S 3—.———— 3— 4— 8 1 Leihbibliothek eutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht 66 Em⸗ b pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3“ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen 3 .Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe ,z lutrrlegen welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet A wird. 3 1 ponnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſl beträgt: 8 8. für Wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 8————— an 1 Monat⸗ 1 Mr.— Pf. 1 Mtr. 50 Pf. 2 Wer.— Pf. „. 7„„—„—=„—„ —». Auswärtige Abonnenten haben fur Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ B —lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werres, ſo iſt lder Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben.. ——— 4 Jeih- und Ceſehedingungen. 4 — ————— TMlaldemar der Lieger. Hiſtoriſcher Roman von B. S. Ingemann. Dem Daͤniſchen nacherzaͤhlt von— L. Kruse. 4 Dritter Theil. Leipzig, bei Chriſtian Ernſt Kollmann. 18 27. Waldemar der Sieger. Dritter Theil. III. 1 v. Das große Feſt in Ribehuus hatte das Schloß und die Stadt mit Fremden angefuͤllt. Der Koͤnig hatte fruͤh Morgens die Koͤnigin beſucht, und ſie heiter und ruhig gefunden. Im koͤnigli⸗ chen Schmucke begab er ſich darauf mit dem doppelten Feierzuge nach dem Dome, wo die Feier mit einem Lobgeſang auf die Verbreitung des Chriſtenthums und die Siege des koͤniglichen Kreuzritters in Preußen und Polen, eroͤffnet wurde; dann folgte die Taufe des kleinen Prin⸗ zen Waldemar und zuletzt die Trauung. An einem Pfeiler in der Kirche ſtand waͤh⸗ rend dieſer Feierlichkeiten Ritter Otto neben Carl von Riſe.— „Nie ſah' ich einen kaltſinnigeren Braͤuti⸗ gam,“ fluͤſterte Otto,„da gefaͤllt mir beſſer der lange, ſchwediſche Ritter mit dem verwege⸗ nen Geſichte, der dort unter den erſten Traban⸗ ten des Koͤnigs Erich ſteht; das iſt der kuͤhne 1* 4 Ritter Suno Folkeſohn, der im vorigen Jahre die Tochter des Koͤnigs Swerker, trotz Biſchof und der ganzen Cleriſei, aus Wreto Kloſter entfuͤhrte.“ „Das war ja ein tollkuͤhnes Unterneh⸗ men,“— entgegnete Carl leiſe.—„Wie iſt er denn davon gekommen?“ „Wie Du ſiehſt. Er ſteht ſich gut mit dem neuen Koͤnig und iſt Einer ſeiner erſten Mannen. Das war ein ſchlaues und kuͤhnes Stuͤck. Er hatte ſich und ſeine Gefaͤhrten wie Engel vermummt, und ſo glaubten die andaͤch⸗ tigen Kloſterfrauen, daß er die ſchoͤne Prin⸗ zeſſin nach dem Himmel fuͤhrte.— Nun iſt ſie ſeine Gattin und hat ihm einen geſunden Sohn geboren, und Niemand in ganz Schwe⸗ den darf deswegen ein Haar an dem Kopfe des tapfern Suno verletzen.“ „Kann ein ſchwediſchet Ritter eine Königs⸗ tochter aus dem Kloſter entfuͤhren, ohne daß es ihm uͤbel bekommt,“ meinte Carl,„ſo darf wohl auch ein däniſcher Ritter ſein Heil ver⸗ ſuchen.”⁰ —— —— — 5 „Biſt Du von Sinnen, Carl¹“ fragte Otto:„Du denkſt doch wohl nicht an ſoich Abentheuer?“ „Behuͤte! ich bin ja noch nicht Ritter. 4 „Daͤrfte ich eine Jungfrau hier aus der Kirche entfuͤhren, wuͤßte ich wohl welche!“ fluͤ⸗ ſterte Otto ausgelaſſen, mit einem Blicke auf die ſchlanke Kirſtine, Carls von Riſe Schweſter, die die Schleppe der Braut trug.„Doch ſollte es auch ſeyn, um dem ſchwediſchen Ritter nach⸗ zuahmen,“ fuͤgte er ſchnell hinzu,„wuͤrde ich das Gegentheil thun, und das ſchoͤnſte Maͤdchen ins Kloſter fuͤhren. Der Hof iſt das Verderben der armen Kinder, kannſt Du glauben. Sieh nur! Es haften mehrere Augen an Deiner Schweſter, als an der Braut. Selbſt mein Ohm, der Köoͤnig, ſieht ſie oͤfter an, als ich es leiden wuͤrde, wenn ich ihr Bruder waͤre.“ „Meine Schweſter iſt ein ehrliches und zuͤch⸗ tiges Maͤdchen,“ entgegnete Carl beleidigt,„die um ihre Ehre zu bewahren, nicht eingeſperrt zu werden braucht.“ „Fuͤr Ihre Ehre wollte ich mich mit der ganzen Ritterſchaft ſchlagen,“ ſagte Otto,„al⸗ lein es iſt ſchon eher ein ehrliches Maͤdchen in uͤbeln Ruf gekommen, blos weil ſie ſchoͤn und freund⸗ lich gegen Alle war.“ „Da ſollte ich doch meinen, daß Niemand der Schweſter Uebles nachrede!“ fragte Carl mit zorngluͤhenden Wangen:„waͤre ich, traun! ein Ritter wie Ihr, Graf Otto, ſollte Nie⸗ mand, ſelbſt ob eines ſolchen Scherzes willen, die Stirne bis Abend ganz behalten.“ 5 „Still! Still! nicht ſo hitzig, Carl Schild⸗ Knappe! Ihr verſteht doch wohl Scherz?“ fluͤſterte Otto, ſich zuruͤckziehend„ denn Carl be⸗ gann laut zu werden und die Augen der Umſte⸗ henden auf ſich zu ziehen. Carl und Ritter Otto waren waͤhrend des letzten Feldzuges, durch manche gemeinſame, ver⸗ wegene That, Waffenbruͤder und vertraute Freunde geworden; dennoch geriethen ſie faſt alle Tage hart zuſammen und ſagten ſich harte Worte; denn Ritter Otto hatte in ſeinem Benehmen eine gewiſſe Zuverſicht auf ſeine hohe Geburt, die Carl verletzte; dieſer, der arme Sohn eines ein⸗ fachen Ritters, ſuchte dagegen ſeine Anſpruͤche auf eine derbe, unzarte Weiſe, die keine Ruͤck⸗ 7 ſicht auf Stand und Geburt, ſondern nur auf mannhafte und ritterliche Tuͤchtigkeit nahm, gel⸗ tend zu machen; die letztere Eigenſchaft betref⸗ fend, hoffte er, ſeinem hochfliegenden fuͤrſtlichen „Waffenbruder bald nicht nachſtehen zu, muͤſſen. „Vater Saxo hatte Necht: Es frommt dem jungen Hunde nicht, wenn er mit Baͤrenjungen ſpielen will,“ ſagte Carl leiſe fuͤr ſich, wenn Anlaß zum Unfrieden zwiſchen ihm und Otto entſtand; allein den Tag nachher waren ſie die beſten Freunde wieder, und hatte ihn der Graf wirklich beleidigt, war er immer willig, es zu geſtehen und wieder gut zu machen. Als der Zug ſich wieder aus der Kirche be⸗ gab, trat Carl beſcheiden zur Seite, um Platz zu machen, und dem König und ſeinen Rittern unter den andern Schildknappen und Streitern nachzufolgen. Hinter dem Koͤnige ging nun Otto an Graf Alberts Seite ihm raſch und kuͤhn vorü⸗ ber, waͤhrend er mit Demuth empfand, wie geringe und unbedeutend er gegen ſeinen fuͤrſtlichen Waf⸗ fenbruder war; da bemerkte er unter der gedraͤng⸗ ten Volksmaſſe einen armen krummruͤckigten Pil⸗ ger, der mit einem ſchlauen, haͤmiſchen Blicke Graf Otto betrachtete und ihn nicht aus dem Geſichte verlor. Carl wurde dadurch aufmerkſam, und glaubte unter der Pilgerhuͤlle den Erz⸗ Dechanten Arnfred, der wegen des ſchweren Ver⸗ dachts, den er ſich zugezogen, aus den Reichen und Landen des Koͤnigs verbannt worden, zu er⸗ kennen. Sobald Ritter Otto aus der Kirche getreten, war auch der Pilger in dem Gedraͤnge verſchwunden. Carl vergaß nun augenblicklich den kleinen Zwiſt, der zwiſchen ihm und Otto'n obgewaltet hatte, und entſchloß ſich, ihn ſobald wie moͤglich aufzuſuchen und zu warnen. Er eilte ſchnell in's Schloß, allein es war ihm den ganzen Tag nicht möglich, in ſeine Naͤhe zu dringen, da jener, als naher Verwandter des Kknigs, an einem ſolchen Feiertage den Kreis von ſtattlichen Hofleuten, der dieſen am naͤchſten umgab, nicht verlaſſen konnte. Gegen Abend, als die ſteifen Ceremonien et⸗ was nachgelaſſen hatten, hatte Carl jedoch Ge⸗ legenheit, der Schweſter, indem ſie ſich nach vollendeter Aufwartung bei der Koͤnigin Regitze nach den Gemaͤchern der Königin Dagmor bege⸗ ben wollte, einen Wink zu geben. — 9 „Ein Wort, liebe Kirſtine!“ ſagte er leiſe.„Sollteſt Du, ohne gegen die Schick⸗ lichkeit zu verſtoßen, Gelegenheit finden dem Grafen Otto ein paar Worte zu ſagen, ſo bitte ihn, daß er ſich huͤte; denn ſein Todfeind, der verbannte Pfaffe, iſt hier, der, den er aus dem Hofe des Königs hinauspeitſchen ließ. Ich habe ihn ſelbſt geſehen; gewiß geht er auf heim⸗ liche Rache aus.“ „Jeſus Maria! was ſagſt Du?“ rief Kir⸗ ſtine erſchrocken und hlaß wie eine Leiche. „Nun was fehlt Dir denn, Schweſter! Du haſt ja nichts zu befuͤrchten. Bitte nur den Gra⸗ fen, daß er ſich vorſehe und keinen Schritt ohne Waffen thue! aber rede ſo mit ihm, daß Nie⸗ mand es uͤbel deuten koͤnne. Schaue weder ihn noch irgend einen andern vornehmen Herrn freund⸗ lich an;— ach! liebe Schweſter! vergiß nicht, daß wir die Kinder eines armen Ritters ſind, und ein ehrlicher Name unſer ganzes Erbe und Habe i“— „Was faͤllt Dir ein? lieber Bruder!“ fragte Kirſtine verwundert. 10 „Genug davon, gute Schweſter! vergiß nur nicht, was ich Dir geſagt.“ „Ach! Nein! Es muß ſogleich geſchehen! Sieh! dort ſteht ja„hläter Otto bei dem eRänin Ich eile ſogleich— „Um Gottes willen! echweſtert Es ſchickt ſich nicht,“ wandte Carl ein, und wollte ſie zuruͤckhalten; ſie war aber ſchon weit weg, und kurz hernach ſah er ſie mit dem Grafen in einer unbemerkten, doch von Otto's Seite, wie es ſchien, ſehr warmen Unterredung. „Es geht nimmer gut!“ ſagte Carl unraßſs fuͤr ſich.„Warum hatte ich auch nicht Muth, mich unter die Großen zu wagen! Sie iſt mehr hofgewohnt, als ich; doch Otto hatte Recht,— ſie muß vorſichtig ſeyn.“ In dem⸗ ſelben Augenblicke ſiel ſein Blick durch die offene Thuͤre der Halle in den Vorſaal hinaus; er ſtutzte, und die Schweſter und den Ritter außer Acht laſſend, eilte er hurtig dem Blicke nach und verſchwand durch die Mengen im Vorſaale. Ritter Otto ſtand indeſſen auf dem offenen Saͤulengange naͤchſt dem Saale, freudetrunken uͤber den Wink, den ihm die erſchrockene und 11 ſchamhafte Jungfrau gegeben, die er gar nicht zu Worte kommen ließ; denn obgleich er ihr Benehmen in ſeinem Herzen nicht ganz ſchicklich fand, ſagte er ihr doch ſo viel Artiges und Huͤb⸗ ſches, daß das arme Maoͤdchen alle Augenblicke die Farbe wechſelte. „Aber ich habe Euch etwas Wichtiges zu ſagen, Ritter Otto!“ unterbrach ſie ihn endlich. „Ihr duͤrft um Gottes willen nicht glauben, daß ich Euch ſo ungeziemend hergewinkt haben wuͤr⸗ de, wenn nicht Noth kein Gebot kennte. Euer Leben iſt in Gefahr, edler Herr.“— „Mein Leben?“ fiel Otto ausgelaſſen und laͤchelnd ein;„meine Freiheit, wollt Ihr ſagen, ſchoͤne Jungfrau; und darin moͤgt Ihr Recht ha⸗ ben.— Eure freundliche Theilnahme, als hier mich alle verkannten, vergeſſe ich nie. Da⸗ mals ward mir keine Zeit, Euch zu danken! Doch glaube mir, ſchoͤne Kirſtine! was ich zu⸗ ruͤckließ.“— „Ach! Larun Siegelring!“ unterbrach ihn Kirſtine hurtig;„das haͤtte ich bald vergeſſen, den habe ich gefunden und Euch aufbewahrt. Hier iſt er!“ Mit dieſen Worten zog ſie ihn aus dem 12 1 Buſen hervor, und löſte ihn von dem filbernen Haken ab.„Aber,“ verſetzte ſie verwirrt, „das, was ich Euch zu ſagen gekommen bin!“—— „Was ſehe ich? meinen alten Siegelring!“ unterbrach Otto ſie entzuͤckt,„und ſo aufgeho⸗ ben! O, köſ't ihn nicht ab, ſchoͤne Kirſtine! tragt ihn immer ſo! Laßt mich ſo gluͤcklich ſeyn, hoffen zu duͤrfen, daß er Euch kein un⸗ holdes Andenken ſey!“ „Aber, um Gott! Herr Graf!“ ſagte Kirſtine gluͤhend,„wie kann ich Euren Ring mit Eurem fuͤrſtlichen Wappen behalten?“ „Sachte! ich habe ja einen andern,“ ent⸗ gegnete Otto,„und wollt Ihr mir Erſatz da⸗ fuͤr goͤnnen, ſo gebt mir das kleine, bernſteinerne Kreuz, das ihm zunaͤchſt haͤngt.“ Ohne ein Wort zu ſagen, loͤſ'te Kirſtine das bernſteinerne Kreuz von dem Mieder los, und reichte es dem Grafen hin, der es entzuͤckt em⸗ pfing, indem er ihr zugleich die Hand druͤckte. „Aber, lieber Ritter, Euer Leben iſt wirk⸗ lich in Gefahr,“ begann Kirſtine wieder, und verbarg ſchnell den Siegelring:„Um Gott! hoͤrt 13 doch, was ich Euch zu ſagen habe! Hier ſchleicht ein verkappter Verraͤther herum und paßt Euch auf. Mein Bruder Carl hat ihn geſehen und laͤßt Euch durch mich warnen.— Es iſt der verraͤtheriſche Pfaffe, den Ihr einſt beleidigt.“ „Wie? Arnfred?“ fragte Otto aufmerkſam und ließ ihre Hand:„Unmöglich! Er iſt ja verbannt?“ „Ach! er iſt dennoch hier, und ſtrebt Euch gewiß nach dem Leben. Was iſt zu thun?“ „Mag er mir zu kommen wagen! ich bin unter tauſend Feinden geweſen, und Ihr glaubt doch nicht, daß ich mich vor einem einzelnen Manne fuͤrchte?“ 3 „Ach nein! Herr Otto!“ ſeufzte Kirſtine: „ich weiß ja wohl, wie kuͤhn und vermeſſen Ihr ſeyd; wer aber kann ſich gegen einen haͤ⸗ miſchen, geheimen Meuchler vertheidigen? Er kann Euch einen Dolch ins Herz ſtoßen, wenn Ihr am allerwenigſten daran denkt.““ „Sorgt nur nicht, gutes Maͤdchen! Ich will einen Bruſtharniſch unter mein Kleid an⸗ ziehen; weiß ich nur, daß ich einen Feind erwar⸗ ten kann, laß ich mich nicht uͤberraſchen. Dank 14 fuͤr Eure freundliche Warnung! danket auch Eu⸗ rem treuen Bruder! Es iſt huͤbſch von ihm, daß er mich warnen wollte; ich habe ihn doch heute gegen meinen Willen beleidigt?“. „Davon hat er nicht geſprochen, edler Herr! aber verſprecht mir nun auch, vorſichtig zu ſeyn!— Ich bin ſo angſt wegen des haͤmi⸗ ſchen Pfaffen.“ „Morgen werdet Ihr gewiß hoͤren, daß er im Thurme ſitzt,“ ſagte Otto, ihre Hand feſt druͤckend;„Gott ſeg'ne Euch.“ „Chriſt und unſ're Frau behuͤte Euch!“ ſagte Kirſtine, und gab den Haͤndedruck furcht⸗ ſam, faſt unmerklich wieder, indem ſie die Hand ſchnell zuruͤckzog:„Ich darf nicht laͤnger verwei⸗ len; die Koͤnigin harret meiner;“ ſie entfloh. Ritter Otto ſah ihr ſeelenfroh nach, und erſt als er ihre ſchlanke, leichte Geſtalt nicht mehr in der Ritterhalle gewahrte, ging er, ſeine Bruſt mit einem Bruſtharniſche unter dem Hof⸗ kleide zu bedecken. So wie er aus dem Saale trat, huͤllte er ſich in einen dunkeln Mantel, und eilte durch einen langen finſtern Gang nach ſeinem Zimmer 15 im nördlichen Fluͤgel des Schloſſes; allein er dachte weniger an ſeine Abſicht als an die ſchoͤne Kirſtine, deren warme Theilnahme die keimende Neigung in ſeiner Bruſt noch hoͤher erregt hat⸗ te, und ohne zu erwaͤgen, wohin dieſe fuͤhren köͤnne, ergab er ſich den ſuͤßen Empfindungen des Augenblicks; leichtfinnig ſtreifte er durch den Gang und ſang ein Liebeslied ganz leiſe vor ſich hin. Bei dem matten Scheine einer halber⸗ loͤſchten, ſonſt dort Nacht und Tag brennenden Lampe ſah er aus der Ferne eine dunkle Geſtalt, die ſich vor der Thuͤre ſeiner Wohnung hin und her bewegte. Er hielt ploͤtzlich inne und er⸗ griff den leichten, zierlichen Hofdegen, der zum ernſten Kampf eben nicht ſehr tauglich war. Er bedachte ſich zwar einen Augenblick, ob er, ſo ſchlecht bewaffnet, weiter vorwaͤrts gehen oder umkehren ſolle; allein ſogleich fuͤhlte er ſeine Wangen vor Schaam gluͤhen, einer Furcht we⸗ gen, der er ſich zum Erſtenmale bewußt wur⸗ de. Er zog den Degen und naͤherte ſich lang⸗ ſam der dunkeln, verkappten Geſtalt, in der er an den ſchleichenden Schritten Arnfred zu erken⸗ nen glaubte. Er war kaum zwanzig Schritte von 16 dem Gegenſtande ſeiner Aufmerkſamkeit weit, da ging die ausgebrannte Lampe ganz aus, und es wurde ſo ſinſter um ihn, daß er nicht den De⸗ gen in ſeiner Hand ſehen konnte. Er ſtand ei⸗ nen Augenblick betroffen ſtill, doch den unwill⸗ kuͤhrlichen Schauder raſch bekaͤmpfend, ſchritt er, mit der Degenſpitze um ſich tappend, der Thuͤre vorſichtig naͤher; auf einmal vernahm er einen andern Degen an dem ſeinen klirren. Ohne ein Wort hervorzubringen, hieb er blindlings um ſich, doch in demſelben Augenblicke traf ihn ein ſo gewaltiger Streich an den Arm, daß er den Degen verlor, und eine wohlbekannte Stimme rief:„Wo biſt Du? verdammter Meuchler! ich bin Graf Otto; nur heran! diesmal kommſt Du nicht mit der Hundepeitſche davon.“ „Carl!“ rief nun Otto,„biſt Du es, biſt Du von Sinnen? Du haſt mich verwundet; ich bin ja Otto; Du haſt mich vor kurzem ge⸗ warnt, und nun kommſt Du ſelbſt, mich zu uͤber⸗ fallen,— iſt das Deine Freundſchaft?"“"“— „Um Gott! was habe ich gethan?“ ſagte Carl betroffen.—„Seyd Ihr es, Ritter Otto!— ich hielt Euch fuͤr den verdammten 17 Pfaffen. Ich habe es ſo gut gemeint! Habe ich Euch ſchwer verwundet?“ Bald kam es zur Erklaͤrung unter den Freun⸗ den. Mit dem Arme um Carls Hals ſchwankte Otto mit ihm in ſein Zimmer. Die Wunde war nicht bedeutend. Bald war der Arm ver⸗ bunden, und Carl uͤberredete den Freund, ruhig in ſeinem verſchloſſenen Zimmer zu bleiben, waͤh⸗ rend er den heimlichen Feind zu entdecken und zu verhaften ſuchen wollte; denn aus der Thuͤre der Ritterhalle hatte er deutlich Arnfreds Geſtalt in einem der dunkeln Gaͤnge, die von dem Vor⸗ ſaale aus in die Seitenfluͤgel des Schloſſes fuͤhr⸗ ten, verſchwinden ſehen. Mit dieſer Abrede trennten ſich die Freunde, welche dies Abentheuer noch feſter und inniger an einander geknuͤpft hatte⸗. Mit bebenden Herzen und gluͤhenden Wan⸗ gen war indeſſen Jungfrau Kirſtine in das Ge⸗ mach der Koͤnigin Dagmor getreten. Als Beide allein waren, ruheten die Blicke der Koͤnigin, die durch ihr tiefes Stillſchweigen und ihre ſchlecht verhehlte Gemuͤthsbewegung aufmerkſam geworden war, mit zaͤrtlicher Theilnahme auf III. 2 18 ihr.„Du kommſt nicht wie ein freier und fro⸗ her Vogel vom heutigen Feſte, gutes Kind!“ ſagte ſie freundlich, Kirſtinens Hand ergreifend. „Dein Gemuͤth iſt bewegt und Deine Hand zit⸗ tert; was fehlt Dir?“ „ Ach, nichts! theure Königin! ich bin nur et⸗ was zu ſchnell hieher gelaufen⸗“ „Kirſtine!“ ſagte Dagmor mild warnend, mit einem durchdringenden Blicke.—„Nun, redeſt Du nicht die Wahrheit? Es liegt Dir etwas am Herzen, haſt Du kein Vertrauen zu mir? weißt Du noch nicht, daß ich Dich lieb habe, als waͤreſt Du meine Schweſter.“ „Ach! große Koͤnigin!“ ſeufzte Kirſtine, „wie darf die Tochter eines armen Ritters ſich Euch als einer ihres Gleichen nahen?“— Da ſiel es ihr ploͤtzlich und zum erſten Male auf's Heerz, daß der Schweſterſohn des Koͤnigs auch nicht ihres Gleichen ſey, und mit tiefer Weh⸗ muth kuͤßte ſie die Hand der Koͤnigin, waͤhrend warme Thraͤnen aus ihren Augen ſtroͤmten. Die Koͤnigin klopfte ihr leiſe auf die naſſen Wangen.„Ein frommes Herz, mein Kind!“ ſagte ſie liebreich,„macht den Geringſten 19 reicher vor den Augen Gottes als eine Koni⸗ gin. Er weiß nichts von Koͤnigsblut und hoher Geburt.— Schenke mir Dein Vertrauen, Kind, ich kann Dich nicht betruͤbt ſehen.“ Kirſtine ſeufzte tief, aber ſchwieg. Die Koͤnigin ſtrich ihr die gelben Locken aus der Stirn.„Du biſt nun in dem Alter, mein gutes Kind!“ verſetzte ſie,„wo, wie man ſagt, die Jugend gern geheimes Her⸗ zeleid hat, das ich doch, Gottlob! nie ge⸗ kannt habe. Sage mir, liebe Kirſtine! hat irgend ein Mann Anlaß zu den Thraͤnen, womit Du meine Hand benetzeſt, und zu der Unruhe gegeben, die Deinen Buſen bewegt?“ Kirſtine glaubte das Geheimniß ihres Her⸗ zens verrathen, und erroͤthete bis an den Buſen. „Ein Mann?“ ſtammelte ſie;„ach! edle Koͤ⸗ nigin! was faͤllt Euch ein? ich zaͤhle ja kaum funfzehn Jahre.“ Hier wurde das Geſpraͤch unterbrochen, und Kirſtine glaubte ſich ſchon aus aller Verlegen⸗ heit, indem der Koͤnig hereintrat. Dagmors Wangen waren durch die Unterredung mit Kir⸗ ſtinen röther und ihre Augen belebter geworden. 2 ½ 20 Sie erwiederte den Gruß des Koͤnigs mit leb⸗ hafter Stimme und erhob ſich ohne Muͤhe, um ihn zu empfangen. Kirſtine hatte bald die Thraͤnen aus dem Auge gedruͤckt, und wollte ſich in das Neben⸗ zimmer zuruͤckziehen; allein der Koͤnig, der auf⸗ geregt und heiter von dem Feſte kam und die Königin wohler, als er erwartet hatte, fand, klopfte der verſchaͤmten Jungfrau leiſe auf die Wange:„Bleibe nur, kleine Kirſtine!“ ſagte er,„und hilf mir die Koͤnigin erheitern! ich ſehe, Du verſtehſt Dich beſſer darauf, als ich ſelbſt.— Wie ich hoͤre, ſingſt Du auch huͤb⸗ ſche Lieder? Habt Ihr Euch ſo wohl, theure Dagmor!“ wandte er ſich zur Koͤnigin,„daß Ihr ſolche Zerſtreuung ertragen könnt, moͤchte ich wohl eins der Lieder hoͤren, mit welchen, ſo wie Ihr geſagt habt, die kleine Kirſtine Euch waͤhrend meiner Abweſenheit ermuthigt und ge⸗ troͤſtet hat.“ „Wie Ihr wollt, mein liebſter Herr!“ ſagte Dagmor, und reichte Waldemarn die Hand, waͤh⸗ rend ſie Platz an ſeiner Seite nahm.„Singe, mein Kind,“ fuhr ſie ermuthigend zu dem be⸗ 21 benden Maͤdchen fort,„und ſey nicht bang!— Der Koͤnig ſieht heute ſo heiter und freundlich aus! auch ich,“ fuͤgte ſie hinzu, die ſanften Blicke an den Koͤnig heftend,„obgleich ich nicht dem Feſte beigewohnt, habe mich doch in der Stille des Segens erfteut, der uns heute ge⸗ worden iſt. Unſer kleiner Waldemar iſt doch fromm und ſtill in der Kirche geweſen, wie ich hoͤre! Seht, wie ſanft er nun ſchlaͤft und von den lieben Engeln Gottes traͤumt.“ Die Blicke der Aeltern ruheten mit innigem Wohlbehagen auf dem Kinde, waͤhrend Kir⸗ ſtine, erroͤthend verlegen, an ihrem Mieder zupfte. „Ich habe lange nicht ſo ruhig und haus⸗ vaͤterlich hier in der Heimath ſitzen koͤnnen,“ unterbrach Waldemar ſein und der Koͤnigin Stillſchweigen.„Du ſiehſt heute recht geſund und froh, liebe Dagmor! und ich hoffe, Du wirſt bald das Volk durch Deinen fanften An⸗ blick erfreuen koͤnnen.— Allein wo blieb der Geſang?— heute will ich nichts anders als Freude und Geſang hoͤren.“ 8 22 „Singe, liebe Kirſtine!“ ſagte Dagmor. Das Maͤdchen raffte ſich zuſammen, und ſang das Lied*) von der Jungfrau, die in eine Nach⸗ tigall verwandelt war, und zu der ein fremder Ritter kam und ſie erſuchte/ ein Lied zu ſingen; zum Erſatz wollte er die Federn des Vogels mit Golde belegen und ſeinen Hals mit Perlen ſchmuͤcken laſſen.— So wie ſie die Worte ſangen, wurden ſie dadurch ſonderbar bewegt. Nun ſang ſie die Antwort der Nachtigall an den Ritter: Zu Federn von Gold paßt ſich nicht mein Sinn, Die ich um Dich ſollte tragen: Ein wildfremder Vog'l in der Welt ich bin, Niemand von mir weiß zu ſagen. „₰ Ihre Stimme zitterte; es war ihr, als ſaͤnge ſie von ſich ſelbſt, und als ſie, auf die Frage des Ritters an die verwandelte Jungfrau, ob ſie von Hunger, Kaͤlte und Schnee gelitten, die Antwort der Nachtigall ſingen ſollte, wurde ſie *) Aus den daͤniſchen Volksliedern aus dem Mit⸗ telalter. 23 von Wehmuth ſo uͤberwaͤltigt, daß ſie nur mit Muͤhe die Worte hervorbringen konnte: 3 Mich zwingt keine Kaͤlte, mich zwingt nicht der Schnee, Der tief auf den Weg mag fallen. Mich zwingt faſt mehr ein geheimes Weh, Das macht mir Kummer vor Allem.— Sie konnte vor heftigem und lautem Schluch⸗ zen nicht weiter ſingen. „Du biſt nicht wohl, mein Kind!“ ſagte die Königin,„geh hinaus und ſammle Dich. Der Koͤnig will ja nicht Weinen und Trauer⸗ lieder hoͤren?“ „Liebes Kind! was haſt Du?“ fragte Waldemar theilnehmend und ergriff ihre Hand. „Ach verzeiht mir und laßt mich, gnaͤdig⸗ ſter Herr Koͤnig!“ flehete Kirſtine,„ich bin ſelbſt ein wildfremder Vogel, der nicht vor ei⸗ nem ſo maͤchtigen und großen Herrn ſingen kann.“ Der Koͤnig ließ ihre Hand los, und mit bei⸗ den Haͤnden vor den Augen eilte ſie aus dem Gemache. 24 „Was fehlt dem huͤbſchen Kinde?“ fragte der Koͤnig,„Meine Gegenwart kann ihr doch nicht ſo furchtbar ſeyn?“ „Ich verſtehe ſie heute nicht;“ ſagte Dag⸗ mor;„ſie hat ſich immer ſo herzlich gefreut; wenn ſie Euer Lob hoͤrte und Nachricht von Eu⸗ ren Siegen kam, war ſie deßhalb eben ſo froh und gluͤcklich wie ich; ſie ſpricht immer mit der groͤß⸗ ten Bewunderung und Ergebenheit von Euch, und nun kann ſie Euch nicht einmal vor Weinen ein Lied zu Ende ſingen. Es muß ihr etwas zuge⸗ ſtoßen ſeyn! allein ſie hat Vertrauen zu mir, und ich werde wohl erfahren, welche Sorge ſie druͤckt. Naͤchſt Dir, lieber Waldemar, iſt mir Niemand in Daͤnemark lieber als ſie. Sie iſt ſonſt heiter und klug, und ihr gutes, liebreiches Herz kenne ich am beſten.“ „Allein, was kann ihr denn fehlen?“ fragta eer Koͤnig faſt ungeduldig.„Ich kann nicht leiden, daß Jemand betruͤbt iſt, obgleich der kleine Kummer ihr allerliebſt ſteht; ſie iſt auch kein Kind mehr, ſondern erwachſen und ſchoͤn. Forſche ſie aus, theure Dagmor; haſt Du ſie lieb, ſoll ſie, bei Gott, auch gluͤcklich werden. BO * 25 „Du vergißt in Deiner Gewalt und Kraft,“ ſagte Dagmor laͤchelnd,„daß der, in deſſen Hand das Gluͤck liegt, hoͤher ſteht als Koͤnige und Fuͤrſten.“ Dagmors fromme Bemerkung brachte den Köͤnig auf ernſte Gedanken, und er verließ ſie erſt, nachdem er ihr viele ſeiner Ausſichten in die Zukunft mitgetheilt hatte.— Als er das Gemach verlaſſen, kommt Jungfrau Kirſtine zu⸗ ruͤck, und flehete die Koͤnigin an, ihr die kind⸗ liche Furcht in Gegenwart des Koͤnigs zu ver⸗ zeihen. „War es wirklich nichts anders?“ ſagte Dag⸗ mor.„Sey offen und aufrichtig, liebe Kir⸗ ſtine! Du haſt gewiß keine treuere Freundin als mich, und der Koͤnig ſelbſt hat geſagt, daß er Dich gluͤcklich machen wuͤrde, inſofern es in ſei⸗ ner Gewalt ſtuͤnde.“ „Der Koͤnig?“ rief Kirſtine froh erſchrocken. „Der große Waldemar! Ach! Nein: das iſt nicht moͤglich.— Das kann doch weder er noch Ihr! eine arme geringe Ritterstochter darf nie an ein Gluͤck denken, fuͤr welches ſie nicht geboren iſt.— Ich will auch nie mehr daran denken⸗ 26 Fraget mich nicht mehr, theure geſegnete Koͤni⸗ gin! ich darf doch weder Euch noch Jemandem das anvertrauen, was nur Gott weiß, und woran zu denken vielleicht Suͤnde und Vermeſſenheit iſt.“ „Suͤnde und Berneiſenheit? he⸗ wiederholte die Koͤnigin betroffen,„„davor behuͤte Dich Gott und alle Heiligen! noch haſt Du keine vermeſ⸗ ſene und gottloſe Suͤnde Dir vorzuwerfen, das weiß ich.— Bewahre Dein Geheimniß fuͤrder in Deiner Bruſt! Nun will und darf ich es nicht wiſſen.“ „Ach! ſuͤße fromme Köͤnigin!“ flehete Kir⸗ ſtine, vor ſie niederknieend, waͤhrend ſie weinend den Kopf in ihren Schooß legte;„glaubt doch um Gotteswillen nichts Boͤſes von Eurer armen Kirſtine! ich will Euch ja gern Alles geſtehen, daß ich ihn innig lieb habe, den ich nie den Meinen nennen darf, den bravſten, liebenswuͤrdigſten al⸗ ler Maͤnner; aber er weiß es nicht, und darf es auch nicht wiſſen. Suͤnde und Vermeſſenheit iſt es gewiß nicht, wenn nur ich und Gott es weiß, wenn ich ehrbar und ſtill ſein Bild in meiner Seele trage, aber ihn nie mehr meine 27 Hand ergreifen, oder mein Geheimniß aus meinen Blicken herausleſen laſſe.“ 3 „Ungluckliche!“ rief Dagmor und erbleichte; denn ſie zweifelte nicht, daß ſie den Koͤnig meinte. „Wohl habt Ihr Recht, mich ungluͤcklich zu nennen; theure Königin! was kann ich aber da⸗ fuͤr? Suͤnde und Vermeſſenheit wuͤrde es nur ſeyn, wenn ich die tiefe Kluft, die uns trennt, vergeſſen koͤnnte— und ehe das geſchieht, ſoll mein Herz brechen. Stroͤmt kein koͤniglich Gebluͤte in meinen Adern, wie in den ſeinigen, ſo bewegt ſich doch drinnen ſtolzes und adliches Blut, und ein guter und ehrlicher Namen iſt mein Erbe und meine Habe.““ „Tröͤſte Dich Gott, ich kann es nicht, arme Kirſtine! aber ich verſtehe Dich,“ ſagte die Kö⸗ nigin mit einem ſchweren Seufzer,—„ich kann nur fuͤr Dich leben, und das will ich, ſelbſt in meiner letzten Stunde.— Verzage nicht! wer weiß— wer weiß, was geſchehen kann? unſer Leben und Gluͤck liegt in der Hand des All⸗ maͤchtigen.“— Tief erſchuͤttert und bewegt neigte Dagmor den Kopf zu Kirſtinens Buſen nieder; ſie war ei⸗ ner Ohnmacht nahe, und Kirſtine rief erſchrocken ihre Dirnen. Ein gefaͤhrlicher Ruͤckfall hatte die junge Mutter betroffen und Meiſter Harfenſaite wurde gerufen; Jungfrau Kirſtine war untroͤſtlich, ſie glaubte zu empfinden, daß die Theilnahme der Koͤnigin an ihrem Herzensweh dies Ungluͤck veranlaßt haͤtte. Dieſer ploͤtzliche und gefaͤhrliche Ruͤckfall unterbrach mit allgemeinen Schrecken das Feſt auf Ribehuus. Der Koͤnig warf den getaͤfelten Tiſch um, und ſprang auf, um zu der Koͤnigin zu eilen. So auch die Koͤnigin Regitze; allein der Arzt verwehrte Allen den Eingang, und gebot nur Stille und Ruhe. Auf einen Wink des Koͤnigs war das Schloß auf einmal wie aus⸗ geſtorben, und nur in Ribe und in der Umge⸗ gend zeugten die vielen fortziehenden Gaͤſte und das unruhige Volksgewimmel von der Feierlich⸗ keit des Tages und der zerſtoͤrten Freude. Es war ſpaͤt in der Nacht. Vor dem Thore des Schloſſes ſtand Thorgeir Danaſkald ſtill und wehmuͤthig neben Carl von Riſe, und betrachtete das große ſinſtere Schloß, das kurz vorher von Fackeln und Lichtern glaͤnzte, und vom Becherklang und feſtlichem Geraͤuſch wiederhallte, wo aber nun die 29 Freude mit der Feſtlichkeit wie durch einen Blitz⸗ ſtrahl verſchwunden war. Noch daͤmmerte nur ein matter Lichtſchein aus dem Gemach der kranken Koͤnigin, waͤhrend hin und wieder eine einzelne Lampe ſich unruhig und aͤngſtlich durch die an⸗ grenzenden Gemaͤcher und Gaͤnge bewegte; es war als ſchwebte der Tod in ſchweren Gewitter⸗ wolken drohend uͤber der Koͤnigsburg. „Sollte das Gluͤck und die Freude ſchon auf Ribehuus aus ſeyn!“ ſeufzte Thorgeir,„„das haͤtte ich doch nicht gedacht, als hier die Braut⸗ fackeln brannten, und die Bauern ſo luſtig im Schloßhofe tanzten. „Dort ſegelt Herr Strange mit Koͤnigin Dagmor!“ ſang ich damals ſo froh; nun iſt mir's als ſollte ich ſingen: „Dort ſchweben die Engel mit Koͤnigin Dagmor.“ Allein was thun wir hier ſo lange? guter Carl! Ihr ſteht ja wie feſtgewurzelt, und ſtarrt die Voruͤbergehenden an, als hieltet Ihr Wache hier, und erwartetet einen Feind in jedem Menſchen, der aus dem Schloſſe koͤmmt.“ „Das thue ich eben!“ gab Carl zu Antwort; 30 „doch ſeh ich recht, hat mein Auge jetzt den ge⸗ funden, den ich ſuche. Seht Ihr die gebuͤckte dunkle Geſtalt, die ſich dem Brunnen voruͤber⸗ ſchleicht, mit einer Gchriftrollen oder was es iſt unter dem Arm?“ „Was wollt Ihr von ihm? Laßt ihn in Frieden ziehn! es iſt ja ein armer Pilger, deſ⸗ ſen Weg nach dem heiligen Lande fuͤhrt.“ „Das iſt ein Wolf in Schafskleidern, deſſen Weg nach der Holle fuͤhrt; ich kenne ihn! es iſt der verbannte Pfaffe, der die Geheimniſſe des Koͤnigs an den Feind zu verrathen dachte. Ich bin ihm den ganzen Tag auf der Spur geweſen. Jetzt habe ich ihn gewiß. Im Schloſſe darf ich keinen Lerm machen; ſobald er aber nur den Fuß auſſer dem Thore hat, ergreife ich ihn und bringe ihn in den Thurm, Sieh! jetzt ſteht er ſtill und ſieht ſich um; ziehn wir uns ein wenig zuruͤck. Er ſoll Schutz bei dem Grafen von Schwerin gefunden haben; wenn dem ſo iſt, erſcheint er gewiß nur hier als Kundſchafter und Verraͤther. Aber wo blieb er denn nun wieder⸗ ich ſeh ihn nicht, ich glaube beinahe, daß er ſich 31 unſichtbar machen kann. Komm lieber Thorgeir! hilf mir ihn aufſuchen.“— Allein ſo wie beide in dieſer Abſicht in den Schloßhof hineintraten, war er durch den hin⸗ tern Hof gluͤcklich entſchluͤpft und ſprengte mit verhaͤngten Zuͤgeln und einer Rolle richtiger Do⸗ kumente unter dem Arm, zu welchen er in der Verwirrung des Feſtes, durch eine faſt unbegreif⸗ liche Dummdreiſtigkeit in dem Geheimzimmer des Koͤnigs den Weg zu finden gewußt hatte, durch die Straßen von Ribe. Der ſchlaue Pfaffe hatte ſogleich bemerkt, daß er von Carl in der Kirche erkannt worden war, indem er ſich durch einen rachſuͤchtigen Blick auf Otto verrathen hatte; er hatte daher die eigne Rache kluͤglich aufgeſchoben und ſich beeilt, einen wichtigeren Schelmenſtreich auszufuͤhren, von deſſen erſehntem Erfolg ſein zukuͤnftiges Gluͤck bei den Grafen von Schwerin abhing. Zwar hatte er, nach ſeiner Ruͤckkehr aus dem Geheimzimmer des Königs, ſich in den dunklen Gaͤngen des Schloſſes, mit einem ſcharfen Dolch unter dem Mantel, in der Hoffnung, vielleicht doch den Gra⸗ fen Otto zu treffen und um das Zwielicht ab⸗ zuwarten, ſich verborgen gehalten; allein als das Feſt ſo ploͤtzlich unterbrochen wurde, mußte er fuͤr ſeine Sicherheit ſorgen, und als er uͤber die Sydthoröbruͤcke ritt, ſchöpfte er freiern Athem und zog etwas langſamer die kurze Strecke Wegs an dem Strom, der in den Wald fuͤhrte⸗ So fortziehend vernahm er ploͤtzlich ein Plaͤt⸗ ſchern in dem Strom, wodurch ſein Pferd ſcheu wurde und zur Seite ſprang; er ſelbſt erſchrack ſo, daß er den Zuͤgel aus der Hand verlor; al⸗ lein was noch mehr den aberglaͤubiſchen Pfaffen entſetzte und ſein boͤſes Gewiſſen anregte, war der Anblick einer blaſſen weiblichen Geſtalt, die mit einem Schilfkranz in den dunkeln flatternden Locken am Strome im Mondenſchein tanzte und einen fuͤrchterlichen wilden Geſang, den ſie oft durch ein lautes wildes Gelaͤchter unterbrach, an⸗ ſtimmte. Die Haare erhoben ſich auf dem Kopfe des Suͤnders. Das Hochgericht in der Naͤhe, wo ein Verbrecher auf das Rad geflochten lag, und von woher ein Paar heiſere Raben ihr Ge⸗ ſchrei mit dem Gelaͤchter und Geſang des Wei⸗ bes vermiſchte, vermehrte noch ſein Entſetzen⸗ Er ſagte alle die Gebete her, deren er in ſeiner Angſt 33 ſich etinnern konnte; allein ſein Pferd baͤumte ſich und ſchaͤumte, und bald lag er ohnmaͤchtig in dem Graſe am Strome. Als er wieder zur Beſinnung kam, ſah er ſich aͤngſtlich um; er ſah nur das Rad am Hochge⸗ richte und hoͤrte das Sauſen des Stromes, allein die Hexe, die er geſehen zu haben glaubte, war ver⸗ ſchwunden; und er raffte ſich zuſammen und er⸗ hob ſich. Sein Pferd war fort; der Dolch blinkte neben ihm im Graſe; er ergriff ihn ſchnell; doch vergebens ſuchte ſein aͤngſtlichforſchender Blick die Schriften; ſie waren nirgends zu finden. Es war ihm wieder, als hoͤrte er ein Plaͤtſchern in dem Strome und ein fernes Gelaͤchter aus dem Schilf⸗ rohr, und ohne die Schriften mehr zu ſuchen, eilte er, den Dolch in der Hand, ſo ſchnell ſeine zittern⸗ den Beine ihn tragen konnten, und verſchwand, wie ein Verbrecher, der dem Galgen und der Hand des Henkers entſchluͤpft iſt, jenſeits des Hoch⸗ gerichts. Den folgenden Morgen trat Henrik Harfen⸗ ſaite froͤhlich zum Koͤnig und berichtete ihm, daß die Koͤnigin beſſer ſey, und er mit Gottes Huͤlfe ihr Leben außer Gefahr glaubte.„Ihr frommer III. 3 34 gottergebener Sinn, Herr Koͤnig,“ ſagte der heil⸗ kundige Geiſtliche,„hilft ihr doch mehr, als meine weltliche Kunſt; denn Heiligkeit iſt das beſte Arz⸗ neimittel ſowohl fuͤr Koͤrper als Seele.“ Wirklich beſſerte ſich die Konigin taͤglich; deſſen freuete ſich der Koͤnig herzlich und verließ Nibehuus nicht; doch war es als hemmte das ungewohnte ſtille Leben, und die Luft in dem Krankenzimme ſeine friſche Lebenskraft/ und ſey ſeiner heftigen Na⸗ tur zuwider. Noch mehr verſtimmte ihn die unangenehme Nachricht von Rom, daß der von dem Bann ge⸗ troffne Biſchof Waldemar, der ſich vor dem Pabſte gedemuͤthigt hatte, nicht allein durch den Einfluß des Kaiſers Otto von dem Bann erloͤſt worden war, und Erlaubniß erhalten hatte, in Biſchofs⸗ kleidern Meſſe zu halten, ſondern daß er auch, nach dem Willen des Kaiſers, wie es hieß, ob⸗ gleich der ausdruͤcklichen Bedingung ſeiner Freige⸗ bung von Seiten des Pabſtes zu Folge, zum Trotze zum Erzbiſchof von Bremen, von dem Herzog Bernhard von Sachſen aufs neue einge⸗ ſetzt ſey. Kaiſer Otto, hieß es ferner, waͤre kurz vorher vom Pabſte gekroͤnt worden, und — 3⁵ haͤtte in tiefer Demuth deſſen Steigbuͤgel ge⸗ halten. Junkherr Strange befand ſich eben im Ge⸗ mach des Koͤnigs, als die Nachrichten eintrafen. „Was ſagſt Du dazu? Strange!“ ſagte der Koͤnig, und warf das Schreiben unmuthig auf den Tiſch.„Kaiſer Otto arbeitet ins Geheim gegen mich in Rom. Jetzt, da Philipp geſtor⸗ ben iſt, braucht er meinen Arm nicht mehr. Ich las es ſchon in ſeinem haͤmiſchen heuchelnden Blick, als er mich verließ. Das Siegesfeſt hier, und die Freude wegen der Flucht ſeiner Lands⸗ leute gönnte er mir nicht. Es dauert wohl nicht tange, bevor auch er mit einem Heer an meinen Graͤnzen ſteht.“ „In Gottes Namen, Herr Koͤnig!“ entgegnete Junkherr Strange heiter;„koͤnnt Ihr wohl eben jetzt dem einen Kaiſer als dem andern den Weg zur Flucht weiſen; bleibt er ſeinem Worte nicht beſſer getreu, wird er ſich wohl nicht lange mit dem Pabſte gut ſtehen!“ „Gebt mir das letzte Sendſchreiben von dem Pabſte her, Strange!“ ſagte der Koͤnig, ſich — 34 36 verdrießlich in den Armſeſſel werfend.„Es liegt dort auf dem Bord unter den andern Schriften. „Wo! Herr Koͤnig!“ fragte Strange, das Schreiben vergebens ſuchend. „Bei den Dokumenten, die ſchwerinſchen Anliegen betreffend.“ „Die ſeh ich auch nicht.“ „Wie?“ rief Waldemar aufſpringend, biſt Du denn mit Blindheit geſchlagen?“ Er ging nun ſelbſt zu ſuchen, und fand mit Erſtaunen, daß ſeine wichtigſten und geheimſten Schriften ver⸗ ſchwunden waren.„Tod und Verderben! wer iſt hier geweſen?“ rief er außer ſich;„iſt die Thuͤre nicht verſchloſſen und verriegelt geweſen? oder ſind Verraͤther unter uns.“ Trotz aller Muͤhe waren die verſchwundenen Schriften nicht mehr zu entdecken und der Koͤnig graͤmte ſich vergebens uͤber dieſen unbegreiflichen und dreiſten Raub. Die Königin merkte die Verſtimmtheit Waldemars; und erſuchte ihn eines Tages in Gegenwart des Meiſters Harfenſaite, zum wiederholten Male ſich durch Jagd und an⸗ dere ritterliche Uebungen zu zerſtreuen. „Die Köͤnigin hat Recht, mein gnaͤdigſter 37 Herr König!“ ſagte der Arzt, ihn aufmerkſam betrachtend.„Der Adler muß fliegen und der Wallfiſch ſchwimmen; keiner von beiden hoͤrt eine Meſſe zu Ende. Das Zimmer iſt nicht Euer Element, Herr König. Ihr muͤßt jagen und Euch herumtreiben und dabei einige Tage Eiſenkraut auf Wein trinken, ſonſt koͤnnt Ihr die gelbe Sucht an den Hals bekommen. Ein frommer und heiterer Sinn iſt ſonſt das beſte Arzneimit⸗ tel, das ich weiß.“ Als nun Dagmor ſich eines Tages wohler befand, zog er, auf ihre dringende Bitte, mit einem zahlreichen Jaͤgerzuge nach Skanderborg, um ſich dort auf einige Tage mit der Falkenjagd zu zerſtreuen. Junkherr Strange aber ließ er auf Ribehuus zuruͤck. denn theils wußte dieſer treuergebne Ritter der Königin ſie oft durch gut⸗ muͤthige Scherze zu erheitern, theils hatte er auch den Auftrag, dem Koͤnig ſogleich einen Eil⸗ boten zu ſchicken, wenn der Zuſtand der Koͤnigin ſich nur im geringſten verſchlimmern ſollte. Den Tag nach dem Abzuge des Königs be⸗ fand ſich Dagmor ſo wohl, daß ihr geſtattet wurde, die friſche Fruͤhlingsluft, nach der ſie ſich ſo ſehr 38 ſehnte, zum erſtenmal im Schloßgarten zu ge⸗ nießen. Es war ein ſchoͤner klarer Maitag. Jungfrau Kirſtine konnte die Gebieterin nicht be⸗ gleiten; denn ſie lag ſelbſt in einem heftigen Fie⸗ ber darnieder, und hatte die Koͤnigin ſeit jenem ungluͤcklichen Feſtabend nicht geſehen. Koͤnigin Regitze war ſchon den Tag nach der Hochzeit mit ihrem königlichen Eheherrn nach Schweden ge⸗ zogen. Allein Graͤfin Ida, obgleich noch ſchwach nach einer vor kurzem uͤberſtandenen Niederkunft, begleitete die Koͤnigin mit einem Paar Hofdirnen; groͤßere Begleitung mochte Dagmor nicht.— Sie ſehnte ſich ihre Lieblingsſtelle am Strome wieder zu ſehen, jedoch hegte ſie ein heimliches Grauen vor dieſem Ort, wozu die Jungfrau Kirſtine den Grund allein wußte. Obgleich die Koͤnigin daher gleich, die Entfernung vorſchuͤtzend, dieſen kaum geaͤuſſerten Wunſch wieder aufge⸗ geben hatte, glaubten doch Graͤfin Ida und die Dirnen, ihr eine Freude zu machen, wenn ſie ſie dahin brachten. Sie uͤberredete ſie, ſich in einen Tragſeſſel zu ſetzen, und vermittelſt eines Neben⸗ pfades, den die Koͤnigin nicht kannte, ließen ſie ſie an die Laube am Strom tragen. 39 Froh uͤberraſcht und doch halb erſchrocken ſah ſich Dagmor ploͤtzlich in der lieben Heimath ih⸗ rer Traͤume. Es war hoch am Tage, und bald war jede Aengſtlichkeit verſchwunden. Sie ſaß heiter auf der Bank in der Naͤhe des ſchaukeln⸗ den Kahns, und traͤumte wieder ſanft und ruhig von ihrer Kindheit und von einer gluͤcklichen Zukunft.“ Soſ hatte ſie wohl eine Stunde dort geſeſſen, und ſie ſchickten ſich alle ſchon an, zuruͤckkehren zu wollen, da ſehen die Hofdirnen und Graͤfin Ida mit Verwunderung eine arme Bettler⸗Frau mit einer ſchwarzen Kaputze tief uͤber die Augen, und in naſſen zerriſſenen Kleidern ſich nahen. Sie ging gebuͤckt mit einem Kruͤckenſtock unter dem Arm, als ein altes krankes Weib, doch unter der Caputze gewahrten ſie ein bleiches ju⸗ gendliches Geſicht mit ſchwarzen funkelnden Augen. „Wie iſt das fremde Weib hier hereinge⸗ kommen? Was mag ſie von uns wollen?“ ſagte die Graͤſin Ida. Die Koͤnigin, die bisher traͤumend die kleinen Wellen des Stroms be⸗ trachtet hatte, ward nun erſt die fremde Geſtalt gewahr, und ſtieß erſchrocken ein leiſes Geſchrei aus⸗ 40 „Furchtet nichts, edle Koͤnigin!“ ſagte die Graͤfin Ida.„Es iſt nur eine arme Frau, die wahrſcheinlich betteln will; es iſt aber unverant⸗ wortlich, daß man in dieſer Stunde nicht die Gartenthuͤre zugeſchloſſen hat! Nicht weiter, gute Frau!“ ſagte ſie zu dem Weibe.„Hier iſt nicht der Ort mit der Koͤnigin zu ſprechen.“ „Hier iſt eben der rechte Ort,“ entgegnete das fremde Weib mit lautem, wilden Gelaͤchter, indem ſie ſich aufdringlich der Koͤnigin nahete, 2„ Habt Ihr vergeſſen, was Euch das Meerweib wahrſagte? Königin Dagmor?“ fuhr ſie mit ei⸗ nem halb wehmuͤthigen halb ſchadenfrohen Laͤ⸗ cheln fort.„Es hilft nicht, gegen den Strom zu ſchwimmen; was in jenem großen blauen Buche dort oben ſteht„ dem kann doch Niemand vorbeugen. Ich kann auch wahrſagen; reicht mir Eure Hand, Königin Dagmor! dann werde ich Euch ſagen, ob das Meerweib auch die Wahr⸗ heit prophezeihet.