Leihbibliother deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. V Leih- und Leſ ebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet o wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 24 „ 3* 1 2 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 8 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ 3„= 3„—. ne, 8 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 1 ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. A Feierabende oder Erzaͤhlungen in Poeſie und Proſa. Herausgegeben von Dr. Ludwig Hyneck. Drittes und letztes Baͤndchen. Schmalkalden, in der Th. G. Fr. Varnhagenſchen Buchhandlung. 1 82 2. Wiel ſpaͤter erſcheint hier das dritte Baͤnd⸗ chen, als anfaͤnglich im Plane lag; unvor⸗ hergeſehene Hinderniſſe von Seiten des Her⸗ ausgebers, und andere Unternehmungen von Seiten des Verlegers hinderten es. Ob dieſe Verſpaͤtung einen guͤnſtigen Einfluß auf die in dieſem Baͤndchen enthaltenen Er⸗ zaͤhlungen gehabt hat, wird das Urtheil der Käͤufer entſcheiden. Sollten ſie nicht be: friedigen, was wohl überhaupt bei der Menge guter Erzaͤhlungen, die wir bereits von Mei⸗ ſterhaͤnden beſitzen, ſchwer ſeyn duͤrfte, ſo darf ich geſtehen, daß es mir auch viel ſchwerer als im Anfang geworden iſt, da A Betruͤb⸗ Betruͤbniß und Schmerz nicht geſchaffen ſind, dem Geiſt jenen Schwung und jene heitere Laune zu geben, welche das Gemuüͤth des Er⸗ zaͤhlers durchdringen muͤſſen, wenn er ſeinnnn Leſern oder Zuhöoͤrern die Zeit angenehm ver⸗ 3 kürzen will. Schonung und Nachſicht muß dann einer ſeiner groͤßten Wuͤnſche ſeyn. Geſchrieben F. im September 1821.— * Inhal e,. 1. Walthers Reiſe nach der Reſidenz⸗ 2. Heinrich der Welfe. Poetiſche Erzählung. Die Verſchmaͤhung. Raͤthſel. An einen Freund. Die Stunden der Weihe. Aenigmatiſche Comparation.. — 3. Die Lyonnaiſen. 4. Luther oder der Sieg des Glaubens. Die beiden Schlußgeſaͤnge. 1 Walthers Reiſe nach der Reſidenz. Walthers Reiſe nach der Reſidenz. ½ 11 Un die Zeit, wo die Felder, ihres goldnen Aeh⸗ renſchmucks beraubt, nur noch den Glockenklaͤn⸗ gen weidender Heerden horchen koͤnnen, weil der Geſang der Voͤgel verſtummt iſt, und die Schwal⸗ ben ſchon uͤbers Meer gezogen ſind, wanderte Walther aus L., um in der freien Natur von dem ſeit einem halben Jahr eingeſchluckten Schul⸗ ſtaub zu geneſen, mehr noch um Geiſt und Herz zu erfriſchen, und neuen Muth fuͤr die Folge zu ſchoͤpfen. Er gedachte ſich durch eine kleine Reiſe zu zerſtreuen, denn er fuͤhlte wohl, daß auch die groͤßte Begeiſterung fuͤr das Alterthum und ſeine Heroen in dem engen Schulzimmer weder wach⸗ ſen, noch recht gedeihen koͤnne, und leider mußte das auch ſelbſt bei dem brennendſten Feuer, das ihn durchgluͤhte, geſchehen, da in der kleinen Stadt, die ihn jetzt als Rector admirirte, die e latei⸗ —— lateiniſche Schule ſo bundſchaͤckig und alterthuͤm⸗ lich ſpießbuͤrgerlich war, daß man ungewiß blieb, ob ſie ein Lyceum oder eine ABCſchule vorſtellen ſolle. Gleich der ehrwuͤrdigen Behauſung der ſtädtiſchen Themis war ſie außenwaͤrts ſchwarz anzuſchauen, und in ihrem Innern herrſchte eine faſt erebiſche Finſterniß; wegen des faſt beſtaͤndi⸗ gen Laͤrms, der in Schule und Rathhaus tobte, nannte man ſelbſt im Staͤdtchen die erſtere nur den kleinen Senat. Walther hatte zwar vor einem Jahr das Directorium dieſer beruͤhmten Schule unter großen Verſprechungen angenommen, aber ſchon bei ſeinem erſten Eintritt in dieſelbe üͤbermannte ihn ein ſolcher Ekel, daß er darauf ſann, es koſte, was es wolle, binnen Jahr und Tag in eine andere Lage zu kommen. Buͤrger: meiſter und Senatus ließen ihn zudem mit der Erfuͤllung ihrer Verſprechungen ganz im Stich, und meinten, wenn er Erinnerung that, Zeit und Geduld bringe Roſen. Dornen, rief er dann, die mir das Herzblut abzapfen, die Roſen ſehe ich nur in meines Nachbars Garten. Er beabr ſichtigte daher bei ſeiner Reiſe zugleich einen Ver⸗ ſuch, eine andere Anſtellung zu erhalten, nur war ihm unbekannt, auf welchem Wege. Goͤnner hatte er in der Reſidenz nicht, nicht einmal Be⸗ kannte, und doch wollte er grade in der Reſidenz einen Verſuch machen; denn einig war er nun laͤngſt — laͤngſt mit ſich, was er wollte, und alles wollte er, nur nicht laͤnger mehr Rector, uͤberhaupe nicht laͤnger mehr Schulmann bleiben; nach einem freiern Wirkungskreis ſehnte ſich ſein Geiſt, der unter dem Rudel ſeiner geiſtloſen Jungen zu ver⸗ kuͤmmern drohte, in die Weite ſein Herz, das den Unbeweibten noch an keinen feſten Heerd band. Seine Sehnſucht, aus der widrigen Umgebung, deren Hefe er nun ſchon ſeit einem Jahre geko⸗ ſtet hatte, heraus zu kommen, ward grade jetzt wieder durch die Jahreszeit und Jugenderinnerun⸗ gen heftig aufgeregt. Die Straße, auf der er hinſchritt, ſchlaͤngelte ſich in mancherlei uͤberra⸗ ſchenden Wendungen uͤber Huͤgel und um eckig⸗ aufſteigende Berge herum, und zuvorkommend gruͤßten ihn die Schaͤfer, die bisweilen auf ihre langen Staͤbe geſtuͤtzt, am Wege ſtanden, oder an abgegraßten Rainen lagen, und mit ihrem Hunde ſpielten. Weiter druͤben, jenſeits der gro⸗ ßen Stoppelfelder begleitete ihn in beſtaͤndig gleich⸗ bleibender Richtung ein Bergruͤcken, den hohe Buchenwaldungen und herrliche Eichen beſchatteten. In Gedanken uͤber ſein bisheriges Schickſal ver⸗ loren, wurden ſeine Schritte langſamer, und end⸗ lich blieb der Nachſinnende auf der Spitze eines kleinen Huͤgels ſtehen, und ſchaute unverwandten Blicks in die Sonne, die ihrer blendendſten Strah⸗ len entkleidet, im Untergehen die Gipfel des Berg⸗ ruͤckens — 10— ruͤckens roth faͤrbte, indeß aus einigen nahen Doͤrfern das Abendgelaͤute ſanft und beruhigend, in gemiſchten Weiſen und Toͤnen, bald naͤher, bald entfernter, durch die Luͤfte zog⸗ Die Spitzen des Waldes gluͤhten jetzt in einem hellen Zinnober⸗ roth; einige hoͤher aͤber alle emporblickende Wipfel ſtolz aufregender Baͤume ſchienen ſich wolluͤſtig in dem reinen Gold des himmliſchen Lichtes zu baden, und zitterten, von herbſtlichen Windſtoͤßen bewegt, hin und her. Tiefer herunter verſchwamm das helle Roth in immer dunklere Farben, bis es mit dem leicht kandirten Dunkelblau zuſammenfloß, das die Thalſchatten uͤber den Niederwald aus⸗ goſſen 861 155 antndt: Walthern wurde jetzt wie in ſeinem Knaben⸗ alter. Seine Sehnſucht in die Weite, deren Graͤn⸗ zen er aber weder wußte, noch mit Worten zu deuten verſtand, wuchs mit ſeiner Ruͤhrung uͤber die Schoͤnheit des Abends. Er ſtreckte unwills kuͤhrlich die Arme nach der Sonne aus, als ſolle ſie ihn mit ſich nehmen in das unbekannte, nur ſeinen Jugendtraͤumen erſchienene Land; das Herz ſchlug ihm geſchwinder, die Augen hefteten ſich wie gebannt an die Hoͤhe, hinter der eben die Sonne ſank, und die ganze Phantaſie ſeines heißen Blutes ſtand auf einmal erwartungsvoll ſtille, als wenn der Flug nun beginnen werde. Spoͤttelnd weckte ihn ein Poſthorn, das ploͤtzlich 1 hinter — 11— hinter dem Huͤgel herauf toͤnte, und ihn aus aller Begeiſterung wieder in's proſaiſche Leben riß. Eine Chaiſe mit zwei raſchen Braunen rollte den Huͤgel herauf, denſelben Weg verfolgend, den er zog. Ohne ſie weiter zu beruͤckſichtigen, wen⸗ dete ſich Walther, und ſchritt den Huͤgel hinab. In gleichem Augenblick brummte ein ſtarker Schuß in dem Waͤldchen, das laͤngs der Heerſtraße hin⸗ lief, und ein waidwunder Hirſch ſtuͤrmte kurz vor dem Wagen uͤber den Weg. Beides, der Schuß, und das unvermuthet vor den Pferden vorbei⸗ ſtuͤrzende Thier machte ſie ſcheu, ſchnaubend raß⸗ ten ſie an Walthern voruͤber, der den Poſtillon vom Bock ſtuͤrzen ſah, und ſtuͤrmten queer an der Seite des Waͤldchens den Huͤgel hinab. Im Augenblick des erſten Schreckens ſtand der Fuß⸗ gaͤnger wie angewurzelt am Boden, dann aber ſchoß er, beſonnener, und mit einem Gedanken das ganze Ungluͤck uͤberſehend, wenn es ihm nicht gelaͤnge, den Wagen einzuholen, raſch im Gefuͤhl ſeiner ſchon fruͤh geuͤbten Laͤuferſchnelle, hinterher. Alle Kraft des Geſichts und Gehoͤrs bei der her⸗ annahenden Daͤmmerung zuſammennehmend, be⸗ merkte er bald, als er den Huͤgel hinter ſich hatte, daß der Wagen umgeſtuͤrzt war, und von den tobenden Roſſen zwar noch immer mit glei⸗ cher Wuth, aber nicht mit gleicher Schnelle fort⸗ geſchleift wurde. Der Wunſch zu retten, gab ihm — 121— hm Fluͤgel, Hoffnung dazu die Bemerkung, daß die raſenden Thiere mehr nach der Waldſeite zu⸗ jagten, wo Baͤume und Straͤuche vielleicht Wider ſtand leiſteten. Er verdoppelte daher ſeine An⸗ ſtrengungen, warf Stock und Hut von ſich, und rannte, als gälte es ſeinem eigenen Leben, darauf los. Immer naͤher und naͤher kam er, und ſchon ſah er den Wagen, als ſich die Pferde, wie er vorausgewuͤnſcht hatte, in die Gebuͤſche warfen; jetzt nahm er die letzte Kraft zuſammen und er: reichte athemlos den Platz. Vor allem fiel er den tobenden Pferden in die Zuͤgel, die das Hinder⸗ niß zu durchbrechen arbeiteten, und von Neuem nach der Straße braußen wollten. Zwar ſtiegen ſie wild empor, und riſſen ihn von einer Seite zur andern, aber endlich gelang es ihm doch, ſie zu beſaͤnftigen. Gluͤcklicherweiſe ſtand kaum einen Schritt vor ihm ein ſtarker Baum, um dieſen ſchlang er geſchwind die verwickelten Zuͤgel⸗ und loͤßte dann vorſichtig die Straͤnge. Jetzt war der Wagen in Sicherheit, und Walther naͤherte ſich ihm nun haſtig, um zu erfahren, in welchem Zu- ſtand ſein Inhalt ſey. Er oͤffnete den Schlag⸗ aber die tiefe Daͤmmerung ließ ihn nichts deut⸗ lich erkennen. Er taſtete um ſich, und fuͤhlte endlich menſche liche Gliedmaſen, maͤnnliche Kleider. Der Wagen ſchien nur eine Perſon zu enthalten, die auf dem Kutſchen⸗ — 13— Kutſchenſchlag gegenuͤber lag; mit unſaͤglicher Muͤhe gelang es ihm endlich, den Lebloſen herausziehen, und neben dem Wagen niederzulegen. So viel noch die Dunkelheit erlaubte, ſah er, daß es ein ſchon etwas aͤltlicher Mann war, das Geſicht, wel⸗ ches nach der Seite zu gelegen hatte, wo der Wa⸗ gen auf der Erde fortgeſchleift worden war, ſchien ſehr gelitten zu haben, und war mit Blut bedeckt. Ob er todt, oder nur ohnmaͤchtig ſey, ob Glieder gebrochen waren, oder nicht, konnte Walther nicht unterſcheiden. Aber was nun anfangen? ſollte er alles liegen und ſtehen laſſen, und nach dem naͤch⸗ ſten Ort nach Huͤlfe eilen? oder warten, bis jemand vorbeikommen wuͤrde?— Einen Augenblick ſtand er nachſinnend und verlegen, da riß ihn das Aech⸗ zen und Fluchen des Poſtillons aus der Verlegen⸗ heit, der unverletzt, aber von dem Fall einige Zeit betaͤubt, jetzt nachgewankt kam, um zu erfahren, was aus Wagen und Pferden geworden ſey. Wal⸗ ther ſchrie ihm zu, ſich zu eilen, denn ſein Paſſa⸗ gier liege wie todt da. Hat ſich was zu eilen, brummte dieſer, und wankte naͤher, bin ſelber ſd lahm, als waͤr' ich aus dem Himmel in die Hoͤlle gefallen. Aber ſo geht's, haͤtte der Herr mit meinen Maͤhren gefah⸗ ren, die waͤren ihm nicht durchgegangen, denn ſie ſind hagelduͤrr und alles gewohnt. Muß der verdammte Gruͤnrock kommen, und mich vom Bock puffen. Laßt — 1 4— Laßt nur eure Maͤhren, und kommt hierher, rief Walther wieder. Haltet die Pferde, daß ſie nicht wieder davon rennen, ich will in den naͤchſten Ort eilen, und Huͤlfe holen.— Der Herr braucht nicht weit zu gehen, die Station muß gleich in der Naͤhe ſeyn. Walther eilte fort, und erreichte auch nach einer Viertelſtunde das Staͤdtchen. Die Leute wun⸗ derten ſich nicht wenig, einen Reiſenden athemlos, ohne Hut und Stock, und mit Blut an den Haͤn⸗ den eintreten zu ſehen; inzwiſchen machten ſich meh⸗ rere herbei, und ließen ſich, als er das Noͤthigſte geſagt hatte, in Hoffnung einer tuͤchtigen Beloh⸗ nung, bereitwillig finden, ihm mit einem Trag⸗ bette und einer Laterne zu folgen. Man fand noch alles, wie es verlaſſen worden war⸗ Vor allem wurde der lebloſe Paſſagier auf das Tragbette ge⸗ legt, dann die Chaiſe aufgerichtet, die zerbroche⸗ nen Hinterraͤder mit Stricken zuſammengebunden, und die ruhig gewordenen Pferde angeſchirrt⸗ So ging der Zug langſam nach dem Staͤdtchen zuruͤck, in deſſem beſten und einzigen Gaſthaus Quartier gemacht wurde. Gluͤcklicherweiſe wohnte ein Arzt und ein Chirurg in der Naͤhe, dieſe eilten bereit⸗ willig herbet, um ihre Kunſt zu verſuchen. Waͤhrend dieß geſchah, naͤherte ſich Walther dem Poſtillon, der ſeines Sturzes vergeſſend ſich ganz gemuͤthlich an ein großes Stuͤck Braten ge⸗ 1 macht — 15— macht hatte, und tapfer ein Stuͤck nach dem andern davon verſchlang. Koͤnnt ihr mir nicht ſagen, wen ihr gefahren habt? Was Vornehmes— muß es ſeyn, antwortete der Gefragte, einen großen Biſſen zwiſchen den Zaͤhnen, der nicht hinunter wollte. Heute fruͤh kam er mit vier Pferden und einen Kammerdiener Extrapoſt angefahren; der Kammerdiener aber war graͤmlich und krank, denn der Doctor Spuͤrnaſe, es iſt ein tuͤchtiger Mann, ſagte gleich, daß er, nemlich der Kammerdiener, nicht weiter fahren duͤrfte. Er, nemlich der Kammerdiener, wollte aber vom Dableiben nichts wiſſen; doch der Herr befahl's ihm, und ließ viel Geld da zur Verpflegung. Nachher ſollte's fortgehen. Wie ich meine Maͤh⸗ ren anſchirren wollte, fiel's ihm ein, nemlich dem Herrn, daß ſie ihm nicht gut genug waͤren, denn es ſollte recht geſchwind gehen. Da mußte denn der Herr, nemlich der Herr Poſtmeiſter, beſſere anſchaffen, und die haben denn auch gefahren, daß mir Hoͤren und Sehen verging, und ihm das Le⸗ ben ausgeblaſen worden iſt. Habt ihr ihn denn aber nicht wenigſtens einmal vom Doctor Spuͤrnaſe oder dem Kammerdiener beim Namen oder Titel nennen hoͤren? Nichts hab' ich gehoͤrt, denn erſtlich bin ich auf dem linken Ohr taub, und zweitens war ich nicht — 26— nicht dabei; aber ich will den Doctor Spuͤrnaſe fra⸗ gen, wenn ich heim komme, der gewiß alles weiß. Der Herr Doctor fragt nach Ihnen, rief hier der Wirth Walthern zu. Dieſer eilte hinauf. Im Vorzimmer kam ihm der Arzt entgegen, der Walthern vermuthlich als zum Gefolge des Kranken gehoͤrig betrachten mochte, und ſagte ihm, daß der Patient wieder zur Beſinnung gekommen ſey. Das Abentheuer habe ein ſehr gluͤckliches Ende genommen. Weder er, noch der Chirurg faͤnden eine Verletzung an ſeinem Koͤrper, außer einigen unbedeutenden im Geſicht; Schreck und das ungewohnte Ruͤtteln allein haͤtten ihm ein kleines Fieber zugezogen, das aber binnen wenig Stunden voruͤber ſeyn wuͤrde. Walther blieb im Vorzimmer, wahrend der Wundarzt auf des Doctors Befehle noch einige Vorkehrungen traf, und als ſich auch dieſer ent⸗ fernte, verſprach der erſtere, die Nacht beim Kranken zu wachen; nur müßte er erſt einmal heim laufen.„ Nach ſeiner Entfernung ſann Walther. allein zuruͤckbleibend, daruͤber nach, was es nun mit ihm eigentlich werden ſolle. Der Fremde war und blieb ihm, wenn er ihn gleich gerettet hatte, ein fremdes Weſen, was er zu thun gehabt hatte, war gethan, und die Zeit hier im Gaſthauſe zuzubrin⸗ gen, war ihm theils zu koſtſpielig, theils zu lang⸗ weilig. — 17— weilig. Sein Reiſeziel ging weiter, und wer ſollte denn indeß in der Reſidenz fuͤr ihn ſuppliciren? Auf der andern Seite ſiel ihm aber doch wieder ein, daß der Fremde niemand bei ſich hatte, und von paſſender Geſellſchaft ganz und gar nichts um ſich ſah. Vielleicht konnte Walthers Gegenwart nuͤtzlich und nothwendig fuͤr den Kranken ſeyn. Er beſchloß daher, wenigſtens ſo lange zu bleiben, bis er ihn erſt einmal geſprochen habe. Ein Geraͤuſch in dem Zimmer des Kranken, das aus der oſſengebliebenen Thuͤre bemerkbar wurde, kuͤndigte ſein Wachſeyn an; Walther eilte hinein. Der Fremde richtete ſich bei ſeinem Eintritt ſchon ziemlich munter in die Hoͤhe, und rief ihm entgegen, ihn fuͤr den Doctor nehmend, daß es beſſer werde. Walther bat ihn, ſich zu ſchonen, und be⸗ merkte dann, daß er nicht der Arzt ſey. Indeſ⸗ ſen habe ihn das Geſchick doch ſo ſtark mit in das Abentheuer verwickelt, daß er es wohl wagen koͤnne, nach des Geretteten Zuſtand ſich zu er⸗ kundigen. Einen Augenblick ſah ihn der Fremde ver⸗ wundert an, dann bat er Walthern, ihm die Naͤthſel dieſer Stunden zu loͤſen, weil er wirklich nicht wiſſe, wie er hierher gekommen. B Jetzt — 18— Jetzt erzaͤhlte dieſer offen, ohne jedoch beſon: deres Gewicht auf ſeinen Antheil an der Geſchichte zu legen, was nach dem Davonrennen der Pferde vorgegangen ſey. Ich merke wohl, laͤchelte jener, als Walther geendigt hatte, wem ich die Rettung meines Lebens zu danken habe— an einen Undankbaren ſind Sie wenigſtens nicht gerathen. Walther verbeugte ſich, und verbat hoͤflich den Dank, der ihm das Gefuͤhl einer erfuͤllten Pflicht doch nur verkuͤmmern muͤßte. Auch ſey er nicht des Dankes wegen erſchienen, nur das habe ihn herauf getrieben, daß er habe bemerken muͤſſen, wie der Patient ohne alle weitere Geſellſchaft ſey. Nun, nun, junger Mann! wahr bleibt's, des Menſchen Herz iſt ein trotzig Ding. Aber wollen Sie mir nicht Ihren Namen ſagen? Auch mein Name thut nichts zur Sache, Sie haben es ja mit dem Menſchen zu thun. Gut, ich will mich beſcheiden. Doch verſpre⸗ chen muͤſſen Sie mir, wenn es anders Ihre Ver⸗ haͤltniſſe erlauben, noch wenigſtens einige Tage bet mir zu bleiben. Sie ſelbſt bemerkten ja, daß ich niemand bei mir habe, dem ich vertrauen kann. Iſt mir's moͤglich, ſo fahre ich ohnedem morgen weiter, denn alle Schmerzen ſind verſchwunden, und die paar Beulen am Kopfe werden nicht hin⸗ dern. Wo geht Ihr Weg hin? In — 19— In die Neſidenz. Deſto beſſer! dann ſind wir doch noch einen halben Tag R zeiſegefaͤhrten. Sie werden mir es ja nicht abſchlagen? 2 Ich will nicht widerſprechen, antwortet Wale ther; doch wuͤnſchte ich ſehr, zu wiſſen, mit wem mich das Ohngefaͤhr zuſammenfuͤhrte. Mein Name, ſagte der Fremde, thut nichts zur Sache, Sie haben es ja mit dem Menſchen zu thun. Ich verſtehe, ſprach Walther, Sie wiſſen zu ſtrafen. Doch ſchonen Sie ſich; um deſto gewiſſer duͤrfen Sie hoffen, morgen fruͤh Ihren Weg fort⸗ ſetzen zu koͤnnen. Zwar will der Wundarzt die Nacht hier zubringen, doch ſollten Sie wuͤnſchen, daß ich bei Ihnen bleiben moͤge, ſo haben Sie nur die Guͤte, mir einen Wink zu geben. Nein, mein lieber Freund! begeben Sie ſi ich nur zur Ruhe, morgen wollen wir weiter ſprechen. Hier trat der Wundarzt ein, Walther wuͤnſchte eine gute Nacht, und ließ ſich vom Wirth ein Zim⸗ mer anweiſen, der ihn hart an die Krankenſtube bettete. Hier ſann er von Neuem den Begeben⸗ heiten des heutigen Tages nach, kam dann auf ſeine eigenen Angelegenheiten, ſeine Wuͤnſche und Ausſichten, die, je truͤber ſie ihm im Ganzen er⸗ ſchienen, deſto ſchlafloſer machten. Er verſuchte B2 ein⸗ . einzuſchlummern, aber fuͤrchterliche Traͤume ver⸗ jagten ſchon nach wenig Minuten ſeinen Schlaf. Mitternacht mochte begonnen haben, und alles um ihn ſchlief in ſoͤßer Ruhe, als ihm ein Feuer⸗ geruch ſo ſtark aufftel, daß er ſchnell aus dem Bette ſtürzte, ſich ankleidete, und hinaus eilte. Draußen auf dem Gange qualmte ihm ſchon dicker Rauch entgegen. Haſtig riß er die Thuͤre des Zimmers auf, wo der Chirurg wachte; aber hier wirbelte der Rauch ſo dicht um ihn auf, daß er kaum Odem ſchoͤpfen mochte; vom Chirurg ſah und hoͤrte er nichts, aber helle Flammen liefen dagegen ſchnell an den tapetengeſchmuͤckten Waͤn⸗ den umher. Feuerrufend ſprang er daher in das Krankenzimmer, riß den Feſtſchlafenden mit ge⸗ waltiger Staͤrke aus dem Bette, warf ihm ſeinen Oberrock uͤber, und trug ihn durch Feuer und ihm Wirth und Wirthin, Knechte und Maͤgde im poſſierlichſten Aufzug entgegen; Walther rief ihnen zu, was ſie wiſſen ſollten, und trug ſeine Laſt die Treppe hinunter, und zum Hauſe hinaus. Jetzt entſtand in allen Gaſſen Laͤrm, Lichter wur⸗ den in allen Fenſtern ſichtbar. Walther keuchte Dampf hinaus auf den Vorſaal. Hier ſtuͤrzten mit dem Kranken einem gegenuͤberliegenden Buͤr gerhauſe zu, wo eine alte Frau, an allen Glie⸗ dern zitternd, die Fluͤchtlinge aufnahm. Der — 21— Der Fremde, der indeſſen zu ſich gekommen war, ſich im Oberrock und Hemde ſah, und den Tumult auf den Straßen hoͤrte, wußte nicht, wie er daran war. Walther erklaͤrte ihm in der Ge⸗ ſchwindigkeit, was das Alles bedeute, und eilte dann wieder hinuͤber, um wo moͤglich die Sachen ſeines Schuͤtzlings zu retten. Druͤben aber war durch einen beſonnenen Knecht die groͤßte Gefahr getilgt, und als Walther an die Thuͤre kam, brachten einige den Chirurg getragen, der noch immer in tiefer Betaͤubung lag. Nach einer hal⸗ ben Stunde war die Ordnung wieder hergeſtellt, und nun entdeckte ſich's auch, daß niemand als der wachſame Aesculap die Urſache des ganzen Spectakels geweſen war. Der gute Mann hatte, bevor er ſeine Nacht⸗ wache antrat, bei ſeinem Gevatter, dem Baͤcker, wieder die Probe etwas ſtark an einem eben an⸗ gekommenen Kuͤmmelbranntwein, von dem er ein ſehr zaͤrtlicher Freund war, gemacht, und war dann benebelt in den Gaſthof getreten. In's Vor⸗ zimmer verwieſen ſetzt er ſich da, das Licht neben ſich ſtellend, an das halb offene Fenſter, und ver⸗ ſinkt, von den Duͤnſten des ſuͤßen Genuſſes be⸗ taͤubt, in leichten Schlummer, der zum bleiernen Schlaf ward. Ein leichter Windſtoß mochte den langen Vorhaͤngefluͤgel uͤber das Licht gehaucht haben, die Flamme ergreift ihn, und leckt an der — 22²2— der alten Wand empor. Als Walther die Thuͤre aufreißt, erhaͤlt das glimmende Feuer Luftzug, und verzehrt, ſchnell um ſich greifend, die alten Tapeten. Die backſteinene Wand hielt die Gewalt des Feuers auf, und darum wurden einige Guͤſſe Waſſer bald Herr uͤber die brennenden Baſken. Ein Knecht, welcher im Tumult uͤber den vom Stuhl geſunkenen Chirurg ſiel, entdeckte den Betaͤubten. Walther kehrte jetzt mit den Kleidern des Fremden zur alten Frau, die ſie aufgenommen hatte, zuruͤck. G Sie ſind ein ſchneller und heſoaneger Retter, rief ihm dieſer entgegen, und richtete ſich aus dem alten Lehnſtuhl auf, in den er ſich geworfen hatte. Ein Gluͤck, daß Sie mir Ihren Oberrock uͤberwarfen. Es hat Ihnen doch nichts geſchadet? Meinen Oberrock? rief Walther, und fand zu ſeinem Erſtaunen, daß es gegruͤndet war. Davon weiß ich wirklich nichts. Doch dem Him⸗ mel ſey Dank, wir ſind doch alle noch mit einem blauen Auge davon gekommen. Ich ſtimme ein in den Dank gegen den Himmel. Aber, ſagte Walther, wie mag dieſer neue Laͤrm auf Sie gewirkt haben? Im Gegentheil, antwortete jener, ich befinde mich vollkommen wohl. Geben Sie nur meine Kleider Kleider her, ich will mich ankleiden, und dann wollen wir wieder hinuͤber gehn. Im Gaſthauſe hatte man ſich beruhigt, nur der Wirth eilte ſcheltend Treppe auf und Treppe ab, und drohte, mit dem Fuß oft heflig auf die Erde ſtampfend, dem Feuerbrand von Wundarzt einen Prozeß an den Hals zu werfen. Laſſen Sie Ihre Feindſchaft, ſagte der Fremde zum Wirth, nur fahren: ich bin eigentlich, wenn auch auf eine entfernte Weiſe, die Urſache dieſes Uebels, und fuͤhle mich daher verbunden, den Schaden zu erſetzen. Beſorgen Sie nur indeß Poſtpferde, und wenn mein Wagen noch nicht in Ordnung ſeyn ſollte, auch eine Chaiſe fuͤr mich. Es will mir hier, wendete er ſich zu Walthern, nicht recht gefallen, beſſer wir kehren dem Un⸗ gluͤcksort den Ruͤcken zu. Nach einer halben Stunde kam der Wagen; der Fremde haͤndigte dem Wirth fuͤr den Arzt und Chirurg eine Summe ein, und fuͤgte dann noch etwas Betraͤchtliches als Schadenerſatz und andere Koſten bei, ſo daß der Wirth, der mit merkurialiſcher Geſchwindigkeit am Gewicht die Groͤße der Summe erkennen mochte, mit Buͤcklin⸗ gen und Gluͤckwuͤnſchen kein Ende wußte. Wal⸗ ther naͤherte ſich jetzt ebenfalls, um ſeine Schuld zu berichtigen, aber der Wirth deprecirte, nannte ihn den Retter ſeines Wohlſtandes, und war durch⸗ aus —„, aus nicht zu bewegen, etwas anzunehmen. Von der andern Seite rief der Fremde, daß er ſich einſetzen moͤge, ſo daß er nicht wußte, was er beginnen ſolle. Endlich ſtieg er doch, obwohl miß⸗ vergnuͤgt in den Wagen, der jetzt raſch durch das Thor rollte.. Anfaͤnglich ſaß er ſtumm an der Seite des neuen Reiſegefaͤhrten, aͤrgerlich uͤber ſich und uͤber den Wirth; nicht haben bezahlen zu duͤrfen, be⸗ leidigte ſein Ehrgefuͤhl. Indeſſen war es nicht mehr zu aͤndern, und er gewann es nun doch über ſich, ſeinem Nebenmann etwas ſchaͤrfer von der Seite in das Geſicht zu blicken, denn bisher hatte er weder Zeit, noch Luſt noch Gelegenheit gehabt, ihn zu fixiren. Trotz Beulen und Schmar⸗ ren fand er doch ſo viel Edles und Freundliches in ſeinen Mienen, daß er Berärausn zu ihm zu faſſen begann. Sein Reiſegefaͤhrte unterhrach jetzt die Gedan kenreihe, die ſich bei Walthern anknuͤpfen wollte, mit der Frage, ob er in der Reſidenz wohne? Walther verneinte es, ohne jedoch etwas hin⸗ zuzuſetzen. Ich daͤchte, begann jener, die 26 bis 30 Stun⸗ den, welche wir nun zuſammen verlebt haben, und in welchen uns ſo vieles Denkwuͤrdige begeg⸗ net iſt, waͤren eben ſo gut, als waͤren es ſo viel Jahre. Offen geſtanden, ich weiß gerne, mit wem ich ich reiſe. Sprechen Sie daher nur gradeaus mit einem Manne, deſſen Herz Sie in ſeinen Augen ſehen muͤſſen, wenn nicht das geſtrige Abentheuer auch das mit fortgeſchleift und verletzt hat. Da⸗ bei bog er ſich herum, und blickte Walthern mit ein paar ernſten, aber freundlich blauen Augen an. Dieſer ergriff ſeine Hand. Es iſt kein Eigens ſinn, der mich zuruͤckhaͤlt. Das Einfache, was ich von mir zu ſagen weiß, iſt, daß ich Rector in L. bin. Unzufriedenheit mit meiner Lage treibt mich nach der Reſidenz, wo ich eine andere, mich mehr anſprechende Anſtellung ſuchen wollte. Sie haben alſo ſtudiert? In G. und fuͤnf Jahre lang, alte und neue Sprachen, Philoſophie, Geſchichte und Jurispru⸗ denz, nur keine Theologie, die mir jetzt viel nuͤtz⸗ eecher ſeyn koͤnnte. Als ich die Univerſitaͤt ver⸗ laſſen hatte, brach die Morgenroͤthe der Freiheit meines Vaterlandes vom druͤckenden Joch fremder Willkuͤhr an; ich reihte mich mit Begeiſterung zu den vaterlaͤndiſchen Kriegern als Freiwilliger, und focht manche Schlacht mit durch. Als ich zuruͤck kam, hatten alle Huͤlfsquellen meiner vormaligen Exiſtenz aufgehoͤrt, und ich ſah mich mittellos und ohne Freunde. Dennoch mußte ich ein Geſchaͤft ergreifen. Eine Advokatur? ſie war zu precair, da mich niemand kannte. Hauslehrer? das fiel mir nicht ein. Da hoͤrte ich, daß in L. die Rector⸗ — 26— Rectorſtelle vacant ſey, die der Rath dieſer Stadt zu vergeben habe; ich ſtellte mir unter dieſem Rectorat etwas mehr vor, als es iſt, meldete mich dazu, und, da kein Mitbewerber erſchien, erhielt ich ſie. Aber mein Zuſtand, als ich das neue Amt angetreten hatte, war eine Hoͤlle. Man hatte mir einige Verſprechungen gemacht, die Schule zu verbeſſern, meinen Gehalt zu er⸗ hoͤhen, aber es blieb beim Verſprechen. Zu mei⸗ ner eigenen Beſchaͤmung bemerkte ich bald, daß ich fuͤr alles andere, nur zu keinem Schulrector ein paſſendes Subject ſey, daß ich wohl mit Maͤn⸗ nern verkehren koͤnne, aber nicht mit den rohen Buben einer mittelmaͤßigen Landſtadt. Von Woche zu Woche ward mir mein Schickſal unertraͤglicher, und ſehnlich harrte ich auf die eintretenden Fe⸗ rien, um mir Luft zu machen, und durch eine Reiſe in die Reſidenz vielleicht eine guͤnſtigere Veraͤnderung meiner Lage zu bewirken. Wie es aber damit gehen wird, iſt mir jetzt noch ein Naͤthſel, denn ich bin weder je in der Reſidenz geweſen, noch kenne ich irgend jemand daſelbſt. Walther ſchwieg hier; jener druͤckte ihm die Hand, und ſagte: Bereuen Sie es nicht, mich zum Vertrauten Ihrer Wuͤnſche gemacht zu haben. Laſſen Sie mich Ihnen einen Vorſchlag machen. Folgen Sie mir auf mein Landgut, und geben Sie von dort aus dem Rath zu L. ungeſaͤumt Nach⸗ — 27— Nachricht, daß ſein Rectorat von jetzt an wieder vacant ſtehe. Ihre Sachen laſſen Sie einpacken, und ich will ſie abholen laſſen. Ich beſitze ziem⸗ lich anſehnliche Connexionen in der Reſidenz, und werde alles thun, Ihnen eine paſſende Anſtellung auszuwirken. Dazu gehoͤrt aber Zeit, und ich habe ſelbſt noch keine Luſt, Sie gleich wieder von mir zu laſſen. Sind Sie verheirathet? Walther ſtaunte ihn einen Augenblick, beſtuͤrzt uͤber die Wendung, die ſein Schickſal nehmen zu wollen ſchien, an, und vergaß, auf die letzte Frage zu antworten. Endlich faßte er ſich: ich nehme den Vorſchlag an, um ſo lieber und ſiche⸗ rer, da kein zaͤrtliches Band mich an irgend einen Ort feſtknuͤpft. Gue— ſo ſind wir ja im Reinen, und ſo⸗ bald wir daheim angekommen ſind, ſollen Sie auch erfahren, mit wem Sie zu thun hatten, und wer Ihnen die zweimalige Rettung ſeines Lebens verdankt. Der Wagen fuhr zu, und als der Mittag voruͤber war, bog er vom Heerweg nach einem angenehmen, ſchoͤn gebauten und nahen Dorfe ab. Nach einer Viertelſtunde ſchon fuhr er durch ein hochgewoͤlbtes Thor vor einem geſchmackvollen Schloſſe vor. Ein Bedienter ſprang die Stufen unter dem Portal herab, oͤffnete den Schlag, und blieb einen Augenblick verſtummt ſtehen⸗ Nun, — Nun, Heinrich! ſo ſtumm? doch alles wohl? rief Walthers Gefaͤhrte. Verzeihen Eure Excel⸗ lenz— ich vermuthete nichts weniger, als das— und Ihr Ausſehen erſchreckt mich noch mehr. Hat nichts zu ſagen. Reiche mir nur die Hand, und hilf dieſem Herrn heraus. Die Exeellenz fuhr Walthern durch alle Glie⸗ der, doch faßte er ſich, und ſtieg aus.— Wir wollen ohne Hut und Stock gehen, ſagte der Graf, der Walthers Verlegenheit und bloßen Kopf ſah; kommen Sie und geben mir die Hand. So ſchritten beide die Treppe hinan, wo ber reits eine zahlreiche Dienerſchaft bereit ſtand, und den Grafen begruͤßte. Danke ſchoͤn, Kinder! erwiederte dieſer, Ihr ſeht noch alle gut aus; laufe einer, und melde uns bei der Graͤfin, wir ſchreiten indeſſen ſachte nach Walther ging ſtumm neben dem Grafen her, uͤberraſcht von den neuen Entdeckungen. Waͤhrend dem waren ſie vor eine große Fluͤgelthuͤr gekom⸗ men, die der Bediente raſch oͤffnete, und aus der ihnen ein Freudenruf entgegen ſcholl. Eine ſchlanke, aber ſchon aͤltliche Dame, ge⸗ folgt von einer juͤngern, eilte ihnen entgegen, und umſchlang den Grafen; die juͤngere, ein Bild hoher Schoͤnheit, miſchte ſch liebevoll in die Umarmung. Was Was iſt dir begegnet, Ludwig? rief ploͤtzlich die aͤltere, welche jetzt erſt die Verletzungen in des Grafen Geſicht bemerkte. Große Dinge, meine Liebe! große Dinge, 1 hier— er ergriff Walthern, der daneben ſtand, und dem Schauſpiel haͤuslicher Zaͤrtlichkeit geruͤhrt zuſah, bei der Hand— hier, ihr Lieben! ſtelle ich euch meinen Retter vor; zweimal hat er mich dem Tod entriſſen, indem er die durchgegangenen Pferde aufhielt, und mich dann durch Rauch und Flammen trug. Wenn das iſt, ſprach die Graͤfin erſchreckt und freudig zugleich, und reichte ihm die zitternde Hand, dann begruͤßen wir den Schutzengel unſeres Hauſes. Hier naͤherte ſich auch die juͤngere Dame, mit den Zeichen des groͤßten Intereſſes, und druͤckte unter wenigen, aber tiefgefuͤhlten Worten ſeine Hand. Walther ſtand in großer Verwirrung vor bei⸗ den, und war um die Worte verlegen. Faſſen Sie ſich, mein lieber Freund! ſagte der Graf. Sie ſcheinen etwas angegriffen zu ſeyn. Wir wollen uns ſetzen, und ich will euch dann das Raͤthſel loͤſen, aber erſt laßt uns einige Erfriſchun⸗ gen bringen. Die junge Graͤfin flog hinaus, und bald darauf trug ein Bedienter das Verlangte auf. Nun — 30— Nun kommt, und hoͤrt. Die Graͤfin ſetzte ſich an ſeine Seite, und die Tochter ſtrich ihm ſanft mit einem Tuche uͤber das Geſicht. 83 Ihr wißt, wohin ich reiſte, und weßwegen. Ich konnte meinen Zweck nicht erreichen, und fuhr daher mit Ewald am fuͤnften Tag mißvergnuͤgt wieder ab. In Kammern ruͤhrte Ewald der Schlag auf der rechten Seite ſo ſehr, daß ich gezwungen war, ihn dort unterzubringen, da ihm der Arzt alle Bewegung verbot. Da ich gerne ſchnell hier ſeyn wollte, um Anſtalten zu treffen, daß Ewald ſobald als moͤglich hierher gebracht wuͤrde, ſo war es mir unangenehm, ein paar ganz duͤrre und lahme Poſtpferde vorſpannen zu ſehn. Der Poſt⸗ meiſter ließ ſich bereden, und gab mir ein paar andere raſche Pferde, mit denen ich abfuhr. Als ich in die Gegend von Zimmern kam, und der Wagen am Huͤgel, ihr kennt ihn ja, herauf fahren wollte, geſchah in dem anſtoßenden Waͤldchen ein Schuß, den ein Jaͤger nach einem Hirſche that; dieſer ſtuͤrzt uͤber den Weg, die Pferde ſcheuen, gehn durch, werfen den Poſtillon vom Bock, und rennen nun in wilder Flucht davon. Der Wagen ſtuͤrzte bald darauf um, ich wurde geſchleift, und verlor die Beſinnung— doch, Sie, lieber Freund! koͤnnen das beſſer erzaͤhlen. Die Augen der Damen richteten ſich auf Wal⸗ ther. Er erzaͤhlte, da der Graf darauf drang, 4 mit —-— 38— mit der ſchon fruͤher bemerkten Beſcheidenheit den ganzen Hergang, und fuͤgte dann wegen der Feuersbrunſt die noͤthigen Notizen an. Sie ſind ſo beſcheiden, ſagte die Graͤfin Mut⸗ ter, als er aufhoͤrte, und reichte ihm von Neuem die Hand, daß ich mich fuͤrchte, Ihnen noch ein⸗ mal zu danken. Nehmen Sie den Dank dafuͤr von meiner Tochter.— Auf den Wink der Mutter eilte dieſe nach einem Schrank, halte einen koſtbaren Kriſtallbe⸗ cher hervor, ſchenkte ihn voll, und kredenzte ihn Walthern mit einem unnennbar freundlichen Blick. Walther zoͤgerte zu nehmen. Thun Sie Beſcheid, mein Freund! rief der Graf— das iſt das Zeichen, mit dem wir gute Menſchen zu Gliedern unſers Hauſes weihen. Wohlan, ſprach Walther, und ergriff den Becher, mit einer Thraͤne der Ruͤhrung im Auge, ich trinke ihn aus, und weih ihn den Penaten dieſes ritterlichen Stammhauſes. Moͤgen ſie ſeg⸗ nend noch nach Jahrhunderten hier uͤber ein be⸗ gluͤcktes Geſchlecht walten. Alle nickten. Und nun noch das Beſte, ſagte der Graf, unſer Freund bleibt vor der Hand bei ans, bis ſich ſein Geſchick weiter entſcheidet. Die Damen bezeugten laut ihren Beifall, und freuten ſich im Voraus auf das, was nun die einſamen Winterabende ſchmuͤcken wuͤrde. Wer — 32— Wer weiſt denn unſerem Freund ſeine kuͤnftie gen Zimmer an? fragte der Graf. Doch wohl du, liebe Auguſte? Ihr Auftrag macht mich ſtolz, lieber Vater! Kommen Sie, mein Freund, Sie werden ermuͤ⸗ det ſeyn, ich fuͤhre Sie, wendete ſie ſich zu Walther. von Ferd Folgen Sie ihr nur, ſagte der Graf zu dem Zoͤgernden— und da unſer Freund ohne Gepaͤck iſt, ſo laßt doch Heinrich ihm einſtweilen Kleider inand geben, bis ſeine Sachen ankommen. Oder— Sie waren ja Soldat— Heinrich ſoll Ihnen, wenn Sie lieber wollen, Ferdinands Lützow'ſche Jaͤgeruniform bringen. Walther verbeugte ſich, bot der Graͤfin Au⸗ guſte den Arm, und beide gingen durch die Fluͤs gelthuͤre, eine breite Treppe hinauf. Oben oͤffnete die junge Graͤfin eine aͤhnliche Thuͤr, und trat mit ihm in ein ſchoͤnes, hohes, mit Bildnereien herrlich ausgeſchmuͤcktes Gemach. Das, und was daran ſtoͤßt, iſt Ihnen, ſagte und blickte ihn laͤchelnd an. Gefaͤllt es Ihnen? Wie ſollte es nicht? wo die Grazie einfuͤhrt, da iſt der Olymp. Kann der ernſte Mann auch ſchmeicheln? rief fle, und verſchwand durch die Thuͤr. Walther trat an das Fenſter, und blickte hin⸗ aus in die reizende Gegend. Ihm war, als . wirbele wirbele ſich alles um ihn, wie ein Traum. Un⸗ moͤglich war's, einen Gedanken feſtzuhalten. Er warf ſich auf's Sopha. Bald darauf trat Heinrich ein, legte die Uni⸗ form, und was er ſonſt trug, auf einen Stuhl, und fragte, ob Walther noch etwas begehre. Nichts als Ruhe, war die Antwort. Jener entfernte ſich ſtill, und Walther ſtreckte ſich wieder auf das Sopha. Endlich ſchlummerte er ein, aber das Bild der jungen Graͤfin umgaukelte ihn auch im Schlaf ſo zauberiſch, daß er auffuhr, ſich ſchuͤttelte, und be⸗ ſchloß, alles Ueberlegen, Denken und Schlafen auf die Nacht zu verſchieben. Die Gegend, die er aus dem Fenſter erblickte, war reizend, obgleich der Herbſt ſie eines großen Theiles ihres Schmucks entkleidet hatte. Ihn ergoͤtzte das matte Gruͤn⸗ der Wieſen und Anger, auf denen Heerden an Heerden weideten, und der kleine Fluß, der ſich durch ſie hinſchlaͤngelte, blitzte bisweilen hoch auf, wenn im Strahl der Sonne der Wind eine Welle bildete. Unter den Fenſtern war der Park, deſſen Gaͤnge und Bosquets noch immer zu einem Spazier⸗ gang einluden. Mehr noch zogen ihn die Bilder an den Waͤnden ſeines Zimmers an. Es waren große Bruſtbilder, Maͤnner und Frauen, groͤßten⸗ theils im Juͤnglings und Jungfranenalter gemalt. Mehrere zeichneten ſich vorzuͤglich durch Wuͤrde C und und Kraft, oder durch Anmuth und Liebreiz aus. Das letzte war ein junger Mann in Jagduniform. Der Blick dieſes Bildes hielt ihn feſt. War ihm doch faſt, als haͤtte er etwas Aehnliches in der Wirklichkeit, aber vor langen Jahren geſehen. Heinrich rief ihn davon, der eintrat, und an⸗ fragte, ob es ihm gefaͤllig ſey⸗ herunter zu kommen. Geſchwind eilte er nach der Uniform, Heinrich half, und wohlgeſchmuͤckt ging er hinab.— Sieh da! unſer Waidmann, rief der Graf ihm entgegen, als er eintrat. Das iſt huͤbſch, daß die Uniform ſo gut paßt. Die Damen betrachteten mit Wohlgefallen den ſchoͤnen Mann, der ſich ungleich freier, als vorher, bewegte. Walther war wirklich ein ſchoͤner Mann, und die Uniform, die immer etwas beſtechen wird, hob alles hervor, was etwa Schulſtaub und das Leben unter einer Horde roher Stadtbuben verdeckt und niedergedruͤckt hatte. Sein Geiſt erhielt neuen Aufſchwung, denn er betrachtete ſich nicht mehr als Rector, ſondern als freien, froͤhlichen Jaͤger, und dachte ſich in ſeine ehemaligen kriegeriſchen Verhaͤltniſſe zuruͤck, die freilich dem gluͤhenden Streben eines jugendlichen und kraftvollen Mannes mehr zuſagten, als die immer druͤckend bleibende halbe Abhaͤngigkeit von einem wohlweiſen Rath der Stadt L. Mit dieſem Gefuͤhl wandte er ſich daher auch zum Grafen. Faſt -— 35— Faſt iſt mir's, als kehrte ich, wie vormals, aus dem Befreiungskrieg zuruͤck, und die Erinne rung an alles Erlebte, Durchfochtne und blutig Geraͤchte hoͤbe mir die Bruſt noch einmal ſo ſtolz. Mir iſt's auch ſo, als waͤren Sie uns ſchon fruͤher befreundet geweſen, und jetzt nur zu uns zuruͤckgekehrt. Mir ſchien's immer, daß man mit guten und trefflichen Menſchen eigentlich eine Ver⸗ bindung nicht erſt anknuͤpfe, man erneuert ſie nur; ſollten ſich nicht aus einer andern Welt ſchon Beruͤhrungspunkte auffinden laſſen? Ah! ſagte Graͤfin Augnſte, hier ſtimme ich ganz dem Vater bei. Sie warf einen beſondern Blick auf Walthern, der ihn nicht bemerkte und erwie⸗ derte. Wenn auch kein Beruͤhrungspunkt aus einer andern Welt ſich angeben oder vielmehr benennen ließe, denn daß es ſtatt finden koͤnne, wer will es laͤugnen? ſo enthaͤlt dieſer Glaube doch etwas ſo Troͤſtliches und Erquickliches fuͤr mich, daß ich mit noch einmal ſo viel Muth und Freude mich in die⸗ ſen Mauern erblicke. Singe uns das Lied des Wiederſehens, Auguſte, ſagte der Graf, ſinge es uns wie damals, als dein Bruder aus dem Kriege heimkehrte. Die junge Graͤfin ging nach einem Fluͤgel, der am Fenſter ſtand. Raſch war ihr Walther zuvorge⸗ eilt, oͤfnete ihn, und ſchob einen Stuhl herbei. C 2 Spielen — 256— Sppielen Sie auch? fragte ſie, indem ſie ſich niederließ. Viel zu wenig, um mich hoͤren laſſen zu duͤrfen. Sie begann ihr Spiel, und ſang trefflich; Walther war ganz Ohr, Muſik, Text und Vortrag waren herrlich. Als ſie geendigt hatte, ſtand ſie ſchnell auf, und rief: Nun Sie, ſetzen Sie ſich. Walther, im Nachgenuß der herrlichen Toͤne, ſtraͤubte ſich einige Zeit; endlich gab er nach, und ſetzte ſich ſeufzend nieder. Graf und Graͤfin ruͤckten naͤher, Auguſte ſtellte ſich ihm gegenuͤber. Walther begann mit einer ſanften, faſt laͤndli⸗ chen Melodie, einfach wie das Leben in Arcadien, und bewegte ſich beinah eine Viertelſtunde in ver⸗ ſchiedenen Abwechſelungen fort. Dann nahm er einen leichten Uebergang, und im raſchern Tact klangen ſeine Toͤne durch den Saal, als Bilder eines froͤhlichen Knabenlebens. Nach und nach wuchs ſie, wie die Glut im Juͤnglingsalter, und rauſchten im Allegro aus den Saiten. Endlich maͤßigten ſie ſich etwas, und wurden halb weh⸗ muͤthig, halb heiter, bis ſie im major moll faſt wie das Weinen des Abſchiedes klangen. Ploͤtzlich wuchſen ſie wieder, und in den kunſtreichſten Gaͤn⸗ gen ſtroͤmte ein uͤppiges, Kraft und Glut athmen⸗ des Stuͤrmen hervor. Einige ſchneidende Griffe, ein mattes, truͤbes Anhalten, Sinnen und Dichten quoll — 37— quoll herauf, dann aber brach ein jubelnder Marſch hervor, der in kuͤhnen Uebergaͤngen zum Kampf lud. Wie Stimmen der Feldherrn riefen biswei⸗ ken tiefe Toͤne dazwiſchen; die Muſik nahm ganz den Charakter der Schlacht an. Wild kaͤmpfte alles durch einander, das Donnern der Kanonen, das Rufen der Kaͤmpfenden und Fliehenden, das Ge⸗ winſel der Verwundeten ſprach ſich deutlich aus. Ein froͤhlicher Jaͤgermarſch trat ein, der Ruf der Signalhoͤrner toͤnte dazwiſchen, und eine Schaar heller Toͤne verkuͤndete die Flucht des beſiegten Feindes, das Victoria der Sieger. Immer ent⸗ fernter klang die Flucht, das Rufen der Hoͤrner; endlich trat tiefe Stille ein, und der Marſch aus Buͤrgers Leonore machte den Schluß. Es erſcholl kein Haͤndeklatſchen, als Walther, wie erſchoͤpft, aufhoͤrte; aber Auguſte ſah ihn mit einem Blick an, der mehr als Beifall, der ein Gefuͤhl verrieth, das eher eine entzuͤckte und lie⸗ bend ergriffene Jungfrau ahnen ließ. Graf und Graͤſin reichten, erſtaunt uͤber ſeine Kunſtfertig⸗ keit, und ergriffen vom Geiſte ſeiner Muſik, ihm ihre Haͤnde hin. Was ſagſt du, Auguſte? rief der Graf. Mir erſchien's wie eine muſikaliſche Biogra⸗ phie, erwiederte ſie, das Auge noch immer auf Walther geheftet, wie die eigene des Kunſtlers. Ach 38— Ach ja! ſprach Walther, es war meine Bio⸗ graphie, es waren Toͤne aus den ſchoͤnen Tagen meines fruͤhern Lebens. Die Graͤfin Mutter vor allen Eeloßte ſeine Fer⸗ tigkeit, Bilder des Lebens ſo improviſatoriſch in Toͤne des Lebens zu kleiden, und wandte ſich dann zu ihrem Gemahl. Noch einmal, Ludwig! habe Dank, daß du uns dieſen trauten Gaſt mitge⸗ bracht; jetzt wollen wir auf dein Mißgeſchick wei⸗ ter nicht mehr ſchelten; aber huͤten wollen wir uns⸗ was wir beſitzen, nicht wieder zu verlieren⸗ Auguſtens Augen glaͤnzten bei dieſem Worte der Mutter, und noch mehr, als der Graf hinzu⸗ ſetzte, daß er gewiß nicht loskommen ſolle. 