Leihbiblioth «. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ der Bücher jeden La bh Piöhrgen offen.. 4 4. Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ne dem Werthe deſſelben entſprechende Summe bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet bonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und für wöchentlih 2 Bücher: 4 Bücher: 4 3—— auf 1 Monat: —defecte Ladenpreis 1 zen verpflichtet. iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 83 — 4 „A —— — 8 — Maldemar der Sieger. Hiſtoriſcher Ropan 4 von B. S. Ingemann. Dem Daͤniſchen nacherzaͤhlt von X. Kruge. — 2* 6 Erſter Theil. Leipzig, 4 bei Chriſtian Ernſt Kollmann. 3 1827. 4 Vorwort. Der Ueberſetzer gegenwaͤrtigen Werkes hofft in doppelter Ruͤckſicht, der deutſchen Litteratur mit demſelben ein angenehmes Geſchenk zu machen. Erſtlich wird es in einer Zeit, wo die romantiſche Form ſich mit Gluͤck beſtrebt, wenig bekannte hiſto⸗ riſche Charaktere oder Facta bei dem groͤ⸗ ßeren Publikum Eingang zu verſchaffen, nicht unwillkommen ſeyn„ Zuͤge aus der eben ſo intereſſanten, als im Auslande wenig bekannten, nordiſchen Geſchichte, mit einem umſichtigen Blick aufgefaßt, hier in einer Reihe von Bildern wiedergegeben zu ſehen; zweitens wird der kenntnißreiche Leſer nicht ohne Intereſſe die Kunſt gewahren, womit der Verfaſſer, aus dem ſehr verwickelten Stoffe, ein Ganzes hervorgebracht hat, dem die innre Harmonie, die ein jedes Kunſtwerk erheiſcht, nicht fehlt.— Der IV Ueberſetzer hat ſich keine Abaͤnderungen erlaubt, nur hier und da einzelne Perioden abgekuͤrzt oder Kleinigkeiten weggenommen, die fuͤr den Auslaͤnder, der mit der Localitaͤt unbekannt iſt, kein Intereſſe haben konn⸗ ten.— Gluͤcklich hat der Verfaſſer die alten Volkslieder in ſeiner Dichtung benutzt, und ein ſehr anziehendes Bild von der frommen Dogmar aufgeſtellt, deren Andenken bis auf die ſpaͤteſten Zeiten unter dem Volke lebt, und deren unſchuldige Froͤmmigkeit ſo allge⸗ mein anerkannt war, daß ihrem ſchuldloſen Gewiſſen keine große Suͤnde beigelegt wer⸗ den konnte, als daß ſie an einem Feiertage ihre aufgeriſſenen Aermel wieder ausgebeſ⸗ ſert hatte.— Moͤge ſowohl das leſende Publikum als der Verfaſſer die Verdeutſchung dieſes nor⸗ diſchen Werkes, die wenigſtens mit Liebe durchgefuͤhrt iſt, auch mit Liebe und Wohl⸗ wollen aufnehmen. L. Kruſe. Waldemar der Sieger. Erſter Theil.* —— — Aus einem kleinen abgerundeten Zellenfenſter in dem ſuͤdlichen Fluͤgel des Kloſtergebaͤudes zu Soroe, warf, in einer ſternenhellen Herbſtnacht des Jahres 1204, eine einzelne Lampe den mat⸗ ten Schein durch die halb entblaͤtterten Linden auf den See hinaus.— Drinnen in der hohen gewölbten Biſchofsſtube, wie ſie genannt wurde, ſaß in einem ſchwarzledernen Seſſel an einem in der Mauer befeſtigten eichenem Tiſche ein ehr⸗ wuͤrdiger weißbaͤrtiger Greis; ſein Auge ruhte auf einem großen pergamentnen Codex, von ge⸗ ſchriebenen Annalen und Chroniken, zſo auch von einer Menge Abſchriften uralter daͤniſcher Lieder und Sagen, von Nunenſchriften und Denkmaä⸗ lern der heidniſchen Zeiten, umgeben, und mit Membranen von alten Claſſikern, Homilien und Miſſalien, die zum groͤßten Theil von einer gro⸗ ßen aufgeſchlagenen gloſſirten Bibel bedeckt wur⸗ den, vermiſcht. Mitten unter den Buͤchern er⸗ 1* 4 hob ſich eine kupferne Lampe, mit einem ſelbſt⸗ gemachten Schirm von einem mehrmals beſchrie⸗„ . benen und wieder abgeſchabten pergamentenen Blatte.— Dadurch fiel das hellſte Licht auf das Buch und zuweilen auch auf das Haupt des Greiſes, wenn er dieſes hinunter neigte, waͤhrend eine geringe Helle von der Lampe, mit dem ſchwachen Schein des aufgehenden Mondes ver⸗ miſcht, nur ſpaͤrlich das dunkle Studierzimmer beleuchtete. An den Waͤnden herum hingen alte eingeroſtete Schwerdter und Hellebarden, Stahl⸗ hauben, Gebiſſe und Harniſche, ſo auch Keulen und Opfermeſſer von Flintenſtein, in Kaͤm⸗ pferhuͤgeln gefunden; auf dem Bord im Winkel 4 uͤber dem Lotterbett lagen Bruchſtuͤcke von Aſchen⸗ 1 kruͤgen und dicken Hirnſchaͤdeln, zwiſchen unge⸗ woͤhnlich großen Knochen und Todtengebeinen; und dicht am Kamin war ein großer blanker Harniſch V mit Spieß und Streitaxt, welcher, der Geſtalt nach, nicht aͤlter als von dem 11ten Jahrhundert ſchien, aufgeſtellt.— Der greiſe Alterthums⸗ forſcher trug uͤber dem ſchwarzen Pfaſſenkleid ei⸗ nen weißen, etwas verbrauchten und nachlaͤſſig umgeworfenen Ciſtercienſermantel, durch welchen — 5 die langen ſchwarzen Domherrn⸗Aermel etwas grell hervorragten. Der Mantel war ihm viel zu kurz, und ſchien nicht ihm zu gehoͤren; er war lang und hager, und ohbgleich ein friedſa⸗ mer Gelehrter, ſchienen doch die großen kuͤhnen Grundzuͤge ſeines fein gebaueten, von Alter und Forſchung gerunzelten Antlitzes, ſo wie auch ſeine in ſich verſunkene Rieſengeſtalt anzuzeigen, daß er von edlem Stamme und gewaltigem Krieger⸗ geſchlecht ſey.— Aus ſeinen dunkeln tiefliegen⸗ den Augen ſprach ein klarer tiefſinniger Geiſt, und ſo wie er dort ſaß, mit dem Kopf auf die Hand geſtuͤtzt, mit dem ſchwarzen ſammtnen Ton⸗ ſurkaͤppchen auf der hohen kahlen Platte, und dem weißen Bart auf dem Buche ruhend, waͤh⸗ rend rings um ihn alles ſtill war, und das Le⸗ bendige ſchlummerte, ſchien es, als ſaͤhe und hoͤrte er die großen Geiſter vergangener Zeiten, als ge⸗ hoͤrte er einem andern Volk und einer andern Zeit an, als die, in deren Mitte er ſo unermuͤd⸗ lich wachte und arbeitete. Ddiieſer ehrwuͤrdige Greis war Saxo Gram⸗ maticus.— Als Handſchreiber und unzertrenn⸗ licher Freund des Erzbiſchofs Abſalon hatte er vor drei Jahren dieſem edlen Herrn in Sorse⸗ Kloſter die Augen zugedruͤckt, und ſeitdem nur ſelten die Zelle verlaſſen, wo er die letzten un⸗ vergeßlichen Worte aus Abſalons Munde gehört hatte.— Eigentlich war er bei dem Domkapitel in Roeskild zu Hauſe, hatte aber eine abſonder⸗ liche Liebe fuͤr's Sorse⸗Kloſter gefaßt, wo er ſich oft in fruͤherer Zeit aufgehalten, und wo er mit der Genehmigung ſeines neuen Herrn, des Bi⸗ ſchofs Peder Suneſohn, als Gaſt verblieb, waͤh⸗ rend er die letzte Hand an ſeine merkwuͤrdige Ge⸗ ſchichte von Daͤnemark legte. Er ſchrieb fleißig an dieſem Buche, legte aber hin und wieder die Feder nieder und blaͤt⸗ terte in alten Schriften.— Oft ruhete ſein Blick auf einen pergamentnen Juſtinus, der dem theuren Abſalon angehoͤrte, und am Ende des Tiſches, mit dem letzten Blatte aufgeſchlagen, da⸗ lag, auf welchem geſchrieben ſtand: Liber sancta Mariae de Sora per manum domini Absalonis Archiepiscopi. An deſſen Seite lag außer meh⸗ reren von Abſalons Arbeiten ein neues zierliches Manuſcript, an deſſen ledernem Einbande mit — 7 großen geſchnoͤrkelten Buchſtaben: Testamentum Dni Absalonis, zu leſen war. Ein tiefer Seufzer drang aus der Bruſt des Greiſes, und nach der Art alter Leute ſprach er unbewußt und laut, was er dachte, aus. „Waͤre ich doch bald bei dir, frommer Herr und Vater!“— ſagte er.—„Es ſind zwei lange Winter geweſen, nun koͤmmt der Dritte— laͤn⸗ ger wird die Feder nicht reichen.— Dort haben wir uns zum Letztenmal geſehen!“ fuhr er fort, indem ſein Blick auf das Lotterbett im Winkel fiel.—„Ei nun! ſein großes Werk iſt vollendet— er ruht nun ſelig im Herrn. Bald wird auch ſein treuer Diener ſeinen Willen ausgefuͤhrt ha⸗ ben und Daͤnemarks Helden, die aͤlteſten, ſo wie die juͤngſten, ſollen ihr Denkmal nicht vermiſſen. Nur noch ein Paar freundliche Worte an unſern jungen Koͤnig und den guten Andreas.— Ja! wohl! ſo muß es ſeyn.““ Nun ſchwieg er wie⸗ der eine Weile, und ſchrieb fleißig.„Koͤnnte der alte Arnold Islaͤnder ſich jetzt im Grabe auf⸗ richten,“— begann er wieder, als er mit Wohl⸗ gefallen ſich ſelbſt einige zierliche lateiniſche Verſe laut vorgeleſen hatte,—„was wuͤrde er zu dem 8 ſagen, was ich hier aus ſeinen trefflichen Sagen und Liedern gemacht? Er wuͤrde gewiß den al⸗ ten buſchigten Bart ſchuͤtteln, und dabei mur⸗ meln: Sie klingen doch in meiner Sprache beſ⸗ ſer.— Nun, getroſt Alter!— ſo wie ſie Wort⸗ gerecht aus Deinem Munde klingen, ſo wie ſie noch lebendig unter dem Volk toͤnen, werden ſie mit Gottes Huͤlfe auch aufbewahrt bis an den letz⸗ ten Tag Daͤnemarks leben; ſoll aber die Welt Daͤnemark und deſſen Geiſt kennen lernen, muß ich der Dollmetſcher fuͤr die Fremden ſeyn. Hm! Hm!— Kehrſt Du jetzt wieder, alter Zweifel! kann der ſchriftgelehrte Daͤne das Bild des Volkes in der fremden Tracht wieder erken⸗ nen, warum denn nur Bedenken wegen des bun⸗ ten Kleides machen? Die Zeit wird wohl kom⸗ men, da ein ehrlicher und verwandter Freund meine Schuld bezahlt und dem Volk das Bild, ſo wie ich es nahm, zuruͤck giebt. Ein Paar Zuͤge noch in Gottes Namen, und was ich in der Welt habe ausrichten koͤnnen, iſt geſchehen. Du biſt mir zwar zuvorgekommen, Bruder Swend,“— fuhr er, nachdem er wieder eine Weile geſchrieben, gutmuͤthig laͤchelnd fort, in⸗ —— —— dem er ſich muͤhſam buͤckte und eine kleine zier⸗ liche Abſchrift von Swend Aageſens Geſchichte von der Fußdecke des Fliſenbodens erhob:—„Ei⸗ nen bequemen Auszug aus der Chronik haſt Du uns gegeben— doch was Daͤnemark geweſen, und mit Gottes Huͤlfe noch werden kann, ſah Dein Geiſt nie. Doch redlich haſt Du, was Du nur konnteſt, gethan, und Dein Buch ſoll nicht hier im Staube vor meinen Fuͤßen liegen.“ Sorgfaͤltig wiſchte er nun den Staub von dem kleinen Buche Swends Aageſen ab, und legte es neben Abſalons Schriften. Da wurde die Thuͤre leiſe geoͤffnet, und drei geiſtliche Herren traten mit einem kleinen Knaben in ihrer Mitte herein.— Dieſe Maͤnner waren alle in Reiſe⸗ kleidern, und trugen mit Rauchwerk gefuͤtterte Naͤntel uͤber ihre Ordenstrachten. Der eine war ein anſehnlicher bejahrter Mann mit grau geſpren⸗ keltem Haar und Bart, und etwas ſchwaͤchlichen Ausſehens, allein von ſolcher Hoheit und Wuͤrde im Ausdruck und Benehmen, daß, obgleich er weder Krummſtock noch Biſchofsmuͤtze trug, Nie⸗ mand der ihn ſah bezweifeln konnte, daß er ein Praͤlat ſey, der die höͤchſte geiſtliche Wuͤrde be⸗ 10 kleidete; es war der gelehrte und fromme Erz⸗ biſchof Andreas Suneſohn von Lund. Seine Begleiter waren junge kraftvolle Maͤnner. Der eine, mit einem runden heitern hoͤchſt lebhaften Anblick, trug unter dem koſtbaren mit Grauwerk gefuͤttertem Mantel, ein weißes Ciſtercienſer⸗Kleid Kleid vom feinſten Zeuge. Es war der beruͤhmte Bruder Gunner von Hm⸗Kloſter in Juͤtland. Der zweite Begleiter des Erzbiſchofs, ein junger Domherr von Roeskild, in einem mit Lamms⸗ fell gefuͤttertem braunen, und groben Mantel, trug unter dem Arm mit vieler Vorſicht ein kleines Kaͤſtchen, in dem er mancherlei ſeltene und koͤſt⸗ liche Heilmittel aufbewahrte; auf dem Ruͤcken hing ihm außerdem ein gruͤner Stock mit ge⸗ trockneten Kraͤutern und Gewuͤrzen, die einen ſtarken Duft rings um ihn verbreiteten. Seine klugen ernſten Zuͤge floͤßten Vertrauen und Zu⸗ verſicht ein. Sein Benehmen war ſtill und be⸗ ſonnen, und er ſchien ein Mann zu ſeyn, der die Welt kannte und Vertrauen zu ſich ſelbſt und ſeinen Erfahrungen beſaß. Er war einer der erſten Aerzte ſeiner Zeit, und war als Schrift⸗ ſteller in ſeinem Fache unter dem Namen Mei⸗ 414 ſter Henrick Harfenſaite bekannt. Er und Bru⸗ der Gunner waren in amtlichen Geſchaͤften in Lund bei dem Erzbiſchof zuſammen getroffen; ſie begleiteten ihn nun beide nach Ribehuus, wo der junge Koͤnig Waldemar II. Hof hielt.— Der gute Herr Andreas konnte ſich nicht ent⸗ ſchließen Seeland zu durchreiſen, ohne Vater Saxo zu beſuchen, und nachzuſehen, wie weit er in ſei⸗ ner daͤniſchen Geſchichte gekommen war, und ob⸗ gleich es mit der Reiſe Eile hatte, und der Mei⸗ ſter Harfenſaite es hoͤchſt bedenklich fand, die ſehr unbequeme und ungeſunde Nacht, nach ſeinem klaſſiſchen Ausdruck: noctem intempestam, zu Huͤlfe zu nehmen, gab doch der Erzbiſchof ſei⸗ nen Entſchluß keineswegs auf, zur großen Freude des Bruders Gunner, der ſehr viel von Saxo Grammaticus gehoͤrt, allein ihn noch nie geſehen hatte, und meinte, daß ein halbſtuͤndiges Ge⸗ ſpraͤch mit dem beruͤhmten daͤniſchen Geſchichts⸗ ſchreiber wohl einen halbjaͤhrigen Schnupfen auf⸗ wiegen duͤrfe.— Der kleine zehnjaͤhrige Knabe, der den geiſtlichen Herren folgte, war ein Sohn des vorigen Burgherrn auf Kariſe, eines alten Freundes des Erzbiſchofs„ der in den ungluͤckli⸗ 12 chen buͤrgerlichen Kriegen fuͤr Swend Grothe ge⸗ fallen war.— Kariſe⸗Burg und Gut hatte Waldemar I. als ein verſcherztes Lehn, ſei⸗ nem ſeiner tapferſten Kriegsleute, Radulph, ge⸗ ſchenkt.— Der kleine vaterloſe Carl von Niſe, ſo nannte man den Knaben, wurde ſo wie auch die Mutter und ſeine beiden Schweſtern ſo wohl von dem alten wackern Radulph, bey dem ſie wohnten, als von dem freigebigen Erzbiſchof in Lund, edelmuͤthig unterſtuͤtzt; allein da Radulph ſelbſt drei Söhne beſaß, hatte Carl keine Hoff⸗ nung, zum Beſitz der verſcherzten Guͤter ſeines Vaters je wieder zu gekangen.— Deshalb wollte der gelehrte Andreas, ungeachtet der Knabe ei⸗ nen unwiderſtehlichen Trieb zum Ritterſtande in ſich ſpuͤrte, ihn zu einem gelehrten Manne und kuͤnftigen Praͤlaten bilden.— Deswegen brachte ihn der Erzbiſchof nun mit, um ihn in die Schule bei den gelehrten Berhardinern in Sorse, unter Saxos beſondere Aufſicht zu ſetzen. Carl von Riſe war ein ſchoͤner Knabe mit lockichtem gel⸗ ben Haare, und kuͤhnen ſchwarzblauen Augen; um ſeine kurze blaue Jacke hatte er den ſtattli⸗ chen Guͤrtel des Bruder Gunner gebunden, die * 8 13 kleine Muͤtze mit einer bunten Hahnenfeder ge⸗ ſchmuͤckt, und war ſehr froh, das große Schlacht⸗ ſchwert, das der Erzbiſchof immer auf Reiſen mit ſich fuͤhrte, tragen zu duͤrfen. Er war auch zu Pferde gekommen und war beinahe der kuͤhnſte Reiter unter der ganzen Geſellſchaft geweſen.— Der Stoͤrung der naͤchtlichen Ruhe ungeachtet, die das Eintreten der Reiſenden in die Zelle her⸗ vorbringen zu muͤſſen ſchien, ſaß dennoch der alte Saxo ſo ſehr in ſeinen Gedanken und in ſeine Chronik vertieft, daß er ihre Ankunft gar nicht bemerkte.— Mit dem Ruͤcken gegen die Thuͤre gekehrt, gewahrte er nur, daß der Lichtſchein auf ſeinem Buche unſicher wurde, weil durch den Zugwind von der Thuͤre, und die Bewegungen der Eintretenden, die Lampenflamme hin und her wehete. „Seht ihr Bruder Gunner!“ fluͤſterte An⸗ dreas—„da ſeht ihr den Mann! gewiß iſt es die Chronik, an der er ſchreibt, und wir koͤnn⸗ ten gern das Kloſter uͤber ſeinen Kopf herunter reißen, ehe er merkte, daß hier Jemand anwe⸗ ſend ſey.— Wir koͤnnten nun zwar in aller Be⸗ quemlichkeit auf dem Lotterbett dort den Mann bei 14 ſeinen geheimen Lucubrationes kennnen lernen, und vielleicht ihn laut mit ſich ſelbſt von ſeinen großen heimgegangenen Freunden reden hoͤren, wie ſeine Gewohnheit iſt, nach dem, was mir der Abt Gaufred berichtet hat; allein es iſt nicht huͤbſch, den Freund, ſelbſt in ſeinem beſten und ruhmwuͤrdigſten Beruf, zu belauſchen, und wir haben auch keine Zeit zu verlieren.— Friede von Gott, hochwuͤrdiger Herr Bruder und Freund,“ fuhr er nun mit lauter Stimme fort, und legte die Hand auf Saxos Schulter. Saxo wandte ſich mit einem ruhigen, aber ſonderbar feierlichem Ausdruck, als einer, der viel eher einen Beſuch aus der Geiſterwelt, als Gaͤſte von Lund, Roeskild und QOm zu ſehen erwartete, langſam um. Als er den Erzöiſchof erkannte, ward er froh uͤberraſcht.— Sobald er es ver⸗ mochte, ſchob er den Seſſel zuruͤck, und empfing die liebevolle Umarmung des Erzbiſchofs mit herzlicher Freude; als er aber die beiden fremden Herrn gewahrte, und der Bruder Gunner, als 4 ſein großer Verehrer, der ſich lange auf ſeine Bekanntſchaft gefreuet habe, ihn begruͤßte, da wurde der beſcheidene Grammatieus ganz beſchaͤmt; er verneigte ſich mehrmahls, und erſuchte die ge⸗ ehrten Gaͤſte, mit ſeiner geringen und einfachen Bewirthung vorlieb zu nehmen.— Sobald er aber die Namen Gunner und Henrick Harfen⸗ ſaite von dem Erzbiſchof erfuhr, waren die gu⸗ ten Herrn ihm nicht mehr fremd; denn von den ausgezeichneten Rednergaben und den ſeltenen Kenntniſſen des Erſteren hatte er ſchon reden gehoͤrt, und Meiſter Harfenſaite hatte er fruͤher ſchon in Roeskild geſehen. Von dem neuen Arznei⸗ buche des jungen Domherrn hatte er ſogar vor kurzem eine Abſchrift bekommen, die er mit Vergnuͤgen geleſen, ohne jedoch ſeine Diaͤt und Lebensweiſe nach den in demſelben auteltmn Regeln einzurichten. 2 Sobald nun die Gaͤſte ſich auf der Bank nie⸗ dergelaſſen hatten, holte Saxo aus einem Schrank in der Mauer einen Krug mit gutem alten Klo⸗ ſterwein, und zwei köſtliche ſilberne Becher„ mit wendiſchen Abgottsbildern geſchmuͤckt, welche ihm Abſalon aus ſeiner Kriegsbeute von Arkona ge⸗ ſchenkt hatte.— Sorgfaͤltig wiſchte er mit dem Zipfel ſeines Mantels den Staub von ihnen ab, 16 und ſtellte ſie auf den Tiſch, nachdem er auf ei⸗ nem Ende denſelben aufgeraͤumt hatte, um Platz fuͤr ſie zu machen. Er ſchien ganz ſeine gelehrten Geſchaͤfte zu vergeſſen, um die geehrten Gaͤſte zu bewirthen und zu laben.— Der Erzbiſchof hatte ſich in den großen ledernen Seſſel, und die andern auf eine von Membranen undalten Kleidungsſtuͤcken halb bedeckte Bank niederlaſſen muͤſſen. Der Knabe, auf den Niemand zu achten ſchien, hatte ſich beinahe unter dem Tiſche vor den Fuͤßen des Erzbiſchofs auf einen Betſchemel geworfen, und benutzte das ſpaͤrliche Licht, das ihm die Lampe zuwarf, um einige zierlich gemalte Nit⸗ terbilder an dem Titelblatt einer Sammlung von alten Kaͤmpenliedern zu betrachten. „Sagt mir nun vor allem, lieber Vater Saxo, wie es mit Eurem großen, mir ſo lieben Werke, Eure historia Danicae geht?“ fragte der Erzbiſchof, indem er den Becher wieder auf den Tiſch hinſtellte; allein da Saxo in demſelben Augenblick mit großer Theilnahme fragte, ob ſein Hexaémeron noch nicht vollendet ſey, zog der Erzbiſchof, ohne die Anwort ſeiner Frage ab⸗ —— 17 zuwarten ein großes lateiniſches Manuſeript aus der Seitentaſche von zottigem Wollenzeuge. „Seht Ihr“— ſagte er froh,„hier bringe ich Euch die drei letzten Buͤcher oder distinoctiones, wie ich ſie genannt habe.— So wie ich in dem Vorhergehenden, wie Ihr wißt, die Schoͤpfung, den Suͤndenfall und den Urſprung des Todes durch den erſten Adam beſungen habe, ſo habe ich hier mit der Beſchreibung von dem Geſchenke des wah⸗ ren und ewigen Lebens durch den zweiten Adam, das Werk beſchloſſen, indem ich mich beſtrebt habe, die doppelte Natur des Gott⸗Menſchen zu erklaͤ⸗ ren.— Von dieſem Stuͤcke werdet ihr vielleicht ſagen, was ihr bereits von meiner Erklaͤrung des mysterium trinitatis im zweiten Buche, und der zehn Gebote geſagt habt: daß ich mich in denſel⸗ ben mehr als Theologus und Dialecticus, denn als Poet gezeigt habe.— Immerhin! Niemand vermag eine Elle zu ſeinem Wuchſe zu fuͤgen; vielleicht wird der Schluß von der Auferſtehung und dem ewigen Leben, item von dem ewigen Tode, Euch beſſer gefallen, und ich hoffe Ihr wer⸗ det es nicht unbeſcheiden finden, wenn ich in decima distinctione ſage: I. 2 Unlitats operis, oculis inspecta serenis. vin patietur opus a justo judice sperni*). „Nein fuͤrwahr“ entgegnete Saxo mit Waͤrme, 1 und druͤckte dem Erzbiſchof die Hand.„Jeder ge⸗ rechte Beurtheiler Eures chriſtlichen Gedichts, in ſofern ich es bereits kenne, muß das fromme gott⸗ ergebene Gemuͤth, die tiefen Kenntniſſe und den Scharffinn, die Ihr darin an den Tag legt, ſchaͤtzen und wuͤrdigen; dennoch iſt Euch ein Wort ent⸗ ſchuͤpft, das mich tief verletzt hat, und worin ich glaube, daß Ihr irrt; das iſt nemlich Euer Tadel in prooemio, die weltliche Poeſie und die ſogenannten Fabeln betreffend, welche ihr der Ju⸗ gend ſchaͤdlich erachtet. Die Ueberreſte unſerer al⸗ ten, weltlichen Poeſie, und unſere hoͤchſt merkwuͤr⸗ digen uralten Sagen, die Viele Fabel und Er⸗ dichtung nennen wollen, ausgenommen, wuͤßte ich nur wenig zu ſagen von dem Geiſte und der Denkungsart unſrer Vorfahren, und in der That, es kann unſrer Jugend nicht zum Schaden gerei⸗ chen, ihre Vorfahren kennen zu lernen.“ *) Der Nutzen des Werks, mit milden Augen eroͤrtert, Duldet kaum, daß das Werk ein billiger Sliihtar verachtet. 49 „Lieber Vater Saxo,“ erwiederte der Erz⸗ biſchof, und klopfte ihn beruhigend auf die Schul⸗ ter.„Ihr wißt ja, mit welcher Freude ich die er⸗ ſten zehn trefflichen Buͤcher von Eurer Geſchichte geleſen, und daß es daher nicht meine Meinung ſeyn kann, die weltliche Poeſie und die denkwuͤr⸗ digen Sagen, die Ihr vor der Vergeſſenheit ge⸗ ſichert habt, Poſſen und nichtsſagenden Fabeln gleich zu achten; ich meine nur, daß ſolche Sachen der Jugend mit Vorſicpt beigebracht werden muͤſſen, wenn ſie nicht unchriſtliche Vorurtheile, und heid⸗ niſchen Aberglauben daraus einſaugen ſoll, wie zum Beiſpiele der Glaube an den Einfluß der Ge⸗ ſtirne auf das menſchliche Leben, der jetzt ſo ſehr im Schwunge iſt, ja von dem, wie man ſagt, nicht einmal unſer junger Heldenkoͤnig ganz freizuſprechen ſeyn ſoll. Qualiter ex astro, sensu vitäque carente Dependeret homo, rationis dote beatus 9). „Daruͤber darf ich kein Urtheil haben,“ ent⸗ gegnete Saxo bedenklich, indem die letzte Aeußerung *) Wie vom Geſtirn, dem an Sinn und Leben es fehlet, Der Menſch abhaͤngig iſt, der des Gluͤcks der Vernunft ſich erfreut. 2* 20 des Erzbiſchofs ſeinen Gedanken ploͤtzlich eine an⸗ dere Richtung gab.„Gewiß iſt es aber“ fuhr er fort,„daß unſer junger Koͤnig unter beachtungs⸗ werthen Auſpicien, ja ich darf es wohl ſagen, un⸗ ter einem wunderbaren, raͤthſelhaften Geſtirn ge⸗ boren iſt. Und glaubt nur, ein guter und ein boͤſer Engel ſind ihm beide nahe; beide ſind gar maͤchtig.— Gebe Gott dem guten einen ehrenvollen Sieg; dann wird eine wahrhafte Nachkommen⸗ ſchaft erſt mit Recht ihn heißen duͤrfen, wie die erſtaunten Zeitgenoſſen ihn ſchon genannt: Wal- demarus vioctoriosus.“ „Ja wohl, mein theurer frommer Freund,“ erwiederte der Erzbiſchof, und rollte ſein Ma⸗ nuſcript aufz—„dieſe Wahrheit trifft nicht allein unſern jungen Koͤnig, ſondern jedes kraͤf⸗ tige und tuͤchtige menſchliche Gemuͤth in der Welt; das bin wohl gezwungen Euch einzu⸗ raͤumen, ſintemal es meine eignen Worte im erſten Buch meines Gedichts ſind: Omni adest homini specialiter unus Angelus, ut vexet, ac ut custodiat alter 4) 5 Es ſchweben dem Menſchen zwei Engel immer zur Seite, Der eine ſein Plagegeiſt iſt, der andre bewacht 3 ihm die Seele. 21 Der gute Herr Andreas, der nun ganz in ſeine Dichtung hineingerathen war, ſchien im Begriff, von Anfang an ſie dem Saxo vorleſen zu wol⸗ len. Bruder Gunner aber, der dies weitlaͤuf⸗ tige ſcolaſtiſche Poem ſchon kannte, und fuͤrchtete, ſtatt Saxos naͤhere Bekanntſchaft zu machen, es nun wiederum hoͤren zu muͤſſen, wiederholte ſchnell die Frage uͤber die Vollendung der daͤni⸗ ſchen Geſchichte, welche der Erzbiſchof wieder hatte fallen laſſen, indem er ſcherzhafter Weiſe dieſem zu Gemuͤthe fuͤhrte, daß eine halbe Nacht zu kurz ſey, um die Schoͤpfung der Welt an⸗ zufangen. Der gute Herr Andreas, die allgemeine Ver⸗ faſſer⸗Schwaͤche, die er bei andern nicht dulden konnte und bei ſich ſelbſt nur mit Muͤhe be⸗ kaͤmpfte, wohl kennend, rollte nun, ſeinen Mit⸗ theilungstrieb uͤberwindend, das Manuſecript wie⸗ der zuſammen, legte es auf den Bord hin, wo Saxo ſeine Alterthuͤmer aufbewahrte, und bat ihn, es gelegentlich durchzuleſen, wenn er Muße dazu haͤtte, und jetzt ſeine und des Bruders Gunner Sehnſucht nach dem viel wichtigeren 22 Werke, von dem ſie ſich und dem Vaterlande ſo viel verſpraͤchen, zu befriedigen. „In der That, edle Herren,“ erwiederte Saxo beſcheiden;„Euer Vertrauen in meine Tuͤchtigkeit und geringen Geiſtesgaben beſchaͤmt mich. Ich fuͤhle nur zu wohl, daß ich eine Sache unternommen„ der ich nicht gewachſen bin; und die ich auch nie angefangen haben wuͤrde, wenn die wiederholten Ermahnungen und das Verlangen meines frommen Herrn Abſalon mich nicht faſt dazu gezwungen haͤtten; daher muß auch das Gebot eines ſo hohen Herrn mir, ſowohl in Euren Augen wie bei der Nachkom⸗ menſchaft, zur Entſchuldigung dienen, wenn es befunden wird, daß meine Keckheit groͤßer als meine Tuͤchtigkeit geweſen. Das habe ich auch dem geneigten Leſer meines Buchs im voraus geſagt; denn ein freundliches Vorwort koͤmmt allem Streit zuvor.“ „Von Euch konnen wir Beſcheidenheit und Demuth lernen, frommer Vater!“ unterbrach der Erzbiſchof den beſcheidenen Greis.„Ihr haltet Euch zu geringe, die Geſchichte eines ein⸗ zelnen Volkes zu beſchreiben, waͤhrend ich mit 23 weit geringeren Gaben mir angemaßt habe, das groͤßte Werk des groͤßten Herrn zu beſingen; daher giebt mir vielleicht auch unſer luſtiger Bru⸗ der Gunner dort, trotz ſeiner Lobreden wegen meiner Gelehrtheit und meines Fleißes, manche uͤberzuckerte Pille, die herber iſt als alle Kraͤu⸗ ter Meiſter Harfenſaites, zu verſchlucken.“ Ihr nehmt doch weit geduldiger die herben Pillen des Bruders Gunner, als meine unſchul⸗ digen Kraͤuter an, hochwuͤrdiger Herr“— nahm Meiſter Harfenſaite das Wort—„und waͤret Ihr ſo geſund am Koͤrper, wie an der Seele, brauchtet Ihr mich nicht in Eurem Gefolge.“ Auf Saxos ernſtliche Frage nach ſeiner Ge⸗ ſundheit, verſicherte der fromme Andreas, daß er ſich ſtark genug fuͤhle, den Koͤnig zu dem lifflaͤndiſchen Kreuzzuge zu begleiten, aus dem er, wie er hoffe, nun bald Ernſt machen wuͤrde.— Doch ſo ſeelengeſund, wie der gute Meiſter Harfenſaite mich glaubt“— fuͤgte er mit einem tiefen Seufzer hinzu—„mag ich doch wohl kaum ſeyn, in ſo fern die vielen blut⸗ reinigenden Getraͤnke, womit ſeine Guͤte mich pflegt, mir wirklich Noth thun; denn in dieſem 24 Falle muß das Uebel von innen kommen, und wenn ich nur, wie ich es innig wuͤnſche, ein wahrer heiliger Mann Gottes werden koͤnnte„ ſo wuͤrde ich auch gewiß der geſuͤndeſte Mann auf der Welt werden.“ Meiſter Harfenſaite laͤchelte ruhig bei dem theologiſchen Heilungsſyſtem des frommen Erz⸗ biſchofs, ohne ſeiner Lieblings⸗Anſicht zu wider⸗ ſprechen. Denn durch ſeinen Umgang mit ihm hatte er ſich an dieſe Anſicht gewoͤhnt, und ruͤhmte oft ſelbſt einen frommen Sinn und hei⸗ ligen Wandel als das beſe Heilmittel fuͤr Leib und Seele. Andreas und Bruder Gunner fuͤhrten nun das unterbrochene Geſpraͤch auf die daͤniſche Ge⸗ ſchichte zuruͤck, und bewogen den alten Saxo ihnen zu erzaͤhlen, was er in den Lebens⸗Tagen des großen Waldemar, und bei dem taͤglichen Umgange mit Abſalon, dem maͤchtigen Suno, und mehreren in der daͤniſchen Geſchichte be⸗ ruͤhmten Maͤnnern, ſelbſt geſehen und erlebt hatte.— Seine Augen funkelten, und er ſchien bei den Erinnerungen ſeiner Jugend ſich wieder zu verjuͤngen; auch vergaß er dabei, was er ſo 25 eben von ſeiner Geſchichte hatte ſagen, und daß er dieſe dem Erzbiſchofe, dem ſie zum Theil zu⸗ geeignet war, feierlich hatte uͤberreichen wollen. „Es wundert mich aber, lieber Vater Saxo,“ — rief Gunner, waͤhrend er die vielfachen Schrif⸗ ten, die auf dem Tiſche aufgehaͤuft dalagen, mit Erſtaunen betrachtete,„daß Ihr Muße gefunden habt, ein ſo ſchriftgelehrter Mann zu werden, und Euch in das ſtille Stubenleben, die Feder fuͤr den kriegeriſchen Biſchof fuͤhrend, habt fuͤgen können?“ „Es wundert mich faſt ſelbſt,“ verſetzte Saxo mit einem wehmuͤthigen Hinblick auf den großen Harniſch neben dem Kamin,„ſonderbar genug war es, daß ich mich, von ſo mannhaften und trefflichen Helden umgeben ſehen konnte, ohne ſelbſt das Schwerdt zu ergreifen und Krieges⸗ thaten an Abſalons Seite auszuuͤben. Mein, im Herrn ſeliger Vater und Großvater, dienten beide dem Daͤnenkoͤnig mit Ehre und ritterlichen Thaten zu Land und See; auch ich fuͤhlte zwar manchmal Thatendurſt in meinem Blute, wenn mir der gewaltige Klang der Schilder und des Horns an das Ohr ſchlug; allein bei meiner . 26 Wiege, in dem friedlichen Hirtenthal, muß es geſungen worden ſeyn, daß ich durch friedlichen Beruf Land und Kdnig dienen ſollte. Denn nie habe ich gelernt, andere Rechte und Wehr, als Feder und Griffel zu fuͤhren. Mein fruͤhes Kloſterleben und emſiges Treiben mit Schriften und Buͤchern, muͤſſen wohl meinem aͤußern Be⸗ nehmen etwas Unbehuͤlfliches und Stubengelehr⸗ tes, das ſich fuͤr den Ritter und Helden nicht eignet, beigebracht haben. Selbſt meine Vor⸗ liebe fuͤr die edle Roͤmerſprache ſoll ſich in meiner Jugend durch ſonderbare Redensarten und Spruͤche verrathen haben. Viele dieſer Sonder⸗ barkeiten, uͤber welche die Ritter lachten, glaube ich doch mir abgewöͤhnt zu haben, edle Her⸗ renz und Ihr hoͤrt, daß ich auf meine alten Tage mich unſrer guten daͤniſchen Mundart ſo gelaͤuſig, unvermiſcht und freudig bediene, als waͤre ſie claſſiſches Latein. Gerade auf einem Pferderuͤcken zu ſitzen, habe ich wohl auch ge⸗ lernt, doch ein Ritter ſollte nicht aus mir wer⸗ den, und ich muß mit der Chre vorlieb nehmen, wuͤrdig geachtet zu ſeyn, die Heldenwerke und Thaten, die ich Andere ausuͤben ſah, aufzu⸗ 27 zeichnen. Woran ich aber am meiſten und freu⸗ digſten gedacht habe, koͤnntet Ihr nun hier le⸗ ſen, ſo auch viele andre Sachen, die ich wohl haͤtte vergeſſen moͤgen, wenn ſie nicht Wahrheit, und fuͤr Daͤnemark theuer erkaufte Wahrheit, enthielten.“ Er nahm nun die Chronik in die Hand, und betrachtete noch einmal mit Theilnahme und Liebe dies theure und wichtige Werk ſeines Lebens, waͤhrend er ſtill bei ſich darauf ſann, wie er es dem Erzbiſchof ſagen wuͤrde, daß die Schrift ihm zugeeignet ſey. „Dies iſt alſo Eure Chronik!“ ſagte Bru⸗ der Gunner froh, und ſtreckte ſeine Hand nach dem Buche aus;„geſtattet mir, ehrwuͤrdiger Vater! den Schatz, nach dem ich mich ſo lange geſehnt, in die Hand zu nehmen. Lange Friſt vergoͤnne ich Euch auch nicht, ehe ich Euch ei⸗ nen geſchickten Schreiber auf den Hals ſchicke, der das Buch fuͤr den Abt Thorkild, und mich und die Bruͤder in Qm, abſchreiben kann.“ Mit dieſen Worten nahm er das Buch, und blaͤtterte neugierig darin, waͤhrend Meiſter Har⸗ fenſaite ſein Arzneikaͤſtchen eroffnete, und einen 28 blutreinigenden Trank dem Erzbiſchof bereitete, der ſich mit Saxo in ein gelehrtes Geſpraͤch, die heidniſchen Aſchenkruͤge und Begraͤbnißgebraͤuche betreffend, indeſſen vertiefte. Dazu gaben ihm die Alterthuͤmer auf dem Bord uͤber dem Lotter⸗ bette Veranlaſſung; denn dahinauf ſchwebte oft ſein Blick, nachdem er ſein Manuſcript den Aſchenkruͤgen beigeſellt hatte. Auch Saxos Auge ſiel darauf, und ohne ſich zu erinnern, wie es dahin gekommen war, nahm er es herunter, und begann emſig darin zu leſen, wodurch er bald die Chronik, den Erzbiſchof, und das Geſpraͤch vergaß. Der gute Herr Andreas nahm dieſe Zerſtreuung, und ſeine Vertiefung in das Poem, keinesweges uͤbel, ſondern ruͤckte die Lampe dem Lehnſeſſel, worin Saxo in ſeiner Selbſtvergeſ⸗ ſenheit ſich niedergelaſſen, noch naͤher, und freuete ſich der Aufmerkſamkeit, die der ehrliche Saxo ſeinem Gedichte, auf Koſten ſeiner Perſon, ſchenkte. Selbſt ſetzte er ſich leiſe auf die Bank in dem Halbdunkel nieder, und ſchien einige Papiere zu durchblaͤttern, waͤhrend er verſtohlen auf jeden Ausdruck in den Zuͤgen des leſenden Saxo achtete.— — 29 Auf einmal unterbrach Gunner das Schwei⸗ gen.„Geſtattet, ehrwuͤrdiger Vater,“ redete er Saxo, mit einem freundlichen Hinblick auf den Erzbiſchof, an,„daß ich aus Eurer Vorrede ein Paar Worte vorleſe, die Einen unter uns naͤher, als er vielleicht glaubt, angehen.“ Saxo nickte mechaniſch, ohne auf ſeine Worte zu achten, oder ſich im Leſen unterbrechen zu laſſen; und ſich nicht an die verdrießliche Miene des Erzbiſchofs kehrend, begann der Bruder Gun⸗ ner folgende lateiniſche Stelle laut vorzuleſen: „Aber nachdem Gott, der Allmaͤchtige, ihn „(den Erzbiſchof Abſalon nemlich) zu ſich be⸗ „„rufen, noch bevor meine Geſchichte vollendet iſt, „da habe ich keinem Andern als Euch, Hoch⸗ „wuͤrdiger Erzbiſchof Andreas, der mit Geneh⸗ „migung des Volkes ſtatt ſeiner erwaͤhlt und „eingeſetzt iſt, dieſelbe zu uͤbergeben.“ „Wie? was? mir?“ fragte der Erzbiſchof erſtaunt. 4 3 Der Bruder Gunner laͤchelte freundlich, und las weiter Wort fuͤr Wort das ganze unſterb⸗ liche Denkmal, das der ehrliche Saxo, in der 30 Vorrede zu ſeiner Chronik, dem trefflichen Erz⸗ biſchof Andreas, aufgerichtet hat. Bei dieſer wahrhaften Lobrede, der Gunner mit inniger Freude beiſtimmte, rollten Thraͤnen der Dankbarkeit und Freude leiſe in den Bart des frommen Erzbiſchofs hinab; ſein Gedicht, und Saxos Antheil daran vergeſſend, erhob er ſich plötzlich, und ſiel dem erſtaunten Wirth um den Hals. „Was iſt denn? hochwuͤrdiger Herr!“ fragte Saxo,„warum umarmt Ihr mich ſo heftig und mit Thraͤnen, ſo wie König Knud, Waldemarn bei dem Blutgelage in Roeskild?“ „Ihr habt mich durch Eure Lobrede beſchaͤmt, lieber, treuer Freund!“— erwiederte der be— wegte Erzbiſchof,—„ich bin weit davon ent⸗ fernt, der Mann zu ſeyn, den Ihr ſo lobt. Gott weiß es beſſer; mein Herz iſt nicht von der Anſteckung der Lockungen, und der Eitelkeit dieſer Welt, frei.— Fraget nur Meiſter Har⸗ fenſeite! dort ſitzt er, und laborirt meinetwegen wieder,— er kann bezeugen, daß ich hitziges Blut beſitze, das er kaum mit den kuͤhlenden Kraͤutergetraͤnken innerhalb der natuͤrlichen Graͤnze 1 31 der Haut zuruͤckhalten kann.— Und ſelbſt in dieſem Augenblicke, da ich hoͤre, wie Eure un⸗ ſterbliche Feder mich als ein Muſter der Got⸗ tesfurcht und der Selbſtverlaͤugnung vor der Nachwelt ruͤhmt, ſitze ich hier unnuͤtzer Weiſe, und erfreue mich verſtohlen der eitlen Ehre, und deſſen, was die Nachwelt ſagen wird von dem Gedichte, welches vor Euch liegt, und das viel⸗ leicht laͤngſt vom Roſt verzehrt, und von Milben aufgefreſſen iſt, wenn Eure Chronik noch meinen Namen, unter denen der Koͤnige und Fuͤrſten, mit unverdienter Ehre nennt.“ „Kein wahreres Wort ſteht in meiner Chro⸗ nik, als das, welches ich, in meiner kuͤhnen Zu⸗ eignung, von Euch, hochwuͤrdiger Herr, geſagt!“ gab Saxo, ſich beſinnend, zur Antwort.„Aber wie kann ich mich ſo vergeſſen,“— fuhr er ver⸗ wirrt und ſich raſch erhebend fort,—„habe ich nicht da mich ſelbſt niedergeſetzt, und Euch ſtehen laſſen.