8 1 d — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. 2. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Teſebedingungen.. 6 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 3 3 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 1 8 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 8 den autſan, i bekannte Perſone üſſe b i E h 3. Caution. Unbe onen müſſen, bei Ent⸗ — ¹ eines Buches, eine dem Werthe deſſelbe zenleg anahme 4 4 n 3 * 3 on mir zurückerſtattet h 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: auf 1 Monat: / ⸗ 6 Bücher: 14 Mk.— Pf. 1 Ml. 50 Pf. 2 Nr.— Pf. 9,.„„ 1„ 1—„ 1.„. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. n W e entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe v wird. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſe 4 3 erkes, ſo iſt der Leſer ſuumn Erſatz des Ganzen verp flichtet. 7. Aus beſonders darauf aufmerkſam gemacht, datz das Weiterverleihen der Büche ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. VBug⸗Jargal. 5 Eine Erzaͤhlung aus den Zeiten der Neger⸗Empoͤrung auf Sanct Domingo, vom Verfaſſer des Han d'Islande. 8 Aus dem Franzoͤſiſchen. 1 2 Muͤnchen 19200. Joſ. Lindauer'ſche Buchhandlung. (C. T. Fr. Sauer.) ——————.— 1 ₰ — 4* 3 ) 2 7—* -— *- ——ꝗ—y— De Erzaͤhlung, welche hier folgt, und die urſpruͤnglich aus der Empoͤrung der Neger zu San Domingo, im Jahr 1701 entlehnt iſt, enthaͤlt Beziehungen, die hinlaͤnglich waͤren, um den Verfaſſer von ihrer Bekanntmachung ab⸗ zuhalten. Nachdem jedoch ein erſter Verſuch dieſes Werkchens bereits im Jahre 1820, alſo zu einer Zeit, wo die Politik des Tages ſich we⸗ nig mit Haiti beſchaͤftigte, gedruckt, und in we⸗ nigen Exemplaren ausgegeben worden, ſo iſt es augenſcheinlich, daß, wenn der Gegenſtand, wel⸗ chen es behandelt, inzwiſchen ſehr an Theilnah⸗ me gewonnen, dieß nicht die Berechnung des Verfaſſers geweſen ſeyn kann; die Ereigniſſe 1 — 2— find es, die ſich fuͤr das Buch geſtaltet, und nicht das Buch fuͤr die Ereigniſſe. Wie dem nun ſey, der Verfaſſer dachte nicht daran, dieſes Werk aus ſeinem Halbdun⸗ b kel, in welches es vergraben war, zu ziehen, 44 haͤtte man ihn nicht benachrichtiget, daß ein Buchhaͤndler der Hauptſtadt im Sinne habe, 3 ſein anonymes Fragment wieder aufzulegen. Er glaubte dieſem zuvorkommen zu muͤſſen, ineem er ſeine Arbeit, durchgeſehen und verbeſſert, ſelbſt 3 in den Druck gab, eine Vorſicht, welche die Ei⸗. genliebe des Autors unverkuͤmmert erhaͤlt, und dem Buchhaͤndler eine uͤble Spekulazion erſpart. Mehrere ausgezeichnete Perſonen, die ent⸗ weder als Koloniſten, oder im Staatsdienſte in die Bewegungen San Domingos verwickelt wor⸗ den, haben dem Verfaſſer, nachdem ſie die be⸗ vorſtehende Bekanntmachung dieſer Epiſode er⸗ fahren, augenblickliche und ſehr gefaͤllige Mit⸗ — 3— theilung von Materialien gemacht„ deren Werth dadurch um vieles erhoͤht wird, daß ſie bisher unbekannt geblieben. Der Verfaſſer druͤckt ihnen hier ſeinen lebhaften Dank aus. Dieſe Urkun⸗ den waren ihm beſonders nuͤtzlich, um dasjenige zu ergaͤnzen, was die Erzaͤhlung des Hauptmann d'Auverney unvollſtaͤndig in Beziehung auf die Lokalfarbe, und unbeſtimmt in hiſtoriſcher Hin⸗ ſicht gelaſſen. * Endlich muß er den Leſer noch verſtaͤndigen, daß die Geſchichte Bug ⸗Jargals blos Fragment eines andern ausgedehnten Werkes iſt, welches unter dem Namen:„Erzaͤhlungen unter dem Zelte,“ erſcheinen ſollte. Der Verfaſſer nimmt an, daß waͤhrend den Revolutionskriegen mehrere franzoͤſiſche Offiziere unter ſich uͤberein⸗ gekommen, jeder nach der Reihe die Laͤnge der Bivuak⸗Naͤchte durch die Erzaͤhlung eines ihm zugeſtoßenen Ereigniſſes zu verkuͤrzen. Die Epi⸗ 1* ſode, welche hier bekannt gemacht wird, bildete einen Theil dieſer Reihefolge von Erzaͤhlungen; ſie kann recht gut als davon getrennt erſcheinen, und uͤberdieß iſt das Werk, wovon es einen Theil ausmacht, nicht vollendet, wird es nie werden, und verdient auch nicht, es zu ſeyn. 2U-JARAA. As die Reihe an den Hauptmann d'Auverney kam, geſtand er den Herren, daß er ſich wirklich keines Vorfalles in ſeinem Leben zu entſinnen vermoͤge, welcher wuͤrdig waͤre, ihre Aufmerk⸗ ſamkeit in Anſpruch zu nehmen. Aber, Hauptmann, ſagte ihm Lieutenant Henri, Sie ſind doch wie man ſagt, gerziſt, und haben die Welt geſehen: Waren Sie nicht auf den Antillen, in Afrika, Italien, Spanien? Ah Hauptmann, Ihr hinkender Hund! D'Auverney ſchrack zuſammen, ließ ſeine Cigarre fallen, und drehte ſich raſch gegen den Eingang des Zeltes, im Angenblick, wo ein un⸗ geheurer Hund hinkend auf ihn zulief. — Der Hund zertrat die Cigarre des Haupt⸗ manns, der es indeß nicht bemerkte. Das Thier leckte ihm die Fuͤße, wedelte mit dem Schweife, bellte und ſprang nach Moͤglich⸗ keit, und legte ſich ſodann vor ihm nieder. Der Hauptmann ſchien ſehr bewegt; er ſtreichelte ihn maſchinenmaͤßig mit der linken Hand, indem er mit der andern das Kinnband ſeines Helmes ab⸗ ſchnallte, und wiederholte von Zeit zu Zeit: da biſt du Rask, da biſt du ja wieder! Endlich rief er:„aber wer hat dich denn zuruͤckgebracht? 7 Mit Ihrer Erlaubniß, mein Hanptmann— ſchon ſeit einigen Minuten hatte Sergent Tha⸗ daͤus den Vorhang des Zeltes aufgehoben, und hielt ſich gebuͤckt, den rechten Arm in den Man⸗ tel gewickelt, indem er, Thraͤnen in den Augen, ſchweigend dieſe Entwicklung betrachtete. Er wagte endlich die Worte:„mit Ihrer Erlaubniß, Hauptmann, und d'Auverney wendete die Au⸗ gen auf ihn: Du biſt's Thad; und wie Teufel konnteſt du? armer Hund! ich glaubte ihn im engliſchen Lager. Wo haſt du ihn denn gefunden? —— Gottlob! Sie ſehen mich daruͤber, mein Hauptmann, eben ſo erfreut als Ihren Neffen, als ſie ihm dekliniren lehrten, Cornu das Horn, Cornu des Horns. Aber ſag mir nur, wo du ihn gefunden haſt? Ich habe ihn nicht gefunden, Hauptmann, ich bin ſchon gegangen ihn zu ſuchen. Der Hauptmann ſtund auf, und reichte dem Sergenten die Hand; allein die Hand des Ser⸗ genten blieb in den Mantel gehuͤllt. Der Haupt⸗ mann bemerkte es nicht. Das iſt— ſehen Sie, mein Hauptmann, ſeit dieſer arme Rask verloren gegangen, habe ich wohl bemerkt, mit Ihrer Erlaubniß, wenn es Ihnen gefaͤllig, daß Ihnen etwas abgienge. Um Ihnen aber alles zu ſagen, glaube ich, daß der Abend, wo er nicht wie gewoͤhnlich kam, mein Kommißbrod mit mir zu verzehren, wenig fehlte, daß der alte Thad nicht wie ein Kind anfing zu weinen. Aber nein, Gott ſey gedankt, — 3— ich habe nur zweimal in meinem das erſtemal, der Sergent blickte ſeinen Herrn unruhig an.— Das zweitemal, als es dem verdammten Bal⸗ thaſar, Corporal in der Tten Halbbrigade einfiel, mich einen Bund Zwiebel ausleſen zu laſſen. Leben geweint; als— den Tag, wo— und Mir ſcheint, Thadaͤus, rief Henri lachend, ihr ſagtet uns nicht, bei welcher Gelegenheit ihr zum erſtenmal weintet. Es war dieß ohne Zwei⸗ fel, lieber Alter, als du von Latour d'Auverg- ne, dem erſten Grenadier Frankreichs den Rit⸗ terſchlag erhielſt? fragte bewegt der Hauptmann, indem er fortfuhr, dem Hunde ſchoͤn zu thun, Nein, Hauptmann: wenn Sergent Tha⸗ daͤus je weinen konnte, ſo geſteht ihr wohl ſelbſt, daß dieß nur den Tag ſeyn durfte, wo er auf Bug⸗Jargal genannt Pierrot, Feuerl kom⸗ mandirte. DAuverneys Antlitz verfinſterte ſich; er naͤherte ſich raſch dem Sergenten, und wollte ihm die Hand ſchuͤtteln; aber, ohnerachtet einer ſo außerordentlichen Ehre, hielt ſie der alte Tha⸗ daͤus unter ſeinem Mantel verborgen. — — . Ich kommandirte. Und als er ſie aufband, um — 9— Ja, mein Hauptmann, fuhr Thadaͤus fort, indem er einige Schritte zuruͤck trat, waͤhrend d'Auverney Blicke voll peinlichen Ausdruckes auf ihn heftete; ja, damals habe ich geweint, auch verdiente er es wahrtich! Er war ſchwarz, das iſt wahr, allein das Pulver iſt es auch, und— und— Der gute Sergent haͤtte gerne mit Ehren ſein bizarres Gleichniß beendet. Es war vielleicht etwas in dieſer Vergleichung, was ihn anſprach, allein er ſuchte vergebens ſie zu Stande zu brin⸗ gen; und nachdem er mehrmals ſeine Idee, ſo zu ſagen, auf allen Punkten angegriffen hatte, hob er, gleich einem General, der gegen einen feſten Platz ſcheitert, die Belagerung ploͤtzlich auf, und fuhr fort, ohne auf das Laͤcheln der jungen ihm zuhoͤrenden Offiziere zu achten. Sagen Sie, mein Hauptmann, erinnern Sie ſich noch des armen Negers, wie er ganz athemlos in dem Augenblicke herbeiſtuͤrzte, als ſeine zehn Kammeraden ſchon daſtunden? Wahr⸗ lich, es war nothwendig geweſen, ſie zu binden. — 10— ihren Platz einzunehmen, ob ſie es gleich nicht zugeben wollten; allein er war unbeugſam. O! welch' ein Menſch! ein wahres Gibraltar. Und dann, ſagen Sie ſelbſt, Hauptmann, wie er ſich hinſtellte, gerade wie wenn es zum Tanze gien⸗ ge; und ſein Hund, derſelbe Rask, der hier iſt, der verſtund, was man mit ihm vorhatte, und mich an der Gurgel faßte. In der Regel, Thad, ließeſt du dieſen Theil deiner Erzaͤhlung nicht voruͤber gehen, ohne dem Nask einige Kareſſen zu machen; ſieh, wie er dich betrachtet. Sie haben Recht, ſagte Thad in Verlegen⸗ heit; er betrachtet mich, der arme Rask, aber— die alte Malagrida ſagte mir, daß mit der lin⸗ ken Hand ſchmeicheln, Ungluͤck bringe. Und warum nicht mit der Rechten? fragte nun d'Auverney, aufmerkſam geworden, und gewahrte zum erſtenmale die in den Mantel ge⸗ wickelte Hand, und die auf dem Geſichte Thad's verbreitete Blaͤſſe. Die Verlegenheit des Ser⸗ genten ſchien zu wachſen. —*= — 11— Mit Ihrer Erlaubniß, mein Hauptmann, es iſt, weil— Sie haben ſchon einen hinken⸗ den Hund, ich