Notre-Dame von Paris. Dritter Theil. Frankfurt am Main, 1836. Druck und Verlag von Johann David Sauerländer. Ueuntes Zuch. 1. Das Fieber. Claude Frollo war nicht mehr in Notre⸗Dame, als ſein Adoptivſohn ſo gewaltſam die verhängnißvolle Schlinge durchſchnitt, worin der Archidiakonus ſich ſelbſt und die Zigeunerin gefangen hielt. Als er in die Sakriſtei trat, riß er die Alba, die Stola, den Chormantel ſich heftig vom Leibe, warf ſie dem erſtaunten Küſter in die Hände, entſchlüpfte durch eine Hinterthür des Kloſters und befahl einem Schiffer des Terrains, ihn auf das linke Seine⸗ ufer überzuſetzen. Dort eilte er in die hügeligen Straßen der Univerſität, ohne zu wiſſen, wohin er ging, indem er bei jedem Schritt Männer⸗ und Weibergruppen begeg⸗ nete, die ſich luſtig nach dem Pont St. Michel in der Hoffnung drängten, noch bei Zeiten anzukommen, um die Hexe am Galgen zu ſehen. Er war blaß, raſend, verblendeter und verwirrter, als ein von Kindern am hellen Tage verfolgter Nachtvogel. Er wußte nicht mehr, wo er war, was er dachte, und ob er träumte. Er ging, lief in jede Straße, auf die er zufällig traf, ohne ſie zu wählen; er ſah ſich gleichſam verwirrt, getrieben von dem ſchrecklichen Grèveplatz, von dem er dunkel fühlte, er liege hinter ihm. So ging er den Berg St. Genisve entlang, und verließ endlich die Stadt aus dem Thore St. Viktor. Er fuhr fort, zu fliehen, ſo lange er die Ringmauer der Thürme der Univerſität und die ſeltnen Häuſer der Vorſtadt erblicken konnte; als aber eine Falte des Terrains ihm das verhaßte Paris gänzlich entzogen hatte, als er ſich auf hundert Stunden von der Stadt entfernt, im Felde und in einer Wüſte wähnen konnte, blieb er ſtehen, und es ſchien, als athme er auf. Da drängten ſich furchtbare Gedanken in ſeinem Geiſte. Er durchſchaute ſeine Seele und bebte. Er dachte an das unglückliche Mädchen, das er vernichtete und wodurch er vernichtet ward. Er warf einen verſtörten Blick auf die gewundenen Pfade, worauf das Geſchick ſie beide führte, bis am Durchſchneidungspunkte ſie ſich unerbittlich Beide an einander zerſchmetterten. Er dachte an die Thorheit ſeiner Gelübde für die Ewigkeit, an die Eitelkeit des Wiſſens, der Keuſchheit, der Religion, der Tugend, an die Nutzloſigkeit Gottes. Mit Freude ver⸗ ſank er in böſe Gedanken, und je mehr in ſeinem Her⸗ zen er ſich in ſie vertiefte, vernahm er das Hohnlachen des Satans in ſeinem Herzen. Er grinſ'te noch bitterer, wenn er, ſeine Seele ſo durchwühlend, den weiten Raum erblickte, den in ſeinem Herzen die Natur den Leidenſchaften bereitet hatte. Alle Bosheit, allen Haß regte er tief im Innern auf, und erkannte mit dem kalten Blick eines Arztes, der den Kranken unterſucht, Haß und Bosheit ſei nur verfehlte Liebe; Liebe, die Quelle alles Edlen im Menſchen, wende ſich im Herzen eines Prieſters zum Entſetzlichen; ein Mann, wie er, habe nur zum Teufel werden können, als er die Prieſterweihe empfing. Dann lachte er furcht⸗ bar und ward plötzlich wieder blaß; denn er betrachtete die ſcheuslichſte Seite ſeiner unheilvollen Leidenſchaft, die giftige, nagende, haſſende, unverſöhnliche Liebe, die das Weib nur zum Galgen, ihn ſelbſt zur Hölle führte, für Esmeralda das Todesurtheil, für ihn die ewige Verdammniß. Dann begann er wieder zu lachen; denn er dachte, Phoebus lebe; der Kapitän ſei munter und heiter, trage ein ſchöneres Wamms, wie je, und beſitze eine neue Geliebte, die er hinführe, zu ſchauen, wie die frühere den Tod erleide. Sein Lachen der Verzweiflung ver⸗ doppelte ſich, wenn er bedachte, daß von allen lebenden Weſen, deren Tod er erſtrebte, er nur die Zigeunerin nicht verfehlte, das einzige Geſchöpf, das er nicht haßte. Vom Kapitäan gingen ſeine Gedanken auf das Volk über, und ihn ergriff Eiferſucht unerhörter Art. Er dachte, wie das Volk, das ganze Volk jenes Weib, das er liebte, faſt nackt erblickte. Verzweifelt rang er die Arme bei'm Gedanken, dies Weib, deſſen Geſtalt auch nur im Schatten erſchaut, ihm das höchſte Glück bereitet hätte, ſei am hellen Tage einem ganzen Volke, wie für eine wollüſtige Nacht gekleidet, gezeigt. Er weinte aus Wuth über dies entweihte, befleckte, für immer gewelkte Geheimniß der Liebe. Er weinte aus Wuth, wenn er dachte, wie viel unreine Blicke über dies loſe geknüpfte Hemd ſich freuten; wie das reizende Mädchen, die jung⸗ fräuliche Lilie, der Becher voll Schaam und Entzücken, den er nur zitternd mit den Lippen berührt hätte, zum öffentlichen Napf ward, woraus die niedrigſte Bevölke⸗ rung von Paris, Diebe, Bettler, Lakaien, ein ſchaam⸗ loſes, unreines, geſchändetes Vergnügen ſchöpften. Und wann er dann wieder das Glück zu ahnen ſuchte, das ihm auf der Erde hatte zu Theil werden können, wäre er nicht Prieſter, wäre ſie nicht Zigeunerin, hätte ſie Phoebus nicht erblickt und ihn geliebt; wann er dachte, ein Leben voll Heiterkeit und Liebe ſei auch ihm möglich geweſen; auf der Erde gäbe es hin und wieder glückliche Paare, die bei'm Anblick der Abendſonne oder der geſtirnten Nacht am Ufer der Quellen und in Oran⸗ genhainen, unter ſüßem Geſpräche ſchwelgten; hätte Gott es gewollt, ſo wäre er mit ihr ein geſegnetes Paar geworden. Dann zerſchmolz ſein Herz in Zärtlichkeit und Verzweiflung. Oh!l ſie iſt es! dieſer ſixe Gedanke kehrte folternd ihm unaufhörlich wieder, nagte ihm am Gehirn, und zerſchnitt ſeine Eingeweide. Er empfand keine Reue. Alles, was er gethan, war er bereit, noch einmal zu . vollbringen; ihm war es erwünſchter, ſie unter den Hän⸗ den des Henkers, als denen des Kapitäns, zu erblicken. Doch litt er ſo tiefen Schmerz, daß er oft Büſchel von Haaren ſich ausriß, zu ſehen, ob ſie ergrauten. Da quälte ihn der Gedanke, jetzt ſei vielleicht der Augenblick, wo die ſcheusliche Kette, die er am Morgen erblickte, die ſcheusliche Schleife, den ſchönen, ſchlanken Hals zuſchnürte. Schweiß drang aus allen ſeinen Poren. Dann lachte er wieder teufliſch, wann er bedachte, wie er Esmeralda am erſten Tage heiter, ſorglos, geputzt, tanzend, geflügelt, und an ihrem letzten Tage im Hemd erblickte, wie ſie langſam, mit nackten Füßen, die dop⸗ pelte Leiter des Galgens hinaufſtieg. Dies doppelte Bild dachte er ſich in ſolcher Weiſe, daß er einen furchtbaren Schrei ausſtieß. Während dieſer Orkan der Verzweiflung ſeine Seele zerbrach, zerriß und niederbeugte, beſchaute er rings um ſich die Natur. Zu ſeinen Füßen durchſuchten Hühner pickend ein Geſträuch, ſtrahlende Käfer erhoben ſich zur Sonne, über ſeinem Haupte flohen graue Wolken am Himmel vorüber; die Thurmſpitze der Abtei St. Vik⸗ tor ſtrebte vom ſchiefernen Obelisk empor; ein Müller betrachtete pfeifend, wie die arbeitenden Schwingen ſei⸗ ner Mühle ſich regten. Dies thätige, geordnete, ruhige Leben erweckte auf's Neue ſeinen Schmerz; er ſtürzte weiter. Bis zum Abend durchrannte er das Feld. Dieſe — 10— Flucht vor Natur, Leben, Gott und Menſchen dauerte den Tag hindurch. Bisweilen ſtürzte er mit dem Antlitz zu Boden und wühlte mit den Nägeln das gemporkei⸗ mende Korn aus der Erde. Bisweilen ſtand er in ein⸗ ſamen Dorfgaſſen ſtill; dann nahm er ſein Haupt zwi⸗ ſchen die Hände, ſuchte es von den Schultern zu reißen und auf dem Pflaſter zu zerſchmettern; ſo unerträglich waren ſeine Gedanken. Als die Sonne unterging, überdachte er ſeine Stim⸗ mung und fühlte ſich dem Wahnſinn nahe. Der Sturm, der in ihm von dem Augenblick an wüthete, wo er Hoff⸗ nung und Willen, die Zigeunerin zu retten, verloren hatte, ließ ihm nicht einen ruhigen und geſunden Gedanken. Seine Vernunft war faſt gänzlich untergraben; in ſei⸗ nem Geiſte weilten nur zwei deutliche Bilder, Esme⸗ ralda und der Galgen; Alles andere war verdunkelt. Beide Vorſtellungen zeigten ihm eine furchtbare Gruppe; je feſter er hierauf alle ihm noch übrige Denkungskraft heftete, ſtieg in phantaſtiſcher Progreſſion der Reiz⸗ die Schönheit, das Licht der Einen, die Schrecken des Anderen; ſo daß Esmeralda ihm zuletzt wie ein Stern, der Galgen wie ein ungeheurer, fleiſchloſer Arm erſchien. Es iſt bemerkenswerth, daß der Unglückliche wäh⸗ rend dieſer Folter nie ernſtlich daran dachte, ſich ſelbſt zu tödten. So war ſein Charakter; er hing am Leben; vielleicht ſchaute er wirklich die Hölle jenſeits der Gränze ſeines irdiſchen Daſeins. — 11— Es ward immer dunkler. Das ihm noch verblie⸗ bene Lebensgefühl mahnte ihn an die Rückkehr. Er wähnte von Paris weit entfernt zu ſein, fand aber, als er ſich orientirte, daß er nur die Ringmauer der Uni⸗ verſität umwandelt hatte. Rechts ſchaute er fern die Thurmſpitze von St. Sulpice, und die drei ſchlanken Thürme von St. Germain⸗des⸗Près. Als er rings um die zackige Mauer von St. Germain das„wer da!“ der Waffenleute des Abtes vernahm, wandte er ſich hinweg, und ſchlug einen Fußweg ein, der ihn in wenigen Augen⸗ blicken zum Saume des Pré⸗aux⸗Cleres führte. Dieſe Wieſe war berühmt durch den Lärm, der Tag und Nacht hier herrſchte; ſte war die Hydra der armen Mönche von St. Germain: Quod monachis St. Germani pra- tensis hydra fait, clericis nova semper dissidiorum capita suscitantibus. Der Archidiaconus beſorgte, hier Jemanden zu begegnen; er ſcheute ſich vor jeglichem Menſchenantlitz; die Univerſität, die Vorſtadt St. Ger⸗ main hatte er vermieden, und wollte nur ſo ſpät als möglich in die Straßen zurückkehren. Er ging die Wieſe entlang, ſchlug den einſamen Fußweg ein, der ſie von Dieu⸗Neuf trennte, und gelangte endlich zum Seine⸗ Ufer. Dort fand Claude einen Schiffer, der für einige Deniers Pariſis ihn bis zur Spitze der Cité die Seine hinauffuhr, und an der einſamen Erdzunge aufs Land ſetzte, die ſich parallel mit der Inſel des Kuhhirten über die Gärten des Königs hinauszog, und wo der Leſer Gringoire ſchon träumen geſehen hat. Das einförmige Schaukeln des Kahnes und das Brauſen des Waſſers hatten den unglücklichen Claude einigermaßen betäubt. Als der Schiffer zurückfuhr, ſtand er ſtumpfen Sinnes auf dem ſandigen Ufer und erblickte die ihn umringenden Gegenſtände nur durch vergrößernde Schwingungen, die ihm eine Art Phantasmagorie aus dem Ganzen bildeten. Die Ermüdung eines heftigen Schmerzes äußert häufig die Wirkung auf den Geiſt. Die Sonne war hinter dem Thurm von Nesle verſchwunden, das Dämmerlicht begann. Der Himmel und die Fluth des Stromes ſtrahlte in weißem Schein. Zwiſchen dem weißlichen Glanz beider ſtreckte das linke Seineufer, worauf er den Blick geheftet hielt, ſeine düſtere, durch die Perſpektive immer mehr verminderte Maſſe hin, und drang in den Nebel des Horizontes wie ein ſchwarzer Pfeil. Es war mit Häuſern bedeckt, von denen man nur den dunklen, durch das Schwarz geho⸗ benen Schattenriß auf dem hellen Grunde des Himmels und des Waſſers bemerkte. Wie Löcher eines Gluth⸗ ofens begannen Fenſter hin und wieder zu funkeln. Die⸗ ſer lang geſtreckte dunkle Obelisk zwiſchen den weißern Tüchern des Himmels und des Fluſſes, der an dieſer Stelle ziemlich breit iſt, machten auf Claude einen ſon⸗ derbaren Eindruck, vergleichbar dem Gefühle eines Men⸗ ſchen, der am Fuß des Strasburger Münſters, auf dem Rücken hingeſtreckt, den ungeheuren Thurm in den Schatten der Dämmerung ſich verlieren ſieht. Claude — 13— ſtand zwar aufrecht, und der Obelisk lag hingeſtreckt; wie aber der Fluß im Reflex des Himmels den Abgrund unter ihm verlängerte, ſchien das ungeheure Vorgebirge eben ſo kühn in die Leere hingeſchleudert, und der Ein⸗ druck blieb derſelbe. Der Eindruck war um ſo tiefer, da der Obelisk einem Strasburger Münſter von zwei Stunden glich; da er ein Unmeßbares, Rieſenhaftes, ein Bau, wie noch kein Menſchenauge ihn geſehen, zu ſein ſchien. Die Kamine der Häuſer, die Zinnen der Mauern, der Nesle⸗Thurm, alle hervorſpringenden Punkte, die den koloſſalen Obelisk durchbrachen, vermehrten die Täu⸗ ſchung, und ſpiegelten dem Auge Ausſchnitte einer buſchi⸗ gen und phantaſtiſchen Skulptur. Claude im Zuſtand ſeiner Fieberphantaſieen wähnte mit lebenden Augen den Thurm der Hölle zu ſchauen; die tauſend aus ihm ſchim⸗ mernden Lichter ſchienen ihm Löcher des ungeheuren, inneren Ofens; ferne Stimmen und Lärm erklangen ihm wie Angſtgeſchrei und Röcheln. Er bebte, hielt die Hand an die Ohren, um nichts mehr zu hören, wandte den Rücken, um nichts mehr zu ſehen, und ſuchte ſchnell der furchtbaren Erſcheinung zu entfliehen. Allein die Erſcheinung war in ihm. Als er die Straßen wieder betrat, erſchienen ihm die Vorüber⸗ gehenden, die bei'm Schein der Kaufmannsläden ſich drängten, als hin⸗ und herwandelnde Geſpenſter. Son⸗ derbares Geräuſch ſchwirrte ihm in den Ohren, ſonder⸗ bare Phantaſteen verwirrten ſeine Gedanken. Er ſah — 14— weder Häuſer, noch Wagen, noch das Pflaſter, noch Männer und Frauen, ſondern nur ein Chaos verwirrter Gegenſtände, deren Umriſſe in einander verſchwammen. An einer Straßenecke lag ein Gewürzladen, deſſen Schirm⸗ dach nach undenklichem Gebrauch rings mit blanken eiſer⸗ nen Reifen beſetzt war, woran im Kreiſe hölzerne Lichter hingen und im Winde wie Kaſtagnetten klapperten. Er glaubte, im Dunkel das Bündel der Skelette von Mont⸗ faucon klappern zu hören. „Oh!“ murmelte er,„der Nachtwind ſchlägt ſie an einander und miſcht das Klappern ihrer Knochen mit dem Klirren der Ketten. Vielleicht hängt auch ſie hier!“ Betäubt wußte er nicht mehr, wohin er ging. Nach einigen Schritten ſtand er auf der Brücke St. Michel. Vor einem Fenſter im Erdgeſchoß ſtand ein Licht; er trat heran. Durch die zerbrochenen Scheiben ſah er in ein ſchmutziges Zimmer, das eine dunkle Erinnerung ihm erweckte. In dieſem, nur matt durch eine Lampe erleuch⸗ teten Zimmer ſaß ein blonder, friſcher Jüngling mit heiterem Geſicht, der ein lüſtern gekleidetes Mädchen unter lautem Lachen umarmte; neben der Lampe ſaß ein altes Weib, die mit mäckernder Stimme ſang. Da der junge Mann nicht fortwährend lachte, ſo hörte der Prieſter bruchſtückweiſe den Geſang der Alten. Wimmle, Grove⸗Platz, und lärme, Trag' des Volkes dichte Schwärme, Während du, mein Rocken, ſchön Fäden ſpinnſt, den Strick zu drehn; Wimmle, Groéve⸗Platz, und lärme. — 15— Oh, von Hanf, ihr lieben Seile! Leute, ſtreut auf manche Meile Statt des Korns des Hanfes Saat! Diebe wiſſen doch nicht Rath, Zu entwenden Galgenſeile. Wimmle, Gréve⸗Platz, gedrängt! Wird ein lieblich Kind gehängt, Schön, den ſchmier'gen Galgen ſchmücken, Sind die Fenſter voll von Blicken; Wimmle, Gréve⸗Platz, gedrängt! Der junge Mann lachte und liebkoſte das Mädchen. Die Alte war die Falourdel, das Mädchen eine Diene⸗ rin der Freude, der Jüngling Claude's Bruder Jehan. Claude fuhr fort zuzuſchauen. Bei jedem Schau⸗ ſpiel, das ſich dargeboten hatte, würde er daſſelbe gethan haben. Er ſah, wie Jehan ein Fenſter hinten im Zimmer offnete, einen Blick auf den Kai warf, wo tauſend erleuch⸗ tete Fenſter in der Ferne blinkten, es wieder zuſchlug und ſagte:„Bei meiner Seele! die Nacht fängt an. Die Bürger zünden ihre Lichter und Gott ſeine Himmels⸗ lampen an.“ Dann kehrte er zum Freudenmädchen zurück, zerbrach eine auf dem Tiſch ſtehende Flaſche und rief aus: „Schon leer! Beim Teufel! Ich habe kein Geld mehr! Iſabeau, meine Liebe, ich bin nicht eher mit Jupiter zufrieden, als bis er deine weißen Brüſte in zwei ſchwarze Flaſchen verwandelt hat, aus denen ich Tag und Nacht Beaune⸗Wein trinken kann.“ — 16— Das Mädchen lachte über den ſchönen Scherz, und Jehan trat aus dem Hauſe. Der Archidiakonus hatte kaum Zeit, ſich zu Boden zu werfen, um von ſeinem Bruder, der ihm grade entgegentrat, nicht erkannt zu werden. Glücklicher Weiſe war die Straße dunkel und der Student betrunken. Dieſer bemerkte dennoch den Archidiakonus, wie er auf dem Pflaſter lag.„Oh, oh! rief er aus,„der hat luſtig gelebt!“ Dann ſtieß er Dom Claude, der den Athem anhielt, mit dem Fuß.„Gänzlich betrunken, regungslos,“ meinte Jehan.„Ein Blutigel, der vom Faß gefallen iſt. Er iſt ein Kahlkopf, ein Greis. Fortunate senex!“ Jetzt hörte Dom Claude, wie er ſich mit den Wor⸗ ten entfernte:„Die Vernunft iſt doch etwas ſehr Schö⸗ nes! Mein Bruder, der Archidiakonus, iſt doch ſehr glücklich, Vernunft und Geld zu beſitzen!“ Da ſtand der Archidiakonus auf und rannte auf Notre⸗Dame zu, deren ungeheure Thürme er im Schat⸗ ten über die Häuſer emporragen ſah. Als er keuchend auf den Vorplatz gelangte, fuhr er zurück und wagte die Augen auf das unheilvolle Gebäude nicht zu erheben. „Ach!“ ſprach er leiſe,„ſo Furchtbares iſt heute morgen hier wirklich vorgegangen?“ Dann wagte er, einen Blick auf die Kirche zu wer⸗ fen. Die Fagade war düſter; der Himmel ſtrahlte hinter ihm von Sternen. Die Mondſcheibe, die am Himmel daher zog, befand ſich in dem Augenblick am Gipfel des — 17— Thurmes rechts, und ſchien, wie ein leuchtender Vogel, am Rande des mit ſchwarzen Kreuzen durchſchnittenen Geländers zu ſitzen. Das Thor des Kloſters war verſchloſſen. Stets aber trug der Archidiakonus den Schlüſſel des Thurmes, worin ſein Laboratorium war, bei ſich. Er ſchloß die Kirche auf. Dort fand er das Dunkel und das Schweigen einer Höhle. Im dichten Schatten ſah er jedoch, daß die Ge⸗ wänder der Ceremonie des Morgens noch nicht entfernt waren. Das große ſilberne Kreuz ſchimmerte noch auf dem ſchwarzen Tuch, gleich der Milchſtraße am Nacht⸗ himmel, die langen Fenſter des Chors zeigten über dem ſchwarzen Gewande die obere Spitze ihrer Bogenfenſter, deren Gläſer, von einem Mondesſtrahl durchdrungen, nur die zweifelhaften Farben der Nacht eine Art Vöpoolett, Weiß und Blau zeigten, die man ſonſt nur auf Leichen⸗ geſichtern bemerkt. Der Archidiakonus, als er ringsum die bleichen Spitzen der Bogenfenſter ſchaute, wähnte die Mitren der zur Hölle verdammten Biſchöfe zu erblicken. Er ſchloß die Augen, und als er ſie wieder öffnete, ſchien es ihm, als beſchaue ihn ein Kreis blaſſer Geſichter. Er floh durch die Kathedrale. Da ſchien es ihm, als bewege und belebe ſich, als ſchwanke die Kirche, jegliche Säule ſchlage wie mit Klauen in den ſteinernen Grund, die gigantiſche Kathedrale werde zum wunder⸗ baren Elephanten, der mit ſeinen Pfeilern wie mit Füßen XV. 2 — 18— wandle, die Thürme wie den Rüſſel ausſtrecke, und dem das große ſchwarze Tuch zur Decke diene. Das Fieber oder der Wahnſinn war auf ſolche Höhe geſtiegen, daß die ganze äußere Welt dem Unglücklichen nur zur ſichtbaren, furchtbaren, berührbaren Apokalypſe ward. Für einen Augenblick fühlte er Erleichterung. Als er unter die Seitenſäulen trat, bemerkte er hinter Pfei⸗ lern ein röthliches Licht. Er eilte darauf zu, als wär's ein Stern. Es war eine ärmliche Lampe, die Tag und Nacht das öffentliche Breviarium von Notre⸗Dame hinter ehernem Gitter erleuchtete. Begierig ſtürzte er auf das heilige Buch zu; denn er hoffte, in ihm Troſt und Ermuthigung zu finden. Das Buch war bei einer Stelle Hiob's aufgeſchlagen, welche ſein ſtarrer Blick durchlief:„Ein Geiſt fuhr an meinem Antlitz vorüber, ich hörte ſeinen Hauch, und mein Haar ſträubte ſich empor.“ Als er die düſtern Worte las, empfand er das Ge⸗ fühl eines Blinden, der Stacheln am Stabe fühlt, den er aufnahm. Seine Kniee wankten, er ſank auf's Pflaſter und dachte an die, welche an dem Tage geſtorben war. Er fühlte, wie ſo viel ungeheure Dünſte durch ſein Ge⸗ hirn zogen, daß ſein Kopf ihm ein Schornſtein der Hölle zu werden ſchien. Wahrſcheinlich blieb er lange in dieſer Lage, unfähig zu denken und unter der Hand des Teufels gleichſam verſunken. Endlüch raffte er einige Kräfte zuſammen und — 19— faßte den Gedanken, zu ſeinem treuen Quaſimodo in den Thurm zu fliehen. Er ſtand auf, und da er Furcht em⸗ pfand, nahm er, um ſich auf dem Wege zu leuchten, die Lampe des Breviariums. Dies galt für Schändung des Heiligthums; doch er kümmerte ſich jetzt nicht um ſolche Kleinigkeit. Langſam, voll geheimen Schauders, der ſogar die wenigen auf dem Vorplatz Vorüberwandelnden ergriff, als ſie das geheimnißvolle Licht von Luke zu Luke im Thurm emporſteigen ſahen, wandelte er die Treppe hinauf. Plötzlich empfand er die Friſche des Luftzugs auf ſeinem Geſicht und ſtand unter dem Thore der höchſten Galerie. Die Luft war kalt, an dem Himmel zogen Wolken vorüber, deren breite weißliche Streifen über einander herfuhren und an den Winkeln ſich ſtießen, ſo daß ſie dem Eisgang eines Fluſſes im Winter glichen. Die Mondſcheibe, in der Mitte der Wolken gleichſam ſtrandend, ſchien ein Schiff des Himmels unter Schollen der Luft. Err ſenkte den Blick, beſchaute einen Augenblick durch das Gitter von Säulchen, welches beide Thürme vereint, durch einen Flor von Nebel und Rauch, die ſchweigende Maſſe der ſpitzen, zahlreichen Dächer von Paris, wie ſie gedrängt und klein dem ſanftwogenden Meer einer Som⸗ mernacht glichen. Der Mond warf ſchwache Strahlen darüber hin, ſo daß Himmel und Erde eine Aſchenfärbung erlangten. 7 2*ℳ 2 — 20— In dem Augenblick ertönte die ſchrillende Stimme der Glocke. Es ſchlug zwölf. Der Prieſter dachte an zwölf Uhr Mittags.„Oh,“ ſprach er leiſe,„jetzt wird ſie kalt ſein!“ Plötzlich löſchte ein Windſtoß ſeine Lampe und zugleich ſah er an der entgegengeſetzten Seite der Galerie eine weiße weibliche Erſcheinung. Er zitterte. Neben dem Mädchen ſtand eine kleine Ziege, die ihr Mäckern mit dem letzten Schlage der Thurmuhr miſchte. Er beſaß noch die Kraft, hinzuſchauen. Sie war es; blaß und düſter; ihr Haar umflog, wie am Morgen, ihre Schultern. Doch um den Hals war kein Strick geſchlun⸗ gen, ihre Hände waren frei; ſie ſchien ihm frei und todt. Ihr Kleid war weiß, und ein weißer Schleier floß von ihrem Haupte hinab. Langſam, den Blick zum Himmel gewandt, ging ſie auf ihn zu. Ihr folgte die wunderbare Ziege. Er fühlte ſich verſteinert, ſo daß es ihm unmöglich ward, zu fliehen. Bei jeglichem ihrer Schritte, mit dem ſie vorwärts trat, trat er einen Schritt zurück. So kam er in das dunkle Gewölbe der Treppe. Erſtarrt ward er durch den Gedanken, auch ſie werde ihm hierhin folgen; hätte ſie dies gethan, wäre er vor Schrecken geſtorben. Wirklich trat ſie zur Thür der Treppe, verweilte dort einen Augenblick, blickte ſtarr in's Dunkel, allein ohne, wie es ſchien, den Prieſter zu ſehn, und ging vor⸗ uͤber. Sie ſchien ihm größer, als während ihres Lebens; durch ihr weißes Kleid erblickte er den Mond und hörte ihren Athem. Als ſie vorüber war, ſtieg er mit der Langſamkeit, wie der beim Geſpenſte geſehn, die Treppe hinab; ſeine Haare ſträubten ſich; die erloſchene Lampe hielt er in der Hand. Und wie er die Spiraltreppe hinabwandelte, vernahm er deutlich eine höhnende Stimme, die ihm zuflüſterte:„Ein Geiſt zog vor meinem Antlitz vorüber, ich vernahm ſeinen Hauch, und es ſträubte ſi ch mein Haar.“ 2. Bucklig. Einäugig. Hinkend. Jegliche Stadt im Mittelalter und bis auf Lud⸗ wig XII., jegliche Stadt in Frankreich beſaß ihre Frei⸗ ſtatt. In der Fluth der Strafgeſetze und der barbariſchen Gerichte, welche die Stadt überſchwemmte, waren es Inſeln, die über dem Strom menſchlicher Gerechtigkeit emporragten. Jeglicher Verbrecher, der ſie betrat, war gerettet. In einem Weichbild befanden ſich ſogar beinah eben ſo viele Freiſtätten, als Galgen. Auf der einen Seite ſah man Mißbrauch der Ungeſtraftheit, auf der andern Mißbrauch der Strafen, als ſtrebten beide Miß⸗ bräuche, ſich auszugleichen. Königliche Paläſte, Hotels der Prinzen, beſonders aber Kirchen beſaßen das Recht der Freiſtatt. Wollte man bisweilen eine ganze Stadt wieder bevölkern, ernannte man ſie zu Freiſtätten. So ernannte Ludwig XI. 1487 Paris zum Aſyl. — 22— Sobald der Verbrecher die Freiſtatt einmal betreten hatte, war er geheiligt; er mußte ſich aber hüten, ſie zu verlaſſen; ein Schritt außer dem Heiligthum ſtürzte ihn wieder in die Wellen. Rad und Galgen bewachten das Heiligthum ſehr ſcharf und lauerten ſtets auf ihre Beute, wie Haifiſche ein Schiff umſchwärmen. Man ſah Verurtheilte, welche im Kloſter, auf der Treppe eines Palaſtes, in dem Garten einer Abtei, unter der Halle eines Palaſtes Greiſe wurden; ſo ward denn auch die Freiſtatt zum Gefängniß, wie jedes andre. Bisweilen verletzte auch ein feierliches Urtheil des Parlaments die Freiſtatt und überlieferte den Verurtheilten dem Henker; doch dies ereignete ſich ſelten. Die Parlamente ſcheuten ſich vor den Biſchöfen; denn trafen beide Roben hart an einander, ſo hatte der Advokaten⸗Rock mit dem Chor⸗ kleide kein gleiches Spiel. Bisweilen jedoch, wie ſich dies in der Angelegenheit der Mörder des Henkers von Paris, Petit⸗Jean, und in der des Emery Rouſſeau, des Mör⸗ ders von Jean Vallerie, ereignete, überſprang die Ge⸗ rechtigkeit die Schranken der Kirche und ſchritt zur Voll⸗ ſtreckung ihres Richterſpruchs; aber wehe dem, welcher mit bewaffneter Hand eine Freiſtatt verletzte, wenn we⸗ nigſtens nicht ein Spruch des Parlaments vorhanden war! Man kennt den Tod von Robert von Clermont, Marſchall von Frankreich, und Jean von Chälons, Mar⸗ ſchall von Champagne, und dennoch handelte es ſich nur um einen elenden Mörder, einen gewiſſen Perrin Mare, — 23— den Diener eines Wechslers. Allein die beiden Mar⸗ ſchalle hatten die Thore von St. Mery erbrochen, und darin beſtand das unerhörte Verbrechen. Jede Freiſtatt ward von ſolcher Achtung umgeben, daß dieſe nach der Tradition ſich ſogar bis auf die Thiere erſtreckte. Aymoin erzählt, ein von Dagobert gejagter Hirſch habe ſich in die Kapelle des heiligen Dionys geflüch⸗ tet, und die Meute ſei plötzlich bellend ſtill geſtanden. Die Kirchen hatten in der Regel ein Kammerchen, die Geflüchteten aufzunehmen. So ließ Nicolas Flamel unter den Gewölben von St. Jacques de la Boucherie ein kleines Zimmer bauen, das ihn vier Livres, ſechs Sols, ſechzehn Deniers Pariſis koſtete. In Notre⸗Dame war dies eine kleine Zelle oben am Seitengang unter den Gewölbpfeilern, grade da, wo die Frau des Thurm⸗ ſchließers gegenwärtig ſich einen Garten angebaut hat, der ſich zu den hängenden Gärten Babylons eben ſo verhält, wie ein Lattich zum Palmbaum, eine Thürhüte⸗ rin zur Semiramis. Dort hatte Quaſimodo nach ſeinem triumphirenden Lauf um Galerien und Thürme Esmeralda niedergelegt. So lange der Lauf dauerte, hatte das Mädchen nicht zur Beſinnung kommen können; halb ſchlafend, halb wachend fühlte ſie nur, daß ſie emporſtieg, in der Luft ſchwebte und flog, kurz, daß etwas ſie über die Erde erhob. Von Zeit zu Zeit traf das laute Lachen, die brauſende Stimme Quaſimodo's ihr Ohr: dann ſchlug ſie die Augen auf und — 24— ſah ein verwirrtes Bild der tauſend Schiefer⸗ und Ziegel⸗ dächer von Paris wie ein rothes und blaues Moſaik, und über ihrem Haupte die entzückte, erſchreckende Geſtalt Quaſimodo's. Ihre Augenwimperu ſchloſſen ſich wieder, ſie wähnte, Alles ſei vorbei, ſie ſei hingerichtet und der mißgeſtaltete Geiſt, der ihr Geſchick geleitet, habe ſie wie⸗ der ergriffen und entführt. Sie wagte ihn nicht anzu⸗ ſchauen, und ließ ſich forttragen. Als aber der Glockenläuter, keuchend und mit zer⸗ zauſten Haaren, ſie in die Zelle der Freiſtatt niederge⸗ legt hatte, als ſie empfand, wie ſeine groben Hände ſanft den Strick löſten, der ihren Arm verwundete, empfand ſie einen ſolchen Stoß, wie ſchlafende Reiſende auf einem Schiff in dunkler Nacht plötzlich erweckt wer⸗ den, wenn jenes an's Ufer ſtößt. Auch ihre Gedanken erwachten und kehrten allmählig wieder. Sie ſah, wo ſie war, erinnerte ſich, den Händen des Henkers entriſ⸗ ſen zu ſein, Phoebus lebe und liebe ſie nicht mehr; beide Gedanken, wobei der eine zu viel Bitterkeit über den andern ausgoß, drängten ſich zuſammen der Verurtheil⸗ ten auf; ſie wandte ſich zu Quaſimodo, der vor ihr ſtand, und vor dem ſie ſich ſcheute, mit den Worten: „Warum habt Ihr mich gerettet?“ Er betrachtete ſie mit ängſtlichem Blick, als ſuche er zu errathen, was ſie ihm ſagte. Sie wiederholte die Frage; da warf er ihr einen Blick des tiefſten Schmer⸗ zes zu und entfloh. Sie erſtaunte. — 25— Nach einigen Augenblicken kehrte er mit einem Bun⸗ del zurück, und warf ihr dies hin. Es waren Kleider, welche von barmherzigen Frauen für ſie auf der Schwelle der Kirche niedergelegt waren. Sie ſenkte die Augen, ſah ſich faſt nackt und erröthete. Das Leben kehrte zu ihr zurück. Quaſtmodo ſchien etwas von dieſer Scham zu empfin⸗ den. Mit ſeiner breiten Hand bedeckte er die Augen und entfernte ſich, aber diesmal mit langſamen Schritten. Schnell legte ſie die Kleider an. Dieſe beſtanden aus einem Novizen⸗Gewande des Hotel⸗Dieu, aus einem weißen Anzug mit dem weißen Schleier. Kaum war ſte hiermit fertig, als Quaſimodo wieder hereintrat. Unter dem einen Arm trug er einen Korb, und unter dem andern eine Matrazze. Im Korbe lag eine Weinflaſche, einige Nahrungsmittel mit Brod. Er ſtellte den Korb auf den Boden und ſprach:„Eßt!“— Er breitete die Matrazze aus und ſprach:„Schlaft!“— Der Glocken⸗ läuter hatte ihr ſein eigenes Mahl und ſein eigenes Bett gebracht. Die Zigeunerin ſchlug die Augen auf, ihm zu dan⸗ ken, konnte aber kein Wort hervorbringen. Der arme Teufel hatte wirklich ein furchtbares Aeußere. Sie ſenkte den Kopf mit einem Zittern des Schauders. Da ſagte er:„Ich erwecke Euch Furcht, nicht wahr? Ich bin ſehr häßlich. Schaut mich nicht an, hört nur, was ich ſage. Am Tage müßt Ihr hier bleiben, des — 26— Machts könnt Ihr in der Kirche umherwandeln. Ver⸗ laßt ſie aber nie, ſonſt würde man Euch tödten und ich müßte ſterben.“ Gerührt erhob ſie das Haupt, ihm zu antworten; er war verſchwunden. Sie war allein und verſank, erſtaunt über die rauhe und doch ſo ſanfte Stimme, in Nachſinnen über die ſonderbaren Worte des faſt un⸗ menſchlich gebildeten Weſens. Dann unterſuchte ſie ihre Zelle. Dies war ein Kämmerchen von ungefähr ſechs Quadratfuß mit einer Luke und einer Thür in der leicht ſich neigenden Fläche des Dachs von Steinplatten. Mehrere Rinnen mit Thiergeſtalten ſchienen ſich zur Zelle zu nei⸗ gen und den Hals auszuſtrecken, um in die Luke zu ſehen. Am Rande des Dachs erblickte ſie die Spitzen von tau⸗ ſend Schornſteinen, welche den Rauch aller Feuer von Paris bis zu ihren Augen emportrugen. Welch ein trau⸗ riges Schauſpiel für eine arme Zigeunerin, ein Findel⸗ kind, ein unglückliches zum Tode verurtheiltes Geſchöpf ohne Vaterland, Familie und Heerd! Im Augenblick, wo der Gedanke ihres verlaſſenen einzeln ſtehenden Zuſtandes quälender als je erſchien, fühlte ſie, wie ein zotiger und bärtiger Kopf zwiſchen ihre Hände und unter ihre Kniee ſchlüpfte. Sie zitterte, denn jetzt erſchrak ſie über Alles, und blickte hin. Es war die arme Ziege, die behende Djali, welche in dem Augenblick entwiſcht war, wo Quaſimodo Charmolue's Brigade zerſtreute. Schon beinahe eine Stunde lag ſie — 27— liebkoſend auf den Füßen ihrer Gebieterin, ohne nur einen Blick von ihr zu erhaſchen. Die Zigeunerin bedeckte ſie aber jetzt mit Küſſen.„O Djali,“ ſprach ſie,„wie hatt' ich dich vergeſſen! Du denkſt noch immer an mich! Du biſt nicht undankbar!“= Als ob eine unſichtbare Hand das Gewicht abgenommen, welches ſo lang ihr Herz erdrückte, begann ſie darauf zu weinen, und empfand, je mehr ihre Thränen floſſen, das Bittre und Nagende ihres Schmerzes entſchwinde immer mehr und mehr. Als der Abend einbrach, ſchien ihr die Nacht ſo ſchön, die Strahlen des Mondes ſo ſanft zu ſein, daß ſie die hohe Galerie umwandelte, welche die Kirche um⸗ gibt. Sie fand einige Erleichterung ihres Kummers, ſo ruhig erſchien ihr die Erde, von ſolcher Höhe aus geſehen. 3, Taub. Am nächſten Morgen bemerkte ſie bei'm Erwachen, ſie habe geſchlafen. Sie erſtaunte, denn ſchon lange hatte ſie ſich des Schlafes entwöhnt. Ein heiterer Sonnen⸗ ſtrahl fiel durch die Luke auf ihr Geſicht. Zugleich aber mit dem Sonnenſchein bemerkte ſie an der Luke eine Erſcheinung, worüber ſie erſchrak, Quaſimodo's unglück⸗ liche Geſtalt. Unwillkuhrlich ſchloß ſie die Augen, aber dies war vergeblich; durch ihre roſigen Wimpern wähnte ſie ſteis die zahnlückige, einäugige Gnomenmaske zu er⸗ blicken. Da vernahm ſie, indem ſie noch immer die Augen ſchloß, eine rauhe Stimme, die mit ſehr ſanftem — 28— Ausdruck ſprach:„Fürchtet Euch nicht, ich bin Euer Freund; ich kam, Euch ſchlafen zu ſehen. Nicht wahr, das kränkt Euch nicht? Es iſt Euch gewiß nicht wider⸗ lich, wenn ich Euch ſchlafen ſehe? Ihr ſchließt ja dann die Augen. Jetzt gehe ich. Seht, ich ſtehe hinter der Mauer. Ihr könnt die Augen wieder aufſchlagen.“ In dem Tone, womit die Worte ausgeſprochen wur⸗ den, lag eine noch tiefere Klage. Gerührt öffnete die Zigeunerin ihre Augen; er war wirklich an der Luke verſchwunden. Sie trat heran und ſah, wie der arme Bucklige in einer Ecke an der Mauer voll Schmerz und in ſein Schickſal ergeben kauerte. Mit Gewalt über⸗ wand ſie den Abſcheu, den er ihr einflößte.„Kommt,“ ſprach ſie ſanft. Quaſimodo glaubte, als ſie ihre Lippen bewegte, ſie wolle ihn fortjagen, ſtand auf, entfernte ſich langſam hinkend, mit geſenktem Haupt, und wagte ſeinen Blick voll Verzweiflung nicht einmal zur Zigeunerin auf⸗ zuſchlagen.„Kommt,“ rief ſie lauter; er aber fuhr fort ſich zu entfernen. Da ſtürzte ſie aus der Zelle, lief auf ihn zu und faßte ihn bei'm Arme. Quaſimodo, wie er ihre Berührung fühlte, zitterte an allen Gliedern. Er ſchlug ſein bittendes Auge auf, und da er ſah, daß ſie ihn zu ſich zurückführte, ſtrahlte ſein Antlitz von Freude und Zärtlichkeit. Sie wollte ihn in ihre Zelle führen, allein er blieb auf der Schwelle ſtehen.„Nein, nein,“ ſprach er,„der Uhu darf nicht in das Neſt der Lerche.“ Dann ſetzte ſie ſich anmuthig auf ihr Lager. Die Ziege ſchlief zu ihren Füßen. Beide blieben einen Augen⸗ blick unbeweglich und betrachteten ſchweigend, er ſo viel Schönheit, ſie ſo große Entſtellung. Mit jedem Augen⸗ blick entdeckte ſie an Quaſtmodo eine neue Mißgeſtaltung. Ihr Blick ſtieg von den gebogenen Knien zum buckligen Rücken, vom buckligen Rücken zum einzigen Auge. Sie konnte kaum glauben, daß ſolche Mißgeſtalt wirklich lebte. Ueber dieſe war aber ſo viel Schmerz und Sanftmuth verbreitet, daß ſie anfing ſich daran zu gewöhnen. Er brach zuerſt das Schweigen.„Ihr ſagtet mir alſo, ich ſollte zu Euch kommen?“ Sie winkte mit dem Kopfe und ſprach:„Ja.“ Er verſtand das Zeichen. „Ach,“ ſprach er, als trage er Bedenken, Alles zu ſagen, „ich bin,.. ich bin taub.“—„Armer Mann!“ rief die Zigeunerin mit dem Ausdruck des wohlwollenden Mitleids. Er lächelte ſchmerzlich.„Nicht wahr, Ihr ſagtet, mir fehlte das ganz allein? Ja, ich bin taub. So bin ich geſchaffen. Nicht war, wie furchtbar! und Ihr ſeid ſo ſchön.“ In dem Ton des Unglücklichen lag ein ſo tiefes Gefühl ſeines Elends, daß ſie alle Kraft verlor, noch ein Wort zu ſprechen. Er hätte es auch nicht gehört. Er fuhr fort: „Noch nie habe ich meine Mißgeſtalt wie jetzt gefühlt. Vergleiche ich mich mit Euch, fühle ich Mitleid mit mir, dem armen Wechſelbalg. Ja, ja, das bin ich! Nicht wahr, bei Euch mach' ich einen Eindruck wie ein — 30— Thier. Ihr ſeid ein Sonnenſtrahl, ein Tropfen Thau und Vogellied!— Ich bin ein Scheuſal, weder Menſch noch Thier, noch etwas Härteres, mit Füßen getreten, häßlicher als ein Kieſelſtein.“ Er lachte laut, und ſein Lachen war herzzerreißend. Dann fuhr er fort: „Ja ich bin taub, aber Ihr könnt mit mir in Zeichen ſprechen. Mein Herr ſpricht ſo mit mir. Auch ahne ich Euren Willen an Eurem Blick, an der Bewegung Eurer Lippen.“—„Nun,“ fragte ſie lachelnd,„warum habt Ihr mich denn gerettet?“ Er ſchaute ihr, waͤhrend ſie ſo ſprach, mit Aufmerk⸗ ſamkeit in's Geſicht.„Ich verſtehe Euch,“ erwiederte er;„Ihr wollt wiſſen, weßhalb ich Euch rettete. Ihr habt den Elenden vergeſſen, der Euch einſt in einer Nacht zu entführen ſuchte, und dem Ihr ſelbſt am folgenden Tage an jenem ſchändlichen Schandpfahl Hülfe brachtet. Für den Tropfen Waſſer und für das wenige Mitleid will ich Euch mit meinem Leben vergelten. Ihr vergaßt den Unglücklichen, er erinnerte ſich Eurer.“ Sie hörte ihn mit tiefer Rührung. Eine Thräne glänzte im Auge des Glockenlauters; es ſchien aber, als ſei es ihm Ehrenſache, die Thräne zurückzudrängen. „Hört,“ begann er wieder, als er nicht länger beſorgte, die Thräne möchte ihm aus den Augen rollen,„die Thürme da ſind hoch, wer hinabſtürzt, iſt todt, bevor er das Pflaſter berührt; wollt Ihr, daß ich hinabſtürze, — 31— ſo genügt ein Blick, Ihr braucht nicht einmal ein Wort zu reden.“ Dann ſtand er auf. So unglücklich die Zigeunerin auch war, erweckte dies ſonderbare Weſen dennoch ihr Mitleid. Sie gab ihm ein Zeichen zu bleiben.„Nein, nein,“ ſprach er,„ich darf nicht zu lange bleiben; hier fühle ich mich nicht behaglich. Nur aus Mitleid wendet Ihr nicht die Augen von mir ab. Ich werde irgend wohin gehn, wo ich Euch ſehe, ohne daß Ihr mich erblickt. Das iſt am Beſten.“ Er zog aus ſeiner Taſche eine kleine Metallpfeife. „Nehmt ſie,“ ſprach er;„bedurft Ihr meiner, und wollt, daß ich komme, fühlt Ihr nicht zu großen Schauder, mich zu erblicken, ſo pfeift; den Laut kann ich hören.“ Er legte die Pfeife auf den Boden und entfloh. 