“ Noch einmal umarmte und kuͤßte ihn der be⸗ wegte Erzbiſchof, und nahm nun dem Bruder Gunner das Buch aus der Hand, um es ſelbſt zu ſehen, und ſich daran zu erfreuen.— Aus Be⸗ 32 ſcheidenheit wagte er nicht, den Blick auf die Vor⸗ rede zu werfen, durchblaͤtterte aber die Schrift mit Freude.— Aber das letzte Blatt derſelben betrach⸗ tend, verwunderte er ſich ſehr, und fragte Saxo, warum er nicht von den letzten merkwuͤrdigen Be⸗ gebenheiten geſprochen„ und ob er nicht die letzte Hand an das Werk legen wolle, indem er einen Blick auf das gluͤckliche Geſtirn, das durch die Thronbeſteigung des jungen Waldemars des Sie⸗ gers mit dem neuen Jahrhunderte uͤber Daͤne⸗ mark aufgegangen ſchien, hinwerfe.“ „ An gluͤckliche Geſtirne glaubt Ihr ja ſelbſt nicht, hochwuͤrdiger Herr,“— erwiederte Saxo wehmuͤthig laͤchelnd—„außerdem gehoͤre ich dem vergangenen Jahrhundert anz was das neue im Schilde fuͤhrt, vermag ich nicht zu deuten.— Was im Andenken Aller lebt, brauche ich nicht zu erzaͤhlen.— Ich konnte es nicht uͤber mich gewin⸗ nen, von dem Tode des edlen Knuds des Sechſten, zu ſprechen! Denn fuͤrwahr! er ſtarb keines na⸗ tuͤrlichen Todes! Er ſtarb nicht an der Peſt, wie es heißt, ſondern an Gift.“ „An Gift!“— wiederholte der Erzbiſchof be⸗ kroffen,—„ein ſo greulicher Koͤnigsmord ſollte 33 hier in Daͤnemark begangen, und weder beſtraft, noch entdeckt worden ſeyn? Wie kommt Ihr auf die ſchreckliche Vermuthung, Vater Saxo!“ Der Alte ſchuͤttelte den Kopf, und ſchwieg. „Ich habe lange davon murmeln hoͤren“— ſprach Gunner;—„allein ich habe es fuͤr un⸗ gegruͤndetes Geſchwaͤtz gehalten, ja boͤſe Zungen haben ſogar den größten und edelſten Namen in Daͤnemark durch einen Verdacht befleckt, der eben ſo vermeſſen, wie ungereimt iſt. Ich ſtand an der Seite des jungen Koͤnigs, als die Trauerbot⸗ ſchaft von dem plötzlichen Tode des Bruders ihn erſchreckte, und auf den ledigen Thron berief; und beim ewigen Gott, er trauerte als der liebevollſte Bruder, und die daͤniſche Krone hat ihm nicht ſei⸗ nen Verluſt erſetzt.“ „Das iſt der doppelte Fluch des graulchen Geheimnißes dieſer Unthat,“— nahm Saxo das Wort,—„daß es ſeinen unſichern Schatten ſelbſt auf die reinſte und glänzendſte Geſtalt wirft. Gott behuͤte jede chriſtliche Seele, zu glauben, daß die Bruderhand, oder ein daͤniſches Herz, An⸗ theil an dieſer Unthat gehabt! Da ſey Gott vor, daß meine Zunge den Namen, der mir im Sinne I. 3 4 34 liegt, irgend Jemanden nennen ſoll, der nicht unter dem heiligen Eid der kirchlichen Verſchwie⸗ genheit meine letzten und geheimſten Gedanken empfaͤngt.“ „Um Gottes Willen, Vater Saxo— fiel Gunner ein,—„hat Euer Verdacht einen nur wahrſcheinlichen Beweis, ſo verſchweigt ihn nicht, ſondern leitet uns auf die Spur des Moͤrders, ſey er hier, oder in den entfernteſten Landen, und gewiß, der junge gerechte Koͤnig wird weder Nacht noch Tag ruhen, bevor der ſchaͤndliche Tod des Bruders geraͤcht iſt.“— „Ich habe nur eine Vermuthung,“— ent⸗ gegnete Saxo,—„die mir zwar eine feſte Ueber⸗ zeugung iſt, dennoch koͤnnte ſie falſch ſeyn, und den jungen heftigen Koͤnig zu himmelſchreiender Ungerechtigkeit verleiten. Es giebt vielleicht nur zwei Menſchen in der Welt, die wahrhaft in dieſer Sache zeugen koͤnnen. Den einen darf ich nur in der Beichte nennen, er ſelbſt wird gewiß auch am juͤngſten Tage es verſchweigen; der andere iſt ein Mann, deſſen Name und Aufenthalt mir un⸗ bekannt iſt; ſo viel weiß ich nur, daß er mehr einem uͤbernatuͤrlichen Weſen, als einem Menſchen ——— 35⁵ aͤhnlich ſieht; ich habe ihn nur ein einziges Mal geſehen; allein ich vergeſſe ihn nie.“ „Wie ſah er aus? wo habt Ihr ihn geſehen? was ſprach er?“ fragte Gunner heftig. „Das iſt ein ſonderbarer Caſus,“— ſagte der Erzbiſchof.—„Sagt uns, was Ihr in die⸗ ſer hoͤchſt wichtigen Sache mittheilen duͤrft.“ „Alles, was ich davon ſagen kann und darf, iſt folgendes:“— erwiederte Saxo.—„In der Nacht, wo der König ſo ploͤtzlich ſtarb, ſaß ich hier bei meiner Chronik ganz allein, und beſchrieb die Begebenheiten bei der Gefangennehmung des Biſchofs Waldemar und des Herzogs Adolph; und aͤußerte in meinem Eifer fuͤr die Verdienſte Knuds des Sechſten ein Wort mehr oder weni⸗ ger, als ich mit ruhiger Ueberlegung gethan ha⸗ ben wuͤrde; da wurde ich mit einem Male unru⸗ hig und aͤngſtlich im Gemuͤthe; alle alten Ge⸗ ſchichten aus meiner Kindheit, von Ahnungen, Vor⸗ zeichen und uͤbernatuͤrlichen Begegniſſen, ſchweb⸗ ten mir vor dem Sinn; in dieſer ſonderbaren Stimmung ſah ich die Lampenflammen ſich un⸗ ruhig bewegen, ſo wie vorhin, als Ihr edle Her⸗ ren mich uͤberraſchtet; und es war mir in dem⸗ 3* 36 ſelben Augenblicke, als hoͤrte ich die Thuͤre leiſe hinter mir ſich oͤffnen, denn ich ſaß, wie gewoͤhn⸗ lich, mit dem Ruͤcken gegen ſie gekehrt. Ich ſah mich auch nicht um, denn ein ſonderbares Grauen hatte ſich meines Gemuͤths bemaͤchtigt, und mich in der einſamen Mitternachtsſtunde uͤberwaͤltigt, ich vernahm aber deutlich, daß ich nicht laͤnger allein ſey, und daß Jemand dicht hinter meinem Seſſel ſtaͤnde; denn es war, als beruͤhrte ein kal⸗ ter Athem meinen Nacken, und ich ſah einen fremden Schatten ſich an der Wand bewegen.— Ich nahm mich zuſammen, ergriff die Lampe, und wandte mich plötzlich um, um inne zu wer⸗ den, wer mich ſo ſpaͤt ſtoͤren moͤchte, doch bei⸗ nahe war mir die Lampe vor Entſetzen aus der Hand gefallen; denn das erdfahle, runzliche und verdrehte Geſicht eines Greiſes ſtarrte mich mit verwirrten Zuͤgen und matten glaͤſernen Augen an, und eine kleine gebuͤckte Geſtalt in ſchwarzer Berg⸗ mannstracht, an einen Kruͤckenſtab gelehnt, ſtand vor mir!„Warum ſchreibſt Du nicht? Schreibe.“ — kreiſchte er mit heiſerer, liſpelnder Stimme,— „in dieſer Nacht ſtirbt des großen Waldemars erſtgeborner Sohn; wodurch er ſtirbt, weiß außer 37 mir nur Einer in der Welt.“— Er machte da⸗ bei eine graͤuliche Geberde, wie einer, der trinkt und hernach im Krampfe ſtirbt; dann liſpelte er einen Namen hervor, den ich wohl gehoͤrt und mir gemerkt habe, aber noch nicht vor irgend ei⸗ nem irdiſchen Richterſtuhl nennen darf.—„Wo⸗ her weißt Du das?“ wollte ich fragen, allein ich vermochte nicht, ein Wort uͤber die Lippen zu bringen.— Das Antlitz des Alten veraͤnderte ſich plötzlich wieder, und alles Verdrehte darin ver⸗ ſchmolz in einen edlen, ruhigen, faſt prophetiſchen Ausdruck:„Ein neues Licht wird uͤber Daͤnemark aufgehen,“— ſprach er,—„ein Licht, weit groͤßer als das, welches dieſe Nacht erliſcht.— Der Stern ſteht klar im Auge des Loͤwens, aber der Schuͤtze und die Jungfrau bedrohen ihn.“ Seine Zuͤge wurden wieder fuͤrchterlich.„Haltet das Gluͤck feſt, waͤhrend es in Eurer Mitte iſt,“ rief er,„das Auge des Schwarzen ſchielt noch den Walmarſtamm an, und die Hand, die ſeinen erſten Zweig gebrochen, iſt noch nicht verweſet.“ Mit dieſen Worten richtete er den gekruͤmmten Nuͤcken in die Hoͤhe, und es war, als wurde der kleine gebuͤckte Mann vor meinen erſtaunten Bli⸗ 38 cken ſo hoch, wie ein Rieſe. Ich ſank faſt ohn⸗ maͤchtig in den Seſſel zuruͤck, und als ich wieder die Augen eroͤffnete, war ich allein, und der wun⸗ derſame Nachtgeiſt ſpurlos verſchwunden!“ „Es muß ein Wahnſinniger geweſen ſeyn,— meinte Bruder Gunner,—„oder habt Ihr viel⸗ leicht getraͤumt, lieber Vater Saxo! und die. Wirkung Eurer erhitzten Einbildungskraft fuͤr eine wirkliche Erſcheinung genommen?“ „Dem ſey wie ihm wolle!“ erwiederte Saxo, „was ich Euch erzaͤhlt, bleibt unter uns; nennt es ein Schattenbild oder einen Traum, wie Ihr wollt, laßt es aber kein menſchliches Gemuͤth ver⸗ wirren.“— Es folgte nun ein ziemlich langes Stilſchwet⸗ gen. „Jetzt von dem, was uns klar und deutlich vor Augen liegt,“ nahm endlich Saxo das Wort. „Die Lage Daͤnemarks erſcheint Euch herrlich und glaͤnzend; glaubt mir aber, vielliebe Herren! die Furcht und die Schwaͤche ſind gefaͤhrlichere Feinde, als der Muth und die Kraft; tuͤckiſche und gif⸗ tige Feinde lauern an den erweiterten Graͤnzen des Reichs, und betrachten mit boͤſen und ſchie⸗ 39 lenden Augen die zunehmende Macht und den Ruhm des Volks. Die kleinen wendiſchen und ſlaviſchen Fuͤrſten ſehen mit Furcht und gierigem Neid das Geſchlecht des großen Waldemars auf dem daͤniſchen Thron; und der Freundſchaft keines deutſchen Kaiſers iſt laͤnger zu trauen, als er unſre Huͤlfe braucht.“ Nun begann eine warme Unterredung zwiſchen den Freunden, die Lage und Willkuͤhr des Reichs betreffend, bei welchem Geſpraͤch, das keine Be⸗ ruͤhrung mit der Theologie und der Heilkunde hatte, Meiſter Harfenſaite nur wenig Antheil nahm; da⸗ gegen erwog er um ſo mehr die vermeintliche Ver⸗ giftung, von der die Rede geweſen, und ſann auf die Moglichkeit, durch die Unterſuchung der ſeit drei Jahren begrabenen Koͤnigsleiche ſich von der Wirklichkeit der Thatſache zu uͤberzeugen. Bruder Gunner im Gegentheil, als ein kuͤh⸗ ner und eifriger Freund des Vaterlandes, wurde laut. Er konnte nicht lange ruhig ſitzen bleiben, ſondern erhob ſich raſch, und ergoß ſich in eine glaͤnzende Lobrede auf die gegenwaͤrtige goldne Zeit, und auf die Weisheit und Kraft, womit der junge Waldemar das Scepter fuͤhrte. 40 „Geſteht mir, hochwuͤrdiger Vater,“ wandte er ſich an Saxo,„daß wir in einer gluͤcklichen Seit leben.— Ihr ſeyd ein Mann des vergan⸗ genen Jahrhunderts, und ſchaut lieber hinter Euch als vorwaͤrts; das iſt natuͤrlich. In Eurer Ju⸗ gend daͤmmerte erſt der Tag in Daͤnemark nach der fuͤrchterlichſten Nacht auf, und nun preißt Ihr die vergangene Morgenroͤthe und bedauert ihr Ver⸗ ſchwinden, waͤhrend ich die Sonne hoch am Him⸗ mel ſehe, und mich des neuen Jahrhunderts freue, deſſen erſter Tag aufgegangen iſt. Mit Eurem er⸗ ſten großen Waldemar und ſeinen trefflichen Maͤn⸗ nern, iſt Daͤnemarks Geiſt und Kraft nicht ge⸗ ſtorben und begraben. Der Tod des edlen Knud, wie er auch aus der Welt gekommen ſeyn mag, ſoll uns nicht zu Boden druͤcken. Die großen und glaͤnzenden Jugendthaten unſers jungen Waldemars habt Ihr ja ſelbſt in Eurem Alter erlebt, und wie ich vorher aus der Vorrede Eu⸗ res Buches geſehen, habt Ihr auch nicht vergeſ⸗ ſen, ſeinen Muth und ſeine Holdſeligkeit mit dem Ruhm, den ſie verdienen, zu wuͤrdigen. So theilt denn nun auch meine Freude an dem Gro⸗ ßen, das uns gegeben iſt, und meine friſche Hoff⸗ — 41 nung von der Herrlichkeit, die kommen ſoll. Moͤ⸗ gen Daͤnemarks Feinde und Neider nur ſchnau⸗ ben; ſie ſollen zittern und fuͤhlen lernen, daß ein Sohn des großen Waidemar noch auf dem daͤ⸗ niſchen Thron ſitzt, und daß ein juͤngeres Ge⸗ ſchlecht daͤniſcher Maͤnner emporgewachſen, in wel⸗ chem der Geiſt ihrer Vorfahren noch kraͤftig lebt und webt.“ Waͤhrend Bruder Gunner, mit ſeiner kraͤfti⸗ gen wohlklingenden Stimme, und mit einem et⸗ was rhetoriſchen, jedoch natuͤrlichen und in der That begeiſterten Vortrage ſich alſo aͤußerte, und ſelbſt in den unbeweglichen Zuͤgen des Meiſters Harfenſaite eine Art Theilnahme hervorzurufen ſchien;z wurde auf einmal die allgemeine Aufmerk⸗ ſamkeit von dem eifrigen Redner abgewandt und auf einen hohlen Waffenklang, im Winkel beim Kamin, hingelenkt; und erſtaunt erblickten ſie den großen Harniſch, unter dem Bord, mit der Sand⸗ uhr ſich langſam im Halbdunkel des Zimmers gegen ſie hinbewegen. „Wie?“ rief Saxo ernſt,„ruͤhrt ſich die Kaͤmpferruͤſtung meines Vaters in der Ecke? oder gaukelt ein Blendwerk vor meinen alten Augen?“ 42 Der Erzbiſchof ergriff ſogleich die Lampe, je⸗ doch mit einer gewiſſen Bedenklichkeit und Vor⸗ ſicht, um den verdaͤchtigen Winkel in der Naͤhe zu unterſuchen; da fiel der Harniſch mit großem Geraͤuſch um und der kleine Carl von Riſe ſprang, wie aus einer Tonne, aus demſelben heraus. Bruder Gunner, der ſo ploͤtzlich aus ſeiner feierlichen Stimmung herausgeriſſen war, mußte lachen, als er die erſtaunten Geſichter rings um ſich ſah, und vergaß dadurch die unangenehme Stoͤrung. „Nicht boͤſe! guter Herr Biſchof,“ flehte der Knabe verbluͤfft.„Ich wollte nur ſehen, wie mir die eiſerne Jacke ſtaͤnde; und ich wuͤrde gewiß nicht ſolches Geraͤuſch gemacht haben, daß Je⸗ mand es gemerkt, wenn Vater Gunner nicht ſo ſchoͤn von allen den tapfern Rittern, die hier em⸗ porgewachſen waͤren, geſprochen haͤtte; daher wollte ich pruͤfen, ob nicht auch ich ein Ritter werden könnte, und ſo ruͤhrte ich mich auch ſo kraͤftig, wie er ſagte, und—“ „Du biſt ein Geck,“ ſprach der Erzbiſchof, „biſt Du auch hier ſchon wiederum mit im Spiele. — 43 Stelle den Harniſch wieder hin, wo er ſtand, und ſey ſtill.“ Bei dieſer Gelegenheit ſtellte er den Knaben dem alten Saxo vor, dem er Nachricht gab von Carls Namen und Geſchlecht, und von ſeinen ge⸗ ringen Ausſichten in die Zukunft, wenn er nicht Latein lernen und ſpaͤterhin der Welt in einem Kloſter entſagen duͤrfte. Die kindiſche Neigung des Knabens zum Ritterſtande, duͤrfte man bei ſei⸗ nem Mangel an Vermoͤgen und angeerbten Guͤ⸗ tern gegenwaͤrtig noch nicht in Anſchlag bringen, meinte der Erzbiſchof, ſondern empfahl ihn, als ſeinen Pflegeſohn, der Sorgfalt des guten Vaters Saxo, damit er im Kloſter in Gottesfurcht und in gelehrten Dingen auferzogen werden moͤchte; denn es fehle Carln nicht an Anlagen, obgleich er nur noch ein unbaͤndiger Wildfang ſey. „War der alte Herr von Riſe ſein Vater,“ erwiederte Saxo, den Knaben mit Wohlwollen betrachtend,„wird auch mit Gottes Huͤlfe etwas aus ihm werden; ich werde wohl dafuͤr ſorgen, daß er etwas lerne. Geh in das Refectorium, mein Sohn! und laß Dir etwas zu eſſen geben!— 44 Doch nein! Du mußt bis Morgen Geduld ha⸗ ben; es iſt wohl bald Mitternacht.“ „Wir ſind dem Morgen naͤher, als der Mit⸗ ternacht,“ bemerkte Meiſter Harfenſaite und drang auf die Abreiſe. Noch einmal bezeugte der Erzbiſchof dem alten Freunde ſeinen Dank wegen der Zueignung ſeiner Geſchichte, bat ihn aber, die Feder noch nicht niederzulegen und forderte ihn auf, zum naͤchſten Fruͤhjahr dem Koͤnig ſelbſt das vollendete Werk zu uͤberbringen; dabei erſuchte er ihn, recht bald in einem Schreiben ihm ſeine aufrichtige Mei⸗ nung von den drei letzten distinctionis ſeines Hexaëmerons mitzutheilen;— welches letztere er ihm doch ins Ohr fluͤſterte, denn er wollte nicht, daß Bruder Gunner es hoͤren ſollte. Waͤhrend die Freunde ſich in ihre Reiſemaͤntel huͤllten, und von Saxo Abſchied nahmen, ſtand Carl von Riſe in tiefen Gedanken an alles, was er ſo eben gehoͤrt; wodurch er die Trauer wegen, der Trennung und wegen deſſen, daß er das Schwert des Erzbiſchofs und den ſtattlichen Guͤr⸗ tel des Bruders Gunner zuruͤckgeben mußte, faſt vergaß. 4 Kaum hatte Saxo die Gaͤſte bis zum Thore begleitet, und war in ſein Studierzimmer wieder zuruͤckgekehrt, als er von ſeinem noch nicht ſchlaͤf⸗ rigen Lehrling mit Fragen, nicht allein uͤber alle die ſonderbaren Dinge, die im Laufe des Ge⸗ ſpraͤchs der Freunde, beſonders in Beziehung auf Saxos Erſcheinung, erwaͤhnt worden waren, ſon⸗ dern auch uͤber die Glaubwuͤrdigkeit der Sagen und Volksmaͤhrchen, welche der Knabe von ſeiner Großmutter gehoͤrt hatte, beſtuͤrmt wurde. Anſtatt ſich nun in eine kalte und kritiſche Un⸗ terſuchung uͤber die Glaubwuͤrdigkeit ſolcher Er⸗ zaͤhlungen mit dem wißbegierigen Knaben einzu⸗ laſſen, bekam der alte Saxo ſelbſt Luſt, einige der vielen wunderlichen Geſchichten, wovon das Kind den Kopf voll hatte, kennen zu lernen; ſo muͤde er auch war, goß er doch wieder Oel in die Lampe und freuete ſich recht herzlich, manches ihm aus ſeiner Kindheit wohl bekannte Maͤhrchen von dem lebhaften Knaben wieder aufgefriſcht zu hören. Ja, er ſchrieb ſogar hin und wieder etwas von dem, was Carl ihm erzaͤhlte, nieder, um es mit aͤlteren Sagen und Berichten zu vergleichen, und verſprach dabei dem heitern Zoͤgling, ihm 46 recht viele ſchoͤne und wunderbare Geſchichten von daͤniſchen Kaͤmpen, Koͤnigen und Helden, zur Wiedervergeltung zu erzaͤhlen. Es war beinahe Morgen geworden, bevor Carl und Saxo ſich zur Ruͤhe begaben. Als es zur Fruͤhmeſſe lautete, erwachte Saxo aus ſeinem leichten Schlummer und ging mit ſeiner Miſſale nach der Kapelle, ohne an den Knaben zu denken, dem er ein Lager zwiſchen den Schriften auf der Bank bereitet hatte. 1 Als er zuruͤckkam, ſetzte er ſich zur Arbeit hin. Erſt als die Mittagsglocke lautete und er nach dem Refectorium ſich begeben wollte, ſiel ſein erſtaun⸗ ter Blick auf den vergeſſenen Knaben, der auf⸗ gewacht auf der Bank ſaß, und ſich den Schlaf aus den Augen wiſchte. „Was iſt das?“ rief Saxo,„Hm! ja ſo! Du biſt es. Nun, wie heißt Du denn?“ „Carl!“ erwiederte der Knabe mißmuthig, „kennt Ihr mich denn nicht mehr, guter Herr! und Ihr habt mir doch geſtern verſprochen, mir ſo viele ſchoͤne Geſchichten von Koͤnigen und Kaͤm⸗ pen erzaͤhlen zu wollen.“ 47 „FNreilich kenne ich Dich, Carolus von Riſe! Du biſt ein flinker Junge, der gern Geſchichten höͤren und etwas lernen will; aber komm nun mit, es iſt Mittag!“ Saxo ergriff ſeine Hand, und machte ihn zu⸗ erſt mit dem guten Tiſch der Kloſterbruͤder bekannt. Bald war auch der muntre Knabe, als Liebling und Sohn des Erzbiſchofs, von dem Abt Gaufred und ſaͤmmtlichen Bruͤdern gut aufgenommen und aufgehoben. In den erſten Tagen brauchte er nur dem Gottesdienſt und den Andachtsuͤbungen beizuwoh⸗ nen, und es ſtand ihm frei, ſich im Kloſter um⸗ zuſehen und mit der Jugend des Orts zu ſpielen. Nach dem Beiſpiel des Abts Thorkild und des Bruders Gunner in Hm, hatte nemlich der thaͤ⸗ thige Abt Gaufred eine Schule— doch am meiſten fuͤr Kinder reicher Edelleute, die entweder zum geiſtlichen Stande beſtimmt waren, oder auch, nach kurzem Unterricht im Chriſtenthum und gelehrten Dingen, als Edelknaben, Pagen und Schild⸗ knappen bei Rittern und Fuͤrſten angeſtellt wer⸗ den konnten— in Soroe eingerichtet. Der letztern Art von Schuͤlern ſchloß ſich Carl beſonders an, 48 und ſeine Neigung zum Ritterſtande und zu ei⸗ nem kuͤhnen abentheuerlichen Leben, verrieth ſich bald in allen ſeinen Beſchaͤftigungen und Spielen. Er hoͤrte dem Unterricht fleißig zu, machte aber den ehrwuͤrdigen Bruͤdern mehrere Fragen von der Welt und ihren Haͤndeln, als ſie beantworten konnten, und ſtellte oft durch ſeine wilde Unbaͤn⸗ digkeit die Geduld der ernſten Vaͤter auf die Probe. Des Abends dagegen verſagte er ſich gern jede Ausgelaſſenheit und jedes Spiel, und ſetzte ſich ſtill zum Vater Saxo in ſeine Celle hin, wo der Greis, ſeinem Verſprechen gemaͤß, ihm nordiſche Kaͤmpengeſchichten und alte wunderbare Sagen von Koͤnigen und Helden erzaͤhlte. Die Geſchichte von Hagbarth und Signe, ſo auch von Rolf Krake und ſeinen Mannen, machten beſonders ei⸗ nen tiefen Eindruck auf das treue und liebevolle Gemuͤth des Knaben. Auch mit der Bibel, mit der Weltgeſchichte, ſo auch in der aͤlteſten und neueſten Geſchichte des Vaterlandes machte ihn Saxo bekannt; und als dieſer ihm endlich eines Abends erzaͤhlte, welch ein beruͤhmter und tapferer Mann Koͤnig Waldemar II. ſchon ſey, und daß er ein Sohn des großen Waldemar waͤre, deſſen —ſͤ 49 Leben und Thaten Saxo ihm ſchon mit den ſtaͤrk⸗ ſten Farben dargeſtellt hatte, vermochte der Knabe nicht laͤnger dem inneren Drange zu widerſtehen; er ſprang von dem Schemel auf und rief:„ich will dem Koͤnig dienen ſo wie Hialte und Wiggo dem Koͤnig Rolf gedient; bin ich aber dazu noch zu jung, ſo laßt mich erſt in die Lehre bei einem tůch⸗ ligen Rittersmann treten! Wer iſt wohl der beſte von allen Mannen des Koͤnigs? guter Vater.“ „Wiele tapfere Herren umgeben ihn,“ erwie⸗ derte Saxo, und klopfte den erregten Knaben auf die rothen Wangen.—„Es wuͤrde ſchwer zu ſagen ſeyn, wer von ihnen der Beſte iſt; indeſſen glaube ich, daß ſich Niemand ſo leicht mit dem Grafen Albert von Nordalbingien meſſen duͤrfte. Treiben Dich Sinn und Neigung zum Kriegs⸗ ſtande, dann kann es nur wenig nuͤtzen, Dich zu gelehrten Sachen zu zwingen. Ich werde dem Erzbiſchof deswegen ſchreiben und hoffe wohl ihn zu bewegen.— Indeſſen magſt Du mich zu Weihnachten nach Roeskild begleiten.— Der Bi⸗ ſchof Peder hat mir angezeigt, daß er mich er⸗ warte. Dort werden wir vielleicht auch den Gra⸗ fen Albert zu ſehen bekommen, denn er wird I.. 4 50 zwiſchen Weihnachten und Oſtern dort eintreffen; dann koͤnnen wir weiter davon ſprechen.“ Niemand war froher als Carl von Riſe; und als Saxo ſeine freundliche Beurtheilung der drei letzten distinctiones des Hexaëmerons dem Erz⸗ biſchof uͤberſchickte, holte er zugleich deſſen Bei⸗ ſtimmung ein, den Knaben ſeiner Neigung fol⸗ gen zu laſſen. Indeſſen nahete ſich der Juul(Weihnachten) und Carl ſprach nur davon, wie er bald ein ge⸗ waltiger und ſtattlicher Ritter werden wuͤrde. „Wer ein goldnes Pferd begehrt hat immer deſſen Zuͤgel an der Hand,“— ſprach Saxo den Abend vor der beſtimmten Abreiſe zu ſeinem kuͤh⸗ nen Zoͤgling.—„Gieb aber Zeit, Soͤhnchen! Der goldne Sporn iſt nicht ſo leicht zu gewinnen, als Du wohl denkſt. Nimmt Graf Albert Dich auf, wie ich wohl hoffen darf, wirſt Du einen Waffenmeiſter erhalten, der ſelber in fremden Laͤndern die Ritterſchule durchgegangen iſt, und er wird Dich nicht vor der Zeit aus der Lehre lau⸗ fen laſſen. Lerne erſt, bis Du dein vierzehntes Jahr erreicht haſt, die Kerze hinter dem Stuhl des Ritters zu tragen und ihm demuͤthig beim 51 Tiſch und vor dem Bette zu dienen! Wenn Du dann in ſieben Jahren ſeinen Schild und ſeine Lanze getragen, ſeinen Streithengſt gefuͤhrt, ſeine Gefangenen bewacht, und Dich dabei als einen tuͤchtigen und treuen Schildknappen bewaͤhrt, und ſelbſt Gefangene in der Schlacht gemacht haben wirſt— dann ſind es ſchon große Dinge, wenn Du gewuͤrdigt wirſt, deine erſte Waffenwache im Hauſe des Herrn zu halten.“ „Waffenwache? was will das ſagen? Vater Saxo!“— fragte der Knabe,— und als jener ihm nun die Sitte erklaͤrte, welcher ſich der Schildknappe unterwerfen muͤſſe, ehe er Ritter wuͤrde, erſchien es dem Knaben als eine geringe Sache, die Nacht in einer Kirche wach zuzubrin⸗ gen und einen Schild zu bewachen.„Das will ich ſchon dieſe Nacht thun,“— ſprach er und warf ſich in die Bruſft,—„wenn Du mir nur verſprichſt, daß ich recht bald Schildknappe wer⸗ den, und nicht gar zu lange den Tiſch decken und das Bett machen ſoll.“ „Prahlerei und Hochmuth machten noch keinen Mann groß,“— nahm Saxo mit ungewoͤhnli⸗ cher Strenge das Wort,—„ſoll etwas anders 4* 52 als ein Maulaffe aus Dir werden, mußt Du demuͤthig und fromm bleiben und deine Worte nicht größer, als deine Thaten ſeyn laſſen; ein Ritter kaͤmpft laut und redet leiſe, heißt es; leere Tonnen aber machen das meiſte Geraͤuſch, und leere Tonnchen auch, wie ich merke.“ Die Thraͤnen traten Carln, bei den harten Wor⸗ ten ſeines theuren Erziehers, in die Augen; dennoch meinte er, daß er nichts anders geſagt habe, als er wohl auszufuͤhren ſich getraute, wenn es ihm nur geſtattet wuͤrde. 1 Da erhob Sapo ſich ernſt und zuͤndete ſeine Hornleuchte an, die er dem Knaben zu tragen gab. Er ſelbſt nahm das alte Schwert und den Schild ſeines Großvaters aus dem Winkel am Kamin, und wiſchte den Staub von beiden mit ſeinem Mantel ab.„Gehe voran,“ ſagte er zu Earln,„und leuchte mir bis in die Capelle! dort, wo Daͤnemarks groͤßte Helden ruhen, werde ich ſehen, ob Du ſo kuͤhn in Thaten, wie in Wor⸗ ten biſt.“ Carl bereuete nun zwar im Herzen, was er geſprochen, indem es ihm nun erſt einfiel, daß viele Todte in der Capelle begraben waren; allein 7 —— er ſchaͤmte ſich ſeine Furcht merken zu laſſen, und ging ſchweigend mit der Leuchte, durch die ſin⸗ ſtern Moͤchsgaͤnge voraus. Als ſie in die gewoͤlbte Capelle hineintraten, ließ Saxo aus Zerſtreuung den Schild auf den ſteinernen Boden fallen; das Geraͤuſch wiederhalte dumpf in den oͤden dunklen Gewoͤlben und den gemauerten Grabſtellen. Carl bebte aber verbarg ſeine Furcht, und erhob mit anſcheinender Ruhe. den Schild wieder. „Ich werde Dir nun zeigen in weſſen Ge⸗ ſellſchaft wir ſind,“ ſprach Saxo feierlich, indem er ſelbſt bei der Annaͤherung der Graͤber ſeiner großen Entſchlafenen mitten in der Nacht, ſich wunderlich geſtimmt fuͤhlte.„Siehe hier, fuhr er fort, waͤhrend er bei einer Saͤule in der Mauer ſtehen blieb.„Hier ruhen die Stammvaͤter des ddelſten und tuͤchtigſten Geſchlechts in Daͤnemark; 4 4 hier ließ der Erzbiſchof Abſalon kurz vor ſeinem Tode— es iſt nun drei Jahre her— die Ge⸗ beine ſeines Großvaters Skialms Hvides, und die des mannhaften Tuͤchos einmauern; fruͤher ruhe⸗ ten ſie in Fienisloflille. Vergiß nicht, was ich Dir von ihnen erzaͤhlt habe, und bete zu Chriſto 4 54 und zu unſrer lieben Frau, daß Du einſt, wenn Du ſo alt wie ich geworden biſt, ohne beſchaͤmt dein Antlitz verhuͤllen zu muͤſſen, an dieſem Grabe moͤgeſt ſtehen koͤnnen.“ Carl ſtarrte die Mauer an, es war ihm, als ſollten die ſtrengen Krieger hervortreten und ihn fragen, was er unter ihnen wollte; er kaͤmpfte einen aͤngſtlichen Seufzer nieder und folgte dem Greiſe mit der Leuchte in das Chor hinauf.— Dort deutete Saxo langſam auf die Graͤber vieler in der Geſchichte beruͤhmter Verſtorbenen, und er⸗ innerte Carl an ihr Leben und ihre Thaten.— Zuletzt blieb er bei Abſalons Grabe ſtehen.— „Hier,“ ſagte er bewegt mit Thraͤnen in den Augen,„hier ruht der Mann, deſſen Gleichen Du nie erblicken wirſt, und Daͤnemark Jahrhun⸗ derte hindurch nicht aufzuweiſen haben wird.“— Und nun las und erklaͤrte er dem Knaben die 3 ruhmvolle Grabſchrift, womit er ſelbſt das Denk⸗ mal des großen Erzbiſchofs geſchmuͤckt hatte, und kniete mit ihm in ſtillen Gebeten vor dem Grabe „ nieder.— Nachdem ſie ſo eine Stunde unter den Graͤ⸗ bern zugebracht, begann Carl mit dem Orte und 5⁵ ſeinem feierlichen Ernſt vertraut zu werden. Auch Saxo wiederholte was er zuvor geſagt, und er⸗ innerte ſeinen Zoͤgling daran, daß ein kuͤnftiger Ritter Gott vor allem lieben, ihn allein fuͤrchten, und weder vor Lebenden noch Todten zittern duͤrfe. „Haſt Du jetzt noch Muth hier in der Capelle zu wachen bis der Hahn kraͤht?“ fragte er zuletzt. „Das kann ich wohl,“ erwiederte Carl, je⸗ doch mit bebender Stimme, ohne ganz die Furcht verbergen zu koͤnnen. Dann gab ihm Saxo das Schwert in die Hand, ſtellte den Schild bei der Leuchte auf Abſalons Grab hin und gebot ihm, denſelben wohl zu bewachen, wobei er ihn zu flei⸗ ßigem Gebet und Anrufung ermahnte, damit er nicht von der Furcht uͤberwaͤltigt und verſucht wer⸗ den moͤchte zu entfliehen, und die Waffenwache ſchmaͤhliger Weiſe zu verlaſſen.„Beſitzeſt Du aber nicht Muth und Kraft um hier zu bleiben,“ — fuͤgte er hinzu,—„ſo ſteht die Capellenthuͤre offen, und den Weg bis zum Heerdwinkel kennſt Du ja!“ 3 Die letzte vorwerfende Anmahnung gab Carln indeſſen den Muth zuruͤck, denn er hatte am mei⸗ ſten gefuͤrchtet bei den Todten die ganze Nacht hin⸗ 56 durch eingeſchloſſen zu werden; jetzt aber, da er wußte, daß es ihm frei ſtand ſich hinweg zu be⸗ geben, entſchloß er ſich voͤllig da zu bleiben und ſeinen Poſten zu vertheidigen, was ihm auch be⸗ gegnen moͤchte. Als Saxo inne wurde, daß es der feſte Ent⸗ ſchluß des Zoͤglings ſey, als ein voͤlliger Schild⸗ knappe auszuharren, erfreuete er ſich innig deſſen Kuͤhnheit, und fand, daß dieſe Pruͤfung fuͤr ei⸗ nen Knaben ſeines Alters, der noch keinen Waf⸗ fenuͤbungen beigewohnt und den Kopf von Maͤhr⸗ chen und Spuckgeſchichten voll hatte, ſchon groß genug waͤre. Er wollte daher Carln von jeder weiteren Pruͤfung ſeines Muthes freiſprechen und ehn mit ſich auf ſeine Celle zuruͤcknehmen; doch es anube ſchaͤmte ſich, als ein furchtſames, un⸗ ſtandhaftes Kind behandelt zu werden, und be⸗ ſtand auf der Erfuͤllung ſeines Wortes. Saxo fand es bedenklich, dies fruͤh erregte Ehrgefuͤhl in dem jungen Gemuͤth, auf irgend eine Weiſe zu verletzen; allein, um jeder Gefahr die der Ort, die Zeit und die lebhafte Einbildungskraft des Knaben herbeifuͤhren konnten, vorzubeugen, ent⸗ ſchloß er ſich, heimlich in der Naͤhe zu bleiben —— — 57 und verließ nur die Capelle, um durch eine Ne⸗ benthuͤre der Sacriſtei unbemerkt zuruͤckzukehren und ſich in dem dunkeln Kreuzgang zu verbergen, von dem er vermittelſt des Scheines von der Leuchte auf dem Grabſteine, und von dem ſo eben aufgegangenen Mond, jede Bewegung des jungen Helden bemerken konnte. Er ſah nun auch von ſeinem Verſteck, wie der Knabe beharrlich vor dem Altar, mit dem großen Schwerte in der Hand, auf und nieder ging; allein, wenn der Mond ploͤtzlich durch die jagen⸗ den Wolken den Schein durch die kleinen Schei⸗ ben hineinwarf und die geſchnitzten Bilder an den Grabmaͤhlern beleuchtete, oder wenn der Zugwind durch die oͤden Gewoͤlbe die alten Fahnen ums der Decke bewegte, da gewahrte Saxo nicht ohne Furcht, wie der Junge aͤngſtlich um ſich ſtarrte, aber auch zugleich mit inniger Freude, wie ſein frommer Zögling niederkniete und betete, bis er ſich wieder ermannte, und ſeine Wanderung aufs neue begann.— 8 „So recht, Carlchen!“ dachte der Alte, und ohne es zu wiſſen, gab er wie gewoͤhnlich den Gedanken Stimme. 4 * 1 58 Erſtaunt hoͤrte der Knabe ſeinen Namen nen⸗ nen, ohne entdecken zu koͤnnen woher die Stimme kam, die ihn zu ſtaͤrken und ermuntern ſchien aber dennoch ſeine Bruſt mit Grauen erfuͤllte. Zwar bebte ſein ganzer Körper bei der Vorſtellung, daß er ſich hier ganz allein mitten in der Nacht unter den Graͤbern befand und vielleicht von den un⸗ ſichtbaren Geiſtern der geſtorbenen Helden umge⸗ ben ſey; allein, daß ſie ihm wohl wollten glaubte er doch ſchon an der freundlichen Stimme ver⸗ nommen zu haben. Indeß verſank ſelbſt Vater Saxo in wunder⸗ liche Gedanken. Ort und Zeit wirkten mit un⸗ widerſtehlicher Gewalt auch auf ihn ein, und es war ihm in ſeinen wachen Traͤumen, als ſaͤhe er ſeinen hinuͤbergegangenen Freund, den großen Ab⸗ ſalon, ſich aus ſeinem Grabe erheben, und im bi⸗ ſchoflichen Ornat, mit dem Krumſtab und der Mon⸗ ſtranz in den ehrwuͤrdigen Haͤnden vor den Altar tre⸗ ten, um Land und Volk den Segen zu geben ſo wie er es oft von ihm, als er noch lebte, geſehen und gehört hatte; es war ihm, als hoͤrte er Abſalons gewaltige Stimme lateiniſch:„der Herr ſey mit Euch!“ ſingen; und unbewußt was er that, 59 kniete er nieder und ſang lateiniſch mit leiſer Stimme, doch ſo laut, daß Carl es hoͤren konnte: „und mit deinem Geiſte!“ Da ſtraͤubten ſich die Haare vor Entſetzen auf Carls Kopfe; das Schwert ſiel ihm aus der Hand; er wollte entfliehen; allein es dunkte ihn, als waͤren ſeine Fuͤße in den Boden gewurzelt, er vermochte nicht ſich von der Stelle zu regen; denn das Schwert hatte im Falle die Leuchte umgewor⸗ fen und das Licht ausgeloͤſcht. Es war einen Au⸗ genblick ſtockſinſterum ihn, und bei dem Scheine des Mondes, der ploͤtzlich hervortrat, ſah er deut⸗ lich eine hohe weiße Geſtalt aus dem dunklen Kreuzgang, ſich immer naͤher nach ihm hinbewe⸗ gen. Er wankte entſetzt zuruͤck und hielt ſich an dem ausgeſchnitzten Engel in der Thuͤre zum Chor, um nicht zu Boden zu ſtuͤrzen. Die weiße Geſtalt war Saxo im Ciſtercienſer⸗ mantel; durch das Geraͤuſch des fallenden Schwer⸗ tes ſeinen Traͤumen entriſſen, nahete er, um Carl mit zu Hauſe zu nehmen, und ſich und ihn voon der angreifenden Nachtwache zu befreien. „Komm mein Sohn!“ ſprach er,„es iſt genug! Du haſt treulich gewacht und gebetet, und 60 mehr auf die Kraft des allmaͤchtigen Gottes, als auf Dich ſelbſt vertraut. Nimm nun die Waf⸗ fen und folge mir! Mitternacht iſt voruͤber. Carl erkannte den vaͤterlichen Lehrer und ſtuͤrzte ſich froh in ſeine Arme.—„Gottlob, daß Du gekommen, guter Vater!“ rief er, und athmete leicht auf;„es iſt nicht ſo leicht, wie ich dachte, Waffenwache zu halten, und mit mei⸗ nem Muthe werde ich nicht fuͤrder großthun; ich waͤre gern fruͤher weggelaufen, aber ich vermochte nicht den Fuß zu bewegen.“ „Was fuͤrchteteſt du denn? mein Sohn!— fragte Saxo, das ehrwuͤrdige Antlitz bleich wie das einer Leiche, ruhig doch mit feierlichem Ernſte, —„hier im heiligen Hauſe des Herrn und bei gottesfuͤrchtigen Gedanken koͤnnen ja doch nur gute Geiſter uns umſchweben; und dieſe brauchen wir nie zu fuͤrchten.“ „So ſchien es auch mir,“— verſetzte der Knabe, und ſchmiegte ſich enger an ihn,—„al⸗ lein dennoch wurde mir bang; es war, als knie⸗ ten die Todten rings um mich und hielten Meſſe.“ „Ich glaubte einen lieben Abgeſchiedenen zu ſehen,“— erwiederte Saxo mit leiſer Stimme, 61 waͤhrend ſein Blick noch auf dem Altar ruhete,— „aber ich fuͤrchtete mich nicht; denn ich hoͤrte die Stimme meines ſeligen Herrn, der mich ſegnete und mich zu ſich berief; und fuͤrwahr es iſt mir, als hat er nicht vergebens gerufen. Vielleicht ha⸗ ben wir beide getraͤumt,“— fuͤgte er hinzu,— allein Traͤume koͤnnen auch von Gott kommen.“ Als er dies ſagte, ſauſete es wunderlich uͤber ſeinem Haupte, und die Fahnen bewegten ſich uͤber Abſalons Grab. Schweigend verließen nun Saxo und ſein Zoͤgling die Capelle. Der Knabe trug den Schild und das Schwert, Saxo die ausgeloͤſchte Leuchte⸗ Beide waren ſehr feierlich geſtimmt, gleichſam von hoͤheren Weſen zu einem großen und wichtigen Beruf geweiht. Der Greis traͤumte von ſeinem verklaͤrten Herrn und Freunde„ und von dem Ruf zu ſeiner Herrlichkeit in dem ewigen Reich Gottes. Der Knabe war nicht aͤngſtlich mehr, ſondern dachte an Helden und Ritterthaten, an luſtige Abentheuer und ſchoͤne Frauen. Was er vorher zwiſchen den Graͤbern gehoͤrt, war ihm jetzt wie Geſang der Engel und die Aufforderung der 62 groͤßten Heldengeiſter, groß und herrlich wie ſie zu werden. In dem dunklen Moͤnchsgange zwiſchen der Capelle und dem Kloſter, brannte unter einem Marienbilde eine einzelne Lampe; Saxo zuͤndete dabei ſeine Leuchte wieder an, denn der Mond war aufs neue von Schneewolken bedeckt; und ohne einander in der ſo hoͤchſt verſchiedenen und dennoch ſo begluͤckenden Stimmung, in welche das naͤchtliche Abentheuer beide geſetzt, zu unterbre⸗ chen, gingen ſie ſchweigend nach der Celle und begaben ſich zur Ruhe. Den folgenden Morgen fuͤhlte Saxo ſich ent⸗ kraͤftet und zu der Reiſe beinahe unfaͤhig, allein, da Carl ſchon bereit dazu vor ſeinem Lotterbette ſtand, erhob er ſich mit Anſtrengung, las ſtill ſein Morgengebet und zog die Reiſekleider von Lammsfellen an. Sobald er und Carl der Meſſe beigewohnt hatten, nahm er Abſchied von dem Abte Gaufred und den guten Bruͤdern, deren hochgeſchaͤtzter Gaſt er nun ſeit drei Jahren gewe⸗ ſen war. Unter dem Arm trug er zwei Buͤcher, die er von Abſalon geliehen, und die er, deſſen Teſtament zufolge, ans Sorse⸗Kloſter zuruͤckzuge⸗ 63 ben hatte. Es waren jener pergamentene Juſti⸗ nus und ein Valerius Maximus,(per manum Absalonis). Es koſtete ihm viel, bevor er ſich uͤberwinden konnte ſich von dieſen Buͤchern zu tren⸗ nen.