75 -—= Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Sunime hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 9 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für npchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —.———er. auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„— 3„—„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. b 9 Notre-Yame von Paris. Deutſch von Franz Kottenkamp. Erſter Theil. — Frankfurt am Main, 1836. Druck und Verlag von Johann David Sauerlander. 4 8 5 Vorwaoöort. — Als der Verfaſſer dieſes Buchs vor einigen Jahren die Kirche Notre⸗Dame beſuchte oder vielmehr genau durchforſchte, ſah er in einem dunkeln Winkel eines Thurmes das Wort ANATKH in die Mauer gegra⸗ ben. Dieſe griechiſchen und vor Alter geſchwärzten Ma⸗ juskeln waren tief in den Stein geſchnitten. Der eigen⸗ thümlich gothiſche Charakter ihrer Züge und Stellung enthüllten, daß eine Hand des Mittelalters ſie ſchrieb. Dies Alles, beſonders aber der düſtere, verhängnißvolle Sinn des Wortes machte auf den Verfaſſer einen tiefen Eindruck. Er ſuchte zu ahnen, welche durch Schmerz gebeugte Seele von der Erde nicht ſcheiden wollte, bevor ſie dies Brandmal des Verbrechens oder Unglücks der Stirn jener alten, ehrwürdigen Kirche aufdrückte. Seitdem hat man die Mauer(ich weiß ſelbſt nicht mehr, welche) mit Kalk neu bedeckt und übertüncht. So verſchwand die Inſchrift. Seit zweihundert Jahren ver⸗ 1* —6 fährt man ja auf dieſe Weiſe mit den wunderbaren Kirchen des Mittelalters. Verſtümmlungen brechen von Innen und Außen auf ſie ein, der Prieſter läßt ſie an⸗ ſtreichen, der Architekt ſie abkratzen; endlich ſtürzt das Volk herbei, ſie niederzureißen.. Außer dem vergänglichen Denkmal, welches der Ver⸗ faſſer dieſes Buchs dem geheimnißvollen Wort im düſtern Thurm von Notre⸗Dame hier weiht, iſt gegenwärtig jegliche Spur des unbekannten Schickſals verſchwunden, das jenes Wort ſo ſchwermüthig andeutete. Wer dies Wort auf die Mauer zeichnete, erloſch ſchon ſeit Jahr⸗ hunderten aus den Menſchengeſchlechtern, das Wort erloſch an der Mauer der Kirche, vielleicht wird auch die Kirche einſt von der Erde verſchwinden. i5 Dies Wort war Veranlaſſung dieſes Buchs. März 1831. vN Erſtes⸗ Buch. 1. Der große Saal. Heute vor dreihundert acht und vierzig Jahren, ſechs Mo⸗ naten und neunzehn Tagen erwachten die Pariſer beim Lärm aller Glocken, die im dreifachen Bereiche der Cité, der Univerſität und Stadt ſämmtlich und laut erklangen. Uebrigens iſt der 6te Januar 1482 kein Tag, deſſen die Ge⸗ ſchichte einer Erwähnung würdigte. Im Ereigniß, welches ſeit der Morgenröthe Bürger und Glocken von Paris in Bewegung ſetzte, lag ehen nichts Außerordentliches, welches der Aufzeichnung werth war. Es galt weder einen Sturm der Picardier oder Burgunder, noch einen in Proceſſion getragenen Reliquienſchrein, noch einen Auf⸗ ſtand der Studenten im Weingarten von Laas, noch einen Einzug unſers ſehr gefürchteten Herrn, des. Herrn Königs, noch endlich ein Hängen von Dieben oder Diebinnen von Seiten der Gerechtigkeit zu Paris. Es war nicht einmal der in Paris während des 15ten Jahrhunderts ſo häufige Einzug einer Geſandſchaft, mit Stickerei und Federbüſchen geſchmückt. Erſt vor zwei Tagen hatten die flamländiſchen Geſandten, welche die — 8— Ehe des Dauphin und der Margaretha von Flandern ſchließen ſollten, zum großen Verdruß des Kardinals von Bourbon, ihren Einzug in Paris gehalten; denn dieſer mußte, dem König zu gefallen, den bäuriſchen Schwarm flamländiſcher Bürgermeiſter mit heiterm Antlitz empfan⸗ gen und ſie in ſeinem Hotel von Bourbon mit einer ſehr ſchönen Moralität, Luſt⸗ und Poſſenſpiel, bewirthen, während ein Paatzregen, ſeine prächtigen Ta⸗ peten vor ſeiner Thür überſchwemmte. Am öéten Januar ward das ganze Volk von Paris, wie Jehan von Troyes erzählt, durch eine doppente, ſeit undenklichen Zeiten vereinigte Feier in Bewegung geſetzt, durch den Tag der heiligen drei Könige und das Narren⸗ Feſt. An dem Tage brannte ein Freudenfeuer auf dem Grève⸗Platz; ein Maibaum war an der Kapelle von Braque aufgepflanzt, und ein Myſterium wurde im Juſtiz⸗ Palaſt gegeben. Am Tage vorher war dies auf d wegen von den Leuten des Herrn Prévot Röcken von veilchenblauem Camelott mit w auf der Bruſt, öffentlich ausgerufen. Hauſer und Buden waren geſchloſſen, und das Ge⸗ dränge der Bürger und Bürgerinnen wogte ſchon ſeit dem Morgen von allen Seiten auf einen der bezeichneten Orte zu. Jeglicher hatte ſich ſeinen Ort ſchon ausge⸗ wählt, der Eine das Freudenfeuer, ein Andrer den Mai⸗ baum, ein Andrer das Myſterium. Zum Ruhme des alten geſunden Menſchenverſtandes der Pariſer Maul⸗ en Kreuz⸗ „ in ſchönen eißen Kreuzen ℳ ₰ affen muͤſſen wir hier berichten, daß der größere Theil des Gedränges zum Freudenfeuer, welches für die Jahrs⸗ zeit durchaus ſich eignete, oder zum Myſterium hinwogte, welches im wohlverſchloſſenen und bedeckten Hauptſaale des Palais gegeden werden ſollte. Die Neugierigen waren ſämmtlich übereingekommen, den armen Maibaum ohne Blüthenſchmuck ganz allein im Januar⸗Winde auf dem Kirchhofe der Kapelle von Braque klappern zu laſſen. Hauptſächlich ſtrömte das Volk in die Zugänge des Juſtiz⸗Palaſtes; denn man wußte, die vor zwei Tagen angekommenen flamländiſchen Geſandten würden bei der Vorſtellung des Myſteriums und bei der Wahl des Nar⸗ renpapſtes, die ebenfalls im Hauptſaal des Palais geſchehen ſollte, gegenwärtig ſein. An dem Tage war es nicht leicht, in das Innere zu dringen, obgleich der Saal damals für den größten bedeckten Raum in der ganzen Welt galt(Sauval hatte noch nicht den Umfang des Hauptſaals im Schloſſe Montargis ausgemeſſen). Der mit Volk gefüllte Platz vor dem Palaſt bot den Neugierigen an den Fenſtern der Häuſer den Anblick eines Meeres, wohin fünf oder ſechs Straßen, gleich Mündungen von Flüſſen, ſtets neue Flu⸗ then von Köpfen ausgoſſen. Die Wogen dieſes ſtets ſchwellenden Gedränges brachen ſich an den Ecken der Häuſer, welche hie und da gleich Vorgebürgen in das unregelmäßige Becken des Platzes hervorſprangen. Im — 10— Mittelpunkt der gothiſchen*) Vorderſeite des Palaſtes wogte auf der großen Treppe ein doppelter Strom hin⸗ auf und hinab Steigender auf und nieder, welcher, nach⸗ dem er ſich unter dem mittleren Auftritt gebrochen, in breiten Wellen die Seiten⸗Abhänge hinabfloß. So rie⸗ ſelte die Haupttreppe unaufhörlich in den Platz, wie ein Waſſerfall in einen See. Geſchrei, Lachen, Trampeln von tauſend Füßen erweckte ungeheuern Lärm. Von Zeit zu Zeit ward dieſer verdoppelt; der Strom, welcher das Gedränge zur Haupttreppe trieb, brauſte zurück und wirbelte. Der Rippenſtoß eines Bogenſchützen oder das Pferd eines Sergeanten der Prévôté, um die Ordnung wieder berzuſtellen, verurſachte dieſe Wirren; eine bewun⸗ drungswerthe Tradition, welche die Prévoté der Conné⸗ tablie, die Connétablie der Maréchauſſée, und die Maré⸗ chauſſée unſrer Pariſer Gendarmerie von heute ver⸗ macht hat! An den Thüren, an den Fenſtern, zu den Dachlucken heraus, auf den Dächern wimmelten zu Tauſenden wackere Bürgerfiguren, ruhig und ehrenfeſt, den Palaſt, die Menge anguckend, ohne weitere Anſprüche; denn von der Pariſer⸗ *) Das Wort gothiſch, im gewöhnlichen Sinne obgleich unpaſſend, iſt allgemein angenommen. Wir gebrauchen es daher ebenfalls, wie alle Welt, um die Baukunſt der zweiten Hälfte des Mittelalters zu bezeichnen, deren Prinziv der Spitzbogen iſt, welcher auf den Rundbogen der erſten Hälfte folgte. — u= ſchaft begnügt ſich die Mehrzahl, blos die Zuſchauer zu beſchauen; eine Mauer, hinter welcher ſich irgend etwas ereignet, iſt für uns ſchon ein hinreichender Gegenſtand der Neugier. Würde es uns(uns Leuten von 1830) vergönnt ſein, uns in Gedanken unter dieſe Pariſer des 15ten Jahr⸗ hunderts zu mengen, uns mit ihnen, gezupft, geſtoßen, beinah kopfüber fallend, in jenen großen Saal des Palais zu drängen, der am 6ten Januar 1482 doch ſo eng gepfropft war,— das Schauſpiel wäre für uns weder ohne Intereſſe, noch ohne Reiz; wir würden rings um uns eine Menge ſo alter Dinge gewahren, daß ſie uns ganz neu vorkämen. Wenn der Leſer damit einverſtanden iſt, ſo wollen wir verſuchen, den Eindruck wieder zu finden, der auf ihn gewirkt hätte, wenn er mit uns über die Schwelle jenes großen Saales getreten, mitten in das Gewühl von Leuten im bürgerlichen Ueberwurf, in der Polizei⸗ tracht, gerathen wäre. Im erſten Augenblick ſummt es uns in den Ohren, ſchwimmt es uns vor den Augen, über unſern Häuptern erhebt ſich ein doppeltes Spitzgewölbe, mit hölzernen Bildwerken ausgetäfelt, mit goldnen Lilien auf azurnem Grunde bemalt; unſere Füße betreten einen Eſtrich von wechſelweis gelegten, ſchwarzen und weißen Marmor⸗ platten. Einige Schritte weit von uns erhebt ſich ein ungeheurer Pfeiler, weiterhin ein zweiter,— ein dritter, — in der ganzen Länge des Saales ſieben, welche in der Mitte ſeiner Breite die Kerne des Doppelgewölbes ſtützen. Rings um die vier erſten Pfeiler Kaufbuden voll Glaswaaren und Flitterſtaat; um die drei letztern ſehen wir eichene Bänke, abgerieben und blank geputzt von den Hoſen der Prozeſſirer und von den langen Röcken der Anwälte. Die hohen Mauern des Saales rings entlang, in den Räumen zwiſchen den Thüren, den Fenſtern, den Pfeilern zeigen ſich in unabſehbarer Reihe die Bildſäulen aller Könige von Frankreich ſeit Pharamund,— einige faulenzeriſch⸗ſchlaftrunken mit niedergeſchlagenen Blicken und ſchlaff⸗herabhängenden Armen,— ſo wie andere wieder gewaltig und kriegeriſch, Haupt und Hände gen Himmel gewandt. Ferner blendet uns, aus den langen, in Spitzbogen auslaufenden Fenſtern der tauſendfarbige Glanz der Glasmalerei; an den weiten Ausläauften des Saales prunken die reichen, mit feiner Bildhauerarbeit geſchmückten Pforten. Den Eindruck zu vollenden, ſchim⸗ mert Alles,— Gewölbe, Pfeiler, Mauern, Geſims, Ge⸗ täfel, Thüren, Statüen, von oben bis unten in der Far⸗ benpracht des Goldes und Azurs, welche,— obgleich ſchon in jenem Zeitpunkt, da wir den Saal in Gedanken betreten, etwas angedunkelt,— im Jahre des Heils 1549, als Du Breul ihn noch aus Tradition bewunderte, unter Staub und Spinngeweben beinahe ganz verſchwunden war. Man verſetze ſich nun in dieſen unermeßlichen läng⸗ — — 13— lichen Saal, erhellt von dem bleichen Lichtſchimmer eines Januartages, gewaltſam in Beſitz genommen von einer buntſcheckigten lärmenden Menge, welche, längs der Wände abfluthend, um die ſieben Pfeiler herum biegt,— und man wird bereits eine, wenn auch noch etwas wirre, Vorſtellung von dem ganzen Gemälde haben, deſſen ſon⸗ derbare Einzelnheiten wir alſobald genauer anzugeben verſuchen wollen. Es iſt gewiß, daß, hätte Ravaillac Heinrich den IV. nicht ermordet, die Prozeßakten in der Kanzlei des Juſtizvalaſtes nicht niedergelegt worden wären; dann hätten natürlich noch mehrere als Mitſchuldige Betheiligte keine Veranlaſſung gehabt, die benannten Prozeßakten zu vernichten; folglich hätte es auch keine Brandſtifter gegeben, welche, in Ermanglung eines beſſern Mittels, genöthigt waren, die Kanzlei zu verbrennen, um die Prozeßakten verbrennen zu können, und den Juſtizpalaſt anzuzünden, um die Kanzlei anſtecken zu können; kurz, der Brand von 1618 wäre nicht ausgebrochen. Der alte Palaſt ſtünde mit ſeinem alten großen Saale noch auf⸗ recht, und ich könnte dem Leſer die Weiſung geben: Er möge ſelbſt hingehen und ſich denſelben beſchauen; er und ich hätten dann eine Mühe weniger, ich— ihm eine Beſchreibung davon zu liefern, er, eine ſolche zu leſen.— Es ergibt ſich daraus folgende neue Wahrheit: Daß große Ereigniſſe unberechenbare Folgen haben. Wahr iſt's, daß Ravaillac von vorne herein ſehr — 14— möglicher Weiſe gar keine Mitſchuldigen hatte, daß ferner dieſe Mitſchuldigen, wenn er zufällig welche gehabt hätte, es beim Brand 1618 für nichts und wieder nichts geweſen wären. Man hat noch zwei andere, ſehr wahr⸗ ſcheinliche Erklärungen. Die erſte bezieht ſich auf den großen feurigen Stern, einen Fuß breit, ein Ellenbogen⸗ maas hoch, welcher, wie männiglich kund i*ſt, am ſiebenten März nach Mitternacht vom Himmel auf den Palaſt her⸗ unterſiel. Die zweite beruht auf der vierzeiligen Strophe von Theophile: 4 Das war ein trauriger Tag gewiß, Als die Dame Juſtiz in Paris, Weil ſie zu viel Süßes zu ſich genommen,*) Mit dem ganzen Palaſt in Hitze gekommen. Was man nun auch immer von dieſer dreifachen Deutung des Palaſtbrandes im Jahre 1618(der politi⸗ ſchen, der phyſiſchen und der poetiſchen) halten möge,— die Thatſache, welche unglückſeliger Weiſe gewiß bleibt, iſt der Brand. Man hat es jener Kataſtrophe, man hat es hauptſaͤchlich den verſchiedenen darauf folgenden Reſtau⸗ rationen, welche vollends verdarben, was jene noch ver⸗ ſchont hatte, zu verdanken, daß von dieſer erſten Woh⸗ nung der Könige von Frankreich, von dieſem Palaſt, der *) Das Wortſpiel im Original im Deutſchen durch ein ebenſo prägnantes zu erſetzen, dürfte ſchwer halten;— es heißt: avoir mangé trop d'épice(épice= Zuckerwerk und Gerichtsſporteln). Der Ueberſetzer. — 15— ſich rühmen durfte, älter zu ſein, als das Louvre, der ſchon zur Zeit Philipp des Schönen ſo alt war, daß man daſelbſt die Spuren der von Helgaldus beſchriebenen prachtigen Bauten des Königs Robert ſuchte,— daß von dieſem Palaſt, ſagen wir, heutzutage wenig mehr übrig iſt. Was iſt aus der Kammer der Kanzlei geworden, wo Ludwig der Heilige ſeine Hochzeit vollführte? was aus dem Garten, wo er Gericht hielt,„angethan mit einem Rock von Camelott, einem Ueberwurf ohne Aermel von Halbwolle und einen ſchwarzen Mantel darüber, auf den Teppichen ſchlafend mit Joinville?⸗ Wo iſt die Kammer des Kaiſers Siegismund? wo die Karl des IV.? jene Johann's ohne Land? wo die Treppe, von welcher herab Karl der VI. ſein Gnaden⸗Edikt ausrief? die Steinplatte, auf welcher Marcel, in Gegenwart des Dauphin, Robert von Clermont und den Marſchall von Champagne umbrachte? das Pförtchen, wo die Bullen des Gegen⸗Papſtes Benedikt zerriſſen wurden, und aus wel⸗ cher die Herren, welche ſie gebracht hatten, mit Spolt in Chormänteln und mit Biſchofskappen bekleidet und Kirchenbuße thuend durch ganz Paris,— wieder abziehen mußten? wo der„große Saal“ mit ſeiner Vergoldung, ſeinem Azur, ſeinen Spitzbogen, Bildſaulen, Pfeilern, ſeinem ungeheuern, ganz in Skulpturen ausgezackten Ge⸗ wölbe? wo die goldne Kammer? und der ſteinerne Löwe, der geſenkten Hauptes, den Schweif zwiſchen den Beinen, wie die Löwen am Throne Salomon's, in jener dem⸗ — 16— thigen Stellung an der Thür lag, wie ſie der Stärke vor der Gerechtigkeit gebührt? und die ſchönen Pforten? und die herrlichen Glasmalereien? und die eiſelirten Beſchläge, welche Biscornette entmuthigten? und die köſtlichen Schreinerarbeiten des Du Hancy?... Was hat die Zeit, was haben die Menſchen aus allen dieſen Wundern gemacht? Was haben wir fuͤr alles dies, für dieſe ganze altfranzöſiſche Geſchichte, für dieſe ganze gothiſche Kunſt wieder erhalten? Die ſchweren, gedrück⸗ ten Bogen des Herrn von Broſſe, dieſes plumpen Er⸗ bauers des Portals von St. Gervais— ſtatt der Kunſt; — ſtatt der Geſchichte: die geſchwätzigen Memoiren des dicken Pfeilers, die von den Klatſchereien der Patrü noch wiederhallen. Das iſt wirklich nicht ſehr viel als Erſatz. — Doch kehren wir zu dem großen Saal unſers alten Palaſtes zurück, wie er damals war. Von den beiden Enden dieſes ungeheuern Vierecks nahm das eine jene berühmte Marmorplatte aus einem einzigen Stück ein, welche ſo lang, ſo breit und ſo dick war, daß(um uns des Styls der alten Schriften zu bedienen, der einem Gargantua Appetit gemacht hätte) „eine ähnliche Marmorſchnitte“ auf der ganzen Welt nicht wieder zu finden war; auf dem andern Ende ſah man die Kapelle, wo Ludwig der XI. ſich, knieend vor der heiligen Jungfrau Maria, in Stein hatte abbilden laſſen, und wohin er auch, oyne ſich darum zu kümmern, daß in der Reihe der königlichen Bildſäulen nunmehr —-— 17— zwei Blenden leer blieben, die Standbilder Karls des Gro⸗ ßen und Ludwigs des Heiligen ſchaffen ließ, zweier Heiligen, von denen er annahm, daß ſie, als Könige von Frankreich, im Himmel ſtarken Kredit haben müßten. Dieſe damals noch ganze Kapelle(ſie war kaum ſeit ſechs Jahren erbaut) athmete ganz jenen reizenden Geſchmack der koſt⸗ baren Baukunſt, der wunderbaren Seculptur, der feinen und grundgediegenen Meißelarbeit, in welcher wir den Charaͤkter der Endezeit gothiſcher Kunſt erkennen und welcher bis gegen die Mitte des 16ten Jahrhunderts ſich ſelbſt noch in den phantaſtiſchen Werken des damals modern gewordenen Styles findet. Ein beſonderes Mei⸗ ſterſtück, was Zartheit und Grazie betraf, war die kleine gothiſche Roſe über dem Portal,— man nannte ſie einen Stern mit Kanten. In der Mitte des Saales, gegenüber von der großen Thüre, lehnte ſich eine mit Goldſtoff behangene Eſtrade an die Wand; man hatte für die Eſtrade vermittelſt eines Fenſters, welches zu dem heimlichen Gang der goldenen Kammer gehörte, einen eigenen Eingang her⸗ gerichtet; ſie war zu Plätzen für die zum Beſuch des Myſteriums eingeladenen flamländiſchen Geſandten und andere hohe Perſonen beſtimmt. Die früher benannte Marmorplatte war der Ort, wo man herkömmlicher Weiſe das Myſterium aufführte; ſchon von früh an war ſie zu dieſem Zwecke hergerichtet worden; die prachtvolle, aber von den Abſätzen der Parlamentsſchreiber bereits XIII. 2 — 18— ganz zerkratzte Rieſentafel trug jetzt ein ziemlich hohes Holzgerüſt, deſſen obere Fläche, den Blicken aller Zuſchauer im ganzen Saale gleich wohl gelegen, als Bühne dienen ſollte, während das Innere durch Teppich⸗Wände ver⸗ kleidet, den bei der Darſtellung betheiligten Schauſpielern eine Art von Garderobe bieten mußte; eine, ganz naiv von außen angelegte Leiter vermittelte die Kommunika⸗ tion zwiſchen der letzteren und der Bühne und gab ihre ſteilen Sproſſen für die Auftritte und Abgänge der Han⸗ delnden her; da gab es doch wirklich kein ſo unvorher⸗ geſehenes Kommen, keine ſo unerwartete Entwicklung, kei⸗ nen ſo heimlich vorbereiteten Knall⸗Effekt, der nicht gehalten geweſen waͤre, ſich auf dieſer Leiter hinauf zu bemühen. Unſchuldig ehrwürdiges Kindesalter der Kunſt und der Maſchinerie. Vier Sergeanten des Bailli vom Palaſt ſtanden, als beeidigte Aufſeher aller Volksfreuden, an Feſttagen wie bei Hinrichtungen, an den vier Ecken der Marmor⸗ platte hingepflanzt. Erſt mit dem zwölften Glockenſchlag der Mittag⸗ ſtunde, auf der großen Uhr des Palaſtes, ſollte die Vor⸗ ſtellung beginnen;— ohne Zweifel ziemlich ſpät für eine Bühnen⸗Vorſtellung; indeſſen, man mußte nun einmal die den Geſandten gelegene Stunde wählen. Jene ganze Volksmenge wartete nun ſchon ſeit Tages⸗ anbruch. Eine gute Anzahl dieſer wackern Schauluſtigen klapperte ſeit ſo geraumer Zeit aus Froſt mit den Zäh⸗ — 10— nen vor der großen Treppe des Palaſtes; etliche ver⸗ ſicherten ſogar, die Nacht unter dem großen Thore zuge⸗ bracht zu haben, um ja gewiß zuerſt hineinzukommen. In jedem Augenblick ſchwoll die Menge und begann, wie ein Gewäͤſſer, welches ſein Niveau übertritt, längs der Wände emporzuſteigen, rings um die Pfeiler anzuwach⸗ ſen, ſich über alle Geſimſe, Karnieſſe, Fenſterbrüſtungen, über alle architektoniſchen Vorſprünge, über alle Reliefs der Sculptur zu verbreiten. Da mußten denn Unbequem⸗ lichkeit, Ungeduld, Langweile, da mußte die Freiheit eines Tages des Cynismus und der Narrethei die durch Ellen⸗ bogenſtöße oder Tritte wohlbeſchlagener Schuhe aufge⸗ rüttelten Händel, die Ermüdung, als Folge des langen Wartens noch vor der Stunde, in welcher die Geſand⸗ ten eintreffen ſollten, dem unruhigen Lärmen dieſer ein⸗ geſchloſſenen, feſtgepfropften, gepreßten, zerwalkten, bei⸗ nahe erſtickten Menſchenmenge den Charakter von Bitter⸗ keit aufprägen. Man hörte nichts als Klagen und Flüche über die Flamänder, den Préoot des Handelſtandes, den Kardinal von Bourbon, den Hausvoigt vom Palaſt, Frau Margarethe von Oeſtreich, die beſtockten Trabanten, über Kälte, Hitze, ſchlechtes Wetter,— über den Biſchof von Paris, den Narrenpapſt, die Pfeiler, die Statuen, über die geſchloſſene Thüre hier, über das offne Fenſter dort, — Alles zum großen Spaß der Banden von Studenten und Lakaien, welche in der Menge hin und wieder wie ausgefaet waren, unter das allgemeine Mißbehagen noch 2* ihre beſondern Marotten und Bizarrerien dreinmengten und dadurch die allgemeine üble Laune noch, ſo zu ſagen, wie mit Nadelſtichen ſpickten. Ein Rudel ſolcher luſtigen Kobolde hatte, nachdem ſie die Scheiben eines Fenſters eingeſchlagen, verwegen auf einem Geſimſe Poſten gefaßt und trieb von da aus, Alles muſternd, ſeinen Spott mit Allem, was drinnen und draußen im Saal und auf dem Platze wimmelte. Aus ihren Grimaſſen, aus ihrem platzenden Gelächter, aus ihrem drolligen Zurufen, welches ſie von einem Ende des Saales zum andern an ihre Kameraden richteten und von dieſen erwiedert bekamen, ließ ſich leicht abneh⸗ men, daß dieſe jungen Muſenſöhne die Langweile und Ermüdung der übrigen Anweſenden nicht theilten und es verſtanden, zu ihrer beſondern Ergötzlichkeit einſtweilen das, was unter ihren Augen vorging, zu einem Schau⸗ ſpiel zu geſtalten, wobei ſie das andre geduldig erwarten konnten. „Bei meiner Seele, das ſeid Ihr, Johannes Frollo de Molendino!“ ſchrie einer von ihnen, ganz von der Art eines kleinen blonden Kobolds, von einem netten ſpitzbübiſchen Weſen, der ſich an das Akan⸗ thus⸗Schnitzwerk eines Kapitals angerankt hatte;„mit Recht heißt Ihr Johann von der Mühle, denn Eure zwei Arme und zwei Beine haben ganz das Anſehn von vier Windmühlenflügeln, die juſt im Gang ſind. Seit wie lang' ſeid Ihr ſchon hier?“ 8 21— „Bei des Teufels Mitleid!“ verſetzte Johannes Frollo,„über vier Stunden ſchon, und ich hoffe, daß ſie mir einſt an meiner Zeit im Fegefeuer abgezogen werden; ich hörte die acht Sänger des Königs von Sici⸗ lien den erſten Vers des Siebenuhr⸗Hochamts in der heiligen Kapelle anſtimmen.“ „Nette Sänger!“ nahm der Andere das Wort,„haben Stimmen, noch ſpitzer, als ihre Mützen. Der König hätte, bevor er dem heiligen Johannes eine Meſſe ſtiftete, doch zuerſt anfragen ſollen, ob dieſer ehrliche Mann,— der heilige Johann— den lateiniſchen Pſalmgeſang im provengaliſchen Accent vertragen kann?“ „Das iſt für nichts, als damit dieſe verdammten Sänger des Königs von Sicilien angeſtellt wurden; deß⸗ halb hat er's gethan,“ belferte ein altes Weib in der Menge unten am Fenſter.„Ich bitt' Such nur: tauſend Pariſer Livres für eine Meſſe! und noch obendrein auf den Pacht der Halle der Seefiſche in Paris.“ „Still, Alte!“ beſchwichtigte ein dicker gewichtiger Mann, der an der Seite einer Fiſchverkäuferin die Naſe zuhielt.„Das war ganz in der Ordnung, die Meſſe zu ſtiften. Oder wollt Ihr, daß der König in ſeine Krank⸗ heit zurückfallen ſollte?“ „Brav geſprochen, Meiſter Gilles Lecornü, könig⸗ licher Hofkürſchner,“ ſchrie der kleine Student, der ſich am Kapital angeklammert hielt. Ein lautes Gelächter aller Studenten bewillkomm⸗ Gehörnt. — 22— nete den verdrießlichen Namen des armen Kürſchners der Röcke des Königs. „Lecornu!*) Gilles Lecornu““ riefen die Einen.— „Cornutus et hirsutus!“ ſagte ein Andrer.—„Ja gewiß!“ begann der kleine Teufel des Kapitals auf's Neue.„Was lacht Ihr? das iſt der ehrſame Mann Gilles Lecornu, Bruder des Meiſters Jehan Lecornu, Préoôt vom Hotel des Königs, Sohn des Meiſters Mahiet Lecornu, erſten Hüters des Waldes Vincennes, ſämmtlich Bürger von Paris, ſämmtlich vom Vater bis auf den Sohn verheirathet.“ Das Gelächter ward verdoppelt. Der dicke Kürſch⸗ ner, ohne ein Wort zu erwiedern, bemühete ſich, den von allen Seiten auf ihn gerichteten Blicken ſich zu ent⸗ ziehen; allein er ſchwitzte und ſchnaubte vergeblich; er glich einem Keil, der in's Holz getrieben wird; alle ſeine Bemühungen befeſtigten nur um ſo mehr zwiſchen die Schultern ſeiner Nachbaren ſein breites, apoplektiſches, von Aerger und Zorn glühendes Geſicht. Endlich kam einer von dieſen, eben ſo dick, kurz und ehrwürdig, wie er ſelbſt, ihm zu Hülfe. „Verflucht! Studenten ſprechen ſo unverſchämt mit Bürgern! Zu meiner Zeit hätte man ſie mit Knütteln geprügelt, und ſie dann auf den Prügeln verbrannt!“ Der ganze Haufe brach in Gelaͤchter aus. „Holla! He! wer plarrt dies Lied? Wer iſt der Uhu des Unheils!— Wart, ich erkenne dich. Du biſt Meiſter Andry Musnier.— Weil er einer von den vier geſchwornen Buchhändlern der Univerſität iſt.— In ſeiner Bude iſt überall die Zahl vier. Vier Nationen, vier Fakultäten, vier Feſte, vier Prokuratoren, vier Wäh⸗ ler, vier Buchhändler.— Ja, ja,“ fiel Jehan Frollo ein, „wir müſſen Ihnen vier Teufel auf den Hals ſchicken. Musnier, wir verbrennen deine Bücher,— Musnier, wir prügeln deinen Bedienten,— Musnier, wir zerzau⸗ ſen deine Frau— die gute dicke Oudarde— die ſo friſch und munter iſt, als wäre ſie ſchon Wittwe.“ „Der Teufel mag Euch holen,“ brummte Meiſter Andry Musnier. „Meiſter Andry, ſchweig,“ fiel Jehan ein, der noch immer auf dem Kapitäl hing,„oder ich falle dir auf den Kopf.“ Meiſter Andry ſchlug die Augen auf, ſchien einen Augenblick lang die Höhe des Pfeilers und die Schwere des Schelms zu meſſen, multiplicirte dieſe Schwere mit dem Quadrat ihrer Geſchwindigkeit und ſchwieg. Jehan fährt triumphirend fort, als Herr des Schlacht⸗ feldes:„Ja, ja, das thu' ich, ob auch der Bruder eines Archidiaconus.“ „Schöne Herrn, unſere Oberen in der Univerſität! Sie machen nicht einmal an einem Tage, wie heute, unſre Prioilegien geltend! Maibaum und Freudenfeuer — 241— in der Stadt, Myſterium, Narrenpapſt und flamländiſche Geſandte in der Cité, in der Univerſttät Nichts!“— „Der Platz Maubert iſt ja groß genug,“ bemerkte einer der Schreiber, über das Fenſterbrett gebogen.— „Nieder mit dem Rektor, den Wählern und Prokura⸗ toren!“ rief Joannes.—„Heute Abend,“ fiel ein Andrer ein,„muß man auf dem Champ⸗Gaillard von den Büchern des Meiſter Andry ein Freudenfeuer machen!— und mit dem Pult der Schreiber!— und mit den Stäben der Pedelle!— und mit den Spucknäpfen der Decane! — und mit den Schränken der Prokuratoren!— und mit den Backtrögen der Wähler!— und den Fußſchemeln des Rektors!“ „Nieder mit ihnen!“ begann der kleine Jehan auf's Neue kreiſchend,„nieder mit Meiſter Andry! Nieder mit den Pedellen und Schreibern, Theologen, Aerzten und Dekretiſten! Nieder mit den Prokuratoren, Wäh⸗ lern und dem Rektor!“ „Das Ende der Welt iſt nah,“ brummte Meiſter Andry, ſich die Ohren verſtopfend.—„Beiläufig geſagt, da kömmt der Rektor über den Platz,“ rief einer von denen, die am Fenſter ſaßen. Alle wandten ſich dem Platze zu.—„Iſt es wahr⸗ haftig unſer ehrwürdiger Rektor, Meiſter Thibaut,“ fragte Jehan Frollo du Moulin, der, an einen Pfeiler im In⸗ nern geklammert, was außerhalb vorging, nicht ſehen konnte. — 25— „Ja, ja,“ erwiederten alle Andern,„er iſt's, Meiſter Thibaut, der Rektor.“ Wirklich war es der Rektor mit allen Würdenträ⸗ gern der Univerſität, die in Proceſſion der Geſandtſchaft entgegen gingen und in dem Augenblick über den Platz des Palais kamen. Die am Fenſter gedrängten Studen⸗ ten empfingen ſie im Vorbeigehn mit Spott und ironi⸗ ſchem Beifallgeklatſch. Der Rektor, welcher an der Spitze ſeiner Kompagnie marſchtrte, erhielt die erſte Lage. Sie war heftig.„Guten Tag, Herr Rektor! Holla! he! Guten Tag!— Der alte Spieler, wie geſchah's, daß er hier iſt! Er hat ſeine Würfel verlaſſen konnen!— Wie er auf dem Maulthier trottirt! Dies hat nicht ſo große Ohren, wie er ſelbſt.— Holla! he! guten Tag, Herr Rektor! Tybalde aleator! Alter Pinſel! Alter Spieler! — Gott beſchütze dich, haſt du oft geſtern Nacht die doppelte Sechs geworfen?— Oh! welche gebrechliche Geſtalt! Aus Liebe zum Spiel und zu den Würfeln gereckt und geſchlagen!— Wohin, Thibaut? Tybalde ad-dados, was drehſt du der Univerſität den Rücken und trottirſt zur Stadt?— Gewiß ſucht er eine Wohnung in der Straße Thibautodé!“*) rief Jehan du Moulin. Die ganze Bande wiederholte den Witz mit einer Donnerſtimme und mit wüthendem Händeklatſchen. —x— *) Wortſpiel auf Thibaut aux dés, Würfel⸗Thibaut; An⸗ ſpielung auf des Rektors Liebe zum Spiel. „Herr Rektor, Ihr ſucht eine Wohnung in der Straße Thibautodé, Ihr Würfeler von der Spielparthie des Teufels!“ Dann kam die Reihe an die übrigen Würdenträger. „Nieder mit den Pedellen, nieder mit den Stabträgern! — Sage doch, Robin Pouſſepain, wer iſt doch der da? — Gilbert de Suilly, Gilbertus de Soliaco, Kanzler des Kollegiums von Autun.— Hier iſt mein Schuh; du haſt einen beſſeren Platz, als ich, ſchmeiß ihn dem da an den Kopf.— Saturnalitias mittimus ecce nuces.— Nieder mit den ſechs Theologen und ihren weißen Ober⸗ kleidern!— Das ſind Theologen? Ich dachte, es wären ſechs weiße Gänſe, von S. Genoveva der Stadt geſchenkt, wegen des Lehens von Roognv.— Nieder mit den Aerzten!— Nieder mit den Kardinal⸗ und Quodlibetar⸗ Disputationen!— Da! ein Kopfputz von mir, Kanzler von S. Geniève; du haſt mir Unrecht gethan.— Ja, ja. Er gab meine Stelle in der Normandie dem kleinen Ascanio Falzaſpada, der zur Provinz Bourges gehört, weil er Italiener iſt.“—„Das iſt nicht recht!“ riefen alle Studenten.„Nieder mit dem Kanzler von S. Ge⸗ niève!— Ho! he! Meiſter Joachim Ladehors! Ho! he! Louis Dahuille! Lambert Hoctement!— Der Teufel erwürge den Prokurator der deutſchen Nation!— und die Kaplane der Sainte⸗Chapelle mit ihren grauen Pel⸗ zen!— Seu de pellibus grisis furratis!— Holla! he! die Meiſter in den Künſten! Alle ſchönen ſchwarzen — 27— und alle ſchönen rothen Kappen!— Der Rektor hat an ihnen einen ſchönen Schweif.— Er gleicht dem Dogen von Venedig, der ſich mit dem Meere vermählen will.— Jehan, die Kanonici von S. Genoveva!— Zum Teufel mit ihnen!— Abbé Claude Choart! Ihr ſucht wohl Marie⸗la⸗Giffarde?— Sie wohnt Rue Glatigny.*) Sie macht dem Gaunerkönige das Bett.— Sie bezahlt richtig ihre vier Déniers, quatuor denarios— aut unum bombum.— Soll ſie Euch mit Eurer Naſe bezah⸗ len?— Kameraden! Meiſter Simon Sanguin, Wähler der Picardie, mit ſeiner Frau hinter ſich im Sattel!— Post equitem sedet atra cura.— Sehr keck, Meiſter Simon!— Guten Tag, Herr Wähler!— Gute Nacht, Frau Wählerin!“ „Wie glücklich ſind doch Jene, Alles zu ſehen,“ ſagte ſeufzend Joannes de Molendino, noch immer auf dem Kapitäl ſitzend. Endlich neigte ſich der geſchworne Buchhändler der Univerſität, Meiſter Andry Musnier, zum Ohre des Kürſchners von den Kleidern des Königs mit den Worten: „Ich ſage Euch, Herr, das Ende der Welt iſt nahe. Man ſah nie ſolche Ausgelaſſenheit der Studenten. Die verfluchten Erfindungen des Jahrhunderts richten Alles zu Grunde, die Kanonen, Serpentinen, Bombarden und vor Allem die Buchdruckerkunſt, dieſe andre Peſt aus * Im Mittelalter die Straße der Freudenmädchen. — 28— Deutſchland. Keine Manuſcripte! Keine Bücher! Der Druck tödtet den Buchhandel! Das Ende der Welt iſt nah.“ „Das ſehe ich auch am Abſatz der Sammetſtoffe,“ ſagte der Kürſchner. In dem Augenblick ſchlug die Glocke zwölf Uhr Mittags. Die ganze Maſſe ſtieß mit einer Stimme ein„Ah“ aus. Die Studenten ſchwiegen. Plötzlich entſtand eine große Umwandlung, eine große Bewegung der Hände und Füße, ein allgemeines Donnern von Schnupfen und Huſten, Jeglicher ſtellte ſich zurecht, reckte, richtete und gruppirte ſich. Dann herrſchte tiefes Schweigen, alle Hälſe blieben ausgeſtreckt, jeglicher Mund ſtand offen, alle Blicke wurden zur Marmortafel gerichtet— Nichts erſchien. Die vier Sergeanten des Bailli ſtanden ſtarr, unbeweglich, wie vier mit Farbe beſtrichene Statuen, da. Alle Augen richteten ſich hierauf zu der den flamlandiſchen Geſandten zurückbehaltenen Eſtrade. Die Thür blieb verſchloſſen. Die Eſtrade leer. Seit dem Morgen erwar⸗ tete die Volksmaſſe drei Dinge, den Mittag, die flam⸗ ländiſche Geſandtſchaft, das Myſterium. Nur der Mittag hatte ſich pünktlich eingeſtellt. Das war zu viel auf einmal. Man wartete eine, zwei, drei, vier, fünf Minuten, eine Viertelſtunde. Nichts kam zum Vorſchein. Der Ungeduld folgte Zorn. Heftige Reden gingen herum, allerdings nur mit leiſer Stimme. — Das Myſterium, das Myſterium!“ murmelte man — 29— dumpf. Die Köpfe geriethen in Gährung.— Ein Sturm, der freilich nur dumpf brüllte, ſchwebte über der Ober⸗ fläche der Volksmaſſe. Jehan du Moulin ſchlug den erſten Funken. „Das Myſterium! Zum Teufel mit den Flamlän⸗ dern!“ rief er mit aller Kraft ſeiner Lungen, indem er ſich wie eine Schlange um das Kapitäl wand. Das Volk klatſchte mit den Händen.„Das Myſte⸗ rium!“ rief es ihm nach,„und Flandern hole der Teufel!“ „Das Myſterium, auf der Stelle!“ begann der Student aufs Neue,„oder mir ſcheint es zweckmäßig, zum Erſatz und anſtatt der Komödie und Moralität den Bailli des Palais zu hängen.“— „Schoͤn geſagt,“ ſchrie das Volk,„beginnen wir das Hängen mit den Sergeanten!“ Es folgte ein lauter Zuruf. Die vier armen Teufel wurden blaß und ſahen ſich einander an. Die. Volks⸗ menge ſetzte ſich gegen ſie in Bewegung, und ſie ſahen ſchon, wie das gebrechliche hölzerne Geländer, welches ſie von ihr trennte, ſich bog und unter dem Druck der Maſſe zu brechen ſchien. Der Augenblick war kritiſch.„Nieder mit ihnen! Nieder mit ihnen!“ rief man von allen Seiten. In dem Augenblick erhob ſich der Vorhang des An⸗ kleidezimmers, das wir oben beſchrieben haben, eine Perſon trat hervor, deren Anblick allein plötzlich die Menge aufhielt und wie durch einen Zauber ihren Zorn in Neugier wandelte. „Still!— Still!“— Die Perſon trat, an allen Gliedern zitternd und ohne das geringſte Zeichen von Gemüthsruhe, mit vielen Verbeugungen, die, je mehr ſie vortrat, deſto mehr Knie⸗ beugungen glichen, bis an den Rand der Marmortafel. Unterdeß hatte die Ruhe ſich allmählich wieder ein⸗ gefunden. Nur jenes leichte Geräuſch war zurückgeblie⸗ ben, welches vom Schweigen der Menge ſtets emporſteigt. „Ihr Herrn Bürger und ihr Frauen Bürgerinnen,“ ſprach Jener,„wir müſſen die Ehre haben, vor ſeiner Eminenz dem Kardinal eine ſehr ſchöne Moralität, welche heißt: das gute Urtheil der Frau Jungfrau Maria, zu deklamiren und darzuſtellen. Ich gebe den Jupiter. In dieſem Augenblick begleitet ſeine Eminenz die ſehr achtbare Geſandtſchaft des Herrn Herzogs von Oeſtreich, um die Rede des Herrn Rektors der Univer⸗ ſität am Thore aux Baudets zu hören. Sobald ſeine Eminenz erſchienen iſt, wollen wir anfangen.“ Gewiß konnte nur Jupiters Dazwiſchentreten die vier armen unglücklichen Sergeanten des Bailli vom Pa⸗ lais retten. Hätten wir das Glück, dieſe ſehr wahrhafte Geſchichte erfunden zu haben und folglich vor der Dame Kritik für ſie verantwortlich zu ſein, ſo könnte man gegen uns die klaſſiſche Regel nec deus intersit hiebei nicht in Anwendung bringen. Uebrigens war der Anzug — 31— des Herrn Jupiter ſehr ſchön, und hatte dadurch, daß er alle Aufmerkſamkeit der Menge auf ſich zog, nicht wenig beigetragen, das Volk zu beruhigen. Jupiter trug ein von ſchwarzem Sammt bedecktes Panzerhemd mit vergoldeten Nägeln; ſeinen Kopf ſchmückte ein mit ver⸗ goldeten ſilbernen Nägeln gezierter Helm, und ohne den rothen dicken Doppelbart, der beide Hälften ſeines Ge⸗ ſichts umhüllte, ohne die Rolle von vergoldeter Pappe, die, beſä't mit Flittern und ſtarrend von langen Stücken Rauſchgold, in ſeiner Hand ruhete, und worinn die Kenneraugen ſehr leicht den Donnerkeil erkannten, end⸗ lich ohne ſeine fleiſchfarbenen und mit Bändern auf griechiſche Weiſe geſchmückten Füße, hätte er mit einem bretagniſchen Bogenſchütz vom Corps des Herrn Herzogs von Berry, in aller Strenge des Anzugs, den Vergleich aushalten können. 2. Pierre Gringoire. Während ſeiner Anrede verminderten ſich indeß von Wort zu Wort die durch ſein Koſtüm bewerkſtelligte Beruhigung und Bewunderung: als er vollends an die unglückſeligen Schlußworte kam:„Sobald Se. Eminenz, der Herr Kardinal eingetroffen ſein werden, werden wir anfangen,“ verſchlang ein Donner von Spottgelächter ſeine Stimme. „Beginnt auf der Stelle! das Myſterium! augen⸗ blicklich das Myſterium!“ ſchrie das Volk. Aus allen Stimmen heraus aber hörte man bauptſächlich unſern Joannes de Molendino, deſſen Kehlenlaute den Spektakel durchgellten wie die Queerpfeife bei einer Katzenmuſik von Nimes.„Fangt auf der Stelle an,“ kreiſchte der Student. „Fort mit Jupiter und dem Kardinal von Bourbon!“ brüllten Robin Pouſſepain und die andern Muſenſöhne, welche am Fenſter ſaßen. „Augenblicklich die Moralität!“ wiederholte die Menge, gleich auf der Stelle! Sack und Strick für die Komö⸗ dianten und den Kardinal.“ Der arme Jupiter ließ, ganz verſtoͤrt, beſtürzt und erblaſſend unter ſeiner Schminke, ſeinen Blitz fallen, nahm ſeinen Helm in die Hand, ver⸗ beugte ſich und ſtammelte zitternd:„Seine Eminenz... die Geſandten.... Frau Margarethe von Flandern.“— —— Er wußte, aus Furcht, gehangen zu werden, im Grande nicht, was er ſagen ſollte. Vom Volk zum Hängen beſtimmt,— für's Wartenlaſſen, vom Kardinal, wenn er nicht wartete, ſah er zu beiden Seiten einen Abgrund oder vielmehr einen Galgen. Glücklicher Weiſe riß ihn plötzlich ein Anderer aus der Verlegenheit und aus der Verantwortlichkeit. Eine Perſon, welche bisher dieſſeits der Baluſtrade, in dem rings um die Marmortafel frei gehaltenen Raum geſtan⸗ den, und welche noch von Niemand bemerkt worden war, weil der Durchmeſſer des Pfeilers, an den er ſich gelehnt hatte, ſeine lange dünne Figur von Jedermanns Geſichts⸗ — 33— 2 kreis abſchnitt, näherte ſich jetzt, dem armen Schlachtopfer auf der Bühne ein Zeichen gebend, der Marmorplatte; es war ein großer, magerer, blaſſer, junger Menſch, der gleichwohl auf Stirn und Wangen ſchon Runzeln hatte, ſeine Blicke leuchteten, um ſeine Lippen ſchwebte ein Lächeln, er trug eine ſchwarze, vom vielen Tragen glän⸗ zend abgeriehene Sarſche. Der arme Schelm auf der Bühne aber bemerkte ihn nicht gleich. Der neue Ankömmling trat einen Schritt naher und ſprach:„Jupiter, mein lieber Jupiter.“ Der Andere horte ihn noch immer nicht. Endlich ſchrie ihm der lange Blondkopf beinahe dicht unter die Naſe: „Michel Giborne!“ „Wer ruft mich?“ erwiederte Jupiter, wie aus Traumen empor fahrend. „Ich,“ erwiederte der Mann in der ſchwarzen Sarſche. „Ach,“ ſtöhnte Jupiter. „Fangt nur gleich an,“ fuhr der Andere fort,„ſtellt das Publikum zufrieden, ich will's über mich nehmen, den Herrn Bailli zu beſänftigen, und der wird mit dem Kardinal ein Gleiches thun.“ Jupiter ſchöpfte wieder Luft. „Meine Herrn Bürger,“ ſchrie er mit aller Kraft ſeiner Lunge zu der noch immer tobenden Menge,„augen⸗ blicklich werden wir anfangen.“ XIII. 3 *— 34— „Eroc, Juppiter! Plaudite, cives!“ brüllten die Studenten, und das Volk jauchzte hinten drein. Ein donnergleich betäubendes Händegeklatſch beglei⸗ tete den Jubel, daß der Saal davon noch zitterte, ſelbſt als Jupiter ſchon hinter ſeinem Teppich verſchwunden war. Inzwiſchen hatte ſich der Unbekannte, der wie durch Zauberei den Sturm(um mit unſerm alten Corneille zu ſprechen) ſo ſchnell in Meeresſtille verwandelt, beſcheiden in's Halbdunkel ſeines Pfeilers zurückgezogen und wäre daſelbſt ohne Zweifel eben ſo unſichtbar, unbeweglich und ſtumm wie früher geblieben, hätten ihn nicht zwei junge Frauenzimmer, welche in den erſten Reihen der Zuſchauer ſaßen und ſein Geſpräch mit Michel Giborne⸗Jupiter belauſcht hatten, aus jenem Verſteck hervorgebeten. „Schweigt, liebe Liénarde,“ ſagte ihre hübſche, blü⸗ hende, geputzte Nachbarin.„Er iſt kein Kleriker; er iſt ein Laie; Ihr müßt nicht Meiſter, ſondern Herr ſagen.“ „Herr,“ ſagte Liénarde. Der Unbekannte trat an das Geländer.„Was wünſcht Ihr Damen,“ fragte er mit dem Ausdruck eifri⸗ ger Dienſtfertigkeit. „O Nichts,“ erwiederte Liénarde verlegen, meine Nachbarin Gisquette wollte Euch Etwas ſagen.“ „Nein,“ ſagte Gisquette erröthend,„Liénarde redete Euch Meiſter an; ich belehrte ſie, ſie müſſe Herr ſagen.“ 6 3 Die beiden Mädchen ſchlugen die Augen nieder. Der — 35— Angeredete, welcher nichts Andres wünſchte, als ein Ge⸗ ſpräch anzuknüpfen, betrachtete ſie lächelnd. „Ihr habt mir alſo Nichts zu ſagen, meine Damen.“ „O, durchaus Nichts,“ ſagte Gisquette. „Nichts,“ ſagte Liénarde. Der ſchlanke blonde Mann ſchritt ein wenig zurück; allein die beiden neugierigen Mädchen hatten keine Luſt, die Gelegenheit zu ſchwatzen ſich entſchlüpfen zu laſſen. „Herr,“ ſagte Gisquette lebhaft, mit dem Ungeſtüm einer geöffneten Schleuſe oder einer Parthei ergreifenden Frau,„Ihr kennt alſo den Soldat, der die Rolle unſerer Frau, der heiligen Marie, im Myſterium ſpielt?“ „Ihr meint die Rolle Jupiter's,“ erwiederte der Ungenannte. „Ja,“ ſagte Liénarde,„wie dumm iſt die! Ihr kennt alſo Jupiter?“ „Den Michel Giborne?“ fragte der Ungenannte. „Ja, meine Damen.“ „Wie prächtig iſt ſein Bart,“ ſagte Liénarde. „Werden die ſchöne Sachen ſprechen?“ fragte furcht⸗ ſam Gisquette. „O ſehr ſchöne, meine Dame,“ erwiederte der Un⸗ genannte ohne Bedenken. „Was iſt das Stück?“ fragte Liénarde. „Das treffliche Urtheil der Frau Jung⸗ frau Moralität, meine Dame.“ „So, das iſt was Andres,“ erwiederte Lisnarde. 3* — 36— Es folgte eine kurze Pauſe. Der Unbekannte unter⸗ brach ſie: „Es iſt eine ganz neue und noch nicht aufgeführte Moralität.“ „Es iſt alſo nicht dieſelbe,“ begann Gisquette auf 8 Neue,„die man vor zwei Jahren bei'm Einzuge des Herrn Legaten hielt, wo drei ſchöne Mädchen auftraten...“ „Syrenen,“ unterbrach ſie Liénarde. „Ganz nackte Mädchen,“ fügte der junge Mann hinzu. Liénarde ſchlug ſchamhaft die Augen nieder; Gis⸗ quette ſah ſie an und that dann daſſelbe. Er fuhr lächelnd fort: „Das war ſchön anzuſchauen. Aber heute gibt man eine Moralität, die für die Prinzeſſin von Flandern ganz beſonders geſchrieben wurde.“ „Werden Schäferlieder da geſungen?“ fragte Gis⸗ quette. „Pfui!“ antwortete der Unbekannte,„in einer Mo⸗ ralität! Ihr müßt die verſchiedenen Arten des Schau⸗ ſpiels nicht verwechſeln; das gehört in eine Poſſe.“ „Wie Schade!“ begann Gisquette auf's Neue.