4. Steingut und Kryſtall. Tage vergingen. Ruhe kehrte in Esmeralda's Seele zurück. Uebermaß des Schmerzes, wie Uebermaß der Freude iſt zu heftig, um lange zu dauern. Ein Men⸗ ſchenherz kann nicht lange in der heftigſten Stimmung bleiben. Die Zigeunerin hatte ſo viel gelitten, daß ihr nur das Staunen verblieb. Mit dem Gefühl der Sicherheit war Hoffnung ihr wiedergekehrt. Sie war aus der Geſellſchaft, aus dem Leben ausgeſtoßen, fuhlte aber undeutlich, daß ſie in beide — 32— wieder eintreten könne. Sie glich einer Todten, die den Schlüſſel ihres Grabes bei ſich führt. Allmählig entſchwanden ihr die furchtbaren Bilder, welche ſie ſo lang gequält hatten. Alle ſcheußlichen Geſpen⸗ ſter, Pierre Torterue, Jaques Charmolue, ſelbſt der Prieſter, erloſchen in ihrer Vorſtellung. Auch lebte Phoebus, ſie wußte es gewiß, denn ſie hatte ihn geſehen. Phoebus Leben galt ihr Alles. Nach den vielen ver⸗ hängnißvollen Erſchütterungen, die Alles in ihr nieder⸗ riſſen, fand ſie in ihrer Seele nur ein Gefühl, die Liebe zum Capitän. Die Liebe gleicht einem Baum; ſie ſproßt von ſelbſt hervor, treibt tiefe Wurzeln in unſer Sein und und grünt oft noch auf einem gebrochenen Herzen. Es iſt gewiß unerklärbar, daß, je blinder dieſe Leiden⸗ ſchaft, ſie deſto hartnäckiger iſt. Sie wurzelt nie feſter, als wenn die Vernunft keinen Theil an ihr hat. Gewiß dachte Esmeralda nicht ohne Bitterkeit an den Capitän. Gewiß war es für ſie ein ſchmerzlicher Gedanke, daß auch er getäuſcht ward, daß er etwas Unmögliches glaubte, daß er wähnen konnte, jener Dolchſtich ſtamme von ihr, die tauſend Leben für ihn gern hingegeben hätte. Doch durfte man ihm nicht zu ſehr darum zürnen. Hatte ſie nicht ihr Verbrechen geſtanden? Unterlag ſie nicht, ein ſchwaches Weib, der Folter? Jegliche Schuld lag an ihr. Sie hätte ſich eher die Nägel, als ſolch ein Wort entreißen laſſen ſollen. Sähe ſie ihn nur einmal wieder! Ein Wort, ein Blick — 33— würde ihn enttäuſchen, zu ihr zurückführen. Daran zweifelte ſie nicht. So betäubte ſie ſich auch über mehrere ſonderbare Dinge, über den Zufall von Phoebus Gegen⸗ wart am Tage der Buße, und über das Madchen, das neben ihm ſtand. Das war gewiß ſeine Schweſter. Die Erklärung war wohl unvernünftig, aber ſie begnügte ſich damit, denn ſie bedurfte des Glaubens, Phoebus liebe ſie noch ſtets und nur ſie allein. Hatte er es ihr nicht geſchworen? Dies genügte dem leichtgläubigen, argloſen Kinde. Und dann war ja auch der Schein mehr gegen ſie als gegen ihn. Sie wartete alſo und hoffte. Dazu kam noch, daß die Kirche, wodurch ſie ſtets umgeben und bewacht ward, ſie mehr als Alles beru⸗ higte. Die feierlichen Linien der Architektur, die reli⸗ giöſe Haltung aller Gegenſtände, die das Mädchen um⸗ ringten, die andächtigen und heiteren Gedanken, die aus allen Poren des Steines gleichſam ſich entbanden, wirk⸗ ten auf ſie ein, ohne daß ſie ſich deſſen bewußt ward. Auch erſchallten im Gebäude ſolche Töne der Segnung und Majeſtät, daß die Schmerzen der kranken Seele betäubt wurden. Der einfache Geſang der Prieſter, die Antworten des Volks, oft donnernd, oft leiſe, das har⸗ moniſche Zittern der Fenſter, das Brauſen der Orgel, ſtark wie der Ton von hundert Trompeten, die drei Glockenthürme, ſummend wie Körbe großer Bienen, das Orcheſter, wo eine rieſenhafte Tonleiter unaufhörlich auf und abſtieg, betäubten ihr Gedächtniß, ihre Phantaſie, XV. 3 — 34— ihren Schmerz. Hauptſächlich ward ſie durch den Glocken⸗ ſchall beruhigt. Er wirkte wie ein gewaltiger Magnetis⸗ mus, den ungeheure Batterien in Strömen über ſie ausgoſſen. Auch fand ſie jede aufgehende Sonne beruhigter, freier athmend, weniger blaß. Je mehr die innern Wun⸗ den ſich ſchloſſen, erblühete wieder auf ihrem Antlitz Friſche und Schönheit, doch mit ruhigerem, ernſterem Ausdruck. Auch ihr früherer Charakter kehrte wieder, ſelbſt Einiges ihrer früheren Munterkeit, ihr ſchönes Mäulchen, die Liebe zu ihrer Ziege, ihre Freude am Geſang und ihre Scham. Sorgfältig kleidete ſie ſich des Morgens in einer Ecke ihrer Kammer an, damit kein Bewohner der nahen Dachſtuben ſie ſähe. Wenn der Gedanke an Phoebus ihr Zeit ließ, dachte ſie bisweilen an Quaſimodo. Er war das einzige Band, der einzige Weg, wodurch ſie mit Menſchen und Leben⸗ den in Berührung blieb. Die Unglückliche, ſie war mehr als Quaſtmodo von den Menſchen getrennt, und konnte den ſonderbaren Freund, den der Zufall ihr gegeben hatte, nicht verſtehn. Oft machte ſie ſich Vorwürfe, daß ihre Dankbarkeit ſtets die Augen ſchloß. An den armen Glockenläuter konnte ſie ſich aber durchaus nicht gewöh⸗ nen. Er war zu haßlich. Die Pfeife, die er ihr gege⸗ ben, hatte ſie auf dem Boden liegen laſſen. Dieß aber hielt Quaſtmodo nicht ab, von Zeit zu Zeit in den erſten Tagen hereinzutreten. Sie that alles mögliche, um nicht — 35— mit zu ſtarkem Widerwillen ſich abzuwenden, wenn er ihr den Korb voll Nahrungsmitteln und einen Waſſer⸗ krug hereinbrachte; allein er bemerkte die kleinſte Bewe⸗ gung der Art, und entfernte dann ſich voll Schmerz. Einmal trat er in dem Augenblicke herein, wo ſie Djali liebkoſte. Sinnend ſtand er vor der anmuthigen Gruppe der Zigeunerin und der Ziege, und ſprach dann ſein ſchwerfälliges, häßliches Haupt ſchüttelnd:„Es iſt mein Unglück, daß ich nur zu ſehr dem Menſchen gleiche. Ich möchte gänzlich ein Thier wie die Ziege ſein.“ Sie ſchlug einen Blick des Erſtaunens auf. Er antwortete auf den Blick:„Ja, ich weiß wohl warum,“ und ging. Ein andermal erſchien er an der Thür der Zelle (er trat niemals hinein), als Esmeralda eine alte ſpa⸗ niſche Romanze ſang, deren Worte ſie nicht verſtand, die aber in ihrem Ohre ſtets wiedertönten, weil die Zigeuner ſie als Kind damit in den Schlaf ſangen. Beim Anblick der häßlichen Geſtalt, die mitten im Liede plötz⸗ lich herbeitrat, unterbrach das Mädchen ihren Geſang mit einer unwillkührlichen Bewegung des Schauders. Der unglückliche Glockenträger ſank an der Schwelle der Thür auf die Knie und faltete mit flehendem Ausdruck im Antlitz ſeine dicken mißgeſtalteten Hände.„Oh“ ſprach er ſchmerzhaft,„ich flehe Euch an, ſingt weiter, jagt mich nicht fort!“ Sie wollte ihn nicht kränken, und zitternd begann ſie den Geſang der Romanze auf's Neue. All⸗ 3* — — 36— mäblig verlor ſich aber ihr Schauder, und ſie gab ſich. endlich der ſchwermüthigen Melodie hin. Er lag auf den Knien, faltete die Hande, als ob er bete, wagte kaum zu athmen und heftete den Blick auf die ſtrahlenden Augen der Zigeunerin. Es ſchien, als ob er ihr Lied in den Augen vernehme. Ein andermal trat er auf ſie zu mit linkiſch blöder Miene.„Hört mich an,“ ſprach er mit ſichtbarer Ueber⸗ windung,„ich habe Euch etwas zu ſagen.“ Sie gab ihm ein Zeichen, ſie wolle hören. Er ſeufzte, öffnete die Lippen, ſchien einen Augenblick bereit zum Reden, dann ſah er ſie an, ſchüttelte mit dem Kopfe, hielt ſeine Stirne in den Händen und entfernte ſich langſam. Er⸗ ſtaunt blickte ihm die Zigeunerin nach. Von den grotesken in die Mauer gemeißelten Geſtal⸗ ten liebte er beſonders eine, und ſchien häufig brüder⸗ liche Blicke auszutauſchen. Einmal hörte die Zigeunerin, wie er ſagte:„Oh, warum bhin ich nicht ein Stein, wie du!“. Eines Tages war Esmeralda bis an den Rand des Daches getreten, und ſchaute auf den Platz. Quaſimodo ſtand hinter ihr. Dort ſtellte er ſich aus eignem Antrieb hin, um dem Mädchen ſo viel wie möglich das Unange⸗ nehme ſeines Anblicks zu entziehen. Plötzlich zitterte die Zigeunerin, Thränen und der Glanz der Freude ſchim⸗ merten zugleich in ihren Augen, ſie ſank am Rande des Dachs auf die Knie, und ſtreckte voll Beklemmung ihre Arme zum Platze aus mit dem Rufe:„Phoebus, komm! ein Wort! ein einziges Wort! im Namen des Himmels! Phoebus! Phoebus!“ Stimme, Antlitz, Bewegung, Geſtalt zeigten den herzzerreißenden Ausdruck eines Schiff⸗ brüchigen, welcher das Nothſignal einem Schiffe gibt, das munter im Sonnenſchein am fernen Horizont vor⸗ überfährt. Quaſimodo blickte auf den Platz, und bemerkte, daß der Gegenſtand dieſes zärtlichen beinah wahnſinnigen Gebetes ein junger Mann, ein Capitän, ein ſchöner von Waffen und Schmuck ſtrahlender Reiter war, der ſein Roß im Hintergrunde des Platzes tummelte, und eine Dame, die vom Balkon ihm zulächelte, mit dem Federbuſch grüßte. Der Offizier hörte aber nicht die Stimme der Unglücklichen, die ihm zurief; er war zu weit entfernt. Der arme Taube merkte den Sinn von Esmeral⸗ da's Worten. Ein tiefer Seufzer hob ſeine Bruſt, er kehrte um; ſein Herz ſchwoll von Thränen, die er zurück⸗ drängte; mit convulſiviſch geballten Fäuſten ſchlug er an ſein Haupt, und als er die Hände wieder zurückzog, hielt er in jeder einen Büſchel ſeiner rothen Haaug. Die Zigeunerin achtete nicht auf ihn. Da knirrſchte er mit den Zähnen und ſprach leiſe:„Verdammung! So muß man ſein! Nur ſchön von Außen!“ Sie aber lag auf den Knien und rief mit heftiger Leidenſchaftlichkeit:„Er ſteigt vom Pferde! Er will in's Haus treten! Phoebus! Er hört mich nicht! Oh, das — 8— böſe Mädchen da ſpricht mit ihm, ſo daß er mich nicht hören kann! Phoebus! Phoebus!“ Der Taube ſah ſie an. Er verſtand ihre Geberde. Das Auge des armen Glockenläuters fuͤllte ſich mit Thrä⸗ nen; doch ließ er keine hinabfließen. Plötzlich zupfte er leiſe an ihrem Aermel. Sie wandte ſich um; ſein Antlitz war ruhig. Er ſprach:„Soll ich ihn Euch herbeiholen?“ Sie ſtieß einen Freudenruf aus.—„Schnell, ſchnell! führt ihn her! den Kapitän! Ich will Euch lieben!“ Sie umarmte ſeine Kniee. Er konnte es nicht unterlaſſen, den Kopf voll Schmerz zu ſchütteln.—„Ich will ihn Euch herbeiführen,“ ſprach er mit ſchwacher Stimme, dann wandte er das Haupt und ſtürzte unter lautem Schluchzen die Treppe hinab. Als er auf den Platz trat, ſah er nur ein ſchönes, am Thore des Hauſes Gondelaurier angebundenes Pferd. Der Kapitän war ſchon eingetreten. Quaſimodo erhob ſeinen Blick zum Dach der Kirche. Esmeralda befand ſich noch immer auf demſelben Platze in derſelben Stel⸗ lung. Er gab ihr ein trauriges Zeichen mit dem Kopfe; dann lehnte er ſich an einen Stein der Vorhalle, ent⸗ ſchloſen zu warten, bis der Kapitän wieder heraus käme. Im Hauſe Gondelaurier ward ein Feſt gegeben, wie dergleichen dem Hochzeittage vorherzugehen pflegt. Qua⸗ ſimodo ſah viele Leute hineintreten, aber Niemand her⸗ auskommen. Von Zeit zu Zeit ſah er auf das Dach. — 39— Die Zigeunerin regte ſich eben ſo wenig, wie er. Ein Stallknecht band das Pferd los, und führte es in den Stall. So verging der Tag. Quaſimodo lehnte ſich auf den Stein. Esmeralda knieete auf dem Dache, und Phoebus lag ohne Zweifel zu den Füßen der Fleur⸗ de⸗Lys. Endlich brach die Nacht an. Sie war dunkel. Qua⸗ ſimodo heftete vergebens den Blick auf Esmeralda; in der Dämmerung ſah er nur etwas Weißes, bald aber gar nichts mehr. Alles erloſch und ward ſchwarz. Dann ſah Quaſimodo wie die Facade des Hauſes von oben bis unten erleuchtet ward, und wie bald nach⸗ einander die übrigen Fenſter des Platzes von Licht erglänz⸗ ten. Auch ſah er, wie ſie nacheinander wieder erloſchen, denn er blieb den ganzen Abend hindurch auf ſeinem Poſten. Der Offizier kam nicht heraus. Als die letzten Vorübergehenden heimgekehrt waren, als die Fenſter aller Häuſer dunkel wurden, blieb Quaſimodo ganz allein in der Finſterniß. Damals war der Vorplatz von Notre⸗Dame noch nicht erleuchtet. Die Fenſter des Hauſes Gondelaurier blieben aber auch nach Mitternacht hell. Quaſimodo ſah unbeweglich und aufmerkſam vor den tauſendfarbigen Scheiben, ein Gedränge von lebhaften, tanzenden Schatten vorüberflie⸗ gen. Wäre er nicht taub geweſen, hätte er, je mehr Paris in Schlaf verſank, den Lärm des Feſtes, der — 40— Muſik und des Lachens im Inneren des Hauſes Gonde⸗ laurier deſto deutlicher vernehmen können. Gegen ein Uhr Morgens begannen die Gäſte ſich zu entfernen. Quaſimodo, in Finſterniß gehüllt, ſah ſie alle unter der von Fackeln erleuchteten Halle vorüber⸗ gehn. In Keinem erkannte er den Kapitän. Er war voll trauriger Gedanken, bisweilen blickte er in die Luft, wie Jemand, der ſich langweilt. Schwarze, zerriſſene Wolken hingen wie Hängematten von Flor auf dem geſtirnten Bogen des Himmels. Da ſah er, wie plötzlich die Fenſterthür des Balkons, deſſen Gelän⸗ der über ſeinem Kopfe emporragte, ſich öffnete. Durch die dünne Glasthür traten zwei Perſonen; leiſe ward ſie geſchloſſen; jene waren ein Mann und ein Mädchen. Und mit Mühe konnte Quaſimodo im Manne den Kapi⸗ tän und im Mädchen dieſelbe Dame erkennen, die den Offizier vom Balkon herab ſo freundlich, wie er am Morgen geſehen hatte, begrüßte. Der Platz war ganz dunkel, und ein doppelter Carmoiſin⸗Vorhang, der hinter der Thür im Augenblick hinabgeſunken war, wo ſie ſich ſchloß, ließ das Licht des Zimmers auf den Balkon nicht ein⸗ dringen.— Der junge Mann und das Mädchen, ſo weit unſer Tauber es beurtheilen konnte, ſchienen ſich einem ſehr zärtlichen Geſpräche hinzugeben. Das Mädchen ſchien dem Offizier erlaubt zu haben, ſeinen Arm zu ihrem — 41— Gürtel zu machen, und ſträubte ſich nur ſanft. zegen einen Kuß. Bei dieſer um ſo anmuthigern Scene, da ſie offen⸗ bar für Zuſchauer nicht beſtimmt war, war Quaſimodo unten gegenwärtig. Die Natur war bei dem armen Teufel nicht immer ſtumm geblieben, und ſeine Rücken⸗ marksſäule, ob auch häßlich genug gekrümmt, war darum nicht weniger reizbar, als eine andre. Er dachte an ſein elendes Theil, das die Vorſehung ihm beſchieden; Frauen, Liebe und Wolluſt zogen ſtets vor ſeinen Blicken vorüber, und er werde ſtets nur das Glück Anderer ſchauen. Am meiſten aber ward ſein Herz dadurch zer⸗ riſſen, daß Zorn ſich mit dem Verdruß miſchte, wenn er bedachte, welchen Schmerz die Zigeunerin, wenn ſie dies ſähe, leiden müßte. Doch tröſtete er ſich wieder, wenn er bedachte, die Nacht ſei ſehr dunkel, die Zigeune⸗ rin, wenn ſie dort noch weilte,(woran er nicht zwei⸗ felte) ſei weit entfernt, und er ſelbſt könne kaum die beiden Verliebten auf dem Balkon erkennen. Die Unterredung der Beiden ward aber ſtets lebhaf⸗ ter. Die junge Dame ſchien den Offizier anzuflehen, um Nichts weiter zu bitten. Quaſimodo konnte die ſchönen gefalteten Hände, das mit Thränen untermiſchte Lächeln, die zu den Sternen erhobenen Augen am jungen Mäd⸗ chen, und am Kapitän die glühend auf ſie gerichteten Blicke deutlich erkennen. Glücklicherweiſe, denn das Mädchen begann nur ſchwach ſich zu ſträuben, öffnete ſich plötzlich die Thür des Balkons und eine alte Dame kam zum Vorſchein. Die Schöne ſchien verlegen, der Offizier ſah verdrießlich aus, und alle Drei traten in's Zimmer zurück. Bald darauf ſchnaubte ein Roß unter der Halle, und der glänzende Offizier ging, in ſeinen Nachtmantel ge⸗ hüllt, ſchnell an Quaſimodo vorüber. Der Glockenläuter ließ ihn um die Straßenecke reiten, lief dann mit der Schnelligkeit eines Affen hinter ihm her und rief:„He, Kapitän!“ Der Kapitän hielt ſein Roß an.„Was will der Schuft?“ ſprach er, da er eine Art von Krüppel keu⸗ chend binter ſich herrennen ſah. Quaſimodo erreichte ihn und griff keck in den Zügel ſeines Pferdes mit den Worten:„Folgt mir, Kapitän! Jemand will Euch ſprechen.“ „Mahoms Horn!“ murmelte Phoebus,„dich häß⸗ licher, zerzauſter Vogel habe ich ſchon irgendwo geſehn. Holla, Meiſter, willſt du den Zügel meines Pferdes loslaſſen?“ „Kapitän,“ antwortete der Taube,„fragt Ihr mich nicht, wen ich meine?“ „Ich ſage dir, laß mein Pferd los,“ fuhr ihn Phoebus ärgerlich an.„Was hängſt du dich in den Zügel meines Renners? Meinſt du, mein Pferd ſei ein Galgen?“ Quaſimodo, weit entfernt, den Zügel fahren zu — 43— laſſen, ſuchte das Pferd umzulenken. Da er ſich den Widerſtand des Kapitäns nicht erklären konnte, ſagte er ſchnell:„Kommt, Kapitän; ein Mädchen erwartet Euch.“ Dann fügte er mit Selbſtüberwindung hinzu:„Ein Mäd⸗ chen, das Euch liebt.“ „Der Schelm,“ rief der Kapitän,„glaubt, ich müßte allen Weibern nachlaufen, die mich lieben. Uhu⸗Geſicht, wenn ſie dir gleicht, ſag ihr, ich werde mich verheira⸗ then. Sie mag zum Teufel gehen!“ „Hört doch!“ rief Quaſimodo, und glaubte durch ein Wort den Widerſtand des Kapitäns zu überwinden. „Es iſt die Zigeunerin. Ihr wißt ſchon.“ Dies Wort brachte auf Phoebus einen großen Ein⸗ druck hervor, jedoch nicht den, welchen Quaſimodo erwar⸗ tete. Der Leſer erinnere ſich, wie der galante Offizier einige Augenblicke, bevor Esmeralda gerettet ward, ſich mit Fleur⸗de⸗Lys entfernte. Seitdem hatte er ſich wohl gehütet, bei ſeinen Beſuchen im Hauſe Gondelau⸗ rier des Madchens wieder zu erwähnen, deſſen Andenken ihm läſtig war, und Fleur⸗⸗de⸗Lys hielt es nicht für klug, ihm zu hinterbringen, die Zigeunerin ſei noch am Leben. Phoebus alſo glaubte, die arme Similar ſei todt, und zwei Monate waren ſchon ſo verfloſſen. Dazu kam noch, daß der Kapitän an das tiefe Dunkel der Nacht, an die übernaturliche Häßlichkeit, an die Leichen⸗ ſtimme des ſonderbaren Boten dachte, daß Mitternacht vorüber und die Straße eben ſo einſam war, als am — 4— Abend, wo das Geſpenſt zu ihm herantrat, daß end⸗ lich ſein Pferd zu ſchnauben anfing, da es Quaſimodo erblickte. „Die Zigeunerin!“ rief er beinah erſchreckt.„Kömmſt du aus der Welt der Geſpenſter?“ Mit dieſen Worten legte er die Hand an ſeinen Dolch. „Schnell, ſchnell,“ ſprach der Taube, indem er das Pferd umzuwenden ſuchte.„Kommt!“ Phoebus gab ihm auf die Bruſt einen heftigen Stoß mit dem Stiefelabſatz. Quaſimodo's Auge fun⸗ kelte. Er ſchickte ſich an, auf den Kapitän loszuſtürzen; dann erſtarrte er plötzlich und ſprach:„Wie glücklich ſeid Ihr, daß Jemand Euch liebt!“ Das Wort Jemand betonte er ſcharf; dann ließ er den Zügel des Pferdes los und ſprach:„Geht, wohin Ihr wollt!“ Phoebus ſpornte fluchend ſein Roß. Quaſimodo ſah, wie er im Nebel der Straße verſchwand.—„Oh,“ ſprach leiſe der arme Taube,„das auszuſchlagen!“ Er kehrte zur Kirche zurück, zündete ſeine Lampe an und ſtieg den Thurm hinan. Wie er vermuthet hatte, befand ſich die Zigeunerin noch immer an derſel⸗ ben Stelle. Sobald ſie ihn erblickte, eilte ſie auf ihn zu.„Allein,“ ſprach ſie, voll Schmerz die Hände faltend. „Ich konnte ihn nicht auffinden,“ ſagte kalt Quaſti⸗ modo.—„Du hätteſt die ganze Nacht warten ſollen,“ rief ſie zornig. Er ſah ihre zornige Bewegung und verſtand den Vorwurf.„Ein andermal will ich ihm beſſer aufpaſſen,“ erwiederte er, das Haupt ſenkend. „Geh fort,“ ſprach ſie. Er verließ ſie. Sie war mit ihm unzufrieden. Er wollte lieber von ihr mißhan⸗ delt werden, als ſie betrüben. Den Schmerz bewahrte er nur für ſich ſelbſt. Von dem Tage an ſah ihn die Zigeunerin nicht mehr; er kam auch nicht mehr zu ihrer Zelle. Höchſtens ſah ſie noch wohl die Geſtalt des Glockenläuters auf der Thurmſpitze, wie er ſchwermüthig auf ſie hinblickte. So⸗ bald ſie ihn aber erſchaute, verſchwand er ſogleich. Wir müſſen hinzufügen, dieſe freiwillige Abweſen⸗ heit des armen Buckligen war ihr im Grunde nicht un⸗ angenehm; ſie hätte ihm ſogar dafür danken mögen. Quaſi⸗ modo übrigens täuſchte ſich hierin mit keiner Hoffnung. Sie ſah ihn nicht mehr, fuhlte aber die Gegenwart ihres ſchützenden Gentus. Während ihres Schlummers erneuten ſich ihre Nahrungsmittel durch eine unſichtbare Hand. Eines Morgens fand ſie an ihrem Fenſter einen Vogelkäfig. Oben an ihrer Zelle war eine Geſtalt gemei⸗ ßelt, vor der ſie ſich fürchtete. Mehrere Male hatte ſie dies gegen Quaſimodo geäußert. Eines Morgens(denn dies Alles geſchah des Nachts) war die Geſtalt zerbro⸗ chen. Der, welcher ſo hoch hinaufkletterte, hatte ſein Leben gewagt. Bisweilen hörte ſie des Abends, wie eine unter dem — 46— Wetterdach des Kirchthurms verborgene Stimme, die ein trauriges ſonderbares Lied ſang, ſie gleichſam einzu⸗ ſchläfern. Es waren Verſe ohne Reim, wie ſie ein Tauber dichten kann. Sieh nicht auf Form, Mädchen, ſieh auf's Herz. Das Herz des ſchönen Mannes iſt oft gar häßlich. In vielen Herzen bleibt die Liebe nicht. Die Tanne, Mädchen, iſt nicht ſchön, So ſchön nicht, wie die Pappel; Doch bleibt ihr Laub im Winter. Ach! wozu hilft dies Wort? Was ſchön nicht iſt, iſt beſſer todt. Rur Schönheit liebt die Schönheit. April verſchmäht den Januar. Vollkommen iſt die Schönheit, Die Schönheit iſt allmächtig. Die Schönheit iſt allein nie halb geſchaffen. Der Rabe fliegt am Tage, Der Uhn fliegt des Nachts, Der Schwan fliegt Tag und Nacht. Eines Morgens ſah ſie erwachend am Fenſter zwei Blumengläſer. Das Eine war ein Kryſtallglas ſchön und glänzend, aber geſpalten. Quaſimodo hatte das Waſſer herauslaufen laſſen, und die Blumen, die es enthielt, waren verwelkt. Das andre war ein ſteinerner grober und gewöhnlicher Topf, allein voll Waſſer mit friſchen purpurnen Blumen. — 47— Esmeralda nahm den verwelkten Blumenſtrauß(ich weiß nicht, ob mit Abſecht) und trug ihn den ganzen Tag hindurch am Buſen. An dem Tage vernahm ſie nicht den Geſang im Thurme; darum aber bekümmerte ſie ſich wenig. Sie vertrieb ſich die Zeit, indem ſie Djali liebkoſte, auf das Thor des Hauſes Gondelaurier blickte, über Phoebus leiſe mit ſich ſelbſt ſprach, und mit Brodkrumen Schwalben fütterte. Quaſimodo ſah und hörte ſie nicht mehr. Der arme Glockenläuter ſchien aus der Kirche verſchwunden zu ſein. Jedoch einſt in der Nacht, als ſie nicht ſchlief und an ihren ſchönen Kapitän dachte, vernahm ſie neben ihrer Zelle einen tie⸗ fen Seufzer. Erſchrocken ſtand ſie auf und ſah im Mond⸗ licht eine mißgeſtaltete Maſſe quer vor ihrer Thür liegen. Quaſimodo ſchlief dort auf dem ſteinernen Fußboden. 5. Der Schlüſſel der rothen Thür. Der Archidiakonus erfuhr durch das Gerücht die wunderbare Rettung der Zigeunerin. Als er dies ver⸗ nahm, wußte er kaum, was er empfand. Für den Tod der Esmeralda hatte er ſchon ganz ſeine Stimmung ein⸗ gerichtet, und war ruhig, denn die Tiefe des möglichen Schmerzes hatte er ſchon berührt. Das Menſchenherz kenn nur einen gewiſſen Grad der Verzweiflung faſſen. (Dom Claude hatte hierüber nachgedacht.) Iſt der Schwamm geſättigt, kann ein Meer über ihn hinſtrömen, ohne daß noch ein Tropfen eindringen könnte. — 48— So war anch für Dom Claude der Schwamm geſät⸗ tigt, als er Esmeralda für todt hielt; für iyn war Alles vorbei; da er aber erfuhr, Esmeralda und Phoebus ſeien beide am Leben, begannen Erſchütterungen, Qua⸗ len, kurz das Leben für ihn auf's Neue; und Claude war dies Alles müde. Als er die Nachricht erfuhr, ſchloß er ſich in ſeine Kloſterzelle ein. Er erſchien weder in den Verſammlun⸗ gen des Kapitels, noch bei'm Gottesdienſte. Seine Thuͤr blieb Allen, ſelbſt dem Biſchofe verſchloſſen. Mehre Wo⸗ chen lang war er ſo eingemauert. Man hielt ihn für krank und er war es wirklich. Unter welchen Gedanken mochte der Unglückliche er⸗ liegen? Begann er einen letzten Kampf mit ſeiner furcht⸗ baren Leidenſchaft? Entwarf er einen letzten Plan ſie und ſich zu vernichten? Sein geliebter Bruder Jehan, ſein verzogenes Kind, kam einmal an ſeine Thür, klopfte, bat, fluchte, flehete, nannte zehnmal ſeinen Namen. Claude öffnete nicht. Ganze Tage ſtand er vor den Fenſterſcheiben ſeiner Zelle im Kloſter. Von dort aus ſah er die Kammer der Esmeralda. Oft erblickte er ſie in Geſellſchaft ihrer Ziege. Er bemerkte die Dienſtfertigkeit, den Gehorſam, die zärtlichen und unterwürfigen Manieren des häßlichen Tauben bei der Zigeunerin. Er erinnerte ſich(denn ſein Gedächtniß war ſcharf, und das Gedächtniß quält Eiferſüchtige am heftigſten) des ſonderbaren Blickes, den — 49— der Glockenläuter eines Abends auf die Tänzerin richtete, Er legte ſich die Frage vor, welcher Beweggrund Quaſi⸗ modo zu ihrer Rettung habe antreiben können. Er war Zeuge von tauſend kleinen Scenen zwiſchen der Zigeu⸗ nerin und dem Tauben, deſſen von fern geſehene und durch Leidenſchaft gedeutete Pantomimen ihm ſehr zärt⸗ lich zu ſein ſchienen. Er mißtrauete der ſonderbaren Laune der Weiber. Dann empfand er, wie in dunkelm Gefühle eine Leidenſchaft in ihm erwachte, die er nie erwartet hatte, wobei Schaam und Zorn ihm das Blut in die Wangen trieb.— Den Kapitän ließ ich noch gel⸗ ten, dachte er, aber dies Scheuſal!— Der Gedanke verrückte ihm den Kopf. Furchtbar waren ſeine Nächte. Seitdem er wußte, die Zigeunerin lebe, verſchwanden die kalten Gedanken des Grabes und Geſpenſtes, die ihn einen Tag lang quälten, und das Fleiſch ſtachelte ihn auf's Neue. Er krümmte ſich auf ſeinem Lager, wenn er das junge Mäd⸗ chen ſo dicht in ſeiner Nahe ſich als ſchlafend dachte. Jegliche Nacht füͤhrte ſeine raſende Phantaſie ihm Esmeralda in allen Stellungen vor, die in ſeinen Adern das Blut zum Kochen gebracht hatten. Er ſah ſie aus⸗ gebreitet auf dem niedergeſtoßenen Kapitän mit geſchloſ⸗ ſenen Augen, wie des Phoebus Blut über ihren ſchönen nackten Buſen ſtrömte, in dem Augenblick des Entzük⸗ kens, wo der Archidiakonus auf die blaſſen Lippen den Kuß drückte, deſſen Brennen die Unglückliche, ob auch XV. 1 — 50— ſchon halb todt, empfand. Er ſah ſie von den rohen Hän⸗ den der Folterknechte entkleidet, wie ſie ihren kleinen Fuß, das runde, ſchöne Bein, das ſchmächtige und weiße Knie entblößen und in den ſpaniſchen Stiefel ſchließen ließ. Er ſchaute noch ſtets das Knie von Elfenbein, wie es allein aus Torterue's furchibarem Werkzeuge noch hervorragte. Endlich dachte er ſich das junge Mädchen im Hemde, mit dem Strick um den Hals, mit entblöß⸗ ten Schultern und Füßen, beinah nackt, wie er ſie am letzten Tage ſah. Sauf er ſich dieſe wollüſtigen Bilder, dann ballte ſich ſeine Fauſt und er fühlte wie ein Schau⸗ der ſeine Vertebralſäule hinablief. In einer Nacht erhitzten die Bilder ſo heftig ſein jungfräuliches, prieſterliches Blut, daß er ein Kopfkiſſen mit den Zähnen zerriß, aus ſeinem Bett ſprang, einen Mantel über ſein Hemd warf und die Zelle halb nackt, die Lampe in der Hand, und mit glühendem Blick verließ. Er wußte, wo der Schlüſſel der rothen Thür, welche vom Kloſter in die Kirche führte, zu finden war, und wie der Leſer ſchon weiß, hatte er einen Schlüſſel zur Thurmtreppe ſteis in der Taſche. 6. Fortſetzung des Schlüſſels der rothen Thür. In jener Nacht ſchlief Esmeralda in ihrer Kammer, eingewiegt von Hoffnung und ſußen Gedanken. Einige Zeit war ſie ſchon in Schlaf vrrſunken, als es ihr — 51— ſchien, ein Geräuſch zu vernehmen. Ihr Schlaf war leicht und unruhig, wie der eines Vogels; eine Kleinig⸗ keit erweckte ſie. Sie ſchlug die Augen auf; die Nacht war dunkel; an der Luke aber ſah ſie dennoch eine Ge⸗ ſtalt, die ſie anſchaute, und eine Lampe erleuchtete die Erſcheinung. Im Augenblick, wo dieſe bemerkte, ſie ſei von Esmeralda erblickt, blies ſie die Lampe aus. Den⸗ noch hatte das Mädchen noch genug Zeit zum Erkennen, und ſchloß aus Schrecken ihre Augenlieder.„Oh!“ rief ſie mit erloſchener Stimme:„der Prieſter!“ All ihr Unglück zog wie ein Blitz vor ihren Augen vorüber, er⸗ ſtarrt lag ſie auf ihrem Bette. Gleich darauf fühlte ſie ihren Körper entlang die Berührung des ſeinen, worüber ſie ſo erzitterte, daß ſie wüthend und erwacht ſich auf dem Lager aufrichtete. Der Prieſter lag neben ihr und umſchlang ſie mit ſeinen Armen. Sie wohlte ſchreien, aber konnte es nicht.„Fort, Ungeheuer, fort, Mörder!“ ſprach ſie mit einer aus Zorn und Furcht leiſen Stimme. „Gnade! Gnade!“ murmelte der Prieſter, indem er ſeine Lippen auf ihre Schultern drückte. Sie ergriff ſein kahles Haupt bei den noch wenigen zurückgebliebenen Haarcn, und ſuchte ſeine Küſſe, als wären es giftige Biſſe, zu entfernen.—„Gnade,“ rief der Unglückliche, „kennteſt du meine Liebe! Sie iſt Feuer, geſchmolzenes Blei, Meſſerſtiche im Herzen!“ Er hielt ihre beiden Arme mit übernatürlicher Kraft. 4* — 52— Außer ſich, ſprach ſie:„Laß mich los oder ich ſpeie dir in's Geſicht!“ Er ließ ſie los.—„Vernichte mich, ſchlage mich, ſei boshaft, aber liebe mich! Gnade!“ Sie ſchlug ihn wüthend wie ein Kind, ſpannte ihre ſchönen Hände, ihm das Geſicht zu zerquetſchen.—„Fort, Teufel!“ „Mitleid!“ rief der arme Prieſter, indem er ſich auf ſie wälzte und ihre Schläge durch Liebkoſungen erwiederte. Plötzlich fühlte ſie ihn ſtärker als ſich.— Er knirſchte mit den Zähnen und ſprach:„Jetzt will ich's enden!“ Beſiegt, zitternd, gebrochen lag ſie in ſeinen Armen, ihm überlaſſen. Sie fuͤhlte ſeine üppige Hand. Sie rief mit letzter Kraftanſtrengung:„Zu Hülfe! ein Vampir!“ Niemand kam, Djali allein war erwacht und mäk⸗ kerte voll Angſt. „Schweig!“ ſprach der Prieſter keuchend. Plötzlich fühlte die Hand der ringenden Zigeunerin etwas Kaltes, Metalliſches am Boden. Dies war Quaſtmodo's Pfeife. Sie ergriff ſie im Kampf der Hoffnung, hielt ſie an die Lippen und pfiff mit der ihr noch übrigen Kraft. Die Pfeife gab einen ſcharfen, ſchrillenden Ton. „Was ſoll das?“ fragte der Prieſter. Faſt in demſelben Augenblick füblte er, wie ein ſtar⸗ ker Arm ihn aufhob. Die Kammer war dunkel und er konnte nicht deutlich den erkennen, welcher ihn in den — 53— Fäuſten hielt; er vernahm aber knirſchende Zähne, und im Dunkel war noch ſo viel Licht verbreitet, daß er über ſeinem Haupte eine lange Meſſerklinge erblicken konnte. Der Prieſter glaubte⸗Quaſimodo's Geſtalt zu erblik⸗ ken. Er vermuthete, nur dieſer könne es ſein, und erinnerte ſich, über einer vor der Thür ausgeſtreckten Maſſe geſtrauchelt zu ſein. Da aber die Erſcheinung kein Wort ſprach, wußte er nicht, was er davon denken ſollte. Er ſtürzte auf den Arm, der das Meſſer hielt mit dem Rufe:„Quaſimodo!“ denn er vergaß im erſten Schrecken, Quaſtmodo ſei taub. In einem Augenblick war der Prieſter zu Boden geſtreckt und fühlte ein ſchweres Knie auf ſeiner Bruſt. Am eckigen Druck erkannte er Quaſimodo. Was konnte er aber beginnen? Wie ſollte er ſich ihm zu erkennen geben; die Nacht machte den Tauben auch blind. Er war verloren. Das NMädchen, wie eine gereizte Tigerin, ſuchte ihn nicht zu retten. Das Meſſer nahte ſcch ſeinem Haupt; der Augenblick war kritiſch. Plötz⸗ lich ſchien ſein Gegner zu zaudern.„Von Blut darf ſie nicht beſprützt werden,“ ſprach er. Der Prieſter hörte Quaſimodo's Stimme; und fühlte, wie eine breite Hand ihn an den Füßen zur Thür hin⸗ ausſchleppte, als ſolle er vor der Zelle ſterben. Glück⸗ licherweiſe für ihn war der Mond ſeit einigen Augen⸗ blicken aufgegangen, deſſen blaſſer Strahl vor der Kam⸗ — 54— merthür auf die Geſtalt des Prieſters fiel. Quaſimodo ſchaute ihm in's Antlitz, zitterte, ließ den Prieſter los, und fuhr zurück. Die Zigeunerin war auf die Schwelle getreten, und ſah erſtaunt, wie beide ihre Rollen wechſelten. Der Prieſter drohete, Quaſimodo flehete. Der Prieſter über⸗ häufte den Tauben mit Zorn und Vorwurf, und gab ihm endlich ein Zeichen ſich zu entfernen. Der Taube ſenkte den Kopf, dann kniete er vor der Thür;„gnädiger Herr,“ ſprach er mit ernſter Stimme,„thut, was Ihr wollt, aber tödtet mich zuerſt. So ſprechend, reichte er dem Prieſter ſein Meſſer. Dieſer, außer ſich, ſtürzte darauf zu. Allein das Mäd⸗ chen war ſchneller, wie er. Sie riß das Meſſer Quaſi⸗ modo aus der Hand, lachte wüthend und ſprach:„Jetzt tritt näher!“— Sie hielt die Klinge empor. Der Prie⸗ ſter ſtand unentſchloſſen da. Sie hätte ihn gewiß nieder⸗ geſtoßen.„Feigling,“ rief ſie ihm zu,„du wagſt es nicht!“ Dann fügte ſie mit unerbittlichem Ausdruck hinzu:„Ja, ich weiß, daß Phoebus lebt;“ ſie wußte wohl, daß ſie des Prieſters Herz mit glühendem Eiſen durchbohrte. Der Archidiakonus ſtieß Quaſimodo mit einem Fuß⸗ tritt zu Boden, und ſtürzte knirſchend in das Treppen⸗ gewölbe zurück. Als er fort war, nahm Quaſimodo die Pfeife auf, wodurch die Zigeunerin gerettet ward.— — 55— „Sie wird roſtig,“ ſprach er, ſie ihr zurückgebend, und ließ ſie dann allein. Das junge Mädchen, außer ſich, ſank auf's Bett, und ſchluchzte laut. Ihr Horizont zeigte neue Gewitter⸗ wolken. Der Prieſter tappte in ſeine Zelle zurück. Um Esmeralda war es geſchehn. Dom Claude war auf Quaſimodo eiferſüchtig. Mit ſinnender Miene wie⸗ derholte er ſeinen Unglücksruf:„Niemand ſoll ſie haben!“ Zehntes Zuch. 1. Gringoire hat mehrere gute Einfälle in der Bernardiner Straße. Seit Pierre Gringoire geſehen hatte, wie die Sache einen ſehr üblen Ausgang nahm, wie Strick, Hängen und andre Unannehmlichkeiten den Haupt⸗Schauſpielern der Komödie bevorſtanden, ließ er es ſich nicht einfallen, am Spiel Theil zu nehmen. Die Landſtreicher, unter denen er geblieben war, denn er dachte, dies ſei doch noch im ſchlimmſten Fall die beſte Geſellſchaft von Paris, nahmen fortwährend Antheil an der Zigeunerin. Dies fand er ganz natürlich bei Leuten, die, wie ſie, nur Ausſicht auf Charmolue und Torterue hatten, und die nicht, wie er, in den Regionen der Phantaſie auf des alten Pegaſus Flügeln umherſchwärmten. Von ihnen hatte er erfahren, ſeine Gemahlin vom zerbrochenen Kruge habe ſich in die Kirche Notre⸗Dame gerettet, und das war ihm ſehr angenehm. Allein er verſpürte nicht einmal die Verſuchung, ſie dort zu beſuchen; nur biswei⸗ len dachte er an die kleine Ziege. Uebrigens führte er des Tages, um ſeinen Unterhalt zu erwerben, Kunſtſtücke — 57— aus und verfaßte des Nachts eine Schrift gegen den Biſchof von Paris; denn er erinnerte ſich, von deſſen Mühlrädern einſt durchnäßt worden zu ſein, und grollte deßhalb dem Kirchenfürſten. Auch kommentirte er das ſchöne Werk von Baudry⸗le⸗Rouge, Biſchofs von Noyon und Coutray, de cupa petrarum, und dadurch erlangte er eine heftige Vorliebe zur Architektur, eine Neigung, die in ſeinem Herzen die Neigung zur Hermetik erſetzte, von der ſie ja auch nur ein natürliches Corollar iſt; denn Hermetik und Mauerei ſind ganz verſchwiſtert. Gringoire ging von der Liebe einer Idee zur Liebe ihrer Form über. Eines Tages blieb er bei St. Germain⸗ l'Auxerrois an der Ecke eines Hauſes ſtehen, welches man For⸗l'Evéèque nannte, und welches einem andern, For⸗le⸗Roy, gegenüber, gebaut war. An dieſem For⸗ l'Evèque befand ſich eine ſchöne Kapelle aus dem fünf⸗ zehnten Jahrhundert, deſſen Chor auf die Straße hin gerichtet war. Gringoire unterſuchte andächtig ihr äuße⸗ res Schnitzwerk, und befand ſich in einem Augenblicke egoiſtiſchen Genuſſes, wo der Künſtler in der Welt nur die Kunſt, und die Kunſt in der Welt erblickt. Plötzlich fühlte er eine ſchwere Hand auf ſeiner Schulter. Er wandte ſich um; hinter ihm ſtand ſein alter Freund, ſein alter Lehrer, der Archidiakonus. Er ward verlegen; ſchon lange hatte er den Archi⸗ diakonus nicht geſprochen, und Dom Claude war einer der feierlichen und leidenſchaftlichen Menſchen, deren — 38— Begegnung das Gleichgewicht eines ſkeptiſchen Philoſo⸗ phen ſtets zu ſtören pflegt. Der Archidiakonus ſchwieg einige Augenblicke, ſo daß Gringoire mit Muße ihn betrachten konnte. Er fand Dom Claude ſehr verändert, blaß wie einen Winter⸗ morgen, mit hohlen Augen und faſt grauen Haaren. Endlich brach der Prieſter das Schweigen mit der Frage in ruhigem aber eiſigem Tone:„Wie geht's Euch, Prie⸗ ſter Pierre?“—„Ihr fragt nach meiner Geſundheit? J nun, man kann dies und jenes davon ſagen. Im Gan⸗ zen iſt ſie gut. Ich überlade mich nirgends. Ihr wißt, Meiſter, das Geheimniß, ſich gut zu befinden nach Hip- pocrates id est: cibi potus, somni venus, omnia mo- derata sint.“—„Ihr habt alſo keine Sorgen?“ fragte der Archidiakonus, indem er Gringoire mit feſtem Blick betrachtete.“—„Wahrhaftig, nein.“—„Was treibt Ihr denn?“—„Wie Ihr ſeht, Meiſter, erforſchte ich den Schnitt der Steine, und die Art, wie dies Basrelief gehauen iſt.“ Der Prieſter lächelte bitter, indem er nur einen Mundwinkel in die Höhe hob.—„Daran findet Ihr Vergnügen?“—„Mir iſt dies das Paradies,“ antwor⸗ tete Gringoire. Dann legte er ſich über die Skulpturen mit der verblendeten Miene eines Naturforſchers hin, der ein Phänomen des Lebens erklärt.„Findet Ihr nicht, daß dieſer Uebergang in kaum hervorragende Figuren mit viel Zartheit, Gewandtheit und Geduld ausgeführt — 59— iſt? Seht dies Säulchen, an welchem Capital kann man zarteres und vom Meißel gleichſam geliebkoſtes Laub erblicken. Seht die drei Haut⸗Reliefs von Jean Mail⸗ levin. Es ſind die ſchönſten Werke dieſes großen Mei⸗ ſters. Die Naivität, die Sanftmuth der Geſichter, die Heiterkeit der Stellungen und Draperteen, die unaus⸗ ſprechliche Anmuth, welche mit den Feblern gemiſcht iſt, macht aus den Figuren ſehr heitere und zarte Geſtalten, vielleicht in nur zu hohem Grade.— Findet Ihr dies nicht ſehr unterhaltend?“ „Ja wohl,“ antwortete der Prieſter. „Säht Ihr nur das Innere der Kirche,“ fuhr der Dichter im ſchwatzhaften Enthuſiasmus fort.„Ueberall ſind Skulpturen. Es iſt belaubt, wie ein Kohlkopf. Beſonders zeigt die obere Ausſchmückung einen ſo from⸗ men und eigenthümlichen Styl, wie ich ſonſt noch nie geſehen habe.“ Dom Claude begann auf's Neue:„Ihr alſo ſeid glücklich?“— Gringoire erwiederte mit Feuer:„Auf Ehre, ja! Zuerſt liebte ich Frauen, dann Thiere; jetzt liebe ich Steine. Sie ſind eben ſo unterhaltend wie Thiere und Frauen, aber nicht ſo treulos.“ Der Prieſter legte die Hand auf die Stirn. Es war ſeine gewöhnlichſte Bewegung; dann ſprach er: „Wahrhaftig, Ihr habt Recht!“ „Recht,“ begann Gringoire,„welch ein Genuß!“ Er nahm den Prieſter, der ſich fortziehen ließ, bei'm — 60— Arm und führte ihn in das Thürmchen der Treppe vom For⸗l'Evèque.—„Seht dieſe Treppe! So oft ich ſie ſehe, fühl' ich mich glücklich. Wie einfach und ſeltener Art ſind die Stufen, unten ſämmtlich ausgetreten! Ihre Schönheit und Einfachheit beſteht in ihren Breiten von ungefahr einem Fuß, die in einander gefugt, genagelt, geſchachtelt und geſchnitten, auf wahrhaft feſte und zier⸗ liche Weiſe in einander leißen.“—„Ihr wünſcht Nichts mehr?“—„Nein.“—„Ihr bedauert Nichts?“— „Ich fühle weder Bedauern noch Wünſche. Ich habe mein Leben mir geordnet.“—„Was der Menſch ord⸗ net, verwirren die Dinge.“—„Ich bin ein ſkeptiſcher Philoſoph, und halte Alles im Gleichgewicht.“—„Wie erwerbt Ihr Euren Unterhalt?“—„Bisweilen dichte ich Epopdeen und Tragödien; die Induſtrie aber, Meiſter, die Ihr kennt, bringt mir am Meiſten ein; ich trage eine Stuhlpyramide auf den Zähnen.“ „Das Handwerk iſt grob und nicht philoſophiſch.— Eine Folge des Gleichgewichts. Einen Hauptgedanken findet man überall wieder. Das weiß ich.“ Nach einer Pauſe ſprach der Prieſter:„Ihr ſeid aber doch in einem elenden Zuſtande.“—„Ja wohl; aber in keinem unglücklichen.“ In dem Augenblick erſchallten Huftritte, und unſre beiden ſich unterredenden Geſellen ſahen am Ende der Straße eine Kompagnie der Armbruſtſchützen von der Ordonnanz des Königs, mit hochgetragenen Lanzen und — 6— dem Offizier an der Spitze vorüberziehen. Der Zug war glänzend und erſchallte auf dem Pflaſter. „Warum betrachtet Ihr ſo den Offizier?“ ſprach Gringoire zum Archidiakonus.—„Ich glaube ihn zu kennen.“—„Wie heißt er?“—„Phoebus von Cha⸗ teaupers, wie ich glaube.“—„Phoebus! ein ſonderbarer Name! Es gibt einen Phoebus, Graf von Foix. Auch erinnere ich mich, ein Mädchen gekannt zu haben, die nur bei'm Namen Phoebus ſchwur.“—„Kommt,“ ſprach der Prieſter,„ich muß Euch Etwas ſagen.“ Nachdem die Reiter vorübergezogen waren, durch⸗ blickte einige Aufregung die eiſige Hülle des Archidia⸗ konus. Er ging; Gringoire folgte ihm. Denn wie Jeder, der mit dieſem Mann von überlegenem Geiſte einmal in Berührung gekommen war, war er gewohnt, ihm zu gehorchen. Schweigend gelangten ſie an die ziem⸗ lich einſame Straße der Bernardiner. Dom Claude ſtand hier ſtill. „Meiſter, was habt Ihr mir zu ſagen?“ fragte Gringoire.—„Findet Ihr nicht,“ erwiederte der Archi⸗ diakonus mit dem Ausdruck des tiefſten Nachſinnens, „daß das Kleid jener Reiter ſchöner iſt, als Eures und Neines?“ Gringoire ſchüttelte mit dem Kopfe.„Meiner Treu, ich liebe mehr mein gelb⸗rothes Wamms, als dieſe Schup⸗ pen von Eiſen und Stahl. Wahrhaftig, ein beſonderes Vergnügen, im Gehen denſelben Lärm, wie der Kai de la Feraille bei einem Erdbeben zu machen.“—„Alſo Gringoire, Ihr habt nie dieſe ſchönen Knaben im Kriegs⸗ kleide beneidet?“—„Weßhalb, Herr Archidiakonus? Um ihre Disciplin, ihre Stärke, ihre Rüſtung? Philo⸗ ſophie und Unabhängigkeit in Lumpen iſt mehr werth. Ich will lieber ein Fliegenflügel als ein Lowenkopf ſein.“ —„Sonderbar,“ ſprach der Prieſter mit finſterem Ant⸗ litz,„ein ſchönes Kleid iſt doch ſchön!“ Gringoire verließ ihn, da er ihn ſo in Nachſinnen verſinken ſah, um die Halle eines benachbarten Hauſes zu bewundern. In die Hände klatſchend, kehrte er zu⸗ rück.—„Sähet Ihr weniger,“ ſprach er,„auf die ſchö⸗ nen Kleider der Kriegsleute, möchte ich Euch bitten, dies Thor zu beſehen. Ich ſagte immer, das Haus des Herrn Aubry hat den prächtigſten Eingang in der ganzen Welt.“ „Pierre Gringoire,“ fragte der Archidiakonus,„was habt Ihr mit der kleinen Zigeunerin, der Tänzerin, ange⸗ fangen?