8 Walther beugte ſich, durch ſoſche Worte hoͤchſt begluͤckt, auf die Hand der Graͤfin Mutter. Ver⸗ zeihung dem Wortloſen! ſprach er; ſo viel Huld erſtickt jeden Ausbruch des Dankes. Keinen Dank— wer gewann mehr, als ich? wer gewinnt mehr, als wir? ſtrafte der Graf. Aber laßt uns doch in den Garten gehen, die Luft iſt ſo rein und mild, und bald werden die Stuͤrme uns an's Zimmer feſſeln. Alle waren ſofort bereit, und als man ſich eben anſchickte, hinab zu gehen, trat Heinrich mit einem Brief ein. Von Ferdinand, rief der Graf, erbrach und las. Freude die Fuͤlle, rief er, waͤhrend er noch las, las, Ferdinand kommt mit ſeiner Frau. Mutter und Tochter klatſchten in die Haͤnde, und der Zug ging bald darauf froͤhlich in den Garten. Hier er⸗ ging man ſich in einigen noch am meiſten gruͤn gebliebenen Gaͤngen, bis alle am großen Baſin ſtehen blieben, und ſich am Spiel der Sonnen⸗ ſtrahlen ergoͤtzten, die auf der Waſſerflaͤche ſchweb⸗ ten. Bald erhob ſich ein Geſpraͤch uͤber Garten⸗ anlagen und Kunſt, das wegen der Verſchiedenheit der Meinungen deſto intereſſanter wurde, jemehr man ſich hinein ſprach. Walther bemerkte mit Staunen und Entzuͤcken die hohe Bildung der jun⸗ gen Graͤfin, und wie auch die Mutter nicht hinter der Zeit zuruͤckgeblieben war. Der Graf ſelbſt be⸗ richtigte bisweilen ſehr leiſe und ſchonend die Ur⸗ theile der Frauen, und hob ihre Aeußerungen noch mehr in's Klare hervor. Auch Walther nahm ſich vortrefflich. Vielen ſeiner Anſichten wurde unge⸗ theilter Beifall, und die ernſte Maͤßigung bei einem entſtandenen Zwieſpalt, die Rundung ſeiner Rede, die feinen geſchichtlichen Bemerkungen, womit er ſie wuͤrzte, wie uͤberhaupt das ganze Feuer ſeiner Augen, aus denen die arbeitende Seele gluͤhte, machten auf das graͤfliche Kleeblatt den angenehm⸗ ſten und deutlich ausgeſprochenen Eindruck. Ein ſolcher Austauſch unſerer Einſichten, ſagte der Graf, iſt etwas Vortreffliches. Man waͤchſt zuſehends an geiſtiger Kraft und Intelligenz; nur 1 iſt Grafen und der Graͤfin in die Arme. — 40— iſt es fuͤr viele jammerſchade, daß ſie nicht dispu⸗ tiren, um ſich zu unterrichten, ſondern wie die engliſchen Kampfhaͤhne, um ihrer Streitſucht rech⸗ ten Ausſtuß zu verſchaffen. Wir wollen zwar jetzt Waffenſtillſtand machen, aber noch oͤfter die Waf⸗ fen wieder aufnehmen. Sie aber, wandte er ſich zu Walther, ſind doch uͤberall zu Hauſe! Vielleicht nur etwas zu oberflaͤchlich! Mit Nichten! Doch wir kaͤmen ſicher wieder in's Disputiren, aber da kommt der Thee. Wir wollen in den Pavillon gehen. Man begab ſich dahin, und Graͤfin Auguſte ſervirte. Eben war die Rede von den bunten Glaͤſern, die in den Fenſtern des Pavillons angebracht waren, als Heinrich die Ankunft des Grafen Ferdinands mit ſeiner Gemahlin meldete. Alle ſprangen auf, und eilten fort. Walther war der Letzte, und ging etwas langſamer, um den erſten Sturm der Begruͤßung voruͤber zu laſ⸗ ſen. Der Graf aber bemerkte es, und rief Au⸗ guſten zu, ihn mit zu nehmen; da mußte er denn am Arm ſeiner reizenden Fuͤhrerin etwas ge⸗ ſchwinder gehen. Ein ſchoͤn gewachſener junger Mann in Wals thers Jahren, am Arm einer faſt niedlichen jun⸗ gen Daͤme eilte am Eingang des Parks dem uns — 4— Uns trieb es, wir wußten nicht, wie uns ge⸗ ſchah, ſcholl es von des juͤngern Grafen Lippen unter den Umarmungen hervor; er eilte nach der Schweſter. Doch als er ſie eben an ſich ziehen wollte, ſiel ihm der Luͤtzow'ſche Jaͤger in die Augen. Iſt's moͤglich— er iſt es wirklich, rief der Graf, und ließ die Schweſter fahren, indem er auf Walthern zueilte, und ihn in ſeine Arme ſchloß. Walther wußte nicht, wie ihm geſchah. Die Stimme ſchien ihm allerdings bekannt, aber ſonſt war nichts, was ſeiner Erianerung zu Huͤlfe ge⸗ kommen waͤre. Und du kennſt mich nicht mehr, Kammerad! rief der Graf von Neuem, als er Walthern noch immer wie verpluͤfft vor ſich iſtehen ſah. Haſt du das Gehoͤlz von Moubeuge vergeſſen, den Jaͤger vergeſſen, den du dort vom Tod und aus den Haͤnden der Franzoſen retteteſt? Jetzt lichtete ſich's bei Walthern, und er el dem Grafen um den Hals. Der Graf rief da⸗ zwiſchen: Du dankſt ihm nicht blos dein Leben, auch das meinige. Kinder, rief die Graͤfin Mutter, hier werden wir nicht fertig, laßt uns hinauf gehen, dann verbraußt das wilde Wetter erſt etwas, und Ruhe iſt 42= iſt uns vor allem heute noͤthig, da dieſer Tag der Ueberraſchungen zu viele fuͤr uns hatte. Ferdinand ergriff den Arm der Mutter, ſeine Gemahlin ſchloß ſich an iyren Schwiegervater, Au⸗ guſte wurde wieder dem Lüͤtzow'ſchen Jaͤger zu Theil. Aber Sie fuͤhren mich ja gar nicht, zankte Auguſte mit einem freundlichen Blick. Mich fuͤhrt die Anmuth, und wen dieſe fuͤhrt⸗ der ſollte ſich nur immer geduldig fuͤhren laſſen, ſagte er etwas erſchrocken. Nun, ich fuͤhre Sie auch gerne. O daß ſie mich durchs Leben fuͤhrte, dachte er, wie wohl waͤre mir! Nun erzaͤhlen Sie, rief oben im Zimmer Fer: dinand, erzaͤhlen Sie, was vorgegangen iſt. Sein Vater erzaͤhlte. O das ſieht ihm aͤhnlich! Hoͤre, Zeeundenl ther, es bleibt beim alten traulichen Du. Und nun laſſen Sie mich ſagen, wie wir uns fanden. Aber, unterbrach er ſich ſelbſt, Du biſt hier, und wußteſt doch meinen Namen? Seit heute bin ich hier, und noch wußte ich nicht, wie der Eigenthuͤmer dieſes S Schloſſes hieß. Das iſt etwas Anderes. Es war am Morgen vor dem Gefecht bei Moubeuge, fuhr er fort, als eine Escadron von uns beordert wurde, durch das dicht vor uns liegende Gehoͤlz zu gehen, und uns jenſeits jenſeits deſſelben aufzuſtellen; andere Zuͤge ſollten uns folgen. Wir eilten ſogleich dahin, fanden das Gehoͤlz noch unbeſetzt, und wollten uns eben auf⸗ ſtellen, als uns eine tuͤchtige feindliche Dragoner⸗ ſchaar anprallte. Daß wir Stand hielten, meine ich; die Hoffnung auf die nachruͤckende Huͤlfe ſtaͤrkte uns. Aber ehe wir es uns verſahen, kam Infan⸗ terie von der Seite, und begruͤßte uns mit einem ſolchen Gewehrfeuer, daß ein ziemlicher Theil von uns ſtuͤrzte. Wir ſchloſſen uns indeß von Neuem, aber eine zweite Lage ſetzte uns in neue Verwir⸗ rung. Dieß benutzten die feindlichen Dragoner⸗ und drangen ſo heftig auf uns ein, daß wir ge⸗ trennt, geſprengt, und einige wenige mit mir an die Seite des Waldes hinaufgetrieben wurden. Einige zwanzig Dragoner folgten uns. In Ga⸗ lopp eilten wir auf einem ziemlich breiten Weg in den Wald hinein, die Dragoner hinter uns her. Ploͤtzlich hoͤrte unſer Weg auf, und wir waren ringsum von engem Dickig umgeben. Nun galt's ſich ſeiner Haut zu wehren. Der Unſrigen waren ſieben. Meine Buͤchſe ſtreckte den vorder⸗ ſten Dragoner nieder, zwei andere fielen gleich darauf durch einige Schuͤſſe von unſerer Seite, Aber neben mir ſtuͤrzten auch in gleichem Augen, blick drei meiner Kammeraden, und nun waren uns die Feinde ſo nahe, daß nur noch der Saͤbet zur Vertheidigung dienen konnte, Tapfer genug hieben hieben wir drein, aber kurze Zeit darauf ſanken ſchon wieder zwei, und ein Piſtolenſchuß warf mein Pferd nieder. Jetzt ſtand ich zu Fuß da, und machte mich gefaßt, entweder gefangen oder niedergehauen zu werden. Nur noch ſchwach deckte ich mich gegen die Hiebe zweier verzweifelten Kerls, als plötzlich, nie werde ich den Augenblick vergeſſen, zwei Schuͤſſe zu meiner Seite krach⸗ ten, und meine Franzoſen von den Pferden ſtuͤrz⸗ ten. Zu gleicher Zeit ſprang dieſer da— er deu⸗ tete auf Walthern— neben mir aus dem Buſch, und hinter ihm noch ſechs andere Fußjaͤger, die kaum heraus waren, als ſie auch ſchon vier an: dere Dragoner, welche eben meine Kammeraden vom Pferde hieben, niederſchoſſen. Jetzt war die Bahn gebrochen, vor uns ſcholl das Signalhorn, und aus allen Ecken krachten Schuͤſſe auf den Feind, der, ohne ſeinen Gegner zu ſehn, wohi⸗ getroffen vom Pferde ſtuͤrzte. Da ſchwuren wir uns Freundſchaft und Du uͤber den Leichnamen meiner Verfolger. Nur Schade, daß wir uns gleich trennen mußten; das Signalhorn rief die Jaͤger zuſammen, ich eilte vor, fand meine uͤbel zugerichtete Escadron wieder, und nun begann das Gefecht erſt. Die Jaͤger zu Fuß gingen einen andern Weg, ich wurde dann nach Deutſchland geſchickt, und ehe ich wieder zuruͤck kam, war der Friede unterzeichnet, und mein Abſchied da. Walther — 45— Walther wurde jetzt von Neuem mit Lobes⸗ erhebungen uͤberſchuͤttet. Endlich wurde man ruhi⸗ ger, und beim Abendeſſen kam alles in's Gleiche. Walther ſaß zwiſchen Graͤſin Auguſte und Luiſe, und unterhielt ſich trefflich, waͤhrend Ferdinand den Aeltern Dinge aus der Reſidenz referirte, die jene intereſſirte. Spaͤt trennte man ſich, und der alte Graf rief Walthern zu, morgen fruͤh ja an den Rath nach L. zu ſchreiben, ihm ſeine Dimiſſion zu geben; Heinrich ſolle fort, der ſeine Sachen ſogleich ein⸗ packen, und auf dem Ruͤckweg Ewalden, wenn es möglich ſey, mitnehmen ſolle. Das verſprach dieſer, und man ſchied. Die Sonne ſchien hell auf ſein Bett, als Walther erwachte. Wohlgemuth dehnte er ſich noch einmal, und ſann, die Augen wieder ver⸗ ſchließend, uͤber ſeine neuen Verhaͤltniſſe nach. Sie ſtachen ſtark gegen diejenigen ab, in denen er noch vor wenig Tagen gelebt hatte. Laut ge⸗ ſtand er ſich's, daß die Familie, unter derem Dach er jetzt ruhte, zu den edelſten Menſchen zu zaͤhlen ſey. Der aͤltere Graf war ein hoher Funfziger, warm und herzlich, ohne einen Schim⸗ mer des Stolzes auf die Excellenz. Wie er ihn kennen gelernt hatte, hoͤchſt empfaͤnglich fuͤr tiefe Dankbarkeit gegen den Retter ſeines Sohnes und ſeiner ſelbſt, ſchon jetzt enge an ihn geknuͤpft. Sein Sein Betragen gegen die Dienerſchaft mehr das eines edlen buͤrgerlichen Hausvaters, als eines Grafen. Die Graͤſin gehoͤrte zu den milden weib⸗ lichen Seelen, die ſo ſelten nicht unter dem hoͤhern Adel ſind, als geiſernder Neid gerne erzaͤhlen moͤchte. Sie mußte eine blendende Schoͤnheit ge⸗ weſen ſeyn. Ihr Auge blickte ſo rein und herzlich auf alles, was ſie umgab, daß man unmoͤglich ihre innere Geſinnung verkennen konnte. Graf Ferdinand war ein heiterer Menſch, gefuͤhlvoll ge⸗ nug, um bei ſeiner außerordentlichen Ruͤhrigkeit und Munterkeit nicht zu excediren, oder die Graͤn⸗ zen des Schicklichen zu uͤbertreten. Warme Liebe, dem Gefuͤhl der Rettung entkeimt, blitzte ihm aus dem Auge, wenn er Walthern anſah, und unver⸗ holen ſprach ſie ſich auch in Worten aus. Was ſeine Gemahlin war, ließ ſich zwar nicht genau entſcheiden, aber Gutes ſprach auch aus ihrem Weſen. Und Graͤfin Auguſte? Das Herz ſchlug ihm bei ihrem Namen ſo heftig, daß er ſich tiefer in's Bett warf; aber der Gedanke an Sie kehrte wieder, ſammt den Traͤumen von ihr, die ihn dieſe Nacht umwoben hatten. O waͤre dieſe Roſe dein! ſeufzte er tief— ſie iſt das erſte Weſen, das dich feſſelt. Aber welche Wunder gehoͤrten dazu? Du Fremder! alle Dankbarkeit wird dich nicht in ihre Arme zu fuͤhren vermoͤgen. Zwar verkennſt du die Blicke von geſtern, dieſe heimlichen Blitze aus Wolken, Wolken, hinter denen vielleicht die zarte Glut einer keimenden Liebe leuchtet? Der Gedanke baran ergriff ihn mit ſolcher Ge⸗ walt, daß er eilig aus dem Bette ſprang, und ſich ankleidete. Eben war er fertig, als Graf Ferde nand eintrat. Langſchlaͤfer! rief er, wir warten ſchon ſeit einer Stunde auf Dich. Dann habe ich viel entbehrt— doch ich bin an Las Entbehren gewoͤhnt. Ach ſo, Du meinſt Dein Rectorat. In aller Welt, wie haſt Du Dich aus dem freien Jaͤger⸗ leben in dieſe beſchraͤnkte Sphaͤre verlieren koͤnnen? Der Menſch muß oft, wo er auch nicht wollte. Er erzaͤhlte ihm, was er wiſſen mußte. 1. Sie waren den Saal herabgegangen, und blie⸗ ben zufaͤllig vor dem letzten Bilde ſtehen. Wai⸗ ther ſah es wieder feſt an. Kennſt Du den etwa? fragte Ferdinand? Ich mag nicht ja und nicht nein ſagen. Mir iſt, als habe ich wenigſtens eine aͤhnliche Geſtalt in fruͤher Jugend geſehen, aber alle genauere Er⸗ innerung iſt mir verwiſcht.. Der Graf blickte nun auch ſchaͤrfer hinauf, und fixirte Walthern dabei ſcharf, wie vergleichend mit dem Bilde, ohne daß dieſer es bemerkte. Eine gewiſſe Ueberraſchung ließ ſich am Grafen nicht verkennen, und Walther haͤtte ſie bemerken muſ⸗ ſen, = 483— ſen, wenn er nicht grade damit beſchaͤftigt geweſen waͤre, ſeiner Erinnerung nachzuhelfen. 2 „Endlich zog ihn der Graf, ohne etwas zu aͤußern, aus dem Zimmer, und beide gingen hinunter zur Familie. 3 Unten war alles in heiterer Bewegung. Die Frauen baten Walthern, ſich an den Fluͤgel zu ſetzen. Er that es, und ließ ſeinem Gefuͤhl auf dem gehorſamen Inſtrumente freien Lauf. Waͤhrend dem rief Ferdinand den Vater in ein Fenſter, und ſprach lange und angelegentlich mit ihm. Niemand bemerkte aber, daß Graf Lud⸗ wig immer geſpannter zuhoͤrte, bisweilen einen ſcharfen Blick nach Walthern warf, und dann wie⸗ der auf Ferdinand hoͤrte. Endlich nickte er, und beide traten wieder hervor, als Walther grade geendet hatte, und beſchaͤftigt war, die Belobun⸗ gen der entzuͤckten Frauen zu mildern. Haben Sie ſchon geſchrieben? fragte der Graf. Noch nicht.. Immer noch nicht? Dann muß ich bitten, daß unſer Freund Urlaub erhaͤlt, damit er ſeine Angelegenheiten ordnet. So lange das nicht iſt, beſitzen wir ihn immer nur halb. Walther ging hinauf, und fertigte ſein Abſa⸗ gungsſchreiben, und einen Brief an ſeinen Haus⸗ wirth wegen Verabfolgung ſeiner Sachen. Beide übernahm Heinrich, der ſchon gewartet haben mochte. mochte. Im Herabgehen begegnete ihm Graͤfin Auguſte, und rief ihm zu: Nun ſind Sie ja wohl unſer? Wenn ich auch Ihnen angehoͤren duͤrfte, er⸗ wiederte er, und erſchrak uͤber ſeine Vorlautigkeit. Sie erroͤthete, er ergriff ihre Hand, und kuͤßte ſie. Traͤumte ihn? ihm war's, als fuͤhlte er einen leiſen Druck gegen ſeinen Mund. Der Morgen und Mittag flog im Wechſel⸗ geſpraͤch ſchnell voruͤber, und Walther nuͤtzte, ohne es zu wollen, die Gelegenheit trefflich, ſeine Bil⸗ dung zu zeigen. Nachmittags ward wieder in den Park gegangen, und hier blieb die Unter⸗ haltung endlich feſt an einer Bemerkung des Grafen Ferdinand uͤber die Frauen. Ich moͤchte, ſagte ſeine Mutter, die Gedan⸗ ken unſeres Freundes uͤber unſer Geſchlecht hoͤren; da er uͤber alles ſo gut und ſo umſichtig ſpricht, ſo waͤre ich geſpannt, zu erfahren, was und wie er von den Franen denkt. Gnaͤdige Graͤfin! ſagte Walther, ich wuͤrde davon ſprechen, wie der Blinde von der Farbe. O pfui! das duͤrfen Sie nicht ſagen, erwie⸗ derte Graͤfin Luiſe. Faſt waͤre ich geneigt, darauf zu dringen— wenn ich Ihnen doch befehlen koͤnnte! Wohlan, Walther, miſchte ſich Ferdinand hin⸗ ein, laß hoͤren, wie Du vom Proteus denkſt, und D damit — 5⁰— damit⸗Du nicht allein ſtehſt, ſo will ich nachher meine Meinung verſteckterweiſe auch zum Beſten geben. Ha, ha! mir faͤllt etwas ein. Er eilte fort. Was iſt dem? fragten ſich die Frauen, und Walther ſaß verlegen da. Der Graf kam nach einigen Minuten eilig wieder, ſetzte ſich, und drang nun darauf, daß ſich Walther expectoriren ſolle. Dieſer entſchul⸗ digte ſich von Neuem, und meinte endlich, es wuͤrde, wenn er ja ſolle und muͤſſe, etwas kathe⸗ dermaͤßig und langſchweifig herauskommen. Nun, wie es kommt, man hoͤrt doch ſeinen Mann, ſagte Ferdinand. Walther ermannte ſich endlich und begann. Im Voraus muß ich bitten, mir's zu Gute zu halten, wenn ich vielleicht Manches aͤußern ſollte, was auf der Kapelle des weiblichen Ge⸗ fuͤhles die Probe nicht haͤlt. Aus eigner Erfah⸗ rung kann ich nur wenig mittheilen; was ich gebe, ſchoͤpfte ich aus den Fundgruben gewiſſer Philoſophen und Dichter; ihnen ſchiebe ich's zu, wo ich gegen die Wahrheit ſuͤndige. Gut, gut, riefen die Damen, wir vergehen Ihnen im Voraus allen Irrthum. 4 Aber es wird etwas philoſophiſch ſchmecken. Auch das, wenn es nur belehrend iſt. Nun — 5¹— Nun dann, ſo habe ich mir doch den Ruͤcken geſichert, und darf ſchon etwas freier reden. Bei der Betrachtung des Charakteriſtiſchen beider Geſchlechter, begann er, muͤßten wir un⸗ gemein wenig Gefuͤhl und Intereſſe fuͤr das herr⸗ lichſte Werk der Schoͤpfung zeigen, wenn wir uns des Staunens erwehren koͤnnten, wie es der Natur moͤglich ward, zwei beſondere Arten von vernuͤnftigen Weſen hervorzubringen, die ſich ſo außerordentlich aͤhnlich, und doch zugleich wieder ſo wunderbar von einander verſchieden ſind. Das klingt wie eine abhandelnde Hymne, lachte Ferdinand; die Damen geboten ihm aber Stillſchweigen, und Walther fuhr fort. Betrachten wir zuerſt das Aeußere, den Koͤr⸗ per. Geſetzt, wir haͤtten die Geſtalt eines voll⸗ kommnen, nach allen Regeln des aͤſthetiſch Schoͤ⸗ nen, ausgebildeten Frauenszimmers vor uns, auf deſſen Rumpf aber ein eben ſo herrlicher maͤnn⸗ licher Kopf, mit den ſchoͤnſten gewickelten Locken und dem ſchwaͤrzeſten Backen⸗ oder Schnurrbart unſerer neuſten Zierbengel, ſaͤße, ſo wuͤrden wir mit dem widrigſten Mißbehagen geſtehen muͤſſen, daß alle weibliche Schoͤnheit verſchwunden, und die Bewohnerinnen der Scharramongolei mit ih⸗ ren breitgedruͤckten Naſen und ihren tiefliegenden Augen wahre Ideale dagegen ſeyen. Oder ſcheint es uns Europaͤern(ich nehme die Italiaͤner und O 2 uͤber⸗ — 5²— äberhaupt alle ſuͤdlichen Nationen aus) natuͤrli⸗ cher, und fuͤhlen wir nichts Zweckwidriges, wenn wir einen fetten, hochgebauten Caſtraten, aus deſſen Kehle wir eher die tiefſte Baßſtimme eines Dorfkantors zu hoͤren hofften, im hoͤchſten und fein⸗ ſten Discant muſikaliſche Rouladen und Sproͤnge, wie ſie vielleicht ein zwoͤlfjaͤhriger Knabe oder ein ſechzehnjaͤhriges Maͤdchen machen wuͤrde, ſingen hoͤren? Es iſt gewiß, das Weib mit dem maͤnn⸗ lichen Kopf wird unausſtehlich, der Mann mit der Frauenſtimme wird widrig, wenn nicht alle Zuhoͤrer und Zuſchauer von einem falſchen Ge⸗ ſchmacke bezaubert ſind. Hiermit waͤre uns alſo wenigſtens ein duͤrrer Begriff von dem gegeben, was jedem Geſchlecht als Eigenthum von der Natur angewieſen wurde, und man begreift, daß beide, Mann und Weib in dem, was ſie unterſcheidet, und eine ewige Graͤnzlinie zwiſchen ihnen zieht, gar nicht mit einander verglichen werden ſollten, Es waͤre das werthloſeſte Geſchaͤft, dem ſich jemand unterziehen koͤnnte, wenn er den Vorzug des Einen vor dem Andern, was naͤmlich das Geſchlecht betrifft, und ſein Eigenthuͤmliches angeht, beweiſen wollte. Gerne will ich mich indeß jener Gattung Philo ſophen anſchließen, die das Weib zum Seraph und Engel erheben— einige waren es wirklich, und einige ſind es noch(Walther warf hier einen — feurigen feurigen Blick auf Auguſten, die ihn verſtand, und erroͤthend die Augen niederſchlug), aber bit⸗ tern Spott verdienen jene, die das Weib, als zur Menſchheit nicht gehoͤrig, unter den Mann erniedrigten. Faſſen wir den Geiſt des Weibes, wie und wozu ihn die Natur demſelben gegeben zu haben ſcheint, auf: ſo finden wir, daß er nicht dazu gemacht iſt, um Griechiſch oder Lateiniſch zu ler⸗ nen, wie Madame Dacier; und man koͤnnte viel⸗ leicht nicht mit Unrecht behaupten, daß es eine boshafte Liſt der Maͤnner ſey, wenn ſie dem ſchoͤnen Geſchlecht Geſchmack an eigentlich gelehr⸗ ten Kenntniſſen einzuimpfen ſuchen. Denn tiefes philoſophiſches Nachdenken und eine lang unter⸗ haltene gelehrte Disputation ſind viel zu peinlich, als daß ſie ſich fuͤr das Geſchlecht ſchicken ſollten, bei dem alle Reize nur darauf berechnet zu ſeyn ſcheinen, daß ſie eine ſchoͤne Natur zeigen ſollen. Tiefes Gruͤbeln vertilgt die Vorzuͤge des weibli⸗ chen Koͤrpers und Geiſtes, und toͤdtet die Reize, durch die ſie eine ſo große Gewalt uͤber den Mann erringen. Ueberhaupt: niemals ſollte ein kalter und trockener Unterricht, der ſich mit Sy⸗ ſtemen und allgemeinen Regeln ſchleppt, der dem Gedaͤchtniß recht viel einzupfropfen ſucht, und alſo, ſtatt ihre eigenthuͤmliche Natur auszubilden, und die Schaͤrfe ihres moraliſchen Empfindungs⸗ vermoͤ⸗ — 56.— vermoͤgens zu erhoͤhen, auf das Gegentheil him arbeitet, bei heranwachſenden Frauenzimmern an⸗ gewendet werden. Sollte ich junge Maͤdchen unterrichten, ſo wuͤrde immer der Gegenſtand meines ganzen Unterrichts, ſey es in der Ge⸗ ſchichte, oder Erdbeſchreibung, oder den Kuͤnſten, derjenige ſeyn, welcher ihren ſeinen Gefuͤhlen am naͤchſten verwandt iſt, und die Empfindungen in ih⸗ nen weckt und naͤhrt, welche ſo nahe als moͤglich an den Verhaͤltniſſen ihres Geſchlechtes hinſtreiſen. Ein vollkommenes Weib und ein vollkommener Mann, behauptet Rouſſeau, muͤſſen einander eben ſowohl dem Geſichte als dem Geiſte nach unaͤhnlich ſeyn, und bei der gaͤnzlichen Vollkommenheit findet kein Mehr oder Minder ſtatt. Mich duͤnkt, das waͤre eine ſehr wahre Be⸗ hauptung. Denn ein wildes ſtarkes Weib, das ſeinen Mann durchpruͤgelt, mit donnernder Stimme eine Flut von Schimpfreden ausſchuͤttet, oder gar hbetrunken durch die Straßen wankt, wiewohl das auch den Mann ſchaͤndet, wird uns gewiß eben ſo veraͤchtlich vorkommen, als ein Mann, der einen Degen an der Seite, und an den Stiefeln Sporen traͤgt, ſteht, und wie ein Kind uͤber eine empfangene Ohrfeige weint. Schwaͤche und Staͤrke alſo ſind es, die die ſcharfe Graͤnzlinie zwiſchen beiden Geſchlechtern bilden. Und—— Hier Hier zoͤgerte Walther, Graf Ludwig aber, der ihn errieth, fuhr ſtatt ſeiner fort: Alſo wird der Mann zur Oberherrſchaft und zum Schutz, das Weib zur Unterwuͤrfigkeit, und um zu gefallen geſchaffen ſeyn. Walther ſagte gemilderter: wenigſtens, meine Damen, zuͤrnen Sie nicht, ſcheint dieß das wahre Verhaͤltniß der beiden Geſchlechter zu ſeyn. Oder koͤnnten Sie vielleicht beweiſen, daß je ein Weib uͤber ſeine Schwaͤche erroͤthete? Ich glaube, erwiederte Graͤfin Luiſe, aufrich⸗ tig geſtanden, wir wollen alle noch ſchwaͤcher er⸗ ſcheinen, als wir in der That ſind. Ehrſucht liegt hier auch nicht im Hintergrunde, am wenig⸗ ſten wollen wir die Maͤnner auf den Gedanken bringen, als waͤren wir viel zu zaͤrtlich geſchaffen. Gewiß, das iſt es nicht! vermuthlich iſt es der Grundzug im weiblichen Charakter. Das iſt ſchoͤn, zuͤrnte Auguſte, Luiſe! Du verraͤthſt noch dazu? Gewiß nicht, lachte jene, die Maͤnner wiſſen das ſchon. Aber, mein erfahrener Freund! was ſagen Sie zu den Frauen, die neulich unter den freiwilligen Deutſchen hinauszogen, fuͤr's Vater⸗ land zu ſtreiten, und wie Maͤnner fochten? Daß ſie Ausnahmen von der Regel waren und bleiben, meine Gnaͤdige! Eigentlich waren ſie — — 56— ſie doch nur geſchaffen, Wunden zu verbinden, aber nicht welche zu ſchlagen. Graf Ferdinand machte Miene, ein bon mot anzubringen, aber die Damen bedraͤuten ihn, ſtille zu ſeyn.— Walther fuhr alſo weiter fort. Es iſt fuͤr den Mann ſchmeichelhaft, das Weib bei der ges ringfuͤgigſten Gefahr zittern zu ſehen, und die Aeußerungen der Furcht zu vernehmen, die ihr Blaßwerden und ihren Huͤlferuf begleiten, denn dadurch erhaͤlt er die trefflichſte Gelegenheit, ſei⸗ nen Muth und ſeine Starke zu beweiſen, und ihr Beſchuͤtzer zu werden. Und dieſen Schutz ſetzen auch alle Frauen unwillkuͤhrlich bei jedem Fall voraus, ohne daß ſie vorher davon verſichert zu werden brauchen. Dieſer ſchmeichelhafte Be⸗ ruf, den die Natur in jeden maͤnnlichen Buſen legte, iſt vorherrſchendes Gefuͤhl bei jedem Mann, wenn er nicht zu einer weichlichen Sybariten⸗ kreatur herabgeſunken iſt. Bleibt nun der Satz angenommen, daß der Charakter des Weibes Schwaͤche ſey, ſo duͤrfen wir auch behaupten, daß es nicht nur unanſtaͤn⸗ dig und inhuman, ſondern auch, was am meiſten beruͤckſichtigt zu werden verdient, wider den ur⸗ ſpruͤnglich und deutlich genug ausgeſprochenen Wil: len der Natur geſuͤndigt heiße, wenn der Mann das Weib rauh und ungeſchlacht behandelt. Deutet denn denn nicht die ganze Anlage des weiblichen Koͤr⸗ pers dahin, daß es Schonung noͤthig habe? Das ſcheinen ſchon unſere Vorfahren, ſo rauh und wild ſie auch ausgeſchrieen ſind, begriffen zu ha⸗ ben, da wir noch genug Geſetze aus jener Zeit kennen, in denen ausdruͤcklich eine ſchonende Be⸗ handlung und ein frommes Befolgen aller Wuͤn⸗ ſche, die etwa eine Kranke oder Saͤugende aͤußerte, anempfohlen wird. Zwar koͤnnte man einwerfen, daß die Irokeſin, die Haaſenindianerin und an⸗ dere mehr im Innern von Nordamerika, keines⸗ weges eine ſolche Zaͤrtlichkeit, wie ſie behaupten, beſitzen; allein wir muͤſſen dabei doch bemerken, daß die Natur ſich hier immer gleich bleibt, und beide Geſchlechter in das gehoͤrige Verhaͤltniß ge⸗ ſtellt hat. Wo das Weib ſtark iſt, da iſt der Mann noch viel ſtaͤrker und unbaͤndiger, und wo die Maͤnner ſchwach ſind, da ſind die Frauen noch ſchwaͤcher. Ueberall ſind und bleiben ſie das ſchwaͤchere Geſchlecht. Aber ſie beſitzen eine Gewalt, die ſchon nach Anakreons Meinung alle anderen Kraͤfte, auch die Staͤrke des Mannes beſiegt, und dieſe liegt in ihren— Reizen. Ihnen verdankt das ſchwaͤ⸗ chere Geſchlecht auch den Namen des Schoͤnen, und mit Recht: denn die Zuͤge des weiblichen Koͤrpers ſind ungemein fein, die Haut iſt weit zarter, um ihre Lippen, auf den Wangen und int — 58— d in den Augen ſpielt eine namenloſe Sanftheit und Milde, und ihre ganze Geſtalt iſt von einer ſolchen Anmuth umfloſſen, wie ſie keine maͤnn⸗ liche, ſey ſie auch noch ſo ſchoͤn, bezaubernder aufweiſen kann. Kann es uns nun auch nur einen Augenblick auffallen, wenn ſie durch dieſe hoͤhern Reize ſo maͤchtig wirken, den rohen Juͤng⸗ ling, den ernſten Mann, den Greis ſogar zu ihren Fuͤßen ſchmachtend hinzuſinken zwingen, und auf die Schickſale ganzer Nationen und Laͤnder entweder den entſchieden ungluͤcklichſten, oder den begluͤckendſten Einfluß aͤußerten, vielleicht noch jetzt aͤußern? Seine Augen ſanken unwillkuͤhrlich auf Au⸗ guſten, die mit ungetheilter Aufmerkſamkeit ſeiner Rede lauſchte. Was er ſagte, quoll aus tiefer Ueberzeugung; der geſtrige und heutige Tag be⸗ lehrte ihn uͤber die Wahrheit ſeiner Saͤtze, und zwang ihn, die Herrſchaft weiblicher Reize anzu⸗ erkennen. Auguſte wendete zagend das Auge von ſeinem Flammenblick ab, auf Luiſen, die den Redner laͤchelnd von der Seite anſah, und fragte, warum ſein gluͤhender Enthuſiasmus ſo fruͤh ver⸗ ſiegt ſey? In der That, ſagte er geſchwind, in der That ſcheint alſo der Staͤrkere blos Herr zu ſeyn, der Schwaͤchere regiert wirklich. Wie ſchoͤn deutet daher nicht der Mythus vom Herkules an Om⸗ phale's phale's Rocken, oder die Gemme, auf welcher Amor zwei Tieger zaͤhmt, dieſe Bemerkungen? Vortrefflich! erwiederte Graf Ferdinand; Du biſt ein feiner Lobredner. Du, rief ihm Luiſe zu, Du haſt hier eigent⸗ lich keine Stimme, oder wenn Du eine haſt, ſo muß ſie nur zu unſern Gunſten ausfallen. Ah! Du meinſt, weil Du mich in Deine Feſ⸗ ſeln gezogen haſt? Stille, ſchalt Auguſte; wenn Ihr unſern Freund immer unterbrecht, ſo muß er endlich verwirrt werden. Vielleicht wuͤrden die Reize des ſchwaͤchern Geſchlechts, ſagte Walther weiter, wenn ſie auch den Ruin beider Geſchlechter nicht bewirkten, doch den Mann wenigſtens in eine tiefe Seclaverei und einen thatenloſen Zuſtand verſetzen, wenn die weiſe Natur nicht gluͤcklicherweiſe dadurch ein Schutzmittel fuͤr die Maͤnner erfunden haͤtte, daß ſie die Schaamhaftigkeit, jenes ſcheue Gefuͤhl, das ſie mit den Senſitiven theilen, in den Bu⸗ ſen der Frauen gepflanzt haͤtte, wodurch ſie furcht⸗ ſam und zuruͤckhaltend die wilden Leidenſchaften, welche Temperament, Koͤrperbau, Erziehung und Umgang bisweilen wecken, baͤndigen. Dieſe Schaam⸗ haftigkeit, als der geheimnißvolle Schleier, hin⸗ ter welchem die Natur alles verbarg, was, wenn es hervorbrechen duͤrfte, die Zerſtoͤrung des gan⸗ zen — 60— zen menſchlichen Geſchlechts bewirken wuͤrde, gilt anſtatt der Grundſaͤtze, welche die Handlungen des Mannes charakteriſiren, weil das weibliche Geſchlecht blos vom Gefuͤhl und der Neigung ſeis nes Herzens geleitet wird. Es hat zwar Frauen gegeben, die ihre Handlungsweiſe nach gewiſſen Maximen und Regeln einzurichten ſchienen; allein die Erfahrung bewies, daß ſie nur bis zu einem gewiſſen Zeitpunkt den angenommenen Saͤtzen folgten— Oder, unterbrach Ferdinand, wenn ſie ihnen wirklich treu blieben, ſo ließe ſich mit gewiſſen pyrrhoniſtiſchen Spöttern ſagen, daß es ihnen nur an Gelegenheit gefehlt habe, davon abzugehen. Exempla sunt odiosa! Die Damen erhoben hier uͤber den Vorlauten ein heftiges Geſchrei. Nein, rief Luiſe, das iſt ein Irrthum, der faſt keiner Verzeihung faͤhig iſt. Die Frauen keine Grundſaͤtze? Und Du, Ferdinand! wagſt in meiner Gegenwart eine ſolche Laͤſterung aus⸗ zuſprechen? Der Geſtrafte bog unter komiſchen Gebehrden das Knie, und flehte um Vergebung, ſchwur hoch und theuer, nichts Arges gedacht zu haben, und erhielt ſie endlich unter der Bedingung eines feier⸗ lichen Widerrufs. Auch — 61— Auch Auguſte affectirte einen gewiſſen Unmuth, der Walthern faſt beſtuͤrzt gemacht haͤtte; als ſie aber bemerkte, welche Wirkung ihre Mienen auf den Redner machten, zog ſie geſchwind die Segel wieder ein, und bat, nur weiter fortzufahren. Aber dieſe Herrſchaft, ſagte der Ermuthigte, die das Weib uͤber den Mann uͤbt, darf ſich nach dem Willen der Natur nur auf die Leidenſchaften erſtrecken. Denn ſobald ſie es wagt, uͤber den Mann auch in den ihm ausdruͤcklich allein zukom⸗ menden Geſchaͤften und Pflichten gebieten zu wol⸗ len, ſchadet ſie ſich ſelbſt. Man iſt nur zu geneigt, den Mann, der es ſich, wenn auch nur aus Klug, heit und um des lieben Friedens willen in den an⸗ dern Staͤnden, gefallen laͤßt, in einem ſolchen Falle fuͤr albern und bornirt auszuſchreien; und da von dem Anſehen des Mannes, das er faſt immer bei einem ſolchen Falle einbuͤßt, das der Frau mit abhaͤngt, ſo unterliegt es keinem Zwei⸗ fel, daß ſie ſelbſt, wo nicht veraͤchtlich, doch min⸗ deſtens laͤcherlich wird. Verſtaͤndige Frauen wiſſen das auch recht gut, und ſuchen wenigſtens den Schein, als ſey ihr Gatte aͤußerſt klug, und fuͤhre ein ſtrenges Regiment, zu erhalten. Hier lachten die Damen. Ferdinand gab ſich Muͤhe, ein ſtrenges Geſicht zu machen, aber es blieb ohne Eindruck. Uebri⸗ — 62— Uebrigens, meinte Graf Ludwig, wird man meiſtentheils finden, daß eine junge Frau einen alten Mann beherrſcht, und ein junger Mann wird Herr uͤber eine alte Frau, ſobald ſie nur nicht geizig und bigott iſt. Doch fahren Sie fort. So gerne die Frauen, ſagte Walther, wenig⸗ ſtens der groͤßere Theil, fremde Geheimniſſe aus⸗ plaudern, ſo entdecken ſie doch, auch bei der groͤß: ten Offenherzigkeit ihrer Maͤnner gegen ſie, dieſen nie ihre eigene. Lieber verrathen ſie ihnen Alles von ihren Freundinnen ihnen Anvertraute, und dadurch geben ſie ſich den Schein, als beſaͤßen ſie ſelbſt keine Geheimniſſe. 4 Das iſt vollkommen wahr, ſo boͤſe auch meine Frau dazu ſieht, ſagte Ferdinand. Als Stuͤtzſaͤu⸗ len dieſes Zutrauens ihrer Maͤnner, das ſie be⸗ ſtaͤndig verlangen, vergeſſen die Frauen nie Schmei⸗ cheleien und Liebkoſungen. Oft entſchied auch ein gewiſſer Schein von Unterwuͤrſigkeit, ein aͤngſtli⸗ ches Zittern und Beben bei einer kleinen Aeuße⸗ rung von Unwillen des Gatten, und was nicht zu vergeſſe en iſt, die allmaͤchtigen Thraͤnen. Einige fanden auch das Schmollen bisweilen als treffliches Hausmittel gegen das wankende Zutrauen des Mannes. Das iſt zu arg, ſchalt ſeine Gemahlin, ich werde mich neben Dich ſetzen muͤſſen. Nicht — 65— Nicht doch, Liebe! es war ja nur eine beilaͤu⸗ ſige Bemerkung. Das iſt's ja eben, was uns verdrießt— be⸗ halte nur Deine ſaubern Bemerkungen; mich duͤnkt, unſer Freund miſchte genug Salz in ſeine Rede. Walther entſchuldigte ſich, und fuhr fort. Alle Frauen ſcheinen mit der Muttermilch ein bei wei⸗ tem ſtaͤrkeres Intereſſe fuͤr das Zierliche und Ge⸗ ſchmuͤckte eingeſogen zu haben, als die Maͤnner. Daher entſpringt, je nachdem der Verſtand bei ihnen ausgebildet iſt, das mehr oder minder unter ihnen herrſchende Vergnuͤgen, ſich zu putzen. Wenn ſich der Mann in eine geſchmackvolle, ob⸗ gleich nicht glaͤnzende Kleidung wirft, ſobald er in einer Geſellſchaft erſcheinen muß, ohne die Abſicht zu haben, glaͤnzen zu wollen, was hoͤchſtens nur bei Juͤnglingen ſtatt ſindet; ſo ſchmuͤcken ſich die Frauen grade darum mit einer Menge Baͤnder, Ningen, Ketten und theuern Shawls, um aller Augen auf ſich zu ziehen, ihre Geſellſchafterinnen zu verdunkeln, und wo moͤglich alle Herzen zu er⸗ obern. Selbſt die, welche ſich aͤußerſt einfach klei⸗ den, wollen durch dieſe Einfachheit einnehmen, und man wird ſelten Frauen dieſer Art finden, auf deren Lipßen nicht ein freundliches und befriedig⸗ tes Laͤcheln ſchwimmt, wenn man ihnen Lobſpruͤche uͤber dieſe Einfachheit in ihrer Kleidung zollt. Wenn ſie es auch nicht zeigen, ſo fuͤhlen ſie ſich doch — 64— doch wenigſtens innerlich geſchmeichelt, und man wird nie Urſache haben, uͤber Mangel an Wohl⸗ wollen von ihrer Seite zu klagen. Aus dieſem Wunſche, durch die Kleidung gefallen zu wollen, haben Spoͤtter die Urſache der weiblichen Eitelkeit zu deduciren geſucht. Einige haben zwar behaup⸗ tet, daß wenn es ein Fehler ſey, es immer ein ſchoͤner Fehler bleibe, da die Frauen dadurch nicht nur ihre urſpruͤnglichen koͤrperlichen Reize erhoͤh⸗ ten, ſondern auch den Maͤnnern, die nichts lieber thun, Gelegenheit gaͤben, ihnen Schmeicheleien daruͤber zu ſagen; allein die Sache hat auch ihre Schattenſeite, denn man kennt Frauen, die durch die Veraͤnderlichkeit ihres Putzweſens, durch das ſie Aufſehen erregen und gefallen wollten, gerade ſich entſtellten, wenn wir auch auf die Kleinigkeit. gar keine Ruͤckſicht nehmen, daß manche durch ihre haͤufig gewechſelten prunkvollen Trachten ein Großes zum Ruin ihrer Maͤnner und des Haus⸗ weſens beitrugen. Freilich wuͤrden viele bei wei⸗ tem mehr glaͤnzen und gefallen, wenn ſie es blos ihren natuͤrlichen ungeſchminkten Reizen uͤberließen, zu wirken, die ihnen die Natur gab, und dieſe wuͤrden weit ſicherer und daurender wirken, als alle erkuͤnſtelten Vorzuͤge. Eitele Frauen, wenn ſie anders die Kunſt verſtehen, ſich zu verſchoͤnern, und gewiſſe Reize, deren Schwaͤche im Verhaͤltniß gegen die uͤbrigen zu auffallend ſeyn wuͤrde, zu ſtaͤrken ſtaͤrken und zu erhoͤhen, welches durch den Ge⸗ ſchmack fuͤr das wahre Schoͤne allein bewirkt werden kann, koͤnnen nur von Murrkoͤpfen ge⸗ tadelt werden; im Grund werden ſie immer das Wohlgefallen der Maͤnner auf ihrer Seite haben. Indeß iſt dieß grade der goldene Apfel, den die Eris in die Frauengeſellſchaften geſchleudert hat. Denn ich erinnere mich, ſelbſt ſehr oft gehoͤrt zu haben, wie jede die andere eiferſuͤchtig durch⸗ zog. Aber worin liegt denn der Grund? fragte ſpoͤttiſch Luiſe. Das fragſt Du? erwiederte Ferdinand; Du ſcheinſt vergeſſen zu haben, daß alle gefallen wol⸗ len, und dennoch jede von der andern uͤberboten zu werden fuͤrchtet. Ich ſetze deswegen alles daran, daß, wenn zwei eitele Frauen, die um das Wohlgefallen der Maͤnner buhlen, und in einer Geſellſchaft ſich begegnen, ſie moͤgen ſich auch noch ſo ſchoͤn in das Geſicht ſchmeicheln, ſie dennoch heimlich geſchworene Feindinnen ſind. Die Junonen, Minerven und Anadyomenen ſind in unſerer chriſtlichen Welt noch nicht ausgeſtorben. Luiſe war aufgeſprungen, und legte die kleine weiche Hand auf ſeinen Mund. Pfui, ſagte ſie zaͤrtlich, Du wirſt ja heftig? Behuͤte, erwiederte er, und zog ſie auf ſeinen Schooß. E Laſſen -— 66— Laſſen Sie ſich nicht angſt werden, lieber Freund, rief ſie dem confus gewordenen Walther lachend zu, der verlegen umherblickte. Auguſte nickte ihm, fortzufahren. Inzwiſchen erſtreckt ſich jedoch dieſe Eitelkeit faſt nur auf aͤußere Reize. Schoͤne Locken, roſige Wangen, ein ſchlanker Koͤrperbau, ein ſchmach⸗ tendes oder feuriges Auge und ein niedlicher Fuß ſind und bleiben der Zankapfel der weiblichen Eitelkeit, und ſelbſt betagte Jungfrauen, wenn ſie etwa noch Liebhaber ſuchen, pochen nur gar zu gerne darauf. Geiſtige Reize und Talente und koͤrperliche Geſchicklichkeiten, wie Tanzen, Singen, Klavierſpielen und Fertigkeit in der Ma⸗ lerei werden von den Frauen an ihres Gleichen weit leichter bewundert, und ohne Neid geruͤhmt. Verzeihen Sie, daß ich unterbreche, und noch etwas hinzufuͤge, ſagte hier Graf Ludwig. Es giebt noch eine gewiſſe Privateitelkeit gewiſſer Frauen, die ich die weibliche Vernarrtheit in ſich ſelbſt nennen moͤchte. Sie ſteht beſtaͤndig, wie Narziſſus am Bache, vor dem Spiegel oder in — deſſen Naͤhe, und beſchaut ſich wohlgefäͤllig, ohne auf etwas Anderes zu achten. Das Weſentliche beſteht darin, daß ein ſolches Weib ſich einbildet, ſchon im uneingeſchraͤnkten Beſitz jeder moͤglichen Reize und des Beifalls aller, die ſie ſehen, zu ſeyn, ohne daß es noͤthig ſey, weiter darnach zu ſtreben. — 67— ſtreben. Die obengenannte Eitelkeit hingegen ſtrebt wenigſtens ſichtlich nach dem Beifall An⸗ derer, und zeigt alſo, daß ſie die wenigſtens ehre und achte, um deren Beifall ſie ſich Muͤhe giebt. Ich will damit nicht geſagt haben, daß die Maͤnner nicht auch eitel ſeyen, aber ihre Eitel⸗ keit gruͤndet ſich auf das Entgegengeſetzte. Es wird ein ſehr ſeltener Fall ſeyn, daß Frauen einen ganz beſondern Werth auf ihre muſikali⸗ ſchen Geſchicklichkeiten oder Talente zur Malerei legen— Vermuthlich weil ſie ſich bewußt ſind, es doch nie bis zur kuͤnſtleriſchen Unſterblichkeit bringen zu koͤnnen, fuhr Ferdinand ſchon wieder dazwiſchen. Du biſt ſehr unartig, Ferdinand, rief Luiſe, und ſprang von ſeinem Schooße. Aber die Maͤnner ſind ſehr eitel, redete Graf Ludwig weiter, indem er einen mißbilligenden Blick auf Ferdinand warf, ſehr eitel, wenigſtens ein ſehr großer Theil, auf die Schaͤrſe ihres Ver⸗ ſtandes, auf das Gewicht, das man ihrem Urtheil beilegt, auf ihre Verdienſte, ihre Kenntniſſe und Anlagen, und keiner wird dazu ſcheel ſehen, wenn man ihn auf eine Weiſe, die nicht verraͤth, daß man ihm ſchmeicheln wollte, einen guten Kopf nennt. E 2 O es — 63— O es iſt doch ein ſuͤßer Troſt, daß Sie noch etwas unſere Parthie nehmen, ſagte Luiſe, und druͤckte des Vaters Hand.. O weh, meinte dieſer, Sie ſind in einem ſuͤßen Irrthum. Wie bald wird die rauhe Seite kommen. Der Mann, fuhr er fort troͤſtet ſich allenfalls mit dem Bewußtſeyn, etwas vorzuſtel⸗ len, ohne ſich viel um die Nachreden zu kuͤmmern; die Frauen hingegen fordern nicht blos, daß man Gutes von ihnen denke, ſondern daß man auch Gutes von ihnen ſage; ja, viele ſind wirklich ſchon damit zufrieden, wenn ſie ſich nur uͤberzeugt hal⸗ ten, daß man ihre Geheimniſſe nicht ausplaudern duͤrfe. Daher mag es kommen, daß viele Frauen Schmeicheleien im eigentlichen Sinne des Worts von den Maͤnnern zu fordern ſich berechtigt halten, und ſie auch meiſt fuͤr baare Muͤnze nehmen, wenn ſie gleich mit einem„Sie ſcherzen“ ſich dagegen verwahren zu wollen ſcheinen. Giebt es wohl poß⸗ ſerlichere Redensarten, als„goͤttliches, himmli⸗ ſches Maͤdchen, engliſches Weib,“ oder wie die Franzoſen im Mittelſtande ſagen„mon hetit chat?“ Aber freilich muß das ſeyn, denn wo faͤnden ſich Ausdruͤcke, die die gluͤhende Neigung des Liebhabers trefflicher bezeichneten? Manche Liebe wuͤrde vielleicht erkalten, wenn der geliebte Gegenſtand ſie fuͤr unguͤltig erklären wollte. Doch ich greife unſerem Freunde vor. Walther Walther bat den Grafen angelegentlich, fort⸗ zufahren, dieſer aber lehnte es ab. Dafuͤr miſchte ſich Ferdinand ein, und ſagte: Wenn uͤberhaupt mehr oder minder haͤßliche Frauen die Schmeiche⸗ leien der Maͤnner als eine kurrente Geldſorte an⸗ nehmen, geſetzt auch, der Spiegel verrathe das Gegentheil, ſo laͤßt ſich das vermuthlich daher er⸗ klaͤren, daß ſie auf die Verſchiedenheit des maͤnn⸗ lichen Geſchmacks bauen. Sie kennen ſehr wohl das Spruͤchwort: les goutes sont differents. Spoͤtter ſagen deswegen, daß, wenn man nur den rechten Ton und die ſchickliche Miene in ſeinen Schmeicheleien zu treffen wiſſe, und vorzuͤglich dies jenigen Theile, welche der geſchmeichelte Gegen⸗ ſtand ſelbſt fuͤr ſchoͤn zu halten geneigt iſt, z. B. ein feuriges Auge, eine Fuͤlle ſchoͤner Locken, oder einen ſchlanken Bau, ein chineſiſches Fuͤßchen, her⸗ vorhebe, man es dahin bringen koͤnne, daß die Frauen den Theil fuͤrs Ganze naͤhmen, und das Uebrige obendrein glaubten. Nein, das iſt zu arg, Ferdinand! zuͤrnte Au⸗ guſte, Du ſcheinſt es darauf anzulegen, unſern Unmuth zu wecken. Geduld, mein Kind! entſchuldigte er ſich, Du wirſt mich auch noch loben. Fahren Sie fort, lieber Freund! und laſſen Sie ihn nur nicht wieder zu Wort kommen. Es — 70o— Es wurde oben bemerkt, nahm Walther wieder das Wort, daß die weibliche Eitelkeit ſich mehr auf das Aeußere beziehe, und das findet ſich auch in anderer Hinſicht beſtaͤtigt. Manche Frauen ſparen faſt mit einer Art von Geiz die noͤthige Koſt, und ſpeiſen wohl N Mann und Kinder ſehr trocken ab, blos damit ſie einen deſto glaͤnzendern und pomp⸗ haftern Schmaus geben koͤnnen. Ich habe ſelbſt in mehrerern Gegenden unſers lieben Vaterlandes, wo es in den niedern Staͤnden noch hergebrachte Sitte iſt, große Maͤntel mit goldnen oder ſilbernen Treſſen zu tragen, oft Frauen zur Entſchuldigung ihrer eiteln Kargheit den niedrigen und gemeinen Ausdruck brauchen hoͤren„niemand ſaͤhe ihnen zwar in den Magen, wohl aber auf den Kragen.“ Die Neigung zum aͤußern Glanz iſt freilich tief in der Natur des Weibes gegruͤndet; denn da, die Damen verzeihen, nicht ſie, ſondern der Mann das Recht der Wahl hat, ſo muͤſſen alle Frauen⸗ zimmer, mehr oder weniger, den Hang in ihrem Buſen naͤhren, gut in die Augen des Mannes zu fallen. Daher nehmen ſie, wenn ſi ſie in der Ferne Perſonen kommen ſehen, denen ſie begegnen muͤſ⸗ ſen, eine andere Miene, und ſogleich einen bald ſtolzern, bald ſchweberndern Gang an, und bemer⸗ ken genau, wie man ſie begruͤßt, und ſeine Ehr⸗ erbietung zeigt. Auch wird man ſelten ein Frauent zimmer vom offenen Fenſter weggehen ſehen, wenn jemand — 71— emand vorbeigehen will, denn auch da meſſen ſie nach den tiefern oder leichtern Aeußerungen der Achtung, die ihnen bezeigt wird, den Grad der Wirkſamkeit ihrer Reize ab. Ich hatte einen Be⸗ kannten, der daher aus Furcht, zu mißfallen, bei einer ziemlichen Kurzſichtigkeit oft in den Fall kam, vor einer Katze oder einem Mopſe, ſtatt vor einer Dame den Hut abzuziehen, weil er es ſich zum Geſetz gemacht hatte, jederzeit, bei der bekannten Strenge der Frauen in dieſem Punkte, eher etwas mehr devot, als zu wenig zu ſeyn. Eine der edelſten Tugenden des weiblichen Ge⸗ ſchlechts, die nicht blos in der fruͤhern Gewoͤhnung dazu, ſondern auch in der Neigung, ſich zu putzen und zu ſchmuͤcken, ihren Grund hat, iſt die Rein⸗ lichkeit. Wirklich kenne ich nichts Haͤßlicheres, als ein unſauberes Weib, die ſich alle Jahre nur ein⸗ mal mit Oſterwaſſer zu waſchen ſcheint. Gewiß, ſpoͤttelte Ferdinand wieder, Frauen⸗ zimmer, die unreinlich ſind, kennen ihren eigenen Vortheil nicht. Man koͤnnte mit jenem Stutzer ſagen„wen ſie in ihr Herz einſchließen, der wird eben ſo gewiß in ein Schwein verwandelt, als die Gefaͤhrten des Ulyſſes bei der Zirze.“ Die Damen mußten doch lachen, und Walther ſprach weiter. Ein reinliches Maͤdchen wird daher, wenn es auch arm iſt, weit eher einen Mann bekommen, als als ein unreinliches, ſollte es auch Tauſende im Vermoͤgen haben. Hier muß ich noch etwas in dem weiblichen Weſen bemerken, das nirgends trefflicher und paſ⸗ ſender von der Natur haͤtte angebracht werden koͤnnen, als bei den Frauen, ich meine die weib⸗ liche Geduld. Dieſe Geduld umgiebt viele Frauen wie eine Art von Heiligenſchein. Ihrer Beſtim mung nach ward ihnen ein Wirkungskreis ange⸗ wieſen, in welchem die beſchwerlichſten, widrigſten und ermuͤdendſten Geſchaͤfte auf ſie warten. Wir wollen hier gar nicht Ruͤckſicht auf die Geſchaͤfte der Hausfrau nehmen, ſondern ſie nur in ihrem Wirken als Muͤtter und Gattinnen betrachten. Welche Unruhe verurſacht nicht ein kleines Kind! Zaͤrtliche Muͤtter tragen es wohl ganze Tage ohne Murren auf dem Arm, und wenn ſie es ja einem Dienſtboten anvertrauen, ſo richten ſich doch ihre Blicke beſtaͤndig nach ihm hin, wie der Magnet nach dem Nordpol. Wenn es nur unruhig zu werden anfaͤngt, ſtrecken ſich unwillkuͤhrlich ihre Arme nach ihm aus, und weint es gar fort, ſo finden ſie kaum Beruhigung vor der hereinbrechen⸗ den Bangigkeit. Haben ſie ſich nun den Tag uͤber, wobei viele tauſend Frauen, denen niemand an die Hand geht, noch dazu alle Hausgeſchaͤfte verſehen muͤſſen— muͤde getragen und gearbeitet, und hof: fen vielleicht im kurzen Schlummer etwas zu ruhen, ſo 8 — 73— ſo muͤſſen ſie flugs wieder aus dem Bette, weil das kleine Geſchoͤpf unruhig wird, oder nach einem Beduͤrfniß klagt. Scheint es krank, dann verzichten ſie auf jede Bequemlichkeit, und durch⸗ wachen lieber ganze Naͤchte, als daß ſie ihr Kind einen Augenblick verließen. Noch ſtäarker wird ihre Geduld auf die Probe geſetzt, wenn etwa den Mann ſelbſt eine Krankheit auf's Lager wirft. Hier kommt ihnen niemand gleich. Tage und Raͤchte bringen ſie am Bette zu, ruͤcken dem Kranken bald hier das Kiſſen zurecht, bald ſuchen ſte ihm dort eine beſſere und bequemere Lage zu verſchaffen; ihre Hand trocknet ihm ſanft den Schweiß von der Stirne, reicht ihm die Arzneien, und jeder Blick erraͤth ſeine Wuͤnſche, ohne daß er zu reden, zu winken braucht. Mit den ein⸗ dringlichſten Troſtgruͤnden, Ermunterungen, und und mit den hoffnungsreichſten Blicken lindern ſie das Aechzen und Klagen des Kranken; ja, man hat Gelegenheit gehabt, zu bemerken, wie viele, um dem Kranken Muth zu machen, der die Arzneien ungern nahm, zuvor von jeder ſelbſt nippten. Der groͤßte Eigenſinn bringt ſie nicht aus der Faſſung, und aus jenem ſanften Ton, der geſchaffen iſt, auch die groͤßten Leiden minder empfindlich zu machen. Und dabei muͤſſen ſie oft noch ihre eigene Troſt⸗ und Hoffnungsloſigkeit auf das Kunſtreichſte verbergen, damit der Kranke ſeinen — 74— ſeinen Zuſtand nicht errathe. Sehr wahr ſagt daher Loweleß bei Richardſon:„Die Frauen lieben und haben am meiſten mit denjenigen Ge⸗ duld, es moͤgen Maͤnner, Frauen oder Kinder ſeyn, die ihnen die meiſte Noth machen.