dieſe furchtbaren Worte in den Oh⸗ ren des Koͤnigs ertönten, wurde ein großes Ge⸗ raͤuſch in der Wohnung des Einſiedlers vernommen, und es wurde ſtumm und ſtill in dem duͤſteren ſteinernen Hauſe, wie in einem Grabe. Der Koͤnig ſtand vor dem Hauſe und ſtampfte auf die Erde. An ſeiner Seite ſtand Carl von Riſe mit einer Fackel in der Hand. Das Fackel⸗ licht erhellte die große Koͤnigsgeſtalt, welche das Ungluͤck noch nicht niedergebeugt hatte. Mit einem dunkelblauen Mantel uͤber dem einfachen ritter⸗ ichen Anzuge, und mit einen niedrigen breitkrem⸗ pichten Hute uͤber dem langen gebleichten Haare, ſtand der Koͤnig mit dem bleichen unmuthigen Kaͤmpen⸗Antlitz, jetzt von bedrohenden Nunzeln durchfurcht, hoch und furchtbar in der Nacht da. Er riß die Fackel aus der Hand ſeines erſtaunten Begleiters, und warf ſie erbittert, ſo daß ſie Fun⸗ ken ſpruͤhete und erloſch, gegen das ſteinerne Haus. „Hinweg, hinweg! von der Peſthuͤtte des Wahn⸗ ſinnigen,“ ſchnaubte er,„mein theuerſter, mein letzter Freund iſt ein Verraͤther an meinem Leben und meiner Ehre geworden. Er iſt mit Blind⸗ heit, ſo wie mit Wahnſinn, durch ſeinen Aus⸗ ſatz geſchlagen; allein waͤre er auch Samuel ſelbſt und ein heiliger Prophet, muͤßte auch ſein fuͤrch⸗ terlichſter Fluch mich treffen, bei dem ewigen Raͤcher dort oben! ich will geraͤcht werden, was auch die Rache koſten möge.“ Dann ging er mit ſtarken Schritten von hinnen, und Carl folgte ihm ſchweigend und entſetzt. Sie naͤherten ſich dem Fahrzeuge, wo ſie die Schiffsleute laͤrmen hoͤrten und die Fackeln in der ruhigen Winternacht auf dem Schnee glaͤnzen ſahen. Der Konig blieb pltzlich ſtehen. „Ritter Carl!“ ſagte er mit gedaͤmpfter Stimme. „Biſt Du Deinem Koͤnig treu und ergeben?“ „Herr Koͤnig! koͤnnt Ihr zweifeln?“ ent⸗ gegnete Carl, mit der Hand auf der Bruſt, waͤh⸗ rend eine zuxuͤckgedraͤngte Thraͤne in ſeinem ehr⸗ lichen Auge blinkte. „Jedes Wort, das Du dieſe Nacht gehört,“ gebot der Köͤnig mit einem ſtrengen warnenden Blicke,„ſey in Deiner Seele wie in einem Ab⸗ grunde begraben!“ „Kein Grab ſoll verſchwiegener ſeyn, als ich, Herr Koͤnig! doch zuͤrnt auf Euren treuen Diener nicht, und geſtattet mir zu ſagen, was mich ſehr beangſtigt. 4 „Nun! was denn? willſt auch Du Pfaffe und Prophet ſeyn?“ „Laßt nicht die Drohung des Erzbiſchofs in Erfuͤllung gehen, Herr Koͤnig!“— bat Carl mit aͤngſtlicher Eile—„eer iſt ein heiliger Mann Gottes! Er hat es durch Zeichen und Wunder beſtaͤtigt; fragt ſeine Diener, mein König! und Ihr werdet erfahren, daß ich die Wahrheit rede.“ „Ehrlicher, leichtglaͤubiger Traͤumer!“ ver⸗ ſetzte der König mit einem fluͤchtigen Läͤcheln, 187 „ſeitdem Du die Danebrogs Fahne ergriffen, ſiehſt Du wohl uͤberall Wunder. Nun welche Wunder hat denn der Name Gottes gethan?“ „Seht Ihr die alten Ruinen, dort oben auf dein Berge, Herr König?“ fragte Carl, auf einige halb umgeſtuͤrzte Mauern zeigend, die, mit Moos und Schnee bedeckt, prachtvoll in dem ſich ver⸗ breitenden Mondſcheine glaͤnzten.„Daſelbſt ſoll in alten Tagen ein Naͤuberſchloß geſtanden haben; eben dort fanden die Diener des Erzbiſchofes im vorigen Jahre einen großen Schatz von alten heidniſchen goldnen Muͤnzen. Sggleich began⸗ nen ſie ein luſtiges Leben, und praßten und ſchwaͤrmten bald ſo wild in die Nacht hinein, daß dadurch der fromme Erzbiſchof in ſeiner An⸗ dacht geſtoͤrt wurde. Da entflammte ſein Eifer wie fruͤher, und er verfluchte den ungerechten Mammon, der ſeine Diener zur Suͤnde und Gottloſigkeit verleitete; und als die Leute den naͤchſten Tag Gebrauch von ihrem Schatze ma⸗ chen wollten, war er in kleine Steine verwan⸗ delt worden. Lacht nicht, Herr Koͤnig! ich habe ſelbſt die verwandelte Muͤnze geſehen, und hier habe ich ſelbſt eins davon.“ 4 188 „Nun! zum Henker!“ rief der Koͤnig, und betrachtete den flachen runden Stein, den ihm Carl hingereicht.„Er ſieht fuͤrwahr einer alten Muͤnze aͤhnlich. Wohlan! das Wunder kann ich wohl ſo ziemlich erklaͤren; allein was folgt denn daraus? Kann auch der fromme Herr in dem ſteinernen Hauſe dort Gold in Stein ver⸗ wandeln? Beim Tode Gottes! den Koͤnig Wal⸗ demar ſoll er dennoch nicht in einen Kopfhaͤnger verwandeln! Ich bin ſo ſtark im Glauben, wie irgend ein chriſtlicher Koͤnigz das habe ich be⸗ wieſen; allein ein Heiliger bin ich nicht; und was der Vater der Chriſtenheit als Recht erken⸗ nen mag, will auch ich mit Ehre vor der gan⸗ zen Ritterſchaft Europa's und vor allen rechtglaͤu⸗ bigen Seelen in der Welt vertheidigen!“ Darauf ging der Koͤnig mit ſtarken Schrit⸗ ten nach dem Ufer und beſtieg das Boot. Carl folgte ihm ſchweigend; langſam ſtieß das Fahr⸗ zeug vom Lande, und in der ruhigen ſternen⸗ hellen Weihnachts⸗Nacht ſtand der Koͤnig allein im Hinterſteven, und ſchaute zuruͤck nach den Ruinen von Brahesburg, waͤhrend ſeine dunklen Augen von wilden, unruhigen Gedanken funkel⸗ ——— 189 ten. Aber Carl ſtand, in ſeinem ſtahlblauen Har⸗ niſch, ſtill im Vorderſteven und betete leiſe fuͤr die Seele des theuren Koͤnigs und fuͤr die ver⸗ ſchwundene Nigmor, von der er nicht wußte, wo er ſie in der ganzen Welt ſuchen ſollte. Auch auf den Kerker des unverſoͤhnlichen Grafen Al⸗ bert ſiel ein zaͤrtlicher, mitleidiger Gedanke; al⸗ lein es traͤumte Carln nicht, daß der gefangene Heerfuͤhrer in dieſem Augenblicke ruhig in ſeinen Feſſeln ſchlief, und ſein Haupt auf die Schulter der treuen Tochter ſtuͤtzte, die er nicht kannte, und die er ſchon laͤngſt zu ewiger Gefangenſchaft in einem Kloſter verurtheilt hatte. Der Koͤnig hatte ſich noch nicht dem be⸗ kuͤmmerten Volke gezeigt. Er war ſogleich nach ſeiner Freilaſſung bei Travemuͤnde an Bord ge⸗ gangen, um nicht durch das aufruͤhriſche„ abge⸗ fallene Nordalbingien nach der Heimath zu ziehen. In ſeiner fuͤrchterlichen Seelenunruhe hatte er unterweges Befehl gegeben, zuerſt nach der nord⸗ oͤſtlichen Kuͤſte von Schonen zu ſteuern. Heim⸗ lich und vermummt hatte er am Weihnachtsabend den naͤchtlichen Beſuch mit Ritter Carl bei ſei⸗ nem alten Beichtvater auf Ifoe abgelegt. Er 190 verließ nun die Inſel mit groͤßerer Unruhe im Herzen, als er dahin gebracht hatte. Unter lei⸗ ſem Plaͤtſchern von den Ruderſchlaͤgen der Fiſcher ſchwamm das Boot uͤber den ruhigen Landſee hin. Sie ſtiegen bei einer Fiſcherhuͤtte ans Land, und ſchweigend wanderte der Koͤnig mit ſeinem klei⸗ nen Gefolge den kurzen Weg nach dem Strande zuruͤck, wo ſeine Schiffe und ſeine uͤbrige Be⸗ gleitung ſeiner warteten. Am zweiten Weihnachtstage ging der Koͤnig bei Wordingborg ans Land, und warf ſeine Ver⸗ kleidung ab. Tiefer Groll verzehrte ſeine Bruſt, eine duͤſtre Wolke bedeckte ſeine Stirne, als er nun zum erſten Mal nach langer Gefangenſchaft ſein liebes, treues Volk wieder begruͤßte. Er zog von Stadt zu Stadt, von Thing zu Thing, um ſich dem Volke zu zeigen und die herzliche Bewillkom⸗ mungs⸗Huldigung der Unterthanen zu empfangen. Der Qual ungeachtet, von der ſeine ſtolze ge⸗ dehmuͤthigte Seele durchdrungen war, konnte er doch nicht umhin, durch die mancherlei ruͤhrenden Beweiſe der Theilnahme und der aufopfernden Liebe des Volks, tief und innig bewegt zu wer⸗ den. Wo der Koͤnig ſich auf den Thingen zeigte, — C—— —,— „ 191 und zu dem Volke tief erſchuͤtternde Worte von der großen Noth und Schmach ſprach, die er und ſein Sohn hatten erdulden„ und wie theuer er ſeine Freiheit und die des noch nicht ausgeloͤ⸗ ſten Prinzen hatte erkaufen muͤſſen, wetteiferten Maͤnner und Frauen, ja ſelbſt Kinder, ihr letztes Schaͤrflein und ihr köſtlichſtes Geſchmeide zu ſeinen Fuͤßen zu legen, ſo daß es, wie groß die Ar⸗ muth des Volkes auch war, doch nicht noͤthig ward, eine Steuer aufzulegen, um das noch feh⸗ lende bedeutende Loͤſegeld fuͤr Dagmors Sohn zu⸗ wege zu bringen. Wenn nun Waldemar, mit edlem Wohlwollen in dem vor Unmuth erbleichten Koͤnigsantlitz, dankte und eine Thingſtelle verließ, um ſich nach einer andern zu begeben, draͤngten ſich Weiber und Kinder, ja ſelbſt Gebrechliche und Kranke herbei, um ihn zu ſehen und den Zipfel ſeines ſcharlachnen Mantels zu kuͤſſen. Sein Hals und ſeine Haͤnde trugen noch ſichtbare Zeichen des Halseiſens und der Buͤgel. Dieſe empoͤrenden Beweiſe der Mishandlung und Demuͤthigung ſtellte er zwar nicht zur Schau, allein tauſend Augen gewahrten mit Thraͤnen, was ſelbſt die haͤrteſten, ſchlaffeſten Gemuther bewegte„ und mit 192 einer Miſchung von Freude und Schmerz, von mitleidenden Seufzern und betaͤubendem Lebehoch⸗ rufen wurde der Koͤnig, faſt wie ein Maͤrtyrer und Heiliger uͤberall begruͤßt und empfangen. Daß indeſſen die Freude des Volks, den Koͤnig zu ſehen, zugleich mit einem unausloͤſchlichen Groll auf den ſchwarzen Graf Heinrich, wie jenes ihn nun im doppelten Sinne nannte, gemiſcht war, bezeugen die Ueberreſte der Volkslieder, die damals von allen Lippen wiederhallten. Die daͤniſchen Krie⸗ ger theilten vor allen den Unmuth ihres geliebten Köͤnigs, und trotz des theuren Eides, der, wie ſie recht wohl wußten, beſchworen war, ſangen ſie oft laut, wenn ſie den Koͤnig ſahen: „Lebt noch eine Weile Koͤnig Waldemar Sieg, Er raͤcht fuͤrwahr ſeinen Schaden.“ Zwar erblaßte Waldemar, aber er ſchwieg und ſeine ſtarke Hand umfaßte den Griff ſeines Schwertes, wenn er dieſes Lied vernahmz und eine geraume Zeit ſchien er nur daran zu denken, das Land von Raͤubern und Dieben zu reinigen und die innere Ordnung und Ruhe wieder zu wege zu bringen. 77 77 193 Der Koͤnig war nach Ribehuus zuruͤckgekom⸗ men; finſter und ſtill ertheilte er ſeine Befehle, und zwiſchen Weihnachten und Oſtern konnte Niemand ihn ohne ein geheimes Grauen anſehen. Oſtern kam, das Loͤſegeld fuͤr den jungen Wal⸗ demar war bezahlt. Mit ſtuͤrmiſcher Freude em⸗ pfing Waldemar ſeinen liebſten Sohn und Mit⸗ gefangenen, das Ebenbild der frommen Dagmor, und ſchloß ihn frei und errettet in ſeine Arme. Bis dahin ſchien der Koͤnig, unter einem furcht⸗ baren innern Kampfe, jeden Gedanken an Rache tief in ſeiner Seele verſchloſſen zu haben. Allein am dritten Oſtertage ritt Carl von Riſe auf ſeinem Schimmel, von Martin und zehn Knap⸗ pen begleitet, aus Ribe fort. Auf ſeiner Bruſt ruhte ein wichtiges Schreiben des Koͤnigs, das er ſicher und eigenhaͤndig an das Ziel zu bringen, ſein Leben zum Pfande geſetzt hatte. Dieſes Ziel ſowohl als der Zweck ſeiner Reiſe war zwar ein Geheimniß, nach dem Niemand zu fragen wagte; allein wer von dieſem Tage an die Zuͤge des Königs erblickte, glaubte eine furchtbare Hoffnung darin zu leſen, und wenn er ſtill und gedankenvoll unter ſeinen Mannen ſaß, war es IV. 13 194 oft, als durchzuckte ein Gedanke ſie alle, und als harrten ſie nur eines Wortes aus dem Munde des Königs, um ſogleich den Harniſch anzulegen. Auf dem Schloſſe zu Schwerin ſaß indeſſen Graf Heinrich ſtolz und ſicher, und dachte nur da⸗ ran, ſeine Gewalt und ſeine Herrſchaft zu befeſtigen und zu erweitern. Um ſeine ungluͤckliche Gattin bekuͤmmerte er ſich nicht mehr. Er ließ ſie einen andern Fluͤgel des Schloſſes bewohnen, und ſah ſie nie. Ihren mißlungenen Verſuch„ ſelbſt zu entfliehen und den Koͤnig zu befreien, hatte er entdeckt, und glaubte daher ſein hartes Verfahren mit ihr voͤllig gerechtfertigt.