“—„Ihr meint die Esmeralda? Nun, Ihr wechſelt ſehr plötzlich den Gegenſtand des Geſprächs.“— „War ſie nicht Eure Frau?“—„Ja, vermittelſt des zerbrochenen Kruges.— Wir hatten vier Jahre zuſam⸗ men zu leben. Beitäufig geſagt,“ fügte Gringoire mit halb ſcherzender Miene hinzu, indem er dem Archidia⸗ konus in's Geſicht ſah,„Ihr denkt noch immer daran?“ —„Ihr nicht mehr?“—„Selten. Mir liegen ſo viel Dinge im Kopf. Gott, wie ſchön war doch die Ziege!“ —„Hat Euch die Zigeunerin nicht das Leben gerettet?“ — 63— —„Wahrhaftig! ja.“—„Nun, was iſt aus Ihr gewor⸗ den, was habt Ihr mit ihr angefangen?“—„Ich kann's Euch nicht ſagen. Man hat ſie, glaube ich, ge⸗ hängt.“—„So?“—„Ich weiß es nicht gewiß. Als ich ſah, es ginge an's Hängen, habe ich mich aus dem Spiel gezogen.“—„Weiter wißt Ihr Nichts?“— „Wartet. Ja; ich hörte, ſie habe ſich in die Kirche Notre⸗Dame geflüchtet und ſei dort in Sicherheit. Mir iſt dies ſehr lieb. Ich habe nicht entdecken können, ob die Ziege ſich auch hat retten konnen. Weiter weiß ich Nichts.“—„Ich will Euch noch Naheres ſagen,“ ſprach Dom Claude, und ſeine bis dahin langſame, faſt dumpfe Stimme ward plötzlich donnernd.„Ja, ſie hat ſich in die Kirche Notre⸗Dame geflüchtet. Aber die Gerechtigkeit wird ſie in drei Tagen dort herausholen, um ſie auf dem Groveplatz zu hängen. So befiehlt es ein Parla⸗ mentsbeſchluß.“—„Das thut mir leid,“ ſprach Gringeire. Der Prieſter war in einem Augenblicke kalt und ruhig geworden. „Wer, zum Teufel,“ fuhr der Dichter fort, nhat ſich das Vergnügen gemacht, einen Beſchluß der Wieder⸗ ausführung nachzuſuchen? Konnte man nicht das Parla⸗ ment in Ruhe laſſen? Was iſt daran gelegen, ob ein armes Mädchen unter den Schwibbögen der Kirche neben Schwalbenneſtern Schutz ſucht.“—„In der Welt gibt — 64— es Teufel,“ erwiederte der Archidiakonus.—„Das iſt verteufelt angerichtet,“ hemerkte Gringoire. Nach einer Pauſe begann der Archidi jakonus auf's Neue:„Sie rettete Euch doch das Leben.“—„Ja, bei meinen Freunden, den Landſtreichern. Beinah hätten ſie mich gehängt. Jetzt würde es ihnen leid thun.“—„Ihr wollt Nichts für ſie thun?“—„Oh ja, Dom Claude, ich lade mir da aber eine ſchlimme Angelegenheit auf den Hals.“—„Was iſt daran gelegen!“—„So? was iſt daran gelegen? Wahrhaftig, Meiſter, Ihr ſeid gut⸗ müthig. Ich habe zwei große Werke angefangen.“— Der Prieſter ſchlug ſich vor die Stirn. Ungeachtet ſei⸗ ner ſcheinbaren Ruhe enthüllte von Zeit zu Zeit eine heftige Bewegung ſeine inneren Zuckungen.—„Wie kann man ſie retten?“ Gringoire antwortete:„Ich, Meiſter, würde erwie⸗ dern: II padelt, d. h. auf türkiſch: Gott iſt unſre Hoffnung.“ „Wie kann man ſie retten?“ fragte Claude nachſin⸗ nend.—„Hört, Meiſter, meine Einbildungskraft iſt leb⸗ haft. Ich will Mittel ausfindig machen. Soll man den König um ihre Begnadigung bitten?“—„Ludwig XI.2 Entreiße dem Tiger ſeinen Raub!“ Gringoire ſuchte eine Löſung des Knotens.„Wollt Ihr, daß ich eine Erklärung an die Hebammen richte mit der Erklärung das Mädchen ſei ſchwanger?“ — 65— Das hohle Auge des Prieſters blitzte.—„Schelm! Weißt du das vielleicht?“ Gringoire erſchrak über des Prieſters Ausdruck und ſagte ſchnell:„Ich gewiß nicht. Unſre Ehe war ein wahres Foris masitagium. Ich blieb immer vor der Thür ſtehen. Man erhält aber ſo einen Aufſchub.“ —„Thorheit! Schande! Schweig!“—„Ihr habt Unrecht, ſo zornig zu werden. Man erhaͤlt einen Aufſchub; das ſchadet Niemanden, und bringt den Hebammen, die arme Frauen ſind, vierzig Deniers Pariſis ein.“ Der Prieſter hörte ihn nicht mehr.—„Dort muß ſie aber fort,“ murmelte er.„Der Parlamentsbeſchluß iſt binnen drei Tagen auszuführen. Und dann Quaſimodo! Die Weiber haben doch ſonderbar ſchlechte Neigungen. — Meiſter Pierre,“ ſprach er lauter,„ich habe die Sache überlegt; es gibt nur ein Mittel.“—„Welches? ich ſehe keins.“—„Hört, Meiſter, vergeßt nicht, daß ſie Euch das Leben rettete. Ich will Euch offen meine Gedanken ſagen. Die Kirche wird Tag und Nacht bewacht. Man läßt nur die hinausgehen, welche man hineintreten ſah. Ihr könnt hineingehen. Ihr mögt kommen, und ich will Euch zu ihr führen. Dann könnt Ihr die Kleider wechſeln, ſie legt Euer Wamms, Ihr legt ihren Wei⸗ berrock an.“ „Nun, bis dahin ginge Alles gut,“ meinte der Phi⸗ loſoph.„Aber weiter!“—„Nun, ſie geht in Eurer Kleidung aus der Kirche und Ihr bleibt dort mit der XV. 5 — 66— ihrigen. Vielleicht wird man Euch hängen, aber ſie wird gerettet.“ Gringoire kratzte ſich bedächtig hinter die Ohren.— „So, ſo! der Gedanke wäre mir niemals eingefallen.“ Bei dem unerwarteten Vorſchlag Dom Claude's verfinſterte ſich plötzlich das gutmüthige und offene Ant⸗ litz des Dichters, wie eine heitere italieniſche Gegend, wenn ein Windſtoß eine Gewitterwolke herbeitreibt. „Nun, Gringoire, was haltet Ihr von dem Mittel?“ —„Ich meine, Meiſter, man wird mich nicht vielleicht, ſondern ganz gewiß hängen.“—„Das kümmert uns nicht.“—„Peſt!“—„Sie rettete Euch das Leben. Ihr bezahlt eine Schuld.“—„Ich bezahle andre Schulden bisweilen auch nicht.“—„Meiſter Pierre, Ihr müßt!“ — Der Archidiakonus ſprach mit gebieteriſcher Stimme. „Hört, Dom Claude!“ erwiederte niedergeſchlagen der Dichter;„Ihr habt Unrecht, bei dem Gedanken hart⸗ näckig zu verharren. Ich ſehe nicht ein, weßhalb ich mich anſtatt eines Andern ſollte hängen laſſen.“—„Was feſſelt Euch denn ſo ſehr an's Leben?“—„Tauſend Gründe.“—„Welche? wenn's beliebt.“—„Luft, Son⸗ nenſchein, Morgen, Abend, Mondſchein, meine Freunde, die Landſtreicher, Mädchen, die ſchönen Gebäude, die ich ſtudiren, drei Bücher, die ich ſchreiben will, worunter eins gegen den Biſchof und ſeine Mühlen. Was weiß ich? Anaxagoras ſprach, er ſei auf der Welt, die Sonne zu bewundern. Und endlich habe ich das Slück, täglich — 67— in Geſellſchaft eines Mannes von Geiſt zu leben. Der bin ich nämlich ſelbſt; und das iſt ſehr angenehm.“ „Kopf, geeignet zu Schellen,“ murmelte der Archi⸗ diakonus.„Nun, ſprich, wer erhielt dir dies ſo ange⸗ nehme Leben? Wem verdankſt du Luft, Sonnenſchein und dein Vergnügen an Poſſen und Thorheiten? Wo wärſt du, ohne ſie? Du willſt, ſie ſoll ſterben, und ver⸗ dankſt ihr das Leben? Dies göttliche, ſchöne, ſanfte, anbetungswürdige Geſchöpf, nothwendig dem Licht der Welt und göttlicher als Gott, ſoll ſterben, während du zur Hälfte weiſe und zur Hälfte ein Thor, du Entwurf von Etwas, du Pflanze, die zu wandeln und zu denken wähnt, das dein ihr geſtohlenes Leben führt, und du biſt doch ſo nutzlos, wie eine Kerze am hellen Mittage! Gringoire, habe Mitleid! ſei auch einmal edelmüthig! Sie war es zuerſt.“ Der Prieſter ward heftig. Gringoire hörte ihm An⸗ fangs mit dem Ausdruck der Unentſchloſſenheit zu, und ſchnitt endlich eine tragiſche Fratze, welche ſeinem bleichen Antlitz Aehnlichkeit mit einem neugeborenen Kinde ertheilte, das an der Kolik leidet. Er trocknete eine Thräne und ſprach:„Ihr ſeid pathetiſch. Nun, ich will's überlegen. Ihr habt da einen drolligen Einfall!“— Nach einer Pauſe fuhr er fort: „Nun, wer weiß? vielleicht hängt man mich nicht. Wer ſich verlobt, heirathet nicht immer. Findet man mich in ihrer Kammer ſo poſſierlich gekleidet mit Weiberrock . 5* — 68— und Haube, fangen die Häſcher vielleicht an zu lachen. Und hängt man mich, ſo iſt der Strick ein Tod, wie jeder andre, oder vielmehr kein Tod, wie jeder andre, ein Tod würdig eines Weiſen, der ſein ganzes Leben hindurch ſchwankte, weder Fleiſch, noch Fiſch, wie der Geiſt des wahren Skeptikers, ein Tod voll Pyrrhonismus und Bedenken, der Euch zwiſchen Himmel und Erde in der Schwebe läßt, der Tod eines Philoſophen, der mir vielleicht prädeſtinirt war. Es iſt herrlich zu ſterben, wie man lebte.“ Der Prieſter unterbrach ihn.„Alſo iſt die Sache abgeſchloſſen.“—„Was iſt denn im Nothfall der Tod?“ ſprach Gringoire begeiſtert weiter,„ein ſchlimmer Augen⸗ blick, ein Brückenzoll, der Uebergang von Wenig zu Nichts. Als Jemand Cercidas aus Megalopolis fragte, ob er mit Freuden ſtürbe, gab er zur Antwort: Warum nicht? bald ſehe ich die großen Männer, Pythagoras unter den Philoſophen, Hecatäus unter den Geſchichtſchreibern, Ho⸗ mer unter den Dichtern, Olympus unter den Muſikern.“ Der Archidiakonus reichte ihm die Hand.„Alſo die Sache iſt abgeſchloſſen. Ihr kommt morgen.“ Dieſe Bewegung führte Gringoire zur Wirklichkeit zurück.„Meiner Treu, nein!“ ſagte er.„Gehängt werden? Abgeſchmackt! Ich habe keine Luſt.“—„Gut! lebt wohl.— Ich werde dich ſchon wiedertreffen,“ mur⸗ melte der Archidiakonus. b — 69— Der Teufel vom Pfaffen ſoll mich nicht wieder treffen, dachte Gringoire und lief hinter ihm her.„Hört, Herr Archidiakonus, keine Feindſchaft zwiſchen alten Freunden! Ihr nehmt Antheil an dem Mädchen, an meiner Frau, wollte ich ſagen. Ihr habt eine Liſt erſon⸗ nen, ſie aus Notre⸗Dame zu bringen, welches aber ſehr unangenehm für mich iſt. Wenn ich nun ein andres Mittel bereit hätte? Ich ſage Euch, mir fällt in dem Augenblick ein lichtvoller Gedanke ein, ſie aus der Ver⸗ legenheit zu ziehen, ohne meinen Hals mit irgend einer Schlinge in Berührung zu bringen. Was meint Ihr? Iſt es denn durchaus nothwendig, daß ich auch gehängt werde?“ Der Prieſter riß ärgerlich die Knöpfe aus ſeinem Kleide.„Strom von Worten! ſag', was iſt dein Mittel?“ —„Ja, ja,“ ſprach Gringoire zu ſich ſelbſt und legte den Zeigefinger auf die Naſe.„Ich hab's! Die Land⸗ ſtreicher ſind brave Jungen! Der Zigeunerſtamm liebt ſie. Beim erſten Wort werden ſie in Aufruhr gerathen. Nichts leichter! Eine Ueberrumpelung! Während des „Getümmels kann man ſie leicht entführen. Morgen Abend.... Es wird ihnen ganz recht ſein!“ Der Prieſter ſchüttelte ihn.„Dein Mittel! ſchnell!“ Gringoire wandte ſich maieſtätiſch zu ihm.„Laßt mich. Ihr ſeht, ich bin ſchlau.“ Dann überlegte er noch einige Augenblicke, klatſchte in die Hände und rief:„Bewun⸗ drungswürdig! Der Erfolg iſt ſicher!“ — 70— 4 „Dein Mittel!“ rief Claude zornig.—„Hört, ich will's Euch in's Ohr ſagen. Eine wahrhaft ſchlaue Gegen⸗ mine, die uns Alle aus der Angelegenheit zieht. Wahr⸗ haftig, ich bin doch kein Einfaltspinſel, geſteht es ein!. Ah, ſo, iſt die Ziege bei meiner Frau?“—„Ja, der Teufel mag dich holen!“—„Sie wollen auch die hän⸗ gen?“—„Was kümmert's mich?“—„FJa, ganz gewiß. Vergangenen Monat hing ein Zuchtſchwein am Galgen. Dem Henker iſt das ſehr willkommen. Er kann das Thier verſpeiſen. Arme Diali! armes, kleines, unſchul⸗ diges Lamm!“—„Verflucht! du biſt der Henker! Schelm, welches Rettungsmittel haſt du gefunden? Muß man deine Idee mit der Gebär⸗Zange zu Tage fördern.“— „Meiſter, hört!“ Gringoire neigte ſich zum Ohr des Archidiakonus, ſprach ſehr leiſe und warf von einem Ende der Straße zum andern einen unruhigen Blick, um zu ſehn, ob Nie⸗ mand vorüberginge. Als er mit Dom Claude geſprochen, drückte ihm dieſer die Hand und ſprach kalt:„Alſo morgen!“ „Ja, morgen,“ wiederholte Gringoire. Als der Archi⸗ diakonus fort ging, ſchlug er einen entgegengeſetzten Weg ein und ſprach halb laut:„Eine gewaltige Geſchichte, Herr Pierre Gringoire! Was thut's? Wenn man klein iſt, erſchrickt man noch nicht vor großen Unternehmungen. Biton trug einen großen Ochſen auf den Schultern. Bachſtelzen und Grasmücken fliegen über's Meer.“ — 71— 2. Werde Landſtreicher. Der Archidiakonus, als er wieder in's Kloſter trat, fand ſeinen Bruder Jehan wartend an der Thür ſeiner Zelle. Er vertrieb ſich die Langeweile des Wartens, indem er das Geſicht ſeines Bruders, mit einer übermäßig verlängerten Naſe bereichert, mit einer Kohle auf die Wand zeichnete. Dom Claude bemerkte kaum ſeinen Bruder, denn andre Gedanken nahmen ihm den Kopf ein. Des muth⸗ willigen Knaben fröhliches Geſicht, deſſen Strahl das düſtere Antlitz des Prieſters ſonſt erheitert hatte, ver⸗ mochte jetzt nicht, den Nebel zu zertheilen, welcher aus dieſer mephitiſchen, ſumpfigen, verdorbenen Seele täglich verdichteter aufſtieg. „Bruder,“ ſprach Jehan furchtſam,„ich beſuche Euch.“ Der Archidiakonus ſchlug nicht einmal die Augen auf.„Weiter!“ ſprach er. „Bruder,“ begann der Heuchler,„Ihr ſeid ſo gütig, gebt mir ſo oft guten Rath, daß ich immer wieder zu Euch komme.“—„Weiter!“—„Ach Bruder, Ihr hattet wohl Recht, als Ihr ſagtet: Jehan, Jehan! cessat doc- torum doctrina, discipulorum disciplina! Jehan, ſei artig! Jehan, werde gelehrt! Jehan, bleibe nicht aus dem Kollegium des Nachts ohne rechtmäßigen Grund und Erlaubniß deines Lehrers. Prügele nicht die Picar⸗ dier! noli Joannes verberare Picardos! Verfaule nicht, wie ein unwiſſender Eſel, quasi asinus illiteratus, auf dem Futterſtroh der Schule! Jehan, laß dich nach Gut⸗ befinden des Lehrers ſtrafen! Jehan, geh' jeden Abend in die Kapelle und ſinge dort einen Pſalm der glorreichen Frau Jungfrau Maria! Ach, das war ein trefflicher Rath!“—„Weiter!“—„Bruder, Ihr ſeht einen elen⸗ den, ſchuldigen Verbrecher, ein Scheuſal, einen Lieder⸗ lichen! Lieber Bruder, Jehan trat Euren Rath, wie Miſt, mit Füßen. Ich bin ſchwer beſtraft, denn Gott iſt gerecht. So lange ich Geld hatte, trieb ich Poſſen und führte ein luſtiges Leben. Ausſchweifung, ſo ſchön von vorn, iſt doch häßlich von hinten! Ich habe keinen Heller! Verkaufte Hemd, Tiſch⸗ und Handtuch! Das luſtige Leben iſt vorbei! Die ſchöne Kerze iſt erloſchen, und ein elen⸗ des Talglicht dampft mir unter der Naſe. Ich trinke Waſſer; ich werde von Gewiſſensbiſſen und Gläubigern gepeinigt.“ „Weiter!“ ſprach der Archidiakonus. „Ach, lieber Bruder, ich möchte mich beſſern! Ich trete zerknirſcht vor Eure Augen! Ich thue Buße und beichte! Auf die Bruſt ſchlage ich mit geballten Fäuſten. Ihr hattet Recht, daß ich einſt Submonitor und Licen⸗ ciat im Kollegium Torchi werden ſollte. Für dieſen Stand fühle ich jetzt herrlichen Beruf. Ich habe aber keine Tinte und muß ſie doch kaufen; ich habe keine Federn, und muß doch einige kaufen; ich habe weder Bücher, noch Pa⸗ pier, und muß beides doch kaufen! Dazu brauche ich ein — 73— wenig Geld, und komme deßhalb zu Euch, mein Bruder, voll Zerknirſchung.“—„Weiter Nichts?“—„Ja, ein wenig Geld!“—„Fch habe keins.“ Da ſprach der Student mit entſchloſſener und ernſter Miene:„Gut, Bruder, es thut mir leid, Euch ſagen zu müſſen, daß man mir andrerſeits ſehr vortheilhafte An⸗ träge gemacht hat. Ihr wollt kein Geld geben?“— „Nein!“—„In dem Fall werde ich Landſtreicher.“ Als er dies furchtbare Wort ausſprach, gab er ſich die Miene eines Ajax, welcher erwartet, der Blitz werde auf ſein Haupt niederſtürzen. Der Archidiakonus ſprach kalt:„Werdet Landſtreicher!“ Jehan grüßte ihn mit tiefer Verbeugung und ging pfeifend die Treppe hinab. Als er durch den Kloſterhof kam, hörte er, wie das Fenſter ſeines Bruders aufgeriſ⸗ ſen ward. Er reckte die Naſe in die Höhe und ſah das ſtrenge Geſicht des Archidiakonus hervorragen.—„Geh zum Teufel!“ rief Dom Claude,„das iſt das letzte Geld, das du von mir haben ſollſt!“ Zugleich warf der Prieſter eine Börſe hinab, die Jehan eine Beule auf der Stirn verurſachte, worauf Jehan, zugleich verdrießlich und vergnügt, wie ein Hund fortging, dem man Markknochen an den Kopf wirft. 8. Es lebe die Luſt Der Leſer hat wohl nicht vergeſſen, daß ein Theil des Hofes der Wunder durch die alte Ringmauer der — z4— Stadt begrenzt ward, welche damals anfing zu verfallen. Ein Thurm dieſer Mauer war von den Landſtreichern zum Vergnügungsort beſtimmt. Im Keller war eine Schenke, und in den oberen Stockwerken andre Anſtal⸗ ten. Dieſer Thurm war der lebendigſte und folglich auch der ſcheuslichſte Theil des Wunderhofes, eine Art unge⸗ heuren Bienenkorbes, der Tag und Nacht ſummte. Des Nachts, wenn der übrige Theil des Bettlerquartieres ſchlief, wenn kein Fenſter an den erdfahlen Fagaden des Platzes mehr leuchtete, wenn man kein Geräuſch aus dieſen unzähligen Hütten, den Ameiſenhaufen von Dieben, Freu⸗ denmädchen, geſtohlenen oder Baſtard⸗Kindern mehr ver⸗ nahm, erkannte man den munteren Thurm noch immer an dem dort herrſchenden Lärm, am Scharlachlicht, wel⸗ ches zugleich durch die Luftlöcher, die Fenſter, die Mauer⸗ ſpalten, gleichſam aus allen ſeinen Poren drang. Der Keller alſo war die Schenke. Man ſtieg durch eine niedrige Thür und eine Treppe hinein, die eben ſo ſtarr, wie ein klaſſiſcher Alexandriner war. Am Thore hing als Schild ein wunderbares Geſudel von neuen Sous und getödteten Hühnern mit der Inſchrift: Zu den Glockenläutern für geſchiedene Seelen. Eines Abends, als die Abendglocke überall in Paris erſchallte, hätten die Sergeanten der Wache, wenn ſie in den furchtbaren Wunderhof hätten dringen können, bemerken müſſen, daß in der Schenke der Landſtreicher mehr als gewöhnlich getrunken und geflucht wurde. — 75— Außen ſtanden zahlreiche Gruppen, die ſich leiſe unter⸗ hielten, als werde ein großer Entwurf geſchmiedet. Hin und wieder wetzte auch ein Schelm ſeine eiſerne Klinge auf einem Pflaſterſtein. Uebrigens bildeten Wein und Spiel in der Schenke ſelbſt eine ſo bedeutende Diverſion hinſichtlich der Hauptgedanken des Gaunerſtammes, daß man nur mit Mühe aus den Reden der Trinker erra⸗ then konnte, worum es ſich handle. Nur ſchienen ſie froher, als gewöhnlich, und bei Allen ſah man eine Waffe zwiſchen den Beinen glänzen, ein Faſchinenmeſſer, eine Axt, einen großen Haudegen oder auch eine alte Haken⸗ büchſe. Der Saal, von runder Form, war weit; allein die Tiſche waren dicht an einander gedrängt, und die Trinker ſo zahlreich, daß Alles in der Schenke, Männer, Weiber, Bänke, Bierkruge, Trinker, Schlafende, Spielende, die, welche noch auf den Beinen ſtanden, wie die Taumelnden durch einander mit eben ſo viel Ordnung, wie ein Haufen Auſterſchalen gedrängt ſchienen. Einige Talglichter brann⸗ ten auf den Tiſchen; die Hauptbeleuchtung der Schenke, welche dort die Rolle des Kronleuchters im Opernſaale vertrat, war aber das Feuer. Der Keller war ſo feucht, daß man es nie, ſelbſt nicht im Sommer, auf dem Ka⸗ min erlöſchen ließ; der Kaminmantel war groß, aus gemeißeltem Stein, von Feuerböcken und Küchengeräthen ſtarrend. Das Feuer brannte aus Holz und Torf, wie es in Dorfſtraßen des Nachts mit rothem Schein die — 76— Gebilde der Fenſter einer Schmiede auf die entgegen⸗ geſetzte Seite wirft. Ein großer Hund ſaß ernſt in der Aſche und drehete an der Gluth einen mit Fleiſch belade⸗ nen Bratſpieß. Wie groß auch die Verwirrung ſein mochte, konnte man beim erſten Blick drei Hauptgruppen erkennen, die ſich um drei Perſonen drängten, mit welchen der Leſer ſchon bekannt iſt. Einer derſelben, mit orientaliſchen Fetzen ausgeſtutzt, war Matthias Hungadi Spicali, der Zigeunerherzog. Dieſer ſaß mit gekreuzten Beinen auf einem Tiſch, hielt einen Finger in die Höhe und ver⸗ theilte mit lauter Stimme ſeine Wiſſenſchaft weißer und ſchwarzer Magie an ſeine Umgebung, die ihm mit offe⸗ nem Munde anhörten. Eine andre Maſſe drängte ſich um unſern alten Freund, den tapfern König von Thunes, der bis auf die Zähne bewaffnet war. Clopin Trouille⸗ fou ordnete mit leiſer und ernſter Stimme die Auslee⸗ rung einer ungeheuren, vor ihn geſtellten und mit Waffen gefüllten Tonne, woraus Beile, Degen, Helme, Schup⸗ penpanzer, Lanzen⸗ und Hellebarden⸗Spitzen, wie aus einem Füllhorn Aepfel und Trauben, hervorkamen. Jeder nahm ein Stück. Der Eine eine Pickelhaube, der Andre einen Stoßdegen, der Dritte das Erbarmen*) mit dem *) So hieß im Mittelalter ein großer Dolch, womit gewöhnlich geharniſchte Reiter im Zweikampf ihre vom Pferde geſunkenen Gegner niederſtießen, oder den Ge⸗ — 77— Kreuz als Griff. Selbſt Kinder bewaffneten ſich, und krochen unter den Beinen der Trinker wie dicke Käfer umher. Endlich bedeckte ein dritter Kreis, der lärmendſte, munterſte und zahlreichſte, Bänke und Tiſche. In ihrer Mitte ſprach und fluchte eine Flötenſtimme, die aus einer ſchweren, vom Helm bis zu den Sporen vollſtändigen Rüſtung hervordrang. Jener Panoplet*) verſchwand gänzlich unter dem Kriegskleide, ſo daß man von ſeiner ganzen Geſtalt nur eine freche, etwas aufgeſtülpte rothe Naſe und eine blonde Haarlocke, auch zwei kühne Augen und einen rothen Mund erblickte. Sein Gürtel war voll Dolche, an ſeiner Seite hing ein Degen, und über die linke Schulter eine verroſtete Armbruſt; vor ihm ſtand ein Weinkrug und rechts neben ihm ein dickes Mädchen mit entblößter Bruſt. Alle Mäuler rings um ihn lachten, fluchten und tranken. Man denke ſich noch zwanzig Nebengruppen, Kell⸗ ner und Kellnerinnen, mit Krügen umherrennend, Spie⸗ ler, die ſich über Kugeln, die Hinkbahn, Würfel, das leidenſchaftliche Spiel der Täfelchen lehnten, Zank in einem Winkel, Küſſe im andern, dann erhält man einen Eindruck vom Ganzen, worüber die Helle eines großen Feuers flimmerte, welches tauſend übermäßige und gro⸗ harniſchte im Kampfe zu Fuß gebrauchten, wenn der Gegner überwunden war. Daher der Name. Anm. des Ueberſ. *⁵) Ganz mit Rüſtung bedeckt. 4 — 78— teske Schatten auf die Mauer warf. Der Lärm glich einer Glocke im ſchnellſten Geläut. Die Bratpfanne, in die ein Fettregen hinabfiel, füllte mit fortwährendem Kniſtern die Zwiſchenräume dieſer tauſend Dialoge aus, die von einem Ende des Saals bis zum andern ſich kreuzten. Unter dieſem Lärm ſaß hinten in der Schenke auf der innern Bank des Kamins ein nachſinnender Philo⸗ ſoph. Die Füße ſteckte er in die Aſche, das Auge heftete er auf die Feuerbrände. Dies war Pierre Gringoire. „Auf! Schnell! Zu den Waffen! In einer Stunde wird der Marſch begonnen!“ rief Clopin ſeinen Kauder⸗ wälſchen zu. Ein Mädchen trällerte: „Vater und Mutter, gute Nacht, Die Leute löſchen die Lichter aus.“ Zwei Kartenſpieler zankten ſich.„Bube! Trefle⸗Bube!“ rief der Eine;„ich nehme dir den Stich! Miſkigris kannſt du durch den König erſetzen.“—„uf!“ heulte ein Normanne, an ſeiner näſelnden Ausſprache kennbar, „man wird hier zuſammengepfropft wie die Heiligen von Caillonville.“—„Söhne,“ ſprach der Zigeunerherzog zu ſeinen Zuhörern in der Fiſtel,„die franzöſiſchen Hexen gehen zum Sabbat ohne Beſen, Fett, und Böcke zum Reiten, ganz allein mit einigen Zauberworten. Die ita⸗ lieniſchen Hexen haben ſtets einen Ziegenbock zu ihren Dienſten an ihrer Thür. Alle müſſen durch den Schaen, ſtein fliegen.“ — 79— Die Stimme des jungen Schelms, der von Kopf bis zu Füßen bewaffnet war, beherrſchte den Lärm. „Huſſa!“ rief er,„heute meine Waffenprobe! Land⸗ ſtreicher! Chriſtus Bauch, ich bin Landſtreicher! Schenkt ein! Freunde, ich heiße Jehan Frollo Dumoulin, bin Edelmann und der Meinung, Gott werde als Gendarme plündern. Brüder, wir werden eine herrliche That voll⸗ bringen, die Kirche belagern, Thüren einſchlagen, das ſchöne Mädchen herausbringen, ſie vor Prieſtern und Richtern retten. Das Kloſter niederreißen, den Biſchof in ſeinem Palaſt verbrennen, und dies Alles in weniger Zeit vollbringen, als ein Bürgermeiſter braucht, einen Löffel Suppe zu eſſen. Unſre Sache iſt gerecht, wir plündern Notre⸗Dame und damit iſt's vorbei. Wir hängen Quaſimodo. Meine Damen, kennet ihr Quaſimodo? Habt ihr ihn geſehn, wie er um Pfingſten auf der großen Glocke keucht? Bei meines Vaters Hörnern! Da ſollte man ihn für einen Teufel, der auf einem Drachen reitet, halten.— Freunde, hört mich. Landſtreicher bin ich mit ganzer Seele, Kauderwälſcher von Herzen, und als Lieder⸗ licher geboren. Ich war reich, und habe mein Geld durch⸗ gebracht. Meine Mutter wollte mich zum Offizier, mein Vater zum Subdiakonus, meine Tante zum Gerichtsrath, meine Großmutter zum Protonotar des Königs, meine Großtante zum Schatzmeiſter machen; ich aber bin Land⸗ ſtreicher geworden. Ich ſagte dies meinem Vater, der mir ſeinen Fluch in's Geſicht ſpie, meiner Mutter, der — 80— alten Frau, die zu weinen und zu geifern anfing, wie jenes Scheitholz auf dem Feuerbock. Es lebe die Luſt! Ich bin ein wahres Bicstre! Wirthin, meine Liebe, andern Wein! Ich habe Geld! Ich will keinen Surene⸗ Wein! Der kratzt mir die Kehle, als ob ich mir den Hals mit einem Korbe gurgelte und ſchabte!“ Laut lachend klatſchten die Zuhörer Beifall, und als der Student den Lärm noch immer ſteigen ſah, rief er aus:„Oh, welch ein Freudengeſchrei! Populi debac- chantis populosa debacchatio!“ Dann ſang er wie ein Kanonikus die Veſper, wobei ſein Auge in Verzük⸗ kung ſchwamm:„Quae cantica! quae organa! quae cantilenae! Quae melodiae hic sine fine decantantur! Sonant melliflua hymnorum organa, suavissima ange⸗ lorum melodia, cantica canticorum miral.... Säufe⸗ rin des Teufels, gib mir Wein!“ Hier entſtand eine Art Pauſe, während welcher die ſcharfe Stimme des Zigeunerherzogs ſich erhob, wie er ſeine Leute belehrte:„Das Wieſel heißt Aduine, der Fuchs Blaufuß oder Waldläufer, der Wolf Graufuß oder Goldfuß, der Bär Herr Großvater.— Die Mitze eines Gnomen macht unſichtbar, und daß man unſichtbare Dinge ſehen kann.— Wird eine Kröte getauft, muß ſie roth oder ſchwarz gekleidet ſein, eine Klingel am Hals und am Fuße haben. Der Gevratter hält ihr den Kopf, die Gevatterin den Hintern.— Der Teufel Sidagraſum läßt die Madchen ganz nackt tanzen.“ — 81— „Bei der Meſſe,“ unterbrach ihn Jehan, der Teu⸗ fel Sidigraſum möchte ich ſein!“ Unterdeß fuhren die Landſtreicher flüſternd am andern Ende des Saales ſich zu bewaffnen fort.„Die arme Esmeralda!“ ſagte ein Zigeuner.„Sie iſt unſere Schwe⸗ ſter. Wir müſſen ſie retten.“— Sie iſt alſo noch immer in Notre⸗Dame?“ fragte ein jüdiſch ausſehender Hauſirer. —„Ja, wahrhaftig!“—„Auf, Kameraden, nach Notre⸗ Dame! In der Kapelle Féréol und Fenrution ſind zwei Statuen, Johannes des Täufers und des heiligen Anto⸗ nius, beide von Gold, und ſiebzehn Mark Gold, fünfzehn Pfund Eſterlin ſchwer. Das Fußgeſtell von Silber, über⸗ goldet, und ſiebzehn Mark, fünf Unzen ſchwer. Ich weiß das; ich bin Goldſchmied.“ Man brachte Jehan ſein Abendeſſen. Er legte die Hand auf den Buſen ſeiner Nachbarin und rief:„Beim heiligen Geſicht von Lucca!*) Ich bin vollkommen glück⸗ 1) Saint volt de Lucques! ein im Mittelalter bei Fran⸗ zoſen und Engländern(Normannen) gewöhnlicher Schwur, der durch eine Legende erklärt wird. Als der Erlöſer ſein Kreuz trug und ermüdet hinſank, trat ein mitleidiges Mädchen heran, um mit ihrem Tuche ihm das Geſicht abzutrocknen. Durch den Schweiß des Geſichts(heißt es) blieb ein Abdruck von den Zügen des Erlöſers auf dem Tuche, und das Tuch wurde in Lucca als Reliquie aufbewahrt. Im Original befindet ſich hier noch ein unüberſetzbares Wortſpiel, es ward nämlich gewöhnlich abgekürzt ausgeſprochen: St. Vo 6 — 82— lich! Vor mir ſehe ich einen Pinſel, der mich mit der gewichtigen Miene eines Erzherzogs betrachtet. Links ſteht ein andrer, deſſen Zähne bis über das Kinn reichen. Mir geht es, wie dem Marſchall Gré bei der Belagerung von Pontoiſe; meine Rechte ſtütze ich auf eine Erhöhung. — Mahom's Bauch! Kamerad, du ſiehſt aus, wie ein Trödeljude, und ſetzeſt dich neben mir. Freund, ich bin von Adel! Handelsſtand paßt nicht zum Adelſtand. Pack dich!— Hollah! ihr da! prügelt euch nicht. Baptiſte Dieb, du haſt eine ſo ſchöne Naſe, und wagſt ſie gegen die Fauſt jenes Ochſen. Non cuiquam datum est habere nasum.— Wahrhaftig, Jacqueline Rothohr, du biſt gött⸗ lich! Wie Schade, daß du keine Haare mehr haſt!— Hollah, ich heiße Jehan Frollo, und mein Bruder iſt Archidiakonus. Der Teufel ſoll ihn holen! Alles, was ich ſage, iſt Wahrheit. Als ich Landſtreicher ward, ver⸗ zichtete ich von ganzem Herzen auf ein im Paradieſe gelegenes Haus, das mir mein Bruder verſprach. Dimi- diam domum in paradiso. Ich citire den Text. Ich beſitze ein Lehen, Rue Tirechappe, und alle Weiber ſind in mich verlieht, ſo wahr St. Eloi ein guter Gold⸗ ſchmied war, und ſo wahr die fünf Zünfte der guten de Lue, und das Volk machte daraus Saint Goguelue, alſo einen heiligen Schlemmer. Jehan gebraucht den letzten Schwur und den richtigen. Er ſagt: Beim heiligen Geſicht von Lucca, oder wie das Volk ſagt: Beim heiligen Schlemmer. Anm. des Ueberſ. — 83— Stadt Paris aus Lohgerbern, Weißgerbern, Gürtlern, Säcklern und Badern beſtehen, und ſo wahr St. Lau⸗ rentius durch Eierſchalen gebraten ward. Kameraden, ich ſchwör's euch: Ein Jahr will ich hölliſch Feuer trinken, Wenn dies nicht Alles Wahrheit iſt. „Meine Liebe, ſieh durch's Kellerloch. Der Mond ſcheint, der Wind zerknittert die Wolken, ſo macht' ich's mit deinem Buſentuch— Mädchen, putzt die Lichter und den Kindern die Naſe.— Chriſt und Mahom! Was eſſe ich da? Die alte Hexe! Haare, die den Köpfen der Landſtreicherinnen fehlen, ſind im Pfannkuchen. Das alte Weib! Ich will Pfannkuchen ohne Haare! Der Teufel platte deine Naſe!— Wirthshaus Belzebubs, wo die Landſtreicherinnen ſich mit Gabeln kämmen.“ Er warf den Teller auf die Erde und ſang mit lauter Stimme: Gott's Blut, ich bin Der Ehre baar, Ohne frommen Sinn, Ohne Rock ſogar. Mich kümmert ſo wenig Gott wie der König. Unterdeß war Clopin Trouillefou mit der Waffen⸗ vertheilung am Ende. Er trat zu Gringoire, der, in tiefes Nachdenken verſunken die Füße auf ein Holz⸗ ſcheit geſtützt hatte.„Pierre,“ ſprach der König von 6* — 84— Thunes,„woran denkſt du 24 Gringoire wandte ſich zu ihm mit ſchwermüthigem Lächeln.„Lieber Herr, ich liebe das Feuer, nicht wegen des gemeinen Grundes, daß Feuer unſre Füße wärmt und Suppe kocht, ſondern weil Funken ſprühen. Bisweilen beſehe ich mir ſtunden⸗ lang die Funken, und entdecke tauſend Dinge in den Sternen, die vom ſchwarzen Grunde des Heerdes auf⸗ ſpringen. Die Sterne da ſind Welten.“—„Donner⸗ wetter, ich verſtehe dich nicht! Weißt du, was die Uhr iſt?“—„Nein.“ Clopin trat zum Zigeunerherzog heran.„Camerad Matthias, die Zeit iſt nicht gut gewählt. Man ſagt, König Ludwig ſei in Paris.“—„Ein Grund mehr, ihm unſre Schweſter aus den Krallen zu ziehen.“—„Matthias, du ſprichſt wie ein Mann. Uebrigens wird Alles leicht von Statten gehen. In der Kirche finden wir keinen Widerſtand. Die Canonici ſind Haſen, und wir ſind ſtark. Morgen ſind die Leute des Parlaments gepyrell, wenn ſie Esmeralda holen wollen. Bei den Gedärmen des Papſtes, das ſchöne Madchen ſollen ſie nicht hängen!“— Clopin verließ hierauf die Schenke. Unterdeß ſchrie Jehan mit heiſerer Stimme:„Ich eſſe, trinke, bin betrunken, bin Jupiter! Peter Todt⸗ ſchläger, ſiehſt du mich noch einmal ſo an, ſtülpe ich dir die Naſe mit Naſenſtübern.“ 4 Gringoire, ſeinem Nachdenken entriſſen, betrachtete die ungeſtüme und lärmende Scene, die ihn umgab, und brummte zwiſchen den Zähnen:„Luxuriosa rei vinum et tumultuosa ebrietas. Ach! wie ſehr habe ich Recht, daß ich Nichts trinke, und wie ſchön ſpricht St. Benedict: Vinum apostatare facit etiam sapientes.“ Clopin trat wieder ein und rief mit Donnerſtimme: „Mitternacht!“. Dieß Wort brachte die Wirkung eines Marſchſignals bei einem Regiment, das Halt macht, hervor. Alle Landſtreicher, Männer, Weiber, Kinder, drängten ſich unter lautem Waffengeklirr aus der Schenke. Der Mond war mit Wolken bedeckt, der Wunder⸗ hof ſtockfinſter, man ſah kein Licht, allein er war nicht verlaſſen. Eine Maſſe Männer und Weiber ſprachen leiſe mit einander; man hörte ein Summen und konnte im Dunkel die blanken Waffen erblicken. Clopin ſtieg auf einen Stein.„Bildet eure Reihen, Kauderwälſche, Zigeuner, Galiläa!“ rief er laut. Im Schatten entſtand eine Bewegung. Die ungeheure Maſſe ſchien ſich als Colonne zu bilden. Nach einigen Minuten erhob noch einmal der König von Thunes ſeine Stimme:„Durch⸗ zieht Paris im tiefſten Schweigen! Das Loſungswort ſei: Kleine Flamme zum Spiel! Die Fackeln werden vor der Kirche Notre⸗Dame nicht angezündet. Marſch!“ Nach zehn Minuten flohen die Reiter der Wache voll Schrecken vor einer Proceſſion ſchwarzer und ſchwei⸗ gender Männer, welche zum Pont⸗aux⸗Changes hin die — 6— gewundenen Straßen durchzog, die das Viertel der Hallen nach allen Richtungen hin durchſchneiden. 4. Ein ungeſchickter Freund. In derſelben Nacht war Quaſimodo noch nicht ein⸗ geſchlafen. Er hatte ſeine letzte Runde in der Kirche gehalten und nicht bemerkt, daß der Archidiaconus, als er die Thore ſchloß, bei ihm vorüberging und einigen Aerger zeigte, weil Quaſimodo das ungeheure Eiſenwerk, welches den beiden Thürflügeln die Feſtigkeit einer Mauer verlieh, mit großer Sorgfalt verkettete und verriegelte. Dom Claude ſchien noch mehr als gewöhnlich von Gedan⸗ ken gepeinigt zu ſein. Auch mißhandelte er fortwährend Quaſimodo ſeit dem nächtlichen Abentheuer in der Zelle; er mochte ihn aber noch ſo ſehr anfahren, ſogar mitunter ſchlagen, der Gehorſam, die Geduld und die Hingebung des treuen Glockenläuters ward durch Nichts erſchüttert. Beleidigungen, Drohungen, Schläge des Archidiaconus duldete er, ohne einen Vorwurf zu murmeln, oder eine Klage auszuſtoßen. Höchſtens ſah er ihm unruhig nach, wenn der Archidiaconus die Thurmtreppe hinaufſtieg; allein dieſer hatte freiwillig darauf verzichtet, vor der Zigeunerin wieder zu erſcheinen. Quaſimodo war in jener Nacht, nachdem er einen Blick auf ſeine armen verlaſſenen Glocken geworfen, auf den Gipfel des nördlichen Thurmes geſtiegen, ſtellte ſeine wohlgeſchloſſene Blendlaterne auf das bleierne Dach — 87— und beſah Paris. Wie wir ſchon ſagten, war die Nacht ſehr dunkel. Paris, welches damals ſo zu ſagen noch nicht erleuchtet war, bot ſeinem Auge einen wirren Hau⸗ fen ſchwarzer Maſſen, hier und da durch die weißliche Krümmung der Seine durchſchnitten. Nur an einem weit entfernten Fenſter ſah Quaſimodo ein Licht an einem Hauſe, deſſen unbeſtimmtes düſteres Profil ſich hoch über die Dächer am There S. Antoine hinzeichnete. Dort auch wachte Jemand. Als er den Zlick ſeines einzigen Auges über dieſen Horizont von Nacht und Nebel ſchweben ließ, empfand er im Herzen eine unausſprechliche Angſt. Seit mehre⸗ ren Tagen hielt er genaue Wache. Stets ſah er Leute mit unheilvollem Geſicht die Kirche umſchwärmen, welche das Aſyl des Mädchens nie aus den Augen verloren. Er ahnete, eine Verſchwörung werde gegen die arme Geflüchtete ausgeſponnen, und meinte, derſelbe Volks⸗ haß, der ihn verfolge, gälte auch dem armen Mädchen, ſo daß in Kurzem wohl Etwas ſich ereignen könne. Darum ſtand er wachſam auf der Thurmſpitze und behielt Paris und die Zelle ſtets im Auge wie ein wachſamer Hund voll Mißtrauen. Als er ſo die große Stadt mit dem einzigen Auge betrachtete, welches die Natur, ihn gleichſam zu entſchä⸗ digen, ſo durchdringend geſchaffen hatte, daß es die ihm fehlenden Organe erſetzen konnte, ſchien es ihm, der Schattenriß des Kai's de la vieille Pelletrie biete — 88— etwas Sonderbares, eine Bewegung finde dort ſtatt, und die ſchräge Linie der Brüſtung am weißlichem Strom ſei nicht grade, wie der der andern Kai's, ſondern woge wie ein Fluß oder wie die Köpfe einer ſich bewegenden Menſchenmaſſe. Dieß ſchien ihm auffallend. Er verdoppelte ſeine Aufmerkſamkeit. Die Bewegung ſchien ſich zur Cité zu richten. Es ſchimmerte kein Licht. Sie dauerte einige Zeit auf dem Kai, dann verſchwand ſie allmaͤhlig, als dringe ſie in das Innere der Inſel. Endlich hörte ſie gänzlich auf und die Linie des Kai's ward grade und unbeweglich. Im Augenblick, wo Quaſimodo ſich in Ver⸗ muthungen erſchöpfte, ſchien es ihm, die Bewegung komme in der Straße des Vorplatzes wieder zum Vorſchein, die in grader Linie auf die Vorderſeite von Notre⸗Dame führte. So dicht auch die Finſterniß war, ſah er, wie eine Colonnenſpitze aus der Straße hervordrang, und auf den Platz eine Volksmaſſe plötzlich ausgoß, von der man nur die Maſſe erkennen konnte. Dieß Schauſpiel bot etwas Schreckliches dar. Die ſonderbare Proceſſion, welche ſo ſorgfältig im dichten Dunkel ſich zu verbergen ſchien, beobachtete aber kein vollkommenes Schweigen. Ein Geräuſch mußte aufſtei⸗ gen, war es auch nur das Geſtampf der Füße. Dieß Geräuſch gelangte nun zwar nicht zu unſerm Tauben, aber die ſo in ſeiner Nähe ſich bewegende und gehende Maſſe brachte bei ihm den Eindruck eines ſtummen, — 89— nicht berührbaren im Rauche ſich verlierenden Todten⸗ haufens hervor. Es ſchien ihm, als nahe ſich ein Nebel von Menſchen, als regten ſich Schatten im Dunkel. Er ward wieder von Furcht ergriffen, und der Gedanke eines Verſuchs gegen die Zigeunerin drängte ſich ihm auf. Er fühlte dunkel, wie eine gewaltſame Entſcheidung nahe war. In dem Augenblick faßte er ſeinen Entſchluß nach ſchnellerer und beſſerer Ueberlegung, als man bei einem ſo unvollkommen gebildeten Gehirn hätte erwarten ſollen. Sollte er die Zigeunerin wecken und ſie entwiſchen laſſen? Aber wohin? Die Straßen waren beſetzt und die Kirche ſtieß hinten an den Fluß. Weder Schiff, noch Ausgang! Er konnte nur einen Entſchluß faſſen; an der Schwelle von Notre⸗Dame ſich tödten zu laſſen, ſo lange Widerſtand zu leiſten, bis viel⸗ leicht Hülfe käme, und den Schlaf der Esmeralda nicht zu ſtören. Die Unglückliche mußte früh genug erwachen, um zu ſterben. Als er dieſen Entſchluß einmal gefaßt hatte, unterſuchte er den Feind mit mehr Ruhe. Die Maſſe ſchien mit jedem Augenblick auf dem Vor⸗ platz anzuwachſen. Quaſimodo vermuthete, ſie mache wenig Lärm, weil die Fenſter und Thüren des Platzes geſchloſſen blieben. Plötzlich erglanzte ein Licht, und dann ragten ſieben bis acht angezündete Fackeln über den Häuptern empor, und ſchüttelten im Dunkel ihre Flam⸗ menbüſchel. Quaſimodo ſah deutlich auf dem Platze eine Heerde zerlumpter Männer und Weiber ſich gleich Wogen — 90— kräuſeln, ſah Sicheln, Piken, Partiſanen und Garten⸗ meſſer. Hin und wieder ragten ſchwarze Gabeln hervor Er erinnerte ſich dunkel der Volksmaſſe und glaubte die Köpfe wieder zu erblicken, die ihn vor einigen Monaten zum Narrenpapſt gewählt hatten. Ein Mann, der in der einen Hand eine Fackel und in der andern eine Lanze hielt, ſtand auf einem Eckſtein und ſchien eine Rede zu halten. Zugleich führte das ſonderbare Heer einige Bewe⸗ gungen aus, als nehme es Poſition rings um die Kirche. uaſimodo nahm ſeine Laterne und ſtürzte auf die Platte zwiſchen den Thürmen, um mehr in der Nähe zu ſehn, und auf Vertheidigungsmittel ſinnen zu können. Clopin Trouillefou hatte vor dem Portale wirklich ſeine Leute in Schlachtordnung aufgeſtellt. Ob er gleich keinen Widerſtand erwartete, wollte er als kluger Gene⸗ ral Ordnung erhalten, ſo daß er im Nothfall gegen einen Angriff der Wache oder der Sergeanten Front machen konnte. Er hatte ſeine Truppen in der Art aufgeſtellt, daß, von fern geſehen, ſie dem römiſchen Triangel, dem Schweinskopf Alexanders und dem berühm⸗ ten Winkel Guſtav Adolfs glichen. Die Baſis des Trian⸗ gels ſtützte ſich auf den Hintergrund des Platzes und verſperrte die Rue du Parois, eine Seite war an das Hotel⸗Dien, eine andre an die Straße S. Pierre⸗auf⸗ Boeufs gelehnt. Clopin Trouillefou ſtand mit dem Zigeu⸗ nerherzog, unſerm Freund Jehan und den kühnſten Rau⸗ fern an der Spitze. — M— In den Städten des Mittelalters war eine Unter⸗ nehmung, wie die der Landſtreicher gegen Notre⸗Dame nicht ſo ſelten. Was wir gegenwärtig Polizei nennen, war damals noch nicht vorhanden. In den volkreichen, beſonders den Hauptſtädten war eine obere Centralge⸗ walt noch nicht gebildet. Die Feudalität hatte dieſe gewaltigen Communen auf ſonderbare Weiſe gebaut. Eine Stadt war eine Anſammlung von tauſend Herrſchaften, welche ſie in Theile jeglicher Art und Größe ſchieden. Tauſend Polizeien kreuzten ſich, d. h. es gab keine Poli⸗ zei. In Paris gab es außer den 141 Lehensherrn noch fünfundzwanzig, die Gerichtsbarkeit beſaßen, vom Biſchof von Paris, der hundert fünfundvierzig Straßen, bis zum Prior von Notre⸗Dame⸗des⸗Champs, der vier beſaß. Alle feudalen Gerichtsherrn erkannten die Ober⸗ herrſchaft des Königs nur dem Namen nach an; alle hatten ihr eigenes Gericht in ihrem Bezirk. Ludwig XI. der unermüdliche Minirer, welcher ſo kräftig das Werk des Niederreißens jenes feudalen Baues begann, das Richelieu und Ludwig XIV. zum Nutzen des Königthums fortſetzten, und welches Mirabeau zum Nutzen des Volkes beendete, Ludwig XI. hatte wohl verſucht, dieß Netz von Herrſchaften, das Paris bedeckte, zu durch⸗ löchern, und ſchleuderte zwei oder drei allgemeine Poli⸗ zeiordonnanzen plötzlich hinein. So erhielten 1465 die Einwohner Befehl, mit Einbruch der Nacht ihre Fenſter mit Kerzen zu erleuchten und ihre Hunde einzuſchließen, wobei mit Strafe des Stranges gedroht ward. In demſelben Jahre gab der König Befehl, die Straßen des Abends mit Ketten zu ſperren, und erließ ein Verbot, des Vorrechts öffentlich Angriffswaffen zu tragen. Allein in kurzer Zeit wurden dieſe Verſuche der Kommunalgeſetzgebung nicht mehr beachtet. Die Bürger ließen ihre Lichter vom Winde erlöſchen und ihre Hunde umherlaufen; eiſerne Ketten wurden nur im Belagerungszuſtande ausgeſpannt; das Verbot, Waffen zu tragen, hatte keine undere Folge, als die Namensveränderung der Straße Kehlabſchnei⸗ den(Rue coupe-Gueule). Das alte Gerüſt der Feu⸗ dalgerichtsbarkeit blieb unerſchüttert; eine ungeheure An⸗ häufung von Aemtern und Herrſchaften kreuzten, hinder⸗ ten, verwickelten ſich, und ſchnitten in einander ein; über⸗ all war ein nutzloſes Verhack von Wachen, Unterwachen, Gegenwachen, welche Raub, Schändung und Aufruhr mit gewaffneter Hand durchzog. Ein ſolcher Aufſtand, ein Angriff des Pöbels auf einen Palaſt oder ein Haus in einem bevölkerten Stadtviertel war deßhalb durchaus nicht ungewöhnlich. Die Nachbarn pflegten ſich dann nur einzumiſchen, wenn die Plünderung ſich auch bi auf ſie erſtreckte. Bei'm Gewehrfeuer verſtopften ſie ſich die Ohren, ſchloſſen ihre Fenſterläden, verrammelten ihre Thüren, ließen den Streit mit oder ohne Wache ausfechten, und dann ſagte man am andern Morgen: Geſtern Nacht ward Etienne Barbette genothzüchtigt, oder der Marſchall in Clermont iſt gefangen genommen ꝛc. ꝛc. — 93— Darum beſaßen auch nicht allein die böniglichen Woh⸗ nungen das Louvre, das Palais, die Baſtille, die Tour⸗ nelles, ſondern auch bloße Herrenhäuſer, das Hotel de Sens, d'Angoulème, Petit Bourbon ihre Mauerzinnen und Schießſcharten an den Thüren. Die Kirchen wur⸗ den durch ihre Heiligkeit beſchützt. Einige jedoch, wozu Notre⸗Dame aber nicht gehörte, waren befeſtigt. Der Abt von S. Germain⸗des⸗Près beſaß eine Zinnenmauer wie ein Baron, und hatte mehr Kupfer zu Kanonen als zu Glocken gebraucht. Seine Feſtung war 1610 noch vorhanden. Gegenwärtig iſt kaum die Kirche erhalten. Kehren wir zu Notre⸗Dame zurück. Als die erſten Anordnungen getroffen waren(und zur Ehre der Landſtreicher⸗Diſciplin müſſen wir berich⸗ ten, daß Clopin's Befehle in der größten Stille und mit bewunderungswürdiger Genauigkeit ausgeführt wur⸗ den), ſtieg der würdige Führer der Bande auf die Brü⸗ ſtung des Vorhofs, wandte ſich gegen Notre⸗Dame, ſchüt⸗ telte die Fackel, deren vom Wind bewegte und im Rauche oft verhüllte Flamme die röthliche Fagade der Kirche den Augen abwechſelnd zeigte und wieder verſchwinden ließ, und rief mit rauher, drohender Stimme: „Louis Beaumont, Biſchof von Paris, Rath im Par⸗ lamentshofe, dir verkünde ich, Clopin Trouillefou, König von Thunes, Groß⸗Cosra, Prinz von Kauderwälſch, Biſchof der Narren, wie folgt: Unſre Schweſter, wegen Magie ungerecht verurtheilt, flüchtete ſich in deine Kirche. — 94— Du ſchuldeſt ihr Freiſtatt und Sicherheit. Der Parla⸗ mentshof will ſie aber dort ergreifen laſſen, und du gabſt deine Einwilligung, ſo daß ſie morgen auf dem Greve⸗ platz gehängt wird, wenn Gott und die Landſtreicher ſie verlaſſen. Biſchof, darum kommen wir zu dir. Iſt deine Kirche geheiligt, ſo iſt es auch unſre Schweſter; iſt unſre Schweſter nicht geheiligt, ſo iſt es auch nicht deine Kirche. Deßhalb fordern wir dich auf, uns das Mädchen zu übergeben, willſt du die Kirche retten, oder wir neh⸗ men das Maͤdchen und plündern die Kirche. So wahr dieß geſchehen wird, pflanze ich hier mein Banner auf, und Gott beſchütze dich, Biſchof von Paris.