“ Wie weiſe handelte daher nicht die Natur, daß ſie dem Weibe dieſe herrliche Eigenſchaft der Geduld in ſo hohem Grade verlieh! Dieß ſollte von rechtswegen die Maͤnner nachſichtiger bei an⸗ dern Fehlern ihrer Frauen machen. Die intereſſanteſten Bemerkungen draͤngen ſich dem ſtillen Beobachter auf, wenn ein verliebtes Paar im Mittel⸗ oder Niederſtande vorhanden iſt, der es eine Ehe zu ſtiften giebt. In der That ſind die Frauen aus jenen Staͤnden, gleich den Bienen in der Haidenbluͤhte, aͤmſiger als je, wenn es dazu kommen ſoll. Sobald Verheira⸗ thete ſolche Ehen zu ſtiften ſuchen, ſo beweiſen ſie, daß ſie ſich in ihrer Ehe gluͤcklich fuͤhlen. Aber nicht allein verheirathete Frauen, ſondern auch unverheirathete Damen bieten gerne die Haͤnde, Ehen zu ſtiften. Die Letztern ſcheinen darum gerne die Hand im Spiele zu haben, weil ſie wenigſtens eine Art von Mitgenuß jenes Ge⸗ fuͤhls, das ſie nicht koſten durften oder konnten, erhalten, weil ſie uͤberhaupt Freundinnen von heimlichen Tractaten und Vertraͤgen ſind, und, ſobald man ihnen nur etwas ſchmeichelt, ſich uͤber⸗ gluͤcklich gluͤcklich fuͤhlen, die Protectoren und Hehler der Verliebten gegen muͤrriſche Aeltern oder Vormuͤn⸗ der zu ſpielen. Es giebt Geſellſchaften, wo ein Unverheiratheter nicht eine halbe Stunde ſeyn kann, ohne daß man nicht auf dieſen Lieblings⸗ punkt koͤmmt; und waͤre er noch nicht geneigt, ſich zu verlieben, ſo wird er es ſicher durch die haͤufigen Anſpielungen und Vorſchlaͤge, mit denen man ihn umſpinnt. Dieſen Hang der Frauen, Heirathen zu ſtiften, wird uns Graf Ferdinand leicht erklaͤren, Dieſer verſtand ihn, und wollte den Faden aufnehmen, die Damen aber proteſtirten mit aller Macht dagegen. Er beruhigte ſie indeß, indem er ſich einestheils auf Walthers Aufforderung bes rief, und dann verſprach, eines mildern Tons beſliſſen zu ſeyn. Durch die Ehe, ſprach er nun mit Pathos, tritt naͤmlich das Weib erſt recht an ihre Stelle, und erhaͤlt ſeinen vollen Werth. Als Weib, Gat⸗ tin, Mutter und Hausfrau iſt ſie von einer Kette Pflichten umgeben, die ihr, wenn ſie dieſelben nicht vernachlaͤſſigt, ſicher die Hochachtung aller erwerben; und durch dieſe verſchiedenen Aemter und Geſchaͤfte traͤgt ſie unendlich viel zum Wachs⸗ thum und Flor des Staates bei. Als Maͤdchen faſt nur eine Null, tritt ſie als Gattin mit dem Mann in das Verhaͤltniß der Zahl 10. Ferdi⸗ — 76— Ferdinand! warnte Luiſe, der ehur he ſchon wieder hervor, laß Dich nicht geluͤſten! Ich will ihn nicht Herr werden laſſen, ent⸗ ſchuldigte ſich jener, und fuhr fort. Der Eng⸗ laͤnder Hume bemerkt, daß die Frauen jede Sa⸗ tyre auf ſie ſelbſt verzeihen wuͤrden, aber nie eine auf den Eheſtand.. Das begreife ich nicht wohl, fragte Luiſe wie⸗ der mit verwundertem Blick. Wie koͤnnte mich eine Satyre auf den Eheſtand piquiren, wenn ich gluͤcklich bin; und bin ich es nicht, ſo wird die Satyre mir willkommen ſeyn, weil ſie meinem Unmuth Sprache giebt. Nicht ohne Grund, liebe Luiſe, behauptet das Hume; hoͤre nur. Die Ehe iſt die alleinige Ur⸗ ſache des Einſluſſes, den die Frauen auf oͤffent⸗ liche und Privatgeſchaͤfte ausuͤben. Daher koͤnnen wir vermuthen, warum die Frauen gewoͤhnlich mehr, als die Maͤnner, auf ein betrogenes Maͤd⸗ chen zuͤrnen, weil ſie die Arme ſtets als die Ur⸗ ſache der Herabwuͤrdigung, nicht des Geſchlechts, wohl aber des weiblichen Anſehens und der ver⸗ minderten Ehen betrachten. So duͤrfen wir uns alſo nicht wundern, wenn alles, was weiblich iſt, großen Antheil an einer vorhandenen Verlobung oder Heirath nimmt, wie in jeder Geſellſchaft daruͤber her und hin disputirt wird; ſo duͤrfen wir uns nicht wundern, wenn ſelbſt weibliche Dienſt⸗ Dienſtboten, ſobald ſie einen Liebhaber ihrer Herr⸗ ſchaft in der Naͤhe wittern, von einem unwillkuͤhr⸗ lichen Inſtinct geleitet, das Geſchaͤft der Zwiſchen⸗ traͤgerei gerne uͤbernehmen, und bisweilen einen groͤßern Einfluß auf die Liebenden uͤben, als Vater und Mutter. Am meiſten kommt es daher, daß alle Frauen zur Ehe rathen, und alle Maͤdchen gerne heirathen⸗ weil das Weib erſt durch den Mann ſein volles Gewicht und Anſehen erhaͤlt. Denn ſo lange ſie allein ſteht, ſie muͤßte denn ganz uͤber ſich und ihr Eigenthum zu gebieten haben, erweiſt man ihr nur die hergebrachten Hoͤflichkeiten und Aufmerkſam⸗ keiten, welche freilich nach dem Grad ihrer Schoͤn⸗ heit und geiſtvollen Bildung bald ſteigt, bald ſinkt, ohne ſie weiter in Berathung uͤber die Angelegen⸗ heiten des conventionellen und haͤuslichen Lebens zu ziehen. Der Mann kann uͤbrigens aus einem niedern Stande die Frau in einen hoͤhern erheben, aber ſelten findet der umgekehrte Fall ſtatt, es muͤßte denn die Frau ſo hoch ſtehen, wie Maria Stuart, als ſie den Lord Darnley heirathete. Dieſe Behauptung beduͤrfte doch noch einer ge⸗ nauern Pruͤfung, unterbrach ihn hier die Graͤfin Mutter. Unmittelbar freilich nicht, aber doch mit⸗ kelbar. Iſt der Mann, den das Weib aus einem hoͤhern Stande zu lieben Urſache fand, ſonſt nur edel und geiſtig ſtark, ſo muß ihn die Liebe auch ſtark ſtark genug machen, eine gleiche Stuſe mit der Geliebten zu erklimmen, und ſich, ohne zu erroͤ⸗ then, an ihre Seite zu ſtellen. Dieſe Bemerkung ſchien auf Auguſten ſehr viel Eindruck zu machen, wenigſtens verhehlte ſie ihren Beifall nicht im Mindeſten. Sie lud Walthern ein, den Faden wieder aufzunehmen. Ich komme, ſagte dieſer, jetzt an einen Punkt, der mir kitzlich erſcheint. Es iſt die Frage, ob der Geck und Stutzer eher als jeder andere Eingang bei den Frauen ſinde? Das ſagen wenigſtens Wei⸗ berhaſſer, daß ihnen der Schwaͤtzer nicht immer mißfalle. Denn da ſie gerne und viel redeten, und auch eine geringe Kleinigkeit, wie z. B. das Hoͤher- oder Tieferſitzen einer Bandſchleife, die Farbe eines Kleides, die Spitze oder der Abſatz eines Schuhes, ihnen reichen Stoff zur Unterhal⸗ tung lieferte, ſo muͤßte der, welcher mit ihnen hierin harmonirte, ihnen nie unwillkommen ſeyn. Gewiß ſoll es ſeyn, daß das leichtfertige Zuͤnglein mancher Damen ſich mit ungemeiner Beredſamkeit uͤber alle vorkommenden Gegenſtaͤnde verbreite, und daß auch ſelbſt das ihrer Kritik nicht entgehe, was ſie gar nicht, oder vielleicht nur halb ver⸗ ſtaͤnden.. Dieſe Gewandheit in der weiblichen Rhetorik ſoll freilich viele auch zur Plauderhaftigkeit ver⸗ leiten. Graͤfin Graͤfin Luiſe drohte ihm mit dem Finger. Sie koͤnnen dabei, fuhr er fort, ohne ſich ſtoͤren zu laſſen, da Graͤfin Auguſte nicht mit drohte, ſo gut, wie wenn eine Reiſe unternommen werden ſoll, der Wagen vor der Thuͤre ſteht, und die Pferde ungeduldig ſcharren, nie fertig werden. Immer wird noch ein Langes und Breites hinzu⸗ gefuͤgt. Indeß muß ihnen das billig verziehen werden, denn ſie umfaſſen mit ihren Blicken unend⸗ lich mehr, als die Maͤnner, und haben tauſend Dinge in der Geſellſchaft zu bemerken, wovon jene keine Ahnung haben. Jeder Blick, jede Miene, jeder Zug der Eintretenden oder Weggehenden, je⸗ des Wort, was geſprochen, jede Verbeugung, die dazu gemacht wurde, praͤgt ſich, wie in Erz, ihrem Gedaͤchtniß ein. Außerdem wird die Haltung aller, die zugegen ſind, ihr Koſtuͤm, die Farbe der Klei⸗ der, der Schnitt, die Art, wie es ihnen ſteht, ſcharf und ſtreng gemuſtert, und jahrelang nach⸗ her wiſſen ſte das noch alles am Finger herzuſagen. Das iſt indeſſen ſehr gut, denn durch ihre biswei⸗ len etwas ſchneidend ausgeſprochene Kritik beſſern ſie manchen in der Kleidung und Haltung nachlaͤſ⸗ ſigen jungen Mann. Man begreift darum auch, wie die heimlichſte Liebe junger Leute ſo bald be⸗ kannt wird. Den Argusaugen ſolcher Frauen kann auch die groͤßte Liſt in der Geſellſchaft nicht entrin⸗ nen, und wenn viere nicht die Neigung eines ver⸗ liebten — 80— liebten Paares entdecken, ſo belauert die fuͤnfte ſicher ihre Beute. Solche Frauen ſcheinen hierin eine gewiſſe Aehnlichkeit mit den Indianern in Nordamerika zu beſitzen, die den Rauch der Staͤdte zwei Meilen weit riechen. Vielleicht gab ihnen die Natur dieſe Redſelig⸗ keit auch nicht blos dazu, die Maͤnner zu erheitern und zu zerſtreuen, was jener Gelehrte geglaubt haben muß, der nur Abends eine Stunde vor Schlaꝛ fengehen ſeine Studierſtube verließ, und zu ſeiner jungen Frau ſagte:„nun mache man mir noch einige luſtige Spaͤße vor,“ ſondern auch darum, damit ſie ihre Kinder eher und leichter reden leh⸗ ren moͤchten. Unſere Vaͤter haben ſich wenig mit uns abgegeben; aber von den Muͤttern und Am⸗ men, die uns Maͤhrchen, Geſpenſtergeſchichten, Wiegenlieder und tauſend andere Dinge vorplau⸗ derten, haben wir reden gelernt, und wenn ja einige Leute nicht gut mit ihrer Zunge umzuſprin⸗ gen wiſſen, ſo iſt ihnen ſicher die Mutter oder Amme zu fruͤhzeitig entriſſen worden. † Von einer andern Seite aber tritt das Weib als Mutter in der ganzen Glorie himmliſcher Wuͤrde und Hoheit vor uns; der Schweizer Iſelin deutet darauf hin.„Es iſt noch nicht ausgemacht, ſagt er, welchen Einfluß die Muͤtter auf die edlere Bildung ihrer Kinder uͤben; aber mancher große und treff⸗ liche Mann wuͤrde, wenn er uns ſeine Biographie liefern — 8¹— liefern ſollte, geſtehen muͤſſen, daß bei weitem das meiſte Große und Herrliche in und an ihm die aufgebrochene Bluͤthe eines Saamens ſey, den ſeine Mutter in das junge Herz ſtreute.“ Darum beuge der Mann getroſt ſein Knie vor einem edlen Weibe— ihr Geiſt wirkt fruͤher oder ſpaͤ⸗ ter oft mit reißender Gewalt auf das irdiſche und himmliſche Wohl von Millionen. Walther ſtarrte hier einige Minuten ſtill vor ſich hin; die Frauen ſtaunten ihn ſtumm an, und wagten ihn nicht anzureden. Endlich begann er wieder: Eine andere Folge hat auch noch die Redſeligkeit vieler Frauen von gemeinem Gemuͤth, uͤber welche ſehr geklagt wird, ich meine die Klaͤtſcherei und Verlaͤumdung. Doch, ſie ſey in die Verſammlungen ungebildeter Frauen⸗ zimmer verwieſen. Im Ganzen genommen finden ſich unter dem ſchoͤnen Geſchlecht mehr Geizige, als unter den Maͤnnern. Das kommt daher, daß die Frauen von Jugend an zur Sparſamkeit incliniren. Bei dem Manne wuͤrde das Geiz und Kargheit heißen, was wir bei der Frau nur Sparſamkeit nennen. Indeß iſt das ſehr gut: denn, wohl verſtanden, wer eigentlich nichts erwirbt, kann auch nichts weggeben; das Weib iſt alſo recht eigentlich dazu geſchaffen, zu ſparen und zu Rathe zu halten, weil dadurch der Wohlſtand eines Hauſes am F meiſten — 3.— meiſten erhoͤht wird. Der Mann mag wohlleben, die Frau aber muß das Erworbene feſthalten. Daher haben auch ſchon ganz kleine Maͤdchen eine Menge Schachteln, Schraͤnke, Buͤchſen und Schuͤſ⸗ ſeln, worin ſie alles aufbewahren, was ihnen unter die Hand koͤmmt. Ein Frauenzimmer von 18 Jahren, getraut ſich Miß Howe in der Geſchichte der Clariſſa zu behaupten, iſt, man mag die ganze Welt durch⸗ gehen, ungleich kluͤger und zur Geſellſchaft ge ſchickter, als ein junger Mann von fuͤnf und zwan: zigen. Wenn wir dieſen Satz auch nicht durch⸗ aus gelten laſſen, denn jede Regel hat ihre Aus⸗ nahme; ſo muͤſſen wir doch geſtehen, daß er auch noch jetzt bei den Meiſten guͤltig bleibt. Man ſehe doch nur einen jungen Mann, der vielleicht erſt von der Akademie zuruͤckkehrte, in eine Ge⸗ ſellſchaft eintreten. Wie plump tritt er einher, wie linkiſch benimmt er ſich, nirgends weiß er die Haͤnde zu bergen, die ihm uͤberall im Wege ſind, und es geht noch ſehr gluͤcklich abp, wenn er nach den erſten Begruͤßungen, ohne zu ſtolpern, ſich in den Hintergrund zu den Maͤnnern fluͤchten kann, wo er ſtumm, wie auf Kohlen ſteht, ben ſonders wenn er nur Einen aus der Geſellſchaft kennt. Zieht ihn eine mitleidige Dame in's Ge⸗ ſpraͤch, ſo zupft er aͤngſtlich am Halstuch, und laͤßt wohl gar verduzt die Taſſe fallen, die ihm die die Hausfrau oder ein Bedienter eben reicht. Das raubt ihm vollends ſeine ganze Faſſung, und der arme Suͤnder, welcher vielleicht recht gelehrte Kenntniſſe beſitzt, iſt fertig. Verkehrte Antwor⸗ ten, nur halb ausgeſprochene Saͤtze, ein gewiſſes Lallen der Stimme, bisweilen auch Veraͤnderung der Geſichtsfarbe verrathen ſeine innere Herzens⸗ angſt, und ſetzen ihn, wenn die Umgebung nicht delicat iſt, dem heimlichen Geſpoͤtt der Anweſen⸗ den aus. Laſſen wir nun ein junges Maͤdchen vom Lande eintreten. Sie wird freilich auch ein wenig aͤngſtlich ſeyn, und ein verlegenes Laͤcheln, das um ihre Lippen ſchimmert, wird zeigen, daß ſie noch keine, oder wenigſtens nur ſelten Ge⸗ ſellſchaften beſucht habe; aber trotz alle dem wie leicht tritt ſie einher, wie anmuthig verbeugt ſie ſich; iſt ſie nur erſt zum Sitzen gekommen, ſo iſt auch ein Geſpraͤch angeknuͤpft, und ſie iſt uͤber die Schrecken der erſten Bekanntſchaft hinweg. Dieſe Gefuͤgigkeit der Frauen in alles Neue iſt ihr Erbtheil, und inſofern hat Miß Howe Recht. Freilich erleben wir jetzt Beiſpiele, die uns faſt glauben machen ſollten, jene Verdutztheit, jenes ſcheue linkiſche Betragen der jungen Maͤn⸗ ner ſey im Abſterben begriffen, aber die Extreme beruͤhren ſich hier eben ſo leicht, als anderswo. An die Stelle deſſelben iſt jenes freie, faſt freche Betragen getreten, das man mit dem Namen der F 2„goͤtt: „ goͤttlichen Unverſchaͤmtheit“ nicht uͤbel belegt hat. Es iſt daher ſehr gut, daß die Frauen, gleich den leichtfuͤßigen Galliern, wenn ihnen jemand begeg⸗ net, der ihrer Sprache nicht ganz maͤchtig iſt, helfend entgegen kommen, und auch hier vermit⸗ telnd eintreten. Sie thun nichts lieber, als den Neuling in die Schule nehmen, und nur ihnen verdankt man es, wenn aus rohen Steinen ſo mancher koͤſtliche Diamant herausgeſchliffen wurde. Nur waͤre zu wuͤnſchen, daß ſie auch mit mehr Kraft und Ernſt der freilich ſchon etwas erwach⸗ ſenen Ungeſchlachtheit entgegentreten moͤchten, die ſich mit ausgeſpreizten Beinen aufs Kanapee wirft, ſich bisweilen mit beiden Haͤnden in den Haaren herumfaͤhrt, und ruhig und gemuͤthlich ſitzen bleibt, wenn der Nachbarin etwas aus den Haͤnden auf Unſere Großvaͤter haͤtten einem ſolchen Menſchen ſicher die Thuͤre gewieſen. Woher es aber kommen mag, daß die Frauen ſich leichter in die Geſellſchaft ſchicken, als junge Maͤnner, erklaͤrt ſich vielleicht daraus. Mann pflegt ſich meiſtentheils nur um ſeine Wiſ⸗ ſenſchaft und Kunſt zu kuͤmmern, lebt und webt in ihr fort, und iſt, weil ihm eine andere Unter⸗ haltung als die, welche er liebt, nicht zuſagt, gewoͤhnlich um alles andere unbekuͤmmert, was außer ſelnem Kreiſe vorgeht. Dadurch wird er em Converſationstone fremd, und die Schmei⸗ chelet die Erde gleitet. Der cheleien und Komplimente, mit denen man gleich Finten in den Geſellſchaften ficht, bleiben ihm fremd. Kommt er nun in eine Geſellſchaft, ſo muß er verſtummen, denn nicht uͤberall wird uͤber ſeine Kunſt und Wiſſenſchaft geſprochen, ſondern die Unterhaltung dehnt ſich um allgemeine, frei⸗ lich auch, nur fuͤr ihn nicht, intereſſante Gegen⸗ ſtaͤnde— das ſind ihm dann boͤhmiſche Doͤrfer. Iſt er ſelten oder nie in Damengeſellſchaften ge⸗ zogen worden, ſo ergeht es ihm noch ſchlimmer, und ſeine Haltung wird, er mag wollen oder nicht, ſtets etwas pedantiſch erſcheinen. Die Frauen hingegen ſind ſchon vermoͤge ihrer Red⸗ ſeligkeit in alle Schlingen der Converſation ein⸗ geweiht; und wenn ſie bisweilen auch etwas Un⸗ uͤberdachtes hervorbringen, verlaſſen ſie ſich auf ihre Naivetaͤt, die alle mehr oder minder zu be⸗ ſitzen glauben. Das giebt ihnen eine ungezwun⸗ gene Haltung. Ich muß hier noch eine Art Frauen erwaͤh⸗ nen, die von der gewoͤhnlichen Denkungs; und Handlungsweiſe ihrer Schweſtern abgehen. Sel⸗ ten naͤmlich waͤhlt ein vernuͤnftiges Frauenzimmer einen ausſchweifenden Mann, weil ſie mit Grund vorausſetzt, daß er ihr keine Treue halten werde. Jene aber, man weiß bis jetzt noch keinen paſ⸗ ſenden Namen fuͤr ſie, ſchlagen grade den ent⸗ gegengeſetzten Weg ein. Da ſie naͤmlich glauben, durch — 86— durch ihre Reize und ihr Betragen den werben⸗ den Libertin beſſern und gruͤndlich heilen zu koͤn⸗ nen, ſo geſchieht es oft, daß ſie zu jedermanns Erſtaunen unter zwei Liebhabern, wovon der Eine die eben genannten Eigenſchaften beſitzt, der An⸗ dere aber redlich, nur etwas foͤrmlich und beſchei⸗ den zu Werke geht, gerade den Libertin waͤhlen. Dieſe Wahl verraͤth einen ungemeinen Stolz auf Wunderkraͤfte, die noch nicht erprobt ſind. Lo⸗ weleß ſpottet daher in Richardſons Clariſſa uͤber dieſe Traͤumereien, und Richardſon ſelbſt ſagt: zu was fuͤr einer ungruͤcklichen Wahl iſt ſchon manches tugendhafte Frauenzimmer durch den fal⸗ ſchen und unuͤberlegten Begriff verleitet worden, daß ein gebeſſerter Luͤſtling der beſte Gatte ſey; und anderswo, der Gedauke, daß ein bekehrter Boͤſewicht der beſte Ehegatte ſey, iſt ein ſtolzer, gefaͤhrlicher und verderblicher Gedanke. Unſere Philoſophen haben die Frauen, in Ruͤck⸗ ſicht ihrer Schoͤnheit, und die Maͤnner, in Ruͤck⸗ ſicht ihres verſchiedenen Geſchmacks an dieſer Schoͤnheit, in Klaſſen eingetheilt; allein da ich glaube, daß dieſe Eintheilungen uͤberfluͤſſig be⸗ kannt ſind, ſo wage ich es nicht, ſie weiter zu beruͤhren. K Behuͤte, nahm Graͤfin Luiſe das Wort, Sie kommen noch nicht los. Meine Nachbarinnen ſtimmen — 32— ſtimmen gewiß mit mir ein, daß Sie uns auch den Reſt zum Beſten geben. Jene nickten, und Walther mußte fortfahren. Die Reize der Frauen werden entweder in moraliſche oder in phyſiſche eingetheilt. Die Er⸗ ſteren, welche ſich in den Zuͤgen des Antlitzes, in den Blicken, dem Gang und der ganzen Weiſe, den Koͤrper zu tragen, offenbaren, zeigen nun entweder Gefuͤhl des Erhabenen, oder des blos aͤſthetiſch Schoͤnen. Dem Weibe, deſſen Reize das Erſtere verra⸗ then, legen wir Schoͤnheit im eigentlichen Sinne des Wortes bei. Die Beſcheidenheit iſt das Grund⸗ colorit dieſer Schoͤnheit, und edle Einfalt, ver⸗ bunden mit dem, was wir Naivetaͤt nennen, geben die Folie dazu. Die Beſitzerin dieſer Ei⸗ genſchaften iſt ſich derſelben kaum bewußt, wan⸗ delt wie die Sonne, wenn ſie aus ihrer Kammer hervorgeht, leuchtend zwiſchen den Sternen der zweiten und dritten Groͤße, und erfuͤllt alles mit Wohlgefallen. Frauenzimmer, die die Natur da⸗ mit ausſtattete, koͤnnen ſich der herrlichſten Vor⸗ zuͤge ruͤhmen: denn der edelſte Anſtand, weit ent⸗ fernt von ſtolzer Haltung, ein ungemein zartes Gefuͤhl fuͤr alles Hohe und Goͤttliche, ein wei⸗ ches, dem Wohlwollen gegen alle Menſchen offe⸗ nes Gemuͤth, an das ſich ein ruhiges Zutrauen zu ſich ſelbſt knuͤpft, und eine unerkuͤnſtelte Em⸗ pfindung — 38— pfindung fuͤr dauernde und reine Freundſchaft, werfen einen reizenden und unbegreiflichen Zauber uͤber ihr ganzes Weſen und Leben. Die Natur aber— Walther richtete hier ſeinen Blick auf Auguſten— ſchafft nur in beſonders guter Laune ſolche Feengeſtalten. Dem Geſichte, aus welchem das Gefuͤhl des blos aͤſthetiſch Schoͤnen ſpricht, geben wir die Be⸗ nennung— angenehm. Eine muntere Miene, ein froͤhliches Auge, viel einnehmender Witz, und oft ein an's Tolle graͤnzender Scherz begleiten es. Auch kann man ſolchen Frauen einen großen Schatz von Verſtand nicht abſprechen. Aber man ſagt ihnen nach, daß ſie in der Liebe vag und unbe⸗ ſtaͤndig ſeyen, und ihre Liebhaber oft wechſelten, denn ſie reizten mehr, als daß ſie dauernd feſſel⸗ ten. Beſitzen die Frauen einen hohen Grad von Gefuͤhl des aͤſthetiſch Schoͤnen, ſo nennt man ſie reizend, und liegt etwas Sehnſuͤchtiges im Vlick⸗ ſo heißen ſie wohl auch ſchmachtend. Die phyſiſchen Neize erwerben den Frauen blos den Beinamen— huͤbſch. Ein huͤbſches Frauenzimmer darf weder einen zu großen noch zu kleinen Koͤrperbau haben(in welchem letztern Fall man ſie niedlich nennt), es muß keine Un⸗ regelmaͤßigkeit in den Geſichtszuͤgen, noch Man⸗ gel an bluͤhender Farbe ſtatt finden— alles muß an ihnen harmoniren. Solche Frauen feſſeln durch ihre ihre koͤrperlichen Reize Maͤnnerherzen ſchnell, aber nur bis der erſte Taumel voruͤber iſt: denn wo keine moraliſchen Eigenſchaften vorhanden ſind, werden ſie hoͤchſtens einen kalten Beifall einaͤrn⸗ ten. Unter ihnen ſollen ſich die meiſten Koketten und Pruͤden finden. Aber es giebt noch eine Unterabtheilung von Frauen, die, wenn ſie nur moraliſche Reize be⸗ ſitzen, ſie moͤgen auch noch ſo tief verſteckt liegen, von der Natur außerordentlich beguͤnſtigt ſind. Ich meine die, welche grade nicht entſchieden huͤbſch genannt werden koͤnnen. Solche Frauen ſcheinen anfaͤnglich wenig oder nicht reizend; aber ſie gefallen deſto mehr, je naͤher man ſie kennen lernt. Je oͤfter man ſie in's Auge faßt, deſto mehr ſcheinen ſie ſich in einen hoͤhern Glanz von Schoͤnheit zu tauchen. Wir fuͤhlen uns von einer Ueberraſchung zur andern fortgezogen; denn je laͤnger wir ſie beobachten, deſto ungeahndetere Entdeckungen neuer moraliſcher Schoͤnheiten und Reize, denen wir keinen beſtimmten Namen zu geben vermoͤgen, machen wir bei ihnen Das ſind gewiß die Liebenswuͤrdigen? fragte Luiſe. Wenn Sie ſie ſo nennen wollen, ja. Uebri⸗ gens giebt es noch einzelne Abtheilungen von in⸗ tereſſanten, naiven, drolligen, kunſtgebildeten und kunſtverbildeten Frauen, wozu auch noch gewiſſe poetiſche — 90— poetiſche zu rechnen waͤren. Aber wir laſſen ſie, und gehen dafuͤr zu dem groben und feinen Ge⸗ ſchmack der Maͤnner uͤber. Luiſe klopfte hier in die Haͤnde. Der grobe Geſchmack kuͤmmert ſich, ſobald er zur Wahl ſchreitet, blos um die Erlangung einer Perſon des andern Geſchlechts. Derbe Knochen und pralles Fleiſch, die von Geſundheit und Kraft zeugen, ſind bei ihm naͤchſt dem Geld die erſten Erforderniſſe. Dann koͤmmt das Stricken, Naͤhen und Spinnen. Alſo ruͤhren ihn weder blaue noch ſchwarze brennende Augen, weder anmuthig ſchwe⸗ bender Gang, noch eine griechiſche Naſe, weder Wangen wie Milch und Blut, noch koͤſtliche Lip⸗ pen. Es iſt alles eitel, raͤſonnirt er. Aber bei weitem die meiſten Ehen gruͤnden ſich auf dieſen Geſchmack. Der feine Geſchmack—— O Sie hoͤren ja ſchon auf, rief Luiſe wieder. Uebers Grobe laͤßt ſich nicht viel ſagen; zu⸗ dem faͤllt es ſelbſt ſchon ſtark genug in die Augen. Der feine Geſchmack ſchlaͤgt einen andern Weg ein. Ihm iſt es um moraliſche und phyſiſche Reize zu thun Schoͤn, angenehm, oder reizend und liebenswuͤrdig, wenigſtens das Meiſte davon wuͤnſcht er zuſammen zu finden. Dagegen befrie⸗ digt ſich der grobe Geſchmack blos mit einem huͤbſchen Weib. Unter Voͤlkern, wo die Kultur - einen ——— — 91— einen hohen Grad erreicht, und Wolluͤſte aller Art ſich einſchleichen, iſt der feine Geſchmack das beſte Schutzmittel gegen niedrige Ausſchweifungen. Endlich erſcheint uns der ideale Geſchmack. Der Ausdruck verraͤth, daß ſein Gegenſtand ein weibliches Ideal, oder ein ſolches Weſen iſt, deſ⸗ ſen Reize und Eigenſchaften von der Einbildungs⸗ kraft bis zu einem ſolchen Grad der Erhabenheit getrieben ſind, daß es in unſerer ſublunariſchen Welt nicht exiſtiren kann. Dieſer Geſchmack findet nie ſeine Befriedigung, und glaubt er ſie gefunden zu haben, ſo betruͤgt und taͤuſcht er ſich heillos. Unmuth und gramvolle Reue folgen der Wahl; denn wie koͤnnte ein Weib, und waͤre ſie das vollkommenſte Weſen, die uͤberſpannten For⸗ derungen eines ſolchen Geſchmacks befriedigen? Er kuͤndigt zwar eine treffliche Seele an, aber wird eben darum ungerecht gegen vorhandene Vor⸗ zuͤge, uͤber Forderungen, die unſere beſchraͤnkte Welt nicht befriedigen kann und ſoll. Der ge⸗ milderte ideale Geſchmack heißt romantiſch. Den Geſchmack der Frauen unter eine gleiche Klaſſeneintheilung zu bringen, ſcheint mißlich und nicht rathſam, und da zudem die Vorzuͤge des maͤnnlichen Geſchlechts wieder etwas ganz anderes ſind, als die des weiblichen, ſo wird es auch ſchon daraus begreiflich, warum keine Klaſſeneintheilung bei dem weiblichen Geſchmack ſtatt finden kann. Man Man hat behaupten wollen, der Geſchmack der Frauen ſey im Ganzen nicht ſo delicat, wie jener der Maͤnner. Indeß liegt hier das Harte nur im Ausdruck; die Sache ſelbſt iſt nicht zu laͤugnen, wenn ich auf die Gruͤnde weiſe, die vorhin ſchon einmal geaͤußert wurden. Frauen ſollten gewaͤhlt werden(ich unterfange mich kei— neswegs, den Damen das Recht abzuſprechen, die Wahl nach Beſinden zuruͤckzuweiſen); wie ungluͤcklich wuͤrden ſie daher ſeyn, wenn ihnen die Natur eine Neigung in das Herz gepflanzt haͤtte, die ſich nur an einen einzigen Gegenſtand kettet? Tauſendmal wuͤrde ſie nicht befriedigt werden koͤnnen. Daher iſt ihre Neigung allge⸗ meiner, und erſtreckt ſich auf das ganze Maͤnner⸗ geſchlecht, auch wird es den Meiſten nicht ſehr ſchwer, Einen zu vergeſſen, und den andern zu lieben. Aber einige lebten und leben noch, die, wie die Maͤnner, ihre Neigung nur an einen einzigen Gegenſtand knuͤpften, und wenn ſie nicht befriedigt werden kann, nie wieder dem Gefuͤhl der Liebe Raum geſtatteten. Schade nür, daß das Herz bei einigen dann eine ſolche Haͤrte und Gleichguͤltigkeit annimmt, die dem weiblichen Ge⸗ muͤthe ewig fremd bleiben ſollte. Anders iſt's mit dem Mann. Seine Nei⸗ gung feſſelt ihn gewoͤhnlich nur an ein einziges weibliches Weſen, dem er mit großer Feſtigkeit an: anhaͤngt. Die Frauen ſetzen das auch immer voraus. Aber von allen gilt es nicht; denn wo⸗ her kaͤme ſonſt der Ausdruck Schmetterlinge, den man bisweilen gewiſſen Maͤnnern beilegt? Und hiermit, meine Damen, bin ich am Ende. Die Frauen meinten, ſeine Anſichten moͤchten wohl im Ganzen ihre Richtigkeit haben, nur vie⸗ les Einzelne ſey, ſie wollten nicht ſagen, nicht nach ihrem Geſchmack, wohl aber gegen den Cha⸗ rakter des Frauengeſchlechts; inzwiſchen ſey das mehr die Sache des innerſten Gefuͤhls, und dar⸗ uͤber vermoͤge auch der ſcharfſinnigſte Mann nicht zu urtheilen. Zu ſeinem Troſt wurde noch hin⸗ zugefuͤgt, daß er ſonſt ſeine Sache nicht uͤbel gemacht habe. Dem ſey nun, wie ihm wolle, ſagte Ferdi⸗ nand; ich bin jetzt an der Reihe, und bitte mir fuͤr das, was ich zu ſagen habe, eine erhabene Stille aus. Erhabene Stille? ſpottete ihm ſeine Gemah⸗ lin nach.. Siee wiſſen alle, bis auf Walther, meine Ver⸗ ehrteſten! fuhr jener fort, ohne ſich dadurch ſtoͤren zu laſſen, daß ich mich auch einmal den Schrift: ſtellern unſeres papiernen Zeitalters anreihen wollte; aber die Luſt iſt mir wieder vergangen. Inzwi⸗ ſchen will ich doch aus der goldnen Zeit meiner Litteratur ein Fragment mittheilen, das in eini⸗ ger ger Hinſicht ſich an das, was Walther geſagt hat, anſchließt. Damit zog er ein Papier her⸗ vor, und las: John Belkour, des edlen Esgr. endliches Schickſal. Das iſt ja eine Geſchichte, riefen die Damen. Ich bin gewohnt, wie Aeſop, meine Moral in eine Geſchichte einzukleiden; man hoͤre nur. Vider den Tod kein Kraͤutlein gewachſen iſt—! Wer das feine Spruͤchwort erfunden, und zuerſt unter die Leute gebracht hat, haͤtte nur ein Woͤrt⸗ chen darin zu aͤndern gebraucht, und es haͤtte auch noch eine andere Wahrheit ausgeſagt. Wider die Liebe kein Kraͤutlein gewachſen iſt!— Zeit meines Lebens habe ich wenigſtens noch keinen geſehen, der ihr ungeſtraft Hohn geſprochen haͤtte. Denn wo ſie nicht in der Jugend kam, und ſich Raum machte, da hetzt ſie in aͤlteren Jahren viele deſto aͤrger herum; und duͤrften wir nur die geheime Lebenschronik alter Hageſtolze, Ehever⸗ aͤchter und Liebetadler hier und da durchlaufen, wer weiß, ob ſich ein Einziger faͤnde, dem ſie nicht eine Krone aufgeſetzt, oder eine Narren⸗ kappe umgehangen hat. Edler John! mir faͤllt immer, wenn ich auf dieſes Kapitel komme, dein Schickſal ein; und iſt mir einer belachenswerth vorgekommen, ſo biſt du es, wenn du gleich unter . Tauſen⸗ — 95— . Tauſenden am Ende noch das beſte Loos aus der Gluͤcksbude gezogen haſt. Einen eingefleiſchteren Hageſtolz als unſern John hatte die ganze Grafſchaft Yorkſhire ſeit hundert Jahren nicht geſehen. Doch es wird am beſten ſeyn, ich fange von vorne an. Nicht weit von Donkaſter, wo, wenn ſie nicht umgeſtuͤrzt iſt, die große Saͤule ſteht, an der zu leſen war: „Links geht der Weg nach Halifax, rechts nach York; wer nicht leſen kann, geht grade aus;“ nicht weit von beſagtem Donkaſter liegt ein artiges Schloß, mit einem großen Park, mehreren kleinen Waͤldern, Triften, Raaſen, Feldern und Spazier⸗ gaͤngen, alles nach beſter Manier eingerichtet, und in gutem Stand erhalten. Da wohnte John mit ſeiner Mutter, und einer reſpectablen Baaſe in altengliſcher Eintracht. John naͤmlich war der aͤlteſte, mittelſte und juͤngſte, mithin der einzige Sohn ſeines Vaters, den als guten Englaͤnder die Entdeckungsſucht unter Lord Anſon in die See ge⸗ trieben hatte, um zugleich die ſpaniſchen Regiſter⸗ ſchiffe ſpoliren zu helfen, aber auf der Inſel Juan Fernandez endigte der Scharbock ſein ruhmvolles Leben. Dazumal war der kleine John grade zehn Jahr alt. Anlangend ſeine nunmehr zur Wittwe gewor⸗ dene Mutter, ſo wollen wir alle ihre Ehrentitel, Tugenden und Eigenſchaften unter dem gern ge⸗ 8 hoͤrten hoͤrten Namen einer guten Frau zuſammenfaſſen, um dadurch aller weitern Schilderung ihrer Per⸗ ſon, ihres Herkommens und ihrer Froͤmmigkeit und Zaͤrtlichkeit gegen Mann und Sohn uͤberhoben zu ſeyn. Dahingegen wir der Baaſe, wenn wir ein großes Buch in langen Kapiteln ſchrieben, wohl zwei, drei und mehrere widmen moͤchten, inmaßen ſie, als ein werthes Familien⸗ und Schau⸗ ſtuͤck, ſchon allein fuͤr ſich, nicht nur wegen ihrer abſonderlichen Schickſale in der Liebe, ihrer jetzi⸗ gen Gravitaͤt, und ſichtbaren Neigung, mehr Gu⸗ tes als Boͤſes zu thun, als auch wegen ihres all⸗ bekannten Hanges, das Verborgene zu erforſchen, und an's Licht der Sonne zu bringen, einen wahr⸗ heitsliebenden und geſchickten Geſchichtsſchreiber zu erhalten verdiente. Man verzeihe mir daher, wenn ich nur die hauptſaͤchlichſten und hervorſtechendſten leiblichen und geiſtigen Eigenſchaften bemeldeter Baaſe, wel⸗ cher man in der Taufe den Namen Sarah bei⸗ gelegt hatte, zu ſchildern verſuche, welches theils wegen der Kuͤrze der Zeit vorzuziehen ſeyn wird, theils deswegen von mir geſchieht, weil es mir mit Baaſen Sarah geht, wie den Schiffern, die ein zur Zeit noch nicht voͤllig entdecktes Land aufe nehmen ſollen, auf ihrer Zeichnung aber, zum Troſt der Nachfolger, am deutlichſten nur die 8 her⸗ hervorſpringenden Kaps, Felſen und Sandriſſe hinmalen.. 4 Beſagte Baaſe Sarah alſo, um zuerſt ihr Leibliches nothduͤrftig abzukonterfeien, war nach Art und Weiſe der meiſten engliſchen Schoͤnen ziemlich ſchlank emporgeſchoſſen, und fuͤhrte in ihrem Antlitz, durch das die Zeit jedoch ihre nichts verſchonende Pflugſchaar furchend gezogen hatte, zwei feurige Augen, die ſie auch noch in ihrem vierzigſten Jahr mit einem reizenden Schmach⸗ ten zu ſenken und wieder aufzuſchlagen wußte, beſonders wenn ſie ſich etwa an einem Ort be⸗ fand, wo viele Maͤnner und eheluſtige Juͤnglinge verſammelt waren, welches am haͤufigſten anjetzo in der Kirche zu geſchehen pflegte. Um ihre Ober⸗ lippen, von deren Raͤndern, gleich der unterge⸗ henden Sonne, die ſich matt und bleichroth in den Wolken und Wellen ſpiegelt, das jungfraͤu⸗ liche Pfirſichroth Abſchied genommen hatte, waren zarte, milchweiße Haͤrchen emporgeſproßt, die ſich in leiſen Verzweigungen bis an die Ohren ver⸗ breitet, und laͤngs derſelben an beiden Seiten hinauf; und hinuntergezogen hatten; auch ver⸗ riethen deutliche Spuren, daß ein feines und ſittſames Zwickelbärtchen in den Unterlippengruͤb⸗ chen nicht ausbleiben werde. Nach des gelehrten Schnudenii Meinung waͤre ſie ſonach in die Spe⸗ cies der Mannweiber zu zaͤhlen geweſen, welches G ſich ſich auch weiter unten aus einem andern Factum genuͤglich ausweiſen wird. Hals und Bruſt hat⸗ ten ſich, da ſie dieſelben der ſchauluſtigen Welt beſtmoͤglichſt zu produziren ſtrebte, trefflich con⸗ ſervirt, und gereichten der verehrten Eigenthuͤ⸗ merin zum wahren Ruhm. Von der uͤbrigen Statur ihres Leibes will ich ſchweigen; er war Fleiſch und Bein, und grade ſo geſtaltet, daß man, auch ohne das Andere zu ſehen, ſicher auf ein vernuͤnftiges Geſchoͤpf ſchließen konnte, ſobald nur die Fuͤße zum Vorſchein kamen. Jedoch muß ich im Vorbeigehen noch ſagen, welches vielen aber als eine Hauptſache vorkommen wird, daß die Natur nichts geſpart hatte, um, man mochte Baaſen Sarah auch von einer Seite zu Geſicht bekommen, wie man wollte, das Auge des am ſinnlich Schoͤnen haftenden Beobachters zur Be⸗ ſchauung zu reizen. Denn ſie trug auf ihrem Ruͤcken, da, wo ſich die beiden Schultern zu be⸗ gegnen pflegen, wenn ſich der Menſch ruͤckwaͤrts dehnt, eine kleine Erhoͤhung, die man zu deutſch einen Buckel oder Hoͤcker nennt, den aber Baaſe Sarah viel lieber fuͤr eines jener paphiſchen Huͤt gelchen zu halten geneigt war, von dem der Lie⸗ besgott, gleich dem fluͤchtigen Parther, ſeine Pfeile verſende, woher ſich nun der Beiname des Liebes: gottes„hinterliſtig“ erklaͤren laͤßt. Sie lohnte daher arme Leute, welthe gleich ihr nur mit einem 4 der⸗ dergleichen Huͤgelchen verſehen waren, zwar freund⸗ lich mittelſt eines gewoͤhnlichen Almoſens ab, da⸗ hingegen erfreuten ſich ſolche, welche die Natur verſchwenderiſcher auf ihrem Ruͤcken ausgeſtattet hatte, eines abſonderlichen Bedauerns, und eines groͤßern Geſchenkes, wobei Sarah jedesmal ein Schnippchen zu ſchlagen pflegte. Ueberhaupt muß man, um ehrlich zu ſeyn, geſtehen, daß die Wohlthaͤtigkeit eine ihrer groͤß⸗ ten Tugenden war; wenigſtens bezeugten dieß alle Gaudiebe, Bettelbuben, und ſolche, die der geſunden Natur mit kuͤnſtlichen Gebrechen nach⸗ zuhelfen wußten; ſonderlich hatte ſie einen großen Widerwillen gegen alle Schmeicheleien gefaßt, und griff gleich, ſobald ſie ſolche Toͤne nur von Ferne vernahm, in die Taſche, ohne zu ſehen, wie viel ſie gebe, woraus ſich ihre Beſcheidenheit auf eine ſehr buͤndige Art erweiſt. Auch wirkte ſie noch auf eine andere Art, um armen Leuten wieder auf die Beine zu helfen; denn dafuͤr, daß ſie ihr alle Begebenheiten, Geruͤchte und Geſchichten aus der Nachbarſchaft zutrugen, empfingen ſie einen ſchoͤnen Sold. Dieſes alles verarbeitete dann Baaſe Sarah in ihrem gedaͤchtnißreichen Herzen, und brachte es wieder neu edirt und ver⸗ mehrt unter die Menſchen, wodurch ſie ein Er⸗ ſprießliches beitrug, die geſellſchaftliche Unterhal⸗ tung zu befoͤrdern, und uͤberhaupt den vielen Ga Klagen Klagen uͤber die Langeweile abzuhelfen. Ich wuͤrde jedoch einen ungerechten Verdacht auf die nun⸗ mehr ſelige Sarah werfen, wenn ich es blos da⸗ hei bewenden laſſen wollte, zu erzaͤhlen, daß ſie ſich alles habe zutragen laſſen; nein! ſie ſelber that auch von ihrer Seite alles, um den Sachen auf die Spur zu kommen. Denn da ſie von Jugend an ſich eines ſchwebenden Ganges befliſ⸗ ſen, und als eine muſikaliſche Perſon ihr feines, weithinreichendes Gehoͤr moͤglichſt kultivirt hatte, ſo war ſie im Stande, das geheimſte Geſpraͤch derer, die in ihrer Naͤhe weilten, zu belauſchen; ja es ſchien, als ob ſich ihr Gehoͤr, wie bei den 7 Katzen und Kaͤutzchen, deren Geſicht ſich, je mehr es der Racht zugeht, ſchaͤrft, verſtaͤrke, ſobald es Nacht geworden war; daher die geheimſten Gedan⸗ ken aller Schloßbewohner nicht ſicher vor ihr waren, und weder Schloß noch Riegel der Kraft ihrer Gehoͤrnerven widerſtanden. Freilich war es zu bedauern, daß ſie nicht zu gleicher Zeit uͤberall ſeyn konnte, und daß ihr bisweilen doch ein und das andere Wort entwiſchte, allein ſie beſaß die Kunſt, durch eine wunderbare Ideenaſſociation und Schluß⸗ folge das Entgangene zu ergaͤnzen. Manchem wird es vielleicht ſcheinen, als ob Sarahs Betragen und ganzer Habitus nahe an Impietaͤt hinſtreife, und ihre Gruͤnde moͤgen aller: dings etwas Scheinbares fuͤr ſich haben; allein ich fuͤhle 8 — 101— fuͤhle mich gedrungen, zu ſagen, daß ſie vielmehr eine ſehr fromme Perſon war. Denn nicht zu ge⸗ denken, daß ſie, wie ſchon vorhin geſagt wurde, ſehr mildthaͤtig gegen Gebrechliche und Arme war, ſo beſuchte auch niemand im ganzen Kirchſpiel den oͤffentlichen Gottesdienſt fleißiger als ſie. Weder Sturm noch Regen, weder Hagel noch Schnee konnten ſie davon abhalten; auch war es ſchon eine wahre Erbauung, ihren Geſang zu vernehmen. Ihre Stimme wetteiferte mit dem feinſten und hoͤchſten Pfeiſchen in der ganzen Orgel, und ſie war ſo unermuͤdet, daß ſie, wenn auch die ganze Verſammlung ſchon athemlos das Aushalten dem Vorſaͤnger uͤberließ, noch eine ganze Weile hinter⸗ drein toͤnte, dergeſtalt, daß der Vorſaͤnger ſelbſt, ein Kenner des Geſangs, mehreremale, wenn er aus der benachbarten Porterſchenke heim kam, ge⸗ aͤußert haben ſoll: es ſey ewig Schade, daß Miß Sarah kein Vorſaͤnger geworden ſey, denn im gan⸗ zen Kirchſpiel waͤre kein junger Hahn zu finden, der ſo laut und ſo lange zu kraͤhen pflege, als ſie⸗ Waͤhrend der Predigt verwandte ſie kein Auge und Ohr vom Prediger, erſtlich, weil alles ſtille um ſie war, und weil zweitens nicht des Mannes Ju⸗ gend, Geſtalt und bisherige Eheloſigkeit, ſondern die Rede ſelbſt ihr Wohlgefallen erregte. Beſon⸗ ders hatten uͤbermaßen die Predigten ihren Bei⸗ fall, welche er bei der Einſegnung eines jungen Ehe⸗ Ehepaares zu halten pflegte, und ihr Herz huͤpfte vor Freuden, ſobald er ein neues Paar verkuͤn⸗ digte; denn zu geſchweigen, daß ſie in einen Stand traten, in welchen auch ſte, des guten Beiſpiels wegen, einzutreken ſich nicht geweigert haben wuͤrde, ſo war auch die Hodhzeit und die dabei vorkommen⸗ den Begebenheiten ſelbſt ein reiches Feld, auf dem ſie neue Nachrichten ſammeln konnte. Man ſollte zwar glauben, daß ſie dem Eheſtand nicht haͤtte ſehr hold ſeyn koͤnnen, da es ihr in ihrer Jugend mit ſechs Liebhabern, von denen ſie ſeiner gar ein⸗ mal zu entfuͤhren getrachtet, was ihr noch jetzt, da dieſer ſchoͤne Plan nicht golungen war, viele heimliche Seufzev auspreßte, ungluͤcklich ergangen; allein ihr ſeelengutes Herz war zu edelmuͤthig, als daß es nicht Freude daruͤber haͤtte empfinden ſollen, wenn andere in das Paradles eintraten, in das ſie ſelbſt einzugehen nicht würdig genug zeſumden worden war.. Dieſe Skizze wird hinreichen; meine Leſer mit der Hausgenoſſenſchaft zu Belkourfield bekannt zu machen, und ich will nunmehr zu unſerem John pflichtſchuldigſt zuruͤckkehren. Von dieſer Zeit an begab es ſich nun, baß John nach und nach das zwoͤlfte Jahr erreichte, und nach engliſcher Sitte entweder auf eine oͤffentliche Schule gebracht werden, oder einen Hofmeiſter erhalten mußte. Seine Mutter aber war viel zu zaͤrtlich fuͤr fuͤr die einzige Frucht ihrer ehelichen Liebe bekuͤm⸗ mert, als daß ſie ihn ſchon von ſich haͤtte laſſen ſollen. Auch ſparte Sarah keinen Fleiß, ſie zur Annahme des zweiten Artikels zu bewegen, indem ſie eben ſowohl aus vorſichtiger Liebe zu dem Kna⸗ ben, als von dem Wunſche, die Zahl der heiraths⸗ faͤhigen Juͤnglinge in ihrer Naͤhe zu vermehren, angetrieben ward. Ingleichen drang ſie eben des⸗ wegen darauf, daß ja kein alter grießgraͤmlicher oder mit dem Spleen behafteter Knaſterbart, ſon⸗ dern ein junger, mit dem feinen Weltton und den einſchmeichelnden Sitten wohlbekannter Mann an⸗ genommen wuͤrde. Daher fand ſich, auf ein nach Cambridge ausgegangenes Bittſchreiben, durch Huͤlfe eines daſelbſt ſtationirten Magiſters der freien und der ſchoͤnen Kuͤnſte, der daneben ein Studentenverſorgungscomtoir etablirt hatte, das laͤngſt von Miß Sarah erſehnte Subject ein, wel⸗ ches, gleich dem geſchickten Schloßgaͤrtner, das ihm anvertraute Pflaͤnzchen zum fruchttragenden Baum inoculiren, und demſelben zugleich alles ein⸗ pfropfen ſollte, was dem kuͤnftigen Esquire zu wiſſen und zu behalten rathſam ſey. Ich haͤtte es meinen verehrlichen Leſern gar zu gerne gegoͤnnt, wenn ſie bei ſeinem Einzug zu Bel⸗ kourfield die gute Miß haͤtten ſehen koͤnnen, wie ein triumphirendes Laͤcheln um ihre Lippen ſchwamm, und — 104— und ſie nebſt John dem Herrn Glephe bis an die oberſte Treppenſtufe entgegen kam; ja, wie ſogar die Wonne fruͤher Tage aus ihrem Geſichte hervor⸗ zubrechen drohte, als Herr Gliphe mit einem ſehr devoten Laͤcheln ſchweigend ihre Rechte ergriff, und einen Kuß darauf zu druͤcken betiebre. Jedoch, da das Schickſal gar oft bittern Wermuth in unſere Freudenbecher miſcht, ſo geſchah es auch hier, daß die gute Miß wieder bei dem guͤnſtigen Anfang, wie ihr ſchon mehreremale begegnet ſeyn ſollte, die Rechnung ohne den Wirth machte. Denn obwohl Herr Gliphe vielleicht eine der wohlgewachſenſten Perſonen in ganz England war, und mit einem recht einnehmenden Geſichte; welches Sarah wohl bemerkt hatte, eine galante Ruͤhrigkeit der Glieder verband, woraus ſie, beſonders wenn ſie des erſten Handkuſſes gedachte, die angenehme Hoffnung ſchoͤpfte, mit des Schickſals, ihrer Reize und Re⸗ dekunſt Huͤlfe dereinſt einen beguͤnſtigten Anbeter an ihm zu erobern, ſo zeigte ſich doch bald, daß Herr Gliphe nichts weniger als das aus ſich ma⸗ chen zu laſſen geſonnen war. Wer ihn ehemals gekannt hatte, verſicherte zudem, es ſtecke in dems ſelben eine gute Portion von Peregrine Pikles Hu⸗ moör und Schalkheit, und wenn er dieſe bisher noch nicht hatte ſpielen laſſen, ſo war die Neuheit ſeines Aufenthaltes und die Gewohnheit Schuld⸗ erſt den Boden zu viſitiren, auf dem er ſtand⸗ Er — 105— Er begnügte ſich daher vor der Hand, mit John diejenigen Studia zu treiben, die demſel⸗ ben angemeſſen waren, als da ſind: Schreiben, Rechnen, Mathematik und Erdkunde, und ſtreifte dann nach dem Schluſſe des Unterrichts mit ihm, weil er bereits die Jagd uͤber alles ſetzte, draußen umher, lernte die Nachbarn und die Gegend ken⸗ nen, und praͤparirte ſich dabei auf die Wiederho⸗ lung aller ehemals ſchon veruͤbten Streiche vor. Auf ſolche Weiſe war ein Jahr voruͤbergegangen, und Miß Sarah bemerkte mit Mißbehagen, daß ſie Herrn Gliphe noch um keinen Sehritt naͤher⸗ geruͤckt war, bis auf einmal ein nener Sinn in ihm aufgegangen zu ſeyn ſchien, und die Bat⸗ terien ihrer Augen, die ſie fortwaͤhrend gegen ihn ſpielen ließ, eine gangbare Breſche in ſein Herz geſchoſſen haben mußten. Und das glaubte ſie bei folgender Begebenheit zu bemerken. Eines Tages naͤmlich, es war am Mittwoch, wo James, der Hausbote, von Donkaſter die daſelbſt herauskommende Modezeitung, welche die Miß als ihren Koran und Schuking verehrte, und ihre Lehren moͤglichſt befolgte, geholt hatte, gerieth ſie in eine uͤbermaͤßige, der Niobeiſchen ahnlichen Verſtarrung, als ihr folgender Artikel in die Augen fiel. „Unter die neuſten, ſehr vernuͤnftigen Mo⸗ den, meldet man aus London, iſt die zu rechnen, daß — 106— daß junge unverheirathete Damen uͤber zwanzig Jahren ſich barbieren laſſen, welche Mode bereits einen ſo ungetheilten Beifall gefunden hat, daß ſelbſt juͤngere Damen kaum die beſtimmte Zeit erwarten koͤnnen, und alle Barbiere nicht hinrei⸗ chen, ihre ſchoͤnen Kunden zu befriedigen. 