“ „Hinweg! hinweg!“ ſagte Dagmor erblei⸗ chend,„ich will nichts prophezeihet haben; ich will mein Geſchick nicht wiſſen! Ach, ich kenne 41 es ja nur gar zu gut! Willſt Du mich toͤdten? böſes Weib!“ „Ich bin zu geringe, um zu wollen, und Ihr auch!“ entgegnete die Wahrſagerin;— „wir muͤſſen! Seht, das iſt es eben. Ihr ſeyd wohl hochmuͤthig, weil Ihr Koͤnigin von Daͤnemark genannt werdet, und den großen Held des Nordens Euren CEheherrn heißt, allein darum ſollt Ihr nicht einer armen verdammten Seele uͤber den Kopf ſehen. Mir traͤumte auch einſt, daß ich Koͤnigin waͤre. Daher mußte mein Al⸗ ter die Treppe hinunter, ſagen die boͤſen Zun⸗ gen! allein davon weiß ich nichts; das muß der Schwarze verantworten. Ihr ſeyd nicht viel mehr Koͤnigin als ich, ſchoͤn Dagmor!“ ver⸗ ſetzte ſie und lachte.„Nein! da iſt die ſchoͤne Prinzeſſin Beengierd aus Portugal,— ſie hat ſchwarze Augen, wie ich, und ſie wird die Krone fuͤr uns Beide tragen.— Ihr hat Wal⸗ demar Liebeslieder vorgeſungen, waͤhrend Ihr vor dem Altar mit ſeinem Diener ſtandet. Kennt Ihr König Waldemars Hand und Petſchaft, ſo leſet und ſagt ob ich luͤge. Ihr muͤßt nicht glau⸗ ben, daß Ihr es waret, an die der Koͤnig dachte, 42 als er aus Mitleid und Sitte die Aunidn Dan⸗ mor umarmte.“ 5 Mit dieſen Worten reichte ſie der Fanddin ein zerriſſenes Blatt hin, und leicht, wie ein Reh, war ſie in dem Gebuͤſche verſchwunden. Bleich und zitternd ſtarrte die Koͤnigin das zerriſſene Blatt an. Sie erkannte Waldemars Hand und ſein Siegel.— Die Buchſtaben lie⸗ fen in eins zuſammen vor ihren Augen; allein ſie las genug, um zu ſehen, daß es ein Befehl an den Junkherr Strange ſey, ohne die Koͤnigs⸗ braut von Boͤhmen zuruͤckzukehren, wenn es nicht zu ſpaͤt waͤre.— Auch Beengierds Name begegnete ihrem Blicke; da verlor ſie das Blatt aus der Hand, und ſank ohnmaͤchtig an die Erde.— Junkherr Strange und Henrik Harfenſaite waren auf das Geſchrei der Dirne ſogleich her⸗ beigeeilt. Unter großem Schrecken und großer Sorge wurde die Koͤnigin nach dem Schloſſe zu⸗ rüͤckgebracht. Junkherr Strange hatte das wohl⸗ bekannte ungluͤckliche Blatt geſehen und es ſo⸗ gleich vernichtet. Erſt in ihrem Gemache gelang es dem Mei⸗ 43³ ſter Harfenſaite, die Koͤnigin wieder zur Beſin⸗ nung zu bringen. Sie ſah ſich verwundert um und ſchien ſich nur dunkel zu erinnern, was vor⸗ gegangen war, doch war ſie unruhig und beklom⸗ men, und konnte nicht Menſchen genug um ſich ſehen.—. „Zuͤndet Lichter an;“ ſagte ſie,„es iſt ja finſtre Nacht, holt mir alle Frauen, die in Daͤ⸗ nemark ſind! holt mir alle die Weiſen und Ge⸗ lehrten! Nein! holt mir nur die kleine Kir⸗ ſtine! Sie iſt die einzige von Euch Allen, die mich verſtehet. Sie hoͤrte auch was das Meer⸗ weib ſang: Gebaͤrſt einen Sohn von heller Geſtalt, Seine Mutter war warm, ſein Vater kalt.— hat ſie nicht ſo geſungen, kleine Kirſtine?“ Sie ſah mit einem wilden Blicke den Arzt an und weinte.. Jungfrau Kirſtine war bei der Nachricht von der Krankheit der Koͤnigin, mitten in der Fie⸗ berhitze, aus dem Bette geſprungen und hatte in der Eile ihr goldgeſticktes Hofkleid um ſich geworfen.— Sie trat zu der Koͤnigin ein und ihre Augen waren ſo voll Thraͤnen, daß ſie kaum 44 die Lichter und Kerzen ſehen konnte, die man auf Befehl der Koͤnigin angeſteckt hatte. Als Dagmor ſie ſahe, erhob ſie ſich von ihrem Lager und um⸗ armte ſie.. „Kannſt Du leſen, Kind!“ ſagte Dagmor, „ſo nimm die heiligen Schriften und lies meine Seele zur Ruhe! dann ſollſt Du das rothe Schar⸗ lach tragen, und auf meinem Zelter reiten, wenn ich todt und aus der Welt bin.“ „Ach! koͤnnte ich Euch nur helfen, meine theure Königin! könnte ich Euer Leben mit dem meinigen retten— ich thaͤte es ja ſo gern.“ Sie nahm das Buch in die Hand und ſtarrte hin⸗ ein.„Ach! helfe Euch Gott, Vater im Him⸗ melreich, und der reiche Chriſtus! Eure Pein iſ haͤrter wie Stahl.“ „ Lies, lies, liebe Kirſtine!“ flehte Dagmot aͤngſtlich!„hoͤre nur, nun ſingt das Meerweib wieder: Einen Sohn gebaͤrſt Du mit goldenem Haar,— ein kurzes Gluͤck nur ſag' ich ihm wahr.— Gieb mir mein Kind! mein Kind; damit das boͤſe Weib ihn nicht in ihre Gewalt be⸗ komme:— lies, lies!“ Dagmor druͤckte das Kind aͤngſtlich an ihre 1 45 Bruſt, und Jungfrau Kirſtine las, ſo gut ſie nur konnte, in dem heiligen Buche, waͤhrend die Thraͤnen auf Hand und Buch niederfloſſen⸗ „Ach! weil Gott es doch will und es ſo ſeyn muß, ſo ſchickt gleich nach Skanderborg, und bittet meinen Herrn und Koͤnig, daß er komme!“ Ehe die Koͤnigin den Wunſch geaͤußert, war er ſchon ausgefuͤhrt; Junkherr Strange hatte ſo⸗ gleich zwei Eilboten nach Skanderborg an den Koͤnig geſchickt., Carl von Riſe war der Letzte von Beiden, allein er ſprengte ſo ſchnell vor⸗ waͤrts, daß er dem erſten Boten weit vorbei kam. Der Koͤnig ſtand ſo eben in einem Er⸗ ker des Schloſſes, und ſah den Weg hinab, als Carl mit verhaͤngten Zuͤgeln hinan geſprengt kam.— „ Helfe mir Gott fuͤr die Botſchaft, die der Burſche bringt.— Er reitet als gelt' es Le⸗ ben und Tod.— Gott nur weiß wie es jetzt mit Dagmor ſteht.“ Bald uͤberbrachte Carl von Riſe die traurige Nachricht; er war ſelbſt ſo innig bewegt, daß er kaum reden konnte.— Der Koͤnig faßte das eiſerne Gelaͤnder der Treppe, an der er ſtand, ſo 46 gewaltig an, daß es ſich unter ſeinen Haͤnden bog.„Gott verhuͤte daß ſie ſterbe, ehe ich komme!“ rief er und eilte nach ſeinem Gaule. Mit hundert Rittern und Knappen zog er von Skanderborg. Als er uͤber Nandböl⸗Haide ſprengte, waren nur noch funfzehn Reiter da, die ihm folgen konnten; und als er die letzte Bruͤcke vor Nibe erreichte, konnte nur mit Muͤhe Carl von Riſe mit ihm auf ſeinem ermatteten Pferde aushalten; als er in Ribe einritt, war er allein.— Es war großes Elend und Jammer im Frauen⸗ zwinger. Die Königin hatte das Abendmahl und die letzte Oelung bekommen, und als nun der Koͤnig in das Schloß hineinſprengte, wiederholte das Geſchrei von allen Zungen, daß die Koͤnigin geſtorben ſey. Auch lag ſie blaß, ohne Lebens⸗ zeichen, in Jungfrau Kirſtinens Arme. Faſt athemlos von der unaufhaltſamen Eile, trat der Koͤnig in die Thuͤre.„Todt— todt?“ fragte er,„ohne mir das letzte Lebewohl zu ſagen?“ Weinend knieete Jungfrau Kirſtine vor der Lotterbank, die blaſſe Koͤnigin noch in dem rech⸗ —— ——— 47 ten Arme haltend:„Getroſt! mein hoher Koͤ⸗ nig!“ ſagte ſie:„Ihr letztes Wort war Euer Name! Ach! ſie haͤtte Euch ſo gern noch ein⸗ mal geſehen.“ „Betet, betet mit mir Alle, Ihr, die Ihr hier anweſend ſeyd!“ rief der Koͤnig, nieder⸗ kniend.—„Betet fuͤr mich ein chriſtliches Gebet, daß ſie die Augen noch einmal eroͤffnen, damit ich noch ein liebevolles Wort mit ihr in die⸗ ſer Welt wechſeln moͤge.“ Auf des Koͤnigs Bitte knieeten Alle nieder und beteten, und es erſchien Allen als ein Wun⸗ der, als die erblichene Koͤnigin nun wirklich noch einmal die Augen aufſchlug, und wie ein Gaſt aus der Geiſterwelt ſie anſtarrte. Viele wichen erſchrocken zuruͤck; allein der Koͤnig trat hinzu und ergriff ihre Hand. „Ach! mein geſtrenger Herr und Aönigl“ ſagte ſie mit leiſer Stimme,„warum habt Ihr mich aus meinem ſeligen Schlummer durch Euer gewaltiges Gebet und Klage erweckt!— Er⸗ ſchrecket nicht vor mir,“ verſetzte ſie mit ei⸗ nem ſtarren, doch milden Blicke auf die zittern⸗ den Frauen und Dirnen.„Meine Suͤnde iſt o,of„ 48 nicht groß, das wurde mir ſchon an der Him⸗ melspforte in die Seele geweht.— Ach!l haͤtte ich nur nicht meine kleinen ſeidenen Aermel am Sonntage geſchnuͤrt!— geht aber, geht Alle hinaus! Gott ſegne Euch und ſey Euch, wie mir, ein gnaͤdiger Richter; bleibe nur Du allein, mein Waldemar! mit Dir hat der Herr mir noch vergoͤnnt, ein Paar kurze Abſchieds⸗Worte zu reden.“ „Alle gingen hinaus und der Koͤnig blieb alleien mit der Sterbenden. „Du biſt mir doch gut geweſen, mein Wal⸗ demar!“ ſagte ſie wehmuͤthig,„ich ſehe es an Deinen bleichen Wangen, an der Thraͤne in Dei⸗ nem ſtrengen Blick; Du biſt mir wie einer freundlichen Schweſter gut geweſen, und es ſchmerzt Dich, von mir zu ſcheiden; allein, iſt die Thuͤre zu, und das Licht verweht, iſt der vergeſſen, der draußen ſteht.“ „Dagmor! Dagmor!“ ſeufzte Waldemar ſchmerzich„„kannſt Du an meiner Etebenhei⸗ meiner Treue zweifeln? 4 „Nein! Nein! daran zweifle ich nicht; und ich werfe Dir in meiner letzten Stunde nichts 4 —— 49 vor! Was konnteſt Du dafuͤr, daß Du die ſtolze Beengierd fruͤher als mich ſahſt?“ „Ha, wie weißt Du,— wer hat Dir ge⸗ ſagt— ſtammelte Waldemar, und eine flam⸗ mende Röoͤthe zog uͤber ſeine blaſſen Wangen.— „Bei Gott! Dagmor, ich bin Dir treu geweſen; ſeit der Stunde, wo ich Dir Treue geſchworen, habe ich Beengierd nicht geſehen.“ „War ich Dir lieb, dann ſaͤheſt Du ſie nie mehr;— doch nein! Laß das Wort todt und ohne Kraft ſeyn.— Es iſt genug, daß ich im Leben Dich gequaͤlt habe; wenn ich geſtorben bin, werde ich Dein guter Geiſt ſeyn,— kein Geluͤbde darf Deine konigliche Seele binden! doch huͤte Dich! huͤte Dich mein Waldemar. Beengierd iſt ſtolz und ehrgeizig. Dein Sinn iſt auch auf Hoheit und Gewalt geſtellt. Gedenke an Dagmor und Deine unſterbliche Seele, wenn Deine Hand nach der verderblichen Herrlichkeit dieſer Welt ausge⸗ ſtreckt iſt.“ Waldemar ſchwieg und ſeufzte tief. „ Noch ein Wort, mein Waldemar!“ fuhr ſie fort,„wenn Du meinen Hingang in etwas 4 50 verſchmerzt haſt, und es nicht laͤnger ertragen kannſt, in dieſer Welt allein zu leben, ſo ge⸗ denke ihrer, die ich ſo ſehr geliebt, und Dir vor allen Maͤnnern in der Welt gut iſt. Nur mir hat ſie verrathen, was ſonſt nur Gott weiß. Du haſt ſelbſt das Weh ihrer geheimen Liebe geſehen.— Sie iſt weit ſchöner und beſſer als ich, und denkſt Du Daͤnemark und unſerm Sohne eine Mutter zu geben, ſo frage nicht nach Ge⸗ burt und Koͤnigsblut, ſondern nach Herzensguͤte und Seelengroͤße; moͤchte Kirſtine von Riſe Dag⸗ mors Krone erben!“ Erſtaunt hoͤrte der Koͤnig dieſe Worte, und in der Meinung, daß Dagmor irre redete, ſagte er wehmuͤthig:„Schweige davon, meine Dag⸗ mor! Deine Krone kann keine Hofdirne erben, und was Du mir und dem Lande geweſen biſt, kann bein Weib der Erde mehr werden.“ „Gedenke meiner Worte, wenn ich todt,“ fluͤſterte Dagmor:„und nun lebe wohl fuͤr dieſe Welt! Gieb, um meiner letzten Bitte wil⸗ len, allen Friedloſen Friede, löſe die Ketten aller reuigen Suͤnder: Huͤte unſer liebes Kind, als 1 51 meinen theuerſten Nachlaß, laßt ihm einſt die Krone tragen, wenn Dich der Herr zu mir und der ewigen Freude ruft.“ Auf einmal wurde der Blick der Koͤnigin wieder irre und aͤngſtlich, ihre Bruſt erhob ſich wie zum letzten Kampfe. „Ach haͤtte ich nur nicht jenen Sonntag meine Aermel geſchnuͤrt und Falten daran gelegt,“ ſeufzte ſie;„muͤßte ich nicht die Suͤnde tra⸗ gen, dann haͤtte ich nicht eine ſo ſchlimme Nacht gehabt.“ „Fromme, unſchuldige Kinderſeele!“ fluͤ⸗ ſterte Waldemar,„iſt das die große Suͤnde, die Dein Gewiſſen druͤckt? O! ſelig! wer ſo ſter⸗ ben konnte.“ „Selig, ſelig!“ toͤnte es nun in ſanftem Wohllaute von den Lippen der Sterbenden,— „ſelig, wer das ſieht, was ich jetzt erblicke,— wer das hoͤrt, was ich nun vernehme— ſie laͤcheln mir entgegen, die frommen Engel,— ſie win⸗ ken mir— ja— ich komme. Hoͤre— mei⸗ netwegen laͤuten alle Glocken im Himmel— ich komme.—“ 3 Mit einem himmliſchen, verkla8ͤrten Antlig breitete ſie die Arme aus; als ſie wieder nieder⸗ . 4* 52 ſanken, waren die frommen Augen geſchloſſen und ihr ſeliger Geiſt entſchwebt. Lange ſtand der Koͤnig ſtumm und trauernd vor der ſchoͤnen Huͤlle der Entſeelten, das ver⸗ klaͤrte Laͤcheln betrachtend, womit ſie noch im Tode ihn tröſten und laben zu wollen ſchien. Er kuͤßte die bleichen, kalten Haͤnde und legte ſie gefaltet unter ihren Buſen. Dann fuhr er mit der Hand nach dem Auge, und wiſchte eine heiße hervordraͤngende Thraͤne ab.„Schlafe ſanft bis zum juͤngſten Tage, meine Dagmor!“ ſagte er mit erbebender Stimme,„und bitte fuͤr mich und mein Volk vor dem Throne des Ewi⸗ gen.“ Dann erhob er das mutterloſe Kind aus der Wiege und trat langſam zu den weinenden Frauen in das Nebengemach; dort legte er das Kind in die Arme der Graͤfin Ida, begab ſich ſchweigend in ſein Geheimzimmer, und wollte den ganzen Tag keinen Menſchen ſehen. Die Trauer wegen des Todes der Koͤnigin war im ganzen Lande ſo groß, daß kaum weder fruͤher noch ſpaͤter eine daͤniſche Konigin ſo be⸗ weint worden iſt.— Die Sage von dem Meer⸗ 53 weibe, das ihren Tod vorausgeſagt; ihr Tod und ihre ſonderbare Erweckung durch das Gebet des Koͤnigs und der frommen Frauen, wurden bald der Gegenſtand eines Volksliedes, das allgemein dem Thorgeir Danaſkald beigelegt wird. Einige der ſchoͤnſten Zuͤge aus demſelben, wie von dem ſchnellen Ritt des Koͤnigs von Skanderborg, von der Gewiſſensunruhe der Koͤnigin wegen ihres Vergehens an einem heiligen Sonntage, die ſei⸗ denen Aermel betreffend, und ihre letzten Worte, als ſie die Engel ſahe und die Glocken des Him⸗ mels laͤuten hoͤrte, ſind hier woͤrtlich von dieſem Volksliede entlehnt.— Mit großem Trauerpomp, und unter der all⸗ gemeinen Klage des Volks, wurde die Leiche der Koͤnigin Dagmor, von dem Koͤnig und allen ſei⸗ nen Mannen begleitet, waͤhrend die Todtenglocken im ganzen Lande laͤuteten, nach Kingſted in St. Bents Kirche gefuͤhrt.—— Als der Trauerzug von dieſer zuruͤckkehrte, ritt der Koͤnig ſtill und ſchweigend zwiſchen dem Erzbiſchof und dem Grafen Albert durch die ſtillen und ernſten Volksreihen; aber nur bis der Koͤnig voruͤber war, ſchwiegen alle voll Ehrfurcht und Mitleid. Graf 54 Otto dagegen, der mit den juͤngſten Rittern die lange Trauerreihe ſchloß, hoͤrte, bei einer Hem⸗ mung im Zuge, unter der allgemeinen Theilnahme auch manche Aeußerung von neugierigem Leicht⸗ ſinn und klatſchenden Geruͤchten. „Ach! ein ſo junger und wackerer Koͤnig, und ſchon Wittwer!“ ſagte die junge huͤbſche Muͤl⸗ lerfrau an dem kleinen Zaunthuͤrchen am Wege, „„Ach ja! ſolche Stoͤße giebt die Welt, Kind!“ entgegnete eine dicke Frau neben ihrz—„als ich meinen erſten ſeligen Mann verlor, war ich, traun, eben ſo betruͤbt, und wohl noch mehr.— Er hat ja nicht einmal geweint. Allein wenn man jung und huͤbſch iſt und etwas in der Truhe hat, bleibt man, Gott ſey Dank! nicht lange ſitzen.— Mit einem König hat es nun gar keine Noth, er kann hundert Frauen fuͤr eine haben, mag er auch weder jung noch huͤbſch ſeyn.“ „Eine ſo gute und ſanfte Koͤnigin bekommen wir doch nie mehr?“ ſagte die Muͤllerfrau;„be⸗ huͤte uns Gott in Gnaden vor der ſblätn Pän⸗ zeſſin aus Portugal.“ 55⁵ „Das hat keine Noth!“ nahm eine Dritte das Wort;„die, mußte ja der Koͤnig ſchwoͤren, nie mehr ſehen zu wollen. Allein da iſt ja die ſchwediſche Frau Helene, die ſo lange verbannt und in der Ungnade geweſen iſt; ſie kann vielleicht wieder zu Gnaden kommen. Alte Liebe roſtet nicht, ſagt man.“ „Ihr wißt nur wenig davon,“ verſetzte die dicke Frau;„ſie iſt ja von Sinnen gekommen und iſt ohnedem eine grimmige Hexe; iſt das aber wahr, von dem ich einen Vogel ſingen ge⸗ hört habe, ſo wird nicht viel Schnee geſchmolzen ſeyn, bevor die ſchoͤnſte Dirne der ſeligen Koͤnigin Königin wird! Er hat lange ein Auge auf ſie gehabt, ſagt man, und die fromme ſelige Koͤ⸗ nigin ſoll in ihrer letzten Stunde auf ihren Knieen ihn gefleht haben, die Ehre des Maͤdchens nicht zu verſcherzen, ſondern es zu ſeiner wirklichen Koͤnigin zu machen.“ Graf Otto wurde aufmerkſam.„Welch ſchaͤndliches, verdammtes Geſchwaͤtz!“ rief er hef⸗ tig, und ſtarrte die Plaudertaſche ſo unmuthig an, daß ſie ſich erſchrocken in das Volksgewim⸗ mel zuruͤckzog. 5ʃ Der Zug ruͤckte weiter, allein Otto konnte das Geſchwaͤtz von der ſchönſten Dirne der Koͤ⸗ 4 nigin nicht vergeſſen; er mußte unwillkuͤhrlich an Jungfrau Kirſtine, die allgemein ſo geheißen wurde, denken. „Wie die albernen Thoren doch ſchwatzen können,“ ſagte er zu Abſalon Balg, der auf dem Wege nach Ribe ihm zunaͤchſt ritt;„kaum hat die beſte, liebenswuͤrdigſte Königin die Augen geſchloſſen, und ſchon will das gefuͤhlloſe Vieh den Koͤnig wieder vermaͤhlen; an Braͤuten iſt kein Mangel, hoͤre ich, man nennt ſogar Drei,— auch Eurer ſchoͤnen Frau Mutter that man die Ehre an, ſie auf die Liſte zu ſetzen.“ „Das iſt das alte Geklaͤtſch, das ich doch vergeſſen glaubte,“ gab Abſalon Balg verdrieß⸗ lich zur Antwort.„Meine arme, ungluͤckliche Stiefmutter nahm die Sache hoͤher auf, als ſie werth war: Sie hat nun ganz der Welt ent⸗ ſagt und ſich bei dem alten Thor Knudſon auf Kullen ſo in die Aſtrologie vertieft, daß die Leute meinen, ſie ſey von Sinnen.— Ich bin nahe daran, es ſelbſt zu glauben,“ fuͤgte er hinzu; „denn was ich von ihr höre, giebt nur wenig —— 57 Troſt.— Meine Bruͤder haben vergebens ver⸗ ſucht, ſie zu uͤberreden, unter die Menſchen zu⸗ ruͤckzukehren. Vielleicht hat wirklich einſt eine Krone in ihrem Kopfe geſpukt; denn der Koͤnig mochte ſie wohl leiden. Allein, was wurde von einer Hofdirne geſprochen? Sie meinten wohl Jungfrau Kirſtine von Riſe, kann ich denken. Die Koͤnigin ſoll wirklich, vermuthlich im ver⸗ wirrten Zuſtande, den Koͤnig gebeten haben, ſie zu ehelichen.“ „Iſts moͤglich?“ fragte Otto geſpannt; „wer aber kann ſo was wiſſen? wer war anwe⸗ ſend dabei?“ „Niemand, inſofern ich weiß;“ verſetzte Ab⸗ ſalon Balg;„allein bei Hofe haben Waͤnde und Thuͤren ja Ohren! So unwahrſcheinlich iſt es ja auch nicht. Jungfrau Kirſtine iſt das ſchoͤnſte Maͤdchen, das Jemand zu ſehen wuͤnſcht; die Tochter eines achtbaren Ritters, und wie Jeder⸗ mann weiß, mehr die Freundin, als die Dirne der Koͤnigin geweſen. Wer kann dem Köͤnige wehren, ſie den einen Tag zur Herzogin, und den andern zu ſeiner Königin zu machen.“ 58 „ Wie! das glaubt ihr möͤglich?“ fragte Otto heftig mit gluͤhenden Wangen. „Ei! Ei! mein hochfuͤrſtlicher Herr!“ ver⸗ ſetzte Abſalon laͤchelnd. Seyd nur nicht bang der geringen Verwandtſchaft wegen; das Konigsblut wallt ſchon uͤber Euch, ſehe ich, waͤre es auch der Wunſch der ſeligen Koͤnigin, denkt der Koͤ⸗ nig doch gewiß nicht im Ernſt daran. Er iſt ſo ſehr betruͤbt uͤber den Verluſt der frommen Dag⸗ mor, daß er gewiß nicht ſo bald zu einer neuen Wahl ſchreiten wuͤrde. Geſchieht es auch, wer⸗ det Ihr ſehen, daß er vielmehr um die ſtolze Prinzeſſin von Portugal freit. Er hat ſie in Schwerin geſehen, und man will wiſſen—“ „Geſchaͤtz!“ entgegnete Graf Otto, ſchon leichter ums Herz!„Die feine Ritterſitte meines Ohms und ſein lebhaftes Gefuͤhl fuͤr alles Schoͤne erheitert ihn im Umgange mit ſchoͤnen Frauen, und dann wird ihm ſogleich ein Liebes⸗ Handel aufgebuͤrdet. So iſt es ihm auch in Schwerin ergangen. Selbſt die ſchöne Graͤſin Audocia wollte man ja zu ſeiner Geliebten machen.“ „Die Gemahlin des ſchwarzen Grafen Henriks?“ fragte Abſalon Balg.—„Nun, das — — 59 muß ich ſagen, man hat große Luſt, unſern Koͤnig zu einem Salomo, nicht blos in Weisheit, ſondern auch in Thorheit zu machen, allein, wo Rauch iſt, iſt die Flamme auch nicht weit; ſo viel iſt gewiß: Euer koͤniglicher Ohm iſt ein gefaͤhr⸗ licher Mann fuͤr Weiber, wenn er ſanft, und fuͤr Maͤnner, wenn er barſch iſt.“. Dieſe Bemerkung machte den Grafen Otto wieder ernſt. Er fuͤhlte nun recht tief, wie lieb ihm die ſchoͤne Kirſtine, und wie peinlich der Gedanke war, daß irgend ein Mann in der Welt ihm ihr Herz ſtreitig machen koͤnne. Fruͤher hatte er die ſchoͤne Ritterstochter nur als die vor⸗ nehmſte Hofdirne der Koͤnigin angeſehen, zu der, obgleich ſich der ſuͤßen Empfindung, auf ſie Ein⸗ druck gemacht zu haben, ergebend, er doch, im Gefuͤhl ſeiner königlichen Geburt, ſich herabzulaſ⸗ ſen ſchien. Jetzt aber nahm dieſe halbe unbe⸗ wußte Neigung plötzlich eine ernſte Nichtung, und er betrachtete ſeine Stellung in der Welt als koͤſtliches aber gefaͤlliges Geſchmeide, das doch ganz von den Reizen der ſchoͤnen Kirſtine verdunkelt wurde. Als ein Traͤumender kam der Graf nach Ribehuus zuruͤck. 60 Kaum zeigte ſich der Koͤnig wieder mit einer ruhigern Haltung dem Volke und in dem Reichs⸗ rath, als Graf Otto verlangte, mit ihm allein in ſeinem Geheimzimmer reden zu duͤrfen. Wich⸗ tige Staatsanliegen erfuͤllten den Sinn des Koͤnigs wieder. Er hatte ſo eben Nachricht von dem Bannſtrahl bekommen, womit der ſtrenge und tuͤchtige Pabſt den Kaiſer Otto geſchlagen, weil er gegen Eid und Verpflichtung nicht aufgehoͤrt hatte, den Koͤnig Friederick von Sicilien zu befeh⸗ den. Nun war auch die Nachricht aus Boͤh⸗ men von der Wahl des Königs Friedrich zum roͤmiſchen Kaiſer eingetroffen; ſo auch, daß viele deutſche Herrn ſich fuͤr ihn und gegen den vom Bann getroffenen Otto offenbar erklaͤrt hatten.— Ein großer innerer Krieg in Deutſchland ſchien unumgaͤnglich; und Waldemar hatte ſich ent⸗ ſchloſſen, von dem heimtuͤckiſchen Otto abzufallen und ſich dem neuen Kaiſer anzuſchließen. Wich⸗ tige Berathungen mit Graf Albert und dem Erz⸗ biſchof hatten ſeinen Entſchluß feſt gemacht, noch mehr aber der Umſtand, daß Otto ſich um die Tochter des ermordeten Kaiſers Philipp bewarb, obgleich viele meinen wollten, daß er in geheimer 8 61 Verbindung mit deſſen Moͤrder geſtanden, den er jedoch geaͤchtet hatte. Dieſer nur zu wahr⸗ ſcheinliche Verdacht hatte den biedern Waldemar empoͤrt, der an einem ſolchen Manne lieber einen offenbaren Feind, als falſchen Freund haben wollte; auch waren die Unterhandlungen mit dem Kaiſer Friedrich ſchon im vollen Gange. Dies alles bewegte ſich in dem Kopfe des Koͤnigs, als Graf Otto angemeldet und vorgelaſſen wurde. Auch waren Waldemars Gedanken ſo weit von dem entfernt, was der heftige und verliebte Neffe ihm zu ſagen hatte, daß er lange nicht aus dem, was er eigentlich wollte, klug werden konnte; denn Otto wollte auch nicht ſo gerade zu mit ſeinem Herzensanliegen hervorruͤcken, ſondern ſprach ſo verblümt von Ehre und Gluͤck, vom Koͤnigs⸗Blick und Adel des Herzens, von Vor⸗ urtheil und freier Selbſtſtaͤndigkeit, daß der Kö⸗ nig zuletzt die Geduld verlor. „ tauſend ſchwere Noth! was willſt Du denn?“ unterbrach er den immerſtockenden Juͤng⸗ ling;„biſt du Pfaffe oder Skalde geworden, oder biſt du von Sinnen gekommen! denn ich will nicht ehrlich ſeyn, wenn ich ein Wort von al⸗ lem, was du redeſt, verſtehe.“ „Ich will Euch nur ſagen, mein köoniglicher Ohm,“ entgegnete Otto,„daß ich mit Eurer Erlaubniß ein junges liebenswuͤrdiges Weib zu freien gedenke.“ „Nun in Gottes Namen! zehn, wenn Du willſt,“ ſagte Waldemar laͤchelnd;„das bleibt deine Sache, mein wackerer Neffe! In die An⸗ liegen des Herzens miſche ich mich nie; denn ich ſetze voraus, daß Deine Wahl weder Dir noch Deinem hohen Hauſe Schande machen werde. 77 „Das iſt es eben, was ich Euch gern aus⸗ einander ſetzen möchte, Herr Koͤnig!“ fuhr Otto fort.„Denn obgleich ich in dieſem Stuͤcke mein eigener Herr bin, wuͤrde ich Euch doch ungern durch meine Wahl mißfallen— und da Ihr nun die Jungfrau kennt, an der mein Sinn und mein Herz haͤngen, wuͤnſchte ich, beöor ich mich ent⸗ ſchieden erklaͤre, zu erfahren— „Vielleicht wie Deine Sa mir gefaͤllt?“ unterbrach ihn Waldemar ungeduldig.„Was aber kann das Dir helfen? Wohlan! wer iſt es denn?7 63 „Sie iſt zwar nicht von fuͤrſtlichem Stamm und hoher Geburt,““ verſetzte Otto,„ſondern die Tochter eines braven Ritters, und war die liebſte und beſte Freundin der ſeligen Königin?“ „Doch nicht Kirſtine von Riſe?“ fagte der Koͤnig betroffen.„Habe ich es errathen, thut es mir leid um Dich, flinker Otto?““ „Wie ſo, Herr Koͤnig!“— fragte Otto ſchnell, den Koͤnig mit einem unruhigen, forſchenden Blick betrachtend.—„An ihrer Tugend und Ehrbarkeit habt Ihr doch wohl nichts auszuſetzen? ich fuͤrchte keinen Nebenbuhler in der Welt.“ 1 „Nun, uun! Nicht ſo keck, mein junger Freund!“— unterbrach ihn Waldemar mit dem ſchweigenden Gefuͤhl ſeines Uebergewichts.„Zwar biſt du jung und ſchoͤn, und weißt Deine Worte gut zu ſtellen. Doch die jungen Maͤdchen ha⸗ ben zuweilen ſonderbare Grillen, ſiehſt Du, und man hat Beiſpiele, daß der junge flaumbaͤrtige Ritter, der im Tanzſaale und bei Wettrennen die mehrſten Blicke an ſich zog, doch keinen ſo ſtarken und ernſten Eindruck, als der barſche Ritter beim Brettſpiele, der mit einem Paar Runzeln an der Stirn und einem Paar Schrammen uͤber der Wange sielleicht mehrere Burgen als Herzen eingenom⸗ men, auf ein edles Frauen⸗ Herz gemacht habe.“ „ ch bin nicht hinter dem Heerd geſeſſen, Herr König!“ rief Otto auffahrend,„wenn Ihr mit Euren Mannen in die Fehde zogt; und Euch und vielleicht meinen Vetter Graf Albert, ausge⸗ nommen, giebt's keinen Helden und Ritter in Daͤnemark, dem ich weiche.“ „Es waͤre eine Luͤge, wenn man ſagte, daß Dir Selbſtvertrauen fehlte, mein tapferer Otto!“ entgegnete der Koͤnig,„ich muß ſogar bekennen, daß ich groͤßere und kuͤhnere Thaten von Dir als von vielen aͤltern und mehr beſonnenen Rittern ge⸗ ſehen; jedoch habe ich gute und güͤltige Gruͤnde, zu glauben, daß Du, trotz Deiner Kuͤhnheit und Bravheit, doch nicht der Ritter biſt, den Jung⸗ frau Kirſtine am hoͤchſten verehrt. Was ihren Stand und Gebutt betrifft, iſt ſie zwar Deines Gleichen nicht, doch das wuͤrde ſich wohl finden. Ihre Tugend und Ehrbarkeit iſt untadelhaft, und ich koͤnnte wuͤnſchen— doch nein! Es wuͤrde ja nur Euer beider Ungluͤck ſeyn. Genug! Es kann nichts daraus werden. Glaubſt Du mir nicht⸗ ſo verſuche ſelbſt Dein Glück! Allein ich ſage Dir es A 65⁵ voraus; Du holſt Dir ſo gewiß einen Korb, als ich Waldemar, Waldemarſohn heiße.“ „Mein koͤniglicher Ohm!“ rief Otto eifrig, alles vergeſſend.„Ehrlich und aufrichtig, ſeyd Ihr nicht ſelbſt mein gluͤcklicher Nebenbuhler?“ „Aber zum Henker, entgegnete Waldemar hef⸗ tig,„was denkſt Du von mir, glaubſt Du, daß ich ſchon die Koͤnigin vergeſſen, die noch ganz Daͤnemark beweint? Meinſt Du, daß Mich ihre Krone je einer Dienerin ſchenken wuͤrde.“ „Einer edlen Rittertochter! Koͤnig!“ „Gleichviel! nenne ſie Prinzeſſin, wenn Du willſt; nur ſieh in mir Deinen Nebenbuhler nicht! Haͤtte ich auch Fug, zu glauben, daß ich gluͤcklicher als Du bei ihr ſeyn wuͤrde, koͤnnte ich mich doch dazu nicht entſchließen, wenn auch ſowohl Todte als Lebendige mich dazu aufforder⸗ den. Wie iſt ſolches Geſchwaͤtz unter den Leu⸗ ten herumgekommen? Was hat Dich auf dieſen wahnſinnigen Gedanken gebracht! Wer hat Dir geſagt— „ Alſo doch mehr als loſes Geſchwaͤtz?“ ent⸗ gegnete Otto mit der Fiebergluth der Phantaſie an ſeinen Wangen.„Ihr habt Fug, zu glauben, III. 5 daß Ihr glüͤcklicher als ich bei ihr ſeyn wuͤrdet? Ihr ſeyd es gewiß, daß ich mir nur einen Korb holen wuͤrde? Ich weiß wohl, daß Ihr mehr Gelegenheit als ich gehabt, die Gefinnungen der Jungfrau Kirſtine zu erforſchen. Wohlan, mein König! Ich weiche dem Gluͤcklichern und Ge⸗ waltigern, der zu ſtolz iſt, ſich meinen Neben⸗ buhler zu nennen, und eine Dienerin Dagmors Krone erben zu laſſen. Dank fuͤr Eure Offen⸗ heit; ſie befreit mich vor einer großen Thorheit. Gott aber verzeihe Euch, da Ihr die Ruhe zweier Menſchen, die ihr Leben fuͤr Eure Ehre und Gluͤck geben wuͤrden, verſcherzt habt.“ Der Konig ſah erſtaunt und wehmuthig nach dem Grafen, der nach dieſen heftigen Worten mit allen Zeichen der heftigſten Leidenſchaftlich⸗ keit das Gemach verließ.„Armer verliebter Knabe!“ ſprach Waldemar leiſe;„ vielleicht habe ich ihm zu viel und zu wenig geſagt? Er iſt mir doch zugethan, der raſche kuͤhne Burſche! gegen meinen Willen habe ich einen ſchlimmen Strich in ſeine Rechnung gemacht; fuͤr das Maͤdchen thut es mir auch Leid! Hm— Kindereien! weil ich einem ſchoͤnen jungen Maͤdchen die Wange 67 5 ſtreichele, ſtirbt ſie wohl nicht gleich vor Liebe; und weil die Jungfrau die Grille hat, mehr auf mich als auf meinen ſtolzen Neffen zu halten, ſpringt er wohl doch nicht ſogleich in den Schloß⸗ brunnen. Kommt Leit, kommt Rath! Koͤnnte ich nur die unwiderſtehliche Beengierd vergeſſen!“ Hier wurde ſein Sinnen unterbrochen; denn als er dieſen Namen nannte, ſtieg das Blut unwill⸗ kuͤhrlich in ſeine Wangen; er ſchlug die Augen nieder, als ſchaͤmte er ſich vor ſich ſelbſt, und ſein verwirrter Blick traf auf das kleine offne Gehaͤuſe mit Dagmors Bild, das vor ihm auf dem Tiſche lag. Er betrachtete es lange mit ei⸗ nem zaͤrtlichen, wehmuthvollen Blicke; er gedachte ihrer letzten Worte von Beengierd. Es war, als umſchwebte ihn der ſtille fromme Geiſt der Hin⸗ uͤbergegangenen, und ruhig ſetzte er ſich zu der wichtigen Arbeit, in der ſein junger heftiger Neffe ihn unterbrochen hatte. Von jetzt an war der Koͤnig ganz Staats⸗ mann und Krieger, und unter ſeinen wichtigen Geſchaͤften ſchien er allmaͤhlich jede andere Sorge zu vergeſſen. Ein Monat verging nach dem an⸗ dern. Das Volk ſprach noch immer von Dag⸗ 5* 68 mor, und Niemand wuͤnſchte ihre Krone auf ei⸗ nem andern Haupt zu ſehen. Zwei merkwuͤrdige Jahre waren ſeit Dag⸗ mors Tod verſtrichenz große und wichtige Be⸗ gebenheiten hatten ſich ereignet. Vor dem feſten Schloſſe des Markgrafen von Brandenburg, Wetemund, drei Meilen ſuͤdwaͤrts von Stettin, war ein daͤniſches Lager aufge⸗ ſchlagen und ernſtliche Zubereitungen zu einem Hauptangriff wurden mit Wurfmaſchinen und Sturmleitern gemacht. Es war ein ſchoͤner St. Johannis⸗Abend im Jahre 1214. Zwei junge Ritter in voller kriegeriſcher Ruͤſtung, mit hohen Federbuͤſchen an den Helmen und goldnen Spo⸗ ren an den bocksledernen Stiefeln, traten aus des Grafen Alberts Zelt heraus. Es waren Graf Otto von Luͤneburg und Carl von Riſe. „Morgen ſtuͤrmen wir denn das Schloß;“ ſagte Carl,„der Koͤnig macht uns diesmal wie gewoͤhnlich zu Schanden; hier ſtehen wir noch, waͤhrend er Muthen geſtuͤrmt, und den Mark⸗ graf aus ſeinem Neſte gejagt hat. Ach! wer doch mitgeweſen waͤre! das iſt eine Freude, in 69 ſeiner Naͤhe zu ſeyn, wenn es gilt: wenn er auf⸗ waͤrts mit der Hand ſchlaͤgt, und vorwaͤrts ruft! Wenn die zwei kleinen Furchen zwiſchen ſeinen Brauen groß und tief werden, da wiſſen wir, daß es Leben und Tod gilt, und Gnade Gott dem Feinde, wenn er nicht laͤuft. Erinnerſt Du Dich noch, als er den Markgraf uͤber die Elbe zuruͤckſchlug? Das war ein luſtiger Tag, auch als wir Stettin und Pazewalk wieder einnahmen— und heute vor zwei Jahren in Kurland— „Des Tages gedenkſt Du wohl jedesmal, ſo oft Du Deine goldnen Sporen klirren hoͤrſt,“ entgegnete Otto.„Du haſt ſie auch redlich ver⸗ dient, das muß man Dir laſſen; doch ſtatt des Ritterſchlages von der Schwertflaͤche des Koͤnigs, haͤtteſt Du ihn vielleicht von deſſen Schaͤrfe ſo empfangen, daß Du es bis zu Deinem Todes⸗ tage nicht vergeſſen, wenn Du die gelben Locken und die blauen Augen Deiner Schweſter nicht gehabt.“ „Was wollt Ihr damit ſagen, Ritter Otto?“ fragte Carl verletzt und verwundert;„haͤtte der Koͤnig nicht geglaubt, daß ich den Ritterſchlag 70 verdient, haͤtte er mir ihn kaum gegeben; und was geht das meine Schweſter an?“ „Vielleicht mehr als Du glaubſt, mein wackerer Waffenbruder!“ entgegnete Otto,„nimm es mir nicht uͤbel, daß ich die Wahrheit ſage. Ich geſtehe ja, daß Du die Ehre verdienteſt, auf dem Wahlplatz unter dreitauſend gefallenen Feinden den Ritterſchlag von der eigenen Hand des Koͤnigs zu empfangen: allein haͤtteſt Du das zornige Antlitz des Koͤnigs geſehen, als er Halt rief, und Du dennoch in Deiner Heftigkeit fort⸗ fuhrſt, die Kurlaͤnder zu verfolgen; haͤtteſt Du ſein gewaltiges,„um Gottes Tod! wer iſt der unverſchaͤmte Schildknappe, der nicht gehorcht“ gehört; ſo wuͤrdeſt Du mir Recht geben, und ſtatt auf mich zu zuͤrnen, mir fuͤr Dein Leben und Deine goldne Sporen danken.“ „Wie?“ fragte Carl,„mein Leben habe ich nur Gott und St. Georgen, und die goldenen Sporen nur dem Koͤnig und meinem guten Schwert zu verdanken, inſofern ich weiß⸗“ „Mir, Deinem guten Freunde und Waffen⸗ bruder, haſt Du ſie zu verdanken, wenn ich bit⸗ ten darf,“ nahm Okto das Wort, läͤchelnd, wie⸗ 71 der.—„Haͤtte ich dem Koͤnig nicht zugeru⸗ fen: das iſt Carl von Riſe, Jungfrau Kirſtinens Bruder, und haͤtte der Koͤnig Deine auffallende Aehnlichkeit mit Deiner ſchoͤnen Schweſter nicht bemerkt, als Du endlich Deines Roſſes maͤchtig wurdeſt, und mit zerſpaltetem Helme vom Gaule ſprangeſt und vor ihm das Knie bogeſt,— dann haͤtte fuͤrwahr das Schwert, das er gegen Dich erhoben, Deine weiße Stirn blutig be⸗ ruͤhrt, ſtatt mild und ruhmvoll auf Deine Schul⸗ ter zu fallen.“ „Wenn ich deſſen gewiß waͤre,“ entgeg⸗ nete Carl aufgebracht,„wuͤrde ich lieber dem Koͤnig die goldenen Sporen zuruͤckgeben und mei⸗ nen Kopf ſeinem koͤniglichen Schwerte entbloͤßen, als der Schweſter ſeine Gnade und die ſtolzeſte Ehre, die ich je genoſſen, zu verdanken zu haben.“ „Ei nun!“ meinte Otto mildernd,„wel⸗ ches Ungluͤck iſt denn dabei, daß der Koͤnig keine Ungerechtigkeit begangen, und daß eine zufaͤllige Aehnlichkeit mit einem ſchoͤnen Maͤdchen die Er⸗ höhung, deren die ganze Ritterſchaft Dich wuͤr⸗ dig erkannte, vielleicht beſchleunigt hat.“ 72 „Aergerlich, verdammt aͤrgerlich iſt es doch,“ ſagte Carl,„und was geht meine Schweſter den Koͤnig an? „Ja! darnach mußt Du ihn ſelbſt fragen,“ gab Otto mit bitterer Kaͤlte zur Antwort,„oder biſt Du ſo unwiſſend von dem, was alle Leute ſagen, daß Du nun zum erſten Male hörſt, daß Deine ſchoͤne Schweſter einen großen Stein im Brete bei dem Koͤnig habe? ſie pflegt ja Dagmors Sohn, den kleinen Prinzen Walde⸗ mar, als waͤre ſie ſeine Mutter; ſie wohnt ja noch auf Ribehuus, als Freundin der Graͤfin Ida, das verſteht ſich, und als Pflegemutter des Prinzen; aber es iſt ja allen kundig, daß man ihr wie einer halben Koͤnigin gehorcht und ſie ehrt, der es nur an der Krone und dem Segen des Biſchofs fehlt, um mit Ehren das zu ſeyn, wofuͤr ſie gilt.“ „Hal ſchaͤndliche Luͤge und Verlaͤumdung,““ rief Carl, uͤber den ganzen Koͤrper vor Erbitte⸗ rung zitternd.—„Des Koͤnigs Kebsweib ſollten meine Schweſter ſeyn!— ſo heißt es geradezu! Und das ſagt Ihr, Graf Otto, Ihr, der Ihr 73 Euch ſelbſt meinen Freund und Waffenbruder genannt, Ihr, den ich als einen Bruder geliebt, und fuͤr den ich Blut und Leben hingeben wollte!— Den ehrlichen Ruf und Namen mei⸗ ner Schweſter wagt Ihr mit ſolcher luͤgenhaften und unverſchaͤmten Beſchuldigung zu beflecken? Selbſt der Ehre des Königs, Eures Ohms, er⸗ dreiſtet Ihr Euch, einen ſolchen Makel anzuhef⸗ ten? Tod und Teufel! das gilt Eurem Leben! Ziehet vom Leder, Verlaͤumder! von dieſer Stunde an ſeyd Ihr mein Todfeind. Ihr habt meine Ruhe und meine Ehre gemordet.“ Carl hatte ſchon in der heftigſten Wuth das Schwert gezogen, ſeine beleidigenden Worte hat⸗ ten Otto's Blut in Wallung gebracht; allein Carls Heftigkeit machte ihn, wie immer, beſon⸗ nen, und er bereuete, was er in ſeiner Eiferſucht geſprochen.. „„ Carl! lieber Carl!“ rief er, waͤhrend er behend die wilden, heftigen Schwertſchlaͤge ab⸗ lenkte,„hoͤre doch, es war nicht meine Abſicht, Dich zu beleidigen; koͤnnte ich die Ehre Deiner Schweſter mit meinem Herzblute erkaufen, bei Gott im Himmel, ich thaͤt es; kein Mann hat ſie ſo lieb gehabt, wie ich.— „Jal das merke ich,“ entgegnete Carl, und hielt einen Augenblick inne, waͤhrend er Athem holte und ſeinem Unmuthe wieder in Worten Luft gab.„Es iſt nicht das erſte Mal, daß Du beleidigend von ihr geſprochen; erinnerſt Du Dich, als Du mich erſuchteſt, ſie ins Kloſter zu ſper⸗ ren, um ihre Ehre zu bewahren? Das hat ſie von Dir nicht verſchuldet! Haͤtteſt Du nur ge⸗ hoͤrt, wie ſie von Dir geſprochen; haͤtteſt Du geſehen, wie ſie fuͤr Dein Leben zitterte, als ich ſie bat, Dich vor dem haͤmiſchen Pfaffen zu warnen.“— „Iſt es wahr?“ unterbrach ihn Otto froh. „Doch ach! was kann es helfen? Haͤtteſt Du ge⸗ hört, was ſie der Köͤnigin Dagmor anvertraut, was der Koͤnig ſelbſt mir geaͤußert, da ich blind und albern genug war, Dein Verwandter, und vielleicht zugleich der ſeine werden zu wollen!“ „ Alles verdammte Luͤge und Verlaͤumdung!“ wiederholte Carl.„Ha, waͤreſt Du tauſendmal der Neffe des Königs, waͤreſt Du mein leibli⸗ 75 cher Bruder, wie Du mein beſter, mein einzi⸗ ger Freund geweſen,— mit Deinem Leben ſollſt Du die Schande bezahlen, mit Deinem Blute den Schandflecken auswaſchen, den Du der Ehre des Koͤnigs und meiner unſchuldigen Schwe⸗ ſter anhefteſt.“— Noch waͤhrend er ſprach, griff er ihn in blinder Wuth mit dem Schwerte an, und der behende Otto mußte ſeine ganze Waffenkunſt und Geſchicklichkeit verwenden, um die wuͤthenden Schwerthiebe abzuwehren. Das heftige Waffengeraͤuſch, gerade vor dem „Zelte des Feldherrn, erregte Aufmerkſamkeit; und das Gefecht hatte nur wenige Augenblicke gedauert, als der große, ernſte Graf Albert, in ſeiner ſchwarzen Ruͤſtung, rieſengroß zwiſchen die Kaͤmpfenden trat, und mit einem Meiſter⸗ ſchlage das Schwert aus der Hand ſeines wuͤ⸗ thenden Schuͤlers ſchlug, waͤhrend er durch eine Schwingung, die Otto's feingebaueten Arm durch⸗ bebte, deſſen Schwert zur Seite bog. „Seyd Ihr Beide von Sinnen?“ ſagte Albert mit gebieteriſcher Ruhe, im Gefuͤhl ſeiner Ueberlegenheit.—„Im Namen des Koͤnigs! Euer Schwert, Graf Otto von Luͤneburg!“ wandte er ſich kalt gegen den Vetter, der ihm ſogleich das Schwert hinreichte, denn er wußte wohl, der Vetter ließ nicht mit ſich ſpaßen. „Ihr geht in Euer Zelt und verlaßt es in ei⸗ nem Tage und in einer Nacht nicht!— Und Ihr, Ritter Carl von Riſe! Nehmt Euer Schwert von der Erde. Ich weiß, Ihr wuͤrdet es nicht gegen den Neffen Eures Koͤnigs gehoben haben, wenn er Euch nicht groͤblich beleidigt haͤtte. Ihr ſeyd aber den Kriegsgeſetzen anheim⸗ gefallen, und ich muß Euch beſtrafen.— Kei⸗ ner von Euch ſoll morgen die Ehre bei dem Sturme mit mir theilen. In einer Stunde ſeyd Ihr auf dem Wege nach Gent, Ritter Carl, um dem Koͤnig eine Botſchaft von mir zu bringen.“. Eine Stunde hernach zog Carl mißmuthig mit dem Sendſchreiben nach Gent, waͤhrend Graf Otto, unmuthig und unthaͤtig, in ſei⸗ nem Zelte die Zubereitungen zum Sturme ver⸗ nahm. „Alberner Thor, der ich bin,“ ſagte Otto keiſe bei ſich ſelbſt und ſchlug ſich vor die Stirn, 5 — —— 77 „daß ich das Maͤdchen nicht vergeſſen kann, daß ich um ihretwegen die Ehre und den Sieg mir voruͤberziehen laſſen muß! Und was konnte Carl dafur? er iſt mir doch immer ein treuerge⸗ bener Freund geweſen. Vielleicht iſt es auch nicht ſo ſchlimm, wie ich glaube. Der Koͤnig iſt ja ſeit anderthalb Jahren nicht auf Ribehuus geweſen, er denkt ja nur an Kampf und Krieg.— Vielleicht thue ich doch der armen Kirſtine Un⸗ recht. Daß ich fortzog und veraͤchtlich nach ih⸗ rem Fenſter hinauf ſah, ohne ſie zu gruͤßen, ach, den ſchmerzlichen Blick vergeſſe ich nie.— Und dennoch— nein! ich will nicht mehr an ſie den⸗ ken.“— Er ließ ſich Wein bringen und ſang ein luſtiges Lied. Carl hatte auf dem Wege nach Flandern Muße genug, Alles, was ſich ereignet hatte, zu erwaͤgen, und den Grund zu Otto's bittern und beleidigenden Aeußerungen, die den gewaltſa⸗ men, und wie es ſchien, unheilbaren Freund⸗ ſchaftsbruch zwiſchen ihnen hervorgerufen, auszu⸗ gruͤbeln. Er zweifelte nicht an der Unſchuld ſei⸗ ner Schweſter und war weit entfernt, ſeinen theuern Koͤnig wegen einer geheimen und tadel⸗ 78 haften Verbindung mit ihr in Verdacht zu ha⸗ ben; allein Otto's Worte und das ſchaͤndliche Geklaͤtſch, das dieſer veranlaßt, hatte einen Sta⸗ chel in Carls Gemuͤthe hinterlaſſen, den kaum die vollkommenſte Genugthuung ſeiner Ehre aus⸗ zurotten hinreichend ſchin.— Er entſchloß ſich, dieſe Sache bis aufs Aeußerſte zu treiben, und ſich ganz offen dem Koͤnig zu vertrauen.— „Sie muß fort, fort von Ribehuus;“ ſagte er bei ſich ſelbſt:„vielleicht waͤre wirklich ein Klo⸗ ſter fuͤr ſie am dienlichſten; das arme, verlaͤum⸗ dete Maͤdchen; er liebt ſie; er iſt eiferſuͤchtig allein er ſoll ſie nie mehr ſehen! Und Genug⸗ thuung ſoll er mit Schwert und Lanze mir geben, wenn auch tauſendmal Graf Albert, wenn der Koͤnig ſelbſt ſich zwiſchen uns ſtellte. Es frommt dem jungen Hunde nicht, wenn— Hml er iſt der Neffe des Koͤnigs; allein darum bin ich kein Hund, meine Schweſter iſt keine Metze!— Wohl mir, daß ich nicht meine Chre mit ihrer Schande erkauft habe!“ Als er nun ſo in der ſtillen mondhellen St. Johannis⸗Nacht hin und wieder ſeinem Unmuth in heftigen, leidenſchaftlichen Ausbruͤchen Luft .—.—ÿqÿ 79 gab, waͤhrend das Pferd im ſtarken Trabe uͤber eine große braune Haide hinzog, machte das Thier plotzlich einen Seitenſprung und blieb unruhig ſtehen. Carl zog die Zuͤgel ſchaͤrfer an und ſah ſich um. Mit Erſtaunen erblickte er eine hoͤchſt elende menſchliche Geſtalt, die mitten im Wege lag, und uͤber die er beinahe hinweggeritten waͤre. Der Anblick erregte Mitleid und Grauen. Es war ein abgezehrter, bleichgelber Mann in einem ſchmutzigen zerriſſenen Laienmantel. Er waͤlzte ſich wie im verzweifelten Todeskampfe in dem Staube und breitete die Arme gegen den ſtille haltenden Ritter aus.