fuͤrchte, Sie bekommen auch ei⸗ nen einhaͤndigen Sergenten. Der Hauptmann ſprang von ſeinem Sitze auf. Wie? was? was ſagſt du? mein alter Tha⸗ daͤus einhaͤndig? Zeige deinen Arm. Einhaͤndig, großer Gott! D'Auverney zitterte: der Sergent rollte langſam ſeinen Mantel auf, und zeigte ſeinem Chef ſeinen in ein blutiges Tuch gewickelten Arm. Ach, mein Gott! murmelte der Hauptmann, indem er die Leinwand behutſam aufmachte. Aber ſage mir doch nur, mein Alter— 2 4 O, die Sache iſt ganz einfach. Ich ſagte Ihnen bereits, daß ich Ihren Kummer bemerkt habe, ſeitdem die verdammten Englaͤnder uns Ihren ſchoͤnen Hund, dieſen armen Rask, die Dogge Bug's entfuͤhrt hatten,— genug, ich entſchloß mich heute, ihn zuruͤckzubringen, ſollte es mir auch das Leben koſten. Zu dieſem Zwecke ſchlich ich mich, nachdem ich zuvor Ihre große Uniform, weil morgen geſchlagen wird, wohl ausgebuͤrſtet hatte, ganz ſtille aus dem Lager, und zwar blos mit meinem Saͤbel; ich machte mich gerade fort durch das Gebuͤſch, um eher am Engliſchen Lager zu ſeyn. Ich war noch nicht an den erſten Verſchanzungen ange⸗ langt, als ich, mit Ihrer Erlaubniß, mein Hauptmann, in einem kleinen Gehoͤlze zur lin⸗ ken eine große Anzahl rother Soldaten gewahr⸗ te. Ich naͤherte mich, um zu unterſcheiden, was das ſey, und da ſie auf mich kein Acht gaben, bemerkte ich mitten unter ihnen Rask an einen Baum gebunden, waͤhrend zwei My⸗ lord's entbloͤßt bis hieher, wie die Heiden, ſich ſtarke Fauſt⸗Schlaͤge auf die Knochen gaben, welches einen Laͤrmen, wie die große Regimentstrommel verur⸗ ſachte. Es waren dieß zwei engliſche Privatleu⸗ te, wenn es Ihnen gefaͤllt, die dieſen Zwey⸗ kampf um Ihren Hund hielten. Jetzt ſieht mich Rask, reißt mit unglaublicher Kraft den Strick, an dem er hieng, entzwei, und iſt in einem Nu hinter mir her. Sie denken ſich leicht, daß ———4— die uͤbrige Geſellſchaft nicht lange auf ſich war⸗ ten laͤßt; ich ſtuͤrze mich in das Gehoͤlz. Rask mir nach. Kugeln pfeifen mir um die Ohren. Rask bellt, allein ſie konnten ihn gluͤcklicherwei⸗ ſe vor ihrem eigenen Geſchrey: french dog! french dog! nicht hoͤren, als wenn Ihr Hund nicht ein ſchoͤner guter Hund von San Domin⸗ go geweſen waͤre. Mir macht das alles nichts; ich durchſchneide das Gebuͤſch, und wollte eben aus ſelbem heraus, als zwei Rothroͤcke mir ent⸗ gegen traten. Mein Saͤbel befreit mich von ei⸗ nem, und haͤtte mir wahrſcheinlich auch den an⸗ dern vom Leibe geſchafft, waͤre ſein Gewehr nicht ſcharf geladen geweſen— Sie ſahen meinen rechten Arm!— french dog ſpringt ihm, wie einem alten Bekannten, um den Hals. Der Englaͤnder ſtuͤrzt erdroſſelt nieder; ich verſichere Sie, die Umarmung muß heftig geweſen ſeyn. Warum hats aber auch der Teufelskerl ſo auf mich angelegt, wie ein Armer auf einen Semi⸗ nariſten. Nun, endlich iſt Thad zuruͤck im La⸗ ger, und Rask auch. Mein einziger Verdruß iſt, daß mir der liebe Herr Gott das Dings nicht lieber fuͤr morgen zur Schlacht aüſse ſpint hat. So iſt's nun! Die Zuͤge des alten Sergenten hatten ſich bei dem Gedanken„ ſeine Wunde in keinem Ge⸗ fechte erhalten zu haben, verfinſtert. Thadaͤus! rief der Hauptmann etwas aufgebracht. Dann fuͤgte er milder dazu: was du doch fuͤr ein Narr biſt, dich fuͤr einen Hund ſo auszuſetzen! Es war fuͤr keinen Hund„mein Hauptmann, es war fuͤr Rask. D'Auverneys Geſicht heiter⸗ te ſich ganz auf. Der Sergent fuhr fort fuͤr Nask, die Dogge Bug's— Genug mein alter Thad, rief der Haupt⸗ mann, indem er die Hand auf die Augen legte. Allons, ſetzte er nach kurzem Stillſchweigen bei, ſtuͤtze dich auf mich, und folge mir zu Am⸗ bulange. 3 Thadaͤus gehorchte nach reſpektvollem Wi⸗ derſtande. Der Hund, welcher waͤhrend dieſer Szene vor Freude die ſchoͤne Baͤrenhaut ſeines Herrn halb zerfreſſen hatte, erhob ſich und folgte. Dieſe Epiſode hatte die Aufmerkſamkeit und Erwartung der muntern Geſellſchaft auf's leb⸗ hafteſte in Anſpruch genommen. Hauptmann Leopold d’'Auverney war ei⸗ ner von denen Menſchen, die, auf welche Stu⸗ fe ſie durch Zufall und geſellſchaftliche Verhaͤlt⸗ niſſe immer geſtellt werden moͤgen, ſtets eine ge⸗ wiſſe Achtung und Theilnahme einfloͤßen. Er hatte indeſſen nichts beſonders auffallendes bein erſten Anblick; ſein Benehmen war kalt, ſein Blick theilnahmlos. Die Sonne der Tropen hat⸗ te zwar ſein Antlitz gebraͤunt, nicht aber dieſ⸗ Lebhaftigkeit der Bewegung und der Sprach⸗ verliehen, welche ſich bei den Kreolen haͤufig mit einer ſo uͤberaus reizenden Unachtſamkeit paaret. D'Auverney ſprach wenig, hoͤrte ſelten, zeigte ſich aber ſtets bereit zu handeln. Der erſte zu Pferd, der letzte unterm Zelte, ſchien er in ſei⸗ nen koͤrperlichen Anſtrengungen Zerſtreuung fuͤr ſeine truͤben Gedanken zu ſuchen. Dieſe Gedan⸗ ken, welche ihren traurigen Charakter in die fruͤhzeitigen Runzeln ſeiner Stirne gegraben hat⸗ ten, gehoͤrten nicht zu denen, welcher man ſich durch Mittheilung entledigt, noch weniger zu denjenigen, welche im frivolen Geſpraͤche ſich mit den Ideen anderer vermiſchen. Leopold d'Au⸗ verney, deſſen eiſernen Koͤrper die Anſtrengun⸗ 3 gen des Krieges nicht beugen konnten, ſchien eine 1 „¼ unertraͤgliche Laſt in ſeiner Gemuͤthsſtimmung zu tragen. Er vermied jede Eroͤrterung daruͤber, ſo wie er das Gefecht ſuchte. Ließ er ſich auch zu⸗ weilen in einen Wortwechſel ein, ſo brachte er hoͤchſtens vier, fuͤnf Phraſen voll Sinn und Vers nimft hervor, hielt ſich aber, im Augenblick, wo er ſeinen Gegner übelzeugen konnte, zuruͤck, in⸗ den er ſagte:„wozu nuͤtzt es?“— und ging hiaus, um den Kommandeur zu fragen, was alenfalls zu thun ſey, bis die Stunde zur Schlacht der zum Sturme herbeikaͤme. — 3 Seine Kameraden hielten ihm ſeine kalten, „zuruͤckhaltenden und ſchweigenden Formen zu gu⸗ Ate, da ſie ihn bey jeder Gelegenheit brav, wohl⸗ wollend und gut fanden. Er hatte mit Gefahr des ſeinen, das Leben mehrerer von ihnen geret⸗ tet, und man wußte, daß, wenn er auch den Mund ſelten öͤffnete, ſeine Boͤrſe doch nie ver⸗ ſchloſſen war. Man liebte ihn in der Armee, und man verzieh ihm ſogar, ſich davon gewiſſermaßen verehren zu laſſen. 2 Indeſſen war er noch ſehr jung. Er ſchien dreyßig Jahre zu haben, und war doch noch — 1 weit davon entfernt. Obgleich er mehrere Jah⸗ re in den republikaniſchen Reihen gedient, ſo waren doch ſeine Schickſale nicht bekannt. Das einzige Weſen, welches nebſt Rask ihm einige Aeußerung von Anhaͤnglichkeit entlocken konnte, der gute alte Sergent Thadaͤus, der mit ihm in die Armee getreten war, und ihn nie verließ, dieſer allein erzaͤhlte zuweilen oberflaͤchlich einige Umſtaͤnde aus ſeinem Leben. Man wußte, daß d'Auverney großes Ungluͤck in Amerika erlitten; daß zu San Domingo verheurathet, er ſeine Frau und ganze Familie unter den Blut⸗Szenen, wel⸗ che ſich im Gefolge der in dieſe Kolonie gedrun⸗ genen Revolution befanden, verloren hatte. Waͤh⸗ rend dieſer Epoche unſerer Geſchichte waren Unfaͤlle ſolcher Art ſo allgemein, daß ſich fuͤr ſelbe auch eine Art allgemeinen Mitlei⸗ dens gebildet hatte, wofuͤr jedes ſeinen Theil nahm und brachte. Man beklagte daher den Hauptmann d'Auverney weniger des Verluſtes wegen, den er erlitten, als um die Art, wie er ihn ertrug. Denn wirklich ſah man zuweilen mitten durch ſeine eiskalte Theilnahmloſigkeit, die Bewegung einer unheilbaren innern Wunde her⸗ vorbrechen. 2 — 19— So wie eine Schlacht begann, erheiterte ſich ſeine Stirne. Er entwickelte im Gefechte ei⸗ ne Unerſchrockenheit, wie wenn er haͤtte General werden wollen, und nach ſelbem eine Beſchei⸗ denheit, wie wenn er nur gemeiner Soldat ſeyn wollte. Seine Kameraden, indem ſie dieſe Ver⸗ achtung von Rang und Ehrenſtellen gewahrten, begriffen nicht, warum er vor dem Kampfe et⸗ was zu hoffen ſchien— ſie erriethen nicht, daß d'Auverney, unter allen Zufaͤllen des Krieges, nur den Tod ſuchte. Die Volksrepreſentanten, die zur Armee ge⸗ ſendet waren, ernannten ihn eines Tages auf dem Schlachtfelde zum Brigade⸗Chef, er ſch es aus, weil er, verließ er ſeine Kompagnie, auch den Sergent Thadaͤus verlaſſen mußte. We⸗ nige Tage darauf bot er ſich zu einer ſehr ge⸗ wagten Unternehmung an, und kam zuruͤck, ge⸗ gen ſeine und aller Erwartung. Man hoͤrte ihn hier beklagen, den hoͤhern Grad nicht angenom⸗ men zu haben: denn, ſagte er, da die feindli⸗ chen Kanonen mich immer verſchonen, ſo haͤtte vielleicht die Gulllotine, die alle ,ſo ſich erheben, trifft, ſich meiner angenommen. ,— — 19— Dieß war der Mann, uͤber welchen ſich, als er das Zelt verlaſſen, folgende Unterhaltung anſpann: Ich wollte wetten, rief Lieutenant Henri, indem er ſeinen rothen Stiefel abwiſchte, auf dem der Hund im Vorbeiſtreichen einen großen Kothflecken hinterlaſſen, ich wollte wetten, der Hauptmann gaͤbe die verſtuͤmmelte Pfote ſeines Hundes nicht fuͤr Koͤrbe mit Madera, die wir neulich im Kuͤchenwagen des Generals ſahen. Still, ſtill! ſagte luſtig Adjutant Paſchal, das waͤre ein ſchlechter Handel.