44 Da Miß Sarah, wie ich eben geſagt, auf die Donkaſterſche Zeitung nichts kommen ließ, ſo befremdete es ſie gar ſehr, als diejenigen, wel⸗ chen ſie es vorlas, daruͤber zu lachen anfingen, und ſie vertheidigte mit vielen guten Schluͤſſen die Vernuͤnftigkeit dieſer neuen Mode. Mit welchem innigen Wohlbehagen hielt ſie daher ihre Zeitung nicht in der Hand, als Herr Gliphe eintrat, und nachdem er in die Neuigkeit eingeweiht worden war, ſich auf ihre Seite ſchlug⸗ Ich wundere mich ſehr, ſagte er, daß dieſe wirklich vernuͤnftige Mode und Sitte nicht ſchon laͤngſt wieder unter den Frauen aufgekommen iſt. Denn in den aͤlteſten Zeiten iſt ſie ſehr haͤufig geweſen. Den alten Geſchichten zu Folge haben ſich ſchon die Amazonen raſſiren laſſen, und von etlichen Koͤniginnen im Mohrenland iſt es gewiß,⸗ daß ihnen noch heutiges Tags der Bart abgenom⸗ men wird. Und warum ſollto wohl dieſe Sitte laͤcherlich werden, da es bekannt iſt, daß auf dem feſten Lande ſogar von vielen Frauen in Berg⸗ gegenden Tabak geraucht wird. Summa, dieſe 1 Sitte V b Sitte wird ein Großes dazu beitragen, die Frauen⸗ zimmer zu verſchoͤnern und reizender darzuſtellen. Solche Worte waren auf kein unfruchtbares Land geworfen, und in Sarahs Buſen glimmte bereits lichterloh die angeerbte Luſt, nicht unter die Letzten zu gehoͤren, welche in Yorkfhire dieſe artige Mode ausbreiten haͤlfen. Zufaͤllig geſchah es, daß folgenden Tags ſchon aus Donkaſter ein Barbier kam, und ſeine Dienſte anbot, und von vielen wiſſen wollte, die in Donkaſter von ihm barbiert worden ſeyen. Sarah beſann ſich des⸗ wegen nicht lange, ſetzte ſich, ward eingeſeift, und baß wie ein Mann von ihrem Bart befreit. Es war unerhoͤrt, darum lief alles im Schloſſe⸗ was Beine hatte, herbei, und ſah mit Erſtaunen dieſes Schauſpiel an. Herr Gliphe aber lachte nur innerlich, denn die ganze Geſchichte war ſein Werk. Als er naͤmlich ſah, welch großes Stuͤck Sarah auf ihre Modezeitung hielt, verſaͤumte er nicht, mittelſt eines Stuͤck Geldes den Zeitungs⸗ ſchreiber in Donkaſter zu gewinnen, daß er den sben geleſenen Artikel abdrucken ließ, und bewog nachher auch den Barbter, welcher ein weltbe⸗ kannter Schelm war, ſich nach Belkourfield zu begeben, was er auch ohne die Guinee, die ihn Herr Gliphe ſchenkte, gethan haben wuͤrde. Als Miß Sarah einige Wochen hindurch ſich hatte barbieren laſſen, und ihr Bart dermaßen her; — 108— hervorzuſchießen begann, daß ſie wohl oder uͤbel denſelben fortwaͤhrend abnehmen laſſen zu muͤſſen ſich uͤberzeugte, las ſie, auf Herrn Gliphe's Ver⸗ anſtaltung, mit großem Schrecken in einem an: dern Blatte des Donkaſterſchen Zeitungsſchreibers⸗ daß die neue Mode, von der ſo Vieles in den Zeitungen gefabelt worden ſey, irgend eine Schalkss nachricht von einem Manne ſeyn muͤſſe, der ſich vorgenommen habe, die Welt zu aͤffen, und das Frauenzimmer in Deshonoration zu bringen, wel⸗ ches ihm aber ſchwerlich gelingen werde, da ſich dem Vernehmen nach bis jetzo nur eine Einzige entſchloſſen habe, dieſer Sitte ihr lebelang obzu⸗ liegen. Was half das aber? Sarah hatte einen Bart, der nicht mehr auszuraufen war, und haͤtte faſt gar uͤber dieſen Scandal, den ſie ſel⸗ ber hatte ausbreiten helfen, ihren frommen Ge⸗ ruch eingebuͤßt, denn die Gottloſen im Kirchſpiel frohlockten daruͤber, und die Frommen beſeufzten die Miß, daß ſie ſich vom Modeteufel habe ein⸗ nehmen, und aus lauter weltlicher Gefallſucht in ſeinen Stricken fangen laſſen. Daruͤber troͤſtete ſie ſich jedoch nach einiger Zeit, da ſie bemerkte, wie Herr Gliphe ſeitdem deſto aufmerkſamer fuͤr ſie war, und ihr mit allerhand Troſtgruͤnden wider der Welt Urtheil und Verlaͤumdung beit ſprang. Doch — 109— Doch ich befuͤrchte mit Recht, die Geduld mei⸗ ner Leſer zu ermuͤden, wenn ich ihnen die tau⸗ ſendfachen Schalksſtreiche und Poſſen erzaͤhlen wollte, die Herr Gliphe innerhalb fuͤnf Jahren der Miß ſpielte. Es ſey hiermit genug geſagr, daß ſie durch ſeine Nachhuͤlfe faſt den langge⸗ naͤhrten Wunſch, entfuͤhrt zu werden, noch er⸗ reicht haͤtte, wenn nicht etliche Hinderniſſe da⸗ zwiſchen gekommen waͤren, und das zu ihrem Gluͤck, denn ſie waͤre ſicher vor Freuden waͤhrend der Ausfuͤhrung dieſes ſeltſamen Anſchlags geſtor⸗ ben. Umſonſt aber bemuͤhte ſie ſich, ſein Herz durch mancherlei liſtige Anſchlaͤge, Stuͤrme und wohlbedachte Ueberraſchungen einzunehmen; ſeine eiſerne Kaͤlte widerſtand allezeit den reizendſten Gelegenheiten, und es blieb ihr zuletzt kein an⸗ derer Troſt uͤbrig, als der, daß ſie ſo viel her⸗ ausgebracht zu haben glaubte, als genug iſt, wenn man erfaͤhrt, man habe noch keine Nebenbuhlerin. Deswegen ſah ſie ihn auch ruhig gegen das Ende des fuͤnften Jahres mit John nach Cambridge ziehen, wo er im dritten Jahr darauf an einem boͤſen Fieber ſtarb. Er war aber nicht ſobald begraben, als John, des dortigen Lebens uͤber⸗ druͤſſig, nach Belkourfield heimkehrte. Kerngeſund und ſtaͤmmig, wie eine deutſche Eiche, ſiel der junge Esquire der Mutter und Baaſe um den Hals, und ſchwur mit einem tuͤchtigen God 1 damme, — 110— damme, ſein Erbe nun und nimmermehr wieder zu verlaſſen, welches der Mutter und Beaſ aͤußerſt wohlgefiel. John brachte einen ſchoͤnen Theil Kenntgiſ mit nach Hauſe, aber auch eine zur Zeit noch nicht kundbar gewordene Abneigung gegen alle Liebe und Ehe. Das war die Frucht vielfaͤltiger Bemuͤhungen des Herrn Gliphe, der nichts ver⸗ abſaͤumt hatte, was in ſeines Untergebenen Au⸗ gen das ſchoͤne Geſchlecht laͤcherlich machen, und ihm die Ehe als einen bei weitem aͤrgern Aufente halt vormalen konnte, denn ein deutſches Studen⸗ tencarcer iſt. Dazu halfen nicht allein die Kla⸗ gen der alten Philoſophen, die er geleſen, ſon⸗ dern auch die Litaneien mehrerer Ehemaͤnner, die John kannte, und die von ihren boͤſen Sieben baß geplagt wurden. Er war daher ſchon ſeit Langem ſo zu ſchließen gewohnt: wer liebt und heirathet, dem iſt wohl, wie jenem Eſel, der auf dem Eiſe das Bein brach— ich will alſo weder lieben noch heirathen, dann bleibe ich John Bel⸗ kour, und werde kein Eſel, der auf der Eisflaͤche der Ehe die Beine bricht.. Dafuͤr hatte John eine andere zaͤrtliche Nei⸗ gung zur Jagd gefaßt, die ſein Steckenpferd wurde. Es war daher ein ſehr liebliches Con⸗ cert, als er von Cambridge mit vier oder ſechs Wind⸗ und Jagdhunden ankam, und ſie hungerig iſt —yy—-—— — 111— in verſchiedenen melodiſchen Tonarten zu heulen begannen, wobei Sarah ein jammervolles Geſicht ſchnitt. Ihm daͤuchten dieſe Toͤne lieblich, und naͤchſt dem Huͤfthorn die geregeltſten. Sarah fuͤhlte, daß ihr bet ſeiner Verſicherung, bald noch mehrere anzuſchaffen, die Haare des Haupts und des Bartes zu Berge ſtiegen, und bat im ruͤhs rendſten Fiſtelton, vor dem John ein Grauen empfand, um die einzige Huld, ſeine Faͤnger und Concertmeiſter einſperren zu laſſen, indem ſie auch verſprach, fuͤr ihre Fuͤtterung und Pflege eine unausgeſetzte Sorge zu tragen. Aber haͤtte Baaſe Sarah gewußt, welchen ketzeriſchen Gedan⸗ ken uͤber Liebe und Eheſtand John in ſeinem Herzen Raum und Herberge goͤnne, und wem er ſie meiſt verdanke, ſie haͤtte ſich ihren Bart Haar bei Haar ausgerauft, und die Stunde ver⸗ wuͤnſcht, in der ſie, gleich dem Huͤndlein in Ae⸗ ſops Fabeln, welcher ſein Fleiſchſtuͤck und ſeines Fleiſchſtuͤckes Schatten aus uͤbergroßer Gier ver⸗ lor, um eines ungewiſſen Gluͤckes willen das Heil ihres Neffen auf die Spitze des Scheermeſſers, mit den Griechen zu reden, geſetzt und verloren hatte. Geraume Zeit hindurch, d. h. bis zu Johns dreißigſtem Jahre, war jedoch von Sarahs wohl⸗ bekannter Eheſtandsſtiftungsſucht nichts zu ſpuͤren, wie denn auch ſeine Mutter uͤber dieſes Kapitel in in einem ernſten Schweigen verharrte, was zu verwundern waͤre, wenn ich nicht redlich genug waͤre, meinen Leſern zu verrathen, daß beide ihren guten Grund dazu hatten, maßen naͤmlich beiden, ſo redlich fromm nach aller Weiber Art ſie dachten, noch nicht die Luſt angekommen war, den langgefuͤhrten Hausſcepter fruͤher, als ſie mein⸗ ten, daß es fromme, an eine juͤngere Frau ab⸗ zutreten, welches, wie ſie muthmaßten, alsdann herkoͤmmlich und braͤuchlich ſey. John war dar⸗ äber gutes Muths, und trieb mit Wohlgefallen ſein Waidwerk fort. Jetzt war John in's dreißigſte Jahr geruͤckt. Aber wie nun, John? ſchon ſehe ich am fernen Horizont die Wolken aufgezogen kommen, die deinen reinen Himmel truͤben. Baaſe und Mutter hatten ſich inzwiſchen in den letzten Jahren doch heimlich verwundert, daß John nicht, nach Brauch und Sitte, im Lande umherſchaue, und Anſtalt mache, ſich eine Schoͤne auszuſuchen; denn Baaſe Sarah, die von ihrer Experienz verfuͤhrt jedem Andern gleiche Gefuͤhle wie ſich zutraute, und ſtarke Muthmaßungen hegte, daß er hinter ihrem Ruͤcken agire und vagire, vermochte nicht mit allem Spioniren, Experimentiren, Inquiriren und Intelligiren etwas an den Tag zu bringen. War's ein Wunder? Wo — — 113— Wo kann man wohl Schaͤtze graben, da keine verborgen liegen! Eines Sonntags faßte ſich die Baaſe darum ein Herz, und nahm, als ſie aus der Kirche heim⸗ kehrte, von dem Vernommenen Anlaß, ſich in ihrem Styl ſehr weitlaͤuftig uͤber die Suͤßigkeiten der Liebe und des Eheſtandes zu verbreiten. John ſpitzte die Ohren. Sie zerlegte die einzelnen Glüͤckſeligkeiten der Ehe, wie ein geſchickter Vorſchneider ſeinen Bra⸗ ten, und ward dann ſo kuͤhn, als John noch im⸗ mer ſchwieg, von den Pflichten achtbarer Sproͤß⸗ linge reicher Familien zu reden, die den Namen ihrer Vaͤter fortpflanzen muͤßten, und ihre Guͤter und Beſitzthuͤmer nicht in lachender Erben Hände gerathen laſſen ſollten. John ſchwieg noch immer, als ſich aber die Mutter auch darein legte, und Baaſen Sarah durch einen ſolchen Alltirten der Kamm wuchs, ſo daß ſie offen bekannte, ihre Rede ſey gegen John gerichtet, mußte er in's Feld ruͤcken. Er berief ſich auf ſeine Jugend, und meinte, es ſey gefaͤhrlich, ſo fruͤh zu heirathen. Gefaͤhrlich? repltzirte Sarah, und legte die beringten Haͤnde in das Fleckchen Sonnenſchein, das auf dem vor ihr ſtehenden Tiſch zu ſehen war, muthmaßlicherweiſe, um dem Neffen die Idee eines Verlobungsringes beizubringen, gefaͤhrlich? H Ihr — 114— Ihr ſeyd ja in dem richtigen Alter, Esquire! an Eurer Stelle wuͤrde ih's nicht weiter hinaus⸗ ſchieben. Wohlgeſprochen, ſeufzte John, 45 glaube es gern. Nun ich meine, die Frauen ſterben noch nicht aus, und in einigen Jahren wird ſich's aiich mit mir geben. Mein Sohn! Dein Vater dachte nicht ſo, ſprach die Mutter. Ja, fiel die Baaſe ein, er wußte, was zu ſeinem Frieden diente. Aber, reſpondirte John, man behauptet, unter hundert Frauen finde ſich kaum eine gute. Das iſt ſchaͤndlich gelogen, widerſprach Sarah⸗ alle Weiber ſind gut, inſonders die Engliſchen. God damme! brach John ſich vergeſſend los ſie taugen alle nichts. Eine Frau in's Haus iſt ein Fieber, ein Rezept wider die Ruhr aus bittern Mandeln, ein Zugpflaſter auf das Herz, eine Daumſchraube, ein brennender Schwefelfaden, ein Gift, ein recht aͤtzendes Gift! * Seinen Zuhoͤrerinnen fielen vor Schrecken Meſſer und Gabeln aus den Haͤnden, als er das Unerhoͤrte ausſprach. Sarah gebehrdete ſich, wie wenn ſie ſchwindelte. Sie ſtreckte auf eine hoͤchſt laͤcherliche Weiſe erſt die Haͤnde declamatoriſch aus, und — 115— und zog ſie dann flach nach John gewendet wieder zu ſich; ſie oͤffnete den Mund, aber man vernahm keinen Ton; ſie verdrehte die Augen, und eine braͤunliche Roͤthe nahm ihr Antlitz ein. Die Mut⸗ ter aber ſaß, als horche ſie einem weithin verhal⸗ lenden Donner nach, indeß John, erfreut, ſich endlich auf eine ſo derbe Art ausgeſprochen zu ha⸗ ben, in ſein Stuͤck Raſtbeaf ſtach, und dann ein Glas Porter leerte. Ach! ſprach Sarah, als ſie endlich wieder ſo weit zu ſich gekommen war, daß ihr das Zaͤpfchen nicht verſagte, was fuͤhrt Ihr fuͤr ungeziemende Reden. Bedenkt doch, wo das hinaus will mit Euch, wenn es dem blaſſen Tod gefallen ſollte, uns von hinnen zu rufen, wovor der Himmel uns behuͤte! Leben wir denn im Heidenthum? Aber John runzelte die Stirne, und verſicherte, mit ihm ſey nichts anzufangen. Dabei blieb er, trotz dem jammernden Wehe der Mutter und Sa⸗ rahs frommem Zureden. Doch es war von nun an auch um Johns Ruhe geſchehen. Denn Mutter und Baaſe plagten den Armen mit Seufzern, Bitten, Schmeicheleien, Drohworten und Weheruf ſo arg, daß er, wenn er von der Jagd heimkam, haſtig ſeine Biſſen hinunterſchluckte, und dann das Bett ſuchte, von dem er jeden Morgen mit einem lauten Stoßgebet um Entäſung aus ſeinem Elend wieder erſtand. H 2 In: Inzwiſchen blieb er auf ſeinem harten Sinn, und ſchmaͤhte, weil er in die Gewohnheit gekommen war, immer aͤrger auf Weiber, Liebe und Ehe. Eines Tags begab ſich's, daß John, der alten Gewohnheit gemaͤß, ſeine Jaͤgertaſche und ſeinen Hagelbeutel umhing, eine der beſten Jagdſlinten, die je in Dublin verfertigt worden waren, auf die Schultern warf, und in Geſellſchaft zweier wind⸗ ſchnellen Hunde aufs Waidwerk auszog. Keine Seele bemerkte ſeinen Abzug. John uͤberließ, im freien Felde ſich frei und heiter fuͤhlend, gutes Muthes dem Zufall, oder vielmehr dem naͤchſten Haaſen und ſeinen Hunden die Richtung des Wegs, den er nehmen wollte, und zog uͤber Huͤgel und Thaͤler fort, im Gedanken, Abends, wenn etwa Baaſe Sarah nicht zu ſehr keifen werde, einen guten Raſtbeaf zu verzehren. Er mochte jedoch kaum dem edlen Werk einige Stunden obgelegen haben, als ſich der klare Himmel flugs mit dich ten Schneewolken uͤberzog, und ein ſolches Stuͤr men und Wettern losbrach, daß John ſammt ſei⸗ nen Hunden alle Faͤhrten der geaͤngſtigten Haaſen⸗ verlor, und fern von der gebahnten Straße nur mit ſich ſelbſt zu ſchaffen hatte, wie er dem Geſto⸗ ber und Schnee, den der Wind wie ein rachgieri ger Feind rings um ihn zuſammenjagte, entrinnen wollte. Grade vor ſich hin tappend, und es ſeinen guten Sternen uͤberlaſſend, wo er hin gerathen ſolle, 1 1 — 117— ſolle, da das Wetter ſeine Hunde begraben zu haben ſchien, und kein Weg oder Steg zu finden war, blickte er lange nach einem Obdach um, bis er endlich auf eine gebahntere Straße ſtieß, und an ein artiges Landhaus kam, in das er, nach freier Waidmanns Sitte, eintrat, und um die Erlaubniß nachſuchte, das Wetter hier abwarten zu duͤrfen. Ein alter graͤmlicher Bedienter trat ihn an, und eroͤffnete ihm, auf ſein Begehren, beim Haus⸗ herrn eingefuͤhrt zu werden, daß hier ein ſolcher nicht vorhanden ſey; hier wohne nur eine Wittwe, Lady Whonſton, und ihre Tochter, Miß Arabella. John ſchauderte, in Frauenzimmergeſellſchaft zu gerathen; allein wenn er ſich nicht wieder dem Wet⸗ ter ausſetzen wollte, ſo mußte er ſchon einmal in den ſauern Apfel beißen. Er beliebte alſo in das Wohnzimmer einzutreten, machte eine ganz huͤbſche Verbeugung, und— fing ploͤtzlich auf das Heftigſte zu ſtammeln an, ſo daß der Lady angſt und bange wurde. War John etwa krank? oder ſtammelte er ſonſt vielleicht, oder wollte er ſich eine Luſt mit den Frauen machen? Was brachte ihn doch zum Stammeln? Lady Whonſton nicht! ſie war ein altes Muͤtterchen, freundlich und gut. Miß Ara⸗ bella war's, die ihn in Schrecken ſetzte. So etwas hatte John noch nie geſchaut; ſo mild und ſo — 118— ſo zart, ſo lieblich und reizend, ſo ſchlank und bluͤhend war ihm noch kein Weſen erſchienen, ihn blickte ein ganzer Himmel voll Seligkeit aus Ara⸗ bellen an. Ihre Augen! John hatte ſchon ofe des Abends die Sterne geſehen, aber ſo funkelte weder Syrius noch Orion; ihre Arme! John hatte auch carariſchen Marmor und Alabaſter geſehen, aber ſo glaͤnzte kein polirter Stein; und ihre Lip⸗ pen! ſo gluͤhte keine Roſe und Kaiſerkrone, die er zum botaniſchen Garten zu Cambridge erblickt hatte; und die Locken um Schlaͤfen und Stirn! die ſchie⸗ nen von lauter Seide. War's nun ein Wunder, daß John ſtotternd naͤher trat, ſtotternd ſich ſetzte, und dabei innerlich, wie ein geaͤngſtigter Suͤnder, dem die Jury das Leben abſpricht, ſeufzte: God damme! wie wird mir ſo warm! John, du biſt ja feſt gegen allen Zauber! Er hoͤrte Arabels len; das waren Floͤtentoͤne, die von ihren Lippen ſchollen, und ſein Mißgeſchick beklagten. Ach gus ter John! ich fuͤrchte, du koͤmmſt nicht wieder ſo heraus, wie du hinein in das Zimmer gingſt. Indeſſen ging das Unwetter voruͤber, die Sonne ſchien wieder hell, und ein friſcher kalter Wind rief unſern John pfeifend zu ſeiner Jagd⸗ Warum ſteht er nicht auf? ſeine Hunde haben ſich 4 ja gluͤcklich aus dem Schnee herausgewuͤhlt, und ſind ſeiner Faͤhrte getreulich nachgefolgt. Sein guter Engel fluͤſtert ihm warnend zu, wo ſeine ſchoͤnen — 119— ſchoͤnen Grundſaͤtze, ſein Glaube und ſein Stolz ſeyen? Aber John iſt taub, und von allen ſeinen Sinnen iſt ihm nichts geblieben, als das Geſicht, das er unverwandt auf Arabellen richtet. Er ruͤhrt ſich kaum auf ſeinem Seſſel. Er iſt bethoͤrt. Doch endlich, endlich macht er ſich auf Jetzt geht er— zwei Schritte— o wehl ſchon kehrt er aber wie⸗ der um, und ſetzt ſich nieder. Noch einmal macht er den Verſuch, aber er laͤuft nicht beſſer ab, als der vorige. Er iſt verzaubert. Schon ſinkt die Sonne, er hat noch zwei Meilen bis Belkourfield. Endlich ſteht er auf, ſeufzt, und nimmt Abſchied, Abſchied, um morgen vielleicht ſchon wieder zu kommen. Mit einem Wort, John iſt verliebt. So nachdenkend und brummend war er ſeit vielen Jahren nicht heimgekommen. Wuͤſt war ihm der Kopf, ſein Blut erhitzt, ſein Verſtand verwirrt; dennoch empfand er ein heimliches Ver⸗ gnuͤgen, dachte er an Arabellen. Von außen halb erfroren, plagte ihn inwendig eine verborgene Glut. Ohne Eßluſt betrat er die Eßſtube, ſein Schlaf⸗ gemach ohne Schlafluſt. Angſtſchweiß brach aus allen Poren, und ein gewaltiges Herzklopfen aͤng⸗ ſtigte ihn. Die Nacht vermehrte es. Aus dieſem Allen machten am Morgen Mutter und Baaſe, denen Johns naͤrriſches Weſen auffiel, den Schluß⸗ daß er krank ſeyn muͤſſe, und ſie hatten den Ragel auf —õ ʒ;ʒ8A8 1 d — 1 20— auf den Kopf getroffen. Krank war John, ja krank von einem Gifte, gegen das aber leider! kein Doctor bis jetzt den rechten Mithridat erfun⸗ den hat. Und doch, wer wird es mir wohl glauben, zog John, trotz alles Proteſtirens ſeiner Hausge⸗ noſſenſchaft, am Morgen wieder auf die Jagd. Von einem neuen Unwetter verfolgt, ſuchte er ſeinen geſtrigen Zufluchtsort, und fand ihn leicht. Viel kraͤnker aber, als geſtern, kam er wieder heim. Wer ihn gehen ſah, meinte, er habe ein Glas Porter zu viel uͤber den Durſt getrunken, der Arme hatte aber wirklich nicht mehr, als drei Taſſen Thee aus Arabellens Hand empfangen; dieſe Panacen, nebſt allem, was er wieder geſehen und gehoͤrt hatte, verwirrte ihn ſchrecklich. Darum erſchraken Sarah und die Mutter weit aͤrger noch, als am Morgen, und eilten geſchaͤftig, erſtere mit Tropfen von Doctor Berkley, und Magen⸗ elixir von Doctor Wharby, die letztere mit Doctor Snellgraefs Wundermixtur und Doctor Bealhorns Balſam herbet. Doch John begehrte von alle dem nichts, ſprach nichts, aß nichts, trank nichts, und ſchlief nichts. Ueber den Schrecken blieb da⸗ zumal das beſte Stuͤck Rindfleiſch in ganz Belkour⸗ ſield ungenoſſen ſtehen. Am Morgen war ihm wieder beſſer, daher ließ er ſich nicht abhalten⸗ wieder auf die Jagd zu ziehen. So — 121— So geſchah's denn, daß er zwar alle Tage auf die Jagd ging, aber auch jeden Abend krank heim⸗ kam, denn immer tiefer ſog er das Gift in ſich, und je oͤfter er ging und kam, deſto ſtummer ſaß er an Arabellens Seite. Und Baaſe Sarah ſuchte dennoch noch immer in Johns Leib, was in ſeiner Seele lag! Nun warens wohl, ſeit jener Ungluͤcksſturm ihn zu Arabellen gefuͤhrt hatte, zwei Monate, als er eines Abends gar betruͤbt nach Hauſe kam, und ſich ſeufzend in ſein Bette leate, nach etwas gruͤ⸗ belnd, was er gerne gewußt haͤtte, und doch nicht erfahren konnte. Ich muß naͤmlich den Leſern nur geſtehen, daß ſich John endlich, von ſeiner Glut hingeriſſen, zu Arabellens Fuͤßen geworfen, und um ihre Liebe und Hand aufs feurigſte gefleht, auch ſo aus der Fülle ſeines Herzens auf ſie losgeſtuͤrmt hatte, daß ſie und ihre Mutter ſich der Thraͤnen nicht enthal⸗ ten mochten. Dennoch harte ſie ihm die Unmoͤg⸗ lichkeit eines ſoſchen Bundes zwiſchen ihm und ihr grauſam genug angekuͤndigt. Aber kein Bitten und Flehen konnte die milde Arabella bewegen, den Grund dieſer Unmoͤglichkeit anzugeben, und darum lag jetzt unſer John ſo fruͤh im Bette, und wollte durch allerhand Schluͤſſe dem Geheimniß auf die Spur kommen. Allein — 122— Allein ob er gleich nicht daruͤber einſchlief, ſo hatte er es in der Entzifferungskunde doch noch nicht ſo weit gebracht, daß es ihm gelungen waͤre, die Urſache aufzudecken, die jenem Geheimniß zum Grunde lag. Nichts deſtoweniger war es faſt lich⸗ ter Morgen, als er noch immer, gleich einem Schmetterling, von einer Moͤglichkeit zur andern flatterte, und keine aͤngſtigte ihn darunter mehr⸗ als daß ein gefäͤhrlicher Nebenbuhler ihm Arabel⸗ lens Herz und Hand entziehe; und dieß brachte ihn in ſo tiefen Schrecken, daß er ploͤtzlich auf⸗ ſprang, um wieder auf die Jagd zu ziehen, d. h. nach Arabellen zu gehen, denn ſeitdem er ſie geſe⸗ hen hatte, waren die Haaſen ſo ſicher, als im hohen Sommer. — — A—— —:xxömꝛõ— — ——— Doch auch heute blieb Liebchen auf ſeinem Sinn; kein ſchmeichelndes aͤngſtliches Flehen, kein erheuchelter Zorn, keine Schwuͤre ewiger Treue waren im Stande, das Schweigen der ſtarren Schoͤnen zu loͤſen, und John ging wieder duͤſter nach Hauſe. Und ſo entſchwand noch mancher Tag, Wo John kam hergegangen— Er kam mit immer bleichern Wangen, Mit immer mattern Blick, und ſprach: Erbarmen, Arabelle! Ich ſchmachte, ſchmachte in der Hoͤlle, * Da 4ℳ — 123— Da ſchien es allmaͤhlig doch, als ob ſeine ruͤhs renden Klagen, ſeine Blaͤſſe und ſein Kummer auf Arabellens Herz wirkten, und ſie ſelber den Wunſch hege, ſeinen Gram zu lindern. So ge⸗ ſchah es denn, als er einſt wieder mit ſtiller Sehnſucht um den Grund ihrer Weigerung forſchte, daß ſie ihm folgendes geſtand. Ihr wollt durchaus wiſſen, Sir! was mich zwingt, Eurer zu entſagen? O daß Ihr doch den Gedanken aufgabet! Wohlan, ſo hoͤrt denn. Arabella that in ihren juͤngern Jahren von der Treppe einen boͤſen Fall— zu ſpaͤt rief man den Arzt herbei; ach! fuͤr die Arme war keine andere Huͤlfe, wenn ihr anders das Leben gerettet wer⸗ den ſollte, als das linke Bein abzuloͤſen. Da habt Ihrs! das iſt der alleinige Grund meiner Weigerung; wie moͤchte eine Ehe gluͤcklich ſeyn, in der der eine Theil ein Kruͤppel iſt? Ein Thraͤnenſtrom ſloß uͤber Arabellens hols des Geſicht. Deſto brennender ſielen ihre Thraͤnen auf Johns weich gewordenes Herz. Er preßte die Widerſtrebende an ſein Herz, und ſchwur mit einem kraͤftigen God damme! ſie ſolle doch noch ſein Eigenthum werden. John fuͤhlte ſich Manns genug, auf Erden den Verluſt eines Beines zu verguͤten. Flugs, als er zaͤrtlichen Abſchied genommen, machte er ſich nach Belkourfield auf, und kuͤn⸗ digte — 124— digte ſeinen Hausgenoſſen an, daß er nach Frank⸗ reich reiſen und dort ſeine Geſundheit herſtellen wolle. Sarah bezeigte nicht uͤbel Luſt, ihn als Pflegerin zu begleiten; allein dazu hegte John aus vielen Gruͤnden keine Neigung. Sie mußte ſich deswegen begnuͤgen, ihn in Gedanken zu be⸗ gleiten, verlangte aber, daß er ſich ein Weib mit⸗ bringen ſolle, und John verſprachs. Dieß ge⸗ ſagt, ſteckte er zweihundert Guineen in einen Beutel, und ſchiffte ſich zu York auf dem Fluſſe ein, von da er der offenen See zueilte, und nach mehrtaͤgiger Fahrt, mit Huͤlfe eines guͤnſtigen Windes, zu Marſeille anlangte, wo er in einem guten Hotel vor Anker ging. Kaum hatte er einen Tag geruht, als er ſich mit vielem Eifer nach Monſieur La Croze, dem geſchickteſten Wundarzt, erkundigte, und von ihm zur Ader gelaſſen zu werden verlangte. Monſieur Deſerre, der Wirth, verwunderte ſich, wie man bei einem ſo ſchlechten Ausſehen noch eine Portion Blut zu viel im Leibe haben koͤnne; doch John beſtand darauf, und ſchrie: ruft ihn her, er ſoll mir die Ader ſchlagen, denn was iſt dieſer Bet⸗ tel anders? Als Monſieur La Croze kam, ſprach John gleich⸗ muͤthig: Herr! thut mir den Gefallen, und ſchnei⸗ det mir das linke Bein herunter— hier liegen 50 Gui⸗ — 125— 50 Guineen fuͤr Eure Muͤhe, aber erbediet mich geſchwind. Monſteur La Croze beſchaute das quaͤſtionirte Bein, und meinte dann, da ſey nichts herunter zu ſchneiden und zu ſaͤgen, ſein Bein ſey ja geſund. John reſpondirte, es ſolle herunter, und Mon⸗ ſieur La Croze deprezirte dagegen. Darauf deela⸗ rirte John wieder ſeinen unabaͤnderlichen Schluß, und Monſieur La Croze obſtupescirte und verneinte. Monſieur La Croze, rief endlich John, erbit⸗ tert und ungeduldig, und ergriff eine Piſtole, ſchneidet— ſchneidet! God damme, ich jage Euch ſonſt die Kugel durch den Kopf. Das, und ein Blick auf die 50 Guineen half. Monſtieur La Croze zog ſeine Saͤge, Meſſer und Scheeren hervor, und John ſchmauchte waͤhrend der Amputation entzuͤckt eine Pfeife, die noch nicht halb heraus war, als La Croze Johns geſundes Bein in den Haͤnden haltend, dem wunderlichen Kautz zum Kruͤppel gratulirte. So wohlgemuth kann keiner ſeyn, dem es im Traume vorkoͤmmt, er habe fuͤr ſein hoͤlzernes Bein ein geſundes er⸗ halten, als John auf ſeinen Stumpf blickte, und den Wundarzt ſeinen Verband machen ſah; ſo laͤchelnd und verwundert ſtrich aber auch Monſieur La Croze nie Geld ein, der ſich nun empfahl, um einen tuͤchtigen Zimmermann zu ſchicken, welcher ein gutes Holzbein verfertigte. Johns — 226— Johns geſundes Blut ließ die Wunde ſchnell heilen, und Monſteur La Croze ſchnallte ihm auf eine ſo geſchickte Art ſein hoͤlzernes Bein daran, daß faſt nichts zu merken war. Aber nun brannte er auch vor Begier, denn ſchon waren acht Wochen dahin, wieder heimzukehren. Er ſchritt daher ruͤſtig zum Hafen hinab, und bedingte ſich eine Kajuͤte zur Ueberfahrt nach York bei einem Lands⸗ mann, bezahlte Monſieur Deſerre, und ſchiffte froͤhlich nach ſeiner Inſel. Aber wie haͤtte er, als er an das Land ſtieg, erſt nach Belkourfield wan⸗ dern koͤnnen, und ſich ohne Weib vor die fromme Sarah ſtellen moͤgen! Daher richtete er ſeinen Reiſeſtab nach Arabellen, wo man ihn verwundert nach einem ſo langen Zeitraum ankommen ſah⸗ Stolz gruͤßte er die Leute, und trat dann wohl⸗ gemuth ins Zimmer. Und wenn ich nun, theure Arabelle! ſprach er nach den erſten Begruͤßungen, wie Ihr, auch ein hoͤlzernes Bein haͤtte, gaͤbet Ihr mir dann Euere Hand und Euer Herz? Damitr zog er den Stiefel und den Strumpf vom Bein, und rief: Sieh! das hat meine Liebe zu Dir ausgerichter! Vor Schrecken, Verwunderung und Reue ſchlug Arabelle an ihr Herz, und fiel in ſeine ausgebrei⸗ teten Arme, denn ſolche Liebestreue und ſolch ein Muth war unerhoͤrt. Tags — — 127— Tags darauf ſetzte ſich John mit Arabellen und ihrer Mutter in einen Wagen, und fuhr nach Belz kourfield. Wie liefen Bediente und Maͤgde zu⸗ ſammen bei dem ungewohnten Anblick, ihren wei⸗ verſcheuen Herrn mit zwei Damen aus dem Wa⸗ gen ſteigen, und beide zaͤrtlich in das Schloß fuͤh⸗ ren zu ſehen. Miß Sarah ſtimmte ein Gloria an, als John in Arabellen ſeine Braut vorſtellte. Je⸗ doch zum ſprachloſen Erſtaunen erwuchs der Mut: ter und der Baaſe Freude und Triumph, als John kund that, was ihm begegnet, und ſein hoͤlzernes Bein vorwies. Ein zweiter Thomas betaſtete ſie es, und als ſie Gefuͤhl und Geſicht uͤberzeugte⸗ faltete ſie die Haͤnde, und lallte weinend: ja der Liebe iſt nichts unmoͤglich, ſie kann Marmor in Fleiſch, und Fleiſch in Holz verwandeln. So geſchahs, daß aus dem hageſtolzen John ein treuer Liebhaber und ſtr froher Ehegatte wurde, und in ganz Yorkſhire kein Paar zu finden war, das Johns und Arabellens Ehe an Zaͤrtlichkeit uͤbertroffen haͤtte; und als Sarah endlich betagt, aber noch nicht lebensſatt, nachdem Johns Mut⸗ ter vorausgegangen war, von hinnen ſchied, ſeg⸗ nete ſie noch ſterbend das hoͤlzerne Bein und wuͤnſchte allen Hageſtolzen ein gleiches Schickſal.— Schon waͤhrend der Erzaͤhlung hatten die Da⸗ men ſehr gelacht; jetzt aber, als er endigte, kroͤnte der Ausgang ein allgemeines heiteres Lachen. Es — 1298— Es beweiſt, daß ich gefallen haben muß, ſprach Graf Ferdinand, und gab ſich Muͤhe, geſchmei⸗ chelt zu erſcheinen. Eine feine Schmeichelei gegen unſer Geſchlecht iſt und bleibt es, ſcherzte die Graͤfin Mutter. Mir kam ſie vor, wie ein galanter Herr, der aber in einem ſehr baroquen Anzug die Augen Al⸗ ler auf ſich ziehen will, meinte Auguſte. Es wurde nun noch verſchieden uͤber alles ge⸗ urtheilt, was von beiden Maͤnnern geſagt worden war. Auguſte aͤußerte, im Ganzen habe ihre Wal⸗ ther beſſer gefallen, er ſey ernſter, dem Gegen⸗ ſtand treu geblieben, und habe vor allen Dingen keine Waffen des Spottes gebraucht, die Ferdinand dagegen unartig genug nicht geſpart haͤtte, um, wie Lafontaine in ſeinen Romanen, die alten Tan⸗ ten laͤcherlich oder veraͤchtlich zu machen. Man gab ihr darin Recht; denn, ſagte die Graͤfin Mutter, die Manie vieler jetzigen Dichter wird immer klarer, alte unverhetrathet gebliebene Frauen dem Spott preis zu geben. Walther vergalt Auguſtens Beifall mit einem dankbaren Blick, den ſie laͤchelnd erwiederte. Spaͤt begaben ſich alle zur Ruhe. Walther erwachte fruͤher, als geſtern. Der Morgen war wieder ſo ſchoͤn, daß er ſich weiter nicht — 129— nicht beſann, ſondern aufſprang, ſich ankleidete, und hinunter in den Park eilte, die Anmuth des herrlichen Herbſtmorgens ganz zu genießen. Am Ende des Parks war ein Huͤgel, von hohen Tan⸗ nen faſt rund umgeben; aber von ſeiner Spitze genoß man eine reizende Ausſicht in das Thal. Dorthin eilte er, war aber betroffen, als er, der Anhoͤhe nah, ein weißes Kleid ſchimmern ſah. Sachte ſchritt er vorwaͤrts, und bemerkte endlich, unter heftigem Herzklopfen, daß die Geſtalt kei ner andern, als der Graͤfin Auguſte gehoͤrte. Unſchluͤſſig, ob er weiter gehen, oder wieder um⸗ kehren ſolle, ſtand er einen Augenblick, als ſich Auguſte umkehrte, und ihn gewahr wurde. Jetzt duͤnkte es ihm ſonderbar, wieder zuruͤckzugehen; er beſchleunigte daher aͤngſtlich ſeinen Schritt, und ſtand endlich vor der hold aufgebluͤhten Ge⸗ ſtalt, die anmuthig wie der Morgen, aber mit zagender Stimme ihn gruͤßte. Ihre Schoͤnheit, das Gefaͤllige ihres Anzugs, der halbgeſenkte Blick, vom leiſen Erbangen umſchimmert, traf ihn ſo, daß er den Gruß zu erwiedern vergas. Sind Sie ſtumm geworden? fragte ſie beherz⸗ ter gemacht, vom weiblichen Inſtinkt geleitet, die Gefuͤhle Walthers und das Eigene ihrer Lage ahnend. Nicht ſtumm, aber keines Wortes maͤchtig! ſagte er ſeufzend— ich vermuthete hier niemand J zu —ééq- V —— 130— zu finden, am wenigſten Sie, gnddige Grafin! Wer den Goͤttern nah iſt, empfindet deſtomehr die Schwaͤche ſeiner Menſchheit. Das war etwas ſtark, ſie ſchlug die Augen nieder. Endlich rief ſie: bin ich gnaͤdig, ſo kann ich auch ungnaͤdig ſeyn; warum betonen Sie den Ausdruck gnaͤdig ſo ſtark? Nich doch, ich ehre nur den Stand und das Geſchlecht.. Vielleicht aus heimlichem Neid? 9 koͤnnen Sie auch hart ſeyn? Das erwar⸗ tete ich nicht. Site erſchrak, und reichte ihm die weiße Hand hin. Wir wollen Friede machen, denn mein Herz wußte nichts von dem, was die Lippen ſagten. und wenn ich unartig war, ſagte er vor ſie hinknieend, und die dargebotene Hand kuͤſſend, ſo legen Sie dem Straͤfling Suͤhne auf. Auguſte wurde hochroth, und wieder blaß wie eine Lilie. Schuͤchtern lispelte ſie: Stehen Sie auf, ich kann Sie nicht ſtrafen, Sie nicht. O ſtrafen Sie, bat er feuriger, ſtrafen Sie; auch die haͤrteſte Strafe von Ihnen muß leicht zu ertragen ſeyn. Immer verlegener, immer erröthender ſtand ſie halb uͤber ihn gebeugt, aͤngſtlich mit der Hand in der Seinigen zitterno.— 6. Aber Aber er, aller Verhaͤltniſſe, des Standes und Ortes frevelhaft vergeſſend, fuhr, durchgluͤht vom Zauber, der ihn umfing, und ſeinen Sinn um⸗ nebelte, ploͤtzlich fort: Dein Spiegel moͤcht' ich ſeyn, Ich ſoͤge dann entzuckt die Blicke Deiner Augen ein. O koͤnnt' ich ewig Dich Als Dein Gewand umſchweben, Als Welle Dich umgeben, Mich wandeln zum Bluͤthenkranz fuͤr Dich⸗ O wuͤrd' ich eine Spange Deiner Hand, Zum Kranz an Deinem Perlenband, Zum Schuh an Deinen leichten Fuͤſſen, Die Wandelnden erbebend heiß zu kuͤſſen. Hingeriſſen von den kuͤhn ausgeſprochenen Worten des Dichters, vom brennenden Blick ſei⸗ nes Auges getroffen, ſank ſie wie beſinnungslos tiefer in ſeine Arme, und die Lippen des Unbe⸗ ſonnenen brannten auf den Ihrigen. O ſchonen Sie, Walther!— ſchone, ſchone, Walther, ſchluchzte Auguſte, als ſich ſeine Lippen immer tiefer in die Ihrigen gruben— ſeine Arme ſan⸗ ken, ſie raffte ſich empor, und verſchwand, das Geſicht bedeckend, hinter den Tannen. Wie aus ſchweren Traͤumen erwachend, blieb er, ſtarr das Auge dahin gerichtet, wo ſie ver⸗ ſchwunden war, eine Zeitlang auf der Erde liegen. 23 2 Endlich — 132— Endlich ſprang er empor, rannte wild den Huͤgel hinab, und fand ſich im tiefſten Dickig am aͤußerſten Ende des Parks wieder. Erſchoͤpft warf er ſich dort auf eine halb verſunkene Raa⸗ ſenbank, und ſtarrte vor ſich hin. Seine Gedan⸗ ken wogten wie truͤbe Wolken am ſtuͤrmiſchen Fruͤhlingshimmel auf und ab, die aufgereate Lei⸗ denſchaft trieb ſein Herz zu ungeſtuͤmen Schlaͤgen, noch brannten ſeine Lippen vom verzehrenden Feuer der erſten Kuͤſſe. Nach und nach kam Ruhe, er ſann ſtill nach. Ehrenvergeſſener, was haſt du begonnen? willſt Mann ſeyn, und gebehrdeſt dich wie ein unbe⸗ ſonnener Juͤngling, murmelte er, die Hand an der Stirn. Kannſt du noch laͤnger hier weilen? wuͤrdeſt du den zuͤrnenden Blick, den die Ge⸗ kraͤnkte, die frevelnd Beleidigte, dir zuwerfen wird, auszuhalten vermoͤgen? oder biſt du Heuch⸗ ler genug, dich anzuſtellen, als ſey nichts vorge⸗ fallen? O das zarte Zutrauen jedes Gliedes die⸗ ſer Familie wuͤrde ein geheimer Verweis uͤber deine Verraͤtherei bleiben. Der Friede dieſes Hauſes, deines eigenen Herzens, muß auf ewig verloren gehen. Oder haſt du Hoffnung, in den Beſitz der angebeteten Auguſte zu gelangen? Alſo ge⸗ hen, weit weg gehen! Aber wohin? Wo waͤre der Ort, der dich vergeſſen machen koͤnnte, was du hier verließeſt? wo die Steppe, in welcher du deine — 133— deine Glut von dir hauchen, und wieder der alte Menſch werden koͤnnteſt? Nein, eher Vernich⸗ tung, als das. O wie wahr iſt's: hat dich Sa⸗ tanas nur bei einem Haar, ſo hat er dich ganz. Und dennoch muß ein Entſchluß gefaßt werden. Sey Mann, und werde deiner Leidenſchaft Herr! Er ſeufzte im Gefuͤhl ſeiner Schwaͤche bei dem Gedanken. Verdecke mindeſtens dieſe verwirrende Tyranney deiner ſelbſt. Sollte es ſchwer ſeyn, die Augen zu bewachen, und die Lippen ſchweigen zu laſſen? Du mußt dennoch fort. Warte noch einige Tage, und bitte dann dringend unter ir⸗ gend einem Vorwand den Grafen um ſeine Ver⸗ mittlung bei einer Anſtellung in der Reſidenz. In ihrem Gewuͤhl vergißt du leichter, was du entbehren mußt. Noch einige Tage? Wie viel kann in ihnen vorgehen! Beſſer waͤr's, du eil⸗ teſt gleich von hier weg. Aber du wuͤrdeſt belei⸗ digen! Was wuͤrden ſie von dir denken? Nein, du darfſt nicht ſo ſcheiden.. So ſprach er mit ſich ſelbſt. Endlich beſchloß er, daß es dabei bleiben ſolle, den Grafen um ſeine Vermittelung zu erſuchen, und ſobald als moͤglich ſich aus dem Schloſſe zu entfernen. Gegen Auguſten wollte er auf ſeiner Hut bleiben, und ſich dabei unterſtuͤtzt zu ſehen, erwartete er von ihrem Unmuth uͤber ſein heutiges Betragen. Etwas — 134— Etwas beruhigt ſtand er auf, und ging in das Schloß zuruͤck.. Wo ſchweifen Sie ſchon ſo fruͤhe herum? ſcholl es ihm hier entgegen, als er in das Zim⸗ mer trat. G— 8 Eluͤcklicherweiſe war Auguſte noch nicht da, und es ward ihm daher leicht, eine Entſchulbi⸗ gung aufzufinden, mit welcher die Fragenden ſich begnuͤgten. Man ſetzte ſich zum Fruͤhſtuͤck; da trat Auguſte ein. Seine ganze Beſonnenheit war bei ihrem Erſcheinen wieder dahin; er ſenkte die Augen zitternd zu Boden, und haͤtte beinah die Taſſe fallen laſſen. Nur mit Muͤhe gelang es ihm, waͤhrend eben der aͤltere Graf eine beſon⸗ dere Begebenheit aus der Nachbarſchaft, die ge ſtern vorgegangen war, erzaͤhlte, unbemerkt wie⸗ der etwas Faſſung zu gewinnen. Laß uns doch einmal das Duett aus Cima⸗ roſa ſingen, Auguſte, rief Luiſe, unſer Freund begleitet uns wohl! Dieſer hob jetzt ſchuͤchtern die Augen, und traf, zu ſeinem neuen Schrecken, ſtatt auf Lui⸗ ſens, auf Auguſtens Blick, die in Gedanken ver⸗ loren, Walthern wie fragend anſah. Aber in dieſem Blick war keine Spur weder von Jorn, noch von Unmuth, ob er gleich von hochrothen Wangen heruͤber kam. Sie beſann ſick — 135— ſich jetzt, und ſagte ja. Ihm warf ſie einen Blick zu, der etwas Beſaͤnftigendes, das wie der Troſt der Vergebung glaͤnzte, hatte, und zu ſagen ſchien: Dießmal will ich vergeben. Der Ermuthigte warf ihr einen demuͤthigen Blick zu, und war raſch am offenen Fluͤgel. Als er die erſten Toͤne anſchlug, war alles ver⸗ geſſen, alle Vorſaͤtze von vorhin, und entzuͤckt ſchwebte ſeine Seele uͤber die Saiten zu ihr hin⸗ uͤber, waͤhrend die Finger ein Heer von rauſchen⸗ den Melodien hervorzauberten. Die Liebe ſpielt gefuͤhlvoller, als die Kunſt; unwiderſtehlich riſſen die Klaͤnge die Saͤngerinnen hin, und in trium⸗ phirender Harmonie floſſen die vereinten Toͤne durch das Zimmer⸗ 1 Walther uͤbertrifft ſich ſelbſt, ſagte Ferdinand. Ein heiterer Blick Auguſtens vergalt ihm die Kunſt ſeines Spiels. Ihm war, als ſey er im Paradieſe. Nichts baut ſchneller Luftſchloͤſſer, als die Liebe. Waͤhrend er wieder am Fluͤgel phan⸗ taſierte, richtete ſeine Einbildungskraft und Be⸗ geiſterung einen babelmaͤßigen Gluͤcksthurm vor ihm auf; von ihm herab ſah er ſich am Arm Auguſtens, die er nach mancherlei Hinderniſſen dennoch zur Gattin erhalten hatte; er ſah ſich in der Reſidenz angeſtellt, und glaͤnzend, und mit der Geliebten von den reichſten Gaben des launenhaften Gluͤckes bedeckt— alle ſeine Wuͤn⸗ ſche — 136— ſche gekroͤnt. Pluͤtzlich aͤchzte eine zerriſſene Saite; er erſchrak, und alle ſeine ſeligen Traͤume blies ben in einer miſerabeln Diſſonanz haͤngen, mit der er aufhoͤrte. O weh! die Diſſonanz aufgeloͤßt, rief Ferdi⸗ nand, das klingt ja entſetzlich. Walther aber war ſo beſtuͤrzt, daß er keine Conſonanz finden konnte. Nun dann muß ich ſie aufloͤſen, ſprach jener, griff den alten Accord noch einmal, und ſchloß⸗ wie ſich's gebuͤhrte. In meinem Leben bin ich kein Freund von einer Diſſonanz geweſen, fuhr Ferdinand fort; aber ich haͤtte nicht gedacht, daß Dich eine zerriſſene Saite aus der Faſſung brin⸗ gen koͤnnte. Ich wollte wetten, ſcherzte Luiſe, Watther war wo anders, als die Saite riß. Ich war allerdings in andern Aogfonen. er⸗ wiederte der Geaͤngſtigte; aber ſollte ich nicht be⸗ ſtuͤrzt werden, wenn ein ſolcher jaͤmmerlicher Ton, wie ihn die ſchwirrende Saite hoͤren ließ, die ſchoͤnſten Melodien des Lebens, auf denen ſich die hoffnungsreiche Seele mit allen Erwartungen wiegt, zerreißt? Mit welchen Hoffnungen plagen Sie ſich denn? lachte ſie ihn an. Das errathen Sie, wenn ich Ihnen ſage⸗ z33 ſ ie dennoch nur den Seifenblaſen aͤhnlich And, — 137— nnd, mit denen ich mich als Knabe im Sonnen⸗ licht ergoͤtzte. Wiſſen Sie denn auch gebi daß ſie nichta als Seifenblaſen ſind? Ein heimlich tadelnder Blick Auguſtens, der ihn an ſich ſelbſt verwies, und an ſeine Geiſtes⸗ ſtaͤrke, trieb ihn auf. Meine Damen, ſagte er mit angenommener Heiterkeit, ich ſtreiche die Segel⸗ Das iſt Ihr Gluͤck, erwiederte Luiſe; wenn ich meine Toilette nicht machen muͤßte, ſollten Sie mir dennoch die Seifenblaſen Ihrer Hoff⸗ nungen im Sonnenlicht der genauern Erklaͤrung ſpielen laſſen muͤſſen. Sie zog Auguſten lachend aus dem Zimmer. Ihm aber war es gar nicht laͤcherlich zu Muthe, und bei einer guͤnſtigen Gelegenheit fluͤchtete er ſich daher auf ſein Zimmer. Er war jedoch kaum dort angekommen, als auch Ferdinand eintrat. Hoͤre, ſagte dieſer, ſich neben ihn ſetzend, Du erſcheinſt mir heute ſo verſtoͤrt, was iſt mit Dir vorgegangen? Nichts, ſtotterte der Gemarterte, an ſeine Schuld erinnert; aber die Ausſicht in die Zukunft macht mich unruhig. Das goͤttliche far niente hier iſt meiner Heiterkeit nicht zutraͤglich. 5 Hm! 4 — 138— Hm! Du biſt noch nicht drei Tage hier, und fuͤhlſt ſchon Langeweile. Man merkt Dir den Schulrector doch an. Weißt Du was— er warf einen Blick nach dem Gemaͤlde unten an der Wand— oft erleichtert es ſehr, wenn man ſich über ſeine Verhaͤltniſſe ausſpricht. Wir nennen uns Du, und dennoch weiß ich eigentlich weiter nichts von Dir, als daß Du Rector warſt, und vorher Luͤtzowſcher Jäger. Theile mit, wenn Du kannſt. Walther empfand in dieſem Augenblick ganz das Beduͤrfniß, ſein Herz in das eines Vertrau: ten zu ergießen; Ferdinand traute er, darum erz zaͤhlte er ihm ohne Zoͤgern, was wir hier nur im Auszug geben.. Ob Du das Dorf Koppenfels in der Raͤhe von Ilmenburg kennſt, weiß ich nicht; es iſt aber auch weiter nichts daran gelegen; genug, dort bin ich geboren und erzogen im Pfarrhauſe. Meine Mutter kannte ich nicht, mein Vater, der Prediger, hatte nur eine alte Haushaͤlterin bei ſich die ſich meiner aber muͤtterlich annahm, und mir, wie die Zaͤrtlichkeit ſolcher betagten weibli⸗ chen Perſonen oft zu thun pfiegt, allen freien Willen ließ Munter tummelte ich mich daher unter den Bauerknaben meines Alters umher, und nur der ſanfte, verweiſende Blick meines Vaters konnte mich aus dem Laͤrm zuruͤckrufen, den — 139— den wir faſt taͤglich in der Naͤhe der Kirche auf einem Raaſenplatz trieben. Leſen, Schreiben und Rechnen lehrte mich des Tags in einigen Stun⸗ den der Schulmeiſter, ein alter graͤmlicher Mann, der ſich meine Gunſt zu erwerben eben keine Muͤhe gab. Dieſe beſaß vielmehr in ſehr hohem Grad mein Vater, der mein ganzes Herz ausfuͤllte. Sein Geſicht war der Inbegriff alles deſſen, was Milde und Herzlichkeit im aͤußern Ausdruck heißt. Um ſeinen Mund ſchwebte beſtaͤndig ein ſtiller Ernſt, tief blau, trotz ſeines hohen Alters, waren die Augen geblieben, und niemals hoͤrte ich ihn ſchelten, oder ſah ihn zornig. In den Daͤmme⸗ rungsſtunden des Abends— Tags uͤber ſtudierte er viel— rief er mich auf ſeine Stube; dann ſellte ich mich zwiſchen ſeine Kniee, und er bes gann dann irgend eine, meinem Alter und Ver⸗ ſtand angemeſſene Erzaͤhlung, die er ſo vorzutra⸗ gen wußte, daß meine ganze Aufmerkſamkeit ge⸗ feſſelt blieb. Wenn er dann geendigt hatte, beugte er ſich jedesmal mit ſeinem Geſichte ganz nah vor mich herunter, blickte mich unverwandt und ſtumm an, und ließ mich dann langſam und ſeufzend wieder aus ſeinen Knieen fortgehen. Unten ſpeiſte und traͤnkte mich dann nach Herzensluſt Anna, und brachte mich darauf zu Bette. So war ich eilf Jahre alt geworden. Da rief er mich eines Tags auf ſein Zimmer, und ſagte: Fertig ſchrei⸗ — ben, — 140— ben, leſen und rechnen kannſt Du; aber es iſt bei weitem nun noch nicht genug, um in der Welt ſehr weit zu kommen. Noch vielmehr will gelernt ſeyn; und willſt Du ein recht brauchbarer Menſch werden, ſo mußt Du die Sprache der Roͤmer und Griechen, und auch die neueren lernen. Viel Schoͤnes und Herrliches wird ſich dann vor Dir aufthun, und was ich Dir bisher erzaͤhlt habe, magſt Du dann ſelbſt leſen. Gerne will ich Dir in den beiden erſten Sprachen Unterricht geben, und Dich auch ſonſt mit vielen andern nuͤtzlichen Dingen bekannt machen, aber— Du mußt mir Deine ganze Aufmerkſamkeit ſchenken. Ich ver⸗ ſprach alles, denn ſein Blick riß mich unwider⸗ ſtehlich hin. Der Unterricht begann. Ich machte, trotz meiner Ingend, reißende Fortſchritte. Dann ſah mich mein vaͤterlicher Lehrer wie mit halb verklaͤrten Zuͤgen an, ſchloß mich feſt an ſeine Bruſt, und weinte Thraͤnen, Thraͤnen der Freude, dachte ich; es waren andere Thraͤnen. Immer ſtaͤrker von der neuen Welt angezogen, die ſich nach und nach meinen Blicken aufthat, verließ ich am Ende alle meine Spielgenoſſen, und ver⸗ trieb mir die Zeit allein mit meinen Buͤchern. An meinem ſechzehnten Geburtstag ſah er mich, nachdem er mir beſonders viel Ruͤhrendes geſagt hatte, lange bedeutend an, dann faßte er meine Hand. Du haſt große Fortſchritte in dem gethan, was — 141— was ich an Dich zu vererben wuͤnſchte, und ſchon einen deutlichen Begriff vom Werth des Lebens. Aber wer ein tuͤchtiger Menſch werden will, muß hinaus unter die Menſchen, und ſich mit ihnen meſſen lernen. Ich ſah ihn groß an. Du ſcheinſt, fuhr er fort, daruͤber erſtaunt! Hier kannſt Du nichts mehr lernen. Es giebt aber Anſtalten, wo Juͤnglinge Deines Weſens weiter ausgebildet wer⸗ den, und ſtudieren willſt Du doch wohl? Ich bejahte es, aber mit Thraͤnen, denn ich hielt es fuͤr unmoͤglich, mich von meinem Vater trennen zu koͤnnen. Weine nicht— trennen muͤſſen wir uns doch einmal. Ich werde Dich nach Ilmen⸗ burg auf das dortige Gymnaſium bringen, deſſen Rector ich kenne; dort ſollſt Du Dich noch drei Jahre auf die Akademie vorbereiten. Und damit wir uns nicht erſt zu ſehr durch den Gedanken an die Trennung aͤngſtigen, ſo wollen wir noch in dieſer Stunde forr. Deine Sachen ſind be⸗ reits voraus. Ich wußte nicht, wie mir geſchah. Wie im Traum zog mich mein Vater aus den Armen der weinenden Anna, die mich feſt an ſich druͤckte, und noch aus der Thuͤre hinter uns drein ſchluchzte; wie im Traum gingen wir fort, und erſt vor den Thoren von Ilmenburg erwachte ich. Als wir uns in einem Gaſthofe etwas geruht und erfriſcht hatten, ging es zum Rector. Es war ein ſtark gebildeter hoher Mann, der mich mit ſeinen — 142— ſeinen Feueraugen durchbohren zu wollen ſchien; als ich mich aber von meinem erſten Schreck erholt hatte, und tapfer antwortete, ward er milder und freundlicher. Kurz, er ſetzte mich nach Se⸗ cunda, und binnen einem Monat war ich wie zu Hauſe. Meine Schul⸗ und Univerſitaͤtsjahre enthalten nichts Merkwuͤrdiges, einige verdrieß⸗ liche Haͤndel ausgenommen, in die mich frecher Uebermuth verwickelte, die ich aber ſo ausfocht, daß ſich niemand wieder an mich wagte. Sechs Jahre waren vergangen, als ich wieder in Kop⸗ penfels anlangte. 3 Noch ſeh' ich den Greis, wie er mich am Eingang des Dorfes empfing. Seit den drei letzs ten Jahren hatten wir uns nicht geſehen. Als er meine Zeugniſſe las, und im Wechſelgeſpraͤch iune ward, was ich aufgefaßt und behalten hatte, rollten haͤufige Thraͤnen uͤber ſeine eingefallenen Wangen. Noch unentſchloſſen— ich hatte zum Haupt⸗ fache die Jurisprudenz gewaͤhlt— wo ich meine Laufbahn beginnen ſolle, hatte ich einen Monat in Koppenfels verlebt, als die geſchlagenen Heere Napoleons durch Deutſchland zuruͤck eilten, die Preußen ſich erhoben, und die Schlacht bei Luͤtzen geſchlagen ward. Mich ergriff bei der allgemei⸗ nen Begeiſterung, die jetzt immer lauter ward, eine — 143— eine Glut, der ich nicht widerſtehen mochte. Gewohnt, nichts vor meinem Vater zu verber⸗ gen, entdeckte ich ihm, der mit jugendlicher Be⸗ geiſterung dem Aufruf ſeines Volkes horchte, mei⸗ nen Wunſch, Theil am Kampfe zu nehmen. Sein Geſicht ward ernſt, und eine Zeitlang ſaß er ſtumm neben mir. Du haſt Recht, er⸗ wiederte er endlich, in Zeiten, wie die jetzigen, muß jugendliches Feuer viel thun. Nicht wehren will ich darum Deinen Wuͤnſchen— wem willſt Du dienen? Dann gehe ich zu Luͤtzow's Jaͤgern. Du triffſt meinen Wunſch. Dann aber thus hald, was Du thun willſt. Er verſank in tiefes Sinnen, und ich ging, um ſogleich fuͤr das Na⸗ thige zu ſorgen. Am Abend rief er mich zu einem Spaziers gang ab. Seine Stimmung und Miene war ſo ernſt, wie ich ihn nie geſehen zu haben glaubte. Stumm gingen wir neben einander her; endlich gelangten wir an ein kleines ſtilles Thal, das ich ſchon oͤfter mit ihm beſucht hatte; hier zog er mich neben ſich, auf eine Raaſenbank, ſchwieg einige Augenblicke, wie erſchoͤpft, und begann dann: Wir trennen uns nun, und vielleicht fuͤr's ganze Leben, denn der Kampf, in den Du aus⸗ zuziehen gedenkſt, iſt ein blutiger, und wird man⸗ ches 7 — 144— ches junge Blut koſten. Vielleicht biſt auch Du einer von denen, die es daran ſetzen muͤſſen— warum ſollte ich alſo noch laͤnger anſtehen, Dich mit dem bekannt zu machen, was ich bisher ver⸗ ſchwiegen, theils um bei mir nicht alte Wunden wieder aufzureißen, theils um Dich nicht zu ſehr zu betruͤben. Jetzt biſt du Mann geworden— und ſollſt es wiſſen. Du biſt nicht mein Sohn, wie Du bisher geglaubt haſt, mir aber dennoch faſt eben ſo nahe verwandt. Ich erſchrak heftig, und ſtarrte ihn verwirrt an. Er zog meine Hand an ſeine Bruſt, und Thraͤnen ſtuͤrzten aus ſeinen Augen. Endlich faßte er ſich, und fuhr fort: Hoͤre mich ruhig an. Ich bin nie verheirathet geweſen. Als ich hierher zog, begleitete mich eine einzige mir uͤbrig gebliebene Stiefſchweſter, die mir den Haushalt fuͤhren und mir Geſellſchaft lei⸗ ſten wollte. Sie war ſanft und ſehr ſchoͤn, das ganze Bild meiner Mutter, und wir liebten uns beide ſo innig, wie nur immer rechte Geſchwiſter ſich lteben moͤgen. Anfaͤnglich lebten wir ſehr ein⸗ gezogen, ſie beſorgte ihr Hausweſen, ich lebte meinen Studien; nur am Tiſch und Abends fan⸗ den wir uns zuſammen, dann las ich ihr etwas vor, wir ſprachen daruͤber, und dieß trug je laͤn⸗ ger je mehr zur Ausbildung ihres Geiſtes und Her⸗ zens bei. O daß es immer ſo geblieben waͤre, noch 4 135— noch heute ſtaͤnde ſie an meiner Seite. Ungefaͤhr nach einem Jahr erſchien auf dem Gute ein jun⸗ ger Mann von ſehr einnehmender Geſtalt, und wie es ſchien auch von reinen Sitten. Du haſt ihn ſpaͤter einigemal geſehen. Hier ſprang Walther auf, rannte den Saal hinab, blieb vor dem Gemaͤlde ſtehen, und rief endlich: Der da oben war⸗de wahrlich dieſer war's! „Ferdinand war mit ihm aufgeſprungen, und ſchaute mit hinauf.