„Um St. Qvirin und St. Valentin!“ jammerte eine hohle, klangloſe Stimme;„habt Mitleid, inſofern Ihr ein Chriſt ſeyd, und fuͤhrt mich zu einem Pfaffen, dem ich meine Suͤnden beichten kann, damit das Fege⸗ feuer mir nicht zur ewigen Flamme werde.“ „Armer Menſch!“ entgegnete Carl,„wenn ich auch weder Ritter noch Chriſt waͤre, moͤchte ich Euch doch nicht hier liegen laſſen. Koͤnnt Ihr Euch hinter mir an dem Pferderuͤcken feſt⸗ klammern, will ich Euch zu dem naͤchſten Hauſe bringen, wie kurz mir die Zeit auch zugemeſſen 80 iſt; reicht mir die Hand und ſteigt auf meinem Fuße hinauf.“ ine Stumm erhob ſich die lange Geripps⸗Geſtalt und reichte ihm eine kalte welke Hand; mit we⸗ nigerer Muͤhe, als man von einem Sterbenden erwarten konnte, kam er auf den Pferderuͤcken, hinter dem Sattel, zu ſitzen, und krampfhaft um⸗ klammerte er nun mit den langen hagern Armen Carls Leib.—„Reite nur zu,“ rief er,„be⸗ vor der Teufel uns Beide ergreift.““ Carl gab dem Pferde die Sporen, und vorwaͤrts ging es mit verhaͤngten Zuͤgeln. Er hatte ſo eine gute Weile geritten, und noch ſahe er auf der verodeten Haide kein Haus; er erblickte nur im Mondſcheine an ſeiner Seite den Schatten des Pferdes und den zweier Rei⸗ ter, ſo auch den flatternden Mantel des Frem⸗ den, der ſie wie eine große ſchwarze Wolke umſauſte. Wie kuͤhn und beherzt Carl auch war, fuͤhlte er ſich doch bei dieſem unangenehmen Gefaͤhrten ſon⸗ derbar beengt und beklommen. Die Spuk⸗ Ge⸗ ſchichten aus ſeiner Kindheit ſchwebten ihm lebhaft vor dem Sinn; die hagern Todtenarme klemmten ihn uͤber der Bruſt, und er fuͤhlte ſich gewaltig ver⸗ 81 ſucht, die Buͤrde abzuwerfen.—„Druͤcke mich nicht ſo feſt,“ ſagte er,„Ihr ſeyd ja nahe daran, mich zu erdroſſeln?— Ha! wer ſeyd Ihr?“ „Reite nur zu, reite,“ fluͤſterte die heiſere Stimme hinter ihm:„ich werde Dir ſagen, wer ich bin, inſofern Du ſchweigen kannſt: ich bin der beſte Koch des Satanas; doch habe ich keine Luſt, in ſeiner Kuͤche zu ſchwitzen. Sieh! Er haͤlt mich ſchon am Zipfel des Mantels, und zwei Teufel hat er mir zum Vorgeſchmack ge⸗ ſchickt; der Eine frißt meine Lunge, der Andere ſaugt mein Mark. Nun, luſtig, Gefaͤhrte! ſterbe ich, bevor ich gebeichtet habe, ſollſt Du jede Mit⸗ ternacht ſo mit mir reiten. Reite zu!“ Carl ſpornte das Pferd; ohne weiter zu fra⸗ gen, ſprengte er uͤber der Haide einem Lichte oder einer Lampe zu, die in einiger Entfernung ihm troͤſtend entgegen leuchtete.— Aber es war weiter bis dahin, als er glaubte. Mehrere Wege kreuzten ſich verwirrend in der Haide, und dicke Regenwolken verbargen den Vollmond.— Carl ſprengte blindlings uͤber Stock und Stein„ und III. 6 82 ſagte leiſe ein Gebet her, waͤhrend er mit Grauen ein heiſeres Fluͤſtern des furchtbaren Reiſegefaͤhr⸗ ten hinter ſich vernahm, der bald betete, bald lachte und die ſcheußlichſten Flüche ausſtieß. „Schweige Satan!“ rief plöͤtzlich Carl; „ſprichſt Du nur noch ein einziges gottloſes Wort, werfe ich Dich ab und laſſe Deinen ver⸗ welkten Leichnam, einen Fraß der Raben, am Wege liegen.“ „Ho, ho! Gefaͤhrte! Es geht nicht ſo leicht!“ fluͤſterte der Plagegeiſt, und klammerte ſich noch feſter an ihn,„habe ich den Koͤnig von Daͤnemark unter gekriegt, werde ich auch Dich woohl uͤberwaͤltigen koͤnnen.“ „Der Koͤnig von Daͤnemark!“ wiederholte Carl entſetzt.—„Tod und Verderbniß! haſt Du Dich an ihm vergriffen, ſollſt Du das Rad bekleiden.“ In der ſchrecklichſten Spannung ſprengte er vorwaͤrts; um die ganze Welt haͤtte er nun nicht die Buͤrde abgeworfen, wie ſchauderhaft ſie ihm auch erſchien. Endlich hielt er bei einem Hauſe an, wo er den Lichtſchein erblickt hatte, und nun ſah er, daß es eine einzelne elende Schenke 83 ſey; ein Burſche mit einer Hornleuchte ſtand an der Scheune. In demſelben Augenblicke fuͤhlte er ſich von ſeiner Buͤrde befreit. An der Scheune ſprang er vom Pferde, und bei der Leuchte des Hausknechts erblickte er wenige Schritte hinter ſich die lange ausgezehrte Todtengeſtalt, die in ei⸗ nem Anfalle von fallender Sucht ohne Beſinnung auf der Erde lag. „Behuͤte! was iſt das? Herr Ritter?“ ſchrie der Knecht, ein Kreuz ſchlagend.„Habt Ihr den Tod oder den Teufel zur Schenke mit⸗ gebracht?“ „Das iſt ein todtkranker Verbrecher, der wohl irgendwo dem Galgen entlaufen iſt,“ ſagte Carl;„ich fand ihn auf der Haide.— Helft nur ihm zu Bette und bringt ihn zum Leben wieder; ich habe ihm ſchnelle Beichte verſprochen, und die ſoll er haben.“ Ein erkleckliches Trinkgeld uͤberwand das Grauen des Knechts, den halbtodten, armen Suͤnder anzuruͤhren, und mit ſeiner Huͤlfe wurde der ohnmaͤchtige Fremde in die Schenke getragen. 6* 84 In der aͤußern, ſchmutzigen Schenkſtube ſa⸗ ßen drei brandenburgiſche Reiter, die beim Bier⸗ kruge luſtige Lieder ſangen, und in einem Win⸗ kel ein großer angeſehner Herr in ſchwarzer Rit⸗ tertracht, mit dem Helme tief in die Stirn ge⸗ druͤckt.— Carl hatte auf dieſer Reiſe ein ein⸗ faches Waffenkleid von braunem niederlaͤndiſchen baumwollenen Zeuge angezogen; und ohne an⸗ dere Wehr, als das Schwert und die glatte ſtaͤh⸗ lerne Haube, ohne Federbuſch, galt er, wo er erſchien, nur fuͤr einen einfachen deutſchen Knap⸗ pen, wenn man die goldnen Sporen nicht be⸗ merkte. Als er die Schenkſtube voller Feinde ſahe, ſann er darauf, wie er, ohne ſich zu ver⸗ rathen, das, was er beſchloſſen, ausfuͤhren koͤnne. Er verlangte daher ein eigenes Zimmer fuͤr ſich und den kranken Gefaͤhrten, wie er ihn nannte; und ſobald er in einem innern Zim⸗ mer, durch gewoͤhnliche Hausmittel, den Kranken us ſeiner Ohnmacht zuruͤckgebracht hatte, ent⸗ ließ er den Wirth und ſeine Leute. Darauf verrammelte er die Thuͤr und betrachtete das fuͤrchterliche Antlitz des Unbekannten.— Er ſah aus wie ein Verbrecher des niedrigſten Schla⸗ 85 ges, der Unthaten zur Handthierung gemacht, und Seele und Seligkeit um das Gold reicher und maͤchtiger Suͤnder verkauft hatte. Er ſchien ein Welſcher zu ſeyn, und die kleinen unruhigen Augen verriethen eine Verſchlagenheit und Heim⸗ tuͤcke, welche ſelbſt die Todesangſt und die ſicht⸗ bare Gewiſſens⸗Unruhe nicht verbannen konnten. Sobald er wieder völlig bei Sinnen ſchien, ſah ihm Carl ſtarr in die Augen und legte die Hand auf ſeine Schulter.„Ich habe Euch ſchnelle Beichte verſprochen,“ ſprach er,„die ſollt Ihr erhalten, Elender! Geſtehet augen⸗ blicklich, was Ihr mit dem Koͤnig von Daͤne⸗ mark vorgehabt, oder, beim lebendigen Gott! ich ſchicke Euch ohne Buße und Sakrament nach der Hölle.“ Mit dieſen Worten zog er ſein Schwert und ſetzte die Spitze an die Gur⸗ gel des Verbrechers, und ſchickte ſich an, ſogleich zuzuſtoßen.— „Ha! ha!“ kreiſchte der Fremde, die kleinen Augen wild herumrollend;„bin ich auf der Fol⸗ ter? dort bin ich fruͤher geweſen.— Was geht Euch der todte König von Daͤnemark an? ich bin es ja nicht, der ihm das Gift gegeben; 86 ich brauete es nur; und fuͤr die Suͤnde habe ich Ablaß.“— „Todt!— Koͤnig Waldemar todt? vergif⸗ tet!“— jammerte Carl, und ließ vor Ent⸗ ſetzen das Schwert aus der Hand fallen,— „und Du ſein Mörder!— Dann treffe Dich ſo gewiß des Himmels Fluch, als Du nicht le⸗ bendig aus meinen Haͤnden koͤmmſt.“ „Mord! Huͤlfe!“— ſchrie der Kranke, und griff aͤngſtlich um die Schaͤrfe des Schwer⸗ tes;—„ſeyd Ihr von Sinnen?— Ich habe ja nie den Koͤnig Waldemar geſehen;— Mord! Huͤlfe!“ Bei dem Angſtſchrei des Kranken entſtand Laͤrm im Nebenzimmer.— In einem Augen⸗ blicke war die Thuͤre geſprengt, und die drei brandenburgiſchen Reiter, nebſt dem großen ſchwar⸗ zen Ritter, ſtuͤrzten, von dem Wirthe und ſeinen Leuten begleitet, hinein. „Der niedertraͤchtige Burſche, der verdammte Schurke! will der den kranken Reiſegefaͤhrten er⸗ morden?— Seht nur— er blutet— er blutet, der arme Teufel,“ riefen ſie alle durch 9 87 einander, und bevor Carl noch Zeit bekommen, ſich zu beſinnen, hatten die drei Reiter ſich uͤber ihn geworfen und ihn entwaffnet. „Bindet ihn wie ein Schwein, den niedri⸗ gen Schurken!“ rief der fremde Ritter:„werft ihn in den Keller, bis es Tag wird, und er vor Aller Augen aufgeknuͤpft werden kann.“ Ohne Carls Vertheidigung und Rechtferti⸗ gung hoͤren zu wollen, wurde ſogleich der Befehl des Ritters ausgefuͤhrt, und mit zuſammenge⸗ bundnen Armen und Beinen wurde Carl in ein finſteres Loch unter dem Fußboden geworfen, und die Fallthuͤr zugeſchloſſen und verrammelt. Dort lag er nun, ſelbſt betaͤubt von den gewaltſamen Stoͤßen, und knirrſchte mit den Zaͤhnen; doch bemerkte er, daß es uͤber ihm ru⸗ higer wurde, und durch einen Riß in der Fall⸗ thuͤre konnte er die Stimme des fremden Rit⸗ ters vernehmen. „Wir ſind nun allein, Du Armer!“ ſprach die tiefe kraͤftige Stimme;„Du willſt nur ei⸗ nem Prieſter Dein Herz eroͤffnen, ſagſt Du.— Es ſey!— Kannſt Du mich nicht erblicken, ſo 88 gieb mir Deine Hand! Fuͤhlſt Du die heilige Tonſur? ich verberge ſie zwar mit dem Helme, wenn ſie nicht noͤthig iſt.— Ich bin ein geweih⸗ ter Diener des Herrn und kann Dir alle Suͤn⸗ den erlaſſen. Faſſe Muth, mein Sohn, und bekenne! Die Pforte der Gnade iſt breit.“ „Und ich bin ſchmal, Herr!“ lispelte die heiſere Stimme des Todtkranken mit wildem Ge⸗ laͤchter,„und mein Leichnam reicht kaum zur Vogelſpeiſe hin.— Doch ſchluͤpft die Seele erſt hinaus, fuͤrchte ich, daß ſie von dem vielen Gifte, das ich gebrauet, ſo dick und breit werde, daß ihr die Pforte der Gnade dennoch zu eng wird.“— „Alſo Moͤrder, Giftmiſcher;“ ſagte der rit⸗ terliche Pfaffe.—„Nun ja, Du ſiehſt auch darnach aus; doch getroſt, mein Sohn! ſolche Leute ſind auch nöthig in der Welt; eben ſo nothwendig wie die Schlangen und die Scor⸗ pionen, ſonſt ließe der liebe Gott ſie ja nicht leben." 3 „Ho ho! dann bin ich ja obenauf,“ ent⸗ gegnete der Kranke;„das habe ich auch oft ge⸗ 89 dacht.— Aber ſeyd Ihr auch ein wirklicher Pfaffe?— Ich habe einen alten Ablaßbrief in der Taſche! Seht Ihr? das habe ich von einem Biſchof bekommen, allein ich weiß nicht, ob er noch etwas taugt, denn der Biſchof iſt ſpaͤter in den Bann gethan.“ „In den Bann?“ murmelte der Ritter; „das kann dem beſten geſchehen, ich kenne einen Biſchof, den er zweimal getroffen. Aber es zieht hier— ich will den Helm wieder aufſetzen.— Verſchließe Deine Augen dem Lichte; es blen⸗ det Dich, ich werde die Lampe zur Seite ſtellen. Jetzt zu der Sache; Sohn! Was haſt Du auf dem Gewiſſen? Die Zeit iſt kurz; ich habe anders zu thun, als hier zu verweilen, und auch Du, in ſo fern ich merken kann. Welcher Mord iſt es, der Dich am meiſten druͤckt?“. „Der letzte,— der letzte“— ſeufzte der Verbrecher.—„Sie war ſo jung und ſchoͤn, und es war am vierten Tage nach der Hochzeit; allein was ſollte der Kaiſer mit der Tochter ſei⸗ nes Feindes.“ „Prinzeſſin Beatrix alſo, die junge Kaiſerin! 90 die Suͤnde iſt ſchwer,“ ſprach die tiefe Stimme, nicht ohne einen Ausdruck von Mitleid.„Du biſt das Werkzeug geweſen, Elender! allein wer iſt die Hand? wer die Seele, die dieſen giftigen Gedanken geboren?“ „Ho! ho!“ verſetzte der Kranke—„ich war nur das Werkzeug; die Hand, die ſich mei⸗ ner bediente, mag die Sache verantworten; nicht wahr! Herr Prieſter!— eine Hand, die das Scepter und den Reichsapfel haͤlt, welkt nicht ſo leicht hin; allein das Staͤbchen, mit dem er in dem Giftkeſſel geruͤhrt, Wehe, Wehe! das iſt verdorrt. Ach! betet, betet, frommer Herr, betet fuͤr mich! verſchafft mir ein glimpfliches Fegefeuer wegen dieſer Suͤnde; wegen des Koͤnigs, der die Peſt bekam, wegen ſeiner ſollen der Graf und der in den Bann gethane Biſchof erſt brennen.“ . Stirb nur, Elender! und verſchweige auf immer jene alte Suͤnde! Jetzt weiß ich genug,“ donnerte die Stimme des Ritters,„jetzt kann ich Otto'n das Wort, das ich lange geſucht, ins Ohr fluͤſtern. Mord! Mord! das iſt ein ge⸗ wichtiges Wort, ſelbſt auf Deinen verwelkten Lippen, erdfahler Domenius! vermochte es das 91 Blut in meinem Herzen zum Stocken zu brin⸗ gen, war ich nicht des Blutes Meiſter, ſo wie ich Dein und Deiner Zunge Meiſter bin. Kennſt Du mich jetzt, und erinnerſt Dich des Eides, den Du mir geſchworen!“ „Ach, gnaͤdigſter Hochwuͤrden!“ zitterte die Stimme des Sterbenden,„ſeyd Ihr es wirklich? oder iſt der boͤſe Feind unter Eure Geſtalt ge⸗ kommen, um die ſuͤndhafte Seele zu empfangen? toͤdtet mich nicht, bevor Ihr mir noch einmal Ab⸗ laß gegeben. Ich habe ja nicht meinen Eid ge⸗ brochen; ich habe Euren Namen keiner lebendi⸗ gen Seele genannt, nicht einmal Euch ſelbſt, und ich lebe keine Stunde mehr zu Ende. Seyd Ihr aber ein heiliger Mann aufs neue, und aus dem Banne losgeſprochen, ſo gebt mir einen neuen kraͤftigen Ablaß, und nehmt den alten wieder zuruͤck; darin hat der Teufel einen Riß gemacht, als Ihr in den Bann gethan wurdet.“ „Stirb, ſtirb, Elender!“ wiederholte die gewaltige Stimme!„hilf Dir nur wie Du kannſt; aber erwarteſt Du Seeligkeit von mir, ſo verzweifle!— Ich bin zum zweiten Mal in den Bann gethan.“ 92 „Wehe! Wehe!“ jammerte der Sterbende. „Wen Ihr ſegnet, iſt verflucht, Eure Finger brennen in der Luft! Wehe, Wehe! Ihr habt mich dem ewigen Feuer geweiht.“ „Winde Dich und ſtirb,“ elende Natter!““ toͤnte die tiefe Stimme wieder.„Du wurdeſt geboren, dem Gewaltigen zu dienen und zu ver⸗ gehn. Stirb nur in der Meinung, daß der Banngeaͤchtete Biſchof fuͤr Dich brennen ſoll! Er brennt; der Bannſtrahl flammt von meinem Scheitel auf; aber ich lache deſſen. Der Helm ſoll das Feuer kuͤhlen, bis die Krone es verloſcht. Biſt Du ſchon vor Schrecken geſtorben, armer Teu⸗ fel!“ toͤnte die hohle Stimme gedaͤmpfter.„So iſts recht! Der verweſende Leichnam verraͤth Nie⸗ manden.“ Mit unausſprechlichem Grauen hatte Carl je⸗ des Wort vernommen; er zweifelte nicht, daß der ſchwarze furchtbare Ritter der verwegene Biſchof Waldemar ſey, der nun nach dem Tode ſeines Schwagers, des Herzoges Bernhard, bei dem Markgrafen von Brandenburg und dem Kaiſer Otto, der eben ſo wie er ſelbſt dem Bann trotzte, Schutz ſuchte. Carl erinnerte ſich der letzten dun⸗ 1 93 keln Worte des Vaters Saxo, die er als Kind in Biſchof Peders Alkoven gehoͤrt, und die ihm nun plöͤtzlich klar geworden waren. „Werde ich auf ſolche wunderbare Weiſe in die Geheimniſſe der Unthat eingeweiht,“ ſagte er bei ſich ſelbſt,„da geſchieht es gewiß nicht um nichts! Waldemar, mein großer Koͤnig! Dir ſtrebt man, wie Deinem Bruder, nach Krone und Leben; dieſelbe verbrecheriſche Hand, die ihn verfolgte, verfolgt auch Dich. Ha! waͤre ich frei! Was iſt meine Ehre, mein Leben gegen das des Koͤnigs.“ Es war todtenſtill uͤber ihm geworden. Er betete ſtill, und ſchlief vor Mattigkeit und An⸗ ſtrengung ein. Als er einige Stunden geſchlafen, wurde er von einem großen Geraͤuſch, im Hauſe erweckt. Er vernahm Pferdegetrampel und Hundegebell vor dem Hauſe. Es war ſtockfinſter um ihn, doch an dem Kraͤhen des Haushahns im Hofe ver⸗ muthete er, daß es in der Daͤmmerung ſey. Kurz hernach wurde die Fallthuͤre geoͤffnet, und ein gebuͤckter Mann mit einer Leuchte in der Hand ſtieg langſam und vorſichtig die Treppe zu 94 ihm hinab. Er erkannte den alten geizigen Schenkwirth, der, als er gebunden worden, ihm die goldnen Sporen von den Stiefeln abgenom⸗ men und ſie zu ſich geſteckt hatte. „Seyd Ihr noch lebendig? ſagte der Alt ſo verdankt Euren Heiligen, daß die Branderbur⸗ ger an etwas anders, als Schelme zum Galgen zu fuͤhren, zu denken bekommen!“ „Sind ſie fort?“ fragte Carl!„und der Biſchof auch?“ 8 „Welcher Biſchof?“ „Der fremde Ritter wollte ich ſagen.“ „Ja wohl!“ entgegnete der Wirth gleich⸗ guͤltig, indem er das Licht auf die Treppe ſtellte und Carls Anzug mit Aufmerkſamkeit betrachtete, doch ohne Miene zu machen, ihn befreien zu wol⸗ len.„Es kam Botſchaft, daß der Markgraf und Kaiſer Otto beim Primberg waren, muͤßt Ihr wiſſen, und dann ließ der geſtrenge Ritter ſogleich ſatteln, und ſprengte, als ſaͤße ihm der Teufel auf den Ferſen, fort, ohne an Euch zu denken. Ich wollte ihn auch nicht an Euch er⸗ innern. Ich dachte ſo: hier iſt ja Gericht und Geſetz im Lande, und ſoll Jemand meine Gaͤſte 95 nach dem Galgen fahren, ſo bin ich dazu der rechte Mann. Euer wuͤrdiger Gefaͤhrte liegt da oben ſteif und kalt, wie Ihr begreifen koͤnnt. Ich habe Zeugen genug, daß Ihr im Begriff ge⸗ weſen, ihn todtſchlagen zu wollen, und Ihr habt ihm vielleicht ſchon den Reſt unter vier Augen gegeben, ehe wir hinzu gekommen. Das waͤre eine leichte Sache, Euch verurtheilt und aufge⸗ knuͤpft zu ſehen. Allein Ihr habt den Anſchein, der Sohn eines ehrlichen Mannes zu ſeyn, und ich halte Euch weder fuͤr einen Bettler noch fuͤr einen Knauſer. Der Todte iſt ja doch todt, ich bin von chriſtlichen Geſinnungen; was geht das mich an, ob Ihr Eurem guten Freund das Le⸗ ben nehmt oder nicht, wenn Ihr nur Euch her⸗ ausreden koͤnnt und jedem das ſeinige bezahlet? Wollt Ihr mir nun Euer Nachtlager nebſt dem ſeinigen, ſo auch was Ihr haͤttet verzehren kon⸗ nen, wenn kein Hinderniß eingetreten waͤre, be⸗ zahlen, außerdem die Koſten ſeiner Beſtattung hergeben, und mich wegen meiner Muͤhe und geſtoͤter Ruhe ſchadlos halten, ſo werde ich Eure Bande loͤſen und Euch fortziehen laſſen, ohne weitern Laͤrm wegen dieſer Sache zu ma⸗ 96 chen. Euer Gefaͤhrte war ſonſt ein armer Lump,“ fuͤgte er hinzu.„Hier iſt die Geldkatze, die er um den Leib trug; da iſt, traun! ein halber Heller darin, wie Ihr ſeht.“ „Gut!“ entgegnete Carl„waͤre ſie auch voller Gold und Edelgeſtein geweſen, wuͤrde ich doch keiner chriſtlichen Seele angekathen haben, ſie anzuruͤhren.“ „Tod und Peſtilenz! er iſt doch wohl nicht von der Peſt geſtorben?“ rief der Wirth er⸗ ſchrocken und warf einen ſchweren klingenden Beutel aus der Taſche heraus. „Ihr habt Euch alſo ſelbſt zu ſeinem Erben ein⸗ geſetzt,“ ſagte Carl,„ſeyd Ihr nicht fuͤr das Blut⸗ geld bang, meinetwegen. Vor der Peſt braucht Ihr Euch zwar nicht zu fuͤrchten; er ſchien Lun⸗ genſchwindſucht und die fallende Sucht zu haben; allein ſein Tod war doch wohl die Hoͤllenglut des Gewiſſens.“ „Nichts weiter“ fiel der Wirth hoͤhniſch ein, und hob den Beutel wieder auf,„die Krank⸗ heit ſteckt mich nicht an; ich habe ein ſo gutes Gewiſſen, wie irgend ein Schenkwirth in der gan⸗ zen Chriſtenheit, ich brauche nicht fuͤr Blutgeld 97 bang zu ſeyn. Jedoch, Herr Ritter, da Ihr ſo guten Beſcheid wißt, werde ich Euch auf Treue und Glauben losbinden und Euch Eure köſtlichen goldnen Sporen zuruͤckgeben, die Ihr als Standes⸗ perſon nach Belieben bezahlen könnt.“ Mit die⸗ ſen Worten ſteckte er den Beutel in die Taſche und ſchnitt die Stricke entzwei. Ohne mehr als noͤthig ſeinen Aufenthalt zu verlaͤngern, befriedigte Carl den ſchmutzigen Wirth, und bald ließ er ſeinen Gaul auf dem Wege nach Genf forttraben. In der Naͤhe der flandriſchen Graͤnze holte er eines Tages eine zahlreiche praͤchtige Ritterſchaar ein, und als er dem Zuge naͤher kam, gewahrte er, daß es gute Freunde und Landsleute ſeyen. Es war nemlich Junkherr Strange, der, nebſt Bi⸗ ſchof Peder, Abſalon Balg, und zwanzig der vor⸗ nehmſten daͤniſchen Ritter, im Namen des Koͤnigs den Kaiſer Friedrich als deutſchen Kaiſer begruͤßt, und ſeine Beſtaͤtigung von Waldemars großen Beſitthuͤmern und Eroberungen in Deutſchland verlangt hatte. Dies wichtige Geſchaͤft hatte Junkherr Strange mit gewohnlicher Tuͤchtigkeit und Klugheit ausgefuͤhrt; und er brachte nun mit III. 7 98 ſich ein Diplom, vom Kaiſer Friedrich und zwoͤlf geiſtlichen und weltlichen Fuͤrſten beſiegelt, durch welches Waldemar als Gebieter von Nordalbingien, Hamburg, Luͤbeck, Schwerin und mehreren nord⸗ deutſchen Laͤndern erkannt wurde. Junkherr Stranges frohes Geſicht und die Heiterkeit ſeines Gefolges verdraͤngte auch bald die dunklen Bilder aus Carls Gemuͤth, die ſeiner Phantaſie vorſchwebten.„Was macht denn der König in Gent?“ fragte er den Junk⸗ herrn,„ich glaubte ihn noch im Brandenbur⸗ giſchen, als ich ploͤtzlich zu meiner Verwunde⸗ rung Befehl erhielt, ihn in Flandern zu ſuchen!“ „Darnach duͤrft Ihr wohl fragen!“ entgegnete der Junkherr,„wundern kann es uns aber nicht, wo er auch ſey. Als ich ihn verließ, hielt er ſeinen Sieges⸗Einzug in Stettin. Nun ſagt man, daß er mit ſeinen aufruͤhreriſchen Lehns⸗ maͤnnern, den Grafen von Schwerin, bei dem Grafen Ferdinand zuſammen treffen werde, weil dieſer ſich erbeten hat, einen Vergleich zwiſchen ihnen und dem Koͤnig auszumitteln. Herr Ab⸗ ſalon Balg hat uns freilich eine anſcheinende Nebenabſicht, die doch vielleicht der wahre Zweck 99 ſeyn kann, muthmaßen laſſen; allein ich weiß nicht, ob man dieſelbe aͤußern darf.“ „Warum nicht?“ ſagte Abſalon Balg, naͤ⸗ her reitend.„Unter Landsleuten braucht man nicht ſo umſichtig zu ſeyn, und was ein Daͤne von ſeinem König ſpricht, dazu darf er ſich be⸗ kennen. Man ſagt, daß die Prinzeſſin Been⸗ gierd bei ihrem Bruder in Genf ſich aufhaͤlt, und dann braucht es wohl keiner großen Klugheit, um einzuſehen, warum die Vermittelung eben dort ſtatt finden ſoll.“ „Prinzeſſin Beengierd?“ wiederholte Carl betroffen.„Vor einem Paar Jahren hieß es ja, daß ſie in ein Kloſter in Portugal gegangen ſey.“ „Das iſt wohl nur auf die Probe geweſen,“ meinte Abſalon Balg;„eine ſo ſtolze und ſchoͤne Prinzeſſin nimmt wohl nicht im Ernſt den Schleier, alldieweil ſie eine Krone vor Augen hat.“ Carls Zuͤge wurden bei dieſen Worten hel⸗ ler.„Ach moͤchte es doch alſo ſeyn!“ ſagte er unwillkuͤhrlich; denn er dachte, daß wenn der König ſich wieder vermaͤhlte, dadurch das Ge⸗ 7* 100 ruͤcht von ſeiner Neigung zu Kirſtine wuͤrde wider⸗ legt werden. „Um des Königs und Daͤnemarks willen darf ich es nicht wuͤnſchen,“ ſagte Biſchof Pe⸗ der, der an der Seite des Junkherrn Strange ritt;„die ſtolze Portugieſin wird nie eine Dag⸗ mor werden! Sey ſie auch tauſend Mal ſo ſchoͤn, Dagmors Herz wird ſie nie haben.“ Junkherr Strange druͤckte die Hand des Bi⸗ ſchofs und ſchwieg; wie heiter der bejahrte Rit⸗ ter auch ſonſt war, konnte er nie der Koͤnigin Dagmor gedenken, ohne daß Thraͤnen in ſeine treuen Augen traten. „Bauern und Pfaffen wuͤrden vielleicht kaum die kuͤhne Portugieſin, ſo wie die Königin Dag⸗ mor, auf den Haͤnden tragen„“¹ ſagte Abſalon, mit einem Seitenblick auf den Biſchof,„allein einem kriegeriſchen Herrn, wie unſerm Koͤnig, muß der kuͤhne Falk doch lieber ſeyn als die fromme Turteltaube. Ihr glaubt doch wohl nicht, Herr Biſchof, daß ſie ſo ketzeriſche Meinungen hegt, deren man ſie beſchuldigt?“ fuhr er fort. „Wenn Ihr es nicht uͤbel nehmen wollt, hoch⸗ wuͤrdiger Herr, ſo glaube ich eben, daß der Ta⸗ 101 del, den man uͤber ſie ausſpricht, der beſte Be⸗ weis iſt, daß ſie eine große koͤnigliche Seele, die uͤber ihre Zeit und Vorurtheile erhaben iſt, beſitzt. Wo ſie ſchalten darf, wird vielleicht, mit Eurer Erlaubniß, die Geiſtlichkeit die Laſten und Buͤrden des Ritterſtandes theilen muͤſſen, wenn ſie unſer Anſehen und weltliche Ehre thei⸗ len will.“ Junkherr Strange, der die Folgen eines ſo⸗ erregenden Geſpraͤchs bei Biſchof Peders Heftig⸗ keit befuͤrchtete, eilte die Unterredung durch ei⸗ nen heitern Einfall zu unterbrechen. So wurde unter Scherz und luſtigen Liedern die Reiſe fort⸗ geſetzt. Im Ritterſaale des graͤflichen Schloſſes in Genf ſaß eines Nachmittags gegen Abend Koͤnig Waldemar am runden Tiſch, zwiſchen Graf Fer⸗ dinand von Flandern und Erzbiſchof Andreas, und hoͤrte unzufrieden und zerſtreut alles an, was der heftige Graf Ferdinand von Flandern, in ſeiner halb portugieſiſchen halb deutſchen Mundart und mit ſeinem lebhaften Geberdenſpiel, zur Vertheidi⸗ 102 gung und Entſchuldigung der Grafen von Schwe⸗ rin, und ihrer Verbindung nun zuletzt mit dem Markgrafen von Brandenburg, anfuͤhrte. Was ſeinem Vortrage an Ordnung und Klar⸗ heit abging, wurde durch Treuherzigkeit und Waͤrme erſetzt; und wenn er zuweilen den Faden verlor, nahm der Biſchof von Hildesheim, der an ſeiner Seite ſaß, mit Umſicht und Feinheit ihn wieder auf, und ermunterte Waldemar zu chriſtlicher Milde und Sanftmuth, indem er den Grafen Heinrich als einen der waͤrmſten Bewunderer des Koͤnigs, den nur die Zeitumſtaͤnde auf Abwege geleitet haͤtten, ſchilderte. Der Koͤnig hatte ſich ſchon drei Tage im Schloſſe aufgehalten, und jeden Tag dieſelbe Vertheidigung und dieſelben Entſchuldigungen ge⸗ hoͤrt; allein die Grafen von Schwerin hatten ſich noch nicht perſonlich eingeſtellt und der Koͤnig weigerte ſich entſchloſſen, bevor ſie ſelbſt gekom⸗ men, und ſich jeder Bedingung unterworfen haͤt⸗ ten, ſich auf irgend einen Vergleich einzulaſſen. Was außerdem den Koͤnig verſtimmte und ſeine Aufmerkſamkeit von der verdrießlichen Unter⸗ handlung abzog, war eine getaͤuſchte Erwar⸗ 2 4 103.— tung, welche er ſich doch nicht merken ließ. Abſalon Balgs Muthmaßung war nemlich nicht ganz ohne Grund. Der König hatte heimlich gehofft, die ſchöne Prinzeſſin Beengierd hier im Schloſſe wiederzuſinden. Allein noch hatte er ſie nicht geſehen, und kein Wort von ihr gehöoͤrt. Der Koͤnig wollte nicht fragen, und Graf Fer⸗ dinand ſchien an nichts anders als an die Vermitte⸗ lung in der Sache der ſchwerinſchen Grafen und an den eignen kuͤhnen Entwurf eines Heerzuges gegen Koͤnig Philipp von Frankreich zu denken; zu dem letzten Unternehmen erwartete er, wegen des Mißverſtaͤndniſſes zwiſchen dieſen und ſeiner Koͤnigin, Waldemars Schweſter kraͤftige Unter⸗ ſtuͤzung von dem Koͤnig von Daͤnemark.— Wal⸗ demar wurde daher immer verdrießlicher und ſchwerer zu bereden.. „Will Graf Heinrich nicht ſelbſt kommen und mir wegen ſeines Betragens Rede ſtehen,“ mit dieſen Worten fuhr Waldemar endlich eines Tages ungeduldig auf,„ſo ziehe ich noch in die⸗ ſer Stunde von hier ab; es iſt das letzte Mal, daß ich mich uͤberreden laſſe, mit meinen aufruͤh⸗ reriſchen Vaſallen friedlich zu unterhandeln.“ 104 In demſelben Augenblick wurde die Thuͤre ge⸗ offnet und Graf Heinrich von Schwerin trat, mit ſeinem Bruder Gunzelin an ſeiner Selte, ein. Graf Heinrich war bleich und ſchien von einem gewaltigen Seelenkampf bewegt zu ſeyn. Mit glatter Hoͤflichkeit und anſcheinender Demuth begruͤßte er den aufgebrachten Lehnsherrn, ſein langes Ausbleiben durch einen Sturz mit dem Pferde entſchuldigend. Sobald er gewahrte, daß die Zornfurchen zwiſchen den Braunen des Königs ſich zu ebnen begannen, ſtieg ſeine Zuverſicht und Dreiſtigkeit, und mit wahrer kraͤftiger Be⸗ redſamkeit wußte er ſeine mißliche Sache in ein ſo vortheilhaftes Licht zu ſtellen, daß der König. ſelbſt ſeine ſeltnen Rednergaben bewundern mußte, und ihn mit Theilnahme anhoͤrte; denn er ver⸗ ſtand eben ſo ſchlau und fein, dem ehrgeitzigen Waldemar zu ſchmeicheln, als er mit Muth und Entſchloſſenheit ſeine Selbſtſtaͤndigkeit zu behaup⸗ ten ſchien, und ſo wußte er dem König die Ach⸗ tung abzuringen, die dieſer nie einem kuͤhnen und dreiſten Feinde verweigerte. „Ich wuͤnſche, daß Ihr eben ſo handeln mochtet, als Ihr ſprecht?“ entgegnete der Koͤnig, 105 „doch laßt uns bei der Sache bleiben! Erkennt Ihr mich als Lehnsherrn der Grafſchaft Schwerin, und die Verpflichtungen, welche Ihr verletzt, in⸗ dem Ihr gemeinſame Sache mit meinen Fein⸗ den gemacht habt?“ Graf Heinrich berief ſich auf Worte und Aus⸗ druͤcke in aͤlteren Tractaten und Documenten, ſeine Verhaͤltniſſe zu der daͤniſchen Krone betref⸗ fend, welche er zu ſeinem Vortheile deutete, „Jede Verpflichtung, die ich mit Hand und Sie⸗ gel beſtaͤtiget habe, werde ich uͤbrigens erkennen,“ fuͤgte er ruhig hinzu,„und ich bitte Euch, Herr König, daß Ihr vor den Augen dieſer rechtlichen Herren die Tractaten und Verpflichtungen„ die iich nach Eurer Meinung verletzt haben ſoll, dar⸗ legen wollet.“ Waldemar, verlegen und unmuthig, die ihm ſo ſchlau entwendeten Dokumente nicht vorlegen zu können, gab erbittert zur Antwort:„Ich habe es uͤberfluͤſſig geglaubt, Euch das Schwarz auf Weiß zu zeigen, was Ihr eben ſo gut wißt als ich. Vielleicht konnt Ihr beſſer, als irgend ein An⸗ derer, die ſchriftlichen Zeugniſſe Eures Vergehens aufzeigen, auf die Ihr Euch beruft, weil Ihr mit 106 Dreiſtigkeit darauf fußt, daß ich ſie nicht bei der Hand habe. Allein das verſichere ich Euch: was ich und mein Bruder mit unſerm guten Schwerte in ehrlicher und offener Fehde gewonnen haben, bin ich auch faͤhig, jeden Augenblick mit demſelben Schwerte zuruͤckzunehmen, inſofern es mir ſtreitig gemacht wird.“ „Die Rede,“ entgegnete Graf Heinich, „iſt nicht davon, was Ihr durch Gewalt vermoͤ⸗ get, ſondern von dem, was Ihr mit anſcheinen⸗ dem Recht und Billigkeit, Kraft einer unbedingten Oberherrſchaft, die ich, freiwillig oder gezwungen, allein doch mit geſunden Sinnen erkannt haben ſoll, verlangen koͤnnt. Ihr ſcheint mich in Ver⸗ dacht zu haben, die Beweiſe, auf die Ihr Eure Behauptung gruͤndet, Euch entwendet zu haben; allein ich darf mit einem Eide auf das heilige Sakrament bezeugen, daß ich im Beſitze ſol⸗ cher Urkunden weder itzt noch je zuwor gewe⸗ ſen bin.“ Der Koͤnig ſtutzte und betrachtete ihn mit ei⸗ nem forſchenden Blicke.„Eines Meineides glaube ich weder Euch noch irgend einen Ritter von Ehre faͤhig!“ ſprach er:„Genug! die aͤltern Tracta⸗ 107 ten und Urkunden, Eure Lehnsverhaͤltniſſe zur daͤ⸗ niſchen Krone betreffend, ſind mir mit mehreren wichtigen Schriften auf eine unbegreifliche Weiſe entwendet worden, und wenn Ihr auf andere Zeugniſſe Eures Vergehens, als die, welche Euch ſelbſt und Jedermann bekannt ſind, dringet, muß ich bis weiter als Richter und Lehnsherr verſtum⸗ men. Das Geſchehene mag alſo vergeſſen ſeyn, und jetzt iſt die Frage nur, ob Ihr mich kuͤnf⸗ tig als Euren Lehnsherrn erkennen wollet oder nicht?“ Die Unterhandlung wurde durch die Botſchaft von Junkherr Stranges Ankunft mit ſeinem Ge⸗ folge unterbrochen. Der Koͤnig erbat ſich die be⸗ ſtimmte Erklaͤrung des Grafen bis zum naͤchſten Tage, und verließ mit ſichtbarem Unmuthe den Ritterſaal, um die zuruͤckgekehrte Sendung in ſeinem Gemache zu empfangen. Der eignen Erklaͤrung des Koͤnigs zufolge, wandte ſich nun Graf Heinrich triumphirend zu den Uebrigen:„Stehen wir, ich und mein Bru⸗ der, jetzt nicht hier als Verbrecher gegen die daͤ⸗ niſche Krone, ſondern als ſelbſtſtaͤndige deutſche 108 Fuͤrſten, deren freier Wahl und Willen es vor⸗ behalten iſt, ob ſie kuͤnftig zu den Mannen des Koͤnigs Waldemar gehoͤren wollen oder nicht, und deshalb werde ich morgen dem Koͤnig und Euch unſern Entſchluß ertheilen.“ Graf Ferdinand ſah den kuͤhnen Mann, der ſich auf eine ſo unbegreifliche Weiſe gerechtfertigt hatte, erſtaunt an, und der Biſchof von Hildes⸗ heim fluͤſterte ihm, indem er ſich erhob, heim⸗ lich ins Ohr:„Trefflich! Graf! das war ein ſchlauer Streich; nun ſeyd Ihr auf dem Trocknen.“ Es war Abend geworden, und der Koͤnig wieder allein. Mit dem wichtigſten Diplom des Kaiſers in der Hand, ging der Koͤnig mit ſtarken Schritten in ſeinem Gemache auf und nieder, als Carl von Riſe hereintrat und ihm Graf Al⸗ berts Schreiben uͤberreichte. Der Koͤnig eroͤffnete und las es ſchnell durch.„Das iſt gut,“ ſagte er, und wunderte ſich, als Carl dennoch ſtehen blieb.—„Habt Ihr mir noch ſonſt was zu melden? Ritter Carl?’“ „Herr Koͤnig!“ entgegnete Carl etwas blöͤde, „ich fuͤrchte faſt zur ungelegenen Zeit mir ein 109 kurzes Gehoͤr zu erbitten. Ich habe auf dem Wege hieher durch ein ſonderbares Ereigniß erfah⸗ ren, daß Euer Vetter, der von dem Banne ge⸗ troffene Biſchof Waldemar, Euch noch heimlich nach Krone und Leben ſtehe. Er iſt zu dem Markgrafen von Brandenburg und dem Kaiſer Otto gegangen. Er iſt ein furchtbarer Mann.“ „Das iſt mir nichts Neues? Iſt das das Ganze?“ fragte der Koͤnig. „Auch vor dem Grafen Heinrich von Schwe⸗ rin moͤchte ich Euch warnen, Herr Koͤnig! in ſo fern Ihr es nicht uͤbel nehmt, daß ich mich in Eure Angelegenheiten miſche.“ „Du meinſt es gut mit mir, mein wackerer Carl,“ unterbrach ihn Waldemar und klopfte ihm auf die Schulter,„glaube aber, daß ich meine Feinde beſſer kenne„ als Du, und am beſten weiß, was ich zu thun und zu laſſen habe.* „Noch eine Bitte,“ nahm Carl das Wort. „Vergöoͤnnt mir, unter den Rittern zu ſeyn, denen die Bewachung Eurer koͤniglichen Perſon am naͤch⸗ ſten anvertraut iſt! Das iſt von der zarteſten Jugend an mein hoͤchſter Wunſch geweſen, und jetzt 110 um ſo mehr, da es mir unmöglich iſt, unter dem Panier meines ſtrengen Waffenmeiſters und Feld⸗ herrn, des Grafen Alberts, das Kriegsgeſetz zu beobachten und mich in dem Lager des Zweikampfs zu enthalten, ſo lange die Ehrenſache, welche ich mit Eurem Neffen, dem Grafen Otto, habe, nicht ausgemacht iſt.“ „Wie, Ehrenſache?“ fragte Waldemar hef⸗ tig.„Junge Haͤhne, die Ihr ſeyd! weswegen habt Ihr Euch denn erzuͤrnt?“ „Ueber eine Sache, Herr Koͤnig! in der Ihr der beſte Schiedsrichter ſeyn konnt!“ fuhr Carl muthig fort.„Graf Otto hat meine unſchul⸗ dige Schweſter Kirſtine eines Verhaͤltniſſes, das ihre Ehre und die einer weit wichtigeren Perſon verletzt, beſchuldigt.“ Der Koͤnig ward betroffen.„Dummes Wei⸗ bergeſchwaͤtz,“ unterbrach er Carln heftig.„Des⸗ wegen ſoll mein Herr Neffe mit mir zu thun ha⸗ ben.— Wegen der Ehre Deiner Schweſter ſey ruhig, der kann weder Graf Otto noch irgend ein Anderer einen Makel anhaͤngen. Ich werde ſowohl für ſie, wie fuͤr Dich, königlich ſorgen. 111 Nichts mehr davon.— Junkherr Strange ſoll Dich unter meinen Rittern und Trabanten an⸗ ſtellen.“ Carl warf einen zweifelnden Blick wegen die⸗ ſer zweideutigen Verſorgung auf den Koͤnig, doch die erhabene Groͤße ſeiner ausdrucksvollen Zuͤge beruhigte und ergriff ihn. Beſchaͤmt bog Carl unwillkuͤhrlich das Knie und kuͤßte die Hand des Königs, waͤhrend eine gluͤhende Röͤthe ſeine Wangen bedeckte.„In Eure gerechte Hand gebe ich mein Leben und unſere Ehre!“ ſagte er zuverſichtlich, und verließ, raſch aufſpringend, ehrerbietig das Gemach. 3 „Wie doch eine einzige Weibergrille Unruhe und Verwirrung in vielen Herzen erregen kann!“ ſagte Waldemar, ihm theilnehmend nachſehend. „Der treue, ehrliche Burſche, nun plagt er und Otto ſich gegenſeitig, und ſind nahe daran, mich fuͤr einen groͤßern Thoren, als ſie ſelbſt welche ſind, zu halten, weil es einem Maͤgdlein einge⸗ fallen iſt, Koͤnigin ſpielen zu wollen.— Hm! wir ſind doch alle Kinder,“ fuhr er nach einigem Sinnen fort.„Warum aͤrgern mich doch die jaͤmmerlichen Kunſtgriffe dieſer kleinen Herren? 112 die Widerſpenſtigkeit eines Paars unbedeutender Vaſallen? Mit einem Winde kann ich ſie ja in den Staub werfen! Sie, die ſtolze Schoͤne! die ich nie vergeſſen kann, habe ich doch nicht wieder geſehn! Bin ich mit ihr unter einem Dache, oder verbirgt ſie ſich weit von hier in einem Kloſter?— Iſt ſie mir nahe und haſſet— oder fern— und hat mich vergeſſen? Nein! vergeſ⸗ ſen hat ſie meiner nicht; ich war ihr nicht gleich⸗ güͤltig. Waldemarn muß ſie auf immer lieben oder auf immer haſſen.— Und ich?— ach! wie lange ſoll die blaſſe, fromme Todte zwiſchen mich und das Leben treten. Warum kann ich nicht die Worte der frommen Sterbenden ver⸗ geſſen? ſie ſind doch nicht aus ihrem liebevollen Herzen gekommen. Der Nebel des Todes ru⸗ hete auf ihren Augen, und ſie ſah nur Finſter⸗ niß, wo ich Leben und Licht ſehe! Hinweg, hinweg du theurer Schatten! Mache nicht aus Waldemarn einen aͤngſtlichen Traͤumer!“ Beklommen ſtieß er die Thuͤre, die nach dem Garten fuͤhrte, auf, um Athem zu ſchopfen— waͤhnte er— allein es ſchien mehr, als wolle er die Gelegenheiten des Schloſſes erforſchen. Er warf 113 ſeinen ſcharlachnen Mantel um und trat hinaus. Die zwei hervorragenden Seitenfluͤgel des Schloſ⸗ ſes betrachtete er mit großer Aufmerkſamkeit, be⸗ ſonders den öſtlichen, der ein finſteres kloͤſter⸗ liches Anſehen hatte. Dieſer Theil vom Schloſſe war in einem weit aͤltern Style, als der uͤbrige, erbauet, und ſchien, in Verbindung mit der alten gemauerten Capelle, ein Gebaͤude fuͤr ſich auszumachen. Der Theil des Schloßgartens, der daran grenzte, war von dem uͤbrigen großen Garten, der mit Waſſerkuͤnſten und hohen Taxus⸗ pyramiden geſchmuͤckt war, durch eine hohe dicke Mauer getrennt. Waldemar ging an der Mauer, deren untere Haͤlfte mit Brombeergebuͤſchen und wilden Roſen faſt bedeckt war, entlang. Er ſuchte und fand zuletzt auch einen engen, wegen Dorn⸗ gebuͤſchen beinahe undurchdringlichen Eingang, und ſo trat er in den kleinern eingehegten Gar⸗ ten, der, wie er bemerkte, zugleich ein Kirchhof war.— Es war ein ſchöner Abend mitten im Som⸗ mer. Die Gluͤhwuͤrmer leuchteten zwiſchen dem Graſe der Graͤber, und der Thau glaͤnzte im Mondſcheine an den Blumen. In ſtillen, weh⸗ III. 8 114 muͤthigen Gedanken ging Waldemar immer weiter, und ſo ſtieß er auf eine offne Begraͤbniß⸗Kapelle, in welcher eine Lampe unter einem geſchnitzten Marienbilde brannte. Er trat hinein, und ſah ſich von großen marmornen Sarkophagen, mit Bil⸗ dern, Waffen und Inſchriften, umgeben. An den Wappen erkannte er, daß es das Grabmal des vorherigen flandriſchen Geafengeſchlechts ſeyn muͤſſen. Er blieb ſtehen, als er den Namen des beruͤhmten Balduins, und die ruhmvolle In⸗ ſchrift, die ſein Schwiegerſohn, Graf Ferdinand, ihm zur Ehre geſetzt hatte, las; mit Theilnahme betrachtete Waldemar das leere Denkmal des Hel⸗ den, denn er wußte ja, daß er nicht hier begra⸗ ben ſeyn köͤnne.„Was iſt doch die Groͤße und Herrlichkeit der ganzen Welt,“ ſeufzte er, und wollte eben zuruͤckkehren, als er einen neuen glaͤnzenden Sarg gewahrte, auf den der Schein der Lampe am ſtaͤrkſten ſiel. Er trat naͤher und erblickte ein großes weibliches Bild in voller Le⸗ bensgroͤße, aus Marmor gehauen, auf dem Dek⸗ kel ruhend. Das lange ſchlanke Bild trug ei⸗ nen großen runden Haarſchopf, einen aufrechtſte⸗ henden gefalteten Halskragen und ein offenes, ge⸗ 115 braͤmtes Aermelkleid; um Hals und Bruſt wa⸗ ren drei goldne Ketten angedeutet, und an dem Unterrocke war in matter Arbeit ein doppelter Adler eingegraben. Mit Erſtaunen erkannte Wal⸗ demar den Anzug, in dem er zum erſten Male die Prinzeſſin Beengierd geſehen. Es war ihre hohe und ſchlanke Geſtalt, allein auf das Geſicht ſiel ein Schlagſchatten, der ihn hinderte, es genau zu ſehen. Bleich vor Angſt und Entſetzen ergriff er mit zitternder Hand die Lampe unter dem Mut⸗ tergottesbilde, und beleuchtete das Antlitz des bleichen marmornen Bildes.— Er ſah eine ſchwache Nachahmung von Beengierds ſchoͤnen Zuͤgen, und ein tiefer, ſchmerzlicher Seufzer ent⸗ rang ſich ſeiner Bruſt. Die Fuͤße ſchwankten unter ihm, als er mit ſtarren Augen die In⸗ ſchrift las:„Berengaria, Prinzeſſin von Por⸗ tugal. Geboren im Jahre nach Chriſti Geburt 1190!— verſtorben— Mehr las er nicht. Er verlor die Lampe aus der zitternden Hand; ſie erloſch, und er ſelbſt ſtuͤrzte uͤber das Mar⸗ morbild hin, das er mit brennenden Thraͤnen be⸗ netzte. Als er wieder zur Beſinnung kam, ſchwankte 8* er ſchweigend und gebeugt durch die dunkle, ſtille Capelle, und fand bald den Ausgang, wodurch der Mond hell hineinſtralte. Es war ihm jetzt als waͤre die Welt rings um ihn geſtorben, als ſtuͤnde er allein unter den Graͤbern. Er wußte ſelbſt nicht, wohin ihn ſeine Fuͤße trugen. Da wurde er endlich aus ſeinem tiefen, ſtarren Bruͤ⸗ ten durch den Klang einer Harfe gewecket, und er vernahm eine ſuͤße weibliche Stimme mit ei⸗ ner Miſchung von Bitterkeit und Wehmuth ſingend: Mir traͤumte, ich war im Himmelreich, Der Stadt voll ſuͤßem Duft; Den Liebſten hatt' ich in meinem Arm, So ſanken wir durch die Luft.— Waldemar erkannte ſogleich das alte daͤniſche Lied, das er ſelbſt Beengierd gelehrt, er erkannte die ſuͤße Stimme wieder, aus welcher die daͤniſche Sprache fremd hervortoͤnte.„Beengierd! Been⸗ gierd! Du lebſt?“ rief er, und ſtuͤrzte in einen offnen Gartenſaal hinein. Er erblickte eine weibs liche Geſtalt in dem hellen Mondenſcheine bei der Harfe ſitzend.„Beengierd! Beengierd!“ rief er,„lebſt und liebſt Du mich noch, dann ſol⸗ len weder Todte noch Lebendige uns trennen!“ „Waldemar! ſtolzer treuloſer Waldemar!“ rief die ſchoͤne Prinzeſſin und trat einen Schritt zuruͤck.„Ich habe Dich bis in den Tod gehaßt; und doch liebte ich Dich. Ich habe der Welt Dei⸗ netwegen entſagt,— mein Sarg war bereit, um mich aufzunehmen,— ich wollte Dich nie wie⸗ derſehen, und doch— bin ich Dein, Dein in alle Ewigkeit.