— Die Koͤrbe ſind jetzt leer: ich weiß etwas davon; und, ſetz⸗ te er bei, dreyßig ausgetrunkene Bouteillen ſind gewiß nicht ſo viel werth, Sie geſtehen es ſelbſt, Lieutenant, als die Pfote dieſes armen Hundes, aus der man wenigſtens den Griff einer Glocke machen koͤnnte. Die Verſammlung lachte uͤber den er nſten Ton⸗, womit der Adiutant dieſe letzten Worte 2* — 20— ausſprach. Der junge Offizier von den baski⸗ ſchen Huſaren, Alfred, der allein nicht gelacht hatte, nahm die Sache ernſthaft. Ich ſehe nicht, meine Herren, wie ich in dem vorgegangenen Stoff zum Lachen finden könnte. Dieſer Hund und dieſer Sergent, wel⸗ che ich mit d'Auverney ſehe, ſo lange ich ihn kenne, ſcheinen mir ganz geeignet, um Intereſſe einzufloͤßen. Endlich dieſe Siin— Paſchal, pikirt durch das Misvergnuͤgen Alfreds, und die Froͤhlichkeit der uͤbrigen, un⸗ terbrach ihn. Dieſe Szene iſt ſehr ſentimal. Was denn weiter, ein wiedergefundener Hund und ein zer⸗ ſchoſſener Arm. Hauptmann Paſchal, Sie haben Unrecht, ſagte Henri, indem er die ausgeleerte Bouteille zum Zelte hinauswarf, dieſer Bug— Pierrot genannt, erregt in hohem Grade meine Neu⸗ gierde. —— — 21— Paſchal, der auf dem Punkte ſtand boͤſe zu werden, beruhigte ſich bei dem Anblicke ſeines noch gefuͤllten Glaſes, das er fuͤr leer gehalten. D'Auverney kam zuruͤck; er nahm, ohne ein Wort zu ſprechen, ſeinen Platz wieder ein. Sei⸗ ne Miene war nachdenkend, ſein Geſicht ruhiger. Er ſchien ſo beſchaͤftiget, daß er nichts von dem hoͤrte, was um ihn herum geſprochen wurde. Rask, der ihm gefolgt war, lagerte ſich zu ſeinen Fuͤßen, und betrachtete ihn unruhig. Ihr Glas, Hauptmann d'Auverney, koſten Sie von dieſem.— O, Gott ſey Dank, ſagte der Haupt⸗ mann, indem er glaubte, auf die Frage Paſchals zu antworten, die Wunde iſt nicht gefaͤhr⸗ lich, der Arm iſt nicht zerſchmettert. „Die unwillkuͤhrliche Achtung, welche d'Au⸗ verney ſeinen Waffengefaͤhrten einfloͤßte, hielt allein ein lautes Gelaͤchter zuruͤck, welches ſchon auf Henris Lippen hervorbrechen wollte. Da Sie nun nicht mehr ſo beſorgt um Tha⸗ daͤus zu ſeyn brauchen, ſagte er, und wir uͤber⸗ eingekommen, daß jeder zur Verkuͤrzung dieſer Bivouac⸗Nacht eines ſeiner Abentheuer — 22— erzaͤhlen ſoll, ſo hoffe ich, lieber Freund, daß Sie ſich Ihres Verſprechens entledigen werden, indem Sie uns die Geſchichte Ihres hinkenden Hundes, ſo wie des Bug— ich weiß nicht wie, ſonſt Pierrot genannt, dieſes wahren Gib⸗ raltars, zum Beſten geben. Dieſer Auffoderung, die halb ernſt, halb ſcherzhaft gemacht wurde, haͤtte d'Auverney kaum Gehoͤr gegeben„ wenn nicht alle andern ihre Bit⸗ ten mit denen des Lieutenants vereinigt. Er gab endlich nach. Ich will Ihren Wuͤnſchen entſprechen, mei⸗ ne Herren; allein erwarten Sie nichts, als die Erzaͤhlung einer ganz einfachen Anekdote, in welcher ich eine ganz untergeordnete Rolle ſpiele. Sollte die Anhaͤnglichkeit zwiſchen mir, Rask und Thadaͤus Sie etwas ganz Außerordentliches erwarten laſſen, ſo haben Sie ſich geirrt. Ich fange an. 42 Die groͤßte Stille trat ein. Paſchal leerte mit einem Zuge ſeine Flaſche Liqueur, und Hen⸗ ri wickelte ſich, um ſich vor der Nachtkaͤlte zu „ wahren, in die halbzernagte Baͤrenhaut, waͤh⸗ rend Alfred das galliziſche Lied des mata-Per ros vollends ableierte. D'Auverney blieb einige Zeit in Nachden⸗ ken verſunken, wie wenn er Erinnerungen ſich ius Gedaͤchtniß zuruͤckzurufen haͤtte, welche laͤngſt durch andere Ereigniſſe verdraͤngt waren; endlich nahm er das Wort. — . In Frankreich geboren, ſendete man mich ſehr fruͤh nach San Domingo, wo meines On⸗ kels, eines ſehr reichen Koloniſten, Tochter mir zur Frau beſtimmt war. Die Beſitzungen meines Onkels graͤnzten an das Fort Galifet, und ſeine Plantagen nahmen den groͤßern Theil der Ebenen von Acul ein. Dieſe ungluͤckliche Lage, deren naͤhere Auseinanderſetzung Ihnen nur wenig In⸗ tereſſe gewaͤhren koͤnnte, war eine der vorzuͤgli⸗ chen Urſachen der Unfaͤlle und des gaͤnzlichen Verderbens meiner Familie. — 24— Achthundert Neger bebauten die unermeßli⸗ chen Domainen meines Onkels. Ich geſtehe Ihnen, daß der traurige Zuſtand ſeiner Skla⸗ ven durch die Fuͤhloſigkeit ihres Herren noch verſchlimmert wurde. Mein Oheim war von der, gluͤcklicherweiſe ſehr beſchraͤnkten, Zahl von Pflanzern, deren Herz durch die lange Gewohn⸗ heit des abſoluten Despotismus ganz verhaͤrtet worden. Gewoͤhnt, ſich auf den leiſeſten Wink gehorcht zu ſehen, ſtrafte er die mindeſte Zoͤge⸗ rung eines Sklaven durch die furchtbarſte Be⸗ handlung, und oft trug die Verwendung ſeiner Kinder nur dazu bei, ſeinen Zorn zu ſteigern. Wir waren daher in den meiſten Faͤllen darauf beſchraͤnkt, im Stillen die Leiden dieſer Ungluͤck⸗ lichen, denen wir nicht vorbeugen konnten, zu lindern. Was das Redensarten ſind, ſagte Henri halblaut, indem er ſich zu ſeinem Nachbar neig⸗ te: ich hoffe der Hauptmann wird die Leiden dieſer Schwarzen nicht uͤbergehen, ohne eine Ab⸗ handlung uͤber die Pflichten der Menſchheit ein⸗ ——= — 25— 4 zuflechten er caetera. Man haͤtte ſich im Klubb Maſſiac*) nichts beſſeres erwarten koͤnnen. . Ich danke Ihnen, Henri, mir eine Laͤcher⸗ lichkeit zu erſparen, ſagte d'Auverney, der ihn gehoͤrt hatte, ganz kalt, und fuhr fort: *) Unſere Leſer haben zweifelsohne vergeſſen, daß der Klubb Maſſiac, von dem Lieutenant Hen⸗ ri ſpricht, aus einer Geſellſchaft Negrophilen beſtand. Dieſer Klubb, der ſich zu Paris im Anfang der Revolution gebildet, hatte die mei⸗ ſten Inſurrectionen in den Kolonien ins Leben gerufen. Man wird vielleicht uͤber die Leichtigkeit erſtaunen, mit welcher der junge Offtzier uͤber die Philantropen ſcherzt, welche in dieſer Epo⸗ che noch, und zwar von Henkers Gnaden, herrſchten. Allein man erinnere ſich, daß vor, waͤhrend und nach der Schreckens⸗Regierung die Freiheit zu denken und zu ſprechen, ſich in die Lager gefluͤchtet hatte. Dieſes edle Privilegium koſtete von Zeit zu Zeit einem General den Kopf, allein es reinigt von jedem Makel den glaͤn⸗ zenden Ruhm dieſer Soldaten, welche die De⸗ nunzianten der Convention les Messicurs de P'Armée du Rhin nannten. 8*„ — 26— Unter allen dieſen Sklaven hatte ein einzi⸗ ger die Gunſt meines Oheims erworben. Er war ein ſpaniſcher Zwerg, Griffe“*) von Far⸗ be, der ihm von Lord Effingham, Gouverneur von Jamaika, geſchenkt worden war. Mein Oheim *) Zur Verſtaͤndigung dieſes Wortes duͤrfte eine genaue Erlaͤuterung nothwendig ſeyn. M. Mo⸗ reau de Saint Mery, indem er Frank⸗ lins Syſtem entwickelt, hat die verſchiedenen Abſtufungen, welche durch die Vermiſchung der farbigen Bevoͤlkerung erzeugt werden, in Ge⸗ ſchlechtes Gattungen klaſſifizirt. Er nimmt an, daß der Menſch aus einem Ganzen von 128 Theilen beſteht, weiß bei den Weißen, ſchwarz bei den Schwarzen. Von dieſem Grundſatze ausgehend, ſetzt er feſt, daß man um ſo viel naͤher oder entfernter von der einen oder der andern Farbe ſich be⸗ findet, als man ſich der angenommenen Mitte von 64 naͤhert, oder davon entfernt. Nach dieſem Syſtem iſt jeder Menſch, wel⸗ cher nicht 8 Theile vom weißen mehr hat, fuͤr ſchwarz zu achten.. 8 — 22— hatte in Braſilien, wo er lange Zeit gewohnt, die ganze Weiſe des portugieſiſchen Pompes an⸗ genommen. Er liebte es, ſich mit einem Glan⸗ ze zu umgeben, welcher ſeinem Reichthume ent⸗ ſprach. Zahlreiche Sklaven, im Dienſte gleich Von dieſer Farbe gegen die weiße ſchrei⸗ tend, unterſcheidet man 9 Hauptſtaͤmme, welche noch unter ſich Verſchiedenheiten tragen, je nachdem ſie mehr oder wenigere Theile von der einen oder der andern Farbe enthalten. Dieſe neun Gattungen ſind: der Sacatra, der Griffe, der Marabou; der Mulaätre, der Quarteron, der Metif, der Mamelouc, der Quarteroné, der Sangmeld. Der Sangmelè, indem er ſeine Vereini⸗ gung mit dem weißen fortſetzt, endet damit, daß er ſich gleichſam mit dieſer Farbe ver⸗ ſchmilzt. Man verſichert jedoch, daß er auf einer gewiſſen Parthie ſeines Korpers ſtets die unverloͤſchliche Spur ſeines Urſprung bewahre. Der Griffe iſt die Frucht von fuͤnf Ver⸗ bindungen, und kann 24— 32 weiße, bis zu 95— 104 ſchwarze Theile an ſich tragen. Europaͤiſchen Bedienten abgerichtet, gaben feinem Hauſe einen wahrhaft fuͤrſtlichen Anſtrich, und damit nichts hierzu fehle, hatte er aus Lord Ef⸗ fingham's Sklaven einen Narren gemacht, nach Art der alten Feudal Prinzen, die ſolche Spaß⸗ macher an ihren Hoͤfen hielten. Man muß ge⸗ ſtehen, daß ſeine Wahl beſonders gluͤcklich aus⸗ fiel. Der Griffe Abibra(dieß war ſein Name) war eines der Geſchoͤpfe, deren phyſiſche Bildung ſo beſonders iſt, daß man geneigt waͤre, ſie fuͤr Ungeheuer zu halten, wenn ſie nicht Lachen mach⸗ ten. Dieſer haͤßliche Zwerg war dick, kurz, dick⸗ bauchig, und bewegte ſich mit unglaublicher Ge⸗ ſchwindigkeit auf zwei duͤnnen, ſchwaͤchlichen Bei⸗ nen, die ſich, wenn er ſaß, gleich den Armen einer Spinne, unter ihm zuruͤckgezogen. Sein ungeheurer Kopf war ſchwerfaͤllig zwiſchen ſeine Schultern gedruͤckt; er war mit rother, krauſer, borſtiger Wolle bewachſen, und von zwei Ohren eingefaßt, wovon ſeine Kameraden zu ſagen pflegten, Abibra trockne ſich, wenn er weine, die Thraͤnen damit ab. Sein Geſicht war im⸗ mer Grimaſſe, und nie daſſelbe; eine auffallen⸗ de Beweglichkeit der Zuͤge, gab wenigſtens ſei⸗ ner Haͤßlichkeit den Vorzug der Abwechslung. — 20— Mein Oheim liebte ihn ſeiner ſeltenen Mißſtal⸗ tung und unerſchuͤtterlichen Munterkeit wegen⸗ Abibra war ſein Guͤnſtling: er hatte auch, waͤh⸗ rend die uͤbrigen Sklaven unter der Laſt der fuͤrchterlichen Arbeit erlagen, keine andere Ver⸗ richtung, als ſeinem Herrn einen großen Faͤcher von Paradies⸗Vogelfedern, nachzutragen, um ihm damit die Inſektenſchwaͤrme abzuwehren. Mein Oheim ließ ihn zu ſeinen Fuͤßen eſſen, wo er auf einer Binſen⸗Matte ſich lagerte; er gab ihm immer von ſeinem eignen Teller ein Ueber⸗ bleibſel ſeiner Favoritſpeiſe. Abibra zeigte ſich fuͤr ſo viele Guͤte dankbar; er machte von ſei⸗ nen Vorrechten als Spaßmacher, von ſeinem Rechte alles zu thun und zu ſagen, keinen an⸗ dern Gebrauch, als ſeinen Herrn durch tauſend Schnacken und Verzerrungen zu unterhalten, und lief auf das geringſte Zeichen meines Onkels, mit der