Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SKeeih- und Jeſebedingungen. 1. Oftensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 ution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 3 t Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe „) binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wirr. 3 5 Het Adchuement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und fkür nhentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 38„„=„„=„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werres, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen — ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ —— —— Maldemar der Lieger. Hiſtoriſcher Roman von B. S. Ingemann. Dem Daͤniſchen nacherzaͤhlt von X. Kruge. Zweiter Theil. Leipzig, bei Chriſtian Ernſt Kollmann. 14827. Waldemar der Sieger. Zweiter Theil. ℳ Es war ein ſchöner, linder Wintermorgen eines der letzten Tage des Februars; ein leichter Reif glaͤnzte auf den Zweigen der Eichenwaͤlder Nord⸗ Deutſchlands. Am Stalle einer einzelnen Schenke, nicht weit innerhalb der ſchwerinſchen Grenze, ſtand ein kuͤhner, feingebauter Juͤngling, von edlem, fuͤrſtlichem Anſehn, jedoch im einfachen Kleide eines Knappen, und legte ſelbſt dem leich⸗ ten Gaul das Gebiß an.— Es war der Schwe⸗ ſterſohn Waldemars, der junge Graf Otto, der dem Junkherrn Strange nach Boͤhmen gefolgt war, und unter dieſer Verkleidung dem doͤnigli⸗ chen Oheim eine wichtige Botſchaft am ſchnell⸗ ſten und ſicherſten zu bringen hoffte.— Otto war wenige Tage vorher mit Abſalon Balg von Prag weggeritten; doch hatten beide kurz nachher verſchiedene Wege genommen, und der Letztere, der Waldemar noch im Pommerſchen anzutreffen meinte, glaubte, indem er den Befehl des Koͤ⸗ 1 1 4 nigs nicht ganz genau befolgte, dieſen fruͤher als der Gefaͤhrte zu treffen. Graf Otto wußte zwar, daß Waldemar ſich noch in Pommern, wo er bereits im Verein mit dem Grafen Albert den Herzog Ladislaus aus dem Felde geſchlagen, und ihn zur Unterwerfung gezwungen hatte, aufhal⸗ ten ſollte; aber das Geruͤcht ſagte zugleich, daß der Koͤnig ſchon auf dem Nuͤckzug waͤre.— Otto glaubte daher am ſicherſten ihn in wenigen Ta⸗ gen in Schwerin anzutreffen.— Schon an der Grenze hatte er Veranlaſſung gehabt, eine feind⸗ liche Stimmung gegen die Daͤnen zu bemerken, und die Gefahr, der er ſich bloßſtellte, indem er ganz allein dies Land durchzog, ſah er ſogleich ein. Nicht ohne Fertigkeit redete er die Sprache, obgleich mit einem zu weichen Tone, denn die ſchone Mutterſprache war ihm die theuerſte. Dennoch war es ihm bisher gelungen fuͤr einen treuen Unterthan des römiſchen Reichs zu gelten. „Welches iſt der naͤchſte Weg nach Schwe⸗ rin?“ fragte er in ſaͤchſiſcher Mundart, doch nicht ohne, ſich ſelbſt unbewußt, ein daͤniſches Wort hineinzumiſchen, indem er ſich in den. Sat⸗ tel ſchwang. 9 — — 5 Der kleine, dicke, ſtumpfnaſigte Schentwieh, der mit einer zottigen Muͤtze uͤber dem ſtruppig⸗ ten Haare in der offenen Halbthuͤr gaffend ſtand, ſah ihn mit einem ſcharfen, heimtuͤckiſchen Laͤ⸗ cheln an.—„Möchtet Ihr dem landesherrli⸗ chen Grenzenwaͤchter, der ſo eben aus der Scheune ritt, nachfolgen,“ gab er zur Antwort, „ſo kommt Ihr vielleicht fruͤher, als Euch lieb iſt, nach Schwerin.— Denn wenn Eure Sprache mit dem blauen Maͤdchenauge nicht truͤgt, ſo wohnt Eure Mutter jenſeits der Elbe.“ „und deshalb ſollte ich in Schwerin nicht willkommen ſeyn, meint Ihr?“ fragte Otto ſchnell, und bog ſchon das Knie, um das Pferd zu ſpornen. „Wenn das Geruͤcht wahr iſt, daß das daͤ⸗ niſche Heer ſchlimm in Pommern gehauſt, und heute oder morgen Schwerin heimſuchen wird, ſo braucht Ihr nicht Eure gute Maͤhre zu Schanden zu reiten, junger Herr, um den Weg zum Hundeloche des ſchwarzen Grafen Heinrich zu finden. Wollt Ihr mir dagegen eine Hand voll Eurer feinen Goldſtuͤcke ſchenken, ſchaffe ich Euch ſicher uͤber die Grenze zuruack.“ „Wo der Koͤnig von Daͤnemark Lehnsherr iſt,“ entgegnete Otto ſtolz,„braucht kein Daͤne ſich Sicherheit zu kaufen; in jedem Falle bezahle ich ſie lieber mit Eiſen, als mit Gold. Lebt wohl! Dabei ſpornte er den Hengſt an, und ſprengte fort, um den fremden Reuter, der den⸗ ſelben Weg wie er vorhatte, einzuholen. Der Wirth lachte hoͤhniſch;„reite nur zu, alberner Gelbſchnabel,“ murmelte er;„Du wirſt immer fruͤh genug ankommen; haͤtten wir traun Deinen Koͤnig und ſeinen vermeſſenen Neffen hier allein, ſo ſolltet Ihr Euch nicht lange mit Eurer Lehnshoheit bruͤſten.“ Nach einem ſtarken Galopp von einigen hun⸗ dert Schritten holte Otto den fremden Reiter mit der Frage ein, ob er ihm nach Schwe⸗ rin folgen koͤnnte? „Das kannſt Du gern, junger Fant!“ entgegnete der Reiter mit tiefer und rauher Stimme,„inſofern es Dir zu ſehen geluͤſtet, wie Graf Heinrich dem daͤniſchen Geſellen das Weiße im Auge heraus zukehrt. Willſt Du ſonſt fuͤr einen echten Deutſchen gelten, mußt Du das — 5 7 Maul voller nehmen, wenn Du unſre gute Stadt Schwerin nennſt.“ Der Reiter, der ihm dieſe Antwort gab, war ein ſtarker, breitſchulteriger Burſche, mit ſchwarzem, gekraͤuſeltem Bart, in einer ſchweren kriegeriſchen Ruͤſtung. Er trug eine große zottige Streithaube mit einem Eberkopf, der ihm faſt die Augen verbarg, und deſſen Hauzaͤhne wie ein Paar Hoͤrner uͤber die Stirn hervorragten, und ihm ein wildes, furchtbares Anſehen gaben. In einem ledernen Riemen, der ihm uͤber die Schul⸗ ter ging, trug er einen klirrenden, ſtaͤhlernen Bo⸗ gen, und an der linken Huͤfte ein langes Schlachtſchwert, das, ſo ſchien es, nur durch Rieſenkraft geſchwungen werden konnte. Graf Otto betrachtete ſeinen derben Gefaͤhr⸗ ten genau, und ſah ſogleich ein, daß das Kluͤgſte allerdings waͤre, ſich friedlich zu verhalten„ ob⸗ gleich ihm das Blut bei dieſen Stachelworten in den Adern kochte.„Ihr ſcheint in Eurer Kraft und Mannhaftigkeit zu vergeſſen, daß Ihr ſelbſt einmal jung und flaumenbaͤrtig, ſo wie ich, ge⸗ weſen ſeyd!“ gab er mit erkuͤnſtelter Ruhe zur Antwort;„wollt Ihr mir aber Zeit laſſen, bis ich meinen Auftrag in Schwerin ausgerichtet habe, werde ich mir Muͤhe geben, Euch oft etwas 4 von Eurer Mannhaftigkeit abzulernen.“ „Ich mag mich nicht mit Knaben herumbal⸗ gen,“ brummte der Reiter,„wir werden wohl in der Guͤte fertig werden, denke ich, beſonders wenn Du, wie ich beinahe glaube, ein kleines huͤbſches, vermummtes Weibsbild biſt.“ Dieſen Spott mit der Jugend und dem faſt jungfraͤulichen Anſehen des zartgliederigen Juͤng⸗ lings konnte Graf Otto nicht laͤnger ertragen, und ohne die Folgen zu bedenken hatte er ſchon ſein kurzes Schwert gezogen, und wartete nur darauf, daß ſein Gegner ſich auch ſchlagfertig mache, 3 um im Ernſt mit dieſem Goliath anzubinden. Allein der Reiter ſchien gar nicht ſeinen Zorn zu bemerken, und ſtatt das ungeheure Schwert zu ziehen, gaͤhnte er ganz gleichmuͤthig, waͤhrend er eine Feldflaſche aus der Satteltaſche zog. Dar⸗ aus trank er ſich in aller Bequemlichkeit eine derbe Herzſtaͤrkung.—„Kannſt Du in Deinem Katzenkopf einen kraͤftigen Morgenſchluck vertra⸗ gen, ſo thue mir Beſcheid!“ ſagte er, indem er dem Juͤngling die Feldflaſche hinreichte. 4 . 9 Otto wurde mitten in ſeiner Heftigkeit ſo er⸗ ſtaunt bei dem Gleichmuth des Kaͤmpen, daß er das Schwert wieder in die Scheide ſtieß, und die Feldflaſche mir nichts Dir nichts ergriff. Allein um dem gigantiſchen Begleiter zu zeigen, daß er kein vermummtes Weibsbild ſey, leerte er die Flaſche bis auf den Boden, und gab ſie ganz leer zuruͤck. „Nun, trinken kannſt Du wie ein braver Burſche, das muß ich Dir laſſen!“ ſagte der Reiter trocken, und ſteckte die Flaſche in die Satteltaſche;„laß nun auch ſehen, ob Du rei⸗ ten kannſt, ohne vom Pferde zu fallen!“ mit dieſen Worten ſetzte er den ſchwerbeladenen Gaul in einen ſchweren Galopp, wobei er um die Wette mit dem Pferde ſtoͤhnte, waͤhrend Otto auf ſei⸗ nem leichten Pferde ohne die kleinſte Anſtrengung ihm vorbeitrabte. „Dein Gaul iſt beſſer als der meinige,“ ſagte der Reiter, als ſie wieder neben einander ritten;„wenn Du rechts einſchlaͤgſt, jenſeits der erſten Bruͤcke, geht der Weg gerade aus bis Schwerin, und Du kannſt ihn nicht verfehlen. Ich habe aber groͤßere Eile als Du, und Du 10 biſt wohl ſo hoͤflich in der Guͤte Dein Pferd mit mir zu tauſchen; wenn nicht, mußt Du Dich drein ergeben, daß ich das Recht des Staͤr⸗ kern uͤbe, und hier das Beiſpiel des mannhafti⸗ gen Daͤnenkoͤnigs befolge.“ Bei dieſen Worten machte er ganz ruhig Miene, ſein langes Schlacht⸗ ſchwert ziehen zu wollen. Doch Otto, der zu ſeiner Linken ritt, hatte in einem Augenblick ſein kurzes Schwert in der Hand, und zerſchnitt ge⸗ ſchickt den Lederriemen, an dem das große Schlachtſchwert des Reiters hing, wodurch er fuͤr den Augenblick den langſamen Feind entwaffnet hatte; darauf gab er dem leichten Pferde die Spornen, dankte ſehr hoͤflich fuͤr die gute Wei⸗ ſung, und zeigte nun dem erſtaunten Reiter, daß er reiten konnte, ohne vom Pferde zu fallen. Ein ſchwirrender Pfeil von dem ſtaͤhlernen Bogen des Reiters flog vor ſeinem Ohre, doch ohne ein Haar ſeiner gelben Locken zu verletzen, dicht vorbei; und warm von dem kaum uͤberſtan⸗ denen Aerger und dem ſtarken Getraͤnk eilte Otto ſo ſchnell vorwaͤrts, daß er ſehr bald den unver⸗ ſchaͤmten Wegweiſer nicht mehr erblicken konnte. — Jett erinnerte er ſich der Aeußerungen des 11 Schenkwirths von dem Hundeloche des ſchwarzen Grafen Heinrich, ſo auch der des Reiters von demſelben, welches alles ihm freilich einen un⸗ guͤnſtigen Empfang verſprach; dennoch konnte er ſeinen Entſchluß, den Koͤnig ſogleich bei deſſen Ankunft nach Schwerin durch eine freudige Bot⸗ ſchaft zu uͤberraſchen, nicht aufgeben, und er hoffte, ohne ſeinen Namen und Auftrag zu ver⸗ rathen, ſich Einlaß in das Schloß verſchaffen, und vielleicht ſogar erforſchen zu koͤnnen, ob ſein koͤniglicher Oheim keine Verraͤtherei daſelbſt zu befuͤrchten haͤtte. Sollte auch das Schlimmſte eintreten, und er als eine verdaͤchtige Perſon feſt⸗ geſetzt werden, hoffte er jedoch, daß Abſalon Balg den Koͤnig treffen, und daß der Arm Walde⸗ mars des Sicgers ſtark genug ſeyn wuͤrde, ihn aus jeder Verlegenheit zu erretten. Ohne weitere Abentheuer erreichte der Juͤng⸗ ling Schwerin, und brauchte nicht nach dem Schloſſe zu fragen, denn es ragte ſo hoch und gewaltig uͤber die niedrigen Buͤrgerhaͤuſer empor, daß er gleich ſehen konnte, daß es die Wohnung der ſtolzen Grafen ſeyn muͤſſe.— Das Schloß ſtand ganz allein auf einer kleinen Inſel, die 12 durch eine Zugbruͤcke mit der Stadt verbunden war; es war ſtark befeſtiget, allein die Bruͤcke war friedlich herunter gelaſſen; und als Otto der Schildwache erklaͤrte, daß er der Schildknappe eines fremden Ritters ſey, der des Herrn im Schloſſe harren ſollte, wurde es ihm geſtattet, uͤber die Schloßbruͤcke zu reiten, und ſein Pferd in den Stall der Herrſchaft zu ſtellen, wobei ihm geſagt wurde, daß die Grafen mit allen fremden Herrſchaften auf der Jagd waͤren, indeß er ſich zu den andern Burſchen, die am Burg⸗ gitter auf ihre Herrſchaften warteten, geſellen koͤnnte. Er huͤtete ſich wohl, ſich in ein weitlaͤuftiges Geſpraͤch, das ihn leicht haͤtte verrathen koͤnnen, mit den fremden Burſchen einzulaſſen, ſondern begnuͤgte ſich damit, in aller Kuͤrze zu erfahren, was das fuͤr fremde Herrſchaften waͤren, die ſich auf dem Schloſſe aufhielten. Es wurde ihm dann unter andern der junge Graf Adolph von Holſtein, genannt, deſſen Vater vor Kurzem aus der daͤniſchen Gefangenſchaft losgekauft worden; ſo auch der wendiſche Fuͤrſt Henrik Borvin und ſeine drei Bruͤder, der Graf Henrik von 4 13 Danneberg, und der Biſchof Conrad von Hil⸗ desheim, welche faſt alle Waldemars offenbare oder geheime Feinde waren; dabei wurde auch eine portugieſiſche Prinzeſſin, die, wie einige be⸗ haupteten, doch nur eine Graͤfin aus Flandern ſey, genannt; allein daß der daͤniſche Koͤnig we⸗ der gekommen, noch erwartet wurde, war offen⸗ bar. Als Otto das, was er wuͤnſchte, erfahren hatte, ließ er ſich nicht weiter mit irgend Jeman⸗ dem ein, ſondern betrachtete das praͤchtige Schloß mit den vier hohen Thuͤrmen, von welchen der nordlichſte durch ſein duͤſteres Ausſehen und die kleinen, hochangebrachten Luftloͤcher mit eiſernen Stangen in den dicken Mauern beſonders ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zog.„Das iſt ohne Zweifel der Gefaͤngniß⸗Thurm der Grafen,“ be⸗ merkte er, und ein kalter Schauder durchzuckte ſein kuͤhnes Herz;„wer einmal da feſt ſitzt, wird ſchwerlich ſo bald Sonne und Mond wie⸗ der ſehen.“ Doch bald verbannte jugendlicher Leichtſinn und Heiterkeit die unangenehme Vor⸗ ſtellungz und als die Zeit ihm beim Burggitter lang wurde, machte er ſich kein Bedenken, eine kleine Luſtwandlung um die Mauern und Fe⸗ 14 ſtungswerke der Burg zu unternehmen.— Er glaubte ſchon nait ſeinem ſcharfen Blick zu be⸗ merken, daß die oſtliche Seite des Schloſſes der ſchwaͤchſte Theil deſſelben ſey; jedoch wurde ihm keine Zeit, dergleichen kriegeriſche Betrachtungen anzuſtellen, denn ploͤtzlich traten vier ſtarkbewaff⸗ nete Kriegsknechte ihm entgegen, und fragten in einem rauhen und barſchen Tone, wer er ſey, und warum er ſo aufmerkſam die Schanzen be⸗ trachtete.— Seine Antwort und Verlegenheit, ſo auch die fremde Ausſprache kamen den Kriegs⸗ knechten verdaͤchtig vor, die ihm geradezu zu verſtehen gaben, daß ſie ihn fuͤr einen daͤniſchen Spaͤher hielten, dem ſie den Vertheidigungszu⸗ ſtand des Schloſſes nicht mir nichts, Dir nichts auszuſpaͤhen, geſtatten duͤrften. „Niemand hat mir geſagt, daß es hier her⸗ umzugehen nicht erlaubt ſey!“ entgegnete Otto betroffen;„ich ſchaͤme mich nicht, mich einen Daͤnen zu nennen, und haltet Ihr mich verdaͤch⸗ tig, kann ich Euch nicht verwehren, mir Geſell⸗ ſchaft zu leiſten, bis ich mich vor den Vaſallen meines Koͤnigs rechtfertigen kann.“ ¹ „Die Daͤnenknaben tragen nun die Naſe 15 hoch, weil ſie wieder einen Koͤnig Walmar ha⸗ ben, mit dem ſie ſich bruͤſten koͤnnen!“ mur⸗ melte der aͤlteſte von den Kriegsknechten, ein ſtar⸗ ker, rothnaſiger Geſelle, und ſtrich ſich den grau⸗ geſprenkelten Schnautzbart.—„Aber Ihr lernt wohl bald aus einem andern Tone pfeifen, koͤmmt Zeit, kömmt Rath.— Hier fragen wir nicht den Koͤnig von Daͤnemark, an welchen Baum wir ſeine Spaͤher aufknuͤpfen ſollen.“— Dieſe Anrede machte den Grafen doch etwas bedenklich, und er huͤtete ſich kluͤglich, den feind⸗ lich geſinnten Waͤchtern Anlaß zu geben, ihre UAeberlegenheit zu mißbrauchen. „Ich bin in einem friedlichen und erlaubten Anliegen hierher gekommen!“ ſprach erz„und eine Burg, die ſo mannhafte Vertheidiger beſitzt, braucht keine Spaͤher zu fuͤrchten; aber ich habe Langeweile. Die Grafen und die fremden Herr⸗ ſchaften kehren wohl nicht vor Abend von der Jagd zuruͤck; mir juckt noch der Hals voll Staub, koͤnnt Ihr mir nicht fuͤr Geld und gute Worte ein Paar Kruͤge guten Wein verſchaffen, und ſie mir hier im Freien leeren helfen. „Es iſt doch ein recht braver Burſche!“ — 16 fluͤſterte der alte Kriegsknecht den Gefaͤhrten zu; „wenn er hier in einem erlaubten Auftrage iſt, muͤſſen wir hoͤflich mit ihm verfahren.— Hole Du den Wein, Fritz Gruͤnhagen, bei dem alten Bruder Martin im Kloſterkeller; ich werde ſo lange Deine Armbruſt tragen. Hier kann unſer Alter uns nicht trinken ſehen, und von der Anhoͤhe können wir wahrnehmen, wenn die Grafen zuruͤck⸗ kehren, und in der Schanze ſeyn ehe uns ein Hund anbellen kann.“ Waͤhrend Fritz, der ſogleich die Armbruſt ab⸗ gegeben und mit Verwunderung und Freude dem Grafen das dargereichte Goldſtuͤck abgenommen hatte, den Wein holte, warfen ſich die Gefaͤhrten auf ihre Maͤntel am Abhange nieder, legten die Waffen ab, und ladeten den fremden jungen Herrn, wie ſie ihn jetzt nannten, dn Platz unter ihnen zu nehmen. „Iſt es wahr, junger Herr! daß Euer König unſere Grafen wegen der dummen Geſchichte mit dem langbeinigten Johann Gany befehden will?“ fragte der alte Kriegsknecht, ſich hinſtreckend. „Die Wildgans iſt nicht des Aufhebens werth3 daß wir ihm das Neſt uͤber dem Kopf wegriſſen, 17 hatte er ehrlich verſchuldet. Wie darf ein ſolcher langbeinigter Schlingel ſich unterſtehen, unſeren Grafen ihre Lehnspflicht gegen den denſche Köͤ⸗ nig vorzuhalten?“ 41 „Davon weiß ich gar nichts,“ ervigderte Otto. „Ihr wißt wohl mehr, als Ihr Euch merken laßt,“ nahm der Kriegsknecht das Wort wieder; „allein ein kluger Burſche verſchweigt, was er nicht verrathen darf; das kann ich Euch nicht ver⸗ denken. Aber Ihr wißt doch wohl, wie Euer Koͤnig und der verteufelte Graf Albert dem Herzog von Pommern zugeſetzt haben? oder ob das Ge⸗ zuͤcht wahr ſey, daß der junge Koͤnig mitten in ſeiner großnaſigten Mannhaftigkeit wieder Heiraths⸗ grillen bekommen, und um die Prinzeſſin vom Boͤhmerlande, die er mohl nie geſehen, wer⸗ ben will.“ „Davon habe ich zwar einen Vogel fingen hhan doch die Wahrheit kann ich nicht ver⸗ Iies.7 „Hm!“ murmelte der Ariegsknecht,„das iſt doch etwas Sonderbares um das Werben der gro⸗ ßen Herren; ſie duͤrfen nicht wie unſer Einer ſich II. 2 18 vorſehen, und das Bier koſten, ehe ſie den Becher leeren, ſondern muͤſſen alles auf einen Gluͤckstref⸗ fer ankommen laſſen.— Nun daher geht es auch ſo, wie im Liede ſteht: eerne Einher die Prinzeß' mit der Krone geht: Nicht Spatz iſt des Kranichs gleichen, Die Kleinmagd vor dem Heerde ſteht;— Sie ſpielt mit den Laͤndern und Reichen.“ „Das ſoll Niemand“ meinem Oheim war Otto im Begriff zu ſagen; ſchnell verbeſſernd fuhr er aber fort:„dem Koͤnig Waldemar nachſagen können, daß er ſich vom Weib oder Mann meiſtern laͤßt. Sagt mir aber einmal,“ fragte er plͤtzlich, um dem Geſpraͤch eine andere Richtung zu geber, „iſt es wahr, daß Euer kuͤhner Graf Heinrich zwar eine ſchöne Gattin hat, allein daß er ſelbſt ſchwarz wie ein Rabe iſt, und ſich immer ſelbſt in das eine Auge hineinſieht, waͤhrend er das Weiße aus dem andern herauskehrt, wenn er Jemanden anſieht?“ 2 „Das thut er, wenn er unwirrſch iſt,“ gab der Krieger barſch zur Antwort;„und huͤte Dich, junger Naſeweis, daß Du ihn nicht ſo zu ſehen bekoͤmmſt. Zwar iſt er etwas ſchwarz von Haut 19 und Haar, das kann ſein beſter Freund nicht leug⸗ nen; allein kein Weib iſt ſo weiß, daß ſie fuͤrch⸗ ten duͤrfte ihre Lippen an ſeinem gekraͤuſelten Bart ſchwarz zu machen. Du biſt ein recht wack⸗ rer Burſche, mein' ich; ſoll aber Friede und Ge⸗ noſſenſchaft zwiſchen uns obwalten,“ fluchte er, „mußt Du mit Ehrfurcht von dem Grafen Hein⸗ rich reden. Er iſt ein Herr, wuͤrdig daß man, wenns Noth thut, in die Hölle fuͤr ihn gehe. Wenn er zu mir ſagt: hoͤre alter Kunz, morgen habe ich einen Fang vorz da iſt der alte Fuchs dort, der hat mich ſchon lange aus ſeiner Höͤhle geneckt, den mußt Du mir ausraͤuchern, oder ich breche Dir den Hals;— ſo weiß ich, daß es ſein Ernſt iſt, und fuͤhre kein langes Geſchwaͤtz. Allein bringe ich ihm dann den alten Fuchs bei den Ohren, ſo kann ich auch einen ganzen Monat hin⸗ durch auf meinem Poſten trinken, ohne ein boͤſes Wort deshalb zu hoͤren, und der Graf Heinrich bezahlt obendrein das Gelage.— Was ſonſt die gnaͤdige Frau Audocia betrifft— Ei! da haben wir Fritz Gruͤnhagen mit dem Weine. Lu⸗ ſtig, Gefaͤhrten! Graf Heinrich und ſeine ſchöne Gattin ſollen leben! Wer dieſe Geſundheit nicht 2* 20 aus treuem Herzen mit trinkt, iſt ein Verraͤther, und verdient das Rad zu kleiden.“ Nachdem der alte Kunz Rothnaſe, wie ſeine Spießgeſellen ihn nannten, erſt recht tapfer mit dem Durſte um die Wette getrunken hatte⸗„ Rahm er das Wort wieder: „Wie der Graf Heinrich die ſchoͤne Gattin bekommen,“ ſagte er mit ſelbſtzufriedenem Laͤcheln, und ſtrich ſich um den Bart;„daraus kann der junge Herr hier auch nicht klug werden; darnach fragen alle Leute, und Eure dickkopſigen Burſchen koͤnnen es wohl auch nicht faſſen; aber das werde ich Euch erzaͤhlen, vielleicht habe ich Euch es ſchon einmal erzaͤhlt, aber Ihr koͤnnt wohl vertragen, es nochmals zu hoͤren.“ „Das hat der Graf ja Dir zu verdanken; das haben wir ſchon hundertmal gehoͤrt,“ unterbrach ihn Fritzz„haͤtteſt Du nicht das Fraͤulein aus dem Thunn des alten Masianſen hertuaze ſune dann“—- ane ae „Halts Maul, Du Gelbſchnaber, wenn ich rede! Habe ich Dir das nicht hundertmal geſagt; was weißt Du davon. Sie ſteckte nicht in dem Thurme, da⸗ ehittxi ich ſie wohl fitzen laſſen muͤſ⸗ — * 21 ſen, bis ſie ſchwarz wurde. Nein, ſie erging ſich im Haine, und lauſchte dem Geſang der Voͤgel, und da ließ ich das huͤbſche Stuͤck⸗ chen Wild meinem Herrn nicht aus den Haͤn⸗ den ſchluͤpfen; waͤre ich ein junger einfaͤltiger Thor, wie Du einer biſt, geweſen, aus dem ein Paar verweinte Maͤdchenaugen ein weichgeſotte⸗ nes Ei machen kann, ſo haͤtte ich ſie wohl lau⸗ fen laſſen. Aber ich war alt; ich dachte ſo: laͤßt Du das ſcheue Reh laufen, bricht der gnaͤ⸗ dige Herr Dir den Hals entzwei; wenn ſie acht Tage lang uͤber die Augen des Braͤutigams ge⸗ weint hat, ſo lacht ſie zwanzig Jahre und meh⸗ rere hindurch, wegen der Schloͤſſer und der Bur⸗ gen ihres Eheherrn. Und habe ich nicht ganz recht wahrgeſagt? Wo giebt es jetzt eine ſo heitere Frau, wie die Graͤſin Audocia, und wo geht es ſo luſtig zu, wie hier auf dem Schloſſe? Herren und Fuͤrſten, Grafen und Biſchoͤfe, Frauen und Prinzeſſinnen fahren ab und zuz der Wein fließt wie Waſſer hier, und das Horn ertoͤnt vom Morgen bis zum Abend. Woruͤber lacht Ihr, Ihr Zaͤhneflaͤtſcher? wird Graf Hein⸗ rich auch zuweilen ein wenig böſe, und ſteckt 22 Euch mir nichts Dir nichts auf Waſſer und Brod in das Hundeloch, wenn die fremden Her⸗ ren ihn im Kopfe unwierſch machen, und der Graͤfin zaͤrtliche Blicke zuwerfen, deswegen waͤre es doch Unrecht zu ſagen, daß es nicht hier im Schloſſe luſtig genug hergehe. So lange die Prinzeſſin von Flandern ſich hier aufgehalten, bin ich keinen Tag nuͤchtern geweſen, das kann ich beſchwören; und ſelbſt am Hofe des Kaiſers kann es nicht ſtattlicher hergehen.“ „Nachdem was die Prieſter ſagen, iſt die Prinzeſſin Beengierd eben nicht freigebig,““ mur⸗ melte einer der Krieger. „Um ſo freigebiger iſt ſie mit ihrom Laͤ⸗ cheln,“ entgegnete der alte Kunz;„und die Herren und ſtattlichen Ritter, die ſich hier um ſie und unſere ſchoͤne Gebieterin verſammeln, ſtreuen in einer Woche mehr Gold und Silber unter uns aus, ls wir ſr früͤhor in ganzen Jahren geſehen.“ Der vierte Kriegsknecht, der bisher kein Wort geſprochen, ſondern mit haͤngendem Kopfe und an⸗ daͤchtiger Miene ſich ſtill an den Weinkrug gehal⸗ ten, ſeufzte laut:„Ach, ja!“ begann er, v— 23 „Saus und Braus, weltliches und eitles Ge⸗ ſchwaͤtz, das hoͤrt man genug; allein von dem Pilgerzuge nach dem heiligen Lande habe ich lange kein erbauliches Wort hier im Shloſſ ge⸗ hoͤrt.“ „Haſt Du nun wieder Bedenklichkeiten, Hinz Kopfhaͤnger, weil der Wein Dir zu gut ſchmeckt?“ verſetzte Kunz.—„Nach dem heili⸗ gen Lande koͤnnen wir fruͤh genug kommen, um von den Unglaͤubigen geſpießt zu werden. Be⸗ kommt Graf Heinrich, was leicht geſchehen kann, heute oder morgen einen Ruͤckfall in ſeine from⸗ men Grillen, und kommen uns noch mehrere Bi⸗ ſchoͤfe, wie der ſchlaue Hildesheimer, auf den Hals, ſo wird uns vielleicht kaum Zeit gege⸗ ben, einen ehrlichen Rauſch zu verſchlafen, bevor wir dem gnaͤdigen Herrn in Sack und Aſche unſrer Suͤnden halber aach Jeruſalem kalgen muͤſſen.“ „Sind Eure Grafen e fename Ritter, daß ſie im Ernſt an einen Zug nach dem heiligen Lande denken?“ fragte Otto mit Theilnahme; „ich glaubte, ſie waͤren nur mit der Eberjagd und dem luſtigen Leben in der Heimath beſchaͤf⸗ tigt, und ließen das heilige Grab unter der Ob⸗ hut der Unglaͤubigen.“ „Daß Ihr keine beſſern Gedanken von un⸗ ſerer frommen Herrſchaft hegt, junger Herr, das kömmt daher, daß Ihr ein Kick⸗in⸗die⸗Welt ſeyd, der nicht weiß, daß es einem ordentli⸗ chen Ritter heut zu Tage gebuͤhrt, fromm und andaͤchtig zu erſcheinen, wie luſtig er uͤbrigens auch lebt; und in dieſem Stuͤcke ſtehen unſere Grafen hinter keinem Ritter in der Chriſtenheit zuruͤck.— Ueber dem gruͤnen Jagdwamms traͤgt Graf Heinrich immer einen Roſenkranz von Ru⸗ binen und Smaragden, muͤßt Ihr wiſſen, der mehr als ſeine ganze Grafſchaft werth iſtz er verſaͤumt keine Meſſe, und ſtoßen wir waͤhrend der Jagd auf eine Waldkapelle, St. Hubert, oder St. Veit geweiht, muͤſſen wir alle von den Pferden herunter und in den Koth niederknieen, ſollte auch das beſte Stuͤck Wild uns deshalb aus den Haͤnden ſchluͤpfen.“ „Warum hoͤre ich nur immer vom Grafen Heinrich reden?“ fragte nun Ottoz„iſt denn Graf Gunzelin nicht der Aelteſte, und daher re⸗ gierender Graf!“ 25 „Das weiß ich nicht,“ fuhr Kunz fort; „„allein das iſt mir hekannt, daß, wenn Graf Heinrich Ja ſagt, ſpricht Graf Gunzelin nimmer Nein dazu, und hat Graf Heinrich Nein geſagt, wuͤrde es nur wenig helfen, ob Graf Gunzelin bis zu dem juͤngſten Tage Ja ſagte. Uebrigens geht es weder Dich noch mich an, wer am mei⸗ ſten zu ſagen habe, oder wem wir gehorchen, wenn uns befohlen wird, Dich krumm zu ſchlie⸗ ßen, oder Dich in das Hundeloch zu werfen. Biſt Du hergekommen„ um uns auf die Zaͤhne zu fuͤhlen, oder bei dem Weinkrug uns zum Schwatzen zu bringen, ſo wirſt Du bald erfahren, wer hier Herr iſt. Doch was iſt das fuͤr ein Geſell, der die Anhohe herunter gegen die Schloß⸗ bruͤcke hinreitet? Irre ich nicht, iſt es einer von unſern Grenzreitern; ja ganz recht, es iſt mein eigener, leiblicher Bruder; nun werden wir ſehn, es iſt wieder nicht richtig.“ Otto erhob ſich mit den Kriegsknechten ſchnell, und erkannte in dem Reuter, der dem Schloſſe nahete, jenen ſchwerbewaffneten Krieger, der un⸗ terwegs das Pferd mit ihm hatte tauſchen wol⸗ ten. Er ſah ihn beim Burggitter abſitzen und den Gaul in den Stall fuͤhren. „Auf die Schanze, Gefaͤhrten!“ rief jetzt Kunz, indem er ſeinen Bogen ergriff;„die Herr⸗ ſchaften kommen; ſeht Ihr die rothen Feder⸗ buͤſche uͤber die Anhöhe hinaus.— Fort von hier, junger Waghals!“ rief er dem Grafen Otto zu,„ſchnell zu den andern Knappen zu⸗ ruͤck, und laß nicht den gnaͤdigen Herrn Dich hier erblicken; auf Dein ehrliches Geſicht will ich Dir trauen, daß Du kein Spaͤher biſt, und bis weiter aufſchieben, Dich baumeln zu laſſen.“ Die Kriegsknechte liefen an die verlaſſenen Poſten, und Graf Otto folgte gar kluͤglich dem Rath des alten Kunz, und eilte nach dem Burggitter zuruͤck. Dort ſtand der lange Graͤnz⸗ reiter, mit dem Eberkopf an der Streithaube, und lehnte bequem an einem Pfoſten. Otto ſuchte ſeinem Blicke zu entgehen; allein der Rei⸗ ter nahete ihm vertraulich, wie einem alten Be⸗ kannten.„Dank fuͤr letzthin, Kamerad,“ mur⸗ melte er, und klopfte dem jungen Grafen derb auf die Schulter;„Du kannſt wie ein ganzer Kerl reiten, habe ich geſehen, und Deinen klei⸗ 27 nen Butterpruͤfer weißt Du recht geſchickt zu ſchwingen. Ich danke Dir, daß Du mir nicht die Fauſt ſtatt des Schwertriemens zerhauen haſt; das wäre Dir faſt bequemer geweſen.— Haſt Du aber verſtanden, was Dir mein Pfeil ins Ohr fluͤſterte?“ „So zamlich,“ entgegnete Otto;„und haͤtte ich meinen Bogen mit mir gefuͤhrt, wuͤrde ich Euch, ohne ein Haar in Eurem ehrwuͤrdigen Schnauzbarte zu verletzen, angemeſſene Antwort gegeben haben.“. „Du biſt mir ein Hoͤllenjunge!“ ſprach der Reiter;„mit dem Pfeile war es ſonſt nicht ſo ubel gemeint; ich wollte Dich nur ein wenig an dem linken Ohre zeichnen, um Dich bei Ge⸗ legenheit wieder erkennen zu koͤnnen.— Ei, da kommen die Herrſchaften!“ 1 Elänzend in der Abendſonne ritt eine praͤch⸗ tige Schaar Ritter und fuͤrſtliche Herren die An⸗ höͤhe herunter, und der Schloßbruͤcke zu, in ihrer Mitte ein vornehmer, geiſtlicher Herr„ und drei geputzte zierliche Frauen, von einem zahlreichen Gefolge von Jaͤgern mit gekoppelten Hunden, angebundenen Falken, und allerlei Wildpret und 28 Jagdgeraͤthe an den Noßmaͤhnen haͤngend, be⸗ gleitett. e im. Sobald die Vordern die Bruͤcke zuruͤckgelegt hatten, eroͤffnete ihnen der buntgekleidete Burg⸗ vogt das Gitter, und trieb die neugierigen Zu⸗ ſchauer mit einem langen Stocke mit ſilbernem Knopf zuruͤck. Neben dem mannhaften Graͤnz⸗ reiter ſtand der vermummte Graf Otto, und freute ſich des praͤchtigen Aufzuges.. Zur Linken einer ſchoͤnen, furſtlich geſchmuͤck⸗ ten Jaͤgerin ritt ein Mann von mittlerer Groͤße, mit einem verwegenen, braunen, ſchwarzbaͤrtigen Geſichte, krummer Adlernaſe, tiefliegenden, fin⸗ ſtern Augen, aus denen er etwas ſchielte. Unter dem kurzen, flatternden Scharlachmantel trug er ein gruͤnſammtenes Jaͤgerwamms, mit goldenen Knoͤpfen, und an dem filbergeſtickten Guͤrtel ein breites, mit Silber eingelegtes Jagdmeſſer; auf dem ſchwarzen, krauslockigten Haare prangte ein ruſſiſcher Hut, mit Silberblech, Edelſteinen und köſtlichen rothen Federn beſetzt, an der breiten Bruſt glaͤnzte ein koſtbares Paternoſterband, mit NRubinen und Smaragden zwiſchen den Perlen. „Das mag wohl der ſchwarze Graf Hein⸗ 29 rich ſeyn,“ ſagte Otto zu ſeinem Gefährten; „aber die ſtolze, ſchoͤne Frau an ſeiner Seite, mit dem runden mit Perlen beſetzten Hut uͤber den braunen Geflechten, iſt ſie ſeine Gattin?“ „Hoho!“ gab der Krieger zur Antwort; „das iſt die portugieſiſche Prinzeſſin Beengierd oder Beringard, oder wie ſie ſonſt heißt, die Schweſter von dem Grafen in Flandern; ſie iſt auch etwas mit unſrer gnaͤdigen Herrſchaft ver⸗ wandt, glaube ich, und beſucht ſie oft.— Frei⸗ lich iſt ſie dem Anſehn nach ein ſtolzes Weibsbild, ſchoͤn genug, um Unheil anzuſtiften. Mit dem offenen Mieder, und der Goldflitter an dem blau⸗ ſeidenen Mantel, vermag ſie die Augen ſelbſt des beſten Mannes zu verblenden; mit ihren Hexen⸗ blicken macht ſie alle jungen Geſellen hier zu Lande toll. Huͤte Dich, junger Burſche, daß Du ihr nicht zu tief in die funkelnden Falkenaugen hin⸗ einblickſt. Sie hat manchen braven Knappen und Ritter zum Narren gemacht, indem ſie ſie blos anblickt.“ Dieſer Warnung ungeachtet konnte Otto doch nicht umhin, die ſchoͤne gefaͤhrliche Jaͤgerin, indem ler ſie ehrerbietig begruͤßte, aufmerkſam zu betrach⸗ ten; und er mußte geſtehen, daß er eine ſo glän⸗ zende Schöoͤnheit nie fruͤher geſehen hatte. Es flammte ein Feuer, das entzuͤndete und blendete, und nicht von den zahlloſen funkelnden Edelſteinen, die in drei ſchweren goldenen Ketten ihren Hals und Buſen ſchmuͤckten, verdunkelt wurde, in den ſchwarzen Augen der ſtolzen Portugieſin.— Sie ſaß ſchlank, faſt ſteif, auf dem hohen ſchaͤumenden Hengſt, der ſchnaubte und am goldenen Gebiß kauete.— Der hohe enggefaltete Kragen um den Hals der Prinzeſſin ſchien der freien Bewegung des Kopfes hinderlich zu ſeyn, und ihr Gruß hatte etwas Kaltes und Hochmuͤthiges. „Sie denkt nur an ihre goldnen Ketten und ihre Edelſteine, und ſie weiß kaum, ob ſie die Leute anſehen ſoll,“ ſagte der Kriegsmann. „Nein, da lohnt es ſich beſſer der Dame dort, mit dem goldgewirkten Schleier und dem gruͤnen Aermelmantel, einen gekruͤmmten Ruͤcken zu machen.“. 18,4. 8 Otto begruͤßte nun auch ehrerbietig die große volle blonde Frau, die ihnen langſam zwiſchen einen geiſtlichen Herrn mit einem klugen, liſtigen Ge⸗ ſichte und einem ſteifen, ſchwerfaͤlligen Herrn mit 31 drei Falken auf dem Arm folgte. Sie ſchlug ſo eben den praͤchtigen Schleier zurüͦch„ und begegnete dem jauchzenden Gruß der Zuſchauer mit fuͤrſtlichem Anſtand und hoͤchſt anziehender Milde. „Seht, das iſt die Graͤfin Audocia!“ ver⸗ ſetzte der Krieger;„ſie koͤnnte ſchon, wenn es ſeyn ſollte, ruͤckſichtlich der Geſtalt Kaiſerin ſeyn, und doch haͤlt ſie ſich nicht zu gut, um einem armen Teufel einen milden Blick zuzuwerfen.— So muß ein Weib ausſehen, vor dem ein alter Krieger ſich neigen muß, ohne in den Bart zu fluchen.*= 6 „Sie duͤnkt mich zu dem ſchwarzen Grafen Heinrich zu paſſen, wie der Schwan zum Na⸗ ben,“ entgegnete Otto.—„Der Herr zu ih⸗ rer Linken, mit den Falken, iſt wohl der Fal⸗ kenier?“ 4 „Du biſt ein Schelm, junger Burſche!“ ſagte der Reiter;„der Bruder des Grafen Hein⸗ rich hat zwar kein fuͤrſtliches Anſehen; allein er iſt eine gute nachgiebige Haut, und wenn er nur mit ſeinen Pferden, Hunden und Falken ſchalten darf, kehrt er ſich wenig daran, wer Land und Leute regiert.“ 32 „War das Graf Gunzelin?“ gab Otto zur Antwort,„ſo iſt das wahrlich ſeine Schweſter, die ſich zwiſchen den beiden präͤchtigen Herrn mit den wilden Geſichtern dort befindet; ſie ſieht ihm wenigſtens auf ein Haar aͤhnlich.“ „Getroffen, Gefährte! Das iſt die Graͤfin Ida, die Graf Heinrich in die Arme des daͤni⸗ ſchen Bankerts Claus zu werfen denkt, um gutes Verſtaͤndniß mit dem Koͤnig Walmar zu halten, wie man ſagt. Die zwei Bullenbeißer, zwiſchen denen ſie reitet, ſind ſonſt vornehme Leute; es ſind ein Paar wendiſche Fuͤrſten, Borvin, glaube ich, heißen ſie. Willſt Du mehrere von demſelben Sauerteige ſehen, ſo betrachte nur die Beiden, die hinterdrein mit dem jungen kuͤhnen Grafen Adolph zwiſchen ſich herkommen; man ſollte meinen, die Burſchen haͤtten einen Mops zum Vater und eine alte Fuͤchſin zur Mutter gehabt.— Es aͤrgert mich und jeden ehrlichen Deutſchen von aͤchtem ſächſiſchen Geblüte, daß wir das Seeraͤuber⸗Pack Landsleute nennen muſſen. Schwerin wimmelt nun von dergleichen Leuten, die die Stumpfnaſe himmelhoch tragen, und keinen ehrlichen Mann, wegen der dicken kurzen Stirn, die wie eine Wurſt 33 uͤber die graulichgruͤnen Katzenaugen hinausragt, gerade ins Geſicht ſehen koͤnnen, und ſo ſind ſie obendrein kraushaarig wie die Pudel!“ Waͤhrend der ſtolze Reiter den Unmuth gegen ſeine wendiſchen und ſlaviſchen Landsleute aus⸗ ſchuͤttete, denen er doch ſelbſt ziemlich aͤhnlich ſahe, hatte Otto mit Aufmerkſamkeit die kuͤnftige Gemahlin des Grafen Claus betrachtet. Die unanſehliche Geſtalt und die kraͤnklichen, unbe⸗ deutenden Zuͤge, entſprachen beim erſten Anblick ſeiner Erwartung von einer bluͤhenden, fuͤrſtlichen Braut nur ſehr wenig, als ſie aber die großen ernſten Augen, aus welchen tiefes Gefuͤhl und eine ſtille, entſagende Seele mit ruͤhrender Weh⸗ muth ſprachen, in die Hoͤhe ſchlug, da ver⸗ ſchmolz ſeine Gleichgültigkeit in innige Theil⸗ nahme; er fand ſie ſogar ſchoͤn und anziehend, und nun ſiel es ihm erſt aufs Herz, daß die Braut des Grafen Claus wohl kaum gluͤcklich ſeyn koͤnnte; es that ihm weh, daß ſie vielleicht ein Opfer der Abſichten ihrer Bruͤder, und ihrer ohne Zweifel verſtellten Freundſchaft fuͤr den daͤniſchen Hof, werden wuͤrde; er glaubte eine Thraͤne in ihrem Auge gewahr zu werden und II. 3 34 es war ihm, als erhoͤbe ein tiefer, gedaͤmpfter Seufzer den ſchwarzen, ſeidenen Stoff, der den Buſen der ſtillen Kreuztraͤgerin bedeckte; doch war es, als raffte ſie ſich ſchnell zuſammen, indem ſie freundlich umher ſah, und die Umſtehenden mit einem ſanften, wehmuͤthigen Läͤcheln begruͤßte. Otto ſah nichts mehr von dem fuͤrſtlichen Zuge; als dieſer voruͤbergezogen war, kehrte er ſich ſtill und gedankenvoll um und miſchte ſich unter die fremden Knappen. Da klopfte eine plumpe Hand ihm auf die Schulter.„Denkſt Du mit heiler Haut von hier weg zu kommen, ſagte der rieſige Grenzreiter ihm vertraulich ins Ohr, ſo rathe ich Dir, je eher je lieber Ferſengeld zu geben; denn lange mehr wird es kaum hier einem Daͤnen leicht um das Herz ſeyn, beſonders einem ſo zartgliederigen Junkherr, der mehr gewohnt iſt von jungfraͤu⸗ lichen Haͤnden, als von dem Buͤgelriemen gelieb⸗ koſet zu werden.“ Ohne Antwort abzuwarten, wandte der Rei⸗ ter ſich ſchnell von ihm weg, und naͤherte ſich mit dem Burgvoigt der hohen, ſteinernen Treppe, welche die Herrſchaften ſo eben hinaufgeſtiegen 3⁵ waren. Nach einer kurzen Unterredung wurde er dort vom Thuͤrhuͤter augenblicklich eingelaſſen, waͤhrend der Burgvoigt mit aufgehobenem Stock gravitaͤtiſch zum Burggitter zuruͤck ging. Otto war indeſſen in tiefen Gedanken nach dem Stalle zuruͤck gekehrt, um nach ſeinem Pferde zu ſehen; allein zu ſeiner Verwunderung war dies nirgends zu erblicken; im Pferdeſtalle, wo er es angebun⸗ den hatte, fand er im Gegentheil den alten ermuͤdeten Gaul des Grenzreiters. Er trug einen Sattel, den Graf Otto als den ſeinigen erkannte, und den er ſelbſt ſeinem guten Pferde abgenom⸗ men hatte. Erbittert uͤber dieſen Tauſch wollte er ſchon Laͤrmm machen, und den Stallbuben wegen dieſer Unverſchaͤmtheit zur Rechenſchaft zie⸗ hen;z allein der Stallbube war nirgends zu ſehen und die fremden Knappen, an die er ſich wandte, lachten ihn aus und meinten, daß ein ordent⸗ licher Schildknappe ſich nicht wie ein vornehmer Herr herumtreibe und ſein Pferd umtauſchen laſſe. Nur mit Muͤhe bezwang der auffahrende Graf ſeine Heftigkeit, und„hatte ſchon einige Mal die Hand an dem Schwerte, um die Unver⸗ ſchaͤmtheit u. zuͤchtigen; da hoͤrte er plötzlich 3* 36 Pferdegetrampel im Schloßhofe, und ſeine Erbit⸗ terung ſtieg auf das Hoͤchſte, als er den ſchwe⸗ ren Grenzreiter uͤber die Schloßbruͤcke im geſtreck⸗ ten Laufe ſprengen ſah, und ſeinen lieben, muthi⸗ gen Gaul, der wildſchnaubend den fremden Reiter abwerfen zu wollen ſchien, wieder erkannte. Gluͤ⸗ hend vor Zorn ſtuͤrzte O tto hinaus, um den Reiter einzuholen; allein mit verdoppeltem Un⸗ muth mußte er nun ſehen, wie das edle Thier bis zum Blute angeſpornt, ſelbſt durch ſeine Wildheit dem unbarmherzigen Quaͤlgeiſt dienen mußte. In einem Augenblick waren Reiter und Pferd verſchwunden.) tzitn So erbittert auch Otto war, fißte er ffch doch bald und bemerkte, wo er hinſah, ein ſonder⸗ bares Murren und Unruhe, die aber weder ihm noch dem Pferde zu gelten ſchienen; eine weit wichtigere Sache ſchien alle Zungen und alle Ohren zu beſchaͤftigen. Das Volksgewimmel auf der Schloßbruͤcke und beim Burggitter hatte bedeutend zugenommen. Die Leute liefen aͤngſt⸗ lich hin und wieder.„Der Feind iſt vor dem Thore. Die Daͤnen kommen,“ klang es immer lauter von dem Einen zu dem Andern,. obgleich 37 Niemand wußte wer es zuerſt geſagt, oder woher man es wußte, oder glaubte. Die Thuͤrme und die Burgmauern wurden beſtiegen die Drohun⸗ gen und Stoͤße der Schildwachen nicht geachtet; jede Staubwolke in der Ferne wurde in den Augen der erſchrockenen Buͤrger ein Heer, jede Rauchſaͤule eines feindlichen Heerdes ein bren⸗ nendes Dorf; Niemand bezweifelte mehr, daß wirklich Unfriede vorhanden ſey, um ſo mehr, da ein Wachthorn hohl von dem nördlichen Schloßthurm toͤnte, und alle Kriegshaͤuptlinge in voller Ruͤſtung nach dem Schloſſe eilten. „Die Stadt iſt geſperrt, alle Thore werden geſchloſſen,“ rief der Eine zum Andern. Otto erwog ſeine Lage unter ſolchen Umſtaͤnden, und fand ſie immer bedenklicher. Als er den Koͤnig verlaſſen und nach Boͤhmen gezogen, war an keine Fehde mit Schwerin, nur an einen freund⸗ lichen und friedlichen Beſuch gedacht worden, und nun wurde hier ein feindlicher Ueberfall erwartet. Was Otto von dem Verfahren der Grafen gegen Johann Ganz, den Waldemar, wie er wußte, ſehr hoch ſchaͤtzte, vernommen hatte, ließ ihn muthmaßen, daß eine ſchwere Widervergeltung den hochmuͤthigen Grafen wider⸗ fahren wuͤrde, allein in ſo fern Waldemar im erſten Zorne ſich nicht uͤbereilte, muͤßte es ein blinder Laͤrm ſeyn, glaubte er, und meinte dabei, daß der Koͤnig erſt verſuchen wuͤrde, Friede unter den unruhigen Lehnsmaͤnnern zu vermit⸗ teln. Indeſſen ſah Graf Otto ein, daß, wenn ſein Name und ſeine Geburt in dieſem Augen⸗ blicke verrathen wuͤrden, er leicht von den Schwe⸗ rinern zerriſſen werden koͤnnte. Sich zu verber⸗ gen unterſagte ihm ſein Stolz, und ſo entſchloß er ſich, dreiſt und offen den Vaſallen ſeines Königes unter die Augen zu treten, und als. ein daͤniſcher Abgeſandter, der Befehl hatte ihrem Koͤnige und Lehnsherrn hier eine Botſchaft zu bringen, Anſpruch auf ihren Schutz zu machen. Die Raubthat des ſchweriniſchen Reiters war er ſogar berechtigt zu ruͤgen; und mit dieſem Ent⸗ ſchluß naͤherte er ſich kuͤhn und entſchloſſen der Treppe des Schloſſes, um ſich von dem Ahüau⸗ huͤter anmelden zu laſſen. Allein in der allgemeinen Verwirrung hatten ſowohl der Thuͤrſteher als der Burgvoigt ihre Poſten verlaſſen. Unter einem großen Haufen 39 junger Krieger, ohne von Fragen oder Einwen⸗ dungen gehindert zu werden, ſtieg Otto die Schloßtreppe hinauf. So drang er mit den fremden Begleitern, die ihm keine Aufmerkſam⸗ keit ſchenkten, immer weiter, und bald befand er ſich in einem großen Waffenſaal, in deſſen Mitte Graf Heinrich unter den fremden Fuͤrſten und Herren vor Zorn ſchaͤumend ſtand, und Befehle zur Vertheidigung der Stadt und des Schloſſes unter ſeine Krieger vertheilte. Otto mochte ſich nicht hervordraͤngen, und war zu beſcheiden, die eifrige Unterredung der fͤrſtlichen Herren zu unterbrechen. Zuruͤck zu ſchleichen kam ihm auch unwuͤrdig vor, und wurde hier feindlicher Rath gegen ſeinen Koͤnig unter deſſen Vaſallen und Lehnsmaͤnnern gepflogen, befahlen ihm Pflicht und Treue ſogar da zu blei⸗ ben. Er blieb daher unbemerkt an der Thuͤre ſtehen, und wurde ſo Zeuge der ganzen Ver⸗ handlung. Jetzt erfuhr er, welche Botſchaft der Grenzreiter gebracht, nemlich: daß ein großer Theil des daͤniſchen Heers mit dem Koͤnig an der Spitze, von dem Grafen Albert und dem verjagten Johann Ganz begleitet. die ſchwerinſche 40 Grenze uͤberſchritten haͤtte und mit ſtarken duchie ten ſich der Stadt— n. „Nicht einmal eines ardegilichen Fohdelnh haͤlt er mich wuͤrdig, der Stolze!