—„Nehmt ſie,“— ſagte er zum Abte,— „nehmt ſie bald, damit ich ſie mitzunehmen und gegen den letzten Willen meines Herrn, den Ihr ſelbſt gehoͤrt und niedergeſchrieben habt, zu ſuͤn⸗ digen nicht verſucht werde. Die drittehalb Mark Silber, die er mir ſo freigebig erließ, haͤtte ich wohl nicht ohne viele Schwierigkeit zu Wege ſchaffen koͤnnen, dieſe Anleihe aber faͤllt mir faſt noch haͤrter zuruͤckzugeben: denn ſeht Ihr, hoch⸗ wuͤrdiger Herr, hier beſinden ſich köſtliche Flecken von Abſalons Lampe.“ „Wir werden dieſes Erbgut als ein Heilig⸗ thum unter den Reliquien unſers Kloſters aufbe⸗ wahren,“ erwiederte der Abt Gaufred, und legte die Buͤcher ſorgfaͤltig zur Seite. Dann umarmte Saxo ihn und die uͤbrigen Bruͤder zum Abſchied!„Gern„“ ſagte er zuletzt, „haͤtte ich meine Gebeine hier an den Fuͤßen mei⸗ nes frommen und ſeligen Herrn zur Ruhe ge⸗ legt; allein der gute Biſchof Peder hat mich zu 64 ſich berufen; moͤglicherweiſe oll ich die letzte Oeh⸗ lung von ſeiner Hand empfangen, und vielleicht iſt es mir beſcheert, dort, wo die aͤlteſten daͤni⸗ ſchen Koͤnige nach ihren Thaten ruhn, der Nach⸗ welt den Weg zu den koͤniglichen Graͤbern zu be⸗ zeichnen.“ Der Abt und alle Bruͤder waren bei der Tren⸗ nung ſehr geruͤhrt, denn es war hoͤchſt wahr⸗ ſcheinlich, daß ſie den frommen Saxo zum letz⸗ tenmal geſehen hatten. Habe hatte er nicht viel, und Geld uag we⸗ niger mitzunehmen; allein er bedurfte ſehr wenig, und mit einem Mark Silber konnte er ſich lange behelfen. Am ſorgfaͤltigſten hatte er die Schrif⸗ ten Abſalons, und die zwei ſilbernen Becher, die er zu ſeinem Andenken aufbewahrte, eingepackt; ſeine, auf Pergament zierlich abgeſchriebene Chro⸗ nik hatte er vorſichtig in die Bettdecke eingewi⸗ ckelt, in der Hoffnung, ſeine Arbeit noch einmal in Roeskild durchſehen zu koͤnnen. Saxo zu alt zum Reiten, bediente ſich eines Wagens, den der Abt von einer Edelfrau in der Nachbarſchaft fuͤr ihn geliehen hatte. Bei dieſem bequemen Fnhrwerk konnte er den ganzen Weg ————— 6⁵ hindurch ſich ungeſtoͤrt ſeinen Gedanken uͤberlaſſen und dem Fuhrmann die Sorge fuͤr den Zügel und die Pferde anvertrauen. Es war ein klarer, heitrer Wintertag; im Sonnenſcheine glaͤnzten die bereiften Baͤume. Die Raͤder knarrten auf der leichtgefrornen Erde, und die Pferde wieherten in die friſche Morgenluft hin⸗ aus. Carl ſaß ſeelenfroh neben dem Fuhrmann, waͤhrend der alte Saxo ſeiner gluͤcklichen Jugend gedachte, da er ſo oft dieſen Weg zwiſchen wohl⸗ bekannten Seen und Waͤldern an der Seite des tapfern Abſalons geritten. Doch vergaß er nicht ſich umzuſehen und ſeinen jungen Begleiter auf die vielen Kirchen aufmerkſam zu machen, an denen ſie entweder voruͤber fuhren oder in der Entfernung erblickten, welche der große Waldemar und die gottesfuͤrchtigen Maͤnner die ihn umgaben, von behauenen Felſenſteinen oder gebrannten Ziegeln, hatten auffuͤhren und mit koſtbaren Bleidaͤchern verſehen laſſen. Denn die weit fruͤher gebaueten holzernen Gotteshaͤuſer, waren zum Theil von den heidniſchen Wenden abgebrannt.— Auch zeigte er dem Knaben viele merkwuͤrdige Ueberreſte aus alten Zeiten. I. 5 66 Als ſie ſpaͤter Signeſted vorbeifuhren und Carl erfuhr, daß hier der Ort ſey„ wo die Geſchichte mit ſeinem lieben Hagbart und Signe— eine romantiſche, ruͤhrende Begebenheit, die noch im Munde und Herzen des Volks fortlebt— ſich zugetragen hatte, wurde der Knabe ſo bewegt, daß er weinte und wollte, daß Saxo ihm den Baum, an dem Hagbarts Mantel gehaͤngt, und die Stelle, wo Signes Frauenzwinger in Flam⸗ men aufgegangen war, zeigen ſollte. Nur eine Quelle, die Signes Namen trug, wurde noch ge⸗ zeigt, und Carl mußte ſich mit den ungewiſſen Vermuthungen, welche die alte Sage zu beſtaͤ⸗ tigen ſchienen, begnuͤgen laſſen. In Ringſted beſuchte Saxo mit Carln St. Bents und Maria Kirchen, wo er ihm den ver⸗ goldeten Sarg des Herzogs Knud ſo auch die Graͤ⸗ ber des großen Waldemar, der Königin Maria und Knuds VI. zeigte. Bei jedem Schritt den ich jetzt mache, ſehe ich nur die Graͤber derjeni⸗ gen, die mir im Leben lieb und theuer waren,“ ſagte Saxo dabei.„Gott ſegne Daͤnemark und laſſe es nie Maͤnner vermiſſen, die den großen Entſchlafenen meines Jahrhunderts gleichen. 43 67 Sowie er die Kirche verlaſſen wollte, warf er noch einen wehmuͤthigen Blick auf das Grab Knuds VI., und bemerkte mit Erſtaunen einige Veraͤnderung daran.—„Iſt das Grab geoͤffnet worden?“— fragte er den alten Kirchendiener, und erfuhr jetzt als ein Geheimniß, daß drei fremde Herren aus Ribe, von Meiſter Harfenſaite aus Roeskild begleitet, auf koͤniglichen Befehl das Grab im vorigen Herbſte geoͤffnet und eine heim⸗ liche Unterſuchung mit der königlichen Leiche vor⸗ genommen. * des Weges ſaß Saxo nken verſunken; allein es war ein ſolcher Friede und ſolche Klarheit uͤber ſein ehrwuͤrdiges Antlitz verbreitet, daß Carl ihn nicht mit irgend einer Frage zu ſtoͤren wagte; und wirklich ſchien Saxo ſich erſt zu erinnern wo er ſich befand, als er durch das rothe Thor in Roes⸗ kild hineinrollte, und St. Lucii wohlbekannte Thurmſpitze in der Abendroͤthe glaͤnzen ſah. Vor Freude klopfte Carl bei dem herrlichen Anblick in die Haͤnde, als er die große Stadt, die er zum erſtenmal erblickte mit den Wäͤllen und Graͤben, und den ſieben und zwanzig Kirchen 5* und Kloͤſtern ausgeſtreckt vor ſich liegen ſah.— Der Dom ſtand noch da, ſo wie er vor 220 Jah⸗ ren zum zweitenmal von Knud dem Heiligen auf⸗ gebaut worden war. Die glänzendſte Zeit der Stadt war zwar voruͤber, denn das neue Axel⸗ huus*⁴) war bereits ſtark im Aufkommen, Ribe war der Sitz des Koͤnigs, und Roeskild aus einer Koͤnigsſtadt eine biſchoͤfliche Reſidenz geworden; doch war ſie noch die groͤßte und beſte Stadt im Lande. Ihre anſehnlichen Gebaͤude reichten bis an die Iſſebucht hin, Han ob ſich ſtolz und glaͤnzend die Bucht beher viele Schiffe erfuͤllten den Hafen; wohn b ſtattlich durch die Straßen; Lanzentraͤger, Schild⸗ knappen, Ritter und geiſtliche Herren bewegten ſich durch einander im bunten Gewimmel.— Ta⸗ geloͤhner und Laſttraͤger ließen ihre Arbeit ruhen, waͤhrend die mannichfaltigen Glocken zum Ave Maria laͤuteten; Kinder, fromme Greiſe und ehr⸗ bare Buͤrgerfrauen, mit ihren ſchwarzen Hauben und Maͤnteln begaben ſich, ihre Toͤchter an der Hand, in die Kirchen. —. *) Das jetzige Copenhagen. . 1 69 Ueber dem Thorweg eines großen, finſtern, hoͤlzernen Gebaͤudes mit Soͤllern und zwei uͤber⸗ einander herausragenden Stockwerken, ſo auch mit bibliſchen Bildern in Schnitzwerk an den Faͤchern, wurde Carl ein Wappenſchild von Holz geſchnit⸗ ten, mit einem großen ſchwarzen Adler im weißen Felde gewahr.„Welcher Ritter fuͤhrt dieſes Wappen?“ fragte er, und nun erfuhr er, daß es das Wappen der Stadt ſei, das an dem Thinghauſe befeſtigt war. 2 „In dem großen weißen Hauſe nebenan, mit unſerm Herrn und den Apoſteln an den Pfeilern, wohnt der reiche Buͤrgermeiſter Herr Ywald,“ fuͤgte der Fuhrmann hinzu;„die zwei geputzten Buͤrger in den langen Kleidern und mit den gro⸗ ßen Stoͤcken in den Haͤnden ſind traun: Niels Gevaderſohn und Styrmer Jensſohn, die er ohne Zweifel kennt!— Seh ich recht, hat Herr Nwald gewiß große Leute zu Gaſte, alldieweilen ſo er⸗ ſchrecklich viele Dienerſchaft ſich ſtreckend im Thor⸗ wege ſtehet. Nun rollte der Wagen in das Thor der bi⸗ ſchoͤflichen Wohnung, neben dem Dom und dem großen Capitelhauſe ein, und hielt an einer breiten 70 ſteinernen Treppe mit geſchnoͤrkeltem eiſernen Ge⸗ aͤnder ſtill. „Willkommen Vater Saxo! willkommen!“ klang es um den Wagen e und eine ganze Schaar von jungen Domherren, mit Schriften unter dem Arme, ſtroͤmte herzu, um ihm aus dem Wagen zu helfen.„Wie wir uns doch nach Euch ge⸗ ſehnt haben.— Wie wird der Biſchof Peder froh werden, Cuch zu ſehen.— Er hat ſeit langer Zeit nicht von etwas anderem geſprochen— aber Ihr duͤrft nicht im Capitelhauſe bleiben.— Ihr ſollt das beſte Zimmer des Biſchofs bewohnen.“ So wurde er von den jungen Domherren, die beinahe alle ſeine vorigen Schuͤler geweſen, em⸗ pfangen. Sie trugen ihn faſt auf ihren Haͤnden die Treppe hinauf, und er umarmte ſie alle lieb⸗ reich, ſegnete ſie geruͤhrt, und nannte ſie ſeine lieben Freunde. Auf der Flur kam ihm der Biſchof Peder mit offnen Armen entgegen. Den taͤglichen, mit Grauwerk gefuͤtterten Mantel„ hatte derſelbe in der Eile umgeworfen, und das ſchwarze ſammtne Scheitelkaͤppchen ſaß ihm ſchief. Nach den fun⸗ kelnden jugendlichen Augen, den rothen Wangen 71 und dem glattgeſchornen Kinn, haͤtte man den gro⸗ ßen, ſchoͤnen Mann, mit ſeiner raſchen Beweg⸗ lichkeit fuͤr einen Juͤngling halten koͤnnen, wenn das faſt ſchneeweiße Haar ihn nicht aͤlter gemacht, als er wirklich war, denn Biſchof Peder war nicht viel uͤber die vierzig. Er umarmte Saxo heftig und innig, und die lebhaften warmen Aeuſ⸗ ſerungen ſeiner Freundſchaft ließen dieſen nicht fruͤher zu Worte kommen, als bis er mitten in ſeiner Freude bemerkte, daß Saxo bleich wie ein Sterbender war, und ſich an den Tiſch halten mußte, um nicht zu Boden zu ſinken. „Setze Dich— ſetze Dich um Gottes Wil⸗ len! biſt Du krank?“ rief auf einmal der Bi⸗ ſchof, und ruͤckte ſchnell einen Lehnſeſſel hervor, „wie ſteht es um Dich? hat die Reiſe Dich ermuͤdet?“ „Ja wohl, hochwuͤrdiger Herr!“— gab Saxo zur Antwort und ſank in den Seſſel zu⸗ ruͤck.—„Die Reiſe des Lebens hat mich muͤde gemacht, glaube ich, und Ruhe thut mir Noth, allein ich ſtehe ja nun auch bald am Ziele; ich habe den Willen meines Heern ausgerichtet und er hat ſeinen Diener zu ſich berufen. Carl! haſt 72 Du die Buͤcher aus dem Wagenkaͤſtchen genom⸗ men?“ fragte er nach kurzem Verſtummen wie aus einer halben Betaͤubung erwachend. Carl ſtand mit thraͤnenden Augen an ſeiner Seite, und legte das eingewickelte ihm empfoh⸗ lene Buch in ſeinen Schooß, waͤhrend er ſtill zu ſeinen Fuͤßen hinkniete und ſchweigend ſeine Hand kuͤßte. Da klopfte ihm Saxo ſanft und ruhig auf die Wange!„Dank!“ ſagte er,„Du biſt mir ein treuer wohl aufpaſſender Knabe. Weine nicht Sohn— Dir wird es gewiß gut gehen in der Welt, denn Du haſt ein frommes und liebreiches Herz.— Der gute Biſchof Peder wird gewiß fuͤr Dich ſorgen, wenn ich es nicht mehr kann,— und wenn Graf Albert kömmt— r „Ach! lieber Vater!“ ſeufzte der Knabe, „fur mich wird Gott ſorgen, wenn Du nur nicht krank wirſt und von mir hinweg ſtirbſt!“ „Er iſt krank, gefaͤhrlich krank— ſprach der Biſchof, heftig auf und ab gehend,—„und Meiſter Harfenſaite iſt nicht hier.— Bei wem iſt jetzt Huͤlfe zu finden, wenn nicht bei dem deutſchen Bader in der Baderſtraße? Es iſt 73 aber nichts anders zu thun, wir muͤſſen ihn holen laſſen.“ Er ſchickte nun einen Pfaffen und Lay⸗ enbruder nach dem andern, um den Meiſter Gre⸗ gor in allen Bierhaͤuſern der Stadt, wo er gern einkehrte, aufzuſuchen, und befahl den Dienern, das Bett in dem Aikoven zu machen, und jagte die mitleidigen aber uͤberfluͤſſgen Domherren aus der Stube, damit ſie nicht durch ihre Theilnahme den lieben, kranken Gaſt, beunruhigen moͤchten. „Mein beſter Arzt iſt jetzt Ruhe,“— ſprach Saxo ermuͤdet.—„Doch ehe ich mich dieſer er⸗ gebe,“ fuhr er mit Anſtrengung fort, und reichte dem Biſchof das ſchwere Buchpaket hin,—„ge⸗ ſtattet, hochwuͤrdiger Herr! daß ich in Eure Hand dieſen meinen Nachlaß an das daͤniſche Volk und ſeinen Koͤnig, niederlege; es iſt meine Geſchichte von Dänemark.— Ich hatte gedacht, ſie ſelbſt dem Koͤnig zu uͤberbringen, wenn ich ſie nochmals durchgeſehen und den Styl abgefeilt haben wuͤrde, ſollte ich aber daran verhindert werden, ſo uͤber⸗ gebt Ihr in meinem Namen dem Koͤnig das Buch, wie es iſt, und am liebſten in einer gluͤcklichen Stunde, wenn es Euch klar iſt, daß der Geiſt des Herrn mit dem Koͤnig und dem Vaterlande iſt. 74 Zwei Abſchriften davon, eine fuͤr Euren Bruder, den Erzbiſchof, und eine zweite fuͤr Euch, theils mir zum freundlichen Andenken, theils auch, da⸗ mit kein Unheil das Werk meines Lebens zernich⸗ ten kann, moͤgt Ihr auch zuvoͤrderſt beſorgen.— Wenn meine geringe Hinterlaſſenſchaft nicht zum Abſchreiberlohn hinreicht, werdet ihr gewiß gern das Fehlende zulegen.“— „Freilich, freilich! deinen Wunſch werde ich treu erfuͤlleu,“ entgegnete der Biſchof, ſeine Un⸗ geduld und Furcht, ſo gut er es vermochte, be⸗ kaͤmpfend. Ich hoffe doch, daß Du nicht her⸗ gekommen biſt, um uͤber Hals und Kopf dein Te⸗ ſtament zu machen,“ fuhr er in einem beinahe zornigen Ton fort, doch das Buch mit immer gro⸗ ßerer Bewegung betrachtend, fuͤgte er ſanft hinzu: „Gott lohne Dir in der Ewigkeit das Stuͤck Ar⸗ beit.— Es wird daͤniſche Herzen erfreuen, ſo lange däͤniſche Maͤnner da ſind.“ Damit ver⸗ ſchloß er das Buch hurtig in ſeinem Reliquien⸗ ſchrank.— Und mit den Worten:„nun zu Bette!“ faßte er den Kranken kraͤftig in ſeine Arme, erhob ihn vom Seſſel, und trug ihn mehr 75⁵ als er ihn fuͤhrte, zu dem in der Eile bereiteten Lager in den Alkoven. In großer Eile hatte der deutſche Meiſter Gre⸗ gor ſich ſchon eingefunden. Es war ein kleiner geſchaͤftiger Mann in einem ſteifen Scharlach⸗ kleide, mit weit hervorragenden Seitentaſchen. Mit wichtiger Miene unterſuchte er den Puls des Kran⸗ ken, und ſchuͤttelte bedenklich das Haupt, waͤh⸗ rend er mit einem breiten Strom von lateiniſchen Kunſtwoͤrtern und gebrochenem Daͤniſch, ſeine In⸗ ſtrumente aus der Taſche zog, indem er behauptete, daß ein augenblicklicher Aderlaß ſchlechterdings nothwendig ſey. Wie krank auch Saxo war, verzog er doch das Geſicht, ſo oft ein lateiniſcher Barbarismus in ſeinem Ohr ſchnarrte; und da Meiſter Gregor bei der weitlaͤuftigen Auseinander⸗ ſetzung ſeiner Gelahrtheit zwar den Kranken zu vergeſſen ſchien, wurde auch bald die Unruhe und Ungeduld des Biſchofs aufs Aeußerſte gebracht. „Soll und muß gleich zur Ader gelaſſen wer⸗ den,“ rief dieſer,„warum verderbt Ihr denn die koſtbare Zeit durch Geſchwaͤtz, und toͤdtet ſowohl mich als den guten Vater Saxo mit Eurem bar⸗ bariſchen und unchriſtlichen Latein?“ 76 Nach dem Aderlaſſe ſiel der Kranke in einen tiefen und ruhigen Schlaf, von dem ſich Meiſter Gregor die gewiſſe Herſtellung verſprach, wenn der Kranke, wohl zu merken, ſobald er wie⸗ der erwachte, und man mit einer Verbena oder Eiſenkraut in der Hand, vor ihn hintraͤte, auf die Anfrage nach ſeinem Beſinden, zur Antwort gaͤbe, daß er ſich wohl beſinde; aͤußerte er aber, daß er ſich unwohl fuͤhle, dann verſicherte der ge⸗ lehrte Barbier, waͤre nur wenig Hoffnung da, daß er am Leben bliebe. „Dummes Geſchwaͤtz und Aberglaube!“— unterbrach ihn der Biſchof eifrig.—„Will Gott helfen, kehre ich mich nicht an Eure Verbena und an alle Hexenkraͤuter.“ Meiſter Gregor berief ſich vergebens auf die Autoritaͤt ſeines Principals, und daß es ſo in des gelehrten Meiſter Harfenſaites Arzeneibuche ge⸗ ſchrieben ſtaͤnde.—„Der gute Meiſter Harfen⸗ ſaite konnte wohl in dieſem Stuͤcke ein Thor, ſo wie ſo viele andre, ſeyn,“ meinte der Biſchof und fuͤhrte, um dem Kranken Ruhe zu verſchaf⸗ fen, den lautredenden Barbier aus dem Zimmer, in welchem er nur ſeinen alten treuen Diener 77 Martin und Carl von Riſe, der nicht von dem Krankenlager zu bringen war, zuruͤck ließ. Der Knabe, dem abgenommenen Geluͤbde, ganz ſtill zu ſeyn, getreu, bezwang auch ſogleich ſein heftiges Schluchzen; er ſetzte ſich auf den Boden des Alkovens zu den Fuͤßen des Bettes und wagte kaum Athem zu holen, um auf den Athem des Kranken zu lauſchen, der nach ſeinem aͤngſtlichen Gutduͤnken immer ſchwaͤcher zu werden ſchien, und waͤhrend der alte Martin leiſe am Kamin betete und ſeufzte, weinte der Knabe, ohne ſich durch einen Laut zu verrathen, ſtill und bitterlich hinter dem Vorhang des Alkggen. Indeſſen war in dem naͤchſten Zimmer der Bi⸗ ſchof in einem heftigen Wortwechſel mit Meiſter Gregor begriffen, den er beſchuldigte, den ent⸗ kraͤfteten Greis durch ſeinen Aderlaß zu ſehr er⸗ mattet zu haben. Er bedauerte zugleich die Ab⸗ weſenheit des Meiſter Harfenſaite, wodurch ſein Vikarius ſich ſo beleidigt fuͤhlte, daß er ſich zor⸗ nig zuruͤck zog und den Biſchof erſuchte, ſelbſt den Arzt zu machen, weil er die Funf beßer zu ver⸗ ſtehen glaubte. 78 Der Biſchof Peder wurde beinahe immer erzůrnt und auffahrend, wenn er mit einem Kummer, dem er nicht nachgeben mochte, zu kaͤmpfen hatte„ und dann mußte gern der, mit dem er ſo eben zu thun hatte, dieſe Stimmung entgelten; doch bald bereuete er ſeine Heftigkeit, und wer bei ſolcher Gelegenheit von ihm beleidigt worden war„ konnte immer gewiß ſeyn, recht bald Proben ſeiner Her⸗ zensguͤte und ſeines Wohlwollens zu erfahren. Noch ſuchte der Biſchof ſeine Aengſtlichkeit we⸗ gen Saxo durch harte Aeuſſerungen gegen den fortgegangenen Gregor zu beſchwichtigen, als der alte Martin hereintrat und ihn zu dem Kranken, der unruhig erwacht war und nach dem Sakra⸗ ment und Beichte verlangte, beſchied. In der groͤßten Eile warf der Biſchof ſich in ſeinen Ornat, nahm die heiligen Gnadenmittel zur Hand, und begab ſich mit tiefem Schmerze zu dem lieben Kranken, nachdem er Martin be⸗ fohlen, draußen zu bleiben und Jedweden den Eingang zu verbieten. ⁴ Als der Biſchof in das Zimmer trat, ſchien Saxo wieder eingeſchlummert zu ſeyn.— Es herrſchte eine Todtenſtille. Biſchof Peder nahete .— .— 79 dem dunkeln Alkoven, wo er ſich an der Seite des Kranken niederließ ohne Carln zu bemerken, der von dem Vorhange verborgen, wie vorher am Fußende des Bettes mit gefaltenen Haͤnden ſtill⸗ weinend, betend ſaß. Da eroͤffnete Saxo die Augen, und erkannte den Freund.„Mein Stundenglas iſt bald aus⸗ geronnen,“— begann er;— keine ſchwere, vorſetzliche Suͤnde druͤckt mein Herz; betet zu Gott aber, daß er im Namen des gekreuzigten Sohnes und ſeiner ewigen Liebe mir vergebe, was ich in dieſer Welt aus menſchlicher Gebrechlichkeit geſuͤndigt habe.— Sehr beunruhigt mich noch ein ſonderbarer Verdacht, und ich kann nicht ſter⸗ ben, ehe ich ihn unter dem heiligen und unver⸗ bruͤchlichen Siegel der kirchlichen Verſchwiegenheit in Euren Buſen niedergelegt habe.“— Er er⸗ hob ſich halb im Bette und ſah in das Zimmer hinaus; da er aber Niemanden gewahr wurde, legte er ſich ruhig wieder zuruͤck.„Vielleicht iſt ſelbſt dieſer Verdacht ein ſuͤndiger und verdam⸗ mungswuͤrdiger Gedanke,“— fuhr er fort,— „iſt er aber falſch, ſo wird mir Gott ihn wegen meiner Liebe fuͤr Köͤnig und Vaterland verzeihen. 80 Vor der Welt habe ich ihn verſchwiegen; allein, vor den heiligen Richterſtuhl der Kirche kann ich in meiner Sterbeſtunde nicht umhin— als den heimlichen Moͤrder Knuds VI. und als den hin⸗ terliſtigſten und giftigſten Todfeind des jungen Kö⸗ nigs Waldemar einen Mann zu laden, den ich zwar nie mit dem taͤuſchenden Geſicht des Koͤr⸗ pers geſehen, der aber juͤngſt klar vor mein in⸗ neres unbetruͤgliches Auge trat, und den ich mit Gewißheit am juͤngſten Tage wieder zu erkennen glaube, um wenn das Geheimniß der Unthat, das mir jetzt bloß aus graͤulicher Finſterniß auf⸗ daͤmmert, aber Daͤnemark und dem Geſchlechte des großen Waldemar noch mit Verderben droht, mir klar geworden iſt,— gegen ihn zeugen zu können!“ „Ihr erſchreckt mich!“ entgegnete der Bi⸗ ſchof,„fehlt es Eurem Verdacht an Beweiſen, ſo verſchweigt ihn, und beſchwert nicht meine Seele mit einem Geheimniß, das nur der anviſſend. Richter eroͤrtern kann.“ „Wenn Daͤnemarks Gluͤck und das Leben un⸗ ſers jungen Koͤnigs Euch theuer ſind,“— fuhr Saxo fort,—„ſo erbebet nicht ein Geheimniß 81 zu hoͤren und aufzubewahren, das, wie dunkel und unerwieſen es auch ſey, Euch vielleicht doch ein Blitz im Dunkeln und ein Wink von dem guten Geiſte Daͤnemarks, wenn die Noth groß und das Herz unſchluͤſſig iſt, ſeyn moͤchte.“— Durch dieſe Anſtrengung war Saxos Stimme immer ſchwaͤcher geworden. Der Biſchof höͤrte zuweilen ſchwer, und er bemuͤhete ſich vergebens, jedes Wort zu hoͤren und zu faſſen. Bald ver⸗ lor der Sterbende ganz die Sprache, und gab nur durch Zeichen zu erkennen, daß er die Sacra⸗ mente des Abendmahls und der letzten Oehlung zu erhalten wuͤnſche. Als Biſchof Peder dieſe traurige Pflicht er⸗ fuͤllt hatte, ſank Saxo ruhig läͤchelnd zuruͤck und war todt.— Tief bekuͤmmert und in peinlicher Ungewißheit, ob er Saxos letztes wichtiges Wort auch recht aufgefaßt haͤtte, verließ der Biſchof den entſeelten Freund und ſchloß ſich in ſein Ge⸗ heimzimmer ein.. 12 Der alte Martin vermochte nun nicht laͤnger, die jungen Domherren und Sapos uͤbrigen zahl⸗ reich verſammelten Freunde zuruͤck zu halten; ſie ſtrömten tief trauernd in den Alkoven hinein, wo 1. 6 82 ſie Carln weinend bei der Leiche des geliebten Leh⸗ rers fanden. Der alte Martin fuͤhrte den Knaben, obgleich mit vieler Muͤhe ihn von der Leiche trennend, aus Mitleid in ſein Zimmer. Sobald er dort ſich gefaßt hatte, bemerkte Martin mit Verwunderung eine gewiſſe Entſchloſſenheit und faſt maͤnnlichen Ernſt in ſeinen Zuͤgen, die er noch vor einer Stunde nicht an ihm bemerkt hatte. Er machte ihm vielerlei Fragen wegen ſeiner Familienver⸗ haͤltniſſe und kuͤnftigen Beſtimmung, welche Carl kurz und beſtimmt beantwortete, waͤhrend er je⸗ doch auf etwas ganz Anderes zu ſinnen ſchien. „Wie alt biſt Du?“ fragte Martin endlich. „Du ſcheinſt mir weit aͤlter zu ſeyn, als Du ausſiehſt.“ „Ich bin alt genug,“ erwiederte Carl,„um jetzt nicht laͤnger Kind zu ſeyn, und um das ver⸗ ſchweigen zu koͤnnen, was ich nicht ſagen will und darf!“ „Machſt Du ein Geheimniß aus Deinem Al⸗ ter?“ fragte Martin verwundert. „Das war eben die Meinung nicht,“ ver⸗ ſetzte Carl,„ich werde bald eilf Jahre; allein —— —xꝑ gejagt, als 83 ich habe gemerkt, daß man in einer Stunde aͤlter als in zehn Jahren werden kann; deshalb ſollſt Du nicht öfters nach meinem Alter fragen; ich weiß vielleicht etwas, von dem Du nie getraͤumt, wie alt Du auch biſt, und was vielleicht Nie⸗ mand in Daͤnemark, als ich allein weiß. Sage mir, hoͤrt Dein Herr gut?“ „Er iſt zuweilen etwas harthoͤrig. Ich ſollte beinahe glauben, daß Du unklug biſt Knabe! Wie kannſt Du wiſſen, was Niemand weiß, als Du? und was geht es Dich an, daß mein Bi⸗ ſchof etwas harthöͤrig iſt? Er hat Dich wohl fort⸗ eichte Deines Herrn hoͤrte? nicht ſo vermeſſen und gottlos Herrn in ſeiner letzten Stunde Du biſt doch geweſen, Deine zu belauſchen?“ Bei dieſen Worten fing der Knabe zu weinen an; doch faßte er ſich bald wieder:„Der gute Vater Saxo wird mir doch darum nicht boͤſe ſeyn?— ſagte er!—„Was konnte ich dafuͤr? ich ſaß ja nicht dort um zu lauſchen, und Nie⸗ mand hat mir geſagt, daß es vermeſſen und gott⸗ los ſey. Allein, wenn ich einmal Vater Saxo dort oben wiederſehe„ da wird er erfahren, daß 6*† 84 ich eben ſo gut wie der Biſchof habe ſchweigen koͤnnen. „Huͤte Dich, Knabe!“ rief Martin erſchrok⸗ ken;„biſt Du Ohrenzeuge einer Beichte gewe⸗ ſen und ſind, ſo wie es ſcheint, Geheimniſſe da⸗ bei die Reich und Land angehen, ſo kann ein ein⸗ ziges Wort Dir theuer zu ſtehen kommen. Die Kirche laͤßt mit ſich nicht ſcherzen, und erfaͤhrt es mein Herr, wird er ſich genoͤthigt ſehen, Dich, bis Du Bart und graue Haare ſo wie ich be⸗ kommſt, in das Kloſtergefaͤngniß einſperren zu laſſen.“ 8 „Du willſt mich doch n fragte Carl, auf den chrlich einen ru⸗ higen und pruͤfenden Blick wer—„Thue es nicht,“ fuͤgte er dreiſt und entſchloſſen hinzu, „ich kann ſchweigen; allein was ich weiß, das kann uns allen nuͤtꝛzlich werden„ wenn der Herr dort oben mir nur Gluͤck und Verſtand giebt.“ Martin betrachtete mit Verwunderung den kuͤh⸗ nen, ernſten Knaben, der bei jedem Worte, das er ſprach, groͤßer zu werden ſchien; und wie luͤ⸗ ſtern der Alte nach dem wichtigen Geheimniß, das der Knabe entweder wußte oder zu wiſſen waͤhnte, then?“— 41 4 1 8 —— —— 8⁵ auch war, wagte er doch nicht Carls Verſchwie⸗ genheit auf die Probe zu ſtellen, und ſchauderte ſelbſt bei dem Gedanken, in ein Geheimniß, das mit Fug nur der Kirche angehoͤrte, und welches erforſchen zu wollen, einem jeden Layen als eine gottloſe Vermeſſenheit angerechnet werden wuͤrde, eingeweiht zu werden. „Lege Dich zur Ruhe,“ ſagte er aͤngſtlich im Fortgehen,„und bitte Chriſtus und unſere Frau, Deinen Verſtand und Deine Zunge zu behuͤten. Suche das zu vergeſſen, woran Du denkſt, und ein Kind, ſo wie Du geſtern warſt, wieder zu werden. Wenn Kinder in den Win⸗ deln ſchon Bart kriegen, ſteht die Welt nick lange⸗“ Der Tod ſeines lieben Lehrers und die ernſt⸗ lichen Gedanken, die ihn ſo ploͤtzlich ergriffen, hatten Carl beinahe ſich ſelbſt fremd gemacht; ſeit der vorigen Nacht, da er bei Abſalons Grabe ge⸗ wacht, hatte er ſo vieles erlebt, als waͤren Jahre daruͤber vergangen. Er befand ſich nun allein und verlaſſen unter wildfremden Menſchen, aber es war ihm zugleich, als waͤre er erwachſen und muͤndig geworden, und koͤnnte fuͤr ſich ſelbſt ſorgenz K doch war ihm aͤngſtlich und traurig zu Muthe. Endlich ſprach er fromm und innig ſein Abend⸗ gebet, und ſchlief ein. Als er wieder erwachte war das Geheimnißvolle, als ein dunkles Naͤth⸗ ſel, in ſeinen kindlichen Sinn zuruͤckgetreten; er fuͤhlte nur recht lebendig den traurigen Verluſt ſeines lieben Lehrers, der doch bei dem Gedanken an das neue Leben, das er nun ſelbſt bebünnen ſollte, gemildert wurde. Der Biſchof ließ ſich i in mehreren Tagen nicht ſehen, nur der alte Diener, den er in ſeiner tie⸗ fen Trauer nicht einmal ſchalt, durfte um ihn ſeyn. Dieſer, die Natur ſeines Herrn kennend, ſchuͤttelte den Kopf zu deſſen ungewoͤhnlich ſtiller Wehmuth, und beging bei der Aufwartung oft mit Fleiß ein kleines Verſehen, ohne daß es ihm jedoch gelang, ſich eine derbe Zurechtweiſung zu⸗ zuziehen. „Heute ſoll er denn beſtattet werden, der alte Domherr von Sor',“— ſprach Martin den ach⸗ ten Tag nach Saxos Tode, als er des Morgens dem Biſchof die Bierſuppe brachte.—„Die jun⸗ gen Chorherren wollen alle ihn tragen. Mit Buxbaum und Wintergruͤn iſt die ganze Straße 87 beſtreuet, und uͤberall iſt eine Trauer und eine Feier, als waͤre es ein Biſchof, der begraben werden ſolle— und er war ja doch nichts an⸗ ders als ein geringer Schreiber und Pfaffe.“ „Einfaͤltiger Dummkopf!“ fuhr nun der Biſchof eifrig auf, und ſtieß die Suppenſchaale um,„vermagſt Du auch nicht zu faſſen, was fuͤr ein Mann er war und daß ein ſolcher Mann mehr werth ſey als zehn Biſchöfe, ſo kannſt Du es doch wohl mir und allen gelehrten Maͤn⸗ nern hier in der Stadt anſehen, daß wir einen Vater verloren, und daß wir ihn als einen Erz⸗ biſchof oder einen Koͤnig betrauern.“ „Oho!“ verſetzte Martin, froh, ſeinen lieben Herrn wieder kraͤftig und lebhaft zu ſehen, waͤh⸗ rend er ſorgfaͤltig die umgeworfene zinnerne Schaale auffing und ſo viel von ihrem Inhalt, wie er nur konnte, rettete.„„Oho! Ihr trauert jetzt weit mehr Herr Biſchof, als damals, da der vorige Erzbiſchof dort in Sor' mit Tode abging! Ei! wie hieß er doch nur? „Abſalon! der große Abſalon!“ rief der Bi⸗ 5 ſchof an den Boden ſtampfend,„kalter, gefuͤhl⸗ loſer Klotz! haſt Du ſchon einen ſo großen Namen 88 vergeſſen? ſteht das Andenken eines großen Man⸗ nes nicht in groͤßerer Ehre bei dem Volk, ver⸗ diente es bei Gott ſich zu Tode zu ſchlafen?“ „Ja! richtig, der Erzbiſchof Abſalon,“ er⸗ wiederte Martin mit Thraͤnen in den Augen, waͤh⸗ rend er das vergoſſene Bier mit ſeinem Aermel vom Tiſche abwiſchte,„als er ſtarb, hießt Ihr mich ſchoͤn den erſten Tag einen Klotz; allein nun ſind ganze acht Tage hingegangen, bevor Ihr Euch erinnern konntet, daß ich ein kalter, gefuͤhlloſer Dummkopf ſey, und das blos, weil ſein Schrei⸗ ber todt iſt.“— „Alter, ehrlicher Martin!“ rief der Biſchof geruͤhrt, und druͤckte ihm die Hand,„ich merke Deine Abſicht wohl: Du kennſt mich und willſt mich lieber aufbrauſen als traurig ſehen. Als ich Dich traͤg und gefuͤhllos nannte, habe ich Dir großes Unrecht gethan.— Ei nun! Du haſt Recht.— Ich will nicht laͤnger von einem muͤßi⸗ gen, aufreibenden Kummer unterjocht, gebuͤckt ein⸗ hergehen, ich will den Kopf in die Höͤhe richten und dem Herzen Luft bei ſeinem Grabe geben.— Ziehe mir meinen Ornat an.— Der Herr gab, der Herr naͤhm— ſein Name ſey gelobt.“— Es war der letzte Tag im Jahre. Ein dich⸗ ter, kalter Nebel bedeckte die Stadt und es war in der Mittagsſtunde beinahe ſo dunkel wie im Zwielicht. Die große Todtenglocke des Doms laͤutete. Der Thorweg der biſchoͤflichen Woh⸗ nung wurde geoͤffnet, und mit dem Krumſtab in der Hand ging der Biſchof Peder, ſtill und feier⸗ lich an der Spitze ſaͤmmtlicher Prieſter und Or⸗ densbruͤder der Stadt Roeskild, den großen Lei⸗ chenzug nach der Kirche fuͤhrend. Weiber und Kinder ſtanden neugierig vor den Thuͤren. Viele Zuſchauer bedauerten nur, daß der Nebel den Prunk und Pomp verbarg, und daß die Fackeln 1 ſo duͤſter brannten; aber viele fremde Augen wur⸗ den doch bei dem Anblick der tiefen Trauer des Biſchofs und der jungen Domherren naß. So⸗ wohl Junge wie Alte draͤngten ſich herzu, um auch die theure Laſt mittragen zu helfen, und mancher Freund des trefflichen Saxo ſchwankte mehr von Gram als von der Laſt beſchwert, unter ſeiner Todtenbahre. In der Kirche vor dem Hoch⸗ altare, ſprach der Biſchof ein kraͤftiges Wort zum Andenken und Ruhm des lieben Verſtorbenen; doch bald erſtickten Thraͤnen die ſtarke Stimme 90 und er gab den Chorknaben mit dem Biſchofsſtabe ein Zeichen, das gewöhnliche Renflem anau⸗ ſtimmen. Nachdem der Sarg in dem Kirchengange nie⸗ dergeſenkt war, verließ das Gefolge ſtill trauernd die Kirche; die neugierigen und theilnehmenden Zuſchauer gerſtreuten ſich. Aber allein in dem dunklen Kirchengange ſtand noch ein beinahe halberwachſener Knabe mit gelben Locken, ſchwar⸗ zem Mantel und mit einer erloͤſchten Fackel in der herabhaͤngenden Hand. Es war Carl von Riſe, der noch ſtill und weinend an Saxos Grabe ver⸗ weilte. Endlich druͤckte er die Thraͤnen aus den großen, blauen Augen, kniete auf das Grab nie⸗ der und ergoß ſein Herz im hoͤrbaren Gebete. Geſtaͤrkt und erleichtert erhob er ſich, und die er⸗ loͤſchte Fackel am Boden liegen laſſend, wandte er ſich, um die Kirche zu verlaſſen; da ſtutzte er und ſah mit Erſtaunen, daß er nicht allein ſey. Ein alter, gekruͤmmter Mann, hoch unter dem Arm einen Kruͤckenſtab, ſtand in fremder, ſchwar⸗ zer Tracht, mit verkehrt umgebundenem Schurz⸗ fell und einer kleinen Hornleuchte am Guͤrtel vor ihm. Sein Geſicht war erdfahl und gerunzelt, 6„ 91 und die ſtarren Augen matt wie das Horn ſeiner Leuchte. „Leg' ein Schloß an Deine Lippen, Knabe! ſelbſt wenn Du beteſt!“— fkluͤſterte er drohend, und hielt den Finger vor den Mund.—„Das, welches er, der dort unten liegt, keine Gewalt hatte in ſein Buch niederzuſchreiben, ſteht jetzt in einem groͤßeren Buche eingetragen; allein dies ſoll nicht geoffnet werden, ehe die letzte Poſaune die Graͤber ſprenget.— Geh Deinen Weg gerade hinaus, ſchaue weder zur Rechten noch zur Lin⸗ ken, ſey verſchwiegen mit den Todten und treu gegen die Lebenden! Geſchehen iſt geſchehen! und was in den Geſtirnen ſteht, koͤnnen weder Leben⸗ dige noch Todte verhindern!“ Der entſetzte Carl glaubte in dem drohenden Greiſe denſelben wunderbaren Bergmann wieder zu erkennen, von dem Saxo mit dem Erzbiſchof und Bruder Gunner jenen Abend geſprochen, als der Knabe auf dem Betſchemel unter dem Tiſche in Saxos Celle geſeſſen; was er damals nur fluͤhhtig bemerkt, war juͤngſt noch klarer und an⸗ ſchaulicher vor ſeine Seele getreten, als er hinter dem Vorhange des Alkoven jene geheimnißvolle 92 Beichte gehoͤrt hatte.— Vor dem ſtarren Blicke des Greiſes grauend, ſchlug er die Augen zu Bo⸗ den; die heiſere liſpelnde Stimme klang noch in ſeinen Ohren; allein, als er die Augen wieder erhoben um wahrzunehmen, ob der Alte noch da⸗ ſtaͤnde, ſah er ihn am Kruͤckenſtabe hinkend aus der Kirchenthuͤre treten. Carl ermannte ſich nun und eilte aus der Kirche um ihn einzuholen, al⸗ lein er konnte bei dem ſtarken Nebel ihn nirgends gewahr werden, und es war ihm, als wuͤrde es ihm leichter ums Herz, da er ihn nicht mehr ſah. Auch war es ihm, als haͤtten die Worte des Al⸗ ten einen Stein von ſeinem Buſen gewaͤlzt, als wenn er nun frei in die Welt hinauswandeln und das Geheimnißvolle, das ſo ſtoͤrend in ſein ſor⸗ genfreies Knabenleben hineingegriffen, vergeſſen duͤrfe⸗ Ohne zu wiſſen, was er anfangen oder wohin er ſich in dieſer fremden Welt wenden ſolle, wan⸗ derte nun Carl, nach der Weiſung des Alten, ſeinen Weg gerade hinaus und ſah in buchſtaͤb⸗ licher Bedeutung weder zur Rechten noch zur Lin⸗ ken. Er eilte der Wohnung des Biſchofs und dem Capitelhauſe, wo Niemand in dieſen Tagen . 93 der Trauer ſich beſonders an ihn gekehrt hatte,— den alten Martin, der fuͤr ſeine Beduͤrfniſſe ge⸗ ſorgt, und einen jungen Domherrn ausgenom⸗ men, der ihm den ſchwarzen Mantel, den er trug, geliehen hatte, voruͤber.— Beim Capitelhauſe gab er dem Pfoͤrtner dieſen, ſeinem Verſprechen nach zuruͤck, und vor Kaͤlte froͤſtelnd, ging er in ſeiner kurzen, blauen Jacke immer tiefer in die große, fremde Stadt hinein, jedoch ohne ſich wie vorher, an ihrem Geraͤuſch und ihrer Herrlichkeit zu erfreuen. Der Nebel hatte ſich indeſſen zer⸗ ſtreut und es war ein heitrer, klarer Wintertag geworden. An einem großen, weißen Hauſe, mit den Bildern der zwoͤlf Apoſteln an den Pfeilern, dem Thinghauſe mit dem Wappen der Stadt gerade gegenuͤber, bemerkte er auf den untern Stufen der ſteinernen Treppe ein kleines, pracht⸗ voll angezogenes Maͤdchen mit ſchoͤnen dunkel⸗ blauen Augen und gelbbraunen Locken, die unter einer goldſtoffenen Haube hervorragten. Sie ſchien nicht aͤlter als vier Jahr, von einer ſo zarten, wei⸗ ßen Haut und ſo ſtattlich geputzt, daß Carl ſte⸗ hen blieb und fuͤr gewiß glaubte, daß ſie eine Prinzeſſin ſey.