“ Mit einem heftigen Thraͤnenſtrome ſank ſie in ſeine Arme, waͤhrend Waldemar ſich grenzenlos geliebt und gluͤcklich fuͤhlte. Als der Koͤnig den folgenden Tag zu den ver⸗ ſammelten Fuͤrſten und Herren in den Ritterſaal hineintrat, erſtaunten Alle ob des klaren zufriede⸗ nen Ausdrucks ſeiner Zuͤge; denn ſein geſtriger Unmuth hatte bange Erwartungen erregt. Als der gluͤckliche Sieger ſtand er da mit einem zuſam⸗ mengerollten Pergamente, wie einen Befehlshaber⸗ ſtab in der Hand. Graf Heinrich ſchielte nach der Schrift, einen (unruhigen Blick auf den Biſchof von Hildesheim 8*, 118 werfend, und wechſelte die Farbe; denn er glaubte das entwendete Dokument zu ſehen. Allein zu ſeiner Beruhigung erklaͤrte Waldemar, daß er nicht laͤnger um Kleinigkeiten ſtreiten wollte, ſon⸗ dern zu Frieden und Vergleich bereit ſey, inſo⸗ fern die Grafen von Schwerin ihm fuͤr die Zu⸗ kunft Treue ſchwuͤren, und das Lehnsherrnrecht, das Kaiſer Friedrich und ſein Fuͤrſtenrath in die⸗ ſem Diplom beſtaͤtigt haͤtten, anerkennen wuͤrden. Er ließ darauf dem Erzbiſchof Andreas das Di⸗ plom vorleſen. Als der Erzbiſchof die Unterſchrif⸗ ten nannte, horchten Alle in der groͤßten Span⸗ nung, und als er den Namen des Kaiſers und die der füddeutſchen Fuͤrſten ausgeſprochen, ſo auch das Diplom mit allen den großen Siegeln vorgezeigt hatte, erhob ſich Graf Heinrich mit ra⸗ ſcher Entſchloſſenheit und erklaͤrte, daß er dies Diplom, das kein norddeutſcher Fuͤrſt unterſchrie⸗ ben haͤtte, nicht als guͤltig und bindend fuͤr ſich und ſeinen Bruder erkennen koͤnne, um ſo mehr, da Kaiſer Friedrich auch nicht von ſaͤmmtlichen deutſchen Fuͤrſten anerkannt und in ſeiner Kaiſer⸗ wuͤrde beſtaͤtigt ſey. Alle erſtaunten bei dem kuͤhnen inſpruche 119 des Grafen Heinrich und der Koͤnig erhob ſich mit einer Heftigkeit, die das Schlimmſte befuͤrch⸗ ten ließ. Doch ſo wie er die Lippen oͤffnen wollte, veraͤnderte Graf Heinrich ploͤtzlich Miene und Betragen, und erklaͤrte mit Ritterſitte: daß er ohne Nuͤckſicht auf dies Diplom und die eigenmaͤch⸗ tigen Anmaßungen aller Kaiſer und Fuͤrſten, mit ſeinem Bruder bereit waͤre, dem Koͤnig von Daͤ⸗ nemark einen freiwilligen Beweis ihrer Hochach⸗ tung und Ergebenheit zu bringen: indem ſie ihre Grafſchaft als Lehn von ihm annehmen, ihm Treue ſchwoͤren, ſo auch ihm mit ſechzig Pferden und Helmen gegen alle ſeine Feinde, auch jenſeits des Meeres, beiſtehen wuͤrden. Damit war Waldemar zufrieden. Ein Lehns⸗ brief wurde ſogleich aufgeſetzt, welchen die Grafen von Schwerin unterſchrieben und beſiegelten, ſo auch mit einem feierlichen Eide beſtaͤtigten. Die Verhandlungen ſchienen nun ſo zu Aller Zufriedenheit beendet, und der Koͤnig ſprach ſo milde und freundlich mit dem Grafen Heinrich und ſeinem Bruder, als waͤre nie ein Zwiſt zwi⸗ ſchen ihnen vorgefallen. Er dankte Graf Ferdi⸗ nand fuͤr ſeine freundliche Vermittlung, rieth ihm dagegen von dem Feldzuge gegen den Koͤnig von Frankreich ab, und warnte ihn vor einem Bunde mit dem unzuverlaͤſſigen Kaiſer Otto. Er ſchuͤt⸗ telte zwar den Kopf, doch reichte er Waldemarn treuherzig die Hand.—„Ihr habt Urſache ganz anders als ich von dem Sohne Heinrichs des Loͤwen zu urtheilen;“ ſagte er.„Eurer jetzigen Lage nach waͤre es von Euch unklug und widerſprechend, an meinen Unternehmungen, von denen ich mich nicht losſagen kann, Antheil zu nehmen. Ich ziehe nun, ſo Gott und unſere Frau wollen, in kurzer Zeit von hier ab; vielleicht ſehe ich nie mein liebes Flandern mehr; vielleicht auch Euch nicht, mein koͤniglicher Gaſt; allein nehme ich Eure Freundſchaft mit, will ich ſie zu wuͤrdigen wiſſen, und ſelbſt unter Euern Fein⸗ den ſtolz darauf ſeyn, den kuͤhnen Waldemar von Daͤnemark, den Sieger, meinen ritterlichen Bru⸗ der und Freund nennen zu duͤrfen.“ Waldemar erwiederte die Freundſchafts⸗Aeu⸗ ßerungen des feurigen Portugieſen mit gleicher Waͤrme, und hatte noch vor ſeiner Abreiſe eine wichtige geheime Unterredung mit ihm. 121 Als der Koͤnig noch denſelben Tag Gent ver⸗ ließ, ahnete keiner ſeiner Mannen ſein Verhaͤlt⸗ niß zur Prinzeſſin Beengierd, die Niemand waͤh⸗ rend des Aufenthalts des Koͤnigs dort erblickt hatte, und dem Geruͤcht, daß der eigentliche Zweck ſeiner Hinreiſe der, ſie zuz freien, geweſen, wurde nun laut widerſprochen. Die Prinzeſſin, hieß es, hatte der Welt entſagt, und, ſich nie zu vyrnäh⸗ len, geſchworen. Indeſſen wußte Graf Heinrich von ſeiner Ge⸗ mahlin, daß die Prinzeſſin in klöſterlicher Ein⸗ ſamkeit auf dem Schloſſe in Gent wohnte und ſich vor Niemanden ſehen ließ. Auch er hatte eine Muthmaßung von der Neigung des Koͤnigs zu ihr gehabt, und hegte dieſelbe Vermuthung wie die Mannen des Königs. Es war ihm nicht gleichguͤltig, wenn vielleicht der Graf von Flan⸗ dern, durch die Schwagerſchaft mit Waldemar, von der Parthei des Kaiſer Otto abgezogen und in Zukunft dem daͤniſchen Koͤnigshauſe ergeben werden koͤnne. Waͤhrend ſeines Aufenthalts im Schloſſe hatte die Unſichtbarkeit der Prinzeſſin und das gaͤnzliche Schweigen von ihr, ihn in die⸗ ſer Ruͤckſicht beruhigt, allein das frohe Laͤcheln * . 122 des Königs ſchien jedoch ein Gluͤck zu ver⸗ rathen, das den Grafen Heſirich bedenklich machte. Als die Grafen von Schwerin und der Bi⸗ ſchof von Hildesheim an der flanderiſchen Graͤnze von dem Koͤnig, mit dem zugleich ſie Alle gezo⸗ gen waren, ſich trennten, und Waldemar mit hei⸗ terer Freundlichkeit dem Grafen einen Gruß an ſeine ſchöne Gemahlin mitgab, ließ dieſct ein Paar Worte von dem Aufenthalte des Köͤnigs in dem Schloſſe von Schwerin fallen, und fragte zugleich leicht hin: ob er nicht ſeitdem die lau⸗ nenhafte Prinzeſſin Beengierd geſehen, die jetzt eben ſo unmuthig und menſchenſcheu geworden, als ſie früher Pühnteid Veiet geweſen ſey. . 9 König aber dberhörte die Frage, und trennte ſich mit den Worten: daß es ihn freuete, daß er ohne Groll und aus aufrichtigem Herzen ihm die Hand zum Abſchied reichen koͤnnte, in⸗ dem er ſeinem Worte und ſeiner Ritter⸗Ehre ertrauete. „Trotz ſeines Hochmuthes und ſeiner Tyran⸗ nei hat er doch etwas ſonderbar Einnehmendes,“ 4 123 ſprach Graf Heinrich zu dem Biſchof von Hil⸗ desheim, als die Staubwolke, die zwiſchen ihnen und dem ſich entfernenden Zuge des Koͤnigs auf⸗ wirbelnd dieſen verbarg.„Obgleich ich ihn bis in den Tod haſſen muß, laͤugne ich doch nicht, daß ſein wahrhaftes koͤnigliches Weſen wohl Ein⸗ druck auf Weiber und ſchwache Seelen machen koͤnne!“ „Das iſt ſein vaͤterliches Erbe,“ entgegnete der Biſchof.„Ihr ſeyd doch nicht eiferſuͤchtig, weil er Euch erſuchte, Eure ſchoͤne Hausehre zu gruͤßen? Fuͤgt Euch mit chriſtlicher Geduld in „CEure Lage, edler Herr! ſo wie die Sachen ſtan⸗ den, iſt ſie ja trefflich. Ich kann mich nicht ge⸗ nug uͤber die hoͤchſt glückliche Fuͤgung mit den Dokumenten verwundern! Ehrlich geſprochen, Graf Heinrich! Ihr wißt doch wo ſie ſind.“ „Glaubt Ihr, daß ich mich zu einem falſchen Eide anheiſchig machen wuͤrde, Herr Biſchof?“ fragte Heinrich beleidigt. „Behuͤte! lieber Graf! Doch! eine gewiſſe fromme Taͤuſchung, die wir fraus pia nennen, darf ich mit Eurer Erlaubniß jedoch hier vermu⸗ then. Dem ſey wie ihm wolle! Eure Sachen ſtehen den Umſtaͤnden nach trefflich, und macht Ihr nur bald aus Eurer frommen Pilgerfahrt Ernſt, könnt Ihr noch gern ein Heiliger wer⸗ den.“ „Meint Ihr wirklich? Hochwuͤrden!“ fragte Graf Heinrich mit einem halb froͤmmelnden, halb ſchlauen Ausdruck.„Auch wenn ich noch daran daͤchte, meinem guten Lehnsherrn einen Strich in die Rechnung zu machen, wodurch der Eid, den ich geſtern geſchworen, als eine erzwun⸗ gene, zu entſchuldigende Nothluͤge erſcheinen muͤßte?“. „Ein heiliger Pilgerzug vermag wunderbare Dinge auszurichten,“ entgegnete der Biſchof. „Koͤnntet Ihr von einem ſolchen Zuge nur ei⸗ nen einzigen Tropfen von dem heiligen Blute in natura mitbringen, wuͤrdet Ihr dadurch faͤhig werden, die Suͤnden eines ganzen Volks zu ver⸗ tilgen.“ „Einen ganzen Krug werde ich mitbringen,“ laͤchelte Heinrich.„Doch bevor ich an jene hei⸗ lige Pilgerfahrt denke, haͤtte ich doch große Luſt, zu wiſſen, ob der ſchoͤne, einnehmende Lehnsherr ——˖—QQO⏑:—:Q:—BQ—Q.A„.„:ͤ 125 kein gluͤckliches und geheimes Liebesabentheuer in Gent beſtanden hat. Den erſten Tag war er barſch und wild wie ein Baͤr, und den folgenden ſanft wie ein Braͤutigam; das muß ſeine Urſa⸗ chen haben.— Ich moͤchte auch ein kleines Abentheuer beſtehen! Ich mag nicht Schwerin wieder ſehen, ſeht Ihr, bevor die Luft dort ge⸗ reinigt und die daͤniſche Beſatzung abgezogen iſt. Waͤhrend der Zeit denke ich Grenzwaͤchter hier auf dem Wege nach Flandern zu ſeyn, und ein Einſehen damit zu haben, daß nicht verbotene Waaren ausgefuͤhrt werden. Verſteht Ihr mich? Herr Biſchof?“— „So halb und halb,“ ſchmunzelte dieſer; „ huͤtet Euch jedoch, Herr Graf! das kann Euch ein theurer Spas werden, und fuͤr mich ſchickt es ſich nicht, Antheil daran zu nehmen.“ „Euer Hochwuͤrden ſoll in keine Gefahr ge⸗ rathen, das verſpreche ich Euch. Ich habe Leute in der Naͤhe, die vorher auf dem Taubenfang mit geweſen; allein habe ich Euren frommen Blick, Hochwuͤrden, einſt nicht mißgedeutet, wuͤrde es Euch kaum unangenehm ſeyn, die lie⸗ benswuͤrdige Beute in einem Eurer unzugaͤnglichen Geheimzimmer zu verbergen und eine fromme Seele vor dem Tand und der Eitelkeit dieſer Welt zu bewahren.“ „So meint Ihrs?“ fluͤſterte der Biſchof, und legte die Finger geheimnißvoll an den zuge⸗ ſpitzten gerunzelten Mund;„allein, das geht nicht! Das iſt gar zu dreiſt.“ „Laßt mich darum!“ verſetzte der Graf, „das iſt in jedem Falle nur ein Verſuch,— gelingt er nicht, wird er höchſtens nur ein Paar Jaͤger koſten. Das Ganze gruͤndet ſich uͤbrigens nur auf eine Muthmaßung. Zieht hier aber in drei Wochen eine praͤchtige Geſandtſchaft voruͤber, wiſſen wir, wenn der Falke fliegen ſoll.“ Vierzehn Tage nachher ritten Junkherr Stran⸗ ge, Graf Otto und Abſalon Balg mit dreißig daͤniſchen Rittern quer uͤber den Kreuzweg an der flanderiſchen Graͤnze, auf dem Wege nach Gent; und nach Verlauf weniger Tage zog die⸗ ſelbe Ritterſchaar, mit eben ſo viel flandriſchen Rittern vermehrt, mit einem großen, praͤchtig geſchmuͤckten und verſchleierten Weibe, nebſt 127 mehreren weniger auffallenden Frauen und Dir⸗ nen zwiſchen ſich, zuruͤckk.— Es fing an zu dunkeln, als ſie in den Eichenwald an der Graͤnze hineinzog. „Zuͤnden wir unſere Fackeln an,“ ſagte Junkherr Strange,„wir haben keinen Mond⸗ ſchein, und der Weg kann uns in die Irre fuͤhren.“ Bald leuchteten ſechzig Fackeln, und es ge⸗ waͤhrten der Glanz der Waffen und die flattern⸗ den Gewaͤnde, bei den ſchwebenden Windlichtern und dem heitern Tanz der Pferde in dem dun⸗ keln Eichenwalde, einen herrlichen Anblick. Ein ungewoͤhnlicher heiterer Scherz ſchien Alle zu be⸗ luſtigen, und die ſchwerfaͤlligſten Ritter laͤchelten ſo laut, als waͤre der Wald in eine Mummerei⸗ Buͤhne verwandelt worden. „Das iſt gar zu toll,“ lachte endlich Junk⸗ herr Strange;„laßt es nun genug mit dem Spaße ſeyn, Graf Otto!“ „Der Prinzeſſin iſt es nicht zuwider,“ klang die Stimme des Grafen Otto zwiſchen den Frauen heraus;„zudem habe ich herausgefun⸗ den, daß es eine hoͤchſt nuͤtzliche Maßregel der Vorſicht in dieſen unſichern Gegenden iſt.“— Kurz nachher entſtand eine verworrene Be⸗ wegung unter den hinterſten Rittern.„Der Koͤ⸗ nig von Daͤnemark! Platz! Platz!“ toͤnte es von dem Einen zu dem Andern, und mit Erſtaunen erblickten ſowohl Junkherr Strange, als die daͤ⸗ niſchen Ritter, die wohlbekannte Geſtalt des Koͤ⸗ nigs auf dem weißen Roſſe, in der gewöhnli⸗ chen goldenen Ruͤſtung und die goldenen Herzen im Schilde, ſchweigend und mit geſchloſſenem Viſire durch die geoͤffneten Reihen ſprengend. An ſeiner Rechten gewahrten ſie einen Herrn in ſchwarzer Ruͤſtung und eben ſo mit geſchloſſe⸗ nem Helme, in welchem Alle den Grafen Al⸗ bert erkannten. Ohne ein Wort vernehmen zu laſſen, eilten die unerwarteten Herren zu der großen verſchleierten Frau hin. Die gewaltige Koͤnigsgeſtalt ſchlug ihren rieſenſtarken Arm um den Leib der Schoͤnen, und ſetzte ſie, eines hef⸗ tigen Widerſtandes ungeachtet, auf ſeinen Sat⸗ telknopf. Waͤbrend Alle ſich uͤber das ſonderbare Verfahren noch wunderten, allein aus Ehrfurcht fuͤr den Koͤnig kein Wort zu ſagen wagten⸗ 129 war, ſchnell wie ein Blitz, der vermeintliche daͤ⸗ niſche Koͤnig, die Frau und der Begleiter in den dunkeln Wald verſchwunden.— „Betrug!— Schelme!“ rief zuerſt Junk⸗ herr Strange.„Ihnen nach, Abſalon Balg! ihnen nach, Ihr jungen Herrn, die am ſchnellſten reiten. Ich darf jetzt nicht die Frauen verlaſſen. Wir muͤſſen mit alle dem von Gluͤck ſagen.— Es iſt, um ſich todt zu lachen oder zu aͤrgern!“ Ohne Zoͤgern ſprengte Abſalon Balg mit zehn Rittern den Fluͤchtenden nach in den Wald hinein, waͤhrend die uͤbrigen Ritter ſich den Frauen enger anſchloſſen, und langſam mit ge⸗ ſpannter Aufmerkſamkeit den Weg durch den Wald fortſetzten. Die beiden ſtarken ſchwerinſchen Jaͤger, die in dieſer Verkappung den tollkuͤhnen Streich ausgefuͤhrt hatten, eilten auf wohlbekannten ge⸗ heimen Pfaden durch den Wald, und trotz der Muͤhe, die ihre widerſpenſtige Beute ihnen machte, entkamen ſie gluͤcklich, nachdem ſie ſich die Freiheit genommen, mit großer Anſtrengung freilich, die Haͤnde und Fuͤße der ſtarken unbaͤn⸗ digen Schoͤnen zu binden. Obgleich ſie zu ihrem III. 9 130 Erſtaunen noch keinen Laut von ihren Lippen vernommen, hatten ſie ihr doch der Sicherheit wegen ein Tuch um den Mund gebunden. „Sie iſt zu ſtolz, um zu bitten oder um Hulfe zu ſchreien,“ ſagte der unrechte Graf Al⸗ bert;„daran erkenne ich ſie.“ „Sie iſt ſtark wie die Großmutter des Sa⸗ tans,“ murmelte der falſche König, indem er Athem holte.„Lieber wollte ich mit einem Eber zu ſchaffen haben.“ Endlich hielten ſie am Ausgange des Wal⸗ des ſtill, wo ein Paar vermummte Herren zu Pferde ihrer geharrt zu haben ſchienen. „Habt Ihr ſie?“ rief der Eine.„Treff⸗ lich! Sie haben ſie! Nun vorwaͤrts nach dem Kloſter! Ihr moͤget der Wegweiſer ſeyn, Hoch⸗ wuͤrden! und ſorgt dann fuͤr das Uebrige! Nun kann der Koͤnig von Daͤnemark Hochzeit mit ſei⸗ ner Hofdirne halten.“ Bei dieſen Worten machte das gefangene Weib eine ſo unruhige und gewaltſame Bewe⸗ gung, daß ſie beinahe ihre Bande geſprengt und vom Sattelknopfe herabgeſprungen waͤre. 131 „Wartet ein wenig, ſtolze Prinzeſſin,““ murmelte der Reiter, und band ſie feſter.— „Diesmal werdet Ihr nicht Hochzeit mit ei⸗ nem Köͤnige halten. Seyd Ihr immer ſo wi⸗ derſpenſtg, mag der Teufel Euer Braͤutigam ſeyn. Nun gings fort uͤber Stock und Stein bis gegen den Morgen hin. Da hielten die Reiter vor einem gewoͤlbten Thorwege inne.— In aller Stille wurde die Pforte geoͤffnet. Die Reiter ſprangen von den Pferden und trugen die gebun⸗ dene Gefangene durch viele dunkle Gaͤnge nach einem gewoͤlbten Zimmer.— Dort wurde ſie auf ein Lotterbette gelegt und allein gelaſſen. Kurz nachher kam ein geiſtlicher Herr mit einer Lampe in der Hand hinein, und naͤherte ſich langſam der verſchleierten Schoͤnen.—„Koͤnnt Ihr verzeihen, edle Prinzeſſin!“ ſagte er; „„ koͤnnt Ihr das verzeihen, wozu eine verzweifelte und ungluͤckliche Liebe mich verleitet hat? Ach! Laßt mich die unwuͤrdigen Banden, die Euch bin⸗ den, loͤſen.— Nun bin ich Euer Gefangener, wollet mich nun mit Euern bezaubernden Roſen⸗ ketten binden.— Allein es ſey ein ewiges Ge⸗ 9* 132 heimniß. Ihr habt ja doch der Welt entſagt; das iſt auch mein trauriges Loos. Laßt uns denn durch eine fromme ſanfte Ergebung in den Willen des Geſchicks uns die Einſamkeit verſuͤ⸗ ßen.“ Mit dieſen Worten loͤſ'te er die Arme und Fuͤße der Gefangenen, wunderte ſich aber uͤber Stillſchweigen und Unbeweglichkeit.„Ach, das Weib iſt ein zerbrechliches Gefaͤß,“ ſagte er,„ſie iſt ohnmaͤchtig.“ Da gewahrte er das um ihren Mund feſtgebundene Tuch. Er machte es eilig los und wollte den Schleier zur Seite ziehen. Da ſprang ploͤtzlich der befreiete Gefan⸗ gene vom Lotterbette auf, riß den Schleier nebſt dem glaͤnzenden Federhute mit einem großen fal⸗ ſchen Haarſchopfe vom Kopfe herunter, warf den mit goldenen Sternen geſchmuͤckten ſeidenen Man⸗ tel ab, und ein ſchlanker, ſchmaͤchtiger Juͤng⸗ ling, in einem engen gelben ledernen Wams, mit ſeidenen Hoſen und bocksledernen Halbſtie⸗ feln, ſtand vor ihm. Es war Graf Otto, der in jener Verkleidung die Frauen und Ritter un⸗ terwegs ergoͤtzt hatte, und der nun wirklich als Jungfrau entfuͤhrt war. 3 Er gab ſeinem langberhehlten unmuthe Luft, * 8 133 indem er zugleich den geiſtlichen Herrn⸗ beim Kragen ergriff und ihn mit einem gewaltigen Schlage zu Boden warf. Dadurch ſiel die Lampe auf die Erde und erloſch, bevor ſie ſich noch geſehen und erkannt hatten. Der entſetzte Praͤ⸗ lat war im Begriff, um Huͤlfe zu ſchreien, al⸗ lein Otto hielt ihm den Mund zu„Ihr habt Recht, Hochwuͤrden! jetzt ſeyd Ihr mein Gefan⸗ gener!“ fluͤſterte er,„und meine bezaubernden Roſenketten werdet Ihr ſogleich empfinden.“ Ohne ſich zu erkennen zu geben, band er ihm ohne weiteres daſſelbe Tuch vor den Mund, womit er ſelbſt gebunden geweſen, und ſchnuͤrte ihm Haͤnde und Fuͤße mit den von ihm ſelbſt abgeloͤſten Stricken zuſammen. Darauf zog er ſchnell den Reiſemantel des Praͤlaten an, ſetzte ſeine Muͤtze auf, wuͤnſchte ihm angenehme Ruhe und fand gluͤcklich die Thuͤre, die von innen ge⸗ ſchloſſen war.— Er machte ſie hinter ſich zu und nahm den Schluͤſſel mit, und ſuchte dann einen Ausweg durch die dunkeln Gaͤnge. Er war kaum einige Schritte gegangen, da begeg⸗ nete ihm ein dicker Kloſterbruder mit einer Leuchte. „Schon da? Herr Biſchof,“ fluͤſterte er. — —-—— Otto nickte, und druͤckte die Muͤtze tiefer uͤber die Augen, und indem er die pfeifende Stimme des Praͤlaten nachahmte, ſagte er her⸗ riſch:„Gehe vorauf— mein Pferd!— reinen Mund!“ „Sogleich, ſogleich! Hochwuͤrden!“ entgeg⸗ nete der demuͤthige Moͤnch und leuchtete ihm mit leiſen ſchleichenden Schritten vor durch den Gang.—„Das Pferd ſteht vor der Pforte bei der Scheune, wo es Euch beliebt hat, es anzubinden, aber den Schluͤſſel zur Pforte nahmt Ihr ja ſelbſt.“ Jetzt galt es. Otto dachte daran, dem Moͤnche zu drohen, ihn herauszuſchaffen. Er wollte den kleinen Dolch, den er immer in ſei⸗ nem Guͤrtel trug, und waͤhrend der Entfuͤhrung ſich immer angeſtrengt, ihn in die Hand zu bekom⸗ men, ergreifen, allein er war nicht da, er mußte ihn verloren haben. „Habt Ihr ihn vergeſſen? Hochwuͤrden!“ fragte der Moͤnch,„Iſt er nicht in Eurer Sei⸗ tentaſche?“ „Der Schluͤſſel? ganz recht! hier iſt er!““ rief Otto froh, indem er einen großen Schlüſſel 135 an der bezeichneten Stelle vorfand; allein er hatte vergeſſen, ſeine Stimme zu verſtellen.— Der Moͤnch erſtaunte und merkte Unrath. Er ließ ſchnell den Schein der Leuchte auf Otto's nur halb verſtecktes Geſicht fallen.„Jeſus Maria! Verrath!“ rief er und ſprang zuruͤck. Da riß ihm Otto eben ſo ſchnell die Leuchte aus der Hand und ergriff ihn zu gleicher Zeit ſo handfeſt an dem Kragen, damit er nicht laut ſchreien koͤnne.„Laͤßt Du mir einen Laut hoͤren, Moͤnch! biſt Du des Todes!“ ſtuͤſterte er;„laß mich ſogleich heraus, oder ich ſtoße Dir meinen Dolch in den Leib.“ Otto merkte, daß der ſtarke Moͤnch unter ſeiner Hand zitterte. Er ließ den Kragen nicht fahren, ſondern ließ nur ſeinem erbebenden Weg⸗ weiſer zuweilen Athem holen, und zwang ihn ſo, ſchweigend durch den letzten finſtern Gang, und weiter durch den Kloſterhof bis zur Pforte, voranzugehen. Dort mußte er dem Moͤnche den Schluͤſſel anvertrauen, doch hielt er ihn feſt, waͤhrend er aufmachte, und da er ploͤtzlich eine Bewegung machte, als wolle er ſich losrei⸗ ßen, zog Otto ihn mit ſich aus der Pforte. Er zwang ihn, dieſe nach ihnen zu ſchließen; dann ſteckte er den Schluͤſſel zu ſich. „Nun ſchafft Ihr mir ein Pferd, ehrwuͤr⸗ diger Bruder, und ſeyd ſo gut, mich auf den Weg zu fuͤhren,“ ſagte er raſch,„ſonſt bin ich gezwungen, Eurem koſtbaren Leben ein ſchnel⸗ les und blutiges Ziel zu ſetzen.“ Der Möͤnch ſchielte nach der Hand, die Otto kluͤglich unter dem Mantel, als verbarg er dort einen Dolch, verſteckt hatte, und ſchweigend fuͤhrte der zitternde Kloſterbruder ihn zu der Scheune, an der ein großes geſatteltes Pferd gebunden war. Otto ſah nun den Weg gerade vor ſich; er ſchwang ſich in den Sattel, ließ den entſetzten Moͤnch laufen, und ſprengte auf ſein Gluͤck vertrauend, ohne ſelbſt zu wiſſen wo⸗ hln, in den daͤmmernden Morgen hinaus. Den Schluͤſſel zum Kloſter ſchleuderte er weit weg, und wuͤrde ſich vöͤllig ſicher gefuͤhlt haben, wenn er nur ſein gutes Schwerdt an ſeiner Seite ge⸗ habt haͤtte. Graf Otto war nie luſtiger und ausgelaſſe⸗ ner, als wenn ihm etwas, das ihm recht nahe ging, zugeſtoßen war, und das er ſich ſelbſt 137 und andern zu verbergen ſuchte. Nach ſeinem Zwiſte mit Carl von Riſe uͤbte die geheime Lei⸗ denſchaft fuͤr Kirſtine wieder ihre Gewalt uber ihn aus, und obgleich er entſchloſſen war, nie mehr an ſie zu denken, that er ihr doch taͤglich in ſeinem Herzen Abbitte, wegen des ſchaͤndli⸗ chen Verdachts und ſeiner beleidigenden Meinung von ihr, in die er doch immer zuruͤckſiel; glaubte er auch ihre Verhaͤltniſſe untadelhaft, konnte er doch den ſchmerzlichen Gedanken, daß ſie den Koͤnig ins Geheim liebte, nicht los werden. Waͤhrend der Koͤnig ſich in Gent aufhielt, hatte Graf Albert gluͤcklich die brandenburgiſche Feſtung mit Sturm genommen, wobei Otto einen unthaͤtigen Zuſchauer hatte abgeben muͤſſen, woruͤber er ſich auch mehr graͤmte, als er ſich merken ließ. Von Gent zuruͤckgekehrt, erwaͤhlte der Koͤnig in Graf Alberts Lager die Geſandtſchaft, welche die Prinzeſſin Beengierd als ſeine verlobte Braut nach Daͤnemark fuͤhren ſollte; dort hatte Otto mit erneuerter Hoffnung ein Geſpraͤch mit ihm wegen der Jungfrau Kirſtine gehabt, allein die Weiſe, auf welche der König ſeinen Fragen aus⸗ 138 gewichen war, und die Strenge, womit er ihn wegen des Zwiſtes mit Carl zur Rede geſtellt, hatten ihn noch mehr in dem Verdacht von ihrer heimlichen Neigung zu dem Koͤnig beſtaͤrkt. Statt alſo mit Waldemar und dem Grafen Albert nach Ribe zuruͤckzukehren, erbat er ſich die Er⸗ laubniß, mit dem Junkherr Strange nach Flan⸗ dern zu ziehen. Auf dieſer ganzen Reiſe war Niemand luſtiger als Otto geweſen. Der letzte ausgelaſſene Scherz mit der Verkleidung war ei⸗ gentlich eine Wirkung des Trotzes, womit er ſeine ungluͤckliche Liebe zu beſiegen dachte. In dem geiſtlichen Reiſemantel, mit der ſchwarzen Pfaffenmuͤtze tief in die Stirn gedruͤckt, ſprengte er nun vorwaͤrts, wohin das Pferd ihn tragen wollte. Seine Entfuͤhrung kam ihm wie ein laͤcherliches Raͤthſel vor, und er bereuete nur, daß er ſich keine Zeit gegeben, den Anſtif⸗ ter dieſer Abentheuer, das, wie er leicht einſah, eigentlich der Prinzeſſin Beengierd gegolten, aus⸗ zufinden. Doch bald nahmen ſeine Gedanken die gewöhnliche Richtung, wenn er ſich allein befand; er verſank in ſchwermuͤthige Traͤumereien von der aufgegebenen Geliebten, und wurde er ——— — 139 dieſen wieder entriſſen, als er inne wurde, daß ſein Pferd ſchon lange an der Seite des Weges geſtanden, und das Gras abgeweidet hatte. „Hat die Dirne mich denn bezaubert,“ ſeufzte er, aufs neue fortſprengend.„Ich bin ja kein Waldemar, und der iſt nun einmal ihr Abgott. Nun kann ſie die Brautkerzen fuͤr ſeine ſtolze Braut tragen. Vielleicht beſinnt ſie ſich, und nimmt mit dem Neſſen des Koͤnigs vorlieb. Ha! Nein! ſie ſoll mich nicht ſehen, ehe ich dieſe gefeierten Ketten abgeworfen habe.— Ich moͤchte der erſten der beſten Prinzeſſin oder Sigeunerin meine Treue liwänee um nur den König und Kirſtinen zu zeigen— Er wurde durch ein nahes Preneorehaner hinter ſich unterbrochen und glaubte ſich von den Feinden, denen er vor kurzem entkommen war, verfolgt. Es war heller Tag geworden, und er bemerkte in nicht weiter Entfernung einen großen Haufen Reiter; verdrießlich uͤber ſeine Verwan⸗ delung in einen wehrloſen Pfaffen, wollte er ei⸗ nen Nebenweg einſchlagen, um ſich ihren Blicken zu entziehen.— Allein der fremde Gaul wollte dem neuen unruhigen Herrn nicht gehorchen; er 140 wurde duͤlch den Zwang nur ſtaͤttiger und un⸗ baͤndiger.— So wie ſich nun Otto mit dem Pferde herumtummelte, und dabei die Pfaffen⸗ muͤtze von dem helllockichten Kopfe verlor, ſah er ſich von Reutern umgeben, die auf den Befehl eines alten Ritters ihm den Weg verſperrten, waͤhrend der alte ernſte Herr mit zwei jungen Rittern ihm naͤher ruͤckten und mit Aufmerkſam⸗ keit betrachteten. „Wie ich Euch ſage, Herr Vater! er iſts und Niemand anders,“— ſprach der juͤngſte Ritter, ein ſchlanker ſchwarzlockichter Juͤngling. Allein er iſt unbewaffnet; ich bitte Euch, laßt ihn in Frieden ziehn! Er ſchonte mein Leben auf dem Ruͤckzuge uͤber die Elbe.“ „Verdammten Andenkens!“— brummte der alte fuͤrſtlich geſ ſämäckt Herr; dann rief er barſch:„Graf Otto von L Luͤneburg, im Namen unſers rechtmaͤßigen Kaiſers und des deutſchen Reichs, macht Euch Markgraf Albert von Bran⸗ denburg zum Gefangenen.“ So ſprechend gab er den Reutern einen Wink, die ſogleich Otto zwiſchen ſich einſchloſſen, und ſich anſchickten, ihn zu binden. 1 141 „Pfui! Nein!“— rief der junge ritterliche Schwarzkopf;„das kann die Meinung meines ern⸗ ſten Vaters nicht ſeyn: Bande ſind fuͤr Sklaven und Verbrecher, nicht fuͤr Ritter und Fuͤrſten.“ „Ich bin waſſenlos, wie Ihr ſeht,“— rief Otto;„auf dieſer ſtaͤttigen Beſtie laß ich's wohl bleiben, Euch zu entſchluͤpfen. Gebt mir meine Muͤtze, Herr Markgraf!“ fuhr nun Otto, an dieſen ſich wendend, freimuͤthig fort:„Der Zu⸗ fall hat mich zu Curem Gefangenen gemacht— ich weiß, daß Ihr Eure voͤllige Ueberlegenheit nicht misbrauchen werdet. Haͤttet Ihr mich auf dem Wahlplatz mit Lanze und Schwert gefan⸗ gen, haͤttet Ihr Recht gehabt, mein Schwert und meinen Gaul zu verlangen, und mich, bis ich ausgeloͤßt wuͤrde, gefangen zu halten. Jetzt könnt Ihr, wenn es hoch koͤmmt, nur fordern, daß ich heute Euer Gaſt ſeyn ſoll, und dazu bin ich bereit.“ „Ihr ſollt nach Stand und Wuͤrde behan⸗ delt werden,“ entgegnete der Markgraf,„und gebt Ihr mir Euer Ritterwort darauf, daß Ihr nicht entweichen wollet, werde ich Euch mehr wie einen verehrten Gaſt, als wie einen Gefangenen betrachten.“ „Fuͤr heute habt Ihr mein Wort, Herr Markgraf!“ verſetzte Otto, allein an dem Hoch⸗ zeitstage des Königs Waldemar will ich in Ri⸗ behuus tanzen.“ „Giebt der Koͤnig von Daͤnemark Hochzeit?“ fragte der Markgraf betroffen,„daher alſo ſein Ruͤckzug!— Mit mir glaubt er wohl ſchon fer⸗ tig zu ſeyn; er meint wohl, daß ich dem löb⸗ lichen Beiſpiel der Schweriner Grafen folgen, und mich vor ihm, als waͤre er Kaiſer in Deutſch⸗ land, demuͤthigen werde? Nein, wartet nur! Euer ſtolzer Ohm ſpielt hohes Spiel, Graf Otto! den Zufall, der uns heute zuſammenfuͤhrt, ſehe ich als ein guͤnſtiges Verhaͤngniß, ſowohl fuͤr die Sache Norddeutſchlands, als fuͤr Euch an. Wahr iſt's, Ihr ſeyd der Neffe des Koͤnigs ven Daͤnemark, und das entſchuldigt Eure jugend⸗ liche Verirrung. Habt Ihr aber vergeſſen, daß Ihr der Enkel des großen Heinrichs des Löwen, und der Bruderſohn unſers rechtmaͤßigen Kaiſers ſeyd. Ihr gehoͤrt mit Recht mehr Deutſchland als Daͤnemark an, kuͤhner Juͤngling, und es —— wuͤrde mich freuen, wenn ich Euch dem Vater⸗ lande wiedergewinnen, und vor Euren Augen den Abgrund eröffnen konnte, an deſſen Rand Euch die blinde Bewunderung fuͤr einen kuͤhnen herrſch⸗ ſuͤchtigen Tyrannen geſtellt hat.“ „Keine Beleidigungen gegen meinen koͤnig⸗ lichen Ohm, Herr Markgraf!“ unterbrach Otto ihn raſch,„„ob ich deutſch oder daͤniſch bin, ob meine Thaten und mein Leben dem Vater oder der Mutter, dem Kaiſer oder Koͤnig gehoͤren, ſollen mein Herz und mein gutes Schwert bis zu meiner letzten Stunde der Welt zeigen.— Bin ich auch Euer Gefangener, ſollt Ihr mich doch nicht zum Verraͤther an meinem Koͤnig, dem ich Treue geſchworen, machen.“ Er wandte ſich von dem Markgraf ab, und begruͤßte die bei⸗ den jungen Ritter, des Markgrafens Soͤhne, Johann und Otto. Ritter Johann, der juͤngſte, von gleichem Al⸗ ter mit dem Grafen, druͤckte mit Waͤrme ſeine Hand, ſich zu deſſen naͤheren Bekanntſchaft freuend, den er fruͤher nur in der Hitze der Schlacht, als ſiegenden Feind kennen gelernt hatte. Der Zug ging nun nach dem feſten 1 144 4 Schloſſe Primberg, und Otto wurde mit dem Ritter Johann bald ſo vertraut, daß er ihm den Anlaß zu ſeiner geiſtlichen Mummereitracht, und die wahrſcheinlich dadurch veranlaßte Rettung der Prinzeſſin Beengierd erzaͤhlte, wodurch er die Freundſchaft ſeines jungen Feindes noch mehr gewann.* Abſalon Balg und die zehn jungen Ritter hatten indeſſen den Wald vergebens durchſtreift, und ſich ſo zerſtreut und verirrt, daß der Erſtere und noch ein Ritter ſich am Morgen von den Uebrigen verlaſſen und außer dem Walde auf einem ganz unbekannten Wege ſahen; doch er⸗ blickten ſie bald von weitem einen zahlreichen Rei⸗ terhaufen, die mit glaͤnzenden Waffen ihnen ent⸗ gegenzogen; um nicht in die Hand eines uͤber⸗ legenen Feindes zu fallen, verbargen ſie ſich hin⸗ ter die Gebuͤſche am Wege, und Abſalon Balg erkannte, als der Reiterhaufen naͤher kam, nicht allein den Markgrafen von Brandenburg mit ſei⸗ nen beiden Söhnen, ſondern zu ſeinem groͤßten Erſtaunen den Grafen Otto, als Pfaffe ver⸗ mummt, mitten unter dieſen offenbaren Feinden des Koͤnigs, und wie es ſchien, recht wohl⸗ 1——˖— 145 muth; er wußte freilich nicht, was er glauben ſollte, doch an Otto's Treue gegen den Koͤnig zweifelte er keinesweges.— Er bat ſeinen Be⸗ gleiter, der den Grafen in dem geiſtlichen Kleide nicht wieder erkannt hatte, den Zug des Junk⸗ herr Strange wieder zu ſuchen, und ihm zu uͤberlaſſen, den Graf aufzuſinden. Die Nitter trennten ſich, und Abſalon folgte in einiger Ent⸗ fernung der Spur des Markgrafen bis nach Prim⸗ berg Schloß, in deſſen Naͤhe er ſich in einem Bauernhauſe verbarg, ohne noch ſelbſt zu wiſſen, was er unternehmen wollte. Den folgenden Morgen war er noch deswe⸗ gen unſchluͤſſig. Er ſtand am Stalle und legte ſeinem Gaul das Gebiß an; von dort aus konnte er durch die halbgeöffnete Pforte auf das Schloß hinaufſehen.— Da gewahrte er zwei raſche Rit⸗ ter uͤber die heruntergelaſſene Zugbruͤcke ſprengen, und erkannte Graf Otto und den jungen Mark⸗ graf Johann, die Beide, in leichter Jaͤgerkleidung, ihre muntern Hengſte unter Scherz und Gelaͤch⸗ ter, als vertraute Freunde, den Weg hinabtum⸗ melten; hinter ihnen zog ein Haufen brandenbur⸗ giſcher Reiſiger. III. 10 146 Abſalon bedachte ſich nicht lange; und im Vertrauen auf die Rechtlichkeit des Grafen Otto, die er nicht bezweifeln konnte, wie ſehr auch der Schein gegen ihn war, ſchwang er ſich auf ſeinen Gaul und holte ſie bald ein. „Was ſehe ich? mein dicker Freund!“ rief Otto ausgelaſſen, und begruͤßte ihn freundlich.— „Ich habe Euch lange vergebens geſucht,“ entgegnete Abſalon ernſt, und erwartete am aller⸗ wenigſten, Euch ſo zu treffen.“ „So freut es mich, Euch uͤberraſcht zu haben!“ verſetzte Otto.„Ich bin in brandenburgiſcher Ge⸗ fangenſchaft geweſen, muͤßt Ihr wiſſen und dem edlen Markgrafen Johann, den Ihr hier ſeht, habe ich meine Freilaſſung zu verdanken. Ich ziehe nun mit dem Geleite des Markgrafen nach Ribe, und hoffe fruͤh genug zur Hochzeit des Königs zu kommen.“ Sichh begruͤßend ritten nun alle drei weiter zuſammen; indeſſen ſchien es doch, als haͤtte die Dazwiſchenkunft eines Dritten die beiden Freunde ernſt und wortkarg gemacht. „Ich muß Dich nun verlaſſen, mein lieber Otto!“ ſprach endlich der junge Markgraf, indem er ſtill hielt, und dem Freunde die Hand reichte, 447 „doch das weiß ich, daß meine Freundſchaft fuͤr Dich unverbruͤchlich dauern ſoll, moͤgen unſre Haͤnde oder unſre Schwerter ſich zuerſt begegnen, und mag die Schweſter kuͤnftig den Bund be⸗ ſtehen laſſen oder nicht.“— Nach einer herzli⸗ chen Umarmung trennten ſich die Freunde; Rit⸗ ter Johann kehrte zuruͤck, und Otto ſpornte das Pferd und ritt ſchweigend mit Abſalon Balg eine Strecke vor den brandenburgiſchen Reiſigen voraus.. „Eure wunderliche Gefangenſchaft, Graf Otto!“ begann Abſalon.„Scheint mir wichtige Folgen gehabt zu haben, und habe ich recht ver⸗ ſtanden, hat der ſchlaue Markgraf gewußt, Euch eine Kette, ſo lang faſt wie Euer Lebensfaden, zu ſchmieden.“ „Das war ein luſtiger Einfall von mir;“ verſetzte Otto,„ich moͤchte nur Ribe als Ver⸗ lobter wiederſehen, ſeht Ihr, und nun iſt die Prinzeſſin Mathilde von Brandenburg meine Verlobte.“ „Iſt ſie es denn, die Euch entfuͤhrt hat?“ fragte Abſalon,„in dieſem Fall muß es ein hand⸗ feſtes und wohlgewachſenes Weib ſeyn?“ 10* 440 120 „ Nein! ſo toll iſts doch nicht,“ lachte Otto, „ſie iſt dech nur acht Jahre! ſie fand es kurz⸗ weilig, mit einem ſo huͤbſchen langen Knaben zu ſpielen. Mit der Hochzeit hat es keine Eile; ich kann immer fruͤh genug ein langweiliger Ehe⸗ mann werden; jetzt will ich dagegen ein luſtiger Ritter ſeyn, der fuͤr eine Jungfrau kaͤmpfen kann, die ſich nicht ſo bald in Andere verliebt, und die nicht graue Haare bekomme, ehe die ſchoͤnen Dirnen aufgehoͤrt haben, mich zum Nar⸗ ren zu haben.“ „Ich will nicht ehrlich ſeyn, wenn ich ein Wort von dem allen verſtehe,“ entgegnete Ab⸗ ſalon;„wollt Ihr mich zum Beſten haben oder ſeyd Ihr verruͤckt geworden, Graf Otto?“ „Keines von beiden, Ritter Balg! Ihr kennt mir dreiſt Gluͤck wuͤnſchen, ich bin wirklich auf gewiſſe Weiſe verlobt; wenn wir in ſieben Jah⸗ ren noch mit Brandenburg in Unfrieden ſind, kann die kleine Braut mir, wenn ſie will, den Verlobungs⸗Ring zuruͤckſchicken. Ich bin auch nicht weiter gebunden. Ich habe nur mein Erb⸗ recht auf Braunſchweig zum Pfand geſetzt.“ „Und Eure Ehre? 149 „Nein, die Ehre gehoͤrt, ſo wie der Arm und die Treue, meinem König.“ „Aber Euer Herz? armer Graf!“ „Es gehoͤrt Daͤnemark, der Freiheit und jeder ſchoͤnen Frau, die ſo rein und unſchuldig wie meine achtjaͤhrige Braut iſt,“ gab er mit wilder Heftigkeit zur Antwort, ſpornte den Hengſt noch mehr an, und ſprengte ſo ſchnell vorwaͤrts, daß Abſalon und die brandenburgiſchen Reiter ihm nur mit Muͤhe folgen konnten. An der brandenburgiſchen Grenze zog das Ge⸗ leite des Markgrafen zuruͤck, und ungehindert ſetzten die beiden daͤniſchen Ritter die Reiſe nach Ribe fort. Als ſie uͤber die Stadtthorbruͤcke ritten, bemerkten ſie ein großes Volksgewimmel in den Straßen von Ribe, und ſahen viele Zu⸗ bereitungen zu der Hochzeitsfeier, die, wie ſie hoͤrten, den folgenden Tag Statt finden ſollte.— Allein ſie gewahrten keinen lauten Ausdruck der Freude, und vernahmen keine heitern Volkslieder. Es war, als trauerte noch das Volk wegen der Köͤnigin Dagmor, und betrachtete ihre ſtolze glaͤnzende Nachfolgerin mit unwilligen vorur⸗ theilsvollen Blicken, ja beinahe mit Furcht; 1 150 denn ſie hatte nicht Dagmors ſanfte liebreiche Zuͤge, und verſtand nicht, unbefangen, wie ſie, durch ein Laͤcheln und einen Gruß tauſende Her⸗ zen zu gewinnen. Wer den Einzug beider Koͤ⸗ niginnen geſehen, hatte mit Erſtaunen den Unter⸗ ſchied und die auffallende Kaͤlte, womit das Volk die zweite Koͤnigin empfing, bemerkt. Der Hochzeittag kam, und ein praͤchtiger Zug begleitete das ſchoͤne Brautpaar in den Dom. Zwar wiederhallte ein inniges gewaltiges Freude⸗ jauchzen, beſonders von den begeiſterten Kriegern, zur Ehre des Köͤnigs; doch Beengierds Name wurde nur von wenigen, meiſt fremden Stim⸗ men genannt, deren undaͤniſches Vivat auch hin und wieder unter dem Volke um ſo mehr Ge⸗ laͤchter erregte, als der Hofnarr, der kleine buck⸗ liche Klaus Klumpe, mit der quikenden Stimme dieſen Ausruf wiederholte, indem er vor der Kö⸗ nigin auf dem Kopfe ſtand und ſich den ausge⸗ laſſenſten Scherz geſtattete. Die ſtolze Prinzeſſin bemerkte mit einem Laͤ⸗ cheln, das nur wenig faͤhig war, die eigenſinni⸗ gen Herzen zu gewinnen, das unhöfliche Beneh⸗ men des Volks; und der unmuthsvolle Blick, 4 * 1⁵¹1 den der Koͤnig der ungeſitteten Menge zuwarf, bei dem zufaͤlligen Umſtand, daß ein Flug Ra⸗ ben ſchreiend uͤber das Brautpaar hinzog, ver⸗ breitete eine furchtſame Ahnung unter dem Volke, das nur zu geneigt war, boͤſe Vorzeichen bei die⸗ ſer Hochzeit wahrzunehmen. Dazu kam noch, daß eine braungefaͤrbte weibliche Geſtalt, als eine herumſtreifende Keſſelflickerin gekleidet, ſich an die ſogenannten Katzenkopf⸗Pforte, durch welche der Zug in die Kirche hineinzog, geſtellt hatte; und waͤhrend der Erzbiſchof das koͤnigliche Paar ſegnete, und der Dom von Gebeten und from⸗ men Pſalmen wiederhallte, entſetzte die Keſſel⸗ flickerin durch ein raͤthſelhaftes tolles Lied, voll ungluͤcklicher Wahrſagungen von Krieg, theurer Zeit, Landplagen und allen moͤglichen Ungluͤcks⸗ faͤllen, die zuſammengeſtroͤmte Menge, die in der Kirche keinen Platz ſinden konnte. Zwar wurde ſie von Vielen verſpottet und bald von der Wache weggejagt, allein was ſie geſungen, ging doch von Mund zu Munde, und bald lief die Sage herum, daß boͤſe Geiſter bei Waldemars und Beengierds Hochzeit geſungen haͤtten. Zwar waren am Abend große und laute 152 Feierlichkeiten im Schloſſe, und Olaf Zwitaſkald ſang ein kuͤnſtliches, ſchwergereimtes Lied zum Ruhme der Koͤnigin; allein dem Volke wurden keine Beluſtigungen geboten; Thorgeir Danaſkald ſchwieg, und das zierliche Draga des islaͤndiſchen Barden fand unter den ernſten Hochzeitgaͤſten keinen Wiederhall. Der Koͤnig ſchien es indeſſen nicht zu be⸗ merken; er hatte nur Augen fuͤr Beengierd, die in ihrem praͤchtigen portugieſiſchen Anzuge, mit der goldenen Krone in den ſchwarzen geflochtenen Locken, mit der dreifachen diamantnen Kette auf dem ſchwellenden Buſen, und den goldnen Ster⸗ nen in dem dunkelblauen ſeidenen Kleide, herrlich vor ſeinen Augen wie die feierliche Konigin der Nacht ſtrahlte. Zwar hatte der verſchwundene tiefe Liebesgram ein unverwuͤſtliches Gepraͤge von Schwermuth in ihrem etwas bleichen doch ſchö⸗ nen Zuge abgedruͤckt, allein das Feuer der ſchwar⸗ zen Augen funkelte wieder im lebendigen Glanze, und wenn ſie den königlichen Braͤutigam anſah, faͤrbte eine leichte Röthe ihre Wangen. Als nun die Geigen luſtig zuſammenklangen, neigte ſich Waldemar vertraulich zu Beengierds 4 153 Ohr:„Erinnerſt Du Dich des Tanzes, den wir zuſammen antraten im Schloſſe zu Schwerin? meine hohe Braut!“ fragte er liebevoll;„von der Stunde an ſahe ich oft in meinen Traͤumen Dich ſo, bald hold und laͤchelnd, bald mit abge⸗ wandtem Geſicht, als wolleſt Du mich nie mehr in der Welt ſehen, mir voruͤberſchweben. Komm denn meine ſuͤße Köͤnigin! und tanze mit mir wieder ins Leben hinein.— Jetzt erſt beginnt mein wahres Leben, bis hieher war die Freude meines Herzens nur ein Traum, und mein Leben ein wildes Hinſtuͤrmen unter betaͤubendem Waf⸗ fenklange und wehenden Siegesfahnen, aber ohne Liebe und Freude.“ Beengierd druͤckte die Hand des Koͤnigs mit einer Kraft, welche die lang verhehlte Leidenſchaft und die flammende Seele der Suͤdlaͤnderin ver⸗ rieth.„Ja! komm mein Waldemar!“ fluͤſterte ſie,„wir wollen in ein neues Leben hineintan⸗ zen, wo Gram und ‚Zweifel nicht wohnen, und wo meine alten Traͤume von Liebe und Groͤße ſich nicht in Tand und gaukelnde Schattenbilder aufloͤſen.“ Da winkte der Koͤnig, und der feierliche Tanz er⸗ tonte wieder, der Beengierd an ihr ſchoͤnes Va⸗ „ 154 terland und jenen Abend im Schloſſe von Schwe⸗ rin erinnerte, als ſie denſelben Tanz mit ihm ausfuͤhrte. Alle betrachteten mit Erſtaunen das koͤnigliche Paar; ſie tanzten allein, und ein ſtol⸗ zerer Anblick war noch keinem daͤniſchen Rit⸗ ter gewaͤhrt worden. Als der Tanz beendigt war, herrſchte eine ſolche ſtille feierliche Stim⸗ mung in der Verſammlung, daß es Waldemarn faſt aͤngſtlich auffiel.„Nun einen aͤcht daͤni⸗ ſchen Schildtanz, meine Ritter!“— unter⸗ brach er plöͤtzlich die Stille,—„laßt mich den Klang Eurer Schilde zu der Turnierweiſe hoͤren.“ Sogleich traten die Ritter in die Reihen mit Schwertern und Schilden, und unter Waffen⸗ und Hoͤrnerklang tanzten ſie mit klirrenden Spo⸗ ren auf den Bodenflieſen, wodurch ein gewalti⸗ ger Wiederhall entſtand, waͤhrend die ſtarken Baßſtimmen die alte bekannte Turnierweiſe ſan⸗ gen, deren zu wiederholender Reimſchluß iſt: „Es donnert unterm Roß, ausreiten die daͤniſchen Mannen.“ „Herrlich!“ ſagte Beengierd, und ihre ſchwarzen Augen funkelten.„Mit ſolchen Taͤn⸗ —— — * 155 zern, mein Waldemar! wird es dem Kaiſer nicht geluͤſten, ſich einzulaſſen.— An Eurer Seite, mein hochherziger König! und an der Spitze ſolcher Mannen, haͤtte ich den Muth, eine Welt zu erobern.“ „Von jetzt an,“ entgegnete der Koͤnig mit einem Haͤndedrucke,„ſoll mich Europa mit Recht Waldemar den Sieger nennen.