Gelenkigkeit eines Affen, und der Unterwuͤr⸗ figkeit eines Hundes auf ihn zu. Ich liebte dieſen Sklaven nicht. Es war etwas zu kriechendes in ſeiner Dienſtfertigkeit, und wenn der Sklavenſtand nicht entehrt, ſo entwuͤrdigt doch ſolch knechtiſches Weſen. Ichh 30— fuͤhlte ein wohlwollendes Mitleid fuͤr dieſe un⸗ gluͤcklichen ſchwarzen Menſchen, die den ganzen Tag arbeiten mußten, ohne ihre Bloͤßen durch die geringſte Kleidung bedecken zu koͤnnen; allein die⸗ ſer ungeſtalte Poſſenreißer, dieſer nichtsnutze Sklave, mit ſeinem laͤcherlichen bunten Rocke und Schellenkappe, floͤßte mir blos Verachtung ein. Ueberdieß benuͤtzte der Zwerg keineswegs als guter Bruder den Einfluß, welchen ſeine Er⸗ niedrigungen ihm uͤber den gemeinſchaftlichen Herrn verſchafft hatten. Niemals hatte er eine Begnadigung bei ihm, der doch ſo unzaͤh⸗ lige Strafen verhaͤngte, erbeten; ja man hoͤrte ihn einſtens, da er ſich mit meinem On⸗ kel allein glaubte, ihn angehen, ſeine Strenge gegen ſeine ungluͤcklichen Kameraden zu verdop⸗ peln. Indeſſen ſchienen die uͤbrigen Sklaven. denen er ſo vielen Stoff zu Mißtrauen und Ei⸗ ferſucht gab, ihn doch nicht zu haſſen. Er floͤß⸗ te ihnen eine Art reſpektvoller Furcht ein, die keine Spur von Feindſchaft verrieth; und wenn ſie ihn mit ſeiner geſtickten Schellenkappe, auf welche er mit rother Dinte bizarre Figuren ge⸗ malt hatte, an ihren Huͤtten voruͤber gehen — 31— ſahen, ſagten ſie unter ſich: Das iſt ein Obi. (Zauberer.) Dieſe Details, fuͤr welche ich gegenwaͤrtig Ihre Aufmerkſamkeit in Anſpruch nehme, meine Herren, beſchaͤftigten mich damals ſehr wenig⸗ Ganz den reinen Regungen einer Liebe hingege⸗ ben, die nichts mehr ſtoͤren zu koͤnnen ſchien, einer Liebe, welche ſeit meiner Kindheit von der⸗ jenigen getheilt war, die die meine werden ſoll⸗ te, hatte ich kaum Augen fuͤr alles, was nicht Marie war. Gewoͤhnt ſeit dem zarteſten Alter, diejenige als meine kuͤnftige Gattin anzuſehen, welche ich ſchon als eine Schweſter liebte, hatte ſich in unſern Umgang eine Zaͤrtlichkeit gemiſcht, deren Natur man ſelbſt kaum verſtehen wuͤrde, wenn ich zu ſchildern vermoͤchte, wie unſere Lie⸗ be aus einer Verſchmelzung von Geſchwiſterlicher Nachgiehigkeit, leidenſchaftlichen Exaltismus, und ehelichem Vertrauen ſich geſtaltet hatte. Weni⸗ gen Menſchen ſind ihre erſten Jahre ſo ruhig dahingefloſſen. Wenige ſahen ihre Seele unter einem ſchoͤnern Himmel zum Leben aufbluͤhen, in einer ſuͤßen Uebereinſtimmung des Gluͤckes fuͤr die Gegenwart, und ſchoͤner Hoffnung fuͤr die Zukunft. Beinahe ſchon bei der Geburt von allen Annehmlichkeiten des Reichthums umgeben, mit allen Vorzuͤgen eines Ranges, und zwar in einem Lande ausgeſtattet, wo ſchon die Farbe ihn beſtimmt, brachte ich meine Tage an der Seite desjenigen Weſens zu, dem mein ganzes Herz gehoͤrte, ſah ich dieſe Liebe gebilligt durch unſere Eltern, die allein ſie feſſeln konnten, und alles dieß in einem Alter, wo das Blut ſiedet, in einem Lande wo der Sommer ewig, die Na⸗ tur wunderbar iſt; brauchte es mehr, um mir blindes Vertrauen in mein gluͤckliches Geſtirn einzufloͤßen? Braucht es mehr, um mir das Recht zu geben, zu ſagen, daß wenigen Men⸗ ſchen ihre erſten Jahre gluͤcklicher dahingefloſſen ſeyen? Der Hauptmann hielt hier einen Augen⸗ blick inne, wie wenn die Stimme ihm fuͤr die Erinnerungen ſeines Gluͤckes den Dienſt verſag⸗ te. Dann fuhr er fort mit dem Ausdruck tie⸗ fer Trauer. Es iſt wahr, daß ich jetzt um ſo mehr, das Recht habe, beizufuͤgen, daß Keiner ſeine letzten Tage bedauernswuͤrdiger herumgehen ſehen kann, als ich. , — 53— Und gleich als haͤtte er im Gefuͤhle ſeines Ungluͤckes die Kraft es auszuſprechen, wieder ge⸗ funden, fuhr er mit feſter Stimme fort. Mitten unter dieſen Taͤuſchungen und blin⸗ den Hoffnungen erreichte ich mein zwanzigſtes Jahr. Es endete ſich im Monat Auguſt 1701, und mein Oheim hatte dieſen Zeitpunkt fuͤr mei⸗ ne Verbindung feſtgeſetzt. Sie begreifen leicht, daß der Gedanke eines ſo nahen Gluͤckes alle meine Kraͤfte verſchlang, und daß die Erinner⸗ ung, welche mir von den politiſchen Verhand⸗ lungen, durch welche damals ſchon ſeit zwei Jah⸗ ren die Kolonie erſchuͤttert wurde, geblieben, aͤu⸗ ßerſt unbedeutend ſeyn muß. Ich werde Sie daher weder von dem Grafen Peinier, noch Herrn von Blanchelande, noch dem Oberſt von Maudit unterhalten, deſſen Ende ſo tragiſch war. Ich will Ihnen nicht die Eiferſucht ſchildern, welche die Verſammlung der Provinzen des Nordens ſpal⸗ tete, eine Verſammlung, die ſich den Namen Allgemeine Verſammlung beilegte, da ſie das Wort kolonial zu ſehr an die Sklaverei erinnerte. Dieſe ungluͤcklichen Ereigniſſe, welche damals alles uͤber den Haufen geworfen, erregen jetzt kein Intereſſe mehr, als durch die Graͤuel, die ſie erzeugten. Was mich anbelangt, ſo muß⸗ te ich in dieſer Spannung zwiſchen dem Kap Frangois und Port au Pringe, wenn ich eine Mei⸗ nung haben durfte, begreiflich die Parthie des Kaps nehmen, auf deſſen Grund und Boden wir beguͤtert waren, und die Parthie der Provinzial⸗ Verſammlung, deren Mitglied mein Onkel war. Ein einzigesmal traf es ſich, daß ich etwas leb⸗ haft Theil an der Debatte uͤber die Angelegen⸗ heit des Tages nahm. Es war dieß bei Gele⸗ genheit des unheilbringenden Dekrets vom 15. Mai 1701, wodurch die Nazional⸗Verſamm⸗ lung von Frankreich die gefaͤrbten Menſchen fuͤr frei erklaͤrte, und ihnen gleiche Anſpruͤche auf die Rechte der Geſellſchaft, wie den Weißen, einraͤumte. Auf einem Balle, welchen der Gou⸗ verneur den Einwohnern des Kaps gab, ſpra⸗ chen einige junge Koloniſten mit Heftigkeit uͤber dieſes Geſetz, welches ſo grauſam die, vielle cht gegruͤndete Eigenliebe der Weißen verletzte. Ich hatte mich noch nicht ins Geſpraͤch gemiſcht, als ich einen reichen Pflanzer ſich der Gruppe naͤhern ſah, welchen die Weißen nicht gerne unter ſich litten, und deſſen zweideutige Farbe ſeinen Urſprung zweifelhaft ließ. Ich gieng raſch auf dieſen Mann zu, und rief ihm laut zu:„Gehen Sie fort, mein Herr; hier werden Dinge ver⸗ handelt, welche Ihnen, dem gemiſchtes Blut in den Adern fließt, nur unangenehm ſeyn koͤnnen.“ Dieſe Anſchuldigung erboßte ihn dermaßen, daß er mich forderte. Wir wurden beide verwun⸗ det. Ich hatte Unrecht, ich geſtehe es, ihn zu reitzen; indeſſen haͤtte auch das, was man Vor⸗ urtheil der Farbe nennt, nicht hingereicht, mich dazu zu bewegen; allein dieſer Menſch hatte ſeit einiger Zeit die Kuͤhnheit, ſeine Augen zu meiner Marie zu erheben, und hatte kurz zu⸗ vor, als ich ihn ſo unerwartet demuͤthigte, mit ihr getanzt. Wie dem nun war, ich ſah mit Ungeduld den Moment herannahen, wo ich Marien be⸗ ſitzen ſollte, und blieb kalt fuͤr das ſtets zuneh⸗ mende Aufbrauſen aller mich umgebenden Men⸗ ſchen. Die Augen auf mein bevorſtehendes Gluͤck gerichtet, gewahrte ich nicht die furchtbare Wol⸗ ee, welche ſchon beinahe alle Punkte unſeres po⸗ litiſchen Horizontes bedeckte, und die„wenn ſie losbrach, unſer aller Exiſtenz zu zernichten drohte. * 5 Nicht als haͤtten die, ſelbſt der Furcht zugaͤng⸗ lichſten Gemuͤther damals ernſtlich eine Empoͤ⸗ rung der Neger⸗Sklaven erwartet, denn man verachtete dieſe Menſchenklaſſe zu ſehr, um ſie zu fuͤrchten; allein es herrſchte ſchon zwiſchen den freien Mulatten Haß genug, um dieſen Vulkan, kam er zum Ausbruch, die ganze Ko⸗ lonie verſchlingen zu ſehen. In den erſten Tagen des von meinem Her⸗ zen ſo ſehnlich herbei gewuͤnſchten Monats Au⸗ guſt, trug ſich etwas zu, was meine ſchoͤnen Hoffnungen auf einmal beunruhigte. Mein Onkel hatte am Ufer eines ſchoͤnen Fluſſes, der ſeine Pflanzungen umſpuͤhlte, eine kleine Huͤtte von Laubwerk anlegen laſſen, um⸗ geben von dichten ſchattichten Baͤumen, wo Ma⸗ rie taͤglich jene erfriſchenden Meerwinde einzu⸗ athmen pflegte, welche waͤhrend der heißen Jah⸗ reszeit von Fruͤh bis Abends zu San Domingo wehen, und deren Kuͤhle mit der Hitze des Ta⸗ ges ſelbſt zu oder abnimmt. — 52— Ich war beſorgt, dieſen einſamen Platz ſelbſt alle Morgen mit den ſchoͤnſten Blumen, welche ich pfluͤcken konnte, zu ſchmuͤcken. Eines Tages ſtuͤrzte Marie erſchrocken auf mich zu. Sie war wie gewoͤhnlich in ihr gruͤ⸗ nes Kabinet gekommen, und hatte daſelbſt mit Ueberraſchung und Schrecken alle Blumen, wo⸗ mit ich es morgens ausgeſchmuͤckt, herausgeriſſen und zertreten gefunden; ein Strauß friſch ge⸗ pfluͤckter Todtenblumen war auf den Platz gelegt, wo ſie gewoͤhnlich ſaß. Sie war von ihrem Er⸗ ſtaunen noch nicht zuruͤckgekommen, als ſie die Toͤne einer Guitarre mitten aus dem Gebuͤſche ſelbſt, welches die Laube umgab, vernahm; hier⸗ auf hatte eine Stimme, die nicht die meine war, ganz leiſe ein Lied zu ſingen begonnen, das ihr ſpaniſch ſchien, und wovon ihre Unruhe und ohne Zweifel ihre jungfraͤuliche Scham ſie, außer ihrem oft wiederholten Namen, etwas zu verſtehen verhinderten. Sie nahm nun ihre Zu⸗ flucht zu einer eiligen Flucht, welcher gluͤcklicher weiſe kein Hinderniß in den Wed gelegt wurde. „ Dieſe Erzaͤhlung ſetzte mich außer mir vor Entruͤſtung und Eiferſucht. Mein erſter Ver⸗ dacht fiel auf den zweideutigen Pflanzer, mit dem ich kuͤrzlich den Streit gehabt hatte; allein in der Verwirrung, in der ich mich befand, beſchloß ich nicht auf halbem Wege ſtehen zu bleiben. Ich beruhigte die arme Marie, und nahm mir vor, ſie nicht aus den Augen zu verlieren, bis zu dem Augenblicke, wo es mir geſtattet ſeyn wuͤr⸗ de, ſie in groͤßerer Naͤhe zu beſchuͤtzen. Wohl ahnend, daß der Verwegene, deſſen Unverſchaͤmtheit Marien ſo ſehr entſetzt hatte, ſich nicht mit dieſem