“ ſchaͤumte Graf Heinrich mit den Zaͤhnen knirſchend.„We⸗ gen ſeiner angemaßten Lehnshoheit denkt er mich wohl hier wie ſeinen Vaſallen zu richten; aber ſelbſt als einen ſolchen, gebuͤhrt mir Recht und Vertheidigung unter meines Gleichen vor einem Mannsgericht; das verwehre ich nicht dem klein⸗ ſten meiner Burgritter. Als Tyrann, als uͤber⸗ muͤthiger Deſpot will er mich heimſuchen; jedes Vertheidigungsmittel iſt erlaubt und geltend. Koͤnnte ich die Elemente vergiften um ihn zu toͤdten, ich wuͤrde es verantworten. Jetzt ver⸗ mag ich kein Heer gegen ihn aufzuſtellen, allein Stadt und Schloß ſollen aufs Aeußerſte ver⸗ theidigt werden. Die Zugbruͤcke ſoll aufgezogen, jeder der Waffen tragen kann auf die Mauer, und dem Erſten, der mir ein Wort von Erge⸗ bung ſpricht, ſoll als einem feigen Verraͤther der Ruͤcken mit einem Pfeil af der Stelle durchbohrt werden.“ 41 Einige Haͤuptlinge eilten, ſogleich den Befehl des erbitterten Grafen auszufuͤhren. 1 „So recht!“ ſagte der alte Heinrich Bor⸗ vin, und ſtieß ſein breites Schwert gegen den Boden, waͤhrend ſein wildes, thieriſches Geſicht ſich zum verzweifelnden Trotz verdrehte;„er hat wohl Spaͤher unter uns gehabt und weiß, warum wir hier verſammelt find; er wird uns das Schloß uͤber unſern Koͤpfen niederbrennen, und das koͤn⸗ nen wir ihm jetzt nicht verwehren; aber ihm zeigen wollen wir doch, daß wir nicht laͤnger ſeine Hunde ſeyn wollen, und daß unſre Eber uns gelehrt, ehe wir ſtuͤrzen den Bauch des Ver⸗ folgers aufzuſchlitzen.“ Die drei Bruͤder des wendiſchen Färüem und mehrere ſchwerinſche Haͤuptlinge ſtimmten mit wildem laͤrmenden Geſchrei dieſem verzweifelten Entſchluſſe bei. Bloß der junge Graf Adolph von Holſtein, ein großer, ſtolzer Juͤngling von ernſten etwas ſchwermuͤthigen Zuͤgen, bat den Grafen Heinrich zu bedenken: daß, wenn er auf dieſe Weiſe der uͤberlegenen Gewalt Trotz geboͤte, er alles, ſelbſt die Hoffnung je ſeine Rechte behaupten zu koͤnnen, aufopfern wuͤrde, und daß 9 42 es daher beſſer ſey, dem Koͤnige einige Ver⸗ mittler entgegen zu ſchicken; eine ehrliche Unter⸗ handlung von Waffenſtillſtand mit dem uͤberle⸗ genen Gewalthaber, kaͤme ihm für den Augen⸗ blick als das Wuͤrdigſte vor.„Ich bin von uns allen der, welcher den groͤßten Grund hat, den König Waldemar zu haſſen,“ fuͤgte er hinzu, „mich hat er meines vaͤterlichen Erbes beraubt 3 den alten Vater hat er in Feſſeln und Banden gehalten, bis er mit ſeiner Herzogskrone ſich Leben und Freiheit erkaufte; ich haſſe ihn bis in den Tod; doch die Stunde der Rache iſt noch nicht gekommen, und ich rathe zu Vergleich und Unter⸗ handlung.“ Der Graf von Oannenbe war von derſel⸗ ben Meinung. „Nein! keine Unterwerfung! keine ſchaͤndliche Demuͤthigung!“ rief Graf Heinrich.„Lieber verzweiflungsvolle Vertheidigung und Kampf auf Leben und Tod!“ „Wollt Ihr meinen Rath gernehmen, tapferer Graf Heinrich!“ nahm nun der Biſchof von Hildesheim, mit einem ruhigen Läͤcheln auf dem ſchlauen Geſichte, das Wort,„ſo ſollt Ihr 43 weder eine verzweiflungsvolle und unnutze Ver⸗ theidigung, die nur Schwerins Zerſtoͤrung und Euren gewiſſen Untergang herbeifuͤhren wuͤrde, unternehmen. Ihr ſollt auch nicht mit Eurem aufgedrungenen Lehnsherrn als mit einem uͤber⸗ legenen Feind unterhandeln; als ein ſolcher koͤnnte er Euch jede Bedingung die er nur wollte vor⸗ ſchreiben. Allein Ihr ſollt Schwerins Thore eröffnen, die Schloßbruͤcke herunter, und Eure ganze Mannſchaft, wie mitten in dem ſicherſten Frieden, entwaffnen laſſen. Mit Spiel, Geſang und friedlichen Beluſtigungen ſollt Ihr als ein ſanfter, freundlicher Wirth Euren Lehnsherrn und koͤniglichen Gaſt empfangen, nnd ich ſetze Euch mein Bisthum zum Pfande, daß, wie boͤſe er Euch ſeines lieben Johann Ganz willen auch ſey, und mit wie feindlichen Geſinnungen er auch hereinzieht, er doch mild und ruhig wie⸗ der abziehen wird, wenn Ihr ihm nur verſprecht, Graaboe wieder aufzubauen und Euch mit dem Ganz zu vergleichen. In wie fern Ihr Euch ſpaͤter dazu verpflichtet glaubt, koͤnnt Ihr dann immer erwaͤgen; das weiß ich nur, jetzt iſt es noch nicht die gelegene Zeit und Stunde, offenbar 44 mit einem ſo gewaltigen Herrn zu brechen⸗ Kommt Zeit, kommt Rath Hnoch hat er ſowohl den Kaiſer als den Pabſt zum Freunde. So viel kenne ich ſchon den ſtolzen Koͤnig Waldemar, daß er ſich ſchaͤmen werde, ſeinem unruhigſten Lehns⸗ manns als Feind zu begegnen, wenn er alle Thore offen findet und Niemanden unter den Waffen. Wenn der Wein im Becher blinkt, und Eure ſchoͤnen, heiteren Frauen an ſeiner Seite ſitzen, wird er bald den Zorn vergeſſen. Ihr ſeyd dann ſein getreuer, lieber Lehnsmann wie vorher, und muß auch ein Mannsrecht zwiſchen Euch und Ritter Ganz gehalten werden, gebe ich Euch mein Wort darauf, daß es mit Tanz und Muſik wie das luſtigſte Gelage ſich enden werde. Doch ein freundliches Geſicht muß gemacht werden, und kenne ich Euch recht, Graf Heinrich, ſeyd Ihr der Mann, eben ſo klug und ſchlau als kuͤhn und beherzt zu ſeyn. Falſche Schaam kann nur kurze Zeit Euer Auge verblenden. Gedenkt des tapfern und edlen Koͤnigs David; er ſchaͤmte ſich 3 nicht den Saul ſeinen Herrn und Koͤnig zu nennen, obgleich der Prophet ihn ins Geheim zum Koͤnig geweiht; er harrte fromm der Stunde 45 des Herrn und gab Zeit. Thut Ihr desgleichen. Und wißt Ihr nicht ſelbſt die Harfe vor Eurem Saul zu ſchlagen, ſo laßt Eure ſchoͤnen Frauen es thun; ich moͤchte den Baͤren ſehn, den ſie nicht in ein Lamm verwandeln wuͤrden.“ „Ihr ſeyd heute der Frommſte von uns allen, kluger Herr!“ entgegnete Graf Heinrich. „Wenn das Blut wallt, ſteht mir der Verſtand ſtill. Ihr habt Recht. Hier iſt Friede und keine Gefahr; keine Fehde iſt mir geboten, und ich kann mit Ehre ein friedliches Feſt in der offenen Burg unter meinen Freunden begehen⸗ Weit auf denn die Thore! Die Zugbruͤcke nie⸗ dergelaſſen. Kein Bewaffneter darf im Schloſſe geſehen werden. Das Kuͤchengeſinde ſoll das Feuer anſchuͤren. Geigen und Harfen ſollen hier wiederhallen, der Mundſchenk ſoll ſein Beſtes thun, und will Koͤnig Waldemar mein Gaſt ſeyn„ſoll er, obgleich uneingeladen, eben ſo luſtig wie wir andern gehalten werden. Diesmal will ich das Gelage bezahlen; vielleicht kann ein anderes Mal die Reihe an ihn kommen.“ Bei dieſen Worten des Grafen Heinrich, gewahrte Otto ein haͤßliches Laͤcheln um ſeinen 46 duͤſtern Mund, und wie Tuͤcke und Hinterliſt in dem ſchielenden Auge funkelte, waͤhrend das kuͤhne, mannhafte Antlitz eine verwegene und entſchloſſene Seele, die keine Gefahr ſcheuete, verrieth. Auf den Wink des Grafen hatten beinahe alle Hauptleute den Waffenſaal verlaſſen, um den veraͤnderten Entſchluß des Herrn auszufuͤh⸗ ren. Noch machten der alte Wendenfuͤrſt und ſeine Bruͤder einige Einwendungen gegen die friedliche Larve, die dem alten Seeraͤuberhaͤupt⸗ ling nicht gefiel, in ſo fern er nicht durch ſolche eine große Beute machen und vielleicht ſich des Koͤnigs und ſeiner wichtigſten Maͤnner benäche tigen konnte. „Woran denkt Ihr,“ murmelte Graf Hein⸗ rich.„Er fuͤhrt ja ein Kriegsheer mit. Geduld, Geduld wackerer Borvin! Unſre Zeit wird wohl auch einmal kommen. Koͤnig Waldemar hat uns ſelbſt gelehrt, wie man mit Koͤnigen wegen Land und Reich dingen ſoll. So lange Graf Adolph Geduld hat, koͤnnen wir es auch. Aber— wer iſt der fremde Knappe dort an der Thuͤre??? „Ein Kundſchafter, ein Verraͤthet! er muß baumeln!“ fluͤſterte Borvin und ſeine Bruͤder ziemlich laut. „Hierher, Vermeſſener!“ rief Graf Hein⸗ rich, und kehrte das Weiße im Auge mit einem fuͤrchterlichen Blick gegen ihn heraus.„Wer biſt Du? und was machſt Du hier?“ „Ich bin ein daͤniſcher Schildknappe,“ ent⸗ gegnete Otto ſich nahend, ſo kuͤhn wie moͤllich. „Ein Däͤne! haut ihn nieder auf der Stelle! er verraͤth uns,“ ſchrien die wilden wendiſchen Haͤuptlinge und entbloͤßten ſchon ihre Schwerter. „Dem Lehnsmanne des Koͤnigs von Daͤne⸗ mark vertraue ich mein Leben und meine Sicher⸗ heit an,“ nahm Otto ſchnell das Wort.„Koͤnig Waldemar wird mein Leben aus Eurer Hand fordern, und wird hier nur ein Haar auf mei⸗ nem Haupte verletzt, wird mein Herr und Koͤnig fuͤrwahr keinen Stein von Eurer ſtolzen Burg auf dem andern laſſen, Herr Graf! Hoͤrt mich daher an; ich bitte Euch; und vermag ich mich nicht zu rechtfertigen, bin ich Euer Gefangener, bis unſer gemeinſamer Herr und Koͤnig zwiſchen uns entſcheiden kann.“ „So ſprich, Vermeſſener! Wer gab Dir das Recht, Dich in mein Schloß zu ſchleichen und uns zu belauſchen?“ „Ich ſuchte hier Gerechtigkeit und Schutz, und Niemand verwehrte mir den Eingang. Ich bin weder um Euch zu belauſchen, noch Euch zu verrathen gekommen, und was ich von Euch gegen meinen Koͤnig gehoͤrt habe, kann ich nicht mit Zeugen beweiſen. 42 „Gieb Deinen Dolch und Dein Schwert ab, Ungluͤcklicher!“ ſagte der Graf Heinrich. „Um Deiner Jugend willen will ich Dein Leben verſchonen.“. „Allein Euer Grfangener ſoll ich giellicht auf Lebenszeit bleiben, um nie verrathen zu koͤn⸗ nen, wie ehrlich Ihr und dieſe guten Herren es mit meinem Herrn und Koͤnig meint! Nein, Herr Graf! meine Freiheit laſſe ich mir ſo leicht nicht abhandeln. Ihr glaubt vielleicht, daß ein geringer Schildknappe nicht ſo leicht vermißt werden wird, und daß Niemand nach dem jungen Daͤnen, der dem Konig hier eine unbedeutende Botſchaft uͤberbringen ſollte, fragen wird; aber in dieſem Falle macht Ihr eine falſche Rechnung. Meine 49 Botſchaft iſt nicht ſo unbedeutend und auch nicht mein Name! ich bin der Schweſterſohn des Koͤ⸗ nigs, Graf Otto von Luͤneburg.“ „Graf Otto! der Schweſterſohn des Koͤnigs“ wiederholten ſie alle erſtaunt, und betrachteten genau den kuͤhnen Juͤngling. Auch Graf Heinrich war betroffen; er er⸗ kannte ſogleich den jungen Grafen, allein er bedachte ſich einen Augenblick.„Ja ſo,“ ſagte er darauf ſchlau, als bezweifelte er die Wahr⸗ heit ſeiner Ausſage.„Der Schweſterſohn des Koͤnigs Waldemar, Graf Otto von Luͤneburg, reitet alſo in Auftraͤgen ſeines königlichen Ohms als ein geringer Schildknappe ohne Gefolge in die weite Welt hinaus. Oder hat der Herr Graf ſeine Begleitung vielleicht draußen gelaſſen, um unter dieſer eben ſo demuͤthigen als geſchmack⸗ vollen Mummerei mich zu uͤberraſchen?“ „Euer Unglaube iſt nicht natuͤrlich, Herr Graf!“ verſetzte Otto, der den Anſchlag des ſchlauen Grafen durchſchauete.„Ihr wuͤrdet vielleicht Eure Rechnung dabei finden, mich fuͤr den, der ich ſcheine, gelten zu laſſen, um mich als einen Landſtreicher und Betruͤger ins Gefaͤngniß II. 4 50 werfen zu koͤnnen. Das Unwahrſcheinliche in der Weiſe, wie ich hier hergekommen bin, um dem Koͤnig noch fruͤher, als er ſelbſt da iſt, eine Botſchaft zu bringen, koͤnnen Euch eine Wette und ein luſtiger Scherz erklaͤren; und daß ich, obgleich ich unbekannt zu ſeyn wuͤnſchte, mich Euch ſelbſt zu einer Euch ſo ungelegenen Zeit genannt habe, wird Euch begreiflich ſeyn, wenn ich Euch ſage, daß ich durch das ungereimte Geruͤcht vom Kriege, unter dem unruhigen Volke groͤßerer Gefahr als bei Euch, von dem ich, meiner Meinung nach, keine feindlichen Geſinnungen zu befuͤrchten hatte, blosgeſtellt war. Ich hatte ohnedem eine Klage Euch vorzubringen; ich bin bei Eurem Hofe von einem ſchwerinſchen Reiter belei⸗ digt und meines Gaules beraubt worden. 3„Ci ſieh!“ fuhr Graf Heinrich mit demſel⸗ ben verſtellten Mißtrauen fort.„Die Dichtkunſt gedeiht in Daͤnemark, merke ich, und ſelbſt ver⸗ laufenen Schildknappen und Reiterbuben fehlt es nicht an einer Fabel von ſchneller beliebiger Er⸗ findung, wenn ſie ſich dadurch vom Galgen oder vom Hundeloche losluͤgen koͤnnen. Darf ich vielleicht den Herrn Grafen von Luneburg fragen, 51 welches die wichtige Botſchaft ſey, die nur einem ſo wichtigen und vornehmen Herrn, deſſen Klug⸗ heit ja ſchon weit und breit beruͤhmt iſt, anver⸗ traut werden konnte?“ „Meine Botſchaft iſt nicht an Euch, ſondern an Euren Lehnsherrn und meinen Koͤnig,“ ver⸗ ſetzte Otto,„und nur an ihn ſelbſt habe ich Befehl ſie zu uͤberbringen.“ „Die Geheimniſſe Deines Koͤnigs waͤren viel⸗ leicht eben ſo gut bei mir, wie die meinigen bei Dir aufgehoben; aber ich weiß nun genug um entſcheiden zu können, welch ein Gaſtzimmer hier im Schloſſe Dir gebuͤhrt.“ Bei dieſen Worten gab Graf Heinrich den Trabanten an der Thuͤre einen Wink; noch bevor Otto ſein Schwert ziehen konnte, wurde er von drei ſtarken Burſchen ruͤcklings uͤberfallen und entwaffnet... „In den noͤrdlichen Thurm,“ gebot Graf Heinrich.„Ihr haftet mir fuͤr ihn mit Eurem Leben! Die Briefſchaften, die Ihr bei ihm findet, bringt Ihr mir ſogleich.“ Die Trabanten zogen ſchon den Gefangenen nach der Thuͤre hin. Otto ſchwieg und biß ſich 4* 52 vor Unmuth in die Lippen, doch machte er keine Miene zum Widerſtand. Doch ſo wie er dem Kamin dicht voruͤber gefuͤhrt wurde, riß er plötz⸗ lich ſeinen rechten Arm los, zog einen Brief ſchnell aus dem Buſen heraus und warf ihn in die lodernden Flammen des Kamins, von denen er im Augenblick verzehrt wurde.„Meine Bot⸗ ſchaft an den Koͤnig moͤchte kaum von Wichtig⸗ keit fuͤr Euch ſeyn, was mir anvertraut iſt, muß ich treu bewahren. Es ſteht nun an einem andern Ort geſchrieben, wo es keine Flamme verzehren kann.“ Mit dieſen Worten wandte ſich der furchtloſe Juͤngling kuͤhn an den erſtaun⸗ ten Graf Heinrich. „Dummdreiſter Knabe!“ rief der Graf erbit⸗ tert mit einem Tiegerblick.„Ich habe eine Zange, mit der ich vielleicht die unverbrennliche Briefſchaft von dort, wo Du ſie verborgen, herausreißen kann.“ Otto erbleichte, doch ermannte er ſich bald, und mit einem flehenden Blick durch das hohe Fenſter nach dem klaren, blauen Himmel hinauf, folgte er ſchweigend und ſtill ſeinen Waͤchtern aus dem Waffenſaale. 53 „Das Blut der ſtolzen Waldemare fließt doch in dem Burſchen, wie fein und zartgliederig er auch iſt,“ ſagte Graf Adolph, als Otto fort war. „Wie ſehr ich auch das ganze ſtolze Geſchlecht haſſe, das Große muß ich doch ſchaͤtzen und bewundern; ich bitte Euch, geſtrenger Graf, laßt nichts Boͤſes dem kuͤhnen, unbeſonnenen Juͤngling widerfahren; laßt ihn Verſchwiegenheit ſchwoͤren und gebt ihn frei. Daß er Geheimniſſe treu auf⸗ bewahren kann, hat er uns bewieſen, und Eure eigne Sicherheit rathet Euch hier zur Schonung.“ „Allein, wenn er nun nicht ſchworen will, ſoll ich ihn denn laufen und dem uͤbermuͤthigen Ohm uns alle verrathen laſſen?“ „In dem Falle bleibt er bis auf Weiteres Euer geheimer Gefangener, das verſteht ſich,“ entgegnete Graf Adolph!„Aber Ihr muͤßt mir Euer ritter⸗ liches Wort geben, daß ihm in Eurem Thurm nichts Schlimmeres widerfaͤhrt, als mir, als ich Geißel beim Koͤnig Waldemar fuͤr meinen Vater war.“. „Ihr ſeyd großmuͤthiger, als ich an Eurer Stelle ſeyn könnte, edler Graf!“ gab Heinrich zur Antwort.„Mit der Zange meinte ichs eben 54 nicht ſo gerade zu; ich wollte nur die Standhaf⸗ keit des jungen Herrn pruͤfen, und ihm wegen ſeiner Tollkuͤhnheit ein Schrecken einfloͤßen. Ich gebe Euch mein Wort darauf, er ſoll wie ein fuͤrſtlicher Staatsgefangener gehalten werden. Al⸗ lein Ihr koͤnnt ja alle fuͤr mich zeugen, edle Her⸗ ren, daß ich nicht Graf Otto von Luͤneburg, ſon⸗ dern nur eine herumſtreichende verdaͤchtige Perſon, die ohne Wahrſcheinlichkeit ſeinen Namen ange⸗ nommen, verhaftet habe!“ „Das iſt fraus pia, welche die Pflicht als Freund heiligt,“ ſagte der Biſchof,„was dieſe Suͤnde betrifft, gebe ich uns allen ſchon im voraus die Indulgenz und den Ablaß der heiligen Kirche.“ Hierdurch war das Gewiſſen beinahe aller fremden Herren beruhigt, und Graf Adolph aus⸗ genommen, verſprachen ſie, wenn es Noth thue, die Unwiſſenheit des Grafen Heinrich von dem wahren Namen und der Geburt des jungen Gefan⸗ genen zu bezeugen. „Ich gebe kein falſches Zeugniß, Graf Hein⸗ rich!“ ſprach der junge, ernſte Adolph.„Haltet Ihr aber den Gefangenen ſo wie Ihr verſprochen, 55 weiß ich zu ſchweigen, wo ich nicht zu Eurem Vortheil zeugen kann.“ In der groͤßten Eile wurden nun alle Anſtal⸗ ten getroffen, den koͤniglichen Gaſt mit Pracht und Feierlichkeiten zu empfangen. Es wurde den Buͤrgern befohlen, den erſten Abend nach der Ankunft des Koͤnigs die Stadt auf das Praͤch⸗ tigſte mit Fackeln zu erhellen. Nun lief auch die beruhigende Botſchaft ein, daß das daͤniſche Heer in einer ziemlichen Entfernung von der Stadt Halt gemacht habe, und kurz hernach ließ ſich der Koͤnig hoͤflich durch ſeinen Marſchall, der freilich von einer ſtarken Bedeckung begleitet war, als Gaſt bei dem Grafen anmelden. Der Marſchall brachte zugleich ein eigenhaͤndiges Schreiben vom Koͤnig, worin er die Grafen zu entſchuldigen bat, daß er unangemeldet ſeinen Ruͤckzug durch ihre Laͤnder genommen, allein er haͤtte Sachen von Wichtigkeit mit ihnen auszumachen. Nach dieſer friedlichen Anmeldung ritt Graf Heinrich ſelbſt mit ſeinem Bruder dem Koͤnig ent⸗ gegen, und gegen Abend hielt der Koͤnig mit einem zahlreichen Gefolge, von den beiden Grafen begleitet, unter einem gezwungenen Freudenge⸗ 56 ſchrei der Schweriner Buͤrger, die ihm mit Fackeln und Pechpfannen den Weg erhellten, ſeinen Einzug durch die Stadt. Unterwegs ſprach Waldemar nur wenig. Es ruhete eine Wolke, die mit einem heftigen Ge⸗ witterſturm drohete, auf ſeiner ſtolzen Stirn. Durch verdoppelte Aufmerkſamkeit und Zuvor⸗ kommenheit ſuchte der ſchlaue Graf Heinrich den koniglichen Gaſt zu beſaͤnftigen; auch beſaß er im hohen Grade die Gabe, durch ſcheinbare Treu⸗ herzigkeit und freundliche Worte, wenn er dabei eine Abſicht erreichen konnte, ſeinen bitterſten Feind zu entwaffnen. Im erſten Ausbruch ſeines Zornes war Waldemar oft gewaltſam und unver⸗ ſoͤhnlich; das wußte Graf Heinrich ſchon aus Erfahrung; allein er wußte zugleich, daß, wenn es nur gelang den erſten, heftigen Zornausbruch des Koͤnigs zuruͤckzuhalten oder abzuleiten, es ſpaͤter nicht ſchwer war, den heitern, jugendli⸗ chen Sinn zur Nachſicht und gutmuͤthiger Scho⸗ nung zu ſtimmen. Das gelang auch ſo voͤllig dem ſchlauen Gra⸗ fen, daß bei dem praͤchtigen und ehrenvollen Empfang des Koͤnigs im Schloſſe, wo jedoch die 57 Gegenwart des Grafen Adolph ihn ſichtbar ver⸗ ſtimmte, ihm nicht der kleinſte Anlaß gegeben wurde dem Unmuth, welchen die Hoͤflichkeit als Gaſt ihn zu bekaͤmpfen gebot, Luft zu geben. Der junge Graf Adolph wußte ſich voͤllig zu beherrſchen; ſeines bittern Haſſes gegen den Kö⸗ nig ungeachtet, ſchaͤtzte er doch deſſen große und ſeltne Eigenſchaften ſehr hoch, und den verſtim⸗ menden Eindruck, den ſeine Gegenwart auf Wal⸗ demar gemacht, wußte er durch Zartheit und feine Ritterſitte, indem er alle vorhergehenden Streitigkeiten vergeſſen zu haben ſchien, und den Koͤnig mit Ehrfurcht und anſcheinendem Wohl⸗ wollen begruͤßte, ganz zu vertilgen. Die plum⸗ pen, ſchmeichelnden Hoͤflichkeitsbezeugungen der wendiſchen Fuͤrſten waren zwar nur wenig faͤhig, dem Koͤnig Vertrauen und Zuverſicht einzufloͤßen; um ſo beſſer aber gelang es dem ſchlauen Biſchof Conrad und dem Grafen von Dannenberg, ihrer Huldigung ein natuͤrliches und aufrichtiges Anſe⸗ hen zu geben; und als nun die milde Graͤfin Audocia, als Wirthin, den koniglichen Gaſt mit ungeheuchelter Freundlichkeit und bewunderungs⸗ voller Hochachtung empfing, verſchwanden voͤllig 58 die finſtern Furchen zwiſchen den Augen des Ko⸗ nigs, und ſeine gewoͤhnliche Heiterkeit und gut⸗ muͤthige Zufriedenheit traten freundlich aus Auge und Rede hervor. Der muntre, lebendige Bruder Gunner, der mit dem Erzbiſchof, zwoͤlf Rittern, dem Grafen Claus und den beiden Skalden den Koͤnig beglei⸗ tete, wußte bald eine ungezwungene, allgemeine Unterredung einzuleiten. Johann Ganz war mit dem Grafen Albert beim Heere zuruͤckgeblieben, hatte aber Befehl, ſich den naͤchſten Tag im Schloſſe einzufinden. Graf Heinrich vergaß nicht, dem Koͤnig zu dem kuͤrzlich gewonnenen Siege uͤber den Herzog Ladislaus Gluͤck zu wuͤnſchen, und lobte den edelmuͤthigen Sieger, der dem Ueberwundenen Land und Reich behalten ließ und ſich mit der Ehre, ſein Oberer und Lehnsherr zu ſeyn, be⸗ gnuͤgte. 88* Obgleich dies falſche Schmeicheln keinen un⸗ angenehmen Eindruck auf den ſtolzen, ehrbegie⸗ rigen Eroberer machte, wurde doch das Antlitz des Koͤnigs bei der Erwaͤhnung der Lehnshoheit ploͤtzlich ernſt, und er wuͤrde vielleicht ſogleich — 59 etwas von der Veranlaſſung zu ſeinem Beſuch geaͤußert haben, wenn nicht Graf Heinrich, der ſogleich ſeines Fehlgriffs inne geworden, in dem⸗ ſelben Augenblicke die Fluͤgelthuͤren des glaͤnzend erleuchteten Speiſeſaals, wo die ſilbernen Kruͤge prangten und der Wein in großen Pokalen blinkte, haͤtte oͤffnen laſſen. „Wir wollen den Ernſt bis Morgen auf⸗ ſchieben,“ ſprach nun der Koͤnig, und ließ ſich von der ſchoͤnen Wirthin in den glaͤnzenden Saal fuͤhren. Hier wurde er bei dem Anblick einer weiblichen Schoͤnheit, die ſeine kuͤhnſten Traͤume von den Feen und Sirenen des ſuͤdlichen Him⸗ melſtrichs weit uͤbertraf, plöͤtzlich uͤberraſcht. Es war die ſtolze, unvergleichliche Prinzeſfin Been⸗ gierd, die in ihrem reichſten, fuͤrſtlichen Anzuge von der entgegen geſetzten Seite, von der Graͤfin Ida und ihren Frauen begleitet, in den Saal hereintrat. Sie erwiederte den Gruß des Koͤnigs mit Anmuth und Wuͤrde, und da ſie von der Graͤſin Audocia, als die Schweſter des Grafen Ferdinand von Flandern und die Tochter des Koͤnigs Sanctius von Portugall, dem König vorgeſtellt worden war, erforderte ihr Rang und 60 köͤnigliche Geburt, daß Waldemar ihr ſeine Rechte bot und ſie zu dem Ehrenſitz am Tiſche fuͤhrte. Zur Linken des Königs ließ Graͤfin Audocia ſich nieder, und zwiſchen dieſen beiden höchſt verſchie⸗ denen Bildern der Schoͤnheit wurde bald der zunge Koͤnig ſo aufgeheitert und lebendig, daß, wer den ernſten, ſtrengen Blick, womit er in das Schloß trat, geſehen hatte, kaum dieſes Antlitz, aus dem nur Freude und das lebendigſte Schoͤnheitsgefuͤhl ſprachen, wieder erkannt haben wuͤrde. Er richtete die Rede am meiſten an Audocia, deren Heiterkeit, Anmuth und ungezwungene Herzlichkeit ihn anzogen; wandte er ſich dagegen an die ſtrahlende Beengierd, ſtockte die Rede zu⸗ weilen, waͤhrend das Auge von ihrer Schoͤnheit geblendet und das Ohr von jedem Wohllaut, den er ihren Lippen ablockte, wie von der fuͤßeſten Muſik bezaubert wurde. Sie druͤckte ſich nur mit Muͤhe in der germaniſchen Sprache aus, und miſchte viele ſpaniſche und portugieſiſche Wör⸗ ter in ihre Rede. Doch ſelbſt dieſer Mangel hatte etwas ſonderbar Anziehendes fuͤr Waldemar, und gab ihren Worten einen kindlichen Ausdruck, der 61 das Stolze und Steife in ihrer Haltung milderte. Dieſe Steifheit verſchwand indeſſen ganz, wenn ſich die Prinzeſſin in die Portugieſin, und der aͤußere Ausdruck in das erregte Gefuͤhl verlor, und hoͤrte Waldemar ſie lange mit Freude und Theilnahme an, als die Rede ſich um ihr ſchoͤnes Vaterland bewegte, und ſie ihm dies in der eignen Zunge mit außerordentlicher Lebendigkeit beſchrieb. „Mich ſehn, daß Majeſta mich verſtehn,“ rief ſie froͤhlich, als ſie die Theilnahme des Koͤ⸗ nigs bemerkte. „Nicht die Worte, ſondern den Ausdruck und den bezaubernden Wohllaut, der jene be⸗ gleitet,“ gab der Koͤnig zur Antwort,„und ich kann mir kein ſchoͤneres Gemaͤlde Eures anmuthi⸗ gen Vaterlandes denken. Ich will aber Eure Sprache lernen, ſchoͤne Prinzeſſin, und Ihr muͤßt die meine lernen, wir werden beide dadurch gewinnen.“ Da der Koͤnig indeſſen bemerkte, daß ſeine lebhafte Theilnahme fuͤr die Prinzeſſin Aufmerk⸗ ſamkeit erregte, wandte er ſich bald wieder an die Graͤfin Audocia und bemuͤhte ſich, ihr noch 62 groͤßere Theilnahme und Wohlwollen zu bezeigen, indem er zugleich der Prinzeſſin Anlaß zu geben wußte, an dem Geſpraͤche Theil zu nehmen, und ſich ſolchergeſtalt zwiſchen beiden zu theilen, daß zede von ihnen meinte ihn am beſten zu unter⸗ halten; obgleich der Beobachter glauben mußte, daß die heitre Graͤfin beſonders die Aufmerkſam⸗ keit des koͤniglichen Gaſtes feſſelte. Graf Claus fuͤhlte ſich an der Seite der ſtil⸗ len Graͤfin Ida ſehr gluͤcklich, indem er ihr alle die huͤbſchen Worte, auf die er ſich waͤhrend des Feldzuges und der Reiſe vorbereitet hatte, eben nicht ſehr gelaͤufig herſagte. Zwar mußte er ſo gut wie allein reden, allein da er ſich gern ſelbſt ſprechen hoͤrte, fand er ſeine kuͤnftige Braut, ihres Schweigens ungeachtet, hoͤchſt unterhaltend. Sie merkte nur ſehr wenig auf ſeine Worte, und es koſtete ihr keine Muͤhe, die Selbſtunterhaltung des Grafen Claus im Gange zu erhalten, weil nur ein einzelnes Ja oder Wie dazu vonnoͤthen war. Schwerer ſiel es ihr, die ſchmerzlichen Seufzer, die der Gedanke an ihr kuͤnftiges Ge⸗ ſchick ihr abpreßte, zuruͤckzuhalten; doch weit entfernt, dadurch in ſeinem Wohlbehagen geſtoͤrt 63 zu werden, ſchrieb der Braͤutigam mit geheimer Freude dieſe der Sehnſucht zu, die ſeine Liebens⸗ wuͤrdigkeit erregte. Um dem Koͤnige jeden Zweifel an ſeine Lehns⸗ treue zu benehmen, erhob ſich Graf Heinrich und brachte ihm mit vollem Becher den Willkommen, indem er viel von der Ehre ſprach, mit dem edlen daͤniſchen Koͤnigshauſe verſchwaͤgert zu werden, deßhalb er und ſein Bruder auch von ganzem Herzen unter ſolchen Bedingungen, von denen er hoffte mit dem hohen koͤniglichen Gaſte einig zu werden, den Heirathsantrag des hochfuͤrſt⸗ lichen Grafen Claus an ihre Schweſter, die Graͤfin Ida von Schwerin, aufnaͤhmen und bei⸗ ſtimmten. Der Koͤnig dankte im Namen des Grafen Claus, und brachte ohne zu bedenken, daß der Klang der zahlreichen Becher das traurige Grab⸗ gelaͤute der irdiſchen Gluͤckſeligkeit einer ſtillen, entſagenden Seele ſey, die Geſundheit des Braut⸗ paares heiter aus. Kaum vermochte die Graͤſin Ida ſich vom Sitze zu erheben und ſchweigend zu verneigen; bleich, ohnmaͤchtig ſank ſie in den 64 Seſſel zuruͤck, und mußte mehr todt als lebendig von ihren Frauen in ihr Zimmer gefuͤhrt werden. Eine allgemeine Verſtimmung erfolgte. Graf Claus ſchien in ſeiner gutmuͤthigen Verwirrung der Erkrankten folgen zu wollen; doch beſann er ſich eines Beſſeren und leerte ruhig den Becher, als Graf Heinrich ihn und die Gaͤſte mit der Erklaͤrung beruhigte, daß es nur eine unbedeu⸗ tende Schwaͤche ſey, der die Schweſter gern bei zeder freudigen Ueberraſchung, die ihr etwas zu gefuͤhlvolles Herz ergriffe, unterworfen waͤre. Nach aufgehobener Tafel wurde der Koͤnig beim Eintritt in den Ritterſaal mit dem vollen Klange von Geigen und Trompeten, und von einer ſtattlichen Schaar von jungen Rittern und den ſchoͤnſten Maͤdchen Schwerins, alle zum Tanzen bereit, empfangen. Der Konig gruͤßte freundlich, und von dem Grafen Heinrich aufgefordert, lud er die Prin⸗ zeſſin Beengierd zu einem ſpaniſchen ritterlichen Tanz, der viel Anſtand und Wuͤrde erforderte, und in dem der junge Koͤnig, ſowie in allen rit⸗ terlichen Fertigkeiten, es zur Vollkommenheit gebracht hatte, ein. Die Prinzeſſin freuete ſich 6⁵ der wohlbekannten feierlichen Toͤne, zu welchen ſie ſchon als Kind am Hofe des Paters mit kuͤhnem Selbſtgefuͤhl ſich bewegt hatte. Sie reichte dem koͤniglichen Taͤnzer die Hand, und alle wichen ehrerbietig dem ſtolzen Fuͤrſtenpaar. Der Tanz ſing ernſt und feierlich an; Heiterkeit und Freude druͤckte er nicht aus; er war wie der Triumphzug eines Siegers, wie das Hinſchreiten einer Koͤnigin an den Altar am Tage ihrer Kroͤ⸗ nung. Alle ſtanden, durch die ſchoͤnen und majeſtaͤtiſchen Bewegungen der Tanzenden, durch welche die hohen und edlen Geſtalten ſich einander in dem groͤßten Glanz und Wuͤrde darſtellten, erſtaunt und ergriffen. Der Tanz hatte den Koͤ⸗ nig ernſt, faſt wehmuͤthig geſtimmt; wenn ſein Auge auf der ſchoͤnen Taͤnzerin ruhete, war es, als ſchwebe ihm das hoͤchſte Gluͤck des Lebens in nie vorher geſehener Geſtalt voruͤber, und nahete bald laͤchelnd, bald wich es wehmuͤthig, als wollte es auf immer verſchwinden, zuruͤck.„Ach! warum iſt ſie nicht Margarethe von Böhmen,“ ſprach ſein Blick, und in demſelben Augenblick warf er ſich die Unbeſtaͤndigkeit ſeines Herzens vor, das von jedem ſchoͤnen Frauenbild, dem ſein II. 3 66 Blick begegnete, ſich angezogen fuͤhlte. Die ſtolze Prinzeſſin ſchien mit ihren großen, funkelnden Augen die Seele des Koͤnigs in ſeinem unruhi⸗ gen, halb wehmuͤthigen, halb entzuͤckten Blick zu durchſchauen; es war als theilte ſie einen Augen⸗ blick ſeine Unruhe; doch als der Tanz beendigt war, ging ſie mit demſelben ruhigſtolzen Laͤcheln, womit ſie ſich erhoben hatte, nach ihrem Sitze zuruck. Waldemar haͤrmte ſich uͤber ſich ſelbſt und ſeine Gedanken; er leerte raſch einen großen Becher mit Wein. Dann forderte er die Ver⸗ ſammlung zu einem recht luſtigen Wirbeltanz auf, indem er die heitere Graͤfin Audocia erſuchte, ſich aus dem Tacte des feierlichen Todtentanzes wieder zu reißen und in die luſtigen Reigen zu folgen. Der ſchnelle Tanz begann, und Niemand durch⸗ eilte ihn wilder und heftiger als der junge Koͤnig. Graf Heinrich gewahrte mit ſchielendem, miß⸗ trauiſchen Blick, mit welcher Lebhaftigkeit und Freude ſeine junge, ſchöͤne Gemahlin ſich von dem kraͤftigen Helden herumſchwingen ließ, und ſuchte Waldemarn nicht zuruͤckzuhalten, als dieſer 67 nach beendigtem Tanze ſich zur Ruhe zu begeben wuͤnſchte. Indeſſen ſaß Graf Otto in dem ſinſtern Thurme, und vernahm die Muſik und die Luſtig⸗ keit im Schloſſe. Er vermuthete, daß der Koͤnig ſchon angekommen ſeyn muͤſſe, und unterſuchte den Kerker genau, um wo moͤglich ein Mittel herauszuſinden, ſich in Freiheit zu ſetzen; aber je aufmerkſamer er bei der ihm geſtatteten Lampe das dunkle Gefaͤngniß betrachtete, mit um ſo groͤßerem Mißmuthe uͤberzeugte er ſich, daß keine Flucht denkbar ſey! Es war ſchon ſpaͤt in der Nacht, als die ſchwere Gefaͤngnißthuͤre ſich oͤffnete und ein Mann im grauen Mantel, ein großes Schwert in der Hand, begleitet von einem kleinen, duͤrren Moͤnch, eine glaͤnzende Monſtranz in den gefalteten Haͤnden tragend, hereintrat. In dem Mann mit Mantel und Schwert, erkannte Otto ſogleich an dem wilden, ſchielenden Blick den ſchwarzen Grafen Heinrich. „Ich habe Mitleid mit Dir, Knabe!“ ſagte Heinrich.„Und obgleich ich nicht weiß, in wel⸗ cher verbrecheriſchen Abſicht Du in mein Schloß 5* d 68 geſchlichen und Dich fuͤr den edlen Grafen Otto von Luͤneburg ausgegeben, bin ich doch willens, in ſo fern Du feierlich auf die heilige Mon⸗ ſtranz ſchwoͤrſt: was Widerrechtliches und unfuͤg⸗ liches Du auch in meiner Halle gehoͤrt haben magſt, es keinem Menſchen zu offenbaren, Dir Leben und Freiheit zu ſchenken.“ Otto bedachte ſich einen Augenblick, dann ſagte er ruhig und entſchloſſen:„Schweigen kann ich wie das Grab, Herr Graf, wenn auch kein Eid meine Zunge bindet, wenn Pflicht und Treue es erfordert; allein aus Furcht wegen meines Lebens und meiner Freiheit meine Zunge durch einen Eid binden zu laſſen, wo vielleicht die Treue gegen meinen Herrn und Kbnig mir zu reden gebietet, das thue ich nicht, bevor ich nicht uͤber⸗ zeugt bin, daß ich es darf. Vierzehn Tage we⸗ nigſtens will ich mich auf Euren Antrag be⸗ denken.“— „Wenn Du nicht binnen acht Tagen ſchwoͤrſt,"“ verſetzte Graf Heinrich,„ſo werde ich hier inner⸗ halb der vier Waͤnde Dir bis zu Deinem Tode Friſt geben, Dich darauf zu bedenken; und jener kann kommen ehe Du es erwarteſt. Ueber Ver⸗ 69 raͤther und Kundſchafter halte ich kein langes Gericht.“ Mit dieſen drohenden Worten verließ Graf Heinrich mit dem Geiſtlichen den Kerker, und uͤberließ Otto'n ſeinen ſchwermuͤthigen Gedanken. Aber nicht er allein im Schloſſe brachte eine unruhige und ſchlafloſe Nacht zu. Dem Gefaͤng⸗ nißthurme gegenuͤber, ſaß die arme Graͤfin Ida in ihrem einſamen Zimmer und weinte. Sie hatte ſich zwar von ihrer leiblichen Schwaͤche erholt, allein ihre fromme Seele beſtand noch einen harten Kampf zwiſchen Abneigung und dem, was ſie fuͤr Pflicht gegen ihre Bruͤder hielt; denn Graf Heinrich hatte ſie in dieſer Verbindung das einzige Rettungsmittel in dem verwickelten Ver⸗ haͤltniß mit dem daͤniſchen Koͤnigshauſe erblicken laſſen. Sie verabſcheuete den Grafen Claus als einen ſchlechten und verwerflichen Menſchen zwar nicht, allein ſie vermißte an ihm, trotz ſeiner ehr⸗ lichen Gutmuͤthigkeit, Geiſt und Verſtand. Lan⸗ geweile und eine Art Mitleid, wenn er kluͤgeren aber herzloſen Maͤnnern zur Zielſcheibe ihres Witzes dienen muͤßte, waren die einzigen Empfin⸗ dungen, die er bei ihr rege machen konnte.„Der Arme!“ ſeufzte ſie, und doch iſt er vielleicht der Einzige der faͤhig iſt, die eignen Neigungen meinetwegen zu verlaͤugnen, dennoch kennt er mich nicht und wird mich nie kennen und verſtehen lernen. Koͤnnte ich ihm vielleicht rathen und ihn leiten, koͤnnte ich ihm helfen, andre gluͤcklich zu machen, denn ſelbſt werde ich es nie wer⸗ den. Gott und die heilige Jungfrau geben mir Staͤrke!“ Unter ſolchen ſelbſtverlaͤugnenden Betrachtun⸗ gen ſchloß ſie die Augen, doch ohne zu ſchlum⸗ mern. Es war Friede in ihrem Herzen, allein dem irdiſchen Gluͤcke ſagte ſie mit ſtillen Thraͤ⸗ nen Valet. Da hoͤrte ſie eine klare, jugendliche Maͤnnerſtimme aus dem Thurme heraus klingen. Es war Otto, der in ſenenn Kerker folgendes ſang: „Gefangner Vogel ſitzt ſorgenvoll Den Kopf birgt er unter der Schwinge Waͤr auch mein Kaͤfig von hellem Gold Meine Freude waͤr doch geringe. Der Adlerjunge iſt herzensfeſt Seine Sippſchaft wohnt hoch uͤber Kluͤften; Der weilt nicht lange im Otternneſt, Der Freunde hat in den Luͤften.“ 71 So troͤſtete ſich Otto in ſeinem Kerker, und Graͤfin Ida vergaß eine Weile den eignen Her⸗ zensgram, aus Mitleid mit dem fremden Juͤng⸗ ling, von dem ſie jedoch nichts Weiteres wußte. Im anderen Fluͤgel des Schloſſes ſaß indeſ⸗ ſen die ſchoͤne Prinzeſſin Beengierd gedankenvoll an ihrem Nachttiſch. Den tiefen Eindruck, den ſie auf den jungen König gemacht, hatte ſie wohl bemerkt, und nie hatte ſie mit ſolchem Wohlbe⸗ hagen je einen Mann betrachtet. Sein großer Name als Held und Sieger, ſeine ſchöne, lieb⸗ liche Geſtalt, ſein edles, ritterliches Weſen, ſeine Jugend, Lebendigkeit und kuͤhner Sinn, Alles machte ihn zum Gegenſtande ihrer ſuͤßeſten Traͤume; allein das Geruͤcht ſprach ja von ſeiner Werbung um Margarathe von Boͤhmen, und dies noch ganz Neue hatte ſie ſchon bei dieſem erſten Zuſammentreffen etwas gleichguͤltig gegen die Artigkeiten des halb und halb verlobten Fuͤr⸗ ſten gemacht. Eine leiſe Hoffnung fluͤſterte ihr zu, daß jenes Geruͤcht vielleicht ungegruͤndet waͤre, und leichter aufathmend entſchloß ſie ſich, den naͤchſten Tag weniger kalt und zuruͤckhaltend zu 72 ſeyn, und dem jungen Koͤnig zu zeigen, daß ſie ſeine Aufmerkſamkeit fuͤr ſie zu ſchaͤtzen wiſſe. Unter dieſen Betrachtungen legte ſie ihr koſt⸗ bares Geſchmeide zur Seite. Sie hatte ihre Frauen weggeſchickt, um ſich ihren Traͤumereien ungeſtoͤrt hingeben zu koͤnnen.„Bis jetzt iſt mein Leben leer und eitel geweſen,“ ſprach ſie leiſe vor ſich hin.„Ohne Lebensziel habe ich die Tage hingegaukelt, mich von geiſtloſen Be⸗ wunderern, von eitlem Gepraͤnge bethoͤren laſſen. Auch hier ſuchte ich nichts Beſſeres, und doch laͤchelt mir plötzlich das wirkliche Gluͤck, die Theil⸗ nahme, das Wohlwollen einer großen Heldenſeele ſonnenhell entgegen. Vielleicht winkt mir der konigliche Reif, eine Krone, die ich nicht durch ſchmaͤhliche Aufopferung meiner Freiheit, meiner Selbſtſtändigkeit und der natuͤrlichen Anſpruͤche meines Herzens zu erkaufen brauche. Ihm, nur ihm koͤnnte ich ohne Erniederung der inneren Wuͤrde mit Stolz die Hand reichen.“ In dieſen Gedanken wurde die ſchoͤne Prin⸗ zeſſin durch ein leiſes Klopfen an die Thuͤre geſtort; dieſe offnete ſich, und herein trat die Groͤfin Audocia im huͤbſchen, nachläͤſſigen Nacht⸗ 73 kleide, mit den großen, gelben Geflechten um den uͤppigen Buſen. „Ich kann nicht ſchlafen, theure Freundin!“ begann ſie halb unruhig halb ſcherzend, mit einer Miſchung von Furcht und geheimer Selbſtzufrie⸗ denheit.„Ich muß mich mit Euch berathen, und Euch eine Entdeckung, eine Muthmaßung wollte ich ſagen, die bedenkliche Folgen haben kann, anvertrauen. Habt Ihr nichts Beſonderes an dem König bemerkt?“ „Wie?“ ſtotterte die Prinzeſſin verlegen her⸗ vor.„Ihr glaubt ſchon bemerkt zu haben.“ „Allerdings, und nicht ich allein,“ verſetzte Audocia, indem ſelbſt ihr weißer Hals erroͤthete. „Ich habe Mehrere ſich verbluͤmt und ſcherzend davon aͤußern gehoͤrt; allein es koͤnnte leicht ein gefaͤhrlicher Scherz werden, wozu doch hoffentlich kein Anlaß gegeben iſt.“ „Darf Jemand ſo unverſchaͤmt ſeyn, ſolches zu glauben?“ fragte die Prinzeſſin betroffen. „Ja! was kann dieſen klugen, argwoͤhniſchen Menſchen nicht einfallen?“ nahm die ſchoͤne Graͤfin das Wort wieder.„Dieſe ſteifen, um⸗ ſichtigen Hofleute wiegen ja jedes Wort und 74 meſſen jeden Schritt ab; ſie legen Abſicht in die unbedeutendſte Aeußerung, und glauben ſogleich, daß Eitelkeit, Selbſtſucht und Schlechtheit hinter jedem unſchuldigen, gutmuͤthigen Laͤcheln, das Artigkeit und gegenſeitiges Wohlwollen hervor⸗ rufen, verborgen liegen. Ein junger, artiger König, braucht nur am Tiſch an der Seite einer recht anmuthigen Frau zu ſitzen und zwanglos ſich mit ihr zu unterhalten, ſo heißt es ſogleich, daß er in Liebe ſey und Abſichten habe. Und gefaͤllt ihm nun die Frau, zeichnet er ſie nachher durch die Einladung zum Tanze aus, ſo iſt die Geſchichte gleich fertig, ſo iſt er zum Sterben ver⸗ liebt, und dann iſt die Schuld nicht die ſeinige, ſondern die der eitlen Frau, die ihm zu ſehr ent⸗ gegen gekommen iſt, ihm zu zaͤrtliche Blicke zu⸗ geworfen, ihm die Haͤnde gedruͤckt, und was weiß ich alle die Vergehungen, deren ſie beſchul⸗ digt wird.“ „Abſcheulich! unverſchaͤmt!“ unterbrach ſie die Prinzeſſin mit gluͤhenden Wangen, die ſtolzen, ſchwarzen Augen vor Zorn funkelnd.„Wer hat das geſagt? wer darf einen ſo ſchmaͤchlichen Gedanken von einem freien, edelgebornen Weibe 75 hegen, Idem nicht der ſtolzeſte Ritter mit der entfernteſten Vermuthung einer ſolchen Moͤglich⸗ keit zu nahen gewagt hat.“ „Nicht die ſtrengſte Ehrharkeit, theure Freun⸗ din,“ nahm die Graͤfin das Wort wieder,„kann heut zu Tage ein junges Weib vor dem Gift des Neides und der Verlaͤumdung beſchuͤtzen, in ſo fern ſie nicht haͤßlich wie die Suͤnde, oder kalt und todt wie ein Stein iſt. Ich kann mir nun wieder eine derbe Strafpredigt von meinem eifer⸗ ſuͤchtigen Eheherrn erwarten, und morgen muß ich wohl wie eine buͤßende, fromme Matrone, mit ſchwarzer Haube und Schleier, vor unſerm hohen Gaſte erſcheinen. Aber was fehlt Euch, theure Prinzeſſin? Gewiß, Ihr nehmt zu vielen Antheil an meiner Verlegenheit und albernen Unruhe dieſer kleinen Unannehmlichkeit wegen. Denn welch Unheil iſt im Grunde geſchehen; daß der junge, liebenswuͤrdige Koͤnig freundlich zu mir geſehen, oder mich ein wenig zu raſch in einem Wirbeltanz herumgeſchwungen, das iſt doch nicht ſo erſchrecklich. Mein Eheherr ſelbſt thut alles, um dem gefaͤhrlichen Oberherrn zu ſchmeicheln und zu gefallen, und hat mich ſelbſt ermahnt, ſo mild und zuvorkommend als möͤglich zu ſeyn; und nun ſollte ich als Wirthin mich dennoch zimperlich zuruͤckziehen und den Gefuͤrchteten muͤr⸗ riſch anſehen, weil mein Eheherr zuweilen eifer⸗ ſuͤchtig iſt; aber daß ich aus aufrichtigem Herzen und nicht verſtellt dem Koͤnig mein Wohlwollen bezeigt, ſeht, das iſt das Ungluͤck; denn heucheln kann ich nicht, und Ihr werdet mir gewiß auch geſtehen, Prinzeſſin, daß der Koͤnig etwas Lie⸗ benswuͤrdieges und Anziehendes in ſeinem Weſen hat, das jedem Weibe gefallen muß.“ „O ja!“ verſetzte die Prinzeſſin mit ange⸗ nommenem Gleichmuth ſich bald faſſend.„Er iſt ein recht wackerer Herr, obgleich ich weit entfernt bin, ihn ſo anziehend und gefaͤhrlich zu finden, als er es in Euren Augen zu ſeyn ſcheint.“ „Gefaͤhrlich!“ wiederholte die Graͤſin etwas verletzt,„gefaͤhrlich kann ich ihn ruͤckſichtlich ſeines Verhaͤltniſſes zu meinem CEheherrn, und unſrer aufgedrungenen Abhaͤngigkeit von der daͤniſchen Krone nur nennen. Ich hoffe Euch keinen Anlaß gegeben zu haben, ihn oder jeden andern Mann meiner Treue fuͤr gefährlich zu halten.