“ Quaſimodo konnte dieſe mit düſterer und wilder Majeſtät ausgeſprochenen Worte leider nicht verſtehen. Ein Landſtreicher reichte Clopin ſein Banner, und dieſer pflanzte es feierlich zwiſchen zwei Pflaſterſteinen auf⸗ Dieß war eine Gabel, an deren Zacken ein blutiges Stück Luder hinabhing. Hierauf wandte ſich der König zu ſeinem Heer, einer wilden Schaar, deren Zlicke faſt eben ſo wie die Piken ſtrahlten. Nach einer kleinen Pauſe rief er aus: „Vorwärts, Söhne! An's Werk!“ Dreißig Männer mit viereckigen Gliedern, mit Geſich⸗ tern von Schloſſern, traten mit Hämmern, Kneipzangen und Brechſtangen hervor. Sie traten zum Hauptthor, ſtiegen die Stufen hinan, kauerten unter dem Spitzbogen und arbeiteten an der Thür mit Kneipzangen und Hebeln. — 95— Eine Menge Landſtreicher folgte, um zuzuſchauen und zu helfen. Die zwölf Stufen des Portals waren augen⸗ blicklich bedeckt. Die Thür aber hielt.„Teufel, die iſt hart und eigenſinnig,“ ſagte Einer.—„Sie iſt wie ein altes Weib mit hörnernem Knorpel,“ meinte ein Andrer.—„Muth, Kameraden,“ ſagte Clopin.„Ich wette meinen Kopf gegen einen Pantoffel, ihr nehmt das Mädchen, entklei⸗ det den Hauptaltar, bevor ein Büttel erwacht. Hört, ich glaube, das Schloß verrückt ſich ſchon.⸗ Clopin ward durch einen furchtbaren Lärm unter⸗ brochen, der in dem Augenblick hinter ihm ertönte. Er wandte ſich um. Ein ungeheurer Balben fiel von oben herab und zerſchmetterte ein Dutzend Landſtreicher auf den Stufen der Kirche, ſprang auf dem Pflaſter mit dem Schall eines Kanonenſchuſſes in die Höhe und zer⸗ brach noch hier und da die Knie der ſich mit dem Schrei des Schreckens entfernenden Gauner. In einem Augen⸗ blick war der enge Vorplatz geräumt. Die von der tie⸗ fen Wölbung des Portals geſchützten Arbeiter mit Brech⸗ eiſen verließen das Thor und Clopin ſelbſt trat in einer achtungsvollen Entfernung von der Kirche zurück. „Ich bin dem Balken kaum entwiſcht,“ ſprach Jehan. „Ochſenkopf! ich roch ihn von Weitem. Aber Peter Todtſchläger iſt todtgeſchlagen.“ Es iſt uns unmöglich, die Beſtürzung zu beſchreiben, welche bei'm Niederfallen des Balkens ſich der Banditen — 96— bemächtigte. Einige Minuten lang blickten ſie ſtarr in die Luft, erſchrockener, als über tauſend Häſcher des Königs.—„Satan!“ brummte der Zigeunerherzog, „das riecht nach Hexerei.—„Der Mond ſchickt uns dies Scheitholz,“ meinte ein Anderer.—„Ja, ja,“ ſagte ein Dritter,„der Mond ſoll ein Freund der heiligen Jungfrau ſein.“—„Tauſend Päpſte,“ rief Clopin,„ihr alle ſeid Pinſel!“ Den Fall des Balkens konnte er ſich aber nicht erklären. Oben auf der Facçade, wohin der Fackelſchein nicht reichte, konnte man Nichts bemerken. Der ſchwere Bal⸗ ken lag mitten auf dem Vorplatz, und man vernahm das Geſeufz der Unglücklichen, die den erſten Stoß erhal⸗ ten hatten, und denen der Bauch auf den Ecken der ſtei⸗ nernen Stufen durchſchnitten war. Als die erſte Beſtürzung vorüber war, fand der König von Thunes endlich eine Erklaͤrung, die ſeinen Gefährten annehmbar ſchien.— Gottes Rachen! Ver⸗ theidigen ſich die Pfaffen? Tödtet ſie! tödtet ſie!“ „Tödtet ſie!“ rief das Volk mit furchtbarem Ge⸗ brüll. Eine Ladung von Armbrüſten und Hakenbüchſen ward gegen die Fagade geſchoſſen. Bei dem darauf folgenden Schall erwachten die friedlichen Bewohner der benachbarten Häuſer. Mehre Fenſter wurden geöffnet; Nachtmützen und Lichter kamen zum Vorſchein.„Schießt auf die Fenſter,“ rief Clopin. Die Fenſter wurden ſogleich geſchloſſen und die armen — 97— Bürger, welche kaum Zeit hatten, einen verſtörten Blick auf dieſe Scene des Tumults und Fackelſcheins zu wer⸗ fen, legten ſich, aus Angſt ſchwitzend, zu ihren Weibern, und fragten ſich, ob der Sabbath auf dem Vorplatz Notre⸗Dame jetzt gehalten würde, oder ob die Burgun⸗ der, wie im Jahre 64, Sturm liefen. Die Männer dachten an Raub, die Weiber an Nothzucht, und Alle zitterten. „Schlagt todt!“ riefen die Kauderwälſchen, wagten aber nicht, näher zu treten. Sie betrachteten die Kirche und den Balken. Der Balken regte ſich nicht; die Kirche ſchien ruhig und einſam. Allein irgend Etwas erſtarrte die Landſtreicher aus Furcht. „An's Werk! brecht die Thür auf!“ rief Clopin. — Keiner wagte einen Schritt.—„Bart und Bauch!“ rief Clopin;„Männer fürchten ſich vor einem Balken!“ Ein alter Arbeiter mit dem Brecheiſen redete ihn an:„Hauptmann, der Balken ärgert uns nicht; die Thür iſt mit Eiſenbarren verrammelt; Brecheiſen ver⸗ mögen hier Nichts.“—„Womit könnt Ihr ſie denn einbrechen?“— Nur mit einem Widder.“ Der König von Thunes lief keck zum furchtbaren Balken, ſtellte den Fuß darauf und rief:„Hier iſt einer! Die Pfaffen haben ihn geſchickt.“ Dann machte er eine ſpöttiſche Verbeugung gegen die Kirche und ſprach: „Habt Dank, Pfaffen!“ Dieſe Keckheit verfehlte ihre Wirkung nicht; der XV. 7 — 93— Zauber des Balkens war gebrochen. Bald ſtürzte die ſchwere Maſſe, von tauſend kräftigen Armen gehoben, mit Wuth gegen die Thür, die zu erſchüttern man ſchon verſucht hatte. Sah man ſo bei'm halben Licht der wenigen Fackeln den Balken, getragen von einer Maſſe Menſchen, die wüthend auf die Kirche losrannten, hätte man das Ganze für ein Ungeheuer mit tauſend Füßen halten können, das mit geſenktem Haupte einen rieſigen Stein angriff. Bei'm Stoß des Balkens wiederhallte die halb metalliſche Thür, wie eine ungeheure Trommel. Sie ward nicht erbrochen, allein die ganze Kathedrale bebte, und man vernahm den Nachhall in den tiefen Höhlungen des Baus. In demſelben Augenblicke begann ein Regen großer Steine von der Facade auf die Angreifenden hinabzuſinken.—„Teufel!“ rief Jehan,„ſchütteln die Thürme ihr Geländer uns auf den Kopf?“— Der An⸗ trieb war aber einmal gegeben, der König von Thunes gab das Beiſpiel. Der Biſchof, dachten die Landſtreicher, vertheidigt ſich, und ſtießen mit noch größerer Wuth an die Thür, obgleich die Steine manchen Schädel zer⸗ ſchmetterten. Sonderbarer Weiſe fiel immer nur ein Stein hinab, aber der eine folgte dicht auf den andern. Die Kauder⸗ wälſchen fühlten immer zwei, einen auf dem Kopfe, einen andern auf den Beinen. Nur wenige verfehlten ihr Ziel und ſchon blutete und zuckte eine große Schicht — 99— von Todten unter den Füßen der Angreifenden, die in Wuth ſtets auf's Neue heranſtürzten. Der lange Balken ſtieß in regelmäßigen Zeiträumen, wie der Klöpfel einer Glocke; dann regneten Steine und die Thür ſchallte. Der Leſer hat wohl ſchon errathen, daß dieſer uner⸗ wartete Widerſtand, welcher die Landſtreicher erbitterte, von Quaſimodo herrührte. Hier war der Zufall dem tapfren Tauben unglücklicher Weiſe behülflich geweſen. Als er auf die Platte zwiſchen den Thürmen ſtieg, waren alle Vorſtellungen bei ihm verwirrt. Wie wahnſinnig lief er einige Minuten lang auf der Galerie hin und her, als er von oben aus die dichte Maſſe der Land⸗ ſtreicher bereit ſah, ſich auf die Kirche zu ſtürzen. Er flehete zu Gott und zum Teufel, die Zigeunerin zu ret⸗ ten. Er kam auf den Gedanken, den ſüdlichen Glocken⸗ thurm zu beſteigen und die Sturmglocke zu läuten; aber bevor die drauſende Stimme der Marie nur einen Schall geben konnte, mußte die Thür der Kirche zehnmal erbrochen ſein. In dem Augenblicke naheten die Arbeiter mit den Brecheiſen. Was ſollte er beginnen? Plötzlich fiel ihm ein, Maurer hätten den Tag hin⸗ durch das Zimmerwerk, die Mauer und das Dach des ſüdlichen Thurmes ausgebeſſert. Dieß war ihm ein Licht⸗ ſtrahl. Die Mauer war von Stein, das Dach von Blei das Zimmerwerk von Holz(es war daſſelbe wunderbare, vielverzweigte Zimmerwerk, welches man den Wald nannte). 4 7* — 100— Quaſtmodo eilte zu jenem Thurm. Die inneren Kam⸗ mern waren wirklich mit Baumaterialien angefüllt. Dort lagen Haufen von Brechſteinen, gerollte Bleiplatten, Lat⸗ tenbündel, ſtarke, ſchon geſägte Balken und Schutthaufen. Kurz, dort fand ſich ein vollſtändiges Arſenal. Die Ge⸗ fahr war dringend. Pfähle und Hämmer arbeiteten unten. Mit einer durch das Gefühl der Gefahr verzehnfachten Kraft hob er einen Balken, den ſchwerſten und längſten, in die Höhe, ſteckte ihn durch eine Luke, packte ihn wie⸗ der außerhalb des Thurms, ſchob ihn über den Winkel des Geländers, das die Platte umringt, und ließ ihn in den Abgrund hinabfallen. Das ungeheure Holz ſchabte die Mauer, zerbrach dle gemeißelten Werke, drehete im Fall von mehr als 160 Fuß ſich mehrere Male um, gleich einem Windmühlenflügel, der allein durch leeren Raum fliegt. Endlich berührte es den Boden, ein furchtbares Geſchrei erhob ſich, und der ſchwarze Balken, auf dem Pflaſter zurückprallend, glich einer ungeheuren, ſpringen⸗ den Schlange. Quaſimodo ſah, wie die Landſtreicher beim Sturz des Balkens, wie Aſche bei'm Hauche eines Kindes, auseinanderflogen. Er benutzte ihre Furcht, und während ſie einen abergläubiſchen Blick auf die vom Himmel geſunkene Keule hefteten, und die ſteinernen Heiligen des Portals mit einer Ladung von Schrot und Pfeilen einäugig machten, häufte Quaſimodo ſchweigend Steine, ſogar die Maurergeräthe, auf den Rand der Baluſtrade, wovon der Balken ſchon hinabgeſunken war. — 10⁰1— Sobald ſie an das Hauptthor zu ſtoßen begannen, ſiel der Steinhagel hinab, ſo daß es ihnen ſchien, die Kirche reiße ſelbſt ſich nieder, um auf ihre Häupter zu ſtürzen. Erſchrocken wäre Jeglicher, der Quaſimodo in dem Augenblick hätte ſchauen können. Außer den Wurf⸗ geſchoſſen an der Baluſtrade hatte er auch einen Stein⸗ haufen auf der Platte ſelbſt gebildet. Als nun die erſte⸗ ren erſchöpft waren, nahm er die letzteren. Mit unglaub⸗ licher Schnelligkeit bückte und richtete er ſich wieder auf. Sein breiter Gnomenkopf lehnte ſich über das Geländer; dann fiel ein ungeheurer Stein und wieder ein andrer. Von Zeit zu Zeit folgte er einem ſchweren Stein mit den Augen, und ſtieß einen Laut der Zufriedenheit aus, wenn dieſer getödtet hatte. Die Gauner wurden aber nicht entmuthigt. Schon mehr als zwanzigmal erbebte das dichte Thor, wogegen ſie ſo erbittert anrannten, unter der Schwere des eiche⸗ nen Widders, welche durch die Kraft von mehr als hun⸗ dert Menſchen vervielfacht ward. Die Vertiefungen krach⸗ ten, das Schnitzwerk flog in Splittern umher, bei jeg⸗ lichem Stoß ſprangen die Angeln auf den Ringnägeln in die Höhe, die Bretter verrückten ſich, das Holz fiel neben dem Eiſenbeſchlag zerbröckelt nieder. Glücklicher Weiſe für Quaſimodo war mehr Eiſen als Holz an der Thür. Er merkte aber, die Thür wanke. Obgleich er die Stöße nicht hörte, fühlte er, alle Höhlungen der Kirche würden erſchüttert. Er ſah, wie die Landſtreicher, voll Wuth und Siegesfreude, der dunklen Fagade mit der Fauſt droheten; für ſich und die Zigeunerin beneidete er um ihre Flügel die Eulen, welche in Schwärmen über ſei⸗ nem Haupte davonflogen. Sein Steinregen genügte nicht mehr, die Stürmenden zurückzutreiben. In dieſem Augenblick bemerkte er, etwas tiefer, als die Baluſtrade, von wo er die Landſtreicher zerſchmetterte, zwei lange, ſteinerne Dachrinnen, welche unmittelbar über das Haupt⸗ thor ausliefen. Die innere Oeffnung dieſer Rinnen ging vom Pflaſter der Platte aus. Da faßte er einen Gedan⸗ ken. Aus ſeiner Glockenzelle holte er ein Reiſtgbündel, legte hierauf Latten und Bleirollen, Munition, die er noch nicht benutzt hatte, und als er den Scheiterhaufen vor dem Loch der Rinne zurechtgelegt hatte, zündete er ihn mit ſeiner Laterne an. Als nun die Steine nicht mehr hinabfielen, hörten die Gauner auf, nach der Facade hinzublicken. Gleich einer Meute, die den Eber in ſeinem Lager überwältigt, drängten ſie ſich um das zwar entſtellte, aber noch immer nicht geſprengte Hauptthor. Schäumend horchten ſie auf den Hauptſtoß, der es aufreißen ſollte. Jeglicher ſuchte ſich heranzudrängen, um zuerſt in die Kathedrale zu ſtür⸗ zen, in den reichen Behälter, wo die Schätze von drei Jahrhunderten ſich aufgehäuft hatten. Sie erinnerten ſich einander mit dem Brüllen der Freude und Habgier an die ſchönen ſilbernen Kreuze, die Brocatmäntel, die Gräber mit vergoldetem Silber, die Pracht des Chors, — 103— die blendenden Feſte, die von Fackeln funkelnden Weih⸗ nachten, die im Sonnenſchein ſtrahlenden Oſtern, an alle glänzenden Feſte, wo Kronleuchter, Monſtranzen, Taber⸗ nakel, Reliquien, die von Gold und Diamanten ſtarren, die Altäre ſchmückten. Gewiß dachten Alle in dieſem ſchönen Augenblick weniger an die Befreiung der Zigeu⸗ nerin, als an die Plünderung der Kirche. Auch glauben wir gern, daß der Name Esmeralda für die Meiſten nur ein Vorwand war, wenn Diebe überhaupt eines Vorwandes bedürfen. Plötzlich, als ſich Alle zur letzten Kraftanſtrengung um den Widder ſammelten, wobei jeglicher ſeinen Athem anhielt und die Muskeln ſtraff zuſammenzog, um dem entſcheidenden Stoße alle Kraft zu verleihen, erhob ſich aus ihrer Mitte ein Geheul, noch furchtbarer als der Schrei, der unter dem Balken ausbrach, und erſtarb. Die, welche nicht ſchrieen, und welche noch lebten, blick⸗ ten um ſich. Zwei Strahlen geſchmolzenen Bleis floſſen vom Gebäude herab in das dichteſte Gedränge. Das Menſchenmeer ſenkte ſich unter dem ſiedenden Metall, welches an der Stelle, wo es hinabfiel, zwei ſchwarze und große Löcher gebildet hatte, wie warmes Waſſer im Schnee. Man ſah, wie halb calcinirte, aus Schmerz brüllende und ſterbende Männer ſich regten. Außer die⸗ ſen zwei Hauptſtrahlen ſpritzten Tropfen dieſes furcht⸗ baren Regens über die Angreifenden, und drangen in die Schädel wie Flammenbohrer. Es war ein ſchweres — 104— Feuer, das die Unglücklichen mit tauſend Hagelkörnern durchſiebte. Das Geſchrei war zerreißend. Alle flohen, die Furchtſameren wie die Kühnſten, und warfen den Balken auf die Leichen. In einem Augenblick war der Vorplatz geräumt. Aller Augen erhoben ſich zur Kirche. Was ſie dort ſahen, war außergewöhnlich. Auf dem höchſten Gipfel der Galerie über der Central⸗Roſette ſtieg eine lange, wüthende Flamme mit Funkenwirbeln, deren Spitze hin und wieder in den Rauch aufſchoß, zwiſchen den beiden Thürmen empor. Unter der Flamme ſpieen zwei Rachen von Ungeheuern unaufhörlich einen bren⸗ nenden Regen aus, deſſen Strom einen ſilber farbenen Schein auf das Dunkel der unteren Fagade warf. Die beiden Strahien flüſſigen Blei's erweiterten ſich, je näher ſie dem Boden kamen, in Garben, gleich dem Waſſer, das den tauſend Löchern einer Gartenbrauſe entſtrömt. Ueber der Flamme ſchienen die ungeheuren Thürme, deren Umriſſe ſcharf geſchnitten hervortraten, der eine ſchwarz, der andre roth, noch größer durch die langen Schatten, die ſie bis auf den Himmel warfen. Ihre unzähligen Skulpturen von Teufeln und Drachen boten einen düſtren Anblick. Beim zitternden Schein der Flamme ſchienen ſie ſich zu regen. Fratzen ſchienen zu grinſen, Traufröhren ihre Rachen aufzureißen, Sala⸗ mander in's Feuer zu blaſen und Ungeheuer im Rauche zu nieſen. Unter den durch Flammen aus dem ſteinernen — 105— Schlaf ſo erweckten Mißgeſtalten ſah man von Zeit zu Zeit an der ſtrahlenden Front des Scheiterhaufens ein ſich bewegendes Ungeheuer vorübereilen, gleich einer Fleder⸗ maus, die ein Licht umflattert. Gewiß erweckte der ſonderbare Leuchthurm den Holzhacker der Hügel von Bicéetre, und dieſer mußte erſchrocken den gigantiſchen Schatten der Thürme von Notre⸗Dame auf ſeinen Heiden erblicken. Ein Schweigen des Schreckens herrſchte unter den Landſtreichern. Man hörte nur den Nothruf der in ihrem Kloſter eingeſchloſſenen Prieſter, welche geängſteter waren, als Pferde in einem brennenden Stall, das ſchnelle Oeffnen und Zuſchlagen der Fenſter, den Lärm im Innern des Hotel⸗Dieu, den Wind in der Flamme, das Röcheln der Sterbenden und das fortwährende Praſ⸗ ſeln des Bleiregens auf dem Pflaſter. Die Führer der Landſtreicher zogen ſich unter die Vorhalle des Hauſes Gondelaurier zurück und hielten Rath. Der Zigeunerherzog ſaß auf einem Markſtein und betrachtete mit abergläubiſcher Furcht den geiſter⸗ haften Scheiterhaufen, der zweihundert Fuß hoch in der Luft ſtrahlte. Clopin Trouillefou biß wüthend in ſeine breiten Fäuſte.—„Unmöglich einzudringen!“ murmelte er zwiſchen den Zähnen. „Eine gefeierte Kirche,“ murmelte der alte Zigeuner Mathias Hungadi Spicali. „Bei'm Schnurrbart des Papſtes!“ ſprach ein alter ſchon ergrauter Spitzbube, der als Landsknecht gedient hatte, die Dachrinnen der Kirchen ſpeien uns geſchmolze⸗ nes Blei noch beſſer in's Geſicht, als die Schießſcharten von Lectoure. „Seht Ihr den Teufel, der beim Feuer hin⸗ und herrennt?“ rief der Zigeunerherzog. „Bei Gott!“ ſprach Clopin,„das iſt der verdammte Glockenläuter Quaſimodo. Der Zigeuner erhob den Kopf.—„Ich ſage, es iſt der Geiſt Sabnac, der große Markgraf, der Teufel der Feſtungen. Er ſieht aus, wie ein gewaffneter Soldat und hat einen Löwenkopf. Bisweilen ſitzt er auf einem ſcheußlichen Roß. Menſchen verwandelt er in Steine und baut Thürme mit ihnen. Er befehligt fünfzig Legionen Teufel. Er iſt's, ich erkenne ihn wieder. Bisweilen trägt er ein ſchönes Kleid mit Gold nach Art der Türken. „Wo iſt Bellevigne⸗de⸗l'Etoile?“ fragte Clopin. „Todt,“ erwiederte eine Zigeunerin. Andry le Rouge rief mit gleichſam blödſinnigem Lachen,„Notre⸗ Dame gibt dem Hotel⸗Dieu zu thun.“—„So gibl's denn kein Mittel, das Thor zu ſprengen?“ rief der Kö⸗ nig von Thunes, mit dem Fuße ſtampfend. Der Zigeunerherzog zeigte ihm traurig die beiden ſiedenden Bleiſtröme, welche die ſchwarze Fagade wie zwei lange Spinnrocken von Phosphor zu beleuchten fort⸗ fuhren.—„Schon oft,“ ſagte er ſeufzend,„vertheidigten ſich ſo die Kirchen. St. Sophia in Conſtantinopel warf — 107— dreimal Mahoms Halbmond ab, und ſchüttelte ihre Kuppeln, die ihre Häupter ſind. Guillaume von Paris, der Notre⸗ Dame baute, war ein Hexenmeiſter.“— Sollen wir denn wie Lakaien der Heerſtraße demü⸗ thig abziehen,“ ſagte Clopin,„und unſere Schweſter da laſſen, damit ſie morgen die bekappten Wölfe hängen?“ „Und die Sakriſtei, wo Wagen voll Gold liegen,“ fügte ein Gauner hinzu, deſſen Namen wir leider nicht kennen. „Mahom's Bart!“ rief Trouillefou.—„Verſuchen wir's noch einmal,“ ſagte jener Gauner. Mathias Hungadi erhob den Kopf:„Durch das Thor können wir nicht eindringen. Wir müſſen die ſchwache Seite von der Rüſtung jener alten Fee ausfindig machen, ein Loch, eine Hinterthür, irgend ein Panzergelenk.“— „Ich kehre zurück! wer folgt?“ ſprach Clopin.„Aber wo iſt der kleine Student Jehan, der ganz im Eiſen ſteckte. —„Wahrſcheinlich todt,“ erwiederte Jemand,„man hört ſein Gelächter nicht mehr.“ Der König von Thunes runzelte die Brauen.„Sehr ſchlimm! ein tapfres Herz ſchlug unter der Rüſtung. Wo iſt aber Meiſter Pierre Gringoire?—„Capitän Clo⸗ vin,“ antwortete Andry⸗le⸗Rouge,„er hat ſich fortge⸗ ſchlichen, als wir noch nicht am Pont⸗aux⸗Changeurs waren.“ Clopin ſtampfte mit dem Fuße.„Gottes Rachen! Er hat uns aufgehetzt, und ein ſchönes Geſchäft auf den — 108— Hals geladen! Der feige Schwätzer, mit dem Pantoffel auf dem Kopf!“ „Kapitän Clopin,“ rief Andry⸗le⸗Rouge, der in die Straße des Vorplatzes hinaufblickte.„Dort kömmt der kleine Student.“ „Pluto ſei gelobt,“ ſprach Clopin,„aber beym Teu⸗ fel,„was ſchleppt er hinter ſich her?“ Jehan war es wirklich. Er lief ſo ſchnell, wie es ſein ſchweres Kleid eines Paladins und eine lange Leiter erlaubte, die er tapfer auf dem Pflaſter ſchleppte. Er waͤhnte ſich ſtärker, als eine Ameiſe, die man an einen zwanzig mal längeren Halm, wie ihr eigener Inſektenleib iſt, geſpannt hat. „Sieg! Sieg! Te Deum!“ ſchrie der Student. „Hier iſt die Leiter der Auslader von dem Hafen St. Landry.“. Clopin trat zu ihm heran.—„Kind, was willſt du mit der Leiter anfangen?“—„Gottes Horn! da iſt ſie,“ antwortete Jehan keuchend.—„Ich wußte, wo ſie war— im Wagenſchoppen des Lieutenants.— Ich kenne ſeine Tochter.— Sie glaubt, ich ſei ſchön, wie Cupido.— Mahoms Oſtern! da iſt die Leiter.— Das Maͤdchen kam im Hemde, mir aufzuſchließen.“—„Ja,“ ſagte Clopin, naber was willſt du mit der Leiter?“ Fehan betrachtete ihn mit pfiffiger, ſchlauer Mine und klapperte mit den Fingern, wie mit Caſtagnetten. In dem Augenblick war er erhaben. Auf dem Hauple — 199— trug er einen mit Figuren reichgeſchmückten Helm, wie ſie im fünfzehnten Jahrhundert Mode waren, und den Feind mit chimäriſchen Geſtalten ſchreckten. Der ſeinige ſtarrte von ſechs eiſernen Schnäbeln, ſo daß Jehan das furchtbare Beiwort Jeueεεε6ονG**) dem homeriſchen Schiffe Neſtors ſtreitig machen konnte. „Was ich thun will, erhabener König von Thunes? Siehſt du über den drei Portalen die Reihe von Pinſeln dort?“„Nun?“—„Das iſt die Galerie der Könige von Frankreich.“—„Was geht das mich an?—„Warte doch! Am Ende der Galerie iſt eine Thür, die nur mit einem Drücker geſchloſſen wird. Ich ſteige mit der Leiter hinauf und bin in der Kirche.“—„Kind, laß mich zuerſt hinaufſteigen.“—„Nein, Kamerad. Die Leiter iſt mein. Ihr könnt der Zweite ſein.“—„Bel⸗ zebub erwürge dich, ich will Keinem nachſtehen!“— „So ſuch' dir eine andere Leiter!“ Jehan lief, die Leiter ſchleppend, über den Platz 6 und rief:„Folgt mir, Jungens!“ Sogleich ward die Leiter aufgeſtellt und auf die Baluſtrade der unteren Galerie der Seitenportale geſtützt.“ Die Maſſe der Gauner ſtürzte unter lautem Ruf heran, hinauf zu ſtei⸗ gen. Jehan aber beſtand auf ſeinem Recht und ſetzte zuerſt den Fuß auf die Sproſſen. Das Emporſteigen dauerte ziemlich lang; die Galerie der Könige von Frank⸗ 25) delnfac geſchnäbelt. — 110— reich erhebt ſich jetzt ungefähr ſechzig Fuß über dem Pflaſter. Damals erhöhten ſie noch die elf Stufen der vordern Treppe. Jehan ſtieg langſam hinan, denn die ſchwere Rüſtung drückte ihn; mit der einen Hand hielt er ſich an der Leiter in der andern hielt er die Armbruſt. Als er mitten auf der Leiter ſtand, warf er einen ſchwer⸗ müthigen, mitleidsvollen Blick auf die armen todten Land⸗ ſtreicher, womit die Stufen beſäet waren.„Ach!“ ſprach er,„ein ſchöner Haufen Leichen, würdig des fünften Geſanges der Iliade!“ Dann ſtieg er weiter. Ihm folgten die Landſtreicher. Auf jeglicher Stufe ſtand einer. Als man dieſe Linie geharniſchter Reiter wogend im Dunkel ſich erheben ſah, hätte man wähnen können, eine beſchuppte Schlange richte ſich gegen die Kirche auf. Jehan, der pfeifend an der Spitze ſtand, machte die Täuſchung vollſtändig. Der Student berührte endlich die Platte der Galerie, ſprang unter dem Beifallklatſchen des ganzen Landſtreicherſchwarms behend mit den Knieen hinauf. Als Herr der Citadelee ſtieß er ein Freudenge⸗ ſchrei aus, hielt aber plötzlich wie verſteinert ſtill. Er bemerkte Quaſimodo mit funkelndem Auge hinter einer Königsſtatue im Dunkel. Bevor ein Zweiter auf der Galerie Fuß faſſen konnte, ſprang der furchtbare Bucklige zur Spitze der Leiter, ergriff, ohne ein Wort zu ſagen, mit ſeinen ge⸗ waltigen Fäuſten das Ende der beiden ſenkrechten Bal⸗ ken, hob dieſe in die Höhe, und ſchüttelte einen Augen⸗ — 111— blick die von oben bis unten mit Stürmenden beladene ſchlanke Leiter unter dem Angſtruf Aller, und warf plötzlich dieſen Menſchenbüſchel mit übermenſchlicher Kraft auf den Platz zurück. In dem Augenblick erbebten die Kühnſten. Die zurückgeſchleuderte Leiter ſtand einen Augenblick ſenkrecht; dann beſchrieb ſie einen furchtba⸗ ren Bogen mit einem Radius von achtzig Fuß, und ſtürzte, von Banditen überladen, ſchneller auf's Pflaſter, wie eine Zugbrücke, deren Ketten zerriſſen ſind, nieder⸗ fällt. Eine furchtbare Verwünſchung ertönte, dann ſchwieg Alles und einige unglückliche Verſtümmelte kro⸗ chen aus dem Todtenhaufen hervor. Ein Geräuſch des Schmerzes und Zorns folgte bei den Stürmenden auf das zerſte Siegsgeſchrei. Quaſimodo ſtützte die Ellenbogen auf die Baluſtrade, und ſchaute unbeweglich zu. Er glich einem alten langhaarigen König, der aus dem Fenſter ſchaut. Jehan Frollo befand ſich in einer kritiſchen Lage. Er war in der Galerie mit dem furchtbaren Glocken⸗ läuter allein, von ſeinen Gefährten durch eine ſenbrechte Mauer von achtzig Fuß getrennt. Während Quaſti⸗ modo mit der Leiter ſpielte, lief der Student zur Thür, welche er für geöffnet hielt. Der Taube hatte ſie aber geſchloſſen, als er auf die Galerie trat. Jean hatte ſich hinter einem König von Stein verſteckt, wagte kaum zu athmen, und heftete auf den furchtbaren Buckligen einen verſtörten Blick, wie Jemand, welcher der Frau — eines Menagerie⸗Aufſehers den Hof macht, eines Abends zum Stelldichein der Liebe ſich zu begeben wähnt, aber im Heraufſteigen ſich hinſichtlich der Mauer täuſcht, und ſich plötzlich allein mit einem Eisbären ſieht. Im erſten Augenblick bemerkte ihn der Taube nicht, endlich aber wandte er den Kopf und richtete ſich plötzlich auf. Er ſah den Studenten. Jean bereitete ſich auf einen harten Angriff vor. Allein der Taube blieb unbeweglich, er ſtand allein dem Studenten, der ihm in's Geſicht ſah, gegenüber. „Ho! Ho!“ rief Jehan,„was ſiehſt du mich mit deinem einzigen häßlichen Auge an?“ Und mit den Worten bereitete der Student mit tückiſcher Miene ſeine Armbruſt. „Quaſtmodo!“ rief er aus,„deinen Zunamen will ich ändern. Du ſollſt Blinder heißen.“ Der gefiederte Pfeil flog davon, pfiff, und drang in den linken Arm des Buckligen. Quaſtmodo aber küm⸗ merte ſich um ſeine Wunde eben ſo wenig, als um einen Ritz König Pharamonds. Er riß den Pfeil aus ſeinem Arm und zerbrach ihn ruhig auf ſeinem breiten Knie, dann ließ er die beiden Stücke zu Boden ſinken. Allein Jehan hatte keine Zeit, zum zweiten Mal zu ſchießen. Quaſtmodo hauchte tief auf, nachdem er den Pfeil zer⸗ brochen, ſprang wie eine Heuſchrecke und ſtürzte auf den Studenten, deſſen Ruſtung auf der Mauer platt ge⸗ drückt ward. — 113— Da ſah man im Halblicht, worin der Schein der Fackeln zitterte, eine furchtbare That. Quaſimodo ergriff mit der linken Hand Jehan's beide Arme, der ſich nicht regte, denn er fühlte wohl, er ſei verloren. Mit der Rechten riß der Taube ihm alle Stücke ſeiner Rüſtung mit unheilvoller Langſamkeit nach einander vom Leibe, den Degen, die Dolche, den Helm, den Harniſch, die Schienen. Quaſimodo warf Stück vor Stück die Eiſen⸗ ſchaale des Studenten ihm vor die Füße. Als dieſer ſich entwaffnet, entkleidet, ſchwach und in den furchtbaren Händen Quaſimodo's ſah, machte er keinen Verſuch, mit dem Tauben zu reden, ſondern lachte ihm frech in's Geſicht, und ſang mit der Sorglo⸗ ſigkeit eines Knaben von ſechzehn Jahren das damals heliebte Volkslied: „Die Stadt Cambray, ſchön gekleidet, Wird von Marafin ausgeweidet.“ Er endete ſein Lied nicht. Man ſah, wie Quaſi⸗ modo an der Brüſtung der Galerie ſtand, den Studenten an den Füßen packend, ihn wie eine Schleuder in der Luft im Kreiſe ſchwang, dann vernahm man den Klang einer Büchſe von Knochen, die an einer Mauer ſich bricht, und ſah Etwas hinabfallen, das an einem Schnör⸗ kel der Architektur hängen blieb. Es war ein todter Körper, der dort zerknickt, mit zerſchmetterten Lenden und leerem Gehirn ſchwebte. XV. 8 — 114— Ein Schrei des Schauders erhob ſich unter den Land⸗ ſtreichern.„Rache!“ ſchrie Clopin.—„Nieder mit ihm!“ erwiederte die Menge.— Sturm! Sturm!— Ein wunderbares Geheul erſchallte, worin ſich alle Spra⸗ chen, alle Accente, alle Provinzialdialekte miſchten. Der Tod des armen Studenten befeuerte die Menge mit glühender Wuth. Sie empfand Schaam und Zorn, durch einen Buckligen ſo lange im Schach gehalten zu ſein. Die Wuth fand Leitern, vervielfältigte die Fackeln, und nach einigen Minuten ſah Quaſimodo beſtürzt, wie das furchtbare Gewimmel von allen Seiten zum Sturm hin⸗ ankletterte. Die, welche keine Leitern hatten, bedienten ſich der Stricke mit Knoten; andere klommen an den Skulpturen hinan. Viele hingen an den Lumpen Andrer. Quaſimodo ſah, ihm bleibe kein Mittel, dieſer ſteigenden Fluth wilder Geſichter zu widerſtehen, ihre erdfahlen Geſichter rieſelten von Schweiß, ihre Augen ſtrahlten. Alle dieſe Fratzen ſtürzten auf Quaſimodo ein. Es ſchien, als habe eine andere Kirche ihre Gorgonen, Drachen, Doggen und Schnörkel nach Notre⸗Dame ge⸗ ſandt, als ſtuͤrme eine Schaar lebender Ungeheuer die ſteinernen Pfeiler der Fagade. Der Platz funkelte von tauſend Fackeln. Die bis dahin im Dunkel verhüllte Scene der Verwirrung entzündete ſich plötzlich im Feuerſchein. Der Vorplatz glänzte und warf ſeinen Widerſchein auf den Himmel. Der auf der hohen Platte angezündete Scheiterhaufen brannte ſtets und er⸗ leuchtete weithin die Stadt. Der ungeheure Schattenriß der beiden Thürme machte, auf die Dächer von Paris geworfen, in dieſer Helle einen breiten dunkeln Ein⸗ ſchnitt. Die Stadt ſchien ſich zu regen. Sturmglocken erſchallten in der Ferne. Die Landſtreicher keuchten, heulten, fluchten, und ſtiegen hinan. Quaſimodo, kraft⸗ los gegen ſo viel Feinde, zitterte für das Leben der Zigeu⸗ nerin, als er die wüthenden Fratzen der Galerie ſtets näher erblickte. Er flehte zum Himmel um ein Wunder, und rang die Arme in Verzweiflung. 5. Die Kammer, wo Herr Ludwig von Frankreich ſein Gebet ſpricht. Vielleicht hat der Leſer noch nicht vergeſſen, daß Quaſimodo, als er kurz vor dem Herannahen der Land⸗ ſtreicher, Paris von der Thurmſpitze her beſah, nur einen Lichtſchimmer erblickte, wovon ein Fenſterglas im höchſten und düſterſten Gebäude am Thore St. Antoine funkelte. Dies Gebäude war die Baſtille, und der Licht⸗ ſchimmer rührte von der Wachskerze Ludwigs XI. her. Zwei Tage ſchon war König Ludwig wirklich in Paris. In zwei Tagen wollte er aber ſchon wieder nach ſeiner Citadelle Montilz⸗lez⸗Tours abreiſen. Seiner guten Stadt Paris ſtattete er immer nur kurze und ſeltene Beſuche ab, weil er dort nicht genug Fußeiſen, Galgen und ſchottiſche Bogenſchützen in ſeiner Umgebung roch. 8* — 116— An dem Tage wollte er in der Baſtille ſchlafen. Sein großes Schlafgemach von fünf Quadrat⸗Klaftern im Umfang, mit dem großen Kaminmantel, der von großen Thiergeſtalten und mit dreizehn großen Propheten über⸗ laden war, mit ſeinem Bett von 11 Fuß Breite, 12 Fuß Länge war ihm gar nicht behaglich. Der gute König mit bürgerlichen Neigungen liebte weit mehr ſeine Baſtille mit einem Kämmerchen und Bettchen. Und dann war die Baſtille ja auch bei weitem feſter als das Louvre. Dies Kämmerchen, das der König in ſeinem berühm⸗ ten Staasgefängniſſe ſich vorhehalten hatte, war jedoch ziemlich breit, und nahm das höchſte Stockwerk eines Thürmchens ein. Es war ein halbrunder Winkel, tape⸗ zirt mit glänzendem Strohgeflecht, mit Balken an der Decke, die mit Linien von vergoldetem Zinn beſchlagen und deren Zwiſchenraume gefärbt waren; das Getäfel, mit zinnernen Roſetten durchſät, war aus ſchönem Holz, grün gefärbt durch Auripigment und Indigo. Im Zimmer befand ſich nur ein Fenſter, ein langer Spitzbogen mit eiſernem Drahtgitter; die Fenſcherſchei⸗ ben waren mit dem Wappen des Königs und der Köni⸗ gin bemahlt, deſſen Feld 22 Sols gekoſtet hatte. Nur ein Eingang, eine neuere Thür von gedrücktem Bogen, führte hinein. Sie war innen mit Tapetenwerk, außen mit einer kleinen Halle irländiſchen Holzes ge⸗ ſchmückt, wie man dergleichen ſchlankes, ſonderbar bear⸗ beitetes Schnitzwerk noch vor hundertundfünfzig Jahren — 117— in vielen alten Häuſern ſah.„Obgleich ſie die Häuſer entſtellen und unbequem machen,“ ſagt Sauval voll Ver⸗ zweiflung,„wollen unſere Greiſe ſie nicht abſchaffen und behalten ſie Allen zum Aerger bei.“ In dieſem Zimmer fand man Nichts, womit gewöhn⸗ liche Zimmer möblirt werden. Dort waren weder höl⸗ zerne noch gepolſterte Bänke, noch Stühle, noch einfache Schemel, wie Kaſten, noch ſchöne Schemel mit Pfeilern und Gegenpfeilern zu 4 Sols das Stück. Man ſah dort nur einen prächtigen Armſtuhl; das Holz war an ihm mit Roſen auf rothem Grund bemahlt, das Kiſſen von purpurfarbenem ſpaniſchem Leder mit langen Seidenfran⸗ ſen und geſchmückt mit tauſend goldnen Nägeln. Die Einſamkeit des Siuhles zeigte, daß nur eine Perſon im Gemache das Recht beſaß, ſich zu ſetzen. Seitwärts vom Stuhle ſtand dicht bei'm Fenſter ein Tiſch, bedeckt mit einem Teppich, der mit Vögelgeſtalten durchwirkt war. Auf dem Tiſch ſtand ein Schreibzeug, mit Tinte befleckt und daneben lagen einige Pergamente und ein Gebetbuch mit Carmoiſin⸗Sammt gebunden, und mit goldnen Plätt⸗ chen auf dem Deckel geſchmückt. Endlich ſtand im Hin⸗ tergrunde ein einfaches Bett von gelbem und fleiſchfarbe⸗ nem Damaſt ohne Flitterſchmuck und mit einfachen Fran⸗ ſen. Dies Bett, ſo berühmt, weil Ludwig XI. ſchlafend oder ſchlaflos auf ihm ruhete, konnte man vor zweihun⸗ dert Jahren noch bei einem Staatsrath betrachten, wo es die alte Madame Pilou ſah, welche im Cyrus unter — 118— dem Namen Arricidia oder die lebende Moral ſo berühmt geworden iſt. Dies war das Zimmer, welches man die Kam⸗ mer, wo Herr Ludwig von Frankreich ſein Gebet ſpricht, nannte. Im Augenhlick, wo wir den Leſer dort einführen, war das Zimmer ſehr dunkel. Die Abendglocke hatte ſchon ſeit einer Stunde geläutet, es war Nacht, und nur ein Wachslicht mit zitterndem Schein ſtand auf dem Tiſch, fünf Perſonen, die in der Kammer auf verſchie⸗ dene Weiſe ſich gruppirten, zu erleuchten. Der erſte, auf den das Licht fiel, war ein prächtig gekleideter Herr, im Wamms und Hoſen von Scharlach mit Silber geſtickt, und mit einem Ueberrock von Gold⸗ Tuch mit ſchwarzen Muſtern. Dies glänzende Kleid, worauf das Licht ſpielte, ſchien in allen Falten von Flam⸗ men zu ſtarren. Der Mann, den es ſchmückte, trug auf der Bruſt ſein in lebhaften Farben geſticktes Wap⸗ pen, einen Sparren mit einem vorübergehenden Damm⸗ hirſch an der Spitze. Das Wappen war rechts mit einem Olivenzweige, links mit einem Dammhirſch⸗Geweih ver⸗ ſehn. Dieſer Mann trug im Gürtel einen prächtigen Dolch, deſſen purpurner Griff in einen Helmſchmuck aus⸗ geſchnitten und mit einer Grafenkrone gekrönt war. Sein Antlitz war unheilverkündend und ſtolz; den Kopf hielt er aufrecht. Bei'm erſten Blick erkannte man auf ſei⸗ nem Geſichte Anmaßung, beim zweiten Liſt. — 119— Er ſtand entblößten Hauptes mit einer langen Pa⸗ vierrolle in der Hand hinter dem Armſtuhl, worauf eine ſchlecht ausſtaffirte Perſon ſaß, die den Körper ſehr ungraziös beugte, den Elbogen auf den Tiſch ſtützte und die Beine übereinander ſchlug. Man denke ſich auf den prächtigen Kiſſen zwei einwärts gebogene Knieſcheiben, zwei magere und mit geſtrickter ſchwarzer Wolle ärmlich bekleidete Lenden, einen Rumpf, gehüllt in einen Tuch⸗ rock mit Pelz, woran man weniger Haare als Leder ſah, einen alten fettigen Hut von grobem Tuch, mit einer run⸗ den Schnur von Bleifiguren. Außer einem ſchmutzigen Scheitelkaäppchen, woraus kaum ein Haar hervorragte, bemerkte man weiter Nichts an der ſitzenden Geſtalt. Sie neigte den Kopf ſo tief auf die Bruſt, das man von ihrem Geſicht Nichts bemerkte, vielleicht nur die Naſenſpitze, worauf ein Lichtſtrahl fiel, und die auf eine ſehr lange Naſe ſchließen ließ. An der Magerkeit der gerunzelten Hand erkannte man den Greis. Es war Ludwig der XI. In einiger Entfernung hinter beiden ſprachen zwei nach flamländiſcher Mode gekleidete Männer mit lei⸗ ſer Stimme. Sie verloren ſich nicht ſo ſehr im Dunkel, daß ein Zuſchauer bei Gringoire's Myſterium in ihnen nicht die beiden flamländiſchen Geſandten, Guillaume Rym, den ſchlauen Penſionär von Gent, und Jacques Coppenole, den populären Strumpfmacher, hätte wieder erkennen können. Man erinnert ſich, daß beide mit der geheimen Politik Ludwigs XI. zu thun hatten. Endlich ſtand im Hintergrunde vor der Thür ein ſtarker Mann mit unterſetzten Gliedern, in kriegeriſchem Harniſch, im Oberkleid, mit geſticktem Wappen. Sein viereckiges Geſicht mit hervorgedrängten Augen, mit ungeheurem Munde, mit flach herabhängendem geſcheiteltem Haar⸗ wuchs, der über die Ohren fiel, mit niedriger Stirn, hatte Etwas vom Hunde und vom Tiger. Alle ſtanden entblößten Hauptes, mit Ausnahme des Königs. Der Herr neben dem König las ihm eine Art langer Rechnung vor, wobei Seine Majeſtät ſehr auf⸗ merkſam zuzuhören ſchien. Die beiden Flam länder flüſterten. 