erſten Verſuche begnuͤgen wuͤr⸗ de, hielt ich mich, um ihm zu zeigen, wie ich ſeine Liebe anſah, noch denſelben Abend um das Haus, wo meine Braut wohnte, in Ver⸗ ſteck, nachdem Alle in der Pflanzung bereits ſchlafen gegangen waren. Verborgen unter hohen dichten Zuckerroͤhren, mit einem Dolche bewaff⸗ net, erwartete ich ihn. Ich wartete nicht ver⸗ gebens. Gegen Mitternacht wurde ploͤtzlich mei⸗ ne Aufmerkſamkeit durch ein melancholiſches ern⸗ ſtes Praͤludiren, welches ſich wenige Schritte von mir vernehmen ließ, aufgeregt. Dieſes Geraͤuſch — 39— brachte auf mich eine erſchuͤtternde Wirkung her⸗ vor; es war eine Guitarre unter den Fenſtern Mariens. Wuͤthend ſchwang ich meinen Dolch, und ſtuͤrzte mich auf den Ort zu, von dem die Toͤne herkamen, indem ich unter meinen Schrit⸗ ten die ſproͤden Stengel der Zuckerroͤhre zerſtampf⸗ te. Auf einmal fuͤhlte ich mich mit einer Kraft gefaßt und niedergeworfen, die mir uͤbernatuͤrlich ſchien; mein Dolch war mir mit Gewalt ent⸗ wunden, ich ſah ihn uͤber meinem Kopfe blin⸗ ken. Zu gleicher Zeit glaͤnzten im Schatten zwei gluͤhende Augen nahe uͤber den meinen, und ei⸗ ne doppelte Reihe weißer Zaͤhne, die ich in der Dunkelheit erblickte, oͤffnete ſich, um die im Ak⸗ zent der hoͤchſten Wuth ausgeſpochenen Worte her⸗ vorzuſtoßen: te tengo! te tengo! Mehr erſtaunt als erſchrocken, kaͤmpfte ich fruchtlos gegen meinen wehrhaften Gegner, und ſchon machte die Spitze des Stahls Platz durch meine Kleider, als Marie, welche das Geraͤuſch der Schritte und Worte aufmerkſam gemacht hat⸗ te, ploͤtzlich am Fenſter erſchien. Sie erkannte meine Stimme, ſah den Dolch glaͤnzen, unz ſtieß einen Schrei der Angſt und des Entſebers —— — z0— aus.— Dieſer durchdringende Schrei laͤhmte gleichſam die Hand meines ſiegreichen Widerſa⸗ chers; er hielt ein, wie verſteinert durch Wun⸗ der fuhr er mit dem Dolch noch einigemal ohne Beſtimmung auf meiner Bruſt herum, und warf ihn ploͤtzlich von ſich: Nein, ſagte er dieß⸗ mal auf franzoͤſiſch, nein, ſie wuͤrde zu viel wei⸗ nen!— Indem er dieſe ſonderbaren Worte aus⸗ ſtieß, verſchwand er durch das Gebuͤſch, und ehe ich mich noch, gelaͤhmt von dieſem ungleichen Kampfe, aufgerichtet hatte, war kein Geraͤuſch, keine Spur ſeiner Anweſenheit und ſeines Ab⸗ gangs mehr zu finden.. Es wuͤrde mir ſehr ſchwer fallen, zu be⸗ ſchreiben, was in mir vorging, als ich zuerſt von meiner Erſtarrung in den Armen meiner Marie, welcher ich ſo ſonderbar durch eben den erhalten war, der mir ſie ſtreitig machen zu wollen ſchien, wieder zu mir kam. Ich war mehr als je ge⸗ gen dieſen unbekannten Nebenbuhler aufgebracht, ich war beſchaͤmt, ihm das Leben zu verdanken. Im Grunde ſagte meine Eigenliebe, iſt es Ma⸗ nie, der ich es verdanke, denn es war die Ge⸗ nalt ihrer Stimme, welche den Dolch fallen “ 8 3 machte. Dagegen konnte ich. nicht in Abrede ſtellen, daß wohl einige Großmuth in dem Ge⸗ fuͤhl lag, das meinen unbekannten Nebenbuhler beſtimmte, meiner zu ſchonen. Allein dieſer Ne⸗ benbuhler, wer war er denn? ich erſchoͤpfte mich in Vermuthungen, wovon eine unwahrſcheinli⸗ cher war, als die andere. Es konnte nicht der Pflanzer von gemiſchtem Blute ſeyn, auf welchen meine Eiferſucht indeſſen zuerſt ge⸗ 4 rathen haͤtte. Er hatte bei weitem nicht dieſe Staͤrke, und uͤberdieß war es auch nicht ſeine Stimme. Der Menſch, mit dem ich gekaͤmpft hatte, ſchien mir nackend bis auf den Guͤrtel. Die Sklaven allein in den Kolonien gingen ſo halbnakt. Allein dieß konnte kein Sklave ſeyn. Geſinnungen wie diejenigen, welche ihm den Dolch von ſich zu ſchleudern vermocht, ſchienen mir kei⸗ nem Sklaven angehoͤren zu koͤnnen; und uͤber⸗ dieß ſtemmte ſich alles in mir gegen die empö⸗ rende Vermuthung, einen Sklaven zum Neben⸗ buhler zu haben. Wer war er denn? Ich be⸗ ſchloß, ihn zu erwarten und zu belauſchen. Marie weckte ihre alte Amme, die nach dem Tode ihrer ſchon in der Wiege verlornen — 42— Mutter ihre Stelle eingenommen hatte; ich brachte den Ueberreſt der Nacht mit ih⸗ nen zu, und ſobald der Tag angebrochen war, ſetzten wir meinen Onkel von dieſen unerklaͤrba⸗ ren Ereigniſſen in Kenntniß. Sein Erſtaunen war außerordentlich; allein ſein Stolz verſchmaͤhte gleich dem meinen den Gedanken, daß der un⸗ bekannte Anbeter ſeiner Tochter ein Sklave ſeyn koͤnnte. Die Amme erhielt Befehl, Marien nicht mehr zu verlaſſen, und da die Sitzungen der Provinzial⸗Verſammlung, die Sorge, welche die ſtets drohender werdende Stellung der Kolo⸗ nie den Haupt⸗Pflanzern gab, und die Arbeiten der Pflanzungen ſelbſt, meinem Onkel keine Mu⸗ ſe ließ, ſo beauftragte er mich, ſeine Tochter auf allen ihren Spatziergaͤngen bis zum Tage unſe⸗ rer Hochzeit, welche auf den 22ten Auguſt feſt⸗ geſetzt war, zu begleiten. Zur ſelben Zeit befahl er, daß die Graͤnzen ſeiner Beſitzungen ſtrenger wie je, bei Tag und bei Nacht, bewacht werden ſollten, da er annahm, daß der neue Liebhaber nur von außen habe hereindringen können. Nachdem dieſe Vorſichtsmaßregeln getrof⸗ fen, machte ich mit Uebereinſtimmumg meines — — 435— Onkels einen Verſuch. Ich ging in die Laube am Fluſſe, und indem ich die Unordnung des vorigen Tages wieder herſtellte, ſchmuͤckte ich ſie mit Blumen wie fruͤher fuͤr Marien aus. Als die Stunde, wo ſie ſich gewoͤhnlich dahin begab, herbeigekommen, waffnete ich mich mit meinem geladenen Gewehr, und machte mei⸗ ner Couſine den Vorſchlag, ſie dahin zu beglei⸗ ten. Die alte Amme folgte uns. Marie, der ich nichts geſagt, daß ich die Spuren der Zerſtoͤrung, die ſie geſtern ſo ſehr erſchreckt, hatte verſchwinden machen, trat zuerſt in die Laube.— Sieh, Leopold, ſagte ſie zu mir, meine Laube iſt noch in demſelben unor⸗ dentlichen Zuſtande, wie ich ſie geſtern gefunden; da iſt deine Arbeit recht verdorben, deine Blu⸗ men ausgeriſſen, verwelkt; was mich erſtaunet, fuͤgte ſie hinzu, indem ſie einen Strauß von wilden Todtenblumen von der Raſenbank aufnahm, iſt, daß dieſes garſtige Bouauet ſeit geſtern nicht verwelkte. Sieh, lieber Freund, es ſcheint eben erſt gepfluͤkt.— Ich war unbeweglich vor Er⸗ ſtaunen und Zorn. Wirklich war mein Werk 82. A — von dieſem Morgen ſchon wieder zerſtoͤrt, und dieſe traurigen Blumen, deren Friſche meine Marie in Verwunderung ſetzte, haben frech den Platz der Roſen, die ich gepflanzt, eingenom⸗ men.— Beſaͤnftige dich, ſagte Marie, welche meine Bewegung ſah, beſaͤnftige dich, es iſt voruͤber, der Unverſchaͤmte wird wohl ohne Zwei⸗ fel niemals hierher zuruͤckkehren; treten wir das verhaßte Bouquet mit Fuͤßen. Ich huͤtete mich wohl aus Furcht, ſie zu erſchrecken, ihr dieſen Irrthum zu nehmen, und ließ ſie, ohne ihr zu ſagen, daß derjenige, welcher ihrer Meinung nach nie mehr zuruͤckkommen ſollte, bereits ſchon zu⸗ ruͤckgekommen war, voll unſchuldigen Unwillens die Todtenblumen mit Füͤßen treten. Als ich aber glaubte, daß der Augenblick, meinen ge⸗ heimnißvollen Nebenbuhler kennen zu lernen, ge⸗ kommen waͤre, ließ ich ſie ſtille zwiſchen mir und der Amme niederſetzen. 8 Kaum hatten wir Platz genommen, als Ma⸗ rie mir den Finger auf den Mund legte; einige Toͤne, durch den Wind und das Rauſchen des Waſſers geſchwaͤcht, hatten ihr Ohr erreicht. Ich horchte; es war daſſelbe traurige und langſame Praͤludiren, welches in der verfloſſenen Nacht meine Wuth erweckt hatte. Ich wollte von mei⸗ nem Sitze aufſpringen, ein Wink Mariens hielt mich zuruͤck. Leopold, ſagte ſie mir leiſe, maͤßi⸗ ge dich, er ſingt vielleicht, und zweifelsohne wird das, was er ſingt, uns ſagen, was er iſt. Wirklich ließ ſich einen Augenblick darauf eine Stimme aus dem Gehoͤlze hoͤren, deren Ton zugleich kraͤftig und klagend klang; ſie ſang zu der ernſten Begleitung der Guitarre eine ſpaniſche Romanze, wovon jedes Wort laut genug in meinen Ohren wiedertoͤnt, um noch jetzt beinahe alle Ausdruͤcke davon in meinem Gedaͤchtniſſe wieder zu finden. „Warum fliehſt Du mich, Marie*)? wa⸗ rum fliehſt du mich, junges Maͤdchen? woher dieſer Schrecken, der deine Seele erſtarrt, wenn du mich hoͤrſt? Ich bin wahrlich ſehr furchtbar! ich kann lieben, leiden und ſingen.“— *) Man hat es üuͤberfluͤſſig gefunden, die Worte ddes ſpaniſchen Geſanges ganz herzuſetzen: Por- que me huyes, Maria? etc. — 40—— „Wenn ich deine leichte herrliche Geſtalt zwiſchen den hohen Staͤmmen der Cocosbaͤume dahin ſchweben ſehe; ſo fuͤhle ich mein Geſicht geblendet, und es daͤucht mir, einen Geiſt zu ſehen.“ „Und hoͤre ich die bezaubernden Toͤne, wel⸗ che deinen Lippen entquellen, o Maria! ſo ſcheint mir das Herz in den Ohren zu beben, und ver⸗ miſcht ſeinen Gram mit deiner harmoniſchen 1 Stimme.“ „Ach! deine Stimme iſt ſuͤßer fuͤr mich, als der Geſang der jungen Voͤgel, die den Himmel mit ihren Fluͤgeln ſchlagen, und die von mei⸗ nem Vaterlande herkommen.“ „Von meinem Vaterlande, wo ich Koͤnig war! Von meinem Vaterlande, wo ich frei war.“ „Frei und Koͤnig, junges Maͤdchen! allein das vergaͤße ich um Dich; ich vergaͤße alles, Kd-⸗- nigreich, Familie, Pflicht, Rache!— Ja ſelbſt die Rache! obſchon der Augenblick nun gekommen, — à42— die bittere und köͤſtliche Frucht, welche ſo ſpaͤt reift, endlich zu pfluͤcken“⁰. Die Stimme hatte die vorſtehenden Stan⸗ zen mit oͤfteren Pauſen geſungen, allein indem ſie die letzten Worte ausſtieß, nahm ſie einen fuͤrchterlichen Ton an. „O Maria, du gleichſt der ſchoͤnen Palme, ſchlank und ſanft auf ihrem Stamme ſich wie⸗ gend; du ſiehſt dich im Auge deines jungen Ge⸗ liebten, wie die Palme im reinen Waſſer der Quelle.