“ 77 „Behuͤte!“ gab die Prinzeſſin zur Antwort. „So habe ich es nicht gemeint; weil Ihr aber, theure Graͤfin, die Guͤte gehabt mich mit Eurem Vertrauen in dieſer Sache zu beehren, ſo ge⸗ ſtattet mir eine Bemerkung. Eure Lebhaftigkeit und Heiterkeit find gewiß ſehr liebenswuͤrdig; allein eine gewiſſe Vorſicht, ja ſelbſt Zwang iſt dennoch nothwendig, um in Euren haͤuslichen Verhaͤltniſſen nicht verkannt zu werden. Doch laßt uns, wenn Ihr es erlaubt, dies Geſpraͤch, das ſo leicht Euer Zartgefuͤhl verketzen kann, abbrechen; ich befinde mich außerdem nicht ganz wohl, und"—— „Entſchuldigt mich, wenn ich zur ungelegenen Zeit gekommen,“ ſagte Audocia mit der gekraͤnk⸗ ten Empfindung zuruͤckgewieſenen Vertrauens, waͤhrend die Thraͤnen der ſchoͤnen Frau ins Auge traten;„ich glaubte zum erſtenmal in meinem Le⸗ ben eine theilnehmende Schweſterſeele, die mich verſtaͤnde, und meinen Herzen Recht wiederfah⸗ ren ließe gefunden zu haben. Euer erhabener dreiſter Blick uͤber das Leben verſoͤhnte mich mit dem Harten, Gezwungenen meiner Verhaͤlt⸗ niſſe, ich erhob mich frei und froͤhlich uͤber ſie 78 hinaus, wie der Falk uͤber den Kopf des Jaͤgers, wenn er das Band, das ihn an deſſen Hand bin⸗ det, vergißt.— Nun ſeid auch Ihr, meine fuͤrſt⸗ liche Verwandte kalt und fremd gegen mich ge⸗ worden, und wo ich ſchweſterliche Theilnahme erwartete, begegnet mir Gleichguͤltigkeit und kalte Ermahnungen an meine Pflichten.“ .„Audocia!“ rief die Prinzeſſin, heftig und bewegt—„verzeiht mir die Schwaͤche eines Augenblickes; ich habe den Koͤnig leider, nicht weniger liebenswuͤrdig als Ihr gefunden, und glaubte verblendet, wie ich war, eine Theilnahme, die mir ſchmeichelte, an ihm zu bemerken. Ich glaubte, daß Eure Entdeckung; oder Muthmaßung nicht Euch, ſondern mir goͤlte; und— ich ſchame mich, theure Freundinn! aber ich will Vertrauen mit Vertrauen vergelten,— verletzte Eitelkeit, vielleicht ſogar Eiferſucht, waren im Begriff unſere Herzen zu trennen— allein koͤnnte es dahin kommen, wuͤrde ich mich ſelbſt ver⸗ achten. Die Liebe ſelbſt des größten Mannes iſt wahrlich nicht ſo viel werth, daß ſie uns un⸗ ſers letzten und einzigen Troſtes, gegenſeitiger —2— — — 79 Freundſchaft, und gegenſeitigen Vertrauens be⸗ rauben ſollte.“— Die Freundinnen ſanken ſich bewegt in die Arme, und die heitre Audocia freuete ſich recht bald von Herzen, daß ſie das Benehmen des Koͤnigs auf eine Weiſe erklaͤren konnte, wodurch ſie freilich von einer Eroberung, die ihr ins Geheim geſchmeichelt hatte, abſtehen mußte, aber eben deshalb doch gern ihrer ſtolzen Freundin den Sieg uͤberließ. Waͤhrend dieſer geheime Herzenserguß im Schlafzimmer der Prinzeſſin ſtatt fand, ging Waldemar in ſeinem Gemach unruhig auf und nieder, und berief vor ein ſtrenges Gewiſſensge⸗ richt ſein heftiges jugendliches Herz, aus dem er nicht laͤnger klug werden konnte. Bald aber ſprengte die neue heftige Leidenſchaft alle Feſſeln. Er war nahe daran den Eindruck, den das Bild der Prinzeſſin Margarethe auf ſein Gemuͤth ge⸗ macht, fuͤr Zauber⸗ oder Blendwerk zu halten. Er nannte ihn Schwaͤrmerei und Jaͤuſchung, und ſchob die Schuld auf Thorgeir Danaſkald, der zuerſt durch ſeine uͤberſpannte ſinnloſe Begeiſte⸗ rung fuͤr ein todtes mit Farben geſchmuͤcktes Bret 80 ihn in eine ſo ſchwaͤrmeriſche Stimmung verſetzt hatte, daß er ſich in ein paar gemalte Augen verlieben konnte. Er fluchte ſeiner Voreiligkeit, und daß er nicht habe einſehen wollen, was der verſtaͤndige Junkherr Strange doch gleich voraus geſehen haͤtte. „Was iſt jenes todte Bild gegen dies leben⸗ dige!“ ſagte er—„Graf Engelbret hatte Recht, ſie iſt das ſchönſte Frauenbild in der Welt!— ſo muß eine Koͤnigin ausſehen— was iſt Mar⸗ garetha gegen ſie, wenn ſie auch jenem verhaͤngniß⸗ vollen Gemaͤlde aͤhnlich ſieht? ein ſanftes blau⸗ aͤugiges Maͤdchen— ſie kann vielleicht eine lieb⸗ reiche fromme Mutter, eine ſtille friedliche Hausfrau werden— allein keinen Funken beſitzt ſie von Beengierds Feuer, von ihrem hohen koͤniglichem Siegerblick?— mit Margarethen koͤnnte ich ein ruhiger, friedfertiger Schaͤfer werden, wenn ich ein ſchmachtender Knabe, wenn mein Volk eine Schaar von Laͤmmern und mein Scepter eine Hirtenflöte waͤre; allein„Geboren ward uns Walmar zum Sieg und Gluͤck; es ſteht in den Sternen geſchrieben“— und Beengierd— Ja, Sie oder keine iſt die ſtolze ſiegende Walkyrie ————— —,— 81 des Sieges, die mich kuͤhn im Waffenglanz, zu meinem und Daͤnnemarks Gluͤck, begleiten könnte.— Ha! wenn es nicht zu ſpaͤt waͤre, wenn— wenn noch ein Eilbote, bevor das un⸗ gluͤckliche Wort ausgeſprochen, und das unſelige Band, das mich vielleicht auf Lebenszeit zum Sklaven macht, geknuͤpft iſt— Junkherr Strange antreffen koͤnnte.— Er ſchellte raſch und der alte Kaͤmmerer An⸗ dreas trat in das Zimmer. „Iwar Glug ſoll ſich zu einer ſchnellen Reiſe bereit machen! in einer halben Stunde ſoll er ſeine Briefſchaft abholen— verſchaffe mir ſo⸗ gleich ein Blatt um zu ſchreiben!“ „Hier, Herr Koͤnig!“ gab der alte Andreas zur Antwort, und zog alles was der Koͤnig be⸗ durfte aus ſeiner Taſche hervor— ich bin auf alles bedacht geweſen! ich dachte wohl, daß es nicht ſo war, wie es ſeyn ſollte. „Was? denkſt auch du gleich zu wiſſen was ich vorhabe?— Nun! was denkeſt Du denn?“ „Ich denke gar nichts, wenn mein gnaͤdiger Herr Koͤnig es befiehlt!“ verſetzte der Alte— II, 6 allein wenn es eilt, und Iht ſelbſt indeſſen Eure Kleinode huͤten wollt, kann ich vielleicht ſauſ, wie alt ich auch bin, eben ſo ſchnell wie Ritter Glug dem Grafen Eure Botſchaft bringen, und binnen vier Stunden ſoll die Stadt und das Schloß eingeſchloſſen ſeyn.“ „Was! traͤumſt Du, Alter! wer denkt an ſo was? thue nur was ich Dir geſagt habe und ſchweige!"“). 122 „Nur ein Wort, mein gnaͤdiger Herr und Koͤnig!“ flehete der Alte—„habt Ihr etwas Ungebuͤhrliches bemerkt, ſo laßt mich die Kleinode in Sicherheit bringen und ſelbſt auf ihrer Schwelle wachen, ſo lange Ihr hier verweilt!““ „ Pfui Andreas,“ entgegnete Waldemar— glaubſt Du, daß ich unter Raͤubern und Moͤrdern bin? Gehe und gehorche!— und beſchaͤme nie einen chriſtlichen Ritter durch ein ſo unwuͤrdi⸗ diges Mißtrauen!“. Der alte duͤrre Andreas verneigte ſich, und mit dem magern Arm, feſt um das ſchwere gelble⸗ derne Kaͤſtchen gekruͤmmt, in welchem er den Becher des Koͤnigs, die koſtharen goldenen Ketten — 83 mit den Edelſteinen, und das uͤbrige königliche Geſchmeide aufbewahrte, ging er ſchweigend fort. „Der alte treue Burſche,„ſagte Waldemar ihm nachſehend;“ er bewacht mein Leben und meine Habe, wie ein Drache, und traͤumt nicht davon, daß es groͤßere Sorgen in der Welt giebt, als die Furcht vor Raͤubern und Moͤrdern.“. Schnell ſchrieb nun der Koͤnig einen Brief an Junkherr Strange, worin er ihm gebot, wenn. es nicht zu ſpaͤt waͤre, die Werbung fuͤr ihn zu unterlaſſen und ſchleunig ohne die Braut zuruͤckzu⸗ kehren. Kaum hatte der Koͤnig das Schreiben vollendet und es mit ſeinem Ringe geſiegelt, als Ritter Glug reiſefertig hineintrat, und den Befehl des Koͤnigs, in der größten Eile ſich mit dieſer Brief⸗ ſchaft nach Boͤhmenland zu begeben empfing.— Sobald der Ritter das Gemach verlaſſen hatte, legte ſich der König zur Ruhe, und ſchlummerte endlich unter unruhigen Traͤumen ein.— Es war ihm als haͤtte ſich die ſchoͤne Frau Helena in die Prinzeſſin Beengierd verwandelt.— Margare⸗ thens Bild war lebendig geworden; er fuͤhlte ſich ſelbſt von hohen Felſen und lieblichen Thaͤlern 6* 84 umgeben, zwiſchen beiden ſchwanken, waͤhrend der ſchwarze Kullenmann in der Ferne auf ſeine Felſen ſtand und ihn bedrohete. Den folgenden Tag kam Ritter Ganz nach dem Befehl des Koͤnigs mit ſicherer Bedeckung in das Schloß und wurde vom Graf Heinrich mit kalter Hoͤflichkeit empfangen. Der Koͤnig ſchien noch nicht zu ernſten Geſchaͤften geſtimmt und Graf Heinrich lud ihn zu einer Eberjagd ein.— Der König war dazu nicht abgeneigt, beſonders da er hörte, daß die Prinzeſſin kein Bedenken trug, An⸗ theil an dieſer gefaͤhrlichen Beluſtigung zu nehmen. Die Graͤfin Audocia ließ ſich dagegen entſchuldigen. Die Prinzeſſin war wie gewöhnlich nur von zwei ihrer Frauen begleitet, die ſich in einer ehrerbieti⸗ gen Entfernung von ihrer fuͤrſtlichen Gebieterin hielten. Waͤhrend der Jagd hatte Waldemar oft Ge⸗ legenheit ſeine Kuͤhnheit und Entſchloſſenheit zu zeigen, und Graf Heinrich war ſorgfaͤltig bemuͤht, daß jedesmal, wenn ein Eber verwundet oder ge⸗ toͤdtet worden war, dem Koͤnig die Chre, ihn ge⸗ troffen zu haben, zugeſchrieben wurde. Sobald aber Waldemar dieſe plumpe Schmeichelei bemerkte, * 85 war ſeine Freude an der Jagd vorbei, und als er das naͤchſte Mal, ohne auf ſeinen Schuß Acht zu geben, den Koͤnig ruͤhmte, daß er den Eber ins Herz getroffen habe, ſiel ein Adler mit dem Pfeil des Königs in der Bruſt mitten unter ſie herab, und bewies, daß es ihm nicht um den Ruhm, den man ihm ſpenden wollte, zu thun ſey, und daß er keinen fremden Pfeil brauchte, um das hoͤchſte und ruͤhmlichſte Ziel zu treffen. Prinzeſſin Beengierd lachte laut auf Koſten der erſtaunten Jaͤger— waͤhrend der Eber entfloh, und Graſ Heinrich empfand, daß der ſtolze Sie⸗ ger den Triumph der Jagd zu klein fand, um da⸗ durch geſchmeichelt werden zu können. Auf dieſer gefaͤhrlichen Jagd mußte Walde⸗ mar oft die Kuͤhnheit und Geiſtesgegenwart der Prinzeſſin bewundern. Waͤhrend der Ruͤckkehr ritt er dem Zuge etwas voraus an ihrer Seite. Bald fanden ſie ſich beide in einem ernſten, unter⸗ haltenden Geſpraͤch verwickelt, und Waldemar erſtaunte vor dem ſcharfen faſt koͤniglichen Blick, womit ſie die Freuden und Sorgen, die Herrlichkeit und das Elend der Welt betrachtete; mit Verwun⸗ derung fand er ſie uͤber viele Vorurtheile des Zeit⸗ 86 alters, mit Ruͤckſicht auf Staat und Kirche, erhaben; er ſah ſich vorſichtig um, legte den Fin⸗ ger auf den Mund und ſagte:„Huͤtet Euch, edle Prinzeſſin! Was ich in meinem Geheim⸗ zimmer kaum laut zu denken wage, ſprecht Ihr ſo dreiſt und frei aus, daß Ihr, wenn nur rein Dritter uns hoͤrte, als eine gefaͤhrliche Ketzerin angeſehen werden wuͤrdet.“ „Ihr verrathet doch nicht meine Ketzerei,“ entgegnete Beengierd laͤchelnd, in der provenca⸗ liſchen Sprache.„In dem Falle habe ich mich groͤblich verrechnet. Kein großer Mann kann im Ernſt der Sklav ſeiner Zeit ſeyn, meine ich, und ſcheint auch Koͤnig Waldemar der Sieger leicht und ſtattlich die Feſſel der Zeit zu tragen, ſo zweifle ich doch nicht, daß Euer Blick erkennt, was offenbar zu bekaͤmpfen noch zu fruͤh iſt, und daß Ihr einen hoͤheren Zweck als den, den Euch der Kaiſer und der heilige Vater aufgeſteckt, vor Augen habt.“ „Davon, will's Gott, in einer gelegeneren Stunde, Prinzeſſin!“ gab der Koͤnig zur Ant⸗ wort, und leitete nun das Geſpraͤch auf weniger eernſte Gegenſtaͤnde; die Dichtkunſt und die Min⸗ 87 nelieder gaben bald dem Koͤnig Veranlaſſung das, was Zeit und Umſtaͤnde ihm als eigne Empfin⸗ dung an den Tag zu legen verboten, mit frem⸗ den und begeiſterten Worten, zwar auf eine freie doch verblumte Weiſe, der ſchoͤnen Belekeri zu erkennen zu geben. „Ihr liebt die Poeſie„ edler Herr!““ unter⸗ brach ihn Beengierd, als die Beziehungen der Minnelieder, welche der Koͤnig lobte und her⸗ ſagte, gar zu deutlich wurden.„Wie ich hoͤre habt Ihr auch Skalden bei Eurem Hofe; es wuͤrde mich recht freuen, den Geiſt Eurer nor⸗ diſchen Lieder einmal kennen und berſtohen zn lernen.“ Hoch erfreut verſuchte nun Waldemar, ihr den Sinn einer der ſchönſten, nordiſchen Balla⸗ den, die von Hagbart und Signe, in der eine tiefe und ſtarke Liebe„ groß und ſiegend im Kampf mit Haß und feindlichen Widerwaͤrtig⸗ keiten, hervortrat, bis die Treue den unzertrenn⸗ lichen Bund der Herzen mit dem Tode beſiegelte, verſtaͤndlich zu machen. „Eure nordiſchen Liebeshelden,“ bemerkte die Prinzeſſin,„ſind doch auch, wie alle andre, ziemlich vorſichtig, und ſelbſt in der heftigſten Leidenſchaft beſonnen, die kuͤhne Jungfrau iſt mir lieber, obgleich ich an ihrer Stelle,“ fuͤgte ſie ſtolz hinzu, mich vielleicht nicht ſo vorſchnell in die Flammen geſtuͤrzt, wenn ich gewußt haͤtte, daß ein Miß⸗ trauen in meine Treue noch obgewaltet haͤtte.““ „Die nordiſchen Weiber,“ verſetzte Walde⸗ mar etwas verletzt,„uͤberlaſſen den Maͤnnern den Stolz, und ſuchen nur ſie in Liebe und Vertrauen zu uͤbertreffen.“ Nun geſellte ſich der Jagdzug zu ihnen, und es war, als wenn dieſer kleine Zwieſpalt zwiſchen Waldemar und der Prinzeſſin nur dazu diente, ihre Unterhaltung mehr anziehend zu machen, weil das gegenſeitige Wohlwollen mit kleinen Neckereien vermiſcht wurde. Nach dem Schloſſe zuruͤckgekehrt, begegnete ihnen wieder ein Schwarm von Beluſtigungen. Der Kdonig ergab ſich der jugendlichen Heiterkeit und ſcherzte ſehr viel mit der ſchoͤnen Wirthin, theils um ſeine Neigung zu der Prinzeſſin zu ver⸗ bergen, theils vielleicht auch in der Abſicht, zu pruͤfen, ob ihre Theilnahme fuͤr ihn ſich durch 89 einen kleinen Anfall von Eiferſucht verrathen wuͤrde. Es gelang ihm vielleicht beſſer, als er es wuͤnſchte; doch wußte Audocia ſich mit Klugheit zuruͤckzuziehen. Sie verließ das Gelag, eine kleine Unpaͤßlichkeit vorſchüͤtzend, und gab ſo dem Koͤnig Gelegenheit, ſich mit der ſchoͤnen Prin⸗ zeſſin zu verſoͤhnen, waͤhrend zu derſelben Zeit die finſtere Stirn des Grafen Heinrich ſich merk⸗ lich erheiterte. So vergingen in Beluſtigungen und Zer⸗ ſtreuungen mehrere Tage. Der heitre Koͤnig ſchien ganz den ernſten und verdrießlichen Handel wegen Johann Ganz vergeſſen zu haben, und verwickelte ſich immer mehr in die Feſſeln der ſchönen Prinzeſſin. Waͤhrend deſſen hatte Junkherr Strange den Befehl des Koͤnigs punktlich erfuͤllt. Er war mit der ganzen praͤchtigen Geſandtſchaft hoͤchſt zuvorkommend von dem Koͤnig Primislaus auf⸗ genommen worden, wo er mehrere Wochen hin⸗ durch die eigentliche Abſicht ſeiner Sendung ſchlau verborgen hatte, waͤhrend er die Bundesverhand⸗ lungen zum Vorwand gebraucht, um taͤglich den 90 Hof beſuchen zu koͤnnen. Die ganze Geſandt⸗ ſchaft wurde alle Tage zu der koͤniglichen Tafel eingeladen, bei welcher gewoͤhnlich die Koͤnigin und die Prinzeſſin Margarethe gegenwaͤrtig waren. Der Koͤnig von Böhmen war ein freundlicher, gutmuͤthiger zwei und funfzigjaͤhriger Mann. Er trug das ſchwarze Hauskleid eines gewoͤhnlichen deutſchen Ritters, und ein ſchwarzes in Silber gefaßtes Kreuz an der Bruſt. Er hatte ein ehr⸗ liches aber etwas plattes Geſicht, mit einem brau⸗ nen, geſpalteten Bart und glatt zu beiden Sei⸗ ten herabgekaͤmmten Haar, wie an den Chriſtus⸗ bildern. Er war ein frommer Anhaͤnger der Lehre der myſtiſchen Moraliſten, und mit Gering⸗ ſchaͤtzung der ſpitzfindigen Gelahrtheit der Scho⸗ laſtiker, verband er die ſtrengſten Begriſſe von Enthaltſamkeit und ſittlicher Reinheit. Er ſprach gewöhnlich in bibliſchen Bildern, und nahm in wichtigen Sachen keinen Entſchluß, ohne ſich vorher mit Gottes Stimme in ſeiner Bruſt, wie er ſich ausdruͤckte, zu berathen. Dieſe Geſin⸗ nungen, ſo wie die Rittertracht des deutſchen Ordens, waren bei ſeinem Hofe allgemein, und die theologiſchen Werke des frommen Bernhard 91 von Clairvaux, ſo auch die Betrachtungen St. Victors von der Gnade der Anſchauung, lagen immer in zierlichen Abſchriften auf dem Arbeits⸗ tiſch des Koͤnigs aufgeſchlagen. Koͤnig Primis⸗ laus war wortkarg, ein Freund der Stille und ſtrenger Hofſitte; und die daͤniſchen Ritter ſehnten ſich bald nach dem heiteren und freieren Hofleben auf Nibehuus. Allein Junkherr Strange wollte nichts uͤbereilen; taͤglich betrachtete er das Bild der Prinzeſſin, und taͤglich wurde er dadurch in der Ueberzeugung beſtaͤrkt, daß die kindlichfrohe freundliche Prinzeſſin mit den ſchoͤnen, gelben Locken und den liebevollen„ himmelblauen Augen jenes Gemaͤlde, das ihm zuletzt als eine geringe und unwuͤrdige Nachahmung des Unnachahm⸗ lichen erſchien, an Schoͤnheit weit uͤbertreffe. Er ſuchte ſo oft wie moͤglich Anlaß, mit der Prinzeſſin zu reden, und wußte auch ſchlau und anſcheinend abſichtslos, die Rede auf den Köͤnig und auf Daͤnemark zu bringen. Ohne den Zweck zu ahnen, verrieth die ſechzehnjaͤhrige Jungfrau mit beinahe kindlicher Offenheit und Wohlwollen eine eigne Vorliebe fuͤr den daͤniſchen Koͤnig und ſein Volk, das nach ihrer Vorſtellung am meiſten 92 verwandt mit ihren ehrlichen, gutmuͤthigen und treuen Landsleuten ſeyn muͤßte. Das Land muͤſſe auch recht freundlich und ſchön ſeyn, meinte ſie, und der Name Waldemar, ſchon von der Zeit des erſten, großen Waldemars weit und breit beruͤhmt, ſchien ihr eines Helden von einem ſo edeln Stamm, und von ſo ausgezeichneten Eigen⸗ ſchaften, wuͤrdig; nur bedauerte ſie, daß er ſich nicht begnuͤgte, ſeine Grenzen zu vertheidigen und ſein Volk gluͤcklich zu machen, und daß ſein Sinn ſo ſehr auf Eroberungen und Siege in fremden Landen geſtellt ſey. Obgleich Junkherr Strange, ſo gut er nur wußte, die Sache des Koͤnigs redete, konnte ſeine Beredſamkeit dennoch nicht die fromme Prin⸗ zeſſin uͤberzeugen, daß ein chriſtlicher und ritter⸗ licher Koͤnig, um ſein Reich zu erweitern und einen großen Namen zu gewinnen, auch nur einen einzigen Tropfen Menſchenblut zu vergießen das Recht habe. Etwas ganz anderes waͤre es, meinte ſie, wenn er, um die Heiden zu bekehren und ihre Seele zu erretten, ſein und andrer Leben auf das Spiel ſetzte, in ſo fern jedoch, als er ſich nicht von Ehrgeitz und eitler Herrſch⸗ 93 ſucht, ſondern von dem Ruf Gottes in ſeiner Bruſt leiten ließe. Junkherr Strange bemerkte aus dieſer Aeuſ⸗ ſerung, daß die Prinzeſſin ſich zu derſelben Lehre, wie ihr Vater bekannte, und konnte nicht umhin, den Geiſt und das Herz zu verehren und zu ſchaͤtzen, die ſich von ſolchen frommen Lehren, die ihm auf den holden, weiblichen Lippen weit lieblicher als fruͤher von den Zungen baͤrtiger, geiſtlicher Eiferer klangen, hinreißen ließen. Nun nahm er auch nicht laͤnger ein Beden⸗ ken, dem Koͤnig Primislaus die wahre Abſicht der Sendung zu offenbaren„ jedoch mit ſo dieler Klugheit und Umſicht, daß der Koͤnig ihm im voraus die tiefſte Verſchwiegenheit, wenn ihr Erfolg nicht guͤnſtig wuͤrde„ verſprechen mußte. Der Koͤnig ſchloß ſich in ſein Geheimzimmer ein, um, wie er ſagte, ſich mit dem inneren Wort in ſeinem Herzen zu berathen. Dann ließ er ſeine Tochter rufen und ſtellte ihr vor, wie auch von außen ein vernehmlicher Wink ſich mit der untruͤglichen Stimme verbaͤnde, die ihn zu der Bitte aufforderte, den chriſtlichen Antrag des edlen, daͤniſchen Koͤnigs zu genehmigen.„Er, 94 der die Herzen der Koͤnige in ſeiner Hand haͤlt,“ ſagte er,„beruft Dich zur Hirtin einer edlen Heerde, um den Gang des hohen, kuͤhnen Hir⸗ ten auf den rechten, ewigen Weg hinzuleiten. Moͤge er Dich nicht vergebens rufen; fuͤge Dich als eine demuͤthige Dienerin in den Willen des Hoͤchſten und flehe den Herrn um Weisheit, damit Du in Demuth und Froͤmmigkeit jenen erfuͤllen moͤgeſt.“ Drei Tage hindurch wurde die fromme Mar⸗ garethe nicht bei der Tafel geſehen; und als ſie den vierten an der Hand der Mutter mit dem Koͤnig aus dem Geheimzimmer trat, erſtaunten Alle die ſie ſahen; denn eine milde, freundliche Klarheit ſtrahlte von den frommen, unſchuldigen Zuͤgen, und mit der harmloſen, kindlichen Na⸗ türlichkeit und der offenen Gutmuͤthigkeit, die ihre gröͤßte Schoͤnheit ausmachten, war nun zugleich eine gewiſſe feierliche und ſo fuͤrſtliche Wuͤrde verbunden, daß die Ritter ſich unwillkuͤhrlich tiefer wie ſonſt vor ihrer Gebieterin verneigten, und der leicht aufgeregte Biſchof Peder vermochte die begeiſterten Worte, womit er den Koͤnig und das 1 95 Land, welche beide ſie ihre Koͤnigin nennen durften, gluͤckſelig pries, nicht zuruͤckzuhalten. Sogleich erklaͤrte der Koͤnig vor dem ganzen verſammelten Hofe, daß ſeine Tochter die Wer⸗ bung des daͤniſchen Köͤnigs genehmigt haͤtte, und daß er mit Gottes Gnade binnen drei Wochen den geſetzlichen Vermaͤhlungsact, auf hergebrachte fuͤrſtliche Weiſe, durch den Vikarius und Abge⸗ ſandten des koͤniglichen Braͤutigams vollziehen zu laſſen gedaͤchte. Allein noch ehe dieſer Tag anberaumt wurde, hatte Junkherr Strange ſogleich den Grafen Otto und Abſalon Balg mit dieſer frohen Botſchaft an den Koͤnig abgeſandt. Waͤhrend nun Graf Otto im Thurme ſaß und ſeinen Auftrag nicht vollzie⸗ hen konnte, lag Abſalon Balg mit gebrochenem Beine und zerſchlagenem Kopf in einer Schenke an der ſchwerinſchen Grenze, wo das Pferd mit ihm geſtuͤrzt war. Waͤhrend nun auf ſolche Weiſe beide Eil⸗ boten ausblieben, und Waldemars Sinn und Neigung in Schwerin ſo ganz verwandelt gewor⸗ den, war der Hochzeitstag herangeruͤckt. Eine Fußdecke von koͤſtlicher Seide war auf dem Boden 96 des großen Ritterſaals des Boͤhmenkoͤnigs aus⸗ gebreitet. Der ganze Hof war verſammelt, Koͤnig und Koͤnigin in ihrem boͤniglichen Geſchmeide, zwiſchen ſich die ſchoͤne Braut in einem himmel⸗ blauen, ſeidenen Kleide, und mit einem Reif von köoͤſtlichen Perlen, hatten ihren Seſſel ein⸗ genommen. Unter Trompetenklang trat Junk⸗ herr Strange als fuͤrſtlicher Braͤutigam geſchmuͤckt, vom Biſchof Peder und dreißig ſtattlichen daͤni⸗ ſchen Rittern begleitet, hervor, kniete vor die Prinzeſſin nieder, und fuͤhrte ſie im Namen des Koͤnigs vor den Altar. Nachdem der Biſchof die Trauung feierlich vollzogen, und der Geſandte per procurationem, wie es genannt wird, die Hand der fuͤrſtlichen Braut empfangen, und ihr im Namen des Koͤnigs Treue vor Gott und Welt gelobt hatte, ging der Brautzug nach dem Ritterſaale zuruͤck. Nach der Mahlzeit wurde ein goldner getaͤfelter Tiſch vor die Braut und den Geſandten hingeſtellt. Der Sitte nach mußte die Braut das Spiel dreimal nach einander verlieren, zur ſcherzhaften Beſtaͤti⸗ gung, daß ſie Hand und Freiheit an den gluͤck⸗ 1 97 lichen Spieler, in deſſen Namen der Ritter ſie auf dem Schachbrette bezwang, verloren habe. An dem getaͤfelten Tiſch, wo ſie allein und unbemerkt mit einander ſprechen durften, konnte die ſchoͤne Braut, die in einem ſo gewagten Spiele begriffen war, doch nicht ein paar ſchlau geſtellte Fragen, von denen der eigentliche Sinn war: ob auch der Koͤnig eine ſo edle und ſchoͤne Geſtalt, als das Geruͤcht berichtete, beſaͤße, und ob er eben ſo treu und beſtaͤndig ſey? nicht zurück⸗ halten. Die erſte Frage beantwortete Junkherr Strange mit herzlicher Freude, und waͤhrend die Sonne ſein helles, heitres Antlitz und edle Geſtalt be⸗ ſchien, warf er ſich in die Bruſt und verſicherte die Prinzeſſin, daß der Koͤnig mehr als zweimal ſo huͤbſch wie er ſey; die zweite Frage ſuchte er zu umgehen, indem er im Allgemeinen die gro⸗ ßen und herrlichen Eigenſchaften des Koͤnigs ruͤhmte; er erzaͤhlte der aufmerkſamen Braut den gewaltigen Eindruck, den ihr unvollkommenes nur mit Wachs an eine hoͤlzerne Tafel geklebtes Bild, auf den jungen aufflammenden Koͤnig gemacht habe.* 1. II. 7 98 Mit Verwunderung und inniger Freude hoͤrte ſie dieſen Bericht, den ſie fuͤr eine Fabel gehal⸗ ten haben wuͤrde, wenn Junkherr Strange nicht das Bild hervorgezogen und ihr gezeigt haͤtte. „Ein ſonderbares Verhaͤngniß,“ ſagte ſie,„und keinen bloßen Zufall muß ich es nennen, daß ich ſo durch ein Bild, dem ich nur durch das fromme Zureden des Vaters meine unbedeutenden Zuͤge geliehen, weil ich ſie nicht wuͤrdig erachtete, eine Heilige darzuſtellen, ſo ohne mein Wiſſen mir ſelbſt den Weg zu dem Herzen des Mannes geoͤff⸗ net habe, in deſſen Hand der Wille des Allmaͤch⸗ tigen mein irdiſches Geſchick gelegt; mein Ewi⸗ ges,“ verſetzte ſie mit einer frommen Thraͤne in dem erhobenen Auge,„ruht feſt und ſicher in der geſegneten Hand meines Herrn und Er⸗ loͤſers.“ Mit Entzuͤcken betrachtete der Junkherr die fromme Braut, und ſeines Alters und ſeiner Ruhe ungeachtet, konnte er doch nicht anders als empfinden, daß er ein beneidenswerther Mann ſeyn wuͤrde, wenn er der, den er vorſtellte, ſey, und in ſeinem Herzen ſchaͤtzte er den Koͤnig 99 gluͤcklich, an den er einen ſo ſeltenen Sehas heimfuͤhren ſollte. Noch war eine Sitte zuruͤck, die, obgleich ſie ſowohl die verſchaͤmte Braut als den Bevoll⸗ maͤchtigten in Verlegenheit ſetzte, doch nicht aus⸗ bleiben durfte. Auf Befehl des Koͤnigs brach der Hofmeiſter der Prinzeſſin die Unterredung beim Spiele ab, und forderte den Konig von Daͤne⸗ mark auf, die Braut nach dem Schlafgemach zu fuͤhren. Beide errötheten; allein der beſonnene Ge⸗ ſandte erhob ſich ſogleich, und bot der Prinzeſſin ehrerbietig den Arm, worauf er, von dem ganzen Hofe begleitet, ſie in das praͤchtige Brautgemach fuͤhrte. Dort mußte ſie ſich voͤllig angezogen in ihrem Schmucke auf das fuͤrſtliche Lager nie⸗ derlaſſen. Auch Junkherr Strange ließ ſich an ihrer Seite auf einem Seſſel nieder, indem er den rechten Fuß mit den ſorgfaͤltig abgeſtaͤubten Stiefeln von Corduan, auf den Rand des Lagers, doch ſo, daß er dieſen kaum beruͤhrte und der goldne Sporn keinen Riß in das köſtliche Linnen machte, hinlegen mußte.— 7* ————— — 100 Mit vielem Anſtand und Schicklichkeitsgefuͤhl wurde dieſe ſonderbare Sitte wahrgenommen, doch kaum hatte Junkherr Strange das Betttuch mit dem Stiefel leicht beruͤhrt, als er den Fuß zuruͤckzog und beide ſich wieder erhoben. Mit Ehrfurcht begruͤßte der Geſandte die junge Ko⸗ nigin, und verließ das Brautgemach mit ſaͤmmt⸗ lichen Gaͤſten und Zeugen. Den folgenden Morgen waren die Straßen von dem Schloſſe bis an die Schiffobrucke„ mit koͤſtlichen, ſeidenen Teppichen belegt. An der Bruͤcke lag das Königsſchiff mit dem goldnen Drachenſteven zum Segeln bereit, und von dem Jauchzen des Volks und den aufrichtigen Thraͤnen vieler Armen begleitet, wurde die junge, ſchoͤne Koͤnigin von Daͤnemark, von Junkherr Strange und dem ganzen Hofe nach dem Schiffe gebracht. Hoͤchſt bewegt trennte ſich das fromme Fuͤr⸗ ſtenpaar von der einzigen, lieben Tochter, und Koͤnig Primislaus gab ihr noch manche vaͤterliche Ermahnung mit auf den Weg. Sanft und zaͤrt⸗ lich mit kindlichen Thraͤnen, umarmte Marga⸗ rethe die lieben Eltern, und verſprach, keins ihrer Worte zu vergeſſen.„Auch nicht den gefangenen, 101 ungluͤᷣcklichen Biſchof,“ fluͤſterte ſie beim Abſchiede der Mutter ins Ohr;„aber vergeßt auch nicht, Mutter! meine Armen und Kranken in der Hei⸗ math.“ Noch einmal begruͤßte ſie ihre lieben Landsleute, und reichte ihrem Hofmeiſter einen ſchweren Beutel hin, den er ſogleich unter die vielen Armen, die weinend am Ufer ſtanden, vertheilen ließ. Als Margarethe nun im Schiffe ſtand und ſah, wie die Armen weinten und ſie ſegneten, und wie die lieben Eltern vereinzelt und verlaſſen auf der Schiffbruͤcke ſtanden, verbarg ſie das Antlitz in ihren Mantel und weinte bitterlich; denn es war ihr, als ſolle ſie Eltern und Vater⸗ land nie mehr ſehen, als haͤtte ſie ſchon Geld unter die Armen vertheilt, damit ſie fuͤr ihre Seele beten moͤchten. Junkherr Strange hatte ſchon den Fuß auf den Rand des Schiffes geſetzt, da ſprengte ein eilender Reiter unter das Volk hinein und ſtieg an der Bruͤcke ab. Es war der Ritter Glug, der, halb athemlos von dem ſchnellen Ritt, dem Junkherr Strange das Schreiben des Köͤnigs uͤberbrachte. 102 Der erſtaunte Geſandte brauchte nicht zu fragen, woher das Schreiben kam; er kannte es ſogleich an dem runden, rothen Wachsſiegel in dem gruͤnen, ſeidenen Band. Er oͤffnete das Blatt ſchnell und erbleichte. Unruhig nahete Koͤ⸗ nig Primislaus mit der Frage: ob ein Unheil dem edlen Waldemar begegnet ſey, weil dieſe Briefſchaft eine Hiobspoſt zu enthalten ſchiene. Junkherr Strange ermannte ſich bald.„Eine Hiobspoſt iſt es mir fuͤrwahr,“ gab er zur Ant⸗ wort, waͤhrend er den Brief ſorgfaͤltig in ſeinen Buſen verbarg.„Des Koͤnigs Gnade zeigt mir an, daß mein liebſter Sohn und Schuͤler in ein ſchweres, vielleicht toͤdtliches Siegthum gefallen iſt, und daß ich eilen muß, wenn ich ihn noch am Leben zu ſehen wuͤnſche. Mein Herr Koͤnig ſchickt Euch anbei vor allem ſeinen bruͤderlichen und kindlichen Gruß; doch hat er noch nicht die frohe Botſchaft, die ich ihm geſchickt, empfangen. Friede mit Euch, frommer Herr und Koͤnig!“ fuͤgte er ſchnell hinzu, als er Unruhe in den Zuͤgen des Koͤnigs las.„Bevor ich Eure edle Tochter dem koͤniglichen Braͤutigam uͤbergeben 103 habe, darf ſein Diener nicht an den eignen Gram denken.“ 3 Darauf ſtieg er in das Schiff, und gab Befehl die Segel aufzuziehen. „Seht Ihr den Koͤnig fruͤher als ich, Ritter Glug!“ rief er dem Ritter zu, der noch harrend auf der Schiffbruͤcke ſtand,„ſo berichtet ihm, was Ihr geſehen und gehoͤrt, und daß ich in dieſer Stunde von hier aus mit ſeiner und Daͤ⸗ nemarks edlen Königin abgeſegelt bin. Es lebe die Koͤnigin!“ Err ſchwang ſeine Muͤtze, und ein allgemeines Jauchzen:„Es lebe die daͤniſche Königin, Mar⸗ garethe von Boͤhmen, es lebe die ſchoͤne Danx⸗ mar!“ wiederhallte es vom Schiffe, von der Schiffbruͤcke und von den unzaͤhligen Menſchen, die das Stromufer bedeckten, waͤhrend das Schiff unter klingendem Spiel, mit wehenden Flaggen und Wimpel den Fluß leiſe hinunter ſchwamm. An demſelben Tage, an dem Junkherr Strange mit geheimem Gram Prag verließ, und ſo langſam wie moͤglich mit der ſchoͤnen Koͤnigs⸗ 104 braut die Elbe hinunter fuhr, an demſelben Tage machte Graf Claus Hochzeit mit der Graͤfin Ida auf dem Schloſſe in Schwerin. Den Tag vorher hatte Waldemar den Handel zwiſchen Johann Ganz und Graf Heinrich beigelegt, und letzterem ſeine Gewaltthat unter der Bedingung vergeben, daß er in Jahresfriſt Graaboeſchloß wieder aufbauen, dem Johann Ganz jeden Verluſt voͤllig erſetzen und ihm in Gegenwart des Koͤnigs die Hand zum Vergleich hinreichen ſolle. Der ſtolze Graf Heinrich hatte ſich kluͤglich dieſen Be⸗ dingungen unterworfen, und ſogar mit der Bei⸗ ſtimmung des Bruders, die Haͤlfte der Grafſchaft und des Schloſſes Schwerin, wegen des Braut⸗ ſchatzes und muͤtterlichen Erbes der Graͤfin Ida, zum Pfand geſetzt. Im beſten Verſtaͤndniß, wie es ſchien, mit dem daͤniſchen Koͤnig, beſchloß Graf Heinrich die Feier des Tages mit einem Feſte, das noch glaͤnzender als alle vorhergehenden war. Der gluͤckliche Graf Claus, ſah in den ſtillen Thraͤnen der ſchweigenden, ernſten Braut, bloß die Wirkung der frohen, feierlichen Trauung. 4 — — 105 Allein Graf Heinrich warf oft der Schweſter einen ſtrengen, warnenden Blick zu. Sie raffte ſich zuſammen, um ruhig und zufrieden zu erſchei⸗ nen, und das Opfer, das ſie ihrem Stande und der unſicheren Stellung ihrer Bruͤder brachte, zu vollziehn. Waldemar, der in der Braut des Grafen Claus nur eine gewoͤhnliche Hofſeele erblickte, ahnete nicht, daß er der Friedensſtoͤrer eines edlen, weiblichen Herzens geweſen. Er ſah und dachte nur an die ſchoͤne Beengierd. Zwar hatte der Erzbiſchof Andreas ſeine taͤglich wachſende Lei⸗ denſchaft bemerkt und ihn davor gewarnt, indem er ihn an Stranges Sendung, deren Zweck er kannte, erinnerte. Doch dieſe Warnungen halfen nur wenig. Der Koͤnig hatte ihm zwar ver⸗ ſprochen, uͤber ſich zu wachen und recht bald Schwerin zu verlaſſen; allein er harrete hier der entſcheidenden Botſchaft aus Boͤhmen, und ihr langes Ausbleiben gab ihm die Hoffnung, daß Ritter Glugs Sendung den erwuͤnſchten Erfolg haben könne. Er traͤumte ſich ſchon von allen Banden freiz in dem Taumel der frohen Hoff⸗ nung hatte er an dieſem Tage den Becher haͤufig 106 ergriffen, und nun ſtand er am Abend an einem Fenſter des glaͤnzenden Saals, im lebhaften, traulichen Geſpraͤch mit der ſchoͤnen Portugieſin. Ploͤtzlich wurden ſie beide durch einen kuͤhnen, muthigen Harfenklang, zu dem eine tiefe und kraͤftige Stimme das Lob des Sieges und der Schöoͤnheit ſang, uͤberraſcht. Es war der islaͤn⸗ diſche Barde Olaf Hoitaſkald. Schlau hatte er bemerkt, was in dem Herzen des Koͤnigs und der Prinzeſſin vorging, und ergriff nun die Ge⸗ legenheit, dem Konig in einem guͤnſtigen Augen⸗ blick zu zeigen, daß er dem weichen Thorgeir Danaſkald zum Trotze auch die Kunſt, die Her⸗ zen zu ruͤhren, verſtand. Er wußte, welche Saiten er hier anſchlagen durfte, und ſang nicht in zarten, ſchmelzenden Tönen von der ſtillen, friedlichen Schoͤnheit und der ruhigen Gluͤckſelig⸗ keit des Friedensfuͤrſten. Seine Harfe klang wild und gewaltig, wie der Sturm hin uͤber das aufgeregte Meer, und in ſtolzen Siegestoͤnen beſang er den herrlichen Flug des Helden zur unſterblichkeit und zu einem ewigen Namen, ſo auch Skiolds und Dams hohe Kaͤmpewanderung an der Hand der Walkyrie. Er beſchrieb den —Qʒ·˖·—— b 107 Helden mit kraͤftigen Zuͤgen, und es war Wal⸗ demars Bild; er beſchrieb die ſtolze, kuͤhne Wal⸗ kyrie, und es wurde Beengierd. „Stolz und herrlich!“ ſprach die Prinzeſſin zu dem jungen, auflodernden Koͤnig.„Zwar verſtehe ich nur wenig von dem Liede; allein es ſind nordiſche Töne, ſo habe ich mir ſie aus dem Lande der Kaͤmpen gedacht, und ſo fuͤhle ich meine Seele mit Eurem wunderbaren Heldenvolk verwandt und vertraut.“ Die Wangen des Koͤnigs glüheten; ſeine kuͤhnen Augen funkelten; es ſchwebte ihm ſchon ein Wort auf der Lippe, das den Zuſtand ſeiner Seele verrathen haben wuͤrde. Da trat Erzbi⸗ ſchof Andreas ernſt und warnend hinzu.„Mein Herr und Koͤnig,“ ſprach er,„eine Botſchaft aus Boͤhmen.“. Waldemar erbleichte und ließ die Hand der Prinzeſſin.„Aus Boͤhmen?“ fragte er.„Rit⸗ ter Glug? Nein, es iſt unmoͤglich.”“ „Euer Schweſterſohn! Graf Otto von Luͤne⸗ burg,“ gab der Erzbiſchof zur Antwort; und in demſelben Augenblick trat der junge, gefangene Graf, als einfacher Schildknappe kuͤhn und frei in den Saal, und begruͤßte den Koͤnig und die Verſammlung mit fuͤrſtlicher Wuͤrde. „Folg mir in mein Gemach!“ ſprach Wal⸗ demar und ſchwankte; doch ploͤtzlich raffte er ſeine ganze Kraft zuſammen, und mit anſchei⸗ nender Ruhe bat er die Prinzeſſin und Graf Heinrich zu entſchuldigen, daß ihn ein wichtiges Anliegen entferne. Der Koͤnig eilte ſchnell mit Graf Otto hinaus, ein jeder konnte gewahren, daß eine hoͤchſt wich⸗ tige und unangenehme Vorſtellung ihn verſtimmt hatte. Die Prinzeſſin hatte plötzlich die Farbe gewechſelt; ſie ſchuͤtzte eine Unpaͤßlichkeit vor und verließ das Gelage. Graf Heinrich ſah dem befreiten Graf Otto nach, und ſtampfte vor Unmuth den Boden, indem er krampfhaft die Zaͤhne zuſammen biß. Allein Graf Adolph und der Biſchof von Hildesheim hinderten ihn, ſeinem Unmuth Worte zu geben, und eilten mit ihm und den wendiſchen Fuͤrſten nach dem Geheim⸗ zimmer des Grafen, wo ſie ſich ins geheim beriethen, was unter dieſen ſchwierigen umſtän⸗ den zu thun ſey. 4 109 „Wir ſind hintergangen!“ rief Graf Hein⸗ rich.„Der Hoͤllenjunge muß hexen koͤnnen, oder es ſind Verraͤther unter uns. Kein Teufel konnte aus dieſem Thurme entfliehn und dort haͤngt der Schluͤſſel. Ein raſcher aber dreiſter Schritt kann uns vielleicht noch erretten: in drei Stunden kann Graf Albert das Schloß ſtuͤrmen, aber dann ſitzt der Koͤnig im Thurm.“ „Zu hohes, zu verwegenes Spiel,“ unter⸗ brach ihn der Biſchof von Hildesheim,„allein, wenn ich mich nicht in dem jungen Graf Otto irre, ſo ſchwatzt er nicht aus der Schule; viel⸗ leicht kann dieſer Zettel uns mehr ſagen, den ſteckte er mir im Vorbeigehen heimlich zu.“ „Laßt hoͤren, laßt hoͤren!“ riefen Alle. Der Biſchof rollte nun ein kleines, pergamen⸗ tenes Blatt aus einander und las: „Das Geluͤbde der Verſchwiegenheit, das mir „kkeine Drohung abpreſſen konnte, hat der gute „Schutzeeiſt des Hauſes Schwerin mich bewogen, „freiwillig abzulegen. So lange Graf Heinrich „von Schwerin und ſeine Freunde keinen feind⸗ „lichen Schritt gegen ihren Lehnsherrn, meinen 8 5 niglichen Ohm, unternehmen, ſoll kein Menſch 110 „erfahren, was ich weiß und gehoͤrt habe. Dafuͤr „ſetze ich meine fuͤrſtliche Ehre zum Pfande; „allein, keine Stunde laͤnger iſt meine Zunge „gebunden.“ „Otto, Graf von Luͤneburg.“ „Hm!“ murrte Graf Heinrich.„Die Stunde kann wohl kommen, wo wir gern die Knaben⸗ zunge loͤſen duͤrfen. Fuͤrs Erſte wollen wir ihm glauben und guns ruhig verhalten; ich ſollte bei⸗ nahe meinen,, daß meine empfindſame Schweſter Ida einen Finger mit im Spiele gehabt,“ fuͤgte er hinzu, den Schluͤſſel des Kerkers betrachtend, der den Bart ſtatt gegen die Thuͤre, gegen das Fenſter kehrte. „Wenn dem ſo iſt,“ nahm der ernſte Graf Adolph das Wort,„ſo muͤſſen wir alle Eurer edlen Schweſter dafuͤr danken ⸗ Ihr Herz hat ſich dann mit dem Kopfe berathen, wie man es von der Verwandten des Grafen Heinrich erwar⸗ ten durfte.“ Dieſe Muthmaßung war nict ungegründet; Graͤſin Ida hatte ſchon jenen Abend, als ſie von der Jagd zuruͤckkehrte, den theilnehmenden Blick 111 des fremden Schildknappen an der Schloßbruͤcke bemerkt. Von dem Gefaͤngnißthurm, ihrem Fen⸗ ſter gerade gegenuͤber, hatte ſie in den letzten Tagen eine helle, jugendliche Stimme daͤniſche Kaͤmpenlieder ſingen hoͤren. Sie hatte ſich naͤher nach dem neuen Staatsgefangenen erkundigt. Als ſie nun erfuhr, daß es jener junge, wackre Schild⸗ knappe ſey, und daß er ſich fuͤr Graf Ottto von Luͤneburg ausgegeben habe, ſo auch alles, was von der Urſache ſeiner Verhaftung verlautet war, machte ſie ſich kein Bedenken daraus, den Zutritt zum Geheimzimmer des Bruders zu benutzen, um ſich des Kerkerſchluͤſſels zu bemaͤchtigen. Die einzige Freude, welche ihr der Hochzeitstag ge⸗ ſchenkt hatte, war alſo die geweſen, den wich⸗ tigen Gefangenen, der durch ſein Ehrenwort ſie wegen der Folgen beruhigte, zu befreien. Otto wußte nicht, ob Abſalon Balg ſchon eingetroffen war, und es beunruhigte ihn, dieſe wichtige Botſchaft dem Koͤnig ſo lange vorenthalten zu muͤſſen. Was die plumpe Drohung des Grafen nicht ausgerichtet hatte, bewirkte dagegen ein freundliches Wort der Graͤfin Ida, die auf ſolche Weiſe den Frieden zwiſchen dem Bruder und dem 112 daͤniſchen Koͤnigshauſe am beſten befeſtigen zu koͤnnen glaubte. Den folgenden Morgen trat Waldemar im Reiſekleide fruͤh aus ſeinem Gemach, und gab ſeinem Gefolge Befehl„ augenblicklich aufzubre⸗ chen. Seine Zuͤge waren ungewoͤhnlich geſpannt, und ſein Blick unruhig. Er beurlaubte ſich ſchnell vom Graf Heinrich und deſſen Bruder, dankte ihnen verbindlich fuͤr ihre Gaſtfreundſchaft, und bat Graf Heinrich, ſeiner Gemahlin und der Prinzeſſin Beengierd den Abſchiedsgruß, den er ihnen in einer ſo fruͤhen Stunde ſelbſt nicht abſtatten duͤrfe, zu uͤberbringen. In wenigen Augenblicken ſaß Waldemar auf ſeinem raſchen Hengſt, und zog im ſtarken Trapp mit ſeinem ganzen Gefolge uͤber die Schloßbruͤcke und durch die noch ſchlummernde Stadt. In dem Lager hielt er nur bei Graf Albrechts Zelte an, um ihm Befehl zu geben: ihm zu folgen und das Heer in die Heimath ziehen zu laſſen. Mit einem doppelt ſtarken Gefolge eilte darauf der Koͤnig barſch, als ginge es zu einem Feld⸗ zuge, um ſeine Koͤnigin bei Manse zu empfangen. 113 Erzbiſchof Andreas war nicht der Einzige, der den Grund, warum der Koͤnig ſo duͤſter ſah, vermuthete. Bruder Gunner und der islaͤndiſche Barde glaubten auch, ſobald ſie den Zweck der Reiſe erfuhren, zu errathen, was in dem Herzen des Braͤutigams vorging. Dem Grafen Otto indeſſen, war dies alles noch ein Naͤthſel. Er glaubte dem Ohm eine hoͤchſt freudige Botſchaft gebracht zu haben, und konnte die Verſtimmtheit und die Heftigkeit, womit der Koͤnig die verlorne Briefſchaft, deren Inhalt er doch Wort fuͤr Wort hergeſagt, ihm abgefordert hatte, nicht begreifen. Waldemar hatte ſtrenge Rechenſchaft wegen ſeines Ausbleibens von ihm verlangt; allein Ottos Geluͤbde verbot ihm, ſich zu rechtfertigen, und er erregte die Ungunſt des Koͤnigs noch mehr dadurch, indem er offenherzig erklaͤrte, daß ein Unfall ihm begegnet ſey, deſſen nicht zu erwaͤhnen er ſich verpflichtet haͤtte. Unzufrieden ritt nun Graf Otto an der Seite des Koͤnigs, in der Meinung, daß bloß die Verſpaͤtung ſeiner Botſchaft, die Urſache an der Verſtimmtheit deſſelben ſey, weil er vielleicht mi II, 8 Fug befuͤrchten konnte, zu ſpaͤt zu don Empfang der Koͤnigin zu kommen. Graͤſin Ida, die an der Seite des Grafen Claus, und begleitet von ihren Frauen und Dir⸗ nen, auf ihrem leichten Jagdroß den Koͤnig ein⸗ geholt hatte, um ihrem Gemahl nach Ribehuus zu folgen, ſah mit Theilnahme die Unruhe und Verlegenheit, in die der junge Graf Otto durch ſein Geluͤbde geſetzt worden war. Von den Uebri⸗ gen unbemerkt, warf ſie ihm einen freundlichen, zuverſichtsvollen Blick zu, und legte den Finger vor den Mund. Otto erwiederte ſchweigend mit der Hand an die Bruſt gelegt, dieſe ſtumme Mahnung, und teoͤſtete ſich wegen des Unwillens des Königs durch die Ueberzeugung, daß er fuͤr den Augenblick ihn am beſten durch Stillſchweigen dienen, und zugleich die edle Graͤfin wegen ihres Bruders beruhigen koͤnnte. Noch bevor Waldemar den Ciderſtrom erreichte, wurde der Bericht ſeines Neffen hinreichend beſtaͤ⸗ tiget. Ein kleiner, dicker, beſtaͤubter Reiter holte den Zug ein, waͤhrend er unterwegs ſtill hielt und Pferde wechſelte. Indem dieſer vom Pferde ſprang, erkannte der Koͤnig Abſalon Balg, 1 1 115 ungeachtet ſeiner blaſſen Geſichtsfarbe und des hinkenden Ganges. Bevor Abſalon Balg die Urſache ſeines langen Ausbleibens erklaͤrte, überreichte er dem Koͤnig einen verſiegelten Brief, und ſagte mit ſeinem gewoͤhnlichen leichten Sinn:„daß, wenn er auch diesmal nicht ruͤckſichtlich ſeiner Eilbotſchaft den goldnen Sporn gewoͤnne, er doch bemerkte, daß die Freude, die er braͤchte, nicht eben alt ſey, weil der Koͤnig jetzt erſt auf dem Wege nach ſei⸗ nem Gluͤcke waͤre. Ohne etwas zu erwiedern, riß Waldemar das Siegel vom Briefe und durchlief ihn mit dem Blick eines Gefangenen, der ſein wohlbekanntes Todesurtheil lieſt. Doch ermannte er ſich ſchnell, ſteckte das Schreiben in den Buſen, und fragte Abſalon Balg nach der Urſache ſeiner Verſpaͤ⸗ tung.