6 „Gottes Kreuz!“ brummte Coppenole,„ich bin vom Stehen müde; iſt denn hier kein Stuhl?“ Rym antwortete mit einem klugen Lächeln und mit Kopfſchütteln. „Gottes Kreuz!“ begann Coppenole auf's Neue, unglücklich, ſo leiſe ſprechen zu müſſen,„ich habe große Luſt mit gekreuzten Beinen, als Strumpfmacher mich auf den Fußboden zu ſetzen, wie ich's in meiner Bude zu thun pflege.— 4 „Hutet Euch, Meiſter Jacques.“—„Oh, Meiſter Guillaume, ſo darf man hier nur ſtehen?—“ „Ja,“ oder knieen—“ In dem Augenblick erhob ſich die Stimme des Königs. Die Beiden ſchwiegen. „Fünfzig Sols für die Kleider Unfrer Bedienten, 12 Livres für die Mäntel der Schreiber Unſrer Krone! Was iſt das! Ihr ſchüttet Tonnen Goldes aus! Seid Ihr verrückt, Olivier?“ Mit den Worten richtete der Greis ſein Haupt auf. An ſeinem Halſe ſah man die Kette des Sankt Michel⸗ Ordens funkeln. Das Licht beſchien ſein mageres und mürriſches Profil. Er riß dem Andern das Schreiben aus der Hanb. „Ihr richtet Uns zu Grunde⸗ 1 ſprach er, indem er mit den hohlen Augen das Heft durchlief.„Was ſoll das? was brauchen Wir ein ſo verſchwenderiſches Haus! Zwei Kaplane mit 10 Livres den Monat, und einen Kapellgeiſtlichen zu 100 Sols! Ein Kammerdiener zu 90 Livres jährlich! Mein Ritter der Küche mit 60 Livres jährlich! Ein Spießdreher, ein Suppenkoch, ein Schlei⸗ fer, ein Waffendiener, zwei Bettdiener mit 10 Livres monatlich! Zwei Laufjungen in der Küche mit 8 Livres! Ein Reitknecht und zwei Gehülfen 80 Livres monatlich! Ein Träger, Paſtetenbäcker und Fuhrleute 60 Livres jährlich! Und der Marſchall der Schmiede 60 Livres! und der Meiſter Unſrer Hofhaltungskammer 1200 Livres! Und der Controleur 500. Was weiß ich! Das iſt ja hölliſche Wuth! Das Gehalt Unſrer Bedienten plün⸗ dert Frankreich rein aus! Alle Erzfiguren des Louvres können ja bei den Rechnungen geſchmolzen werden! Ja ja, Wir müſſen Unſer Silbergeſchirr verkaufen, u nächſtes Jahr, wenn Gott und Unſre Frau(hier nahm der König den Hut ab) Uns Leben ſchenken, trinken Wir Unſre Medizin aus zinnernem Topf.“ Bei den letzten Worten warf er einen Blick auf den ſilbernen Becher, der auf dem Tiſche ſtand, huſtete und fuhr fort:* „Meiſter Olivier, die Prinzen, welche große Reiche regieren, die Könige und Kaiſer dürfen Verſchwen⸗ dung nicht an ihrem Hofe einreißen laſſen. Denn von da läuft das Feuer in die Provinzen.— Alſo, Meiſter Olivier, merk dir das. Unſre Ausgaben ſteigen mit jedem Jahr. Das mißfällt Uns ſehr. Gottes Oſtern! Bis 79 überſtiegen ſie nie 36,000 Livres, und 80 belie⸗ fen ſie ſich ſchon auf 43619 Livres— die Summe weiß ich noch ganz genau— und 81, 60680 Livres, und dies Jahr, bei der Treue meines Leibes! werden ſie 80000 Livres betragen! Verdoppelt in vier Jahren! Ungeheuer!“ Er ſchwieg außer Athem, fing aber ſogleich voll Aerger wieder an:„Alle Leute in meiner Umgebung freſſen ſich an meiner Magerkeit fett! Ihr ſaugt mir Thaler aus allen Poren!“ Alle ſchwiegen. Des Königs Zorn der Art war man gewohnt. Man ließ ihn reden, ſo viel er wollte. Ludwig fuhr fort: „Auf die lateiniſche Bittſchrift des franzöſiſchen Adels ſollten Wir, was ſie die großen Kronämter nennen, wieder errichten! Oh, ihr Herrn meint, Wir könnten kein König ſein, zu regieren dapifero nullo, buticulario nullo! Gottes Oſtern! Euch will ich zeigen, ob Wir König ſind!“ Hier lächelte er im Gefühl ſeiner Macht; ſein Aer⸗ ger ward beſänftigt, und er wandte ſich zu den Flam⸗ ländern: „Seht Ihr, Gevatter Guillaume, der Großkämme⸗ rer, der Großſeneſchall, der Großkellermeiſter ſind nicht ſo viel werth, wie der unterſte Bediente.— Merkt Euch das, Gevatter Coppenole— Sie dienen zu gar Nichts. Wenn ſie ſo nutzlos um den König ſtehen, kommen ſie mir vor, wie die vier Evangeliſten an der Uhr des Palais, die Philippe Brille aufgeputzt hat. Sie ſind vergoldet, aber helfen Nichts bei'm Stundenanzeigen, und die Uhr kann ohne ſie fertig werden.“ Einen Augenblick ſchwieg er ſinnend, dann richtete er den alten Kopf auf und fügte hinzu:„Ich bin kein Philippe Brille! Hoho! bei Unſrer Frau! Die Groß⸗Va⸗ ſallen will ich gewiß nicht wieder vergolden.— Olivier, lies weiter.“ Die mit dieſem Namen bezeichnete Perſon nahm das Papier wieder zur Hand und las laut: „Dem Adam Tenon, Commis der Siegelbewahrung der Prévôté von Paris, für Silber, Gravur, und Form genannter Siegel, die neu verfertigt ſind, weil die frühe⸗ ren, durch Alter abgenutzt, nicht mehr zu gebrauchen waren, 12 Livres Pariſis. — 124— Dem Guillaume Freère die Summe von 4 Livres, 4 Sols Pariſis, fur Mühe und Gehalt, weil er die Tau⸗ ben in den Taubenhäuſern des Hötel⸗des⸗Tournelles im Januar, Februar und März dieſes Jahres fütterte, und dazu ſieben Scheffel Gerſte hergab. Einem Kapuziner, der bei einem Verbrecher die Beichte hörte, 4 Sols Pariſis.“ 5 Der König hörte ſchweigend, huſtete von Zeit zu Zeit, hielt dann den Becher an die Lippen und nahm einen Schluck Medicin, wobei er eine Fratze ſchnitt. „In dieſem Jahr ſind beim Trompetenſchall auf den Kreuzwegen von Paris ſechsundfünfzig Ausrufe geſchrieen, — die Rechnung iſt noch zu berichtigen. Weil man an gewiſſen Orten, ſowohl in Paris, als ſonſt in Frankreick, nach Geld gegraben, das dort ver⸗ ſteckt ſein ſollte, aber Nichts fand, 45 Livres Pariſis.“ „So,“ ſagte der König,„man gräbt einen Thaler ein, um einen Sou auszugraben.“ „Weil man im Hätel⸗des⸗Tournelles, an dem Orte, wo der Käfig ſteht, ſechs Stücke weißen Glaſes einſetzte, 13 Sols.— Weil man am Tage der Ungeheuer auf Befehl des Königs vier Wappenſchilder des beſagten Herrn und Hüte mit Roſenkränzen malte, 6 Livres.— Für zwei neue Aermeln am alten Wamms des Königs, 20 Sols.— Für eine Büchſe Fett, die Stiefel Sr. Ma⸗ jeſtät zu ſchmieren, 15 Deniers.— Für einen neuen Stall zur Wohnung der ſchwarzen Schweine des Königs, 4 — 125— 30 Livres Pariſis.— Für mehrere Verſchläge, Gruben und Fallen, die Löwen in St. Paul einzuſchließen, 22 Livres.“ „Die Beſtien ſind theuer,“ ſprach Ludwig XI.„Was thut's? Das iſt ein prächtiger königlicher Aufwand. Be⸗ ſonders liebe ich dort einen großen rothen Löwen wegen ſeiner Artigkeit. Meiſter Guillaume, ſaht Ihr ſie ſchon? Die Prinzen müſſen wunderbare Thiere beſitzen. Uns Königen müſſen Hunde die Löwen und Katzen die Tiger ſein. Das Großartige ziemt den Kronen. Wenn zur Zeit der Heiden hundert Stiere und hundert Schaafe das Volk den Kirchen opferte, ſchenkten die Kaiſer ihnen hundert Löwen und hundert Adler. Das war wild und ſchön. Die Könige von Frankreich umgaben ſtets ihren Thron mit ſolchem Gebrüll. Man muß mir aber doch Gerechtigkeit widerfahren laſſen, ich gebe darin weniger Geld aus, als meine Ahnen, und bin ſehr beſcheiden mit Löwen, Baren, Elephanten und Leoparden.— Weiter, Meiſter Olivier; Wir wollten Unſern lieben Flamländern das ſagen.“ Guillaume Rym verbeugte ſich tief, während Coppe⸗ nole mit ſeiner mürriſchen Miene wie einer der Bären ausſah, wovon Se. Majeſtät ſprach. Der König achtete darauf nicht. Er ſetzte ſeine Lippen an den Becher, ſpie aber wieder das Gotränk aus mit den Worten:„Puah! die bittere Medicin!“ Der Vorleſer fuhr fort: „Zur Ernährung eines Diebes zu Fuß, der ſeit ſechs Monaten im kleinen Gefängniß der Schinderei ein⸗ — 126— geſchloſſen iſt, bis man weiß, was man mit ihm beginnen ſoll, 6 Livres, 4 Sols.“ „Was!“ fiel der König ein.„Soll ich Leute ernäh⸗ ren, die gehängt werden müſſen. Für die Nahrung, Gottes Oſtern! gebe ich keinen Heller mehr her. Olivier, beſprecht die Sache mit dem Herrn von Eſtouteville und trefft noch heute Abend die Anſtalten zur Hochzeit des Galans mit dem Galgen. Fahrt fort.“ Olivier machte mit dem Daumennagel ein Zeichen beim Räuber zu Fuß und las weiter: „Für Henriet Couſin, Henkermeiſter der Gerechtig⸗ keit zu Paris, die Summe von 60 Sols Pariſis, die ihm vom Herrn Prévôt zu Paris zuerkannt war, weil er ein großes Schwert gekauft hat, Perſonen hinzurichten und zu enthaupten, die von der Gerechtigkeit wegen Miſſe⸗ thaten verurtheilt ſind, und weil er dies Schwert mit Scheide und Zubehör verſah; gleicherweiſe, das alte Schwert wieder auszubeſſern, welches bei dem Vollſtrecken der Gerechtigkeit an Herrn Ludwig von Luxemburg zer⸗ ſplittert und ſchartig geworden war, wie noch deutlicher erhellet aus...“ Der König unterbrach ihn:„Genug! die Summe gebe ich von ganzem Herzen, dergleichen Ausgaben mache ich gern, und habe nie ſolch Geld bedauert. Leſ't weiter.“ 4 „Für einen neuen großen Käfig....“ „Ah,“ ſprach der König, und faßte die beiden Lehnen — 127— des Stuhls mit den Händen,„ich wußte wohl, daß ich zu irgend einem Zweck in die Baſtille gekommen war. Wartet, Meiſter Olivier, ich will den Käfig ſelbſt ſehen. Ihr könnt mir die Rechnung vorleſen, während ich ihn unterſuche. Ihr Herrn Flamländer, kommt mit mir, das iſt merkwürdig anzuſehn.“ Er ſtand auf, ſtützte ſich auf den Arm ſeines Vor⸗ leſers, gab dem ſcheinbar Stummen, der an der Thür ſtand, ein Zeichen, ihm voranzugehn, den beiden Flam⸗ ländern, ihm zu folgen, und verließ das Zimmer. Die königliche Geſellſchaft rekrutirte ſich an der Thür der Kammer mit Schwert⸗Bewaffneten und Pagen, welche Fackeln trugen. Sie wandelte einige Zeit lang im Innern des düſtern Thurmes, welcher bis in die Dicke der Mauern mit Gängen und Treppen durch⸗ brochen war. Der Kapitän der Baſtille ging voran und ließ die Pförtchen vor dem alten, krumm gebeugten Kö⸗ nig aufſchließen, der im Gehen fortwährend huſtete. An jedem Pförtchen mußten Alle den Kopf bücken, mit Ausnahme des vom Alter gekrümmten Greiſes. „Hum!“ murmelte er zwiſchen dem Zahnfleiſch, denn ſeine Zähne hatte er ſchon verloren,„Wir ſind ſchon bereit zum Thore des Grabes. Für niedrige Thür ein gebückter Mann.“ Als ſie endlich ein letztes, mit Schlöſſern ſo ſehr verſehenes Pförtchen, daß es nur in einer Biertelſtunde aufgeſchloſſen werden konnte, durchſchritten hatten, traten — 128— ſte in einen hohen, gothiſchen Saal, in deſſen Mitte man beim Fackelſchein einen dicken, ſchweren Cubus von Holz und Eiſen erblickte. Das Innere war hohl. Dies war einer jener berühmten Käfige für Staatsgefangene, welche man des Königs Töchterchen nannte. In ſeinen Wänden waren zwei oder drei kleine Fenſter, aber mit dicken Eiſenſtangen ſo feſt vergittert, daß man das Glas nicht ſehen konnte. Die Thür war eine große Stein⸗ platte, wie bei Gräbern, eine Thür der Art, wie ſie nur zum Eintritt dient. Der König ging langſam um dies kleine Gebäude und unterſuchte es ſorgfältig, während Meiſter Olivier laut die Rechnung las: „Für einen neuen hölzernen Käfig von dicken Balken mit Einfaſſung und Sohlen, neun Fuß Länge, acht Fuß Breite, ſieben Fuß Höhe, welcher in eine Kammer eines Thurmes der Baſtide St. Antoine aufgeſtellt iſt, und auf Befehl unſers Herrn, des Königs, einen Gefangenen enthält, ber früher in einen alten verfallenen Käfig geſperrt war. Sind an genanntem Käfig gebraucht: ſechs⸗ undneunzig liegende, zweiundfünfzig ſtehende Bretter, zehn Balken von drei Klafter; ſind zwanzig Tage lang neun⸗ zehn Ztmmerleute beſchäftigt geweſen, im Hofe der Ba⸗ ſtide genanntes Holz zu behauen, zu beſchneiden und zu bearbeiten....“ „Sehr ſchönes Eichenholz,“ ſprach der König, indem er mit der Fauſt an die Bretter klopfte. — 129— „.Sind gebraucht zu dem Käfig,“ fuhr der Vor⸗ leſer fort,„neunundzwanzig Eiſenklammern mit Zubehör, wie Roſten, Diagonal⸗Stangen, Scheiben, erſtere neun bis acht Fuß lang, welches Eiſen zuſammen wiegt 3735 Pfund; dito acht dicke eiſerne Kanten, beſagten Käſig zu befeſtigen, mit Krampen und Nägeln, zuſammen 218 Pfund ſchwer, ohne das Eiſen der Fenſtergitter, der Thür und andrer Dinge....“ „Viel Eiſen, um einen Leichten in Ruhe zu halten,“ meinte der König. „ Das Ganze beträgt 317 Livres, 5 Sols, 7 Deniers Pariſis.“ „Gottes Oſtern!“ rief der König. Bei dieſem Lieblingsſchwur Ludwigs XI. ſchien im Inneren des Kafigs Jemand zu erwachen. Man vernahm das Klirren der über den Boden geſchleiften Kette; und es erhob ſich eine ſchwache Stimme, die aus dem Grabe zu kommen ſchien: „Sire! Sire! Gnade! Gnade!“ Man konnte den Redenden nicht ſehn. „317 Livres, 5 Sols, 7 Deniers Pariſis!“ ſagte der König noch einmal. Die klagende, aus dem Käfig erſchallende Stimme erſtarrte alle Anweſenden, ſelbſt den Meiſter Olivier. Nur der König ſah aus, als haͤtte er ſie nicht gehört. Auf ſeinen Befehl las Meiſter Olivier weiter und ſeine Majeſtät fuhr fort, den Käſig kalt und ruhig zu unterſuchen. XV. 9 — 130— „...Außerdem erhielt ein Maurer, welcher die Löcher für die Fenſtergitter und den Fußboden der Kam⸗ mer, wo der Käſig ſteht, machte, weil der alte Fußboden den Käfig nicht hätte tragen können wegen ſeiner Schwere, 27 Livres, 14 Sols Pariſis...“ Die Stimme ſeufzte tief:„Gnade, Sire! Ich ſchwör⸗ es, nicht ich, nur der Herr Kardinal von Angers beging den Verrath!“ „Der Maurer iſt grob, ſo viel zu fordern,“ meinte der König.„Weiter!“ „.... Für den Zimmermann, für Bretter, Fenſter, Nachtſtuhl und andre Dinge, 20 Livres, 2 Sols Pariſis.“ Die Stimme fuhr fort: „Ach Sire! Ihr hört mich nicht? Nicht ich ſchrieb dem Herrn von Guyenne die Sache, ſondern der Herr Kardinal Balue.“ „Der Tiſchler iſt theuer,“ bemerkte der König.„Jetzt biſt du doch fertig?“ „Nein, Sire... Dem Glaſer für die Fenſter jener Kammer, 46 Sous, 8 Deniers Pariſis.“ „Gnade, Sire! Oh, gewiß war es genug, daß man mein Vermögen meinen Richtern, mein Silbergeräth dem Herrn von Torcy, meine Bibliothek dem Meiſter Pierre Doriolle, meine Tapeten dem Gouverneur des Rouſſillon ſchenkte. Ich bin unſchuldig, ſchon vierzehn Jahre lang zittere ich vor Kälte im eiſernen Käfig. Gnade, Sire; Gott wird Euch lohnen!“ — 131— „Meiſter Olivier, wie viel beträgt das Ganze?“— „367 Livres, 8 Sols, 3 Deniers Pariſis.“—„Bei Unſe⸗ rer Frau, das iſt ja ein ganz ſchmähliger Käfig!“ Mit den Worten riß die Majeſtät dem Meiſter Oli⸗ vier das Papier aus der Hand und unterſuchte, an den Fingern zählend, die Rechnung und den Käfig. Man hörte, wie der Gefangene ſchluchzte. Ein düſterer Ein⸗ druck herrſchte bei Allen, und alle Geſichter betrachteten ſich erblaſſend. „Vierzehn Jahre, Sire, vierzehn Jahre! Seit April 1469. Heilige Mutter Gottes! Sire, hört mich! Ihr erfreutet Euch unterdeß der Sonnenwärme! Ich Unglück⸗ licher! Werde ich nie den Tag ſehn! Sire, ſeid barm⸗ herzig! Erbarmen iſt königliche Tugend, woran der Strom des Zornes ſich bricht. Glaubt Eure Majeſtät, es ſei für einen König das Ehrgefühl höchſter Zufriedenheit auf dem Sterbebette, wann er keine Beleidigung unge⸗ ſtraft ließ? Oh Sire, ich habe ja auch Euch nicht ver⸗ rathen! Es war der Herr von Angers! Am Fuße ſchleppe ich eine dicke Kette mit einer dicken Kugel. Die iſt ſchwerer, wie recht! Ach, Sire, Mitleid! Gnade!“ Der König richtete den Kopf auf:„Olivier, ich ſehe, daß man mir die Tonne Kalk zu 20 Sols ange⸗ rechnet hat und iſt doch nur 12 werth. Ihr müßt die Rechnung hierin abändern.“ Er wandte dem Käfig den Rücken, und ſchickte ſich an, die Kammer zu verlaſſen. Der unglückliche Gefangene 9* ſchloß aus der Entfernung der Fackeln und dem Geräuſch, der König gehe fort.„Sire! Sire!“ rief er voll Ver⸗ zweiflung. Die Thür ward geſchloſſen; er ſah Nichts und hörte nur die rauhe Stimme des Gefangenwärters, der ihm das Lied vorſang: „„Biſchof, Meiſter Jean Balue, Hat die Finger ſich verbrannt, Mit dem Biſchof von Verdun; Beide ſind zum Teufel geſandt.“ Der König ſtieg ſchweigend die Treppe zu ſeiner Kammer hinan; ſein Gefolge war erſchreckt durch das letzte Geſeufz des Verurtheilten. Plötzlich wandte ſich Seine Majeſtät zum Gouverneur der Baſtille mit den Worten:„Sagt doch, war Jemand in dem Käfig?“— „Wahrhaftig, Sire!“ antwortete dieſer, über die Frage erſtaunt.—„Wer?“—„Der Herr Biſchof von Verdun.“ Der König wußte das beſſer, wie jeder Andre. So aber war einmal ſeine Art. „Ah,“ ſprach er mit einem ſo naiven Ausdruck im Geſicht, als falle ihm das erſt jetzt ein;„ah ſo! Guil⸗ laume von Harancourt, Freund des Herrn Kardinals Balue. Ein guter Tropf von Biſchof!“ Nach einigen Augenblicken ſchloß die Thür der Kam⸗ mer ſich auf, und nach dem Eintritt der fünf Perſonen, welche der Leſer im Beginn des Kapitels ſchon ſah, wie⸗ der zu. Dieſe nahmen ihre Plätze, ihre Stellungen wieder ein, und flüſterten mit leiſer Stimme. — 133— Während der Abweſenheit des Königs hatte man einige Depeſchen auf den Tiſch gelegt. Ludwig erbrach die Siegel ſelbſt, und las eine Depeſche nach der andern, gab Olivier, der bei ihm das Amt eines Miniſters zu vertreten ſchien, ein Zeichen, und diktirte ihm leiſe die Antworten, welche dieſer, vor dem Tiſch knieend, in ſehr unbequemer Stellung niederſchrieb. Guillaume Rym beobachtete. Der König aber ſprach ſo leiſe, daß die Fiamländer Nichts hören konnten, als nur einige vereinzelte und kaum verſtändliche Sätze: „.. Um die fruchtbaren Gegenden durch Handel, die unfruchtbaren durch Fabriken zu bereichern.... den Herrn Engländern unſere vier Bombarden zu zeigen... Die Artillerie iſt Urſach, daß der Krieg gegenwärtig mit größerer Kunſt geführt wird... Unſerm lieben Herrn Breſſuire.. Die Armeen können ohne Abgaben nicht erhalten werden“ ꝛc. Einmal erhob er die Stimme:„Gottes Oſtern! der Herr König von Sicilien ſiegelt ſeine Briefe mit gelbem Wachs, wie ein König von Frankreich. Vielleicht haben Wir Unrecht, ihm dies zu erlauben. Unſer lieber Vetter von Burgund ſchenkte keine Wappenfelder mit offenem Rachen. Die Größe der Häuſer wird durch die Unver⸗ letzbarkeit der Vorrechte erhalten. Bemerk das, Gevatter Olivier.“ Ein andermal:„Oh, oh! die plumpe Botſchaft! Was will denn Unſer Bruder, der Kaiſer? Wahrhaftig! das — 134— heilige deutſche Reich iſt ſo groß und mächtig, daß man es kaum glauben kann.— Wir vergeſſen aber das alte Sprüchwort nicht: die ſchönſte Grafſchaft iſt Flandern, das ſchönſte Herzogthum Mailand, das ſchönſte König⸗ reich Frankreich. Nicht wahr, ihr Herrn Flamländer?“ Diesmal verneigte ſich Coppenole mit Guillaume Rym. Der Patriotismus des Strumpfwirkers war gekitzelt. Eine letzte Depeſche überzog Ludwigs Stirn mit Runzel.„Was iſt das?“ rief er zornig.„Klagen und Beſchwerden gegen unſre Garniſonen in der Picardie. Olivier, ſchreibt ſchnell dem Herrn Marſchall von Rouault, daß die Disciplin nachläßt— daß die Ordonnanz⸗Gen⸗ d'armen, die Banner⸗Ritter, die Freiſchützen, die Schwei⸗ zer viel Böſes den Einwohnern zufügen— daß der Kriegsmann ſich nicht mit der Nahrung begnügt, die er im Hauſe des Bauern findet, und ſie mit Stock⸗ oder Lanzenſchlägen zwingt, in die Städte zu gehn, um Fiſche, Gewürz und andere Gegenſtände der Ausſchweifung zu kaufen,— daß der Herr König das erfahren hat,— daß Wir Unſer Volk vor Plünderung, Raub und Unziem⸗ lichkeiten bewahren wollen,— daß es Uns gar nicht genehm iſt, wenn Minſtrels, Barbiere, Kriegsknechte ſich wie Prinzen mit Sammt, Goldtuch und Ringen ſchmük⸗ ken,— daß ſolche Eitelkeit Gott mißfällt,— daß Wir, obgleich Wir von Adel ſind, Uns mit keinem Wamms von Tuch zu ſechzehn Sols die Elle begnügen. Daß die Troßbuben da ſich auch dazu herablaſſen können— befehlt — 123— und gebietet— Herrn Rouault, unſerm lieben Ge⸗ treuen.— Gut.“ Er diktirte den Brief mit abgebrochener, lauter Stimme. Im Augenblick, wo er fertig war, öffnete ſich die Thür, eine ſechſte Perſon trat ein, und ſtürzte ver⸗ ſtört iws Zimmer mit dem Aufruf:„Sire, Sire, das Volk von Paris iſt in Aufruhr!“ Die ernſte Geſtalt Ludwigs zog ſi ich zuſammen; jedoch die bei ihm ſichtbare Aufregung zog wie ein Blitz vor⸗ über. Er ſagte mit ſeinem gewöhnlichen, ruhigen Ernſt: „Gevatter Jacques, Ihr tretet etwas unhöflich ein!“ „Sire, Sire, ein Aufruhr!“ rief Gevatter Jacgues außer Athem. Der König ſtand auf, packte ihn hart am Arm und ſagte ihm mit unterdrückter Wuth und einem Seiten⸗ blick auf die Flamländer in's Ohr:„Schweig oder ſprich leiſe.“ Der neue Ankömmling ſchien ſein Verſehen zu begrei⸗ fen und gab dem König einen hitzigen Bericht, welchen dieſer kalt anhörte, während Guillaume Rym den Meiſter Coppenole auf Geſicht und Kleid des neuen Ankömm⸗ lings, die mit Pelz gefütterte Kapuze, caputia furrata, die kleine Unterkapuze, epitogia curta, den ſchwarzen Sammtrock, welcher den Präſidenten des Rechnungshofes anzeigte, aufmerkſam machte. Kaum hatte dieſe Perſon einige Zeit zum Könige geſprochen, als Ludwig XI. laut auflachte:„Wahrhaftig, — 136— Gevatter Coictier, was ſchwatzet Ihr ſo leiſe? Die hei⸗ lige Jungfrau weiß, daß Wir vor Unſern lieben Freun⸗ den den Flammländern Nichts verbergen.“—„Aber, Sire..“—„Sprecht laut.“ Der Gervatter Coictier verſtummte aus Erſtaunen.„Sprecht,“ begann der König auf's Neue.„Sprecht doch, Herr! In Unſrer guten Stadt Paris iſt ein Aufruhr der Bewohner?“— „Ja, Sire.“—„Und der, wie Ihr ſagt, gegen den Herrn Bailli des Juſtizpalaſtes gerichtet iſt?“—„So ſcheint es,“ ſprach der Gevatter, welcher noch immer ſtotterte, ganz erſtaunt über die plötzliche unerklärbare Verände⸗ rung in der Stimmung des Königs. Ludwig XI. begann auf's Neue.„Wo begegnete die Wache dem Zuſammenlauf?“—„Er kam von dem großen Landſtreicherquartier und ging zum Pont⸗aux⸗ Changeurs. Ich begegnete dem Schwarm, als ich hieher kam auf Befehl Eurer Majeſtät. Ich hörte wie einige riefen: Nieder mit dem Bailli des Palais!“—„Und welche Beſchwerden führen ſie über den Bailli.“—„Ach!“ ſagte Gevatter Jacques,„er ſei ihr Herr.“—„Wahr⸗ haftig!“—„Ja, Sire, es ſind die Spitzbuben des Hofes der Wunder. Schon lange beklagen ſie ſich über den Bailli, deſſen Vaſallen ſie ſind. Sie wollen ihn weder als Gerichts⸗ noch als Lehensherrn anerkennen.“ „Ah ſo!“ ſagte der König mit einem Lächeln der Freude, das er vergeblich zu unterdrücken ſuchte. „In allen ihren Bittſchriften an das Parlament — 137— behaupten ſie, nur zwei Herrn zu haben, Eure Maje⸗ ſtät und ihren Gott, der, wie ich glaube, der Teufel iſt.“ „Eh! Eh!“ rief der König, rieb ſich die Hände und lachte innerlich, ſo daß das ganze Geſicht vor Freude ſtrahlte. Er konnte dieſe nicht verbergen, ob er ſich gleich zu faſſen ſuchte. Niemand konnte ſeine Stimmung begreifen, nicht einmal„Meiſter Olivier.“ Einen Augen⸗ blick ſchwieg der König mit nachſinnender, aber zufrie⸗ dener Miene. „Sind ſie in ſtarker Zahl?“ fragte er plötzlich.„Ja gewiß,“ antwortete Gevatter Jacques.—„Wie viel?“— „Wenigſtens ſechstauſend.“— Der König konnte den Aus⸗ ruf:„Sehr gut!“ nicht unterdrücken.„Sind ſie bewaff⸗ net?“—„Mit Sicheln, Piken, Hakenbüchſen, Schaufeln, allen Arten ſchädlicher Waffen.“ Der König ſchien ſich nicht im Geringſten über alle dieſe Berichte zu beunruhigen. Gevatter Jacques glaubte hinzufügen zu müſſen:„Wenn Eure Majeſtät dem Bailli nicht ſchnelle Hülfe ſendet, iſt er verloren.“ „Ich will ihm Hülfe ſenden,“ ſprach der König mit verſtelltem Ernſt.„Sehr gut! Oh gewiß werden Wir ihm Hülfe ſenden. Der Herr Bailli iſt Unſer Freund. Sechstauſend! Entſchloſſene, kecke Schelme! Welche Frech⸗ heit! Ja, ja, Wir ſind ſehr zornig, haben aber heute Nacht wenig Truppen in der Nähe. Morgen früh iſt es noch immer Zeit.“ Gevatter Jacques rief:„Sogleich, ſogleic, Sire! — 138— Morgen früh kann das Palais zwanzigmal geplündert, das Herrenrecht geſchändet, der Bailli gehenkt ſein. Bei Gott, Sire, ſchickt heute Nacht.“ Der König ſah ihm ſtarr in's Geſicht.„Ich ſagte Euch Morgen früh!“ Der Blick Ludwigs war von der Art, daß man darauf nicht zum zweiten Mal erwiederte. Nach einer Pauſe erhob der König auf's Neue die Stimme:„Gevatter Jacques, Ihr müßt das wiſſen, wie weit erſtreckte ſich.... erſtreckt ſich die Feudal⸗Gerichts⸗ barkeit des Bailli?“—„Sire, der Bailli hat die Straße de la Calandre bis zur Herberie, den Platz S. Michel, die Orte, welche gewöhnlich kleine Mauern heißen bei der Kirche Notre⸗Dame⸗des⸗Champs(hier lüftete der König den Rand ſeines Hutes) und aus dreizehn Häu⸗ ſern beſtehn, dann den Wunderhof, das Krankenhaus, genannt das Weichbild, und die Straße, welche von da nach dem Thore S. Jacques führt. Von allen dieſen Orten iſt er Lehensherr und beſitzt hohe, mittlere und niedere Gerichtsbarkeit.“—„Ja, ja,“ ſagte der König und kratzte ſich am linken Ohre,„das iſt ein ſchöner Zipfel Unſrer Stadt. Ha, der Herr Bailli war dort ein König!“ Dann fuhr er nachſinnend fort, als ſpräche er mit ſich ſelbſt:„Sehr ſchön, Herr Bailli! Ihr hieltet ein artiges Stück von Unſerm Paris zwiſchen den Zähnen.“ Plötzlich brach er aus:„Gottes Oſtern! Wer ſind die Leute, welche Gerichtsherrn und Gebieter in Unſrem — 139— Reiche ſich zu nennen erfrechen? Die ihren Zoll auf jedem Felde erheben? Die ihre Gerechtigkeit und ihren Henker auf jedem Kreuzwege haben? Wie der Grieche an ſo viele Götter glaubte, wie er Quellen ſchaute, der Perſer wie er Sterne ſah, glaubt der Franzoſe an ſo viele Könige, wie er Galgen ſieht. Bei Gott! das taugt Nichts und mißfällt Uns höchlichſt. Ich möchte wiſſen, ob durch Gottes Gnade es einen andern Gerichtsherrn als den König, ein andres Gericht als Unſer Parlament, einen andern Herrſcher in Unſerm Reiche als Uns gibt? Bei meiner Seele! der Tag muß kommen, wo es in Frankreich nur einen Herrn, einen Richter, einen Henker wie nur einen Gott im Paradieſe gibt.“ Er nahm ſeine Mütze ab, und fuhr, ſtets nachſin⸗ nend, wie ein Jäger, der ſeine Meute aufhetzt und los⸗ läßt, fort:„Brav, mein Volk! Auf! Zerbrich die fal⸗ ſchen Götzen! Auf! Auf! Plündre, packe, hänge ſie! Ah, ihr Herrn, ihr möchtet Könige ſein. Auf, mein Volk!“ Hier aber brach er plötzlich ab, biß ſich auf die Lip⸗ pen, als wolle er ſeine entſchlüpften Gedanken wieder einholen, richtete einen durchdringenden Blick auf die fünf Perſonen, nahm ſeinen Hut in ſeine Hände, beſah ihn und ſagte:„Oh, ich würde dich verbrennen, rmüßieſt du, was in meinem Kopfe vorgeht.“ Dann warf er wieder um ſich den aufmerkſamen unruhigen Blick des Fuchſes, der vorſichtig in ſeine Höhle zurückkehrt.„Was thut's? Dem Herrn Bailli eilen — 140— Wir zu Hülfe. Unglücklicher Weiſe haben Wir gegen ſo viel Volk nur wenig Truppen bei der Hand, und müſſen bis morgen warten. Dann ſoll die Ruhe in der Cité wieder hergeſtellt und alle Gefangene gehängt werden. 3 „Sire,“ ſprach Gevatter Coictier,„ich habe in der erſten Beſtürzung vergeſſen, daß die Wache zwei Nach⸗ zügler von der Bande anfgegriffen hat. Will ſie Eure Majeſtät ſehen, ſo ſind ſie da.“ „Ob ich ſie ſehen will!“ rief der König.„Gottes Oſtern! Wie kannſt du ſo etwas vergeſſen! Olivier, laufe du ſchnell hin, ſie zu holen.“ Meiſter Olivier ging hinaus, kehrte aber ſogleich mit zwei von Ordonnanz⸗Häſchern umringten Gefangenen zurück. Der Eine hatte ein blödſinniges, breites Geſicht; Erſtaunen und Trunkenheit lag in ſeinem Ausdruck. Er war in Lumpen gekleidet, bog das Knie und ſchleppte den Fuß bei'm Gehen. Der andre war eine dem Leſer ſchon bekannte blaſſe und lächelnde Geſtalt. Der König beſah beide, ohne ein Wort zu reden. Dann fuhr er plötzlich den Erſteren an:„Dein Name?“ —„Gieffroi Pincebourde.“—„Stand?“—„Landſtrei⸗ cher.“—„Was wollteſt du bei dem verdammten Auf⸗ ruhr?“ Der Landſtreicher betrachtete den König mit ſtumpfem Geſicht, indem er ſeine Arme ſchaukelte. Es war ein unvollkommen gebildeter Kopf, wo der Verſtand — 141— eben ſo wenig ſich behaglich fühlt, wie ein Licht unter einem Löſchhütchen. „Ich weiß nicht,“ ſagte er;„weil die andern gingen, ging ich mit.“—„Wolltet Ihr nicht euern Herrn, den Bailli des Palais, aufrühreriſch plündern?“—„Ich weiß weiter Nichts, als daß man Etwas bei Jemandem holen wollte.“ Ein Soldat zeigte dem König ein Gartenmeſfer, das man dem Landſtreicher genommen hatte.„Erkennſt du die Waffe?“ fragte der König.—„Ja, es iſt mein Gartenmeſſer. Ich bin Winzer.“—„Erkennſt du den Menſchen als deinen Gefahrten?(Bei den Worten zeigte der König auf Gringoire.)—„Nein.“—„Genug.“ Kierauf gab der König der ſchweigenden, regungs⸗ loſen Perſon an der Thür, die wir dem Leſer ſchon angedeutet haben, ein Zeichen:„Gevatter Triſtan, ein Mann für Euch.“ Triſtan»Hermite verneigte ſich, gab mit leiſer Stimme zwei Häſchern einen Befehl und der arme Landſtreicher ward abgeführt. Jetzt trat der König zum zweiten Gefangenen, dem der Angſtſchweiß von der Stirne lief.„Dein Name?“ —„Pierre Gringoire.“—„Dein Stand?“—„Philo⸗ ſoph, Sire.“—„Wie wagſt du, Schelm, Unſern Freund, den Herrn Bailli des Palais, anzugreifen, und was ſagſt du von dieſem Aufruhr?“—„Sire, ich war nicht dabet.“ —„Strohkopf! biſt du nicht von der Wache in ſchlechter Geſellſchaft aufgegriffen?“—„Sire, aus Verſehen. Es iſt Fügung des Schickſals. Ich dichte Tragödien. Sire, ich flehe zu Eurer Majeſtät, mich anzuhören. Ich bin Dichter. Leute des Standes gehen aus Schwermuth des Nachts ſpazieren. Heute Abend kam ich zufällig dort vorbei, man verhaftete mich mit Unrecht. Ich bin ſchuldlos an dieſem bürgerlichen Sturm. Eure Majeſtät ſah, daß mich der Landſtreicher nicht erkannte. Ich beſchwöre Eure Majeſtät....“ „Schweig,“ ſagte der König zwiſchen zwei Zügen aus ſeinem Becher,„du ſprengſt mir den Kopf.“ Triſtan l'Hermite trat heran, zeigte mit dem Finger auf Gringoire und fragte:„Sire, darf ich auch den hängen laſſen?“ Dies war das erſte Wort, das er ſprach.—„Nun,“ ſprach nachläßig der König,„ich ſehe darin nichts Unzeitiges.“—=„Aber ich,“ ſprach Gringoire⸗ In dem Augenblick war unſer Philoſoph grüner, wie eine Olive. An der kalten und gleichgültigen Miene des Königs bemerkte er, ſeine einzige Rettung liege in etwas ſehr Pathetiſchem. Er ſtürzte dem König zu Füßen und rief mit den Geberden der Verzweiflung: „Sire, Eure Majeſtät laſſe ſich herab, mich zu hören. Sire, ſchleudert Euren Donner nicht gegen ein ſo kleines Geſchöpf, wie ich bin. Gottes Blitz zerſchmettert keinen Lattich. Sire, Ihr ſeid ein erhabener, mächtiger Monarch. Sire, habt Mitleiden mit einem armen, ehrlichen Mann, der einen Aufruhr eben ſo wenig anzuſchüren vermag, — 143— wie eine Eisſcholle dem Steine Funken zu entlocken. Gnädiger Sire, Gutmüthigkeit iſt Tugend der Löwen und Könige! Ach, die Strenge erbittert nur die Gemü⸗ ther, der ungeſtüme Drang des Windſtoßes iſt nur Urſach, daß man den Mantel für den Augenblick ablegt; die Sonne aber, die allmählig wirkt, erhitzt ihn ſo, daß man ſich bis auf's Hemd entkleidet. Sire, Ihr ſeid die Sonne! Mein hoher Gebieter und Herr, ich verſichere Euch, ich bin kein liederlicher, diebiſcher Landſtreicher⸗ Geſell! Aufruhr und Raub gehört nicht zum Gefolge Apollo's. Ich werde mich nie in die Wolken ſtürzen, welche bei'm Lärm des Aufſtandes ſich erheben. Ich bin ein treuer Vaſall Eurer Majeſtät. Die Eiferſucht des Mannes hinſichtlich ſeiner Frau, die ängſtliche Beſorgniß eines Sohnes hinſichtlich der Liebe ſeines Vaters muß ein guter Vaſall für den Ruhm ſeines Königs hegen; er muß aus Eifer für des Königs Haus, für das Wach⸗ ſen ſeiner Macht ſich ausdörren. Jede andre Leiden⸗ ſchaft, die ihn hinreißen könnte, wäre Wahnſinn. Dies ſind meine Staatsgrundſätze, Sire! Weil mein Wamms an den Aermeln abgeſchabt iſt, haltet mich nicht für einen Aufrührer und Dieb. Wenn Ihr mir Gnade ſchenkt, will ich meine Hoſen auf den Knien des Tags und des Nachts für Euch betend abnutzen. Ach! ich bin nicht ſehr reich, das iſt wohl wahr. Ich bin ſelbſt ein wenig arm, aber darum noch nicht laſterhaft. Meine Schuld iſt's nicht. Jeglicher weiß, daß bedeutende Reich⸗ — 144— thümer aus den ſchönen Wiſſenſchaften nicht gepreßt werden, und daß Leute, welche die beſten Bücher ſchrei⸗ ben, des Winters nicht immer warmes Feuer haben. Der Advokatenſtand frißt alles Korn und läßt den übri⸗ gen wiſſenſchaftlichen Ständen nur das Stroh. Man hat vierzig ſehr ſchöne Sprüchwörter über den durchlöcherten Mantel der Philoſophen. Oh, Sire, Barmherzigkeit iſt das einzige Licht, welche das Innere einer großen Seele zu erleuchten vermag. Barmherzigkeit trägt die Fackel allen andern Tugenden voran. Ohne ſie ſind Menſchen Blinde, welche, Gott ſuchend, im Dunkeln tappen. Gnade iſt daſſelbe, was Barmherzigkeit, und erſchafft die Liebe der Unterthanen, welche für den Leib des Fürſten die ſicherſte Wache bleibt. Was ſchadet's Euch, Majeſtät, deren Antlitz blendet, ob ein armer Menſch mehr auf der Erde lebt? Ein armer, unſchuldiger Philoſoph, der mit leerer Hoſentaſche, worüber ſein Bauch lärmt, im Dunkel des Elends watet. Uebrigens, Sire, bin ich ein Gelehrter, und die großen Könige halten den Schutz der Wiſſenſchaften für eine Perle ihrer Krone. Herkules verſchmähete nicht den Titel Muſagetes, Mathias Corvi⸗ nus beſchützte Jean de Monroyal, die Zier der Mathe⸗ matiker. Nun iſt es doch aber eine unzweckmäßige Art die Wiſſenſchaften zu beſchützen, wenn man die Gelehrten henkt. Welch ein Flecken für Alexander, hätte er Ari⸗ ſtoteles aufhängen laſſen! Das wäre kein Pfläſterchen, das Antlitz ſeines Ruhmes zu verſchönern, nein, ein — 145— häßliches Geſchwür, es zu entſtellen. Sire, ich dichtete ein ſehr ſchönes Hochzeit⸗Gedicht für die Prinzeſſin von Flandern und den gnädigen Herrn Dauphin. Das iſt doch kein Feuerbrand, Rebellion anzuſchüren. Eure Maje⸗ ſtät ſieht, ich bin kein Abeſchütz, habe ſtudirt und beſitze viel natürliche Beredtſamkeit. Gnade, Sire! Ihr begeht durch Eure Barmherzigkeit eine galante Handlung gegen unſre Frau, und ich ſchwöre Euch, mich erſchreckt der Gedanke, am Galgen zu baumeln.“ Als er die Rede geendet, küßte Gringoire verzwei⸗ felnd die Pantoffeln des Königs und Guillaume Rym ſagte leiſe zu Coppenole:„Er hat Recht, ſich auf den Boden hinzuſchleppen. Den Königen geht's wie dem Jupiter von Creta. Sie haben ihre Ohren nur an den Füßen.“ Der Strumpfwirker, ohne auf den Jupiter von Creta Acht zu geben, erwiederte mit ſchwerfälligem Lächeln, indem er Gringoire anſah:„Ja, ja, ich glaube den Kanz⸗ ler Hugonet zu hören, wie er mich um Gnade anflehete.“ Als Gringoire endlich außer Athem inne hielt, erhob er zitternd ſein Haupt zum König, welcher mit dem Nagel einen Flecken ſeiner Beinkleider am Knie abkratzte, dann nahm die Majeſtät einen Schluck Medicin. Uebri⸗ gens ſprach ſie kein Wort und dies Schweigen quälte Gringoire. Endlich ſah ihn der König an mit den Wor⸗ ten:„Du furchtbarer Schreier!“ Dann wandte er ſich zu Triſtan l'Hermite:„Bah! Laß ihn los!“ AV. 10 — 146— Gringoire, vor Freude erſchrocken, fiel auf den Rücken.. „Soll ich ihn gehen laſſen?“ fragte Triſtan knur⸗ rend.„Will Eure Majeſtät nicht, daß man ihn ein wenig in den Käſig ſperrt?“ „Gevatter,“ antwortete Ludwig XI.,„glaubſt du, daß wir Käfige zu 367 Livres 8 Sous 3 Deniers für ſolche Vögel machen laſſen? Laß den Strohkopf ſogleich los(Ludwig XI. gebrauchte das Wort Strohkopf, welcher mit Gottes Oſtern den Grund zu ſeinem Humor bildete), und gib ihm einige Rippenſtöße mit auf den Weg.“ „Oh,“ rief Gringoire,„welch ein großer König!“ und aus Furcht vor einem Gegenbefehl ſtürzte er ſich ſchnell zur Thür, die Triſtan ihm ziemlich verdrießlich öffnete. Die Soldaten gingen zugleich mit ihm fort und ſchleuderten ihn mit Fauſtſtößen vor ſich hin, was Grin⸗ goire als ein wahrer ſtoiſcher Philoſoph ertrug. Die gute Laune des Königs drang in Allem durch, ſeitdem der Aufruhr gegen den Bailli ihm angezeigt war. Dieſe ungewöhnliche Milde war ein ſehr bedeutendes Zeichen. Triſtan!'Hermite hatte das knurrige Geſicht einer Dogge, der man einen Knochen zeigte, aber nicht gibt. Der König trommelte vergnügt auf den Armlehnen ſeines Seſſels den Marſch Pont⸗Audemer mit den Fin⸗ gern. Dieſer Fürſt wußte ſich gewiß zu verſtellen, allein — 147— Schmerz und Aerger konnte er beſſer verſtecken als Freude. Dergleichen Aeußerungen der Freude bei guten Nachrichten gingen oft ſogar zuweit; z. B. bei'm Tode Carls des Kühnen weihete er ein ſilbernes Geländer dem heiligen Martin von Tours, und bei ſeiner Thron⸗ beſteigung vergaß er das Begräbniß ſeines Vaters zu befehlen. „He, Sire,“ rief plötzlich Jacques Coictier, was iſt aus dem plötzlichen Krankheitsanfall geworden, weßhalb Eure Majeſtät mich rufen ließ.“ „Oh, Gevatter,“ ſprach der König,„ich bin ſehr krank. Mir pfeift es in den Ohren und es kömmt mir vor, als kratzen feurige Harken in der Bruſt.“ Coictier ergriff des Königs Hand und befühlte ihm den Puls mit gelehrter Miene „Seht, Coppenole,“ ſprach Rym leiſe,„da ſteht er zwiſchen Coictier und Triſtan. Für ſich hält er den Arzt, für andre den Henker.“ Coictiers Ausdruck ward immer beunruhigter, wäh⸗ rend er den Puls befühlte. Ludwig XI. betrachtete ihn mit einiger Aengſtlichkeit. Coictier ward immer düſterer. Der gute Mann hatte nemlich keine andere Meierei als das Uebelbeſinden des Königs, das er denn ſo gut wie möglich ausbeutete.„Oh, oh,“ murmelte er endlich, „das iſt gefährlich!“—„Nicht wahr?“ ſprach der König ſehr unruhig.—„Pulsus creber, anhelans, crepitans, irregularis,“ fuhr der Arzt fort.