— Ueber den Burg⸗ voigt und die Dirne, die Mitſchuldige jenes AUnternehmens geweſen, hatte er ein ſtrenges Haus⸗ gericht gehalten. Er glaubte in der Schlacht bei Moͤln jeden Fleck von ſeiner ritterlichen Ehre ab⸗ gewaſchen zu haben, indem er Proben gegeben, daß er als der Unterdruͤckte und Schwaͤchere nicht aus Mangel an Muth und Juͤchtigkeit im Kriege ſeine Zuflucht zur Liſt genommen, als er ſeinen aufgedrungenen Lehnsherrn gefangen hatte. Von ſeinem Kriegesgluͤcke, und von dem Rufe der Mann⸗ haftigkeit, die er durch den Sieg uͤber den tapfern 195 und beruͤhmten Grafen Albert gewonnen hatte, aufgeblaſen, warf er ſich jetzt als ein unuͤberwind⸗ licher Sieger in die Bruſt und machte die foͤrm⸗ liche Abtretung Lauenburgs zu der einzigen Be⸗ dingung fuͤr die Freiheit des Grafen Albert. Dar⸗ auf konnte und wollte der gefangene Feldherr ſich nicht einlaſſen. Er trug duͤſter und ſchwei⸗ gend, als einer der nichts mehr in der Welt zu verlieren hat, ſeine Ketten, und wuͤrdigte den Antrag des Grafen Heinrich keiner Antwort. Durch dieſen Hohn gereizt, behandelte Graf Heinrich den tapfern Schweſterſohn des Koͤnigs Waldemar noch haͤrter, und ließ in ſeiner uͤber⸗ muͤthigen Sicherheit die jungen Prinzen ſowohl, als Junkherr Strange, Aſtrad Fracke, Bioͤrn Mundſchenk, und die uͤbrigen treuen Maͤnner des Köoͤnigs, die er in der Gefangenſchaft gehalten, auf vielerlei demuͤthigende Weiſe ſeine Ueberlegen⸗ heit fuͤhlen. Er kannte den ritterlichen Koͤnig gar zu wohl, um einen Friedensbruch von ihm zu be⸗ fuͤrchten, ſo lange Waldemar Kraft der Geſetze der Ritterſchaft und des Chriſtenthums durch Ge⸗ wiſſen und Ehre gebunden war. Der ſchlaue Graf ſtand bei dem Kaiſer und allen deutſchen 13 8 196 Fuͤrſten, ja ſelbſt bei dem Pabſte ſehr wohl ange⸗ ſchrieben, welcher Letzteren, nachdem er ihm mit Bann und ewiger Verdammniß gedroht, ihn nun ſogar einen edeln Mann(nobilis vir) nannte. Au⸗ ßerdem beſaß er maͤchtige Freunde unter den Bi⸗ ſchöfen und Praͤlaten, welche, ſeiner Meinung nach, hinreichenden Einfluß am paͤbſtlichen Hofe beſaßen, um dem, was er von dieſer Seite be⸗ fuͤrchtete, vorzubeugen. Zu noch groͤßerer Si⸗ cherheit hatte er geheime Wachen und Kundſchaf⸗ ter ausgeſtellt, um alle daͤniſche Reiſende, die nach Rom gedachten, zuruͤckzuhalten und aufzu⸗ greifen. An einem der erſten Tage des Septembers hatte Graf Heinrich eine luſtige Jagdgeſellſchaft bei ſich, die groͤßtentheils aus reichen ſchwerini⸗ ſchen Gutsherren, die von dem Grafen Heerſchild und Nitterwuͤrde empfangen hatten, beſtand, welche daher ſich verpflichtet hielten, ſeine Mann⸗ haftigkeit und Tapferkeit uͤber die Maßen zu erhe⸗ ben und zu preiſen. Unter mehrern fremden Rit⸗ tern und fuͤrſtlichen Herren war zu derſelben Zeit der junge Graf von Holſtein ſein Gaſt. Dieſer ſtille und ernſthafte Herr, deſſen alter Vater auf Sioborg 197 gefangen gehalten worden, und alle ſeine Laͤnder verloren hatte, war mit Fug einer der unver⸗ ſoͤhnlichſten Feinde Waldemars. Graf Heinrichs Verraͤtherei und unritterliches Verfahren gegen den Koͤnig hatte er jedoch nie gebilligt; indeſſen war er doch dadurch zur Rache und Vergeltung an Waldemar gelangt, und hatte nun Nordalbingien und alle alten Rechte und Herrlichkeiten ſeines Vaters zuruͤckgewonnen. Allein ſeine Freude dar⸗ uͤber war nicht groß, denn ſein alter Vater litt noch an den Folgen ſeiner Gefangenſchaft und den vielen Widerwaͤrtigkeiten, die ihm begegnet waren. Der alte Herr hatte auf ſeinem alten Herrenſitze, Schowenburg, der Welt entſagt, und kindlicher Antheil an dem Grame des Vaters hatte den jungen ritterlichen Grafen ſinſter und in ſich verſchloſſen gemacht. Die Spuren eines langgeheg⸗ ten unausloͤſchlichen Grolls waren ſeinem tuͤchti⸗ gen Heldengeſicht tief eingepraͤgt; allein jene Zuͤge waren durch einen Ausdruck ſtillfrommer Schwaͤr⸗ merei, zu der er ſeit ſeiner fruͤheſten Jugend ge⸗ neigt geweſen, auffallend gemildert. In ſeinem herzoglichen purpurnen Mantel, mit goldnen Kro⸗ nen geſtickt, ſaß er ſtumm und bedenklich in dem 198 luſtigen Gelage und ſchuͤttelte den Kopf, waͤh⸗ rend Graf Heinrich mit uͤbermuͤthigem Gleich⸗ muthe, nur um die Gaͤſte zu ergoͤtzen und ihnen ſeinen Muth zu zeigen, ſeinem gegenwaͤrtigen de⸗ muͤthigen Hauskapellan das letzte drohende Schrei⸗ ben des Pabſtes uͤberſetzen und erklaͤren ließ. Es war vom 19ten Juni und enthielt eine ernſtliche Aufforderung an den Knaben, unverzuͤglich die koͤniglich daͤniſchen Gefangenen und Geiſelg los⸗ zulaſſen, ſo auch alle Anſpruͤche auf das noch nicht bezahlte Loͤſegeld fuͤr den Koͤnig Waldemar aufzugeben. Alle fanden die Ausdruͤcke des Briefes ſehr bedenklich, nur Graf Heinrich lachte hoͤhniſch, und es entſchluͤpften ihm vermeſſene Aeußerungen uͤber die alten, ohnmaͤchtigen Blitzſtrahlen des Vaticans, an die kein freier und muthiger Fuͤrſt ſich laͤnger zu kehren brauchte.„Habe ich, als freier deutſcher Reichsfuͤrſt, des Koͤnigs Despotis⸗ mus abgeworfen und den dritten Artikel des Schweriner Rechts(de regia potestate) vertil⸗ gen koͤnnen,“ ſagte er dreiſt,„ſo wird wohl auch die Zeit kommen, wo man auf deutſchem Grund und Boden ſolch ein Laͤppchen unter die —,— —,— 199 Fuͤße treten darf!“ Mit dieſen Worten ſetzte er die ſchmutzige Hacke ſeines Stiefels auf das paͤbſt⸗ liche Siegel. Der furchtſame Hauskapellan bekreuzte ſich, aber ſchwieg. Die rohen ſchweriniſchen Gutsherren er⸗ griffen luſtig die Becher und tranken auf die Geſundheit des vermeſſenen Grafen; nur Her⸗ zog Adolph ſchob den Becher mit Unwillen weit von ſich fort:„Gedenket des Kaiſers Otto und des Biſchofs Waldemar von Schleswig, Graf Heinrich!“ ſagte er ernſt,„und verachtet nicht die gewaltige Hand, die uns Alle, waͤren wir auch Kaiſer und Koͤnige, loͤſen und binden kann!“ „Ich kann ſelbſt Konige und Fuͤrſten loͤſen und binden,“ gab Graf Heinrich zur Antwort, „das habe ich dem Pabſte und der ganzen Welt gezeigt!““ „Ja wohl, Graf Heinrich!“ verſetzte der Herzog,„Ihre Haͤnde und Fuͤße koͤnnt Ihr bin⸗ den, und nicht bloß, wenn ſie ſchlafen und be⸗ rauſcht find, ſondern auch in offener ehrlicher Fehde, das habt Ihr an dem tapfern Grafen Albert gezeigt; allein die Seelen der Koͤnige und Fuͤrſten—“ „Auch ſie kann ich binden,“ fuhr Graf Heinrich lachend fort;„koͤnnt Ihr laͤugnen, daß ich die ſtolze, rachſuͤchtige Seele des Königs Wal⸗ demar gebunden, ſo daß er nun im ohnmaͤchti⸗ gen Grolle bis zu ſeinem Tode ſchnauben muß? Seht, ob er jetzt nur die Hand gegen mich oder Euch aufheben darf, obgleich er frei auf ſeinem Throne ſitzt!“ „Wohl, Graf! Ihr habt die groͤßte und ſtol⸗ zeſte Heldenſeele, die ich kenne, gebunden,“ verſetzte der Herzog mit einem edeln Ausdruck in dem ern⸗ ſten Geſichte;„ich muß ihn bis in den Tod haſſen, das iſt wahr, allein immer habe ich ſeine Seelen⸗ ſtaͤrke verehrt; ich bewundere ihn noch in ſeiner Demuͤthigung und Selbſtbeherrſchung, wie ich ihn in Ketten bewunderte. Das Gewiſſensband, mit dem Ihr ſeinen Willen gebunden, zerreißt er ge⸗ wiß nicht eigenmaͤchtig; doch nimmts mich Wun⸗ der, Graf Heinrich, daß Ihr deſſen ſo Iawiß ſeyd!“. „Warum? Ich kenne ihn ja eben ſo gut, wie Ihr, Herzog!“ „Allein Ihr waret ja ſelbſt einmal in einer aͤhnlichen Lage!“ erwiederte dieſer mit einem fluͤch⸗ tigen Ausdruck, der nicht ganz von Geringſchaͤtzung frei war:„damals nahmet Ihr keinen Anſtand, Euch ſelbſt als ein kluger Staatsmann von einem erzwungenen Eide zu loͤſen.“ Graf Heinrichs Wangen gluͤheten und eine bit⸗ tere Antwort ſchwebte ihm auf den Lippen, allein er hielt ſie zuruͤk.„Die Rede war von etwas anderm,“ ſagte er gleichguͤltig und ergriff den Becher.. „Sie war vom heiligen Vater,“ verſetzte ru⸗ hig der Herzog,„in wiefern er in der That ſelbſt gewaltiger als der weltliche Fuͤrſt iſt, der mit ei⸗ nem Eide die ſtolzeſte Koͤnigsſeele band! Allein das will ich Euch doch ſagen, Graf Heinrich! dar⸗ in iſt doch der heilige Vater gewaltiger, als Ihr und wir alle, daß er mit einem einzigen kleinen Worte das loͤſen kann, wozu Ihr die Siegel von Koͤnigen und Fuͤrſten, die Reliquien und heiligen Buͤcher,— die Ehrlichkeit und den ritterlichen Geiſt eines großherzigen Feindes zu binden,— gebraucht habt.“ 4 Graf Heinrich erblaßte.„Seitdem Ihr Her⸗ zog von Nordalbingien geworden ſeyd,“ gab er heftig zur Antwort,„ſollte man faſt meinen, daß Ihr Euch ſelbſt als Vaſall des Koͤnigs von Daͤnemark anerkenntet. Ihr ſolltet doch nicht vergeſſen, wem Ihr die Herzogs⸗ Krone zu ver⸗ danken habt, und die Hand nicht geringſchaͤtzen, die den Todfeind Eures Vaters unterjochte!“ „Meine Abſicht war nicht, Euch zu beleidi⸗ gen, tapferer Bundesgenoſſe!“ verſetzte der Her⸗ zog ruhig;„ich billige nur nicht, daß Ihr die Groͤße unſers gemeinſamen Feindes nicht erkennt, und daß Ihr aus weltlichen und gewinnſuͤchtigen Gruͤnden nicht darauf achtet, wozu der heilige Vater der Chriſtenheit, im Namen der Gerechtig⸗ keit und Menſchlichkeit, Euch ermahnt, ja was er Euch befiehlt!“ „Das werde ich ſelbſt, ſowohl hier als in der kuͤnftigen Welt, verantworten!“ ſagte Graf Heinrich gleichguͤltig und leerte ſeinen Becher; „mit einem ſo frommen Herrn, wie Ihr, will ich nicht uͤber Gewiſſensſachen ſtreiten. Jeder hat das ſeinige, wißt Ihr, und ich das meine. Ich denke noch den Tag zu erleben,“ fuͤgte er mit einem bittern Laͤcheln, zu den Uebrigen hin⸗ gewandt, hinzu,„wo der fromme Herzog Adolph 203 im Pfaffengewande und der Tonſur uns Alle in dem Beichtſtuhle bekehrt!“ Alle Ritter laͤchelten; doch Graf Adolph er⸗ wiederte mit derſelben Ruhe, wie vorher:„Die Zeit mag wohl kommen, Ihr Herren! wo ich die Thuͤrſchwelle des Gotteshauſes dem fuͤrſtlichen Seſſel im Schloſſe vorziehen werde; allein ich zweifle, daß ich Jemanden von Euch, Ihr guten Herren, zu ſolcher Thorheit verleiten werde.“ Da wurde die Thuͤr hurtig geoͤffnet und die unfreundliche Unterredung plötzlich durch den Ein⸗ tritt eines beſtaubten Ritters unterbrochen, der dem Grafen Heinrich eine Botſchaft uͤberreichte. „„Ein Ungluͤcksbote bin ich, edle Herren!“ ſagte er athemlos;„der Koͤnig von Daͤnemark iſt von ſeinem Eide entbunden!“ Graf Heinrich fuhr wie wuͤthend auf.„Von ſeinem Eide entbunden!“ rief er.„Tod und Hoͤlle! dann iſt's nicht mehr Zeit, hier ſtill zu ſitzen!“ Alle fuhren in die Hoͤhe, den Grafen Adolph ausgenommen, der ruhig wie vorher ſitzen blieb und ſeinen Becher leerte. Graf Heinrich durch⸗ lief das Schreiben und warf es, vor Unmuth 204 ſchaͤmmend, zu Boden.„Er ſteht ſchon an der Spitze eines Heeres!“ ſchnaubte er.„Ver⸗ dammt! er ruͤckt gegen Ditmarſchen. Hoͤrt Ihr, Herzog Adolph! es gilt Euch und Nordalbingien zuerſt! „Ich habe es erwartet!“ ſagte der Herzog, ſich erhebend.„Darum bin ich hergekommen.. Mein Heer ſteht bereit.“ „„ Und das meine ſoll binnen vier und zwanzig Stunden zum Aufbruch fertig ſeyn,“ ſprach Graf Heinrich.„Hier, meine Hand, Herzog! wir ſind Bundesgenoſſen im Leben und Tod. Wir haben einen gemeinſamen Feind und gemeinſamen Nutzen. Verſchiedene Meinungen ſollen nie un⸗ ſern Bund locker machen!“ Schweigend und ruhig empfing Herzog Adolph ſeinen heftigen Haͤndedruck. Es wurde beſchloſ⸗ ſen, daß man dem erbitterten Koͤnige keine Zeit geben ſollte, Rendsburg zu nehmen und ſich der Elbe zu naͤhern, ſondern daß man ihm entgegen ziehen und ſein Fortruͤcken je eher je lieber ver⸗ hindern muͤſſe. Die Botſchaft, die eine ſo ploͤtzliche Bewe⸗ gung im Schloſſe zu Schwerin erregte, war voͤl⸗ lig wahr. Carl von Riſe hatte mit der groͤßten Vorſicht und Anſtrengung ſeinen ſchweren Auftrag ausgefuͤhrt. Er hatte mit Umſicht und Schlau⸗ heit die Kundſchafter und verſteckten Hinterhalte des Grafen Heinrich an der daͤniſchen Grenze zu taͤuſchen und ihnen zu entgehen gewußt. So war er nach Rom gekommen und eben ſo gluͤck⸗ lich wieder zuruͤckgekehrt, obgleich er, an den Grenzen von Nordalbingien, ſich mit ſeinen we⸗ nigen Knappen durch eine vermummte Naͤuber⸗ ſchaar den Weg hatte bahnen muͤſſen. Das Schreiben, das er dem Pabſte von dem Koͤnige uͤberbracht hatte, war mit klugen und wohlge⸗ ſtellten Worten geſchrieben. Die Wuͤrde und der eeigene Vortheil des paͤbſtlichen Stuhles waren darin durch Beziehung auf die Hoffnung, wozu Koͤnig Waldemars Mitwirkung zur Befreiung des heiligen Landes— wenn er ſelbſt von dem druͤk⸗ kenden Joche befreit worden war— berechtigte, mit Feinheit beruͤhrt. Dieſer wichtige Beweg⸗ grund, mit der wohlwollenden Zuneigung des Pabſtes fuͤr den heldenmuͤthigen, gemißhandelten 206 Koͤnig vereint, hatte ſeine Wirkung nicht verfehlt. Durch ein Sendſchreiben an den Koͤnig, vom 26ſten Juni, hatte der Pabſt ihn foͤrmlich des Ei⸗ des entbunden und im Namen der Kirche ſein Gewiſſen von allen Scrupeln und ſeine ritterliche Ehre von jedem Flecken und Fehler befreit, in⸗ ſofern er mit Waffenmacht die ihm fruͤher von Kaiſer und Pabſt zuerkannten Rechte gegen ſeine aufruͤhreriſchen Vaſallen behaupten wuͤrde. Im maͤchtig emporloderndem Gefuͤhle ſeiner Freiheit und Kraft hatte der Koͤnig, mit dem Briefe an ſeinem hochklopfenden Herzen, Schild und Harniſch von der Wand geriſſen und mit furchtbarer Freude ſich auf ſeinen Streithengſt ge⸗ ſchwungen. Er trug eine flammengoldne Ruͤſtung und einen Wappenſchild, wie den ſeines Vaters. Graf Otto, Carl von Riſe, Johann Ganz, Ab⸗⸗ ſalon Balg mit ſeinen Schwaͤgern, mit vielen andern tapfern Rittern, begleiteten den Koͤnig. An der Spitze eines anſehnlichen Heeres drang er ſchon vor, als ein furchtbarer Richter und Raͤ⸗ cher, und verbreitete Schrecken und Entſetzen un⸗ ter den abgefallenen Nordalbingiern. Die tapfern Friſen waren ihm getreu geblieben und in großen angefuͤhrt, zu ihm geſtoßen. Sie waren dem Koͤnige eine willkommene Verſtaͤrkung; denn es gab Niemanden, der ſich ſo gut auf den Kampf in den ſumpfigen Marſchlaͤndern verſtand, wie die muthigen Friſen mit ihren Spieſen und leichten Pferden. Waͤhrend nun der Koͤnig mit der Bezwin⸗ gung der abgefallenen Ditmarſchen, die tapfern und hartnaͤckigen Widerſtand leiſteten, den Feld⸗ zug eroͤffnen mußte, ruͤckten der Graf Heinrich und Herzog Adolph ganz an die Eider herauf. Den Abend vor St. Michaels⸗Tag hatten ſie nahe an dem Strome ihr Lager aufgeſchlagen. Denſelben Tag erfuhren ſie durch Ausreißer, daß der König die Ditmarſcher uͤberwunden hatte und aufgebrochen war, um Rendsburg zu beſtuͤrmen. Das Gluͤck und die Schnelligkeit, womit der Kö⸗ nig vordrang, hatten ſie vorſichtig und bedenklich gemacht. Spaͤt in der Nacht ſaßen ſie noch ernſt und wortkarg und leerten einen Becher Wein zu⸗ ſammen in Graf Heinrichs Zelte. Der Mond ſpiegelte ſich ſtill im Fluſſe und miſchte ſein bleiches Licht in den Schein einer einzelnen Kerze im Zelte. Man Haufen, von Swend Starke und Bruder Altlein 208 hoͤrte den abgemeſſenen und einfoͤrmigen Gang der Schildwachen von außen mit ihren leiſe klirren⸗ den Waffen. Auf Befehl des Grafen Heinrich war es ganz ſtill im Lager und kein Licht oder Wachtfeuer durfte angezuͤndet werden. „Sollte ſein altes Hoͤllengluͤck zuruͤckkehren?