— Eine alte Frau, in einem 94 einfachen, ſtoffenen Mantel, dem Anſehen nach die Pflegemutter oder Amme des vornehmen Kin⸗ des, ſtand in der Thuͤre und ermahnte ſie in ei⸗ nem freilich ſehr nachgebenden Ton, hinein zu gehen und nicht ſo lange draußrn auf der ſtei⸗ nernen Treppe bei dem kalten Winde zu verwei⸗ len. Allein das kleine Maͤdchen war mit ihrem Spiele gar zu beſchaͤftigt, um darauf zu achten. Sie ſaß ſtill und froh mit der kleinen, goldge⸗ wirkten Schuͤrze voller Buxbaum und Winter⸗ grun, welches ſie von der Straße, durch die der Leichenzug gezogen war, aufgerafft hatte. Sie empfand die Kaͤlte in ihrer warmen ſcharlachenen Jacke, mit zartem Zobel gefuͤttert, nicht. Die kleinen Herzen von Bernſtein um den Hals des Kindes, und die Schuhe mit goldnen Schnallen an den kleinen, niedlichen Fuͤßen, hatten eine ganze Schaar neugieriger Straßenkinder um ſie verſammelt, unter welche ſie nicht allein die klei⸗ nen Straͤuße und Kraͤnze, die ſie von dem Bux⸗ baum und Wintergruͤn gewunden hatte, ver⸗ theilte, ſondern ſchickte ſich nun auch dazu an, daſſelbe mit ihren Perlen und uͤbrigen Kindes⸗ geſchmeide zu thun, weswegen die ſanftmuͤ⸗ — —ÿ 95 thige Pflegemutter nicht umhin konnte ihr zu drohen, es dem Vater ſagen zu wollen. „Darob wird der alte Vater nicht boͤſe; er wird mir doch anderes Spielwerk wieder geben,“ wandte das kleine Maͤdchen ein. „Aber Dein neuer Vater, Dein eigener, wahrer Vater,“ verſetzte die Amme. „Ei was!“ unterbrach ſie das Kind,„der iſt wohl auch ſo ſchlimm nicht!“ und nun buͤckte ſie ſich ſchon, um die Goldſchnallen, welche eine kleine Bettlerdirne laut bewundert hatte, zu ei⸗ nem Geſchenk fuͤr dieſe, von den Schuhen abzu⸗ löͤſen, als in demſelben Augenblick ihr Auge auf Carln fiel, und da der huͤbſche Knabe verweint und betruͤbt ausſah, vergaß ſie alle die uͤbrigen Kinder um ſeinetwillen. Sie reichte ihm den letzten Strauß, den ſie noch uͤbrig hatte hin, und erſuchte ihn, zu dem Vater mit hinauf zu gehen, da ſolle er alles bekommen, was er nur wollte und nie mehr noͤthig haben zu weinen. „Kannſt Du mir denn einen Vater wieder verſchaffen?“ fragte Karl betruͤbt. „Haſt Du denn gar keinen Vater? armer Junge?“— verſetzte das Kind,—„komm 96 nur mit mirz denn ich habe zwei; wie heißeſt Du aber?“ 72, vmm mit Carl!“ und mit dieſen Wor⸗ ten aufſpringend zog ſie ihn mit ſich die ſteinerne Treppe hinauf⸗ „Biſt Du ganz verkehrt, Kind! was willſt Du mit dem fremden Knaben? ſey doch ver⸗ nuͤnftig, kleine Jungfrau Rigmor,““ rief die Pfle⸗ gemutter; doch ohne darauf zu achten, lief die kleine Rigmor, Carln an der Hand, in ein gro⸗ ßes, gewölbtes Zimmer, mit einer rothgebluͤmten Fußdecke auf dem Fußboden, hinein; wo die lo⸗ dernde Flamme des Kamins eine angenehme Waͤrme verbreitete. In einem geraͤumigen Er⸗ ker ſaßen in ernſter Unterredung zwei ſtattliche Maͤnner. Der eine, ein ſtarker, mitteljaͤhriger Mann in zierlicher buͤrgerlicher Kleidung und mit einem runden behaglichen Geſichte, war der wohl⸗ habende Buͤrgermeiſter Bwald; er ſaß bequem in einem rothgemalten Lehnſeſſel von vergoldetem Le⸗ der, vor einem runden Tiſche ,„ worauf zwei maſ⸗ ſive ſilberne Becher und ein Weinkrug ſtanden. Ihm gerade gegenuͤber ſaß ein großer, ernſter » 97 Ritter mit ſchwarzem geſtutzten Schnauzbart und bleichen, ſchwermuͤthigen jedoch kuͤhnen und krie⸗ geriſchen Zuͤgen.— Es war der Vater der klei⸗ nen Rigmor, Graf Albert von Nordalbingien, der Schweſterſohn des Koͤnigs, und oberſter Heerfuͤh⸗ rer.— Er war noch ein junger, kaum vier und zwanzigjaͤhriger Mann, doch ſchien er weit uͤber die dreißig hinaus zu ſeyn. Zwei Jahre vorher hatte er bei der Kroͤnung des Koͤnigs erſt den Ritterſchlag empfangen. Ein tiefes Herzensweh hatte fruͤh die hohe Stirn gefurcht und die brau⸗ nen Wangen gebleicht.— Vor vier Jahren naͤm⸗ lich bei der Geburt Nigmors, war ſeine junge Gattin, die ſchoͤne Graͤfin Hedwig, geſtorben. Sie war eine Tochter des Markgrafen Herrmann von Thuͤringen, und hatte ein Jahr hindurch den jun⸗ gen Grafen Albert zu dem gluͤcklichſten Ehemanne in der Welt gemacht. Mit ihrem Tode war die jugendliche Heiterkeit von ihm gewichen; auf haͤußliches Gluͤck ſchien er keinen Anſpruch mehr zu machen. Die mutterloſe Tochter hatte er bei dem alten Freunde ſeines Vaters, dem Buͤrger⸗ meiſter, oder wie er ſich lieber nannte, dem Pro⸗ conſul Ywald in Roeskild, in Koſt und Pflege I. 7 gegeben, waͤhrend er ſelbſt die Ehre des Helden, und die Treue gegen Koͤnig und Vaterland, zu dem einzigen Endzweck ſeines Lebens machte. Als Verwandter und Waffenbruder des Koͤnigs Walde⸗ mar, hatte er ſich auch bald den beruͤhmten Namen gewonnen, den er jetzt bereits beſaß: als den ta⸗ pferſten Ritter Daͤnemarks und Graf von dem kurz vorher eroberten Leuenburg*). Durch die Unter⸗ werfung des Grafen Albert, war er zugleich Stadthalter von Nordalbingien geworden. Fruͤher hatte er ſich Graf von Orlamuͤnde genannt, denn ſein Vater war der alte Graf Sigfried zu Or⸗ lamuͤnde.— Aber ſo wie der Graf Albert auf muͤtterlicher Seite von echt daͤniſchem Koͤnigs⸗ blute abſtammte, ſo ſchien auch ſein kuͤhnes Herz an Daͤnemark allein zu haͤngen; er hatte alle Rechte an die Grafſchaft Orlamuͤnde ſeinem uͤl⸗ teren Bruder abgetreten, und ſeit er den Ritter⸗ ſchlag aus der Hand des Mutterbruders empfan⸗ gen, gehoͤrte er dem Mutterlande und deſſen Hel⸗ denkoͤnig eigen an. Wenn er nicht auf irgend einem Ariegszug *) Lauenburg. 99 oder auf Ribehuus bei dem Koͤnig war, wohnte er gewöhnlich auf Rendsburgſchloß, um von die⸗ ſem aus die Graͤnzen Daͤnemarks zu bewachen. Nun war es ſeine Abſicht, die Tochter an den Hof nach Ribe zu fuͤhren, wo die Schweſter ſei⸗ ner Mutter, die Prinzeſſin Regitze noch lebte, und fuͤr die Erziehung des Kindes ſorgen konnte; auch wuͤrde er ſelbſt dort oͤfters Gelegenheit ha⸗ ben, das liebe Ebenbild ſeiner verlornen Hedwig zu ſehen; doch war dies nicht der Hauptgrund ſeiner Anweſenheit in Roeskild. Er hielt ſich nemlich dort als Abgeſandter des Königs auf, um die Ausruͤſtung eines Kriegszuges gegen Herzog Ladislaus in Pommern zu betreiben. Sowohl in der Heimath wie auf ſeinen Rei⸗ ſen, fuͤhrte der Graf Albert einen faſt koͤniglichen Pomp; außer vielen Schildknappen und andern Knappen fuͤhrte er ſeinen Droſt, ſeinen Mund⸗ ſchenk und ſeinen Kaͤmmerling mit, und ſeitdem Roeskild aufgehört hatte eine Königsſtadt zu ſeyn, war daſelbſt keine praͤchtigere Henlchaft geſehen worden. Bei dem Buͤrgermeiſter Ywald, 5 auch bei den angeſehenſten Buͤrgern, den Zunftmeiſtern, 7* 100 dort hatte der Graf Albert durch ſeinen maͤchtigen Einfluß ſchon alles, was er wollte, ausgerichtet, und das Wichtigſte wegen der Kriegesſteuer und der Ausruͤſtung von Schiffen und Mannſchaft, mit ihnen verabredet. Nun leerte er den Ab⸗ ſchiedsbecher mit ſeinem gaſtfreundlichen Wirthe, und dachte den naͤchſten Tag mit ſeiner Tochter von Roeskild abzureiſen. Als Rigmorlein mit Carln an der Hand in das Zimmer hereinhuͤpfte, unterbrach der Graf die politiſche Unterredung von der Eroberungsſucht und den großen Plaͤnen des Koͤnigs, in die ihn der neugierige Buͤrgermeiſter tiefer als er ge⸗ wuͤnſcht, verwickelt hatte; obgleich der Graf jeder Frage, die er nicht gern beantworten mochte, vor⸗ zubeugen wußte. „Davon werden wir in zehn Jahren weiter ſprechen,“ ſagte er abbrechend und betrachtete mit Aufmerkſamkeit den huͤbſchen, verſchaͤmten Kna⸗ ben, den die Tochter nach ihm hinzog. Beim Anblick des großen, ſtattlichen Ritters, kehrten Carls gewoͤhnlicher Muth und Lebhaftigkeit zu⸗ rüͤck.„Das muß entweder der König oder ſein beſter Ritter ſeyn,“ dachte er und neigte ſich Gott und der heilige Michael wollen, mit der 101 ehrerbietig vor dem fremden Herrn.— Er erin⸗ nerte ſich dabei, was Saxo vor dem Koͤnig und ſeinen Mannen geſprochen, und ſprach nun laut und entſchloſſen:„Ihr ſeyd fuͤrwahr Graf Al⸗ bert, edler Herr, denn ſo iſt mir der beſte Ritter des Koͤnigs beſchrieben worden.“ Doch kaum hatte er dieſe Worte geredet, als es ihm gluͤh⸗ heiß durch die Wangen lief und er verſchaͤmt die Augen zu Boden ſchlug. „Was ich noch nicht bin, hoffe ich mit Got⸗ tes und des heiligen Michaels Huͤlfe einmal zu werden,“— nahm der Graf mit beſcheidener Zuverſicht das Wort,—„ich bin freilich Graf Albert! was willſt Du von mir? wackerer Knabe!“ „Braucht Ihr keinen treuen Leibbuben, edler Herr?“ verſetzte Carl, und nahm in ſeiner Ver⸗ legenheit etwas von der ernſten und entſchloſſenen Miene des Grafen an.„Mir thut es Noth um einen tuͤchtigen Herrn und Waffenmeiſter wie Euch,“ fuhr er mit ſteigender Kuͤhnheit fort, „bei dem ich ein guter Schildknappe, und ſo Zeit ein braver Diener des Koͤnigs und Ritter werden kann.“ „Bei wem biſt Du in die Schule gegangen? Knabe!“ fragte der Graf verwundert und laͤ⸗ chelnd,„Du ſtellſt Deine Worte ja hoͤchſt ſtatt⸗ lich, und benimmſt Dich ſchon wie ein halber Ritter!“ „Benehme ich mich unrecht, geſtrenger Herr,“ entgegnete Carl,„ſo liegt die Schuld nicht an mei⸗ nem Lehrer, denn der iſt der gute Vater Saxo geweſen, einen beſſern Lehrmeiſter habt Ihr ge⸗ wiß ſelbſt nicht gehabt,“ hier traten ihm die Thraͤnen in die Augen.„Er hatte verſprochen mich zu Euch zu fuͤhren und Euch zu bitten, mich in Eure Dienſte zu nehmen. Statt dieſem habe ich ihn heute zum dunkeln Grabe, dort unten im Dom, begleiten muͤſſen.“ Carl ſchwieg unter ſtroͤmenden Thraͤnen. „Haſt Du einen ſolchen Mann zum Lehrmei⸗ ſter und ihn ſo lieb gehabt, wie ich ſehe,“ ver⸗ ſetzte der Graf und klopfte ihm auf die Wange, „ſo wirſt Du gewiß auch Deinem Herrn und Waffenmeiſter hold und treu dienen.“ Nun fragte er Carln nach Namen und Geburt, und 103 als er erfuhr, daß der Knabe von gutem Ge⸗ ſchlechte ſey, und ſo auch ſeine brennende Nei⸗ gung zum Ritterſtande und ſonderbare Ergeben⸗ heit fuͤr den Koͤnig, den er nie geſehen hatte be⸗ merkte, verſprach er ſich viel von ihm und nahm ihn unbedenklich in ſeinen Dienſt auf. „So bin ich denn nun wirklich Euer Leib⸗ bube? edler Herr!“ fragte Carl innig froh, die Hand des Ritters kuͤſſend; und als Graf Albert dies beſtaͤtigte und ihm ſogleich uͤbertrug, dem Kaͤm⸗ merling bei den Zubereitungen zur Reiſe zur Hand zu gehen, klopfte Ringmorchen in die kleinen Haͤnde 3 „ſiehſt Du Carl!“ rief ſie dem Knaben, der den erſten Befehl ſeines Herrn auszufuͤhren eilte, froh nach,„Siehſt Du! Nun haſt Du eben ſo gut einen Vater wie ich, allein ich habe doch zwei,“ fuͤgte ſie hinzu und warf ſich in Herrn Ywalds Arme. Der gute, freundliche Buͤrgermeiſter, der ſelbſt keine Kinder hatte, aber Rigmoren wie eine Toch⸗ ter liebte und das Pflegekind ungern von ſich ließ; druͤckte ſie freudig mit dem linken Arm an ſeine Bruſt, waͤhrend er ſchnell mit der rechten Hand uͤber die buſchigten Brauen fuhr.„Dank fuͤr 104 die Zeit, waͤhrend der Ihr ſie mir anvertrauet habt, edler Ritter!“— ſprach er bewegt zum Vater und ergriff den einen großen ſilbernen Be⸗ cher.—„Moͤge es ihr gut gehen unter den Gro⸗ ßen beim Hofe! ſo wie es ihr hier unter uns klei⸗ nen Leuten bis heute gegangen iſt.“— Graf Albert ſtieß mit ſeinem Becher an, waͤh⸗ rend er der Amme einen Wink gab, das Kind hinauszubringen. „Habt Ihr mir nur nicht das Engelchen durch Eure Guͤte verzaͤrtelt“, fuhr Albert fort, als ſie allein waren.„Ihr ſeyd mir gar zu ſanft und weich. Rigmor traͤgt zwar die Zuͤge der Mutter, doch ihr Gemuͤth kenne ich noch nicht.— Die gute Frau Marthe hat auch keine rechte Gewalt uͤber ſie.— Gehorchen muß ich ſie wohl ſelbſt lehren, wenn nicht ein kleiner Eigenſinn aus ihr werden ſoll. Schade, daß ihre Unart ihr ſo wohl ſtehet.“— 3 „Glaubt mir, geſtrenger Herr Ritter!“ er⸗ wiederte Ywald,„es iſt ein geſegnetes, frommes Kind. Sie iſt ſo weich wie Wachs, wenn man ihr nur Zeit giebt in ſich zu gehen und frei ihr Unrecht zu erkennen; ſoll ſie aber mit der Strenge gebogen werden, dann iſt ſie, mit Zucht zu mel⸗ den, ſteif wie ein junges Pferd, das weder Trenſe noch Kappzaum getragen.“ „Das wird ſich wohl mit der Zeit geben!“ verſetzte Graf Albert kurz und entſchloſſen, und brachte hernach den Reſt des Tages mit Veran⸗ ſtaltungen zu dem bevorſtehenden Feldzuge zu. Denſelben Abend empfing er einen Beſuch vom Biſchof Peder, der ſich plötzlich entſchloſſen hatte, aus wichtigen aber geheimen Gruͤnden wie es ſchien, die Reiſe nach Ribehuus mitzumachen. Er aͤußerte nur, daß er fuͤr Pflicht halte, ſich ſo viel und ſo nahe an des Köͤnigs Perſon zu halten, als ſein biſchofliches Amt es erlaubte, und daß der Koͤnig nicht genug von treuen und ergebenen Unterthanen umgeben ſeyn könnte. Von Saxo ſprach er mit Liebe und Wehmuth,„aber aͤrgerlich iſt es,“ fuͤgte er heftig hinzu, als er merkte, daß er weich ums Herz wurde,„daß nicht zwei Domherren im Capitelhauſe zu finden ſind die ſo viel Latein verſtehen, daß ich ihnen ohne heimlichen Aerger die Abſchreibung ſeines klaſſiſchen Werkes habe anvertrauen können.“ 106 Den folgenden Morgen ritt Graf Albert aus dem Thore von Roeskild, mit einer zahlreichen Schaar von Schildknappen und Edeiknaben rings um ſich, und von dem Schreiber, dem Mar⸗ ſchal und dem Kaͤmmerling mit ihren ſtattlichen Grauwerksreiſemänteln, auf denen das Wappen ihres Herrn und die Grafenkrone mit Silber ge⸗ ſtickt waren, begleitet. Zur Rechten des Grafen ritt der Biſchof Pe⸗ der in einem großen, braunen Pelz uͤber dem ſchwarzen, ſammtnen Hauskleide, und von dem großen, ſchwerfaͤlligen Schimmel ſchien er hoͤher und anſehnlicher, als der ſchmaͤchtige, braune Ritter, der mit Rabenfedern an dem Helm und in dem glaͤnzenden, ſchwarzen Harniſch einen wil⸗ den, kohlrabenſchwarzen Hengſt herumtummelte. Seit dem Tode der jungen Gattin war naͤmlich die Farbe des Grabes, die Lieblingsfarbe des Gra⸗ fen Albert geworden.— Die Tochter fuhr in einem praͤchtigen, verg ldeten Reiſewagen mit der Pflegemutter und des Biſchofs altem Martin, zwi⸗ ſchen den hinterſten S Schildknappen des Gefolges. Bei dem Fuhrmanne ſaß Carl, und ſah weh⸗ muthig nach der Stadt zuruͤck, die das Grab ſei⸗ 107 nes theuren Lehrers aufbewahrte; aber die Freude der kleinen Rigmor uͤber den ſchoͤnen Wagen und den ſtattlichen Reiſezug, die ſie bald uͤber die Trennung von dem guten Vater Ywald troͤſtete, gab auch in kurzer Zeit Carln die kindliche Hei⸗ terkeit zuruͤck; er freuete ſich des neuen, herrlichen Lebens, dem er jetzt entgegen rollte, waͤhrend er den ledernen Sack, in welchen die Kleider und Kleinode ſeines neuen Herrn gepackt waren, nicht aus dem Auge ließ. Die Reiſe ging zuerſt nach Sœbyhof, wo die junge Wittwe Eſberns Snare, die wohlbekannte ſchoͤne Frau Helene wohnte. Mit vieler Muͤhe hatte Graf Albert den Erz⸗ biſchof beredet, dieſen bedeutenden Umweg zu ma⸗ chen, denn er hatte viele Bedenklichkeiten, dieſe, von dem Meiſten ſo ſtreng beurtheilte Nittersfrau zu beſuchen. Auf Sebyhof wurde ein großes und praͤchti⸗ ges Haus gemacht. Bei dem Burggitter ſtand, wie vor einer fuͤrſtlichen Burg, ein geputzter, bun⸗ ter Burgvoigt, einen Stock mit ſilbernem Knopf in der Hand. Das Schloß hatte eine ſchoͤne Lage an dem großen Tuͤsſee, und war von dem 108 umgebenden Buchenwald faſt verborgen. Es war mit hohen Thuͤrmen und Zinnen geſchmuͤckt, und trug einen goldenen Wetterhahn, in der Form eines Banners, in welchem Esbern Snares Wap⸗ pen, die gewaltige Adlerkralle, ausgeſchnitten warz nicht blos der Helm uͤber dem Thorweg und die eiſernen Ketten vor dem Herrenhauſe gaben den Nang der Ritterfrau zu erkennen, ſondern uͤber der innern Eingangsthuͤre neben der Treppe, ſahe man auch ein fremdes königliches oder herzogliches Wappen, mit einer goldnen Krone uͤber einem Paar Lindwuͤrmern, glaͤnzen. An der hohen, ſteinernen Treppe wurden Graf Albert und ſeine Begleiter, von fuͤnf ſtattlichen Rittern empfangen. .„Meine Stiefmutter heißt Euch willkommen, edler Herr! Sie hat Eure geehrte Briefſchaft empfangen und erwartet mit unſern Schweſtern Euch im Ritterſaale.“ So wurde Graf Albert von dem Aelteſten der Ritter, einem großen, be⸗ jahrten Herrn von wuͤrdigem Anſtand, doch etwas ſteif und abgemeſſen in ſeinen Bewegungen und Höoflichkeitsbezeugungen„begruͤßt; das war Herr Niels Mule, der aͤlteſte Sohn Esberns Snare; 109 er war Stallmeiſter bei Waldemar I. geweſen lebte jetzt gewoͤhnlich als ein ausgedienter Hof⸗ mann, ſtill und einſam auf ſeinen Lehnguͤtern. Mehr gerade und zutraulich reichte der Bruder Johann Marſchalk dem Grafen die Hand und bat ihn, mit der geringen Gelegenheit des Hauſes vorlieb zu nehmen. Auch er war ein großer und anſehnlicher Mann mit ziemlich ſcharfen bejahrten Zuͤgen; ſein Aeußeres zeichnete ſich durch eine auf⸗ fallende Einfachheit, die ihm beinahe das Anſehen eines duͤrftigen Ritters verlieh, obgleich er bedeu⸗ tende Landguͤter beſaß und einer der reichſten Maͤn⸗ ner im Lande war, aus.— Als Marſchall des Koͤnigs, hielt er ſich gern bei dem Hofe in Ribe auf; allein eine doppelte Familienfeier hatte alle Söhne Esberns Snare auf Sabyhof verſammelt, wo Frau Helene die Verlobung ihrer Tochter In⸗ geborg und die ihrer Stieftochter Caͤcilia mit zwei jungen Rittern feierte. Beide dieſe jungen Ritter empſingen auch mit vieler Artigkeit die vornehmen Gaͤſte, waͤhrend der dritte von Esberns Soͤhnen, der kleine, dicke Ab⸗ ſalon Balg, Rigmor aus dem Wagen hob und 110 ſie mit der uͤbrigen Geſellſchaft in den Nitterlam hinauffuͤhrte. Dort trat Frau Helene mit ihrer Tochter und Stieftochter den Gaͤſten entgegen. Sie war wie eine Fuͤrſtin geſchmuͤckt und trug ein Diadem von glaͤnzenden Edelſteinen in dem dunkelbraunen zuruͤckgeſtrichenen Haare. Sie trug ein hochro⸗ thes, vorne offnes, ſeidenes Kleid mit goldnen Sternen an den Kanten. Sie hatte beinahe ein eben ſo jugendliches Ausſehen, als die funfzehnjäh⸗ rige Tochter an ihrer Seite. Jungfrau Ingeborg ſah der Mutter ſehr aͤhnlich, nur hatte ſie hel⸗ leres Haar und zartere Geſichtsfarbe. Auch ſchien ſie weniger, als die Mutter, mit ihrer Schoͤn⸗ heit bekannt; den einfachern Anzug, den ſie trug, und der kaum ihre eigene Wahl war, ſchien ſie in⸗ deß mit vieler Sorgfalt angezogen zu haben. Ohne goldnen Schmuck an dem braunen, hoch am Halſe zugeknoͤpften Aermelkleid und mit der einfachen, ſilbernen Spitzhaube, machte ſie beim erſten An⸗ blick bei weitem nicht den glaͤnzenden Eindruck wie die Mutter, allein an den funkelnden Augen ihres zierlichen Braͤutigams konnte man indeſſen gleich ſehen, daß ſie die Exwaͤhlte ſeines Herzens war. 111 Noch weniger geſchmuͤckt, ohne den kleinſten Anſpruch auf Schoͤnheit, trat die Stieftochter, die ſtille, beſcheidene Caͤcilia in einem ſtahlgrauen, ſchwarzgeraͤnderten Kleide hervor, und ſchien ganz neben der glaͤnzenden Mutter zu verſchwinden. Ihre ruhigen, blauen Augen und einfach anzie⸗ hendes Weſen, ſchien indeſſen den geraden, ehr⸗ lichen„ etwas vierſchroͤtigen und wenig zierlichen Brraͤutigam zu bezaubern. Frau Helene empfing den Grafen Albert und den Biſchof ſanft und freundlich, allein doch mit einer Art herablaſſender Höflichkeit, die gro⸗ ßen Leuten eigen iſt, und ſich beſſer fuͤr eine Koͤ⸗ nigin als eine Edelfrau geſchickt haben wuͤrde.— Daß ſie von fuͤrſtlichem Gebluͤte war„ ſchien ſie nie vergeſſen zu koͤnnen, und wer des nicht kun⸗ dig war oder es außer Acht zu laſſen ſchien, dem wußte ſie durch eine leichte Beziehung in Erin⸗ nerung zu bringen, daß ihr Vater Herzog Gut⸗ torm von Schweden ſey. In ihrem ſiebenzehnten Jahre hatte ſie ohne Neigung, nur aus Ruͤckſicht auf den Wunſch des. Vaters, den tapfern und beruͤhmten, allein ſchon altersgrauen Esbern Snare, damals einen der 112 wichtigſten Maͤnner Daͤnemarks, der im Verein mit Abſalon und dem Ritter Suno, als Vor⸗ mund des minderjaͤhrigen Knud VI., eigentlich das Land regierte, zum Gemahl genommen. He⸗ lene war Esberns dritte Gattin, und hatte in deſſen alten Tage, ſeine zahlreiche Familie mit der Tochter Ingeborg vermehrt.— Esberns Hei⸗ terkeit und Lebhaftigkeit hatten ſich im Alter nicht von ihm getrennt; allein nach dem Tode ſeines erſten Ehegemahls hatte er ſich erſt auf Sabyhof niedergelaſſeen, wo kein Andenken an gluͤckliche Tage ihn verſtimmte. Die fuͤrſtliche Pracht, die ſeine junge Chehaͤlfte dort einfuͤhrte, ſchien ihn auch zu zerſtreuen und zu ergötzen. Große Her⸗ ren und Fuͤrſten hatten ihn oft dort mit ihrer Gegenwart beehrt und der junge Koͤnig Walde⸗ mar, damals Herzog von Schleswig, hatte oft einige Tage unter ſeinem Dache zugebracht, und ſich mit ihm auf der Jagd ergoͤtzt. Die Aufmerk⸗ ſamkeit und ritterliche Zuvorkommenheit, welche der heitere Herzog der jungen, ſchoͤnen Edelfrau damals bezeugt, hatte ihr insgeheim geſchmeichelt, und ihre Freunde glaubten, daß ſie durch unvor⸗ ſichtige Aeußerungen Anlaß zu dem verletzenden 113 Geruͤcht von einem geheimen und unerlaubten Verhaͤltniß zwiſchen ihr und dem Herzog Walde⸗ mar ſelbſt gegeben hatte.— Dies Geruͤcht war noch durch den Umſtand vergrößert worden, daß kurz nach dem ungluͤcklichen Fall von der Treppe, wodurch Esbern Snare ſein kuͤhnes Heldenleben einbuͤßte, die junge Wittwe von einem Sohne, Knud geheißen, entbunden wurde, welcher nach vielfacher Behauptung ganz auffallend dem jungen Herzog aͤhnelte. Ja! es gab ſogar Mehrere, die ſich verlauten ließen, daß der halsbrechende Fall des alten Gatten von der Treppe nur ein er⸗ dichteter Ungluͤcksfall ſey, der eine Unthat, an der man die junge Wittwe nicht ganz unwiſſend glaubte, bedecken ſollte. Kurz nachher wurde ſo⸗ gar das Geſchwaͤtz unter dem Volke verbreitet, daß es ſeit dem Tode des alten Herrn auf Sa⸗ byhof ſpucke, und daß der böſe Feind bei ſeinem ploͤtzlichen Tode wohl einen Finger mit im Spiele gehabt oder wohl gar in eigner Perſon ihn ab⸗ geholt haͤtte.— Dies Volksgeſchwaͤtz, dem An⸗ denken des braven Helden ſo kraͤnkend, wurde nun auch Frau Helene beſchuldigt ausgebreitet zu ha⸗ ben, um hinter der Schmach des ruͤhmlichen Ehe⸗ 1. 8 114 herrn das eigne Vergehen zu verbergen. Das Geruͤcht von ihrem geheimen Verhaͤltniß zu Wal⸗ demar wurde zuletzt von Vielen gar nicht mehr in Zweifel gezogen, da der junge Koͤnig kurz nach ſeiner Thronbeſteigung kein Bedenken getragen, waͤhrend ſeines Huldigungszuges durch Sicelland einen kurzen Beſuch bei der jungen Wittwe auf Sabyhof abzuſtatten, wo er, Esberns Snare Ver⸗ dienſten um das Vaterland ſich dankbar erinnernd, Frau Helenen ſein koͤnigliches Wort gegeben, daß der kleine Knud, der noch in der Wiege lag, in der Zukunft mit einem Herzogthum belehnt wer⸗ den ſollte. Graf Albert wußte recht gut, wie an man⸗ chem Ort von der Frau Helene und von dem Koͤ⸗ nig geſprochen wurde; allein er war von der Un⸗ wahrheit aller derlei Geruͤchte ſo uͤberzeugt, daß er eben durch die Aufmerkſamkeit und die Hoch⸗ achtung, die er der verlaͤumdeten Edelfrau be⸗ zeugte, die Gewalt der uͤblen Nachrede zu unter⸗ graben dachte. Als ein ſtrenger und ehrbarer Rit⸗ ter wuͤrde er ohne dieſe feſte Ueberzeugung ihrem Schloſſe mit Verachtung voruͤber geritten ſeyn, oder wohl auch nach damaliger Sitte unter den 151 ſtrengſten Rittern, wenn ſie an einem beruͤchtigten Orte vorbei kamen, ein Schandmal mit Kreide an die Pforte gezeichnet haben.— Allein ſeine Abſicht mit dieſem Beſuche war beſonders dem boͤ⸗ ſen Leumund Trotz bieten und den daͤniſchen Rit⸗ tern zu erkennen geben zu wollen, daß er, mit wem es auch ſey, ſowohl fuͤr die Ehre ſeines Ko⸗ nigs als fuͤr die der edlen Frau Helene und fuͤr den beruͤhmten Namen des ritterlichen Geſchlechts, dem ſie angehoͤrte, eine Lanze zu brechen bereit waͤre. Deshalb hatte er ſchon unterweges einen eifrigen Wortſtreit mit dem Biſchof gehabt, wel⸗ cher mit Ruͤckſicht auf Frau Helenens Beneh⸗ men, ohne ſie doch der unerhoͤrten Graͤuelthaten, deren ſie beſchuldigt wurde, ſchuldig zu erachten, die alten, ſo oft gemißbrauchten Worte geaͤußert hatte:„daß, wo Rauch iſt, auch Feuer ſeyn muͤſſe.“— 1 Nachdem die feierliche Verlobung zwiſchen den jungen Paaren in der Capelle gehalten worden, fuͤhrte die Edelfrau die geehrten Gaͤſte in den Eß⸗ ſaal, wo ſie ſelbſt am meiſten durch Witz und Heiterkeit glaͤnzte. Der leichtempfaͤngliche Biſchof vergaß in dieſer aufgeraͤumten Verſammlung auf 8* 116 kurze Augenblicke die Trauer uͤber den Verluſt des Freundes, ſo auch die unvortheilhafte Meinung von ſeiner ſchoͤnen Wirthin. Selbſt der ſtrenge, ernſte Graf ſchien ungewoͤhnlich aufgeregt zu ſeyn. „Ihr ſeyd ja vor kurzem auf Ribehuus ge⸗ weſen? Graf Albert!“— ſagte Helene gegen ihn gekehrt, da endlich die allgemeine, heitre Un⸗ terhaltung einen Augenblick in Stocken gerathen war.—„Wie findet ſich der Koͤnig in ſeine halbe Wittwertrauer? Er laͤßt doch wohl bei dem Ver⸗ luſt einer Braut, die er nur durch die Augen ei⸗ nes Andern geſehen, den Kopf nicht haͤngen? Als ich ihn zum letzten Mal hier ſah,“— fuͤgte ſie Kopf und Bruſt hoͤher richtend hinzu,—„ſchien ihm die kaiſerliche Schwagerſchaft ein Staatsge⸗ ſchaͤft zu ſeyn, an dem Kopf und Herz nur wenig Antheil nahm. Der Tod der Prinzeſſin Maria iſt doch wohl nur ein Strich durch ſeine volinſihe Rechnung.“ „Ich habe den Koͤnig lange nicht zufriedener geſehen,“— erwiederte der Graf, den der Wein und die Geſellſchaft weniger umſichtig als gewoͤhn⸗ lich, wenn die Rede von dem Koͤnig war, ge⸗ macht hatte,—„jene Verbindung war ſicherlich 117 nur ein Opfer, das er der Staatskunſt und Daͤ⸗ nemarks billigen Anſpruͤchen auf eine Koͤnigin ge⸗ bracht. Aber ein aͤhnliches Opfer muß er doch wahrſcheinlich ein Mal bringen, und die Freiheit, daran er ſich vielleicht gegenwaͤrtig erfreuet, kann kaum lange dauern. Traurig wuͤrde es indeſſen ſeyn,“— fuͤgte er hinzu,—„wenn ein ſo liebenswuͤrdiger Herr bei der Wahl der kuͤnfti⸗ gen Koͤnigin ſeinem Herzen eine Stimme verſagen muͤßte.“ Das zuverſichtliche Laͤcheln, womit Frau He⸗ lene dieſe Aeuſſerung aufnahm, ſchien dem Grafen zu verrathen, daßzſie es nicht unmoͤglich erachtete, Daͤnemarks Königin ſelbſt ein Mal werden zu koͤnnen. Es war, als ginge ihm ploͤtlich ein Licht auf, wodurch er ſich den Anlaß zu jenen ehrloſen Geruͤchten erklaͤren konnte, und durfte er ſie auch nicht von ſtolzen und eitlen Traͤumen frei⸗ ſprechen, fuͤhlte er ſich doch noch immer uͤberzeugt, daß ſie an allem, deſſen man ſie beſchuldigte, un⸗ ſchuldig ſey.. Sie ſelbſt gab indeſſen bald der Unterredung eine andre Wendung und fragte, ob das Geruͤcht von einem neuen Kriege wahr ſey. Ohne mehr 118 von dem neuen Feldzug, als was allen bekannt war, zu aͤußern, wußte Graf Albert bald alle Nitter Fir das kuͤhne Unternehmen des jungen Koͤnigs zu begeiſtern und in dieſer Stimmung forderte er die Soͤhne Esberns Snare und ihre kuͤnftigen Schwaͤger auf, ihn nach Ribe zu begleiten, wo der Koͤnig jetzt ſeine beſten Mannen um ſich ver⸗ ſammelte. „Geſtrenger Herr Ritter!“ unterbrach ihn Frau Helene.„Wollt Ihr mich und meine Toͤch⸗ ter auf den Tod erſchrecken und uns auf ein Mal aller maͤnnlichen und ritterlichen Bewachung be⸗ rauben! Ihr und der Koͤnig denkt— ſo wie ich merke— die ganze Welt erobern zu wollen, waͤh⸗ rend die Weiber in Daͤnemark ſich ſelbſt verthei⸗ digen muͤſſen; ich und meine Toͤchter, wir wer⸗ den wohl auch nicht uns verbergen, wenn es gilt Land und Koͤnig retten zu koͤnnen; doch Amazo⸗ nen ſind wir nicht, und wenn kein Mann hier auf dem Hofe zuruͤck bleibt, werden wir gewiß ſterben, wenn nicht vor Furcht, ſo doch vor Lan⸗ gerweile.“ 3 „Ihr thut unſerm Geſchlechte zu viel Ehre an, edle Frau!“— erwiederte Graf Albert.— 119 „Müächſt derjenigen, dem Koͤnig und dem Vater⸗ lande beizuſpringen, wuͤrde gewiß jeder hoͤfliche daͤniſche Ritter ſich die groͤßte Ehre daraus ma⸗ chen, Euch und Euern Toͤchtern hier im Frauen⸗ gemach die Zeit zu verkuͤrzen, beſonders“ fuͤgte er etwas ſcharf hinzu„wenn er von einem Siege zuruͤckkehrte und Proben gegeben haͤtte, daß er der Theilnahme der Schoͤnheit nicht unwuͤrdig ſey.“ „Ich gehe mit nach Ribe!“ rief der eine Ritter nach dem Andern. Frau Helene ſah wohl ein, daß es Ernſt ſey, und daß das Heldenblut Esberns Snare ſich bei den Soͤhnen geregt hatte, waͤhrend die Toͤchter ſtill mit Thraͤnen in den Augen daſaßen.„Wohlan denn,“ ſprach ſie raſch nach einem kurzen Sin⸗ nen,„ſo reiſen wir alle nach dem Hofe; ich habe Gruͤnde zu hoffen, daß wir weder dem Koͤnig, noch der Prinzeſſin Negitze unwillkommen ſeyn werden, um ſo mehr, da die Prinzeſſin mich ſchon laͤngſt zu ſich eingeladen hat; auch werden unſre tapfern Ritter und Beſchuͤtzer nicht zu ſehr, Hei⸗ den zu toͤdten, eilen, daß ſie ja erſt verlaſſene chriſtliche Frauen mitnehmen und beſchuͤtzen koͤn⸗ nen. Denn nicht ein Mal meinen kleinen Knud 120 habe ich bei mir: er ſitzt zu Pferde auf dem Knie ſeines Großvaters; mein alter Vater, der Her⸗ zog, kann ihn nicht entbehren, und glaubt nicht ſeine Tochter in Daͤnemark von jedem ritterlichen Schutz verlaſſen!“ 4 Bei Frau Helenens plotzlichem Entſchluß wur⸗ den die ernſten Zuͤge des Grafen noch ſtrenger und duͤſterer als gewoͤhnlich, und er meinte in den Mienen des Biſchofs leſen zu koͤnnen, daß dieſer dadurch ſeine unvortheilhafte Meinung von dem Leichtfinn der ſchoͤnen Frau, oder von etwas noch aͤrgerem, beſtaͤtigt glaubte. Indeſſen verbeugten ſich beide ſchweigend und ſannen nur auf Mittel, der Ausfuͤhrung dieſes raſchen Entſchluſſes vorzu⸗ beugen. Dieſer ſchien, obgleich aus hoͤchſt verſchiedenen Gruͤnden, den Stiefſoͤhnen auch nicht zu gefallen. Niels Mule uͤberlegte aͤngſtlich„ in wie fern es ſchicklich ſey, daß eine Edelfrau eine Prinzeſſin auf eine fluͤchtige Einladung gerade zu beſuchte. Johann Marſchalk, Rechenſchaftsfuͤhrer bei der weit juͤngeren Stiefmutter„ berechnete die da⸗ mit verbundenen, unnuͤtzen Koſten; und der kleine, dicke Abſalon Balg, immer fertig wo es eine 121 Wette, einen Chrenſold oder den Beifall fremder Frauen betraf, mochte nicht gern ſeine ritterliche Hoͤflichkeit an Stiefmutter und Schweſter ver⸗ geuden; allein keiner von den Bruͤdern kannte das entehrende Geruͤcht von dem Verhaͤltniß des Koͤnigs zu der ſchoͤnen Wittwe, welcher Umſtand ihre Annaͤherung an den Hof hoͤchſt unſchicklich machte. 1 Jede Einwendung machte indeſſen Frau He⸗ lene nur mehr beharrlich, und dieſe Laune gewann ſo vielen Beifall bei den beiden Braͤutigams ihrer Toͤchter, die dadurch die Braͤute in ihrer Naͤhe behielten, daß die Vorſchlaͤge des Grafen Albert und des Biſchofs Peder, die Frauen auf Saby⸗ hof durch eine ſo große Anzahl bewaffneter Knap⸗ pen, wie die ſchoͤne Wirthin es noͤthig fand, be⸗ ſchuͤtzen laſſen zu wollen, verworfen wurde. 2* „Ich möoͤchte beinahe glauben,“ unterbrach ſie Frau Helene,„daß der tapfere Graf und der fromme Biſchof beide fuͤrchten, daß ich und meine Toͤchter Ribehuus mit Sturm erobern wollen, weil ihnen ſo viel daran gelegen ſcheint, uns hier auf Sabyhof gefangen zu halten.“ 122 4 „Es koͤnnte Gefahr genug haben, edle Frau!“ entgegnete artig der Graf;„wenn auch nicht fuͤr die ehrbare Buͤrgerſchaft in Ribe, um ſo mehr doch fuͤr die jungen ritterlichen Helden auf Ribe⸗ huus; und der Konig bedarf jetzt freie und mus⸗ thige Herzen, die keine Feſſel, nicht einmal die der Schönheit tragen.“ Bei dieſer Artigkeit wurden Frau Helenens Zuͤge wieder ſanft und freundlich, und ſie fluͤſterte der Tochter zu, daß der ſtrenge Graf, ſeiner zwar ein wenig zu langen langweiligen Trauer wegen der verſtorbenen Gattin ungeachtet, doch noch recht artig und liebenswuͤrdig ſeyn koͤnnte, wenn er nur wollte. „Es waltet noch ein wichtiger Umſtand ob,“ wandte ſie ſich halb ſcherzend zum Grafen,„wes⸗ halb ich nothwendig Sabyhof verlaſſen muß, wenn das Haus nicht von den tuͤchtigſten und ta⸗ pferſten Nittern beſucht iſt. Es iſt ja genugſam bekannt, daß es hier ganz gewaltig ſpuckt und wir haben ſchon ernſte Beiſpiele gehabt, daß man nicht mit Sicherheit die Treppe im Dunklen hin⸗ abſteigen koͤnne.“ 123 Alle Geſichter wurden ploͤtzlich ernſt. Der Graf ſah die ſchoͤne Wirthin betroffen an und wußte nicht, ob er ihre Aeußerung fuͤr Scherz oder Ernſt nehmen ſolle; doch die Beziehung auf den ungluͤcklichen Tod des Gatten verbot ihm, jene fuͤr Scherz zu halten. „Seyd deswegen ganz ruhig, edle Frau!“ ſprach er in aͤhnlichem, halb ernſten, halb ſcherz⸗ haften Ton,„es iſt wohl lange her, ſeit hier ein Biſchof gegenwaͤrtig war. Ihm liegt es ob, Euch von allen unwillkommenen Gaͤſten aus einer an⸗ dern Welt zu befreien; auch zweifle ich ſonſt nicht, Euch, wenn es Noth thut, mit meinem guten Schwerte wohl Hausfriede verſchaffen zu koͤnnen. Zeigt mir, wenn es Euch ſo beliebt, nur das Nachtlager in dem Zimmer an, wo es am ſchlimmſten hergehen ſoll; will der Biſchof mir Geſellſchaft leiſten, ſoll es mir lieb ſeyn; wo nicht, denke ich wohl allein dies Abentheuer be⸗ ſtehen zu koͤnnen.“ „Wohlan denn, edler Ritter! es gilt einen Verſuch,“ entgegnete Frau Helene und gab ſo⸗ gleich Befehl, das gruͤne Gemach fuͤr den Grafen einzurichten.„Dem Herrn Biſchof ſoll das Ne⸗ benzimmer angewieſen werden,“ fuͤgte ſie hinzu, n„und wollen die guten Herren beiſammen ſeyn, kann die Zwiſchenthuͤre offen bleiben.— Haltet Ihr dann Morgen das Haus fuͤr ruhig und ſicher, werde ich meinen Entſchluß aufgeben und hier⸗ bleiben.“ „In Gottes Namen,“ nahm der Biſchof das Wort.„Gebt mir welches Zimmer Ihr wollt, hochgeborne Frau! Gute Geiſter fuͤrchte ich nicht, und die böſen haben keine Gewalt uͤber ein chriſt⸗ liches Herz.“ „Wenn Eure Nachtruhe Euch theuer iſt, edle Herren,“ fiel Abſalon Balg ein,„ſo gebt den Verſuch auf! In dem gruͤnen Zimmer und im ganzen öſtlichen Fluͤgel des Hauſes ſchlaͤft kein vernuͤnftiger Menſch mehr; freilich halte ich das Meiſte, was davon erzaͤhlt wird, fuͤr Geſchwaͤtz und leere Einbildung; aber es koſtete doch dem vermeſſenen Vater das Leben, als er dieſem Ge⸗ ſchwaͤtz ein Ende machen und ganz allein im Dun⸗ keln dahinauf gehen wollte. Seit der Stunde hat uns die Klugheit fern davon gehalten.