—„Gottes Oſtern!— 10* „Das Uebel kann in drei Tagen ſeinen Mann tödten.“ —„Bei Unſrer Frau! Das Mittel, Gevatter?“— „Sire, ich ſinne darüber nach.“ Er ließ Ludwig XI. die Zunge ausſtrecken, richtete den Kopf auf, ſchnitt ein ernſtes Geſicht und ſagte mit⸗ ten in dieſer Ziererei:„Wahrhaftig, Sire, ich muß Euch ſagen, die Stelle eines Einnehmers bei den Regalien iſt erledigt, und ich habe einen Neffen.“— „Ja, ja, dein Neffe ſoll die Stelle haben, aber zieh mir das Feuer aus der Bruſt.“—„Weil Eure Majeſtät ſo gnädig iſt, wird ſie mich auch wohl ein wenig unter⸗ ſtützen wegen meines Baus in der Rue St. André des Arcs.“—„Was!“ rief der König aus. „Ich bin mit meinem Gelde am Ende,“ fuhr der Dok⸗ tor fort,„und es wäre wirklich ſchade, erhielte mein Haus kein Dach; nicht wegen des Hauſes, denn das iſt einfach⸗bürgerlich, ſondern wegen der Gemälde Jehan Fourbault's, welche das Täfelwerk ſchmücken. Dort iſt unter andern eine Diana, die in der Luft ſchwebt, ſo ſchön, zart, ungezwungen, mit ſchönem Hauptſchmuck und dem Halbmond mit ſo weißem Fleiſch, daß Alle, welche die Geſtalt zu aufmerkſam betrachten, in Verſuchung geführt werden. Ferner eine andere ſehr ſchöne Göttin, die Ceres. Sie ſitzt auf Korngarben und iſt mit einem galanten Kornkranze, der mit Bocksbart und andern Blu⸗ men durchflochten iſt, geſchmückt. Man kann nichts Ver⸗ liebteres ſehen, als ihre Augen, nichts Runderes, als ihre . — 1419— Schenkel, nichts Edleres, als ihr Geſicht, keine beſſere Drapirung, als ihren Rock. Sie iſt eine der unſchuldig⸗ ſten, vollkommenſten Schönheiten, die je der Pinſel ſchuf. 4„Du Henker!“ brummte Ludwig,„wo ſoll das hin⸗ aus?“—„Ich muß für dieſe Gemälde ein Dach haben, und obgleich das ſehr unbedeutend iſt, habe ich kein Geld mehr.“—„Wie viel koſtet dein Dach?“—„Höchſtens zweitauſend Livres; ein Kupferdach mit Vergoldung.“— „O du Mörder!“ rief der König aus;„du ziehſt mir keinen Zahn aus, der nicht ein Diamant wäre.“— „Soll ich mein Dach haben?“—„Ja, und geh zum Teufel, aber erſt kurire mich!“ Jacques Coictier verneigte ſich tief und ſprach: „Sire, ein zurücktreibendes Mittel wird Euch retten. Wir legen Euch auf die Schenkel das große Vertheidi⸗ gungsmittel, beſtehend aus Wachspflaſter, armeniſchem Bolus, Eiweiß, Oel und Eſſig. Mit dem Trank fahrt fort, und ich ſtehe für Eure Majeſtät ein.“ Eine brennende Kerze lockt mehr als eine Fliege herbei. Meiſter Olivier, da er den König ſo freigebig ſah, hielt den Augenblick für geeignet und trat heran: „Sire...“—„Was? Willſt du auch Etwas haben?“— „Sire, Eure Majeſtät weiß, Meiſter Simon Radin iſt geſtorben.“—„Nun?“—„Er war Rath des Königs im Juſtizſchatze.“—„Nun?“—„Sire, ſeine Stelle iſt erledigt.“ Bei den Worten vertauſchte Meiſter Olivier den — 150— hochmüthigen Ausdruck ſeines Geſichts mit dem demü⸗ thigen. Bekanntlich iſt dies der einzige Wechſel, den die Geſtalt eines Höflings zeigt. Der König ſah ihm ſtarr in's Geſicht und ſprach trocken:„Ich verſtehe Euch!“— Dann begann er auf's Neue nach einer Pauſe:„Meiſter Olivier, der Marſchall von Boucicaut ſagte:„Der König iſt Schenkgeber, wie das Meer Fiſchgeber. Ich ſehe, Ihr habt auch die Meinung des Herrn von Boucicaut ange⸗ nommen. Jetzt hört mich an. Wir haben ein gut Ge⸗ dächtniß. 1468 machten Wir Euch zum Kammerherrn; 69 zum Wächter des Schloſſes an der Brücke St. Cloud mit hundert Livres Tournois Gehalt(Ihr wolltet ſogar Livres Pariſis). Im November 73 ernannten Wir Euch zum Hüter des Waldes von Vincennes; 75 zum Richter des Forſtes von Rouvray⸗lez⸗St.⸗Cloud; 78 übertrugen Wir Euch gnädigſt durch Patentbriefe mit doppeltem Sie⸗ gel von grünem Wachs eine Rente von zehn Livres Pari⸗ ſis für Euch und Eure Frau, die Ihr von der Schule St. Germain auf dem Platz aux Narchands erhebt; 79 machten Wir Euch zum Forſtrichter des Waldes von Senart, anſtatt des armen Teufels Jehan Daiz; dann zum Kapitän des Schloſſes Loches; dann zum Gouver⸗ neur von St. Quentin; dann zum Kapitän der Brücke von Meulan, wovon Ihr den Grafentitel führt. Von den fünf Sols, die als Geloſtrafe ein Barbier zahlt, der an Feſttagen raſirt, bekommt Ihr drei Sols und ich nur zwei. Auch waren Wir ſo gütig, Euren Namen Böſe, — 151— welcher zu gut für Euer Geſicht paßte, zu ändern. 74 gewaͤhrten Wir Euch, zum Aerger Unſeres Adels, ein buntes Wappenſchild, das Euch die Bruſt eines Pfaus verleiht. Seid Ihr noch nicht ſatt? Fürchtet Ihr nicht, ein Salmen mehr möchte Euer Schiff zum Sinben brin⸗ gen? Gevatter, dein Uebermuth richtet dich noch zu Grunde! Uebermuth wird ſtets von Schmach und Unter⸗ gang begleitet. Bedenk dies und ſchweig!“ Dieſe mit Ernſt geſprochenen Worte gaben dem mürriſchen Geſicht des Meiſters Olivier wieder den Ausdruck der Unver⸗ ſchämtheit.„Gut!“ brummte er ganz laut;„man ſieht, der König iſt heute krank. Er gibt Alles dem Arzt.“ Ludwig XI., weit davon entfernt, ſich über dieſe Grobheit zu ärgern, erwiederte ziemlich ſanft:„Halt! ich vergaß noch, daß ich Euch zum Geſandten nach Gent bei Madame Marie machte.“—„Ja, ihr Herren“(der Kö⸗ nig wandte ſich zu den Flamländern),„dieſer war mein Geſandter.— Nun Gevatter“(er wandte ſich wieder zu Meiſter Olivier),„zank' dich nicht mit mir. Wir ſind alte Freunde. Es iſt ſpät; wir haben unſre Arbeit been⸗ det; jetzt komm, raſir mich.“ Der Leſer hat gewiß nicht bis jetzt gewartet, um in Meiſter Olivier den furchtbaren Figaro zu erkennen, den die Vorſehung, die Dichterin der größten Dramen, ſo künſtlich mit dem langen, blutigen Schauſpiel Ludwig's XI. verflocht. Hier wollen wir es nicht unternehmen, die ſonderbare Geſtalt zu entwickeln. Der Barbier des Kö⸗ nigs führte drei Namen. Bei Hofe nannte man ihn höflich Olivier⸗le⸗Daim*). Das Volk nannte ihn Oli⸗ vier den Teufel. Sein wahrer Name war Olivier Böſe. Olivier ſtand unbeweglich, ſchmollte über den König und brummte zwiſchen den Zähnen:„Ja, ja, der Arzt.“ —„Ja, ja, der Arzt;“ ſprach Ludwig mit ſonderbarer Gutmüthigkeit.„Der Arzt hat noch mehr Credit, wie du. Ganz natürlich; du packſt mich nur bei'm Kinn, er bei'm Leibe. Komm, armer Barbier, das findet ſich gelegentlich wieder. Was ſollte aus dir werden, waͤre ich ein König wie König Chilperich, der gewohnt war, den Bart in der Hand zu halten. Komm, Geratter, thu’, was deines Amtes, raſir' mich! Hole das Geräth!“ Als Olivier ſah, daß der König lachte, und daß er nicht einmal Gelegenheit finden konnte, ſich zu ärgern, ging er verdrießlich fort, den Befehl auszuführen. Der König ſtand auf, trat an's Fenſter, und öffnete es plötzlich in heftiger Aufregung. Dann klatſchte er in die Hände und rief:„O welch ein Feuerſchein über der Cité. Das Haus des Bailly brennt. O, gewiß, es iſt nichts Andres! O, mein treffliches Volk, wie hilfſt du mir endlich, die Herrſchaften all zuſammen zu ſchmeißen!“ —*) Dies war der Name, den ihm der König gegeben. Daher der Damhirſch im vorher beſchriebenen Wap⸗ pen. Sein wahrer Name war Lemauvais(Böſe). — 153— Dann wandte er ſich zu den Flamländern:„Ihr Herren, ſeht den rothen Feuerſchein!“ Die beiden Genter traten heran.—„Ein großes Feuer,“ ſprach Guillaume Rym.—„Ho,“ fügte Coppe⸗ nole hinzu, und ſeine Augen leuchteten plötzlich,„das erinnert mich an den Brand des Hauſes des Herrn von Hymbercourt. Dort muß ein großer Aufruhr ſein.“ „Ihr meint ſo, Meiſter Coppenole?“(Der Blick des Königs zeugte in dem Augenblick eben ſo viel Freude, wie der des Strumpfmachers.)„Nicht wahr, es iſt ſchwer, Widerſtand zu leiſten?“—„Gottes Kreuz; Eure Majeſtät wird da manche Kompagnie von Kriegsleuten zerſplittern.“—„Was, ich? Das wäre was Andres,“ erwiederte der König;„wolle ich.“ Der Strumpfmacher unterbrach ihn keck:„Iſt der Aufſtand ſo ſtark, wie ich glaube, Sire, dann hilft Euer Wille Euch Nichts.“—„Gevatter,“ ſprach Ludwig XI., „mit zwei Ordonnanz⸗Kompagnieen und einer Ladung von Serpentinen wird man mit einem Pobel von Bür⸗ gern bald fertig.“ Der Strumpfmacher ſchien, ungeachtet der Zeichen Guillaume Rym's, entſchloſſen, dem König zu wider⸗ ſprechen:„Sire, auch die Schweizer waren Bürger. Der Herr Herzog von Burgund war ein mächtiger Edel⸗ „mann und verſpottete ſie als Pöbel. Sire, in der Schlacht von Grandſon rief er aus: Kanoniere, feuert auf die Bauer⸗Lumpen! und er ſchwur bei dem Ritter Sankt — 151— Georg; aber der Ammann Scharnachthal ſtürzte ſich auf den edlen Herzog mit ſeinem Volk und ſeiner Keule und das ſtrahlende Heer der Burgunder ward durch dio Bauern im Büffelwamms auseinander geſprengt, wie eine Glasſcheibe durch Kieſel. Da wurden viele Ritter und viele Knechte erſchlagen, und man fand den Herrn von Chäteau⸗Guyon, den größten Herrn in Burgund, todt mit ſeinem Streitroß auf einer kleinen ſumpfigen Wieſe.“ „Freund,“ entgegnete der König,„Ihr ſprecht von einer Schlacht und ich von einer Meuterei. Die brächte ich zum Schweigen, ſo wie ich nur die Stirn runzelte.“ Coppenole erwiederte gleichgültig:„Vielleicht, Sire! Dann hat die Stunde des Volkes noch nicht geſchlagen.“ Guillaume Rym glaubte einſchreiten zu müſſen.— „Meiſter Coppenole, Ihr ſprecht mit einem mächtigen König.“—„Das weiß ich,“ erwiederte ernſt der Strumpfwirker. „Laßt ihn doch nur reden, Herr Rym; lieber Freund,“ ſagte der König,„ich liebe ſolchen Freimuth. Mein Vater, Karl VII., meinte, die Wahrheit ſei krank. Ich glaubte, ſie ſei todt und fände keinen Beichtiger⸗ Den Irrthum benahm mir Meiſter Coppenole.“ Dann legte er zutraulich die Hand auf Coppenole's Schulter mit den Worten:„Alſo Ihr meintet, Meiſter Jacques..“—„Ich meinte, Sire, die Stunde des Vol⸗ kes habe bei Euch noch nicht geſchlagen.“ — 155— Ludwig XI. ſah ihn mit durchdringendem Blicke an. —„Meiſter, wann wird ſie ſchlagen?“—„Man wird ſte ſchon hören.“—„An welcher Uhr, wenn's beliebt?“ Coppenole führte mit ſeiner ruhigen, bäueriſchen Haltung den König an's Fenſter.„Hört, Sire! Hier iſt ein Thurm, eine Glocke, Kanonen, Soldaten, Bürger. Wenn die Glocke ſchallt, wenn die Kanonen brüllen, wenn der Thurm lärmend einſtürzt, wenn Bürger und Soldaten heulen und ſich tödten, dann hat die Stunde geſchlagen.“ Des Königs Antlitz ward düſter und nachdenklich. Einen Augenblick ſchwieg er; dann klopfte er ſanft mit der Hand an die Mauer des Thurms, wie man den Hals eines Renners zu liebkoſen pflegt, und ſagte:„O nein, gute Baſtille, ſo leicht wirſt du nicht ſinken!“ Dann drehte er ſich plötzlich wieder zum kecken Flamländer mit den Worten:„Saht Ihr jemals einen Aufſtand?“—„Ich habe Aufſtände erregt.“—„Wie fingt Ihr das an?“—„O, das iſt nicht ſo ſchwer, und es gibt hundert Arten. Erſtens muß man in der Stadt unzufrieden ſein. Das ereignet ſich oft genug. Zweitens muß der Charakter der Einwohner dazu geeignet ſein. Die Genter ſind das beſonders. Sie lieben ſtets den Sohn des Fürſten, den Fürſten nie. Nun ſetze ich vor⸗ aus, man tritt eines Morgens in meine Bude und ſpricht: Vater Coppenole, es gibt dies und das; die Prinzeſ⸗ ſin von Flandern will ihre Miniſter retien, der Großbailly 3 7 verdoppelt die Mahlſteuer, oder es gibt ſonſt was Andres. Man weiß, was man will. Ich laſſe meine Arbeit lie⸗ gen, gehe aus meiner Werkſtatt auf die Straße und ſchreie: Herbei! Dort liegt immer wohl eine Tonne mit eingeſtoßenem Boden. Ich ſteige hinauf und ſage, was mir grade vom Herzen in den Mund kömmt, und gehört man zum Volk, Sire, ſo hat man ſtets Etwas auf dem Herzen. Man bildet Haufen, ſchreit, läutet die Glocken, bewaffnet die Bürger mit den Waffen der Sol⸗ daten; die Bauern auf dem Markt ſchließen ſich an, und man ſetzt ſich in Marſch. So wird's immer gehen, ſo lange noch Herren in den Herrſchaften, Bürger in den Städten und Bauern auf dem Lande wohnen.“ „Und gegen wen rebellirt Ihr ſo?“ fragte der Ki⸗ nig.„Gegen Eure Baillis, Eure Adeligen?“ „Wie das ſich grade trifft. Bisweilen auch gegen den Herzog.“ Ludwig XI. ſetzte ſich wieder und ſprach lächelnd: „Ahl hier ſind ſie noch bei den Baillis!“ In dem Augenblick trat Olivier⸗le⸗Daim wieder in's Zimmer. Ihm folgten zwei Pagen mit der Toilette des Konigs; Ludwig XI. aber ſiel es auf, daß Olivier auch vom Prévôt von Paris und dem Ritter der Wache, die beide ſehr niedergeſchlagen zu ſein ſchienen, begleitet war. Auch der noch immer grollende Barbier ſah be⸗ ſtürzt, aber auch zugleich zufrieden aus. Er nahm das 7 Wort:„Sire, ich bitte Eure Majeſtät um Verzeihung wegen der unheilvollen Nachricht, die ich Ihr bringe.“ Der König wandte ſich heftig um, und zerkratzte mit den Füßen ſeines Seſſels die Matte des Fußbodens. „Was heißt das?“ „Sire,“ antwortete Olivier⸗le⸗Daim mit der bos⸗ haften Miene eines Mannes, welcher ſich freut, einen heftigen Schlag geben zu können,„der Volksaufſtand gilt nicht dem Bailli des Palais.“—„Wem?“— „Euch, Sire!“ Der greiſe König richtete ſich grade, wie ein Jüng⸗ ling, auf.„Wie ſo, Olivier? Beweiſe, was du ſagſt! Gevatter, achte auf deinen Kopf! Ich ſchwöre dir, bei'm Kreuz von St. Lô, lügſt du zu dieſer Stunde, ſo iſt das Schwert, welches den Hals des Herrn von Luxem⸗ burg durchſchnitt, noch nicht ſo ſchartig, daß es auch dei⸗ nen nicht durchſägen könnte!“. Der Eid war furchtbar. Ludwig XI. hatte nur zwei⸗ mal in ſeinem Leben bei'm Kreuz von St. Lo geſchwo⸗ ren. Olivier öffnete den Mund, zu antworten:„Sire...“ „Kniee nieder,“ unterbrach ihn zornig der König. „Triſtan, gib Acht auf den Menſchen!“ Olivier knieete nieder und ſprach kalt:„Sire! Eine Hexe ward durch Euren Parlamentshof verurtheilt. Sie floh in die Kathedrale Notre⸗Dame. Dort will ſie das Volk mit Gewalt herausreißen. Der Herr Prévoôt und der Ritter der Wache, welche von dem Aufruhr herkommen, mögen mich Lügen ſtrafen, ſage ich nicht dir Wahrheit. Das Volk belagert Notre⸗Dame!“ „Ha, ſo!“ ſprach der König leiſe, vor Zorn zitternd und erblaſſend.„Notre⸗Dame! Sie belagern Unſre Frau, meine gnädige Herrin in Notre⸗Dame!— Oſ⸗ vier, ſteh auf! Du haſt Recht. Ich gebe dir die Stelee des Simon Radin. Du haſt Recht!— Mich greit man an. Die Hexe ſteht unter dem Schutz der Kirche. Und ich glaubte, das Volk empöre ſich gegen den Bailll! Nein, gegen mich!“ Durch Wuth verjüngt, ging er mit großen Schrit⸗ ten im Zimmer umher. Er lachte nicht mehr, er war grauſenhaft⸗furchtbar; der Fuchs verwandelte ſich in die Hyäne. Er ſchien von Zorn ſo ſehr erdrückt, daß er nicht reden konnte. Seine Lippen bebten, ſeine fleiſch⸗ loſen Hände kniffen ſich zuſammen. Plötzlich richtete er das Haupt auf; ſein hohles Auge ſchien zu funkeln, und ſeine Stimme ſchallte hell wie eine Trompete:„Nieder, Triſtan! Nieder mit den Schurken! Triſtan, Freund, tödte, tödte!“ Nachdem dieſer erſte Ausbruch vorüber war, ſetzte er ſich nieder und ſprach mit kalter, concen⸗ trirter Wuth: „Hier! Triſtan.— In dieſer Baſtille ſind die fünf⸗ zig Lanzen des Vicomte de Gif, dreihundert Pferde; Ihr nehmt ſie. Hier iſt auch Unfre Ordonnanz⸗Kompa⸗ gnie des Herrn von Chateaupers; Ihr nehmt ſie. Ihr ſeid Prévot des Marséchaux, Ihr habt die Leute Eurer — 159— Prévôté. Ihr nehmt ſie. Im Hotel St. Pol fin⸗ det Ihr vierzig Schützen von der neuen Garde des Herrn Dauphin. Ihr nehmt ſie. Mit den Truppen eilt Ihr auf Notre⸗Dame zu.— Ha! ihr Herren Bürger von Paris, ihr werft euch der Krone Frankreichs, der Heiligkeit Unſrer Frau und dem Frieden dieſes Staates entgegen!— Triſtan, vernichte ſie! Vernichte ſte! Kei⸗ ner entſchlüpfe! Nur für Montfaucon.“ Triſtan verbeugte ſich.—„Es ſoll geſchehen, Sire.“ Nach einer Pauſe fügte er hinzu:„Was ſoll ich mit der Hexe anfangen?“ Der König überlegte.—„Ah ſol“ ſagte er end⸗ lich,„die Hexe? Herr d'Eſtouteville, was wollte das Volk mit ihr anfangen?“ „Sire,“ erwiederte der Prévôt von Paris,„ich ſtaunte. Weil das Volk ſie aus der Freiſtatt holen will, iſt es über ihre Ungeſtraftheit wüthend und will ſie hängen.“ Der König ſchien einen Augenblick nachzuſinnen, dann wandte er ſich zu Triſtan mit den Worten:„Gut, Gevatter! Vernichte das Volk und hänge die Hexe.“ „So iſt ſeine Handlungsweiſe,“ flüſterte Rym Cop⸗ venole in's Ohr,„er ſtraft das Volk für den Willen, und thut, was es verlangt.“ „Gewiß, Sire,“ antwortete Triſtan 1'Hermite,„wenn aber die Hexe noch in Notre⸗Dame iſt, ſoll ich ſie dann dort trotz der Freiſtatt herausholen?“ — 160— „Gott's Oſtern! die Freiſtatt!“ ſagte der König und kratzte ſich hinter dem Ohr.„Das Weib da muß aber doch gehängt werden!“ Dann ſank er, als fiele ihm plötzlich Etwas ein, vor dem Seſſel auf die Kniee, nahm ſeinen Hut ab, ſtellte ihn vor ſich hin und betrachtete andächtig eines der Blei⸗ bilder, womit der Hut beladen war.„O,“ ſprach er mit gefalteten Händen,„Notre⸗Dame von Paris, meine gnä⸗ dige Beſchützerin, verzeiht mir! Ich will es nur einmal thun. Die Verbrecherin muß ich beſtrafen; ich verſichere Euch, gnädige Gebieterin, Frau Jungfrau, die Hexe da iſt Eures liebenswürdigen Schutzes nicht werth. Madame, Ihr wißt, daß viele fromme Fürſten das Vorrecht der Kirchen zum Ruhme Gottes, und wegen des Wohles ihrer Staaten verletzten. St. Hugo, Biſchof von Eng⸗ land, erlaubte dem König Eduard, einen Zauberer in ſeiner Kirche gefangen zu nehmen. Sankt Ludwig von Frankreich, mein hoher Herr, überſchritt zu demſelben Zwecke die Schwelle der Kirche St. Paul's; Hetr Alphonſo, Sohn des Königs von Jeruſalem, ſogar die Schweſle des heiligen Grabes. Vergib mir diesmal, Unſre Frau von Paris; ich will es nicht wieder thun und Euch eine ſchöne ſilberne Statue, wie jene ſchenken, die ich vergangenes Jahr Unſrer Frau von Ecouys ver⸗ ehrte. So ſei es. Amen.“ Er ſchlug das Zeichen des Kreuzes, ſetzte den Hut wieder auf, erhob ſich, und ſprach zu Triſtan:„Eilt — 161— Gevatter! Nehmt Herrn von Chateaupers mit Euch; laßt Sturmglocken läuten. Zerſchmettert den Pöbel! Hängt die Hexe! Die Hinrichtung ſoll unter Eurer Lei⸗ tung geſchehen. Ich will's. Ihr werdet mir Rechen⸗ ſchaft ablegen.— Olivier, komm. Heute Nacht will ich nicht ſchlafen. Raſir' mich.“ Triſtan vHermite verbeugte ſich und ging. Der König verabſchiedete Rym und Coppenole mit einer Handbewegung und den Worten:„Gott beſchätze Euch, meine lieben Herrn Flamländer. Ruht ein wenig. Die Nacht iſt ſchon vorgerückt, und wir ſind dem Morgen näher als dem Abend.“ Beide entfernten ſich, und als ſie ihre Schlafgemächer unter der Leitung des Kapitäns der Baſtille erreichten, ſprach Coppenole zu Guillaume Rym:„Hum! An dem König, der huſtet, habe ich genug! Ich ſah Karl von Burgund betrunken; er war aber nicht ſo boshaft, wie der kranke Ludwig XI.“ „Meiſter Jacques,“ erwiederte Rym,„der Wein wirkt nicht ſo grauſam bei Königen, wie Medicin.“ 6. Kleine Flamme zum Spiel. Gringoire, als er die Baſtille verließ, lief ſo ſchnell wie ein ſcheues Pferd die Straße St. Antoine hinab. An der Porte Baudoyer lief er grades Weges auf das ſteinerne Kreuz zu, welches mitten auf dieſem Platze errichtet war, als habe er im Dunkel die Geſtalt eines XV. 11 ſchwarz gekleideten und mit einer Kapuze verhüllten Menſchen erkannt, der auf den Stufen des Kreuzes ſaß. „Seid Ihr's, Meiſter?“ fragte Gringoire. Die ſchwarze Geſtalt erhob ſich.„Tod und Hölle! Ihr laßt mich hier kochen, Gringoire. Der Nachtwächter auf dem Thurm St. Gervais hat ſchon zwei Uhr Mor⸗ gens ausgerufen.“—„Oh.“ erwiederte Gringoire,„meine Schuld iſt das nicht; ſondern ſie liegt ganz allein an der Schaarwache des Königs. Ich bin nur mit Noth ent⸗ wiſcht, und gewiß dazu prädeſtinirt, immer nahe dran zu ſein, gehängt zu werden.“—„Du verfehlſt Alles; ſchnell! das Loſungswort!“—„Denkt Euch, Meiſter, ich ſah den König, und komme von ihm. Er trägt wol⸗ lene Hoſen. Ein wahres Abenteuer!“—„Oh du Spinn⸗ rocken von Worten! Weißt du das Loſungswort der Landſtreicher?“—„Ja, ſeid unbeſorgt: kleine Flamme beim Spiel.“—„Gut, ſonſt könnten wir nicht in die Kirche kommen, die Landſtreicher verſperren die Straßen. Glücklicherweiſe, ſcheint es, fanden ſie Widerſtand. Wir kommen wohl noch zur rechten Zeit.“—„Ja, Meiſter. Wie können wir aber in Notre⸗Dame dringen?“—„Ich habe den Schlüſſel zu den Thürmen.“—„Und wie kommen wir hinaus?“— Hinter dem Kloſter führt eine kleine Thür zum Terrain und von da zum Fluß. Ich habe den Schlüſſel bei mir, und ein Schiff dieſen Morgen ange⸗ bunden.“—„Beinah wäre ich gehängt.“—„Komm ſchnell.“ Beide gingen mit großen Schritten zur Cité hinab⸗ — 163— 7. Chateaupers zum Angriff Vielleicht erinnert ſich noch der Leſer der kritiſchen Lage, worin wir Quaſimodo verließen. Der tapfere Taube hatte, wenn auch nicht den Muth, doch alle Hoffnung verloren, die Zigeunerin zu retten(denn an ſi cch ſelbſt dachte er nicht). Verzweifelnd lief er auf der Galerie hin und her. Notre⸗Dame war nahe daran, von den Land⸗ ſtreichern erſtürmt zu werden. Plötzlich vernahm man ſtarken Pferdegalopp in den benachbarten Straßen; man ſah eine lange Reihe Fackeln und eine dichte Kolonne von Reitern, die mit verhängtem Zügel und geſenkten Lanzen einherſprengte. Wie ein Orkan drang auf den Platz das Wuthgeſchrei:„Frankreich! Frankreich! Nieder mit den Bürgern! Cbatsauders zum Angriff! Prévôté, Prévôté!“ Die Landſtreicher wandten ſich auf einmal um. Qua⸗ ſimodo, der Nichts hörte, ſah die blanken Degen, Fackeln, Lanzenſpitzen und erkannte an der Spitze der Reiter den Kapitän Phoebus von Chateaupers; er ſah die Ver⸗ wirrung der Landſtreicher, die Furcht der Einen, Beſtür⸗ zung bei den Tapferſten, und fand durch dieſe unerwarr tete Hülfe ſo viel Kraft, daß er die Vorderſten der Stü⸗⸗ menden, die mit den Knieen ſchon über das Geländer ſprangen, hinabſtürzen konnte. Die Truppen des Königs waren eingedrungen. Die Landſtreicher fochten tapfer, und vertheidigten ſich als Verzweifelte. In die Flanken an der Straße St. Pierre⸗ 11* — 164— aux⸗Boeufs genommen, an Notre⸗Dame, das ſie noch ſtürmten und Quaſimodo noch vertheidigte, mit dem Rük⸗ ken gedrängt, zugleich Belagerer und belagert, befanden ſte ſich in der ſonderbaren Lage, wie ſpäter der Graf Henri d'Harcourt 1640 bei Turin, als er den Prinz Thomas von Savoyen dort belagerte, und vom Marques de las Leganas blokirt ward; Turinum obsessor idem et obsessus, ſagt ſeine Grabſchrift. Das Gemetzel war furchtbar. Hundefleiſch für den Wolfszahn, ſpricht der Pater Matthias. Die Reiter des Königs, in deren Mitte Phoebus von Chateaupers tapfer focht, gaben kein Quartier, und Alle, welche dem Spieß entſchlüpften, ſanken unter Schwertern. Die ſchlecht bewaffneten Landſtreicher ſchäumten und biſſen. Sie ſtürzten ſich auf den Rücken, den Bug der Pferde, klam⸗ merten ſich an, wie Katzen, mit Zaͤhnen und Nägeln, Händen und Füßen. Andre ſchlugen ihre Fackeln den Reitern ins Geſicht und verbrannten ihnen die Augen. Andre ſtießen mit Haken nach dem Halſe der Reiter, oder ſchoſſen. Die gefallenen Reiter wurden zerfetzt. Man bemerkte einen der Landſtreicher, der mit breiter, ſtrah⸗ lender Sichel die Füße der Roſſe mähete. Er war furcht⸗ bar, ſang im näſelnden Tone ein Lied, und führte fort⸗ während die Sichel. Mit jedem Schlage warf er um ſich zerſchnittene Glieder. So drang er in das dichteſte Reitergewühl, mit der ruhigen Langſamkeit und dem regelmäßigen Athemholen des Schnitters, der ein Feld — 165— abmäht. Es war Clopin Trouillefou. Endlich ſtreckte ein Büchſenſchuß auch ihn zu Boden. Unterdeß waren die Fenſter geöffnet. Die Nachbarn, als ſie das Kriegsgeſchrei der Leute des Königs vernah⸗ men, miſchten ſich in den Streit, und Kugeln regneten von allen Dächern auf die Landſtreicher herab. Der Vorplatz war voll von dichtem Rauch des Flintenfeuers. Nur undeutlich erkannte man die Fagade von Notre⸗ Dame und das alte Hotel⸗Dieu, mit einigen mageren Krankengeſichtern, welche aus den Luken des ſchuppigen Dachs hinabblickten. Endlich wichen die Landſtreicher. Ermüdung, Mangel an guten Waffen, der Schrecken der Ueberrumpelung, das Flintenfeuer der Fenſter, der tapfere Angriff der Reiter des Königs, Alles ſchlug ihren Muth nieder. Sie durchbrachen die Linie der Angreifenden, flohen nach allen Richtungen, und verließen die Haufen ihrer Todten auf dem Vorplatz. Als Quaſimodo, der nicht einen Augenblick aufgehört hatte zu fechten, die Niederlage erblickte, fiel er auf die Kniee und erhob die Hände zum Himmel; dann lief er fort, trunken vor Freude, ſtieg mit der Schnelligkeit eines Vogels zur Zelle hinauf, deren Zugang er ſo uner⸗ ſchrocken vertheidigt hatte. Er hatte nur einen Gedanken, vor dem Mädchen auf die Kniee zu ſinken, nachdem er ſie zum zweiten Mal gerettet. Als er aber in die Zelle trat, fand er ſie leer. — — 166— Eilftes Buch. 1. Der kleine Schuh. Esmeralda ſchlief, als die Landſtreicher die Kirche ſtürmten. Bald aber entriß ſie der ſtets wachſende Lärm und das unruhige Mäckern der vor ihr erwachenden Ziege ihrem Schlummer. Sie richtete ſich auf dem Lager auf, horchte und blickte anf den Platz. Erſchreckt durch den Lärm und Fackelſchein enteilte ſie ihrer Zelle, um beſſer ſehen zu können. Das Ausſehn des Platzes, die Erſcheinungen auf demſelben, die Unordnung des nächtlichen Sturmes, die ſcheusliche Volksmaſſe, hüpfend wie ein Schwarm Fröſche, und im Dunkel nur undeut⸗ lich erblickt, die herumgereichten und im Dunkel ſich kreuzenden Fackeln, wie Irrlichter auf Moräſten in der Nacht, die ganze Scene machte bei ihr den Eindruck einer Schlacht zwiſchen den Phantomen des Sabbats und den Ungeheuern der Kirche. Von Kindheit an voll des Aberglaubens der Zigeu⸗ ner, dachte ſie zuerſt, ſie habe die ſonderbaren Nacht⸗ geiſter bei ihren Uebelthaten überraſcht. Erſchreckt eilte — 167— ſie fort, ſich in ihre Zelle zu ducken, und hoffte auf ihrem Lager einen weniger furchtbaren Alp. Allmählig zerſtreuten ſich jedoch die erſten Dünſte der Furcht. An dem ſtets wachſenden Lärm und an einigen andern Zeichen der Wirklichkeit merkte ſie, daß ſie nicht von Geſpenſtern, ſondern von Menſchen überfallen werden ſollte. Da verwandelte ſich ihr Schrecken, ohne ſich zu vermehren. Sie hatte ſchon an die Möglichkeit eines Volksaufſtandes gedacht, um ſie ihrem Aſyl zu entreißen. Der Gedanke, noch einmal ihr Leben, jegliche Hoffnung, und Phoebus, mit deſſen Bild ſie noch immer die Zu⸗ kunft erheiterte, zu verlieren, das tiefe Gefühl ihrer Schwäche, der Unmöglichkeit zu fliehen, keiner Stütze, ihres Einzelnſtehens und tauſend andre Gedanken erdrück⸗ ten ſie. Sie ſank auf die Kniee, ſtützte ihr Haupt auf's Bett, faltete die Hände über ihrem Kopf, zitterte voll Angſt und betete zum Gott der Chriſten und Unſrer Frau, ihrer Beſchützerin, ob ſie gleich als Zigeunerin Heidin war. Hegt man auch gar keinen religiöſen Glau⸗ ben, ſo⸗gibt es doch im Leben Augenblicke, wo man ſtets die Religion des Tempels, worin man ſich befindet, annimmt. So lag ſie lange Zeit auf dem Boden. In Wahr⸗ heit, ſie zitterte ſtärker, als ſie betete, und erſtarrte immer mehr bei dem Hauch der herandringenden wüthenden Menge, wußte nicht, was vorging, was man that und wollte, ahnete aber einen furchtbaren Ausgang. — 168— Plötzlich vernimmt ſie den Schall von Schritten in ihrer Nähe. Sie wendet ſich um. Zwei Männer, von denen einer eine Laterne trug, traten in ihre Zelle. Sie ſtieß einen ſchwachen Schrei aus. „Fürchtet Nichts,“ ſprach eine ihr nicht unbekannte Stimme.„Ich bin's.“—„Wer?“ fragte ſite.—„Pierre Gringoire.“ Dieſer Name beruhigte ſie. Sie ſchlug die Augen auf und erkannte wirklich den Dichter. Neben ihm ſtand aber eine ſchwarze, bis auf die Füße verhullte Geſtalt, über deren Schweigen ſie betroffen ward. „Ah!“ ſprach Gringotre mit dem Tone des Vor⸗ wurfs,„Ojali hatte mich vor Euch erkannt.“ Die kleine Ziege hatte wirklich nicht gewartet, bis Gringoire ſeinen Namen nannte. Kaum war er einge⸗ treten, als ſie ſich zärtlich an ſeinem Knie rieb und mit Liebkoſungen und weißen Haaren bedeckte; denn ſie war grade im Abhaaren begriffen. „Wer iſt bei Euch?“ ſprach die Zigeunerin mit leiſer Stimme.„Seid unbeſorgt,“ erwiederte Gringoire, „ein Freund von mir.“ Hierauf ſetzte der Philoſoph ſeine Laterne auf den Boden, kauerte nieder und rief voll Entzückung, indem er Djali mit den Armen umſchlang:„Oh, welch ein zier⸗ liches Thier, gewiß merkwurdiger wegen ſeiner Reinlich⸗ keit, als wegen ſeiner Größe, klug, fein und gelehrt, wie ein Schulmeiſter! Komm, Djali; haſt du deine artigen — 169— Streiche nicht vergeſſen? Wie macht Meiſter Jacques Charmol....2“ Der ſchwarze Mann ließ ihn nicht ausreden; er trat heran und ſchlug Gringoire derb auf die Schulter. Der Dichter ſtand auf.„Ach ja,“ ſprach er,„wir haben Eile; das vergaß ich.— Dies, Meiſter, iſt aber noch kein Grund, die Leute ſo mit Gewalt zu treiben.— Mein liebes, ſchönes Kind, Euer Leben iſt in Gefahr und auch das Leben Eurer Djali. Wir ſind Eure Freunde und kommen, Euch zu retten. Folgt!“—„Gewiß?“ rief ſie beſtürzt.—„Ja, ja, kommt ſchnell!“—„Recht gern,“ ſtammelte ſie;„aber warum ſpricht Euer Freund kein Wort?“—„Ach, ſein Vater und ſeine Mutter waren ſonderbare Leute und haben ihm ein ſchweigſames Gemüth gegeben.“ Sie mußte mit dieſer Erklärung ſich begnügen. Gringoire faßte ſie bei der Hand; ſein Gefährte nahm die Laterne und ging voran. Das Mädchen war von Furcht betäubt. Sie ließ ſich fortführen. Die Ziege folgte hüp⸗ fend und ſo vergnügt, Gringoire wiederzuſehen, daß er faſt bei jedem Schritte ſtrauchelte, weil ſie ihre Hörner ihm zwiſchen die Beine ſteckte.„So iſt das Leben,“ ſprach der Philoſoph, ſo oft er dem Falle nah war;„unſre beſten Freunde bringen uns oft zum Sturze.“ Schnell ſtiegen ſie die Thurmtreppe hinab, durch⸗ ſchritten die dunkle, einſame, vom Getöſe wiederhallende Kirche, deren Schweigen mit dem Lärm außen einen — 170— ſcheußlichen Kontraſt bot, und traten in den Kloſterhof durch die rothe Thür. Das Kloſter war leer; die Prieſter hatten ſich in den Biſchofspalaſt geflüchtet, dort zuſammen zu beten; nur einige erſchrockene Diener kauerten im Dunkel. Sie ſchritten zum kleinen Thor, welches vom Hofe zum Terrain führte. Der ſchwarze Mann öffnete mit einem Schlüſſel, den er bei ſich trug. Unſre Leſer wiſſen, daß das Terrain eine von Mauern eingeſchloſſene Erdzunge an der Cité hin war und dem Kapitel Notre⸗ Dame gehörte. Sie fanden die Umzäunung gänzlich ver⸗ ödet. Dort herrſchte in der Luft ſchon weniger Lärm. Das Getöſe des Sturmes gelangte zu ihnen gedämpfter und undeutlicher. Man konnte ſchon ziemlich deutlich das Rauſchen des friſchen Windes vernehmen, welcher das Laub des einzigen Baumes auf jenem Terrain bewegte und dem Striche des Waſſers folgte. Dennoch waren ſie der Gefahr ſehr nahe. Die ihnen nächſten Gebäude waren die Kirche und der Biſchofsſitz. Im Palaſte des Biſchofs herrſchte offenbar eine bedeutende Unordnung. Seine dunkle Maſſe ward von Lichtern durchfurcht, die von einem Fenſter zum andern liefen, wie wenn man Papier verbrannt hat, und der zurück⸗ gebliebene dunkle Aſchenhaufen Funken, die hin und her fliegen, ausſprüht. Seitwärts glichen die beiden rieſen⸗ haften Thürme von Notre⸗Dame, von hinten mit dem langen Schiff, von wo ſie aufſteigen, geſehen, und ſchwarz auf dem hellen Schein des Vorplatzes ausgeſchnitten, — 171— zwei rieſenhaften Feuerböcken vor Cyklopen⸗Flammen. Was man von Paris nach allen Seiten hin ſah, zitterte in dem mit Licht gemiſchten Schatten. Rembrandt malte ähnlichen Hintergrund auf ſeinen Bildern. Der Mann mit der Laterne ging gerades Weges auf die Spitze des Terrains zu. Dort befand ſich am äußerſten Rande des Waſſers eine verfallene, wurmſtichige Um⸗ zäunung von Pfählen und Brettern, wo ein niedriger Weinſtock ſeine mageren Zweige, wie die Finger einer offenen Hand, ausſtreckte. Im Schatten dieſes Gitters war eine kleine Barke verſteckt. Der Mann gab Grin⸗ goire und ſeiner Gefährtin ein Zeichen, hereinzutreten. Ihnen folgte die Ziege; der Mann trat zuletzt hinein, löſte das Tau, ſtieß die Barke mit einer Stange vom Lande, ergriff zwei Ruder, ſetzte ſich vorn hin, und ruderte mit allen Kräften in die Mitte des Fluſſes. Die Seine iſt dort ſehr reißend, und es koſtete ihn viele Mühe, über die Spitze der Inſel hinauszuſchiffen. Als Gringoire in der Barke war, nahm er vor Allen die kleine Ziege auf ſeinen Schooß. Er ſetzte ſich in das Hintertheil, und das Mädchen, welches wegen des Unbekannten eine unausſprechliche Angſt empfand, ſetzte ſich dicht neben den Dichter. Als unſer Philoſoph merkte, das Schiff bewege ſich auf dem Waſſer, klatſchte er in die Hände und küßte Diali zwiſchen die Hörner.„Oh,“ ſprach er,„jetzt ſind wir alle Vier gerettet!“ Dann fügte er nach einer Pauſe mit dem Ausdruck des tiefſten Denkers hinzu:„Den glücklichen Ausgang großer Unternehmungen verdankt man bisweilen der Liſt, bis weilen dem Glücke.“ Langſam wogte das Schiff dem rechten Ufer zu. Das Mädchen betrachtete den Unbekannten mit geheimer Furcht. Er hatte das Licht ſeiner Blendlaterne ſorgfäl⸗ tig verſchloſſen. Im Dunkel, auf dem Vordertheil der Barke, glich er einem Geſpenſt. Seine ſtets niederge⸗ zogene Kapuze diente ihm als Maske; ſo oft er rudernd ſeine Arme ausbreitete, wovon lange ſchwarze Aermel hinabhingen, glichen dieſe zwei großen Fledermausflügeln. Uebrigens hatte er noch kein Wort geſprochen, ſogar noch nicht laut geathmet. Im Schiffe herrſchte kein anderes Geräuſch, als des Hin⸗ und Herbewegens der Ruder, vermiſcht mit dem Brauſen der Waſſerfurche und Waſſer⸗ kreiſe, die das Schiff zog. „Bei meiner Seele!“ rief plötzlich Gringoire,„wir ſind munter wie Kobolde, und ſtill wie Pythagoräer oder Fiſche! Gottes Oſtern! ich möchte wohl, meine Lieben, daß Jemand mit mir ſpräche— die Menſchenſtimme iſt Muſik dem Menſchenohre! Ich ſage dies nicht, ſondern Didymus von Alexandrien, und die Worte ſind trefllich. Gewiß, Didymus von Alexandrien war kein ſchlechter Philoſoph.— Ein Wort, ſchönes Kind, bitte, nur ein Wort!— Beiläufig geſagt, Ihr babt ja ein ſo hübſches kleines Mäulchen; ſchneidet Ihr das noch immer? Wißt Ihr auch, meine Liebe, daß über alle Freiſtätten das — 173— Parlament Gerichtsbarkeit beſitzt, und daß Ihr in Eurem Kämmerchen zu Notre⸗Dame großer Gefahr Euch aus⸗ geſetzt habt. Ach! der kleine Vogel Trochylus baut ſein Neſt in den Rachen des Krokodils.— Meiſter, der Mond kommt wieder hervor— wenn man uns nur nicht ſteht!— Wir begehen eine löbliche Handlung, indem wir Euch, mein Fräulein, retten, und packte man uns, würde man uns dennoch im Namen des Königs hängen. Ach! alle menſchlichen Handlungen haben zwei Henkel. Worum man dich krönt, darum hängt man mich. Man⸗ cher bewundert Cäſar, welcher Catilina tadelt.— Nich wahr, Meiſter? was haltet Ihr von der Philoſophie? Ich beſitze Philoſophie aus Inſtinkt, von Natur ut apes geometriam.— Niemand antwortet. Verdrießliche Launen habt ihr Beide.— Ich muß mit mir allein reden. Das nennen wir in Tragödien Monologe halten.— Gottes Oſtern! Ich habe König Ludwig geſehn und den Schwur behalten.— Alſo: Gottes Oſtern, welch ein Geheul in der Eité!— Er iſt ein häßlicher, boshafter, alter König, ganz in Pelz gemummt. Auch iſt er mir noch immer das Geld fur mein Hochzeitgedicht ſchuldig; ich kann noch froh ſein, daß er mich heute Abend nicht aufhängen ließ, denn dies wäre mir ſehr ungelegen gekommen. Gegen Männer von Verdienſt iſt er ein Geizhals. Er ſollte die vier Bücher adversus avaritiam des Salvia- nus Coloniensis leſen.— Wahrhaftig, gegen Gelehrte iſt er grob, und begeht auch ſehr viele Grauſamkeiten. 6 — 174— Er liegt wie ein Schwamm auf dem Volke, und ſaugt deſſen Geld ein. Seine Sparkaſſe iſt wie die Mil, welche bei der Magerkeit andrer Glieder anſchwillt.— Auch werden die Klagen über die Kälte der Jahreszeit zum Murren gegen den König. Unter dieſer andächtigen, ſanften Majeſtät brechen die Galgen von der Zahl der Gehängten und die Schaffot⸗Blöcke verfaulen durch Men⸗ ſchenblut; die Gefängniſſe berſten, wie vollgepfropfte Bäuche. Der Kdonig nimmt mit der einen und henkt mit der andren Hand. Er iſt der Staatsprokurator der Dame Abgabe und des Herrn Galgens. Die Gro⸗ ßen ſind ihrer Würden beraubt, und die Kleinen werden ſtets durch neue Laſten erdrückt. Der Fürſt iſt über⸗ mäßig gefräßig. Ich liebe ihn nicht; vielleicht Ihr, Meiſter?“ Der ſchwarze Mann ließ den ſchwatzhaften Dichter⸗ ſprechen, und fuhr fort, den heftigen, engen Strom zu bekämpfen, welcher die vorderſte Spitze der Cité von der hinteren Spitze der Inſel Notre⸗Dame trennt, die wir gegenwärtig Inſel St. Louis nennen. „Beiläufig geſagt, Meiſter,“ begann Gringoire ploͤtz⸗ lich auf's Neue;„bemerkte Euer Ehrwürden in dem Augenblick, als wir durch die tollen Landſtreicher auf den Vorplatz der Kirche kamen, den armen kleinen Teu⸗ fel, dem Euer Tauber grade im Begriff war, das Ge⸗ hirn an dem Gelaͤnder der Königs⸗Galerie zu zerſchmet⸗ — 175— tern. Ich bin kurzſichtig und konnte ihn nicht erkennen. Wißt Ihr vielleicht, wer es iſt?“ Der Unbekannte erwiederte kein Wort, hörte aber plötzlich auf zu rudern, ſeine Arme ſanken wie zerbrochen nieder, ſein Haupt fiel auf die Bruſt, und Esmeralda hörte ihn krampfhaft ſeufzen. Sie bebte, denn ſolche Seufzer hatte ſie ſchon vernommen. Die ſich ſelbſt überlaſſene Barke ward einige Augen⸗ blicke vom Strome fortgetrieben. Endlich aber richtete der ſchwarze Mann ſich wieder auf, ergriff die Ruder und ſuchte den Strom wieder hinauf zu fahren. Er fuhr um die Spitze der Inſel Notre⸗Dame auf den Landungsplatz des Port⸗au⸗Foin zu. „Ach,“ ſprach Gringoire,„dort ſteht das Haus Bar⸗ beau. Seht, Meiſter, die Gruppe ſchwarzer Dächer mit ſonderbaren Winkeln unter der niedrigen, faſerigen, ſchmutzigen Wolkenmaſſe, wodurch der Mondſchein, wie das Gelbe eines Eies durch die zerbrochene Schaale, dringt. Das iſt ein ſchönes Haus. Dort ſteht eine Kapelle, ge⸗ krönt mit einem kleinen Gewölbe voll ſchöner Schnörkel; darüber ragt ein zierlich durchſchnittener Thurm. Dann kommt ein ſchöner Garten mit einem Teich, einem Vo⸗ gelhaus, einem Echo, einer Mail⸗ Bahn, einem Laby⸗ rinth, und vielen ſchattigen Alleen, welche der Frau Venus ſehr angenehm ſind. Dort ſteht auch ein Schelm von Baum, welcher der Wollüſtige heißt, weil er dem Vergnügen einer berühmten Prinzeſſin und eines galanten Dichters, elnes Connetables von Frankreich diente.— Ach, wir armen Dichter ſind mit einem Con⸗ netable verglichen, daſſelbe, was ein Kohl⸗ und Radieſen⸗ Beet im Garten des Louvre. Was thut's! das menſch⸗ liche Leben iſt für die Großen wie für uns aus Leid und Freude gemiſcht. Der Schmerz folgt ſtets auf die Freude, wie der Spondäus auf den Dactylus.— Meiſter, ich muß Euch die Geſchichte des Hauſes Barbeau erzählen. Sie endet tragiſch, und ereignete ſich 1319 unter Phi⸗ lipp V., dem längſten aller Könige von Frankbreich. Die Moral von der Geſchichte iſt die Lehre, daß die Verſu⸗ chung des Fleiſches boshaft und verderblich iſt. Seht die Frau Eures Nachbars nicht zu ſcharf an, ſo ſehr auch Euer Auge durch Schönheit ſich kitzeln läßt. Die Wol⸗ luſt iſt ein ſehr frecher Gedanke; Ehebruch ein ſonder⸗ dar Gelüſt zum Vergüugen eines Andern....