“ murmelte endlich Graf Heinrich und ſtieß den Becher hart auf den Tiſch.„Hm! Ich Thor, der ich ihn von den Buͤgeln befreiete.“ „Bereuet nicht die That,“ entgegnete der Herzog.„Nun erſt koͤnnen wir mit Ruhm das gewinnen, deſſen wir uns ſonſt nie ruͤhmen durf⸗ ten. Waͤren nur nie andere Waffen gegen ihn gefuͤhrt, als diejenigen, die wir nun tragen!— Allein geſchehen iſt geſchehen! Ihr habt ihn das Ungluͤck kennen gelehrt, Graf!— Jetzt weiß er, wie einem edelgebornen Fuͤrſten zu Muthe iſt, der Feſſeln und Buͤgeln tragen muß, und jetzt wird er nicht vor dem Schwerte meines Va⸗ ters in meiner Hand beſtehen, ſo wahr meine Sache gerecht und ein ewiger Vergelter uͤber uns Allen iſt!“ „Auf ſeine That ſoll er fallen!““ ſagte Graf Heinrich;„wir wollen uns aber nicht ereifern, 209 Herzog! ob auch Eure Sache die gerechteſte iſt oder nicht. Der Naͤcher und Vergelter dort oben, auf den Ihr fußt, ſchickt uns keine Reiter. Be⸗ vor der Herzog von Sachſen mit ſeinen tauſend Helmen zu uns ſtoͤßt, koͤnnen wir dem Koͤnige im offenen Felde nicht begegnen.“ „Warum zogen wir denn hieher?“ fragte der Herzog betroffen.„Waldemar muß uns ja hier auf dem Wege nach Rendsburg treffen!“ „Hier werden wir ihm begegnen, wenn er es am wenigſten erwartet. Seht Ihr jenen großen Moor? Herzog!“ verſetzte Graf Heinrich mit ſchlauer Miene, und zeigte mit dem Finger aus dem Zelte.„Jenſeits geht der Weg nach Rends⸗ burg. Hier iſt unſer Lager von dem Geſtraͤuche verſteckt; hier erwartet er keinen Feind. Sobald mir meine Kundſchafter nun die Nachricht brin⸗ gen, daß er mit dem Heere jenſeits des Moores nahet, ſprengen wir ploͤtzlich mit der leichten Rei⸗ terei hinuͤber, und ehe er begreifen kann„ woher der Feind koͤmmt, werden wir eine größere Zer⸗ ſtörung, als durch die groͤßte Schlacht, in ſeinem ungeordneten Heere angerichtet haben!“ IV. 14 210 „Wir liegen alſo hier auf der Lauer in ei⸗ nem Hinterhalte!“ ſagte der Herzog, ſich erhe⸗ bend, verdrießlich.„Das habe ich nicht gewußt, Graf Heinrich! So war meine Abſicht und un⸗ ſere gemeinſame Abrede nicht!“ „Verzeiht mir die kleine Umaͤnderung, Her⸗ zog!“ nahm Graf Heinrich beſaͤnftigend das Wort, und fuͤllte den Becher des Genoſſen.— „Ihr ſeyd kein Freund von der Kriegsliſt, das wußte ich. Ihr beſitzt ein ſo zartes Gewiſſen, daß ich Euch nicht fruͤher dieſen Anſchlag mit⸗ theilen durfte.— Nun iſt die Verantwortung mein und ich habe Euch von allen Serupeln be⸗ freit. Entweder muͤſſen wir dem Koͤnige gerade vor unſern Augen Rendsburg nehmen laſſen, oder raſch uͤber den Moor hinuͤber ſprengen und ihm den Weg abſchneiden. Zum Kampf im offnen Felde iſt hier weder Raum noch Zeit!“ 4„Es iſt ein niedriger und ſchmutziger Weg, auf dem Ihr uns zum Siege fuͤhren wollet, Graf Heinrich!“ entgegnete der Herzog mit eifri⸗ gem Unmuthe,„und nicht einmal Eure Klug⸗ heit darf ich diesmal loben. Habt Ihr die Tiefe des Moors gemeſſen, und wißt Ihr, ob nicht 211 dort loſer Grund ſich befindet, der uns Allen ein tiefes und unruͤhmliches Grab werden kann? „Wir haben ſtarke und muthige Pferde.— Wo viel zu gewinnen iſt, muß auch etwas aufs Spiel geſetzt werden.— Wo es am tiefſten iſt, ſollen meine Reiter an der Spitze vordringen. Hundert Mann und Reiter opfere ich uns zu ei⸗ ner Bruͤcke auf; das erſpart uns vielleicht tau⸗ ſend nachher. Ich glaubte, daß die Gefahr am allerwenigſten in Betrachtung kommen wuͤrde, wo der tapfere Herzog Adolph mit iſt.— Der Weg der Gefahr iſt auch der der Chre!“ Eine Schildwache trat ſchnell in das Zelt. „Ich hoͤre Laͤrm jenſeits, ſtrenger Herr!“ ſagte er unruhig, ehrerbietig mit dem Spieſe gruͤßend. „Es iſt ohne Zweifel das koͤnigliche Heer!“ Faſt in demſelben Augenblicke kam ein Kund⸗ ſchafter an; er beſtaͤtigte die Ausſage der Schild⸗ wache.— Jetzt draͤngte ſich ein Haͤuptling nach dem andern hinzu, um die Befehle des Heerfuͤh⸗ rers zu vernehmen. Zu langem Bedenken war keine Zeit mehr. Es war dem Herzoge aͤußerſt wichtig, den Koͤnig fern von Rendsburg zu hal⸗ ten, und der Plan des Grafen Heinrich wurde 14* 112 ſogleich in Ausfuͤhrung gebracht. In der groͤß⸗ ten Eile warf ſich der Graf auf ſeinen leichteſten Gaul. Herzog Adolph ſchuͤttelte den Kopf, aber begleitete ihn; mit ſo wenigem Geraͤuſch, als moͤlich, folgten die Reiſigen ihren fuͤrſtlichen An⸗ fuͤhrern. Es begann zu daͤmmern; allein ein ſtarker Nebel verhuͤllte die ſumpfige Gegend. Jenſeit des Moores war der Weg mit Reiſigen und Wagen angefuͤllt. Unter den vorderſten Reitern ritt der Konig, zwiſchen ſeinem Sohne und dem Grafen Otto, uͤber eine niedrige gruͤne Aue, die unter dem Pferdehufe bebte. Sie ſprachen von der Widerſpenſtigkeit der Ditmarſchen und dem Ab⸗ falle der wendiſchen Staͤdte. Die Weiſe, auf welche die Luͤbecker, unter dem Vorwande, ein friedliches und frohes Volksfeſt zu feiern, die daͤ⸗ niſche Beſatzung uͤberraſcht und getaͤuſcht, hatte einen ſo bittern und empoͤrenden Eindruck auf das ſonſt ſo fromme und ſanftmuͤthige Gemuͤth des jungen Waldemars hervorgebracht, daß er nur mit der groͤßten Heftigkeit und Unmuth da⸗ von ſprechen konnte.„Bei Gott, Vater!“ ſprach er eifrig mit erhobener Hand,„wenn Ihr 213 nicht ſelbſt den Tag erleben ſolltet, da Ihr jene undankbaren, treuloſen Verraͤther wegen dieſer Heimtuͤcke ſtrenge zuͤchtiget, ſo koͤnnte doch ich es einmal thun, waͤre es auch der einzige Krieg, den ich in meinem Leben fuͤhren ſollte!“ „In der Noth habe ich meine Freunde ken⸗ nen gelernt,“ entgegnete der Koͤnig ruhig;„auf dieſe Kraͤmerneſter habe ich nie vertraut. Ihr Vaterland erſtreckt ſich keinen halben Fuß außer ihren Stadtmauern, und mit ihrer Liebe und Treue treiben ſie Kleinhandel, wie mit Pfeffer und Salz.— Du haſt in dieſen Tagen wacker gefochten, mein Sohn!“ fuhr er fort, und be⸗ trachtete den zorngluͤhenden Juͤngling mit Wohl⸗ behagen.„Ich habe Dir Unrecht gethan, als ich glaubte, daß Du nur geboren ſeyſt, um in der Heimath auf den Thingen zu ſitzen und das Scepter in Frieden zu tragen; allein ich will Dir doch einen guten Rath geben, mein Waldemar! Denke nie daran, was Du in zehn Jahren thun willſt, wenn Du Dich entſchloſſen haſt, morgen eine Feſtung zu ſtuͤrmen!— und verſchwende nicht Deinen Zorn an unritterlichen Sclavenſeelen, 214 die große Worte machen, wenn der Lowe nicht da iſt, und ihn mit Fuͤßen ſtoßen, wenn ſie ihn todt glauben. Bei der Brut iſt keine Chre zu gewinnen, vertilgte man ſie auch von der Erde!“ Graf Otto lachte und fragte den König: „warum er denn auf Graf Heinrich von Schwie rin und ſeine Freunde zuͤrnte?“ „„Sie gehoͤren nicht zum Geſchlechte der Sclavenſeelen, mein Neffe!“ entgegnete der Kö⸗ nig mit ſtrengem Ernſte.„Graf Heinrich ſelbſt haͤtte ein großer Mann werden koͤnnen, waͤre nicht ein haͤmiſcher Tiger ſein Verwandter gewe⸗ ſen. Daß auch Löͤwenblut in ſeinen Adern fließt, wird ſelbſt ſein Todfeind nicht laͤngnen koͤnnen. Gedenke der Schlacht bei Möln, Neffe!— Wir duͤrfen ihn als einen Teufel haſſen; als Ritter koͤnnen wir ihn verachten, aber nicht als Krieger und Heerfuͤhrer!“ Graf Otto erröthete und ſchwieg. „Was Graf Adolph betrifft,“ verſetzte der Koͤnig ſanfter, faſt wehmuͤthig,„da moͤchte ich wohl wuͤnſchen, daß er nicht mein Feind waͤre, und daß er nicht ſchlimmer von mir urtheile, 215 als ich vom ſchwarzen Grafen Heinrich urthei⸗ len muß.“ „Wie ſo? mein koͤniglicher Herr!“ fragte Graf Otto erſtaunt; und der junge Waldemar betrachtete den Vater mit einem liebevollen, theil⸗ nehmenden Blicke. „Ich habe ſeinem Vater Unrecht, ſchmaͤhli⸗ ches Unrecht gethan!“ fuhr der König fort.— „Jeden Tag, den ich dort im Thurme in Ket⸗ ten und Banden verlebte, habe ich an den alten Grafen und an Sioborg gedacht; und als ich mir um Reiche und Laͤnder Freiheit erkaufen mußte, wurde ich inne, wie dem gedemuͤthigten Grafen zu Muthe geweſen ſeyn mochte, als er Nordalbingiens Herzogskrone entſagte.“ Der Zug ſtockte; denn in der neblichten Morgendaͤmmerung konnte man nicht gewahren, ob das Heer geſammelt war oder nicht. Da kamen Abſalon Balg und Carl von Riſe in ge⸗ ſtrecktem Laufe herangeſprengt und riefen:„Feinde! Feinde! Herr Köͤnig!“ „Wo? traͤumt Ihr?“ fragte Waldemar, ſchnell umſchauend.„Ich ſehe keinen!“ 216 „„ Sie ſetzten uͤber den Moor!“ entgegnete Carl.— Jetzt vernahm der Koͤnig und ſeine Mannen ein fernes Plaͤtſchern und Stoͤhnen, wie von watenden und arbeitenden Pferden, und man konnte Waſſen und Reiter durch den Nebel er⸗ blicken.. „Iſt es moͤglich!“ rief der Koͤnig.„Nun, bei St. Michael! das Wagniß ſollen ſie bereuen. Laßt die Reiter vorruͤcken, Otto! Doch keine Fußbreite dem Moore naͤher, als bis ich ſelbſt komme. Ich will meine Reiter nicht im Schlamme begraben.— Laßt die Erde die Tollkuͤhnen ver⸗ ſchlingen!“ „Der ſchwarze Graf Heinrich iſt mit, ich ſehe ſeinen rothen Federbuſch!“ rief Carl von Riſe.— „Vorwaͤrts denn„ wenn auch die Erde ver⸗ ſinkt!“ gebot der Koͤnig und ſpornte ſeinen Hengſt an. Der junge Waldemar und alle Rit⸗ ter folgten ihm, und d Graf Otto mit den Reittin ſtuͤrzten ihm nach. Mitten im Moore erreichten ſich die erbitter⸗ ten Feinde. Viele Reiter und Pferde ſanken, und ein heftiges Gefecht begann. Der eine konnte 217 den andern wegen des Nebels nicht ſehen; es war, als kaͤmpften unſichtbare Geiſter gegen ein⸗ ander in den Wolken. Unter dem heftigen Kampfe ſtarrte der Koͤnig in den Nebel hinein, um nur den rothen Federbuſch des Grafen Heinrichs, der bald verſchwand, bald wieder zum Vorſchein kam, zu erblicken. So kam er in der Hitze des Ge⸗ fechtes immer tiefer in den Moor hinein. Ein kraͤftiger Schwertſchlag ſpaltete den Helm des Königs in demſelben Augenblicke, wo ſein wilder Streithengſt mit den beiden Hinterfuͤßen in den Schlamm hineinſank.„Vom Vergelter!“ klang eine kraͤftige, hohle Stimme durch die Nebelwolke, und das Schwert blitzte auf's Neue uͤber dem weißen Haupte des Koͤnigs, doch Carl von Riſe's Schild fing den Hieb auf. Der junge Walde⸗ mar erhob ſich im Sattel, riß ſeinen Helm her⸗ unter und ſetzte ihn auf das entblößte Haupt des Vaters; alle Ritter umringten den Koͤnig, und der mannhafte Feind war verſchwunden. 3 Der Hengſt des Koͤnigs ſtand wieder auf fe⸗ ſtem Boden.—„Tod und Verderben!“ rief der Koͤnig,„woher kam der Hieb? Ha! den ro⸗ 218 then Helmbuſch ſehe ich nicht. Vthhärtn, vor⸗ waͤrts! mir fehlt nichts! Mit dem Koͤnige an der Spitze, drangen die Rit⸗ ter wieder vor, und bald war das Gefecht beendet. Graf Heinrich und Herzog Adolph mußten mit großem Verluſte ihre Rettung durch die Flucht ſuchen. Der Koͤnig hatte auch manchen muthi⸗ gen Reiter verloren; allein als die Sonne auf⸗ ging und den fuͤrchterlich zerſtampften Wahlplatz beleuchtete, hatte er das Feld behalten. Jetzt 4 erſt wurde man gewahr, wie viel das mislungene Wagniß dem Feinde gekoſtet hatte, und wie nahe der Koͤnig und ſeine Ritter der bodenloſen Tiefe geweſen, die Graf Heinrichs beſte Reiter verſchlungen hatte. Nach dieſem gluͤcklichen aber nichts entſcheiden⸗ den Gefechte ſetzte der Koͤnig ungehindert den Zug nach Rendsburg fort. Er druͤckte ſeinem biederben Sohne die Hand und gab ihm den Helm zuruͤck, den er nun erſt bemerkte, als er fuͤhlte, daß dieſer ihm einen blutigen Ring in die Stirn hineingedruͤckt hatte. Die große ſchwarze Sturmhaube, die der Koͤnig ſtatt des Helmes waͤhlte, gab ihm ein wildes, furchtbares Anſehen. 1 219 Er ritt ſinnend und duͤſter vorwaͤrts, und ſchien uͤber einem Gedanken zu bruͤten, den er nicht ausſprechen wollte. 1 Bald vernahmen Waldemars Feinde mit Ent⸗ ſetzen, daß er Rendsburg mit Sturm genommen unnd ſich beinahe ganz Nordalbingien unterworfen hatte. Er verfuhr mit großer Strenge und ließ viele Staͤdte pluͤndern. Er belagerte Itzehoe und und Segeberg, und ſchien eben ſo maͤchtig und unuͤberwindlich, wie vorher. Allein im Herzen des Königs wohnte eine Unruhe, die ſein anſchei⸗ nendes Waffengluͤck, und das beruhigende Schrei⸗ ben des Pabſtes auf ſeinem Buſen, nicht be⸗ ſchwichtigen konnte. Wo er ging und ſtand, ver⸗ nahm er jene Stimme, die mit dem gewaltigen Hiebe ihm:„Vom Vergelter!“ zugerufen hatte, und die drohende Warnung des frommen Erzbiſchofs wiederhallte ſchaudererregend in ſeiner Seele.— In Rendsburg hatte er ſich von o nem Geiſtlichen die Geſchichte des Koͤnigs Zede⸗ chias aus der nalg Schrift vorleſen laſſen, und von der Stunde an war er noch finſterer und gedankenvoller, wenn er nicht in dem wilden 220 Kriegsgetuͤmmel ſeine Gewiſſensbiſſe zu vergeſſen und zu uͤbertaͤuben ſchien. An der Grenze von Nordalbingien und Wa⸗ grien liegt ein kleines Dorf mit einer Kirche, noch aus der Mitte des zwoͤlften Jahrhunderts. Unweit deſſelben fließt das Fluͤßchen Svaͤntina, und zwi⸗ ſchen dieſem und der Kirche verbreitet ſich eine große braune Haide, die von alten Schriftſtellern Svaͤntinefeld genannt wird. Von dieſer ſtroͤmen viele Baͤche und Quellen dem Fluſſe zu, woher auch dieſe Haide von dem Volke Bornhoeft(das Haupt oder der Urſprung der Quellen) genannt wird. Hier fand endlich die große denkwuͤrdige Schlacht ſtatt, die Waldemarn mitten in ſeiner fuͤrchterlichen Rache hemmte. Die Schlacht wurde, wie bekannt, am St. Maria Magdalena⸗Tage, am Dienſtage den 22. Julii 1227 gehalten. Mit der groͤßten Heftigkeit und einer faſt wuͤthenden Erbitterung wurde vom Morgen bis Abend gefochten.