“ „Allein, weißt Du es nicht? Es entſteht zuweilen tief in der Wuͤſte ein Orkan, eiferſuͤch⸗ tig auf das Gluͤck der geliebten Quelle; er eilt herbei, und die Luft und der Staub miſchen ſich mit dem Flug ſeiner ſchwerfaͤlligen Fluͤgel; er umgibt Baͤume und Quelle mit einem Wir⸗ bel von Feuer; und die Quelle trocknet aus, und die Palme fuͤhlt unter dem Hauch des Todes ddeen gruͤnen Kreis ihrer Blaͤtter ſich zuſammen⸗ ziehen, welches die Majeſtaͤt einer Krone und den Liebreiz deines Haupthaares hatte. * 2 5 — 48— „Zittre, weiße Tochter Hiſpaniolas*) Zitt⸗ re, denn bald wird alles um Dich nichts als ein Orkan und eine Wuͤſte ſeyn! dann wirſt Du beweinen, daß die Liebe Dich nicht zu mir gefuͤhrt hat, wie der muntere Kata, der Gluͤcks⸗ Vogel, den Reiſenden mitten durch Afrikas Sand⸗ ſteppen zu der Ciſterne fuͤhrt.“ „Und weßhalb wollteſt Du deine Liebe von mir ſtoßen, Maria? Ich bin Koͤnig, und meine Stirne erhebt ſich uͤber die Stirne aller Sterb⸗ lichen. Du biſt weiß und ich bin ſchwarz; al⸗ lein der Tag bedarf der Nacht, um die Morgen⸗ und Abendroͤthe zu erzeugen, welche beide ſchoͤ⸗ ner, als er ſelbſt, ſind!“ Ein langer Seufzer, der auf den ſchweben⸗ den Saiten der Guitarre nachklang, begleitete dieſe letzten Worte. Ich war außer mir! Koͤnig! *) Unſere Leſer wiſſen ohne Zweifel, daß das die erſte Benennung fuͤr San Domingo war, wel⸗ che ihr Chriſtoph Columbus zur Zeit ſeiner 4 Entdeckung im Jahr 1429. gab. 7 Neger!— Sklave!— Tauſend unzuſammen⸗ haͤngende Ideen, erweckt durch den ſo eben ge⸗ hoͤrten unbegreiflichen Geſang, durchzuckten mein Gehirn. Ein heftiger Drang bemaͤchtigte ſich meiner, mit dieſem unbekannten Weſen, das den Namen Mariens in ſeine Lieder der Liebe und Drohungen zu verflechten wagte, zu Ende zu kommen. Ich ergriff krampfhaft meine Flinte und ſtuͤrzte zur Laube hinaus. Marie ſtreckte voll Entſetzen die Arme nach mir aus, um mich zuruͤckzuhalten, als ich bereits in die Gegend des Gebuͤſches gedrungen war, woher die Stimme gekommen. Ich durchſuchte das Gehoͤlz in jeder Richtung; ich ſenkte die Muͤndung meines Ge⸗ wehres in die dichteſten Geſtraͤuche; ich umkreis⸗ te alle großen Staͤmme; ich ſchuͤttelte alle hohen Stauden. Umſonſt, und immer umſonſt, es war nichts zu finden. Dieſes unnüuͤtze Nachforſchen, verbunden mit den ebenſo unnüuͤtzen Betrachtun⸗ gen uͤber die geſungene Romanze, brachte nur zu meinem Zorne noch Verwirrung. Dieſer un⸗ verſchaͤmte Nebenbuhler ſollte denn immer meinem Arme wie meinem Faſſungs⸗Vermoͤgen entſchlup⸗ 2 fen. Ich ſollte denn niemals weder ihn errathen, noch begegnen!— In dieſem Augenblicke weckte 4 mich das Geraͤuſch von Schellen aus meinen Traͤumen. Ich wendete mich um. Der Zwerg Abibra ſtund neben mir.— Guten Tag, Herr! ſagte er, und verbeugte ſich ehrfurchtsvoll; al⸗ lein ſein ſchielender, ſchief auf mich gerichteter Blicck ſchien mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck von Bosheit und Triumph, die auf meiner Stir⸗ ne gemalte Bangigkeit zu leſen. Rede, ſchrie ich ihm heftig zu! Haſt du jemanden in dieſem Holz geſehen?— Keinen andern, als Sie, Sennor mio, erwiederte er ganz ruhig. Haſt du keine Stimme gehoͤrt? fuhr ich ihn wieder an. Der Sklave hielt einen Augenblick inne, wie wenn er ſuchte, was er antworten ſolle. Ich war wuͤthend. Geſchwind, rief ich, antworte geſchwind, Ungluͤcklicher! Haſt du hier eine Stim⸗ me gehoͤrt? Er richtete keck auf meinen Blick ſeine zwei runden Augen, die denen einer Tiger⸗ Katze aͤhnelten:— que quiere decir Usted*) mit einer Stimme, Herr! Stimmen gibts uͤber⸗ all und fuͤr jedermann; es gibt eine Stimme der Voͤgel, eine Stimme des Waſſers, eine *) Was wollen ſie ſagen? * 5 Stimme des Windes in den Blaͤttern— ich unterbrach ihn, indem ich ihn ſchuͤttelte. Elen⸗ der Spaßmacher, halte mich nicht fuͤr dein Spiel⸗ zeug, ſonſt will ich dir in der Naͤhe eine Stim⸗ me hoͤren laſſen, die aus dem Laufe meines Ge⸗ wehres kommt. Antworte mit vier Worten: Haſt du in dieſem Gehoͤlz einen Mann ein ſpaniſches Lied ſingen hoͤren? Ja, Senor, ent⸗ gegnete er mir, ohne im geringſten bewegt zu ſeyn, und zwar Worte uͤber die Luft. Sehen Sie Herr, ich werde Ihnen das Ding erzaͤhlen. Ich ging am Rande dieſes Bosketes ſpatzieren, und hoͤrte was die ſilbernen Gloͤckchen meiner Gorra*) mir ins Ohr ſagten. Ploͤtzlich fuͤhrte mir der Wind einige Worte einer Sprache zu, die ihr ſpaniſch nennt, die erſte, die ich gelallt, als mein Alter ſich nach Monaten und nicht nach Jahren zaͤhlte, und als meine Mutter mich auf ihrem Ruͤcken mit Baͤndern von roth und gelber Wolle feſtband. Ich liebe dieſe Sprache; ſie er⸗ innert mich an die Zeit, wo ich noch kein Zwerg, ſondern nur klein war, ein Kind und noch kein *) Der kleine ſpaniſche Griffe bezeichnet hiemit ſei⸗ ne Kappe. 4* — 52— Narr; ich habe mich der Stimme genaͤhert, und das Ende des Geſanges gehoͤrt.— Nun, iſt das alles? fragte ich wieder mit Ungeduld. Ja, Meiſter Hermoſo*); aber, wenn Sie ver⸗ langen, will ich Ihnen ſagen, wer der Saͤnger war. Ich haͤtte beinahe den armen Narren um⸗ armt— ach, rede, ſchrie ich, rede, hier meine Boͤrſe, Abibra! und zehn vollere Boͤrſen ſind dein, wenn du mir ſagſt, wer der Menſch iſt. Er nahm die Boͤrſe, oͤffnete ſie, und lachte.— diez bolsas**) wie dieſe? aber demonio! das machte juſt eine volle fanega guter Thaler mit dem Bild des rey Luis quince, ſoviel als noͤthig geweſen waͤre, um das Feld des Zau⸗ berers Grenadin Altornino zu beſaͤen, der die Kunſt verſtand, buenos doblones daſelbſt wach⸗ ſen zu machen; allein werden Sie nicht boͤſe, mein junger Gebieter, ich komme zur Sache. Erinnern Sie ſich, Senor, die letzten Worte des Geſanges:„Du biſt weiß und ich bin ſchwarzz aber der Tag muß ſich mit der Nacht vereinen, *) Schoͤn. **) Zehn Boͤrfen. — 55— um die Morgen⸗ und Abendroͤthe zu erzeugen, die beide ſchoͤner ſind, als er.“ Folglich, wenn dieſes Lied nicht luͤgt, ſo iſt Abibra der Griffe, Euer demuͤthiger Sklave, erzeugt von einer Schwarzen und einem Weißen, ſchoͤner als Ihr, Sennorito de amor. Ich bin das Erzeugniß der Vereinigung von Tag und Nacht, ich bin die Morgen⸗ oder Abendroͤthe, wovon das ſpa⸗ niſche Lied handelt, und Ihr ſeyd nur der Tag. Ich bin daher ſchoͤner, als Ihr, si Usted quie- re*), ſchoͤner als ein Weißer. Der Zwerg vermiſchte dieſes tolle Ge⸗ ſchwaͤz mit langem anhaltenden Gelaͤchter. Ich unterbrach ihn. Wo willſt Du denn noch hin mit Deinen Ungereimtheiten? werde ich aus allem dem endlich erfahren, wer der Mann war ſo im Buſche ſang? Ganz ſicher, Meiſter, er⸗ widerte der Zwerg mit einem boshaften Blicke. Es iſt außer Zweifel, daß el hombre**), der ſolche Ungereimtheiten ſingen konnte, wie Ihr ſie nennt, nichts anders ſeyn kann, und nichts *) Wenn es Ihnen gefäͤllig. *) Der Mann. — anders iſt, als ein Narr gleich mir. Ich habe las diez bolsas gewonnen!— Ich erhob die Hand, um die Unverſchaͤmtheit des frechen Skla⸗ ven zu zuͤchtigen, als ploͤtzlich ein furchtbarer Schrei von der Laube am Fluſſe her wiederhall⸗ te. Es war Mariens Stimme. Ich raffte mich zuſammen, ich eile, ich fliege, indem ich mit Schrecken das neue Ungluͤck, das mir bevor⸗ ſtand, ahnte. Athemlos erreiche ich Laube. Ein entſetzliches Schauſpiel erwartet mich. Ein un⸗ geheures Krokodil, deſſen Koͤrper zur Haͤlfte un⸗ ter dem Schilf des Fluſſes verſteckt war, hatte ſeinen Rieſenkopf zwiſchen den gruͤnen Arkaden hervorgeſtreckt, welche das Dach des Pavillons trugen. Sein aufgeſperrter ſcheußlicher Rachen bedrohte einen jungen Neger von koloſſaler Fi⸗ gur, der mit einem Arm das erſchrockene Maͤd⸗ chen umſchlang, waͤhrend der andere kuͤhn das Eiſen eines Spießes zwiſchen die ſcharfen Kinn⸗ laden des Ungeheures ſtieß. Das Krokodil kaͤmpf⸗ te wuͤthend gegen dieſe verwegene und kraͤftige Hand, welche es im Zaum hielt. Im Augen⸗ blick, wo ich auf der Schwelle der Huͤtte er⸗ ſchien, ſtieß Maria ein Freudengeſchrey aus, riß ſich aus dem Arme des Negers, und ſiel in die 3 — 55— meinen, indem ſie ausrief: ich bin gerettet!— Bei dieſer Bewegung, bei dieſer Rede Mariens, wendet ſich der Schwarze raſch, beugt ſeine Ar⸗ me auf der geſchwellten Bruſt, und bleibt, in⸗ dem er den ſchmerzerfuͤllten Blick auf meine Braut heftet, unbeweglich, ohne zu bemerken, daß das Krokodil da iſt, bei ihm, daß es ſich von dem Speere losgemacht, und ihn zu ver⸗ ſchlingen kommt. Es war um den muthigen Schwarzen gethan, haͤtte ich nicht, indem ich Marien raſch ihrer Amme, die mehr todt ats lebendig immer noch auf der Bank ſaß, in den Schooß warf, mich auf das Ungethuͤm geſtuͤrzt, und ihm die Muͤndung meines Gewehres in den Rachen ſetzend, die ganze Ladung in den Leib gejagt. Das Thier war zerſchmettert; es oͤff⸗ nete und ſchloß noch zwei oder dreimal ſeinen blutigen Rachen und ſeine verloͤſchenden Augen, und ſchlug dann mit großem Geraͤuſch auf den Nuͤcken um, indem es ſeine zwey breiten ſchup⸗ pigen Tatzen im Kreiſe ſchlug: es war todt. Der Neger, den ich ſo gluͤcklich gerettet hatte, wen⸗ dete den Kopf, und ſah die letzten Zuckungen des Ungeheuers; dann ſenkte er die Augen zu Bo⸗ den, und ſagte zu mir, indem er ſie langſam .