— Werr iſt der? forſchte Walther etwas heftig. Du ſollſt es erfahren— aber endige erſt Deine Erzaͤhlung. Walther ſetzte ſich wieder. Kaum mochten einige Tage nach ſeiner Ankunft verfloſſen ſeyn, fuhr mein Vater oder Onkel fort, als er uns ſeinen Beſuch machte, und ſich dabei gleich ſo durch ſeine vorgetragenen Grundſaͤtze in unſer Vertrauen einzuſchmeicheln wußte, daß wir Uner⸗ fahrene ihm auf ſeine Bitte ſehr gern die Er⸗ laubniß gaben, ſeinen Beſuch oft wiederholen zu⸗ duͤrfen. Das geſchah, und bald kam es dahin, daß er ganze Tage bei uns zubrachte, wenn er nicht auf der Jagd umherſchweifte. Ohne zu ahnen, was ihn ſo haͤufig zu uns treibe, ließ ich ihn oft und lange mit Eliſen allein; ich Unbe⸗ K ſonnener — 146— ſonnener geſtattete ſogar, daß ſie mit ihm Spa⸗ ziergaͤnge machen durfte. Eines Abends fand ich ſie bei meiner Heimkunft in Thraͤnen. Beſtuͤrzt eilte ich zu ihr, fragte und bat, aber ſie ſchluchzte nur lauter, ohne mir eine Antwort zu geben. Ich hielt ſie fuͤr krank, und wollte nach dem Arzt ſchicken, aber ſie ſchuͤttelte mit dem Kopf, und eilte nach ihrem Zimmer. Mich befiel eine namen⸗ loſe Angſt. Fruͤh am Morgen klopfte ich an ihr Zimmer; ſie oͤffnete mir zwar noch traurig, aber ihre Thraͤnen hatten ſich getrocknet. Ich fragte von Neuem, doch ſie wich mir ſo geſchickt aus, daß ich mich endlich beruhigte, und da ich auch ſie ſpaͤter ruhiger fand, ſo ging alles voruͤber. Der alte Beſuch kam wieder, und ich kehrte zu meiner Studierſtube zuruͤck. Ploͤtzlich wurden die Beſuche immer ſeltener, endlich hoͤrten ſie ganz auf. Jetzt fand ich meine Schweſter wieder jeden Tag in Thraͤnen, ihre fruͤhere Heiterkeit ſchwand allmaͤhlich ganz, ihre Wangen verblaßten, und ſie kraͤnkelte; dennoch gab ſie nie zu, daß ich einen Arzt befragen durfte, und tezſtes mich mit baldi⸗ ger Beſſerung. Einſt kehrte ich Nachmittags aus der r Kirche heim, und ging, meiner Gewohnheit nach, ſogleich an ihr Bette. Sie hatte wieder heftig geweint⸗ Bruder! jammerte ſie, verſchließe die Thuͤr, mich preßt ein ſchreckliches Geheimniß, und laͤnger kann . ich — 1 47— ich es nicht verſchweigen. Erbarme Dich Deiner ungluͤcklichen—— Lautes Schluchzen unterbrach ihre Rede. Toͤdtlich erſchrocken verſchloß ich die Thuͤre, und verſprach alles, wenn ſie ſich nur beruhigen wolle. Was bekannte mir die Ungluͤck⸗ liche? Erſt verſtand ich ſie nicht, aber endlich daͤmmerte es ſchrecklich in mir auf— der Bube hatte mir, laß mich kurz ſeyn, ihr Vertrauen ge⸗ ſtohlen, ſie ſelbſt durch ſuͤße Reden bethoͤrt, und in einer unbewachten Stunde die Schuldloſe ver⸗ fuͤhrt— ſie war guter Hoffnung. Hier brach der Greis in heiße Thraͤnen aus, ſeine Haͤnde ballten ſich unwillkuͤhrlich, die Mei⸗ nen mit. Als er ſich wieder gefaßt hatte, fuhr er fort: Eliſe wand ſich wie ein Wurm aus dem Bette vor meine Fuͤße; o Gott! ich liebte ſie zu ſehr, als daß ich uͤber ſie haͤtte zuͤrnen ſollen. Ich hob ſie auf, ich ſchwur ihr zu, daß das Geheimniß ihrer Schande verborgen bleiben ſolle; aber in demſelben Augenblick uͤberfielen ſie, vermuthlich durch dieſen Vorgang, heftige Wehen, und ſie gebar nach weni⸗ gen Stunden— Dich. Als Du den erſten Laut Deines Lebens von Dir gabſt, brach ihr Auge, ſie ſank todt in das Bett zuruͤck, und niſch verließ alle Beſinnung. Als ich wieder zu mir kam, war Deine Mutter am Tage zuvor begraben. K 2 Er — 148— Er ſank hier wie vernichtet an mich, und preßte ſein Haupt an meine Bruſt. Ferdinand! es iſt unmoͤglich, Dir, was uns jetzt bewegte, zu deuten. Wir ſaßen beide, ſtumm, die Augen voll Thraͤnen, wie lebloſe Statuͤen. Endlich ermannte ſich der Greis wieder, und erzaͤhlte weiter. Mehrere Wochen gingen hin, ehe ich mich erholte; Dich durfte man nicht vor meine Augen bringen. Als ich mich endlich wieder um⸗ her bewegen konnte, und Deine huͤlfloſe Lage uͤber⸗ ſann, dachte, daß Du doch auch meiner Schwer ſter Sohn warſt, und Anna, die Dich muͤtterlich pflegte, fuͤr Dich flehte, nahm ich Dich auf mei⸗ nen Arm, und gelobte dem Geiſte Deiner Mutter, Vaterſtelle an Dir zu vertreten. Habe ich's red⸗ lich gehalten? ja! Gott iſt mein Zeuge. Das andere weißt Du. Aber wer iſt denn mein Vater? fragte ich. Nie wird ſein Name uͤber meine Lippen kom⸗ men; er iſt zu vornehm, aber auch zu niedertraͤch⸗ tig, als daß ich Dich mit ihm bekannt machen ſollte; auch weiß ich nicht, wo er ſich aufhaͤlt, und ob er noch lebt. Wuͤrde es Dir nuͤtzen, es zu wiſſen? Die Baſtarde ſind widrige Geſchoͤpfe fuͤr den vornehmen Verfuͤhrer. Komme vielmehr, und laß Dir das Grab Deiner Mutter zeigen— ſchon zwei und zwanzig Jahre ſchlammert die Ungluͤck⸗ liche. Wir 8 Wir ſtanden auf, und er fuͤhrte mich auf den Kirchhof an ihr Grab. Tief war es ſchon umraaßt. Da kniee nieder, rief er, und ſchwoͤre, wie ein deutſcher Mann zu ſterben. Es iſt ein Troſt, daß ſie dem Vaterland doch einen Streiter, und keine Memme geboren hat. Ich ſank uͤber ihr Grab, und ſchwur, was der Alte wollte. Jetzt zog er mich raſch weg, in's Haus. Nun nicht weiter gezaudert— hier iſt eine Summe Geld, mit der Du Dich equipiren kannſt; reiſe noch dieſe Nacht fort— wirf allen entmannenden Gram von Dir, und wenn Du wiederkommen ſollteſt, dann wollen wir weiter ſprechen. So machte ich mich, beſtuͤrmt von den heftig⸗ ſten und widerſprechendſten Gefuͤhlen, auf den Weg. Von meinem Vater— ich konnte meinen Onkel noch immer nicht anders nennen— nahm ich Ab⸗ ſchied auf immer. Auf mancherlei Umwegen ge⸗ langte ich nach drei Wochen zum Preußiſchen Heer, und ließ mich bei Luͤtzow's Fußjaͤgern einſtellen. Der Tod verſchonte mich, im ganzen Kampfe trug ich nur einige leichte Wunden davon. Bei Mau⸗ beuge lernten wir uns kennen, aber ich ſah Dich nicht wieder. Als der Friede von Paris geſchloſſen war, nahm ich meinen Abſchied. Niemand kam mir in Koppenfels entgegen, als die alte Anna, mein Onkel war— vor einigen Wochen begraben. Jetzt — 150— Jetzt ſtand ich ganz allein, mein Onkel hatte nichts hinterlaſſen, als Buͤcher; alles andere, jetzt erfuhr ich es erſt, hatte er fuͤr mich aufgewendet. Ich ſann nach, was ich beginnen ſollte, aber ohne Bekanntſchaft war nichts auszurichten. Da er: fuhr ich, daß das Rectorat in L. offen ſtehe; ſo viel, als da gefordert wurde, getraute ich mir noch zu leiſten; nur auf einige Jahre wollte ich es annehmen. Ich erhielt es, weil keine Mitbewer: ber weiter vorhanden waren. Aber ich hatte mich verrechnet. Schon nach dem erſten Vierteljahr erſchien mir meine Lage unertraͤglich; ich ſehnte mich wieder heraus, und ſollte ich mich als Schrei⸗ ber zu einem Advokaten verdingen, oder bei einem Landjunker hofmeiſtern gehn. Als die Ferien kas men, machte ich mich auf den Weg; da begab ſich, was Du ſchon weißt, und ſo fanden wir uns hier wieder zuſammen. Vortrefflich, rief Ferdinand, vortrefflich! und ſprang auf; warte nur einen Augenblick— habe ich mich doch nicht geirrt! Er wollte zur Thuͤre hinaus, Walther hielt ihn aber auf. Bleibe! Ich verſtehe zwar Dein Vortrefflich nicht, aber ich habe Dir noch nicht alles geſagt, was meine Bruſt beengt. Vielleicht iſt es das Wichtigſte. Vor einer Stunde haͤtte ich es nie⸗ mand auf Erden geſtanden, meine jetzige Stim⸗ mung — 15¹— mung loͤſt mir die Zunge. Du ſollſt mir helfen, mich von hier bald, bald zu entfernen. Ferdinand horchte hoch auf, und ſetzte ſich dann nieder. Mich verfolgt eine Leidenſchaft, die als Kind von kaum drei Tagen dennoch ſo rieſenhaft mir uͤber das Haupt zu wachſen droht, daß Deines Hauſes Ehre dadurch ſinken kann. Was werde ich hoͤren muͤſſen. Ich liebe— Deine Schweſter Auguſte. Be⸗ greifſt Du nun, daß dieß das Wichtigſte fuͤr Euch alle ſeyn muß? Haſt Du denn Hoffnung, wieder geliebt zu werden? Das ſey an ſeinen Ort geſtellt. Genug ich, Ihr alle ſeyd in Gefahr. Schaffe daher, daß ich fort komme, fort in die Reſidenz, und hilf mir eine Anſtellung erringen. Das iſt freilich das Neueſte, was ich hoͤre— doch harre nur einen Augenblick, ehe wir weiter reden, muß ich Dir erſt etwas vorleſen. Und Du kannſt noch ſcherzen, da mich die Ge⸗ fahr zittern macht? So habe doch nur Geduld! Er eilte fort, und ließ Walthern erſtaunt zuruͤck. Unbegreiflich! murmelte der Alleingelaſſene, ſo gazgits Ich verrathe ihm mein theuerſtes 3 Geheim: 15² Geheimniß, und er will mir dagegen etwas vor⸗ leſen? Es gilt der Ruhe ſeines Hauſes, und er mahnt mich zur Geduld? Was mag er vorha⸗ ben? Gut, ich werde gehen, aber ach! Auguſtenl Auguſte! wie ſchwer wird mir die Flucht, wie zentnerſchwer laſtet die Pflicht! Schon bereute er ſeine Schwatzhaftigkeit; der Gedanke, von ihr, die jetzt reizender als je vor ſeine Seele trat, zu ſcheiden, ergriff ihn mit All⸗ gewalt; er ſchlug ſich vor die Stirne, und rannte das Zimmer hinab. Zufaͤllig warf er den Blick in die Hohe, er ſtand vor dem Bilde ſeines ver⸗ muthlichen Vaters. Verwuͤnſchend ballte er die Haͤnde hinauf, ihm war, als muͤſſe er dem Ver⸗ fuͤhrer ſeiner Mutter, den Urheber ſeiner jetzt von tauſend Quaalen bedrohten Exiſtenz fluchen. Und doch ſprach etwas in ihm, was ihn zuruͤck⸗ riß. Er trat an das Fenſter, und fuhr ſtuͤrmiſch zuruͤck, uͤberall ihr Bild, ſie ſelbſt— ſtand ſie nicht mit Luiſen unten im Park, und winkte nach ſeinem Fenſter herauf? Er vergas alles, und wollte zur Thuͤre hin⸗ aus, hinunter in den Garten. In der Thuͤre begegnete ihm Ferdinand und ſein Vater. Er fuhr zuruͤck. Beide ſahen ihn laͤchelnd an, doch er wagte, im Bewußtſeyn ſei⸗ ner neuen Schuld, kaum aufzublicken. Ferdinand aber nahm ihn am Arm, und druͤckte ihn aufs Sopha — — 155— Sopha. Graf Ludwig ſetzte ſich neben ihn, und Ferdinand ſtellte ſich mit einem dicken Brief in der Hand vor beide hin. Lies, mein Sohn! ſagte der Graf; hoͤren Sie aufmerkſam zu, lieber Freund. Ferdinand las. „Endlich, Bruder Ludwig! komme ich auf den letzten Wunſch, deſſen Erfuͤllung ich Dir ſterbend uͤbertrage. Er iſt die Folge eines Fehlers, den die beau monde ein galantes Abentheuer zu nennen pflegt, den aber der Tod, vor mein Bette tretend⸗ ein abſcheuliches Verbrechen nennt. Wohin fuͤhrt Leichtſinn, vornehmes Spielen mit tugendhaften Geſinnungen und uͤberwiegende Sinnlichkeit?“ „Du weißt, daß ich anfangs Jagdjunker war, und dann den Kammerherrnſchluͤſſel empfing. Als erſterer hielt ich mich aneßrere Monate in Koppen⸗ fels auf.““ Walther fuhr bei dem Namen zuſammen; Graf Ludwig faßte ſeine Hand und druͤckte ſie ſo feſt, als wolle er ihm Ruhe empfehlen. „Die Jagd haͤtte mich eben nicht lange feſſeln koͤnnen, aber eines Tages wurde ich in der Kirche ein ſehr ſchoͤnes Frauenzimmer gewahr, und auf meine Erkundigung erfuhr ich, daß es die Schwe⸗ ſter des Pfarrers ſey. Ich ſuchte ihre Bekannt⸗ ſchaft zu machen, und es gelang mir. Bald be⸗ merkte — 154— merkte ich, daß Bruder und Schweſter einfache, obwohl gebildete, aber mit der Welt aͤußerſt un⸗ bekannte, gute Menſchen waren, und es koſtete mir wenig Muͤhe, ihr Vertrauen zu erhalten. Der Himmel iſt mein Zeuge, daß ich damals noch keine Idee hatte, der Verfuͤhrer des Maͤdchens zu werden. Es ſollte mehr eine halbverliebte Unter⸗ haltung fuͤr mich ſeyn, bis ich wieder abreiſte. Bald war ich im Hauſe wie zu Hauſe, kam taͤglich, und ging oft ſelbſt mit Eliſen ſpazieren, ohne daß uns ihr Bruder begleitet haͤtte. Aber der Menſch mache nur Plane. Eh' ich mir es verſah, war ich tiefer verwickelt, als ich glaubte. Die Liebens⸗ wuͤrdigkeit des Maͤdchens und ihre koͤrperliche Schoͤnheit, ſelbſt ihre Zutraulichkeit feſſelten mich unwiderſtehlich. Ein herrlicher Abend fuͤhrte uns in ein einſames Thal; wir waren vertrauter, ſie in⸗ niger, ich feuriger als ſonſt— das Fluͤſtern der lispelnden Birken, die Schwuͤle des Abends— wir hatten uns vergeſſen, eh wir uns noch beſin⸗ nen konnten. Als wir wieder zu uns kamen, ſchrie ſie laut auf, aber kein Vorwurf glitt uͤber ihre Lippen. Ich ſuchte ſie zu beruhigen, doch ſie riß ſich ſchluchzend los, ſprang durch das Gebuͤſch, und verſchwand vor mir. Meine Luſt war geſaͤttigt, ich zitterte etwas, aber ſchlich doch ſpaͤter ruhig auf das Gut zuruͤck. Am Morgen war ich trotzig genug, das Pfarrhaus wieder zu beſuchen; dort klagte klagte mir der Pfarrer, daß ſeine Schweſter um wohl ſey. Es gelang mir, dennoch mich wieder bei ihr einzudraͤngen, und ſie zu beruhigen, aber nicht, ſie zu einer neuen Beute meiner erwachten Sinnlichkeit zu machen. Jetzt fand ich das nicht mehr, was ich ſonſt zu finden meinte; meine Be⸗ ſuche wurden ſeltener, endlich verließ ich Koppen⸗ fels ploͤtzlich ganz.“ „Im Getuͤmmel des Hofs vergas ich bald, was hinter mir lag, und als ich mich vermaͤhlte, ver⸗ mied ich jede Erinnerung. Sie kam nur zu ſtark, zu ſchrecklich. Verhaͤltniſſe riefen mich nach fuͤnf Jahren wieder nach Koppenfels. Was erfuhr ich dort? Eliſe waͤr todt, aber ein Knabe, den ich auch einigemal ſah, ihr Sohn, lebte— mein Sohn lebte. Daß ich die Schwelle des Pfarrhau⸗ ſes nicht betrat, kannſt Du denken— ich ſloh viel⸗ mehr, ſo ſchnell ich konnte, wieder von dannen. Die Rache des Himmels aber bleibt nicht aus— ich wenigſtens, wie ich jetzt denke, betrachte es als ſeine Rache, daß meine vier Soͤhne bald hin⸗ tereinander ſtarben, und meine Gemahlin ihnen ſolgte. Nun liege ich kinderlos hier. Freilich dachte ich ſchon fruͤher wieder an Koppenfels, aber ſeir mich dieſe Krankheit ergriffen hat, mahnen mich naͤchtlich fuͤrchterliche Erſcheinungen daran. Eliſe ſteht an meinem Bette, und fordert die An⸗ erken⸗ — 156— erkennung ihres Sohnes, der ihr das Leben koſtete, und neben ihr ſteht der Pfarrer, und ſchrillt mir fuͤrchterliche Strafen zu. Ach! die Ungluͤcklichen brauchen nicht zu kommen, mich peinigt mein eige⸗ nes Bewußtſeyn. Gleich anfangs ſandte ich mei⸗ nen Kammerdiener nach Koppenſels. Eliſens Sohn iſt ein tuͤchtiger Mann geworden, hat die Rechte ſtudiert, iſt mit Luͤtzow's Jaͤgern in Frankreich geweſen, und hat redlich gefochten. Nach ſeiner Zuruͤckkunft aber iſt er, da der Pfarrer waͤhrend des Kriegs geſtorben iſt, von dort wieder fortga⸗ gangen, ohne daß man weiß, wohin er ſich ge⸗ wendet hat. Ungluͤcklicherweiſe iſt die einzige Per⸗ ſon, die noch Auskunft uͤber ihn haͤtte geben koͤn⸗ nen, bald nach ſeiner Entfernung ebenfalls geſtor⸗ ben. Dennoch, dennoch muß ich am Sohn wle⸗ der gut machen, was ich an der Mutter verſchul⸗ dete Er muß geſchafft werden. Dir, Bruder Ludwig, ubertrage ich dieß Geſchaͤft; Deiner Liehe vertraue ich die Ruhe meiner Seele. Fuͤr den Fall ſeines Auffindens, die Zeitungen werden ihn ſchon finden, fuͤge ich hier, naͤchſt einer getreuen Kopie meines Teſtamentes, das die genauern Be⸗ ſtimmungen enthaͤlt, ein Anerkennungsdecret des Fuͤrſten bei, der meine Bitte erhoͤrt, und geſtat⸗ tet hat, daß er unſern Namen tragen darf. Ich ſchenke ihm das eintraͤgliche Koppenfels, und noch einige baare große Summen, die ihm erlauben werden⸗ werben, ſtandesmaͤßig zu leben. Meine andern Guͤter fallen Dir anheim.“ „Mein Bruder! Keine Quaal gleicht der, die ich trage— die Schuld findet ihren Raͤcher, wie lange er auch ſaͤume!“ Hier ſchlug Ferdinand die Papiere zuſammen, und uͤberreichte Walthern das fuͤrſtliche Decret. Walther blickte ſtarr hinein, blieb aber ſtumm. Der aͤltere Graf zog ihn an ſeine Bruſt. Hier kam er zu ſich ſelbſt. Iſts moͤglich? ſtammelte er. Nicht moͤglich, es iſt wirklich, erwiederte jener. Als meinen lieben Neffen umarme ich meinen Le⸗ bensretter, der meiner vollen Liebe und Achtung verſichert ſeyn darf. Gerne wird er nun aber auch dem geaͤngſtigten Vater verzeihen, der bereits ſeit ſechs Wochen in die Wohnungen jener Welt uͤbergegangen iſt. Komme an meine Bruſt, ſagte Ferdinand, ehe Du noch Graf von Kieven warſt, waren wir ja „vxereinigt. Wallther taumelte ſeinen Armen zu. Mein Lebensweg iſt ſo labyrinthiſch, daß es nichts leichtes iſt, ſich ſogleich zu finden, ſagte er endlich. Der arme Rector in den Grafen umge⸗ wandelt, iſt und bleibt ſich noch ein Raͤthſel. Es Es geſchieht freilich nicht alle Tage, ſcherzte Ferdinand. Aber jetzt muͤſſen wir zu den Frauen, und ihnen die Entdeckungen mittheilen. Die werden es ſchon wiſſen, ſagte Graf Ludwig. Um alles, geſtatten Sie mir nur eine Stunde, mich zu faſſen; noch bin ich außer mir. Du kannſt vermuthlich den Anblick Auguſtens nicht aushalten, ſagte Ferdinand lachend. Der neue Graf ſtand von einer Feuerglut uͤber⸗ goſſen da. Ferdinand hat mir verrathen, ſagte Graf Lud⸗ wig, was Du fuͤr Auguſten fuͤhlſt, und was Du willens warſt, zu thun. Das Letzte iſt ein neuer Beweis, daß Du werth biſt, nicht allein mein Neffe, auch mein Sohn zu heißen. Liebt ſie Dich— Du ſollſt ſie haben; aber erſt mußt Du dem Vas terland auf eine andere Weiſe dienen. Es waͤre doch etwas Beſonderes, meinte Fer⸗ dinand, wenn es auch heute noch eine Verlobung gaͤbe.— Walther verlor bet dieſen Ausſichten faſt ſeine ganze Beſinnungskraft. Beide Grafen ſahen ein, daß er erſt ruhiger werden muͤßte, und gingen da⸗ her hinunter Die Graͤfin Mutter hatte ſchon den groͤßten Theil des Geheimniſſes erzaͤhlt, als beide eintraten, um an den Bewegungen der Frauen Antheil zu nehmen. Aber das Erſtaunen wuchs, als der Vater Auguſten fragte, ob ſie den Vetter nicht noch lieber als Gemahl in ihrer Naͤhe ſehen wuͤrde?. Auguſte bedeckte ſich die Augen, und ſtammelte Worte her, die niemand verſtand. 1 Willſt Du ihn, Auguſte? rief Ferdinand; er iſt es werth, Dich zu beſitzen. r Luiſe — 159— Luiſe umſchlang die Geaͤngſtigte— ſage mir's— ich weiß doch, daß Du mehr fuͤr ihn fuͤhlſt, als fuͤr jeden Andern. Ferdinand draͤngte ſich lauſchend dazwiſchen— Gluͤck zu, ſie hat ja geſagt, rief er, und war mit einem Sprunge zur Thuͤre hinaus. Vater und Mutter umfingen die Tochter, die ſich erroͤthend an der Mutter Bruſt zu verbergen ſtrebte, als Ferdinand Walthern zur Thuͤre herein⸗ trieb. Nimm ſie hin, mein Guter! und flicht ihr einen Roſenkranz der Liebe ohne Dornen in das Leben.. Walther kniete ſtumm vor Auguſten hin, die von der Bruſt der Mutter in ſeine Arme ſank. Mit wankender Stimme ſegneten Graf und Graͤfin das verlobte Paar. Ferdinand und ſeine Luiſe draͤngten ſich liebend dazwiſchen. Stunden vergingen, ehe ſich alle vom froͤhli⸗ chen Taumel erholten, der uͤber ſie gekommen war. Erſt Nachmittag war Walther, der an der Seite ſeiner Auguſte im Pavillon ſaß, im Stande, den Umfang ſeines ganzen Gluͤckes zu ermeſſen. Beide ſanken ſich in die Arme, ſein Mund zitterte an dem Ihrigen, und uͤber ſie hin⸗ aus rief er dann ſeine Geluͤbde zum Himmel. Am Abend fand ſich Alles zuſammen. Das waren drei merkwuͤrdige Tage, ſagte der alte Graf. Nun brauchen wir keine Zeitungen. Iabtnufe druͤckte zaͤrtlich die Hand des Ver⸗ obten. Jetzt aber, Kinder! laßt uns daruͤber ſinnen, was geſchehen muß. Am beſten iſts, der neue Graf geht mit Ferdinand in die Reſidenz; jetzt wird ihm keine Anſtellung verweigert werden. 1 2 Er * — 160— Er muß durchaus erſt ein Jahr dienen, dann ſoll die Vermaͤhlung ſtatt finden. Walther blickte Auguſten betroffen an. Hilft nichts, lieber Graf, ſpotkete Ferdinand— Du mußt erſt mit in die Reſidenz. 3 Endlich ward man einig. Walther reiſte mit Ferdinand ab. In der Reſidenz angekommen, ſtellte Ferdinand Walther dem Fuͤrſten vor. Er gefiel. Schon am folgenden Tag ward er einſt⸗ weilen zum Rath bei dem geheimen Miniſterio ernannt. Jetzt iſt das Jahr um, der Graf Karl von Kieven Geheimerrath des Fuͤrſten, mit Auguſten vermaͤhlt, und ein bluͤhender Kranz herrlicher Freuden ſchlingt ſich durch das Leben der Lieben⸗ den. Oft erinnert ſich Walther noch ſcherzend ſeines Rectorats, das der Buͤrgermeiſter von L., welcher ihm neulich ſeine Aufwartung machte, wieder in ſein Gebaͤchtniß rief; aber mit tieferer Bewegung gedenkt er des Abends, der ihn zum Retter ſeines Schwiegervaters, und hinterher zum Grafen machte.. 2. Hein 2. 8 2. Heinrich der Welfe. 1. Seine Schuld zu loͤſen zieht der tapfre Welfe Nach dem lang erſehnten Morgenland, Daß er Chriſti Grab erretten helfe, Aus der Muſelmaͤnner frecher Hand. Nicht der holden Gattin heiße Thraͤnen Brechen ſeines Herzens gluͤhend Sehnen, Nicht die zarten Pfaͤnder ſeiner fruͤhgenaͤhrten Liebe, Hicht des kleinen Roſenmund's beredtes Schmei⸗ chelwort Deſſnen die entgluͤhten Sinne einem andren Triebe, Von den Seinen zieht er ruhig fort. Und gewappnet auf dem fuͤgelſchnellen Roſſe, Das von treuen Knappen praͤchtig⸗ aufgezaͤumt Muthigwiehernd unter ſeinem Reuter baͤumt, 2 2 Zieht — 264— Zieht er ritterlich vor ſeinem Kaiſer her, Macht ihm Bahn zu manchem hohen Schloſſe, Wo des Feindes Liſt mit dichtvereintem Troſſe Aufgeſtellet ſeiner wilden Krieger ungeheure Wehr. Allah! ruft der Muſelmann bei ſeinem Namen, Die Emire ſelber, die aus weiter Ferne kamen, Ihren Bruͤdern beizuſtehen, fliehen In verwirrter Flucht und Eil, Wo des Welfen Feuerblicke gluͤhen Unter wildem, klagenden Geheul. 4 Froͤhlich zieht das deutſche Heer von dannen, Jede Liſt, die Feindes Witz und Rach' erſannen, Werden nur zu nicht'gem Schaum, Ruͤhren ſeine Sinne kaum; Wie des Meeres hochergrimmte Wellen ohne Zahl Braußend wider Thurm und Huͤgel, wider Fels und Stahl Schaͤumend in die ungemeſſ'ne Hoͤhe ſteigen, Ihn vom lang beſeſſenen Sitz zu beugen, Bis ſie matt in Staub und Schaum zerfließen, Und dann tief beſchaͤmt und murmelnd weiter ſchießen. 2. Viermal wendete die goldne Sonne Sich in ihrem hohen Lauf zuruͤck, Seit die Gattin harrt der ſuͤßen Wonne, — Mit — 165— Mit der heißgenaͤhrten Liebe frohem Blick Den geliebten Helden zu begruͤßen, Den die fernen Kunden als des Heeres Waͤchter prießen In des heilgen Landes blutgetraͤnkten Auen— — Doch wer will auf Hoffnung bauen?!— Auch der Held muß mit dem Ungluͤck ringen, Das, wie Lernaͤ's grau'nerweckend Schlangent thier, Dort beſi ſegt, ſich neu erſtarkt erhebet hier, Und vom Staͤrkſten ſelbſt ſich ſpaͤt laͤßt zwingen. Einſt nach argem Kampf und Schlagen, Nach viel blutig ernſten Tagen Ward dem Chriſtenheere kurze Raſt. Weit geflohen war in wilder Haſt Das unglaͤub'ge Heer und ſeine rauhen Schaaren Scheuten jedes neuen Kampfs Gefahren, Denn der Chriſtenritter Schwerdt und Muth Ward erprobt durch rauchend Tuͤrkenblut. Doch der Welfe achtet nicht der Waffen Stille, In der Naͤchte duͤſtrer Huͤlle Schweift er fernab von des Lagers ernſtem Kreis, Ob der Feind zu wiederholtem Streite Leiſtig ſeine Schaaren neu bereite. Von des Muths Begierde fortgezogen Lenkt er weit und weiter ſeinen Lauf, — 166— Bis ihn hat die Nacht betrogen, Die mit dunklem Schwarz verbuͤndet In der Wildniß ihn verlaſſen findet. Zwar, ob Grau'n und Schwaͤrze ihn umduͤſtern, Leis des Waldes Wipfel ihn verraͤtheriſch um⸗ fluͤſtern, Und das muͤde Schlachtroß ſcheut, Er empfindet kein entſetzensvolles Schrecken; Dieſe Waͤlder koͤnnen Grau'n erwecken, Doch in ſolcher blut'gen Zeit 25:8 Kennt der Welfe keine, keine Staͤtte, 1 Die fuͤr ihn ein Grauen haͤtte.. Ruhig lenkt er ruͤckwaͤrts ſeines Roſſes Schritte, Hoffend durch der oͤden Steppe valtett Mitte Bei des Morgens erſtem Strahl Das entfernte Lager zu gewinnen, Wo der Waffenfreunde große Zahl Seiner harrt mit unruhvollem Sinnen. Da haͤlt ploͤtzlich an das Roß auf naſſem Blaͤt⸗ tergrund, Und ſein hohles Schnauben aus den Nuͤſtern, Uebertoͤnend aller Wipfel Flaͤſtern, Macht ihm Ungewohntes kund. Doch der Welfe, nach dem fernen Lager ei⸗ lend, Ungern — 167— Ungern in der nie erprobten Wildniß weilend, Spornet haſtig ſeines Roſſes unbedeckte Seite, Daß es jaͤhen Schreckens Beute Mit dem Reiter ſich in wilder Kraft Stuͤrzet in des Abgrund's hohlen Schlund, Der verborgen, mit der Finſterniß im Bund, Vor des Roſſes Hufen aufgeklafft, Nimmer einen edlern Raub in ſeinen Bauch ges rafft. Als des Lrges erſter Schein Leuchtet in die tiefe Kluft hinein, Und nach unmaͤchtigem Schlummer, Faßt ihn wilder Schmerz nnd Kummer. Von des Sturzes jacher Schnelle aus der Hoͤhe Liegt in ſeinem Bluͤt das treue Thier. Bei dem Anblick ruft der Welfe, Wehe! Und vergeht in ſeinem Schmerze ſchier. Qualvoll ringet mit dem Tod das kuͤhne Leben In dem hohen Roſſe, doch die matten Augen heben Sich noch einmal ſtolz, drauf, ſchuͤttelnd mit Gebraus Seine Maͤhne, wie beim Ruf der Schlachttrommete, Als ob noch ein Siegeskampf ſich leuchtend boͤte, Haucht es wiehernd ſeinen letzten Odem aus. „Treues Thier!— ruft er noch einmal meſſend Sein geliebtes Roß mit tiefem Blick, Seiner eignen Wunden ganz vergeſſend, Die — 168— Die der ſchwere Sturz ihm ſelbſt geſchlagen, „Hehrſt du nimmer in die Heimath mir zurüch Wo du her mich haſt getragen In dieß bluterfuͤllte Steppenland? War's genug nicht? Mußte meine Hand 4 Selher dich zur Kluft des Todes leiten, Ungehorſam deiner Stimme Laut, V Dir und mir den Untergang jach zu bereiten, Daß uns wilde Thiere nun erbeuten, Die ſich furchtſam dieſer Wildniß nur vertraut? 3 zir hin, du beſtes aller Roſſal Alſo, da der Tod mir u⸗ 3an naͤher draͤut, Bleibeſt du mein trauter Kampfgenoſſe!“ Mattaufſaͤufzend wendet er die irren Blicke Ob kein Weg aus dieſer oͤden Kluft, Nur durchhaucht von gift'ger Kraͤuter Duft, Den BVerwundeten in's Leben wieder ſchicke, Daß er von der nachtdurchgraußten Staͤtte Seine Seele zu den fernen Freunden freundlich . rette. Lane päht er um und um im zackigen Geſtein, Das von oben drohend ſchauet in den Schlund hinein; Da beduͤnkts ihn, zwiſchen jenen Felſenſtuͤcken, Die wie Stufen ſich am ſteilen Abhang buͤcken, Moͤg' — 169— Moͤg' es dem erfahrnen Heldenſuimn Nach dem Leben aufzuglimmmmamam Noch vielleicht, doch muͤhſam gluͤcken ʒ Und mit ſuͤßen Hoffnungsſtimmen 3— Lockt's ihn nach den nahen Felſenſtuͤcken zin. Guͤnſtig iſt dem Helden das Geſchicke, Eh die Sonne wendet ſich zuruͤke, Aiegt der Abgrund unter ſeinen Fuͤßen, Deſſen moosbewachsner Felſenhang Fluten ſeines Heldenbluts verſchlang, Und von Fels zu Fels läͤßt tronfend fließen. nzah Dankend ſinkt er in die wunden Kniee— An des Abgrunds hohem Saum;* 1 Seinem Gott, dem Retter aus dem Todesraum Preißt er in des Morgens Fruͤhe, Keine Zeugen ſeiner heißen Zaͤhren Als das Blut aus ſeinen wunden Schwaͤren. Einen Blick noch in die ſchreckenvolle Tiefe Nach dem treuen Roſſe ſchickt er hin, Dann beginnet er mit muth'gem Sinn, Ob die letzte Kraft aus ſeinen Wunden Auch mit ſeinem Blute triefe, 35 Froh den Ruͤckweg nach dem Chriſtenheer⸗ Qualvoll ſchleichen ihm die heißen Stunden, Aber muthig zieht er durch der Steppe ſandig Meer, Hoffend bald der Chriſten heil'ge Schaaren Rettend — 170— Rettend aus der Ferne zu gewahren. Suͤße Hoffnung! Du laͤßt nimmer ſinken, Wenn die letzte Kraft im Wunden bricht. Taͤuſchet ihn ſein matt Geſicht? In der Ferne ſieht er helle Waffen blinken, Chriſtenwaffen ſind's gewiß, ſie winken Ihm zur Rettung ausgeſandt. Eitle Hoffnung! eitel, eitel wie der Staub vom Land, Das er heut in heißem Durſt durchzogen; Feinde ſind es, die im weiten Bogen Von den langgeſtreckten Roſſen ragen, Und nach Beute gierig durch die Wuͤſte jagen. Jauchzend wird der wunde Held umringt, Den der innre Grimm bezwingt, Daß er, wuͤnſchend ehr das ſchwache Leben Als die goldne Freiheit Raͤubern hinzugeben, Noch das treue Schwert zu heben ſtrebt— Doch umſonſt! die alte Kraft hat ausgelebt! Seinen letzten Freund, den ſcharfen Degen Zieht er noch einmal verwegen, Meinend, wenn ſein Schwert gedroht, Muͤſſ' es reizen ſie zu ſeinem Tod. Da entreißen ſie den ſcharfen Stahl, Schwergefeſſelt wird er, ſich zur Qual, Und ſo fliehen ſie von hinnen — 171— Ihre Heimath zu gewinnen. „Wehe! ſeufzt der Welfe innerlich: Meines Lebens goldner Faden, brich! Edles Roß! das muß ich noch ertragen? Laͤg ich doch bei dir erſchlagen: ee 6 32 In dem ſeidnen Zelt, auf weichen Pfuͤhlen 2 Saß Nurheddin, der Emire Haupt,.„ Wie die Schatten einer Palme, die belaubt Am Geſtade eines breiten Stromes ragt, Luftig auf den leichten Wellen ſpielen, Wenn der Weſt ſi ſie auf und nieder jagt, So bewegt in vielgewundnen Ringen Um den Emir ſich ein Sclavenheer; Heitrer Liebeslieder Melodie'n erklingen Und im hohen Zelte wird es nimmer leer. Neiche Diamanten und Rubinen Glaͤnzen in des Guͤrtels breitem Band, und den Turban auszuſchmuͤcken dienen Helle Perlen an dem gruͤnen Rand. Doch Nurheddins ernſtes Antlitz zeuget, Daß er zu dem Spiel der Seinen, Die ihn zu erfreuen meinen, Kaum die Ohren horchend neiget. — 172— Siehe! da belebt ſich's ploͤtzlich vor dem Zelt, Und der Welfe tritt verſtrickt in ſeine Banden, Die ihm ſeine Raͤuber um die ſtarken Glieder wanden, Doch in angeborner Hoheit Fuͤlle Vor Nurheddin furchtlos hin. In dem Zelt erhebt ſich tiefe Stille, Sie bezwingt der Sclaven Tanz und frohen Sinn, Daß der Fuß gewurzelt auf dem Boden haͤlt. „Sag, von wannen biſt du? wer hat ſo zer⸗ ſchlagend Dich mit graußen Wunden ganz bedeckt?“ ſo ſpricht Nach geraumer Weil der Emir fragend Mit verwund'rungsvollem Angeſicht. Doch der Welfe ernſt, mit klugem Geiſt, Der ihm ſeinen Namen liſtig bergen heißt, Weil er Nach' und Wuth in Tuͤrkenherzen geußt, Spricht erwiedernd zu ihm mit den Worten: „Draußen, in der weiten Wuͤſte dorten, Ward ich Wunder eine Beute deinen Kriegern, Die mich matt im Sande fanden, Und bedeckt mit ſchweren Eiſenbanden Mußt' ich folgen den geſchwinden Siegern⸗ Bin ein Chriſtenritter, der geſendet Auszuſpaͤhn, wohin ihr euch gewendet⸗ In In der Wuͤſte Tiefen ſich verirrte, Und als mich die Nacht im Wald verirrte, Stuͤrzt' ich ſammt dem Roß von eines Abgrunds Nand, Den ich in der Finſterniß verkannt. An dem Felſen ward mein Roß zerſchlagen, Und ich ſelber, kaum dem nahen Tod entronnen Stieg nach langem Sinnen, aufgeklimmt mit kuͤh⸗ nem Wagen 24 Wieder an das Licht der goldnen Sonnen.“ Lange ruh'n Nurheddins helle Augen Auf des Ritters kuͤhn emporgeſchoſſener Geſtalt⸗ Die von ihrer Heldenkraft Gewalt Deutlich allen zeugt, die ihn umſtehen, Gleich, als wollten ſie ſein Bild auf ewig in ſich ſaugen; Als ihn lang der Emir ſtaunend angeſehen, War's, als ob dieß ſeinem Mund entſchall't: „Traurig, Chriſt! iſt dein Geſchick, Und fuͤrwahr, du biſt wohl zu beklagen! Aber ſoll ich's unverdient zu nennen wagen? Warum haſt du wildverwogen, und vertrauend auf das Gluͤck Solchen unmaͤchtigen Kampf begonnen, Gegen den Propheten Widerſtand erſonnen, Dem kein Volk ſich ungeſtraft entgegenſtellt? Sagt, — 174— Sagt, warum durchzieht ihr alle Welt, Mit den Glaͤubigen in Streit zu gehen, Die euch nie beleidigt, nie geſehen, Kaum den Namen eures Volkes nur gehoͤrt, Das mit Mord und Brand dieß Land zerſtoͤrt? Darum, waͤr' ich gleich wie meine Bruͤder Wild zu ungemeß'ner Rach' entgluͤht, Die verzehrend durch ihr Eingeweide zieht, Ungehoͤret ſchluͤg' ich deine Glieder Mindeſtens in ew'ge Sclavenketten, Draus du nimmer waͤrſt zu retten, Oder ſuͤhnte gar mit deinem Morde Die Verbrechen eurer Raͤuberhorde. Doch zu dieſem treibt mich weder Sinn noch Herz, Deinen Irrthum nur erkenn' ich heut mit Schmerz⸗ Chriſt! erkenne den Propheten, Lerne zu dem Großen beten, Der mit ungezaͤhlter Freuden Fuͤlle Ewig ſeine glaͤub'ge Schaar begluͤckt, Die er in des Paradieſes Wonneſtille Zu den Hourri's ſeiner Luſt entruͤckt. Wende dich zu unſerm Glauben, Chriſt! ich ſchwoͤr's bei meinem Leben! Selber will ich mich berauben, Und dir große Schaͤtze geben, Will zum Erſten nach mir dich erhoͤhen Und — 273— Und ein Selavenheer ſoll dienend um dich ſtehen. Staunend ob ſo unerhoͤrter Gnade, 3 Stehn die Sclaven, harrend, daß vom Pfade Seines Irrthums ſoll der Chriſt ſich kehren Und den großen Muhamed verehren. Doch der Welfe ſinnt nicht lange: „Vor dem Tod iſt mir nicht bange! Hab' ihn ruhig oft in heißem Kampf geſehn. Aber koͤnnt' ich mich um irdiſch Gut vermeſſen Meines Heiland's ganz und gar vergeſſen, Dann fuͤrwahr! muͤßt's uͤbel um mich ſtehn. Chriſto, Chriſto hab ich mich ergeben, und ihm bleib' ich treu in Tod und Leben!“ Zornig wiederholt Nurheddin ſeine Frage,⸗ Doch der Welfe bleibt bei ſeiner Sage. Da kreiſcht jener ſeinen Dienern zu: „Fuͤhrt den Chriſtenhund mir fort im Nu! Daß ich ihn nicht fuͤrder ſehe, Nach den fernſten Gaͤrten, die mit eigen; Unter ſchweren Ketten laſſet ſeinen Starrſinn beugen, Und bei harter Arbeit Laſten Moͤge der Veraͤchter nimmer raſten; Ob er dann vielleicht noch in ſich gehe, Und mit bitt'rer Raͤu' und Herzensnag3en Die Gefahr und ſeinen duͤſtern Irrthum ſehe, und demuͤthig Antwort geb' auf meine Fragen.“ Kaum Kaum iſt ihm das harte Wort entfahren, 1 Das die Diener treu bewahren, nnane Als der Welfe aus dem Zelt geriſſen, Schwergefeſſelt an den Leib und Fuͤßen, Auf ein Roß ſich ſchnell gebunden ſieht, Das nach den entferntſten Gaͤrten des Emiren Den verlornen Heldenmann ſoll fuͤhren. . 4ann elant d Und ſchon ſind der Monden funfzehn um, Seit der Welfe ernſt und ſtumm Unter ſchweren Eiſenbanden Und in niedrer Selaven haͤrenen Gewanden Seine Arbeit hat vollbracht. Seine Quaͤler, ihm zu Seite ſtets gegeben, Von Begier, dem Emir nach Befehl zu leben, Fortgeſtachelt, halten blutig harte Wacht. Faules Waſſer netzt den durſt'gen Gaum, Und verſchimmelt Brod in ſeines Kerkers Raum Nachts ihm vorgeworfen, ſtillt des Hungers Gier, Der in ſeinen Eingeweiden laſtet, Wenn er muͤd wie ein gepeitſchtes Thier Naͤchtlich unter ſeinen Ketten raſtet. Fahret wohl! ſo ſeufzt er jede Nacht, Hoffend, daß der Tod ihn endlich freier macht— Sahen wohl! ihr meiner Liebe traute Pfaͤnder, Treues — 177— Treues Weib in ferner Heimath Au'n! Berg und Waͤlder, Meer an Meer, und Finder Stehen zwiſchen euch und mir, Ich verſchmachte hier, und werd' euch nimmer ſchau'n, Muß verderben nun gleich einem Thier!“ Doch der Tod koͤmmt nimmer zu erloͤſen Von den unertraͤglich ſchweren Plagen. Da erweecken ſeines Elends Groͤßen Grimmig ſeines tiefen Zornes Nagen, Und es koͤmmt in ſeinen Sinn ein wildes Wagen, Ehr dem Trauerleben zu entſagen, Als in Kett' und Banden laͤnger Hier zu dienen feig dem fremden Draͤnger. Und der alte Heldenmuth erwacht In dem ſchwergeplagten Mann, Fort und fort vom grimmen Zorn gefacht, Der auch Unerhoͤrtes ſtiften kann, Daß er ſinnet, wie's ihm mag gelingen Aus den Banden ſeines Kerkers zu entſpringen. Doch kein Rettungsweg will ſich entdecken, Aus des Kerkers duͤſtrer Nacht zu dringen— Der Verlaſſ'ne ſtarrt und ſchweigt. Da vom hohen Gotte Huͤlf' erflehend Faßt er, wie in wilder Wuth vergehend⸗, Grimmig in die ſchweren Eiſenbande, M Gleich — 178— Gleich, als wenn's ein Himmelsruf geheißen, Daß ſie klirrend von einander reißen, Und zerſchellt die Ringe fliegen in dem Sande. „Gott des Himmels! ruft er hochentzuͤckt, vergebens Rief ich nicht zu deiner Macht! Huͤter, Huͤter meines ſchwachen Lebens, Rette mich aus meines Kerkers Nacht!“ Und mit neuerwachter Kraft und Staͤrke, Alles eines Augenblickes Werke, Als er ſeinem hohen Gott gedankt, Greift er in der ſtarren Mauer naſſe Wand; Kalch und ſtaub'ger Moͤrtel wankt, Wandelt unter ſeinen Haͤnden ſich in Sand, Bis von ungeſtuͤmer Macht bewegt, Zitternd in den aufgeriſſ'nen Fugen Kein Geſteine mehr das Andre traͤgt Und durch weitgeborſtnen Riß der Mauer Scheu die Sterne in dem offnen Kerker lugen. Jauchzend ſteht der Held auf freier Erde, Nirgends wacht ein Quaͤler auf der Lauer, Und in raſcher Flucht mit frohen Sinnen Eilt der Welfe kuͤhn von hinnen, Traͤumt ſich ſchon am heimathlichen Heerde Achtend nicht im fremden Land der Flucht Be⸗ ſchwerde. Mit —— Eine Wuͤſte dehnt vor ſeinem Blicke Ihr unendlich weites Sandmeer aus, Aber lieber mit des Unſterns grauenvoller Tuͤcke Will er wagen kuͤhnen Strauß Als zu fremden Haͤnden Huͤlfeflehend ſich zu wenden. Mit den Fruͤchten einer Palme, die am Rande Reizend blicket aus dem duͤrren Sande, Labt er lechzend ſeinen Gaum, Und ſo tritt er in den oͤden Raum, 1 Der von Menſchen, nur von Gott ihn jetzt nicht, ſcheidet, Eine Beute wilder Thiere, unbekleidet. Tag' und Naͤchte eilt er durch das ſand'ge Meer, Ew'ge Stille herrſchet um ihn her. Keiner Voͤgel Melodieen Hoͤrt er durch die oͤden Luͤfte ziehen, 1 Schattig beut kein Baum ſein laubig Dach; Jedes Wandlers Spur vergehet, Eingedruͤckt im heißen Sand, Der ergluͤht im ew'gen Sonnenbrand, Wenn der kleinſte Luftzug wehet. Da erblickt ſein Aug' in weiter Ferne, Wie der Schiffer unter Angſt und Noth, Kaͤmpfend mit dem Sturm und Tod, Durch zerriſſ'ne Wolken Hoffnungsſterne, M 2 1 Einen — 180— Einen dunklen Fleck im ſand'gen Meer Wie ein Eiland ſchaut es her Ueberſchattet von Gebuͤſch und Wald. Die ermatteten Gebeine ſpannen Sich zum letzten Anlauf, und beginnen Mit den hoffnungsreichen Sinnen Nach dem wonnereichen Eiland hinzufliegen; Suͤße Hoffnung treibet ſie von dannen, Denn ſchon ſieht er goldne Fruͤchte liegen, Hoͤrt die Quellen rauſchen durch das Gras, Die mit ihrem hellen Silbernaß Den umzaͤunten Boden waͤſſern. Dunkle Schatten Schuͤtzen vor der Sonne heißem Strahl, Denn die Zweige und Gebuͤſche gatten Liebend ſich zu dichtem laub'gen Saal. Endlich iſt die hohe Flur erreicht, Was die Hoffnung ferne nur gezeigt, Bluͤhet wirklich hier in Kraft und Fuͤlle, In verſchwiegner, nie geſtoͤrter Stille. Goldne Fruͤchte winken aus dem Laube, Die dem bleichen Mund zum ſuͤßen Raube Labung reichen den ermatteten Gebeinen Und die Seele wiederbringen. Bunte Voͤgel in den Zweigen ſingen, Die melodiſch mit des Quells Geſchwaͤtz ſich einen. 3 Da — 131— Da verſinkt mit ſeinem Kummer Der Ermattete in leisgenahten Schlummer. Aber nach geraumer Weile 2 NA Dringet durch des Schlummers ſchwere Huͤlle, Der ihn deckt mit ſeiner Fuͤlle, Gleich dem Donner ein Geheule In des Eiland's ſuͤße Stille ein, Daß die Roſenbuͤſche zittern an dem Biumentain, Und die Voͤglein aͤngſtlich flatternd ſchweigen. Aufgeſchuͤttelt von dem aufgewachten Schrecken, Den der wiederholte Donner nicht mehr braucht . zu wecken, Springt der Welfe jach empor. Welches Ungeheuer wird ſich zeigen? Traͤumt ihm nur? nein! jetzt auf's Neu' ver⸗ . nahm's ſein Ohr, Uad t wer malt des Helden Grauen, Als mit blutbetrieften, ſcharſgeſpitzten Klauen Seine Augen einen Leu gewahren, Dem die Donnertoͤne wild entfahren! Aus des Ungeheuers Augen ſpruͤhen Flammen Und die gelbe Maͤhne ſtraͤubt ihr rauhes Haar— Doch verborgner Schmerz druͤckt ihn zuſammen, Seine Pein droht keinem Lebenden Eefahr. Bruͤllend legt er ſeine Rieſenglieder 88 Endlich vor des Welfen Fuͤßen nieder. Heinr ich Heinrich, jetzt vom Schreck zurückgekommen, Beugt, nicht achtend der Gefahr Mitleidsvoll ſich nieder zu dem Leu, Und lautſtoͤhnend und beklommen Reicht die blutbeſpruͤtzte Tatze jener dar. Da gewahrt er, als behend, doch ſcheu, Fuͤrchtend noch des Thieres ſchnellen Zorn, Er die dargehalt'ne Klaue faſſet, Daß hineingedrungen war ein ſpitzer Dorn, Der im Leuen ſchmerzlich raßet.— Sanft den Dorn ausziehend aus der Wunde, Daß der wilde Feind geſunde, Waͤſchet er die Klaue rein vom Blut Mit des nahen Quelles kuͤhler Flut, Unbekuͤmmert, ob ihn, wenn er nun geneſe, Nicht der Leu zu ſeinem erſten Raub erleſe. Doch der Leu haͤlt, gleich als ob er es verſtaͤnde, Was ihm Gutes thun des Welfen Haͤnde, Ohne Murren aus, bis er befreit Von dem langgetragnen herben Leid 188 Streckt die ungeheuren Loͤwenglieder Schlafend in das Gras darnieder. Und den Welfen gleicherweiß nach kurzer Raſt Seines alten Schlummers Tiefe faßt, Daß ſie, die ſo wunderbar ſich trafen/ 269. 51 Sr Arzt — — — 183— Arzt und Kranker, Herr und Gaſt Friedlich unter einer Palme ſchlafen. Auf und nieder ſteigt die Sonne, Und kehrt wieder zu der Erde Wonne, Doch der Leu und Welf in Schlummers Arm Schlafen tief, und ruhn vom alten Harm, Kraft ſich ſammelnd zu dem neuen Leben, Bis der Hunger zwingt ſich zu erheben. Lange ſtarrt der Welf den Leuen an, Der empor zu richten ſich begann, Und als habe nimmer kaum Wilde Wuth in dem Gemuͤthe Raum Schmeichelnd trat zu ihm heran, Wie ein Diener vor dem guten Herrn Dem er treulich dient und gern. Seine Fuͤße leckend mit der Stachelzunge, Bruͤllt er einmal donnernd durch den Wald, Stuͤrzet in die Wuͤſte drauf mit wildem Sprunge Und verſchwindet in der Ferne bald. Still verwundert labt indeſſen Mit des nahen Palmbaums ſuͤßem Eſſen, Sich der Welfe an des Baches Saum; Da erſcheint im fernen Raum Der genes'ne Leu mit einem Wild, Das er aus der unbekannten Weite In dem Rachen nach dem Eiland traͤgt, 3 Und 4— Und zu ſeines Herren Fuͤßen legt, Harrend, was ihm der beſcheide gnaͤdig mild V Von der unberuͤhrten Beute. Dann geſaͤttigt ſtreckt er ſeine Glieder Zu des Welfen Fuͤßen nieder, Blickt demuͤthig nach ihm auf, Und entſchlaͤft zu kurzem Schlummer drauf. Aber legt ſich jener wieder,. Steht er bruͤllend auf zur Wacht, Warnend, daß bei dunkle Nacht Sich kein Feind dem Eiland naͤh're, Den ſein wilder Muth verzehre. In der Fruͤhe zieht er aus auf Beute, Die er aus der unbekannten Weite Zu des Welfen Fuͤßen traͤgt— 1 Jener harrt dann ſeines Treuen, Des gewalt'gen, muth'gen Leuen, Bis er koͤmmt und ſich zu ſeinen Fuͤßen legt⸗ Und ſo ſchwinden Mond um Mond, V Friedlich einer bei dem andern wohnt, Seinem Herrn demuͤthig ſtets der Leu Seinem Diener ſtets der Welfe treu⸗ 5. 5 In der Heimath Land indeſſen Hat die treue Liebe ſeiner nicht vergeſſen; Die — 185— Die betruͤbte Gattin, voll von Schmerz Ob des Gatten, der aus fernen Landen Sendet Kunde nicht, und keinen Abgeſandten, Naͤhr't mit tiefer Qual ihr liebend Herz; Forſchend, ach ſo oft nach heißerſehnter Kunde! Fragt ſie ſtets mit ſchmerzverzognem Munde Jeden, der aus Morgen wiederkehrt, Trauerig und tiefbeklommen, Ob vom Welf nichts ſey vernommen, Der im wilden Kampfe dort ſich kuͤhn verzehrt. Auch die Kindlein, ſeiner Liebe Pfaͤnder, fragen. Ob der Vater nicht vom langen Jagen Endlich wieder zu den Seinen koͤmmt— Kaum, daß dann die Mutter ihre Thraͤnen hemmt. Aber o der traurig ernſten Stunde! Als im deutſchen Land die Kunde Schnellverbreitet zu der Gattin fleugt. Aus des Kaiſers eig'nem Munde: Nimmer kehrt der Welfe wieder Den im Morgenland der Tod erreicht. Sterbend faſt ſinkt ſie darnieder, Und die Kindlein klagen um ſie her⸗ Daß der Vater kehret nimmermehr⸗ Um die ſchoͤne Wittwe freien Alſobald gar viele Fuͤrſten, Die in ungezaͤhlten Reihen Nach — 1986 Nach der Wittwe Liebe duͤrſten Und nach ihrem Gut und Gold. Ob ſie weigernd auch den Minneſold Stets um den verſchwund'nen Gatten klaget, Keiner, den ſie von ſich hat gewieſen, Weichet von der Schoͤnen Fuͤßen, Wie der ſchwere Schmerz in ihrer Bruſt auch naget, Einen, einen ſoll ſie ſich zum Mann erkieſen! Auch des Welfen Naͤthe zeugen, Daß ſie einem ſich ergebe doch zu eigen, Und erheben ſich, mit kuͤhnen Reden Ihren Gram um den Verlorenen zu toͤdten, Bis ſie endlich nach viel harten Tagen Einem Freier ſich verſpricht Der mit liſt'gem Sinn und Wagen Sie betruͤgt um ihre Pflicht. 