— Der Koͤnig ſelbſt fuͤhrte die Mitte des Heeres an, und hatte gegen ſich den Erzbiſchof Gerhard aus Bremen und den 221 tapfern Herzog Adolph. Graf Otto ſtand an der Spitze des rechten Fluͤgels des Heeres gegen den Herzog von Sachſen. Der junge Waldemar, an deſſen Seite Carl von Riſe geſtellt war, fuͤhrte den linken Fluͤgel gegen den Grafen Heinrich von Schwerin und den Luͤbecker Buͤrgermeiſter Alexan⸗ der an. Die vor kurzem bezwungenen Ditmar⸗ ſchen, die zur Fahne des Koͤnigs geſchworen, auf die dieſer aber kein großes Vertrauen ſetzte, hatte er hinter ſich geſtellt, damit ſie nicht zu dem Feinde uͤbergehen ſollten.— Der Koͤnig hatte beinahe den Sieg in der Hand; die Holſteiner wichen, und Herzog Adolph konnte mit ſeiner ganzen Ta⸗ pferkeit ſie nicht dahin bringen, Stand zu halten. „Gieb uns Sieg, o Herr!“ rief der junge Her⸗ zog—„und ich werde zu deinem Ruhme ein heiliges Haus auffuͤhren laſſen, den eitlen Purpur will ich abwerfen, und der Welt entſagen, um dich bis in meine letzte Stunde zu preiſen.“ So flehete er mit emporgehobenen Haͤnden mitten in dem verzweifelten Kampfe. Der König drang mit unwiderſtehlicher Gewalt vor, und jeder Wider⸗ ſtand war vergeblich. Da hoben die Ditmarſchen, nach Abrede mit dem Feinde, ploͤtzlich ihre ſpitzigen 222 Schilde in die Hoͤhe und ſielen dem Koͤnige in den Ruͤcken. Die Abendſonne ſchien den Daͤnen ge⸗ rade in die Augen, und ſchlug ſie gleichſam mit Blindheit. Der Koͤnig und ſeine Mannen kaͤmpf⸗ ten verzweifelt und blindlings gegen den doppelten Feind, und der Ausgang der Schlacht war ent⸗ ſchieden. Wie ſchwer es geweſen, den Sieg uͤber den ſieggewohnten Koͤnig zu gewinnen, der noch nie eine Schlacht verloren, mußten die Feinde ſelbſt bekennen, indem ſie ſich ihr Gluͤck nur durch ein goͤttliches Wunder erklaͤren konnten, welches, wie alle ſolche Sagen, doch eine innere Bedeutung ausſpricht, weil das Ungluͤck des Koͤniges denjeni⸗ gen Heiligen, an deren Tage die Schlacht ſtand, und die nur durch große Reue und Buße den Ruf eines gewaltigen Heiligen in der Chriſtenheit ge⸗ wonnen hat, zugeſchrieben wurde.— Es wurde naͤmlich behauptet, daß die heilige Magdalena in den Wolken erſchienen ſey, und daß ſie den Koͤnig und ſein Heer mit den brennenden Sonnenſtrahlen geblendet habe, weshalb auch ſpaͤter ein Kloſter zu ihrer Ehre erbauet wurde. Die Sonne war uͤber dem blutigen Wahlplatze untergegangen. Viertauſend Daͤnen und faſt eben ———— ———— 223 ſo viele Deutſche lagen todt oder verſtuͤmmelt zwi⸗ ſchen geſpalteten Waffen und geſtuͤrzten Pferden. Der muthige Graf Otto war nach einem verzwei⸗ felten Widerſtande entwaffnek und zum Gefange⸗ nen gemacht worden. Der junge Waldemar war von Carl von Riſe, verwundet und ohnmaͤchtig, von dem Wahlplatze hinweggetragen worden; dieſer, ohne ſich an die eigenen Wunden zu kehren, trug noch immer den ungluͤcklichen Königsſohn auf ſei⸗ nen Schultern, als die Nacht hereinbrach, und Freunde und Feinde in das freundliche Halbdunkel, das die nordiſchen Sommernaͤchte ſo reizend macht, und das bald von dem aufgehenden Monde erhellt wurde— verhuͤllte. Ermattet legte dann Carl die edle Laſt am Fuße eines mit Haidekraut bewachſenen Huͤgels nieder, in deſſen Naͤhe er eine Quelle rieſeln hoͤrte. Er wand ſeine Achſelſchaͤrpe um die blutende Schul⸗ ter des Prinzen, ſchopfte Waſſer aus der Quelle mit ſeinem Helme, und bemuͤhete ſich, den ſchoͤnen todtbleichen Juͤngling zu beleben und zu erfriſchen. Endlich ſchlug Dagmors Sohn die dunkelblauen Augen auf, und ſtrich die blutigen gelben Locken von der Stirn zuruͤck.—„Wo bin ich?“ ſagte er;„ſtand ich nicht mit dem ſchwarzen Grafen Heinrich vor dem Richterſtuhle Gottes? Ach nein! gefangen, gefangen! muß ich wieder in den ſchwarzen Thurm!“ „Ihr ſeyd gerettet und freil mein junger koͤniglicher Herr“— ſprach Carl,„allein die Schlacht iſt verloren, und unſere beſten Mannen ſind gefallen. 44 „Und mein Vater, mein theurer Vater— wo iſt er?— lebt er?“ 1 „Ich weiß es nicht, Herr!“ erwiederte Carl mit klangloſer Stimme und dem tiefſten Schmerze. —„Er hat mir befohlen, Euch nicht zu ver⸗ laſſen, und ich gehorche.“ uar „Laß mich hier! Laß mich ſterben! Was liegt an meinem Leben? Suche meinen Vater auf!— rette Deinen Herrn und Koͤnig! Ritter Carl! ich beſchwoͤre Dich bhei der Seele meiner Mutter!“ „Ich habe dem Koͤnige mein Wort gegohen,“ verſetzte Carl—„bevor Ihr nicht in Sicherheit ſeyd, mein junger theurer Herr, kann und darf ich Euch nicht verlaſſen, wenn auch mein Herz den Harniſch entzweiſchlaͤgt. Unten am Strome er⸗ 225 blicke ich ein Licht. Dort will ich Euch hintra⸗ gen. Es giebt wohl noch einen ehrlichen Hol⸗ ſteiner, der ſeinen Koͤnig nicht verraͤth.“— „Ihr ſollt mich nicht tragen— ich kann wohl gehen;“ ſagte der beaͤngſtigte Sohn, und erhob ſich mit großer Anſtrengung ſchnell.„Weit kann ich zwar nicht gehen, doch jenes Licht er⸗ reiche ich wohl. Ach Vater! Vater! wo biſt du?“— Er ſank wieder ermattet zur Erde nieder. Allein Carl von Riſe hob ihn auf ſeine Schulter, und trug ihn mit feſten Schritten nach dem Fiſcherhauſe am Fluſſe, wo er das Licht durch die Blaſenſcheiben ſchwachleuchtend erblickte. Als Graf Otto gebunden von den Sachſen hinweggefuͤhrt war, und Carl von Riſe mit dem verwundeten Koͤnigsſohne den Wahlplatz verlaſſen hatte, war kein lebender daͤniſcher Mann mehr an der Stelle zu ſehen, wo der Koͤnig mit dem zweifachen Feinde gefochten, und wo ſeine beſten Mannen unter ihren bepanzerten Streitpferden zerdruͤckt da lagen. Mitten unter ihnen lag der ſchon gealterte Koͤnig ſelbſt an der Seite ſeines WV. 15 226 ſterbenden Streithengſtes.— Noch athmete er; allein er war zerdruͤckt und zerhauen von vielen Hieben und Stoͤßen. Die Spitze eines feind⸗ lichen Spießes ſtack in ſeinem linken Auge, und er wußte lange nicht mehr, was um ihn vor⸗ ging.— Als er wieder zu einiger Beſinnung kam, war es Nacht. Noch von dem Schmerze im Auge betaͤubt, fuͤhlte er ſich gleichſam in ei⸗ ner haͤngenden Stellung, die er ſich lange nicht erklaͤren konnte. Endlich glaubte er Pferdegetram⸗ pel unter ſich zu vernehmen. Es war ihm, als traͤume er, daß er quer uͤber den Sattel eines fortſprengenden Pferdes, den Kopf von einem kalten eiſenbepanzerten Arme unterſtuͤtzt, hinge; und ſo war es in der That. Ein großer Ritter mit geſchloſſenem Viſir und einem deutſchen Rit⸗ terrmantel uͤber ſeiner Ruͤſtung, ritt ſolchermaßen im geſtreckten Laufe uͤber Stock und Stein, im Mondenſcheine mit dem verwundeten, halbtodten Koͤnige in dem Arme. Als endlich Waldemar ſich ſeines Zuſtandes bewußt wurde, und ſo viel Kraft geſammelt hatte, daß er ein Wort uͤber die Lip⸗ pen bringen konnte, fragte er in dieſem ſchmerz⸗ lichen Gefuͤhle ſeines Unvermoͤgens:„Freund oder 227 Feind?“ und durch das Helmgitter des fremden Ritters klang nur mit einer Stimme, die den Koͤnig tiefer als der ſchaͤrfſte Dolch ins Herz ſchnitt, die kurze ruhige Antwort hervor:„Feind!“ Der Koͤnig ſeufzte tief, und empfand kaum den Schmerz in ſeinem Auge vor dem ſchauder⸗ haften Gedanken, daß er jetzt zu einem Gefaͤng⸗ niſſe, das ſein Grab werden wuͤrde, gefuͤhrt werde. — Daß es nicht der Graf Heinrich ſelbſt ſey, in deſſen Gewalt er gefallen war, hatte die fremde Stimme ihm zwar geſagt, allein ihr Klang hatte ihn beklommener gemacht, als haͤtte er das wilde Tigergebruͤll des Grafen Heinrichs gehoͤrt. Die Stimme des fremden Ritters, mit ihrer ruhigen Feſtigkeit, hatte Erinnerungen in der Seele des Koͤnigs geweckt, bei welchen der nagende Rabe des Gewiſſens ſeine Krallen in ſein Herz ſchlug. — Er ſchwieg, denn er wuͤnſchte, nicht dieſe Stimme zum zweiten Male zu hoͤren, auch machte er keinen Verſuch, ſich zu befreien; er empfand nur allzu ſehr ſein Unvermoͤgen, und die Kraft des eiſernen Armes, der doch mitleidig ſein ver⸗ wundetes Haupt in die Hoͤhe hielt. Ohne das Antlitz des Fremden geſehen, und — 15* 228 ohne ein Wort mehr, als das einzige„Feind“ aus ſeinem Munde gehoͤrt zu haben, kam ſo der ungluͤckliche Koͤnig durch fremde und unbekannte Pfade an ein Haus, wo durch Huͤlfe unbekannter ſtummer Leute ſeine Wunden verbunden, und die Spießſpitze aus ſeinem Auge gezogen wurde. Sobald er ausgeruht hatte, und durch einen ihm gereichten ſtaͤrkenden Trank gelabt worden war, wurde er auf einem weichen und bequem einge⸗ richteten Kiſſen an ein Pferd feſtgebunden; der verſchwiegene unbekannte Ritter ſchwang ſich auf einen andern Gaul, und ergriff den des Koͤnigs am Zuͤgel. Darauf ging es wieder vorwaͤrts, ſo ſchnell als moͤglich, und nach verſchiedenen Ruheſtunden, welche die Schwaͤche des Koͤnigs nothwendig machte, kam er auf Wegen, die er nie geſehen, nach einer Stadt, die er mit Er⸗ ſtaunen zu erkennen meinte. Es war zwar dun⸗ kel, als er hineinritt, allein er konnte doch Stra⸗ ßen und Haͤuſer erkennen, und er hatte dieſe ſo oft vorher am hellen lichten Tage erblickt, daß er ſich nicht taͤuſchen konnte. Es war nicht im Lande des Feindes.— Er erſah, daß er ſich in Kiel befand, und nun bemerkte er zuerſt, was — 229 freilich in dem letzten Orte, wo ſie ausgeruht hat⸗ ten, ſchon geſchehen war, daß ſein ſchweigender Begleiter den deutſchen Rittermantel mit einem ro⸗ then daͤniſchen Reitermantel vertauſcht hatte. Die Pferde wurden vor einem großen, weißen Hauſe, mit einer hohen ſteinernen Treppe, angehal⸗ ten; und nun vernahm der Koͤnig, waͤhrend man ihn von dem Seſſelkiſſen losmachte und ſorgfaͤltig die ſteinerne Treppe hinaufleitete, daͤniſche Stim⸗ men rings um ſich. „Der Koͤnig! der Koͤnig!“ fluͤſterte der Eine zum Andern. Mit einer ſonderbaren Empfindung von Schmerz und Freude erkannte der Koͤnig die Stimmen ei⸗ niger ſeiner treuen Diener wieder. Lichter wurden ihm entgegen getragen, und er gewahrte nun, daß er ſich in dem Hauſe des Befehlshabers der Stadt befand. Der alte treue Herr ſtand ſchon ehrer⸗ bietig an ſeiner Seite, und wuͤnſchte dem Koͤnige Segen unter ſeinem geringen Dache, wobei er zu⸗ gleich anzeigte, daß die beſten Wundaͤrzte der Stadt ſich ſogleich einfinden wuͤrden. Der Koͤnig war in die blank gebohnte Frem⸗ denhalle eingetreten, und ſogleich zur Ruhe in ei⸗ 230 nem Armſeſſel gebracht. Unter den bekuͤmmerten theilnehmenden Dienern und Hausgenoſſen ſtand der fremde Ritter noch immer ſchweigend an der Thuͤre, und betrachtete den Koͤnig durch das Helm⸗ gitter.— Der Koͤnig winkte ihm, und gebot allen andern, das Zimmer zu verlaſſen. Alle Blicke wandten ſich nun neugierig auf die hohe fremde Geſtalt, die Niemand fruͤher bemerkt zu haben chien, und der Koͤnig mußte noch einmal winken, 1 7 ehe er mit ſeinem ſonderbaren Erretter allein blieb. Stumm und ruhig trat dieſer vor den Koͤnig, und wickelte den Mantel noch dichter um ſeine Ruͤ⸗ ſtung, von der der Koͤnig betroffen etwas erblickt zu haben ſchien.— „Wer biſt Du? hochherziger Feind!“ ſprach Waldemar.„Bei dem lebendigen Gott, was Du an mir gethan, werde ich weder in dieſer noch in der kuͤnftigen Welt vergeſſen!— Allein warum verbirgſt du Dein Antlitz, und verſchmaͤhſt n meinen Dank? Wer biſt Du?“ „Dein Feind!“ erwiederte dieſelbe feſte ruhige Stimme, die ſchon ein Mal die innerſte Seele des Königs erſchuͤttert hatte.— „Kann Jemand eine Elle zu ſernem Wuchſe 4 4 231 legen?“ verſetzte der Koͤnig;„oder verlieh er Dir ſeine Stimme, den ich vor allen am tiefſten ge⸗ kraͤnkt, und am ſchmaͤhlichſten beeintraͤchtigt habe?“ Der Ritter nickte und zeigte gen Himmel, deſſen helle Sterne durch die hohen Bogenfenſter herein funkelten; darauf faltete er die eiſenbedeck⸗ ten Haͤnde und druͤckte ſie feſt an ſeine Bruſt, ſo daß der Panzer unter dem Mantel raſſelte; betend erhob er den Kopf gen Himmel, und ſprach lang⸗ ſam und feierlich:„Vergieb uns unſere Schuld, ſo wie wir vergeben unſern Schuldnern! Amen!“ Der Koͤnig erblaßte, und ſank in den Seſſel zuruͤck.