„Am Springbrunnen der Klapproſe kämpften an dem Tage wilde Männer und Frauen, zeigten ſchöne Stellungen und ſangen kleine Verschen und Schäferlieder.“ „Was ſich für einen Legaten ſchickt, ſchickt ſich für keine Prinzeſſin,“ ſagte der Unbekannte in trockenem Ton. „Neben ihnen,“ erzählte Liénarde,„ſpielten Inſtru⸗ — 37— mente ſchöne Weiſen. Und um die Vorübergehenden zu erfriſchen,“ ſagte Liénarde,„ſpritzte der dreifache Mund des Springbrunnens Wein, Milch und Muskateller; Jeglicher trank, der Luſt hatte. Und nicht weit von der Klapproſe, bei der Dreifaltigkeit, ward eine Paſſion von nicht redenden Perſonen gegeben.“ „Ob ich mich deſſen erinnere,“ rief Gisquette,„Gott am Kreuz und die beiden Schächer rechts und links.“ Hier fingen die beiden Gevatterinnen, erhitzt von der Erinnerung an den Einzug des Legaten, zugleich zu ſprechen an. „Und mehr nach vorn, am Thore zu den Malern ſtanden andre, prächtig gekleidete Perſonen.“ „Und bei dem Springbrunnen St. Innocenz ein Jäger, der bei'm Lärm der Hunde und Jagdhörner eine Hirſchkuh verfolgte.“ „Und bei den Schlächterbuden ſtanden die Gerüſte, welche die Baſtille von Dieppe darſtellten.“ „Weißt du noch, Gisquette, als der Legat vorüber⸗ zog, lief man Sturm und ſchnitt allen Engländern die Kehlen ab.“ „Und am Thore des Chatelet ſtanden ſo ſchöne Per⸗ ſonen.“ „Und die Brücke, die man am Change geſchlagen hatte.“ „Und als der Legat über ſie hinſchritt, ließ man mehr als 200 Dutzend aller Arten Vögel fliegen. Das war ſehr ſchön, Liénarde.“ — 38— „Heute wird's noch ſchöner ſein,“ unterbrach ſie der junge Mann. „Ihr verſprecht uns, das Myſterium wird ſchön ſein?“ fragte Gisquette. „Gewiß,“ ſagte er;„dann fügte er mit nachdrück⸗ lichem Ton hinzu:„Ich bin der Dichter!“ „Wahrhaftig?“ fragten die beiden Mädchen voll Staunen. „Wahrhaftig!“ erwiederte der Dichter, ſich leicht räuspernd.„Das heißt, wir ſind zwei; Jehan Mar⸗ chand, der die Bretter fügte, das Gerüſt aufſchlug, und ich, der das Stück dichtete, ich heiße Pierre Gringoire.“ Der Dichter des Cid hat gewiß nie mit größerem Stolze geſagt: Pierre Corneille. Unſere Leſer konnten bemerken, daß von dem Augen⸗ blicke, wo Jupiter unter die Tapeten zurückkehrte, bis dahin, wo der Dichter des Myſteriums ſich ſo plötzlich der naiven Bewunderung der Gisquette und Liésnarde entdeckte, einige Zeit verſtrichen war. Wie ſonderbar! jene vor einigen Minuten noch ſo unruhige Volksmaſſe wartete ſanftmüthig und trauete dem Worte des Schauſpielers; denn es iſt eine ewige Wahrheit, und man kann ſie noch täglich auf unſern heutigen Theatern erproben; das beſte Mittel, ein Pu⸗ blikum zum geduldigen Warten zu bringen, iſt die Ver⸗ ſicherung, daß man ſogleich anfangen wolle. Der Student Joannes war aber nicht eingeſchläfert. — 39— „Holla he!“ rief er plötzlich in die Stille der Erwartung hinein, die auf den Lärm gefolgt war. Jupiter, Frau Jungfrau, Taſchenſpieler des Teufels! Foppt Ihr uns? Das Stück! das Stück! Fangt an, oder wir fangen wieder an!“ Mehr ward nicht erfordert. Eine Muſik von hohen und tiefen Inſtrumenten ließ ſich aus dem Innern des Gerüſtes vernehmen, vier buntſcheckig geputzte und ge⸗ ſchminkte Geſtalten traten hervor, klommen die ſteile Leiter hinan und ſtellten ſich, als ſie oben das Gerüſt betreten hatten, vor dem Publikum, das ſie mit tiefer Verbeugung grüßten, in einer Reihe auf. Das Myſterium begann. Die vier Perſonen, nachdem ſie reichliche Bezahlung für ihre Verbeugungen in Beifalklatſchen erlangt hatten, begannen unter andächtigem Schweigen einen Prolog, mit dem wir den Leſer gern verſchonen. Uebrigens beſchäf⸗ tigte ſich das Publikum, wie dies heutzutage noch oft zu geſchehen pflegt, mehr mit dem Anzug, als der Rolle der Schauſpieler; und, in Wahrheit, dies war gerecht Alle trugen halb weiß, halb gelbe Kleider, die ſich nur durch den Stoff unterſchieden. Der Rock des erſteren war von Silber⸗ und Gold⸗Brokat, der des zweiten von Seide, der des dritten von wollenem Tuch, der des vierten von Leinwand. Der erſte Schauſpieler hielt in der rechten Hand ein Schwert, der zweite ein Paar goldner Schlüſſel, der dritte eine Wage, der vierte einen 40 Spaten. Um auch den trägeren Auffaſſungsgaben, welche dieſe Attribute nicht gleich durchblicken könnten, zu Hulfe zu kommen, konnte man in großen, ſchwarzen und geſtick⸗ ten Buchſtaben leſen, am Saume des Brokatkleides: Ich heiße Adel, am Saume des ſeidenen Rocks: Ich heiße Geiſtlichkeit, am Saume des wollenen: Ich heiße Kaufmannsſtand und am Saume des leinenen: Ich heiße Bauernſtand. Das Geſchlecht der beiden männlichen Allegorieen war dem Scharfblick des Zuſchauers durch kürzere Röcke und ein Barett angedeutet, während die beiden weiblichen Allegorieen ein langeres Kleid und eine Haube auf dem Kopfe trugen. Nur Böswillige konnten aus der Poeſie des Prologs nicht bemerken, daß Ackerbau an Handelsſtand, Adel an Geiſtlichkeit vermählt war, daß beide glück⸗ liche Paare einen ſchönen Delphin von Gold gemein⸗ ſchaftlich beſaßen, den ſie nur der Schönſten zuſprechen wollten. Sie durchwandelten die Welt und ſuchten die Schönheit, und als ſie nach einander die Königin von Golconda, die Prinzeſſin von Trebiſund, die Tochter des Groß⸗Khans der Tartarei verſchmäaht hatten, war Bauern⸗ ſtand und Geiſtlichkeit, Adel und Kaufmannsſtand nach Paris gekommen, ruheten aus auf der Marmortafel des Juſtiz⸗Palaſtes, und gaben dem ehrenwerthen Publikum ſo viel ſchöne Sprüche und Sentenzen zum Beſten, als man damals nur bei irgend einem Examen, einer Disputation oder einer Feierlichkeit der Fakultät der — 41— Künſte, wo die Meiſter und Baccalauren zu Doktoren wurden, nur immer vorbringen konnte. Alles war auch wirklich ſehr ſchön. Aber es gab im ganzen Gedränge, worüber die vier Allegorien ihre Fluth von Metaphern wetteifernd hingoſſen, kein auf⸗ merkſameres Ohr, kein heftiger klopfendes Herz, kein heller blitzendes Auge, keinen weiter vorgeſtreckten Hals, als das Auge, Ohr, Herz und Hals des Dichters, jenes rechtſchaffenen Pierre Gringoire, der einen Augenblick vorher der Freude, ſeinen Namen den beiden hübſchen Mädchen zu nennen, nicht hatte widerſtehen können. Er war einige Schritte zurück hinter den Pfeiler getreten, dort ſah, hörte und genoß er ſein Werk in langen Zügen. Das wohlwollende Klatſchen, womit ſein Prolog begrüßt war, durchzuckte noch immer ſeine Nerven, und er war in jene Art entzückter Selbſtbetrachtung verſunken, womit ein Schriftſteller zu horchen pflegt, wie alle ſeine Gedan⸗ ken, einer nach dem ardern, aus dem Munde des Schau⸗ ſpielers in das ſchweigende Publikum fallen. O du wür⸗ diger Mann, Pierre Gringoire! Es thut uns ſehr leid, berichten zu müſſen, jene erſte Entzückung ward ſehr bald geſtört. Kaum hatte Gringoire ſeine Lippen an den berauſchenden Becher der Freude und des Triumphes geſetzt, als ein Tropfen Bitterkeit ſich in den Trank miſchte. 1 Ein zerlumpter Bettler, der, in der Maſſe verloren, keine Einnahme hatte halten können und ohne Zweifel keine hinreichende Entſchädigung in der Taſche ſeiner Nachbarn fand, war auf den Einfall gekommen, ſich auf irgend einen hervorragenden Punkt zu ſetzen, um Blicke und Almoſen auf ſich hinzulenken; deßhalb war er mit Hülfe der Pfeiler der hinteren Erhöhung bis zum Kar⸗ nies heraufgeklettert, welches das Geländer am unteren Theile umzog; dort ſaß er und nahm die Aufmerkſam⸗ keit und das Mitleid der Menge mit ſeinen Lumpen und einem ſcheuslichen Geſchwür in Anſpruch, welches ſeinen rechten Arm bedeckte. Uebrigens ſagte er kein Wort. Sein Schweigen ließ den Prolog ohne Hinderniß ſeinen Fortgang nehmen, und keine unangenehme Stö⸗ rung wäre dazwiſchen gekommen, hätte es ein unglück⸗ liches Verhängniß nicht gewollt, daß der Student Joan⸗ nes von der Höhe ſeines Pfeilers herab den Bettler mit ſeiner Ziererei bemerkte. Der junge Spaßvogel brach in ſchallendes Gelächter aus und rief, ohne ſich um die Unterbrechung des Schauſpiels und der allgemein geſpann⸗ ten Aufmerkſamkeit zu kümmern, ſpöttiſch aus: „Seht da den Krüppel von Bettler!“ Jeglicher, der einen Stein in einen Sumpf voll Fröſche warf oder ein Gewehr in einen Vögelſchwarm abſchoß, kann ſich einen Begriff von der Wirkung machen, welchen dieſe Worte während der allgemein geſpannten Aufmerkſamkeit hervorbrachten. Gringoire wurde wie durch einen elektriſchen Schlag geſchüttelt. Der Prolog ward abgebrochen; alle Köpfe wandten ſich unruhig auf — 43— den Bettler, der, weit davon entfernt, ſich aus der Faſ⸗ ſung bringen zu laſſen, in jenem Vorfall nur eine Ver⸗ anlaſſung zur reichlichen Aernte ſah und mit halbgeſchloſ⸗ ſenen Augen und kläglicher Stimme die Worte ſprach „habt Erbarmen!“ „Bei meiner Seele,“ erwiederte Joannes,„es iſt Clopin Trouillefou. Holla, Freund! dein Geſchwür war dir am Beine unbequem; du haſt es auf den Arm gelegt!“ Nach den Worten warf er mit der Geſchmeidigkeit eines Affen einen kleinen Groſchen in den ſchmierigen Filz, welchen der Bettler mit ſeinem kranken Arme hin⸗ hielt. Der Bettler empfing gleichgültig das Almoſen, wie den Spott, und fuhr mit kläglicher Stimme fort:„habt Erbarmen!“ Dieſes Zwiſchenſpiel hatte die Aufmerkſamkeit der Zuhörer beträchtlich vom Stücke abgewandt. Viele Zu⸗ ſchauer, Robin Pouſſepain und alle Gerichtsſchreiber klatſchten dem ſonderbaren Zwiegeſpräch lauten Beifall, welches mitten im Prolog der Student mit ſeiner krei⸗ ſchenden Stimme und der Bettler mit ſeinem einförmi⸗ gen Geplärr ſo eben zum Beſten gaben. Gringoire war darüber ſehr verdrießlich. Wie er ſich vom erſten Erſtau⸗ nen erholt hatte, ermannte er ſich und rief den vier Perſonen auf der Bühne zu:„Fahrt fort! zum Teufel! fahrt fort!“ Die beiden Unterbrecher würdigte er nicht einmal eines verächtlichen Blickes. In dem Augenblick fühlte er, wie man ihn an dem — 41— Zipfel ſeines Ueberrocks zupfte. Es war der ſchöne Arm der Gisquette, der durch das Gitter gedrungen war und auf dieſe Weiſe ſeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm. „Herr,“ ſagte das Mädchen,„ſpielen Jene weiter?“ „Gewiß,“ erwiederte Gringoire, über die Frage etwas betroffen. „In dem Falle, Herr,“ fuhr ſie fort,„haben Sie die Güte, mir zu erläutern....“ „Was ſie ſagen werden?“ unterbrach ſie Gringoire. „Sehr gern; hört!“ „Nein, was ſie bis jetzt geſagt haben.“ Gringoire that einen Satz zurück, wie ein Mann, den man an einer Wunde empſindlich berührt hat. „Der Teufel hole das dumme Mädchen,“ brummte er zwiſchen den Zähnen. Von dem Augenblick an hatte Gisquette Alles bei ihm verloren. Unterdeß hatten die Schauſpieler ſeiner Ermahnung gehorcht, und das Publikum ſchickte ſich wieder zum Hören an, als es bemerkte, ſie ſetzten ſich wieder in Be⸗ reitſchaft zu deklamiren. Viele Schönheiten gingen ihm zwar bei der Löthung verloren, womit jene die beiden Theile des alſo gröblich durchſchnittenen Stückes wieder zuſammenbrachten. Gringoire hegte auch dieſe bittern Gedanken. Die Ruhe ſtellte ſich aber allmählig wieder her; der Student ſchwieg, der Bettler zählte einiges — 45— Geld in ſeinem Hute, und das Schauſpiel erhielt wieder die Oberhand. Es war wirklich ein ſchönes Werk, und man könnte noch jetzt, wie es ſcheint, vermitielſt einiger Verände⸗ rungen, noch immer damit Effekt machen. Die Expoſt⸗ tion, ein wenig gedehnt und leer, d. h. hinſichtlich der Regeln, war einfach, und Gringoire bewunderte ihre Klarheit vor dem aufrichtigen Heiligthum ſeines inneren Richterſtuhls. Wie man ſich denken kann, waren die vier Perſonen von ihrer Reiſe durch die vier Welttheile, auf der ſie keine Gelegenheit fanden, ſich ihren goldenen Delphin auf gute Manier vom Halſe zu ſchaffen, ein wenig müde. Damit war denn ein Lob des wunderbaren Fiſches und tauſend zarte Anſpielungen auf den jungen Bräutigam der Margarethe von Flandern verbunden, welcher damals in trauriger Abgeſchiedenheit zu Amboiſe lebte und ſich nicht einfallen ließ, daß Bauernſtand und Geiſtlichkeit, Adel und Kaufmannsſtand um ſeinetwillen eine Reiſe um die Welt gemacht hatten. Genannter Delphin alſo war jung, ſchön, ſtark und vor Allem der Sohn des Löwen von Frankreich, ein herr⸗ licher Vorſprung aller königlichen Tugenden! Ich geſtehe, dieſe kühne Metapher iſt bewundrungswürdig, und die Naturgeſchichte des Theaters wird an einem Tage der Allegorie und der königlichen Hochzeitsfeier auf keine Weiſe von einem Delphin, Sohn des Löwen, ſich ab⸗ ſchrecken laſſen. Das iſt eben das ſeltene und Pindariſche — 246— Gemiſch, das den Enthuſiasmus beweiſt. Dennoch, um auch der Kritik ihren Theil zu laſſen, hatte der Dichter dieſe ſchöne Idee in weniger als zweihundert Verſen entwickeln können. Aber das Myſterium ſollte von zwölf Uhr Mittags bis vier Uhr Nachmittags, nach dem Befehle des Herrn Prévot, dauern, und es mußte alſo doch Etwas geſagt werden. Uebrigens hörte man mit aller Geduld. Plötzlich öffnete ſich, mitten in einem Streite zwiſchen Madame Kaufmannsſtand und Madame Adel, als Meiſter Bauernſtand den wunderbaren Vers ſprach: Nie ſah man in dem Wald ein muth'ger Thier, die Thür der noch unbeſetzten Gallerie, welche bis dahin auf ſo ungeziemende Weiſe geſchloſſen blieb, auf eine nooch bei weitem mehr ungeziemende Art, und die laute Stimme des Thürhüters rief:„Seine Eminenz der Kardinal von Bourbon.“ 3. Der Herr Kardinal. Armer Gringoire! der Lärm aller doppelten Petar⸗ den am St. Johannis⸗Tage, die Salve von zwanzig Hakenbüchſen, der Schuß jener berühmten Serpentine des Thurmes von Billy, welche in der Belagerung von Paris am Sonntage des 29ſten Septembers 1465 ſteben Burgunder mit einem Schuß tödtete, das Auffliegen des Pulvermagazins am Thore du Temple hätte ihm nicht — 47— ſo ſchmerzhaft die Ohren verletzt, als in dieſem feier⸗ lichen und dramatiſchen Augenblicke die wenigen Worte im Munde des Thürhüters:„Seine Eminenz der Kardinal von Bourbon!“ Pierre Gringoire freilich hegte weder Furcht, noch Verachtung gegen den Kardinal. Er beſaß weder jene Schwäche, noch dieſe Frechheit. Ein wahrer Eklektiker, wie man gegenwärtig ſagen würde, gehörte er zu den erhabenen und feſten Geiſtern, welche immer feſt, ruhig und gemäßigt, ſtets in der Mitte bleiben(stare in dimi- dio rerum) und von Vernunft und liberaler Philoſophie überſprudeln, aber zugleich die Kardinäle auch hoch zu achten wiſſen. Ein treffliches und nie unterbrochenes Geſchlecht von Philoſophen, denen die Weisheit gleich einer zweiten Ariadne ein Knäuel gab, welches ſie ſeit Anfang der Welt im Labyrinthe der menſchlichen Dinge entwickeln. Man findet ſie in allen Zeiten als dieſelben, d. h. mit einigen Veränderungen nach den Zeitverhält⸗ mſſen wieder. Ohne unſern Pierre Gringoire mitzuzäh⸗ len, der ſie im fünfzehnten Jahrhundert repräſentiren würde, wenn es uns gelingen könnte, ihm die erlauchte Stellung, die er verdient, wieder zu ertheilen, ſo war der Vater Du Breul von ihrem Geiſte beſeelt, als er im ſechzehnten Jahrhundert die naiv⸗erhabenen und aller Zeiten würdigen Worte ſchrieb:„Ich bin Pariſer von Geburt, und Parrhiſianer im Reden, weil Parrhiſia im Griechiſchen Freiheit des Redens hedeutet; dieſe zeigte — 48— ich ſelbſt gegen die Herrn Kardinäle, den Onkel und den Bruder des Prinzen von Conty; jedoch mit aller Achtung vor ihrer Größe und ohne irgend Jemand aus ihrem Gefolge zu beleidigen, was ſehr viel ſagen will.“ In dem unangenehmen Eindruck, den des Kardinals Gegenwart bei Pierre Gringoire erweckte, lag alſo weder Haß, noch Verachtung. Im Gegentheil, unſer Dichter hatte zu viel Verſtand und trug ein zu ſehr abgeriebenes Kleid, um nicht einen beſondern Werth darauf zu legen, daß manche Anſpielung in ſeinem Prolog und beſonders die Verherrlichung des Delphins, des Sohnes vom Löwen Frankreichs, nicht zu einem ſehr eminenten Ohr gelangte. Allein Eigennutz iſt in der edlen Natur der Dichter nie⸗ mals vorherrſchend. Ich glaube, das Weſen eines Dichters läßt ſich durch die Zahl zehn darſtellen; gewiß müßte ein Chemiker, wenn er es analyſirte und pharmacopoli⸗ ſfirte, wie Rabelais ſagt, es aus einem Theil Eigennutz gegen neun Theile Eigenliebe zuſammengeſetzt finden. Nun waren in dem Augenblick, wo die Thür dem Kar⸗ dinal geöffnet ward, die neun Theile von Gringoire's Eigenliebe, vom Hauche der Volksbewunderung aufgebla⸗ ſen und geſchwollen und auf der Stufe wunderbaren Wachſens, daß jenes Theilchen Eigennutz, welches wir in der Natur der Dichter ſo eben unterſchieden, als gleich⸗ ſam erſtickt, verſchwand. Uebrigens bleiht jenes Theilchen ſtets von hohem Werth; denn es iſt für Dichter der Ballaſt der Menſchennatur und der Wirklichkeit, ohne — 49— welchen ſie die Erde nicht berühren würden. Gringoire ſchwelgte im Genuß, eine Verſammlung zu fühlen, zu ſchauen und gleichſam zu betaſten; ſie beſtand zwar aus Spitzbuben, allein was kümmerte ihn dies? ſie war betäubt, verſteinert und gleichſam erſtickt durch die unmeß⸗ baren Tiraden, die jeglichen Augenblick aus allen Theilen ſeines Hochzeitsgedichts ſich erhoben. Ich verſichere, er ſelbſt theilte das allgemeine Glück und hätte als das Widerſpiel von Lafontaine, welcher einſt bei der Vorſtel⸗ lung ſeiner Komödie Florentin fragte:„wer iſt der Tölpel, welcher dieſe Schnurre ſchrieb,“ ſeinen Nachbar gern gefragt:„wer iſt der Verfaſſer dieſes Meiſterwerks?“ Man bilde ſich demnach einen Begriff von der Wirkung, welche dies plötzliche und unerwartete Erſcheinen des Kardinals bei ihm hervorbrachte. Alles, was er fürchten konnte, ward nur zu bald verwirklicht. Das Erſcheinen ſeiner Eminenz brachte das Publikum in Aufruhr. Alle Köpfe wandten ſich zur Gal⸗ lerie. Keiner wollte weiter hören.„Der Kardinal! der Kardinal!“ ertönte es in jedem Munde; der unglückliche Prolog ward zum zweiten Mal abgebrochen. Der Kardinal verweilte einen Augenblick auf der Schwelle der Gallerie. Während er einen ziemlich gleich⸗ gültigen Blick auf das Publikum warf, verdoppelte ſich der Lärm. Jeglicher wollte ihn beſſer ſehen; es ſchien, Jeglicher wollte ſeinen eigenen Kopf auf die Schultern ſeines Vordermanns ſtellen. XIII. 4 — 50— Er war auch wirklich ein hoher Herr, und ſein An⸗ blick mußte wohl jedes andre Schauſpiel aufwiegen. Karl, Kardinal von Bourbon, Erzbiſchof und Graf von Lyon, Primas von Gallien, war zugleich mit Ludwig XI., durch ſeinen Bruder Pierre, Herr von Beaujeu, welcher die älteſte Tochter des Königs geheirathet hatte und mit Karl dem Kühnen durch ſeine Mutter Agnes von Bur⸗ gund verwandt. Der vorherrſchende Charakterzug dieſes Primas war der Sinn eines Höflings und Ergebenheit gegen die Gewalt. Man mache ſich deßhalb eine Vor⸗ ſtellung von den zahlloſen Verlegenheiten, die ihm dieſe doppelte Verwandtſchaft erſchuf, und von den zeitlichen Klippen, zwiſchen denen ſeine geiſtliche Barke laviren mußte, um weder an Ludwig, noch an Karl zu ſcheitern, jener Scylla und Charybdis, welche den Herzog von Nemours und den Connétable von Saint⸗Pol bereits verſchlungen hatte. Dem Himmel ſei Dank, er hatte die gefährliche Fahrt glücklich vollbracht und war ohne Hin⸗ derniß nach Rom gelangt. Allein ob auch im Hafen, erinnerte er ſich eben, weil er im Hafen war, nie ohne Unruhe der Gefahren ſeines ſo lange unruhigen und mühſamen politiſchen Lebens. Auch war er gewohnt, zu ſagen, das Jahr 1476 ſei für ihn ſchwarz und weiß geweſen; er meinte damit, in demſelben Jahre habe er ſeine Mutter, die Herzogin des Bourbonnais, und ſeinen Vetter, den Herzog von Burgund, verloren, ſo daß die eine Trauer ihn über die andere tröſtete. — 51— Uebrigens war er ein gutmüthiger Mann; er führte das Leben eines luſtigen Kardinals, erheiterte ſich gern mit dem königlichen Gewächs von Challvan, haßte weder Richarde la Garmoiſe, noch Thomaſſe la Saillarde, gab hübſchen Mädchen weit lieber Almoſen, als alten Wei⸗ bern, und war deßhalb bei'm Pariſer Volke ſehr beliebt. Wenn er ausging, umgab ihn ſtets ein kleiner Hof von Biſchöfen und Aebten aus hohem Stamm, mit munterm und galantem Sinn, die auch im Nothfall ein gutes Mahl nicht verſchmäheten; mehr als einmal nahmen die trefflichen und andächtigen Frauen von St. Germain d'Auxerre gar großes Aergerniß, wenn ſie des Abends bei den erleuchteten Fenſtern des Palais Bourbon vor⸗ überwandelten und von denſelben Stimmen, die ihnen die Vesper geſungen hatten, bei'm Gläſerklang die bacchi⸗ ſchen Worte Benedikt's XII. vernahmen:„Bibamus papaliter,“ jenes Papſtes, der eine dritte Krone zur Tiare hinzufügte. Ohne Zweifel hewahrte ihn dieſe durch ſo gerechte Anſprüche erworbene Popularität vor jeglichem üblen Empfang der Menge, die den Augenblick vorher noch ſo unzufrieden und zur Achtung gegen einen Kardinal um ſo weniger geſtimmt war, da ſie an demſelben Tage ſich einen Papſt wählen wollte. Jedoch hegen die Pariſer keinen langen Groll; außerdem hatten die guten Bürger uͤber den Kardinal dadurch geſiegt, daß ſie das Stück zum Aufführen brachten, und mit dieſem Triumph waren 4* ſie zufrieden. Außerdem war der Herr Kardinal ein ſchöner Mann; er trug ein ſchönes rothes Kleid und nahm ſich ſehr gut darin aus; d. h. er hatte alle Frauen für ſich, folglich die beſſere Hälfte des Publikums. Gewiß wäre es ungerecht und ein Zeichen von ſchlechtem Ge⸗ ſchmack, einen Kardinal auszupfeifen, weil er im Schau⸗ ſpiele auf ſich hatte warten laſſen, wenn er ein ſchöner Mann war und ſein rothes Kleid geſchmackvoll trug. Er trat alſo ein, grüßte die Verſammlung mit jenem Lächeln der Großen für das Volk, welches jene ſeit undenklichen Zeiten für die Menge von einander geerbt haben. Langſamen Schrittes ging er auf ſeinen Seſſel von Scharlach⸗Sammt zu und ſchien ſeinen Mienen nach auf ganz andre Dinge zu denken. Sein Gefolge, das wir gegenwärtig ſeinen Generalſtab von Biſchöfen und Aebten nennen würden, brach in die Gallerie, nicht ohne Verdoppelung des Lärms und der Neugier des Parterres, ein. Alle ſuchten ſie ſich einander zu zeigen und zu nen⸗ nen; Jeglicher wollte wenigſtens einen kennen; der Eine den Herrn Biſchof von Marſeille, Alaudet, wenn mich mein Gedächtniß nicht trügt, ein Anderer den Aelteſten des Stiftes St. Denys; ein Dritter den Robert Lesxi⸗ naſſe, den Abt von St. Germain⸗des⸗Pres, jenen üppigen Bruder einer Geliebten Ludwig's XI. Keiner ſparte Verachtung und Schimpfwörter. Die Studenten fluchten. Es war ihr Tag; der Tag der Narrheit, der jährlichen Saturnalien und Orgien der Parlamentsſchreiber und — 33— Studenten. Keine Niedrigkeit war an dieſem Tage nicht geheiligt und unerlaubt. Dann waren ſo viele tolle Ge⸗ vatterinnen im Gedränge: Simone Quatrelivres, Agnes la Gadine, Robine Piédebou. War es nicht angenehm, daß man an dieſem ſchönen Tage in ſo guter Geſellſchaft von Geiſtlichen und Freudenmädchen beliebig fluchen und den Namen Gottes läſtern konnte? Auch blieb Keiner zurück; mitten im Toben erklang ein furchtbares Chari⸗ vari von Flüchen, die allen Zungen der Parlaments⸗ ſchreiber und Schüler entſchlüpften, welche die übrige Zeit des Jahres durch die Furcht des glühenden Eiſens des heiligen Ludwig im Zaume gehalten wurden. Armer heiliger Ludwig, wie verſpöttelten ſie dich in deinem eige⸗ nen Palais de Juſtice! Jeglicher hatte ſich einen der neuen Ankömmlinge der Gallerie zur Zielſcheibe genom⸗ men, einen ſchwarzen, grauen, weißen oder violetten Chorrock. Joannes Frollo von Molendino hatte, als Bru⸗ der des Archidiakonus, ſich keck einen rothen auserkoren und ſang kreiſchend mit frechen Blicken auf den Kardi⸗ nal:„Cappa repleta mero!“ Alle dieſe Einzelnheiten, die wir hier zur Erbauung des Leſers genau berichten, wurden ſo ſehr vom allge⸗ meinen Lärm verſchlungen, daß ſie in ihm untergingen, bevor ſie zur Gallerie gelangten. Uebrigens hätte der Kardinal ſich darum nicht bekümmert; denn die Freiheit dieſes Tages lag in den Sitten. Uebrigens bekümmerte ihn auch eine andre Sorge, und ſeine Mienen zeigten durchaus, wie ſehr er davon eingenommen war, nämlich die Geſandtſchaft von Flandern, welche faſt zugleich mit ihm die Gallerie betrat. Er war zwar kein tiefer Poli⸗ tiker und überrechnete auch nicht die möglichen Folgen der Heirath ſeiner Couſine Madame Margarethe von Burgund mit dem Dauphin von Vienne; auch nicht, wie lange das zuſammengeleimte Einverſtändniß zwiſchen dem Herzog von Oeſtreich und dem König von Frankreich währen würde; wie der König von England die Ver⸗ ſchmähung ſeiner Tochter aufnehmen werde; dies Alles 3 kümmerte ihn durchaus nicht. Jeden Abend vergnügte er ſich am Weine des königlichen Gewaͤchſes von Chail⸗ lot, ohne daran zu denken, daß einige Flaſchen dieſes Weines(allerdings nachgeſehen und verbeſſert vom Arzte Coictier), die Ludwig XI. Eduard IV. als Beweis herz⸗ 1 licher Freundſchaft ſchenkte, eines Morgens Eduard IV. 3 dem König Ludwig vom Halſe ſchaffen würden. Die ſehr geehrte Geſandtſchaft des Herrn Herzogs von Oeſtreich machte dem Kardinal keine Sorgen, aber war ihm in anderer Hinſicht läſtig. Es war in der That ein wenig h hart, und wir erwähnten dies ſchon auf der zweiten Seite dieſes Buchs, daß er, Karl von Bourbon, unbekannte Bürgersleute wohl empfangen und bewirthen mußte; er ein Kardinal, keine höheren Perſonen, als Schöffen, er ein Franzoſe und munterer Geſellſchafter, Flamländer und Biertrinker, die ſich ihres Gerſtenſafts nicht einmal öffentlich ſchämten. Dies war gewiß eine der langwei⸗ — 55— ligſten Fratzen, die er zum Vergnügen des Königs ſchnei⸗ den mußte. Er wandte ſich mit genau berechneter Grazie(denn er hatte lange darauf ſtudirt) zur Thür, als der Thür⸗ hüter in lautem Baß hereinrief:„die Herrn Abgeſandten des Herrn Herzogs von Oeſtreich!“ Für uns iſt es wohl nicht nöthig, zu berichten, daß die ganze Verſamm⸗ lung ebenfalls dorthin ſchaute. Hierauf traten mit einem Ernſt, der mit dem mun⸗ teren geiſtlichen Gefolge des Kardinals in grellem Kontraſt ſtand, die acht und vierzig Geſandten Maximilians von Oeſtreich paarweiſe ein. An ihrer Spitze wandelte der ehrwürdige Vater in Gott, Jehan, Abt von Saint⸗Bertin, Kanzler des goldnen Vließes, und Jacques de Goy, Herr Dauby, Hochamtmann von Gent. In der Ver⸗ ſammlung herrſchte eine mit erſticktem Lachen begleitete Stille, um alle die ſonderbar klingenden Namen und bürgerlichen Würden zu vernehmen, welche jeglicher die⸗ ſer Perſonen in unerſchütterlicher Ruhe dem Thürhüter übermachte, welcher ſie dann verſtümmelt durch einander in's Publikum hinein warf. Es waren Meiſter Loys Roelof, Schöffe der Stadt Löwen; Herr Clays d'Etvelde, Schöffe der Stadt Brüſſel; Herr Paul von Baeuſt, Herr von Voirmizelle, Präſident von Flandern; Meiſter Jehan Coleghens, Bürgermeiſter von Antwerpen; Meiſter Georg de la Moere, erſter Schöffe der Kuen der Stadt Gent; Meiſter Gheldorf van der Haye, ein andrer Schöffe der — 56— genannten Stadt; der Herr von Bierbecque Jehan Pin⸗ nock, Jehan Dymaerzelle ꝛc. Amtleute, Schöffen, Bürger⸗ meiſter; Bürgermeiſter, Schöffen, Amtleute; ſämmtlich ſteif, ſchwerfällig, geputzt mit Sammt und Damaſt, gehüllt in ſchwarzſammtene Oberkleider mit dicken gold⸗ nen Quaſten, übrigens gutmüthige flamländiſche Köpfe, würdige und ſtrenge Geſtalten aus der Familie derer, welche Rembrandt ſo ſtark und ernſt aus dem ſchwarzen Hintergrunde ſeiner Nachtrunde hervortreten läßt; Per⸗ ſonen, denen es auf der Stirn geſchrieben ſtand, daß Maximilian von Oeſtreich Recht hatte, wie es im Mani⸗ feſt hieß, auf ihren Verſtand, Kraft, Erfahrung Rechtlichkeit und hohen Muth vollkommen zu ver⸗ trauen. Einer war jedoch davon ausgenommen. Seine Geſichtszüge waren fein, liſtig, klug, ſein Mund zur Hälfte der eines Affen, zur andern Hälfte der eines Diplomaten. Der Kardinal ging ihm mit drei Schritten und einer tiefen Verbeugung entgegen, und dennoch hieß er nur Wilhelm Rym, Rath und Penſionär der Stadt Gent. Wenige Perſonen wußten, was er war. Ein ſeltner Geiſt, wäre er in den Zeiten einer Revolution im Strome vorangeſchwommen; allein im fünfzehnten Jahrhundert ward er auf ſchleichende Intriguen und auf ein Leben in den Minen beſchränkt, wie der Herzog von St. Simon ſagt. Uebrigens wußte der erſte Minirer Europa's ihn nach Verdienſt zu ſchätzen. Rym intri⸗ 53— girte mit Ludwig XI. auf vertrautem Fuße und ſteckte oft ſeine Hand in die geheimen Arbeiten des Königs. Allein alle dieſe Dinge waren der Volksmenge unbekannt, welche über die Höflichkeit des Kardinals gegen dieſe ſchmächtige Geſtalt erſtaunte. 4. Meiſter Jacques Coppenole. Während der Penſionnär von Gent und die Emi⸗ nenz beide eine tiefe Verbeugung austauſchten und mit leiſer Stimme mit einander einige Worte wechſelten, erſchien ein Mann von hohem Wuchs, mit breiten Schul⸗ tern und großem Geſicht zugleich neben Rym, um ein⸗ zutreten; er glich einem Bullenbeißer neben einem Fuchs. Seine Mütze von Filz und ſein ledern Wamms ſtach ſonderbar gegen Seide und Sammt ab, die ihn umgaben. Der Thürhüter hielt ihn für einen verirrten Reitknecht und wies ihn zurück. „He, Freund, bleibt zurück!“ Der Mann mit dem ledernen Wamms ſtieß ihn mit der Schulter. „Was will der Schuft!“ rief er mit ſo lauter Stimme, daß die Worte im ganzen Saale wiederhallten, während das Publikum auf dies ſonderbare Zwiegeſpräch aufmerkſam lauſchte.„Siehſt du nicht, wer ich din?“ „Euer Name?“ fragte der Thürhüter. „Jacques Coppenole.“—„Euern Stand?“— „Strumpfmacher, im Schilde der drei Kettchen zu Gent.“ — Der Thürhuͤter fuhr zurück. Es war noch erträglich, Schöffen und Bürgermeiſter anzukündigen; aber einen Strumpfmacher! wie hart! Der Kardinal ſtand auf Dor⸗ nen. Das ganze Publikum horchte und ſchaute. Schon zwei Tage quälte ſich die Eminenz, jene flamländiſchen Bären zu lecken, um ihnen den nothwendigen Anſtand zu ertheilen, deſſen ſie bedurften, um im Publikum zu erſcheinen, und jener Tölpelſtreich war doch zu hart! Wilhelm Rym aber nahete ſich dem Thürſteher mit ſei⸗ nem feinen Lächeln.. „Kündigt Meiſter Jacques Coppenole, den Schreiber der Schöffen der Stadt Gent, an,“ ſagte er ihm in's Ohr.—„Thürſteher,“ rief der Kardinal mit lauter Stimme;„kündigt Meiſter Jacques Coppenole an, den Schreiber der Schöffen der durchlauchtigen Stadt Gent.“ Das war ein Fehler. Wilhelm Rym hätte ganz allein die Schwierigkeit beſeitigt, aber Coppenole hatte die Worte des Kardinals vernommen.„Nein, bei Gottes Kreuz,“ rief er mit einer Donnerſtimme;„Jacques Coppenole, Strumpfmacher! hörſt du, Thürſteher? Nichts mehr, Nichts weniger. Gottes Kreuz! Strumpfmacher iſt ſchon genug. Der Herr Erzherzog hat mehr als ein⸗ mal in meinem Laden ſeinen Handſchuh gekauft.“ Gelächter und Beifallklatſchen vernahm man von allen Seiten. Ein Witz wird ſtets in Paris verſtanden und entbehrt deßhalb nie des Beifalls. Hiezu kam noch, daß Coppenole zum Volke gehörte, und das ihn um⸗ — 59— gebende Publikum aus dem Volke beſtand. Auch kam ihr gegenſeitiges Verſtändniß ſchnell, elektriſch zu Stande, gleichſam als befänden ſich Alle auf einem ebenen Boden. Die hochfahrende Tölpelei des flamländiſchen Strumpf⸗ machers, wie er die Hofleute in Verlegenheit brachte und demüthigte, hatte in allen plebejiſchen Gemüthern ein unbeſtimmtes und im fünfzehnten Jahrhundert noch nicht deutliches Gefühl von Würde geweckt. Jener Strumpf⸗ macher war ja ihres Gleichen und hielt dem Herrn Kar⸗ dinal die Stange. Gewiß, ein ſüßer Gedanke für arme Teufel, welche an Gehorſam und Achtung gegen die Diener der Sergeanten des Bailli, des Abtes von St. Geniève, des Schleppenträgers Sr. Eminenz gewohnt waren. Coppenole grüßte ſtolz die Eminenz, welche dem mächtigen und von Ludwig XI. gefürchteten Bürger den Gruß erwiederte, während Wilhelm Rym, der verſtän⸗ dige und boshafte Mann, wie Philippe von Comi⸗ nes ihn nennt, beide mit ſpöttiſchem und überlegenem Lächeln betrachtete. Der Kardinal war außer Faſſung und verdrießlich, Coppenole ruhig und hochfahrend, dachte vielleicht, ſein Titel als Strumpfmacher ſei eben ſo gut, wie jeder andre, und Marie von Burgund, Mutter jener Margarethe, die Coppenole heute verheirathete, hätte vielleicht ihn als Kardinal weniger gefürchtet, wie als Strumpfmacher; denn kein Kardinal hätte die Genter gegen die Günſtlinge der Tochter Karls des Kühnen in Aufruhr gebracht, kein Kardinal hätte die Volsmaſſe mit einem Wort gegen ihre Bitten und Thränen geſtählt, als die Herrin von Flandern ihr Volk am Fuße des Schaffots um ihr Leben flehete; während der Strumpf⸗ macher nur ſeinen ledernen Ellbogen zu erheben brauchte, damit Eure Köpfe, erlauchte Herrn Guy von Hymber⸗ court und Kanzler Wilhelm Hugonet, auf den Boden rollten. Uebrigens war für den armen Kardinal noch nicht Alles vorbei; er mußte den bittern Kelch, in ſo ſchlechter Geſellſchaft ſich zu befinden, bis auf die Hefen leeren. Der Leſer hat gewiß den frechen Bettler noch nicht ver⸗ geſſen, welcher im Anfange des Dialogs ſich an die Fran⸗ ſen der Gallerie des Kardinals angeklammert hatte. Die Ankunft der erhabenen Gäſte brachte ihn durchaus nicht dahin, ſie loszulaſſen, und während die Prälaten und Geſandten ſich als flamländiſche Häringe auf den Stühlen der Tribüne zuſammenpackten, hatte er ſeine Beine gemäch⸗ lich über den Architrav gekreuzt. Die Unverſchämtheit war unerhört; auch war er Niemanden im erſten Augen⸗ blicke, ſo lange die Aufmerkſamkeit von andern Dingen in Anſpruch genommen wurde, aufgefallen. Er ſeinerſeits merkte durchaus Nichts; er wiegte ſein Haupt mit der Sorgloſigkeit eines Neapolitaners und wiederholte von Zeit zu Zeit maſchinenmäßig:„habt Erbarmen!“ Auch war er wahrſcheinlich der Einzige im ganzen Publikum, welcher bei dem Zank des Thürſtehers mit Coppenole — 61— nicht einmal gewürdigt hatte, das Haupt umzuwenden. Nun wollte der Zufall, daß der Meiſter Strumpfmacher aus Gent, mit dem das Volk ſchon ſo lebhaft ſympathi⸗ ſirte, in der erſten Reihe der Gallerie und zwar grade uber dem Bettler ſich niederſetzte. Man erſtaunte nicht wenig, als man erblickte, wie der flamländiſche Geſandte, nachdem er den Bettler unter ſeinen Augen genau unter⸗ ſucht hatte, ihm freundſchaftlich auf die mit Lumpen bedeckte Schulter klopfte. Der Bettler drehete ſich um; Ueberraſchung, Wiedererkennung, Herzensergießung prägte ſich auf beiden Geſichtern aus; dann knüpfte der Strumpf⸗ macher mit dem Bettler leiſe ein Geſpräch an, ohne ſich um die übrigen Zuſchauer zu bekümmern; beide drückten ſich die Häande, und die Lumpen Clopin's brachten, auf dem goldgewirkten Brokat der Eſtrade ausgebreitet, den⸗ ſelben Effekt, wie eine Raupe auf einer Orange, hervor. Die Neuheit dieſes ſonderbaren Auftritts erweckte einen ſo fröhlichen Lärm im Saale, daß der Kardinal ihn bald bemerken mußte; er lehnte ſich hinüber, und da er von ſeinem Sitze aus nurn unvollkommen den ſchmutzigen Kittel des Bettlers ſehen konnte, glaubte er natürlich, der Bettler bitte um Almoſen, und rief, empört über die Keckheit:„Herr Bailli des Palais, werft den Schuft in den Fluß!“ „Gottes Kreuz, Herr Kardinal,“ rief Coppenole, ohne die Hand Clopines fahren zu laſſen,„er iſt einer meiner Freunde!“ — 61— auch glauben, und wir ſagen es mit Bedauern, daß der Prolog in dem Augenblick läſtig zu werden anfing, als ſeine Eminenz erſchien und auf ſo furchtbare Weiſe Störung verurſachte. Uebrigens wurde auf der Marmor⸗ tafel, wie auf der Gallerie, daſſelbe Schauſpiel gegeben, ein Konflikt zwiſchen Bauernſtand und Geiſtlichkeit, zwiſchen Adel und Kaufmannsſtand. Und viele Leute zogen es vor, ihn lebend, athmend, handelnd, ſich ſtoßend, als Fleiſch und Knochen in der flamländiſchen Geſandt⸗ ſchaft, dem biſchöflichen Hofe, unter dem Kleid des Kar⸗ dinals und Coppenole's Wamms zu ſchauen, als geſchminkt, geputzt, in Verſen redend und in gelbe und weiße Tuni⸗ ken, worin ſie Gringoire gemummt hatte, eingewickelt. Als aber unſer Dichter ſah, die Ruhe ſei ein wenig her⸗ geſtellt, fiel er auf eine Kriegsliſt, die Alles hätte retten können. Er wandte ſich zu einem Nachbar, einer bra⸗ ven, breiten und geduldigen Geſtalt, mit den Worten: „Herr, wenn man doch wieder anfinge!“—„Was?“ fragte ſein Nachbar.—„Nun, das Myſterium.“— „Wie das Euch beliebt, Herr.“— Dieſer halbe Beifall genügte Gringoire. Er betrieh ſein Geſchäft ſelbſt, miſchte ſich ſo gut, wie möglich, unter die Menge und fing an zu ſchreien:„He! fangt wieder an! Fangt wieder das Myſterium an!“ „Teufel!“ rief Joannes von Molendino,„was ſingen die dort hinten?(Gringoire machte Lärm für vier.) Sagt, — 65— Kameraden, iſt das Myſterium nicht ſchon aus? Die wollen wieder anfangen! Das iſt nicht recht!“ „Nein, nein!“ riefen alle Studenten,„nieder mit dem Myſterium!“— Aber Gringoire vervielfältigte ſich und ſchrie nur um ſo ſtärker:„ Fangt wieder an!“ Dies Geſchrei zog die Aufmerkſamkeit des Kardinals auf ſich.„Herr Bailli des Palais,“ ſagte er zu einem großen ſchwarzen Mann, der nicht weit von ihm entfernt ſtand,„ſind die Schelme im Weihkeſſel? Sie machen einen Höllenlärm.“ Der Bailli des Palais war eine Art amphibiſcher Magiſtratsperſon, eine Art Fledermaus des Gerichts⸗ ſtandes; denn er hatte Etwas vom Vogel und Etwas von der Ratze, vom Richter und vom Soldaten. Er nahete ſich Ihrer Eminenz und ſetzte ihr ſtotternd den Zwieſpalt im Volk aus einander, nicht ohne ihr höchſtes Mißvergnügen zu befürchten: wie Mittag vor Ihrer Eminenz da war, und wie die Schauſpieler gezwungen wurden, anzufangen, ohne Ihre Eminenz erwarten zu können. Der Kardinal lachte laut.„Meiner Treue,“ ſagte er,„der Herr Rektor der Univerſität hätte wohl gethan, es eben ſo zu machen. Was meint Ihr, Meiſter Wilhelm Rym?“ „Durchlauchtiger Herr,“ erwiederte Wilhelm Rym, „feien wir zufrieden, der einen Hälfte glücklich entgangen zu ſein. So haben wir i die Schurken ihre Poſſe XIII. mmer gewonnen.“—„Dürfen fortſpielen?“ fragte der Bailli. 5 ——— — 61— auch glauben, und wir ſagen es mit Bedauern, daß der Prolog in dem Augenblick läſtig zu werden anfing, als ſeine Eminenz erſchien und auf ſo furchtbare Weiſe Störung verurſachte. Uebrigens wurde auf der Marmor⸗ tafel, wie auf der Gallerie, daſſelbe Schauſpiel gegeben, ein Konflikt zwiſchen Bauernſtand und Geiſtlichkeit, zwiſchen Adel und Kaufmannsſtand. Und viele Leute zogen es vor, ihn lebend, athmend, handelnd, ſich ſtoßend, als Fleiſch und Knochen in der flamländiſchen Geſandt⸗ ſchaft, dem biſchöflichen Hofe, unter dem Kleid des Kar⸗ dinals und Coppenole's Wamms zu ſchauen, als geſchminkt, geputzt, in Verſen redend und in gelbe und weiße Tuni⸗ ken, worin ſie Gringoire gemummt hatte, eingewickelt. Als aber unſer Dichter ſah, die Ruhe ſei ein wenig her⸗ geſtellt, fiel er auf eine Kriegsliſt, die Alles hätte retten können. Er wandte ſich zu einem Nachbar, einer bra⸗ ven, breiten und geduldigen Geſtalt, mit den Worten: „Herr, wenn man doch wieder anfinge!“—„Was?“ fragte ſein Nachbar.—„Nun, das Myſterium.“— „Wie das Euch beliebt, Herr.“— Dieſer halbe Beifall genügte Gringoire. Er betrieb ſein Geſchäft ſelbſt, miſchte ſich ſo gut, wie möglich, unter die Menge und fing an zu ſchreien:„He! fangt wieder an! Fangt wieder das Myſterium an!“ „Teufel!“ rief Joannes von Molendino,„was ſingen die dort hinten?(Gringoire machte Lärm für vier.) Sagt, — 65= Kameraden, iſt das Myſterium nicht ſchon aus? Die wollen wieder anfangen! Das iſt nicht recht!“ „Nein, nein!“ riefen alle Studenten,„nieder mit dem Myſterium!“— Aber Gringoire vervielfältigte ſich und ſchrie nur um ſo ſtärker:„Fangt wieder an!“ Dies Geſchrei zog die Aufmerkſamkeit des Kardinals auf ſich.„Herr Bailli des Palais,“ ſagte er zu einem großen ſchwarzen Mann, der nicht weit von ihm entfernt ſtand,„ſind die Schelme im Weihkeſſel? Sie machen einen Höllenlärm.“ Der Bailli des Palais war eine Art amphibiſcher Magiſtratsperſon, eine Art Fledermaus des Gerichts⸗ ſtandes; denn er hatte Etwas vom Vogel und Etwas von der Ratze, vom Richter und vom Soldaten. Er nahete ſich Ihrer Eminenz und ſetzte ihr ſtotternd den Zwieſpalt im Volk aus einander, nicht ohne ihr höchſtes Mißvergnügen zu befürchten: wie Mittag vor Ihrer Eminenz da war, und wie die Schauſpieler gezwungen wurden, anzufangen, ohne Ihre Eminenz erwarten zu können. Der Kardinal lachte laut.„Meiner Treue,“ ſagte er,„der Herr Rektor der Univerſität hätte wohl gethan, es eben ſo zu machen. Was meint Ihr, Meiſter Wilhelm Rym?“ „Durchlauchtiger Herr,“ erwiederte Wilhelm Rym, nfeien wir zufrieden, der einen Hälfte glücklich entgangen zu ſein. So haben wir immer gewonnen.“—„Dürfen 3 ve Schurken ihre Poſſe fortſpielen?“ fragte der Bailli. XIII. 5 — 66— —„Nur weiter, mir gilt es gleich; ich will unterdeß in meinem Breviarium leſen.“ Der Bailli trat an den Rand der Gallerie und rief, nachdem er durch eine Bewegung der Hand Stillſchweigen geboten: „Bürger und Einwohner! Um diejenigen, welche wollen, daß man wieder anfängt, und auch diejenigen, welche wollen, daß man aufhört, zu befriedigen, befiehlt die Eminenz, daß man weiter ſpiele.“ Beiden Parteien koſtete es Ueberwindung, ſich in dies Schickſal zu ergeben. Der Schriftſteller und das Publikum hegten darüber noch lange Groll gegen den Kardinal. Die Schauſpieler begannen auf's Neue, ihre Verſe zu deklamiren, und Gringoire hoffte wenigſtens, der noch übrige Theil ſeiner Dichtung werde gehört werden. Doch ach, auch hierin ward er bald getäuſcht, wie in den übri⸗ gen Träumen ſeiner Hoffnung. Im Publikum herrſchte einige Stille; allein Gringoire hatte nicht bemerkt, daß im Augenblick, wo der Kardinal den Befehl zum Weiter⸗ ſpielen gab, die Gallerie bei Weitem noch nicht angefüllt war. Nach den flamländiſchen Geſandten kamen neue Perſonen, deren Namen, von der kreiſchenden Stimme des Thürhüters mitten in den Dialog geſchleudert, dort⸗ beträchtliche Verwüſtung anrichteten. Man denke ſich in der That mitten in einem Drama das Gekreiſch eines — 67— Thürſtehers als Parentheſe zwiſchen zwei Verſen oder ſogar Hemiſtichien, z. B.: Meiſter Jacques Charmolue, Prokurator des Königs im geiſtlichen Gerichtshofe! Jehan de Harlay, Ecuyer,*) Ritter der Nachtwachen von Paris! Herr Galiot de Genouilhac, Ritter, Herr von Bruſ⸗ ſae, Großmeiſter der Artillerie des Königs! Meiſter Dreux⸗Ragnier, Aufſeher der Gewäſſer und Wälder des Königs, unſers Herrn, im Lande Frankreich, Champagne und Brie! Herr Louis de Graville, Ritter, Rath und Kämmer⸗ ling des Königs, Admiral von Frankreich, Hüter des Waldes von Vincennes! Meiſter Denis le Mercier, Wichter des Hospitals der Blinden von Paris u. ſ. w. Dies ward unerträglich! Gringoire ward über dieſe ſonderbare Begleitung ſeiner Verſe, wodurch es ſchwer ward, dem Stücke zu folgen, um ſo mehr empört, da er ſich nicht verheim⸗ lichen konnte, wie das Intereſſe immer ſtieg, und wie ſeinem Werke weiter Nichts fehlte, als daß man es hören konnte. Es war wirklich ſchwierig, ſich eine innigere und muehſ dramatiſche Verſchlingung zu erdenken. Die vier *) Die Benennung des niederen Adels, welche dem engli⸗ ſchen Esquire entſpricht. 