62 Wehe! du vergeſſner Heldenmann! Der du einſam in der Wuͤſte hauſeſt, Und mit deinem Leuen ſchmauſeſt, Wenn voll Sehnſucht nach dem Vaterlande Eine ungeſeh'ne Zaͤhre von dem Aug' dir rann. Nur die Wuͤſte feſſelt ihn mit ihrer Bande, Ihre oͤde Stepp' umkreißt ihn wie ein Ring, 1 Und —— 137— Und kein Laut befreundeter Naturen V Dringt in dieſe friedlich ſtillen Fluren; Seine Sprache, die in Wehmuth tief zerging Schallet ohne Antwort an der Quelle, Sprachlos murmelt nur die Silberwelle; Ach! ſein traut'ſter Freund, der hohe Leu, Hat nur ſtumme Blicke, Zeichen ſeiner Treu'. Sehnend ſtreckt er nach dem Lichte, Deſſen letzte Strahlen dort im Abend gluͤh'n, Seine Haͤnde mit bethraͤntem Angeſichte; Moͤchte gerne nach der lieben Heimath ziehn. Doch die Flucht iſt ihm verſchloſſen, Meere ſind dazwiſchen ausgegoſſen, Und der Tod, ſo fern vom heimathlichen Lande Wird ihn ſpaͤt erſt loͤſen aus der Wuͤſte Bande.— Aber— ſoll er ſeinen Blicken trauen? Von der Wuͤſte Rand herein Naht ein menſchlich Weſen ſeinem Hain; Iſt's ein Reiſender, den ſeine Sterne Trieben durch die ſand'ge Ferne? Auf den Welfen geht es ein. Zwerghaft iſt es anzuſchauen. Aber wie es nah und naͤher kommt dem Wald, Waͤchſt ſie rieſengroß, die eilende Geſtelt. Einen Mantel, wie in dunkle Feuerroͤthe Von dem Faͤrber kunſtreich eingeraucht 7 Traͤgt — 183— Traͤgt ſie, und daß nicht das Feuer toͤdte, Das aus ihren Augen flammt und raucht, Iſt zur Haͤlfte faſt das Haupt verdecket, Das nur Grauen und Entſetzen wecket⸗ Denn ein hoͤniſch ſpottend Weſen, Recht fuͤr die Geſtalt erleſen, Blickt von dem verzerrten Mund, Und von ſeines Kinnes Rund. Selbſt dem Leuen ſcheint's zu graußen— Denn zuvor mit hohlem Braußen Bruͤllte er zur Wuͤſte tief hinein— Aber jetzo ſcheu ſich ſchmiegend, Zu des Welfen Fuͤßen liegend, Nuͤhrt er keines ſeiner Glieder. Auch der Welfe ſtarret, wie ein Felsgeſtein Bei dem ungewohnten Anblick hin und wieder, Doch der alte Heldenmuth der Seelen Laͤßt mit Furcht nicht lang ihn quaͤlen. „Hei! Geſell, ſo ſchallt's vom Weiten, Morgen muß dein Weib ſich neu vermaͤhlen, Weil ſich viele um ſie ſtreiten, Freier— wahrlich nicht zu zaͤhlen.“ Einen Luͤgner nenn' ich den, der's ſaget, Zuͤrnt der Welfe eifernd drauf— Keiner iſt's, der ſie zu freien waget, Eh geendet ganz und gar mein Lauf. „Ho! V „Ho! wiillſt du es ſelber ſehen? Sollſt wohl bald vor ihrem Schloſſe ſtehen.“ Kann der Leu auch mit uns ziehen? 4 nd wie moͤgen uͤber Land und Seeen, Wir ſo fluͤcht'gen Laufes fliehen, Daß ſo bald vor meiner Burg wir ſtehen? „Das laß fuͤrder dich nicht kuͤmmern! Eh die letzten Sterne noch verſchimmern, Sollſt du mit dem wilden Leu'n Treten vor das Antlitz deiner Ungetreu'n: Aber welchen Lohn mir, hab' ich vor die Burg dich dann gebracht, Wird von dir verheißen?— das ſey erſtlich aus⸗ gemacht!— Liſtig drauf erwiedert jetzt der Held, Der den argen Feind nun wohl erkennet, Ob er auch beim Namen ihn nicht nennek, Hoͤr' ihn— ob er dir gefaͤllt. Haſt du ſammt dem Leuen ſchlafend, Eh die Sonne ihre Strahlen wieder ſendet, Mich zu meiner Heimath heimgewendet Vor die Burg gefuͤhrt, und bin ich nicht erwacht Noch der Leue von der Fahrt, will ich beſtrafend Mich dir ganz zu eigen geben Fuͤrder nach des Leibes Leben.“ Jener nickt ihm ſpottend, ſeine Seele, Die — 190— Die er dann auf ewig quaͤle, Meint er ſchon in ſeinem Reich zu haben. Eh der Sonne Strahlen ſich im Meer begraben, Ruͤhrt er drauf den Welf und Loͤwen, Daß ſie ſchlummernd niederſinken. Als die erſten Sterne winken Faßt er hoch den Welf im Arm, Schlaͤgt den Mantel um ihn warm, Und wie ſchnelle Meeresmoͤwen, Die ein fliegend Fiſchlein ſich erfangen Mit der Beute fliehend nach dem Neſt verlangen, Fleugt er zwiſchen Meer und Himmel, Hochentfernt von menſchlichem Getuͤmmel Ueber Meer und Laͤnder fort, Bis er ſeine Beut' am ſichern Ort Vor dem Thor der Burg auf thauig Naß Leget in das aufgeſchoſſ'ne Gras. Drauf den Leuen gleicherweiſe Bringt er hoͤniſch auf der ſchnellen Reiſe Schlafend durch die Luft daher getragen. Und ſchon will er zu des Welfen Fuͤßen Hochergoͤtzt an ſeinem wohlgelung'nen Wagen, Niederlegen ihn, der noch nicht aufgeſchaut, Da erwacht von dem Geſchrei, Das zwei Haͤhne hoͤren ließen, Schnell der muthlos aufgeſchreckte Leu, Bruͤllend — 191— Bruͤllend in die lauen Luͤfte weit, Und der Schlummer fliehet ſeine Augenlieder, Auf erhebt ſich jach der Welfe wieder. Da, als er des Leuen Donner hoͤret ſchallen, Laͤßt der arge Feind, erzuͤrnt und wild Aus der Luft den Leuen fallen, Daß er mit gebrochenem Gebein Schmerzlich noch einmal den weiten Raum durch⸗ bruͤllt Bei des Morgens klarem Schein. 7. Aber in der weiten Burg war lautes Weben, Und ein froͤhliches Getuͤmmel lebte drinn, Knappen, Ritter, Prieſter, Diener auch daneben Gingen, kamen, rannten her und hin; Denn in wenig Stunden ſollten ſchon Zu des Brautaltares hohen Stufen Mit der Hochzeitfeier hellem Ton Der Kapelle Glocken laut das Brautpaar rufen. Friſch hinein! dein Weib dem Raͤuber abzujagen, Starkes Heldenblut! ſie weint um dich. Keinen hat ſie, dem ſie's koͤnnte klagen, Und im Stillen haͤrmet ſie untroͤſtlich ſich. Und zur Burg hinein mit feſten Schritten, Grimmig, wie ſein wunder Leu, Der Der von Schmerz gequaͤlt auf's Neu, Gleich dem Donner im Gebirg beginnt zu bruͤllen, Eilt er die bekannten Gaͤnge, mitten Durch der Gaͤſte Schaar, die ſie erfuͤllen, Und in wild entſetzensvollem Rennen Schnell den heimgekehrten Welf erkennen, Nach dem heißerſehnten Weib hinauf. Keiner tritt ihm fragend in den Lauf, Denn des Loͤwen unerhoͤrte Laute, Und die Flamme ſeines Zornes, die im Blick Aus dem kuͤhnen Aug des Welfen ſchaute, Schreckte auch den frechſten Muth zuruͤck, Alſo, daß der Braͤutigam mit den Genoſſen Flohen auf den allerſchnellſten Roſſen Und begehrten nimmer in verwirrter Eil An dem Brautgelage ihren Theil. Ungehalten trat der Welf indeſſen in die Clauſe, Wo die langentbehrte Gattin ſaß, Waͤhrend bei des Leuen donnerndem Gebrauße Auch der naͤchſte Diener ſein vergaß⸗ Den bethraͤnten Blick erhebend, Doch von ſchneller Ahndung froh erbebend Tritt entgegen ihm das trauervolle Weib— An dem erſten Ruf erkennt ſie den verlornen Gatten, 13 Decken V— 195— V Decken Lumpen gleich den edlen Leib, Und mit Wonnethraͤnen, die ſie lang gemieden hatten, 8 Schlingt ſie, ſchnell vergeſſend ihren Harm, Um den Heimgekehrten froh den weißen Arm. Sprachlos an des Helden Lippen hangend, . Gfeic als raube' ihn ihr ein neuer Feind, er⸗ bangend, Seufzt ſie leis, ſich ihrer kaum bewußt— Und der Welf nun unter heißen dhränen 3 Stillt ſein tiefgenaͤhrtes Sehnen, Und druͤckt ſtark die Gattin wieder an die treue Vruſ. — 194— 3 Die Verſchmaͤhung. Nach dem Lateiniſchen eines neuern Dichters. An L. L. So wie der Morgen aus des Himmels Schranken Hervorquillt, wechſelnd mit der ſtillen Nacht, So weckt dein Bild mir leuchtende Gedanken, Das ich in ſchoͤner Naͤhe mir gedacht. nlt Doch Hers And Geiſt fuͤhl' ich dann wieder 285 2 8 wanken, So bald der vüftr Zweifel mir erwacht— Denkt ſie auch mein?— o laß den Mund es ſagen: Ich denke dein! ſo bald's beginnt zu tagen. Die Sonne ſteigt— ich Einſamer! verlaſſen Durchirr' ich Garten, Wieſen, Flur und Wald; Ich moͤchte wohl— und kann mich doch nicht faſſen, Weil mir der Sehnſucht Ruf im Buſen ſchallt. Die Schatten muͤſſen wohl im Glanz verblaſſen, Doch meiner Sehnſucht Glut wird nimmer kalt! O ſprich, ich denke dein! wenn deinem Thal Entfliehn die Schatten vor der Sonne Strahl. O fuͤhlꝛ — 295— 9 fuͤhlteſt du mein heißentbrannt Verlangen, O ſaͤhſt du, was ich laͤngſt an dich verlohr! Du, die in ihrer holden Reize Prangen So ungeruhrt glaͤnzt, wie die Roſ' im Flor. O ſaͤhſt du mich von deinem Reiz gefangen, und lispelteſt geruͤhrt zu mir empor: Ich denke dein, wenn Luna's Strahlenkahn Durchſchifft des Sternenhimmels Azurbahn. O Traum! auf deinen luftigen Gewoͤlken Umſchwebt mich ſtets ihr angebetet Bild, Wie leiſer Duft der Roſen und der Nelken, Der meines Garkens ſtille Raͤume fuͤllt. Doch ach! ſo ſchnell wie meine Roſen welken, Welkt meine Luſt, die aus dem Traume quillt— Ich weiß ja nicht, ob auch in ihrem Traum Mein Bild verweilt an ihres Lagers Saum? O koͤnnt' ich mich in eine Thraͤne tauchen, Auf deiner Wangen Roſenſamt geweint, Von deinen ſuͤßen Lippen einzuſaugen— Dann waͤr' auf ewig ich mit dir vereint! Ich wohnte dann in deinen holden Augen, Ich, der verſchmaͤhte, ungeliebte Freund, Und raͤnn' ich von den braunen Wimpern nieder, Kaͤm dir und mir die alte Ruhe wieder. N 2 Dein — 996— 1 Dein Aug' iſt ſtumm? die heißen Lippen ſagen Mirr nichts? mir wird kein Haͤndedruck? kein Gruß? Dau heißt mich, ungeruͤhrt bei meinen Klagen Aus deiner Naͤhe ſcheiden ohne Kuß? Der Sehnſucht Fluͤgel hat mich hergetragen, Mit neuem Weh traͤgt mich hinweg der Fuß, O hoͤrts, ihr guten Goͤtter und ihr Muſen! Sie hat ein Herz— nur nicht fuͤr mich im Buſen. Raͤth⸗ e. N dt h ſ. e b an Es wandelt durch der Naͤchte Graußen, Durch Strom und Wald und Flur ein Kind, Scheut nicht der Wogen hohles Braußen, Und lacht dem Sturme hochgeſinnt. Das kreuzt und ſchweift mit fluͤcht'ger Sohle Das Weltall durch von Pol zu Pole. Viel aͤlter noch als Mond und Sonne Bleibt es doch ewig jung und zart, Kommt aus der Heimath ſuͤßer Wonne Siegreich auf ſtolzer Heldenfahrt. uUnd nimmer altert ſeine Bluͤte, Sie iſt aus himmliſchem Gebiete. Unſichtbar nahet es und leiſe Bald als ein langgewuͤnſchter Gaſt, Bald wird es auf der fluͤcht'gen Reiſe Zu tiefen Wehes ſchwerer Laſt, Ihm weichen Schloß und hohe Mauern, Und naͤchtlich lacht's in tiefen Schauern. — 1938— Dem Feinde bringt's oft ſuͤßen Frieden, Reggt unter Freunden blut'gen Streit, Beut Wonne, wo es naht hienieden, b und Schmerzen fuͤr die Ewigkeit. Drum ſprechen von ihm alle Zungen, Sein Ruf iſt uͤb'rall hingedrungen. I Es hat ein ewig Reich gegruͤndet, V Was lebet, dient ihm nach Gebuͤhr, Weit hat es ſeinen Ruhm verkuͤndet, Und bettelt doch vor jeder Thuͤr. Doch will ihm Eins den Weg verſchließen, So waͤchſt's zum rachevollen Rieſen. Einem Freund bei der Geburt ſeiner erſten Tochter. . So ſchwebe hin, hinuͤber in die ſchoͤne Menſchenwelt, Sprach ſanft in Edens ew'gen Fruͤhlingshallen Zu einer zarten Seele, die im nahen Lilienfeld Er unter tauſenden ſah ſchimmernd wallen, Der Menſchengenius: erhebe dich mit leuchtendem Gefieder, Und kehre ſpaͤt zu unſern ſonn'gen Huͤgeln wieder. Schon ſtreckt die Mutterliebe ihre Arme nach dir aus, Schon ſuchen dich des Vaters frohe Blicke, Eh du aus deines großen Vaters ſternerhelltem Haus Betreten noch des Lebens goldne Bruͤcke— Und alle Liebe, die das Menſchenherz nur immer mag erfaſſen, Harrt voller Sehnſucht dein, und will dich nimmer laſſen. Se *. 29— So nimm ihn hin, den Segen deines Engels, nimm ihn hin! Ich geb' ihn dir mit dieſem Lilienſtabe— Wie Epheugruͤn ummthehe Unſchuld deinen zar⸗ ten Sinn, Sie iſt das Theuerſte von meiner Gabe, Und alle Freude dieſer ſeligen Gefilde, alle Wonne Wird dich umſchweben unter jener Strahlenſonne. Und wie die Bluͤte jener Himmelsroſe prangt, So bluͤhe lieblich deine ird'ſche Huͤlle— In deiner Veuſt⸗ wo Lieb' und Glaube ſich zu⸗ fammenrankt, Wohn’ immer eine hoffnungsreiche Stilte. Die Krone aller Jungfrau'n, bluͤh' und prange uns ter den Geſpielen, Und lerne aſthenaaa und Menſchenwonne fuͤhlen. Der Engel ſprachs, und tht ſie mit Edens heil⸗ gem Kuß— Da ward das holde Maͤgdlein dir gaborent O Freund, was mir ein Traum verrieth fuͤr dich zum ſuͤßen Gruß, Davon hab' ich auch nicht ein Wort verlohren! Und wonnereich fuͤr dich erfuͤllt wird's unſer froher Billick einſt ſehen; Wenn wir auch ſelbſt ſchon an des Lehens Abhang gehen. Die Stunden der Weihe⸗ — Wo duͤſtres Dunkel weckt ein heilig Zagen, Und Geiſter wandeln ihren luft'gen Pfad, Mralter Eichen ew'ge Schatten ragen, Und Heilige bereuten uͤble That; Da braußt der Strom, und ſeine Wogen ſchlagen Melodiſch an das nahe Felsgeſtad, Das unbewegt und ſtolz die nahen Silberwellen An ſeinen Ufern ſieht in Schaum zerſchellen. Dahin entſlieh ich gern in ernſtem Sinnen, Und horche ſtill der innern Stimme nach, Die oft bei folgereicher That Beginnen Prophetiſch mahnend zu dem Manne ſprach, Die heil'gen Weiheſtunden flieh'n von hinnen, Und es vergeht zur Nacht der helle Tag, Eh ſich die Seele mir zuruͤckgefunden, Die feſſellos dem Koͤrper war entſchwunden. enn gerne weilt im unbekannten Lande, Um das der Chor der gold'nen Sterne kreißt⸗ Entfeſſelt von des lauten Marktes Bande, Am Born der Weisheit oft der trunk'ne Geiſt⸗ Wohin der Vaͤter Schaar die Blicke wandte, Wohin die herrlichſte Begeiſtrung weißt, Dort faugt der Geiſt in tauſend Wohllauttoͤnen Den Nektar ein des Edlen und des Schoͤnen. Ver⸗ —;—;—ᷣ’—’ͦͦ—⸗:P Verſtumme nur, entheiligend Verlangen Verraͤtherin, die ſtill im Herzen ſchleicht, Und mit des Irdiſchen glanzvollem Prangen Oft uͤbers Ewige hinuͤber reicht. Mit allen Reizen iſt ſie ſchon vergangen, 8 Wenn die Begeiſterung der Erd' entfleucht, Und auf der bruͤnſt'gen Andacht heil'gen Schwingen Der Geiſt eilt, alle Himmel zu durchdringen⸗ Und die Vergangenheit mit ihren Schrecken Sinkt in die Truͤbe der Vergeſſenheit; Der Blick ſchweift trunken uͤber jene Decken, Die ernſt verhuͤllen die zukuͤnft'ge Zeit; Und ob, aus goldnen Traͤumen ihn zu wecken, Das Mißgeſchick tritt ein zum Widerſtreit, Der Geiſt ſchwingt ſich von ſteilen Himmelshoͤhen Um edler nur im Kampf hervor zu gehen. Das Leben eilt, und ſeine Angſt und Freuden, Die Leidenſchaft beginnt ihr wildes Spiel, Da trotzt der Geiſt der Erde herben Leiden, Und hoher Gleichmuth fuͤhrt ihn an das Ziel; Der Irrthum muß des Starken Pfade meiden, Wenn gleich der Schwaͤchling ſeinen Schlingen fiel, ind wiederkehrt er zu den goldnen Hoͤhen, Wo er des Edlen Ideal geſehen. Drum weil' ich gern in dieſen heil'gen Schatten, Wo ſcheuer jedes Weltgetuͤmmel ſchweigt, Hier, wo ſich Ernſt und tiefe Schauer gatten, Und jeder Scherz erſtarrt zuruͤcke weicht, Wo Stimmen Gottes ſchon geſprochen hatten, Eh ich des Lebens Uferland erreicht, Hier ſteigt der Geiſt auf ſchnellen Adlerfluͤgeln Empor zu Gottes hohen Sternenhuͤgeln. Aenig⸗ Aenigmatiſche Comparation. Wer kennt die wunderbaren Zwillingsſchweſtern Aus dunklem Schoos an einem Tag gezeugt? Sie ſind von heute nicht, und nicht von geſtern, Uralt, und dennoch jung, ſtolz, ungebeugt. Verſchieden an Genlluͤth und an Geſtalten, Doch gleich an Macht, und gleich an hohem Walten. Sie haſſen ſich— doch folgt der Spur der Einen Sehnſuͤchtig ſtets die Andre fluͤchtig nach, Und wenn ſie ſich bisweilen doch vereinen, Und treten in ein Haus an einem Tag, Dann wo ſie einziehn uͤber eine Schwelle, Da koͤmmt die Trauer mit der Wonne ſchnelle. Denn wo die beiden miteinander ſchleichen, Miſcht mit dem weißen ſich ein ſchwarzes Loos. Des Armen Schickſal ſteht wie das des Reichen Bei ihnen, ihnen dienet Klein und Groß. Auf Erden geht nichts vor, nichts auf den Wellen, Nichts iſt, wozu ſie ſich nicht gleich geſellen. 374 Blind .— 2— Blind laͤßt die Eine ſich mit nie erſchoͤpften Schaͤtzen Dem Blick des Sterblichen hellſchimmernd ſehn, Der Neid muß neben ihr die ſcharfen Zaͤhne wetzen, Geiz und Vergendung eilen, nachzugehn, Denn zum Gefolg ſind ſie ihr zugelaſſen, Und doch ſind Wen'ge, die nicht nach ihr faſſen⸗ Die Andere koͤmmt neidiſch nachgeſprungen, Was jene gab, nimmt wieder dieſe dir, Von ihr wird Hoheit, Macht und Gold verſchlungen, Das Heiligſte verſchont nicht ihre Gier, Und dennoch wie der Aar von einer Taube Wird ſie nie ſate vom tauſendjaͤhr'gen Raube. Mit ihr koͤmmt die Verachtung angezogen, Doch probt ſte aller Dinge Werth und Sinn, Ob dich dein Freund mit falſchem Schein betrogen Das zu erkunden iſt ſie Meiſterin. Drum koͤnnen Thoren nur nach jener fragen, Wer weiſe iſt, den wird uns dieſe ſagen. 8 Die 3⸗ Die Lyonaiſen. Groͤßtentheils nach der Revolutionsbroſchure: Portrait de Lyon, pendant les années 1703 et 1794, par Mons. Delandine, ci-devant Bibliothecaire. a Pa- ris 1798.. Die Lyonaiſen. —— E⸗ war am Abend des 29ſten Mai 1793, als Franz Porral und Jaques Defayet an der Faͤhre anlangten. Man ſah es ihren Pferden an, daß ſie ſcharf zugejagt ſeyn mußten, denn die Zaͤume waren voll Schaum, und von beiden Seiten ſloß den muͤden Thieren der Schweiß in Stroͤmen herab. Die Reiter ſelbſt, zwei junge ſchlankge⸗ wachſene Maͤnner, blaß und wie vom raſchen Ritt ungewohnt entſtellt, horchten aͤngſtlich den dumpfen Kanonenſchlaͤgen, die aus der Ferne ſchollen, und riefen dazwiſchen mit vereinter Stimme den Faͤhrleuten zu, ſich zu eilen, da es ſchien, als zoͤgerten ſie abſichtlich ihren Kahn los zu binden, und heruͤber zu kommen. Stuͤr⸗ miſch braußte, vom ſauſenden Oſt getrieben, das Gewaͤſſer der Rhone an den Vorſpruͤngen der hereinhaͤngenden Felſen voruͤber, und die einzel⸗ nen Strahlen der untergehenden Sonne, welche bisweilen aus den eilenden Wolken blitzten, brannten blutig⸗ — 20383— blutigroth auf den ſchaͤumenden Wellen des to⸗ ſenden Stromes. Jetzt endlich glitt die Faͤhre vom jenſeitigen Ufer, aber eine ſtarke Welle ſtieß ihn abwaͤrts, der Sturm erhob ſich dabei gellen⸗ der, der dumpfe Kanonendonner boberte, vom Luftſtoß getragen, naͤher, und beide Reiter jag⸗ ten raſcher dem Ufer entlang, um der Faͤhre gleich nah zu ſeyn, die muͤhſam jetzt dem uſer naͤher ſchwankte. 3 Buͤrger! was bedeutet der Kansnendonnes? rief Defayet. Koͤnnen Euch keine Kunde geben, erwieden ten jene, ſchon ſeit Mittag tobt der Sturm und das Kanonieren; aber niemand iſt bis jetzt uͤber⸗ geſetzt worden, von dem wir Nachricht daruͤber erhalten haͤtten. Die Reiter ſtiegen ab, füͤhrten ihre Pferde vorſichtig in die Faͤhre, und ſuhren uͤber. Druͤ⸗ ben gaben ſie den Pferden die Qpocen, a und 1c gen davon. Je naͤher ſie der Stadt kamen, deſto heſti ger wurde das Kanonieren, in das ſich, wie das hoͤniſche Lachen eines Zwergs, das kleine Gewehr⸗ feuer miſchte. Die Barriere war geſperrt. Inm⸗ deſſen wurden ſie doch, auf die Antwort, daß ſie Lyoner Buͤrger ſeyen, eingelaſſen. In ge⸗ ſrrecktem Gallopp jagten ſir e nach der Straße La⸗ font. — 209— font. Vor und hinter ihnen wirbelten Trom⸗ meln, ſchmetterten Trompeten, und National⸗ garden, Gensd'armen und Dragoner draͤngten ſich unter dem wilden Gewuͤhl von Manner, Weibern und Kindern, umher.. 2 Weiterhin wurde die Straße einſamer; öhier, an der Pforte eines ſchoͤnen und hohen Hauſes ſprangen die Meitern vom Pferde, und eilten blages SiAins,S, 313 eert. 933⸗D gang ⸗ Zwei junge Frans nrzten auff dem Vore ſaat den Maͤnnern in die Arme. Beide zitterten, und draͤngten ſich wortlos an die Bruſt der Maͤn⸗ ner, als ſuchten ſie hier Schutz vor dem raſen⸗ den— das wilder und clſger aus der Ferne ſcholl.. se a4 1 1491 Endlich zog Julie den Gatken in' 8 s Zunme, Louiſon folgte mit Defayet. Beim Himmeld rief der Letzte, wenn ihr ſtumm Mlbues ſd erfah⸗ ren wir nichts. gage 5 enu Seit heute Morgen, erwiederte Louiſun, ſind wir von der itoͤdtlichſten Angſt ſo hin und herge⸗ trieben worden, daß es kein Wunder iſt, wenn wir noch immer keine Worte finden koͤnnen. Julie preßte Porraln zaͤrtlich an die Bruſt. Oem Himmel ſey Dank, daß ihr uns mede gegeben ſey... 8 190 0 Aber — 210o— Aber was bedeutet denn der Laͤrm? bonſch⸗ Porral. Was anders als die Eroberung des Rath⸗ hauſes? ſeufzte Julie. Ihr wißt, daß ſich die alte Munizipalitaͤt bis heute dort verſchanzt hielt. Heute Mittag ruͤckte Hauptmann Doxa an der Spitze ſeines Bataillons zur Beſtuͤrmung derſel⸗ ben heran, alles tobte untereinander, und nach ein paar Stunden war die Munizipalitaͤt theils getödet, theils in den Kerker geſchleppt; jetzt feiern ſie mit Kanoniendonger und Flintenſchuͤß. ſen den Sieg. Er wird uns Ghener zu ſehn kommen, er⸗ wiederte Defayet. Eile nur, Porral, und un⸗ terrichte den Gemeinderath, was wir vernommen. Porral ergriff den Su⸗ und wollte zur Thuͤre. hinaus. Wohin willſt du? ſcu⸗ Julie angfruu auf, und faßte ihn bei der Hand. Halte mich nicht auf, Julie; mein Geſchäft iſt zu wichtig fuͤr die Stadt, zu wichtig fuͤr uns ſelbſt, als daß ich ſaͤumen duͤrfte; zudem bin 19 in einigen Stunden wieder bei dir. Er ging, und Julie ſchwankte nach dem Sopha, wo ſie ſchluchzend in die Kiſſen ſank. So weit iſt's gekommen, klagte ſie; die Liebe hat hat uns vereint, das Ungluͤck wird uns trennen. Meine Wahl machte mich zur gluͤcklichſten der Verliebten, zur zaͤrtlichſten Gattin. Aber wie ſind die ſechs Monate unſerer Gluͤckſeligkeit ſo ploͤtzlich geſtoͤrt? Ein Ungluͤck wird dem andern folgen, es wird uns am Ende alleſammt ver⸗ ſchlingen. Daß dein Schmerz auch das Schlimmſte fuͤrchten muß! rief Defayet; in anderthalb Stun⸗ den haſt du ihn wieder; aber freilich, ſetzte er gedehnter hinzu, wird es nicht viel Ruhe meht geben. Julie rang die Haͤnde, und wollte von kei⸗ nem Troſte etwas wiſſen, den Louiſon, die ſich neben ſie ſetzte, ausſprechen zu wollen ſchien. Defayet ging einſilbig auf dem Zimmer um: her, und horchte, wie in die Ferne. Endlich klangen Sporen; es war Porral, der den Haupt⸗ mann Doyxa mitbrachte. Bomben und Granaten! rief der Schnurr⸗ bart, als Julie matt die Arme nach Porral aus⸗ ſtreckte, was aͤngſtigen ſich die armen Weiber. Es wird noch viel aͤrger kommen. Aber wir wollen ſie ſchon empfangen! 1 nnk 9 2 Porraf Porral war ein junger und reicher Lyoner Buͤrger, der vor ſechs Monaten Julie, De⸗ fayets Schweſter, geheirathet hatte. Als Gegen⸗ geſchenk ward ihm Louiſon, Porrals heitre Schwe⸗ ſter. Beide Familien wohnten zuſammen, lieb⸗ ten ſich zaͤrtlich, und kuͤmmerten ſich bis jetzt eben nicht ſehr um die Stuͤrme der Revolution, die ſie auch nur ſchonend beruͤhrt hatte. Albert Doxa, der Schweizerhauptmann, war Haus⸗ freund, und oͤfters auch Schuͤtzer geweſen, wenn etwa ein Ungewitter ſich hatte dem Hauſe naͤt hern wollen. 19 Republikaniſcher Sinn hatte fruͤh in Lyon Eingang gefunden, und zu ſehr blutigen Szenen Veranlaſſung gegeben. Bald bemerkte eine Par⸗ tie Maͤnner, welchen Ausgang die Begebenhei⸗ ten nehmen wuͤrden. So ſehr ſie anfangs der Revolution guͤnſtig geweſen waren, ſo ſchnell wechſelten ſie ihre Anſichten. Ohne Royaliſten zu ſeyn, und das Koͤnigthum zuruͤck zu wuͤn⸗ ſchen, ſehnten ſie ſich doch, eine beſſere Orde nung der Dinge herbeizufuͤhren, meinend, daß unter einem gemaͤßigten Ariſtocratismus die Sache am beſten beſtellt ſey. Unter der Hand wuchs ihr Anhang, verzweigte ſich in andere Staͤdte, und auch Porral und Defayet wurden in den Plan — 213— Plan gezogen. Bald brach unter ſolchen Um⸗ ſtaͤnden die Gegenrevolution aus, Porral nnd Defayet nahmen beſonders an den Begebenheiten des 21ſten Mai's Antheil. Jetzt fand man fuͤr gut, ſie in gewiſſe Gegenden zu verſenden, wo ſie geheime Arbeiten an gleichgeſtimmten Gemuͤ⸗ thern verſuchen ſollten. Mitten unter dieſen Be⸗ ſchaͤftigungen vernahmen ſie, daß ein Heer Re⸗ volutionmaͤnner und brave Ohnehoſen auf dem Wege waͤre, Lyon zu zuͤchtigen. Mit dieſer Nachricht eilten ſie fort, und das war es, was Porral dem Gemeinderath ſo eben hinterbrachte. Ein ſchneller Schluß war zu faſſen, und er ward gefaßt— man wollte ſich, auf die Unterſtuͤtzung geheimer Mitglieder in andern Gegenden rech⸗ nend, wehren. Mit dieſen Beſtimmungen machte ſich Porral in Begleitung Doya's auf den Ruͤck⸗ weg nach ſeinem Hauſe. d Nach einem langen Fluͤſtern unter den Maͤn⸗ nern, auf das die Weiber aͤngſtlich horchten, ohne etwas zu verſtehen, ging Albert Doxa pfei⸗ fend ab.— Julie vergrub das Haupt weinend in die 3 Kiſſen. Warum — 214— Warum weinſt du, liebe Julie? fragte Por⸗ ral, und bog ſich geruͤhrt zu ihr hinab. Sollt' ich nicht? wie ganz anders war es ſonſt, wenn ihr von einer Reiſe zuruͤckkehrtet. Mit welchem Entzuͤcken flogen wir uns in die Arme, wie preßten ſich Lippen an Lippen, wie rang das Herz vergeblich nach Worten? Kuͤſſe, Thraͤnen und Seufzer waren die alleinige Sprache. Und heute? wie kalt, wie gefuͤhllos tratet ihr ein! Dieſe Revolution macht die Maͤnner zu Tigern, und zerreißt die letzten Bande, welche Natur und Liebe ſchuf. Stille, ſagte der Betroffene, und kuͤßte ſie zaͤrtlich. Du bleibſt, was du mir bisher warſt. Wer haͤtte denken ſollen, daß ſolche Tage kaͤmen? Aber fuͤhlſt du es nicht, daß es Zeiten giebt, wo die zaͤrtlichſten Gefuͤhle fuͤr einen Augenblick ſchweigen muͤſſen, wenn ſie nicht ewig ſchweigen ſollen? Nur in gluͤcklichen Zeiten iſt die Liebe gluͤcklich, weil ſie ruhig ſeyn darf— wir waͤren Memmen, wenn wir in euren Armen vergeſſen koͤnnten, daß wir noch andere Pflichten haben. Andere Pflichten? fragte die Weinende, welche Pflichten waͤren groͤßer und ſtaͤrker, als di⸗⸗ welche Euch an uns knüpfen? Vergiß 3 — 215— Vergiß das Vaterland nicht, Julie. Damit unterrichtete er, ſo ſchonend, als er es vermochte, die Frauen von der drohenden Gefahr, die ſ 10 uͤber der Vaterſtadt zuſammenzog. 1 Lautſchreiend ſanken ſie an die Bruſt der Gatten. Waͤre der Schlaf, der die ſeit zwei Tagen ermatteten Weiber, die Schreck und Kum⸗ mer gepeinigt hatte, nach den erſten Stuͤrmen des Schmerzes, nicht uͤber ſie gekommen, die Maͤnner haͤtten unterliegen muͤſſen. Die Kunde hatte Recht gehabt. Noch in der Nacht kamen Eilboten, die das Herannahen des feindlichen Heeres verkuͤndigten. Aber ſchon am Morgen, ſo weit hatte die herrſchende Par⸗ tei den Enthuſiasmus zu heben gewußt, ſtroͤmten Tauſende hinaus, ſchanzten, gruben, bauten und verſtaͤrkten die ſchwaͤchern Stellen. Auch Porral und Defayet, zu Sectionscommandanten ernannt, waren viel beſchaͤftigt, und gewannen nur ſelten Zeit, den trauernden Frauen ein Wort des Tro⸗ ſtes zuzurufen. Schon am dritten Tag zeigte ſich der Vortrab des republikaniſchen Heeres, und ſchon nach 24 Stunden war die Stadt einge⸗ ſchloſſen. Die Stadt glich jetzt einer ungeheuern Waffen⸗ 2 — 216— Waffenſchmiede, Ueberall wurde gehaͤmmert, ges graben, gemauert, Waſſer wurde aufgefuͤllt in große Kufen, die die Haͤlfte der Straßen ein⸗ nahmen, die Eingaͤnge der Keller, und die Daͤ⸗ cher wurden mit Miſt bedeckt, um beim Bom⸗ bardement den Druck der Kugeln und die Wir⸗ kung des Feuers zu mindern, oder zu erſticken, von 100 zu 100 Schritt ſtanden Feuerpiquets, alle 4 Stunden loͤſten ſich wechſelsſeitig die Wa⸗ chen, Adjudanten flogen und gingen, die Arſe⸗ nale ſpieen ihre Vorraͤthe aus, Kugel und Pul⸗ ver wurde auf den Waͤllen aufgethuͤrmt, und er: fahrene Artilleriſten ſpionirten von den Thuͤrmen die Stellung der Feinde aus. Schon nach we⸗ nig Tagen ward das Bombardement eroͤffnet, und Stuͤrme verſucht. Die Belagerten verſuch⸗ ten dagegen naͤchtliche Ausfaͤlle, ſie hatten ihre Spione, die die Bewegungen des Feindes ver⸗ riethen. Doxa machte zwei gluͤckliche Ausfaͤlle. Aber kuͤhn gemacht, kam er beim drittenmal nicht wieder zuruͤck, man wußte nicht, ob er geblieben oder gefangen worden war. Doch der erſte En⸗ thuſtasmus ſtarb bald ab. Wie ſehr man auch anfaͤnglich vereint und ſtark zu Werke gegangen war, bald ſank vielen der Muth. Nicht alles verdaͤchtige Geſindel war aus der Stadt geſchafft worden, — 217— worden, und es mangelte auf die Laͤnge an Pro⸗ viant. Schlechte Kerle gingen ungeſcheut um⸗ her, und warfen brennbare Materialien in die Kelter, andere folgten, und zuͤndeten hie und da an, brachen ein, raubten, ſtahlen, und erregten Verwirrung. Von draußen her ſchritten die Be⸗ lagerer immer weiter vor, die Verſchanzungen wurden erobert, und endlich mußte Lyon, allen Schrecken des Kriegs und allen Graͤueln, die Hunger und Factionen im Innern anſtiften, Preis gegeben, nur noch von 5000 erſchoͤpften Menſchen vertheidigt, den 100,000 Republika⸗ nern die Thore oͤffnen. Es war gegen Abend, als Defayet alkein in die Wohnung zuruͤckkehrte, die er ſeit Monaten nur auf Augenblicke geſehen hatte. Bei ſeinem Eintritt ſtuͤrzte ihm Julie entgegen. Wo iſt Fane Es iſt alles verloren, Franz mir von der Seite verſchwunden, ſucht ſein Heil in der k Slinr⸗ ich will ihm nach. Eiine wohlthaͤtige Ohnmacht halte Julien in ihre Nacht ein. Louiſon umſchlang den Gatten. Nur ſchnelle Flucht rettet, fuhr jener fort, und riß ſeine Uniſorm ab; ich weiß einen Zu⸗ fluchtsort, wo mich niemand entdeckt. Und — 218— Und wo willſt du hin? wer wird uns ſchuͤtzen! Gott und daß ihr Weiber ſeyd. Es ſoll Euch Nachricht werden. Er druͤckte einen Kuß auf ihre Lippen, und verſchwand. Louiſon reſignirt, großer Schmerz macht ge⸗ faßt, hob thraͤnenlos die ohnmaͤchtige Julie auf, und beſpruͤtzte ſie mit wohlriechenden Waſſern. Zu ſich gekommen ſtarrte die Arme lange vor ſich hin, bis ein Thraͤnenſtrom ihre Augen netzte, und ihrem Gram und Schrecken Worte gab. Indeſſen war das republikaniſche Heer einge⸗ zogen, alle Ausgaͤnge beſetzt, und noch in der⸗ ſelben Stunde erſchien ein fuͤrchterliches Geſetz, daß alle diejenigen fuͤr todeswuͤrdig oder verdaͤche tig erklaͤrte, die durch ihren Stand, ihre Gluͤcks⸗ umſtaͤnde oder ihre Talente auf die oͤffentliche Achtung Rechnung machen duͤrften, Proſerip⸗ tionsliſten und Anklagdecrete wurden laut, die ſo genaue Verzeichnungen enthielten, daß es klar war, ſie ſeyen ſchon vor der Eroberung verfer⸗ tigt und parat geweſen. Noch denſelben Abend hevoͤlkerten uͤber 1200 Lyoner das Gefaͤngniß Recluͤſes, doppelt ſo viel die Kerker von St. Jo⸗ ſeph — 219— ſeph und Roanne, und kaum waren 4 Tage ver⸗ gangen, als auf der Ebene Brotteaurx jene fuͤrch⸗ terlichen Mitrailladen geſchahen, wo 69 junge Leute durch Kartaͤtſchenſchuͤſſe ihre Glieder zer⸗ fleiſchen ſahen. Starke Detaſchements Gensd'ar⸗ men wurden in die Umgegend geſendet, gefluͤch⸗ tete und verborgen gehaltene Contrerevolutionaire auszuſpioniren, und nach Lyon zu liefern. Hier wurden ſie dann in den Gefaͤngniſſen unter dem Namen der Mußcadins, Fanatiſten, Meſſieurs, Foderaliſten, Girondiſten, Gemaͤßigten und Con⸗ trerevolutionaire, ſie mechten nun irgend eine civil; oder politiſche Exiſtenz gehabt haben, auf⸗ geſchichtet, und vor dem Tribunal unter der Mo⸗ dification ſimpler, gedoppelter, dreifacher und vierfacher Contrerevolutionaire gerichtet. Dennoch ſchwanden uͤber ſechs Wochen hin, waͤh⸗ rend denen weder die verlaſſenen Frauen etwas von ihren Gatten hoͤrten und ſahen, noch ſelbſt von den allgemeinen Proſcriptionsliſten in Anſpruch genommen wurden. Mit ihrem Jammer und der Gewißheit, die Geliebten verloren zu haben, allein, wagten ſie nur ſelten auszugehen. Sie ſuchten dann die entlegenſten und einſamſten Spaziergaͤnge auf, ſprachen dort nur von den Verlorenen, und machten ſich geſaßt, eheſtens den den Bewohnern von Recluͤſes, oder Sts Joſeph zugeſellt zu werden. Einſt ſpaͤt am Abend kehrten beide von ih⸗ rem Spaziergange zuruͤck. Langſam ſchlichen ſie vom Eingang der Straße Lafont herein, als ploͤtzlich neben ihnen, aus einem engen ſchmalen Luftloch, das einem Keller anzugehoͤren ſchien, ein Papierchen vor ihre Fuͤße rollte, das um einen Stein gewickelt war. Louiſon, ſchuͤchtern ſich umſehend, ob auch niemand ſie belauſche, nahm es auf, und trug es nach Hauſe. Wer beſchreibt den Schrecken und die Beſtuͤr⸗ zung der Frauen, als ſie beim Licht das Zettel⸗ chen aufwickelten, und folgendes mit einer ſtum⸗ pfen Bleifeder darauf gekritzelt fanden: „Wer du auch biſt, der du dieß findeſt, haſt du ein menſchlich Herz, ſo eile in die Straße Lafont No. 775, und ſage dort, daß Franz Porral und Jaques Defayet binnen einigen Tagen nicht mehr ſind; ſie ſind der Gutllotine geweiht, und ſchmachten im boͤſen Keller.“ Julie ſtuͤrzte todtenblaß zur Erde. Sie ſind verloren, ſtammelte Louiſon, verloren auf immer. Plötzlich fuhr ſie auf. Ha! dieſen Gedanken giebt der Himmel. Wel⸗ Welchen? welchen? rief Julie. Niedrige Gemuͤther, fuhr Louiſon fort, ſind zu allem zugaͤnglich, auch der Beſtechung. Sollte der Kerkermeiſter, es iſt Cordebar, der Pariſer, nicht durch den Glanz des Goldes zu bewegen ſeyn, uns in das Gefaͤngniß zu laſſen? Bei dieſem Schimmer Hoffnung, die Verlo⸗ renen noch einmal zu ſehen, fuhr Julie ent⸗ zuͤckt auf. Aber es iſt keine Zeit zu verlieren, ſagte Louiſon. Naſch ergriff ſie einen Beutel mit 3000 Liv⸗ res, beide huͤllten ſich in ihre Maͤntel, und eil⸗ ten dahin, wohin ihr Herz ſchlug. Das Gluͤck ſchien guͤnſtig. Der Gefaͤngniße waͤrter Durond hatte die Aufſicht uͤber das aͤu⸗ ßere Gatter, das in den Vorhof der Gefaͤngniſſe fuͤhrte. Sie wurden eingelaſſen. Zitternd traten ſie ein, denn rund um ſie auf dem beſtaͤndig naſ⸗ ſen Pflaſter war wildes Gewuͤhl. Soldaten, Com⸗ miſſionaͤre, Weiber, Gefaͤngnißwaͤrter, Gensd'ar⸗ men, Spione, Sectionscommiſſaͤre mit langen Zwickelbaͤrten, und bleiche von Thraͤnen gefurchte Geſichter, auf welchen Unruhe und Angſt gemalt waren, draͤngten ſich um und neben ihnen hin und her. Endlich gelang es ihnen, die Woh⸗ nung — 15 nung Cordebars ausfindig zu machen, und vor⸗ gelaſſen zu werden. Ein ſtarker, großer Mann mit bleichem Geſicht und ſchielenden Augen trat ihnen verwundert entgegen. Ihre Bitte, beglei⸗ tet vom Klange des gefuͤllten Beutels, fand Ge⸗ hoͤr, und der Gefaͤngnißwaͤrter Malabal erhielt Befehl, beide auf anderthalb Stunden, aber auch ja keine Minute laͤnger, in den boͤſen Kel⸗ ler zu fuͤhren, und dort allein zu laſſen. Zitternd folgten Louiſon und Julie dem Wink des neuen Fuͤhrers. Er oͤffnete eine Thuͤre, und verſchloß ſie wieder, dann betraten ſie einen lan⸗ gen Gang, an deſſen dunklem Ende eine zweite Thuͤre, die von Schildwachen mit aufgepflanztem Bajonet bewacht, den Eingang zum boͤſen Kel⸗ ler bildete. Durch dieſe traten ſie ein; der Ge⸗ faͤngnißwaͤrter, welcher beim Schein der einzigen duͤſtern Lampe, die an der von der Naͤſſe ſchwar⸗ zen Mauer hing, die Gefangenen unter der Zahl von 72 andern nicht erkennen konnte, rief Por⸗ ral und Defayet beim Namen, und ſchloß dann die Thuͤre. Stumm und in Thraͤnen zerſtießend ſanken ſie den Maͤnnern in die Arme. Geruͤhrt wichen die uͤbrigen Gefangenen in den hintern Theil des geraͤumigen Kellers, und ließen die Liebenden allein. Lange — 223— Lange Zeit waren Seufzer und Kuͤſſe die ein⸗ zige Sprache. Endlich kam es zu Worten. Mit jener Beredſamkeit, die der Kummer und Schmerz allein zu verleihen vermag, beſchrieben die Frauen, was ſie bisher durchlebt, gefuͤhlt und erfahren hatten; dann forſchten ſie nach den Schickſalen der Gatten, und wie ſie hierher gekommen. Porral begann, da Defayet ſchwieg, und ſchlang den Arm dichter um Julien. Ich hatte mich gluͤcklich ohne entdeckt zu werden, in die Berge hinter Feurs gefluͤchtet, und fand dort bei dem redlichen Melandine Schutz. Aber ver⸗ gebens ſuchte ich mich am Tage durch den An⸗ blick des ungeheuern Horizontes zu zerſtreuen, der von jenen Bergen geſehen wird. Dein Bild, o Julie! ſchwebte vor meinen Augen, ich ſah dich, Preis gegeben dem Mangel, dem Elend, im Gefängniß, ohne Fuͤrſprecher, in Thraͤnen zerſtießend, ermordet vom Henkerbeil, oder den Lüſten eines blutduͤrſtigen raͤuberiſchen Ohnehoſen rettungslos unterworfen. Vergeblich vertiefte ich mich des Abends in den benachbarten Wald: aber auch nichts machte Eindruck auf mich, wenn der aufgegangene Mond die alten Staͤmme be⸗ leuchtete, welche der Blitz gezeichnet hatte, oder wenn ich den bleichen Strahl der Himmelsleuchte, 1 gleich gleich dem Schimmer meiner Hoffnungen, unter dem rauſchenden Laube verlohr, bald wieder fand. Alles war um mich ruhig, doch nur eine kurze Zeit. Bald verbreitete ſich das Geruͤcht, und drang auch zu uns, daß zwei Bewohner der Berge verhaftet, und nach Feurs gebracht wor⸗ den waͤren, wo ein furchtbares Tribunal ſeine abſcheuliche Sendung begonnen hatte. Mit Schweiß bedeckt kam ein Verwandter Melandine's durch das Thal herauf. Er war gefluͤchtet, ſein Herz war beklommen, wie das Meinige, ſein Auge naß. Ich komme von Feurs, erzaͤhlte er, glauben Sie mir, Gott will die Menſchen fuͤr das Vergeſſen ſeiner heiligen Geſetze zuͤchtigen. Die ſchreckliche Guillotine wuͤt thet da, wo ich herkomme, Die Noſenbuſchallee⸗ wo ſich ſonſt unſere Jugend ihren unſchuldigen Vergnuͤgungen uͤberließe iſt ſchon jetzt mit Blut; Leichen und Graͤbern bedeckt; unter ihren gruͤt nen Baͤumen hat man weite Gruben aufgewor⸗ fen, und das Gras iſt rund umher weiß vom Kalch, den man dort aufgeſchuͤttet hat, damit die Koͤrper ſchneller verweſen ſollen. Jetzt ſtand mir mein Schickſal vor Augen, was Melandine's Verwandter erzaͤhlte, es den⸗ tete mir an, was ich ſelbſt ſehen und erfahren ſollte. ſollte. Die Nacht nahte. Schlaflos brachte ich von nun an jede zu. Ich ſann wie ich dir Nach⸗ richt von mir geben wollte, aber ich fuͤrchtete dir zu ſchaden. Schloß ich die Augen, ſo marterten mich graͤßliche Traͤume, wachte ich, ſo lauſchte ich, ob nicht etwa das Haus ſchon umringt ſey. Jeden Abend nahm ich von Melandine Abſchted, um mich in irgend ein verfallenes Gemaͤuer zu verkriechen, das allen vier Winden, nur nicht dem Schlafe offen ſtand. Blieb ich im Hauſe, wo ich von meinem Zimmer aus die Ausſie icht auf eine Terraſſe und weiter hin in das Feld hatte, ſo wurde ich bei dem geringſten Gerauſche wach. Mir ſchien es denn, als ob ich gerufen wuͤrde, oder, als ob man mit Steinchen an mein Fenſter wuͤrfe, mich zu warnen. Denn die gu⸗ ten Dorfbewohner kannten mich alle, da ich in gluͤcklichern Zeiten oft unter ihnen war. Bell⸗ ten etwa die Hunde, ſo bildete ich mir gleich ein, ſie verkuͤndigten die Annaͤherung meiner Verfolger. Meine Phantaſie war dann ſo be⸗ ſchaͤftigt, daß ich aufſprang, mit der einen Hand eine Piſtole ergriff, mit der andern das wenige Geld, das mir geblieben war, und dann hor⸗ chend das Fenſter oͤffnete, um beſſer hoͤren zu können. Aber alles blieb ſtill. Dann richtete 3 ſich meine unruhige Aufmerkſamkeit auf den gro⸗ ben Schatten, den der alte Thurm, der am Ende — 226— Ende des Dorfes ſteht, warf. Mir war's, als hoͤre ich aus ſeinem verlaſſenen Gemaͤuer ein angſtliches Gewimmer. Aber bald war es kein Spiel der Phantaſie mehr. Mitten in der Nacht, ich war gerade im Hauſe geblieben, ſtuͤrzte ein treuer Bediente Melandine's zu mir, und warnte mich, daß Maͤnner in Blau gekleidet mit Wehrgehaͤngen und Patrontaſchen an das große Thor klopften, und ſogleich eingelaſſen zu werden verlangten. Es war ein Uhr nach Mitternacht, die Nacht kalt, ſtuͤrmiſch und dunkel. Ich ſtuͤrzte mich auf die Terraſſe hinab, und der Bediente ſetzte eine Leiter an, damit ich deſto leichter uͤber die Mauer klettern koͤnnte. Man klopfte vorne im⸗ mer ſtaͤrker, ich aber ſuchte mich durch die ein⸗ ſanie Gegend zu fluͤchten, und die Dunkelheit ſchien meine Flucht zu begaͤnſtigen; ich konnte keine Hand vor den Augen erkennen. Schon glaubte ich mich gerettet, mit einer Art Triumph ſtieg ich die Leiter hinab, da ſiel ich auf der letzten Sproſſe zwei Gensd'armen in die Arme, die mir ihre Saͤbel auf die Bruſt ſetzten, und ein donnerndes Halt zuriefen. Das ganze Dorf wurde wach, ſeine Bewohner ſammelten ſich um mich. Ich war jetzt weit ruhiger, da ich wirk⸗ lich gefangen war, als wie ich noch fuͤrch⸗ tete, es zu werden. Die Gensd'armen wollten mich — 227— mich in Feſſeln legen, aber als einige der guten Doͤrfler zu murren begannen, legten ſie dieſels ben wieder weg. Einer brachte mir einen wei⸗ ten Mantel, weil es zu ſchneien begann, ein anderer druͤckte mir eine warme Muͤtze auf den Kopf, ſo ſchleppte man mich nach Feurs, von dort hierher. Man ſperrte mich einen Tag in die Reeluͤſes, am andern Morgen aber ward ich ſchon den Geſellen an der Kette zugeſellt, welche jeden Morgen mit 72 Gefangenen auf das Ge⸗ meindehaus vor die Richter gefuͤhrt wird. Ein Gefaͤngnißwaͤrter mit einem kupfrichten Geſichte oͤffnete, als bereits meine 71 Ungluͤcks⸗ gefaͤhrten verurtheilt waren, die Thuͤre, und hieß mich in den decorirten Salon treten, in welchem das Revolutionstribunal ſeine Sitzung haͤlt. Eine lange Tafel ging durch den Saal⸗ worauf acht Lichter ſtanden. Beim Schein der⸗ ſelben ſah ich an der Decke die Grazien und Amoretten, die in gluͤcklichen Zeiten Blanchet malte. Aufe der einen Seite ſaßen die Richter, Parrein, Corchand, Lefaye und Fernax, den ich vor zehn Jahren vom Hungertod rettete. Hohe Huͤthe mit rothen Federbuͤſchen deckten ihre Haͤup⸗ ter, ſie hatten Uniformen mit Epauletten, an an einem breiten ſchwarzen Wehrgehaͤnge hing der Saͤbel mit funkelndem Griff, uͤber der Bruſt tengen ſie ein kreuzweiſe geſchlungenes dreifarbi⸗ jen P 2 ges — 228— ges Band, und in der Mitte deſſelben hing ein kleines ſchimmerndes Beil. Doch laſſe mich dar⸗ uͤber weggehen, ich ward, eingeſtaͤndig, in der Belagerung gedient zu haben, zur Gulllotine verurtheilt, und in den boͤſen Keller gebracht. Geſtern, denkt Euch mein Erſtaunen, wurden uns neue Schlachtopfer zugeſellt, unter ihnen war Defayet. Warum nun noch zaudern; wenn Ihr noch lebtet, wiſſen mußtet Ihr doch, was aus uns geworden. Mit dem letzten Stuͤck⸗ chen Bleifeder, das ich in der Taſche fand, ſchrieb ich auf den Zettel, den ich in jenem ſchmutzigen Winkel fand, was Ihr geleſen habt. Porral verſank in tiefes Schweigen, Julie ſchloß ſich zitternd an ſeine Bruſt. Ploͤtzlich ſprang er von dem Quaderſtuͤck, worauf er bis⸗ her mit ihr geſeſſen hatte, auf, und ftagte bn ſtig, habt Ihr noch Geld? Ja, rief Louiſon, noch neuntauſend Livres. O gut— mir faͤllt ein Gedanke ein, Des fayet— wenn es moͤglich waͤre, zu entfliehen? Defayet ſah ihn an, ob er wahnſinnig ſey. Wohlan, fuhr Porral leiſer fort, laßt uns ſinnen. Morgen iſt ein Decatentag, wo keine Hinrichtungen ſtatt finden. Zeit gewonnen, Le⸗ ben gewonnen. Alles kommt darauf an, ob die Weiber Muth haben, zu helfen? 1 Die — 229— Die Weiber? Muth haben? ſtammelte Das fayet. Wir haben Muth, rief Louiſon; o boumten wir nur helfen! Ihr koͤnnt, wenn Ihr wollt, und vorſi dott ſeyd. Seht ihr jenes ſchmale und hohe Luftloch, durch das ich Euch den Zettel zuwarf? Durch das koͤnnt Ihr uns Rettungsmittel zuſchaffen. Ihr habt Geld, ſollte es ſo ſchwer ſeyn, ſtarke und tuͤchtige Feilen und Meiſel, Brecheiſen, Wein und Dolche zu kaufen? und koͤnnt Ihr ſie uns nicht durch das Loch herablaſſen? Ich und De⸗ fayet werden beſtaͤndig warten, und es abnehmen. Louiſon blickte zweifelnd nach dem Luftloch, doch daͤmmerte es in aller Seelen, daß der Plan vielleicht gelingen koͤnne. Seyd Ihr entſchloſſen? Wir ſind's, riefen die Weiber, kuͤhn durch dieſen Schimmer einer ſchwachen Hoffnung. Nun wohlan, ſo hoͤrt. Ihr ſchafft uns das alles zu, ehe noch der Tag kommt. Dann be⸗ gebt Ihr Euch aus der Stadt, man wird Euch gehen laſſen. Eilt nach Denberong, an die Graͤnze von Gex. Dort wohnt Doxa's Gattin— wißt Ihr ſchon, daß er guillotinirt iſt? Gelingt uns die Flucht, ſo finden wir uns dort ein, und gehen in die Schweiz— es wird ja wohl noch ein — 230— ein Pläͤtzchen zu finden ſeyn, wo uns die Feinde micht mehr ſchaden koͤnnen? Kaum hatte er ausgeſprochen, als der Ge. faͤngnißwaͤrter die Thuͤre oͤffnete, und den er⸗ ſchrockenen Frauen zurief, daß die Zeit um ſey. Eilig nahmen ſie Abſchied, aber ſchon nicht mehr ſo zerruͤttet und aͤngſtlich, als ſie gekommen wa⸗ ren. Hoffnung giebt Zuverſicht. Die Frauen hatten daheim niemand um ſich, als einen alten treuen Bedienten, zu alt, um in den Stuͤrmen der Revolution noch eine aͤu⸗ ßere Hoͤhe und aͤußeres Gluͤck zu wuͤnſchen, zu treu und redlich, um ſeine Herrſchaft zu verra⸗ then. An ihn wandten ſie ſich; er hatte Porral als Kind auf ſeinen Armen getragen, er liebte ihn noch immer zaͤrtlich. Henry ſchwur hoch und theuer, daß binnen zwei Stunden alles bei⸗ Lamunen ſeyn ſollte, und er hielt Wort. Ehe der Morgen noch daͤmmerte, gingen nun alle drei, von fuͤnf zu fuͤnf Minuten, und um ſo unbemerkter, da ihr Haus nicht ferne vom Luftloche lag, und die Bewohner der naͤchſten Haͤuſer theils gefluͤchtet, theils guillotinirt waren, an die bezeichnete Stelle, und ließen nach und nach mehrere Feilen, Brecheiſen, Meiſeln, ſcharf geſchliffene Dolche, und gegen n ſechgig Bouteillen Wein hinab. Jebt — 231¹— Jetzt beruhigt wanderten beide, um ſo leichs ter, als der Decatentag angebrochen war, des Morgens aus der Barriere, und verließen Lyon ungehindert; eine Viertelſtunde hinter ihnen kam „Henry, dem ſein Alter nicht geſchwind zu gehen verſtattete, her. Eine Stunde hinter Lyon er⸗ reichte er die wartenden Frauen, die ſich nun ſeiner Fuͤhrung ruhig uͤberließen. Henry war fruͤher im Dienſt eines Herrn geweſen, der die Jagd liebte, und hatte mit ihm die ganze Gegend durchſtreift, daher war ihm kein Thal, kein Huͤgel, kein Schleichweg unbekannt. Iulie fror heftig, als ſie mit Henry in ein einſames Thal kamen, denn es ſchneite und war ſehr kalt. Geduld, rief der Alte, bald kommen wir in ein entlegenes Doͤrfchen; wenn die Peſt der Re⸗ volution nicht auch ſchon hineingedrungen iſt, und Verraͤther gezeugt hat, ſo finden wir wohl ein Fuhrwerk, das uns ſchneller vom Fleck bringt. Aber es muß erſt Abend werden. Ich kannte ſonſt dort einen jungen Schmidt, Namens Duͤ⸗ four, ein guter Junge, lebt der noch, er bringt uns weiter.. r Gluͤcklicherweiſe entdeckte Henry in einem nahen Hoͤlzchen eine verfallene Koͤhlerhuͤtte, dort⸗ hin brachte er die zitternden Frauen; dann ſuchte er 4 1 — 23²— er etwas Reißig, und bald loderte ein kleines Tener vor den Fuͤßen der Frierenden aut. Guter Henry, rief Julie, und ſtreichelte ſeine Backen, ohne dich waͤren wir alle verloren! Nicht doch, murmelte er, und eine Thraͤne fiel auf ihre Hand, der droben im Himmel lebi auch noch, und laͤßt uns jetzt die Daͤmmerung kommen. Darum, auf, wir kommen mt der Nacht hin. Die kleine Karavane machte ſich auf den Weg, und erreichte endlich das Doͤrſchen. Er wohnte damals am Eingang, ſagte Henry, wir muͤſſens gleich beim erſten Hauſe verſuchen. Damit klopfte er an das erſte Haus, bei welchem ein Huͤndchen bellte. 