— Ohne ein Wort mehr zu ſprechen, ver⸗ ließ der fremde Ritter die Halle und das Haus; er ſchwang ſich ſchnell auf ſein Roß und zog von hinnen. Niemand von den Dienern des Hauſes hatte ihn gekannt. Es wurde geſagt, daß er ploͤtz⸗ lich verſchwunden ſey, und unter dem Volke ver⸗ breiteten ſich bald die ſonderbarſten Muthmaßun⸗ gen von dem geheimnißvollen Erretter des Koͤnigs. Nach dieſem Ereigniſſe fand allmaͤhlig eine be⸗ ſondere Veraͤnderung mit dem Koͤnige ſtatt. Nicht 2 232 bloß waͤhrend der Zeit, wo er an ſeinen ſchmerz⸗ lichen Wunden litt, ſondern ſelbſt als er in voller Lebenskraft ſich von ſeinem Krankenlager erhob, ſchien er ſeine Demuͤthigung und den Triumph ſeiner Feinde als eine gerechte Zuͤchtigung Got⸗ tes mit Ruhe und Selbſtverleugnung zu tragen. Durch den Verluſt ſeines Auges, und des Namens eines unuͤberwindlichen Siegers, ſchien er einen klaren Blick fuͤr die ewige Wahrheit, und die Selbſtbeherrſchung, die er ſo lange vermißt hatte, gewonnen zu haben. Auch ſchien er dabei zugleich einen Theil des Seelenfriedens, den ſein innerlich aufreibendes Trachten nach Rache bis hierher ihm gaͤnzlich geraubt hatte, zuruͤckerhalten zu haben. Allein er war ſonderbar ſtill und gedankenvoll. Er hatte vieles zu bereuen, und er ſchauderte insge⸗ heim vor dem Gedanken, daß er den großen bittern Kelch der Vergeltung noch nicht ganz geleert habe. Der Verluſt der vielen tapfern Mannen, die bei Bornhoeft gefallen waren, ſchmerzte ihn tief, und daß ſein Erſtgeborner nicht gefallen ſey, ſchien er nicht recht glauben zu wollen, ehe er ihn ſelbſt ſehe, obgleich Carl von Riſe nicht gezögert hatte, 233 den Koͤnig aufzuſuchen, und ihm dieſe tröͤſtliche Nachricht zu bringen. Doch bevor der Koͤnig Kiel verließ, ſah er Dagmors Sohn, ſeinen und des Volkes Liebling, am Leben und gerettet wieder, und er ſchloß ihn in ſeine Arme, als waͤre er ihm vom Grabe wieder erſtanden. Aber der Koͤnig empfand noch Schmer⸗ zen in dem durchbohrten Auge, und er gedachte oft des Schickſales des Koͤnigs Zedechias, womit der gottesfuͤrchtige Erzbiſchof ihn bedroht hatte. Er ſchauderte, den Tag erleben zu muͤſſen, wo er die Soͤhne vor ſeinen Augen ermordet ſehen ſollte, und in ſinſtern Stunden quaͤlte ihn oft der Ge⸗ danke, daß das Licht ſeiner Augen deswegen nur halb erloſchen ſey, damit er noch zur Strafe des gebrochenen Geluͤbdes einen ſolchen Jammer uͤber ſich und ſeinen Stamm ergehen ſehen, und ſo ſelbſt als ein kinderloſer Vater ins Grab ſteigen ſollte. Das erſte, was Waldemar unternahm, als er ſich wieder hergeſtellt und auf Ribehuus be⸗ fand, war eine friedliche Vermittlung mit ſeinem bitterſten Feinde wegen der Freilaſſung ſeiner drei juͤngſten Soͤhne. Sie waren noch als Gei⸗ 234 ſeln in der Gewalt des Grafen Heinrichs, und ſelbſt ihr Leben hatte der Konig in ſeiner Heftig⸗ keit, und in dem wuͤthenden Trachten nach Rache, aufs Spiel geſetzt. Auch die Befreiung ſeiner beiden tapfern Neffen aus der ſchweriniſchen Ge⸗ fangenſchaft ließ er ſich mit angelegen ſeyn, ſo wie auch die Auslöſung der uͤbrigen Geiſeln. Nach vielen Schwierigkeiten und Aufopferungen, zum Theil auch durch die Vermittlung des Pab⸗ ſtes und des edeln Herzogs Adolph, gelang es ihm endlich, einen Vergleich zuwege zu bringen, wodurch ſeine Söhne und Schweſterſöhne auf freien Fuß geſtellt und die Geiſeln gegen andere ausgetauſcht werden ſollten. So nahete endlich der Tag heran, als man die ausgelöſten Gefan⸗ genen und Geiſeln zuruͤckerwarten durfte, und der junge Waldemar war ihnen ſchon entgegenge⸗ zogen.. An einem kalten Novembertage, in der Mit⸗ tagsſtunde, ſtand des Koͤnigs Pferd vor der Schloßtreppe in Ribehuus geſattelt. Carl von Riſe, und mehrere von den Rittern und Knap⸗ pen des Koͤnigs, hatten lange bei ihren geſattel⸗ ten Pferden geſtanden, des Königs harrend. Wo⸗ 23⁵5 hin er gedachte, wußten ſie nicht; allein er hatte ihnen Befehl gegeben, ihm auf einer Reiſe zu folgen. Endlich erſchien der Koͤnig ſtumm und ernſt, mit dem hohen Federhute auf dem grauen Kopfe und mit dem pelzgefuͤtterten Scharlach⸗ Mantel uͤber den Schultern. Er ſetzte den Fuß in den Steigbuͤgel und blieb ſo in tiefen Gedanken ſtehen. Das edle, halbgeblendete Koͤnigsantlitz, das ſo viele große Gedanken und ſo viele Leiden durchfurcht hatten, ſchien unbeweglich und wie verſteinert. Das große, gedankentiefe Auge ſtarrte unbeſtimmt und traͤumend in die Luft hinauf, ohne den Blick auf irgend einen Gegenſtand zu heften. Seine Linke ruhete auf dem Sattelknopfe, die Rechte ſtemmte er geballt und unbeweglich an ſeine Seite. In dieſer Stellung blieb er eben ſo ruhig, wie ſein großer, weißer Gaul, der ſeinen koͤniglichen Herrn kannte und keinen Fuß ruͤhrte, wenn er ihn beſtieg. Alle ſchwiegen erſtaunt, und Niemand wagte, den Koͤnig in ſeinen tiefen Gedan⸗ ken zu ſtoͤren. Es war in dem Schloßhofe ſtill, als ſeyen der Koͤnig und alle ſeine Mannen in Bild⸗ ſaͤulen verwandelt. Mit bekuͤmmerten Gebehrden ſahen die Ritter und Knappen bald den König, 36 bald ſich einander an; der eine las im Blicke des andern denſelben Gedanken, der jeden von ihnen mit Grauen erfuͤllte, aber den Niemand doch ſich ſelbſt zu geſtehen wagte, denn die Sonne war dem Untergange nahe, und noch immer ſtand der Koͤnig in derſelben Stellung. Endlich fuhr Waldemar mit der Hand nach der Stirn, wie einer, der ſich beſinnt oder aus einem Traume erwacht. Er ſah ſich verwundert um und zog den Fuß wieder aus dem Steigbu⸗ gel. Doch ohne ein Wort zu reden, gab er nur den Rittern und Knappen einen Wink, ſich fortzu⸗ begeben, und ging langſam die Schloßtreppe hinauf und durch den Ritterſaal in ſein Geheim⸗ zimmer. Dort nahm er Dagmors Bild aus dem klei⸗ nen goldnen Gehaͤuſe hervor und betrachtete es genau. Er gedachte des Tages, als er am Ufer ſtand und das goldne Koͤnissſchiff abſegeln ſah, um die unbekannte Braut zu holen; und dieſelbe wunderbare Stimmung kehrte ihm zuruͤck, in wel⸗ cher er damals, mitten in ſeinen ſtolzeſten Lieb⸗ lingstraͤumen, die Abhaͤngigkeit ſeines Gluͤckes von dunkeln, unbekannten Gewalten zu ahnen ſchien. 237 „Jetzt verſteh' ich den Geſang des Alten!“ ſagte er wehmuͤthig betroffen;„warum habe ich ihn ſo lange vergeſſen! Geboren ward Wolmar zu Sieg und Gluͤck, Es ſteht in den Sternen geſchrieben! Nein! Nein! ſo ſtand es in den Sternen nicht, und ſo ſang er auch nicht!“ Er bedachte ſich auf's Neue eine gute Weile.„Ja! recht! ſo war es!“ ſagte er dann wehmuͤthig;„in meinen gluͤcklichen Tagen ſang ich es anders!— 75 Geboren ward Wolmar zu Sieg und Gluͤck— Kein Mann doch gramlos iſt geblieben;— Gluͤck oft verkehrt ſich in Mißgeſchick; Es ſteht in den Sternen geſchrieben!“ Er ſeufzte tief.„Und wie war das, was er von einer gefaͤhrlichen Jungfrau ſang?“ fuhr er fort;„galt das der armen Audocia?— Jawohl, ſie war fromm und rein, und wurde mir doch gefaͤhr⸗ licher, als alle meine Feinde! Und von dem Schuů⸗ tzen? Jal recht! das war ein wahres Wort; al⸗ lein er zielte nicht, der falſche Schuͤtze; er traf, ohne zu zielen.”“ Der König ſiel wieder in tiefe Gedanken und ſchien vergebens auf den Schluß 238 von dem Liede des Kullenmannes zu ſinnen.— Endlich war es, als erinnerte er ſich deſſen.„Ja wohl! ja wohl! Alter!“ ſagte er langſam und ſchmerzlich:„das Band, das die Rache in mei⸗ ner ſuͤndigen Seele band,— brach entzwei, und weſſen Hand iſt ſo maͤchtig auf Erden, als deſſen, der es loͤſte? Doch wehe, wehe! Der Stern ſtarb im Auge des Lowen!“ Er fuhr ſchnell mit der Hand nach dem ausgeſtochenen Auge, als durchzuckte es ein plötzlicher Schmerz, und ver⸗ ſank wieder in dieſelbe ſchweigende, hinſtarrende Stellung, in welcher er vorher, mit dem Fuße in dem Steigbuͤgel, ſtand. Als er wieder zur Beſinnung kam, ſah er ei⸗ nen ernſten Ritter vor ſich, der ihn mit wehmuͤ⸗ thigem, theilnehmendem Blicke betrachtete. Es war Carl von Riſe, der, unruhig wegen des Zu⸗ ſtandes des Koͤnigs, ſeines ſtrengen Verbots un⸗ geachtet, es gewagt hatte, ſein Geheimzimmer zu betreten. Er hatte lange geſtanden.„ Verzeiht, mein gnaͤdiger Herr und Koͤnig!“ ſagte er end⸗ lich, als er bemerkte, daß der Koͤnig ſeinen Blick auf ihn heftete und uͤber ſeine Dreiſtigkeit erzuͤrnt ſchien:„verzeiht, mein theurer König! Ich fuͤrch⸗ 239 tete, daß Ihr krank und vielleicht der Huͤlfe be⸗ duͤrftig ſeyn moͤchtet. 4 „Ich bin krank, gefaͤhrlich krank geweſen!“ entgegnete der König.„Es war ein Siechthum, vor dem Ihr den Herrn bitten muͤßt, Euch und jeden ſuͤndigen Menſchen zu bewahren; denn es bedroht mit dem ewigen Tode. Doch der gna⸗ denreiche Gott ſey gelobt! er ſandte mir Ungluͤck und Noth; er wußte es am Beſten, nur Ungluͤck und Noth konnten mich heilen,— nur die Kralle des Tigers meine Seele der Verdammniß entreißen!“ „Ach mein herzlieber Herr und Koͤnig! Ihr ſeyd gewiß leiblich krank, oder auch druͤckt Euch ein ſchwerer Kummer. Wolltet Ihr nur dem ge⸗ ringſten von Euern Dienern anvertrauen, was Euch am Herzen liegt!— Ach, Herr Koͤnig! obgleich ich ſelbſt einen Kummer zu tragen habe, den ich faſt nicht laͤnger ertragen kann, will ich doch auch Euern Gram auf mich laden, ob er mich auch erdruͤckte. Giebts einen Menſchen in der Welt, der Rath und Troſt fuͤr Eure Seele weiß, ich will ihn, ſelbſt am Ende der Welt, aufſuchen!“ —— 240 Der Koͤnig hatte ſich gedankenvoll in ſeinen Armſeſſel niedergelaſſen; nun erhob er ſich ſchnell, wie von einem Gedanken plötzlich ergriffen.„Du biſt zur gelegenen Stunde gekommen, mein treuer Carl!“ ſprach er;„Du ſiehſt ſelbſt ganz trau⸗ rig aus, und ich weiß, weshalb Du trauerſt: Du haſt das verloren, was Dir am theuerſten war!“ „Liebſter Herr und Koͤnig!“ verſetzte Carl innig geruͤhrt,„denkt nicht an mich und meinen Gram, ſondern vertraut mir den Eurigen an und ſagt mir, ob ich Euch mit meinem Leben eine zufriedene Stunde erkaufen koͤnne!“ „Der Gram meiner Seele,“ ſagte der Kb⸗ nig mit einem unruhigen Blicke,„betrifft mehr als den Reſt meines Lebens und die Freude und den Schmerz, die ich noch zu erwarten habe. Woran ich fruͤher dachte, als ich vorhin draußen bei dem Pferde in Gedanken verſank,— ja das muͤßte der ſelbſt wiſſen, der mir das, was ich am liebſten wiſſen moͤchte, ſagen ſollte. Es ſey, Carl! eile denn, beſteige Dein Pferd und ruhe nicht aus, ehe Du Schonen erreicht haſt. Auf Kullen wohnt ein Mann, den die Leute den Kullen⸗ 241 mann heißen; ſelbſt nannte er ſich Ritter; er hat ſich auch Thord Knudſohn, den Bauer, genannt. Er muß nun wohl uͤber die hundert Jahre alt ſeyn, wenn er noch lebt; lebt er aber noch und iſt noch da zu finden, dann iſt er der einzige Mann in der Welt, der vielleicht Rath und Troſt fuͤr die Seele Deines Koͤnigs weiß.— Eile, Carl! ſuche ihn auf! und findeſt Du ihn noch am Leben, ſo frage ihn von Deinem König, ob er weiß, woran ich heute draußen an meinem Pferde gedacht habe, und was er dazu ſagt! Jedes Wort, das Du aus ſeinem Munde vernehmen wirſt, das ſchreibe Dir in die Seele und vertraue es nur Deinem Koͤ⸗ nige an!“ „Ihr ſeht mich nicht wieder, Herr Koͤnig! bevor ich Euern Befehl erfuͤllt habe!“ verſetzte Carl, mit der Hand auf ſeiner Bruſt. Der Koͤ⸗ nig reichte ihm die Hand und er druͤckte ſie an ſeine Lippen. Dann winkte ihm der Koͤnig, zu eilen, und legte den Finger auf den Mund; und wenige Augenblicke nachher ſaß Carl auf ſeinem ra⸗ ſchen Schimmel und ſprengte zum Ribehuus Schloßhof hinaus. .—— 16 2⁴42 Es war eine ſtille, ſternenhelle Winternacht, da Carl von Riſe auf ſeinem ſchnaubenden und dampfenden Schimmel am Fuße des Kullens anhielt.. MNiit großer Beſchwerde hatte er den Weg da⸗ hin gefunden, und hatte ſich oͤfters vorfragen muͤſſen, denn er ſelbſt war nie zuvor da geweſen. In der Naͤhe des Kullens hatte er zuerſt nach dem Ritter Thord Knudſohn, oder dem alten Thord Knudſohn, dem Bauer, gefragt; allein Niemand kannte ihn, und Carl fuͤrchtete, daß er geſtorben ſeyn muͤſſe. Als er endlich mit aͤngſt⸗ licher Bekuͤmmerniß gefragt: ob Niemand den Kullenmann gekannt, und ob dieſer vielleicht laͤngſt geſtorben ſey, hatten die Leute ihn mit großen Augen angeſehen, und erſchrocken und ſich bekreu⸗ zigend auf den Gipfel des Kullenfelſens hinaufge⸗ zeigt. Der Burſche ſtuͤrbe wohl nie, hieß es, und waͤre ein Geſpenſt oder ein Zauberer, und wohnte dort oben in einem bezauberten Thurme. Mit dieſer Nachricht hatte ſich Carl begnuͤgen laſ⸗ ſen muͤſſen; allein um keinen Preis haͤtte ſich Carl eines Wegweiſers da hinauf bedingen koͤn⸗ nen.— Es waͤre eine halsbrechende That, hieß 4₰ 243 es, jenem nahen zu wollen, beſonders bei Nacht, denn zu der Stunde haͤtte er Umgang mit Hexen und boͤſen Geiſtern. Carl war alſo ganz allein den Weg, den man ihm mit Grauen bezeichnet hatte, weiter geritten. Jetzt gewahrte er den duͤſtern Kullenfelfen*), der ſtolz und majeſtaͤtiſch über das Meer hinaus⸗ ragte. Der kahle Felſen war noch groͤßer und wilder, als er ſich ihn gedacht. Er konnte mit dem Pferde nicht weiter und ſuchte vergebens ei⸗ nen Baum oder eine Baumwurzel, um es dabei anbinden zu koͤnnen; da gewahrte er einen Pfahl auf einem nackten Haldehuͤgel am Ufer; er ritt gedankenvoll da hinauf und band das Pferd an den Pfahl. Er ſtreichelte den unruhigen Schim⸗ mel und gebot ihm, bis zu ſeiner Wiederkehr ſtill zu ſeyn; und es war, als verſtaͤnde ihn das treue Thier, denn es blieb ruhig ſtehen und ſah im Mondſcheine ſeinem Herrn nach. Carl eilte den ſteilen Felſen hinauf; noch einmal ſah er nach dem Pferde zuruͤck und ſchien deſſen Be⸗ gleitung zu vermiſſen. Da fiel es ihm erſt ein, *) Kullen, von kullet— kahl, nackt. 