“ „Mein runder Herr Stiefſohn gedeiht am be⸗ ſten, wo keine Gefahr vorhanden iſt!“ ſcherzte 125 Frau Helene lachend.„Wenigſtens,“ fuͤgte ſie beguͤtigend hinzu, als ſie merkte, daß er ſich be⸗ leidigt fuͤhlte,„ſpart er ſeinen Muth und ſeine Kraft am liebſten fuͤr die Feinde, die er ſehen und aufeſſen kann, auf.“ „Darin thaͤte er Recht,“ meinte Johann Marſchalk,„denn Leben und Kraͤfte ſollte man eben ſo wenig aufs Spiel ſetzen oder Gott durch vermeſſene Tollkuͤhnheit verſuchen, als ſein Ver⸗ moͤgen an eitlen Tand verwenden.“ Dieſe mehr vaͤterliche als kindliche Ermah⸗ nung, ſo auch das, was dieſelbe veranlaßt hatte, erwiederte Frau Helene nur im Scherze, und ſo erhielt das Ganze den Anſchein einer unſchuldigen Neckerei, wodurch die heitere Wirthin nur den Muth und die Kuͤhnheit des Grafen auf die Probe ſtellen wollte. Die Reiſe der Ritter nach Ribe war indeſſen beſchloſſen; ob Frau Helene und ihre Toͤchter ſie begleiten wuͤrden, ſchien auf der Laune, in wel⸗ cher die ſchoͤne Wirthin ſich den folgenden Tag beſinden wuͤrde, zu beruhen.— Indeſſen ließ ſie insgeheim die Dienerſchaft alles zur Abreiſe berei⸗ ten, waͤhrend ſie ſelbſt gaſtfreundlich und auf⸗ 126 geraͤumt auf das Ergoͤtzen der Gaͤſte bedacht war. Die getaͤfelten Tiſche und die Brettſpiele wurden hervorgezogen, und des Abends tranken die Rit⸗ ter luſtig und laut auf die Geſundheit des tapfern Koͤnigs und auf das Gluͤck ſeiner kuͤhnen Unter⸗ nehmungen.— Der Graf und der Biſchof leer⸗ ten die Becher mit Umſicht, und wurden ernſter und bedenklicher, jemehr die Stunde zum Schla⸗ fengehen heranruͤckte.— Als endlich Frau He⸗ lene und ihre Tochter mit der kleinen Rigmor ſich in ihre Zimmer zuruͤckgezogen, und die fuͤrſtlich geſchmuͤckten Edelknaben nebſt Carl hereintraten, um den Gaͤſten nach ihren Schlafzimmern zu leuchten, ſahen der Graf und der Biſchof ſich ernſt an, und nahmen ſich vor, auf ihrem Poſten zu ſeyn; denn das Laͤcheln, womit die ſchelmiſche Wirthin ihnen eine ruhige Nacht gewuͤnſcht, hatte ihnen den Verdacht eingefloͤßt, daß ſie vielleicht ſelbſt an dem vermeintlichen Spuk, womit ſie, wie es ſchien, beide hatte erſchrecken wollen, einigen Antheil habe. „Iſt dies das gruͤne Zimmer?“ fragte der Graf den Burſchen der ihm leuchtete, als, nach⸗ dem er eine hohe Treppe hinaufgeſtiegen und drei 8 —— — 1 127 lange, dunkle Gaͤnge durchſchritten hatte, er ſich endlich in einem großen, gewoͤlbten Zimmer mit gruͤnem Taͤfelwerk und einer großen, eichenen Bettſtelle mit gruͤnen, ſeidenen Vorhaͤngen befand. „Ja! Herr!“ erwiederte der fremde Knabe; der bleich und mit bebender Hand die Kerzen in einem dreiarmigen, ſilbernen Leuchter, der auf dem vergoldeten Nachttiſch ſtand, anzuͤndete. „Was fehlt Dir? Burſche! Haſt Du das kalte Fieber? Du zitterſt ja wie Eſpenlaub und loͤſcheſt die Kerzen, ehe ſie noch ganz brennen, ſchon wieder aus!“ verſetzte der Graf barſch. „Komm, ich will ſelbſt— oder wo iſt Carl, mein eigner Leibbube?“ „Hier! geſtrenger Herr!“ erwiederte Carl, indem er raſch herzuſprang, und zuͤndete die Lich⸗ ter vollends mit ſeiner Kerze an. „So gehe nur,“— fuhr der Graf zu dem fremden Knaben fort,—„fort ins Bette und laß Dir warmes Bier mit Pfeffer geben! Du haſt ja ſtarkes Fieber wie ich ſehe.“ „Sogleich, Herr!“ verſetzte der Burſche, „allein meine Kerze brennt nicht gut, folge mir mit der Deinigen,“ wandte er ſich zu Carln.„Es 128 iſt ſo finſter in den Gaͤngen und auf der haͤßli⸗ chen Treppe.“ „Aber wie ſoll ich denn ſelbſt zuruͤckfinden?““ fragte Carl etwas unruhig. „Du kannſt hier bleiben und Dich auf das Lotterbett dort im Winkel werfen,“ ſagte der Graf verdrießlich„„gieb ihm die Kerze und laß ihn. Er iſt bang im Finſtern.“ Carl ſchwieg und gehorchte; der fremde Knabe ging langſam und zitternd aus der Thuͤre, die Hand aͤngſtlich vor die Flamme haltend, damit keine Zugluft ſie auswehen moͤchte. Das Nebenzimmer des Biſchofs erhellten auch drei brennende Kerzen, und nachdem er den Knap⸗ pen, der ihn begleitet, zuruͤckgeſchickt hatte, oͤff⸗ nete er die Zwiſchenthuͤre und trat zu dem Nach⸗ bar hinein. „„Hier iſt alſo das verrufene, gruͤne Zimmer,“ ſagte er, einen bedenklichen Blick in alle Winkel deſſelben werfend.—„Hier ſind nur zwei Ein⸗ gaͤnge, ſehe ich; die Thuͤre, die auf den Gang fuͤhrt, will ich mit der Stange verrammeln, ſo wie ich es in meinem Zimmer gemacht habe. Ihr habt doch Eure Waffen bei Euch? lieber Graf! 129 Der Graf zeigte auf ſein großes Schwert, das an dem Bette gelehnt daſtand, und meinte, daß es doch wohl am beſten waͤre fuͤrs erſte ſich nicht niederzulegen, ſondern wach und munter was kom⸗ men moͤchte zu erwarten; denn die gar zu große Furcht des Edelknaben moͤchte doch wohl, nach ſeiner Meinung, einigen Grund haben. „Habt Ihr di. ange, ſteile Treppe, die wir heraufgekommen und den großen, rothbeſprengten Muͤhlſtein am Fuße derſelben bemerkt?“ fragte der Biſchof.„An dem war es, erzaͤhlte mir der furchtſame Burſche, daß der alte, kuͤhne Burg⸗ herr das Leben verlor; er ging des Nachts hier⸗ her,“ ſagte er weiter,„und die Sage geht, daß er in dem Thurm dieſes Seitenfluͤgels Umgang mit Geiſtern gepflogen und den Gang der Geſtirne erſpaͤhet habe.“ „Der alte Esbern war ein kluger und tůch⸗ tiger Herr,“— entgegnete Graf Albert.—„Es nimmt mich kein Wunder, daß das aberglaͤubiſche Volk ihm verbotene Kuͤnſte und Umgaag mit Gei⸗ ſtern beigelegt hat. Er beſaß ungemeine Kennt⸗ niſſe, nicht allein in der Staatskunſt und der Ge⸗ ſchichte der Voͤlker, ſondern auf ſeine alten Tage 1. 9 130 ſoll er ſich noch die Aſtronomie und die Natur⸗ wiſſenſchaft zu eigen gemacht haben. Damit er nun nicht der Zauberei verdaͤchtig werden wollte, hat er moͤglicherweiſe ſeine Studien verborgen ge⸗ halten und hier die Naͤchte heimlich bei ſeinen For⸗ ſchungen zugebracht. Unterſuchen wir doch das Zimmer recht genau! Vielleicht ſinden wir meine Muthmaßungen beſtaͤtigt.“ Darauf nahm Graf Albert den Leuchter in die linke und das Schwert in die rechte Hand und unterſuchte das Taͤfelwerk genau. Er ſchob eine große, alte Truhe zur Seite und bemerkte am Taͤfelwerk einen verroſte⸗ ten, eiſernen Knopf. Als er mit dem Hefte des Schwertes daran druͤckte, fuhr eine verborgene Fallthuͤr in die Hoͤhe, hinter welcher eine enge Wendeltreppe zum Vorſchein kam. „Seht Ihr,“ rief der Graf,„meine Ver⸗ muthung war gegruͤndet. Es iſt ohne Zweifel ein geheimer Aufgang in den Thurm. Nehmt den zweiten Leuchter, hochwuͤrdiger Herr; und laßt uns unſre Entdeckung weiter verfolgen.“ Carl, der dem Herrn eine Probe ſeines Muthes zeigen wollte, bat, daß er mit dem einen Leuchter voran gehen duͤrfe.—„Das mag ich leiden,“ ſagte — 131 der Graf und reichte ihm den ſeinigen; laͤßt Du ihn aber fallen, werde ich im Ernſt boͤſe.“ Der Knabe ging nun mit klopfendem Herzen voran und hielt den Leuchter ſo feſt, als fuͤrchtete er, er moͤchte Fluͤgel bekommen. Am Ende der langen Wendeltreppe hemmte eine ſtarke, eiſenbeſchlagene Thuͤr, welche der Graf mit ſeinem Schwerte aufſprengte, einen Augenblick ihre Schritte; dann traten ſie in ein ganz run⸗ des Thurmzimmer mit verſchloſſenen, großen Fen⸗ ſterluken zu allen Seiten, hinein; in der Mitte deſſelben ſtand ein runder Tiſch, auf welchem al⸗ lerlei kuͤnſtliche Inſtrumente und eine Menge auf⸗ geſchlagene Schriften mit rothen Buchſtaben und unbekannten Ziffern lagen. Am Rande des Ti⸗ ſches befand ſich ein großes, verſchloſſenes Buch, das durch eine kupferne Kette mit dem Boden verbunden war; obendarauf ruhete ein ſchwerer Stein. Sie ſtellten die Leuchter auf den Tiſch und betrachteten das Zimmer und die ſonderbaren Geraͤthſchaften. „Ein Studierzimmer alſo und vermuthlich ein Obſervatorium,“ ſagte der Biſchof und ließ ſich 4 9* — 132 in den großen Seſſel am Tiſche nieder, um die Schriften und Pergamente nachzuſehen, waͤhrend Graf Albert mit dem zweiten Licht in der Hand ſich uͤberzeugte, daß das Zimmer nur den einzigen Ausgang, durch den ſie hineingekommen waren, hatte. Er betrachtete mit Theilnahme eine große, kuͤnſtliche Kugel von Meſſing, an der die ſaͤmmt⸗ lichen Sternbilder eingeritzt waren und las daran einige wohlbekannte Namen, zum groͤßten Theil aus dem vergangenen Jahrhundert. Was am meiſten ſeine Verwunderung erregte, war ein klei⸗ ner Herd, von dem eine kupferne Roͤhre durch die Mauer ging, nebſt einer Menge ſonderbar ge⸗ formter Schaalen oder Phiolen von Thon und Metall; und nicht ohne Betroffenheit bemerkte er, daß die Aſche warm ſey und gluͤhende Kohlen be⸗ deckte.—„Hier muß alſo noch Jemand ſeyn, der dieſe Gewölbe benutzt,“ ſagte er, und trat an den Tiſch, um dem Biſchofe dieſe Entdeckung mitzutheilen. Da las er ein lebhaftes Erſtaunen in den geſpannten Zuͤgen deſſelben, das ihn faſt erſchreckte; der Biſchof ſtarrte mit unverwandten Blicken auf ein Blatt mit rothen lateiniſchen Buchſtaben. — — 133 „Was leſet Ihr da? hochwuͤrdiger Herr!“ fragte der Graf und ſtellte den Leuchter auf den Tiſch neben den des Biſchofs. „Entſetzliche Geheimniſſe liegen hier begra⸗ ben,“ liſpelte der Biſchof,„und in ſo fern wir das Buch hier,“ er deutete auf das große, an⸗ gekettete Buch mit dem Stein oben darauf,„er⸗ oͤffnen duͤrften, wuͤrde uns vielleicht ein Licht auf⸗ gehen, das mir ein Raͤthſel, auf das ich nun ſeit neun Tagen ſinne, erklaͤren koͤnnte, vielleicht wuͤrde uns dann gegeben, den Koͤnig und das Vaterland vor einem großen Unheil huͤten und ein ſchwarzes Verbrechen— einen Koͤnigsmord, der ſonſt, bis die letzten Poſaunen die Graͤber ſpren⸗ gen, verborgen bleiben wird, entdecken zu koͤn⸗ nen.— Seht, es ſteht hier mit deutlichen Wor⸗ ten, und ich verrathe Euch kein Geheimniß, das allein mir und der Kirche gehoͤrt. Gewiß hat der Herr nicht vergebens uns beide an dieſen Ort ge⸗ fuͤhrt.“ „Leſet, leſet!“ rief der Graf entſetzt,„ich verſtehe Euch nicht. Ziehe Dich zuruͤck,“ fuhr er zu Carln hingewandt fort, welcher auch betrof⸗ fen hinzu getreten war und dieſelben Ausdruͤcke, 134 die er mit Erſtaunen ſich erinnerte aus dem Munde jenes ſonderbaren Bergmanns in der Kirche gehoͤrt zu haben, nun auch von den Lippen des Biſchofs vernommen hatte. 1 Carl gehorchte, doch konnte er nicht umhin, jedem lauten Worte, das dem heftig erregten Bi⸗ ſchof entſchluͤpfte, aufmerkſam zu lauſchen. „In dem Buche ſteht dies Alles,“ verſetzte der Biſchof,„aber zugleich hier ein fuͤrchterlicher Fluch uͤber deſſen Haupt, der unberufen es oͤffnet. Seht, dies iſt das Regiſter von dem Inhalt des geheimnißvollen Buches.“ „Sterndeutertraͤume!“ ſagte Graf Albert, nmyſtiſche Schwaͤrmerei und Wahnſinn.“ „Seht!“ fuhr der Biſchof fort.„Das Ho⸗ roſcop und Geſchick des Königs Waldemar. Das Horoſcop und Geſchick der Zwillingsgebruͤder Axel und Esbern— und ſeht, das Geſchick KnudsVI.— der verdammte Name ſeines Moͤrders— hoͤrt Ihr⸗ gemordet,— den Namen des Moͤrders— ſeht, das iſts, was ich eben wiſſen wollte,— der, welcher ihn ermordet, bedroht auch die Tage ſeines koͤniglichen Bruders und ſeht, auch an uns koͤmmt die Reihe: das Geſchick des Herrn Suno 135 und ſeiner Söhne,— das des Erzbiſchofs An⸗ dreas, ſein langes Siegthum.— Das Geſchick des Biſchofs Peder in Roeskild; Jacobs, Lors und Ebbles Suneſohn, ihr Geſchick; des Grafen Albert von Orlamuͤnde Horoſcop und merkwuͤrdi⸗ ges Geſchick; die Verbindung ſeines Sternes mit dem des Koͤnigs.“— „Wie! auch ich bin da?“ rief der Graf, „verfluchtes Gaukelſpiel! ich will kein Wort mehr davon wiſſen; es dient nur dazu, vernuͤnftige Leute toll zu machen.“ „Seht doch nur!“ rief der Biſchof eifrig, „das waͤre doch wohl des Wiſſens werth: das Geſchick des Koͤnigs Waldemar II., ſeine heim⸗ lichen Feinde und Neider,— ſein Kriegsgluͤck und Liebe;— die große Gefahr, welcher er und das Reich entgehen koͤnnen, wenn er zeitig ge⸗ warnt wird.“ „Wie!“ rief Albert,„ulſ doch keine eſſerne Nothwendigkeit„ kein unabwendbares Geſchick! ſindet auch Schwanken ſtatt unter den Geſtirnen? Tollheit iſt's, verdammter Wahnwitz!— Allein es gilt dem Koͤnig, meinem Herrn, und ich muß es wiſſen; die Drohungen und Verfluchungen des * 136 Gauklers belache ich.— Dies iſt nicht das Werk des braven Esberns Snare.— Hier muß ein Gaukler, ein Betruͤger, der ihn hat zum Beſten haben wollen, ſeinen Spuk treiben. Vielleicht iſt er tůckiſch ermordet worden, der ehrliche Held, als er den Betrug entdeckte. Wir muͤſſen hier auf unſern Poſten ſeyn; vielleicht lauert der Gaukler uns irgendwo in der Naͤhe auf; doch wiſſen will ich, was er von dem Koͤnig aͤußert. Es kann Wahrheit, verdammliche Wahrheit in dieſer Gaukelei ſeyn; vielleicht eine geheime Ver⸗ ſchwoͤrung gegen das Leben des Koͤnigs; ich will es wiſſen; auf welchem Blatte iſt es zu finden? Schlagt es auf, hochwuͤrdiger Herr,— ſeht,— das Buch der Hölle iſt offen.“ Mit dieſen Worten ſtieß er das Heft des Schwertes mit ſolcher Gewalt gegen den ſchweren Stein, daß dieſer mit großem Geraͤuſch laͤngs dem Boden hinrollte und das kupferbeſchlagene Buch ſich von ſelbſt, ſobald das Gewicht von dem Ein⸗ bande abhewaͤlzt war, öͤffnete.„Leſet erſt das Blatt, das aufgeſchlagen iſt,“ rief Albert,„viel⸗ leicht wird das auch etwas zu bedeuten haben, 137 und wollen wir Thoren ſeyn, ſo laßt uns es im vollen Ernſte werden.“ Der Biſchof las: „Anders, Pfarrer in Slagelſe, der Heilige genannt und Vertrauter des Koͤnigs Waldemar II., der gewaltige Mann, deſſen wunderbares Geſchick hier geoffenbart zu leſen ſteht, ſoll in der Mitter⸗ nachtsſtunde zwiſchen den 1ſten und 2ten Jan. Anno domini 1205 Rechenſchaft vor dem hoͤch⸗ ſten Richter ablegen.“ „Wie! was! in dieſer Nacht? in dieſer Stunde?“ rief Graf Albert,„iſt die Sanduhr dort nicht im Begriff zu verrinen? Von der Luͤge werden wir bald uͤberzeugt werden; vor drei Ta⸗ gen brachte mir der alte, wunderliche Prieſter, munter und geſund eine geheime Botſchaft vom Koͤnig.— Schlaget nun auf, was von ihm ſelbſt und von Knud VI. geſchrieben ſteht, hoch⸗ wuͤrdiger Herr!— Doch was fehlt Euch?— Ihr zittert ja— und warum wird es hier ſo dunkel? „Seht Ihr denn nicht, wie die bichter er⸗ löſchen?“ liſpelte der Biſchof.„Seht, ſchon das vierte iſt ausgegangen.“ 138 „Hier muß Zugluft ſeyn; ich werde ſie wie⸗ der anzuͤnden!— Doch leſet, leſet lieber Herr! ehe es Jemand verhindert.“ Der Biſchof blaͤtterte aͤngſtlich in dem großen Buche, waͤhrend Graf Albert den Armleuchter mit den zwei wehenden Lichtern, die noch brannten, ergriff, um damit die verloſchenen wieder anzu⸗ zuͤnden; da geſchahe es, daß der Biſchof unver⸗ ſehens die Kette beruͤhrte, die das große Buch an den Boden feſſelte und durch dieſen zu gehen ſchien; und mit furchtbarem Geraͤuſch ſtuͤrzte der Tiſch um; es war, als traͤfe in dieſem Augen⸗ blick eine unſichtbare Fauſt von Erz ſowohl den Biſchof als den Grafen; der Leuchter fiel dem Letzteren aus der Hand und eine tiefe Finſterniß umgab ſie. „Verdammte Gauklerkuͤnſte!“ rief der Graf und zog ſein Schwert.„Iſt Jemand hier, ſo rede er, oder beim lebendigen Gott, ich haue den erſten, der mir nahe koͤmmt, nieder.“ 3 „Vergreift Euch nicht! verwundet mich und den Knaben im Dunkeln nicht!“ Sprach leiſe der Biſchof, der von dem Seſſel geſtuͤrzt war, ſich nun aber mit Beſonnenheit und Kraft wieder er⸗ 139 hob.„Sind Teufelskuͤnſte hier mit im Spiele, ſo bin ich es, der mit Gottes Huͤlfe uns alle vertheidigen wird und dann koͤnnt Ihr, Herr Rit⸗ ter, mit Eurem Schwerte doch nichts ausrichten! Uns iſt Recht geſchehen! Warum wollten wir das wiſſen und erforſchen, deſſen Kunde den Menſchen zur Verdammniß gereicht. Laßt das an die Hoͤlle gefeſſelte Buch, das uns in den Abgrund mit ſich zu locken dachte! Begleitet mich, theurer Graf! Folge uns nach, Knabe; zwar iſt's hier dunkel wie im Grabe und den Weg ſehe ich nicht, allein der, welcher das Licht und der Weg iſt, leitet meine Schritte.“ Mit dieſen Worten nahm er das heilige Cruciſix, das er im Buſen trug in die Hand, und fand ohne Schwierigkeit die Thuͤre und die Wen⸗ deltreppe. Schweigend, innerlich betend, ſtieg der Bi⸗ ſchof die enge, ſteile Treppe hinab; Graf Albert folgte ihm vorſichtig und ohne Worte, das Schwert in der Hand, und Carl, der nur mit Muͤhe ſeine Furcht bezwungen und dieſe noch nicht durch ir⸗ gend einen Laut verrathen hatte, hielt ſich dem Herrn ſo nahe wie moͤglich. Auf der halben 140 Treppe befand ſich ein etwas geraͤumiger Lß mit einer Oeffnung in der Mauer, wodurch ein ſchwacher Strahl des aufgehenden Neumondes hineinfiel.— Das gab Carln Anlaß zu bemerken, daß eine andre Treppe mit dieſer in Verbindung ſtand und er ſah jetzt deutlich, daß ein Licht ſich tief unten, wie in einem unermeßlichen Abgrund, zu ſeiner linken Seite bewegte. „Seht Ihr, geſtrenger Ritter!“ fluͤſterte er dem Herrn zu,„dort tief, tief unter uns ſchwebt ein Licht!““ Graf Albert bemerkte es nun auch und zeigte es dem Biſchof. „Schweigt nur ſtill und folgt mir,“ erwie⸗ derte dieſer,„den Weg ſind wir nicht hergekom⸗ men und mit jenem Lichte haben wir nichts zu ſchaffen. Weiche von hinnen, Satan!“ rief er in das tiefe Loch hinab und ſogleich erloſch das Licht; aber ein Weheruf erſcholl in der Ferne durch die Oeffnung herauf und eine tiefe, hei⸗ ſere Stimme, die Carl wieder zu erkennen glaubte, rief furchtber verſtaͤrkt wie durch ein Sprachrohr:„Huͤte Dich, Peder Suneſohn, huͤte Dich, Albert von Orlamuͤnde.“ ——— ——j-—— men Gottes und aller Heiligen, wir muͤſſen hin⸗ 141 In demſelben Augenblick bemerkten ſie, daß die enge Treppe mit Rauch erfuͤllt warz ſie ver⸗ doppelten ihre Schritte und ein immer dichterer, faſt erſtickender Rauch drang ihnen entgegen. Als — ſie endlich den Fuß der Thurmtreppe erreicht hat⸗ ten, fanden ſie die Fallthuͤre verſchloſſen.— Der Graf ſtieß ſie aber mit dem Fuße ein und ge⸗ waltige Flammen ſchlugen ihnen aus dem von Feuer und Rauch erfuͤllten Schlafzimmer entge⸗ gen. Zuruͤck zu gehen war der gewiſſe Tod; ſie mußten durch die Flamme dringen um die Ein⸗ gangsthuͤre zu erreichen, und es gelang. Allein der Biſchof hatte die Thuͤre ſo feſt verrammelt, daß ſie beinahe erſtickten, ehe die Stange losge⸗ macht werden konnte. Noch hatten ſie die drei langen Gaͤnge und die letzte hohe Treppe zuruͤck zu legen. Die Gaͤnge waren mit Rauch erxfuͤllt. Die Flammen ſchienen ſie von dem Zimmer aus zu verfolgen. Brennende Balken und Taͤfelwerk krachten und ſtuͤrzten nicht weit von ihnen zu⸗ ſammen, und als ſie endlich die letzte verrufene Treppe erreichten, ſtand dieſe in hellen Flammen. „Folgt mir!“ rief der Biſchof.„Im Na⸗ —— durch.“ Er hielt das Crucifix vor ſich und eilte betend vorwaͤrts. Mit verbrannten Haaren und Kleidern betraten ſie endlich den großen Muͤhlſtein am Fuße der Treppe. Da ſtuͤrzte dieſe mit einem fuͤrchterlichen Geraͤuſch, funkenſpruͤhend zuſam⸗ men.— Sie traten, wieder frei aufathmend, in den Hof hinaus und nun gewahrten ſie den gan⸗ zen Seitenfluͤgel in einer Flamme; mit einem donneraͤhnlichen Geraͤuſch ſtuͤrzte der Thurm zu⸗ ſammen. Bei dem ſtarken Schein, den das Feuer ploͤtzlich verbreitete, bemerkte Carl, daß eine Menge brennende Schriften aus dem zuſammenſtuͤrzenden Thurm herausflogen; und es ſchien ihm, als wuͤr⸗ den ſie von einer menſchlichen Geſtalt, die wieder in dem Rauche verſchwand, aufgeſammelt.— „Dankt dem Allmaͤchtigen! Diesmal iſt er ſchuͤtzend mit uns geweſen!“ ſagte der Biſchof und folgte nun ruhiger dem Grafen und Carln, die nach dem Hauptfluͤgel des Schloſſes eilten, deſſen Bewohner ſchon aufgeweckt, ihnen verſtoͤrt und erſchrocken entgegen ſtroͤmten; indeſſen verlor ſich bald das allgemeine Erſchrecken, als ſie inne wurden, daß das Feuer nicht weiter um ſich griff, ſondern ſich damit begnuͤgte, den ganzen unbe⸗ 143 wohnten öſtlichen Seitenfluͤgel zu zerſtoͤren und zu verzehren. Frau Helene war in dem erſten Augenblick hoͤchſt beſtuͤrzt. Das ploͤtzliche Feuer hatte in ſo wenigen Augenblicken den Thurm und das Sei⸗ tengebaͤude in die Aſche gelegt, daß es ihr unbe⸗ greiflich war, wie ſich die Gaͤſte haͤtten retten koͤnnen. Ihre Freude, ſie unbeſchaͤdigt zu ſehen, war zu gleicher Zeit ſo heftig und innig, daß ſie ohne Ruͤckſicht auf Geſchlecht und Anſtand, in ihrem leichten ungeordneten Nachtkleide mit den wehenden, braunen Locken und dem unbedeckten Hals, ſie herzlich umarmte, und weil ſie ſo leicht⸗ ſinnig ihr Leben aufs Spiel geſetzt hatte, um Vergebung flehete.„Ich habe mir den kleinen Schwarzen nicht ſo boͤſe gedacht,“ ſagte ſie, „oder habt Ihr ihn vielleicht geneckt? Er wird doch wohl nicht ſelbſt in den Flammen umgekom⸗ men ſeyn, der Arme?“ So ſprach ſie, wie Graf Albert meinte, noch von dem Schrecken betaͤubt; doch ohne ſich naͤher zu erklaͤren, eilte ſie, mit den Haͤnden kreuzweiſe vor dem Buſen und mit gluͤhenden Wangen, nach ihrem Schlafzimmer zuruͤck, ſobald ſie ſich ein 144 wenig beſonnen und die Unordnung ihres Anzu⸗ ges bemerkt hatte. Als ſie wieder erſchien, war ſie in Reiſeklei⸗ dern.— Jede Spur von Angſt und Unruhe war wieder aus ihren heitern, ſchönen Zuͤgen ver⸗ ſchwunden. Sie fuͤhlte ſich recht froh, einen Ort verlaſſen zu duͤrfen, wo ſie doch, nach ihrer Verſicherung, keine ruhige Nacht mehr zubrin⸗ gen koͤnnte. Niemand machte die kleinſte Einwendung ge⸗ gen ihre Reiſe mehr. Es war indeſſen Tag ge⸗ worden. Auch die Toͤchter waren reiſefertig. Die Pferde warteten aufgeſattelt vor der Thuͤre und die ganze zahlreiche Geſellſchaft ſaß auf, die kleine Rigmor und ihre Pflegemutter ausgenommen, die, wie vorher, im Wagen von dem alten Martin und Carl von Riſe begleitet wurden; welcher letz⸗ tere, der bald abgelernten Huldigung der Ritter nachahmend, ſich nicht wenig Muͤhe gab, dem ſchönen, launenhaften Kinde zu gefallen, das ihn auch durch Freude und Freundlichkeit in vol⸗ lem Maaße belohnte.— Wo der Zug inne hielt um ſich zu laben, oder auszuruhen, war es im⸗ mer Carls erſtes Geſchaͤft, die Kleine vor dem 145 Wagen und den Pferden in Sicherheit zu brin⸗ gen; dann eilte er zum Dienſt bei ſeinem Herrn, nahm ihm den Mantel ab, zog ſein Pferd in den Stall und beſorgte alles, was er nur wuͤnſchte, mit ſchneller Thaͤtigkeit. Den erſten Abend in der Herberge betrachtete der Biſchof erſt recht aufmerkſam den muntern, lebhaften Knaben, der bei der Abendmahlzeit Handreichung that und ſich durch kleine Gefaͤl⸗ ligkeiten bei allen einzuſchmeicheln wußte.— Da erkannte er Carln wieder und erinnerte ſich, daß es derſelbe huͤbſche Knabe ſey, der mit Vater Saxo zu ihm gekommen war, und den der Alte gelobt und kurz vor ſeinem Tode ihm empfohlen hatte. Der Biſchof umarmite denſelben heftig und machte ſich Vorwuͤrfe, daß er nicht fruͤher ſeiner gedacht und ſich ſeiner angenommen hatte.„Du hatteſt Recht, mein Sohn!“ ſagte er geruͤhrt, nunſer Herr hat beſſer als der Biſchof Peder fuͤr Dich geſorgt, denn keinen beſſern Herrn und Meiſter als der, den Du jetzt haſt, haͤtteſt Du erhalten koͤnnen.“ „Doch, den Koͤnig!“ fluͤſterte Carl, jedoch ſo leiſe, daß Niemand es hoͤren konnte. 1. 10 146 Die ſchlechten und gekruͤmmten Wege mach⸗ ten viele Tagereiſen nothwendig, und die zahl⸗ reiche Geſellſchaft legte ſelten an einem Tage mehr als drei oder vier Meilen zuruͤck.— Als ſie durch Slagelſe zogen, wurden ſie eine allgemeine Trauer gewahr, und mit Erſtaunen erfuhren der Biſchof und Graf Albert, daß der beruͤhmte Prieſter An⸗ ders wirklich in dieſen Tagen geſtorben war. Sie erkundigten ſich genau nach Tag und Stunde, und ein Kloſterbruder, der bei ſeinem Tode gegen⸗ waͤrtig geweſen, berichtete ihnen, daß er als ein Heiliger, in der Mitternachtsſtunde zwiſchen den 4ſten und 2ten Januar, die Welt verlaſſen haͤtte.—. „Jenes Blatt hat alſo doch nicht gelogen,“ ſagte Graf Albert gedankenvoll zu dem Biſchof, als ſie aus Slagelſethor hinauszogen;„gut, daß wir nicht mehr in dem wunderbaren Buche ge⸗ leſen! Es haͤtte mich toll machen koͤnnen, glaube ich; doch trenne ich mich jetzt, ohne die höchſte Noth, nicht mehr von dem Koͤnig.“ „Auch ich nicht,“ gab der Biſchof zur Ant⸗ wort.„Denn was aus Daͤnemark werden ſoll, haͤngt naͤchſt dem Beiſtande Gottes und dem wie⸗ 147 dererweckten chriſtlichen Geiſte des Volkes, von dem Gluͤck und Leben dieſes theuren Koͤnigs ab.“ Von dieſem verſtorbenen Prieſter in Slagelſe, wurden unter dem Volke die wunderbarſten Er⸗ eigniſſe erzaͤhlt. Er ſcheint ein ſelten begabter Mann und großer Volksredner geweſen zu ſeyn. Obgleich nie vom Pabſte heilig geſprochen, lebte doch noch ſein Name, als der eines wunderthaͤtigen Heiligen, bis in die ſpaͤteſten Zeiten unter dem Volke.— Selbſt auf den jungen Koͤnig Wal⸗ demar hatte, nach der allgemeinen Behauptung, dieſer fromme Prieſter, durch ſeine Beredſamkeit und ſein Benehmen, einen wundervollen Eindruck gemacht. Das bekannte Ereigniß in Slagelſe, daß der Koͤnig dort vor zwei Jahren, auf ſeinem Huldigungszuge durch Sielland, die bedeuten⸗ den Ackerfelder, um welche der heilige Anders auf ſeinem Fuͤllen, waͤhrend der Koͤnig im Bade war, geritten haben ſollte, der Stadt hatte ab⸗ treten muͤſſen, wurde wohl von Vielen als ein Scherz von Waldemar und ein liſtiges Gaukel⸗ werk von Sanct Anders gehalten; daß der Koͤ⸗ nig indeſſen ihn fuͤr etwas mehr, als einen Tho⸗ ren oder Heuchler gehalten, ſcheint er dadurch be⸗ 4 10* 148 wieſen zu haben, daß er mehrmals nach dieſem Begebniß den wunderbaren Prieſter zu ſich beru⸗ fen und ſich lange mit ihm in ſeinem innerſten Zimmer unterhalten, ja ſelbſt ſich ſeiner zu wich⸗ tigen und geheimen Botſchaften bedient habe.— Wenn bei Hofe von dieſem Wunderthaͤter geſpro⸗ chen wurde, duldete der König nicht, daß weder der buckligte Hofnarr, noch irgend einer der ausgelaſſe⸗ nen, jungen Hofleute ſich uͤber ihn luſtig machte; in ſolchem Falle wurde der Koͤnig oft, ſelbſt wenn er am aufgeraͤumteſten war, ploͤtzlich ernſt und verſtimmt; deshalb ging die Sage, daß Sanct Anders ihm ſehr wichtige Geheimniſſe anvertraut haben muͤſſe. Deswegen auch dieſer merkwuͤrdige Prieſter, ſowohl unter dem Volke als in den Schriften aus jener Zeit, der Vertraute des Koͤ⸗ nigs,(regi Valdemaro IIdo familiaris) ge⸗ nannt wurde. Frau Helenens unvortheilhafter Leumund und die Aufmerkſamkeit, welche der praͤchtige Reiſezug in allen Staͤdten erregte, waren dem Biſchof we⸗ gen ſeiner geiſtlichen Wuͤrde hoͤchſt unangenehm. Da er aber nicht, ohne die Geſellſchaft zu belei⸗ digen, ſie verlaſſen oder ſich uͤber ſeine bedenkliche 149 Lage beklagen durfte, brach oft ſeine Heftigkeit gegen den großen, grauen Hengſt, den er ritt und ihm nie zu Dank gehen wollte, los; da⸗ durch kam er zuweilen geſchwinder vorwaͤrts als ihm lieb war, und wann ihm mit flatterndem Mantel dies geſchah, oder er ein wenig unge⸗ ſchickt auf dem unruhigen Thiere ſchwankte, lachte Frau Helene recht herzlich, ohne den ernſten Blick, den ihr Graf Albert zuwarf, zu nerun zu nehmen. Waͤhrend der ſtuͤrmiſchen Ueberfahrt des gro⸗ ßen Belts murrten die Schiffsleute ziemlich laut und in plumpen Ausdruͤcken daruͤber, daß ſie die Metze des Koͤnigs am Bord haͤtten. Freilich glaubte Graf Albert, daß er es allein bemerkt und aͤrgerte ſich im Stillen, denn mit den Boots⸗ leuten konnte er doch fuͤr Frau Helenens Ehre keine Lanze brechen, und ihr Benehmen ſchien ihm nicht ſo ſtill und ehrbar, als ihm ſchicklich duͤnkte. Spaͤter bemerkte er zwar, daß die Jungfrau Ingeborg bleich und verwirrt ausſah und die ſtille Caͤcilia Thraͤnen vergoß; Frau He⸗ lenen merkte er auch wohl einige Verſtimmtheit an, aber ſie legte der Seeluft und dem ſtarken 150 Winde die Schuld bei und war bald eben ſo heiter und geſellig wie vorher.— Sohbald ſie wie⸗ der ans Land geſtiegen war, verſtand ſie die Geſellſchaft durch ihren Witz und aufgeraͤumte Laune ſo angenehm zu ſtimmen, daß Graf Albert nicht wußte, woruͤber er ſich am meiſten wun⸗ dern ſollte; uͤber die Seelenkraͤfte, womit ſie die Schmach, die ihr die öffentliche Meinung aufge⸗ buͤrdet hatte und die ihr nicht ganz unbekannt ſeyn konnte ertrug, oder uͤber den unbegreiflichen Leicht⸗ ſinn, womit ſie ſich des Gerüchtes zu uͤberheben ſchien, indem ſie ſelbſt durch dieſe Reiſe den boͤſen Zungen Anlaß zur Verlaͤumdung gab. In Nyburg wurde die vornehme Reiſege⸗ ſellſchaft von dem Befehlshaber des Schloſſes, dem alten einaͤrmigen Herrn Ludolph, bei dem 3 die Namen des Grafen Albert und des Biſchofs Peder die beſte Empfehlung waren, und der die Soͤhne Esberns Snare als ein alter Freund ih⸗ res beruͤhmten Vaters begruͤßte, mit Ehre em⸗ b pfangen. Der alte, ſteife Schloßherr bezeugte 4 b zwar Frau Helenen die Ehrfurcht, die er ihrer hohen, fuͤrſtlichen Geburt ſchuldig zu ſeyn glaubte, I aber ſeine Höͤflichkeit gegen ſie war kalt, ge⸗ 1541 zwungen und ſchien ihm eine auffallende Ueber⸗ windung zu koſten. Auf ſeinem alten, hinkenden Schimmel, den er aus Erkenntlichkeit wegen deſ⸗ ſen Jugendthaten immer ritt, begleitete er indeſ⸗ 3 ſen die Geſellſchaft nach Odenſee, an deſſen Thore der alte Herr ſeine Verlegenheit aͤußerte, eine Herberge in der Stadt zu ſinden, die einen ſo großen und vornehmen Zug auf ſchickliche Weiſe empfangen koͤnnte. Dafuͤr aber wußte Johann Marſchalk Rath; er fragte ob das Gildehaus des heiligen Knuds nicht Gelaß genug habe, ſie alle aufzunehmen; und da Herr Ludolph verſicherte, daß es das groͤßte Haus in der Stadt ſey, fand der ſparſame Marſchalk es am beſten, dort ein⸗ zukehren und ſich von den Zunftbruͤdern umſonſt bewirthen zu laſſen.„Vor kurzem hat ja der Koͤnig ihre ſchon zu großen Freiheiten und Rechte beſtaͤtigt,“ ſagte er.„Man ſollte lieber ſolche halbe Kopfhaͤnger und halbe Schelme aus dem Lande treiben; Unruheſtifter ſind ſie und geheime Auf⸗ ruͤhrer, die kein Bedenken tragen einen Koͤnig zu ermorden, wenn er ihnen nicht gefaͤllt. Allein jetzt hat man ja ſogar ihren ſelbſtgemachten Vor⸗ ſchriften geſetzliche Kraft gegeben; ſtatt ſie auf⸗ knuͤpfen zu laſſen, iſt ihnen das ausſchließliche Recht, das Korn fuͤr die ganze Stadt Odenſee zu mahlen, gegeben. Sie muͤſſen ja grundreiche Leute ſeyn; daher liegt es auch den Eſeln ob, aus chriſtlicher Liebe alle Reiſende zu bewirthen.“ „Ich bin ſelbſt ein Bruder aus der heiligen Gilde des heiligen Knuds,“ erwiederte der alte Herr Ludolph ruhig,„was Ihr ſo eben zur Be⸗ leidigung der beſten und treuergebenſten Diener des Koͤnigs geſprochen, verzeihe ich Euch; denn ein unzuͤnftiger Mann kann die Ehre eines ech⸗ ten Zunftbruders nicht verletzen.— Wollt Ihr Euch aber uͤberzeugen, daß unſre Bruͤderſchaft es mit dem Koͤnige und dem Vaterlande nicht uͤbel meine, ſo lade ich Euch ein, die Gaſtfreundſchaft zu empfangen, die wir unlaͤugbar allen unver⸗ moͤgenden Reiſenden aus chriſtlicher Liebe ſchuldig ſind, und die ich nicht gewagt habe, ſo reichen und vornehmen Herrſchaften anzubieten.“ Eine allgemeine Verlegenheit ſtand in allen Geſichtern gemalt, beſonders war Herr Niels Mule, dem jeder Anſtoß gegen das Schickliche ſehr nahe ging, wie vom Blitz getroffen; er fing an zu huſten und vom Winde und Wetter zu 153 ſprechen, worin ſeine ganze Politik bei Hofe in aͤhnlichen Faͤllen beſtand. „Wie!“ ſtammelte Johann Marſchalk,„ge⸗ ehrteſter Herr Ludolph! wie koͤnnt Ihr als Rit⸗ ter und Schloßherr, Mitglied einer Gilde ſeyn, die, wie ich geglaubt, nur aus Schlaͤchtern und Kraͤmern beſtehe.“ „Ich ſchaͤme mich nicht, Nyburgs braver Buͤr⸗ gerſchaft anzugehoͤren;“ entgegnete Herr Ludolph. „Meine Aufnahme in die Bruͤderſchaft war ge⸗ wiß eine Ausnahme von den allgemeinen Vor⸗ ſchriften. Allein Ihr ſeht ja auch, daß ich des⸗ wegen mein Recht vergeben, als Ritter, Ehren⸗ erſatz mit dem Schwerte und meinem linken Arm von Euch zu fordern; doch darum bin ich nicht wehrlos. 3 Graf Albert ſuchte nun, ſo gut wie er konnte, den Streit beizulegen und als einen Beweis ſei⸗ ner Hochachtung fuͤr die maͤchtige und zuweilen gefaͤhrliche Bruͤderſchaft des heiligen Knuds, nahm er, im Namen des ganzen Zuges, die Einladung des Herrn Ludolphs an, unter der Bedingung, daß er den dienenden Bruͤdern ihre Muͤhe erſetzen duͤrfe. Der alte Schloßherr rechnete ſich es zur Ehre und zum Vergnuͤgen, dem Grafen Albert, ſei⸗ nem Wunſche gemaͤß, mit den Geſetzen und Vor⸗ ſchriften der Zunft, die nicht laͤnger ein Geheim⸗ niß und der Zweck einer gemeinſamen Vertheidi⸗ gung und Sicherheit in unruhigen und unſichern Zeiten war, bekannt zu machen. Es gelang auch dem alten, ſonderbaren Herrn, es dem treuen Freund des Koͤnigs einleuchtend zu machen, daß die Zunftbruͤder gute Unterthanen ſeyen und kei⸗ nen ſtaatsbuͤrgerlichen Endzweck vor Augen haͤtten, daß Graf Albert erklaͤrte, ſelbſt, ſobald Zeit und Gelegenheit es geſtatteten, in eine ſolche Bruͤder⸗ ſchaft eintreten zu wollen, in ſo fern ihre Geſetze keinen Freund des Vaterlandes, er ſey Buͤrger oder Krieger, ausſchloͤſſen, denn er ſaͤhe wohl ein, daß, in ſo fern eine ſolche Gilde aus redlichen und vaterlaͤndiſch geſinnten Mitgliedern beſtaͤnde, ſſiee beſonders in ungluͤcklichen Zeiten, wo Zwie⸗ ſpalt und Streit die Herzen trennten, als ein Vereinigungspunkt aller Beſſeren zum Schutz des Reichs wuͤrde dienen können. In dem großen Gildehaus wurden die Gaͤſte mit treuherziger Freundlichkeit aufgenommen.— 155 Zwei bejahrte Buͤrger in den halb geiſtlichen Ka⸗ putzenmaͤnteln der Bruͤder, empfingen die Reiſen⸗ den, ohne weitere Fragen als das gewoͤhnliche: „wer iſt vor Gott und Menſchen der rechtmaͤßige Koͤnig in Daͤnemark?“ Nach der Antwort: „Waldemar, Waldemarsſohn,“ wurden ſie ſogleich in das oberſte ſehr große Gaſtzimmer eingelaſſen, wo mehrere Zunftbruͤder gegenwaͤrtig waren, und wo ſie mit Bier, Meth und verſchiedenen Arten geſalzenes Fleiſch bedient wurden. Vor und nach der Mahlzeit wurde ein kurzes Tiſchgebet geſun⸗ gen, und waͤhrend derſelben die Geſundheiten des Koͤnigs, der Jungfrau Maria und Knud des Hei⸗ ligen ausgebracht. Von den uͤbrigen Sitten und Vorſchriften der Zunftbruͤder erfuhren ſie nichts, und als unzuͤnftige Gaͤſte war das große Ver⸗ ſammlungsgemach der Bruͤderſchaft ihnen ver⸗ ſchloſſen.