5* — 68— Perſonen des Prologs klagten in ihrer furchtbaren Ver⸗ legenheit, als Venus in Perſon(vera incessu patuit dea) in einem ſchönen Kleide auftrat, worauf das Wap⸗ pen der Stadt Paris, ein Schiff, geſtickt war. Sie nahm jenen der ſchönſten Frau verſprochenen Delphin für ſich ſelbſt in Anſpruch. Jupiter, deſſen Donner man im Ankleidezimmer ſchon brüllen hörte, kam herbei, ſie zu unterſtützen, und die Göttin war im Begriff, den Sieg davon zu tragen, d. h., einfach geſprochen, den Herrn Dauphin zu heirathen, als ein kleines, in weißen Damaſt gekleidetes Kind erſchien, das, als deutliche Perſonifi⸗ cirung der Prinzeſſin von Flandern, eine Perle in der Hand trug, um mit Frau Venus zu kämpfen. Ein wah⸗ rer Theatercoup und zugleich die Peripetie des Stückes. Nach einigem Zank war Venus, Margaretha und die Allegorien übereingekommen, ſich auf das ſcharfſinnige Urtheil der heiligen Jungfrau zu berufen. Außerdem war noch eine ſchöne Rolle die Leiter hinaufgeſtiegen, Dom Pedro, König von Meſopotamien, aber bei den vielen Unterbrechungen konnte man nicht unterſcheiden, wozu ſie eigentlich da war. Aber es war um das Stück geſchehen. Keine Schön⸗ heit konnte gefühlt und verſtanden werden. Bei'm Ein⸗ tritt des Kardinals konnte man ſagen, ein unſichtbarer magiſcher Faden habe plötzlich alle Blicke von der Marmor⸗ tafel zur Gallerie, von der ſüdlichen Extremität des Saales zur weſtlichen gezogen. Nichts konnte die Ver⸗ — 69— ſammlung jetzt entzaubern; die neuen Ankömmlinge, ihre verfluchten Namen, ihre Geſichter und Kleider machten fortwährend Diverſion. Es war zum Verzweifeln. Mit Ausnahme von Gisquette und Liénarde, welche ſich von Zeit zu Zeit umwandten, wenn Gringoire ſie am Aer⸗ mel zupfte, mit Ausnahme des dicken geduldigen Nach⸗ dars hörte Niemand, blickte Niemand der armen ver⸗ laſſenen Moralität in's Antlitz. Gringoire ſchaute nur Profile. Mit welcher Bitterkeit der Empfindung erblickte er, wie ſein ganzes Gerüſt von Poeſie, von Ruhm ſtückweiſe zuſammenſtürzte. Und dann der Gedanke, das Volb ſei im Begriff geweſen, ſich gegen den Herrn Bailli zu empören und ganz allein aus Ungeduld, ſein Werk zu hören! Jetzt, da man es hatte, bekümmerte ſich Niemand darum. Eine Vorſtellung, die mit einſtimmigem Beifall degonnen war! O ewige Ebbe und Fluth der Volksgunſt! Welch ein Gedanke, daß man beinah die Leute des Bailli gehenkt hätte! Was hätte er nicht Alles für dieſe Ho⸗ nigsſtunde gegeben! Endlich war der brutale Monolog des Thürhüters zu Ende; alle Welt war angekommen und Gringoire athmete wieder auf. Die Schauſpieler begannen aufts Neue. Aber ach, Meiſter Coppenole, der Strumpfmacher, ſteht plötzlich auf, und Gringoire vernimmt, wie er mit⸗ ten in allgemein geſpannter Aufmerkſamkeit die fluchungs⸗ würdige Rede hält: „Ihr Herrn Bürger und Junker von Paris! Gott's Kreuz, mir iſt unbegreiflich, was wir hier treiben! Ich ſehe dort im Winkel auf dem Genrüſt Leute, die ſich das Anſehn geben, als wollten ſie ſich ſchlagen; ich weiß nicht, ob das ein Myſterium iſt, wie Ihr's nennt, aber das iſt langweilig; ſie zanken ſich mit der Zunge, und thun weiter Nichts. Schon ſeit einer Stunde erwarte ich den erſten Schlag; Nichts kömmt; es ſind Memmen, die ſich mit Schimpfwörtern kratzen. Man hätte Fauſt⸗ kämpfer aus London oder Rotterdam kommen laſſen ſol⸗ len; dann ſähet Ihr Fauſtſchläge, die man weit hin gehört hätte; das wäre ſchön! Aber dies da iſt erbärm⸗ lich! Sie ſollten wenigſtens einen Mohren⸗Tanz oder eine andere Mummerei zum Beſten geben. Von dem da hat man mir Nichts geſagt; ſondern ein Narrenfeſt und die Wahl eines Narrenpapſtes verſprochen. Auch wir haben in Gent unſern Narrenpapſt, und Goltes Kreuz! hierin ſtehen wir Keinem nach. Aber wir machen's ſo: Man verſammelt ſich, wie hier; dann ſteckt Jeder nach der Reihe ſeinen Kopf durch ein Loch und ſchneidet den Andern eine Fratze; derjenige, deſſen Fratze die häßlichſte iſt, wird unter dem Zuruf Aller zum Papſt gewählt. Das iſt ſehr ſpaßhaft. Wollt Ihr, daß wir Euern Papſt nach der Sitte meines Landes wählen? Das iſt immer weniger langweilig, als dieſe Schwätzer zu hören. Wollen ſie ebenfalls Ihre Fratze in der Luke ſchneiden, ſo ſollen ſie mitſpielen. Was meint Ihr —= 1—= Herrn Bürger? Hier iſt ein wunderliches Gemiſch beider Geſchlechter, und wir haben hier genug häßliche Geſichter, um eine ſchöne Fratze zu ſchneiden.“ Gringoire wollte antworten; Erſtaunen, Zorn, Un⸗ willen erſtickten bei ihm die Worte. Uebrigens ward der Vorſchlag des Strumpfmachers mit ſolcher Begeiſterung von den Bürgern aufgenommen, die ſich geſchmeichelt fühlten, Junker genannt zu werden, daß jeder Wider⸗ ſtand nutzlos ward. Man mußte dem Strome folgen. Gringoire verbarg ſein Antlitz mit beiden Händen; denn er hatte nicht das Glück, einen Mantel zu beſitzen, um ſich, gleich dem Agamemnon des Timantes, das Haupt verhüllen zu können. 5. Quaſimodo. In einem Augenblick war Alles bereit, Coppenole's Einfall zur Ausführung zu bringen. Bürger, Studenten und Gerichtsſchreiber legten Hand an's Werk. Die der Marmortafel gegenüber liegende kleine Kapelle ward zum Theater für die Fratzen ausgewählt. Eine zerbrochene kleine Fenſterſcheibe in Form der gothiſchen Roſette über der Thür, ließ einen ſteinernen Kreis offen, durch den, wie man übereinkam, die Bewerber den Kopf ſtecken ſollten. Um dort hinaufzureichen, genügte es, auf die Tonnen zu klettern, die man, ich weiß nicht woher, her⸗ beiſchaffte, und ſo gut wie möglich auf einander gelegt hatte. Es ward beſchloſſen, jeder Bewerber, Mann oder — Weib(denn man konnte auch eine Päpſtin wählen), ſollte, um den Eindruck der Fratze jungfräulich und friſch zum Beſten zu geben, ſich das Geſicht verhüllen und in der Kapelle verbergen, bis der Augenblick der Erſcheinung gekommen wäre. In einem Augenblick war die Kapelle voll Bewerber, hinter denen man die Thür zuſchloß. Coppenole befahl, leitete und ordnete von ſeinem Platze aus Alles. Während des Lärms hatte ſich der Kardinal, eben ſo wie Gringoire, außer Faſſung gebracht, mit ſeinem Gefolge unter dem Vorwande der Vesper und andrer Geſchäfte entfernt, ohne daß die Volksmaſſe, welche ſeine Ankunft in ſolche Aufregung verſetzt, ſich im Geringſten um ſeinen Abgang bekümmerte. Guillaume Rym war der Einzige, der die Niederlage ſeiner Emi⸗ nenz bemerkte. Die Aufmerkſamkeit des Volks folgte der Bahn ihrer Revolution, wie die Sonne der ihrigen. Sie hatte ſich am einen Ende des Saales erhoben, war in der Mitte verweilt und wandte ſich jetzt auf das andre Ende. Die Marmortafel, die Gallerie mit Brokat hatten beide ihren Augenblick gehabt; jetzt war die Reihe an der Kapelle Ludwigs XI. Das Feld ſtand jeglicher Poſſe offen; denn Flamländer und Pöbel waren allein gegen⸗ wärtig.. Die Fratzen begannen. Die erſte Figur, welche in der Luke ſich zeigte, hatte rothe, aufgeſchlagene Augen⸗ wimpern, einen Mund, der aufgeriſſen war, wie ein Rachen, und eine Stirn, die an Runzeln den Huſaren⸗ ſtiefeln aus Napoleons Herrſchaft glich. Sie erweckte ein ſo unauslöſchliches Gelächter, daß Homer jenes Pu⸗ blikum für ſeine Götter gehalten hätte. Dennoch war der Saal Nichts weniger, als ein Olymp, und der arme Gringoire wußte das beſſer, als jeder Andre. Eine zweite, dritte Fratze folgte, dann eine vierte, eine fünfte, und ſtets ward Gelächter und Freudengeſchrei verdoppelt. In dem Schauſpiele herrſchte ein ganz beſonderer Schwindel, von dem man dem Leſer unſerer Tage und unſerer Sa⸗ lons nur mit Schwierigkeit einen Begriff machen kann. Man denke ſich eine Reihe von Geſichtern, die nach ein⸗ ander alle geometriſchen Formen vom Triangel bis zum Trapezium, vom Kegel bis zum Polyedrum bildeten, alle religioſen Phantasmagorieen, vom Faun bis zum Belze⸗ dub, jeglichen Ausdruck des Menſchen, vom Zorn bis zur Wolluſt; jegliches Alter, von den Runzeln des Neu⸗ gedorenen bis zu denen des ſterbenden Alters; alle Thier⸗ profile, vom Rachen bis zum Schnabel, vom Schweine⸗ rüſſel bis zur Schnauze. Man denke ſich alle Fratzen des Pontneuf, jene unter der Hand German Pilon's verſteinerten Phantome, plötzlich belebt und athmend, wie ſie Euch mit glühenden Augen anſchauen; alle Masken des Karnevals von Venedig, wie ſie vor Eurer Lorgneite vorüderziehn; kurz, denkt Euch ein menſchliches Kalei⸗ doſcop. Der Freudenrauſch ward immer mehr flamlaͤndiſch. Teniers könnte nur eine unvollkommene Vorſtellung von ihm geben. Man denke ſich Salvator Roſa's Schlacht als Bachanal. Es gab weder Studenten, noch Geſandte, noch Bürger, weder Männer, noch Weiber; es gab keinen Clopin Trouillefou, keinen Gilles Lecornu, keine Marie Quatrelivres, keinen Robert Pouſſepain; jegliche Einzeln⸗ heit erloſch in der allgemeinen Ausgelaſſenheit. Der ganze Saal war Nichts, als ein großer Schmelzofen von Frechheit und Luſtigkeit; wo jeder Mund ein Schrei, jegliches Auge ein Blitz, jedes Geſicht eine Fratze, jeder Einzelne eine Poſitur war; Alles ſchrie und beulte. Die ſonderbaren Geſichter, welche in der Luke nach einander mit den Zähnen knirſchten, glichen in die Gluth geſchlenderten Bränden; von der ganzen glühenden Volksmaſſe erhob ſich, wie der Dunſt des Schmelzofens, ein ſcharfes pfeifendes Geräuſch, lärmend, wie die Flügel einer Wespe. „Ho! he! Verflucht!— Sieh die Fratze!— Sie taugt Nichts.— Eine andre!— Guillemette Mauge⸗ repuis, ſieh das Ochſenmaul! Es fehlen ihm nur die Hörner. Dein Mann iſt es nicht.— Eine andre Fratze! — Betrügerei! Man darf nur ſein eigen Geſicht zeigen! — Die verfluchte Perette Callebotte; ſie iſt deſſen fähig! — Ich erſticke!— Da iſt Einer, deſſen Ohren nicht hindurch können!“— u. ſ. w. u. ſ. w. Unſerem Freunde Jehan müſſen wir aber Gerech⸗ tigkeit widerfahren laſſen. Mitten in der Judenſchule konnte man ihn oben auf ſeinem Pfeiler, wie Moos am Senkgarn, erkennen. Er zerarbeitete ſich mit unglaub⸗ — 75— licher Wuth. Sein Mund war aufgeriſſen und ſtieß ein Gekreiſch aus, das unvernehmbar blieb, nicht weil es, ſo ſtark es auch immer ſein mochte, vom allgemeinen Lärm bedeckt wurde, ſondern ohne Zweifel, weil es die Grenze der hörbaren ſcharfen Töne erreichte, die zwölftauſend Vibrationen Sauveur's, oder die achttauſend Biot's. Gringoire hatte ſich wieder geſammelt, nachdem der erſte Augenblick der Niedergeſchlagenheit vorüber war. Er ſtählte ſich gegen ſein Unglück.„Fahrt fort!“ hatte er zum dritten Mal ſeinen Schauſpielern, den Sprech⸗ maſchinen, zugerufen; dann ſchritt er mit großen Schrit⸗ ten vor der Marmortafel vorüber und faßte den Gedan⸗ ken, auch ſeinerſeits ſich in der Luke der Kapelle zu zeigen, waͤre es auch nur, um das Vergnügen zu haben, dem undankbaren Volk eine Fratze zu ſchneiden— Aber nein, dachte er, das wäre meiner unwürdig; keine Rache! Kämpfen wir bis an's Ende! Groß iſt der Einfluß der Poeſte auf's Volk; ich führe es mir zurück! Sehen will ich, wer den Sieg gewinnt, die Fratzen oder die ſchönen Wiſſenſchaften. Ach, er war der einzige Zuſchauer ſeines Stücks geblieben! Es war ihm noch ſchlimmer ergangen; denn er ſah nur noch die Rücken. Aber nein, auch der gedul⸗ dige dicke Mann, den er ſchon einmal im kritiſchen Augen⸗ blicke um Rath fragte, ſtand mit dem Geſicht gegen die Bühne. Gisquette und Liénarde waren aber ſchon lange deſertirt. 76 Gringoire ward im Grunde ſeines Herzens über die Treue ſeines einzigen Zuſchauers gerührt. Er ging auf ihn zu, ſchüttelte ihn ſacht am Arm, ihn anzureden; der brave Mann hatte ſich nämlich auf das Geländer geſtutzt, und ſchlief ein wenig.„Herr,“ ſagte Gringoire, „ic danke Euch!“—„Worüber,“ fragte der dicke Mann gahnend.—„Ich ſehe, was Euch langweill,“ begann der Dichter auf's Neue;„der Lärm da hindert Euch, gemäch⸗ lich zuzuhören. Beruhigt Euch. Euer Name ſoll dafür auf die Nachwelt kommen; belieb' es Euch, mir ihn zu nennen.“—„Renauld Chateau, Siegelbewahrer des Chatelet von Paris, Euch zu dienen.“—„Hier ſeid Ihr der einzige Repräſentant der Muſen“—„Zu gütig, Herr“ —„Ihr ſeid der Einzige, der das Stück, wie es ſich geziemte, gehört hat. Wie findet Ihr es?“—„Ob, oh!“ erwiederte die nur zur Hälfte erwachte Magiſtratsperſon, „recht hübſch, in der That.“ Gringoire mußte ſich mit dieſem Lob begnügen; denn ein Donner des Beifalls, durchmiſcht mit wunderbarem Zuruf, durchſchnitt ihr Geſprach. Der Narrenpapſt war gewählt.—„Bravo!“ rief das Volk von allen Seiten, und wirklich ſtrahlte eine wunderbare Fratze in dem Au⸗ genblick aus der Fenſterluke. Nach allen fünfeckigen, ſechseckigen, unregelmäßigen Geſichtern, welche in der Luke auf einander gefolgt waren, ohne das Ideal des Grotesken, welches ſich in der trunkenen Einbildungs⸗ kraft des Volkes gebildet hatte, zu verwirklichen, donnie nur eine ſo erhabene Fratze, welche die Verſammlung jetzt blendete, alle Stimmen vereinigen. Meiſter Coppe⸗ nole ſelbſt klatſchte Beifall, und Clopin Trouillefou, der ebenfalls ein Mitbewerber war(Gott weiß, wie hohen Grad der Häßlichkeit ſein Geſicht erreichen konnte), geſtand ein, er ſei beſiegt. Wir thun daſſelbe und wollen es nicht verſuchen, dem Leſer von jener viereckigen Naſe, dem verzogenen Mund, dem kleinen linken Auge mit rothen ſtruppigen Brauen, während das rechte unter einer unge⸗ heueren Warze verſchwand, eine Vorſtellung zu geben. Die Zähne ragten hier und da, wie die Zinnen einer Feſtungsmauer, hervor; die Lippe war ſchwielig, und ein Zahn drängte ſich hinein, gekrümmt, wie der eines Elephanten; das Kinn war gabelförmig, und der ganze Ausdruck des Geſichts ein Gemiſch von Bosheit, Erſtau⸗ nen und Trauer. Iſt es möglich, ſo denke man ſich dies Alles in Einem. Der Zuruf war allgemein; man ſtürzte in die Ka⸗ pelle und führte den glücklichen Narrenpapſt im Triumph heraus. Aber da ſtieg Erſtaunen und Bewunderung auf's Höchſte; denn die Fratze war ein Geſicht, oder vielmehr die ganze Perſon war eine Fratze. Ein dicker, von rothen Haaren ſtarrender Kopf; zwiſchen beiden Schultern ein ungeheurer Höcker, deſſen Rückwirkung vorn bemerklich war; ein Syſtem von ſo ſonderbar gedrehten Hüften und Beinen, daß ſie ſich nur an den Knieen berühren konnten und, von vorn geſehen, zwei gekreuzten Sicheln glichen, die man in einer Fauſt hält; breite Füße, mon⸗ ſtröſe Hände und, bei aller dieſer Entſtellung, ein furcht⸗ har kräftiger, muthiger und behender Gang; eine ſonder⸗ bare Ausnahme von dem ewigen Geſetz, wonach Kraft wie Schönheit aus Harmonie entſpringt. Dies war der Papſt, den die Narren ſich wählten. Man konnte ihn für einen zerbrochenen und ſchlecht wieder zuſammen gefügten Rieſen halten. Als dieſe Cyklopen⸗Art auf der Schwelle der Kapelle erſchien, als er unbeweglich, unterſetzt, eben ſo breit, wie groß, viereckia auf der Baſis, wie ein großer Mann ſagt, daſtand, erkannte ihn das Volk ſogleich an ſeinem halb rothen, halb violetten Oberkleid, welches mit ſilbernen Glocken durchſtickt war, beſonders aber an ſeiner vollkommnen Häßlichkeit, und rief einſtimmig:„Das iſt Quaſimodo, der Glockenläuter! Quaſimodo, der Bucklige von Notre⸗Dame! Quaſimodo, der Einäugige! Quaſi⸗ modo, der Krummbeinige!⸗ Man ſieht, der arme Teufel brauchte nur unter ſei⸗ nen Spitznamen zu wählen.„Schwangere Weiber, nehmt Euch in Acht!“ riefen die Studenten;„oder Alle, die Ihr Luſt habt, es zu werden,“ meinte Joannes. Die Frauen verhüllten ſich wirklich das Geſicht.„Oh, der häßliche Affe!“ ſagte Eine.—„So boshaft, wie häßlich,“ meinte eine Andre.—„Er iſt der Teufel,“ fügte eine Dritte hinzu.—„Unglücklicher Weiſe wohne ich neben Notre⸗Dame; ich höre des Nachts, wie er auf den Dach⸗ traufen herum klettert.“—„Ja, mit den Katzen.“— „Er klettert immer auf unſern Dächern.— Wirft uns Steine durch den Kamin.— Geſtern ſchnitt er mir ein Geſicht durch meine Luke; ich erſchrak, denn ich glaubte, es wäre ein Menſch.“—„Oh gewiß, er ſchwärmt mit dem Teufel. Geſtern ließ er einen Beſen auf dem Blei meines Daches liegen.“—„Oh, das ſcheusliche Geſicht des Verwachſenen!“—„Oh, die häßliche Seele!“— „Pfui!“— Die Männer dagegen waren entzückt und klatſchten Beifall. Quaſimodo, die Urſache des Lärms, ſtand düſter und ernſt im Thore der Kapelle und ließ ſich bewundern. Ein Student(Robin Pouſſepain, wenn ich nicht irre) lachte ihm in's Geſicht und ging zu nahe auf ihn zu. Quaſimodo begnügte ſich damit, ihn bei'm Gürtel zu faſſen und zehn Schritte weit von ſich in's Gedränge zu ſchleudern, ohne jedoch ein Wort zu ſagen. Meiſter Coppenole nahete ſich ihm erſtaunt:„Gottes Kreuz! heiliger Vater! du haſt die ſchönſte Häßlichkeit, die ich mein Leben lang ſah. Du verdienteſt die Papſtwürde zu Rom, wie zu Paris!“ Mit den Worten legte er ihm munter die Hand auf die Schulter; Quaſimodo rührte ſich nicht. Coppenole fuhr fort:„Du biſt ein Schelm, mit dem es mich zu ſchmauſen juckt, und ſollte es mich auch ein neues Dutzend von zwölf Lipres Tournois koſten. Was meinſt du?“ Quaſtmodo erwiederte Nichts.„Got⸗ 80 tes Kreuz!“ ſagte der Strumpfwirker,„biſt du taub?“ Er war es wirklich. Quaſimodo ſing an, ſich über Cop⸗ penole's Benehmen zu ärgern und wandte ſich plötzlich zu ihm mit ſo furchtbarem Zähneknirſchen, daß der flamländi⸗ ſche Rieſe, wie ein Bullenbeißer vor einer Katze, zurückfuhr. Hierauf bildete ſich rings um die ſonderbare Geſtalt ein Kreis des Schreckens und der Achtung, der wenigſtens fünfzehn Fuß vor ihr frei ließ. Ein altes Weib machte dem Meiſter Coppenole bemerklich, Quaſimodo ſei taub. „Taub!“ ſagte der Strumpfmacher mit grobem flamländiſchen Lachen;„Gottes Kreuz! er iſt ein ganz vollkommener Papſt!“—„Ja, ich erkenne ihn,“ rief Jehan, der endlich von ſeinem Säulenkapital hinabgeſtiegen war, um Quaſimodo mehr in der Nähe ſich zu beſehen; „er iſt der Glockenläuter meines Bruders, des Archi⸗ diakonus.— Guten Tag, Quaſimodo.“—„Ein Teufel von Menſchen,“ ſagte Robin Pouſſepain, gequetſcht durch ſeinen Fall.„Er erſcheint, und iſt verwachſen; er geht, und iſt krummbeinig; er ſieht, und iſt einäugig; Ihr ſprecht mit ihm, und er iſt taub. Wozu gebraucht der Polyphem da ſeine Zunge?“—„Wenn er will, ſo ſpricht er,“ ſagte die Alte,„ſtumm iſt er nicht; er ward nur taub vom Glockenläuten.“—„Das fehlte ihm noch,“ bemerkte Jehan.—„Er hat ein Auge zu viel,“ fügte Robin Pouſ⸗ ſepain hinzu.—„Nein,“ erwiederte ſcharfſinnig Jehan; „ein Einäugiger iſt unvollſtändiger, als ein Blinder; er weiß, was ihm fehlt.“ — 8&— Unterdeß hatten alle Bettler, Lakaien, Beutelſchnei⸗ der, mit Studenten vereint, die pappene Tiare und den Talar des Narrenpapſtes aus dem Schranke der Gerichts⸗ ſchreiber in Proceſſion geholt. Quaſimodo ließ ſich, ohne die Stirn zu runzeln, mit ſtolzer Gelehrigkeit dies Ge⸗ wand anlegen; dann ſetzte man ihn auf eine bunte Bahre. Zwölf Offiziere aus der Narren⸗Brüderſchaft hoben ihn auf ihre Schultern; und eine Art bitterer, verächtlicher Freude verbreitete ſich über das düſtere Antlitz des Cy⸗ klopen, als er unter ſeinen häßlichen Füßen alle die ſchönen, ſtattlichen und wohlgeſtalteten Männer erblickte. Dann ſetzte ſich die zerlumpte und heulende Proceſſion in Gang, um nach alter Sitte die inneren Gänge des Palaſtes zu durchwandeln, bevor ſie die Straßen und die Kreuzwege durchzöge. 6. Esmeralda. Wir berichten unſern Leſern mit Vergnügen, daß Gringoire und ſein Stück ſich während deſſen wacker hiel⸗ ten. Die von ihm angeſpornten Schauſpieler hörten nicht auf, ſeine Komödie zu deklamiren, und er hörte auch nicht auf, ſeinen Verſen zu horchen. Er hatte jetzt ſeinen Entſchluß gefaßt, die Aufführung bis zum Ende durch⸗ zuſetzen; denn er verzweifelte noch nicht an der Wieder⸗ kehr der Aufmerkſamkeit des Publikums. Dieſer Funke von Hoffnung ward wieder belebt, als er Quaſimodo erblickte, und als Coppenole mit ſeinem lärmenden Ge⸗ XIII. 6 — 22— folge des Narrenpapſtes unter großem Geräuſch den Saal verließ. Goltlob, dachte er, jetzt gehen die Unruhſtifter davon; aber ach! die Unruhſtifter waren das ganze Pu⸗ blikum; der ganze Saai war in einem Augenblick geleert. Die Wahrheit zu ſagen, einige Zuſchauer blieben, zerſtreut, oder in Gruppen um den Pfeilern, noch zurück; Greiſe, Weiber und Kinder, die mit dem vergangenen Lärm ſich begnügten. Einige Studenten ſaßen noch auf den Fenſtergeſimſen und blickten auf den Platz. Nun, dachte Gringoire, hier ſind noch genug, um das Ende meines Myſteriums anzuhören. Es ſind ihrer wenige, aber ein gebildetes, ein auserleſenes Publikum. Aber plötzlich blieb eine Symphonie aus, welche bei'm Auftreten der heiligen Jungfrau den größten Effekt machen ſollte. Gringoire bemerkte, daß ſeine Muſik mit der Proceſſion des Narrenpapſtes abgegangen war.„Fahrt fort,“ ſagte er mit ſtoiſchem Gleichmuth. Er ging auf eine Gruppe von Bürgern zu, die, wie es ihm ſchien, ſich über das Stück unterhielten. Er erhaſchte aber fol⸗ gendes Bruchſtück ihres Geſprächs. „Ihr kennt, Meiſter Cheneteau, das Hotel von Na⸗ varra, welches dem Herrn von Nemours gehörte.“— „Ja, der Kapelle von Braque gegenüber.“—„Der Schatz hat es an Guillaume Alexandre vermiethet und zwar für ſechs Livres, acht Sols Pariſis jährlich.“— „Wie die Miethe doch aufſchlägt.“—„Ach,“ ſeufzte Pierre Gringoire,„die Andern werden doch hören.“ — 83— „Kameraden,“ rief plötzlich einer der jungen Schelme auf den Fenſtergeſimſen,„die Esmeralda, die Esmeralda!“ Dies Wort hatte eine magiſche Wirkung. Alle, die noch im Saale geblieben waren, ſtürzten an die Fenſter, kletterten die Mauern herauf, um zu ſehen, und riefen: „Die Esmeralda! die Esmeralda!“ Zugleich hörte man draußen einen großen Lärm des Beifalls. „Was ſoll das? die Esmeralda?“ ſagte Gringoire, verzweifelnd die Hände faltend. „Oh, mein Gott! es ſcheint, jetzt iſt die Reihe an den Fenſtern.“ Er wandte ſich zur Marmortafel und ſah, daß die Vorſtellung unterbrochen war. Dieß war gerade der Augenblick, wo Jupiter mit ſeinem Blitze erſcheinen ſollte. Nun aber ſtand Jupiter unbeweglich unten am Theater. 3 „Michel Giborne,“ rief der gereizte Dichter,„ſteige herauf! Was machſt du da? Iſt das deine Rolle?“— „Ach,“ ſagte Jupiter,„ein Student hat die Leiter fort⸗ genommen.“ Gringoire blickte hin; die Sache war nur zu wahr. Alle Kommunikation war zwiſchen dem Knoten und ſeiner Entwickelung abgeſchnitten.„Der Schelm,“ murmelte er,„warum nahm er die Leiter?“—„Um die Esmeralda zu ſehen,“ erwiederte Jupiter niederge⸗ ſchlagen.„Er ſagte: ſieh da, eine Leiter, die zu Nichts dient, und nahm ſie fort.“ Das war der letzte Schlag. Gringoire empfing ihn 6* — 81— mit Ergebung.„Mag Euch der Teufel holen,“ ſagte er zu den Schauſpielern,„ſeid Ihr bezahlt, bin ich's auch!“ Dann trat er geſenkten Hauptes ſeinen Rückzug an; allein wie ein General, der tapfer gekämpft hat, war er der Letzte. Und als er dann die gewundene Treppe des Palais hinabſtieg, murmelte er vor ſich hin:„Ein Pöbel⸗ von Eſeln und Schweinen ſind dieſe Pariſer! Sie kom⸗ men, ein Myſterium zu hören, und hören Nichts! Sie bekümmern ſich um Alles, um Clopin Trouillefou, den Kardinal, Coppenole, Quaſimodo, den Teufel! aber nicht um die Jungfrau Maria. Hätte ich das gewußt, ich hätte Euch Jungfrau'n Marien gegeben! Und ich komme, Ge⸗ ſichter zu ſehn, und ſehe nur Rücken! Bin ein Dichter, und es geht mir, wie einem Apotheker! Es iſt wahr, Homerus hat einſt in den griechiſchen Weilern gebettelt, und Naſo ſtarb in der Verbannung bei Moskowiten. Aber der Teufel ſoll mich ſchinden, wenn ich verſtehe, was ſie mit ihrer Esmeralda wollen. Was heißt das Wort? Es iſt Zigeuneriſch. 8 1 Bweites Zuch. — 1. Von der Scylla in die Charybdis. Die Nacht pflegt früh im Januar zu beginnen.— Die Straßen waren ſchon dunkel, als Gringoire das Palais verließ. Dies Dunkel gefiel ihm; ſchon dauerte es ihm zu lange, eine kleine und einſame Gaſſe zu errei⸗ chen, um dort gemachlich nachzuſinnen, damit der Philo⸗ ſoph den erſten Verband auf die Wunde des Dichters anlegte. Die Philoſophie war außerdem ſein einziger Zufluchtsort; denn er hatte beine Wohnung. Nach dem verunglückten Theatercouy wagte er in ſeine Wohnung, in der Straße Grenier ſur l'Eau, dem Thor au Foin gegenüber, nicht wieder heimzukehren; denn er hatte dar⸗ auf gerechnet, daß der Herr Prévot ihm für ſein Hoch⸗ zeitsgedicht genug Geld geben würde, um Meiſter Guil⸗ laume Doulx⸗Sire, dem Päachter des Pied fourché von Paris, die ſechs Monate Miethe, die er ihm ſchuldig war, d. h. zwölf Sols Pariſis, zu zahlen. Das war aber zwölfmal mehr, als er in der Welt mit Hoſen, Hemd und Mütze beſaß. Nachdem er einen Augenblick über das Lager, das er für die Nacht ſich wählen könnte, — 386— d nachgedacht hatte, indem er unter einem kleinen Pförtchen am Gefängniſſe des Schatzmeiſters de la Chavelle provi⸗ ſoriſches Obdach nahm, und während das ganze Pflaſter von Paris ihm zur Verfügung ſtand, erinnerte er ſich, vergangene Woche in der Straße de la Savaterie, am Hauſe eines Parlaments⸗Rathes, eine Stufe geſehen zu haben, die zum Aufſteigen auf ein Pferd beſtimmt war, und wie er dann bei ſich ſelbſt überlegte, dies ſei ein treffliches Kopfkiſſen für einen Bettler oder Dichter, dankte er der Vorſehung, die ihm den trefflichen Einfall geſandt hatte. Wie er ſich aber anſchickte, den Platz des Palais zu überſchreiten, um das gewundene Labyrinth der Cité zu erreichen, wo noch alle jene alten Schweſtern, die Straßen de la Bralillerie, de la vieille Draperie, de la Savaterie, de la Juiverie ꝛc. ſich ſchlängeln, wie ſie noch mit ihren neun Stockwerk hohen Häuſern daſtehn, ſah er, wie die Proceſſion des Narrenpapſtes ebenfalls das Palais verließ und mit großem Lärm, mit Fackeln und Muſik queer über den Hof auf ihn zuſtürzte. Dieſer Anblick reizte aufs Neue die wunden Stellen ſeiner Eigenliebe; er floh. Bei der Bitterkeit ſeines drama⸗ tiſchen Mißgeſchicks reizte ihn jegliche Erinnerung an das Feſt des Tages und brachte ſeine Wunde zum Bluten. Er wollte die Brücke Saint⸗Michel erreichen, dort liefen Kinder mit Feuerlanzen und Raketen hin und her. „Der Teufel hole das Feuerwerk,“ ſagte Gringoire und wandte ſich zum Pont⸗au⸗Change. Man hatte an die — 87— Häuſer des Brückenkopfs drei Lappen befeſtigt, welche den König, den Dauphin und Margaretha von Flandern darſtellten; dann noch ſechs andere kleinere Lappen, wor⸗ auf der Herzog von Oeſtreich, der Kardinal Bourbon, der Herr von Beaujeu, Frau Jeanne von Frankreich, der Herr Baſtard von Bourbon, und ich weiß nicht, wer ſonſt noch, dargeſtellt war. Von Fackeln ward das Ganze erleuchtet. Das Volk ſtaunte. „Glücklicher Maler Jehan Fourbault,“ ſagte Grin⸗ goire mit ſchwerem Seufzer und wandte den Gemälden den Rücken. Eine Straße lag vor ihm; ſie war ihm ſo dunkel und verlaſſen, daß er dort allem Lärm und allem Scheine des Feſtes entgehen zu können glaubte. Er drang hinein. Nach einigen Augenblicken ſtieß ſein Fuß an ein Hinderniß; er wankte und fiel. Es war ein Maiſtiefel, den die Parlamentsſchreiber am Morgen vor der Thür eines Parlamentspraſidenten zur Ehre des Tages geſtellt hatten. Gringoire ertrug dieſen neuen Unfall mit heroi⸗ ſchem Muthe; er ſtand auf und erreichte das Ufer des Fluſſes. Nachdem er das Bürger⸗ und Kriminal⸗Gefäng⸗ niß hinter ſich gelaſſen und die langen Mauern der Gärten des Königs am ungepflaſterten Ufer, wo der Koth ihm bis über die Knöchel ſtieg, gelangte er an die weſtliche Seite der Cité, und betrachtete einige Zeit das Inſelchen des Kuhhirten, welches ſeitdem unter dem ehernen Pferde und dem Pont⸗Neuf verſchwunden iſt. Das Inſelchen erſchien ihm im Dunkel, wie eine ſchwarze — 88— Maſſe hinter dem engen Streifen weißlichen Waſſers, welches daſſelbe vom Lande trennte. Man konnte an dem Strahl eines kleinen Lichtes die Hütte erkennen, welche einem Bienenkorbe glich, und wo der Kuhhirt des Nachts ſein Obdach fand. lücklicher Kuhhirt, dachte Gringoire, du denkſt nicht an den Ruhm und machſt keine Hochzeitsgedichte! Was kümmern dich die Könige, die ſich verheirathen, und die Herzoginnen von Burgund? Du kennſt keine andern Margarethen, als die Thauperlen, welche deine April⸗ Weide deinen Kühen bietet. Und ich, ein Dichter, zittre vor Kälte, bin ausgepfiffen, bin zwölf Sols ſchuldig, und mein Wamms iſt ſo durchſichtig, daß es deiner Laterne zum Glaſe dienen könnte. Dank ſei dir, Kuhhirt! Deine Hütte erquickt mein Auge und läßt mich Paris vergeſſen. Da ward er aus ſeiner faſt lyriſchen Extaſe durch eine große doppelte Petarde geweckt, welche vor der glücklichen Hütte plötzlich losging. Der Kuhhirt nahm auch ſein Theil an den Vergnügungen des Tages und brannte ein Feuerwerk ab. Die Petarde brachte Gringoire's Epidermis zum Erſtarren.„Verfluchtes Feſt!“ rief er aus,„wirſt du mich überall verfolgen? Oh mein Gott, ſogar bis zum Kuhhirt.“ Dann erblickte er die Seine zu ſeinen Füßen, und eine furchtbare Verſuchung kam über ihn.„Oh!“ rief er,„wie gern würd' ich mich dort ertränken, wäre das Waſſer nicht ſo kalt!“ — 89— Darauf faßte er einen verzweifelten Entſchluß. Weil er nun einmal dem Narrenpapſt, dem Maiſtiefel, den Gemälden Jehan's Fourbault, den Feuerlanzen und Pe⸗ tarden nicht entgehen konnte, wollte er keck mitten in das Herz des Feſtes dringen und zum Grove⸗Platz gehn. Wenigſtens, dachte er, finde ich dort wohl einen Brand der Feuerwerke, mich zu wärmen, und kann dort zu Abend eſſen von einigen Krümmchen der drei großen Wap⸗ pen von Zucker, die man auf dem Büffet der Stadt errichtet hat. 2. Der Grève⸗Plat. Jetzt iſt wohl nur eine kaum bemerkbare Spur des damaligen Grève⸗Platzes noch übrig. Es iſt das hübſche Thürmchen, das im nördlichen Winkel des Platzes ſteht, und unter dem unedlen Mörtel, welcher die lebendigen Kanten ſeiner Sculpturen bekleiſtert, faſt begraben, bald vielleicht verſchwunden ſein wird. Bald wird vielleicht der Anwachs neuer Häuſer, welcher ſo reißend ſchnell alle alten Fagaden von Paris verſchlingt, auch dies Thuͤrm⸗ chen verſenkt haben. Die Perſonen, welche, wie wir, nie über den Grève⸗ Platz wandeln, ohne einen Blick des Mitleids und der Sympathie auf dies arme Thürmchen, wie es zwei Häu⸗ ſer aus Ludwigs XV. Zeit erdroſſeln, zu werfen, können leicht in Gedanken ſich das Ganze des alten Baues, wozu — 90— es gehört, bilden, und ſo den alten gothiſchen Platz des fünfzehnten Jahrhunderts wiederfinden. Wie gegenwärtig, war er ein unregelmäßiges Tra⸗ pezium, auf der einen Seite begrenzte es der Kai, an den drei andern eine Reihe von hohen, düſteren und engen Häuſern. Am Tage konnte man die Mannigfaltig⸗ keit der Gebäude bewundern; alle waren von Stein oder Holz mit Sculptur⸗Arbeit, und zeigten ſchon vollkommene Proben der verſchiedenen Baukunſt des Mittelalters vom eilften bis zum fünfzehnten Jahrhundert, vom Fenſter⸗ kreuz, welches anfing, den Spitzbogen zu verdrängen, bis zum römiſchen Rundbogen, der durch den Spitzbogen erſetzt war, und den, unter dieſem, das erſte Stück des alten Hauſes de la Tour⸗Rolland, an der Ecke des Platzes der Seine zu, und von der Straße de la Tan⸗ nerie, damals noch zeigte: des Nachts bemerkte man nur unter dieſer Maſſe von Gebäuden das ſchwarze zackige Schnitzwerk der Dächer, welche um den Platz ihre Kette von ſpitzen Winkeln erhoben. Denn der Hauptunterſchied zwiſchen den damaligen und jetzigen Städten liegt darin, daß gegenwärtig die Fagaden auf die Plätze und Straßen gerichtet ſind, damals aber die Giebel. Seit zwei Jahr⸗ hunderten haben die Häuſer ſich umgekehrt. In der Mitte erhob ſich gegen Oſten ein ſchwer⸗ fälliger baſtardartiger Bau, aus drei neben einander ſtehenden Häuſern. Man ertheilte ihnen drei Namen, welche ſeine Beſtimmung, Geſchichte und Bau⸗Art erlaͤu⸗ — 91— tern: das Dauphin⸗Haus, weil Karl V. als Dauphin es bewohnte, das Kaufhaus, weil es zum Rathhauſe diente, das Pfeilerhaus, weil eine Reihe dicker Pfeiler ſeine drei Stockwerke hielten. Dort fand die gute Stadt Pa⸗ ris jegliches Erforderniß einer guten Stadt; eine Kayelle zum Gebet, einen Gerichtsſaal, um die Leute des Königs im Nothfall derb abzuführen, und unter dem Dach ein Arſenal voll Artillerie; denn die Pariſer wiſſen wohl, daß unter allen Umſtänden Gebet und Beredſamkeit für die Freiheiten der Stadt nicht genügt; in irgend einem Speicher des Stadthauſes haben ſie immer eine gute, alte, verroſtete Büchſe als Reſerve zurückgelegt. Der Grève⸗Platz bot damals den unheilvollen An⸗ blick, deſſen furchtbare Erinnerung noch immer erweckt wird, und den Dominique Bocador's düſteres Stadt⸗ haus, welches das Pfeilerhaus erſetzte, noch immer erneut. Ein Galgen und ein Schandpfahl, die immer ſtehen blei⸗ ben, oder wie man damals ſagte, eine Gerechtigkeit und eine Leiter, waren in der Mitte des Pflaſters aufgeſchla⸗ gen, und trugen nicht wenig dazu bei, daß die Vorüber⸗ gehenden den Blick von jenem unheilvollen Platze abwand⸗ ten, wo ſo viele Menſchen, blühend von Geſundheit und Leben, mit dem Tode rangen; wo fünfzig Jahre ſpäter jenes Fieber des S. Valliers, die Krankheit aus Schrecken vor dem Schaffott entſprang. Die furchtbarſte aller Krankheiten, weil ſie nicht von Gott, ſondern vom Menſchen kömmt. Im Vorbeigehn ſei es geſagt, es iſt ein tröſtlicher Gedanke, daß die Todesſtrafe, welche vor dreihundert Jahren mit eiſernen Rädern, ſteinernen Galgen, allen Werkzeugen des Mordens, auf dem Pfaaſter ſich brüſtend, den Greve⸗Platz, die Hallen, den Platz Dauphine, das Kreuz du Trahoir, den Schweinemarkt, das ſcheusliche Montfaucon, die Barrière der Sergeanten, den Katzen⸗ Platz, das Thor von S. Dénis, Champeaux, die Thore S. Jacques und Baudets bedeckte, ohne der unzähligen Galgen der Prévots, des Biſchofs, der Kapitel, Aebte und Priore, welche Recht ſprechen konnten, und der juriſtiſchen Erſaͤufungen im Seine⸗Fluß zu gedenken. Es iſt tröſtlich, ſage ich, daß die Todesſtrafe gegenwärtig, nachdem ſie allmählig alle Stücke ihres Wappens, ihren Luxus des Mordens, ihre Strafbarkeit der Entdeckungs⸗ kraft, ihre Tortur, wofür ſie alle fünf Jahre ein leder⸗ nes Bett im Grand⸗Chatelet neu verfertigte, gänzlich verloren hat: daß jene alte Lehnsyerrin des Feudal⸗ ſtaates, aus unſern Geſetzen und Städten beinah vertrie⸗ ben, von einem Geſetzbuch zum andern gehetzt, und von einem Platz zum andern gejagt, im ungeheuren Paris nur einen entehrten Winkel des Grove, eine elende, verſtohlen ſich zeigende, ſich ſchämende Guilotine beſitzt, welche ſtets zu befürchten ſcheint, auf der That ertappt zu werden. So ſchnell verſchwindet ſie nach Führung des Todesſtreiches. — 93— 3. Besos para golpes.*) Als Pierre Gringoire auf dem Gréve⸗Platz ſtand, war er erſtarrt. Er war über die Müllerbrücke gegangen, um dem Gedränge auf dem Pont⸗au⸗Change und den Gemälden von Jehan Fourbeault auszuweichen; allein alle Mühlräder des Biſchofs hatten ihn, als er vorbei⸗ ging, beſpritzt, und ſein Kleid war durchnäßt. Außerdem ſchien es ihm, der Fall ſeines Stückes ſetze ihn noch mehr der Empfindung des Fröſtelns aus; auch eilte er, ſich dem Freudenfeuer, das prächtig mitten auf dem Platze brannte, zu nahen; aber ein beträchtliches Gedränge bildete ſchon einen Kreis um die Flamme. „Verdammte Pariſer,“ ſprach er zu ſich ſelbſt(denn Gringoire als wahrer dramatiſcher Dichter war dem Monolog⸗Halten ſehr ausgeſetzt),„jetzt laſſen ſie mich ſogar nicht einmal an's Feuer treten! Und ich bedarf wahrhaftig ein wenig Wärme! Meine Schuhe trinken, und alle die verdammten Mühlen haben auf mich gereg⸗ net! Der Teufel hole den Biſchof von Paris mit ſeinen Mühlen! Ich möchte wiſſen, wozu einem Biſchof die Mühlen helfen; will er ein Müller werden? Bedarf er dazu meines Fluches, ſo ſoll er mit ſeinen Mühlen und ſeiner Kathedrale ihn haben. Ob ſich die Laffen da nicht ſtören laſſen? Welche Poſſen ſie treiben! Wärmen ſich; ——ᷓ *) Küſſe für Schläge. Anm. des Ueberſ, — 91— ſchön Vergnügen! Sehen, wie man hundert Reiſigbündel verbrennt; ein ſchönes Schauſpiel!“ Wie er aber mehr in der Nähe den Kreis ſich anſah, bemerkte er, jener ſei größer, als daß er ſich nur am Feuer des Königs hätte wärmen können, und die Zuſchauer wären nicht allein von der Schönheit der hun⸗ dert Reiſigbündel, die man verbrannte, herbeigezogen. Ein junges Mädchen tanzte in dem Raume, der zwiſchen dem Feuer und den Zuſchauern frei gelaſſen war. Ob das junge Mädchen Menſch, Fee oder Engel war, konnte Gringoire, wie ſehr er auch ſkeptiſcher Phi⸗ loſoph und ironiſcher Dichter ſein mochte, im erſten Augenblicke nicht entſcheiden. So ſehr ward er durch die Erſcheinung geblendet. Das Mädchen war nicht groß, aber ſchien es; denn ihr feiner Wuchs ſtrebte kühn empor. Ihre Haut war braun, allein man errieth, daß ſie bei'm Tageslicht im ſchönen goldenen Reflex der Frauen Roms und Anda⸗ luſiens erglänzte. Auch ihr kleiner Fuß war andaluſiſch; denn er paßte genau und bequem in den engen, anmuths⸗ vollen Schuh. Sie tanzte, wirbelte auf einem alten per⸗ ſiſchen Teppich, der nachläſſig unter ihren Füßen ausge⸗ breitet lag; und wann im Drehen die ſtrahlende Geſtalt vor Euch vorbeiflog, warfen ihre großen ſchwarzen Augen Euch Blitze zu. Im ganzen Umkreis war jeglicher Blick auf ſie gehef⸗ tet; jeglicher Mund geöffnet; und wirklich, während ſie — 95— bei'm Rauſchen der baskiſchen Trommel, welche ihre runden und reinen Arme über dem Haupt hielten, ſchlank, munter, wie eine Wespe, im gold'nen, ſtraffen Leibchen, im bunten Rock, der ſich aufblähete, mit nackten Schul⸗ tern tanzte, während ihre ſchönen Beine mitunter unter dem Rock hervorſchlüpften, erſchien ſie mit dem dunkeln Haar und den flammenden Augen wie ein höheres Weſen. Wahrhaftig, dachte Gringoire, ſie iſt ein weiblicher Salamander, eine Nymphe, eine Göttin, eine Bachantin des mänaliſchen Berges! In dem Augenblick löſte ſich eine der Haarflechten des weiblichen Salamanders, und ein daran befeſtigtes Stückchen Meſſing rollte über den Boden. „Nein,“ ſagte er,„ſie iſt eine Zigeunerin.“ Alle ſchöne Täuſchung war verſchwunden. Sie begann den Tanz auf's Neue, nahm zwei Schwerter vom Boden auf, ſtellte die Spitzen auf die Stirn, und drehete dieſe nach einer Seite, während ſie ſich nach der entgegengeſetzten hinwandte. Sie war wirk⸗ lich Nichts weiter, als eine Zigeunerin. So ſehr aber auch Gringoire enttäuſcht ward, verfehlte doch das Ganze durchaus nicht einen magiſchen Eindruck zu machen; das Freudenfeuer erleuchtete das Mädchen mit rothem Licht, zitterte auf allen Geſichtern in der Runde, auf der braunen Stirn des Mädchens, und warf noch auf den Hintergrund des Platzes einen bleichen Schein, ſo daß die Schatten an der einen Seite auf der runzlichen ſchwarzen Mauer — 96— des Pfeilerhauſes, und an der andern auf dem ſteinernen Arm des Galgens ſich bewegten. Unter allen Geſichtern, die der Schein mit Scharlach färbte, ſchien eines vor Allen in Betrachtung der Tänze⸗ rin verſunken zu ſein. Es war eine ſtrenge, ruhige und düſtere Männergeſtalt. Jener Mann, deſſen Anzug in der ihn umgebenden Menge verborgen blieb, ſchien nicht über fünf und dreißig Jahre alt zu ſein; dennoch waren ſeine Schläfen ſchon kahl, und kaum bemerkte man auf ihnen einige Büſchel dünner und grauer Haare. Eine hohe und breite Stirn begann, ſich mit Runzeln zu durch⸗ furchen; aber aus ſeinen tiefliegenden Augen funkelte Jugend, Leben und Leidenſchaft. Er heftete ſie fort⸗ während auf die Zigeunerin, und während das muntere ſechzehnjährige Mädchen zum Vergnügen Aller tanzte und hüpfte, ſchien er ſelbſt ſtets düſterer zu werden. Von Zeit zu Zeit vereinte ſich ein Lächeln und ein Seufzer auf ſeinen Lippen; allein ſtets war das Lächeln ſchmerz⸗ hafter, als der Seufzer. Das Madchen hielt endlich, außer Athem, den Tanz ein; das Volk klatſchte mit Vorliebe Beifall.—„Djali,“ rief die Zigeunerin. Da ſah Gringoire, wie eine kleine, weiße, muntere Ziege mit vergoldeten Hörnern, Füßen und Halsband hervortrat. Er hatte ſie noch nicht bemerkt, denn ſie duckte ſich auf einen Zipfel des Teppiches und ſah ihre Herrin tanzen. „Djali,“ ſagte die Zigeunerin,„jetzt iſt die Reihe — 97— an dir,“ ſetzte ſich und reichte der Ziege die baskiſche Trommel. „Djali,“ fuhr ſie fort,„in welchem Monat ſind wir jetzt?“— Die Ziege hob ihren Vorderfuß und ſchlug einmal auf die Trommel. Man befand ſich wirklich im erſten Monat des Jahres. Das Volk klatſchte Beifall. „Djali,“ fragte das junge Mädchen auf's Neue, „welch Datum ſchreiben wir heute?“ Djali erhob ihren kleinen goldenen Fuß und ſchlug ſechs Mal auf die Trommel.„Djali,“ fuhr die Zigeunerin fort, indem ſie ihre Trommel ſtets auf andere Weiſe ſtellte,„was iſt es jetzt an der Zeit?“ Djali that ſieben Schläge; in demſelben Augenblick ſchlug die Uhr des Pfeilerhauſes ſieben. Das Volk ſtaunte.„Dabei iſt Zauber im Spiel,“ ſagte eine unheilvolle Stimme im Volke. Es war die des Kahlkopfes, der die Zigeunerin nicht aus den Augen verlor. Sie zitterte und wandte ſich weg; jedoch Beifall⸗ klatſchen verdeckte den düſteren Ausruf. Dieſer ver⸗ wiſchte jene Stimme ſo vollkommen aus ihrer Seele, daß ſie fortfuhr, ihre Ziege anzureden:„Djali, wie macht Meiſter Guichard Grandremy, Kapitän der Piſtoliers der Stadt Paris, bei der Proceſſion von Chandeleur?“ Djali ſtellte ſich auf die Hinterpfoten, ſing an zu meckern, und ging mit ſo artigem Ernſt im ganzen Kreiſe zen uſchau umher, daß Alle in ein lautes Gelächter . 