„Du haſt Dich wohl nicht dem Teufel darauf ergeben, Deine Unfaͤlle oder dummen Steeiche verſchweigen zu wollen?“ fragte er. „Doch, Du kannſt Dir Deinen Bericht erſpa⸗ ren! Hier faͤllt die Sache ſelbſt in die Augen. Dein hinkender Fuß hat wohl beſſer einen goldnen Sporn verdient, als die ganzen Beine meines 8* 116 Herrn Neffen. Du haſt aus Eifer fuͤr meinen Dienſt Deinen Hals gewagt, wie ich ſehe; aber haſt Du auch ſelbſt unter des Baders Hand gelegen, haͤtteſt Du doch ſo klug ſeyn koͤn⸗ nen, mir die Botſchaft durch einen andern zu ſchicken.“ „Ich wagte nicht, eine ſo wichtige Botſchaft feindlichen Haͤnden anzuvertrauen, Herr Koͤnig!“ entgegnete Abſalon Balg.„Denn den Schwe⸗ rinern traue ich nicht beſſer als den Feinden, und unter ihnen ſtuͤrzte ich in die Fallgrube. Außer⸗ dem fußte ich auf meinen braven und gluͤcklichen Nebenbuhler in dieſem Wettritt. Eine ſchwere Verletzung am Kopfe hatte mir uden die Beſin⸗ nung geraubt.“ „Biſt Du verruͤckt geweſen?“ verſetzte der Koͤnig;„ja, das iſt etwas anderes, ſo kann man Dir nichts anhaben. Haͤtte mein Neffe dieſe Entſchuldigung gebraucht, dann haͤtte ich ſie gelten laſſen.“ Die ſchnelle Reiſe wurde noch mehr beſchleu⸗ nigt, als auch Ritter Glug mit Junkherr Stranges muͤndlicher Antwort den König ein⸗ holte, und ihm zugleich den Bericht abſtattete, 117 daß die Koͤnigin mit vollen Segeln und klin⸗ gendem Spiel die Elbe hinunter gezogen ſey, und daß man das Koͤnigsſchiff zwiſchen Helgoland und Amrom habe kreußen ſehen. Der Koͤnig mußte ſeine ganze Kraft zuſam⸗ men raffen, um das bittre, ſchneidende Gefuͤhl, das ihn erfuͤllte, und faſt in unbilligen Unmuth gegen die ſchuldloſe, unbekannte Koͤnigin zu entarten drohte, zuruͤckzudraͤngen. Er fuͤhlte ſich an eine unaufloͤsbare Kette, die er ſelbſt und ſein ſonderbares Geſchick geſchmiedet hatte, gebunden; allein er war entſchloſſen, ſich mit Wuͤrde dem Unvermeidlichen zu unterwerfen. Ja, er ſuchte ſogar deſſen Strenge dadurch zu mildern„ daß er jenes Bild, das ihn wenige Monate vorher ſo wunderbar hingeriſſen hatte, in ſein Gedaͤchtniß zuruͤckrief. Doch vergebens. Das Bild der boͤh⸗ miſchen Koͤnigstochter war und blieb ein todtes Heiligenantlitz, das die lebhafte Portugieſin mit ihrer uͤppigen Lebensfuͤlle aus ſeiner leidenſchaft⸗ lichen, unruhigen Seele ganz verdraͤngt zu haben ſchien. „Schnell vorwaͤrts,“ rief er ſeinen Mannen zu,„in kurzer Friſt werdet Ihr Daͤnemarks 118 Koͤnigin ſehn; das Gluͤck, dem ich entgegen reite, iſt es wohl werth, daß man deswegen den Hals wagt!“ Und ſo druͤckte er die goldnen Sporen in die Seiten des Pferdes und ſprengte vor⸗ waͤrts, als gelte es einen Kampfritt auf Leben und Tod.. Nur mit großer Anſtrengung konnten die Rit⸗ ter ihm folgen; und er gelangte ſo fruͤhzeitig an den Landungsort, Manoe gegenuͤber, daß ihm Zeit wurde ſein koͤnigliches Ehrenkleid anzuziehen, und den Empfang der Koͤnigin auf das Praͤch⸗ tigſte vorzubereiten. Das Geruͤcht von der Ankunft der Koͤnigin, hatte ſich ſchon in wenigen Tagen mit unglaub⸗ licher Eile uͤber das ganze Land verbreitet. In Ribe wurden große Vorbereitungen zu ihrem Empfang gemacht, und ein ungeheures Men⸗ ſchengewimmel erfuͤllte die Stadt und die Um⸗ gegend. Die Kuͤſte wimmelte von Leuten, und auf Manoe war auch das Ufer mit neugierigen Inſelbewohnern in ihren nationalen, bis heute faſt unveraͤnderten Feierkleidern, beſetzt. Prin⸗ zeſſin Regitze mit ihrem glaͤnzenden, ſteifen Hofe war ſchon an der Schiffbruͤcke angekommen, wo 119 ſie in ihrem goldnen Wagen ſtill hielt. Sie erhob ſich von den Kiſſen, um den Bruder zu begruͤßen und zu ſeiner erwuͤnſchten Vermaͤhlung Gluͤck zu wuͤnſchen. Heftig druͤckte er ihre Hand und ſchwieg, und ſie ſah in ſeinem Schweigen ein tiefes und inniges Gefuͤhl, dem er vor den Augen der Menge nicht Worte geben wollte. Nun brachten Boten auf Boten Nachricht, wie weit das Koͤnigsſchiff gekommen war, und bald verkuͤndete ein lautes und laͤrmendes Freu⸗ dengeſchrei unter dem Volke, daß der goldne Drachenſteven unter Sylt geſehen wuͤrde. Kurz nachher erſchien deutlich das praͤchtige Langſchiff, und das Jauchzen des Volkes, wurde mit klin⸗ gendem Spiele und dem lauten Huſſah der Bootsleute von dem Schiffe erwiedert. Der Koͤnig hatte ſich auf ſeinen milchweißen Wettrennerhengſt geworfen, und tummelte ihn heftig und wild auf dem Sande des Ufers. Er warf einen Blick auf das Schiff, das ihm die fremde Braut heimfuͤhrte. Das Ungewiſſe und Raͤthſelhafte, war nun Gewißheit und Wirklich⸗ keit geworden. Das, wonach er halb mit Hoff⸗ nung, halb mit Unruhe wenige Monate vorher 120 wie im Traume getrachtet hatte, ſollte nun erfuͤllt werden; doch bangte ihm ins Geheim, die unbe⸗ kannte Braut zu ſehen, von der er doch wußte, daß er ſie nie wuͤrde lieben koͤnnen. Das goldne, fliegende Drachenſchiff war ihm jetzt kein Vogel der Freude, der ihm Gluͤck und Segen brachte; es war ihm eine furchtbare, ziſchelnde Schlange, die ihm die bittre Frucht reichte, nach der er vor kurzem im Wahnſinn gegriffen, und die ihm nun die Freiheit und ſein Paradies auf Erden koſtete. In Vorderſteven des Koͤnigsſchiſſes ſtand die ſtille, liebliche Koͤnigsbraut an Junkherr Stranges Seite, und in einiger Entfernung ihre Frauen und Dirnen. Mit wehmuͤthiger Freude betrachtete ſie die gruͤnen, daͤniſchen Kuͤſten, die in ihrer freundlichen Fruͤhlingspracht vor ihren Augen aus⸗ gebreitet dalagen. Sie betrachtete die vielen Tau⸗ ſende fremder Menſchen, deren Mutter und Ge⸗ bieterin ſie jetzt ſeyn ſollte. Sie ſchwieg, ihre Haͤnde hatten ſich zu einem ſtillen Gebet gefaltet, waͤhrend eine milde Thraͤne unbemerkt die Wange hinabrollte. Feſtlich geſchmuͤckt ſtand ſie da in 121 dem Brautkleide von himmelblauer Seide, mit dem Perlenreif in den hellgelben Locken. Das Schiff ſchwamm bereits nahe unter Manoe, die Kuͤſte war ſchon ſo nahe, daß alle Geſichter der darauf Harrenden zu erkennen waren. Da bemerkte Margarethe den ſtolzen, praͤchtigen Reiter, der den weißen Hengſt von der Sonne beſchienen, im Sande herumtum⸗ melte, Eine herrlichere Mannesgeſtalt glaubte ſie nie vorher geſehen zu haben; und es war ihr, als muͤſſe es wohl der koͤnigliche Braͤutigam ſeyn. „Sagt mir, Herr Strange Ebbeſohn! ehe wir dem Lande naͤher ruͤcken,“ wandte ſie ſich erroͤthend zu ihm,„wer iſt wohl der kuͤhne, junge Mann, der das weiße Roß am Strande reitet?“ „Heil Euch, edle Koͤnigin!“ entgegnete Junkherr Strange,„daß zuerſt von allen Maͤn⸗ nern in dem daͤniſchen Reich, Euer Blick ihn ſieht. Es iſt mein Herr und Koͤnig, Cuer glor⸗ wuͤrdigſter Braͤutigam, Koͤnig Waldemar von Daͤnemark.“ „Ihr iert doch nicht, Herr Strange?“ ver⸗ ſetzte Margarethe farbewechſelnd,„ſein Aeuſſeres 122 iſt zwar herrlich und koͤniglich, und einen ſchoͤ⸗ neren Mann ſah ich noch nie in der Welt; allein er ſieht doch nicht einem rüitian aͤhnlich, der ſeine Braut erwartet.“ „Mein Herr und Koͤnig iſt ein ſtrenger und gewaltiger Kriegsmann, edle Koͤnigin!“ gab Junkherr Strange zur Antwort.„Ein Mann, der wohl den Feinden in die Augen ſehen darf; in Oſten und Weſten fliehen ſie vor ihm, wenn ſein Jaͤhzorn entflammt; allein auf ſchoͤne Weiber ſieht er nicht gar zu dreiſt, beſonders wo er im voraus ſich uͤberwunden und gefangen weiß.“ „Es ſcheint mir doch gar zu wunderlich,“ ſeufzte die Koͤnigstochter, und verbarg die gluͤ⸗ henden Wangen in dem Schleier,„daß die Braut dem Braͤutigam entgegen geht, und daß beide fragen muͤſſen: wer iſt das?“ „Getroſt und froͤhlich, fromme Koͤnigin!“ fuhr Strange fort, und ein Gefuͤhl tiefer Weh⸗ muth, die er vergebens zu verbergen ſuchte, bebte in ſeiner Stimme.„Zu Gott und unſrer Frau hoffe ich, daß Ihr nie ſo lange Ihr lebt, dies Wunderliche bereuen werdet; und fuͤhlt Ihr Euch auch eine Weile fremd hier, da, ich gelobe Euch —r—— 123 es hier vor dem hoͤchſten Gott: ſo lange Ihr athmet will ich Euer Diener und Ritter ſeyn, und jede edle Seele in Daͤnemark, wird Euch als einen himmliſchen Engel lieben und verehren.“ Nun ward der Anker in den Sand gewor⸗ fen, und das NRuderboot legte an die Seite des Schiffes. Unter dem lauten Freudenjauchzen des Volks, wurde die Koͤnigin mit ihren Frauen ans Land getragen. Waldemar ſprang ſogleich vom Gaule„ und ging ihr mit der Prinzeſſin Regitze, vom Erz⸗ biſchof und allen Rittern begleitet, ſtattlich ent⸗ gegen. Die Koͤnigin warf den Schleier zuruͤck. Innig bewegt, betrachtete der Koͤnig die ſchoͤne Prinzeſſin, die ihm im himmelblauen Kleide als ſeine Braut entgegen gefuͤhrt wurde, und deren Schamhaftigkeit und reines Engelantlitz alle Au⸗ gen, die ſie ſahen, bezauberte. Er erkannte jenes vergeſſene Traumbild, das, wie aus einer beſſeren Welt ihn einſt zur Bewunderung und zu einer Liebesſehnſucht, die dieſe Welt nicht befriedigen zu koͤnnen ſchien, hingeriſſen hatte, wieder. Jetzt ſtand es als ſeine angetraute Braut vor ihm. Der Sturm in ſeiner unruhigen, aͤngſtlichen 124 Seele loͤßte ſich in innige Wehmuth auf. Es duͤnkte ihm, als waͤre eine ſelige Heilige, um ſein unbeſtaͤndiges Herz zu demuͤthigen und zu beſchaͤmen, zu ihm herab geſtiegen. Ein rei⸗ neres, unſchuldigeres Frauenbild hatte ſein Auge nie geſehen, und er ging ihr mit einer Empfin⸗ dung von Reue und Scham, die er nie vorher kannte, die aber Thraͤnen in die ſtolzen Helden⸗ augen lockte, entgegen. Er reichte ihr die Hand zum Willkommen, und bog unwillkuͤhrlich das Knie, indem er ſie als ſeine und Daͤnemarks Koͤnigin begruͤßte, und ſie willkommen und geſegnet in ſeinem Reiche hieß. Die Schiffbruͤcke und der Weg vom Strande, waren mit Seide und Scharlach belegt. Der praͤchtige, goldne Wagen ſtand bereit, die Koͤnigin nach Ribe zu fuͤhren. Sie hatte den Gruß des Koͤnigs und des jauchzenden Volks mit tief bewegtem Herzen, und einem Ausdruck von Froͤmmigkeit und unausſprechlicher Anmuth, die einen unausloͤſchlichen Eindruck auf alle machte, erwiedert. Jetzt ſtieg ſie in den Wagen, von der Prinzeſſin und Nigmorchen begleitet. Der Koͤnig ſchwang ſich auf ſein Pferd, waͤhrend die 125 jauchzende Volksmenge die Pferde von dem Wa⸗ gen ausſpannte, und dieſen nach Ribe unter Bewillkommungsliedern und wiederholtem Freu⸗ dengeſchrei mehr trug als zog. Ehe der Zug das Schloß erreichte, hielt er an der Domkirche inne. Der Koͤnig ſtieg vom Gaule herab und naͤherte ſich dem Hochaltar, von dem Erzbiſchof und der zahlreichen Ritter⸗ ſchaar gefolgt. Die Koͤnigin wurde von Junk⸗ herr Strange und ſeinen dreißig Rittern an den Altar begleitet. In ihrem Gefolge war die Prin⸗ zeſſin Regitze mit ihren und den boͤhmiſchen Frauen, ſo auch der Hofmeiſter der Koͤnigin, Herr Ib Urne. Nigmorchen und Kirſtine von Riſe, die Schweſter Carls, ein ſchoͤnes, halb⸗ erwachſenes Maͤdchen, das vor kurzen in den Dienſt der Prinzeſſin gekommen war, trugen die Schleppe der Koͤnigin. Am Altare bog Junk⸗ herr Strange das Knie vor der Koͤnigin, dann uͤberreichte er dem Koͤnig ein Pergament, in welchem die im Namen des Koͤnigs vollzogene Vermaͤhlung beſtaͤtigt war. Dies Dokument legte der Koͤnig in die Hand des Erzbiſchofs, der es dem Volke erklaͤrte und laut vorlas; dann 3 Kraft deſſen die Ehe des Koͤnigs als vollguͤltig erkannte und, nach einer feierlichen und ruͤhrenden Rede, dem Brautpaare den Segen der Kirche ertheilte; dann begab ſich der feierliche Brautzug, den Koͤnig und die Königin an der Spitze, von dem jauchzenden Volke begleitet, nach dem Schloſſe. Auf Ribehuus wurde die Hochzeit des Koͤnigs mit großer Pracht gefeiert. Die Skalden beſan⸗ gen die Froͤmmigkeit und Schoͤnheit der jungen Koͤnigin, und die Gluͤckſeligkeit des Konigs Wal⸗ demar, die Niemand bezweifeln konnte, der die unvergleichliche Braut nur einmal geſehen. Es war ein freundlicher, milder Fruͤhlings⸗ tag. Eine große Menge Fremde erfuͤllte das Schloß und die Stadt. Buͤrger und Bauern hatten ſich um das Schloß gedraͤngt, um das hohe Brautpaar zu ſehen, und der Koͤnig zeigte ſich mit der Koͤnigin auf dem Balcon, und empfing dort die frohe Huldigung des Volks. Sein Gemuͤth war heftig bewegt, denn er ſah, wie hoch verehrt und geliebt er war, und wie aufrichtig das Volk ſich einer Gluͤckſeligkeit freuete, deren Zeuge es zu ſeyn waͤhnte. Viele tauſend 127 Zungen wiederholten:„Es lebe der Koͤnig und ſeine Braut!“ waͤhrend Thorgeir Danaſkald ein herzliches Lied, das bald von allen daͤniſchen Herzen und Zungen wiederhallte, zur Ehre der ſchoͤnen Dagmor ſang. Der boͤhmiſche Name Danxmar, mit dem Margarathe am liebſten von ihren Landsleuten genannt und begruͤßt wurde, war nemlich ſogleich von den entzuͤckten Daͤnen in Dogmar, oder Dagmor(Tagmutter), wie ſie ſonſt die Mor⸗ genroͤthe benannte, verwandelt worden; denn, ſo wie Margarethe mit dem goldgelben Haar und dem hellen, frommen Antlitz vor ihren Augen aus dem Meere emporgeſtiegen war, ſchien ſie ihnen anmuthig wie die Morgenroͤthe, und es war als hofften ſie, daß mit ihr dem Lande ein neues und herrliches Morgenroth aufgehen wuͤrde, in dem das Bild des Friedens, der Froͤmmigkeit und der Unſchuld in einem ſeltnen, gluͤcklichen Bunde, zwiſchen der edelſten Weiblichkeit und der glaͤnzendſten, ritterlichſten Mannhaftigkeit, dem Heldenmuthe und der Kraft die Hand zu reichen ſchien. Den Namen Dagmor behielt die Koͤnigin von dieſem Tage an, ſowohl im Munde 4 * 128 des Volks als in den Liedern der Skalden, und es wurde ſpaͤter ein Ehrenname, mit dem Daͤne⸗ mark bis in die ſpaͤteſten Zeiten ihre froͤmmſten und lieblichſten Koͤniginnen begruͤßte. Junkherr Strange, ſeine dreißig Ritter und mehrere Herren von dem boͤhmiſchen Gefolge, empfingen nun köſtliche Geſchenke von dem Koͤnig: als ſcharlachene Ehrenmaͤntel, Waffen, Ringe, goldne Mundbiſſe und Pferde. Einige empfingen ſogar bedeutende Belehnungen, und unter ihnen Graf Engelbret. Denn obgleich er aus Ritter⸗ ſitte gegen die Koͤnigin, und vielleicht aus Ueber⸗ zeugung jene ſcherzhafte Wette als verloren erklaͤrt haben wuͤrde, wenn es ſich geſchickt haͤtte, deren zu erwaͤhnen, ward er jedoch vom Koͤnig ohne weitere Erklaͤrung, zum erblichen Lehnsherrn der Grafſchaft Gleichen mit allen ihren Herrlichkeiten ernannt. Als Junkherr Strange dies hoͤrte, wurde ſeine Stirne ſinſter; er erinnerte ſich jenes Scherzes bei der Abreiſe, und wußte bereits, daß er in Schwerin die Prinzeſſin Beengierd geſehen und bewundert habe. Obgleich der Koͤ⸗ nig ſich nun ſtellte, als ſey jene Vergleichung zwiſchen ihrer und Dogmars Schoͤnheit ein laͤngſt 129 vergeſſener Scherz, verſtand Strange doch nur zu gut, daß der Koͤnig ſelbſt in ſeinem Herzen die Wette als verloren anſah und ſich verpflichtet fand, ſein Geluͤbde zu erfuͤllen. Obgleich Strange noch kein vertrauliches Wort mit dem Koͤnig ſeit ſeiner Zuruͤckkunft geſprochen, bedurfte er doch keine weitere Beſtaͤtigung des traurigen Geheim⸗ niſſes, das er in dem leidenſchaftlichen Geheim⸗ brief des Koͤnigs ſchweigend an ſeinem Buſen verbarg. In Gegenwart der Koͤnigin und ihrer Frauen ſollten auch, bei Veranlaſſung der Hochzeitsfeier, mehrere Edelleute den Ritterſchlag von des Koͤ⸗ nigs Hand in der Schloßcapelle empfangen. Graf Otto und Abſalon Balg ſtanden in geſpannter Erwartung; allein der Koͤnig ſchien ſich ihrer gar nicht zu erinnern, ſo wie ſie auch nicht zu den gewoͤhnlichen Vorbereitungen auf⸗ gefordert worden waren. Nach vorhergehender Abwaſchung und Beichte, und nach dem Empfang des Sakraments der Buße, traten zwoͤlf junge Schildknappen, Soͤhne der vornehmſten Maͤnner des Reichs, die alle hinreichende Proben ihres Muthes und ihrer Mannhaftigkeit im letzten Feld⸗ II. 9 130 zuge abgelegt hatten, vor. Sie waren weiß gekleidet, und an einer Binde, die ſie um den Hals trugen, hing ein Schwert. Sie naheten zuerſt dem Altar, wo ſie dem Schloßcapellan die Schwerter uͤberreichten, der die Waffen weihete und einſegnete, und dann ſie an die Binde um den Hals der Schildknappen wieder befeſtigte. Darauf verneigten ſich die jungen Ritternovizen vor ldem Altar, indem ſie ſich dem Sitze des Koͤnigs naͤherten und vor ihm niederknieten. Der Koͤnig fragte ſie: in welcher Abſicht ſie in den Ritterſtand zu treten wuͤnſch⸗ ten, und ob ſie auf ſich nehmen wuͤrden, die Ehre des heiligen Chriſtenthums und der Ritter⸗ ſchaft zu beſchuͤtzen. Dies beſtaͤtigten ſie mit einem feierlichen Eide. Der Konig ſchaͤrfte ihnen dann die wichtigſten Ritterpflichten ein, ermahnte ſie den Armen und Bedraͤngten beizuſtehn, und die Ehre jeder tadelloſen Frau gegen Verlaͤumder zu beſchuͤtzen; ermunterte ſie endlich zur Billig⸗ keit, Tapferkeit, Freigebigkeit und unverbruͤch⸗ licher Treue. Dann ließ er ihnen durch Graf Albert und Junkherr Strange die goldnen Spo⸗ ren mit der Anmahnung uͤberreichen; daß ſie 131 ihnen nicht bloß zum Forttreiben des Pferdes, ſondern als ein Sinnbild: daß Tapferkeit und Chre die Sporen aller edlen Ritterthaten ſeyen, dienen follten. Auf dieſelbe Weiſe wurden ihnen die Panzerhemden, die Kuͤraſſe, die Armſchienen und die Panzerhandſchuhe uͤberreicht, und waͤhrend ſie mit dem geweihten Schwert umgurtet wur⸗ den, erfuhren ſie, daß dies ein heiliges, ritter⸗ liches Sinnbild der Keuſchheit, der Gerechtigkeit und der chriſtlichen Liebe ſey. Nun erhob ſich der ritterliche König, und gab jedem von ihnen drei Schlaͤge auf die Schulter, mit der Flaͤche ſeines entbloßten Schwertes, waͤhrend er bei jedem die gewoͤhnliche Formel:„in Gottes, des heiligen Michaels und des heiligen Georgs Na⸗ men ſchlage ich Dich zum Ritter, ſey tapfer, unverzagt und treu!“ wiederholte. Darauf ließ er ihnen Helm, Schild und Lanze uͤberreichen. Nun erhoben ſich die jungen Ritter, begruͤßten ſtattlich den Konig und die Konigin, und ſchick⸗ ten ſich an, ſich dem Volke in ihrer Rittertracht zu zeigen, und einen Kampfritt oder Pferdetanz zuſammen im Schloßhofe zu reiten. . 9 4 132 Die Feierlichkeit ſchien beendigt; der Koͤnig erhob ſich ſchon, und ſchien im Begriff der Kö⸗ nigin den Arm reichen zu wollen, um die Capelle zu verlaſſen. Da trat der junge Graf Otto mit Wuͤrde und Kuͤhnheit vor, und forderte die ſaͤmmtliche daͤniſche Ritterſchaft auf, zu bezeu⸗ gen, ob er nicht ſolche Proben von Muth und Mannhaftigkeit abgelegt habe, daß er, ohne unbeſcheiden zu ſeyn, ſich den Ritterſchlag aus der eignen Hand ſeines Koͤnigs und Herrn erbit⸗ ten duͤrfte.„Von keiner geringeren Hand will ich ihn empfangen,“ fuͤgte er ſtolz hinzu. „Wenn der Koͤnig mich auch in dieſem Augen⸗ blicke verkennt, hoffe ich doch wohl, daß die Stunde erſcheinen wird, wo Koͤnig Waldemar nicht bereuen ſoll, daß er den Sohn ſeiner Schweſter und den Enkel Heinrichs des Löwen an ſeinem Hochzeitstage zum Ritter geſchlagen. Außerdem iſt mein koͤniglicher Ohm, kraft ſeiner Zuſage unverbruͤchlichen Wortes, mir ſeine gold⸗ nen Sporen ſchuldig,“ fuhr er mit kuͤhner Of⸗ fenheit fort.„Denn ohbgleich ich mich verſpaͤten mußte, was, wie ich vielleicht zu ſeiner Zeit beweiſen werde, nur aus Treue und Eifer fuͤr 133 meinen Koͤnig geſchehen, bin ich doch der Erſte geweſen der ihm die gluͤckliche Botſchaft, daß die ſchoͤnſte und edelſte Prinzeſſin ſeine Braut ſey, gebracht hat.“ Der Koͤnig ſah erſtaunt den kuͤhnen Juͤng⸗ ling an und wußte nicht, ob er einer ſo dreiſten und ungewoͤhnlichen Bitte ſich freuen oder zuͤr⸗ nen ſolle. „Der Unbeſcheidenheit habe ich bisher den jungen, tapfern Grafen Otto von Luͤneburg nicht zeihen koͤnnen,“ nahm er mit ſtrengem Ernſt das Wort.„Ich habe ungewoͤhnliche Proben ſeiner Kuͤhnheit und Entſchloſſenheit erlebt; mit ſeinem letzten Unternehmen bin ich unzufrieden; doch daruͤber muß ich mein Urtheil verſchieben, bis ſein Geluͤbde ihm geſtattet ſich zu vertheidi⸗ gen. Er iſt mein Schweſterſohn, edle Ritter! ich will Euch daher uͤberlaſſen, ob ſeine Bitte und dreiſtes Verlangen ſogleich erfuͤllt werden, und ob er ohne weitere Pruͤfungen und Vor⸗ bereitungen den Ritterſchlag aus meiner Hand empfangen darf!“. Ein einſtimmiges, ruhmvolles Ja, von der ſämmtlichen daͤniſchen Ritterſchaft, folgte der 13⁴4 Aufforderung des Koͤnigs; worauf Graf Otto niederkniete, und mit der gewöhnlichen Formel den Ritterſchlag von der Hand des Koͤnigs empfing. Allein waͤhrend die Waffen ihm uͤber⸗ reicht wurden, fuͤgte der Koͤnig ſtreng und ernſt hinzu:„Sey nicht bloß treu und halte Dein Wort, Ritter Otto; ſey auch aufrichtig und wahr! Sey der Letzte zum Sprechen im Kreiſe der Aeltern, ſo wie ich gewiß bin, daß Du der Erſte ſeyn wirſt im Kampfe, wenn es die Chre Deines Koͤnigs und des Vaterlandes gilt.“ Der unbillige Vorwurf, den dieſe Worte ent⸗ hielten, ſchnitt dem jungen, ehrbegierigen Otto durchs Herz; allein er verehrte und liebte den ſtrengen, heldenmuͤthigen König zu ſehr, um ihm deshalb zu zuͤrnen, Noch einmal bog er das Knie vor dem Koͤnig, druͤckte deſſen Hand an ſeine verſchwiegenen, brennenden Lippen, und zog ſich ſchnell unter die Ritter zuruͤck. „Weil eine Ausnahme von der allgemeinen Sitte ſtatt gefunden hat,“ ſagte Waldemar darauf, ſich an die aͤlteſten Ritter wendend, „fordert die Billigkeit, daß ich Euch noch eine andre vorſchlage. Das Rittergeſetz ſagt zwar, — — 135 daß Niemand, der entweder lahm, oder mit einem körperlichen Gebrechen behaftet iſt, ſey er auch noch ſo tapfer und reich, in den edlen Ritter⸗ ſtand aufgenommen werden kann; indeſſen ſteht dort ein wackrer, junger Edelmann, aus dem beſten Heldengeſchlecht hier im Lande. Er hat ſich brav bei Loͤwenburg gezeigt, doch iſt er vor kurzem in meinem Dienſte, ich hoffe zwar nicht auf immer, lahm geworden; kann es geſtattet werden, daß ich ihn ſogleich mit dem Ritter⸗ ſchlage beehre?“ Mit dieſen Worten winkte der Koͤnig Abſa⸗ lon Balg. Doch kaum ward der kleine, dicke Balg inne, daß die Rede von ihm ſey, als er zur Verwunderung des Koͤnigs kraͤftig und feſt, ohne zu hinken oder eine Miene zu verziehen, hervortrat, obgleich die noch nicht geheilte Wunde und das geſchwollene Knie ihm den heftigſten Schmerz verurſachten. „Herr Koͤnig,“ ſprach er,„wenn es den goldnen Sporen gilt, bin ich weder hinkend noch lahm, alldieweil beide Beine gleich lang, wie⸗ wohl nicht gleich dick ſind.“ 1 ——ᷣᷣ: 136 3 Darauf bog er das geſchwollene Knie feſt auf die Flieſen des Bodens, ohne durch ein Zucken irgend einen Schmerz zu aͤußern, und der Koͤnig zogerte nicht, unter allgemeinen Beifallzaͤußerun⸗ gen ihm den Ritterſchlag zu ertheilen. Bei dieſer Feierlichkeit war in der ganzen Verſammlung kein aufmerkſamerer Zeuge, als Carl von Riſe. Er ſtand hinter dem Grafen Albert mit deſſen Mantel und Schwert. Seine Wangen gluͤhten; er dachte nur daran, wie herr⸗ lich es ſeyn wuͤrde, wenn auch er ein Mal den Ritterſchlag von der Hand des größten Koͤnigs empfangen ſollte. Er betrachtete den Koͤnig und die Koͤnigin als zwei uͤbermenſchliche Weſen, die man nur aus der Ferne anſchauen und bewun⸗ dern duͤrfe. Unter den ſtattlichen Herren und Hofleuten fuͤhlte er ſich zwar fremd und verlaſſen, doch fand er in dieſer großen, vornehmen Ver⸗ dem Seſſel der Koͤnigin ihn vertraut und laͤchelnd anblickten. Dort ſtand nemlich ſeine Schweſter biſchof nach Sorge gezogen, nicht geſprochen hatte. Sie war waͤhrend ſeiner Abweſenheit nach Hofe ſammlung zwei wohlbekannte Augen, die hinter Kirſtine, mit der er, ſeitdem er mit dem Erz⸗ gekommen; an ihrer Seite ſtand die kleine, lau⸗ nenhafte Rigmor, das ſchoͤne Kind, in deſſen Augen Carl ſich als den mannhaftigſten Helden in der Welt zu zeigen wuͤnſchte. Als nun beim Schluß der Feierlichkeit Graf Albert ſich drehle, um Mantel und Schwert zu nehmen, bemerkte er nicht ohne Erſtaunen das maͤnnliche und ernſte Geſicht des Knaben, waͤhrend dieſer in ſeinen Heldentraͤumen das halbgezogene Ritter⸗ ſchwert ſeufzend betrachtete.„Gieb mir den Mantel und behalte das Schwert, Carl!“ ſagte Graf Albert, indem er ihm freundlich einen lei⸗ ſen Schlag auf die Wange gab.„Du biſt nun mit mir im Kriege geweſen, haſt mich treu gegen Hinterhalt bewacht, meine Nuͤſtung und meine Gefangenen gut gehütet; von heute an ſollſt Du mein Schildknappe ſeyn und Schwert und Schild an meiner Seite tragen. Heute Abend ſollſt Du mit dem filbernen Sporn tanzen; ſey mun⸗ ter, damit bald ein goldner daraus werden moͤge.“ Carls Augen funkelten vor Freude, entzuͤckt und dankbar kuͤßte er die Hand ſeines edlen Herrn und Waffenmeiſters; und als er nun dem Zuge aus der Capelle folgte, mit dem Schwert 138 des Herrn an ſeiner Seite, läͤchelte wohl hie und da ein Ritter uͤber den halberwachſenen Burſchen, dem das lange Ritterſchwert klappernd nachſchleppte; Carl ſah dieſe aber mit einem zu⸗ verſichtlichen Blick an, als wollte er ſagen: erwartet nur die Zeit! ich werde wohl zu dem Schwert, wie lang es auch ſey, heranwachſen. Er wurde nicht wenig ſtolz als er ſah, wie die kleine Rigmor mit einem Freudenſprung die Schleppe der Koͤnigin fahren ließ, und in die Haͤnde klopfte, als ſie das große Schwert an ſeiner Seite gewahrte. Am Abend war das Schloß auf das praͤch⸗ tigſte erleuchtet. Im Schloßgarten brannten Fak⸗ keln und Pechkraͤnze, waͤhrend die Geigen aus dem Ritterſaale heraustoͤnten, und die ſtattlichen Herren und Frauen ſich leicht und zierlich in den glaͤnzenden Tanzreihen bewegten. Der Koͤnig hatte den erſten Tanz mit ſeiner Braut beendet, und wäͤhrend nun ſie mit leb⸗ hafter, faſt kindlicher Freude an dem Feſte An⸗ theil nahm, und den Junkherr Strange, Ritter Otto und die angeſehenſten Ritter mit einem Tanz beehrte, trat der Koͤnig in den Schloß⸗ 139 garten, um ſich zu erfriſchen, hinaus, und ver⸗ tiefte ſich bald in einen der langen Lindengaͤnge, die am weiteſten vom Schloſſe entfernt waren, und durch welche der Mond nur hin und wieder einen ſchwachen Strahl warf, waͤhrend der kleine Nipsſtrom durch die Erlengebuͤſche im Hinter⸗ grunde blinkte. Waldemars Herz war beklom⸗ men; die Ruhe und Faſſung, nach welcher er den ganzen Tag gerungen, waren ihm ein pein⸗ licher Panzer, den er ſich ſehnte in der Einſam⸗ keit abwerfen zu duͤrfen. „Großer, gerechter Gott!“ rief es in ſeiner Bruſt.„So bin ich da nun gefeſſelt, und ſonderbares, unergruͤndliches Verhaͤngniß, an den ſchönſten, liebenswuͤrdigſten, froͤmmſten Engel Gottes auf der Erde; an die, deren bloß unvoll⸗ kommenes Bild ich als ein verruͤckter Minne⸗ ſaͤnger ſchwaͤrmend anbetete, und die ich, trotz meiner Bewunderung, nicht in Wahrheit die Meinige nennen, nicht froh und lebensluſtig als die Vertraute meiner Seele an mein Herz druͤcken kann. Dennoch erregt ſie in mir ein Gefuͤhl, dem ich keinen Namen zu geben weiß: Andacht wuͤrde ich es nennen, wenn ſie ein 140 Traum, ein Heiligenbild, ein heiliger, unerfaß⸗ licher Gedanke waͤre und bliebe. Und ſie, die ich nicht nennen darf, meine ſtolze, herrliche Walkyrie, ſie, mit der ich mich ſtolz und kuͤhn durch Kampf und Sieg zur Unſterblichkeit und zum ewigen Ruhm hinauf ſchwingen konnte, ſie, die ich mit unendlicher Lebenskraft, mit himmliſcher Freude an meinen Buſen druͤcken moͤchte, ſie ſehe ich nie mehr in dieſer Welt, ſie habe ich auf immer um einen Traum verſcherzt.“ So wie er halb laut dieſe Worte ausgeſpro⸗ chen, und, wie er glaubte, von allen Lebendigen unbemerkt dem beklommenen Herzen Luft verlieh, ſtand ploͤtzlich eine lange, dunkle, vermummte, weibliche Geſtalt in dem halbfinſtern Lindengange vor ihm, und erhob einen Dolch, der ihm im Mondenſcheine entgegen blinkte. Er kehrte ſich nicht an den Dolch; er glaubte Beengierds hohe Geſtalt zu ſehen. Er gewahrte einen Reif in den dunklen Locken, allein ein dich⸗ ter, ſchwarzer Schleier verbarg ihre Zuͤge. In einem blauen, flatternden Gewande ſchwebte ſie ſchweigend und drohend ihm voruͤber, und ver⸗ ſchwand in den Erlenbuͤſchen. Er dachte und ſah d 141 nur Beengierd, und in der geſpannten, wunder⸗ baren Stimmung ſeines Gemuͤths, rief er unwill⸗ kuͤhrlich:„Bleibe, bleibe! verdamme mich nicht; verlaß mich nicht im Zorn„ſchoͤne, unwiderſteh⸗ liche Zauberin; Dein bin ich doch, Dir, und keiner andern gehoͤre ich in aller Ewigkeit. Ob⸗ gleich die edelſte Fuͤrſtin in der Welt, ein Engel vom Himmel ſich meine Braut und meine Köni⸗ gin nennt, das Herz gehört doch Dir, Dir die Seele vor dem Angeſichte des Allmaͤchtigen.“ Er wußte ſelbſt nicht, was er ſprach, er ſtand mit ausgebreiteten Armen, und erſt nach einer Weile bemerkte er, daß er allein ſey. Da hoͤrte er eine ſchoͤne, helle, weibliche Stimme, obgleich bebend wie es ſchien, und halb von Thraͤ⸗ nen erſtickt, von dem entgegengeſetzten Strom⸗ ufer, mit einer Miſchung von Wildheit und inniger Wehmuth, folgendes ſingen: Iſt mein das Herz„iſt die Seele mein, Die Krone vermiß ich ja gerne; Dann, Koͤnig! tanz' mit der Braut ſo fein, Fuͤr's Gluͤck nur rathen die Sterne. In ihrem Buche der Geiſt mir gab Die Zukunft heraus zu leſen; Noch zieh'n ſie mich in die Tiefe hinab, Ein Mal kehrt zuruͤck doch mein Weſen. umſchleichen muß ich nun nah und fern, Dem Maͤcht'gen gehorchen vor allen! Entſteh'n oder ſterben Wolmars Stern'’, Dann ſing' ich und tanz⸗ in den Hallen. Die traurigen Toͤne des Liedes verloren ſich in die Ferne; es war dem Koͤnig, als horte er ein fernes Plaͤtſchern im Strome, als von Ruder⸗ ſchaͤgen oder von einem großen Fiſche, der ſich durchs Rohr bewegte. Die alten Sagen vom Meerfraͤulein kamen ihm ins Gedaͤchtniß, und er wußte nicht, ob er wach geweſen oder getraͤumt hatte. In einer ſonderbar wehmuͤthigen Stim⸗ mung kehrte er nach dem Schloſſe zuruͤck, wo Luſtigkeit und Freude der Umgebung bald dies ſonderbare Abentheuer in ſeiner Seele zuruͤck⸗ draͤngte. Als er wieder in den Ritterſaal trat, gewahrte er Graf Otto in einem Rundtanz hinwirbelnd, mit einem kleinen, blonden Maͤdchen an der, Hand, deſſen ungewoͤhnliche Schoͤnheit und An⸗ muth ſogar die Aufmerkſamkeit des Koͤnigs er⸗ regte. Er fragte nach ihrem Namen, und der 143 Erzdechant Arnfred, an den er ſich in ſeiner Zer⸗ ſtreuung gewandt, nannte ihm Kirſtine von Riſe. „In der That, ein huͤbſches Kind, dem der junge Graf keine Grillen in den Kopf ſetzen ſollte,“ fuͤgte der Prieſter, indem er ſich zuruͤck⸗ zog, ſchlau laͤchelnd hinzu;„eine Schweſter des jungen Schildknappen dort mit dem ſilbernen Sporn, der ſo ſtramm das Töchterchen des Gra⸗ fen Albert herumſchwingt;“ und als nun Graf Otto aus dem Tanze heraustretend auf Arnfred ſtieß, fluͤſterte dieſer mit demſelben ſchelmiſchen Laͤcheln ihm zu, daß er wohl gewahre, daß der junge fuͤrſtliche Nitter den Schoͤnen geſiele.„Eure kleine Taͤnzerin,“ fuhr er mit einer ziemlich weltlichen Kennermiene fort,„wird gewiß ſchon in zwei Jahren das ſchoͤnſte Frauenbild hier am Hofe ſeyn, ſogar der Koͤnig hat es bemerkt, und er iſt doch ein großer Kenner, ſagt man.“ „Der Koͤnig?“ wiederholte Otto ſchnell. „Ja ſo!“ „Auch vor den Augen der Koͤnigin,“ ver⸗ ſetzte der Prieſter,„hat die kleine Jungfrau Kir⸗ ſtine Gnade gefunden. Die Königin ſoll ſich dieſe und des Grafen Albert kleine Rigmor zur 144 näͤglichen Aufwartung erbeten haben; doch Ihr ſcheint zerſtreut, Herr Graf; ich will Euch nicht laͤnger ſtoͤren, ich ſuchte Euch nur, um Euch das Zettelchen, das mir ein Unbekannter geheimniß⸗ voll zuſteckte, zu uͤberreichen;z wenn es Niemand bemerkte, ſagte er; ein kleines, ritterliches Aben⸗ theuer denke ich. Nun! ich bin nicht neugierig. Ihr werdet ſehen, daß das Siegel unberuͤhrt iſt. „Wie denn anders?“ meinte Otto!„Ein Siegel iſt ja ein Heiligthum, das beſonders in Euren Haͤnden wohl aufgehoben ſeyn muß.“ Sobald er an einen unbemerkten Ort ſich zuruͤckgezogen, oͤffnete er das Brieflein.„um Mitternacht im Lindengang bei dem Strome, auf Ritter⸗Ehre und Treue,“ war alles, was darin mit ſchiefen, lateiniſchen Buchſtaben, ohne Namen und Kennzeichen, geſchrieben daſtand; und eine ſonderbare, neugierige Ungeduld in Ottos Seele erregte. Sobald die Koͤnigin den Braͤutigam wieder erblickte, eilte ſie ihm froh und freundlich ent⸗ gegen. Sie ſchien nicht zu bemerken, daß er zerſtreut und verſtimmt ſey. Sie glaubte ihn ſo ruhig und zufrieden wie ſich ſelbſt. Sie wußte 145 nicht, wie gluͤcklich und froh er ausſehen konnte. Sie glaubte nun einmal, daß der tiefe Ernſt auf dieſem koͤniglichen Antlitz, das eigenthuͤmliche und unveraͤnderliche Gepraͤge ſeines Weſens ſeyn muͤſſe. Daß er ſie hoch ehre und ſchaͤtze, hatte ſie bemerkt; ſie hatte den ſtrengen Helden innig bewegt bei ihrem Empfang erblickt, und ſie kannte und ver⸗ langte keine groͤßere Liebe, als das Wohlwollen, womit er ſie ſo ſichtbar vor allen auszeichnete. Der Koͤnig war wieder Herr ſeiner ſelbſt und ſeiner Gemuͤthsſtimmung geworden. Er er⸗ griff nun den vollen Becher und es gelang ihm, ſogar vor den ſcharfen Blicken des Volks, froh und gluͤcklich zu erſcheinen. Denn bei dieſer Hochzeitsfeier hatten Alle freien Eintritt, in ſo fern Ordnung und Raum es geſtattete; der Schloßhof ſelbſt war in einen großen Brautſaal mit Fackeln und Pechpfannen, mit Muſik und Tanz, und Ueberfluß von ſtar⸗ kem Bier und Meth verwandelt. Dort belu⸗ ſtigten ſich die Geringeren und Aermeren unter dem Volke; und daß es vor allem dieſer Theil deſſel⸗ ben war, der durch das Geruͤcht von dem milden II. 10 146 und frommen Sinn der Koͤnigin, und durch die Hoffnung von Frieden und Gluck, ſich einer ſo allgemeinen Freude uͤberließ, beweiſet folgendes Bruchſtuͤck von Volksliedern, die noch von jener Zeit aufbewahrt ſind. Es war große Freude, wohin man ſah, Bei großen und kleinen Leuten; Am meiſten Buͤrger und Bauer doch Aus Herzens Grunde ſich freu'ten. Es kam keine Buͤrde in ihre Spur, Es kam guten Bauer nur Frieden! Traͤgt immer ſolch' Blumen die daͤniſche Flur, Wie wohl waͤre es dann hienieden. Das Fraͤulein kam aus edlem Boͤhmenland. Mitten in dem allgemeinen Jauchzen glaubte Waldemar einen tiefen Seufzer in ſeiner Naͤhe zu vernehmen. Er wandte ſich ſchnell und glaubte dieſelbe hohe, verſchleierte, weibliche Geſtalt, die er fruͤher bei dem Strome erblickt hatte, und die nun ſchnell unter den luſtigen Hochzeiaiidn wieder verſchwand„ zu erblicken. Der Tanz im Ritterſaale hatte aufgehoͤrt, und die Brautfackeln waren ausgeloͤſcht. Im Schloßgarten, in der Naͤhe des Stroms, ging —— ꝑſy —y — 147 Thorgeir Danaſkald einſam in ſtille Traͤume ver⸗ tieft, und ſah, wie der Mond und die Sterne ſich in der ruhigen Flaͤche abſpiegelten. Das ſchoͤne, friedliche Feſt, die Toͤne aus dem Rit⸗ terſaale, der Schein der Brautfackeln durch das junge, hellgruͤne Laub, das milde, fromme Antlitz der Koͤnigin, der Geſang, der Wein in den glaͤnzenden Bechern, und vor allem die ſchoͤ⸗ nen Brautmaͤdchen, hatten ſo viele ſchöne und freundliche Bilder in der Seele des ſiebzehnjaͤh⸗ rigen Barden hervorgerufen, daß ihm weder Ruhe noch Schlaf in dieſer Nacht kommen konnte. Von allen Frauenbildern, die er heute geſehen, hatte ſich doch keines ſo ſeines Gemuͤths bemaͤch⸗ tigt, wie die Koͤnigin ſelbſt und die zwei anmu⸗ thigen Brautmaͤdchen, die ihr die Schleppe ge⸗ tragen. Dieſe Erſcheinung duͤnkte ihn, wie die heilige Agneſe von zwei Engelkindern nach dem Himmel gehoben. Was er an jenem Tag, da er bei der Tafel des Koͤnigs ihr Bild zum erſten⸗ mal ſah, wie in einem prophetiſchen Traum ahnend von der Koͤnigin geſungen, ſchien ihm nun in Erfuͤllung gegangen zu ſeyn. Die Freude des Volks an der frommen, ſechzehnjaͤhrigen 10* 148 Mutter des Landes, und das Bild ihres lieb⸗ reichen Empfanges an dem Ufer, ſchwebte ihm ſo lebhaft vor den Augen, daß er jetzt in ſeiner Einſamkeit das Lied dichtete und ſang, welches das Volk ſpaͤter oft und gern wiederholte, und deſſen Schlußreim bei jedem Verſe immer war: „Dort ſegelt Herr Strange mit Koͤnigin Dagmor.“ Als der ſtille Thorgeir ſich nun ſo halb ſin⸗ gend, halb traͤumend am Uifer des Stroms erging, vernahm er ploͤtzlch ein Geklirr von Waffen im Lindengange. Er ergriff ſchnell ſein kurzes Schwert, und eilte dem Geraͤuſche nach. Bald gewahrte er drei Schwerter in dem Halb⸗ dunkel des Baumganges zuſammenklirrend blin⸗ ken, und erkannte den behenden, ſchmaͤchtigen Grafen Otto, der ſich kuͤhn und eifrig gegen zwei ſtarke Kerle, die wie fremde Jaͤger aus⸗ ſahen, vertheidigte. Thorgeir ſprang mit geho⸗ benem Schwerte hinzu; doch ehe er die Kaͤmpfen⸗ den erreichte, ſah er den einen der fremden Meuchler von Ottos Schwertſchlag zu Boden finken, und den Andern ſich in den Strom ſtuͤr⸗ zen und fortſchwimmenz 149 „Erbaͤrmliche Memmen!“ rief Otto.„Galt das mir oder einem Andern?“ „Wohlgeborner, junger Herr!“ ſtoͤhnte der verwundete Jaͤger.„Es galt fuͤrwahr einem Andern, mir armen Teufel galt es, verſchont mein Leben! Ich bin in einem friedlichen Auf⸗ trage gekommen. Sollen wir Vergleich und auf erneuerte Genoſſenſchaft wieder zuſammen trinken? Ich will ein Hallunke ſeyn, knuͤpfe ich Euch auf, wenn Ihr kommt um uns auszukundſchaf⸗ ten. Helft mir unſerer alten Freundſchaft halber, ich verblute ſonſt.“ „Biſt Du es, alte Rothnaſe? ſo, ſo!“ ſagte Otto, und riß den feinen, linnen Kragen entzwei.„Stille damit das Blut, alter Hal⸗ lunke! und laß mich Deinen friedlichen Auftrag vernehmen!“ 1 „Litel Freundſchaft!“ fluchte der alte Saͤu⸗ fer.„Eitel chriſtliche Liebe. Eitel Gratulation und Freundſchaftsbezeugungen; allein, das iſt der Dank der Großen.“ Otto wußte nicht, ob es Verſtellung oder ob der ſchlaue Alte betrunken ſey.„Helft mir den albernen Burſchen ins Schloß bringen,“ ſprach 150 er zu Thorgeir, der ſtumm und verwundert an ſeiner Seite ſtand.„Es iſt ein alter Bekann⸗ ter, wie ich ſehe; er meinte mir es ſo gut, daß ich kaum die Hand bewegen kann. Bleibt er am Leben, werden wir wohl die Wahrheit herauskriegen.“ Thorgeir faßte nun den Jäger an der Schul⸗ ter und dem rothhaarigen Kopf. Otto an den Beinen, und ſo trugen ſie ihn nach dem Schloß⸗ thurm, waͤhrend er abgebrochen zwiſchen den Zaͤhnen brummte, und ſeinen Genoſſen, der ihn im Stich gelaſſen, einen Schurken ſchalt. „Waͤre das Hochzeitsbier nicht ſtaͤrker als ich geweſen,“ murmelte er noch in der Thurm⸗ pforte,„haͤtte ich gewiß dieſen Buchfinken beim Fittig gekriegt, der mich nun an den Beinen feſthaͤlt.) „Dachteſt Du, daß ich ein Vogel oder eine Jungfrau ſey, die man fangen oder entfuͤhren koͤnnte?“ ſagte Otto ihm nachſehend.„Nun, das war ein huͤbſches Stelldichein, dafuͤr ſoll der verdammte Prieſter mir Rede ſtehen, waͤre er auch zehnmal der Beichtvater des Köͤnigs.“ 151 Fruͤh des naͤchſten Morgens, befand ſich ein großes Volksgewimmel in den Straßen von Ribe, um den Zug des Koͤnigs und der Koͤnigin in die Fruͤhmette im Dome zu ſehen. Der Koͤnig ſaß heute neben der Koͤnigin in dem goldnen Wagen; dieſem naͤherte ſich unter dem allge⸗ meinen Jauchzen ein alter Bauer, deutlich und laut ſingend: Soll Freude den Pflug begleiten, Muß fort ohne Laſt er ſchreiten, Vieles gelingt, iſt der Wille gut. Soll Sieg der Koͤnig erhalten, Muß frei unſre Hand mitſchalten, Gebundner Hund jagt kein Wildpret auf. Das Antlitz des Koͤnigs wurde bei dieſem Liede, das er nicht zum erſtenmal hoͤrte, duͤſter. Die Koͤnigin fragte nach dem Inhalt des Liedes. Es iſt das alte Lied von der Pflugſteuer,“ aͤußerte Waldemar verſtimmt.