— Nach der Tafel gab der alte Schloßherr dem Grafen einen geheimen Wink, und dieſer folgte ihm unbemerkt in ein abgelegenes Zimmer. „Wenn Ihr mich nicht fuͤr neugierig oder zu⸗ dringlich erachtet, edler Graf!“ begann der alte, ſteife Herr, und heftete einen durchdringenden Blick auf den Grafen,„ſo beantwortet mir im Ver⸗ trauen eine Frage: wie kommt Ihr, der treue Freund des Koͤnigs und des Landes, und zumal zu einer Zeit, da das Volk in der gewiſſen Hoffnung lebt, eine geachtete und ehrbare Koͤnigin Wal⸗ demars Thron theilen zu ſehen; wie kommt Ihr dazu, die nur zu wohl bekannte Frau Helene nach Nibehuus zu begleiten? Kennt Ihr nicht die einzige ſchwache Seite des Koͤnigs und die hoch⸗ aufſtrebenden Plaͤne dieſes Weibes beſſer? Denn Euch herabwuͤrdigen, Schlauheit und Sinnlichkeit zu foͤrdern, koͤnnt Ihr nicht!“ „Nicht mich allein,“ entgegnete Albert mit gekraͤnktem Selbſtgefuͤhl,„ſondern den Koͤnig und die edelgeborne Frau, deren Beſchuͤtzer und Be⸗ gleiter ich bin, beleidigt Ihr durch dieſe Frage. Doch erkenne ich wohl was ſie herbeigefuͤhrt, und ehre Euren wohlgemeinten, obgleich unberufenen Eifer, der Euch irre fuͤhrt, fuͤr das Wohl des Landes und des Koͤnigs. Mit ſeinem Gemuͤth und Herzen mag er allein ſchalten. Von der Schwaͤche, oder vielmehr der Schlechtigkeit, die man bei Koͤnigen und andern großen Maͤnnern nur zu milde beurtheilt, die Ihr, ſo wie ich 1⁵57 hoͤre, mit vielen Andern unſerm jungen Koͤnige zutraut, und die ich ſelbſt bei ihm verachten wuͤrde, darf ich ihn freiſprechen. Frau Helenens muth⸗ maßliche Abſichten ſind mir unbekannt; was die Verlaͤumdung von ihr und dem Konige ſpricht, (habe ich zwar gehoͤrt, aber da ſei Gott vor, daß ich es je glaube. Ihre Reiſe nach Ribehuus mißbillige ich als eine ihrer groͤßten Unbeſonnen⸗ heiten; allein mir fehlt es ſo wohl an Gewalt als an Recht, ſie zu verhindern. Der Zufall und einfache ritterliche Artigkeit, haben mich zu ihrem Begleiter gemacht, und ſo lange ſie unter meinem Schutze iſt, dulde ich nicht, daß irgend ein Mann von Ehre ungeſtraft uͤbel von ihr ſpreche. Euer Alter, wuͤrdiger Herr Ludolph, ge⸗ ſtattet mir nur fuͤr diesmal eine Ausnahme mit Euch zu machen!“ „Braver, treuer, junger Mann!“ erwiederte Herr Ludolph, ſeine Hand mit Waͤrme ergrei⸗ fend.—„Liebe fuͤr den Koͤnig und ritterliche Ehrfurcht fuͤr die Weiber verblenden Eure Augen, wie ich ſehe.— Vergebt, daß ich einen Augen⸗ blick an Euch irre war. Daß Ihr Euch mit einem alten, einaͤrmigen Mann, wegen deſſen, was er Euch unter vier Augen ſagt, nicht ſchla⸗ gen werdet, deshalb danke ich Euch nicht, denn das wuͤrde ja laͤcherlich ſeyn; und ſomit iſt die Sache in Ordnung.— Doch rathe ich Euch, nicht laͤnger als durchaus nothwendig, Euch hier mit dieſer Frau aufzuhalten. Jetzt ein Wort in meinem und der Bruͤderſchaft Namen. Sollte einmal, was Gott verhuͤte, die Zeit kommen, da der erſte Freund und Rath des Koͤnigs zu fragen braucht, wo noch daͤniſche Maͤnner, die Leben und Gut fuͤr das Vaterland einſetzen wollen, zu finden ſind; da eroͤffnet nur dieſen Brief, und auf jeden Namen, den Ihr darin leſet, konnt Ihr wie auf Euch ſelbſt vertrauen.“ Mit dieſen Wor⸗ ten uͤberreichte er dem Grafen einen großen per⸗ gamentenen Brief mit rothem Wachs, worin das Bild des heiligen Knud mit Krone und Scepter abgedruckt war, verſiegelt.—„Es iſt ein Noth⸗ pfennig,“ fuͤgte er hinzu.„Moͤchtet Ihr deſſen nie beduͤrfen! Geſchieht es aber, und der alte Ludolph dann vielleicht unter der Fahne, mit dem verroſteten Schwert auf dem Sarge, in Ny⸗ burgkirche ruht, ſo gedenkt ſeiner, braver, junger 159 Herr! und laßt mich Euch nicht vergebens geſe⸗ hen haben.“ Die Thraͤnen traten dem alten Herrn in die Augen, und ohne Antwort abzuwarten, ging er ſchnell von hinnen, waͤhrend der bewegte Graf ſich ermannend, den uneröffneten Brief der Treue in ſeinen Buſen verwahrte.— Als der Graf zur Geſellſchaft zuruͤckkehrte, war der alte Schloßherr nicht dort. Er war ſchon im Begriff, die Stadt ſo ſchnell zu verlaſſen, als der ſteife, hinkende Schimmel ihn forttragen konnte. Der Graf, der nur zu gut die verdaͤch⸗ tigen Blicke, womit die Zunftbruͤder Frau He⸗ lenen betrachteten, und ihre bedeutenden Mienen bemerkte, beſchleunigte den Abzug. Zu Johann Marſchalks großem Aerger vergaß weder der Bi⸗ ſchof, der Graf, noch die heitere Frau Helene, die ihre doppelte Freigebigkeit dem Sohne nicht verbarg, ein reiches Geſchenk in die Gaſtbuͤchſe der Zunftbruͤder zu legen; und Abſalon Balg, der vor allem mit den Eßwaaren vorlieb genommen hatte, aͤußerte bei der Abreiſe ziemlich laut, daß, in ſo fern die Zunftbruͤder gute Muͤller waͤren, ſie wohl wiſſen wuͤrden, Mehl zu ihren Kuchen 160 zu bekommen, um ſich ihre chriſtliche Liebespflicht aus den Mehlſaͤcken bezahlt zu machen. „Ich kenne Esbern Snare in ſeinen Soͤhnen nicht wieder,“ ſagte der Biſchof, der mit dem Grafen, nachdem ſie die Stadt verlaſſen, dem Zuge etwas voraus geritten.„Der tapfere Esbern Snare ertheilte den Kloͤſtern freigebig fromme Ge⸗ ſchenke und Meßgelder, dieſe dagegen pluͤnderten ſie gerne aus, wenn ſie nur duͤrften. Noch ſu⸗ chen ſie dem Kloſter zu Sorse ein Gut vorzu⸗ enthalten; den Raub ſollen ſie gewiß in ihrer letzten Stunde bereuen.“ „In dieſem Stuͤcke darf ich ſie nicht verthei⸗ digen,“ ſagte Graf Albert.„Das weiß ich aber, braucht der Koͤnig ihren Arm, iſt er bereitwillig und ſtark; und braucht er ihren Beutel, ſteht auch der ihm offen.“ „Mit dem Arm mag es wohl ſeine Richtig⸗ keit haben, aber mit dem Beutel nicht; mit dem Beutel meiner Seele nicht,“ eiferte der Biſchof, „den halten ſie feſt und in der Hand verſchloſ⸗ ſen, wie Judas Iſohariot auf unſen Altar⸗ blatte den ſeinigen.“ 161 „Da weiß Frau Helene ſie beſſer aufzuma⸗ chen; bei ihr ſitzt der Thaler nicht feſt,“ ſcherzte der Graf, um das Geſpraͤch anders wohin zu lenken. „Ja bei ihr ſitzt ja nichts feſt!“ murmelte der Biſchof aͤrgerlich. Dieſe Aeußerung erregte den Zorn des Gra⸗ fen.„Waͤret Ihr Ritter, ſo wie Ihr Biſchof ſeyd,“ entgegnete er heftig,„moͤchte ich wohl eine Lanze, fuͤr die Tugend und Ehre der edel⸗ gebornen Frau, mit Euch brechen!“ „Darf man wiſſen, woruͤber die edlen Her⸗ ren ſich ſtreiten?“ fragte Frau Helene, die in dieſem Augenblicke auf ihrem raſchen Gaul zwi⸗ ſchen ſie hineinſprengte.„Ihr kamt mir etwas laut vor, und war nicht die Rede von Lanzen⸗ brechen.“ 3. Der Biſchef ſchwieg verlegen, und ließ den Hengſt ſeine Unzufriedenheit entgelten, doch der Graf kam nicht aus der Faſſung.„Die Rede,“ gab er zur Antwort,„iſt von einer Frau von hoher Geburt, und, in ſo fern ich weiß, von ntadelhaftem Wandel. Sie iſt etwas unvor⸗ ſichtig, leichtſinnig und eitel, das geſtehe ich, und 1. 11 162 vergißt deshalb die goldne Lehre, daß es nicht genug ſey, daß ein Weib untadelhaft ſey, ſie muß es auch ſcheinen. Ich will Euch, edle Frau, zum Schiedsrichter zwiſchen uns waͤhlen: glaubt Ihr, daß ſolche Schwaͤche und die Fol⸗ gen davon in der Meinung des Volkes, irgend einem Ritter das Recht geben kann, ihrem Schloſſe mit Hohn voruͤber zu ziehen, und ein Schandmal an das Thor zu malen?“ „Welcher Ritter wuͤrde ſo unverſchaͤmt und ungerecht ſeyn?“ fragte ſie erſtaunt. „Ich nicht, edle Frau! aber geſetzt, daß eine unverſchaͤmte Hand ein ſolches Mal an dem Thor der verlaͤumdeten Frau hinterlaſſen haͤtte, wuͤrde es dann nicht eben ſo ungerecht und unbillig ſeyn, wenn ein Diener des Herrn mit Verachtung vor⸗ uͤberginge und das Haus mit Fluch belegte?“ „Gewiß, gewiß! Ihr habt Recht, edler Rit⸗ ter,“ rief der Biſchof eifrig,„und ich Unrecht, ſchaͤndliches Unrecht.— Der Schein kann truͤ⸗ gen, und ſelbſt wenn er nicht truͤgt ſey es fern von mir, den erſten Stein gegen die Suͤnderin aufzuheben.“ A „. 163 „Euer Zwiſt iſt ſodann ohne meine Stimme beigelegt,“ ſprach Frau Helene mit tiefgekraͤnktem Stolz im Ausdruck und Auge, waͤhrend ſie ver⸗ gebens die bittern Thraͤnen, die uͤber ihre erblaß⸗ ten, ſchoͤnen Wangen herabrollten, zu verber⸗ gen ſuchte. In des Grafen Herzen war bei dieſem Anblick jeder Zweifel an ihrem reinen und untadelhaften Wandel verſchwunden.„Ja! gewiß edle Frau!“ ſagte er mit Waͤrme,„unſer Zwiſt iſt geſchlich⸗ tet, und ich ſchwoͤre bei Gott und dem heiligen Michael, daß ich die Ehre der edlen Frau, von der wir geſprochen, eben ſo ernſt wie die meines Herrn und Koͤnigs, mit Wort und Schwert, mit Leben und Blut gegen jeden Widerſacher verthei⸗ digen will.— Werdet Ihr in ihrem Namen, edle Frau, mir ein Pfand reichen, daß mich an meinen Schwur erinnern kann, werde ich es an meinem Buſen aufbewahren.“ Milder geſtimmt, zog Frau Helene den wei⸗ ßen Handſchuh ab, auf den ihre Thraͤnen gefal⸗ len waren, reichte ihn dem Grafen ſchweigend hin, und druͤckte dankbar die Hand ihres Ritters und Beſchuͤtzers, denn ſie verſtand ihn ſehr wohl,. . 11* —— ———— 164 Niemand fuͤhlte ſich gluͤcklicher bei der Reiſe als Carl. Viele Namen und Oerter waren ihm ſchon aus den Mittheilungen des Vaters Saxo bekannt, und was er nicht wußte, ſollte ihm der alte Martin erzaͤhlen; ſo kamen ſie endlich in Ribe an, und fuhren durch das ſogenannte Schloßthor, das durch die gruͤne Straße nach dem Schloſſe fuͤhrt.— Carl wollte gern wiſſen, was die drei himmelblauen Löwen zu bedeuten haͤtten, die uͤber dem Thore abgebildet waren, als ſpraͤngen ſie von einem Thurme in die Luft hinaus.— Da warf ſich Martin in die Bruſt und erzaͤhlte, daß es das uralte Wappen der Stadt aus den heidniſchen Zeiten ſey, welches der Koͤnig Harold Hildetand der guten Stadt Ribe geſchenkt hatte. Was die Loͤwen eigentlich bedeuten ſollten, wuͤßte er zwar nicht, doch habe er oft darauf geſonnen, ſagte er, und meinte in frommer Unſchuld, daß ſie wohl die heilige Drei⸗ faltigkeit bedeuten moͤchten. „Aber das Wappen, ſagſt Du ja, iſt aus den heidniſchen Zeiten!“ wandte Carl ein. „Ja! dann wird es wohl bedeuten, daß der Nipsſtrom drei Arme hat, und an drei verſchie⸗ 2 165 denen Stellen die Stadt durchlaͤuft,“ fuhr Mar⸗ tin aͤrgerlich fort,„denn das weiß ich, datz ers thut, und ſo hat ers gewiß auch in den heidni⸗ ſchen Zeiten gethan; willſt Du es beſſer wiſſen, magſt Du unſern Biſchof fragen; ich bin hier geboren und brauche Niemanden zu fragen, wie Ribe ausſieht; ſieh, dort haben wir das Schloß; das heißt Kosborg.“ „Ribehuus willſt Du wohl ſagen,“ unter⸗ brach ihn Carl. 4 „Kosborg hieß es, als ich noch jung war,“ verſetzte Martin.„Jetzt hoͤre ich wohl, daß ſie es Ribehuus nennen, als wenn nicht mehrere Haͤuſer in Ribe ſeyen, denn nichts darf jetzt, ſo wie es geweſen, bleiben; ich kann Dir jede Straße und Gaͤßchen hier in der Stadt nennen; ehe ich zu unſerm Biſchof kam, hatte ich mir manch' gutes Blumbum*) geſammelt dort im Capitel⸗ hauſe, und ſuͤßen Wein fuͤr den Erzdechant, die Seniores, den Capitelprocurator und fuͤr alle vier und zwanzig Domherren, ſowohl fuͤr die Re⸗ *) Plumbum, ein bleierner Stempel, den die Dom⸗ herren zu taͤglicher Bezahlung brauchten und nach⸗ her mit Geld einwechſelten. 166 gulares als fuͤr die Seculares geholt. Da Du doch ſo klug und bei einem Grammaticus in die Schule gegangen biſt, wirſt Du mich wohl ver⸗ ſtehen.“ Carl ſchwieg beſchaͤmt; denn mit dem Latein hatte er nie fortkommen koͤnnen, und er merkte wohl, daß der alte Martin ſo lange bei ſeinem Biſchof gedient, daß er ihm darin uͤberlegen war. Endlich rollte der Wagen uͤber die Windel⸗ bruͤcke, und hielt bei dem Brunnen im Schloß⸗ hofe ſtill. Carl bewunderte das große, praͤchtige Schloß mit ſeinen hohen Waͤllen, Mauern und Thuͤrmen, waͤhrend der alte Martin berechnete, daß es nun ſo ein und achtzig Jahre geſtanden haben muͤſſe, und lobte den tiefen, merkwuͤrdigen Brunnen, der waͤhrend der laͤngſten Belagerung ein ganzes Kriegsheer mit Waſſer verſehen konnte. Im Hofe wimmelte es von Hofdienern und Hausknechten, die nach dem Befehl des Burg⸗ voigts die Pferde der Fremden empfingen. Die⸗ ſer fuͤhrte die Gaͤſte an die Schloßtreppe, wo er ſie dem Thuͤrſteher und den eigentlichen Schloß⸗ bedienten uͤbberließ. Sobald Carl Rigmorchen aus dem Wagen gehoben und ſie die Schloßtreppe 46 167 hinauf, zu Frau Helenen und ihren Toͤchtern ge⸗ bracht hatte, eilte er zu ſeinem Herrn zuruͤck, warf deſſen Mantel uͤber den Arm, und folgte den Gaͤſten in ehrerbietiger Entfernung, waͤhrend ſein Herz vor froher Erwartung, den Koͤnig zu ſehen, das groͤßte Gluͤck, von dem er ſeit langer Zeit getraͤumt, klopfte. Es war eben Mittag, und der Koͤnig ſaß beim Tiſche unter ſeinen Ver⸗ wandten und Mannen.— Den Angekommenen wurde von dem Unterhofmarſchall ein immer be⸗ reitſtehender Gaſttiſch, in einem der kleineren Ge⸗ maͤcher des Schloſſes angewieſen; nur der Graf Albert ward aus beſonderer, koͤniglicher Gunſt zu der Tafel des Koͤnigs, an der ſein Platz ihm ſtets vorbehalten war, eingeladen. Sobald der Graf in einem abgelegenen Zimmer ſeinen Anzug ge⸗ ordnet hatte, bat er, Frau Helenen zu entſchul⸗ digen, daß er ſie auf Gebot des Koͤnigs verlaſſen muͤſſe.— In ihren ſchoͤnen Zuͤgen war ein de⸗ muͤthigendes Gefuͤhl, ihrer untergeordneten Wuͤrde an dieſem Orte, unverkennbar; doch wußte ſie ſich zu bezwingen und erſuchte den aufwartenden Hofdiener, ſie und die Tochter, nach aufgehobener Tafel, bei der Prinzeſſin Regitze anzumelden. 168 Zu Carls großer Freude befahl ihm der Graf, ihm zu folgen, und mit dem Mantel ſeines Herrn auf dem Arme, begleitete er den Grafen nach dem großen Eßſaale. Bebend trat er uͤber die hohe, glatte Schwelle, und ihm wurde ſogleich ein Platz unter den andern Knappen und Cdel⸗ knaben, hinter dem Seſſel des Marſchalls naͤchſt der Thuͤre, angewieſen, waͤhrend Graf Albert dem oberen Ende des Tiſches, mit Anſtand und Ehrfurcht nahete. Erſtaunt betrachtete Carl die vielen ſtattlichen Ritter am Tiſche und die Pracht, die ſie umgab; doch gab er ſich keine Zeit, die Aufmerkſamkeit bei den vielerlei neuen Gegenſtaͤnden, die ſeinen Augen begegneten, haften zu laſſen; ſeine Blicke ſuchten nur den Koͤnig und ſuchten nicht lange vergebens. Das kuͤhne, heitere Antlitz des jungen Koͤnigs, der runde, jugendliche Heldenkopf mit den braunen Locken, dem kurzen, dunkelbraunen Schnauzbart, entſprach wohl der Vorſtellung nicht, die er ſich von einem gekroͤnten Haupte gemacht; allein der Sohn des großen Waldemars brauchte keine Krone, um gekannt zu werden; ſeine dun⸗ 169 kelbraunen, faſt ſchwarzen Adleraugen beſaßen ſchon den gewaltigen Herrſcherblick, der unwillkuͤhrlich zur Unterwerfung zwingt; und die hohe, runde, ſchoͤne Stirn, in die der Gram noch keine Fur⸗ chen gegraben, ſchien eine ſtolze, erhabene Woh⸗ nung der kuͤhnſten Koͤnigsgedanken zu ſeyn. Ein paar Zuͤge leichtbeweglicher Leidenſchaft zwiſchen den großen, lebhaften Augen, verrieth die Kraft und Heftigkeit, womit er ſeinen Willen durch⸗ zuſetzen wußte.— Er ſaß ruhig und munter am Tiſche in dem Hauskleide, womit er gewöhnlich abgebildet iſt; mit einem weißen Ringkragen um den Hals, einem kurzen, mit Baumwolle gefuͤt⸗ terten Panzerwams von weißer Seide, mit einer Reihe goldener Knoͤpfe an der Kante, hoch am Halſe uͤber die Bruſt hinab zugeknopft, dazu mit goldnen Querſtreifen geſchmuͤckt, und ſchmalen, geſtickten Baͤndern an den Handgelenken. Ein ſchmaler Schwertguͤrtel mit einer goldnen Schnalle umfaßte eng den ſchmaͤchtigen Leib, wodurch der ſeidene Wamms ſich uͤppig um die Bruſt wie ein Harniſch woͤlbte. Uebrigens trug er bauſchige Beinkleider von ſchwarzem Sammet, mit hand⸗ breiten, goldnen Treſſen von oben hinabwaͤrts, 170 dazu weiße Struͤmpfe und Schuhe mit breiten Schleifen. Carl ſah ihn freilich nur als Bruſtbild, doch bemerkte er ſehr richtig, daß, wenn der Koͤnig nach richtigen Verhaͤltniſſen gebaut ſey, er einen Kopf groͤßer, als die meiſten ſeiner Mannen ſeyn muͤßte, denn der ziemlich hohe Tiſch ſchien ihm allein zu niedrig, und wenn er aß, hob er mit⸗ unter den Teller vom Tiſche zu ſich hinauf, um ſich nicht zu buͤcken. Der Edelknabe, der hinter dem Seſſel des Koͤnigs ſtand, mit ſeinem goldgeſtickten Scharlach⸗ mantel uͤber dem Arm, erſchien Carln als ein be⸗ gluͤcktes Weſen, weil er dem Koͤnige ſo nahe war, und ihm alles, was er begehrte, hinrei⸗ chen durfte⸗ „Willkommen braver Albert,“ rief der Koͤ⸗ nig dem nahenden Grafen entgegen, und reichte ihm ſeine Rechte hin, welche der Graf mit halb⸗ gebogenem Knie kuͤßte.—„Setzt und labt Euch! Euer Sitz iſt leer. Wenn wir einen Be⸗ cher des Willkommens zuſammen getrunken, folgt Ihr mir in mein Geheimzimmer.“ 171 Der Graf ließ ſich auf ſeinem gewoͤhnlichen Sitze, obenan unter den Rittern, nieder, und die zwei naͤchſten Ritter erhoben ſich nach alter Sitte, um ihm Platz zu geben; denn obgleich die alten Hofſitten zum Theil nicht mehr befolgt wurden, und der Koͤnig, ſo wie ſein großer Va⸗ ter, zwangloſe Heiterkeit liebte, waren jedoch ſolche Sitten und Gebraͤuche, welche die Wuͤrde des Königs und gegenſeitige Hoͤflichkeit aufrecht hielten, beibehalten; am Tiſche ſprach ein Jeder frei mit ſeinem Nachbar, doch nicht zu laut, daß ja Jedermann die Worte des Koͤnigs, wenn er laut mit Jemanden redete, vernehmen konnte. Zur Rechten des Koͤnigs ſaß ſeine ernſte Schweſter, die weit aͤltere Prinzeſſin Regitze, die doch noch immer jugendliche Anmuth beſaß, ob⸗ gleich ihre ruhigen, ganz leidenſchaftsloſen Zuͤge, nur wenig Theilnahme erregten. Sie ſprach ſehr wenig, hoͤrte aber alles, was ihr Nachbar, der kahle Graf Claus, ihr und des Koͤnigs Halbbru⸗ der, mit ſeiner gewöhnlichen Weitſchweiſigkeit, ihr von ſeiner kuͤnftigen Gemahlin, der Graͤſin Ida von Schwerin, und von ihren Tugenden und Vollkommenheiten erzaͤhlte, geduldig an. 172 Zur Linken des Koͤnigs ſaß der Erzbiſchof Andreas, mit dem ſich Waldemar beſonders un⸗ terhielt, und ſich viel von den Reiſen und Be⸗ gegniſſen des Biſchofs in fremden Laͤndern erzaͤh⸗ len ließ. Bruder Gunner und Meiſter Harfen⸗ ſaite waren auch zugegen, aber ziemlich fern vom König; um ſeinem vornehmen Gaſt, dem deut⸗ ſchen Ordensritter und Heermeiſter in Liefland, Herrn Herrmann Balke, Platz zu geben; dieſer war ein großer, hagerer Mann, der in ſeinem ſchwarzen, engen Ordenskleide, mit dem ſchwar⸗ zen in Silber gefaßten Kreuz um den Hals und am Leibrock, an der Seite des gekruͤmmten Beicht⸗ vaters des Koͤnigs, des ſchlauen Erzdechanten Arn⸗ fred und der dicken, unanſehnlichen boͤhmiſchen Domherren Renerts und Albrechts, mit ihren einfaͤltigen aber ehrlichen Vollmondsgeſichtern, ſtolz aufrecht ſaß.— Ihnen hielt Meiſter Harfenſaite eine kleine Vorleſung uͤber Diaͤtetik, welche ſie mit großer Bewunderung anzuhoͤren ſchienen, waͤh⸗ rend ſie ſeiner Vorſchrift entgegen, ſowohl mit dem fetten Lax, der rohen Gaͤnſebruſt und dem geraͤucherten Haſen vorlieb nahmen. Bruder Gunner dagegen, fuͤhrte ein lebhaftes und unter⸗ 173 haltendes Geſpraͤch von der aͤlteſten, nordiſchen Dichtkunſt. Er befand ſich naͤmlich zwiſchen zwei beruͤhmten Skalden, Thorgeir Danaſkald und dem Islaͤnder Olaf Hoitaſkald, welcher zu der Zeit Gaſt des Koͤnigs Waldemar war. Sowohl Gunner als der Islaͤnder waren beide heftig, und wenn ſie mitunter zu laut wurden, erinnerte ſie der ſanfte Thorgeir an die Tafelſitte, waͤhrend der Droſt des Koͤnigs, der ihnen gegenuͤber ſaß, durch Enthaltſamkeit von den Fleiſchſpeiſen, weil er ſich vor kurzem im Jaͤhzorne uͤbereilt hatte, ſei⸗ nen Leib kaſteiete, ſich dagegen ſchadlos an dem Weine hielt. Unter den daͤniſchen Rittern hatte, naͤchſt dem Grafen Albert, der Junkherr Strange Ebbeſohn den Vorrang, er war vertrauter Freund und Rath des Koͤnigs, deſſen Waffenmeiſter und Leh⸗ rer er in deſſen zarter Jugend geweſen. Er war ein ſanfter, welterfahrner Mann, mit einem gut⸗ muͤthigen doch etwas ſchelmiſchlaͤchelnden Zug um den Mund. Die Haare hingen ihm ſchlicht uͤber die Ohren, und ein offnes, ehrliches Geſicht ſah ruhig und froh aus ihnen heraus. Wegen ſeines jugendlichen Ausſehens wurde er noch von 174 den Meiſten junger Junkherr Strange genannt, obgleich er uͤber die Vierzig und Vater zweier er⸗ wachſener Soͤhne war. Von den uͤbrigen Rittern, mit denen wir zum Theil allmaͤhlich Bekannt⸗ ſchaft machen werden, wollen wir noch des jun⸗ gen Schweſterſohns des Koͤnigs, des Grafen Otto von Luͤneburg erwaͤhnen, der zwar nur noch ein funfzehnjaͤhriger Juͤngling und noch nicht zum Ritter geſchlagen war, allein erſtaunliche Proben des Muthes, der Kuͤhnheit und einer ungewoͤhn⸗ lichen Schnelligkeit, die kuͤhnſten und ſchwierig⸗ ſten Unternehmungen durchzuſetzen, bereits gege⸗ ben hatte; weshalb er auch ſchon von Mehreren der zweite Esbern Snare genannt wurde. Sein rundes, bartloſes Maͤdchengeſicht, und noch ſchmaͤchtiger, feiner Koͤrperbau gaben ihm das Anſehen eines halberwachſenen Knabens, und Carl von Riſe, der faſt fuͤnf Jahre juͤnger war, ſchien ruͤckſichtlich des Wuchſes beinahe ſeines Gleichen ſeyn zu koͤnnen. Wie Koͤnig Arthur unter den Rittern der Ta⸗ felrunde, ſaß Koͤnig Waldemar der Sieger unter ſeinen Lehnsmaͤnnern und Rittern; wenn ſein Blick auf der ſtolzen Neihe ausgezeichneter, be⸗ 175 waͤhrter Maͤnner ruhete, ſchwoll ihm die Bruſt noch ſtolzer, und er betrachtete die glaͤnzenden Siege, die er bereits gewonnen, nur als gluͤck⸗ liche Vorboten der Hoͤhe und des Wohlſeins, wozu ſein jugendlicher Muth das daͤniſche Reich noch zu erheben hoffte⸗ Der Koͤnig ſelbſt war der größte und ſchoͤnſte Mann unter ihnen allen. Die aͤlteſten ſeiner Kaͤmpen, die ſeinen großen Vater in deſſen jungen Tagen gekannt und mit ihm vor Arcona gefochten hatten, konnten ſich nicht genug uͤber die immer wachſende Aehnlichkeit des jungen Koͤnigs mit dem alten Herrn verwundern. Selbſt der Ton ſeiner Stimme und die eigne Weiſe, auf welche er, wenn er einen Befehl gab, oder ſein Gemuͤth bewegt wurde, mit der Hand aufwaͤrts ſchlug, erinnerte ſie oft an den maͤchtigen, zuweilen zu heftigen Vater. Der König hatte fuͤr den kuͤhnen Graf Albert einen Willkommen ausgebracht, den alle Ritter mit einem herzlichen Freudenruf begleitet hatten; er hatte aber zugleich bemerkt, daß ſein vorneh⸗ mer Gaſt, Herr Herrmann Balke, ſich dadurch gekraͤnkt und hintangeſetzt gefuͤhlt, und doch 176 mochte der Koͤnig nicht gern dieſen ſtolzen und wichtigen Mann verletzen. „Zur Ehre des edlen, deutſchen Hauſes zu St. Maria in Jeruſalem wollen wir dieſen Be⸗ cher leeren,“ ſprach er daher nach kurzem Be⸗ denken und erhob ſich. Sogleich ſtanden alle Ritter auf und begleiteten dieſe Worte mit Be⸗ cherklang, doch ohne den gewoͤhnlichen Freuden⸗ ruf. Der ſtolze, fremde Ritter verneigte ſich mit Anſtand vor den Koͤnig und ſeinen Mannen, waͤhrend er im Namen des deutſchen Ordens dankte, und zur Wiedervergeltung einen Becher zur Ehre des daͤniſchen Koͤnigs und der, ſeiner edlen Ritterſchaft leerte. Deſſen ungeachtet war es einem jeden deut⸗ lich, daß der Koͤnig auf einem geſpannten Fuß mit dem deutſchen Orden noch ſtand, von dem er ſeine Eroberungen in dem heidniſchen Liefland und Eſtland nicht beſchraͤnken laſſen wollte. Der Koͤnig und der Erzbiſchof hatten zumal dem Heer⸗ meiſter ihre Unzufriedenheit mit der unchriſtlichen Weiſe geaͤußert, auf welche der Orden das Wort Gottes in jenen Laͤndern zu verbreiten ſuchte, da man ſtatt die Bekehrer zu vertheidigen mit dem 177 Schwerte die Heiden zur Taufe zwang, oder wenn man glimpflicher verfahren wollte, durch eitle Augenweide und eine Art bibliſcher Schau⸗ ſpiele, mit geſchmackloſen und aͤrgerlichen Aufzuͤ⸗ gen aus der griechiſchen und römiſchen Goͤtter⸗ lehre, ſie dazu zu locken ſuchte. Der große Kreuz⸗ zug nach Liefland, an den Waldemar lange ge⸗ dacht, und zu welchem nun auch der Pabſt ihn auf das Kraͤftigſte ermuntert hatte, ſchien dage⸗ gen wohlthuend fuͤr jene Laͤnder werden zu kon⸗ nen, beſonders ſo, wie der Erzbiſchof ihn zu leiten dachte; aber dies Unternehmen zu verhin⸗ dern, war eben die Abſicht des Heermeiſters Balke; indeß ſchienen ſeine Unterhandlungen mit dem Koͤnig keinen Erfolg zu haben. Er hatte ſchon Abſchied genommen und war geſonnen, ſich nicht laͤnger ohne Nutzen bei Hofe aufzuhalten. Auf dieſe gegenſeitigen Aeußerungen einer kal⸗ ten Hoͤflichkeit, folgte ein allgemeines Stillſchwei⸗ gen. Um die Heiterkeit zuruͤckzubringen, gab der König dem Mundſchenk Bioͤrn einen Wink„ die Becher wieder fuͤllen zu laſſen, waͤhrend der Koͤ⸗ nig ſelbſt die beiden Skalden einladete, alle An⸗ weſende durch ein heiteres Lied, jedoch am liebſten 1. 12 178 ein ſolches, das aus dem Stegreif gedichtet wer⸗ den koͤnnte, zu ergoͤtzen. In dieſer Art Liedern war Thorgeir Danaſkald beſonders ſtark, und der Koͤnig wollte ihm gern Anlaß geben, wo moͤglich den beruͤhmten Islaͤnder zu uͤbertreffen, deſſen kuͤnſtlichere gereimten Geſaͤnge, nach der Meinung des Koͤnigs, laͤngere Zeit und Erwaͤ⸗ gung erforderten. Thorgeir erroͤthete blöde bei dieſer Aufforde⸗ rung und erſuchte den aͤlteren und fremden Mei⸗ ſter, erſt zu ſingen; er ſchaͤmte ſich, Skaldas beruͤhmten Verfaſſer ſein kunſtloſes Gedicht hoͤren zu laſſen, welcher, in dem Bewußtſein höherer Kunſtfertigkeit, die alte Dichtart fuͤr gar zu ein⸗ fach und einfaͤltig hielt. Olaf Hvitaſkald ließ die Gelegenheit, ſich dem Koͤnig und dem Hofe in einem glaͤnzenden Lichte zu zeigen, auch nicht voruͤber gehen. Er hatte laͤngſt eine ſolche Aufforderung erwartet, und da die Dich⸗ tung aus dem Stegreif nicht ſeine Sache war, hatte er ein Drapa, zur Ehre des Koͤnigs, in der ſchwierigſten und kuͤnſtlichſten von allen neue⸗ ren Geſangweiſen, dem ſogenannten Alhent, in welcher die einzelnen Sylben in jeder Verszeile V 179 ſich zweimal reimen, und die Worte durch kuͤhne und ungewoͤhnliche Verſetzungen noch mehr Ver⸗ wunderung und Erſtaunen erregen ſollen, mit Fleiß und Kunſt ausgearbeitet. Er wußte das Lied gut auswendig und ſang es mit ſtarker, maͤnnlicher Stimme, nachdem er erſt um Nachſicht erſucht hatte, wenn eine Dich⸗ tung aus dem Stegreife, in der ſchwierigſten aller Geſangweiſen, die er nur dem erhabenen Ge⸗ genſtande wuͤrdig glaubte, ihm mißlingen ſollte. Der Kunſtgriff gelang.— Was er zur Ehre des Koͤnigs ſang, obgleich es zwar etwas kalt und gezwungen ins Ohr fiel, geſiel Allen. Der neue, kuͤnſtliche Reimklang und die kuͤhnen Wen⸗ dungen wurden allgemein bewundert. Der Koͤnig dankte ihm freundlich, obgleich er nicht die Haͤlfte des Liedes gefaßt hatte, allein er begriff nicht, wie ein ſolches geſchickt zuſammen⸗ geſetztes Kunſtſtuͤck aus dem Stegreif hervorgegan⸗ gen ſeyn konnte. Nun kam die Reihe an Thor⸗ geir; allein er war ſo uͤberraſcht und betroffen von dem, was er ſo eben gehoͤrt hatte, obgleich es ihm wenig gefallen, daß er nicht wußte, was er von ſeiner eignen Geſangweiſe denken ſollte, 12* oder ob die wahre Skaldekunſt doch vielleicht et⸗ was anders waͤre als: das, von dem das Herz voll iſt, warm und frei herauszuſingen. „Fehlts Dir an Stoff,“ ſagte der Koͤnig, „ſo werde ich Dir zu Huͤlfe kommen! Singe ein Lied auf das ſchoͤnſte und herrlichſte Weib; das iſt ja ein Gegenſtand, von dem ein junges Herz immer erwaͤrmt wird.“ „Vielleicht vermag ich die Einbildungskraft des jungen Barden zu entflammen,“ ſagte ſchnell der Heermeiſter Balke, indem er Thorgeir ein kleines verſchloſſenes Gehaͤuſe, von vergoldetem Silber mit koͤſtlichen Steinen beſetzt, uͤberreichen ließ. Thorgeir oͤffnete das Gehaͤuſe und gewahrte ein kleines, weibliches Bruſtbild, mit ſeltener, grie⸗ chiſcher Kunſt in Wachs auf Nußbaumholz ge⸗ malt. Nie hatte der junge Skalde ein ſo wun⸗ derſchönes Frauenbild geſehen; er neigte ſich faſt ehrerbietig wie vor einer Heiligen vor demſelben. Sein helles, blaues Auge ſtrahlte ſanft und ruhig, es war ihm ſo innig froh zu Muthe, als ſtaͤnde er vor dem frommen Muttergottesbild in der Kirche. Alle Bedenklichkeiten waren vergeſſen, und er begann ein Lied in der aͤlteſten, einfachen 181 Dichtart der Geſangſprache, in welcher Wo⸗ luſpa und die aͤlteſten nordiſchen Skaldenlieder ge⸗ dichtet ſind, die aus einfachen, ungekuͤnſtelten Wortfuͤgungen beſtehen, ohne irgend einen andern Schmuck, als den Rhytmus und einzelne kraͤf⸗ tige Buchſtabenreime, die doch ganz von ſich ſelbſt zu kommen ſchienen. So beſang er mit heller und freundlicher Stimme, und in reinen und tie⸗ fen Toͤnen das wunderſchöne Weib, das er le⸗ bendig vor ſeinen Augen zu ſehen glaubte. Er beſchrieb ihre goldgelben Locken, und verglich ſie mit dem reifen, wogenden Saatenſtrom auf Daͤ⸗ nemarks Auen; in den blauen, himmelklaren Au⸗ gen erblickte er die tiefe, ſtille Liebe und das hohe, raͤthſelhafte Streben nach dem Ewigen und Unvergaͤnglichen, das ſeine innerſte Seele erfuͤllte und bewegte, wenn er den Himmel mit allen ſeinen Sternen ſich in dem großen Meere, oder in Daͤnemarks ſtillen, klaren Seeen abſpiegeln ſah. Er beſchrieb keinen einzelnen Theil des herr⸗ lichen Gebildes mehr. Es ſtand lebendig und ganz vor ſeiner Seele; allein ſeine Liebe zum Vaterlande und die Begeiſterung, welche deſſen ſtille, freundliche Schoͤnheit in ſeiner Bruſt er⸗ 182 regte, verbanden ſich ſo genau mit ſeiner Vor⸗ ſtellung von reiner, weiblicher Schönheit, daß er im Bilde des wunderſchoͤnſten Weibes einen Geiſt und einen Ausdruck, die ihn beide an die Wiegenlieder der Mutter und an die ſchöoͤnſten Traͤume ſeiner Kindheit erinnerten, erblickte. In dem Bilde, das er beſang, gewahrte er ſo Daͤ⸗ nemarks verklaͤrten Engel ſich von den Thaͤlern und den gruͤnen Anhoͤhen, von den lichtgruͤnen Waͤldem und den ſtillen Seeen hinaufſchwingen, und mit Treue, Hoffnung und Liebe vor den Thron der heiligen Barmherzigkeit niederknien. „Friede und Segen“ hoͤrte er ſie flehen;„Friede und Segen uͤber den Koͤnig und mein treues Volk!“ Seine Stimme bebte im Geſange und ſeine Augen fuͤllten ſich mit Thraͤnen.— Das Lied war zu Ende; kein Beifallsjauchſen wurde gehört, Niemand bewunderte ſeine Kunſt; aber alle Herzen waren geruͤhrt, und in dem Auge manches alten, harten Kaͤmpen glaͤnzte eine Thraͤne. Auch der Koͤnig war bewegt.„Dank, mein braver Thorgeir!“ ſagte er,„beſitzt Du auch nicht Olafs Kunſt und ſeltene Fertigkeit, haſt Du doch Worte und Tone, die ans Herz gehen; das iſt es, was ich und alle braven Daͤ⸗ nen leiden moͤgen, deshalb ſollſt Du auch mit Recht Danaſkald heißen.— Was iſt es aber fuͤr ein Talismann, der Dir das Herz ſo warm gemacht? laß einmal ſehen! vielleicht kann er auch uns Andre ſingen lehren.“ Thorgeir hatte das Bild ſchon abgegeben, und es war bereits durch die Haͤnde aller Ritter ge⸗ gangen, bevor es nun an den Koͤnig kam. Alle bewunderten es auf das Hoͤchſte und fan⸗ den, daß Thorgeir nicht zu viel zu deſſen Lobe geſagt hatte. Als der Koͤnig das Bild erblickte, wurden ſeine Zuͤge auf ein Mal veraͤndert; er ſaß lange ſtumm in deſſen Anſchauung vertieft; er war der Einzige, der nicht ſogleich ſeine Be⸗ wunderung der Schoͤnheit des Bildes und des ſeltnen Werths des Kunſtwerks laut aͤußerte; allein der Blick, womit er es betrachtete, und die ſichtbare Ueberwindung die es ihm koſtete, ſich davon loszureißen, um es dem Eigenthuͤmer zu⸗ ruͤck zu geben, entgingen nicht der Aufmerkſam⸗ keit des ſchlauen Heermeiſters. „Wenn dieſe Arbeit eines kunſterfahrnen Klo⸗ ſterbruders ſich ſchmeicheln duͤrfte, einigen Werth 184 in Euren Augen zu haben, großmaͤchtigſter Koͤ⸗ nig,“ ſagte Herr Balke,„ſo genehmigt es, als einen kleinen Beweis meiner Chrerbietung anzu⸗ nehmen. Es iſt bei weitem kein vollendetes Con⸗ trefei deſſen, was es vorſtellen ſoll; es iſt nur eine ſchwache Nachbildung der jungen Prinzeſſin Margarethe von Boͤhmen.“ „Alſo ein wirkliches Contrefei!“ rief der Ko⸗ nig.„Bei Sanet Bent! Der heilige Lucas ſelbſt hat nicht die gebenedeiete Jungfrau lieb⸗ reicher abbilden koͤnnen. Ich danke Euch fuͤr dieſe holde Gabe,“ fuͤgte er mit ſchlecht verhehlter Freude hinzu.„Empfangt dieſen Armring, als ein Zeichen meiner Erkenntlichkeit.“ Mit dieſen Worten ſtreifte er einen köſtlichen, goldnen Arm⸗ ring, mit großen Topaſen beſetzt, ab, und ließ ihn durch den Hofmarſchall dem Heermeiſter auf einem ſilbernen Credenzteller uͤberreichen; allein das Bild der ſchoͤnen Margarethe verwahrte er hurtig in das goldne Gehaͤuſe, und verbarg es an ſeinem Buſen neben ſeinen theuerſten Re⸗ liquien. „Sind die boͤhmiſchen Kloſterbruͤder jetzt ſo weltlich geſinnt?“ fragte der Erzbiſchof Andreas, 185 daß ſie ihre Zuflucht zu heidniſcher Kunſt nehmen, um irdiſche und eitle Schoͤnheit abzubilden.“ „Mit Ihrer Erlaubniß, hochwuͤrdiger Herr!“ erwiederte der Heermeiſter Herrmann, an den dieſe Frage gerichtet ſchien.„Die edle Maler⸗ kunſt iſt gewiß mehr chriſtlich als heidniſch, und die frommen Maͤnner, welche dieſelbe ausuͤben, benutzen nur die irdiſche und eitle Schoͤnheit, um uns durch ſie eine ſchwache Nachahmung der himmliſchen und ewigen darzuſtellen. Die Be⸗ ſtimmung jenes Bildes war nur, einem großen Alttarblatte, den Maͤrtyrertod der heiligen Agneſe darſtellend, womit der fromme Pater ſeine Klo⸗ ſterkirche geſchmuͤckt hat, als Modell zu dienen. Sobald er dieſen frommen Zweck erfuͤllt hatte, hielt er es nicht fuͤr ſchicklich, daſſelbe laͤnger im Kloſter zu behalten, und ohne zu ahnen, daß es in ſo hohe und wuͤrdige Haͤnde geratzeit ſolle, uͤberließ er es mir gern.“— Es wurde nicht mehr davon geſprochen; auf den Wink des Koͤnigs erhob ſich der Erzdechant Arnfred und las ein kurzes Gebet. Damit war die Tafel aufgehoben. Der Koͤnig ging gedan⸗ kenvoll mit dem Grafen Albert in ſein Geheim⸗ 186 zimmer, und die Prinzeſſin Regitze wurde von ihren Frauen und Dirnen in den Frauenzwinger begleitet. Hier empſing ſie Frau Helenen, jedoch mit gewiſſer Zuruͤckhaltung und Bedenklichkeit, die beinahe die ſchoͤne Wittwe dahin brachte, den Beſuch zu bereuen.