— Oh, der Lärm verdoppelt ſich dort!“ Wirklich mehrte ſich der Tumult um Notre⸗Dame. Sie horchten. Man hörte deutliches Siegesgeſchrei. Plötzlich erſchienen hundert Fackeln, wodurch die Helme Bewaffneter funkelten, auf allen Höhen der Kirche, auf den Thürmen, Galerieen, unter den Gewölbpfeilern. Die Fackeln ſchienen Etwas zu ſuchen, und bald konnten die Flüchtlinge deutlich die Worte vernehmen:„Die Zi⸗ geunerin! die Hexe! Es ſterbe die Zigeunerin!“ Das Haupt der Unglücklichen ſank in ihre Hände, und der Unhekannte ruderte mit heftiger Anſtrengung — 177— wüthend auf das Ufer zu. Unſer Philoſoph verſank in Nachſinnen, er drückte die Ziege in die Arme, und rückte ſacht von der Zigeunerin fort, die ſich ſtets näher an ihn drängte, als ſei er der Einzige, der ihr bliebe. Gewiß war Gringoire in grauſamer Verlegenheit. Er dachte, nach den beſtehenden Geſetzen werde auch die Ziege gehängt, wenn ſie wieder ertappt würde. Wie ſchade! die arme Djali! Zwei Verurtheilte neben ihm ſei zu viel; auch ſein Gefährte wünſche ja Nichts mehr, als die Rettung der Zigeunerin auf ſich zu nehmen. In ſeinen Gedanken ward ein heftiger Streit gekämpft, worin er, wie Jupiter in der Ilias, die Zigeunerin und die Ziege gegen einander abwog. Er beſchaute ſie nach einander mit feuchten Augen und murmelte zwiſchen den Zaͤhnen:„Ich kann euch doch nicht beide retten!“ Durch eine Erſchütterung des Kahn's merkten ſie endlich, daß dieſer an's Land ſtieß. Der unheilvolle Lärm füllte noch immer die Cité. Der Unbekannte ſtand auf, ging auf die Zigeunerin zu, und wollte ſie am Arm ergreifen, um ihr bei'm Herausſteigen zu helfen. Sie ſtieß ihn zurück, hing ſich an Gringoire's Aermel, der ſie ſeinerſeits, mit der Ziege beſchäftigt, beinah zurück⸗ ſtieß. Da ſprang ſie allein aus dem Kahn. Sie war ſo verwirrt, daß ſie nicht wußte, was ſie that und wohin ſie ging. Bewußtlos ſah ſie einen Augenblick das Waſ⸗ ſer fließen. Als ſie ein wenig wieder zu ſich kam, ſtand ſie mit dem Unbekannten allein auf dem Hafen. Grin⸗ XV. 12 — 178— goire ſchien den Augenblick des Ausſchiffens benutzt zu haben, ſich mit der Ziege hinter den Häuſern der Rue Grenier⸗ſur⸗l'Eau fortzuſtehlen. Die arme Zigeunerin erbebte, als ſie ſich mit dem Manne allein ſah. Sie wollte ſprecheu, ſchreien, Grin⸗ goire rufen; ihre Zunge war im Munde wie erſtarrt und kein Laut kam über ihre Lippen. Plötzlich fühlte ſie die Hand des Unbekannten auf der ihrigen. Sie war kalt und ſtark. Der Mann ſprach kein Wort. Schnell ging er auf den Grèͤve⸗Platz zu, und riß ſie mit ſich fort. In dem Augenblick empfand ſie, das Verhängniß ſei unwiderſtehlich. Sie hatte alle Hoffnung verloren und ließ ſich laufend, während er ging, fortreißen. An dem Ort geht der Kai ein wenig bergauf; ihr aber ſchien, er gehe bergab. Sie ließ den Blick nach allen Seiten hin ſchweifen. Niemand ging vorüber. Der Kai war gewöhnlich ein⸗ ſam. In der Nähe vernahm ſie kein Geräuſch, nur den Lärm entfernter Männer in der tobenden und roth glühenden Cité, wovon ſie nur durch einen Arm des Fluſſes getrennt war, und von wo ihr Name, mit Todesgeſchrei untermiſcht, bis zu ihren Ohren gelangte. Das übrige Paris war in Dunkel gehüllt. Der Unbekannte riß ſie unter demſelben Schweigen und mit derſelben Schnelle fort. Sie erkannte keinen Ort, wo ſie gingen. Als ſie endlich bei einem erleuch⸗ teten Fenſter vorüber kam, verſuchte ſie eine letzte An⸗ ſtrengung und rief:„zu Hülfe!“ Ein Bürger kam im Hemde mit einer Lampe zum Vorſchein, ſah mit ſtumpfem Blick auf den Kai, ſprach einige Worte, die ſie nicht verſtand und ſchloß die Fenſterlade. Da erloſch für ſie der letzte Hoffnungsſchimmer. Der ſchwarze Mann ſprach keine Sylbe, er hielt ſie feſt und ging noch ſchneller. Sie folgte ihm mit gebrochenem Muthe. Bisweilen ſammelte ſie ein wenig Kraft und ſprach, von Flößen auf dem Pflaſter und vom Keuchen unter⸗ brochen:—„Wer ſeid Ihr? Wer ſeid Ihr?“— Er gab keine Antwort. So gelangten ſie, den Kai hinablaufend, auf einen ziemlich großen Platz. Der Mond ſchien ein wenig. Sie ſtanden auf dem Grève⸗Platze. Man ſah in der Mitte ein großes ſtehendes Kreuz; dies war der Galgen. Sie erkannte ihn, und wußte jetzt, wo ſie war. Der Mann ſtand ſtill, wandte ſich zu ihr, und hob ſeine Kapuze auf.„Oh,“ ſtammelte ſie erſchrocken,„ich wußte wohl, er ſei es!“ Der Mann blieb ſtehn. Sein Antlitz im Mondſchein war wie das eines Geſpenſtes; wie es ſcheint, ſteht man bei dem Lichte nur die geiſterhaften Umriſſe der Dinge. „Hier,“ ſprach er, und ſie zitterte beim Ton dieſer unheilvollen Stimme, die ſie ſchon lange nicht mehr ver⸗ nommen hatte. Er fuhr fort in kurzen, keuchenden Rucken, welche durch ihre Gewaltſamkeit ein heftiges 12²2* — 180— inneres Zittern enthüllen.„Höre! hier ſtehn wir! Ich will dich ſprechen. Dies iſt der Grove⸗Platz, ein äußer⸗ ſter Punkt. Das Verhängniß überliefert uns einander. Ich entſcheide über dein Leben, du über meine Seele. Hier iſt ein Platz und eine Nacht, worüber man nie hinausblickt. Höre, was ich ſage. Zuerſt ſprich nicht von deinem Phoebus!(Er ging bei dem Namen hin und her, wie ein Menſch, der nicht auf einem Platze ſtehen bleiben kann, und riß ſie ſtets hinter ſich mit fort.)„Sprichſt du den Namen aus, ſo weiß ich nicht, was ich thun werde, aber gewiß etwas Furchtbares.“ Als er dies geſprochen, ſtand er wie ein Körper, der ſeinen Schwerpunkt wieder gefunden, ſtill; aber ſeine Worte enthüllten noch immer heftige Bewegung. Seine Stimme ward immer leiſer.„Wende den Kopf niccht um, höre mich: die Angelegenheit iſt ernſt. Höre, was vorging— oh, ich ſchwöre dir, darüber lacht man nicht — Was ſagte ich doch? Erinnere mich daran.— Ah ſo! das Parlament erließ einen Beſchluß, welcher dich dem Tode wieder überliefert. Ich habe dich ihren Hän⸗ den entriſſen, aber ſie verfolgen dich. Seh!—“ Er ſtreckte den Arm zur Cité aus. Die Nachſu⸗ chungen ſchienen fortgeſetzt zu werden. Der Lärm kam näher. Der Thurm des Hauſes du Lieutenant, welcher dem Grève⸗Platz gegenüber lag, war voll von Getöſe und Fackelſchein. Man ſah auf dem entgegengeſetzten Kai Soldaten mit Fackeln und unter dem Geſchrei um⸗ — 181— berlaufen:„die Zigeunerin! wo iſt die Zigeunerin! Todt! Todt!“ „Du ſiehſt, ſie verfolgen dich und ich lüge nicht. Ich liebe dich!— Oeffne den Mund nicht; ſprich noch Nichts, wenn du mir ſagen willſt, wie du mich haſſeſt. Ich will dies nicht mehr hören.— Ich rettete dich.— Laß mich enden.— Ich kann dich gänzlich retten. Alles habe ich bereitet. Du brauchſt nur zu wollen. Komm, wenn du willſt.“ Er unterbrach ſich heftig:„Nein, ſo darf ich nicht reden.“ Sie mit ſich fortreißend,(denn er ließ ſie nicht los) lief er grade auf den Galgen zu, zeigte ihn ihr und ſprach kalt:„Wähle zwiſchen uns Beiden.“ Sie riß ſich los, ſank am Fuße des Galgens nie⸗ der, umarmte dies Gerüſt des Todes, wandte ihr ſchö⸗ nes Haupt zur Hälfte um und blickte den Prieſter über die Schulter an. So glich ſie der heiligen Jungfrau am Fuße des Kreuzes. Der Prieſter ſtand unbeweglich da, erhob den Arm noch immer zum Galgen, und glich, in⸗ dem er die Stellung beibehielt, einer Statue. Endlich ſprach die Zigeunerin:„Vor dem Galgen ſchaudere ich noch weniger wie vor Euch!“ Da ließ er ſeinen Arm langſam ſinken, und beſchaute das Pflaſter mit dem tiefſten Schmerz.„Könnten die Steine reden,“ ſprach er,„ſo würden ſie ſagen, ich ſei der unglücklichſte Menſch!“ Das Mädchen knieete vor dem Galgen und ließ, von ihrem langen Haar umfloſſen, ihn weiter reden; jetzt nahm ſeine Stimme einen ſanften klagenden Ton an, welcher mit dem rauhen Stolz ſeiner Züge in ſchmerzlichem Gegenſatz ſtand. Er begann wieder: „Ich liebe Euch! Oh! wie wahrhaft! So theilt denn dies Herz dir Nichts von dem Feuer mit, welches das meinige verbrennt! Ach, Mädchen, Tag und Nacht!— ja, Tag und Nacht! Verdient dies kein Mitleid? Ich ſage dir, die Liebe quält mich Tag und Nacht! Sie gleicht der Folter.— Oh, armes Kind, ich leide unend⸗ lich.— Ich verſichre dich, ich bin des Mitleids werth. Du ſiehſt, ich rede ſanft mit dir. Ich möchte wohl, daß du nicht ſo vor mir ſchauderteſt.— Iſt es die Schuld eines Mannes, wenn er ein Weib liebt? Oh Gott! Du wirſt mir nie verzeihn? Stets mich haſſen? Es iſt vor⸗ bei! Siehſt du, ſo werd ich ein Böſewicht! Ich ſchaudre vor mir ſelbſt.— Du blickſt mich nicht einmal an. Du denkſt vielleicht an Etwas andres, während ich auf der Schwelle der Ewigkeit für uns beide zitternd mit dir rede.— Vor Allem ſprich mir nicht von jenem Offizier! — Wie? ich ſollte dir zu Füßen ſtürzen! Ich ſollte nicht deine Füße(du wirſt es nicht wollen), nein, den Boden unter deinen Füßen küſſen; ich werde ſchluchzen wie ein Kind, aus meiner Bruſt, nicht Worte, nein, mein Herz und meine Eingeweide reißen, dir zu zeigen, wie ich dich liebe, und Alles wäre vergeblich!— Und dennoch iſt — 183— deine Seele zart und gütig; du ſtrahlſt von Sanftmuth, du biſt mitleidig und ſchön. Ach, nur für mich biſt du boshaft! Oh, welch Verhängniß!“ Er verbarg ſein Geſicht mit den Händen. Das Mäd⸗ chen hörte ihn weinen, Dies war das erſte Mal, daß er Thränen vergoß. Stehend und vom Schluchzen er⸗ ſchüttert, war er elender und flehender, als läge er auf den Knieen. Eine Zeit lang weinte er, dann fuhr er fort: „Auf! nach dieſen erſten Thränen finde ich keine Worte mehr. Ich hatte doch überlegt, was ich dir ſagen wollte. Jetzt zittre ich und beb' ich; meine Kraft ent⸗ ſchwindet im entſcheidenden Augenblick. Ich empfinde, wie etwas Gewaltiges uns umſchlingt, und ich ſtammle. Ohl ich werde auf's Pflaſter ſinken, habt Ihr kein Mit⸗ leid mit Euch und mit mir. Verurtheilt uns beide nicht! Wüßtet Ihr, wie ich Euch liebe! wie glühend mein Herz! Jegliche Tugend habe ich von mir geſtoßen! Ich verzweifle an mir ſelbſt. Ein Gelehrter ſpotte ich der Wiſſenſchaft; ein Edelmann ſchände ich meinen Namen, ein Prieſter mach' ich mein Miſſil zum Kopfkiſſen der Wolluſt, ſpeie meinen Gott in's Geſicht. Und Alles nur deinetwegen, Zauberin! Um deiner Hölle würdig zu werden! Und du verſchmähſt den Verdammten! Und daß ich Alles ſage! Noch mehr! Noch Furchtbareres!“ Bei dieſen letzten Worten ſchien er wahnſinnig zu werden. Er ſchwieg einen Augenblick; dann begann er, als ob er mit ſich ſelbſt ſpräche, laut rufend:„Kain, wo — 184— iſt dein Bruder?“ Nach einer neuen Pauſe fuhr er fort:„Was ich mit ihm begann, Herr? ich nahm ihn auf, ernährte, erzog, vergötterte, tödtete ihn! Ja, Herr, man zerſchmetterte ihm an deinem Hauſe auf dem Stein ſein Haupt, wegen meiner, wegen dieſes Weibes, wegen ihr..“ Sein Auge war ſtarr; ſeine Stimme erloſch, er wiederholte mehrere Male maſchinenmäßig in langen Zeiträumen, wie eine Glocke, die ihre letzte Vibration verlängert:„wegen ihr.... wegen ihr...“ Dann brachte ſeine Zunge keinen Laut mehr hervor, aber es regten ſich ſeine Lippen. Plötzlich ſtürzte er kraftlos ge⸗ beugt zuſammen, und ſaß auf dem Boden ohne Bewe⸗ gung, ſein Haupt zwiſchen die Kniee drückend. Das Mädchen zog ihren Fuß unter ihm weg, und dieſe Berührung brachte ihn wieder zu ſich. Langſam ſtrich er mit der Hand über ſeine hohlen Wangen und betrachtete einige Augenblicke betäubt ſeine naſſen Finger. —„Oh!“ murmelte er,„ich habe geweint!“ Dann wandte er ſich plötzlich mit unausſprechlicher Beklemmung wieder zur Zigeunerin. „Ach, ungerührt haſt du mich weinen ſehn! Kind, weißt du auch, dieſe Thränen ſind Lavaſtröme. Ach! es iſt nur zu wahr! Kein Unglück derer, die man haßt, vermag den Feind zu rühren. Sähſt du mich ſterben, du lächelteſt! Ohl ich will dich nicht ſterben ſehn! Ein Wort! Ein einziges Wort der Verzeihung! Sag nicht, — 185— daß du mich liebſt, nur, daß du mir wohl willſt. Dies genügt, ich rette dich. Sonſt..... Ach! die Stunde entfliegt. Ich beſchwöre dich bei Allem, was dir heilig iſt, warte nicht, bis ich von Stein, wie der Galgen werde, der dich erwartet. Denke, daß ich unſer beider Geſchick in der Hand halte, daß ich wahnſinnig, ſchreck⸗ lich bin! daß ich Alles fallen zu laſſen vermag, daß vor uns ein bodenloſer Abgrund gähnt, wo mein Sturz den deinen ewig verfolgen wird. Ein Wort der Güte! Ein Wort, nur ein Wort!“ Sie öffnete den Mund, ihm zu antworten. Er ſank vor ihr auf die Kniee, um ein Wort anbetend zu ver⸗ nehmen, vielleicht ein Wort des Mitleids, das auf ihren Lippen ſchwebte. Sie aber ſagte:„Ihr ſeid ein Mörder!“ Der Prieſter ergriff wüthend ihren Arm, und ließ ein hölliſches Gelächter erſchallen!„Ja! Mörder!“ rief er aus,„dich werd' ich haben. Ich ſchleppe dich zum Zuchfluchtsort, den ich bereitet. Du wirſt, du mußt mir folgen, oder ich überliefre dich. Schau, du mußt ſterben oder mein ſein! Du mußt mir, dem Prieſter, dem Mörder, dem Abtrünnigen angehören! Noch heute Nacht! verſtehſt du? Auf, Mädchen, ſei munter! Küſſe mich, Thörin! Ein Grab oder mein Bett!“ Sein Auge funkelte vor Wuth und Begierde. Sein lüſterner Mund röthete den Hals des Mädchens. Sie rang in ſeinen Armen; er bedeckte ſie mit ſchäumenden Küſſen. — 186— „Beiß mich nicht, Ungeheuer!⸗ rief ſie aus.„Ver⸗ haßter, ausſätziger Mönch! Laß mich! Ich reiße dir deine häßlichen, grauen Haare aus, und werfe ſie dir in's Geſicht.“ Er erröthetete, erblaßte, ließ ſie los und beſchaute ſie mit düſterer Miene. Sie hielt ſich für ſiegreich und fuhr fort:„Ich ſage dir, ich gehöre meinem Phoebus, ich liebe Phoebus und Phoebus iſt ſchön! Du, Prieſter, biſt alt und häßlich! Geh!“ Er ſtieß einen furchtbaren Schrei, wie ein Unglück⸗ licher aus, den man mit glühendem Eiſen brennt.— „Stirb,“ ſprach er unter Zähneknirſchen. Sie ſah ſei⸗ nen furchtbaren Blick und wollte fliehn. Er ergrif, ſchüttelte ſie, warf ſie zu Boden, ging mit ſchnellen Schritten auf die Ecke der Tour Roland zu, und ſchleppte ſie an ihren ſchönen Händen binter i ſich her auf dem Pflaſter. Dort angekommen, wandte er ſich zu ihr.„Zum letzten Mal! willſt du mein ſein?“ Sie erwiederte mit Kraft:„Nein!“ da rief er laut:„Gudule, Gudule, hier iſt die Zigeunerin! räche dich!“ Das Mädchen fühlte, wie ſie am Elbogen gepackt ward. Sie ſah ſich um; ein fleiſchloſer Arm kam aus der Luke hervor, und hielt ſie mit eiſerner Hand. „Halte ſie feſt,“ ſprach der Prieſter,„es iſt die entwiſchte Zigeun erin. Laß ſie nicht los. Ich hole Ser⸗ geanten. Du wirſt ſte am Galgen ſehn.“ — 187— Ein Lachen aus tiefer Kehle erwiederte aus dem Inneren der Mauer auf die blutigen Worte.— Ha! halha! — Die Zigeunerin ſah, wie der Prieſter nach der Brücke Notre⸗Dame hinlief. Man hörte in dieſer Richtung das Stampfen der Pferdehufe. Das Naädchen erkannte die boshafte Klausnerin. Vor Schrecken keuchend, ſuchte ſie ſich loszureißen, ſie krümmte ſich, zuckte verzweifelnd wie im Todeskrampfe, allein die Klausnerin hielt ſie mit unerhörter Kraft. Die knochigen und magern Finger krümmten ſich, dran⸗ gen in das Fleiſch der Zigeunerin und umſchloſſen rings ihren Arm. Es war, als ob die Hand an den Arm genietet haftete; feſter wie Kette, Halseiſen und eiſerner Ring; die Hand war wie eine lebende Zange, die aus der Mauer emporragte. Erſchöpft ſank endlich die Zigeunerin an die Mauer. Da erfaßte ſie Schauder vor dem Tode. Sie dachte an die Schönheit des Lebens, ihre Jugend, an den Anblick des Himmels und der Natur, an die Liebe, an Phoebus, an Alles, was jetzt entfloh und ſich nahete, an den Prieſter, der ſie angab, den Henker, der kommen würde, an den Galgen, der vor ihr ſtand. Die Furcht ſtieg bis zu den Wurzeln der Haare empor, und ſie vernahm das düſtre Lachen der Klausnerin, die leiſe zu ihr ſprach:„Ha, ha, ha, du wirſt bald am Galgen baumeln!“ Da wandte ſie ſich ſterbend zur Luke, und ſah die — 188— fahle Geſtalt der Klausnerin hinter den Eiſenſtangen. „Was that ich Euch?“ ſprach ſie faſt entſeelt. Die Klausnerin erwiederte nichts, und murmelte mit ſingendem, gereitztem, ſpöttiſchem Ton:„Zigeuner⸗ mädchen! Zigeunermädchen!“ Die unglückliche Esmeralda ließ ihr Haupt unter ihre Haare verſenken, und ſah ein, daß ſie vor einem nicht mehr menſchlichen Weſen ſtand. Plötzlich rief die Klausnerin, als ob die Frage der Zigeunerin ſo viel Zeit bedurft hätte, um zu ihren Ge⸗ danken zu gelangen.„Was du mir gethan haſt, fragſt du? Was du mir gethan haſt, Zigeunerin? Höre! Ich hatte ein Kind— ein Kind— ein ſchönes Mädchen. Ach, meine Agnes!(Sie rief dies wie wahnſinnig und küßte etwas im Dunkeln.) Ja, Zigeunermädchen, mein Kind ward geſtohlen, gefreſſen! Das haſt du mir gethan!“ Das Mädchen antwortete ſanft wie ein Lamm:„Ach, vielleicht war ich damals noch nicht geboren.“ „Oh ja,“ erwiederte die Klausnerin,„du mußteſt geboren ſein! Sie wäre ſo alt wie du. Fünfzehn Jahre weile ich ſchon hier, fünfzehn Jahre bete ich, fünfzehn Jahre dulde ich, fünfzehn Jahre ſtoße ich mein Haupt gegen die Mauern! Zigeuner ſtahlen es mir und zer⸗ fleiſcten es mit ihren Zähnen! Haſt du ein Herz? Denk dir ein Kind, das ſpielt, ſaugt, ſchläft. So un⸗ ſchuldig! Ja, ſie ſtahlen, tödteten es! Gott weiß es. Heute iſt die Reihe an mir, ich zerfleiſche die Zigeune⸗ — 189— rin. Oh, ich wollte dich beißen, wäre das Gitter nicht zu eng. Mein Kopf iſt zu dick. Die arme Kleine! wäh⸗ rend ſie ſchlief, weckten ſie, ſtahlen ſie die Zigeuner! Sie mochte ſchreien! Umſonſt! Oh ihr Zigeunermütter, ihr fraßt mein Kind! Jetzt ſeht das Eure!“ Sie lachte und knirſchte mit den Zähnen. Auf dem wüthenden Antlitz konnte man das Eine vom Andern nicht unterſcheiden. Der Tag brach an. Ein halbes Licht erleuchtete die Scene, und der Galgen trat immer deut⸗ licher auf dem Platze hervor. Die arme Verurtheilte glaubte Hufgeräuſch, das näher kam, zu hören. Sie fal⸗ tete die Hände, ſank außer ſich, wahnſinnig aus Furcht auf die Knie und rief:„Habt Mitleid! Sie kommen, ich that Euch nichts! Wollt Ihr mich vor Euern Augen ſo furchtbaren Todes ſterben ſehn! Gewiß, Ihr fühlt Mitleid. Wie ſchrecklich! Laßt mich fliehn! Laßt mich los! Gnade! So möchte ich nicht ſterben.“ „Gib mir mein Kind zurück!“ ſprach die Klausnerin. —„Gnade! Gnade!“—„Gib mir mein Kind!“— „Laßt mich los, im Namen Gottes!“—„Gib mir mein Kind!“ Das Mädchen ſank erſchöpft, gebrochen nieder; ihr Blick war gläſern, als läge ſie ſchon in der Grube.„Ach, ſtammelte ſie, Ihr ſucht Euer Kind, ich meine Eltern.“ „Gib mir meine Agnes,“ fuhr Gudule fort.„Du weißt nicht, wo ſie iſt? So ſtirb. Ich war ein Freu⸗ denmädchen. Ich hatte ein Kind, Zigeuner ſtahlen es — 190— mir. Du ſiehſt, jetzt mußt du ſterben. Kömmt deine Mutter, die Zigeunerin, dich zu ſuchen, dann ſag' ich: Mutter, beſchau den Galgen! Gib mir mein Kind, Mäd⸗ chen! Weißt du, wo es iſt? Hier iſt ſein Schuh. Alles, was mir von ihm blieb. Weißt du, wo der andre iſt? Wenn du es weißt, ſo ſag es, und iſt es ſelbſt am andern Ende der Erde, will ich ihn auf den Knien ſuchen!“ Mit den Worten ſtreckte ſie auch den andern Arm aus der Luke und zeigte der Zigeunerin den kleinen geſtickten Schuh. Es war ſchon ſo hell, daß dieſe Geſtalt und Farben erkennen konnte. „Zeigt ihn mir!“ rief die Zigeunerin bebend aus. „Gott! Gott!“ und zugleich öffnete ſie heftig mit ihrer noch freien Hand den kleinen mit grünem Glaſe geſchmück⸗ ten Beutel, den ſie am Halſe trug. „Hole nur dein Amulet des Teufels hervor,“ mur⸗ melte die Klausnerin. Plötzlich aber ſchwieg ſie, zitterte an allen Gliedern und rief mit einer Stimme, die aus den innerſten Eingeweiden drang:„Meine Tochter!“ Die Zigeunerin hatte einen kleinen Schuh aus dem Beutel gezogen, der durchaus dem anderen gleich war. Daran war ein Pergament gebunden, worauf die Reime ſtanden: Haſt du den andern Schuh geſehn, Wird deine Mutter vor dir ſtehn. Schnell wie der Blitz verglich die Klausnerin beide Schuhe, las die Inſchrift des Pergaments, heftete an 191= die Eiſenſtangen ihr von himmliſcher Freude ſtrahlen⸗ des Antlitz und rief:„Meine Tochter! Meine Tochter!“ „Meine Mutter!“ erwiederte die Zigeunerin. Hier verzichten wir auf die Schilderung. Beide wurden durch die Mauer und die Eiſenſtan⸗ gen von einander getrennt.„Oh die Mauern!“ rief die Klausnerin aus;„ſie zu ſehen und nicht zu umarmen! Deine Hand!“ Das Madchen ſtreckte ihren Arm durch die Luke; die Klausnerin ſturzte auf die Hand ein, heftete darauf ihre Lippen, verſank gleichſam in dieſem Kuß, und gab kein andres Lebenszeichen als ein Schluchzen, das von Zeit zu Zeit ihre Hüften erhob. Sie weinte im Dunkel ſchweigend in Strömen, wie ein Nachtregen. Die arme Mutter leerte in Fluthen auf dieſer angebeteten Hand den ſchwarzen und tiefen Brunnen der Thränen, der in ihr war, und worin ſie tropfenweis ihren Schmerz ſchon fünfzehn Jahre filtrirt hatte. Plötzlich erhob ſie ſich, ſtrich ihr langes ſchwarzes Haar von der Stirn, und riß, ohne ein Wort zu reden, mit beiden Händen, und wüthender wie eine Löwin, am Eiſengitter. Die Stangen hielten. Da holte ſie aus einem Winkel ihrer Zelle einen großen Stein, der ihr zum Kopfkiſſen diente, und ſchleuderte ihn mit ſolcher Heftigkeit, daß eine Stange, Funken ſprühend, zerbrach. Ein zweiter Wurf ſtieß das eiſerne Kreuz, welches die Luke verrammelte, gänzlich ein. Da zerbrach und ent⸗ fernte ſie mit beiden Händen die verroſteten Stäbe des Gitters. Die Hände einer Frau beſitzen in einzelnen Augenblicken übernatürliche Kraft. Als ſo der Durchgang gebahnt war, und dies geſchah in weniger Zeit als einer Minute, faßte ſie das Mäd⸗ chen mitten um den Leib und zog ſie in ihre Zelle. „Komm,“ ſprach ſie,„ich will dich aus dem Abgrund retten.“ Als ihre Tochter in der Zelle ſtand, legte ſie ſie ſanft auf den Boden, nahm ſie wieder auf, trug ſie in ihren Armen, als wäre ſie noch ſtets die kleine Agnes, und lief in ihrer engen Zelle trunken, wie wahnſinnig, ſchreiend, weinend und lachend umher. „Meine Tochter! meine Tochter!“ ſprach ſie.„Ich habe meine Tochter! Der liebe Gott gad ſie mir zurück! Kommt Alle! Wollt ihr ſehn, daß ich meine Tochter habe? Herr Jeſus, wie ſchön ſie iſt! Guter Gott, fünf⸗ zehn Jahre ließt du mich warten, um ſie mir ſchöner zurückzugeben. Die Zigeunerinnen hatten ſie nicht gefrel⸗ ſen! Wer hat mir das geſagt? Tochter, kleine Toch⸗ ter, küſſe mich! Die guten Zigeunerinnen! Du biſt's! Ach darum klopfte mir das Herz, ſo oft du vorüber gingſt. Ich hielt es für Haß. Verzeihe mir, Agnes, verzeihe mir. Du glaubteſt, ich ſei böſe. Wie liebe ich dich! Haſt du noch dein Mahl am Halſe! Ja. O wie ſchön! Von mir haſt du die großen Augen. Küſſe mich, ich liebe dich. Jetzt mögen die andern Mütter Kinder — 193— haben, es gilt mir gleich. Hier iſt meines. Sie mögen kommen. Seht ſeine Augen, ſeinen Hals, ſeine Haare. Nichts iſt ſo ſchön wie das. Oh, in die wird ſich Man⸗ cher verlieben! Ich weinte fünfzehn Jahre lang. Alle meine Schönheit entſchwand, und ging auf dich über. Küſſe mich!“ Sie ſprach noch andere trunkene Worte, deren Schön⸗ heit im Tone lag, brachte die Kleidung des armen Mäd⸗ chens in Unordnung, bis dieſe erröthete, flocht ihr Sei⸗ denhaar, küßte ihr den Fuß, das Knie, Stirn und Augen, ward über Alles entzückt. Das junge Mädchen ließ ſie gewähren, und wiederholte leiſe mit unendlicher Sanftmuth in Zwiſchenräumen:„Meine Mutter!“ „ Siehſt du, Mädchen,“ begann die Klausnerin aufs Neue,„ich will dich lieben. Wir gehn von hier und werden glücklich ſein. Ich habe ein kleines Gut in Reims, unſerer Vaterſtadt, geerbt. Du kennſt Reims? Ach nein, du kennſt es noch nicht. Du warſt zu klein. Oh, wüßteſt du, wie ſchön du ſchon vier Monat alt warſt. Du hatteſt ſo ſchöne Füße, daß man ſieben Stunden weit, von Epergay, herkam, ſie zu ſehen. Wir haben ein Feld und ein Haus. Ich lege dich in mein Bett. Gott! Gott! wer hätte das glauben ſollen! Ich habe meine Tochter!“ Das Mädchen fand endlich in ihrer Aufregung Kraft 1 die Worte zu ſprechen:„O Mutter, die alte Zigeunerin hatte es mir geſagt. Unter uns war eine alte, gute Zigeunerin, die vergangenes Jahr ſtarb, und mich immer XV. 13 — 194— wie eine Amme wartete. Sie hing mir den Beutel um den Hals, und ſagte immer: Kleine, bewahr dieſen Edel⸗ ſtein. Es iſt ein Schatz, durch ihn findeſt du deine Mutter wieder. Deine Mutter trägſt du am Halſe.— Die Zigeunerin hatte es mir vorhergeſagt.“ Die Klausnerin umfing auf's Neue ihre Tochter mit den Armen.„Komm, daß ich dich küſſe!“ ſprach ſie zärtlich.„Sind wir zu Hauſe, dann will ich ein Jeſus⸗ kind mit Schuhen ſchmücken. Wir ſind das der heiligen Jungfrau ſchuldig. Gott, welche ſchöne Stimme! Als du mir ſo eben etwas ſagteſt, klang das wie Muſik. O Gott! Herr! endlich fand ich meine Tochter. Iſt es glaublich? Ich bin unbeſiegbar für den Tod, ſonſt wäre ich vor Freude geſtorben.“ Dann klatſchte ſie wieder in die Hände und rief:„Wir werden glücklich ſein!“ In dem Augenblick erſchallte die Zelle von Waffen⸗ geklirr und Pferdegalopp, der von der Brücke Notre⸗ Dame auf dem Kai immer näher zu dringen ſchien. Aengſt⸗ lich ſtürzte die Zigeunerin in die Arme der Klausnerin. „Rettet mich! Rettet mich! Mutter, ſie kommen! Die Klausnerin erblaßte.„O Himmel, was ſagſt du? Ich hatte vergeſſen, daß du verfolgt wirſt. Was haſt du gethan?“ „Ich weiß nicht,“ erwiederte das unglückliche Mäd⸗ chen,„aber ich bin verurtheilt zu ſterben.“—„Zu ſter⸗ ben!“ ſprach Gudule, und wankte, als ſei ſie vom Blitz getroffen.„Zu ſterben!“ ſagte ſie wieder und betrachtete ihre Tochter mit ſtarrem Blick. „Ja, Mutter,“ erwiederte das Mädchen außer ſich, nſie wollen mich tödten, und jetzt kömmt man, mich zu greifen. Jener Galgen iſt für mich. Rettet mich! ret⸗ tet mich! Sie kommen! Rettet mich!“ Die Klausnerin ſtand einige Augenblicke regungs⸗ los wie verſteinert da, dann ſchüttelte ſte den Kopf, als hege ſie Zweifel, und ſtieß plötzlich das furchtbare Geläch⸗ ter aus, das ihr wiederkehrte:„Ho! ho!“ rief ſie,„du erzählſt mir einen Traum! Ich hatte ſie fünfzehn Jahre verloren und finde ſie wieder nur auf eine Minute. Man ſollte ſie mir nehmen und doch iſt ſie ſchön und groß, ſpricht mit mir, liebt mich, und jetzt ſollten ſie unter den Augen der Mutter ſie zerfleiſchen. O nein, das iſt unmöglich. Der liebe Gott erlaubt das nicht!“ Jetzt ſchien der Reiterſchwarm zu halten, und man vernahm eine Stimme in der Ferne:„Hierher, Herr Triſtan! Der Prieſter ſagte, wir müßten ſie am Ratzen⸗ loch finden.“ Dann begann wieder das Getöſe der Pferdehufe. 4 Mit dem Schrei der Verzweiflung richtete die Klaus⸗ nerin ſich auf.„Rette dich! Rette dich, Kind, jetzt fällt mir Alles wieder ein! Du haſt Recht! O wie furcht⸗ bar! Fluch ihnen! Rette dich!“ Sie ſteckte den Kopf durch die Luke, zog ihn aber ſchneſl zurück.„Bleib,“ ſprach ſie leiſe, kurz und duſter, 13* — 196— indem ſie die mehr todte als lebendige Hand der Zigeu⸗ nerin drückte.„Bleib! Athme nicht! Ueberall ſtehen Soldaten. Du kannſt nicht fort, es iſt ſchon zu hell.“ Ihre Augen waren trocken und brennend. Einen Augenblick ſprach ſie nichts, ging mit großen Schritten in ihrer Zelle umher, blieb dann wieder ſtehen, riß ſich Büſchel ihrer grauen Haare vom Haupte und zerriß dieſe dann mit den Zähnen. Plötzlich ſprach ſie:„Sie kommen. Ich will mit ihnen ſprechen. Verſtecke dich dort im Winkel. Sie werden dich nicht ſehn. Ich will ihnen ſagen, du wärſt entſchlüpft, und daß ich dich losgelaſ⸗ ſen habe. Dann legte ſie ihre Tochter(ſie hielt ſie in ihren Armen) in einer Ecke der Zelle nieder, den man von außen nicht ſehen konnte. Sie ließ ſie niederducken, legte ſie ſo zurecht, daß weder ihre Hand noch ihr Fuß aus dem Dunkel hervorragten, band die ſchwarzen Haare los und breitete dieſe über das weiße Kleid aus, und ſtellte vor Esmeralda ihren Krug und ihren Pflaſter⸗ ſtein, denn ſie glaubte, beide würden ihre Tochter ver⸗ bergen. Dann ſank ſie beruhigt auf die Knie und betete. Der Tag, welcher ſo eben erſt angebrochen war, hatte das Ratzenloch noch nicht erhellt. In dem Augenblick erſchallte die hölliſche Stimme des Prieſters dicht bei der Zelle:„Hieher, Capitän Phoe⸗ bus von Chateaupers!“. — 197— Bei dem Namen bewegte ſich Esmeralda, die im Winkel duckte.„Rühr dich nicht,“ ſprach Gudule. Kaum hatte ſie dieſe wenigen Worte geſprochen, als das Geräuſch von Männern, Pferden und Schwertern an der Luke blieb. Die Mutter ſtand ſchnell auf und ſtellte ſich vor die Luke ſie zu verſtopfen. Sie ſah eine große Zahl bewaffneter Männer zu Fuß und zu Pferde, die auf dem Gréveplatz aufgeſtellt waren. Ihr Führer ſtieg vom Pferde und ging auf ſie zu.„Alte Frau,“ ſprach dieſer Mann mit harten und wilden Zügen,„wir ſuchen eine Hexe, um ſie zu hängen, und man ſagte uns, du müßteſt ſie haben.“ Die arme Mutter nahm, ſo viel es ihr möglich war, eine gleichgültige Miene an, und erwiederte:„Ich ver⸗ ſtehe nicht recht, was Ihr wollt.“ Der Andre ſprach: „Gottes Haupt! Welch ein Lied ſang denn der verrückte Archidiakonus? Wo iſt er?“—„Gnädiger Herr,“ ſprach ein Soldat,„er iſt verſchwunden.“—„Altes, verrücktes Weib, lüge nicht,“ ſprach der Befehlshaber.„Man gad dir eine Hexe zur Bewachung. Wo iſt ſie geblieben?“ Die Klausnerin wollte, um keinen Verdacht zu er⸗ wecken, nicht Alles leugnen, und erwiederte im mürri⸗ ſchen, aufrichtigen Ton:„Meint Ihr ein großes Mäd⸗ chen, die man mir ſo eben in die Hand gab, um ſie feſt zu halten, ſo ſag' ich Euch, ſie hat mich gebiſſen und ich ließ ſie laufen.“ Der Commandant ſchnitt das verdrießliche Geſicht — 198— getäuſchter Erwartung.„Lüge nicht, altes Geſpenſt,“ begann er auf's Neue;„ich heiße Triſtan l'Hermite und bin Gevatter des Königs.“ Dann fügte er hinzu. indem er auf dem Groveplatz ſeinen Blick umherſchweifen ließ: „Der Name da findet hier Wiederhall.“—„Und wärt Ihr Satan l'Hermite,“ erwiederte Gudule, die wieder Hoff⸗ nung faßte,„ſo könnte ich Euch nichts andres ſagen, als daß ich mich vor Euch nicht fürchte.“ „Gottes Haupt,“ ſagte Triſtan,„du biſt mir eine Gevatterin. So! die Hexe hat ſich gerettet; wohin iſt ſie gelaufen?“ Gudule erwiederte in ſorgloſem Ton:„Ich glaube in die Rue du Mouton.“ Triſtan wandte den Kopf und gab ſeinen Leuten ein Zeichen, ſich wieder in Marſch zu ſetzen. Die Klaus⸗ nerin athmete freier. „Gnädiger Herr,“ ſprach plötzlich ein Häſcher,„fragt doch die alte Fee, warum die Eiſenſtangen ihres Gitters ſo gebrochen ſind.“ Die unglückliche Mutter begann auf's Neue zu zit⸗ tern, verlor aber nicht ganz ihre Geiſtesgegenwart.„Sie ſind ſchon lange ſo geweſen,“ ſtammelte ſie.—„Bah!“ wandte der Häſcher ein,„noch geſtern war hier ein ſchönes ſchwarzes Kreuz, das Andacht erweckte.“ Triſtan warf einen Seitenblick auf die Klausnerin: „Ich glaube, die Gevatterin wird verlegen.“ Die Unglückliche fühlte, Alles hinge von ihrer Faſ⸗ — 199— ſung ab. Den Tod im Herzen begann ſie zu lächeln. Mütter beſitzen ſolche Kraft.„Bah!“ ſprach ſie,„der Menſch iſt betrunken. Jetzt iſt es ſchon länger als ein Jahr, daß ein Wagen voll Steine auf meine Luke fiel, und das Gitter zerbrach. Wie ſchimpfte ich da den Fuhrmann! „Ja,“ ſprach ein andrer Häſcher,„ſie hat Recht, ich war dabei.“ Ueberall finden ſich Leute, die Alles geſehn haben. Das unverhoffte Zeugniß des Häſchers flößte der Klaus⸗ nerin wieder Muth ein, während ſie in in dieſem Ver⸗ höre gleichſam einen Abgrund auf der Schärfe des Schwer⸗ tes überſchritt. Sie war aber zu einem immerwähren⸗ den Wechſel von Hoffnung und Unruhe verurtheilt. „Wenn ein Wagen das gethan hat,“ erwiederte der erſte Soldat,„ſo mußten die Eiſenſtäbe nach Innen gebo⸗ gen ſein. Sie ſind es aber nach Außen.“ „Hel He!“ ſprach Triſtan zum Soldaten,„du haſt eine Naſe wie ein Unterſuchungsrichter im Chatelet. Altes Weib, was kannſt du darauf entgegnen?“ „Gott!“ rief ſie in der äußerſten Verzweiflung, und ihre Stimme bezeugte wider ihren Willen, daß ihr Auge in Thränen ſchwamm,„ich ſchwör es Euch, gnä⸗ diger Herr, ein Wagen hat das Gitter zerbrochen. Ihr hört ja, jener Mann hat's geſehn. Und was hat dies mit Eurer Zigeunerin zu ſchaffen?“—„Hum!“ brummte Triſtan. — 200— „Teufel!“ begann der Soldat, durch Triſtan's Lob ermuthigt, auf's Neue,„der Bruch des Eiſens iſt ganz friſch.“ Triſtan erhob ſein Haupt. Sie erblaßte.„Wie lange ſagtet Ihr doch, iſt's ſchon her, daß der Wagen Euer Gitter zerbrach?“—„Einen Monat, vierzehn Tage, ich weiß es nicht mehr, gnädiger Herr.“—„So eben ſagte ſie noch, es wäre ſchon ein Jahr,“ bemerkte der Soldat.—„Das ſchielt,“ ſprach der Prévôt.— „Gnädiger Herr,“ rief ſie aus, noch immer an die Luke ſich lehnend, und befürchtend, jene möchten aus Argwohn den Kopf hineinſtecken, um in die Zelle zu ſehen,„gnä⸗ diger Herr, ich ſchwöre Euch, ein Wagen zerbrach das Gitter. Ich ſchwör's bei den Engeln des Paradieſes. War es nicht ein Wagen, ſo will ich ewig verdammt ſein, und leugne Gott!“—„Du biſt ja ſehr hitzig in deinem Schwur,“ ſagte Triſtan mit dem Blick eines Inquiſitors. 3 Das arme Weid fühlte, wie ihre ſichere Haltung immer mehr und mehr nachließ. Sie beging Ungeſchick⸗ lichkeiten, und fühlte erſchreckt, daß ſie nicht geſagt hatte, was ſie hätte ſagen ſollen. Jetzt kam ein andrer Soldat mit den Worten hinzu: „Gnädiger Herr! die alte Fee hat gelogen. Die Hexe kann ſich in die Straße du Mouton nicht gerettet haben. Die Kette war dort die ganze Nacht hindurch usge⸗ ſpannt, und der Kettenwächter hat Niemand vorüber gehn ſehn. — 201— Triſtan, deſſen Antlitz immer mehr Unheil verkün⸗ dete, fuhr die Klausnerin an:„Nun, was haſt du jetzt noch zu ſagen?“ Sie ſuchte auch dieſem Unfall die Stirne zu bieten: „Was weiß ich, gnädiger Herr, ich konnte mich täuſchen. Ich glaube wirklich, daß ſie über den Fluß ſetzte.“ „Das iſt ja die entgegengeſetzte Seite. Es iſt doch aber nicht wahrſcheinlich, daß ſie in die Cité zurück wollte, wo man ſie verfolgt. Altes Weib, du lügſt!“ „Auch iſt keine Fähre an dieſer Seite des Waſſers, eben ſo wenig wie an der andern,“ fügte der erſte Sol⸗ dat hinzu. „Sie kann durch den Fluß geſchwommen ſein,“ erwiederte die Klausnerin, welche Fuß für Fuß das Terrain vertheidigte.—„Können Weiber ſchwimmen?“ fragte der Soldat. „Gottes Haupt! Altes Weib, du lügſt, du lügſt,“ begann Triſtan auf's Neue voll Zorn.„Ich habe große Luſt, die Hexe jetzt zu laſſen, um dich zu hängen. Eine Viertelſtunde auf der Folter zieht dir vielleicht die Wahr⸗ heit aus dem Schlund. Komm, du ſollſt uns folgen!“ Begierig griff ſie dieſe Worte auf.„Wie Ihr wollt, gnädiger Herr; wohlan, die Folter, ich will ſie! Führt mich fort. Schnell! Schnell! Gehen wir ſogleich!“— Während der Zeit, dachte ſie, wird ſich meine Tochter getten können. „Gottes Tod!“ ſprach der Prévot, welch ein ſonder⸗ — 202— barer Appetit nach der Folter: Dies verrückte Weib iſt mir unerklärbar.“ Ein alter grauköpfiger Sergeant der Wache trat hervor und ſagte zum Prévôt:„Gnädiger Herr, ſie iſt wirklich verrückt. Ihre Schuld iſt's nicht, daß die Zigeu⸗ nerin ſich losriß. Fünfzehn Jahre verſehe ich ſchon die Wache und höre wie ſie alle Abende die Zigeunerweiber mit Flüchen ohne Ende verwünſcht. Wenn wir die kleine Zigeunerin mit der Ziege verfolgen, wie ich glaube, ſo verabſcheut ſie dieſe vor Allen.“ Gudule raffte ihre Kräfte zuſammen und ſprach: „Ja, die da vor Allen.“ Das einſtimmige Zeugniß aller Sergeanten von der Wache beſtätigte dieſe Worte. Triſtan l'Hermite verzwei⸗ felte, Etwas aus der Klausnerin herauszubringen, und wandte ihr den Rücken. Dieſe ſah unter heftigem Herz⸗ klopfen, wie er langſam auf ſein Pferd zuging.„Wohlan!“ murmelte er zwiſchen den Zähnen,„zur Aufſuchungl! ich lege mich nicht ſchlafen, bevor die Zigeunerin gehängt iſt.“ Dennoch zögerte er einige Zeit, bis er wieder auf's Pferd ſtieg. Gudule ſchwebte zwiſchen Leben und Tod, wie er auf dem Platze die unruhige Miene eines Jagd⸗ hundes umherſchweifen ließ, welcher in ſeiner Nähe das Lager des Wildes wittert und nur mit Widerſtreben ſcch entfernt. Endlich ſchüttelte er den Kopf und ſchwang ſich auf den Sattel. Das ſo furchtbar erdrückte Herz der Klausnerin erweiterte ſich und ſie ſprach leiſe, — 203— mit einem Blick auf ihre Tochter, welche ſie bis dahin noch nicht anzuſchauen gewagt hatte:„Gerettet!“ Das arme Mädchen kauerte bis dahin, ohne ſich zu rühren und faſt ohne zu athmen im Winkel, indem der Gedanke des Todes ihr ſtets vor Augen ſchwebte. Von dem Auftritt zwiſchen Triſtan und der Alten war ihr Nichts entgangen, und die Angſt ihrer Mutter fand ſtets bei ihr Wiederhall. Sie hörte das allmählige Kra⸗ chen des Fadens, der ſie über dem Abgrund noch hielt; zwanzig Mal glaubte ſie, er zerreiße, und fühlte endlich ihren Fuß auf feſtem Boden. In dem Augenblick ver⸗ nahm ſie, wie eine Stimme dem Préoôt zurief:„Bei'm Teufel! Herr Prévôt, das geht mich Nichts an. Ich bin ein Krieger, und hänge keine Hexen. Der Pöbel iſt niedergehauen, drum mögt Ihr jetzt Eure Sache allein abmachen, und erlauben, daß ich zu meiner Compagnie zurückkehre, denn die iſt ohne Kapitän.“— Die Stimme war die des Phoebus von Chateaupers. Die Gefühle der Esmeralda ſind unbeſchreibbar. Dort war ihr Be⸗ ſchützer, ihr Geliebter, ihr Freund, ihre Freiſtatt, ihr Phoebus! Sie ſtand auf, und bevor ihre Mutter ſie daran verhindern konnte, ſtürzte ſie an die Luke und rief!„Phoebus! mein Phoebus! Komm zu mir!“ Phoebus war verſchwunden, denn ſo eben war er um die Ecke der Straße de la Coutellerie gallopirt. Aber Triſtan war noch nicht fort. Mit Gebrüll ſtürzte die Klausnerin auf ihre Tochter; — 201— mit Gewalt riß ſie dieſe zurück, ſo daß ihre Nägel in deren Nacken drangen. Eine Tigerin, die Mutter iſt, ſieht ſo genau nicht zu... Allein es war zu ſpät; Triſtan hatte ſchon genug geſehen. „Oh! oh!“ rief er mit einem Lächeln, welches ſeine Zahne entblößte und ſeiner Geſtalt das Anſehn einer Wolfsſchnauze verlieh;, zwei Mäuſe im Mauſeloch!“ „Das dacht' ich!“ ſprach der Soldat. Triſtan klopfte ihm auf die Schulter:„Du biſt ein guter Kater!— Wohlan! wo iſt Henriet Couſin?“ Ein Mann, der weder das Antlitz, noch das Kleid eines Soldaten trug, trat aus ihren Reihen hervor. Sein Kleid war halb braun, halb grau, ſeine Haare flach abgeſchnitten, ſeine Aermel von Leder; in der dicken Hand trug er ein Bündel Stricke. Dieſer Mann war ein immerwährender Begleiter Triſtan's, der ein immerwährender Begleiter Ludwig's XI. war. „Freund,“ ſprach Triſtan zu ihm,„ich glaube, dort iſt die Hexe, die wir ſuchen. Du ſollſt ſie hängen. Haſt du deine Leiter bei dir?“— Jener erwiederte:„Eine Leiter hole ich mir aus dem Schoppen des Pfeilerhauſes. Sollen wir auf der Gerechtigkeit da die Sache abmachen?“ Hierbei zeigte er auf den ſteinernen Galgen.—„Ja.“— „So! ſo!“ ſagte jener Mann mit einem noch roheren als Triſtan's Lachen.„Wir brauchen nicht weit zu gehn.“ —„Schnell! Mache die Sache ab, nachher kannſt du lachen.