5 * 16* 244 daß er das Pferd an einer Richtſtaͤtte angebun⸗ den hatte; denn es war ihm, als gewahrte er ei⸗ nen weißgebleichten Tedeenſch den an der Spitze des hohen Pfahles. Ein unwillkuͤhrlicher Schauder durchzuckte den einſamen Ritter. Er ging langſam weiter und vermißte nun recht ſehr den alten, geſpraͤchigen Martin, der auf der letzten langen Reiſe mit ſei⸗ nem Herrn eine Laͤhmung an dem Arme„ den er zuruͤck hatte, bekommen, und nun halb kindiſch geworden war und mit den Kindern ſeines Herrn in Kariſe ſpielte. Carl naͤherte ſich dem Gipfel des Kullens. Er befand ſich dicht an einer dunkeln, harten ſteinernen Maſſe, die er lange geſehen und fuͤr eine Felſen⸗ ſpitze genommen, nun bemerkte er, daß es ein runder Thurm, von Felſenſtuͤcken aufgefuͤhrt, ſey. „Das muß wohl die Wohnung des Kullenmannes ſeyn,“ dachte er, ſich des Thurmes auf Saͤbyhof und an die Geſtalt, die er dort die brennenden Schriften aus den Flammen retten geſehen hatte, unwillkuͤhrlich erinnernd. Jene Geſtalt und den Bergmann bei Saxo's Grabe hatte er laͤngſt fuͤr ein und daſſelbe Weſen genommen, und er zwei⸗ 245 felte nicht, daß jener raͤthſelhafte Mann der beruͤch⸗ tigte Kullenmann ſey. Dies ſonderbare Weſen, das, von ſeiner fruͤhen Jugend an„ ſo drohend in ſeinem Leben und in ſeinen Traͤumen hervorgetreten war, ſollte er nun beſuchen und im Namen ſeines Herrn und Koͤnigs um Rath fragen. Alle alten Sagen von gefaͤhrlichen Zauberern und Schwarz⸗ kuͤnſtlern wurden in ſeiner Seele lebendig.„Nicht um den Reichthum der ganzen Welt wuͤrde ich dieſen Gang fuͤr irgend einen andern machen!“ ſeufzte erz„ja doch— fuͤr Rigmor wohl,“ fuͤgte er hinzu; und da nun dieſer liebe, theure Name von ſeinen Lippen klang, zuckte ein ploͤtzli⸗ cher Hoffnungsſtrahl durch ſeine unruhige Seele, und ſeine ganze Aengſtlichkeit verſchwand.„Gott im Himmel, wenn ſie lebt!“ rief er,„wird denn dieſer ſonderbare Mann nicht auch Rath und Troſt fuͤr meine Qual wiſſen? Er muß mir ſagen, wo ſie iſt und was ich zu thun habe!“ Carl verdoppelte ſeine Schritte; er ging xings um den Thurm und ſtand bald vor einer kleinen, feſt verſchloſſenen Thuͤre an der noͤrdlichen Seite des Thurmes. Er nahm das Schwert in die Hand und klopfte mit dem Schwertknopfe an. 246 Hohl wiederhallte es in der ſtillen Nacht; allein es dauerte lange, ehe er das kleinſte Zeichen be⸗ merkte, daß der Thurm von irgend einem lebendi⸗ gen Weſen bewohnt ſey. Endlich vernahm er hoch uͤber ſeinem Haupte eine heiſere, lallende Stimme, die aus einem Loche in der Mauer her⸗ auszutoͤnen ſchien:„Wer biſt Du? Vermeſſe⸗ ner!“ ziſchelte es;„was ſuchſt Du, wo der Tod auf der Schwelle ſitzt und die Verdammniß auf die Beute lauert!“ „ Macht auf, Herr Knud Thordſohn! Macht auf, Ritter Thord,“ entgegnete Carl—„ich bin ein Bote vom Koͤnig Waldemar dem Sieger.“ „Endlich, endlich!“ fluͤſterte die Stimme von oben—„Du kommſt ſpaͤt, Carl von Riſe! Der Stern im Auge des Löwen iſt erloſchen. Waldemars des Siegers Namen und Gluͤck iſt wie eine Sternſchnuppe dahingefahren, und ver⸗ dunkelt iſt die nordliche Krone.“ „Macht mir auf, weiſer Herr Thord!“ ver⸗ ſetzte Carl—„ich habe eine geheime Botſchaft an Euch von meinem Herrn, und muß mit Euch in's Geheim ſprechen.““ „Wenn ich den Nordſtern uͤber Deinem Haupte 247 erblicke, muß ich Dich hereinlaſſen”— fuhr die Stimme fort—„willſt Du aber meinem Rathe folgen, ſo eile von hinnen, Carl von Riſe! Du biſt in einer ungluͤcklichen Stunde gekommen: der Tod ſteht an Deiner Seite, und ſucht ſeine Beute unter meinem Dache. Er fragt nicht, ob wir jung oder alt find.“ Der heiſere Ton ſchwieg, und Carl vernahm nun eine weibliche gellende Stimme, die im Thurme mit dem Alten zu ſtreiten ſchien, und endlich mit wildem Gelaͤchter ein Lied ſang, das das Blut in den Adern des gottesfuͤrchtigen Rit⸗ ters zu Eis machte,— Carl verſtand nur ein⸗ zelne ſchauderhafte Worte, allein die wilden zer⸗ reißenden Toͤne ſchienen von einer verzweifelten Seele, die in ihrem Schmerze dem Himmel und dem ewigen Richter trotz zu bieten ſchien, herzu⸗ ruͤhren. Carl erhob ſeine Augen gen Himmel, er erkannte den Nordſtern, der gerade uͤber dem Thurme ſtand. Er griff wieder zu dem Schwerte, und klopfte gewaltig an die Pforte. „Ich komme, ich komme!“ toͤnte die heiſere Stimme von oben.„Du zwingſt mich, d gewaltiger Stern!? — — 248 Es dauerte nicht lange, da wurde mit Schloͤſ⸗ ſern und Stangen geraſſelt; die Thuͤre ging auf. „So tritt denn herein, vermeſſener Ritter,“ toͤnte die heiſere Stimme lauter,„Dein Beglei⸗ ter iſt ſchon uͤber meine Schwelle.— Es bleibt nun Deine Sache, lebendig aus dieſen Mauern wieder herauszukommen.“ Mit dem Schwerte in ‚der Hand trat nun Carl in das dunkele Gewoͤlbe, und machte ſchnell ein Kreuz vor ſich, als er die fuͤrchterliche Ge⸗ ſtalt erblickte, die im ſchwarzen Bergmannsanzuge mit einer angezuͤndeten Hornleuchte in der Hand an der Thurmtreppe ſtand. Es ſchien ein hun⸗ dertjaͤhriger Greis zu ſeyn, und trug einen großen weißen Bart, der ihm weit uͤber den Guͤrtel hinunterreichte; ſein Geſicht war duͤrr, einge⸗ ſchrumpft und erdfahl, wie beſtaubte Eichenrinde; ſeine Augen matt und dunkel, und ſein Nuͤcken bildete einen voͤlligen Bogen. In dieſer Stel⸗ lung war er klein und zuſammengedruͤckt wie ein Zwerg, vermochte er aber ſeinen Ruͤcken gerade zu machen, mußte er groͤßer, als ein wohlgewach⸗ ſener Ritter ſeyn. Seine langen Arme reichten faſt bis zur Erde. Auf dem Kopfe trug er eine 249 runde lederne Muͤtze; das verkehrt umgebundene Schurzfell hing ihm uͤber die Ferſen hinab, und an den Riemen, womit es ihm um den Leib geſchnallt war, hing eine kleine hoͤrnerne Leuchte, die nicht angeſteckt war; in der Rechten trug er einen breiten Kruͤckenſtab oder Knuͤppel, der mit Runen und unbekannten Ziffern dicht beſchrieben war. „Folge mir!“ ſprach der Bergmann, und ſtieg voran die enge Wendeltreppe hinauf. Carl folgte ihm ſtumm mit klopfendem Herzen; er zaͤhlte ſechszig Stufen, und jetzt ſtanden ſie vor einer Thuͤre. Der Bergmann ſtieß ſie mit ſei⸗ nem Stabe auf, und ſie traten nun in ein run⸗ des geraͤumiges Gewölbe, mit hoͤlzerner Beklei⸗ dung und vier Luken gegen die vier Weltgegen⸗ den. Die runde Thurmhalle war faſt eben ſo ein⸗ gerichtet, wie jene auf Saͤbyhof, die Carl nie vergeſſen konnte. Er bemerkte einen Heerd mit vielen wunderlichen thoͤnernen Gefaͤßen und Ge⸗ raͤthen; er gewahrte große metallene Roͤhre an den Luken, und mitten in der Halle ſtand ein Armſeſſel an einem runden ſteinernen Tiſche, auf welchem ein Haufen halbverbrannte pergamentne 250 Blaͤtter mit rothen Ziffern zerſtreut lag. Der alte Bergmann ſetzte ſich ſchweigend in den Seſ⸗ ſel, und hielt ein großes geſchliffenes Glas vor ſeine Augen, waͤhrend er in den Schriften her⸗ umblaͤtterte, und die große eiſerne Lampe naͤher ruͤckte. 3 Carl wagte nicht, ihn zu ſtoͤren, ſondern be⸗ trachtete indeſſen mit Aufmerkſamkeit alle Gegen⸗ ſtaͤnde rings um ſich. Daß der Alte den Berg⸗ mannsanzug nicht vergebens trug, ſchien ein großer Haufen Steine und roher Metalle, der am Heerde aufgehaͤuft lag, zu bezeugen.— Allein Carl be⸗ trachtete nicht lange die todten glaͤnzenden Schaͤtze. Er ſpaͤhete vergebens nach dem weiblichen Weſen, deſſen gellende Stimme vorher ihn mit einem ſo ſonderbaren Grauen durchzuckt hatte. Zuletzt traf ſein Blick eine dunkele Hoͤhlung in der breternen Bekleidung, die zu einer Art Alkoven eingerichtet ſchien, und dort gewahrte er erſtaunend ein tod⸗ tenbleiches gerunzeltes weibliches Geſicht, das auf zwei hagere Arme geſtuͤtzt, halb von ſchwarzen ungekaͤmmten Haaren bedeckt, mit funkelnden lblenzeſnden Augen ihn anſtarrte. 4 Carl trat unhſakäheldh: einen Schritt zurück, doch faßte er ſich ſchnell, und betrachtete mit ge⸗ ſpannter Aufmerkſamkeit die noch nicht ganz er⸗ loſchenen Spuren von Schoͤnheit und weiblicher Wuͤrde in den verzerrten ungluͤcklichen Zuͤgen. Das Andenken von Saͤbyhof, das den Ort, wo er ſich befand, ſo lebendig in ſeine Seele zuruͤck⸗ rief, fuͤhrte auch das Bild der ſchoͤnen Frau He⸗ lene vor ſeine Augen, und je laͤnger er das bleiche wahnſinnige Frauenantlitz in der Breterhoͤhlung betrachtete, je mehr ſchien er die Zuͤge der ſchö⸗ nen Frau darin wieder zu erkennen.„Sie iſt es,“ ſagte er bei ſich, und betrachtete ſie mit in⸗ nigem Mitleid. Sie nickte ihm mit einem ver⸗ wilderten Laͤcheln zu, waͤhrend eine Thraͤne durch die Furchen der todtbleichen Wange hinabrann; allein ſie veraͤnderte ihre Stellung nicht, und kein Laut ging aus ihrem Munde. Nur ſchien ſie, hin und wieder, einen furchtſamen und aͤngſtli⸗ chen Seitenblick auf den alten Bergmann zu werfen; doch bald ſtarrte ſie wieder mit den blinzelnden Augen den Ritter an, und die ſchar⸗ fen verzweifelnden Blicke durchzuckten ihn mit dem⸗ ſelben peinlichen Grauen, wie jene gellenden Toͤne, die er vor kurzem gehoͤrt hatte. 2⁵52 Endlich erhob ſich der Bergmann, und ergriff die brennende Leuchte, die zu ſeinen Fuͤßen ſtand. Er winkte Carln, ihm zu folgen, und öͤffnete eine in der Mauer verſteckte Thuͤre; innerhalb derſel⸗ ben zeigte ſich eine Treppe, die auf die Spitze des Thurmes zu fuͤhren ſchien.— Indem Carl die runde Thurmhalle verließ, warf er noch einen Blick nach dem Alkoven hin, und bemerkte eine ſo furchtbare wahnſinnige Freude in dem Geſichte des ungluͤcklichen Weibes, daß es ihr gleichſam leichter ums Herz wurde, als ſein greiſer Be⸗ gleiter die Thuͤre hinter ihnen verſchloß, und ſie mit einer eiſernen Stange verrammelte. Der Alte ſtieg nun die Treppe hinauf; Carl folgte ihm ſchweigend und harrete ruhig des Au⸗ genblicks, da er ihm ins Geheim die Fragen des Koͤnigs vorlegen, und ihn zugleich um Rath und Troſt fuͤr das eigene beklommene Herz fragen durfte. Als ſie einige Stufen hinangeſtiegen waren, vernahm Carl von unten herauf ein gellendes Gelaͤchter und daſſelbe grauſenhafte Lied, das ihn fruͤher beaͤngſtigt hatte. Der Alte ſchien ſich nicht darum zu bekuͤmmern, ſondern ſtieg ruhig die — 2⁵5³ Treppe hinauf, die ſich ſchraubenfoͤrmig drehete und immer enger wurde. Zuletzt ſtanden ſie auf der Spitze des Thurmes, auf einem engen offe⸗ nen Raume ohne Gelaͤnder— mit dem ſternen⸗ hellen Himmel uͤber ſich, und den tiefen ſchwin⸗ delnden Abgrund, zwei Schritte von ihnen ent⸗ fernt, rings um ſie; denn der ſpitz zulaufende Thurm ſtand auf der Spitze des Felſens, auf der noͤrdlichen Seite war ein kleiner Vorſprung am Eingange, aber gegen das Meer zu ſchien er lothrecht mit dem Felſen uͤber der Tiefe zu ſte⸗ hen. Es wurde ſchwarz vor den Augen des ſonſt ſo unverzagten Ritters, und er mußte ſich auf das Schwert lehnen, um nicht hinunter zu ſtuͤr⸗ zen. Als er nun, um dem Schwindel zu wider⸗ ſtreben, mit aller Kraft den Blick auf ſeinen Begleiter heftete, richtete der Kullenmann den Ruͤcken in die Höhe, und ſtand rieſengroß mit einem wilden drohenden Ausdrucke vor ihm.„Hier ſind wir allein,“ ſagte er, und ſah den Ritter mit einem durchbohrenden Blicke an;„und hier bin ich der Staͤrkſte, wie alt ich auch bin.— Sage mir hier, zwiſchen Himmel und Abgrund, was Du zu wiſſen begehrſt.“ —,— ͦ——— 2 254 Carl ſammelte ſeine ganze Kraft; er war darauf vorbereitet, ſein Leben bis aufs aͤußerſte zu vertheidigen, und in dem erſten Augenblicke, wo der duͤſtre Kaͤmpe ihm mit ſeinen langen Ar⸗ men auf den Leib ruͤcke, ihm den Platz ſtreitig zu machen; allein der Kullenmann ſtand ruhig und goͤnnte ihm Zeit, ſich zu beſinnen. Da ge⸗ dachte Carl des Befehls ſeines Koͤnigs und ver⸗ gaß ſeiner gefauͤhrlichen Lage. Er lehnte ſich feſter auf das Schwert, und legte dem furchtbaren Kullenmanne die Frage vor: auf was wohl der Koͤnig den Tag, als er mit dem Fuße im Steig⸗ buͤgel in Gedanken verfiel, gedacht haͤtte, und was er dazu ſagte? Der Alte ſchwieg, und betrachtete lange die Sterne; ſeine vorher ſo matten Augen glaͤnzten nun von einem ſonderbaren Feuer; darauf ſagte er leiſe, wie halbſingend, vor ſich hin: Dein Herr und Koͤnig dachte daran: „Wie wird es den lieben Soͤhnen geh'n, Wenn ich nicht mehr bin auf Erden!“ So bring ihm die wahre Antwort geſcheut: „Es harren ihrer Zwieſpalt und Streit! Doch ſollen ſie Alle Koͤnige werden!“ 25⁵ Carl bewahrte jedes Wort in ſeiner Seele auf, als gelt’ es dem Heile des Koͤnigs und des Landes, obgleich er nicht einſah, wie dieſe Worte den Koͤnig troͤſten oder beruhigen konnten, weil ſie ihm vielmehr eine ungluͤckliche Wahrſagung zu enthalten ſchienen. Schon auf dem Herwege hatte es Bedenklichkeiten bei ihm erregt, Rath und Troſt bei einem ſo verrufenen Wahrſager, der des Umganges mit böſen Geiſtern verdaͤchtig war, zu ſuchen; allein ſo lange er nur die Auf⸗ traͤge ſeines Herrn ausrichtete, hatte er jeden Scrupel beſeitigt; nun aber war er nahe daran, ſich fort zu begeben, ohne das zu erfragen, was ihm ſelbſt ſo ſchwer auf dem Herzen lag. „Begehrſt Du mehr zu wiſſen“— fragte der Kullenmann—„ſo ſey ſchnell; es ſteht ein Ungluͤcksſtern uͤber unſern Haͤuptern!“ „Ach Rigmor! Rigmor!