„Damit iſt der Bauer nicht zufrieden, und ich bin deshalb ge⸗ zwungen worden, einige aufruͤhriſche Bauern auf Wordingborg in Feſſeln zu werfen. Jener Graubart mag ihnen wohl Geſellſchaft leiſten. Fahr zu,“ herrſchte er dem Fuhrmann ins Ohr, 8 152 und bald wurde die Stimme des alten Bauern und ſein Lied von dem Geraͤuſch des Wagens und dem Freudejauchzen der neugierigen Zuſchauer uͤbertaͤubt. Als der Koͤnig von der Fruͤhmette zuruͤck kam, war er ſehr milde und ſanftmuͤthig geſtimmt. Der fromme Erzbiſchof hatte die Beichte des Ko⸗ nigs empfangen, denn keinem andern wollte dieſer das Geheimniß des Herzens und den innern Zwieſpalt anvertrauen. Jener hatte auch nicht verſaͤumt, dem Koͤnig alles zu Gemuͤthe zu fuͤhren, wodurch er glaubte ihm helfen zu koͤnnen; die verzehrende Leidenſchaft, welche die Ruhe der ſchuldloſen, frommen Koͤnigin bedrohte, zu uͤber⸗ winden, und Frieden in ſeinem Herzen hervor⸗ zurufen. Waldemar ſchaͤmte ſich, mit einer andern Liebe im Herzen die reine Seele, die ſich ihm ergeben hatte, zu taͤuſchen; er wußte kein beſ⸗ ſeres Mittel ſich ſelbſt zu uͤberwinden, als ſich in einen großen, gewaltigen Kampf, zum Ruhme der Krone und der Chriſtenheit, zu ſtuͤrzen; er hatte daher, als eine Buße ſeines geheimen Ver⸗ gehens, im vollen Ernſt einen Kreuzzug nach 153 dem heidniſchen Liefland beſchloſſen. Ein Ent⸗ ſchluß, in dem der Erzbiſchof ihn um ſo mehr beſtaͤrkte, als es ſchon lange der Wunſch dieſes frommen Herrn geweſen, das Chriſtenthum dort begruͤndet, und deſſen Bekenner und Verbreiter gegen rohe Gewalt beſchuͤtzt zu wiſſen. Als Waldemar nach der Fruͤhmette allein mit der jungen Königin blieb, theilte er ihr mit Herzlichkeit ſeinen Entſchluß mit, und forderte ſie auf, nach der Sitte des Landes die ſogenannte Morgengabe zu verlangen, oder einen Wunſch zu aͤußern, mit deſſen Erfuͤllung es in der Gewalt des Koͤnigs ſtaͤnde, ſie zu erfreuen.„Moͤge Eure Bitte nicht geringfuͤgig ſeyn, meine theure Koͤnigin!“ fuͤgte er hinzu;„und vergoͤnnet mir, Euch den erſten Beweis meiner Exgebenheit dar⸗ zubringen.“ Die fromme Dahwor bedachte ſich nicht lange.„Fuͤr mich ſelbſt habe ich keinen Wunſch, mein liebſter Herr und Koͤnig!“ nahm ſie das Wort,„denn ich zweifle nicht, daß Ihr mich herzlich lieb habt, und mir Euer Wohlwollen aufbewahren wollt, ſo lange Gott mir vergoͤnnt, mit Euch und dem guten daͤniſchen Volke zu leben. 154 Doch weil Ihr mir eine Bitte geſtattet, ſo kommt mir auch ein Geluͤbde ins Gedaͤchtniß, das die gute, gottesfuͤrchtige Mutter bei der Trennung mir abnahm. Auf einem Eurer Schloͤſſer ſitzt ein Gefangener, der Euch ſehr erzuͤrnt hat, und ge⸗ faͤhrliche Anſchlaͤge gegen das Reich und die Krone unter dem Regimente Eures hochſeligen Bruders angeſponnen haben ſoll. Er wurde von Eurer maͤchtigen Hand bezwungen und gefangen, und hat nun ſchon ſehr lange ſeine Irrthuͤmer gebuͤßt. Laßt Gnade fuͤr Recht ergehen, und entlaßt um meiner Bitte willen Euren Verwandten, den ungluͤcklichen Biſchof Waldemar aus ſeinem Ge⸗ faͤngniß. Gebt ihn ſeinen Freunden zuruͤck; er wird ſich gewiß nie mehr an Euch verſuͤndigen.“ Die Zuͤge des Koͤnigs hatten ſich merklich ver⸗ aͤndert.„Nicht dieſe Bitte, theure Koͤnigin!“ ſagte er ſinſter.„Kommt Biſchof Waldemar frei aus Sioborg Schloß heraus, macht er Euch zur Wittwe, ehe das Jahr um iſt. Selbſt dem heiligen Vater habe ich die Erfuͤllung dieſer Bitte verweigert; das iſt eine gefaͤhrliche und wichtige Sache, auf die ich mich wenigſtens ein Jahr bedenken muß.“ 1⁵⁵ „Das Leben der Koͤnige, wie ihre Herzen, haͤlt der Allwiſſende in ſeiner Hand,“ entgegnete Dagmor.„Gedenkt meiner Bitte, wenn das Wort des Herrn in Eurem Herzen ſie Euch zu⸗ fluͤſtert. Ich habe indeſſen eine andre Bitte, die Ihr um Gott und deſſen Willen, der der Vor⸗ mund und Troͤſter aller Armen iſt, gewiß erfuͤl⸗ len werdet. Befreit die armen Bauern von der Pflugſteuer, die ſie druͤckt; und gebt die Gefan⸗ genen von Eiſen und Banden frei, die deshalb in ihrer Noth und Drangſal den Gehorſam gegen das Geſetz und deſſen ſtrengen Erhalter vergeſſen haben!“ „Ein ſchlechtes Beiſpiel fuͤr die Aufruͤhrer!“ verſetzte der Koͤnig.„Doch in Eurer Bitte, fromme Koͤnigin, erblicke ich einen ſchoͤnen Be⸗ weis muͤtterlicher Liebe fuͤr das Volk. Es ge⸗ ſchehe, wie Ihr wuͤnſcht.“ Sogleich gab er Befehl, daß Junkherr Strange ſich in das Geheimzimmer begeben ſolle. „Ihr habt von dem Worte des Herrn in unſerm Herzen geſprochen,“ wandte er ſich zur Koͤnigin wieder.„Es freut mich, daß Ihr den hohen, unwiderſtehlichen Ruf, der jedes Menſchen 456 Werk und Streben in der Welt entſcheidet, ſo benennt; daher kann ich auch nun, ohne Furcht von Euch mißgedeutet zu werden, Euch anver⸗ trauen, was ich fuͤr die unwiderſtehliche Stimme des Herrn in meinem Buſen halte, und was ich heute Gott und unſrer Frau gelobt habe.“ Und nun offenbarte er ihr ſeinen Entſchluß, unver⸗ zuͤglich mit dem Erzbiſchof und dem Heere zum vorerwaͤhnten Zweck nach Liefland zu ziehen. Dagmors klare, blaue Augen fuͤllten ſich mit Thraͤnen; doch ſprach ſie kein Wort um ihn zuruͤckzuhalten, oder in ſeinem Entſchluß wankel⸗ muͤthig zu machen. 1 „Zieht mit Gott, mein koͤniglicher Herr!“ ſeufzte ſie.„Zoͤget Ihr in einen weltlichen und eitlen Kampf, wuͤrde ich trauern; nun gebuͤhrt es mir, mich zu erfreuen, koſten mich auch Eure Abweſenheit und Gefahr Thraͤnen.“ Waldemar ſchloß ſie uͤberraſcht und bewegt in ſeine Arme. „Eurer reinen und frommen Hand,“ ſprach er,„vertraue ich mit Zuverſicht das Koͤnigs⸗ ſcepter waͤhrend meiner Abweſenheit. An der Spitze des Reichsrathes lenkt nach Eurer Klugheit 157 Volk und Land; ich werde indeſſen auf den Nuhm und den Glanz der Krone bedacht ſeyn, und mein Geluͤbde erfuͤllen.“ Die Koͤnigin ſah ihn mit ruhigem, pruͤfen⸗ den Blicke an.„Ach mein herzliebſter Herr,““ ſagte ſie mild warnend.„Iſt Euch der Ruhm und Glanz der weltlichen Krone nur nicht theurer als die ewige Krone des Lebens, nach der wir hienieden auch trachten muͤſſen. Ihr beſitzt einen großen und gewaltigen Herrſchergeiſt, mein kuͤh⸗ ner Gemahl! allein Ihr habt in dieſem einen großen Verſucher zu bekaͤmpfen. Zuͤrnt mir nicht, weil ich Euch nicht meinen groͤßten faſt einzigen Kummer verbergen kann! Wozu frommt es uns, liebſter Herr, ob wir auch die ganze Welt gewoͤnnen, und dennoch Schaden an der unſterblichen Seele litten?“ „Du liebe, fromme Prieſterin,“ verſetzte Waldemar laͤchelnd.„Waͤreſt Du nicht ein Weib, wuͤrdeſt Du fuͤrwahr Biſchof oder Pabſt geworden ſeyn. Vor kurzem ſtarb hier in mei⸗ nem Reich ein gottesfuͤrchtiger Prieſter, der ſo heilig war, daß er Wunder wirken konnte; er hat mir oft daſſelbe geſagt; der gute Erzbiſchof 158 ermahnt mich auch oft zur Selbſtverlaͤugnung und Demuth; allein was hilft das alles! Die Welt behauptet ihr Recht, und aus dem Falken wird nie eine Taube. Wenn ich mich am demuͤthigſten glaube, fuͤhle ich doch immer, daß ich nicht geboren bin, um den Kopf haͤngen zu laſſen, ſondern kuͤhn und frei uͤber die Menge empor zu ragen, mich in der Welt, in der ich lebe, gewaltig zu ruͤhren. Ich geſtehe es, ich bin ein unruhiges und heftiges Weltkind, das ſich mit dem himmliſchen Reiche allein nicht begnuͤgen kann, ſondern die Krone und die Herr⸗ lichkeit dieſer Welt mit in den Kauf haben will. Doch laß dies Dich nicht aͤngſtigen, meine fromme Dagmor, ich verliere darum die Krone der Herr⸗ lichkeit nicht aus dem Geſichte, die ich hier nicht ergreifen kann, die jedoch allein allen Kronen der Erde ihr wahres Licht und ihren Glanz verleiht. 3 In dem Geheimzimmer des Koͤnigs harrete ſeiner der Junkherr Strange. Die Aufhebung der Pflugſteuer und die Loslaſſung der Gefan⸗ genen auf Wordingborg war zwar das Erſte, das der Koͤnig dem Rath und Freund zu vollbringen 159 befahl; aber noch ein andres, vertrautes Wort hatte er ihm zu ſagen. „WLieber, treuer Strange!“ begann er.„Du haſt mich von fruͤher Jugend an geſehen und gekannt. Du biſt ein ſtummer und treuer Zeuge faſt aller meiner Thorheiten geweſen; auch die letzte lege ich in Deine treue Bruſt. Moͤge ſie todt und außer Kraft ſeyn, zernichte jenes wet⸗ terwendiſche Schreiben, das ich Dir zugeſtellt. Du haſt leider Recht gehabt. Du kannteſt mein unbeſtaͤndiges Herz beſſer, als ich ſelbſt; aber ich will es zur Beſtaͤndigkeit und Treue zwingen; und werde ich auch nie ein gluͤcklicher Ehemann, um meinetwillen ſoll doch die unſchuldige Dagmor nie ungluͤcklich werden. Sie iſt viel zu gut und fromm fuͤr mich, das geſtehe ich; ich ſehe wohl, daß wir wie Adler und Taube zuſammen paſſen, aber um Gott und den heiligen Knud! ſoll ſie nie bereuen, daß ſie Vater und Mutter verlaſſen, und des Adlers Braut in der Ferne geworden iſt. „Hier, mein Herr und Koͤnig!“ entgegnete Junkherr Strange,„iſt das Schreiben, das Ihr mir durch Ritter Glug zuſtellen ließt; von der Stunde an, da ich Prag verlaſſen, hat es 160 an meiner Bruſt wie ein Neſſelblatt gebrannt. Zerreißt es ſelbſt, und laßt es todt und kraftlos ſeyn. Es freut mich von Herzen, daß ich in meiner Unruhe wegen Eures und der Koͤnigin Frieden, Euren angebornen koͤniglichen Geſin⸗ nungen, und der Gewalt, die Schoͤnheit und Herzensguͤte uͤber alle große Herzen ausuͤbt, doch nicht vergebens vertraut habe.“ Der Koͤnig ergriff heftig das Schreiben und riß es entzwei.„So,“ ſagte er,„ſo zerreiße ich jeden Anſpruch auf eignes Gluͤck, als einen gebrochenen und unguͤltigen Bund mit dem boͤſen Verſucher der Seelen. Von dieſer Stunde an bin ich nur Koͤnig und Kreuztraͤger, und ver⸗ goͤnnt mir Gott Kraft, ſo wie ich den Willen habe, ſoll mein Gluͤck in Zukunft bloß der Frie⸗ den meiner edlen Koͤnigin, und der Ruhm des Reichs und meines Volks ſeyn. Aber aufbe⸗ wahren will ich doch dies demuͤthigende Denkmal meiner Unbeſtaͤndigkeit und Schwaͤche, damit ich mich nie meiner ſelbſt uͤberheben, und mich vor Gottes Antlitz hier in meinem Geheimzimmer ſtark glauben möge.“ 161 Dann legte er das zerriſſene Schreiben ſorg⸗ faͤllig unter ſeine wichtigſten und geheimſten Staatspergamente, und ſehr bewegt druͤckte er den treuen Freund an ſein Herz. „So erkenne ich den Sohn des großen Wal⸗ demar,“ ſagte Junkherr Strange in der Umar⸗ mung des Königs.„Und nun, mein koͤniglicher Herr!“ fuhr er aufgeraͤumt fort,„dem guten und ehrlichen Entſchluß folgt ja ein ruhiges und froͤhliches Antlitz. Alſo habe ich doch keine Mis⸗ billigung als Euer Freiwerber verdient; und Ihr muͤßt mir geſtehen, daß das Bild der Koͤnigin, gegen ſie ſelbſt gehalten, nur ein Schatten ſey; weil mein König es noch nicht zuruͤckgefordert hat, denkt Ihr vielleicht, mir es als ein freundliches Andenken meines kurzen, ſobald wieder verlornen Braͤutigamsſtandes zu laſſen?“ „Das Bild?“ wiederholte der König„und betrachtete etwas betroffen das wohlbekannte, goldne Gehaͤuſe, in dem es aufbewahrt wurde. „Ja wohl! Das kannſt Du behalten,“ Junkherr Strange ſchuͤttelte den Kopf und oͤffnete wehmuͤthig das Gehaͤuſe, ſo daß das ſchöne Bild ganz zum Vorſchein kam. II. 11 162 „ Sch verſtehe Dich, alter treuer Freund!“ ſagte der König erroͤthend.„Nimm dieſe goldne Kette zum Andenken der ſchoͤnen Kette, die Du mir gebracht, aber laß mir das Bild! Zwar ſchaͤme ich mich jedesmal, daß ich die Augen darauf werfe; allein es ſoll mich doch bis zum Grabe begleiten, und mich an Eid und Pflicht und an den Traum erinnern, der jedoch der freundlichſte und unſchuldigſte von alene die ih Lettäung⸗ Oauurſensar 83 Darauf verbarg er das Bild an ſcnem Bu⸗ ſen und mit dem Kopf auf die Hand geſtuͤtzt, ſtarrte er lange ſtumm den Boden an. Junkherr Strange ſchuͤttelte aufs neue den Kopf:„wann wird die Zeit kommen, mein edler Herr und Koͤnig, da Ihr aufhoͤren werdet zu traͤumen?“ nahm er endlich mit der alten Frei⸗ muͤthigkeit das Wort.„Weiber, Prieſter und Skalden haben Euch doch, mit Eurer Erlaubniß, einen guten Theil Firlefanz in den Kopf und ins Herz geſetzt; es wird Euch ſchwer fallen ihn wieder heraus zu kriegen, ehe Ihr alt und grau werdet! Nun! in Gottes Namen denn, munter und luſtig, mein Köͤnig! Ich reite nun nach 163 Vordingborg, und gebe die Gefangenen frei; wenn ich zuruͤck bin, iſt hier wohl wirkliche Hochzeitsfreude vorhanden, hoffe ich.“ „Morgen, bevor der Tag herangraut, breche ich auf nach Liefland mit dem Heere!“ rief Waldemar aufſpringend.„Ich habe aufgehoͤrt zu traͤumen, Strange! kuͤnftig ſollſt Du mich wachend ſehen. Du ſtoͤßeſt mit Deinem Panier zu dem Heere, ſobald Da kanuſt. Naün mit Gott. Als Junkherr Strange fhebeurlaultt öhatte, ging der Koͤnig mit großen Schritten im Ge⸗ mache auf und nieder; da meldete der Edelknabe den jungen Graf Otto an. Er trat herein, den rechten Arm verbunden. „Wie! verwundet?“ fragte der Koͤnig. „Haſt Du ſchon einen Hahnenkampf, einen rit⸗ terlichen Ehrenſtreit gehabt?“— „O nein! mein koniglicher Ohm!u ent⸗ gegnete Otto.„Ich habe nur einen Meuchler, der einen Auftrag an Euch hatte, gefangen; dies Brieflein hat er ſelbſt ausgeliefert; allein hier iſt ein anderes, das ſorgfaͤltig in ſeinem Aermel ver⸗ borgen war.” Er uͤberreichte darauf dem Koͤnig 11* 164 beide Schreiben, und berichtete aufrichtig ſein naͤchtliches Abentheuer, ſo auch den Verdacht, welchen er hegte, daß der Erzdechant Arnfred in Verbindung mit dem ſchwerinſchen Manchles und deſſen Herrſchaft ſtehe. Waldemar durchlief ſchnell die beiden Blätter⸗ „Ein hoͤflicher Gluͤckwunſch des Grafen Heinrich zu meiner Hochzeit,“ ſagte er,„und ein namen⸗ loſes Schreiben von einem niedertraͤchtigen Tho⸗ ren, der große Luſt haben mag, meine Geheim⸗ niſſe zu verrathen, wenn er ſie nur kennte. Keins von beiden ſcheint mir von Wichtigkeit. Iſt der Jaͤger aus Schwerin betrunken geweſen, wie Du ſagſt, und will er jetzt nicht geſtehen, mag er meinetwegen einen andern Galgen ſuchen. Sein Angriff auf Dein Leben oder Deine Frei⸗ heit iſt vielleicht im Rauſch geſchehen, und bleibt eine Sache zwiſchen Dir und Deinem Ge⸗ fangenen. Vor dem Pfaffen, deſſen Du erwaͤhnt, werde ich mich zu huͤten wiſſen. Gegen ihn iſt kein guͤltiger Beweis vorhanden. Hat er Dich beleidigt und zum Narren gehabt, ſo mache das mit ihm aus, ſo wie Du kannſt und darfſt; allein bei dem geiſtlichen Herrn will ich am 165 liebſten außer dem Spiele ſeyn. Wie es ſcheint, mein junger Herr Ritter!“ fuͤgte er mit einem Laͤcheln hinzu,„biſt Du wohl ſelbſt geſtern Abend durch Wein und Tanz mit dem lieblichen Brautmaͤdchen ſo luſtig und abentheuerlich ge⸗ ſtimmt geweſen, daß Du wohl ſelbſt nicht recht gewußt, was Du unternommen haſt. Ein ander⸗ mal ſey vorſichtiger, bevor Du Dich zu einem Stelldichein begiebſt, und jage nicht zu heftig nach ritterlichen Abentheuern.“ Mit dieſer Ermahnung entließ der Köͤnig ſeinen jungen Neffen, und Otto graͤmte ſich in ſeinem Herzen ſowohl uͤber dieſe Zurechtweiſung, als uͤber das geringe Gewicht, das der Koͤnig dieſem gegniß beilegte, das mit dem verbunden, was dem Juͤngling von den Geſinnungen der Grafen von Schwerin bekannt war, eine ſtienae Unter⸗ ſuchung zu gebieten ſchien. So wie nun Otto mit gekraͤnktem Stotz das Gaßamzimner des Koͤnigs verließ, begegnete ihm im Burghofe der gebuͤcktſchleichende Erzdechant Arnfred, der, wie es ſchien„ betroffen an ihm voruͤber durch den Hinterhof zu ſchluͤpfen ſuchte, wo die Jaͤger und Falkenknaben des Koͤnigs zu 166 ihrer Beluſtigung Hunde und Falken abrichteten. Otto ließ ihn nicht entſchluͤpfen, ſondern eilte ihm ſchnell in den Hinterhof nach und trat ihm in den Weg. „Wartet ein wenig, hochwuͤrdiger Herr!“ begann er zorngluͤhend.„Ich habe Euch noch zu danken wegen der biedern Einladung zum Stelldichein.“ „Mein gnaͤdigſter Herr Graf und Ritter!“ entgegnete der Pfaffe kriechend und zitternd.„Ich hoffe nicht, daß etwas Unangenehmes— ich ſehe, daß Ihr verwundet und erzuͤrnt ſeyd; allein ich betheure bei dem heiligen Auguſtin, daß ich ſo unſchuldig und unwiſſend in der ganzen Sache bin, wie ein neugebornes Kind.“ „Kann wohl ſeyn⸗ frommer Herr!“ veſtee 1 Otto.„Allein ſchickt es ſich fuͤr einen ſo unſchul⸗ digen und heiligen Mann, der Ueberbringer ge⸗ heimer und verdaͤchtiger Einladungen zu ſeyn, ſie moͤgen nun zu Liebeshaͤndeln oder zum Meu⸗ chelmord ſeyn?“ Und koͤnnt Ihr laͤugnen, daß Ihr im Bunde ſteht mit den aͤrgſten Feinden des Königs, und Euch erboten habt, dieſen ſene Geheimniſſe zu verrathen?“ 167 „Koͤnnt Ihr ſolche Beſchuldigung beweiſen?“ entgegnete Arnfred mit Trotz, waͤhrend die Die⸗ ner des Koͤnigs die Hunde und Falken verließen und ſich um beide verſammelten.„Habe ich Euch oder den König beleidigt,“ ſul 8 Pfaffe immer vorlauter fort⸗ nſo cht die Sache bei meinem rechten F ingig, canoniſche Recht zwiſchen uns engſceiden! Hier unter Hunden und I hen iſt es weder Kuch noch mir anſtändig zu ſtrej „Zum Tod und Teu ſchen Recht!“ rief der Jing gling. 3es verſtehe kein andres Recht oder zeſeß, als mein nnen Sihuere Wollt Ihr Euch mit mir e ſchl⸗ . 76 d Ihr mit Fußtritten aus 1 dem de. deß Königs geſtoßen zu weiden.”“ 1 „Huͤtet Cuch, junger, heftiger Herr drohete Atnfred mit ſo viel Wuͤrde, als ihm die Angſt ließ.„Verletzt Ihr nur ein Haar an einem Diener der heiligen Kirche, wird es Euch theuer zu ſtehen kommen. Haͤtte Euch der Koͤnig ſelbſt ein ſo gottloſes Betragen geſtattet, wuͤrde er es doch ſchwer bereuen. Ich klage vor Erzbiſchof 168 und Pabſt. Ihr werdet in den Bann gethan, und in Zeit und Ewigkeit verdammt!“ „Klaget nur vor Erzbiſchof und Pabſt! rief Otto.„Aber haltet Euch nur an mich! Der König will mit ſolchen Elenden nichts zu ſchaffen haben; meinem eignen Namen und auf meine Verantwortung, terklaͤre ich Euch vor dem An⸗ geſichte aller dieſer ehrlichen Leute, fuͤr eine Memme und einen Verraͤther, und jedem treuen Diener des Koͤnigs, der ſich hier befindet, geſtatte ich auf eigne Verantwortung, ſowohl vor dem Kaiſer als vor dem Pabſte, Euch mit der Hunde⸗ peitſche aus der Burg des Königs zu jagen.“ Der kuͤhne Otto ſtand hoch angeſchrieben allen Dienern und Hausjungen im Sna und kaum hatte er dies unbeſonnene Wort aus⸗ geſprochen, da riefen alle:„Hinaus mit dem Verraͤther, den Verraͤther hinaus! und ſchon knallten die Hundepeitſchen um die Aerme und Beine des Pfaffen. Unter lautem Fluchen u und Drohußgen ſuchte der verfolgte und beſchaͤmte Erzdechant, waͤhrend die Hunde von dem allgemeinen Laͤrmen und 169 Schreien verwirrt, ihn fuͤr ein Stuͤck Wild an⸗ ſahen und ſeine Kleider zerriſſen, zu entfliehen.— „Ruft die Hunde zuruͤck und laßt ihn lau⸗ fen!“ rief Otto.„Er iſt es nicht werth, daß die Hundepeitſche an ihm geſchliffen werde.““ Ohne viel gröͤßern Schaden als den Schreck und die Schande, entkam Arnfred aus dem Schloßhofe, und eilte ohne Zögern in dem zerriſſenen Kleide nach dem Capitelhauſe zum Erzbiſchof, von dem erſtaunten Volk bedauert und begleitet. Dies Begebniß hatte großes Aufſehen im Schloſſe und in der Stadt erregt. Der Erzbi⸗ ſchof Andreas war ſogleich mit dem Grafen Albert beim Koͤnig geweſen. Dieſer, hieß es, ſey ſehr aufgebracht. Einige meinten jedoch, daß er ſeinen Neffen zu entſchuldigen geſucht, indem er das verraͤtheriſche Sendſchreiben, das der Erzbiſchof fuͤr Arnfreds Handſchrift erkannt, vorgezeigt haͤtte. Das Geruͤcht und die Meinungen von dieſer Sache waren hoͤchſt verſchieden. Im Allge⸗ meinen redete das Mitleid dem gemishandelten Pfaffen das Wort; daß der Beleidiger ein vor⸗ nehmer Herr und der Neffe des Koͤnigs war, ver⸗ ſchlimmerte die Sache. Das Vergehen des Erz⸗ — 8⁸ 170 dechanten ſey nicht bewieſen, hieß es, und der Erzbiſchof haͤtte, der Sicherheit und Wuͤrde der Geiſtlichkeit wegen, ſich gezwungen geſehen, die Sache dem paͤbſtlichen Stuhl vorzutragen. Indeſſen wanderte Graf Otto unruhig im Schloßgarten herum. Seine Heftigkeit hatte ſich gelegt, und nach dem was geſchehen war, ſah er wohl ein„ daß er alle Augenblicke erwarten konnte, verhaftet zu werden. Außerdem ſah er ſich den Verfolgungen des Volks und der zahl⸗ reichen Kloſterbruͤder bloßgeſtellt„und er erwog, ob es nicht das Kluͤgſte ſey, den Hokr und Mibe in aller Eile zu verlaſſen. 82 fachn In dieſen beunruhigenden Betrachtungen ver⸗ ſenkt, ſah er eine leichte, weibliche Geſtalt, mit den gelben um den Hals flatternden Locken, und bleich vor Angſt und Entſetzen, auf ihn zueilen. Es war die ſchoͤne Kirſtine von Riſe. „Ach Gott, Ritter Otto!“ ſagte ſie weinend, „was habt Ihr gethan? Man ſucht Euch uͤberall im Schloſſe, um Euch zu verhaften. Der Koͤ⸗ nig, der Erzbiſchof, alle Menſchen ſind auf Euch erbittert; ſelbſt die fromme Koͤnigin ſagt, daß es eine boͤſe, gottloſe That waͤre. Ich bin die 171 Einzige, die nicht glauben kann, daß Ihr bös und gottlos ſeyd. Aber kommt, kommt, ich will Euch in der Milchkammer verbergen, ehe ſie Euch ergreifen und in den Thurm werfen!“ „Nur ruhig, ſuͤßes, gutes Maͤdchen!“ ent⸗ gegnete Otto froͤhlich, und vergaß jede Gefahr uͤber ihre liebenswuͤrdige Theilnahme! Sey ruhig und zweifle nicht an meiner Unſchuld! Ich habe nur einen Heuchler und Verraͤther beſtraft. Er hat mich in Meuchlerhaͤnde locken, meinen Herrn und Köͤnig verrathen wollen. Er hat ehrlich die Beſchimpfung verdient, und Heüßeen Schaden hat er ja nicht gelitten.“ „Gottlob, daß Ihr unſchuldig ſeyd!“ rief Jungfrau Kirſtine froh, und trocknete die Thraͤnen in den blauen Augen mit ihrem Halstuche.„Jch dachte wohl, daß Ihr nicht bos und gottlos ſeyn konntet; aber um Gottes und der heiligen I Jung⸗ frau willen! kommt, laßt mich Euch verbergen! Der König iſt ſo boͤſe, ſo boͤſe, ſagt man. „Segne Dich Gott, gute, liebe Kirſtine! allein es kommt Jemand; entweichen will ich nicht. Verbirg Dich dort im Gebuͤſche, man b ¹ 1 ——. 172 wuͤrde nur uͤbel davon reden, wenn man ſe Dich hier ſaͤhe.“ Gluͤhend roth vor Scham, warf Jungfrau Kirſtine einen Blick auf ihr flatterndes Haar, und ſchluͤpfte ſchnell in das Gebuͤſche. Otto gewahrte jetzt, daß der Nahende Graf Albert ſey. Er ging ihm freimuͤthig entgegen. „Eine dumme Geſchichte, mein junger, heftiger Herr Vetter!“ ſagte der ernſte Feldherr.„Ich ſuche Dich auf Befehl des Köͤnigs. Er ſcheint doch erzuͤrnter als er iſt; er kann Dich aber nicht retten, wenn Du nicht in einer Stunde außer dem Schloſſe und der Stadt biſt. Du wirſt jetzt auf dem Schloſſe geſucht, um ver⸗ haftet zu werden. Schnell! das Pferd ſteht geſattelt am Gartenthor. Wirf Dich in einen Caputzeenmantel und eile aus dem Lande, ſobald wie moͤglich. An der Elbe ſtöͤßt Du mit Dei⸗ nem Panier zum Heere und folgſt uns nach Liefland.) „Bringt dem Koͤnig meinen Dank; ich ge⸗ horche ſogleich.“ gab Otto zur Antwort.„Ich hoffe indeſſen, daß Ihr, mein geſtrenger Herr Vetter, ehen ſo wenig als der König, mich dieſer — 173 Unbeſonnenheit wegen fuͤr einen ſchlechten„ rach⸗ ſuͤchtigen Menſchen haltet; man muͤßte ja von Stock und Stein ſeyn, Holz, um auf ſolchen niedertraͤchtigen Verraͤther nicht aufgebracht zu werden.“ 2Ae an 8 ggiea „Selbſt gegen den Teufel nicht ſoll der Ritter mit der Hundepeitſche fechten,“ entgegnete Graf Albert finſter,„brauche nun um ſo beſſer das Schwert gegen die Feinde der Kirche, dann kann alles noch gut werden. Suche nur zu ent⸗ kommen." d Graf Albert ſchwieg und ſah erſtaunt nach dem Gebuͤſche hin, aus dem ein kleiner, heller Maͤdchenkopf horchend hervorragte.„Die Baͤume und Gebuͤſche hier haben Ohren, wie ich ſehe,““ fuͤgte er hinzu, und zog Otto ſchnell mit ſich fort. Dieſer warf noch einen freundlichen, dank⸗ baren Blick nach dem Gebuͤſche„und verſchwand mit dem duͤſtern Grafen unter die Aepfelbaͤume. „Er iſt gerettet; alles kann noch gut wer⸗ den!“ ſprach Jungfrau Kirſtine, und huͤpfte leicht hervor.„Ach! ach! nun muß er doch ent⸗ fliehn, der ſchoͤne, kuͤhne Nitter; vielleicht kehrt er nie mehr zuruͤck. Ei ſieh da! da hat er ja ſeinen koſtbaren Siegelring verloren. Wie ſoll ich ihm den nun einhaͤndigen koͤnnen? am beſten, daß ich ihn aufbewahre bis er wiederkoͤmmt. Darauf hob ſie den Siegelring auf, und befeſtigte ihn an der ſilbernen Spange ihres Mie⸗ ders, neben dem bernſteinernen Kreuz und einer heiligen Reliquie, die ſie immer im Buſen trug⸗ Und nun lief ſie, leicht wie ein Vogel, auf einem kuͤrzeren Pfade nach dem Schloſſe⸗ Den Tag nachher war es oͤde und ſtill auf Ribehuus. Der König war mit dem Heere ins Feld gezogen, waͤhrend der Erzbiſchof mit ſeinen drei ritterlichen Bruͤdern die Flotte anfuͤhrte. Der vierte Bruder des Erzbiſchofs, der muthige, eifrige Biſchof Peder, ſo auch die Grafen Albert und Engelbret von Gleichen, begleiteten den König. Mehrere ſchon erwaͤhnte Ritter und Va⸗ ſallen hatten ſich von dem Erzbiſchof bekreuzen laſſen, und folgten dem Koͤnig mit zahlreichen Kriegerhaufen unter ihren Panieren. Außerdem befanden ſich im Gefolge des Koͤnigs, der alte, treue Kaͤmmerling Andreas, ſo auch Thorgeir Danaſkald und der isländiſche Barde, nebſt Bru⸗ der Gunner und Meiſter Harfenſaite. Carl 175 von Riſe ritt nun froh und guten Muthes mit dem Schwerte und ſeinem glatten Schildknap⸗ penſchild an der Seite ſeines hohen Waffenmei⸗ ſters. Bald holte Junkherr Strange mit einer großen Verſtaͤrkung das Heer ein„ und an der Elbe ſtieß Otto mit einer ausgeſuchten Mann⸗ ſchaft von Frieſen hinzu. 2neh: 3 Koͤnigin Dagmor ſaß nun allein mit ihren Frauen und Hofdirnen im Schloſſe. Die erſten Stunden nach dem Abſchiede ſchloß ſie ſich in der Capelle ein, und ergoß ihr Herz in Thraͤnen und frommen Gebeten. Mild und tuhig trat ſie wieder heraus, und ließ ſogleich Herr Ib Urne rufen. Mit ihm berieth ſie ſich nun, wie ſie die ihr vom Herrn jetzt verliehene Gewalt und Macht am beſten anwenden koͤnne, um Gluͤck und Segen um ſich zu verbreiten.= mn 8 Der Hofmeiſter war ein eben ſo kluger und beſonnener, als frommer und freigebiger Herrz einen beſſern Rath haͤtte der Koͤnig Primislaus der Tochter nicht mitgeben koͤnnen. Der Anblick des alten, biederen Ritters mit dem weißen, ge⸗ ſcheitelten Haar und dem prieſterlichen, frommen Anſehen in der ſchwarzen, deutſchen Ordenstracht, 176 erinnerten Dagmor immer an ihren koͤniglichen Vater. Herr Ib Urne rieth der Köͤnigin, vor allem die anſehnliche Gewalt, die ihr der Koͤnig ertheilt haͤtte, nicht weiter als bis auf ſolche milde und chriſtliche Werke, wodurch ſie die Liebe und das Vertrauen des Volkes gewinnen koͤnne, zu erſtrecken, damit der Reichsrath nicht den Ver⸗ dacht hegen mochte, als wolle ſie aus eitler Luſt zum Herrſchen ſich auf ſolche Geſchaͤfte, die ſie noch nicht kennen koͤnnte, einlaſſen. „Vor ſolcher Thorheit behuͤte mich Chriſtus und unſre liebe Frau!“ entgegnete Dagmor. „Mir liegt nicht die Sorgfalt eines Vaters, ſondern die der Mutter fuͤr ſo viele tauſend Kin⸗ der ob. Aber ſoll ich nicht bloß den Namen der Mutter des lieben daͤniſchen Volks tragen,“ fuhr ſie nach kurzem Sinnen fort;„ſo muß ich ſelbſt das Land und das Volk ſehen und kennen lernen. Ich wuͤnſche daher eine Reiſe durch das Reich zu machen, doch nicht, um mich huldigen zu laſſen, ſondern um die Gegenſtaͤnde in ihrer wah⸗ ren Geſtalt zu ſehen, als ſie ſich dem Herrſcher⸗ blick darbieten; waͤre es ſchicklich, mochte ich am liebſten unbekannt reiſen. Duͤrfte ich als eine - 177 gewoͤhnliche Rittersfrau, ohne Pracht und Auf⸗ ſehen das Land durchziehn, wuͤrde es mir eine. große Zerſtreuung und Freude in meiner Ein⸗ ſamkeit ſeyn, und mich gewiß nicht zu eitlem Wohlbehagen an mir ſelbſt verſuchen.“ So geſchah es auch; und wenige Tage darauf ritt die Koͤnigin wie zu einem Jagdzuge, auf einem frommen, weißen Zelter, von der Prin⸗ zeſfin Regitze und einem kleinen Gefolge begleitet, aus dem Schloßhofe. Der fuͤrſtliche Reiſezug war dennoch praͤch⸗ tiger, als man ſolche zu ſehen gewohnt war, und wo die ſchoͤne Ritterfrau mit den vornehmen Herren und Frauen erſchien, wurde ſie von dem frohen Volk als eine junge, liebenswuͤrdige Kö⸗ n nigin begruͤßt. So beſuchte ſie die wichtigſten Oerter im Lande, und viele konigliche Schloͤſſer in Juͤtland und auf den Inſeln. Da ſie ſelbſt das Land nicht kannte, uͤberließ ſie dem Droſten die Anordnung der Reiſe; doch machte ſie zuwei⸗ len eine kleine Abaͤnderung nach dem Gutduͤnken 1 des Hofmeiſters oder des Domherrn Renert„ der mit im Gefolge war. II. 12 178 Als ſie das noͤrdliche Siellland bereiſten, war es dieſem geiſtlichen Herrn ſehr darum zu thun, die Konigin nach Sisborg Schloß, deſſen ſchoͤne Lage in dem ſtillen Landſee er vorzuͤglich lobte, zu bringen; welches jedoch der Droſt und die Prinzeſſin Regitze immer zu verhindern ſuchten, ohne jedoch einen erheblichen Grund deshalb anzufuͤhren.. Eines Tages betrachtete die Koͤnigin die ſchoͤne Gegend am Gurreſee, und zeigte auf eine Stelle, wo ſie wohl einmal ein Schloß aufbauen moͤchte; denn die Stelle erinnerte ſie an die, wo ſie ihre fruͤheſte gluͤckliche Jugend zugebracht hatte. Da ſprach Renert ſchon wieder von Sisborg, das nach ſeiner Meinung noch reizender gelegen waͤre. „Wir ſind nicht weit davon,“ ſprach er. Die Koönigin bekam große Luſt es zu ſehn, begegnete aber wieder vielen Einwendungen. „Was mag denn Sonderbares an dieſem Schloſſe ſeyn!“ fragte ſie,„da die Meinungen von einem Beſuche dort ſo getheilt ſind? Es iſt doch wohl keines jener bezauberten Schloͤſſer, von denen die Minneſaͤnger ſo viel Wunderbares erzaͤhlen?“ 179 „Es iſt ſehr oft zum Staatsgefaͤngniß ge⸗ braucht worden, theure Königin!“ nahm die Prinzeſſin Regitze das Wort.„Dort iſt es„ wo der alte Herzog Adolph von Holſtein noch vor kurzem gefangen ſaß, und um ſolchen unangeneh⸗ men Erinnerungen aus dem Wege zu gehen”“— „Nun iſt er ja frei und mit dem Koͤnig ver⸗ ſöhnt,“ unterbrach ſie Dagmor,„er lebt ja zu⸗ frieden und genuͤgſam auf Schauenburg, und kehrt ſich nicht mehr an den eitlen Glanz und die Herrlichkeit der Welt. Wir ziehen nun nach Sisborg, Herr Droſt!“ ſo wandte ſie ſich mit mehr Entſchloſſenheit, als man ihr zugetraut hatte, an Aſtrad Fracke.„Die Fuͤrſten ſollten noch weniger als andre das Andenken an den Fall und die Demuͤthigung der Gewalt und Ho⸗ heit von der Hand des Gewaltigen, der uͤber uns alle iſt, fliehn.“ Man fand es nicht ſchicklich, weitere Ein⸗ wendungen zu machen, und bald erblickte die Koͤ⸗ nigin das uralte Schloß, das unter den Ruinen einer alten Stadt auf der kleinen Inſel eines Sees ſtand, wo es mit ſeinen ſtarken Mauern und hohen Thuͤrmen unzugaͤnglich ſchien. Nur 12* 180 auf den ausdruͤcklichen Befehl der Koͤnigin wag⸗ ten die Fiſcher, die Reiſenden nach der Inſel hinuͤber zu fuͤhren. Sie gingen zu Fuß durch die Ueberreſte der verfallenen Stadt, wo jetzt nur noch einige arme Fiſcherhuͤtten, an die große Mauer uralter, ſteinerner Gebaͤude angekleckſt, daſtanden. Sie mußten eine gute Weile vor dem verſchloſſenen Schloßthore warten, waͤhrend der Burgvoigt erwog, ob er auch auf Befehl der Koͤnigin öffnen duͤrfe, oder nicht. Indeſſen las und erklaͤrte der gelehrte Domherr die latei⸗ niſche Inſchrift, die uͤber dem Schloßthor in Stein eingehauen war, und die das hohe Alter des Schloſſes bezeugte, deſſen Bau noch den Heiden in den Zeiten des Ariſtoteles und Alexan⸗ ders des Großen beigelegt wurde*). Endlich wurde das Thor aufgemacht, und die Reiſenden traten in den Schloßhof ein. „Hier iſt's finſter und ſchauerlich!“ ſagte Dagmor, den hohen, ſtarken Gefaͤngnißthurm und die dicken Burgmauern betrachtend, die den ſtil⸗ *) Vixit Aristoteles et Alexander dominatur Dum per Gentiles castrum Sjöbory fabricatur. 181 len, oͤden Hofraum, wo das Gras uͤber das Pflaſter emporwuchs, und keine Spur von Leben und Thaͤtigkeit zu erblicken war, beengend um⸗ ſchloſſen.„Waͤre ich nicht ſo weit hergekommen, moͤcht' ich verſucht werden umzukehren; ſo denke ich mir eine Burg, die von dem ſchwarzen Tode*⁴) heimgeſucht worden iſt.“ „Euer Gnaden wuͤnſcht vielleicht nichts mehr zu ſehen,“ ſagte ein kleiner, ſtarker Mann, mit einem verdrießlichen, duͤſtern Geſichte, der mit einer großen, zottigen Muͤtze in der einen, und einem großen Schluͤſſelbunde in der andern Hand, ſich mehrmals demuͤthig vor der Koͤnigin tief gebuͤckt, ohne daß ſie ihn bemerkt hatte. Es war der Schloßvoigt, deſſen Gruß nun die Koͤ⸗ nigin erwiederte, waͤhrend ſie nach ſeinem Namen und Amte fragte. „Wohnt nun gar Niemand hier im Schloſſe? fragte ſie zerſtreut weiter. „Niemand als ich, Euer Gnaden, mit meinem alten Weibe nebſt dem Gefangenwaͤrter,“ ent⸗ ‚gegnete er ſchnell mit unſicherer Stimme„ als *) Die Peſt. 182 die Koͤnigin ſich umſah,„und, das verſteht ſich, der hochwuͤrdige Herr Biſchof im Thurme dort. Er iſts, der durch die Eiſenſtangen herausſieht; er wuͤnſcht vielleicht Euer Gnaden ſeine Aufwar⸗ tung zu machen, und Euch allerlei von der ſchlechten Behandlung, die er dulden muß, vor⸗ zuſchwatzen, aber ich bitte Euch demuͤthigſt, nicht auf ſeine Worte zu merken, oder Euch mit ihm einzulaſſen. Denn er iſt ein gefaͤhrlicher, gottvergeſſener Burſche, in dem keine Wahrheit zu finden iſt.“ „Ach! alſo hier lebt er, der ungluͤckliche Bi⸗ ſchof!“ ſeufzte Dagmor, und ſah mit innigem Mitleiden nach dem vergitterten Fenſter hinauf. Aber Entſetzen miſchte ſich in das Mitleid, als ſie nun das wilde, bleiche Geſicht gewahrte, das mit krampfhaften, verdrehten Zuͤgen, bei dem ungekaͤmmten, roͤthlichen Bart, aus zwei dunklen, funkelnden Augen hinter den eiſernen Stangen ſie anſtarrte. „Der Konig in Judith, edle Tochter! Fromme Koͤnigin Daͤnemarks! Ich beſchwoͤre Euch im Namen des barmherzigen Gottes und unſerer lie⸗ ben Frau, dieſe Wohnung des Jammers nicht 183 zu verlaſſen, bevor Ihr gehoͤrt, was Euch der ungluͤckliche, gemishandelte Biſchof Waldemar zu ſagen hat.“ „Rede frei, Ungluͤcklicher!“ verſetzte die Kö⸗ nigin.„Ihr koͤnnt mir nichts zu ſagen haben, das nicht alle hoͤren duͤrfen!“ „Hat das Geruͤcht von Eurer Froͤmmigkeit mich nicht getaͤuſcht,“ rief der Gefangene mit bitterm Stolz,„ſo werdet Ihr nicht fordern, daß ein Biſchof von koͤniglichem Gebluͤte ſein Elend Euren Dienern und Dirnen Preis geben ſoll; ich, der ich die Beichte ſowohl der Kaiſer als der Koͤnige gehoͤrt habe, werde gewiß nicht vergebens um ein kurzes Geſpraͤch ohne hoͤhnende Zeugen Euch anflehen muͤſſen.“ „Gewiß giebts Niemanden von meiner Be⸗ gleitung, der des Ungluͤcklichen ſpottet,“ gab die Koͤnigin zur Antwort;„doch will ich Euren Wunſch erfuͤllen. Fuͤhre mich in das Schloß und laß den Gefangenen vor mich!“ gebot fie dem Schloßvoigt. Er zuckte die Achſel und ſchuͤttelte bedenklich den Kopf, waͤhrend er mit einem bedenklichen 184 Geſichte der Königin und ihrem Gefolge die Thüde langſam eroͤffnete. „Cuer Gnaden werden entſchudigen, daß hier nicht gekehrt und geputzt iſt,“ murrte der traͤge Schloßvoigt.„Hier erwarten wir keine andre Fremde als ſolche, die mit Staub und Nachtvögeln vertraut ſeyn muͤſſen. Hier kann Euer Gefolge ſich aufhalten, und in das Zimmer werde ich Euch den Gefangenen durch den Ge⸗ heimgang hineinbringen. Allein ich muß mir ein Paar Eurer ſtaͤrkſten Burſche zur Huͤlfe erbit⸗ ten, waͤhrend ich ihn vom Blocke losmache; ſonſt iſt er fuͤhig, mich zu Boden zu ſchlagen und zu entlaufen; der hochwuͤrdige Herr Biſchof iſt ſtark wie ein Baͤr; mit ihm iſt nicht zu ſcher⸗ zen. Noch einmal erſuche ich Euer Gnaden,“ fuͤgte er hinzu,„nicht auf das, was er ſagt, Acht zu geben. Er iſt der leibhafte Antichriſt, und ich glaube faſt, daß er ſich dem boͤſen Feind ergeben.“ Die Koͤnigin gab ihm die verlangten Leute, und trat ohne Begleitung in das angezeigte Ne⸗ 4 hungoma. 185 Es war ein kleines, dunkles Zimmer, mit einem Fenſter in der dicken Mauer ſehr hoch angebracht, und mit eiſernen Stangen verſehen. An den Waͤnden herum hingen eiſerne Ketten und Buͤgel, und allerlei alte, verroſtete, kupferne Geraͤthe, einſt beſtimmt, wie es ſchien, die Ge⸗ fangenen zum Geſtaͤndniß zu zwingen; ihre alter⸗ thuͤmlichen Formen deuteten auf heidniſche und barbariſche Zeiten. Ein plumper, ſteinerner Tiſch⸗ mit Schreibzeug, und einer kleinen Glocke von Metall und zwei alten Seſſeln, waren die einzi⸗ gen Geraͤthe in dieſer duͤſtern, unheimlichen Mar⸗ terkammer. Die Koͤnigin ließ ſich in dem großen Arm⸗ ſeſſel am Tiſche nieder, und harrete eine Weile, den Kopf auf die Hand geſtuͤtzt, des merkwuͤrdi⸗ gen Gefangenen, deſſen wildes, ſtolzes Antlitz es ſie faſt grauete, wieder zu ſehen. 1 Bald hoͤrte ſie ein Kettengeraſſel; eine geheime Thuͤre in der Wand, die ſie nicht zuvor bemerkt hatte, wurde geoͤffnet, und nun ſah ſie dieſelben wilden, furchtbaren Zuͤge, die ſie vor kurzem hinter dem Gitter erblickt hatte. Mit zuſammen⸗ geketteten Haͤnden und Fuͤßen trat der lange, 186. ſtolze Biſchof mit koͤniglicher Wuͤrde und An⸗ ſtand vor ſie hin, und begruͤßte ſie ſchweigend, waͤhrend er mit einem gebietenden und veraͤcht⸗ lichen Hinblick auf den Burgvoigt und die zwei Burſchen, die ihn begleiteten, zu erwarten ſchien, daß die Königin ihnen gebieten wuͤrde, das Zim⸗ mer zu verlaſſen. Die Koͤnigin hatte ſich erhoben und ſeinen Gruß erwiedert; allein der Anblick des ſtolzen Gefangenen hatte ſie erſchuͤttert. Es ſchien ihr Muͤhe zu koſten, ſich zu faſſen, und ſie zoͤgerte den Befehl, deſſen er harrte, zu geben. Da wandte ſich der Biſchof mit gebietender Haltung zum Schloßvoigt:„Ihr und Eure Hel⸗ fer ſind hier uͤberfluͤſſig!“ ſprach er.„Glaubt Ihr, daß die Koͤnigin von Daͤnemark nicht Muth genug beſitzt, allein mit einem gefeſſelten Manne zu ſeyn?“ Der Schloßooigt und die Burſchen ſahen ungewiß und fragend die Koͤnigin an. „Geht nur vor die Thuͤre„* ſagte ſie mit ſchwankender Stimme,„ich werde ſchellen, wenn ich Euch brauche.“ 187 Als ſie allein waren, gab die Koͤnigin den Biſchof einen Wink ſich niederzulaſſen„ indem ſie ſelbſt, noch immer durch ſeinen Anblick erſchuͤttert, in den Armſeſſel zuruͤck ſank; er aber blieb ſtehen und betrachtete ſie mit einem ſcharfen, durch⸗ dringenden Blick. „Koͤnnen auch dieſe Zuͤge taͤuſchen,“ ſagte er bitter,„ſo iſt der letzte Strahl des Gottes⸗ bildes hier auf der Erde eine falſche, betruͤgliche Larve. Kennt Ihr mein Leben, das angebliche Verbrechen, weshalb ich dieſe Feſſeln trage, hohe Koͤnigin?“ fuhr er ruhiger fort, und es war, als milderte eine Miſchung von Wehmuth und Sanftheit das Wilde und Bittre in den ſtolzen, kalten Zuͤgen. Dagmor hatte die Haͤnde gefaltet, und es ſchien, als gaͤbe ihr ein inneres Gebet die Stäͤrke und Ruhe, die ſie bis jetzt vermißt hatte, zuruͤck. „Ich kenne Eure Geburt und nahe Ver⸗ wandtſchaft mit dem daͤniſchen Köͤnigshauſe,“ begann ſie mit ſtiller Wuͤrde;„ich weiß, daß der Glanz der weltlichen Krone fuͤr kuͤhne Seelen auf Abwege geleitet; allein ich hoffe, daß Ihr nun in Euren Widerwaͤrtigkeiten und Drang⸗ 188 ſalen Euer Gemuͤth zu dem Herrn des Friedens und der Erloſung gewandt haben werdet. Kraft der Ermahnung der frommen Mutter, war auch meine erſte Bitte an meinen Herrn und Koͤnig der zwar noch vergebliche Wunſch, Cnih frei zu wiſſen.“ „ Vergeblich?“ wiederholte der Biſchof mit ſchmerzlicher Heftigkeit.„Unverſoͤhnlich iſt alſo der Haß, unausloͤſchlich die Rache dieſes ſtolzen, gluͤcklichen Siegers, den ich auf dieſem Arme getragen, dem ich Kaͤmpenlieder vorgeſungen habe, ehe es mir traͤumen konnte, daß er auf Daͤne⸗ marks Throne ſitzen wuͤrde, waͤhrend ich, auf ſeinen Befehl, im Kerker und in Ketten ver⸗ ſchmachte.“ „Der Ungerechtigkeit könnt Ihr meinen edlen Konig nicht zeihen,“ nahm Dagmor das Wort wieder,„und was Ihr mir auch zu ſagen habt, bitte ich Euch, nicht zu vergeſſen, daß ich Wal⸗ demars Königin bin, und kein Wort hoͤren darf, das meinen Cheherrn und Koͤnig beleidigt. Seine gewaltige Hand iſt ſchwer auf Euer Haupt gefal⸗ len, und es ſchmerzt mich tief, einen Mann wie Cuch in Keiten zu ſehen; allein“— 189 „Allein ich trage ſie mit Recht und Fug, meint Ihr!“ unterbrach ſie der Biſchof.„Hoͤrt mich, edle Koͤnigin! hoͤrt, wie es mit dieſer Ge⸗ fangenſchaft zuſammenhaͤngt, und urtheilt dann, ob ich mit Recht und Fug dieſe Ketten trage; ob der Unmuth, der mich verzehrt, ſuͤndig und ungerecht iſt.'S iſt wahr, ich ergriff das Schwert im offnen Kampf gegen Koͤnig Knud, als er mit bewaffneter Hand mich des Truges zieh. Im Verein mit dem alten Herzog Adolph machte ich Anſpruͤche auf die Krone, zu welcher der Sohn meiner Vaterſchweſter kein groͤßeres Recht hatte als ich. Er ſchickte Euren tapfern Gemahl, den jungen Grafen Waldemar, gegen uns. Das Kriegsgluͤck war uns unguͤnſtigz wir wurden beſiegt. Allein der Beſiegte hat auch Rechte: wir ſuchten Friede und Vergleich, und auf Treue und Glauben auf das Geluͤbde des ſicheren Geleites, vertrauten wir Leben und Frei⸗ heit in die Hand des Siegers. Und ſeht, ſo wurden die theuren Geluͤbde und Eide gehalten: als verurtheilte Miſſethaͤter wurden wir ohne Ge⸗ ſetz und Urtheil in dies Gefaͤngniß geworfen. Theuer mußte der alte Herzog Adolph Leben und 190 Freiheit mit dem Verluſt ſeiner heiligſten Rechte erkaufen; und ich, der ich kein Herzogthum be⸗ ſite, um meine Freiheit damit einzuloͤſen, ich ſitze noch hier zwiſchen Eulen und Kroͤten. Muß denn nicht dieſe himmelſchreiende Ungerechtigkeit den Fluch und die Strafe des Himmels uͤber Thron und Volk herabziehn, und kann dieſes Reich, wo Eid und Treue ſo mit Fuͤßen getreten welden, vor dem Richterſtuhl des Allgerechten beſtehen?