1 Eine ſtarke Stimme rief aus dem denſte wer da ſey. 4 Wohnt hier nicht der Schmidt Duͤfour? Allerdings, ich bin es ſelbſt, antwortete die Stimme, und die Thuͤre oͤffnete ſich, aus der eine große Geſtalt hervortrat. Was wollt Ihr? wer ſeyd Ihr? Kennſt Du Henry Pourrain nicht mehr, guter Junge? antwortete Henry, und reichke mit der Hand nach ihm. Du, Henry! komm, tritt herein. Aber ich bringe noch Sas Frauenzimmer mit. 2 Thut Thut nichts, nur herein, mein Zimmer hat Plas. Die Eingeladenen traten ein, jener ſteckte Licht an, und beleuchtete nun ſeinen Beſuch. Die armen Frauen, in dem Schneewetter, ſagte er mitleldig, und bat ſie, ſich an den war⸗ men Kamin zu ſetzen. In aller Welt, wo kommſt Du aber her? wandte er ſich darauf zu Henry. Julie und Louiſon zitterten, was der Erfolg ſeyn werde. Ich komme mit dieſen Damen von Lyon. Sie ſind verlaſſen, und ungluͤcklich, und wollen nach Denberong zu einer Freundin; ich weiß, daß Du ſonſt ein guter Junge warſt, und mitleidig. Kannſt Du uns nicht ein Fuhrwerk verſchaſfen⸗ das uns ſicher hin bringt? Ich merke ſchon, ſagte der Geſchmeichelte; doch ſeyn Sie ruhig, meine Damen, ich will alles thun, was ich kann. Ein Fuhrwerk ſoll in einer Stunde bereit ſeyn, ich ſelbſt will Sie fah⸗ ren; habe ich Sie erſt durchs Gebirg gebracht, ſo werden Sie Denberong unangefochten erreichen. Du biſt noch derſelbe, ſagte Henry, der Du fruͤher warſt. Gexnießen Sie erſt etwas, fuhr Duͤfour fort, ich gehe indeſſen und beſorge das Fuhrwerk. Gläͤcklicherweiſe habe ich kein Weib und keine Kinder, Kinder, und kann um ſo unbemerkter 46⸗ und zugehen. Err trug gaſtfreundlich auf, was er hatte, und verließ ſie dann, um das Fuhrwerk zu beſorgen. Die Frauenzimmer dankten dem Himmel fuͤr ihr Geſchick. 1 Sagte ich es nicht? rief Henry, Unſchuldige laͤßt der Himmel nicht ohne Beſchuͤtzer. Friſch, zugegriffen, er wird bald wieder da ſeyn. Ermuntert aßen ſie etwas, kaum aber war eine halbe Stunde voruͤber, als Duͤfour ſchon wieder eintrat. Es iſt alles bereit. Sogleich zogen die Frauen ihre Maͤntel um, Henry half Duͤfour, was noͤthig war, beſchicken, und ſo ſtiegen ſie auf den Wagen. Es war zwar nur ein Karren, vor dem zwei Pferde geſpannt waren, aber den Frauen duͤnkte er ein Kabriolet. Still und unbemerkt rollte der Wagen durch das Doͤrſchen. Gegen Morgen hielt der Wagen am Fuß der Berge. Duͤfour ſprang vom Pferd und verſicherte, daß Denberong nur noch zwei Meilen entfernt kiege, zeigte ihnen die Gegend„ und wuͤnſchte gluͤckliche Reiſe. Voll Dank nahmen die Geretteten Abſchied von dem wackern Mann, der kein Geſchenk zu nehmen ghwogr werden konnte, und gingen nun mit Heury auf auf die Gegend 3u, die lhhan Diüſfour bezeichnet hatte. Unaufgehalten erreichten ſe gegen Mittag Dem berong, ein kleines Dorf, und eine Baͤuerin be⸗ zeichnete ihnen das Haus, wo Doxas Gemahlin wohne. Sie klopften, man afnete. Bomben und Granaten! Louiſon, Julie, Sie hier? ſchrie der guillotinirte Doxa, der ihnen die Chuͤre oͤffnete, und zog ſie dann haſtig in das Zimmer. Louiſon und Julie ſtaunten ihn hier wie vom Donner geruͤhrt an. Bomben und Granaten! rief der Hauptmann wieder, was fehlt Ihnen? haben, Sie die Zungen in Lyon gelaſſen?— Die erſchrockenen Frauen wußten noch immer nicht Worte zu finden, um ihr Staunen uͤber ſein Leben auszudruͤcken. Endlich vermochte es Louiſon. Bomben und Granaten! erwiederte jener, das iſts?— Das Meſſer ſtand mir an der Kehle, aber der Schweizer rettete mich. Doch Sie muͤſ⸗ ſen erſt⸗meine Frau ſehen. Eliſabeth! wo ſteckſt Du rief er durch die Thuͤre. Bald darauf trat ein engelſchoͤnes junges Weib herein, Spuren einer kaum erſt Hekaämnften Trauer im Geſicht. 1 Der — 236— 1 Der Hauptmann ſtellte ſie mit einem Bomben und Seaadent vor, und ihr dann Julien und Louiſon. 1 Mir willkommen, ſagte Eliſabeth mit anftem Ton, und umarmte ſie innig; Sie kommen daher, wo vor wenig Tagen der Tod auf meinen Gatten lauerte; wir wiſſen, was das haßt⸗ d den Tod der Geliebten zu fuͤrchten. Bomben und Granaten! fuhr der Hauptmann dazwiſchen, meinetwegen war die Furcht umſonſt. Aber Porral? Defayet? die guten Jungen— er verſchluckte das Uebrige, und drehte ſich nach dem Fenſterr.. 4 Wir hoffen, erwiederte Louiſon, daß ſie dem Tod auch entronnen ſeyn ſollen. Bomben und Granaten! lͤwas? ſchrie der Haupe mann, und fuhr herum. Steckten ſie nicht auch im boͤſen Keller? waren ſie nicht auch verurtheilt? Louiſon erklaͤrte den Zuſammenhang. Bomben und Granaten! ſchrie der Hauptmann, das waͤre herrlich! Nun machen Sie ſich es beu⸗ guem, wir ſind hier ſicher, und mich ſollen ſie ungeſchoren laſſen. Sahſſe auf. Buijate hur und dem Henry tuͤchtig. 4 Aber wie kam es, Fragt. Louiſon den Haupr mann — 2357— mann bei Tiſch, wie geſchah das Wunder, daß Sie dem Tod entgingen? Bomben und Granaten! erwiederte ejener, und rückte die Muͤtze. Laſſen Sie ſich erzaͤhlen. Den Ausgang meines dritten Ausfalls wiſſen Sie? nicht? Bomben und Granaten! wie kam ich an! Ein Gluͤck, daß ich ein Loch offen fand, durch das ich mich ſeitwaͤrts rettrirte. Mit fuͤnf Kameraden kam ich hierher— kaum vierzehn Tage hierher gekom⸗ men, ſchleppen ſie mich nach Tonnery— aber ich machte ihnen ein X fuͤr ein U, und ſo ging es mir noch dreimal. Bomben und Granaten! ich war das Ding ſatt, und nahm meine Eliſabeth, und ver⸗ gas in ihren Armen den 21ſten Mai. Was ge⸗ ſchieht? mitten in der Nacht holen mich die Dra⸗ goner zum fuͤnftenmale, aber jetzt wurde die Ge⸗ ſchichte ernſthaft. Sie ſteckten mich in die Recluͤ⸗ ſes. Es war dumm von mir, daß ich meine vier Losſprechungsurkunden nicht hatte einregiſtriren laſſen, aber wie kann auch ein Schweizer, wie ich, ſich auf ſolche pedantiſche Schnurrpfeifereien ver⸗ ſtehen?— Zum Gluͤck hatte ich Geld bei mir, ich trank alſo den ganzen Tag, rauchte, focht an den Waͤnden, und vergas die ganze Welt, nur meine Eliſabeth nicht. Endlich wurde es Nacht. Ich legte mich ſchlafen. Als die Stunde des 1 Weckens * — 238— Weckens kam, machte ein Munizipalbeamter die Runde, der einen gewaltig großen Saͤbel uͤber die Schulter haͤngen hatte. Der Kerl ſah mich ſcharf an, ich ihn wieder. Buͤrger, ſagte ich endlich, ich befinde mich ſeit geſtern in dieſem Loch, bin ein Fremder, der die franzoͤſiſchen Geſetze nicht kennt, und man weiß wahrſcheinlich nicht, daß ich wegen der Sache, warum man mich hudelt, ſchon vier⸗ mal verhoͤrt und freigeſprochen worden bin. Hier ſind die vier Protokolle, lies ſie, und laß mich heraus.„Ja, du ſollſt heraus, bruͤllte der Kerl mich wuͤthend an, aber unter die Guillotine! Boͤſewicht! viermal biſt du ſo durchgewiſcht? ha! ich freue mich, daß ich dich hier antreffe, ich bins, der dich hat arretiren laſſen.“ Bomben und Gra⸗ naten! ich war wie von einem Zwoͤlfpfuͤnder ge⸗ troffen! Das Wort ſtarb mir auf der Zunge, ich wollte ſtottern, aber der Kerl war ſchon fort. Den andern Morgen wurde ich auf das Ge⸗ meindehaus gebracht, und natuͤrlich zum Tod ver⸗ urtheilt. Sie knebelten mich, aber endlich ließen ſie mir doch eine Hand frei, um eine Pfeiſe ſchmauchen zu koͤnnen. Schon war ich mit meinen Ungluͤcksgefaͤhrten die Haͤlfte des Weges marſchiert, als mein Nebenmann ſagte: man hat uns vers ſichert, daß man alle Schweizer frei mache, du biſt I — 259— biſt ja ein Schweizer. Bomben und Granaten! wie ſchrie ich— ein Schweizer, ich bin ein Schweit zer! Das Volk ſtroͤmte herbei, da machte ſich ein Sectionskommiſſaͤr, ich kenne den Kerl weiter nicht, 8 Platz durch das Gedraͤnge, gebot Halt, lief fort, kam wleder, und band mich mit den Worten los: nun ſo ſey frei! Wie eine Bildſaͤule ſtand ich da, und wußte nicht, wie mir geſchehen war, aber als ich die erſten Flintenſchuͤſſe hoͤrte, Bom⸗ ben und Granaten, eilends verließ ich Lyon— und nun bin ich hier. 1 Drei Tage waren verlaufen; die Frauen aͤnge ſtigten ſich mehr, als fruͤher, denn noch erſchien kein Porral, kein Deſayet. Dora lauerte jede Nacht, brummte ein Bomben und Granaten nach dem andern, ging hinaus in das Schnee⸗ geſtoͤber, und kam wieder brummend zuruͤck. Endlich trieb er die Frauen zu Bette, und ver⸗ ſprach, noch einige Stunden zu harren. Kaum mochten einige Stunden voruͤber ſeyn, waͤhrend welchen ſich Doxa oft horchend in das Fenſter gelegt hatte, als ihm duͤnkte, daß leiſe an die Thuͤre geklopft werde. Schnell eilte er hinun⸗ ter— und, o Gluͤck, ſie waren es⸗ Bomben — 240— Bomben und Granteme ae Ran bleibt ihr aus? nie t r. 1— Porral und Defayet lunden nnuge und rie⸗ ben ſich die Augen. 8 Hm! Ihr denkt auch, ich waͤre uitenit doch ich muß die Frauen wecken. 1 Entzuckt ſtuͤrzten die Langgetrennten einander in die Arme, kein Ausruf unterbrach die Szene, und ſelbſt unter Doxa's borſtigen Wimern⸗ blitzte eine Thraͤne hervor.— Bringe uns zu trinken, Etiſabeih, mache uns einen Punſch, dann ſollen ſie uns erzaͤhlen, wie ihnen die Flucht gelungen iſt. Bomben und Granaten, Ihr ſeyd tuͤchtige Kerl!— Bald dampfte der Punſch auf dem Tiſche, Porral und Defayet zogen im warmen Zimmer die Geliebten auf den Schoos, Dora ſteckte ſich eine Pfeife an, Porral mußte begindeen. Die Mittel, welche uns unſere Flucht er⸗ leichtern konnten, hatten wir alſo, aber wir beide waren allein nicht im Stande, den Plan auszufuͤhren. Dazu wurden wenigſtens noch drei Mithelfer erfordert— wem unter den Gefange⸗ nen ſollten wir uns entdecken? wem war zu trauen? wir — V V I wir ſannen verlegen hin und her, als ſich uns ein kleiner, ſtarkunterſetzter Mann, Charoͤdnieres war ſein Name, naͤherte, und mir in die Oh⸗ eren raunte:„Ihr geht mit der Flucht um— ich habe es wohl bemerkt, wie Ihr das Brech⸗ eiſen in jenem dunklen Winkel verſtecktet— doch es iſt recht, aber nehmt mich zum Theilnehmer an, ich kann Euch nüͤtzlich werden, und im Ein⸗ und Durchbrechen der Mauern bin ich Meiſter, auch will ich Euch noch einige tuͤchtige Mitglieder zufuͤhren.“ Wir ſtanden erſt beſtuͤrzt da, end⸗ lich aber beſannen wir uns, daß er uns aller⸗ dings nutzen koͤnne, und ſo weihten wir ihn in das Geheimniß ein. Noch ehe der Abend kam, hatte er zwei andere mit in die Verſchwoͤrung ggezogen. Wir verabredeten uns, noch ein allge⸗ meines Eſſen in Vorſchlag zu bringen, und Char⸗ bonieres nahm es uͤber ſich, dieß zu thun. End⸗ lich wurde es Nacht, das allgemeine Abendeſſen, das letzte in dieſem Leben, wurde angenommen. Wir ermahnten uns wechſelweiſe, dem Tod zu trotzen, und wie beherzte Maͤnner zu ſterben. In Stroͤmen floß der Wein, und unſere Bou⸗ teillen gaben den Reſt. Bald waren alle Koͤpfe benebelt, nur die unſrigen nicht, und endlich ſan⸗ ken die meiſten Gefangenen in einen tiefen Schlaf. A um — 242— um eilf Uhr ſchritten wir zum Werke. „Einen von uns ſtellten wir als Wache an die Eingangsthuͤre mit einem Dolche, und dem Auftrag, den Gefaͤngnißwaͤrter ſogleich nieder zu ſtoßen, ſobald er merken ſollte, daß jener bei ſeiner gewoͤhnlichen Runde nach Mitternacht den geringſten Verdacht ſchoͤpfe, oder im mindeſten ein Coͤmplott ahnde. Wir ſelbſt zogen unſere Kleider aus, und ſuchten nun einen Ausgang. Fruͤher ſchon hatte ich am Ende des großen Kel⸗ lers einen ſchmutzigen ſtinkenden Winkel bemerkt, der zum Abtritt diente, und hinter ihm eine breite Thuͤr von doppelten eichenen Bohlen ent⸗ deckt, an dieſe legten wir Hand. Allmaͤhlich ga⸗ ben die Angeln nach, und das Blei, womit ſie eingeloͤthet waren, ſiel unter unſerer Feile. Nun haͤtte doch die Thuͤre weichen muͤſſen, wir hoben zſie mit dem Brecheiſen, dennoch wollte ſie nicht nachgeben. Es war unbegreiflich, was die Ur⸗ ſache ſeyn koͤnne. Wir beſchloſſen alſo, ein Loch hinein zu ſchneiden, und Charbonieres erweiterte es mit einem Meiſel, Jetzt wurden wir die Ur⸗ ſache gewahr. Die Thuͤre war mittelſt eines dicken Seils, das durch einen eiſernen Ring lief, an einen ſehr großen und entfernten Balken be⸗ feſtigt. Kein Meiſel, kein Brecheiſen, keine Feile Feile konnte dem Seie etwas a gphchen Wir waren in Verzweifelung! Endlich beſann ſich Charbonieres, bei einem der Gefangenen einen Wachsſtock bemerkt zu haben, er eilte in den Keller zuruͤck, und kam nach einigen Minuten wirklich mit ihm zuruͤck. Jetzt wickelten wir ihn, um ihn zu verlaͤngern, auf, ſteckten thn an ein Stuͤck Holz, zuͤndeten ihn an, und brachten ihn gluͤklich an das Seil. So wie daſſelbe entzwei⸗ gebrannt war, gab die Thure nach. Sachte lehn⸗ ten wir ſie an, damit man den Einbruch nicht bemerke, und ſuchten nun weiter zu gelangen. Wir befanden uns jetzt in einem Keller von mittlerer Groͤße. In der Mitte bemerkten wir auf dem Boden eine ſteinerne Platte, die ein, zige im ganzen Keller. Charbonieres klopfte an die Platte, ſie gab einen dumpfen und hohlen Ton von ſich; wir ſchloſſen alſo daraus, daß es 4 vielleicht hier einen Eingang zu einem Kanal gebe, der nach der Rhone fuͤhrte. Schnell gru⸗ ben wir die Erde um den Stein auf, bis wir das Brecheiſen anſetzen, die Platte aufheben und umſtuͤrzen konnten. Mit der lebhafteſten Freude entdeckten wir jetzt die Oeffnung eines Stollen, der irgendwo einen Ausgang haben mußte. Char⸗ bonieres band unſere Schnupftuͤcher zuſammen, 22 hielt hielt ſich daran, ſtemmte beide Fuͤße feſt gegen die Seitenwaͤnde, und kam gluͤcklich hinunter. Wir reichten ihm freudetrunken den Wachsſtock⸗ er unterſuchte und ſondirte üͤberall, aber nirgends fand ek, zu unſerem Schrecken, eine Thuͤr, eine Oeffnung, oder einen andern Ausweg. Dieſes tiefe und unterirdiſche Gewoͤlbe ſchien ein alter Scacht, oder gar ein Kerker geweſen zu ſeyn, Pi mäſſen. Charbonieres ſtieg alſo wieder herauf, und wir verſuchten unſer Heit anderswo. 4 Am andern Ende des Kellers war noch eine Thuͤre, aber als wir die Baͤnder und Krampen abgefeilt hatten, ging ſte ebenfalls nicht auf. Wir machten alſo, wie in die erſte, wieder ein Loch, um zu ſehen, was die Urſache ſeyn moͤchte. Dießmal war es kein Strick, ſondern zwei große Quaderſtuͤcke, die uͤbereinander gelegt waren, und die Thuͤre verrammelten. Es mußte alſo eine zweite Oeffnung hineingeſchnitten und gemeiſelt, das Brecheiſen und ein Stuͤck Holz, das wir zum Gluͤck fanden, durchgeſteckt, und ſo an der „Thuͤre und den Steinen gehoben werden. End⸗ lich gab das obere Quaderſtuͤck nach, und rollte auf den Boden hinab. Nun konnten wir die Thuͤre V V * Nationaldepor einer ungeheuern Menge Waaren 22. und Guͤtern diente. Wir ſchlugen einen Koffer auf, er war ganz mit Hemden gefuͤllt.. Ein herrlicher Fund! wir nuͤtzten ihn, um unſere mit Schmuz, Schweiß und Ungeziefer bedeckten Hem⸗ den gegen reine Waͤſche auszutauſchen. Bald war die Toiſette gemacht. Außer der Thuͤre, durch welche wir eingedrungen waren, erblickten wir noch zwei andere: an welcher ſollten wir nun unſer Gluͤck verſuchen? Kaum hatten wir mit der Feile an der einen zu arbeiten angefan⸗ gen, als hinter derſelben in der Entfernung ein Hund zu knurren und anzuſchlagen begann. un⸗ ſere Beſtuͤrzung war allgemein, Angſt und Schrek⸗ ken machte unſere Haͤnde ſtarren! Charbonieres erinnerte ſich, daß dieſe Thuͤre an die Wohnung des Gefaͤngnißwaͤrters ſtoßen muͤſſe. Zugleich ſchlug es zwei Uhr, und wir erinnerten uns, daß dieß die Stunde ſey, wo er ſene Runde zu ma⸗ chen pflegte. 5 Charbonieres erbot n ich, in dem erſten Keller nachzuſehen, ob nichts entdeckt, und unſer Vor⸗ haben verrathen ſey; wir andern beſchloſſen in⸗ deß, mit unſerer Arbeit ſo lange einen Still⸗ ſtand — 246— ſtand 3u machen, bis er zurüͤckkehrte. Wir bei durften ͤberhaupt einiger Erholung, denn un⸗ ſere Kraͤfte waren etwas erſchoͤpft, alſo fruͤhſtuͤck ten wir unterdeß. Wir hatten Wein bei uns, nie ſchmeckte er uns beſſer. So oft mir einges ſchenkt wurde, fuͤhlte ich Geiſt und Arm geſtarkt. Damals lernt⸗ ich, wie wenig ich auch den Wein liebte, einſehen, daß der Rebenſaft der wahre Troͤſter im Ungluͤck ſey. Bald darauf kehrte Charbonieres zuruͤck, und lieferte ſeinen Rapport. Er war nicht wenig erſchrocken, als er bei ſeiner Ankunft im Keller den Gefaͤngnißwaͤrter erblickte, der ſchon gekommen war, ſeine Runde zu ma⸗ chen, alſo hatte er auch ſeinen Hund nicht bellen hoͤren koͤnnen. Unſere Schildwache hatte ihn uͤberdem gebeten, ihm noch das letzte Vergnuͤgen zu machen, und eine Bouteille Hermitagen⸗Wein mit ihm auszuſtechen. Der Gefaͤngnißwaͤrter wollte ihm dieſe Bitte nicht abſchlagen, ſetzte ſich bei ihm nieder, und ließ ſich ſo tuͤchtig zutrinken, daß er mit ſchwerem Haupt und einem großen Schlafbeduͤrfniſſe fuͤr den uͤbrigen Theil der Nacht ſeinen Abmarſch nahm. Nun legten auch wit alle mit friſchem Muthe von Neuem Hand an das Werk. Statt der fatalen Thür⸗ hinter welcher der Hund Hund geknurrt hatte, griffen wir die zweite an. Es war eine Fluͤgelthuͤr; ein eiſerner Stab an eine kleine Kette von eben dem Metall gelegt, verſchloß den einen Fluͤgel. Bald war ein Ring von dieſer Kette geſprengt, der Stab aufgeho⸗ ben, und die Thuͤre offen. Allein noch ſahen wir kein Ende von unſerer Arbeit; im Gegen⸗ theil ſchienen ſich die Schwierigkeiten, je weiter wir kamen, zu haͤufen. Die Thuͤr fuͤhrte auf eine lange und weite Gallerie; auf der einen Seite war zwar eine Thuͤr, aber ſie ging auf den Hof zu, und Charbonieres, der den meiſten Ortsſinn beſaß, behauptete, daß wir unſern Weg wo moͤglich nach dem Commoͤdienhauſe fortſetzen muͤßten. Wirklich entdeckten wir auch am Ende der Gallerie eine zweite Thuͤr, aber wir bemerk⸗ ten hinter derſelben ein Geraͤuſch. Ich legte das Ohr an, lauſchte und verſuchte endlich, ob nicht durch die Klunzen und Spalten etwas zu entdecken ſey. Zum Gluͤck brannte noch ein Reſt von Feuer dahinter, und machte die Gegenſtaͤnde kenntlich. Es waren Leute, die auf einer Streu lagen. Einer von ihnen ſtand auf, er trug eine Uniform, und erzaͤhlte im Bauerndialekt, wie viele contrerevolutionaire Raͤuber man heute mor⸗ gen ums Leben bringen werde. Mit Zittern er⸗ * kannten — 248— kannten wir, daß es die Wachiſtube ſey, die ſich beim Eingang der Commoͤdie beſindet, und die Charbonieres wie wir vergeſſen hatte. Hier war unmoͤglich durch zu kommen, und es blieb uns kein anderer Weg zur Flucht uͤbrig, als die an⸗ dere Thuͤr, die nicht weit davon ſeitwaͤrts be⸗ findlich war. Leiſe und mit der aͤußerſten Be⸗ hutſamkeit loͤſten wir das Schloß ab. Welch eine freudige Ueberraſchung fuͤr uns! Eine Treppe zeigte ſich unſern Blicken, es war die Treppe, die hinauf zum Verſammlungszimmer des Depar⸗ tements, und unten nach dem großen Hofe fuͤhrte. Halb fuͤnf ſchlug es, die Nacht war dunkel und kalt, es ſchneite und regnete zugleich. Wir um⸗ armten uns mit Entzuͤcken, und wollten nun gleich die Flucht ergreifen; allein auch hier war Charboniers wieder der kluͤgſte, er bemerkte, daß dieß gerade das Mittel ſey, die Fruͤchte ſo vieler Muͤhe und Angſt zu vereiteln. Das oͤſtliche Gat⸗ ter iſt verſchloſſen, ſagte er, und wenn wir zu dieſer ungewoͤhnlichen Stunde bei den Wachen im Hof und bet dem großen Perron vorbeigehen, ſo wird Laͤrm, und man nimmt uns beim Kopf; ſind wir hingegen ſo klug, und warten bis acht Uhr Morgens, wo jedermann frei durch den Hof pafſirt, ſo koͤnnen wir uns unter die Hin, und ub. 2 Hergehen: b V Hergehenden miſchen, und niemand wird auf uns Acht geben. Die Verurtheilten werden erſt nach 10 Uhr gebunden; in der Zwiſchenzeit von acht bis zehn koͤnnen alſo alle Gefangenen ent⸗ wiſchen, nur muͤſſen ſie die Vorſt icht brauchen, von vier zu vier Minuten, und immer nicht mehr als drei zu drei weg zu gehen. Dann wird nie⸗ mand Verdacht ſchoͤpfen, und der Keller leer ſeyn, eehe es jemand gewahr wird. Wir haben noch drei Stunden uͤbrig, jeder von uns theile das Geheimniß noch zwei andern Bekannten mit. „Funfzehn werden ſich zuerſt entfernen, der letzte von uns muß es wieder funfzehn andern ſagen, rund ihnen dieſelbe Vorſicht einſchaͤrfen. So koͤn⸗ nen wir alle nach und nach entweichen. Wir bil⸗ ligten alle Charboniers Vorſchlag, und fanden ihn gut ausgedacht. Die letzte Thuͤr wurde wie der angelehnt, und Deſayet als Wache dabei ge⸗ ſtellt, um jeden nieder zu ſtoßen, der ſo unbes ſonnen ſeyn ſollte, vor acht Uhr entſliehen zu wol⸗ len. Aber wir fuͤhlten es alle, daß eine mehr als heroiſche Ueberwindung und Standhaftigkeit er⸗ fordert wurde, ſo am Rand des Abgrundes noch drei Stunden zu harren, da es nur eines Schrit⸗ ates bedurfte, um in Freiheit zu ſeyn. Da wir beide, Defayet und ich, nicht zuſammen fliehen und — 250— und beieinander bleiben konnten, ſo beſtimmten wir uns auf den Fall, daß wir gluͤcklich aus der Stadt kaͤmen, einen gewiſſen Platz bei D'orville, wo wir zuſammentreffen wollten, und ſo begab ich mich mit den Uebrigen in den Keller zuruͤck. Dort ſuchten wir uns, dem Plan gemaͤß, funf⸗ zehn aus, denen wir das Geheimniß mittheilten. Ich machte mich an den Baron Chaffoy, einen großen, geiſtreichen Juͤngling. Das Leben, er⸗ wiederte er mir, hat keinen Reiz mehr fuͤr mich, alle Bande, die mich daran feſſelten, ſind zerriſ⸗ ſen. Ich hatte mehr als 30,000 Livres Ein⸗ kuͤnſte, man hat mir alles genommen; meinen rechtſchaffenen Vater, deſſen Tugend gewiß kein ſolches Schickſal verdiente, hat man guillotinirt. Ich glaube ſo wenig wie er ein ſolches Loos ver⸗ dient zu haben, unterdeſſen habe ich beſchloſſen, mich ihm zu unterwerfen. Sein Entſchluß war gefaßt, alle meine Vorſtellungen konnten ihn nicht andern Sinns machen. Ich that dem Notar „Monteiller denſelben Vorſchlag, er laͤchelte und ſagte:„Ich danke Ihnen, lieber Freund, ich will meine Sache nicht verſchlimmern; denn ich muß Ihnen im Vertrauen ſagen, daß man mich fuͤr meinen Bruder angeſehen hat, der ſchon lange in der Fremde iſt. Aber die Richter wiſſen es nun, — nnn, und noch dieſen Morgen wird ſich der Miß⸗ verſtand durch meine Freilaſſung löſen.“ So wieat die Hoffnung den Menſchen noch am Rand des Grabes ein! Gewiß, er iſt Mittags hinge; richtet worden. Endlich ſchlug die erſehnte Stunde; ich war der Erſte, welcher bei der Wache des Komoͤdien⸗ hauſes vorbei zu gehen wagte. Im Vorbeigehen war ich ſo frech, und ſagte zur Schildwache: Kamerad, es ſchneit und iſt haͤßliches Werter; ware ich an Deiner Stelle, ich ließe mich nicht ſo naß machen, ſondern ginge lieber in die Wacht⸗ ſtube. Er dankte mir, und befolgte meinen Rath. Jetzt hatte Defayet, der der zweite war, und Charbonieres, welcher ihm folgte, freies Feld. Ruhig ſchlich ich indeß durch die Stadt, und ſann nach, was ich nun weiter beginnen wolle, als ploͤtzlich Laͤrm entſtand; ich vernahm aus dem Geſpraͤch zweier voruͤber eilenden Gensd'armen, daß funfzehn Gefangene fehlten. Zugleich don⸗ nerten die Kanonen, Pikets flogen an mir vor⸗ uͤber, am Thor mußte ich bereits umkehren, denn die Wachen waren verdoppelt. Was thun? Ich entſann mich, daß am Ende der Straße Lafond Clavache wohne, der ſchon laͤngſt fuͤr einen Erz⸗ patrioten galt. Inzwiſchen kannte ich ihn ge⸗ nauer — 252— nauer, fluͤchtete mich zu tzm, und hatte mich nicht geirrt; zer war der Alte. Hier vernahm ich, daß eine allgemeine Hausſuchung angeordnet ſey, zu deren Deckung alle Truppen unter Gewehr treten mußten. Bald darauf kamen die Com⸗ miſſaͤre, und erzaͤhlten von der abſcheulichen Flucht der Boͤſewichter aus dem Gemeindehauſe. Sie ſetzten ſi ſich, um zu fruͤhſtuͤcken; ich verlohr meine Faſſung nicht, ich aß und trank mit ihnen, fluchte dabei auf die Gefaͤngnißwaͤrter, und beſchuldigte ſie, ſchlecht Achtung gegeben zu haben. Bald darauf ſchlich ich mich indeß weg, um einen zwei⸗ ten Verſuch zu machen, aus der Stadt zu kom⸗ men. Als ich anf den Platz Bellecour kam, fand ich die ganze Bensd zemnene aufmarſchiert, und Thor, waͤre ich doch bei Elavache geblieben! Ich verſuchte zu ihm zuruͤck zu kehren, doch die Wege waren voll Truppen. Wohin nun? Annette, die Obſthaͤndlerin, und ihre Schweſter fielen mir ein. Ich eilte zu ihnen; Dankbarkeit fuͤr Dienſt⸗ leiſtungen aus fruͤherer Zeit, und das Verlangen, den Unſchuldigen zu retten, machte ſie beherzt. Sie verſteckten mich auf den Boden, wo ich mich in einen Winkel duckte, und ſie ein breites Bret vor mich ſetzten. Die Section blieb. nicht lange auls, ——— V V bus. viſitirte bis auf den Baden, und wunderte ſich nicht wenig, da ein großes Faß zu ſinden, das durch ein Vorlegeſchloß verwahrt war. Die Com⸗ miſſarien befahlen, es auf zu machen, aber meine Schuͤtzerinnen hatten in der Beſtuͤrzung den Schluͦſ⸗ ſel vergeſſen, und mußten wieder hinunter bis in das erſte Stock gehen, um ihn zu holen. Waͤh⸗ rend dieſer Zeit, ſie duͤnkte mir ein Jahrhundert, und ich vertwüͤnſchte aufs Neue meinen Einfall, von Clavache weg; zu gehen, ruͤckte ein Commiſſaͤr am Bret, und ſchon zitterte ich, mich entdeckt zu ſehen, aber er wendete ſich wieder um, lehnte ſi ich mit dem Ruͤcken daran, und rief: es waͤre drollig, wenn wir einen Spitzbuben von den Fluͤchtlingen in dem Faſſe faͤnden. Nein, ſagte ein anderer, ich giaube vielmehr⸗ daß Silberwerk darin iſt⸗ denn es iſt ſchwer. Dieſe Weibsleute ſcheinen mir reich/ und haben gewiß nicht ſo viel eingebuͤßt, als ſie vorgeben. Endlich kam Annette mit dem Schluſ⸗ ſel„ das Faß wurde auſgemacht, und die Viſitato⸗ ren machten lange Haͤlſe, als ſie es nur mit Salz gefuͤllt fanden. Sie ſahen hierauf nach dem Dache, und entfernten ſich. Wie froh war ich, als ſie fort waren. Gegen Abend verkleldeten mich An⸗ nette und ihre Schweſter in eine Bauerfrau, hin⸗ gen mir einen Korb an den Arm, nnd ſehten mir einen — 254— einen andern auf den Kopf, und 3 verließ ich endlich ohne Hinderniß die Stadt. Bomben und Granaten! fuhr Doxa wieder dazwiſchen„ und ſtuͤrzte ein Glas Punſch hinunter, das heiße ich Abentheuer— und Du, Defayer, wie erging es denn Dir? Mirr ſagte der Gefragte, und richtete ſich vom Buſen ſeiner Loulſon auf. Trwas einfacher. Zwar Ihr wißt noch nicht, wie ich in den boͤſen Keller kam. Doch ganz kurz. Ich hatte mich in eine entlegene Rumpelkammer eines verreiſten Freun⸗ des, wozu ich den S Schluſſel beſaß, gefluͤchtet; neben an war die Schinkenkamn. er eines Schuſters, dort holte ich meinen Lebensbedarf. Einſt aber warf ich einen Schinken in der Finſternißz herunter, es gab einen kleinen Laͤrm, der Beſi ter ertappte mich, ſchickte nach den Gensd'armen, man verhaftete mich als Dieb, ein Sectionscommiſſaͤr erkannte boͤſen Keller. Als ich nun nach Porral aus dem großen Hof heraus kam, wußte ich in der Ge⸗ ſchwindigkeit keinen Zufluchtsort zu finden; ich be⸗ ſann mich, endlich ſiel mir der Moraſt Perroche ein. Dort eilte ich hin, grub mir ein Loch in den Sumpf, und ſenkte mich hinein, den Kopf be, deckte ich mir mit Geſtraͤuch. Es ſchneite, und bald V ——— — 255— bald war ich tuͤchtig eingeſchneit. Gegen Abend wollte ich mich herausmachen, aber Arme und Fuͤße waren ſteif, und verſagten mir ihren Dienſt. Mich befiel eine ſchreckliche Angſt, doch verließ mich der Muth nicht. Bei der nahen Gefahr zu erfrieren, wagte meine Natur noch den letzs ten Verſuch. Es gelang mir, eine Hand zu be⸗ wegen, und dann einen Fuß, bis ich endlich her' ausrutſchte, aber der andere Fuß blieb erſtarrt und ohne Gefuͤhl. Ich waͤlzte mich nun im Schnee ſo lange her und hin, bis das ſtockende Blut unvermerkt wieder an zu laufen fing, und Waͤrme und Leben in alle Glieder zuruͤckkehrte. Endlich konnte ich die Fuͤße fortſetzen, und ſo gelang es mir allmaͤhlig, waͤhrend der Nacht die Stadt des Mordes zu verlaſſen. An der bezeichneten Stelle traf ich Porral, es wurde aber ſchon Tag. Wir durften nicht welter zu gehen wagen, bis es wieder Nacht wurde, und ſo kam es, daß wir ſo lange ausblieben. Aber nichts weniger als das vermutheten wir, Dich, Doxa, lebendig hier zu finden; wir hoͤrten, Du ſeyſt guillotinirt.— Bomben und Granaten! ich habe es den Weibern ſchon erzaͤhlt. Jebe 4 Jetzt erzaͤhlte er es auch den Maͤnnern noch einmal nach ſeiner Weiſe. Wo aber mag Charbonieres bleiben? fragte Porral Defayet, ich beſtellte ihn hierher, weil er mir gefiel, und uns ſo große Dienſte leiſtete. In demſelben Augenblick ward unten wieder an die Thuͤre geklopft, Doxa ſprang hinunter, und Charbonieres, der Liſtige, trͤt ein. Jetzt war die Freude allgemein. 9 Bomben und Granaten, Buͤrger Charbonie⸗ res, und wo kommſt du her?—* Da waͤre viel zu ſprechen, erwiederte der Gefragte, und ließ ſich den Punſch ſchmecken, den Eliſabeth kredenzte. Vor allem muͤſſen Sie, meine Herrn und Damen, hoͤren, wie ich in den Keller kam. Von St. Etienne gebuͤrtig, und keineswegs geſonnen, mich in das tollkuͤhne Un⸗ ternehmen der Lyoneſen zu miſchen, hatte ich das Ungluͤck, als die Belagerung begann, den Ausgang fuͤr mich verrammelt zu finden. Ich mußte da bleiben, und aus der Noth eine Tu⸗ gend machen. Zwar huͤtete ich mich, einer Par⸗ tei zu mißfallen, und der andern den Hof zu machen, das half mir aber nichts. Bei der Eroberung war ich einer der Erſten, den die Temporaͤrcommiſſion bis zum Frieden die Recluͤ⸗ ſes — 257— ſes zum Aufenthaltsort anwies. Es mißſtel mir gewaltig. Inzwiſchen mußte ich mich fuͤgen, ſann aber auf meine Befreiung. Bald geſellten ſich drei andere Gefangene, von gleicher Abſicht getrieben, zu mir, und wir ſchritten zu Ausfuͤh⸗ Aung. or orheſn 5 tn Der Saal war lang und dunkel. Unſerer dreiſig retirirten uns in den hintern Theil des „Saals, funfzig Neuangekommene nahmen am Eingange Platz. Meinen großen blauen Man⸗ eel hing ich an der hintern Wand an zwei Naͤ⸗ geln auf, und zog ihn dann ausgeſpreizt faſt uͤber ihre ganze Breite weg. Waͤhrend die an⸗ dern Gefangenen im Saale auf⸗ und abgingen, oder ſchliefen, kroch ich hinter den Mantel, ars beitete mit einer alten Meſſerklinge in der Mauer, und brach Steine los. Der Eine meiner Mit⸗ arbeiter trug in ſeinen Taſchen den abgekrazten „Moͤrtel, die kleinen Steine und den Schutt weg, und warf ihn waͤhrend der Recreationsſtunde hie und da in den Hof, ohne daß es bemerkt wurde. Unterdeſſen ſangen die beiden andern aus vollem Halſe, und jauchzten ſo, das die Ohren der Un⸗ gluͤcksgefaͤhrten von meinem Geraͤuſche nichts be⸗ merkten. Endlich kroͤnte ein verſtellter Zank das angefangene Werk. Waͤhrend es unter meinen ans R drei drei Mitverſchworenen Puͤffe und Fußtritte rege nete, und die Uebrigen ſich eiligſt nach dem Ein⸗ gang vornehin zogen, um nicht einen Theil mit weg zu bekommen, gab ein ungeheurer, abge⸗ loͤſter Stein meinen letzten Anſtrengungen nach, und rollte in das anſtoßende Gebaͤude hinab. Sobald dieß geſchehen war, kam ich unter mei⸗ nem Mantel hervor, und wir legten uns auf unſere Streue, feſt entſchloſſen, in der naͤchſten Nacht dem Gefaͤngniß unſer Lebewohl zu ſagen. Aber wie groß war unſer Schrecken, als ich be⸗ merkte, daß die Oeffnung ihren Ausgang nur in die anſtoßende Kirche hatte, welche in ein Na⸗ tionalmagazin fuͤr die Armee verwandelt war, und deren feſte Schloͤſſer und Riegel ohne Brech⸗ eiſen und Inſtrumente nicht zu ſprengen waren! Dennoch verloren wir den Muth nicht; wer ihn verliehrt, iſt verloren. Ohne andere Werkzeuge als die Dornen un⸗ ſerer Schuhe und meine alte Meſſerklinge, un⸗ ternahmen wir ſogleich wieder die Arbeit in ei⸗ ner Ecke der Kirche. Aber o weh! gerade da⸗ hinter mußte der Aufſeher des Magazins woh⸗ nen. Das dumpfe Getoͤſe, das er jede Nacht vernahm, kam immer naͤher und naͤher, endlich ſi 9 er ſogar Steinbrocken und Moͤrtel in ſeine — Schlaf. V V V V — 259— Schlafkammer fallen. Er zweifelt keinen Augen⸗ blick, daß ſich einige eheiiede bis dahin Zutritt verſchafft haben mußten. Raſch ſteht er auf, und weckt den Kerkermeſſes, dieſer eilt herbei, horcht, ſieht mit eigenen Augen und aͤberzeugt ſich, daß eine Echappirung im Werke ſeyn muß. Sogleich verſammelt er die Wache, und eilt in den Saal. Zeitig genug wurden wir den Laͤrm inne, ſchlichen uns zuruͤck, und warfen uns auf unſere Streu. Jetzt wurden die Thuͤren pol⸗ ternd aufgeriſſen, von allen Seiten blinkten Ba⸗ jonette und bloße Saͤbel, die Soldaten fluchten, drohten, der Kerkermeiſter mehr als ſie alle. Meine Mitgefangenen fuhren aus dem Schlafe auf, und waͤhnten das allgemeine Blutbad, wo⸗ mit ihre Phantaſie ſo oft und jede Nacht ſich aͤngſtigte, werde jetzt ſeinen Anfang nehmen. Wir thaten, als ſchliefen wir wie die Raͤtze. Man viſitirte die Waͤnde, hob den Mantel auf— welche Ueberraſchung fuͤr die Zuſchauer! Eine breite Oeffnung, wie in die Mauer gehert, zeigte ſich den Blicken. Vergebens betheuerten die Gei fangenen ihre Unſchuld, der Kerkermeiſter wollte nichts davon hoͤren, er erblickte in ihnen ſo viel Theilnehmer, als Gefangene waren, und befahl ſogleich, Stricke und Keiten zu bringen, und R 2 uns — 260— uns in Feſſeln und unterirdiſche Loͤcher werfen zu laſſen. Die Gefaͤngnißwaͤrter gehorchten. Das Schrecken war allgemein. Schon waren vier Ge⸗ fangene gebunden, als ich ploͤtzlich, wie aus ei⸗ nem tiefen Schlafe erwachend, trotzig aufſprang, und halt gebot. Dieſe Leute, ſagte ich, die Du in Schrecken ſetzſt, Kerkermeiſter! ſind alle un⸗ ſchuldig; vielleicht waͤren ſie gar ſo große Haaſen geweſen, und haͤtten dieſes Mittel zur Flucht nicht einmal nuͤtzen wollen. Willſt Du wiſſen, wer der Anſtifter war? ich, ich bin es. Aber ich habe Gehuͤlfen dabei gehabt. Da dieſe Geꝛ fangenen, die ſich ſtellen, als ob ſie ſo feſt ſchliet fen, daß ſie nichts wecken koͤnnte, ſind es gewe⸗ ſen. Bringe nur Deine Feſſeln, es macht mir Vergnuͤgen daran zu denken, daß es mir beinah gelungen waͤre, Dir nichts als die vier leeren Waͤnde zuruͤckgelaſſen zu haben. Tiefe Stille herrſchte. Ich richtete mig auf, ließ mir die Ketten anlegen, und ging ab. Am andern Morgen fuͤhrte mich der Kerkeemeiſter vor das Tribunal, ich wurde verurtheilt, und in den boͤſen Keller gebracht. Was nun geſchah⸗ wiſſen Sie bereits. Ich war der dritte, der die Reiſe antrat. Wir waͤren alle entkommen, wenn nicht der Letzte, wie ich nachher hoͤrte, von uns 9 3 funf, nn funfzehn, eilig geſchrien haͤtte—— rette ſich wer kann, die Paſſage ſteht offen. Dadurch wurde Laͤrm, die ußere Schildwachen wurden auf merkſam, ein ſtarkes Piket eilte herbei⸗ und man machte die ſchoͤne Entdeckung, daß wir auf und davon feyen. Ich indeſſen hatte mich in eine finſtero Gaſſe e zu einem entfernten Verwandten, Delabat, gefluͤchtet. Ich konnte mich auf ſeine Ehrlichkeit verlaſſen. Er nahm mich wohl auf, und verſteckte mich in einen finſtern Winkel. In demſelben Augenblick traten die Commiſſarien ein, durchſuchten das ganze Haus, und zankten ganz arg, als ſie das Portrait. eines Geiſtlichen fan⸗ den. Sie riſſen es in Staͤcken, Delabat nahm das uͤbel, und ſagte, es ſey das Bildniß ſeines Bruders. Zur Strafe nahmen ſie ihn beim Kopf, verſchloſſen das Haus, und druͤckten das Siegel darauf. Als ſie weg waren, kam ich aus meinem Schlupfwinkel hervor, fand alles verſchloſſen, huͤtete mich aber wohl, Laͤrem zu machen. Ich wartete bis gegen Abend, fand ein Stuͤck Eiſen, brach das Schloß auf, und ſo entkam ich gluͤcklich, und bin nun hter. DBomben und Granaten! ſagte Dora, das gefält mir. Sehr — 262— Sehr gut, erwiederte Charbonieres, und ver⸗ beugte ſich, aber wiſſen ſie wohl, meine Herrn! daß wir hier nicht lange ſi ſicher ſind? Steckbriefe, genaue Beſchreibungen unſerer Perſonen, und Aufforderungen, ſich unſerer habhaft zu machen, eilen durch die ganze Gegend. Erwiſchen ſi ſie uns, ſo muͤſſen wir unter die Guillotine, und Haupt⸗ mann Doyxa mit, denn er hat uns in ſein Haus genommen. Bomben und Granaten! das waͤre? Gewiß, erwiederte Defuye, aber was zu machen? Wir muͤſſen die Graͤnze gewinnen! ſagte Char⸗ bonieres. Die iſt nicht weit, ſagte Eliſabeth zitternd, und ergriff ihren Mann beim Ermel, als ſolle der Weg ſchon angetreten werden. Halt, rief Porral, ſo geſchwind geht es nicht. Auf ein Wort, Doxa. Sie traten an das Fenſter— Porral fu⸗ ſterte ihm etwas in das Ohr, jener nickte, und ſagte, Charbonieres wird auch hier gut mithel⸗ fen koͤnnen. Nun gut, wir ſind alle in gleichem Falle, und duͤrfen uns nicht verrathen laſſen. So wißt denn, — 263.— denn, ohne Geld 6 im Ausland fär uns nichts zu machen. 31 O, rief Louiſon, wir haben Noch 3o0 Li⸗ vres bei uns. 3 Immer noch zu wenig, aber ich habe geſorgt. 4 Vor ſieben Monaten, als ich die Stuͤrme der Revolution zu ahnden begann, die nachher folg⸗ ten, eilte ich mit Doxa hierher, und vergrub ohnweit eines Huͤgels, an einem Feldſtein 30000 Livres in Gold. Wie danke ich dem Himmel, daß ich es gethan. Defayet und Charbonieres begleiten mich; es iſt nahe, wir wollen es he⸗ ben. Gluͤcklicherweiſe iſt die Nacht dunkel und es ſchneit, man wird uns nicht bemerken. Bomben und Granaten! rief Doxa, ſo geht nur, und holt es. Morgen des Tags wollen wir uns ſtill halten, wenn es finſter iſt, machen wir uns auf den Weg, ich kenne die Schliche, ehe der Tag anbricht, ſind wir uͤber die Graͤnze. Porral, Defayet und Charbonieres machten ſich auf den Weg. Nach zwei Stunden kehrten ſie mit dem Schatz zuruͤck. Er war gut vergraben, keine Seele hat ets was gemerkt. Nun zu Bett.— Der folgende Tag verſtrich unter Angſt und Zittern, die Fluͤchtlinge ſahen am Hauſe vorbei aus aus ihrem Schlupfwinkel Dragoner reiten, die ihnen nachſetzten. dem m. „Endlich ward es Nacht. Alles beguͤnſtigte die Fiucht. Schneegeſtoͤber und Dunkelheit vereinten ſich. Die Maͤnner bewaffneten ſich auf unvor⸗ hergeſehene Faͤlle mit ſcharfgeladenen Piſtolen und Saͤbeln. Doyxg eroͤffnete mit einem leiſen Bomben, und Granatenfluch den Zug, hinter ihm ging Eliſabeth, dann folgte Defayet, Louiſon und Julie, Henry, beladen mit Koſtharkeiten und Geld, keuchte hinter ihnen, und den Nach⸗ rupp deckten Porral und Charbonieres. So zo⸗ gen ſie durch einige enge und krumme Thaͤler, erſtiegen dann einen dunklen Wald, und Doxa, ſcharf vor und um ſich blickend, machte durch den Schnee Bahn. Mitternacht mochte voruͤber ſeyn, als er ploͤtz⸗ lich Victoria rief, ſie waren im Laͤndchen Gex, alſo auf Schweizer Grund und Boden. Im naͤchſten Dorf ruhten ſie aus, und eilten dann unaufhaltſam nach Zuͤrch, wo Doxa Verwandte hatte. Mit Entzuͤcken umarmten ſie hier die Geret⸗ teten. Ein nettes Landgut war gerade in der Naͤhe der Stadt feil, man kaufte es gemein⸗ ſchaftlich, und die Fluͤchtlinge fuͤhlten hier die Ruhe, welche ſie in der Vaterſtadt vermiſſen mußten. 3..5. Doxa's Bomben und Granaten ſliegen noch heute, aber ſie treffen niemand gefaͤhrlich, die furchtſame Julie, die fruͤher bei jedem Geraͤuſch zitterte, ſcherzt ſogar daruͤber mit ihm, und ein neues Bomben und Granaten! giebt dem Scher⸗ zen neuen Stoff. ☛ — — 8⁹ der Sieg des Glaubens. Die beiden Schlußgeſaͤnge. 1 768 Fuͤnfter Geſang. Seyd froh gegruͤßt im heißen Mittagsſtrahle, Ihr hohe Wartburgsmauern, meinem Sang! Zu euch empor, aus ſchattig gruͤnem Thale, Steigt jetzt der Saͤnger mit der Leier Klang. Denn was ihr bergt in eurem weiten Saale, Lockt aus der Ferne ihn mit heißem Drang, Auf Fittigen des Lied's den zu umkreiſen, u dem den Saͤnger Lieb und Ehrfurcht reißen. Ey 1 268—— Er kennt ihn noch, er weiß ihn noch zu finden, Ob ihn auch dunkler Waffen Stahl umhuͤllt— Denn andern Augen kann er wohl entſchwinden, Doch vor des Saͤngers Blick bleicht nie ſein Bild⸗ Er folgt ihm kuͤhn in allen Irrgewinden, Zieht ihm in Waͤlder nach, und fremd Geflld, Und weiß auf Felſen ihn mit fluͤcht'gen Sohlen Durch ſtarke Mauern dhore Pizuholzn. — Doch ſuch ihn nicht, mein Blick! in dieſen Saͤlen, Hier weilt laͤngſt deines Liedes Held nicht mehr— Zwar wuͤßteſt du mir Viele aufzuzaͤhlen, Die ſi ſich ergehn hier, ledig aller Wehr; Denn Helm und Buſch⸗ die ſonſt ihr Haupt verhehlen, Oede triedlic jete den langen Speer, 8 Der ſchmiagſam ruht bei Panzern aller Arten, Doch 36 wir da den rechten Mann gewahrten?— 6 Nein— .— 269— Nein— ſuch ihn dort auf jenes Thurmes oͤhen, Der hoch die Mauerzinnen überſteigt 5d * Wo leis des Epheus grüne Bliter wehen, Dem ſtarken Schirmherrn hoffend zugeneigt. So magſt du manchmal holde Frauen ſehen. Die an des ſtolzen Gatten Bruſt nichts beugt, Bei jedem Sturm umklammern ſie ihn treuer⸗ Er ſteht und wankt vor keinem Ungehener. Noch weilt er ſchweigend auf des Thurmes Zinnen, — und hoher Ernſt umwoͤlkt ſein Angeſi cht⸗ Bis ploͤtzlich er mit aufgeregten Sinnen Des Augenb ickes zde Stille bricht: „9 köͤnnt ich es dem Schickſal abgewinnen, Das wunderbar ſich in mein Leben fiicht, Den Lieben, die um den Verſchwund'nen trauern, 39 nahen troͤſtend gleich aus dieſen Mauern! Ich — 270—. Sch ſeh's, wie bittter Thränen Salz dem biinden Erzeuger heiß die matten Wimpern beizt, 1 Veieignem Schmetz die Bruͤder Troſt nich finden, Indeß der Schweſtern Qual den Himmel reizt; O naht' ein Engel, ihnen zu verkuͤnden, Eh noch der falſche Ruf das Land durchkreuzt, Weint nicht um ihnl er iſt euch nicht verloren! Gerettet lebt er hinter ſtarken Thoren! umfonſt! der matten Stimme vunpfes Schallen Dringt ſehnſüchtsvoll nicht bis zu eurem Ohr, In oͤder Luft muß ſterbend es verhallen, umkerkert hoch von feuchter Mauern Thor. Kein Engel naht, euch gruͤßend zu umwallen, Wenn ihn mein ſeufzend Herz auch hochbeſchwor Drum hartt! oft will erſt päͤt die Zeit gewaͤhren, Beftuͤgeln kann ſie nichts, nichts kann ihr wehren.“ 4 Er — aun— Er ſpricht's, und wendet langſam nach dem Morgen Hochſtrahlend jetzt ſein leuchtend Augenpaar; Da liegt die Stadt, in die mit bangen Sorgen Ein Knabe einſt er eingezogen war. Denn noch war's ſeiner Ahndung tief verborgen, Wie ihn erwaͤhlt der Herr zu ſeiner Schaar, Und mit der Armuth Aengſten, ohne Habe Stritt bang bedroht oft heimlich ſchon der Knabe. Da bluͤhte aus des Liedes Wohllautwogen Dem Jungling auf ein herrlicher Gewinn, Denn keinen hat der Himmel noch betrogen, Der ihm ein glaubig Herz gab willig hin. Schnell von des Mitleids zarter Luſt gezogen Umwob ihn Clara's muͤtterlicher Sinn, Damit die Bluͤte ſich zur Frucht geſtalte, Die lieblich ſchon aus ihrer Knvope wallte Im —-— 22˖— Im Angedenken jener goldnen Tage 9 Bluͤhn ihm die Wangen auf in hellem Roth— Voruͤber, wie im Nebel zieht die Plage, SZieht ſeiner Jugendjahre erſte Noth; „Oft dacht er an des armen Knaben Kſage, Doch jetzt vergißt er, was ihm einſt gedroht, Denn vor dem Bild, das klar auftaucht in's Leben, Muß jede Klage, jeder Schmerz verſchweben. „„O traute Mutter!— ruft er leis beklommen,— Und ſtreckt die Hände ſehnend nach ihr aus— Dein jingzer Sohnſchaut wieder heimgekommen, Das ferne Thor von deinem theuern Haus. Dein Bild iſt nicht vor ſeinem Blick verſ chwommen, 3 Wie ihn umgeben auch des Lebens Strauß, Und dennoch darf er nicht hinunter ſteigen, Der alten Liebe Treue die zu zeign... Noch —- 273— Noch ſieht er dich vor deines Hauſes Pforte,. Als trauerig ſein Lied der Knabe ſang, Wie du ihe freundlich riefſt mit ſanftem Worte, Indem's aus deinen Augen perlend drang. Und wie ein Schiffer naht dem ſtillen Porte, Zerſchellt faſt an des Schiffes ſteilem Hang, Zog ein der Knab⸗ in deines Hauſes Halen, Fortan durch's Leben heiute zu wallen. Noch hoͤrt er deie ler Stimme weiche Toͤne⸗ Hoͤrt noch, wie dann dein fromm beredter Mand Zu trauten Bruͤdern gab die eig'nen Soöhne. Und alle ernſt beſchwor zum ſtarken Dund und wie du da das Heilige und Schöne, Ein frommer Saͤemann, auf zarten Geund Geſtrebt in ihre Herzen auszuſtreuen, Der undank nur kann's dem Vergeſſen weihen! S Und — 23½3— Und als du ſegnend deine Mutterhaͤnde Dem Scheidenden auf's volle Herz gekat. War's ihm, als ob's verwelkt auf immer ſtaͤnde, Vom tiefen Weh des Abſchied's weit umßegt. Da ſchwur er, wie's das Schickſal mit ihm wende, Von deinem letzten Thraͤnenblick bewegt, Am Strahl der Tugend nur den Blick zu weiden, Und hat er Wort gehalten ſeinen Eiden? Ja, aüles, Mutter! hab' ich ſo vollendet, Wie es mein Mund in deine Haͤnde ſchwur, Als du aus deinem Hauſe mich geſendet, Und von der Jugend frohgeliebter Flur. Doch wunderbar hat ſich's mit mir gewendet, Als mir's, ein Blitz, am Haupt voruͤberfuhr; Denn eine Flamme iſt in mir entzuͤndet, Die lodernd ſich durch alle Adern windet. 