“ ſeufzte Carl, und fragte nun den Alten in ſeinem eigenen Namen, ob er wuͤßte, wo ſeine Gattin ſey, und ob er ohne ſuͤndhafte und verbotene Kuͤnſte ihm ſagen koͤnne, ob er ſie in dieſer Welt noch wieder ſe⸗ hen wuͤrde? „Koͤmmſt Du lebendig von hinnen,“ mur⸗ 2⁵⁶ melte der Alte—„wirſt Du bald erfahren, wo ſie iſt; doch wenn Liebe nicht ſtaͤrker als Haß iſt, erfaͤhrſt Du es zu Deinem Unheil!“ Carl ſann auf die dunkeln Worte und ſuchte Troſt fuͤr ſein unruhiges Herz darin zu finden. Der Alte ſchien noch mehr ſagen zu wollen, allein ploͤtzlich wurde ein durchdringendes Geſchrei aus dem Innern des Thurmes vernommen; der Wahrſager erblaßte, und mit dem Ausrufe:„die Lampe!— aus dem Wege!“ ſtuͤrzte er außer ſich die Schneckentreppe hinab, indem er Carln ſo gewaltſam zur Seite ſtieß, daß er das Gleich⸗ gewicht auf der Thurmzinne verlor, und mit dem Kopfe uͤber die Mauer hinausfiel. Carl ſah in die unermeßliche Tiefc hinab, hielt ſich aber feſt und kroch an die Treppe zuruͤck; in einem Au⸗ genblicke war der Alte eingeholt, und als nun die geheime Thuͤre zu der Thurmhalle aufflog, ſchlug eine große Flamme ihnen entgegen. Die Luken und die breterne Bekleidung brannten, und am ſteinernen Tiſche, mit den auflodernden Schriften vor ſich, ſaß die abgezehrte weibliche Geſtalt, und lachte und ſang mit wildem Ge⸗ ſchrei, von den verzehrenden Flammen umgeben. 257 — Carl umfaßte ſie mit beiden Armen, und ſtuͤrzte mit ihr durch Rauch und Flammen die letzte Thurmtreppe hinunter, waͤhrend der Alte nur an Loͤſchen und Rettung ſeiner Schriften und geheimer Sachen dachte. Carl erreichte die unterſten Stufen; es ge⸗ lang ihm, die eiſerne Stange von der Thuͤre los⸗ zureißen, und, ohne erſtickt zu werden, in's Freie zu kommen; allein die ungluͤckliche Frau Helene lag verbrannt und halb todt in ſeinen Armen. „Wolmar, Wolmar!“ jammerte ſie,„Du haſt mir die ewige Seligkeit gekoſtet!“ Carl legte ſie auf den Felſen hin, um wo moͤg⸗ lich den ungluͤcklichen Wahrſager zu erretten, ge⸗ wahrte aber mit Entſetzen, daß die Flamme aus allen Thurmluken ſchlug, und daß der Alte auf der Spitze des Thurmes ſtand. Er hatte einen ganzen Haufen brennender Schriften in der Hand, die er rings um ſich in die Luͤfte ſtreuete, waͤh⸗ rend er ein Zauberlied hrummte und ſeinen Ru⸗ nenſtab ſchwang, als meinte er, die Flammen be⸗ ſchwoͤren zu koͤnnen; allein ſie erreichten ihn ſchon, verzweifelt ſtuͤrzte er ſich wirbelnd in ſie hinab und war verſchwunden. IV. 17 ————— 258 „Verbrenne! jetzt verbrenne, ſchwarzer Teu⸗ fel!“ ſtöhnte das ſterbende Weib.„Ich ver⸗ brenne ſchon! jetzt werde ich wohl den Koͤnig Wol⸗ mar in Frieden laſſen bis zum juͤngſten Tage.— Ich bin die Koͤnigin des Kullenmannes!— ich folge ihm in die Tiefe!— Ha! der Muͤhlſtein, der Muͤhlſtein!— der haͤngt nun in aller Ewig⸗ keit an meinem Halſe!— Wo ſind nun Deine Koͤniginnen, Wolmar!— ach! Dagmor, Dag⸗ mor! bete fuͤr mich!— Die ſtolze Beengierd erdroſſelt mich in ihrem blutigen Halsbande!“ Unter dieſen aͤngſtlich unterbrochenen Worten ſank ſie verzweifelt zuſammen und war todt. Carl faltete die Haͤnde; er richtete ſeine Augen gegen den Himmel und den brennenden Thurm; da ſchlu⸗ gen die Flammen uͤber die Zinnen zuſammen und eine ſchwarze Geſtalt ſtuͤrzte zu ſeinen Fuͤßen nie⸗ der. Es war der Kullenmann, deſſen verbrannter Leichnam zerſchmettert zwiſchen den Felſenſteinen da lag.. Bei dem Anblicke des brennenden Thurmes auf Kullen waren eine große Menge Menſchen aus der Umgegend hinzugeſtrömt, um zu loͤſchen und zu retten. Die Furcht des Volkes vor dem e 259 bezauberten Thurme des Kullenmannes mußte bei Vielen der Neugier und bei Andern dem Machtge⸗ bot der Voͤgte weichen, welche ſie zwangen, den Ungluͤcklichen zu Huͤlfe zu eilen. Sobald Carl die zwei verbrannten Leichen, vor denen die Meiſten zuruͤckbebten, der Sorg⸗ falt einiger Bauern und eines ehrwuͤrdigen Prie⸗ ſters uͤbergeben hatte, ging er mit ſtillem Grauen zu ſeinem Pferde zuruͤck, das er an dem Pfahle vorfand, wo er es angebunden hatte. Er ge⸗ wahrte nun deutlich den Todtenſchaͤdel an der Spitze des Pfahles und fragte einen Bauer aus Schonen, der ihn begleitete, wer der Verbrecher ſey, deſſen Schaͤdel hier zum Schrecken und zur Warnung aufgeſteckt war. „ Es iſt einer von den Engeln des Satans, der mit der Tochter des Königs Swerker aus dem Kloſter hinwegflog!“ gab der Bauer zur Antwort.„Der Galgenvogel, Ritter Folkeſohn, der die Nonne behielt, kam mit heiler Haut da⸗ von, allein ſein Knappe wurde ergriffen und ge⸗ richtet. Es konnte ja auch nicht anders ſeyn,“ fuhr der Bauer fort, waͤhrend Carl, ohne etwas zu erwiedern, den unruhigen Schimmel liehkoſ'te, 17* 260 „wo die Großen dem Galgen vorbeiſchluͤpfen, muͤſſen doch die Kleinen baumeln; das, weiß der Herr wohl, das iſt der Lauf der Welt. Er grinſet uͤbel da ohen, der arme Teufel! Waͤre die Jungfrau nicht ſo vornehm geweſen, waͤre wohl ſein weißer Hals geſchont worden; al⸗ lein mit Baͤrenjungen ſoll man nicht Haſchens ſpielen! Gedankenvoll beſtieg Ritter Carl den Schim⸗ mel und ritt von hinnen. Nitter Folkeſohns dreiſte That hatte mit der ſeinigen einige Aehn⸗ lichkeit. Es war zwar keine Koͤnigstochter, die der daͤniſche Ritter aus dem Kloſter entfuͤhrt, al⸗ lein doch die Tochter des Herzogs von Nordalbin⸗ gien, die fuͤr's Kloſter oder einen fuͤrſtlichen Braͤutigam beſtimmt war. Jetzt, da er nicht wußte, wo ſie in der Welt ſich befand, war ihm jeder andere Kummer gleichguͤltig; allein er konnte doch nicht umhin, Betrachtungen uͤber ſeine Lage anzuſtellen. Von der Unverſöhnlichkeit des Gra⸗ fen Albert konnte er das Schlimmſte erwarten, beſonders wenn der ſtrenge Vater nicht ſelbſt die Tochter in ein Kloſter geſperrt hatte. Carl mußte nun vermuthen, Graf Albert auf Ribehuns an⸗ 261 zutreffen; allein ſein Auftrag an den Koͤnig und die Hoffnung, einige Nachrichten von Rigmors Ge⸗ ſchick zu erhalten, beſchleunigken ſeine Reiſe. Den Anblick jenes Todtenſchaͤdels hielt er fuͤr ein Vor⸗ zeichen, daß er dem gewiſſen Tode entgegeneilte; allein er ſpornte ſeinen Schimmel an und wußte von keinem Zoͤgern. Er hoffte jedoch von den ritterlichen Gefinnungen des Grafen und von der Gerechtigkeit und Gunſt des Koͤnigs, daß ihm in allen Faͤllen geſtattet werden wuͤrde, als freier und edelgeborner Ritter, mit dem Schwerte in der Hand, von Graf Alberts maͤchtigem Ritterſchwerte zu fallen.— Ein Kampf auf Leben und Tod mit ſeinem vormaligen Waffenmeiſter war nun das hoͤchſte Gluͤck, das er erwarten konnte, und obgleich er nicht mehr den bejahrten, von Unmuth aufgeriebenen Heerfuͤhrer als ſeinen Meiſter, und ſich in ritterlicher Waffenfuͤhrung uͤberlegen er⸗ kennen konnte, fuͤhlte er dennoch, daß es ihm unmöoglich ſeyn wuͤrde, ſeine Kraft und ſein Rit⸗ terſchwert— ſey es auch zur Vertheidigung des eigenen Lebens— an Rigmors ehrwuͤrdigem Va⸗ ter zu verſuchen. Auch mit Graf Otto hatte er die noch unentſchiedene Ehrenſache auszufechten, 262 und er zog nun nach Ribe, in der feſten, doch nicht niederſchlagenden Ueberzeugung, daß, wenn er auch ſeine Rigmor nie wiederſehen ſollte, ihm wahrſcheinlich wenig Zeit in dieſer Welt uͤbrig bleiben wuͤrde, ihren Verluſt zu beweinen, und daß vermuthlich einer der tapfern Schweſterſoͤhne des Koͤnigs ihm die ruhmvolle und willkommene Todeswunde geben wuͤrde. In ſolchen ernſten Betrachtungen langte Carl von Riſe, nach einer hurtigen und gluͤcklichen Reiſe, an einem Sonntagmorgen in Ribehuus an. Er war durch dieſelben Straßen gekommen„ als den Tag, da er als Kind, im Wagen mit der kleinen Rigmor, den Koͤnig zum erſten Male geſe⸗ hen. Sein ganzes Leben zog ihm in lieben, weh⸗ muͤthigen Erinnerungen voruͤber. Alle Gegenſtaͤnde um ihn waren dieſelben. Allein damals zog er mit kindlichen Traͤumen und Hoffnungen in das wundervolle, mannichfaltig geſtaltete Leben hinein, deſſem Ausgange er ſich nun zu naͤhern ſchien. Auch mit den ſtolzen Traͤumen des Koͤnigs war es zu Ende. Statt glaͤnzender Eroberungen und Siegge ſchien nun ſeine und Daͤnemarks Hoffnung auf ein ſtilles, friedſames Volksleben, durch Got⸗ 263 tesfurcht und weiſe Geſetze geſichert, geſtellt zu ſeyn.— Carl vergaß ſich ſelbſt und ſeinen Kum⸗ mer uͤber dem Gedanken an Koͤnig und Vaterland. Er ſah die Buͤrger, mit Frauen und Kindern, mit ſtiller Zufriedenheit in den freudigen Geſichtern, vom Hochamte in dem Dome zuruͤckkehren, und er erinnerte ſich, daß es der 27ſte Sonntag nach Trinitatis ſey, da das Evangelium von der Ver⸗ klaͤrung des Herrn auf dem Berge vor dem Hochaltare abgeſungen wurde. Er faltete ſeine Haͤnde uͤber dem Zuͤgel und betete ſtill, indem er dem Dome voruͤberritt. Eine fromme Thraͤne glaͤnzte in ſeinem ehrlichen Auge und er ritt, ge⸗ troſt und freudig im Gemuͤthe, uͤber die Schloß⸗ bruͤcke und ſtieg von dem Schimmel am Brunnen im Schloßhofe. Er uͤbergab das Pferd einem Knappen und ging ruhig die Schloßtreppe hinauf. Dort ließ er ſogleich durch den Trabanten und Thuͤrſteher dem Koͤnige ſeine Ankunft melden. Dieſer war ſo eben von der Meſſe gekommen und befand ſich allein in ſeinem Geheimzimmer. Ohne Zoͤgern wurde Ritter Carl vorgelaſſen, und die Wichtigkeit, welche ſein geheimer Auftrag fuͤr den Herrn zu haben ſchien, erregte große Aufmerkſam⸗ 264 keit unter den Trabanten, die gegen Gewohnheit Befehl erhalten hatten, den Vorſaal des Geheim⸗ zimmers zu verlaſſen. Nach einer halbſtuͤndigen geheimen Unterredung mit dem Ritter trat der Koͤnig ſelbſt aus dem Ge⸗ heimzimmer, und mit verſchloſſenem Helmgitter folgte ihm Carl von i langſam nach dar Rit⸗ terhalle. Der Koͤnig hatte einen praͤchtigen Kroͤnungs⸗ anzug angelegt; mit der Krone auf den weißen Locken, und dem Scepter in der Hand, ſchritt er langſam und feierlich, mit ruhigem Ernſte in dem herrlichen, noch ſchoͤnen Heldenantlitz, hervor. Als Waldemar in die Ritterhalle trat, ſtanden alle ſeine Ritter und Lehnsmaͤnner in zwei langen Reihen auf beiden Seiten des Thrones. Carl folgte ihm mit klopfendem Herzen und hielt mit einer Miſchung von Freude und Unruhe inne, als er den hohen, ernſten Graf Albert, in der ſchwar⸗ zen Ruͤſtung, neben Junkherrn Strange, an der rechten Seite des Thrones, und an der Linken Graf Otto obenan, unter den juͤngern Rittern, erblickte. Auf einem erhabenen Sitze, zunaͤchſt dem königlichen Throne, ſaß Dagmors gekrönter Sohn in fuͤrſtlicher Pracht und erhob ſich ehrerbietig, um den koͤniglichen Vater zu empfangen. Von drei weniger erhoͤheten Sitzen erhoben ſich drei reich geſchmuͤckte Knaben. Es waren die juͤngſten Soͤhne des Königs: Erick, Abel und Chriſtopher, die auch von der Gefangenſchaft als Geiſeln fuͤr ih⸗ ren Vater ausgeloſet waren. 7 Der Koͤnig ließ ſich auf den Thron nieder, und eine Reihe von geiſtlichen Herren, unter wel⸗ chen Abt Gunner, Henrick Harfenſaite und viele Biſchoͤfe ſich befanden, ſtimmten einen feierlichen Lobgeſang an und prieſen den gnaͤdigen Gott, der nach ſo vielen und ſchweren Pruͤfungen Daͤnemark ſeinen Koͤnig und ihm ſeine Söhne und tapferſten Ritter zuruͤckgegeben hatte. Darauf erhob ſich der Koͤnig vom Throne und ſprach mit Würde und Kraft zu dem treuen daͤniſchen Volke und den er⸗ ſten Maͤnnern des Reichs. Er lobte mit Demuth die unbegreiflichen Wege des Allmaͤchtigen, die durch Noth und Drangſale die Verirrten zum Frieden und Heil fuͤhrten. Er erklaͤrte, daß er ſeine letzten Tage den Werken des Friedens und der Gerechtig⸗ keit weihen wuͤrde, und bezeugte, mit der Hand auf der Broſt, daß er jetzt nach beinem hoͤhern Ruhme 266 ſtrebte, als nach ſeinem Tode„der Sohn Walde⸗ mars des Großen, Daͤnemarks Beſchuͤtzer und Ge⸗ ſetzgeber“ genannt werden zu koͤnnen. Ein herzliches Beifalls⸗ Jauchzen von allen geiſtlichen und weltlichen Herren, und von der gro⸗ ßen Menge Buͤrger aus allen Staͤnden, die die Halle erfuͤllten, begleitete die Rede des Koͤnigs. „Und jetzt, edle Ritter und däniſche Maͤnner!“ verſetzte der Koͤnig,„bevor ich dieſen Ort verlaſſe, muß ich noch einer Pflicht der Gerechtigkeit genug thun. Ritter Carl von Riſe, der hier ſteht, und den ich uͤbrigens als einen meiner beſten und ergebenſten Maͤnner erkenne, hat meinen fuͤrſtlichen Neffen, Graf Albert von Orlamuͤnde, groͤblich beleidigt, i in⸗ dem er, ohne deſſen vaͤterliche Beiſtimmung, ſeine Tochter heimlich entfuͤhrt und geeheligt hat. Aus großherzigem Eifer fuͤr meine Befreiung und das Wohl des Vaterlandes hat mein beleidigter Vetter bis auf dieſen Tag es verſchoben, den Ritter Carl, wegen dieſes vermeſſenen und eigenmaͤchtigen Un⸗ ternehmens, zur Strafe und ritterlicher Genug⸗ thuung zu ziehen; nun aber geſtatte ich, Kraft mei⸗ ner koͤniglichen Gewalt und Anſehens, dem belei⸗ digten Vater, die Strafe, welche er mit Recht und ——— 267 Fug uber den Ritter— deſſen Antlitz, er geſchwo⸗ ren hat, bis auf dieſe Stunde der Gerechtigkeit und Vergeltung nicht ſehen zu wollen— verhaͤngen darf, ſelbſt zu verlangen. Ich habe das Ver⸗ trauen in meinen tapfern Vetter, daß, wenn er weder vergeben kann noch will, er doch mit keiner entehrenden Strafe einen ſo geehrten und ehrli⸗ chen Ritter belegen und die Geſetze der Ritter⸗ ſchaft gelten laſſen werde, die zwar ob ſolcher Be⸗ leidigung ſtrenge Genugthuung fordern, allein nur eine ſolche, die unter tapfern und edelgeborenen Rittern ſchicklich und herkoͤmmlich iſt. Welchen Chrenerſatz oder welche Strafe, die mein edler Vetter von Carl von Riſe erheiſchen kann, und denen dieſer ſich freiwillig unterwerfen will, beſtaͤ⸗ tige ich daher, beider Wuͤnſchen gemaͤß, durch mein koͤnigliches unverbruͤchliches Wort!