“ „FEine ſolche Ungerechtigkeit kann ich unmoͤg⸗ lich meinem edlen, großmuͤthigen Koͤnig zutrauen,“ entgegnete Dagmor.„Ihr verhehlt mir ohne 4 Zweifel die Wahrheit, Herr! ich habe von einer ſchweren, ſchauderhaften Unthat reden hoͤren.“ Sie hielt inne, ſeine wilden, unruhigen Zuͤge mit Grauen betrachtend. „Ihr ſchaͤmt Euch, die ſchmaͤhliche Erfindung der Heimtuͤcke und des Truges auszuſprechen,“ nahm er eilig das Wort,„das macht Eurem frommen Herzen Ehre. Der ploͤtzliche Tod des Koͤnigs Knud ſoll mein Werk ſeyn, nicht wahr?“ er lachte krampfhaft,„„ oder wenigſtens ſoll ich Mitwiſſer eines Mordes ſeyn, der vielleicht nie 191 geſchehen und nie vor den Augen der Welt erwie⸗ ſen iſt. Als ein geheimer Koͤnigsmoͤrder, als ein gefaͤhrlicher Raͤuber der Krone und des Lebens der Soͤhne meiner Vaterſchweſter werde ich be⸗ handelt, damit es als gerechte Nothwehr ange⸗ ſehen werden koͤnne, mich hier bis zu meinem Tode einzuſperren. Allein ich trug ja dieſe Ket⸗ ten, als Koͤnig Knud noch geſund war; ich war gegen Treue und Glauben als ein Verraͤtherrund Koͤnigsmörder verurtheilt, noch bevor die gerechte Hand von oben meinen meineidigen Richter zer⸗ ſchmettert, und ihn vor den Richterſtuhl des ewigen Naͤchers gezogen hat.“ „Was Koͤnig Knud gegen Euch geſuͤndigt hat, hochwuͤrdiger Herr!“ verſetzte Dagmor, muß er vor jenem großen Richter verantworten, das kann meinem biedern Gemahl nicht zur Laſt gelegt werden.“ „Wollte er nicht das Unrecht des Bruders theilen, warum machte er denn nicht wieder gut, was jener Uebels gethan? warum zerbrach er denn nicht die Ketten ſeines ungluͤcklichen Ver⸗ wandten, als die Gewalt und die Krone ſein wurde? Doch davon will ich ſchweigen, ich will 192 nicht vergeſſen, daß es ſeine reine, fromme Koͤ⸗ nigin iſt, mit der ich rede. Ihr wißt nun, edle Konigin! mit welchem Recht ich hier ver⸗ ſchmachte. Habe ich den Koͤnig Knud ermordet, was er wohl an mir verſchuldet haben duͤrfte, warum beweißt man es denn nicht vor der ganzen Welt? warum ließ man nicht des Henkers Beil zerſchneidend auf mein Haupt fallen und die Raben meinen Leib auf dem Rade verzehren? Aus Schonung laͤßt man mich gewiß nicht leben. Allein kann Niemand gegen mich aufſtehen und zeugen, daß ich ſchuldig ſey, ſo fordre ich auch Freiheit und Erſatz fuͤr alles, was ich hier gelit⸗ ten, nicht als Gnade, ſondern als ſtrenge Ge⸗ rechtigkeit, als heiligen Anſpruch auf menſchliches Gefuͤhl darf ich es fordern.“ „Waͤret Ihr in dieſem Augenblicke frei,““ gab Dagmor zur Antwort,„haͤttet Ihr das ausgefuͤhrt, was Ihr einſt im Sinn und Wil⸗ len hegtet, ſaͤßet Ihr gewaltig und geehrt auf Daͤnemarks Throne, dann— geſteht mir es, Unglüͤcklicher! dann trüge vielleicht mein koͤnig⸗ licher Gemahl die Ketten, die ich jetzt mit tiefer 8 193 Betruͤbniß Eure freigebornen Haͤnde beſchweren ſehe!“.— „Ha! waͤre es ſo!“ rief der Biſchof, und der Gedanke an einen ſolchen Gluͤckswechſel ent⸗ zundete in ſeinem Blick einen furchtbaren Strahl, „ſaͤße ich jetzt auf Daͤnemarks Thron„ worauf ich groͤßeres Recht und gerechteren Anſpruch als irgend Einer habe, ſchmachtete Euer gluͤcklicher Gemahl jetzt in dieſen Ketten,“ er hielt plötzlich farbewechſelnd inne, dann verſetzte er mit ge⸗ daͤmpftem Ton:„wuͤrdet Ihr dann, edle Koͤ⸗ nigin! mich nicht unbarmherzig und grauſam nennen, wenn ich auf Eure fromme Bitte es verweigerte, ſeine Feſſeln zu loͤſen und ihn gegen ſeinen Eid und Ehrenwort der Welt und dem menſchlichen Umgang zuruͤckzugeben?“ „Ich hoffe, Euch auch einmal frei zu ſehen,“ ſagte die Koͤnigin, und ſah ihn mit einem for⸗ ſchenden Blicke an.„Allein, durfte der Koͤnig auch verſichert ſeyn, daß Ihr den Eid halten und das Geluͤbde erfuͤllen wuͤrdet, das die noth⸗ wendige Bedingung Eurer Freiheit ſeyn muͤßte? Duͤrfte er darauf vertrauen, daß Ihr Euch von thoͤrichter Herrſchſucht oder unchriſtlicher Rache nicht II. 13 H„ * 194 mehr verleſten laſſen wuͤrdet, ihm und ſeiner Krone nachzuſtreben? Ich ſehe es an Eurem Antlitz, Herr, daß Ihr Euch noch nicht mit Gott und Eurem Verhaͤngniſſe ausgeglichen habt, und daß Euer Herz noch nicht von Bitterkeit und Haß, von raſtloſem Streben nach Hoheit und Gewalt, gereinigt iſt.“ „O Königin! Koͤnigin!“ entgegnete der Bi⸗ ſchof, und richtete den Kopf empor.„Ihr ſelbſt ſeyd aus koͤniglichem Gebluͤte entſproſſen und koͤnnt nicht die Krone, die Ihr tragt, verachten. Ver⸗ dammet nicht dies ſtolze Streben in meiner Bruſt, das mir, trotz des Biſchofmantels, gebot, kuͤhn nach der Krone meiner Vaͤter zu greifen. Bindet den Adler an den Taubenſchlag oder an den hei⸗ ligen Altar, und ſeht nur zu, ob er ſich nicht losreißen und den Weg uͤber die Wolken nach dem herrlichen Sonnenlicht ſuchen wird. Seelen⸗ hoheit und angeborne Groͤße verſchmaͤhen die kleinlichen Schranken, die das Gluͤck und ein launenhaftes Geſchick dem Geiſt und dem Muthe ſetzen wollen. Und fuͤrwahr, waͤre dies Haupt nicht zu einer Krone von dem unſichtbaren Koͤnig der Koͤnige geweiht geweſen, wuͤrde ich nicht 195 die Kraft gehabt haben, es unter dem ernie⸗ drigenden Gewicht dieſer Ketten aufrecht zu er⸗ halten.“ So wie er dieſe Worte ſprach, glaͤnzten ſeine Augen von einem ſchwaͤrmeriſchen, halb wahn⸗ ſinnigen Feuer; allein, indem er ſeine Feſſeln wehmuͤthig betrachtete, fuͤgte er mit bitterer Selbſtverlaͤugnung hinzu:„Doch deshalb koͤnnt Ihr nun ruhig ſeyn, Koͤnigin des Königs Wal⸗ demar! Giebt der Koͤnig mich, gegen meinen Eid und mein Geluͤbde, Friede und Verſoͤhnlich⸗ keit zu halten, frei; dann kehre ich zu der Kirche zuruͤck, zu deren erhabenen Diener ich vor den Augen der Welt geweiht und geſalbt bin; in ihrem heiligen Schooß will ich zu vergeſſen ſtre⸗ ben, was ich unter guͤnſtigeren Geſtirnen fuͤr eine undankbare Welt haͤtte ausuͤben und wirken koͤn⸗ nen. Den Glanz und die Hoheit habe ich, wie einen glaͤnzenden Traum, mir voruͤber ſchweben geſehn. Ich erwachte im Kerker und in Ketten! und bei Gott und der heiligen Mutter! wird mein Kerker geſprengt und meine Ketten abgeſchuͤttelt, ſoll ich nicht zum zweitenmal verſucht werden, 2 13* * 196 eine Welt, die ich verachten gelernt habe, zum zweitenmale beherrſchen zu wollen.“ „Gebe Gott, daß Ihr mit einem froͤmmern Sinn, als der Eurige jetzt geſtimmt ſcheint, hoch⸗ wuͤrdiger Herr, der Welt entſagen koͤnntet,“ verſetzte Dogmar, und betrachtete mit Aengſt⸗ lichkeit und tiefem Mitleid ſeine unruhigen, aber leidenden Zuͤge. Die Behandlung, der Ihr hier unterworfen geweſen, konnte— das ſehe ich wohl ein— nicht dazu beitragen, Euer heftiges Ge⸗ muͤth zu mildern, und Euch mit der Welt und den Menſchen zu verſoͤhnen; allein ich gebe Euch mein Wort darauf, daß Euer Zuſtand von heute an verbeſſert werden ſoll, und was in meiner Gewalt ſtehet, um Eure Freilaſſung und Ver⸗ ſohnung mit dem Köͤnig zu beſchleunigen, werde ich nicht verſaͤumen. Moͤge der Herr Euch Staͤrke verleihen, das Ungluͤck und auch das Gluͤck, wenn es zuruͤckkehrt, zu tragen⸗ Gebt mir aber Eure Hand darauf, hochwuͤrdiger Herr! und verſprecht mir vor den Augen des Allwiſſenden, daß Ihr, wenn Ihr. ſo wie ich hoffe Kraft meiner Bitte frei aus dieſen Mauern gehet, dann nie vergeſſen werdet, daß ich Waldemars Gemahlin bin, und 2 197 daß Ihr jeden Gedanken an Nache an dem, den ich liebe, von Eurer Seele entfernet, ſo wahr als Ihr ſelbſt einmal Verzeihung von der ewigen Barmherzigkeit hoffet.“ „Gewiß! gewiß!“ rief der Biſchof heftig bewegt; ſein unſtaͤter Blick ſchien zum erſten Mal mit Frieden auf der Geſtalt und dem Antlitz der frommen Koͤnigin zu ruhen, waͤhrend er ihre Hand ergriff:„Ich verſpreche Euch mit Hand und Mund vor dem Antlitz des Allwiſſenden,“ verſetzte er feierlich,„daß ich nie, ſo lange ich athme, dieſe Stunde, und werde ich Kraft Eurer Bitte freigelaſſen, nie, was ich König Walde⸗ mars edler Gattin zu verdanken habe, vergeſſen werde. Ja, ſollte ich ſo gewaltig und maͤchtig werden, wie ich jetzt verachtet und geringe bin,“ fuͤgte er ſtolz hinzu, und richtete den Kopf in die Hoͤhe,„ſetzte ſelbſt der Herr mich auf St. Peters hohen Stuhl, und gaͤbe mir Gewalt, bis auf ewige Zeiten zu loͤſen und zu binden, wuͤrde ich ihn, der mich gebunden, nicht binden, ihn, der mit dem weltlichen Scepter mich zu Boden druͤckte, mit dem Fluch und dem Blitze der Kirche nicht zerſchmettern, ſo lange ein ſolcher 198 Engel des Friedens und der Verſoͤhnlichkeit zwi⸗ ſchen uns ſteht. Und nun Friede mit Euch, edle Königin! Stehe ich auch erniedrigt und ge⸗ mishandelt vor Euren Augen, ſind meine Haͤnde auch gebunden wie die des Apoſtels im Kerker der Heiden, bin ich dennoch immer ein geweihter Diener der Kirche, ein freier Prediger des leben⸗ digen Wortes Gottes, und ertheile Euch, Kraft der heiligen Weihe und meines heiligen Amtes, den Segen der ſeligmachenden Kirche.“ Hoch erhob er die gefeſſelte Hand mit wahrer, biſchoͤflicher Wuͤrde. Die Koͤnigin ſah nicht den gefeſſelten Gefangenen, ſie ſah nur den hohen, gewaltigen Spender des Heiligſten; unwillkuͤhr⸗ lich kniete ſie nieder, und empfing mit gefalteten Haͤnden ſeinen Segen. Darauf zog ſich der Biſchof ſchweigend und ſtolz gegen die Geheimthuͤre, aus der er heraus getreten war, zuruͤck. Die Koͤnigin erhob ſich und klingelte. Der Schloßvoigt, der Gefaͤng⸗ nißwaͤrter mit den Helfern traten herein„ und fuͤhrten den Gefangenen in den Thurm zuruͤck. Still und gedankenvoll blieb Dagmor noch in der Marterkammer, und ſann darauf, was 199 ſie fuͤr den ungluͤcklichen Biſchof thun könnte und duͤrfte, bis der Schloßvoigt wieder allein aus der geheimen Thuͤre hereintrat und in demuͤthiger Stellung erwartete, was die Königin nach dem langen Geſpraͤch mit dem Gefangenen ihm zu ſagen haben wuͤrde. „Hat der Koͤnig ausdruͤcklich befohlen, daß Biſchof Waldemar Eiſen tragen, und an dem Blocke wie ein Gefangener, der auf den Tod ſitzt, geſchmiedet ſeyn ſolle?“ fragte ſie ruhig mit einem durchdringenden Blick, dem er zu ent⸗ weichen ſuchte. „Wenn eben nicht ausdruͤcklich,“ ſtotterte der Schloßvoigt verwirrt,„ſo habe ich doch den ſtren⸗ gen Befehl meines Koͤnigs, mit dem eignen Leben fuͤr das Dableiben des Gefangenen zu buͤrgen, und dazu dient kein Mittel beſſer, als die Feſ⸗ ſeln und der Block.“ „Koͤnnen die Ausgaͤnge des Schloſſes denn nicht bewacht werden?“ fragte die Koͤnigin weiter, „und ſind deſſen Mauern nicht feſt genug, um der Gewalt eines einzelnen Mannes zu wider⸗ ſtehen? Warum ſehe ich keine Wache, keine Beſatzung hier?“ 200 „Nach den Maasregeln, die ich bisher an⸗ gewandt habe,“ entgegnete der Schloßvoigt noch mehr verlegen,„habe ich gedacht, dem ſtrengen Koͤnig dieſe unnoͤthige Ausgabe erſparen zu koͤn⸗ nen, wenn aber Euer Gnaden es beſiehlt, ſollen Wachen augenblicklich alle Ausgaͤnge beſetzen, und dem Gefangenen jede Freiheit, die mit meiner Sicherheit beſtehen kann, geſtattet werden.“ „Ihr habt alſo eigenmaͤchtig Eure Gewalt erweitert,“ ſprach nun die Koͤnigin erzuͤrnt; „Ihr habt ohne Nothwendigkeit den Ungluͤck⸗ lichen in Ketten verſchmachten laſſen, deshalb ſollt Ihr dem Koͤnig Rede ſtehen, wenn er zu⸗ ruͤckkehrt. Sein und mein Wille iſt es, daß der Biſchof von Schleswig mit der Schonung und Wuͤrde, die ſeiner Geburt und ehrwuͤrdigem Amte gebuͤhren, behandelt werde; und daß Ihr nicht einer Haars Breite von dem abweicht, was Euch vorgeſchrieben iſt. Huͤtet Euch, Herr Schloßvoigt, daß Ihr nicht anders verfahrt, als Ihr es verantworten koͤnnt. Ihr werdet fuͤr jedes Unrecht, das hier im Namen des Koͤnigs veruͤbt worden iſt, zur Rechenſchaft gezogen werden.“ 1 201 Aengſtlich und zitrernd warf ſich der Schloß⸗ voigt um Nachſicht bittend auf die Knie, indem er verſicherte, daß der hochwuͤrdige Herr Biſchof von heute an wie ein Koͤnig behandelt, und ihm gutes Bier und Fleiſchſpeiſe, ſelbſt an Faſttagen, wenn ſie es befehle„gereicht werden ſolle.. Ohne dem kriechenden Schloßvoigt irgend einen Troſt zu vergoͤnnen, ging die Koͤnigin nach dem Ritterſaal zuruͤck. Dort trat ihr Prinzeſſin Regitze unruhig und unzufrieden entgegen„ und erſuchte ſie„ ſo bald wie moͤglich dieſen traurigen Ort zu verlaſſen. Sie gab zugleich der Koͤnigin zu verſtehen, daß ein ſo langes Geſpraͤch mit einem gefaͤhrlichen Staatsverbrecher und dem bit⸗ terſten Feinde des Königs leicht gemißdeutet und ihr zur Laſt gelegt werden koͤnne. „Mein koͤniglicher Gemahl hat einen unge⸗. treuen Voigt in dieſem Schloſſe,“ ſagte Dag⸗ mor ruhig.„Es freuet mich, daß mich der Zufall hergefuͤhrt. Der König iſt ſtreng, aber gerecht; doch hier werden ſeine Befehle von der Gemeinheit und dem Eigennutze zur Ungerech⸗ tigkeit und Grauſamkeit gemißbraucht. Traget Sorge dafuͤr, Herr Hofmeiſter,“ wandte ſie ſich 202 zu dieſem,„daß ein treuer Diener des Koͤnigs hier zuruͤck bleibt und darauf ſieht, daß der fuͤrſt⸗ liche Gefangene nicht ſtrenger, als der Koͤnig ausdruͤcklich befohlen, behandelt werde.“ Herr Ib Urne ſorgte ſogleich fuͤr die Aus⸗ fuͤhrung dieſes Befehls, und die Reiſenden traten wieder in den Schloßhof, wo die Koͤnigin noch einen wehmuͤthigen Blick zu dem Gefangenen hinauf ſandte. Schweigend und ernſt verließ ſie das duͤſtere Gefaͤngnißſchloß, und bevor ſie auf dem andern Ufer des Sees den elter beſtie⸗ gen hatte, unterbrach Niemand das allgemeine Schweigen. 3 Die ſtille Graͤfin Ida und Jungfrau Kirſtine von Riſe, beide von dem Gefolge, ritten der Koͤnigin zu ihrer Linken am naͤchſten. Sie er⸗ freueten ſich des wohlthaͤtigen Benehmens der Koͤnigin, und ſprachen mit Theilnahme von dem ungluͤcklichen Gefangenen, deſſen fuͤrſtliches Aus⸗ ſehen ſelbſt in der Entfernung durch die eiſernen Stangen ſie ergriffen hatte. „Er hat doch einen furchtbaren Tiger⸗ blick, der ſein rachſuͤchtiges Gemuͤth uͤnd ſeinen 203 ungeheuren Stolz verraͤth!“ wandte die Prin⸗ zeſſin ein. 4 „Es iſt etwas Großes, Furchtbares in ſeinen Zuͤgen,“ entgegnete Dagmor;„doch mit Huͤlfe des Herrn mag wohl doch die ihm angeborne Groͤße den tiefen Haß und die ſtolze Menſchen⸗ verachtung, die ihn verzehrt, beſiegen. „Nach dem, was die Bruͤder mir von ihm erzaͤhlt,“ ſagte die Graͤfin Ida,„habe ich tief betrauert, daß ein Mann, mit ſo großen und herrlichen Anlagen ausgeruͤſtet, ſo tief geſunken ſeyn muͤſſe; ich habe doch nimmer gedacht, daß ſein Ungluͤck größer als ſein Vergehen ſey. „Die tapfern Grafen von Schwerin„ ver⸗ ſetzte Prinzeſſin Regitze,„ſehen in dem unruhigen Biſchof Waldemar nur den Helden und den Krieger, und als ſolcher verdient er unlaͤugbar Hochachtung. Seine niedrige Geburt von muͤtter⸗ licher Seite aber iſt unverkennbar, ſowohl in ſeinen Thaten als in ſeinen Zuͤgen, und man kann es dem daͤniſchen Koͤnigshauſe nicht ver⸗ denken, daß er hier mit ganz andern Augen be⸗ trachtet wird. Obgleich er von einer Seite mein Verwandter iſt, moͤchte ich doch ſelbſt um die 204 ganze Welt nicht mit ihm allein ſeyn, und ich muß den Muth unſrer theuren Koͤnigin bewun⸗ dern. Er ſoll mitunter ſolche Anfaͤlle von Wuth und Grauſamkeit haben, daß kein Menſch bei ihm ſicher iſt.“ „Der Ungluͤckliche!“ ſeufzte Dagmor.„Er hat den Frieden mit ſich ſelbſt und der Welt gebrochen, und zu dem Frieden im Erloͤſer kann er noch nicht durch Demuth den Weg finden.“ „Euer Gnaden bereut doch nicht, daß wir Siosborg beſehen?“ fragte Renert mit ſelbſtzu⸗ friedenem Laͤcheln, ſeinen Gaul mit Muͤhe naͤher treibend; allein die Konigin hoͤrte ſeine Worte nicht, ihre Augen ruheten mit freundlicher Zaͤrt⸗ lichkeit auf Graͤfin Ida und Kirſtine, deren ſtille Exgebenheit und Herzlichkeit in jedem ihrer Worte und Ausdruͤcke zu leſen waren. Mit dieſen zwei guten Seelen wurde die Koͤnigin immer mehr vertraut. Prinzeſſin Regitze war ihr zu kalt und zu klug; es war ihr, als wollte die weit aͤltere, beſonnene Frau, als die Schweſter des Konigs, ſich einen Schein von Wichtigkeit und Einfluß geben, als waͤre ſie ihre Hofmeiſterin. Die Königin fuͤhlte ſich in 205 ihrer Gegenwart nie recht froh und frei. Ihre kindliche Heiterkeit ſchien der ernſten Prinzeſſin nicht mit der Wuͤrde einer Koͤnigin und den ſtrengen Regeln der Hofſitte, die ſie ihren Frauen auf das angelegentlichſte einſchaͤrfte, uͤberein zu ſtimmen. Daher theilte und trennte ſie gleich nach der Ruͤckkehr auf Ribehuus das weibliche Geſchlecht im Schloſſe, und es bildeten ſich gleichſam zwei verſchiedene Hoͤfe, die einander fremd ſchienen. Indeſſen verging unter ſtillen, wohlthaͤtigen Beſchaͤftigungen der Sommer freund⸗ lich und angenehm fuͤr die Koͤnigin Dagmor, waͤhrend der Koͤnig gluͤcklich in Liefland fortſchritt, und die chriſtliche Kirche in dieſem heidniſchen Lande begruͤndete. Bei dem graͤflichen Hofe in Schwerin hatte die Vermaͤhlung des Koͤnigs mit der boͤhmiſchen Prinzeſſin die groͤßte Aufmerkſamkeit und Theil⸗ nahme, beſonders bei den weiblichen Bewohnern des Schloſſes, erregt. Doch nur die offenherzige Audocia ließ ſich daruͤber vernehmen. Prinzeſſin 206 Beengierd im Gegentheil, hatte ſelt der Abreiſe des Koͤnigs ſeinen Namen nicht genannt, und war jeder vertraulichen Unterredung von ihm mit der Graͤfin aus dem Wege gegangen. Als die Nachricht von ſeiner praͤchtigen Hochzeitsfeier ein⸗ traf, ſaß Beengierd eben am Tiſche naͤchſt dem Grafen Heinrich. Sie erbleichte, und als man dieſe ſchnelle Veraͤnderung bemerkte, floß das Blut in Stroͤmen von ihrer linken Hand hinunter, die ſie mit dem Tiſchmeſſer tief verwundet hatte. Sie ließ die Wunde verbinden, und ſchien mit der groͤßten Gleichmuth die Berichte aus Daͤne⸗ mark anzuhoͤren. Von dieſem Tage an erſchien ſie ſogar heiterer und aufgeraͤumter als vorher, ja war zuweilen bis zur Ausgelaſſenheit luſtig. „Ihr habt uns frohe, gluͤckliche Tage ge⸗ ſchenkt,“ ſprach Audocia, als Prinzeſſin Been⸗ gierd kurz nachher zur Reiſe angezogen, um nach Portugal zuruͤckzukehren, in ihrem Gemache ſtand. „Wie beneide ich Euch um Euer warmes, ſuͤd⸗ liches Blut, Prinzeſſin! Meine Freude iſt doch gegen die Eurige, wie eine ſtille Heerdflamme gegen den lodernden Veſuv. Wie wird der Mann ſtolz und von ſeinem Gluͤcke entzuͤckt ſeyn⸗ 207 der einmal in Euren Armen den gluͤcklichen Inſeln entgegen ſchwebt.“ „Dort ſind kaum Maͤnner!“ entgegnete Beengierd lachend.„Das Geſchlecht kennt kein anderes Gluͤck als das, zu dem ſie nicht zu ſchweben brauchen, ſondern das ſie wie den Wein im Keller ſich holen laſſen koͤnnen. Beneidet mich nicht um mein warmes Blut, theure Au⸗ docia!“ fuhr ſie herzlicher mit ſchwankender Stimme fort.„Der Vulkan iſt zwar hubſch anzuſehen, allein im Innerſten brennen die ewigen Flammen. Wenn Ihr wieder von mir hoͤrt, theure Freundin! ſitze ich vielleicht in der Zelle vor dem Brevier und dem Todtenſchaͤdel, und habe der ganzen ſchoͤnen Welt, die nach Curer Meinung mich bezauberte, Valet geſagt. Der Koͤnig von Daͤnemark hat mir ein nordiſches Lied gelehrt,“ fuhr ſie nach kurzem Sinnen fort, „ich weiß noch einige Zeilen davon: Mir traͤumte ich waͤr' im Himmelreich, Der Stock voll ſuͤßen Duft! Den liebſten hatt' ich in meinem Arm, So ſanken wir durch die Luft.“ 208 Sie brach in ein heftiges Weinen aus, und ſank der theilnehmenden Freundin in die Arme. Nun vernahm erſt die erſtaunte Audocia, daß Beengierd unter der Larve der Luſtigkeit ein zer⸗ riſſenes Herz verbarg, das von dem tiefſten Schmerz, der bitterſten Empfindung von Verach⸗ tung gegen das ganze maͤnnliche Geſchlecht, und zugleich von einer verzehrenden Leidenſchaft zu dem einzigen Manne, dem ſie Hochachtung und Bewunderung gezollt, und der ihr doch jetzt als ein Sklav elender Staatskunſt erſchien, gefoltert war. Auf eine zarte Bemerkung Audocia's, daß ſie den jungen, liebenswuͤrdigen Koͤnig zu ſtreng verdammte, der ſein Herz erſt kennen gelernt haͤtte, nachdem ſeine Hand ſchon gebunden war, verſetzte Beengierd: „Ich rechne nicht Waldemar zu der großen Schaar von Fuͤrſten, und es ſchmerzt mich tief, daß ich mich in ihm habe irren koͤnnen. Aber ſo ſind dieſe Herren der Welt; wenn ſie uns an⸗ zubeten ſcheinen, ſuchen ſie nur Zeitvertreib, Zer⸗ ſtreuung, ſowie beim Schachſpiele; wenn auf⸗ getragen wird, werfen ſie die Steine um, und verlaſſen gleichguͤltig das Spiel, wenn es auch einem zerriſſenen Herzen oder der Seligkeit einer Seele gilt.“ „Gleichguͤltig verließ uns der Koͤnig gewiß nicht,“ nahm Audocia aufs neue das Wort, „und wie ich hoͤre, hat er ſich ſogleich von der jungen Koͤnigin getrennt, um in einen gefaͤhr⸗ lichen und gewagten Kampf zu ziehen.“ „Neuer Zeitvertreib, neue Zerſtreuung,“ erwiederte Beengierd bitter.„Wie lange kann wohl eine junge, liebenswuͤrdige Prinzeſſin, die alles aufopfert, um mit der Hand eines Koͤnigs begnadigt zu werden, wie lange kann das unbe⸗ fangene Opferlamm den Koͤnigsadler von den Felſenſpitzen und vom Wahlplatze zuruͤck halten? Und ſo iſts recht! Er haſcht nach der groͤßeren Beute und kehrt ſich nicht an die kleinliche.“ „Ich glaube die Maͤnnerherzen beſſer zu ken⸗ nen,“ ſprach Audocia;„ doch geſchehen iſt ge⸗ ſchehen. Dem ſtolzen, verirrten Koͤnigsadler wollen wir nicht mehr zuͤrnen. Er hat Feinde genug in der Welt, und er muß hochfliegen, ſoollen ſie ihn nicht erreichen.“ I. 1 14 209 210 „Welche Noth kann ihn bedrohen?“ fragte Beengierd.„Er ſteht ja wie ein Rieſe unter Zwergen, und hat außerdem ſowohl Kaiſer als Pabſt zum Freunde und wenn auch nicht! Möͤge Euer kuͤhner Gemahl ſich huͤten;“ fuhr ſie, den Finger warnend erhebend, fort,„ ſchickt Walde⸗ mar wieder ein Heer nach Schwerin, wird kaum mehr in dieſen Hallen getanzt werden. Und nun lebt wohl, edle Freundin. Ihr ſeht, daß ich, wie es ſich gebuͤhrt, wieder kalt und ruhig bin. Laßt die Schwaͤche, die ich Euch verrathen, ein ewiges Geheimniß zwiſchen uns bleiben, und was Ihr auch von mir hoͤren moͤget, ſo glaubt mir, daß ich eine hinſchmelzende, mondſuͤchtige Schwaͤrmerin ſey, der ein Mann den Kopf ver⸗ ruͤcken kann. Es fließt auch in meinen Adern koͤnigliches Blut!“ Ohne mit einem Zuge den Juſtand ihrer Seele zu verrathen, trennte ſie ſich von den Be⸗ wohnern des Schloſſes, der Graͤfin verſprechend, ſie wieder beſuchen zu wollen, wenn Graf Hein⸗ rich Ernſt aus ſeinem Pilgrimmszuge nach dem heiligen Lande machen ſollte. ¼ 211 Der Winter kam, und zwang Waldemar den lieflaͤndiſchen Kreuzzug zu beendigen. Zwar fuͤhlte er, daß alles, was zur Verbreitung des Chriſtenthums geſchehen, noch nicht hinreichend ſey; und daß/ um ſeine weltliche Macht in dem Lande zu begruͤnden, ihm eine weit groͤßere Waf⸗ fenmacht vonnoͤthen ſey. Sein feſtes Schloß auf Heſel hatte er ſelbſt abbrennen muͤſſen, und als er das eigne, voreilige Werk in Flammen aufgehen ſah, ſchwur er hoch und theuer, daß, wenn er den Tag, wo das ganze Land bekehrt und Daͤnemark unterthan ſey, nicht erlebe, ſo moͤchte er nie der Sohn des großen Waldemar heißen. Waͤhrend der Koͤnig mit dem Heere zuruͤck zog, blieb Erzbiſchof Andreas in Riga, wo er den Winter hindurch die Pſalmen Davids vor den Pfaffen erlaͤuterte und erklaͤrte. Der Koͤnig war mit einem groͤßeren Sieg uͤber ſich ſelbſt, als haͤtte er ein Reich erobert, zuruͤck gekehrt. Sein Antlitz war ruhig und zufrieden, und Dagmors Freude war groß, als ſie ihn wiederſah. Mit kindlicher Offenheit erzaͤhlte ſie ihm gleich alles, was ſie waͤhrend ſeiner Abweſenheit erlebt und 14 212. geträumt, wie ſie ſein Volk kennen und lielen gelernt, und wie ſehr ſie ſich nach ihm geſehnt und fuͤr ihn gebetet haͤtte. Er ſchloß ſie als das reinſte, ſchuldloſeſte Weih, dem es vorbehalten ſchien, in der verwil⸗ derten und verderbten Welt nur das Schoͤne und Gute zu ſehen, und liebreich und ſchweſterlich fůr den Verirrten zu beten, geruͤhrt in ſeine Arme. Die Zuſammenkunft mit dem Biſchof Waldemar auf Sisborg, und das Geluͤbde, das ſie ihm, in ſo fern er frei wuͤrde, abgenommen hatte, war der wichtigſte Bericht, den Dagmor dem Koͤnig den Tag nach ſeiner Ruͤckkehr abzulegen hatte. Ohne es zu ahnen, hatte ſie den gluͤcklichſten Augenblick, das Herz des Koͤnigs durch ein treues und wahres Gemaͤlde des Zuſtandes, in dem ſie ſeinen ungluͤcklichen Verwandten gefunden, zu ruͤhren getroffen; und ihre wiederholte Bitte um Barmherzigkeit und Gnade fuͤr den zu uͤbel be⸗ handelten Gefangenen war nicht vergebens. Einige Stunden nach dieſer Unterredung ging der Koͤnig gedankenvoll in ſeinem Geheimzimmer auf und nieder, und ließ ſeinen Schreiber einen 8 Brief an den Pabſt Innocenz aufſetzen, in — — — — 5 walchem er ſich bereit erklaͤrte, den Biſchof Wal⸗ demar von Schleswig, unehelichen Sohn Knud Magnusſohn, der dem hochſeligen Koͤnig Knud und ihm ſelbſt nach Krone und Leben geſtrebt, und nun in ſieben Jahren gefangen geſeſſen hatte, zufolge des Antrages des Pabſtes wieder auf freien Fuß zu ſetzen, jedoch nur unter der Bedingung: daß dieſer unruhige und gefaͤhrliche Biſchof von dem Pabſte ſtreng angehalten wuͤrde, das daͤniſche Reich zu verlaſſen und ſich mit deſſen Feinden nicht zu verbinden, ſondern nach Rom zu ziehen und ſich dort ruhig zu verhalten. Dies Schreiben wurde ſogleich abgeſchickt, und der Köͤnig fuͤhlte ſich ſelbſt dadurch froh und ums Herz erleichtert; denn er mußte ſelbſt erkennen, daß ſein Bruder Knud zu hart mit dem freilich hoͤchſt verdaͤchtigen Feinde verfah⸗ ren war.. Prinzeſſin Regitze und die aͤlteſten Reichs⸗ raͤthe ſchuͤttelten den Kopf, als ſie vernahmen, daß Koͤnig Waldemar den gefuͤrchteten Biſchof freilaſſen wollte, und ſahen ſeine Milde und Nachſicht als einen großen Staatsfehler an, und 214 ihrer Liebe fuͤr die fromme Königin Dagmor ungeachtet, tadelten ſie hoͤchlich ihre Mitwirkung in dieſer Sache. An einem klaren Wintertag ſaß Biſchof Waldemar hinter den eiſernen Fenſterſtangen im Sisborg Gefaͤngnißthurm, und fuͤtterte eine große, dicke Spinne mit lebendigen Fliegen, die er in ihrem Winterſchlummer geſammelt und bei dem Heerde zum Leben gebracht hatte. Er war zu⸗ weilen wehleidig bei einem ſtechenden Schmerz in den Fuͤßen, die durch das lange Einſperren ge⸗ ſchwollen waren. Er war zwar nicht mehr an den Block geſchmiedet, und konnte, ohne von Ketten gehindert zu werden, ſich einige wenige Schritte in der engen wohl verſchloſſenen Thurm⸗ kammer bewegen; allein er wurde ſehr ſtreng bewacht, und durch eine verſteckte Oeffnung in der Mauer konnte der Gefaͤngnißwaͤrter jede ſeiner Bewegungen ſehen, und alles was er unternahm bemerken. Das Antlitz des Biſchofs war jetzt weit wilder und fuͤrchterlicher als damals, da die Koͤnigin ihn geſehen hatte. Haar und 7 V ——— Naͤgel hatte er wachſen laſſen; der rothe Bart war ſchmutzig und verworren, und er ſah einem wilden Thiere aͤhnlicher als einem Menſchen. „Sauge, Genoſſe! ſauge,“ murmelte er, und ſtarrte die Spinne an.„Sauge das Leben aus Millionen heraus, bis Du dick wirſt wie ein Ochſe! Dann werde ich Dir die große Schmeiß⸗ fliege mit Scepter und Krone geben; allein freſſen darfſt Du ſie nicht; martern ſollſt Du ſie nur, bis ſie ausſiehet ſo wie ich, bis nicht mehr Fleiſch an ihren Knochen iſt, als ein einziger Nabe verzehren kann. Ha! elende, kindiſche Traͤume von Rachel fuͤndliche, unbiſchoͤfliche Ge⸗ danken!“ Er fuhr wild in die Höhe und zuͤch⸗ tigte ſich derb mit einer Bußgeißel. Der Ge⸗ fangenwaͤrter hoͤrte, wie er betete und unter den Schlaͤgen winſelte. „Zu ſolcher erbaͤrmlichen, niedrigen Bosheit, zu ſolchen erniedrigenden Gedanken haben Tyrannei und Mißhandlungen einen Koͤnigsſohn erabge⸗ wuͤrdigt. Ha! iſt es der böſe Feind, der mich in dieſem kleinen Ungeheuer verſucht? Siehe, wie thaͤtig er iſt, ſeine Beute zu peinigen. So recht, ſumme und zappele nur, Gefangener! Du 216 kannſt nicht los. So, ha! ſo moͤchte ich ihn zappeln, ſo gemartert, tiefer und tiefer in das Verderben hinabgezogen ſehen! Schweige, Ver⸗ ſucher! ſtill! ſtill! weiche von hinnen, Satanas!“ Außer ſich, ſchlug er nach der Spinne und zer⸗ ſchmetterte ſie mit der Geißel!„Was habe ich gethan?“ ſeufzte er nach einem kurzen Bruͤten. „Sie war mein letzter, mein einziger Freund in der Welt, mein treuer Gefaͤhrte in Noth und Jammer! In ſieben Jahren haben wir uns doch vertragen und friedlich zuſammen gelebt, und nun mußte ich Dich armen Teufel toͤdten, weil ich keinen andern zerſchmettern konnte! Nun bin ich denn ganz allein in dieſer Hoͤlle?“ ſeufzte er ſchmerzlich,„und den Verſucher traf ich doch nicht, er ſteht vor der Thuͤre und lacht.“ Wirklich wurde ganz in der Naͤhe ein ge⸗ daͤmpftes, boshaftes Gelaͤchter gehoͤrt. Es war der Gefangenwaͤrter, der ſich an den ſonderbaren Gebehrden des Biſchofs ergötzte, und glaubte, daß er wahnſinnig geworden. 4 So wie gewoͤhnlich nach ſolchen heftigen An⸗ faͤllen von Unmuth, Rachgier und Reue, ver⸗ ſank der Ungluͤckliche in tiefes, regungsloſes — 217 Schweigen, und in dieſem Zuſtande konnte Nie⸗ mand ſonder Lebensgefahr ihm nahen. Aus dieſem Hinbruͤten wurde er gegen Gewohnheit durch Pferdegetrappel und Geraͤuſch im Schloß⸗ hofe herausgeriſſen. Er erhob ſich erbittert und ſah durch das Gitter. Ein praͤchtiger Zug von Rittern und Frauen zog in den oͤden Hofraum hinein, wo der Schloßvoigt unruhig von dem einen zum andern lief, und demuͤthig und krie⸗ chend die fremden Herrſchaften begruͤßte. „Iſt es nun Sitte bei Hofe geworden, nach Sisborg zu reiſen, und den neuen Nebucadnezar zu ſehen?“ murmelte der Biſchof, und zog ſchnell den Kopf vom Gitter zuruͤck.„Den Triumpf ſollen ſie nicht genießen, meine elenden Zuͤge zu betrachten.“ Er bog den Ruͤcken nun mit großer Muͤhe, und rollte einen ſchweren, aufgeriſſenen Bodenſtein vor die Thuͤre. Auch dauerte es nicht lange, da hoͤrte er die Schluͤſſel und eiſernen Stangen raſſeln, und die Thuͤre wurde halb geoͤffnet. „Wer da?“ rief er mit furchtbarer Stimme. „Ich will Niemanden ſehen, ich will nicht wie ein gefangener Baͤr zur Schau ausgeſtellt werden. Den Erſten, der uͤber meine Schwelle tritt, zer⸗ reiße ich mit dieſen Rabenkrallen.“ „Hier iſt ein vornehmer Herr aus Ribe, der Euch gute Botſchaft bringt, Herr Biſchof!“ ſagte der Schloßvoigt in weit hoͤflicherem Ton, als gewoͤhnlich.„Er bringt wichtige Sendſchrei⸗ ben vom Koͤnig und Pabſt!“ Fuͤr den Boten des Pabſtes oͤffne ich die Thuͤre, fuͤr den des Koͤnigs nicht.“ verſetzte der Biſchof, und rollte den Stein hinweg. „Da wuͤrde doch die Botſchaft des Pabſtes ohne die des Koͤnigs Euch nur wenig frommen,“ entgegnete Junkherr Strange, und trat durch die Thuͤre hinein; allein als er den, mit welchem er ſprach, erblickte, wich er entſetzt einen Schritt zuruͤck!„Daß Gott erbarme!“ rief er.„Seyd Ihr Biſchof Waldemar? Haͤtte mein König Euch ſo geſehen, waͤret Ihr gewiß nicht ſo lange hier geblieben. Ich komme, um Euch die Freiheit anzukuͤndigen.“ Er uͤberreichte dem Biſchof den ſchriftlichen Befehl des Koͤnigs zu ſeiner Los⸗ laſſung. Ein Zucken von Freude fuhr uͤber das haͤ⸗ miſche Geſicht des Gefangenen; allein als er das 219 Siegel und den Namen des Koͤnigs ſah, wurde es wieder duͤſter.„Gebt es meinem Henker dort,“ ſagte er, und zeigte auf den Schloßvoigt, der furchtſam unter der halbgeoͤffneten Thuͤre ſtand. „Er kann von Eurem Koͤnige Befehle empfangen, nicht ich. Doch laßt ſehen! Was ſchreibt der heilige Vater? Nur er iſt mein Herr und meine einzige Behoͤrde in der Welt.“ Junkherr Strange uͤberreichte ihm das Schrei⸗ ben des Pabſtes, in welchem der gefangene Bi⸗ ſchof mit dem Bann der Kirche bedroht wurde, wenn er nicht nach der Stunde ſeiner Loslaſſung ſogleich nach Rom zoͤge, und ſich von aller Ver⸗ bindung mit den Feinden des Koͤnigs enthielte. „So, das war die Bedingung,“ ſagte der Biſchof bitter.„Herodes und Pilatus ſind alſo Freunde! Wohlan denn, Herr Ritter! gruͤßet Euren König und ſagt ihm, daß ich an den Graͤnzen ſeines verfluchten Landes den Staub von meinen Fuͤßen abſchuͤtteln werde, und mein Fuß nie den daͤniſchen Boden betreten ſoll, ſo lange er Krone und Scepter traͤgt; wie lange das ſeyn wird, weiß zwar Niemand von uns; 220 allein dort oben wohnt ein großer Raͤcher! Und nun fort!"4 4 „Noch eins, hochwuͤrdiger Herr!“ verſetzte Junkherr Strange!„Ich habe Euch eine uner⸗ wartet angenehme Reiſegefaͤhrtin mitgebracht, der Ihr Euch in dieſer traurigen Geſtalt doch nicht zeigen ſolltet; das iſt Eure hochfuͤrſtliche Schwe⸗ ſter, Herzogin Jutta von Sachſen, die bei der Nachricht von Eurer Freilaſſung ſelbſt hergeeilt iſt, um Euch abzuholen.“ „Meine Schweſter Jutta!“ rief der Biſchof, und ſchien fuͤr den Augenblick ſeinen ganzen Un⸗ muth vergeſſen zu haben.„So lebt doch noch ein Menſch, der Gefuͤhl fuͤr mich hat— wo iſt ſie? ich will ſie ſehen.“ „Doch nicht ſo, wie Ihr jetzt ausſeht, Hoch⸗ wuͤrdiger?“ wandte Junkherr Strange ein, und vertrat ihm den Weg.„Ihr werdet ſie erſchrek⸗ ken. Habt Ihr denn kein anderes Kleid? Laßt Euch doch das Haar und die Naͤgel putzen!“ „Nein! Nein! Hofſchranz! ſo, eben ſo ſoll ſie mich ſehen! ſo, wie Ihr mich zugerichtet habt, ſoll mich Herzog Bernhards Gemahlin ſehen, damit ſie es vor Deutſchlands Fuͤrſten 221 bezeugen koͤnne, wie man in Daͤnemark mit einem fuͤrſtlichen Praͤlaten und einem geweihten chriſtlichen Biſchof verfaͤhrt.“ Mit dieſen Worten ſtieß der heftige Biſchof ſowohl den Junkherr Strange als den Schloß⸗ voigt zur Seite, und ſtuͤrzte wie ein Raſender aus der Thuͤre. Als er aus dem Thurme heraus⸗ trat und die freie Luft im Schloßhofe einathmete, gewahrte er die Schweſter, die von der Schloß⸗ treppe erbleichend ihm entgegen eilte„ und er ſtuͤrzte entkraͤftet und ohnmaͤchtig zu Boden. „Bruder! Bruder! armer gemißhandelter Bruder!“ jammerte die bleiche, bejahrte Frau weinend und die magern Haͤnde ſo ringend, daß die goldnen Ninge auf den Boden fielen.„Muß ich Dich ſo wiederſehen?“ „Jutta! biſt Du es?“ ſagte der Biſchof, und erhob ſich ſchwankend.„Ja! in der That! Doch mich kennſt Du wohl kaum wieder? Ja! ſieh mich nur recht an, damit es nicht aus Deiner Seele verwiſcht werde, als bis das bezahlt iſt, was waͤhrend ſieben langer Jahre mit Gift und Galle auf Rechnung angeſchrieben worden!“ „Ach! erhole Dich, lieber Bruder,“ fluͤſterte die beklommene Herzogin, und reichte ihm mit bebender Hand einen Becher Wein, den Junkherr Strange hatte bringen laſſen.„Erhole Dich, armer Bruder! damit wir dieſen Ort des Jam⸗ mers verlaſſen koͤnnen, um ihn nie mehr zu ſehen.“ Darauf zog ſie einen kleinen, goldnen Kamm aus ihrer Seitentaſche hervor, und kaͤmmte ihm Haar und Bart. Fuͤr jeden Haarlock, den ſie ihm kaͤmmte, Ergoß ſie eine Thraͤne ſo ſalz— heißt es davon in dem alten Volkslied. „Um mich darfſt Du nicht weinen, liebe Schweſter!“ troͤſtete er ſie halb leiſe.„Lebe ich noch ein Jahr, ſo Gott will, geſund, werde ich vollauf meinen Unmuth raͤchen.“ „Ach! ſchweige damit!“ fluͤſterte die Her⸗ zogin aͤngſtlich.„Kommſt Du wieder in den Sioborg⸗Thurm, ſehe ich Dich nie mehr.“ Junkherr Strange hatte ein feines Ohr, und kein Wort war ſeiner Aufmerkſamkeit entſchluͤpft; allein er war ſelbſt erſchuͤttert, den ſtolzen Bi⸗ ſchof in einer ſo demuͤthigenden Lage zu ſehen, ———— 223 und die Drohungen, die bei der Loslaſſung ſeinem Munde entfielen, ſah der gutmuͤthige Ritter nur als unwillkuͤhrliche Aeußerungen ſeiner geſpannten und kraͤnklichen Stimmung an. Mit einem ſcharlachenen Rittermantel verbarg nun die Her⸗ zogin das ſchmutzige und zerriſſene Gefaͤngnißkleid ihres Bruders. Dann bwggleitete ſie ihn die Schloßtreppe hinunter, und ließ ihn auf eine fromme Stute heben, denn er war zu ſchwach, um ſelbſt in den Sattel zu ſteigen. So ſchnell als es ſeine Kraͤfte geſtatteten verließ nun der Biſchof Waldemar mit der Herzogin und ihrem kleinen Gefolge Sioborg⸗Schloß, und eilte ohne Aufenthalt aus dem Lande. Er wollte ſich zuerſt nach ſeinem Schwager, dem Herzog Bernhard von Sachſen begeben, und von dort aus, wie es hieß, ſobald der Zuſtand ſeiner Geſundheit es erlaubte, die Reiſe nach Rom fortſetzen. Als der ehrliche Strange wieder vor dem Koͤnig in dem geheimen Gemache ſtand und ihm erzaͤhlte, wie er ſeinen Auftrag ausgefuͤhrt, und wie tief das Elend des fuͤrſtlichen Gefangenen ihn erſchuͤttert haͤtte, gewahrte er Thraͤnen in den ſtrengen Augen des Koͤnigs.„Habe ich ihm 224 Unrecht gethan,“ ſagte Waldemar,„ſo verzeihe es mir Gott in Gnaden! Habe ich durch ſeine Freilaſſung unklug gehandelt, wie man ſagt, und wird mir Schmach und Schaden zu Dank wer⸗ den; ſo iſt es doch beſſer Unrecht zu dulden, als Unrecht zu thun; dem, was in den Sternen geſchrieben ſteht, weichen doch weder Genalt noch Klugheit aus.“ Junkherr Strange glaubte nicht, die Drohun⸗ gen, welche der befreite Biſchof in ſeiner Hef⸗ tigkeit ausgeſtoßen, dem Koͤnig verſchweigen zu duͤrfen. „Du wirſt ſehen, er geht nicht nach Rom,“ ſagte Waldemar bedenklich, in ernſtes Sinnen verſunken.„Er trotzt dem Pabſt wie dem Koͤ⸗ nig, der Stolze, und wird bald meine offenbaren und geheimen Feinde zur Rache gegen mich auf⸗ wiegeln.“ „So trifft ihn aber der zernichtende Bann⸗ ſtrahl, wenn der heilige Vater, wie man ſagt, ein Mann von Wort und keine Nachtmuͤtze iſt,“ wandte Junkherr Strange ein.„Doch Ihr habt von geheimen Feinden geſprochen! vor ſolchen 225 kann kein braver Mann ſich huͤten! Welche meint Ihr damit?“ „Im Vertrauen, Strange!“ verſetzte Wal⸗ demar:—„dem Kaiſer Otto habe ich wichtige Dienſte geleiſtet; zwar heißt er niich auch Bru⸗ der und Freund„ ſo lange er meinen Arm ge⸗ gen den ſelbſtgemachten Kaiſer Philipp und den Herzog von Schwaben braucht; glaubſt Du aber, daß er vergeſſen, daß er Heinrich des Loͤwen Sohn iſt, und daß ich durch Waffen⸗ Macht Heinrichs des Lowen Erbe wurde.— Ich traue dem entarteten, wedelnden Löwenjungen nicht beſſer, als meinen gezwungenen Lehns⸗ maͤnnern in Wenden und Schwerin. Von dem Schwager des Biſchofs Waldemar in Sachſen kann ich auch jetzt nicht viel Gutes und Liebes erwarten. Erinnerſt Du Dich der Worte dieſes Herzoges, als er den großen kupfernen Lowen Heinrichs des Lowen im Braunſchweiger Schloß⸗ hofe betrachtete:„Wie lange willſt Du Dich mit offenem Schlund gegen Oſten kehren? Hoͤre einmal auf, Du haſt was Du willſt; kehre Dich jetzt gegen Norden!“ Siehe, die Worte ver⸗ geſſen die deutſchen Fuͤrſten und Kaiſer nie. II. 15’ 226 Laß aber den Loͤwen mit offenem Schlunde und mit allen ſeinen Jungen kommen! Er ſol mich wach finden.“— Einige Zeit war verſtrichen, und das Gewit⸗ ter, das der Koͤnig gegen ſich zuſammenziehen geſehen hatte, war jetzt nicht ſehr entfernt. Die innern Unruhen Deutſchlands zwiſchen den bei⸗ den Kaiſern und ihren Verbuͤndeten ſchienen auf⸗ hoͤren zu wollen. Philipp hatte zu Martini 1207 einen Waffenſtilleſtand mit Kaiſer Otto geſchloſſen;z er zog nun mit einer gewaltigen Heeresmacht, mit mehrern deutſchen Fuͤrſten ver⸗ bunden, gegen Norden; die Meinung war, daß er Daͤnemark angreifen wollte.— Derſelbe Bote, der dem König dieſe Nachricht uͤberbrachte, berichtete ihm zugleich, daß Biſchof Waldemar Schutz bei dem Kaiſer Otto gefunden, und, dem Befehle des Pabſtes zum Trotze, ſowohl von den geiſtlichen als weltlichen Behoͤrden zum Erzbiſchof in Bremen gewaͤhlt worden ſey. Der Koͤnig hatte in ſeinem Unmuth ſogleich den Grafen Albert und den Biſchof Peder zu 227 ſich berufen laſſen.—„Leſet!“ rief der Koͤ⸗ nig, heftig auf und nieder gehend, ihnen entge⸗ gen, und uͤberreichte ihnen die Sendſchreiben. „Was denkt Ihr zu thun? mein koͤniglicher Ohm?“ fragte Graf Albert, nachdem Beide die Briefe geleſen und zuruͤckgegeben hatten, ohne einen Zug in dem Geſichte zu veraͤndern. „Erzbiſchof?— der Vermeſſene!“ rief Bi⸗ ſchof Peder heftig, und betrachtete den Koͤnig mit unruhigem Eifer. „Ihr ſeht, es iſt keine Zeit, laͤnger ruhig zu Hauſe zu ſitzen,“ nahm der Koͤnig das Wort, „„ mein lieber Vetter, der Biſchof iſt an Allem Schuld. Er iſt es, der mir alle Teufel Deutſch⸗ lands auf den Hals gehetzt hat. Er traͤumet wohl ſchon, daß er Pabſt ſey, und von dem Biſchof⸗Sitz in Bremen wird er mir mehr zu ſchaffen machen, als alle die Uebrigen zuſam⸗ men.— Allein, mein Plan iſt fertig; laßt ohne Zögern das Heer zuſammenberufen, mein tapf e⸗ rer Neffe.— Und Ihr, mein biederer Biſchof Peter! Ihr ſollt mein Vermitttler in Rom ſeyn. Zieht ſogleich nach Rom und thut in meinem Namen Cinſpruch gegen Waldemars Wahl zum 15*¾ d 228 Erzbiſchof in Bremen. Ich werde Euch Brief und gehoͤrige Vollmacht mitgeben; die Sendung iſt von keiner geringen Wichtigkeit; ich vertraue Eurem Eifer und Eurer Tuͤchtigkeit. Ihr beſteht feſt auf der Erfuͤllung des eigenen Wortes des Pabſtes und der ausdruͤcklichen Bedingung fuͤr die Freilaſſung Waldemars.