— 56— wieder zu Marien, die ſich an meinem Herzen vollends zu erholen ſuchte, aufſchlug, mit einem Ton der Stimme, die mehr als Verzweiflung ausdruͤckte: Porque le has matado**)? Ohne meine Antwort abzuwarten, ging er mit grvßen Schritten von dannen, und verſchwand im Ge⸗ buͤſche. Dieſer fuͤrchterliche Auftritt, dieſe beſondere Entwicklung, die Bewegungen jeder Art, wel⸗ che meinen fruchtloſen Nachforſchungen im Ge⸗ hoͤlze vorgegangen, ſie begleitet und verfolgt hat⸗ ten, vermehrten die Zerruͤttung meines Innern. Marie war noch ganz mit ihrem Schrecken be⸗ ſchaͤftigt, und es verfloß geraume Zeit, bevor wir uns unſere unzuſammenhaͤngenden Gedanken anders, als durch Blicke und Haͤndedruck mit⸗ theilen konnten. Endlich brach ich das Still⸗ ſchweigen. Komm, ſagte ich, Marie, entfernen wir uns von hier. Dieſer Ort hat etwas ver⸗ haͤngnißvolles! Sie erhob ſich mit Eile, wie wenn ſie nur einen Wink von mir dazu erwartet haͤtte; *) Warum haſt du es getoͤdtet? — 57— 4 ſie ſtutze ihren Arm auf meinen, und wir gingen. Ich fragte ſie nunmehr, wie dieſe wunder⸗ volle Huͤlfe des Schwarzen ihr juſt im Augen⸗ blicke ſo dringender Gefahr, in der ſie ſich be⸗ befand, zugekommen, und ob ſie den Sklaven kenne; denn der grobe Zwilch, der ſeine Nakt⸗ heit kaum bedeckte, zeigte hinlaͤnglich, daß er zu der letzten Klaſſe der Bewohner der Inſel gehoͤre. Dieſer Menſch, erwiederte mir Marie, iſt ohne Zweifel einer der Neger meines Vaters, der eben in der Naͤhe des Fluſſes in dem Au⸗ genblicke gearbeitet, als die Erſcheinung des Kro⸗ kodils mich den Schrei ausſtoßen machte, der dich von meiner Gefahr unterrichtete. Alles was ich dir ſagen kann, iſt, daß er im Moment ſelbſt aus dem Gebuͤſch hervorgeſtuͤrzt, um mir zu Huͤlfe zu eilen. Von welcher Seite kam er? fragte ich weiter. Von der entgegengeſetzten Sei⸗ te, wo einen Augenblick fruͤher die Stimme her⸗ gekommen, und wohin Du eben ins Gehoͤlz vorgedrungen warſt. Dieſe Bezeichnung zerſtoͤrte die Zuſammenſtellung, welche ich mich nicht hatte enthalten koͤnnen, aus den ſpaniſchen Worten zu folgern, die mir der Schwarze im Scheiden zu⸗ gerufen, aus denen die von meinem unbekann⸗ ten Nebenbuhler geſungene Romanze beſtand. Andere Vermuthungen hatten ſich mir uͤbrigens aufgedrungen. Dieſer Neger, mit ſeiner Rieſen⸗ figur, ſeiner bewundernswuͤrdigen Faaft, koͤnn⸗ te wohl der rauhe Gegner ſeyn, mit dem ich vergangene Nacht gekaͤmpft hatte. Der Umſtand der Nacktheit wurde auch ein treffendes Kenn⸗ zeichen. Der Saͤnger im Gebuͤſch hatte geſagt: ich bin ſchwarz.— Aehnlichkeit mehr. Er hatte. ſich Koͤnig genannt, und dieſer war nur Sklave; gallein ich erinnerte mich, nicht ohne Erſtaunen, die auf ſeinem Geſichte abgedruͤckten Zuͤge von Hoheit und Wuͤrde, welche unter den charakteri⸗ ſtiſchen Zuͤgen der Afrikaniſchen Race hervorſta⸗ chen. Der Glanz ſeiner Augen, die Weiße ſei⸗ ner Zaͤhne nebſt dem glaͤnzenden Schwarz ſeiner Haut, die Breite ſeiner Stirne, die ſelten bey einem Neger getroffen wird, das veraͤchtliche Auf⸗ ſchwellen, welches ſeinen dicken Lippen und Na⸗ ſenloͤchern etwas ſtolzes und imponirendes gab, der Adel ſeiner Haltung, die Schoͤnheit ſeiner — 59— Formen, die, obſchon abgemagert und herunter⸗ gekommen durch die Anſtrengung taͤglicher Ar⸗ beit, doch noch ein wahrhaft herkuliſches Mus⸗ kelſpiel zeigten, fielen mir jetzt doppelt auf. Ich ſtellte mir nun den impoſanten Anſtand dieſes Sklaven vor Augen, und geſtand mir, daß es ſchon einem Koͤnig zukommen koͤnnte. Dann, wenn ich eine Menge anderer Anzeigen zuſam⸗ menſtellte, blieben meine Verdachtsgruͤnde voll Wuth bei dieſem unverſchaͤmten Neger ſtehen, ich beſchloß ihn aufſuchen und beſtrafen zu laſ⸗ ſen.— Bald aber kehrte meine ganze Unent⸗ ſchloſſenheit zuruck. Und wo war denn eigentlich der Grund zu ſolchem Verdacht? Da die Inſel San Domingo großentheils Spanien angehoͤr⸗ te, ſo war es doch ganz natuͤrlich, daß viele Ne⸗ ger, ſey es, daß ſie urſpruͤnglich Koloniſten von San Domingo angehoͤrten, oder daß ſie da gebo⸗ ren waren, die ſpaniſche Sprache mit ihrer Mut⸗ terſprache verbanden. Und weil dieſer Sklave nun einige ſpaniſche Worte geſagt, muß er deßs halb gleich Verfaſſer einer Romanze in dieſer Sprache ſeyn, welches allerdings eine Stufe von Geiſtes⸗Cultur vorausſetzte, die nach meinen Be⸗ griffen den Schwarzen gaͤnzlich fremd war. Was — 60— aber den ſonderbaren Vorwurf betrifft, den er mir machte, das Krokodil getoͤdtet zu haben, ſo bezeichnete dieſes bloß ſeinen Lebens⸗Ueberdruß, welches ſeine Stellung als Sklave von ſelbſt er⸗ klaͤrt, ohne daß man zu der Hypotheſe einer un⸗ gluͤcklichen Liebe zu der Tochter ſeines Herrn die Zuflucht zu nehmen nothwendig haͤtte. Sei⸗ ne Gegenwart in der Naͤhe der Laube konn⸗ te hoͤchſt zufaͤllig ſeynz ſeine Kraft und Na⸗ tur konnten bei weitem nicht hinreichen, um feine Identitaͤt mit meinem naͤchtlichen Antago⸗ niſten herzuſtellen. Durfte ich auf ſo ſchwache Anzeigen eine furchtbare Anklage vor meinem Oheim ſtüͤtzen, wodurch ich einen armen Skla⸗ ven, der ſo vielen Muth fuͤr Mariens Rettung bewieſen, der unverſoͤhnlichen Rache deſſelben Preis gegeben haben wuͤrde?— Im Augenblicke, wo dieſe Reflexionen ſich meinem Zorne entgegen⸗ ſtellten, verſcheuchte ihn Marie noch gaͤnzlich, indem ſie mir mit ihrer ſußen Stimme ſagte: mein Leopold, wir ſind dieſem armen Neger Er⸗ kenntlichkeit ſchuldig, ohne ihn war ich verlo⸗ ren!— Du waͤrſt zu ſpaͤt gekommen. Dieſe wenigen Worte hatten eine entſchei⸗ dende Wirkung. Sie aͤnderten zwar nicht — 6061— meinen Entſchluß, den Sklaven, der Marien ge⸗ rettet, aufſuchen zu laſſen, allein ſie geben die⸗ ſer Nachforſchung einen edlern Zweck. Sie ſollte anfangs fuͤr ſeine Strafe ſeyn; jetzt ward ſie es fuͤr ſeine Belohnung. Mein Oheim erfuhr durch mich, daß er das Leben ſeiner Tochter einem ſeiner Sklaven verdanke, und verſprach mir ſeine Freiheit, wenn ich ihn unter der Menge dieſer Ungluͤcklichen her⸗ ausfinden koͤnnte. Die Beſchaffenheit meines Gemuͤths hatte mich bisher von den Pflanzungen, wo die Schwar⸗ zen arbeiteten, ferne gehalten. Es war mir zu ſchmerzlich, Geſchoͤpfe leiden zu ſehen, denen ich nicht helfen konnte. Als aber mein Oheim mir vorſchlug, ihn am andern Tage auf ſeiner Sicherheits⸗Runde zu begleiten, nahm ich es an, in der Hoffnung, unter den Arbeitern Ma⸗ riens Erretter zu finden⸗ Bei dieſem Spatziergänge hatte ich Gele⸗ genheit zu bemerken, welche Macht der Blick des Heern auf die Sklaven ausuͤbt, allein zugleich, —(2— wie theuer man dieſe Macht erkauft! Die Neger, welche beim Anblick meines Oheims zitterten, ver⸗ doppelten, waͤhrend er voruͤberging, ihre Anſtren⸗ gung und Thaͤtigkeit; allein welcher Haß lag in dieſer Anſtrengung! An Zornausbruͤche gewoͤhnt, war mein Oheim bereits auf dem Punkte ſich zu aͤrgern, daß er keinen Stoff dazu fand, als ſein Narr Abibra, der ihm uͤberall hin folgte, ihn ploͤtzlich auf einen Neger aufmerkſam mach⸗ te, der, erſchoͤpft von Anſtrengung, unter einer Dattelſtaude, eingeſchlummert war. Mein Oheim laͤuft auf dieſen Ungluͤcklichen zu, ruͤttelt ihn unſanft auf, und befiehlt ihm, wieder an die Arbeit zu gehen. Der Neger ſteht erſchro⸗ cken auf, und nun gewahrte man, daß er ſich aus Verſehen auf einen jungen bengali⸗ ſchen Roſenbuſch gelegt, den mein Onkel ſelbſt ſehr ſorgſam pflegte. Der Strauch war verdor⸗ ben. Der Herr, ſchon erzuͤrnt uͤber die Faul⸗ heit des Sklaven, wie er ſie nannte, wurde wuͤ⸗ thend bei dieſem Anblicke. Außer ſich vor Zorn, reißt er die mit eiſenbeſchlagenen Riemen ver⸗ ſehene Peitſche, die er ſtets auf ſeinen Viſita⸗ tionen bei ſich trug, aus dem Guͤrtel, und hebt den Arm, um damit einen Streich auf den 1 — 63— vor ihm auf die Kniee gefallenen Neger zu fuͤh⸗ ren. Die Peitſche kam nicht herunter. Ich werde dieſen Augenblick nie vergeſſen. Eine ſtaͤrkere Hand hielt ploͤtziich die des Pflanzers auf. Ein Schwarzer,(es war eben der, den ich ſuchte) rief ihm auf franzoͤſiſch zu: ſtrafe mich, denn ich habe dich beleidigt; aber ſchone meines Bruders, der nur deine Roſen verletzt hat! Dieſe unerwartete Dazwiſchenkunft desje⸗ nigen, dem ich die Rettung meiner Marie zu verdanken, ſeine Mienen, ſein Blick, der be⸗ fehlende Ton ſeiner Stimme, alles dieß machte einen tiefen Eindruck auf mich. Allein ſeine großmuͤthige Unbeſonnenheit, welche meinen On⸗ kel haͤtte ſollen erroͤthen machen, diente nur da⸗ zu, ſeine Wuth zu ſteigern, und lenkte ſie nur von dem leidenden Theile auf den Vertheidiger ſelbſt. Mein Onkel machte ſich, doppelt erbit⸗ tert, von dem Arme des großen Negers los, und erhob von neuem ſeine Peitſche, um nunmehr ihn damit zu hauen. Dießmal aber wurde ſie ihm aus der Hand geriſſen. Der Schwarze zerbrach die mit Naͤgeln beſchlagene Handhebe, wie man einen Strohhalm knickt, und trat die⸗ ſes ſchmachvolle Werkzeug der Tirannen mit Fuͤßen. — 6— Ich war unbeweglich vor Uberraſchung, mein Onkel vor Wuth; es war unerhoͤrt fuͤr ihn, ſein Anſehen auf ſolche Art verletzt zu ſehen. Seine Augen rollten, wie wenn ſie jeden Augenblick aus ihren Hoͤhlen ſpringen wollten, ſeine blauen Lippen zuckten. Der Sklave betrachtete ihn ei⸗ nen Augenblick mit Ruhe, dann, indem er ihm ploͤtzlich mit Wuͤrde ein Beil darbot, ſagte er ihm: Weißer, wenn du mich treffen willſt, ſo nimm wenigſtens dieſe Axt! Mein Oheim, der ſich nicht mehr kannte, haͤtte gewiß ſeine Bitte gewaͤhrt, und ſtuͤrzte ſich ſchon auf die Hacke, als ich meinerſeits nun da⸗ zwiſchen trat. Ich bemaͤchtigte mich leicht des Beils, und warf es in eine benachbarte Pfuͤtze. Was machſt dus? fragte mein Onkel heftig. Ich rette Sie von dem Ungluͤck, den Beſchuͤ⸗ ber Ihrer Tochter zu erſchlagen, antwortete ich. Dieſem Sklaven verdanken Sie Marien: dieß iſt der Neger, deſſen Freiheit Sie mir verſpro⸗ chen. Der Augenblick war uͤbel gewaͤhlt, um dieſes Verſprechen anzurufen. Meine Worte becühnen kaum das tief verwundete Gemuͤth meines Oheims. Seine Freiheit, entgegnete er mir mit finſterem Geſichte. Ja, er hat das Ende ſeiner Sklaverey verdient. Seine