“ „Mein edler Herr und König!“ begann nun der finſtere Graf Albert,„Eure Zuſage und Wort haben nun unſer gemeinſamer Richter dort und alle daͤniſche Ritter hier vernommen. Geden⸗ ket deſſen, wenn Ihr das, was ich fordere, er⸗ fahret. Ueber den Mann, deſſen Antlitz ich ge⸗ ſchworen, erſt in dieſer Stunde der Gerechtigkeit 268 und der Vergeltung ſehen zu wollen, und deſſen Namen ich, als wir in der finſterſten Wohnung des Elendes zuſammentrafen, Euch angefleht, meinem Ohre nicht zu nennen,— den Mann, deſſen Herr und Waffenmeiſter ich geweſen, und den ich als einen Sohn liebte, bis er mich zwang, ihn als meinen bitterſten Feind zu haſ⸗ ſen, uͤber ihn erheiſche ich keine andere Strafe, als: daß er entweder noch in dieſer Stunde auf Leben und Tod mit mir kaͤmpfe, oder daß er, An⸗ geſichts des Koͤnigs und der ganzen Kitterſchaft, knieend, mit zugebundenen Augen, den Schlag der Vergeltung empfange, den ich geſchworen habe, mit eigener Hand auf ſein Haupt fallen zu laſſen, einen Schlag, der, ſo hoffe ich, eben ſo wenig ſeine ritterliche Ehre kraͤnken, als meinen Namen, als Koͤnig Waldemars turhlihen Verwandten, beſchimpfen ſoll!“ Alle Ritter erſtaunten. „Wie?“ rief der Koͤnig heftig erzuͤrnt,„ſo wagt Ihr, mein Wort und Geluͤbde zu mißs brauchen?“ „Mein koͤniglicher Ohm!“ verſette Graf Al⸗ bert ruhig,„ein Koͤnigswort iſt unverbruͤchlich; 269 wenn ich es mißbrauche, iſt es meine Sache, das, was ich thue, zu vertreten, und dazu bin ich erboͤ⸗ tig. Der Nitter Carl von Riſe hat die Wahl!“ Waldemar betrachtete mit einem durchdringenden Blicke den ſinſtern, furchtbaren Verwandten. Er ſann einen Augenblick nach, dann ſagte er mit un⸗ terdruͤcktem Unmuthe:„wie ſeltſam die letzte Be⸗ dingung auch ſcheine, und wie tief es mich auch empoͤren wuͤrde, meinen Neffen in einen Henker und meine Halle in ein blutiges Hochgericht ver⸗ wandelt zu ſehen— halte ich doch mein Wort und breche es nicht.— Wenn Ritter Carl von Riſe ſich ſo weit demuͤthigt, Eure letzte empoͤrende Be⸗ dingung zu waͤhlen, da werde ich meine Blicke mit Abſcheu hinwegwenden— und Euer Wille geſchehe! Doch hoffe ich, daß der biederſte, edelgeborne Ritter die erſte Bedingung waͤhlen werde, die, wie ſchmerz⸗ lich die Erfuͤllung mir auch ſeyn mag, doch jetzt allein dieſe Sache ohne Schimpf und Schande der Ritterſchaft und des Königsſtammes beendigen kann!“ Der König ſchwieg und ſetzte ſich nieder. Alle Augen waren nun auf Ritter Carl gerichtet, der, ohne ein Wort zu ſagen, mit feſten Schritten her⸗ 270 vortrat und das Helmgitter uͤber die bleichen Zuͤge aufzog. Er ſah dem Grafen Albert ſcharf und ru⸗ hig, faſt laͤchelnd, in das duͤſtere, eiſerne Antlitz. Dann nahm er den Helm vom Kopfe, band die Achſelſchaͤrpe vor die Augen, knieete vor den Thron nieder und erwartete ſtill und unbeweglich den zer⸗ nichtenden Todesſtreich von der Hand des Mannes, gegen den es ihm unmöglich war, Wehr und Waffe zu fuͤhren. Ohne einen Zug zu veraͤndern, zog Graf Albert ſein gewaltiges Schwert, und alle Ritter ſtarrten ihn als einen Wahnſinnigen, mit einem Ausdrucke von Grauen und Entſetzen, an. Er trat einen Schritt zuruͤᷣck und erhob das gewichtige Richter⸗ ſchwert. Der Koͤnig ſtreckte ſchnell die Hand aus, als wolle er das Schwert zuruͤckhalten: er war in der Verſuchung, durch einen Machtſpruch ſein Ge⸗ luͤbde zu brechen und die empoͤrende Rachethat zu hemmen; da ſprang ein junger Knappe ploͤtzlich aus der Reihe der Schildknappen hervor und ſtellte ſich dreiſt zwiſchen Carln und den drohenden Grafen. „Haltet ein, unbarmherziger, unverſoͤhnlicher Ba⸗ ter!“ toͤnte Rigmors Stimme.„Sehtl! ich bin Eure Tochter Rigmor, und der Ritter, der hier 271 als ein Verbrecher kniet, iſt mein Shehehe vor Gott und der Welt!“ Graf Albert ließ das Schwert unten und be⸗ trachtete ſie ruhig und ſchweigend.— Carl kannte ihre Stimme und breitete die Arme aus; allein er riß die Binde nicht von den Augen, und veraͤnderte ſeine Stellung nicht. „ Seht!“ verſetzte Rigmor—„er Sat ſein Haupt dem Schwerte des Naͤchers entbloͤßt— er hat den Tod von Eurer Hand, harter Vater, gewuͤnſcht, weil er ſein Leben mit Curem Blute nicht erkaufen wollte— aber ſo darf er es nicht hinwerfen— er darf nicht laͤnger vor dem Un⸗ barmherzigen knieen. Steht auf, Ritter Carl! und vertheidigt Euer Leben; mein Vater iſt nicht mehr der Eurige! ich entſage jedem Rechte in dieſer Welt: Eure Gattin genannt zu werden. Eure Ehre duͤrft Ihr meinetwegen nicht aufopfern. Soll jemand hier ſo ehrlos ermordet werden, ſo ſey ich es! Ich bebte vor dem Grolle des Va⸗ ters, als er gerecht war— jetzt mag er mich zerſchmettern! Jetzt trotze ich ihm. Sieh hier⸗ her, harter Vater! Hier kniet die Tochter des Grafen Albert von Nordalbingien.— Haſt Du IV. 18 ein Recht dazu, ſo laß mich Deiner unverſohn⸗ lichen Hand verfallen ſeyn; allein ich geſtatte Dir nicht, die Chre unſers fuͤrſtlichen Hauſes durch eine geringere Unthat zu beflecken!“ 1 Stolz und ruhig kniete die hochherzige Tochter vor das Antlitz des Vaters nieder, und ſah ihn mit einem unverzagten Blicke an, indem er die eigene ſtolze, jede Gefahr verachtende Seele erkannte. „Steh auf, Ritter Carl! ſteh auf, meine Tochter!“ ſprach er ruhig.—„Vergoͤnnt Ihr es, mein Koͤnig! werde ich eine fremde unpar⸗ theiiſche Stimme zwiſchen uns richten laſſen.“ Darauf gab er ſeinem Knappen einen Wink, und Thorgeier Danaskald trat, mit dem Saitenſpiel in der Hand, hervor.„Singt uns das Lied von der Rache des gefangenen Grafen!“ ſagte der ernſte Heerfuͤhrer. Alle ſahen den Skalden verwundert an. Er begruͤßte ehrerbietig den Koͤnig und die ganze Verſammlung, und nach einigen Griffen in die Saiten ſang er ein Lied, deſſen Inhalt alle, doch am meiſten Ritter Carln und Frau Rigmor be⸗ wegte. Es ſing damit an, wie der gefangene Graf im Thurme ſaß und von ſeinem Knappen 273 getroͤſtet wurde, und wie er den letzten Tag, den ſie im Kerker verbrachten, ſeine ſtolze Tochter erkannt und geſchworen hatte, ihre Treue dereinſt zu belohnen. „Vater, Vater!“ rief Rigmor,„Du haſt mich erkannt und ſchwiegſt?“ „Still! das Lied iſt noch nicht zu Ende,“ verſetzte Graf Albert ernſt.— Thorgeier Danaskald fuhr fort, und ſang von dem, was der gefangene Graf in ſeinem Herzen geſchworen, als er aus dem duͤſtern Thurme her⸗ austrat, und an die Rache dachte, die er dem Raͤuber der Tochter verheißen. Dann beſchrieb er, was ſo eben geſchehen war„ und wie die ei⸗ gene Wahl des Ritters entſcheiden mußte, ob Er und Graf Albert Feinde oder Freunde bis in den Tod ſeyn ſollten.— Ein Wink des Grafen unterbtach den Ge⸗ ſang.„Du waͤhlteſt nicht den Todeskampf mit dem Vater Deiner Gattin, Ritter Carl!“ ſprach er freundlich;„Du waͤhlteſt den Tod von ſeiner Hand, und daher ſchwur ich, Dir meine Tochter und meinen Segen zu geben. Ich pruͤfte Dich zu hart; allein es freut mich doch. Die Tochter des Grafen Albert kannte ich ſchon, nun lernte 18* 274 ich auch die Gattin Carls von Riſe kennen. Gott ſegne Euch, Kinder! Habt Ihr nun ver⸗ ſtanden, wie Graf Albert geraͤcht werden wollte?“ Carl hatte die Binde von ſeinen Augen ge⸗ riſſen, und mit ſtuͤrmiſcher Freude ſeine Rigmor umarmt, die in der Geſtalt des kuͤhnen Schild⸗ knappen unter einem Strome von hervorbrechen⸗ den Freudenthraͤnen an ſeiner Bruſt ruhete. Das wieder vereinte Ehepaar ſtuͤrzte ſich in die Arme des verſoͤhnten Vaters und die Breuhs war all⸗ gemein und groß⸗ Thorgeier Danaskald hatte Carls und Rig⸗ mors Kinder von Kariſe mitgebracht; der Anblick der unſchuldigen Kinder hatte den ſtrengen Groß⸗ vater bewegt. Er hatte ſie ins Geheim geſehen und umarmt, ohne jedoch die harte Pruͤfung, die die Bedingung ſeiner Verſöhnung war, aufgeben zu koͤnnen. Nun traten die Kinder auf Thor⸗ geiers Wink, von einer ſchoͤnen jungen Frau be⸗ gleitet, hervor. Es war Thorgeier Danaſkalds Hausfrau, Carls und Kirſtines leibliche Schwe⸗ ſter, Margarethe. Die Kinder flogen mit einem Freudengeſchrei in die Arme der gluͤcklichen El⸗ tern. Alle draͤngten ſich mit froher Theilnahme 275 hinzu, und Viele ſtimmten in die Beifallsaͤuße⸗ rungen, womit der König dem Grafen die Hand reichte, mit ein. Nur Graf Otto ſtand fern, und ſtarrte erbleichend die ſchoͤne Frau Margarethe an. Als der erſte Freudenrauſch voruͤber war, nahete Graf Otto blaß und langſam Carln, der noch vor Freude und uͤbermaͤßiger Gluͤckſeligkeit ſchwindlig ſchien, und auch dieſem ſeinem liebſten Jugendfreunde und Waffenbruder die Arme ent⸗ gegen ſtreckte. 3. „Ihr veegeßt in Eurem Gluͤcke, edler Ritter Carl von Riſe!“ ſprach Otto, und trat einen Schritt zuruͤck,„daß wir noch heute eine Lanze auf Leben und Tod mit einander brechen muͤſſen, und daß ich Eure freundliche Umarmung nicht empfangen darf, beyor ich mit meinem Blute meine Schuld und mein Vergehen gegen Euch getilgt habe. Ich ſehe hier ein Bild vor den Augen, das mich allgewaltig daran erinnert. Wo iſt Eure ungluͤckliche Schweſter Kirſtine?“ Carls frohe Zuͤge verſchmolzen augenblicklich in Wehmuth; eine Thraͤne funkelte in ſeinem ſtillen blauen Auge, er zeigte gen Himmel und ſchwieg. „Todt!“ rief Graf Ottos„ſo ſey mir 276 gnaͤdig, gerechter Himmel! Kommt denn Ritter Carl! kommt, damit mein Herzblut Eurer un⸗ ſchuldigen Schweſter die Ehre und den unbefleck⸗ ten Ruf im Grabe zuruͤckgeben moͤge!“ „Sie hat Euch bis in den Tod geliebt und Euch vergeben!“ erwiederte Carl;„Ihre Liebe zu Euch war das Vergehen, das ſie der Koͤnigin bekannte. Euer Siegelring iſt ihr in das Grab gefolgt— mit dem hat ſie ſich Euch fuͤr jenſeits verlobt.— Sie war unſchuldig und treu bis in den Tod. Sie betet nun bei Gott fuͤr uns alle. Da, meine Hand, Graf Otto! Moͤge der gluͤck⸗ lichſte Tag meines Lebens uns allen ein Frie⸗ dens⸗ und Verſoͤhnungstag ſeyn!“ DOtto nahm ſchweigend und bewegt den ehr⸗ lichen Handdruck an. Still und traurig verließ er die gluͤckliche Koͤnigsburg, und Carl von Riſe ſah ihn nie mehr auf dieſer Welt. „Laßt uns heute das verſchwundene Ungluͤck ganz vergeſſen, mein koͤniglicher Ohm!“ ſprach Graf Albert zum Koͤnig, der eine Stunde nach⸗ her ſchweigend und gedankenvoll in der Ritterhalle ſtand, und ſeine Kinder, und die frohen Men⸗ ſchen, die ihn umgaben, mit einem ſonderbaren 277 wehmuͤthigen Blicke betrachtete.„Ihr habt doch Eure Kinder wieder, mein König, und ich die meinigen,“ fuhr der Graf fort—„vor einem halben Jahre ſah es nicht darnach aus, algs ſoll⸗ ten wir einen ſolchen Freudentag erleben; da wurde mir als gewiß in meinem Kerker berichtet, daß Herzog Adolph Cuch auf ſeinem Pferde ge⸗ bunden von dem Wahlplatze fortgebracht haͤtte.“ „Großer Gott! Herzog Adolph,“ rief Wal⸗ demar—„gjetzt, jetzt iſt mir das Näͤthſel klar;z jetzt verſtehe ich Dein Gebet, hochherziger Feind! — vergieb uns unſere Schuld, ſo wie wir un⸗ ſern Schuldnern vergeben!“„Amen,“ ſprach Abt Gunner.— Und der Koͤnig war den ganzen Tag ſo froh, als man ſeit vielen Jahren ihn nicht geſehen. Nach dieſem Tage lebte noch der große Koͤnig einige wichtige fuͤr Daͤnemark wohlthaͤtige Jahre, und erwarb ſich den Namen: Waldemar, der Ge⸗ ſetzgeber. Abt Gunner, und der fromme Erzbi⸗ ſchof, den der Koͤnig doch nie mehr geſehen, wa⸗ ren bei dieſem großen Unternehmen ſehr thaͤtig⸗ * 278 Der Erzbiſchof ſtarb auf Ifse. Der letzten Worte, welche der Koͤnig aus ſeinem Munde, in jener furchtbaren Nacht vor Weihnachten, gehoͤrt hatte, mußte er nochmals mit Reue und Grauen gedenken. Er mußte noch vor ſeinem Tode das harte Geſchick erdulden: ſeinen liebſten Sohn, Dog⸗ mars frommes Ebenbild, von jenem ungluͤcklichen Pfeile durchbohrt zu ſehen, der auf der Jagd in Refsnaͤswald bei Collundhorg das Herz von ganz Daͤnemark verwundete. Indeſſen erlebte der alte hartgepruͤfte Koͤnig die Erfuͤllung von der Wahrſa⸗ gung des Kullenmannes, welche die Sage noch unter dem Volke aufbewahrt, nicht. Allein die mißleitende Einwirkung der Wahrſagung verleitete ihn vielleicht, die Erfuͤllung derſelben durch den un⸗ gluͤcklichen Mißgriff: die Regierung unter ſeine Sohne nach ſeinem Tode zu vertheilen, ſelbſt zu beſchleunigen. Doch ſein Auge erblickte nicht die große Trauer, welche Abels Brudermord uͤber Land und Reich brachte, und wodurch Daͤnemarks Gluͤck wieder hinab ſank, und eine duͤſtere Nacht ſich um das Volk verbreitete, bis der letzte denkwuͤrdige Waldemar auftrat, der durch den Zunamen Wie⸗ dertag ſeine Verwandtſchaft mit Waldemar dem Großen und mit dem beruͤhmten Waldemar dem Sieger bethaͤtigte. Ende des vierten und letzten Theils. ——— — ffffffffffffffffffffff 13 14 15 16 17 18 19 2 2 —