“ Mit dieſen Worten entließ der Koͤnig Beide; und des Tages darauf zog er ſelbſt mit Graf Al⸗ bert und ſeinen Mannen an der Spitze eines kleinen, auserwaͤhlten Heeres an die Graͤnzen des Reichs, waͤhrend Biſchof Peder, von ſeinem alten treuen Martin und zwei bewaffneten Knap⸗ pen begleitet, in großer Eile ſich auf den Weg nach Rom begab. Das Schreiben und die Vollmacht des Königs hatte er mit vieler Vor⸗ ſicht in der innern Taſche ſeines Bruſtlatzes feſt⸗ genaͤht. Mehr als ein Monat war verſtrichen; Bi⸗ ſchof Peder war Tag und Nacht gereiſt; den groͤßten Theil des Weges hatte er gluͤcklich zu⸗ ruͤckgelegt.— In einer ſchwarz beraͤucherten 229 ſchmutzigen Schenke zwiſchen Rom und Terni ſaß er eines Abends, vom Regen durchnaͤßt, in der großen Kuͤche. Er ließ Martin die Rei⸗ ſekleider am Heerde trocknen, waͤhrend er an dem eingepfaͤhlten ſchmutzigen Tiſche ſich bei ei⸗ nem Becher Orvietto⸗Wein labte. „So weit ſind wir denn gekommen,“ murmelte Martin bei ſich,„und morgen um dieſe Stunde können wir, ſo Gott will, in Rom ſeyn. Das iſt traun ein herrliches Land, das Welſchland; wenn die armen Leute nur nicht ſo einfaͤltig waͤ⸗ ren; verlange ich einen Krug Hel(Bier), brin⸗ gen ſie mir immer das verwuͤnſchte Oel; kaum wiſſen ſie was ein Becher Wein iſt. Herr Bi⸗ ſchof!“ verſetzte er laut,„nun iſt der Reiſe⸗ mantel trocken; zieht ihn nur an, waͤhrend ich das Kleid trockne.— Ihr ſeyd mir im Stan⸗ de, das Gott erbarm! das Fieber zu bekommen, ſo wie Ihr durch Regen und Ungewitter vor⸗ waͤrts eilt; Rom laͤuft ja nicht von uns weg, weiß ich doch.“ Nachdem der Biſchof ſich in den Mantel gewickelt hatte, fuhr Martin fort: „Was die Raͤuber betrifft, aus denen man hier ſo viel Weſen macht, mag wohl das Meiſte 230 Luͤge ſeyn! Noch haben wir keinen geſehen; al⸗ lein neugierig iſt man hier, wie der Teufel. Vor Kurzem konnte ich einen nenaen los werden, der gern wiſſen wollte, wir ſind, und in welchem Geſchaͤfte wir riiſen.“ „Ein Deutſcher?“/ fragte der Biſchof be⸗ denklich.—„Hm! welche Antwort haſt Du dem gegeben?“ „Ich! ich habe ihm die Wahrheit zur Ant⸗ wort gegeben, daß mein Herr ein vornehmer Biſchof aus Daͤnemark iſt, der beſte Freund des Koͤnigs, der mit einer wichtigen Botſchaft nach dem Pabſte zieht, und daß ich— „Dummes, prahleriſches Geſchwaͤtz,“ un⸗ terbrach ihn der Biſchof verdrießlich.„Wer hat Dir erlaubt aus der Schule zu ſchwatzen?“ „um Vergebung, geſtrenger Herr Biſchof, wenn ich etwas Unrechtes gethan;“— verſetzte Martin, und verlor das Kleid aus der Hand. „Ich koͤnnte ihm gern eins angehaͤngt haben, aber Ihr ſeht ja ſonſt nicht gern, daß eine Menſchenſeele luͤgt; dadurch, ſagt Ihr ja, geht V man Freundſchaft und Genoſſenſchaft mit dem 231 Teufel ein. Behuͤte! und wenn ich anders ge⸗ ſagt, haͤtte ich offenbar gelogen.“ 7 „Du kannſt ſchweigen, wo Rede nichts nuͤtzt!“ ſprach der Biſchof heftig.„Hier dachte ich mich doch wegen Deiner vorlauten Zunge ſicher, weil Du kein Wort von der Sprache verſteheſt; auch im Deutſchen glaubte ich Dich nicht ſtark.“ „Ach, Herr Biſchof! ich helfe mir wie ich kann,“ ſchmunzelte Martin.„Das Latein, das ich im Capitel⸗Hauſe gelernt, kommt mir hier zu Statten.— Allein, wollt Ihr ſelbſt nicht die Brieftaſche zu Euch ſtecken; ich fuͤrchte, daß ſie dem Feuer zu nahe kommen möchte.“ „Um Gott! die Brieftaſche,“ rief der Bi⸗ ſchof, in die Hoͤhe ſpringend:„gieb her, ſie darf nicht von meiner Bruſt kommen; die iſt mir wichtiger als unſer ganzes Reiſegeld.“ Dar⸗ auf zog er das naſſe Kleid wieder an. Der Biſchof und der alte Diener hatten un⸗ ter dieſem Geſpraͤche nicht bemerkt, daß ein lan⸗ ger, ſtummer Pilger in das Haus eingetreten war, und ſich in einem duͤſtern Winkel hinter der Thuͤre niedergelaſſen hatte. Nun erſchien 232 auch der Schenkwirth mit einem Paar bewaff⸗ neten Reiſigen, die ſchlecht italieniſch ſprachen und Deutſche zu ſeyn ſchienen. „Ihr ſollt alſo den frommen Herrn Pilger nach Loretto begleiten?“ ſagte der Wirth for⸗ ſchend,—„das muß ein ſchwerer Gang fuͤr einen vornehmen Herrn ſeyn, beſonders wenn ihm die Fuͤße geſchwollen ſind; allein daß er nicht ein einziges Wort waͤhrend der ganzen Reiſe ſprechen darf, das ſcheint mir doch bei⸗ nahe die ſchwerſte Buße zu ſeyn. Ach! du lieber Herr Gott! was mag man nicht zuweilen, wenn man in Noth und Drang iſt, der heiligen Jungfrau verſprechen⸗ Ich ſelbſt habe, traun! einmal, eines verwuͤnſchten Streichs wegen, ihr gelobt: keinen Reiſenden ein ganzes Jahr hin⸗ durch um ſeinen Namen zu fragen. „Das Jahr iſt denn wohl ſchon um?“ ſcherzte einer der fremden Reuter.— „Ja, ſchon lange, liebe Seele!— und ſolche Geluͤbde thue ich nie mehr.— Man muß ja doch wiſſen, wen man unter ſeinem Dache hat, damit man nicht Raͤuber und Ke⸗ tzer beherberge; anders iſt es mit ſolchen Leuten, ——·— 233 wie dem frommen Pilger dort, den ein heiliges Geluͤbde des Namens und der Sprache beraubt. Allein, der Tiſch iſt gedeckt, meine Herrſchaften. Wir eſſen doch wohl Alle von derſelben Schuͤſ⸗ ſel.— Inſofern wir Alle Nahrung brauchen, ſind alle Geſchopfe Gottes gleichen Ranges.“ „Nun traten mehrere Gaͤſte herein, und ließen ſich um den gedeckten Tiſch nieder, bei welchem Biſchof Peder auch Platz genommen. Eine dicke, ſchmutzige Frau, die Gattin des Wirthes, ſetzte eine große Schuͤſſel dampfen⸗ der Makaroni auf den Tiſch.— Der Schenk⸗ wirth ſtellte ſich mit gefalteten Haͤnden ans Ende deſſelben, und ſagte ein Gebet her. „Hausfriede, Landfriede und Gewiſſensfriede,“ ſo ſchloß er das Gebet, und da er in demſelben Augenblick einen Mangel an der Anrichtung be⸗ merkte, warf er der Frau das Salzfaß gegen den Tiſch, und fragte, dreifachen Fluch uͤber ih⸗ ren Kopf wuͤnſchend, ob ſie das hieße: den Tiſch fuͤr vornehme Herrſchaften zu decken? Der haͤusliche Streit, der dadurch entſtand, wurde unterbrochen, indem der ſtumme Pilger ſich aus dem Winkel erhob, dem Wirthe winkte * * 4 234 und ihm einen Beutel zuwarf, den dieſer ſchnell zu ſich ſteckte. „Es iſt gegen das Geluͤbde des frommen Herrn,“ ſagte der fremde Reiſige,„an den Vergnuͤgungen des Tiſches Theil zu nehmen, ſo auch die Naͤchte unter dem Dache juzubringen, bis er Loretto erreicht hat.“ So wie der Pilger ſich drehete, um das Haus zu verlaſſen, trat in der ſchon tiefen Daͤmmerung das Hausmaͤdchen mit zwei ange⸗ ſteckten Lampen herein, die ſie mit dem gewoͤhn⸗ lichen Wunſch einer gluͤckſeligen Nacht auf den Tiſch ſtellte. Der Pilger nahete ſich ſchnell der Thuͤre, und indem er einen ſcharfen Blick auf den Biſchof Peder warf, ſiel, trotz der halbuber⸗ worfenen Pilgerkapuze, das Lampenlicht grell auf ſein Antlitz, und Biſchof Peder, der auf dieſen ſonderbaren Reiſenden aufmerkſam geworden war, glaubte erſtaunt in dem bleichen, rothbaͤrtigen Geſichte die wilden, leidenſchaftlichen Zuͤge des Biſchofs Waldemar wieder zu erkennen. Der Wirth, der ihm bis vor die Thuͤre das Geleite gegeben, war ſogleich zuruͤckgekehrt. „Ein ſchöner Heiliger!“ ſagte er und kreuzigte ———ÿÿ – 235 ſich.—„Er geht buͤßend zu Fuß durch die Staͤdte, genießt nur Waſſer und Brot und ſpricht kein Wort in den Schenken; allein auf den Landſtraßen reitet er bequem, fuͤhrt Wein und Fleiſchſpeiſen mit ſich, und ſpricht deutſch wie der Teufel ſelbſt mit ſeinen Trabanten. Nein! mit der Frömmigkeit und Heiligkeit in dieſer Welt iſt es rein aus.“ „Ich irre mich nicht. Es war Biſchof Wal⸗ demar,“ fluͤſterte Biſchof Peder zu Martin:— mner zieht nicht nach Loretto, ſondern nach Rom.— Erhaͤlt der Pabſt meine Botſchaft nicht vor ſeiner Ankunft, wird es uͤbel ausſehen.— Laß Dir nichts merken und die Pferde ſogleich ſatteln.“ „ Allein, hat er Euch erkannt, Herr Bi⸗ ſchof, waͤre es vielleicht doch am ſicherſten, ihn vorausziehen zu laſſen.— Er hat vier ſtarke Reiter mit ſich.“ „Wir ſind ja auch Vier! Im Auftrag des Königs zaͤhlt ein Daͤne weder Freunde noch Feinde. Es fuͤhren auch mehrere Wege nach Rom. Thue, wie ich ſage.“ MNartin ging, und bald hielten die Pferde geſattelt vor der Thuͤre. Biſchof Peder hatte ſich 236 indeſſen bei dem Wirthe erkundigt, welchen Weg die Deutſchen mit dem Pilger genommen hatten, und auch Kunde von einem weit kuͤrzern Wege nach Rom, der aber durch eine wilde und ge⸗ faͤhrliche Felſengegend fuͤhrte, bekommen.— Doch deßfalls wußte der Schenkwirth Rath. Fuͤr gute Bezahlung war ein kundiger Wegweiſer ſo⸗ gleich bereit, die Reiſenden zu begleiten.— Biſchof Peder bezahlte reichlich die Mahtzeit, die er zu genießen ſich keine Zeit gab.— Der d rht. Wirth gab ihm einen frommen Wunſch auf den Weg mit, woruͤber aber der Biſchof be⸗ troffen ſchien; denn der Ton, womit der Wirth ihn ausſprach, klang faſt wie das Tiſchgebet, das mit Fluͤchen endigte; und als Biſchof Peder den Wegweiſer erblickte, den der Wirth empfoh⸗ len hatte, war er nahe daran, ſeinen ſchnellen Entſchluß zu bereuen. Allein der Fuͤhrer trieb ſchon ſein Maulthier an.„In Gottes Namen denn,“ ſprach Biſchof Peder, und folgte ihm. So waren ſie einige Stunden fortgezogen; die Finſterniß nahm zu; der Weg ſchlang ſich enger und ſteiler in ſo vielen Buchten und Kruͤm⸗ mungen durch die Felſen, daß es ſchien als 237 fuͤhrte er weniger vorwaͤrts, als zuruͤck; zuletzt hoͤrte jede Spur auf. Der Fuhrer hielt ſtill und erklaͤrte, daß er ſich verirrt hatte und weder Weg noch Steg mehr erkannte.„Dort ſehe ich aber Fackeln an dem Felſenabhange,“ fuhr er fort;„gewiß ſind es die Eſeltreiber aus der Schenke.— Sie ziehen denſelben Weg, wie wirz wenn Padroni es erlauben, werde ich den guten Leuten ein Zeichen geben, das wir hier, wenn wir in der Noth ſind, gewoͤhnlich brau⸗ chen.“ 8 Ohne Antwort zu erwarten, zog er ſchnell eine kleine Pfeife hervor„ und ſtieß dreimal einen ſchrillernden durchdringenden Ton hervor. Das Zeichen wurde ſogleich von einem aͤhnlichen er⸗ wiedert, und die Fackeln naheten. Der Biſchof ſah den gelben, ſchwarzbraunen Italiener bedenk⸗ lich und durchdringend an. Es war eben noch hell genug, daß er ein ſchlaues Laͤcheln um die duͤnnen Lippen erblicken konnte. Der Biſchof reiſete nie unbewaffnet; mit der Hand an dem Schwerte warf er einen zuverſichtlichen Blick gen Himmel hinauf, und rief Martin:„Sagt * 23 —8 den Reiſigen,“ ſprach er auf daͤniſch,„daß wir auf einen Angriff bereit ſeyn muͤſſen.“ „Herr Gott! ſieht es ſo aus?“ ſeufzte Mar⸗ tin, und eilte den Befehl des Herrn auszu⸗ fuͤhren..— Einen Augenblick hernach ſahen ſie ſich von einem Haufen wilder, ſchmutziger Kerle, mit Fackeln und blinkenden Schwertern, umringt. Der Fuͤhrer war verſchwunden. Martin und die zwei Begleiter ſahen die uͤberlegene Zahl et⸗ was verdutzt an; doch griffen ſie ohne Bedenken zu den Schwertern. Der Biſchof hatte auch das ſeine gezogen; allein ſein Pferd wurde vor den Fackeln ſcheu, auf einem Abhange richtete es ſich auf die Hinterbeine und ſtuͤrzte⸗ Von dem ſtarken Falle betaͤubt lag der Bi⸗ ſchof, mit dem Schwerte in der Hand, unter dem Abhange, und wußte nicht was vorgegan⸗ gen war. Als er zur Beſinnung kam, war es ſtockſinſter um ihn. Er hoͤrte Martin und die Reiſigen in einer Entfernung winſeln und flu⸗ chen.— Mit Muͤhe erhob er ſich und ſchwankte im Dunkeln nach den Stimmen hin.„Cs waͤre beſſer, wenn Ihr betetet, als ſo zu flu⸗ 239 chen,“ rief er;„wo ſeyd Ihr? wo ſind die Raͤuber geblieben?“ „Es waren Teufel, und keine Menſchen,“ winſelte Martin;„doch gelobt ſey Gott und un⸗ ſere Frau, daß Ihr am Leben ſeyd, Herr! ich liege hier und kann keine Hand ruͤhren.“ „Wir haben gefochten, ſo lange wir konn⸗ ten,“ ſagte der Eine der Reiſigen;—„allein es waren gewiß Zehen gegen Einen.“ „Zwanzig Teufel gegen Einen, ſollſt Du ſagen;“ rief Martin;„ach! helft mir, lieber Herr, wir liegen hier gebunden und ſchwimmen in unſerm Blute.“ Endlich fand der Biſchof die gebundenen Diener und zerſchnitt ihre Banden mit ſeinem Schwerte. Sie ſprangen auf und lauſchten, aber in der Naͤhe war Alles ſtill. In einer großen Entfernung bemerkten ſie nur noch den Schein von Fackeln, der ſich bald zwiſchen die Felſen verlor. 4 „Waren es denn wirklich Raͤuber und keine Teufel?“ ſagte Martin, der nun erſt bemerkte, daß ſeine Wunde nur unbedeutend war, und das, was er fuͤr Blut genommen, nur ein 240 Bach ſey, in dem er gelegen.„Ach, liebſter Herr Biſchof!“ fuhr er fort,„als ich das Pferd mit Euch vom Abhange hinunterſtuͤrzen ſahe, wurde es mir ſchwarz vor den Augen; ich hieb um mich, was ich nur konnte; allein gewiß, wie geſagt, mehr als dreißig Schurken waren bemuͤht, mich zu binden.“ „Danke Gott fuͤr Dein Leben, und prahle nicht, Martin,“ ſagte der Biſchof,—„iſt Jemand von Euch gefaͤhrlich verwundet?“ „Es iſt ein Wunder Gottes, daß uns noch ein ganzes Glied uͤbrig geblieben iſt,“ fuhr Mar⸗ tin fort;„ich will nicht großthun, Hochwuͤrden! wie viel der Raͤuber waren, kann ich freilich nicht wiſſen, denn ich hatte was anders zu thun, als ſie zu zaͤhlen; daß ich mich aber als ein Mann vertheidigt habe, ſogar als ich gebun⸗ den war und kein Glied bewegen konnte, das kann ich Euch beweiſen, Herr! dort liegt das Felleiſen mit Euren Ordens⸗Kleidern, und hier habe ich den Geldbeutel. Ich ließ den Gurken keinen Heller davon nehmen.“ Biſchof Peder fuhr ſchnell mit der Hand u3 ſeiner Bruſttaſche.„„Um Gottes heiliges Blut, 15 4 241 rief er erſchrocken: ſie iſt fort, ich bin gepluͤn⸗ dert; die ganze Reiſe iſt vergeblich!“ „Ich habe ſie ja, Herr!“ rief Martin; „ich habe ja die Geldboͤrſe.“ „Was frage ich nach der Geldbärſe? die Brieftaſche iſt es, die Brieftaſche mit dem Send⸗ ſchreiben und der Vollmacht des Königs!“ „Das iſt ein Ungluͤck, Herr! Haͤttet Ihr ſie nur mir anvertraut!— Allein, habt Ihr ſie nicht im Falle verloren? Wir muͤſſen ſuchen. „Vergebens,„ veegehenst ſie iſt fort, doch nicht verloren,— ſondern mit Schlauheit und Gewalt geraubt. Das Kleid iſt zerriſſen, die Bruſttaſche abgeſchnitten! Ha! es waren nicht gemeine NRaͤuber. Um Gold und Kleider war es ihnen nicht zu thun; nur den Briefſchaften galt es. Gewiß, dieſer Ueberfall war von dem ver⸗ meſſenen Biſchof Waldemar angeſtiftet.— Was ſoll ich nun in Rom, ohne Sendſchreiben und Vollmacht? 3 Dceer heftige Biſchof war naſt außer ſich. Er rang ſeine Haͤnde und wußte nicht, ob er vor⸗ waͤrts ziehen oder zuruͤck kehren ſollte. II. 16 242 „Meine liebe, gute Hochwuͤrden,“ troͤſtete ihn Martin freundlich und unbefangen:—„wie könnt Ihr doch die Sache ſo hoch aufnehmen? Ihr wißt doch ohne Zweifel, was in dem Briefe ſtand, und ich weiß doch, daß Ihr die Worte eben ſo gut, wie der Konig, ſtellen könnt, was braucht Ihr eine Vollmacht? Wenn der heilige Vater Euer ehrliches, daͤniſches Geſicht ſieht, ſo iſt es ihm ſogleich klar, daß 6 nicht mit Unwahrheit fahret.“ „Alter, treuer Diener!“ ſagte der Biſchof froh,—„durch deinen Mund ſpricht mein gu⸗ zer Schutzgeiſt. Ja Du haſt Recht: mit Got⸗ tes Huͤlfe kann ich das Sendſchreiben und die Vollmacht des Koͤnigs entbehren. Er, der in dieſer Stunde ſeine beſchuͤtzende Hand uͤber uns gehalten, kann mir auch Worte und Vollmacht ertheilen, die kein Koͤnig mir beſſer zu geben und kein Raͤuber mir zu nehmen vermag. Kommt, wir wollen in des Herrn Namen weiter ziehn. Ich habe fruͤher den Weg gefunden, wo es noch dunkler und ein noch ſchlimmerer Feind in der Naͤhe war; allein ich hatte den mit mir, der das Licht und der Weg iſt.“ 243 Die Zuverſicht des Biſchofs gab auch den Be⸗ gleitern den Muth zuruͤck. Die Pferde wurden auch Alle bald wie der gefunden, und obgleich weder Weg noch Steg zu ſehen war, folgten die Diener doch wohlgemuth dem gottesfuͤrchtigen Herrn, der, mit den Haͤnden uͤber den Sattelknopf gefaltet, ohne den Zuͤgel anzuruͤhren, das Pferd gehen ließ wie es wollte. So waren ſie eine geraume Zeit ſchweigend fortgeritten; niemand wußte, wohin der Weg fuͤhrte.„Ich moͤchte doch wiſſen, Hochwuͤr⸗ den,“ fragte Martin bedenklich,„wo Ihr zu⸗ vor in ſolcher Finſterniß den Weg gefunden? Vor meinen Augen iſt es, als ritten wir zwi⸗ ſchen lauter Felſenſturzen und tiefen Abgruͤn⸗ den. „So iſt es nur ja bei jedem Schritte in dieſer Welt,“ entgegnete der Biſchof, nobgleich wir es in unſerm blinden, thoͤrichten Selbſtver⸗ trauen nicht gewahr werden.“ „Ja! meint Ihr es ſo, frommer Herr! ſo moͤgt Ihr wohl Recht haben; aber ich dachte nicht, daß Ihr mit mir ſo ſpraͤchet, wie der Herr mit ſeinen Schuͤlern.“ 16* 244 „ Auch im buchſtaͤblichen Sinne habe ich die Wahrheit geſprochen,“ verſetzte der Biſchof,— „ mit Glauben und Vertrauen in den unſichtba⸗ ren Wegweiſer habe ich fruͤher den Weg gefun⸗ den, wo Grauen und Dunkelheit mir mehr als hier das Herz beklommen gemacht, und wo ſchlimmere Feinde mir nahe geweſen, als die, welche ich hier zu fuͤrchten gehabt; das war in einem verfluchten, graͤulichen Thurme, wo Zau⸗ ber und Teufeleien mich durch ein geheimnißvol⸗ les Buch verſuchten, kluͤger werden zu wol⸗ len, als es einem frommen Chriſten vergoͤnnt iſt. 7,— „Behuͦtel“ fragte Martin angflih,„„ giebt es denn wirklich ein ſolches Buch? das iſt es wohl, das man das ſchwarze Buch oder Cypria⸗ nus nennt.—“ Er ſchlug ein Kreuz vor ſich, und ſah ſich bedenklichum. „Wir wollen nicht mehr von ſichen Din⸗ gen ſprechen,“ fuhr der Biſchof mit gedaͤmpfter Stimme fort, damit die Neiſigen, die in einer Entfernung hinter ihnen ritten, es nicht verneh⸗ men moͤchten;„das will ich Dir nur ſagen, Martin, vorausgeſetzt, daß Du ſchweigen kannſt. 245 Es ſchwebt mir vor dem Sinne, und ich glanbe feſt, dem ſey ſo: daß das Leben und Gluͤck meines hohen Herrn, des Koͤnigs, von dem glüͤcklichen Erfolge meiner Reiſe abhaͤnge.— Sein Bruder, Köͤnig Knud, waͤre vielleicht noch am Leben, und bekleidete noch den daͤniſchen Thron, wenn er mich dieſen Weg geſchickt, und den Arm der Kirche, ſtatt des eigenen, ge⸗ braucht haͤtte; doch genug davon, alter Martin, darauf verſtehſt Du Dich nicht; Gott vertrauend wollen wir den geraden Weg vorwaͤrts ziehen, ohne uns mit Zweifeln zu quaͤlen. 74 Stumm und ſchweigend ſetzten nun der Bi⸗ ſchof und ſeine Diener den Weg faſt blind⸗ lings fort, bis der Tag grauete; und als ſie nun hinter ſich ſahen, graute es Alle, und es erſchien ihnen als ein Wunder des gnadenreichen Gottes, daß ſie, ohne von den Felſen zerſchmettert zu werden, oder in die Abgruͤnde hinabzuſtuͤrzen, einen ſolchen Weg im Dunkeln hatten zuruͤckle⸗ gen koͤnnen. Sie ſtießen auch bald auf Leute, von welchen ſie erfuhren, daß dieſer Weg zwar nach Rom fuͤhrte, allein daß kein Menſch es wagte, ihn des Nachts zu betreten; jetzt konnten 246 ſie nur durch große Umwege auf den allgemei⸗ nen, ſonſt kuͤrzern Weg zuruͤckkommen. Indeſ⸗ ſen hatten ſie nun den Tag vor ſich. Sie mie⸗ theten einen neuen Wogweiſer. Bald erblickten ſie die gelbe Tieber: ſie zogen laͤngs ihrem bluͤ⸗ henden Ufer, und noch vor Abend erreichten ſie gluͤcklich Rom. Ohne ſich Zeit zu geben, die Herrlichkeiten und merkwuͤrdigen alterthuͤmlichen Denkmaͤler dieſer großen, merkwuͤrdigen Stadt zu betrach⸗ ten, begab ſich den folgenden Morgen der Bi⸗ ſchof im völligen Ornate nach dem Vatican, und verlangte augenblicklich, in einem hoͤchſt wichti⸗ gen Auftrage, vor dem Pabſt Innocenz gelaſſen zu werden.— Er mußte indeſſen laͤnger als eine Stunde im Vorgemache verweilen, denn ſeine Heiligkeit, hieß es, hatte ſich in ſeinem Geheimzimmer mit einem fremden Pilger einge⸗ ſchloſſen, einem, wie man meinte, vornehmen Abgeſandten des Kaiſers und der deutſchen Fuͤrſten.— Endlich wurde die Thuͤre zu den paͤbſtlichen Gemaͤchern geoöffnet, nnd mit einem ſtolzen, triumphirenden Laͤcheln trat der lange, ſtumme Pilger, in dem der Biſchof Peder nun 247 deutlich den Todfeind ſeines Koͤnigs, den Bi⸗ ſchof Waldemar, erkannte, heraus.* Kuͤhn und freimuͤthig trat Peder Suneſohn dem vermummten Feinde entgegen, und das ſie⸗ gende Laͤcheln um deſſen Mund verſchwand ploͤtz⸗ lich. Er ſchien einen Augenblick uͤberraſcht und entſetzt, allein mit einem ſchlauen, veraͤchtlichen Hinblick auf ſeinen entwaffneten Anklaͤger und Gegner, verließ er ſchnell und ſchweigend, als kennte er ihn nicht, das Vorgemach. Mit vollem Vertrauen in ſeine gerechte Sache und das untruͤgliche Zeugniß der Wahrheit, das er mit verdoppeltem Eifer und Kraft ſich jetzt faͤhig fuͤhlte, vor St. Peters heiligem Stuhle abzule⸗ gen, trat Biſchof Peder vor den ſtrengen und maͤchtigen Pabſt Innocenz.— Der Pabſt ſaß, mit der purpurſammtenem Stola uͤber dem weißen Kleide, in einem ver⸗ goldeten Armſeſſel, den Fuß auf einem rothen, ſammtenen Schemel, auf welchen die goldnen Schluͤſſel geſtickt waren, und an ſeiner Seite ſtand ein Tiſch mit einem Cruciſix unter einer großen Menge Schriften. Aus dem kraͤftigen Greiſes⸗Antlitz ſprachen eine Ruhe und Ent⸗ 248 ſchloſſenheit, die Erſtaunen erregten. Sein Haar war grau, kraͤuſelte ſich aber kraͤftig um die rothe, ſeidene Callote, die die Tonſur be⸗ deckte.— Der Anblick dieſes gewaltigen Mannes, der aus ſeinem Geheimzimmer Köͤnige und Kaiſer beherrſchte, uͤbte einen großen Ein⸗ druck auf den daͤniſchen Biſchof aus, der zum erſten Male vor die Augen ſeines geſtrengen Obern trat. Er bog das Knie und kuͤßte das Kreuz an dem emporgeſtreckten Fuß. Dann erhob er ſich freimuͤthig, und machte im Na⸗ men ſeines Koͤnigs einen hoͤchſt ernſthaften Eiiſpruch gegen die unrechtmaͤßige Wahl des Biſchofs Waldemar zum Erzbiſchof von Bre⸗ men. Er berief ſich auf das eigene Sendſchreiben des Pabſtes und die ausdruͤckliche Bedingung der Freilaſſung des gefangenen Biſchofs, und noch be⸗ vor der Pabſt Gelegenheit hatte, nach Brief und — Vollmacht des Koͤnigs zu fragen, ſtattete Biſchof Peder einen wahrhaften Bericht von dem naͤcht⸗ lichen Ueberfall ab, und erbot ſich, mit den hei⸗ ligſten Eiden und dem Zeugniß ſeiner Diener die Wahrheit ſeiner Zuſage zu bekraͤftigen. Der ſtrenge, kraͤftige Innocenz ſchien einen 249 Augenblick unſchluͤſfig und unentſchloſſen. Der eben ſo ſchlaue als verwegne Biſchof Waldemar hatte ihm einige Augenblicke vorher die Sache auf eine Weiſe dargeſtellt, und ein ſolches Ge⸗ wicht auf die Vorbitte und die Gunſt des Kai⸗ ſers und der deutſchen Fuͤrſten zu legen gewußt, daß der ſonſt ſo ſtandhafte Innocenz beinahe ent⸗ ſchloſſen war ihm zu verzeihen, und ſeine Ernen⸗ nung zum Erzbiſchof zu beſtaͤtigen, in ſo fern es ſich einigermaßen mit ſeinem Worte und Ver⸗ ſprechen an den König von Daͤnemark vereinen ließe.. 4 Sowie der Biſchof Peder nun mit Kraft und Eifer die Sache erklaͤrte, konnte der Pabſt nicht anders als einen gefaͤhrlichen und eigenmaͤchtigen Aufruͤhrer ſelbſt gegen den paͤbſtlichen Stuhl in Biſchof Waldemar erblicken. Der ſchwere Ver⸗ dacht, der noch auf dieſem ſchlauen, uͤbermuͤthigen Praͤlaten ruhete, als habe er dem Leben und der Krone ſeines koniglichen Vetters nachgeſtellt„ und nun die letzte heimtuͤckiſche Gewaltthat gegen den Biſchof Peder, an welcher der Angeklagte aller Wahrſcheinlichkeit nach Antheil hatte, dies alles ſtellte nun, durch Biſchof Peders klare und warme 250 Darſtellung die Sache des Biſchof Waldemar in ein ſo mißliches Licht, daß der Pabſt entſchied, jene ſelbſt im Verein mit den Cardinaͤlen unter⸗ ſuchen zu wollen, und er entließ den Biſchof Peder mit der beſten Hoffnung eines guͤnſtigen Erfolges fuͤr ihn und ſeinen Koͤnig. Biſchof Waldemar, der noch denſelben Tag erfuhr, daß er zur Verantwortung gezogen zu werden erwarten koͤnnte, fand es nicht raͤthlich, den Erfolg dieſer mißlichen Sache abzuwarten, und als er den naͤchſten Morgen geſucht wurde, um ſeine Sache zu vertheidigen, war er verſchwunden. Er hatte des Nachts Rom verlaſſen, um Zuflucht bei ſeinen weltlichen Freunden und Beſchuͤtzern zu ſuchen. Nach ſeiner Flucht ſchien die Sache immer mehr und mehr hingehalten zu werden, und Bi⸗ ſchof Peder fuͤrchtete nicht ohne Grund den Einfluß ſeiner maͤchtigen und vielvermoͤgenden Goͤnner, ſowohl bei dem Hofe des Pabſtes ſelbſt, als unter den angeſehenſren Koͤnigen und Fuͤrſten in Eu⸗ ropa; doch nach Verlauf zweier Monate lief die Erſtaunen erregende Nachricht ein, daß Biſchof Waldemar zum Kaiſer Philipp und dem Herzog — 4 251 von Sachſen gefluͤchtet ſey, von welchem Letzteren er mit bewaffneter Bedeckung nach Bremen ge⸗ fuͤhrt ward, wo er mit großem Jauchzen und Freude als Erzbiſchof empfangen worden war. Dieſer gewaltſame Eingriff in die paͤbſtlichen Rechte erregte Innocenzens Zorn; er nahm nun nicht länger Anſtand, Biſchof Waldemar fuͤr einen Aufruͤhrer gegen die Kirche und den paͤbſtlichen Stuhl zu erklaͤren; und ein förmlicher Bannbrief wurde ausgefertigt, deſſen Ueberbringer bevoll⸗ maͤchtiget wurde, ſein Anſehen und ſeine Gewalt als Erzbiſchof von Bremen zu vernichten, und ihn ſelbſt fuͤr vogelfrei und verflucht zu erklaͤren, bis er reuig und bußfertig ſich ſelbſt vor den paͤbſtlichen Stuhl mit willenloſer Unterwuͤrſigkeit ſtellte. Mit dieſem maͤchtigen Bannſtrahl ausgeruͤſtet, begab ſich Biſchof Peder augenblicklich auf die Ruͤckreiſe von Rom, in der Abſicht, noch bevor er ſeinen König wiederſah, nach Bremen zu ziehen, und dies gefaͤhrliche Unternehmen zu vollfuͤhren; denn bei dem paͤbſtlichen Hofe befand ſich Nie⸗ mand, der unter dieſen Umſtaͤnden Muth und Trieb empfand, ſich der offenbaren Lebensgefahr, die dem Ueberbringer des paͤbſtlichen Bannbriefes an 252 einen, in einer feindlichen Stadt ſo gewaltig be⸗ ſchuͤtzten Verbrecher der Kirche bedeite. blaſ⸗ zuſtellen. Aber eines Tages, ſowie Biſchof Waldemar vor dem Hochaltare in dem Dom von Bremen ſtand, und in ſeinem neuen erzbiſchoͤflichen Or⸗ nat die Meſſe vor dem verſammelten Volke las, trat ein langer Mann in einem großen, weißen Caputzenmantel mit einem ſchwarzen Todtenkopf, vorn an der Bruſt ausgenaͤht, in die Kirche. Sein Geſicht war von der Caputze verborgen, die ſpitz zulaufend ihm bis an die Bruſt hinab⸗ hing. Dieſe ernſte, vermummte Geſtalt nahete dem Altare, und legte den paͤbſtlichen Bannbrief aufgeſchlagen vor die Augen des Erzbiſchofs hin. Dieſer ſtarrte die paͤbſtliche Bulle erſtaunt an und erbleichte. Der Vermummte trat zuruͤck und war bald unter der Menge verſchwunden, da klang eine gewaltige Stimme durch die Kirche: „Erzbiſchof Waldemar iſt in den Bann der Kirche gethan! Wehe dem, der den Feind der Kirche beſchutzt; verflucht iſt der, den er ſegnet. Sein Stab iſt gebrochen, und das heilige Oel iſt von ſeinem Scheitel verwiſcht.“ 2⁵³ Ein allgemeines Entſetzen verbreitete ſich unter der Gemeinde. Wie vom Blitz geblendet ſtuͤrzte das Volk aus der Kirche; der in den Bann gethane Erzbiſchof verlor den Krummſtab aus der Hand und ſank ohnmaͤchtig vor dem Altar nieder. Allein Biſchof Peder war wenige Stun⸗ den hernach ſchon aus der Stadt und auf den Weg zu Koͤnig Waldemar, der dem Geruͤchte zufolge den Kaiſer Philipp aus Nordalbingien in die Flucht geſchlagen hatte, und jetzt mit einem ſtarken Heere in Braunſchweig eingezogen war. Das Geruͤcht von dem mißlungenen Angriff des Kaiſers Philipp auf Daͤnemark, von ſeiner verworrenen Flucht und dem fiegenden Fort⸗ ſchreiten des daͤniſchen Koͤnigs, hatte das ganze Norddeutſchland in Schrecken und Erſtaunen ge⸗ ſetzt. Auf dieſen Angriff hatten die kleinen nord⸗ deutſchen Fuͤrſten ihre ganze Hoffnung geſtellt, und mehrere von des Koͤnigs Waldemar Vaſal⸗ len hatten keinen Anſtand genommen, im Ein⸗ verſtaͤndniß mit dem Kaiſer Philipp zu handeln, ja ihm ſogar Huͤlfstruppen gegen ihren verhaßten Lehnsherrn geſchickt. 1 2⁵54 Auf dem Schloſſe in Schwerin hielt der ſchwarze Graf Heinrich einen wichtigen Kriegs⸗ rath mit dem Biſchof von Hildesheim und Graf Adolph. Herzog Bernhard von Sachſen hatte durch ein eigenhaͤndiges Sendſchreiben die Nach⸗ richt von ſeiner und des Kaiſers Philipp Nieder⸗ lage an der daͤniſchen Grenze beſtaͤtigt, obgleich er dieſe nur einen mißlungenen Angriff und einen augenblicklichen Ruͤckzug nannte, welche, wie er hoffte, den Kaiſer zu einer ernſtlichen Ruͤſtung in Bamberg bewegen wuͤrde. Der Graf von Danneberg, ſo auch der wendiſche Fuͤrſt Heinrich Borvin und ſeine Bruͤder, hatten mit dem Ver⸗ ſprechen von Rache und thaͤtiger Mithuͤlfe gegen den gemeinſamen Feind vor kurzem Schwerin verlaſſen. „ Habe ich es nicht geſagt?“ ſagte der Bi⸗ ſchof von Hildesheim.„Ihr waret zu hitzig, Graf Heinrich! Ihr wolltet das Obſt abſchuͤt⸗ teln, bevor es noch reif war, und dann traf es Euch ſteinhart an die Stirne. Das Kriegsgluͤck iſt nun einmal mit Koͤnig Waldemar, und auf dieſe Weiſe kommt Ihr nie zum Zweck.“ —— 255 „Auf Nebenwegen noch weniger, Herr Bi⸗ ſchof!“ ſagte Graf Adolph.„Was hat es nun geholfen, daß wir nicht ſelbſt offenbar mit dem Kaiſer gemeinſchaftliche Sache gemacht? Waͤren wir dabei geweſen, wuͤrde ſich das Heer doch nicht wie eine Heerde Schaafe haben jagen laſſen.“ „Sehr wahr, tapferer Graf Adolph!“ ſagte Heinrich von Schwerin, und biß im Unmuth die Unterlippe wund.„Was hat mir die dumme Schwagerſchaft geholfen? Was der Vergleich mit Johann Ganz? Die Haͤlfte meiner Graf⸗ ſchaft iſt noch verpfaͤndet und Graaboe⸗Schloß baue ich nimmer auf. Was helfen alle unſre Schreibereien? Alle die feinen, verbluͤmten Re⸗ densarten hat der Teufel geſchaffen. Unſer ganzer Entwurf iſt jetzt in der Hand des Koͤnigs, und was er ſelbſt nicht herausbuchſtabiren kann, hat der naſeweiſe Graf Otto ihm klar gemacht, Ha! warum feſſelte ich den Schwätzer nicht an den Block, als er in meiner Gewalt war. Nun ſind die Fluͤgel der Wildgans gewachſen, und er kehrt ſich ſo wenig an meine Jaͤger, daß er mir ſelbſt 41 256 Knud Rothnaſe mit Brief und Gruß und Dank fuͤr das Letzte zuruͤck ſchickt. Hoͤrt was der ver⸗ meſſene Junge mir zu ſchreiben wagt.“ Er entfaltete ſchnell ein Schreiben und las: „ Meinen Gruß zuvor und ſchuldigen Dank fuͤr die edle Gaſtfreundſchaft in dem Schloß⸗ thurme zu Schwerin.“ „Wie die Jagd an dem Hochzeitstag des Koͤ⸗ „nigs Waldemar ausfiel, mag Euer treuer Jaͤger „ſelbſt berichten, in ſo fern er es nicht unter den „Wilddieben im Riber Diebsloch vergeſſen hat. „Euern gottergebenen Freund und frommen Un⸗ „terhaͤndler bei dem Koͤnig, habe ich auf eigne „Gefahr Lohn und Sold mit der Hundepeitſche „auszahlen laſſen. Was mich ſelbſt betrifft, da „bin ich nach den letzten Entdeckungen in jeder „Nuͤckſicht von meinem Eid und Geluͤbde der „ Verſchwiegenheit entbunden; und von Allem, „was in Eurem ſchlauen Sendſchreiben an den „Kaiſer dem Koͤnig dunkel und verbluͤmt vorkam, „habe ich ihn hinreichend unterrichtet. Ich moͤchte „wohl wuͤnſchen, daß ich in der Zukunft mit 257 „mehr Achtung und Vertrauen in Eure ritterliche nund fuͤrſtliche Ehre mich nennen duͤrfte „Euren offnen immer kampfluſtigen Feind, „Ritter Otto, Graf von Luͤneburg.“ * Graf Heinrich zerriß das Blatt, und warf die Stuͤcken mit Unmuth auf den Boden hin. „Warum wollt Ihr uͤber die Sticheleien des vermeſſenen Buben Euch aͤrgern?“ ſagte der Bi⸗ ſchof von Hildesheim.„Wenns wahr iſt, daß Graf Albert mit einem Heere vor Schwerin rückt, habt Ihr jetzt an wichtigere Sachen zu denken; dieſes Mal wird es kaum wie letzthin mit Tanz und Luſtbarkeit ablaufen. Ich rathe Euch, ſobald wie moͤglich das Schloß mit Eurem Bruder und Eurer Gemahlin zu verlaſſen, wenn Ihr nicht glaubt, daß es ſich halten kann bis Kaiſer Phi⸗ lipp und Herzog Bernhard von ihrem Schrecken erholt, Euch Entſatz ſchicken koͤnnen.“ Noch waͤhrend ihrer Berathſchlagung ſprengte ein Grenzreiter in den Schloßhof hinein. Er uͤberbrachte den Grafen von Schwerin die Ent⸗ ſetzen erregende Nachricht, daß Graf Albert Wit⸗ tenberg zerſtört, das Schloß Reitzenburg ver⸗ II. 17 258 nichtet, und uͤberall, wo er hinzoͤge, Alles ohne Schonung pluͤnderte und zerſtoͤrte. Der Koͤnig von Daͤnemark, hieß es, wäre ſelbſt mit bei Reiz⸗ zenburg geweſen, und haͤtte dort eine vertraute Zuſammenkunft mit Kaiſer Otto gehabt. Von dort aus waͤren beide nach Ribe gezogen; Graf Albert aber und der junge Graf Otto von Luͤneburg ruͤckten mit ſtarken Schritten gegen Schwerin. Graf Heinrich ſchaͤumte vor Wuth. Er er⸗ theilte Befehl an ſeine Haͤuptlinge, alle kampf⸗ faͤhige Mannſchaft in Schwerin zu ſammeln, und kochendes Pech und gluͤhende Steine zum Empfang des Feindes zu bereiten. Es half nichts, daß der Biſchof von Hildesheim zur Flucht rieth und ſelbſt Anſtalt traf, das Schloß zu verlaſſen. Graf Heinrich wollte nichts davon hoͤren, und Graf Adolph erklaͤrte, daß auch er bleiben und das Geſchick ſeines Verbuͤndeten theilen wollte. Waͤhrend Alles im Schloſſe von Schwerin in voller Arbeit mit den Vertheidigungsanſtalten war, wurde vom Thurme ins Horn geſtoßen, und ein langer, fremder Mann in einem grauen Ca⸗ putzenmantel ließ ſich als ein alter Freund, der 2⁵9 ein wichtiges Anliegen hatte, anmelden. Als er in den Ritterſaal zu den verſammelten Herren und Fuͤrſten hineintrat, erſtaunten Alle, als waͤre ein Geiſt der Rache und des Entſetzens unter ſie getreten, als der Fremde die Caputze von dem wilden, ausgezehrten Antlitz zuruͤckſchlug. „Der Erzbiſchof von Bremen, der kühne Bi⸗ ſchof Waldemar!“ klang es nun von Mund zu Mund, und Graf Heinrich hieß ihn, als einen treuen Freund und Gefaͤhrten in der Noth, willkommen.— „Heißt Ihr mich noch Freund und Gefaͤhrte, wenn Ihr erfahrt, wer ich bin?“ ſagte der fuͤrch⸗ terlich ernſte Gaſt.„Ich bin ein vogelfreier in den Bann geſetzter Mann.“ 4 „Vogelfrei? in den Bann geſetzt?“ wieder⸗ holten Alle mit Entſetzen. „Vogelfrei und im Banne?“ wiederholte auch Graf Heinrich, indem er ihm die Hand reichte. „Freund und Gefaͤhrte ſeyd Ihr mir dennoch! Freund und Gefaͤhrte in Noth und Nache!“ „So hoͤrt denn,“ verſetzte der finſtre Gaſt. „Ich glaubte Innocenz zu furchtſam, und die deutſchen Furſten und Volker zu heldenmuͤthigz 17* 260 was dem Kaiſer Philipp und dem Herzog Bern⸗ hard widerfahren, das wißt Ihr; mich traf der Bannſtrahl vor dem Hochaltare ſelbſt. Er hat den Krummſtab in meiner Hand geſchmolzen, und das heilige Oel von meinem Scheitel ver⸗ wiſcht, ſagt man, dennoch ſpuͤr ich Mark in meinem Arm, und Königsblut in meinen Adern. Laßt mich die Biſchofsmuͤtze mit einem Helm, und die Monſtranz mit einem Schwerte vertau⸗ ſchen; und Ihr ſollt mich nicht vergebens Freund und Gefaͤhrte in der Noth genannt haben.“ „Was denkt Ihr denn zu thun, tapferer Herr! laßt hoͤren!“ ſagte Graf Heinrich.„Der Feind iſt vor der Thuͤre, und wir haben nicht viel Zeit uns zu berathen.“ „Das Schloß koͤnnt Ihr mit der Hand voll Leute nicht vertheidigen!“ nahm der kriegser⸗ fahrne Erzbiſchof ruhig und beſonnen das Wort. „Es iſt, beſonders an der Oſtſeite habe ich be⸗ merkt, ſchlecht befeſtigt, und mit dem Grafen Albert iſt nicht zu ſcherzen. Laßt eine kleine Beſatzung hier zuruͤck, um mit dem Feind wegen einer ertraͤglichen Uebergabe zu unterhandeln, und begleitet mich ohne Aufſchub nach Bamberg. 261 Waͤhrend Ihr dort dem Kaiſer Philipp Muth einfloͤßt, und auf einen entſcheidenden Zug gegen die Daͤnen und den Kaiſer Otto dringt, ziehe ich an der Spitze meiner alten Sachſen und Bremer auf Hamburg, ich nehme die Stadt durch Ueberraſchung und mit Sturm; und von dort aus werde ich dem Koͤnig Waldemar an etwas anders zu denken geben, als Schwerin zu pluͤndern und zu zerſtoͤren. Kaiſer Otto iſt ihm nur anſcheinend guͤnſtig; das weiß Niemand beſſer als ich. Er will nun Huͤlfe in England ſuchen; allein bevor dieſe Huͤlfe kömmt, muß es mit der daͤniſchen Tyrannei aus ſeyn. Mein uͤbermuͤthi⸗ ger Vetter hat ſich nun auch in die Streitig⸗ keiten wegen der ſchwediſchen Krone gemiſcht, das wißt Ihr vielleicht ſchon. Die tapfern Sune⸗ ſoͤhne ſind mit 16000 Daͤnen und Boͤhmen dem König Sverker gegen Prinz Erich zu Huͤlfe ge⸗ zogen. Der Augenblick iſt guͤnſtig. Vermag nur ich dem Koͤnig von Hamburg aus die Stange zu halten, waͤhrend die Schweden die Sune— ſöhne vertilgen, und Ihr mit Philipp und Bern⸗ hard von der andern Seite den Grafen Albert bedraͤngt, ſo muß Daͤnemarks Thron ſtuͤrzen, 262 und ich werde den Koͤnig Waldemar und den ſtrengen Innocenz lehren, was ein in den Bann. geſetzter Koͤnigsſohn vermag.“ „Hochwuͤrdiger Herr Bruder!“ ſagte der Biſchof von Hildesheim ſtutzend.„Es iſt wohl kein einfacher Ritterhelm, mit dem Ihr Eure Biſchofsmuͤtze vertauſchen wollt. Verſtehe ich Euch recht, wollt Ihr ihn in einen goldnen Reif faſſen. Bedenkt aber, daß dies eine hochver⸗ meſſene That iſt; ohne Friede mit dem heiligen Vater trifft der Bannſtrahl die Krone wie die Inful.“ 4 „Laßt das meine Sache ſeyn, Herr Bruder!“ unterbrach ihn der Erzbiſchof ſtolz und zuver⸗ ſichtlich.„Habt Ihr meine Anſicht erwogen, Graf Heinrich! ſo bedenkt Euch nicht lange; die Augenblicke ſind koſtbar.“ „Ich folge Euch, tapferer Herr!“ ſagte Graf Heinrich entſchloſſen.„Ihr ſeyd geboren, Krone und Scepter zu tragen.“ Kaum war dieſer Entſchluß genommen, als er auch ausgefuͤhrt wurde, und in einer Stunde hatten die ſchwerinſchen Grafen mit 263 Familie und Kleinoden das Schloß verlaſſen, und zogen mit ihren Freunden und Verbuͤndeten nach Banbeiie König Waldemar hatte indeſſen den Kaiſer Otto gaſtfreundlich auf Ribehuus aufgenommen, und ein großes Siegesfeſt gegeben. Das Volk fuͤhlte ſich ſtolz, beinahe ſchwindlich bei dem Kriegsgluͤck und den Siegen ſeines Königs. Die Skalden beſangen ihn, und ſtolzierten mit der Flucht und der Niederlage des Kaiſers Philipp. Selbſt der friedliebende, ſanfte Thorgeir Dana⸗ ſkald ſchien von dem Gluͤck des Königs berauſcht, und ſchenkte dem Volk einen Siegsgeſang. Ob⸗ gleich diejenigen, uͤber deren Niederlage triumphirt wurde, die Feinde des Kaiſers Otto waren, geſiel es dem Sohne Heinrichs des Löwen doch nicht, die deutſche Mannhaftigkeit und Tuͤchtigkeit in Daͤnemark geringgeſchaͤtzt zu hoͤren. Er hatte nicht das heldenmuͤthige Anſehen ſeines Vaters, und war unanſehlich von Wuchs; ſeine unſchluͤſ⸗ ſigen etwas froͤmmelnden Zuͤge ſchienen beſſer fuͤr. einen Pfaffen als fuͤr einen Kaiſer zu paſſen, 264 und wo er ſich auch an der Seite des kraͤftigen Waldemar zeigte, vermochte ſein ganzer kaiſerlicher Pomp das, was ihm an Wuͤrde, Eindruck auf das Volk zu machen abging, nicht zu erſetzen. Ob⸗ gleich Waldemar dem kaiſerlichen Gaſt die Ehre und aͤußere Huldigung bezeugte, auf die er An⸗ ſpruch machen konnte, war der Koͤnig doch zu ehrlich und offen, um ſein Mißtrauen in ihn ganz zu verhehlen; und der Kaiſer verließ ihn und Daͤnemark mit tiefem und heimlichem Un⸗ muth im Herzen, und mit dem Entſchluß, nicht laͤnger als noͤthig Friede und Buͤndniß mit dem ſiegesſtolzen Waldemar zu halten. Nach der Abreiſe des Kaiſers war der Aus⸗ druck in des Königs Zuͤgen erſt voͤllig ruhig und zu⸗ frieden. Er ſchien nun auch jeden geheimen Kum⸗ mer verſchmerzt, und die wunderſchoͤne Beengierd vergeſſen zu haben; wenigſtens war ſeine Freude offen und wahr, als die liebenswuͤrdige Königin ihm bald nach ſeiner Ruͤckkehr ihre und des Lan⸗ des freudige Hoffnung auf einen Thronerben mit⸗ theilte. Da erfuhr der Koͤnig hoͤchſt unerwartet, daß der in Bann geſetzte Biſchof Waldemar den 265 3ten Auguſt Hamburg mit Sturm genommen, und die uͤberliſtete Stadt auf das unbarmherzigſte gepluͤndert haͤtte. Zu derſelben Zeit lief die Nachricht ein, daß die Grafen Albert und Otto das Schloß zu Schwerin nach geringem Wider⸗ ſtand beſetzt haͤtten, waͤhrend Graf Heinrich mit ſeinen Freunden ſich in Bamberg, wo große Aus⸗ ruͤſtungen gemacht wurden, aufhielt. Aus Schwe⸗ den wurde berichtet, daß die Waffenmacht des Prinzen Erichs groß und uͤberlegen ſey, dennoch waren Biſchof Peder und ſeine Bruͤder darauf bedacht, eine Hauptſchlacht zu wagen. „Wenn nur die heftige Voreiligkeit des tapfern Biſchofs nicht ihm ſelbſt und ſeinen kuͤhnen Bruͤ⸗ dern Ungluͤck bringt,“ ſagte der Koͤnig, in dem Gemach der Koͤnggin heftig auf und niedergehend; er ertheilte viele Befehle und ließ ſeinen Harniſch bringen. Die Königin ſaß indeſſen ſtumm und ſtill an ihrem Naͤhtiſche, und ſah den erregten Gemahl mit einem wehmuͤthigen Blick an. „Es ſey, ich ziehe gen Hamburg!“ ſprach— der König laut und entſchloſſen, nachdem er lange ſchweigend und ſinnend, mit der Hand vor der Stirn, geſtanden.„Allein ſo wahr ich der Sohn 266 des großen Waldemars bin, um nichts lege ich nicht den Harniſch an. Ich trenne mich wieder von Dir, meine fromme Dagmor! und Du ſiehſt mich nur als Sieger wieder. Es gilt Land und Reich!“ „Ach! mein herzliebſter Koͤnig und Herr!“ ſeufzte Dagmor, waͤhrend Waldemar die Nuͤſtung anlegte,„wird denn nie die Zeit kommen, wo Ihr im Frieden fuͤr Land und Reich ſorgen duͤrft? Und ſoll ich Euch nur immer als ein herrliches, freudenbringendes Traumbild ſehen, das kommt und ſchwindet, aber nie bei mir in Freude und Frieden des Herrn wohnen mag?“ „Wenn ich alt und grau werde,“ entgeg⸗ nete der eiſengekleidete Koͤnig, und ſtuͤtzte die Hand auf das große Schlachtſchwert,„da be⸗ komme ich und Daͤnemark wohl einmal Frieden, hoffe ich; da habe ich freilich ein großes Werk des Friedens auszurichten, an das ich noch nicht denken darf: das Wohl des Landes durch Ge⸗ ſetze zu foͤrdern! allein fuͤr die Ehre und Sicher⸗ heit der Krone muß zuerſt geſorgt werden.