7 — 98— über dieſe Parodie der eigennützigen Andacht des Kapi⸗ täns der Piſtoliers ausbrachen. „Djiali,“ begann das Mädchen auf's Neue, kühn geworden durch das ſtets wachſende Vergnügen des Pu⸗ blikums;„wie macht Meiſter Jacques Charmolue, Pro⸗ kurator des Königs am geiſtlichen Hofe?“ Die Ziege ſetzte ſi ſich auf die Hinterpfoten, fing an laut zu meckern, und bewegte die Vorderpfoten auf ſo ſonderbare Weiſe, daß außer dem ſchlechten Franzöſiſch und ſchlechten Latein der ganze Jacques Charmolue in Bewegungen, Stel⸗ lung und Accent zu ſchauen war. Das Volk lachte und lärmte noch lauter.„Verbrechen! Gottloſer Spott!“ rief der Kahlkopf. Die Zigeunerin wandte ſich noch einmal um:„Oh,“ ſagte ſie,„der häß⸗ liche Mann!“ Dann zog ſie die Unterlippe über die obere und ſchnitt ein kleines, wie es ſchien, ihr gewohn⸗ tes Mäulchen, ſchlug eine Pirouette auf der Ferſe und ſchickte ſich an, in ihrer Trommel die Gaben der Menge zu ſammeln. Es regneten kleine und große Groſchen, Liards und Targes. Auf einmal ging ſie auf Gringoire zu. Gringoire ſteckte ſo unbeſonnen die Hand in die Taſche, daß die Zigeunerin ſtehen blieb.„Teufel!“ ſprach der Dichter, als er in ſeiner Taſche die Wirklichkeit, das abſolute Nichts, bemerkte. Das hübſche Mädchen ſtand aber immer noch da, betrachtete ihn mit großen Augen, reichte ihm die Trommel hin und wartete. Grin⸗ goire ſchwitzte dicke Tropfen. — 99— Haͤtte er ein Peru in der Taſche gehabt, er hätte es der Tänzerin gegeben. Allein Grinzgoire hatte kein Peru, und Amerika war noch nicht entdeckt. lücklicher Weiſe kam ihm ein unerwarteter Vorfall zu Statten. „Willſt du gehen, ägyptiſche Heuſchrecke!“ rief eine heiſere Stimme aus dem dunkelſten Winkel des Platzes. Das junge Madchen wandte ſich erſchrocken um. Es war nicht mehr die Stimme des Kahlkopfes, ſondern die eines Weibes; eine fromme und boshafte Stimme. Uebrigens erweckte dieſer Schrei, der die Zigeunerin ſchreckte, die Munterkeit einer dort herumſtreichenden Kindergruppe.„Es iſt die Klausnerin von Tour⸗Rolland!“ riefen ſie mit lantem Lachen,„die büßende Nonne brummt! Hat ſie Nichts gegeſſen? Wir wollen ihr Etwas vom Büffet der Stadt bringen!“ Und mit den Worten ſtürz⸗ ten Alle auf das Pfeilerhaus zu. Gringoire hatte unterdeſſen die Verwirrung der Tän⸗ zerin benutzt, bei Seite zu treten. Das Kindergeſchrei erinnerte auch ihn, daß er nicht zu Abend gegeſſen hatte. Er eilte zum Büffet; aber die kleinen Schelme hatten beſſere Beine, als er. Wie er ankam, hatten ſie ſchon aufgeräumt. Auch kein elendes Stück Kuchen, zu fünf Sols das Pfund, war noch vorhanden; auf der Mauer lagen nur einige ſchlanke Lilien, untermiſcht mit Roſen⸗ ſträuchen, 1434 von Mathieu Biterne gemalt. Ein mage⸗ res Abendeſſen! Gewiß iſt es ſehr unbequem, ohne 7*⅝ 3 — 100— Abendeſſen ſchlafen zu gehn; aber noch weniger lachend iſt das Schickſal, nicht zu Abend zu eſſen und nicht zu wiſſen, wo man ſchlafen mag. Mit Gringoire war es ſo weit gekommen. Kein Brod, kein Bett; Noth drängte ihn von allen Seiten, und er fand, die Noth ſei ſehr mürriſch. Seit lange hatte er die Wahrheit entdeckt, daß Jupiter die Menſchen in einem Anfall von Menſchen⸗ haß erſchuf, und daß das ganze Leben des Weiſen nur in einem Belagerungszuſtand hinſichtlich der Philoſophie beſteht. Er ſelbſt hatte nie eine ſo vollſtändige Blokade erfahren; ſein Magen ſchlug Chamade, und er fand es ſehr unpaſſend, daß das Mißgeſchick ſeine Philoſophie mit Hunger angriff. Er verſank immer tiefer in dieſe melancholiſche Träumerei, als ein ſonderbarer, ob auch ſehr ſanfter Geſang ihn plötzlich aus ſeinem Sinnen riß. Die junge Zigeunerin ſang. Ihre Stimme war wie ihre Schönheit, ihr Tanz, unbeſchreiblich, bezanbernd; etwas Reines, Tönendes, Aetheriſches und ſo zu ſagen Beſchwingtes; eine fortwährende Ergießung, unerwartete Kadenzen und Melodieen, dann einfache, mit ſcharfen und ſchrillenden Tönen durchwebte Phraſen, Triller, die eine Nachtigall üͤberwunden hätten, aber ſtets voll Harmonie; weiche, wogende Oktaven, welche wie der Buſen der Sängerin ſtiegen und ſanken. Ihr ſchönes Antlitz folgte mit merk⸗ würdiger Beweglichkeit allen Kapricen ihres Liedes, von der verwirrteſten Begeiſterung bis zur keuſcheſten Würde. 3 — 101— Bald hätte man ſie für eine Wahnſinnige, bald für eine Königin gehalten. Die Worte, die ſie ſang, waren aus einer, Gringoire unbekannten Sprache, die ſie ſelbſt nicht zu verſtehen ſchien; denn der Ausdruck ihrer Stimme ſtand mit dem Sinn der Worte in keiner Beziehung. So wurden folgende vier Verſe von ihr im Ausdruck wahnſinniger Freude geſungen: „Un cofre de gran riqueza Hallaron dentro un pilar Dentro del, nuevas banderas Con figuras de espantar.“ Einen Augenblick ſpater, bei dem Accent der folgen⸗ den Verſe: „Alarabes de cavallo Sin poderse menear Con espadas, y los cuellos, Ballestas de buen echar.“*⁴£) *½) Eine bekannte ſpaniſche Romanze vom König Roderigo. Dieſer hörte, ein Zaubrer habe in einer Höle Schätze verborgen; er forſchte nach und fand Gemälde, die ſein künftiges Schickſal ihm verkündeten. Und ein ſchwerer reicher Kaſten Ward ein Pfeiler aufgeſchloſſen; Drinnen lagen neue Fahnen, Von Geſtalten bunt durchfloſſen. Furchtbar ſah man dort gemalt Araber auf muth'gen Roſſen, Mit den Schwertern und den Panzern Und mit mächt'gen Wurfgeſchoſſen. Anm. d. Ueb. fühlte Gringoire, wie ihm die Thränen in die Augen traten. Dennoch athmete ihr Geſang nur Freude; ſie ſchien, wie ein Vogel, aus Heiterkeit und ſorgloſem Sinn zu ſingen. Das Lied der Zigeunerin hatte Sringoire in ſeiner Träumerei, jedoch wie der Schwan den Waſſeerſpiegel, geſtört. Er hörte mit einer Art des Entzückens und Selbſtvergeſſens. Seit mehreren Stunden fühlte er in einem Augenblick keine Leiden, doch der Augenblick war ſehr kurz. Dieſelbe Weiberſtimme, welche den Tanz der Zigeunerin unterbrochen hatte, unterbrach auch ihr Lied. „Willſt du ſchweigen, Heuſchrecke der Hölle!“ rief ſie wieder im dunkeln Winkel des Platzes. Die arme Heu⸗ ſchrecke hielt inne; Gringoire verſtopfte ſich die Ohren. „O!l“ rief er,„verfluchte ſchartige Säge, die du die Leier zerbrichſt!“ Auch die andern Zuſchauer murr⸗ ten wie er;„zum Teufel die Alte!“ ſagte mehr, als Einer, und die alte Störerin des Feſtes hätte ihren Angriff gegen die Zigeunerin bereuen können, wäre nicht die allgemeine Aufmerkſamkeit durch die Prozeſſion des Narrenpapſtes in Anſpruch genommen worden, welche, nachdem ſie viele Straßen und Kreuzwege durchzogen hatte, auf den Grève⸗Platz mit allen ihren Fackeln und allem ihrem Lärm ſich ergoß. Dieſe Prozeſſion, welche unſ're Leſer ſahen, als ſie das Palais verließ, hatte unterweges ſich mit allen müßi⸗ gen Dieben und zur Verfügung ſtehenden Vagabunden — 103— rekrutirt; als ſie auf dem Grève⸗Platz anlangte, bot ſie auch einen achtbaren Anblick. Voran wandelte Aegypten; der Herzog von Aegypten ritt zu Pferde an der Spitze; zu ſeinen Seiten ſchritten ſeine Grafen einher und hielten ihm Zaum und Steigbügel; hinter ihnen kamen Zigeuner und Zigeunerinnen, mit kleinen ſchreienden Kindern auf den Schultern. Herzog, Grafen, Volk, Alle waren in Lumpen und Flitter gehüllt. Dann folgte das Königreich Kauderwälſch, d. h. alle Diebe Frankreichs, nach ihren Würden aufgeſtellt; die niedrigſten wandelten voran. So wandelten ſie zu doppelten Paaren, mit den Inſignien ihrer verſchiedenen Grade der ſonder⸗ baren Fakultät geſchmückt, vorüber; die Meiſten hinkten; Einige waren bucklig, Andere einarmig; man ſah eine Menge von den Geſtalten Cullots, Straßenjungen, Filze, Heuchler, Abgezehrte, Schelme, Spitzbuben, Erzhelfers⸗ helfer, Knauſer, kurz, die Nennung der Namen würde ſelbſt den Homer ermüden. In der Mitte des Konklaves von Erzbelfershelfern und Knauſern konnte man kaum den König von Kauderwäaͤlſch auf einem kleinen, von großen Hunden gezogenen Wagen unterſcheiden. Hierauf folgte das Reich Galiläa. Guillaume Rouſſeau, Kaiſer von Galiläa, wandelte majeſtätiſch in einem von Wein befleckten Purpurrock; Poſſenreißer gingen ihm voran, prügelten ſich und tanzten; er war umringt von Scepter⸗ trägern, Helfershelfern und Schreibern ſeiner Rechnungs⸗ kammern. Endlich kamen die Parlamentsſchreiber, Blu⸗ — 104— men in den Händen, in ſchwarzen Kleidern, mit einer Muſik, würdig der Judenſchule, und dicken gelben Wachs⸗ lichtern. In der Mitte dieſer Maſſe trugen die Offiziere der Narrenbrüderſchaft auf den Schultern eine mit mehr Wachskerzen überladene Bahre, als das Reliquienkäſtchen der heiligen Genoveva in Zeiten der Peſt, und auf der Bahre ſtrahlte der neue Narrenpapſt mit Kreuzen und der Mitra, der Glockenläuter von Notre⸗Dame, Quaſi⸗ modo der Bucklige. Jegliche Abtheilung dieſer ſonderbaren Proceſſion hatte ihre eigene Muſik. Die Aegypter ließen ihre Balafos und ihre afrikaniſche Tambourine erſchallen. Die Kander⸗ wälſchen, ein eben nicht muſikaliſches Geſchlecht, hatten die Viola, das Bockshorn und die gothiſche Rübebbe des zwölften Jahrhunderts; das Reich von Galiläa war auch nicht weiter fortgeſchritten; kaum bemerkte man eine erbärmliche Geige, die noch im Ré-la-mi gefangen war. Allein rings um den Narrenpapſt enthullten ſich in präch⸗ tiger Kakophonie alle muſikaliſchen Schätze des Jahr⸗ hunderts. Man ſah dort alle Arten von Geigen, ohne der Flöten und Sackpfeifen zu gedenken. Ach! unſ're Leſer werden ſich erinnern, es war das Orcheſter von Pierre Gringoire. Es iſt ſchwierig, ſich einen Begriff von dem ſtolzen und glücklichen Gefühl zu machen, welches das traurige und häßliche Geſicht Quaſimodo's bei dem Zuge über den Grove⸗Platz enthüllte. Dies war der erſte Genuß der Eigenliebe, den er jemals empfand. Bis dahin hatte er nur Erniedrigung, Verachtung für ſeinen Stand, Abſcheu gegen ſeine Perſon erfahren. Wie taub er auch war, genoß er doch den Zuruf jener Menge, die er haßte, weil er von ihr gehaßt ward. War auch ſein Volk ein Haufen Diebe, Bettler, Krüppel und Narren, was küm⸗ merte ihn dies? Es war immer ein Volk, und er ſelbſt deſſen Herrſcher. Allen jenen ironiſchen Beifall mit der ſpöttiſchen Achtung nahm er für Ernſt auf; auch müſſen wir berichten, daß im Volke ſich hiemit wirklich einige Furcht miſchte. Denn der Bucklige war ſtark, der Krumm⸗ beinige behend, der Taube boshaft, und dieſe drei Eigen⸗ ſchaften verminderten das Lächerliche. Uebrigens ſind wir weit davon entfernt, zu glauben, der neue Narrenpapſt habe ſich wirklich von ſeinen Empfindungen Rechenſchaft geben können. Der Geiſt dieſes verfehlten Leibes mußte ſelbſt unvollſtändig und gleichſam taub ſein. Auch war ſeine Empfindung im Augenblick durchaus unbeſtimmt und verwirrt. Nur Freude und Stolz herrſchte vor. Die düſtere und unglückliche Geſtalt ſchien zu ſtrahlen. Deßhalb erblickte man plötzlich nicht obne Ueberra⸗ ſchung und Schrecken in dem Augenblick, wo Quaſimodo im halben Rauſch vor dem Pfeilerhauſe im Triumph vorbeizog, wie ein Mann aus dem Volke hervorſtürzte und ihm mit einer Bewegung des Zornes ſein vergol⸗ detes hölzernes Kreuz, das Würdezeichen ſeines Narren⸗ papſtthums, entriß. — 106— Dieſer Verwegene war der Kahlkopf, der, kurz vor⸗ her unter das Volk gemiſcht, die arme Zigeunerin mit Worten der Drohung und des Haſſes erſchreckt hatte. Er trug ein geiſtliches Kleid. Wie er aus dem Volke heraustrat, erkannte ihn Gringoire.„Sieh,“ ſagte er, „mein Meiſter als Hermes, Dom Claude Frollo, der Archidiakonus! Was Teufel will er mit dem häßlichen Einäugigen? will er ſich zerreißen laſſen?“ Es erhob ſich ein Ruf des Schreckens. Der furcht⸗ bare Quaſimodo ſtürzte ſich die Bahre hinab, und die Frauen wandten die Augen weg, um nicht zu ſchauen, wie er den Archidiaconus zerriß. Wie ein Tiger ſprang er auf den Prieſter zu, ſah ihn an und fiel ihm zu Füßen. Der Prieſter entriß ihm ſeine Tiare, zerbrach ſein Kreuz und zerriß ſeinen Talar von Flittergold. Quaſimodo lag auf den Knieen, ſenkte das Haupt und faltete die Hände. Dann begann zwiſchen Beiden eine ſonderbare Unterredung von Zeichen und Bewe⸗ gungen; denn keiner von Beiden redete. Der Prieſter ſtand da, wüthend, drohend, gebieteriſch. Quaſimodo warf ſich, demüthig bittend, zu Boden. Und dennoch hätte er den Prieſter mit einer Bewegung ſeines Daumens zer⸗ ſchmettern können. Endlich ſchüttelte der Archidiakonus Quaſtmodo's gewaltige Schulter und gab ihm ein Zeichen, zu folgen. Quaſimodo ſtand auf; da aber wollte, nach⸗ dem das erſte Staunen vorüber war, die Narrenbrüder⸗ ſchaft ihren mit ſo wenig Umſtänden entthronten Papſt — 107— vertheidigen. Die Aegypter, die Kauderwälſchen und alle Parlamentsſchreiber umringten lärmend den Prieſter. Qua⸗ ſimodo ſtellte ſich hinter ihn, ließ ſeine Muskeln in ath⸗ letiſcher Stellung ſpielen, und knirſchte wie ein wüthender Tiger mit den Zähnen. Dann nahm der Prieſter ſeinen düſteren Ernſt im Ausdruck wieder an, gab Quaſimodo ein Zeichen und entfernte ſich ſchweigend. Dieſer ging voran und bahnte ihm den Weg, die Menge vertheilend. Nachdem ſie das Volk und den Platz durchſchritten hatten, wollte ein Schwarm Neugieriger und Müßig⸗ gänger ihnen folgen. Da bildete Quaſimodo die Nach⸗ but und folgte, rückwärts blickend, biſſig, ſtarrend, ſeine Glieder gleichſam nachſchleppend, dem Archidiakonus. Er leckte ſeine Zäahne, brüllte wie ein wildes Thier, und bewirkte häufig mit einer Bewegung oder einem Blick ein ſchnelles und zitterndes Schwanken in der Volksmenge. Man ließ ſie Beide in eine enge und dunkle Gaſſe dringen, wohin Niemand ihnen zu folgen wagte; denn den Eingang verſchloß die bloße Geſtalt des zähneknir⸗ ſchenden Quaſimodo. „Sehr ſonderbar!“ ſagte Gringoire,„wo finde ich aber mein Abendeſſen?“ 4. Ungemach, wenn man einem ſchönen Mädchen des Nachts in den Straßen folgt. Gringoire entſchloß ſich, ereigne ſich, was da wolle, der Zigeunerin zu folgen. Er ſah, wie ſie mit ihrer — 108— Ziege den Weg nach der Straße de la Coutellerie ein⸗ ſchlug und trat auch hinein. Warum nicht? dachte er bei ſich ſelbſt. Gringoire hatte, als praktiſcher Philoſoph der Straßen von Paris, die Bemerkung gemacht, daß der Träumerei Nichts ſo günſtig iſt, als das Schlendern hinter den Schritten eines jungen Mädchens, von der man nicht weiß, wohin ſie wandelt. In dieſem freiwilligen Auf⸗ geben des freien Willens, der Phantaſie, welche einer andern, die an Nichts weniger denkt, ſich unterwirft, liegt ein Gemiſch phantaſtiſcher Unabhängigkeit und blin⸗ den Gehorſams, irgend ein Mittelding zwiſchen Sklaverei und Freiheit, die Gringoire gefiel; denn er war ein weſentlich gemiſchter und unentſchiedener Charakter, der die Ende aller Extreme in der Hand hielt, unaufhörlich zwiſchen allen menſchlichen Neigungen in der Mitte ſchwebte, und die eine durch die andre ſtets neutraliſiete. Er ſelbſt verglich ſich gern mit Mahomet's Grab, welches, von zwei Magneten in entgegengeſetzter Richtung ange⸗ zogen, zwiſchen Höhe und Tiefe, zwiſchen dem Gewölbe und dem Pflaſter, zwiſchen Sturz und Emporſteigen, zwiſchen dem Zenith und Nadir ewig ſchwebt. Lebte doch Gringoire in unſern Tagen! Welche ſchöne Mitte würde er zwiſchen Klaſſikern und Roman⸗ tikern halten! Doch leider gehörte er nicht zu den erſten Menſchen, um dreihundert Jahre zu leben. Wie Schade! Sein Mangel läßt eine gegenwärtig nur zu ſehr empfun⸗ — 109— dene Leere. Um übrigens den Vorübergehenden(und beſonders, wenn es Frauen ſind) zu folgen(und Grin⸗ goire that dies gern), dazu iſt man nie beſſer aufgelegt, als wenn man nicht weiß, wo man ſchlafen ſoll. So wandelte er ſinnend hinter dem jungen Mädchen, welche ihre Schritte beſchleunigte und ihre Ziege zum Laufen zwang; denn ſie ſah, daß die Bürger heimkehrten, und daß die Schenken, welche allein von allen Boutiquen an dem Tage offen ſtanden, geſchloſſen wurden. Sie muß doch irgendwo wohnen, dachte er ungefahr bei ſich; die Zigeuner ſind gutmüthig. Wer weiß? Und in der Gedankenreihe, welche allmählig dadurch hervorgerufen wurde, waren, ich weiß nicht welche, aber ſehr anmuthige Ideen. Von Zeit zu Zeit, wenn er an den letzten Gruppen der die Thür verſchließenden Bürger vorüberging, erhaſchte er ein Stück ihres Geſprächs, welches dann die Kette ſeiner lachenden Vermuthungen durchſchnitt. Einmal waren es zwei Greiſe, die mit einander ſprachen: „Meiſter Thibaut Fernicle, wißt Ihr, daß es kalt iſt?“—(Gringoire wußte das ſchon ſeit Anfang des Winters.)—„Ja wohl, Meiſter Bonifaz Diſome; wir werden einen Winter, wie vor drei Jahren bekommen, wo das Holz acht Sols die Klafter koſtete.“—„Bah! das iſt noch Nichts, Meiſter Thibault. Im Winter 1407 fror es vom Sankt⸗Martins⸗Tage bis Lichtmeß, und mit — 110— ſolcher Wuth, daß die Tinte in der Feder des Parla⸗ ments⸗Greffiers von drei Worten bis zu drei Worten erfror, ſo daß das Einregiſtriren der Gerechtigkeit unter⸗ brochen ward.“ In einiger Entfernung ſtanden zwei Nachbarinnen mit Licht am Fenſter, deren flammender Nebel zuſam⸗ menſchrumpfte. 3 „Hat Euer Mann Euch ſchon das Unglück erzaͤhlt?“ —„Nein; was gibt's?“—„Das Pferd des Herrn Gilles Godin, des Notars im Chatelet, ward über die Flamländer mit ihrer Proceſſion ſcheu und rannte Meiſter Philippot Aprillot, den Laienbruder der Cöleſtiner, um.“ —„Wahrhaftig!“—„Ja, ja!“—„Das iſt ſtark; das Pferd eines Bürgers! Wär' es noch ein Kavallerie⸗Pferd geweſen, dann ließ ich's gelten!“ Die Fenſter wurden geſchloſſen; allein Gringoire hatte ſchon den Faden ſeiner Gedanken verloren. Glück⸗ licher Weiſe fand er ihn bald wieder und konnte ihn ohne Mühe wieder anknüpfen; denn die Zigeunerin und Djali gingen vor ihm her; zwei feine, zarte, entzückende Geſtalten, deren kleine Füße, zierliche Formen, anmuths⸗ volle Bewegungen er bewunderte; ja, er vermiſchte Beide in ſeiner Betrachtung, hielt ſie wegen der großen Freund⸗ ſchaft, wegen ihres Einverſtändniſſes für zwei junge Mädchen, und dann ſchien es ihm wieder wegen der Leichtigkeit des Ganges, wegen der hehenden Schritte, als wären Beide zwei Ziegen. — 111— Die Straßen wurden ſtets dunkler und einſamer; die Abendglocke hatte ſchon lange geläutet, und man erblickte nur noch in größeren Zwiſchenräumen einen Vorüber⸗ gehenden auf den Straßen, ein Licht an einem Fenſter. Gringoire war, der Zigeunerin folgend, in das unent⸗ wirrbare Labyrinth von Gaſſen, Kreuzwegen und Sack⸗ gäßchen gerathen, welches das alte Grab der Saints⸗ Innocens umringt, und welches einem Knauel gleicht, das eine Katze verwirrte. Die Straßen haben keine Logik, meinte Gringoire, in den tauſend Umwegen verloren, die ſtets wieder auf denſelben Punkt zurückführten, wäh⸗ rend das junge Mädchen einen Weg verfolgte, der ihr wohl bekannt zu ſein ſchien. Sie wandelte ohne Aufent⸗ halt mit ſtets ſchnelleren Schritten. Gringoire wußte nicht, wo er war, als er im Vorübergehn an der Ecke einer Straße den Schandpfahl der Hallen erblickte, deſſen ausgehauener Gipfel an einem noch erleuchteten Fenſter der Straße Verdelet in die Augen fiel. Seit einigen Augenblicken hatte er die Aufmerkſam⸗ keit des Mädchens auf ſich gezogen. Voll Unruhe wandte ſie verſchiedene Male ihr Haupt; einmal ſogar blieb ſie ſtehen, benutzte einen Lichtſtrahl, der aus einer Bäckerei hervordrang, um ihn von oben bis unten zu betrachten. Da ſah Gringoire, wie ſie das Mäulchen zog, was er ſchon bemerkt hatte, und weiter ging. Dies Mäulchen gab Gringoire Stoff zum Nachdenken. Gewiß lag in dieſer anmuthsvollen Fratze Verachtung — 112— und Spott. Auch begann er, das Haupt zu ſenken, die Pflaſterſteine zu zählen und ſich in größerer Entfernung von dem ſchönen Mädchen zu halten. Plötzlich, als ſie hinter einer kleinen Straßenecke verſchwunden war, ver⸗ nahm er, wie ſie einen durchdringenden Schrei ausſtieß. Da beſchleunigte er ſeine Schritte. Die Straße war dunkel; dennoch erlaubte ihm einiges mit Oel getränktes Werg, welches in eiſernem Käfig am Winkel der Straßen zu den Füßen der heiligen Jungfrau brannte, die Zigeunerin zu erkennen, wie ſie, von zwei Männern ergriffen, rang, welche ihren Schrei zu erſticken ſtrebten. Die arme kleine Ziege ſenkte erſchreckt die Hörner und mekerte. „Herbei, Ihr Herrn Wächter!“ rief Gringoire und ſchritt kühn vorwärts. Einer der Männer, welche das junge Mädchen hielten, wandte ſich gegen ihn um; es war die furchtbare Geſtalt Quaſimodo's. Gringoire ergriff nicht die Flucht, that aber auch keinen Schritt vorwärts. Quaſimodo ging auf ihn zu, warf ihn mit geballter Fauſt vier Schritte zurück auf's Pflaſter, ſtürzte ſchnell in's Dunkel und trug das Mädchen auf einem Arme, geknickt, als wär' es eine Seiden⸗ ſchärpe, fort. Sein Gefährte folgte, und die arme Ziege lief hinter Allen mit klagendem Meckern her. „Mörder! Mörder!“ rief die unglückliche Zigeunerin. „Halt, Elende! laßt die Dirne los!“ rief plötzlich mit einer Donnerſtimme ein Reiter, der aus einem nahen — 113— Kreuzwege herbei ſprengte. Es war ein Kapitän der Ordonnanz⸗Häſcher des Königs, von Kopf bis zu Fuß bewaffnet, mit dem Degen in der Fauſt. Er entriß die Zigeunerin den Armen des erſtaunten Quaſimodo und legte ſie queer über ſeinen Sattel; und im Augen⸗ blick, wo der furchtbare Bucklige, von der Ueberraſchung erholt, ſich auf ihn ſtürzte, ihm ſeine Beute wieder zu entreißen, erſchienen fünfzehn oder ſechzehn Häſcher, welche ihrem Führer auf dem Fuße gefolgt waren, mit Schwertern in den Händen. Es war eine Abtheilung der Ordonnanz des Königs, welche auf Befehl Herrn Robert's von Eſtouteville, des Aufſehers der Prévoté von Paris, die Wachtpatrouille hielt. Quaſimodo wurde umringt, ergriffen, geknebelt. Er erröthete, biß und ſchäumte. Bei Tage hätte ſchon ſein Geſicht ganz allein, noch ſcheuslicher durch den Zorn, die ganze Patrouille zur Flucht gebracht; allein in der Nacht war er ſeiner furchtbarſten Waffe, der Häßlichkeit, beraubt. Sein Gefährte war unterdeſſen verſchwunden. Die Zigeunerin richtete ſich auf dem Sattel des Offiziers zierlich auf, ſtuͤtzte beide Hände auf die Schul⸗ tern des jungen Mannes, betrachtete ihn einige Sekun⸗ den lang, uber ſein ſchönes Aeußere und die Hülfe, die er ihr geleiſtet, entzückt, mit feſtem Blicke. Dann brach ſie zuerſt das Schweigen und fragte mit ihrer ſüßen Stimme, die noch ſüßer, wie gewöhnlich klang: „Wie heißt Ihr, Herr Gendarme?“—„Kapitän XIII. 8 — 114— Phöbus von Chateaupert, Euch zu dienen, meine Schöne,“ erwiederte der Offizier ſich aufrichtend.—„Ich dank' Euch,“ ſagte die Zigeunerin; und während der Kapitän ſeinen burgundiſchen Schnurrbart in die Höhe drehte, ſchlüpfte ſie wie ein Pfeil, der zu Boden ſinkt, vom Pferde herunter und entfloh. Ein Blitz konnte nicht ſchneller entſchwinden. „ Bei des Papſtes Nabel,“ rief der Kapitän, indem er Quaſimodo⸗'s Riemen enger ſchnüren ließ,„die Dirne hatte ich lieber behalten.“ „Was iſt zu machen, Kapitän?“ ſagte ein Gen⸗ darme,„die Grasmücke iſt davon geflogen, die Fleder⸗ maus geblieben.“ 5. Fortſetzung vom Ungemach. Gringoire, von ſeinem Sturz betäubt, war auf dem Pflaſter vor dem Bilde der heiligen Jungfrau liegen geblieben. Allmählich kam er wieder zur Beſinnung; anfangs ſchwamm er einige Minuten in einer Art ſchlaf⸗ trunk'ner Träumerei, die nicht ohne Süßigkeit war und worin die luftigen Geſtalten der Zigeunerin und ihrer Ziege ſich mit Quaſtmodv's ſchwerer Fauſt vereinten. Ein lebhafter Eindruck der Kälte an dem Theile ſeines Körpers, der mit dem Pflaſter in Berührung kam, weckte ihn plötzlich auf und brachte ihn vollends zur Beſinnung. „Woher die Kälte,“ fuhr er plötzlich auf; da bemerkte er, daß er in der Mitte eines Rinnſteines lag.„Der 3 — 115— Teufel von buckligen Cyklopen!“ brummte er zwiſchen den Zähnen und wollte aufſtehen; allein zu ſehr betäubt und zerſchlagen, mußte er auf dem Platze bleiben. Uebri⸗ gens hatte er noch die Hand frei; d'rum ergab er ſich in ſein Schickſal und hielt ſich die Naſe zu. „Der Pariſer Koth,“ dachte er(denn er meinte ganz gewiß, ſein Lager ſei der Rinnſtein, und was ſoll man dort beginnen, träumt man nicht?) „Der Pariſer Koth ſtinkt ganz eigenthümlich; er muß viel flüchtiges und nitröſes Salz enthalten. Uebrigens iſt dies die Meinung Meiſter Nikolaus Flamel's und der Hermetiker...“ Das Wort Hermetiker rief plötzlich bei ihm wieder den Gedanken an den Archidiakonus Claude Frollo hervor. Er erinnerte ſich an den heftigen Auftritt, den er ſo eben, ob auch undeutlich, erblickt hatte, wie die Zigeunerin mit zwei Männern rang, wie Quaſimodo einen Gefährten hatte; und die düſtere, ſtolze Geſtalt des Archidiakonus fuhr undeutlich durch ſein Gedächtniß. Sonderbar! dachte er, und begann auf dieſer Grundlage ein phantaſtiſches Gebäude von Hypotheſen, ein philoſo⸗ phiſches Kartenhaus, zu errichten. Dann kehrte er plötz⸗ lich zur Wirklichkeit wieder zurück.—„Oh, ich friere!“ rief er aus. Der Platz ward wirklich mit jedem Augenblicke weni⸗ ger haltbar. Jede Molecüle Waſſers im Rinnſtein nahm eine Molecüle Wärmeſtoffs, der den Adern Gringoire's eniſtrömte, mit ſich fort, und das Gleichgewicht zwiſchen 8* — 116— der Temperatur ſeines Leibes und der des Rinnſteins ward auf empfindliche Weiſe wieder hergeſtellt. Plötzlich erfaßte ihn ein Aerger ganz anderer Art. Eine Gruppe von Kindern, von kleinen barfüßigen Wil⸗ den, welche zu jeder Zeit das Pflaſter von Paris unter dem Namen Straßenjungen betreten, und die uns oft des Abends, wenn wir aus der Schule kamen, mit Steinen warfen, weil wir keine zerriſſenen Beinkleider trugen, ein Schwarm dieſer kleinen Schelme lief auf den Kreuzweg zu, wo Gringoire ruhete, lachte, ſchrie und kümmerte ſich durchaus nicht um den Schlaf der Nachbarn. Hinter ſich ſchleppten ſie einen mißgeſtal⸗ teten Sack; ſchon der Lärm ihrer Holzſchuhe hätte einen Todten auferweckt. Gringoire war es noch nicht ganz, und erhob ſich zur Hälfte. „He, Hennequin Dandéche! he, Jehan Pincebourde!“ riefen ſie mit lauter Kehle,„der alte Eiſenhändler an der Straßen⸗Ecke Euſtache Moubon iſt geſtorben. Hier haben wir ſeinen Strohſack und wollen damit ein Freuden⸗ feuer machen! Heute iſt ein flamländiſch Feſt.“ Und den Strohſack warfen ſie grade auf Gringoire, dem ſie, ohne ihn zu ſehen, naheten. Zugleich nahm einer von ihnen eine Handvoll Stroh, um es an der Lampe der heiligen Jungfrau anzuzünden. „Gottes Tod!“ murmelte Gringoire,„hier wird es mir zuletzt zu heiß werden!“ Der Augenblick war höchſt kritiſch. Gringoire war — 117— nahe d'ran, zwiſchen Waſſer und Feuer in die Mitte zu gerathen. Da machte er eine übernatürliche Kraftanſtren⸗ gung, wie ein Falſchmünzer, den man braten will und der zu entwiſchen ſucht. Er ſtand auf, warf den Stroh⸗ mann zwiſchen die Straßenjungen und entfloh. „Heilige Jungfrau!“ riefen die Knaben,„der Eiſen⸗ händler geht um!“ und auch ſie flohen ihrerſeits. Der Strohſack blieb Herr des Schlachtfeldes. Belleforéet, der Vater Lejuge und Corrozet ver⸗ ſichern, daß er von der Geiſtlichkeit des Stadtquartiers am nächſten Tage fortgenommen und mit großem Pomp zum Schatz der Kirche Sainte⸗Opportune getragen wurde, wo der Sakriſtan bis 1789 ein recht hübſches Einkom⸗ men von dem großen Wunder der heiligen Jungfrau in der Ecke der Rue Mauconſeil zog, welche allein durch ihre Gegenwart in der denkwürdigen Nacht vom ſechsten auf den ſiebenten Januar 1482 den verſtorbenen Jehan Moubon exorciſirte, welcher, um den Teufel zu prellen, ſeine Seele, als er ſtarb, boshafter Weiſe im Strohſack verſteckt hatte. 6. Der zerbrochene Krug. Unſer Dichter, nachdem er einige Zeit mit aller Kraft ſeiner Beine, ohne zu wiſſen wohin, gelaufen war, wobei er nicht ſelten ſeinen Kopf an die Straßenecken ſtieß, in manchen Rinnſtein trat, in manches enge und manches Sackgäßchen gerieth, manchen Kreuzweg durch⸗ — 118— lief, durch alle labyrinthiſchen Wege des alten Pflaſters der Hallen Flucht und Ausgang ſuchte, und im paniſchen Schrecken dasjenige erprobte, was die Urkunden in ſchö⸗ nem Latein tota via, cheminum et viaria nennen, blieb er plötzlich ſtehen, und zwar anfangs, weil er außer Athem war, dann aber, weil ein Dilemma, das in ſeiner Seele aufſtieg, ihn bei'm Kragen packte.„Mir ſcheint, Meiſter Pierre Gringoire,“ ſprach er zu ſich ſelbſt, indem er den Finger an die Stirn legte,„daß Ihr wie ein Verrückter fortrennt. Die kleinen Schelme fürchten ſich nicht weniger vor Euch, wie Ihr vor ihnen. Es ſcheint mir, ſag' ich Euch, Ihr hörtet den Lärm ihrer Holzſchuhe, die nach Süden flohen, während Ihr nach Norden Euern Lauf richtetet. Nun iſt eines von zweien Dingen möglich; entweder ſind ſie geflohen, und dann iſt jener Strohſack, den ſie im Schrecken zurückließen, eben das gaſtliche Bett, was Ihr ſchon ſeit heute Mor⸗ gen ſucht, und das die Frau Jungfrau Euch wunderbarer Weiſe ſendet, um Euch dafür zu lohnen, daß Ihr ihr zu Ehren eine Moralität mit Triumphen und Mummereien dichtetet; oder die Knaben ſind nicht geflohen, und in dem Fall haben ſie den Strohſack angezündet; dann habt Ihr grade ein treffliches Feuer, Euch zu erquicken, zu trock'nen und zu wärmen. In beiden Fällen, ein ſchönes Feuer oder ein ſchönes Bett, iſt der Strohſack ein Ge⸗ ſchenk des Himmels. Die gebenedeite Jungfrau Maria in dem Winkel der Straße Mauconſeil ließ vielleicht — 119— Jehan Moubon nur deßhalb ſterben. Ihr ſeid ein Thor, wie ein Abdecker oder wie ein Picardier vor einem Franzoſen, zu fliehen und hinter Euch zu laſſen, was Ihr vor Euch ſucht. Ihr ſeid ein Dummkopf!“ Er kehrte zurück, ſuchte ſich forſchend zu orientiren, ſtreckte die Naſe nach dem Wind und lauerte mit den Ohren; kurz, ſuchte mit allen Kräften den geliebten Strohſack wieder aufzufinden. Allein Alles vergeblich. Er ſah nur ſich ſchneidende Häuſer, Sackgäßchen, in deren Mitte er unaufhörlich ſchwankte und zauderte. In dieſen Verwicklungen dunb'ler und enger Straßen ward er mehr verhindert und feſtgehalten, als ſelbſt in den Irr⸗ gängen des Hotel de Tournelles; endlich verlor er die Geduld und rief feierlich:„Verflucht ſeien die Kreuz⸗ wege! Der Teufel ſchuf ſie nach dem Bilde ſeiner Gabel!“ Dieſer Ausruf erleichterte ihn ein wenig; und eine Art röthlichen Reflexes, den er am Ende einer langen und ſchmalen Gaſſe erblickte, richtete vollends ſeinen Muth wieder auf.„Gottlob!“ ſagte er,„dort unten brennt mein Strohſack! und ſich einem Steuermanne verglei⸗ chend, deſſen Schiff im Dunkel umhergeſchleudert wird, fügte er fromm hinzu:„Salve, salve maris stella.“ Ob er dies Fragment der Litanei an die heilige Jungfrau oder an den Strohſack richtete, iſt uns durch⸗ aus unbekannt. Kaum war er einige Schritte in dem langen, abwärts gehenden, ungepflaſterten Gäßchen, das immer kothiger — 12²0— und ſteiler ward, vorwärts gewandelt, bemerkte er dort etwas ſehr Sonderbares. Es war nicht einſam; hier und dort krochen längſt des Gäßchens ungeſtaltete und unbeſtimmte Maſſen auf den Feuerſchein zu, welcher am äußerſten Ende flimmerte; ſie glichen jenen ſchwerfaͤlligen Inſekten, welche ſich des Nachts von Grashalm zu Gras⸗ halm zum Feuer des Hirten hinſchleppen. Nichts erweckt größere Luſt zu Abenteuern, als der Umſtand, daß man in der Taſche eine vollkommene Leere fühlt. Gringoire fuhr fort, vorwärts zu wandeln, und hatte bald eine Geſtalt erreicht, die ſich am trägſten hin⸗ ter den andern herſchleppte. Als er näher trat, bemerkte er, daß es nur ein elender Krüppel war, der wie eine verwundete Spinne, welche nur noch zwei Beine hat, auf den Händen forthüpfte. Als er bei dieſer Spinne mit menſchlichem Antlitz vorbeiging, redete ſie ihn mit kläglicher Stimme an:„La buona mancia, Signor! La buona mancia.“ „Der Teufel ſoll dich holen und mich mit dir,“ ſagte Gringoire, wenn ich ein Wort von dem, was du willſt, verſtehe.“ Er ging weiter, erreichte eine and're jener wandeln⸗ den Maſſen und durchforſchte ſie mit dem Blicke. Es war ein Lahmer, hinkend und einarmig in dem Grade, daß das komplicirte Syſtem ſeiner Krücken und ſeines hölzernen Beines ihm das Anſehn eines ſich bewegenden Maurergerüſtes gab. Gringoire, welcher edle und klaſ⸗ ſiſche Vergleiche liebte, verglich ihn in Gedanken mit dem lebenden Dreifuße Vulkans. Dieſer lebende Dreifuß grüßte ihn im Vorbeigehn, hielt aber ſeinen Hut bis an die Höhe von Gringoire's Knie, wie ein Barbierbecken, und ſchrie ihm in's Ohr: „Señor*) caballero, para comprar un pedazo de pan!“ „Es ſcheint,“ ſagte Gringoire,„der ſpricht auch, aber in einer rauhen Sprache, und wenn er ſie verſteht, iſt er glücklicher, als ich.“ Dann ſchlug er ſich bei einem plötzlichen Ideen⸗ übergang an die Stirn:„Zum Teufel, was wollten ſie heute Morgen mit ihrer Esmeralda ſagen?“ Er wollte ſeine Schritte verdoppeln; doch zum drit⸗ ten Mal verſperrte ihm Etwas den Weg. Es ſchien weit eher eine Sache, als ein Menſch zu ſein, und war ein kleiner Blinder mit jüdiſch bärtigem Antlitz, der den Raum im Umkreiſe mit einem Stock unterſuchte und, von einem großen Hunde bugſirt, mit ungariſchem Accent näſelte:„Facitote caritatem.“ „Gottlob!“ ſagte Pierre Gringoire,„endlich ſpricht Einer eine chriſtliche Sprache. Ich muß ein beträchtliches Almoſen⸗Ausſehen haben, da man in dem Zuſtande der Magerkeit von meiner Börſe bei mir bettelt.“ „Freund(wandte er ſich zum Blinden), letzte Woche **) Spaniſch. Herr Ritter gebt mir, ein Stück Brod zu kaufen. — 12— verkaufte ich mein letztes Hemd, d. h. weil Ihr nur Cicero's Sprache verſteht: Vendidi hebdomade nuper transita meam ultimam chemisam.“ Mit den Worten wandte er dem Blinden den Rücken und ging ſeines Weges weiter. Doch Jener begann zugleich mit ihm ſeine Schritte zu verlängern, und plötz⸗ lich laufen beide Krüppel mit großer Eile und großem Lärm der Krücken hinter ihm her; alle drei tummelten ſich hinter den Ferſen des armen Gringoire, und Jeglicher ſang ihm ſein Lied.„Caritatem!“ ſang der Blinde.„La buona mancia,“ ſang der ſpinnegleiche Krüppel; der Lahme ſtieg noch eine Note höher und rief:„Un pedazo de pan!“ Gringoire verſtopfte ſich die Ohren:„Oh Thurm von Babel!“ rief er aus. Er fing an zu laufen; der Blinde lief; der Krüppel lief; der Lahme lief. Je tiefer er in die Straßen drang, kamen Blinde, Krüppel, Lahme, Einäugige, Einarmige, Ausſätzige aus den Häuſern, Gaſſen, Kellern, heulend, brüllend, krei⸗ ſchend, ſämmtlich hinkend, in immer größeren Maſſen hervor, ſtürzten auf den Lichtſchein zu, und wälzten ſich im Kothe, wie Schnecken nach dem Regen. Gringoire, hinter dem ſeine drei Verfolger ſtets herliefen, konnte nicht begreifen, was daraus entſtehen ſollte, rannte erſchreckt unter dieſe Maſſe, turnirte die Hinkenden, ſprang über die Kriechenden hinweg, verwickelte ſich die Füße in dem Ameiſenhaufen von Krüppeln, wie einſt — 123— jener engliſche Schiffskapitän in einer Heerde von Krab⸗ ben ſtecken blieb. Da ſiel ihm ein, einen Verſuch zur Rückkehr zu machen. Aber es war zu ſpät. Die ganze Schaar hatte ſich hinter ihm geſchloſſen, und ſeine drei Bettler folgten ihm auf dem Fuße. Er ſetzte deßhalb ſeinen Lauf fort, von der unwiderſtehlichen Fluth, der Furcht und einem Schwindel hingeriſſen, der ihm Alles zu einer Art furcht⸗ baren Traumes machte. Endlich erreichte er das äußerſte Ende der Straße; ſie führte ihn auf einen ungeheueren Platz, wo tauſend zerſtreute Lichter im Nebel der Nacht unbeſtimmt flackerten. Gringoire ſtürzte auf ihn zu; denn er hoffte, durch die Schnelligkeit ſeiner Beine den drei krüppelhaften Geſpenſtern, die ſich an ihn geklammert hatten, zu entziehen. „Onde vas, hombre!“*) rief der Lahme, warf ſeine Krücken fort und rannte mit den zwei beſten Bei⸗ nen, die jemals auf dem Pariſer Pflaſter einen geome⸗ triſchen Schritt zeichneten, hinter ihm her. Der kriechende Krüppel ſtand aufrecht und legte ſeine ſchweren Krallen auf Gringoire's Kopf, und der Blinde ſchaute ihm mit funkelnden Augen in's Geſicht.„Wo bin ich?“ fragte der erſchrockene Dichter.„Im Hofe der Wunder,“ erwie⸗ derte ein viertes Geſpenſt, das herantrat.„Bei meiner Seele,“ begann Gringoire auf's Neue;„ich erblicke wohl *) Wohin gehſt du, Menſch? die Blinden, welche ſehen, und die Hinkenden, welche laufen; wo aber iſt der Heiland, der Erretter?“ Man antwortete ihm mit einem Unheil verkündendem Gelächter. Der arme Dichter blickte um ſich. Er war wirklich in dem furchtbaren Hofe der Wunder, wohin zu ſolcher Stunde ein ehrlicher Mann noch nie gedrungen war; er befand ſich in dem Zauberkreiſe, in dem die Offtziere des Chatelet und die Sergeanten der Prévoté, welche ſich hinein wagten, wie Krümchen verſchwanden; in der Cité der Diebe, der ſcheuslichen Warze des Antlitzes der Stadt Paris; in dem Kloak, von wo ein Strom von Laſtern, Bettelei und Vagabunden, das ſich ſtets in der Hauptſtadt befand, jeden Morgen ſich über Paris ergoß, und dann des Nachts dort wieder zuſammenkauerte; in dem ungeheuern Bienenkorbe, wohin alle Horniſſe der Geſellſchaft des Abends mit ihrem Raube heimkehrten; in dem erlogenen Hoſpitale, wohin der Zigeuner, der entlaufene Mönch, der ruinirte Student, die Taugenichtſe aller Nationen, Italiener, Spanier, Deutſche, die Tauge⸗ nichtſe aller Religionen, Juden, Chriſten, Mahomedaner, Götzendiener, am Tage mit geſchminkten Geſchwüren bedeckt und bettelnd, ſich des Nachts in Räuber verwan⸗ delten; kurz, Gringoire war in den ungeheuern Kleider⸗ behälter gerathen, in dem ſich damals alle Schauſpieler des ewigen Dramas bekleideten und wieder auszogen, welches Entehrung, Raub und Mord auf dem Pſlaſte von Paris noch immer ſpielen. Es war ein weiter, unregelmäßiger und ſchlecht gepflaſterter Platz, wie dies damals bei allen Plätzen in Paris der Fall war. Hin und wieder glänzten Feuer, welche ſonderbare Gruppen wimmelnd umringten. Es war ein immerwährendes Geſchrei, ein immerwährendes Gehen und Kommen. Man vernahm ſcharftönendes Lachen, Kindergeſchrei, Weiberſtimmen; Hände und Köpfe der Menge ſchnitten ſchwarz auf dem hellen Grunde tauſend ſonderbare Geſtalten aus. In einzelnen Augen⸗ blicken, wenn der Schein des Feuers, mit großen undeut⸗ lichen Schatten gemiſcht, auf dem Boden zitterte, konnte man einen Hund, der einem Menſchen glich, oder einen Menſchen, der einem Hunde glich, vorüber gehen ſehen. Alle Unterſchiede der Gattungen und Geſchlechter ſchienen in dieſer Stadt, wie in einem Pandämonium, zu erlo⸗ ſchen. Männer, Weiber, Thiere, Alter, Geſchlecht, Geſundheit, Krankheit, Alles ſchien unter dieſem Volke gemeinſchaftlich zu ſein; Alles war unter einander gemiſcht und verwirrt; Jeglicher nahm an Allem Theil. An dem zitternden und ärmlichen Lichte der Feuer konnte Gringoire, in ſeiner Verwirrung, rings um den breiten Platz eine ſcheusliche Einfaſſung von alten Häu⸗ ſern erkennen, deren wurmſtichige, zuſammengeſchrumpfte, verkrüppelte Vorderſeiten, von denen jegliche von einer oder zwei erleuchteten Lucken durchbrochen war, ihm wie ungeheu're Köpfe alter Weiber erſchienen, die mit blin⸗ zelnden Augen, ſcheuslich und ſauertöpfiſch, den Lärm im Kreiſe betrachteten. — 126— Es war ihm eine neue, kriechende, wimmelnde, monſtröſe, unerhörte, entſtellte, phantaſtiſche Welt. Gringoire, mit jedem Augenblick erſchrockener, und von den drei Bettlern, wie von drei Zangen gefaßt, betäubt durch Blöcken und Bellen der Geſichter in der Runde, der unglückliche Gringoire ſuchte alle Gegenwart des Geiſtes zuſammen zu nehmen, um ſich zu erinnern, ob man vielleicht an einem Sonnabend wäre. Allein alle Bemühungen waren vergeblich; der Faden ſeiner Gedanken, wie der ſeines Gedächtniſſes, war zerriſſen; er zweifelte an Allem, wußte nicht mehr, was er fühlte, und ſtellte ſich die unlösbare Frage: Wenn ich bin, iſt dies Realität?— Wenn dies Realität iſt, bin ich? Da erhob ſich eine deutliche Stimme aus dem ſum⸗ menden Gedränge, das ihn umringte:„Führen wir ihn zum König!“ „Heilige Jungfrau,“ murmelte Gringoire,„der Kö⸗ nig iſt gewiß ein Ziegenbock!“ „Zum König! zum König!“ wiederholten alle Stimmen. Man ſchleppte ihn fort. Jeglicher wollte ihn anpacken; aber die drei Bettler ließen ihren Fang nicht los.„Er iſt unſer!“ ſchrieen ſie und entriſſen ihn den Andern. Das ſchon erkrankte ⸗Wamms des Dichters verſchied in dieſem Kampfe vollends. Als er den furchtbaren Platz durchſchritt, verlor ſich ſein Schwindel. Nach einigen Schritten kehrte das Ge⸗ — 127— fühl der Realität zu ihm zurück. Er fing an, ſich an die Atmoſphäre des Ortes zu gewöhnen. Im erſten Augenblicke hatte ſich aus ſeinem Dichterhaupte, oder ganz proſaiſch, aus ſeinem leeren Magen, ein Dunſt erho⸗ ben, der ſich wie ein Nebel zwiſchen ihn und die Objekte ausbreitete, ſo daß er dieſe nur im unzuſammenhängen⸗ den Dunſt des Alps, im Dunkel der Träume, erblicken konnte, worin alle Umriſſe zittern, alle Formen zur Fratze werden, die Gegenſtände in unmäßige Gruppen ſich anhäufen, die Sachen ſich zu Hirngeſpinſten und die Menſchen in Phantome verwandeln. Bald folgte auf dieſe Fieberphantaſte eine weniger verirrte und weniger vergrößernde Anſchauung. Das Wirkliche brach ſich bei ihm Bahn, traf ſeinen Blick, ſtieß an ſeine Beine und riß allmählich die furchtbare Poeſie, womit er ſich anfangs umgeben wähnte, ein. Er mußte endlich wohl ſehen, daß er nicht im Styx, ſondern im Kothe wandelte, daß ihn keine Teufel, ſondern Diebe mit den Ellbogen ſtießen, daß ſeine Seele auf keine Weiſe, ſondern nur ſein Leben in Gefahr ſchwebte(es fehlte ihm ja jener koſtbare Ver⸗ mittler, welcher zwiſchen dem Banditen und dem ehr⸗ lichen Mann die Anſprüche ausgleicht: die Börſe). Kurz, als er die Orgie näher unterſuchte, verfiel er vom Sabbath in die Schenke. Der Hof der Wunder war auch wirklich weiter Nichts, als eine Schenke; allein eine von Blut eben ſo ſehr wie vom Weine geröthete Rauberſchenke. — 128— Das Schauſpiel, welches ſich ſeinen Augen darbot, als ſeine zerlumpte Wache ihn endlich am Ziele ſeiner Bahn niederlegte, war durchaus nicht geeignet, ihn zur Poeſie zurückzuführen, wäre es auch nur die Poeſie der Hölle geweſen. Es war mehr, als die brutale und rohe Wirklichkeit einer Schenke. Wären wir nicht im fünf⸗ zehnten Jahrhundert, würden wir ſagen, Gringoire ſei von Michel Angelo auf Callot hinabgeſtiegen. Ringsum ein großes Feuer, welches auf einer gro⸗ ßen runden Steintafel brannte, und deſſen Flammen die röthlichen Füße eines für den Augenblick leeren Drei⸗ fußes bedeckten, waren hin und wieder einige wurm⸗ ſtichige Tiſche aufgeſtellt, doch ſo, daß kein geometriſcher Lakai ſich herabgelaſſen hätte, ihren Parallelismus zurecht zu ſtellen, oder zu ſehen, daß ſie an ihren noch nicht abgenutzten Ecken abgeſtoßen würden. Auf den Tiſchen ſtrahlten einige rinnende Bier⸗ und Weinkrüge, und um dieſe Krüge gruppirten ſich gar viele bachiſche Geſichter, von Feuer und Wein in Purpur gefärbt. Ein Mann von geſchwollenem Bauch und munterer Geſtalt umarmte brünſtig ein dickes und fleiſchiges Freu⸗ denmädchen. Er war eine Art von durchtriebenem Schelm, welcher pfeifend den Verband von ſeiner falſchen Wunde nahm und ſeinem geſunden und ſtarken Knie, das er ſeit dem Morgen in tauſend Binden gewickelt hatte, die frühere Gelenkigkeit zurückgab. Verkehrt ſaß ein Schelm, der mit Schellenkraut und Ochſenblut die Vorbereitungen — 12²9— zu ſeinem Bein Gottes auf den folgenden Tag traf. Zwei Tiſche weiter buchſtabirte ein Pilger, mit allem Muſchel⸗Apparat verſehen, die Klage der heiligen Regina, ohne den Pſalmen⸗ und Naſenton zu vergeſſen. Dann erhielt ein junger Gauner von einem älteren Un⸗ terricht in der Epilepſie. Dieſer lehrte Jenen die Kunſt, beim Seifenkauen mit dem Munde zu ſchäumen. Ihm zur Seite befreite ſich ein Waſſerſüchtiger von ſeinem Geſchwulſt, ſo daß ſich fünf Gaunerinnen, die an dem⸗ ſelben Tiſche ſich um ein am Abend geſtohlenes Kind zankten, ſich die Naſe zuhalten mußten. Kurz, hier war Alles zu ſchauen, welches, wie Sauval erzählt, dem Hofe ſo ſpaßhaft erſchien, daß es dem König zum Zeitvertreib und dem königlichen Ballet der Nacht zur Einleitung diente, welches in vier Abtheilungen auf dem Theater Petit Bourbon dargeſtellt ward.