„Es wird nur von Krieg zu Land und zu Waſſer geſprochen,“ ſagte die Prin⸗ zeſſin,„ich habe mich daher fuͤrs erſte entſchloſ⸗ ſen, mich von dem kriegeriſchen Gewirre, das hier nun obwaltet, zu trennen, und einen klei⸗ nen, friedlichen, am meiſten weiblichen Hofſtaat in dieſem Fluͤgel des Schloſſes, den mir der Bru⸗ der zu freier Verfuͤgung uͤberlaſſen, zu bilden. Euer heiterer Umgang, edle Frau!“ ſetzte ſie hinzu,„wird mir daher ſehr angenehm ſeyn, in ſo fern Ihr mit Euren Toͤchtern in das ſtille Klo⸗ ſterleben, das ich nun zu fuͤhren gedenke, und das bald, wenn der Bruder, wie es ſcheint, ge⸗ gen Gewohnheit auch im Winter ſeinen kriegeri⸗ ſchen Unternehmungen obliegt, uns zur Noth⸗ wendigkeit werden wird, Euch fuͤgen konnt.“ Dieſe Verfuͤgungen geſielen der Frau Helene zwar wenig, doch ſtellte ſie ſich, als waͤre dies gerade nach ihrem Sinne; denn die Lebhaftigkeit 187 des Koͤnigs, und ſeine Neigung zur Frauenge⸗ ſellſchaft buͤrgten ihr dafuͤr, daß es kaum ſo lange er anweſend war, ſo todt und ſtill, wie die Prin⸗ zeſſin ihr gern vorſpiegeln wollte, auf Ribehuus werden wuͤrde. Rigmorchen wurde nun auch von ihrer Pflegemutter zur Prinzeſſin gebracht, die ſie mit Liebe aufnahm. Indeſſen waren die jungen Ritter, mit den Söhnen Esberns Snare und ihren Schwaͤgern, zu den taͤglichen Waffenuͤbungen gegangen, waͤh⸗ rend die Aelteren nebſt den Hofleuten ſich bei den Brettſpielen und getaͤfelten Tiſchen ergoͤtzten. Thorgeir Danaſkald hatte ſich zu dem Islaͤnder geſellt, um ſich von ihm in den neuen, kuͤnſtli⸗ chen Geſangweiſen unterrichten zu laſſen; denn er verehrte ſehr die Verdienſte des aͤlteren Barden und wuͤnſchte eifrig, alles, was er ohne Auf⸗ opferung der eigenthuͤmlichen Natur und deſſen, was er ſelbſt fuͤr das Hoͤchſte der edlen Skalden⸗ kunſt erachtete, von der Kunſt und Fertigkeit des Fremden lernen konnte, ſich zu eigen zu machen. Erzbiſchof Andreas und Bruder Gunner hatten ſich ſogleich an den Biſchof Peder gemacht, und alle drei erwogen nun zuſammen in einem bruͤ⸗ 188 derlichen Gelage, die wichtigſten Angelegenheiten des Koͤnigs und des Landes. Aber in dem tiefen Mauergewoͤlbe eines Fen⸗ ſters, mit kleinen in Blei gefaßten Glasſcheiben in dem großen Ritterſaal des Schloſſes, ſaßen an einem getaͤfelten Tiſche der Heermeiſter Herr⸗ mann und der Erzdechant Arnfred, und beſprachen heimlich den ſtarken Eindruck, den das Bild der ſchoͤnen, boͤhmiſchen Prinzeſſin auf den Kunig gemacht zu haben ſchien.. „Es kommt mir nicht unerwartet!“ ſagte der Heermeiſter ſelbſtzufrieden.„Cuer ſtreitbarer Koͤ⸗ nig iſt als der artigſte Ritter der geſammten Chri⸗ ſtenheit, und als ein warmer, vielleicht zu war⸗ mer Bewundrer der Schoͤnheit, wie einige ver⸗ meinen wollen, bekannt. Die Prinzeſſin Mar⸗ garethe iſt in der That nicht allein die Schoͤnſte, ſondern, ich darf es behaupten, auch das tugend⸗ hafteſte und liebenswuͤrdigſte Weib, das ich kenne. Sie kennt Euren Koͤnig zwar nur von Namen und Ruf, allein als Held und Ritter, ſtrahlt er ihr ſchon ein hoher Stern. Eine Verbindung mit ihr wuͤrde nicht allein Daͤnemark, ſondern auch den fremden Laͤndern, die der eroberungsſüchtige 189 Koͤnig jetzt mit Feuer und Schwert bedroht, gluͤck⸗ bringend ſeyn. Ich kenne die Gewalt der Schoͤn⸗ heit uͤber die Herzen, und Margarethe liebt den Frieden noch inniger, als ſie den Sieger und den Helden verehrt.“ „Ich verſtehe, ich verſtehe!“ ſchmunzelte Arnfred ſchlau;„das iſt nicht allein im Namen Lieflands und des deutſchen Ordens, daß Ihr hier zu unterhandeln gedenkt, Ihr habt auch eine geheime Vollmacht, als Abgeſandter eines zaͤrtli⸗ chen, weiblichen Herzens.“ „Darin irrt Ihr Euch ſehr, Hochwuͤrdiger!“ unterbrach ihn Herrmann Balke mit Selbſtgefuͤhl; „den Zufall und die menſchlichen Leidenſchaften zu einem großen, wohlthuenden Zweck zu be⸗ nutzen halte ich ſelbſt eines Großmeiſters unſers heiligen Ordens nicht unwuͤrdig; allein ich ernie⸗ drige mich keinesweges, das blinde Mittel des Willens Andrer zu ſeyn, weil mir ein Mittel, das vielleicht meinen Willen mit dem anderer Leute vereinen koͤnnte, an die Hand gegeben ward. Auf die perſoͤnliche Gluͤckſeligkeit eines Fuͤrſten oder einer Prinzeſſin kommt es hier gar nicht an. Was jenes Bild uͤbrigens betrifft, ſo habe 190 ich kein einziges unwahres Wort davon geſagt, und die ſchoͤne Margarethe traͤumt nicht davon, daß ſie in effgie an dem Herzen des daͤniſchen Königs ruhet. Jener Talismann war ein Saa⸗ menkorn, das der Himmel in meine Hand fallen ließ,“ fuhr er mit andaͤchtiger Miene fort,„ich warf es nur zur gelegenen Stunde da hinaus, wo ich wußte, daß es guten und fruchtbaren Bo⸗ den ſinden wuͤrde. Keimt es zu einer Palme fuͤr Daͤnemark auf, verlange ich deswegen keinen Ruhm; allein mein und Mehrerer Vortheil, viel⸗ leicht auch der Eures Goͤnners, des gefangenen Biſchofs Waldemar, ja auch der Eurige kann da⸗ mit verbunden werden. Er, der die Herzen der Könige in ſeiner Hand haͤlt, hat gewiß nicht ver⸗ gebens, Euch Hochwuͤrdiger! zu meinem Freund und Vertrauten gemacht. Als Beichtvater des Königs habt Ihr Gelegenheit, ein Wort zu rech⸗ ter Zeit fallen zu laſſen, und“— „Ich verſtehe, ich verſtehe,“ ſliſterte Arn⸗ fred.„Der verliebte Löwe laͤßt die Beute, und der deutſche Orden behauptet die Chre und den billigen Ehrenſold, Liefland mit dem Schwerte bekehrt zu haben. Euer Freund, der Biſchof 191 Waldemar, ſteht bei dem böhmiſchen Hofe wohl angeſchrieben; kommt er durch die Fuͤrbitte der frommen Maxgarethe auf freien Fuß, wird er vielleicht dem Koͤnig an etwas anders, als an Eure Heiden zu denken geben, und ich— ja— ich muͤßte mich dann begnuͤgen“— „Mit dem erſten Bisthum in dem bekehrten Liefland, in ſo fern der deutſche Orden etwas bei ſeiner Heiligkeit vermag,“ fiel ihm der Heermei⸗ ſter mit Nachdruck ins Wort; dann reichten ſich die Herren uͤber den getaͤfelten Tiſch die Haͤnde, und erhoben ſich ſchweigend mit einem bedeutungs⸗ vollen Blick, weil Jemand eben nahete. Laͤ⸗ chelnd unter der Caputze ging der gekruͤmmte Erz⸗ dechant nach dem Capitelhauſe zuruͤck. Herrmann Balke naͤherte ſich ſeinem Schildknappen an der Thuͤre. Dieſer warf den weißen Kreuzmantel uͤber die Schultern des hohen Herrn, reichte ihm die Handſchuhe und den Hut mit dem weißen Federbuſch, und begleitete ihn in ehrerbietiger Ent⸗ fernung in den Schloßhof. Dort ſtand ein ge⸗ ſattelter, großer Hengſt fuͤr den Ritter, und eine fromme Stute fuͤr den Diener. Nach wenigen Augenblicken hatte der Heermeiſter des deutſchen 192 Ordens unverrichteter Sache, wie es ſchien, Ri⸗ behuus verlaſſen; allein er meinte doch, einen Brand ins Herz des Koͤnigs geworfen zu haben, der die erwaͤhnten Abſichten hinreichend befördern wuͤrde. Die innern Streitigkeiten Deutſchlands, und der Bund des Königs mit dem Kaiſer Otto, machten es Erſterem außerdem nothwendig, die Aufmerkſamkeit auf einen ganz andern Punkt, als auf denjenigen, den er dem ſchlauen Heermeiſter hatte ahnen laſſen, hinzulenken. Ungewöoͤhnlich zerſtreut hatte Waldemar den Bericht des Grafen Albert, von der zuwege ge⸗ brachten, reichlichen Kriegsſteuer gehoͤrt, und ihm Befehl gegeben, unverzuͤglich mit dem Heer an der Elbe aufzuruͤcken, um den Koͤnig Ladislaus zu demuͤthigen, und den norddeutſchen Fuͤrſten, von denen Mehrere Waldemars Lehnsmaͤnner wa⸗ ren, Schrecken einzuflößen. Der Köͤnig verſprach, ſelbſt in wenigen Tagen zu dem Heere zu ſtoßen. Der ernſte Graf Albert aber betrachtete verwun⸗ dert die Zuͤge des heldenmuͤthigen Koͤnigs, in welchen er nicht die Ruhe und Entſchloſſenheit, die ihm ſonſt wenn er ſo wichtige Befehle er⸗ theilte eigen waren, bemerkte. Auch faßte Albert 193 nicht, was den Koͤnig gegen alle Gewohnheit auf Ribehuus zuruͤckhalten mochte, wenn ein ſo wich⸗ tiger Heerzug bevorſtand. Da fiel dem Grafen Frau Helene und alles ein, was von ihr und dem Koͤnig geſprochen wurde, und er erroͤthete bei dem Gedanken, der ſich ihm wider Willen aufdrang. „Ich habe die tapfern Soͤhne Esberns Snare mitgebracht,“ ſagte er,„und die heitere Stief⸗ mutter, vermuthlich um ſich hier bei Hofe zu ergoͤtzen, hat ſie begleitet. Bleibt aber mein Koͤ⸗ nig ſeinem Entwurf getreu, wird Ribehuus kaum fuͤrs erſte an Beluſtigungen reich werden.“ „Sagt das nicht!“ erwiederte der Koͤnig. „Der Zug nach Pommern wird wohl nicht lange dauern, denke ich, und geht alles nach Wunſch, moͤchte es hier im Schloſſe wohl bald recht luſtig und lebendig werden. Was meint Ihr, mein braver Schweſterſohn, wenn ich nun ernſtlich daran daͤchte mich zu vermaͤhlen?“ „Dazu iſt erſt eine kaiſerliche oder koͤnigliche Braut erforderlich,“ bemerkte Albert. Da der Koͤ⸗ nig ſich nicht weiter daruͤber ausließ, nahm der Graf Abſchied, und begab ſich, ſehr duͤſter und 1 13 verſtimmt, noch denſelben Tag mit vielen Rit⸗ tern und Knappen, von Carl und ſeinem uͤbrigen Gefolge begleitet, nach dem Heere. Den folgenden Morgen ritt der König, wie gewoͤhnlich, zur Fruͤhmeſſe nach dem Dom; als er durch die praͤchtige Kirchenthuͤre mit dem Thor⸗ ringe in dem vergoldeten Katzenkopf hineintreten wollte, gewahrte er die ſchöne Frau Helene mit ihren Toͤchtern, die am Eingange ſtehen blieben, um ihn zu begruͤßen. Mit ihrem praͤchtigen, rothſeidenen Mantel, und dem hohen, ſeidenen Hut mit Straußfedern, erregte die ſchoͤne Wittwe allgemeine Aufmerkſamkeit. Viele Leute ſtroͤmten in die Kirche, wodurch eine kleine Hemmung herbeigeführt wurde, waͤhrend das Volk zur Seite wich, um dem Köͤnig und ſeinem Gefolge Platz zu geben. „Seht, das iſt die Metze des Königs, die reiche Wittwe von Sabyhof,“ ſagte ein dicker Ribebuͤrger zu ſeinem Begleiter.„Seht, wie ſie verputzt iſt und ſich bruͤſtet!— Sie wird viel⸗ leicht ſogar unſre Koͤnigin ſtatt der Schweſter des Kaiſers werden! Pfui! Teufel! e 195 Hoͤchſt erbittert vernahm der Koͤnig dieſe un⸗ verſchaͤmte Rede; bleich vor Zorn wandte er den Kopf, und bemerkte ein beleidigendes Laͤcheln auf vielen Geſichtern; allein wer geſprochen hatte, ent⸗ deckte er nicht. Er bezwang ſeine Heftigkeit und ging weiter; doch begegnete er dem Gruß Frau Helenens und ihrer Toͤchter mit einem kalten und fremden Kopfnicken, ohne ſie anzuſehen. Die ſchoͤne Wittwe ließ ſchnell den Schleier fallen, um den ploͤtzlichen Farbenwechſel, den ſie an ih⸗ ren Wangen empfand„ zu verbergen; ſie ergriff den Arm der Tochter, um nicht zu ſchwanken, und eilte in einen geſperrten Betſtuhl, wo ſie unter heißen, bittern Thraͤnen niederkniete und zu beten ſchien. 2. Der Koͤnig hatte ſeinen Noſenkranz vergeſſen, und ſchickte ſeinen Edelknaben um ihn zu holen. Un⸗ ruhig und zerſtreut ſchwankte er in den Beichtſtuhl hinein, und empfand einen ungewoͤhnlichen Drang, dem Beichtiger ſein Herz zu ergießen.„Ich habe eine ſchwere Suͤnde auf meinem Gewiſſen,“ ſprach er durch das Gitterloch dem aufmerkſamen Erz⸗ dechant ins Ohr.„Durch unbeſonnenes, eitles Geſchwaͤt und leichtfinniges Benehmen, habe ich 13* 196 und mich ſelbſt in uͤble Nachrede unter dem Volke gebracht; durch welche Buße kann ich dies Ver⸗ gehen ausſohnen? wodurch kann ich dem verletzen⸗ den Geklaͤtſch ein Ende machen?“ „Euer Vergehn, mein Koͤnig!“ erwiederte der Beichtvater,„gehoͤrt ſtrenge genommen zwar nicht unter die peccata mortalia, oder Todſuͤn⸗ den, allein wenn es auch unter ſie geſtellt wer⸗ den könnte, wuͤrde ein geringer Theil von den Gnadenmitteln der heiligen Kirche hinreichend ſeyn, es zu verwiſchen, und auf dieſe giebt Euch Cure kindliche Ergebenheit fuͤr jene und fuͤr den heili⸗ gen Stuhl gerechte Anſpruͤche. Wollt Ihr dem⸗ naͤchſt den natuͤrlichen Folgen des Vergehens und der Schmach, Eure Chre vor den Augen der Welt befleckt zu haben, entgehen, ſo darf es nur durch eine chriſtliche und ruhmvolle Vermaͤhlung mit einer Gattin aus Eurem Stande, und da⸗ durch, daß Ihr die junge, verfuͤhreriſche Wittwe nat mehr ſeht, geſchehen.“”"”“ Die Wangen des Koͤnigs gluͤheten.„Zwe 1 fruͤher,“ gab er zur Antwort,„wüuͤrdt Reſe Buße mir ſchwer und hart genug gefallen eine vornehme und ehrbare Wittfrau in Unehre, — 197 ſeyn, heute erſcheint ſie mir nur zu leicht.“ Und nun entdeckte er dem Beichtiger die heimliche Ab⸗ sötterei, deren er ſeit dem vorigen Mittag ſich ſchuldig gemacht, und wie er, ſtatt das Ave Ma⸗ ria zu leſen, nur ein weltliches Frauenbild, das ſchon an ſeinem Herzen neben der blutigen Haar⸗ locke ſeines Großvaters, des Herzogs Knud, ru⸗ hete, betrachtet habe. „Das gehoͤrt unter die peccata venialia, gnaͤ⸗ digſter Herr!“ fluͤſterte Arnfred durch das Gitter. „Was auch der myſtiſche Prieſter in Slagelſe von dem innern Lichte, von dem Hinabſenken in das Weſen Gottes durch Selbſtanſchauung und Ausrottung der ſinnlichen Natur, Euch geſagt ha⸗ ben mag, dieſe Eure Verlorenheit in ein weltli⸗ ches Bild bezeugt dennoch, daß es Eurer geſun⸗ den Natur widerſtrebt, der unnatuͤrlichen Lehre der Myſtiker anzuhaͤngen. Es iſt beſſer heirathen als Brunſt leiden, ſagt der Apoſtel, und ich weiß Euch keinen beſſeren Rath zu geben, edler Herr!“"“ 6 „Was! Brunſt!“ wiederholte Waldemar heftig.„Nennt nicht ſo das beſte und reinſte Gefuͤhl, das mich je beherrſcht. Ich bekenne 198 Dir dies nicht als eine Suͤnde; vielleicht aber iſt es eine Traͤumerei, eine Art Wahnſinn„ der zu Nichts fuͤhrt, und es aͤrgert mich nur, daß ich dieſer Grille wegen ſowohl zu handeln als zu be⸗ ten vergeſſen; denn nicht allein verſaͤume ich das Ave Maria, das konnte ich wohl wieder einho⸗ len; nicht allein den Roſenkranz vergeſſe ich; ſon⸗ dern mein Sinn ſteht mehr nach einem Weibe, das ich nie geſehen, als nach Kampf und Schlach⸗ ten zur Ehre des Landes und der Krone. Waͤre ich ein Weib oder ein Prieſter, wuͤrde ich viel⸗ leicht glauben, daß ein Zauber an jenes Bild, das ich von feindlicher Hand empfangen, mich band; aber mich von ihm trennen, moͤchte ich doch um alle heiligen Knochen und Maͤrtyrerzaͤhne Deiner Kirche nicht.“ „Das Opfer fordert die heilige Kirche auch nicht von Euch!“ verſetzte Arnfred.„Den Zau⸗ ber fuͤrchte ich nicht hier, obgleich man etwas Aehnliches wohl vorher gehört. Was eine ſo große Wirkung auf Euer königliches Gemuͤth macht, ſchreibe ich vielmehr der freundlichen Eingebung Eures Schutzheiligen und Großvaters, des gebe⸗ nedeieten Herzogs Knud zu. Folgt dem nur ge⸗ 3 — 199 troſt, was ſolche heilige Eingebung Euch zufluͤ⸗ ſtert, und ſorgt durch eine Vermaͤhlung, die Euch und dem Lande Gluͤck und Segen bringen kann, fuͤr die Aufrrchihälrung des Reichs und der Krone."„“ „Es ſind alles doch nur Traͤume!“ entgeg⸗ nete der Koͤnig ſinnend.„Wer buͤrgt mir dafuͤr, daß nicht der Eindruck, den jenes Bild auf mich gemacht, wie ein andrer Traum verſchwindet, wenn ich ſie ſelbſt ſehe. Ich will aber daran denken! Gott befohlen, Prieſter!“ Darauf ver⸗ ließ der Köͤnig den Beichtſtuhl, und als die Meſſe vorbei war, ritt er gedankenvoll nach dem Schloſſe zuruͤck. Kaum trat Frau Helene, von den Toͤchtern und ihren Braͤutigams begleitet, aus der Kirche, als ein allgemeines Murren unter der neugierig zuſammengelaufenen und ſie umgebenden Volks⸗ menge entſtand. Erbittert durch die Aufdring⸗ lichkeit der unberufenen Begleitung, zogen die zwei jungen Ritter das Schwert, und es wuͤrde vielleicht einen blutigen Ausgang genommen ha⸗ ben, wenn nicht einige Ritter aus dem Gefolge des Koͤnigs, auf ſeinen Befehl, die unruhige 200 Menge zerſtreut haͤtten, welche durch die Finger pfiff, und ungeſchlachte, beleidigende Worte ge⸗ gen„die huͤbſche, geputzte Hexe,“ wie jene ſie nannte, ausſtieß.„Sie verlockt den Koͤnig, und will Daͤnemarks Koͤnigin werden,“ riefen die Leute!„Bringt ſie nach Schweden zuruͤck! Sie hat ihrem Ehemanne den Hals gebrochen, und ſteht im Bunde mit dem boͤſen Feind.“ Frau Helene glaubte vor Scham in die Erde zu finken; Ihre Toͤchter manten und ſchmiegten ſich aͤngſtlich an ihre erbitterten Verlobten. Ohn⸗ maͤchtig und bleich wie eine Leiche wurde die verfolgte Schoͤne ins Schloß getragen. Ihre Ver⸗ wandten waren uͤber dieſe Kraͤnkung hoͤchſt auf⸗ gebracht. Der Koͤnig gab in ſeiner Heftigkeit Befehl, die Sache auf das Strengſte zu unter⸗ ſuchen. In Gegenwart des ganzen Hofes er⸗ klaͤrte er laut Frau Helenen fuͤr die ehrbarſte und untadelhafteſte Edelfrau, und ſchwur bei der ko⸗ niglichen Gewalt und Ehre, ſie gegen jede Be⸗ leidigung zu ſchuͤtzen. Dadurch wurden ihre Vewandten und Freunde etwas beruhigt; ſie wuͤnſchten nur ſobald als moͤg⸗ lich, ſie von Ribehuus fortbringen zu köͤnnen, 201 welches auch der Koͤnig recht und nothwendig fand. Allein, als Helene die Augen wieder er⸗ oͤffnete, ſtarrte ſie ſo verzweifelnd und wild um ſich, und ſprach ſo verworren, daß man nach Mei⸗ ſter Harfenſaite ſchicken mußte, der ihren Zuſtand bedenklich und ſie ſelbſt in einem hitzigen Fieber fand. Sie verrieth in ihrer Geiſtesabweſenheit eine leidenſchaftliche, faſt wuͤthende Liebe zum Koͤnig.„Mein Alter!“ ſeufzte ſie,„ja! der mußte ſterben. Es ſtand in den Sternen, ſprach ja der Schwarze.— Ich bin unſchuldig daran— was wollte er auch auf der Treppe im Dunkeln? und ſie iſt ja auch nun todt, der mein Herzlieb⸗ ſter zuerſt die Hand hinreichte?— Dann waͤre die Reihe an ihr, ſie mit der Krone in den brau⸗ nen Locken.— Hal bin ich es denn nicht?— Warum ſchmunzelte er ſo in den Bart hinein, der Schwarze?— So fuhr ſie fort zu reden, die anweſenden Dirnen bekreuzigten ſich und mein⸗ ten, daß ſie von ihrem Bunde mit dem boͤſen Feinde ſpraͤche. Als die Prinzeſſin Regitze merkte, wovon die Rede war, ließ ſie Alle hinausgehen und blieb am Lager der Ungluͤcklichen allein zuruͤck. — * 202 „Wer iſt der Schwarze, von dem Ihr ſprecht, edle Frau?„¹ fragte ſie ruhig;„iſt es ein geiſt⸗ licher Herr— vielleicht Euer Beichtiger und Seelſorger?“? „Mein Seelſorger?“ wiederholte Frau He⸗ lene auflachend!„Mein Seelſorger! ja freilich wohl!— Doch er hat nicht gut fuͤr meine arme, ſuͤndige Seele geſorgt— in die Hoͤhle hat er 1 mich gebracht, in die ſchwarze Hoͤhle, wo weder v Mond noch Sonne ſcheinen.“ „Was habt Ihr denn in der Höhle geſehen?““ fragte die Prinzeſſin aͤngſtlich und geſpannt. „Was in den Sternen ſteht, habe ich ge⸗ ſchaut; den Namen des Herzogs— Nein! des Königs— des ſchonſten, gewaltigen Koͤnigs, auch Deinen Namen habe ich geſehen,“ fuhr ſie die Prinzeſſin unbeweglich anſtarrend fort.„Auch Du biſt zu einer Krone geboren; meinen Namen! — achl meinen Namen ſah ich nicht.— Wehe, wehe! wenn Schmach und Schande ihn ausge⸗ tilgt.“ Sie verbarg das ſchoͤne, bleiche Antlitz in die Haͤnde und weinte bitterlich. Allein dieſer Wahnſinn dauerte nicht lange; mit außerordentlicher Seelenſtaͤrke ſchien ſie es 203 uͤber ſich zu gewinnen, das heftige Gemuͤth zu bezwingen.— Mit der Beſinnung kehrte, zur Verwunderung des Meiſter Harfenſaite, voͤllige Geſundheit zuruͤck.— Am Abend ſcherzte ſie ſogar lachend daruͤber, daß die Ribes Straßenjungen ſie eine Hexe genannt, und daß es ihr ſo nahe gegangen waͤre. Als ſie erfuhr, mit welcher Hef⸗ tigkeit der Koͤnig ſich ihrer Sicherheit und Ehre angenommen, richtete ſie Kopf und Bruſt in die Hoͤhe, und fragte verwundert, warum die Toͤchter und ihre Verlobten zur haiſee angezogen waͤren? „Habe ih vielleicht in meiner unbegreiflichen Schwaͤche geſagt, daß ich abreiſen wuͤrde?“ fragte ſie.„Wenn ich nicht von dem gaſtfreien, daͤ⸗ niſchen Hof, was ich unmöͤglich glauben kann, verbannt bin, ſo will meine Ehre, daß ich eben jetzt hier bleibe. Die Tochter des Herzogs Gut⸗ torm kann doch wohl nicht von einem Haufen Straßenjungen aus Ribehuus verjagt werden.“ Alle ſchwiegen verlegen. Da erhob ſich Frau Helene ſtolz und entſchloſſen, und verlangte mit dem Koͤnig zu reden. 204 „Sch werde ſelbſt Euren Wunſch dem Bruder vorbringen, edle Frau!“ nahm die Prinzeſſin ſchnell das Wort, und verließ das Zimmer. Waldemar ſaß in ſeinem Geheimzimmer un⸗ ruhig und gedankenvoll, als die ernſte Schweſter, gegen diern anahnheit„ Anangemeldet zu ihm hereintrat. im ⸗ „Entſchuldige mich, Bruder! wenn ic ſtoͤre,“ ſagte ſie vertraulich nahend.„Eine Sache von Wichtigkeit bringt mich zu Dir! Es gilt Deiner Chre, der unſers Geſchlechts. Die arme Frau Helene wuͤnſcht Dich zu ſprechen.“ „Ich kann ſie nicht ſehen,“ entgegnete der Konig entſchloſſen, ſobald aber der Aczt es ge⸗ ſtattet, muß ſie reiſen.“ „Es iſt freilich nothwendig,“ verſetzte die Peirzeſſn.„Viel iſt aber dabei zu erwaͤgen! Die Tochter eines Herzogs, ein Gaſt an unſerm Hofe, eine Wittwe von einem ſo großen und maͤchtigen Hauſe, eine Frau, die Du ſelbſt öffentlich und mit Waͤrme vertheidigt haſt, kann, darf ſie beſchaͤmt und verachtet als eine ver⸗ ſtoßene, aufdringliche Buhlerinn von unſerm Hofe verbannt werden?“ 205 „Was willſt Du denn, das ich thun ſoll?“ fragte Waldemar heftig;„das entehrende Geruͤcht von uns beiden kennſt Du. Willſt Du, daß ich ihm trotz biete; willſt Du, daß ich ihr die Ehre durch Aufopferung der meinigen wiedergebe, ihr Hand und Krone reiche, und ſo mich ſelbſt der Verachtung Europas und meines Volkes bloß⸗ ſtelle! Ich bin nicht ohne Schuld, das geſtehe ich Dir; ich empfand, daß ſie die ſchoͤnſte und liebenswuͤrdigſte Frau, die ich je geſehen, ſey, und ich zeigte ihr eine Aufmerkſamkeit, die ſie zu den kuͤhnſten Muthmaßungen berechtigt hat; doch die Thorheit, die Wittwe eines Ritters auf den daͤ⸗ niſchen Thron zu erheben, iſt mir nie in den Sinn gekommen. Mein Leichtſinn, meine Un⸗ beſonnenheit haben die traurigſten Folgen gehabt. Der Ruf und der gute Name der ſchönen Wittwe ſind verſcherzt, und meine Ehre hat eben nicht dadurchgewonnen. Ich will alles thun, um mein Verſehen wieder gut zu machen, nur nichts, das die Krone und das Reich entehrt.“ „ Aufrichtig Bruder!“ fragte die Prinzeſſin, und ſah ihn mit einem ernſten, durchdringenden Blick anz„liebſt Du ſie? Oder haſt⸗Du ſie je waͤre ich mein eigner Beichtvater geweſen, könnte 206 geliebt? Bei Euch Maͤnnern macht das zwei Fragen aus, was bei uns nur eine iſt. Hand aufs Herz, Bruder! Deiner Ruhe gilt meine Frage?“ „Du ruͤckſt mir hart auf das Gewiſſen, Schwe⸗ ſter!“ entgegnete Waldemar.„Wohlan denn! ich habe freilich einmal gewaͤhnt, daß ich ſie liebe, nun aber weiß ich gewiß, daß es ein Irrthum war.“ Sein Blick ruhte unwillkuͤhrlich auf dem goldnen, verſchloſſenen Gehaͤuſe mit Margarethens Bilde, das auf dem Tiſche lag⸗ „Noch eine Frage, Bruder! der ungluͤcklichen Helene willen, deren Schickſal ich von Herzen beklage; haſt Du ihr je mit klaren und deut⸗ lichen Worten geſagt, was Du fuͤr ſie zu empſin⸗ den dachteſt?“ 3 en inss— „Wenn ich mich auch davon freiſprechen kann,“ erwiederte der König,„kann ich mich doch nicht von Blicken und Mienen, die klarer und uͤberzeugender reden als Worte, freiſprechen, und in dieſer Ruͤckſicht bin und bleibe ich tadelns⸗ werth. Du wirſt zu der Buße, die mir deshalb aufgelegt iſt, laͤcheln, und ich muß Dir geſtehen, 207 ich mich nicht milder beſtraft haben: ich vermaͤhle mich einer Prinzeſſin, die ich nie geſehen. Frau Helene ſeh ich nie mehr. Ich will ihr aber ſchrei⸗ ben, ich will ihr einen Beweis meiner Hochach⸗ tung geben. So lange ſie Dein Gaſt ſeyn will, ſoll ſie als eine Fuͤrſtin, als die Tochter des Her⸗ zogs Guttorm gehalten werden; allein morgen verlaſſe ich Ribehuus und kehre nicht zuruͤck, waͤh⸗ und ſie hier ſich aufhaͤlt. Eine Sicherheits⸗ und Ehrenwache ſoll hier und wenn ſie fortzieht, ſie gegen jede Beleidigung beſchuͤtzen. Ihrem juͤng⸗ ſten Sohn habe ich ein Herzogthum verſprochen; mein Wort werde ich zum Trotz des Geſchwaͤtzes aller Welt halten; mehr aber will und darf ich nicht thun.“ So geſchah es. Der Koͤnig ſchrieb an die ſchoͤne Wittwe, und die Prinzeſſin uͤberbrachte ihr das Schreiben nbſt einem freundlichen Qruß des Koͤnigs. Als Frau Helene das Blatt geleſen, erblaßte ſie; doch faßte ſie ſich ſchnell, erhob ſich ruhig und entſchloſſen, und erklaͤrte, daß ſie ſich noch dieſelbe Nacht auf die Reiſe nach Schonen begeben wuͤrde.„Auf den Kullen baue ich mir ein 208 Schloß,“ fluͤſterte ſie der Prinzeſſin insgeheim zu,„von dort aus will ich den Lauf des Him⸗ mels erſpaͤhen, und die Erde ihren ſchiefen Gang gehen laſſen. Gruͤßt den Koͤnig und ſagt ihm: ich bin von jetzt an die Koͤnigin des Kullenman⸗ nes, ſo wird er wiſſen was ich meine.“ Die Prinzeſſin ſah ſie mit großen Augen an, aber ſie verſtand ſie nicht, ſie fuͤrchtete, daß ihr Verſtand verwirrt ſey. Jetzt rief Frau Helene die Verlobten der Töchter und fragte ſie, ob ihre Liebe heute eben ſo warm wie geſtern ſey. Sie bejaheten es, aber wunderten ſich ob der ſonder⸗ baren Frage. „ Dann ſind ſie in einer Stunde Eure Ehe⸗ frauen oder nie,“ ſagte ſie entſchloſſen,„ich kann fie nicht länger in Daͤnemark ſchuͤtzen, und folgen ſie mir uͤber den Sund, werden ſie nie zuruͤck⸗ kehren. 4— 1e Die jungen Maͤnner ſahen froh verwundert ihre Braͤute an, die in Reiſekleidern daſtanden, bereit der launenhaften Mutter zu folgen. Die Maͤdchen gluͤhten und erblaßten mit Thraͤnen in den ſchönen Augen, und die jungen Ritter be⸗ dachten ſich nicht lange. S eet 209 Alle wunderten ſich ob der ploͤtzlichen Dop⸗ pelhochzeit, die erſt zum Fruͤhjahr beſtimmt war. Die Prinzeſſin ſchuͤttelte den Kopf, und ließ die ſonderbare Frau ſchalten, als waͤre ſie zu Hauſe. Schnell wurde nach Junkherr Strange und Esbern Snares drei Soͤhnen geſchickt. Der heitre Junkherr wuͤnſchte ſeinem Sohne, dem einen Braͤutigam, Gluͤck, und fand den uͤberraſchenden Einfall der Mutter trefflich. Niels Mule huſtete verlegen und fluͤſterte ſeinem Bruder Johann zu: unſre huͤbſche Frau Mutter hat doch gar keinen Begriff davon, was ſchicklich iſt. Die eigne Ehre hat ſie verſcherzt und nun macht ſie die Toͤchter durch eine Heirath uͤber Hals und Kopf, als waͤre Eile noͤthig, laͤcherlich! Das iſt erſchrecklich!“ „Das iſt traun! der vernuͤnftigſte Einfall, den unſre junge Frau Mutter ſeit lange gehabt,“ entgegnete Johann Marſchalk,„nun erſpart ſie ja auf ein Mal zwei Hochzeitgelage.“ Erſtaunt erfuhr der Koͤnig den naͤchſten Mor⸗ gen von ſeiner Schweſter, daß die beiden jungen Ritter in der Eile und Stille in der Capelle getraut, bereits vor Tagesanbruch mit ihren Frauen abgereiſet waͤren; und daß die Frau Helene I. 14 210 noch vor Mitternacht Nibehuus verlaſſen, nur von Johann Marſchalk begleitet, deſſen aus Spar⸗ ſamkeit herbeigefuͤhrten Antrag, in einfacher, buͤr⸗ gerlicher Verkleidung zu reiſen, ſie, um keine Aufmerkſamkeit zu erregen, angenommen, ſo auch, daß ſie ſich die angebotene Sicherheits⸗ und Eh⸗ renwache verbeten haͤtte. Den ſonderbaren Gruß an den Koͤnig verſchwieg die vorſichtige Schweſter in der Vermuthung, daß er nur eine bittere Be⸗ ziehung auf das, wovon es jetzt am beſten war es zu vergeſſen, enthalte. Sie hielt es fuͤr das kluͤgſte, von der Gemuͤthsverwirrung, die ſie bei der ſchoͤnen Ungluͤcklichen bemerkt zu haben glaubte, ſowie von ihrer fruͤher verrathenen Liebe zum Koͤnig, nichts zu erwaͤhnen. Im Gegentheil ſuchte ſie den Bruder zu beruhigen, indem ſie die Faſſung der ſtolzen Wittwe bei der Abreiſe, und die launige Heiterkeit bewunderte, womit ſie ſelbſt uͤber ihr ehrbares Ausſehen in dem buͤrgerlichen Matronenkleide geſcherzt hatte.. „Arme, arme Helene!“ ſeufzte Waldemar, „wenn ſie ſcherzte und lachte, verbarg ſie nur zu oft eine unruhige und zerriſſene Seele. Ich kenne ihre Heiterkeit; ſie hat mich manchmal ſchaudern 211 gemacht! Ihr Leben iſt verſcherzt; Gott gebe der armen Seele Friede, und mir verzeihe er in Gnaden, daß ich durch eine zu warme Theil⸗ nahme vielleicht dazu beigetragen haben mag, die Verworrenheit in dieſem ſich ſelbſt aufreibenden Herzen zu vermehren. Sie iſt doch eine ſtolze, edle Seele.“ Die Prinzeſſin hatte ihn verlaſſen. In einer wehmuͤthigen Stimmung ſaß der Koͤnig, den Kopf auf die Hand geſtuͤtzt, und bedachte den gewagten, fuͤr das Gluͤck ſeines Lebens ſo wich⸗ tigen Entſchluß, den er im Begriff war zu faſ⸗ ſen; er uͤberraſchte ſich ſelbſt bei dieſen Gedanken und ergluͤhte vor Scham.„Gluͤck!“ ſagte er, „was iſt das Gluͤck der Koͤnige? Die Gluͤck⸗ ſeligkeit des Volks und des Reichs, der Ruhm und Glanz ihres Throns. Der Buͤrger mag ſich des Gluͤcks der Liebe, des haͤuslichen Gluͤcks erfreuen, der Koͤnig darf nicht darnach fragen.“ Unwillkuͤhrlich eröffnete er das kleine Bildgehaͤuſe und betrachtete die ſchoͤne Unbekannte, die er erſt als ſeine Braut ſehen ſollte!„Helene iſt es nicht,“ ſprach er,„doch das iſt gut! Hier iſt Klarheit und Ruhe! Keine verzehrende Leiden⸗ 14* 212 ſchaft, kein geheimnißvoller Drang nach Hoheit und Macht. Hier wohnt ſtille Liebe und anſpruch⸗ loſe Unſchuld, kein verborgener Vulkan, keine glaͤnzende Larve der Heiterkeit und des Witzes, die einen verzweiflungsvollen Zwieſpalt zwiſchen dem Fleiſch und dem Geiſte verbirgt.“ Waͤhrend dieſer Betrachtungen wurde die Thuͤr geöffnet, und hinein traten die Domherren Renert und Albrecht. „Der großmaͤchtigſte Herr Koͤnig hat aller⸗ gnaͤdigſt befohlen,“ ſtammelten beide wie aus einem Munde, und blieben mit den Hacken an der Schwelle der geoͤffneten Thuͤre ſtehen, waͤh⸗ rend ſie ſich ſo tief verneigten, daß ſie erſchrocken einen Schritt vorwaͤrts treten mußten, um nicht auf die Naſe zu fallen, weil der ſchlaue Hofnarr die Thuͤre ſchnell zumachte. „Seyd Ihr geborne Boͤhmen?“ fragte der Koͤnig ein Laͤcheln bezwingend. Sdiite bejaheten es, waͤhrend eine Miſchung von Neugier und aͤngſtlicher Erwartung aus ihren runden, ſonſt ſorgloſen Geſichtern ſprach. „Habt Ihr je die Prinzeſſin Margarethe von Böhmen geſehen?“ fragte der Köͤnig weiter. „Zu dienen! Gnaͤdigſter Herr,“ erwiederten beide faſt auf ein Mal, und verneigten ſich beide gleich tief, wie Drathpuppen, die von einer Schnur bewegt werden. „So beſchreibt mir ſie genau ,„ fuhr Wal⸗ demar fort,„und ſagt mir ohne Furcht Alles, ſey es Gutes oder Böͤſes, was Ihr von ihr wißt; jede Sylbe die Ihr ausſprecht, werde ich Euch königlich bezahlen; allein die erſte Unwahrheit, in der ich Euch ergreife, werde ich auf das Strengſte beſtrafen.“ Durch dieſe Anrede wurden die erſtaunten Prieſter anfangs ſo erſchreckt, daß es eine Weile dauerte, ehe ſie die Zunge in Gang bringen konnten; doch bald ſtroͤmte eine warme Lobrede der Milde und der Froͤmmigkeit der ſchoͤnen Prin⸗ zeſſin uͤber ihre Lippen, und jemehr ſie redeten, je weniger fuͤrchteten ſie, ſich zu verreden; ſie gingen gluͤcklich alle ſieben moraliſchen und theo⸗ logiſchen Cardinaltugenden durch, welche ſie nach ihrer Betheuerung im allerhoͤchſten Grade beſaß, wobei ſie nicht verſaͤumten, die Sentenzen Patri Lombardi, ſo auch die des heiligen Auguſtinus fleißig anzufuͤhren, und bedienten ſich deſſen ſcho⸗ 214 laſtiſcher Lehre von den ſieben Gaben des heiligen Geiſtes und von den acht Seligkeiten, waͤhrend ſie wetteiferten, alle die Worte und goldnen Wahrheiten, welche der freigebige Koͤnig ihnen ſo reichlich bezahlen wollte, herzuſagen. „Genug, genug von den lateiniſchen Tugen⸗ den!“ unterbrach ſie endlich der Koͤnig*„und ſprecht Einer nach dem Andern, wenn Ihr wollt, daß ich Euch verſtehen ſoll! Wenn ſie nur ein Hunderttheil von den Vollkommenheiten, die Ihr ſchon hergezaͤhlt habt, beſitzt, muß ſie ja zehn⸗ mal beſſer als ein Engel des Himmels ſeyn. Sagt mir aber jetzt, wie ſieht ſie aus? nicht wahr! ſie ſchielt ein wenig und iſt vorn und hinten verwachſen, nun heraus mit der Sprache! rede zuerſt, Renert! wenn Du luͤgſt, ſo weißt Du, daß ich Wort halte.“ „Allergnaͤdigſter Herr!“ nahm Renert das Wort.„Verſchont mich mit einer Beſchrei⸗ bung, die“— „Verſchont uns mit einer Beſchreibung,“ ſtammelte Albrecht ihm nach. „Wie?“ unterbrach ſie der Koͤnig heftig⸗ „Alſo doch ſchielaͤugig, verwachſen!“ 215 „Das verhuͤte Sanet Auguſtin!“ verſetzte Renert.„Dann muß ſie es vor kurzem ge⸗ worden ſeyn. Vor ſechs Monaten, als ich Un⸗ wuͤrdiger die Ehre hatte ſie zu ſehen, war ſie ſchoner als das Bild der heiligen Margarethe in unſrer Kirche! Verſchont uns aber mit einer Be⸗ ſchreibung„ gnaͤdigſter Herr, die weltliche Gedan⸗ ken in dem Gemuͤthe vielleicht erregen, und uns die himmliſche Herrlichkeit und Schoͤnheit uͤber die irdiſche vergeſſen machen moͤchte.“ „Das iſt auch meine geringe Meinung, Euer Gnaden!“ fuͤgte Albrecht hinzu. 8 „Nun! das laͤßt ſich hoͤren,“ läͤchelte der Koͤnig.„So iſt ſie denn weder ſchief noch ent⸗ ſtellt; es ſey fern von mir, Euch mit weltlichen Gedanken verſuchen zu wollen; ſagt mir bloß⸗ ſieht dies Bild ihr wirklich aͤhnlich?“ „unläaͤugbar, Euer Gnaden!“ erwiederte Renert, der ſich doch kein Gewiſſen daraus machte, das Bild zu betrachten.„Aber es ſieht ihr doch nur aͤhnlich, gleichſam wie die Demanten in Eurer Krone den Geſtirnen des Himmels.“ „Ja! akkurat ſo!“ fuͤgte Albrecht, ſich den Schweiß von der Stirne trocknend, hinzu. „So geht in Frieden! Ihr frommen, ehr⸗ lichen Leute!““ Mit dieſen Worten endete Wal⸗ demar das Verhoͤr.„Wenn die Wahrheit Eurer Ausſage ſich beſtaͤtigt, werde ich Eure Wahrhaf⸗ tigkeit hinreichend belohnen; aber was ich hier mit Euch geſprochen, bleibt ein Geheimniß, wofür Ihr mir buͤrgt,“ „Mit unſern unwuͤrdigen Koͤpfen, allergnaͤ⸗ digſter Herr,“ erwiederte der Eine woͤrtlich nach dem Andern, waͤhrend ſie ruͤcklings und ſich ver⸗ neigend aus der Thuͤre ſchritten. „Es waren ihre Landsleute!“ ſagte der Koͤnig bedenklich,„wie, wenn ſie mit all ihrer Schoͤn⸗ heit eben ſo einfaͤltig und langweilig iſt wie dieſe? Nein, das iſt unmöglich,“ fuhr er beruhigt fort, waͤhrend er mit Entzuͤcken das Bild aufs neue betrachtete.„Wahrheit und Treue heiliger Ein⸗ falt und Unſchuld, Geiſt und Herz ſprechen mich von dieſem todten Holze an; was wird das lebendige Goͤtterbild mir nicht alles ſagen koͤnnen!“ Der Koͤnig hielt noch das Bild in der Hand, als die Thuͤre ſich oͤffnete, und Junkherr Etrande hereintrat. — 247 „Was beſiehlt mein gnaͤdiger Herr und Koͤ⸗ nig?“ fragte der Ritter, der mit unterdruͤcktem Laͤcheln ehrerbietig an der Thuͤre ſtehen blieb. „Gnade hin und Gnade her!“ erwiederte der Koͤnig ihm vertraulich entgegentretend, nachdem er ſchnell das Bild verborgen hatte.