Notre-Dame von Paris. Deutſſch von Franz Kottenkamp. Zweiter Theil. ——— Frankfurt am Main, 1836. Druck und Verlag von Johann David Sauerländer. Fünftes Juch. 1. Abbas Beati Martini. Der Ruf Dom Claudes hatte ſich weithin verbreitet. Ungefähr zu der Zeit, als er Madame de Beaujeu zu ſehen ſich weigerte, trug jener Ruf ihm einen Beſuch ein, an den er noch lange ſpäter dachte. Eines Abends begab er ſich nach dem Meßamte in ſeine canoniſche Zelle des Kloſters Notre⸗Dame; dieſe zeigte nichts Geheimes noch Auffallendes, mit Ausnahme einiger in den Winkel geſtellter Gläſer mit einem zwei⸗ deutigen Pulver, welches dem Schießpulver ſehr ähnlich war. Nur hin und wieder ſah man einige Inſchriften an der Wand, aber dies waren ganz allein fromme oder wiſſenſchaftliche Sprüche aus guten Schriftſtellern. Der Archidiakonus hatte ſich beim Scheine einer geſchnäbelten Kupferlampe an ein mit Manuſkripten bedecktes Pult geſetzt. Er ſtützte den Ellenbogen auf das aufgeſchlagene Buch des Honorius von Autun de libero arbitrio et praedestinatione, und blätterte, tief ſinnend, in einem ſo eben herangetragenen Folianten, dem einzigen Produkt der Preſſe, welches ſeine Zelle enthielt. Mitten in ſeiner * 3 Träumerei vernahm er Klopfen an der Thür.„Wer da?“ rief der Gelehrte mit dem anmuthigen Tone eines hungrigen Bullenbeißers, den man bei'm Benagen ſeines Knochens ſtört. Eine Stimme erwiederte draußen:„Euer Freund Jacques Coictier.“ Claude ſtand auf, zu öffnen. Wirklich war es des Königs Arzt; ein ungefähr fünfzig⸗ jähriger Mann, deſſen harte Phyſtognomie nur durch einen ſchlauen Blick gemildert ward. Ihn begleitete ein anderer Mann. Beide trugen ein langes, ſchiefergraues, mit grauem Pelz beſetztes Kleid, mit Gürtel und Mütze aus demſelben Stoff und von derſelben Farbe. Ihre Hände verſchwanden in den Aermeln, ihre Füße unter dem Ge⸗ wande, ibre Augen unter den Mützen. „Gott ſchütze euch, ihr Herren,“ ſprach der Dia⸗ konus, ſie in das Gemach führend;„ich erwartete nicht, einen ſo ehrenvollen Beſuch zu ſolcher Stunde und auf ſo höfliche Weiſe zu erhalten.“ So redend, richtete er einen unruhigen, forſchenden Blick auf den Arzt und deſſen Begleiter. „Nie iſt es zu ſpät, einen ſo großen Gelehrten, wie Dom Claude Frollo von Tirechappe zu beſuchen,“ erwie⸗ derte der Doktor Coictier, deſſen Ausſprache(er war aus der Franchecomté gebürtig) ſeine Phraſen mit der Majeſtät eines Schleppenkleides hinſchleppen ließ. Hierauf begann zwiſchen dem Arzt und dem Archi⸗ diakonus einer der glückwünſchenden Prologe, welche es damals Sitte war, jedem Geſpräch zwiſchen Gelehrten — voranzuſenden, welche dieſe aber nie hinderte, ſich gegen⸗ ſeitig herzlich zu verabſcheuen. Uebrigens iſt dies heut zu Tage eben ſo der Fall; jeder Gelehrtenmund, der einem andern Höflichkeiten ſagt, iſt ein mit Honig beſtri⸗ chenes Gefäß voll Galle. Claudes Glückwünſche zielten hauptſächlich auf die zahlreichen, zeitlichen Vortheile, welche der würdige Arzt während ſeiner ſo ſehr benei⸗ deten Laufbahn aus jeglicher Krankheit des Königs zu ziehen wußte; denn er übte eine beſſere und ſichere Alchimie, als das Aufſuchen des Steines der Weiſen. „Wahrhaftig, Herr Doktor Coictier, ich freute mich ſehr, zu vernehmen, daß Euer Neffe, der ehrwürdige Herr Pierre Verſé, die Biſchofswürde erhielt. Nicht wahr, er iſt Biſchof von Amiens?“—„Ja, Herr Archi⸗ diakonus; es iſt die Gnade und das Erbarmen Gottes.“ —„Wißt Ihr auch, daß Ihr Euch an der Spitze Eurer Rechnungskammer am Weihnachtstage als Präſident prächtig ausnahmt?“—„Ach, Dom Claude, nichts wei⸗ ter als Vicepräſident.“—„Wie weit iſt der Bau Eures prächtigen Hauſes in der Straße St. André⸗ des⸗Arcs vorgerückt? Das wird ein zweites Louvre. Auch liebe ich ſehr den Aprikoſenbaum über der Thür mit dem ſchö⸗ nen Wortſpiel à P'Abri— Cotier“*).—„Ach, Meiſter **) Ein unüberſetzbares Wortſpiel: zum Aprikoſenbaum, und zugleich: geh' vor Anker, Lootſe. Zugleich auch Anſpielung auf den Namen Coictier. — 8— Dom Claude, der Bau koſtet mich viel Geld. Je mehr er fortſchreitet, deſto mehr richte ich mich zu Grunde.“— „Oh! habt Ihr nicht die Einkünfte des Gefängniſſes und des Baillage vom Palais, ſo wie die Miethe aller Häu⸗ ſer, Schoppen, Fleiſchbänke, Wohnungen im ganzen Be⸗ reiche? Da ſaugt Ihr an einer vollen Bruſt.“—„Mein Schloßamt von Poiſſy hat mir dies Jahr aber Nichts eingebracht.“—„Aber Eure Zölle von Triel, St. James, St. Germain⸗en⸗Laye ſind ſehr einträglich.“—„Sechs Mal zwanzig Livres, nicht einmal Livres parisis.“— „Ihr habt aber doch ein Amt als Rath des Königs; das gibt Euch ein feſtes Einkommen.“—„Ja, Gevatter Claude, aber meine Herrſchaft von Poligny, wovon man ſo viel Lärm macht, bringt mir im Durchſchnitt keine ſechzig Goldgulden ein.“ In den Höflichkeiten, die Dom Claude auf ſolche Weiſe an Jacques Coictier richtete, lag der ſardoniſche, ſcharfe, ſpöttiſche Ton, das grauſame, liſtige Lächeln eines überlegenen, aber unglücklichen Mannes, der aus Zerſtreuung einen Augenblick mit dem fetten Wohlbehagen eines gewöhnlichen Menſchen ſpielt. Der Andre bemerkte es nicht. „Bei meiner Seele,“ ſprach Claude endlich, ihm die Hand drückend,„es iſt mir lieb, Euch ſo geſund zu ſe⸗ hen.“—„Danke, Meiſter Claude.“—„Wie geht's Eurem königlichen Kranken?“—„Er bezahlt ſeinen Arzt ſehr ſchlecht,“ ſprach Claude, indem er einen Seiten⸗ ——— blick auf ſeinen Gefährten warf.—„Meint Ihr, Gevatter Coictier?“ fragte dieſer. Dieſe mit dem Tone des Vorwurfs und des Erſtau⸗ nens ausgeſprochenen Worte lenkten ſchnell die Aufmerk⸗ ſamkeit des Archidiakonus auf den Unbekannten. Jener hatte jedoch, um die Wahrheit zu berichten, nicht einen Augenblick ſich von ihm gänzlich abgewandt, ſeit der Fremde ſeine Thürſchwelle überſchritten hatte. Auch konn⸗ ten nur die tauſend Gründe, den allmächtigen Arzt Lud⸗ wigs XI. zu ſchonen, ihn dahin bringen, dieſen in der Begleitung ſo gütig aufzunehmen. Auch hatte ſein Antlitz eben keinen herzlichen Ausdruck, als Coictier zu ihm ſagte: „Ich bringe, Dom Claude, Euch hier einen Gevatter, der wegen Eures Rufes mit Euch Bekanntſchaft zu machen wünſcht.“ „Der Herr iſt auch Gelehrter?“ fragte der Archi⸗ diakonus, indem er auf Coictiers Gefährten einen durch⸗ dringenden Blick heftete. Unter den Brauen des Unbe⸗ kannten bemerkte er aber nicht weniger ſcharfe, argwöh⸗ niſche Blicke. So weit er bei dem ſchwachen Schein der Lampe ihn prüfen konnte, war es ein Greis von ungefähr ſechzig Jahren, von mittlerer Größe, der ziem⸗ lich krank und gebrochen zu ſein ſchien. Sein Profil bildete eine mehr bürgerliche Linie, hatte aber einen mächtigen und ſtrengen Ausdruck; ſein Augapfel funkelte unter hoch gewölbten Brauen, und glich einem Licht im Grunde einer Höhle; unter der übergeſchlagenen und — 10— faſt bis auf die Naſe fallenden Mütze ahnete man eine hohe, gewölbte Stirn. Er nahm es über ſich, auf die Frage des Archidia⸗ konus ſelbſt zu antworten.„Ehrwürdiger Meiſter,“ ſagte er mit ernſtem Ton,„Euer Ruf iſt bis zu mir gedrun⸗ gen, und ich möchte Euch um Rath fragen. Ich bin nur ein armer Edelmann aus der Provinz, welcher die Schuhe auszieht, bevor er bei Gelehrten eintritt. Ihr müßt meinen Namen erfahren. Ich heiße Gevatter Tou⸗ rangeau.“’ Sonderbarer Name für einen Edelmann, dachte der Archidiakonus. Er fühlte aber, daß er vor einem kräf⸗ tigen, ernſten Manne ſtand. Der Inſtinkt ſeines hohen Geiſtes ließ ihn einen nicht weniger hohen Geiſt unter der Pelzmütze des Gevatters Tourangeau ahnen, und da er die ernſte Geſtalt beſchaute, verſchwand der ironiſche Ausdruck ſeines düſtern Geſichts, den Coictiers Gegen⸗ wart erweckte, allmählich, gleich der Dämmerung, die am Horizonte der Nacht weicht. Ernſt und ſchweigend ſetzte er ſich in ſeinen Stuhl; ſein Arm rubete wieder auf dem gewohnten Platz des Tiſches und ſeine Stirne auf der Hand. Nach einigen Augenblicken des Nachſinnens gab er ſeinen beiden Gäſten ein Zeichen, ſich zu ſetzen, und redete den Gevatter Tourangeau an:„Ihr wollt mich, Meiſter, um Rath fragen? In welcher Wiſſen⸗ ſchaft?“—„Ehrwürdiger,“ ſprach der Gevatter,„ich bin krank, ſehr krank! Man ſagt, Ihr wär't ein großer — 11— Aesculap und ich kam zu Euch, mir ärztlichen Rath zu erholen.“ „So?“ fragte der Archidiakonus, das Haupt erhe⸗ bend. Er ſchien ſich einen Augenblick zu beſinnen und begann dann auf's Neue:„Gevatter Tourangeau, weil dies Euer Name iſt, wendet das Haupt, und die Ant⸗ wort findet Ihr ſchon geſchrieben auf der Mauer.“ Der Gevatter Tourangeau gehorchte und las über ſeinem Haupte die in die Mauer gegrabene Inſchrift: „Die Medicin iſt Tochter der Träume. Jamblichus.“ Der Doktor hatte die Frage ſeines Gefährten mit Aerger vernommen, den Claudes Antwort verdoppelte. Er neigte ſich zum Ohre ſeines Begleiters und ſprach leiſe genug, um von Claude nicht gehört zu werden: „Sagt' ich Euch nicht, er ſei verrückt? Ihr wolltet ihn dennoch ſprechen!“—„Der Verrückte könnte Recht haben,“ ſprach Jener mit bitterm Lächeln in demſelben leiſen Ton.—„Wie's beliebt,“ erwiederte Coictier trok⸗ den. Dann wandte er ſich zum Archidiakonus:„ Ihr ſeid kurz angebunden, Dom Claude, und mit Hippokrates werdet Ihr eben ſo ſchnell fertig, wie ein Affe mit einer Nuß. Die Mediein ein Traum! Ich glaube, die Apo⸗ theker und Myrrhen⸗Meiſter würden Euch ſteinigen, wären ſie hier. Ihr läugnet alſo den Einfluß der Liebes⸗ tränke auf's Blut, und der Salben auf's Fleiſch! Ihr läugnet die ewige Pharmacie der Blumen und Metalle, — 12— die man Welt nennt, und die ganz beſonders fuͤr den ewigen Kranken geſchaffen iſt, den man Menſch nennt!“ Kalt erwiederte Dom Claude:„Ich läugne weder die Pharmacie, noch den Kranken. Ich läugne den Arzt.“ „Alſo iſt's falſch,“ hegann Coictier leidenſchaftlich auf's Neue,„die Sicht ſei eine innere Flechte, man heile eine Schußwunde durch die Anwendung einer gebratenen Maus; friſches, paſſend in die Adern gegoſſenes Blut verjünge alte Venen, und der Emproſtathonos folge dem Opiſtathonos.“ Der Archidiakonus erwiederte kalt:„Ueber gewiſſe Dinge denke ich auf meine Weiſe.“ Coictier ward roth aus Zorn. „Still, ſtill, guter Coictier, ärgert Euch nicht,“ ſagte der Gevatter Tourangeau;„der Herr Archidiakonus iſt unſer Freund.“ Coictier beruhigte ſich, murmelte aber zwiſchen den Zähnen:„Er iſt verrückt.“ „Sott's Oſtern! Meiſter Claude,“ begann der Ge⸗ vatter auf's Neue nach einigem Schweigen,„ich fühle Zwang in Eurer Nähe. Um zwei Dinge wollte ich Euch um Rath fragen, um meine Geſundheit und meinen Stern.“—„Herr,“ erwiederte der Archidiakonus,„war das Euer Gedanke, hättet Ihr beſſer gethan, Euch auf den vielen Stufen meiner Treppe nicht außer Athem zu ſteigen. Ich glaube weder an die Medicin, noch die Aſtrologie.“ „Wahrhaftig!“ rief der Gevatter überraſcht aus. — 13— Coictier ſagte leiſe mit gezwungenem Lächeln:„Seht Ihr, daß er verrückt iſt?“ „Wie kann man ſich einbilden,“ ſagte Claude,„daß jeglicher Strahl eines Sternes ein Faden iſt, der am Haupte eines Menſchen haftet?“— „Woran glaubt Ihr denn?“ rief der Gevatter aus. Der Archidiakonus ſtand einen Augenblick unentſchloſſen da. Dann ſpielte ein düſteres Lächeln um ſeinen Mund, welches ſeine Antwort der Lüge zu zeiben ſchien:„Credo in Deum.“—„Dominum nostrum,“ fügte der Gevatter hinzu, ein Kreuz ſchlagend.—„Amen,“ ſagte Coictier. „Ehrwürdiger Vater,“ ſprach der Gevatter,„ich bin tief entzückt, Euch ſo fromm zu ſehen. So gelehrt Ihr aber auch ſeid, geht dies ſo weit, daß Ihr auch nicht an die Wiſſenſchaft glaubt?“ „Nein,“ ſprach der Archidiakonus; er ergriff den Arm des Gevatters, und ein Blitz des Enthuſiasmus entzündete ſich in ſeinem matten Auge,„ nein, die Wiſ⸗ ſenſchaft läugne ich nicht. Umſonſt kroch ich nicht durch die zahlloſen Windungen der Höhle und grub meine Nägel in den Boden; ich blickte am Ende der dunklen Galerie ein Licht, eine Flamme, ein Etwas; gewiß den Reflex des blendenden Central⸗Laboratoriums, wo die Geduldigen und Weiſen Gott überraſchten.“—„Kurz.“ ſagte Tourangeau,„Etwas haltet Ihr für wahr und gewiß?“—„Die Alchimie.“ Coictier rief aus:„Bei Gott, Dom Claude, die — 11— Alchimie hat gewiß Recht, warum aber läſtert Ihr die Alſtrologie und Medicin?“ „Eure Wiſſenſchaft des Menſchen iſt ein Nichts; Eure Wiſſenſchaft des Himmels iſt ein Nichts,“ ſprach der Archidiakonus mit gebietendem Ton. „Ihr ſchont ja weder Epidaurus, noch Chaldäa,“ erwiederte grinſend der Arzt.—„Hört, Herr Jacques, ich ſpreche aus Ueberzeugung, bin kein Arzt des Königs, und ſeine Majeſtät ſchenkte mir auch nicht den Garten Dädalus, die Sterne dort zu beſchauen. Aergert Euch nicht und hört mich an. Welche Wahrheit habt Ihr,— ich meine nicht aus der Mediein, denn dieſe iſt albernes Geſchwätz, ſondern aus der Aſtrologie gewonnen? Er⸗ wähnt nur die Eigenſchaften des Buſtrophedon Verticalis, das Ergebniß der Zahlen Ziruph und Zephirod?“ „Läugnet Ihr denn,“ ſchrie Coictier,„die ſymboliſche Kraft der Clavicula und Alles, was die Cabbala daraus herleitet?“. „Irrthum, Herr Jacques; keine Eurer Formeln grenzt an die Wirklichkeit. Die Alchimie aber kann ihre Entdeckungen aufweiſen. Wollt Ihr Reſultate, wie die folgenden, abläugnen? Das tauſend Jahre im Innern der Erde eingeſchloſſene Eis wird zum Bergkryſtall.— Blei iſt der Ahn aller Metalle; denn das Gold iſt kein Metall, ſondern Licht.— Das Blei bedarf vier Perioden von zweihundert Jahren, um allmählich in den Zuſtand des rothen Arſeniks, von da in den des Zinnes, Silbers — 15— überzugehn? Sind das Thatſachen? Allein an die Cla⸗ vicula, die volle Linie und die Sterne zu glauben, iſt eben ſo lächerlich, als der Wahn die Einwohner von Grand⸗Cathay, die Goldammer verwandle ſich in einen Maulwurf, und die Kornkörner in Fiſche.“ „Ich habe die Hermetik ſtudirt,“ rief Coictier,„und behaupte....„ Aber der ungeſtüme Archidiakonus ließ ihn den Satz nicht ſchließen.—„Auch ich habe die Me⸗ dicin, Hermetik, Aſtrologie ſtudirt. Hier allein liegt die Wahrheit!(Bei den Worten nahm er vom Pult die ſchon erwähnte Phiole voll ſchwarzen Pulvers.) Hier allein iſt Licht! Hippokrates iſt ein Traum, Urania ein Traum, Hermes ein Gedanke. Das Gold iſt die Sonne; Gold machen, heißt Gott ſein. Das iſt die einzige Wiſ⸗ ſenſchaft. Ich ſagte Euch, Medicin und Aſtrologie habe ich durchforſcht! Nichts! gar Nichts! Dunkel der menſch⸗ liche Körper, Dunkel die Geſtirne!“ Dann ſiel er auf ſeinen Stuhl, in kräftiger, begeiſter⸗ ter Stellung zurück. Gevatter Tourangeau beobachtete ihn ſchweigend. Coictier ſuchte zu grinſen, zuckte unmerklich die Achſeln und wiederholte mit leiſer Stimme:„Ver⸗ rückt! verrückt!“ Plötzlich fragte Tourangeau:„Habt Ihr das wunder⸗ bare Ende berührt? Habt Ihr Gold gemacht?“ „Könnte ich das,“ erwiederte Claude langſam, wie ein Mann, der nachſinnt,„hieße der König von Frank⸗ reich Claude und nicht Ludwig.“ — 16— Der Gevatter runzelie die Brauen. „Was ſagt' ich da?“ rief Dom Claude mit verächt⸗ lichem Lächeln.„Der Thron Frankreichs wäre mir unbe⸗ deutend, da ich den Thron des Orients würde aufbauen können.“—„Das iſt was Andres,“ ſagte Tourangeau. —„Oh der arme Verrückte!“ murmelte Coictier. Der Archidiakonus fuhr fort, indem er nur ſeinen Gedanken nachzuhängen ſchien.„Doch ach! ich krieche noch am Boden! reibe die Kniee mir auf den Kieſeln des unterirdiſchen Ganges wund! Ich blicke nur von fern, ich ſchaue nicht! Ich leſe nicht, ich buchſtabire!”“ —„und wenn Ihr werdet leſen können,“ fragte der Gevatter,„werdet Ihr dann Gold machen?“—„Wer zweifelt?“ ſprach der Archidiakonus.—„In dem Fall weiß unſre Frau, daß ich ſehr des Geldes bedarf, und ich möchte gern in Euern Büchern leſen können. Sagt mir, ehrwürdiger Meiſter, Eure Wiſſenſchaft iſt unſrer Frau doch nicht mißfällig?“ Auf dieſe Frage des Gevatters antwortete Claude mit ruͤhiger Würde:„Ich bin ihr Archidiakonus.“— „Ja wohl, Meiſter. Nun, wollt Ihr mich einweihen? Laßt mich mit Euch buchſtabiren.“ Claude nahm die majeſtätiſche und prieſterliche Stel⸗ lung eines Samuel an.„Greis,“ ſprach er,„man bedarf längerer Jahre, als Euch bleiben, eine Reiſe durch dieſe geheimnißvollen Dinge zu unternehmen. Euer Haupt iſt grau. Man verläßt die Höhle nur mit gebleichtem Haar, — 17— aber man kann ſie nur mit ſchwarzem betreten. Die Wiſſenſchaft allein vermag ſchon das menſchliche Antlitz zu höhlen, zu trocknen und zu duͤrren; ſie bedarf des Alters nicht, das Antlitz mit Falten zu durchziehen. Treibt Euch dennoch bei Euerm Alter die Luſt, Euch Mühen zu unterziehen, das furchtbare Alphabet der Weiſen zu entziffern, dann kommt zu mir, ich will es verſuchen. Euch armen Greis will ich nicht ſagen, die Grabeskam⸗ mern der Pyramiden, von denen der alte Herodotus ſpricht, noch den Thurm von Backſteinen in Babylon, noch das ungeheure Heiligthum des indiſchen Tempels von Eklinga aus weißem Marmor zu beſuchen. Ich ſelbſt ſchaute nie die chaldätſchen Baue in der heiligen Form des Sikra, noch Salomos zerſtörten Tempel, noch die zerbrochenen, ſteinernen Thore des Grabmals der Könige von Israel. Wir müſſen uns mit den Fragmenten des Buches Hermes, das vor uns liegt, begnügen. Ich will Euch die Statue des heiligen Chriſtoph, das Symbol des Sämanns, das der zwei Engel am Portal der heiligen Kapelle erklären, von denen der eine die Hand in ein Gefäß, der andre in eine Wolke taucht.“ Hier ſetzte ſich Jaeques Coictier, den die ungeſtümen Antworten des Archidiakonus bis dahin entwaffnet hat⸗ ten, wieder auf ſeinen Sattel, und unterbrach ihn mit dem triumphirenden Tone eines Gelehrten, der einen andern zurechtweiſt:„Erras, amice Claudi. Das Sym⸗ bol iſt nicht die Zahl. Ihr haltet Orpheus für Hermes.“ XIV. 2 „Ihr irrt,“ erwiederte ernſt der Archidiakonus; „Dädalus iſt die Grundlage, Orpheus die Mauer, Her⸗ mes das Gebäude, das Ganze.— Kommt, wenn Ihr wollt,“ fuhr er fort, ſich zu Tourangeau wendend,„ich will Euch die Goldtheilchen zeigen, die am Boden des Schmelztiegels von Nicolas Flamel zurückblieben, und Ihr mögt es dann mit dem Golde Guillaumes von Paris vergleichen. Ich will Euch die geheime Kraft des griechi⸗ ſchen Worts periſtera lehren. Vor Allem aber laß ich Euch die marmornen Buchſtaben des Alphabets, die Granitſäulen des Buches leſen. Wir gehen zum Portal des Biſchofs Guillaume und zu dem von St. Jean⸗le⸗Rond in der heiligen Kapelle, dann zum Grabe Flamel's. Ich will Euch die Hieroglyphen erläutern, womit die vier großen, eiſernen Blöcke des Portals am Hoſpital St. Gervais in der Straße Ferronnerie bedeckt ſind. Auch ſtudiren wir zuſammen die Fagaden St. Cöme....“ Schon lange ſchien Tourangeau, ſo verſtändig auch ſein Blick war, Dom Claude nicht mehr zu verſtehen. Er unter⸗ brach ihn:„Gottes Oſtern! Was habt Ihr da für Bücher?“ „Dort ſteht eins,“ ſprach der Archidiakonus. Er öffnete das Fenſter und zeigte auf die ungeheure Kirche Notre⸗Dame, die auf dem beſtirnten Himmel den ſchwar⸗ zen Schattenriß der zwei Thürme, der ſteinernen Seiten und des gigantiſchen Rückens, hinzeichnete und als eine zweiköpfige, rieſenhafte Sphynx, die in der Stadt ruhete, erſchien. — 10— Der Archidiakonus betrachtete einige Zeit ſchweigend das gigantiſche Gebäude, dann ſtreckte er ſeufzend den rechten Arm gegen ein gedrucktes Buch, das auf dem Tiſche lag und den linken gegen Notre⸗Dame; ſein Blick wandte ſich traurig vom Buche zur Kirche, und er ſprach: „Ach, dies wird jenes tödten.“ Coictier, der mit Eifer dem Buche genahet war, konnte nicht unterlaſſen, auszurufen:„Nun, liegt denn hierin ſo viel Furchtbares? Es iſt: Glossa in epistolas D. Pauli. Norimbergae, Antonius Koburger, 1474. Das iſt nichts Neues; ein Buch des Petrus Lombar⸗ dus, des Magiſter Sententiarum. Meint Ihr, weil es gedruckt iſt?“ „Ihr ſagt es,“ erwiederte Claude. Er ſchien in tiefes Sinnen verſunken, ſtand aufrecht und hielt den gekrümmten Zeigefinger auf den Folianten, den die berühmten Nürnberger Preſſen geſchaffen hatten. Dann fügte er die geheimnißvollen Worte hinzu:„Ach, ach! kleine Dinge folgen auf große; ein Zahn beſiegt eine Maſſe, das Ichneumon tödtet das Krokodil, die Harpune den Wallfiſch, das Buch das Gebäude!“ Die Abendglocke des Kloſters tönte in dem Augen⸗ blick, wo Coictier ſeinem Gefährten ſeinen ewigen Schluß⸗ reim wiederholte:„Er iſt verrückt!“ Diesmal erwiederte Jener:„Jetzt glaub' ich's auch.“ Zu dieſer Stunde durfte kein Fremder im Kloſter bleiben. Die beiden Fremden entfernten ſich.—„Meiſter,“ 2* — 20— ſprach der Gevatter Tourangeau bei'm Abſchied zum Archi⸗ diakonus:„Ich liebe die Gelehrten und die Männer von großem Geiſt; Euch aber achte ich vor allen. Kommt morgen zum Palais des Tournelles und fragt nach dem Abt von St. Martin⸗de⸗Tours.“ Der Archidiakonus trat erſtaunt in ſeine Zelle zurück; denn jetzt erſt merkte er, wer der Gevatter Tourangeau war und erinnerte ſich an das Kartularium des Kloſters St. Martin⸗de⸗Tours, wo es heißt: Abbas beati Mar- tini, scilicet Rer Francide, est canonicus de consue- tudine et habet parvam praebendam, quam habet Sanc- tus Venantius, et debet sedere in sede thesaurarii. Seitdem hatte, wie man erzählte, der Archidiakonus häufige Zuſammenkünfte mit Ludwig XI., wann ſeine Majeſtät nach Paris kam, ſo daß Dom Claudes Kredit Verdacht bei Olivier⸗le⸗Daim und Jacques Coictier erweckte, der nach ſeiner Weiſe den König oft und hart darüber zurechtſetzte. 2. Dies wird Jenes tödten. Unſre Leſerinnen mögen uns verzeihen, daß wir einen Augenblick mit dem Verſuche verbringen, den Gedanken zu erklären, der ſich unter den räthſelhaften Worten des Archidiakonus:„Dies wird Jenes, das Buch das Gebäude tödten,“ verbarg. Nach unſrer Meinung bot der Gedanke zwei Seiten. Zuerſt war es der eines Prieſters, der Schauder des — 21— Prieſterthums vor einer neu erſtandenen Wirkungskraft, der Buchdruckerkunſt. Der Mann des Heiligthums war durch die leuchtende Preſſe Guttenberg's erſchreckt und geblendet. Die Kanzel und das Manuſcript, das Geſchrie⸗ bene und geſprochene Worte, empfand Scheu vor dem gedruckten; der Eindruck glich dem des Sperlings, wenn er den Engel Legio ſchauen ſollte, wie er ſeine 6,000,000 Flügel ausbreitet. Es war der Schrei des Propheten, wie er die emancipirte Menſchheit lärmen und wimmeln hört, der in die Zukunft ſchaut, wie der Geiſt den Glau⸗ ben untergräbt, die öffentliche Meinung den Katholicis⸗ mus entthront, wie die Welt Rom's Joch zu Boden wirft. Es war das Prognoſtikon des Philoſophen, der den menſchlichen Gedanken durch die Preſſe verflüchtigt, aus dem theokratiſchen Recipienten in Dunſtform auf⸗ ſteigen ſieht. Es war der Schrecken des Soldaten, welcher den ehernen Widder erforſcht und ſpricht: Bald ſtürzt der Thurm zuſammen. Es hieß: Eine Macht folgt der andern; die Preſſe tödtet die Kirche. Doch neben dieſem, gewiß urſprünglich erſten und einfachſten Gedanken, lag in den Worten ein zweiter, neuerer Sinn, ein weniger zu durchſchauendes und leich⸗ ter zu beſtreitendes Corollar, eine eben ſo philoſophiſche Anſicht, doch nicht allein die des Prieſters, ſondern auch des Gelehrten und Künſtlers. Wir meinen die Ahnung, der menſchliche Gedanke werde, die Form wechſelnd, auch die Ausdrucksweiſe ändern, die Hauptidee jeglicher Ge⸗ 8 — 22— neration werde nicht auf dieſelbe Weiſe und mit dem⸗ ſelben Stoff geſchrieben, das ſteinerne, feſte, dauernde Buch werde dem noch feſteren und dauernderen Papier weichen. In dieſer Hinſicht harg die dunkle Formel des Archidiakonus einen zweiten Sinn; ſie verkündete, eine Kunſt werde die andere entthronen, und iſt zu deuten: Die Buchdruckerpreſſe tödtet die Architektur. . Vom Urſprung der Welt bis zum ſechzehnten Jahr⸗ hundert chriſtlicher Zeitrechnung iſt die Architektur das Buch der Menſchheit, der Hauptausdruck des Menſchen, in ſeinen verſchiedenen Entwickelungszuſtänden als Kraft und Intelligenz. Als das Gedächtniß der erſten Geſchlech⸗ ter Ueberladung empfand, als die Maſſe der Erinnerungen des Menſchengeſchlechts ſo ſchwer und verwirrt ward, daß die menſchliche Rede, nackt und verfliegend, Gefahr lief, in der Ueberlieferung ſich zu verlieren, ſchrieb man jene auf der dauerhafteſten, ſichtbarſten und natürlichſten Fläche. Jede Tradition beſtegelte man mit einem Bau. Die erſten Denkmale waren Felsſtücke, die nie das Eiſen berührte, ſpricht Moſes. Die Architektur begann wie jegliche Schrift. Im Anfang war ſie alpha⸗ betiſch. Man ſtellte aufrecht einen Stein hin, und dies war ein Buchſtabe, und jeglicher Buchſtabe war Hiero⸗ glyphe, und auf jeglicher Hieroglyphe ruhete eine Ideen⸗ gruppe, wie das Kapital auf der Säule. So handelten die erſten Geſchlechter überall und zu derſelben Zeit, auf der Oberfläche der ganzen Erde. Den aufrechten 5 3 — — 23— Stein der Celten findet man in Aſiens Sibirien, wie in den Pampas Amerika's. Später ſchuf man Worte. Man legte Stein auf Stein, verknüpfte die Sylben von Granit, und das Wort verſuchte Verbindung. Das Dol⸗ men und Cromlech der Celten, der etruriſche Tumulus, das hebräiſche Galgal ſind Worte. Einige, beſonders der Tumulus, ſind Eigennamen. Bisweilen, wenn man viel Steine und eine weite Ebene beſaß, ſchrieb man eine Phraſe. Der ungeheure Steinhaufen von Kernac iſt ſchon eine Formel.. Endlich ſchuf man Bücher. Die Traditionen hatten Symbole erzeugt, unter denen ſie, gleich dem Stamme des Baums unter dem Laube, verſchwanden. Alle dieſe Symbole, woran die Menſchheit glaubte, vervielfältigten, verwirrten und kreuzten ſich immer mehr und mehr; die erſten Monumente konnten ſie nicht mehr zuſammen⸗ halten; ſie überſtrömten nach allen Seiten; kaum deu⸗ teten die Monumente noch auf die erſte, wie ſie, einfache, nackte, auf dem Boden liegende Tradition. Das Symbol bedurfte des Baues, ſich zu entfalten. Da entwickelte ſich die Architektur zugleich mit dem Gedanken des Menſchen; ſie ward rieſenhaft, tauſendköpfig, tauſendarmig und hef⸗ tete unter ewiger, ſichtbarer Form den hin⸗ und her⸗ ſchwebenden Symbolismus. Während Dädalus, die Kraft, maß, während Orpheus, der Geiſt, ſang, gruppirte ſich der Pfeiler als Buchſtabe, die Arkade als Sylbe, die Pyramide als Wort, durch ein Geſetz der Geometrie und Poeſie zugleich in Bewegung geſetzt; ſie verſchmolzen, ſtiegen auf und ab, ſtellten ſich neben einander auf den Boden und erhoben ſich zum Himmel, bis ſie unter Ein⸗ gebung des allgemeinen Zeitgeiſtes einer Epoche, die wunderbaren Bücher und Gebäude, die Pagode von Eklinga, das Rhamſeion in Aegypten und Salomos Tem⸗ pel ſchufen. Die urſprüngliche Idee lag nicht allein im Weſen der Gebäude, ſondern auch in der Form. Salomos Tempel war nicht allein die Hülle des heiligen Buches, ſondern ſelbſt das heilige Buch. Auf jeglicher koncentri⸗ ſchen Mauer konnten die Prieſter ſeine Worte übertragen und den Augen offenbart leſen, bis ſie es im letzten Tabernakel unter der konkreteſten Form des Rundbogens erſchauten. So ward das Wort in den Bau geſchloſſen; allein ſein Bild war auf der Hülle, wie die Menſchen⸗ geſtalt auf dem Sarge der Mumie. Nicht allein die Form der Gebäude, ſondern auch die Wahl ihrer Stelle enthüllte den dargeſtellten Gedan⸗ ken. War das Symbol anmuthig oder düſter, krönte der Grieche ſeine Berge mit harmoniſchen Tempeln, höhlte der Indier die ſeinigen aus, um dort die mißge⸗ ſtalteten, unterirdiſchen Pagoden auszumeißeln, die durch gigantiſche Reihen von Elephanten getragen wurden. So war in den erſten 6000 Jahren der Welt von der älteſten Pagode Hindoſtans bis zur Kölner Kathedrale die Baukunſt eine Schrift des Menſchengeſchlechts. Und — 28— dies iſt in dem Grade Wahrheit, daß nicht allein jegliches religiöſe Symbol, ſondern auch jeglicher menſchliche Ge⸗ danke Seite und Monument in dieſem ungeheueren Buche beſitzt. Jegliche Civiliſation beginnt mit Theokratie und endet mit Demokratie. Dies Geſetz der auf Einheit folgenden Freiheit iſt in der Architektur niedergeſchrieben. Man darf nicht wähnen, die Maurerkunſt ſei nur gewaltig im Erbauen eines Tempels, im Darſtellen des Mythus und des prieſterlichen Symbolismus, im Zeichnen der geheim⸗ nißvollen Geſetzestafeln durch Hieroglyphen auf ſteinernen Tafeln. Wäre dem ſo, könnte die Architektur, wenn das heilige Symbol unter dem freien Gedanken verſchwindet, den neuen Zuſtand des menſchlichen Geiſtes nicht repro⸗ duciren, ihre Blätter, auf der einen Seite beſchrieben, wären leer auf der andern, ihr Werk verſtümmelt, unvoll⸗ ſtändig ihr Buch. Doch dies iſt nicht der Fall. Nehmen wir das Mittelalter als Beiſpiel; denn dies durchblicken wir genauer, weil es uns näher liegt. Wah⸗ rend der erſten Periode, als die Theokratie Europa organiſirte, als der Vatikan aus den Elementen des zerbrochenen Roms ein neues erbaute, als das Chriſten⸗ thum unter den Trümmern der früheren Civiliſation die Stufenleiter der Geſellſchaft hervorſuchte und aus ihnen ein neues, hierarchiſches Ganze erſchuf, deſſen Prieſterthum zum Schlüſſel des Gewölbes ward, hört man anfangs, wie die Reſte geſtorbener Architekturen — 26— im Chaos emporquellen, und ſchaut, wie ſie dann allmäh⸗ lich bei'm Hauche des Chriſtenthums unter Barbaren⸗ händen emporſteigen. Dieß iſt die geheimnißvolle, roma⸗ niſche Baukunſt, Schweſter der Architekturen Indiens und Aegyptiens, unwandelbares Symbol des reinen Katho⸗ licismus, unveränderliche Hieroglyphe der päpſtlichen Ein⸗ heit. Jeglicher Gedanke der Zeit iſt in dieſem düſteren romaniſchen Style niedergeſchrieben. Ueberall ſchaut man Einheit, Macht, Undurchdringlichkeit, Unumſchränktheit, Gregor VII.; überall den Prieſter, die Kaſte, nie den Menſchen, das Volk. Da beginnen die Kreuzzüge, die große Volksbewegung, und Volksbewegung entbindet, was auch ihr Urſprung ſei, den Geiſt der Freiheit ſtets aus dem letzten Präcipitat. Neuheit bricht ſich Bahn. Es eröffnet ſich die ſtürmiſche Periode der Jacquerien, Pra⸗ querien und Liguen; die Gewalt wird erſchüttert, die Einheit zerſpalten. Der Feudalismus verlangt mit der Theokratie zu theilen; das Volk wird unverweislich hin⸗ zuſchreiten, die Rolle des Löwen zu ſpielen. Quia nomi⸗ nor leo. Der Adel durchbricht das Prieſterthum, die Gemeine den Adel. Europa's Antlitz wird verändert und mit ihm das Antlitz der Baukunſt. Gleich der Civi⸗ liſation ſchlug ſie die Seite um, und ein neuer Geiſt findet ſie bereit, ſeine Eingebung aufzuzeichnen. Sie kehrte, wie die Völker mit der Freiheit, mit Spitzbögen aus den Kreuzzügen zurück. Während Rom allmählich ſich zergliedert, ſtirbt die romaniſche Baukunſt. Die Hie⸗ roglyphe verläßt die Kathedrale, Burgen zu ſchmücken, und dem Feudaladel ein Blendwerk zu ſchaffen. Sogar die Kathedrale, dieſer einſt ſo dogmatiſche Bau, wird vom Volke, von der Gemeine, der Freiheit überfallen, entſchlüpft dem Prieſter und fällt in die Gewalt des Künſtlers. Der Künſtler baute auf ſeine Weiſe, ſagte dem Myſterium, dem Mythus, dem Geſetze Lebewohl; ihn beherrſchte Einbildungskraft und Eigenſinn. Der Prieſter mußte ſchweigen, ſobald er ſeine Baſilika, ſeinen Altor beſaß. Das architektoniſche Buch gehörte nicht mehr dem Prieſterthum und Rom, ſondern der Phanta⸗ ſie, der Dichtkunſt, dem Volke. Daher ſtammen die zahlloſen, ſchnellen Umgeſtaltungen der nur dreihundert Jahre alten Architektur, deren Geſchmeidigkeit nach der ſtarren Unbeweglichkeit der ſiebenhundert Jahre alten romaniſchen Baukunſt ſo ſehr in die Augen ſpringt. Die Kunſt wandelte mit Rieſenſchritten. Volksgeiſt und Eigen⸗ thümlichkeit betreiben das frühere Geſchäft der Biſchöfe. Im Vorübergehn ſchreibt jedes Geſchlecht ſeine Linie in dies Buch. Es ſtreicht die alten romaniſchen Hieroglyphen auf den Vorderſeiten aus, und nur hin und wieder ſieht man das alte Dogma unter dem neuen, dort niedergeleg⸗ ten Symbol durchblicken. Die Draperie des Volks läßt die heiligen Gebeine kaum errathen. Kaum kann man ſich einen Begriff von der Freiheit machen, welche die Baumeiſter, ſelbſt gegen die Kirche, ſich damals nahmen. Kapitäler ſind mit ſchamlos zuſammengekuppelten Mönchen — 28— und Nonnen geſchnörkelt; Noahs Geſchichte iſt in jeglicher Art dargeſtellt; ein bacchiſcher Mönch mit Eſelsohren und dem Glaſe in der Hand lacht der Gemeine in's Geſicht. Für den in Stein geſchriebenen Gedanken exi⸗ ſtirte damals ein Privilegium, das unſrer jetzigen Preß⸗ freiheit entſpricht. Dieſe Freiheit ging ſehr weit. Bis⸗ weilen zeigt ein Portal, eine Fagade, eine ganze Kirche, einen dem Kultus durchaus fremden oder ſelbſt feind⸗ ſeligen Sinn. Der Gedanke war nur in der Art frei; auch ſchrieb man ihn ganz auf die Bücher, die man Ge⸗ bäude nannte. Hätte dieſe Form ſich in ein Manuſcript gewagt, ſo wäre ſie durch Henkers Hand auf öffentlichem Markte verbrannt worden. Sie beſaß nur dieſen Weg, ſich Bahn zu brechen, und ſtürzte ſich von allen Seiten hinein. Daher ſtammt die ungeheure Menge der Kathe⸗ dralen, womit Europa in ſo wunderbarer Zahl bedeckt iſt, daß man kaum daran glaubt, ſelbſt wenn man die Zahl geprüft hat. Alle materiellen und intellektuellen Kräfte der Geſellſchaft konvergirten in demſelben Punkte, der Architektur. So entwickelte ſich die Kunſt, unter dem Vorwande, Gott Kirchen zu bauen, in prächtigen Verhältniſſen. Wer damals als Dichter geboren ward, ward ein Baumeiſter. Der in den Maſſen zerſtreute Geiſt fand, durch die Feudalität wie unter einer Teſtudo von Schilden überall zuſammengedrückt, nur einen Aus⸗ weg in der Architektur, warf ſich auf dieſe Kunſt, und ſeine Iliaden nahmen die Form der Kathedralen an. — 29— Alle andern Künſte gehorchten ihr und unterwarfen ſich ihrer Norm. Sie wurden Arbeiter am großen Werk. Der Architekt, der Dichter und Meiſter vereinte in ſich die Sculptur, die ſeine Fagaden meißelte, die Malerei, die ſeine Fenſter mit Farben ſchmuckte, die Muſik, welche ſeine Glocken läutete und in ſeine Orgel hauchte. Selbſt die eigentliche, arme Poeſie, die in Manuſcripten vege⸗ tirte, ward, um Etwas zu ſein, gezwungen, ſich in das Gebäude, unter der Form der Hymne oder Proſe ein⸗ faſſen zu laſſen. Uebrigens hatte ja auch des Aeſchylus Tragödien in den prieſterlichen Feſten Griechenlands, die Geneſis in Salomos Tempel dieſelbe Rolle geſpielt. So war bis auf Guttenberg die Architektur die allgemeine Hauptſchrift. Das Mittelalter ſchrieb die letzte Seite dieſes im Orient begonnenen, im griechiſchen und römiſchen Alterthum fortgeſetzten Granitbuches. Uebrigens reproducirt ſich dieſes Phänomen einer Volksarchitektur nach einer Kaſtenarchitektur bei jeglicher analogen Bewe⸗ gung des menſchlichen Geiſtes, in den Epochen der Ge⸗ ſchichte. Um nun hier im Allgemeinen ein Geſetz aus⸗ zuſprechen, welches in mehreren Bänden eines Buches genauer könnte entwickelt werden, folgte im hohen Orient, nach der Architektur der Hindus, die phöniciſche Baukunſt, die reiche Mutter der arabiſchen; im Alterthum, nach der äͤgyptiſchen, deſſen ertruriſcher und Cyklopenſtyl nur eine Abart bilden, die griechiſche Architektur als deren Ver⸗ längerung, die römiſche mit dem karthagiſchen Dom nur — 20— eine Abart iſt; in neuerer Zeit auf die romaniſche die gothiſche. Trennt man dieſe drei Reihen von ihren Ge⸗ ſchwiſtern, ſo findet man in den drei alteſten jeglicher Reihe der indiſchen, ägyptiſchen, romaniſchen, die Theo⸗ kratie, Kaſte, Einheit, das Dogma, den Mythus, Gott; bei den drei jüngeren Schweſtern, der phöntciſchen, griechiſchen, gothiſchen, wie ſehr auch ihre Form verſchie⸗ den ſein mag, dieſelbe Bedeutung, Freiheit, Volk, Menſch. In den drei erſten bemerkt man nur den Prieſter, mag er Bramin, Magier oder Papſt heißen. Daſſelbe iſt nicht bei der Architektur des Volkes der Fall. Sie ſind reicher, aber weniger heilig. In der phöniciſchen ſieht man den Kaufmann, in der griechiſchen den Republika⸗ ner, in der gothiſchen den Bürger. Die allgemeinen Charaktere jeglicher theokratiſchen Sculptur ſind Unveränderlichkeit, Abſcheu vor Fortſchrit⸗ ten, Erhaltung der überlieferten Linien, Weihe der urſprünglichen Typen, eine ſtehende Form des Menſchen und der Natur nach dem unverſtändlichen Willen des Symbols; dies ſind dann die dunkeln Bücher, die nur Eingeweihete zu entziffern vermögen. Jegliche Form, jegliche Mißgeſtaltung hat einen Sinn, durch den ſie unverletzbar wird. Man verlange nicht von ägyptiſcher, indiſcher und romaniſcher Kunſt, ſie ſolle die Umriſſe andern und die Statuen verbeſſern. Jegliche Vervoll⸗ kommnung gilt ihnen als Frevel. Bei dieſen Architekturen ſcheint es, die Starrheit des Dogmas habe ſich über den — 21— Stein, wie eine zweite Verſteinerung, verbreitet.— Die allgemeinen Charaktere der Volks⸗Architektur ſind im Gegentheil Mannigfaltigkeit, Fortſchritt, Originalität, Wohlhabenheit, ewige Bewegung. Sie haben ſich ſchon hinlänglich von der Religion losgeriſſen, um an Schön⸗ heit zu denken, ſie zu hegen, unaufhörlich ihren Schmuck der Statuen und Arabesken zu verbeſſern. Sie enthül⸗ len den Zeitgeiſt und beſitzen etwas Menſchliches, das ſie unaufhörlich mit dem göttlichen Symbol, das ſie aller⸗ dings noch darſtellen, vermiſchen. Daher die Gebäude, die jeglicher Seele, jeglichem Geiſte, jeglicher Phantaſie ſich aufſchließen; zwar ſind ſie noch ſtets ſymboliſch, doch wie die Natur leicht zu begreifen. Zwiſchen der theo⸗ kratiſchen und dieſer Architektur liegt der Unterſchied einer geheiligten und einer Volksſprache, der Hieroglyphe und der Kunſt, des Salomo und des Phidias. Uebergeht man die vielen hierüber anzuführenden Beweiſe und Einwürfe, kann man das Geſagte in Fol⸗ gendem ſummariſch zuſammenfaſſen. Die Architektur war bis zum fünfzehnten Jahrhundert das Hauptregiſter der Menſchheit; in dieſer Zeit fand ſich kein komplicirter Gedanke, der nicht zum Gebäude ward; jegliche Volks⸗ idee, jegliches Religionsgeſetz erhielt ein Monument; das Menſchengeſchlecht hat nie einen wichtigen Gedanken gehegt, ohne ihn durch Stein zu ſchreiben. Warum? Jeglicher Gedanke will ſich fortpflanzen; eine Idee, welche die eine Generation aufregte, will ſo auch bei andern 22= wirken und Spuren zurücklaſſen. Wie prekär iſt die Unſterblichkeit des Manuſcripts! Ein Gebäude iſt ein feſteres, dauernderes Buch, das der Zeit widerſteht. Ein Türke und eine Fackel genügt, geſchriebenes Wort zu vernichten; eine Revolution der Geſellſchaft und der Erde vermag nur das gebaute Wort niederzureißen. Die Barbaren ſchritten über das Koliſeum, die Sündfluth vielleicht über die Pyramiden hinweg. Im fünfzehnten Jahrhundert änderte ſich Alles. Der menſchliche Geiſt entdeckte nicht allein ein dauerhafteres, ſondern auch einfacheres Mittel, ſich fortzupflanzen. Die Architektur ward entthront. Auf des Orpheus ſteinerne Schrift folgte die bleierne Guttenberg's. Das Buch tödtet den Bau. Die Erfindung der Buchdruckerkunſt iſt das größte Ereigniß der Geſchichte, die Mutter der Revolutionen. Sie iſt eine gänzlich erneute Ausdrucksweiſe des Men⸗ ſchengeſchlechts, eine verſchiedene Form, in die der menſch⸗ liche Gedanke ſich hüllt, nachdem er eine andre abgewor⸗ fen, eine vollkommene Hautveränderung der ſymboliſchen Schlange, welche ſeit Adam den Geiſt darſtellt. Unter der Form der Buchdruckerkunſt iſt der Gedanke unvergänglicher, als jemals, flüchtig, unerreichbar, unzer⸗ ſtörbar; er miſcht ſich mit der Luft. Zur Zeit der Archi⸗ tektur ward er zum Berg und bemächtigte ſich mit Macht eines Jahrhunderts und eines Ortes. Gegenwärtig gleicht er einer Vogelſchaar; er zerſtreut ſich nach allen vier — 38— Winden und füllt zugleich alle Punkte der Luft und des Raumes.. 8 Wir wiederholen es, unter der Form iſt er unzer⸗ ſtörbar. Vom Feſten ging er in das Lebenszähe über; von der Dauer zur Unſterblichkeit. Eine Maſſe kann man niederreißen; vermag man aber Etwas, das überall ſich findet, auszurotten? Kömmt die Sündfluth, ſo iſt der Berg ſchon lange in den Fluthen verſchwunden, während die Vögel noch umherflattern, und ſchwebt nur eine Arche auf der Fläche der Wogen, ſo werden die Vögel auf ihr ruhen, mit ihr ſchwimmen, mit ihr bei dem Sinken der Fluth gegenwärtig ſein, und die neue, aus dem Chaos hervor⸗ gehende Welt wird erwachend über ſich lebend und geflü⸗ gelt den Gedanken der verſchlungenen Welt ſchweben ſehn. Erwägt man ferner, daß dieſe Ausdrucksweiſe nicht allein die dauerhafteſte, ſondern auch die einfachſte, bequemſte von allen iſt, daß ſie kein ſchwerfälliges Geräth hinter ſich herſchleppt und in Bewegunz ſetzt; vergleicht man damit, daß der durch den Bau darzuſtellenbe Ge⸗ danke vier oder fünf andre Künſte in Bewegung ſetzen, über Tonnen Goldes verfügen muß, eines Berges von Steinen, eines Waldes zum Zimmerwerk, eines Volkes zu Arbeitern bedarf, vergleicht man damit den Gedanken, dem zum Buche ein wenig Papier, Feder und Tinte genügt, ſo darf man ſich gewiß nicht wundern, daß der menſchliche Geiſt die Architektur für die Buchdruckerkunſt aufgab. Durchſchneidet plötzlich das urſprüngliche Bett XIV.’ 3 — 31— eines Fluſſes mit einem Kanal unter ſeinem Niveau, und der Fluß wird ſein Bett verlaſſen. Auch vertrocknet, entblößt ſich die Baukunſt allmäh⸗ lig nach Erfindung der Buchdruckerkunſt. Wie deutlich merkt man, daß das Waſſeer ſich ſenkt, daß der Saft entſchwindet, daß der Gedanke der Zeiten und Völker ſich von ihr zurückzieht. Die Erkaltung iſt im fünfzehn⸗ ten Jahrhundert noch faſt unmerklich, die Preſſe noch zu ſchwach und entzieht höchſtens der maͤchtigen Baukunſt den Ueberfluß an Lebenskraft. Seit dem ſechzehnten Jahrhundert wird aber die Krankheit der Baukunſt ſicht⸗ bar; ſie drückt nicht mehr weſentlich die Geſellſchaft aus, wird elend zur klaſſiſchen Kunſt; aus der galliſchen, euro⸗ päiſchen, eingeborenen wird ſie griechiſch und römiſch, pſeudo⸗antik. Dieſen Verfall nennt man die Wieder⸗ geburt. Der Verkall iſt aber prächtig; denn der alte gothiſche Geiſt, die unter der gigantiſchen Preſſe von Mainz untergehende Sonne, durchdringt noch mit ihren letzten Strahlen die baſtardartige Anhäufung lateiniſcher Arkaden und korinthiſcher Kolonnaden. Dieſe Abendſonne halten wir für eine Morgenröthe. Sobald aber die Architektur nur eine Kunſt wie jede andre ward, ſobald ſie nicht mehr die totale, herr⸗ ſchende, tyranniſche Kunſt blieb, beſaß ſie nicht länger Kraft, die übrigen zurückzuhalten. Sie emancipirten ſich, zerbrachen das Joch des Baumeiſters, und jegliche folgte ihrer beſondern Richtung, jegliche gewann bei der Tren⸗ „ — 35— nung; denn die Iſolirung erhöht die Kraft. Die Schnitz⸗ und Meißelkunſt ward zur Bildhauerkunſt, die Farben⸗ kunſt zur Malerei, der Kanon zur Muſik. Die Künſte glichen Alexanders Reiche; ſie zergliederten ſich nach dem Tode des Herrſchers, und Provinzen wurden zu König⸗ reichen. Da erſtanden Raphael, Michel Angelo, Pale⸗ ſtrina, die blendenden Lichter des ſechzehnten Jahr⸗ hunderts. Zugleich mit den Künſten emancipirte ſich überall der Gedanke. Die Hereſiarchen des Mittelalters hatten ſchon breite Breſchen in den Katholicismus geriſſen. Das ſechzehnte Iahrhundert zerbrach die religiöſe Einheit. Vor der Buchdruckerkunſt wäre die Reformation nur zum Schisma geworden; die Buchdruckerkunſt machte ſie zur Revolution. Nehmt ihr die Preſſe, und die Kez⸗ zerei iſt entnervt. Sei es Geſchick oder Zufall, Gutten⸗ berg iſt Luthers Vorläufer. Als aber die Sonne des Mittelalters untergegangen war, als der gothiſche Geiſt auf ewig am Horizont der Kunſt erloſch, verſchmachtete und entfärbte ſich ſtets mehr und mehr die Architektur. Das gedruckte Buch, der nagende Wurm des Gebäudes, ſog dies aus und ver⸗ ſchlang es. Es entblößte, entblätterte ſich; der Blick konnte ſein Abmagern erſchauen; es wird ärmlich, klein⸗ lich, nichtig, drückt Nichts mehr aus, nicht einmal die Erinnerung an eine untergegangene Zeit. Auf ſich ſelbſt beſchränkt, von den übrigen Künſten verlaſſen, weil der 3* — 36— menſchliche Gedanke ſie verließ, rief ſie, anſtatt der Künſte, Handwerke zum Beiſtand herbei. Das Glas erſetzte Glasmalerei, der Steinhauer den Meißler. Verſchwun⸗ den war Saft, Eigenthümlichkeit, Leben und Geiſt. Als beklagenswerthe Bettlerin der Werkſtatt ſchleppt ſie ſich von Kopie zu Kopie. Michel Angelo, der gewiß ihren Tod ſeit dem ſechzehnten Jahrhundert vorher empfand, faßte eine letzte Idee der Verzweiflung. Dieſer Titan der Kunſt häufte ein Pantheon auf das Parthenon, und ſchuf Sankt Peter in Rom, ein großes Werk, das einzig zu bleiben verdiente, die letzte Originalität der Architek⸗ tur, das Siegel eines Rieſenkünſtlers am koloſſalen Regiſter von Stein, das geſchloſſen ward. Was that die erbärmliche Architektur, die ſich ſelbſt als Geſpenſt und Schatten überlebte, nach Michel Angelo's Tode? Sie nahm St. Peter in Rom, ihn abzuzeichnen und zu paro⸗ diren. Albern und bemitleidenswerth! Jegliches Jahr⸗ hundert hat ſeinen St. Peter; das ſiebenzehnte das Val de Grace, das achtzehnte St. Genevieve. Jegliches Land hat ſeinen St. Peter, London, Petersburg; Paris ſogar zwei oder drei, Unbedeutendes Teſtament, letztes Ge⸗ ſchwätz einer großen Kunſt, die kindiſch wird, bevor ſie ſtirbt. 3 8 Betrachten wir anſtatt der charakteriſtiſchen Denk⸗ male die allgemeine Anſicht der Kunſt des ſechzehnten bis zum achtzehnten Jahrhundert, bemerken wir dieſelben Phänomene der ſchwindſüchtigen Abnahme. Mit Franz II. — 37— erloſcht mehr und mehr die architekturale Form der Ge⸗ bäude, und weicht der geometriſchen, die gleich dem Knochengerüſt eines abgemagerten Kranken in die Augen ſpringt. Die ſchönen Linien der Kunſt weichen den kal⸗ ten, unerbittlichen Linien des Geometers. Ein Bau iſt nicht mehr ein Gebäude, ſondern ein Polyedron. Die Architektur quält ſich, dieſe Nacktheit zu verbergen. Der griechiſche Giebel ſtellt ſich auf den römiſchen und umge⸗ kehrt das Pantheon auf das Parthenon; überall erſteht nur ein St. Peter von Rom. Nan ſchaue die Ziegel⸗ häuſer Heinrichs IV. mit ſteinernen Kanten, die Place⸗ Royale und Dauphine, die Kirchen Ludwigs XIII., ſchwer⸗ fallig, unterſetzt, zuſammengedrängt mit einer Kuppel, die einem Höcker gleicht; Mazarin's Architektur, das ſchlechte italieniſche Paſticcio der Quatre⸗Nations; Lud⸗ wigs XIV. Paläſte, lange, kalte, eiſige, langweilige Ka⸗ ſernen für Höflinge; Ludwigs XV. Gebäude mit Cicho⸗ rien, Nudeln, Weizen und Schwämmen, welche die alte, hinfällige, zahnloſe, kokette Architektur entſtellen. Von Franz II. bis auf Ludwig XV. ſtieg das Uebel in geometri⸗ ſcher Progreſſion. Die Kunſt hatte nur noch Haut über den Knochen, und lag in elenden Todeskrämpfen. Wie boch erhob ſich aber die Buchdruckerkunſt? das Leben, welches der Architektur entſchwand, ging auf die Preſſe über. Je mehr die Architektur ſank, deſto ſchnel⸗ ler wuchs die Buchdruckerkunſt. Das Kapital der Kräfte, welches der menſchliche Gedanke bis dahin auf Gebäude — 8— verwandte, ging auf ſie über. Mit dem 16ten Jahrhun⸗ dert hatte die Preſſe ſich auf das Niveau der Baukunſt erhoben, begann den Kampf, und beſiegte ſie. Im ſieben⸗ zehnten iſt ſie ſchon Gebieterin, und feſt in Herrſchaft geſichert, ſo daß ſie der Welt ein großes literariſches Jahrhundert zu ſchenken vermochte. Nachdem ſie lange am Hofe Ludwigs XIV. geruht hatte, ergriff ſie auf's Neue Luther's altes Schwert; als Waffe Voltaire's war es kurz und ſchneidend, und bekämpfte das alte Europa, deſſen architektoniſchen Ausdruck ſie ſchon erlegt hatte. Als das achtzehnte Jahrhundert ſich ſchloß, war Alles ſchon zerſtört; im neunzehnten begann ſie den Wiederaufbau. Fragen wir jetzt, welche der beiden Künſte ſeit drei Jahrhunderten den Gedanken des Menſchen repräſentirt und überſetzt, welche nicht allein die literariſchen und ſcholaſtiſchen Manieren, ſondern deſſen tiefe, ungeheure, allgemeine Bewegung ausdrückt? welche fortwährend ohne Bruch und Lücke über das fortſchreitende Menſchen⸗ geſchlecht ſich erſtreckt? die Architektur oder die Buch⸗ druckerkunſt? Gewiß die Letztere. Man täuſche ſich nicht; die Baukunſt iſt auf ewig todt; ſie wird durch das gedruckte Buch getödtet, weil ſie geringere Zeit dauert und grö⸗ ßeren Aufwand erfordert. Jegliche Kathedrale iſt eine Milliarde; man denke ſich, welche ungeheuren Kapitalien zur Wiedererſchaffung des architektoniſchen Buches erfor⸗ dert würden; damit der Boden auf's Neue von tauſend — 39— Gebäuden wimmelte, damit man in die Zeit zurückkehrte, wo die Maſſe der Monumente ſo ungeheuer war, daß ein Augenzeuge ſagte, es ſchien, als habe die Welt, ſich ſchüttelnd, ihr altes Kleid abgeworfen, und ſich mit dem weißen Gewande der Kirchen umhüllt.