„Nie,“ fügt ein Augen⸗ zeuge von 1653 hinzu,„ſind die plötzlichen Verwandlungen des Hofes der Wunder glücklicher dargeſtellt. Benſerade bereitete uns mit ſehr galanten Verſen dazu vor.“ Ueberall ertönte rohes Gelächter und Zotengeſang. Jeder lärmte für ſich, ſchwur und tobte, ohne auf ſeinen Nachbar zu hören. Die Krüge ſtießen zuſammen, und Zank entſtand bei'm Zuſammentreffen der Krüge, und dann zerriſſen die ſchartigen Krüge die Lumpen noch mehr. Ein großer Hund ſaß auf den Hinterpfoten und ſah ins Feuer; auch einige Kinder waren in die Orgie XIII. 9 — 130— gemiſcht. Das geſtohlene Kind weinte und ſchrie. Ein Kind von vier Jahren ſaß mit ſchlaff hängenden Beinen vor einem ihm zu hohen Tiſche, der ihm bis an das Kinn reichte. Ein Drittes ſchmierte mit dem Finger den von einem Lichte herabfließenden geſchmolzenen Talg auf den Tiſch. Ein viertes kleines Kind kauerte im Kothe und war in einem Keſſel faſt verloren, den es mit einem Ziegel kratzte, und ihm dadurch einen Ton entlockte, vor dem Stradivarius in Ohnmacht gefallen wäre. Eine Tonne ſtand neben dem Feuer, und auf der Tonne ſaß ein Bettler; es war der König auf ſeinem Throne. Die Drei, welche Gringoire gepackt hatten, führten ihn zur Tonne, und das ganze Bachanal ſchwieg plötzlich, mit Ausnahme des vom Kinde bewohnten Keſſels. Grin⸗ goire wagte weder Athem zu holen, noch die Augen auf⸗ zuſchlagen. „Hombre quita tu sembrero,“*) ſagte einer der Schelme, denen er angehörte; und bevor Gringoire noch verſtehen konnte, was dieſer ſagen wollte, hatte ihm ein Andrer ſchon den Hut vom Kopfe geriſſen. Allerdings war dies nur eine erbärmliche Mütze, aber ein noch immer brauchbarer Schutz gegen Sonne und Regen. Gringoire ſeufzte. Der König aber redete ihn an von der Höhe ſeines Faſſes: ¼ Menſch, nimm deinen Hut ab. — 131— „Wer iſt der Spitzbube?“ Gringoire zitterte; dieſe Stimme, ob auch drohend, erinnerte ihn an eine andre, die an demſelben Morgen den erſten Streich gegen ſein Myſterium geführt hatte, als ſie mitten im Publikum näſelte:„Habt Erbarmen!“ Er erhob den Kopf; es war wirklich Clopin Trouillefou. Clopin Trouillefou, mit den königlichen Inſignien bekleidet, trug weder mehr, noch weniger Lumpen. Sein Geſchwür am Arme war verſchwunden. Er hielt in der Hand eine Peitſche mit weißen Riemen, wie ſie damals die Sergeanten der Ruthe oft gebrauchten, um das Volk in Ordnung zu halten. Auf dem Kopfe trug er einen runden und oben geſchloſſenen Schmuck; es war aber ſehr ſchwer, zu unterſcheiden, ob es eine Kinder⸗ mütze oder eine Krone war; denn beide waren jenem Schmucke ſehr ähnlich. Als Gringoire in dem König des Hofes der Wunder ſeinen verfluchten Bettler vom Saale des Palais wieder erkannte, hatte er, ohne zu wiſſen warum, wieder einige Hoffnung gefaßt. „Herr...“ ſtotterte er,„gnädiger Herr.... Sire.... Wie muß ich Euch nennen?“ fügte er endlich, als er zum Kulminationspunkt ſeines Krescendo gelangt war und nicht mehr wußte, wie er höher oder hinabſteigen ſollte. „ Gnädiger Herr, Majeſtät oder Kamerad, wie du willſt. Aber eile, was haſt du zu deiner Vertheidigung zu ſagen?“ 9* Vertheidigung, dachte Gringoire, das mißfällt mir. Er begann ſtotternd ſeine Rede auf's Neue:„Ich bin der, welcher heute Morgen...“ „Bei des Teufels Krallen!“ unterbrach ihn Clopin, „deinen Namen und Nichts weiter! Höre, du ſtehſt vor drei mächtigen Herrſchern; vor mir, Clopin Trouille⸗ fou, König von Thunes, höchſtem Lehnsherrn des Kö⸗ nigreichs Kauderwälſch; vor Matthias Hungadi Spicali, Herzog der Zigeuner; es iſt der alte Gelbe, den du dort mit der Fackel über dem Haupte ſiehſt; Guillaume Rouſ⸗ ſeau, Kaiſer von Galiläa, der uns jetzt nicht hört, weil er eine Landſtreicherin liebkoſt. Wir ſind deine Richter. Du biſt in das Königreich Kauderwälſch eingetreten, ohne ein Kauderwälſcher zu ſein, und haſt ſo die Privilegien unſerer Stadt verletzt. Du mußt beſtraft werden, wo du nicht Dieb, Bettler oder Vagabund biſt. Biſt du Etwas der Art? Rechtfertige dich und entwickele deine Eigenſchaften.“ „Ach,“ ſagte Gringoire,„ich habe nicht die Ehre; ich bin der Dichter...“ „Genug,“ unterbrach ihn Trouillefou, ohne ihn aus⸗ reden zu laſſen;„die Sache iſt ganz einfach. Wie Ihr Herrn ehrlichen Bürger die Unſeren unter Euch behandelt, behandeln wir die Euren unter uns. Das Geſetz, welches bei Euch für die Landſtreicher gilt, gilt bei den Land⸗ ſtreichern fuͤr Euch. Iſt es böſe, ſo iſt es Eure Schuld. Bisweilen muß man die Fratze eines ehrlichen Mannesz über dem hanfenen Halsbande ſehen. Dadurch wird das Halsband anſtändig. Wohlan, Freund, vertheile deine Lumpen vergnügt unter die Damen. Ich laſſe dich hängen, die Gauner zu vergnügen, und du magſt ihnen deine Börſe zum Vertrinken geben. Willſt du noch eine Mum⸗ merei machen, ſo iſt dort in der Büchſe ein guter Gott⸗ Vater von Stein, den wir in der Kirche St. Pierre⸗ aux⸗Boeufs ſtahlen. Du haſt noch vier Minuten, ihm deine Seele an den Hals zu ſchmeißen.“ Die Rede war furchtbar.—„Schön geſagt, bei meiner Seele! Clopin Trouillefou predigt wie der Papſt, der heilige Vater,“ rief der Kaiſer von Galiläa, indem er ſeinen Krug zerbrach. „Ihr gnädigen Herrn Kaiſer und Könige,“ ſagte Gringoire kalten Blutes(ich weiß nicht, weßhalb ein feſterer Muth in ſeiner Seele Wurzel faßte),„daran denkt Ihr nicht. Ich heiße Pierre Gringoire und bin der Dichter, von dem man heute Morgen eine Moralität aufgeführt hat.“ „So biſt du es, Meiſter?“ ſagte Clopin.„Ich war auch dabei; nun, Kamerad, weil du uns heute Morgen langweilteſt, iſt das ein Grund, dich heute Abend nicht zu hängen?“ Ich werde mich ſchwerlich aus der Schlinge ziehen, dachte Gringoire. Dennoch verſuchte er noch eine An⸗ ſtrengung. „Ich ſehe nicht ein,“ ſagte er,„weßhalb man die — 134— Dichter nicht zu den Landſtreichern rechnet. Aeſopus war Vagabund, Homerus ein Bettler, Merkurius ein Dieb..“—„Ich glaube,“ unterbrach ihn Clopin,„du willſt uns mit deinem Kauderwälſch zum Beſten haben. Zum Teufel! Laß dich hängen und mache keine Umſtände.“ „Snade, gnädiger Herr König von Thunes,“ erwie⸗ derte Gringoire, das Terrain Schritt für Schritt ver⸗ theidigend.„Es iſt der Mühe werth.... Einen Augen⸗ blick Hört mich Ihr werdet mich nicht verur⸗ theilen, ohne mich zu hören....“ Seine unglückliche Stimme ward wirklich durch den Lärm bedeckt, der um ihn entſtand. Der Knabe kratzte ſeinen Keſſel mit mehr Lärm, als jemals, und zum höchſten Unglück ſtellte ein altes Weib auf den Dreifuß einen Tiegel voll Fett, welches im Feuer kniſterte, wie ein Haufe von Kindern, der einer Maske folgt, zu krei⸗ ſchen pflegt. Clopin ſchien indeſſen mit dem Zigeuner⸗Herzog und dem Kaiſer von Galiläa, der vollkommen betrunken war, ſich einen Augenblick zu berathen. Dann rief er ärgerlich:„Still da!“ und da der Keſſel und der Tiegel ihn nicht hörten und ihr Duett fortſetzten, ſprang er von der Tonne herunter, gab dem Keſſel einen Fußtritt, daß dieſer mit dem Kinde zehn Schritte fortrollte, und einen zweiten Fußtritt dem Tiegel, deſſen Fett ſich in's Feuer ſtürzte. Dann beſtieg er ernſt ſeinen Thron auf’s Neue und kümmerte ſich wenig um das Schreien des Kindes und das Brummen des alten Weibes, deſſen Abendeſſen in einer ſchönen weißen Flamme emporſtieg. Trouillefou gab ein Zeichen, und der Herzog, der Kaiſer, die Würdenträger umringten ihn im Halbkreiſe, deſſen Mittelpunkt Gringoire bildete, welchen die drei Gauner noch immer hart angepackt hielten. Es war ein Halbkreis von Lumpen, Flittergold, Gabeln, Beilen, mit Wein befeuchteten Beinen, dicken und nackten Armen, ſchmutzigen und abgeſtumpften Geſtalten. Mitten in dieſer Tafelrunde der Bettelſchaft herrſchte Clopin Trouillefou, wie ein Doge im Senat, wie ein König unter Pairs, wie ein Papſt im Konklave, zuerſt von der Höhe ſeiner Tonnen, dann auch durch wilden, furchtbaren und ſtolzen Ausdruck des Antlitzes, in dem die Augen funkelten, und wodurch der thieriſche Typus der Geſichtszüge des Landſtreichergeſchlechts gemildert ward. Er glich dem Eber unter Schweinen. „Höre,“ ſprach er zu Gringoire, indem er mit ſchwie⸗ liger Hand ſein mißgeſtaltetes Kinn liebkoſ'te,„ich ſehe nicht ein, warum du nicht hängen ſollteſt. Allerdings ſieht man dir den Widerwillen an; Ihr Bürger ſeid nicht daran gewöhnt. Ihr denkt Euch die Sache als etwas Furchtbares. Uebrigens haben wir nichts Böſes gegen dich im Sinn. Es gibt ein Mittel, dich mit heiler Haut aus dem Handel zu ziehen; willſt du zu uns gehören?“ Man denke ſich die Wirkung dieſes Vorſchlags auf Gringoire, der ſchon ſah, wie das Leben ihm entſchlüpfte, — 136— und ſchon anfing, es aufzugeben. Er klammerte ſi mit aller Kraft wieder an ſein Leben. „Gewiß! Wahrhaftig,“ ſagte er.—„Du willſt dich in den Orden der kleinen Schwertlilie einſchreiben laſſen?“ —„Ja, ja, der kleinen Schwertlilie; eben dies.“—„Du erkennſt dich an als Mitglied der Freibürgerſchaft?“— „Der Freibürgerſchaft.“—„Als Unterthan des König⸗ reichs Kauderwälſch?“—„Des Königreichs Kauder⸗ wälſch.“—„Als Landſtreicher?“—„Als Landſtreicher.“ „Von ganzer Seele?“—„Von ganzer Seele.“—„Ich muß dich darauf aufmerkſam machen, daß du dennoch wirſt gehängt werden.“— „Teufel!“ ſprach der Dichter.—„Du wirſt,“ fuhr Clopin unerſchütterlich fort,„nur in ſpäterer Zeit, mit mehr Ceremonien gehängt werden, und zwar auf Koſten der guten Stadt Paris, von ehrlichen Leuten, und erhältſt einen ſchönen, ſteinernen Galgen. Du ſiehſt, das iſt ein Troſt.“ „Wie Ihr ſagt,“ erwiederte Gringoire.—„Du haſt auch noch andre Vortheile; brauchſt als Freibürger, für den Koth, die Armen und Laternen Nichts zu zahlen, wofür die Pariſer Bürger den Beutel ziehen müſſen.“ —„So ſei es,“ begann der Dichter.„Ich willige ein, und bin Landſtreicher, Kauderwälſcher, Freibürger, Alles, was Ihr wollt. Herr König, ich war das Alles auch ſchon im Voraus; denn ich bin Philoſoph, et omnia in — 137— philosophia, omnes in philosopho continentur, wie Ihr wißt.“ Der König runzelte die Brauen.„Wofür hältſt du mich, Freund? Welch Kauderwälſch der ungariſchen Juden ſingſt du mir da? Ich kann kein Hebräiſch. Man iſt als Spitzbube noch kein Jude. Ich ſtehle nicht einmal mehr. Darüber bin ich hinaus, ich morde; bin Kehl⸗ abſchneider, kein Beutelſchneider.“ Gringoire ſuchte eine Entſchuldigung in dieſe kurzen Worte einzuſchieben, welche der Zorn immer mehr und mehr beſchleunigte.—„Ich bitte Euch um Verzeihung, gnädiger Herr, es iſt kein Hebräiſch, es iſt Latein.“ „Ich ſage dir,“ erwiederte Clopin leidenſchaftlich, „ich laſſe dich hängen, bei'm Bauch der Synagoge! ſo wie den kleinen Schacherer aus Judäa, neben dir, den ich hoffe noch eines Tages an einem Ladentiſch angena⸗ gelt zu ſeh'n, wie ein Stück falſches Geld, das er auch iſt.“ Mit den Worten zeigte er mit dem Finger auf den kleinen ungariſchen Juden, der Gringoire mit ſeinem facitote caritatem angeredet hatte und der, weil er keine andre Sprache verſtand, ſich nicht erklären konnte, weßhalb der König ſeine üble Laune gegen ihn ergoß. Endlich beruhigte ſich der gnädige Herr Clopin. „Schelm,“ ſagte er zum Dichter,„du willſt alſo Land⸗ ſtreicher werden?“—„Gewiß,“ erwiederte dieſer.— „Der gute Wille macht aber die Suppe noch nicht fett, und hilft dir nur, wenn du in's Paradies willſt. Para⸗ — 138— dies und Kauderwälſch ſind zwei ganz verſchiedene Dinge. Willſt du in Kauderwälſch aufgenommen werden, mußt du beweiſen, daß du zu Etwas taugſt und dieſer Glieder⸗ puppe die Taſchen durchſuchen.“—„FIch will Alles, was Ihr wollt, durchſuchen.“ Clopin gab ein Zeichen. Einige Kauderwälſche tra⸗ ten aus dem Kreiſe heraus und kehrten ſogleich wieder zurück. Sie trugen zwei, mit gezimmerten Spateln ver⸗ ſehene Pfähle, wodurch dieſe leicht in den Boden feſt⸗ geſtoßen werden konnten, herbei. Auf den äußerſten Enden der Pfahle befeſtigten ſie einen Querbalken, ſo daß das Ganze einen recht hübſchen, tragbaren Galgen bildete, den Gringoire das Vergnügen hatte, in einem Augenblick aufgeſchlagen zu ſehen. Es fehlte Nichts an dem Galgen, nicht einmal der Strick, welcher zierlich über dem Querbalken ſchwankte. „Was ſoll das heißen,“ dachte Gringoire mit nicht geringer Beſorgniß. Allein das Klingeln von Schellen, das er ſogleich vernahm, machte ſeiner Angſt ein Ende; die Gauner hingen an den Strick eine roth gekleidete Gliederpuppe, eine Art Vogelſcheuche, die ſo ſehr mit Schellen überladen war, daß man zwanzig kaſtilianiſche Maulthiere damit hätte anſchirren können. Dieſe tauſend Schellen tönten einige Zeit lang bei den Schwingungen des Stricks, dann erloſchen ſie allmählig und ſchwiegen endlich, als die Gliederpuppe durch das Geſetz des Pen⸗ — 139— dels, welches die Waſſer⸗ und Sanduhr entthront hat, zur Unbeweglichkeit gebracht war. Darauf zeigte Clopin unſerm Dichter einen alten wankenden Fußſchemel, der unter der Gliederpuppe ſtand, und ſprach:„Steig herauf.“—„Tod des Teufels,“ wandte Gringoire ein,„ich breche mir den Hals. Euer Schemel hinkt wie ein Diſtichon Martial's; er hat einen Hexameter und einen Pentameter zum Fuße.“ „Steige,“ ſagte Clopin auf's Neue. Gringoire ſtellte ſich auf den Schemel und es gelang ihm, nach einigen Schwankungen der Arme und Beine ſeinen Schwerpunkt wiederzufinden.—„Jetzt,“ fuhr der König fort,„ſchlage den rechten Fuß um das linke Bein, und ſtelle dich auf die Zehen des linken Fußes.“ —„Gnädiger Herr,“ ſagte Gringoire,„Ihr wollt alſo durchaus, daß ich mir ein Glied zerbreche?“ Clopin erhob das Haupt.„Freund, du ſprichſt viel zu viel. Jetzt höre in zwei Worten die ganze Sache. Du ſtellſt dich auf die Fußſpitze, wie ich dir ſchon ſagte, und ſo kannſt du bis an die Taſche des Gliedermanns reichen. Du fühlſt hinein und ziehſt eine Börſe, die ſich dort befindet, heraus; thuſt du dies, ohne daß man den Schall einer Schelle hört, ſo iſt das ſehr gut, du biſt Landſtreicher und wirſt nur noch acht Tage lang täglich geprügelt.“—„Bei Gott! das kann ich nicht. Und wenn die Schellen tönen?“—„Dann wirſt du gehängt. Ver⸗ ſtehſt du mich?“—„Durchaus nicht.“—„So höre — 140— noch einmal. Du fühlſt in die Taſche der Gliederpuppe, und ſtiehlſt ihr eine Börſe. Sobald eine einzige Glocke bei der Operation Lärm ſchlägt, wirſt du gehängt. Ver⸗ ſtehſt du jetzt.“—„Ja, und dann?“—„Wenn es dir gelingt, die Börſe zu ſtehlen, ohne daß man eine Schelle hört, biſt du Landſtreicher und wirſt acht Tage hinter⸗ einander geprügelt. Jetzt verſtehſt du mich gewiß?“— „Nein, gnädiger Herr, noch nicht. Wo iſt mein Vor⸗ theil? in einem Fall gehängt, im andern geprügelt?“— „Nun, du biſt Landſtreicher, iſt das Nichts? Zu deinem eigenen Nutzen prügeln wir dich, um dich gegen Schläge abzuhärten.“—„Danke.“—„Wohlan, eile!“ ſprach der König, indem er die Tonne mit dem Fuße ſtampfte, daß es laut wiederhallte.„Beſtiehl die Gliederpuppe! munter, vorwärts! ich ſage es dir zum letzten Mal, und höre ich eine einzige Schelle, ſo nimmſt du den Platz der Puppe ein.“ Die Landſtreicherbande klatſchte Beifall und umſtellte mit ſo unerbittlichem Lachen den Galgen, daß Gringoire ſehr wohl einſah, er mache ihnen zu viel Vergnügen, um nicht Alles befürchten zu müſſen. Es blieb ihm keine andre Hoffnung mehr übrig, als das unwahrſcheinliche Ereigniß, die furchtbare Operation, die er ſich auferlegt hatte, möchte ihm gelingen; er entſchloß ſich zum Wag⸗ ſtück, jedoch nur, nachdem er ein heißes Gebet an den Gliedermann, den er beſtehlen ſollte, und den er leichter, als die Gauner hätte erweichen konnen, gerichtet hatte. — 111— Die tauſend Schellen mit ihren kleinen kupfernen Zungen erſchienen ihm als eben ſo viele offene Schlangenrachen, bereit zu ziſchen und zu beißen. „Oh Gott,“ ſprach er leiſe,„iſt's möglich, daß mein Leben von der kleinſten Vibration der kleinſten Schelle abhängt! Oh,“ fügte er mit gefalteten Händen hinzu, „Ihr Schellen! läutet nicht, läutet nicht!“ Er verſuchte noch einmal, Trouillefou zu erweichen. „Und wenn ein Windſtoß mir über den Hals kömmt?“ —„Dann wirſt du gehängt,“ ſagte Trouillefou ohne Bedenken. Als Gringoire ſah, daß weder Raſt noch Ausflucht noch Aufſchub zu erhalten war, faßte er einen kühnen Entſchluß. Er ſchlug den rechten Fuß um den linken, ſtellte ſich auf die Zehen des linken, ſtreckte den Arm aus.....; aber im Augenblick, wo er die Puppe berührte, wankte ſein Körper, der nur auf einem Fuß ruhete, auf dem Schemel, der nur auf dreien ſtand; maſchinenmäßig griff er nach der Puppe, ſich zu halten, verlor das Gleich⸗ gewicht und ſiel, betäubt vom Lärm der tauſend Schel⸗ len, zu Boden. Die Puppe wich dem Stoße ſeiner Hand, drehte ſich in kreisförmiger Bewegung und ſchwankte dann majeſtätiſch zwiſchen den beiden Pfählen.„Ver⸗ flucht!“ rief er fallend und blieb, wie todt, mit dem Geſichte auf dem Boden liegen. Da vernahm er den furchtbaren Schellenlärm über ſeinem Haupte, das Lachen der Gauner und Trouillefou's Stimme:„Hebt den Schelm auf und hängt ihn ohne weitere Umſtände!“ Er ſtand auf. Die Puppe hatte man ſchon losgebun⸗ den, um für ihn Platz zu machen. Die Kauderwälſchen hießen ihn auf den Schemel ſteigen, Clopin trat zu ihm, legte die Schlinge um ſeinen Hals und klopfte ihm auf die Schulter mit den Worten:„Leb' wohl, Freund, jetzt kannſt du nicht entwiſchen, ſelbſt wenn du mit den Ge⸗ därmen des Papſtes verdauteſt.“ Das Wort Gnade erſtarb auf Gringoire's Lippen; er ließ ſeinen Blick in die Runde ſchweifen; aber keine Hoffnung; Alle lachten. „Bellevigne de l'Etoile!“ ſprach der König zu einem rieſenhaften Landſtreicher, der aus der Reihe hervortrat; „klettere auf den Querbalken.“ Belleville ſtieg gemächlich hinan, und Gringoire, als er die Augen aufſchlug, erſchrak, ihn grade über ſeinem Haupte ſitzen zu ſehen. „Sobald ich mit den Händen klatſche,“ begann Clo⸗ vin auſ's Neue,„ſtößt du, Andry le Rouge, die Fuß⸗ bank mit einem Tritt um; du, Frangois Chante⸗Prune, hängſt dich an die Beine des Schelmes; du, Bellevigne, ſpringſt ihm auf die Schultern. Verſteht Ihr, in einem und demſelben Augenblick!“ Gringoire klapperte mit den Zähnen.„Seyd Ihr fertig?“ ſprach Clopin zu den drei Landſtreichern, die bereit waren, über Gringoire herzufallen. Der arme — 143— Patient hatte einen Augenblick der furchtbarſten Erwar⸗ tung, während Clopin ruhigemit ſeiner Fußſpitze einige Weinſtockreben in's Feuer ſtieß, welche von der Flamme noch nicht erreicht waren.„Seid Ihr fertig,“ wiederholte er und öffnete die Hände zum Klatſchen. Noch eine Sekunde, und um Gringoire war es geſchehen. Clopin hielt aber plötzlich inne, als wäre ihm Etwas eingefallen. „Noch einen Augenblick,“ ſagte er,„ich hatte Etwas vergeſſen. Es iſt Sitte, daß wir Niemanden hängen, ohne vorher zu fragen, ob ihn eine Frau haben will. Kamerad, das iſt dein letzter Rettungsweg. Du mußt eine Landſtreicherin oder den Strick heirathen.“ Dies Geſetz der Zigeuner, wie ſonderbar es auch dem Leſer ſcheinen mag, ſteht gegenwärtig noch in der alten engliſchen Geſetzgebung. Man vergleiche Burington's Observations. Gringoire athmete wieder auf. Zum zweiten Mal kehrte er ſeit einer halben Stunde zum Leben zurück. Auch wagte er noch nicht, auf ſeine Rettung zu ver⸗ trauen. „Hollah!“ rief Clopin, als er ſeine Tonne wieder beſtiegen hatte,„Ihr Frauen und Mädchen! Iſt eine Landſtreicherin unter Euch, von der Hexe bis zur Katze, die dieſen Landſtreicher will? Hollah, Colette la Charonne, Eliſabeth Trouvain, Simone Joudouyne! Marie Piéde⸗ bou, Thonne, Berarde, kommt und ſchaut! ein Mann für Nichts! Welche will ihn haben?“ — 144— Gringoire erweckte in ſeinem elenden Zuſtande eben keine Begierden. Die Landſtreicherinnen wurden durch den Vorſchlag eben nicht gerührt. Der Unglückliche hörte, wie ſie erwiederten:„Nein, nein! Ihr könnt ihn hängen zum Vergnügen für Alle!“ Dreie kamen indeſſen aus dem Haufen heraus, ihn zu beſchnüffeln. Die erſte war ein dickes Mädchen mit viereckigem Geſicht. Sie unterſuchte aufmerkſam das beklagenswerthe Wamms des Philoſophen. Es war abge⸗ nutzt und mehr durchlöchert, als ein Sieb, Kaſtanien zu röſten. Das Mädchen ſchnitt eine Fratze.—„Altes Tuch! murmelte ſie.„Wo haſt du deinen Mantel?“—„Ver⸗ loren.“—„Deinen Hut?“—„Man hat ihn mir genom⸗ men.“—„Deine Schuhe?“—„Sind faſt ohne Soh⸗ len.“—„Deine Börſe?“—„Ach, ich habe keinen Heller.“—„Laß dich hängen und danke.“— Die Land⸗ ſtreicherin wandte ihm den Rücken. Die zweite war ein altes, häßliches, gerunzeltes Weib, deren Häßlichkeit ſelbſt den Hof der Wunder befleckte. Als ſie ſich zu Gringoire wandte, zitterte er faſt, daß ſie ihn nicht würde haben wollen. Sie ſagte aber zwiſchen den Zähnen:„Er iſt zu mager“ und ging davon. Die dritte war ein junges, recht friſches und eben nicht häßliches Mädchen.„Rettet mich!“ flehete leiſe der arme Teufel. Sie betrachtete ihn mit mitleidvollem Aus⸗ druck, ſchlug in ihren Rock eine Falte und ſtand unent⸗ — 145— ſchloſſen da. Er folgte mit den Augen allen ihren Be⸗ wegungen; es war ſein letzter Hoffnungsſchimmer.— „Nein,“ ſagte endlich das junge Madchen,„Guillaume Longuejoue würde mich prügeln,“ und trat in den Kreis zurück. „Kamerad,“ ſagte Clopin,„du haſt Unglück.“ Dann ſtand er auf und indem er zum allgemeinen Vergnügen den Ton eines Gerichtsdieners bei einer Auktion nach⸗ ahmte, rief er aus:„Niemand will ihn? Zum erſten, zum zweiten und zum dritten Mal?“ Dann nickte er dem Galgen zu und ſagte:„Zugeſprochen.“ Die drei unheilvollen Landſtreicher traten an Grin⸗ goire heran. In dem Augenblick entſtand unter den Kauderwälſchen ein Geräuſch.„Die Esmeralda,“ hieß es. Gringoire zitterte und wandte ſich nach der Seite, woher der Ruf kam. Der Kreis öffnete ſich vor einer reinen und blendenden Geſtalt. Es war die Zigeunerin. „Die Esmeralda!“ ſagte Gringoire, bei aller ſeiner Aufregung über die ſonderbare Weiſe erſtaunt, wie ſich dies magiſche Wort mit allen ſeinen Erinnerungen des Tages verknüpfte.. Das ſeltene Geſchöpf ſchien ſelbſt im Hofe der Wunder durch Schönheit und Reize zu herrſchen. Land⸗ ſtreicher und Landſtreicherinnen ſtanden ſchweigend, als ſie vorbeiging, und es milderten ſich ihre rohen Geſtalten. Sie nahete ſich leichten Schrittes dem Patienten. Ihr folgte die hübſche Djali. Gringoire war eher todt, XIII. 10 — 146— als lebendig. Einen Augenblick betrachtete ſie ihn ſchwei⸗ gend.„Ihr wollt den Mann da hängen,“ fragte ſie Clopin mit ernſter Stimme.—„Ja, Schweſter, wenn du ihn nicht zum Manne nimmſt.“ Sie ſchnitt das kleine, hübſche Mäulchen mit der Unterlippe.„Ich nehme ihn,“ ſagte ſie. Gringoire glaubte faſt, er habe nur geträumt, und dies ſei eine Fortſetzung ſeines Traumes. Die Peripetie war auch wirklich gewaltſam, wenn auch anmuthsvoll. Man band die Schlinge los und ließ den Dichter von dem Fußſchemel herunterſteigen. Er mußte ſich ſetzen, ſo lebhaft war ſeine Aufregung. Der Zigeunerherzog brachte, ohne ein Wort zu ſagen, einen irdenen Krug. Die Zigeunerin reichte die⸗ ſen dem Dichter.„Werft ihn zu Boden,“ ſprach ſie. Der Krug zerbrach.„Bruder,“ ſagte hierauf der Zigeuner⸗ herzog, indem er beiden die Hände auf die Stirn legte, „ſie iſt dein Weib; Schweſter, er iſt dein Mann. Auf vier Jahre. Geht.“ 7. Die Brautnacht. Nach einigen Augenblicken befand ſich unſer Dichter in einer kleinen, warmen, gothiſchen Kammer; er ſas vor einem Tiſch, der ein Darlehen von einem in der Nähe aufgehängten Speiſevorrath ſich zu erſehnen ſchien; er hatte Ausſicht auf ein gutes Bett, und war allein mit — 1472— einem hübſchen Mädchen. Das Abenteuer war beinahe zauberhaft. Gringoire fing auch wirklich an, ſich für den Helden eines Feenmährchens zu halten. Von Zeit zu Zeit ließ er den Blick umherſchweifen, als ſuchte er den von zwei geflügelten Chimären gezogenen Feuerwagen, der allein ihn ſo ſchnell vom Tartarus in das Paradies hätte ent⸗ rücken können. Hin und wieder heftete ſich auch ſein Blick auf die Löcher ſeines Wammſes, um ſich an die Gegenwart zu klammern und ſie durchaus nicht aus dem Geſichte zu verlieren. Seine Vernunft, womit die Ein⸗ bildungs⸗Kraft Ball ſpielte, hing nur an dieſem dünnen Faden. Das Mädchen ſchien auf ihn nicht zu achten; ſie ging, kam, rückte an einer Fußbank, ſchwatzte mit ihrer Ziege, und ſchnitt dann und wann ihr Mäulchen. End⸗ lich ſetzte ſie ſich an den Tiſch, und Gringoire konnte ſie gemächlich betrachten. Lieber Leſer, du biſt einſt ein Kind geweſen, und biſt vielleicht ſo glücklich, es noch jetzt zu ſein. Gewiß biſt du mehr als einmal am Rande eines rieſelnden Baches(ich wenigſtens brachte ganze Tage, die beſt⸗ angewandteſten meines Lebens, daſelbſt zu), an einem ſonnenhellen, ſchönen Tage, einer ſchönen grünen oder blauen Waſſerjungfer gefolgt, wenn ſie den Flug in beinah' rechten Winkeln plötzlich abbrach, und die Spitzen des Schilfes beugte. Du erinnerſt dich wohl 10* — 118— noch jetzt, mit welcher verliebten Neugier dein Gedanke und dein Blick auf dem kleinen, pfeifenden und ſummen⸗ den Wirbel weilte, auf ſeinen purpurnen und azurnen Schwingen, zwiſchen denen eine nicht zu erhaſchende Form ſchwebte, die eben durch die Schnelle der Bewe⸗ gung dem Blick verſchleiert ward. Das atheriſche Weſen, deſſen Umriſſe zwiſchen dem Rauſchen der Flügel ver⸗ ſchwammen, ſchien dir dann wohl chimäriſch, ein Gebild der Phantaſie, unmöglich zu ſchauen und zu berühren. Wann endlich die Waſſerjungfer an der Spitze eines Roſenſtrauchs ruhete, und du dann ihre langen Gaze⸗ Flügel, ihr langes emailirtes Kleid, die beiden Kryſtall⸗ Kugeln, den Athem zurückhaltend, betrachteteſt, welch Erſtaunen und welche Furcht empfandeſt du dann, die Geſtalt möchte zum Schatten, das Weſen zur Chimäre werden! Erinnere dich aller dieſer Eindrücke, und dann kannſt du dir von Gringoire's Empfindung leicht einen Begriff machen, als er jene Esmeralda unter ihrer ſicht⸗ baren und fühlbaren Form vor ſich ſah, die er bisher nur im Wirbel des Tanzes, des Geſanges und Tumults erblickt hatte. Immer tiefer verſank er in Träumerei. Das iſt alſo, dachte er, die Esmeralda! Ein himmliſches Ge⸗ ſchöpf! Eine Straßentanzerin! Heute morgen gab ſie meinem Myſterium den Gnadenſtoß, und heute Abend rettete ſie mir das Leben.— Mein böſer Genius und mein guter Engel. Ein ſchönes Weib, auf mein Wort. — 149— Sie muß in mich vernarrt ſein, weil ſie mich ſo zum Manne nahm.— So, ſo, mir fällt was ein, dachte er plötzlich mit dem Gefühl für das Wahre, welches die Grundlage ſeiner Philoſophie und ſeines Charakters bil⸗ dete, ich weiß nicht recht, wie es geſchah, aber ich bin ja ihr Mann. Mit dieſem Gedanken im Kopfe nahete er dem jungen Mädchen auf ſo galant⸗militäriſche Weiſe, daß dieſe zurückfuhr.„Was wollt Ihr?“ fragte ſie, „Könnt Ihr mich ſo noch fragen, anbetungswürdige Esmeralda!“ erwiederte Gringoire mit ſo leidenſchaft⸗ lichem Tone, daß er ſelbſt daruber erſtaunte, ſich ſo reden zu hören. Die Zigeunerin ſchlug ihre großen Augen auf.— „Ich weiß nicht, was Ihr wollt.“—„Nun,“ erwiederte Gringoire immer mehr erhitzt; denn er dachte nur mit einer Tugend aus dem Hofe der Wunder zu thun zu haben.„Biſt du nicht mein, ſüße Geliebte, bin ich nicht dein?“ und mit den Worten umfaßte er ganz ohne Zwang ihre ſchlanken Hüften. Das Kleid der Zigeunerin glitt durch ſeine Hand, wie die Haut eines Aales. Mit einem Sprunge war ſie von einem Ende der Kammer in dem andern, bückte ſich, richtete ſich wieder auf und hielt einen kleinen Dolch in der Hand, bevor Gringoire Zeit gehabt hatte, zu ſehen, woher der Dolch gekommen war. Sie ſtand da, gereizt und ſtolz, mit geſchwollenen Lippen, mit offenen 150 Naſenlöchern, mit gerötheten Wangen, dunkel wie ein Api⸗Apfel; ihre Augen funkelten von Blitzen. Zugleich ſtellte ſich die weiße Ziege vor ihn hin, und bot Grin⸗ goire die Stirn zum Kampfe, zwei artige, vergoldete und ſehr ſpitze Hörner. Alles dies geſchah in einem Augenblicke. Das Mädchen ward zur Weſpe und drohete mit dem Stich. Unſer Philoſoph ſtand verlegen da, und wandte von dem Mädchen den ſtumpfen Blick auf die Ziege und umgekehrt.—„Heilige Jungfrau,“ ſprach er endlich, als die erſte Ueberraſchung vorüber war, ſo daß er wieder ſprechen konnte,„das ſind zwei Gaunerinnen!“ Die Zigeunerin brach das Schweigen ebenfalls. „Du mußt ein ſehr kühner Schelm ſein,“ ſagte ſie. „Verzeihung,“ ſagte Gringoire lächelnd,„warum nehmt Ihr mich denn zum Manne?“—„Durft' ich dich hängen laſſen?“— Alſo erwiederte der Dichter, hinſicht⸗ lich ſeiner Liebeshoffnung ein wenig enttäuſcht:„Dachtet Ihr an nichts anders, als mich vom Galgen zu retten?“ —„Woran ſollt' ich ſonſt gedacht haben?“— Gringoire biß ſich auf die Lippen. Nun, dachte er, ich bin als Cupido doch nicht ſo ſiegreich, wie ich glaubte. Doch weßhalb zer⸗ brach ſie denn den armen Krug? Unterdeß war Esme⸗ ralda's Dolch und die Hörner der Ziege noch immer zur Vertheidigung bereit. „Mademoiſelle Esmeralda,“ begann der Dichter endlich, „kapituliren wir! Ich bin kein Schreiber oder Gerichts⸗ diener im Chatelet und will Euch keine Unannehmlich⸗ keiten verurſachen, trotz der Ordonnanzen und Verbote des Herrn Prévot, einen Dolch in Paris zu tragen. Ihr wißt aber doch gewiß, daß Noël Lescrivains zu zehn Sols Strafe vor acht Tagen verurtheilt ward, weil er einen kurzen Degen trug. Das kümmert mich nicht. Ich komme zur Hauptſache, und ſchwöre Euch bei meinem Antheil am Paradieſe, ich will Euch ohne Erlaubniß nicht näher treten; aber gebt mir zu eſſen.“ Im Grunde war Gringoire, wie Despreaux,„ſehr wenig wollüſtig,“ und gehörte nicht zu dem ritterlichen Mousquetaire⸗Geſchlecht, welches die Mädchen erſtürmt. In Angelegenheiten der Liebe, wie in allen andern, war er für das Temporiſiren und die halben Maasregeln. Ein gutes Abendeſſen, ein liebenswürdiges Zuſammen⸗ ſitzen ſchien ihm, beſonders wenn er Hunger fühlte, ein trefflicher Zwiſchenakt zwiſchen dem Prolog und der Ent⸗ wickelung einer Liebesangelegenheit. Die Zigeunerin erwiederte Nichts. Sie ſchnitt ihr kleines, verächtliches Mäulchen, richtete das Haupt wie ein Vogel auf, lachte laut, und der Dolch verſchwand, wie er hervorgekommen war. Gringoire konnte nicht ſchauen, wo die Biene ihren Stachel verbarg. Gleich darauf lag auf ſeinem Tiſche ein Roggenbrod, ein Stück Speck mit einigen gerunzelten Aepfeln; daneben ſtand ein Bierkrug. Gringoire aß mit Leidenſchaft. Hörte man das wüthende Klirren ſeiner eiſernen Gabel auf dem Teller, ſo hätte man gewiß geſagt, alle ſeine Liebe ſei in Appetit umgewandelt. Das junge Mädchen ſchwieg und ließ ihn nach Belie⸗ ben in den Speiſen aufräumen. Ein anderer Gedanke weilte offenbar in ihrer Seele; bisweilen lächelte ſie ſin⸗ nend, während ihre weiche Hand den klugen Kopf der Ziege, der zwiſchen ihren Knieen ruhete, liebkoſ'te. Ein gelbes Wachslicht erleuchtete dieſen Auftritt der Gefräßigkeit und des Nachſinnens. Nachdem das erſte Bellen ſeines Magens beſänftigt war, fühlte Gringoire indeß einige falſche Schaam, als er ſah, daß nur noch ein Apfel übrig war.„Ihr eſſ't Nichts, Mademoiſelle Esmeralda?“ Zur Antwort ſchüttelte ſie den Kopf und heftete den Blick auf das Gewölbe des Zimmers.„Zum Teufel, woran denkt ſie,“ ſprach Gringoire zu ſich ſelbſt und ließ ſeine Augen der Richtung der ihrigen folgen,„die Fratze des ſteinernen Zwerges am Schlußſtein des Gewölbes kann doch ihre Aufmerkſamkeit nicht alſo in Anſpruch nehmen. Zum Teufel! dem Vergleich bin ich gewachſen!“ Er rief laut:„Mademoiſelle!“— Sie ſchien ihn nicht zu hören.—„Mademoiſelle Esmeralda!“— Ver⸗ lorene Mühe. Der Geiſt des Mädchens weilte anderswo, und Gringoire's Stimme vermochte nicht mehr, ihn zu ſich herab zu beſchwören. Glücklicher Weiſe kam ihm die Ziege zu Hülfe und zupfte ihre Herrin ſanft am Aermel. „Was willſt du, Djali?“ fuhr die Zigeunerin lebhaft — 153— auf.—„Sie fühlt Hunger,“ ſagte Gringoire, entzückt, daß eine Gelegenheit, ein Geſpräch anzuknüpfen, ſich dar⸗ bot. Esmeralda zerkrümmelte ein Brod, welches Djali anmuthig aus ihrer hohlen Hand aß. Uebrigens ließ ihr Gringoire jetzt keine Zeit, wieder in ihr Sinnen zu ver⸗ ſinken. Er wagte eine zarte Frage:„Ihr wollt mich alſo nicht zum Mann?“— Das junge Mädchen ſah ihn ſtarr an, und erwiederte:„Nein.“—„Zum Liebhaber?“ — Sie ſchnitt ihr Mäulchen und erwiederte:„Nein!“— „Zum Freunde?“— Sie betrachtete ihn noch einmal mit ſtarrem Blick, und ſagte nach einem Augenblick des Nachſinnens:„Vielleicht.“ Dies bei den Philoſophen ſo ſehr beliebte Viel⸗ leicht gab Gringoire neue Kühnheit.„Wißt Ihr auch,“ fragte er,„was Freundſchaft iſt?“—„Ja; Bruder und Schweſter ſein; zwei Seelen, die ſich berühren, ohne eins zu werden, wie zwei Finger der Hand.“—„Und die Liebe?“—„Oh die Liebe,“ ſprach ſie mit ſtrahlen⸗ den Augen,„macht Zwei zu Einem; Mann und Frau, die in einen Engel zuſammenſchmelzen. Das iſt der Himmel.“ Als die Straßen⸗Tänzerin alſo ſprach, ſtrahlte ſie in einer Schönheit, die auf Gringoire einen ſonderbaren Eindruck machte, und in genauer Beziehung mit dem faſt orientaliſchen Schwunge ihrer Worte zu ſtehen ſchien. Auf ihren roſigen und reinen Lippen ſchwebte ein halbes Lächeln; ihre offene und heitere Stirn ward hin und — 1 wieder durch Gedanken umwölkt, gleich einem Spiegel, deſſen Fläche der Athem trübt; und aus ihren langen, geſenkten Wimpern ſchoſſen Strahlen unbeſchreiblichen Lichtes hervor, welches dem Profil die ideale Anmuth ertheilte, welches Raphael ſpäter bis zum myſtiſchen Durchſchnittspunkte der Jungfräulichkeit, des mütterlichen Gefühles und der Gottheit darzuſtellen verſtand. Gringoire ſetzte dennoch ſeine Fragen fort.—„Wie muß man denn beſchaffen ſein, Euch zu gefallen?“— „Man muß Mann ſein.“—„Bin ich's nicht?“—„Ein Mann trägt den Helm auf dem Haupte, das Schwert in der Fauſt, gold'ne Sporen an den Ferſen.“—„Gut; ohne Pferd kein Mann. Liebt Ihr Jemand?“— Einen Augenblick ſaß ſie ſchweigend da, dann ſprach ſie mit beſonderem Ausdruck:„Bald werd' ich's wiſſen.“— „Warum denn nicht jetzt, heute Abend,“ erwiederte zärt⸗ lich der Dichter. Sie warf ihm einen ernſten Blick zu.—„Ich werde nur einen Mann lieben, der mich beſchützen kann.“ Gringoire erröthete und fühlte ſich getroffen. Das junge Mädchen ſpielte offenbar auf die geringe Hülfe an, die er im kritiſchen Augenblicke vor zwei Stunden ihr hatte leiſten können. Die durch ſo manche Abentheuer des Abends ſchon erloſchene Erinnerung kehrte ihm wie⸗ der. Er ſchlug ſich vor die Stirn.“ „Ja, damit hätte ich beginnen müſſen. Verzeiht meine thörigte Zerſtreuung. Wie konntet Ihr Quaſt⸗ — 155— modo's Klauen entſchlüpfen?“—„Oh! der furchtbare Bucklige!“ rief ſie nun, das Geſicht mit den Händen verhüllend.—„Ja, er iſt wirklich furchtbar,“ ſagte Grin⸗ goire, der die Idee nicht fahren ließ,„aber wie ſeid Ihr ihm entgangen?“— Esmeralda lächelte, ſeufzte und ſchwieg.—„Wißt Ihr, warum er Euch folgte,“ begann Gringoire auf's Neue, indem er auf ſeine Frage durch einen Umweg zurückzukehren ſuchte.—„Ich weiß es nicht,“ ſagte Esmeralda,„aber,“ fügte ſie lebhaft hinzu,„warum ſeid auch Ihr mir gefolgt?“—„Bei meiner Seele, ich weiß es eben ſo wenig.“ Ein Augenblick des Schweigens folgte. Gringoire kritzelte mit dem Meſſer auf dem Tiſche. Das Mädchen lächelte und ſchien durch die Mauer blicken zu wollen. Plötzlich ſang ſie mit kaum artikulirter Stimme: „Quando las pintadas aves Mudas estan y la tierra....“*) Aber plötzlich brach ſie ab und liebkoſ'te Djali. „Ihr habt da ein ſchönes Thier,“ ſagte Gringoire. „Meine Schweſter.“—„Weßhalb heißt Ihr Esmeralda?“ —„Ich weiß nicht.“—„Auch das nicht?“— Sie zog aus ihrem Buſen einen kleinen, länglichen Beutel, der vom Halſe an einer kleinen Kette von Zau⸗ bergeſtalten hing; das Beutelchen verbreitete einen ſtarken Kampfergeruch. Es war mit grüner Seide überzogen, **⁴) Anfang einer bekannten ſpaniſchen Romanze: 3 Wann die bunt geſchmückten Vögel Schlummern und die Erde ſchweigt.... Anmerk. des Ueberſ. und im Mittelpunkt befand ſich ein dickes, geſchliffenes, grünes Glas, das dem Smaragd glich. „Vielleicht deßhalb,“ ſagte ſie. Gringoire wollte das Beutelchen in die Hand neh⸗ men; ſie fuhr zurück.—„Berührt es nicht. Es iſt ein Amulet, Ihr vernichtet den Zauber, oder der Zauber vernichtet Euch.“ Die Neugier des Dichters ward ſtets heftiger.— „Wer gab es Euch?“ Sie legte den Finger auf den Mund, und barg das Amulet in ihrem Buſen. Er verſuchte noch andre Fragen, aber ſie erwiederte kaum. „Was heißt Esmeralda?“—„Weiß nicht.—„Aus welcher Sprache iſt das Wort genommen?“—„Ich glaube, aus der Zigeunerſprache.“—„Das dacht' ich auch. Ihr ſeid nicht aus Frankreich?“—„Weiß nicht.“ —„Habt Ihr Aeltern?“ Sie ſang nach einer alten Melodie: „Mein Vater iſt ein Vogel, Neine Mutter iſt desgleichen; 1 Ich kann das andre Ufer Auch ohne Schiff erreichen; Meine Mutter iſt ein Vogel, 3 Mein Vater iſt desgleichen.“ „Schön!“ ſagte Gringoire.„Wann kamt Ihr nach Frankreich?“—„Ganz klein?“—„Nach Paris?“— „Im vergangenen Jahre. Als wir durch das päbſtliche Thor einzogen, ſah ich Grasmücken in der Luft vorbei⸗ ziehen. Es war am Ende des Auguſt. Da ſagt' ich: der Winter wird ſtreng.“ — 157— „Ja wohl,“ ſagte Gringoire,„entzückt über die Ver⸗ aͤnderung des Geſprächs;„ich habe mir den ganzen Win⸗ ter hindurch die Fingerſpitzen mit dem Athem gewärmt. Ihr habt alſo die Gabe, in der Zukunft zu leſen?“— Sie verfiel wieder in die kurze Rede:„Nein.“—„Der Mann, den Ihr Zigeunerherzog nanntet, iſt wohl der Führer Eures Stammes?“—„Ja.“—„Er hat uns verheirathet,“ fuͤgte der Dichter blöde hinzu. Sie ſchnitt ihr gewöhnliches Mäulchen:„Ich weiß ja nicht einmal deinen Namen.“—„Meinen Namen? wenn Ihr ihn wiſſen wollt, Pierre Gringoire.“—„Meiner iſt ſchöner.“ —„Böſes Mädchen! Ihr werdet mich aber nicht ärgern. Wenn Ihr mich beſſer kennt, werdet Ihr mich vielleicht mehr lieben. Auch habt Ihr mir Eure Geſchichte mit ſo viel Zutrauen erzählt, daß ich Euch auch ein wenig von meiner ſchuldig bin. So wißt, ich heiße Pierre Gringoire, und bin der Sohn eines Pächters des Amtes von Goneſſe. Mein Vater ward von den Burgundern gehängt, meiner Mutter ward der Bauch von den Picar⸗ dern aufgeriſſen. Dieß geſchah bei der Belagerung von Paris vor zwanzig Jahren. So ward ich mit ſechs Jah⸗ ren zur Waiſe und hatte auf dem Pariſer Pflaſter keine andren Sohlen als die meiner Füße. Ich weiß nicht, wie ich den Zwiſchenraum von ſechs bis ſechszehn Jah⸗ ren zurücklegen konnte; eine Obſthändlerin warf mir hier eine Pflaume, ein Becker dort eine Brodkruſte hin; ich ließ mich von den Einunddreißig aufgreifen, die mich in's Gefängniß brachten, und fand dort ein Strohlager. Alles dieß hinderte mich nicht, groß und mager zu wer⸗ den, wie Ihr ſeht. Im Winter wärmte ich mich an der Sonne im Vorhof des Hotel von Sens, und fand es ſehr lächerlich, daß das Freudenfeuer des St. Johannis⸗ tages auf die Hundstage verſpart wurde. Mit ſechszehn Jahren wollte ich mir einen Stand wählen. Nach und nach habe ich in allen Ständen herumgetappt. Ich ward Soldat, hatte aber zu wenig Muth. Ich ward Mönch, war aber nicht fromm genug und konnte auch nicht viel trinken. Aus Verzweiflung ward ich Lehrling bei Zim⸗ merleuten, war aber nicht ſtark genug. Mehr Neigung hatte ich zum Schulmeiſter, konnte aber nicht leſen; jedoch dies iſt noch kein Grund, weßhalb ich es nicht hätte werden können. Bald bemerkte ich, daß mir zu Allem Etwas fehlte; und da ich ſah, ich taugte zu Nichts, ward ich Dichter und Rythmenſchreiber. Dieſen Stand kann ein Vagabund immer ergreifen; auch iſt es beſſer, als zu ſtehlen, wie mir einige Söhne von Spitzbuben, meine Freunde, riethen. Zum Glück traf ich eines Tages auf Dom Claude Frollo, den ehrwürdigen Archidiakonus von Notre⸗Dame. Er zeigte mir Theilnahme, und ihm verdanke ich's gegenwärtig, daß ich ein wahrer Gelehrter bin, der von Cicero's Officien bis zum Mortuolog der Cöleſtiner Latein verſteht. Auch bin ich kein Barbar in der Scholaſtik, Poetik, Rythmik, nicht einmal in der Hermeneutik, der Weisheit der Weisheiten. Auch bin — 159— ich der Dichter des Myſteriums, das man heute unter großem Triumph beim Zulauf des Volkes im Saale des Palais gab. Ferner ſchrieb ich ein Buch von ſechshundert Seiten über den wunderbaren Komet von 1465, worüber ein Mann verrückt ward. Auch hatte ich noch in andern Unternehmungen Glück. Als ein Artillerie⸗Zimmermann arbeitete ich an der großen Bombarde von Jean Maugue, die, wie Ihr wißt, auf der Brücke von Charenton, am Tage, wo man Verſuche mit ihr machte, platzte, und vierundzwanzig Neugierige tödtete. Ihr ſeht, daß ich keine ſchlechte Partie bin. Auch kenne ich noch viele Kunſtſtücke, die ich Eure Ziege lehren kann, z. B. den Biſchof von Paris nachzuäffen, jenen verfluchten Phari⸗ ſäer, deſſen Mühlen am Pont aux Meuniers die Vor⸗ übergehenden beſpritzen. Und endlich wird mir mein Myſterium viel gemünztes Gold einbringen, wenn man mich bezahlt. Kurz, mein Ich, mein Geiſt, meine Wiſſen⸗ ſchaft ſteht zu Eurem Befehl; ich bin bereit, woie es Euch beliebt, mit Euch zu leben, keuſch oder lüſtig, als Ehe⸗ mann, wenn Ihr dies für gut haltet; als Bruder, wenn Euch das noch mehr gefaͤllt.