„Keine Um⸗ ſtaͤnde Strange! wenn wir beiden allein ſind. Setze Dich bei mir nieder und rede unverholen, wie in fruͤheren Tagen, da ich noch nicht Dein Herr und Koͤnig war;z unterwuͤrſige Diener habe ich genug; Dich ſehe ich als einen bewaͤhrten Freund an. Ehe ich als Koͤnig Anſpruch auf Deinen Dienſt mache, geluͤſtet mich erſt von dem alten Waffenmeiſter zu hoͤren, was er von ſeinem Schuͤler als Ritter und Mann haͤlt?“ „Als Ritter und Mann?“ wiederholte Junk⸗ herr Strange, und hielt nicht laͤnger das ſchel⸗ miſche Laͤcheln zuruͤck, waͤhrend er auf den Wink des Koͤnigs ſich auf das Lotterbett an ſeiner Seite niederließ.„Es ſey! Es wundert mich, daß Ihr gegenwaͤrtig ruhig zu Hauſe ſitzt und Bilder betrachtet, waͤhrend Ihr das Heer in die Schlacht ſchickt; allein ich vermuthe, daß Ihr gute Gruͤnde dazu habt, und nicht lange am Heerd ſitzen bleiben 218 werdet, Euch zu waͤrmen. Wollt Ihr ſonſt nicht gern hoͤren, daß ich Euch gerade ins An⸗ geſicht lobe, ſo fragt mich um etwas anders! Denn meine Exgebenheit und Liebe find Euch ja voͤllig bekannt.“ „FIch gehe noch heute zum Heere ab,“ ſah Waldemar etwas zerſtreut das Wort wieder, „warum ich zoͤgere, werde ich Dir nachher ſagen; gieb mir aber als ehrlicher Mann Antwort: haͤlſt Du mich fuͤr einen muͤßigen Traͤumer, fuͤr einen ſchwachen, empfindſamen Thoren, der im Mond⸗ ſchein herumgehen, und ſchmelzende Minnelieder auf eine unſichtbare Schoͤnheit in Ginnifan oder auf eine Prinzeſſin im Monde ſingen moͤchte?“ „Das zwar nicht, Herr Koͤnig!“ verſetzte Junkherr Strange,„aber Ihr habt mir zu viel mit Prieſtern und Skalden zu ſchaffen, ſie ſetzten Euch den Kopf ſo voll von Ahnungen, Stim⸗ men in der Seele, vom Gewiſſen, Heiligen und Engeln, daß es nahe daran iſt, Euch den Kopf zu verwirren. Der heilige Anders war mir beſonders ein Dorn im Auge.“ „Rede mir nicht von ihm,“ unterbrach ihn der König ernſt,„er wußte mehr, als Du und — 219 ich in hundert Jahren erfahren werden. Und der Alte hatte Recht! Das Göttliche erſcheint uns nur als ein Raͤthſel, als ein Spiegelbild, allein der, dem das wahre Bild aufging, wird ſchon hier das Schoͤnſte von Angeſicht zu Angeſicht ſehen.“.— „Ihr deutet wohl ſolch eine verbluͤmte Rede auf Eure Weiſe, Herr Koͤnig!“ entgegnete Junk⸗ herr Strange,„und daran glaube ich, thut Ihr Recht. Allein um auf Eure Frage zuruͤckzukom⸗ men, da muß ich der Wahrheit auch das Recht geben; Ihr habt uns nicht Beweiſe Eurer Mann⸗ haftigkeit vermiſſen laſſen. Seyd Ihr auch, wie man ſagt, fuͤr weibliche Schoͤnheit nicht blind, ſondern ein ritterlicher Bewunderer aller ſchoͤnen Maͤdchen, Frauen und Wittwen, habt Ihr es doch bis jetzt mehr in Worten als in der That verrathen. Ihr habt Euch noch nicht auf die müͤßige Seite gelegt, um Eure Jugend in weicher Verliebtheit zu vertraͤumen; doch duͤrfte vielleicht Land und Volk ſich daruͤber beklagen, daß Ihr, nicht bloß wegen der Kriegsluſt und gewonnener Siege, ſondern wohl auch wegen der Huldigung, die Ihr einer gewiſſen huͤbſchen Wittwe gewidmet 220 habt, vergeßt, dem Lande eine Koͤnigin, und dem Namen und der Krone des großen Walde⸗ mar einen Erben zu geben.“ Waldemar erröͤthete.„Alſo biſt auch Dr von der faſt allgemeinen Meinung, daß ich, unge⸗ achtet des letzten mißlungenen Verſuchs, mich zum Sklaven einer ſtaatsklugen Verbindung zu machen, mich vermaͤhlen ſolle?“ ſprach er. „Es iſt mein Wunſch, und der des ganzen Reichs, Herr Koͤnig!“ „Wohlan denn! ſo verſchaffe mir die Prin⸗ zeſſin Margaretha von Boͤhmen zur Braut, und ich werde mich keinen Augenblick bedenken. Es iſt zwar das Verhaͤngniß der Koͤnige und Fuͤrſten, ohne Liebe werben, und zum Wohl des Landes an den Traualtar ſich fuͤhren laſſen zu muͤſſen.— Truͤgt indeſſen nicht dies Bild”“— er zog es raſch und entſchloſſen hervor—„ſo kann vielleicht mit mir eine Ausnahme in dieſem Punkte ſtatt ſin⸗ den; denn ich will es Dir ehrlich geſtehen, ich habe in den letzten Tagen, trotz Deiner guten Meinung von meiner Mannhaftigkeit, eben an keine andere Eroberung, keinen andern Beſitz, als den der ſchonen Prinzeſſin gedacht. Mache Dich 221 daher fertig, braver Strange, und ziehe um meinetwillen nach Boͤhmenland! Bringe dem frommen Primislaus meinen bruͤderlichen Gruß, und ſielle Dich, als ſeiſt Du gekommen, um wegen des Bundes gegen die unruhigen norddeut⸗ ſchen Fuͤrſten und die heidniſchen Lieflaͤnder mit ihm zu unterhandeln. Nimm aber dies Bild mit Dir— ich trenne mich aber ungern von ihm und Du bewahrſt es mir als meinen Augapfel. Bemerke genau, ob es eine wahre und treue Abbildung der Prinzeſſin Margaretha ſey! Fin⸗ deſt Du, wie ich hoffe, daß ihr keine der Schön⸗ heiten„ die hier abgebildet ſind, fehlt, und daß das Geruͤcht nicht zuviel von ihrer Tugendhaftig⸗ keit und lellichen Geſtalt geſprochen⸗ ſo er⸗ wahr ſey, won mal im halben mein Name einen angeſchrieben ſtehe bei Klang habe und wohl ſchoͤnen Koͤnigstochter, ſo leite die Sache mie ihr und dem Vater mit der Klugheit und deinheit ein, die ich Dir au f. 222 traue, und ſo, daß wenn eine Verweigerung zu befuͤrchten iſt, Du dann zeitig ablenken und zu⸗ ruͤcktreten kannſt, ohne mir eine Antwort, die meine köͤnigliche und ritterliche Chre kraͤnken wuͤrde, zu bringen!“ „Ein ſchwieriger Auftrag, mein Herr und Koͤnig!“ erwiederte Junkherr Strange, indem er die Achſeln zuckte,„ich ſoll alſo fuͤr Euch werben und nicht werben, ſoll Euch eine Braut verſchaffen und zugleich dafuͤr verantwortlich ſeyn, daß ſie Euch gefaͤllt wenn Ihr ſie ſeht, und daß der Wind waͤhrend der Zeit nicht umſchlaͤgt und Ihr Eure Geſinnungen veraͤndert. Nur in die⸗ ſem Stuͤcke traue ich Eurer Standhafiieit nicht, Herr König!“ „um Gottes Tod! denkſt daih gube⸗ digen, Strange!“ fuhr Waldemar heftig auf; „denkſt Du mich zu einem unſtaͤten, wankel⸗ muͤthigen Kinde, das nicht weiß was es wll, zu machen?“ „Ich gehorche pünktlich„ Herr und Koͤnig! das verſteht ſich,“ erwiederte Junkherr Strange und verbeugte ſich.„Werdet Ihr boͤſe, darf ich kein Wort mehr ſagen. Ich freue mich Eures 223 Entſchluſſes, der gewiß gluͤcklichen Wahl, die Ihr getroffen habt, von Herzen! aber bedenkt Herr! wie Euch zu Muthe war, da die Verlobung mit der Schweſter des Kaiſers zu Stande gebracht war, und wie leicht es Euch ums Herz wurde, da Ihr gewiß waret, ſie nie zu ſehen, zu bekommen.“ „Das war etwas ganz anderes, Strange! Diesmal greife ich nicht blindlings nach dem Gluͤcke; diesmal iſt das Herz mit im Spiele.“ „Die Augen! Herr Koͤnig! doch nur durch die zweite Hand, wie ich ſehe, und die Ohren und das Bilderbuch, das Euch im Kopfe ange⸗ boren iſt; doch ich merke, daß Ihr wieder boͤſe werdet, Herr! ich ſchweige und gehorche; aber gewarnt habe ich Euch. Huͤtet nur Euer Herz neun Wochen langz waͤre es nicht am beſten, das Bild bei Euch zu behalten? Herr Koͤnig!“ „Glaubſt Du denn, daß ich ein ſolcher Sclav meiner Augen ſey, ſo kalt und ohne Einbildungs⸗ kraft, daß ich je dies Antlitz, und ſaͤh' ich es auch nie mehr in der Welt, vergeſſen koͤnnte? Nimm es! Ich werde Dir zeigen, daß ich auch in dieſem Stuͤcke ſtandhafter bin als Du glaubſt. 224 Nur noch einen Blick in dieſe Augen— ſo— verwahre es jetzt! Dies Engelbild vermag nun kein Geiſt des Lichts oder der Finſterniß aus meiner Seele zu vertilgen.“ „ Ich waſche mir die Häͤnde, und mache Euch ſelbſt fuͤr die Folgen verantwortlich,“ nahm Junk⸗ herr Strange das Wort wieder.„Wann und wie ſoll dieſer Werbungszug vor ſich gehen? Und wen hat mein König zu meinem Begleiter aus⸗ erſehen?“ „Du gehſt noch heute, wo moͤglich noch in dieſer Stunde ab, und ziehſt mit dreißig Rittern und eben ſo viel Knappen die Elbe hinauf nach Boͤhmenland. Deine Begleiter magſt Du nach eignem Belieben waͤhlen; doch rathe ich Dir, den Biſchof Peder aus Roeſkild mitzunehmen, er iſt ein ſchriftgelehrter„Mann, und kann Dir unterwegs ein guter Rathgeber ſeyn! Waͤhle ſolche, die ihre Worte zu ſtellen wiſſen, auch Abſalon Balg und ſeine Gefaͤhrten, die im rit⸗ terlichen Anſtand und Höflichkeit wohl erfahren ſind. Willigen der Koͤnig und ſeine Tochter in meinen Wunſch ein, ſo laͤßt Du Dich in mei⸗ nem Namen und in meiner Seele ſogleich an 8* 225⁵ die Prinzeſſin nach dortiger Sitte und dortigen Gebraͤuchen trauen. Gelingt das Unternehmen, ſchicſt Du mir ſogleich einen Eilboten nach Schwerin, wo ich in kurzer Zeit das Heiraths⸗ anliegen des Grafen Claus in Richtigkeit zu brin⸗ gen gedenke. Du bringſt die Braut in einem moglichſt praͤchtigen Aufzuge heim. Das heil⸗ bringende Langſchiff mit dem Drachenſteven und den goldnen Knoͤpfen ſoll ſie hierher fuͤhren. Am Manee ſetzeſt Du ſie ans Land! Dort werde ich, ſo Gott will, ſie empfangen, wie es einem Ritter und Koͤnig gebuͤhrt. Und damit Gott befohlen, braver Strange! Du biſt mir ein getreuer und ehrlicher Mann, aber auf mein Herz verſtehſt Du Dich nur ſchlecht; ſo viel mußt Du nur wiſſen; ich lege mein und vielleicht des Reiches Gluͤck in Deine Hand! Und nun, Verſchwie⸗ genheit! Doch das verſteht ſich von ſelbſt. Gott und unſre Frau mit Dir!“ Mit dieſer wichtigen, geheimen Botſchaft ver⸗ ließ Junkherr Strange das Geheimzimmer des Köͤnigs, und ertheilte ſogleich die nöthigen Befehle. Die Ritter verſahen ſich mit ſtattlichen Hofklei⸗ dern. Einige der Vornehmſten glaͤnzten in ſchar⸗ 11. 15 226 lachenen Beinkleidern, dabei trugen ſie braune, gruͤne oder rothe Leibröcke, und ſeidene Maͤntel mit Zobelkragen und Raͤndern, wohlgegläͤttetes Haar und Bart, ſo auch Huͤte mit Federbuͤſchen und koſtbaren Steinen. Die goldnen Sporen kirrten an den bocksledernen Halbſtiefeln, und die Schwerter in den goldnen Gehaͤngen. Junkherr Strange ſelbſt trug einen praͤchtigen Scharlach⸗ mantel mit Kanten von Eichhornsfell, ein Ge⸗ ſchenk des freigebigen Koͤnigs, dabei eine roth⸗ tuchene Reiſemuͤtze mit goldnen Treſſen und rothen Federbuſchen. 1 Der Konig ſelbſt warf ſich auf ſeinen weißen Hengſt, und begleitete die praͤchtige Geſandtſchaft bis zum Strande hinunter. Unter den daͤniſchen Rittern und Knappen waren zwei, deren unbaͤndige Hengſte einig gewor⸗ den zu ſeyn ſchienen, in den Riebeſtraßen durch⸗ zugehen; wie zwei ſauſende Wurfſpieße fuhren die jungen, ſattelfeſten Reiter am Konig und allen Rittern vorbei, und verſchwanden ihnen in änem Augenblick aus dem Geſichte. — 227 „Brechen ſie nur nicht den Hals, oder keiten die Leute uͤber den Haufen!“ ſprach der König. „Wer ſind die Burſche, die ihre Roſſe eih haſhr zu baͤndigen verſtehen?“ „Irre ich nicht gröblich„mein Köonig,“ 3at Junkherr Strange zur Antwort,„ſo brauchten ſie mehr die Sporen als den Zuͤgel, und dachten den Koͤnig durch ein Wettrennen zu beluſtigen.⸗ „Jugendſtreiche!“ Aunis Waldemar:„wol⸗ len ſie ſo gern Hals und Beine brechen, konnten ſie es ein ander Mal thun, und nicht wenn ich ſie hinſchicke, wo ich ganze Burſche und vernuͤnf⸗ tige Leute brauche.“ „Der kleine, dicke Abſalon Balg iſt der Eine, und habe ich recht geſehen, iſt der Andere Euer kuͤhner, zartgliederiger Schweſterſohn, der junge Graf Otto.“ „Wie! der flaumenbärtige Bube, iſt der mit im Spiele? Er iſt ja nicht einmal Ritter,“ ſagte der Köͤnig mit milderem Ausdruck.„Ich wette doch, daß er Esbern Snares Sohn zus ſammen reitet⸗“ 4 3 15* 228 „Nun wandte ſich der König ſcherzend an den ſtattlichen Grafen Engelbret, der zu ſeiner Linken ritt:„Fuͤrchtet Eure junge Frau nicht, Euch unter die ſchoͤnen Frauen im Boͤhmenlande hinaus⸗ reiſen zu laſſen?“ fragte er. „Meine Gattin iſt zwar etwas eiferſüchtig, hoher Herr!“ erwiederte der Graf in demſelben ſcherzhaften Ton:„indeſſen glaubt ſie nicht, daß wegen meiner Treue viel im Boͤhmenlande zu fuͤrchten ſey. Ja! ginge unſere Reiſe nach Flan⸗ dern oder Portugal, waͤre es vielleicht eine andre Sache!“ „Wie ſo?“ fragte der Koͤnig,„lind denn die flanderiſchen oder portugieſiſchen Schoͤnen ſo gefaͤhrlich und unwiderſtehlich?“ „Das behauptete wenigſtens meine Gattin vor einem Jahre, als ich von dem flanderiſchen Grafenhof in Gent zuruͤck kam, und nicht umhin konnte, die Schweſter des Grafen Ferdinand, die portugieſiſche Prinzeſſin Beengierd, als das ſchoͤnſte Weib, das ich je in der Welt geſehen hatte, zu preiſen, ohne jedoch mit meinem Haus⸗ kapellan glauben zu koͤnnen, daß ſie durch Zau⸗ — ——— —— — 229 berkuͤnſte meine Augen und die aller Ritter ver⸗ blendet haͤtte.“ „Ihr ſeyd ein Mann, der ſich auf weibliche Schönheit verſteht,“ verſetzte der Koͤnig lachend, „und Eure Frau hat wohl einen beſonderen Grund, ein Auge an jedem Finger zu haben. Sollte indeſſen ein Cheherr verpflichtet ſeyn, ſein Auge jeder fremden Schönheit zu verſchließen, ſcheint der Eheſtand nur ſchlecht mit dem echten, ritterlichen Sinn beſtehen zu koͤnnen, und zu einer ſolchen Treue wuͤrde ich mich in meinem ganzen Leben nie verpflichten. Biſchof Peder, der gedankenvoll an der Rech⸗ ten des Koͤnigs ritt, ſchuͤttelte den Kopf; der Koͤnig aber, der ſeinen Eifer und geſtrenge Ge⸗ ſinnungen kannte, ließ ihn ſelten in Gegenwart andrer Leute zu Worte kommen. „Die Prinzeſſin Beengierd iſt alſo Eurem Gutduͤnken nach das ſchonſte Weib in der Welt/“ fuhr Waldemar zuverſichtlich lachend fort,„was wetten wir, edler Graf! wenn Ihr die Prinzeſſin Margarethe von Bähnen geſehen, nehiit ht Euer Wort zuruͤck!“ 230 „Nein! Da ſetze ich Hab und Gut gegen die Feder Eures Huts, mein Koͤnig! „Das wuͤrde Euch eine zu theure Wette ſeyn! Ich will Euch eine andere antragen. Koͤnnt Ihr, wenn wir uns wiederſehen, auf ritterliche Treue und Ehre noch behaupten, daß die Prin⸗ zeſſin Beengierd ſchoͤner als Margarethe von Böh⸗ men iſt, ſo gehoͤrt Euch die Grafſchaft Gleichen als Lehn an, ſo lange ein Koͤnig meines Stamms daruͤber ſchaltet; muͤßt Ihr aber geſtehen, daß ich, der ich doch keine von beiden je geſehen, gerechter von ihrer Schönheit geurtheilt habe, dann ſollt Ihr, zur Strafe Eures voreiligen Urtheils, eine geknickte Trompete in Eurem ritterlichen Wappen tragen.”6 „Das iſt ein Wort, Herr König!“ rief Graf Egibret,. und alle Ritter lachten. „3) komme Hoht hinterdrein und bin wohl heute uͤberfluͤſſig,“ ſchrie der kleine, verwachſene Hofnarr Claus Klumpe, der in ſeinem Schellen⸗ wamms, und mit der ſpitzen Muͤtze mit zwei Pfauenfedern, guf ſeinem Eſel mit ſeinem geputz⸗ ten Affen auf dem Sattelknopf, hinterher getrabt kam. „Was ſoll nun das wieder? alter Thor!“ fragte der Koͤnig lachend.„Du denkſt doch wohl nicht daran, in der Geſandtſchaft mitzu⸗ ihn „36 dachte, das verſtaͤnde ſich von ſelbſt, Herr Koͤnig!“ gab der Schelm zur Antwort. „Bin ich aber uͤberfluͤſſig, wie es ſcheint, ſo begleite ich Euch nach dem Schloſſe zuruͤck und fuͤhre die eigne Braut heim. Seht, wie ver⸗ ſchaͤmt ſie in ihrem Brautſtaat laͤchelt!“ Er druͤkkte den als Weib geſchmuͤckten Affen mit laͤcherlichem Pathos an ſeine Bruſt, und gab ihm eine Maulſchelle, als das Thier ihm: in den Bart beißen wollte. Der Koͤnig merkte zwar, daß d der Narr durch dieſen plumpen Scherz ihm zu erkennen geben wollte, daß man ſeine Abſicht mit der Geſandt⸗ ſchaft erriethe; aber er ſtellte ſich, als verſtaͤnde er den Scherz nicht, und heiter und luſtig trabte er mit den ſtattlichen Hofleuten bis zum Strande 232 hinunter, wo das bezeichnete Schiff ſchen ſegel⸗ fertig lag. An der Schiffsbruͤcke ſtanden Graf Otto und Abſalon Balg, und empfingen den Koͤnig mit einer Entſchuldigung ihres unbeſonnenen Wetteifers. „Der am erſten an die Bruͤcke kam,“ ſagte der Koͤnig,„ſoll der Eilbote ſeyn, den mir Junkherr Strange, von dem Erfolg meiner Sen⸗ dung, nach Schwerin zu ſchicken hat.“ „ So muͤſſen wir beide Euch die Botſchaft bringen, Herr Koͤnig!“ erwiederte Abſalon Balg. „Denn wir hielten beide in demſelben Augenblick hier an der Schiffsbruͤcke an.“ 5 „Haͤtte meine Schecke ſich nicht einen Sten in den Huf getreten, waͤre ich doch der Erſte hier geweſen,“ nahm Graf Otto das Wort. „Duͤrfen wir dem Koͤnig eine freudige Botſchaft bringen, ſo laßt ſie uns beiden in einem doppel⸗ ten Schreiben anvertraut werden, dann wird der Koͤnig am beſten beurtheilen koͤnnen, wer von uns das ſchnellſte Roß reitet.“ „Wohlan denn! ſo mag es ſeyn!“ ſagte der Koͤnig.„Wer von Euch mir am erſten die Botſchaft, die ich wuͤnſche, bringt, ſoll am erſten Gelagstage auf Ribehuus mit meinen Boidnen Sporen tanzen.“ „Beide dankten dem Koͤnig wegen ſeines Ver⸗ trauens, und ſahen ſich zum Wetteifer heraus⸗ fordernd an, waͤhrend ſie ſich die Haͤnde ſchuͤttel⸗ ten und in das Ruderſchiff ſprangen. „Mit dem goldnen Sporn folgt der Ritter⸗ ſchlag,“ fluͤſterte Graf Otto fröhlich dem Neben⸗ buhler zu.„Den ſollſt Du mir wohl laſſen muͤſſen, dicker Balg!“ Bald waren alle Ritter eingeſchifft. Junkherr Strange ließ das rothe Wullenſegel aufziehen, waͤhrend der Koͤnig ihm und ſeinen Begleitern ein: „Mit Gluͤck“ nachrief, welches ſie jauchzend mit dem Rufe!„Es lebe Koͤnig Waldemar der Sie⸗ ger,“ erwiederten. Mit einer Miſchung von Freude und ungewiſſer Ahnung von der Zukunft ſtand Waldemar lange auf der Schiffsbruͤcke und ſah, wie der goldne Drachenſteven auf den Wel⸗ len ſchaukelte und im Sonnenſchein glaͤnzte, waͤh⸗ rend der Kiel das unruhige Meer durchſchnitt, 234 um ihm die ſchöne aber fremde Braut zu holen. Das Ungewiſſe, das Naͤthſelhafte an dem Gluͤcke der verſchleierten Zukunft, der wir uns mit Un⸗ ruhe und Hoffnung, gleichſam blind entgegen ſehnen, trat bei dieſem Anblick recht lebendig vor die Seele des jungen Koͤnigs; er fuͤhlte ſich in eine jener eben ſo anziehenden wie wehmuͤthigen Stimmungen„ wo die Seele zwiß ſchen Furcht und Hofſnung ſchwankt, verſetzt, und in welcher ſelbſt der maͤchtigſte Koͤnig der Erde ſein Gluͤck von noch uicht hefeif unſichtbaren Gewalten alhings fuͤhlt. Das Stillſchweigen des Koͤnigs, und ſein tief⸗ ſinniger Hinblick auf das Meer und das ver⸗ ſchwindende Schiff, ſchienen den Hofleuten ein aͤhnliches Betragen vorzuzeichnen, und ſie betrach⸗ teten das Meer mit hoͤchſt ernſten und wichtigen Mienen, welchen der Hofnarr mit aufgeſperrten Augen und gaffendem Munde nachzuaͤffen nicht verſaͤumte, obgleich er durch das Gelaͤchter des Koͤnigs und der Hofleute ſeine Muͤhe diesmal nicht belohnt ſah. Denn als Waldemars Augen das Schiff zu verfolgen muͤde waren, ſielen ſie 235 auf einen Gegenſtand, der, beſſer als das Fratzen⸗ geſicht des Narren, ſeiner ernſten Gemuͤthsſtim⸗ mung entſprach. Es war naͤmlich ein alter, graubaͤrtiger Mann in einem zerriſſenen Mantel von Ochſenhaut, mit einer Schlagkaputze uͤber die Ohren; er ſaß gekruͤmmt auf einem Felſenſtein am Strande, und kritzelte mit ſeinem Kruͤckenſtab in den Sand, ohne weder den Koͤnig noch ſein prichide Gefolge zu beachten⸗ Der Koͤnig gab den Hofleuten einen Wink, zuruͤckzubleiben; und naͤherte ſich dem Alten, der, ohne den Kopf in die Hoͤhe zu richten, in den Sand zu kritzeln fortfuhr, waͤhrend er unver⸗ ſtaͤndlich in den Bart murmelte, und die ie Geſihtz⸗ zuͤge unruhig bewegte. „Was machſt Du da? Alter!“ fragte Wal⸗ demar; er bekam aber keine Antwort, denn der Alte ſchien harthoͤrig. Waͤhrend der Koͤnig ſein erdfahles, gerunzeltes Geſicht genauer betrachtete, glaubte er wahrzunehmen, daß die Augen des Greiſes Sehkraft und Leben verloren haͤtten; denn 236 ſie waren matt und dunkel, wie die blaſſen Schei⸗ ben in der Erdhuͤtte des Armen. „Wer biſt Du? alter Mann!“ fragte der Köͤnig mit verſtaͤrkter Stimme, und legte die Hand auf ſeine Schulter; worauf der Alte ſich langſam erhob, und den gekruͤmmten Ruͤcken ſo in die Hoͤhe richtete, daß er aus einem Zwerge zu einem Rieſen empor zu wachſen ſchien. Er tappte mit dem Kruͤckenſtabe ein paar Schritte vorwaͤrts, und blieb dann ruhig ſtehen, mit dem gerunzelten Geſichte gegen den Koͤnig gewandt, waͤhrend er den Mantel von Ochſenhaut um ſich zuſammenzog, und eine ſchwarze, beſchmuzte Tracht, der eines Kohlenbrenners oder Bergmanns aͤhnlich, verbarg. „Wer ich bin?“ wiederholte er langſam,„ja! darnach mußt Du meinen Herrn und Meiſter fragen! Er wird es am beſten wiſſen. Es war eine Zeit, da wurde ich Herr und Ritter genannt; nun heißen die ſchoniſchen Herren mich ſchlecht⸗ weg, Thor Knudsſohn den Bauer. Man heißt mich hier im Lande den Kullenmann, weil ich auf den Kullen zu Hauſe bin. Aber habe ich 237 nicht unrecht getraͤumt, ſo biſt Du Koͤnig Wal⸗ mar, Walmarſohn, und hegſt große Luſt zu wiſſen, woran ich ſo eben dachte.⸗ „Du ſiehſt beſſer, als ich glaube⸗— erwie⸗ derte Waldemar verwundert.„Ich dachte, daß Du blind ſeyſt, allein Du ſcheinſt ja ſogar den Leuten anſehen zu koͤnnen, was ſie denken. „Das kann mir wohl zuweilen wiederfah⸗ ren,“ murmelte der Alte,„obgleich ich nur durch das Cryſtall die liebe Koͤnigin des Goldes, wenn ſie am klarſten ſcheint, erkennen kann; das Ue⸗ bel beſiel mich, als ich letzthin um Deinet⸗ und Deines Stammes Willen durch das Feuer ging.“ „Du ſprichſt in Raͤthſeln, Alter! allein biſt Du blind, wie haſt Du denn den weiten Weg hieher gefunden?“ „Siehſt Du nicht meinen lebendigen Stab! Er ſpringt nun dort unter dem Abhange herum, und ſucht mir Wetterſteine, und Bernſtein zum Rauchwerk in der ſteinernen Grube.“ Waldemar ſah hin, wo der Alte mit dem Finger hinzeigte, und entdeckte dort einen zer⸗ 238 lumpten Bettlerjungen, der wwiſcen den Sie⸗ nen heanbühit.. „Was hat Oich dazu bewegen köͤnnen, bei Deinem Alter und Deiner Gebrechlichkeit ſo weit weg von der Heimath zu zichen?“ rief de der Köͤnig dem Alten in's Ohr. „Wie alt ih auch bin, därfte ich Dich iiellich uͤberleben“ erwiederte der Greis;„wie blind ich auch bin, ſeh ich vielleicht weiter als Du— und wie gebrechlich ich auch bin, mag wohl doch die Zeit kommen, wo Koͤnig Walmar meine Staͤrke braucht, und mich ſucht. Diesmal muß ich Dir entgegen gehen; aber unberufen ſtehe ich nicht vor Deinem Anlitze.— Ich werde Dir ein Lied ſingen, König! das ich zum erſten Mal in der Stunde Deiner Geburt geſungen, und das ich noch nicht vergeſſen habe. Es kann Dir nuͤtzlich ſeyn daran zu denken, wenn Dir das Gluͤck am guͤnſtigſten duͤnkt. Sieh! an das Lied dachte ich eben, als Deine koͤnigliche Hand auf meine Schulter fiel, und Deine ſtarke Stimme mir Deinen großen Herrn Pater ins Gedäihe⸗ niß brachte. ——— 239 „Ein wahnfinniger Greis!“ ſprach Walde⸗ mar leiſe, und ſchauderte faſt ihn anzuſehen. „Nun ſo ſinge nur dann Dein Lied, alter Traͤu⸗ mer, fuͤgte er laut hinzu, und reichte dem Al⸗ ten ein Goldſtuͤck hin, allein es ſiel unberuͤhrt aus ſeiner Hand und verlor ſich im Sande. Der Koͤnig ſtuͤtzte ſich ſchweigend auf ſein Schwert, waͤhrend der zahnloſe Greis, mit klang⸗ loſer Stimme und unſicherer Zunge, mehr liſpelte als ſang: ain Geboren ward Walmar zum Sieg und Gluͤck; Kein Mann doch iſt gramlos geblieben. Gluͤck oft verkehrt ſich in's Mißgeſchick; Es ſteht in den Sternen geſchrieben. Im Glanz hab“ ich Deinen Gluͤcksſtern geſehn! Der Nord ſah nicht ſeines Gleichen! Im Loͤwen ſah ich ihn herrlich ſtehn, Den Scorpion ſah ich ihm weichen. Die Waage blinkt doch mit tuͤckiſcher Macht; Gefaͤhrlich die Jungfrau laͤchelt. Falſch zielt der Schuͤtz' auf naͤchtlicher Jagd, Wenn Schlaf den Loͤwen umfaͤchelt. 240 Iſt wie der Spiegel das Meer auch glatt, Nicht ſchlafe Du nahe den Wellen! Liegt ſteif die Natter und kalt und matt, Ihr Stich macht doch toͤdtlich ſchwellen. Vor Naͤnken Dich huͤt' und falſchem Bund, D'rob darfſt keine Vorſicht Du ſcheuen; Es ſtirbt: wenn's bricht vor der ſtaͤrkſten Hand, Der Stern im Auge des Leuen! Als der Alte das Lied geſungen hatte, ſchwankte er ermüͤdet nach dem Stein zuruͤck, und ſank gekruͤmmt auf den vorigen Sitz nieder, waͤh⸗ rend er das baͤrtige Kinn gegen die Bruſt hinab beugte und zu ſchlummern ſchien. „Er iſt kindiſch geworden, der arme Greis, und hat ſein Lied wohl auch bald ausgeſungen!“ ſprach der Koͤnig in ſich, waͤhrend er die gekruͤmmte Geſtalt betrachtete, die nun wieder ganz zwerg⸗ artig und unbedeutend erſchien.„Der Kullen⸗ mann Thor Knudſohn! Hm! Der Name iſt mir nicht fremd. Der alte Esbern ſprach ja einſt ganz verbluͤmt von dem klugen Thor, dem Stern⸗ deuter auf Kullen! Und Helene— war es nicht der ſchwarze Kullenkoͤnig, mit dem ſie in dem 2 241 Bergſchacht an meiner Hochzeit tanzen wollte, ſo ſagte ſie ja in jenem wilden Augenblick, da ich einſt von meiner Vermaͤhlung ſprach. Hm! war es nicht der Kullenmann, vor dem und ſeiner geheimnißvollen Weisheit jener fromme Prophet aus Slagelſe mich warnte. Es ſey! Kennt er mein Geſchick, mag er ſeine Weisheit fuͤr ſich behalten, ich will kein Wort mehr davon wiſſen. Es wuͤrde nur meine friſche Lebensluſt ſtoͤren und einen aberglaͤubiſchen Traͤumer aus mir machen. Es iſt doch nur alles Schwaͤrmerei und Tand, wenn nicht etwas noch Schlimmeres. Kein Menſch darf ſein Verhaͤngniß wiſſen. Doch will ich fuͤr den Alten ſorgen; ſeine Traͤumereien verrathen doch, daß er mir und meinem Geſchlechte treu und ergeben iſt. 5 Darauf ging Waldemar zu ſeinem Gefolge zuruͤck, und befahl, daß der alte, blinde Greis nebſt ſeinem Knaben ſogleich nach ſeiner Heimath auf den Felſen Kullen gefuͤhrt, und in der Zukunft auf Koſten des Koͤnigs verpflegt, jedoch ihm auf das Strengſte verboten werden ſollte, ſeinen Fuß auf die andre Seite des Sund je ſetzen zu duͤrfen. I, 16 242 Ernſt beſtieg Waldemar ſein Pferd wieder und ſah nochmals uͤber das Meer hinaus, wo er in weiter Entfernung das Schiff als einen kleinen, ſchwarzen Punkt noch erkennen konnte. Dann ließ er dem Gaul den Zuͤgel, und ſinnend wieder⸗ holte er in ſeinen Gedanken das Lied des Kullen⸗ mannes, Wort fuͤr Wort, von dem keine einzige Sylbe, ungeachtet der heiſeren und undeutlichen Stimme deſſelben, ſeinem ausgezeichnet ſtarken Gedaͤchtniß entſchluͤpft war. Vergebens ſann er darauf, einen tiefern Sinn, als eine allgemeine Warnung vor den Reitzungen und Verſuchungen der Jugend, gegen die das ausgelebte Alter am eifrigſten predigt, und welchen er, ſeiner heftigen Natur zufolge, auch am meiſten bloß geſtellt war, aus jenen raͤthſelhaften Worten heraus zu leiten; obgleich er ſich nicht einmal ſelbſt geſtehen wollte, daß die Worte des alten Traͤumers ihn betroffen gemacht, war doch der Hang ſeines Zeitalters zu dem Uebernatuͤrlichen und Geheimnißvollen auch ihm eigen, und er wiederholte jene dunklen Worte ſo oft in ſeinen Gedanken, daß ſie ſowohl, als das Bild des alten Kullenmannes, unvertilgbar vor ſeiner Erinnerung ſtanden; allein er draͤngte dieſe 243 Vorſtellungen mit maͤnnlicher Kraft zuruͤck, und verbarg ſie gleichſam im innerſten Winkel ſeiner Seele, waͤhrend das friſche, heitre Leben mit ſeinen kuͤhnen Hoffnungen und den ſtolzen Ent⸗ wuͤrfen von Sieg und Gluͤck, die ihm ſo zu ſagen angeboren waren, in ſchoͤnen und herr⸗ lichen Bildern ihm bald wieder vor Augen ſchwebten. Der Koͤnig war zuruͤck nach Ribehuus gerit⸗ ten, wo nach ſeinem Befehl eine große Menge von Rittern und Knappen in voller kriegeriſcher Ruͤſtung ſchon fertig waren, ihn ſogleich zu dem Heere zu begleiten, das, mit Graf Albert an der Spitze, ſchon vokäns uͤber die Elbe nach Pom⸗ merland gezogen war. Auch Waldemar ſtand bald unter ihnen mit Helm und Panzer, und am Arm das blanke, dreieckige Schild, das er zuerſt von den däͤniſchen Koͤnigen mit drei ſilber⸗ blauen Loͤwen und vier und zwanzig goldnen Herzen geſchmuͤckt hatte. Vor der Schloß⸗ treppe ſtand der bepanzerte Streithengſt, der ſchnaubend und ſtampfend ſeiner harrte. Erzbi⸗ ſchof Andreas und Bruder Gunner hielten ſich ſchon lange im Ritterſaal zur Reiſe fertig auf; 16* 9 244 Meiſter Harfenſaite, den Waldemar zu ſeinem Leibarzt ernannt hatte, ſtand mit dem Arznei⸗ kaͤſtchen unter dem Arm, und dem gruͤnen Kraͤu⸗ terſack auf dem Ruͤcken, an der Seite des Erz⸗ biſchofs. Um den Koͤnig zu ergoͤtzen und die Krieger waͤhrend des ſtrengen Winterzuges zu erheitern, waren Thorgeir Danaſkald und der islaͤndiſche Barde auch unter den naͤchſten Be⸗ gleitern des Koͤnigs. Der kahle Graf Claus ging aͤngſtlich und ungeduldig, den Panzer uͤber ſeinem zierlichſten Waffenkleide tragend, im Saale auf und nieder und wiſchte ſich den Schweiß von der blanken Stirn; denn er wußte, daß die Grafen von Schwerin Freunde des pommer⸗ ſchen Fuͤrſten waren, und obgleich der Koͤnig ihm verſprochen hatte, ſeine Verlobung mit der Graͤfin Ida zu vollbringen, fuͤrchtete er doch, daß dieſer Feldzug jene ſtoͤren moͤchte. Der Erzdechant Arnfred, der als Beichtvater des Königs zu dem Gefolge gehoͤrte, fuͤhlte zwar ſeine Wichtigkeit, aber betrachtete doch den Erzbiſchof und Bruder Gunner mit neidiſchen Blicken, denn er fuͤrchtete, durch ſie aus dem Vertrauen des Koͤnigs ver⸗ draͤngt zu werden. 245 „Zu Pferde, edle Herren,“ ertoͤnte nun Aſtrad Frackes gewaltige Stimme, und auf des Droſtes Weiſung eilten nun alle nach der Schloßtreppe, die der Koͤnig bereits hinabſtieg. Aber indem dieſer den Fuß in den Steig⸗ buͤgel ſetzen wollte, ſprengte ein fremder Ritter in unordentlicher Kleidung, von Staub und Pferdeſchaum bedeckt, in den Schloßhof, warf ſich ſchnell von dem ermuͤdeten Gaul, und ſank bleich und niedergebeugt zu den Fuͤßen des Koͤnigs. „Was hat das zu bedeuten? mein treuer, braver Johann Ganz,“ rief der Koͤnig erſtaunt, „wirſt Du von boͤſen Geiſtern gejagt. Stehe auf! Wann begehrte ich eine ſolche Huldigung von einem Lehnsmann und Ritter? Iſt Dir ein Ungluͤck wiederfahren, oder bringſt Du mir die Botſchaft von einer Niederlage? ſo rede doch Mann! und ſtelle Dich auf die Beine: biſt Du mit Stummheit oder Laͤhmung geſchlagen?“ „Gnade und Huͤlfe, mein koͤniglicher Herr und Beſchuͤtzer!“ flehte der ungluͤckliche Ritter 246 ſich erhebend.„Schlecht habe ich die mir anver⸗ traute Burg gehuͤtek. Graaboe liegt in Staub und Aſche. Ihr ſeht einen landfluͤchtigen, ver⸗ jagten Mann vor Euch! Doch habe ich meinen Herrn und Koͤnig weder hintergangen noch ver⸗ rathen. Ich bin tuͤckiſch gegen Wort und Treue in dem tiefſten Frieden und Sicherheit uͤberrumpelt und uͤbermannt worden. Er, der Graaboe in Aſche gelegt, iſt wie ich, ein Lehnsmann und Vaſall der daͤniſchen Krone.“ „Wer iſt es! rede!“ rief Waldemar heftig, waͤhrend der Zorn in ſeinen braunen Wangen gluͤhete.„Um Gottes Tod, das ſoll mir Niemand ungeſtraft gethan haben.“ 3 „Graf Henrik von Schwerin iſt der Raͤu⸗ ber!“ erwiederte der Ritter.„Er ſoll mir ins Geheim entſagt und meinen Untergang beſchwo⸗ ren haben, weil ich einſt in einem Wortſtreit ihn an ſeine Lehnspflicht gegen die daͤniſche Krone habe erinnern muͤſſen. Ich lege meine gerechte Sache in die Haͤnde meines Konigs, und harre mit Zuverſicht Eures koͤniglichen Schutzes. 44 * 247 „Bei Sanct Knud und allen Heiligen, den ſolſt Du nicht vermiſſen,“ rief Waldemar. „Aber um Gott! wie war es moͤglich? Du biſt der Mann nicht, der ſich aus der Hinterthuͤre ſchleicht und den Feind in dem Burgſaale den Willkommen trinken laͤßt.“ „Es iſt das erſtemal, daß Ihr mich ſo ſehet, Herr Koͤnig!“ ſprach der Ritter gebeugt, und ſchlug das ſtolze Auge beſchaͤmt zu Boden.„Vor Euren Augen, und denen dieſer tapfern Ritter, ſtehe ich zum erſtenmale als ein fluͤchtiger, geſchla⸗ gener Mann, aber ich tröſte mich, in den Augen der ganzen Welt meine Unſchuld beweiſen, und meine ritterliche Ehre vertheidigen zu koͤnnen. Spricht Luͤge und Hinterliſt aus meinem Munde, und iſt Graf Henrik kein Neidhart und Ver⸗ raͤther, dann moͤge der Henker meinen Schild mit dem ſpitzen Ende in die Hoͤhe an den Gal⸗ gen knuͤpfen, und die elendeſte Maͤhre ihn ruͤck⸗ lings an den Schweif gebunden durch den Koth ziehn. Haͤtte der Graf Henrik als ehrlicher Feind mich angefallen und keine Hinterliſt gebraucht, da waͤre Graaboe nicht niedergebrannt und ich 248 nicht hier, als ein ſchlechter Haushalter uͤber das Gut meines Herrn, und als ein dachloſer Fluͤcht⸗ ling ohne andre Habe als mein Pferd und mein gutes Schwert.“ „Bei meiner koͤniglichen Ehre, Dir ſoll voͤllige Genugthuung und Gerechtigkeit werden,“ ſprach der König ruhig und entſchloſſen.„Das verſpreche und ſage ich Dir hier in Gegenwart Aller; allein ich verurtheile Niemanden ungehoͤrt, und Graf Henrik ſoll das Recht haben, ſelbſt ſeine Sache vor meinem Richterſtuhl vertheidigen zu duͤrfen. Bis dahin kein Wort mehr von dieſer Sache, Ritter Ganz! Jetzt folgſt Du mir in die Schlacht.“ Darauf ſchwang ſich der Koͤnig auf den Streithengſt, und ſprengte mit ſeinem zahlrei⸗ chen Gefolge aus dem Schloßhof. Ritter Ganz beſtieg ſchweigend aber beruhiget einen friſch gepanzerten Gaul, den der Droſt ihm auf den Wink des Koͤnigs hatte vorfuͤhren laſſen. Wohl mehrere hundert Pferdehufe klapperten durch die Straßen von Ribe. Kinder und Weiber ſtroͤm⸗ 249 ten herbei, um an Fenſtern und Thuͤren den Köͤnig zu ſehen. Hohl donnerte es auf der Suͤdthorbruͤcke, und bald war der Koͤnig und ſeine glaͤnzende Schaar den neugierigen Zu⸗ ſchauern aus dem Geſichte verſchwunden. Ende des erſten Theils. A Von demſelben Verfaſſer ſind noch erſchienen: Sieben Jahre. Ein Beitrag zur geheimen Hofgeſchichte eines nordiſchen Reichs. 4 Thle. 8. 1824. Jugendgeſchichte des Herrn de Morbiere. 5 Thle. 8. 1826. Die Kleinſtaͤdtereien einer großen Stadt. Aus dem Franzoͤſiſchen. 4 Thle. 8. 1826. Die Todtenbraut oder Deodats Geburt. Wahrheit und Dichtung aus dem Leben. 5 Thle. Mit Kyfr⸗ Neue Aufl. 8. 1827. Ferner iſt ſo eben erſchienen: Die Schwaneninſel. Eine ſchwediſche Novelle von M. Adolphi. 3 Das Dreiblatt. (Kora und Minona, die Brieftaſche, die Hygeinthe.) Drei Erzaͤhlungen von Arminia. Das Salzbergwerk zu Wieliczka, Anhang zur Fuͤrſtentochter. Eine Geſchichte ſo ſich eben jetzt in Leipzig zugetragen von Ewald. Die Calviniſten in Leipzig. Erzaͤhlung aus dem letzten Drittheil des 1 ſechzehnten Jahrhunderts von Ed. Floraldin. 5 Thle. 8. Heinrich der Loͤwe. Biographiſcher Roman. Mit Heinrichs des Loöwen Bildniß nach einem alten Gemaͤlde der herzoglichen Bibliothek in Wolfenbuͤttel. ꝛr ar Thl.(Heinrichs Gluͤck.)— 3r 4r Thl.(Hein⸗ richs Fall.)(Erſcheint zu Michael.) Der ſchwarze Born. Der Cgoiſt. Zwei Erzaͤhlungen von E. Wodomerius. Eliſabeth von Frankreich und Iwan. Zwei Erzaͤhlungen von E. Wodomerius. 8. 1825. Madame Geoffrin und Aloyſe ꝛc. 1 Zwei Erzaͤhlungen von E. Wodemerius. 8. 1826. 1 — — ffffffffff 4 7 8 4— 8 5