“ Waͤhrend deſſen aß Graf Albert gedankenvoll in ſeinem ſchwarzen Ritteranzuge an einem ge⸗ taͤfelten Tiſche, und wechſelte ernſte Worte mit dem Erzbiſchof Andreas, Kaiſer Otto's und der norddeutſchen Fuͤrſten feindliche Entwuͤrfe gegen Daͤnemark betreffend, ſo auch von der Noth⸗ wendigkeit eines neuen Zuges nach Eſtland und Liefland; doch allmaͤhlig verlor ſich ſeine Auf⸗ merkſamkeit ſowohl am Spiele, als an dem Geſpraͤche, ſo wie ſein ſcharfer Blick die ſicht⸗ bare Muͤhe entdeckte, die ſich Carl von Riſe gab, ſeiner Tochter, der heitern launigen Rig⸗ mor, die jetzt ein erwachſenes Maͤdchen gewor⸗ den und eins der ſchoͤnſten bei dem Feſte war, zu gefallen. *½ 156 „Nein, ſeht mir einmal den jungen Ritter Carl!“ ſagte endlich Graf Albert zum Erzbi⸗ ſchof;„beim St. Michael, muß ich nicht faſt glauben, daß meine Tochter Gnade vor ſeinen Augen gefunden hat. Er war ihr treuer Ritter, als Beide noch Kinder waren! Es ſcheint, als moͤchte er gern das alte Recht erneuern.“ „Und wenn dem ſo waͤre, Graf Albert!“ entgegnete der fromme Erzbiſchof.„Er iſt in Eurer guten Schule ein kuͤhner und tuͤchtiger Ritter geworden, und der Koͤnig hat keinen eifrigeren Diener. Er beſitzt ein frommes und liebreiches Gemuͤth!— Arm iſt er, das iſt wahr, ſein ganzer Reichthum iſt ſein Schwert und ſein guter Name; doch inſofern ich weltliches Vermoͤ⸗ gen einmal hinterlaſſe, ſoll er mein Erbe ſeyn, und ich glaube wohl—“ „Ihr wollt doch wohl nicht der Freiwerber Eures Pflegeſohnes bei meiner Tochter ſeyn?“ fragte der Graf verwundert;„in dem Falle will ich Euch nur zwei Worte im Vertrauen ſagen: Die Hand der Tochter iſt von der Wiege an fuͤr einen jungen Fuͤrſten aus dem landgraͤflich thuͤ⸗ ————————yõ 157 ringiſchen Hauſe beſtimmt, den ſie zwar nie ge⸗ ſehen, der aber, durch vielfache Verpflichtungen, mit mir und meinem Hauſe auf das genaueſte verbunden iſt. Jene Verbindung war der in⸗ nigſte Wunſch meiner abgeſchiedenen Gattin, und naͤchſt meiner ritterlichen Ehre iſt das An⸗ denken meiner verlorenen Hedwig, wie Ihr wißt, das einzige, das meinem freudeloſen Leben Bedeu⸗ tung und Werth giebt.“ „„ Und wegen eines unbeſonnenen Wunſches Eurer edeln Gattin wollt Ihr kein Bedenken tragen, die Gluͤckſeligkeit zweier edeln Herzen zu zerſtoͤren? Solche Liebe zu der Todten iſt Suͤnde gegen die Lebendigen, edler Herr! und wenn Ihr ſelbſt das Gluͤck der Liebe und der Ehe genoſſen, ſo wundert es mich—“ „Nichts mehr davon, Hochwuͤrden!“ unter⸗ brach ihn Graf Albert mit finſterm Ernſt:„ich weiß, was ich von der Tochter verlangen darf, und was ein frommes gottergebenes Herz ver⸗ mag. Sie zwingen werde ich nie; doch verſtoͤßt ihr Herz den Braͤutigam, den ich ihr zu brin⸗ gen gedenke, mag ſie den erwaͤhlen, welchen 158 Ihr, Kraft Eures heiligen Amtes, nicht um⸗ hin koͤnnt, als den groͤßten und beſten zu er⸗ kennen.“ „Ja ſo!“ ſeufzte der Erzbiſchof;„entwe⸗ der alſo die Braut des Erlöſers oder des Fuͤr⸗ ſten, den ſie nie geſehen? Arme Rigmor! Armer Carl!⸗⸗ „Mit Eurem Carl hat es wohl nicht ſo große Noth,“ entgegnete Albert,„und mit meiner Tochter noch weniger; wenn ich recht ſehe, hat ſie den jungen, eingebildeten Herrn ein wenig zum Beſten. Bemerkt Ihr, wie herz⸗ lich ſie lacht, und wie verlegen er an ſeinem Ach⸗ ſelbande zupft?“— Graf Albert hatte nicht ganz Unrecht geſehen. Jungfrau Rigmor ſchien wirklich den verliebten Ritter ein wenig zum Beſten zu haben, und er⸗ zaͤhlte mit der heiterſten Laune von der Welt, daß ſie völlig entſchieden ſey, ins Kloſter zu ge⸗ hen.— Es kam freilich Carln vor, daß ihr Blick dieſer Erklaͤrung widerſprach, die er ſelbſt hervorgerufen, indem er ſie gar zu dreiſt und vertraut an die Verhaͤltniſſe ihrer Kindheit, mit 1⁵59 Beziehung auf eine noch gluͤcklichere Zukunft, er⸗ innert hatte; doch jemehr er die ſchöͤne aufge⸗ ſchoſſene Jungfrau betrachtete, jemehr bemerkte er, daß er mit keinem Kinde ſprach, ſondern mit der herzoglichen Tochter des Grafen Albert. Jetzt fiel es ihm erſt recht demuͤthigend auf die Seele, daß er, als ein armer Ritter ohne Gut und Lehn, zwar zur Noth wuͤrdig gehalten werden koͤnnte, mit ihr zu tanzen, oder bei dem Kampfrennen eine Lanze zu ihrer Ehre zu brechen, aber daß er wenigſtens ein Lehngraf ſeyn muͤßte, um das ſchoͤne Ziel, das von ſeiner zarteſten Jugend der geheime Sporn ſeines ganzen Strebens geweſen, in's Auge faſſen zu duͤrfen. „Verzeiht mir, edle Jungfrau,“ ſagte er in dem ſchmerzlichen Gefuͤhl ſeiner Geringheit, an die ihr launiges vornehmes Benehmen ihn nur zu vernehmbar erinnerte;„verzeiht, daß ich die Zeit nicht vergeſſen kann, da die Tochter des Grafen Alberts ſich nicht ſchaͤmte, die Hand des ver⸗ laſſenen armen Knaben zu ergreifen! Ach! da wart Ihr freilich eine kleine Prinzeſſin aus dem ſchoͤnſten meiner Kindermaͤhrchen; allein damals dachte ich nicht daran, daß Ihr eine große Prin⸗ 160 zeſſin oder eine vornehme Nonne werden wuͤrdet.“ Die Thraͤnen traten ihm in die Ahgen⸗ aber Jungfrau Rigmor lachte. „Schon verziehen! Ritter Carl!“ ſagte ſie ſcherzend.„Welches Ungluͤck iſt wohl dabei, daß Ihr mich an meine Kinderpoſſen erinnert? Prin⸗ zeſſin bin ich noch nicht, und wenn ich auch mit den Jahren ins Kloſter gehe, kann ich darum gerne heute meinen Kindertanz mit Euch tanzen; das war jedoch eigentlich das, was Ihr ſagen wolltet.“ Sich kalt verneigend fuͤhrte Carl ſie in die Tanzreihe. Eine luſtige Muſik begann, und Rigmor war die lebhafte Freude ſelbſt. Karl, ſonſt ein leichter gewandter Taͤnzer, bewegte ſich ſteif und kalt als eine wandernde Bildſaͤule, und machte ſo viele Fehler, daß Rigmor die Geduld verlor.„Nie habe ich einen wunderlichern Taͤn⸗ zer gehabt“ ſagte ſie halblaut, und Carl wurde noch verwirrter. „Tanze doch nicht wie im Schlafe, lieber Carl“ fluſterte ſie ihm plötzlich freundlich ins Ohr mit ihrer wohlbekannten kindlichen Stimme, und wie von einem Zauberſchlag getroffen, ſtarrte 161 ſie Carl mit frohem Erſtaunen an!„Rigmor! Rigmor! 9 lispelte er, und plötzlich belebt im be⸗ geiſterten Liebesrauſch ſchwang er ſich mit ihr herum, als ſchwebte er im ſeligen Entzuͤcken gen Himmel. Doch bald ſtuͤrzte er von dieſem wie⸗ der herab, und kam mit der bitterſten Empfin⸗ dung wieder zur Beſinnung, indem Rigmor mit kaltem, fremden Tone gleichguͤltig und laut aͤu⸗ ßerte:„Ihr ſeyd aus dem Tacte, Herr Rit⸗ ter! wir thun vielleicht am Beſten, aufzuhoͤren.“ Carl trat, ſich verneigend, zuruck. Sie huͤpfte leicht und heiter von ihm weg, und er hoͤrte ſie laut lachend unter ihren Gefaͤhrtinnen uͤber ihn ſcherzen. Gluͤhend vor Erbitterung und gekraͤnk⸗ ten Stolzes ſtuͤrzte er in den Schloßgarten hinaus. Dort ging er heftig im Lindengange auf und nieder. Sein alter Stoßſeufzer: Es frommt dem jungen Hunde nicht, mit Baͤrenjungen ſpielen zu wollen, entſchluͤpfte ihm mit mehrern wilden Aus⸗ druͤcken wieder; da vernahm er hinter ſich trip⸗ pelnde Schritte.—„ Riſe Carl, kleiner Riſe Carl,“ quackte Klaus Klumpe's heiſere Stimme, III. 11 162 „willſt Du Dich aufhaͤngen, mein Junge! ſo warte und nimm mich mit.“ A „Was willſt Du? alter Thor!“ fragte Carl verdrießlich;„gehe Deinen Weg, ich habe keine Luſt zu ſpaßen.“ „Ich, meiner Treu, auch nicht!“ entgegnete der Zwerg weinend, indem er, um ſeiner ſelbſt zu ſpotten, einen Stein von der Erde erhob, womit er die Augen trocknete.„Es iſt keine Zeit mehr in Daͤnemark, zu ſpaßen. Es iſt er⸗ ſchrecklich, mein junger Freund! es iſt him⸗ melſchreiend! Das darf wohl die Augen eines al⸗ ten Patrioten benetzen, der das Land bluͤhen, Viehzucht und Feldbau gedeihen, den Konig zu Waſſer und zu Lande ſiegen, und die guten al⸗ ten Sitten aufrecht gehalten geſehen hat,— aber wie wird es jetzt gehen?“ „Was iſt denn geſchehen?“ fragte Carl. „Das wird kuͤnftig eine ſchoͤne Regierung werden!“ jammerte der Zwerg,„keine Derb⸗ heiten, keine Naſeweisheit! Es wird ein be⸗ truͤbtes Regiment werden, hochgeehrter Freund! Ach! die gluͤcklichen Tage Daͤnemarks ſind vor⸗ ⁴ 163 uͤber.— Nein! da lobe ich mir Dagmors Zeit. Sie warg fein als irgend ein Engel im Him⸗ mel, allein es wurde ihr doch nie uͤbel, weil ich einen Purzelbaum machte oder ein Rad an ei⸗ nem Feiertage ſchlug. Sie machte keinem Hunde Verdruß. Ein ehrlicher Narr durfte ſagen, was er wollte, wenn er nur Gott und den Koͤnig außer dem Spiele ließ. Ach! Dagmors weiße Hand hat manchmal meinen armen Buckel ge⸗ ſtreichelt!“ verſetzte er ſchluchzend,„ daher werde ich auch, ſo Gott will, auf dem Kopfe vor ihr im Himmelreich ſtehen! Allein die ſtolze Been⸗ gierd haßt alle Narren. Die Ketzerin ſoll es be⸗ reuen. Gieb Zeit! ſie ſoll es bereuen, ſo wahr ich Klaus Klumpe heiße. Die Zeit wird kom⸗ men, wo ſie wuͤnſchen moͤchte, daß das Land voll ſolcher Narren ſey, die Vivat rufen und auf dem Kopfe im Kothe vor ihr ſtehen woll⸗ ten! Leb wohl, Gefaͤhrte! ich bin naſeweis ge⸗ weſen und ſoll mich packen!“ „Armer Teufel! mußt Du fort?“ fragte Carl theilnehmend.„Wo willſt Du denn hin? Du biſt doch ein luſtiger Kumpan, um den es Noth thut, wenn die Welt einem den 11* 164 Ruͤcken zukehrt, oder man vergißt, daß Alles unter der Sonne eitel ſey. 4 „Ich will das Land durchſtreifen,“ verſetzte die kleine Mißgeburt, und ſchnitt wilde und rach⸗ ſuͤchtige Geſichter;„ich will den Kleinen Lieder vorſingen, die vor den langen Ohren der Großen laͤuten ſollen. Ich kann auch Barde ſeyn, wenn es kneipt! Wehe dann, werde ihr Beengierd! Wie gefaͤllt Dir der Schlußreim! Nein der taugt nicht: Unheil ihr, Beengierd! der Herrgott ſey mit dem 1 Koͤnig! Seht! das ſoll der Schlußreim aller meiner Lie⸗ der ſeyn! Und nun leb' wohl, kleiner Rieſe Carl! Betraͤgt ſich Deine hochgeborene Herz⸗ liebſte ſtolz und ſproͤde, wie Beengierd, ſo haͤnge Dich darum nicht auf, ehe ich Dir Ge⸗ ſellſchaft leiſte; ſage nur: Gute Nacht! Aller⸗ liebſte mein! gruͤße Deine Aeltern, mein Herz!“”“ Damit gab der abgeſetzte Hofnarr Carln einen derben Sasich e mit ſeiner Pritſche zum Aoſchisd⸗ und lief fort. 165⁵ „Ach, Narrentroſt frommt nur wenig!“ ſeufzte Carl.„Gute Nacht, Allerliebſte mein! Gute Nacht Gluͤck und Leben! Gute Nacht Himmel und Paradies! Dies auszuſprechen iſt ein ſchweres Wort, wenn man in der Welt mehr als eine Narrenmüuͤtze zu verlieren hat.“ Eine weibliche Geſtalt, die mit allen Zeichen der heftigſten Verzweiflung unter den Fenſtern des Schloſſes ſich hin und wieder bewegte, riß Carln aus dieſen ſchwermuͤthigen Traͤumen; es ſchien eine ſtattlich geſchmuͤckte Jungfrau mit ſilberner Haube und im ſcharlachnen Mantel. Carl vergaß auf einen Augenblick den eigenen Gram und naͤ⸗ herte ſich theilnehmend der ſchoͤnen Ungluͤck⸗ lichen.— „Carl! mein Carl! biſt Du es?“ klang ihm eine liebreiche Stimme entgegen, und die Schweſter Kirſtine flog in ſeine Arme und neigte das verweinte Antlitz an ſeine Bruſt. „Kirſtine! liebe Kirſtine, wie iſt Dir?““ fragte er bekuͤmmert, und zog das zitternde Maͤdchen ſchnell mit ſich in den Lindengang hinein. 166 „Ich kann es nicht laͤnger ertragen!“ jam⸗ merte ſie;„fuͤhre mich fort von hior, lieber Bruder! weit von hier!— nach einem Klo⸗ ſter, wo ich von keinem Menſchen mehr geſe⸗ hen werde! Gott verzeihe ihm— der Spott, die Schande iſt bittrer als der Tod!“ „Wer hat Dir Spott und Schande zuge⸗ fuͤgt? liebe Schweſter! Sage es, und beim le⸗ bendigen Gott! ich werde Dich raͤchen.— Graf Otto! nicht wahr?— Graf Otto iſt die Memme! So wahr ich lebe, er ſoll es mit ſeinem Herzblute bezahlen.“ „Ach nein, ach nein! lieber Bruder! ich habe ihn doch wie meine Seele lieb. Er muß berauſcht geweſen ſeyn! Er ſtarrte mich ſo wild und furchtbar an, und wußte deviß nicht ſelbſt, was er ſagte!“ „Was hat er geſagt? Schweſter! fuͤr jedes Wort ſoll er mir Rede ſtehen.“ „Ach was weiß ich Alles, was er ſagte. Es war mir, als ſollte ich vor Scham und Ent⸗ ſetzen in die Erde ſinken.— Er erſuchte mich ſpottend, ihm Gluͤck zu wuͤnſchen; denn er ſey nun kein Thor laͤnger, der an die Chrlichkeit der 1 167 daͤniſchen Maͤdchen glauhe. Er haͤtte ſich mit einem halben Wickelkinde in Deutſchland ver⸗ lobt, ſagte er und lachte, um nicht mehr von irgend einem Maͤdchen in Daͤnemark getaͤuſcht zu werden.— Selbſt diejenige, die er fuͤr die Unſchuldigſte gehalten, haͤtte ſich nicht entbloͤdet, eine ſuͤndliche Liebe zu dem Koͤnig zu hegen, und die fromme Dagmor durch ein ſo ſchamloſes Geſtaͤndniß bis zum Tode zu verletzen. Ich war es, die er meinte, das ſagten mir die funkeln⸗ den Augen, mich haͤlt er fur die Verruchte, die der frommen ſeligen Koͤnigin eine ſolche gott⸗ loſe Liebe bekannt haben ſolle! Ach! uͤber den ungluͤckſeligen Irrthum! Der Koͤnig ſelbſt, das ganze Land ſoll es glauben; böſe Verlaͤumder fluͤſtern ſogar, daß ich das Kebsweib des Koͤnigs ſey! Ach Bruder! Bruder! die Schande kann ich nicht ertragen!“ „Verdammt!“ rief Carl, und ſtampfte auf die Erde;—„allein wodurch haſt Du Anlaß zu dieſem Geſchwaͤtz gegeben? Schweſter! was haſt Du der Koͤnigin bekannt?“ „Ich mußte ihr geſtehen, daß ich Otto liebe!— Sie konnte mir es anſehen! Sie 168 bat, ſie zwang mich faſt zu dem Geſtaͤndniſſe; aber auch, daß ich nie daran denke, die Seinige zu werden, ſagte ich ihr, und der Koͤnig— Gott behuͤte, von dem Koͤnig habe ich nie ge⸗ traͤumt.“„ „ Schweſter! arme Schweſter!“ ſeufzte Carl, „was ſollteſt Du, was ſollte ich unter den Großen? Das boͤſe Geſchick des Vaters verfolgt uns— nun ahne ich Dein Ungluͤck; die fromme Koͤnigin muß Dich ganz falſch verſtanden haben. Alle ſagen, daß ſie in ihrer letzten Stunde ihn erſucht habe, Dich zur Gattin zu nehmen! Da⸗ her das boͤſe Geſchwaͤtz. Und Graf Otto— ja jetzt verſtehe ich ihn. Schweſter, er hat Dich geliebt— allein er verdient nicht, Dich mehr zu ſehen; er iſt wild, heftig, eiferſuͤchtig— er—“ 3. „Bruder! Bruder!“ rief Kirſtine, von der tiefen Zerknirſchung zu der hoͤchſten Freude uͤber⸗ gehend:„redeſt Du die Wahrheit? iſt es moͤglich? Gott im Himmel! ja es iſt moͤglich, das haben mir ſeine Augen ja ſchon laͤngſt geſagt, der ſuͤße Ton ſeiner Stimme, ſelbſt ſein Hohn, ſeine Verachtung, als er von hier abreiſte, hat es 169 geſagt; und nun ſeine wilde Heftigkeit, ſeine kraͤnkenden Worte, ja! jetzt weiß ich es, er hat mich geliebt, er liebt mich noch, wie tief er mich auch verkennt und verachtet. Segne Dich Gott! Bruder, fuͤr dieſes Wort! jetzt kann ich mein Ungluͤck ertragen, jetzt werde ich nicht ver⸗ zweifeln, wenn auch die ganze Welt mich ver⸗ achtet und verdammt; nur er darf mich nicht verachten, nur er mich nicht verkennen! Sage es ihm, lieber Bruder! ſage ihm die Wahrheit, daß er es iſt, den ich heimlich liebe, daß ich um ſeinetwillen Spott und Schande ertrug. Sage ihm zugleich, daß ich ihn nicht mehr ſehen koͤnne, allein, daß ich ihm aus innerſtem Herzen verzeihe, und bis zum Tode treu lieben werde. Sage ihm, daß ich ſeinen Siegelring behalte! Ich werde ihn mit in mein Grab nehmen, durch den verlobe ich mich ihm fuͤr die Ewigkeit. Sage ihm das alles, und daß die arme Kirſtine unſchuldig ſey; ſage es ihm, wenn auch nicht fruͤher, ſo doch, wenn ich geſtor⸗ ben bin. Und nun fort von hier, fort in dieſer Nacht, in dieſer Stunde. Bringe mich nach We⸗ ſterwigs Kloſter, Carl! zu unſrer frommen Baſe, und zum Grabe jener kleinen Kirſtine, die ſich uͤber 170 Prinz Boris zu Tode graͤmte; dort will auch ich Ruhe und Friede ſinden; dort werde ich mein ver⸗ ſpottetes, verſcherztes Leben ſtill beweinen, bis das arme Herz bricht; aber verzweifeln will ich nicht. Nein, lieber Bruder, verzweifeln will ich nicht, denn er liebt mich ja doch.“ „Arme Kirſtine,“ ſeufzte Carl,„ich verſtehe Dich! Dein Leid zerſchneidet mir das Herz, und doch biſt Du in Deinem Jammer gluͤcklicher als ich. Waͤre ich von ihr geliebt, die mich verachtet, könnte ich vielleicht auch der Welt entſagen; doch nein, nein! das konnte ich nicht. Komm, meine arme Schweſter, mache Dich fertig! Du ſollſt nach Weſterwig; die Pferde ſollen bald geſattelt ſeyn. In einer halben Stunde erwarte ich Dich am Schloßthore.“ „Dank Dir, du Treuer!“ entgegnete Kirſtine, und trocknete die Augen mit den gelben herunter⸗ gefallenen Flechten.„Du haſt mit einem Worte mir das Leben zuruͤckgegeben. Du darfſt auch nicht verzweifeln. Glaube mir, Carl! Rigmor haͤlt mehr von Dir, als Du denkſt.“ „Ach nein, Schweſter! das weiß ich beſſer,“ ſeufzte Carl,„der Traum iſt aus.“ —— 171 Mit inniger Liebe umarmten ſich die beiden un⸗ glücklichen Geſchwiſter. Eine halbe Stunde nach⸗ yer ritten ſie ſchweigend und ſtill durch die Straßen von Ribe, auf dem Wege nach Weſterwig. Von dem Hochzeittage des Koͤnigs an ſchien eine bemerkbare Veraͤnderung, nicht allein mit dem König ſelbſt, ſondern mit allen dem, worauf er einwirkte, vorgegangen zu ſeyn! Es war, als haͤtte ſein kuͤhnes jugendliches Helden⸗Antlitz nun erſt das königliche Gepraͤge und die unerſchuͤtterliche Entſchloſſenheit erhalten, die ſeinem großen Vater eigen war, allein bei dem Sohne in noch kuͤhneren Zuͤgen ſich entwickelt zu haben ſchien? Ein ſo ge⸗ waltiger Herrſchergeiſt ſpiegelte ſich in ſeinem gan⸗ zen Weſen ab, daß ſelbſt Graf Albert und der Erzbiſchof ſich durch die uͤberlegene Zuverſicht und Kraft, die jeden ſeiner Entwuͤrfe und Beſchluͤſſe nothwendig und unwiderlegbar zu machen ſchienen, ergriffen fuͤhlten. Bei Hofe herrſchte eine weit groͤßere Pracht, als vorher, aber zugleich ein ernſterer, ſtrengerer Ton, der nur wenig den jungen luſtigen Rittern gefiel. 172 Dies ſpaniſche Weſen, wie man es nannte, wurde der ſtolzen Koͤnigin zur Laſt gelegt, und die Liebe und Ergebenheit des Königs fuͤr ſie wurden von Vielen als ein großes Unheil fuͤr das Land betrach⸗ tet. Sie ſaß oft ganze Stunden im Geheimzimmer beim Koͤnig; aber er fuͤhlte ſich an ihrer Seite gluͤck⸗ lich und frei, und nur diejenigen, welche die gewal⸗ tige Eigenthuͤmlichkeit des Koͤnigs nicht kannten, die ſich erſt in dieſem Verhaͤltniß mit ſeiner ganzen Kraft ausdruͤcken konnte, glaubten, daß er ihrem Rath und Entwuͤrfen folgte, ſo oft er einen Macht⸗ ſpruch, den ſeine alten vorſichtigen Raͤthe miß⸗ billigten, ausſprach. Um ſeine großen kriegeriſchen Unternehmun⸗ gen ausfuͤhren zu koͤnnen, hatte er keinen An⸗ ſtand genommen, einen Zoll einzufuͤhren, und der Geiſtlichkeit eine bedeutende Steuer aufzule⸗ gen. Die niedern Volksklaſſen, die in Dag⸗ mors Zeiten von vielerlei Buͤrden befreit worden waren, mußten jetzt auch nicht wenig beitragen, die immer wachſende Kriegsſteuer zu Wege zu brin⸗ gen. Das Mißvergnuͤgen daruͤber wurde bald allgemein. Das Volk aber liebte den Konig zu ſehr, um ihn deswegen zu tadeln, und die Koͤ⸗ 173 nigin Beengierd mußte die Schuld jeder neuen Auflage und jeder Buͤrde, die dem Volk be⸗ ſchwerlich ſiel, tragen. Bittre Schandlieder auf ſie gingen von Mund zu Mund, und wenn ſie ſich unter dem Volke ſehen ließ, erntete ſie oft verletzende Beweiſe des Haſſes ein, den ſie durch ihre ſcheinbar unternehmende Geiſteskuͤhnheit ge⸗ gen ſich erregt hatte. An einem Herrentag auf Samſoe hatte der König, gleich nach ſeiner Hochzeit, Dagmors Sohn, den kleinen Waldemar, als ſeinem kuͤnftigen Nach⸗ folger huldigen laſſen. Dadurch wurde der in⸗ nigſte Wunſch des Volks erfuͤllt, das nie die geliebte Koͤnigin vergeſſen konnte, und nicht ruhig wurde, bevor es verſichert war, einmal ihren Sohn auf dem Throne zu ſehen; welches vielleicht zwei⸗ felhaft werden konnte, wenn die Koͤnigin Been⸗ gierd Waldemarn Soͤhne gebar. Gleich hernach mußte der Koͤnig auf die Ver⸗ theidigung des Landes gegen⸗ Kaiſer Otto und die norddeutſchen Fuͤrſten bedacht ſeyn. Der gro⸗ ßen Niederlage ungeachtet, welche der vom Banne getroffene Kaiſer in Frankreich bei Bovines, wo der tapfere Graf Ferdinand, der Bruder Been⸗ 174 gierds, gefangen worden war, erlitten, hatte er doch nicht ſeine Plaͤne gegen Daͤnemark aufge⸗ geben, und der Biſchof Waldemar durch ſeine maͤchtige Ueberredungsgabe ihn darin zu beſtaͤrken nicht aufgehoͤrt. Waͤhrend der Kaiſer Friedrich in Aachen gekroͤnt und ihm vom ganzen ſudli⸗ chen Deutſchland gehuldigt wurde, hatte Kaiſer Otto ein großes Heer in Nord⸗Deutſchland ge⸗ ſammelt, und hoffte die Beſitzthuͤmer ſeines Va⸗ ters Heinrichs des Lowen, die zum groͤßten Theil⸗ der daͤniſchen Krone unterworfen worden waren, wenigſtens zuruͤckzugewinnen. Ob ſeine Abſich⸗ ten ſich weiter erſtreckten, iſt ungewiß: allein ſein vertrauter Rathgeber, Biſchof Waldemar, ſchien kein geringeres Ziel vor Augen zu haben, als ſeinen königlichen Vetter zu ſtuͤrzen und ſei⸗ nen Thron zu beſteigen, ſollte es auch fuͤrs Erſte als ſcheinbarer Lehnsmann ſeines maͤchtigen Be⸗ ſchuͤtzers, des Kaiſers Otto, ſeyn. Biſchof Waldemar hatte bereits den erſten feindlichen Schritt gethan, und mit einem Heer von Stadingern das Schloß Stade zerſtört.— Der König hatte Stade berennt, ſich aber wie⸗ der nach Donewirke zuruͤckgezogen, um mit ſeiner ſͤſͤſͤſſſſ 175 ganzen Staͤrke der großen vereinten Heeresmacht, womit Kaiſer Otto, nebſt ſeinem Bruder, Pfalz⸗ graf Heinrich, mit dem Markgrafen von Bran⸗ denburg und Biſchof Waldemar gegen Hamburg zog, zu widerſtehen. Aber bevor Waldemar dieſem zum Entſatz ruͤcken konnte, hatte es ſich ſchon dem Feind ergeben, und Biſchof Waldemar uͤbte nun zum zweiten Male ſeine Zwangsherrſchaft in dieſer Stadt aus, obgleich ſie mit dem Namen einer kaiſerlichen freien Reichsſtadt beehrt worden war. Der ſtreitbare Biſchof hatte ſich mit dem deut⸗ ſchen Heere vereint, das ſchon uͤber die Elbe fortgeruͤckt war, und einen Theil Nordalbingiens uͤberſchwemmt hatte. Das Lager des Kaiſers war auf einer gro⸗ ßen Ebene aufgeſchlagen, und er berieth ſich in ſeinem Zelte mit dem Markgraf von Branden⸗ burg, ob man hier den Koͤnig erwarten oder weiter vorruͤcken ſolle. Der blaſſe unanſehnliche Kaiſer ging auf und nieder, innerbalb der praͤchti⸗ gen ſcharlachenen Waͤnde, waͤhrend der ſtarke breitſchultrige Markgraf, ruhig auf ſein Schwert geſtuͤtzt, zum weitern Fortruͤcken rieth. Da trat 176 ein Bote in das Zelt, mit der Meldung, daß der Koͤnig von Daͤnemark mit einem großen Heere in Anmarſch ſey. Er waͤre von einem praͤchti⸗ gen Frauenbilde begleitet, das ein großes ſchnee⸗ weißes Roß tummelte, und nicht wie ein gewoͤhnli⸗ ches, menſchliches Weſen, wie geſagt wurde, erſchien. Ihr Bruſtharniſch glaͤnze wie eine Sonne, hieß es, und ihr rother Federbuſch wie Feuer; und das Heer, das beiden folgte, ſey mehr als 60,000 Mann ſtark. Ein Kundſchafter nach dem andern traf ein, und beſtaͤtigte dieſen Bericht; jeder von dieſen wollte eine noch groͤßere Anzahl Feinde geſehen haben, und alle redeten mit aͤngſtlicher Unruhe von dem ungewoͤhnlichen Anblick der blaſ⸗ ſen kuͤhnen Schildjungfrau, welche ſie fuͤr ein gefaͤhrliches uͤbernatuͤrliches Weſen hielten, und auf Befehl des Kaiſers auf das genaueſte be⸗ ſchreiben mußten. „Wie haͤngt es mit dieſem Weibe zuſammen?“ aͤußerte der Kaiſer unruhig, als er mit dem Markgrafen allein blieb,„groß, blaß, ſchwarze funkelnde Augen, einen doppelten Adler am Kleide. Die Beſchreibung der albernen Leute hat ein Bild vor meine Seele hervorgerufen, das ich 177 mit leiblichen Augen nicht ſehen moͤchte, koͤnnte ich auch dadurch eine Welt gewinnen.“ „Ich verſtehe Euch nicht, Herr Kaiſer!“ ſprach der alte Markgraf,„jenes Weib iſt gewiß kein anderes, als die Königin Beengierd. Ich kenne ſie, die ſtolze Schwaͤrmerin. Es iſt immer ihr hoͤchſter Wunſch geweſen, ſo an der Spitze eines Heeres, und am liebſten, wo die Gefahr und der Ruhm am groͤßten ſey, voranfliegen zu koͤn⸗ nen. Der Wunſch kann ihr jetzt erfuͤllt wer⸗ den; ſie und ihr ſtolzer Gemahl koͤnnen jetzt er⸗ fahren, was es heißt, wenn ein kleiner Herr, wie der Koͤnig von Daͤnemark, dem Kaiſer und der vereinten Heermacht Norddeutſchlands zu trotzen wagt.“ „Nicht vor der Zeit geprahlt, Herr Mark⸗ graf!“ verſetzte Otto,„es iſt nicht zum erſten Mal, daß Waldemar einem deutſchen Kaiſer an ſeinen Graͤnzen entgegen gezogen. Ich habe ſelbſt den Siegesgeſang der Daͤnen bei der Flucht des Kaiſers Philipp horen muͤſſen. Laßts uns nur ſo machen, daß die Daͤnen das ſeltne Lied nicht wieder ſingen.“ „„Kann der kaiſerliche Sohn Heinrichs des III. 12 178 Lowen an dem Erfolg zweifeln?“ ſagte der Markgraf:„wir brauchen kaum die Haͤlfte dieſes Heers, um ganz Skandinerien zu unterwerfen.“ „Das Kriegsgluͤck iſt launenhaft, und ihm iſt nicht zu trauen,“ entgegnete der Kaiſer niederge⸗ ſchlagen.„Das habe ich ſelbſt vor kurzem bei Bovines erfahren. Iſt unſer Schutzheilger uns nicht guͤnſtig, hilft uns unſere Staͤrke nur wenig. Verachten wir nur nicht den Feind! Derſelbe Wal⸗ demar hat ja Euch, Herr Markgraf, gelehrt, daß der Erdboden diesſeits der Elbe ſchläͤpfrig ſey, und nicht gut, um feſt darauf zu ſtehen 17* „Die Lehre werde ich ihm jetzt bezahlen,“ murmelte der Markgraf unmuthig.„Uebrigens waͤre es beſſer, Herr Kaiſer! wenn wir uns jetzt an unſre Siege erinnerten, als unſrer Ungluͤcks⸗ faͤlle und Niederlagen zu gedenken. Laſſen wir erſt den Muth fallen, kann leicht der ſchwaͤchſte Feind uns uͤberlegen werden.“ In dieſem Augenblick trat ein großer anſehn⸗ licher Herr mit Helm und Panzer in das Zelt. Sein weißes Waffenkleid ſah einem kurzen Meß⸗ gewande aͤhnlich, und an dem rothen Harniſch war auf dem Ruͤcken ein großes goldnes Kreutz, wie an 179 einer Stola angebracht; an dem dreieckichten Schilde prangte eine dreifache goldne Krone, von einer aus einer blitzenden Gewitterwolke hervorragenden Hand gehalten; unter ihr lag ein faſt in ein Scep⸗ ter verwandelter, geknickter Krummſtab. „Der Feind ſteht und ſchlaͤgt ein Lager auf!“² begann er,„vielleicht findet er es bedenklich, wenn er unſere Staͤrke ſieht, eine Hauptſchlacht zu wa⸗ gen. Allein ich rathe Euch, Herr Kaiſer, nehmt keine Friedensbedingungen an. Der Herr des Sie⸗ ges ſagt Euch durch mich: Vertilge Deinen Feind aus der Erde; ich habe ihn heute in Deine Hand gegeben. 4 „Wollet Ihr Prophet ſeyn, Biſchof Wal⸗ demar!“ gab der Kaiſer zur Antwort;„ ſo gebt mir ein Zeichen, daß ich des Sieges ſicher bin! Der Koͤnig von Daͤnemark hat ein Weib mit ſich gebracht, die man fuͤr eine Hexe oder eine Hei⸗ lige haͤlt; das iſt Koͤnigin Beengierd, glaubt der Herr Markgraf, doch gleichviel wer ſie ſey! mir iſt's kein gutes Zeichen, daß der Feind keine groͤßere Furcht vor uns hegt, als daß ein ſchwa⸗ ches Weib an der Seite Waldemars des Siegers uns ſo entgegen ziehen darf.“ 12* 180 „Ich verſtehe Euch, Herr Kaiſer!“ entgegnete Biſchof Waldemar,„Ihr ſelbſt ſeyd zu aufge⸗ klaͤrt, um ſolchem Vorurtheil Raum zu geben. Die Koͤnigin Beengierd ſoll Eurer verſtorbenen jungen Gemahlin freilich etwas aͤhnlich ſehen; ihr Anzug gleicht auf gewiſſe Weiſe dem der Kaiſerin Beatrix; ſie iſt auch groß und etwas bleich, ge⸗ nug dem Haufen, um ſie zu einer Spukgeſtalt zu machen. Wohlan, das Volk iſt leichtglaͤubig, und geneigt, in jedem zufaͤlligen und ungewoͤhn⸗ lichen Umſtand ein boͤſes Zeichen zu ſehen. Es liegt viel daran, ihm eine gluͤcklichere Vorbedeu⸗ tung, ein guͤnſtiges Vorzeichen, das die aber⸗ glaͤubiſche Furcht vor einem vorwitzigen hochmuͤ⸗ thigen Weibe uͤberwiegt, geben zu koͤnnen, dann iſt der Sieg unſer. Hoͤrt meinen Rath, Herr Kaiſer! Habt Ihr nicht noch die zwei rieſenſtarken Wettkaͤmpfer, die kein Teufel aus dem Sattel heben kann? Laßt ſie ihre Kuͤnſte vor dem Ge⸗ ſicht der beiden Heere machen und ein Paar von den Streitern des Feindes herausfordern! In demſelben Augenblicke, wie ſie ihre Gegner in den Sand geſtreckt haben, laſſen wir die Hoͤrner ſchmettern und ſtuͤrzen zur Schlacht hervor, und 181 ich darf meinen Kopf darauf verwetten, Herr Kaiſer, daß wir das ganze daͤniſche Heer wie einen Schwarm Heuſchrecken unter die Fuͤße tre⸗ ten werden.“ „Der Rath iſt nicht ſo uͤbel,“ ſagte der Kaiſer;„könnt Ihr durch ein Paar kraͤftige Bi⸗ belſpruͤche ſie ſo feſt machen, daß ſie nicht das Uebel verſchlimmern, ſo glaube ich wohl, daß es zu einer Kriegsliſt dienen koͤnnte, die uns viel⸗ viel Blut erſparen wuͤrde.“ „Poſſenſpiel,“ brummte der alte Markgraf, „ich meine, daß wir uͤber die Elbe gezogen ſind, um eine ordentliche Schlacht zu halten, und einen ruhmvollen Sieg zu gewinnen, nicht aber, um ein albernes Gauckelſpiel anzugaffen, deſſen Er⸗ folg ungewiß iſt, und mir eben ſo leicht zur Schande und Ungluͤck, als zum Vortheil werden kann.“ „Das verſteht Ihr nicht, Herr Markgraf,“ ſagte der Kaiſer beleidigt,„der Rath iſt gut ge⸗ nug, wenn er nur gut ausgefuͤhrt wird; ich kenne die zwei Wettkampfritter, ſie ſind von Ei⸗ ſen und Stahl, und wenn der Biſchof ihnen 182 vorher eine Predigt halten will, nur halb ſo gut, als damals, wo er mich zu dieſem Zuge uͤberre⸗ dete, wird der Streich auch gelingen,— und es ſoll ſo ſeyn!“ „Ihr befehlt es alſo? Herr Kaiſer!“ fragte der Biſchof, der dieſe Unſchluͤſfigkeit kannte, „duͤrft Ihr auf den Muth und die Staͤrke Eurer Wettkaͤmpfer vertrauen; Feuer werde ich ihnen einfloͤßen, ſo gewiß als ich eine Zunge im Munde habe. Ich werde Alles demnach beſorgen. Noch bevor die Sonne ſinkt, kann die Herausforderung ergehen, und Morgen, wenn ſie wieder aufgeht, Zweikampf und Schlacht.“ „Und Sieg, ſo St. Michael will und die heilige Magdalena,“ ſagte der Kaiſer, und kuͤßte ſeufzend eine Reliquie, die er um den Hals trug. „Glaubt mir, Herr Markgraf, ohne ein ſolches gluͤckliches Vorzeichen nuͤtzt uns unſere ganze Heer⸗ macht gegen Waldemar den Sieger nicht. Er hat einen ungluͤcklichen Namen fuͤr ſeine Feinde.“— Dabei blieb es. In dem daͤniſchen Lager war große Luſtig⸗ keit und Freude. Waldemars gewoͤhnliches Sie⸗ — 183 gesglüͤck, der Umſtand, daß er faſt auf demſelben Platze Kaiſer Philipp verjagt hatte,— des von Mehreren perſoͤnlich gekannten unanſehnlichen Kai⸗ ſer's Otto Niederlage in Frankreich, und die Ueberzeugung, daß weder ihm, noch dem eben ſo mit dem Banne belegten Biſchof Waldemar, Gluͤck und Segen folgen konnten, ſo lange der Fluch der Kirche auf ihnen ruhete, das Al⸗ les hatte dem Heere eine feſte Zuverſicht ein⸗ gefloͤßt. Es war bereits gegen Abend.— Waldemar ſaß, den folgenden Tag beſprechend, bei der Kö⸗ nigin Beengierd in ſeinem Zelte. Das Lager wiederhallte von Kaͤmpenliedern und luſtigen Kriegsgeſaͤngen. Da toͤnte auf einmal eine Trompete vor dem Zelte, und ein kaiſerlicher Herold verlangte vorgelaſſen zu werden, welches ſogleich geſchah. Zwei kaiſerliche Ritter, ſo lautete die Her ausforderung, wollten, mit der Erlaubniß ihres Herrn, den Daͤnen einen Vorgeſchmack geben, was ſie erwarten koͤnnten, wenn ſie gegen den Strom zu ſchwimmen, und ſich mit uͤberlegenen Keaͤften zu meſſen gedaͤchten; ſie forderten daher 184 zwei von des Koͤnigs Waldemar Kaͤmpfern her⸗ aus, im Angeſichte beider Heere gegenſeitig ihre Kraͤfte zu verſuchen. „Sagt Euerm Herrn,“ entgegnete Walde⸗ mar,„„daß ich nicht hergekommen ſey, um Tur⸗ nieren und Wettrennen beizuwohnen, ſondern um ihn ſammt ſeinem ganzen Heere mit Gottes Huͤlfe Morgen von meinen Graͤnzen zuruͤckzuſchlagen. Ich bezweifle nicht die Mannhaftigkeit ſeiner Rit⸗ ter; fuͤrchtet er aber vielleicht, nicht ſelbſt Gele⸗ genheit zu bekommen, ihre Tapferkeit zu bewun⸗ dern, werde ich mich gern ſeinem Wunſche fuͤ⸗ gen, und ein Paar meiner Mannen ihre Kraͤfte gegen ſeine Kaͤmpfer vor der Schlacht verſuchen laſſen.“ Mit dieſem Beſcheide kehrte der kaiſerliche Herold zuruͤck, worauf Waldemar ſogleich ſeine vornehmſten Haͤuptlinge und Ritter zuſammenbe⸗ rief, um ihnen anzuzeigen„ daß den folgenden Tag, ſobald der angenommene Zweikampf beendigt waͤre, ohne Ruͤckſicht auf deſſen Erfolg, eine Haupt⸗ ſchlacht geliefert werden ſollte. In dem Blicke der vornehmſten Ritter brannte die Bitte, den beſtimmten Ehrenkampf ausfech⸗ 185 ten zu duͤrfen.— Auch Carl von Rieſe trat unwillkuͤhrlich einen Schritt naͤher, obgleich ſeine Beſcheidenheit auch ihm den Mund verſchloß, waͤhrend ein Blick auf den Grafen Otto ver⸗ rieth, daß er bei dem Gedanken von Zweikampf ſich entflammt fuͤhlte, einen andern perſoͤnlichen Streit zu ſchlichten, deſſen zu erwaͤhnen das Kriegsgeſetz und der Dienſt des Koͤnigs ihm verbot. Che noch die Bitte ausgeſprochen war, ſagte der Koͤnig kopfſchuͤttelnd, aber mit Wohlbeha⸗ gen:„Niemand von Euch Allen.— Die Schlacht und der Sieg ſind die Hauptſache, und dazu brauche ich Euch! Der Zweikampf iſt nichts mehr und nichts weniger als eine hochmu⸗ thige Thorheit, die keinen Ausſchlag macht, wie nuͤtzlich ein guͤnſtiger Erfolg auch zur Ermun⸗ terung des Heeres ſeyn kann. Du„ flinker Otto, deſſen Blicke mir mehr als Worte ſagen, biſt, trotz Deiner Kuͤhnheit und Gewandtheit, kein Goliath, und hier wird mehr plumpe Koͤr⸗ perkraft und Reiterſtaͤrke, als ritterlicher Geiſt und Tuͤchtigkeit erheiſcht! und Ihr, mein guter Abſalon Balg, Ihr ſeyd, gerade herausgeſagt, 186 zu dick. Ihr ſeyd nicht leicht aus dem Sattel zu heben, doch ſtuͤrzt Euer Gaul, ſo bleibt Ihr unter ihm liegen. Ich ſehe Ritter Carl von Rieſe an, daß auch er gern dies Abentheuer be⸗ ſtehen moͤchte! Allein ich brauche ihn anders⸗ wo. Nein! ich habe ſchon gewaͤhlt; ruft mir Swend Starke und Bruder Altlein herz es ſind die baumſtarkeſten und zugleich gewandteſten Klopffechter, die ich je geſehen.“ „Herr Koͤnig!“ wandte Graf Albert ein, „ein Paar plumpe friſiſche Roßkaͤmme?“ „Hauptleute und Ritter ſind ſie ja doch;“ verſetzte der Koͤnig.„Obgleich ſie keine Hofleute und zierliche Herren ſind, darf doch kein Rit⸗ ter ſich weigern, mit ihnen in den Kreis zu treten.“ 1 „Allein ſie ſind doch Friſen und keine ach⸗ ten Daͤnen,“ meinte Abſalon Balg; nund wo bliebe denn die Ehre, wenn ſie auch den Sieg davon truͤgen?“ „Keinen Neid, Ritter! und keinen Unterſchied zwiſchen Friſen und Daͤnen. Jeder, der dem Lande und dem Köͤnig willig und treu dient, iſt Daͤne im 187 Sinne und Herz. Die Handderbheit eines Paars deutſcher und daͤniſcher Maͤnner macht au⸗ ßerdem nicht aus, welche von beiden Nationen die ſtaͤrkſte ſey; ſolch Poſſenſpiel uͤberlaͤßt man den Schuljungen.“ Auf den Befehl des Koͤnigs traten nun zwei unterſetzte, breitſchultrige junge Maͤnner, in kur⸗ zen friſiſchen Waffenkleidern, mit langen Spie⸗ ſen, dienlich, um uͤber Suͤmpfe und Daͤmme zu ſpringen, in den Haͤnden, herein. Die Leich⸗ tigkeit und Gewandtheit, womit die Friſen ſich dieſer Spieſe bedienten, hatten ſie ſchon von al⸗ ten Zeiten her beruͤhmt gemacht. Bruder Altlein trug außer dieſer Waffe eine ſchwere Keule auf der Schulter und eine Sturm⸗ haube von zottigem Ziegenfell, was, im Verein mit einem ſtarken ſchwarzen Barte, ihm ein wildes Anſehen gab. Swend Starke hatte die⸗ ſen Zunamen von ſeiner bekannten Fertigkeit im Baxen bekommen; daher ſtand er in großem Anſehen unter ſeinen Landsleuten, und Niemand wurde darin fuͤr ſeines Gleichen gehalten, Bruder Altlein ausgenommen, der ihm ſogar den Vorrang ſtreitig machte. Sie waren Schwaͤger und gute 188 Freunde; von ihren großen Hoͤfen an der friſi⸗ ſchen Graͤnze ritten ſie gern gemeinſchaftlich aus und trieben einen einbringenden Handel mit ih⸗ ren juͤtlaͤndiſchen und deutſchen Nachbarn. Sie ſchaͤmten ſich nicht dieſes Nahrungszweiges ihrer Vorfahren, der ſie in den Stand ſetzte, bei Kriegszeiten eine bedeutende Anzahl Reiter aus⸗ zuruͤſten. Ihrer Rohheit und ihres unritterlichen Benehmens ungeachtet, hatte daher der Koͤnig keinen Anſtand genommen, ihnen Herrenſchild und volle Stimme eines Haͤuptlings auf den Herrentagen zu ertheilen. Im letzten Kaiſerkrieg hatten ſie ſogar durch ihre ausgezeichnete Tapfer⸗ keit den Ritterſchlag auf dem Wahlplatze erhal⸗ ten; dennoch blieben ſie unveraͤndert in Anzug und Benehmen, und als ſie nun vor den Koͤnig traten, begruͤßten ſie ihn mit einem plumpen, aber treuherzigen:„Was Guts! Herr Koͤnig.“ „Duͤrft Ihr es wagen, zweien von den ſtaͤrkſten Rittern des Kaiſers das Unterſte zu Oberſt zu kehren?““ ſagte Waldemar. „Jeder Zweien? Herr Koͤnig?“ fragte Swend Starke gleichguͤltig und ruhig, waͤhrend er den Kö⸗ nig treuherzig laͤchelnd anſah und ſich den Arm rieb. 189 „O ja! deſſen denke ich wohl, daß wir maͤchtig ſind; ich habe fruͤher mit Dreien angebunden3 aber ſie taugten wohl eben nicht viel, kann ich denken,“ fuͤgte er beſcheiden hinzu. „Ein Paar Stuͤck mehr oder weniger, dar⸗ auf kommt es ſo genau nicht an, Herr Koͤnig!“ nahm Bruder Altlein das Wort, und zog nun erſt die Ziegenmuͤtze von dem halbkahlen Schaͤ⸗ del, nachdem er die Keule zu ſeinem Fuße ge⸗ ſtellt hatte.„Seitdem ich das Studiren ver⸗ ließ und dem graͤulichen Faſten im Kloſter ent⸗ ſchluͤpfte, bin ich, Gottlob! ſo ziemlich zu Kraͤf⸗ ten gekommen.“ „Biſt Du auf dem Wege geweſen, geiſtlich zu werden und der Welt zu entſagen?“ fragte der Koͤnig den vierſchroͤtigen Kaͤmpfer,„„darnach ſiehſt Du mir nicht aus.“ „Ja wohl, Herr Koͤnig!“ entgegnete Bru⸗ der Altlein,„daher gab ich es auch bei Zeiten auf; das viele Faſten und Beten bekam mir uͤbel! Es war auch nur eine andaͤchtige Grille, auf die ich gefallen war, weil ich in einer Schlaͤ⸗ gerei ein Paar Pferdediebe getödtet hatte; allein 190 als ich nachher zu Schaden gekommen war, meinem Prior bei der Fruͤhmette das Brevier ins Geſicht zu werfen, mußte ich mit halber Tonſur davon fortlaufen; daher heiße ich denn auch Bruder Altlein bis zu meinem Sterbe⸗ tage.“ Der König theilte ihnen nun mit, wovon die Rede ſey, und ſie unternahmen es mit Freuden, das Abentheuer zu beſtehen, inſofern ſie auf ihre Weiſe, ohnec alle ritterliche Kuͤnſte, fech⸗ ten dürften. „Eure goldnen Sporen und iitterlchen Schil⸗ der muͤßt Ihr aber mitbringen,“ entgegnete der 3 Koͤnig,„damit Euch der Feind nicht verſchmaͤ⸗ he!— und nun, meine theure Beengierd,“ wandte ſich Waldemar liebreich zur Königin, als die Haͤuptlinge und Ritter das Königszelt verlaſ⸗ ſen, um Alles zur Schlacht zu bereiten,„ver⸗ ſprich mir jetzt, daß Du Dich Morgen ohne Noth keiner Gefahr bloßſtellen willſt.— Ich habe Deinem heftigen Wunſche nachgegeben und Deine Gegenwart im Lager hat den bedenklich⸗ ſten Streiter kuͤhn gemacht; ſoll ich aber mit, — 191 Ruhe und Beſonnenheit die Schlacht regeln konnen, muß ich Dich ſicher wiſſen.“ „Ich will Gefahr wie Ehre mit Dir thei⸗ len, mein Waldemar! 1 laͤchelte Beengierd ernſt. „Ich waͤre nicht werth, Waldemars Koͤnigin zu heißen, wenn ich mich verboͤrge, wo es Deinem Leben, Deiner Ehre gilt.“ „Bedenke aber, Beengierd! daß Du ein zwiefach theures Leben auf das Spiel ſetzeſt: die Hoffnung, womit Du nih vor kurzem er⸗ Ffehet, „, Füͤrchte nichts,“ unterbrach ihn Beengierd getroſt;„die raſche Beweglichkeit und die leb⸗ hafte Spannung der Schlacht ſind mir wohlthaͤ⸗ tiger als die Furcht und Unruhe, die mich, von Dir entfernt, verzehren wuͤrden. Das raſche Kriegsgetuͤmmel macht mich geſund und froh. Die Stille und die Ungewißheit uͤber Dein Ge⸗ ſchick wuͤrden mich und unſere zarte Hoffnung toͤdten.“ „So folge mir denn, kuͤhne unwiderſtehliche Zauberin!“ rief Waldemar, ſie heftig umar⸗ mend;„geboren ward Wolmar zum Sieg und 192 Gluͤck. Wenn ich das Feuer Deiner Blicke be⸗ trachte, weiß ich, daß die Geſtirne Wahrheit ſa⸗ gen, und ich zweifle nicht am Gluͤck und Sieg.“ Den folgenden Morgen, als die Sonne auf⸗ ging, ſtanden beide Heere in Schlachtordnung einander gegenuͤber aufgeſtellt.— In der Mitte zwiſchen beiden hielt eine gleiche Anzahl von deutſchen und daͤniſchen Rittern, als Kampfrichter des Wettkampfes, und die zwei ſogenannten Waffenkoͤnige, mit den Federhuͤten und den Mar⸗ ſchallſtaͤben in den Haͤnden, maßen, im Verein mit den Herolden und den ſogenannten Waffen⸗ perſewanten, den Kampfplatz ab. Von dem kai⸗ ſerlichen Heere ſprengten nun ein Paar große und derbe Ritter, deren Pracht und Waffenglanz alle Augen blenden zu wollen ſchien, hervor. Sie tummelten ihre ſchwarzen Hengſte mit großer Leichtigkeit und Gewandtheit und ließen ſie die verwegenſten Spruͤnge machen, waͤhrend ſie ihre Lanzen ſchwangen und mit lauter Stimme ihre Gegner herausforderten. Der Koͤnig hielt ruhig an Beengierds Seite vor der Mitte des daͤniſchen Heeres, von der hohen Geiſtlichkeit und hundert der angeſehenſten 193 Ritter umgeben. Junkherr Strange und Carl von Riſe hielten zunaͤchſt der Königin, denn ſie hatten den heimlichen Befehl vom Koͤnig, nicht von ihrer Seite zu weichen und mit Le⸗ ben und Chre ihre Sicherheit zu verbuͤrgen. Graf Albert hielt ſtill und ernſt in ſeiner ſchwar⸗ zen Ruͤſtung vor dem rechten Fluͤgel, und an dem linken tummelte Graf Otto ungeduldig ſei⸗ nen ſchnaubenden Hengſt. Auf den Wink des Koͤnigs ritten Swend Starke und Bruder Altlein auf den kleinen, muntern Pferden, mit ihren langen Spieſen in den Haͤnden, aus der Schlachtreihe der Friſen hervor. Die kleinen runden Schilde trugen ſie an einem Riemen auf dem Nuͤcken, und an der Seite kurze, breite Schlachtſchwerter in einfa⸗ chen eiſernen Ketten. Sie erſchienen im gewoͤhn⸗ lichen Anzuge und waren weder mit Helm noch Harniſch verſehen. „Schickt uns der Koͤnig von Daͤnemark ein Paar ſeiner gemeinſten Reiſigen?