“ Gringoire ſchwieg und erwartete die Wirkung ſeiner Rede auf das junge Mädchen. Sie heftete den Blick zur Erde.„Phoebus,“ ſprach ſie halb laut. Dann wandte ſie ſich zum Dichter:„Phoebus, was ſoll das Alles?“ Gringoire konnte zwar nicht genau begreifen, welche Beziehung zwiſchen jener Frage und ſeiner Anrede Statt — 160— fand; es war ihm aber nicht unangenehm, mit ſeiner Gelehrſamkeit glänzen zu können. Er antwortete, ſich räuſpernd:„Das iſt ein lateiniſch Wort, und heißt die Sonne.“—„Sonne?“ fragte Esmeralda.—„So hieß ein ſchöner Bogenſchütze, der Gott war.“—„Gott!“ wiederholte die Zigeunerin, und in ihrem Accent lag etwas Sinnendes und Leidenſchaftliches. In dem Augenblick löß'te ſich eines ihrer Armbänder und fiel zu Boden. Gringoire bückte ſich, es aufzuneh⸗ men, und als er ſich aufrichtete, war das Mädchen mit der Ziege verſchwunden. Er hörte das Geräuſch eines Riegels; es war ohne Zweifel an einer kleinen Thüre, die mit einer benachbarten Kammer in Verbindung ſtand, und von Außen geſchloſſen wurde.„Hat ſie mir ein Bett hier gelaſſen?“ fragte ſich unſer Philoſoph. Zum Schlaf eignete ſich aber weiter Nichts, als eine kurze hölzerne Kiſte. Der Deckel war noch dazu mit Schnitz⸗ werk geſchmückt, wodurch Gringoire ein Gefühl, als er ſich ausdehnte, empfand, welches ungefähr dem des Mikromegas, wenn er ſich über die Spitzen der Alpen ſchlafen gelegt hatte, gleichen würde. „Wohlan!“ dachte er,„man muß ſo viel, wie mög⸗ lich, ſich in die Umſtände ſchicken, ſich in ſein Schickſal ergeben. Aber welch ſonderbare Brautnacht! Wie Schade! In der Ehe des zerbrochenen Kruges lag doch etwas Naives und Antediluvianiſches, das mir gefiel.“ Drittes Zuch. 1. Notre⸗Dame. Gewiß iſt auch gegenwärtig die Kirche Notre⸗Dame noch immer ein majeſtätiſcher und erhabener Bau. So ſchön ſie ſich auch alternd mag erhalten haben, kann man dennoch nicht unterlaſſen, über die zahlloſen Entwürdi⸗ gungen und Verſtümmelungen zu ſeufzen, womit Zeit und Menſchen ohne Achtung für Karl den Großen, der den erſten Stein, und Philipp Auguſt, der den letzten Stein legte, den ehrwürdigen Bau entſtellten. An der Vorderſeite dieſer alten Königin unſrer Kathedralen findet man neben jeder Runzel eine Narbe. Tempus edax, homo edacior! Wir möchten dies überſetzen: die Zeit iſt blind, der Menſch dumm. Hätten wir Muße, mit dem Leſer die verſchiedenen Spuren der Zerſtörung an der alten Kirche einzeln zu unterſuchen, dann wäre der Antheil der Zeit der geringſte, der Antheil der Menſchen, hauptſächlich der Künſtler, aber der ſchlimmſte. Wohl muß ich ſie Künſtler nen⸗ nen, denn in den beiden letzten Jahrhunderten galten ſie als ſolche. XIII. 11 Um zuerſt nur einiger Hauplbeiſpiele zu erwähnen, ſo gibt es gewiß nur wenig ſchönere architektoniſche Werke als die Fagade, worin die drei in Spitzbögen gehauenen Portale, als die mit Schnörkeln verblümte Reihe von achtundzwanzig königlichen Niſchen, als die mit zwei Seitenfenſtern geſchmückte Roſette in der Mitte, als die hohe und ſchlanke Galerie von kreuzartigen Arkaden, die eine ſchwere Fläche unter dünnen Saulchen trägt, endlich als die zwei ſchwarzen maſſiven Thürme mit ihrem Schie⸗ ferdache, Theile, die mit dem prächtigen Ganzen im Ein⸗ klang ſtehen, und in fünf gigantiſchen Stockwerken über einander liegen. Alles entwickelt ſich ohne Verwirrung dem Auge mit den unzähligen Einzelnheiten der Bild⸗ hauer⸗ und Ciſelierkunſt, und vereint ſich mächtig mit der ruhigen Größe des Ganzen. Es gleicht einer unge⸗ heuren, ſteinernen Symphonie, das rieſenhafte Werk des Menſchen und des Volkes; es iſt ein in ſich zuſammen⸗ hängendes Ganzes, wie ſeine Schweſtern, die Ilias und der Romancero, ein wunderbares Produkt der Verei⸗ nigung aller Kräfte einer Epoche, wo aus jedem Stein die Phantaſte des Meißlers, vereint mit der Phantaſie des Maurers hervorſpringt; kurz, eine Art von Menſchen⸗ werk, fruchtbar und mächtig wie Gottes Schöpfung, deſ⸗ ſen doppelten Charakter: Abwechſelung, Ewigkeit es geraubt zu haben ſcheint. Was wir hier von der Facade ſagten, gilt eben ſo gut von der ganzen Kirche. Was wir von der Kathedrale von Paris ſagen, gilt von der ganzen Kirchen⸗Baukunſt des Miteelalters. Alles hält ſich in den richtigen, logiſchen Verhältniſſen der ſelbſtgeſchaffenen Kunſt. Das Maaß der Zehe gibt das Maaß des ganzen Rieſen. Kehren wir zur Fagade von Notre⸗Dame zurück, wie ſie uns gegenwärtig erſcheint, und bewundern wir die ernſte und gewaltige Kathedrale, welche, wie die Chro⸗ nikenſchreiber ſagen, erſchreckt: Quae mole sua terrorem incutit spectantibus. Drei wichtige Dinge fehlen gegenwärtig dieſer Fagade. Erſtens, die Treppe von eilf Stufen, welche ſie früher über den Boden erhob. Zweitens, die untere Reihe von Statuen, welche die Niſchen der drei Portale füllte und die Reihe der achtundzwanzig älteſten Könige von Frank⸗ reich, von Childebert bis auf Philipp Auguſt, alle mit dem Reichsapfel in der Hand, welche die Gallerie des erſten Stockwerkes einnahm. Die Treppe verſchwand durch die Gewalt der Zeit, welche unmerklich, aber unwiderſtehlich den Boden der Cité erhöhete. Indem aber die Zeit durch den ſtets hinaufſteigenden Koth des Pflaſters von Paris die Stu⸗ fen allmählich verſchlang, welche die majeſtätiſche Höhe des Baues erhöheten, gab ſie der Fagade mehr, als ſie ihr nahm, denn ſie breitete darüber die dunkle Farbe der Jahrhunderte, die aus dem Greiſenalter der Gebäude das Alter ihrer Schönheit ſchafft. Wer aber warf die heiden Reihen Statuen nieder? 11* — 164— Wer leerte die Niſchen? Wer ſchnitt im ſchönen, alten Portal den neuen Baſtard⸗Bogen? Wer wagte es, die alberne, ſchwerfällige Thür mit Schnitzwerk aus der Zeit Ludwigs XV. neben Biscornette's Arabesken einzuſchwaͤr⸗ zen? Es waren Menſchen, Architekten, Künſtler unſerer Tage. Und treten wir in das Innere, wer warf jenen Koloß des heiligen Chriſtoph zu Boden, welcher unter den Statuen mit demſelben Rechte zum Sprüchwort ward, wie der Saal des Palais unter den Hallen, der Münſter zu Straßburg unter den Thürmen? Und wer hat barbariſch jene tauſend Statuen fortgeſchafft, welche die Räume zwiſchen den Säulen vom Schiff bis zum Chor, knieend, ſtehend, reitend, Männer, Weiber, Kin⸗ der, Könige, Biſchöfe, Ritter, von Sandſtein, Marmor, Gold, Silber, Kupfer und ſelbſt von Wachs, bevölkerten? Die Zeit war es nicht. Und wer erſetzte den alten, gothiſchen Altar mit Reli⸗ guien⸗Käſtchen durch jenen ſchwerfälligen Sarkophag mit Wolken und Engelköpfen, der einem vom Val-de-Grace oder den Invaliden hierher gerathenem Muſter gleicht? Wer ſiegelte dumm jenen ſchwerfälligen Anachronismus auf des Hercandus carolingiſches Getäfel? Dies that Ludwig XIV., einen Wunſch Ludwigs XIII. erfüllend. Und wer erſetzte durch kalte, weiße Scheiben die dun⸗ kel gefärbten Fenſter, welche das erſtaunte Auge unſrer Vater zwiſchen der Roſe des Portals und den Spitzbogen — 165— in magiſchem Lichte ſchwimmen ließen? Und was würde ein Sänger des zehnten Jahrhunderts ſagen, wenn er die gelbe Farbe erblickte, womit vandaliſche Erzbiſchöfe die Kathedrale beſchmierten? Er würde ſich erinnern, dies ſei die Farbe, womit der Henker die Verbrecher⸗ Gebäude beſtrich; er würde an das Hotel du Petit⸗ Bourbon, wie es ob des Verrathes jenes Konnétables gelb beſtrichen wurde, denken, wovon Sauval ſagt:„Es ward ſo ſchön gelb, daß es nach einem Jahrhundert noch immer die Farbe behielt.“ Der Chorſänger flöhe, denn er würde wähnen, der Bau ſei geſchändet. Beſteigen wir die Kathedrale, ohne bei den tauſend Barbareien jeglicher Art zu verweilen, ſo möchten wir fragen: was ward aus dem kleinen ſchönen Thurme, der auf dem Durchſchnittspunkte des Kreuzgewölbes ſich ſtützte und nicht weniger kühn wie ſein Gefährte, die(auch zer⸗ ſtörte) Spitze des Hauptthurmes, ſpitz, volltönend, gleich⸗ ſam ausgeſchnitten in den Himmel vor allen andern Thurmen emporſtrebte? Ein Architekt von ſogenanntem guten Geſchmack ſchnitt ihn ab, und wähnte, ein breites bleiernes Pflaſter, das dem Deckel eines Topfes gleicht, genüge, die Wunde zu verhüllen. So ward faſt überall, beſonders in Frankreich, die wunderbare Kunſt des Mit⸗ telalters behandelt. Auf ihren Trümmern kann man drei Arten der Verſtümmelung unterſcheiden, welche ſie mehr oder weniger verletzen; die Zeit, welche hin und wieder Lücken riß und die Oberfläche verroſtete; die — 166— politiſchen und religiöſen Revolutionen, welche blind und jähzornig im Tumult über ſie herfielen, und ihr reiches Kleid der bildenden Kunſt zerriſſen, die Roſetten zer⸗ ſprengten, die Kettenbänder von Arabesken und kleinen Geſtalten zerbrachen, die Statuen, ob der Mitra oder der Krone, hinauswarfen; endlich die Moden, ſtets alberner und grotesker, welche ſeit den anarchiſchen und glänzenden Abwegen der Wiedergeburt im nothwendigen Verfall der Baukunſt auf einander folgten. Die Moden haben mehr zerſtört, als die Revolutionen, ſie ſchnitten in das Fleiſch, ſägten an dem Knochengeſtell der Kunſt; ſie zerſchnitten, tödteten das Gebäude in der Form, wie im Symbol, in der Logik, wie in der Schönheit. Und dann wollten ſie auf's Neue ſchaffen. Die Anmaßung hatte wenigſtens weder die Zeit, noch irgend eine Revolution. Von wegen des guten Geſchmacks hefteten ſie auf den gothiſchen Bau ihr ephemeres Flitterwerk, ihre marmornen Bän⸗ der, ihre metallenen Knöpfe, ihren Ausſatz von Wülſten, Schneckenlinien, Draperieen, Guirlanden, Franſen, Stein⸗ flammen, bronzenen Wolken, runden Liebesgöttern, ſich aufblaſenden Cherubinen, der die kunſtvolle Oberfläche des Oratoriums der Katharine von Medicis zu verſchlin⸗ gen begann und es zwei Jahrhunderte ſpäter gefoltert und unter Fratzen in ein Boudoir der Dubarry umwandelte. Kurz, drei Arten von Zerſtörung entſtellen gegen⸗ wärtig die gothiſche Baukunſt; Runzeln und Warzen, das Werk der Zeit; Spuren der rohen Gewalt, Quet⸗ — 167— ſchungen, Brüche, das Werk der Revolutionen von Luther bis auf Mirabeau; Verſtümmelungen, Amputationen, Verrenkungen der Glieder, Reſtaurationen, die grie⸗ chiſche, römiſche und barbariſche Arbeit von Gelehrten nach Vitruv und Vignoble. Die prächtige Kunſt, die Schöpfung der Vandalen, tödteten Akademiker. Auf die Zeit und die Revolutionen, die wenigſtens großartig und unparteilich zerſtören, folgte ein Schwarm von gelernten, patentirten und geſchworenen Architekten, entwürdigte mit dem Scharfſinn und der Auswahl des ſchlechten Geſchmacks; erſetzte die gothiſchen Schnörkel mit Lud⸗ wigs XV. Cichorien, zum größern Ruhm des Parthenon. Dies war der Fußtritt, welchen der Eſel dem ſterbenden Löwen gab; dies war die alte, gekrönte Eiche, die Rau⸗ pen benagen und entblättern. Welch ein Abſtand zwiſchen dieſer und jener Zeit, wo Robert Cenalis Notre⸗Dame von Paris mit Dianens Tempel in Epheſus verglich. jenem von den alten Heiden ſo hoch geprie⸗ ſenen Bau, durch den Heroſtratus unſterblich ward. Und er fand die galliſche Kathedrale ſchöner in Länge, Breite, Hohe und Bau. Notre⸗Dame von Paris iſt übrigens kein vollſtän⸗ diges Gebäude mit ganz entſchiedenem Charakter. Es iſt nicht mehr eine romaniſche, aber auch keine gothiſche Kirche. Notre⸗Dame von Paris hat nicht, wie die Ab⸗ tei von Tournus, einen beſtimmten Typus, das ernſte und maſſive Viereck, das runde breite Gewölbe, die eiſige kalte Nacktheit, die majeſtätiſche Einfachheit der Gebäude, 168— deren Reform der Rundbogen bildet. Auch iſt ſie nicht, wie die Kathedrale von Bourges, das prächtige, leichte, mannigfache, buſchige, ſtarrende, blühende Produkt des Spitzbogens. Man darf ſie nicht zur alten Familie der düſteren, geheimnißvollen, niedrigen und von Rundbogen gleichſam erdrückten Kirchen zählen, wie ſie bis zum Plafond faſt ganz ägyptiſch, hieroglyphiſch, prieſterlich, mit blumigen Zickzacks, Thieren und Menſchen beladen daſtehen, weniger als Werke des Künſtlers, wie des Bi⸗ ſchofs, als erſte Umformung der Kunſt mit dem theo⸗ eratiſchen und militäriſchen Gepräge, welches in den letzten Zeiten des römiſchen Reichs beginnt und mit Wilhelm dem Eroberer endigt. Auch darf man unſre Kirche zu den andern Familien der Kirchen nicht zählen, der hohen, luftigen, reich geſchmückten, ſpitzigen und küh⸗ nen, der bürgerlichen, freien, eigenſinnigen, kecken; zur zweiten Umformung der Kunſt, als ſie nicht mehr prie⸗ ſterlich, unbeweglich und hieroglyphiſch ſondern fortſchrei⸗ tend, künſtleriſch und volksthümlich auftrat, mit dem Ende der Kreuzzüge begann, und mit Ludwig XI. ſchloß⸗ Notre⸗Dame von Paris iſt nicht reinen romaniſchen, auch nicht rein arabiſchen Urſprungs, wie die erſtere und zweite. Notre⸗Dame iſt ein Bau des Ueberganges. Der ſächſiſche Baumeiſter legte die erſten Pfeiler des Schiffes, als der von den Kreuzzügen hinüber gebrachte Spitzbogen ſich als Eroberer auf die breiten romaniſchen Kapitäler ſtellte, welche nur Rundbogen tragen ſollten. Allein — 169— unerfahren und furchtſam im erſten Auftreten, hält er— ſich zurück, und wagt noch nicht in Lanzen⸗ und Pfeil⸗ ſpitzen emporzuſtreben, wie er es ſpäter in ſo manchen wunderbaren Kathedralen that. Man möchte ſagen, er empfinde die Nähe der ſchwerfälligen römiſchen Pfeiler. Uebrigens verdienen die Uebergangsgebäude nicht weniger ein näheres Studium, wie die Werke des reinen Styls. Sie zeigen eine Schattirung der Kunſt, welche ohne ſie verloren wäre. Es iſt das Propfreis des Spitzbogens auf dem Rundbau. Beſonders iſt Notre⸗Dame de Paris ein merkwür⸗ diges Muſter dieſer Verſchiedenheit. Jegliche Fläche, jeg⸗ licher Stein des ehrwürdigen Baus iſt nicht allein eine Seite in Frankreichs Geſchichte, ſondern auch in der Geſchichte der Kunſt und Wiſſenſchaft. Um hier nur die hauptſächlichſten Einzelnheiten anzudeuten, ſo gehen die Pfeiler des Schiffes bis zur carolingiſchen Abtei St. Ger⸗ main des Pres zurück, während das kleine rothe Thor beinah die Gränzen der gothiſchen Feinheit berührt. Man ſollte wähnen, ſechs Jahrhunderte lägen zwiſchen dem Thor und den Pfeilern. Sogar die Hermetiker finden in den Symbolen des Hauptportals eine genügende Ab⸗ kürzung ihrer Wiſſenſchaft, deren vollſtändige Hiero⸗ glyphen die Kirche St. Jacques de la Boucherie bietet. So iſt die romaniſche Abtei, die gothiſche, die ſächſiſche Kunſt, der ſchwerfällige Rundpfeiler, der an Gregor VII. erinnert, der hermetiſche Symbolismus, womit Flamel — 170— ein Vorſpiel dem künftigen Luther gab, die päpſtliche Ein⸗ heit, das Schisma, St. Germain⸗des⸗Près, St. Jacques de la Boucherie, in Notre⸗Dame vereinigt und verſchmol⸗ zen. Sie iſt eine Art Chimäre der Pariſer Kirchen, trägt das Haupt der einen, ein Glied der anderen, Etwas von Allen. Wir wiederholen es, die baſtardartigen Gebäude ſind gleich intereſſant für den Künſtler, den Antiquar, den Hiſtoriker. Sie geben einen Begriff, wie weit die Bau⸗ kunſt etwas Urſprüngliches iſt; denn ſie zeigen(wie die Cyklopenbauten, die Pyramiden, die Pagoden), daß die großen Produkte der Baukunſt keine individuelle, ſondern ſociale Werke ſind, mehr das Erzeugniß arbeitender Volker, als die Schöpfungen einzelner Menſchen von höherem Geiſt; ein Gut der Nation, Anhäufungen der Jahrbunderte, ein Niederſchlag der auf einander folgen⸗ den Verdunſtungen der Geſellſchaft; kurz, es ſind Bil⸗ dungsarten. Jede Fluth der Zeit ſchwemmt neuen Boden an, jedes Geſchlecht läßt eine neue Schicht zurück, jeder Einzelne trägt ſeinen Stein zum Bau. So wirken Biber, Bienen und Menſchen. Das große Symbol der Bau⸗ kunſt, Babel, glich einem Bienenkorb. Große Gebäude, wie große Berge, ſind nur das Werk von Jahrhunderten. Oft wechſelt die Kunſt, wäh⸗ rend ſie in der Vollendung ſchweben, pendent opera interrupta, und werden durch die umgewandelte Kunſt friedlich weitergeführt. Die neue Kunſt faßt das Werk auf dem Punkte, wo es die alte ließ, aſſimilirt, entwik⸗ — 171— kelt es nach eigner Phantaſte und vollendet es, wenn Möglichkeit ſich bietet. Es wird ohne Verwirrung, An⸗ ſtrengung und Reaktion nach natürlichem Geſetze mit Ruhe vollendet. Ein Propfreis tritt hinzu, ein neuer Saft cirkulirt, eine friſche Vegetation beginnt. Gewiß, man kann voluminöſe Bücher und oft die allgemeine Geſchichte der Menſchheit über dieſe auf einander folgen⸗ den Aufheftungen verſchiedener Künſte auf verſchiedene Höhen deſſelben Monumentes ſchreiben. Der Menſch, der Künſtler erloſch auf dieſen Maſſen, die des Einzel⸗ nen, als Schöpfers, entbehren; der menſchliche Geiſt verallgemeinert ſich in ihnen. Die Zeit iſt der Bau⸗ meiſter, das Volk der Maurer. Um hier nur die europäiſch⸗chriſtliche Baukunſt in's Auge zu faſſen, die nachgeborene Schweſter der Maure⸗ reien des Orients, ſo erſcheint ſie dem Blick als eine in drei abgeſchnittenen, über einander liegenden Zonen geſchiedene Bildung: die römiſche,*) gothiſche, die der Wiedergeburt, die wir gern die gräco⸗romaniſche nennen. Die römiſche Schicht, die älteſte und tiefſte, zeigt den Rundbogen, welcher in der neueſten und der ſchöneren, *) Dieſelbe, welche man nach Ort, Klima und Arten ſäch⸗ ſiſch, byzantiniſch, lombardiſch nennt. Alle dieſe haben einen beſonderen Charakter; aber ſämmtlich ſtammen ſie von einem Grundſatz, dem Rundbogen. Facies non omnibus una, Non diversa tamen. von griechiſchen Säulen getragen, wieder erſcheint. Zwi⸗ ſchen beiden liegt der Spitzbogen. Die Gebäude, welche ausſchließlich einer dieſer drei Schichten angehören, ſind vollkommen in ſich abgeſchloſſen, einig und vollſtändig. Aber die drei Zonen miſchen und verſchmelzen ſich an ihren Ufern. Daher die komplicirten Denkmale, die Gebäude des Ueberganges und der Schattirung. Einige ſind romaniſch am Fuß, gothiſch in der Mitte, gräco⸗ romaniſch in der Spitze. Dann verbrachte man ſechs⸗ hundert Jahre an ihrem Bau. Doch dieſe ſind ſelten; häufiger dagegen die Denkmäler von zwei Formationen. So ſteht Notre⸗Dame, ein Bau mit Spitzbogen, mit den erſten Pfeilern in der römiſchen Zone. Der halb⸗ gothiſche Chorſaal von Bocherville vereint ſich halb mit der römiſchen Schicht. Die Kathedrale von Rouen wäre ganz gothiſch, reichte ſie nicht mit dem mittleren Thurm in die Zeit der Wiedergeburt. Uebrigens treffen alle Schattirungen nur die Ober⸗ fläche der Gebäude. Die Kunſt wechſelte die Haut; das Organ der chriſtlichen Kirche ward dadurch nicht verletzt. Ueberall ſchaut man daſſelbe Innere, dieſelbe logiſche Anordnung der Theile. Wie verſchieden auch die Hülle einer Kathedrale gebaut, gehauen und verbrämt iſt, ſtets findet man den Keim der römiſchen Baſiliken. Sie ent⸗ wickelt ſich ſtets nach demſelben Geſetz; es ſind zwei ſich im Kreuz durchſchneidende Schiffe, deren obere Spitze gerundet das Chor bildet; für die inneren Proceſſionen, die Kapellen ſieht man ſtets die niedere Wölbung, gleich⸗ ſam einen Seitenſpaziergang, in den das Hauptſchiff ſich Luft macht. Dann mehrt ſich die Zahl der Kapellen, Portale, Thürme bis in's Unendliche, nach dem Geiſte der Zeit und des Volkes. Sobald der Dienſt des Cultus einmal geſichert war, handelte die Baukunſt nach eignem Willen. Statuen, gemalte Fenſter, Roſetten, Arabesken, Verbraͤmungen, Kapitäler vereint ſie ſämmtlich nach dem ihr gefälligen Logarithmus. Daher die wunderbare, äußere Mannigfaltigkeit jener Gebaude, in deren Grunde Ord⸗ nung und Einheit thront: der Stamm des Baumes iſt unveranderlich, launenhaft die Vegetation. 2. Paris im Vogelfluge. Verſuchen wir's, die wunderbare Notre⸗Dame im Geiſte des Leſers wieder aufzubauen. Im Allgemeinen haben wir die meiſten Schönbeiten angedeutet, welche ſie im fünfzehnten Jahrhundert beſaß, und die ihr gegen⸗ wärtig fehlen. Wir übergingen aber die hauptſächlichſte, die Ausſicht auf Paris von der Höhe des Thurmes. Venn man in der dunkeln Spirallinie, welche per⸗ vendikular die dicke Mauer der Thürme durchſchneidet, lange getappt hatte, und endlich auf einer hochliegenden, von Tag und Licht überſchwemmten Fläche ſtand, ent⸗ wickelte ſich den Augen ein prächtiges Gemälde, ein Schauſpiel sui generis, wovon diejenigen unſerer Leſer ſich leicht einen Begriff machen können, welche das Glück — 174— hatten, eine gothiſche, unverſehrte, vollſtändige Stadt zu erblicken, wie deren noch einige übrig ſind, z. B. Nürn⸗ berg in Baiern und Vittoria in Spanien, ſelbſt wenn es auch nur kleinere Proben waren, vorausgeſetzt, daß dieſe ſich wohl erhalten haben, wie Vitré in Bretagne und Nordhauſen in Preußen. Das Paris des fünfzehnten Jahrhunderts war ſchon eine Rieſenſtadt. Wir Pariſer täuſchen uns oft über das Terrain, das wir gewonnen zu haben wähnen. Seit Ludwig XI. iſt Paris nur noch um Etwas mehr, als ein Drittel angewachſen. Gewiß hat es auch an Schön⸗ heit mehr verloren, als an Größe gewonnen. Paris iſt, wie man weiß, aus der alten Inſel der Cité, welche die Form einer Wiege hat, geboren. Das flache Ufer dieſer Inſel war ſeine erſte Mauer, die Seine ſein erſter Graben. Paris blieb mehrere Jahrhunderte lang in dieſem Zuſtande einer Inſel, mit zwei Brücken, nach Süden und Norden, und zwei Brückenköpfen, welche zugleich ſeine Thore und Feſtungen bildeten, dem Grand⸗ Chatelet auf dem rechten und dem Petit⸗Chatelet auf dem linken Ufer. Nach dem erſten Königsgeſchlecht fühlte Paris ſich hier zu ſehr beſchränkt, überſchritt die Fluth und konnte dann nicht wieder zurückkehren. Darauf begann vom Grand⸗ bis zum Petit⸗Chatelet eine Reihe von Mauern und Thürmen, das Feld an beiden Seiten der Seine zu umſchließen. Von dieſer alten Ringmauer waren im letzten Jahrhundert noch einige Spuren übrig, gegenwärtig aber nur die Erinnerung und hin und wieder eine Tradition. Das Thor Baudets oder Baudoyer, Porta Bagauda. Die Fluth der Häuſer, vom Herzen der Cité ſtets nach außen getrieben, übertrat, benagte allmählich und riß endlich die Mauer mit ſich fort. Philipp⸗Auguſt baute ihr einen neuen Damm. Er feſſelte Paris mit einer neuen ringförmigen Kette dicker, hoher und feſter Thürme. Länger als ein Jahrhundert drängen, häufen ſich die Häuſer und ſchwellen gleich der Fluth eines Teiches. Sie werden tiefer, Stockwerk ſteigt auf Stock⸗ werk, die Gebäude erheben ſich über einander, gleich zuſammengedrücktem Safte, und ſtreben über die benach⸗ barten Häuſer, um Luft zu gewinnen, emporzuragen. Die Straßen verengen ſich, die Plätze werden bebaut und verſchwinden. Endlich überſpringen die Häuſer jene Mauer Philipp⸗Auguſts und zerſtreuen ſich ohne Ord⸗ nung, entlaufenen Gefangenen gleich, in der Ebene. Dort richten ſie ſich gemächlich ein, ſchneiden ſich Gärten aus den Feldern heraus. Nach 1367 dehnte ſich auf dieſe Weiſe die Stadt ſo ſehr aus, daß ein neuer Wall, beſon⸗ ders auf dem rechten Ufer, erfordert ward. Ihn baute Karl V. Allein eine Stadt, wie Paris, iſt im beſtän⸗ digen Wachsthum begriffen, und nur Städte der Art werden zur Hauptſtadt eines Reiches. Es ſind die Be⸗ hälter, worin ſich alle geographiſchen, politiſchen, morali⸗ ſchen, geiſtigen Ströme eines Landes, eines Volkes ergießen, gleichſam Brunnen und auch Abzug⸗Kanäle — 176— der Civiliſation, wohin Handel, Induſtrie, Intelligenz, Bevölkerung, jegliches Leben, jegliche Seele eines Volkes, unaufhörlich filtrirt, von einem Jahrhundert bis zum andern ſich anſammelt. Karls V. Ringmauer hatte deß⸗ halb das Schickſal der Ringmauer Philipp⸗Auguſts. Seit Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts ward ſie über⸗ ſprungen und überſchritten; die Vorſtadt dehnte ſich weiter hin aus. Im ſechzehnten Jahrhundert ſchien es, als weiche dieſe zurück und dränge ſich immer mehr nach der alten Cité hin; ſo ſehr hatte ſich die neue Stadt außerhalb ſchon verdichtet. Seit dem fünfzehnten Jahr⸗ hundert(um hierbei zu verweilen) hatte Paris die drei koncentriſchen Mauerkreiſe ſchon abgenutzt, welche ſchon zur Zeit Julians des Apoſtaten im Keime des Grand⸗ und Petit⸗Chatelet enthalten waren. Die mächtige Stadt hatte allmählich die vier Gürtel gleich einem Kinde zer⸗ ſprengt, welches anwachſend die Kleider vom vorigen Jahre aufreißt. Zu Ludwigs XI. Zeiten ſah man hier und dort im Häuſermeer einige Gruppen verfallener Thürme, gleich⸗ ſam als Hügelgipfel in einer Ueberſchwemmung, als In⸗ ſeln des alten Paris, nachdem es im neuen verſenkt war. Seitdem hat ſich Paris noch ferner umgewandelt, was wir um unſrer Augen willen bedauern müſſen. Jedoch überſchritt es nur noch eine Mauer, die elende Mauer Ludwigs XV. aus Koth und Speichel, jenen Bau, würdig des Königs, der ihn errichtete, und des Dichters, der ihn beſang: Le mur murant Paris rend Paris murmurant.*) Im fünfzehnten Jahrhundert war Paris noch in drei große, gänzlich von einander abgeſonderte Städte getheilt, in die Eité, die Univerſität und die Stadt. Jegliche hatte ihr beſonderes Ausſehen, ihre beſonderen Sitten, Privilegien und Gewohnheiten, und endlich auch ihre beſondere Geſchichte. Die Cité, welche die Inſel einnahm, war der älteſte und kleinſte Stadttheil, die Mutter der beiden andern, zwiſchen denen ſie eingezwängt, einer kleinen alten Frau zwiſchen zwei großen und ſchö⸗ nen Töchtern glich. Die Univerſitat bedeckte das linke Seine⸗Ufer von La Tournelle bis zum Thurm von Nesle, zwei Punkten, die im jetzigen Paris der Halle⸗aux⸗Vins und der Monnaie entſprechen. Ihr Umfang wucherte ziemlich weit in das Feld hinein, wo Julian einſt ſeine Bäder baute; dort lag der Berg der heiligen Genoveva. Der beherrſchende Punkt in dieſer Mauerkurbe war das päpſtliche Thor, ungefähr auf der Stelle des gegenwär⸗ tigen Pantheon. Die Stadt, das größte der drei Stücke von Paris, lag auf dem rechten Ufer. Ihr Kai, an verſchiedenen Stellen abgebrochen oder unterbrochen, liegt vom Thurm von Billy bis zum Thurm du Bois, die Seine entlang, d. h. von dem Orte, wo gegenwärtig le Grenier d'Abondance liegt, bis zu den Tuilerieen. *) Ein unüberſetzbares Wortſpiel: Die Mauer, die Paris manert, bringt Paris zum Murren. XIII. — 178— Die vier Punkte, wo die Seine die Ringmauer von Paris durchſchnitt, la Tournelle und der Thurm von Nesle am linken, der Thurm von Billy und von Bois am rechten Ufer, hießen vorzugsweiſe die vier Thürme von Paris. Die Stadt drang noch tiefer, als die Univerſität, in das Feld ein. Der höchſte Punkt jener Umzäunung von Karl V. war an den Thoren St. Denis und St. Martin, deren Stelle ſich nicht verändert hat. Wie wir ſchon ſagten, jegliche dieſer drei großen Abtheilungen von Paris war eine Stadt für ſich, aber eine zu ſehr ſpezielle, als daß ſie ſich von den andern hätte abſondern dürfen; kurz, keine konnte der andern entbehren. Auch bot jegliche einen ganz beſonderen An⸗ blick. In der Cité war Ueberfluß an Kirchen, in der Stadt an Paläſten, in der Univerſität an Kollegien. Um hier die Eigenthümlichkeiten des alten Paris, welche nur Nebenſache ſind, zu übergehen, bemerken wir zur allgemeinen Ueberſicht, indem wir nur die Maſſen der einzelnen Jurisdiktionen zuſammenfaſſen, daß die Inſel dem Biſchof, das rechte Ufer dem Prévot des Marchands und das linke dem Rektor zuſiel. Der Prévot von Pa⸗ ris, ein königlicher und kein ſtaͤdliſcher Beamter, beauf⸗ ſichtigte das Ganze. Die Cité beſaß Notre⸗Dame, die Stadt das Louore und das Hotel⸗de⸗Ville, die Univer⸗ ſität die Sorbonne. Die Vergehen, welche Studenten auf dem rechten Ufer, auf der Pré⸗ aux⸗Clercs, begangen, richtete man — 179— auf der Inſel im Palais de Juſtice und beſtrafte ſie dann auf dem rechten Ufer in Montfaucon, wenn der Rektor nicht dazwiſchen ſchritt, im Fall die Univerſität ſtark und der König ſchwach war; denn die Studenten beſaßen das Privilegium, nur in ihrem Quartier gehängt zu werden. 4 (Die meiſten dieſer Privilegien, um dies im Vorbei⸗ gehn zu bemerken— und es gab noch beſſere, als das angeführte— waren den Königen durch Aufſtände und Meutereien entriſſen. Dies iſt der Lauf der Dinge ſeit undenklichen Zeiten; der König läßt nur dann das Ein⸗ zelne los, wenn das Volk ihm dies entreißt. Eine alte Charte ſagt dies ſehr naiv bei Gelegenheit der Treue: Civibus fidelitas in reges, quae tamen aliquoties seditionibus interrupta, multa peperit privilegia.) Im fünfzehnten Jahrhundert beſpülte die Seine fünf Inſeln im Umkreiſe von Paris, die Inſel Louviers, wo damals Bäume wuchſen, und wo jetzt nur noch Holz zu finden iſt, die Kuh⸗Inſel und die Inſel Notre⸗Dame, welche beide, bis auf eine Hütte, gänzlich einſam und Lehen des Biſchofs waren,(im ſiebzehnten Jahrhun⸗ dert hat man aus beiden Inſeln eine einzige gebildet und bebaut. Wir nennen ſie jetzt die Inſel St. Louis) end⸗ lich die Cité, und an ihrer Spitze das Inſelchen des Kuhhirten, welches ſeitdem unter den Pfeilern des Pont⸗ Neuf verſchwunden iſt. Die Cité beſaß damals fünf Brücken, drei rechts, le Pont Notre⸗Dame und le Pont⸗ 12* au Change, von Stein, le Pont⸗aur⸗Meuniers, von Holz; zwei links, le Petit⸗Pont von Stein, le Pont Saint⸗Michel von Holz. Alle waren mit Häuſern bedeckt. Die Univerſität beſaß ſechs von Philipp⸗Auguſt erbaute Thore; von la Tournelle an waren dies die Thore St. Vickor, Bordelle, das päpſtliche Thor, das Thor St. Jacques, die Thore St. Michel und St. Germain. Die Stadt beſaß ſechs von Karl V. erbaute Thore; vom Thurm von Billy an waren dies die Thore St. Antoine, das Thor des Tempels, St. Martin, St. Denis, Montmartre, St. Honoré. Sie beſaßen ſämmtlich Feſtigkeit und Schön⸗ heit; denn letztere ſchadet der erſteren nicht. Ein breiter, tiefer und im Winter ſtark ſtrömender Graben beſpülte den Fuß der Mauern um Paris. Die Seine verſah ihn mit Waſſer, des Nachts ſchloß man die Thore, verſperrte den Fluß mit eiſernen Ketten, und Paris ſchlief ruhig. Erblickte man dieſe drei Theile, die Cité, die Stadt, die Univerſttät im Vogelfluge, ſo bot jeglicher dem Auge ein unentwirrbares Knäuel verſchlungener Straßen. Den⸗ noch erkannte man bei'm erſten Anblick, daß die drei Stücke des Ganzen nur einen Körper bildeten. Man ſchaute zwei lange, parallele Straßen, die faſt ohne Un⸗ terbrechung in gerader Linie von einem Ende bis zum andern die drei Stadttheile durchzogen, perpendikulär mit der Seine von Süden nach Norden hinliefen, ſie vermiſchten, verbanden, mit einander vermengten, und das Volk des einen Theiles in das des andern ergoß⸗ ſo das alle Drei nur Eins bildeten. Die erſtere der — 181— beiden Straßen führte vom Thore St. Jacques zum Thore St. Martin und hieß Rue St. Jacques in der Univer⸗ ſitaät, Rue de la Juiverie in der Cité und Rue St Martin in der Stadt. Sie überſchritt unter den Namen Petit⸗Pont und Pont de Notre⸗Dame zweimal den Fluß. Die andere hieß Rue de la Harpe auf dem linken Ufer, Rue de la Barillerie auf der Inſel, Rue St. Denis auf dem rechten, Pont St. Michel auf einem Arm der Seine, Pont au Change auf dem andern, führte von dem Thor St. Michel in der Univerſttät zun Thore St. Denis in der Stadt. Uebrigens blieben es trotz aller verſchiede⸗ nen Namen, immer nur zwei Straßen, allein die beiden Mutterſtraßen, die beiden Arterien von Paris. Alle andern Straßen der dreifachen Stadt mündeten in dieſe als Venen. Unabhängig von dieſen beiden diametralen Haupt⸗ ſtraßen, welche die ganze Breite der Hauptſtadt durch⸗ ſchnitten, hatte Stadt und Univerſität jede noch ihre beſondere Hauptſtraße, welche ſie der Länge nach mit der Seine parallel durchzog und im rechten Win⸗ kel die beiden Arterien durchſchnitt. So gelangte man in der Stadt gerades Weges vom Thore St. Antoine zum Thore St. Honoré, in der Univerſität vom Thore St. Victor zum Thore St. Germain. Beide ſich kreu⸗ zende Hauptſtraßen bildeten mit den erſteren den Can⸗ vas, um den das dädaliſche Knäuel der Pariſer Stra⸗ ßen gewickelt war. In den undurchſchaubaren Ma⸗ ſchen des Netzes bemerkte der aufmerkſame Beobachter — 182— außerdem zwei Büſchel dicker Straßen, die gleich Garben einerſeits nach der Univerſität, andrerſeits nach der Stadt zu ſich erweitern und von den Brücken zu den Thoren verſchwanden. Von dieſem geometriſchen Plan iſt Einiges noch übrig. Unter welcher Anſicht zeigte ſich dieſer Inbegriff der Hauptſtadt von der Höhe der Thürme Notre⸗Dame im Jahre 1482? Wir wollen verſuchen, es zu beſchreiben. Den Beſchauer, welcher außer Athem auf den Gip⸗ fel gelangte, traf zuerſt Verblendung, wenn er all' die Dächer, Schornſteine, Brücken, Straßen, Plätze, Thurm⸗ ſpitzen erblickte. Alles fiel auf einmal in's Auge, der geſchnittene Giebel, das ſpitzige Dach, das an den Mauer⸗ ecken hängende Thürmchen, die ſteinerne Pyramide des eilften Jahrhunderts, der Obelisk von Schiefer des fünfzehnten, der runde und nackte Thurm des Schloſſes, der viereckige und verbrämte Thurm der Kirche, das Große, das Kleine, das Maſſive, das Luftige. Der Blick verlor ſich lang in der Tiefe des Labyrinths, wo die „Kunſt überall gewirkt hatte, von der kleinſten, bemalten oder mit Schnitzwerk verzierten Hütte mit niedriger Thür, vorgebauten Stückwerken, bis zum königlichen Louvre, der damals mit einer Reihe von Thürmen ver⸗ ſehen war. Folgende aber waren die Hauptmaſſen, welche man unterſchied, ſobald das Auge dies Gewirre von Ge⸗ bäuden zu durchforſchen anfing. Zuerſt die Cité, jene Inſel, welche, wie Sauval ſagt(dem doch mitunter bei allem Schwulſt der Styl glückt), wie ein großes, in das Gefäß der Seine geſchobenes Schiff, nach dem Strome der Fluth, gebildet iſt. Wir erwähnten, ſchon im fünf⸗ zehnten Jahrhundert ſei die Inſel durch fünf Brücken mit den beiden Ufern verbunden. Dieſe Form war auch den heraldiſchen Schriftſtellern aufgefallen; denn dorther, und nicht von der Belagerung der Normannen, ſtammt, wie Favyn und Pasquier berichten, das Schiff im alten Wappenſchilde von Paris. Das Wappen iſt ja für den, der es zu entziffern vermag, eine Algebra und eine Sprache. Die ganze Geſchichte der zweiten Hälfte des Mittelalters iſt in Wappen geſchrieben, wie die der erſten in der Symbolik romaniſcher Kirchen. Es ſind die Hie⸗ roglyphen der Feudalzeit, nach denen der Theokratie. Die Cité bot ſich zuerſt dem Auge mit dem Hinter⸗ theil nach Morgen und dem Vordertheil nach Abend. Nach letzterem gewandt, erblickte man vor ſich eine unzäh⸗ lige Heerde alter Dacher, auf denen ſich in weiter Breite das Bleidach der Sainte⸗Chapelle rundete und dem Rücken eines Elephanten mit dem Thurme glich. Hier war nur der kühne, ſchlanke Bau des letzteren der am feinſten geſchnitzelte, welcher jemals den Himmel durch ſeinen Kegel mit Spitzen blicken ließ. Vor Notre⸗Dame liefen drei Straßen auf den Vorhof aus, einen ſchönen, mit allen Häuſern beſetzten Platz. Auf die ſüdliche Seite des Platzes neigte ſich die gerunzelte und düſtere Fagade — 184— des Hotel⸗Dieu, deſſen Dach als mit Puſteln und War⸗ zen bedeckt erſcheint. Rechts und links, öſtlich und weſt⸗ lich, ſtrebten in dieſem engen Raum der Cité die Thürme von einundzwanzig Kirchen aus jeglicher Zeit, von jeglicher Geſtalt und Größe empor, vom niedrigen und wurm⸗ ſtichigen, romaniſchen Glockenthurm der Kirche St. Denis⸗ du⸗Pas(carcer Glaucini) bis zu den feinen Nadeln von St. Pierre⸗aux⸗Boeufs und St. Landry. Hinter Notre⸗ Dame entrollte ſich nördlich das Kloſter mit ſeinen gothi⸗ ſchen Gallerieen, ſüdlich der halb⸗romaniſche Palaſt des Biſchofs, öſtlich das einſame Thor du Terrain. In dieſer Anhäufung von Häuſern unterſchied noch das Auge an den hohen, ſteinernen, durchbrochenen Mitren, welche damals ſelbſt auf dem Dache die hohen Fenſter brönten, das von der Stadt unter Karl VI. dem Juvénal des Urſins geſchenkte Haus; ein wenig weiter die kohlſchwar⸗ zen Häuſer des Marktes Palus, dann den neuen Wende⸗ punkt von St. Germain⸗le⸗Vieux, der ſich im Jahre 1458 mit einem Zipfel der Straße aux Febves verlängert hatte; hin und wieder einen von Volk gefüllten Kreuz⸗ weg; einen Schandpfahl an einer Straßenecke; ein Stück von dem prächtigen Pflaſter Philipp⸗Auguſts aus Stein⸗ platten für die Roſſe, welches im ſechzehnten Jahrhun⸗ dert durch ein erbärmliches Gefüge von Kieſeln, das Pflaſter der Ligue genannt, erſetzt ward; einen einſamen Hinterhof mit einem der durchſichtigen Treppenthürmchen, wie man ſie im fünfzehnten Jahrhundert baute und in — 185— der Straße des Bourdonnais noch jetzt erblickt. Endlich weſtwärts, rechts der Sainte⸗Chapelle, ſtieg vom Palais de Juſtice eine Thurmgruppe am Ufer des Fluſſes auf. Die Wälder der königlichen Gärten, welche die öſtliche Spitze der Stadt deckten, entzogen dem Blick das In⸗ ſelchen des Hirten. Das Waſſer ſah man auf dem Thurme von Notre⸗Dame nur an zwei Seiten der Cité. Die Seine verſchwand unter den Brücken, die Brücken unter den Häuſern. Wenn der Blick über die Brücken hinaus ſchweifte, deren Dächer, vom Dunſte des Waſſers frühzeitig bemooſt, dem Auge grau erſchienen, und dann ſich rechts zur Uni⸗ verſität wandte, ſo fiel er zuerſt auf eine dicke und nie⸗ drige Garbe von Thürmen, auf das Petit⸗Chatelet, deſſen weit aufſtehende Halle den äußerſten Punkt des Petit⸗ Pont verſchlang; durchflog dann der Blick das Ufer von Oſten nach Weſten, von la Tournelle bis zum Thurm von Nesle, ſo ſchaute er eine lange Reihe von Häuſern mit geſchnitzten Balken und bemalten Fenſterſcheiben, deren Stockwerke über einander auf die Straße hinaus ragten, ein unendliches Zickzack von Bürger⸗Wohnungen, bäufig durch den Ausgang einer Straße, bisweilen auch von der Vorder⸗ und Nebenſeite eines großen, ſteinernen Hauſes durchſchnitten, welches beqaem mit Gärten und Höfen, Flügeln und Hauptgebäuden ſich unter der Maſſe enger Häufer wie ein Lehensherr unter ſeinen Vaſallen ſpreizte. Fünf oder ſechs dieſer Häuſer lagen auf dem — 186— Kai vom Logis de Lorraine, welches mit den Bernardi⸗ nern den großen, eingeſchloſſenen Raum in der Nähe von la Tournelle theilte, bis zum Hotel de Nesle, deſſen Hauptthurm Paris begrenzte, und deſſen dreieckig⸗ſpitze Dächer drei Monate hindurch den Scharlach der unter⸗ gehenden Sonne ausſchnitten. Dieſe Seite der Seine war übrigens die am we⸗ nigſten Handel treibende. Die Studenten machten dort mehr Lärm, als die Handwerker, und es gab auch eigent⸗ lich nur einen Kai von der Brücke St. Michel bis zum Thurm von Nesle. Der übrige Theil des Seine⸗Ufers war bald ſandig, wie jenſeits der Bernardiner, bald ein Haufen Häuſer, die mit dem Fuß, wie zwiſchen zwei Brücken, im Waſſer ſtanden. Dort hörte man den Lärm der Wäſcherinnen; ſie ſangen, ſprachen, ſchrieen am Ufer vom Morgen bis zum Abend und klopften, wie gegen⸗ wärtig, ihre Wäſche. Allein dies iſt noch nicht der fröh⸗ lichſte Ort von Paris. Die Univerſität bot dem Auge nur eine Maſſe. Von einem Ende bis zum andern war es ein gleich⸗ artiges, kompaktes Ganzes. Ihre tauſend eckigen, an einander hängenden Dächer waren faſt nur nach einem geometriſchen Elemente gebildet und boten von fern den Anblick einer Kryſtalliſation aus demſelben Stoff. Auch durchſchnitten die Straßen die Häuſerhaufen in eben nicht unverhältnißmäßigen Gräben. Die zwei und vierzig Kol⸗ legien waren auf ziemlich gleiche Weiſe umhergeſä't, und — 187— es gab deren überall. Die bunten und ſchönen Giebel dieſer niedlichen Gebäude waren das Produkt derſelben Kunſt, als die Dächer, welche ſie überragten, und nur eine Vervielfältigung derſelben geometriſchen Figur im Kubus oder Quadrat. Sie komplicirten das Ganze, ohne es zu verwirren, und bewirkten Vollſtändigkeit ohne Ueberladung. Geometrie iſt Harmonie. Auch ſtachen einige prächtige Paläſte gegen die maleriſchen Scheuern des linken Ufers ab, das Logis de Nevers, das Logis de Rome und Reims, die verſchwunden ſind, das Hotel de Cluny, welches zum Troſte des Künſtlers noch vor⸗ handen iſt, und deſſen Thurm man ſo albern dumm vor einigen Jahren entkrönte. Bei Cluny lagen Julians Thermen, jener römiſche Palaſt mu ſchönen Rundbögen. Auch lagen dort manche Abteien von andachtigerer Schön⸗ heit und ernſterer Größe, als jene Paläſte, aber doch nicht minder ſchön und groß. Hier lockten zuerſt das Auge die Bernardiner mit drei Thürmen, Sainte⸗Geneviève, deſſen viereckiger, noch vorhandener Thurm den Mangel des übrigen Gebäudes ſo ſehr bedauern laͤßt; die Sor⸗ bonne, halb Kloſter, halb Kollegienhaus, von der noch das bewundrungswürdige Schiff ſteht; das ſchöne, vier⸗ ſeitige Kloſter der Mathuriner, das danebenſtehende Kloſter St. Benedikt, in deſſen Mauern man während der erſten und achten Ausgabe dieſes Buchs ein Theater aufſchlägt; die Kapuziner mit ihren drei neben einander ſtehenden, ungeheuern Giebeln, die Auguſtiner, deren — 188— anmuthige Nadel nach dem Thurm von Nesle das zweite Schnörkelwerk von Paris an dieſer Seite von Oſten her bildete. Die Kollegien, der Mittelring zwiſchen Kloſter und Welt, bildeten auch die Mitte in der Gebaudereihe von Klöſtern und Paläſten; der Charakter ihres Baues war Strenge voll Eleganz; ihre Sculptur weniger luf⸗ tig, als die der Paläſte, aber weniger ernſt, als die der Klöſter. Unglücklicher Weiſe iſt von dieſen Monumenten, wo die gothiſche Kunſt ſo genau zwiſchen Pracht und Einfachheit die Mitte traf, Nichts mehr übrig. Die Kirchen(auch ſie waren in der Univerſität zahlreich und prächtig; auch hier zeigten ſie eine Stufenleiter der Bau⸗ kunſt von St. Julians Rundbogen bis zum Spitzbogen St. Severins) beherrſchten das Ganze. Gleich einer neuen Harmonie in der Maſſe der andern, durchbrachen ſie vielfach den vielfachen Ausſchnitt ſchlanker, durch⸗ brochener Thürmchen, deren Linie auch nur eine präch⸗ tige Uebertreibung des ſpitzen Winkels der Dächer war. Der Boden der