„Erat enim ut si mundus, ipse excutiendo semet, rejecta vetustate, candidam ecclesiarum vestem indueret.“(Glaber Ra- dulphus.)— Ein Buch iſt bald fertig, koſtet wenig und dringt weit. Wie kann man ſich wundern, daß der menſchliche Gedanke auf dieſen Abhang ſich hinſtürzte? Jedoch darf man noch nicht ausſprechen, die Architektur werde hie und da ein ſchönes Monument, ein einzeln ſtehendes Meiſterwerk, nicht erlangen. Von Zeit zu Zeit kann ein Heer mit Kanonen eine Säule erſchaffen, wie man zur Zeit der Herrſchaft der Baukunſt Iliaden und Romanceros, Mahabahrata und die Nibelungen erſchuf, die ein Volk durch den Zuſammenguß zerſtückter Rhap⸗ ſodieen bildete. Im zwanzigſten Jahrhundert kann der große Zufall eines großen Architekten ſich ereignen, wie Dante im dreizehnten erſtand. Doch nie wird die Archi⸗ tektur zur allgemeinen, herrſchenden Kunſt dereinſt wie⸗ der werden. Gedicht, Bau, Werk der Menſchheit wird gedruckt und nicht gebaut. Erhebt ſich die Architektur durch Zufall, wird ſie nie gebieten, ſondern das Geſetz von der Literatur empfangen, wie ſie einſt es ertheilte. Die Stellung beider Künſte iſt umgekehrt. In der Epoche der Baukunſt gleichen die ſeltnen Gedichte den Monu⸗ menten. Vyaſa in Indien iſt buſchig, ſonderbar, undurch⸗ dringlich wie eine Pagode. Im ägyptiſchen Orient zeigt die Poeſie, wie bie Bauten, Größe und Rube der Linien; im alten Griechenland, Schönheit, Heiterkeit; im chriſt⸗ lichen Europa die katholiſche Majeſtät, Naivität des Vol⸗ kes, die reiche und üppige Vegetation einer Zeit der Erneuerung. Die Bibel gleicht den Pyramiden, die Iliade dem Parthenon, Homer dem Phidias. Dante iſt der römiſchen Kirche; Shakeſpeare der letzten gothiſchen Kathedrale. Um alles Geſagte zuſammenzufaſſen, ſo beſitzt das Menſchengeſchlecht zwei Bücher, zwei Regiſter, zwei Teſta⸗ mente, die Maurerei und die Preſſe, die Bibel von Stein und die Bibel von Papier. Betrachtet man ſie beide, iſt es gewiß erlaubt, Schmerz über den Untergang der ſicht⸗ baren Majeſtät der Granitſchrift, der gigantiſchen Alpha⸗ bete in Kolonnaden, Pylonen, Obelisken und menſchlichen Bergen zu empfinden, wie ſie von des Cheops Pyra⸗ miden bis zum Strasburger Münſter die Welt bedecken. Man muß die Vergangenheit auf ihren Marmorſeiten leſen, jenes Buch unaufhörlich bewundern und durchblät⸗ tern; doch darf man auch die Größe des durch die Preſſe erhobenen Baus nicht läugnen. Dieſer Bau iſt koloſſal. Ein Statiſtikenſchreiber hat berechnet, daß, wenn man alle ſeit Guttenberg gedruckten Bücher auf einander legte, man die Entfernung zwiſchen Mond und Erde ausfüllen würde. Jedoch von dieſer Art — 141— Größe reden wir nicht. Sucht man ſich ein Totalbild aller Produkte der Preſſe zu ſchaffen, erſcheint uns das Ganze wie ein ungeheurer, auf die Erde ſich ſtützender Bau, woran die Menſchheit unaufhörlich arbeitet, und deſſen ungeheures Haupt im Dunkel der Zukunft ſich verliert. Es iſt der Ameiſenhaufen aller Intelligenzen, der Bienenkorb, wohin alle Phantaſieen den Honig tra⸗ gen. Der Bau hat tauſend Stockwerke. Hin und wie⸗ der erblickt man Treppen, die in dunkle Höhlen der Wiſ⸗ ſenſchaft führen und im Innern ſich kreuzen. Schnörkel, Arabesken und Roſetten zeigen ſich üppig überall dem Auge. Jegliches individuelle Werk, ſo vereinzelt es auch ſcheint, hat ſeinen Zweck, Harmonie entſpringt aus dem Ganzen. Von Shakeſpeare's Kathedrale bis zu Byron's Moſchee häufen ſich tauſend Thürme auf dieſer Haupt⸗ ſtadt des Menſchengedankens. In die Baſis gräbt man alte Anſprüche der Menſchheit ein, welche die Architektur vergaß. Links am Eingang verſiegelte man das antike Basrelief vom weißen Marmor Homer's, rechts erhebt die Polyglottenbibel ihr ſiebenfaches Haupt. Die Hydra des Romancero und einige Baſtardformen, die Vedas und Nibelungen, ſtarren in weiterer Entfernung. Stets aber bleibt der wunderbare Bau unvollendet. Die Rieſen⸗ maſchine der Preſſe vumpt unaufhörlich den intellektuellen Geiſt der Geſellſchaft, und ergießt neuen Stoff fur ihr Werk aus den Röhren. Das ganze Menſchengeſchlecht ſteht auf dem Gerüſte; jeglicher Geiſt iſt Maurer. Auch der Niedrigſte verſtopft ein Loch, oder legt einen Stein. Täglich erhebt ſich eine neue Lage. Außer dem origi⸗ nellen und individuellen Beitrag jegliches Schriftſtellers gibt es kollektive Beiträge. Das achtzehnte Jahrhundert bringt die Encyklopädie, die Revolution den Moniteur. Gewiß, auch dieſer Bau wächſt in unendlichen Spiralen; auch hier herrſcht Verwirrung der Sprachen, unaufhör⸗ tiche Thätigkeit, unermüdliche Arbeit, eifriges Wirken der ganzen Menſchheit, ein dem Geiſt gegen neue Sünd⸗ fluth, gegen Barbaren⸗Ueberſchwemmung verheißener Damm. Es iſt der zweite babyloniſche Thurm des Menſchengeſchlechts. —— —— Sechstes Juch. — 1. Unvarteiiſcher Blick auf die alte Magiſtratur. Eine ſehr glückliche Perſon war im Jahr der Gnade 1482 der edle Herr Robert d'Eſtouteville, Ritter, Herr v. Beyne, Baron v. Jory und St. Andry in der Mark, Rath und Kammerherr des Königs, Wächter der Prévöté von Pa⸗ ris. Ungefähr vor 17 Jahren erhielt er vom Könige die ſchöne Prévöté von Paris, die eher für ein Ritterlehen, als für ein Amt gehalten wurde.„Dignitas,“ ſpricht Johannes Lömnöus,„quae cum non exigua potestate politiam concernante atque praerogativis multis et juribus conjuncta est,“ und zwar im Jahre 1465, deſ⸗ ſelben Kometen, der 1835 wieder erſchien. 1482 war es aber ein Wunder, daß ein Edelmann ein Amt vom Kö⸗ nige mit dem Patentbrief noch beſaß, welches zur Zeit der Ehe der natürlichen Tochter Ludwigs XI. mit dem Herrn Baſtard von Bourbon ihm ertheilt war. An dem⸗ ſelben Tage, wo Robert d'Eſtouteville dies Amt erhielt, ward Meiſter Jehan Dauvet, Präſident des Parlaments, Jehan Jouvenel des Urſins, Kanzler von Frankreich, Regnault des Dormans Maitre des requétes im Hotel — 1— des Königs. Wie oft und auf wie viele Köpfe gingen die beiden letzten Aemter über, waͤhrend Robert d'Eſtou⸗ teville die Prévoté behielt. Sie war ihm, wie es im Patentbriefe hieß,„zur Hut übergeben,“ und gewiß, er behütete ſie ſehr ängſtlich, denn er klammerte ſich an das Amt und hatte ſich mit ihm ſo wohl idealtficirt, daß daß er jener Veränderungswuth glücklich entging, von der Ludwig XI. beſeſſen war; denn dieſer König, miß⸗ trauiſch, filzig und emſig im Arbeiten, befolgte den Grund⸗ ſatz, durch häufige Wiederrufungen und Ernennungen die Elaſticität ſeiner Gewalt ſtets friſch zu erhalten. Der gute Ritter kam ſogar noch weiter. Für ſeinen Sohn erhielt er die Erblichkeit des Amtes, und ſchon ſeit zwei Jahren ſtand der Name des edlen Herrn Jacques d'Eſtou⸗ teville, Ecuyer, neben dem ſeinigen im Regiſter der Pré⸗ vôté. Gewiß eine ſeltne, ausgezeichnete Gunſt! Aller⸗ dings war Robert d'Eſtouteville ein tapferer Soldat, und hatte treu ſein Banner gegen die Ligue des ge⸗ meinen Wohls erhoben; auch überreichte er der Kö⸗ nigin bei ihrem Einzuge 14.. einen ſchönen Hirſch von Zuckerwerk. Dann war er auch ein guter Freund von Triſtan l'Hermite, dem Prévot der Marſchälle im Hotel des Königs. So fuͤhrte denn auch der Herr Robert d'Eſtouteville ein ſüßes und anmuthsvolles Leben. Erſtens hatte er ein gutes Einkommen, woran, wie noch mehr Weinbeeren an einer Traube, die Einkünfte der Civil⸗ und Krim nal⸗Kanzleien der Prévôté hingen, dann auch — 2—— — 45— die Civil⸗ und Kriminal⸗Einkünfte der Gerichtsſtuben des Chatelet, ohne einen kleinen Zoll an der Brücke von Mante und Corbeil und noch andre zu zählen. Hiezu kam noch das Vergnügen, bei den Aufzügen der Stadt zu paradiren, und unter den rothen und braunen Klei⸗ dern der Schöffen und Viertelshäupter mit ſeiner ſchö⸗ nen Rüſtung, wie man ſie noch in der Abtei Valmont (Normandie) auf dem Grabe des beſagten Ritters gemei⸗ ßelt ſchauen kann, und mit ſeiner getriebenen Pickelhaube in Montlhéry zu prunken. Auch war es nicht unbedeu⸗ tend, daß er jegliche Suprematie über die Sergeanten der Douzaine, die Wächter und die beiden Auditoren des Chatelet, die 16 Kommiſſäre der 16 Quartiere, den Gefängnißwärter des Chatelet, die 4 belehnten Sergean⸗ ten, die 26 berittenen Sergeanten, die 120 Sergeanten mit Ruthen, den Ritter der Wache mit allen ſeinen Leuten beſaß. Auch war es nicht unbedeutend, daß er hohe und niedre Gerechtigkeit übte, das Recht, an den Schandpfahl zu ſtellen, zu hängen und zu ſchleifen, ohne die niedre Gerichtsbarkeit(in prima instantia, wie die Charten ſagen), in der Vicegrafſchaft Paris mit den ſieben Aemtern zu beſitzen. Kann man ſich etwas Ange⸗ nehmeres denken, als wie Herr Robert es täglich that, unter den breiten und zuſammengedruͤckten Spitzbögen Philipp Auguſts im Chatelet Beſchlüſſe und Urtheile zu ertheilen? Und dann, wie er es jeglichen Abend zu thun pflegte, im ſchönen Hauſe der Rue Galilée, veiches — 46— er von ſeiner Frau beſaß, von den Mühen des Tages auszuruhen, wenn er einen armen Teufel, damit dieſer dicht neben ihm die Nacht zubrächte, in„das Häuschen Straße Escorcherie“ geſchickt hatte, wo die Prévoôts und Schöffen von Paris ihr Gefängniß zu haben pflegten, das eilf Fuß Laͤnge, ſieben Fuß vier Zoll Breite und eilf Fuß Höhe enthielt. 5 Und nicht allein hatte Herr Robert ſeine beſondere Gerechtigkeit als Vicomte und Prévôt von Paris, ſon⸗ dern auch ſeinen Blick und Zahn in der großen Gerech⸗ tigkeit des Königs. Jeder noch ſo hohe Kopf ging ihm durch die Hände, bevor er dem Henker verfiel. Er hatte den Herrn von Nemours aus der Baſtille holen laſſen, um ihn zu den Hallen zu bringen, und um ihn auf den Grsveplatz zu führen, den Herrn von St. Pol, der mür⸗ riſch ausſah und lärmte, aber nur zur großen Freude des Herrn Prévôt, der den Herrn Connetable eben nicht liebte. Dies genügte gewiß, ein Leben denkwürdig und be⸗ ruhmt zu machen, und eines Tages eine bedeutende Seite in der Geſchichte der Prévôts von Paris zu verdienen, wor⸗ aus man lernt, daß Oudard de Villeneuve ein Haus, Straße de la Boucherie, beſaß, daß Guillaume de Gangeſt die große und kleine Savoie kaufte, und andre häusliche Thatſachen. Trotz aller der Beweggründe, ſein Leben geduldig und fröhlich zu verbringen, war Herr Robert d'Eſtoute⸗ ville am Morgen des 7. Januar 1482 mit ſehr mürriſcher — 47— und verdrießlicher Laune erwacht. Woher ſtammte ſie? das konnte er ſelbſt nicht ſagen. Weil der Himmel grau ausſah? Weil die Schnalle ſeines alten Gürtels unbe⸗ quem angezogen war, und ſeinen Prévot⸗Bauch zu mili⸗ täriſch ſchnürte? Weil er unter ſeinem Fenſter Gauner hatte vorbeigehen ſehen, die ihn verhöhnten, zu Viert, in Wämſern ohne Hemd und mit Hüten ohne Deckel mit Querſack und Flaſche vorbeizogen? War es vielleicht ein Vorgefühl, im nächſten Jahre werde König Karl VIII. dreihundert ſiebenzig Livres ſechzehn Sols acht Deniers von ſeinem Gehalte ihm abziehen? Der Leſer mag wäh⸗ len; wir ſind geneigt zu glauben, er ſei böſer Laune geweſen, weil er eben böſer Laune war. Uebrigens war dies der Tag nach einem Feſte, ein für Alle, beſonders aber für die Magiſtratsperſon lang⸗ weiliger Tag, deſſen Amt es iſt, allen Schmutz, den ein Feſt in Paris zurückläßt, wegzufegen. Und dann mußte er Sitzung im Grand⸗Chatelet halten. Nun wiſſen wir ja allgemein, die Richter theilen ihre Zeit ſo ein, daß der Tag der Sitzung ſtets der Tag ihrer böſen Laune wird, damit ſie immer jemand bei der Hand haben, ge⸗ gen den ſie dieſe, von wegen des Königs, des Geſetzes und der Gerechtigkeit auslaſſen können. Dennoch hatte die Sitzung ohne ihn begonnen. Seine Stellvertreter machten, nach löblicher Sitte, ſeine Geſchäfte ab. Seit zehn Uhr Morgens waren einige Dutzend Burger und Bürgerinnen, zwiſchen die Mauer und ein — 48— ⸗. ſtarkes eichenes Gitter gedrängt, mit ſeligem Genuß Zuſchauer, bei dem vielfachen und angenehmen Schau⸗ ſpiel, der durch Meiſter Florian Barbedienne, Stellver⸗ treter des Prévôts, ertheilten Gerechtigkeit, deren Sprüche ein wenig durcheinander dem Zufall anheimfielen. Der Saal war klein und niedrig gewölbt. Im Hintergrunde ſtand für den Prévot ein Tiſch und ein leerer Seſſel aus geſchnitzeltem Eichenholz bereit, links ein Fußſchemel für den Auditor, Meiſter Florian. Hinten ſaß kritzelnd der Schreiber. Vorn ſtand das Volk; vor der Thür und vor dem Tiſch ſtanden Sergeanten der Prévôté in violetnem Oberkleid aus Kamelot mit weißen Kreuzen. Zwei Sergeanten des Parloir aux Bourgeois, in halb rothe, halb blaue Jäckchen gekleidet, ſtanden Schildwache vor einer geſchloſſenen niedrigen Thür, die man hinter dem Tiſch erblickte. Ein einziges gothiſches Fenſter, gezwängt in die dicke Mauer, warf den matten Sonnenſtrahl des Januars auf zwei groteske Figuren, auf den ſteinernen Teufel am Schlüſſel des Gewölbes und den auf Lilien ſitzenden Richter im Hintergrunde. In der That, denkt euch an der Prévötaltafel zwiſchen zwei Haufen Proceß⸗ akten den Meiſter Florian Barbedienne, Auditor im Cha⸗ telet, wie er auf den Ellenbogen niederkauert, das Bein in die Schleppe ſeines braunen Kleides, das Geſicht in den weißen Schaafpelz birgt, roth, mit gerunzelten Brauen mit den Augen blinzelnd, mit Majeſtät das Fett ſeiner Backen haltend, welche ſich unter dem Kinn vereinten. V — 49— Der Auditor war taub; ein nur leichter Fehler für einen Auditor. Meiſter Florian urtheilte nichts deſto⸗ weniger ohne Appellation und oft ſehr paſſend. Gewiß iſt für einen Richter eine Miene erforderlich, als höre er Alles genau, und dieſe für Gerechtigkeit ſo weſent⸗ liche Bedingung erfüllte er um ſo mehr, da er durch kein Geräuſch zerſtreut werden konnte. Uebrigens befand ſich im Saale ein unerbittlicher Kontroleur aller ſeiner Thaten und Worte in der Per⸗ ſon unſeres Freundes Jehan Frollo du Moulin, dem Studenten von geſtern, einem Schelm, den man überall in Paris, nur nicht im Hörſaal der Profeſſoren, antref⸗ fen konnte. „Sieh,“ ſprach er leiſe zu ſeinem Gefährten Robin Pouſſepain, der neben ihm grinſ'te, während er ſelbſt die Scenen, die ſich vor ihren Augen entwickelten, mit Erklärungen begleitete,„ſieh das ſchöne Mädchen Jehan⸗ neton du Buiſſon.“—„Bei meiner Seele, der alte Grau⸗ kopf verurtheilt ſie; er hat eben ſo wenig Augen wie Ohren. Fünfzehn Sous, vier Deniers Pariſis, weil ſie zwei Paternoſter trug. Lex duri carminis!“—„Wer iſt das?“—„Robin der Gaſtwirth— weil er als Mei⸗ ſter im Handwerk aufgenommen ward?“—„Ach ſo, das Eintrittsgeld.“—„Auch zwei Edelleute unter den Spitzbuben. Corpus Christi!“—„Ach ſo, ſie ſpielten Würfel. Könnt' ich doch hier den Rektor ſehen. Hundert Livres Pariſis Strafe für den König! Barbedienne ſchlägt, XIV. 4 — 50— als wäre er taub, was er ja auch iſt.“—„Ich wollte mein Bruder der Archidiakonus ſein, wenn das mich zu ſpielen hindert, Tag und Nacht zu ſpielen, bei'm Spiel zu leben und zu ſterben, meine Seele nach meinem Hemde zu verſpielen!“—„Heilige Jungfrau, wie viel Mädchen!“ —„Eine kömmt nach der andern, meine Schäfchen! Ich benne ſie Alle, bei Gott. Geldſtrafe! Geldſtrafe! Geld⸗ ſtrafe! Er lehrt euch, vergoldete Gürtel zu tragen, I Koketten! O du alte Schnauze von Richter! Wie taub und einfältig! Florian, du Tölpel! Barbedienne, du Schwein! Da ſitzt er bei Tiſch, frißt Proceſſe, kaut, ſtopft ſich voll! Geldſtrafen, Taxen, Koſten, Schaden⸗ erſatz, Saläre, Gefängniß, Prügel und Koſten ſind ihre Weihnachtsbrezzeln. Sieh ihn, das Schwein!“—„Stil! noch ein verliebtes Mädchen! Nichts mehr, nichts weni⸗ ger als Thibaude.“—„Weil ſie außerhalb der Straßt Glatigny ſich ſehen ließ!“—„Wer iſt der Junge?“ „Gieffroy Mabonne, der Gensdarme; er hat den Namen Gott des Vaters geläſtert.“—„Geldſtrafe für Thi⸗ baude! Geldſtrafe für Gieffroy! Der harthörige Alte! Gewiß, er hat beide Sachen verwechſelt, den Gensdarmen für die Liebe, das Mädchen für den Fluch bezahlen laſ⸗ ſen.“—„Still, Pouſſepain! Wen bringen ſie dort? Bei Jupiter, genug Sergeanten; alle Windſpiele der Meute! Gewiß, das iſt das Hauptſtück der Jagd; ein Eber! Ja, ja, Robin, ein ſchöner“—„Wahrhaftig! es iſt unſer Fürſt von geſtern, unſer Narrenpapſt, unſer Glockenläuter, unſer Einäugiger, unſer Buckliger, unſre Fratze! Sieh! Quaſimodo!“ Quaſimodo war es wirklich, geknebelt, umringt, gebunden, mit zahlreicher Wache. Bei der Rotte Ser⸗ geanten, die ihn hereinbrachte, war der Ritter der Wache ſelbſt gegenwärtig mit dem geſtickten Wappen Frankreichs auf der Bruſt und dem Wappen von Paris auf dem Rücken. An Quaſimodo konnte man außer ſeiner Miß⸗ geſtalt nichts bemerken, welches dies Gefolge von Helle⸗ barden und Büchſen hätte rechtfertigen können; er war düſter, ſchweigend und ruhig. Nur dann und wann warf er auf ſeine Bande einen zornigen und finſtern Blick. Auch ließ er denſelben Blick, aber ſo erloſchen und ſchläf⸗ rig umherſchweifen, daß die Frauen den Buckligen ſich nur einander zeigten, um über ihn zu lachen. Meiſter Florian durchblätterte unterdeſſen aufmerk⸗ ſam die gegen Quaſimodo niedergeſchriebene Klage, welche der Schreiber ihm reichte, und ſchien, nachdem er mit flüchtigem Blick ſie durchlaufen hatte, ſich einen Augen⸗ blick zu ſammeln. Durch dieſe Vorſicht, die er nie vor dem Verhör vernachläßigte, wußte er im Voraus die Namen, Eigenſchaften und Vergehen des Beklagten, gab vorhergeſehene Repliken auf vorhergeſehene Fragen, und zog ſich ſo aus allen Irrgängen des Verhörs, ohne ſeine Taubheit zu ſehr bemerklich zu machen. Der Aktenſtoß des Proceſſes war für ihn der Hund des Blinden. Fügte es der Zufall, daß ſeine Schwäche ſich durch eine Rede 4* außer dem Zuſammenhange oder durch eine unverſtänd⸗ liche Frage verrieth, ſo galt dies bei den Einen für Tiefe, bei den Andern für Dummheit. In beiden Fällen ward die Ehre der Magiſtratur nicht gekrankt; denn es iſt beſ⸗ ſer, daß ein Richter für tief und dumm, als für taub gehalten wird. Deshalb verbarg er ſeine Taubheit mit aller Sorgfalt vor Aller Augen, und dies gelang ihm ſo vortrefflich, daß er ſich endlich ſelbſt hinterging. Dies iſt übrigens leichter, als man glaubt. Alle Buckligen halten den Kopf grade und alle Stammler wollen lange und viel fprechen, alle Harthörigen ſprechen leiſe. Er ſelbſt glaubte höchſtens, ſein Ohr ſei ein wenig rebelliſch. Dies war das einzige Zugeſtändniß, welches er in dieſem Punkte der öffentlichen Meinung, in den Augenblicken der Freimüthigkeit und— wann ſein Gewiſſen ihn mahnte, machte. Als er nun Quaſimodos Angelegenheit genugſam wiedergekaut hatte, warf er den Kopf in den Rücken und ſchloß, zum Zweck größerer Majeſtät und Unpartei⸗ lichkeit, halb die Augen, ſo daß er in dem Augenblicke zugleich blind und taub war. Gewiß gibt es auch ohne beide Eigenſchaften keinen vollkommnen Richter. JIa die⸗ ſer Amts⸗Stellung begann er ſein Verhöt; „Euer Name?“ Hier traf ein vom Geſetz nicht vorhergeſehener Fall ein, nämlich das Verhör eines Tauben durch einen Tauben. Quaſimodo, welcher von der an ihn gerichteten Frage — 53— nichts merkte, fuhr fort, den Richter ſtarr anzuſchauen, und erwiederte nichts. Der taube Richter, welcher von Quaſimodo's Taubheit nichts merkte, glaubte, er habe in der Art geantwortet, wie es alle Angeklagten zu thun pflegten, und fuhr mit mechaniſchem und dummen Ernſt fort zu fragen: „Richtig. Euer Alter?“ Quaſimodo erwiederte auch Nichts auf dieſe Frage. Der Richter aber dachte anders und fuhr fort: „Euer Stand?“ Stets herrſchte daſſelbe Schweigen. Die Zuhörer aber begannen ſich einander anzuſehen und zu flüſtern. „Genug!“ begann der unerſchütterliche Auditor auf's Neue, als er glaubte, der Angeklagte habe die dritte Antwort gegeben. Ihr ſeid angeklagt, primo: nächtlicher Friedensſtörung; secundo: eines entehrenden Angriffs auf die Perſon eines Freudenmädchens; tertio: der Rebellion gegen die Häſcher von der Ordonnanz des Kö⸗ nigs; gebt Erklärung über alle drei Punkte. Schreiber, habt Ihr, was der Beklagte ausgeſagt hat, nieder⸗ geſchrieben?“. Bei dieſer unglücklichen Frage erhob ſich von der Kanzlei bis zur Verſammlung ein ſo heftiges, anſtecken⸗ des, allgemeines Gelächter, daß die beiden Harthörigen es wohl bemerken mußten. Quaſimodo drehete ſich, ſei⸗ nen Höcker verächtlich in die Höhe hebend, um, während Meiſter Florian, wie er ſelbſt, erſtaunt die Vermuthung hegte, das Gelächter ſei durch eine unehrerbietige Ant⸗ wort des Angeklagten erweckt, welche für ihn durch das Erheben des Höckers ſichtbar ward. Er fuhr ihn deshalb zornig an: „Schelm, Ihr gabt da eine Antwort, die den Strang verdient. Wißt Ihr, mit wem Ihr ſprecht?“ Dieſer Verweis war nicht dazu geeignet, den Ausbruch der allge⸗ meinen Munterkeit aufzuhalten. Sie ſchien Allen ſo ſonderbar, daß ein faſt wahnſinniges Gelächter, ſogar die Schildwache ſtehenden Sergeanten ergriff, zu deren Stand die Dummheit Erforderniß war. Nur Quaſimodo blieb ernſt, weil er von Allem, was um ihn vorging, nichts begriff. Der Richter, ſtets gereizter, glaubte in demſel⸗ ben Tone fortfahren zu müſſen; denn er hoffte den Be⸗ klagten dadurch mit einem Schrecken zu erfüllen, der auf das Auditorium reagiren müßte, um dieſem wieder Ach⸗ tung einzuflößen. „Alſo Meiſter Schelm und Dieb, der Ihr ſeid, wagt Ihr's, dem Auditor des Chatelet die gebührende Achtung nicht zu erweiſen? Ich bin die Magiſtratsperſon, welcher die Polizei des Volkes obliegt, der den Verbrechen und Vergehen nachſpürt, die Handwerke kontrolirt und Mo⸗ nopole oerhindert, das Pflaſter erhält, Scheitholz meſſen läßt, die Stadt von Koth und die Luft von anſteckenden Krankheiten reinigt, der unaufhörlich für das Wohl des Staates, ohne Gehalt und Hoffnung auf Gehalt wacht! Wißt Ihr, daß ich Florian Barbedienne heiße, Stellver⸗ treter des Préoôt, Commiſſär, Unterſuchungsrichter, Kontroleur mit gleicher Gewalt in der Prévoté, im Amt und Präſidium bin..... 44 Es iſt kein Grund für einen Tauben, der mit einem andern Tauben ſpricht, vorhanden, die Rede zu ſchließen. Gott weiß, wo Meiſter Florian Grund gefaßt hätte, als er ſo mit vollen Segeln auf das hohe Meer der Bered⸗ ſamkeit geſchleudert war, hätte die niedrige Thür im Hintergrund ſich nicht erſchloſſen, und wäre der Herr Prévot in Perſon nicht eingetreten. Meiſter Florian blieb bei ſeinem Eintritt nicht ſtecken; die Rede, womit er Quaſimodo andonnerte, richtete er plötzlich an den Prévot und ſprach:„Gnädiger Herr, ich verlange eine Strafe, wie ſie Euch beliebt, für den hier ſtehenden Angeklagten, wegen wichtiger und wunderbarer Beleidigung des Gerichts.“ Außer Athem ſetzte er ſich nieder und trocknete dicke Schweißtropfen von der Stirn, die gleich Thränen auf das Pergament hinabfloſſen. Herr Robert d'Eſtouteville runzelte die Stirn und verlangte von Quaſimodo Auf⸗ merkſamkeit mit ſo gebieteriſcher und deutlicher Bewe⸗ gung. daß der Taube den Sinn verſtand. Dann ſprach er ſtreng:„Schelm, warum biſt du hier?“ Der arme Teufel glaubte, der Prévôt frage nach ſeinem Namen, brach ſein gewöhnliches Schweigen und erwiederte mit rauhen Kehltönen:„Quaſimodo.“. Die Antwort paßte ſo wenig auf die Frage, daß jenes tolle Gelächter auf's Neue ausbrach. Robert rief, geröthet von Zorn:„Schuft, willſt du mich auch verhöh⸗ nen?“—„Glockenläuter in Notre⸗Dame,“ erwiederte Quaſimodo; denn er glaubte, ſeinen Stand müßte er dem Richter erklären.—„Glockenläuter!“ rief der Pré⸗ vot auf's Neue, der, wie wir ſchon ſagten, in übler Laune heute Morgen aufgewacht war, ſo daß ſeine Wuth ſo ſonderbarer Dinge nicht bedurfte, um ſich anſchüren zu laſſen.„Glockenläuter! Auf den Kreuzwegen von Paris laſſ' ich ein Glockenſpiel von Stöcken auf deinem Rücken ſpielen! Hörſt du, Schelm?“* „Wollt Ihr mein Alter wiſſen,“ ſprach Quaſimodo, „ſo bin ich zwanzig Jahr am Martinstage alt, wie ich glaube.“. Das war zu ſtark. Der Prévot konnte es nicht länger aushalten.„Ha, Elender,“ donnerte er,„du willſt die Prévoté verhöhnen! Ihr Herrn Sergeanten der Ruthe, führt den Schelm auf den Schandpfahl des Grève⸗ Platzes, prügelt ihn und laßt ihn eine Stunde ſtehn. Gottes Haupt, dafür ſoll er büßen! Ich will, daß gegen⸗ wärtiges Urtheil mit Beiſein von vier geſchwornen Trom⸗ petern in den ſieben Schloßvogteien der Vicomté von Paris ſoll ausgerufen werden.“ Sogleich ſchrieb der Schreiber das Urtheil nieder. „Gottes Bauch!“ ſprach Jehan Frollo in ſeinem Winkel, „das Urtheil iſt gut geſprochen.“ Der Provôt drehete ſich um und heftete auf Quaſimodo wiederum ſeine funkeln⸗ — 57— den Augen.—„Ich glaube, der Schelm ſagte Gottes Bauch! Schreiber, fügt zwölf Deniers Pariſis als Strafe für das Fluchen hinzu, und die Fabrik von St. Euſtache ſoll die Hälfte erhalten. Für St. Euſtache hege ich beſondere Andacht.“ Das Urtheil war nach einigen Minuten fertig; der Inhalt war einfach und kurz. Das Gewohnheits⸗Verfahren der Prévoté von Paris war noch nicht von dem Präſi⸗ denten Thibaut Baillet und Roger Barmne, Advokaten des Königs, verwirrt; damals war der Wald von Chi⸗ kanen und Proceduren noch nicht vorhanden, den beide Rechtsgelehrte im Anfang des ſechzehnten Jahrhunderts dort aufpflanzten. Alles war klar, einfach und ſchnell. Gerades Weges wandelte man zum Ziele und erblickte dort ohne Gebüſch und Umweg Rad, Schandpfahl oder Galgen. Man wußte wenigſtens, wohin man gehen mußte. Der Schreiber überreichte das Urtheil dem Prévöt, welcher ſein Siegel aufdrückte und fortging, die Runde in den verſchiedenen Gerichtsſälen zu machen. Er war in ſolcher Laune, daß er alle Gefängniſſe von Paris in dem Morgen hätte bevölkern mögen. Jehan Frollo und Robin Pouſſepain lachten in's Fäuſtchen; Quaſimodo betrachtete ſeine Umgebung erſtaunt und gleichgültig. Der Schreiber aber empfand in dem Augenblicke, wo Meiſter Florian das Urtheil las, es zu unterzeichnen, einiges Mitleid mit dem armen, verurtheilten Teufel. In der Hoffnung, eine Verminderung der Strafe zu erlangen, — 58— 3 neigte er ſich ſo nahe, wie möglich, zum Ohr des Audi⸗ dors und ſprach:„Der Menſch iſt taub“ Er hoffte, dieſe Gemeinſchaft der Gebrechen werde Meiſter Florian zu Gunſten des Verurtheilten ſtimmen. Wir bemerkten aber ſchon, Meiſter Florian habe nicht gewünſcht, man möchte ſeine Taubheit bemerken. Auch war er ſo harthörig, daß er kein Wort von dem, was der Schreiber ihm ſagte, verſtand. Dennoch wollte er ſich das Anſehn geben, als höre er zu, und antwortete:„Ah ſo, das iſt was An⸗ dres; ich wußte das nicht! In dem Fall noch eine Stunde mehr am Schandpfahl.“ Dann unterzeichnete er das ſo veränderte Urtheil. „Das iſt Recht,“ ſprach Robin Pouſſepain, der gegen Quaſimodo Groll hegte,„das lehrt ihn, die Leute grob zu behandeln.“ 2. Das Ratzenloch. Der Leſer erlaube, daß wir ihn auf den Gréve⸗ Platz zurückführen, den wir geſtern mit Gringoire ver⸗ ließen, der Esmeralda zu folgen.. Es war zehn Uhr Morgens; Alles deutete auf einen Tag, der dem Feſte gefolgt war. Das Pflaſter war mit allerlei Reſten deſſelben bedeckt; mit Bändern, Federn aus Federbüſchen, Tropfen der Wachsfackeln, Krümchen der öffentlichen Schmauſerei. Viele Bürger ſchlenderten hier und dort umher, ſtießen mit den Füßen die erlo⸗ ſchenen Stümpfe der Freudenfeuer weiter, geriethen beim Pfeilerhauſe durch die Erinnerung an die ſchönen Tapeten des geſtrigen Tages in Entzücken und betrachte⸗ ten heute die Nägel als letztes Vergnügen. Die Bier⸗ und Cider⸗Verkäufer rollten ihr Getränk durch die Gruppen. Einige kamen und gingen, ihre Geſchäfte zu betreiben, vorüber. Die Kaufleute ſchwatzten und ſchrieen an der Schwelle ihrer Läden; das Feſt, die Geſandten, Coppenole, der Narrenpayſt waren in Aller Munde; man wetteiferte in Bemerkungen und Gelächter. Den⸗ noch hatten aber vier berittene Sergeanten an den vier Seiten des Schandpfahls einen großen Theil des auf dem Pflaſter zerſtreuten Volkes um ſich angeſammelt; dies verurtheilte ſich zum Schweigen und zur Unbeweg⸗ lichkeit in der Hoffnung einer kleinen Exekution. Wendet jetzt der Leſer von dieſer lebendigen und lärmenden Scene den Blick auf das halb gothiſche, halb romaniſche Haus la Tour Roland weſtlich am Ende des Kais, kann er an der Ecke der Fagade ein dickes, offentliches Breviarium, reich illuminirt, erblicken, welches gegen den Wind durch ein kleines Dach, und gegen Diebe durch ein Gitter geſchützt war, das dennoch erlaubte, darin zu blättern. Seitwärts von dieſem Breviarium befand ſich eine kleine, gothiſche Luke; ſie war durch zwei kreuzweiſe über einander gelegte Stangen geſchloſ⸗ ſen und auf den Platz hin gerichtet. Durch dieſe Oeff⸗ nung drang ein wenig Licht und Luft in eine kleine Zelle ohne Thür auf dem Erdgeſchoß und in der dicken Mauer — 60— volkreichſte und lärmendſte Platz in Paris ringsum wim⸗ melte und tobte. Dieſe Zelle war drei Jahrhunderte ſchon in Paris berühmt. Madame Rolande de la Tour Roland hatte ſie voll Schmerz über den Tod ihres Vaters in den Kreuz⸗ des alten Hauſes; dort herrſchte ein um ſo tieferer Frieden und eine um ſo größere Stille, je mehr der zügen in die Mauer ihres eigenen Hauſes graben laſſen, b um dort auf ewig ſich einzuſchließen. Von ihrem Palaſt behielt ſie nur dieſe Wohnung, deſſen Thor vermauert und deſſen Luke Winter und Sommer geöffnet war. Alle ihre Habe ſchenkte ſie den Armen und Gott. Die troſt⸗ loſe Dame hatte wirklich zwanzig Jahre lang den Tod in dieſem Grabe erwartet. Sie betete Tag und Nacht für die Seele ihres Vaters, ſchlief in der Aſche, hatte nicht einmal einen Stein zum Kopfkiſſen, hüllte ſich in einen ſchwarzen Sack und lebte von dem, was das Mit⸗ leid der Vorübergehenden an Brod unb Waſſer auf den Rand der Luke legte; kurz, ſie empfing Almoſen, nach⸗ dem ſie dieſe ertheilt hatte. Bei ihrem Tode, als ſie in ihr, zweites Grab ſtieg, vermachte ſie das erſtere den betrübten Frauen, Müttern, Witwen oder Mädchen, die viel für ſich und Andere zu beten hatten und ſich leben⸗ dig in großem Schmerz und großer Buße verſcharren wollten. Die Armen ihrer Zeit hatten die Leiche mit Segnungen und Thränen begleitet, und zu ihrem großen Schmerz ward die Dame aus Mangel an Protektion — 61— nicht heilig geſprochen. Die damals ſchon ein wenig gott⸗ los waren, hofften, die Sache werde im Himmel leichter, als in Rom ſein, und hatten, da der Papſt es nicht wollte, gutmüthig zu Gott für die Verſtorbene gebetet. Die Meiſten begnügten ſich mit der Erinnerung an Ro⸗ lande und machten ihre Lumpen zu Reliquien. Die Stadt hatte auf den Wunſch der Dame ein öffentliches Brevia⸗ rium gegründet, das man nahe an der Luke einſchloß, damit die Vorübergehenden von Zeit zu Zeit dort ver⸗ weilten, wäre es auch nur, um zu beten, damit dann das Gebet an Almoſen erinnerte, und damit die armen Klausnerinnen, die Erbinnen jener Höhle der Madame Rolande, nicht zugleich aus Hunger und Vergeſſenheit ſtürben. Dieſe Art Gräber war übrigens in den Städten des Mittelalters nicht ſo ganz ſelten. Oft ſtieß man in der belebteſten Straße, auf dem bunteſten und geräuſch⸗ vollſten Markte, ſogar in der Mitte unter den Hufen der Roſſe und den Rädern der Wagen auf eine Höhle, einen Brunnen, einen mit Mauern und Gittern verſehe⸗ nen Behälter, wo Tag und Nacht ein menſchliches We⸗ ſen, einer großen Buße oder ewigen Klage freioillig geweiht, ſein Leben zubrachte. Welche Gedanken erweckt uns gegenwärtig ſolche furchtbare Zelle, ein Mittelding zwiſchen Haus und Grab, Kirchhof und Stadt; ein Leben⸗ der, von der Geſellſchaft ausgemauert und zu den Todten gezaͤhlt; eine Lampe, die den letzten Tropfen Oeles im Dunkel zerſtörte; ein ewiges Gebet in ſteinerner Schach⸗ tel, und ein der unbekannten Welt ſtets zugewandtes Antlitz! Doch damals fühlte das Volk Nichts der Art. Die wenig ſcharfſichtige und wenig denkende Frömmigkeit der Zeit erblickte nicht ſo viele Facetten in einer from⸗ men Handlung. Sie nahm die Sache, wie ſie war, ver⸗ ehrte und heiligte im Nothfall das Opfer, empfand aber nur unbedeutendes Mitleid. Von Zeit zu Zeit brachte es dem unglücklichen Büßer ein wenig Nahrung, ſah durch das Loch, ob er noch lebe, kannte ſeinen Namen nicht und wußte kaum, ſeit wie viel Jahren er begonnen hatte zu ſterben. Fragte ein Fremder die Nachbarn nach dem Skelett, das in der Höhle verfaulte, ſo hieß es⸗ wenn es ein Mann war:„das iſt der Klausner,“ wenn ein Weib:„das iſt die Klausnerin.“ So ſah man damals ohne Metaphyſik und Ueber⸗ treibung, ohne Vergrößerungsglas mit unbewaffneten Augen. Das Mikroſkop war weder für die materiellen, noch für die geiſtigen Dinge damals erfunden. Uebrigens waren Beiſpiele der Art, wie wir ſchon ſagten, in den Städten eben nicht ſelten. In Paris war eine ziemliche Anzahl ſolcher Zellen zum Gebet und zur Buße, und faſt alle waren beſetzt. Allerdings ſorgte die Geiſtlichkeit dafür, daß ſie nicht leer blieben, denn dies hätte Lauig⸗ beit bei den Gläubigen bewirkt; drum brachte man auch wohl Ausſätzige hinein, wenn es an Büßenden fehlte. Außer der Höhle des Greve⸗Platzes war eine andre in V — 63— Montfaucon, eine dritte im Charnier des Innocens, eine vierte ich weiß nicht wo; andre noch an andern Orten, wo die Tradition, beim Mangel von Monumenten, es verkündet. Auch die Univerſität hatte dergleichen. Auf dem Berge Ste. Geneviève ſang ein Hiob des Mittel⸗ alters dreißig Jahre lang die ſieben Bußpſalmen auf einem Miſthaufen in einer Ciſterne, ſang beſonders laut des Nachts, und der Alterthumsforſcher kann noch ſeine Stimme vernehmen, wenn er in die Straße des reden⸗ den Brunnens tritt. Um bei der Höhle der Tour⸗Roland zu bleiben, müſſen wir berichten, daß ſie nie gefeiert hatte. Seit dem Tode der Madame Rolande war ſie ſelten ein oder zwei Jahre leer verblieben. Vie Frauen hatten ſi ſich dort eingemauert, den Tod der Aeltern und Geliebten oder Sünden zu beweinen. Bis zum ſechzehnten Jahrhundert erhielt ſich der Brauch, ein Gebäude durch eine kurze Inſchrift über der Thür zu erklären. So lieſ't man noch in Frankreich über dem Pförtchen des Gefängniſſes im Herrenhauſe von Tourville: Sileto et spera; in Irland unter dem Wappen über dem Hauptthor des Schloſſes Forteſcue: Forte scutum, salus ducum; in England über dem Haupteingang des gaſtlichen Hauſes der Gra⸗ fen Cowper: Tuum est. Damals war ja jegliches Ge⸗ bäude ein Gedanke. Da nun in der Mauerzelle von Latour⸗Roland ſich keine Thür befand, las man über der Luke in römiſchen Majuskeln: Tu, Ora. Das Volk, — 64— deſſen geſunder Menſchenverſtand die Feinheiten nicht ſieht, und die Inſchrift Ludovico Magno gern durch: Thor St. Denis überſetzt, hatte dieſer dunkeln, ſchwarzen und feuchten Höhle den Namen Ratzenloch*) gegeben. Gewiß war die Erklärung nicht ſo erhaben, als der Text, aber maleriſch genug. 3. Geſchichte eines Mais⸗Kuchens. Zur Zeit, als dieſe Geſchichte ſich ereignete, war jene Zelle beſetzt. Will der Leſer wiſſen, durch wen, braucht er nur das Geſpräch dreier braven Gevatterinnen zu verneh⸗ men, die im Augenblick, wo wir unſre Aufmerkſamkeit auf das Ratzenloch lenkten, ſich zur ſelben Seite wandten, und ihre Schritte das Ufer entlang richteten. Zwei der⸗ ſelben waren als Bürgerinnen von Paris gekleidet. Ihr feines, weißes Halstuch, ihr blau und roth geſtreifter Rock, ihre weißen, geſtrickten Strümpfe mit farbig geſtick⸗ ten Zwickeln, die viereckigen, gelbledernen Schuhe mit ſchwarzen Pünktchen und hauptſächlich ihr Kopfputz, wie ihn die Champagnerinnen mit den Grenadieren der ruſ⸗ ſiſchen Garde noch gegenwärtig tragen, verkündeten, daß ſie die Mitte zwiſchen dem, was Lakaien Frauen und Damen nennen, hielten. Sie trugen weder goldne Ringe, *) Im fünfzehnten Jahrhundert ſprachen die Franzoſen das u im Lateiniſchen ſo wie wir aus. Tu ora bietet alſe in der Ausſprache genug Aehnlichkeit mit Trou-aux-rats (Ratzenloch). — 65— noch Kreuze; doch konnte man leicht bemerken, daß dies nicht aus Armuth, ſondern aus Furcht vor Geldſtrafen der Fall war. Ihre Geſellſchafterin war ungefähr auf dieſelbe Weiſe geputzt; in ihrer Haltung und Kleidung lag aber Etwas, welches die Frau aus der Provinz ver⸗ rieth. An der Art, wie ihr Gürtel ſich über die Hüften erhob, ſah man deutlich, daß ſie noch nicht lange in Pa⸗ ris geweſen war. Hiezu kam der Umſtand, daß ihr Hals⸗ tuch gefältelt, ihre Schuhe mit Bandſchleifen verſehen, die Streifen ihres Rockes in der Breite und nicht in der Länge waren, ſo wie noch andre Unſchicklichkeiten, worüber der gute Geſchmack ſich empört fühlte. Die erſteren wandelten mit dem Paris eigenthüm⸗ lichen Schritt, woran die Frauen aus der Provinz Paris erkennen. Die letztere führte an der Hand einen dicken Knaben, der in ſeiner Hand einen dicken Kuchen hielt. Auch thut es uns leid, bemerken zu müſſen, daß der Junge bei der Strenge der Jahrszeit ſich der Hand als eines Schnupfluchs bediente. Das Kind ließ ſich ſchlep⸗ pen, non passibus aequis, ſtolperte unter dem Schelten der Mutter bei jedem Schritt. Gewiß hinderte es ein wichtiger Beweggrund, in den Kuchen zu beißen; denn es begnügte ſich damit, ihn zärtlich anzuſchauen. Gewiß war es grauſam, einen Tantalus aus dem dicken Jungen zu machen. Die drei Dämchen(denn Damen war damals ganz allein ein Titel der Ehelfrauen) ſprachen auf einmal: XIV. 5 — 66— „Eilen wir, Mahiette,“ ſprach die eine, zugleich auch die dickſte, zu ihrer Gefährtin aus der Provinz.„Ich fürchte, wir kommen zu ſpät. Man ſagte uns im Chatelet, man werde ihn ſogleich zum Schandpfahl führen.“—„Ah bah! was ſagt Ihr da, Oudarde Musnier?“ ſagte die andre Pariſerin.„Zwei Stunden bleibt er am Schand⸗ pfahl ſtehn. Habt Ihr ſo Etwas je geſehn, Mahiette?“ —„Ja,“ ſagte die Frau aus der Provinz,„in Reims.“ —„Ah bah! Was iſt an Euerm Schandpfahl von Reims! Nichts als ein großer Käficht, wo man nur Bauern feſt⸗ bindet, das iſt was Rechtes!“—„Was Bauern,“ rief Mahiette,„auf dem Tuchmarkt in Reims! Dort ſahen wir ſchöne Verbrecher, die Vater und Mutter getödtet hatten. Bauern! wofür haltet Ihr uns, Gervaiſe?“ Gewiß wäre die Bewohnerin der Provinz für die Ehre ibres Schandpfahls wüthend geworden, aber glück⸗ licher Weiſe gab die kluge Oudarde Musnier dem Ge⸗ ſprach eine andre Richtung.„Mahiette,“ fragte ſie,„was haltet Ihr von unſern flamländiſchen Geſandten? Habt Ihr auch ſo ſchöne in Reims?“—„Ich geſtehe,“ erwie⸗ derte jene,„daß man Flamländer, wie die, nur in Paris ſehen kann.“—„Saht Ihr auch in der Geſandtſchaft den großen Geſandten, der Strumpfwirker iſt?“—„Ja, er ſieht wie ein Satan aus.“—„Und den, deſſen Ge⸗ ſtalt einem nackten Bauche gleicht? Und den kleinen mit kleinen Augen und rothen Wimpern, gezackt wie ein Diſtelkopf?“—„Ihre Pferde ſind ſchön zu ſehen, geklei⸗ — 67— det wie ſie ſind, nach der Mode des Landes.“—„Ach Liebe,“ unterbrach das Geſpräch die Frau aus der Pro⸗ vinz, wobei auch ſte eine überlegene Miene annahm,„was würdet Ihr ſagen, hättet Ihr 61 vor achtzehn Jahren bei der Krönung die Pferde der Prinzen und der Kompagnie des Königs geſehn! Geſchirr und Decken jeglicher Art! von Damaſt, Goldtuch mit Zobelpelz, Sammt mit Her⸗ melin; Andre waren ganz mit Gold und dicken goldnen und ſilbernen Schellen beladen. Und wie viel Geld hatte das gekoſtet, und wie ſchöne Pagen ſaßen drauf!“ Trocken erwiederte Oudarde:„Dies hindert noch nicht, daß die Flamländer ſchöne Pferde hatten, und geſtern ein prächtiges Abendeſſen bei dem Herrn Prévot der Kaufleute hielten, und zwar auf dem Stadthauſe, wo man ihnen Zuckerwerk, Muskateller und andre Sel⸗ tenheiten auftrug.“—„Was ſagt Ihr da, Nachbarin,“ rief Gervaiſe,„es war beim Herrn Kardinal im Petit⸗ Bourbon.“—„Nein, auf dem Stadthauſe.“—„Nein, auf dem Petit⸗Bourbon.“—„Ich weiß es ſo gewiß,“ ſagte Oudarde verdrießlich,„daß der Doktor Scourable ihnen eine lateiniſche Rede hielt, mit der ſie ſehr zufrie⸗ den waren. Mein Mann iſt geſchworner Buchhändler und hat mir's erzählt.“—„Nein! ich weiß es ganz gewiß,“ erwiederte Gervaiſe nicht weniger heftig,„und Folgendes hat ihnen der Herr Kardinal gereicht: zwölf doppelte Viertel weißen, hell⸗ und dunkelrothen Mus⸗ katellers; vierundzwanzig Laden vergoldeten Marzipans; 5* — 68= eben ſo viel Fackeln, zu zwei Livres das Stück, ſechs halbe Fäſſer Beaune⸗Wein, vom beſten, den man auf⸗ treiben konnte. Ich weiß es von meinem Mann, der Aufſeher im Parloir⸗aux⸗Bourgeois iſt, und heute morgen die flamländiſchen Geſandten mit denen des Prieſters Johannes und des Kaiſers von Trapezunt verglich, die unter dem ſeligen König nach Paris kamen und Ringe in den Ohren trugen.“ „Es iſt ſo gewiß, daß ſie auf dem Stadthauſe ſpeis⸗ ten,“ erwiederte Oudarde, durch die genaue Aufzählung aller der Dinge durchaus nicht gerührt, daß man noch nie ſolchen Triumph von Fleiſch und Zuckerwerk erblickte. —„Ich ſage Euch, ſie wurden von Le See, Sergeanten der Stadt im Petit⸗Bourbon, bedient; dadurch laßt Ihr Euch täuſchen.“—„Ich ſage Euch auf dem Stadthauſe.“ —„Im Petit⸗Bourbon, meine Liebe; ganz gewiß! Man⸗ illuminirte ja mit magiſchen Gläſern das Wort Hoff⸗ nung, das auf dem Portal geſchrieben ſteht.“—„Im Stadthauſe! Im Stadthauſe! Huſſon⸗le⸗Voir ſpielte ja die Flöte.“—„Nein!“—„Ja, ja!“—„Nein, nein!“ Die dicke Oudarde rüſtete ſich auf eine Antwort und der Zank hätte ſich wahrſcheinlich auf den Kopfputz erſtreckt⸗ wenn Mahiette nicht plötzlich ausgerufen hätte:„Seht die Leute dort an der Brücke! Sie ſehen irgend Etwas!“ „Wahrhaftig,“ ſprach Gervaiſe,„ich höre den Schall des Tamburins. Ich glaube, die kleine Smeralda treibt Poſſen mit ihrer Ziege. Geſchwind, Mahiette! Lauft — 69— ſchnell! Ihr kamt hieher, die Merkwürdigkeiten von Pa⸗ ris zu beſehn. Geſtern ſaht Ihr die Flamländer, heute müßt Ihr die Zigeunerin ſehn!“ „Die Zigeunerin,“ ſprach Mahiette, plötzlich zurück⸗ ahrend, und hielt den Arm ihres Sohnes feſter an den Leib.„Gott bewahre! Sie würde mir mein Kind ſtehlen! Komm, Euſtache!“ Sie lief den Kai entlang, bis ſie weit von der Brücke entfernt war. Das Kind fiel aber auf die Kniee, und ſie blieb außer Athem ſtehen. Oudarde und Gervaiſe erreichten ſie wieder.„Die Zigeunerin ſollte Euer Kind ſtehlen!“ ſprach Gervaiſe.„Ein ſonder⸗ barer Gedanke!“ Mahiette erhob das Haupt mit nachſinnender Miene. „Sonderbar!“ bemerkte Oudarde.„Die Büßende denkt eben ſo von den Zigeunern.“—„Wer iſt das?“ fragte Mahiette.—„Nun, die Schweſter Gudule.“—„Schwe⸗ ſter Gudule, wer iſt das?“—„Man ſieht, Ihr ſeid aus Reims,“ antwortete Oudarde,„da Ihr dies nicht wißt. Das iſt die Klausnerin im Ratzenloch.“—„Was, die arme Frau, der wir den Kuchen bringen?“ Oudarde nickte mit dem Kopfe.„Ja wohl; Ihr ſollt ſie ſogleich an der Luke ſehen. Sie blickt auf die ägyptiſchen Vagabunden, welche das Tamburin ſpielen und prophezeien, mit demſelben Auge wie Ihr. Man weiß nicht, woher dieſer Schauder bei ihr ſtammt. Aber warum lauft Ihr ſo davon, ſie nicht einmal zu ſehen?“ „Oh,“ ſagte Mahiette, indem ſie den runden Kopf 70 ihres Kindes in die Hände drückte;„ich will nicht das⸗ ſelbe Unglück wie Paquette⸗la⸗Chantefleurie yaben.“— „Oh, erzählt uns die Geſchichte, gute Mahiette,“ ſprach Gervaiſe, ſie beim Arm faſſend.—„Recht gern. Ja, ja, man ſieht, daß Ihr aus Paris ſeid, da Ihr das nicht wißt. Ich ſage Euch alſo— doch brauchen wir dabei nicht zu verweilen, die Sache zu erzählen— daß Paquette⸗ la⸗Chantefleurie ein hübſches Mädchen von achtzehn Jah⸗ ren war, als ich auch ſo alt war, das heißt, vor achtzehn Jahren, und es iſt ihre eigene Schuld, wenn ſie jetzt nicht, ſo wie ich es bin, eine dicke, friſche Mutter von ſechsunddreißig Jahren mit einem Mann und einem Jungen iſt. Uebrigens konnte ſie ſchon das nicht mehr mit vierzehn Jahren.— Alſo, ſie war die Tochter von Guybertaut, Minſtrel der Schiffe zu Reims, derſelbe, welcher vor König Karl VII. bei der Krönung aufſpielte, als dieſer von Sillery bis Muiſon unſern Fluß Vesle hinabfuhr, und als die Frau Jungfrau mit in dem Schiffe war. Der alte Vater ſtarb, als Paquette noch ganz klein war; ſie hatte alſo nur noch ihre Mutter, Schweſter des Herrn Matthieu Pradon, Meſſing⸗ und Keſſelſchlägers zu Paris, Straße Parin⸗Garlin, der vergangenes Jabr ſtarb. Ihr ſeht, ſie war von guter Familie. Die Mut⸗ ter war unglücklicher Weiſe zu gut und lehrte Paquette Nichts, als Spielerei und Sticken. Das verhinderte aber nicht, daß die Kleine groß ward und ſehr arm blieb. Beide wohnten in Reims am Fluſſe, Straße Folle⸗Peine. — 11— Merkt euch das! Ich glaube, dies brachte Paquette in's Unglück. 61, im Jahre der Krönung unſers Königs Ludwigs XI., den Gott erhalte, war Paquette ſo luſtig⸗ daß ſie überall Chantefleurie*) hieß— das arme Mäd⸗ chen!— Sie hatte ſo ſchöne Zähne, und lachte gern, ſie zu zeigen. Mädchen, die gern lachen, kommen dadurch zum Weinen; ſchöne Zähne verderben ſchöne Augen: das war alſo die Chantefleurie. Sie und ihre Mutter hatten knapy zu leben; nach dem Tode des Minſtrels waren ſie ſehr heruntergekommen; ihr Spielen brachte ihnen kaum ſechs Deniers wöchentlich ein, und das macht noch keine zwei Liards. Wo war die Zeit, als ihr Vater Guybertaut zwölf Sols Pariſis für ein einziges Lied hekam? Eines Winters— es war in demſelben Jahre 61— als beide Frauen weder Holz noch Reiſig beſaßen, und es ſehr kalt war, gab dies der Chantefleurie ſo ſchöne Farbe, daß die Männer ſie Paquette) nannten, und mehrere riefen Paquerette, mer) und daß ſie ſich zu Grunde richtete— Euſtache! ſehe ich dich noch einmal in den Kuchen beißen!— Eines Morgens ſahen wir Alle, daß ſie verloren war; denn ſie kam in die Kirche mit einem goldnen Kreuz am Halſe. Denkt Euch, mit vierzehn Jahren! Zuerſt hatte ſie zum Liebhaber den 4 *) Blüthenſängerin. 