“ fragte der Eine der kaiſerlichen Ritter.„ Ihr ſeyd wohl gewohnt, mit den Ferſen zu fechten, weil Ihr den III. 13 194 Schild am Ruͤcken traget? Mit ſolchen Burſchen ſind wir nicht willens, uns zu ſchlagen.“ „Wir wollten Euch nur nicht durch unſere Schildzeichen erſchrecken,“ entgegnete Bruder Alt⸗ lein,„darum warfen wir ſie auf den Ruͤcken. Wenn wir mit den Ferſen fechten, geſchieht es ſonſt nur gegen unſere Beſtien.“ „Ei! Ihr tragt ja ordentlich goldne Sporen? wann wurdet Ihr denn zu Rittern geſchlagen?“ fragte der zweite kaiſerliche Herr, höhniſch lachend. „Traun! das werde ich Euch ſagen,“ ent⸗ gegnete Swend Starke:„die goldnen Sporen ge⸗ wannen wir ohne große Muͤhe, als wir das letzte Mal die Kaiſerlichen uͤber die Elbe zuruͤckſchlugen.“ „Unverſchaͤmtes Großmaul!“ murmelte der Kampfritter und wandte ſich zu ſeinem Gefaͤhrten: „ſollen wir uns mit ihnen einlaſſen oder nicht?“ „Spott und Neckerei werden hier getrieben, merke ich,“ entgegnete der Andre;„allein denkt Ihr ſo wie ich, Herr Ritter, wollen wir den lumpigen Kerlen ihre Tollkuͤhnheit entgelten laſ⸗ ſen; ſeyen ſie nun ordentliche Ritter oder nicht, wir haben ja dem Biſchof es hoch und theuer zu⸗ 195 geſchworen, niederzuſtoßen, wem wir auch immer begegneten; und hier iſt keine Zeit zu verlieren. Nehmt den auf Euch, der Euch die grobe Ant⸗ wort gab, ich will dem mit der Ziegenmüͤtze den Garaus machen. Darauf zogen ſich die Ritter zuruͤck, ſtellten ſich zum Angriff, und ſtuͤrzten mit ausgeleg⸗ ten Lanzen auf ihre Feinde los, die ſich nicht viel daran zu kehren ſchienen, ſondern ganz ruhig auf ihren kleinen Pferden ſtill hielten, bis in den Augenblick, wo die ſtark bewaffneten Ritter auf ihren bepanzerten Streithengſten uͤber ſie ſtuͤrzen und ſie zerſchmettern zu wollen ſchienen; da 3 3 machten die Friſen ploͤtzlich einen Schwung zur 5 Seite und ſprangen von ihren Pferden herab, und thaten durch die Huͤlfe ihrer langen Spieſe ein Paar ungeheure Spruͤnge, waͤhrend die Kampf⸗ ritter zuruͤckkehrten, um den Angriff zu wieder⸗ holen; allein nun hatten die kaiſerlichen Streiter die Gegner zu Fuße zu ihrer linken Seite, und bekamen Beide einen ſolchen Stoß in die Herz⸗ grube von den langen friſiſchen Spieſen, daß ſie, trotz ihrer Staͤrke und Gewandtheit, von den Saͤt⸗ teln herabſtuͤrzten. 13*¾⁵ 196 Swend Starke und Bruder Altlein ſtanden nun ſtill, und ließen ihren Gegnern Zeit, auf die Beine zu kommen; darauf warfen ſie die Spieſe von ſich und drangen dem Feinde ſo nahe an den Leib, daß Niemand mehr Schwert oder Dolch verwenden konnte, ſondern der Sieg ganz allein von der Staͤrke des Armes und der Fer⸗ tigkeit im Baxen abhing. Im erſten Angriſſe ſtreckte Bruder Altlein den Gegner zur Erde, und als der Gefallene ſich noch nicht fuͤr beſiegt anerkennen wollte, ſondern ſeinen Dolch zog, um ihn zu durchbohren, bedachte Bruder Altlein ſich nicht lange, ſondern ſtieß ihm das Schwert unter den Bruſtharniſch in den Leib und verſetzte ihm ſo die Todeswunde.— Noch rang Swend Starke mit ſeinem der⸗ ben, gewandten Gegner; da es ihm aber zu lange dauerte, ſchlug er den Kampfritter mit ge⸗ ballter Fauſt ſo vor die Stirn, daß der Helm rund ins Gehirn hineindrang und er auf der Stelle todt niederfiel. Ein gedaͤmpfter Weheruf klang von dem kai⸗ ſerlichen Heere und ein lautes Siegsgeſchrei von dem daͤniſchen. Die friſiſchen Kaͤmpfer ergriffen 197 ſchnell ihre Spieſe wieder, ſchwangen ſich mit einem gewaltigen Sprunge auf die Pferde der Ueberwundenen und ritten wieder auf ihre Stelle in die Schlachtreihe hinein, waͤhrend ihre eige⸗ nen kleinen Pferde wie ausgelaſſene Fohlen hin⸗ ten ausſchlugen und ihnen folgten. In dieſem Augenblicke rief Waldemar:„Vorwaͤrts!“ Die Hoͤrner erklangen in beiden Heeren. Wie ein Blitz ſprengte Graf Otto mit dem linken Fluͤgel gegen den rechten des Feindes, waͤhrend Graf Albert mit beſonnener Kraft in den linken Fluͤ⸗ gel des Feindes ſiel, und Waldemar ſelbſt, an der Seite der Koͤnigin, von ſeinen hundert tapfe⸗ ren Nittern umgeben, gegen die Mitte des Tref⸗ fens vorruͤckte.. Otto's jugendliche Hitze brachte zwar eine au⸗ genblickliche Unordnung in der daͤniſchen Schlacht⸗ reihe hervor; doch die Verwirrung, welche in dem kaiſerlichen Heere dadurch entſtand, war noch groͤßer. Doch jetzt ſahe er den Markgraf von Brandenburg und ſeine Soͤhne gerade vor ſich. Er hielt unwillkuͤhrlich einen Augenblick inne; es fuhr ihm durchs Herz, den alten, ihm ſo freundlich geſinnten Herrn und ſeinen neuen 198— Freund, den kuͤhnen Ritter Johann, als ſeine naͤchſten Gegner zu ſehen. Doch bedachte er ſich nicht lange.„Es lebe König Waldemar, der Sieger!“ rief er laut, als wolle er jeden an⸗ dern Gedanken in ſeiner Seele uͤbertaͤuben, und mit dieſen Worten ſprengte er und ſeine reiſige Schaar ſo gewaltig vorwaͤrts, daß der Markgraf und ſeine Soͤhne weichen mußten. Graf Alberts Bogenſchuͤtzen waren indeſſen in voller Thaͤtigkeit; doch leiſtete ihm der Bi⸗ ſchof Waldemar einen kuͤhnen, faſt wuͤthenden Widerſtand. Doch ſo wie die Schlacht noch kaum begonnen hatte, waͤhrend Waldemar noch an der Seite der Koͤnigin mit der Hauptſtaͤrke des Heeres ruhig vorruͤckte, bemerkte Kaiſer Otto aͤngſtlich die Verwirrung in ſeinem rechten Fluͤ⸗ gel; er ſah den König Waldemar ſelbſt ſich ge⸗ rade gegenuͤber; ſah zugleich die ſchlanke, große Koͤnigin, deren Geſtalt, Anzug und edle Hal⸗ tung, ſo wie vorher die bloße Beſchreibung von ihr, nun auf's neue ein Bild vor ſeine Seele rief, das ihn auf die wunderlichſte Weiſe bis zum Grauen und Zittern erſchuͤtterte.„Ste⸗ hen die Todten gegen mich auf?“ murmelte er — — erblaſſend, indem er uͤber Hals und Kopf mit dem Mitteltreffen des Heeres ſich zuruͤckzog. Bei dem Schrecken und der Verwirrung, welche dadurch entſtanden, kehrten die meiſten Kaiſerli⸗ chen dem Feinde den Ruͤcken zu, und in ei⸗ nem Augenblicke war die Flucht allgemein.— Biſchof Waldemar mußte nun auch in großer Wuth ſich zuruͤckziehen. Graf Albert folgte dem König, der das feindliche Lager ſtuͤrmte und die Hauptſtaͤrke des Feindes zwang, Alles im Stiche zu laſſen, und mit großem Verluſte an Mannſchaft und Pferden ſich mit dem Kaiſer und dem Markgrafen uͤber die Elbe zu fluͤch⸗ ten. Waͤhrend deſſen entkam Biſchof Walde⸗ mar und warf ſich mit ſeinen Reitern in Ham⸗ burg hinein.— Der Konig hielt bei der Elbe an, und ließ jede weitere Verfolgung auf⸗ hoͤren.— „Geht es nicht anders her im Kriege?“ fragte Beengierd,„oder wollte uns Kaiſer Otto nur ein Luſt⸗ oder Wettrennen geben? Auf dieſe Weiſe haͤtte ich alle meine Frauen und Dirnen mitnehmen koͤnnen, ohne irgend eine Ohn⸗ macht zu befuͤrchten.“ 200 Der Koͤnig laͤchelte, viele Ritter lachten, und bald wiederhallte das ganze Lager von Ge⸗ laͤchter und Spottliedern auf den kurzen Be⸗ ſuch und die große Eile des Kaiſers. Nur der König ſchuͤttelte den Kopf.„GUnbegreiflich!“ ſagte er:„Viele tapfere Maͤnner ſtanden hier gegen uns; eine maͤchtigere Hand muß fuͤr uns geſtritten haben; dieſes Sieges duͤrfen wir uns nicht ruͤmmen.—— Muß ein ſolches Heer ohne Schwertſchlag fliehen, was iſt dann Men⸗ ſchenſtaͤrke?“ In dieſem Augenblicke gewahrte der Koͤnig einen Pfeil, der an dem Purpurmantel der Koͤnigin haftete.—„Laßt uns nicht den Feind verſpotten!“ ſagte er ernſt.„Der Tod iſt Euch, Koͤnigin! naͤher geweſen, als wir es getraͤumt.“ Er zog den Pfeil aus dem Mantel und bemerkte mit Erſtaunen, daß die Spitze nach außen gekehrt war, und er un⸗ moͤglich vom Feinde gekommen ſeyn konnte.— Sinnend verbarg er den Pfeil in ſein Waffen⸗ kleid und ſchwieg. „Wie ſo blaß, mein Waldemar!“ fluͤſterte Beengierd freundlich,„an Deiner Seite darf mich 44 201 kein Pfeil verwunden, wie Du ſiehſt. Es wun⸗ dert mich nur, daß ich nicht bemerkt habe, wo⸗ her er gekommen.“ 4 „Der Feind, den man nicht ſieht, iſt eben der ſchlimmſte!“ entgegnete der Koͤnig;„der Pfeil hat mich tiefer verwundet, als haͤtte ich eine große Schlacht verloren!“ Die Königin, ſeine Bewegung fuͤr eine faſt zu ſtarke Aeußerung ſeiner Liebe nehmend, druͤckte ihm die Hand. Unter luſtigen Liedern zog der groͤßte Theil des Heeres nach Dannewirke zuruͤck; der Koͤnig hatte Swend Starke und Bruder Altlein als Oberhaͤuptlinge unter ihren Lands⸗ leuten angeſtellt, und ließ ſie mit dem Grafen Otto und einem Theil des Heeres an der Elbe zuruͤckbleiben. Graf Albert ſchickte er gegen Hamburg und begleitete ſelbſt die Koͤnigin nach Ribe zuruͤck. Auf dem Ruͤckzuge war ſie heiter und froh, der Koͤnig verbarg ihr ſeine heimliche Unruhe und deren Anlaß. Doch alle ſeine Unter⸗ ſuchungen, ſobald er in Ribehuus angelangt war, den verraͤtheriſchen Pfeil betreffend, waren ver⸗ geblich; doch was den Koͤnig am meiſten aͤngſtigte, war eine geheime Inſchrift, die an dem Pfeile —— — 202 entdeckt wurde, und einer geheimnißvollen Dro⸗ hung aͤhnlich ſah. Es ſtanden nemlich mit Runen⸗ ſchrift die Worte darauf:„Ich habe Bruͤder!“ Allein der Koͤnig hatte keine Zeit, lange darauf zu gruͤbeln. Er mußte jeden Augenblick be⸗ nutzen, denn er wußte recht gut die Bedeutung der Krone im Schilde des Biſchofs Waldemar. Auch war ſein Unmuth gegen ihn und ſeine Be⸗ ſchüͤtzer ſo groß, daß er in dem ſtrengen Winter 1216 mit einem Heere uͤber die zugefrorne Elbe ging, um ihm jeden Entſatz abzuſchneiden. Er machte wieder einen Angriff auf Stade, pluͤn⸗ derte und verheerte das Land des Pfalzgrafen Hein⸗ rich, drang bis Zelle vor, und eroberte alle ſeine feſten Plaͤtze und Schloͤſſer, ſo wie er auch die Einwohner zur Unterwerfung zwang. Dann ging er uͤber die zugefrorne Elbe zuruͤck, und vereinte ſich mit Graf Albert, der noch Hamburg belagerte. Der verwegene mit Bann belegte Biſchof hatte jedem Angriff trotz geboten, und die Stadt ſo befeſtigt, daß es ſchien, als koͤnne ſie nicht ge⸗ nommen werden. Der Unmuth des Koͤnigs war auf das höchſte geſtiegen, und er ſchwur, durch Feuer, Hunger und Schwert die Stadt 203 zu vertilgen, wenn ſie ſich nicht ergaͤbe. Am Eichenwalde, wo die neue Stadt ſpaͤter aufge⸗ baut wurde, legte er ſogleich eine neue Feſte an, und auf der andern Seite der Stadt, am Schiſſsberge, hatte Graf Albert eine ſtarke Schanze. Die Elbe war durch Pfaͤhle und eiſerne Ket⸗ ten geſperrt, und ſolchergeſtalt jede Zufuhr ſo⸗ wohl zu Lande als zu Waſſer gehindert. Alle Doͤrfer rings um die Stadt hatte der Koͤnig außerdem ohne Schonung niederbrennen laſſen, und griff nun die Stadt mit aller Gewalt, mit Armbuͤchſen, Wurfgeſchutz, mit Pfeilen, Feuer und gluͤhenden Steinen an. Die Erbitterung des Koͤnigs und die lange Belagerung hatten die Kaͤmpfer wild und grau⸗ ſam gemacht. Eines Tags hielt der Koͤnig auf ſeinem weißen Hengſt im Lager beim Schlaten, rings um ihn hallte das wilde Angriffs⸗Geſchrei der Belagerer; er ſtand im Begriff, zu einem großen allgemeinen Sturm Befehl zu geben.— Weder Friedensvorſchlaͤge noch Unterhandlungen wollte er anhoͤren; da brachte ihm Graf Albert die Botſchaft, daß die geaͤngſtete Stadt ſich zwar auf Gnade und Ungnade ergeben haͤtte, — 204 allein daß der Biſchof durch die Flucht dem Un⸗ muth des Koͤnigs wieder entſchluͤpft ſey! Durch die Flucht des Biſchofs erbittert, ge⸗ bvot der Koͤnig ſogleich dem Ritter Irer Glug, in die Stadt einzuruͤcken und ſie zu beſetzen.„Iſt Jemand widerſpenſtig, ſo haut ihn nieder!“ herrſchte er,„die Verraͤther alahen keine Schanag von mir verdient.“ „Bedenkt, Herr Koͤnig, in Eurem billigen Zorn“— wandte Graf Albert ein. „Hier iſt nichts zu bedenken,“ unterbrach ihn der Koͤnig, aufs aͤußerſte gereizt,„haͤttet Ihr Euch kuͤrzer bedacht, Graf Albert! und die Stadt, bevor ich hierher kam, in Aſche gelegt, wuͤrde der verfluchte Biſchof jetzt unter dem Stelnhins fen begraben ſeyn!“ Graf Albert ſchwieg zu dem unverdienten Ta⸗ del. Der Koͤnig hatte dem Ritter Glug zur Belohnung ſeiner Tapferkeit einen ſilberblauen Löwen zum Schildzeichen gegeben; mit dieſem am Arm, eilte er das Gebot des Königs auszu⸗ fuͤhren.„Dem Ritter von blauen Loͤwen ſollt Ihr gehorchen!“ gebot der Koͤnig der abziehenden Mannſchaft. Doch viele von den wildeſten Krie⸗ — — 205 gern hatten den Zorn des Koͤnigs geſehen und ſeine unmuthigen Aeußerungen gehört; daher folgten ſie ohne Erlaubniß dem jungen, gar zu eifrigen Befehlshaber, in der Hoffnung, Beute machen zu koͤnnen, in die Stadt. Der König gedachte noch vor Mitternacht mit dem Lager aufzubrechen; bis dahin hatte er dem Heere nach der langen Anſtrengung geſtat⸗ tet, ſich im Lager mit Bier und Meth zu er⸗ goͤtzen. Durch des Biſchofs Flucht ſelbſt war er finſter und verſtimmt. So hielt er kurz vor der zum Aufbruch beſtimmten Stunde reiſefertig auf ſeinem Gaul am aͤußerſten Ende des Lagers, dicht an der Elbe auf einer Stelle, wo das Eis auf⸗ gehauen war, um die Pferde traͤnken zu laſſen. Es war eine helle Mondſcheinsnacht; auf ein⸗ mal hoͤrte er ein haͤßliches wildes Geſchrei in dem laͤrmenden Lager, das immer naͤher kam, und nun bemerkte er einen Haufen heulender Weiber, die jammernd mit fliegendem Haar und zerriſſenen Kleidern aus dem Lager ihm in wil⸗ der Verzweiflung voruͤberſtuͤrzten, den Fluch des Himmels uͤber ihn und alle Daͤnen herrufend, waͤhrend ſich einige in den Fluß warfen, und — ͦõꝛÿöüöüÿꝑc ͤ . 206 augenblicklich vom Strome unter das Eis fort⸗ geriſſen wurden, andere von ſelbſt gegebenen Wun⸗ den todt zur Erde fielen, und die uͤbrigen mit herzergreifendem Jammergeſchrei in die Stadt fluͤchteten. Der Koͤnig ließ ſogleich den Grafen Albert und mehrere Haͤuptlinge rufen, um wo möglich einige der Ungluͤcklichen noch retten zu können. „Was iſt geſchehen?“ fragte er ſchaudernd, das Unheil ahnend. Mit Abſcheu und Unmuth be⸗ richtete ihm nun der Graf, was dieſer ſelbſt in demſelben Augenblick erfahren: daß ein Haufen Krieger, der ſich mit der Beſatzung in die Stadt geſchlichen, dort, ehe der Befehlshaber es verweh⸗ ren konnte, in ſeiner Wildheit und Uebermuth Haͤndel angefangen, einige Buͤrger getoͤdtet, ja ſelbſt Kinder aus den Haͤuſern herausgeſchleppt und ermordet habe, dann in der Dunkelheit mit einer Schaar junger Frauen und Jungfrauen, die er in Trunkenheit mit barbariſcher Wildheit entehrt, nach dem Lager zuruͤckgekehrt waͤre. Als der Koͤnig dies hoͤrte, wurde er todten⸗ bleich.„Tod und Verderben den Ungeheuern!“ rief er,„ſie ſollen es entgelten! Keine Stunde 207 ſollen ſie leben; fort Albert, laßt das Blutur⸗ theil vollziehen; jeder Krieger, der ſo den daͤni⸗ ſchen Namen entehrt, ſoll ohne Barmherzigkeit von der Erde vertilgt werden; eilt!“ Waͤhrend nun das geſchah, ſaß der Koͤnig ſchweigend und ſtill, mit tiefem Schmerz in den ſtrengen Zuͤgen, noch immer auf ſeinem Pferde. Er ſah, wie friedlich der Mond in der Elbe, in der vor kurzem die ungluͤcklichen Weiber fortge⸗ riſſen worden, ſich ſpiegelte; ſah, wie ruhig der große geſtirnte Himmel ſich uͤber der oͤden verheerten Gegend wölbte, von welcher die graͤulichen Spu⸗ ren aller Ungluͤcksfaͤlle und Schreckniſſe des Krie⸗ ges ihm entgegen grinzten.„Dagmor! fromme Dagmor!“ ſeufzte er,„weinſt Du nun uͤber mich dort in Deinem ruhigen Himmel? Häͤtteſt Du nicht fuͤr den verruchten Biſchof gebeten, waͤre viel Unheil nicht geſchehen!“ Er vernahm das ferne gedaͤmpfte Sterbegeſchrei„ und ſchlug das duͤſtre Auge zu Boden. So traf ihn Graf Albert, als dieſer mit ſeinem ſchwarzen Gaule an ſeiner Seite hielt. „Euer Wille iſt vollzogen, Herr Köͤnig!“ ſagte der ſtrenge Feldherr,„es ſind nun keine 208 Kindermoͤrder und Weiberſchaͤnder mehr im Heere. Sie riefen nach Beichte und Sakrament. Ich gab ihnen zu einem Vaterunſer Friſt. Damit mußten ſie ſich begnuͤgen.“ Mit Theilnahme bemerkte ſein ritterlicher Sinn den tiefen Mis⸗ muth in des Koͤnigs Zuͤgen, und vergaß ſeinen Unmuth uͤber das harte unbillige Wort, das der Koͤnig ihm vorher geſagt.„Warum ſo nieder⸗ geſchlagen, theurer König!“ verſetzte er;„ge⸗ ſchehen iſt geſchehen! Niemand ſoll Euch jetzt nachſagen, daß Ihr nicht auf ſtrenge Manns⸗ zucht haltet.“ „Ja hinterdrein! wenn das Unheil geſchehen iſt,“ entgegnete der Koͤnig,„wenn der Anbliek meines Jaͤhzorns erſt die Leute in Teufel und wilde Unthiere verwandelt. Das Geſchrei und den Fluch jener Weiber werde ich noch in mei⸗ ner letzten Stunde vernehmen.“ „Sie ſind geraͤcht!“ ſagte Albert,„das Schandmaal auf unſre Nitter⸗ Ehre iſt mit Blut ausgewaſchen.“ „Allein dies Blut haͤtte geſpart werden koͤn⸗ nen,“ erwiederte der König heftig.„Jenes Schandmaal wuͤrde nie meine Krieger⸗Ehre befleckt 209 haben, haͤtte ich Freunde gehabt, ſo wie mein Va⸗ ter ſie hatte. Waͤren Axel oder Esbern mir zur Seite geſtanden, als ich im Zorn wegen der Flucht des verruchten Biſchofs die Ueberwund⸗ nen ſchonen zu laſſen vergaß; ſie wuͤrden mich kraftig daran erinnert und ein böſes Wort von ihrem Koͤnig nicht gefurchtet haben!“ „HFurcht war es nicht, die meine Zunge ge⸗ bunden,“ entgegnete Graf Albert, in dem ſtolzen Innern tief verletzt,„allein Unmuth war es, Unmuth wegen ungerechten Tadels. Ich fuͤrchte Niemanden, mein koͤniglicher Ohm! und nur wenige achte ich ſo hoch, daß ſie mich beleidigen können. Das vermag Niemand in der Welt, ſo wie Ihr, doch Ihr ſeyd mein König und ich ſchweige.“ „Das ſollſt Du nicht, mein wackerer Al⸗ bert!“ verſetzte der König und reichte ihm die Hand,„rede ſo mit mir, daß ich fuͤhlen kann, daß ich Maͤnner und Freunde um mich habe. Gott vergebe uns Beiden, was hier ſich heute ereignet; wir haͤtten es verhindern koͤnnen und ſollen.“ Darauf ſpornte der Koͤnig ſeinen Hengſt an, III. 14 210 und Graf Albert brach, ihm kanzend, mit dem Lager auf. Dies empoͤrende Ereigniß hatte einen ſo tie⸗ fen und ſchmerzlichen Eindruck gemacht, daß es lange dauerte, ehe er einen neuen Kriegszug von Bedeutung unternahm. Als er nach Ribehuus zuruͤckkam, empfing ihn zwar die frohe Nachricht, daß die Koͤnigin Beengierd ihm einen Sohn ge⸗ boren haͤtte, und mit heftiger Freude ſchloß er Mutter und Kind in ſeine Arme; doch zu glei⸗ cher Zeit trafen zwei wichtige Todesfaͤlle ein, die ſeiner Freude Abbruch thaten. Sein Schwager, König Erick von Schweden, ſtarb, und ſein Freund, der tuͤchtige und ſtandhafte Pabſt Innocenz, hatte ſein denkwuͤrdiges Leben geendet, und den Pabſt Honorius zum Nachfolger bekommen. Eines Tages, als der Koͤnig ſich in ſeinem Geheimzimmer mit dem Grafen Albert, Junk⸗ herr Strange und dem Erzbiſchof Andreas bera⸗ then hatte, ſagte der Erſtere, indem er ſich er⸗ hob:„Geſtattet mir, Herr Koͤnig! daß ich in⸗ deſſen das Kreuz ergreife und gegen die Unglaͤu⸗ — 211 bigen in Liefland ziehe!— Mich denkt Ihr doch nicht an den neuen Pabſt zu ſchicken. Waͤhrend Ihr nun mit geiſtlichen Waffen dieſen, ſo wie vorher den Kaiſer mit weltlichen, zwingt, Eure Herrſchaft uͤber Chriſten und Heiden zu beſiegeln, und Euch der Schluͤſſel des heiligen Petrus be⸗ dient, um dem Feinde das Land zu verſchließen, waͤre es wohl nicht uͤberfluͤſſig, wenn ich Euch den Weg auf eine andere Weiſe bereitete, und nachſehe, wie die Sachen in Liefland ſtehen, bevor die Ritter mit dem blutigen Kreuze uns dort alles verderben, und auf Gaukelſand mit Poſſenreißerei und frommen Buͤtteln ihre eitle Kirche aufbauen.“ „Ihr habt Recht, Graf Albert!“ entgeg⸗ nete der König:„, Ihr kennt nun meinen gro⸗ ßen Entwurf. Gelingt er, ſoll, ſo Gott will und der heilige Michael, ganz Liefland und Eſt⸗ land in drei Jahren bekehrt und däniſch ſeyn. Allein ich muß dafuͤr ſorgen, daß ich die eine Krone nicht verliere, waͤhrend ich nach der an⸗ dern greife. Ich muß den alten Feinden die Haͤnde binden, bevor ich Daͤnemark verlaſſe, um neue anzugreifen; der, dem es gegeben iſt, zu loͤ⸗ 14* 212 —12 ſen und zu binden, muß mir ſeine Hand leihen, wenn es gelingen ſoll. Um ſolche Staatsknoten zu löſen, kann ich nicht Euer Schwert gebrauchen, wackerer Albert! allein Ritter verſteht Ihr zu handhaben, und Euer Name vermag viel, ſowohl unter Chriſten als unter Heiden. Zieht mit Gott, und kehret zuruͤck, wenn ich Euch brauche; nehmt ſo viele Ritter und Knappen mit, als Luſt haben, Euch zu folgen, und Eifer fuͤr die Sache beſitzen. Es taugt nicht, daß die jungen Ritter ledig gehen, ſo wie ich merke. Da iſt der junge flinke Carl von Riſe, vormals Euer Schuͤler und Schild⸗ knappe; das iſt ein wackerer Burſche, mir mit Leib und Seele ergeben, allein er faͤngt Grillen und haͤngt den Kopf, wie ein ungluͤcklicher Buhle. Nehmt ihn mit und haltet nur ihn im Dienſte warm. Mit unſerm kuͤhnen Vetter Otto ſcheint es auch nicht recht geheuer zu ſeyn! Seine ploͤtz⸗ liche Verlobung mit einem Kinde, ſeine erzwun⸗ gene Luſtigkeit gefallen mir nicht. Laßt ihm Eure neue Feſte an der Trave vertheidigen, und ſorgt dafuͤr, daß er und Ritter Carl ſich nicht zu nahe kommen, ſonſt brechen ſie ſich die Haͤlſe, wegen 213 der dummen Geſchichte, die Ihr kennt. Und damit Gott befohlen!“ 3 Kurz hernach verließ Graf Albert Ribehuus mit Carl von Riſe, Abſalon Balg, und vielen jungen Rittern, die, von mehreren geiſtlichen Herren begleitet, ſich mit dem Grafen Albert weihen ließen und unter ſeinem Panier nach Lief⸗ land zogen. Carl begleitete ſeinen alten Waffenmeiſter mit einer Unruhe und Spannung, deren Anlaß Graf Albert zwar ahnete, aber dieſe Stimmung nicht zu bemerken ſchien. Der junge Ritter gab ſich ſichtbar alle Muͤhe, um ſeine Liebe und Achtung zu gewinnen; denn er hoffte mehr als zuvor, daß Rigmors anſcheinende Kaͤlte und Gleichmuth nur Verſtellung und Furcht vor der Strenge des Vaters ſeyen, und daß ſein Gluͤck auf der Beiſtimmung des ſtolzen Grafen beruhe. Auf dem Wege nach Weſterwig hatte die Schwe⸗ ſter ihm ſo viele kleine Zuͤge, die von Rigmors verborgener Theilnahme zeugten, mitgetheilt, und ſeine ſpaͤtere vergebliche Muͤhe, um Nigmor zu ſprechen zu bekommen, hatte ihn in eine ſo traumäͤhnliche Zerſtreuung verſenkt, daß der Kö⸗ ———ÿ———— ————* 214 nig darauf aufmerkſam geworden war. Das Mit⸗ tel des liebevollen Koͤnigs, ihn zu heilen, ver⸗ fehlte auch die wohlthuende Wirkung nicht, und bald war Carl der thaͤtigſte und eifrigſte von al⸗ len Kreuzrittern des Grafen Albert. In Riga hatte dieſer eine wichtige Zuſam⸗ menkunft mit des deutſchen Ordens Schwert⸗ meiſter, Volquin, und deſſen Heermeiſter, Herr⸗ mann Balke gehabt; dieſe hatten ihre ganze Be⸗ redſamkeit vergebens darauf verwendet, Albert zu uͤberreden, dem Koͤnig von jeder weitern Ein⸗ miſchung in ihre Unternehmungen gegen dieſe heidniſchen Laͤnder abzurathen. Graf Albert ließ ſich von dem ſchlauen Heermeiſter weder taͤuſchen noch erſchrecken, denn er durchſchaute deſſen Plan, und nachdem er einen anſcheinen⸗ den friedlichen Bund abgeſchloſſen, zog er mit ſeinem Heere nach Vellin, wo der Heerfuͤhrer der Eſten, Lembit, mit einer Heermacht von 6000 Mann ſtand. Obgleich das Heer der Kreuz⸗ ritter nur halb ſo groß war, gewann Graf Al⸗ bert doch hier einen glaͤnzenden Sieg. 4 Die Schlacht war beendet, und die Sieger 3 begruben ihre Todten. Auf dem Wahlplatz ſtand Ritter Carl verwundet und blutend neben Graf Albert; er hatte aus Sorgfalt fuͤr ſeinen lieben Feldherrn und Waffenmeiſter, deſſen Leben in großer Gefahr geweſen, vernachlaͤſſigt, ſeine Wun⸗ den verbinden zu laſſen. „Seyd Ihr nicht verwundet oder geguetſcht? theurer Herr!“ fragte Carl.„Es ſah furchtbar aus, als Ihr dort unter dem geſtuͤrzten Hengſt zwiſchen den wuͤthenden Wilden da laget. Es war Gottes Finger, daß der kuͤhne Abſalon Balg es bei Zeiten bemerkte.“ „Mein treuer, tapferer Carl!“ ſagte Graf Albert bewegt.„Du warſt es doch, der den ſtar⸗ ken Lembit zur Erde ſchlug und mein Leben rettete; ohne Dich haͤtte Abſalon Balg nichts vermocht, und ich waͤre nun zerriſſen oder den verdammten Abgoͤtzen geopfert worden. Doch Du bluteſt; laß Dich verbinden; mir fehlt ja nichts! Komm, laß mich das Blut mit meiner Schaͤrpe ſtillen.“ „Dank, Dank!“ fluͤſterte Carl!„es hat nichts zu ſagen. Koͤnnte ich Euch nur ein Mal zeigen, daß ich eben ſo gutes und ehrliches Blut, als irgend ein reicher. Lehnsgraf und vornehmer Herr, habe.” 216 „Warum?“ fragte der Graf betroffen. „Habe ich Dich je hoͤren laſſen, daß Du nicht reich und vornehm genug ſeyſt? Kehren wir ein Mal durch Gottes Huͤlfe mit Leben und Sieg nach Daͤnemark zuruͤck, verſpreche ich Dir in des Ko⸗ nigs Namen Burg und Habe,“ „Burg und Habe koͤnnte ich wohl entbehren, lieber Herr!“ entgegnete Carl,„fuͤr mich giebts nur einen Schatz in der Welt, nach dem mein Sinn ſteht, und kann ich ihn nicht gewinnen, will ich nach keinem andern Gluͤcke trachten, als einem ſten zu Eurem und unſers guten Königs Ruhm.“ „Hm!“ entgegnete Graf Albert finſter, „den Schatz, von dem Du traͤumſt, kenne ich wohl; entſchlage Dich ſolcher albernen Gedan⸗ ken, Carl! Du biſt ein kuͤhner und flinker Rit⸗ ter; allein der Siegeskranz, nach dem Du ſtrebſt, haͤngt Dir zu hoch.— Wiſſe, mein Sohn, der kleinſte Sproß an dem Köͤnigsſtamme vergißt nie deſſen koͤnigliche Wurzel, und gleiches mit gleichem geſellt ſich gern.“ „Ich habe als Kind eine Geſchichte gehört, die vergeſſe ich nie,“ ſprach Carl;„es war guten Namen und einem ehrlichen Tod, am lieb⸗ Sr von dem jungen tapferen Hagbert, der ins Ge⸗ heim die ſchönſte Koͤnigstochter gewann, und gluͤcklich von Liebe und Treue ſang, als der Buͤttel ihn deshalb zum Galgen fuͤhrte. Er war freilich ein Koͤnigsſohn; allein Ritter Folke⸗ ſohn, der Koͤnig Swerkers Tochter aus dem Klo⸗ ſter entfuͤhrte, war es nicht.“ „Ha! vermeſſener, eitler Thor, der Dr biſt!“ verſetzte Graf Albert heftig.„Glaubſt Du, daß meine Tochter eine leichtfertige ſchoͤne Signe ſey oder eine alberne Nonne, die Dich fur einen Engel halten und daher mit Dir ent⸗ laufen koͤnnte? Waͤhnſt Du, daß die Tochter des Grafen Albert nur einen Augenblick vergeſ⸗ ſen könnte, was ſie mir und dem Geſchlechte, dem ſie entſprungen, ſchuldig iſt, ſo kennſt Du nur wenig meine hochſinnige Nigmor. Nicht einmal das bernſteinerne Herz, das ſie um den Hals traͤgt, vermagſt Du zu gewinnen. Be⸗ ſaͤße ich eine Tochter, die ohne meine Beiſtim⸗ mung ihre Treue einem Ritter ins Geheim gaͤbe, dann ſollte kein ehrliebender Fuͤrſt Dir Dein Gluͤck ſtreitig machen. Genug davon; mit der Ehre und dem Gluͤck wollen wir nicht ſcherzen. Du weißt meine ernſtliche Meinung in dieſem Stuͤcke.— Kannſt Du Dich dieſer Grillen nicht entſchlagen, wirſt Du ein Thor in den Augen der Welt werden, und verſcherzeſt an einen albernen Traum Dein Leben.— Laß nun Deine Wunde verbinden und verhalte Dich ruhig, bis ſie geheilt iſt! dann will ich vergeſ⸗ ſen, daß Du jetzt irre geredet haſt.“ Mit dieſen Worten kehrte ihm der Graf den Ruͤcken zu und uͤberließ ihn ſeinen eigenen Ge⸗ danken und der Sorgfalt des Wundarztes. Al⸗ lein Carl entſchloß ſich, trotz der Unbiegſamkeit des ſtolzen Grafen Albert, ſeine Hoffnung und Rigmors Liebe auf eine entſcheidende Probe zu ſtellen. Allein Graf Albert gab ihm ſowohl, als den übrigen Rittern, etwas anders zu thun in Lief⸗ land, als an zaͤrtliche Liebesabentheuer zu den⸗ ken. Da jener indeſſen nach vielen blutigen Ge⸗ fechten einſehen lernte, daß er mit ſeinem kleinen Haufen Kreuzritter nichts gegen die zahlreichen Heiden ausrichten könnte, gab er ſeinen Vor⸗ ſatz, Hſel zu beſtuͤrmen, auf, und nahm den eh⸗ renvollen Vergleich, den ihm die Heiden in Riga anboten, an. Darauf zog er mit ſeinen Man⸗ nen nach Schleswig, wohin Koͤnig Waldemar alle ſeine Vaſallen und Lehnsmaͤnner zuſammen⸗ berufen hatte, um ſeinen und Dagmors neun⸗ jaͤhrigen Sohn, den Prinzen Waldemar, krönen zu laſſen. Der große Plan des Koͤnigs war indeſſen gelungen. Durch des Erzbiſchofs Andreas Einfluß auf den neuen Pabſt hatte er nicht allein deſſen Beſtaͤtigung auf die Anerkennung des Kaiſers Frie⸗ drich von der däͤniſchen Obergewalt in Deutſch⸗ land, ſondern auch ein Begabungsſchreiben vom Pabſt Honorius auf Alles, was er kuͤnftig in Eſtland erobern moͤchte, erhalten. Die guͤnſtig⸗ ſten Umſtaͤnde ſchienen zuſammenzutreffen, um dieſen großen, entſcheidenden Zug gegen die noͤrd⸗ lichen heidniſchen Laͤnder zu beſchleunigen; einen Zug, zu deſſen Förderung der Erzbiſchof ſo lange thaͤtig geweſen, und welchen Graf Albert nun mit Freuden vorbereitet und entſchieden ſah. Die wich⸗ tigen Nachrichten waren naͤmlich eingetroffen, daß Kaiſer Otto, in großer Reue wegen ſeines Aufſtandes gegen den Pabſt, unter ſchweren Selbſtzuͤchtigungen, mit der Pönitenz⸗Geißel in 220 der Hand, in Harzburg geſtorben war, und daß der unruhige Biſchof Waldemar ſeinem Beiſpiele folgen und endlich ſeine ſtolzen weltlichen Plaͤne aufgeben zu wollen ſchien; denn mit großer Reue und Zerknirſchung hatte er ſich zum Ciſtercien⸗ ſer⸗Mönche im Lockum⸗Kloſter in dem Calen⸗ bergiſchen weihen laſſen. Der Koͤnig ſchien nun mit Sicherheit das Vaterland verlaſſen zu koͤn⸗ nen, um ſo mehr, da der unruhigſte ſeiner Va⸗, ſallen ſich auf eine Wallfahrt nach dem heiligen Lande begeben hatte. Waldemars Waffenmacht war groß, und ſein Sinn war nur darauf ge⸗ ſtellt, ſein großes Eroberungswerk, ſobald er zur Beruhigung des Volkes ſeinen Erſtgebornen hatte kronen laſſen, zu vollenden. Gern haͤtte die kuͤhne Königin ihn auch auf dieſem Zuge beglei⸗ tet, allein ſie hatte einen ſaugenden Sohn an der Bruſt; ſie konnte nicht einmal dem Kroͤ⸗ nungs⸗Feſte in Schleswig beiwohnen. Niemand war mehr mit ihrem Ausbleiben unzufrieden, als Carl von Riſe, der gehofft hatte, Jungfrau Rigmor in Begleitung der Koͤnigin dort wieder zu ſehen. Mit deſto groͤßerer Erbitterung ſahe er dagegen Graf Otto; man konnte ihnen Bei⸗ 221 den anſehen, daß nur die Gegenwart des Koͤnigs mehr als das Kriegsgeſetz ſie verhinderte, den alten Groll auszufechten.— e „Wie gefallen Euch meine Ausruͤſtungen? Vetter Albert!“ fragte der Koͤnig den Grafen, nachdem der Kroͤnungsact mit großer Pracht und Feierlichkeit vollendet war, mit Stolz und Freude. „Sie uͤbertreffen meine kuͤhnſten Erwartun⸗ tungen, Herr König! Fuͤnfhundert Langſchiffe, jedes auf hundert und zwanzig Mann— das muß ich geſtehen. Eure reichen Lehnsmaͤnner haben mit ihren Schaͤtzen nicht gekargt.“ „Die vermögenden Buͤrger auch nicht!“ entgegnete der König;„und der Erzbiſchof hat ſeinen Biſchöfen ein gutes Beiſpiel gegeben. Er iſt wieder jung geworden, der alte treue An⸗ dreas. Selbſt der Biſchof Peder, den man ſchon todt geſagt, hat ſich mit Leben und Kraft von ſeinem Siechbette erhoben und will uns be⸗ gleiten.“ „In der That,“ ſagte Graf Albert mit Waͤrme,„jedes chriſtliche Herz muß Euer gro⸗ ses, küͤhnes Unternehmen ſegnen, mein König! 222 denn in der That, der fromme Erzbiſchof hat Recht; bevor nicht das ganze Land bezwun⸗ gen iſt— nehmen die Rohheit und Grauſam⸗ keit der Einwohner kein Ende; ich habe nun ſelbſt die empoͤrenden Spuren ihrer Menſchenopfer geſehen; ſie zerfleiſchen die Chriſten und reißen ihnen die Eingeweide aus dem Leibe.— Brum⸗ men aber die Bauern nicht wegen der ſchweren Kriegsſteuer? Die fuͤnfhundert kleinen Schiffe mit Mannſchaft und Vorrath ſind kein geringer Beitrag.“ „Der Haufen weiß nie ſelbſt, was er will,“ bemerkte der Koͤnig.„Nur das weiß der Bauer, daß er gute Tage haben will; Ehre und Sieg nimmt er auch gern mit, wenn er ſie um Nichts haben kann.— Als die gute Dagmor lebte, war ich zu ſchonend, zu nachgiebig; daher ſchreit man jetzt, daß ich hart und ſtreng bin, und meine edle treffliche Koͤnigin iſt ihnen beſonders ein Dorn im Auge. Doch das ſindet ſich wohl.— Die Volksgunſt iſt wie Wetter und Wind; der weht nicht lange aus einer Ecke. Der Koͤnig, der ſich daran kehren wollte, wuͤrde bald ein ſpielball aller Winde ſeyn. Ich weiß V 223 nun, was ich will und was ich vermag. Die frommen Herrn Pfaffen murrten auch, als ich ihnen zum erſten Male Steuer auflegte. Jetzt, da es einem Kreuzzuge gilt, iſt Niemand eifriger und williger als ſie.“ „Ziehſt Du nun in den Krieg, Vater! ſo nimmſt Du mich wohl mit?“ unterbrach ein kleiner gelblockichter Knabe das Geſpraͤch, in⸗ dem er ſich liebkoſend an die Kniee des Koͤnigs ſchmiegte, und ſahe ihn mit freundlichen blauen Augen bittend an. Das war der neunjaͤhrige Koͤnig des Feſtes. Der Koͤnig betrachtete den ſchoͤnen Jungen mit inniger Freude. „Es iſt das erſte Mal, daß Du mir eine ſolche Bitte thuſt,“ ſagte er, die rothen Wan⸗ gen des Knaben freundlich ſtreichelnd;„wenn Du Koͤnig wuͤrdeſt, moͤchteſt Du ja gern Friede mit der ganzen Welt haben! Nun biſt Du ge⸗ wiſſermaßen Koͤnig, mein Sohn! allein bis Du größer wirſt, thuſt Du doch am beſten, Wort zu halten.“ „Ich will immer Wort halten,“ gab der kleine Waldemar zur Antwort.„Ich will auch gern Frieden mit allen Menſchen haben; „ 224 allein der fromme Erzbiſchof hat ja heute geſagt, daß der Friede nur bei Gott wohne, und daß jede chriſtliche Seele hier auf der Erde mannhaft fuͤr das Reich Gottes kaͤmpfen muͤße. Soll ich aber ein Mal ein richtiger Koͤnig werden, und zur Vertheidigung des Landes Krieg fuͤhren, ſo muß ich es ja auch lernen, Vater, und ſehen, wie Du es machteſt, damit ich auch ein⸗ mal ein ordentlicher Koͤnig, ſo wie Du, werden kann.“— „Sohn meiner frommen Dagmor,“ ſagte der Koͤnig bewegt:„Du haſt das ſanfte Herz der Mutter, wie ihre Augen und ihr Haar. Du wirſt kaum ein großer Krieger werden; al⸗ lein ich werde dafuͤr ſorgen, daß Du durch Gottes Huͤlfe ein gluͤcklicher Friedensfuͤrſt wer⸗ den kannſt.“ „Kann denn nie ein richtiger Koͤnig aus mir werden?“ fragte der Knabe mit thraͤnenden Augen.„Warum ließeſt Du mich denn heute in der Kirche kroͤnen? Der Erzbiſchof meinte doch, daß ich ein guter Koͤnig werden wuͤrde, und alle Leute jauchzten laut auf und freueten ſich deſſen; allein was kann das Alles helfen, —õʒʒÿÿp.——ÿyi 225 wenn ich nicht, ſo wie Du, Volk und Reich vertheidigen und die gottloſen Heiden zwingen kann, die frommen Chriſten nicht zu peinigen und zu braten.“ „Du ſollſt von heute an einen Waffen⸗ meiſter haben, mein Waldemar!“ verſetzte der Koͤnig;„wenn ich zuruͤck bin, ſollſt Du mir zeigen, was Du gelernt, und wenn ich dann wieder in den Krieg ziehe, ſollſt Du mir folgen; darauf haſt Du mein Wort.“ Damit war der Junge beruhigt. Allein der Kdoͤnig war ſehr bewegt. Das Bild der frommen Dagmor war in ſeiner Seele wieder lebendig ge⸗ worden, und hatte ihn milde und wehmuͤthig ge⸗ ſtimmt.— Er gebot dem Grafen, Alles zur Ab⸗ reeiſe zu bereiten, und trat ſinnend in die Ruͤſt⸗ kammer des Schloſſes. „Häͤtte ſie dieſe Stunde erlebt,“ ſagte er in ſich,„wuͤrde ſie doch vielleicht eine Fuͤrbitte fuͤr die armen, verblendeten Heiden gethan haben? Vielleicht haͤtte ſie mich gefragt, ob ich auch wirklich nur um Gottes und des heiligen Chriſtenthums willen das Schwert ergreife, und— Dagmor! Dagmor! was duͤrfte ich darauf erwiedern? Nein, III. 15 ——— ——— ͤ— — 226 nein! ich bin kein Heiliger; ich will mich nicht durch Heuchelei ſelbſt betrüͤgen.— Verzeihe mir, fromme Seele! ich bin noch das alte Welt⸗ kind und kann nicht anders. Geboren ward Wolmar zum Sieg und Gluͤck.— Ha— Beengierd, meine kuͤhne Beengierd,— Dein tapferer Geiſt verſteht mich nur ganz. Das, wozu die hohen unſichtbaren Maͤchte Waldemar beſtimmt haben, ſoll er werden!“ Er legte nun den goldnen Harniſch an; dann nahm er den Schild mit den Herzen und den ſilberblauen Loͤwen von der Wand.„Die ſtol⸗ zen Löwen ſollen ſich nicht ſchaͤmen und roſten,“ ſagte er;„allein die Herzen auch nicht.— Nein, in der That! ein wilder, unmenſchlicher Krieger will ich nie werden; die heidniſchen Frauen ſollen nicht wie jene Ungluͤcklichen mich und die Daͤnen verfluchen. Strenge Mannszucht will ich halten.— Milde und Erbarmen ſollen mit dem heiligen Kreuze mein Schwert und mein Panier begleiten. Wie weltlich ich auch ſey,— ich kaͤmpfe doch fuͤr die Ehre des Freehen wie fuͤr die der Krone.“ 1. 227 Da ſiel ſein Auge auf einen großen rothen Flecken, den man vergebens aus dem Fliſenbo⸗ den zu vertilgen geſucht, und jetzt mit einem al⸗ ten Panzerhemde halb bedeckt hatte.—„Ja,“ ſagte er ſinnend,„hier geſchah die blutige That, hier ermordeten die Zunftbruͤder den Koͤnig Niels; es waren die Kinder des Landes, die ihren recht⸗ maͤßigen König ermordeten.— Hm! gegen mich wird nun auch gemurret und gegen Been⸗ gierd; ich mache auch nicht das Volk gluͤcklich, heißt es. Ha! welch groͤßeres Gluͤck will man denn, als Ehre und Sieg!— Wann beſaß Daͤnemark, ſeit Knud dem Großen, einen maͤch⸗ tigeren Koͤnig, der uͤber ein gröͤßeres Heer gebo⸗ ten, als ich!— Es koſte was es wolle! Waldemar der Sieger muß ſeinen Namen ver⸗ dienen.“ 4 Er ergriff Schwert und Schild und verließ die dunkle Ruͤſtkammer.— Eine halbe Stunde hernach fuhr der Koͤnig die Schlei herunter, um bei dem Einſchiffen des Heeres gegenwaͤrtig zu ſeyn. Den Tag darauf zog der junge gekrönte Prinz Waldemar mit ſeinem Gefolge nach Ribehuus zuruͤck, waͤhrend 15* 228 der gewaltige Vater in dem Drachenſteven, un⸗ ter dem ſchwellenden Segel, an der Spitze von tauſend Seglern, von ſeinen Rittern und Vaſal⸗ len umgeben, ſtand. Außer dem Erzbiſchof An⸗ dreas und dem Biſchof Peder begleiteten ihn noch mehrere geiſtliche Herren, und unter ſeinen Va⸗ ſallen erſchien diesmal ein ihm treuer und ergebener Wende, der kuͤhne Fuͤrſt Witzlav von Ruͤgen. Auf einem der groͤßten Lang⸗ ſchiffe ſtand Graf Otto unter den Friſen, neben Swend Starke und Bruder Altlein, und an der Spitze von fuͤnfhundert kleinern Schiffen fuhr Carl von Riſe auf einem leichten Segler, an deſſen Spiegel der verwegene Buhle Rigmors Namen mit großen goldenen Buchſtaben hatte anbringen laſſen. 72⸗ —— Bei Lyndaniſſe, unweit dem Orte, wo das alte Reval aufgebauet wurde, ſtrecket ſich eine große Sandbank in die ſinniſche Bucht hinaus; dort lag eine Schanze, welche die Eſten bei dem Geruͤcht von Waldemars Ankunft ſtark beſetzt 229 hatten, weil ſie mit Fug befuͤrchteten, daß er dort ans Land gehen wuͤrde. Die tapfern Heiden, laͤngſt dieſes Angrifes gewaͤrtig, waren entſchloſſen, ihre Goͤtzen und ihre Freiheit bis aufs Aeußerſte zu vertheidigen. Sie hatten ein ungeheures großes Heer aus Glaubensverwandten von Preußen, Litthauen, Semigallien und Rußland geſammelt, und die Fuͤhrung deſſelben dem beruͤhmteſten von den Semigalliſchen Aelteſten, dem alten Weſthold anvertraut, der eben ſo bekannt wegen ſeiner Grauſamkeit gegen die Chriſten, als wegen ſeiner Schlauheit, Kuͤhnheit und Tuͤchtigkeit in der Schlacht war. 4 Nie war in dieſen Gegenden eine ſo große Anzahl Krieger auf einmal geſehen worden. Ihre Staͤrke war ſo bedeutend, daß der alte Weſt⸗ hold meinte, der bloße Anblick einer ſolchen Heermacht muͤſſe hinreichend ſeyn, ſelbſt den mu⸗ thigſten Feind zuruͤckzuſchrecken. Obgleich er nicht geſinnt war, bei Lyndaniſſe, wo er ſich nicht auf einmal mit Vortheil ſeiner ganzen Staͤrke bedienen könne, eine Hauptſchlacht zu liefern, fand er doch die große, abgeſtufte * 230 Sandbank zu ſeinem Zwecke ſehr dienlich.— Er ließ ſie von oben bis unten ſo dicht mit Streitern beſetzen, daß der Eine dem Andern im Wege zu ſtehen ſchien. Auf gleiche Weiſe ließ er alle Huͤgel, an dieſem Theile der Kuͤſte ent⸗ lang, beſetzen, ſo daß man von dem Meere aus nichts anders, als nur glaͤnzende Helme und Spieſe erblickte, und das ganze Land wie ein einziger ungeheurer Wahlplatz, der nicht einmal Raum fuͤr den Feind uͤbrig hatte, erſchien. Oben am Berge, auf einem großen Feld⸗ ſteine, ſtand der alte große Heiden⸗Haͤuptling im kurzen Kleide von Baͤrenfell, am Arme einen plumpen eichenen Schild, mit einem kupferbe⸗ ſchlagenen Ochſenkopf geſchmuͤckt, und eine große Streitaxt in der Hand. Er war vor allen an ſeiner Kaͤmpengeſtalt und an dem rothen, flat⸗ ternden Hahne, den er wie der Goͤtze Radegaſt auf der zottigen Streithaube trug, zu erkennen. Der großen Streitaxt bediente er ſich ſowohl als Waffe wie als Befehlshaberſtab, und an ihrer Richtung gegen den Himmel oder gegen die Erde konnte jeder Krieger ſogleich erſehen, ob er vor⸗ 231 waͤrts oder zuruͤck gehen ſolle. Ihm zunaͤchſt ſtanden die Aelteſten der Eſten, und alle die jungen ſtarken Haͤuptlinge, unter welchen ein großer ſchöner Mann, mit einem ſchwarzen Loͤ⸗ wen auf der Streithaube, die Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Auf den Huͤgeln hielten die bar⸗ fuͤßigen Heidenprieſter ein greuliches Menſchen⸗ opfer von gefangenen Chriſten, und unter wil⸗ den, heulenden Geſaͤngen weiheten ſie die Schwer⸗ ter der Streiter in dem Blute der ungluͤcklichen Schlachtopfer. Drei Tage hindurch hatte das Heidenheer in dieſer Stellung Opfer angeſtellt und den Feind erwartet. Den vierten Tag ſtand die Sonne ſchon hoch am Himmel, und der alte Weſthold berieth ſich ungeduldig mit den Aelteſten und den Haͤuptlingen, und meinte, daß die große Flotte, die in der Oſt⸗See erblickt worden, ei⸗ nen andern Lauf genommen haben muͤſſe. Da ertönte es ploͤtzlich:„Da iſt ſie, da iſt ſie!