Univerſität war hügelig. Der Berg Ste. Geneviève bildete ſüdwärts eine ungeheure Blaſe. Einen ſonderbaren Anblick gewährten vom Thurm Notre⸗ Dame dieſe Maſſe enger und gewundener Straßen(der Stadttheil heißt gegenwärtig le Pays Latin), die Wein⸗ trauben gleichen Häuſergruppen, welche vom Gipfel jenes Hügels ſich in Unordnung und faſt ganz ſteil bis zum Rande des Waſſers an ſeinen Seiten hinabſtürzten, theils zu fallen, theils hinauf zu klimmen, aber ſämmtlich ſich — 189— an einander zu halten ſchienen. Eine fortwährende Fluth von zweitauſend ſchwarzen Punkten, dit ſich auf dem Pflaſter kreuzten, zeigte dem Auge eine ſtets dauernde Bewegung; es war das Volk, wie man es von oben herab ſah. Endlich in den Zwiſchenräumen dieſer Dächer, Thürme, Gebäude ohne Zahl, welche die äußerſte Linie der Uni⸗ verſität auf ſo ſonderbare Weiſe bogen, wanden und ſchnörkelten, erblickte man dann und wann ein dickes, bemooſtes Mauerſtück, einen dicken, runden Thurm und ein Stadtthor mit Zinnen; dies war die Ringmauer Philipp Auguſts. Jenſeits grünten Wieſen, entwichen Strahen, in denen ſich noch einige Häuſer der Vorſtädte hinzogen, aber in einer ſeltenen und ſteigenden Entfer⸗ nung. Einige dieſer Vorſtädte waren ſchon wichtig; zuerſt, von la Tournelle an, die Vorſtadt St. Victor mit ihrer Brücke über die Bièvre, mit ihrer Abtei, wo man die Grabſchrift Ludwigs des Dicken(epitaphium Ludo- viei Grossi) las, und ihrer Kirche mit dem achteckigen Thurm und vier Glockenthürmchen des eilften Jahrhun⸗ derts(man ſieht einen ähnlichen Thurm noch in C tampes); dann die Vorſtadt St. Marceau, welche ſchon drei Kirchen und ein Kloſter beſaß; dann links von der Mühle des Gobelins und ihren vier weißen Mauern die Vorſtadt St,. Jacques mit dem ſchönen ausgehauenen Kreuz auf dem Kreuzwege; die Kirche St. Jacques⸗du Haut⸗Pas, welche damals gothiſch, geſpitzt und ſchön war; Saint⸗ — 190— Magloire, ein ſchönes Schiff aus dem vierzehnten Jahr⸗ hundert, welches Napoleon zur Heu⸗Scheune machte; Notre⸗Dame⸗des⸗Champs, wo byzantiniſche Moſaike ſich befanden. Nachdem man endlich über das Kloſter der Karthäuſer im freien Felde(ein prächtiges mit dem Pa⸗ lais de Juſtice gleichzeitiges Gebäude, mit kleinen in Bette vertheilten Gärten und den Trümmern von Vau⸗ vert) hinausſchaute, traf der Blick auf die drei romani⸗ ſchen Thürmchen von St. Germain⸗des⸗Prés. Die Vor⸗ ſtadt St. Germain, ſchon damals ein beträchtlicher Ort, folgte mit fünfzehn bis zwanzig Straßen. Der ſpitzige Thurm von St. Sulpice bezeichnete eine Ecke der Vor⸗ ſtadt. Seitwärts bemerkte man die viereckige Mauer der Foire St. Germain, wo gegenwärtig der Markt liegt; dann den Schandpfahl des Abtes, mit einem ſchönen, bleiernen Kegel auf der Spitze; weiter lag die Ziegel⸗ brennerei, die Straße du Four, welche zum Zwangofen führte, die Mühle auf dem Hügel und das Hoſpital, ein einzeln ſtehendes und kaum zu erblickendes Häuschen. Die Abtei aber zog vor Allem den Blick auf ſich. Jenes Kloſter mit dem prächtigen Aeußeren als Kirche und Herrengebäude, jener Palaſt eines Abtes, in dem eine Nacht zu ſchlafen die Biſchöfe von Paris für ein Glück hielten, jenes Refektorium, dem der Baumeiſter das Anſehn, die Schönheit und die prächtige Roſette einer Kathedrale verliehen hatte, jene zierliche Kapelle der Jungfrau, jenes Schlafzimmer, jene Gärten, das Fall⸗ V V — 191— gatter, die Zugbrücken, jene Hülle von Zinnen, welche das Grün der umliegenden Auen dem Auge durchſchnitt, die Höfe, wo bewaffnete Krieger unter goldgeſchmückten Prieſtern ſtrahlten: dies Ganze, wie es ſich um drei hohe, ſchlanke Thürme mit Rundbögen, auf gothiſchem Unterbau gruppirte, bot gewiß ein prächtiges Schauſpiel am Rande des Horizontes. Hatte man endlich die Univerſität lange genug betrach⸗ tet, und wandte den Blick auf das rechte Ufer, die Stadt, ſo wechſelte plötzlich der Charakter des Schau⸗ ſpiels. Die Stadt, obgleich weit größer als die Univerſität, war doch weniger ein Ganzes. Beim erſten Anblick ſah man, wie ſie ſich in mehrere ſonderbar unterſchiedene Maſſen theilte. Zuerſt, öſtlich, waren in dem Stadttheil, welcher noch gegenwärtig den Namen von dem Moraſte führt, wo Camulogena Caſar einſt einſchloß, Paläſte bis zum Fluß an einander gehäuft. Vier faſt an einander hängende Hotels, Jouy, Sens, Barbeau, le Logis de la Reine, ſpiegelten ihre ſchiefernen Dächer mit den ſchlan⸗ ken Thürmchen in der Seine. Dieſe vier Gebäude füll⸗ ten den Raum von der Straße des Nonaindidres bis zur Abtei der Cöleſtiner, deſſen Thurm ihre Reihe von Giebeln und Zinnen auf anmuthige Weiſe hob. Einige grünliche, über das Waſſer ſich neigende Hütten vor den prächtigen Häuſern boten kein Hinderniß, die ſchönen Kanten ihrer Vorderſeiten, ihre ſchönen, viereckigen Fen⸗ ſter mit ſteinernen Kreuzen, ihre mit Statuen überla⸗ 192— denen Säulenhallen in ſpitzen Bögen, die lebhaften Kan⸗ ten ihrer ſtets genau abgeſchnittenen Mauern und alle ſchönen Zufälligkeiten der Baukunſt zu erblicken, welche der gothiſchen Kunſt den Anſchein geben, als entwürfe ſie bei jeglichem Gebäude einen ſtets neuen Plan. Hinter dieſen Paläſten zog ſich nach allen Richtungen bald mit Paliſaden und Zinnen gleich einer Feſtung, bald mit Bäumen gleich einer Karthauſe eingehüllt, das unge⸗ heure und vielgeſtaltete Hotel de Saint⸗Pol hin, welches der König von Frankreich zweiundzwanzig Prinzen vom Stande des Dauphins und des Herzogs von Burgund mit Bedienten und Gefolge zur Wohnung anweiſen konnte, ohne die Herren und den Kaiſer, wann er nach Paris kam, und die Löwen zu rechnen, welche ihr beſon⸗ dres Hotel im königlichen Hotel beſaßen. Damals beſtand die Wohnung eines Fürſten vom Paradeſaal bis zur Kapelle wenigſtens aus eilf Sälen, ohne die Galerieen, Bäder, Badſtuben und andre überflüſſigen Oerter mitzu⸗ zählen, womit jede Wohnung verſehen war, ohne ferner der beſonderen Gärten eines jeden königlichen Gaſtes, der Küchen, Keller, Aemter, Refectorien, Höfe mit Werk⸗ ſtätten, der Spielſäle, Fiſchteiche, Vögel⸗ und Jagdgehege, Ställe, Bibliotheken, Arſenäle zu gedenken. Von der Art war damals ein königlicher Palaſt, ein Louvre und ein Hotel St. Pol. Es war eine Stadt in der Stadt. Ob das Hotel St. Pol durch die vier erwähnten Paläſte verdeckt wurde, war es dennoch größtentheils — 193— und wunderbar vom Thurme aus zu ſchauen. Man be⸗ merkte ſehr wohl die drei Paläſte, welche Karl V. mit dem ſeinigen verſchmolzen hatte, ob ſie auch durch lange Galerieen mit Bogenfenſtern und Säulchen damit ver⸗ knüpft waren: das Hotel du Petit⸗Muce mit der Schnör⸗ belbaluſtrade am Dach; das Hotel des Abts von St. Maure, im Bau eines feſten Schloſſes mit dickem Thurm, Schießſcharten und dem Wappen des Abtes zwiſchen den zwei Hebeln der Zugbrücke am breiten ſächſiſchen Thore; das Hotel des Grafen d'Etampes, deſſen auf dem Gipfel zertrümmerter Thurm ſich dem Auge in Zacken wie ein Hahnenkamm rundete; hin und wieder drei oder vier alte Eichen, mit einem Büſchel gleich dem Blumenkohl, auf dem klaren Waſſer der im Schatten und Licht wech⸗ ſelnden Teiche das Flügelſchlagen der Schwäne; viele Höfe, deren mahleriſche Zipfel man ſchauen konnte; das Hotel der Löwen mit den niedrigen Spitzbögen auf kurzen ſächſiſchen Pfeilern, mit den Käfichen und dem ewigen Gebrüll, quer durch dies Alles den ſchuppigen Thurm von Ave Naria; links das Haus des Prevot von Paris mit vier ſchlanken Thürmchen an den Ecken; in der Mitte das eigentliche Hotel St. Pol mit den viel⸗ fachen Vorderſeiten und den allmählichen Verzierungen von Karls V. Zeit an, mit allen Baſtard⸗Auswüchſen. die der Architekten Phantaſie ſeit zwei Jahrhunderten ihm auflud, mit den Kapellen, Gallerieen, den tauſend Windfahnen und den beiden an einander ſtoßenden hohen XIII. 13 — 194— Thürmen, deren koniſches Dach, von Zinnen umringt, einem aufgekrempten, ſpitzen Hute glich. Fuhr man fort, die Stufen dieſes Amphitheaters von Paläſten, wie es ſich weithin auf dem Boben ent⸗ wickelte, zu beſteigen, gelangte der Blick, nachdem er eine tiefe, in die Dächer der Stadt gegrabene Schlucht über⸗ ſprungen, welche den Durchgang der Straße St. Antoine bezeichnete, zum Logis d'Angouleme, einem ungeheuren Bau mehrerer Epochen, wo einige ganz neue und noch weiße Theile ſich vorfanden, welche eben ſo wenig zum Ganzen, wie ein rother Lappen zum blauen Wamms paßte. Allein das ſonderbar geſpitzte und hohe Dach des neuen Palaſtes, ſtarrend von ciſelirten Rinnen und mit bleiernen Platten bedeckt, auf denen phantaſtiſche Arabesken vergoldeten Kupfers ſich hinzogen, erhub ſich anmuthig unter den gebräunten Trümmern des alten Baues, deſſen dicke Thürme, durch die Zeit von oben his unten gebor⸗ ſten, dicken, aufgeknöpften Bäuchen glichen. Dahinter ragte ein Wald von Thürmchen aus dem Palaſt des Tournelles empor. Keine Ausſicht in der Welt, ſelbſt nicht in Chambord oder Alhambra, war magiſcher, luf⸗ tiger, blendender, als dieſer Wald von Thürmchen, Wetter⸗ fahnen, Spiralen, Schornſteinen, Laternen u. ſ. w., alle von verſchiedener Form, Stellung und Höhe. Man hätte es für ein gigantiſches Schachbrett halten können. Rechts von den Tournelles ſtand ein Haufe dicker, kohlſchwarzer, in einander gefugter und durch einen runden Graben gleichſam gebundener Thürme; eine mehr mit Schießſcharten als mit Fenſtern durchbrochene Mauer, eine ſtets aufgezogene Zugbrücke, ein ſtets herabgelaſſenes Fallgatter,— die Baſtille; die ſchwarzen Schnäbel, die zwi⸗ ſchen den Zinnen hervorragten, und die man von Weitem für Rinnen hielt, waren Kanonen. In ihrem Bereich lag am Fuß des furchtbaren Gebäudes, zwiſchen zwei Thürmen eingeklemmt, das Thor St. Antoine. Jenſeits der Tournelles bis zur Mauer Karls V entrollte ſich mit reichen, grünen und blumigen Beeten ein Sammtteppich, die königlichen Parks und Ländereien, in deren Mitte man an dem Labyrinth von Bäumen und Alleen den Park Dädalus erkannte, welchen Ludwig XI. Coictier geſchenkt hatte. Die Sternwarte des Doktors erhub ſich aus dem Labyrinth wie eine dicke, einzeln ſtehende Säule mit einem Häuschen als Kapital. In die⸗ ſer Officin ward furchtbare Aſtrologie getrieben. Gegen⸗ wärtig liegt dort die Place⸗Royale. Wie wir ſagten, füllte das Quartier von Paris, von dem wir dem Leſer eine Vorſtellung, jedoch nur durch Andeutung der Hauptpunkte zu geben verſucht ha⸗ den, den Winkel, welchen die Ringmauer Karls V. mit der Seine oſtwärts bildete. Den Mittelpunkt der Stadt bildete ein Haufen von Gebäuden für das Volk. Dort mündeten nämlich drei Brücken der Cité, und Brücken bilden eher Häuſer als Paläſte. Der Haufen bürger⸗ licher, gleich Zellen im Bienenkorbe zuſammengedrängter 13* — 196— Häuſer hatte ſeine Schönheit. Die Dächer einer Haupt⸗ ſtadt gleichen den Wogen eines Meeres, ſie ſind groß⸗ artig. Die ſich kreuzenden und verwirrten Straßen bil⸗ deten im Zuſammentreffen mannigfache unterhaltende Geſtalten; um die Hallen ſchien ein Stern mit tauſend Strahlen zu liegen. Die Straßen St. Denis und St. Martin ſtiegen mit ihren unzähligen Verzweigungen wie zwei große Baumſtämme mit ſich miſchenden Zweigen empor. Krumme Linien ſchlängelten ſich durch das Ganze. Auch durchbrachen ſchöne Gebäude das ſteinerne Wogen dieſes Meeres von Häuschen; der Brückenkopf des Pont⸗ aux⸗Changeurs, hinter dem man die Seine unter den Rädern des Pont⸗aux⸗Meuniers ſchäumen ſah, das Chatelet, nicht mehr der römiſche Thurm Julians des Apoſtaten, ſondern der feudale des dreizehnten Jahrhun⸗ derts, aus ſo hartem Stein, daß in drei Stunden die Spitzhacke nur eine Fauſtdick ihm entreißen konnte; der reiche, viereckige Thurm von St. Jacques de la Bou⸗ cherie, mit ſeinen durch Bildwerk verſchnörkelten Kanten, der ſchon damals bewunderungswerth war, ob man ihn auch im fünfzehnten Jahrhundert noch nicht vollendet hatte(beſonders fehlten ihm die vier Ungeheuer, welche noch gegenwärtig auf den Dachecken liegen, und wie Sphinxe ausſahen, die dem neuen Paris das Räthſel des alten aufgeben. Rault, der Bildhauer, ſtellte ſie dort erſt 1526 auf, und erhielt zwanzig Franken für ſeine Mühe); dann auch das Pfeilerhaus, welches auf der — 197— Seite des Grève⸗Platzes, den wir dem Leſer beſchrieben haben, offen ſtand; ferner St. Gervais, das ein Portal des guten Geſchmacks ſpäter verdorben hat; St. Méry, deſſen alte Spitzbögen faſt noch Rundbögen waren; St. Jean, deſſen prächtiger Thurm zum Sprüchwort ward, und endlich zwanzig andere Denkmale, welche es nicht verſchmäheten, ihre Wunder in dies Chaos von ſchwarzen, engen und tiefen Straßen zu vergraben. Dazu kamen die ſteinernen Kreuze, noch häufiger auf den Kreuzwegen als die Galgen; der Kirchhof des Innocens, deſſen kunſtreiche Mauer man über den Dächern weithin erblickte; der Schandpfahl der Hallen, deſſen Spitze man zwiſchen zwei Schornſteinen der Straße Coſſonnerie erblickte, die rundförmigen Hütten der Halle⸗aux⸗Blé; die verſtümmelten Glieder des alten Kloſters von Philipp Auguſt, die man hie und da in Häuſern verſenkt erblickte, runde von Epheu beengte Thüren, Thore in Trümmern, niedergeſunkene und entſtellte Mauerſtücke, der Kai mit ſeinen tauſend Buden und den blutigen Thierquälereien; die Seine, beladen mit Schiffen vom Port⸗au⸗Foin bis zum Fort l'Evéque; dann erhält man ein verwirrtes Bild von dem, was 1482 das mittlere Trapezium der Stadt war. Neben dieſen beiden Quartieren der Paläſte und Häuſer beſtand das dritte Element der Stadt aus einem langen Gürtel von Abteien, der ſie faſt im Kreiſe von Oſten nach Weſten umgab, und hinter der Feſtungsmauer — 198— der Stadt eine zweite, innere Mauer von Klöſtern und Kapellen bildete. So lag dicht neben dem Park der Tournelles, zwiſchen der Straße St. Antoine und der alten Straße du Temple, Ste. Cathérine mit ſeinem ungeheuren Gefilde, welches nur durch die Mauer der Stadt begränzt ward. Zwiſchen der alten und neuen Straße du Temple lag der Temple, ein unheilvoll aus⸗ ſebendes Bündel von Thürmen, hoch und vereinzelt mit⸗ ten in einer weiten Mauer mit Zinnen. Zwiſchen der Rue neuve du Temple und der Rue St. Martin lag die Abtei St. Martin in Mitte ihrer Gärten, eine prächtige, befeſtigte Kirche, deren Gürtel von Thürmen und deren Tiare von Kirchthurmſpitzen an Pracht und Stärke nur denen von St. Germain⸗des⸗Prés weichen. Zwiſchen St. Martin und St. Denis entoickelte ſich die Trinité; endlich zwiſchen den Straßen St. Denis und Montor⸗ gueil die Filles⸗Dieu. Seitwärts bemerkte man die faulenden Dächer und den entpflaſterten Boden des Ho⸗ fes der Wunder. Dies war der einzige profane Ring, welcher ſich an dieſe fromme Kette der Klöſter knüpfte. Endlich die vierte Abtheilung, welche in der Anhäu⸗ fung von Dächern auf dem rechten Ufer bemerkt ward, und welche den äußerſten Winkel weſtwärts und den Rand des Fluſſes ſtromabwärts einnahm, war ein neuer Knoten von Paläſten und Hotels, der ſich am Fuß des Louvre zuſammendrangte. Der alte Louvre Philipp Au⸗ guſts, jenes ungeheuere Gebäude, deſſen dicker Thurm drei⸗ — 199— undzwanzig Hauptthürme, ohne die Thürmchen zu zählen, um ſich vereinte, ſchien von weitem in die gothiſchen Giebel der Hotels d'Alengon und Petit⸗Bourbon einge⸗ zwängt zu ſein; dieſe Hydra von Thürmen, die rieſige Wächterin von Paris mit ihren aufgerichteten vierund⸗ zwanzig Häuptern, mit ihren ungeheuren Höckern, mit Blei oder Schiefer gedeckt, ſtrahlend vom Reflex des Metal⸗ les, ſchloß auf überraſchende Weiſe die Geſtaltung der Stadt in Weſten. Man ſchaute alſo einen ungeheuren Zuſammenwurf von Vürgerhäuſern, rechts und links mit Paläſten, nörd⸗ lich einen langen Gürtel von Abteien und bebauten Fel⸗ dern innerhalb der Ringmauer, ſo daß das Ganze in einem Blick zuſammenſchmolz; auf den tauſenden der Ge⸗ bäude, deren Dächer ſich in ſonderbarer Kette an einander reihten, ragten die Thürme der 44 Kirchen des rechten Ufers empor; tauſende von Straßen durchkreuzten ſich; die Gränze bildete einerſeits ein Kreis hoher Mauern mit viereckigen Thürmen(die Mauer der Univerſität hatte runde Thürme), andererſeits die von Brücken durchſchnittene und mit Schiffen bedeckte Seine. Das war die Stadt im fünfzehnten Jahrhundert. Jenſeits der Mauern drängten ſich einige Vorſtädte an den Thoren; dieſe aber waren weniger zahlreich, und mehr zerſtreut, als die der Univerſität. Hinter der Ba⸗ ſtille lagen zwanzig Hütten, um die ſonderbaren Skulp⸗ turen der Croix⸗Faubin und die Bogen der Abtei St. — 200— Antoine⸗des⸗Champs; dann verlor Popincourt ſich in Kornfeldern; hierauf folgte die Courtille, das muntere Dorf der Schenken, der Flecken St. Laurent mit der Kirche, deren Thurm, von Weitem geſehen, zu den Thür⸗ men des Thores St. Martin ſich zu geſellen ſchien; die Vorſtadt St. Denis mit dem ungeheuren Gehöfte St. Ladre; außer dem Thore Montmartre die mit weißen Mauern umringte Grange Bateneére, hinter dieſer Mont⸗ martre, welches damals faſt eben ſo viele Kirchen wie Mühlen beſaß, und jetzt nur noch die Mühlen behalten hat, denn die Geſellſchaft will jetzt weiter Nichts als das Brod des Leibes. Endlich jenſeits des Louvre erblickte man, wie die Vorſtadt St. Honoré in den Wieſen ſich hinzog, wie la Petite⸗Bretagne grünte und der Marché⸗ aux⸗Pourceaux ſich ausdehnte, in deſſen Mitte der furcht⸗ bare Ofen ſich rundete, in welchem Falſchmünzer gebra⸗ ten wurden. Zoiſchen der Courtille und St. Laurent bemerkt das Auge eine Höhe auf einſamer Ebene, gekrönt mit einer Art von Gebäude, welches, von fern geſehen, den Trümmern einer Colonade auf von Schmuck entblößter Grundlage glich. Es war aber weder ein Pantheon, noch ein Tempel Jupiter's des Olympiers, ſondern Montfaucon. Hat nun die Aufzählung ſo vieler Gebäude, ſo ſum⸗ mariſch wir es nur thun konnten, die Veranſchaulichung des Totalbildes von Paris dem Leſer nicht unmöglich gemacht, ſo mag er dem Ganzen, was wir mit wenigen — 201— Worten zuſammenfaſſen, folgen. In der Mitte lag die Inſel der Cité, einer ungeheuren Schildkröte gleichend, wie ſie ihre mit Ziegeln bedeckten Brücken gleich Füßen unter ihrer grauen Decke von Dächern ausbreitete. Links lag das ſteinerne, maſſive, dichte, gleichförmige, ſtarrende Trapezium der Univerſität, rechts der ungeheure Halb⸗ kreis der Stadt mit Gärten und Monumenten bei Wei⸗ tem mehr untermiſcht. Die drei Blöcke Cité, Univerſität und Stadt waren mit zahlloſen Straßen marmorirt. Die Seine durchſchnitt das Ganze in der Quere, die ernährende Seine, wie ſie P. Du Breuil nennt, mit Inſeln, Schiffen und Brücken bedeckt. Rings ſah man eine unermeßliche Ebene, durch jeglichen Ackerbau wie eine Muſterkarte bunt geſchmückt und mit ſchönen Dörfern durchſäet; den Horizont ſchloß eine kreisförmige Reihe von Hügeln, wie den Rand eines Teiches. End⸗ lich ſah man öſtlich in der Ferne Vincennes, ſeine ſieben viereckigen Thürme; Bicetre mit ſeinen ſpitzen Thürm⸗ chen; nördlich St. Denis mit dem ſchlanken Kirchthurm, weſtlich St. Cloud mit der Burg. Das war Paris, wie es die Raben, welche 1482 lebten, von der Höhe der Thürme erblickten. Dies iſt dieſelbe Stadt, von der Voltaire ſagte: Vor Ludwig XIV. habe ſie nur vier ſchöne Monumente beſeſſen, den Dom der Sorbonne, das Val⸗de⸗Grace, den neuen Loupre, und ich weiß nicht mehr welches vierte, v'elleicht den Luxembourg. Glücklicher Weiſe — 202 ſchrieb Voltaire dennoch den Candide, und bleibt nichts deſto weniger unter allen Menſchen, die je auf einander folgten, derjenige, dem das diaboliſche Lächeln am Mei⸗ ſten zu Gebote ſtand. Dies beweiſ't, daß man ein Mann von Geiſt ſein kann, ohne von einer Kunſt, der man nicht angehört, Etwas zu begreifen. Glaubte nicht Molière Raphael und Michel Angelo viel Ehre zu erwei⸗ ſen, als er ſie die Mignards ihrer Zeit nannte. Kehren wir zu unſrem Paris im fünfzehnten Jahr⸗ hundert zurück. Es war nicht allein eine ſchöne, ſondern auch eine gleichförmige Stadt, ein architektoniſches und hiſtoriſches Produkt des Mittelalters, eine Chronik von Stein. Es war eine nur von zwei Schichten, der römiſchen und gothiſchen, gebildete Stadt. Die römiſche Schichte war ſchon lange faſt ganz verſchwunden und ragte nur noch aus Julianiſchen Thürmen hervor, wo ſie die dichte Kruſte des Mittelalters durchbrach. Von der celtiſchen Schichte fand man nicht einmal Proben beim Brun⸗ nengraben. Funfzig Jahre ſpäter, als die Wiedergeburt der Kunſt mit dieſer ſtrengen und dennoch ſo bunten Einheit den blendenden Luxus ihrer Phantaſie und ihrer Syſteme vermiſchte, ihre römiſchen Bögen, griechiſchen Säulen und gothiſchen Baſen, ihre zarte und ideale Skulptur, ihren Geſchmack an Arabesken und Akanthen, ihr Hei⸗ denthum der Architektur, gleichzeitig mit Luther, war — 203— Paris vielleicht noch ſchöner, obgleich dem Auge und dem „Gedanken weniger harmoniſch. Doch dieſer prächtige Augenblick verging ſchnell, die Wiedergeburt blieb nicht unparteiiſch. Das gothiſche Paris blieb nur eine Minute lang vollſtändig. Kaum hatte man St. Jacques de la Boucherie vollendet, als man die Niederreißung des alten Louvre begann. Seit dem hat die große Stadt ſich von Tage zu Tage umgewandelt. Es erloſch auch das gothiſche Paris, unter dem das römiſche erloſchen war; kann man aber ſagen, welch ein Paris es erſetzte? In den Tuilerieen*) ſieht man das Paris der *) Mit Schmerz und Unwillen vernahmen wir, daß man dieſen prächtigen Palaſt vergrößern und umbilden, d. h. zerſtören will. Die Architekten unſrer Tage haben eine zu ſchwerfällige Hand, um dieſe zarten Werke der Wie⸗ dergeburt berühren zu dürfen. Wir hoffen ſtets, daß ſie es nicht wagen werden. Uebrigens wäre die Niederrei⸗ ßung der Tutlerien nicht allein eine rohe That, worüber ſelbſt ein trunkener Vandale erröthen müßte, ſondern auch ein Verrath. Die Tuilerien ſind nicht allein ein Meiſterwerk der Kunſt zur Zeit ihrer Erbauung, ſondern auch eine Seite in der Geſchichte des neunzehnten Jahr⸗ hunderts. Dieſer Palaſt gehört nicht mehr dem König, ſondern dem Volke. Laſſen wir ihn ſo, wie er jetzt iſt. Unſre Revolution hat ihn zweimal an der Stirn gezeich⸗ net. Auf einer der Vorderſeiten ſind die Kugeln des 10. Auguſts, auf einer andern die des 29. Juli. Der Palaſt iſt heilig.— Paris, am 7. April 1831. Note zur fünften Auflage. — 204— Catharine von Medicis, das Paris Heinrichs II. im Hotel de Ville; Beides ſind noch Gebäude in großartigem Styl; das Paris Heinrichs IV. auf dem Place⸗Royale; Fagaden von Backſteinen, mit Kanten von gehauenem Stein und Schieferdächern, dreifarbige Häuſer, das Paris Ludwigs XIII. im Val de Grace, eine erdrückte Baukunſt, mit Gewölben, wie Korbhenkel, mit dick⸗ bäuchigen Säulen und etwas Hinkendem im Dom; das Paris Ludwigs XIV. in den Invaliden, erhaben, reich, vergoldet, kalt; das Paris Ludwigs XV. in St. Sulpice: Schneckenwindungen, Bandſchleifen, Wolken, Würmer in Stein; das Paris Ludwigs XVI. im Pantheon, der ſchlecht kopirte St. Peter in Rom; das Paris der Repu⸗ blik in der Ecole de Médécine, ein erbärmlich griechiſch⸗ römiſcher Geſchmack, welcher dem Coliſeum und dem Pantheon, wie des Minos Geſetze der Conſtitution des Jahres III. gleicht;(in der Baukunſt nennt man dieſen Geſchmack den Geſchmack Meſſidor); das Paris Napo⸗ leons auf dem Vendome⸗Platz; dies iſt erhaben, eine bronzene, aus Kanonen gegoſſene Säule; das Paris der Reſtauration an der Börſe, eine ſehr weiße Colonade mit einem ſehr glatten Fries; dies Gebäude iſt viereckig und koſtete zwanzig Millionen. An jegliches dieſer charakteriſtiſchen Monumente knüpft ſich durch Aehnlichkeit des Geſchmacks, der Form und Stellung eine Anzahl zerſtreuter Häuſer in verſchiedenen Quartieren, welche das Auge des Kenners leicht hervor⸗ b ſucht. Beſitzt man einen ſchärferen Blick, ſo vermag man den Geiſt einer Zeit und die Phyſionomie eines Königs ſogar im Thürklopfer zu erkennen. Das gegenwärtige Paris beſitzt keine allgemeine Phyſionomie. Es iſt eine Anſammlung von Häuſern aus mehreren Jahrhunderten; die ſchönſten aber ſind verſchwunden. Die Hauptſtadt wächſt nur noch in Häu⸗ ſern, und von welcher Art ſind dieſe Häuſer! In der Art, wie es Paris jetzt ergeht, wird es ſich alle fünfzig Jahre erneuen. Auch erliſcht mit jedem Tage die hiſto⸗ riſche Bedeutung ſeiner Architektur. Monumente werden ſtets ſeltener, und, wie es ſcheint, wird man ſie allmah⸗ lig in Häuſermaſſen verſenken. Unſre Väter beſaßen ein Paris aus Stein; unſre Söhne werden ein Paris von Gyps deſitzen. Gern übergehen wir die neueren Monumente von Paris. Soufflot's St. Genoveva iſt gewiß der ſchönſte ſavoiſche Kuchen, den man jemals aus Stein bildete. Auch der Palaſt der Ehrenlegion iſt ein ſehr ſchönes Werk der Paſtetenbäckerei. Der Dom der Halle⸗au Blé iſt die Mütze eines engliſchen Jokey auf einer langen Leiter. Die Thürme St. Sulpice ſind zwei dicke Klari⸗ netten; der verdrehte und Fratzen ſchneidende Telegraph oben auf ihrem Dach iſt gewiß eine liebenswürdige Zu⸗ that. St. Roch beſitzt ein Portal, welches an Pracht nur dem von St. Thomas dAquin zu vergleichen iſt; auch ein Calvarium, wie einen Höcker im Keller und eine Sonne — 206— vergoldeten Holzes. Das ſind gewiß ſehr wunderſame Dinge. Die Laterne im Labyrinth des Jardin⸗des⸗ plantes iſt gewiß ſehr ſinnig ausgedacht. Der Börſen⸗ palaſt, griechiſch durch die Colonade, römiſch durch die Rundbögen der Thüren und Fenſter, gehört den Zeiten der Wiedergeburt durch das große, elliptiſche Gewölbe; er iſt ohne Zweifel ein Monument in ſehr reinem und correktem Styl, denn mit einer Attika iſt er gekrönt, wie man dergleichen in Athen nicht erblickte, die eine ſchöne, grade Linie bildet, und hin und wieder mit Tiegel⸗ röhren anmuthig durchſchnitten iſt. Hierzu kömmt, daß die Architektur eines Gebaudes ſeiner Beſtimmung ſo genau angepaßt ſein muß, daß man dieſelbe beim erſten Anblick erkennt. Nun wird man doch gewiß über ein Gebäude ſtaunen, welches gleicher Weiſe ein böniglicher Palaſt, ein Haus der Gemeinen, Stadthaus, Univerſität, Reitſchule, Akademie, Lagerhaus, Tribunal, Muſeum, Kaſerne, Grabmal, Tempel, Theater ſein kann. Für jetzt iſt es eine Börſe. Auch muß ein Gebäude ſich für das Klima eignen. Jenes iſt offenbar für unſern kalten, reg⸗ nigen Himmel gebaut. Sein Dach iſt faſt eben ſo flach, wie ein orientaliſches, weshalb man im Winter, wenn Schnee gefallen iſt, ihn wegfegen muß, und gewiß iſt ein Dach dazu beſtimmt, mit dem Beſen gefegt zu werden. Die Beſtimmung, von der wir ſo eben ſprachen, erfüllt es auf wunderbare Weiſe; es iſt eine Börſe in Frank⸗ reich, wie es in Griechenland zum Tempel hätte werden müſſen. Gewiß koſtetees dem Architekten viel Mühe, die Uhr, welche die Reinheit der ſchönen Linien an der Fagade geſtört hätte, zu verbergen; zum Erſatz erhielt man die Colonade, die um das Monument herumläuft, in deren Schatten am Tage des Religionsdienſtes die Theorie der Wechſelagenten und Mäkler ſich majeſtätiſch entwickeln kann. Gewiß ſind dies ſehr ſchöne Monu⸗ mente. Fügt man hinzu die vielen ſchönen, bunten, anmuthigen Straßen, wie die Rue Rivoli, ſo verzwei⸗ fele ich noch nicht, daß Paris, im Ballonfluge geſehen, dem Auge eines Tages den Reichthum der Linien, den Wohlſtand der Einzelnheiten, die Mannigfaltigkeit des Anblicks, das Großartige im Einfachen und das Uner⸗ wartete im Schönen aufweiſen muß, welches ein Dam⸗ brett charakteriſirt. So bewunderungswerth das gegenwärtige Paris euch erſcheint, erbaut euch in Gedanken das Paris des fünfzehnten Jahrhunderts, beſchaut den Tag durch die überraſchende Umzäunung von Thürmen jeglicher Art; zerreißt die Seine mit ihren breiten, grüngelben Streifen, wechſelnder als die Haut der Schlange, an den Spitzen der Inſeln, ſchlingt ihre Fluth um die Bögen der Brük⸗ ken, ſtellt auf azurnen Horizont das gothiſche Profil des alten Paris, laßt ſeine Umriſſe im Winternebel ſchweben, wie er ſich an unzählige Schornſteine hängt; taucht es in dunkle Nacht und beſchaut das bizarre Spiel des Lich⸗ tes und Dunkels im duſtern Labyrinth der Gebäude; werft einen Mondesſtrahl darüber hin, daß er die Häup⸗ ter der Thürme aus dem Nebel erhebt, oder laßt den ſchwarzen Schattenriß auf den kupfernen Himmel der Abendſonne fallen, belebt die tauſend ſpitzen Winkel der Thürme mit Schatten, und laßt ſie dann zackiger als die Kinnlade des Hai's als Bild hervorſpringen— dann ver⸗ gleicht! Und wollt ihr von der alten Stadt eine Vor⸗ ſtellung erlangen, wie ihn euch die neue nicht mehr zu geben vermag, ſo beſteigt an einem großen Feſtmorgen, bei ſich erhebender Sonne der Oſtern oder Pfingſten einen hohen Punkt, der die ganze Hauptſtadt beherrſcht, und belauſcht das Erwachen des Glockengeläutes. Schaut dann, ſobald der Himmel das Zeichen gibt, wie tau⸗ ſend Kirchen auf anmal zu beben beginnen. Zuerſt erhebt ſich zerſtreutes Klingeln, dringt von einer Kirche zur andern, wie Muſtker, die ſich einander Zeichen geben. Dann ſchaut plötzlich(wie es ſcheint, beſitzt das Ohr in gewiſſen Augenblicken auch Geſichtsſinn), wie von jeglichem Glockenthurm ſich gleichſam eine Säule Schalls, ein Dunſt der Harmonie erhebt.— Anfangs ſteigt die Vibration jeglicher Glocke grade, rein und gleichſam iſo⸗ lirt von den andern auf, und erhebt ſich zum glänzenden Morgenhimmel; allmählig miſchen ſie ſich, erlöſchen in einander, und verſchmelzen in einem herrlichen Konzert. Er iſt nur eine Maſſe tiefer Vibrationen, welche ſich unaufhörlich aus unzaͤhligen Thürmen erhebt, die Stadt umwegt und umwitbelt, und den betäubenden Kreis — — 209— ihrer Oscillationen weit über den Horizont hinaus aus⸗ dehnt. Dies Meer von Harmonie iſt aber kein Chaos. So tief es auch iſt, verlor es nicht den durchſichtigen Schein; in jeglicher Gruppe ſchlängeln ſich Noten. Ihr könnt dem ernſter ſchreienden Dialog der Schnarre und des Baſſes folgen; die Oktaven eines Thurmes ſpringen zum andern; ſie ſchwingen ſich leicht geflügelt aus ſilberner Glocke, fallen gebrochen, hinkend aus hölzerner hernieder. Ihr bewundert in ihrem Brauſen die reiche Tonleiter, welche die 7 Glocken von St. Euſtache unaufhörlich auf⸗ und abſteigt; ihr ſeht helle und ſchnelle Noten, wie ein Zickzack von Licht hindurcheilen und gleich dem Blitz ver⸗ ſchwinden. Dort liegt die Abtei St. Martin, heiſer und geſpalten; dort tönt unheilvoll di Baſtille, am andern Ende der dicke Thurm des Louvre. Das königliche Glocken⸗ ſpiel des Palais ſchleudert unaufhörlich glänzende Triller hinein, worauf in gleichen Zeiträumen die ſchwerfälligen Baßtöne der Glocken von Notre⸗Dame niederſinken und ihnen Funken entlocken wie der Hammer dem Amboß. Dann und wann ſchaut ihr Töne jeglicher Form vorüber⸗ eilen, welche von dem dreifachen Schwarm von St. Ger⸗ main⸗des⸗Prés her vorüberziehen. Endlich öffnet ſich dieſe Maſſe erhabenen Brauſens, dem Diskant von Ave Maria, welcher wie ein Sternenbuſch aufbricht und flim⸗ mert, den Durchgang zu leihen. Unten vernehmt ihr im tiefſten Concert den Geſang im Innern der Kirchen, wie er durch die vibrirenden Poren der Gewölbe dringt.— XIII. 14 — 210— Gewiß, eine Oper, die zu hören, der Mühe wohl ver⸗ lohnt. Das Geräuſch, wie es am Tage von Paris auf⸗ ſteigt, iſt die redende Stadt, des Nachts die aufathmende Stadt; hier iſt es die ſingende Stadt. Leihet euer Ohr dem Tutti der Kirchthürme, breitet über das Ganze das Murmeln einer halben Million Menſchen, die ewige Klage des Fluſſes, den unendlichen Hauch des Windes, das ferne und ernſte Quartett der vier Wälder auf den Hügeln des Horizonts, wie ſie gleich rieſenhaften Orgel⸗ kaſten daſtehen; erlöſcht dann in halben Tinten das zu Heiſere und Schrillende des Central⸗Glockenſpiels, und geſteht dann aufrichtig, ob ihr etwas Reicheres, Fröh⸗ licheres, Verblendenderes kennt, als dies Brauſen der Thürme, dieſen Schmelz der Muſik als dieſe zehntauſend ehernen Stimmen, welche zugleich in ſteinernen Flöten von dreihundert Fuß Höhe ſingen, als die Stadt, welche zum Orcheſter wird, als die Symphonie mit dem Rau⸗ ſchen des Sturmes. Viertes Zuch. 1. Die gutmüthigen Herzen. Sechzehn Jahre vor der Zeit dieſer Geſchichte lag an einem heitern Morgen des Sonntags Quaſimodo nach der Meſſe ein lebendes Kind ausgeſetzt auf einer höl⸗ zernen Bank im Vorhof von Notre⸗Dame, dem Koloß des heiligen Chriſtophs gegenüber, vor dem die in Stein ausgehauene Geſtalt des Ritters, Herrn Antoine des Eſ⸗ ſarts ſeit 1413 betend auf den Knieen lag, bis man ſich einfallen ließ, den Heiligen mit dem Ritter zu Boden zu werfen. Es war nämlich Sitte, auf dieſer hölzernen Bank die Findelkinder der Mildthätigkeit des Volkes Preis zu geben. Dort holte ſie Jeglicher, der Luſt hatte. Vor der Bank ſtand eine kupferne Schüſſel für Almoſen. Die Art von Geſchöpf, welche auf dieſem Brette am Morgen des Quaſimodo 1467 lag, ſchien in hohem Grade die Neugier einer ziemlich beträchtlichen Gruppe zu erre⸗ gen, welche ſich um dies hölzerne Lager geſammelt haite. Hauptſächlich beſtand ſie aus Perſonen des ſchönen Ge⸗ ſchlechts, und faſt ganz allein aus alten Weibern. In der erſten Reihe bemerkte man an denjenigen, 14* — 22— die ſich am Meiſten vorbeugten, ein graues Kleid, ähnlich dem Chorrock, und errieth daran leicht, daß ſie zu einer frommen Bruderſchaft gehörten. Ich ſehe nicht ein, weß⸗ halb die Geſchichte die Namen dieſer ehrwürdigen und verſtändigen Damen der Nachwelt nicht überliefern ſollte. Es waren Agnes la Herme, Jehanne de la Tarme, Henriette la Gaultisre, Gauchère la Violette; ſie waren ſämmtlich Wittwen, gehörten zur Kapelle Etienne⸗Hau⸗ dry, und hatten mit Erlaubniß ihrer Gebieterin, ſo wie den Statuten Pierre d'Ailly's gemäß, ihr Haus ver⸗ laſſen, die Predigt zu hören. Beobachteten nun auch die guten Gevatterinnen für den Augenblick Pierre d'Ailly's Statuten, verletzten ſie gewiß mit ganzem Herzen die Statuten von Michel Brache und dem Kardinal von Piſa, welche ihnen ſo unmenſchlich Stillſchweigen geboten. „Was iſt das, Schweſter?“ ſprach Agnes zu Gau⸗ chore, indem ſie das kleine Weſen beſchaute, das durch ſo viel Blicke erſchreckt, auf dem Brett ſich wand.— „Was ſoll aus uns werden,“ ſprach Jehanne,„wenn man die Kinder jetzt ſo macht?“—„Ich bin in Kindern unbewandert; es muß aber eine Sünde ſein, dies zu betrachten.“—„Es iſt kein Kind, Agnes.“—„Es iſt ein halber Affe,“ bemerkte Gauchsre.—„Es iſt ein Wunder,“ meinte Henriette la Gaultièere.—„Dann iſt es das dritte,“ bemerkte Agnes,„nach dem Sonntag Lätare; denn erſt vor acht Tagen geſchah das Wunder, daß der —ꝑy-— Spotter über die Pilger von unſrer Frau beſtraft ward, und das war ſchon das zweite Wunder im Monat.“— „Dies ſogenannte Findelkind,“ begann Jehanne auf's Neue,„iſt wahrhaftig ein verabſcheuungswürdiges Unge⸗ heuer.“—„Es kreiſcht, einen Sänger zu betäuben,“ fuhr Gauchere fort;„ſchweig, kleiner Schreier!“— „Und der Herr von Reims ſollte dies Scheuſal dem Herrn von Paris ſenden?“ fügte Gaultière, die Hande faltend, hinzu.—„Ich glaube,“ ſagte Agnes la Herme, „es iſt ein Thier, das Kind eines Juden und eines Zucht⸗ ſchweins, etwas Unchriſtliches, das man erſäufen oder verbrennen muß.“—„Ich hoffe,“ meinte Gaultière, daß es von Niemand wird zurückgefordert werden.“— „Oh Gott!“ rief Agnes,„die armen Ammen im Findel⸗ hauſe dort unten in der Gaſſe am Fuß neben dem Herrn Biſchof! Brächte man ihnen dies kleine Unthier, es zu ſäugen! Eine Hexe ſollte es lieber ſäugen!“—„Wie albern, arme La Herme,“ erwiederte. Jehanne,„ſeht Ihr nicht, Schweſter, das kleine Ungeheuer iſt wenigſtens vier Jahr alt und wird Eure Bruſt eben ſo wenig als einen Bratenwender wollen.“ 1 Wirklich war das kleine Ungeheuer kein neu⸗ gebornes Kind.(Wir ſelbſt möchten es ſchwerlich anders nennen). Es war eine eckige, unruhige Maſſe in einem Sack, mit dem Zeichen des Biſchofs von Paris; der Kopf ragte hervor. Dieſer war nicht wenig mißgeſtaltet; man ſah nur einen Wald rother Haare, ein Auge, einen = u1 Mund und Zähne. Das Auge weinte, der Mund ſchrie und die Zähne ſchienen beißen zu wollen. Das Ganze rührte ſich im Sacke zum großen Schrecken der Menge, deren Umkreis unaufhörlich anſchwoll und ſich erneuete. Dame Aloyſe de Gondelaurier, eine reiche und ſchöne Frau, die ein artiges Mädchen von ſechs Jahren an der Hand hielt und einen langen Schleier vom goldnen Horn ihres Hauptſchmucks herabhängen ließ, blieb im Vorbei⸗ gehn vor der Bank ſtehen und betrachtete einen Augen⸗ blick das unglückliche Geſchöpf, während ihre ſchöne, kleine Tochter, Fleur⸗de⸗Lys de Gondelaurier, mit ihrem hüb⸗ ſchen Finger die fortwährende Inſchrift an der Bank: Findelkinder buchſtabirte. „Wahrlich,“ ſagte die Dame, ſich mit Widerwillen abwendend,„ich dachte, man ſetze hier nur Kinder aus.“ Dann wandte ſie den Rücken und warf einen ſilbernen Gulden in das Becken, daß dieſer unter der Kupfer⸗ münze wiederklang, und die armen guten Frauen der Kapelle Etienne Haudry die Augen weit aufriſſen. Einen Augenblick ſpäter wandelte der gelehrte und ernſte Robert Miſtricolle, Protonotar des Königs, mit einem großen Meßbuch unter dem einen Arm und ſeiner Frau(Guillemette la Maireſſe) am andern, vorüber, und hatte ſo ſeine geiſtige und zeitliche Richtſchnur an der Seite.„Ein Findelkind,“ ſprach er, den Gegenſtand unterſuchend,„wahrſcheinlich an der Brüſtung des Fluſ⸗ ſes Phlegeto gefunden.„Man ſieht bei ihm nur ein Auge,“ bemerkte Dame Guillemette,„auf dem andern hat es eine Warze.“—„Das iſt keine Warze,“ begann Meiſter Miſtricolle auf's Neue;„es iſt ein Ei, welches einen ähnlichen Teufel enthält, der wieder ein kleines Ei mit einem Teufel u. ſ. w. in ſich trägt.“—„Wie wißt Ihr das?“ fragte Guillemette.—„Ich weiß es ganz gewiß.“ „Herr Protonotar,“ fragte Gauchere,„welches Pro⸗ gnoſtikon ſtellt Ihr dieſem Kinde?“—„Das größte Un⸗ glück,“ erwiederte Miſtricole.—„ Oh Gott,“ rief eine Alte unter den Zuhörerinnen,„vergangenes Jahr hatten wir ja ſchon eine große Peſt, und jetzt ſagt man, die Engländer wollen in Harfleur landen.“—„Dadurch läßt ſich die Königin vielleicht abhalten, im September nach Paris zu kommen,“ meinte eine andre;„der Handel geht jetzt ſchon ſchlecht genug.“ „Ich bin der Meinung,“ rief Jehanne,„es wäre beſſer für die Bewohner von Paris, der kleine Zaubrer läge auf einem Reiſigbündel, als auf einer Bank.“— „Ja, auf einem ſchönen, flammenden Reiſigbündel,“ meinte die Alte.—„Das wäre klüger,“ ſagte Miſtricolle. Ein junger Prieſter hörte ſchon ſeit einigen Augen⸗ blicken dem Geſpräche zu; ſeine Geſtalt war ſtreng, ſein Blcck tief, ſeine Stirne breit. Schweigend ſchob er die Umſtehenden bei Seite, unterſuchte den kleinen Hexenmeiſter und ſtreckte die Hand nach ihm aus. — 216— Es war Zeit; denn alle frommen Frauen freuten ſich ſchon innerlich des ſchönen, flammenden Reiſigbündels. „Ich adoptire das Kind,“ ſprach der Prieſter, ver⸗ barg es unter ſeinem Kleide und trug es davon. Erſtaunt blickten ihm die Umſtehenden nach. Bald war er durch das rothe Thor verſchwunden, welches damals von der Kirche zum Kloſter führte. Als das erſte Erſtaunen vorüber war, neigte ſich Jehanne zum Ohre der Gaultière:„ Ich ſagt' es Euch, meine Schweſter, der junge Claude Frollo iſt ein Hexen⸗ meiſter.“ 2. Claude Frollo. Wirklich war Claude Frollo kein gewöhnlicher Menſch. Er gehörte zu einer der Mittelfamilien, die man in der naſeweiſen Sprache des vergangenen Jahrhunderts hohen Bürgerſtand oder kleinen Adel nannte. Dieſe Fa⸗ milie hatte von den Brüdern Paclet das Lehen Tire⸗ chappe geerbt, welches vom Biſchof von Paris gegeben ward, und deſſen einundzwanzig Häuſer im dreizehnten Jahrhundert der Gegenſtand ſo vieler Streitigkeiten vor dem Offizial geweſen waren. Als Beſitzer dieſes Lehens war Claude Frollo einer der ſieben Einund⸗ zwanzig⸗Herren, welche in Paris und den Vorſtädten Anſpruch auf Grundzins beſaßen; und man konnte noch lange ſeinen Namen mit Beifügung dieſes Standes zwi⸗ ſchen dem Hotel de Tancarville und dem Kollegium von — 217— Tours in dem Verzeichniß ſinden, das in St. Martin⸗ des⸗Camps niedergelegt war. Seit ſeiner Kindheit war Claude Frollo von ſeinen Aeltern zum geiſtlichen Stande beſtimmt. Man hatte ihn Latein leſen lehren, und erzogen, die Augen niederzu⸗ ſchlagen und leiſe zu ſprechen. Schon als Kind hatte ihn ſein Vater in das mönchiſche Kollegium de Torchi in der Univerſität gebracht; dort wuchs er bei dem Miſſile und dem Lexikon auf. Er war ein ernſtes und trauriges Kind, der mit Eifer ſtudirte und ſchnell erlernte; während der Erho⸗ lungsſtunden ſtieß er kein lautes Geſchrei aus, miſchte ſich nicht in Bachanalien der Straße du Fouarre, wußte nicht, was es hieß, dare alapas et capillos laniare, und ſpielte keine Rolle in der Meuterei von 1463, welche die Annaliſten unter dem Titel: ſechste Unruhe der Univerſität, gravitätiſch einregiſtrirt haben. Selten neckte er die armen Studenten von Montaigu wegen der Mäntelchen, nach denen ſie benannt waren, oder die Schüler des Kollegiums von Dormans wegen ihrer glat⸗ ten Tonſur und des blau⸗violetten Rocks von grobem Tuch, aaurini coloris et bruni, wie es in der Charte des Kardinals des Quatre⸗Couronnes heißt. Dagegen fand er ſich emſig in den Hörſälen der Straße St. Jean⸗de⸗Beauvais ein. Der erſte Zuhörer, den der Abt von St. Pierre⸗de⸗Val in dem Augenblick ſah, wo er ſeine Vorleſung über das kanoniſche Recht — 218— beginnen wollte, wie er ſich ſeinem Katheder gegenüber an einen Pfeiler der Schule St. Vendregeſile lehnte, ſein hörnernes Dintenfaß hielt, auf dem abgetragenen Beinkleidern ſeines Kniees kritzelte und des Winters mit dem Athem ſich die Finger wärmte, war Claude Frollo. Der erſte Zuhörer, den Herr Miles d'Isliers, Lehrer der Dekretalien, an jeglichem Montag Morgen außer Athem beim Oeffnen der Thüren der Schule Chef⸗St. Denis herbeieilen ſah, war Claude Frollo. Mit ſechzehn Jahren konnte auch ſchon der junge Geiſtliche in myſti⸗ ſcher Theologie einem Kirchenvater, in kanoniſcher Theo⸗ logie einem Vater der Koncilien, in ſcholaſtiſcher Theo⸗ logie einem Doktor der Sorbonne die Spitze bieten. Nachdem er die Theologie durchſtudirt, hatte er ſich auf die Dekretalien geworfen. Vom Magiſter Senten⸗ tiarum verfiel er auf Karls des Großen Kapitularien, und allmählig verſchlang er in ſeiner Gier nach Wiſſen Dekretalien auf Dekretalien, die des Theodorus, Biſchofs von Hispalis, die des Bouchard, Biſchofs von Worms, die Dekretalien von Yves, Biſchofs von Chartres, das Dekretum Grattani, die Sammlung Gregors IX. und des Honorius III. Epistola super specula. Er ſchuf ſich Klarheit und machte ſich vertraut mit dieſer verwirr⸗ ten Periode des Kampfes des kanoniſchen und Civil⸗Rechts, jene Periode, die der Biſchof von Hispalis 618 eröffnet, und Gregor 1227 ſchließt. Als die Dekretalien verdaut waren, warf er ſich auf die Medicin und die freien Künſte. Er ſtudirte die Wiſ⸗ ſenſchaft der Kräuter und Salben, ward erfahren in Fiebern und Quetſchungen. Jacques d'Espars hatte ihn als Arzt recipirt, Richard Hellain als Chirurg. Gleicher Weiſe erlangte er alle Grade der Licenz, Meiſterſchaft und Doktorwürde in den freien Künſten. Er ſtudirte Latein, Griechiſch und Hebräiſch, ein dreifaches, damals nicht häufig betretenes Heiligthum. Er beſaß ein wahres Fieber, in der Wiſſenſchaft zu erlernen und anzuhäufen. Mit achtzehn Jahren hatte er die vier Fakultäten hinter ſich; nur einen Zweck ſchien dem Jüngling das Leben zu haben, den des Wiſſens. Ungefähr in dieſer Zeit veranlaßte die außergewöhn⸗ liche Sommerhitze des Jahres 1466 die große Peſt, welche 40,000 Menſchen in der Vicomté von Paris dahin raffte, und unter andern, ſagt Jean de Troyes,„den Meiſter Arnoul, Aſtrologen des Königs, der ein ſehr recht⸗ ſchaffener, weiſer und angenehmer Monn war.