8) Marienblümchen. ix;) Maasliebe. zungen Vicomte von Cormontreuil, deſſen Thurm drei Viertelſtunden von Reims liegt, dann Herrn Henri de Triancourt, Bereiter des Königs, dann Chiart de Beau⸗ lion, Waffenſergeanten, und immer mehr abwärts, des Königs Kammerdiener, des Herrn Dauphins Barbier, den Schleppenträger des Königs, den Minſtrel der Stadt, den Laternenputzer. Ach die arme Chantefleurie! Sie gehörte Allen und hatte den letzten Heller ihres Gold⸗ ſtücks ausgegeben. Sogar bei der Krönung 61 machte ſie dem Könige der Schelme das Bett.“ Mahiette wiſchte ſich eine Thräne aus den Augen. „Das iſt eine ganz gewöhnliche Geſchichte,“ ſagte Ger⸗ vaiſe;„ich ſehe weder Zigeuner, noch Kinder.“ „Geduld!“ begann Mahiette auf's Neue,„ein Kind ſollt Ihr gleich haben. 66, vor ſechzehn Jahren, gebar Paquette ein kleines Mädchen, worüber ſie ſich ſehr freute. Die Arme! ſchon lange hatte ſie ſich ein Kind gewünſcht. Ihre Mutter, die gute Frau, die nur immer ein Auge zudrückte, war geſtorben. Paquette hatte Nie⸗ mand mehr in der Welt, den ſie liebte und von dem ſie geliebt ward. Schon waren es fünf Jahre, daß ſie fehlte. Das arme Geſchöpf! Sie ſtand allein, man zeigte mit den Fingern auf ſie, ſchrie in den Straßen hinter ihr her; von den Straßenjungen verſpottet, ward ſie von den Sergeanten geprügelt. Auch war ſie ſchon zwanzig Jahr alt, und Freudenmädchen ſind bei zwanzig Jahren ſchon alte Weiber. Die Liebe brachte ihr nicht mehr ein, — 73— als ihr Spielen vorher; ein Thaler ging für jede Runzel von dannen; der Winter war hart, das Holz in ihrem Schober und das Brod in ihrem Schranke ſelten. Arbei⸗ ten konnte ſie nicht mehr; denn wollüſtig, ward ſie faul, und faul, ward ſie wollüſtig.— So erklärt unſer Herr Pfarrer den Umſtand, daß dieſe Weiber, wenn ſie alt ſind, mehr Hunger und Kälte leiden, als andre Armen.“ „Ja,“ bemerkte Gervaiſe,„aber die Zigeuner?“— „Wartet doch noch einen Augenblick,“ ſprach die weniger ungeduldige Oudarde.„Was ſoll am Ende kommen, wenn Alles ſchon im Anfange vorkommt? Ich bitte, fahrt fort, Mahiette; die arme Chantefleurie!“ Mahiette ſetzte ihre Erzählung fort:„Sie war alſo ſehr traurig und elend und grub mit Thränen Furchen in ihre Wangen. Aber in ihrer Schande, Thorheit und „Einſamkeit ſchien es ihr, als wäre ſie weniger beſchimpft, thöricht und verlaſſen, hätte ſie Etwas auf der Welt, das ſie lieben könnte, und von dem ſie geliebt würde. Das aber mußte ein Kind ſein; denn ein Kind war dazu noch unſchuldig genug. Das erkannte ſie, nachdem ſie verſucht hatte, einen Dieb zu lieben, den einzigen Mann, der ſie noch haben wollte; nach einiger Zeit aber bemerkte ſie, wie der Dieb ſie verachtete.— Die Frauen müſſen einen Liebhaber oder ein Kind haben, ihr Herz auszu⸗ füllen. Sonſt ſind ſie ſehr unglücklich.— Da ſie nun keinen Liebhaber mehr bekommen konnte, wandte ſie ihr Herz zu einem Kinde, und da ſie nie aufgehört hatte, — 1— fromm zu ſein, detete ſie zu Gott Tag und Nacht. Gott aber hatte Mitleid mit ihr und ſchenkte ihr ein kleines Mädchen. Von ihrer Freude will ich Euch nicht erzählen; das war eine Thränen⸗ und Küſſe⸗Wuth. Sie ſäugte ſelbſt ihr Kind, machte Windeln aus ihrer einzigen Bett⸗ decke, und empfand weder Kälte, noch Hunger, noch Durſt. Da ward ſie wieder ſchön. Eine alte Jungfer wird zur jungen Mutter; Liebe begann auf's Neue; man heſuchte die Chantefleurie, ſie fand Abſatz für ihre Waare und machte aus ihrem Sündengeld Halstücher, Kutten von Spitzen, Hauben von Atlas, und kaufte ſich nicht einmal eine neue Bettdecke.— Euſtache! ungezogener Junge! Ich habe dir verboten, den Kuchen zu eſſen.— Die kleine Agnes— ſo hieß das Kind. Es war ihr Taufname; denn die Chantefleurie hatte ſchon lange keinen Familiennamen mehr— ja, die kleine Agnes ward ein⸗ gewickelt in Bänder und Spitzen, mehr noch als eine Dauphine des Dauphiné. Unter andern hatte ſie ein hübſches Paar Schuhe. Solche hat gewiß nicht einmal König Ludwig. Die Mutter hatte ſie ſelbſt genäht und geſtickt, und daran waren alle Feinheiten und Flittern eines Kleides der heiligen Jungfrau. Es waren die ſchönſten, kleinen Roſa⸗Schuhe, die man je geſehn hat. Sie waren nicht größer, als mein Daumen, und man mußte ſehen, wie das kleine Kind die Füße herauszog, ſonſt konnte man nicht denken, wie ſeine Füßchen hätten hineinkommen können. Habt Ihr Kinder, Oudarde, wißt — 75— Ihr gewiß, daß Nichts ſchöner iſt, als ſolche kleine Hände und Füße.“ „Ich wünſche Nichts mehr,“ ſprach Oudarde,„muß aber warten, bis dies meinem Herrn Andry Musnier gefällig iſt.“ „Uebrigens,“ erzählte Mahiette,„hatte ſie gar nicht ganz allein hübſche Füße. Ich ſah das Kind, als es nur vier Jahr alt war. Seine Augen— ſchöne Augen!— waren ſo groß wie ſein Mund, und die Haare lockig. Mit ſechzehn Jahren wäre das eine ſchöne Brunette geworden. Die Mutter ward täglich mehr in die Kleine verliebt. Sie liebkoſ'te, küßte, kitzelte, putzte, badete ihr Kind. Sie verlor den Kopf und dankte Gott. Ueber ſeine kleinen, roſigen Füße war ſie ewig entzückt und wie verrückt. Ihre Lippen ſchienen daran geleimt zu ſein. Sie ſteckte die Füßchen in die kleinen Schuhe, bewunderte, beſchaute ſie, und mochte das Kind nicht einmal auf dem Bette gehen laſſen; kurz, ſie zog ihm die Schuhe aus und an, als wär's ein Jeſuskind.“ „Die Geſchichte iſt recht ſchön,“ ſagte Gervaiſe halb laut,„aber wo ſind die Zigeuner?“ „Jetzt kommen ſie,“ antwortete Mahiette.„Eines Tages kamen nach Reims recht ſonderbare Ritter, Bett⸗ ler und Gauner, die, von Herzögen und Grafen geführt, im Lande umherwandelten. Sie waren ſchwarzbraun, hatten krauſes Haar und Ringe in den Ohren. Ihre Weiber waren noch häßlicher, als die Männer. Das ganze Geſicht trugen ſie unbedeckt, einen häßlichen Man⸗ tel auf dem Leibe, ein altes, aus Stricken gewebtes Tuch über den Schultern, und banden ihr Haar wie einen Pferdeſchwanz. Die Kinder, die ſich unter ihren Beinen wälzten, hätten Affen erſchreckt. Kurz, es war eine Bande Exkommunicirter. Sie kamen gerades Weges aus Unter⸗ ägypten über Polen, hatten beim Papſt gebeichtet, wie es hieß, und dieſer ihnen befohlen, durch die Welt zu wandern, ohne in Betten zu ſchlafen; auch hießen ſie Büßer und ſtanken abſcheulich. Wie es ſchien, waren ſie früher Sarazenen geweſen, glaubten deßhalb an Jupiter und verlangten von allen Erzbiſchöfen, Biſchöfen und Aebten zehn Livres Tournois. Das brachte eine Bulle des Papſtes ihnen ein. Sie kamen nach Reims, um im Namen des Königs von Algier und des Kaiſers von Deutſchland zu prophezeien. Natürlich ließ man ſie nicht in die Stadt. Da lagerte ſich die ganze Bande vor dem Thore von Braine, und ganz Reims ging hinaus, ſie zu ſehen. Sie betrachteten Eure Hand und ſagten Euch wunderbare Prophezeiungen; ja, ſie konnten Judas vor⸗ herſagen, er werde Papſt werden. Aber böſe Gerüchte hatten ſich über ſie verbreitet von geſtohlenen Kindern, ſtipitzten Börſen und gegeſſenem Menſchenfleiſch. Die Klugen ſagten zu den Dummen: Geht nicht hin, und dann gingen ſie ſelbſt verkleidet hin. Thatſache bleibt es⸗ die Zigeuner ſagten Dinge, einen Kardinal zum Staunen zu bringen. Die Mütter machten viel Weſens aus ihren Kindern, ſeit die Zigeuner in ihrer Hand alle Arten von Wundern, die heidniſch oder türkiſch geſchrieben waren, geleſen hatten. Die eine hatte einen Kaiſer, die andre einen Papſt oder Kapitän. Die arme Chantefleurie ward auch von Neugier angeſteckt; ſie wollte wiſſen, was ſie hatte, und ob die kleine Agnes einſt Kaiſerin von Arme⸗ nien oder ſonſt was werden könnte. Sie trug ihr Kind zu den Zigeunern, und die bewunderten, liebkoſ'ten, küß⸗ ten es mit ihren ſchwarzen Mäulern und ſtaunten, ach! zur großen Freude der Mutter, über ſeine kleine Hand. Hauptſächlich prieſen ſie die kleinen Füße und ſchönen Schuhe. Das Kind war noch kein Jahr alt. Es ſtam⸗ melte ſchon, lachte mit ſeiner Mutter wie toll, war dick und rund, und machte tauſend kleine Bewegungen, wie die Engel im Paradieſe. Vor den Zigeunern fürchtete es ſich und weinte. Aber die Mutter küßte es noch mehr, und ging, ganz entzückt über das Glück, das die Hexen ihrer Agnes prophezeit hatten. Sie ſollte ſchön, tugend⸗ haft, Königin werden. Sie ging ganz ſtolz in ihre Dach⸗ ſtube und dachte, eine Königin dort hinzutragen. Am nächſten Tag benutzte ſie einen Augenblick, wo das Kind in ihrem Bette ſchlief(denn ſie ſchliefen beide zuſammen), ließ die Thür halb offen, und wollte einer Nachbarin erzählen, ihre Tochter werde einſt vom Könige von Eng⸗ land, dem Erzherzoge von Aethiopien und was weiß ich ſonſt, bei Tafel bedient werden. Und als ſie wiederkam und, die Treppe hinaufſteigend, kein Schreien hörte, dachte — 78— ſte, das Kind ſchläft. Da ſtand aber die Thür ſperrweit offen, die arme Mutter trat ein, lief zum Bett— das Kind war nicht mehr da, ſein Platz war leer. Nur ein hübſcher Schuh war zurückgelaſſen. Sie ſtürzte aus dem Zimmer die Treppe hinunter, rannte mit dem Kopf gegen die Wand und ſchrie: Mein Kind! Wer hat mein Kind geſtohlen!— Die Straße war einſam; das Haus lag ganz allein. Niemand konnte ihr es ſagen. Sie lief durch die Stadt, durchſuchte alle Straßen, lief den ganzen Tag wüthend, wahnſinnig umher, ſah in Thüren und Fenſter, wie ein wildes Thier, das ſeine Jungen verlor. Sie rannte keuchend, mit zerzauſten Haaren, furchtbar anzu⸗ ſehen, umher. In ihren Augen trocknete ein Feuer ihre Thränen; ſie hielt die Vorübergehenden an und ſchrie: Meine Tochter! Meine Tochter! Wer gibt mir meine Tochter wieder? Ich will Eure Magd, Eures Hundes Magd ſein, Ihr mögt mein Herz eſſen, wenn Ihr mein Leben wollt; nur gebt mir meine Tochter!— Sie begegnete dem Herrn Pfarrer von St. Remy und rief: Herr Pfarrer, ich will Euer Land mit den Nägeln gra⸗ ben, aber gebt mir meine Tochter!— Oudarde, das war herzzerreißend; ich ſah, wie ein harter Mann, der Prokurator Ponce Lacabre, darüber weinte.— Ach! die arme Mutter!— Am Abend kehrte ſie heim. Während ſte abweſend war, hatte eine Nachbarin geſehn, wie zwei vermummte Zigeunerinnen, mit einem Bündel auf dem Arm, die Treppe hinaufſtiegen, die Thüre ſchloſſen und — 79— davon liefen. Als Paquette ſo herumlief, hoͤrte man Kindergeſchrei. Die Mutter lachte laut auf, ſtieg die Treppe, als hätte ſie Flügel, hinan, ſtieß die Thür, wie eine Artillerie⸗Kanone, ein.— Oudarde, wie ſcheuslich! anſtatt der ſchönen, rothen und friſchen Agnes, die ein Geſchenk Gotltes war, ſah ſie einen ſcheuslichen, hinken⸗ den, buckligen Wechſelbalg, der auf dem Boden kreiſchend herumkroch. Schaudernd legte ſie die Hand über die Augen. Oh, rief ſie, haben die Hexen mein Kind in dies furchtbare Thier verwandelt?— Man trug den Wechſel⸗ balg ſchnell fort; denn ſie wäre über ihn verrückt gewor⸗ den. Das war ein Ungeheuer von Kind, das der Teufel mit einer Zigeunerin erzeugt hatte. Es ſchien ungefahr vier Jahre alt zu ſein, und ſprach eine Sprache, wie kein Menſchenkind, Worte, die unmöglich ſind.— Die Chante⸗ fleurie fiel über den kleinen Schuh her, das Einzige, das ihr von ihrer geliebten Tochter verblieben war. Lange Zeit lag ſie ſtumm, unbeweglich, ohne zu athmen, da; man glaubte, ſie ſei todt. Da zitterte ſie auf einmal am ganzen Leibe, bedeckte ihre Reliquie mit wüthenden Küſ⸗ ſen, und brach in Schluchzen aus, als wollte ihr Herz zerſpringen. Ja, ja, wir weinten Alle. Sie rief: Oh meine kleine ſchöne Tochter, wo biſt du? und das zer⸗ ſchnitt euch die Eingeweide. Seht ihr, unſre Kinder ſend das Mark unſrer Knochen.— O Euſtache, wie hübſch biſt du! Wüßtet ihr, wie artig er iſt! Geſtern ſagte er: Mutter, ich will Gendarme werden. Oh Euſtache, ver⸗ — 80— löre ich dich!— Da ſtand die Chantefleurie plötzlich auf, lief durch Reims und ſchrie:„In's Lager der Zigeuner. Sergeanten herbei! Verbrennt die Hexen!“— Aber die Zigeuner waren fort. Es war ſtockfinſter, und man konnte ſie nicht verfolgen. Am nächſten Tage fand man zwei Stunden von Reims auf einer Haide die Ueber⸗ bleibſel eines Feuers, Bänder von Paquette's Kinde, Blutstropfen und Koth von Ziegenböcken. Es war gerade eine Samſtags⸗Nacht geweſen, und man zweifelte nicht, daß die Zigeuner das Kind mit Belzebub gefreſſen hatten, wie dies bei den Mahomedanern Sitte iſt. Als Chantefleurie dieſe furchtbaren Dinge hörte, weinte ſie nicht, und bewegte die Lippen, als wolle ſie ſprechen, aber ſie konnte es nicht, Am nächſten Tage waren ihre Haare grau, und am zweiten Tage war ſie verſchwunden.“ „Das iſt wirklich eine furchtbare Geſchichte,“ ſprach Oudarde,„die ſelbſt einen Burgunder zu Thränen rüh⸗ ren müßte.“—„Jetzt wundre ich mich nicht mehr, daß die Furcht vor Zigeunern ſo Euch jagen kann.“—„Ihr thatet um ſo beſſer,“ ſagte Oudarde,„Euch mit Eurem Euſtache ſo eben zu retten, da auch dieſe Zigeuner, wie man ſagt, aus Polonien ſind.“—„Nein,“ verbeſſerte Gervaiſe,„es heißt, ſie Fkämen aus Spanien und Cata⸗ lonien.“—„Catalonien vielleicht,“ ſagte Oudarde,„Polo⸗ nien, Catalonien, Wallonien, die drei Provinzen verwech⸗ ſele ich immer, aber es iſt gewiß, daß es Zigeuner ſind.“ —„Und gewiß,“ fügte Gervaiſe hinzu,„ſind ihre Zähne — 81— groß genug, kleine Kinder zu freſſen. Ich ſollte mich nicht wundern, wenn die Smeralda auch Kinder fräße, obgleich ihr Mund ſo klein iſt. Ihre weiße Ziege macht zu boshafte Streiche, als daß keine Teufelei dahinter ſtecken ſollte.“. Mahiette ging ſchweigend weiter. Sie war in die Träumerei verſunken, welche die Verlängerung einer ſchmerzhaften Erzählung zu ſein pflegt, und die nur dann aufhört, wenn ſie bis zur letzten Fiber des Herzens vibrirt hat. Gervaiſe übrigens fragte:„Weiß man, was aus der Chantefleurie geworden iſt?“* Mahiette erwiederte nichts. Gervaiſe wiederholte die Frage, ſie beim Arme ſchüttelnd, und bei Namen rufend. Mahiette ſchien aus ihrer Träumerei zu erwachen. „Was iſt aus Chantefleurie geworden?“ ſprach ſie, mechaniſch die Worte wiederholend, deren Eindruck ſo eben ihr Ohr getroffen hatte. Dann überdachte ſie mit Gewalt den Sinn der Worte, und ſprach lebhaft:„Das hat man nie erfahren.“ Drauf fügte ſie nach einer Pauſe hinzu: „Die Einen ſagen, man hätte ſie aus dem Thore Porte⸗Fléchembault mit der Abenddämmerung, Andere, mit der Morgenröthe aus dem Porte⸗Baſée gehen ſehen. Ein Armer fand ihr goldnes Kreuz auf dem Felde an einem ſteinernen Kreuz. Der Schmuck hatte ſie 61 in's Verderben geführt. Das war ein Geſchenk des ſchönen Vicomte von Cormontreuil, ihres erſten Liebhabers. XIV. 6 — 32— Paquette wollte ſich nie davon trennen, ſo elend ſie auch ward. Sie hing daran, wie an ihrem Leben. Auch dach⸗ ten wir Alle, als wir das Kreuz weggeworfen ſahen, ſie ſei todt. Dennoch ſagten Leute aus einer Schenke, ſie ſei mit nackten Füßen auf dem ſteinigen Wege nach Pa⸗ ris vorbeigegangen. Doch dann hätte ſie aus dem Vesle⸗ Thore gehen müſſen, und dies alſo ſtimmt nicht. Ich glaube, daß ſie aus dem Vesle⸗Thore ging, aber auch aus dieſer Welt.“ „Ich verſtehe Euch nicht,“ ſprach Gervaiſe.—„Die Vesle,“ erwiederte Mahiette mit melancholiſchem Lächeln, „iſt der Fluß.“—„Die arme Chantefleurie,“ ſagte Ou⸗ darde bebend,„hat ſich ertränkt!“—„Ertränkt, ja, ja, wer hätte gedacht, als der Vater Guybertaut ſingend unter die Brücke auf ſeinem Schiffe fuhr, auch ſeine liebe kleine Paquette werde hindurch kommen, aber ohne Lied und Schiff.“—„Und der kleine Schuh?“ fragte Ger⸗ vaiſe.—„Verſchwand mit der Mutter.“—„Armer kleiner Schuh!“ Oudarde, eine dicke und gefühlvolle Frau, hätte gern in Geſellſchaft mit Mahiette geweint. Allein Ger⸗ vaiſe, neugieriger, war noch nicht mit ihren Fragen am Ende. „Und der Wechſelbalg?“ fragte ſie plötzlich.— „Welcher Wechſelbalg?“—„Der kleine Zigeuner⸗Wech⸗ ſelbalg, den die Hexen bei der Chantefleurie zurückließen. Was hat man mit dem angefangen? Ich hoffe, daß Ihr — 83— ion auch ertränkt habt.“—„Nein.“—„Vielleicht ver⸗ brannt? Das iſt gerechter! Ein Hexenkind!“—„Auch das nicht. Der Herr Erzbiſchof nahm Intereſſe an dem Zigeunerkinde, trieb ſorgfältig ihm den Teufel aus dem Leibe, ſegnete es und ſchickte es nach Paris, wo er es auf der Bank der Findelkinder ausſetzen ließ.“ „Die Biſchöfe,“ ſprach Gervaiſe murrend,„thun doch Nichts wie andre Leute, weil ſie ſo gelehrt ſind! Sagt mir'mal, Oudarde, hieß das nicht den Teufel unter die Findelkinder bringen?“—„Nun, Mahiette, was hat man denn in Paris mit dem Kinde angefangen? Ich hoffe, daß keine mitleidige Perſon es haben wollte.“ „Ich weiß es nicht,“ erwiederte Mahiette;„damals kaufte mein Mann die Amtsſchreiberei von Bern, und ſo habe ich mich denn nicht mehr um die Geſchichte beküm⸗ mert; zu Bern gehören noch zwei Weiler, und die mach⸗ ten, daß wir die Kirchthürme von Reims aus dem Ge⸗ ſicht verloren.“ So ſprechend, waren die drei würdigen Bürger⸗ frauen auf den Grdveplatz gekemmen. In ihr Geſpräch vertieft, waren ſie mechaniſch bei dem öffentlichen Bre⸗ viarium vorübergegangen, und gingen auf den Schand⸗ pfahl zu, wo das Gedränge immer ſtärker ward. Wahr⸗ ſcheinlich hätten ſie bei dem Schauſpiel, das grade jetzt Aller Blicke auf ſich zog, das Ratzenloch vollkommen ver⸗ geſſen, und auch, daß ſie dort ſtehen bleiben wollten, wenn der ſechsjährige dicke Junge ſie nicht plötzlich daran 6* — 84— erinnert hätte.„Nutter,“ ſagte er, als mahne ihn ſein Inſtinkt, das Ratzenloch liege hinter ihm,„darf ich jetzt den Kuchen eſſen?“. Wäre Euſtache ſchlauer, d. h. nicht ſo gierig gewe⸗ ſen, ſo hätte er bei der Rückkehr in der Univerſität bei Meiſter Musnier, wo die beiden Arme der Seine mit den fünf Brücken hinter dem Ratzenloch lagen, die furcht⸗ ſame Frage gewagt: Mutter, darf ich jetzt den Kuchen eſſen? Damals war aber die Frage unbeſonnen, und erweckte wieder das Gedächtniß der Mahiette. „Wir vergeſſen ja,“ rief ſie aus,„die Klausnerin. Zeigt mir doch Euer Ratzenloch, daß ich dort den Kuchen hinlege.“—„Sogleich,“ ſprach Oudarde,„das iſt ja eine fromme Handlung.“ Aber hierauf machte Euſtache ſeine Rechnung nicht. „Hier, mein Kuchen!“ rief er, indem er beide Schul⸗ tern hob und die Ohren ſpitzte, was in ſolchem Fall die höchſte Unzufriedenheit bedeutet. Die drei Frauen kehrten wieder um, und als ſie am Hauſe Tour⸗Roland ſtanden, ſprach Oudarde zu den Andern:„Wir dürfen nicht alle Drei auf einmal in die Luke ſehen, ſonſt wird die Büßerin böſe. Thut ihr Bei⸗ den, als ſprächt ihr das Dominus im Breviarium, wäh⸗ rend ich die Naſe in die Luke ſtecke. Die Büßerin kennt mich ein wenig. Ich will Euch ſchon ſagen, wenn Ihr kommen könnt.“ Sie trat allein an die Luke. Im Augenblick, wo ſie hineinſchaute, malte ſich tiefes Mitleid auf allen ihren Zügen und ihr frohes und heiteres Geſicht wechſelte ſo plötzlich Ausdruck und Farbe, daß es ſchien, ſie wäre vom Sonnenlicht in Mondlicht hinüber gegangen. Ihr Auge ward feucht, ſie zog den Mund zuſammen, als wolle ſie weinen, dann legte ſie den Finger auf die Lip⸗ pen, und gab Mahiette ein Zeichen, heranzukommen. Mahiette trat bewegt, ſchweigend auf der Fußſpitze hinzu, ſo wie man dem Bett eines Sterbenden zu nahen pflegt. Auch bot ſich wirklich den beiden Frauen, die, ohne ſich zu rühren oder zu athmen, in die vergitterte Luke hineinſahen, ein furchtbarer Anblick. Die Zelle war eng, breiter als tief, im Spitzbogen gewölbt, und glich, von Innen aus geſehen, der Mitra eines Biſchofs. Auf dem nackten Stein des Fußbodens ſaß oder kauerte vielmehr eine Frau in der Ecke. Ihr Kinn ſtützte ſich auf die Kniee. Die beiden Arme waren eng über die Bruſt gekreuzt. Sie war in einen braunen Sack gekleidet, deſſen breite Falten ſie gänzlich einhüllten. Lange, graue, nach vorn geworfene Haare fielen von ih⸗ rem Geſicht über die Beine bis auf die Füße. So er⸗ ſchien ſie beim erſten Anblick als eine ſonderbare, auf dem dunklen Grund der Zelle ausgeſchnittene Geſtalt, als eine Art ſchwärzlichen Triangels, den der in die Luke fallende Lichtſtrahl in zwei grade Hälften zerſchnitt, wo⸗ von die eine dunkler, die andre heller war, Sie glich einem Geſpenſte, halb im Schlaglicht, halb im Schlag⸗ — 85— ſchatten. Wie es uns Träume bisweilen vorführen, oder wie man dergleichen auf Goya's ſchönem Gemälde, blaß⸗ unbeweglich auf einem Grabe ſitzend, oder hinter dem Gitter eines Gefängniſſes erblickt. Es war weder Mann noch Weib, noch lebendes Weſen, noch beſtimmte Geſtalt; nur Erſcheinung und Figur, wo das Reelle und Phanta⸗ ſtiſche wie Licht und Schatten ſich durchſchnitten. Kaum erblickte man unter den bis zur Erde hinabhängenden Haaren ein abgemagertes und ſtrenges Profil; kaum ragte unter ihrer Hülle die Spitze eines Fußes hervor, der ſich auf dem eiskalten Pflaſter krümmte. Die wenige Geſtalt, die man unter der Hülle ſchaute, bebte ſchmerzhaft. Dieſe gleichſam auf das Pflaſter geheftete Geſtalt ſchien weder Bewegung, noch Athem, noch Denkungs⸗ vermögen zu beſitzen. In dem dünnen leinen Sack nackt auf dem Granitpflaſter, ohne Feuer im Schatten eines Gefängniſſes liegend, deſſen Oeffnung nie die Sonne, ſondern nur den kalten Luftzug eindringen ließ, ſchien ſie nicht mehr zu leiden, ſogar nicht mehr zu fühlen. Man hätte ſagen mögen, ſie ſei von Stein mit dem Ker⸗ ker, zu Eis mit dem Winter geworden. Ihre Hände waren gefaltet, ihre Augen blickten ſtarr. Beim erſten Anblick hielt man ſie fur ein Geſpenſt, bei'm zweiten für eine Statue. Dann und wann öffneten ſich ihre blauen Lippen zum Athmen, aber ſo todt und mechaniſch, wie Blätter, die der Wind ſchüttelt. Ihren düſtern Augen entſchlüpfte — 87— ein unausſprechlicher, tiefer, trauriger, unaufhörlich in den Winkel der Zelle gehefteter Blick, und weilte auf einem Gegenſtand, den man von Außen nicht ſehen zonnte. Er ſchien alle Gedanken der verzweifelnden Seele auf einen geheimnißvollen Gegenſtand zu heften. Dies war das Geſchöpf, das den Namen Klausnerin oder Büßerin führte. Die drei Frauen, denn auch Gervaiſe war hinzuge⸗ treten, ſahen in die Luke. Ihre Häupter hielten das Licht vom Gefängniß ab, ohne daß die Unglückliche dies zu bemerken ſchien.„Stören wir ſie nicht,“ ſprach Ou⸗ darde leiſe;„ſie iſt in ihrer Verzückung und betet.“ Mahiette aber betrachtete mit immer wachſender Angſt das magere, gewelkte Antlitz, und Thränen traten in ihre Augen.—„Das wäre ſonderbar,“ murmelte ſie vor ſich hin. Sie ſteckte den Kopf durch das Gitter, und ſo gelang es ihr, den Blick in den Winkel zu werfen, wohin die Unglückliche unaufhörlich ſchaute. Als ſie ihr Haupt zurückzog, war es in Thränen gebadet. „Wie nennt Ihr die Frau?“ ſprach ſie zu Oudarde. —„Schweſter Gudule,“ erwiederte dieſe.—„Und ich nenne ſie Paquette Chantefleurie.“ Sie legte den Finger auf den Mund, und gab der Oudarde ein Zeichen, ihren Kopf ebenfalls in die Luke zu ſtecken und hinein zu ſchauen. Oudarde that dies, und ſah im Winkel, wohin die Klausnerin ſo düſter — 88— ſchaute, einen kleinen roſafarbenen, mit Gold⸗ und Sil⸗ berflittern geſtickten Schuh von Atlas ſtehen. Gervaiſe ſah auch hinein, und alle drei Frauen begannen, die unglückliche Mutter betrachtend, zu weinen. Allein weder ihre Blicke noch ihr Weinen zogen die Aufmerkſamkeit der Klausnerin auf ſich. Ihre Hände blieben gefaltet, ihre Lippen ſtumm, ihr Auge ſtarr, und der kleine ſo betrachtete Schuh rührte tief das Herz eines Jeden, der ihre Geſchichte kannte. Die drei Frauen hatten noch kein Wort geſprochen; ſie wagten nicht einmal, mit leiſer Stimme zu reden. Das tiefe Schweigen, der tiefe Schmerz, die vollkommne Vergeſſenheit alles Aeußern, nur nicht eines einzigen Dinges, brachte bei ihnen den Eindruck eines Hochaltars um Oſtern oder Weihnacht hervor. Sie waren bereit, auf die Kniee zu ſinken, und es war ihnen, als träten ſie in die Kirche am Tage Tenebrae. Gervaiſe endlich, die neugierigſte der Dreien, und folglich die weniger gefühlvolle, ſuchte die Klausnerin zum Reden zu bringen:„Schweſter, Schweſter Gudule!“ Dreimal wiederholte ſie den Ruf mit immer lauterer Stimme. Die Klausnerin aber rührte ſich nicht; kein Wort, kein Blick, kein Seufzer gab ein Lebenszeichen. Oudarde begann dann mit ſanfterer Stimme:„Schwe⸗ ſter, Schweſter Gudule!“ Die Klausnerin blieb ſtumm und unbeweglich. „Sonderbare Frau,“ ſprach Gervaiſe,„eine Kanone — 89— weckt ſie nicht auf.“—„Vielleicht iſt ſte taub,“ ſprach Oudarde ſeufzend.—„Und blind,“ fügte Gervaiſe hinzu.“ —„Vielleicht iſt ſie todt,“ ſagte Mahiette. Hatte auch die Seele den trägen, ſchläfrigen Körper noch nicht verlaſſen, ſo war ſie doch in den Tiefen ver⸗ borgen, wohin die Wahrnehmungen der außern Sinne nicht gelangen. „ Wir müſen,“ ſprach Oudarde,„den Kuchen an der Luke liegen laſſen. Aber da wird ihn ein Junge weg⸗ nehmen. Wie können wir ſie aufwecken?“ Euſtache, deſſen Aufmerkſamkeit bis dahin durch einen kleinen, von großen Hunden gezogenen Wagen in Anſpruch genommen wurde, ſah plötzlich, daß ſeine drei Führerinnen in die Luke ſchauten. Da ward auch er neugierig, ſtieg auf einen Markſtein, ſtellte ſich auf die Fußſpitzen, hielt ſein breites, roſenrothes Geſicht an die Luke, und rief:„Mutter, ich will auch ſehen!“ Bei dieſer hellen, friſchen, tönenden Kinderſtimme zitterte die Klausnerin. Sie wandte mit der trockenen und plötzlichen Bewegung einer Stahlfeder das Haupt, ſtrich mit ihren langen, mageren Händen die Haare von der Stirn, und richtete auf das Kind einen erſtaunten, bitteren und verzweifelnden Blick. Er ging wie ein Blitz vorüber.„Gott!“ rief ſie plötzlich, und verbarg das Haupt zwiſchen die Kniee, und ihre Stimme ſchien die Bruſt zu zerreißen;„zeigt mir doch nicht die Kinder Anderer!“ — 90— „Guten Tag, Frau!“ ſprach das Kind mit Würde. Die Erſchütterung hatte die Klausnerin aufgerafft. Ihre Glieder zitterten von Kopf bis zu Fußen, ihre Zähne klapperten, ſie hob halb ihr Haupt, drückte die Ellenbogen gegen ihre Hüften, nahm die Füße in die Hand, als wollte ſie dieſe wärmen und ſprach:„O die große Kälte!“ „Arme Frau,“ ſagte Oudarde voll Mitleid,„wollt Ihr ein wenig Feuer?“— Sie ſchüttelte den Kopf. Oudarde reichte ihr ein Fläſchchen mit den Worten: „Hier iſt Muskateller, Euch zu wärmen. Trinkt!“— Sie ſchüttelte auf's Neue mit dem Kopfe, betrachtete Oudarde mit feſtem Blick und erwiederte:„Waſſer.“ Oudarde blieb bei ihrem Anerbieten.„Nein, Schwe⸗ ſter, das iſt kein Trank im Januar. Ihr müßt ein wenig Muskateller trinken, und dieſen Kuchen, den wir für Euch zubereitet haben, eſſen.“ Sie wies den Kuchen, den Mahiette ihr reichte, zurück, und ſprach:„Schwarzes Brod!“ „Kommt,“ ſprach Geroaiſe, die jetzt auch mitleidig ward, und ihren wollenen Ueberrock von den Schultern nahm,„dieſer Ueberrock iſt wärmer, wie der Eure; legt ihn Euch auf die Schultern.“ Sie wies auch den Ueberrock zurück und ſprach: „Einen Sack!“ „Ihr müßt doch merken, daß geſtern ein Feſttag war,“ ſprach die gutmüthige Oudarde.—„Ich merke es ſchon,“ war die Antwort;„zwei Tage war kein Waſſer — 91— in meinem Krug.“ Dann fügte ſie nach einer Pauſe hinzu:„An Feſttagen vergißt man mich. Ganz recht! Warum ſollte die Welt meiner gedenken, da ich die Welt vergaß. Kalte Aſche gehört zu erloſchener Kohle.“ Und als wäre ſie ermüdet, ſo viel geſprochen zu haben, ließ ſie das Haupt wieder auf die Bruſt ſinken. Die einfache, mitleidige Oudarde glaubte, in den letzten Worten klage ſie über Kälte und erwiederte naiv: „Wollt Ihr denn etwas Feuer haben?“—„Feuer!“ ſprach die Büßerin mit ſonderbarem Ton;„wollt Ihr auch etwas Feuer der armen Kleinen geben, die ſchon fünfzehn Jahre unter der kalten Erde liegt?“ Ihre Glieder zitterten; ihr Wort vibrirte, ihre Augen glänzten und ſie erhub ſich auf die Kniee; dann ſtreckte ſie plotzlich ihre magern, weißen Hände zum Kinde, das ſie erſtaunt anblickte.„Bringt es fort,“ rief ſie aus, „die Zigeunerin geht gleich vorüber.“ Darauf ſiel ſie mit dem Geſicht auf die Erde und ihre Stirn fuhr auf die Steinplatte, wie ein Stein auf den andern. Dann ſtand ſie auf, und die drei Frauen ſahen, wie ſie mit den Knieen und Ellenbogen in den Winkel rutſchte, wo der kleine Schuh ſtand. Sie wag⸗ ten nicht mehr hinzublicken, aber vernahmen tauſend Küſſe und Seufzer, gemiſcht mit herzzerreißendem Schrei und dem dumpfen Schall eines Hauptes, das gegen die Mauer ſtößt; endlich vernahmen ſie einen ſo lauten Stoß, daß ſie alle Drei wankten, und es folgte eine tiefe Stille. „Ach! hat ſie ſich getödtet?“ ſprach Gervaiſe, und wagte es, den Kopf durch das Gitter zu ſtecken.„Schwe⸗ ſter Gudule! Schweſter Gudule!“ rief Oudarde.—„O Gott,“ ſprach Gervaiſe,„ſie rührt ſich nicht! Sie ſcheint tedt! Gudule! Gudule!“ Mahiette konnte vor Schluchzen nicht reden. Sie raffte ſich zuſammen und ſagte:„Wartet.“ Dann legte ſie ſich an das Gitter und rief:„Paquette! Paquette Chantefleurie!“ Ein Kind, welches ohne Arg die nicht genug ange⸗ zündete Lunte einer Petarde anbläſt, bis dieſe plötzlich dicht vor ſeinen Augen losbricht, kann nicht heftiger erſchrecken, als Mahiette bei der Wirkung des plötzlich in die Zelle gerufenen Namens. Die Klausnerin zitterte, erhob ſich auf die nackten Füße und ſprang mit ſo heftig flammenden Augen an die Luke, daß alle drei Frauen mit dem Kinde bis an die Brüſtung des Kai's zurückfuhren. Die unheilvolle Geſtalt der Klausnerin ſchien aber an das Gitter gehef⸗ tet.„O!“ rief ſie mit ſchaudervollem Gelächter,„die Zigeunerin ruft mich.“ Ihr ſtarres Auge erblickte eine Scene am Schandpfahl. Ihre Stirn zog ſich in Run⸗ zeln, ſie ſtreckte ihre Skelettarme durch das Gitter, und ſchrie mit einer Stimme, die dem Stöhnen glich:„Du alſo rufſt mich, Tochter Aegyptens? Diebin der Kinder! Sei verflucht, verflucht, verflucht!“ — 93— 4. Eine Thräne für einen Waſſertropfen. Dieſe Worte wurden der Vereinigungspunkt zwi⸗ ſchen zwei Scenen, die ſich bis dahin in demſelben Augen⸗ blicke parallel, jegliche auf ihrem beſondern Schauplatz entwickelt hatten; die eine am Ratzenloch, wie wir es eben beſchrieben, die andere, welche man jetzt leſen wird, am Schandpfahl. Zeugen der erſteren waren nur die drei Frauen, deren Bekanntſchaft der Leſer ſo eben ge⸗ macht hat; für die zweite hatte ſich ein Publikum von Zuſchauern, wie wir geſehen haben, um den Schandpfahl und den Galgen des Groveplatzes verſammelt. Da die Sergeanten an den vier Ecken des Schandpfahls ſchon ſeit neun Uhr Morgens die Hoffnung einer Exekution erweckt hatten, wenn auch nicht eines Hängens, doch einer Auspeitſchung, war die Maſſe ſo ſchnell angewach⸗ ſen, daß die vier Sergeanten mehreremale ſie mit Stock⸗ hieben und durch den Bug ihrer Pferde zurückdrängen mußten. Dies Volk, hinſichtlich des Wartens bei öffentlichen Exekutionen ſchon disciplinirt, äußerte eben keine Unge⸗ duld. Es vertrieb ſich die Zeit mit Beſchauen des Schandpfahls, eines ſehr einfachen Monumentes, welches nur aus einem gemauerten, inwendig hohlen Würfel ‚von zehn Fuß Höhe beſtand. Eine ſteile, ſteinerne Treppe führte zur obern Fläche, worauf man ein horizontal lie⸗ gendes Rad von Eichenholz erblickte, den Patienten band — 91—= man mit den Händen auf dem Rücken und auf den Knieen liegend, an dies Rad. Ein Stiel, der eine Winde im Innern des Rades in Bewegung ſetzte, brachte dies zum Drehen in horizontaler Richtung, ſo daß das Geſicht des Verurtheilten allmählig nach allen Seiten des Platzes hin gezeigt wurde. Wie man ſieht, war der Schandpfahl des Grove⸗ platzes bei weitem nicht ſo ſchön, wie der der Hallen. Von Architektur erblickte man durchaus Nichts; kein Dach mit eiſernem Kreuz, beine achteckige Laterne, keine Säulchen unter dem Dach, keine Akanthblatter, keine Blumen über dieſen, keine ſonderbar geſtalteten Rinnen, kein Schnitzwerk, nicht einmal gemeißelten Stein. Man mußte ſich mit den vier Stücken Stein und den vier Ecken auch noch mit einem magern und nackten ſteiner⸗ nen Galgen daneben begnügen. Liebhaber gothiſcher Bau⸗ kunſt hätten ſich hierüber nicht gefreut. Allerdings dach⸗ ten ſo nicht die Maulaffen des Mittelalters, und beküm⸗ merten ſich wenig um die Schönheit ihres Schandpfahls. Endlich erſchien der Patient, gebunden auf einem Karren. Als man ihn auf die Platte gehoben hatte, ſo daß man ihn von allen Seiten her ſehen konnte, als man ihn darauf mit Stricken auf das Rad band, ent⸗ ſtand ein buntes, mit Lachen und Zuruf untermiſchtes Geziſch. Man hatte Quaſimodo erkannt. Er war es wirklich, und ſeine Wiedererſcheinung war ſonderbar. Auf demſelben Platze, wo man ihn — 95— geſtern mit lautem Zuruf begrüßt batte, ſollte er an den Schandpfahl geſtellt werden. Doch iſt gewiß, daß Niemand ſich unter den Zuſchauern befand, der dies bemerkte; er that es nicht einmal ſelbſt; Gringoire fehlte mit ſeiner Philoſophie. Bald gebot Michel Noiret, geſchworner Trompeter des Königs, den Zuſchauern Schweigen, und las nach Befehl und Ordonnanz des Herrn Prévôt das Urtheil vor. Dann ging er wieder hinter den Karren mit ſei⸗ nen Leuten zurück. Quaſimodo ſchien ganz unempfindlich und runzelte nicht einmal die Stirn. Jeglicher Widerſtand war, wegen der Heftigkeit und Feſtigkeit der Schnüre, wie es damals im Kanzleiſtyle hieß, unmöglich gewor⸗ den, d. h. Riemen und Kettchen drangen bei ihm bis in's Fleiſch. Dieſe Tradition der Ruderbank und des Gefängniſſes hat ſich auch noch bis jetzt erhalten, und die Handſchellen pflanzen ſie ja auch noch bei uns, dem ſanf⸗ ten, civiliſirten menſchlichen Volke(die Galeere und die Guillotine ſetzen wir in Parentheſe) fort. Quaſimodo hatte ſich treiben, ſtoßen, knebeln laſſen. Auf ſeinem Antlitz konnte man nur das Staunen eines Wilden oder Blödſinnigen erkennen. Man wußte, er ſei taub, jetzt konnte man ihn auch für blind halten. Man warf ihn knieend auf das runde Bret; er ließ es geſche⸗ hen; man zog ihm Hemd und Wamms bis zum Gürtel aus; er ließ es geſchehen; man band ihn auf's Neue — 96— mit Riemen; er ließ ſich ruhig knebeln. Nur bisweilen keuchte er laut wie ein Kalb, deſſen Kopf vom Wagen des Schlächters hinabhängt. „Der Eſel,“ ſprach Jehan Frollo du Moulin zu Ro⸗ bert Pouſſepain ſeinem Freunde(beide Studenten waren, als ergäbe ſich das von ſelbſt, dem Patienten gefolgt); „er merkt an Allem dem gar nichts, wie ein Maikäfer in der Schachtel.“ Ein lautes Lachen erhob ſich in dem Volke, als man Quaſimodo's Höcker, Kameelbruſt und ſchwielige, haarige Schultern erblickte. Während dieſes fröhlichen Geläch⸗ ters ſtieg ein Diener der Stadt von kurzem Wuchs und ſtarkem Körperbau auf die Platte, und ſtellte ſich neben dem Patienten. Sein Name war bald im Munde aller Zuſchauer. Es war Meiſter Pierrat Torterue, geſchwo⸗ rener Folterer des Chatelet. Auf eine Ecke des Schandpfahls ſtellte er eine ſchwarze Sanduhr, deren obere Kapſel mit rothem Sand gefüllt war, welcher in den unteren Recipienten langſam hinabrollte; dann zog er ſein Oberkieid aus, hängte über ſeine rechte Hand eine dünne Peitſche mit langen, weiſ⸗ ſen, blanken, knotigen, geflochtenen Riemen, am unteren Ende mit Metallknöpfchen. Mit der linken Hand krempte er nachläßig ſein Hemd über den rechten Arm bis zur Achſelhöhle.. Jehan Frollo erhob unterdeſſen ſein blondes, lockiges Haupt über dem Gedränge(er war auf Pouſſepain's — 97— Schultern geſtiegen) und ſchrie laut:„Herren und Damen, ſchaut her! Quaſimodo wird exemplariſch gepeitſcht! Er iſt der Glockenläuter meines Bruders, des Archidiakonus, ein Schelm orientaliſcher Architektur, mit der Kuppel auf dem Rücken und mit gedrehten Säulen ſtatt der Beine!“ uUnd das Volk fing laut an zu lachen, beſonders die Kinder und hübſchen Maͤdchen. 3 Endlich ſtieß der Folterer mit dem Fuße; das Rad drehte ſich. Quaſimodo wankte unter ſeinen Banden. Das dumme Staunen auf ſeinem mißgeſtalteten Geſicht erweckte auf's Neue lautes Gelächter. Plötzlich, als das Rad im Umdrehen dem Meiſter Pierrat den hügeligen Rücken Quaſimodo's zeigte, erhob Meiſter Pierrat den Arm; die dünnen Riemen pfiffen ſcharf durch die Luft wie eine Hand voll Nattern, und fielen mit Wuth auf die Schultern des Unglücklichen. Quaſimodo rüttelte ſich, als wäre er plötzlich aufge⸗ weckt. Er fing an, ſeine Lage zu begreifen, kruͤmmte ſich unter ſeinen Banden; Ueberraſchung und Schmerz zog alle Muskeln ſeines Geſichtes zuſammen; er ſtieß aber nicht einen Seufzer aus; nur drehete er den Kopf nach allen Seiten hin, und ſchwankte wie ein durch Bremſen geſtochener Stier. Ein zweiter Schlag folgte dem erſten, dann ein drit⸗ ter und ſo fort. Das Rad hörte nicht auf, ſich zu drehen, und die Schläge regneten. Bald ſprang Blut hervor, XIV.„ 7 man ſah es über die ſchwarzen Schultern des Buckligen rieſeln, und die fadenartigen Riemen ſprengten es, durch die Luft pfeifend, in Tropfen über das Volk. Quaſimodo war, wenigſtens ſcheinbar, in ſeine frü⸗ here Unempfindlichkeit zurückgeſunken. Anfangs verſuchte er, ohne große Anſtrengung, die Banden zu reißen. Da aber flammte ſein Auge, ſeine Muskeln wurden geſpannt, ſeine Glieder ſtemmten ſich, und geſpannt wurden Rie⸗ men und Kettchen. Die Anſtrengung war wunderbar, verzweifelt; allein die guten alten Bande der Préoôté widerſtanden. Sie krachten nur. Quaſimodo ſank erſchöpft zurück. Blödſinn wich auf ſeinem Antlitz dem bittern und tiefen Gefühl der Entmuthigung. Er ſchloß ſein einziges Auge, ließ das Haupt auf die Bruſt ſinken und glich einem Todten. Dann rührte er ſich nicht mehr. Der Schmerz ent⸗ riß ihm keine Bewegung; weder ſein rinnendes Blut, noch die ſtets heftigeren Schläge, noch der Zorn des Folterers, welcher bis zum Rauſche ſtieg, noch das Pfei⸗ fen der furchtbaren Geißel vermochte ihn aufzuregen. Endlich ſtreckte ein ſchwarz gekleideter Häſcher des Ehatelet, der zu Pferde neben der Leiter ſeit dem Anfang der Exekution ſaß, eine Ruthe von Ebenholz nach der Sanduhr aus. Folterer und Rad hielten an; Quaſi⸗ modo's Auge öffnete ſich langſam. Die Geißelung war geendet. Zwei Knechte des geſchworenen Folterers wuſchen — 99— ihm die Schultern, rieben ſie mit einer Salbe, welche ſogleich alle Wunden ſchloß, und warfen ihm über die Schultern einen als Meßgewand zugeſchnittenen gelben Schurz. Pierrat Torterue ließ unterdeß die mit Blut gefüllte Geißel auf dem Pflaſter abträufeln. Für Quaſi⸗ modo war aber noch nicht Alles vorbei. Er mußte noch die Stunde am Schandpfahl aushalten, die Meiſter Flo⸗ rian Barbedienne ſo ſcharfſinnig zum Urtheil des Prévôt hinzugefügt hatte, und zwar ganz allein zum größeren Ruhme des alten phyſiologiſchen und pſychologiſchen Wort⸗ ſpiels von Jean de Cumène: Surdus absurdus. Man drehte die Sanduhr um, und band den Buck⸗ ligen vom Bret nicht los, damit Gerechtigkeit bis zum Ende geſchehe. 3 Das Volk iſt ſtets in der Geſellſchaft daſſelbe, was ein Kind in der Familie, beſondars aber noch mehr im Mittelalter. So lange es im Zuſtande erſter Unwiſſen⸗ heit, moraliſcher und intellektueller Minorität bleibt, gilt bei ihm daſſelbe, wie bei'm Kinde: „Stets ſonder Mitleid iſt der Kinder Alter.“ Wir zeigten ſchon, daß Quaſimodo allgemein gehaßt ward, und zwar aus guten Gründen. Im Gedränge war kein Zuſchauer, der gegen den böſen Hinkenden von Notre⸗Dame nicht Urſache zur Klage zu haben geglaubt hätte. Die Freude war allgemein, da er am Schand⸗ pfahl ſtand. Die harte Geißelung, die er erlitt, und die demünhige Stellung, worin ſie ihn ließ, war eben nicht 7* — 100— dazu geeignet, die Zuſchauer milder zu ſtimmen, im Ge⸗ gentheil, ihr Haß ward dadurch boshafter, denn er waff⸗ nete ſie mit der Spitze des Spottes. Als nun vindicta publica befriedigt war, wie gegen⸗ wärtig die viereckigen Mützen noch immer zu ſagen pfle⸗ gen, kam die Reihe an die Rache der Einzelnen. Hier beſonders, wie früher im Saale des Palais, brachen die Weiber zuerſt los. Alle grollten ihm, theils ob ſeiner Bosheit, theils ob ſeines häßlichen Geſichts; die letzte⸗ ren waren die wüthendſten. „O Maske des Antichriſt,“ rief die Eine.“—„Rit⸗ ter vom Beſenſtiel,“ rief eine Andere.“—„Tragiſche Fratze,“ heulte eine Dritte,„ſie machte dich zum Narren⸗ papſt, wäre geſtern heute!“—„Das iſt die Fratze des Schandpfahls,“ ſagte ein altes Weib,„bald kömmt bei dir die Fratze des Galgens!“—„Verfluchter Glocken⸗ läuter, als Kopfputz gebührt dir deine dicke Glocke!“— „Er iſt der Teufel und läutet das Angelus!“—„Tau⸗ ber, E näugiger, Buckliger, Wechſelbalg!“—„Du bringſt die Frauen zum Abortiren, mehr als alle Aerzte und Apotheker!“— Die beiden Studenten Jehan du Mou⸗ lin und Robin Pouſſepain ſangen mit voller Kehle ein altes Volkslied: Für den Dieb ward Hanff erſchaffen, Und der Holzſtoß für den Affen. Schimpfwörter, Geziſch, Steine regneten von allen Sei⸗ ten. Quaſimodo war taub, ſah aber deutlich genug, und der Ausdruck der Wuth zeigte ſich nicht weniger auf den — 101— Geſichtern, wie in den Worten. Uebrigens erklaͤrten die Steinwürfe genugſam das Gelächter. Anfangs hielt er aus; allein die Geduld, welche un⸗ ter der Geißel ihn erſtarrte, wich bei allen den Inſekt⸗ ſtacheln. Er glich einem aſturiſchen Stier, welcher bei dem Stacheln des Picador ruhig bleibt, aber über Hunde und Banderillos wüthend wird. 4 Zuerſt ließ er einen drohenden Blick über das Volk ſchweifen. Da er aber geknebelt war, vermochte der Blick die Fliegen nicht zu verjagen, die ihn in die Wunde ſtachen. Dann regte er ſich unter ſeinen Banden, und unter ſeinen wüthenden Stößen krachten die Breter des alten Rades. Da mehrte ſich noch Geſchrei und Lachen. Der Unglückliche, als er ſein Keiten⸗Halsband nicht zerbrechen konnte, ward wieder ruhig; nur dann und wann ſchwoll die Höhlung ſeiner Bruſt unter tiefem Seufzer. Auf ſeinem Antlitz zeigte ſich weder Schaam noch Röthe. Er ſtand der menſchlichen Geſellſchaft zu fern, um Schaam zu lernen. Wird aber Schande bei ſolcher Entſtellung empfunden? Zorn, Haß, Verzweif⸗ lung ſenkten auf dies ſcheusliche Antlitz eine immer düſterere Wolke, deren Clektrizität in tauſend Blitzen aus dem Auge des Cyklopen ſprühete. Die Wolke verflog ſich auf einen Augenblick, als ein Prieſter auf einem Maulthier vorüberritt. Quaſimodo's Antlitz ward ſanfter, als er dieſen von fern erblickte. Auf Wuth folgte ein ſonderbares Lächeln, voll Sanft⸗ muth und Zärtlichkeit. Je näher der Prieſter heranritt, ward das Lächeln deutlicher und ſtrahlender. Es deutete auf einen Erretter, den der Unglückliche begrüßte. Als aber das Maulthier nahe am Schandpfahl hielt, ſo daß der Reiter den Patienten erkennen konnte, ſchlug dieſer die Augen nieder, kehrte um, und ſpornte das Maulthier in beide Seiten, als wolle er ſich von erniedrigenden Reklamationen befreien, und kümmere ſich wenig, ob ihn ein armer Teufel in ſolcher Stellung erkenne. Die⸗ ſer Prieſter war der Archidiakonus Dom Claude Frolo. Die Wolke lagerte ſich noch finſterer auf Quaſi⸗ modo's Stirn. Mit ihr miſchte ſich noch wohl ein Lächeln, aber ein bitteres, entmuthigtes Lacheln der tiefſten Trauer. Die Zeit entſchwand; ſchon beinahe eine Stunde ſtand er dort zerfleiſcht, mißhandelt, unaufhörlich verhöhnt und faſt geſteinigt. Plötzlich regte er ſich aufs Neue unter ſeinen Ketten mit verdoppelter Verzweiflung, ſo daß das ganze Gerüſt, das ihn hielt, erbebte; er brach das bisher von ihm ſtandhaft beobachtete Schweigen und ſchrie mit heiſerer, wüthender Stimme, welche Hunde⸗ gebell und kein menſchlicher Laut zu ſein ſchien, aber allen Lärm übertönte:„Waſſer! einen Trunk!“ Dieſer Nothruf, weit davon entfernt, Mitleid zu erregen, erhöhete ganz allein die Munterkeit des guten Pariſer Pöbels, der die Stufen umringte, und der damals(wir müſſen die Wahrheit berichten) eben ſo grauſam und viehiſch dumm, wie der furchtbare Stamm 8 — 103— der Gauner war, in den wir unſere Leſer ſchon ein⸗ führten, und der grade nur aus der niedrigſten Hefe des Volkes beſtand. Keine Stimme erhob ſich rings um den unglücklichen Dulder, als die des Spottes über ſeinen Durſt. Gewiß war er auch in dem Augenblicke weit ſcheuslicher und zurückſtoßender, als je; ſein Geſicht, hoch⸗ roth, triefte von Schweiß; ſein Auge blickte wirr, ſein Nund ſchäumte aus Zorn und Schmerz, ſeine Zunge hing ihm halb aus dem Halſe. Auch müſſen wir noch hinzufügen, daß, ſelbſt wenn unter den Zuſchauern ein mitleidvolles Herz ſich fand, dem Unglücklichen ein Glas Waſſer zu bringen, ein ſolches Vorurtheil der Schande und Schmach die Stufen des Schandpfahls umgab, daß ſelbſt der barmherzige Samariter zurückgeſchreckt wäre. Nach einigen Minuten ließ Quaſimodo über die Menge den Blick der Verzweiflung ſchweifen, und wieder⸗ holte mit noch herzzerreißenderer Stimme den Ruf nach Waſſer.— Alle begannen zu lachen.„Trink dies!“ ſchrie Robin Pouſſepain, indem er ihm einen Schwamm in's Geſicht warf, den er durch den Rinnſtein gezogen hatte.„Tauber Wechſelbalg, ich bin dein Schuldner.“ Eine Frau warf ihm einen Stein an den Kopf, mit den Worten:„das lehrt dich, uns des Nachts mit deinem verdammten Geläut zu wecken.“ 3 „Sohn,“ rief ein Krüppel, indem er ſich bemühte, ihn mit ſeiner Krücke zu erreichen,„willſt du uns noch — 104— von deinem Thurme her bebexen?“—„Hier iſt ein Napf zum Trinken,“ rief ein Andrer, indem er ihm einen zerbrochenen Napf auf die Bruſt warf;„du biſt Schuld, daß meine Frau mit einem zweiköpfigen Kinde niederkam.“—„Und daß meine Katze ein Kätzchen mit ſechs Pfoten warf,“ ſchrie ein altes Weib, und warf ihn mit einem Dachziegel. „Waſſer!“ rief Quaſimodo zum dritten Mal keuchend. In dem Augenblick machte die Menge Platz. Ein junges, ſonderbar gekleidetes Mädchen trat heraus, beglei⸗ tet von einer kleinen Ziege mit vergoldeten Hörnern. Sie hielt ein baskiſches Tambuxin in der Hand. Quaſimodo's Auge funkelte. Es war dieſelbe Zigeu⸗ nerin, die er in der vorhergehenden Nacht hatte entfüh⸗ ren wollen, und er fühlte undeutlich, daß er eben wegen dieſes Streiches jetzt beſtraft wurde; übrigens war dies noch der geringſte Grund ſeiner Züchtigung; denn zugleich mußte er Strafe wegen des Unglücks leiden, als Tauber von einem Harthörigen verhört zu werden. Er zweifelte nicht, ſie wolle ſich auch rächen und ihm, wie die Andern, auch einen Fußtritt geben. Schweigend ging ſie auf den Patienten zu, der ſich vergeblich krümmte, ihr zu entgehen. Sie nahm ihre Kürbisflaſche aus ihrem Gürtel und hielt ſie an die brennenden Lippen des Unglücklichen. Da ſah man, wie aus dem brennenden, trockenen Auge eine dicke Thräne hinabrollte und langſam das von — 105— Verzweiflung ſo lange entſtellte Geſicht hinunterfloß. Es war vielleicht die erſte, die der Unglückliche jemals ver⸗ goſſen hatte. Dennoch vergaß er zu trinken. Die Zigeu⸗ nerin ſchnitt ungeduldig ihr kleines Mäulchen und hielt lächelnd den Hals der Flaſche an die Zähne Quaſimodo's. Er trank in langen Zügen; ſein Durſt war glühend. Als er getrunken hatte, ſtreckte der Unglückliche ſeine ſchwarzen Lippen aus, wahrſcheinlich die ſchöne Hand zu küſſen, die ihm im Trübſal geholfen hatte. Allein das junge Mädchen ſchien, ſich vielleicht an die geſtrige Nacht erinnernd, mißtrauiſch zu ſein und zog ihre Hand, erſchrok⸗ ken wie ein Kind, das von einem Thier gebiſſen zu wer⸗ den fürchtet, zurück. Da heftete der Arme einen Blick voll unausſprechlichen Schmerzes und voll Vorwurf auf das Mädchen. Ueberall hätte es jegliches Herz gerührt, als ein ſo ſchönes, friſches, reines, liebliches und ſchwaches Mädchen, voll Erbarmen ſolchem Unglück, ſolcher Mißgeſtalt und Bosheit zu Hülfe eilte. Beim Schandpfahl war es erha⸗ ben. Auch ward das Volk betroffen, blatſchte in die Hände und erhob ein Geſchrei des Beifalls. 