“ Als alle Hoffnung verloren war, da Triſtan die Tochter geſehen hatte, ſprach die Klausnerin kein Wort. Das halb todte, arme Mädchen warf ſie in den Winkel ihrer Höhle, ſtellte ſich an die Luke, und ſtützte beide Hände auf die Ecke des Geſimſes wie zwei Klauen. In dieſer Stel⸗ lung ließ ſie ihren Blick, der wild und wahnſinnig ge⸗ worden war, unerſchrocken über alle Soldaten ſchweifen. Als Henriet Couſin ſich der Luke naherte, nahm ihre Geſtalt einen ſo wüthenden Ausdruck an, daß er zurückfuhr. „Gnädiger Herr,“ ſagte er wieder umkehrend zum Préoôt;„welche ſoll ich hängen?“—„Die Junge.“— „Deſto beſſer. Wie es ſcheint, wäre es nicht ſo leicht mit der Alten. Henriet Couſin trat auf die Luke zu. Der Blick der Mutter bewirkte, daß er ſeine Augen niederſchlug. Er ſagte etwas furchtſam:„Madame.... Sie unterdrach ihn mit leiſer und wüthender Stimme; „Was willſt du?“—„Nicht Euch, die Andre.“— „welche Andre?“—„Die Junge.“ Sie ſchüttelte den Kopf und rief:„Hier iſt Nie⸗ mand! Hier iſt Niemand! Hier iſt Niemand!“—„Ja,“ antwortete der Henker,„Ihr wißt das beſſer als ich. Laßt mich die Junge hängen. Euch will ich nichts zu Leide thun.“ Sie ſprach mit ſonderbarem Grinſen:„Du willſt — 206— mir Nichts zu Leide thun?“—„HUeberlaßt mir die An⸗ dere. Der Herr Prévôt will nur die.“ Sie wiederholte mit dem Ausdruck des Wahnſinns: „Hier iſt Niemand!“—„Ich ſage Euch, hier iſt Jemand. Wir ſahen Alle, daß Eurer zwei waren.“—„Sieh hin⸗ ein, ſteck' deinen Kopf durch die Luke.“ Der Henker beſah die Nägel ihrer Mutter, und wagte nicht, ihrer Aufforderung zu folgen. „Eile!“ ſchrie Triſtan, der unterdeß ſeine Leute im Kreiſe um das Ratzenloch aufgeſtellt hatte, und zu Pferde neben dem Galgen hielt. Henriet keyrte ganz verlegen zum Prévôt zurück. Seine Stricke legte er auf den Boden und drehete mit linkiſcher Miene ſeinen Hut in der Hand.„Gnädiger Herr,“ fragte er,„wie ſoll ich eindringen?“—„Durch die Thür.“—„Es iſt keine da.“—„Durch's Fenſter.“ — Es iſt zu eng.“—„Nun, ſo mach' es weiter. Haſt du keine Steinhaue?“ Die Mutter ſah lauernd im Hintergrunde ihrer Höhle zu. Sie hoffte Nichts mehr, wußte nicht, was ſie thun ſollte, aber wollte nicht, man ſolle ihre Tochter ihr nehmen. Henriet holte ſein Henkergeräth aus dem Schoppen des Pfeilerhauſes, mit der Doppel⸗Leiter, die er ſogleich am Galgen aufſtellte. Fünf oder ſechs Leute der Pré⸗ vôté bewaffneten ſich mit Brecheiſen und Triſtan ritt wieder auf die Luk zu. — 207— „Altes Weib,“ ſprach der Prévot in trocknem Tone, „überliefre uns gutwillig das Mädchen da!“ Sie ſah ihn an, als verſtände ſie ihn nicht. „Gottes Haupt,“ begann Triſtan auf's Neue, „warum hinderſt du uns, die Hexe da zu hängen, wie es dem König gefällt?“ Der Elende verzog den Mund zu ſeinem wilden Lachen.—„Warum? ſie iſt meine Tochter.“ Bei dem Tone, womit dies Wort geſprochen wurde, bebte ſogar Henriet Couſin. „Es thut mir leid,“ ſagte der Prévot,„allein es iſt der Wille des Königs.“ Sie ſprach mit verdoppeltem furchtbarem Gelächter: „Was kümmert mich dein König, dein König? Ich ſage dir, ſie iſt meine Tochter!“ „Durchbrecht die Mauer!“ ſprach Triſtan. Um eine ziemlich dreite Oeffnung zu bewirken, genügte das Ausbrechen einer Lage Steine unter der Luke. Als die Mutter vernahm, wie Brecheiſen und Hebel ihre Feſtung minirten, ſtieß ſie einen furchtbaren Schrei aus; dann rannte ſie, wie ein wildes Thier im Käfig, mit ſchrecklicher Geſchwindigkeit in ihrer Zelle auf und ab. Sie ſprach Nichts mehr; aber ihre Augen flammten. Die Soldaten ſtanden wie erſtarrt da. Plötz⸗ lich ergriff ſie ihren Stein, lachte und ſchleuderte ihn mit beiden Fäuſten auf die Arbeiter. Aber ihre Hände zitterten; der nicht ſtark genug geworfene Block traf — 208— Niemand und blieb unter den Füßen von Triſtan's Pferd liegen. Sie knirſchte mit den Zähnen. Unterdeß war es ganz hell geworden, obgleich die Sonne noch nicht am Himmel ſtand; ein ſchöner roſiger Schein färbte heiter die alten einfallenden Kamine des Pfeilerhauſes. Es war die Stunde, wo die Dachfenſter aufgeſchloſſen werden. Einige Bürger und Fruchtverkäu⸗ fer auf ihren Eſeln, die zu den Hallen gingen, durch⸗ zogen den Gréveplatz, hielten einen Augenblick vor der Soldatengruppe am Ratzenloch, betrachteten dies mit Erſtaunen und gingen weiter. Die Klausnerin ſetzte ſich zu ihrer Tochter, bedeckte ſie mit ihrem Körper, blickte ſtarr und hörte, wie dies arme Kind, ohne ſich zu rüh⸗ ren, murmelte:„Phoebus! Phoebus!“ Je weiter die Soldaten in ihrer Arbeit zu kommen ſchienen, zog ſich die Mutter maſchinenmäßig zurück, und drückte ihre Toch⸗ ter an die Mauer. Plötzlich ſah die Klausnerin(denn ſie ſtand Schildwache, und wandte den Blick nicht ab), wie der Stein wankte, und zugleich vernahm ſie die Stimme Triſtan's, der ſeine Leute ermuthigte. Da raffte ſie ſich aus der Erſtarrung, worin ſie ſeit einigen Augen⸗ blicken verſunken war, und ſchrie auf:„Hohoho!“— Während ſie ſprach, zerſchnitt ihre Stimme das Ohr wie eine Säge, oder ſtammelte, als ob alle Flüche ſich an ihre Lippen drängten, um auf einmal auszubrechen: „Schrecklich! Ihr ſeid Räuber! Wahrhaftig, wollt ihr meine Tochter ſtehlen! O, ihr Feiglinge! Ihr Henkers⸗ — 209— knechte! Elende Mörder! Zu Hülfe! zu Hülfe! Feuer! Sie wollen mir mein Kind ſtehlen! Gibt es einen Gott!“ Dann wandte ſie ſich ſchäumend mit ſtarrem Blick, geſträubtem Haar, zu Triſtan, und ſtreckte ihm die Hände wie Pantherklauen entgegen:„Tritt näher! Verſtehſt du nicht, was ich ſagte? Dies Mädchen iſt meine Toch⸗ ter. Weißt du, was es heißt, ein Kind zu beſitzen? Wolf, haſt du nie bei einer Wölfin gelegen? Haſt du nie ein Wölfchen gehabt? Und wenn du Junge haſt, und ſie heulen, biſt du dann ſo ohne Herz, daß dies nicht klopft?“ „Werft den Stein herunter,“ ſprach Triſtan;„er hält nicht mehr.“ Die Hebel rückten die ſchwere Steinlage in die Höhe. Dies war, wie wir ſchon ſagten, die letzte Schutz⸗ mauer der Mutter. Sie ſtürzte darüber hin und wollte ſie zurückhalten, kratzte in den Stein mit den Nägeln; aber der ſchwere, von ſechs Menſchen in Bewegung geſetzte Stein entſchlüpfte ihrer Hand und glitſchte die eiſernen Hebel entlang auf den Boden. Als die Mutter den Eingang ausgebrochen ſah, ſtürzte ſie ſich in die Oeffnung der Breſche, rang die Arme, verrammelte die Breſche mit ihrem Leibe, ſtieß mit dem Kopf gegen die Steine des Fußbodens, und rief mit einer aus Erſchöpfung heiſeren Stimme, ſo daß man ſie kaum vernahm:„Zu Hülfe, Feuer, Feuer!“ XV. 14 hartherzig. Die Mutter betrachtete die Soldaten auf ſo furcht⸗ bare Weiſe, daß ſie mehr Luſt hatten, zurückzuweichen, als vorwärts zu dringen. 3 „Vorwärts!“ rief der Prévôt;„Henriet Couſin, vorwärts!“ Alle ſtanden ſtill. Der Prévôt ſchwur:„Chriſtus Haupt! Meine Kriegsleute ſind bange vor einem Weibe!“ —„Gnädiger Herr,“ ſprach Henriet,„die nennt Ihr ein Weib?“—„Sie hat Mäaͤhnen wie eine Löwin,“ ſprach ein Andrer. „Vorwärts!“ wiederholte der Prévòôt,„der Bruch iſt breit genug. Marſchirt zu Dreien in der Front hin⸗ ein, wie in die Breſche von Pontoiſe. Mahom's Tod! Den erſten, der zurückweicht, haue ich in Stücke.“ Die Soldaten, zwiſchen den Prévôt und die Mutter, die beide droheten, in die Mitte geſtellt, ſchwankten einen Augenblick; dann trafen ſie ihre Wahl und drangen vor zum Ratzenloch. Als die Klausnerin dies ſah, richtete ſie ſich plötz⸗ lich auf den Knieen auf, ſchlug ihre Haare aus dem Geſicht und ließ ihre mageren, geſchundenen Hände über die Hüften hinabſinken. Dicke Thränen entträufelten ihren Augen und floſſen in einer breiten Runzel, wie ein Strom in ſeinem Bett, die Wangen hinab. Zugleich verſuchte ſie zu ſprechen, aber in ſo ſanfter, unterwür⸗ „Ergreift das Mädchen,“ ſprach Triſtan, noch immer ſiger, herzzerſchneidender Stimme, daß mancher alte Profoß in Triſtan's Gefolge, der ſelbſt Menſchenfleiſch wohl gefreſſen hätte, ſich die Augen trocknete. „Gnädige Herren, ihr Herren Sergeanten, ein Wort! Ich muß es euch erzählen! Seht, ſie iſt meine Tochter, mein armes, verlorenes Kind! Hört die Geſchichte! Ich kenne die Herren Sergeanten. Sie waren ſtets gütig gegen mich zu der Zeit, als die Knaben mich mit Stei⸗ nen warfen, weil ich viel liebte. O, ihr laßt mir mein Kind, wenn ihr meine Geſchichte kennt. Ich bin ein armes Freudenmädchen. Zigeunerweiber ſtahlen mir mein Kind. Fünfzehn Jahre lang bewahrte ich ſeinen Schuh. Seht, da iſt er! welch ſchöner Juß. In Reims! die Chante⸗ fleurie! Vielleicht habt ihr davon gehört; ich bin's. Ach! in der Jugend verbringt man ſchöne Stunden. Nicht wahr, gnädige Herren, ihr habt Mitleid mit mir. Die Zigeunerweiber haben ſie mir geſtohlen, und verſteckten ſie fünfzehn Jahre lang. Denkt euch, ich hielt ſie für todt. Fünfzehn Jahre lebte ich in dieſer Höhle, ohne Feuer im Winter. Wie hart! Der arme kleine Schuh! Ich wehklagte, bis der liebe Gott mich hörte. In dieſer Nacht ſchenkte er mir mein Kind. Das iſt ein Wunder vom lieben Gott. Ihr werdet ſie nicht tödten; o gewiß, ihr nehmt ſie mir nicht. Wäre ich's, ſo wollt' ich Nichts fagen; aber ein ſechzehnjähriges Mädchen. Laßt ihm Zeit, die Sonne zu ſchauen.— Was that ſie euch? Nichts. Ich auch nicht. O wüßtet ihr doch, daß ich nur 14* — 212— dies Mädchen habe, wie alt ich bin, und daß die heilige Jungfrau ſie mir ſendet. Ihr ſeid ja alle ſo gut. Ihr wußtet nicht, daß ſie meine Tochter war. Jetzt wißt ihr's. O Herr Prévot, ich hätte lieber ein Loch in mei⸗ nen Eingeweiden, als eine Schramme an ihrem Finger. Ihr ſeht ſo gütig aus. Was ich euch ſage, erweicht euch. Gnädiger Herr, wenn ihr eine Mutter habt, ſo laßt mir mein Kind. Ich bitte euch auf den Knieen, wie man zum Herrn Jeſus betet. Ich bitte Niemand um Etwas Ich bin von Reims, gnädige Herren. Ich beſitze ein kleines Feld von meinem Onkel Mahiet Pradon. Ich bin keine Bettlerin. Ich will Nichts, als mein Kind. O, ich will mein Kind behalten. Gott, der Herr, hat es mir nicht umſonſt gegeben. Ihr ſagt, der König wolle es ſo. Ihm wird es gewiß kein Vergnügen machen, daß man meine Tochter tödtet. Der König iſt ja auch ſo gut. O, ſie iſt meine Tochter! Sie iſt mein. Sie gehört dem König nicht. Sie iſt nicht Euer! Wir wol⸗ len fort. Zwei Frauen, die fortgehen wollen, Mutter und Tochter, läßt man gehen. Laßt uns gehen. Wir ſind aus Reims. O, ihr Herren Sergeanten, ſeid ſo gut. Ich lieb' euch all. Ihr nehmt mir meine Kleine nicht. Unmöoͤglich! Nicht wahr, das iſt unmöglich. Mein Kind! mein Kind!a Wir wollen es nicht verſuchen, ihre Bewegungen, ihre Stimme, ihre Thränen, die ſie redend trank, das Ringen ihrer Hände, ihr herzzerreißendes Lachen, ihre — 213— ſchwimmenden Blicke, ihr Geſeufz, die erſchütternden Laute zu beſchreiben, die ſie mit ihren wahnſinnigen, abgebrochenen Worten vermiſchte. Als ſie ſchwieg, runzelte Triſtan Hermite ſeine Brauen, doch nur, um eine Thräne zurückzudrängen, die in ſeinem Tigerauge rollte. Er überwand ſeine Schwäche und ſprach kurz:„Der König will's.“ Dann neigte er ſich zum Ohre Henriet Couſin's und ſprach leiſe:„Mach' ſchnell!“— Der furchtbare Prévôt mochte fühlen, daß ihm der Muth entſchwand. Der Henker trat mit den Sergeanten in die Zelle. Die Mutter leiſtete keinen Widerſtand. Sie ſchleppte ſich nur zu ihrer Tochter, und ſtürzte über ſie hin. Die Zigeunerin ſah, wie die Soldaten herantraten, und ward durch Todesfurcht wieder belebt.—„Mutter!“ rief ſie, mit unausſprechbaren Lauten der Verzweiflung;„ſie kommenl! vertheidigt mich!“—„Ja, Liebe, ich verthei⸗ dige dich,“ erwiederte die Mutter mit erloſchener Stimme, drückte ſie eng in ihre Arme und bedeckte ſie mit Kuſſen. Als beide ſo auf dem Boden lagen, boten ſie einen Anblick, des Erbarmens würdig. Henriet Couſin umfaßte das Mädchen unter ihren ſchönen Schultern. Als ſie die Hand fühlte, ſank ſie mit einem Ausruf in Ohnmacht. Der Henker, aus deſſen Augen reichliche Thränen auf ſie hinfielen, wollte ſie in ſeinen Armen forttragen. Er verſuchte, die Mutter los⸗ zureißen, die ihre Arme gleichſam wie einen Gürtel um — — 214— ihre Tochter geſchlungen hatte; allein ſie klammerte ſich ſo feſt an das Mädchen, daß dies unmöglich war. Hen⸗ riet Couſin ſchleppte alſo das Mädchen mit der Mutter aus der Zelle. Auch die Mutter hielt die Augen geſchloſſen. In dem Augenblick erhob ſich die Sonne am Him⸗ mel, und auf dem Platze war ſchon eine ziemliche Volks⸗ menge verſammelt, welche von fern betrachtete, was man ſo auf dem Pflaſter zum Galgen ſchleifte. So war Tri⸗ ſtan's Verfahrungsart bei Hinrichtungen. Er konnte es nicht leiden, daß Neugierige ſich herandrängten. An den Fenſtern befand ſich Niemand. Man ſah nur von Weitem auf dem Thurm von Notre⸗Dame, der den Groveplatz beherrſcht, zwei Männer als ſchwarze Punkte auf dem Hintergrunde des klaren Himmels, welche zuzu⸗ ſehen ſchienen. 3 Henriet Couſin blieb an der verhängnißvollen Leiter mit dem, was er hinter ſich ſchleifte, ſtehen; er war ſo tief gerührt, daß er faſt ohne zu athmen den Strick um den ſchönen Hals des Mädchens ſchlang. Das unglück⸗ liche Kind empfand die furchtbare Berührung des Hanfes. Sie ſchlug die Augen auf und erblickte über ihrem Haupte den ſtarren Arm des Galgens. Sie ſchüttelte ſich und rief mit lauter, verzweifelnder Stimme:„Nein, nein! Ich will nicht!“ Die Mutter, deren Haupt in den Klei⸗ dern der Tochter verſenkt ſich verlor, ſprach kein Wort. Man ſah allein, wie ſie am ganzen Körper bebte, und — 215— hörte, wie ſie ihre Küſſe verdoppelte. Der Henker benutzte dieſen Augenblick, um mit Gewalt den Arm der Mutter loszureißen, den ſie um ihre Tochter drückte. Aus Erſchöpfung oder Verzweiflung ließ ſie ihn gewäh⸗ ren; dann nahm er das Mädchen auf die Schultern, von wo ſie anmuthig ſich biegend über ſeinen Kopf hinab⸗ ſank. Endlich ſetzte er den Fuß auf die Leiter, um hinanzuſteigen. In dem Augenblick ſchlug die auf das Pflaſter hin⸗ geſunkene Mutter die Augen auf. Ohne einen Schrei auszuſtoßen, richtete ſie ſich mit furchtbarem Ausdruck in die Höhe; dann ſtürzte ſie, wie ein Thier auf ſeine Beute, auf die Hand des Henkers, und biß hinein. Dies geſchah mit der Schnelligkeit des Blitzes. Der Henker heulte vor Schmerz. Man eilte herbei und befreite mit Mühe ſeine blutende Hand von den Zähnen der Mutter. Dieſe ſchwieg. Man ſtieß ſie hart zurück, und bemerkte, daß ihr Haupt dumpf auf das Pflaſter ſiel. Man hob ſie auf, und ließ ſie wieder hinfallen. Sie war todt. Der Henker, welcher das Mädchen nicht losgelaſſen hatte, ſtieg die Leiter hinan. 2. La creatura pella bianco vestita. Dante. Als Quaſimodo ſah, die Zelle ſei leer und die Zigeu⸗ nerin verſchwunden und entführt, während er ſie ver⸗ theidigte, fuhr er mit den Händen in ſeine Haare und zitterte vor Schmerz und Ueberraſchung. Dann durch⸗ rannte er die ganze Kirche, heulte mit ſonderbarem Schrei in allen Ecken der Mauer, ſtreute ſeine ausge⸗ riſſenen rothen Haare auf den Fußboden. Dies geſchah grade in dem Augenblick, als die Schützen des Königs in die Kirche drangen, die Zigeunerin zu ſuchen. Quaſi⸗ modo half ihnen, ohne ihre unheilvolle Abſicht(der arme Taube!) zu merken. Er glaubte ſogar, die Feinde der Zigeunerin wären die Landſtreicher. Er führte ſelbſt Triſtan!'Hermite in alle nur möglichen Schlupfwinkel, öffnete ihm die geheimen Thüren, die Doppelgründe der Altäre, die hinteren Sakriſteien. Wäre die Unglückliche noch da geweſen, ſo hätte ſie in die Hände der Verfol⸗ ger fallen müſſen. Als Triſtan aus Ermüdung, Nichts zu finden, ſich endlich vom Suchen abſchrecken ließ(und dies war nicht leicht), ſetzte Quaſimodo ganz allein ſeine Nachforſchung fort. Zwanzig⸗-, hundertmal durchlief er den Thurm von oben bis unten, nach der Länge und Breite, ſtieg auf und nieder, rief, ſuchte, heulte, ſteckte ſeinen Kopf in alle Löcher, trug eine Fackel in alle Ge⸗ wölbe, verzweifelte im Wahnſinn. Ein Männchen, das ſein Weibchen verlor, brüllt nicht lauter und verſtörter. Endlich, als es ihm ganz offenbar war, er könne ſie nicht mehr auffinden, ſie ſei ihm geſtohlen und verloren, ſtieg er langſam die Thurmtreppe hinan, dieſelbe Treppe, die er am Tage ihrer Rettung, voll Entzücken und im Triumph hinaufgeeilt war. Er durchſchritt wieder die⸗ ſelben Orte, geſenkten Hauptes, ohne Stimme, ohne Thränen, faſt ohne Athem. Die Kirche war wieder ver⸗ laſſen und ſchweigend. Die Häſcher und Soldaten waren fortgegangen, um die Hexe in der Stadt aufzuwittern. Quaſimodo, ganz allein in der ungeheuren Kathedrale, die noch kurz vorher belagert und ſo lärmend war, ſchritt wieder auf die Zelle zu, wo die Zigeunerin ſo viele Wochen unter ſeiner Hut geſchlafen hatte. Als er näher trat, bildete er ſich ein: dort müſſe er ſie finden. Als er im Umwenden bei der Galeriebiegung, welche an das Dach ſtößt, ſtand, erblickte er das enge Kämmer⸗ chen mit dem kleinen Fenſter und der niedrigen Thür unter einem Schwibbogen, wie das Neſt eines Vogels unter einem Zweige. Da fühlte er, wie ihm der Muth entſchwand, und er ſtützte ſich auf einen Pfeiler, um nicht umzuſinken. Er bildete ſich ein, ſie ſei vielleicht zurückgekehrt, ein guter Geiſt habe ſie hergeführt. Das Kämmerchen ſei zu ſicher, zu ſchön und zu ruhig, als daß ſie nicht da ſein ſollte. Er wagte keinen Schritt zu thun, um ſeine Täuſchung ſich nicht zu benehmen.— „Ja,“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„vielleicht ſchläft oder betet ſie. Ich will ſie nicht ſtören.“ Endlich nahm er allen Muth zuſammen, ſchritt auf den Fußzehen vor, ſah und trat hinein. Die Zelle war aber leer. Der unglück⸗ liche Taube durchging ſie langſam, hob das Bett in die Höhe, als wolle er ſehen, ob ſie zwiſchen dem Boden und der Matratze verſteckt läge. Dann ſchüttelte er den Kopf, und ſtand wie blödſinnig. Plötzlich zertrat er wüthend die Fackel, und ſtürzte, ohne ein Wort zu ſprechen, ohne einen Seufzer auszuſtoßen, in vollem Lauf mit dem Kopfe gegen die Mauer, und ſank ohn⸗ mächtig auf das Steinpflaſter. Als er wieder zu ſich kam, warf er ſich auf's Bett, wälzte ſich umher, küßte wahnſinnig den noch warmen Platz, wo das Mädchen geſchlafen hatte, lag einige Mi⸗ nuten unbeweglich, als wolle er dort ſterben; dann ſtand er, von Schweiß triefend, keuchend, raſend auf, ſtieß den Kopf gegen die Wand mit dem regelmäßigen Schlage ſeiner Glocken, und dem Entſchluß eines Menſchen, der ihn ſich zerſchmettern will. Endlich ſank er erſchöpft zum zweitenmal nieder, kroch auf den Knieen aus der Zelle, duckte in der Stellung des Erſtaunens vor der Thür. So lag er länger als eine Stunde ohne Bewe⸗ gung, mit den Augen auf die einſame Zelle, düſterer und nachſinnender, wie eine Mutter zwiſchen einer lee⸗ ren Wiege und einem gefüllten Sarge. Er ſprach kein Wort; nur in Zwiſchenräumen bewegte ein lautes Schluchzen heftig ſeinen Körper; doch dies war ein Schluchzen ohne Thränen, wie das Wetterleuchten im Sommer ohne Zlitze. Wie es ſchien, dachte er damals an den Archidia⸗ konus, als er im verzweifelnden Nachſinnen überlegte, wer wohl der unerwartete Entführer der Zigeunerin ſein könne. Er erinnerte ſich, Dom Claude allein beſitze den Schlüſſel zur Treppe, die zur Zelle führte; er gedachte der nächtlichen Verſuche des Archidiakonus gegen das junge Mädchen; wie er bei dem einen geholfen, aber den andern verhindert hatte. Tauſend beſondere Ein⸗ zelnheiten fielen ihm ein, und bald hegte er keinen wei⸗ teren Zweifel, der Archidiakonus habe die Zigeunerin entführt. Dennoch hatte ſeine Achtung vor dem Prieſter, ſeine Erkenntlichkeit, ſeine Liebe und Ergebenheit zu die⸗ ſem Mann ſo tiefe Wurzeln in ſeinem Herzen geſchla⸗ gen, daß ſie ſogar in dieſem Augenblick den Krallen der Eiferſucht und der Verzweiflung widerſtand. Als er dachte, der Archidiakonus habe dies gethan, verwandelte ſich der tödtliche, blutige Zorn, den er da⸗ durch gegen jeden Andern würde gefühlt haben, im Augen⸗ blick, wo es ſich um Claude Frollo handelte, nur in tie⸗ feren Schmerz des armen Tauben. Im Angenblick, wo ſein Gedanke ſo auf dem Prie⸗ ſter haftete, ſah er, als der Morgenſchein die Gewölb⸗ pfeiler weiß färbte, wie im oberen Stock von Notre⸗ Dame, an der Biegung des obern Geländers eine Ge⸗ ſtalt einherſchritt. Dies war der Archidiakonus. Claude ging ernſt und langſam einher. Vor ſich ſah er nicht, und ging auf den nördlichen Thurm zu, allein er wandte ſeitwärts ſein Geſicht zum rechten Seineufer. Den Kopf trug er aufrecht, als wolle er etwas über die Dächer hinaus aufſuchen. Oft hat der Uhu dieſe ſchräge Stel⸗ lung, fliegt auf einen Punkt zu, und ſieht auf einen —— andern. Der Prieſter ging an Quaſimodo, ohne ihn zu ſehen, vorüber. Der Taube, verſteinert durch dieſe plötzliche Erſchei⸗ nung, ſah, wie er in das Thor der nördlichen Treppe hineinging. Der Leſer weiß, daß man hier das Stadt⸗ haus erblickt. Quaſimodo ſtand auf und folgte dem Archidiakonus. Er ſtieg die Treppe hinan, um zu erfah⸗ ren, weßhalb der Prieſter hinaufging. Uebrigens wußte der arme Glockenläuter nicht, was er beginnen ſollte. Er war voll Wuth und Furcht. Der Archidiakonus und die Zigeunerin erregten in ſeinem Herzen einen hef⸗ tigen Kampf. Als er auf den Gipfel des Thurms gelangte, unter⸗ ſuchte er vorſichtig, bevor er aus dem Dunkel der Treppe hinaustrat, wo der Archidiakonus ſtand. Der Prieſter wandte ihm den Rücken. Ein durchbrochenes Geländer umringt die Platte des Kirchthurms. Der Prieſter, deſ⸗ ſen Augen über die Stadt ſchweiften, ſtützte die Bruſt auf die Seite der Baluſtrade, welche zur Brücke Notre⸗ Dame hin gerichtet iſt. Quaſtmodo ſchlich mit Wolfsſchritten ihm näher und ſah ebenfalls nach derſelben Richtung. Auch war die Auf⸗ merkſamkeit des Prieſters in etwas Anderes ſo ſehr ver⸗ tieft, daß er ſelbſt die lauteren Schritte Quaſimodo's nicht hätte hören können. Paris, von der Höhe des Thurmes von Notre⸗Dame bei'm friſchen Schein der Morgenſonne geſehen, bietet jetzt ein prächtiges Schauſpiel, und zu jener Zeit in noch höherem Grade. Damals mochte man im Juli ſich befin⸗ den. Der Himmel war durchaus heiter. Das Licht eini⸗ ger letzten Sterne war im Erlöſchen; nur einer, der hellſte am Himmel, glänzte im Oſten. Die Sonne war im Begriff, aufzugehen. Paris begann ſich zu regen. Ein weißes und ſehr reines Licht ließ alle Pläne, welche die tauſend Häuſer nach Oſten zu bilden, hervorſoringen. Der Rieſenſchatten der Kirchthürme reichte von Dach zu Dach, von einem Ende der großen Stadt bis zum an⸗ dern. In einigen Quartieren herrſchte ſchon Gerauſch. Hier ertönte der Schall einer Glocke, dort der Schlag eines Hammers, dort das Klirren eines fahrenden Wa⸗ gens. Auf der Oberflache der Dächer drangen ſchon einzelne Rauchſäulen wie aus den Spalten einer unge⸗ heuren Lavadecke hervor. Der Fluß, welcher ſeine Fluth an ſo viel Brücken und ſo viel Inſelſpitzen bricht, war grau mit ſilbernen Falten. Rings um die Stadt, jen⸗ ſeits der Mauern, verlor ſich der Blick in einem Kreiſe flockenartiger Dünſte, hinter denen man die unendliche Linie der Ebenen und die anmuthige Bauchung der Wei⸗ ler erblickte. Alle Arten zitternden Geräuſches ſchwebten über der halberwachten Stadt. Im Oſten trieb der Wind weiße Wollflocken, die er dem nebligen Fließ der Hügel entriſſen, vor ſich her. Auf dem Vorplatz zeigten ſich einige gutmüthige Frauen mit ihrem Milchtopf in der Hand, vell Erſtau⸗ — nen, das ſonderbar verfallene Ausſehn des Hauptthores von Notre⸗Dame, und zwei Bleiſtröme, die in den Sand⸗ ſteinrinnen erſtarrt waren, beſchauend. Quaſimodo's Scheiterhaufen zwiſchen den Thürmen war erloſchen. Tri⸗ ſtan hatte ſchon den Platz abfegen und abwaſchen und die Todten in die Seine werfen laſſen. Könige, wie Ludwig XI., tragen Sorge, ſo ſchnell als möglich das Pflaſter nach einem Gemetzel reinigen zu laſſen. Außerhalb der Baluſtrade des Thurmes und zwar grade unter der Stelle, wo der Prieſter ſtand, war eine phantaſtiſch geſchnittene Dachrinne, wovon die gothiſchen Gebäude ſtarren, und in der Spalte dieſer Rinne waren zwei hübſche Leykoyen, die vom Hauche des Windes geſchüttelt und gleichſam lebendig, ſich muthwilligen Gruß zuzunicken ſchienen. Ueber den Thürmen hörte man fern in der Luft das Geſchrei der Vögel. Der Prieſter aber ſah und hörte Nichts von dem. Er gehörte zu den Menſchen, für die es weder Morgen, noch Vögel, noch Blumen gibt. Auf dem ungeheuren Horizont, der rings um ihn ſo viele Ausſichten bot, war ſeine Betrachtung nur auf einen einzigen Punkt gerichtet. Quaſimodo brannte von Begier, ihn zu fragen, was er mit der Zigeunerin begonnen habe; allein der Archi⸗ diakonus ſchien in dem Augenblick außerhalb der wirk⸗ lichen Welt ſich zu befinden. Offenbar befand er ſich in einer der qualvollſten, leidenſchaftlichſten Minuten des Lebens, wo man ſelbſt das Einſtürzen der Erde nicht bemerken würde. Schweigend und unbeweglich ſtand er da, indem er den Blick auf einen beſtimmten Ort hef⸗ tete. Sein Schweigen und ſeine Unbeweglichkeit hatten etwas ſo Furchtbares, daß der wilde Glockenläuter bebte und daran ſich zu reiben nicht wagte. Nur folgte ſein Blick der Augen⸗Richtung des Archidiakonus(dies war ja auch eine Art, ihn zu befragen), und ſo trafen beider Blicke auf den Grove⸗Platz. Er ſah, was der Prieſter betrachtete. Die Leiter war am Galgen aufgerichtet. Einiges Volk und viele Soldaten ſtanden auf dem Platze. Ein Mann ſchleifte etwas Weißes, woran etwas Schwarzes hing, über das Pflaſter. Der Mann hielt am Fuß des Galgens. Dann ereignete ſich Etwas, was Quaſimodo nicht genau ſehen konnte. Sein einziges Auge hatte zwar alle Schärfe bewahrt, allein ein dichter Haufen von Soldaten verhin⸗ derte ihn, Alles zu ſehen. Da erſchien die Sonne, und über Paris ergoß ſich eine ſolche Lichtfluth, daß alle Thurmſpitzen, Schornſteine und Giebel auf einmal in Feuer zu ſtehen ſchienen. Der Mann ſtieg die Leiter hinan. Quaſimodo ſah ihn deutlich. Auf der Schulter trug er ein junges, weiß gekleidetes Mädchen mit einer Schlinge um den Hals. Quaſimodo erkannte ſie; ſie war es. Der Mann gelangte oben auf die Leiter und befeſtigte den Strick. Der Prieſter, um beſſer ſehen zu können, knieete auf das obere Geländer. Plötzlich ſtieß der Mann mit dem Fuße die Leiter fort, und Quaſimodo, der kaum noch athmete, ſah das unglückliche Mädchen mit dem Mann an ihren Füßen zwei Ellen über dem Pflaſter ſchweben. Der Strick drehete ſich mehrere Male um, und Quaſimodo ſah, wie furchtbare Zuckungen am Leibe der Zigeunerin hinabliefen. Der Prieſter betrachtete mit ausgeſpanntem Halſe, mit Augen, die faſt aus den Höhlen traten, dieſe furchtbare Gruppe des Mannes und des Mädchens, der Spinne und der Fliege. Im furchtbarſten Augenblick zeigte ſich ein teufliſches Lachen, wozu man nur dann fähig iſt, wenn man auf⸗ hört, Menſch zu ſein, auf dem leichenfarbenen Antlitz des Prieſters. Quaſimodo konnte es zwar nicht verneh⸗ men, aber ſah es. Der Glockenläuter ſprang einige Schritte hinter den Archidiakonus zurück, ſtürzte plötzlich wüthend auf ihn ein, und ſtieß ihn mit beiden Händen hinterrücks in den Abgrund hinab, über den Dom Claude ſich lehnte. 3 Der Prieſter rief:„Verdammung!“ und fiel. Die Rinne unter ihm hielt ihn auf; er klammerte ſich an mit verzweifelnden Händen, und als er den Mund öffnete, um einen zweiten Schrei auszuſtoßen, ſah er uber ſeinem Kopfe am Geländer die rächende und furcht⸗ bare Geſtalt Quaſimodo's und ſchwieg. Unter ihm gähnte ein Abgrund, ein Fall von mehr als zweihundert Fuß auf das Pflaſter. In dieſer furchtbaren Lage ſprach er kein Wort, ließ keinen Seufzer vernehmen, krümmte ——— — 225— ſich aber an der Rinne mit unerhörter Kraftanſtrengung, um wieder aufzuſteigen. Allein ſeine Hände faßten keinen Holt auf dem Granit; ſeine Füße kratzten in die geſchwärzte Mauer, ohne einzubeißen. Alle, welche die Thürme von Notre⸗Dame beſtiegen, wiſſen, daß unmittelbar unter der Baluſtrade eine Bauchung des Steines ſich befindet. Auf dieſem zurücktretenden Winkel erſchöpfte der Archidiako⸗ nus ſeine Kräfte; er rang auf einer nicht ſpitzigen, ſon⸗ dern unter ihm fliehenden Mauer. Quaſimodo brauchte ihm nur die Hand zu reichen, um ihn aus dem Abgrund zu ziehen; allein er ſah nicht einmal hin. Er blickte nur auf den Grève⸗Platz, auf den Galgen, auf die Zigeunerin. Der Taube ſtützte ſich mit den Elbogen auf die Baluſtrade, worauf der Archi⸗ diakonus noch vor einem Augenblick knieete, und ſtand, auf den einzigen Gegenſtand blickend, den es in dem Augenblick für ihn auf der Welt gab, regungslos wie ein vom Blitz Getroffener. Ein langer Strom von Thrä⸗ nen entſtrömte dem einzigen Auge, welches bis dahin nur eine Thräne vergoſſen hatte. Der Archidiakonus keuchte. Seine kahle Stirn rie⸗ ſelte von Schweiß, ſeine Nagel bluteten an dem Stein, ſeine Kniee wurden an der Mauer geſchunden. Er hörte, wie ſein Prieſterkleid, an der Rinne feſtgehalten, bei jeder Erſchütterung krachte und aufriß. Zum Uebermaaß des Unglücks endete dieſe Rinne mit einer bleiernen Röhre, die unter der Laſt ſeines Körpers ſich bog. Der XV.. 15 liche ſah ein, wann ſeine Hände durch die Kraftanſtren⸗ gung gelaͤhmt, das Blei niedergebogen und ſein Kleid zerriſſen wäre, müſſe er hinabfallen. Furcht quälte ſein Herz. Bis weilen blickte er verſtört auf eine ſchmale Fläche, zehn Fuß unter ſich, die durch einige Skulpturen bewirkt war, und dann flebete er mit verzweifelnder Seele inbrünſtig zum Himmel, auf dieſem Raum von zwei Quadratfuß ſein Leben beſchließen zu dürfen, ſollte es auch hundert Jahre währen. Einmal ſah er unter ſich in den Abgrund, aber ſogleich ſchloß er die Augen, und ſein Haar ſträubte ſich empor. Das Schweigen beider Männer war furchtbar. Wäh⸗ rend der Archidiakonus, einige Fuß von Quaſtmodo ent⸗ fernt, ſo ſchrecklich mit dem Tode rang, weinte Quaſi⸗ modo und blickte auf den Grève⸗Platz. Als der Archidiakonus einſah, alle Verſuche empor⸗ zuklimmen erſchütterten nur die ſchwache, ihm noch blei⸗ bende Stütze, faßte er den Entſchluß, ſich nicht mehr zu rühren. Er umarmte die Rinne, athmete kaum, regte ſich nicht, und war ohne alle andere Bewegung als die maſchinenmäßige, krampfhafte Zuſammenziehung des Ma⸗ gens, welche man in Träumen, wenn man zu fallen wähnt, empfindet. Seine ſtarrenden Augen waren krank⸗ haft und ſtaunend aufgeriſſen. Allmäahlig verlor er den letzten Haltpunkt; ſeine Finger glitſchten am Blei, ſchwä⸗ cher wurden ſeine Arme, ſchwerer ſchien ihm ſein Kör⸗ Archidiakonus fühlte, wie ſie allmählig wich. Der Unglück. + per. Die Bleibiegung, woran er ſich klammerte, neigte ſich mit jedem Augenblick um eine Kerbe dem Abgrund zu. Unter ſich ſah er das Dach von St. Jean⸗le⸗Rond klein wie ein Kartenhäuschen. Nach einander betrachtete er die ſtarren Skulpturen des Thurms, die über den Abgrund eben ſo ohne Mitleid für ihn bingen, wie er ſelbſt vor ihren Geſtalten nicht erſchrak. Rings um ihn her war Alles von Stein; vor ſeinen Augen gähnende Ungeheuer, unter ihm das Pflaſter des Platzes, über ſeinem Haupt der weinende Quaſimodo. Auf dem Vorplatz der Kirche ſtanden einige Gruppen Neugieriger, welche ruhig zu errathen ſuchten, welcher Narr ſich ein ſo gefährliches Vergnügen machen bönne. Der Prieſter hörte— denn ihre Stimme gelangte zu ihm hell und ſcharf— wie ſie ſagten:„ Wahrhaftig, er wird ſich noch den Hals brechen!“ Quaſimodo weinte. Endlich ſah der Archidiakonus, ſchäumend vor Wuth und Furcht, Alles ſei vergeblich. Dennoch raffte er alle Kraft zu einer letzten Anſtrengung zuſammen. Starr erhob er ſich auf der Rinne, ſtemmte beide Kniee gegen die Mauer, klammerte ſich mit den Händen in eine Steinſpalte, und klomm vielleicht einen Fuß in die Höhe. Doch bei der Kraftanſtrengung bog ſich plötzlich der bleierne Schnabel, ſeine bisherige Stütze, und das Prieſterkleid zerriß. Er fühlte, wie Alles unter ihm wich, wie allein ſeine ſtarren und jetzt auch erſchöpften Hände noch an 15* Etwas ſich hielten; da ſchloß der Unglückliche die Augen, ließ die Rinne los, und ſtürzte hinab. Quaſimodo ſah ihn fallen. Ein Sturz von ſolcher Höhe bleibt ſelten lothrecht. Der Archidiakonus, in die Luft geſchleudert, fiel zuerſt mit dem Kopf nach unten und mit ausgebreiteten Armen, dann ſchlug er, mehrere Male ſich drehend, um; und endlich trieb ihn der Wind auf das Dach eines Hauſes, wo er ſich zu zerſchmettern begann. Als er dort anlangte, war er noch nicht todt. Der Glockenläuter ſah, wie er noch einmal einen Verſuch machte, ſich mit den Nägeln an dem Giebel zu halten; allein das Dach war zu ſchräg, und der Archidiakonus hatte alle Kräfte ſchon erſchöpft. Er glitſchte ſchnell auf dem Abhange des Daches, wie ein Dachziegel, hinab, fuhr auf dem Steinpflaſter noch einmal in die Höhe, und regte ſich nicht mehr. Quaſimodo richtete hierauf den Blick auf die Zigeu⸗ nerin, an deren Leibe er von Weitem die letzten Zuk⸗ kungen des Todeskrampfes erblickte; dann ſchaute er auf den Archidiakonus, der unten am Thurm ohne Menſchen⸗ geſtalt ausgeſtreckt lag, und ſprach mit einem Schluchzen, das ſeine tiefe Bruſt hoch erhob:„Oh! Alles, was ich liebte!“ 3. Des Phoebus Heirath. Als die Gerichtsbeamten des Biſchofs am Abend dieſes Tages den zerſchmetterten Leichnam des Archi⸗ diakonus vom Pflaſter aufnahmen, war Quaſimodo aus —— Ende, denn er verheirathete ſich. — 229— Notre⸗Dame verſchwunden. Ueber dies Ereigniß wurden mancherlei Gerüchte in Paris verbreitet. Man hegte keinen Zweifel, der Tag ſei gekommen, wo Quaſimodo, d. h. der Teufel, nach dem Vertrage den Archidiakonus Claude Frollo, d. h. den Hexenmeiſter, endlich geholt hatte. Man vermuthete, er habe den Leib zerbrochen, um die Seele herauszunehmen, wie Affen zu thun pflegen, wenn ſie die Schaale zerbrechen, um den Nußkern zu verſpeiſen. Deßhalb ward auch der Archidiakonus nicht in geweihter Erde begraben. Ludwig XI. ſtarb im fol⸗ genden Jahre 1483, im Monat Auguſt. Pierre Gringoire war ſo glücklich, die Ziege zu retten, und erlangte auch einigen Beifall im Tragodien⸗ Dichten. Nachdem er, wie es ſcheint, alle Thorheiten gekoſtet hatte, die Aſtrologie, Hermetik, Philoſophie und Architektur, kehrte er zur albernſten Thorheit, der Tra⸗ gödie, zurück; das nannte er: Ein tragiſches Ende nehmen. Hinſichtlich ſeiner dramatiſchen Triumphe lieſt man im Rechnungsbuche von Paris nach 1483:„Für Jehan Marchand und Pierre Gringoire, Zimmermeiſter und Dichter, welche gemacht und geſchrieben das bei'm Einzuge des Legaten dargeſtellte Myſterium, auch die Perſonen beſtellt, angerichtet und bekleidet, wie's zum genannten Myſterium erforderlich war, ſerner für Gerüſte und Arbeit: 106 Liores.“ Auch Phoebus von Chateaupers nahm ein tragiſches — 230— 4. Quaſimodo's Verheirathung. Wie wir ſagten, war Quaſtmodo am Todestage der Zigeunerin und des Archidiakonus aus Notre⸗Dame ver⸗ ſchwunden. Man ſah ihn nicht wieder und wußte nicht, was aus ihm geworden war. In der Nacht, welche auf Esmeralda's Hinrichtung folgte, hatten die Henkersknechte ihre Leiche vom Galgen gebunden, und ſie, wie es damals Sitte war, in den Keller von Montfaucon getragen. Montfaucon war, wie Sauval ſagt, der älteſte und prächtigſte Galgen im Königreich. Zwiſchen den Vorſtädten du Temple und St. Martin, ungefähr hundert und ſechzig Toiſen von den Pariſer Mauern, und einige Armbruſt⸗ ſchüſſe von der Courtille entfernt, ſah man auf dem Gipfel eines ſich ſanft erhebenden Hügels, der aber noch immer groß genug war, um einige Stunden weit geſehen werden zu können, ein ſonderbar geſtaltetes Gebaude, das einem celtiſchen Cromlech, wo ja auch Menſchenopfer gebracht wurden, ziemlich gleich war. Man denke ſich auf dem Gipfel eines Gipshaufens ein großes gemauertes Parallelepipedum, 15 Fuß hoch, 30/ breit und 40“ lang, mit einem Thor, einer Auffahrt und einer oberen Fläche, auf dieſer Fläche 16 ungeheure Pfeiler von Stein als Kolonnade an dreien der vier Seiten, 13 Fuß hoch, und auf dem Gipfel mit ſtarken Balken, von wo Ketten hinabhängen, verbunden; an allen Ketten Skeleite, in der Ebene, welche dies Gebäude umgibt, ein ſteinernes Kreuz und zwei Galgen zweiten 8 — 231— Ranges, welche, als Steckreiſer, um den mittleren her⸗ vorzuſproſſen ſcheinen; endlich am Himmel immerwäh⸗ rende Rabenſchwärme; dann erhält man einen Begriff von Montfaucon. Am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts war der furchtbare, 1328 erbaute Galgen ſchon ſehr verfallen. Die Balken waren wurmſtichig, die Ketten verroſtet, die Pfeiler von Moos grün gefärbt, die gehauenen Steine bei ihren Einfügungen wieder geſpalten, und Gras drang auf der oberen Fläche, welche die Füße nicht berührten, hervor. Am Himmel bildete dies Gebäaude ein furchtbares Profil, beſonders des Nachts, wenn der Mond auf die weißen Schä⸗ del ſchien, oder wenn der Abendwind Ketten und Skelette bewegte und im Dunkel ſchüttelte. Dieſer Galgen genügte, um die Umgegend zu unheiloollen Orten umzuſchaffen. Der ſteinerne Bau, der dem verhaßten Monumente zur Baſis diente, war hohl. Man hatte dort einen unge⸗ heuern Keller gebaut, der von einem alten, verdorbenen Eiſengitter geſchloſen ward. Dorthin warf man nicht allein die von den Ketten Montfaucon's gelöſten Leichen, ſondern die Leiber aller andern Ungluücklichen, die an den übrigen Galgen von Paris gehängt waren. In dieſer tiefen Fleiſchbank, wo ſo viel menſchlicher Staub, ſo viele Verbrecher verfaulten, trugen manche Unſchuldige, manche Große des Reichs ihre Gebeine, von Enguerrand de Ma⸗ rigny an, der ein Gerechter war und Montfaucon eröff⸗ naete, bis zum Admiral von Coligny, der ein Gerechter war und Montfaucon ſchloß. Hinſichtlich des geheimnißvollen Verſchwindens von Quaſimodo konnten wir nur Folgendes entdecken. Ungefähr zwei Jahre oder achtzehn Monate nach den Ereigniſſen, welche dieſe Geſchichte ſchließen, holte man aus dem Keller von Montfaucon die Leiche von Olivier⸗ le⸗Daim, welcher zwei Tage vorher gehängt war, und dem Karl VIII. die Gnade bewilligte, in beſſerer Geſell⸗ ſchaft auf dem Kirchhofe von St. Laurent beerdigt zu werden. Da fand man unter den ſcheuslichen Leichen zwei Skelette, wovon das eine das andre eng umſchlungen hielt. Das eine der. Skelette war ein weibliches, und an ihm hingen noch einige Fetzen eines früher weißen Kleides; am Halſe ſah man ein Halsband von Zauber⸗ figuren, mit einem ſeidenen Beutel, der, mit grünem Glas geſchmückt, offen und leer war. Dieſe Gegenſtände hatten offenbar ſo wenig Werth, daß der Henker ſie nicht hatte haben wollen. Das andre Skelett, welches dies weibliche eng umſchlungen hielt, war ein männliches. Man bemerkte, die Rückenmarksſäule ſei gedreht, der Kopf ſtehe zwiſchen den Schultern, und ein Bein ſei kürzer, als das andere. Uebrigens war im Genick deſ⸗ ſelben kein Bruch in der Rückenmarksſäule, ſo daß der Mann, von dem das Skelett ſtammte, offenbar nicht gehängt war. Er mußte hieher gekommen, und dann geſtorben ſein. Als man es von dem andern Skelett, das es umſchlungen hielt, löſen wollte, ſiel es in Staub zuſammen. —jj— ffffffffffffffffffffffffff 11 12 13 14 15 16 17