“ Damals verbreitete ſich in der Univerſität das Gerücht, die Straße Tirechappe werde beſonders durch die Krankheit verheert. Dort wohnten Claudes Aeltern auf ihrem Lehen. Der junge Student eilte erſchrocken zum väterlichen Hauſe. Als er eintrat, war Vater und Mutter ſchon am Tage vorher geſtorben. Ein kleiner Bruder in Windeln lebte noch und ſchrie verlaſſen in ſeiner Wiege. Dieſer allein war ihm von ſeiner Familie verblieben; der Jüngling nahm das Kind unter den Arm und verließ gedankenvoll — 220— das Haus. Bis dahin lebte er nur für die Wiſſenſchaft, jetzt begann er ein Daſein für das Leben. Dieſe Kataſtrophe ward für Claude zur Kriſe. Als Waiſe, als älteſter Sohn und Familienhaupt im neun⸗ zehnten Jahre ward er auf rauhe Weiſe den Träume⸗ reien der Schule entriſſen und auf die Wirklichkeit dieſer Welt angewieſen. Von Milleid bewegt, empfand er Lei⸗ denſchaft und Hingebung für ſeinen Bruder, ein ihm bis dahin fremdes und dennoch ſüßes Gefühl ſeines Herzens, nachdem er nur Bücher geliebt hatte. Dieſe Zuneigung entwickelte ſich bis zur merkwür⸗ digſten Höhe; ſie glich in einer ſo friſchen Seele der erſten Liebe. Von Kindheit an von ſeinen Aeltern getrennt, hatte er ſie kaum gekannt; zwiſchen Büchern gleichſam eingemauert und begierig, Alles zu erlernen und zu durchforſchen, achtete er nur auf ſeinen Verſtand, der in den Studien ſich erweiterte, und auf ſeine Phantaſie, die bei'ém Durchforſchen der Dichter ſich erhob; kurz, der arme Student hatte noch nicht Zeit gehabt, ſein Herz zu fühlen. Jener jüngere, verwaiſte Bruder, der ihm ſo plötzlich aufgebürdet ward, ſchuf ihn zum neuen Menſchen um. Er ſah, daß es noch andre Dinge in der Welt gab, als Homer's Verſe und der Sorbonne Spe⸗ kulationen; daß der Menſch der Liebe bedarf, und daß ein Leben ohne zartere Neigung dem trockenen, kreiſchenden und ſich abreibenden Räderwerk gleicht. Allein er wähnte, die Liebe des Blutes und der Familie genüge als nothwen⸗ — 221— dig, und ſein kleiner, geliebter Bruder könne ſein ganzes Daſein ausfüllen; denn er befand ſich noch in dem Alter, wo die Täuſchung nur durch Täuſchung erſetzt wird. Mit der Leidenſchaft eines tiefen, glühenden und ſchon koncentrirten Charakters umfing er mit Liebe ſeinen kleinen Jehan; das arme, hinfällige, blonde und roſige Geſchöpf, die Waſe, ohne andre Stütze als die einer Waiſe, rührte tief ſein Herz, und als ernſter Denker ſann er über Jehan mit unendlichem Mitleid. Er hegte ihn wie ein zerbrechliches, koſtbares Kleinod. Er ward ihm mehr, als Bruder; er ward ihm zur Mutter. Der kleine Jehan hatte noch ſäugend ſeine Mutter verloren. Claude übergab ihn einer Amme. Außer Tire⸗ chappe beſaß er als Erbſchaft ſeines Vaters das Lehen du Moulin, welches von Gentilly zu Lehen getragen wurde. Es beſtand aus einer Mühle auf einem Hügel beim Schloß Wincheſter(Bicstre). Die dort wohnende Müllerin ſäugte ein ſchönes Kind; die Univerſität lag in der Nähe, und Claude trug ſein Kind zu jener Frau. Weil er jetzt fühlte, daß ihm eine Laſt aufgebürdet war, faßte er das Leben von der ernſten Seite. Der Gedanke an ſeinen kleinen Bruder ward ihm nicht allein zur Erholung, ſondern auch zum Zweck ſeiner Studien. Er beſchloß, ſich gänzlich einer Zukunft zu weihen, für die er vor Gott verantwortlich war, und nie eine andre Gattin, ein andres Kind, als das Glück ſeines Bruders zu beſitzen. Er wandte ſich mit noch höherem Eifer auf — 222— ſeinen geiſtlichen Beruf. Sein Verdienſt, ſein Wiſſen, ſein Stand als unmittelbarer Vaſall des Biſchofs von Paris öffneten ihm weit die Thore der Kirche. Mit zwan⸗ zig Jahren ward er durch beſondere Dispenſation des römiſchen Stuhles zum Prieſter, und bediente als der jüngſte Kaplan von Notre⸗Dame den Altar, welchen man wegen der dort geleſenen Spätmeſſe Altare pigro- rum nannte. Während er ſich dort mehr als jemals in ſeine geliebten Bücher verſenkte, die er nur für eine Stunde verließ, um zum Lehen du Moulin zu eilen, erwarb er ſich wegen ſeiner, mit Charakterſtärke und Strenge ver⸗ bundenen Gelehrſamkeit, wie man beides in dem Alter ſelten vereint findet, die Bewunderung und Achtung des ganzen Kloſters. Vom Kloſter aus verbreitete ſich ſein Ruf als Gelehrter unter dem Volk und verwandelte ſich dort, wie es damals häufig geſchah, in den Ruf eines Zauberers. Am Tage Quaſimodo, als er von ſeinem Altar der Faulen, welcher ſeitwärts von der Thür des Chors dem Schiffe zu ſtand, nach geleſener Meſſe zurück⸗ kehrte, ward ſeine Aufmerkſamkeit von einer Gruppe alter Frauen in Anſpruch genommen, die um die Bank der Findelkinder ſich drängte. Er nahete dem unglück⸗ lichen, ſo ſehr gehaßten und bedroheten, kleinen Geſchöpf. Die Entſtellung, der verlaſſene, unglückliche Zuſtand, der Gedanke an ſeinen Bruder, die Einbildung, die ihn plötz⸗ — — 223— lich traf, auch ſein kleiner Jehan koͤnnte, wenn er ſelbſt jetzt ſtürbe, ſo unbarmherzig auf die Bank der Findel⸗ kinder geworfen werden, Alles dies drang zugleich auf ſein Herz ein; ein tiefes Mitleid regte ſich in ihm, und er trug das Kind fort. Als er es aus dem Sack zog, fand er wirklich, es ſei ſehr mißgeſtaltet. Der arme kleine Teufel hatte eine Warze auf dem linken Auge, ſein Kopf ſtand zwiſchen den Schultern, die Vertebral⸗Säule war gebogen, der Bruſtkaſten hervorragend, die Beine gedreht; er ſchien aber Lebenskraft zu beſitzen, und obgleich man unmöglich unterſcheiden konnte, welche Sprache er ſtammelte, deu⸗ tete ſein Schrei auf Kraft und Geſundheit. Claudes Mitleid ward durch dieſe Entſtellung noch vermehrt; er gelobte es in ſeinem Herzen, dies Kind aus Liebe zum Bruder zu erziehen, damit, welche Fehler der kleine Jehan auch künftig zeigen möchte, er im Voraus nur für ihn dies gute Werk vollbracht hätte. Gewiſſermaßen wollte er gute Werke auf dem Haupte ſeines Bruders anſam⸗ meln und gute Handlungen im Voraus für ihn anhäu⸗ fen, für den Fall, daß der kleine Schelm in Zukunft einſt mit dieſem Gelde zu kurz kommen ſollte, dem ein⸗ zigen, welches als Eintrittspreis in das Paradies ange⸗ nommen wird. Er taufte ſein Adoptivkind und nannte es Quaſi⸗ modo. Vielleicht wollte er damit den Tag andeuten, an welchem er es fand, vielleicht auch damit bezeichnen, das 1 kleine Geſchöpf ſei unvollſtändig und gleichſam nur flüch⸗ tig entworfen. 4 Wirklich war auch Quaſimodo einäugig, bucklig, krummbeinig, faſt nur ein Beinahe. 3. Immanis pecoris custos, immanior ipse. Quaſimodo war nun 1482 herangewachſen. Schon ſeit mehreren Jahren war er Glockenläuter von Notre⸗ Dame durch die Gnade ſeines Adoptiv⸗Vaters Claude Frollo, welcher Archidiakonus durch die Gnade ſeines Lehensherrn, Herrn Louis de Beaumont, geworden war, welcher zum Biſchof von Paris 1472 durch die Gnade ſeines Protektors Olioier's le Daim, des Barbiers beim V König Ludwig XI. von Gottes Gnaden, ernannt war. Quaſimodo war alſo Glockenläuter von Notre⸗Dame. Mit der Zeit hatte ſich ein gewiſſes enges Band gebildet, welches ihn mit der Kirche vereinte. Durch das doppelte Ungluck ſeiner unbekannten Geburt und ſeines mißgeſtal⸗ teten Leibes auf ewig von der Welt getrennt, ſeit der Kindheit in dieſen doppelten, unüberſchreitbaren Kreis gebannt, hatte ſich der arme Unglückliche daran gewöhnt, Nichts in der Welt jenſeit der heiligen Mauern, die in ihren Schatten ihn aufgenommen hatten, zu erblicken. Wie er heranwuchs und ſich entwickelte, ward Notre⸗ Dame für ihn Ei, Neſt, Haus, Vaterland und Welt. Gewiß exiſtirte eine geheimnißvolle Harmonie zwi⸗ ſchen dem Geſchöpf und dem Gebäude. Als er noch klein —— unter Spruͤngen im Dunkel der Gewölbe dahin kroch, erſchien er mit ſeinem thieriſchen Gliederbau und dem Menſchenantlitz als das natürliche Gewürm des naſſen und düſteren Bodens, worauf der Schatten der römi⸗ ſchen Kapitäler ſeine bizarren Formen hinwarf. Später, als er zum erſten Mal ſich maſchinenartig an den Strick der Thürme klammerte und die Glocke erſchallen ließ, weckte dies bei ſeinem Adoptiv⸗Vater Elaude den Eindruck eines Kindes, deſſen Zunge ſich löſ't und zu ſprechen beginnt. Als er ſich ſo allmählich im Sinn der Kathedrale entwickelte, dort lebte und ſchlief, ſie nie verließ und in jeglicher Stunde ihren geheimnißvollen Druck erlitt, gelangte er allmählich dahin, ihr zu gleichen, ſich ihr zu inkruſtiren und gleichſam ein integrirendes Ganze von ihr zu bilden. Seine vorſpringenden Winkel ſchachtelten ſich(man verzeihe uns das Bild) in die zurücktretenden Winkel des Gebäudes ein, und er ſchien nicht allein ſein Bewohner, ſondern auch natürlich in ihm enthalten zu ſein. Faſt konnte man ſagen, er habe die Form des Doms, wie die Schnecke die Ferm ihres Hauſes, ange⸗ nommen. Der Dom war ſein Loch, ſeine Wohnung, feine Hülle. Zwiſchen ihm und der alten Kirche beſtand eine inſtinktartige, ſo tiefe Sympathie, ſo manche mate⸗ rielle, magnetiſche Verwandtſchaft, daß er an ihr gewiſ⸗ ſermaßen wie die Schildkröte an ihrer Schaale hing. Die runzelhafte Kathedrale war ſein Rückenſchild. XIII. 15 Es iſt wohl unnöthig, den Leſer darauf aufmerkſam zu machen, daß er die Bilder, die wir hier anwenden mußten, eine ſonderbare ſymmetriſche, unmittelbare, faſt konſubſtantielle Paarung eines Menſchen und eines Ge⸗ baͤudes auszudrücken, nicht ganz wörtlich nehmen darf. Es iſt auch wohl gleicher Weiſe nutzlos zu bemerken, bis wie weit Quaſimodo ſich mit der ganzen Kathedrale nach einem ſo langen und intimen Zuſammenwohnen vertraut gemacht hatte. Dieſe Wohnung war ihm eigen⸗ thümlich. Sie beſaß keine Tiefe, in die er nicht gedrungen war, keine Höhe, die er nicht erklommen hatte. Mehrere Male erkletterte er die Fagade an den Erhöhungen, wobei er ſich nur auf die hervorſpringenden Sculpturen ſtützte. Die Thürme, auf deren äußerer Oberfläche man ihn kriechen ſah, wie eine Eidexe, welche auf einer ſpitz zugehenden Mauer hinſchlüpft, dieſe zwei hohen, drohen⸗ den, furchtbaren Zwillingsrieſen hatten für ihn weder Schwindel, noch Schrecken, noch Betäubung. Sah man ſie ſo ſanft unter ſeinen Händen, ſo leicht zu erſteigen, hätte man ſagen ſollen, er habe ſie gezähmt. Durch Springen und Klimmen und Herumtummeln unter den Abgründen der gigantiſchen Kathedrale war er gewiſſer⸗ maßen zum Affen und zur Gemſe geworden, gleich dem kalabreſiſchen Kinde, welches, bevor es gehen kann, ſchwimmt, und noch ganz klein mit dem Meere ſpielt. Uebrigens ſchien nicht allein ſein Körper, ſondern noch mehr ſein Geiſt ſich nach der Kathedrale gebildet zu haben. Welcher Art war dieſe Seele? Welche Falten, welche Formen hatte ſie in dieſer knotigen Hülle, dem wilden Leben ſich angeeignet? Dies iſt ſchwierig anzu⸗ geben. Quaſimodo war als einäugig, hinkend und buck⸗ lig geboren. Nur mit Mühe und Geduld gelang es Claude Frollo, ihn ſprechen zu lehren. Aber ein Ver⸗ hängniß waltete über dem armen Findelkinde. Als er Glockenläuter mit vierzehn Jahren ward, vollendete eine neue körperliche Schwäche ſein Unglück. Die Glocken ſprengten ihm das Trommelfell, und er ward taub. Das einzige Thor, welches ihm die Natur für die Welt offen gelaſſen hatte, ſchloß ſich für immer. Hierauf ward der einzige Strahl der Hoffnung und des Glückes, der noch in ſeine Seele dringen konnte, zurückgeworfen. Die Seele verſank in tiefe Nacht. Die Melancholie des Un⸗ glücklichen ward tief und unheilbar, wie ſeine Häßlichkeit. Hiezu kam noch, daß ſeine Taubheit ihn gewiſſermaßen ſtumm machte. Denn um bei Andern kein Lachen zu erwecken, entſchloß er ſich feſt zum Schweigen, und brach dies nur, wenn er allein war. Freiwillig feſſelte er die Zunge, die Claude Frollo mit ſo vieler Mühe gelöſt hatte. Daher war ſeine Zunge, wenn er ſprechen mußte, ſchwer⸗ fällig und ungeſchickt, gleich einer Thür mit verroſteten Angeln. Verſuchten wir gegenwärtig, in Quaſimodos Seele durch dieſe dicke und harte Rinde zu dringen, könnten wir die Tiefen dieſer mißgebildeten Organiſation ſondiren, 15* — 228— wäre es uns vergönnt, mit einer Fackel die undurchſich⸗ tigen Organe zu durchſchauen und das finſtere Innere dieſes dunkeln Geſchöpfes zu erforſchen, und dann plötz⸗ lich ein lebhaftes Licht auf die in dieſer Höhle gefeſſelte Seele zu werfen, würden wir gewiß die Unglückliche in einer rachitiſchen, verkrüppelten Stellung, gleich den Ge⸗ fangenen in den venetianiſchen Bleidächern finden, welche in einer zu niedrigen und kurzen Schachtel zuſammen⸗ kauernd alterten. 3 Gewiß wird der Geiſt atrophiſch in einem verfehlten Körper. Quaſimodo fühlte kaum, wie ſich in ſeinem Inneren die nach ſeinem Bilde geformte Seele regte. Eindrücke der Gegenſtände erlitten eine beträchtliche Brechung, bevor ſie zum Gedanken gelangten. Sein Ge⸗ hirn war ein ſonderbares Medium; alle Ideen, welche es durchzogen, verließen es verzerrt. Der Reflex, der aus dieſer Brechung hervorging, war nothwendiger Weiſe divergirend und abweichend. So erzeugten ſich tauſend optiſche Täuſchungen, tauſend Verirrungen des Urtheils, tauſend Abwege, auf denen ſeine Gedanken bald wahn⸗ ſinnig, bald blödſinnig umherſchwärmten. Die erſte Wirkung dieſer unheilvollen Organiſation war die Verwirrung ſeines Blicks. Von den Dingen erhielt er nie einen unmittelbaren Eindruck. Die äußere Welt erſchien ihm bei weitem ferner als uns. Die zweite Wirkung ſeines Unglücks war Bosheit. Boshaft war er, weil er wild war; wild war er, weil er haͤßlich war. In jener Natur lag eben ſo wohl eine Logik, als in der unſeren. Auch ſeine außerordentlich entwickelte Kraft war Urſache ſeiner Bosheit. Malus puer robustus, ſagt Hobbes. Uebrigens muß man ihm Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Bosheit war ihm nicht angeboren. Er fühlte ſie ſchon bei ſeinen erſten Schritten unter Menſchen; denn er ward beſpieen, beſchimpft, zurück⸗ geſtoßen. Das Wort des Menſchen war für ihn nur Spott oder Fluch. Als er aufwuchs, fand er ſich nur von Haß umringt; er nahm ihn auf, wie er war, und erlangte allgemeine Bosheit; er bemächtigte ſich der Waffe, womit man ihn verwundete. Uebrigens wandte er nur ungern ſein Antlitz Men⸗ ſchen zu; ihm genügte die Kathedrale. Sie war mit Geſtalten aus Marmor, Königen, Biſchöfen, Heiligen, bevölkert, die ihm wenigſtens nicht ims Geſicht lachten, und auch für ihn einen ruhigen, wohlwollenden Blick hatten. Die andern Statuen, Ungeheuer, Dämonen, heg⸗ ten gegen ihn keinen Haß. Er glich ihnen zu ſehr. Viel⸗ mehr ſpotteten ſie über andre Menſchen. Die Heiligen waren ſeine Freunde und ſegneten ihn; die Ungeheuer waren ſeine Freunde und bewachten ihn. Auch hatte er mit ihnen lang dauernde Herzensergießungen; bisweilen brachte er ganze Stunden, vor einer der Statuen nieder⸗ gekauert, damit zu, mit ihr einſam zu ſchwatzen. Kam ein Andrer hinzu, ſo floh er gleich einem Liebhaber, den man auf einer Serenade überraſcht. * 8. — 230— Die Kathedrale war ihm nicht allein Geſellſchaft, ſondern auch Welt und Natur. Er träumte nie von andern Blumengeländern, als dem ſtets blühenden Bogen⸗ Fenſter, von anderm Schatten, als dem des ſteinernen Laubes, das mit Vögeln belaſtet im Knopfe der ſächſiſchen Kapitäler ſich hinzog, von keinen andern Bergen, als den koloſſalen Thürmen der Kirche, von keinem Ocean, als Paris, das zu ſeinen Füßen brauſte. Die Glocken liebte er vor Allem in ſeinem mütter⸗ lichen Hauſe. Sie weckten ſeine Seele, breiteten ihre armen, in die Höhle gezwängten Flügel aus und machten ihn bisweilen glücklich. Er liebte, liebkoſ'te ſie, ſprach mit ihnen und begriff ſie. Vom Glockenſpiele des kleinen Thurms bis zur dicken Glocke des Portals war er gegen alle zärtlich. Der doppelte Glockenthurm beſtand für ihn aus zwei großen Käſichen von Stein, deren Vögel, von ihm erzogen, nur für ihn ſangen. Dennoch waren es dieſelben Glocken, die ihn taub gemacht hatten; allein die Mütter lieben oft am meiſten das Kind, welches ihnen die heftigſten Schmerzen erregte. N Allerdings war ihre Stimme die einzige, die er noch vernehmen konnte. Deßhalb hatte die größte Glocke den meiſten Anſpruch auf ſeine Liebe. Sie zog er unter allen lärmenden Töchtern in der Familie vor, welche an Feſttagen ihn umrauſchte. Dieſe große Glocke hieß Ma⸗ rie. Sie hing ganz allein im ſüdlichen Thurm mit ihrer Schweſter Jacqueline, einer Glocke von geringerem Um⸗ Af A Sh enſe ar, e o⸗ 53 8 — 231— fang, die in einem weniger großen Käſich, ſeitswärts von der ſeinigen, eingeſchloſſen war. Dieſe Jacqueline war nach der Frau des Jean Montagu benannt, welcher ſie der Kirche ſchenkte, aber dennoch ohne Kopf in Mont⸗ faucon paradiren mußte. Im zweiten Thurm waren ſechs andre Glocken, und endlich die ſechs kleinſten bewohn⸗ ten den Thurm über dem Kreuze mit der hölzernen Glocke, die man nur vom Charfreitag Nachmittag bis zum Morgen des Tages vor Oſtern läutete. Quaſimodo hatte alſo füͤnfzehn Glocken in ſeinem Serail, allein die große Marie war ſeine Favoritin. 6 Nan kann ſich keinen Begriff von Quaſimodos Freude an außerordentlichen Tagen machen. Sobald der Archi⸗ diakonus ihn loslies und ſagte:„Geh'!“ ſtieg er die Wendeltreppe des Thurmes ſchneller hinauf, als ein An⸗ drer ſie hätte hinabſteigen können. Außer Athem trat er in die luftige Kammer der großen Glocke; einen Augen⸗ blick beſchaute er ſie mit Liebe und Behaglichkeit; dann ſprach er zu ihr in ſanften Worten, ſtreichelte ſie mit der Hand, wie ein Pferd, welches eine lange Bahn zurück⸗ legen ſoll. Er beklagte die Mühe, der ſie ſich unterziehen müſſe. Nach dieſen erſten Liebkoſungen rief er ſeinen Gehülfen, im untern Stock zu beginnen. Dieſe hingen ſich an die Taue; die Winde kreiſchte, und die ungeheure Metallkapſel ward langſam erſchüttert. Quaſimodo folgte ihr bebend mit dem Auge. Von dem erſten Zuſammen⸗ treffen des Klöpfels mit der Wand erzitterte das hölzerne Gerüſt, auf dem er ſtand. Quaſimodo vibrirte mit der Glocke.„Zu!“ rief er mit wahnſinnigem Lachen. Die Bewegung des Keſſels ward beſchleunigt; je mehr er einen offenen Winkel durchlief, deſto mehr phosphoriſch flammte Quaſtmodos Auge. Endlich begann das große Geläute; der ganze Thurm zitterte, Zimmerwerk, Blei, Steine, Alles brüllte auf einmal, von den Grundſteinen an bis zum Kreuz der Krone. Quaſimodo ſchäumte, lief hin und her, zitterte mit dem Thurm von Kopf bis zu Füßen. Die entfeſſelte, wüthende Glocke zeigte abwech⸗ ſelnd den beiden Wänden des Thurmes ihren ehernen Rachen, woraus der Hauch eines Sturmes drang, den man vier Stunden weit vernahm. Quaſimodo ſtellte ſich vor den offenen Rachen; er kauerte nieder und hob ſich mit den Biegungen der Glocke, athmete den niederreißen⸗ den Hauch, blickte abwechſelnd auf den tiefen Platz, der zweihundert Fuß unter ihm wimmelte und auf die unge⸗ heure kupferne Zunge, die ihm abwechſelnd in's Ohr heulte. Es war das einzige Wort, das er vernahm, der einzige Ton, der für ihn das ewige Schweigen unter⸗ brach. Er breitete die Glieder, wie ein Vogel die Flügel im Sonnenſchein. Plötzlich erreichte auch ihn das Wüthen der Glocke; ſein Blick ward außergewöhnlich; er erwar⸗ tete das Vorbeieilen des Glockenkeſſels, gleich der Spinne, welche die Fliege erlauert, und warf ſich plötzlich mit ganzem Leibe darüber hin. Dann über den Abgrund ſchwebend, in das furchthare Schwanken der Glocke — 233— geſchleudert, packte er das eherne Ungeheuer bei den Oehren, ſtemmte die Kniee in die Seiten, ſpornte mit den Ferſen, verdoppelte den Stoß durch das Gewicht ſeines Körpers. Der Thurm bebte, er ſelbſt ſchrie, änirrſchte mit den Zähnen, ſeine rothen Haare ſträubten ſich empor, ſeine Bruſt ſchnaufte wie ein Blaſebalg, ſein Auge ſprühete Flammen, die ungeheure Glocke wieherte keuchend unter ihm. Dann war es nicht mehr die Glocke und Quaſimodo, ſondern ein Traum, ein Wirbel, ein Sturm, der Schwindel, reitend auf dem Brauſen, ein ſonderbarer Centaur, halb Menſch, halb Glocke, eine Art furchtbaren Aſtolfos, wie er auf dem wunderbaren Hippogryph lebendigen Aergers dason getragen ward. Die Gegenwart dieſes außerordentlichen Weſens brachte in der ganzen Kathedrale den Kreislauf eines eigenthümlichen Lebens hervor. Es ſchien(ſo verkündete es wenigſtens der übertreibende Aberglauben des Volkes), ein myſtiſcher Ausfluß beſeelte alle Steine von Notre⸗ Dame, und hauchte Bewegung in die tiefen Eingeweide der alten Kirche. Es genügte, zu wiſſen, daß er da war, um auch zu glauben, die Statuen der Galerieen und Por⸗ tale bewegten ſich und lebten. Auch ſchien wirklich die Kathedrale ein gelehriges und gehorſames Geſchöpf un⸗ ter ſeiner Hand; ſie erwartete ſeinen Willen, ihre laute Stimme zu erheben, ſie ward von Quaſimodo, wie von einem Spiritus familiaris ausgefüllt. Man hätte ſagen mögen, er wecke den rieſenhaften Bau zum Athmen. Dort war er überall, ſich auf allen Punkten des Baus vervielfältigend. Bald ſah man mit Schrecken am höch⸗ ſten Thurm einen ſonderbar geſtalteten Zwerg auf allen Vieren kriechen, klettern und ſich winden, außen über dem Abgrund hinabſteigen, von dem einen hervorragenden Punkt zum andern ſpringen und das Innere einer in Stein gehauenen Gorgone durchſuchen; Quaſimodo nahm Rabenneſter aus. Bald ſtieß man im Dunkeln auf eine Art lebender, niederkauernder, gerunzelter Chimäre; Quaſimodo ſaß ſinnend da. Bald ſchaute man unter einem Thurm einen ungeheuern Kopf und ein Bündel Glieder, das ſich wüthend an einem Stricke ſchaukelte; Quaſimodo läutete die Veſper oder das Angelus. Oft ſah man des Nachts eine ſcheusliche Geſtalt auf der ſchmächtigen, ausgeſchnittenen Baluſtrade, welche den Thurm krönt, umherirren; es war der Bucklige von Notre⸗Dame. Dann, ſagten die Nachbarinnen, zeigte die Kirche etwas Phantaſtiſches, Uebernatürliches, Furcht⸗ bares; Augen und Mäuler öffneten ſich hin und wieder; man hörte die ſteinernen Hunde und die Ungeheuer, die mit ausgeſtrecktem Schweif und offenem Rachen Tag und Nacht die ungeheure Kathedrale bewachen, heulen. Und in der Chriſtmeßnacht, wann die große Glocke die Gläubigen zur ſtrahlenden Mitternachtmeſſe rief, ward über die düſtere Fagade ein Anſehen verbreitet, als ver⸗ ſchlinge das große Portal die Volksmaſſe, und als ſchaue die Fenſterroſette dieſem zu. Alles dies ſtammte von —— — 235— Quaſimodo. Aegypten hätte ihn für den Gott des Tem⸗ pels gehalten; das Mittelalter hielt ihn für ſeinen Teu⸗ fel; er war ſeine Seele, und in dem Grade, daß für Alle, welche wiſſen, Quaſimodorhabe gelebt, Notre⸗Dame gegenwärtig verlaſſen, unbeſeelt und todt iſt. Man fühlt, daß Etwas verſchwand. Der ungeheure Leib iſt leer und ein Gerippe; der Geiſt verließ ihn, man ſieht nur noch die Stelle, wo er weilte. Der Bau gleicht einem Hirn⸗ ſchädel, in den die Löcher für die Augen noch gebohrt ſind, wo aber der Blick fehlt. 4. Der Hund und ſein Herr. Ein menſchliches Geſchöpf ward aber zur Ausnahme für Quaſimodos Haß und Bosheit; vielleicht liebte er es ſogar noch mehr als ſeine Kathedrale. Dies war Claude Frollo. Die Urſache war einfach. Claude Frollo hatte ihn aufgenommen, adoptirt, ernährt, erzogen. Schon als Kind war er gewohnt, zwiſchen Elaude Frollos Beine zu flüchten, wann Hunde und Kinder hinter ihm her laͤrmten. Claude Frollo lehrte ihn ſprechen, leſen und ſchreiben; Claude Frollo machte ihn zum Glockenläuter. Als er aber die große Glocke Quaſimodo zur Frau gab, ſchenkte er Romeo ſeine Julia. Auch war Quaſimodos Erkenntlichkeit tief, leiden⸗ ſchaftlich, unbegrenzt, und obgleich das Antlitz ſeines Adoptiv⸗Vaters oft finſter und ſtreng, ob auch ſein Wort gewöhnlich hart, kurz, gebieteriſch war, verläugnete ſich ſeine Erkenntlichkeit nicht einen Augenblick. Der Archi⸗ diakonus beſaß in Quaſimodo den demüthigſten Sklaven, den gelehrigſten Diener, die wachſamſte Dogge. Als der arme Glockenläuter taub ward, bildete ſich zwiſchen ihm und Claude Frollo eine geheimnißvolle und nur für beide verſtändliche Zeichenſprache. So war der Archidiakonus das einzige menſchliche Weſen, womit Quaſimodo in Berührung blieb. Nur mit zwei Dingen dieſer Welt ſtand er in Beziehung, mit Notre⸗Dame und Claude Frollo. Nichts war mit der Herrſchaft des Archidia⸗ konus über den Glockenläuter, mit der Anhänglichkeit des Glockenläuters an den Archidiakonus zu vergleichen. Ein Zeichen Claudes, und der Gedanke, ihm Vergnügen zu machen, hätte für Quaſimodo genügt, ſich von der Thurmuhr von Notre⸗Dame zu ſtürzen. Es war wun⸗ derbar, wie jene phyſiſche Kraft, welche bei Quaſimodo ſich ſo außerordentlich entwickelt hatte, zur Verfügung eines Andern blindlings von ihm geſtellt wurde. Hierin lag gewiß kindliche Liebe, häusliche Anhänglichkeit, aber auch Verblendung eines Geiſtes durch den andern. Eine arme, linkiſche, ungeſchickte Organiſation ſtand gebeugten Hauptes mit bittenden Augen vor einem hohen, tiefen, mächtigen und überlegenem Geiſte. Vor Allem war es Erkenntlichkeit in dem Grade, daß wir keinen Vergleich vorzubringen vermögen. Dieſe Tugend gehört nicht zu denen, deren ſchönſte Beiſpiele unter den Menſchen ſich finden. Wir mögten ſagen, Quaſimodo liebte den Archidiakonus mehr, als je ein Hund, Pferd oder Ele⸗ phant ſeinen Herrn liebte.: 5. Fortſetzung von Claude Frollo. Im Jahre 1482 war Quaſimodo ungefähr zwanzig, Claude Frollo ſechsunddreißig Jahr alt. Der Eine war groß, der Andre alt geworden. Claude Frollo war nicht mehr der einfache Student des Kollegiums Torchi, der zärtliche Beſchützer eines kleinen Knaben, der junge, nach⸗ denkliche Philoſoph, der viele Dinge kannte und auch viele noch nicht kannte; er war zum ſtrengen, ernſten, mürriſchen Prieſter geworden; ein Seelenhirt, ein Herr Archidiakonus, zweiter Akolyt des Biſchofs mit den bei⸗ den Dekanaten von Montlhéry und Chateaufort und hun⸗ dert vierundſtebenzig Landpfarren. Er war ein Ehr⸗ furcht erweckender, düſterer Mann, vor dem die Chor⸗ pnaben, Kirchenſänger, die Brüder St. Auguſtins, die unteren Geiſtlichen von Notre⸗Dame erzitterten, wenn er langſam, majeſtätiſch, ſinnend, mit gekreuzten Armen, und mit ſo tief auf die Bruſt geſenktem Haupte einher⸗ ſchritt, daß man von ſeinem Antlitz nur die hohe, kahle Stirn erblickte. Dom Claude Frollo hatte aber weder die Erziehung, noch den Unterricht ſeines jüngeren Bruders, die beiden Hauptbeſchäftigungen ſeines Lebens aufgegeben. Mit der Zeit miſchte ſich aber einige Bitterkeit in dieſe ſuͤßen Beſchäftigungen ſeines Lebens. Auf die Läͤnge, ſagt Paulus Diakonus, wird der beſte Speck ranzig. Der kleine Jehan Frollo, mit dem Namen Du Moulin, von dem Orte ſeiner Erziehung, war in der Richtung, die Claude ihm geben wollte, nicht aufgewachſen. Der ältere Bruder rechnete auf einen frommen, lernbegierigen, gelehrten Zögling. Allein der kleine Bruder glich den jungen Bäumen, welche alle Bemühungen des Gärtners vereiteln und auf die Seite ſich eigenſinnig wenden, woher ſie Sonne und Luft erhalten; er wuchs und trieb vielfache, laubige Zweige nur nach der Seite der Faul⸗ heit, Unwiſſenheit und Ausſchweifung. Er war ein klei⸗ ner, ſehr lüderlicher Teufel, ſo daß Dom Claude die Brauen runzelte, aber auch zugleich ſehr munter und poſſenhaft, ſo daß der ältere Bruder lachte. Claude hatte ihn demſelben Kollegium Torchi anvertraut, wo er ſeine Jugend in Studien und ernſten Gedanken zugebracht hatte; für ihn war es ſchmerzhaft, daß dies Heiligthum jetzt ebenſo Anſtoß im Namen Frollo fand, wie es ſich einſt an ihm erbaut hatte. Oft hielt, er ſeinem Bruder lange und ſtrenge Predigten, die dieſer unerſchrocken aushielt. Trotz dem beſaß der junge Taugenichts ein gutes Herz, wie man dies ja auch in den Komödien ſieht. Waren die Predigten aber vorbei, begann er ruhig auf's Neue den Lauf ſeiner Empörungen und Abſcheulichkeiten. Bald hatte er einen Fuchs zum Willkommen zerzauſt(jene koſtbare Tradition hat ſich bis auf unſere Tage erhalten); hald hatte er eine Bande Studenten angefuͤhrt, die klaſ⸗ — — 239— ſiſch über eine Schenke herfielen, quasi classico exci- tati, den Wirth mit„ gefährlichen Stöcken“ prügelten, das Haus luſtig plünderten und ſogar die Weinfäſſer im Keller einſchlugen, oder auch der Submonitor von Torchi brachte Claude einen Bericht in ſchönem Latein mit der ſchmerzhaften Randbemerkung: Rixa; prima causa vi- num optimum potatum. Endlich hieß es, ſeine Abſchwei⸗ fungen verliefen ſich ſogar in die Straße Glatigny, etwas Furchtbares für einen Knaben von ſechzehn Jahren. Claude, hiedurch betrübt und entmuthigt im Gefühle ſeines Herzens, warf ſich mit deſto größerem Eifer in die Arme der Wiſſenſchaft, jener Schweſter, die euch wenigſtens nicht in's Geſicht lacht, und euch ſtets, wenn auch bisweilen mit ettwas hohlem Gelde, bezahlt. So ward er ſtets gelehrter, und auch zugleich, in natürlicher Folge, ſtets ſtrenger als Prieſter, ſtets trauriger als Menſch. Für Jeden von uns gibt es gewiſſe Parallelis⸗ men zwiſchen Geiſt⸗ Sitte und Charakter, die ſich ununter⸗ brochen entwickeln, und nur in bedeutenderen Störungen des Lebens ſich abbrechen. Da Claude Frollo ſeit ſeiner Jugend beinahe den ganzen Kreis menſchlichen Wiſſens durcheilt war, mußte er endlich anhalten, ubi defuit orbis, mußte aber wei⸗ ter ſtreben und nach andrer Nahrung für die raſtloſe Thäͤtigkeit ſeines Geiſtes ſuchen. Das alte Symbol der ſich in den Schwanz beiſenden Schlange eignet ſich beſon⸗ ders für die Wiſſenſchaft. Wie es ſcheint, hatte Claude Frollo es erfahren. Mehrere gewichtige Perſonen behaup⸗ teten, nachdem er das Fas menſchlichen Wiſſens erſchöpft habe, habe er gewagt, in das Nefas zu dringen. Allmäh⸗ lich, hieß es, hatte er alle Aepfel vom Baume der Erkennt⸗ niß gekoſtet, und zuletzt in die verbotene Frucht gebiſſen. Allmählich nahm er, wie unſre Leſer ſahen, Antheil an den Konferenzen der Theologen in der Sorbonne, au den Verſammlungen der Graduirten in den freien Kün⸗ ſten bei'm Bilde St. Hilaire, an den Disputatorien der Dekretiſten beym Bilde St. Martin, an den Kongrega⸗ tionen der Aerzte bei'm Weihkeſſel unſrer Frau, ad cu- pam nostrae Dominae. Alle erlaubten und gebilligten Gerüchte dieſer vier großen Küchen, genannt die vier Fakultäten, wurden von ſeiner Intelligenz bearbeitet und verſchlungen; da kam die Sättigung, bevor der Hunger geſtillt war. Da grub er tiefer noch unter dieſer mate⸗ riellen, begrenzten Wiſſenſchaft, wagte vielleicht ſeine Seele, und ſetzte ſich in der Höhle an die geheimniß⸗ volle Tafel der Alchimiſten, Hermetiker, Aſtrologen, deren Ehrenplatz Averroes, Guillaume de Paris und Nicolas Flamel im Mittelalter einnahmen, die aber bis zum Orient an den Schein des ſiebenarmigen Leuchters, bis Salomo, Zoroaſter und Pythagoras hinaufreicht. So hieß es wenig⸗ ſtens, vielleicht mit Recht, vielleicht mit Unrecht. Es war wenigſtens gewiß, daß der Archidiakonus den Kirchhof des Innocents oft beſuchte, wo allerdings ſeine Aeltern mit andern Opfern der Peſt von 1466 beerdigt lagen; — 241— doch ſchien er weniger fromm beim Kreuz ihres Grab⸗ hügels, als aufmerkſam auf die ſonderbaren Geſtalten, womit das Grab von Nicolas Flamel und Claude Per⸗ nelle, dicht daneben, überladen war. Auch hatte man ihn oft in der Rue des Lombards erblickt, wie er ſich in ein Häuschen an der Straßenecke der Rue des Eerivains und Rue Marivaulr ſtahl. Dies Häuschen hatte Nicolas Flamel gebaut und war dort 1417 geſtorben; ſeitdem unbewohnt, begann es ſchon in Trümmer zu verſinken, denn die Hermetiker aller Länder hatten die Mauern, ihre Namen eingrabend, abgenutzt. Einige Nachbarn be⸗ haupteten ſogar, den Archidiakonus durch ein Kellerloch erblickt zu haben, wie er die Erde in den zwei Kellern aufgrub und aufwühlte, deren wie Steigbügel geformte Schenkel durch Nicolaus Flamel ſelbſt mit Hieroglyphen und Verſen aller Art beſudelt waren. Man glaubte, Flamel habe dort den Stein der Weiſen vergraben, und die Alchymiſten von Magiſtri bis zum Vater Pacificus unterließen es nicht, in dem Boden zu wühlen, bis das ſo grauſam durchforſchte und umgekehrte Haus zu ihren Füßen in Staub verſiel. Auch war es bekannt, der Archidiakonus habe eine ſonderbare Leidenſchaft für das ſymboliſche Portal von Notre⸗Dame, dies ſteinerne und vom Biſchof Guillaume von Paris geſchriebene Zauberbuch gefaßt, der gewiß ver⸗ dammt ward, ein ſo hölliſches Frontiſpiz zum heiligen Gedicht gefügt zu haben, welches der übrige Theil des XIII. 16 — 242— Baues ewig ſingt. Auch ſollte der Archidiakonus den Koloß des heiligen Chriſtoph ergründet haben, jene räth⸗ ſelhafte Statue, welche das Volk im Spott Herrn Grau nannte. Alle Welt konnte auch bemerken, wie er unendlich lange Stunden auf der Bruſtlehne des Vor⸗ hofs ſaß, die Skulpturen des Portals beſchaute, bald die thörigten Jungfrauen mit den umgekehrten Lampen, bald die weiſen Jungfrauen mit den graden Lampen betrach⸗ tete; wie er ein ander Mal den Winkel des Blickes von jenem Raben betrachtete, der links am Portal ſitzt, und in der Kirche einen geheimnißvollen Punkt beſchaut, wo der Stein der Weiſen gewiß verborgen iſt, liegt er nicht im Keller Flamels. Um es beiläufig zu ſagen, ſonder⸗ bar war damals das Geſchick der Kirche Notre⸗Dame, mit ſo viel Andacht von zwei ſo unähnlichen Weſen, wie Claude und Quaſimodo, verehrt zu werden, der Eine, ein inſtinktartiger, wilder Halbmenſch, liebte ſie wegen ihrer Schönheit, ihrer Geſtalt, der Harmonieen, die ſich vom prächtigen Ganzen löſen; der Andere, ein Gelehr⸗ ter, mit glühender Phantaſie, wegen ihrer Bedeutung, ihres Mythus, wegen des Sinnes, des Symbols, was über die Skulpturen der Fagade hingebreitet war, gleich dem erſten Text unter dem zweiten in einem Codex palimpsestus, kurz wegen des Räthſels, das ſie dem Verſtande ewig aufgibt. Auch war es bekannt, daß der Archidiakonus in dem Thurme, welcher nach dem Grèoe⸗ Platz hingebaut iſt, ſeitwärts vom Glockenkäfig ſich eine pleine, geheime Zelle hatte einrichten laſſen, wo ohne ſeine Erlaubniß Niemand, ſelbſt nicht der Biſchof eintreten durfte. Dieſe Zelle war einſt, faſt unter Rabenneſtern vom Biſchofe Hugo von Beſangon*) gebaut, der zu ſei⸗ ner Zeit Zauberei getrieben hatte. Niemand wußte, was dieſe Zelle enthielt; oft aber ſah man vom ufer aus, wie des Nachts in kurzen und gleichen Zwiſchenräumen hinter einer Luke ein röthliches, oft unterbrochenes Licht erſchien und verſchwand, welches dem Blaſen des Athems zu folgen, und eher von einer Flamme, als von einer Kerze zu ſtammen ſchien. Im Schatten brachte dies bei der Höhe einen ſonderbaren Effekt hervor; dann ſagten die guten Frauen: der Archidiakonus hläſt das Feuer an; die Hölle ſchimmert dort oben. Bei alle dem fand ſich kein Beweis der Zauberei vor, allein genug Rauch, um Feuer zu vermuthen, und ſo erhielt denn der Archidiakonus einen ziemlich furcht⸗ baren Ruf. Wir müſſen aber hinzufügen, die Wiſſen⸗ ſchaft Aegyptens, die Nekromantie, die Magie, ſelbſt die weiße und unſchuldige, beſaß keinen ſo unerbittlichen An⸗ geber wie ihn vor dem geiſtlichen Gericht Unſrer Frau. Mögte dies aufrichtiger Schauder oder abſichtliches Spiel ſein, wie der Räuber, haltet den Dieb, zu rufen pflegt, ſo hinderte dies dennoch nicht, daß die gelehrten Häupter des Kapitels ihn wie eine Seele betrachteten, —O *) Hugo I. de Biſuntio 1326— 1332, 16* die ſich in den Vorhof der Hölle gewagt habe, in den Höhlen der Kabbala verloren ſei und im Dunkel verbor⸗ gener Wiſſenſchaft umhertappe. Auch das Volk täuſchte ſich nicht; bei Jeglichem, der Scharfſinn beſaß, galt Qua⸗ ſimodo für den Teufel, Claude Frollo für den Hexen⸗ meiſter. Es war offenbar, der Glockenläuter mußte wäh⸗ rend einer beſtimmten Zeit dem Prieſter dienen, und nahm dann als Bezahlung deſſen Seele mit von dannen. Auch ſtand der Archidiakonus, ungeachtet ſeines über⸗ mäßig ſtrengen Lebens, in ſchlechtem Geruch bei den frommen Seelen. Jegliche fromme und erfahrne Naſe roch in ihm den Zauberer. So wie ein Abgrund in ſeinem Wiſſen, da er alterte, ſich bildete, ſo auch in ſeinem Herzen. Dies hatte man wenigſtens Grund zu glauben, wenn man die Geſtalt betrachtete, auf der die Seele nur durch dunkle Wolken hindurchleuchtete. Woher kam die hohe, kahle Stirn, das ſtets gebeugte Haupt, die durch Seufzer ſtets geho⸗ bene Bruſt? Welcher Gedanke entlockte dem Munde ein ſo bitteres Lächeln, während die Brauen ſich wie zwei Stiere, die den Kampf beginnen wollen, einander näher⸗ ten? Warum waren die wenigen ihm noch übrigen Haare ſchon grau? Welches innere Feuer ſtrahlte bis⸗ weilen in ſeinem Blick, ſo daß ſein Auge dem Loch in der Wand eines Ofens glich? Dieſe Symptome einer heftigen moraliſchen Verſtim⸗ mung hatten hauptſächlich an Intenſität in der Zeit zuge⸗ — 245— nommen, wo dieſe Geſchichte ſich ereignete. Schon oft entfloh ein Chorknabe erſchreckt, wann er ihn in der Kirche allein antraf, ſo unheimlich und durchdringend war ſein Blick. Oft vernahm ſein Nachbar im Chor⸗ ſtuhl, wie er in den einfachen Geſang ad omnem tonum ſonderbar klingende, unverſtändliche Parentheſen miſchte. Die Wäſcherin des Terrain, deren Amt es war, für das Kapitel zu waſchen, hatte nicht ohne Schaudern Spu⸗ ren von Nägeln und Fingern im Chorhemd des Herrn Archidiakonus bemerkt. Uebrigens verdoppelte er ſeine Strenge, und hatte nie einen ſtrenger exemplariſchen Lebenswandel geführt. Stand und Charakter hatten ihn ſtets von den Frauen entfernt gehalten; jetzt ſchien er ſie mehr, als jemals, zu haſſen. Bei dem Rauſchen eines ſeidenen Frauenrocks zog er die Kapuze über die Augen. So ſtreng war er in ſeiner Zurückhaltung, daß, als die Dame von Beaujeu, Tochter des Königs, im December 1481 das Kloſter Notre⸗Dame beſuchen wollte, er ſich mit Ernſt ihrem Eintritt widerſetzte, und den Biſchof an ein Statut des Schwarzen Buchs von 1334 erinnerte, welches den Zutritt„jeglicher Frau, jeglichen Alters und jeglichen Standes“ unterſagt. Hierauf war der Biſchof genöthigt, ihm die Ordonnanz des Legaten Odo zu citiren, welcher einige hohe Damen davon ausnimmt:„aliquae magnates mulieres quae sine scandalo evitari non possunt.“ Und dennoch blieb der Archidiakonus bei ſeinem Proteſt — 2 ⁰6— und machte den Einwurf, die Ordonnanz des Legaten von 1207 ſei um 127 Jahre älter, als das Schwarze Buch, und deßhalb durch Letzteres aufgehoben, und wei⸗ gerte ſich, vor der Peinzeſſin zu erſcheinen. Auch bemerkte man, ſein Abſcheu gegen Zigeuner ſchien ſeit einiger Zeit ſich zu verdoppeln. Er bat den Biſchof um ein Edikt, welches ausdrücklich den Zigeune⸗ rinnen verböte, auf dem Vorplatz von Notre⸗Dame zu tanzen und das Tamburin zu ſpielen. Seit einiger Zeit ließ er ſich auch die ſtaubigen Akten des geiſtlichen Ge⸗ richts vorlegen, um alle Fälle zuſammenzutragen, wo Hexen oder Hexenmeiſter zum Strick oder Feuer wegen Mitſchuld an den Uebelthaten der Ziegenböcke, Schweine oder Ziegen verurtheilt waren. 6. Impopularität. Der Archidiakonus mit ſeinem Glockenläuter war, wie wir ſchon ſagten, bei den hohen und niedern Bewoh⸗ nern der Umgegend des Doms eben nicht beliebt. Wann Claude und Quaſtmodo zuſammen ausgingen, wie das oft geſchah, wenn man ſie dann in Geſellſchaft vorüber⸗ wandeln ſah, wie der Diener dem Herrn folgte, und beide die engen, düſtern, friſchen Straßen der Umgegend von Notre⸗Dame durchſchnitten, neckte ſie manches böſe Wort, mancher ironiſche Triller und mancher beleidigende Witz im Vorübergehen, wenn Claude Frollo, was frei⸗ lich ſelten geſchah, nicht mit erhobenem Haupte einherſchritt — 247— und ſeine ſtrenge, faſt erhabene Stirn den verlegenen Witzreißern zeigte. Beide hatten in ihrem Stadttheil das Schickſal von Regniers Dichtern, hinter denen alle Leute, wie Gras⸗ mücken hinter dem Uhu, herſchwärmen. Bald war es ein tückiſcher Knabe, welcher Haut und Knochen daran wagte, das unausſprechliche Vergnügen zu haben, eine Nadel in Quaſimodos Höcker zu ſtecken; bald ein ſchönes, junges und nur zu freches Mädchen, welche an des Prieſters ſchwarzem Kleide vorbeiſtreifte, und ihm lachend das ſpöttiſche Lied in's Geſicht ſang: „Man fing den Teufel zum Schabernack.“ Bald brummte laut eine ſchmutzige Gruppe alter Wei⸗ der auf den Stufen einer Halle, wann der Archidiakonus mit dem Glockenläuter vorüberging, und warf ihnen fluchend den ermuthigenden Willkommen zu: der da hat eine Seele, wie der Andre einen Leib; oder eine Bande Studenten oder Schulknaben, die Hinkebahn ſpielten, begrüßten ſie auf klaſſiſche Weiſe: Lia, Claudius cum Claudo! Jedoch ward die Beleidigung weder von dem Prie⸗ ſter, noch von dem Glockenläuter gewöhnlich bemerkt. Um dieſe anmuthigen Dinge bören zu können, war Qua⸗ ſimodo zu taub und Claude zu ſehr in Nachſinnen verſunken. ——; ffffffffffffffffffffffffff 11 12 13 14 15 16 17