4 In dem Augenblick ſah die Klausnerin die Zigeune⸗ rin aus der Luke ihres Lochs und warf ihr den unheil⸗ voll tönenden Ausruf zu:„Tochter Aegyptens, ſei ver⸗ flucht, verflucht, verflucht!“ — 106— 5. Ende der Geſchichte eines Kuchens. Esmeralda erblaßte und ſtieg die Stufen des Schand⸗ pfahls hinab. Die Stimme der Klausnerin verfolgte ſie, aber mit dem Rufe:„Steige nur hinab, Räuberin Aegyp⸗ tens, bald wirſt du wieder hinaufſteigen.“ „Die Klausnerin hat ihre verrückten Einfälle,“ mur⸗ melte das Volk, aber dabei blieb es; denn jene Frauen wurden gefürchtet, weil ſie gewiſſermaßen geheiligt waren. Damals griff man diejenigen nicht gern an, welche Tag und Nacht beteten. Die Stunde war gekommen, Quaſimodo fortzufüh⸗ ren. Man band ihn los, und die Menge zerſtreute ſich. Bei der Hauptbrücke blieb Mahiette, die mit ihren Gefährtinnen auch nach Hauſe ging, plötzlich ſtehen.„Eu⸗ ſtache,“ ſprach ſte,„was haſt du mit dem Kuchen gemacht?“ „Mutter,“ ſprach das Kind,„während du mit der Dame im Loch ſprachſt, kam ein großer Hund und biß in den Kuchen; da aß ich auch.“—„Was, Junge, du haſt ihn ganz gegeſſen?“—„Mutter, es war der Hund; ich ſagte ihm, er ſollte es laſſen, aber er wollte nicht hören. Da habe ich auch nur eben hinein gebiſſen.“ „Oh du unartiges Kind!“ ſagte die Mutter halb lachend, halb ſchmollend.„Seht Ihr, Oudarde, er ißt ſchon allein alle Kirſchen unſers Baumes in unſerm Gar⸗ ten. Auch ſagt ſein Großvater, er werde noch einmal Kapitän werden.— Du dicker Flegel!“ — 197— Siebentes Buch. 1. Die Gefahr, einer Ziege ein Geheimniß zu vertrauen. Mehrere Wochen waren ſeitdem verfloſſen. Es war im Anfang März, als die Sonne, die Dubartas, der klaſſiſche Ahn der Periphraſe, den Großherzog der Lichter noch nicht genannt hatte, nichts deſto weniger luſtig und heiter ſtrahlte. Kurz, einer der Frühlingstage war angebrochen, die ſo viel Süße und Schönheit bieten, daß ganz Paris ſich auf den Plätzen und Spaziergängen zerſtreut und ſie wie einen Sonntag feiert. An dieſen Tagen der Helle, Wärme und Heiterkeit muß man hauptſächlich in einer Stunde das Portal von Notre⸗Dame bewundern, nämlich in dem Augenblick, wo die Sonne, weſtwärts niederſinkend, der Kathedrale grade gegenüber ſteht. Ihre immer mehr horizontalen Strahlen ziehen ſich dann allmäh⸗ lig vom Pflaſter zurück und ſteigen die Fagade hinan, deren tauſend runde Hervorragungen mit ihren Schatten hervorſpringen, während die große, mittlere Roſette wie das Auge eines Cyklopen flammt, welches in dem Wieder⸗ ſchein der Schmiede erglüht. Es war grade dieſe Stunde. — 108— Der hohen und von der Abendſonne gerötbeten Ka⸗ thedrale gegenüber lachten und ſchäkerten einige ſchöne Mädchen auf einem ſteinernen Balkon über dem Thor eines prächtigen gothiſchen Hauſes, an der Straßenecke des Platzes und der Rue du Parvis. An der Länge ihres Schleiers, der mit Perlenſchnüren von der Spitze ihres Kopfſchmucks durchrollt, bis zu den Ferſen hinab⸗ ſank, an der Feinheit des geſtickten Oberhemdchens, welches ihre Schultern bedeckte und nach damaliger angenehmen Mode den entſtehenden jungfräulichen Buſen durchſchim⸗ mern ließ, am Reichthum ihrer Unterkleider, die damals prächtiger waren, als der Oberrock(welche wunderbare Auswahl!) an Gaze, Seide, Sammt und hauptſächlich an der Weiße ihrer Hände, welche ihren Müßiggang bezeugten, erkannte man ſie als reiche und edle Erbinnen. Es war Fleur⸗de⸗Lys von Gondelaurier mii ihren Ge⸗ fährtinnen, Diane von Chriſteuil, Amelotte von Mont⸗ Michel, Colombe von Gaillefontaine und die kleine Champ⸗ chevrier, Mädchen von hoher Geburt, die in dem Augen⸗ blick bei der verwitweten Dame Gondelaurier zuſammen waren, weil der Herr von Beaujeu, und Madame, Toch⸗ ter des Königs, ſeine Frau, im April nach Paris kommen ſollten, um dort die Ehrendamen für die Frau Dauphine auszuwählen, wenn man ſie in der Picardie aus den Haänden der Flamländer empfangen würde. Da bewarben ſich alle Junker aus dreißig Stunden in der Runde um dieſe Ehre für ihre Töchter, und viele hatten dieſe ſchon — 109— nach Paris geführt oder geſchickt. Jene waren der ver⸗ ſtändigen und achtbaren Obhut der Frau Aloiſe de Gon⸗ delaurier, der Witwe eines Meiſters der Armbruſt⸗ ſchützen des Königs, anvertraut, welche mit ihrer einzigen Tochter in ihrem Hauſe am Platze von Notre⸗Dame zurückgezogen wohnte. Der Balkon, auf dem die Mädchen ſaßen, öffnete ſich auf ein mit flandriſchem, gelbem, mit Goldlaub gedrucktem Leder reich tapezirtes Zimmer. Die Balken, welche in Parallellinien die Decke durchſchnitten, ver⸗ gnügten das Auge mit tauſend gemalten und vergoldeten Skulpturen. Auf dieſen gemeißelten Steinen ſchillerte hin und wieder glänzender Schmelz; ein Eberkopf von Fayence krönte einen prächtigen Schenktiſch und deutete an, die Herrin des Hauſes ſei Witwe oder Frau eines Banner⸗ Ritters. Im Hintergrunde ſaß die Dame Gondelaurier in einem prächtigen Seſſel mit rothem Sammt, vor einem von oben bis unten mit Wappen bedeckten Kamin. Ihre fünfzig Jahre waren nicht weniger auf ihrem Ge⸗ ſichte, als auf ihrem Kleide gezeichnet. Neben ihr ſtand ein junger Mann mit ſtolzen, obgleich eitlen und prahle⸗ riſchen Zügen, ein ſchöner Jüngling der Art, über den alle Frauen einſtimmig ſind, obgleich ernſte Männer, die ſich auf Phyſiognomien verſtehen, die Achſeln zu zucken pflegen. Der junge Ritter trug das glänzende Kleid eines Hauptmanns der Häſcher von der Ordonnanz des Königs, welches zu ſehr dem Anzuge Jupiters glich, den wir — 110— ſchon im erſten Theile unſrer Geſchichte bewundern konn⸗ ten, als daß wir den Leſer mit einer zweiten Beſchrei⸗ dung jetzt ermüden ſoltten. Die Mädchen ſaßen im Zimmer und auf dem Bal⸗ kon, theils auf Stühlen mit Polſtern von Utrechter Sammt und mit vergoldeten Ecken, theils auf Schemeln von geſchnitzeltem Eichenholz mit Blumen und Geſtalten. Jegliche hielt auf den Knieen ein großes Stück Nadel⸗ ſtickerei, woran Alle gemeinſchaftlich arbeiteten und wovon ein Zipfel auf die Matte fiel, welche den Fußboden bedeckte. Sie flüſterten unter einander mit halberſticktem Lachen, wie es Mädchen zu thun pflegen, wenn ein junger Mann ſich in ihrer Geſellſchaft beſindet. Der junge Mann, deſſen Gegenwart jede weibliche Eigenliebe in Bewegung ſetzte, ſchien ſich wenig hierum zu bekümmern, und während die ſchönen Mädchen ſich bemüheten, ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehn, ſchien er allein beſchäf⸗ tigt, mit ſeinem hirſchledernen Handſchuh die Schnallen⸗ zunge ſeines Gürtels zu putzen. Von Zeit zu Zeit ſprach die alte Dame leiſe zu ihm, und dann antwortete er, ſo gut es ging, mit etwas gezwungener, linkiſcher Artigkeit. Am Lächeln und den Zeichen der Frau Aloiſe, an den Blicken, die ſie ihrer Tochter zuwarf, während ſie dem Kapitän etwas zuflü⸗ ſterte, merkte man, daß es ſich um eine ſchon ſtatt gefun⸗ dene Verlohung und eine baldige Heirath zwiſchen dem — 111— jungen Mann und Fleur⸗de⸗Lys handelte. An der kalten Verlegenheit des Offiziers konnte man leicht bemerken, daß ſeinerſeits von Liebe nicht die Rede war. Auf ſeinem Antlitz lag der Ausdruck des Zwanges und der Lange⸗ weile, die unſre jetzigen Unterlieutenants bewundrungs⸗ würdig mit„Hunde⸗Frohndienſt“ überſetzen würden. Die gute Dame bemerkte nicht den wenigen Enthu⸗ ſiasmus des Offiziers; denn ſie war in ihre Tochter nicht wenig verliebt; ſie gab ſich alle mögliche Mühe, ihn auf die unendliche Vollkommenheit aufmerkſam zu machen, womit Fleur⸗de⸗Lys die Nadel füͤhrte oder ihr Knäuel abwickelte.„Seht doch, kleiner Vetter,“ ſagte ſie ihm ins Ohr, ihn am Aermel zupfend,„ſie bückt ſich!“— „Ja, ja,“ antwortete der junge Mann, und verfiel wie⸗ der in ſein kaltes Schweigen. Nach einem Augenblick mußte er ſich wieder bücken, und Dame Aloiſe ſprach:„Saht Ihr jemals eine ſchö⸗ nere und anmuthigere Geſtalt, als Eure Braut? Gibt es ein weißeres oder blonderes Mädchen? Sind das nicht vollkommne Hände? Zeigt der Hals nicht alle For⸗ men des Schwanes? Wie beneide ich Euch bisweilen! Wie glücklich ſeid Ihr, trotz Eures ſchlechten Muthwillens! Nicht wahr, Fleur⸗de⸗Lys iſt anbetungswürdig, und Ihr ſeid in ſie verliebt?“ „Gewiß,“ erwiederte er, indem er an etwas Ande⸗ res dachte.„Aber ſprecht doch mit ihr,“ ſagte plötzlich Madame Aloiſe, ihn an der Schulter rüttelnd;„Ihr ſeid ja ſehr blöde geworden.“ Wir können unſern Leſern die Verſicherung geben, daß Blödigkeit weder eine Tugend, noch ein Fehler des Kapitäns war. Er machte einen Verſuch, jenes Verlangen zu erfüllen. „Schöne Couſine,“ ſprach er, an Fleur⸗de⸗Lys her⸗ antretend,„was iſt das für eine Stickerei?“—„Schö⸗ ner Vetter,“ erwiederte Fleur⸗de⸗Lys mit ärgerlichem Ton,„ich ſagte es Euch ſchon dreimal, das iſt des Nep⸗ tuns Grotte.“ Offenbar durchſchaute Fleur⸗de⸗Lys den Grund des kalten, zerſtreuten Benehmens jenes Kapitäns deutlicher, als ihre Mutter. Der Kapitän fühlte die Nothwendig⸗ keit, Etwas zu ſagen. „Für wen iſt dieſe Neptunerie beſtimmt?“—„Für die Abtei St. Antoine⸗des⸗Champs,“ ſprach Fleur⸗de⸗Lys, ohne die Augen aufzuſchlagen. Der Kapitän nahm einen Zipfel der Stickerei in die Hand:„Wer iſt der dicke Gendarme, Couſine, der mit vollen Backen in die Trom⸗ pete bläſt?“—„Trito, Vetter.“ In der Betonung der kurzen Worte der Fleur⸗de⸗ Lys lag etwas Schmollendes. Der junge Mann ſah ein, daß er eine Abgeſchmacktheit, eine Galanterie, kurz irgend Etwas ihr ins Ohr ſagen mußte. Er bückte ſich, konnte aber in ſeiner Einbildungskraft nichts Zärtlicheres und Zueraulicheres finden, als:„Warum trägt Eure Multer — 113— denn immer einen Wappenrock nach Art unſrer Groß⸗ mütter zu Karls VII. Zeiten? Sagt ihr doch, ſchöne Couſine, daß dies jetzt nicht mehr elegant iſt, und daß die geſtickte Thürangel mit dem Lorbeerzweig auf ihrem Rock ihr das Anſehn einer umher wandelnden Kamin⸗ decke gibt. Wahrhaftig, ſo ſetzt man ſich nicht mehr auf ſein Wappen; ich ſchwör' es Euch.“ Fleur⸗de⸗Lys erhob ihre ſchönen Augen mit dem Ausdruck des Vorwurfs und ſprach leiſe:„Weiter ſchwört Ihr mir Nichts?“ Die gute Dame Aloiſe aber, entzückt, daß Beide ſich ſo über einander beugten und flüſterten, ſprach, mit den Schnallen ihres Gebetbuchs ſpielend:„Wie rührend! wie ruhrende Liebe!“ Der Kapitän, der immer größeren Zwang empfand, kam wieder auf die Stickerei:„Wahrhaftig, eine ſchöne Arbeit!“ rief er aus. Bei dieſer Gelegenheit wagte Colombe de Gaille⸗ fontaine, eine andre ſchöne Blondine mit weißer Haut, die in blauen Damaſt bis über den Hals gehüllt war, eine blöde Frage, die ſie an Fleur⸗de⸗Lys in der Hoff⸗ nung richtete, der Kapitän werde antworten:„Liebe Gondelaurier, ſaht Ihr ſchon die Tapeten im Hotel de la Roche⸗Guyon?“ „Nicht wahr, das iſt das Hotel mit dem Garten des Louvre?“ fragte lachend Diane de Chriſtenil; denn ſie hatte ſchöne Zähne und lachte folglich bei jedem Satz. XIV. 8 — 1114— —„Wo der dicke alte Thurm aus der alten Stadtmauer von Paris ſteht?“ fügte Amelotte de Montmichel hinzu, eine hübſche, lockige, friſche Brünette, die ohne zu wiſſen warum, wie die andre lachte, zu ſeufzen pflegte.—„Liebe Colombe,“ ſagte Dame Aloiſe,„wollt Ihr nicht von dem Hotel des Herrn von Bacqueville unter der Regierung Karls VI. ſprechen? Da ſind wirklich ſchöne Haute⸗lice⸗ Tapeten.“—„Karl VI.!“ brummte der junge Kapitän und zog ſeinen Schnurrbart in die Höhe.„Gott! die gute Dame ſpricht von alten Geſchichten!“— Dame Gondelaurier fuhr fort:„Wirklich, ſchöne Tapeten! So koſtbare Arbeit, daß ſie für ganz einzig gilt!“ In dem Augenblick rief Bérangdre de Champchevrier, ein ſchlankes, kleines Nadchen von ſieben Jahren, die durch das Geländer des Balkons auf den Platz ſchaute: „Oh, ſchöne Pathin Fleur⸗de⸗Lys, ſeht die huͤbſche Tän⸗ zerin dort auf dem Pflaſter, die mitten unter den Bürgern das Tamburin ſpielt.“ Man vernahm den hellen Ton der baskiſchen Trom⸗ mel.„Das iſt eine Zigeunerin,“ ſprach Flear⸗de⸗Lys, indem ſie ſich nachläſſig auf den Platz hinwandte. „Kommt! kommt!“ riefen ihre lebhaften Gefährtin⸗ nen und liefen ſämmtlich an den Rand des Balkons, während Fleur⸗de⸗Lys, nachſinnend über die Kälte ihres Verlobten, langſam folgte, und während der Kapitän, durch dieſen Zufall, der ein ihm läſtiges Geſpräch abſchnitt, erleichtert, in den Hintergrund des Gehäudes zurückkehrte, — 115— und wie ein Soldat zufrieden ausſah, der ſich freut, von ſeinem Dienſt abgelöſt zu werden. Aber er verſah einen artigen und angenehmen Dienſt bei der Fleur⸗de⸗Lys, und ſo ſchien es ihm auch früher. Allmählig ward aber der Kapitän abgeſtumpft, und die Ausſicht auf eine nahe Heirath machte ihn täglich immer kälter. Uebrigens war er auch unbeſtändiger Laune, und weil wir die Wahrheit berichten, müſſen wir auch geſtehn, daß er einen etwas gemeinen Geſchmack beſaß. Ob auch von ſehr edler Ge⸗ burt, hatte er unter dem Harniſch manche Gewohnheit alter Soldaten angenommen. Die Trinkſtube, und was dazu gehört, liebte er ſehr. Er fand ſeine Behaglichkeit nur unter Zoten, militäriſchen Galanterieen, gefälligen Schönheiten und leichten Erfolgen. Von ſeiner Erziehung hatte er zwar noch Einiges beibehalten; allein er hatte zu jung das Land durchſtreift, war zu jung in Garniſonen gelegen, und täglich erloſch immer mehr der Firniß des Edelmanns unter dem Wehrgehenk des Gendarmen. Ob er auch Fleur⸗de⸗Lys wegen eines Reſtes von Achtung noch von Zeit zu Zeit beſuchte, fühlte er bei ihr dop⸗ pelten Zwang; erſtens weil er ſehr wenig Liebe für ſie noch übrig hatte, da er dieſe in Orten jeglicher Art früher zerſtreute; zweitens weil er, mitten unter ſo vielen ſtei⸗ fen, geſchnürten und ſehr anſtändigen Damen unaufhörlich zitterte, ſein an Flüche gewöhnter Mund möͤchte plötzlich das Gebiß zwiſchen die Zähne nehmen und mit Zech⸗ redensarten durchgehn. 8* — 116— Uebrigens miſchte ſich Alles dies bei ihm mit großem Anſpruch auf Eleganz, gutem Ausſehn und ſchönem An⸗ zug. Beide Erſcheinungen vereinige man, ſo gut man kann; ich bin Nichts als Berichterſtatter. Er ſtand alſo nachdenkend oder auch gedankenlos am Kamin und ſtützte ſich auf das Geſims, als Fleur⸗ de⸗Lys, ſich plötzlich umwendend, ihn anredete. Das arme Mädchen ſchmollte nur mit widerſtrebendem Herzen. „Schöner Vetter, ſpracht Ihr nicht von einer Zigeu⸗ nerin, die Ihr vor zwei Monaten aus den Händen von einem Dutzend Räubern rettetet?“—„Ja, ich glaube, ſchöne Couſine.“—„Nun, vielleicht iſt es die Zigeune⸗ rin, die dort auf dem Platze tanzt. Kommt, ob Ihr ſie erkennt, ſchöner Vetter.“. Durch dieſe ſanfte Einladung zu ihr zu kommen, die ſie an ihn richtete, blickte ein geheimer Wunſch, ſich mit hm wieder zu verſöhnen, hindurch. Der Kapitän Phoe⸗ bus de Chateaupers(denn dieſer ſteht ſeit Anfang des Kapitels dem Leſer vor Augen) ging langſam auf den Balkon zu.—„Seht,“ ſagte Fleur⸗de⸗Lys, und legte ihre Hand zärtlich auf den Arm des Kapitäns,„die Kleine, die dort tanzt. Iſt das Eure Zigeunerin?“ Phoebus ſah hin und ſagte:„Ja, wie ich glaube, erkenne ich die Ziege.“—„Oh die kleine ſchöne Ziege!“ ſprach Amelotte und faltete aus Bewunderung die Hände. —„Sind ihre Hörner wirklich von Gold?“ fragte Bo⸗ rangere. — 117— Dame Aloiſe nahm das Wort, ohne ſich auf ihrem Seſſel zu rühren:„Es iſt wohl eine von den Zigeune⸗ rinnen, die vergangenes Jahr durch das Thor Gibard einzogen?“—„Frau Mutter,“ ſagte ſanft Fleur⸗de⸗Lys, „das Thor heißt jetzt das Höllen Thor.“ Fleur⸗de⸗Lys wußte, wie viel Anſtoß der Kapitän an veralteter Ausdrucksweiſe fand; auch fing dieſer ſchon wirklich an zu grinſen, und brummte zwiſchen den Zäh⸗ nen:„Thor Gibard! Thor Gibard! Das heißt ja, König Karl VI. einziehen laſſen!“ „Pathe,“ rief Bérangère, deren unaufhörlich ſich dewegende Augen plötzlich auf die Thurmſpitze von Notre⸗ Dame blickten,„wer iſt der ſchwarze Mann dort oben?“ Alle junge Mädchen erhoben die Augen. Ein Mann hatte ſich wirklich über die höchſte Baluſtrade des nörd⸗ lichen Thurmes gelehnt. Es war ein Prieſter. Seinen Anzug konnte man deutlich erkennen; auch ſah man ſein auf beide Hände geſtütztes Geſicht. Uebrigens rührte er ſich nicht und ſtand da, wie eine Bildſaͤule. Sein ſtarrer Blick richtete ſich auf den Platz. Er war unbeweglich, wie ein Geier, der ein Sperlingsneſt entdeckte und beſchaut. „Das iſt der Herr Archidiakonus,“ ſprach Fleur⸗de⸗ Lys.—„Erkennt Ihr ihn von hier aus, müßt Ihr gute Augen haben,“ meinte Gaillefontaine.—„ Wie er die kleine Tänzerin betrachtet,“ ſprach Diane de Chriſteuil. — Sie mag ſich hüten; denn die Zigeuner kann er nicht leiden,“ ſagte Fleur⸗de⸗Lys.—„Oh, wie Schade, daß — 118— der Mann da ſie ſo anſieht!“ fügte Amelotte hinzu;„ſie tanzt zum Verblenden.“ 4. „Schöner Vetter,“ ſagte plötzlich Fleur⸗de⸗Lys,„weil Ihr die Zigeunerin kennt, gebt ihr ein Zeichen, herauf⸗ zukommen. Das wird uns Vergnügen machen.“—„Oh ja,“ riefen alle jungen Mädchen und klatſchten in die Hände.—„Aber das geht nicht,“ erwiederte Phoebus; „ſte hat mich gewiß vergeſſen, und ich weiß nicht einmal ihren Namen. Dennoch, weil Ihr Damen es wünſcht, will ich's verſuchen.“— Er lehnte ſich über das Geländer und rief:„Kleine!“ Die Tänzerin rührte in dem Augenblicke nicht das Tamburin; ſie wandte den Kopf nach dem Orte, woher der Ruf kam; ihr glänzender Blick fiel auf Phoebus, und ſie unterbrach plötzlich ihren Tanz. 4„Kleine!“ wiederholte der Kapitän und winkte mit dem Finger. Das Mädchen ſah noch einmal hin und erröthete, als ſtiege eine Flamme in ihre Wangen. Dann nahm ſie ihr Tamburin unter den Arm und ging mitten durch die erſtaunten Zuſchauer zur Thür des Hauſes, wohin Phoebus ſie rief; ſie wandelte langſamen, wan⸗ kenden Schrittes, und ihr Blick war verſtört, wie der eines Vogels, welcher der Betaäubung einer Schlange ſich hingibt. Nach einem Augenblick ward der Tapetenvorhang der Thür erhoben, und die Zigeunerin trat roth, ver⸗ legen, mit niedergeſchlagenen Augen ein und wagte keinen — 119— Schritt vorwärts zu gehn. Bérangsre klatſchte in die Hände. Die Tänzerin blieb unbeweglich auf der Thürſchwelle ſtehn. Ihre Erſcheinung äußerte auf die Gruppe junger Maͤdchen eine ſonderbare Wirkung. Ein unbeſtimmtes und dunkel gefühltes Verlangen, dem ſchönen Offizier zu gefallen, beſeelte ſie ſämmtlich; ſeine glänzende Uni⸗ form war der Zielpunkt aller ihrer Koketterien, und es herrſchte unter ihnen eine dumpfe Rivalität, die ſie ſich vielleicht kaum ſelbſt geſtanden, die aber dennoch bei jedem ihrer Worte und in jeglicher Bewegung ſi ſich Luft machte. Da ſie aber Alle in gleichem Maaße Schönheit beſaßen, kämpften ſi ſie mit gleichen Waffen, und Jegliche konnte den Sieg für ſich hoffen. Das Erſcheinen der Zigeunerin vernichtete plötzlich dies Gleichgewicht. Sie war ſo ſeltner Schönheit, daß ſie im Augenblick, wo ſie eintrat, ein eigenthümliches Licht um ſich zu. verbreiten ſchien. In dem engen Zimmer, in dem düſteren Viereck von Tapeten und Schnitzwerk war ſie offenbar noch ſchö⸗ ner, als auf öffentlichem Platze. Sie glich einer Fackel, die man bei Tageslicht in den Schatten trägt. Die edlen Damen wurden wider Willen verblendet Jegliche fühlte ſich in ihrer Schönheit verletzt. Auch wechſelte ihre Schlachtfronte(man verzeihe uns den Ausdruck) augen⸗ blicklich, ohne daß irgend Eine ein Wort ſprach; ſie ver⸗ ſtändigten ſich aber vollkommen. Der Inſtinkt der Frauen verſtändigt ſich ſchneller und ſetzt ſich ſchneller in Mitthei⸗ — 120— lung, als der Verſtand der Männer. Eine Feindin trat auf; Alle fühlten es und vereinten ſich. Ein Tropfen Wein genügt, ein Glas Waſſer zu röthen; um einer Geſellſchaft ſchöner Frauen dieſelbe Laune mitzutheilen, genügt das Auftreten einer Schöneren— beſonders, wenn ein Mann gegenwärtig iſt. Auch ward die Zigeunerin mit eiſiger Kälte empfangen. Sie betrachteten ſie von oben bis unten, ſahen ſich ein⸗ ander an, und dies genügte; ſie verſtanden ſich gegen⸗ ſeitig auf der Stelle. Das junge Mädchen wartete, bis ſie angeredet würde und wagte die Augen nicht aufzu⸗ ſchlagen. Der Kapitän brach zuerſt das Schweigen.„Auf mein Wort,“ bemerkte er im Tone unerſchrockener Albernheit, „das Geſchöpf iſt reizend. Was meint Ihr, ſchöne Cou⸗ ſine?“ Dieſe Bemerkung, die ein zarterer Bewunderer we⸗ nigſtens leiſe geſprochen hätte, war nicht dazu geeignet, die Eiferſucht der ſcharf beobachtenden Damen zu zer⸗ ſtreuen. Fleur⸗de⸗Lys antwortete dem Kapitän mit ſüß⸗ lich gezierter Verachtung:„Sie iſt nicht übel gebaut.“ Die andern flüſterten. Endlich redete Madame Aloiſe, welche nicht die geringſte Eiferſucht empfand, weil ſie dieſe für ihre Tochter hegte, die Tänzerin an:„Komm heran, Kleine.“—„Komm heran, Kleine!“ wiederholte Bérangere, die ihr bis an die Hufte reichte, mit komi⸗ ſchem Ernſt. Die Zigeunerin ging auf die edle Dame zu, — 121— „Schönes Kind,“ ſprach Phoebus mit Nachdruck und trat näher,„ich weiß nicht, ob mir das höchſte Glück zu Theil ward, von Euch wiedererkannt zu werden....“ Sie ſeufzte, erhob ihren Blick voll Sanftmuth und unterbrach ihn mit den Worten:„Oh, ja.“—„Sie hat ein gutes Gedächtniß,“ bemerkte Fleur⸗de⸗Lys. „Ja, ja,“ begann Phoebus auf's Neue;„an dem Abend ſeid Ihr mit Noth entwiſcht. Ihr fürchtet Euch vor mir?“ „Oh nein!“ erwiederte die Zigeunerin. In dieſem Oh neinl! welches unmittelbar auf das Oh ja folgte, lag ein Ausdruck, über den Fleur⸗de⸗Lys ſich ſehr verletzt fühlte. „Anſtatt Eurer ließt Ihr mir, meine Schöne,“ fuhr der Kapitän fort, deſſen Zunge ſich löſ'te, da er mit einem Mädchen von der Straße ſprach,„ einen ſauertöpfiſchen, einäugigen, buckligen Schelm, ich glaube den Glocken⸗ läuter des Biſchofs. Er hat einen verrückten Namen, Aſchermittwoch, Oſtern, was weiß ich! kurz, einen Feſt⸗ namen, wo man läutet! Er war ſo frech, Euch entführen zu wollen, als wärt Ihr für Büttel geſchaffen! Das war zu ſtark! Was wollte der Uhu? Nun, erzählt!“ „Ich weiß es nicht!“ ſagte die Zigeunerin. „Oh, welche Unverſchämtheit! Ein Glockenläuter will, wie ein Vicomte, ein Mädchen entführen! Ein Bürger ſpielt den Wilddieb im Gehege der Edelleute! Das iſt ſelten! Uebrigens hat er theuer gezahlt. Meiſter Pierrat — 12²2— Torterue iſt der rauheſte Stallknecht, der jemals einen Schelm ſtriegelte. Ja, ja, ich kann Euch ſagen, wenn Ihr das gern hört, das Fell Eures Glockenläuters ging ihm durch die Hand.“—„Der arme Mann,“ ſprach die Zigeunerin, bei der dieſe Worte die Erinnerung an den Schandpfahl wieder erweckten. Der Kapitän lachte laut.—„Horn des Ochſen! das Mitleid iſt ſo paſſend angebracht, wie eine Feder am Hintern eines Schweins! Ich will dickbauchig wie der Papſt werden, wenn.... 25 Plötzlich hielt er inne.—„Verzeihung, meine Da⸗ men; ich glaube, beinah wäre mir eine Dummheit ent⸗ ſchlüpft. „Pfui, Herr!“ ſprach Gaillefontaine. „Mit dem Geſchöpf ſpricht er ſeine Sprache,“ fügte Fleur⸗de⸗Lys halblaut hinzu; denn ihr Aerger ſtieg mit jedem Augenblick, und ward auch nicht vermindert, als der Kapitän, entzückt über die Zigeunerin und beſonders über ſich ſelbſt, auf den Ferſen eine Pirouette ſchlug und mit grober, ſoldatiſcher Galanterie ausrief:„Das Mäd⸗ chen iſt ſchön! bei meiner Seele!“ „Recht wild gekleidet,“ ſagte Diane und wies lächelnd ihre ſchönen Zähne. Dieſe Bemerkung war ein Lichtſtrahl für die Andern. Sie zeigte ihnen die angreifbare Seite der Zigeunerin. Da ſie ihre Schönheit nicht benagen konnten, ſielen ſie über ihren Anzug her. „Ja, das iſt wahr, Kleine,“ ſprach die Montmichel, „wie kannſt du ſo ohne Halstuch und Schleier durch die Straßen laufen?“— „Der Rock iſt unanſtändig kurz,“ fügte die Gaille⸗ fontaine hinzu.—„Liebe,“ ſprach Fleur⸗de⸗Lys ziemlich bitter,„dein vergoldeter Gürtel wird dir die Sergeanten auf den Hals laden.“—„Kleine, Kleine!“ begann die Chriſteuil mit ihrem unverſöhnlichen Lächeln auf's Neue, „wenn du anſtändig wärſt, deinen Arm in einen Aermel zu ſtecken, würde er nicht ſo in der Sonne verbrannt werden.“ Die Mädchen boten wirklich ein anziehendes Schau⸗ ſpiel für einen klügeren Beobachter als Phoebus. Mit gereizten, giftigen Zungen umziſchelten ſie boshaft die arme Toilette und fuhren in ihren Flittern herum. End⸗ los war ihr Lachen, ihr Spott, ihre demüthigenden Be⸗ merkungen. Spöttereien, hochmüthiges Wohlwollen, bos⸗ hafte Blicke regneten über die Zigeunerin. Sie glichen ſchönen römiſchen Damen, die zum Zeitvertreib goldne Nadeln in den Buſen einer ſchönen Sklavin ſtießen. Sie glichen zierlichen Windhunden, die mit offenen Naſen⸗ löchern und blitzenden Augen eine arme Hirſchkuh um⸗ ſchwärmen, die zu verſchlingen der Blick des Jägers verbietet. Was konnte auch den Frauen aus edlem Hauſe die armliche Straßentänzerin gelten? Sie ſchienen auf ihre Gegenwart gar nicht zu achten, ſprachen mit ihr über ſie ſelbſt in einem wegwerfenden Tone, als über etwas Schmutziges, ziemlich Hübſches. Die Zigeunerin blieb bei den Nadelſtichen nicht un⸗ empfindlich. Von Zeit zu Zeit färbte der Purpur der Scham ihre Wangen oder entflammte ihr Auge mit Zorn; ein Wort der Verachtung ſchien auf ihren Lippen zu ruhen; ſie ſchnitt das kleine Mäulchen, das der Leſer ſchon kennt, blieb aber unbeweglich und heftete den Blick auf Phoebus, voll Ergebung, traurig und ſanft. Auch lag Glück und Zärtlichkeit in dem Blick. Es ſchien, als zähmte ſie ihre Leidenſchaft, aus Furcht, entfernt zu⸗ werden. Phoebus lachte und nahm halb naſeweis, halb mit⸗ leidig, Partei für die Zigeunerin.„Laß ſie ſchwatzen, Kleine,“ ſprach er, mit den goldnen Sporen klirrend, „Euer Anzug iſt wohl ein wenig ſonderbar und wild; aber was ſchadet das bei einem ſo ſchönen Mädchen?“ „Gott,“ rief die blonde Gaillefontaine, indem ſie ihren Schwanenhals mit bitterm Lächeln aufrichtete,„ich ſehe, die Herrn Häſcher von der Ordonnanz des Königs fangen leicht Feuer bei ſchönen Zigeuner⸗Augen.“— „Warum nicht?“ ſagte Phoebus. Der Kapitän warf dieſe Antwort nachläſſig, wie einen Stein hin, dem man im Fallen nicht nachſteht. Die Mädchen lachten, aber eine Thräne trat der ſchönen Fleur⸗de⸗Lys zugleich in die Augen. Die Zigeunerin aber, welche die Augen bis jetzt auf den Boden geheftet — 125— hielt, erhob den Blick, ſtrahlend aus Freude und ſtolz, und ſchaute Phoebus an. In dem Augenblick war ſie wirklich ſehr ſchön. Die alte Dame, welche dieſe Scene betrachtete, fühlte ſich ſehr beleidigt, ohne recht zu wiſſen warum. Plötzlich rief ſie aus:„Gott! was regt ſich zwiſchen meinen Bei⸗ nen! o, das häßliche Thier!“ Die Ziege hatte ihre Herrin aufgeſucht, war auf ſie zugeſtürzt, und verwickelte in der Eile ihre Hörner in das lange Kleid der edlen Dame, das ihre Füße, wenn ſie ſaß, bedeckte. Dies bewirkte eine Diverſion. Die Zigeunerin wickelte die Ziege los, ohne ein Wort zu ſagen. „O, die kleine, hübſche Ziege!“ rief Bérangére, und ſprang aus Freude in die Höhe;„welch hübſche, goldne Hörner!“ Die Zigeunerin knieete nieder und drückte den lieb⸗ koſenden Kopf der Ziege an ihre Wange. Es ſchien, als wollte ſie ihr Thier um Verzeihung bitten, es ſo verlaſſen zu haben. Diane neigte ſich zum Ohr der Colombe:„Gott! warum dachte ich nicht eher daran? das iſt ja die Zigeu⸗ nerin mit der Ziege. Man meint, ſie wäre eine Hexe und triebe mit der Ziege wunderbare Mummereien.“— „So?“ ſagte Colombe,„dann muß die Ziege uns auch ihre Künſte zeigen, und ein Wunder thun.“— Beide redeten lebhaft die Zigeunerin an:„Kleine, laß deine Ziege doch ein Wunder thun!“—„Ich weiß vicht, was — 126— 4 Ihr meint.“—„Nur ein Wunder, eine Magie, eine Hexerei.“—„Ich verſtehe Euch nicht,“ ſprach die Zigeu⸗ nerin und liebkoſ'te ihre Ziege, indem ſie wiederholt: „Djali!“ rief. In dem Augenblick bemerkte Fleur⸗de⸗Lys ein Säckchen von vergoldetem Leder am Halſe der Ziege, und fragte:„Was iſt das?“ Die Zigeunerin hob ihr großes Auge und ſprach: „mein Geheimniß.“— Nun, das moöchte ich kennen, dachte Fleur⸗de⸗Lys. Die gute Dame ſtand verdrießlich auf.„Zigeunerin,“ ſprach ſie,„wenn du und deine Ziege nicht tanzen wollt, was habt Ihr dann hier zu ſchaffen?“ Die Zigeunerin ging, ohne zu antworten, rgſan auf die Thür zu. Je mehr ſie ihr näher kam, deſto langſamer ward ihr Schritt. Ein Magnet ſchien ſie zurück⸗ zuhalten. Plötzlich richtete ſie ihre von Thränen naſſen Augen auf Phoebus und blieb ſtehen. „Wahrhaftiger Gott!“ rief der Kapitän,„ſo ſollſt du nicht gehen! Komm, tanze uns Etwas! Liebe Schöne, wie heißt du?“—„Esmeralda,“ ſprach die Tänzerin, ohne von ihm den Blick abzuwenden. Bei dieſem ſonderbaren Namen erſcholl ein lautes Gelächter aller Mädchen.„O,“ rief Diana,„welch ein fürchterlicher Name für ein Mädchen!“—„Seht Ihr nicht,“ ſagte Amelotte,„daß ſie eine Hexe iſt?“— „Liebe,“ ſprach feierlich dann Aloiſe,„Eure Aeltern haben Euch doch nicht ſündhaft den Namen in heiliger Taufe gegehen?“ Seit einigen Minuten hatte unterdeß Bérangsre, ohne daß man auf ſie achtete, die Ziege in die Ecke der Stube mit einem Stück Marcipan gelockt. Ein Augen⸗ blick machte Beide zu zwei intimen Freundinnen. Das neugierige Kind band den Beutel am Halſe der Ziege los, öffnete ihn, und leerte ſeinen Inhalt auf die Matte. Es war ein Alphabet, wovon jeder Buchſtabe auf ein Täfelchen von Buchsbaumholz geſchrieben war. Kaum waren dieſe dort ausgebreitet, als das erſtaunte Kind bemerkte, wie die Ziege einzelne Buchſtaben mit der ver⸗ goldeten Pfote hervornahm, und ſie fortſtoßend in eine Reihe legte. Es war offenbar eines ihrer Wunder. Die Reihe bildete ein Wort, worauf die Ziege offenbar ein⸗ geübt war, denn ſie nahm gar keinen Anſtand, es zu ſchreiben. Da rief Bérangère, die Hände aus Bewun⸗ derung faltend: „Pathe Fleur⸗de⸗Lys, ſeht doch, was die Ziege thut!“ Fleur⸗de⸗Lys lief herbei und zitterte. Die auf den Fußboden gelegten Buchſtaben bildeten das Wort PHOEBUS. „Die Ziege hat das geſchrieben?“ fragte ſie mit bebender Stimme.—„Ja, Pathe,“ ſagte Bérangere. Man konnte unmöglich daran zweifeln, denn das Kind konnte nicht ſchreiben. — 128— „Das iſt das Geheimniß,“ dachte Fleur⸗de⸗Lys. Bei dem Rufe des Kindes waren alle herbeigekommen, die Mutter, die Mädchen, die Zigeunerin, der Kapitän. Die Zigeunerin ſah die Dummheit, welche die Ziege began⸗ gen hatte. Sie ward abwechſelnd roth und blaß, und fing an, wie eine Verbrecherin in Gegenwart des Kapi⸗ täns zu zittern, der ſie mit einem Lächeln des Erſtau⸗ nens und der Zufriedenheit betrachtete. „Phoebus!“ flüſterten die Mädchen,„ſo heißt ja der Kapitän.“—„Ihr habt ein wunderbares Gedächtniß,“ ſprach Fleur⸗de⸗Lys zur verſteinerten Zigeunerin. Dann brach ſie in Schluchzen aus, barg voll Schmerz ihr ſchö⸗ nes Antlitz mit den Händen und ſtammelte:„O, ſie iſt 4 eine Zauberin!“ Zugleich vernahm ſie im Herzen eine nooch hitterere Stimme, welche ihr zurief:„Sie iſt eine Nebenbuhlerin!“ Sie fiel in Ohnmacht.„Meine Tochter! meine Toch⸗ ter!“ rief die Mutter erſchreckt.„Geh, Zigeunerin der Höle!“ Ian einem Augenblick nahm Esmeralda die unzeitigen Buchſtaben auf, gab Djali ein Zeichen und ging aus der einen Thür, während die Mädchen Fleur⸗de⸗Lys aus der andern forttrugen. Als der Kapitän Phoebus ſo allein blieb, ſchwankte er einen Augenblick in der Wahl beider Thüren, und folgte dann der Zigeunerin. — 129— 2. Ein Prieſter und ein Philoſoph ſind zwei ganz verſchiedene Dinge. Der Prieſter, welchen die Mädchen auf der Spitze des nördlichen Thurms erblickt hatten, wie er geſpannt dem Tanze der Zigeunerin zuſchaute, war wirklich der Archidiakonus Claude Frollo. Unſre Leſer haben die geheimnißvolle Zelle nicht vergeſſen, die der Archidia⸗ konus ſich auf dieſem Thurme vorbehalten hatte.(Bei⸗ läufig geſagt, weiß ich nicht, ob es nicht dieſelbe Zelle i*ſt, in deren Inneres man gegenwärtig durch eine kleine viereckige Lube blicken kann. Sie liegt öſtlich in Manns⸗ höhe auf der Platte, von wo die Thurmſpitze ſich erhebt. Gegenwärtig iſt es ein nacktes, leeres, verfallenes Käm⸗ merchen, deſſen Mauern mit gelben, ſchlechten Umriſſen von Kathedralfagaden hin und wieder geſchmückt ſind. Ich glaube, dies Loch wird gegenwärtig von Fledermäu⸗ ſen in Geſellſchaft mit Spinnen bewohnt, die vereint dort einen Vertilgungskrieg gegen die Fliegen führen.) Täglich beſtieg der Archidiakonus eine Stunde vor Sonnenuntergang die Treppe des Thurmes, ſchloß ſich in die Zelle ein, und brachte oft dort ganze Nächte zu. An jenem Tage gelangte in dem Augenblick, wo er den kleinen Schlüſſel mit ſonderbar geſtaltetem und compli⸗ eirtem Bart, den er immer bei ſich trug, aus der Taſche zog, der Schall des Tambourins und der Caſtagnetten dis an ſein Ohr. Er kam vom Vorhof der Kirche. XIV. 9 — 130— Wie wir ſchon ſagten, hatte die Zelle nur eine Luke nach dem Dach der Kirche; Claude Frollo zog deßhalb den Schlüſſel ſchnell zurück, und ſtand in der düſtern, nachdenklichen Haltung auf dem Gipfel des Thurmes, wo ihn die Mädchen erblickten. Dort weilte er ernſt, unbeweglich, in einen Blick und in einen Gedanken verſunken. Ganz Paris lag mit ſeinen tauſend Thürmen, der unter Brucken ſich hin⸗ ſchlängelnden Seine, dem wogenden Volk, den Rauch⸗ wolken und der bergigen Dachkette zu ſeinen Füßen; doch nur einen Punkt des Pflaſters beſchaute der Archi⸗ diakonus, den Platz vor der Kirche, nur eine Geſtalt, die Zigeunerin. Man bkonnte nicht leicht die Natur des Blicks und die ihm entſprühende Flamme ſich erklären; der Blick war zugleich ſtarr und doch verſtört. Schaute man die vollkommne Unbeweglichkeit des Körpers, der nur dann und wann durch Schauder geſchüttelt ward wie ein Baum im Sturme, ſah man die Starrheit ſeiner Arme, die ſich auf den Marmor ſtützend, auch aus Stein zu ſein ſchienen, ſchaute man auf Claude Frollo's Lippen das kalte Lächeln, ſo hätte man geglaubt, nur in ſeinen Augen glühe noch Leben. Die Zigeunerin tanzte, ſchwang ihr Tambourin auf den Fingerſpitzen und warf es mitten in provenzaliſchen Sarahanden in die Luft; ſie ſchwebte behend, leicht, hei⸗ — 131— ter, und empfand nicht das Gewicht des furchtbaren Blickes, der wie Blei auf ihr Haupt ſank. Die Menge wimmelte um ſie her; bisweilen ging ein Mann mit halb rothem, halb gelbem Wamms im Kreiſe herum, ſetzte ſich dann einige Schritte von der Tänzerin entfernt auf einen Stuhl, und nahm den Kopf der Ziege zwiſchen ſeine Kniee. Dieſer Mann ſchien der Gefahrte der Zigeunerin zu ſein. Claude Frollo konnte auf dem hohen Punkte, wo er ſtand, ſeire Züge nicht erkennen. Sobald der Archidiakonus den Unbekannten erblickte, ſchien ſich ſeine Aufmerkſamkeit zwiſchen dieſem und der Tanzerin zu theilen, wahrend ſein Geſicht ſtets düſterer ward. Plötzlich richtete er ſich auf und ein Zit⸗ tern zuckte in allen ſeinen Gliedern.„Wer iſt der Menſch?“ murmelte er zwiſchen den Zähnen.„Bisher ſah ich ſie doch ſtets allein.“ Dann ſtieg er wieder das gewundene Gewölbe der Spiraltreppe hinab. Als er vor der Thür des Glocken⸗ läuters vorbeikam, ſah er ſie halb offen ſtehen, und be⸗ merkte, daß Quaſimodo, an eine Oeffnung der Wind⸗ löcher von Schiefer, die ungeheuren Jalouſieen gleichen, gelehnt, auch auf den Platz hinblickte. Dieſer war in ſo tiefes Sinnen verſunken, daß er das Vorbeigehen ſeines Adoptiv⸗Vaters nicht bemerkte. Sein wildes Auge hatte einen eigenthümlichen, entzückten und ſanften Ausdruck. —„Wie ſonderbar,“ murmelte Claude,„beſchaut er auch die Zigeunerin?“— Dann ſtieg er die weitere Treppe 9* — 132— hinab. Nach einigen Minuten trat er durch das Thor unten am Thurm auf den Platz hinaus. Er trat in den Kreis der Zuſchauer, welche das Tambourin verſammelt hatte, mit der Frage:„Wo iſt die Zigeunerin?“—„Ich weiß nicht,“ antwortete Einer neben ihm.„Ich glaube, dort im Hauſe, uns gegenüber, wohin man ſie rief, tanzt ſie den Fandango.“ Anſtatt der Zigeunerin, ſah der Archidiakonus nur den rothgelben Mann auf demſelben Teppich, deſſen Ara⸗ besken noch kurz vorher unter den maleriſchen Windun⸗ gen des Tanzes verſchwunden waren; dieſer, um auch einige Kupfermünze zu erlangen, ging im Kreiſe umher, ſtützte die Arme auf die Hüften, ſtreckte den Hals, warf den rothen Kopf zurück, und hielt einen Stuhl zwiſchen den Zähnen. Auf⸗ dieſen Stuhl war eine von einer Nachbarin geliehene Katze gebunden, die voll Schrecken laut miaute. „Bei unſrer Frau,“ rief der Archidiakonus in dem Augenblick aus, wo der Poſſenreißer, von Schweiß trie⸗ fend, mit ſeinem Stuhl und ſeiner Katze vorbeiſchritt, „was macht Ihr da, Meiſter Pierre Gringoire?“ Die ſtrenge Stimme des Archidiakonus erſchreckte den armen Teufel ſo heftig, daß er das Gleichgewicht mit ſeinem Gebäude verlor, und daß Stuhl und Katze über die Köpfe der Zuſchauer mitten unter lautem Lärm niederfielen. Wahrſcheinlich hätte Meiſter Pierre Gringoire(denn — 133— er war es allerdings) ſeiner Nachbarin für die Katze, und allen gekratzten und geſtoßenen Geſichtern eine ſchöne Rechnung bezahlen müſſen, hätte er nicht die Verwirrung benutzt, ſich eilig in die Kirche zu flüchten, wohin ihm zu folgen, Claude Frollo ein Zeichen gegeben hatte. Die Kathedrale war ſchon finſter und einſam. Das Schiff war dunkel, und die Lampen der Kapellen wurden ſchon angezündet. Nur die Hauptroſette der Vorderſeite, deren tauſend Farben durch einen horizontalen Strahl der untergehenden Sonne gefärbt waren, erglänzte im Schat⸗ ten wie ein Büſchel Diamanten, und zeigte dem anderen Ende des Schiffs ihre blendend⸗geſpenſtige Erſcheinung. Als ſie etwas vorgeſchritten waren, lehnte ſich Dom Claude an einen Pfeiler, und ſah Gringoire ſtarr in's Geſicht. Dieſen Blick aber fürchtete Gringoire nicht, der ſich ganz allein ſchämte, im Anzuge eines Poſſen⸗ reißers von einem ernſten und gelehrten Mann überraſcht zu ſein. Im Blicke des Prieſters lag kein Spott; er war ernſt, ruhig, durchdringend. Der Archidiakonus brach das Schweigen zuerſt. „Kommt, Meiſter Pierre; Ihr müßt mir viel erklä⸗ ren. Warum hab' ich Euch ſeit zwei Monaten nicht geſe⸗ hen? Warum ſieht man Euch auf den Kreuzwegen in ſo ſchönem Aufzug wieder? Wahrhaftig, roth und gelb; Ihr ſeht aus wie ein Apfel.“ „Herr,“ ſagte demüthig Gringoire,„ein wunderbarer Anzug, und Ihr ſeht mich beſchämter als eine Katze mit — 134— dem Kürbiß auf dem Kopf. Ich fühle es wohl, wie unrecht ich handelte, die Herren Sergeanten in Ver⸗ ſuchung zu ſetzen, die Schultern eines pythagoräiſchen Philoſophen unter dieſer Jacke mit dem Stock zu prü⸗ geln. Konnt' ich aber anders, ehrwürdiger Vater? die Schuld liegt ganz allein in meinem alten Wamms, das vergangenen Winter mich ſchändlich unter dem Vorwande im Stich ließ, es müßte im Tragkorbe eines Lumpen⸗ ſammlers ausruhen. Was ſollte ich anfangen? die Civi⸗ liſation iſt noch nicht ſo weit, wie zu den Zeiten des Diogenes, daß man nackt gehen könnte, gediehen. Dazu kam noch ein kalter Wind, und wahrhaftig, im Januar iſt nicht die Zeit, ſolchen Verſuch zu machen. Dies Wamms bot ſich mir dar, ich nahm's und warf mein altes fort, welches für einen Hermetiker, wie ich es bin, nicht genug hermetiſch verſchloſſen war. So trag' ich alſo das Kleid eines Poſſenreißers, wie St. Geneſtus. Was wollt Jor? es iſt eine Sonnenfinſterniß.“ „Ihr treibt da ein ſchönes Handwerk!“ bemerkte der Archidiakonus. „Ich gebe es zu,“ erwiederte Gringoire,„es iſt beſ⸗ ſer zu philoſophiren und zu dichten, das Feuer im Ofen anzublaſen oder Wärme vom Himmel zu erhalten, als Katzen auf dem Pflaſter zu tragen. Aber was ſollt' ich thun, Herr? Die beſten Verſe ſind unter den Zähnen kein Stück Käſe werth. Nun dichtete ich für Margarethe von Flandern das berühmte Hochzeitsgedicht, das Ihr — 135— ſchon kennt; aber die Stadt will, unter dem Vorwande, es ſei ſchlecht, mich nicht bezahlen, als könnte man eine ſophocleiſche Tragödie für einige Sous ſchreiben. Glück⸗ licher Weiſe fühlte ich bedeutende Stärke in den Zähnen, und ſprach zu ihnen:„Ernährt euch ſelbſt.“ Ein Haufen Bettler, die meine guten Freunde geworden ſind, lehrte mich zwanzig Arten herkuliſcher Kunſtſtücke, und gegen⸗ wärtig erhalten meine Zähne jeden Abend das Brod, das ſie ſich am Tage unter dem Schweiße meiner Stirn ver⸗ dienten. Kurz, concedo, ich gebe zu, dies iſt eine trau⸗ rige Anwendung meiner intellektuellen Kräfte, und der Menſch iſt nicht geſchaffen, ſein Leben damit zuzubringen, ein Tambourin zu ſchlagen und Stuhle auf den Zähnen zu tragen. Aber, ehrwürdiger Meiſter, es iſt nicht genug, zu leben, man muß auch ſeinen Lebensunterhalt ſich erwerben.“ Dom Claude hörte ſchweigend. Plötzlich nahm ſein Auge einen ſo durchdringenden Blick an, daß Gringeire fühlte, wie er gleichſam die innerſten Tiefen ſeiner Seele durchforſchte. „Recht gut, Meiſter Pierre; weshalb aber ſeid Ihr jetzt in Geſellſchaft mit der Zigeunerin?“—„Meiner Treu, ſie iſt meine Frau und ich bin ihr Mann.“— Das dunkle Auge des Prieſters ſprühete Funken. „Elender!“ rief er aus und ergriff den Arm Grin⸗ goire's,„du biſt ſo ſchändlich geweſen, dies Mädchen zu berühren?“—„So wahr ich auf das Paradies hoffe,“ — 136— erwiederte Gringoire, an allen Gliedern zitternd,„ich ſchwöre Euch, daß ich ſie nie berührte, wenn Euch das beruhigen kann.“—„Was ſprichſt du denn von Mann und Frau?“ Gringoire erzählte ſchnell, was der Leſer ſchon kennt, nämlich ſeine Abentheuer im Hofe der Wunder, und ſeine Ehe des zerbrochenen Kruges. Es ſchien, die Heirath habe kein anderes Reſultat gehabt, und die Zigeunerin habe ihn jeden Abend um ſeine Hochzeitsnacht, wie am erſten Abend, geprellt.—„Es iſt ein Mißgeſchick. Ich hatte das Unglück, ein keuſches Mädchen zu heirathen.“ „Was ſoll das heißen?“ fragte der Archidiakonus, der im Verfolg des Berichtes allmählig beruhigt war.— „Das iſt ſchwer zu erklären,“ erwiederte der Dichter; „es iſt aus Aberglauben. Nach dem, was mir ein alter Schelm, der bei uns der Zigeunerherzog heißt, geſagt hat, iſt ſie ein gefundenes oder verlorenes Mädchen, was ganz daſſelbe bedeutet. Am Hals trägt ſie ein Amulet, woran, wie es heißt, ſie ihre Aeltern einſt wieder erken⸗ nen wird. Das Amulet aber würde die Kraft verlieren, verlöre das Mädchen ihre Tugend; daraus folgt, daß wir beide ſehr tugendhaft zuſammen leben.“ „Ihr glaubt alſo,“ ſagte Dom Claude, deſſen Stirn ſich immer mehr und mehr entrunzelte,„daß dies Ge⸗ ſchöpf noch von keinem Mann berührt ward.“ „Was kann ein Mann mit Aberglauben anfangen? Sie hat ſich das einmal in den Kopf geſetzt. Gewiß iſt — 137— dieſe Nonnenſprödigkeit eine Seltenheit, denn ſie bleibt unter allen den Zigeunerinnen wild, die doch ſo leicht zu haben ſind. Aber drei Dinge beſchützen ſie, erſtens: der Zigeunerherzog, der ſie unter beſondere Aufſicht genom⸗ men hat, und ſie vielleicht einmal einem Abte zu verkaufen gedenkt. Zweitens: der ganze Stamm, der ſie beſonders verehrt, als wäre ſie eine zweite heilige Jungfrau; und drittens: ein kleiner Dolch, den die Schelmin ſtets irgendwo ſtecken hat, ungeachtet der Ordonnanz des Prévôt, und den ſie, wenn man ſie um die Hüften faßt, hervorzieht. Sie iſt eine wilde Weſpe.“ Der Archidiakonus drängte Gringoire mit Fragen. Nach Gringoire's Urtheil war Esmeralda ein harmloſes, reizendes Mädchen von großer Schönheit, nur mit Aus⸗ nahme des ihr beſondern Mäulchens; ein leidenſchaft⸗ liches, naives Kind, das ganz unwiſſend für Alles begei⸗ ſtert ward; die den Unterſchied zwiſchen Mann und Weib noch nicht einmal im Traume geahnet hatte; verliebt in Tanz, Geräuſch und friſche Luft, eine Art Biene, mit unſichtbaren Flügeln an den Füßen, die im Wirbel lebte. Dieſe Natur verdankte ſie dem herumirrenden Le⸗ ben, das ſie ſtets geführt hatte. Gringoire hatte heraus⸗ gebracht, als Kind habe ſie Spanien und Catalonien bis Sieilien durchreiſt; er glaubte ſogar, ſie ſei durch die Zigeuner⸗Karavane, wozu ſie gehörte, zum Königreich Algier geführt, welches ein Land in Achaia ſei, welches Achaia an Klein⸗Albanien, Griechenland und das Meer — 138— von Sicilien gränze, und auf dem Weg nach Konſtanti⸗ nopel liege.„Die Zigeuner,“ ſagte Gringoire,„waren Vaſallen des Königs von Algier; denn dieſer iſt Lehens⸗ herr der weißen Mauren.“ Er wußte gewiß, Esmeralda ſei noch als Kind von Ungarn nach Frankreich gekommen. Aus allen dieſen Ländern hatte das junge Mädchen ſon⸗ derbare Worte, fremde Lieder und Gedanken mitgebracht, ſo daß ihre Sprache eben ſo bizarr, wie ihre halb afri⸗ kaniſche, halb pariſiſche Kleidung war. Uebrigens war ſie wegen ihrer Munterkeit und Schönheit, wegen ihres leb⸗ haften Ganges, und wegen ihrer Lieder und Tänze in allen Quartieren, die ſie beſuchte, bei'm Volke beliebt. Sie glaubte, in ganz Paris werde ſie nur von zwei Per⸗ ſonen gehaßt, von denen ſie oft mit Schrecken ſprach; von der häßlichen Klausnerin in der Tour⸗Roland, welche irgendwie einen Haß gegen Zigeuner gefaßt habe, und ſo oft ſie an der dortigen Luke vorübergehe, ſie verfluche, und dann von einem Geiſtlichen, der ihr nie begegne, ohne durch Worte und Bewegungen ſie in Schrecken zu ſetzen. Dieſer letzte Umſtand ſetzte den Archidiakonus in Verlegenheit, die Gringoire aber nicht bemerkte; zwei Monate hatten dem leicht geſinnten Dichter genügt, um alle beſonderen Einzelnheiten jenes Abends zu vergeſſen, wo er die Zigeunerin antraf, und auch den Archidiakonus bemerkte. Uebrigens lebte die junge Tänzerin ganz ſorg⸗ los in den Tag hinein; ſie gab ſich mit Wahrſagereien nicht ab, und dies ſchützte ſie vor den Hexenyroceſſen, — 139— womit Zigeunerinnen ſo oft verfolgt wurden. Gringoire galt ihr, wo nicht als Mann, doch als Bruder. Dadurch kam er zu Brod und Lager. Jeden Morgen ging er, am häufigſten mit der Zigeunerin, auf ſein neues Ge⸗ ſchäft aus, und half ihr auf den Kreuzwegen Kupfer⸗ münze einärnten; jeden Abend kehrte er mit der Zigeu⸗ nerin unter daſſelbe Dach heim, ließ jene ihr Kämmerchen zuriegeln und ſchlief dann feſt ein. Gewiß, meinte er, war dies Leben nicht bitter, und auf jeden Fall mitzu⸗ nehmen. Auch konnte der Philoſoph bei ſeiner Seele die Verſicherung geben, in die Zigeunerin nicht ſterblich verliebt zu ſem. Beinah liebte er die Ziege eben ſo ſehr. Dieſe war ein kluges, geiſtreiches, gelehrtes Thier. Im Mittelalter war nichts gewöhnlicher, als ſolche gelehrte Thiere, die man nicht wenig anſtaunte, die aber oft ihre Lehrmeiſter auf den Scheiterhaufen brachten. Die Hexe⸗ reien der Ziege mit den vergoldeten Pfoten waren aber ganz unſchuldige Streiche. Gringoire erklärte ſie dem Archidiakonus, der ein lebhaftes Intereſſe daran zu neh⸗ men ſchien. In den meiſten Fällen genügte es, das Tambourin der Ziege auf die eine oder andere Weiſe hinzuſtellen, um dieſe oder jene Mummerei von ihr zu erhalten. Die Zigeunerin hatte die Ziege ſo abgerichtet, und beſaß für dergleichen Spielereien ein ſo großes Ta⸗ lent, daß zwei Monate der Ziege genügten, um das Wort Phoebus mit beweglichen Buchſtaben ſchreiben zu lernen. — 140— „Phoebus?