“ Und nun gewahrten ſie eine Flotte mit einem großen Wald von Maſten in die finniſche Bucht mit ſchwellenden Segeln hineinſteuern.! 232 „Wie viele Schiffe meinſt Du wohl, daß dort ſeyn koͤnnen? Kyriavan!“ fragte der Feld⸗ herr den jungen Haͤuptling mit dem Löwen an der Streithaube, nachdem er Befehle ertheilt und nun die Flotte gerade auf Lyndaniſſe los⸗ ſteuern ſah. „Alles mitberechnet,“ entgegnete der junge Haͤuptling,„mag es wohl gegen die tauſend Fahrzeuge ſeyn, doch beinahe die Haͤlfte ſind nur klein.“ „Kannſt Du gewahren, ob das Köͤnigs⸗ ſchiff mit iſt?“ fragte der Feldherr weiter. „Ich ſehe ein großes Langſchiff mit einem ver⸗ goldeten Drachen am Vorderſteven und mit pur⸗ purrothen Segeln.“— „Das iſt der Drache des alten Wolmars,“ ſagte Weſthold,„dann iſt der Koͤnig ſelbſt mit und wir ſchrecken ſie nicht vom Lande hinweg. Nur nicht zu raſch, Kyriavan! Sind wir auch zehn gegen Einen, es nutzt uns hier nicht, und wer nur einen Schritt vorwaͤrts ſchreitet, wenn ich zuruͤckgerufen, den laſſe ich wie einen Chri⸗ ſtenhund lebendig aufſchneiden.“ 233 „Bei meinem ſchwarzen Gott!“ ſagte Ky⸗ riavan ſinſter, das Löwenbild beruͤhrend,„duͤrfte ich nur ſchalten,— kein Daͤne ſollte lebendig ans Land kommen. Doch Ihr verſteht es beſſer, geſtrenger Haͤuptling.“ „Entweder ſollen ſie alle entfliehen, ehe meine Streitaxt ſich ſenkt,“ rief Weſthold, „oder ſie ſollen alle hier bleiben und von un⸗ ſern Raben verzehrt werden; verſtehſt Du mich jetzt? b Im Drachenſteven des Konigsſchiffes ſtand Waldemar in ſeiner goldnen Ruͤſtung, zwiſchen dem Erzbiſchof Andreas und dem Biſchof Peder, und ſah erſtaunt die feindliche Kuͤſte an, die in der Mittagsſonne von unzaͤhlichen Helmen und Spieſen blinkte. Nie hatte er eine groͤßere Anzahl Feinde vor ſich geſehen, und zum erſten Male in ſeinem Leben verließ ihn die Ruhe und Beſonnenheit, womit er ſonſt unverzagt dem uͤberlegenſten Feinde entgegenſchritt. Er ſchwieg, und ſahe viele ſeiner kuͤhnſten Streiter blaß werden; ſelbſt in den muthigen Zuͤgen des Gra⸗ fen Albert erblickte er eine Spannung und ein 234 Erſtaunen, welche bezeugten, daß er eine Landung hier fuͤr unmoͤglich hielte. „Verdammt!“ rief endlich der Koͤnig, das Verdeck ſtampfend.„Iſt es Zauber oder Blend⸗ werk des Teufels, oder haben die Heiden der ganzen Welt ſich hier verſammelt, um unſerer zu ſpotten? Alle Segel herunter! hier waͤre es ja Tollheit, landen zu wollen; die Segel her⸗ unter!“ Der Befehl des Koͤnigs wiederhallte nun von Schiff zu Schiff; die Segel ſanken langſam herab und die ganze Flotte lag ſtill. Ein wildes, heulendes Hohngeſchrei toͤnte bei die⸗ ſem Anblick von der Kuͤſte her, und unter einem betaͤubenden Geraͤuſch von den unzaͤhligen Streit⸗ aͤrten und Schilden wurden auf allen Huͤgeln lange Stangen mit den blutigen Koͤpfen der hin⸗ geopferten Chriſten aufgeſteckt. Der Koͤnig und alle ſeine Mannen ſtanden ſchweigend voller Unmuth da. Der Biſchof Pe⸗ der ging unruhig auf dem Verdecke auf und nie⸗ der, und wuͤnſchte nur, ſeinem lodernden Ei⸗ fer Luft geben zu duͤrfen. Erzbiſchof Andreas ſtand indeſſen mit gefalteten Haͤnden und ſchien zu beten. ——— ————— — 23⁵ „Nun was meint Ihr? frommer Herr!“ unterbrach endlich der Koͤnig ſeine ſtille An⸗ dacht mit barſcher Stimme.—„Hier iſt ein guter Rath beſſer als das beſte Gebetbuch.“ „Meine Seele iſt ſtill vor Gott,“ erwie⸗ derte feierlich der Erzbiſchof.„Denn auf ihm ruhet meine Erwartung. Iſt er Euer Felſen, Herr Koͤnig, ſollt Ihr nicht wanken! Er wird um der Ehre ſeines Namens willen uns helfen und erretten, und uns unſere Suͤnden um ſeines Namens willen erlaſſen.“ „Es iſt jetzt keine Zeit von unſern Suͤn⸗ den zu predigen, hochwuͤrdiger Herr!“ ver⸗ ſetzte der Koͤnig ungeduldig.—„Sagt mir nur, ob Ihr meint, daß wir hier landen konnen?“ „Druͤckt keine ſchwere Suͤnde Eure Seele, Herr Koͤnig!“ fuhr der Erzbiſchof, ohne an die Heftigkeit des Königs ſich zu kehren, in demſelben Tone fort:„Duͤrft Ihr Eure Hand auf das Herz legen und ſagen: um des Reiches Gottes und ſeiner Ehre willen habe ich das Schwert gezogen, ſo legt in Gottes Namen an's Land; 236 und Der, welcher unſere Staͤrke iſt, wird uns nicht zu Schanden machen vor den Feinden, und zum Geſpoͤtt unter den Heiden.“ 4 „Wer iſt rein und gerecht vor Gott?“ aͤu⸗ ßerte der Koͤnig bedenklich.—„Braucht es hier ein Heer ohne Suͤnde, um den Sieg zu gewinnen, ſo haͤtte ich Heilige zu Lanzentraͤgern und die Engel Gottes zu Reiſigen ausſchreiben muͤſſen. Was meint Ihr, Biſchof Peder?“ „Vor Gott ſind wir alle Miſſethaͤter!“ rief der eifrige Biſchof, und ſtieg auf eine Ruderplatte, um beſſer von allen gehoͤrt zu werden.„Wollte der Herr mit uns wegen unſerer Uebertretungen richten, muͤßten wir alle vergehen und vertilgt werden; allein der lebt, durch den wir gerechtfertigt wor⸗ den, und durch ihn werden wir leben und ſiegen. Seht! dort ſtehen ſie, die Veraͤchter des goͤttlichen Wortes und des göttlichen Namens, dieſe heid⸗ niſchen Ungeheuer, die unſere Bruͤder getoͤdtet, und chriſtliche Herzen zur Ehre ihrer blutigen Goͤtzen zerfleiſcht haben; dort ſchwingen ſie die Haͤupter unſerer Bruͤder an ihren Spieſen. Sollten wir einen ſolchen Anblick dulden und weichen? Zaͤhlt nicht die Armee der Feinde, fragt nicht nach 237 ihrer Staͤrke! Legt ans Land im Namen Gottes und aller Heiligen, Herr Koͤnig! Ich ſage mit dem hei⸗ ligen Saͤnger: die Gottloſen haben das Schwert gezogen und den Bogen geſpannt, ſie zu toͤdten und zu ſchlachten, die in Glauben wandeln; doch was vermag Fleiſch gegen uns, wenn der Geiſt mit uns iſt? Ihre Schwerter ſollen die eige⸗ nen Herzen ſuchen, und ihre Knochen zerbrochen werden; ſie ſollen werden wie Spreu vor dem Winde, und die Engel des Herrn ſollen ſie hinwegſtoßen; ihr Weg ſoll dunkel und ſchluͤpf⸗ rig werden, und der Engel Gottes ſoll ſie ver⸗ folgen. Allein unſre Seele wird ſich in dem Herrn und durch ſein Heil erfreuen.“ „Amen!“ ſagte der Erzbiſchof, und der Koͤ⸗ nig und alle Krieger wiederholten es. Biſchof Peder war kuͤrzlich von einer ſchweren Krankheit erſtanden; ſein Antlitz war bleich, wie das eines Sterbenden; allein ſeine Augen funkelten, und ſeine Stimme war gewaltig, als ſpreche ein pro⸗ phetiſcher Geiſt durch ſie ſich aus. „So recht! mein muthiger Biſchof Peder,“ ſagte der Koͤnig nun froh und getroſt,„Ihr re⸗ det wie ein tuͤchtiger Mann Gottes und Euren 238 Worten will ich vertrauen! Die Segel auf, ans Land!“ gebot er nun mit gewaltiger Stimme, und unter allgemeinem Jauchzen wurden die tauſend Segel hinaufgezogen. Die Flotte ſteuerte gerade — auf das Ufer los, und warf Anker. Unter ei⸗ nem ſteten Regen von Pfeilen landete das Heer mit den Ruderſchiffen, waͤhrend der Feind auf den Befehl des Feldherrn ſich plöͤtzlich von der Kuͤſte zuruͤckzog, und Waldemarn zu ſeinem Er⸗ ſtaunen ungehindert ſeine ganze Mannſchaft aus⸗ ſchiffen und die Huͤgel an der Bucht beſetzen ließ. „Stuͤrme nun ſogleich die Schanze mit Dei⸗ nen Friſen, mein kuͤhner Otto“ rief Waldemar dem Neffen zu, ſobald das Heer ins Land ge⸗ ſtiegen war. Mit Freude uͤbernahm Otto das wichtige Geſchaͤft. Nun wandte ſich der Koͤnig an Graf Albert. „Der Feind ſcheint uns in eine Falle locken zu wollen,“ aͤußerte er;„denn aus Furcht hat er ſich kaum zuruͤckgezogen. Sobald die Schanze unſer iſt, ſoll ſie erweitert und ſtark befeſtiget werden, um uns und der Flotte den Ruͤckzug zu decken. Wir wollen nicht vorſchnell ſeyn, Albert. Hier wollen wir ſogleich Lager ſchlagen⸗ 239 Carl von Riſe und Abſalon Balg moͤgen indeſ⸗ ſen die Bewegungen des Feindes erforſchen.“ Abſalon Balg war ſogleich bei der Hand; er ſchwang ſich ſchnell auf ſein Pferd, um Carl von Riſe aufzufinden„ allein er ſuchte ihn lange vergebens. Unter dem ſteilen Berge am Ufer war eine tiefe Sandgrube, die eine geraume Hoͤhle bildete; dieſe abgelegene Stelle hatte Biſchof Peder gleich zur Wohnung gewaͤhlt, und Carl von Riſe war ihm behuͤflich geweſen, ihm ein Strohlager dort zu bereiten, und die wenigen Beduͤrfniſſe, die er wuͤnſchte, von dem Schiffe zu bringen. Hier erblickte endlich Abſalon mit Verwunderung Carls Schimmel vor der Hoͤhle ſtehen, und ihn ſelbſt, mit einem ſo wunderbar feierlichen Antlitz, als haͤtte er Geiſter geſehen oder himmliſche Offen⸗ barungen gehabt, aus derſelben heraustreten. Sobald Ritter Carl den Befehl des Koͤnigs vernahm, kam er ſogleich zur Beſinnung, und ſchwang ſich auf ſeinen Gaul, ohne ein Wort zu ſagen. Waͤhrend nun Graf Otto muthig und gluͤck⸗ lich mit ſeinen derben Friſen die feindliche Schanze 240 ſtuͤrmte, und der uͤbrige Theil des Heeres Zelte aufſchlug und das Lager mit Pfaͤhlen und Raſen⸗ ſtuͤcken verſchanzte, ritten Carl von Riſe und Abſalon Balg einen hohen Berg hinauf, von dem ſie meinten, die ganze Gegend uͤberſehen zu kon⸗ nen. Es war ein ſchoͤner Sommerabend im Juni, rings um ſie war es oͤde und ſtill; kein Menſch war zu ſehen, und die Abendſonne be⸗ ſchien friedlich das von den Kriegern zertretene Gras der feindlichen Ebenen. Ritter Carl ritt noch immer gedankenvoll und ſtumm; Abſalon harrte ungeduldig, daß ſein Be⸗ gleiter ihm das Sonderbare mittheilen wuͤrde, das ihm begegnet zu ſeyn ſchien. „Habt Ihr Engel oder Teufel in der Hoͤhle gefunden, aus der Ihr heraustratet, Ritter Carl!“ fragte er endlich.„Ihr habt ja die Sprache da drinnen verloren, und ich koͤnnte mit einem hoͤlzernen Götzenbilde eben ſo gut auf Kundſchaft reiten.“ „Ich war bei dem frommen Biſchof Peder,“ gab Carl zur Antwort.„Er will als Einſied⸗ ler in der Hohle leben, waͤhrend das Lager bei Lyndaniſſe ſteht. Das iſt ein wunderbarer 241 Mann, und es darf Euch nicht wundern, daß eine Unterredung mit ihm einem Laien genug zu denken geben kann. „Biſchof Peder!“ wiederholte Abſalon.„Ja, wollt Ihr klug aus ihm werden, da habt Ihr freilich genug zu denken; ich denke, daß er nur alle zuletzt toll macht; ich habe ihn nie ſo ſon⸗ derbar geſehen, wie in dieſer Zeit. Er ſieht ja aus wie ein Todter, der aus dem Grabe erſtan⸗ den iſt, und jedes Wort, das er ausſpricht, macht einen Eindruck auf den Koͤnig und uns alle, als ſey er ein Geiſterſeher oder Prophet. Er ſoll in ſeiner Krankheit geſagt haben, daß er in fuͤnf Jahren todt geweſen, allein daß er ſich von Gott erbeten, in den Leichnam zuruͤck⸗ kehren zu duͤrfen, um dieſem Kreutzzug beizu⸗ wohnen.“ „Was er auch in der Hrankheit geſagt oder nicht geſagt hat,“ entgegnete Carl,„ſo weiß ich doch gewiß, daß weder Meiſter Harfenſaite noch Jemand von uns waͤhrend unſers ganzen⸗Le⸗ bens ſo klug wie er wird. Seinen Bruder, den Erzbiſchof, und Abt Gunner in Hm abgerechnet, III. 16 5 4 242 giebt es keinen ſo gelehrten Mann in ganz Daͤnemark.“ „Er mag ſo gelehrt ſeyn wie er will,“ ver⸗ ſetzte Abſalon,„„ ſo gebe ich doch nicht viel auf ſeinen Verſtand, wenn er im Mondſchein den Engel an St. Luciens Thurmſpitze in Roeskild mit dem Schwerte drohen, oder wenn er, wie vor kur⸗ zem in Ebelholt, Kloſter⸗Kerzen und himmliſche Fackeln auf Abt Wilhelms Grabe leuchten ſehen kann. Seitdem er ſo uͤbel von der Schlacht bei Lene kam, hat er wohl aus Reue und Buße uͤber ſeine Kraͤfte hinaus gewacht und gefaſtet, und es iſt kein Wunder, wenn er jetzt ſo viele Sonnen und Monde, wie es ihm beliebt, am Himmel ſieht.“ „Dem ſey wie ihm wolle,“ meinte Carl,„er iſt ein frommer und gottesfuͤrchtiger Mann, und ſollte Jemand wuͤrdig ſeyn, himmliſche Erſcheinun⸗ gen und Offenbarungen zu haben, weiß ich Nie⸗ mand, von dem ich es lieber glauben koͤnnte, als von ihm.“ „Aber zum Henker, das iſt ja eben die Toll⸗ heit,“ eiferte der dicke Ritter;„er waͤhnt ja, des Königs Schutzgeiſt zu ſeyn, und daß derſelbe dem ½ 243 Koͤnig den Ruͤcken kehrt, wenn er ſich von ihm trennt; er will ja des Koͤnigs Geſchick in einem Buche geleſen haben, das kein anderer als er ge⸗ wollt zu öffnen gehabt, und was der alte Saxo in ſeiner Todesſtunde ihm anvertraut haben ſoll.“ „Nichts mehr von ſolchen dunkeln und wun⸗ dervollen Dingen, edler Ritter!“ unterbrach ihn Carl unruhig.„Es iſt nicht gut, uͤber das zu gruͤbeln, das unſern Verſtand uͤberſteigt. Hier muͤſſen wir die Augen bei uns haben, und nicht vergeſſen, weshalb wir ausgeſchickt ſind.“ „Hier iſt noch kein Feind zu ſehen,“ nahm Abſalon Balg das Wort wieder, ſich nicht wenig uͤber Carls Unruhe und den geheimnißvollen Ernſt wundernd, womit er das Geſpraͤch zu unterbrechen ſuchte!„Allein ich habe noch nicht erfahren, was unſer neuer Einſiedler Euch in ſeiner Hoͤhle vorge⸗ predigt hat. Als Ihr von ihm heraustratet, ſollte man meinen, daß Ihr in dem ſiebenten Himmel geweſen. Er hat Euch doch wohl keine ſeiner frommen Grillen in den Kopf geſetzt? Huͤtet Euch, Ritter Carl! Die Grillenfaͤngerei ſoll leicht an⸗ ſtecken koͤnnen; ich habe lange gemerkt, daß Ihr zu leichtglaͤubig ſeyd. Ihr habt als Kind ſo viele 16* 244 Mirakel und Maͤhrchen von dem alten Saxo ver⸗ nommen, daß die wunderbarſten Dinge Euch wahrſcheinlich und natuͤrlich erſcheinen.“ „Mit Erlaubniß, guter Ritter!“ verſetzte Carl heftig.„Es iſt thoͤrichter Verſtand und alberner Hochmuth, die Euch und allen altklugen Leuten plaudern laſſen, daß nichts wahr und wirklich iſt als das, was Ihr mit den Haͤnden ergreifen könnt. Glaubte ich nicht ſchon in dieſer Welt eine hoͤhere Natur, und einen innigeren Zuſammenhang zwi⸗ ſchen Geiſt und Koͤrper, zwiſchen dem Himmliſchen und dem Irdiſchen, als den, welchen wir taͤglich vor Augen ſehen, zu vernehmen, ſo wuͤrde alles, was ich in der Welt hoͤre und ſehe, nur wenig An⸗ ziehendes fuͤr mich haben. Was Biſchof Peder mir anvertraut hat, will ich Niemanden und am allerwenigſten Euch mittheilen. Ihr werdet nur daruͤber lachen und ſpotten, oder wohl gar uͤber mich wie uͤber dem frommen Biſchof mitleidig den Kopf ſchuͤtteln, und meinen, daß ich nicht recht bei Sinnen ſey.“ „Jetzt muß ich es wiſſen!“ meinte Abſalon, und verwendete ſeine ganze Beredſamkeit, um Carls Vertrauen zu gewinnen. Er ſtellte ſich e —— 245 zuletzt, als waͤre er geneigt, des Biſchofs Eifer und Begeiſterung fuͤr dieſen heiligen Zug fuͤr eine Art goͤttlicher Eingebung zu halten. „Wenn Ihr mir auf Ritterehre es zu ver⸗ ſchweigen verſprecht,“ ſagte endlich Carl, dem Drange, ſich mitzutheilen, nachgebend, ſo kann es wohl eben nicht ſchaden, daß Ihr es wißt. Abſalon verſprach ihm die tiefſte Verſchwie⸗ genheit. 4 „So wiſſet denn,“ verſetzte Carl geſpannt und warm,„es ſteht uns ohne Zweifel ein großes Unheil bevor; doch wenn wir Buße und Poͤni⸗ tenz thun, wird der Herr uns ein Zeichen in der Noth ſchicken; nur dadurch koͤnnen wir ſie⸗ gen, und ich,“ er hielt errathend inne,„glaubt nur nicht, daß es Hochmuth ſey, ich fuͤhle nur zu tief, welch ein geringes und unwuͤrdiges Werk⸗ zeug ich ſey, ich bin zu einem Werkzeug der Errettung fuͤr Viele auserſehen, in ſo fern ich demuͤthig und fromm dem Winke gehorche, und auf das Zeichen von oben Acht gebe.“ „Nehmt mir meine unmaßgebliche Meinung nicht uͤbel, Ritter Carl!“ wandte Abſalon Balg ein, indem er ſich Muͤhe gab, ein Lächeln zu 246 verbergen.„Entſchlagt Euch ſolcher Gedanken, und laßt uns auf keine andere Zeichen und Wun⸗ der vertrauen, als die unſer gutes Schwert, un⸗ ſere Treue gegen den Koͤnig und unſer Eifer fuͤr das Chriſtenthum auf eine ehrliche und natuͤr⸗ liche Weiſe hervorrufen können.“ „Ich ſchaͤtze Euren nuͤchternen Verſtand und Eure ritterliche Tuͤchtigkeit ſehr hoch,“ ſagte Carl verdrießlich,„doch muß ich geſtehen, daß ich Euch nicht den mindeſten Verſtand auf geiſtliche Dinge zutraue. Es aͤrgert mich nur, daß ich durch meine Offenheit mich Eurer Geringſchaͤtzung und mitleidigem Spotte bloßgeſtellt habe! Immerhin, wir wollen bald erfahren, wie viel Eure Tuͤch⸗ tigkeit und weltliche Klugheit, ja wie viel alle menſchliche Gewalt vermag!“ Mit dieſen Worten ſpornte Carl ſeinen Schim⸗ mel an, und ſprengte mit verhaͤngten Zuͤgeln den Berg hinauf, von dem er bei den letzten Strahlen der untergehenden Sonne die Gegend uͤberſchaute. Ein großer Wald begrenzte die Ausſicht gegen Suͤden, und vor dem Walde entdeckte ſein ſcharfes Geſicht einen feindlichen Vorpoſten. 1 4. 297 „Ihr hattet Recht,“ rief plöglich Abſalon Balg, und holte ihn ſchnell ein,„wir haͤtten die Augen bei uns haben und nicht von Mira⸗ keln und Zeichen ſchwatzen ſollen.— Seht ein⸗ mal zuruͤck, Ritter Carl!“ Carl wandte ſich ſchnell um, und bemerkte mit Erſtaunen zwei Haufen feindlicher Reiter, die von entgegengeſetzten Seiten hinter ihnen einan⸗ der entgegen ſprengten, und ihnen ſchon den Ruͤckweg abgeſchnitten hatten. „Entweder muͤſſen wir uns ergeben, oder uns niederhauen laſſen,“ ſprach Abſalon. „Oder uns mannhaft durchſchlagen,“ ſagte Carl und zog ſein Schwert. „Waͤre ich ſo feſt, wie Ihr, in dem Wun⸗ derglauben, wuͤrde ich es fuͤr moͤglich halten,“ verſetzte Abſalon, eben ſo ſein Schwert ziehend. „Das iſt wohl das Unheil, das uns gewahr⸗ ſagt iſt. Seht nur zu, daß Ihr das Zeichen entdecket, das uns aus dieſer Klemme hilft, dann will ich glauben, daß Ihr ein Wunder⸗ thaͤter ſeyd. „Kein Hohn! Herr Ritter! wenn uns nicht der Feind im ſchmaͤhlichen Streite antreffen ſoll! 2 248 Laßt uns in Gottes Namen thun, was wir koͤn⸗ nen! Muͤſſen wir unterliegen, wird nichts mehr von uns auf dieſer Welt erheiſcht. Dann muͤſ⸗ ſen Andre das vollfuͤhren, deſſen wir nicht wuͤr⸗ dig geweſen.“ Mit dieſen Worten ſprengte Carl gegen die geſchloſſene Reiterlinie des Feindes, ohne um ſich zu ſehen, ob ſein Waffenbruder ihm folgte oder nicht.— Bald aber ritt Abſalon faſt athemlos an ſeiner Seite, und das muthige Un⸗ ternehmen war nahe daran, zu gelingen. Zwei feindliche Reiter ſtuͤrzten vor dem erſten hefti⸗ gen Anfalle, und die Linie war gebrochen. „Jetzt raſch vorwaͤrts!“ rief Abſalon, und ſpornte ſeinen leichten Hengſt.— Allein Carl ſchaͤmte ſich, dem Feinde den Ruͤcken zu kehren. In unbaͤndiger Kampfluſt wandte er ſeinen Gaul. Abſalon Balg fluchte ihm zwar, aber kehrte auch um und ſprengte ihm zu Huͤlfe. Noch ein feindlicher Reiter fiel; aber in demſelben Augen⸗ blicke waren die zwei vermeſſenen Ritter von hun⸗ dert angelegten Spieſen dicht umgeben.— Sie waͤren ohne Zweifel von allen Seiten durch⸗ bohrt worden, wenn nicht eine ſtarke maͤnnliche 249 Stimme einige ihnen unverſtaͤndliche Worte ge⸗ rufen, indem der junge Heiden⸗Haͤuptling auf den ſchwarzen Löwen an ſeiner Streithaube ge⸗ zeigt hatte. „Wir ergeben uns auf Treue und Glau⸗ ben!“ rief Abſalon, dem feindlichen Haͤuptling ſein Schwert uͤberreichend. Carl biß ſich unmu⸗ thig in die Lippe, und verlor das Schwert aus der verwundeten Hand. Auf einen Wink des Haͤuptlings waren ſie in einem Augenblicke gebunden. „Vergoͤnnt uns der Schwarze Sieg, ſoll er Euch mit Haut und Haar haben!“ rief der wilde Kyriavan.„Ihr ſeyd ein ſtolzeres Opfer, als hundert Ochſen.“ Die gefangenen Ritter erbleichten; und mit⸗ ten in der Reiterſchaar mußten ſie nun dem Haͤuptling mit dieſer in den Wald folgen. Das Ausbleiben der beiden Ritter bekuͤm⸗ merte den Koͤnig ſehr, und eine noch groͤßere Anzahl Ritter wurde ausgeſchickt, um die Ge⸗ gend und die Stellung des Feindes auszukund⸗ ſchaften. Der Erzbiſchof und Biſchof Peder wa⸗ ren beſonders wegen Carl von Niſe unruhig, und 2⁵0 der Letztere von Beiden ſchloß ſich ſchweigend und bedenklich in ſeine Hoͤhle ein. Die Schanze war eingenommen und befeſtigt, und der Koͤnig entſchloß ſich, weiter in das Land vorzuruͤcken, da noch kein Feind ſich ſehen ließ. Indeſſen gingen einige Tage mit Berathſchlagun⸗ gen und Zubereitungen hin. Eines Morgens, da Alles zum Aufbruche bereit war, wurde eine große Geſandtſchaft von den Aelteſten der Eſten angemeldet. Der Koͤnig, der ſich ſo eben in dem Zelte des fortgejagten Biſchofs Theodorich befand, empfing ſie dort, und hoͤrte mit Ver⸗ wunderung und Freude ihren Antrag. Sie ver⸗ ſprachen naͤmlich voͤllige Unterwerfung und ver⸗ langten die Taufe. Der Erzbiſchof und mehrere andere Biſchoͤfe tauften ſie gleich mit großer Freude am Strande, wohin der Koͤnig ſelbſt und ſeine vornehmſten Haͤuptlinge und Ritter ihn begleitet hatten. Allein Biſchof Peder trat aus ſeiner Höhle heraus und ſchuͤttelte bedenklich den Kopf.— Er wollte Niemanden von ihnen tau⸗ fen, ſondern naͤherte ſich dem Koͤnig und fluͤ⸗ ſterte ihm in's Geheim in's Ohr. Allein der Koͤnig kehrte ſich nicht daran, denn der eifrige 251 Biſchof kam ihm alle Tage raͤthſelhafter und ver⸗ wirrter vor. 1 Die ausgeſandten Heiden hatten in dem Na⸗ men ihrer Landsleute völlige Unterwerfung, all⸗ gemeine Taufe und die Zuruͤckſendung der zwei gefangenen Ritter verſprochen; ſie beſtaͤtigten dies Verſprechen, unter vielen wunderlichen Gebehr⸗ den, mit einem Eide, waͤhrend ſie Steine uͤber ihre Haͤupter hinter ſich in's Waſſer warfen. Dann wurden ſie mit reichen koͤniglichen Ge⸗ ſchenken entlaſſen. Biſchof Peder folgte den Abziehenden in eini⸗ ger Entfernung, und bemerkte, was er vermuthet hatte, daß ſie bei der erſten Quelle, auf die ſie trafen, die Koͤpfe ſorgfaͤltig abwuſchen; dies war ihm ein untruͤgliches Zeichen, daß ſie nur in einer ſchlauen, verraͤtheriſchen Abſicht das chriſtliche Lager beſucht, und nur ſcheinbar die Taufe an⸗ genommen hatten, die ſie wieder abzuwaſchen ſich ſehr beeilten. Er zoͤgerte auch nicht, dem Koͤnig und dem Grafen Albert Kunde davon zu geben; doch ſein ganzes geheimnißvolles, eifriges Beneh⸗ men beſtaͤrkte ſie nur noch mehr in der ſchon von ihm angenommenen Meinung, daß er finnver⸗ 2⁵52 wirrt ſey, und fie maßen der Warnung keinen Glauben bei. Da redete er dem Koͤnig mit har⸗ ten und vermeſſenen Worten aus Jeremias zu, und kehrte als ein drohender Ungluͤcksprophet nach ſeiner Hoͤhle zuruͤck. Am Abend des folgenden Tages waren die gefangenen Ritter noch nicht zuruͤck, und von dem Feinde hatten ſie nichts weiter gehoͤrt noch geſehen. Der Koͤnig hielt Kriegsrath in ſeinem Zelte; aber im Lager that die Mannſchaft ſich guͤtlich und hielt den ganzen Feldzug ohne Schwertſchlag ſo gut als beendet. In einem der groͤßten Zelte ſaßen Swend Starke und Bruder Altlein beim Bierkruge un⸗ ter ſeelaͤndiſchen Reiſigen, geharniſchten Strei⸗ tern und Bogenſchuͤtzen. Es ward von Kaiſer Otto's Flucht und von ihrem Zweikampfe mit den zwei kaiſerlichen Rittern geſprochen. Alle lobten des Koͤnigs Mannhaftigkeit und Ta⸗ pferkeit. „Was meint Ihr denn von der Koͤnigin?“ nahm Bruder Altlein das Wort;„noch habe ich nie ein ſo herrliches und mannhaftes Weib 253 geſehen! Die Kaiſerlichen hatten, traun! mehr Furcht vor ihr, als vor uns Allen zuſammen.“ „Das iſt kein Wunder!“ fiel ein alter Rei⸗ ſiger ein;„wer fuͤrchtet ſich nicht vor ihr? der boͤſe Feind guckt ihr ja leibhaftig aus den ſchwar⸗ zen Augen heraus. Habt Ihr nicht vernommen, was ſie mit dem König den Morgen nach der Hochzeit ſprach, und was alle Leute in Daͤne⸗ mark von ihr ſingen?“ Mit dieſen Worten er⸗ griff er den Krug und ſtimmte an:*) Ganz fruͤh am Morgen, eh' Tag es war, Sie ſtellte zur Morgengab' ſich dar: Gieb, Herr! mir Semſoe, die ſchoͤne Au', Und'ne gold'ne Kron' von jeder Jungfrau. Wehe dann werde ihr, Beengierd! „Halt's Maul mit dem dummen Schimpf⸗ lied!“ rief Bruder Altlein;„das hat ja der bucklichte Klaus Klumpe gemacht, weil er nicht ſogleich Geld und Gut fuͤr ſeine Poſſen bekam.“ „Singt mir das Lied!“ rief ein ganzer Haufen ſeelaͤndiſcher Reiſiger.„Das Lied iſt **) Aus den daͤniſchen Liedern aus dem Mittelalter. 254 gut genug. Sie hat kein beſſeres verdient; was gab denn der Koͤnig zur Antwort?“ „ Der König ſagte: Nein!“ fuhr der Alte fort,„er redete den armen Jungfrauen ein gu⸗ tes Wort; allein das Weib hielt an, ihn zu plagen.“ Und nun ſang er weiter: „Mein lieber Herr, Du mußt es drauf wagen, Laſſe die Frauen nicht Scharlach tragen; Mein Herr, eine Bitte Du mir gewaͤhre: Der Bauerſohn reite nur elende Maͤhre! Wehe dann werde ihr, Beengierd!“ „Schande uͤber ſie! wenn ſie uns unſere gu⸗ ten Pferde abnehmen wollte. Schande uͤber ſie und Verderben!“ riefen die Reiſigen unter ein⸗ ander, und wiederholten den Schlußreim.— „Weiter! was ſagte denn der Koͤnig dazu?“ „Er ſagte: Nein!“ verſetzte der Alte,„und redete den Frauen und den Bauern ein gutes Wort; allein das Weib fuhr fort, ihn zu quaͤ⸗ len. Sie wollte das ganze Land mit eiſernen Ketten geſperrt haben, damit keine Seele weder herein noch hinaus kommen köoͤnnte, ohne des Zolles wegen gedruͤckt zu werden; und zu dem 2⁵⁵ Zwecke ſollte der arme Bauer Holz und Kohlen herbeifahren und die Buͤrger die Schmiede in Ribe bezahlen; allein ſo ſchlug der Koͤnig mit geballter Fauſt in das Bettgeſtelle, daß es unter ihnen bebte.“ Nun ſchlugen die halbbetrunkenen Reiſigen in den Feldtiſch und ſangen: „Mein Vater war ein Koͤnig ſo gut— Er hatte einen Vater von Koͤnigsblut; Kein daͤniſcher Koͤnig laͤßt ſo ſich beruͤcken, Sie moͤgen nicht Bauer und Buͤrger gleich druͤcken!“ „Das war wohlgeſprochen vom Koͤnig! Es lebe König Waldemar! Ein Schelm, wer die Geſundheit nicht trinkt!“ riefen alle Reiſigen durch einander und leerten ihren Krug. „Die Geſundheit trinke ich mit aus Her⸗ zens Grunde,“ ſagte Bruder Altlein, und ließ nichts im Kruge uͤbrig.„Es lebe der Koͤnig, aber die Koͤnigin meiner Seele auch! und ſingt Ihr noch einen Schandreim auf die Koͤnigin Beengierd, bei allen Engeln und Teufeln, dann habt Ihr es mit mir zu thun, wenn ich mich auch mit hundert Hallunken herumſchlagen muͤßte.“ Dabei ſtellte er den Krug ſo derb auf den Tiſch hin, daß er entzwei brach. 256 „ Kehre Dich nicht an den verlaufenen Moͤnch, Gefaͤhrte!“ rief ein ſtarker junger Geharniſchter, und erhob ſich;„die friſiſchen Prahlhaͤnſe ſollen uns weder das Singen noch Trinken verwehren!“ „Singe! Singe!“ riefen alle Reiſigen und Bogenſchuͤtzen, ſich ſtuͤrmiſch erhebend. „Ja! wo bin ich nun ſttecken geblieben?“ ſagte der alte Reiſige etwas bedenklich, und warf einen ſchielenden Blick auf Bruder Altlein und Ssowoend Starke, die mit einander fluͤſterten und die tuͤchtigen Faͤuſte ballten. „Pfui Teufel, Kampfgenoſſe! Darfſt Du nicht mehr ſingen?“ rief der junge haͤndelſuͤchtige Geharniſchte;„ſind wir doch hier ſo viele See⸗ laͤnder, und laſſen uns von einem Paar Friſen lumpen? Darfſt Du nicht, dann darf ich: wollt Ihr wiſſen was die Koͤnigin ſprach, ſo hoͤrt nur.“ Und nun ſang er mit nachaͤffender Stimme: 3 Lieber Herr, was ſoll mit mehr der Bauerſohn! 71* Als Thor von Geſchlecht und Wand von Thon; Was ſoll der Bauer mit mehr dazu Außer einem Ochſen und einer Kuh! Wehe dann werde ihr, Beengierd!“ 257 Kaum aber hatte der junge Geharniſchte dieſe Reime geſungen, als er, von einem ſchweren Bierkruge an die Stirn getroffen, zu Boden ſtuͤrzte. In demſelben Augenblicke ſprangen Bru⸗ der Altlein und Swend Starke uͤber den Tiſch hinweg mitten unter die Reiſigen, und es ent⸗ ſtand eine ſo ernſtliche Schlaͤgerei, daß die bei⸗ den friſiſchen Kaͤmpen, ihrer Staͤrke und Ge⸗ wandtheit ungeachtet, nahe daran waren„ todt⸗ geſchlagen zu werden, wenn ſie nicht ſchnellen Entſatz von ihren Landsleuten und Gefaͤhrten, die haufenweiſe hinzuſtuͤrzten und ſich in die Schlaͤgerei miſchten, bekommen haͤtten. Der Laͤrm, der dadurch im Lager entſtand, erreichte bald das Koͤnigszelt; und auf Befehl des Köͤnigs gelang es, obgleich nur mit Muͤhe, der Strenge des Grafen Albert, Ruhe und Manns⸗ zucht zuruͤckzurufen. Als die Schlaͤgerei endlich aufhoͤrte und einige Theilnehmer ſtrenge gezuͤch⸗ tigt worden, ſangen die ſeelaͤndiſchen Reiter den⸗ noch bis tief in die Nacht Schandlieder auf die Koͤnigin Beengierd, und der Koͤnig ſelbſt ver⸗ nahm mit bitterm Uinmuihen den gryüſſge Schlußreim: * III. 17 & 258 „Wehe dann werde ihr, Beengierd!“ oder wie einige ſangen: „Unheil ihr, Beengierd! Der Herrgott ſey mit dem Koͤnig!“ Waldemar gluͤhete vor Erbitterung, und ſein Unmuth war im Begriff, loszubrechen, da wie⸗ derhallte ploͤtzlich der Ruf:„Der Feind! der Feind!“ im Lager, und in demſelben Augen⸗ blicke entſtand eine ſo große Unordnung und Ver⸗ wirrung, daß es den Haͤuptlingen unmoͤglich war, ihre Mannſchaft zu ſammeln. Der Koͤnig ergriff ſeine Waffen und ſtuͤrzte aus dem Zelte. Es war eine finſtere, ſtuͤrmiſche Nacht; die Fak⸗ keln weheten aus. Von fuͤnf verſchiedenen Sei⸗ ten im Lager toͤnte ein Geſchrei des Entſetzens und Waffengeraͤuſch, und von allen fuͤnf Sei⸗ ten ſtuͤrzte der Feind mit heulendem Angriffsge⸗ ſchrei hervor. Der Koͤnig ſchwang ſich auf ſei⸗ nen Streithengſt, ſo auch die Grafen Albert und Otto. Er bemuͤhete ſich vergebens, die Ordnung im Heere hervorzurufen. Wenn der Feind auf einer Seite zuruͤckgetrieben wurde, drang er auf den vier andern immer tiefer hinein, und die Dunkelheit machte jeden geregelten Widerſtand N 259 unmoͤglich. Ein Haufen Heiden, von jenen ver⸗ raͤtheriſchen Ausgeſandten gefuͤhrt, drang ſogar in das Zelt des Biſchof Theodorichs, wo ſie fruͤher den Koͤnig geſehen, hinein. Sie hielten es fuͤr das Zelt des Koͤnigs und ermordeten den Biſchof, in der Meinung, daß es der Koͤnig ſey. Sie ſchleppten die gemißhandelte Leiche mit ſich fort, indem ſie laut ausriefen:„Der Kö⸗ nig iſt gefallen!— König Wolmar iſt ge⸗ fallen!“ u. Als die Daͤnen dies vernahmen, wurde der Schrecken und die Verwirrung noch groͤßer. Von der vergeblichen Anſtrengung ermuͤdet, hielt der Koͤnig zuletzt ſeinen Gaul an, und ſah verzweifelnd gegen den dunkeln Himmel hinauf. „ Allerbarmender Gott!“ rief er,„verlaͤßt Du mich in dieſer Nacht des Ungluͤcks?“ „Noch iſt Errettung und Erbarmen dort oben, wenn Ihr Euch bekehrt, verblendeter Koͤ⸗ nig!“ tönte auf einmal eine wohlbekannte, kraͤf⸗ tige Stimme in ſein Ohr. Es war die des Bi⸗ ſchof Peders, der an ſeiner Seite auf einem ſchwarzen Hengſte, mit einer brennenden Fackel 17 ¾ 260 in der Hand, hielt; die ſchneeweißen Haare flat⸗ terten um ſein entbloͤßtes Haupt, ſeine blei⸗ chen Zuͤge waren grell von den Fackeln be⸗ leuchtet, und es loderte aus ſeinen Blicken ein Feuer, das den Koͤnig faſt entſetzte. „Der Herr widerſtehet den Hochmuͤthigen,“ ſagte der Biſchof mit hohler Stimme und ſchwang die funkenſpruͤhende Fackel;„nur den Demuͤ⸗ thigen iſt er gnaͤdig. Demuͤthiget Euch, Herr, vor dem Koͤnig der Koͤnige! Schwoͤret ihm Buße und Beſſerung zu.— Gelobet mir auf's Heiligſte, nie mehr dem Rathe der ſtolzen Been⸗ gierd zu folgen, oder das Volk uͤber Vermoͤgen zu druͤcken.— Gebt zuruͤck den Kirchenſchatz des heiligen Nicolaus, den Ihr mit unheiliger Hand, als ein vermeſſener Kirchenraͤuber, dem Heiligthume entwendet habt. 4 „Tod und Verderben! was erdreiſtet Ihr Euch zu ſagen, Wahnſinniger!“ ſchnaubte der Koͤnig erbittert, und erhob in ſeinem Unmuthe das Schwert gegen die bleichen Zuͤge und das weiße Haar des Biſcho. r, Um Gottes willen, bezaͤhmt Euren Zom Herr Konig!“ rief der Erzbiſchof Andreas, und 261 ritt in ſeinem erzbiſchoͤflichen Ornate zwiſchen Beide hinein.—„Legt nicht die Hand an den from⸗ men Diener des Herrn, der Euch die Wahrheit ſagt.— Auch ich muß es wiederholen: Der Herr hat, um Eurer Suͤnde willen, ſeine Hand von Euch genommen; und verſprecht Ihr nicht in dieſer Stunde Buße, muͤſſen wir ürwahr Alle zu Grunde gehen.“ „Um Gottes Tod, ſpricht denn ein böſer Geiſt aus Allen zuſammen?“ murmelte der Koͤnig; doch bald ſich faſſend, verſetzte er laut:„Es ſey, hochwuͤrdiger Herr; ich gelobe Buße und Bekehrung, wenn dem ſo ſeyn muß! Doch zu langer Poͤnitenz iſt hier keine Zeit.— Was iſt denn Euer Rath in dieſer Hölennarh und Verwirrung?“ „Es daͤmmert St. Viti uad„Modefi Tag 1) 3 nahm Biſchof Peder das Wort wieder.„Er ſoll merkwuͤrdig in Daͤnemarks Chronik werden;— doch nicht weniger St. Laurentii⸗Abend. Macht ihn, Herr König, zu einem Abend der Buße und des Faſtens fuͤr alle daͤniſche Maͤnner, *) Der 15. Juni. 262 von dem zwoͤlfjaͤhrigen Knaben an kbis zum abge- lebten Greiſe⸗“ „Es ſey! moͤgen ſie in Gottes Namen bis in die Ewigkeit faſten!“ ſagte der König unge⸗ duldig.„Allein, was kann das Alles i jetzt helfen?0 3 „Was das Licht des Herrn bewirken kann, werden bald Eure leiblichen Augen erblicken!“ entgegnete Biſchof Peder, gen Oſten zeigend, von woher der erſte Strahl der Daͤmmerung ſich uͤber das Lager verbreitete.„Schauet nur hieher, Herr Koͤnig! irre ich nicht, entflieht der Feind von dem Sandberge vor dem tapfern Witzlav.“ 1 „Von dieſem Berge werde ich unter Gebe⸗ ten Euch den Weg zum Siege zeigen!“ ſagte der Erzbiſchof ruhig, und faltete ſeine Haͤnde. „Allein dort fliehen meine daͤniſchen Reiſi⸗ gen! Fort!“ rief der König und wandte ſein Pferd.— „Nein, bleibt! Ich beſchwoͤre Euch, Herr König!“ rief Biſchof Peder mit einem Tone⸗ der den König unwillkuͤhrlich ergriff und ihn zu gehorchen zwang.—„Seht Ihr, wie die Eſten 263 inne halten.— Seht! dort fuͤhrt Graf Albert die Fluͤchtenden zuruck.— Da kommt Graf Otto mit den Friſen! Gebt dem Heere Zeit, ſich um Euch zu ſammeln, und verſaͤumt das Morgenge⸗ bet nicht! Bevor die Sonne aufgeht, iſt unſere Stunde nicht gekommen.“ „Um Gott! ſeyd Ihr ein Zauberer, frommer Herr!“ verſetzte der Koͤnig erſtaunt.„Ihr habt Recht! Jetzt kommt Ordnung in die Sache! Gelobt ſey der Herr!“ „In Ewigkeit; Amen!“ fuͤgte Biſchof Peder hinzu.„Allein, harret ſeiner, und hoͤrt mich an: Die Feinde ziehen ſich nur zuruͤck, um wie ein Meer zuruͤckzukehren; ſie haben uns in unſerer Schwaͤche geſehen, moͤgen ſie auch ſehen, wo wir unſere Staͤrke ſuchen.“ „Er hat Recht, Herr Koͤnig!“ fiel der Erz⸗ biſchof ein.—„Gebietet, vor dem Herrn nie⸗ derzuknieen und zu beten! Die Stunde geht nicht verloren, in der wir uns mit himmliſchen Waffen ausruͤſten.“ „Ich muß Euch wohl glauben, fromme Herren!“ entgegnete der Koͤnig, und ſobald nun das Heer geſammelt war, ließ er es in 264 Schlachtordnung außer dem Lager aufſtellen, und ohne ſich an das herausfordernde Hohngeſchrei des Feindes und ſein ſtarkes Vorruͤcken mit ſei⸗ nem unermeßlichen, immer wachſenden Gewim⸗ mel zu kehren, gebot er dem Heere, niederzu⸗ knieen und das gewöͤhnliche Fruͤhmette⸗Lied an⸗ zuſtimmen. Er ſelbſt ſtieg vom Pferde, und knieete mit dem Erzbiſchof Andreas und dem Biſchof Peder an der Spitze des Heeres.— Die ernſten, tie⸗ fen Pſalmentoͤne hallten gewaltig und feierlich zu dem rothen Morgenhimmel empor, und das wilde, heulende Geſchrei des Heidenheeres ver⸗ ſtummte.— In dieſem Augenblicke ging die Sonne auf. „Nun denn, in Gottes und aller Heiligen Namen, vorwaͤrts!“ rief der Koͤnig, und ſchwang ſich auf's Neue auf ſeinen weißen, bepanzerten Streithengſt; und nun begann die große, merk⸗ wuͤrdige Wolmar⸗Schlacht, die zum groͤß⸗ ten Theile Eſtlands Schickſal entſchied. Nach Waldemar kann dieſe Schlacht mit Recht den Namen tragen, obgleich ſie nicht bei der Stadt Wolmar, wie einige gemeint, geſchla⸗ 265 gen wurde. Nicht weit von Lyndaniſſe und beim ſpaͤter gebauten Reval bezeichnen noch viele Huͤgel hinter dem großen ſogenannten Strandberge den merkwuͤrdigen Wahlplatz.— Die Staͤrke der Heiden war uͤberlegen, und der alte Weſthold fuͤhrte ſie mit ausgezeichneter Klugheit und Beſonnenheit an. Wo der rothe Hahn von ſeiner Steithaube blinkte, mußten oft die Daͤnen weichen; allein als der Koͤnig das bemerkte, ruͤckte er ſelbſt mit der Hauptſtaͤrke des Heeres auf dieſen Punkt los, waͤhrend Graf Albert die tapfern ruſſiſchen Huͤlfstruppen warf, und Graf Otto mit den leichten Reitern an dem linken Fluͤgel genug zu thun hatte, um dem jungen, eeßnegenen Kyriavan die e Sranne zu halten. Der Kampf wurde mit großer Tapferkeit und Ausdauer von beiden Seiten bis weit uͤber den Mittag hinaus fortgeſett; allein jetzt fingen die Daͤnen zu ermuͤden an; der Feind dagegen wurde immer durch friſche Krieger verſtaͤrkt und ihre Anzahl war ſo groß, daß ſie, wie viele auch ge⸗ toͤdtet wurden, doch immer zahlreicher erſchienen. Jetzt trat ein Ereigniß ein, das ganz auf die 266 Seite der Heiden den Sieg bringen zu wollen ſchien. Der kuͤhne Kyriavan hatte bemerkt, daß die Daͤnen dort, wo ihr Hauptpanier wehete, mit der großten Ordnung und Vertrauen fochten⸗ Auf dem Panier war von der frommen Dag⸗ mor Hand das Wappen des Koͤnigs, die drei ſilberblauen Löwen mit den vier und zwanzig gold⸗ nen Herzen abgebildet. Dies Panier war auf einem Huͤgel aufgepflanzt, wo es von dem ganzen Heere geſehen werden konnte; dem am naͤchſten focht Graf Otto, unter den Juͤtlaͤndern, und die muthigen Friſen mit Swend Starke und Bruder Altlein an der Spitze. Durch eine ſchlaue Wendung wußte Kyriavan den feurigen Otto und die zwei friſiſchen Kaͤmpen mit ihren Reiſigen von dem Huͤgel hinweg zu locken; und waͤhrend der Haͤuptling ſeine Eſten ſchein⸗ bar fliehen ließ, ſtuͤrzte er ſelbſt von der entge⸗ gengeſetzten Seite mit einer kleinen erwaͤhlten Reiterſchaar den Huͤgel hinauf, und bemaͤchtigte ſich mit faſt unglaublicher Schnelligkeit und Ent⸗ ſchloſſenheit des Panieres. Als nun die Daͤnen das große königliche Pa⸗ nier nicht laͤnger wehen ſahen, wurden ſie vor 267 Enſetzen wie vom Blitz getroffen, und es ent⸗ ſtand im Heere eine ſolche Verwirrung, daß ſelbſt der Koͤnig und Graf Albert die Hoffnung auf⸗ gaben, und bereits die Schlacht fuͤr verloren hielten.— Da rief Biſchof Peder mit lauter Stimme: „Seht gen Himmel! Ihr Chriſten! und ver⸗ zaget nicht! Schaut Ihr das Zeichen von oben.“ Die Krieger blieben ſtehen, und ſchaueten gen Himmel; und wie im Sturme wirbelte eine große rothe Fahne mit einem weißen Kreuze uͤber ihren Haͤuptern. „Je hoͤher es gehoben wird, je naͤher iſt der Sieg!“ toͤnte wie durch ein ungeheures Sprachrohr eine ſtarke und gewaltige Stimme⸗ Niemand bemerkte, woher ſie kam, allein viele glaubten, daß ſie vom Himmel herunter hallte. „Seht dort das Panier unſers himmliſchen Koͤnigs“! rief Biſchof Peder;„nur durch das koͤnnen wir ſiegen; faͤllt es aber in die Häͤnde der Feinde, muͤſſen wir ohne Rettung zu Grunde gehen.“. „Ein Wunder! ein Wunder!“ riefen alle er⸗ ſtaunt, waͤhrend das Panier hoch uͤber ihren I 268 Haͤuptern hinſchwebte, und von dem Sturme ge⸗ gen das Heidenheer hingetragen wurde, ohne daß Niemand es erreichen und ergreifen konnte. „Vorwaͤrts, Vorwaͤrts!“ rief der Biſchof, „rettet das vom Himmel geſandte Panier!“ und mit einem Eifer und einer Kraft, die nur ein goͤttliches Wunder einfloͤßen zu koͤnnen ſchien, ſtuͤrzten die erregten Krieger gegen den Feind. Waͤhrend das Panier ſo uͤber beiden Heeren hinwirbelte„ſtanden Abſalon Balg und Carl von Riſe entwaffnet auf einem Huͤgel, der von eſt⸗ niſchem Fußvolk umgeben war, und wo ſie un⸗ ter einem Haufen andrer chriſtlichen Gefangenen, um ſogleich nach der Schlacht und dem Siege den Götzen geopfert zu werden, bewacht wurden. Sie waren beide mismuͤthig. Abſalon verfluchte Carls albeene Kuͤhnheit, die an ihrem Unheil ſchuld war; allein Carl vernahm es nicht; er knieete und betete. Er ſowohl als Abſalon waren von allen den Gefangenen allein nicht ge⸗ bunden; denn der tapfere Kyriavan hatte aus Hochachtung vor ihrer Mannhaftigkeit den wahr⸗ ſcheinlich letzten Tag ihres Lebens von den Ban⸗ den befreien laſſen⸗ 269 Als Carl nun in innigem Gebet fuͤr den Koͤnig und ſeine Landsleute die Augen gen Him⸗ mel erhob, gewahrte er die glaͤnzende Kreuzesfahne uͤber ſeinem Haupte.„Das Zeichen! das Zeichen! Rettung vom Himmel!“ rief er außer ſich vor Freude und ſprang auf. Das Panier ſenkte ſich auf die Flaͤche des Huͤgels nieder! Er ergriff es und ſchwang es begeiſtert uͤber ſeinem Haupte. Die Sonne glaͤnzte auf das weiße Kreuz, und Carl von Riſes hohe Geſtalt war allen Daͤnen an der himmelblauen glaͤnzenden Ruͤſtung erkennbar. Der Helm war von ſeinem Kopfe ge⸗ fallen. Seine langen gelben Locken flatterten im Sturme um ſeine Schultern, und ſo wie er da ſtand, ſah er dem Bilde des Engels Michael aͤhn⸗ lich, ſo wie er zuweilen mit dem Siegespanier in der Hand und mit den zerſchmekterten Daͤmonen unter ſeinen Fuͤßen dargeſtellt wird. Am Fuße des Huͤgels war Kampf und Ge⸗ tuͤmmel.]„Schaut, Schaut!“ rief Biſchof Peder,„das himmliſche Panier iſt in chriſtlichen Haͤnden mitten unter den Feinden.