44 Vert — 275— Verſtummend ſenkt er hier die Blicke nieder,— Denn aus dem Spiegel der Vergangenheit Strahlt wehmuthsvoll und ſchmerzlich auch ſchon 4 wieder Alexis Bild, den Todten zugereiht, Erinn'rung webt um ſeine fahlen Glieder, Die laͤngſt das Grab in fuͤcht'gen Staub zerſtreut, Des Lebens Reiz— es ſcheint herauf zu ſteigen, Dem Freund ſich gruͤßend wieder zu zuneigen. Umwoben ſtand vom ſchoͤnſten Jugendtraume, Dem ſich ein fromm Gemuͤth oft eigen giebt, Alexis an der Jugend goldnem Saume, Wo heiß das Herz ſucht, und gern alle liebt. Doch aus des duͤrft'gen Lebens engem Raume, Von frechgebroch'nen Schwuͤren tief getruͤbt, Scheint jener Liebe Leuchten langſt entſchwunden, Die ſonſt der Freunde Herzen eng verbunden. S 2 Da — 276— Da traf ihn Luthers Aug', und ihre Seelen Verſchmolzen ſchnell in jenem Zaubergluͤck, Mit dem, ſich ihre Prieſter auszuwaͤhlen, Vom Himmel oft die Freundſchaft kehrt zuruͤck, Und wie, was lang die Knospen oft verhehlen, . Entfalter eine Thaunacht zeigt dem Blick, So wandelt ſich des kargen Lebens Duͤrre Arploͤtzlich in ein blumiges Gewirre. Doch ach! lang blüͤht das Schäne nicht im Leben 4 Bereitet ward ihm hier kein ew'ger Sit: 4 Drum muß, in duͤſtre Nacht dahin gegeben. 8 Alexis treffen jach ein Himme sblit. 8 8 4 eo muß der Roſe inttes Bild verſchweben, Getroffen von der Sonne Glutgeſchuͤtz,. Und nichts bleibt von ihr, als das Angebenk n, In das wir trauernd uns noch oft verſenken Das — 27— Das Alles, und noch mehr aus jenen Tagen Erſcheint jetzt wieder dem umwoͤllkten Sinn⸗ Des Lebens ſchoͤner Bluͤtenzeit zu klagen, Sie war!— unwiederbringlich iſt ſie hin;— „Gern laͤßt ſich die Vergangenheit befragen, Doch nimmer bringt's begluͤckenden Gewinn! Denn bald vergeſſen ſind entfloh'ne Freuden, Und nur an altem Schmerz muß man ſich weiden. Doch oft, wenn aus des Lebens Jugendſpiegel Bleich leuchtet alter Schmerzen Wiederſchein, Zuckt auch, wie auf des Blitzes gold'nem Fluͤgel, Vom Himmel wieder ein Gedanke drein⸗ Zum Flug weit uͤber dieſe dunklen Huͤgel Dem matten Geiſt beſchwingte Kraft zu leih'n, Daß er an großer That ſich ſtolz erhebe, „ Und reſche Kronen in ſein Leben webe. So = 2s= 1— So blitzt's jetzt auch in Luthers Seele nieder, und ein Gedanke jetzt aus ſeiner Nacht Schwingt ſich empor mit leuchtendem Gefieder, Von deſſen Ruf ſein ganzer Geiſt erwacht. Ein hohes Werk ſteht vor den Sinnen wieder, Und von den alten Gluten angefacht, Umſtrahlt vom Glanz des Herrlichen und Schoͤnen, Hoͤrt man es ſo von ſeinen Lippen toͤnen: „Aus dunklen Naͤchten lodern helle Strahlen, 4 Aus Finſterniſſen blitzt ein gold'nes Licht; Sein hoher Glanz verjagt des Lebens Qualen, Und klarer wird das truͤbe Angeſicht. Des frohen Geiſtes leicht zerbroch'ne Schaalen 4 Mag Thurm und Mauerwerk verſchließen dicht, Doch was er kuͤhn und ſtark eilt zu beginnen, Wird zu verhindern nichts der Menſch erſinnen. Ein — —- 279— Ein weitbegehrter Schatz liegt noch verborgen, Niee aufgetaucht ganz an den lichten Tag! Wohl grub man viel nach ihm mit barge Sorgen, Seit er im finſtern Schoos begraben g. Doch wilde Geiſter wachten bis zum Morgen, Und keiner war, der ihren Fluch durchbrach, Denn Graußen überfiel das kuͤhnſte Wagen, Begann's, den gold'nen Schatz an's Licht zu tragen. Doch ſoll wein Geiſt vor ſolchem Fluch erſchrecken? . Vor ſolcher Geiſter wildbethoͤrtem Heer, Die ſich in truͤbe Dunkelheit verſtecken, Und fremdes Blut umſtehn mit blut'ger Wehr? Nein! auf an's Sonnenlicht will ich ihn decken, Und draͤuten Grauen und Nacht auch noch ſo ſehr⸗ Der Welt gehoͤrt er an— er ſoll ihr leuchten, Und Tauſenden, die laͤngſt ſchon nach ihm reichten. Troſt — 280— Troſt ſoll er bringen in Pallaſt und Huͤtten, und wo der Gram und wo die Sorge wacht, * Da wird er glaͤnzend treten in die Mitten, Bezeugend ſeine hohe Himmelsmacht. 5 Was auch das tiefbedraͤngte Herz gelitten Von blut'gem Wahn, und grauer Jrrthumsnacht, Verſiegen oll's— und tauſend bittre Thraͤnen, Die Nacht vergeh'n,— vergeh'n, was Menſchen waͤhnen! 1„. Wie eine Sonne wird er leuchtend ſtehen, Und eine neue Welt wird aufgethan—* 48 Ein rein'rer Glaube ſteigt von dieſen Hoͤhen, 3 Und Lieb' und Hoffnung eilen himmelan. 22 Dezu, ich fühls, haſt du mich auserſehen, 9 Herr! drum eil' ich kuͤhn die große Bahn, In dieſen Mauern wird das Werk vollendet— Um Andres nicht haſt du mich hergeſendet! 2, Kaum *. — 281— Kaum iſt dieß hohe Wort dam Mund entfloſſen, Verlaͤßt er auch den ſtolzen Thurm alsbald— Denn ſeinen Sinnen iſt's nun aufgeſchloſſen, Was laut und heimlich in ihm wiederhallt. Ein neuer Geiſt ſcheint auf ihn ausgegoſſen, Die Wangen gluͤh'n, der volle Buſen wallt: So eilt er nach der Clauſe heil'gen Stillen, Des Himmels Wink gehorchend zu erfuͤllen. Hier ruh'n, mit goldbeſaͤumten praͤcht'gen Raͤndert, Bei andern Pergamenten ſelt'ner Art, ¹ Zwei theure Buͤcher, feſt an Eiſenbaͤndern Vor Räuberhänden kunſtreich aufbewahrt. Fern kamen ſie aus Welſchlands ſchoͤnen Laͤndern, Denn dorther brachte ſte nach langer Fahrt, Ein Urahn Friedrichs einſt um hohe Gaben, Das Herz an ihrem Inhalt zu erlaben. Wenn 2 232— Wenn deine Hinde nach den Blättern reichen, Und rollen alle Haͤllen ſtill zuräck,. Blitzt auf die Zahl von tauſend boldnen zeichen, In fremden Lauten, wvor dem ſtarren Blick. Denn kunſtreich ſind ſie alle, ohne Gleichen, Und ſchauen ernſt dich an, wie das Geſchick; Doch rühren ſie nicht ehr dein Herz und Weſen, Als bis du ſie verſtanden und geleſen. Ein heilger Schauer weht aus den Geſchichten, Die wunderhar ſich ſelbſt erzäͤhlen hier, Nicht wie ſie fromme Liſt und Wit erdichten⸗ 6 Und mit des Ew'gen Schimmer malen dir; Von eines ſtarken Helden That berichten Die gold'nen Zeichen, leben ſiehſt duss ſchter⸗ Das Heer von Thaten, Wundern Reden,Freuden, An denen Geiſt und Herz ſich müſſen weiden. Hinein⸗ .— 235— Hineingemiſcht ſind tauſend gold'ne Lehren⸗ Die einſt den Seinen gab der fromme Held; Wer ſie mit reinem Herzen liebr zu ehren 3 Dem leuchtet holder dieſe ſchoͤne Welt; — Dann will der große Held einſt wiederkehren⸗ So hat er's, als er fernhin ſchied, beſtellt, und alle, die ihm weihten ſtets das Leben, Zu ſich in ein erhab'nes Eden heben. 1 Das iſt der Schatz, den Luther zu gewinnen Nicht ſcheute feig des Aberglaubens Wacht, Buald ſoll es von den deutſchen Zungen rinnen⸗ Das Wort, aus ſeiner fremden Zeichen Pracht. 4n ScGon hebt er an, voll Muth darauf zu ſinnen⸗ Von heiliger Begeiſt rung Glut umfacht— Die Flamme haucht— des Goldes Stroͤme rauſchen, Und mit dem Licht muß jetzt das Dunkel tauſchen. Und — 2584 Und Tage geh'n voruͤber, Naͤchte kommen, Sein gluͤhond Sehnen achtet nicht die Zeit; Die Glocke ſchlaͤgt, ihm bleibt ſie unvernommen, Er waltet ja im Reich der Ewigkeit Ob Nacht in Tag, ob Tag in Nacht verſchwomen— Ihn kuͤmmert nichts— kein Friede und kein . 3 Streit— 8 Er lebt beim Glanz des Tages und der Kerzen Allein nur ſeinem Werk mit heißem Herzen. Der Abend kommt— die dunklen Wolken fliehen, In reiner Blaͤue lacht das Firmament— Da blitzt es ſchimmernd hier ⸗— dort ſieht man's gluͤhen Von Sternen, die kein Name ſchmeichelnd nennt; Zahlloſe Schaaren tauchen auf und ziehen Die ſtile Bahn, die nur der Schoͤpfer kennt, Bis endlich, eh ſich's noch der Blick verſehen, Der Himmel! ganz in Flammen ſcheint zu ſtehen. Se — 285— So tauchen auf an's Licht des Heilands Lehren, Und ſeine Reden, ſeine Wunder all, Und was ſchon laͤngſt verlernt das Ohr, zu hoͤren, Verrkuͤndigt wohllautvoll der deutſche Hall: Wie ſich der Meerſturm kieß von ihm beſchwoͤren, Wie Stummen kam der Rede ſuͤßzer Schall, Und Nain lebend ſah den jungen Todten, Dem zu erwachen laut ſein Ruf geboten. Wehmuͤthig lauſcht man darauf ſeinen Leiden, Wie eine Moͤrderſchaar ihn frech verhoͤhnt⸗ Und au der Marter noch ging ſch zu weiden, Wer weinte nicht, wenn dieſe Kunde toͤnt? Doch wie ſich Grab und Felſen mußten ſcheiden, Gebebt der Himmel und das Land gedroͤhnt⸗ Und er auf Wolken himmelwaͤrts entſchwunden, Da war des Todes Freudigkeit gefunden. Heil — 2936— Heil Luther dir! des Saͤngers hoͤchſte Lieder, Wohl iind ſie fuͤr den Helden ſuͤßer Lohn, Do) wuͤrd'ger preißen einſt dich deine Bruͤder, unſterblicher! an deines Gottes Thron! Germanien trat dem Heil'gen naͤher wieder, Nicht mehr zum Raub erniedrigt fremdem Hohn, Dein iſt das Werk!— des Bolkes Stimmen zeugen, 1 Wenn aaͤngſt des Dichters Lieder ſterbend ſchweigen. Wie eine Quelle hinter Felſenſtuͤcken Mit murmeſndem Gekoos zum Lichte dringt, Zum Bach erſtarkt— dann unter hohen Bruͤcken Als Fluß in ſanften Windungen ſich ſchlingt, Bis ſie, ein ſtolzer Strom auf ihrem Ruͤcken Maſtreiche, hochbeladne Schiffe bringt, So waͤchſt, ſein Herz bebt unter raſchern Schlaͤgen, Auch Luthers Werk dem hohen Schluß entgegen. Nacht Nacht war es jetzt, am weiten Himmelsbogen Hing duͤſtrer Wolken laſtendes Gewicht, Und dunkle Finſterniß heraufgezogen 1 Umſchleierte der Sterne Silberlicht. Und ſchier war auch die Mitternacht entflogen, Als Luthers heißumgluͤhtes Angeſicht In leiſem Schlaf ſank auf den Buſen nieder, Denn Zauber ſchien zu laͤhmen alle Glieder. Sieh! da erſcheint's dem Blick wie Nebelwellen, Die in des fruͤhen Morgens goldnem Strahl, Wenn heiß der Sonne Strahlen ſie erhellen, Ein bund Gemiſch, hoch wogen uͤberm Thal. Schwarz kocht es ineinander, naͤher ſchwellen Die dunklen Geiſterwolken durch den Saal, Und aus dem zährenden Gemiſch und Falten Scheint ſich ein drohend Weſen zu geſtalten⸗ 7 Ein — 233— Ein furchtbar Haupt iſt's, das mit hohlen Blicken Getaucht in kalten Hohn und wildes Draͤu'n, Vor ihm ſtirbt auch das heiligſte Entzuͤcken, Starrt aus den Wolkenhoͤhen ſtill herein. Wild fallen Feuerlocken auf den Ruͤcken Im zottigen Gekraͤuſel eines Leu'n,— Doch Leib und Fuͤße ſind vom ſchweren Wogen Der ſchauerlichen Schwaͤrze dicht umzogen. Bei ſolchem Anblick faͤhrt mit wachen Sinnen 1 Ergrimmt vom Sitz der Schlummernde empor: „Sluch dir!— ruft er— in deinen Wolken drinnen, Der ſich aus Gottes Himmel ſchnoͤd verlor. Du meinſt luch mich Einſamen zu gewinnen? Doch ſchüͤtzend tritt mein Heiland ſtets hervor, Fällt über ihn, des Himmels hohe Decken! Empfang ihn Holle! mit erneutem Schrecken. Noch — 239— Noch iſt das Wort nicht ganz dem Mund entfahren, Da ſchwinden Wolken ſtracks und Drohgeſtalt So wunderſchnell, wie ſie gekommen waren— Denn Gottesthat laͤßt Boͤſem nie Gewalt. Es weichen des Verſuchers wilde Schaaren, Von derem Trotz die Holle wiederhallt, Wenn Lugend ſrrebt, fuͤr andre Heil zu ſchaffen, Und unſchuld ſtreitet mit des Himmels Waffen. Doch Luther, wie er draͤuend aufgeſprungen, Starrt regungslos noch durch den engen Saal, Die Rechte nach dem Fliehenden geſchwungen, Das Aug' erglüͤhend wie vom Sonnenſtrahl⸗ Der Fuß tief in den Boden eingedrungen, „Ein Bild, gegoſſen wie aus Erz und Stahl 1— Bis endlich die Beſinnung wiederkehrte, Und dieſes Wort die ernſte Stille ſtoͤrte: „Dich — 290— „Dich preißt, d Herk! in hoͤhern Melodiee Die reine Geiſterſchaar um deinen Thron! Du Heiligſter! bei deinem Namen ſtiehen Die Unterirdiſchen mit ihrem Hohn! O laß auch mich vor dir darnieder knieen, Du warſt mein Schild! du bleibſt mein reichſter Lohn! Und was zu deinem Ruhm ward angefangen, Wird ſchimmernd in der Rachwelt Habzet 3. 4. prangen.“* und hochbegeiſterter, er kann's nicht wehren, Treibt's ihn zu dem erhab'nen Werke hin; Es waͤchſt, es muß die vollen Blaͤtter mehren, Denn fort reizt ihn der reizende Geibinn. Oft miſchen drein ſich ſeine Freudenzahren, Und oft dringt dann ein Klang in ſeinen Sinn, Der hold den Trunkenen in heil'ger Stunde umſchwebt halb leis aus unſichtbarem Munde Se So ſind der Mondr zehn auf ſlücht'gen Schwingen Dem Streiter Gottes unbewußt entſchwebr⸗, Seit er in ſtiller Glut den hohen Dingen Und ſeinem Himmelswerke ernſt gelebt. Da hoͤrt er wieder fuͤße Stimmen klingen, Von denen heißgerührt ſein Buſen bebt, Denn, als das naͤchſte Licht ſich zu ihm wendel, DStehtss herrlich praugend vor ihm, und vollendet. Und wie ein Harſenton aus fernen Saiten, Die leis der Weſt mit ſanftem Hauch geruͤhrt, Hört er den Klang ſich jetzt um ihn verbreiten: „Heil dir! an's Ende iſt das Werk gefuͤhrt! Und was es fey, wird dir die Zukunft deuten⸗ Denn wie die Glut auf hohem Gerg geſchärt, Soll es ein Licht den truͤben Sinnen werden, und hell beſtrahlen Gottes Weg auf Erden.“ X2 Und 4—— 292— Und glaͤubig auf die Kniee hingegoſſen Bebt Luther unter heißer Thraͤnenflut: „Dein iſt der Ruhm!— lallt er entzuͤckt— ent⸗ 4 floſſen Iſt's deinem Geiſte, nimmer meinem Muth! Denn du haſt alles meinem Sinn erſchloſſen, Dein Wink erfüllte mich mit hoher Glut— Drum dir die Ehre, nicht dem ſchwachen Weſen, Das du zu ſolchem Werk dir auserleſen. — Sieh gnaͤdig von den goldnen Sonnenhöhen, Wo deines Wink's zu warten immerdar Zahlloſe Engel deinen Thron umſthen— Du warſt mein Retter in des Kampfs Gefahr! Du haſt mein Ringen, meine Glut zeſehen, Und wie ich deines Winks gewaͤrtig war— Drum, was auch ſtets der Zukunft Thaten zegen Dein iſt's! und ewig bleibt's, o Herr! dir eigen.“ 4 O heilge 1 — 293— O heilge Stunde! die mit lichtem Fluͤgel. Auf Luthern jetzt im Flug der Zeit ſich ſchwingt— Sein Auge glaͤnzt, wie hellbeſtrahlte Spiegel, Woraus der Sonnenglanz des Lichtes dringt; Der Geiſt erhebt ſich üuber Wartburg's Huͤgel, Indeß ſein Sterbliches mit Wehmuth ringt⸗ Aus dieſer Mauern hochgewoͤlbten Gaͤngen Hinaus in's freie Leben ſich zu draͤngen. Wer Großes hat im Leben aufzuweiſen, Wer Herrliches begonnen und erfuͤllt, Dem nahen gleiche Stunden, und umkreiſen Ihn, wie aus Morgenroth ein leuchtend Bild. Wie Luthern ſtrebt's, ihn aus ſi ſich ſelbſt zu reißen, Ein ewig Sehnen nach der Freiheit quillt, Ein ewig Duͤrſten, aus der Seele Tiefen, In der ſie leis und leicht erwecklich ſchliefen. Doch — 294— Ooch was auch Luthers fbohes Herz entzucke, Treibt's fort ihn aus der Clauſe engem Raum. Denn oft folgt eig'ne Sehnſucht dem Geſchicke, Halb wie im Wachen, halb im fuͤßen Traum, Und wieber ſchimmert nun dem trunk'nen Blicke Vom hohen Thurm der weite Himmelsſaum, Die Wolken flieyn— doch ſchimmernd ruhn die Matten, Auf denen ſpielend leben Licht und Schatten. Noch ſowene er von bes Morgens Licht umweben, Die Augen Gmeiſen nieder und empor, Da hoet er Lone aus der Tiefe droben, und ſremde Klaͤnge ſclagen an ſein Ohr. Sen Name ſchallt— und llicend hell von oben Gewahet er von des Thurmvertiees Thor⸗ Zwei Knappen auf dem friſch ergruͤnten Naſen, Die dort erzaͤhlend Wardergares ſaßen. Denn — 295 Denn ſo klingt, was der geſtern Heingekehtts 2 Vom Albisſtrand vertraut dem nahen Freind: „Wer war's, der unſ're ſuͤßen Traͤume karte uUnd anders ſchuf die That, wie wir's gemeint? Ein wilder Schwindel, der das Volk bethärte Das ſeines Helden Untergang beweint; 1 Denn ſeit er ſelbſt dem truͤben Blick entſchwunden, Waͤchſt blutiger der Streit und ungebunden. Vernommen ward's noch nicht auf dieſen Hoͤhen, Was von entmenſchter Glaubenswuth vollbracht, Zu Wittenherg erſt neulich iſt geſchehen?— 0 eure Burg ſchlaͤft ja in ew'ger Nacht! Wie alle Tempel dort verwuͤſtet ſtehen, Der Hochaltar verſenkt mit ſeiner Pracht, Die Waͤnde nackt aufſchau'n, und Gott es klagen, Von alle dem habt ihr nichts hoͤren ſagen?— Wild ———— — 296— Wild flutend durch die Gaſſe ſtroͤmt die Menge, . Kein ſhimmerndes Gebild bleiht mehr verſchont, 2¹s 6 die Zwietracht ihre Fackeln ſchwaͤnge, 4 Sinkt in den Staub, was heilig einſt gethront. o waͤchſt der Haß im rauſchenden Gedraͤnge, Anavy, Ritter, Moͤnch, und Buͤrger, ungewohnt Des Streits, ſtehn auf; denn dieſe wollen's pehren, und zene E mict aut ihre Waſ hoͤren. O daß ich traurend nur zu laut muß zengen, Kein Luther lebt mehr— fruͤh iſt er dahin!— Ihm haͤtte dieſer Aufruhr muͤſſen ſchweigen; Was wär unmsglich feinem ſtarken Sinn, Koͤnnt' er noch einmal; zu uns niederſtigen?— Doch ſtill, 0 Hoffnung! fuͤße Schmeichlerin! Er waltet droben in der hohen Weite— Hier aber ſtuͤrzt ſein Sau in wildem Streite.“ Der — 297— Der Radner ſtockt— die Knappen jetzt erheben Vom Raſen ſich, und gehen langſam fort— Doch er, den ſſe erſehnt in's alte Leben, Er bleibt erſtarrt zuruͤck an ſeinem Ort. Was ſtie erzaͤhlt, vernommen unter Beben Ward es von ihm, ihn traf ein jedes Wort, Wie gift'ge Pfeile heißdurchgluͤhte Herzen, Die ſie zerreißen unter tauſend Schmerzen. Ss faͤllt in duͤrres Reiß und Laubgewinde, Das hohler Windsbraut Sturm zuſammenhaucht, Damit die Gier der Flammen leichter zuͤnde, Ein Strahl, glutſchwangerem Gewoͤlk enttaucht. Die Erde bebt, roth gluͤhen Berg' und Gruͤnde, Und ſelbſt der Felſen ſteilſter Gipfel raucht, Wie jetzt in Luthers Seele heiß zuſammen Auſſchlagen dunkle Glut und wilde Flammen. O ſchmerz⸗ 295— „o ſezmerzhelabne, thräͤnenwerthe Stunde, = Seußzt er,— geſtiegen von des Himmels e A Rand Nie, nie erklungen waͤre dieſe Kunde, Waͤr' ich endſchwunden nicht dem Meißnerland Nun muß ich's hoͤren ſtarr aus fremdem Munde, An dieſer Hoͤhen Mauerwall gebggns. 35* Und floͤh ſo gern, wie Blitzesſtrahl, von dannen, Zu ſtoͤren, was ſie wilden Grimm's erſannen. Doch ach! gefangen hinter hohen Zinnen IKlopf' ich umſonſt an dieſer Felſen Thor!— Laß von der Wange nur die Thraͤnen rinnen, Du Armer! der ſein Hoffen all verlor. Die Häͤle hähnſt du? willt den Sies gewinnen? Streckſt nach dem Kampſpreiß ſchon die Hand empor? Und hinter dir ſtürzt ſſe der Kirche Säͤulen, Die Zwietracht jauchzt— und ihre Diener heulen. Doch 299— Doch nein, o Herr! o zuͤrne nicht dem Schwachen, Der kindiſch ſich zu klagen unterfangt— Du lebſt noch— deine hohen Augen wachen, Nicht wied geſchehn, was die Verblendung denkt!= Ich will des Irrthums maͤcht ger Ruͤſtung lachen; — Ob eine Welt ſich auch dagegen draͤngt, Es wird doch Alles herrlich noch ſich wenden— Der Sturm wird ſchweigen, und der Irrthunn enden. Und ſollten Mauern mich und Thuͤrme halten, Wenn mich dein Wink hervorruft an das Licht? Die Toͤne, die in meine Stille ſchallten, Umſonſt erklangen ſie mir heute nicht⸗ Ein Wink iſt mir's, es iſt dein Walten⸗ Das aus des Knappen Rede zu mir ſpricht, Hervor ruft mich die Welt, hervor zu dringen, „Hor' ich den Ruf im Herzen wiederklingen! Was — 3eg Was ſteh' ich noch? ich hab⸗ es ja volle ahet. Das hohe Werk, wozu dein Wille mich „Im dieſe ſtilen Mauern hergeſendet, und Prangend ſolls der Welt verkͤnden dich! G Drum auft des Kerkers Nacht ſey nun geendet, Es itꝛdes Schickſals Schluß,= was ſaͤume ich Eh ſich der Tag erneut am Himmelsbogen Iſt Luther heimlich aus der Burg gezogen!“ Drum, eh die Nacht ſich ſchimmernd zu verbreiten Eilt, kehrt er nach der Clauſe ſtracks zuruͤck, Und ſucht die Eiſenruͤſtung ſchon vom Weiten, In die vor Monden barg ihn das Geſchick. Als Knapye ſinnt er, mit ihr fort zu reiten, Und darum überzhlt er jedes Stuͤck, Den Helm und Panzer, Schwert und Eiſen⸗ 118 ſchienen, Sie ſind ihm werth, und er vertraut ſich ihnen. „O daß „O daß das Licht des Tags geſunken waͤre, — Ruft er jetzt ſehnend aus,— o daß mit Macht Herauf ſammt ihrem goldnen Sternenheere Gezogen kaͤme gleich die ſtille Nacht!— Verlöͤſche, Strahl der Sonne!— wiederkehre, Wenn mir entleg'ner Berge Gipfel lacht, Hold biſt du nie der Flucht— in dunklen Schauern Der Nacht vergißt allein Verrath zu lauern.“ Jetzt ſank, im ſaͤumenden Entflieh'n der Stunden, Das goldne Licht der Menſchen allgemach— Dann war es hinter Wolken leis verſchwunden, Und graue Daͤmm'rung, die auf ihnen lag, Schlang, muͤhſam von den Hoͤhen losgewunden, Die Arme um den eingeſchlaf'nen Tag, Bis endlich dunkeler der Abend winkte, Und Stern um Stern vom hohen Himmel blinkte.. V S — 302— Da ward die Ruͤſtung eilig hergetragen Ste barg ihn vor dem neugtervollen Licht, Ein leichter Helm ſchloß an des Panzers Kragen, Und ſein Viſir bedeckte ſtarr das Angeſicht. Fuß, Arm, und Knie, ſchmiegt, ohne bang zu zagen, Sich in der Schienen leichteres Gewicht, Und an der Seite klirrte ſcharf der Degen, Wie andre Knappen ihn zu fuͤhren pflegen Nicht fern vom hohen Thor ſind Weite Hallet, In denen wohlbewahrt die Roſſe ſtehn; Dorthin traͤgt jetzt der Fuß ihn ſchnell vor alleh Nicht ohne Roß kann er von dannen gehn. Leicht tritt er auf, der Ruͤſtung dumpfes Schallen Birgt ihn, haͤtt' auch Verrath ihn ſchon geſehn; Fuͤr einen Knappen, der nach ſeinem Roſſe Zu ſchauen geht, häͤlt jeder ihn im Schloſſe. Die Die Thuͤre öfnet ſich, gewohntem Glücke Vertrauend geht er ſurchtlos ſchnell hineln, Und Roß an Roß zaͤhlt er mit ſcharfem Blicke 8 M 1 An hoher Krippen Nand, in langen Reih'n; Bis er daſſelbe Roß, Dank dem Geſchicke! Erblickt bei einer Lampe düſtrem Schein, Das ihn entfuͤhren half auf dieſe Hoͤhen, Und ihn zu retten hier muß wieder ſtehem⸗ Wer lehen will, darf nicht zu lange ſaͤumen: Drum faßt er's ſchmeichelnd an dem Maͤhnenhaad, Und willig reicht's ſein Haupt den ſtatken Zaͤumen, Dem Sattel beut es ſeinen Ruͤcken dar. Jetzt ſchreitet's aus der Halle dunklen Naͤumen, SFruͤßt ſchnaubend der Kampfgenoſſen Schaar, Und draußen ſchwingt der Reiter ſich im Buͤgel, 1 2 Der Sporen klingt— gehorſam folgt's dem Zuͤget. V Doch — 304— Doch weh! iſt auch das Ziel ſchon ganz getroffen? Wer zieht der Eiſenthore Riegel auf? Er ſtarrt ſie an— ſo fruͤh verbluͤht ſein Hoffen, „Hiier endet kaum begonnen ſchon ſein Lauf?— Sieh! da erſcheint vergeſſen und halb offen, Ein Pföͤrtlein dort dem Blick— er lenkt darauf, Wie durch die Nacht vom Herrn dahin gewieſen, Der Mauern weiß den Seinen aufzuſchließen. Das Pförtlein war's, durch das mit ihren Spenden Eitſabeth, die fromme Fuͤrſtin ging, Wenn hergeſtroͤmt aus aller Gegend Enden Die Armuth ſtill an ihren Blicken hing. So muß das Schickſal wunderbar es wenden, Die Angel dreht noch einmal ſich im Ring, Wie damals, fromme Armuth zu erhoͤren, Und ihren Widerſachern ſtark zu wehren. Raſch, eh' ihn Spaͤheraugen noch erreichen, Stöͤßt jetzt die Hand kuͤhn an der Pforte Schloß, Sie wankt vom Stoß die glatten ngeln weichen, Und leicht folgt ihm hindurch das muntre Roß. Hinab drauf nach des Thales alten Eichen, Die ſchauerliche Finſterniß umfloß, Trug ihn das Thier von hohen Felſenwegen, Die Burg entſchwand— und Andrem ging's ent⸗ gegen. 4 Sechs⸗ Sechster Geſang. (Wo deutſcher Sinn im feurigen Gemuͤthe Mit goͤttlicher Begeiſt'rung ſich vermaͤhlt, Da reift des Mannes hochgeprieß'ne Bluͤte, Er wird ein Held, den Kampf nur doppelt ſaͤhlt. Wie auch des Mißgeſchickes Daͤmon wuͤthe, Der wahre Mann ſtuͤrzt raſch ſich in's Getuͤmmel, Sein Kampf wird Sieg, und oͤffnet ihm den Himmel. u Wenn blaß der Schwaͤchling die Gefahren zaͤhlt, 4— 306— Und haͤlt ihn neidiſch noch die weite Ferne, Den Zugang wehrend zu des Kampf's Gewuͤhl, Dann flieh'n voraus der Augen helle Sterne⸗ Starr unterthan dem einzigen Gefuͤhl, Das aus des Koͤrpers Feſſeln nur zu gerne Den Geiſt entfuͤhrte zum erſehnten Ziel— Gefaͤngen bebt der Leib— der Seele Fluͤgel Traͤgt ſie voraus weit uͤber Thal und Huͤgel. So eilt, des hohen Werkes Bau zu ſchirmen, Voraus auch Luthers Geiſt, voll Ungeduld, Nach Wittenberga's graubemoosten Thuͤrmen, Wo blutig waltet der Zerſtoͤrung Schuld, Er ſieht der Tempel heil'ge Hallen ſtuͤrmen⸗ Hoͤrt wilden Spott auf ernſter Weisheit Huld, Und moͤchte, wie der Blitz aus dunkler Wolke, Drum gleich hinein gern zum verfuͤhrten Volke. Und — 30— und wohlbedacht war's mit dem muntren Roſſe, Dem er zur fluͤcht'gen Fahrt ſich kuͤhn vertraut, Es traͤgt ihn windſchnell fort vom Felſenſchloſſe, Das dunkle Nacht verſchleiernd hochumgraut. Denn ob's entſproſſen auch von niedrem Troſſe⸗ Nicht fremd ſcheint ihm des Reiters Schmeichel⸗ laut;. a a⸗ Es laͤßt ſich koſend friſch zum Laufe treiben, Und trabt dahin, daß Kies und Felſen ſtaͤuben⸗ Schon nah'n die Hoͤhen, deren weite Kette Der Thuͤringer bekraͤnzte Flur umſchließt, Wo ewig gruͤn die Tanne um die Wette Mit ſtolzen Eichen in die Luͤfte ſchießt. Dann ſchnellen Sprung's durchfliegt das Roß die Staͤtte Die ſegnend Winfrieds Mund ſo oft gegruͤßt, Als ſtumm des Landes alte Goͤtter ſchwiegen, Hinunter in ihr altes Nichts geſtiegen. 2 Hiet Hier muß die Nacht dem jungen Tage weichen, Der ſiegreich aus des Himmels Wolken trat, Da aus der Ferne ſchau'n die ſtolzen Gleichen, Einſt Zeugen mancher wundervollen That. 2 Nun trauern um ſie der Verwuͤſtung Zeichen, Sie ſanken durch die Zeit und durch Verrath. Turniere und Bankett— ſie ſind verſchollen, Und nur der Mauern Quatern hoͤrt man rollen⸗ Jetzt, wie der Schiffer, der durch Meereswellen, Die zwiſchen reicher Inſeln Uferland, Hochwogend an die bunden Graͤſer ſchwellen, Sich mit dem leichten Schiffchen kundig wand, Lenkt er, als ſich die Berge fern erhellen, Das Roß wegwätts vom ſchatt'gen Waldesrand, Bis Roß und Reiter, muͤd vom wilden Rennen, 1 Beſchließen, ſich ein eni Ruh: zu gönnen. Bei — 309— Bei einer Huͤtte freundlichem Gehege, Das Muͤden gaſtlich ſtets entgegenwinkt, Haͤlt drum das Roß; denn billig heiſcht es Pflege, Da gluͤhender die Sonne niederblinkt. Zwar wenig, nach dem muͤhevollen Wege, Iſt's, was des Wirthes Armuth beiden bringt, Doch den Zufriednen labt auch karges Speiſen⸗ Bequemlich Ruh'n beut ſelten ſolches Reiſen. Kaum aber laͤßt das Abendroth ſich ſchauen, Das hoch die Berge ſaͤrbt mit matter Glut, Zieht's weiter ſort ſie nach den fernen Auen, Denn friſch erneut iſt Kraft und alter Muth. Nicht kuͤmmert Finſterniß und kaltes Grauen, Womit die Nacht auf dem Gefilde ruht, Das Roß trab ſorglos durch die Ebne weiter⸗ Und ſelten braucht den Sporn der ernſte Reiter⸗ Die — 310— Die Nacht flieht langfam hin, vom Himmelsbogen Erblickt die Eilenden der neue Tag; 3 An mancher Stadt ſind ſie vorbeigezogen, Die geſtern noch weit vor den Fluͤcht'gen lag; Auch ſah'n ſie kaͤngſt der Saale graue Wogen, Da nah und naͤher, wie durch Zauberſchlag, Blitzt Altenburg auf ſonnigem Gefilde, In ſanfter Blaͤu⸗ erſ, dann in klarer Milde. Doch wie's ihn ſchmeichelnd lockt, hinein zu ziehen, Er ſpornt ſein Roß in fluͤcht ger Haſt vorbei; Wer weiß, wie viel der Stunden ihm verllehen, Und oft bringt eitles Saͤumen arge Reu; Wenn Kraft und Muth zu großer That entgluͤhen, Da ſey dem Helden Andres einerlei, Des rechten Augenblickes guͤnſt'ger Schimmer Strahlt einmal nur, und wieder ſtrahlt er nimmer. Drum — 516— Drum weiter nach der Elbe reichen Landen Treibt ſcharfer Sporn und Zaum das muͤde Thier— Ihn reißt es fort mit unſichtbaren Banden, Wie nach dem Raube eilt des Adlers Gier. Je weiter Staͤdt und Weiler ihm entſchwanden⸗ Die nur zu oft dem Wandrer nahen hier, Je ſehnender hebt er ſich hoch im Buͤgel, Und wuͤnſcht dem Schneckenroß des Geier's Jluͤgel. Schon iſt der Mulde Strom vorbeigefloſſen, Der ſich in tiefen Wirbeln tuͤckiſch faͤngt, Da winkt die dritte Nacht, die ſich umgoſſen Von dunkler Daͤmmrung friedlich niederſenkt. Ihn kuͤmmer's nicht! des Helms Viſir geſchloſſen Zieht er fuͤrbaß, von Sehnſucht tief bedraͤngt, In ſchnellem Jagen nach dem Elögeſtade, Auf nachtbedecktem, doch bekanntem Pfade. Denn — 31¹2— Denn wie nach einem nur von allen Polen, Von raͤthſelhaftem Zauber fortgerafft, Zuruͤckflieht der Magnet auf leichten Sohlen, Und ſeine ew'ge Sehnſucht nie erſchlafft; 4 So eilt, ſich einen neuen Kranz zu holen, Darchbebt vom Reiz der gottentſproſſ'nen Kraft, Die ihn aus truͤber Nacht an's Licht gerufen, Stets weiter Luther auf des Roſſes Hufen. Des Morgenrothes ſtrahlenreicher Fluͤgel Lockt jetzt den neuerwachten Tag herauf, Da ſteigt, gelenkt vom ſchaumbedeckten Zuͤgel Sein Roß langſam die letzte Hoͤh' hinauf; Und vor ihm fließt, ein blauer Wogenſpiegel, Der langerſehnte Strom im weiten Lauf; Doch fore ſhleich ſtil die dlut, als ſoll er'shoren⸗ Sie theile nicht der Nachbarn wild Empoͤren. Ein — 313— Eln blaͤuer Dampf verſteckt noch tief die Mauern, Die dumpf erfuͤllt Alecto's hlut'ger Streit, Beſcheidner Glaube ſchweigt in duͤſtrem Trauern, Und ſtiller Buͤrgerſinn iſt rauh entzweit. Bei dem Gedanken bebt in truͤben Schauern Sein Herz, und ach! ihn auaͤlt das neue Leid, Ob, was er kuͤhnen Sinnes unternommen, Wird an des goldn en Zieles Rand auch kommen. „So, ſeufzt er, muß ich wieder zu dir kehren? Weit auf des Grames Fluͤgeln hergeeilt, Wo ſonſt, entflammt das Goͤttliche zu lehren, Die volle Seele ſtets mit Luſt geweilt? O arme Stadt! den Kranz will man zerſtoͤren, Den früh der Wahrheit Huld dir zugetheilt⸗ Denn nie, wo ſinnlos Wahn und Ruhmgier walten, Kann ſich der Glanz des Großen friſch entfalten. Du — 314— Du meinſt das fromme Werk allein zu enden? Getaͤuſchte! die nicht aͤnger harven mag, Zum Untergang wirſt du's, zum Sieg nicht wenden, Wenn nicht noch gnaͤdig ſaͤumt der ſchwarze Tag. Gern beicht der Menſch die Feucht mit frechen . Haͤnden 4 Die ungereift im Schoos der Zukunft lag, Doch toͤdtend Gift ſtreu'n des Genuſſes Reize V In ſeine Auſt— die Palme wird— zum Kreuße. Und dennoch fuͤhl' ich's heiß im Buſen ſchlagen, Kein Opfer ſollſt du ſeyn dem blinden Wahn, Der erſt erſtickt dein jugendliches Zagen, Und dann dein Herz zerfleiſcht mit gift'gem Zahn. O nein! vom Himmel ward mit's uͤbertragen, Ihm zu begegnen auf der kuͤhnen Bahn, Und ſinken laͤßt mich nicht mein hoher Meiſter, Stritt auch des Irrthums Nacht noch doppelt dreiſter.“ — uUnd ——-— Und ſchnell, eh noch der Tag wlll froh erwachen⸗ Sprengt er hinunter nach des Ufers Rand, Den Eilenden empfaͤngt ein leichter Nachen, Und ſtoͤßt mit dumpfem Ruderſchlag vom Land.— Indeß in ihm ſich kauſend Gluten fachen, Und fehnend reicht nach dem Geſtad die Hand, Durchſteuert raſch der Kahn die blauen Wogen, Das Ufer naht, er wird an's Land gezogen. Sieh da! was laͤßt der nahe Huͤgel blicken? Ein Weſen, eine menſchliche Geſtalt Erhebt ſich auf des Gipfels gruͤnem Nuͤcken⸗ Von dunkelen Gewaͤndern ernſt umwallt. 3 Gram ſcheint von ihrem Haupt herab zu nicken, Indeß in oͤder Luft ihr Weh verhallt, Das Echo hortes und ſchweigt, es mild zu ehren Und nicht durch Spott die bitt're Qual zu mehren. Denn Denn wie in weit entlegene Gefilde, In tief umblaͤute, frohgeliebte Au'n, Scheint ſehnend einem laͤngſtentſchwund'nen Bilde Der thraͤnenfeuchte Blick ſtarr nachzuſchau'n. Doch wahrlich! dieſer Mienen ſanfte Milde, Diß braunumlockte Haupt voll Schmerz und Grau; n.. Kann, wenn ihn ſeine Augen nicht bethoͤren, Rur ſeinem trauten Amsdorf angehoren⸗ Da treibt's ihn, das Viſir empor zu ſchlagen, Und mit der wohlbekannten Stimme Hall Um ihren Namen die Geſtalt zu fragen,— Schnell rauſcht der Klang empor zum Huͤgelwall. Und als fort durch die blaue Luft getragen An ihre Ohren ſchlaͤgt der helle Schall, Scheint zaubriſch er in nie gekanntes Schrecken, Das tieferſtarrte Leben aufzuwecken. Noch — 31¹17— Noch zaudernd, wie wenn nur der Luͤfte Wehen Mit truͤgeriſchem Schall ſein Oht geneckt, Wagt der Gerufene nicht fort zu gehen, Bis ihn ein neuer Doppelſchall erweckt. Den Knappen ſieht er winkend vor ſich ſtehen, Und als er jetzt den offnen Blick entdeckt, In den ſich Trauer und Entzuͤcken theilen, Da muß er ſeinem Freund entgegeneilen. „Du lebſt Verſchwundener!“ diet nur entreißen Die Wonn' ihm und der uͤberraſchte Schmerz— Denn ſinnberaubt ſteht er, und es durchkreiſen Entzuͤckung, Gram und Luſt zugleich ſein Herz. Mit Thraͤnen netzt ſein Blick das kalte Eiſen, Das Luthers Bruſt umfaͤngt, blickt himmelwbaͤrts, Und ſchaut dann wieder in des Freundes Augen, Als gaͤlt's, ſein Bild auf ewig einzuſaugen⸗ Faſt — 348— Faſt ſchmilzt db ſolcher heißentgluͤhten Liebe Der Held bewegt in gleiche Thraͤnen hin; Doch er bezwingt den Reiz ſo fuͤßet Triebe, Und ſpricht, weil mehr als dieß draͤngt ſeinen Sinn: „O daß auch mir ſo hohe Freude bliebe, Auch mir erbluͤhte reicher Luſt Gewinn! Ich zoͤge froh mit dir in dieſe Mauern, Und fuͤhlte nicht der Seele tiefes Trauern. Doch weh! mich kann nicht fremde Luſt erwaͤrmen, Was beut mir Armen auch die Wiederkehr? O Freund! du kannſt in Lieb' und Wonne ſchwaͤrmen,. Und Zwiſt und Aufruhr walten um dich her?— Alecto heult! des Wahnſinn's Stunnen laͤrmen, Die Menge braußt wie ein entfeſſelt Meer, Und wilde Geiſter nah'n, ſie zu bethöͤren— Sie locken, blenden, raſen und zerſtören. Drum — 319— Drum ſpare deiner Wonne frohe Thraͤnen, Und gieb willkommnne Antwort mir zuruͤck: Rief mich zu ſpaͤt nicht her mein gluͤhend Sehnen? Hat mich getaͤuſcht der Hoffnung leichter Blick? Ach! oder war es mehr als fuͤßes Waͤhnen? Wenn ich noch ſtets vertraut dem alten Gluͤck?— Auf! richte dich empor, und laß mich's höten? Denn waͤr's noch Noth, dich darum zu bes ſchwoͤren?“— Erwiedernd ſpricht jetzt Amsdorf frei dagegen: „Schilt dieſe Seufßzer, dieſe Thraͤnen nicht! Wer ſchon um dich der Trauer faſt erlegen⸗ Dem zuͤrne nie, daß er durch Thraͤnen ſpricht. O laß ſie deinen Unmuth nicht erregen, Wenn ſie erneuert netzen mein Geſicht; Den Langentbehrten eilen ſie zu gruͤßen, Und ſollten es mit ſeinem Zorne buͤßen? Wohl Wohl hat, was frommer Sinn zuerſt beſchloſſen⸗ Und kuͤhn mit nie gebroch'nem Muth gewagt, In wuthentbrannten Wahn ſich ausergoſſen, Seitdem des Glaubens neues Licht getagt. Denn gleich unbaͤndig freigeword'nen Roſſen, Vor denen muthlos faſt der Fuͤhrer zagt⸗ Gefiel's dem rohen Geiſt, ſich ſelbſt zu rathen, Und wo der Wahn thront, gleichen ihm die Thaten. — Doch heim zum hohen Werke kehrt der Meiſter, Gegleitet von der Wahrheit heil'gem Muth— Sein Blick zerſtaͤubt des Wahnes finſtre Geiſter, Hochwaltend unter Gottes ſtarker Huth. Verzage nicht!— ſie waren einſt viel dreiſter⸗ Entſlammend Laufende zu wilder Glut; Doch als erhoͤhten ſich des Kreuzes Zeichen, Da mußten Ierthum, Nacht und Wahnſinn weichen. 4 8 8„Sey — 3²1— „Sey mir gegruͤßt mit dieſer frohen Kunde, — Spricht Luther— ſie entzuͤndet mein Gemuͤth! Wo waͤr' ein Herz, das nicht, in dieſer Stunde Zu neuem Glauben heller aufgegluͤht, Sich hoffend zugewendet deinem Munde?— Ich füh's, daß mir das alte Glüͤck noch blͤht, Koͤnmt' auch der Herr die Seinen fallen laſſen, nnn die er aft geſhieme nun fner huen? „Wohlan!— ſpricht Amsdorf— trau dem eignen Worte, vergiß den Gram, und folge ſtracks dem Freund Durch jene leichtvetſteckte Eiſenpforte, Die Unſ'rer laͤngſt geharrt zu haben ſcheint— Nah ſteht mein Haus an ſtillgelegnem Orte, Wo ich ſo oft um Dein Geſchick geweint, Ein Zeuge war's von meinen bittern Klagen, 1 MNun ſoll die Freude doppelt in ihm tagen. X Dort V Dort magß Du lacht beſg ießrs der eig ne Wale, Von des Verraͤthers Augen unßelauſcht, 2 Den Leib befreien von der ſchweren Huͤlle, Und ſchnell wird das Gewand Dir umgetauſcht. Nicht rachlos laͤßt Dich auch die ernſte Stille, Durch die des Aufruhr's Fittig nie gerauſcht, Nis ſtet Dich da— Du kannſt ds Wor erſunen, Daß Die die Menge freundlich oll gewennen Der Held nickt Beifall— faßt des Roſſes Zuͤgel⸗ Und eilt erfreut vom guͤnſtigen Geſchick, *n Entgegen raſch der Pforte engem Flugel, Der angelehnt ſich zeigt dem hellen Glick. Doch ſchnell ſchiebt Amsdorfs Hand die ſtarken nO e. eein a⸗Rieget, 3 Die dunkler Roſt ſchon laͤngſt bedeckt, zurdc Sie gehn hinein, das Roß folgt ihrem Schritte, Und iſchnell verſchwunden ſind ſie durch die Mitte. Indeß Indeß burchzieht Alecko wild die Straßen, Und hezt das Volk zu neuer Frevelthat,. Sie will ihr Opfer— wenn ſie alle raſen, Dann wacht zedeiheger der Hoͤlle Saat. Auch k heut velinges, die Flamme anzublaſen, Die laͤnger ſchon geſchürt ihr gift ger Rath, Das Volt erhebt ſich, Art und Schwert ertonen, Und Eris jauchzt voraus den wilden Soͤhnen. Vor allen jene ſtrahlenden Geſtlten, 85 e— Womit die Kunſt den Tempel uusgefämäet, Strebt rachevoll die ſcarfe Art zu ſpalten,. Der weise Marmor ſi inkt, und wird herfͤcke. Zerriſſen ſind des Kleides reiche Falten, Die ſouſt Maria's holdes Bild geſchmuͤckt, Und von dem Haupte ſtuͤrzt die ſchwere Krone, Die fromme Demuth ihr geweiht zum Lohne. 2 Des — 324— Des Heiland's liebſter Juͤnger liegt im Staube, — Der Kariothe taumelt uͤber ihn; Sanct Peter wird der frechen Hand zum Raube, Die ſchon zermalmt den wachenden Longin.. Und Thomas /den noch nich durchgluͤht der Glaube, Der Meiſtr wird im Grab nicht lang verzieh'n, Sieht über ſich den ſpitzen Stahl geſchwungen, Der dreimal ſchon in ſeinen Leib gedrungen. 5 Vom Altar zerrt des Spottes blinder Eifer Der ſanften Magdalena Trauerbild, Eliſabeths gellebter Sohn, der Täͤufer, Wird jett von gleichem Dunkel eingehäͤll Beſlecken will ſie erſt des Haſſes Geifer, Eh ſeines Zornes Glut verſoͤhnt ſich ſtillt— Dann ſtuͤrmt er weiter— Paulus muß zur Erde, und dann mit Titus nach dem Feuerheerde. So — 32558— So tobt die Wuth— nackt ſtehen die Altaͤre, 8 Entkleidet von des alten Schimmers Pracht, Und um die Waͤnde ſpielt graurnvolle Leere, Die doppelt ſchauerig den Schauplatz macht. Vernichtet iſt des hohen Tempels Ehre, Wo Glaube und Erbauung oft gewacht— Doch keine Ahndung kommt davon der Menge, Die nichts verſchont im ſtuͤrmiſchen Gedraͤnge. Da eilt durch des Getuͤmmels hohe Wogen, Auf leichten Fuͤßen ploͤtzlich das Geruͤcht, Erſt hat's die Gaſſen murmelnd nur durchzogen, Doch jetzt tritt's ſchonungslos an's helle Licht— Denn laut verkuͤndend kommt's daher geflogen, Wohl Manchem nur ein ſchmeichelndes Gedicht: „Den wir verloren ewig uns beweinten, Er kehrt zuruͤck, er kommt, eh wir es meinten!“ So 3— 326— So ragt die Säule, die aus Marmorſtufen= Des es Kuͤnſtlers Meiſel, zu der Tempel Zier, — frommbegeiſtertem Entzuͤcken ſchufen, Und wankt; von ihrem Grund nicht dort, nicht hiet; 1 Wie jetzt, als ſich der Sturm es zugerufen, Zuſammenſchauert jach Alecto's Gier- Staur iſt der Mund, die Arme ſind gehalten, Bezaubert wie von dunkelen Gewalten. So wie er einſt von ihnen ausgegangen, Entbrannt zum Kampfe fuͤr der Wahrheit Macht, Voll hohem Ernſt. um Auge, Stirn und Wangen, Der auch noch jetzt auf ſeinem Antlitz wacht; So tritt er ſelbſt jetzt ploͤtzlich auf— umfangen Von zuͤrnender Gefuͤhle truͤber Nacht, Und tief getaucht in unverhehlte Trauer, Fuͤr ſie ein Bild voll reggeword'ner Schauer. „Wie „Wie Renn' ich dieſen Rauſch— dieß taumelnd tnrn e Wuthen? dot dn So loͤſt die Rede ſich von Luthers Mund, Iſt's Wahnſinm? den der Hoͤlle Geiſter gluͤhten, RNenm⸗ ich's des Frevels und dor Laͤſtrung Bund? Ungluͤcktiche! wenn Engel euch nicht huͤten, „Wird euch des Lobans ewig Heil nie kund, Zum weiten Hinmmel ſtuͤrmt ihr auß, verwegen, Und eilet doch dem Untergang entgegen! Wohl ſonnen ſich mit leuchtendem Entzuͤcken Auch meine Augen an dem gold'nen Liel, Das kronenreich erſchienen euren Blicken, Und reizend ſprach zum innerſten Gefuͤhl. Doch wo zum Kampf ſich Schwert und Wahnſinn ſchicken, Und blinde Wuth allein lenkt das Gewuͤhl, Da decken truͤbe Wolken ſeinen Schimmer⸗ Und was erſiegt ſchon war, wird leere Truͤmmer, Denn — 328— Denn wenn ſich wild befehden maͤchtge Bruͤder, Um das, was herrlich ihr Gemuͤth erkannt, Dann ſinkt das Große mit dem Schlechten nieder, Was ſie erſchuf, zerſtoͤrt die eig'ne Hand. Dann nimmer nah'“n ſich die Entzweiten wieder, Ehr werfen ſie in's Vaterhaus den Brand, Und wandeln um in Nacht und tiefes Grauen, Wie ihr, des Lebens ſchoͤne Bluͤtenauen.“ Er ſpricht's, da rauſcht unwilliges Gefluͤſter Dumpf murmelnd aus der Ferne weitem Rund— Der Eine bebt, der Andre horcht noch duͤſter, Und ſtampft empoͤrt den Fuß wild auf den Grund. So ſtehn im Streit zerfallene Geſchwiſter, Die aufgeloͤſt der Kindheit heil'gen Bund, Um den, der ihnen beut der Eintracht Frieden, Sie fuͤhlen's wohl, und bleiben doch geſchieden. Doch — 329— Doch er, aus dem der Wahrheit Stimmen ſprechen, Sieht von des Schreckens Schauern unberuͤhrt, Still zu, wie ſtuͤrmiſcher hervor zu brechen⸗ Alecto's Grimm die alten Flammen ſchuͤrt. Dann, eh ſie naht, die neue Schmach zu raͤchen⸗ Vom Wahn und wirrer Neurungsſucht gefuͤhrt, Laͤßt er volltoͤnend durch die weiten Hallen Der Rede Klang begeiſterter erſchallen: „Und ſoll es ſeyn, daß Stahl und ſcharfes Eiſen, Die blindgewaltet mit des Wahnſinn's Glut, Der Wahrheit Reich beſchirmend weit umkreiſen⸗ Und drohend ſchuͤtzen das erworb'ne Gut, So ſparet, dann wird euch die Nachwelt preiſen, Und man gedenkt noch ſpaͤt der treuen Hut, Sie weiſe zur Gefahr der kuͤnft'gen Zeiten, Die, eh ihr's meint, zu nahen ſich bereiten. Uns — 330— Uns ward das Ew'ge ſchimmernd auſgeſchluſſen. Das aus des Himmels Tiefen niederkamn, Und von der Wahrheit Strahlen hoch umfloſſen Uns wieder gab, was fruͤh der Irrthum nahm. Das hat die Diener ſeines Thron's verdroſſen, Und angelockt von der Erinn'rung Schaam, Gereizt vom Glanz, der ſonſt umſtrahlt ihr Leben, Beginnen ſie, ſich drohend zu erheben. Schon ſeh' ich ſte, in enggedraͤngten Reihen Herauf zum Kampf und wilden Raube ziehn, Und wie ſie jauchzend ſich des Brandes freuen, Von dem die Staͤdte blutgerothet gluͤhn! Weh euch! das Alte wird ſich dann erneuen, Daß mit dem Recht ſoll milde Schonung flieh'n, Denn wo ſich Wahn und Wahrheitsſinn bekriegen, Muß mit der Schuld oft Unſchuld unterliegen. Doch — 351— Doch wollt ihr nicht der Weisheit Stimme hoͤren, Folgt trotzig nur des Wahn's Syrenenklang, Der alte Fluch wird auch zu euch ſich kehren, Der einſt viel Maͤchtigere ſchon verſchlang. Nur euren Sinn wird Zwietracht noch bethoͤren, Wenn andre folgen liebend hoͤherm Drang; Und weh! die reichen Kronen dieſes Lebens, Euch glaͤnzten ſie mit ihrem Lohn vergebens!— Hier hoͤrt er auf, die zuemmn zu ver fünden, Als faſſ ihn Grau'n vor der Empörung Lohn, Der aus der Ferne ſchon erſcheint den Blinden, und ſie zerſchmettert unter giſt'gem Hohn. Da fählt Alerto ihre Zauber ſchwinden, A Verlaͤßt betaͤubt den kaum erbauten Thron, Unrd eilt voll Schaam zum Sitz der ew'gen Naͤchte, Der ſie gebahr, und die verwandten Maͤchte. Jetzt, Jetzt, als ſie ſelbſt verſchlungen von der Erde, Nicht mehr dem tiefgetruͤbten Sinn gebeut, Sinkt Axt und Hammer, ſammt dem ſcharfen Schwerte, Mit Waffen iſ der Boden rund beſtreut. uUnd mit des Schreckens traurender Geberde, Geaͤngſtigt hier, dort mit ſich ſelbſt entzweit, Theilt ſich das Volk, verfolgt von lautem Zagen, Das es durch alle Straßen ſcheint zu jagen. So rauſcht das Meer, die rauhen Stuͤrme toben, Die dunklen Wolken jagen ohne Raſt— Da blitzt die Sonne ſtrahlend hoch von oben, Und minder braußt des Suͤdwind's fluͤcht'ge Haſt. Doch wenn ihr Lichtglanz ſiegend ſich erhoben, 5 Und ſtrahlend ſtuͤrzt ſich auf der Wolken Laſt, . Dann ſchweigt das Meer, blau wird der weite Himmel, Die Stuͤrme ſliehn, und ſtill wird das Getuͤmmel. Dem — 335— Dem Strahl des Lichtes gleich, in heil'gem Schweigen Steht Luther, und blickt dankend hoch empor, Da muß ſich Andres ſeinen Augen zeigen, Entgegen eilt ihm froh der Treuen Chor. Hier naht Philippus winkend ſich, dort beugen Der Pomeran' und Amsdorf ſchnell hervor, Und andre mehr, die ihn noch nicht geſehen, Seit er geſtiegen von der Wartburg Hoͤhen. Sie alle kommen, ihre Lippen gruͤßen Mit tauſend hohen Namen laut den Freund: Noch fern moͤcht' jeder gern ihn ſchon umſchließen, Denn jeder hat ja lang' um ihn geweint! Da reißt's entgegen auf der Eile Fuͤßen Auch ihn, als ſo der Freunde Schaat erſcheint— Sie nah'n— und in den Arm erprobter Treue Sinkt feiernd er des Wiederſehens Weihe. — Zum dritten Geſa ng. Drei Monden ſind's, ſeit ꝛc. Dieſe Ge⸗ ſchichte erzaͤhlt Razeberg, nenntaber den Biſchoff, bii rehen ſie 85 Vachnazeif nce wioll 3 daichi⸗ ob er gleich auf den Erzbiſchoff von Trier deuten zu wollen ſcheint. Serkendork klist. Luth. Lib. I. Sect. §. XGIIX. Addit I, f. 2 Se vrgeheden O 275 1 uthers Entfuͤhrer waren Johann v. Berlepſch, Burgpräfect der Wartburg, und Burkhardt Hund, Dpnaſt zu Altenſtein. Still folgt vom hohen W thers Vater war ſchon weit fruͤher nach Eisleben gezogen⸗ Ser Anthent an dem dortigen Bergwerk erhielt. Aber dem Dichter war Stene zu verändern. un vierten Geſg * agen ꝛc. Lu⸗ ng. 112 war, als das ſcharfe Reichsediet erſchien, das Lu⸗ thern als Schismatiker in die Acht erklaͤrte. Zum fuͤnften Geſang. . umwob ihn Clara'z zc. rad Cotta's, Senators zu Eiſena Das Pfoͤrtlein wars ꝛc. Heilige. Eliſabeth. die Zum ſechsten Geſang.. Oie ſegnend Winfrieds ꝛc. Bonifacius, der Ayoſtel der Deutſchhhen. Blitzt Altenburg ec. Altenburg war da⸗ mals die Neſidenz des Churfuͤrſten zu Sachſen, und hier woͤhnte Syalatin. 8 Der Kariothe taumelt ꝛc. Judas von Karioth, oder Iſcharioth. Die ſchon zermalmt den wachenden Longin. Die roͤlniſche Tradition nennt den roͤmi⸗ ſchen Soldaten ſo, der den Heiland mit ſeinem Speer in die Seite ſtieß, woraus Blur und Waſſer floß. Der Pomeran' ꝛc. Bugenhagen, ein Freund von Luther, aus Pommern gebuͤrtig⸗ 2 * es erlaubt, die — Oie Gotun Eon. keverwegner Gund. Denn ein Gevot iſt ꝛc. Kaum waren acht Tage verfloſſen, ſeit Luther von Worms abgereiſt f ffffffffffffffffn 13 14 15 16 17 18