“ fragte Claude,„weßhalb Phoebus?“— „Ich weiß nicht. Vielleicht iſt das Wort mit einer gehei⸗ men Tugend oder Hexerei begabt. Sie ſpricht es oft halb laut aus, wann ſie glaubt, ſie wäre ganz allein.“ „Wißt Ihr gewiß,“ fuhr Claude mit durchdringen⸗ dem Blick zu fragen fort,„daß dies nur ein Wort und bein Name iſt?“—„Von wem?“—„Was weiß ich?“ —„Herr, ich glaube, die Zigeuner ſind Feueranbeter und verehren die Sonne.“—„Das ſcheint mir nicht ſo deutlich, Meiſter Pierre.“—„Uebrigens, was kümmert's mich? Mag ſie ihren Phoebus nach Belieben murmeln. Djali liebt mich faſt eben ſo ſehr, wie ſie.“—„Wer iſt das?“—„Die Ziege.“ Der Archidiakonus legte ſein Kinn auf die Hand und ſchien einen Augenblick nachzuſinnen. Plötzlich wandte er ſich zu Gringoire mit den Worten:„Schwörſt du, ſie nicht berührt zu haben?“—„Wen? die Ziege?“— „Nein, das Mädchen.“—„Meine Frau? Wahrhaftig⸗ nicht!“—„Biſt du oft mit ihr allein?“—„Jeden Abend eine Stunde.“— Der Archidiakonus runzelte die Stirne. „Oh! ohl Solus cum sola non cogitabuntur orare Paternoster.“—„Bei meiner Seele, ich könnte das Paternoſter, das Ave und Credo ſprechen, ohne daß ſi ſie mehr auf mich achtete, als auf ein Huhn in der Kirche.“ —„Schwöre mir bei dem Bauch deiner Mutter, daß du ſie nicht berührt haſt.“—„Auch beim Haupte meines — 141— Vaters, denn beide Körpertheile ſtehen mit einander in Verhältniß. Aber, ehrwürdiger Meiſter, erlaubt auch mir eine Frage.“—„Nun, ſprich.“—„Warum wollt Ihr das wiſſen?“ Das blaſſe Antlitz des Archidiakonus erröthete, wie das eines Mädchens. Er ſchwieg einen Augenblick, dann ſagte er mit ſichtbarer Verlegenheit: „Hört mich an, Meiſter. So viel ich weiß, ſeid Ihr noch nicht verdammt. An Euch nehm' ich Antheil und wünſche Euch alles Gute. Die geringſte Berührung der Zigeunerin aber macht Euch zum Vaſall des Teufels. Der Leib verdirbt die Seele, wie Ihr wißt. Weh Euch, wenn Ihr dem Mädchen nahe tretet!“—„Einmal ver⸗ ſuchte ich's,“ ſagte Gringoire, und kratzte ſich hinter den Ohren;„ich habe mir aber die Finger verbrannt.“— „Du warſt ſo frech?“(Die Stirn des Archidiakonus umwölkte ſich auf's Neue.)—„Ein andermal,“ fuhr der Dichter lächelnd fort,„ſah ich durch's Schlüſſelloch, als ſie ſich zu Bett legte; es war die köſtlichſte Frau im Hemde, unter deren nacktem Fuß jemals der Traggurt des Bettes krachte.“—„Geh zum Teufel!“ rief der Prieſter mit furchtbarem Blick, ſtieß den erſtaunten Grin⸗ goire fort, und ging mit großen Schritten unter die dun⸗ keln Arkaden der Kathedrale. 3. Die Glocken. Seit dem Morgen des Schandpfahls glaubten die Nachbarn von Notre⸗Dame zu bemerken, Quaſimodo's Eifer im Glockenläuten ſei ſehr erkaltet. Früher ver⸗ nahm man langgezogene Ständchen von der Prime bis zur Complete, das Brauſen der großen Glocke bei Hoch⸗ meſſen, die reichen Tonleitern der Glöckchen bei Ehen und Taufen. Die alte, vibrirende, laut tönende Kirche jubelte beſtändig mit ihren Glocken. Man vernahm dort ſtets den lärmenden Geiſt, der aus kupfernen Kehlen ſang. Der Geiſt ſchien entſchwunden, die Kathedrale düſter und mit Vorliebe ſchweigend; Feſte und Beerdigungen erhiel⸗ ten nur eben das nackte Geläut, welches der Ritus erfor⸗ derte; von dem doppelten, inneren und äußeren Brauſen der Kirche, dem der Orgel und der Glocken, verblieb nur das der Orgel. Es ſchien, die Glockenthürme hätten ihren Muſiker verloren. Quaſimodo war doch aber noch immer gegenwärtig. Was war in ihm vorgegangen? Weilte Schaam und Verzweiflung über den Schandpfahl noch in ſeinem Herzen, und empfand ſeine Seele noch immer die Hiebe des Folterers? Hatte Schmerz über die Behandlung ſelbſt ſeine Leidenſchaft für die Glocken vertilgt, oder hatte Marie mit ihren Schweſtern eine Nebenbuhlerin im Herzen des Glockenläuters?“ Es ereignete ſich im Jahr der Gnade 1182, daß der Tag der Verkündigung auf Dienſtag den 25. März fiel. Quaſimodo fühlte wieder einige Liebe zu ſeinen Glocken; denn der Tag war ſchön und beiter. Er ſtieg alſo den nördlichen Thurm hinan, während der Küſter die hohen Thore der Kirche öffnete, die aus ungeheuren — 143— Stücken harten, mit Leder bedeckten, und mit vergol⸗ deten Nägeln und Schnitzwerk verbrämten Holzes beſtanden. Als Quaſimodo in den Glockenkaäfich trat, beſchaute er zuerſt die ſechs kleineren Glocken und erhob traurig das Haupt, als habe ſich etwas Fremdartiges zwiſchen ihn und ſie eingedrängt. Als er ſie aber in Bewegung geſetzt hatte und merkte, wie die Glockentraube ſich unter ſeiner Hand regte, als er die zitternde Oktave auf der hellen Tonleiter gleich einem von Aſt zu Aſt flatternden Vogel hinauf und hinab ſteigen ſah(denn er konnte ſie nicht hören); als der Muſik⸗Dämon den armen Tauben mit ſich fortriß, ward er wieder glücklich; ſein Herz erweiterte ſich und gab ſeinem Antlitz einen helleren Schein. Er lief hin und her, klatſchte in die Hände, eilte von einem Strick zum andern, ermuthigte die ſechs Sän⸗ ger mit Zuruf und Geberde, wie ein Kapellmeiſter ſeine Virtuoſen anfeuert. „Auf! auf! Gabrielle,“ ſagte er,„gieß all deinen Lärm auf den Platz! Heute iſt Feſttag.— Thibauld! nicht ſo faul! Du wirſt ſchläfrig! Biſt du verroſtet, Nichtsthuer?— Schnell! ſchnell! daß man den Klöpfel nicht ſieht. Mach' die Leute taub, wie mich!— Brav, Thibauld!— Guillaume! Guillaume! du biſt der dickſte, Pasquier iſt der kleinſte, und Pasquier geht beſſer. Ich wette, man hört ihn beſſer, als dich.— Schön! ſchön! Gabrielle! Noch ſtärker!— He! was macht ihr beiden — 144— Sperlinge? Ich ſehe, daß ihr gar nichts thut!— Ihr kupfernen Schnäbel ſeht aus, als wolltet ihr gähnen, anſtatt zu läuten. Arbeitet! Heute iſt Marié Verkündi⸗ gung! Der Tag iſt ſchön.— Armer Guillaume, du biſt ſchon ganz außer Athem!“ Er dachte an Nichts, als an ſeine Glocken, die immer ſchneller ſich ſchwangen und ihre glänzenden Kreiſe wie ein lärmendes Geſpann ſpaniſcher Maulthiere, gereizt durch die Reden des Muletero, ſchüttelten. Plötzlich, als er ſeinen Blick durch die Schieferſchuppen des Thurm⸗ daches warf, erblickte er auf dem Platz ein bizarr geklei⸗ detes Mädchen, die auf den Boden einen Teppich breitete. Darauf ſetzte ſich eine Ziege, und ein Kreis von Zu⸗ ſchauern umringte Beide. Dieſer Anblick änderte plötzlich die Richtung ſeiner Gedanken und brachte ſeinen muſika⸗ liſchen Enthuſiasmus zum Gerinnen, wie ein Windſtoß fließendes Harz. Er hielt an, wandte dem Glockenſpiel den Rücken und kauerte hinter die Luke von Schiefer, indem er auf die Tänzerin den trüben, ſanften, zärt⸗ lichen Blick heftete, worüber der Archidiakonus ſchon einmal erſtaunt war. Der Schall der vergeſſenen Glocken erloſch plötzlich zum großen Leidweſen aller Liebhaber, welche dem Glockenſpiel auf dem Pont⸗au⸗Change mit Vergnügen zuhörten, und erſtaunt wie ein Hund, dem man einen Knochen zeigte und einen Stein gab, davon 1 ſchlichen. — 145— 4. ANAL K H. Es geſchah an einem ſchönen Tage deſſelben Monats (ich glaube, es war Sonnabend der 29. März, Tag des heiligen Euſtachius), daß unſer junger Freund, der Stu⸗ dent Jehan Frollo du Moulin beim Ankleiden bemerkte, die Hoſen, worin ſeine Börſe ſteckte, gäben keinen metal⸗ liſchen Klang.„Arme Börſe,“ ſprach er, ſie aus der Taſche ziehend,„wie haben die Würfel, Venus und Bier⸗ krüge dich ausgeweidet! Wie leer, gerunzelt und ver⸗ ſchrumpft! Du gleichſt dem Buſen eines alten Weibes! Herr Cicero, Herr Seneca, wie ihr da auf dem Tiſche gekrümmt und zerſtreut umher liegt, ich frage euch, was nützt mir jetzt, daß ich eben ſo gut wie ein Münzmeiſter und ein Jude auf dem Pont⸗aux⸗Changeurs weiß, eine goldne Krone gelte fünfunddreißig Unzen von fünfund⸗ zwanzig Sous, acht Deniers Pariſis, und ein goldner Mondthaler gelte ſechsunddreißig Unzen von ſechsund⸗ zwanzig Sous, ſechs Deniers Tournois? Ach, ich kann keinen elenden Liard mehr auf die doppelte Sechs wa⸗ gen! Oh Konſul Cicero, das iſt keine Verlegenheit, aus der man ſich mit Umſchreibungen, mit Verum enim vero und Quemadmodum helfen kann.“ Voll Schmerz legte er die Kleider an. Als er ſeine Stiefeln anzog, überraſchte ihn ein Gedanke. Zuerſt wies er ihn zurück; allein er kehrte wieder, und Jehan zog ſeine Weſte verkehrt an, ſo heftig war der Kampf in XIV. 3 — — 146— ſeinem Innern. Endlich warf er ſeine Mütze auf den Boden und rief:„Deſto ſchlimmer! geſchehe, was da will! Eine Predigt werde ich in den Kauf bekommen, aber auch einen Thaler!“ dann zog er ſeinen pelzgefüt⸗ terten Rock an, nahm ſeine Mütze und ging in Ver⸗ zweiflung durch die Rue La Harpe auf die Cité zu. Als er bei der Rue de la Huchette vorbeikam, kitzelte der Geruch der dort beſtändig gebackenen Bretzeln ſeine Geruchsorgane und er warf einen verliebten Blick in die cyklopiſche Bäckerei, welche eines Tages dem Kapuziner Calatagirone den Ausruf entriß:„Veramente, queste rotisserie sono cosa stupenda!“ Aber ach! Jehan hatte kein Geld zum Frühſtück und ſtieß deßhalb unter dem Thore des Petit⸗Chatelet, dem Doppelkreuz maſſiver Thürme, die den Eingang der Eité verwahrten, einen tiefen Seufzer aus. Er nahm ſich nicht einmal die Zeit, im Vorbeigehn, wie es Sitte war, die arme Bildſäule Perinets le Clere, der unter Karl VI. Paris den Engländern übergeben hatte, mit einem Stein zu werfen. Jener hat bekannt⸗ lich drei Jahrhunderte lang mit von Steinen zerſchmet⸗ tertem Geſicht und mit Koth bedeckt, wie ein ewiger Schandpfahl ſein Verbrechen gebüßt. Nachdem er den Petit⸗Pont überſchritten und die neue Straße Ste. Geneviève hinter ſich hatte, ſtand Jehan endlich vor Notre⸗Dame. Da fühlte er aber wieder ſeine frühere Unentſchloſſenheit, ging mehrere Male um die — 147— Statue des Herrn Grau herum und wiederholte mit Beklemmung:„Der Thaler iſt zweifelhaft, aber die Pre⸗ digt iſt hart und gewiß!“ Er hielt einen Kirchendiener, der aus dem Kloſter trat, mit den Worten an:„Wo iſt der Herr Archidia⸗ konus?“—„Ich glaube,“ war die Antwort,„er iſt in der Zelle des Thurms, und ich rathe Euch nicht, ihn dort zu ſtören, wenn Ihr nicht wenigſtens von Seiten des Königs oder des Papſtes kommt.“ Jehan klatſchte in die Hände.„Zum Teufel, das iſt eine ſchöne Gelegenheit, ſeine Zauber⸗Loge zu ſehn.“ Ent⸗ ſchloſſen ging er durch das kleine Thor und ſtieg die Treppe des Thurms hinan.— So werde ich's ſehen, dachte er unterweges. Bei dem Unterrock der heiligen Jungfrau! die Zelle da muß merkwürdig ſein; denn mein Bruder verbirgt ſie ſorgfältiger, als ſeine Scham⸗ theile. Man ſagt, dort brennt er hölliſches Feuer und brät den Stein der Weiſen. Bei Gott! mir gilt der Stein der Weiſen ſo viel wie ein Kieſel, und ich möchte auf ſeinem Ofen lieber einen Eierkuchen finden, als den größten Stein der Weiſen in der Welt! Als er auf der Gallerie der Säulchen ſtand, hielt er einen Augenblick an, um Athem zu ſchöpfen und dann einige Millionen Karren voll Teufel über die unend⸗ liche Lange der Treppe zu fluchen. Dann ſtieg er durch das enge Thürchen des nördlichen Thurms, welches gegen⸗ waͤrtig dem Publikum unterſagt iſt. Als er endlich durch 10* — 148— den Glockenkäfich gekommen war, trat er ſeitwärts an eine kleine gewölbte Vertiefung und ſah in ihr eine nie⸗ drige gothiſche Thür. Eine in der Treppen⸗Mauer ange⸗ brachte Schießſcharte ließ ihn hier ein ungeheures Schloß und Eiſenbeſchlag bemerken. Neugierige Leute, welche gegenwärtig dies Thürchen beſuchen wollen, können es an einer weißen Inſchrift auf der ſchwarzen Mauer erken⸗ nen: Ich bete Coralie an. 1823, unterzeichnet ugene.“) Unterzeichnet ſteht im Text. Hier iſt es, dachte der Student. Der Schlüſſel ſteckte im Schloß und die Thür war nur angelehnt. Er⸗ öffnete ſte leiſe und ſteckte ſeinen Kopf durch die Oeffnung. Der Leſer hat wohl Rembrandt's, jenes Shake⸗ ſpeare's der Malerkunſt, bewundrungswürdiges Werk durchblättert. Unter den Bildern iſt beſonders eines auf⸗ fallend, welches, wie man glaubt, den Doktor Fauſt dar⸗ ſtellt, und das man ohne geblendet zu werden unmöglich betrachten kann. Mitten in einer düſtern Zelle ſteht ein mit ſcheuslichen Gegenſtänden bedeckter Tiſch; man ſieht Todtenköpfe, Globen, Deſtillir⸗Blaſen, Kompaſſe, hiero⸗ glyphiſche Pergamene. Der Doktor ſitzt da in ſeinem dicken Oberkleid und ſeiner bis auf die Augen hinab⸗ gedrückten Pelzmütze. Halb hat er ſich von ſeinem Seſſel erhoben und betrachtet voll Neugier und Schrecken einen großen Lichtkreis, der auf der Mauer im Hintergrunde *) Ein orthographiſcher Fehler im Franöſiſchen für Eugone- — 149— wie die reflektirte Sonnenſcheibe in der Camera obſcura glänzt. Dieſe kabaliſtiſche Sonne ſcheint zu zittern und erfüllt die bleiche Kammer mit dem magiſchen Strahl. Das Ganze iſt zugleich furchtbar und ſchön. Etwas Aehnliches bot ſich Jehans Auge, als er ſei⸗ nen Kopf durch die angelehnte Thür wagte. Auch dort ſtand ein Tiſch voll Kompaſſe, Deſtillir⸗Blaſen; an der Decke hingen Thierſkelette; auf dem Fußboden lagen Himmelskugeln und Geſchirre mit Goldplättchen durch einander, Todtenköpfe ruheten auf alten Pergamenen mit ſonderbaren Zeichen, dicke Manuſkripte lagen aufge⸗ ſchlagen da, ohne Mitleid für die harten Ecken des Per⸗ gamens; Alles war von Staub und Spinnweben bedeckt; aber es fehlte ſowohl der Lichtkreis, als auch der ent⸗ zückte Doktor, wie er, gleich dem Adler im Beſchauen der Sonne, die Flammenerſcheinung betrachtete. Die Zelle war auch nicht verlaſſen. Auf einem Seſ⸗ ſel ſaß ein Mann und lehnte ſich gekrümmt über den Tiſch. Jehan, dem er den Rücken wandte, konnte nur deſſen Schultern und den hinteren Theil ſeines Schädels betrachten. An dem kahlen Haupte, dem die Natur eine ewige Tonſur beſchieden zu haben ſchien, als wollte ſte dadurch den unabwendbaren geiſtlichen Beruf des Archi⸗ diakonus andeuten, konnte er dieſen leicht erkennen. Die Thür war ſo leiſe geöffnet, daß Claude ſeines Bruders Gegenwart nicht bemerkte. Der neugierige Stu⸗ dent benutzte einige Augenblicke, das Zimmer mit Muße — 150— zu unterſuchen. Ein großer Ofen, den er gleich anfangs nicht bemerkt hatte, ſtand links vom Seſſel unter der Luke; der Sonnenſtrahl, welcher durch die Oeffnung fiel, drang durch eine Spinnwebe, zeichnete eine zarte Roſette in der Luke, in deren Mitte die Spinne wie das Cen⸗ trum eines auf Spitzen geſtickten Rades ſchwebte. Auf dem Ofen lagen in Unordnung allerlei Geſchirre, Fiolen, Retorten, Kohlenpfannen. Seufzend bemerkte Jehan, daß keine Bratpfanne da war. Die Küchenbatterie iſt friſch, dachte er. Uebrigens war im Ofen kein Feuer und ſchien auch ſchon lange dort nicht gebrannt zu haben. Eine gläſerne Maske, die Jehan unter dem Geſchirr bemerkte, und die offenbar dazu diente, das Antlitz des Archidiakonus zu ſichern, wenn er eine furchtbare Subſtanz bearbeitete, lag mit Staub bedeckt, wie vergeſſen, im Winkel. Seit⸗ wärts befand ſich ein eben ſo ſtaubiger Blaſebalg im Winkel; ſein oberes Blatt hatte in kupfernen Buchſtaben die Inſchrift: Spira, spera. Andere Inſchriften bedeckten. wie es bei Hermetikern Sitte war, die Mauer. Die einen waren mit Tinte geſchrieben, andere mit einer Metallſpitze eingegraben. Gothiſche, hebräiſche, römiſche und griechiſche Schrift lag dort durch einander; die Inſchriften waren gleichſam auf gut Glück hingeworfen; die einen erſtreckten ſich in die anderen, die neueren löſchten die aͤlteren aus, alle verwickelten ſich in einander, wie die Zweige eines dichien — 151— Waldes oder die Lanzen eines Schlachtgetümmels. Es war ein verwirrtes Gemiſch jeglicher Philoſophie, Träu⸗ merei und menſchlicher Weisheit. Hin und wieder glänzte die eine oder andre wie eine Fahne unter einem Lanzen⸗ wald hervor. Größtentheils war dies eine kleine latei⸗ niſche oder griechiſche Inſchrift, wie man ſie im Mittel⸗ alter ſo paſſend hinzuwerfen verſtand, z. B. Unde? inde? — Homo, homini monstrum.— Astra, castra.— Nomen, numen.— Méy« 816 1oO, gt.†ο ααρ☚ᷣeν.— Sapere aude etc. Mitunter waren dies auch einzelne Worte: Avapνοᷣꝓνεια, das offenbar eine bittre An⸗ ſpielung auf das Kloſterleben enthielt. Hin und wieder ſah Jehan auch hebräiſche Buchſtaben, die ihm aber gänz⸗ lich unbekannt waren. Das Ganze war mit Sternen, Menſchen⸗ und Thiergeſtalten, gekreuzten Triangeln durch⸗ zogen, ſo daß das Ganze beim erſten Anblick einem Blatt Papier glich, worauf ein Affe Federſtriche gekritzelt hat. Die ganze Zelle ſah aber ſehr verfallen aus, und der ſchlechte Zuſtand der Geräthe ließ vermuthen, ihr Herr ſei ſchon lange durch andre vorherrſchende Gedan⸗ ken gänzlich von ſeinen Studien abgezogen. Dieſer Herr ſchien, über ein großes, mit ſonderbaren Gemälden geſchmücktes Manuſkript gelehnt, durch einen Gedanden gequält zu werden, der ſich beim Nachſinnen unaufhörlich ihm aufdrängte. So urtheilte wenigſtens Jehan, als er ihn mit Unterbrechungen murmeln hörte, s — 152— wie Jemand, der in Nachſinnen verſunken, ſeine Gedan⸗ ben laut ausſpricht. „Ja, Manu ſagt es mit Zoroaſter! Aus Feuer ent⸗ ſpringt die Sonne, der Mond aus der Sonne. Das Feuer iſt die Seele des Weltalls; ſeine Atome fließen unauf⸗ hörlich in unendlichen Strömen. Wenn ſie am Himmel ſich durchſchneiden, ſchaffen ſie das Licht; durchſchneiden ſie ſich auf der Erde, ſchaffen ſie das Gold.— Gold und Licht, daſſelbe!— Feuer im konkreten Zuſtande!— Der Unterſchied zwiſchen dem Flüſſigen und Feſten, Nichts weiter! wie Eis und Waſſer.— Kein Traum.— Allge⸗ meines Naturgeſetz.— Wie ſoll man das Geheimniß des allgemeinen Geſetzes aufſpüren? Das Licht, welches meine Hand umfließt, beſteht aus erweiterten Atomen. Man braucht ſie nur zu verdichten. Aber wie?— Aver⸗ roës verbarg den Sonnenſtrahl in der Moſchee von Cor⸗ dova, links vom Allerheiligſten unter dem Hauptpfeiler. Aber erſt in achttauſend Jahren darf man die Höhle öffnen, um zu ſehen, ob die Operation gelang.“ Teufel! dachte Jehan; das dauert lange, einen Tha⸗ ler zu bekommen. „Andere dachten,“ fuhr der Archidiakonus ſinnend fort,„es ſei beſſer, mit einem Strahl des Sirius zu operiren. Aber wie kann man dieſen Strahl rein erhal⸗ ten, da die Strahlen andrer Sterne ſich mit ihm miſchen. — Flamel glaubt, es ſei einfacher, mit irdiſchem Feuer zu operiren.— Flamel, ein pradeſtinirter Name! Flam- — 153— ma!— Ja Feuer, das iſt Alles!— Diamant iſt Kohle, Gold iſt Feuer.— Wie ſoll man aber Gold aus dem Feuer entbinden?— Magiſtri behauptet, es gebe gewiſſe Frauennamen, die man nur bei der Operation auszu⸗ ſprechen brauche.— Was ſagt Manu?„Wo die Frauen geehrt ſind, freut ſich die Gottheit. Wo ſie verachtet werden, hilft es Nichts, zu Gott zu beten.— Der Mund einer Frau iſt ewig rein, ein rieſelnder Strom, ein Strahl der Sonne.— Der Name einer Frau muß ange⸗ nehm, ſüß ſein, mit langen Vokalen enden und den Worten des Segens gleichen.“— Ja, der Weiſe hat Recht. Maria, Sophia, Esmeralda.— Verdammt, ewig der Gedanke.... 4 Heftig ſchlug er das Buch zu. 3 „Seit einiger Zeit,“ fuhr er mit bitterem Lächeln fort,„mißlingen mir alle Operationen. Ein fixer Gedanke quält mich und lähmt mein Gehirn. Ich konnte nicht einmal des Caſſiodorus Geheimniß auffinden, deſſen Lampe ohne Docht und Oel brannte. Und doch, wie einfach!“ 1 „Peſt!“ murmelte Jehan zwiſchen den Zähnen. „Ein einziger Gedanke genügt alſo, den Menſchen ſchwach und thöricht zu machen. Wie würde Claude Per⸗ nelle meiner ſpotten, jenes Weib, das auch nicht einen Augenblick Flamel von der Erforſchung des großen Ge⸗ heimniſſes abwenden konnte.— Was! Ich halte in der Hand den magiſchen Hammer Zechiéle's! So oft der — 154— furchtbare Rabbiner in ſeiner Zelle auf dieſen Nagel mit dem Hammer ſchlug, ſank der Feind, den er ver⸗ dammte, und war er auch zweitauſend Stunden entfernt, zwei Ellen unter die Erde, die ihn verſchlang. Selbſt der König von Frankreich ſiel bis an die Knien in das Pflaſter von Paris, weil er einſt unbedachtſam an die Thür des Wunderthäters geklopft hatte.— Das geſchah vor dreihundert Jahren.— Gut! ich habe Hammer und Nagel, und in meiner Hand iſt dies kein furchtbareres Werkzeug, als der Hammer eines Blechſchmieds.— Doch vielleicht finde ich das magiſche Wort, das Zechiéle aus⸗ ſprach, wenn er auf den Nagel ſchlug.“ Kleinigkeit, dachte Jehan. „Verſucy ich's,“ begann der Archidiakonus auf's Neue.„Gelingt es mir, ſo ſpringt der blaue Funken aus dem Nagel.— Emen-Hétan! Emen-Hétan!— Das iſt's nicht.— Sigéani, Sigéani!— Dieſer Name öffne das Grab Jeglichem, der Phoebus heißt.— Ver⸗ flucht, ewig denſelben Gedanken!“ Zornig warf er den Hammer weg. Dann ſank er ſo tief in ſeinen Lehnſtuhl und über den Tiſch zurück, ſo daß Jehan ihn hinter der hohen Lehne aus den Augen verlor. Einige Minuten lang ſah er nur ſeines Bruders konvulſtviſch geballte Fauſt auf einem Buche. Plötzlich erhob ſich Claude, nahm einen Zirkel und grub in die Mauer das griechiſche Wort ANATKH. Mein Bruder iſt ein Narr, dachte Jehan; er hätte — 155— einfacher Fatum hingeſchrieben; alle Welt braucht nicht Griechiſch zu verſtehn. Der Archidiakonus ſetzte ſich wieder in den Seſſel, ſtützte das Haupt auf beide Hände, wie ein Kranker, der an heftigem und brennendem Kopfſchmerz leidet. Der Student beobachtete überraſcht ſeinen Bruder, da er ſelbſt ſein Herz gleichſam der freien Luft immer⸗ während ausſetzte und nur das Geſetz der Natur beob⸗ achtete und ſeine Leidenſchaften im natürlichen Bett ſtets ablaufen ließ, ſo daß der See heftiger Aufregung ſtets bei ihm trocken lag; denn er leitete ihn täglich durch neue Rinnen ab, konnte er keine Ahnung von dem wü⸗ thenden Meer menſchlicher Leidenſchaften haben, wie es brauſt und kocht, wenn man jeglichen Ausfluß ihm abſchnitt, wie es rauſcht, ſchwillt, das Herz zerreißt, bis es die Deiche zertrümmert und ſich ein Bett grabt. Jehan hatte ſich ſtets durch die ſtrenge, eiſige Hülle, durch die verſchanzte und unzugangliche Oberfläche der Tugend, wie ſie ſein Bruder zeigte, täuſchen laſſen. Der beitere Student hatte nie geahnet, daß der ſchneeige Gipfel des Aetna wüthende, tiefe und kochende Lava birgt. Wir wiſſen nicht, ob ihm alle dieſe Gedanken plötz⸗ lich deutlich wurden; ſo leichten Sinnes er aber auch war, ſah er dennoch ſehr wohl ein, was er bemerkt habe, hätte er nicht bemerken dürfen, und Claude dürfe nicht wiſſen, wie er ſeine Seele bis in die geheimſten Falten beobachtete. Als er daher ſah, wie der Archidia⸗ — 156— ponus in ſeine frühere Unbeweglichkeit zurückſank, zog er leiſe den Kopf zurück, und ließ vor der Thür den Lärm ſeiner Schritte, wie Jemand, der näher kommt, ertönen. „Herein!“ rief der Archidiakonus vom Inneren ſei⸗ V ner Zelle;„Euch erwartete ich. Ich ließ deßhalb den Schlüſſel in der Thür. Herein. Meiſter Jacques!“ Keck trat der Student herein. Der Archidiakonus, den der Beſuch in jenem Ort ſehr ungelegen kam, zit⸗ terte auf ſeinem Stuhl. „Wie, Jehan, ſeid Ihr's?“—„Ja wohl,“ ſagte Jehan mit keckem, rothem, heiterem Geſicht. Das Antlitz Dom Claude's zeigte ſtrengen Ausdruck. —„Was wollt Ihr hier?“ „Bruder,“ ſagte der Student, und bemühte ſich, eine anſtändige, beſcheidene und demüthige Miene anzunehmen, wobei er mit dem Ausdruck der Unſchuld ſeine Mitze ſpielend in der Hand hielt,„ich wollte Euch bitten....“ —„Warum?“—„Um ein wenig Moral, deren ich ſehr bedarf.“ Jehan wagte noch nicht, laut hinzufügen:„und um ein wenig Geld, deſſen ich noch mehr bedarf.“ Dieſe letzte Phraſe ward noch nicht ausgeſprochen. „Mein Herr,“ ſagte der Archidiakonus kalt,„ich bin ſehr unzufrieden mit Euch.“—„Ach!“ ſeufzte Jehan. Dom Claude rückte ſeinen Stuhl um einen Viertel⸗ kreis und ſah Jehan ſtarr ins Auge.„Es iſt mir ſehr angenehm, Euch zu ſehen.“ — 157— Der Anfang war furchtbar. Jehan bereitete ſich auf einen harten Schlag. „Jehan! taglich höre ich Klagen über Euch. Gabt Ihr nicht neulich dem kleinen Vicomte de Ramonchamp die Baſtonnade?“—„Oh, was Rechtes! Der boshafte Page fand Vergnügen daran, die Studenten mit Schmutz zu beſpritzen, indem er mit ſeinem Pferde im Straßen⸗ koth galoppirte.“—„Dann habt Ihr den Rock des Ma⸗ hiet Fargel zerriſſen. Tunicam dechiraverunt, heißt es in der Klage.“—„Oh, ein ſchlechtes Mäntelchen.“— „In der Klage ſteht Tunicam und nicht Cappettam. Ver⸗ ſteht Ihr Latein?“ Jehan erwiederte Nichts.—„Ja,“ fuhr der Prieſter fort und ſchüttelte den Kopf;„ſo ſteht es jetzt mit den Wiſſenſchaften! Lateiniſch wird kaum verſtanden; Syriſch iſt unbekannt, und Griechiſch ſo verhaßt, daß die Gelehr⸗ ten ſich ihrer Unwiſſenheit nicht ſchämen, nnd wenn ſie ein griechiſches Wort ſinden, es mit den Worten über⸗ ſpringen: Graecum est, non legitur.“ Der Student ſchlug beck die Augen auf.„Bruder, ſoll ich Euch in gutes Franzöſiſch das Wort überſetzen, das dort auf der Mauer ſteht?“—„Welches?“— „AvGzen.“ Eine leichte Röthe flog über die gelben Wangen des Archidiakonus, gleich der Rauchſäule, die nach außen geheime Gluth eines Vulkans andeutet. Der Student aber bemerkte dies nicht. — 158— „Nun, Jehan,“ ſtammelte der ältere Bruder,„was heißt es?“—„Verhängniß.“ Dom Claude erblaßte; unbekümmert fuhr der Stu⸗ dent fort:„Das Wort, welches dort von derſelben Hand geſchrieben ſteht, Aοννεα, bedeutet Unreinheit. Ihr ſeht, ich kann Griechiſch.“ 1 1 Der Archidiakonus ſchwieg. Die Ueberſetzung aus dem Griechiſchen verſenkte ihn in tiefes Sinnen. Der kleine Jehan, welcher alle Schlauheiten eines verzogenen Kindes beſaß, hielt den Augenblick für günſtig, ſeine Bitte zu wagen. Seine Stimme ward außerordentlich ſanft und er begann:„Guter Bruder, wie könnt Ihr bis zu ſo böſer Miene mir über einige Prügel und Fauſtſchläge zürnen, die ich im offenen Kriege einigen Knaben und Fratzen austheilte: Quibusdam mormosetis. Ihr ſeht, ich verſtehe Latein.“ Allein dieſe liebpoſende Heuchelei äußerte diesmal bei dem ſtrengen, älteren Bruder nicht die gewohnte Wirkung. Cerberus biß nicht ſo leicht in den Honigkuchen. Die Stirn des Archidiakonus glättete nicht eine Runzel. „Wo wollt Ihr hinaus?“ fragte er in trockenem Tone. „Ja,“ antwortete Jehan muthig,„ich habe Geld nöthig.“ Bei dieſer frechen Erklärung nahm das Geſicht des Archidiakonus plötzlich den Ausdruck eines Vaters und Erziehers an:„Ihr wißt, Jehan, unſer Lehen Tirechappe trägt mit der Miethe von einundzwanzig Häuſern nur — 159— neununddreißig Livres, eilf Sous, ſechs Deniers Pariſis ein. Das iſt mehr als die Hälfte unſeres früheren Ein⸗ kommens, aber noch nicht viel.“—„Ich brauche Geld,“ ſprach Jehan, unerſchütterlich wie ein Stoiker.—„ Ihr wißt, es iſt vom Gerichte entſchieden, daß die einund⸗ wanzig Häuſer vom Biſchofe als Lehen gegeben werden, und daß wir dieſe Laſt nur mit zwei Mark Silbers ablöſen können. Ich konnte ſie noch nicht aufbringen. Ihr wißt das doch?“—„Ich weiß, daß ich Geld brauche,“ ſagte Jehan zum dritten Mal.—„Was wollt Ihr damit anfangen?“ Ein Schimmer von Hoffnung ſtrahlte bei dieſen Worten in Jehans Augen. Er nahm ſeine ſchmeichelnd ſanfte Miene wieder an:„Seht, lieber Bruder, in böſer Abſicht hätte ich mich nicht an Euch gewandt. Ich will ja nicht in den Schenken mit Euren Gold⸗Unzen den Großen ſpielen, auch nicht auf einer Brokatdecke mit meinem Lakai in den Straßen herumreiten. Nein, Bru⸗ der, ich brauche das Geld zu einem Werk der Barmher⸗ zigkeit.“„—„Wozu?“ fragte Claude, ein wenig über⸗ raſcht.—„Wir wollten Wickelzeug dem Kinde einer armen Witwe und Wäſcherin verehren. Das koſtet drei Gulden, und ich moͤchte auch einen hinzufügen.“—„Wie heißen Eure Freunde?“—„Peter Prügler und Baptiſt Spieler.“—„So? Das ſind zwei Namen, die für ein Werk der Barmherzigkeit wie eine Kanone für einen Hochaltar ſich eignen.“— — 160— Gewiß hatte Jehan die Namen beider Freunde ſehr unpaſſend gewählt. Er fuhlte dies aber erſt, als es zu ſpät war. „Und dann,“ fuhr der weiſe Claude fort,„welches Wickelzeug koſtet drei Gulden, und zwar für das Kind einer Wäſcherin? Seit wann endlich brauchen die Wäſche⸗ rinnen Wickelzeug für ihre Kinder?“ Jehan brach noch einmal das Eis.—„Nun, ich brauche Geld, um heute Abend Iſabeau⸗la⸗Thierrye im Val⸗d'Amour zu beſuchen.“—„Unreiner Sünder!“— „Ayνεε!“ Dieſe Citation, die der Student wohl boshafter Weiſe der Mauer entlehnte, äußerte auf ſeinen Bruder eine eigenthümliche Wirkung. Dieſer biß ſich in die Lippen, und ſein Zorn erloſch unter Schamröthe. „Geht,“ ſagte er zu Jehan,„ich erwarte Jemand.“ — Der Student machte noch einen Verſuch:„Bruder Claude, gebt mir einen kleinen Pariſis zum Eſſen.“— „Wie weit ſeid Ihr in Gratian 3 Dekretalien gekommen?“ —„Ich habe meine Hefte verloren.“—„Wie weit ſeid Ihr im Durchleſen lateiniſcher Schriftſteller?“—„Man hat mir meinen Horaz geſtohlen.“—„ Wie weit ſeid Ihr im Ariſtoteles?“—„Meiner Treu! Bruder, wie heißt doch der Kirchenvater, der da ſagt, alle Ketzerei ſtamme aus Ariſtoteles Metaphyſik? Ich will meine Re⸗ ligion an ſeiner Metaphyſik nicht verderben.“—„Junger Mann, beim letzten Einzuge des Königs war ein Edel⸗ — 161— mann in ſeinem Gefolge, der trug ſeine Deviſe auf der Pferdedecke geſtickt: Qui non laborat, non manducet, und hieß Philippe Comines. Ich rathe Euch, darüber nachzudenken.“ Der Student ſchwieg einen Augenblick, legte den Finger auf's Ohr, heftete die Augen zu Boden und ſchnitt sin verdrießliches Geſicht. Dann drehete er ſich plötzlich gegen ſeinen Bruder, ſo ſchnell und lebhaft, wie eine Bachſtelze. „So, guter Bruder, Ihr wollt mir nicht einmal einen Sou Pariſis geben, Brodkruſten bei einem Bäcker zu kaufen?“—„Qui non laborat, non manducet!“ Bei dieſer Antwort des unerbittlichen Archidiakonus barg Jehan das Haupt in die Hände, wie eine ſchluchzende Frau, und rief mit dem Ausdruck der Verzweiflung: „Orοrο*ν!“ „Was ſoll das?“ fragte Claude, erſtaunt über die Albernheit.—„Oh Bruder,“ rief der Student und erhob ſeine kecken Augen, die er ſo ſehr mit der Fauſt gedrückt hatte, daß ſie in Thränen ſchwammen,„das iſt griechiſch! Ein Anapäſt des Aeſchylus, der den Schmerz vollkom⸗ men ausdrückt.“ Und dann brach er in ein ſo lautes und poſſierliches Gelächter aus, daß der Archidiakonus lächeln mußte. Es war in der That Claude's eigene Schuld; warum hatte er ſeinen Bruder ſo verzogen. Jehan ward kühner durch dies Lächeln:„Oh ſieh doch, guter Bruder, meine abgelaufenen Stiefeln. War XIV. — 162— je ein Kothurn tragiſcher, als ſolch ein Stiefel, deſſen Sohle die Zunge ausſtreckt?“ Der Archidiakonus blickte wieder ſo ſtreng, wie früher:„Neue Stiefeln ſollſt du haben, aber kein Geld!“ „Oh nur einen armen kleinen Pariſis, Bruder;“ fuhr Jehan bittend fort. Gratian will ich auswendig lernen und ein wahrer Pythagoras in Tugend und Ge⸗ lehrſamkeit werden. Aber bitte! einen kleinen Sou Pari⸗ ſis! Wollt Ihr, daß mich der Hunger mit ſeinem Rachen beißt, den er dicht vor mir, tiefer als den Tartarus und ſtinkender als die Naſe eines Mönchs aufreißt?“ Dom Claude erhob ſein gerunzeltes Haupt:„Qui non laborat..... 44 Jehan aber ließ ihn nicht ausſprechen.„Zum Teufel!“ rief er aus.„Es lebe die Freude! Ich gehe in Schenken, prügle mich, zerbreche Flaſchen und beſuche Mädchen!“ Dann warf er ſeine Mütze an die Mauer, klatſchte mit den Fingern wie mit Kaſtagnetten. Der Archidiakonus betrachtete ihn mit düſterm Blick.—„Jehan, du haſt keine Seele.“—„Dann fehlt mir Etwas, das, nach Epikur, aus irgend Etwas ohne Namen beſteht.“— „Jehan, Ihr müßt ernſtlich daran denken, Euch zu beſ⸗ ſern.“—„Ah ſo!“ ſagte der Student, der abwechſelnd ſeinen Bruder und die Retorten anſah,„hier iſt Alles gehörnt, Ideen und Bouteillen.“—„Jehan, du wandelſt auf ſchlüpfrigem Pfade. Weißt du, wohin er führt?“ —„In die Schenke.“—„Die Schenke fuüͤhrt zum — 163— Schandpfahl.“—„Der Schandpfahl iſt eine Laterne; vielleicht hätte Diogenes an der Laterne ſeinen Menſchen gefunden.“—„Der Schandpfahl führt zum Galgen.“— „Der Galgen iſt ein Schwebebalken mit einem Menſchen am einen Ende, und der ganzen Erde als Stützpunkt am andern. Es iſt ſchön, Menſch zu ſein.“—„Der Galgen führt zur Hölle.“—„Die i*ſt ein luſtig Feuer.“ —„Jehan, Jehan, dein Ende wird ſchlimm ſein.“— „Dann war der Anfang gut.“ In dem Augenblick hörte man Schritte auf der Treppe.„Schweig,“ ſprach der Archidiakonus und legte den Finger auf den Mund.„ Meiſter Jacques kömmt. Höre, Jehan,“ fügte er leiſe hinzu,„hüte dich, jemals von dem zu ſprechen, was du hier hörſt. Birg dich hin⸗ ter den Ofen und athme leiſe.“ Der Student duckte ſich hinter den Ofen. Da faßte er einen einträglichen Gedanken.—„Bruder Claude, einen Gulden, daß ich leiſe athme.“—„Still! ich will ihn geben.“—„Du mußt ihn jetzt geben.“—„Nimm,“ rief der Archidiakonus und warf ihm zornig ſeinen Geld⸗ beutel hin. Jehan duckte ſich unter den Ofen und ath⸗ mete ganz leiſe. „ 5. Die zwei ſchwarz gekleideten Männer. Die Perſon, welche eintrat, war ſchwarz gekleidet und ſah ſehr finſter aus. Beim erſten Blick fiel unſerm Freund Jehan(der, wie man leicht ſich denken kann, 7 — 164— eine Stellung eingenommen hatte, worin er Alles ſehen und hören konnte) die vollkommne Düſterheit der Kleider und Züge des neuen Ankömmlings auf. Eine gewiſſe Sanftmuth lag dennoch um ſeinen Mund; es war aber eine Katzen⸗ und Richter⸗Sanftmuth, eine ſüßliche Sanft⸗ muth. Er war grau, gerunzelt, beinah ſechzig Jahr alt, blinzelte mit den Augen, hatte weiße Brauen, hängende Lippen und grobe Hände. Als Jehan ihn erblickte und ſogleich ſchloß, er müſſe Arzt oder Magiſtrats⸗Perſon ſein, als er bemerkte, ſeine Naſe rage hoch über den Mund hervor und gebe ein Zeichen ſeiner Dummheit, kauerte er in ſein Loch und war ſchon in Verzweiflung, daß er eine unendliche Zeit in ſo beſchwerlicher Stellung und langweiliger Geſellſchaft zubringen müſſe. Der Archidiakonus war, als die Perſen hereintrat, nicht einmal aufgeſtanden. Er gab ihr ein Zeichen, ſich auf einen Schemel an der Thür zu ſetzen, und nach einigem Schweigen, das Ueberlegung andeutete, ſagte er mit einer Protektionsmiene:„Guten Tag, Meiſter Jacques!“ „Gruß und Heil, Meiſter,“ erwiederte der ſchwarz gekleidete Mann. Durch die Art, wie Meiſter Jacques und Meiſter ausgeſprochen wurde, lag zwiſchen beiden ein Unterſchied, wie zwiſchen Herr und gnadiger Herr, zwiſchen Domine und Domne. Es war offenbar der Gruß des Lehrers an einen Schüler. — 165— „Nun?“ fragte der Archidiakonus nach einem neuen Schweigen, das Meiſter Jacques zu ſtören ſich wohl hütete,„iſt es Euch gelungen?“ „Ach, Herr,“ ſagte der andre mit traurigem Lächeln, „Aſche bekomme ich, ſo viel ich will, aber kein Körnchen Gold.“ Dom Claude machte eine verdrießliche Bewegung. —„Davon ſpreche ich nicht, Meiſter Jacques Charmo⸗ lue, ſondern ich meine den Prozeß Eures Hexenmeiſters. Nicht wahr, er heißt Marc Cenaine und iſt Schließer am Rechnungshofe? Geſtebt er ſeine Magie? hatte die Folter den gewünſchten Erfolg?“ „Ach nein,“ erwiederte Meiſter Jacques mit dem⸗ ſelben traurigen Lächeln.„Wir haben nicht einmal den Troſt. Der Menſch iſt hart, wie ein Kieſelſtein. Wir werden ihn auf dem Marché⸗aux⸗Pourceaux braten laſſen, ohne daß er ein einzig Wort ſagt. Wir vernachläſſigen aber Nichts, um zur Wahrheit zu gelangen. Seine Glie⸗ der ſind ſchon ganz verſchoben, wir legten alle Kräuter des heiligen Johannes darauf, oder wie der alte Komiker Plautus ſagt: Advorsum stimulos, laminas, crucesque compedesque, Nervos, catenas, carceres, numellas, pedicas, boias. Alles aber hilft nichts. Der Menſch iſt fürchterlich. Ich verliere bei ihm mein Latein.“—„Fandet Ihr nichts Neues in ſeinem Hauſe?“—„Ja, dies Pergamen; es — 166— ſtehen Worte darauf, die wir ſämmtlich nicht verſtehn. Der Herr Kriminal⸗Advokat verſteht doch etwas hebräiſch, das er bei dem Proceß der Juden aus der Straße Kan⸗ terſteen in Brüſſel lernte.“ Meiſter Jacques entrollte ein Pergamen.„Gebt her,“ ſprach der Archidiakonus. Er warf einen Blick darauf und ſagte:„Reine Magie! Meiſter Jacques!- Emen-Hétan! Geſchrei der Hexen, wenn ſie zum Sab⸗ bath gehen. Per ipsum et cum ipso et in ipso, Worte, womit man den Teufel wieder zur Hölle bannt.“— „Hax, pax, max;“ eine mediziniſche Formel gegen den Biß toller Hunde.“—„Meiſter Jacques, Ihr ſeid Pro⸗ kurator des Königs bei'm geiſtlichen Gerichtshofe! Dies Pergamen iſt abſcheulich.“—„Gut, wir ſpannen ihn wieder auf die Folter. Hier iſt auch noch,“ fuhr Mei⸗ ſter Jacques fort, wobei er aus der Taſche etwas her⸗ vorzog,„noch Etwas, das wir bei Marc Cenaine fanden.“ Es war ein Geſchirr aus der Familie derer, die Claude's Ofen bedeckten.—„Ah ſo,“ ſagte dieſer,„eine alchymiſtiſche Blaſe!“ 3 „Ich geſtehe Euch,“ ſagte Meiſter Jacques mit blö⸗ dem und linkiſchem Lacheln,„daß ich ſie in meinem Ofen verſuchte, daß es mir aber mit dieſer da nicht beſſer ging, wie mit meiner eignen.“ 8 Der Archidiakonus unterſuchte das Geſchirr.„Was iſt darauf geſchrieben? Och! Och! Worte, die Flöhe verjagen. Marc Cenaine iſt ein Dummkopf! Ich glaube — 167— wohl, daß Ihr damit nichts anfangen konntet! Es taugt zu weiter Nichts, als daß Ihr's auf Euren Sommer⸗ Alkoven ſtellt.“ „Weil wir nun einmal von Irrthümern ſprechen,“ ſprach der Prokurator des Königs,„will ich Euch ſagen, daß ich, bevor ich hinaufſtieg, das Portal unten beſchaute. Weiß Euer Chrwürden gewiß, daß die Eröffnung des phyſckaliſchen Geheimniſſes dort nach dem Hotel⸗Dieu zu, geſchrieben ſteht, und daß in den ſechs nackten Figu⸗ ren, die mit geflügelten Füßen den Merkurius bedeu⸗ tet?“—„Ja,“ erwiederte der Prieſter,„ſo ſchreibt Auguſtin Nypho, der italieniſche Doktor, in deſſen Dienſt ein bärtiger Teufel ſtand, der ihn Alles lehrte. Kommt herunter, ich will Euch dann das noch Uebrige erklären⸗“ —„Danke, Meiſter,“ ſprach Charmolue, und verneigte ſich bis zum Boden.—„Beiläufig geſagt, bald hatte ich die kleine Hexe vergeſſen. Wann ſoll ich ſie verhaften laſſen?“—„Welche Hexe?“—„Nun, die Zigeunerin, die trotz des Verbots alle Tage auf dem Platze vor der Kirche tanzt. Sie hat eine vom Teufel beſeſſene Ziege, mit Satans⸗Hörnern. Dieſe lieſt, ſchreibt und verſteht ſich auf Mathematik wie Picatrix, ſo daß dies genügt, alle Zigeuner hängen zu laſſen. Der Proceß iſt fertig, und wird ſchnell ihr gemacht werden. Die Tänzerin iſt doch, bei meiner Seele! ein ſchönes Mädchen mit zwei ſchwarzen, ſchönen Augen! Wann ſollen wir anfangen?“ Der Archidiakonus ward blaß, wie ein Todter.— — 168— „Ich werd' es Euch nachher ſagen,“ ſtammelte er mit faſt lautloſer Stimme. Dann begann er wieder mit ſichtlicher Anſtrengung:„Bekümmert Euch um Marc Cenaine.“—„Seid unbeſorgt, ich laſſe ihn wieder auf das lederne Bett ſchnallen. Ein verteufelter Menſch! Er ermüdet ſogar den Pierrat⸗Torterue, der noch gröbere Hände, wie ich, hat. Plautus ſagt: Nudus vinctus, centum pondo, es quando pendes per pedes. Er ſoll auf die Windelfolter, das iſt die beſte, die wir haben.“ Dom Claude ſchien in düſtre Zerſtreuung verſunken zu ſein. Er wandte ſich zu Charmolue:„Meiſter Pier⸗ rat. Meiſter Jacques, wollte ich ſagen, bekümmert Euch doch um Mare Cenaine.“—„Ja, ja, Dom Claude, der arme Mann! Er hat gelitten, wie Mummol. Warum ging er aber zum Sabbat! Ein Thürſchließer des Rech⸗ nungshofes ſollte den Text Karls des Großen: Vel stryga vel masca fennen. Hinſichtlich der Kleinen— Smeralda, glaub' ich, heißt ſie— werde ich Eure Befehle abwarten.— Ah ſo! wenn wir bei dem Portale vor⸗ übergehen, erklärt mir doch auch, was der gemalte Gart⸗ ner bedeutet, den man vorn in der Kirche ſieht. Iſt's nicht der Säemann?— Meiſter, woran denkt Ihr?“ Dom Claude, in Gedanken verſunken, hörte nicht auf ihn. Charmolue folgte der Richtung ſeines Auges⸗ und ſah, daß es mechaniſch auf eine große Spinnwebe geheftet war, welche die Luke füllte. Eine unbedacht⸗ — 169— ſame Fliege, welche die Märzſonne ſuchte, ſtürzte ſich in das Netz und ward gefangen. Bei der Erſchütterung des Netzes kam die dicke Kreuzſpinne ans dem Mittel⸗ punkte hervor, und ſtürzte ſich in einem Sprunge auf die Fliege, die ſie mit den beiden vordern Fühlhörnern zerriß, während ihr ſcheuslicher Rüſſel in den Kopf der Fliege drang.— „Arme Fliege,“ ſprach der königliche Prokurator am geiſtlichen Gerichtshofe, und ſtreckte die Hand aus, ſie zu retten. Der Archidiakonus aber fuhr plötzlich auf, und hielt ſeinen Arm mit convulſiviſcher Kraft zurück. „Meiſter Jacques,“ rief er aus,„laßt dem Ver⸗ hängniß ſeinen Lauf.“— Der Prokurator wandte ſich erſchrocken um; es ſchien ihm, als packe eine eiſerne Zange ihn am Arm. Der Blick des Prieſters war ſtarr, feſt, flammend auf die furchtbare Gruppe der Fliege und Spinne gerichtet.„Ja,“ rief der Prieſter mit einer Stimme, die aus dem Innerſten ſeines Herzens zu drin⸗ gen ſchien,„ſeht da, ein Symbol für Alles! Neu gebo⸗ ren, flattert ſie heiter, ſucht Frühling, Luft und Freiheit! Ach! dringt ſie in die unheilvolle Roſette, ſtürzt die Spinne hervor! Arme Tänzerin! arme prädeſtinirte Fliege! Meiſter Jaczues, hindert die Spinne nicht! Es iſt Verhängniß.— Ach, Claude, du biſt die Spinne und zugleich die Fliege! Du flogſt der Wiſſenſchaft, dem Licht, der Sonne zu, du ſtrebteſt nur die Klarheit ewi⸗ ger Wahrheit zu erreichen, du ſtürzteſt dich der blenden⸗ — 170— den Luke entgegen, die in die höhere Welt hinein reicht, in die Welt des Lichtes, des Geiſtes und Wiſſens! Blinde Fliege, wahnſinniger Lehrer! du blickteſt nicht das feine Spinnengewebe, welches zwiſchen dir und dem Lichte das Schickſal ausſpannte! Elender Thor, du ſtürzteſt dich binein, und jetzt ringſt du mit zerbrochenem Haupt und ausgeriſſenen Flügeln mit den eiſernen Gitterſtangen des Schickſals.— Meiſter Jacques! Meiſter Jacques! Laßt die Spinne in Ruh'!“ „Ich gebe Euch mein Wort,“ ſprach Charmolue,„ich will ihr Nichts thun. Aber, Meiſter, laßt meinen Arm los, Ihr habt ja eine Hand, wie eine eiſerne Zange.“ Der Archidiakonus hörte nicht auf ihn.„Ich Wahn⸗ ſinniger,“ fuhr er fort, ohne den Blick von der Luke ab⸗ zuwenden.„Und hätteſt du das furchtbare Geflecht mit den Flügeln durchbrochen, wähnſt du das Licht erreicht zu haben? Ach, das nahe Glas, die durchſichtige Schranke, die Cryſtallmauer, reiner als Erz, kannſt du nicht durch⸗ brechen. O Eitelkeit des Weſens! Wie zerſchmettern ſich an dir die Weiſen flatternd die Stirn. Wie viel Syſteme ſtoßen ſich ſchwirrend an dieſem ewigen Glaſe.“ Er ſchwieg. Die letzten Worte, die ſeine Gedanken von ihm ſelbſt auf die Wiſſenſchaft abgeleitet hatten, ſchienen ihn zu beruhigen. Charmolue führte ihn gänz⸗ lich zur Wirklichkeit zurück durch die Frage:„Aber Mei⸗ ſter, wann wollt Ihr mir helfen, Gold zu machen? Es dauert mir zu lange, bis dies mir gelingt.“ 3 — — — 171— Der Archidiakonus erhob das Haupt mit bittrem Lächeln:„Meiſter Jacques, leſ't Michel Psellus Dia- logus de energia et operatione daemonum. Was wir beginnen, iſt nicht ganz unſchuldig.“ „Sprecht leiſer, Meiſter. Ich glaube es wohl. Man muß doch aber Hermetik treiben, wenn man nichts, als Prokurator des Königs, mit dreißig Thalern Tournois jährlichen Gehaltes iſt. Nur ſprechen wir leiſe!“ In dem Augenblick erreichte der Lärm einer kauen⸗ den Kinnlade, der vom Ofen herkam, Charmolue's unruhiges Ohr. „Was iſt das?“ fragte er. Es war der Student. Dieſer hatte, während er ſich in ſeinem Verſteck ſehr übel befand und ſich langweilte, eine alte Brodkruſte und ein Stüͤck ſchimmligen Käſe entdeckt. Ohne Umſtände begann er beides als Frühſtück und Troſt zu verzehren. Da er ſehr hungrig war, machte er viel Lärm mit den Zabnen, und betonte jeden Mandvoll mit ſtarkem Accent, ſo daß der Prokurator endlich es hörte. „Es iſt mein Kater,“ ſprach der Archidiakonus, etwas verlegen.„Er verſpeiſt einige Mäuſe.“ Dieſe Erklärung ſtellte Charmolue zufrieden. „Wirklich, Meiſter,“ antwortete er mit achtungs⸗ vollem Lacheln, nalle großen Philoſophen haben ihr ver⸗ trautes Thier. Ihr wißt, Servius ſagt: Nullus enim locus sine genio est.“ Dom Claude erwartete aber einen neuen Poſſen von Fehan, und erinnerte ſeinen würdigen Schüler, ſie woll⸗ ten noch einige Figuren des Portals zuſammen betrach⸗ ten. Der Student ſtieß ein freudiges Ach! aus; denn er beſorgte wirklich, ſein Knie möge einen Abdruck ſeines Kinns empfangen. 6. Wirkung von ſieben Flüchen in freier Luft. „Te Deum laudamus!“ rief Meiſter Jehan, als er aus ſeinem Loch hervorſprang.„Endlich ſind die bei⸗ den Nachteulen fort! Och! Och! Hax! Pax! Max! Tolle Hunde! Der Teufel! Ich habe an ihrem Geſpräch genug! Der Kopf ſummt mir, wie ein Thurm! Schimm⸗ ligen Käſe noch in den Kauf! Fort! Die Treppe hinab mit dem Beutel meines Bruders, um alle Münze in Boeouteillen zu verwandeln!“ Er warf einen Blick der Zärtlichkeit und Bewunde⸗ rung in das Innere des köſtlichen Geldbeutels, brachte ſeinen Anzug wieder in Ordnung, putzte an ſeinen Stie⸗ feln, ſtäubte ſeine armen, von Aſche grauen Aermel ab, pfiff ein Lied, ſchlug eine Pirouette, unterſuchte, ob er noch Etwas aus der Zelle forttragen könnte, ſteckte ein gläſernes Amulet auf dem Ofen bei ſich, um es ſeiner Iſabeau⸗la⸗Thierrye als Edelſtein zu ſchenken, und öffnete endlich die Thür, die ſeines Bruders letzte Nachſicht offen gelaſſen hatte, ließ ſie ſeinerſeits aus letzter Bosheit eebenfalls offen ſtehen, und hüpfte dann wie ein Vogel die Wendeltreppe hinab. — 173— Im Dunkel des Schneckenganges ſtieß er auf Etwas, das ſich knurrend zurechtlegte. Er glaubte, es ſei Qua⸗ ſimodo, und dies ſchien ihm ſo ſpaßhaft, daß er ſich vor Lachen die Seiten hielt, wie er weiter hinabſtieg und noch immer lachte, als er auf den Platz kam. Als er auf der Erde ſtand, ſtieß er mit dem Fuß gegen den Boden.„Oh!“ rief er,„du gutes ehrbares Pfla⸗ ſter von Paris. Verfluchte Treppe, die Engel von Ja⸗ kobs Leiter außer Athem zu bringen! Woran dacht' ich auch, in den ſteinernen Bohrer, der bis in den Himmel ſich wühlt, zu kriechen? ganz allein, um verſchimmelten Käſe zu eſſen und Paris aus einer Luke zu beſehen!“ Er that einige Schritte und erblickte die beiden Nacht⸗ eulen, d. h. Dom Claude und Meiſter Pierre Charmolue, wie ſie ein Schnitzwerk am Portal beſchauten. Er trat auf den Fußzehen an ſie heran, und hörte, wie ſein Bruder ſagte:„Guillaume von Paris hat dieſen Hiob auf den Stein von blauer Farbe mit vergoldetem Rande graben laſſen. Hiob ſtellt den Stein der Weiſen dar, der auch erprobt und Märtyrer werden muß, bis er zur Vollkommenheit gelangt, wie Raymundus Lullus ſagt: Sub conservatione formae specificae salva anima.“ Das gilt mir gleich, dachte Jehan, ich habe die Börſe. In dem Augenblicke vernahm er, wie eine ſtarke, tieftönende Stimme eine furchbare Reihe von Flüchen ausſtieß:„Gottes Blut! Gottes Bauch! Gottes Leib! Belzebub's Nabel! Bei des Papſtes Namen! Strick und Donnerwetter!“ — 174— Jehan rief aus:„Bei meiner Seele, das muß mein Freund, der Kapitän Phoebus von Chateaupers ſein.