“ Neben Swend Starke und Bruder Altlein hauete Graf Otko ſchon in das eſtniſche Fußvolk ein, das den 270 Huͤgel bewachte, und bevor es das kuͤhne Unter⸗ nehmen ihres Gefangenen verhindern konnte, lagen ſie unter den Pferdefuͤßen zertreten und die daͤni⸗ ſchen Reiſige umgaben den Huͤgel. Otto hatte ſogleich den Bruder der Jungfrau Kirſtine in dem ſchönen verwegenen Fahnentraͤger erkannt. Er ſchickte ihm und ſeinem Gefaͤhrten augenblicklich Waffen und Pferde, waͤhrend er ſelbſt fortfuhr den Feind zu zerſtreuen. Jetzt ſprengte Carl auf einem hohen weißen Pferde, mit dem heiligen Panier in beiden Haͤnden erhoben, nach dem Orte hin, wo der Koͤnig und Graf Albert am haͤrteſten bedraͤngt waren. Abſalon Balg focht mannhaft an Carls Seite, und ein junger flinker Burſche, Namens Uffo, mit vier und dreißig tap⸗ fern Schildknappen begleitete ihn. Alle Augen waren auf die wunderbare Kreuzesfahne hinge⸗ wandt, und wo ſie an der Seite des Koͤnigs wehete, mußten die Feinde entfliehen. Waͤhrend deſſen ſtand Erzbiſchof Andreas von ſeinen Biſchöfen und Pfaffen umgeben, auf dem Gipfel des ſogenannten Strandberges, wo ſelbſt eine Menge Wurfgeſchuͤtz und große Kriegsmaſchinen aufgeſtellt waren; von dort aus konnte er die Be⸗ 271 wegungen beider Heere uͤberſehen, und oft ließ er von dieſer Stelle unter der Schlacht dem Koͤnige wichtige Rathſchlaͤge und Winke geben. Mit in⸗ niger Bewegung ſah er die große Gefahr, in die er durch ſeine frommen und wohlgemeinten Rath⸗ ſchlage, als der eifrigſte Ermunterer zu dieſem Kreuzzuge, den König und ſeine Landsleute geſtuͤrzt hatte. Als er Kyriavan das koͤnigliche Panier entwenden ſah, ſchickte er unverzuͤglich einen Eil⸗ boten an den Koͤnig mit einer wichtigen Bot⸗ ſchaft und ließ ſogleich alle Kriegsmaſchinen Bewegung ſetzen; allein die Kraft des Wurfge⸗ ſchuͤtzes war zu ſchwach, um den Feind zu errei⸗ chen, der ihm jetzt ſogar jede Verbindung mit dem König und dem Heere abgeſchnitten hatte. Er be⸗ merkte die große Ueberlegenheit des Feindes und betete kniend, mit brennender Andacht und heißen Thraͤnen, die Haͤnde hoch gegen den Himmel em⸗ porgeſtreckt. Lange lag er in dieſer Stellung, und auf ein⸗ mal horte er die Pfaffen freudig ausrufen:„Die Daͤnen ſiegen, der Feind weicht!“ 3 Er lobte Gott, und fuhr zu beten fort; da er nun zuletzt aus Ermuͤdung die aufgehobenen 272 Haͤnde ſinken ließ, hoͤrte er die Pfaffen rufen: „Wehe! die Daͤnen weichen!“ Da wurde dem alten Andreas plöͤtzlich ganz ſonderbar zu Muthe; er gedachte, wie Moſes durch ſein gewaltiges Gebet den Sieg vom Himmel herabgezogen hatte. „Großer, allerbarmender Gott!“ rief er,„woll⸗ teſt Du meine inbruͤnſtigen Gebete erhören und Deinen Kaͤmpfern Sieg um der Ehre Deines Namens willen verleihen, da wuͤrde ich wohl flehen und Dich bis zu meinem letzten Athemzuge anru⸗ fen!“ Und er ſtreckte wieder die zitternden Haͤnde gegen den Himmel. „Der Feind entflieht, der Koͤnig ſiegt!“ riefen nun die erſtaunten Biſchoͤfe und Pfaffen; und als dieſer ſonderbare Zufall noch einmal eintraf, und die Daͤnen wichen, waͤhrend der ermuͤdete Erzbiſchof aufs neue die Arme ſinken ließ, da eilten die Biſchoͤfe und die Pfaffen hinzu, und unterſtuͤtzten knieend die Haͤnde des frommen Erzbiſchofs. So fuhren ſie nun fort, ihn im Gebet und Anrufung zu unterſtutzen, bis endlich beim Untergang der Sonne das ganze eſtniſche Heer uͤber die viele tauſend Leichen hin⸗ 273 1 aus die Flucht nahm, und unter Siegesjauchzen von den Daͤnen verfolgt wurde. „Gelobt ſey der Allmaͤchtige!“ ſagte nun der Erzbiſchof und wollte ſich erheben; allein er ſank bleich und ermattet zuruͤck in die Arme ſei⸗ ner Umgebung. Doch als nun der Koͤnig und alle Heerfuͤhrer mit frohem Siegesklang ſich um ihn verſammelten, erhob er ſich wieder mit Staͤrke und begann ein feierliches Te deum, mit dem der Köͤnig und das ganze Heer ihre Stimmen vereinten, waͤhrend Carl von Riſe die wunder⸗ bare Kreuzfahne uͤber dem Haupte des Koͤnigs ſchwang. Das ſonderbare Ereigniß mit dieſer Kreuz⸗ fahne, die ſpaͤter, unter dem beruͤhmten Namen von Danebroge, als ein Heiligthum im Dom zu Schleswig aufbewahrt wurde, verſuchten wohl einige auf eine natuͤrliche Weiſe zu erklaͤren, und das Panier wurde ſpaͤter von vielen als ein vom Pabſte hergeſchicktes Cruciat angeſehen; allein die Sage von ſeinem Herunterfallen vom Himmel wurde doch bei dem Volke bis in die juͤngſten Zeiten aufbewahrt, und verlieh dieſem National⸗ Palladium eine ſolche Ehrwuͤrdigkeit und Heilig⸗ III. 18 274 keit in den Augen des Volkes, daß das weiße Kreuz Jahrhunderte hindurch dem daͤniſchen See⸗ krieger den Weg zum Ruhm und Macht bezeich⸗ nete, und durch den Orden des Danebrogs ein Ehrenzeichen wurde fuͤr die verdienten Maͤnner des Vaterlandes, mit der bedeutungsvollen In⸗ ſchrift: Fuͤr Gott und den Koͤnig.— Nachdem ein Lobgeſang auf dem Wahlplatze geſungen war, zog der König ſein Schwert, und ließ die fuͤnf und dreißig jungen Schildknappen rufen, die mit Carl von Riſe und Abſalon Balg das heilige Panier beſchirmt und ihn und das Heer zum Sieg unter deſſen heiligen Zeichen gefuͤhrt hatten. Im Angeſicht des Heeres ſchlug er ſie alle zu Rittern und geſtattete ihnen, nebſt den beiden Rittern, ein weißes Kreuz im rothen Felde in ihrem Schilde zu tragen. Carln von Riſe verſprach er uͤberdies, daß das verlorene Lehn ſeines Vaters, Kariſe⸗Burg und Gut, nun, da der alte Rodulf geſtorben ſey— doch ohne Verluſt fuͤr deſſen Soͤhne, welche der Koͤnig auf eine andre Weiſe ſchadlos halten wollte— ihm und ſeinen Erben bis auf ewige Zeiten gehoͤren ſollte. Karl bog ſeine Knie und kuͤßte die Hand des 5. 275 Koͤnigs mit inniger Freude und Dankbarkeit, nicht allein wegen des wiedererworbenen vaͤter⸗ lichen Gutes, das ihm ſehr theuer war, ſondern weil er nun hoffte, mit Gluͤck um Graf Alberts ſchoͤne Tochter freien zu duͤrfen; denn er ſchmei⸗ chelte ſich noch immer ins Geheim, daß ſie ihm doch im Herzen gut ſey. „Zum Gluͤck, Ritter Carl!“¹ ſagte Graf Al⸗ bert den folgenden Morgen zu dem jungen Lehns⸗ herrn von Riſe, als dieſer mit freudefunkeln⸗ den Augen mit dem neugemalten Schild am Arm in das Zelt des Feldherrn trat, und ihm berichtete, daß er, da dieſer Kreuzzug jetzt ſo gluͤcklich beendet ſey, die Erlaubniß vom Koͤnig er⸗ halten haͤtte, mit ihm nach Daͤnemark zuruͤckzu⸗ kehren und ſein Lehngut in Beſitz zu nehmen. „Ihr ſeyd der Guͤnſtling des Gluͤcks,“ fuhr der ernſte Feldherr in kaltem befremdenden Ton, ihn mit einem durchdringenden Blick betrachtend, fort.„Als Pflegeſohn des Erzbiſchofs und als Vertrauter des Biſchofs Peder muͤßt Ihr etwas mehr als Euer Vaterunſer wiſſen, wie ich merke, weil Ihr, ohne das Schwert zu brauchen, ver⸗ ſteht, uns den Sieg vom Himmel herabzuholen. 18* 276 „ Dafuͤr preiſe ich weder meine Klugheit noch die irgend eines Menſchen, geſtrenger Herr!“ entgegnete Carl mit unbefangener Ehrlichkeit,— „das wunderbare Begebniß mit dem Panier iſt mir ein eben ſo unbegreifliches Gottes⸗Wunder, als es dies dem Erzbiſchof und jedem Menſchen ſeyn muß. Doch Ihr habt Recht! ich muß mich gluͤcklich ſchaͤzen, daß ich, meiner Geringfaͤ⸗ higkeit ungeachtet, gewuͤrdigt worden bin, das hei⸗ lige Kleinod, da es uns geſchickt wurde, zu er⸗ greifen.“ 2* „Seyd aufrichtig und ehrlich, Ritter Carl,“ ſagte Graf Albert duͤſter,„und laßt die pfaffi⸗ ſchen Redensarten; ich halte Euch nicht fuͤr einen einfaͤltigen Schwaͤrmer, und moͤchte nicht gern einen ſchlauen Heuchler in Euch ſehen.— Nicht wahr, das Wunder war die Frucht einer Abrede zwiſchen Euch und den geiſtlichen Herren, die waͤhrend dieſes Zuges Feldherrn, Propheten, ja Gott der Herr ſelbſt gern haͤtten ſeyn moͤgen, haͤtte es nur angehen koͤnnen. Was der halb⸗ wahnſinnige Biſchof Peder getraͤumt und gewahr⸗ ſagt, hat der ſchlaue Erzbiſchof in Erfuͤllung ge⸗ bracht; ſo viel wenigſtens iſt gewiß, daß das Pa⸗ 277 nier von dem Berge, wo der Erzbiſchof und die Pfaffen ſtanden, zu kommen ſchien.“ „Bei dem lebendigen Gott, Herr Graf,“ ſagte Carl erſtaunt, mit verletztem Ehrgefuͤhl, „mich und jene frommen Herren beleidigt Ihr, wenn Ihr glaubt, daß wir durch ein truͤgeriſches Gauckelſpiel Gott ſpotten, und den König und alle Chriſten zum Beſten gehabt haben ſollen. Wie waͤre auch eine Abrede möͤglich geweſen? Ich ſtand ja gefangen mitten unter den Feinden.“ „Allein die Richtung des Windes und die Kraft des Wurfgeſchuͤtzes kannte man doch. Auch Eure Ruͤſtung war von dem Huͤgel kennt⸗ lich genug. Habt Ihr nicht geaͤußert, als das Panier herunterſiel, daß es das Zeichen vom Himmel waͤre, das Ihr erwartet hattet? und wer anders, als der Erzbiſchof und der Biſchof Peder, hat Euch geheißen, Zeichen und Wun⸗ der zu erwarten?“ „Niemand anders; das iſt wahr, Herr Graf! und nennt Ihr das Abrede und ein berechnetes Gaukelſpiel, dann— „So gebe ich dem Kinde den rechten Na⸗ men, waͤre auch ein wenig Zufall dabei,“ un⸗ — 278 terbrach ihn heftig der Graf.„Ihr ſollt mir nicht einbilden, daß die Engel Gottes oder ir⸗ gend ein Schneider⸗Heiliger im Himmel ſich da⸗ mit abgiebt, uns ſchöne ſeidene Fahnen und Standarten zu naͤhen! Ueberlaßt dem Volke, ſich durch ſolche Maͤhrchen zu erbauen; wenn der Glaube den Kaͤmpfern Muth einfloͤßt, iſt er dem Koͤnig und mir willkommen. Ich bin aber zu alt, um von Pfaffen und ihren vormaligen Schuͤlern fuͤr einen Narren gehalten zu werden. Geſtehet Ihr nicht die Wahrheit, Ritter Carl, ſo wagt nicht mehr, mir vor die Augen zu kom⸗ men. Bin ich darum Euer Herr und Waffen⸗ meiſter geweſen, daß Ihr Euch jetzt brauchen laſſen wollet, um mir und jedem ehrlichen Rit⸗ ter blauen Dunſt vorzumachen, und dazu helfen, meinen Ruhm als Feldherr durch ein albernes Gaukelſpiel zu verdunkeln?“ „In Gottes und aller Heiligen Namen, ed⸗ ler Herr!“ entgegnete Carl, die Hand auf die Bruſt gelegt,„habe ich Euch je eine Un vahr⸗ heit geſagt, oder daran gedacht, Euch oder ir⸗ gend Jemanden zu betruͤgen, ſo mag der Henker meinen ritterlichen Schild zerbrechen, und Ihr 279 duͤrft meinen gerichteten Leichnam, unter verdien⸗ ten Fluͤchen, als den eines falſchen, ehrloſen Ritters auf einer Ochſenhaut zu Grabe ſchleppen laſſen.“ „Wohlan!“ verſetzte Graf Albert, ihn mit einem mitleidigen Laͤcheln auf die Schulter klo⸗ pfend:„ich will dann lieber glauben, daß Ihr ein blindes gutmuͤthiges Werkzeug in den Haͤn⸗ den Anderer geweſen. Ich will Euch nur ei⸗ nen guten Nath geben: werdet Pfaffe je eher je lieber, macht Kariſeburg zu einem Klo⸗ ſter, und laßt ein Kreuz und einen Todtenſchaͤ⸗ del an den Spiegel Eures Schiffes malen, ſtatt des Jungfrauen⸗Namens, den Ihr dort ſo ſittig aufgeſtellt habt.— Weltliche Thaten und welt⸗ liches Gluͤck ſind doch nur Tand und Eitelkeit der frommen Seele, die ſchon in himmliſche Ge⸗ heimniſſe eingeweiht iſt. Ich bleibe hier zuruͤck, um die Kirche und die Rechte des Königs mit einfachen weltlichen Waffen zu beſchuͤtzen; das haͤtte ich ohne Wunder thun koͤnnen. Ich ver⸗ ehre Biſchoͤfe und die Pfaffen, die Prophe⸗ ten und Wunderthaͤter; allein der Ritter, der, wo es gilt, der Zeichen vom Himmel har⸗ et,— hat er auch den Köͤnig und die ganze 280 Cleriſei zu Freunden,— mein Mann wird der doch nie!“ Graf Albert kehrte ihm mit Geringſchaͤtzung den Ruͤcken zu, waͤhrend Carl wie zerſchmet⸗ tert das Zelt verließ. Seine ſchoͤnſte, kuͤhnſte Hoffnung ſchien wie ein taͤuſchender Traum auf immer erloſchen. Bleich vor Gram und Schmerz, mit ver⸗ wilderten Zuͤgen, von einem ſeligen, wundervol⸗ len Himmel in eine oͤde, freudenloſe, verraͤtheriſche Welt hinabgeſtuͤrzt, eilte er, ohne es ſelbſt zu wiſſen, zum Strande hinunter.— Er fand dort eine große Menſchenmenge verſammelt. In Gegenwart des Koͤnigs und ſeiner Mannen wurde ein großer Haufen von Heiden getauft.— Carl drang durch die Krieger, und was er ſah und vernahm, brachte mit dem Glauben an das er⸗ habene Wunder, das er in ſeinen geſegneten Fol⸗ gen hier beſtaͤtigt zu ſehen meinte, den Frieden auf's Neue in ſeine Seele zuruͤck. Unter den Heiden erkannte er naͤmlich den wilden, kuͤhnen Kyriavan, der den ſchwarzen Löwen von ſeinem Helme herunterriß und ihn mit Fuͤßen trat. 281 „Nun weiß ich, daß der Gott der Chriſten gewaltiger als alle andere iſt,“ rief der Heide. „Gebt uns einen guten Gott, fuͤr einen boͤſen; an den, der Euch in der Noth jenes Panier ſchickte, an den und an keinen andern will ich bis zu meinem Tode glauben!“ „Mußte denn der wildeſte Heide herkommen, um mich zu beſchaͤmen?“ ſprach Carl in ſich, und ſchlug erröthend die Augen zu Boden. Als er ſie wieder erhob, und in das ehrwuͤrdige Antlitz des Erzbiſchofs hineinſah, machte er ihm eine innige Abbitte in ſeinem Herzen, weil er ſich auch nur einen Augenblick hatte verleiten laſſen, an ſeiner und ſeines begeiſterten Bruders Redlich⸗ keit zu zweifeln.— Carls gewoͤhnliche Freimuͤ⸗ thigkeit und Kuͤhnheit kehrten auch ganz zuruͤck. Das Bild der ſchoͤnen Rigmor ſchwebte ihm wie⸗ der in lebensfrohen Traͤumen vor die Seele. „Die Hand des Herrn iſt gewaltig in mir, da⸗ her will ich auch nicht verzagen,“ ſprach er halblaut, indem ſein Blick auf das neue Schild⸗ zeichen fiel.—„Der unglaͤubige Graf wird doch erfahren, daß Liebe maͤchtiger ſey als Furcht!“ 282 „Recht ſo, mein Sohn! glaube an die Liebe; die Liebe glaubt Alles!“ fluͤſterte ihm eine freundliche Stimme in's Ohr. Es war die des Biſchofs Peder, der mit gefalteten Haͤn⸗ den, ſeine Höhle ſuchend, ſtill an ihm voruͤber ging.— Vier Wochen ſpaͤter ſtand Jungfrau Rigmor an der Seite der Koͤnigin Beengierd, auf dem oſſenen Saͤulengange in Ribehuus, und freuete ſich des praͤchtigen Siegeseinzuges des Koͤnigs in das Schloß. Die ſtolze, muthige Koͤnigin ſtrahlte in ihrer höchſten Pracht. Nach ihrer letzten Nie⸗ derkunft hatte ſie das friſche, lebendige Anſehen und die ganze blendende, jungfraͤuliche Schoͤn⸗ heit, die Waldemar das erſte Mal, als er ſie ſah, ſo unwiderſtehlich hingeriſſen, wieder ge⸗ wonnen. Dagegen ſchienen die weniger bluͤhen⸗ den Wangen der launenhaften Rigmor einen ge⸗ heimen Herzensgram zu verrathen, der doch auf⸗ fallend von ihrer Lebendigkeit und Heiterkeit wi⸗ derlegt wurde. 3 An der Spitze der frohen Kreuzkaͤmpferſchaar 283 zog nun der Koͤnig, zwiſchen den beiden vorneh⸗ men geiſtlichen Bruͤdern, uͤber die Schloßbruͤcke, und die große rothe Fahne mit dem weißen Kreuze wehete glaͤnzend uͤber den Federbuͤſchen; es wurde von einem jungen Ritter, im himmel⸗ blauen Harniſch und mit geſchloſſenem Helme, in dem Rigmor mit klopfendem Herzen Carl von Riſe wieder zu erkennen glaubte, hoch in die Hoͤhe gehalten.— Die Koͤnigin und ihre Frauen begruͤßten den Koͤnig und ſein Gefolge mit wehenden Schleiern, und der junge Prinz Waldemar eilte dem ſiegreichen Vater ſeelenfroh noch im Schloßhofe entgegen, um ihm zu erzaͤh⸗ len, daß er es nun im Kampfrennen mit dem gröͤßten Edelknaben aufnehmen duͤrfe.“ Der Koͤnig ſprang vom weißen Pferde herab, druͤckte den Knaben an ſeine Bruſt, und eilte auf das Schloß in die Arme der ſchoͤnen Koͤnigin. 1 ½ Sie begruͤßte ihn mit Begeiſterung und Freude: „Heil Dir, meinem köͤniglichen Helden!“ trat ſie ihm entgegen.„Geboren biſt Du zum Sieg und Gluͤck, und kein Koͤnig in der Welt ſoll 284 von nun an als Deines Gleichen genannt wer⸗ den.“ „Ja, meine Beengierd!“ entgegnete der Koͤ⸗ nig, ſie mit ſtuͤrmiſcher Freude umſchließend. „Jetzt erſt iſt mein Gluͤck und meine Freude vollkommen! nun erſt darf ich mich Waldemar den Sieger nennen, und fragen, ob irgend ein Mann in der Welt gluͤcklicher iſt, als ich bin.“ „Und unſere Soͤhne, mein Waldemar! Sieh doch, wie ſie gewachſen ſind?“* Da ſtuͤrzte der kleine dreijaͤhrige Erick froh und freundlich in ſeine Arme; der gluͤᷣckliche Vater erhob ihn und kuͤßte ihn herzlich, waͤh⸗ rend der kleine jahralte Abel mit den ſchwarzen Augen auf dem Arme der Amme gegen den Bruder die kleinen Faͤuſte ballte. „Er wird dem Vater aͤhnlich werden,“ verſetzte waͤhrend deſſen die Koͤnigin;„aber vergiß nun auch meinen klainen eigenfinnigen Abel nicht.— Er ſoll ja mir aͤhnlich ſehen, ſagen Alle! Nein, ſieh! er iſt ſchon verſtaͤndig! Du machſt ihn ordentlich eiferſuͤchtig, wenn Du Erick liebkoſeſt.“ 285⁵ „Nein! ſeht mir mal den Jungen!“ ſagte der Koͤnig lachend:„So was habe ich noch nicht geſehen; er iſt ja wirklich boͤs! Pfui, das iſt doch haͤßlich! Waͤr' ich nicht in dieſem Augen⸗ blicke ſo froh und gluͤcklich, theures Weib!“ fuhr er ernſt fort,„und ſaͤhe Dir der Junge nicht ſo geſegnet aͤhnlich, ich glaube fuͤrwahr, daß ich ihn ſtrenge zuͤchtigte, wie klein er auch iſt. Goͤnnſt Du dem Bruder nicht meinen Segen? Knabe! oder kannſt Du nicht warten, bis die Reihe an Dich kommt? Nun ſo komm denn, Dich wih ich auch liebkoſen! Nein! ſeht mir einmal, er will nicht!“ „Pfui, Abel!“ ſprach die Koͤnigin und nahm den Knaben. Nun laͤchelte das Kind heiter im Arme der Mutter. Waldemar kuͤßte den kleinen Eigenſinn, und fuͤhlte ſich uͤber die Maßen gluͤcklich. Die Ruͤckkehr des Koͤnigs wurde uͤber das ganze Land gefeiert; vor allem auf Ribehuus. Erzbi⸗ ſchof Andreas hatte eine Dankfeier im Dome veranſtaltet, bei welchem Anlaß er das himmli⸗ ſche Wunder mit glaͤnzenden Farben und mit ſolcher Wahrheit und Weihe in Worten und 286 Zuͤgen beſchrieb, daß jedermann, der den ehr⸗ wuͤrdigen Greis hoͤrte und vernahm, das Knie beugen und im demuͤthigen Glauben den Unbe⸗ greiflichen, dem nichts in der Welt unmoͤglich iſt, anbeten mußte. Selbſt der Koͤnig ſchien tief bewegt; allein die Koͤnigin betrachtete ihn und den Erzbiſchof mit forſchendem Blicke, erſtaunt, wie es ſchien, daß ſie Beide jenes ſonderbare Ereigniß fuͤr ein wirkliches Wunder gelten ließen. Als die geiſtliche Feier beendet war, empfing der König in der großen Ritterhalle des Schloſ⸗ ſes den Gluͤckwunſch ſeiner Vaſallen und Man⸗ nen. Er ſaß mit Scepter und Krone neben der Koͤnigin auf dem praͤchtigen elfenbeinernen Thro⸗ ne, und uͤber dem Throne wehete die heilige Kreuzesfahne. Sobald der Reichsrath und die angeſehenſten Lehnsmaͤnner geſprochen hatten, trat der Biſchof Peder mit dem Biſchofsſtabe in der Rechten, und ein großes pergamentenes Buch in der Linken, hervor.— Ein ſonderbares Feuer glaͤnzte aus den begeiſterten Blicken, allein ſein Antlitz war blaß, wie das eines Ster⸗ benden; er erſchien im vollen biſchöflichen Or⸗ 287 nate, und bei ſeinem feierlichen Hervortreten wi⸗ chen Alle ehrerbietig zur Seite. Mit den Au⸗ gen feſt auf das Kreuzpanier geheftet, bog er das Knie und legte das Buch auf die Stufen des Thrones.— Dann erhob er ſich langſam: „Die Zeit iſt gekommen, deren ich geharrt,“ ſprach er,„der Herr zertrat die Feinde, und gab denen, die ihn fuͤrchten, ſein Panier!— bei ihm iſt die Quelle des Lichts, und in ſei⸗ nem Lichte ſollen wir Licht erblicken. Heil Euch, Koͤnig Waldemar, Waldemarſohn! Die groͤßte Stunde Eures Ruhmes iſt gekommen.— Es iſt nun Allen kund geworden, daß die Hand des Herrn uͤber Euch und dem Vaterlande wacht. In ſolcher Stunde habe ich verſprochen, Euch dieß ſchoͤne Werk zu bringen. Es iſt der Nach⸗ laß des alten Vater Saxo an Euch und das daͤ⸗ niſche Volk, ein wahrhaftes Zeugniß des Lebens und der Thaten Eurer Vorfahren und Eures Volkes; dort koͤnnt Ihr wie in einem Spiegel leſen, wozu die Kinder Daͤnemarks erkohren ſind, und was aus allen jenen Großen und Gewalti⸗ gen geworden iſt, welche die Ehre des Herrn uͤber dem eignen Ruhme und die Rettung der 288 Beabe baegabed⸗„ um groß unter Thoren genannt zu werden.— nireis Hier unterbrach ihn der Koͤnig ſchnell, indem er den Fleiß und die großen Verdienſte des ver⸗ ſtorbenen Saxo lobte, und dem Biſchof we⸗ gen der Muͤhe dankte, womit er das Werk hatte abſchreiben laſſen.— Allein Biſchof Peder hatte ſich noch nicht ausgeſprochen. Er ſtarrte dem Koͤnige ſcharf in die gewaltigen Herrſcherblicke und ſprach weiter: „Die Stunde der Gnade und des Segens iſt zwar gekommen, Herr Koͤnig! ſoll aber die Gnade nicht zur Zuͤchtigung und der Segen zum Fluche werden, ſo gedenkt, was Ihr mir in je⸗ ner Nacht der Noth und der Schmaͤhung, vor dem großen Tage St. Viti und Modeſti verſpro⸗ chen habt. Vergeßt in Euerm Gluͤcke nicht, daß dieſelbe Hand, die erhoͤhet, auch erniedrigen kann, daß der Herr den Hoſſaͤrtigen widerſtehet, aber den Demuͤthigen gnaͤdig iſt.— Haltet Ihr nicht, was Ihr verſprochen, da gedenkt meiner letzten Worte, wenn ein ſtrenges Gericht uͤber Euch und das Volk ergeht! Denn der Starke ſoll Spreu werden, ſagt der Herr Zebaoth, und 289 ſeine That ein Funken, und Niemand ſoll da ſeyn, der da loͤſcht.“ „Entſetzlich!“ fluͤſterte die Koͤnigin;„iſt der fromme Herr wahnſinnig geworden?“. Da erhob ſich der Koͤnig mit gedaͤmpftem Unmuthe und erklaͤrte mit Wuͤrde und Kraft, daß er dem allmaͤchtigen Gott allein die Ehre wegen ſeines Gluͤckes und ſeines Sieges gaͤbe; daß er hoffe, daß die Noth und das Bedraͤngniß, womit der fromme Biſchof in ſeinem krankhaften Zuſtande und warmen Eifer ihn und das Volk bedrohete, fern ſeyn möchten.— Uebrigens, fuͤgte er hinzu, ſey hier nicht der Ort, Pöoͤni⸗ tenz⸗Reden, die nur in der Kirche und im Beichtſtuhle einheimiſch waͤren, anzuhoͤren. Alllein Biſchof Peder ſchien dieſe Worte nicht zu vernehmen; er ſtarrte nur das heilige Kreuz⸗ panier ſteif und unablaͤffig an.— „Wehe! Wehe!“ rief er auf einmal mit fuͤrchterlicher Stimme.„Das Kreuz flammt uͤber Deinem Haupte, Konig Waldemar! Brichſt Du Dein Wort, zerſchmilzt davon die Krone auf Deinem Scheitel. Seht! der Verſucher iſt nahe, und der Todfeind wacht!“— Er III. 19 * 290 wuͤrde noch mehr geſagt haben, allein er verlor ploͤtzlich die Sprache; der Biſchofſtab ſiel ihm aus der Hand, und ſo ſank er in die Kniee und dann zur Erde. Der Erzbiſchof Andreas und einige Domherren eilten ihm zu Huͤlfe und erhoben ihn vom Boden. Noch einmal ſtreckte er die Arme gegen den Himmel, als wolle er beten. Es verklaͤrte ſich ſein Blick, als gewahre er eine himmliſche Erſcheinung uͤber dem Haupte des Kö⸗ nigs, und ſank mit einem freundlichen Ausdruck des Friedens todt in ihre Arme zuruͤck.— Dies Ereigniß hatte Alle erſchuͤttert und eine große Stoͤrung in der allgemeinen Freude her⸗ vorgerufen.— Sinnend und ſchweigend ver⸗ ließ der Koͤnig mit der entſetzten Koͤnigin die Ritterhalle, und ſchloß ſich zu einer langen und geheimen Unterredung mit ihr ein. Jungfrau Rigmor hatte waͤhrend der letzten Feier ſich unter den Frauen der Koͤnigin befun⸗ den, und ihr Auge vergebens unter den Rittern Carl von Riſe geſucht. Zwar glaubte ſie noch immer, ihn erkannt zu haben, allein warum er ſich ſpaͤter gar nicht hatte ſehen laſſen, war ihr unbegreiflich. Sie fand es nicht ſchicklich, nach 291 ihm zu fragen, ſondern ſaß noch immer unruhig und zerſtreut bis gegen Abend in ihrem Zimmer, als endlich ihre alte Amme Marthe, wie gewoͤhn⸗ lich, herangetrippelt kam, mit ihrem ſcharlachenen Mantel uͤber dem Arme, um ſie nach der Vesper in die Domkirche zu begleiten. „Ich werde heute das Ave zu Hauſe leſen, gute Marthe!“ ſagte Rigmor beklommen,„ich habe Kopfweh, und habe mich noch nicht von dem Schrecken wegen des armen Biſchofs, der todt umſiel, erholt.“* „Ach, ja! das muß ein ſchrecklicher Anblick geweſen ſeyn,“ meinte Marthe, die Falten in ihrem Mantel ſorgfaͤltig ausglaͤttend;„ich danke Gott, daß ich nicht vornehm genug geweſen, um das zu ſehen zu bekommen. Aber das Erſchreck⸗ lichſte dabei muß doch das geweſen ſeyn, was der fromme Mann Gottes dem Koͤnig in ſeiner letzten Stunde geſagt.“ „Das verſtand ich nicht recht!“ verſetzte Rigmor;„die Koͤnigin aber meinte, daß es eine wilde, verworrene Rede ſey, in der kein Sinn geweſen.“ 19* 292 „Ach!“ ſeufzte Marthe,„in dem, was ein Sterbender ſagt, iſt gewoͤhnlich mehr Sinn, als die Kinder dieſer Welt gern verſtehen wol⸗ len. Doch hört! es laͤutet zur Vesper! Soll ich denn heute Abend allein gehen? Wie Ihr wollt, meine Herzens⸗Rigmor! Es wird ſonſt heute Abend recht ſchoͤn und erbaulich werden. Der Koͤnig und die Koͤnigin und alle junge Ritter werden gegenwaͤrtig ſeyn. Ach Gott! die armen Jungen haben wohl lange nicht, we⸗ gen des Krieges und Getuͤmmels, ein friedli⸗ ches Wort Gottes gehoͤrt; und viele find uͤbel genug mitgenommen worden.— Da iſt ja der junge Herr Carl von Riſe,— ach Gott!— es uͤberkam die Alte ein ſchlimmer Huſten. „Nun! was iſt mit dem?“ fragte Rigmor ungeduldig und aͤngſtlich. „Eil ihm haben ja die Heiden Naſe und Ohren abgehauen,“ ſeufzte Marthe,„daher geht er jetzt immer mit geſchloſſenem Helm!“ „Gott im Himmel!“ rief Rigmor und er⸗ blaßte. „Ach ja! ſo geht es im Kriege!“ verſetzte Marthe.„Seine Mutter und ſeine arme Schwe⸗ 293 ſter waren ſo froh hieher geeilt, um ihn zu empfangen, und nun muͤſſen ſie ihn ſo entſtellt ſinden! Was hilft es ihm jetzt, daß er Lehns⸗ herr von Kariſe geworden iſt? Jetzt iſt kein Maͤdchen im ganzen Lande, das ihn haben mag, haͤtte er auch zehn Schloͤſſer und Guͤter. Da⸗ bei ſoll er Herzkrank ſeyn, der arme Burſche! Kaum war er hierher gekommen, als er ſich ſo⸗ gleich niederlegen mußte; ach die Krankheit wird gewiß ſein Tod werden; ſie ſoll von geheimer Liebe zu einer vornehmen und ſchoͤnen Jungfrau herruͤhren? Ach ja! es giebt viele Sorgen und Noth in dieſer ſuͤndigen Welt.“ „Armer, armer Carl!“ ſeufzte Rigmor leiſe, „aber wer hat Dir das viele Ungluͤck erzaͤhlt? Marthe, ich will hoffen daß Du nach alter Ge⸗ wohnheit das Uebel vergroͤßerſt?“ „Ich habe es traun von Jungfrau Kirſtine von dem armen verlaͤumdeten Maͤdchen ſelbſt.— Ich glaubte, ſie waͤre todt und begraben; allein vorher, wie ich uͤber dem Roßmarkt gehe, höre ich auf einmal rufen: Marthe, gute liebe Mut⸗ ter Marthe! und da ich mich nun umſehe, ſteht gewiß und wahrhaftig das arme Kind weinend 294 in der Thuͤre beim Meiſter Teroels. Sie hatte mich nur gerufen, um mir das Ungluͤck des Bru⸗ ders zu erzaͤhlen und um mich zu fragen, ob Ihr nicht heut Abend in die Vesper kaͤmet; ſie moͤchte Euch ſo herzlich gern wiederſehen, allein ſie wuͤrde ſich keiner Mutterſeele zu erkennen ge⸗ ben, und ich mußte ihr verſprechen, wie eine Mauer zu ſchweigen; ſie erzaͤhlte mir mit hellen Thraͤnen, daß ſie keinen andern Rath in der Welt fuͤr den Bruder wuͤßte, als in die Kirche zu gehen und fuͤr ihn zu beten. Ach, ach!“ „Gieb mir den Mantel, Marthe! begleite mich nach der Kirche; warum haſt Du mir das nicht ſogleich geſagt?“ „Ich hatte ja Schweigen gelobt, Herzens⸗ Rigmorchen! auch dachte ich wohl, daß Ihr als ein frommes Chriſtenkind nicht das Ave verſaͤumen wuͤrdet.“ Sie warf nun der Jungfrau den ſtatt⸗ lichen Mantel um, und begleitete ſie.„ Jungfrau Kirſtine moͤchte Euch ſo herzlich gern ſprechen,“ fuhr ſie fort;„vielleicht iſt's auch nicht ſo ſchlimm mit dem Bruder, daß er nicht noch hergeſtellt wer⸗ den kann, wenn wir nur alle herzlich fuͤr ihn be⸗ ten, und das werdet Ihr gewiß auch gern thun, 295 Herzens⸗Jungfrauchen! Ich habe wohl bemerkt, daß Ihr immer große Stuͤcke auf den huͤbſchen dreiſten Knaben hieltet; Gott verzeih mir, jetzt iſt er ja ein großer und beruͤhmter Ritter geworden. Er wird wohl auch ein frommer gottesfuͤrchtiger Herr ſeyn, weil die große Gnade ihm widerfahren iſt, die heilige Fahne aus der Hand der Engel zu ergreifen, und jetzt hat er ja auch Burg und Veſte. Haͤtten die gottloſen Heiden ihn nur nicht ſo uͤbel zugerichtet, wer weiß, was dann noch geſchehen koͤnne? Mir traͤumte traun! die vorige Nacht von ihm und von Euch, herzliebſte Jungfrau! und er er⸗ ſchien mir ganz und wohlauf, geſund und munter wie ein Fiſch! Wer kann's wiſſen, ob nicht ein Engel vom Himmel ihm eben ſo gut Naſe und Ohren wiedergeben koͤnne, wie die geſegnete Dahne und den Ruhm und das Gluͤck!“ So fuhr Marthe zu ſchwatzen fort, wäͤhrend Rigmor ſtumm und beklommen ihr immer etwas voraus nach dem Dom eilte. Sie dachte nur an den lieben Ritter ihrer zarten Jugend, der ſo ent⸗ ſtellt worden waͤre, und ſie warf ſich in ihrem Herzen vor, daß ſie ſo viel an ſein Aeußeres den⸗ ken muͤſſe, da er doch todt⸗ krank aus Liebe zu ihr danieder lag, und ſie ihn doch ſo herzlich lieb hatte. Es koſtete Marthen Muͤhe, der unru⸗ higen Jungfrau zu folgen, die ſie doch in dem Zwielichte nicht verlaſſen durfte.„Warte doch, Rigmor!“ ſtoͤhnte ſie huſtend;„es ſchickt ſich nicht fuͤr eine ehrbare Jungfrau, ſo zu laufen, wenn es auch in die Kirche geht, und ich vermag kaum nachzukommen. Ihr findet doch nicht die Jung⸗ frau Kirſtine, wenn ich nicht dabei bin.“ „Du gehſt auch heute wie eine Schnecke, Marthe!“ wandte Rigmor, die Schritte hem⸗ mend, ungeduldig ein.„Die Vesper wird vor⸗ bei ſeyn, bevor wir hinkommen?“ „Ich bin ſeit zwanzig Jahren nicht ſo ge⸗ laufen!“ ſtoͤhnte Marthe.„Gebe Gott, daß Ihr immer ſo eifrig zum Gebet und zu from⸗ men Thaten ſeyn moͤget, mein Herzens⸗Kind! Ach ja! in meiner Jugend haͤtte ich wohl um die Wette mit Euch laufen koͤnnen.“ Als ſie nun in die große dunkle Kirche hin⸗ eingetreten waren, und das Weihwaſſer genom⸗ men hatten, knieete Marthe zuerſt andaͤchtig nie⸗ der und betete. Rigmor folgte ihrem Beiſpiele, dann begleitete ſie Marthen nach einem von den 297 unterſten geſperrten Betſtuͤhlen, wo ſie eine große ſtattliche Jungfrau im ſeidenen Mantel und mit einer glaͤnzenden goldenen Haube gewahr wur⸗ den.— Sie war in dem geſperrten Stuhle allein und lag auf den Knieen, mit einem Ro⸗ ſenkranze und dem Brevier in der Hand. „Da iſt ſie!“ fluͤſterte Marthe, und Nig⸗ mor erkannte ſogleich Jungfrau Kirſtinens Feier⸗ tagsmantel, und ihren ſilbergewirkten Schleier, den ſie ſelbſt ihr einſt geſtickt hatte; doch ſah ſie ſo gut wie nichts von den freundlichen, lie⸗ ben Zuͤgen, denn ſobald irgend Jemand nahete, verbarg ſie dieſe ſogleich in den Schleier. Niiggmor eilte in den Stuhl hinein und knieete an ihre Seite.„Kirſtine, liebe Kir⸗ ſtine!“ fluͤſterte ſie, und reichte ihr verſtohlen die Hand.. „Ach! herzliebſte Jungfrau Rigmor!“ lis⸗ pelte Kirſtinens wohlbekannte Stimme, waͤhrend der Haͤndedruck warm und feſt unter dem Man⸗ tel beantwortet wurde,„ich habe Euch ſo viel zu ſagen; allein hier darf ich nicht, ich will nur von Euch allein gekannt ſeyn.“ „Folge mir nachher in mein Zimmer. Sage 298 mir nur hier bloß ein Wort: iſt Dein armer Bruder ganz entſtellt?“ „Ach! leider!“ ſeufzte Kirſtine;„allein was noch ſchlimmer iſt: er ſtirbt aus Liebe zu Euch!“. „Armer, armer Carl!“ ſeufzte Rigmor. „Virgo amata, ora pro nobis!“ ſang Marthe laut, und gebot ihnen Stillſchweigen. Sie ſprachen auch nicht mehr, bevor die Vesper zu Ende war, und ſie, ohne Anſtoß zu geben, die Kirche verlaſſen konnten. Nun naͤherten ſie ſich Arm in Arm, von Marthen begleitet, dem Schloſſe, und Rigmor beſtuͤrmte die traurige Freundin mit tauſend zaͤrtlichen Fragen nach Carl, welche jedoch am meiſten nur durch heftige Haͤndedruͤcke erwiedert wurden. „Ach! Du weißt doch, liebe Kirſtine, wie gut ich ihm immer geweſen bin, und es thut mir noch ſo innig wehe, daß ich am Hochzeit⸗ abend des Königs mich ſo gegen ihn verſtellen konnte.— Ich mochte es nur nicht leiden, daß er ſo ſelbſtzufrieden und vertraulich mir nahe, 299 als ſetzte er voraus, daß ich ihn nothwendig lie⸗ ben muͤſſe.“ „Aber Ihr liebtet ihn doch recht innig?“ „Verſteht ſich; doch mein Vater iſt ſtreng, und hat mich einem auslaͤndiſchen Fuͤrſten oder dem Kloſter beſtimmt; und beſaͤße Carl Muth, ernſtlich an mich zu denken, muͤßte er auch eine Probe aushalten können, und ſich von einem kaltſinnigen Laͤcheln nicht zuruͤckſchrecken laſſen; er muͤßte eben ſo verwegen wie beſcheiden ſeyn, eben ſo treu und ausharrend, um mich ſelbſt zu gewinnen, als kuͤhn und unverzagt, alle Hinder⸗ niſſe zu beſiegen.“ „Ihr ſollt ſehen, daß er es iſt! Allein wenn Ihr ihn nun mit dem halben Ohre und der haͤß⸗ lichen Narbe uͤber der Naſe erblickt!“ „Was! nichts weiter?“ rief Rigmor froh, „das kann ihn doch nicht ſo ſchrecklich haͤßlich machen; und wenn ich es recht bedenke, liebe Kirſtine, muß ich ihn doch eben ſo lieben, wie vorher, koͤnnte ich es auch nicht aushalten mehr von ihm zu ſehen, als die lieben treuen Augen, die er jedoch nicht verloren hat.“ „ Liebe, theure Rigmor!“ fluͤſterte die Ge⸗ faͤhrtin froh und kuͤßte ſie durch den Schleier⸗ Und nun eilte ſie die Schloßtreppe zu Rigmors einſamen Zimmer hinauf; die alte Marthe, Rig⸗ mors Mantel forttragend, ließ ſie allein. „Wirf doch den dummen Schleier zuruͤck, gute Kirſtine! ich habe ja noch kaum Deine freund⸗ lichen Augen geſehen.“ Mit dieſen Worten riß Rigmor den dichten Schleier von dem Angeſichte ihres lieben Gaſtes, das ſie freundlich kuͤßte und ſtreichelte. Mit Waͤrme und Heftigkeit wurden ihre Lieb⸗ koſungen erwiedert. Doch auf ein Mal zog Rig⸗ mor Hand und Mund auruͤck, vor Scham, Freude und Unmuth ergluͤhend; denn an dem ſcharfen Kinn entdeckte ſie nun, daß es Carl von Niiſe ſelbſt ſey, den ſie umarmt und dem ſie ihre Liebe anvertraut hatte. Sie biß ſich in die Lip⸗ pen und entſchloß ſich raſch, wegen dieſer kuͤhnen Liſt ſich hinreichend zu raͤchen. „Setze Dich, gute Kirſtine!“ ſprach ſie ſchnell; „Du biſt, auf meine Treue! ein gutes Stuͤckchen gewachſen, und biſt tuͤchtig im Kloſter von der Sonne verbrannt worden. Gewiß haſt Du Dich auch auf der Reiſe erkaͤltet: mir ſcheint Deine 3 301 Stimme etwas rauh. Jetzt wollen wir aber ein vernuͤnftiges Wort zuſammen von Deinem Bruder reden! was ich Dir ſo eben geſagt, kannſt Du wohl begreifen, war nur mein Scherz. Iſt er noch derſelbe eingebildete Thor, wie vor⸗ her, und waͤhnt, daß ich im Ernſt ihm gut bin? Siehe zu, daß Du ihm dieſe thoͤrichten Grillen ausreden kannſt! Hat er nun zumal ein Ohr weniger und eine Schramme uͤber der Naſe, ſo kannſt Du wohl einſehen, daß ich ihm kei⸗ * nen Troſt geben kann, ob er auch zehn Mal aus Liebe zu mir dem Tode nahe iſt. Nein! ſoll ich mich verheirathen, will ich doch einen ſchoͤnen Mann haben; aber die meiſten Maͤnner ſind Thoren, und ich will weit lieber dem Vater nachgeben und in's Kloſter gehen, als von einem albernen Cheherrn mich quaͤlen und mir gebieten zu laſſen.“ Carl von Riſe wurde bei dieſer Anrede wie eine Leiche blaß. Wegen des Zwielichtes und ſeiner großen Aehnlichkeit mit der Schweſter ver⸗ muthete er nicht, daß er erkannt ſey! er warf ſchnell den Schleier wieder uͤber das Geſicht und ſchwieg; allein ein tiefer ſchmerzlicher Seufzer ver⸗ rieth, was in ſeinem Herzen vorging. 302 Wie froh auch Rigmor war, ihn geſund und ohne Makel zu ſehen, fuͤhlte ſie ſich doch nicht genug geraͤcht.„Gruͤße Deinen Bruder, gute Kirſtine!“ fuhr ſie in einem gleichguͤltigen Ton fort;„ſage ihm, daß ich ihm recht gut bin, und die vielen kleinen Ritterdienſte, die er mir, als wir beide Kinder waren, bewieſen, nicht vergeſſen habe; doch andre Zeiten, andre Verhaͤltniſſe, ſelbſt wenn ich nicht den Schleier nehme, kann ich doch nie daran denken, die Ehefrau eines kleinen Ritters zu werden; es iſt mehr als ein fuͤrſtlicher Buhle da, mit dem er nicht verglichen werden kann.“ „Genug, genug! Jungfrau Rigmor!“ rief plotzlich Carl in Verzweiflung, und warf Schleier, Mantel und Haube auf den Boden.„Ihr habt grauſamen Spott mit dieſem armen Herzen ge⸗ trieben! Lebt wohl auf immer!“ „Ci! was ſehe ich? darf ich meinen Augen glauben!“ rief Rigmor, ſich uͤberraſcht und be⸗ leidigt ſtellendꝛ:„wagt Ihr, mich ſo zum Be⸗ ſten zu haben?“ „Verzeiht mir den letzten verzweifelten Verſuch, Euer Herz zu mir zu erforſchen! Jetzt weiß ich erſt, wie ungluͤcklich ich bin! Ja! Ihr habt Recht! Ich bin ein alberner eingebildeter Traͤu⸗ mer geweſen, wenn ich unſrer ſchoͤnen Kindheit gedachte, und dieſe welken Blaͤtter an mein Herz druͤckte! Es waren Grabblumen von der Beſtattung — — 303 meines einzigen und letzten Freundes und ich Thor waͤhnte, daß ſie auf meinem Hochzeitstage wieder belebt und mich im Leben und Freude begleiten wuͤrden!“ Mit dieſen Worten zog er einen klei⸗ nen verwelkten Kranz von Buxbaum und Win⸗ tergruͤn aus ſeinem Buſen, und wollte ihn jnr ßen; doch ploͤtzlich hielt er inne und druͤckte ihn an ſeine Lippen.„Nein, dies einzige vergaͤngliche Pfand Eures Wohlwollens ſoll mich doch ins Grab begleiten,“ fuhr er fort;„und bald, bald ſoll Kariſe Kirchhof oder der Wahlplatz mich und meine Thorheit bedecken. Rigmor! Rigmor! Gott ver⸗ zeihe es Dir! ich wollte ſelig wie Hagbert fuͤr Dich ſterben; doch eine treue und liebevolle Signe lebt nicht mehr in dieſer Welt! Leb wohl!“ Er machte einen hurtigen Schritt gegen die Chuͤre und wollte fort; da fiel ihm Rigmor um den Hals und weinte und lachte auf einmal. „Carl! mein geliebter Carl!“ rief ſie„wollteſt du wirklich Dich meinetwegen aufhaͤngen laſſen, ich habe Dich grauſam gequaͤlt! Vergieb mir; aber warum haſt Du auch den Bart nicht beſſer geſcho⸗ ren, wenn Du fuͤr eine Jungfrau gelten wollteſt.“. „Rigmor, Rigmor! ſuͤßes Maͤdchen!“ rief er nun außer ſich vor Freude, und druͤckte ſie an ſeine Bruſt!„darf ich Dir glauben; Du haͤtteſt mich erkannt, und wollteſt mich beſtrafen?“ „Glaube mir, Carl!“ lispelte ſie zaͤrtlich und III. 20 304 kuͤßte ihn,„wenn ich Dich auch zu Tode plagte, ich liebe doch Niemanden wie Dich; aber welche Vermeſſenheit! wenn Jemand uns hier erbhickto? wenn Marthe kaͤme!“ „Marthe weiß alles, meine Rigmor! die gule Alte konnte mich nicht vor Liebe ſterben ſehen!“ In dieſem Augenblicke trat Marthe ſchnell herein!„Fort! fort! Herr Carl!“ fluͤſterte ſie aͤngſtlich.„Die Haube auf, den Mantel um! ich fuͤrchte, daß Jemand kommen magl ach! die Jugend, Jugend!“ Nun ſchmuͤckte ſie Carln wieder mit dem hingeworfenen Jungfrauen⸗Anzug und trippelte nach der Thuͤre um Wache zu halten. „Leb' wohl, leb' wohl! mein Carl!“ fluͤſterte Rigmor,„Du mußt nun gehen, ſo duͤrfen wir uns nicht mehr ſehen; mein guter Ruf, und mein Vater!“ „Seine Beiſtimmung erhalten wir nie, habehor nicht Du meine Ehehaͤlfte vor Gott und der Welt biſt. Haſt Du Muth, meine Rigmor! ſo zeige es nun! laß einen Pfaffen uns noch in dieſer Nacht ins Geheim verbinden; noch in dieſer Stunde! Laß mich Dich nach Kariſe fuͤhren! dort ſoll keine Gewalt auf der Erde uns trennen.“ „Gott erbarme ſich! das wird nicht gut gehen!“ „Ich habe bei Deinem Vater vergeblich um Dich gefreit; er iſt unbiegſam.”“ „Wie, bei meinem Vater eher als bei mir?“ 305 8 Rigmor ballte die kleine Fauſt und droheke,„haͤtte ich das gewußt, wuͤrde ich Dich doppelt ſo lange gequaͤlt haben. Was ſagte er denn?“ „Er war Deines Gehorſams und Deiner Furcht vor ſeiner Strenge ſo gewiß„ daß er mir Dich halb aus Spott verſprach, wenn ich ohne ſeine Genehmigung blos das bernſteinerne Herz, das Du traͤgſt, gewinnen koͤnnte.“ℳ „Gut! da haſt Du es mit dem andem, 4 verſetzte Rigmor raſch und trotzend.— „Iſt es wahr? Carl! glaubt er mich wirk⸗ lich ſo furchtſam und eine ſolche Sklavin ſeines Ei⸗ genſinnes, ſo komm! wir wollen es darauf wagenz wenn ich ſelbſt keinen Willen haͤtte, waͤr ich nicht die Tochter des Grafen Albert; es muͤßte wunder⸗ lich zugehen, ſollte ich ihn nicht wieder gut machen 3 wie ſtreng er ſcheint, iſt er ja doch nur ein Mann.“ „Meine Braut! meine heldenmuͤthige Braut!“ rief Carl außer ſich, und umarmte ſie heftig. „Ach, Rigmor! Kind! herzliebſte Jungfrau⸗ Rigmor! es geht in aller Ewigkeit nicht;“ jam⸗ merte Marthe, haͤnderingend, indem ſie unruhig umherlief.„Was wird Euergeſtrenger Vater ſagen? ich bin ungluͤcklich, ich ſterbe, wenn er es erfaͤhrt.“ „Du folgſt uns nach Kariſe!“ ſagte Carl, „der Koͤnig und der Erzbiſchof werden alles bei dem Grafen Albert wieder gut machen!“ „Du ſollſt immer bei uns bleiben, liebe gute 306 Marthe!“ ſagte Rigmor ireenic und dliebkofte die Alte. „ Ach ja! ich habe es ja. alles ſo geträͤumt und es muß der Wille des Himmels ſeyn,“ ſeufzte die nachgebende Alte, und holte ſchnell Rigmors Man⸗ tel.„Nun denn in Gottes und der heiligen Jung⸗ frau Namen!“ fuhr ſie fort, indem ſie mit einem Paͤckchen unter dem Arm zuruͤckkam,„wollt Ihr ſelbſt es darauf wagen und verantworten; nun denn ſo habe ich einen Verwandten im Capitelhauſe, der in einem Augenblick den Segen uͤber Euch le⸗ ſen kann; allein ich fuͤrchte, daß wir verrathen ſind. Ich höre Jemanden auf dem Gange.“ „Verſchließe die Thuͤre zum Gange,“ fluͤſterte Rigmor aͤngſtlich,„und fuͤhre uns durch die Kuͤche und den Hinterhof! Ach, Carl! Carl! nun wird mir doch bang. Chre Vater und Mutter, heißt es.“ „Muth! meine Rigmor! Ehre den Vater da⸗ durch, daß Du Muth und kraͤftigen Willen haſt, wie er. Du ſollſt Vater und Mutter verlaſſen, heißt es auch. Die heilige Kirche wird uns ſegnen. Gott beſchuͤtzt treue Liebe! Es gilt meinem Leben und meiner ganzen Gluͤckſeligkeit in der Welt. Ueber mein Haupt kommen die Folgen, ich bin⸗ auf Alles bereitet.“ Mit dieſen Worten ſchlang er den Arm um ihren Leib und fuͤhrte ſie ſchnell und unbemerkt aus dem Schloſſe, um ſein ver⸗ meſſenes Unternehmen auszufuͤhren⸗ Ende des dritten Theils. fffnfffnffmnfffffnnfffniniſſiſſſſſſinſ 3 16 1 14 15 17 18 19 5 5 5 82 4 8 * 3 88 3— 4* 34 * — 4 3 4—— —— A— 3 . 4 1 * 8— *— “ 1—