— Gott mit dir, du frommes Bild des Friedens! in deiner freundlichen Naͤhe darf ich nicht ver⸗ 267 weilen. Geboren ward Wolmar zum Sieg und Gluͤck— doch kehrt es ſich oft in Mißgeſchick— hat mir ein alter Wahrſager zugefluͤſtert. Sie⸗ he! darum will ich die Fluͤgel des Gluͤckes erha⸗ ſchen, waͤhrend ſie noch um mein Haupt ſchwir⸗ ren. Gott mit Dir, meine Dagmor, lebe wohl!“ Mit dieſen Worten verließ Waldemar die fromme Köͤnigin und Ribehuus. Dagmor ſaß wieder verlaſſen in dem öden Schloſſe; doch bald ließ er von ſich hoͤren. Eines Tages ſaß die Koͤnigin im Frauen⸗ zwinger und naͤhete in froher Hoffnung an klei⸗ nen Muͤtzen und an dem Taufkleide; zu ihrer Rechten dachte Graͤfin Ida traurig an n un⸗ gluͤcklichen Streit ihrer Bruͤder mit dem Koͤnig, waͤhrend die Naͤhnadel ihr oft aus der Hand ſiel. Jungfrau Kirſtine von Riſe fuͤhrte heiter die goldene Spule an dem kleinen Weberſtuhle, und ſang ganz leiſe das Siegeslied Thorgeir's Danaſkald, das zwar zum Ruhme des Koͤnigs gedichtet, in welchem aber auch die Grafen Otto und Albert, als die beſten und tapferſten Ritter, genannt waren. Auf einem Schemel, zu den 268 Fuͤßen der Koͤnigin, ſaß Nigmar und lauſchte dem Geſange. „Sind es denn nur Koͤnige und Ritter, die Ehre und Ruhm verdienen?“ fragte ſie. „Können die Schildknappen iigt auch tapfer ſeyn?“. „Ach! Ja wohl!“ meinte Kirſtine,— „allein ſo werden ſie auch Ritter, und, zeichnen ſie ſich durch eine tuͤchtige und mannhafte That aus, auch einmal beſungen werden.— Jetzt wird es genug zum Beſingen geben, wenn der Biſchof Peder und ſeine mannhaften Bruͤder mit Sieg aus Schweden zuruͤckkehren.“ 3 „ Noͤgeſt Du es zu einer guten Stunde ſagen, liebe Kirſtine,“ ſagte die Köͤnigin.— „Es gilt manchem theuern Leben; auch viele von meinen lieben Landsleuten find hingezogen. Gott mag wiſſen, ob ſie zuruͤckkommen.“ „Aber was thun ſie denn in Schweden?“ fragte Nigmar ungeduldig.„Es iſt ja nur mit den Deutſchen da draußen, wo Vater, und Ritter Otto und Carl von Riſe ſind, daß wir Krieg haben.“ 269 „Der Koͤnig will nicht bloß ſich ſelbſt und ſein Reich, ſondern auch ſeine Freunde beſchuͤz⸗ zen;“ entgegnete Dagmor.„Erinnerſt Du Dich nicht des fremden Koͤnigs, der hier ge⸗ weſen, und der ſo gut und ſo blaß ausſah; ihn meine ich, der bei Tiſche neben dem Kai⸗ ſer ſaß. Das war Koͤnig Swerker von Schwe⸗ den; er iſt aus ſeinem Reiche verjagt und erſuchte den Koͤnig um Huͤlfe; in der Noth ſoll man Freunde erkennen; daher verlieh ihm der Koͤnig einen Theil ſeiner beſten Ritter, ſo auch mein Vater in Boͤhmen.— Ach! Sie haben es gut gemeint; doch das Gluͤck und der Sieg iſt in der Hand des Herrn.“⸗ Die Koͤnigin wurde von Herrn Ib Urne un⸗ terbrochen, der Nachricht vom Köͤnige brachte: „, Euer koͤniglicher Gemahl, theure Königin,” begann er,„iſt, Gott ſey gelobt, geſund und wohl. Er hat in ſeinem gerechten Zorne eine Bruͤcke uͤber die Elbe geſchlagen, und einen man⸗ haften Einfall in das Braunſchweigiſche gethan, vermuthlich um den von dem Banne getroffenen Bremer Erzbiſchof aus Hamburg zu locken; aber das verſtockte Weltkind geht nicht in die 270 Falle. Er bleibt in ſeinem feſten Otternneſt, und verſchanzt ſich, als wolle er von dort aus Daͤnemark bedrohen, und dem Koͤnige und dem heiligen Vater bis zu ewigen Zeiten trotzen. Als Gegengewicht und Wehr gegen dieſen Belials⸗ Biſchof legt nun der Koͤnig eine ſtarke Veſte an der Elbe an, Hamburg gerade gegenuͤber. Graf Albert hat Befehl erhalten, ſein Heer zu des Koͤnigs Heer ſtoßen zu laſſen; denn man kam jetzt alle Tage die kaiſerlichen Philiſter mit großer Heeresmacht aus Bamberg erwarten.“ „Gott ſchuͤtze den Koͤnig und die gerechte Sache!“ ſagte Dagmor;„giebts keine Nachricht aus Schweden?“ „ Cs wird von einer großen Schlacht bei Lehne geſprochen, hohe Koͤnigin! allein die Ge⸗ ruͤchte von dem Erfolge ſind hoͤchſt verſchieden und nicht alle wie Duft vom Libanon.“ „Das iſt kein gutes Zeichen,“ ſeufzte Dagmor;„verſchaffet mir ſo bald wie moͤglich Gewißheit, lieber Hofmeiſter! ich fuͤrchte, daß ich unſere getreuen Boͤhmen nicht wiederſehe.— Ach! ich bin doch wider Willen Schuld an vie⸗ lem Ungluͤcke hier; meinetwegen ſind doch die 271 braven Landsleute nach Norden gezogen; und der undankbare Biſchof Waldemar, der mir das heilige Geluͤbde gab, ſich nicht raͤchen zu wol⸗ len. Haͤtte ich nicht ſo großes Mitleid mit ihm gehabt, und fuͤr ihn ſo herzlich gebe⸗ ten, waͤre er gewiß noch im Gefaͤngniß auf Sioborg.“ 2 „Wollte der Herr uns ſo ſtreng wegen un⸗ ſerer guten Thaten richten,“ entgegnete der Hof⸗ meiſter,„wie wuͤrde es uns denn wegen unſe⸗ rer ſchlechten ergehen?“ „Ach! ſchlecht und gering bleibt doch Alles, was wir unternehmen,“ ſagte Dagmor;„doch er, der die Herzen kennt, wird ſich erbarmen!“ Dagmor hatte die Wahrheit geahnt. Bald erfuhr ſie und der Koͤnig die traurige Botſchaft von der Niederlage bei Lehne, die einen ſo gro⸗ ßen Eindruck auf das daͤniſche Volk gemacht, und von dieſem in einem noch bekannten Volks⸗ liede aufbewahrt lebt; mit alle dem hatte Koͤnig Waldemar keine Schande von ſeinen Mannen 3 denn mit Wahrheit ſang der Skalde: 272 So mannhaft ſprangen die Daͤnen bei— Blut floß vor den grimmen Streichen; Eh' blieben ſie auf der Stelle todt, Als von Herrn Swerker zu weichen. Gen Einen waren Schweden zwei und drei, Drum ward in der Schlacht große Noth— 9 Die Wange vieler Ritter erblich, So mancher Hofmann blieb todt.* Viele brave daͤniſche Ritter wurden nach die⸗ ſer Schlacht in Schweden begraben; unter die⸗ ſen Graf Engelbret von Gleichen. Kaum war Biſchof Peder nebſt einem ſeiner Bruͤder mit dem Leben entkommen, und mit dieſer traurigen Botſchaft zu dem Koͤnige gezogen. Von dieſer ungluͤcklichen Schlacht, aus der zwar Koͤnig Swerker, der Schwager des Biſchofs Peder, das Leben rettete, um es kurz nachher in einem neuen Treffen zu verlieren, hieß es in jenem wehmuthsvollen Trauerliede: Es waren wohl bei achttauſend Mann, Sie fuhren aus Daͤnemark mit Gluͤck,— *) Aus den daͤniſchen Kaͤmpenliedern. 273 Doch kehrten kaum fuͤnf und funfzig Mann Hernach in die Heimath zuruͤck.— Zwiſchen den Bergen und tiefen Thaͤlern, Dort heult die Eule, der Rabe kraͤht,— 4 Es weint dort ſo manche ſchoͤne Braut, Die nach ihrem eiebſten ſpaͤht.— Bang' harrend der lieben Eheherrn, 2 Die Frauen ſtehn in der Halle,— Die Pferde kamen blutig zuruͤck, Leer waren die Saͤttel alle!— Waldemar hielt mit ſeinem weißen Streit⸗ hengſte vor Hamburg und ermunterte die Holſtei⸗ niſchen Bauern, raſch an den Schanzen und Waͤllen zu arbeiten, als Biſchof Peder und ſein Bruder, von dem alten Martin begleitet, nieder⸗ geſchlagen, von Staub und Blut bedeckt, ihm dieſe Hiobspoſt uͤberbrachten. Der Koͤnig biß ſich in die Lippe und ſchwieg, um durch keinen unmuthigen Vorwurf die Be⸗ ttuͤbten, die an ihrer Seite die Bruͤder fallen geſehen, und den Wahlplatz nicht verlaſſen hat⸗ ten, ſo lange noch ein daͤniſcher oder boͤhmiſcher Streiter, der Stand hielt, zuruck war, noch tie⸗ fer zu verletzen. II. 18 274 „Es war die Strafe des gerechten Gottes uͤber mir und meinem Geſchlechte,“ ſagte der Biſchof Peder,—„denn dieſesmal ſtritten wir nicht fuͤr Koͤnig und Vaterland, ſondern fuͤr uns ſelbſt und unſere ungluͤcklichen Verwandten, und haben zumal Eure Gunſt, Herr Koͤnig, zu Eu⸗ rem und des Landes Verderben zu einer Zeit gemißbraucht, wo Ihr ſelbſt unſern Arm und Schild haͤttet brauchen koͤnnen.— Seht! dar⸗ um war der Herr uns entgngen;— im blin⸗ den Vertrauen auf die eigne eitle Kraft habe ich nicht mit ihm mich berathen; daher hat er mich auch als einen uͤberwundenen, beſchimpften Fluͤcht⸗ ling hiehergetrieben, damit ich vor Eurem Antlitz meine Schuld bekennen moͤchte. Straft mich nun nach Verſchulden, geſtrenger Herr und Ko⸗ nig! laßt mein Haupt Euren gerechten Zorn buͤßen; meine Heftigkeit und Ungeduld iſt an dem ganzen Ungluͤck Schuld.“ „Koöoͤnnte ich mehr auf Dich zuͤrnen, en braver und treuer Biſchof!“ ſagte der König bewegt, die Hand auf ſeine Schulter legend, „ſo verdiente ich kein Mitleid und Troſt, wenn auch mir ein Mal das Gluͤck und der Sieg ame — ſchluͤpfen, und den Tag kann auch ich wohl erle⸗ ben; Warnung und Vorzeichen des wechſelnden Gluͤcks ſendete der Herr mir heute durch Dich. Der Fall Deiner tapfern Bruͤder ſchmerzt mich tief,— ich hatte keine beſſern und treuern Freunde. Wurden ſie auf dem Wahlplatze be⸗ ſtattet, oder find ihre Leichen in die Haͤnde des Feindes gefallen?“ „Wir begruben ſie, Herr Koͤnig! waͤhrend noch kuͤhne Streiter uns zur Seite ſtanden. Dieſen Pfeil zog ich aus dem treuen Buſen mei⸗ nes Bruders Ebbe.“ „Gebt her!“ ſagte Waldemar,„er ſoll zu ſeinem Andenken unter den Siegesfahnen, die er mir in beſſern Tagen gebracht, aufbewahrt wer⸗ den.— „Ich habe fuͤr ihre Seelen gebetet, fuhr der Biſchof fort, und ſeine ſtarke Stimme bebtez „ich warf Erde uͤber ſie mit dem blutigen Schwerte. Gott vergoͤnne ihnen eine ſelige Ur⸗ ſtaͤnd, und laſſe Ihr Blut nicht uͤher mein ſuͤn⸗ diges Haupt kommen.“ „Getroſt, frommer Herr!““ verſetzte der Koͤ⸗ nig bewegt.„ Ihr ſeyd wie Euer heiliger Na⸗ 18* 276 mensvetter, zwar fertig das Schwert zu ziehen, aber auch, ſo wie er, eifrig zum Beten und zum Bereuen. Habt Ihr etwas verſchuldet, wird Euch Gott in Gnaden vergeben, ſo wie ich vom Herzen Euch vergebe und bedaure.— Aber die Zeit will etwas anders, als Klagen; verlo⸗ ren iſt verloren, und die Todten kehren nicht zuruͤck.“. Erzbiſchof Andreas, der von Riga zuruͤckge⸗ kommen war, und ſich im Lager bei dem Koͤnig aufhielt, erfuhr nun ſtill und gottergeben die Nachricht von dem Tode ſeiner Bruͤder, die er in derſelben Schlacht verloren hatte. Er war jeden Tag mit Biſchof Peder und dem Grafen Albert im Kriegsrath des Köͤnigs, und nahm eifrig Antheil an den Zuruͤſtungen zum Kriege. Eines Tages traten die beiden Erſteren in das Zelt des Koͤnigs, und Waldemar konnte den Beiden anſehen, daß ſie ihm eine gute Bot⸗ ſchaft zu uͤberbringen hatten. „Es muß ſich etwas Außerordentliches und Unglaubliches fuͤr den Feind ereignet haben, Herr Köͤnig!“ ſagte der Erzbiſchof.„Es herrſcht große Unordnung und Verwirrung in Ham⸗ 277 burg; unſre Vorpoſten haben die Mannſchaft die Waffen wegwerfen und die Schanzen ver⸗ laſſen geſehen. Ein faſt unglaubliches Geruͤcht erzaͤhlt: daß der Kaiſer Philipp todt und der Bi⸗ ſchof Waldemar ploͤtzlich aus Hamburg ver⸗ ſchwunden ſey.“ „ Unmoͤglich!“ entgegnete der König;„doch gleichviel, ob das Geruͤcht wahr oder falſch ſey! wir wollen Vortheil aus der Verwirrung ziehn. Laßt ſogleich zum Sturme gegen die Stadt blaſen. Das Horn klang im Lager. Es entſtand ein verworrenes Geraͤuſch von Pferden, Strei⸗ tern und den ſchweren Sturmgeraͤthen. Der Konig und Herzog Albert ſchwangen ſich auf ihre Pferde. Biſchof Peder eilte ſchon mit ge⸗ zuͤcktem Schwerte durch die geordneten Krieger⸗ reihen, und ermunterte ſie mit kraͤftigen Wor⸗ ken, und bald ruͤckte das ganze Heer in guter Ordnung gegen Hamburg. Mitten in der feindlichen Stadt wanderten indeſſen Graf Otto und Carl von Riſe, mit den kurzen Schwertern unter ihren kaufmaͤnniſchen Maͤnteln, unter einem großen Haufen Hambur⸗ 278 ger Buͤrger, Schiffer und Laſttraͤger, die ſchaa⸗ renweiſe nach dem Rathhauſe ſtroͤmten. „Er iſt fort,“ ſagte ein ſchwerfaͤlliger Buͤr⸗ ger;„er hat das Haſenpanier ergriffen und unse Alle im Stiche gelaſſen; das habe ich wohl ge⸗ dacht! ſo ein mit dem Bann belegter verjagter Biſchof konnte uns nur Ungluͤck und Verderben bringen.“ „Ihr könnt glauben, der boͤſe Feind hat ihn bei lebendigem Leibe geholt,“ murrte ein Schiffer,„und das hat er ehrlich verſchuldet, ſo wie er mit uns verfahren iſt; haben wir nicht wie Pferde an den verfluchten Schan⸗ zen fuͤr ihn arbeiten muͤſſen, daß uns das Blut zu den Naͤgeln herausſprang.“ „Aber er iſt doch ein pfiffiger Teufelskerl!“ meinte ein Laſttraͤger, mit einem verwegenen Naͤubergeſicht;„an den Pabſt kehrt er ſich nicht, und gerade vor der Naſe des Koͤnigs von Daͤnemark wagte er, Thuͤrme aufzubauen.“ „Er fußte wohl darauf, daß er den neu⸗ gebackenen Kaiſer im Nuͤcken hatte,“— ſagte der Schiffer,—„allein nun hat ja der Teu⸗ fel auch den guten Freund geholt. Er hat 279 wohl das Maul zu weit aufgeſperrt, als er ganz Deutſchland zu verſchlucken dachte.“ „Er hat Nordalbingen in den unrechten Schlund bekommen, Bruderherz!“ ſagte ein vollwangiger, ſtaͤmmiger Bootsmann, deſſen Zunge verrieth, daß er jenſeits der Elbe ge⸗ boren war,—„oder vielleicht iſt er an dem Bauchgrimmen geſtorben, das ihn befiel, als ihn Koͤnig Waldemar uͤber die Elbe zuruͤck⸗ peitſchte.“ „Nein! Kaiſer Philipp hat einen vergifte⸗ ten Dolch zwiſchen die Ribben gekriegt;“ ſagte der Buͤrger;„man will ſagen, es war ein Gruß von ſeinem guten Freunde, dem kleinen, gottesfuͤrchtigen Kaiſer Otto.“ „Oder vielmehr von dem großnaſigten Koͤ⸗ nig von Daͤnemark,“ ſagte ein großer handfe⸗ ſter Ladendiener,„er miſcht ſich ja in Alles, und hat uns Pfeffer und Salz hier in der Stadt genug vertheuert.“ Jetzt verlor Graf Otto die Geduld, und ohne ſeine gefaͤhrliche Lage zu bedenken, gab er dem erſtaunten Ladendiener eine ſo derbe 280 Maulſchelle mit der linken Hand, daß er tau⸗ melte. „Glaubt Ihr, daß der Koͤnig von Daͤne⸗ mark durch Meuchelmord ſich ſeine Feinde vom Halſe ſchaffet?“ rief Otto erbittert und ſchwang mit der Rechten das Schwert zu ſeiner Ver⸗ theidigungz denn mit einem großen Geſchrei ſtuͤrzte die ganze Schaar von Buͤrgern und Laſt⸗ traͤgern auf ihn los.„Ein daͤniſcher Kundſchaf⸗ ter! ein daͤniſcher Kundſchafter!“ riefen ſie; „ſchlagt ihn todt; haut ihn nieder!“ Carl von Riſe ſah mit Entſetzen die große Gefahr, in die Ritter Otto ſich ſelbſt geſtuͤrzt hatte. Carl haͤtte ſehr leicht unbemerkt ent⸗ ſchluͤpfen können, er machte auch eine unwill⸗ kuͤhrliche Bewegung zur Flucht; doch tief vor Schaam erroͤthend, ſprang er dicht an Otto's Seite, und deckte ihm den Nuͤcken, ſo gut als er es vermochte, mit ſeinem Schildknappen⸗ Schwerte. „Es find ihrer zwei! Es ſind mehrere,— nieder mit den Hunden! werft ihnen einen Strick um den Hals!“ rief die aufgebrachte Menge, und begann, ihnen Steine und Koth 281 an den Kopf zu werfen.— Doch jener kleine, ſtaͤmmige Bootsmann, mit mehreren handfeſten Gefaͤhrten, draͤngte ſich hinzu, um ſie zu ver⸗ theidigen, und waͤhrend dieſes Streites wurde ploͤtzlich großer Laͤrm und Geſchrei durch alle Straßen gehoͤrt.„Die Daͤnen ſtuͤrmen! Der Feind iſt vor den Thoren,“ erſcholl es, und faſt in demſelben Augenblick war der große Volkshaufen zerſtreut. Der Ladendiener und der Bootsmann, die ſich ſchon bei den Haaren hatten, wurden von dem wogenden Volksſtrome mit fortgeriſſen, und es herrſchte ein ſolches Ge⸗ tuͤmmel und Verwirrung, daß Niemand mehr Achtung auf Otto und Carl gab, welche die Schwerter kluͤglich unter die Maͤntel verbargen und auf die naͤchſte Schanze eilten. Dort ſa⸗ hen ſie das Heer gegen die Stadt anruͤcken, doch ſchien es nicht, daß man hier auf Verthei⸗ digung bedacht war. Ueberall lagen hingewor⸗ fene Waffen, und große Haufen von Fluͤchtlin⸗ gen zogen mit Laͤrm und Geſchrei durch die Straßen. Endlich legte ſich in etwas das ver⸗ worrene Getuͤmmel, und eine ſtattliche Schaar von ſchwarzgekleideten Herren zog von dem Rath⸗ 232 1 hauſe ab durch die Straßen. Es waren die Buͤrgermeiſter und der Rath, die nach der Ent⸗ weichung des Tyrannen einig geworden waren, die Stadt dem daͤniſchen Koͤnig zu uͤbergeben; daher zogen ſie ihm nun entgegen, um ihm die Schluͤſſel der Stadt zu uͤberreichen und ſich ſeine königliche Gunſt und ſeinen Schutz zu erbitten. Riitter Otto und Carl miſchten ſich unter die Volksmenge, die dieſem Aufzug folgte. Da ihnen aber gleich bei dem offenen Stadtthor der Koͤnig begegnete, brachten ſie ihm nichts neues; denn er wußte ſchon Alles, und erhielt nun von der hamburgiſchen Obrigkeit die Beſtaͤtigung, daß Kaiſer Philipp wirklich in Bamberg von dem Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach ermordet, und dadurch das ganze kaiſerliche Heer wie durch einen Blitzſchlag zerſtreut worden war, und alle deutſche Fuͤrſten ſich nach ihren Laͤndern zuruͤck begeben hatten. Von dem Biſchof Waldemar wollte das Geruͤcht wiſſen, daß er ſich auf dem Wege nach Nom befand, um ſich dem Pabſt voͤllig zu unter⸗ werfen. Der Koͤnig ließ nun bloß eine Beſatzung in Hamburg mit dem ſtrengen Befehl hineinlegen, ‿ 283 es wie eine friedliche Stadt zu behandeln. Darauf entließ er die hamburgiſche Obrigkeit mit Milde und zog nach dem Lager zuruͤck. Hier berieth er ſich ſogleich ins Geheim mit dem Grafen Albert und dem Erzbiſchof; denn wichtige Botſchaften waren von Rom, und eine große Geſandtſchaft von Schweden eingetroffen. Große und gewaltige Entwuͤrfe fuͤllten die Seele des Koͤnigs. „Das Gluͤck iſt doch nicht von mir ge⸗ wichen,“ ſagte er.„Nie ſcheint es mir guͤnſti⸗ ger geweſen zu ſeyn. Es iſt als haͤtte eine unſichtbare, gewaltige Hand meine Feinde ge⸗ ſchlagen und ihre Anſchlaͤge zu nichte gemacht. Wo ich auch vorruͤcke, oͤfnen ſich mir die Thore, und die Feinde entfliehn, bevor ich ſie mit dem Schwerte erreichen kann. Ich habe jetzt ein ſo gewaltiges Heer um mich verſammelt, das ſtark genug iſt, um ein Koͤnigreich zu erobern. Mein erſter Gedanke war Schweden; dort hat meine Ehre einen Verluſt erlitten; dort hat mir das Gluͤck zum Erſtenmal den Ruͤcken gekehrt, und mancher daͤniſche und boͤhmiſche Ritter liegt unge⸗ raͤcht in dem Sande bei Lehne. Aber ſeht Ihr, gute Herren! was mir König Erich ſchreibt. 284 Das Volk hat ihn zum Koͤnig gewaͤhlt und er hofft, daß ich den Willen des Volks und ſein Recht dazu anerkennen werde. Er bittet mich, die letzte ungluͤckliche Schlacht, die den Daͤnen eben ſo große Ehre als Verluſt gebracht hat, großmuͤthig zu vergeſſen. Er bietet mir Friede und Freundſchaft an, und verlangt meine Schwe⸗ ſter Regitze zur Koͤnigin.“ „Will Eure edle Schweſter dieſen ehrenvollen Antrag annehmen,“ nahm Graf Albert das Wort, „muß ich ihn als das großte Gluͤck fuͤr Daͤne⸗ mark und fuͤr Euch anſehen. Ihr koͤnnt dann, mein koͤniglicher Ohm, mit Sicherheit Eure Waf⸗ fen hinwenden, wohin Ihr wollt, ohne einen maͤchtigen und gefaͤhrlichen Feind im Nuͤcken zu haben.“ „So ſcheint es vor Menſchen Augen, Herr König! ſiel der Erzbiſchof ein.„Wenn es Gottes Wille iſt, ſolchergeſtalt den Frieden im Norden zu begruͤnden, kann das Chriſtenthum fich von Eu⸗ ren frommen Geſinnungen und Euren ſiegreichen Waffen große Dinge verſprechen.“ „Von meiner klugen Schweſter befuͤrchte ich keine Einwendungen,“ verſetzte Waldemar,— „ſie iſt uͤber das Alter hinaus, in welchem Leidenſchaft die Wahl beſtimmt. In dieſer Ruͤckſicht iſt ſie mir durchaus nicht aͤhnlich.— Koͤnig Erich iſt ein tapferer und achtungswerther Herr.— Ich mag ihn aber nicht; allein es waͤre ungerecht von mir, laͤugnen zu wollen, was er uns anzuerkennen gezwungen hat.— Die Liebe meiner Schweſter zu Daͤnemark und zu mir wird jede Bedenklichkeit beſeitigen.“ Der Koͤnig ſetzte ſich nun an ſeinen Zelttiſch und ergriff Feder und Pergament. Er brauchte kei⸗ nen Schreiber zu ſeinen vertraulichen und gehei⸗ men Briefen. Er war ſogar vieler gelehrten Dinge ungemein kundig, und hatte ſelbſt eine neue, bequemere Weiſe, durch Huͤlfe von Punk⸗ ten Runen zu ſchreiben, erfunden. Er ſchrieb wenige gewichtige Worte an ſeine Schweſter, legte den Werbebrief des ſchwediſchen Koͤnigs bei und ließ Junkherr Strange ſchnell rufen. Ihm wurde aufgetragen, dieſes wichtige Send⸗ ſchreiben nach Ribe zu uͤberbringen, und von dort aus mit der Antwort der Prinzeſſin nach Schwe⸗ den zu gehen, und auf gehörige Weiſe dieſes wichtige Anliegen zu Ende zu bringen. „ Und jetzt, Ihr guten Herren,“— ver⸗ ſetzte der Koͤnig, als er Junkherr Strange ent⸗ laſſen hatte,—„jetzt hoͤrt! was der heilige Vater mir ſchreibt, das uͤbertrifft meine Erwar⸗ tung weit; und Euch beſonders habe ich es zu verdanken, mein treuer, thaͤtiger Andreas! Der kluge und kraftvolle Innocenz will meine Unter⸗ nehmungen gegen die Unglaͤubigen in Preußen und Liefland aus allen Kraͤften unterſtuͤtzen; er nennt mich ſeinen liebſten Sohn, und hat Sendſchreiben an alle chriſtliche Fuͤrſten rings um Daͤnemark ausgefertigt, in welchen er, un⸗ ter der Drohung des Bannes, ihnen verbietet: Daͤnemark anzufallen oder zu beunruhigen, meine chriſtlichen Unternehmungen zu hindern, oder mei⸗ nen Rechten, ſo wie denen meiner Erben, zu nahe zu treten.“ „Ihr ſeyd der Ginfting des Gluͤcks, Herr Konig!“ ſagte Graf Albert erſtaunt.„Ihr verſteht die ſchwere Kunſt, ſowohl mit himmli⸗ ſchen als mit irdiſchen Waffen zu kaͤmpfen.“ „Die Kirche hat Euch zu ihrem Rit⸗ ter und Waffentraͤger ernannt, Herr Koͤnig!“ —— — ſagte der Erzbiſchof,„und die Hand des All. 287 maͤchtigen iſt augenſcheinlich mit Euch. Ein ſo großer, wichtiger Augenblick kommt ſelten mehr als ein Mal.— Laßt keine weltliche Nuͤckſicht auf groͤßern Ruhm und Gewalt Euch irre fuͤh⸗ ren. Gebt die großen Rieſenplaͤne auf Groß⸗ brittanien auf. Knud der Große, hochlöblichen Andenkens,— der maͤchtige Knud 7 Herr Koͤ⸗ nig, deſſen Erbe Ihr gern werden moͤchtet, ſtellte ſeine Krone auf Gottes heiligen Altar hin, als Schmeichelei und Citelkeit ihn verſuchen wollte, ſeinen Ruhm uͤber den des Allmaͤchtigen zu ſtellen.“ 1 „Ein Kreuzzug alſo zuerſt, und ein Kreuz⸗ zug zuletzt, das iſt jetzt wie zuvor Euer Rath und Meinung, hochwuͤrdiger Herr!“ ſagte Wal⸗ demar mit gedaͤmpfter Stimme„ und ſchien ei⸗ nen großen, verſuchenden Gedanken zu bekaͤm⸗ pfen;—„denn daß ich das Heer in die Hei⸗ math ziehen ließe, und ſelbſt nach Ribehuus zur Ruhe mich begaͤbe, hieße doch wohl nicht den Zweck dieſes großen Augenblicks erfuͤllen.— Wohlan denn!— fuhr er entſchloſſen nach ei⸗ 4 nigen Augenblicken ſchweigenden Sinnens fort,— „„ morgen ziehen wir mit dem Heere gen Preu⸗ 288 ßen; ich werde meinen chriſtlichen Feinden zei⸗ gen, daß ich wach bin, und ſie der Heiden wegen zu vergeſſen wage. Ich will nicht Ribe⸗ huus ſehen, bevor das Trauerlied auf die Schlacht bei Lehne von meinen Siegsgeſaͤngen uͤbertaͤubt werden kann.— Thorgeir Danaſkald und der kecke Irlaͤnder ſollen uns begleiten; die Eitelkeit, mein frommer Seelſorger, muͤßt Ihr mir zu gute halten, daß, waͤhrend ich den Sieg der Kirche und die Ehre des Kreuzes un⸗ ter den Unglaͤubigen foͤrdere, ich auch fuͤr mei⸗ nen ritterlichen und koͤniglichen Ruhm, und das Andenken meines Namens bei der unglaͤubigen Nachwelt, geſorgt haben will.“ Der fromme Erzbiſchof zuckte die Achſel und ſchwieg. Graf Albert aber erhob mit Stolz ſein ſchwermuͤthiges Antlitz, und betrachtete den kuͤhnen, ehrliebenden König mit Wohlbehagen. „Bei Sankt Michael!“ ſagte er begeiſtert, „ein loͤblicher und preiswuͤrdiger Nachruhm iſt das einzige Gluͤck auf Erden, das weder ſtirbt noch voruͤberzieht, und des Strebens eines jeg⸗ lichen Ritters wuͤrdig iſt. Waͤre der Nachruhm auch Eitelkeit und Tand, wollte ich nicht die —n-9nn·— 289 ſtählernen Handſchuhe anziehen, um ein Koͤnig⸗ reich zu gewinnen.“ „Jawohl, hohe Herren!“ entgegnete der Erzbiſchof;„wo einmal das Evangelium durch Euer ritterliches Bemuͤhen im Frieden verkuͤndigt werden wird, dort wird man ſicher Eurer Tha⸗ ten gedenken!“ Mit dieſen Worten heftete er ein rothſeide⸗ nes Kreuz auf die Schulter des Koͤnigs und des Grafen Albert. So war der neue, wichtige Kreuzzug ent⸗ ſchieden; und den Tag nachher trug das ganze Heer ſolche Kreuze, und zog mit wehenden Fah⸗ nen und klingendem Spiele nach den fernen heidniſchen Landen. 4 Waͤhrend der Koͤnig und Graf Albert gluͤck⸗ lich in Preußen und Polen fochten, und große Eroberungen von der Weichſel, die Kuͤſte ent⸗ lang, bis nach Samland machten, nahete die Zeit, da die Koͤnigin Dagmor Mutter werden ſollte. Sie freuete ſich oft innig und kindlich II. 19 290 darauf, doch zuweilen wurde ihr beklommen und aͤngſtlich zu Muthe.— Daher machte ſie ſich gemeinlich Bewegung in der freien Luft, und von Kirſtine von Riſe begleitet, ging ſie taͤglich in den Schloßgarten hinunter, und ſaß oft halbe Tage auf ihrer Lieblingsſtelle zwiſchen den Erlen⸗ gebuͤſchen am Strome, wo ſie den niedrigen, feuchten Erdboden erhoͤhen und eine kleine Laube an dem ſchilfgruͤnen Uferſtrome hatte aufbluͤhen laſſen. Ein kleiner, ſtattlicher Kahn mit Pur⸗ purkiſſen und vergoldeten Rudern, welchen der Koͤnig zum Vergnuͤgen der Königin hatte bauen laſſen, lag immer an dieſer Stelle. Oft, wenn Dagmor ſich dort ganz allein mit Jungfrau Kir⸗ ſtine befand, gewaͤhrte es ihr eine kindliche Freude, ſich in den feſtgebundenen Kahn zu ſetzen und ſich zwiſchen dem hohen Schilfe und Rohre zu ſchaukeln, waͤhrend Jungfrau Kirſtine viele wunderbare Sagen, an welchen die alten daͤniſchen Volkslieder ſo reich ſind, ihr vorſingen mußte; wenn die Königin dieſe Lieder hoͤrte, war es ihr, als waͤre ſie in ein bezaubertes Land gekommen, wo die ganze Natur gleichſam lebendig und be⸗ ſeelt war, und wo die Engel aus den ſchönen 291 Traͤumen ihrer Kindheit ſich mit dem erwachſenen Kinde in der goldenen Wiege zu den einfachen ruͤhrenden Toͤnen ſchaukelten. Eines Abends, beim Untergang der Sonne, ſaß die Koͤnigin, ſo ſich wiegend und ſchaukelnd, in dem Kahne, Jungfrau Kirſtine ſaß ihr gerade gegenuͤber auf der Bank und ſang: „Der Bauer aus dem Wellenwald Durchs Fenſter die Zauberer ſah. Nun helf' mir Jeſus, Maria Sohn! Die Zauberer ſtreben mir nah'. In jedem Winkel er machte ein Kreuz, So ſegnet' er ganz die Huͤtte, Entſetzten ſich ein'ge Zaub'rer dabei, Sie fluͤchteten ſich in die Waͤlder. Welche nach Oſten, welche nach Weſten, Welche flohen Nord nach— Welche flohen in die tiefen Thaͤler, Ich glaube ſie ſind noch da——*) „Was fehlt Euch? theure Koͤnigin!“ unter⸗ brach Kirſtine plötzlich den Geſang;„Ihr wer⸗ *) Aus den Kaͤmpenliedern. 19* 292 det ſo blaß, und was ſtarrt Ihr ſo ſonder⸗ bar an?“ „Ach! mir traͤumte ſo ſuͤß, und ich dachte an Vater und Mutter und die Spiele meiner Kind⸗ heit,“ entgegnete Dagmor,—„allein da haſt Du von den boͤſen Zauberern geſungen, und es war mir, als ſteckten ſie die Koͤpfe aus allen Gebuͤſchen hervor und droheten mir.“ „Behuͤte!“ fluͤſterte Kirſtine, ein Kreuz machend, und ſah ſich halb aͤngſtlich um,„aber Ihr glaubt doch gewiß nicht, edle Königin, daß es jetzt noch ſolch Zauberpack in der Welt giebt. Es war ja nur in alter, uralter Zeit, noch bevor Kirchen und Prieſter und ein rech⸗ ter, chriſtlicher Glaube hier im Lande waren.“ „Du haſt doch ſelbſt geſungen, daß der Bauer das heilige Kreuz vor den Zauberern machte?“ verſetzte Dagmor,„ich glaube zwar nicht geradezu Alles, was in ſolchen Liedern ſteht, aber es giebt doch gewiß eben ſowohl boͤſe wie gute Geiſter; daran kann keine chriſt⸗ liche Seele zweifeln; und keine iſt ſo gut und unſchuldig, daß wir ja jeden Abend zu dem lie⸗ ben Gott flehen muͤſſen: befreie uns von allem 293 Uebel. Sage mir, liebe Kirſtine! ſiehſt Du auch gleichſam wie ein bleiches, weibliches Ant⸗ litz dort zwiſchen dem Rohre?— Jetzt ſcheint mir ſogar als bewege es ſich— ſiehſt Du nicht die feuchten Locken mit der Schilfkrone?“ „Ach! Ja! theure Koͤnigin! ich ſehe etwas Aehnliches. Befehlt Ihr nicht, daß wir nach dem Schloſſe zuruͤckkehren? Es faͤngt ſchon an dunkel zu werden, und die Abendluft—“ „Sage nur geradezu, daß Du bange biſt, Kir⸗ ſtine!“ ſagte Dagmor.„Nun bin ich es nicht laͤnger; wir ſind ja alle in Gottes Hand. Das blaſſe Weib ſchien uns auch gar nicht boͤſe; ſie ſieht mich ſo leidend und ſchwermuͤthig an, vielleicht iſt es eine Ungluͤckliche, die ſich dort verſteckt hat, um mir hier insgeheim ihre Noth klagen zu koͤnnen. Vielleicht kann ich ihr helfen. Sieh! jetzt kommt ſie naͤher!“ „Ach! Es wird gewiß eine arme Wahnſinnige ſeyn!“ verſetzte Kirſtine mit einer Miſchung von Furcht und Mitleid.„Sieh, wie ſonderbar ſie das Geſicht verzieht und gen Himmel deutet— und hoͤrt, ſie ſingt.“— Mit leiſe wogender Furcht und nengieriger * 294 Aufmerkſamkeit vernahmen die Koͤnigin und die Jungfrau Kirſtine nun deutlich eine klare, bebende Stimme, welche, waͤhrend die Saͤngerin ſelbſt ſich ganz vor ihnen verbarg, abgebrochen und traurig folgende Zeilen ſang: „Dagmor, Dagmor, Du Königin groß— Die Sterne befragt' ich um Dein Loos ¹ Gebaͤrſt einen Sohn, hell von Geſtalt; Die Mutter war warm, der Vater war kalt. Gebaͤrſt einen Sohn mit goldenem Haar, Ein kurzes Gluͤck nur ſag' ich ihm wahr.— Er ſpielt mit der Krone vom Golde roth, Bis'ne ſtaͤhlerne Kralle wird ſein Tod. Doch wenn die Schrift dort mir klar erſchien, Dein junges Leben Du laͤßt fuͤr ihn, Fern, fern, weit von Vater und Mutter. „Ach! hoͤrſt Du Kirſtine!“ ſeufzte die fromme Dagmor und weinte bitterlich;„ſie weiſſagt mir meinen Tod. Nun Gottes Wille geſchehe! aber ich moͤchte doch gern noch laͤnger in dieſer ſchoͤnen Welt leben.“ „Um des Himmels willen, theure Koͤnigin! laßt uns fliehn!“ fluͤſterte Kirſtine aͤngſtlich; „das iſt ein boshaftes oder wahnſinniges Weib, die Euch mit ihren Wahrſagungen zu Tode zu 295 erſchrecken denkt! um Gottes willen! ſchnell fort von hier!"”“ Die Köͤnigin erhob ſich ſchwankend, um aus dem Kahne zu ſteigen; da ſang die geheimniß⸗ volle Stimme wehmuͤthig und herzlich wieder: Du darfſt nicht weinen, o! darob nicht! Dir ſtralt ja entgegen des Himmels Licht; Das Meerweib tanzt in der Halle.— Das Himmelreich iſt ja Dein Heimaths⸗Ort, Dein harren ja Freude und Friede dort; Doch das Meerweib tanzt in der Halle.—* Nur mit Muͤhe gelang es der Jungfrau Kirſtine, der Koͤnigin aus dem Kahne zu hel⸗ fen, die bleich und ohnmaͤchtig in ihre Arme ſank.—. „Jeſus Maria!“ rief das bange Maͤdchen, als ſie in demſelben Augenblicke ein ploͤtzliches Plaͤtſchern, wie von Ruderſchlaͤgen oder von ei⸗ nem Schwimmenden, vernahm,— doch dies Geraͤuſch wurde allmaͤhlich ſchwaͤcher und ſchwaͤ⸗ cher, und verlor ſich zuletzt, wo der Strom ge⸗ gen das Meer hin ſich erweitert. 2 Aus den Kaͤmpenliedern. 296 „War es ein Traum?“ ſagte die Koͤnigin, die Augen aufſchlagend und ſich langſam erhe⸗ bend,„oder haben wir wirklich ein Meerweib gehoͤrt und geſehen, das meinem Kinde Uebles und mir ſelbſt den bittern Tod geweiſſagt?“ „Ach! denket nicht mehr an dies ſonderbare Begegniß, gute fromme Koͤnigin!“— flehete Kirſtine,—„gewiß und wahrhaftig iſt es nur die wahnſinnige Frau Malem geweſen, die aus dem Riber Tollhauſe entſprungen ſeyn mag. Ich habe ſie einmal geſehen und ſingen gehoͤrt. Sie geht auch gern mit Kraͤnzen in den Haa⸗ ren, und ſingt auch ſolch wunderliches, verwor⸗ renes Zeug, und Stuͤcke aus alten Liedern von Zauberern und Hexen. Ich werde Euch nie mehr ſolche Lieder vorſingen; haͤtten wir nur nicht den Kopf vollgepfropft gehabt von ſolchen Maͤhrchen, wuͤrden wir wohl unterſucht haben, was es geweſen, und uns nicht ſo leicht haben erſchrecken laſſen.“ Dagmor ſchien durch dieſe wahrſcheinliche und natuͤrliche Erklaͤrung des raͤthſelhaften Ereigniſſes beruhigt zu werden, und ließ Kirſtinens Ver⸗ muthung gelten, doch wuͤnſchte ſie, daß dieſe —— — — — 297 nichts davon gegen irgend Jemanden aͤußern moͤge, indem ſie ſelbſt ganz in der Stille eine ge⸗ naue Unterſuchung anſtellen wolle. Den folgen⸗ den Tag befand ſich die Koͤnigin wohl, und ſchien heiter wie gewoͤhnlich; doch wagte ſie ſich nie mehr des Abends in die Naͤhe des Stro⸗ mes, und wenn ſie eine Weile allein in ihrem Geheimzimmer geweſen, ſchien Jungfrau Kir⸗ ſtine oft tief betruͤbt, indem ſie ihr anſehen konn⸗ te, daß ſie geweint hatte. So wie die aͤngſtliche Geburtsſtunde immer naͤher ruͤckte, ſehnte ſich die Koͤnigin oͤfters innig nach Waldemarn. Herr Ib Urne mußte ihr je⸗ den Tag berichten, was man von dem Koͤnige und ſeinen Unternehmungen höͤrte und erfuhr. Die letzten gewiſſen Nachrichten, die eingelaufen waren, zeigten die völlige Unterwerfung des polniſchen Herzogs Miſtwin an, der dem Koͤnige Treue hatte zuſchwören muͤſſen. Von dem Gra⸗ fen Albert und dem Ritter Otto wurden auch mannhafte Thaten berichtet, und Alle, die dem Letztern wohlwollten, und die Folgen ſeiner Ue⸗ bereilung, ruͤckſichtlich des Erz⸗Dechanten, ge⸗ fuͤrchtet hatten, freueten ſich nun, zu hoͤren, 298 daß er die Buße, die ihm deswegen, Kraft ei⸗ ner paͤbſtlichen Bulle, von dem Erzbiſchof aufer⸗ legt war, vollbracht, indem er durch eine ver⸗ meſſene Ritterthat zehn chriſtliche Prieſter aus — der Gefangenſchaft der Unglaͤubigen befreit hatte. Niemand freuete ſich dieſer Nachricht mehr als Kirſtine von Riſe; doch verbarg ſie es ſorgfaͤl⸗ tig, und es ſchien, als gelte ihre Freude und Bewunderung nur dem Siege und Gluͤcke des Koͤnigs. Von Carl von Riſe hieß es, daß er das Leben ſeines Waffenmeiſters, des Grafen Al⸗ berts, der aus einem unerwarteten Hinterhalte an der polniſchen Graͤnze angefallen, gerettet haͤtte.„Der wackere gute Junge!“ ſagte Rig⸗ mor, als ſie das hoͤrte, mit kindlicher Herzlich⸗ keit, und klatſchte in die Haͤnde; ihr war es, als waͤren ſie noch beide Kinder; allein Rigmor war faſt ein halberwachſenes Maͤdchen, und haͤtte Carl von Riſe gehoͤrt, daß ſie ihn Junge geheißen, wuͤrde es ihm nahe gegangen ſeyn; denn er war nun eben ſo groß und weit ſtaͤrker als Ritter Otto, und traͤumte von nichts weni⸗ —— —— 299 ger, als in dieſem Feldzuge die goldenen Spo⸗ ren zu gewinnen. Die Niederkunft der Koͤnigin ging weit gluͤck⸗ licher voruͤber, als ſie ſelbſt erwartet hatte, und es war große Freude auf Ribehuus und im gan⸗ zen Lande, als die Nachricht ſich verbreitete, daß die fromme Koͤnigin von einem Sohne und Thronerben geneſen war. Denn olhgleich die Krone nicht erblich war und das Volk das Wahl⸗ recht hatte, wurde doch gern und kluͤglichſt der erſtgeborene Koͤnigsſohn gewaͤhlt. Die Koͤnigin Dagmor weinte vor inniger Herzensfreude, als ſie den kleinen, hellaͤugigen Prinzen in ihren Armen wiegte; allein es war ein großer Riß in ihrer muͤtterlichen Freude, daß Waldemar nicht anweſend war und ihre Mutterfreude theilen, ſo auch die Aeltern nicht ſehen konnten, wie gluͤcklich ſie ſey. Wohl tau⸗ ſend Mal kuͤßte ſie das Kind und dankte Gott fuͤr dieſes ſuͤße Geſchenk und fuͤr die unaus⸗ ſprechliche Freude, von der ſie nie getraͤumt, daß ſie ſo uͤbergroß ſeyn koͤnne. Sie ſchauete dem Kinde in die ſtillen, blauen Augen, und es war, als ſchauete ſie in die eigene Seele 300 hinein. Die feinen, goldenen, ſeidenen Haare waren auch die ihrigen; doch ſah ſie nur in dem Kinde den Sohn des ſiegreichen Waldemars, und betete nur, daß der Knabe gut und fromm und dem Könige und dem Volke zur Freude und zum Segen werden moͤge. Ihre Mutterfreude an dem kleinen Walde⸗ mar, wie ſie ihn ſchon nannte, war ſo groß, daß ſie alle uͤbrigen Kraͤfte aufrieb. Die Folgen des Schreckens von jenem Abend am Strome, und die traurigen Todesgedanken, hielten ſie noch auf dem Krankenlager, als ſie den Brief des Koͤnigs empfing, in welchem er ſich freuete, ſie bald als gluͤckliche Mutter ſehen und ſeinen Erſtgeborenen aus ihren Armen empfangen zu koͤnnen. Prinzeſſin Regitze, die den Eheantrag des Koͤnigs Erich angenommen hatte, las in derſel⸗ ben Stunde mit gleichmuͤthiger Zufriedenheit ein Schreiben von dem Bruder, in welchem er, ſo wie er auch ſchon der Koͤnigin gemeldet hatte, anzeigte: daß er am erſten Tage des naͤchſten Monats, der bei Empfang der Briefe faſt her⸗ angeruͤckt war, ein großes Siegesfeſt auf Ribe⸗ 301 huus zu feiern dachte, bei welchem er zugleich den Sohn taufen laſſen und die Hochzeit der Schweſter mit Glanz und Pracht feiern wollte. Deshalb war auch ſchon Brief und Botſchaft an den Koͤnig Erich von Schweden abgeſandt. Den Tag vor dieſem feierlichen Tage hielt Koͤnig Waldemar, mit wehenden Fahnen und klingendem Spiele, unter dem lauten Freuden⸗ jauchzen des Volkes, ſeinen Einzug auf Ribe⸗ huus. Die frohe, neugierige Menge ſtroͤmte in großen Schaaren durch die Thore von Ribe aus und ein, um ihren ſiegreichen Koͤnig zu ſe⸗ hen und zu begruͤßen, und zugleich den Einzug des fremden Koͤnigs zu betrachten, denn eine zahlreiche Ritterſchaar war dem Koͤnig Erich ent⸗ gegengeſchickt, und er wurde alle Augenblicke er⸗ wartet. Waldemar ſchwang ſich im Schloßhofe von ſeinem Streithengſte und eilte beſtaͤubt und in Eiſen gekleidet, wie er war, in das Schloß, wo er hoffte, die junge Mutter ſeelenfroh mit dem zarten Sohne in den Armen ihm entgegenkom⸗ men zu ſehen.— Allein ſeine Freude wurde ſehr gedaͤmpft, als er von der Schweſter ver⸗ nahm, daß die Koͤnigin noch nicht voͤllig gene⸗ ſen ſey und das Schlafzimmer nicht verlaſſen duͤrfe. Er trat nun zu ihr in das verhaͤngte Zimmer und fuͤhlte ſich gleich mitten in der heiterſten Lebensfreude ſehr verſtimmt und be⸗ klommen durch die eingeſperrte Luft, die ihm entgegenwehete, und das Zwielicht, das ihm keine bluͤhende, geſunde Mutter, ſondern eine ſtille, bleiche Frau, mit einem ſchmaͤchtigen, zarten Kinde in den bebenden Armen, zeigte. Dagmor lag unter Purpurdecken auf einer Lotterbank; ſie fuͤhlte ſich ſchwach und angegrif⸗ fen; aber die Freude gab ihr Kraͤfte. Sie er⸗ hob ſich und reichte Waldemarn mit inniger, ſtil⸗ ler Freude, aber zugleich mit tiefer Wehmuth, das Kind hin; denn ſie bemerkte den tiefen Ein⸗ druck, welchen der Anblick ihrer Schwaͤche auf den Koͤnig gemacht. Es glaͤnzte eine gewaltſam zuruͤckgedraͤngte Thraͤne in ſeinem ſtolzen Auge. Er breitete, mit uͤberſtromendem Gefuͤhl von Freude und Schmerz, die Arme gegen Mutter und Kind aus; doch Dagmor bebte vor ſeiner Ruͤſtung aͤngſtlich zuruͤck, und das Kind ſchrie. 303 Waldemar ließ ſchnell die eiſengepanzerten Arme ſinken, und reichte Dagmor die Hand. „Verzeihe meiner Unbedachtſamkeit,“ ſagte er, ich erwartete nicht, Dich ſo wiederzuſehen; ich dachte Deiner nur als heiter und geſund, und daß Du mir einen großen, derben Sohn gebo⸗ ren haͤtteſt.“ Er entledigte ſich ſchnell des Panzers, und ließ ſich ruhiger an den Rand der Lotterbank nieder; doch Dagmor neigte den Kopf uͤber den Knaben hinaus und weinte.„Weine nicht, ge⸗ ſegnetes Weib,“ ſagte nun Waldemar freundlich. „Weine nicht, weil ich wie ein Stuͤrmender zu Dir hereinſtuͤrzte. Dank der Gabe, die Du mir und Daͤnemark gebracht! hat ſie Dir nur nicht Geſundheit und Ruhe gekoſtet.“ „Lieber, ſtarker Waldemar!“ entgegnete Dagmor, ſeine Hand liebkoſend,„Du findeſt mich als ein großes Kind wieder, das um nichts ſich fuͤrchtet und weint. Ich bin nicht krank, nur fehlts mir an Kraͤften, und der bloße Klang Deines Harniſchet brachte mich zum Beben, aber wenn ich Dich nur alle Tage ſehe, werde ich bald heiter und geſund werden.“ II. 20 304 „Meine Abweſenheit hat doch keinen Antheil an Deinem Uebel?“ fragte Waldemar.„Es galt das Wohl des Volks und des Reichs, den Frie⸗ den und die Ehre des Kreuzes. Ich habe mein Wort gehalten: Gott gab die Heiden in meine Hand, und Du ſiehſt mich als Sieger wieder.““ „In dem Falle,“ verſetzte Dagmor„war meine Sehnſucht nur ein geringes Opferſcherf⸗ lein fuͤr den Herrn des Friedens und der Liebe. Doch nichts mehr von mir, herzliebſter Herr und Koͤnig! nehmt nun den Sohn in Euren vaͤter⸗ lichen Arm, und gebt ihm Euren Segen! Nun weint er nicht mehr; er laͤchelt, und es iſt als wollte er Euch gern die kleinen Arme entgegen reichen.“ Der Koͤnig nahm das Kind auf den Arm, und betrachtete es mit wehmuͤthiger Freude. „Gott ſtaͤrke und ſegne Dich, mein Sohn!“ ſagte er geruͤhrt.„Du haſt die frommen Augen Dei⸗ ner Mutter, und ihre Ringelloͤckchen werden Dir kommen; ſollſt Du aber einmal Scepter und Krone tragen, darfſt Du Dich nicht vor meinem Panzer fuͤrchten. Wuͤßte ich nicht, daß Du mir einen Jungen geſchenkt haͤtteſt, frommes Weib,“ fuhr er fort, und legte das Kind in ihre Arme,„moͤchte ich glauben, es waͤre eine zarte Peinzeſſin, deren frommes Bild in Zukunft Kir⸗ chen und Kloſter ſchmuͤcken, und Skalden und junge Fuͤrſten zu Thoren machen wuͤrde.“ Die Ankunft des Koͤnigs Erick rief nun Waldemar von Mutter und Sohn, und machte den verſtimmenden Eindruck, welchen der Anblick Beider bei ihm zuruͤckgelaſſen hatte, allmaͤhlich verſchwinden. Das erſte Zuſammentreffen mit dem königlichen Schwager war fuͤr ihn etwas verletzend; denn die Offenheit und das tuͤchtige Weſen des ſchwediſchen Koͤnigs erinnerte Wal⸗ demarn nur zu ſehr an die Schlacht bei Lene. Es war das allererſte Mal, daß Waldemar ſich in der Nothwendigkeit ſah, einen Gaſt auf⸗ zunehmen der ſich ruͤhmen konnte, den Wahl⸗ platz behalten, und Te deum geſungen zu haben, waͤhrend die Daͤnen Trauerlieder ſangen. Doch Waldemar bezwang dies Gefuͤhl von Unmuth und gekraͤnktem Stolze, und empfing den koͤnig⸗ lichen Braͤutigam mit feiner Ritterſitte und ehrender Zuvorkommenheit. Ende des zweiten Theils. 2A2* . 8 3 4 fff 1 K 4 4—.