“ Dieſer Name Phoebus gelangte zu den Ohren des Archidiakonus in dem Augenblick, wo er dem Prokurator des Königs den Drachen erklärte, der ſeinen Schwanz in ein Bad ſteckt, woraus Rauch und ein Königskopf emporſteigt. Dom Claude zitterte, unterbrach ſeine Er⸗ klärung zum großen Staunen ſeines Schülers, kehrte um, und ſah ſeinen Bruder Jehan, der an der Thür des Hotel Gondelaurier auf einen Offizier zuging. Dies war wirklich der Kapitän Phoebus von Cha⸗ teaupers. Er lehnte ſich mit dem Rücken an die Kante des Hauſes ſeiner Braut, und fluchte wie ein Heide. „Meiner Treu'! Kapitän Phoebus,“ ſagte Jehan, und faßte ihn bei der Hand.„Ihr flucht mit bewunde⸗ rungswürdiger Geläufigkeit.“ „Hörner und Oonnerwetter!“ erwiederte der Kapitän. „Hörner und Donner Ihr ſelbſt!“ antwortete der Student.„Schöner Kapitän, warum überfluthet Ihr alſo in ſo ſchönen Worten?“ „Verzeiht, guter Kamerad Jehan,“ ſagte Phoebus, ihm die Hand ſchüttelnd.„Ein Pferd kann im Galopp nicht anhalten. Nun fluchte ich im ſtärkſten Galopp. Ich komme von den Zierpuppen dort, und ſo oft ich aus dem Hauſe gehe, iſt mir die Kehle voll von Flüchen. Ich muß ſie ausſpeien oder erſticken.„Donner und Wetter!“ — 175— „Sollen wir trinken?“ fragte der Student. Dieſer Vorſchlag beſänftigte den Kapitän.—„O ja, aber ich habe kein Geld.“—„Ich habe Geld.“—„Wo? zeig' her.“ Jehan breitete vor den Augen des Kapitäns den Beutel mit Majeſtät und Einfachheit aus. Unterdeſſen hatte der Archidiakonus den erſtaunten Prokurator ver⸗ laſſen, blieb einige Schritte vor ihnen ſtehen, und beob⸗ achtete ſie beide, ohne daß ſie ihn bemerkten, ſo ſehr waren ſie in Betrachtung des Beutels vertieft. Phoebus rief aus:„Eine Börſe in deiner Taſche, Jehan, iſt wie der Mond im Eimer Waſſer. Man ſieht ihn, aber er iſt nicht da. Bei Gott! ich wette, du haſt Nichts als Kieſelſteine darin.“ Jehan erwiederte kalt:„Mit den Kieſelſteinen pfla⸗ ſtere ich meine Hoſentaſche.“ Und ohne ein Wort hinzu⸗ zufügen, leerte er den Beutel auf einen nahen Eckſtein aus, und zwar mit der Miene eines Römers, der ſein Vaterland rettet. „Wahrhaftiger Gott!“ murmelte Phoebus,„große Groſchen, kleine Groſchen. Adler⸗Liards! Wie blendend!“ Jehan blieb würdevoll und kalt. Einige Liards waren in den Koth gefallen. In ſeiner Begeiſterung bückte ſich der Kapitän, ſie aufzunehmen. Jehan hielt ihn zuruck:„Pfui, Kapitän Phoebus von Chateaupers!“ Phoebus zählte das Geld, und wandte ſich feierlich zu Jehan.„Weißt du, Jehan, das ſind zweiunddreißig — n Sous Pariſis. Wen haſt du dieſe Nacht um ſeinen Beutel in der Straße Kehl⸗Abſchneiden erleichtert?“ Jehan warf ſein gelocktes, blondes Haupt zurück und ſprach, verächtlich mit den Augen blinzelnd:„Mein Bruder iſt Archidiakonus und ein Pinſel!“—„Gottes Horn! der würdige Mann!“ rief der Kapitän.— „Komm, wir wollen trinken.“—„Gut, gehen wir zum Apfel Eva's, dort iſt der Wein gut, und am Thore ſteht ein Weinſtock durſtend in der Sonne, der mich au's Trinken mahnt.“ „Gut; zu Eva und ihrem Apfel,“ ſprach der Stu⸗ dent, und faßte den Kapitän unter dem Arm.„Beiläufig geſagt, Kapitän, du ſagteſt: Straße Kehlabſchneiden. Jetzt iſt man nicht mehr ſo barbariſch. Man ſagt Straße Halsabſchneiden.“ Die beiden Freunde gingen nach Eva's Apfel. Wir brauchen wohl nicht zu erwähnen, daß ſie zuvor das Geld zuſammenſcharrten, und daß der Archidiakonus ihnen folgte.. Düſter und verſtört folgte ihnen der Archidiakonus. War dies derſelbe Phoebus, dem er fluchte, deſſen Name ſeit ſeiner Unterredung mit Gringoire ſich unaufhörlich ſeinen Gedanken aufdrängte? Er wußte es nicht, allein der Name war Phoebus, und dies genügte dem Archi⸗ diakonus, mit Wolfsſchritten den beiden munteren Geſel⸗ len zu folgen, ihren Worten zu horchen und ale ihre Bewegungen mit geſpannter Aengſtlichkeit zu beobachten. — 177— Uebrigens war Nichts leichter, als ihre ganze Unter⸗ redung mit anzuhören, denn ſie ſprachen ganz laut, und kümmerten ſich wenig, ob die Vorübergehenden die Hälfte ihrer Geheimniſſe erfuhren. Sie ſprachen von Duellen, Mädchen, Krügen und andern Thorheiten. An einer Straßenecke vernahmen ſie den Schall einer baskiſchen Trommel von einem Kreuzwege her. Dom Claude hörte, wie der Offizier ſagte:„Donner⸗ wetter, geh' ſchneller!“—„Warum, Phoebus?—„Ich fürchte, die Zigeunerin möchte mich ſehen.“—„Welche?“ —„Die Kleine mit der Ziege.“—„Smeralda?“— „Ja, Jehan. Ich vergeſſe immer ihren verteufelten Namen. Ich will nicht, daß die Zigeunerin auf der Straße auf mich zugeht.“—„Kennſt du ſie?“ Der Archidiakonus ſah, wie Phoebus grinſ'te, und Jehan Etwas in's Ohr ſagte. Hierauf lachte Phoebus laut auf und ſchüttelte das Haupt mit triumphirender Miene. „Wahrhaftig!“ ſagte Jehan.—„Bei meiner Seele.“ —„Heut' Abend?“—„Ja, ja!“—„Kömmt ſie ge⸗ wiß?“—„FJehan, biſt du verrückt? Zweifelt man an ſolchen Dingen?“—„Kapitän Phoebus, du biſt ein glücklicher Gendarme.“ Der Archidiakonus hörte das ganze Geſpräch. Seine Zähne knirrſchten. Ein den Augen ſichtbarer Schauder ſchüttelte ſeinen Körper. Einen Augenblick ſtand er ſtill. ſtützte ſich, wie ein Trunkener, an einen Markſtein, und XIV. 12 — 178— folgte dann wieder den beiden muntern Geſellen. Als er ſie wieder erreichte, hatten ſie ihr Geſpräch gewech⸗ ſelt. Er hörte, wie ſie ſchreiend ein altes Lied trällerten⸗ 7. Das Geſpenſt. Die ausgezeichnete Schenke Eva's Apfel lag in der Univerſität an der Ecke der Rue de la Rondelle und der Rue du Batonnier. Sie beſtand aus einem ziemlich langen und ſehr niedrigen Saale im Erdgeſchoß, deſſen Gewölbe in der mittleren Biegung auf einen dicken, gelb angeſtrichenen und hölzernen Pfeiler ſich ſtützte. Ueberall ſtanden Tiſche; an den Wänden hingen glänzende zinnerne Krüge. Der Saal war voll von Trinkern und Mädchen; an der Thür ſtand ein Weinſtock, und über ihr hing ein enitterndes Blech, illuminirt mit einem Apfel und einem Weibe, vom Regen verroſtet und an einem eifernen Spieß vom Winde geſchaukelt. Dieſe Art Windfahne war das Schild. Die Nacht brach an; der Kreuzweg war dunkel; die von Lichtern gefüllte Schenke ſtrahlte von Weitem wie eine Schmiede in der Finſterniß. Man vernahm das Klirren der Gläſer, Schmauſereien, Flüche, Gezänk, das durch die zerbrochenen Fenſterſcheiben auf die Straße ſchallte. Durch den Nebel, der die Wärme des Saales üper die äußere Vorderſeite des Fenſters verbreitete, ſah man hundert verwirrte Geſtalten wimmeln, und von Zeit zu Zeit erhob ſich aus ihnen ein ſchallendes Gelächter. — 179— Die Vorüberkommenden, die ihren Geſchaäͤften nachgin⸗ gen, eilten, ohne einen Zlick hineinzuwerfen, bei dem tobenden Fenſter vorbei. Nur dann und wann ſtellte ſich ein zerlumpter Junge auf die Fußſpitzen und rief in das Fenſter hinein: Säufer! Säufer! Säufer! Ein Mann aber ging unaufhörlich an der lärmenden Schenke auf und ab, ſah unaufhörlich hinein, und ent⸗ fernte ſich eben ſo wenig von dort, wie ein Pikenträger von ſeinem Schilderhaus. Bis zur Naſe war er in einen Mantel gehüllt, den er bei einem Trödler in der Nähe gekauft hatte, vielleicht, um ſich vor dem ſchneidenden Winde zu ſchützen, vielleicht auch, ſeinen Anzug zu ver⸗ dergen. Bisweilen ſtand er am Fenſter und ſah durch die mit Blei gefaßten Scheiben, horchte und ſtampfte mit dem Fuße. Endlich erſchloß ſich die Thür der Schenke, und dies ſchien er zu erwarten. Zwei Trinker traten heraus. Ein aus der Thür dringender Lichtſtrahl zeigte den Purpur ihrer muntern Geſichter. Der Mann im Mantel ſtellte ſich beobachtend unter die Halle eines Hauſes auf der andern Straßenſeite. „Horn und Donner!“ ſagte Einer der beiden Trin⸗ ker.„Schon 7 Uhr! Das iſt die Stunde meines Stell⸗ dicheins.“—„Ich ſage dir,“ ſprach ſein Gefährte mit lallender Zunge,„ich wohne nicht in der Straße Böſe Worte, Indignus qui inter mala verba habitat. Ich wohne Rue Jcan-Pain-Mollet, in vico Johannis 12* FSreu — 180— i.— Du biſt gehörnter wie ein Einhorn, Pain-Molle wenn du das Gegentheil ſagſt.— Jeder weiß, daß⸗ wer einmal auf einen Bären ſteigt, keine Furcht hat; aber deine Naſe dreht ſich zur Leckerei, wie St. Johann vom Hoſpital.“ „Jehan, mein Freund, du biſt betrunken,“ ſagte der Andre.— Dieſer antwortete taumelnd:„Phoebus, ſo beliebt es dir zu ſagen, allein es iſt bewieſen, Plato hatte das Profil eines Jagdhundes.“ Der Leſer hat wahrſcheinlich ſchon unſre beiden nde, den Studenten und den Kapitän, erkannt. Auch der Mann, der ſie im Dunkel beobachtete, ſchien ſie er⸗ kannt zu haben; denn er folgte langſam jedem Zickzack, den der Kapitän um des Studenten willen einſchlagen mußte; denn jener, ein gedienter Trinker, war durch⸗ aus kaltblütig geblieben. Der Mann im Mantel hörte ſo aufmerkſam auf ihre Worte, daß er folgendes inter⸗ eſſante Geſpräch gänzlich erhaſchen konnte. „Zum Teufel! bemüht Euch doch, grade zu gehen, Herr Baccalaureus! Ihr wißt, ich muß Euch verlaſ⸗ ſen; es iſt 7 Uhr; ich habe ein Stelldichein mit einem Mädchen.“—„Laßt mich doch! Ich ſehe Sterne und feurige Lanzen! Ihr ſeid, wie das Schloß Dampmartin, das vor Lachen platzt.“—„Bei den Warzen meiner Großmutter, Jehan! Ihr ſchwatzt Unſinn mit zu vielem Eifer. Beiläufig geſagt, Jehan, haſt du noch Geld?“— —„Herr Rektor, das kleine Blutvergießen iſt nicht meine 4 — 181— Schuld.“—„Jehan, lieber Jehan, du weißt, ich habe die Kleine auf die Brücke St. Michel beſtellt, und kann ſie nur zur Falourdel führen, und die alte H... mit dem weißen Schnurrbart gibt mir keinen Credit. Jehan, bitte, ſag', haben wir die ganze Börſe des Pfaffen ver⸗ trunken? Iſt kein Pariſis mehr drin?“—„Das Be⸗ wußtſein, ſeine Zeit nützlich verwendet zu haben, iſt eine gerechte und ſüße Würze der Tafel.“—„Bauch und Gendarme! Laß die Poſſen! Jehan des Teufels! Haſt du noch Geld? Gib, bei Gott! oder ich räume dir die Taſchen aus, und wärſt du ausſätzig wie Hiob und krätzig wie Caeſar!“—„Herr, die Straße Galiache liegt unten an den Straßen Verrerie und Tixeranderie.“—„Ja wohl, guter, lieber Jehan! armer Kamerad, ſehr wohl! ganz richtig! Aber in Gottes Namen, komm wieder zu dir. Ich brauche nur einen Sou Pariſis, und es iſt gleich ſieben Uhr.“—„Still! ſtill! hör' zu!“ und Jehan trällerte ein Lied: „Dem König wird Arras dann erliegen, Wann Ratzen über Kater ſiegen. Iſt am Johannistag das Meer Von Eis gepanzert rings umher, Wird auf dem Eis der Bürger Schaar Arras verlaſſen Paar bei Paar.“ „Student des Antichriſt! magſt du erdroſſelt werden mit den Kaldaunen deiner Mutter!“ rief Phöbus aus, und ſtieß den betrunkenen Studenten weg, welcher gegen die Mauer taumelte„und auf das Pflaſter Philipp Auguſt's ſanft hinſank. Der Kapitän fühlte noch einiges brüder⸗ liches Mitleid, welches nie aus dem Herzen des Trin⸗ kers weicht, und rollte Jehan mit dem Fuße auf ein Kopfkiſſen für Arme, wie ſie die Vorſehung an jeder Straßenecke von Paris in Bereitſchaft halt, und welche die Reichen verächtlich durch den Namen Kothhaufen herabwürdigen. Der Kapitän legte Jehan's Haupt auf einen Abhang von Kohlköpfen, und in demſelben Augen⸗ blicke begann der Student in prächtigem Baß zu ſchnarchen. Aller Groll war aber noch nicht im Herzen des Kapi⸗ täns erloſchen.„Deſto ſchlimmer für dich,“ ſprach er zu dem armen ſchlafenden Studenten,„wenn des Teufels Wagen im Vorbeifahren dich aufrafft.“ Der Mann im Mantel, welcher unaufhörlich Beiden gefolgt war, blieb einen Augenblick vor dem Studenten ſtehen, als ſei er unentſchloſſen; dann ſtieß er einen tiefen Seufzer aus, und entfernte ſich, dem Kapitän zu folgen. Wie ſie, laſſen wir Jehan unter dem wohlwollenden Schutz ſeines Sternes ſchlafen, und folgen den Beiden mit Erlaubniß des Leſers. Als er in die Straße St. André⸗des⸗Arcs einbog, bemerkte der Kapitän, ihm folge Jemand. Zufällig hatte er die Augen zurückgewandt, und bemerkte eine Art Geſpenſt, das die Mauer entlang hinter ihm herkroch. Er blieb ſtehen, das Geſpenſt blieb ſtehen. Er wandelte weiter, das Geſpenſt wandelte weiter. Aber das machte ihm keine Sorgen.„Ah bah!“ ſagte er,„ich habe — 183— keinen Heller.“ Vor der Fagade des Kollegiums von Autun machte er Halt. In dieſer Schule hatte er, was er ſeine Studien nannte, vollbracht, und es war ihm von ſeinen Schülerjahren die Gewohnheit verblieben, nie an der Fagade vorüber zu gehen, ohne der Statue des Kardinal Bertrand, die rechts am Portale ſtand, den Schimpf zu erweiſen, worüber Priapus in der horazi⸗ ſchen Satyre: Olim truncus eram ſiculnus, ſich ſo bit⸗ ter beklagt. Hiebei blieb er mit ſolcher Hartnäckigkeit, daß die Inſchrift Eduensis episcopus faſt erloſchen war. Er blieb alſo vor der Statue, wie gewöhnlich, ſtehen. Die Straße war ganz einſam. Im Augenblick, wo er nachläßig ſeine Neſteln wieder zuknöpfte, ſah er, wie der Schatten mit ſo langſamen Schritten auf ihn zuging, daß er mit Muße beobachten konnte, jener trage einen Hut und einen Mantel. Als er ihm nahe war, blieb dieſer ſtehen, und zwar unbeweglicher, als die Statue des Kardinals Bertrand, Phoebus aber ſah aus des Geſpenſtes Augen ein Licht ſtrömen, wie der Schein, den im Dunklen ein Katzenauge wirft. Der Kapitan war tapfer und hätte ſich um einen Rauber mit dem Stoßdegen in der Hand wenig beküm⸗ mert; allein dieſe wandelnde Statue, dieſer ſteinerne Menſch erfüllte ihn mit Schauder. Damals ſprach man in Paris von einem Geſpenſt, das des Nachts in den Straßen umherſtrich; und ein ſolcher Gedanke kam dem Kapitän in den Sinn. Einige Augenblicke ſtand er — 184— erſchrocken da, dann aber bemühte er ſich, zu lächeln, und ſagte:„Mein Herr, ſeid Ihr ein Dieb, wie ich hoffe, ſo geht es Euch wie dem Reiher, der die taube Nuß ergreift. Mein Lieber, ich bin der Sohn einer zu Grunde gerichteten Familie. Ich rathe Euch, ſeitwärts zu gehen. Dort in der Kapelle liegt ein Stück vom wahren Kreuz in ſilberner Kapſel.“ Die Hand des Geſpenſtes kam unter dem Mantel hervor, und packte mit der Kraft einer Adlersklaue den Arm des Kapitäns. Zugleich fing auch das Geſpenſt an zu ſprechen.—„Kapitän Phoebus von Chateaupers!“ —„Was, Teufel! wißt Ihr meinen Namen?“—„Ich weiß noch mehr als Euren Namen,“ erwiederte der Mann im Mantel mit einer Grabesſtimme;„heut Abend habt Ihr ein Stelldichein.“—„Ja,“ antwortete Phoebus erſtaunt.—„Um ſieben Uhr.“—„In einer Viertel⸗ ſtunde.“—„Bei dem Weibe Falourdel.“—„Ja.“— „Auf der Brücke St. Michel.“—„Des Erzengels St. Michel, wie es im Paternoſter heißt.“—„Frevler,“ murmelte das Geſpenſt enit einer Frau!“—„Confi- teor.“—„Sie heißt...“—„Smeralda,“ ſagte Phoe⸗ bus heiter; denn ſeine g⸗ ganze muntere Sorgloſtgkeit kehrte allmählig zurück. Bei dem Namen ſchüttelte die Kralle den Arm des Kapitäns mit Wuth.—„Kapitän Phoebus von Chateaupers, du lügſt!“ Wer in dem Augenblick das entflammte Antlitz des Kapitäns, und ſeinen Sprung rückwärts, der ſo heftig — 185— war, daß er von der Zange ſich losriß, die ſtolzen Züge, als er die Hand auf den Degen legte, den heftigen Zorn vor der düſtren Unbeweglichkeit des Mannes im Mantel geſchaut hätte, wäre ſicherlich von Schrecken betroffen. Die Scene glich dem Kampfe Don Juan's mit der Statue. „Chriſt und Satan!“ rief der Kapitän.„Das Wort vernimmt ſelten das Ohr eines Chateaupers! Wage es nicht zum zweiten Mal!“ „Du lügſt!“ ſagte kalt das Geſpenſt. Der Kapitän knirrſchte mit den Zähnen. Popanz, Geſpenſt und Aberglauben hatte er in dem Augenblick vergeſſen. Er ſah nur einen Mann und eine Beleidigung. „Ha! das geht!“ ſtammelte er mit einer aus Zorn erſtickten Stimme. Er zog den Degen und rief ſtotternd (denn auch der Zorn erweckt Zittern wie die Furcht): „Hier! ſogleich! zieh! den Degen! den Degen! Blut auf's Pflaſter!“ Der Andre aber rührte ſich nicht. Als er ſeinen Gegner in Fechtſtellung ſah, ſprach er mit bitterer Stimme: „Kapitän Phoebus, Ihr vergeßt Euer Stelldichein.“ Die Aufwallungen von Menſchen wie Phoebus glei⸗ chen der Milchſuppe, deren Blaſen nach einem Tropfen kalten Waſſers verſchwinden. Dies bloße Wort ſenkte den Degen, der in des Kapitäns Hand blitzte.—„Kapi⸗ tän,“ fuhr der Mann fort,„morgen, übermorgen, in einem Monat, in zehn Jahren findet Ihr mich hereit, — 186— Euch den Hals abzuſchneiden. Zuerſt aber geht Eurem Stelldichein nach.“ „Wirklich?“ ſagte Phoebus,„als ſuche er mit ſich ſelbſt zu kapituliren.„Nichts iſt ſchöner, als in einem Stelldichein ein Mädchen und einen Degen zu treffen; allein ich ſehe nicht ein, warum ich das Eine für das Andre hingeben ſollte, da ich ſie beide haben kann.“ Mit den Worten ſteckte er den Degen ein.—„Geht doch auf Euer Stelldichein,“ ſagte der Unbekannte.— „Herr,“ erwiederte Phoebus etwas verlegen,„ich danke Euch für Eure Höflichkeit. Morgen iſt es ja auch noch Zeit, in die Jacke unſres Vaters Adam Schlitzen und Knopflöcher zu ſchneiden. Ich danke Euch, daß Ihr mir erlaubt, eine Viertelſtunde angenehm zuzubringen. Ich hoffte wohl, Euch zum Todesſchlaf in die Goſſe nieder⸗ zulegen, und noch bei Zeiten zur Schönen zu gelangen, beſonders da es nicht unſchicklich iſt, die Frauen in ſolchen Fällen ein wenig warten zu laſſen. Ihr aber ſeht mir aus, wie ein munt'rer Schelm, und es iſt ſicherer, die Partie bis morgen zu verſchieben. Ich gehe alſo zu mei⸗ nem Stelldichein um ſieben Uhr, wie Ihr wißt.“— Hier kratzte ſich Phoebus hinter'm Ohr.„Ach! Gottes Hörner! Ich vergaß, daß ich keinen Heller habe, die Dachkammer zu bezahlen, und die alte Hexe will im Voraus bezahlt ſein. Sie traut mir nicht.“ „Hier habt Ihr Geld.“— Phoebus fuhlte, wie die eiſige Hand des Unbekannten ein großes Slück Geld in — 187— die ſeinige ſchlüpfen ließ. Er konnte es nicht unterlaſſen, das Geld zu nehmen und die Hand zu drücken.„Wahr⸗ haftiger Gott,“ rief er aus,„Ihr habt ein gutes Herz!“ —„Nur eine Bedingung! Beweiſt, daß ich Unrecht hatte, und daß Ihr die Wahrheit ſagtet. Verbergt mich in einem Winkel, von wo ich ſehen kann, ob das Mädchen wirklich dasſelbe iſt, von der Ihr ſpracht.“ „Ob,“ ſagte Phoebus,„das iſt mir einerlei, wir wollen die Kammer nach St. Marthe zu nehmen; im Hundeſtall, der ſeitwärts ſteht, könnt Ihr nach Belieben zuſchauen.“—„Kommt!“ ſprach das Geſpenſt.—„Wie Euch beliebt. Ich weiß zwar nicht, ob Ihr Herr Satan in Perſon ſeid, für heut Abend ſind wir aber gute Freunde und morgen will ich Euch alle Schulden mit Börſe und Degen bezahlen.“ Sie gingen ſchnell weiter. Nach einigen Minuten merkten ſie an dem Rauſchen des Fluſſes, daß ſie auf dem Pont St. Michel waren.—„Erſt will ich Euch hereinführen,“ ſprach Phoebus zu ſeinem Gefährten, „dann hole ich die Schöne, die mich im Petit⸗Chatelet erwartet.“ Der Gefährte erwiederte Nichts; ſeitdem ſie Seite an Seite gingen, hatte er kein Wort geſprochen. Phoebus hielt an einer niedrigen Thür und klopfte laut; ein Licht ſchimmerte durch die Ritzen.—„Wer iſt da?“ rief ein zahnloſer Mund.—„Gottes Leib! Gottes Kopf! Gottes Bauch!“ fluchte der Kapitän.— Sogleich öffnete — 188— ſich die Thür, und zeigte den beiden Ankömmlingen ein altes Weib und eine alte Lampe, beide zitternd. Die Alte war in Lumpen gehüllt, wackelte mit dem Kopf, hatte kleine Augen, einen Lappen als Kopfbedeckung, war über und über am Kopf, am Hals, an den Händen gerunzelt; ihre Lippen traten an das Zahnfleiſch zurück, und um den Mund ſtarrten weiße Haare, die ihr das Anſehen einer Katze gaben. Das Innere der Hütte war nicht weniger verfallen; ſie beſtand aus Kreidemauern, ſchwarzen Balken an der Decke, einem nackten Kamin, und man ſah überall Spinnweben. In der Mitte befand ſich eine Heerde von wankenden Tiſchen und Schemeln; ein ſchmutziger Knabe lag auf der Aſche, und im Hinter⸗ grunde befand ſich eine Treppe oder vielmehr eine höl⸗ zerne Leiter, die oben in einer Fallthür endete. Als er in dieſe Höhle trat, hob des Kapitäns Gefährte den Mantel bis auf die Augen. Der Kapitän, ob er gleich wie ein Sarazene fluchte, beeilte ſich dennoch, die Sonne in einem Thaler ſtrahlen zu laſſen, wie unſer guter Régnier ſagt.—„Gebt uns die Kam⸗ mer nach St. Marthe zu,“ ſprach er. Die Alte redete ihn mit„gnädiger Herr“ an und barg den Thaler in einer Schublade. Es war das Geld⸗ ſtück, welches der Mann im ſchwarzen Mantel dem Ka⸗ pitän gegeben hatte. Während ſie den Rücken wandte, ging der zerlumpte und langhaarige Knabe auf den Zehen zur Schublade, nahm den Thaler heraus und legte ein — 189— trockenes Blatt, das er aus einem Reiſigbündel hervor⸗ geſucht hatte, an ſeine Stelle. Die Alte gab den beiden Edelleuten(ſo nannte ſie die beiden Gefährten) ein Zeichen, ihr zu folgen, und ging voran, als ſie die Treppe hinaufſtieg. Als ſie zum oberen Stock gelangte, ſetzte ſie die Lampe auf einen Koffer und Phoebus, ein Kunde ihres Hauſes, öffnete eine kleine Thür, die in ein dunkles Loch führte.—„Tretet ein, mein Lieber,“ ſprach er zu ſeinem Gefährten. Der Mann im Mantel gehorchte, ohne ein Wort zu erwiedern; die Thür ſiel zu; er hörte, wie Phoebus den Riegel vor⸗ ſchob und gleich darauf die Treppe mit der Alten wieder hinabſtieg. Das Licht war verſchwunden. 8. Nutzen der nach einem Fluſſe zu gebauten Fenſter. Claude Frollo(denn wir vermuthen, der Leſer ſei ſcharfſinniger, als Phoebus, und habe wahrſcheinlich in dem Geſpenſt den Archidiakonus wieder erkannt) tappte einige Augenblicke in dem dunkeln Loch, wo der Kapitän ihn eingeriegelt hatte, umher. Es war ein Winkel, wie die Architekten bisweilen in den Gebäuden dergleichen als Stützpunkt zwiſchen Dach und Mauer anbringen. Der Vertikalſchnitt dieſes Hundeſtalls, wie ihn Phoebus ſehr paſſend nannte, bildete einen Triangel. Uebrigens war dort weder Fenſter, noch Luke, und das ſchräge Dach verhinderte, aufrecht zu ſtehen.. — 190— Claude kauerte in dem Staube und Mauerkalk, der um ihn herſiel; ſein Haupt glühete; als er mit den Händen umhertappte, fand er auf dem Fußboden ein zerbrochenes Stück Glas; er hielt es an die Stirn, und die Kälte des Glaſes kühlte ihn ein wenig ab. Was mochte damals in der Seele des Archidiakonus vorgehn. Nur Gott und er ſelbſt konnten es wiſſen. In welcher verhängnißvollen Reihe mochten ſich in ſeinen Gedanken Esmeralda, Poebus, Jacques Charmolue, ſein jüngerer, ſo innig geliebter Bruder, den er im Straßen⸗ koth liegen ließ; ſein Prieſterkleid und ſein Ruf in Ge⸗ fahr bei einer Kupplerin, alle dieſe Bilder, alle dieſe Abentheuer drängen? Wir können es nicht berichten; aber gewiß bildeten alle dieſe Ideen eine furchtbare Ge⸗ dankengruppe.. 3 Er wartete ſchon eine Viertelſtunde, und dieſe ſchien ihm ein Jahrhundert. Plötzlich hörte er die Leiterſtufen knarren. Jemand ſtieg die Treppe hinan. Es öffnete ſich die Fallthür, und Licht erſchien. In der wurmſtichigen Thür des Lochs war eine ziemlich große Ritze, dort legle er ſein Antlitz feſt an. So konnte er deutlich Alles ſehen, was in der Kammer vorging. Die Alte mit dem Katzen⸗ geſicht erſchien zuerſt aus der Fallthür, dann Phoebus, der ſeinen Schnurrdart drehete, und endlich die ſchöne, anmuthige Geſtalt der Esmeralda. Der Prieſter ſah ſie gleich einer blendenden Erſcheinung aus dem Boden em⸗ porſteigen. Er zitterte, Dunkel deckte ſeine Augen, ſeine — 191— Arterien pulſirten heftig, Alles ſchien ihm zu brauſen und ſich zu drehen; er ſah und hörte nichts mehr. Als er wieder zur Beſinnung kam, ſaß Phoebus mit Esmeralda allein, auf einem hölzernen Koffer. Daneben ſtand die Lampe, welche dem Archidiakonus die beiden jugendlichen Geſtalten, und hinten in der Dachſtube ein elendes Bett erkennen ließ. Seitswärts vom Bett war ein Fenſter, welches, durchbrochen wie eine Spinnwebe, worauf der Regen fiel, durch zertrümmerte Scheiben einen Theil des Himmels und den Mond blicken ließ, der in der Ferne auf den Dunen weicher Wolken ruhete. Das junge Mädchen glühete, zitterte. Ihre langen, geſenkten Wimpern beſchatteten Purpur⸗Wangen. Der Offizier, auf den ſie die Augen aufzuſchlagen nicht wagte, ſtrahlte in Heiterkeit. Mit entzückend linkiſchem Weſen zeichnete ſie unzuſammenhängende Figuren mit der Finger⸗ ſpitze auf den Deckel des Koffers und ſah auf ihren Finger. Ihre Füße ſah man nicht; denn die Ziege hatte ſich über ſie gelegt. Der Kapitan war ſehr elegant gekleidet; um den Hals und die Hände trug er goldgeſtickte Krauſen, die damals ein ſehr eleganter Schmuck waren. Nur mit Mühe konnte Dom Claude ihrem Geſpräche zuhören; denn ſein Blut wirbelte und kochte in den Schläfen. (Uebrigens iſt das Geſchwätz der Liebenden bekannt⸗ lich dem Gerichtsbann unterworfens denn es iſt weiter Nichts, als ein ewiges„ich liebe Euch,“ eine ſehr ein⸗ fache und für Gleichgültige ſehr geſchmackloſe muſikaliſche Phraſe, wenn ſie nicht mit einiger Fioriture ausge⸗ ſchmuͤckt wird. Claude aber hörte nicht als Gleichgül⸗ tiger zu.) „Ach,“ ſprach das Mädchen, ohne die Augen aufzu⸗ ſchlagen,„Herr Phoebus, verachtet mich nicht. Ich fühle, daß ich nicht recht thue.“—„Ich dich verachten, ſchönes Kind! ich dich verachten!“ erwiederte der Kapitän mit hoher, vornehmer Miene;„Gottes Kopf, warum?“— „Weil ich Euch folgte.“—„Hierüber, Schöne, verſtehen wir uns nicht. Ich ſollte Euch nicht verachten, ſondern Euch haſſen.“ 1 Das Mädchen fing an, ihn erſchreckt zu betrach⸗ ten.—„Mich haſſen? Weßhalb?“—„Weil Ihr Euch ſo lange bitten ließt.“—„Ach... ich brach ein Gelübde. — Ich werde meine Aeltern nicht wiederfinden. Das Amu⸗ let verlor ſeine Kraft. Aber was thut's? Was brauche ich jetzt Vater und Mutter?“ So ſprechend heftete ſie auf den Kapitän ihre großen, von Freude und Zärtlichkeit feuchten Augen.—„ Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich Euch verſtehe!“ rief Phoebus aus. Esmeralda ſchwieg einen Augenblick; dann entfloß eine Thräne ihren Augen; ein Seufzer entſtieg ihrer Bruſt, und ſie ſprach:„Ach! gnädiger Herr, wie heiß liebe ich Euch!“ V V — 193— Das Mädchen war von ſolchem Duft der Keuſchheit, von ſolchem Zauber der Tugend umgeben, daß ſich Phoe⸗ bus nicht ganz behaglich fühlte. Dies Wort aber machte ihn kühn. Er ſchlang ſeinen Arm entzückt um die Hüf⸗ ten der Zigeunerin; denn er hatte nur die Gelegenheit erwartet. Der Prieſter ſah dies und verſuchte mit dem Finger die Spitze eines Dolchs, den er im Buſen verborgen hielt. „Phoebus,“ fuhr die Zigeunerin fort, indem ſie ſanft die feſten Hände des Kapitäns von ihrem Gürtel löſ'te, „Ihr ſeid gut, edelmüthig, ſchön. Ihr rettetet mich, ein armes Zigeunerkind. Schon lange träume ich von einem Offizier, der mir das Leben retten ſollte, lange noch bevor ich Euch kannte. Mein Traum hatte eine ſchöne Livree, wie Ihr, ein ſtolzes Antlitz, einen Degen. Ihr heißt Phoebus, und das iſt ein ſchöner Name. Ich liebe Euern Namen, ich liebe Euern Degen. Zieht ihn, Phoebus, daß ich ihn ſehe.“ „Du biſt ein Kind,“ ſprach Phoebus lächelnd und zog den Degen aus der Scheide. Die Zigeunerin betrach⸗ tete den Griff, die Klinge und unterſuchte mit liebens⸗ würdiger Neugier die Chiffre der Garde. Dann ſenkte ſie den Degen mit den Worten:„Ihr ſeid der Degen eines Tapferen. Ich liebe meinen Kapitän.“ Phoebus benutzte auch dieſe Gelegenheit, auf ihren ſchönen, gebogenen Nacken einen Kuß zu drücken, worauf XIV. 13 — 194— das Mädchen, roth wie eine Kirſche, ſich aufrichtete. Der Prieſter knirſchte im Dunkeln mit den Zähnen. „Phoebus,“ begann die Zigeunerin auf's Neue,„laßt mich mit Euch ſprechen. Geht doch, daß ich Eure Sporen klingen höre. Wie ſchön ſeid Ihr doch!“ Der Kapitän ſtand auf, ihren Wunſch zu erfüllen, ſchmälte jedoch mit ſelbſtzufriedenem Lächeln:„Du biſt ein Kind!— Beiläufig geſagt, Liebe, haſt du mich im Staatskleide geſehn?“—„Ach nein!“—„Oh, das iſt ſchön!“ Dann ſetzte ſich Phoebus wieder zu ihr, aber noch näher als früher.„Höre, meine Theure..... 31 Die Zigeunerin ſchlug ihm leiſe mit der ſchönen Hand auf den Mund, voll lieblicher, anmuthiger, munte⸗ rer Kinderei.„Nein, nein, ich höre nicht langer. Liebt Ihr mich? Ich will, daß Ihr mir ſagt, ob Ihr mich liebt.“ „Ich liebe dich, Engel meines Lebens!“ rief der Kapitän, auf ein Bein niederknieend.„Mein Leben, mein Blut, meine Seele, Alles iſt dein, Alles iſt dein. Ich liebe dich. Ich habe nie zuvor geliebt!“ Der Kapitän hatte in mancher ähnlichen Konjunktur ſo häufig die Phraſe wiederholt, daß er ſie in einem Athem ableierte, ohne auch nur einen Gedächtnißfehler zu begehen. Bei dieſer leidenſchaftlichen Erklärung rich⸗ tete die Zigeunerin auf die ſchmutzige Decke, die ihr ſtatt des Himmels diente, einen Blick voll Engel⸗Seligkeit. „Ach,“ ſprach ſie leiſe,„dies ſollte der Augenblick des Sterbens ſein!“ Phöbus hielt aber„den Augen⸗ — 195— blick“ für paſſend, ihr einen neuen Kuß zu rauben, der den unglücklichen Prieſter auf's Neue peinigte. „Sterben!“ rief der verliebte Kapitän.„Was ſagſt du da, ſchöner Engel? Du ſollſt leben, oder Jupiter iſt nur ein Straßenjunge. Sterben im Beginn ſo vieles Süßen! Gottes Horn, welch ein Scherz!— Höre, liebe Similar... Esmenarda..... Verzeihung! Ihr führt aber einen ſo ſarazeniſchen Namen, daß ich meine Zunge dabei verwickle. Es iſt ein Geſträuch, das mich plötzlich im Galopp aufhält.“ „Gott,“ rief das arme Mädchen,„und ich glaubte, mein Name ſei ſo ſchön wegen ſeiner Eigenthümlichkeit! Weil er Euch aber mißfällt, möchte ich Goton heißen.“ „Oh weine nicht um ſolche Kleinigkeit, meine An⸗ muthige! Ich muß mich daran gewöhnen. Es iſt ja weiter Nichts. Sohald ich ihn auswendig weiß, wird's von ſelbſt gehn. Ich liebe Euch ganz erſtaunlich und kenne eine Kleine, die aus Wuth krepirt..“ Das eiferſüchtige Mädchen ließ ihn nicht ausreden. „Wer?..„„Was kümmert das uns, liebſt du mich?“—„Oh!“—„Nun, das iſt genug. Du ſollſt ſehn, wie ich dich auch liebe. Der Teufel Neptunus ſoll mich auf ſeine Gabel ſpießen, wenn ich dich nicht zum glücklichſten Geſchöpf auf der Welt mache. Wir wollen irgendwo ein niedliches Zimmer miethen, und ich laſſe dann meine Leute vor deinem Fenſter paradiren. Sie ſitzen all' zu Pferde und ſtechen die des Kapitäns 13* — 196— Mignon aus. Es ſind Armbruſt⸗ und Büchſenſchützen. Auch will ich Euch zu den großen Ungeheuern der Pariſer in die Scheune von Rully fuhren. Das iſt prächtig; achtzig⸗ tauſend Bewaffnete, dreißigtauſend Harniſche und Schup⸗ penpanzer, ſiebenundſechzig Banner der Zünfte; die Fah⸗ nen des Parlaments, der Rechnungskammer, des Schatzes der Generäle, der Münzgehülfen, kurz ein Aufzug des Teufels; dann führe ich dich zu den Löwen im Hotel des Königs,— du mußt wiſſen, das ſind wilde Thiere, und die Weiber ſehen ſie gern.“ Seit einigen Augenblicken träumte das Mädchen, in ſüße Gedanken verſunken, über den Schall ſeiner Stimme, ohne den Sinn der Worte zu verſtehen. „Oh wie glücklich wirſt du ſein!“ fuhr der Kapitän fort, und ſchnallte zugleich den Gürtel der Zigeunerin los.—„Was thut Ihr da?“ ſprach ſie heftig. Dieſer thatſächliche Verſuch riß ſie aus ihrer Träumerei. „Nichts,“ ſagte Phoebus,„ich meine nur, du mußt dieſe alberne Straßentoilette aufgeben, wenn du bei mir biſt.“—„Wenn ich bei dir bin? mein Phoebus!“ ſprach ſie zärtlich und verſank wieder in ihr Sinnen. Der Kapitän, durch ihre ſanfte Zärtlichkeit ermuthigt, umfaßte wieder, ohne daß ſie Widerſtand leiſtete, ihre Hüften; dann löſ'te er ſacht das Korſet des armen Mäd⸗ chens und verſchob ihr Halstuch ſo geſchickt, daß der enirſchende Prieſter bald die ſchöne, nackte, runde Schul⸗ — 197— ter der Zigeunerin aus der Gaze, wie den Mond aus dem Nebel des Horizontes, hervorkommen ſah. Das junge Mädchen ließ Phoebus gewähren und ſchien dies Alles nicht zu bemerken. Das Auge des küh⸗ nen Kapitäns funkelte. 3 Plötzlich wandte ſie ſich zu ihm.„Phoebus,“ ſprach ſie mit dem Ausdruck unendlicher Liebe,„unterrichte mich doch in deiner Religion.“ Der Kapitän brach in ein lautes Gelächter aus.„Was! ſoll ich dich in meiner Religion unterrichten? Satans Horn und Donnerwetter! Was willſt du mit meiner Religion anfangen?“—„Damit wir uns verheirathen.“ Die Geſtalt des Kapitäns nahm einen gemiſchten Ausdruck des Erſtaunens, der Verachtung, Sorgloſigkeit und Liederlichkeit an.—„Ah bah! wozu ſollen wir uns verheirathen?“ Die Zigeunerin ward blaß und ließ ihr Haupt auf den Buſen ſinken.—„Schöne Geliebte,“ begann Phoe⸗ bus aufs Neue,„wozu die Thorheit? Die Ehe iſt etwas Abſonderliches! Liebt man weniger, weil man kein Latein in die Bude des Pfaffen ſpie?“ Indem er ſo mit ſanfter Stimme ſprach, rückte er der Zigeunerin ganz nah, ſeine liebkoſenden Hände nahmen ihren Poſten um den feinen, ſchlanken Wuchs wieder ein, ſein Auge entflammte ſich immer mehr und mehr, und Alles verkündete, daß Herr Phoebus einem der Augenblicke ganz nahe war, worin — 198— Jupiter ſelbſt ſo viele Dummheiten beging, daß der gute Homer eine Wolke zu Hülfe rufen mußte. Dom Claude aber ſah Alles. Die Thür beſtand aus ſchmalen, ganz verfaulten Bretern, die ſein Geierauge deutlich hindurchſchauen ließen. Der breitſchultrige braune Prieſter, bis dahin an die ſtrenge Jungfräulichkeit des Kloſters gewöhnt, kochte und zitterte vor dieſer Scene der Liebe, Nacht und Wolluſt. Das junge ſchöne Mäd⸗ chen, wie es ſich dem glühenden Jüngling hingab, goß geſchmolzenes Blei in ſeine Adern. Ungewöhnliche Bewe⸗ gung regte ihn auf. Sein Auge tauchte mit lüſterner Eiferſucht unter das ſich löſende Gewand. Als der Un⸗ glückliche ſich an die wurmſtichigen Breter lehnte, glich er einem Tiger, der im Käſich einen Schakal beſchaut, wie dieſer eine Gazelle verſchlingt. Sein Augapfel fun⸗ kelte wie ein Licht durch die Spalten der Thür. Plötzlich riß Phoebus mit ſchneller Bewegung das Leibchen der Zigeunerin herunter. Das arme Mädchen, das blaß und ſinnend daſaß, fuhr plötzlich auf, entfernte ſich ſchnell von dem unternehmenden Offizier, warf einen Blick auf ihren nackten Buſen, erröthete, blieb ſtumm aus Scham und kreuzte ihre ſchönen Arme über ihren Buſen, ihn zu verbergen. Ohne die Flamme, welche ihre Wangen entzündete, hätte man bei ihrer Unbeweglichkeit glauben können, ſie ſei eine Statue der Scham. Ihre Augen blieben geſenkt. Die Hand des Kapitäns hatte auch das geheimniß⸗ N — 199— volle Amulet, das ſie am Buſen trug, entblößt.„Was iſt das?“ ſprach er, um dieſen Vorwand benutzen zu können, ſich dem ſchönen Mädchen, die er zurückgeſtoßen hatte, wieder zu nähern. „Berührt es nicht,“ antwortete ſie heftig,„es beſchützt mich. Durch dies Amulet finde ich meine Familie wieder, wenn ich ihrer würdig bleibe. Laßt mich, Herr Kapitän! Meine Mutter, meine arme Mutter! wo biſt du? Zu Hülfe! Bitte, Herr Phoebus, gebt mir mein Leibchen zurück.“ Phoebus fuhr zurück und ſagte kalt:„Oh, Mädchen! ich ſehe wohl, Ihr liebt mich nicht.“ „Ich liebte Euch nicht?“ rief die Unglückliche, hing ſich an ſeinen Hals und ließ ihn ſich neben ihr hinſetzen. „Ich liebte dich nicht, mein Phoebus! Was ſagſt du da, Böſer, mir mein Herz zu zerreißen! Wohlan! nimm mich, nimm Alles. Mach' was du willſt! ich bin dein! Was kümmert mich das Amulet? Was kümmert mich meine Mutter? Du biſt mir Mutter, weil ich dich liebe. Phoebus, mein Geliebter, ſiehſt du mich? Ich bin das Madchen, das dich zurückſtieß und jetzt aufſucht. Meine Seele, mein Leben, mein Leib, Alles iſt dein, mein Ka⸗ pitän. Wohl, wir heirathen nicht! das iſt dir nicht ange⸗ nehm! Wer bin ich? Ein armes Mädchen der Straße, und du biſt von Adel. Ja, ich war thöricht! Eine Tän⸗ zerin wollte einen Offizier heirathen! Nein, Phoebus, nein! deine Geliebte, dein Vergnügen will ich ſein, Alles, — 200— was du willſt. Ach, ich dachte es nicht! Entehrt, ver⸗ achtet, befleckt! aber geliebt! Dann bin ich die ſtolzeſte, heiterſte aller Frauen. Und bin ich häßlich und alt, und kann nicht mehr geliebt werden, will ich dir dienen. Andre werden Euch Schärpen ſticken, ich will Eure Magd ſein, die das beſorgt. Ihr laßt mich Eure Sporen poliren, Euer Wamms bürſten, Eure Reiterſtiefel ausſtäuben. Nicht wahr, Phoebus, du biſt ſo mitleidig? Jetzt nimm mich, Phoebus, Alles gehört dir, liebe mich nur. Wir Zigeuner brauchen nur Luft und Liebe.“ So ſprechend, ſchlang ſie ihren Arm um den Hals des Offiziers, betrachtete ihn bittend, lächelnd und mit Thränen in den Augen. Ihr zarter Buſen rieb ſich am Wamms von Tuch und der rauhen Stickerei. Sie lehnte über ſeine Kniee ihren halbnackten Leib. Der Kapitän heftete berauſcht ſeine Lippen auf die ſchönen, afrikaniſchen, nackten Schultern. Das Mädchen richtete die ſchwimmen⸗ den Augen auf die Decke, lag zurückgelehnt und bebte unter dem Kuß. Plötzlich erblickte ſie über Phoebus' Haupt einen zweiten Kopf. Eine leichenfarbene, kouvulſiviſche Geſtalt mit dem Blick eines Verdammten; neben dem Haupt war ein Dolch erhoben. Es war die Geſtalt und die Hand des Prieſters; die Thüre hatte er aufgebrochen und ſtand da. Phoebus konnte ihn nicht ſehen. Das junge Mädchen war bei der furchtbaren Erſcheinung ſtumm, unbeweglich, erſtarrt; ſie glich einer Taube, im — 201— Augenblick, wo dieſe einen Geier über ihrem Neſte ſchwe⸗ ben ſieht. Sie konnte nicht einmal einen Schrei aus⸗ ſtoßen; ſie ſah, wie der Dolch auf Phoebus ſich ſenkte und rauchend ſich erhob.—„Fluch!“ rief der Kapitän und ſank zu Boden. Sie fiel in Ohnmacht. Als ihre Augen ſich ſchloſſen und jedes Gefühl ihr entſchwand, glaubte ſie auf ihren Lippen eine feurige Berührung, einen Kuß, brennender als das Glutheiſen des Henkers, zu empfinden. Als ſie wieder zu ſich kam, war ſie von Soldaten der Wache umgeben; den blutenden Kapitän trug man fort; der Prieſter war verſchwunden; das Fenſter nach dem Fluſſe zu war aufgeriſſen. Man nahm einen Mantel auf, von dem man glaubte, er gehöre dem Offizier, und ſagte:„Die Hexe hat den Kapitän niedergeſtoßen.“ Achtes Zuch. 1. Der in ein trockenes Blatt verwandelte Thaler. Gringoire und der ganze Hof der Wunder ſchwebte in großer Angſt. Schon ein Monat war verfloſſen, ohne daß man irgend Etwas von der verſchwundenen Esme⸗ ralda gehört hatte, was den Zigeunerherzog und alle Gauner ſehr betrübte; auch wußte man Nichts von ihrer Ziege, worüber Gringoire doppelt traurig ward. Die Zigeunerin war eines Abends verſchwunden, und ſeitdem hatte man kein Lebenszeichen von ihr bemerkt. Alle Nach⸗ ſuchungen blieben fruchtlos. Einige berichteten Gringoire, ſie wären ihr eines Abends auf der Brücke St. Michel mit einem Offizier begegnet; der Zigeuner⸗Ehemann war aber ein ungläubiger Philoſoph und wußte beſſer wie irgend Jemand, wie weit ſeine Frau keuſch geblieben war. Er konnte beurtheilen, welche unüberwindbare Tugend aus dem Amulet und der Zigeunerin ſich ergäbe, und hatte mathematiſch den Widerſtand berechnet, den das erſtere der zweiten leiſten würde. Auch konnte er ſich das Verſchwinden nicht erklären. Sein Kummer war tief. Er wäre mager geworden haͤtte — 203— dies noch geſchehen können. Er vergaß Alles, ſogar ſeine literariſchen Liebhabereien, ſogar ſein großes Werk de ſiguris regularihus et irregularibus, das er, ſobald er Geld hätte, drucken laſſen wollte.(Er faſelte nämlich von Buchdruckerkunſt, ſeitdem er das Didaskalon von Hugo St. Victor durch die berühmten Lettern von Vindelin in Speier gedruckt geſehen hatte.)— Eines Tages, als er traurig vor der Tournelle vor⸗ überging, bemerkte er ein Gedränge am Thor des Palais de Juſtice.„Was gibt's?“ fragte er einen jungen Mann, der heraustrat. 3 „Ich weiß nicht, Herr,“ erwiederte dieſer;„man richtet dort eine Frau, die einen Gendarmen ermordet hat. Wie es ſcheint, iſt Hexerei dabei im Spiel; der Biſchof und der Offizial ſind eingeſchritten, und mein Bruder, der Archidiakonus, iſt ewig dort. Ich möchte ihn ſprechen, kann aber nicht wegen des Gedränges zu ihm kommen. Das iſt mir ſehr unangenehm; denn ich brauche Geld.“ 8 „Ach, Herr,“ ſprach Gringoire,„ich möchte Euch gern leihen, aber wenn meine Hoſentaſchen durchlöchert ſind, kömmt das nicht von Thalern her.“ Er wagte es nicht, dem jungen Mann zu ſagen, daß er ſeinen Bruder kenne, bei dem er ſeit ihrem Zuſammentreffen in der Kirche nicht mehr geweſen war; hierüber war er nämlich ein wenig beſchämt. Der Student ging ſeines Weges, und Gringoire — 204— begann, dem Gedränge zu folgen, welches die Haupttreppe hinanwogte. Er dachte, Nichts ſei ſo ſehr geeignet, Trüb⸗ ſinn zu verſcheuchen, als ein Kriminal⸗Prozeß; denn die Richter zeigen gewöhnlich eine aufheiternde Dummheit. Das Volk, mit dem er fortſchritt, ging und ſtieß ſich ſchweigend mit den Ellenbogen. Nach einem langen und langweiligen Zappeln auf der dunkeln Wendeltreppe, die ſich durch das alte Gebäude wie ein Verdauungs⸗Kanal hinzog, gelangte er durch eine niedrige Thür in einen Saal, den über allen wogenden Häuptern zu durchforſchen ſein hoher Wuchs ihm erlaubte. Der Saal war breit und ſehr düſter, ſo daß er noch größer zu ſein ſchien. Der Tag ging zu Ende; die langen gothiſchen Fenſter ließen nur einen ſchwachen Lichtſtrahl hineindringen, der, bevor er das Gewölbe erreicht hatte, erloſch; dies war mit Schnitzwerk verziert, deſſen tauſend Geſtalten im Schatten ſich zu bewegen ſchienen. Mehrere Lichter brannten hier und da auf Tiſchen und beleuchteten die Köpfe der über Papierſtöße ſich neigenden Schreiber. Der vordere Theil des Saales war von Zuſchauern ange⸗ füllt; links und rechts ſaßen Männer im ſchwarzen Ge⸗ richtsbleide an Tiſchen; im Hintergrunde ſaßen zahlreiche Richter, deren letzte Bänke im Dunkel ſich verloren; unbewegliche, unheilvolle Geſichter. „Herr,“ fragte Gringoire einen ſeiner Nachbarn, „was wollen alle die Perſonen, welche wie Prälaten im Koncil ſitzen?“—„Herr,“ ſagte ſein Nachbar,„rechts 1 — 205— ſind die Räthe der großen Kammer, links die Unter⸗ ſuchungs⸗Räthe, die Herrn in ſchwarzen und die Herrn in rothen Roben.“—„Wer iſt denn der dicke Rothe, welcher ſo ſchwitzt?“—„Das iſt der Herr Präſident.“ —„ und die Ungeheuer hinter ihm?“(Wie wir ſchon wiſſen, konnte Gringoire die Magiſtratur nicht leiden. Vielleicht ſtammte dieſer Groll von ſeinem dramatiſchen Mißgeſchick im Palais⸗de⸗Juſtice.)—„Das ſind die Herrn Unterſuchungs⸗Meiſter vom Hotel des Königs.“—„Und das wilde Schwein ganz vorn?“—„Der Herr Parla⸗ mentsſchreiber.“—„Das Krokodill rechts 24—„Meiſter Philipp Lheulier, außerordentlicher Advokat des Königs.“ —„Rechts, der dicke ſchwarze Kater?“—„Meiſter Jacques Charmolue, Prokurator des Königs im geiſt⸗ lichen Gerichtshofe mit den Herrn Offizialen.“—„Was wollen denn alle dieſe braven Leute?“—„Ein Urtheil ſprechen.“—„Ueber wen? Ich ſehe keinen Angeklagten.“ —„Ueber eine Frau. Ihr könnt ſie nicht ſehn. Sie dreht uns den Rücken zu und iſt für uns im Gedränge verborgen. Dort, wo Ihr die Partiſanen⸗Gruppe ſeht, muß ſie ſtehn.“—„Wer iſt denn die Frau? Wißt Ihr ihren Namen?“—„Nein, ich bin ſo eben erſt gekom⸗ men. Ich glaube, Hexerei iſt dabei im Spiel, weil der Offizial gegenwärtig iſt.“—„Aha! wir werden ſehn, wie dieſe Herrn Menſchenfleiſch freſſen. Das iſt ein Schauſpiel, wie jedes andre.“—„Herr, findet Ihr nicht, daß Meiſter Charmolue ſehr ſanft ausſieht?“—„Hum! — 206— d Ich habe kein Vertrauen auf eine Sanftmuth mit zuſam⸗ mengekniffenen Naſenlöchern und dünnen Lippen.“ Hier geboten die Naheſtehenden den beiden zu ſchwei⸗ gen. Man hörte eine wichtige Zeugenausſage. „Gnädige Herrn,“ ſprach ein altes Weib, deren Ge⸗ ſicht ſo ſehr unter ihren Kleidern verſchwand, daß man ſie für einen wandelnden Lumpen⸗Haufen hätte halten können,„die Sache iſt ſo wahr, als wie ich Falourdel heiße, und ſchon vierzig Jahre auf dem Pont Saint⸗ Michel, dem Hauſe des Färbers Taſſain⸗Caillart gegen⸗ über, wohne, das aufwärts vom Waſſer liegt, und richtig meine Abgaben bezahle Jetzt eine alte Frau, vor Jahren ein ſchönes Mädchen, gnädige Herrn! Man ſagte mir ſchon immer: Falourdel, ſpinnt nicht zu ſpät mit Euerm Rade; der Teufel ſpießt gern mit ſeinen Hörnern den Spinnrocken der alten Frauen. Das Geſpenſt, welches im vergangenen Jahre am Temple umging, iſt jetzt in der Cité. Falourdel, nehmt Euch in Acht, daß es nicht an Eure Thür pocht!— Nun ſitze ich eines Abends am Rade und ſpinne. Ich höre pochen an der Thür. Ich frage: Wer da? Ich höre fluchen. Da öffne ich. Zwei Männer treten ein. Ein Schwarzer mit einem Offizier. Man ſah nur ſeine ſchwarzen Augen, zwei Kohlen. Alles Andre war Hut und Mantel.— Da ſagen ſie mir: Die Kammer nach St. Marthe. Das, gnädige Herrn, iſt meine ſchönſte Kammer oben. Sie geben mir einen Tha⸗ ler. Ich lege ihn in meine Schublade und ſage: dafür — 207— kaufſt du dir morgen Kaldaunen beim Schlächter. Wir ſteigen hinauf. Als wir oben ſind, verſchwindet der ſchwarze Mann, während ich den Rücken drehe. Das ſetzt mich ein wenig in Erſtaunen. Der Offizier, ſchön wie ein vornehmer Herr, geht mit mir wieder herunter, und dann aus dem Hauſe. Als ich ungefähr ein Viertel Zwirn geſponnen hatte, kömmt er mit einem ſchönen Mädchen zurück; es war ein ſo ſchönes Püppchen, daß es wie die Sonne hätte glänzen müſſen, wenn es Kopfputz getragen hätte. Sie hatte aber einen Ziegenbock bei ſich, einen großen weißen oder ſchwarzen Ziegenbock. Das machte mich nachdenklich; denn ich kann die Thiere nicht leiden, weil ſie Hörner und Bärte haben. Sie gleichen Menſchen und riechen auch nach dem Sonnabend. Ich ſagte aber Nichts. Ich hatte den Thaler; das iſt recht, nicht wahr, Herr Richter? Ich leuchte dem Kapitän mit dem Mäd⸗ chen hinauf und laſſe ſie dann allein, d. h. mit dem Ziegen⸗ bock. Ich gehe herunter und ſpinne weiter.— Nun muß ich Euch ſagen, mein Haus beſteht aus einem Erdgeſchoß und einem Stock. Hinten iſt es auf den Fluß zu gebaut, wie die andern Häuſer der Brücke, ſo daß unter dem Fenſter des Erdgeſchoſſes und des Stockwerks das Waſſer fließt.— Ich ſpann alſo ruhig weiter, aber ich weiß nicht wie, der Ziegenbock erinnerte mich an das Geſpenſt, und dann war auch das ſchöne Mädchen ein wenig wild geputzt. Plötzlich höre ich oben einen Schrei, und wie Etwas auf den Boden fäͤllt, und wie das Fenſter ſich — 208— oͤffnet. Ich laufe an meines und ſehe, wie ein ſchwarzer Klumpen vor meinen Augen in's Waſſer fällt. Es war das Geſpenſt und wie ein Prieſter gekleidet. Der Mond ſchien, und ich ſah es deutlich. Es ſchwamm nach der Cité zu. Da rufe ich zitternd die Wache. Die Herren treten ein, und im erſten Augenblick, da ſie nicht wußten, was es gab, und luſtig waren, haben ſie mich geprügelt. Ich erzählte ihnen, und wir ſtiegen hinauf. Meine arme Kammer war voll Blut. Der Kapitän lag, mit einem Dolch im Nacken, auf dem Boden. Das Mädchen ſtellte ſich todt, und der Ziegenbock war ganz wild.— Oh, ſagte ich, vierzehn Tage lang muß ich gewiß den Boden waſchen und ſcheuern. Wie fürchterlich! Man trug den Offizier, den armen jungen Mann! und das Mädchen, die ganz entblößt war, fort.— Wartet noch! das Schlimmſte kömmt jetzt. Als ich am nächſten Morgen den Thaler nehmen wollte, um mir Kaldaunen beim Schlächter zu kaufen, war er fort, und ich fand ein trocknes Blatt an ſeiner Stelle.“ 4 Die Alte ſchwieg; ein Murmeln des Schauders lief im ganzen Auditorium herum.—„Das Geſpenſt, der Bock,“ ſagte Gringoire's Nachbar,„riecht nach Hexerei.“ —„und das trockene Blatt!“ ſagte ein Andrer.—„Ohne Zweifel,“ meinte ein Dritter,„iſt dies eine Hexe, die Umgang mit dem Geſpenſt hat, um Offiziere zu beſtehlen.“ „Frau Falourdel,“ ſprach der Herr Präſident mit Ma⸗ jeſtät,„habt Ihr der Gerechtigkeit Nichts mehr zu ſagen 25 — 209— „ Nein, gnädiger Herr,“ ſagte die Alte;„Ihr habt aber im Bericht mein Haus ein ſchmutziges und ſtinken⸗ des Loch genannt, und das iſt eine Beleidigung. Zwar haben die Häuſer auf der Brücke kein ſtattliches Anſehn, weil viel Volk dort wohnt; aber die Schlächter wohnen noch immer da, und das ſind reiche Leute mit reinlichen Frauen.“ Die Magiſtratsperſon, die auf Gringoire den Ein⸗ druck eines Krokodils gemacht hatte, ſtand auf.„Still!“ ſagte ſie.„Ich bitte die Herrn Richter, nicht zu überſehn, daß man bei der Angeklagten einen Dolch fand. Weib Falourdel, haſt du das Blatt mitgebracht, worin ſich der Thaler, den dir der Teufel gab, verwandelte?“ „Ja, gnädiger Herr, hier iſt es.“ Ein Gerichtsdiener ubergab das welke Blatt dem Krokodil; dies ſchüttelte düſter den Kopf, übergab es dem Prokurator des Königs, und es machte ſo die Runde im Saale.„Es iſt ein Birkenblatt,“ ſprach Meiſter Jacques Charmolue,„ein neuer Beweis der Hexerei.“ 4s Ein Rath nahm das Wort:„Weib, zwei Menſchen innd zugleich bei Euch eingetreten; der ſchwarze Mann, den Ihr im Anfange eintreten und dann in Prieſterklei⸗ dern durch die Seine ſchwimmen ſaht. Wer hat Euch den Thaler gegeben?“ Die Alte bedachte ſich einen Augenblick und ſagte: „Der Offizier.“ Ein Gemurmel ließ ſich im Volbe vernehmen. Ach, XIV. 14 dachte Gringoire, meine Ueberzeugung kömmt zum Wan⸗ ken. Allein Meiſter Philipp Lheulier, außerordentlicher Advokat des Königs, nahm das Wort:„Ich erinnere die Herrn, daß der ermordete Offizier in ſeiner Ausſage, die am Krankenbett aufgenommen wurde, erklärte: er habe in dem Augenblick, wo der Mann ihn anredete, geahnet, es könne das Geſpenſt ſein; dieſes habe ihm dann ſehr zugeredet, die Angeklagte aufzuſuchen, und auf die Bemerkung des Offiziers, er habe kein Geld, den Thaler gegeben, womit er, der Kapitän, die Falourdel bezahlt habe. So iſt alſo der Thaler ein Geldſtück des Teufels.“ Dieſe Schlußbemerkung ſchien allen Zweifel Grin⸗ goire's und der andern Skeptiker im Auditorium zu heben. „Die Herren haben das Heft aller Akten,“ fügte der Advokat des Königs ſich ſetzend hinzu;„ſie mögen die Ausſage des Phoebus von Chateaupers vergleichen.“ Bei dieſem Namen erhob ſich die Angeklagte; ihr Haupt ragte über das Gedrange hervor. Gringoire erkannte mit Schrecken die Esmeralda. Sie war blaß; ihre einſt ſo anmuthig geflochtenen und mit Flittern geſchmückten Haare hingen in Unordnung von ihrem Haupte herunter. Ihre Lippen waren blau, der Ausdruck ihrer hohlen Augen erſchreckend. „Phoebus?“ ſprach ſie wie wahnſinnig,„wo iſt er? Ach Ihr Herrn, ehe Ihr mich tödtet, habt Gnade und ſagt mir, ob er noch lebt!“ b „Schweigt, Weib!“ erwiederte der Präſident;„das kümmert uns nicht.“ „Oh, aus Mitleid, ſagt mir, ob er noch lebt;“ ſie faltete ihre ſchönen, mageren Hände, und man vernahm das Klirren der Ketten an ihrem Kleide. „Gut,“ ſagte trocken der Advokat des Königs;„er ſtirbt. Seid Ihr zufrieden?“ Das unglückliche Mädchen ſiel ohne Thränen und Stimme, weiß wie eine Wachsgeſtalt, auf ihr Schemel⸗ chen. Der Präſident neigte ſich zu einem ſchwarzgeklei⸗ deten Mann mit goldner Mütze, einer goldnen Kette am Hals und einem Stabe in der Hand.„Thürſteher, führt die zweite Angeklagte herein.“ Aller Augen wandten ſich auf eine kleine Thür, die erſchloſſen ward und woraus, zum Herzklopfen Grin⸗ goire's, eine hübſche Ziege mit vergoldeten Hörnern und Füßen zum Vorſchein kam. Das anmuthige Thier blieb einen Augenblick auf der Schwelle ſtehn, ſtreckte den Hals, als ſtände es auf der Spize eines Felſens und erblickte einen weiten Horizont. Plötzlich ſah ſie die Zigeunerin, ſprang über den Tiſch und den Kopf des Schreibers, und war in zwei Sprüngen an den Füßen ihrer Herrin; anmuthig legte ſie ſich auf ihre Füße und ſchien um eine Liebkoſung oder ein Wort zu bitten; allein die Angeklagte blieh unbeweglich, und die arme Djali erhielt keinen Blick. 14* 212— „Ja, ja, das iſt das häßliche Thier,“ ſagte die alte Falourdel;„ich erkenne ſie alle Beide wieder.“ Jacques Charmolue fiel ein:„Gefällt es den Herrn, ſo beginnen wir jetzt mit dem Verhör der Ziege.“ Wirklich war die Ziege die zweite Angeklagte. Nichts war damals gewöhnlicher, als ein Hexenprozeß gegen ein Thier. Man findet unter andern in den Rechnungen der Préoôté von 1466 eine merkwürdige Angabe über die Prozeßkoſten für Gillet Soulart und ihre Zuchtſau, welche wegen ihrer Verbrechen zu Corbeuil hingerichtet wurden. Hier ſind die Koſten der Grube, die Zuchtſau hineinzulegen, der Reiſigbündel, von drei Pinten Wein und Brod für die letzte Mahlzeit der Verurtheilten, welche der Henker brüderlich theilte, ſogar Bezahlung für eilf Tage Bewachung und Nahrung des Zuchtſchweins, und zwar für jeden Tag acht Deniers Pariſis aufgezeichnet. Einige Male ging man ſogar noch über die Thiere hin⸗ aus. Die Kapitularien Karls des Großen und Ludwigs des Sanften bedrohen mit ſchweren Strafen die Feuer⸗ erſcheinungen, die es wagen ſollten, ſich in der Luft zu zeigen. Demnach rief der Prokurator des Königs:„Wenn der Teufel, von dem dieſe Ziege beſeſſen iſt und der bisher allen Exorciſationen widerſtand, bei ſeinen Uebel⸗ thaten beharrt, ſetzen wir ihn in Kenntniß, daß wir für ihn die Strafe des Galgens oder des Scheiterhaufens verlangen werden.“ Gringoire befand ſich in kaltem Schweiß. Charmo⸗ lue legte das Tambourin der Zigeunerin auf einen Tiſch, ſtellte es auf eine beſondere Weiſe vor der Ziege hin und fragte:„Was iſt die Uhr?“ Die Ziege betrachtete ihn mit verſtändigem Blick, hob ihren vergoldeten Fuß auf und that ſieben Schläge. Wirklich war es ſieben Uhr. Die Verſammlung ſchauderte. Gringoire konnte es nicht länger aushalten.„Sie richtet ſich zu Grunde,“ ſprach er ganz laut.„Ihr ſeht wohl, ſie weiß nicht, was ſie thut.“ „Still, Ihr Bürger dort hinten im Saal!“ rief verdrießlich ein Gerichtsdiener. Jacques Charmolue gab vermittelſt deſſelben Tam⸗ bourins mehrere andere Kunſtſtücke der Ziege zum Beſten, über das Datum des Tages, den Monat u. ſ. w., wie ſie der Leſer ſchon kennt. Durch eine optiſche, den Gerichts⸗ verhandlungen eigenthümliche Täuſchung erſchraken dieſel⸗ ben Zuſchauer, die ſo oft den unſchuldigen Malicen der Djali Beifall geklatſcht hatten, eben darüber unter den Gewölben des Palais⸗de⸗Juſtice. Ganz offenbar war die Ziege vom Teufel beſeſſen. Dies ward noch ſchlimmer, als der Prokurator des Königs einen ledernen Sack voll Buchſtaben auf den Bodeh ausleerte; die Ziege ſtreckte die Pfote aus und ſchrieb aus den zerſtreuten Buchſtaben den unheilvollen Namen des Kapitäns Phoebus. Die Hexerei, welcher der Kapitän als Opfer ſiel, ſchien jetzt durchaus erwieſen, — 214— und die entzückende Tänzerin, welche durch ihre Anmuth Alle geblendet hatte, war nur noch eine furchtbare Hexe. Uebrigens gab ſie kein Lebenszeichen von ſich. Weder Djali's anmuthige Künſte, noch die Drohungen der Rich⸗ ter, noch die dumpfen Verwünſchungen der Zuſchauer gelangten bis zu ihrem Vorſtellungsvermögen. Um ſie aufzuwecken, mußte ein Sergeant ſie rauh ſchütteln und der Präſident feierlich die Stimme erheben. —„MNädchen, Ihr ſeid vom böſen Zigeunergeſchlecht. Zugleich mit jener in den Proceß verwickelten Ziege habt Ihr in der Nacht des 29. März, im Einverſtändniß mit dem Fürſten der Finſterniß durch Zauber einen Kapitän der Schützen von der Ordonnanz des Königs, Herrn Phoebus von Chateaupers, mit dem Dolch ermordet. Beharrt Ihr bei'm Läugnen?“ „Wie ſchauderhaft!“ rief das Mädchen, und barg ihr Antlitz mit den Händen.„Oh mein Phoebus! das iſt die Hölle!“ „Beharrt Ihr bei'm Läugnen?“ erwiederte kalt der Präſident. „Ja,“ ſprach ſie mit furchtbarer Stimme. Sie ſtand auf und ihr Auge funkelte. Der Präſident fuhr in har⸗ tem Tone fort:„Wie erklärt Ihr die Euch zur Laſt gelegten Verbrechen?“ Sie antwortete mit unterbrochener Stimme:„Ich weiß es nicht. Es iſt ein Prieſter, ein Prieſter der Hölle, welcher mich verfolgt. Ich kenne ihn nicht.“ —————— — 215— „Das iſt das Geſpenſt,“ ſprach der Richter.—„Ach, gnädige Herren, ich bin nur ein armes Mädchen..— —„Ein Zigeunermädchen,“ fiel der Richter ein. Meiſter Jacques Charmolue nahm das Wort in ſanf⸗ tem Tone:„Wegen der bedauernswerthen Hartnäckig⸗ keit des Mädchens trage ich auf die peinliche Frage an.⸗ —„Bewilligt,“ ſprach der Präſident. Die Unglückliche zitterte an allen Gliedern. Auf den Befehl der Partiſanenträger ſtand ſie auf, und ging mit ziemlich feſtem Schritt. Voran ging Charmolue und die Prieſter des geiſtlichen Gerichts. Sie durchwandelte zwei Reihen Hellebarden, und verſchwand in einer klei⸗ nen Thür, die ſich vor ihr öffnete und plötzlich ſchloß, und die dem traurigen Gringoire wie ein furchtbarer Rachen, der ſie verſchlang, erſchien. Als ſie verſchwand, vernahm man ein klagendes Meckern; es war das Weinen der Ziege. Die Gerichtsſitzung ward unterbrochen. Ein Rath machte die Bemerkung, die Herren wären ermüdet, und es ſei ſchon zu ſpät, das Ende der Tortur abzuwarten. Der Präſident aber erwiederte, ein Richter müſſe ſeiner Pflicht ſich opfern. „Die unangenehme Spitzbübin,“ ſagte ein alter Rich⸗ ter,„laßt ſich auf die Folter ſpannen, wenn wir noch nicht zu Abend gegeſſen haben.“ — 216— 2. Fortſetzung des in ein trockenes Blatt verwandelten Thalers. Nachdem Esmeralda, von ihren düſtren Wachen um⸗ geben, einige Stufen hinauf und hinab in einem ſo dunk⸗ len Gange, daß man ihn bei Tage mit Lampen erleuch⸗ ten mußte, geſtiegen war, ward ſie von den Sergeanten des Juſtizpalaſtes in ein furchtbares Zimmer geſtoßen. Dies Zimmer, von runder Form, befand ſich im Erd⸗ geſchoß eines der Thürme, welche noch jetzt durch die Schicht hervorragen, womit das neue Paris die Gebäude des alten bedeckte. In der Höhle waren keine Fenſter; die einzige Oeffnung war die niedrige, ſtark mit Eiſen beſchlagene Thür. Doch fehlte es hier nicht an Beleuch⸗ tung. Ein Ofen befand ſich in der dicken Mauer; dort brannte ein ſtarkes Feuer, erleuchtete das Zimmer mit röthlich zitterndem Schein, und überſtrahlte den eines im Winkel ſtehenden kleinen Lichtes. Das eiſerne Gat⸗ ter, welches in dem Augenblick aufgezogen war, zeigte an der Oeffnung des flammenden Lochs in der dunklen Mauer nur den unteren Theil ſeiner Stangen, ſo daß der Ofen dem Rachen eines feuerſpeienden Drachen glich, wie dieſe in den Legenden ſo oft vorkommen. Bei ſei⸗ nem Schein ſah die Gefangene furchtbare Werkzeuge, deren Zweck ſie nicht begriff. In der Mitte des Zim⸗ mers lag ein ledernes Bett, worüber ein Riemen mit Schnallen an einem kupfernen Ringe hing, worein ein am Schlüſſel des Gewölbes gemeißeltes Ungeheuer biß. Zangen, Scheeren, Pflugeiſen füllten das Innere des — 217— b Ofens und glüheten auf der Lohe. Der blutige Schein des Ofens erleuchtete im Zimmer nur eine Maſſe furcht⸗ barer Werkzeuge. Dieſer Tartarus hieß ganz einfach die Kammer der peinlichen Frage. Auf dem Bette ſaß behaglich der geſchworene Fol⸗ terer Pierrat Torterue. Seine Knechte, zwei Gnomen mit viereckigem Geſicht, lederner Schürze und leinenen Windeln, hielten die Eiſen über das Kohlenfeuer. So ſehr auch das arme Mädchen Muth zu faſſen ſuchte; ſie ſchauderte, als ſie eintrat. Die Sergeanten des Balilli du Palais ſtellten ſich auf die eine Seite, die Prieſter des geiſtlichen Gerichts auf die andre. Ein Schreiber, ein Tiſch und ein Schreibzeug befanden ſich im Winkel. Meiſter Jacques Charmolue trat zur Zigeunerin, und ſprach mit einem ſehr ſanften Lächeln:„Mein liebes Kind, beharrt Ihr noch immer bei'm Läugnen?“— „Ja,“ antwortete ſie mit faſt ſchon erloſchener Stimme. „In dem Fall,“ begann Charmolue auf's Neue, „thut es mir ſehr leid, Euch ſchärfer foltern zu laſſen, wie wir es wünſchen. Habt die Gute, Euch auf dies Bett zu ſetzen. Meiſter Pierrat, macht der Dame Platz und ſchließt die Thür.“ Pierrat ſtand knurrend auf.„Schließe ich die Thür,“ ſagte er,„ſo erliſcht mein Feuer.“—„Gut, Lieber, ſo laß ſie offen.“ 4 Esmeralda ſtand noch aufrecht. Sie ſchauderte vor — 218— dem ledernen Bett, wo ſo viele Unglückliche ſich ſchon gekrümmt hatten. Der Schrecken erſtarrte ihr Mark; ohne Beſinnung ſtand ſie da. Auf Charmolue's Zeichen ergriffen ſie die beiden Knechte und ſetzten ſie auf's Bett. Sie thaten ihr noch Nichts zu Leide; als aber beide Männer, als das Leder ſie berührte, empfand ſie, wie all ihr Blut zum Herzen ſtrömte. Einen wilden Blick ließ ſie im Zimmer umherſchweifen; es ſchien ihr, als kröchen alle häßlichen Werkzeuge der Tortur auf ſie zu, ſie zu beißen und zu kneipen; jene Werkzeuge glichen den Fledermäuſen, den Tauſendfüßen und Spinnen. „Wo iſt der Arzt?“ fragte Charmolue.—„Hier!“ erwiederte ein ſchwarzes Kleid, das ſie noch nicht geſehen hatte. Sie zitterte. „Mein Fräulein,“ ſprach die liebkoſende Stimme, „ich frage Euch zum dritten Mal, beharrt Ihr bei dem Läugnen?“„ Sie konnte nicht mehr reden, gab ein Zeichen mit dem Kopfe. Ihr ſtockte die Stimme.—„Ibr beharrt alſo? Dann muß ich die Pflicht meines Amtes erfüllen.“ „Herr Prokurator des Königs,“ ſprach Pierrat mit rauher Stimme,„womit ſollen wir beginnen?“ Charmolue ſchnitt die unentſchiedene Fratze eines Dichters, der einen Reim ſucht, und ſagte dann:„Mit dem ſpaniſchen Stiefel.“— Die Unglückliche fuhlte ſich von Gott und Menſchen verlaſſen. Ihr Haupt ſank wie etwas gänzlich Kraftloſes auf ihren Buſen. — 219— Der Folterer und der Arzt traten zugleich heran. Die beiden Knechte durchſuchten ihr ſcheusliches Arſenal. Bei'm Klirren des furchtbaren Eiſens zitterte das unglück⸗ liche Madchen wie ein todter Froſch an der galvaniſchen Säule.—„Ach!“ murmelte ſie leiſe,„mein Phoebus!“ Dann verſank ſie wieder in die Unbeweglichkeit und das Schweigen des Marmors. Der Anblick hätte jedes andre Herz, als das eines Richters zerriſſen. Sie glich einer armen, ſündigen Seele in Satans Verhör unter der glühenden Höllenpforte. Der unglückliche Körper, woran das furchtbare Gewimmel der Räder, Sägen und der Folterbank ſich klammern ſollte, das Weſen, welches die rauhen Hände der Henker und die Zangen im Begriff waren zu berühren, war ein harmloſes, ſanftes Geſchöpf, ein armes Körnchen der vielen Tauſende, die das Recht der Menſchen in die furchtbaren Muhlen der Tortur warf. Die ſchwüligen Hände der rohen Knechte entblößten das ſchöne Bein und den Fuß, den die Vorübergehenden einſt ſo oft bewundert hatten.—„Wie ſchade!“ mur⸗ melte der Folterer, als er die ſo zarten und anmuthigen Formen betrachtete. Wäre der Archidiakonus gegenwär⸗ iig geweſen, hätte er ſich gewiß ſeines Symbols von Spinne und Fliege erinnert. Bald ſah die Unglückliche durch die auf ihren Augen ruhende Wolbe, wie der ſpa⸗ niſche Stiefel näher kam, wie ihr Fuß in die mit Eiſen beſchlagenen Dielen gezwäng ward und in ihnen ver⸗ ſchwand.— Schrecken gab ihr die Kraft zurück.„Nehmt — 220— das weg! Gnade!“ rief ſie heftig, und richtete ſich mit zerzauſten Haaren auf.. Sie ſprang vom Bett herunter, ſich dem Prokurator zu Füßen zu werfen; allein ihr Fuß ſaß feſt in ſchwe⸗ rem Eichenklotz und dem Eiſen; ſie beugte ſich über den Stiefel, gebrochener wie eine Biene, mit Blei an den Flügeln. 8 Auf ein Zeichen Charmolue's legte man ſie wieder auf's Bett, und zwei grobe Hände befeſtigten an ihrem Gürtel den vom Gewölbe herabhängenden Riemen. „Zum letzten Mal, geſteht Ihr die Thatſachen der Klage?“ fragte Charmolue mit ſeiner unerſchütterlichen Güte.—„Ich bin unſchuldig.“—„Wie wollt Ihr denn die Umſtände, die gegen Euch ſprechen, erklären?“— „Ach, Herr, ich weiß nicht wie.“—„Ihr läugnet?“— „Alles.“—„Fahrt fort, Meiſter Pierrat.“ Pierrat drehete den Griff einer Winde, der ſpaniſche Stiefel zog ſich zuſammen, und die Unglückliche ſtieß einen furchtbaren Schrei aus, den keine menſchliche Sprache wiederzugeben vermag. „Haltet ein,“ ſprach Charmolue zu Pierrat.„Geſteht Ihr?“ fragte er die Zigeunerin. „Alles!“ rief das unglückliche Mädchen.„Alles! Gnade!“ Als ſie der Folter ſich unterzog, hatte ſie ihre Kräfte nicht berechnet. Das arme Mädchen, deſſen Leben bis⸗ her ſo heiter, anmuthig und ſüß geweſen war, unterlag dem erſten Schmerz. — 221— „Menſchlichkeit zwingt mich, Euch zu ſagen,“ bemerkte der Prokurator,„daß wenn Ihr Euer Verbrechen ein⸗ geſteht, Ihr den Tod erwarten müßt.“ „Ich hoffe auf ihn,“ erwiederte ſie; dann ſank ſie wie ſterbend auf das Bett zurück und ließ ihre Bruſt am Riemen hinabhängen.. „Munter, meine Schöne, richtet Euch ein wenig auf,“ ſprach Pierrat,„Ihr ſeht ja aus, wie der goldne Ham⸗ mel am Halſe des Herrn von Burgund.“ Jacques Charmolue erhob die Stimme:„Schreiber, ſchreibt nieder. Zigeunermädchen, Ihr geſteht Euren Antheil an den Mahlen, Sabbaths und Uebelthaten der Hölle mit Larven, Hexen und Geſpenſtern? Antwortet.“ —„Ja,“ ſprach ſie ſo leiſe, daß ihr Wort im Hauche ihres Mundes ſich verlor.—„Ihr geſteht, den Ziegen⸗ bock geſehen zu haben, den Belzebub in den Wolken er⸗ ſcheinen läßt, wenn er den Sabbath verſammelt, und der nur von Hexen geſehen wird?“—„Ja.“—„Ihr ge⸗ ſteht, den Bophomet verehrt zu haben, den ſcheuslichen Götzen der Tempelherren?“—„Ja.“—„Ihr geſteht, mit Hülfe des Teufels und eines Geſpenſtes, das gewöhn⸗ lich der Popanz genannt wird, am 29. März einen Ka⸗ pitän, Phoebus von Chateaupers mit Namen, gemordet zu haben?“— Sie ſchlug ihr großes, ſtarres Auge auf und antwortete mechaniſch ohne Zuckung:„Ja!“— Ihre Kraft war gebrochen. „Schreibt,“ ſprach Charmolue zum Schreiber; dann wandte er ſich zu den Folterknechten mit den Worten: „Bindet die Gefangene los, damit ſie wieder in den Gerichtsſaal geführt werde.“ Als der Fuß der Gefan⸗ genen frei war, betrachtete ihn der Prokurator. Der Fuß war von Schmerz noch immer erſtarrt.„Kommt,“ ſagte Charmolue,„das Uebel iſt noch nicht groß. Ihr ſchrieet bei Zeiten. Schöne, du könnteſt heute noch tanzen.“— Dann wandte er ſich zu den Prieſtern des geiſtlichen Gerichts:„Endlich iſt die Gerechtigkeit im Klaren, das erleichtert unſer Gefuühl. Mademoiſelle wird uns das Zeugniß geben, daß wir mit aller möglichen Milde verfuhren.“ 3. Schluß des in ein dürres Blatt verwandelten Thalers. Als ſie blaß und hinkend in den Gerichtsſaal trat, empfing ſie ein allgemeines Murmeln der Zufriedenheit. Bei den Zuſchauern war es das Gefühl befriedigter Un⸗ geduld, wie man es im Theater nach dem Schluß des letzten Zwiſchenaktes der Komödie und bei'm Beginn des Endes zu empfinden pflegt. Von Seiten der Richter war es Hoffnung, bald zu Abend zu eſſen. Auch die kleine Ziege meckerte freudig; ſie wollte ihrer Herrin entgegenlaufen, man hatte ſie aber an die Bank gebun⸗ den. Das Dunkel war angebrochen. Die Lichter, deren Zahl man nicht vermehrte, verbreiteten ſo ſchwachen Schein, daß man die Mauern des Saales nicht erblickte. Das Dunkel hüllte alle Gegenſtände in eine Art Nebel. Kaum traten einige ausdrucksloſe Geſichtszüge der Rich⸗ ter daraus hervor. Dieſe konnten am äußerſten Ende des Saales, ihnen gegenüber, einen weißen Punkt im Schatten erblicken. Es war die Angeklagte. Sie hatte ſich auf ihren Platz geſchleppt. Als Char⸗ molue ſich mit Amtswürde auf den ſeinigen geſetzt hatte, ſtand er wieder auf, und ſprach, ohne viel Eitelkeit über den Erfolg ſeines Verhörs durchblicken zu laſſen:„Die Angeklagte hat Alles geſtanden.“ „Zigeunermädchen,“ begann der Präſident,„Ihr habt alſo Eure Uebelthaten der Zauberei, Schande und des Mordes an Phoebus von Chateaupers eingeſtanden?“ Ihr Herz zog ſich zuſammen. Man hörte, wie ſie im Dunkel ſchluchzte.„Alles, was Ihr wünſcht, aber tödtet mich ſchnell!“ „Herr Prokurator des Königs,“ ſprach der Präſident, „die Kammer iſt bereit, Euren Vortrag zu vernehmen.“ Meiſter Charmolue zog ein ſehr großes Papier aus der Taſche und las mit lebhafter Geſtikulation und im ſcharfen Tone eines Advokaten eine lateiniſche Rede vor, wo alle Beweiſe des Proceſſes wie ein Gerüſt auf cice⸗ ronianiſchen Umſchreibungen und Citaten aus Plautus, ſeines römiſchen Lieblings, aufgebaut waren. Wir be⸗ dauern, dies merkwürdige Aktenſtück unſren Leſern nicht darbieten zu können. Der Redner ſprach mit wunder⸗ barer Kunſt. Er hatte noch nicht einmal die Einleitung der Rede vollendet, als ihm ſchon der Schweiß von der — 224— Stirn träufelte, und die Augen aus den Höhlen traten. Plötzlich hielt er mitten in einer ſchönen Periode ein, und ſein gewöhnlich ſanfter, ſogar dummer Blick, ward ſprühend.„Meine Herren!“ rief er aus Cund zwar franzöſiſch, denn dies ſtand nicht auf ſeinem Papier), Satan iſt in dieſe Angelegenheit ſo ſehr verwickelt, daß er ſogar bei den Verhandlungen gegenwärtig iſt. Seht! er äfft den Repräſentanten ſeiner Majeſtät nach.“ Mit den Worten zeigte er mit dem Finger auf die Ziege, die, als ſie Charmolue geſtikuliren ſah, auf den Einfall kam, daſſelbe thun zu müſſen. Sie ſaß auf den Hinter⸗ pfoten, und ahmte ſo gut wie möglich durch Schütteln ihres bärtigen Hauptes und durch Hin⸗ und Herſchwenken ihrer Vorderpfoten den Prokurator nach. Der Leſer wird ſich noch wohl erinnern, dies war eines ihrer arti⸗ gen Kunſtſtücke. Es brachte aber jetzt einen ungeheuren Effekt hervor; man band der Ziege die Pfoten und der Prokurator nahm den Faden ſeines Vortrags wieder auf. Dieſer war ſehr lang, aber von bewundrungswür⸗ diger Beredtſamkeit. Hier folgt die letzte Phraſe, wozu man ſich noch die heiſere Stimme und die letzten ange⸗ ſtrengten Geſten Meiſter Charmolue's hinzudenken muß: „Ideo, Domini, coram stryga demonstrata, crimine Pa- tente, intentione criminis existente, in nomine sanctae Ecclesiae Nostrae Dominae Parisiensis, quae est in saisina habendi omnimodam altam et bassam justitiam in illa hac intemerata Civitatis insula, tenore prae- — 225— sentium declaramus nos requirere, primo, aliquam- dam pecuniariam indemnitatem, secundo amendatio- nem honorabilem ante portalium Nostrae Dominae ecclesiae cathedralis; tertio sententiam, in virtute cujus ista stryga cum sua capella seu in trivio vul- gariter dicto la Grève seu in insula exeunte in flu-- vio Secanae, juxta pointam jardini regalis, execu- tatae sint.“ Dann ſetzte er ſeine Mütze auf und ließ ſich auf ſeinen Stuhl nieder. Hierauf ſtand ein andrer Mann im ſchwarzen Kleide neben der Angeklagten auf. Es war ihr Advokat. Die hungrigen Richter fingen an zu murren.„Advokat, faßt Euch kurz,“ ſprach der Präſident. „Herr Präſident,“ erwiederte der Advokat,„weil die Beklagte ihr Verbrechen eingeſtand, kann ich den Herren nur ein Wort ſagen. Es heißt im Texte des ſaliſchen Geſetzes: Frißt eine Hex' einen Menſchen, und wird deſſen überführt, ſoll ſie eine Strafe von 8000 De⸗ niers bezahlen, d. h. 200 Sous Gold. Es gefalle dem Ge⸗ richtshofe, meine Clientin zur Geldſtrafe zu verdammen.“ „Der Text iſt abgeſchafft,“ ſprach der außerordent⸗ liche Advokat des Königs.—„Nego!“ replicirte der Advokat.—„Zur Abſtimmung!“ rief ein Rath.„Das Verbrechen iſt erwieſen und es iſt ſchon ſpät.“ Nan ſchritt zur Abſtimmung, ohne den Saal zu verlaſſen. Die Richter ſtimmten durch Entblößung XIV. 15 ihres Hauptes. Man ſah, wie die mit Baretten bedeckten Köpfe ſich einer nach dem andern im Schatten entblößten, wenn der Präſident ihnen eine unheilvolle Frage leiſe vorlegte. Die arme Angeklagte ſchien ſie zu betrachten, aber ihr wirres Auge ſah nicht mehr. Dann ging der Schreiber wieder an ſeine Arbeit, und übergab endlich dem Präſidenten ein langes Per⸗ gamen. Die Unglückliche vernahm, wie das Volk ſich regte, wie die Piken ſich ſtießen, und wie eine eiſige Stimme ſprach: „Zigeunermädchen, am Tage, wo es dem König, unſrem Herrn, gefällt, ſollſt du im Hemde, mit entblöß⸗ ten Füßen, den Strick um den Hals, auf einem Karren zum Portal von Notre⸗Dame geführt werden; dort ſollſt du, mit einer Wachsfackel von zwei Pfund Schwere in der Hand, öffentlich Buße thun, und auf den Grveplatz gebracht, am Galgen der Stadt erdroſſelt und gehängt werden; gleichfalls deine Ziege. Dem Official ſollſt du drei goldene Löwenthaler als Strafe für Hexerei, Bos⸗ heit, Ueppigkeit und Mord am Herrn Phoebus von Cha⸗ teaupers bezahlen. Gott ſei deiner Seele gnädig!“ „Oh, welch ein Traum!“ ſprach ſie halb laut, und fühlte, wie rohe Hände ſie fortſchleppten. 4. Lasciate ogni speranza. Sobald im Mittelalter ein Gebäude vollendet war, gehörten zu ihm eben ſo viel Räume unter wie über der — 227— Erde. Paläſte, Burgen und Kirchen hatten ſtets, wenn ſie nicht auf eingerammelten Pfählen gebaut waren, eine Hoöhlung. In den Kathedralen war dies gleichſam eine zweite unterirdiſche, geheimnißvolle, dunkle, niedrige, ſtumme Kathedrale unter dem obern lichtvollen Schiff, das Tag und Nacht von Glocken und Orgeln ertönte. Bisweilen waren es Gräber. In Paläſten und Burgen war der unterirdiſche Bau ein Kerker, oft ein Grab, bisweilen beides zugleich. Jene mächtigen Bauten hatten nicht allein eine Grundlage, ſondern Wurzeln, die ſich in Kammern, Gängen, Treppen unter der Erde, wie im oberen Bau ausbreiteten. Die Keller eines Gebäudes waren ein zweites, wohin man ſtatt aufzuſteigen, trepp⸗ abwärts ging, und waren tief liegende Stockwerke unter den oberen, gleich den Wäldern und Bergen, die ihr umgekehrtes Bild auf die Spiegelfläche eines Sees werfen. In der Baſtille, dem Palais de Juſtice, dem Louvre waren dieſe unterirdiſchen Bauten zu Kerkern beſtimmt. Je tiefer die Stockwerke ſich ſenkten, wurden ſie ſtets enger und düſterer. Dante hätte kein treffenderes Bild für ſeine Hölle finden können. Der Trichter dieſer Ker⸗ ker ging gewöhnlich in eine Kufe aus, gleich der Höhle, wo Dante Satan hinſetzt, und wo die Geſellſchaft die zum Tode Verurtheilten einſchloß. Sobald ein elendes Leben dort begraben war, mußte es dem Tage der Luft Lebewohl ſagen; es trat nur aus der Finſterniß, ſie mit dem Galgen oder dem Scheiterhaufen zu vertauſchen. 15*† — 228— Manche verfaulten dort; die menſchliche Gerechtigkeit nannte dies: Vergeſſen. Zwiſchen den Menſchen und dem Verurtheilten ruhete auf dem Haupte des letz⸗ teren ein Haufe von Steinen und Gefangenwärtern. Der ganze Bau, die maſſive Baſtille, war gleichſam ein kom⸗ plicirter Riegel, der ihn von der lebenden Welt ausſchloß. Unten in eine Kufe dieſer Art hatte man in den Kellern des heiligen Ludwig in das in pace der Tour⸗ nelle, die zum Galgen verurtheilte Esmeralda geworfen, wahrſcheinlich, damit ſie nicht entwiſchte, ſo daß der koloſſale Juſtizpalaſt über ihrem Haupte hervorragte. Die arme Fliege konnte ja kaum ihre Fühlhörner rühren. Gewiß, Vorſehung und Geſellſchaft war gleich unge⸗ recht. Ein ſolcher Aufwand von Unglück und Folter ward nicht erfordert, ein ſo ſchwaches Geſchöpf zu brechen. Dort lag ſie vernichtet und begraben im Dunkel. Jeglicher, der ſie damals geſehen hätte, und der ſie früher im Sonnenſchein tanzend ſchaute, hätte erbebt. Kalt wie Nacht und Tod lag ſie da. Kein Lufthauch zog durch ihre Locken, kein menſchlicher Laut traf ihr Ohr, kein Strahl des Tages ihr Auge; erdrückt von Ketten, kauerte ſie neben einem Waſſerkruge und einem Stück Brod auf einem Strohhaufen im Waſſerpfuhle, der ſich unter ihr aus der Feuchtigkeit des Gefängniſſes bildete, ohne Be⸗ wegung, faſt ohne Athem. Sie litt nicht einmal mehr Schmerzen. Phoebus, die Sonne, der Mittag, die friſche Luft, die Straßen von Paris, der Beifall beim Tanz, das ſüße Liebesgeſchwätz mit dem Offizier, dann der Prieſter, die Alte, der Dolch, Blut, Folter und Galgen, alle dieſe Vorſtellungen drängten ſich ihrem Geiſte bald als ſingende, vergoldete Viſtonen, bald als mißgeſtalteter Alp auf; doch ſchien ihr das Eine nur als ein furcht⸗ barer Kampf, der ſich im Dunkel verlor, das Andre als eine ferntönende Muſik, die auf der Erde geſpielt ward und nicht bis in die Tiefe drang, wohin die Unglückliche hinabgeſunken war. Alles dies miſchte ſich zerbrochen, ſchwankend, verwirrt in ihren Gedanken. Sie fühlte, wußte, dachte Nichts mehr, ſie träumte. Noch nie war ein Geſchöpf ſo tief in's Nichts verſunken. Erſtarrt, verſteinert, hatte ſie kaum bemerkt, daß bisweilen eine Fallthür, ohne ſelbſt einen Lichtſtrahl her⸗ einzulaſſen, ſich über ihr öffnete, und daß dann eine Hand ihr ein Stück ſchwarzes Brod hinwarf. Dieſer Beſuch des Gefangenwärters war ihr dennoch die einzige Kom⸗ munikation mit den Menſchen. Nur ein Laut traf mecha⸗ niſch ihr Ohr. Ueber ihrem Haupt filtrirte Feuchtigkeit durch die mooſigen Steine des Gewölbes, und in gleichen Zwiſchenräumen fielen Tropfen Waſſers hinunter. Stumpf hörte ſie den Schall, wenn der Tropfen in den Pfuhl unter ihr hinabfiel. Dieſer niederſinkende Waſſertropfen war die einzige Bewegung, die ſich in ihrer Umgebung regte, die einzige Uhr, welche ihr die Zeit andeutete, der einzige Laut, der von der Oberfläche der Erde zu ihr hinabdrang. Bisweilen fühlte ſie auch in dieſer Kloake von Sumpf und Dunkel etwas Kaltes, das über Arm und Fuß ihr hinkroch. Dann bebte ſie. Wie lange war ſie ſchon dort? Sie wußte es nicht. Sie erinnerte ſich dunkel eines irgendwo ausgeſpro⸗ chenen Todesurtheils, wie man ſie wegtrug und wie ſie dann erſtarrt in Dunkel und tiefer Stille erwachte. Sie kroch auf den Händen, da fühlte ſie eiſerne Ringe an den Füßen und es klirrten Ketten. Sie erkannte, daß ſie rings von Mauer umgeben, daß der Boden mit Waſſer bedeckt war, und daß ein Strohlager auf dem Boden lag. Sie legte ſich auf das Lager, und bisweilen, um die Stellung zu verändern, ſetzte ſie ſich auf eine Stufe, die ſich im Ker⸗ ker befand. Bisweilen verſuchte ſie die Minuten zu zäh⸗ len, die die Waſſertropfen ihr maßen; alle dieſe traurige Arbeit eines kranken Gehirns hörte von ſelbſt auf, und ſie verſank wieder in ihre Stumpfheit.— Eines Tages, oder in einer Nacht(denn Mittag und Mitternacht hatten in dieſem Grabe gleichen Schatten), vernahm ſie über ihrem Haupte ein ſtarkeres Geräuſch, als das des Gefangenwärters, wenn er ihr Brod und den Waſſerkrug brachte. Sie ſah einen röthlichen Licht⸗ ſtrahl durch die Spalten der Fallthür am Gewölbe des In pace dringen. Zugleich kreiſchten die dumpfen Rie⸗ gel, die Fallthür knarrte auf den Angeln, ſie ſah eine Laterne und den unteren Theil zweier Männer; denn weil die Thür zu niedrig war, konnte ſie ihre Köpfe — 231— nicht erblicken. Das Licht wirkte ſo empfindlich auf ihre Augen ein, daß ſie dieſe ſchloß. Als ſie die Augen wieder aufſchlug, war die Thür geſchloſſen. Die Laterne ſtand auf einer Stufe der Treppe und ein Mann allein vor ihr. Ein ſchwarzer Mantel reichte ihm bis zu den Füßen, eine Kapuze der⸗ ſelben Farbe barg ſein Geſicht. Man ſah Nichts von ſeiner Geſtalt, nicht einmal Hände und Füße. Ein großes Leichentuch ſchien aufrecht zu ſtehen, und unter ihm ſich Etwas zu regen. Einige Minuten lang beſchaute ſie mit ſtarrem Blick dies Geſpenſt. Keiner ſprach ein Wort; ſie glichen zwei ſich einander gegenüber ſtehenden Sta⸗ tuen. Nur zwei Dinge ſchienen in der Höhle zu leben, der Docht der Laterne, der wegen der Feuchtigkeit der Luft kniſterte, und der Waſſertropfen, welcher mit ſei⸗ nem monotonen Schall dies unregelmäßige Geräuſch unterbrach, ſo daß das Licht der Laterne auf dem öli⸗ gen Waſſer des Pfuhls concentriſch flackerte. Endlich brach die Gefangene das Schweigen.„Wer ſeid Ihr?“—„Ein Prieſter.“ Sie zitterte bei dem Wort, dem Accent und der Stimme. Der Prieſter fuhr im dumpfen Tone fort:„Seid Ihr bereit?“—„Wozu?“—„Zum Tode.“—„Bald?“ —„Morgen.“ Ihr Haupt, das ſie freudig erhoben hatte, ſank auf ihre Bruſt zurück.—„Das dauert noch ſehr lange!“ murmelte ſie.„Warum nicht heute?“ „Ihr ſeid wohl ſehr unglücklich?“ fragte der Prie⸗ ſter nach einer Pauſe.—„Mich friert.“ Sie nahm ihre Füße in die Hände, wie dies Arme, die von Froſt geſchüttelt werden, zu thun pflegen, und wie wir es ſchon bei der Klausnerin in der Tour⸗Rol⸗ land bemerkten. Ihre Zähne klapperten. Der Prieſter ſchien unter ſeiner Kapuze ſeine Augen im Gefängniſſe herumſtreichen zu laſſen.—„Ohne Licht und Feuer! im Waſſer! wie furchtbar!“ „Ach!“ erwiederte ſie mit der Miene des Erſtau⸗ nens, die ihr das Unglück verliehen hatte;„der Tag gehört Allen. Warum gab man mir nur die Nacht?“ —„Wißt Ihr,“ fragte der Prieſter nach einer neuen Pauſe,„weßhalb Ihr hier ſeid?“—„Fch glaube, ich wußte es,“ antwortete ſie, und fuhr mit ihrer mageren Hand über die Stirn, als wollte ſie ihrem Gedächtniß aufhelfen. Dann weinte ſie wie ein Kind.—„Mich friert, ich fürchte mich, denn Thiere kriechen meinen Leib hinan.“— Gut, folgt mir!“ Der Prieſter ergriff ſie bei'm Arme. Die Unglück⸗ liche war erſtarrt; aber dennoch ſchauderte ſie bei dem Druck dieſer Hand. 1 „Ach,“ murmelte ſie,„es iſt die erſtarrte Hand des Todes! Wer ſeid Ihr? Der Prieſter hob ſeine Kapuze auf; ſie ſah das — unheilvolle Antlitz, das ſie ſchon ſo lange verfolgte, jenes Geiſterhaupt, das über dem angebeteten Haupte ihres Phoebus kürzlich hervorragte, daſſelbe Auge, das ſie neben dem Dolche funkeln ſah. Es ſchien ihr, der Schleier, der auf ihrem Gedächtniß ruhete, werde zerriſſen. Alle Einzelnheiten ihres nächtlichen Unglücks, von der Scene bei der Falourdel bis zu ihrer Verurtheilung in der Tournelle ſtürmten auf einmal auf ſie ein, nicht unbe⸗ ſtimmt und verwirrt, wie früher, ſondern genau, mit ſcharfen Umriſſen furchtbar. Alle dieſe durch das Ueber⸗ maaß der Leiden erloſchenen und halb verwiſchten Erinne⸗ rungen belebten wieder die düſtere Geſtalt, die ſie vor ſich erblickte, ſo wie das Feuer auf weißem Papier unſicht⸗ bare Buchſtaben hervorſpringen läßt, die man mit ſym⸗ pathetiſcher Tinte niederſchrieb. Es ſchien ihr, als wür⸗ den alle Wunden ihres Herzens plötzlich aufgeriſſen und bluteten.„Ach,“ rief ſite,„es iſt der Prieſter,“ und bedeckte krampfhaft ihre Augen mit den Haͤnden. Dann ließ ſie entmuthigt ihre Arme ſinken, ſaß da mit geſenk⸗ tem Haupte, heftete den Blick zu Boden und zitterte. Der Prieſter beſchaute ſie wie ein Geier, der lange eine arme, im Korn ſich bergende Lerche umkreiſte, die furchtbaren Zirkel ſeines Fluges immer mehr verengte, endlich auf ſeine Beute wie ein Pfeil hinabſchoß und die Zuckende in den Klauen hält. Sie murmelte leiſe:„Schnell, ſchnell, den letzten Schlag.“ Dann drückte ſie ihr Haupt zwiſchen die — 234— Schultern, wie ein Schaaf, das den Sühlag des Schläch⸗ ters erwartet. „Ich erwecke Euch Schauder?“ ſprach er endlich. Sie erwiederte Nichts. „Erwecke ich Euch Schauder?“ wiederholte er ſeine Frage. Ihre Lippen zogen ſich zuſammen, als ob ſie lächelte. —„Ja,“ ſprach ſie,„der Henker verhöhnt ſein Opfer. Schon ſeit Monaten verfolgt, bedroht, erſchreckt er mich. Wie wär' ich glücklich ohne ihn? Er hat ihn getödtet! Meinen Phoebus!“ Sie ſchluchzte und erhob ihr Auge zum Prieſter.„Elender! wer ſeid Ihr? Was that ich Euch? Ihr haßt mich! Was habt Ihr gegen mich?“— „Ich liebe dich!“ rief der Prieſter aus. Plötzlich ſtockten ihre Thränen; ſie beſchaute ihn mit ſtumpfem Blick. Er lag auf den Knieen und ſein Auge ſprühete Flammen. „Hörſt du? Ich liebe dich!“ rief er noch einmal. —„Du liebſt mich?“ ſprach die Unglückliche bebend.— Er erwiederte:„Mit der Liebe eines Verdammten.“ — Beide ſchwiegen einen Augenblick, von der Heftigkeit ihrer Gefühle überwaltigt; er glich einem Wahnſinnigen, ſie einer Blödſinnigen.. „Höre,“ ſprach endlich der Prieſter, und zeigte eine ſonderbare Ruhe,„du ſollſt Alles erfahren; dir will ich ſagen, was ich mir kaum ſelbſt zu ſagen wagte, wann ich mein Gewiſſen im tiefſten Dunkel der Nacht, wo Gott uns nicht mehr zu ſehen ſcheint, befragte. Höre! bevor ich dich ſchaute, Mädchen, war ich glücklich.“ „Und ich!“ unterbrach ſie ihn mit ſchwacher Stimme. „Unterbrich mich nicht. Ja, ich war glücklich, oder glaubte es wenigſtens zu ſein. Ich war rein, meine Seele war durchſichtig— unbefleckt. Kein Haupt erhob ſich ſtrahlender und heiterer als das meinige. Prieſter erholten ſich bei mir Rath über Keuſchheit, Gelehrte über Wiſſenſchaft. Ja, die Wiſſenſchaft war mir Alles! eine Schweſter! und eine Schweſter genügte mir. Nur wie ich älter ward, faßte ich andre Gedanken. Mehr als einmal regte ſich mein Fleiſch beiem Vorübergehen eines Weibes. Die Gewalt des Geſchlechtes und Männer⸗ blutes, die ich, ein thörichter Jüngling, für immer zu erdrücken wähnte, hatte ſchon oft krampfhaft an der eiſer⸗ nen Kette des Gelübdes gerüttelt, das mich Elenden an die kalten Steine des Altares feſſelte. Doch Faſten, Studien, Gebet, die Tödtungen des Fleiſches im Kloſter hatten der Seele die Herrſchaft über den Leib wieder ertheilt. Auch mied ich die Weiber. Uebrigens brauchte ich nur ein Buch aufzuſchlagen und alle unreinen Dünſte meines Gehirns verſchwanden vor dem Glanz der Wiſ⸗ ſenſchaft. In wenig Minuten empfand ich, wie die dich⸗ ten Dünſte der Erde weithin entflohen, und ſtand ruhig, geblendet und heiter vor dem ruhigen Strahl der ewigen Wahrheit. So oft der Teufel mich zu verſuchen nur unbeſtimmte Schatten von Frauen mir vorführte, die in Kirchen, Straßen und Wieſen vor meinen Augen vor⸗ überzogen und in Träumen kaum wiederkehrten, über⸗ wand ich leicht. Ach! iſt der Sieg mir nicht verblieben, iſt die Schuld die des Herrn, der den Menſchen nicht mit gleicher Stärke, wie den Teufel ſchuf. Höre. Eines Tages....“ Hier hielt er ein und die Gefangene vernahm, wie ſeiner Bruſt ein röchelnder Seufzer entſtieg; dann fuhr er fort: „Eines Tages ſtützte ich mich auf das Fenſter mei⸗ ner Zelle.— In welchem Buche las ich doch? Oh, alles dies gleicht einem Wirbel in meinem Haupte. Ich las. Das Fenſter war auf einen Platz hin gebaut. Ich höre Muſik und den Schall des Tambourins. Verdrießlich, in meiner Träumerei ſo geſtört zu werden, ſchaute ich auf den Platz. Was ich ſah, ſahen auch Andre; und dennoch war es kein Anblick für Menſchenaugen. In Mitte des Pflaſters— es war Mittag— ein ſchöner Tag— tanzte ein Geſchöpf, ein Geſchöpf, ſo ſchön, daß Gott ſie der Jungfrau vorgezogen und zur Mutter gewählt hätte, um von ihr ſich gebären zu laſſen, als er Menſch ward. Schwarz und glänzend waren ihre Augen, mitten in ih⸗ ren dunklen Locken ſtrahlten einige Haare, von Sonnen⸗ ſchein gefärbt wie Golddraht. Ihre Füße verſchwanden bei ihrer Bewegung gleich Strahlen eines ſchnell ſich umdrehenden Rades. Rings um ihr Haupt waren Me⸗ tallylatten in die ſchwarzen Haarflechten gewoben, funkelten — 237— im Sonnenſchein und bildeten gleichſam eine Sternen⸗ krone um ihre Stirn. Ihr blaues, mit Flittern durch⸗ ſticktes Kleid flimmerte wie eine Sommernacht mit tau⸗ ſend Sternen. Ihre braunen geſchmeidigen Arme knüpf⸗ ten und löſten ſich um ihren Wuchs gleich zwei Schär⸗ pen. Oh! die glänzende Geſtalt löſte ſich wie etwas Lichtvolles ſelbſt vom Licht der Sonne.— Mädchen, du warſt es!— Ueberraſcht, berauſcht, entzückt, gab ich mich deiner Beſchauung hin. Ich betrachtete dich ſo lange, daß ich plötzlich aus Furcht erbebte, denn ich fühlte, wie ich dem Verhängniß anheimfiel.“ Der Prieſter ſchwieg einen Augenblick, von Gefühlen erdrückt. Dann fuhr er fort: „Schon halb betäubt, ſuchte ich mich an Etwas anzu⸗ klammern, mich im Sturze zu halten. Ich dachte an die Schlingen, die Satan mir ſchon gelegt hatte. Das Ge⸗ ſchöpf vor meinen Augen war ſo übermenſchlich ſchön, daß es nur vom Himmel oder der Hölle ſtammen konnte. Es war nicht mehr ein Mädchen aus Staub, im Innern durch den ſchwankenden Strahl einer Frauenſeele erleuch⸗ tet. Sie war ein Engel, aber ein Engel der Finſterniß, nicht des Lichtes, ſondern der Flammen. Da ich alſo dachte, ſah ich neben dir eine Ziege, ein Thier des Sab⸗ bats; die Mittagsſonne ließ ihre Hörner im Feuer ſtrah⸗ len. Da glaubte ich die Schlinge des Teufels zu ſchauen, zweifelte nicht länger, daß du aus der Hölle ſtammteſt und zu meinem Verderben gekommen wärſt. Ich glaubte es.“ Hier ſah der Prieſter der Gefangenen in's Geſicht, und fügte kalt hinzu: „Ich glaub' es noch!— Der Zauber aber wirkte nur allmählig; dein Tanz wirbelte mir im Gehirn; ich fühlte, wie das geheimnißvolle Verbrechen an mir vollzogen ward. Jegliche Kraft, die mich hätte erwecken können, ſchlummerte in meiner Seele, und gleich denen, die im Schnee erfrieren, empfand ich Wolluſt, den nahenden Todesſchlaf zu empfinden. Plötzlich höre ich dich ſingen. Was ſollt' ich Unglücklicher beginnen? Dein Geſang war noch entzückender wie dein Tanz. Ich wollte fliehen. Es war mir unmöglich. Ich war in den Boden gewur⸗ zelt, an ihn genagelt. Es ſchien mir, der Marmor des Bodens ſei meinen Leib hinaufgeſtiegen. Meine Füße erſtarrten, mein Haupt kochte. Endlich empfandeſt du vielleicht Mitleid mit mir, und hörteſt auf zu ſingen und verſchwandeſt. Der Reflex der verblendenden Erſchei⸗ nung, der Wiederhall der bezaubernden Muſik entſchwan⸗ den allmählig meinen Augen und Ohren. Da ſank ich in die Höhlung des Fenſters, ſchwacher und ſtarrer, als eine umgeſtürzte Statue. Die Vesperglocke erweckte mich⸗ Ich ſtand auf, ich floh, aber ach, in mir war Etwas zu tief gefallen, um ſich wieder erheben zu können; ich konnte nicht fliehen.“ Nach einer Pauſe fuhr er fort:„Von dem Tage an weilte in mir ein zweiter Menſch, den ich bisher nicht kannte. Ich wollte alle meine Mittel gebrauchen, das Kloſter, den Altar, Arbeit und Bücher. Vergeblich! wie hohl ſchallt die Wiſſenſchaft, wenn ein Haupt voll Leidenſchaft— verzweifelnd— an ihre Mauern rennt. Weißt du, Mädchen, was ich ſtets zwiſchen dem Buch und mir erblickte? Deinen Schatten! deine lichtvolle Erſcheinung, wo ſie einſt den Raum vor mir durchſchritt. Doch dies Bild war düſter, gleich den ſchwarzen Kreiſen, welche lange vor den Augen des Unbeſonnenen ſich hin⸗ ziehen, der ſtarr in die Sonne ſchaute. Da ich mich nicht losreißen konnte, da ich ſtets dein Lied in meinem Kopfe ſummen hörte, ſtets deine Füße tanzend auf mei⸗ nem Breviar erblickte, da ſtets des Nachts deine Geſtalt in Träumen über mein Fleiſch hinſchlüpfte, wollte ich dich wiederſehen, dich ſchauen und berühren, wiſſen, wer du wärſt, verſuchen, ob ich die Wirklichkeit an dir dem Jeel gleichfände, und ſo vielleicht meinen Traum ver⸗ nichten. Gewiß würde, ſo hofft' ich, ein neuer Eindruck den erſteren verlöſchen; denn dieſer war mir unerträg⸗ lich geworden. Ich ſuchte dich auf und ſah dich wieder; zum Unglück! Als ich dich zweimal ſah, wollte ich dich tauſendmal, wollte ich dich ſtets ſehen!— Wie kann man auf dem Abhange der Hölle verweilen?— Da ge⸗ hörte ich mir nicht an; mit dem Faden, den der Teufel mir um die Flügel geſchlungen hatte, feſſelte er jetzt meine Füße. Ich irrte, wie du ſelbſt, umher; erwartete dich in den Hallen, erſpähete dich an den Kreuzwegen, beobachtete dich von der Höhe meines Thurmes. Jeglichen — 240— Abend behrte ich entzückter, verzweifelter, vom Zauber ſtets mehr befangen, unglücklicher heim.“ „Ich erfuhr, wer du warſt. Eine Zigeunerin! Wie konnte ich an ſchwarzer Kunſt zweifeln? Ich hoffte, ein Proceß werde mich vom Zauber retten. Eine Hexe hatte Bruno d'Aſt bezaubert, er ließ ſie verbrennen und ward geheilt. Ich wußte dies und wollte das Mittel verſuchen. Anfangs ließ ich dir nur den Platz vor Notre⸗Dame verbieten; denn ich hoffte, dich zu vergeſſen, wenn du nicht wiederkehrteſt. Du kehrteſt dich daran nicht, und erſchienſt dort auf's Neue. Da wollte ich dich entführen und verſuchte es eines Nachts. Wir hatten dich ſchon, als der ſchändliche Officier erſchien und dich befreite. Da begann mein Unglück, deines und ſeines. Endlich, da ich nicht mehr wußte, was ich thun und was aus mir werden ſollte, gab ich dich bei dem Official als Hexe an, und hoffte, wie Bruno d'Aſt geheilt zu werden. Auch hegte ich ein dunkles Gefühl, der Proceß werde dich meinen Händen überliefern; im Gefängniſſe wär'ſt du mein, dort könnteſt du mir nicht entſchlüpfen, und ich beſäße dich, wie du ſo lange mich beſaßeſt. Thut man Böſes, ſo muß man nicht einhalten. Das wäre Wahn⸗ ſinn! Das höchſte Verbrechen ſchafft Wahnſinn der Freude. Ein Prieſter und eine Hexe können entzückt auf dem Strohbündel des Kerkers ſich miſchen.“ „Darum zeigte ich dich als Hexe dem geiſtlichen Gericht an. Damals erſchreckte ich dich, wenn ich dich — 241— antraf. Der Plan, den ich ſpann, der Sturm, den ich über deinem Haupte anſammelte, entfuhr mir in Dro⸗ hungen und Blitzen. Doch ich ſchwankte. Mein Entwurf zeigte mir furchtbare Seiten, vor denen ich ſchauderte.“ „Vielleicht hätte ich auf meinen ſcheuslichen Gedanken verzichtet, vielleicht wäre er in meinem Gehirn vertrock⸗ net, ohne Früchte zu tragen. Stets, dachte ich, werde es von mir abhängen, den Proceß zu verfolgen oder fallen zu laſſen. Doch jeglicher böſe Gedanke iſt unerbittlich und beſtrebt ſich, zur Thatſache zu werden; doch da, wo ich mich allmächtig glaube, iſt das Verhängniß mächtiger als ich. Ach, ach, das Verhängniß ergriff dich, überlie⸗ ferte dich den furchtbaren Rädern der Maſchine, die ich im Dunkel baute. Höre, jetzt bin ich dem Ende nahe.“ „Einſt ſah ich an einem ſonnigen Tage einen Mann vorübergehen, der deinen Namen lachend ausſprach, und dem Wolluſt aus den Augen blickte. Verdammungl! ich folgte ihm. Du kennſt den Erfolg.“ Er ſchwieg. Das Mädchen konnte nur ein Wort ausſprechen:„Oh mein Phoebus!“ „Nenne den Namen nicht,“ ſprach der Prieſter, und drückte heftig ihren Arm.„Sprich ihn nicht aus! Wir Unglücklichen! der Name ſtürzte uns in Verderben!— — Oder nein! wir ſtürzten uns all einander in's Ver⸗ derden durch das unerklärbare Spiel des Verhängniſſes! — Ou leideſt Schmerz; nicht wahr?— dich friert; du erblindeſt im Dunkel, ein Gefängniß umſchließt dich; XIV. 16 aber in deinem Innern ſtrahlt noch Licht, wenn es auch nur die kindiſche Liebe für den albernen Menſchen, der dein Herz beſitzt. Meinen Kerker trage ich in der Bruſt, in mir iſt Winter, Eis, Verzweiflung; Nacht herrſcht in meiner Seele. Ahneſt du, wie ich litt? Bei deinem Proceß war ich gegenwärtig, und ſaß auf der Bank des Officials. Unter einer Prieſterkapuze krümmte ſich ein Verdammter. Gegenwärtig war ich, als du herein⸗ geführt, gegenwärtig, als du verhört wurdeſt. Mein Verbrechen, meinen Galgen ſchaute ich auf deiner Stirn. Bei jedem Zeugenverhör, jeglichem Beweis, jeglicher Ver⸗ handlung war ich gegenwärtig; jeglichen deiner Schritte auf dem Wege des Schmerzes konnte ich zählen. Dort war ich als das reißende Thier.— Oh!l die Folter hatte ich nicht geahnet.— Höre! dir folgte ich in die Kammer der Schmerzen. Ich ſah dich entkleiden und unter den ſcheuslichen Händen des Folterers. Ich ſah deinen Fuß. Ihn küſſen zu können, hätte ich ein Reich hingegeben; mein Haupt würde ich mit Entzücken unter ihm zer⸗ ſchmettern, ich ſah ihn im furchtbaren ſpaniſchen Stiefel, der die menſchlichen Glieder zum blutigen Koth quetſcht. Ich Unglücklicher! Während ich dies erblickte, trug ich unter meinem Mantel einen Dolch und zerfleiſchte damit meine Bruſt. Als du ſchrieeſt, ſtieß ich ihn in's Fleiſch! Sieh, die Wunde blutet noch.“ Er riß ſein Prieſtergewand auf. Seine Bruſt war wirklich wie mit einer Tigerklaue zerfleiſcht und in der Seute klaffte eine ziemlich große Wunde! Die Gefangene fuhr ſchaudernd zurück. „Oh!“ rief der Prieſter,„Mädchen, hab' Mitleid mit mir! Du ahneſt nicht, was Unglück iſt! Ein Weib zu lieben, ein Geiſtlicher, gehaßt zu werden! Sie mit Wuth zu lieben! Zu fühlen, wie man für das geringſte Lächeln Blut, Leben, Heil, Unſterblichkeit und Ewigkeit hingeben konnte! Welch ein Schmerz, König, Kaiſer, Engel, Gott, nicht zu ſein, um als ein größerer Sklave ihr zu Füßen zu ſinken! Tag und Nacht in Träumen und Gedanken an ihr zu ſchwelgen, und dann zu ſehen, wie ſie ſich in ein Soldatenkleid verliebt! Und ihr nur ein Prieſterkleid bieten zu können, vor dem ſie ſich ſcheut und ſchaudert! Wüthend aus Eiferſucht, war ich gegen⸗ wärtig, als ſie an einen elenden Pinſel von Prahlhans alle Schätze ihrer Liebe und Schönheit verſchwendete! Ich ſchaute, wie der Leib, bei deſſen Form ich entbrenne, wie dein ſüßer Buſen, dein Fleiſch unter den Küſſen eines Andren zitterte und erröthete. O Himmel! wann ich an die Schultern, die braune Haut, die blauen Adern dachte, krümmte ich mich oft auf dem Pflaſter meiner Zelle, und alle Liebkoſungen, die ich für dich erträumte, führten dich nur zur Tortur! Mir gelang es allein, dich auf das lederne Bett zu ſtrecken! Mein Gefühl empfand die Zangen der Hölle! Glücklich der, den man zwiſchen zwei Brettern zerſägt, den man mit Pferden zerreißt. Kennſt du die Qual, die in langen Nächten kochende Adern, ein zerſpringendes Herz, Zähne, welche die Hände 16* — 244— zerfleiſchen, erſchaffen? Ach, die unerbittlichen Folterer kehren unaufhörlich mit Gedanken der Liebe, Verzweif⸗ lung und Eiferſucht wieder. Mädchen, hab' Gnade! nur für einen Augenblick. Ach, nur wenig Aſche für dieſe Gluth! Trockne den Schweiß, der von meiner Stirne rinnt! Hab' Mitleid, Mädchen! hab' Mitleid!“ Der Prieſter wälzte ſich im Waſſer des Fußbodens und rannte mit dem Schädel gegen die Ecken der ſtei⸗ nernen Stufe. Als er erſchöpft und keuchend ſchwieg, wiederholte ſie halblaut:„Oh mein Phoebus!“ Der Prieſter ſchleppte ſich zu ihr auf den Knieen. „Ich flehe dich an! Biſt du nicht ohne Herz, ſo ſtoße mich nicht zurück! Ich liebe dich! ich bin mehr als elend! Unglückliche, ſprichſt du den Namen, dann iſt es mir, als würden die Fibern meines Herzens unter deinen Zähnen zerrieben. Gnade! Stammſt du aus der Hölle, gehe ich dorthin mit dir; die Hölle iſt mein Para⸗ dies, erblicke ich dich dort; dein Anblick entzückt mich höher, als der Anblick Gottes! Sprich! Du willſſt nicht! Ich wähnte, am Tage, wo ein Weib ſolche Liebe ver⸗ ſchmähete, müßten ſich Berge bewegen.— Oh, wenn du wollteſt! wie glücklich könnten wir ſein. Wir flöhen! Ich reiße dich zur Flucht fort! Wir würden den Ort auf der Erde uns wählen, wo die ſchönſte Sonne ſcheint, wo die ſchönſten Bäume blühen, und wo der Himmel ſtets heiter bleibt. Wir wollen uns lieben, unſre Seelen in einander gießen, mit unauslöſchbarem Durſt un⸗ — 245— aufhörlich am nie verſiegenden Becher der Liebe ſchlürfen!“ Sie unterbrach ihn mit lautem furchtbaren Lachen. „Seht doch, Vater! Blut fließt aus Euren Nägeln!“ Einige Augenblicke war der Prieſter verſteinert und heftete ſein Auge ſtarr auf die Hand.„Ja,“ begann er endlich mit ſonderbar ſanftem Tone,„beſchimpfe mich, ſpotte meiner! Aber komm, komm! Eile! Morgen, ſage ich dir. Du kennſt den Galgen des Grèveplatzes. Er iſt bereit. Wie furchtbar! Du auf dem Karren! Gnade!— Noch nie hatte ich empfunden, wie ſehr ich dich liebte.— Oh folge mir! du kannſt mich lieben, wenn ich dich gerettet. Du kannſt mich haſſen, wenn du willſt! Aber komm. Morgen! Morgen! Der Galgen, dein Tod!— Rette dich! Schone meiner!“ Wild ergriff er ihren Arm; er wollte ſie fortſchlep⸗ pen. Sie blickte ihn ſtarr an.—„Wo iſt mein Phoe⸗ bus?“—„Ach!“ rief der Prieſter,„Ihr ſeid ohne Mit⸗ leid!“—„Wo iſt mein Phoebus?“ wiederholte ſie kalt. —„Todt.“—„Todt!“ ſprach ſie erſtarrt und unbeweg⸗ lich;„warum wollt Ihr, daß ich lebe?“ Er hörte nicht.—„Ja,“ ſprach er zu ſich ſelbſt, ver muß todt ſein. Die Klinge drang tief ein; ich glaube, das Herz berührte ich mit der Spitze. Oh ich fühlte durch und durch, ſelbſt mit der Spitze des Dolches!“ Wie eine Tigerin erhob ſich das junge Nädchen und ſtieß ihn mit übernatürlicher Kraft an die Stufen der — 216— Treppe.—„Fort, Ungebeuer! Mörder! laß mich ſterben! Unſer Blut ſei ein ewiger Flecken an deiner Stirn! Dein ſein! Nie, nie! Nichts wird uns vereinen, ſelbſt nicht die Hölle! Sei verflucht! Nie!“ Der Prieſter taumelte zur Treppe. Schweigend löſte er ſeine Füße aus den Falten ſetnes Kleides, nahm ſeine Laterne und ſtieg langſam die Stufen hinan, die zur Thür führten. Er öffnete ſie und ging. Plötzlich ſah das Mädchen, wie ſein Haupt uber dem ihrigen wieder erſchien; furchtbar war ſein Ausdruck, und ſie vernahm den röchelnden Ruf: „Ich ſage dir, er iſt todt!“ Sie fiel mit dem Antlitz zu Boden, und man ver⸗ nahm kein andres Geräuſch im Kerker, als das Fallen der Waſſertropfen, welche auf den Pfuhl im Dunkel hinabſanken. 5. Die Mutter. Es gibt wohl nichts Heiteres, als die Gedanken, die im Herzen einer Mutter erwachen, wenn ſie den kleinen Schuh ihres Kindes erblickt, hauptſächlich, wenn dieſer ein Schuh für den Sonntag, für Feſte, ein Schuh der Taufe, bis zur Sohle geſtickt iſt, womit das Kind noch keinen Schritt that. Ein ſolcher Schuh beſitzt ſo viel Anmuth und Zierlichkeit, daß es unmöglich ſcheint, mit ihm zu gehen; der Mutter ſcheint es dann, als ob ſie ihr Kind erblickte. Sie lächelt ihm zu, küßt ihn, ſpricht mit ihm, frägt ſich ſelbſt, ob ein ſo kleiner Schuh möglich ſei. Iſt das Kind abweſend, ſo genügt der artige — 247— Schuh, das geliebte und zerbrechliche Geſchöpf der Mut⸗ ter vor Augen zu führen. Sie glaubt es geſund, lächelnd, heiter, mit zarten Händen, rundem Kopf, reinen Lippen, heitren, blauen Augen zu erblicken. Im Winter kriecht es auf dem Fußboden umher, ſteigt auf einen Schemel, und die Mutter zittert, es möchte dem Feuer zu nahe kommen. Des Sommers kriecht das Kind im Hofe, im Garten umher, zieht das Gras aus dem Pfaaſter, be⸗ ſchaut naiv ohne Furcht Hunde und Pferde, ſpielt mit Muſcheln, mit Biumen, und bringt den Gärtner zum Schmälen, weil er Erde auf den Wegen und Sand auf den Blumenbeeten findet. Ringsum lacht, glänzt, ſpielt Alles, ſelbſt das Lüftchen und der Sonnenſtrahl im gelock⸗ ten Haar des Kindes. Alles dies zeigt ein Schuh der Mutter, ſo daß ihr Herz wie das Wachs am Feuer ſchmilzt. Iſt aber das Kind verloren, dann werden dieſe tau⸗ ſend Bilder der Freude, der Zärtlichkeit und des Ent⸗ zückens, die um den kleinen Schuh ſich drängen, eben ſo viel Qualen. Der ſchöne, geſtickte Schuh iſt dann nur ein Folterwerkzeug, welches ein Mutterherz unaufhörlich zerquetſcht. Dieſelbe tiefſte und empfindlichſte Fiber vibrirt auch dann; anſtatt eines liebkoſenden Engels ſteht dann aber ein quälender Teufel da. Eines Morgens, als die Maiſonne auf einem dun⸗ kelblauen Himmel aufging, wie Garofolo ihn in ſeinen Kreuzesabnahmen mahlt, vernahm die Klausnerin der — 248— Tour⸗Rolland ein Klirren von Wagenrädern und Eiſen⸗ werk auf dem Groveplatz. Sie ward wenig dadurch auf⸗ geregt, legte ihre Haare über die Ohren, damit ſie nicht mehr hörte, und fuhr fort, den lebloſen Gegenſtand, den ſie fünfzehn Jahre lang anbetete, zu betrachten. Der kleine Schuh war, wie wir ſchon ſagten, für ſie die Welt. Dort ſollten ihre Gedanken bis zum Tode verweilen. Wie viel bittere Verwünſchungen, rührende Klagen, Ge⸗ bet und Schluchzen ſie bei dieſem kleinen Stück roſafar⸗ benen Atlas gen Himmel ſchleuderte, hat allein jene düſtre Höhle der Tour⸗Rolland erfahren. An dem Mor⸗ gen ſchien dee Schmerz noch heftiger als gewöhnlich bei ihr hervorzubrechen, und man vernahm außen, wie ſie mit herzzerreißender, lauter, einförmiger Stimme klagte. „O Tochter,“ ſprach ſie,„meine Tochter! mein lie⸗ bes, theures Kind, ich werde dich nie mehr ſehen. Es iſt vorbei! Nie werde ich dich wiederſehen! Noch im⸗ mer ſcheint es mir, als wäre es erſt geſtern geſchehen. Gott! Gott! warum nahmſt du ſie mir ſo ſchnell! Hät⸗ teſt du ſie mir doch nicht gegeben! Weißt du nicht, daß die Kinder ein Theil unſres Leibes ſind, und daß Müt⸗ ter, denen man ſie nimmt, nicht mehr an Gott glauben? — Ich Unglückliche! daß ich an dem Tage ausging. O Herr! Herr! warum nahmſt du mir ſie? Du ſahſt ſie nie, wann ich ſie fröhlich am Feuer wärmte, wann ſie ſaugend lächelte, wann ich ihre kleinen Füße bis auf meine Bruſt und meine Lippen erhob? O Gott! hätteſt du das geſehen, du bätteſt Mitleid gefühlt mit meinem Entzücken, und mir nicht die einzige Liebe genommen, die meinem Herzen verblieb. War ich ein ſo elendes Geſchöpf, Herr, daß du mich nicht anſchauen konnteſt, bevor du mich verdammteſt? Ach! Ach! der Schuh! wo iſt der Fuß? Wo iſt mein Kind? Tochter! Toch⸗ ter! Herr, gib ſie mir zurück, auf einen Tag, eine Stunde, eine Minute! nur auf eine Minute, und dann verſtoße mich auf ewig in die Hölle! Meine Kniee ſchunden ſich fünfzehn Jahre im Gebet. Iſt das nicht genug der Buße! Oh, wüßte ich, wo nur ein Zipfel Eures Kleides ſich hinſchleppt, dort klammerte ich mich an mit beiden Händen, und du müßteſt mir mein Kind zurückgeben! O Herr, habt Mitleid; könnt Ihr eine arme Mutter zu fünfzehnjähriger Todesqual verurtheilen? Heilige Jungfrau! Himmelskönigin, ach, gib mir mein Jeſuskind. Man ſtahl es, fraß es auf einer Heide, trank ſein Blut, benagte ſeine Knochen! Heilige Jungfrau, erbarme dich meiner! Oh meine Tochter! Was hilft es mir, daß ſie im Paradieſe weilt! ich will keinen Engel, ich wiſ mein Kind! Herr, bewahre mir mein Kind! Sieh, meine Arme ſind zernagt; hat Gott kein Mitleid! Oh, gib mir nur Salz und ſchwarzes Brod mit meiner Tochter, ſie wird mich gleich der Sonne erwärmen. Ach Gott! Herr, ich war eine Sünderin, durch meine Toch⸗ ter ward ich aber fromm. Für ſie war ich voll Liebe und Religion; wenn ſie lächelte, glaubte ich den Bimmel —-— 250— zu ſchauen. Könnte ich nur einmal, ein einzig Mal den Schuh über den ſchönen Fuß ziehen, dann würde ich ſterben, dich, heilige Jungfrau, ſegnend.— Fünfzehn Jahr! Fetzt wäre ſie erwachſen.— Unglückliches Kind! Nie werde ich dich wieder erblicken! Nicht einmal im Him⸗ mel! Dort darf ich nicht eintreten! Oh welch ein Elend! Nur ihr Schuh! Sie iſt für mich auf ewig verloren.“ Die Unglückliche ergriff den Schuh, ſeit Jahren zu⸗ gleich Troſt und Verzweiflung, und ihre Bruſt ſchien wie am erſten Tage durch Schluchzen ſpringen zu wolen. Der Schmerz altert nicht, ob die Trauerkleider auch abge⸗ nutzt verbleichen; das Herz bleibt ewig verdunkelt. In dem Augenblick hörte ſie friſche, heitere Kinder⸗ ſtimmen vor der Zelle vorüberziehen. So oft Kinder ihr Auge oder Ohr trafen, ſtürzte ſich die arme Mutter in den düſterſten Winkel ihres Grabes, und es ſchien, als wolle ſie ihr Haupt in Stein vergraben, um weder zu ſehen, noch zu hören. Heute aber ſprang ſie auf und horchte begierig. Ein Knabe hatte geſagt: Man häͤngt heute eine Zigeunerin. Mit dem ſchnellen Sprunge, womit, wie wir ſahen, die Kreuzſpinne auf die Fliege ſtürzte, lief ſie zur Luke, die, wie man weiß, auf den Groveplatz hinausreichte. Sie ſah eine Leiter am Galgen, und wie der Henker die durch Regen verroſteten Ketten zurechtlegte. Einiges Volk ſtand in der Runde. Die lachende Kindergruppe war ſchon entfernt. Die Klausnerin ſuchte mit dem Blick einen der Vorüber⸗ gehenden, um ihn befragen zu können. Plötzlich bemerkte ſie ſeitwärts von ihrer Zelle einen Prieſter, der dem Anſchein nach in dem öffentlichen Breviarium las, der ſich aber wirklich weit weniger um das vergitterte Buch bekümmerte, als um den Galgen, wohin er von Zeit zu Zeit einen düſtren, wilden Blick warf. Sie erkannte in ihm den Archidiakonus von Notre⸗Dame, den hei⸗ ligen Mann. „Vater,“ fragte ſie,„wen will man hängen?“ Der Prieſter ſah ſie an und antwortete Nichts. Sie wieder⸗ holte ihre Frage; da ſagte er:„Ich weiß nicht.“—„Kin⸗ der ſagten, es wäre eine Zigeunerin.“—„SIch glaube, ja.“ Da brach Paquette la Chantefleurie in das Geläch⸗ ter einer Hyäne aus.—„Schweſter,“ ſprach der Prie⸗ ſter,„Ihr haßt wohl die Zigeunerinnen?“—„Ob ich ſie haſſe, ſie ſind Hexen und ſtehlen Kinder. Sie fraßen meine Tochter; mein Kind, mein einziges Kind! Ich bin ohne Herz! Sie fraßen mein Herz!“ Sie war furchtbar. Der Prieſter betrachtete ſie mit kaltem Blick. „Eine beſonders haſſe ich,“ begann ſie auf's Neue, nund verfluchte ſie, ein Mädchen von dem Alter, in dem jetzt meine Tochter ſein würde, hätte die Mutter jener dieſe nicht gefreſſen. So oft die junge Viper bei meiner Zelle vorübergeht, regt ſich in mir mein Blut.“ „Nun, Schweſter, freue dich,“ ſprach der Prieſter, ſtarr wie eine Statue,„dieſelbe wirſt du ſterben ſehen.“ Sein Haupt fiel nieder auf die Bruſt und er ent⸗ fernte ſich langſam. Die Klausnerin rieb ſich vor Freude die Arme.„Ich hatte es ihr vorhergeſagt, daß ſie die Leiter dort hinauf⸗ ſteigen würde! Dank dir, Prieſter!“ rief ſie aus. Dann ging ſie mit großen Schrittten, mit fliegen⸗ dem Haar, mit flammendem Auge vor ihrer Luke auf und ab, ſie ſtieß die Mauer mit ihren Schultern und glich einer Wölfin im Käſicht, die lange gehungert, und welche merkt, es nahe die Stunde ihrer Mahlzeit. 6. Drei verſchieden gebildete Männerherzen. Phoebus war übrigens nicht geſtorben. Menſchen ſeiner Art haben ein zähes Leben. Als Meiſter Pbilipp Lheulier, außerordentlicher Advokat des Königs, der ar⸗ men Esmeralda geſagt hatte: Er ſtirbt, war es von ſeiner Seite Irrthum oder Scherz. Als der Archidia⸗ konus der Verurtheilten wiederholte: Er iſt todt, wußte er es zwar keinesweges, glaubte es aber, rechnete darauf, und zweifelte nicht daran, weil er die Hoffnung hegte. Gewiß konnte man auch nicht von ihm erwarten, 1 daß er dem Maͤdchen, welches er liebte, gute Nachricht von ſeinem Nebenbuhler überbringen ſollte. Jeder Mann hätte in ſeiner Stelle eben ſo gehandelt. Allerdings war die Wunde des Kapitäns gefährlich — 253— geweſen, aber doch nicht in dem Grade, wie der Archi⸗ diakonus es hoffte. Der Myrrhenmeiſter, zu dem die Soldaten der Wache ihn im erſten Augenblick getragen hatten, fürchtete acht Tage lang für ſein Leben, und ſagte ihm dies ſogar in lateiniſcher Sprache. Jugendkraft hatte aber die Oberhand behalten, und wie es oft, unge⸗ achtet aller Diagnoſen geſchieht, hatte die Natur es ſich einfallen laſſen, den Kranken zu retten und den Arzt zu verhöhnen. Während er noch auf ſeinem Bett bei'm Myrrhenmeiſter lag, hatte er das erſte Verhör von Phi⸗ lippe Lheulier und der Unterſuchungsrichter des geiſtlichen Gerichts überſtanden, auch ſich darüber nicht wenig gelang⸗ weilt. Als er daher an einem heitren Morgen ſich recht gut befand, ließ er ſeine goldenen Sporen dem Apotheker als Bezahlung zurück und machte ſich aus dem Staube. Uebrigens war dies durchaus kein Hinderniß hinſichtlich der Unterſuchung. Die damalige Gerechtigkeit beküm⸗ merte ſich durchaus nicht um Vollſtändigkeit in einem Kriminalproceß. Sie brauchte weiter Nichts, als, daß der Angeklagte gehängt wurde. Nun hatten ja aber die Richter ſchon genug Beweiſe gegen Esmeralda. Sie glaubten, Phoebus ſei todt, und das genügte. Phoebus ſeinerſeits war auch nicht weit geflohen, ſondern begab ſich ganz einfach nach Queue⸗en⸗Brie in Isle de France, einige Meilen von Paris entfernt, wo ſeine Kompagnie in Garniſon lag. Uebrigens war ihm durchaus nicht daran gelegen, bei dem Proceſſe zu erſcheinen. Er hegte ein dunkles Gefühl, dort werde er ſich lächerlich machen. Uebrigens wußte er ſelbſt nicht recht, was er von der Sache denken ſollte. Eben nicht fromm, aber deſto mehr abergläubiſch, wie jeder Soldat, der nur Soldat iſt, war er nicht ganz, wenn er bei ſich die Sache bedachte, über die Ziege, das ſonderbare Zuſammentreffen mit Esme⸗ ralda, über die eben ſo ſonderbare Weiſe, wie ſie ihn ihre Liebe errathen ließ, über ihre Geburt als Zigeu⸗ nerin und über das Geſpenſt im Reinen. Er merkte in der Geſchichte mehr Zauberei als Liebe, wahrſcheinlich eine Hexe, vielleicht den Teufel, kurz, eine Komodie, oder, um uns der damaligen Sprache zu bedienen, ein ſehr unangenehmes Myſterium, wo er die ſehr linkiſche Rolle der Prügel und des Auslachens ſpielte. Der Kapi⸗ tän war darüber ganz verdrießlich. Er empfand die Art Schaam, die unſer Lafontaine ſo bewundrungswürdig mit den Worten definirt hat: „Er ſchämte wie ein Fuchs ſich, den ein Huhn betrogen hat.“ Er hoffte, die Sache werde nicht in's Gerede kommen, und ſein Name wohl in ſeiner Abweſenheit kaum erwähnt werden, auf jeden Fall nicht jenſeits des Gerichtsſaales der Tournelle genannt werden. Hierin täuſchte er ſich auch nicht; damals gab es noch keine Gazette des Tri⸗ bunaux, und da ſelten eine Woche vorüberging, die damals nicht auf einer der unzähligen Gerechtigkeiten in Paris ihren Falſchmünzer gebraten, ihre Hexe gehängt und ihren Ketzer verbrannt aufweiſen konnte, war man auf allen Kreuzwegen der alten Feudalthemis ſo ſehr daran gewöhnt, den Henker mit nackten Armen und aufgekrempten Aermeln mit Galgen, Gabeln und Schand⸗ pfählen ſein Geſchaft betreiben zu ſehen, daß man kaum darauf achtete. Die damalige ſchöne Welt kannte ſelten den Namen des an der Straßenecke vorbeiziehenden Pa⸗ tienten, und nur der Pöbel verſpeiſ'te dies grobe Gericht. Eine Hinrichtung war ein ganz gewöhnliches Ereigniß auf den Straßen, eben ſo wie der Ofen des Bäckers, oder das Schlachthaus eines Schlächters. Der Henker war Nichts weiter, als ein Schlächter von etwas dunk⸗ lerem Kolorit. Phoebus alſo beruhigte ſich bald über die Zauberin Esmeralda oder Similar, wie er ſie nannte, über den Dolchſtich der Zigeunerin oder des Geſpenſtes(daran war ihm Nichts gelegen) und über den Ausgang des proceſſes. Sobald ſein Herz in dieſer Hinſicht frei war, nahm Fleur⸗de⸗Lys ihren alten Platz dort wieder ein; denn des Kapitäns Herz hatte, wie die damalige Phyſik, Schauder vor leerem Raum(horror vacui). Uebrigens war Queue⸗en⸗Brie auch ein ſehr lang⸗ weiliger Aufenthalt, ein Dorf, bewohnt von Roßſchmie⸗ den und Milchweibern mit aufgeſprungenen Händen, eine lange Reihe von verfallenen Häuſern und Strohhütten, die eine halbe Stunde lang die Heerſtraße einſäumten. Vor ſeiner letzten Leidenſchaft war ihm Fleur⸗de⸗ Lys ein ſchönes Mädchen und eine entzückende Mitgift; — deßhalb vermuthete eines Morgens der liebende Ritter, die Geſchichte mit der Zigeunerin ſei vergeſſen und been⸗ det, und erſchien ſtolzirend auf ſeinem Poſten vor der Thur des Hauſes Gondelaurier. Das zahlreiche Gedränge, welches ſich auf dem Platze vor Notre⸗Dame anhäufte, ließ er unbeachtet; er erin⸗ nerte ſich, man ſchreibe den Monat Mai, vermuthete eine Proceſſion oder das Pfingſtfeſt, band ſein Pferd an einen Ring der Halle und ſtieg munter die Treppe zu ſeiner ſchönen Verlobten hinan. Dieſe war allein bei ihrer Mutter, und hatte die Scene mit der Hexe, der Ziege, dem verwünſchten Alphabet und des Phoebus lange Abweſenheit ſeitdem immer im Kopfe gehabt. Als ſie aber den Kapitän eintreten ſah, fand ſie, ſein Wamms ſei ſo neu, ſein Wehrgehenk ſo glänzend, ſein Ausdruck ſo leidenſchaftlich, daß ſie vor Vergnügen erröthete, die alte Dame ſelbſt war ſchöner als je. Ihre ſchönen Haare waren entzückend geflochten; ſie trug ein himmelblaues Kleid, wie es den Blondinen ſo ſchön ſteht(dieſe Koketterie hatte ſie von Colombe gelernt), und ihr Auge ſchwamm in dem verliebten Schmachten, welches den Blondinen noch ſchöner ſteht. Phoebus, der ſchon lange keine Schönheiten, als die Dirnen von Queue⸗en⸗Brie geſehen hatte, ward über Fleur⸗de⸗Lys berauſcht, wodurch unſer Kapitän ſo galant und dienſtfertig wurde, daß beide ſogleich Frieden ſchloſ⸗ ſen. Selbſt Madame Gondelaurier, die mütterlich in — 257— ihrem Seſſel ſaß, beſaß nicht die Kraft, zu ſchmälen. Die Vorwürfe der Fleur⸗de⸗Lys erſtarben in zärtlichem Girren. Das Mädchen ſaß am Fenſter und ſtickte noch immer an ihrer Neptunsgrotte. Der Kapitän beugte ſich über die Lehne ihres Stuhls und ſie ſchmälte mit halb liebko⸗ ſendem Ton:„Böſer Mann, warum ſeid Ihr ſeit zwei langen Monaten nicht gekommen?“—„Ich ſchwöre Euch,“ erwiederte Phoebus, ein wenig verlegen,„Ihr ſeid ſo ſchön, um ſelbſt einen Erzbiſchof ſchwermüthig zu machen.“— Sie mußte lächeln.—„Schon gut, ſchon gut! Laßt jetzt meine Schönheit, wie ſie iſt, und ant⸗ wortet. Wahrhaftig, meine Schönheit muß groß ſein!“ —„Gut, liebe Couſine, ich mußte nach meiner Garniſon zurück.“—„Wohin? und warum kamt Ihr nicht, Ab⸗ ſchied zu nehmen?“—„Ich mußte nach Queue⸗en⸗Brie.“ Phoebus war entzückt, daß die erſte Frage ihm Gele⸗ genheit gab, die zweite unbeachtet zu laſſen. „Das iſt ja ganz in der Nähe. Warum beſuchtet Ihr mich nicht ein einzig Mal?“ Hier war Phoebus wirklich verlegen. Ich wurde abgehalten..... durch den Dienſt...... und ich war auch krank, ſchöne Couſine.“ „Krank?“ fragte ſie erſchreckt.—„Ja..... ver⸗ wundet.“—„Verwundet!“ Das arme Maäͤdchen erſchrack heftig.„Nun ja,“ XIV 17 — 258— ſprach Phoebus in nachläſſigem Ton,„es war gar Nichts, ein Zank und ein Degenſtoß. Was gilt Euch das?“ „Was mir das gilt?“ rief Fleur⸗de⸗Lys und erhob ihre in Thränen ſchwimmenden Augen.„Ach! Ihr ſagt mir nicht, was Ihr hierüber denkt. Was war das für ein Degenſtoß? Ich muß Alles wiſſen.“—„Gut, liebe Couſine. Ich zankte mich mit Mahé Fédy, dem Lieutenant von St. Germain en Laye. Wir ſpießten uns einander einige Zoll Haut. Weiter war es Nichts!“ 3 Der Kapitän wußte ſehr wohl, als er log, eine Ehrenſache hebe ſtets einen Mann in der Meinung einer Dame. Wirklich ſah ihm auch Fleur⸗de⸗Lys von Furcht, Bewunderung und Vergnügen bewegt, in's Geſicht. Sie war aber noch nicht ganz beruhigt. „Seid Ihr auch ganz geheilt, mein Phoebus? Ich kenne Mahé Fédy nicht,— aber er iſt ein häßlicher Mann. Woher kam denn der Zank?“ Hier begann Phoebus, deſſen Phantaſie eben keine Schöpfungskraft beſaß, wirklich in Verlegenheit zu gera⸗ then, wie er ſeine Heldenthat durchführen ſollte.„Oh!. was weiß ich... ein Nichts, ein Wort... Ein Pferd!.⸗ — Schöne Couſine,“ brach er plötzlich ab, um dem Ge⸗ ſpräche eine andre Wendung zu geben,„was bedeutet der Lärm auf dem Platz?“ Er trat an's Fenſter.—„Oh Gott, ſchöne Couſine, welch ein Gedränge!“ „Ich weiß es nicht,“ ſprach Fleur⸗de⸗Lys,„wie es — 259— ſcheint, ſoll eine Hexe vor der Kirche öffentlich Buße thun, um nachher gehängt zu werden.“ Der Kapitän glaubte ſo feſt, die Angelegenheit der Esmeralda ſei beendet, daß er auf die Worte der Fleur⸗ de⸗Lys ſehr wenig achtete. Uebrigens legte er ihr zwei oder drei Fragen vor.„Wie heißt die Hexe?“—„Ich weiß nicht.“—„Was hat ſie gethan?“— Fleur⸗de⸗Lys zuckte noch einmal ihre weißen Schultern.—„Ich weiß nicht.“ O Gott Jeſus!“ ſprach die Mutter, njetzt gibt es ſo viel Hexen, daß man ſie verbrennt, ohne ihre Namen zu kennen. Es wäre daſſelbe, als wollte man alle Na⸗ men der Wolken am Himmel wiſſen. Uebrigens kann man darüber ruhig ſein. Gott hält ſein Regiſter.“— Die alte ehrwürdige Dame ſtand auf und öffnete das Fenſter.—„Gott!“ rief ſie aus,„Phoebus, Ihr habt Recht. Welch eine Maſſe Pöbel! ſogar auf den Dächern! Gott ſei gelobt! Wißt Ihr, Phoebus, das erinnert mich an die Zeiten meiner Jugend, an den Einzug König Karls VII., wo auch ein ſolch Gedränge war. Ich weiß nicht mehr, in welchem Jahre. Wann ich Euch das erzähle, ſo ſcheint Euch das wohl ſehr alt, mir aber noch ſehr jung. Oh, das Gedränge war noch ſchöner wie jetzt, und ging ſogar bis an das Dach des Thores St. Antoine. Der König ritt mit der Königin hinten auf dem Sattel, und ſo alle Hoheiten und Herrſchaften. Ich erinnere mich noch, man lachte ſehr, weil neben Amanyon de 17* — 260— Garlande, die von kurzem Wuchs war, ein Ritter von rieſenhafter Geſtalt ſaß, der die Engländer haufenweis getödtet hatte. Das war ſchön. Es war eine Proceſſion aller franzöſiſchen Edelleute mit ihren Oriflammen, Rit⸗ ter mit Fahnen und Bannern. Was weiß ich? Der Herr von Calan mit einer Fahne; Jean de Chateau⸗ morant mit einem Banner, der Herr von Coucy mit einem Banner; der war auch reicher gekleidet als alle Andern, mit Ausnahme des Herzogs von Bourbon.... Ach! wie wehmüthig iſt der Gedanke, daß es damals ſo viel Schönes gab, und daß jetzt Alles dies verſchwun⸗ den iſt!“ Die beiden Verliebten hörten der ehrwürdigen Witwe ſchon lange nicht mehr zu. Phoebus hatte ſich wieder über die Stuhllehne ſeiner Verlobten gebeugt, und behauptete ſo einen lieblichen Poſten, von wo ſein lüſternes Auge in ale Oeffnungen des Leibchens von Fleur⸗de⸗Lys drang. Dies Leibchen gähnte für Phoebus ſo angenehm, und zeigte ihm ſo viel köſtliche Sachen, die ihn auch noch viele andre ahnen ließen, daß er durch den Wiederſchein des Atlas auf der weißen Haut geblendet, zu ſich ſelbſt ſprach: wie kann man doch ein andres Mädchen, als ein Blondes, lieben? Beide ſchwiegen. Von Zeit zu Zeit ſchlug das Mädchen entzückt und zärtlich die Augen auf und die Haare beider miſchten ſich in einem Sonnen⸗ ſtrahl des Frühlings. „Phoebus,“ ſprach plötzlich leiſe Fleur⸗de⸗Lys, nin — 261— drei Monaten werden wir heirathen; ſchwört mir, daß Ihr nie ein andres Mädchen liebtet.“ „Schöner Engel, ich ſchwör' es Euch! ich ſchwör⸗ es Euch!“ und ſein leidenſchaftlicher Blick vereinte ſich, um Fleur⸗de⸗Lys zu überzeugen, mit dem aufrichtigen Ton ſeiner Stimme. Vielleicht glaubte er es ſelbſt in dem Augenblicke. Die gute Mutter, entzückt, die Verlobten in ſo gu⸗ tem Einverſtändniß zu ſehen, verließ das Zimmer, um irgend ein häusliches Geſchäft zu beſorgen; Phoebus bemerkte es, und die Einſamkeit machte den muthigen Kapitän ſo kühn, daß ſonderbare Gedanken ihm in den Kopf kamen. Fleur⸗de⸗Lys liebte ihn; er war ihr Ver⸗ lobter; ſie war mit ihm allein im Zimmer; ſeine alte Neigung war wieder erwacht, zwar nicht mit aller Friſche, aber mit aller Gluth; auch iſt es ja kein großes Ver⸗ brechen, wenn man in ſeinem Korn, wann es noch grün iſt, ein wenig ſpeiſt; ich weiß nicht, ob ihm dergleichen Gedanken durch den Kopf gingen, aber Fleur⸗de⸗Lys ward plötzlich durch den Ausdruck ſeines Blickes erſchreckt. Sie ſah im Zimmer umher, und bemerkte, daß ihre Nutter ſich entfernt hatte.„Gott!“ rief ſie, ſchaam⸗ roth und unruhig;„wie heiß!“—„Ja wohl,“ ſagte Phoebus,„die Mittagsſonne ſcheint. Wir brauchen ja nur die Vorhänge herabzulaſſen.“—„Nein, nein„“ rief die arme Kleine,„ich bedarf im Gegentheil der friſchen Luft! Wie eine Hirſchkuh, welche von weitem die Meute riecht, ſprang ſie auf, öffnete das Fenſter und eilte auf den Balkon. Phoebus folgte ihr ein wenig verdrießlich. Der Platz von Notre⸗Dame, worauf der Balkon, wie wir wiſſen, hinausging, zeigte in dem Augenblick ein ſonderbares und unheilvolles Schauſpiel, daß der Schrek⸗ ken der furchtſamen Fleur⸗ de⸗ Lys plötzlich ſeine Natur veranderte. Ein ungeheures Gpringe. welches aus allen benach⸗ barten Straßen herbeifluthete, fullte den größeren Platz. Die kleine Mauer, die den Vorhof der Kirche von die⸗ ſem abſchnitt, hätte nicht genügt, das Volk zurückzuhab⸗ ten, wäre ſie nicht durch eine dichte Reihe von Sergean⸗ ten und Soldaten mit der Büchſe in der Fauſt unter⸗ ſtützt. So blieb der kleinere Platz vor der Kirche leer. Ihr Hauptchor war von Hellebardieren mit dem Wappen des Biſchofs bewacht. Die breiten Thore der Kirche waren geſchloſſen, und bildeten einen Gegenſatz zu den unzähligen Fenſtern des Platzes, welche offen ſtanden, und unzählige Köpfe zeigten, die wie Kugeln in einem Artilleriepark über einander gehäuft waren. Die Oberfläche dieſes Gedränges war grau, ſchmußz⸗ zig und erdfahl. Das erwartete Schauſpiel war offen⸗ bar eines von denen, welche die niedrigſte Hefe der Bevölkerung herbeizulocken pflegen. Ein ſcheuslicher Lärm erhob ſich aus dem Gewimmel gelber Kopfbedeckungen und ſtruppiger Haare. Von Zeit zu Zeit durchdrang — 263— eine ſcharfe, vibrirende Stimme den allgemeinen Lärm. „Ohe! He! Matthieu Valifre, wer wird da gehängt?“— „Pinſel! es iſt nur die Buße im Sünderhemde. Gott ſpukt ihr Latein in's Geſicht. Willſt du den Galgen ſehen, ſo geh' auf den Grèveplatz.“—„Nachher.“— „Sag', iſt es wahr, hat ſie nicht beichten wollen?“— „Ja, ſo ſcheint es.“—„Das Heidenmädchen!“— „ Herr, das iſt ſo Sitte. Der Bailli des Palais übergibt den verurtheilten Verbrecher zur Hinrichtung, wenn er ein Laie iſt, dem Prévôt von Paris; iſt es ein Geiſtlicher, dem Official des Biſchofs.“—„Ich danke Euch, Herr.“ „Gott!“ rief Fleur⸗de⸗Lys,„das arme Geſchöpf.“ Dieſer Gedanke gab dem Blick, den ſie über das Volk ſchweifen ließ, einen traurigen Ausdruck. Der Kapitän beſchäftigte ſich unterdeß mehr mit ihr, als mit dem Pöbelhaufen, und zerknitterte hinten das Band ihres Gürtels. Sie wandte ſich bittend und lächelnd zu ihm um.—„Bitte, Phoebus, laßt mich. Wenn meine Mut⸗ ter wieder einträte, ſähe ſie Eure Hand.“ In dem Augenblick ſchlug die Glocke in Notre⸗Dame langſam zwölf uhr. Ein Murmeln der Zufriedenheit erhob ſich im Volke. Die letzte Vibration des zwölften Schlages war kaum erloſchen, als alle Häupter ſich wie Wogen vor dem Winde aufrichteten. Der Ruf:„da iſt ſie,“ erſcholl von Dächern, Fenſtern und vom Pflaſter. Fleur⸗de⸗Lys hielt beide Hände vor's Geſicht, um — 264— nicht zu ſehen.„Schöne,“ ſprach Phoebus,„wollt Ihr wieder hereintreten?“—„Nein,“ erwiederte ſie, und oͤffnete aus Neugier wieder die Augen, die ſie aus Scheu geſchloſſen hatte. Ein Karren, gezogen von einem ſtarken normanni⸗ ſchen Gabelpferd, welches durch ein violettes Tuch mit weißen Kreuzen ganz verhüllt ward, kam aus der Straße St. Pierre aux Boeufs auf den Platz. Mit Hieben bahn⸗ ten die Sergeanten der Wache ihm den Weg. Neben dem Karren ritten mehrere Beamte der Gerechtigkeit und Polizei, als ſolche durch ihren ſchwarzen Anzug und ihre linkiſche Haltung im Sattel kennbar. Meiſter Jacques Charmolue paradirte an ihrer Spitze; auf dem unheil⸗ vollen Wagen ſaß ein Maͤdchen mit auf den Rücken gebundenen Armen; kein Prieſter befand ſich ihr zur Seite. Sie war im Hemde, ihr langes ſchwarzes Haar (damals war es Sitte, das Haar nur unter dem Galgen abzuſchneiden) fiel zerſtreut ihr über den Nacken und die halbentblößten Schultern. Hinter dieſem wogenden Haar, welches heller wie das Geſieder der Raben glänzte, ſchlang ein dicker, rauher und grauer Strick einen Knoten und rollte ſich um ihren ſchönen Hals, wie ein Regenwurm um eine Blume. Auf dem Strick glänzte ein kleines Amulet von grünem Glas, das man deshalb wohl gelaſſen hatte, weil man einem „Sterbenden Nichts verweigert. Die Zuſchauer von den Fenſtern konnten im Karren ihre nackten Beine erkennen, — 265— 1 die ſie mit dem inſtinktartigen Schaamgefühl eines Weibes unter ſich zu verbergen ſuchte. Zu ihren Füßen lag eine kleine geknebelte Ziege. Die Verurtheilte hielt ihr loſe gebundenes Hemd mit den Zähnen. Es ſchien, ſie empfand ihr Unglück noch ſchmerzlicher, daß ſie allen Blicken ſo nackt Preis gegeben ward. Ach! die Schaam gilt nichts in ſo furchtbaren Lagen. „Jeſus!“ ſprach heftig Fleur⸗de⸗Lys,„ſeht doch, ſchö⸗ ner Vetter, es iſt die häßliche Zigeunerin mit der Ziege.“ So ſprechend, wandte ſie ſich um; er hatte das Auge auf den Karren geheftet und war ſehr blaß. 3 „Welche Zigeunerin?“ fragte er ſtammelnd.— „Wie! erinnert Ihr Euch nicht.....„— Phoebus unter⸗ brach ſie:„Ich weiß nicht, was Ihr meint.“ Er wollte zurücktreten, allein Fleur⸗de⸗Lys, deren Eiferſucht noch kürzlich durch dieſe Zigeunerin ſo heftig erregt ward, und jetzt wieder erwachte, warf ihm einen durchdringenden mißtrauiſchen Blick zu. Sie erinnerte ſich dunkel, ſie habe gehört, ein Kapitän ſei in den Pro⸗ ceß verwickelt. „Was habt Ihr?“ fragte ſie Phoebus,„es ſcheint, dies Weib macht Euch verlegen?“— Phoebus ſuchte zu lächeln:„Mich? nicht im Geringſten. Nun, ja.“— „So bleibt,“ erwiederte ſie unerſchüttert;„ſehen wir Beide bis zum Schluſſe zu. Der Kapitän mußte nun wohl bleiben. Ein wenig ward er dadurch beruhigt, daß die Verurtheilte den Blick von dem Boden des Karrens nicht aufſchlug. Es war nur zu wahr, Esmeralda ſaß auf dem Karren. Auf die⸗ ſer letzten Stufe der Schmach und des Unglücks war ſie aber noch immer ſchön; ihre großen ſchwarzen Augen erſchienen noch als größer durch die Abmagerung ihrer Wangen. Ihr todtenbleiches Profil war rein und erha⸗ ben. Sie glich ihrer früheren Geſtalt wie Maſaccio's Jungfrauen den Jungfrauen Raphael's gleichen, ſchwächer, ſchlanker und magerer. Uebrigens ſchien Alles bei ihr unbeſtimmt zu ſchwan⸗ ken; außer der Schaam ſchien ſie durch Nichts erregt zu werden, ſo ſehr war ihr Gefühl durch ſtumpfe Ver⸗ zweiflung gebrochen. Ihr Körper fuhr bei jedem Rüt⸗ teln des Karrens in die Höhe wie eine Leiche; ihr Blick war düſter und wahnſinnig. In ihrem Augapfel ſchim⸗ merte zwar noch eine Thräne, dieſe aber ſchien unbeweg⸗ lich und gleichſam erfroren. Der düſtere Zug hatte die Maſſe unter ihrem Freu⸗ dengeſchrei und Stellungen, die ihre Neugier andeuteten, durchſchritten. Wir müſſen aber als treue Hiſtoriker berichten, daß Manche, und ſelbſt die Härteſten, durch Mitleid bewegt wurden, als ſie die ſo ſchöne unglückliche Esmeralda erblickten. Der Karren fuhr in den Vorhof und hielt vor dem Portal. Die Wache ſtellte ſich an beiden Seiten in Schlachtordnung. Die Menge ſchwieg und mitten in dieſer angſtvollen feierlichen Stille öffne⸗ ten ſich die beiden Flügelthüren des Hauptthores knarrend — 262— gleichſam von ſelbſt. Man ſah in die tiefe, düſtere, kaum durch einige Wachskerzen auf dem Hauptaltar erleuchtete Kirche, wie ſie ſich gleich einem finſtern Schlund auf den von Licht ſtrahlenden Platz hin öffnete. Auf einem ſchwar⸗ zen Tuch, das vom Gewölbe auf das Pflaſter fiel, ſah man ganz im Hintergrunde ein rieſenhaftes ſilbernes Kreuz. Das Schiff war einſam. Nur in den fernen Stühlen des Chors ſah man unbeſtimmt einige Prieſter⸗ köpfe, und als das Hauptthor ſich erſchloß, ertönte aus der Kirche ein lauter, ernſter, eintöniger Geſang, welcher Bruchſtücke von Leichenpſalmen der Verurtheilten an das Haupt ſchleuderte: „Non timebo millia populi circumdantis me; „Salvum me fac, Deus, quoniam intraverunt aquae usque ad animam meam.. e „Infixus sum in limo profundi; et non est sub- stantia.“ Zugleich ertönte, vom Chor vereinzelt, an den Stufen des Hauptaltars eine andre düſtre Stimme:„Qui ver- bum meum audit, et credit ei qui misit me, habet vitam aeternam et in judicium non venit, sed transit a morte in vitam.“ Dieſer Geſang, den einige im Dunkel verſchwindende Greiſe über dies ſchöne Geſchöpf voll Jugend und Leben, wie die Frühlingslüfte mit ihm koſeten, ſangen, war die Todtenmeſſe. Das Volk hörte andächtig. — 268— Die Unglückliche, verſtörten Sinnes, ſchien Geſicht und Vorſtellung im Innern der Kirche zu verlieren. Ihre bleichen Lippen regten ſich wie zum Gebet, und als ein Henkersknecht auf ſie zutrat, um ihr vom Karren hinabzuhelfen, hörte er, wie ſie mit leiſer Stimme ſprach:„Phoebus!“ Man band ihr die Hände los, und ließ ſie vom Karren mit der auch losgebundenen Ziege hinabſteigen, die aus Freude, frei zu ſein, laut meckerte. Dann mußte ſie barfuß auf dem harten Pflaſter bis zu den Stufen gehen. Der Strick um ihren Hals ſchleppte hinter ihr her und glich einer ihr folgenden Schlange. Da hörte der Geſang in der Kirche auf. Ein gro⸗ ßes goldenes Kreuz und eine Reihe Wachskerzen ſetzten ſich im Dunkel in Bewegung. Man hörte die Helle⸗ barden der bunt gekleideten Thürſteher ſchallen, und nach einigen Augenblicken zeigte ſich eine Proceſſion von Prie⸗ ſtern in Meßgewändern und von Diakonis in Dalma⸗ tiken, die mit ernſten Pſalmen auf die Verurtheilte zuging, den Blicken der Menge. Esmeralda's Blick aber weilte nur auf dem, der voranging, unmittelbar hinter dem Kreuzträger.„Ach,“ ſprach ſie bebend,„der Prie⸗ ſter iſt es wieder!“ Der Archidiakonus war es wirklich. Rechts von ihm ging der Unterſänger und links der Sänger mit dem Stabe ſeines Amtes. Er trat vor mit rücklings gebo⸗ genem Haupt, mit ſtarren, offenen Augen, und ſang: — 269— „De ventre inferi clamavi et exaudisti vocem meam. Et projecisti me in profundum in corde maris, et flumen circumdedit me.“ Im Augenblick, wo er, in einen weiten Mantel mit filbernem Kreuz gewickelt, unter dem Portal hervortrat, war er ſo blaß, daß Mancher unter den Zuſchauern dachte, eine der marmornen, Bildſäulen der im Chore auf Gräbern knieenden Biſchöfe ſei erſtanden und empfange auf der Schwelle des Grabes die zum Tode Beſtimmte. Sie, nicht weniger blaß und ſtarr, hatte kaum bemerkt, daß man ihr eine ſchwere, brennende Wachskerze in die Hand gab; ſie hörte nicht die kreiſchende Stimme des Schreibers, der die Bußformel vorlas, und als man ihr ſagte, ſie müſſe Amen ſagen, ſprach ſie Amen. Um ihr einiges Leben und einige Kraft wiederzugeben, mußte der Prieſter ihr ein Zeichen geben, ſich zu naähern, und ihren Wächtern, ſich zu entfernen. Da fühlte ſie, wie ihr Blut im Kopfe kochte, und ein letzter Zorn entzundete ſich in dieſer ſchon kalten und erſtarrten Seele. Der Archidiakonus ging langſam auf ſie zu. Auch noch in dieſem letzten Augenblick ſchaute ſte, wie ſein Auge, funkelnd von Lüſternheit, Eiferſucht und Verlangen, auf ihren nackten Formen weilte. Dann ſprach er laut: „Mädchen, haſt du zu Gott gebetet, dir deine Sünden und Fehler zu verzeihen?“— Er neigte ſich zu ihrem — 270— Ohr(die Zuſchauer meinten, er wolle ihre letzte Beichte hören):„Willſt du mein ſein? Noch kann ich dich retten.“ Sie beſchaute ihn mit ſtarrem Blick.—„Geh, Teu⸗ fel, oder ich klage dich an.“— Er lächelte furchtbar: „Man wird dir nicht glauben, du wirſt nur Aergerniß zum Verbrechen hinzufügen: Antworte ſchnell! Willſt du mein ſein?“—„Wo iſt mein Phoebus?“—„Todt.“ In dem Augenblick erhob der elende Archidiakonus mechaniſch ſein Haupt, und ſah auf dem Balkon des Hauſes Gondelaurier den Kapitän neben Fleur⸗de⸗Lys ſtehen. Er wankte, fuhr mit der Hand über die Augen, ſah noch einmal hin, murmelte eine Verwünſchung, und alle ſeine Züge zogen ſich heftig zuſammen. „Gut! du ſollſt ſterben! Niemand ſoll dich haben,“ murmelte er zwiſchen den Zähnen. Dann erhob er die Hand und rief mit einer Leichenſtimme:„I nunc, anima anceps, et sit tibi deus misericors!“ Dies war die furchtbare Formel, womit man damals dieſe düſtern Ceremonien ſchloß, das Signal, welches der Prieſter dem Scharfrichter gab. Das Volk ſank auf die Kniee. „Kyrie Eleyson“ riefen die Prieſter unter dem Spitzbogen des Portals.„Kyrie Eleyson“ wiederholle das Volk mit einem Rauſchen über alle Köpfe, gleich dem Brauſen eines bewegten Meeres.„Amen“ ſprach der Archidiakonus. Er wandte der Verurtheilten den Rücken; ſein — 221— Haupt ſank auf ſeine Bruſt; er kreuzte die Hände, und dann ſah man ihn mit dem Kreuz, den Kerzen und Prieſtern unter den dunklen Bogen der Kathedrale ver⸗ ſchwinden, ſeine männliche Stimme erloſch allmählig im Chor mit dem Geſange der Verzweiflung:„Omnes gurgites tui et fluctus tui super me transierunt.“ Zugleich erklang das Eiſen an den Hellebarden der Tra⸗ banten, das unter den Saͤulen des Schiffs allmählig erſtarb, wie der Hammer einer Uhr, der die letzte Stunde der Verurtheilten verkündete. Die Thore von Notre⸗Dame ſtanden noch offen und zeigten die Kirche, leer, einſam, trauernd, ohne Kerzen und Geſang. Die Verurtheilte ſtand unbeweglich auf ihrem Platz und wartete, bis man ſie ergriff. Einer der Sergeanten mit der Ruthe mußte Meiſter Char⸗ molue dies bemerklich machen; denn dieſer ſtudirte wäh⸗ rend der ganzen Scene das Basrelief des Portals, das nach Einigen Abrahams Opfer, nach Andern die Opera⸗ tion bei'm Aufſuchen des Steins der Weiſen darſtellt, ſo daß der Engel als Sonne, der Holzſtoß als Feuer, Abraham als der Künſtler erkläxt wird. Man konnte ihn nur mit Mühe ſeiner Träumerei entreißen; endlich gab er ein Zeichen, und zwei gelb gekleidete Männer, Knechte des Henkers, gingen auf die Zigeunerin zu, ihr die Hände zu binden. Vielleicht empfand die Unglückliche, als ſie den unheilvollen Karren wieder beſtieg, und im Begriff war, — 272— ihrem letzten Standpunkt ſich zu nahen, bittern Schmerz über den Verluſt des Lebens. Sie erhob ihre rothen, trockenen Augen zum Himmel, zur Sonne und zu den ſilbernen Wolken, dann blickte ſie über die Menge auf die Häuſer.... Plötzlich, während der Mann im gelben Kleide ihr die Arme band, ſtieß ſie ein furchtbares Freu⸗ dengeſchrei aus. Dort auf dem Balkon erblickte ſie ihren Geliebten, ihren Herrn, ihren Phoebus! Der Richter, der Prieſter hatte gelogen! Er war es ſelbſt, ſie konnte nicht länger zweifeln; dort ſtand er, ſchön, lebendig, im prächtigen Kleide mit der Feder auf dem Hut und dem Degen an der Seite. „Phoebus!“ rief ſie,„mein Phoebus!“ Sie wollte ihm die von Liebe und Entzücken zit⸗ ternden Arme entgegenſtrecken, ſie waren ihr aber auf den Rücken gebunden. Da ſah ſie, wie der Kapitän die Stirn runzelte, wie ein junges über ihn gelehntes Mädchen mit verächt⸗ lichen Lippen und gereizten Augen ihn anblickte; dann ſprach Phoebus einige Worte, die nicht zu ihr gelangten, und Beide verſchwanden ſchnell hinter der Glasthür des Balkons, die geſchloſſen ward. „Phoebus!“ rief ſie außer ſich,„du ſollteſt es glau⸗ ben!“ Ein furchtbarer Gedanke erſchütterte ſie; ſie erin⸗ nerte ſich, als Mörderin des Kapitäns Phoebus verur⸗ theilt zu ſein. Bis dahin hatte ſie Alles ertragen, doch dieſer letzte Schlag war zu hart. Bewegungslos fiel ſie — 278— auf's Pflaſter.—„Tragt ſie zum Karren,“ ſprach Char⸗ molue,„und macht der Sache ein Ende!“ Niemand hatte bis dahin auf der Gallerie der Königs⸗ ſtatuen über den Spitzbögen des Portals einen ſonderbaren Zuſchauer bemerkt, der bis dahin unbeweglich, mit ausge⸗ ſtrecktem Halſe, mit ſo entſtelltem Geſicht zugeſchaut hatte, daß man, ohne ſein halb rothes und violettes Kleid, ihn für eines der ſteinernen Ungeheuer gehalten hätte, aus deren Rachen ſeit ſechshundert Jahren die Rinnen der Kathedrale ſich ausleeren. Dieſem Zuſchauer war nichts entgangen, was ſeit zwölf Uhr am Portale ſich ereignet hatte. Schon in den erſten Augenblicken hatte er, ohne daß es Jemand bemerkte, einen dicken Strick mit Knoten, deſſen Zipfel bis auf die Treppe hinabhing, auf ein Säulchen der Gallerie gebunden. Dann ſchaute er ruhig zu, und pfiff bisweilen, wenn eine Amſel vorüberflog. Plötzlich, als ein Henkersknecht ſich anſchickte, den phlegmatiſchen Befehl des Meiſter Charmolue auszuführen, ſprang er über das Geländer, packte den Strick mit Füßen, Knieen und Hän⸗ den, dann flog er auf die Fasade wie ein Regentropfen, der an einer Glasſcheibe hinabrinnt, ſtürzte auf die bei⸗ den Henker mit der Schnelligkeit einer vom Dach gefal⸗ lenen Katze, ſchlug ſie mit ſeinen Fäuſten zu Boden, hob die Zigeunerin mit einer Hand, wie ein Kind ſeine Puppe, in die Höhe, und ſprang mit einem Satz in die Kirche zurück, indem er das Mädchen Aber ſeinem Haupte hielt, und mit furchtbarer Stimme ausrief:„Freiſtatt!“ XIV. 18 — 274— Dies geſchah mit ſolcher Schnelle, daß, ware Nacht — geweſen, man Alles beim Lichte eines Blitzes hätte ſchauen können.. „Freiſtatt! Freiſtatt!“ rief das Volk. Zehntauſende klatſchen in die Hände und Quaſimodo's einziges Auge funkelte vor Freude und Stolz. Dieſer Lärm erweckte die Zigeunerin aus ihrer Betäubung. Sie ſchlug ihr Auge auf und beſchaute Quaſimodo, ſchloß es aber ſogleich wieder, als ſcheue ſie ſich vor ihrem Retter. Charmolue, die Henker, die Wache ſtanden erſtaunt da. In den Mauern von Notre⸗Dame war die Verur⸗ theilte unverletzlich. Die Kathedrale war eine Freiſtatt. Jegliche Gerechtigkeit der Menſchen erſtarb auf ihrer Schwelle. Quaſimodo blieb unter dem Portale ſtehen. Seine breiten Füße ſchienen auf dem Pflaſter der Kirche ſo feſt zu wurzeln, wie die römiſchen Pfeiler. Sein dickes, haariges Haupt ſaß zwiſchen ſeinen Schultern, wie der Kopf der Löwen, die auch keinen Hals und Mähnen haben. Das zitternde Madchen hielt er in ſeinen ſchwie⸗ ligen Händen wie eine weiße Drapperie; er hielt ſie aber mit ſo viel Vorſicht, daß er zu fürchten ſchien, er möchte ſie zerbrechen oder knicken. Es ſchien, als ob er fühle, ſie ſei ein zartes, köſtliches Spielwerk, für andre Hände, wie fur die ſeinigen, geſchaffen. In einzelnen Augenblicken ſchien es, als wage er ſie nicht einmal mit ſeinem Hauche — 275— zu berühren. Dann drückte er ſie wieder heftig, als ſein Gut, ſeinen Schatz, an ſeine eckige Bruſt, als wäre er die Mutter des Mädchens. Sein Gnomenauge ſenkte ſich bald auf ihre Geſtalt, voll Zärtlichkeit, Schmerz und Mitleid, bald aber erhob es ſich plötzlich voll Blitze. Die Frauen lachten und weinten, die Menge jauchzte; denn in dem Augenblicke zeigte Quaſimodo eine eigenthümliche Schönheit. Er, die Waiſe, das Findelkind, der Auswurf der Menſchheit war ſchön; er fuͤhlte ſich erhaben und ſtark; er blickte der Geſellſchaft, aus der er verbannt war, in die er mit ſolcher Gewalt eingriff, in's Antlitz; er empfand, wie er der menſchlichen Gerechtigkeit die Beute entriſſen hatte, wie jene Tiger, Richter, Sbirren, Herren, mit den Zähnen im Leeren knirrſchten, wie er die Macht des Königs, er, aus der Hefe des Volkes, mit Gottes Kraft zerbrach. Auch war es rührend, wie Schutz einem ſo unglück⸗ lichen Weſen von einem ſo mißgeſtalteten zu Theil ward, wie Quaſimodo eine Verurtheilte rettete. Das äußerſte Elend der Geſellſchaft berührte und unterſtützte ſich hier. Nach einigen Minuten des Triumphes ſtürzte Qua⸗ ſimodo plötzlich mit ſeiner Laſt in die Kirche hinein. Das Volk, welches jede Heldenthat zu lieben pflegt, folgte ihm im dunklen Schiff mit dem Blick, und bedauerte, daß er ſich ſo ſchnell ſeinem Zuruf entzog. Plötzlich ſah man ihn am äußerſten Punkte der Königs⸗Gallerie wie⸗ der zum Vorſchein kommen; er durchlief ſie wie wahn⸗ 18* — 276— ſinnig, hob ſeine Eroberung auf den Armen empor, und rief:„Freiſtatt! Freiſtatt!“ Auf's Neue ließ das Volk donnernden Beifall vernehmen. Nachdem Quaſimodo die Gallerie durcheilt, ſtürzte er in's Innere der Kirche zurück; zugleich aber erſchien er wieder auf der oberen Platte, trug die Zigeunerin, lief wahnſinnig umher, und rief:„Freiſtatt!“ Lauter Jubel erhob ſich auf's Neue. Endlich erſchien er zum dritten Mal auf der Spitze des Glockenthurmes; es ſchien, als wolle er ſtolz der ganzen Stadt das gerettete Mädchen zeigen, und ſeine furchtbare Stimme, die man ſo ſelten vernahm, und die er ſelbſt nie hörte, rief bis in die Wolken:„Freiſtatt! Freiſtatt! Freiſtatt!“ „Brav! brav!“ rief das Volk, und dieſer ungeheure Zuruf ſetzte ſelbſt die Klausnerin am Grèveplatz in Erſtaunen, die, das Auge auf den Galgen geheftet, noch immer wartete. ffffffffffffffffffffffffff 11 12 13 14 15 16 17