Freiheit! wir wollen ſehen, von welcher Gattung dieje⸗ nige ſeyn wird, welche ihm die Richter des Kriegsgerichtes zuſprechen werden. Dieſe dro⸗ henden Worte entſetzten mich; Marie und ich baten ihn fruchtlos. Der Neger, welcher die⸗ ſen Auftritt veranlaßt hatte, erhielt die Ba⸗ ſtonade, und ſein Vertheidiger wurde in die Gefaͤngniſſe des Forts Galifat geworfen, und als ſchuldig, Hand an einen Weißen ge⸗ legt zu haben, prozeſſirt. Vergreifen des Skla⸗ ven an ſeinen Herren war ein Kapital⸗Ver⸗ brechen. Sie denken ſich, meine Herren, wie hoch alle dieſe Ereigniſſe mein Intereſſe und meine Er⸗ wartung ſteigern mußten. Ich zog Nachrichten in Betreff des Gefangenen ein. Man entdeckte mir beſoöndere Umſtaͤnde. Ich erfuhr, daß ſeine Gefaͤhrten den tiefſten Reſpekt fuͤr dieſen jungen Neger zu haben ſchienen, und daß, obgleich Seklave wie ſie, es nur eines Winkes bedurfte, um ſie zum Gehorſam zuruͤckzubringen. Er 5 war nicht in den Huͤtten geboren, man kannte von ihm weder Vater noch Mutter: ja man ſag⸗ te, daß erſt vor wenig Jahren ein Neger⸗Schiff ihn zu San Domingo abgeladen habe. Dieſer uUmſtand machte die Herrſchaft, welche er uͤber alle ſeine Gefaͤhrten, ſelbſt die ſchwarzen Kreo⸗ len, ausuͤbte, noch bemerkenswerther, da, wie » Sie ohne Zweifel wiſſen, meine Herren, dieſe letztern gewoͤhnlich die tiefſte Verachtung gegen alle Congo Neger ausuͤben; ein Ausdruck, der uneigentlich und zu unbeſtimmt iſt, und durch welchen man in der Kolonie alle aus Afrika bei⸗ gebrachten Sklaven begriff. Obſchon er von einer tiefen Melancholie ver⸗ zehrt ſchien, ſo machte ihn doch ſeine außeror⸗ dentliche Kraft, verbunden mit einer bewunde⸗ rungswuͤrdigen Geſchicklichkeit, unſchäͤtzbar fuͤr den Anbau der Pflanzungen. Er drehte flink und laͤnger, als das beſte Pferd es aushalten konnte, die Raͤder der Norias. So geſchah es oft, daß er in einem Tage die Arbeit von zehn ſeiner Kameraden verrichtete, um ſie den Strafen zu entziehen, welche auf Nachlaßigkeit oder Erſchoͤpfung geſetzt waren. Deshalt war er 1 „ — 62— von den Sklaven angebetet; allein die Vereh⸗ rung, welche ſie fuͤr ihn empfanden, ſchien auch einen verſteckten Grund zu haben, und war ganz verſchieden von der aberglaͤubiſchen Furcht vor dem Narren Abibra; dieſe Verehrung trug den Stempel der Gottesverehrung. Beſonders auffallend, erzaͤhlte man mir fer⸗ ner, war ſein ſanftes einfaches Benehmen mit ſeines Gleichen, die es ſich zum Ruhm rechne⸗ ten, ihm zu gehorchen, und ſein ſtolzes hoch⸗ fahrendes Weſen gegenuͤber unſerer Aufſeher. Man muß geſtehen, daß dieſe privilegirten Skla⸗ ven, gleichſam die Verbindungsringe in der Kette, welche den Sklavenſtand an den Despotismus feſſelte, ein boshaftes Vergnuͤgen daran fanden, ihn durch Arbeiten und Mißhandlungen zu er⸗ ſchweren, indem ſie zu der Niedrigkeit ihrer „Beſtimmung die Rohheit ihrer vorgeſebten Wuͤrde fuͤgten. Nichtsdeſtoweniger ſcheint es, daß ſie nicht umhin konnten, das ſtolze Selbſtgefühl zu 8 4 achten, welches ihn hingeriſſen hatte, meinen . Oheim zu beſchimpfen. Keiner von ihnen hatte . es jemals gewagt, erniedrigende Strafen uͤber ihn zu verhaͤngen; und hatten ſie ihn je dazu 5* .. 5 8* 3— 698— verurtheilt, ſo erhoben ſich zwanzig Neger, um ſie fuͤr ihn auszuhalten. Er aber wohnte un⸗ erſchuͤttert ihrer Vollſtreckung bei, wie wenn ſie nur ihre Pflicht erfuͤllt haͤtten. Dieſer eigene Menſch war in den Huͤtten unter dem Namen Pierrot bekannt. Alle dieſe Details reizten meine jugendliche Einbildungskraft. Marie, voll Dankbarkeit und Mitleiden, billigte und theilte meinen Enthuſi⸗ asmus, und Pierrot erregte ſo lebhaft unſere Theilnahme, daß ich mich entſchloß, ihn zu ſehen und ihm zu helfen. Ich dachte jetzt nur an die Mittel, ihn zu ſprechen⸗ DOopbglleich noch ſehr zung, war ich doch, als Neffe eines der reichſten Pflanzer auf dem Kap, Hauptmann der Militzen der Gemeinde von Akul. Das Fort Galifat war ihnen und einer Abtheilung der gelben Dragoner anvertraut, deren Chef, wel⸗ cher in der Regel ein Unteroffizier dieſer Kompagnie war, den Befehl uͤber das Fort hatte. Es fand ſich juſt zu dieſem Zeitpunkte, daß dieſer Kom⸗ mandant der Bruder eines ſehr armen Pflanzers war, welchem ich das Gluͤck gehabt hatte, — 609— wichtige Dienſte zu erweiſen, und der mir ganz zugethan war. Hier unterbrach das ganze Auditorium d'Au⸗ verney, indem alle Thadaͤus riefen. Sie erriethen ihn, meine Herren, erwie⸗ derte der Hauptmann. Sie begreifen leicht, daß es mir nicht viel Muͤhe koſtete, von ihm den Eintritt in das Gefaͤngniß des Negers zu erhal⸗ ten. Ich beſaß das Recht, als Hauptmann der Militz das Fort zu viſitiren. Um jedoch meinem Onkel, deſſen Zorn noch immer im Gaͤhren war, keinen Verdacht einzufloͤen, nahm ich hierzu nur die Zeit, wo er ſeine Mittagsruhe zu halten pflegte. Alle Soldaten, mit Ausnahme der Poſten, waren eingeſchlafen. Gefuͤhrt von Thadaͤus, gelangte ich an die Thuͤre des Ge⸗ faͤngniſſes. Thadaͤus oͤffnete ſie, und entfernte ſich. Ich trat ein. Der Schwarze ſaß, denn er konnte wegen ſeiner hohen Figur nicht ſtehen. Er war nicht allein; eine ungeheure Dogge erhob ſich knurrend und fuhr auf mich los. Rask! rief der Neger, — 6— die junge Dogge ſchwieg, und kam zu den Fuͤ⸗ ßen ihres Herrn zuruͤck, wo ſie ſich niederlegte, und ſich uͤber die Reſte einiger elender Knochen hermachte, an denen ſie nagte. Ich war in Uniform; das Licht, welches durch das Luftloch hereinfiel, war ſo ſchwach, daß Pierrot mich nicht erkennen konnte. Ich bin fertig, ſagte er mit ruhigem Tone. Indem er dieſe Worte ausſprach, erhob er ſich zur Haͤlfte. Ich bin bereit, wiederholte er nochmals. Ich glaubte, ſagte ich ihm, uͤberraſcht von ſeiner ungehinderten Bewegung, ich glaubte euch in Feſſeln.. Die Bewegung machte meine Stimme zit⸗ tern. Der Gefangene ſchien ſie nicht zu erkennen. Er trat mit dem Fuße auf einige Truͤmmer, die wiederhallten— Feſſeln! ich habe ſie zer⸗ brochen.. — 71— Es lag in dem Tone, in welchem er dieſe letzten Worte ausſprach; ein Ausdruck, der zu ſagen ſchien: ich bin nicht gemacht, um Feſſeln zu tragen. Ich fuhr fort: Man hat mir nicht geſagt, daß man Euch einen Hund gelaſſen hatte. Ich habe ihn ſelbſt hereingelaſſen. Mein Erſtaunen wuchs. Die Thuͤre des Kerkers war von außen mit dreifachen Riegeln verſchloſſen. Das Luftloch hatte kaum O Zoll Breite, und war mit zwei eiſernen Stangen be⸗ ſchlagen. Er ſchien den Sinn meines Nach⸗ denkens zu errathen; er erhoh ſich, ſoviel die zu niedere Decke es ihm geſtatten wollte, loͤßte ohne Anſtrengung einen ungeheuren Stein unterhalb dem Luftloche los, nahm die zwey außerhalb in dieſen Stein geklammerten Stangen heraus, und bildete dergeſtalt eine Oeffnung, wo zwei Men⸗ ſchen bequem haͤtten durchſchluͤpfen koͤnnen. Die⸗ ſe Oeffnung fuͤhrte ebenen Fußes auf ein Gehoͤlz von Feigen und Cocosbaͤumen.. 22 Die Ueberraſchung machte mich ſtumm; ploͤtzlich beleuchtete ein Sonnenſtrahl mein Ge⸗ ſicht. Der Gefangene raffte ſich auf, wie wenn er aus Unachtſamkeit den Fuß auf eine Schlan⸗ ge geſetzt, und ſtieß mit der Stirne heftig an die Decke. Eine unbeſchreibliche Miſchung von tauſend entgegengeſetzten Empfindungen, ein be⸗ ſonderer Ausdruck von Haß, Wohlwollen und ſchmerzhaften Erſtaunens malte ſich ſchnell auf⸗ einander in ſeinen Augen ab. Er bedurfte in⸗ deſſen nur weniger Momente, um ſeine Gedan⸗ ken zu meiſtern, und ſeine Phyſionomie wurde ſogleich wieder ruhig und kalt. Er heftete mit Gleichguͤltigkeit ſeinen Blick auf den meinen; er betrachtete mich, wie man einen Unbekannten anſieht. Ich kann noch zwei Tage leben, ohne zu eſſen, ſagte er. Ich machte eine Bewegung des Entſetzens: jetzt erſt bemerkte ich die Mager⸗ keit des Ungluͤcklichen. Er ſetzte hinzu: Mein Hund frißt nur aus meiner Hand; haͤtte ich das Luftloch nicht erweitern koͤnnen, Rask waͤre Hungers geſtorben. Beſſer ich als er, da ich doch ohnehin zum Tode beſtimmt bin. — 73— Nein, rief ich, Ihr werdet nicht Hungers ſterben! Er verſtand mich nicht. Bitter laͤchelnd fuhr er fort: ohne Zweifel haͤtte ich noch zwei Tage ohne zu eſſen leben koͤn⸗ nen; allein ich bin bereit, Herr Offizier, heute lieber noch als morgen; fuͤgt Rask nichts uͤbles zu. Jetzt erſt begriff ich, was er mit ſeinem ich bin bereit ſagen wollte. Eines Verbrechens angeklagt, welches mit dem Tode beſtraft wurde, glaubte er, ich ſey gekommen, um ihn zur Hin⸗ richtung zu fuͤhren; und dieſer Menſch, mit der Kraft eines Koloſſes begabt, dem alle Mittel zur Flucht offen ſtunden, ſagte ſanfe und ruhig zu einem Kinde: Ich bin bereit! Thun Sie Rsk kein Leid, wiederholte er nochmals. Ich konnte mich nicht mehr halten. Wie, ſagte ich ihm, Ihr haltet mich nicht allein fuͤr Euren Henker, ſondern Ihr zweifelt auch an meiner Menſchlichkeit gegen dieſen armen Hund, der mir nichts gethan hat! Er ſchien geruͤhrt; ſeine Stimme war bewegt. ⁴ Weißer, ſagte er, indem er mir die Hand darbot, Weißer, verzeih, ich liebe meinen Hund, und, ſetzte er nach kurzer Pauſe hinzu: die Dei⸗ f nen haben mir viel Boͤſes zugefuͤgt. Ich umarmte ihn, ich druͤckte ihm die Hand, ich enttaͤuſchte ihn. Kennt ihr mich nicht? frag⸗ te ich ihn. Ich wußte, daß du ein Weißer biſt, in de⸗ ren Augen, ſo gut ſie auch ſonſt ſeyn moͤgen, ein Schwarzer keinen Werth hat! uͤbrigens habe ich mich auch uͤber dich zu beklagen. Und woruͤber? fragte ich erſtaunt. Haſt du mir nicht zweimal das Leben er⸗ halten?— Dieſe ſonderbare Anſchuldigung machte mich laͤcheln. Er gewahrte es, und fuhr mit Bitterkeit fort. Ja, ich muß es dir uͤbel nehmen, du haſt mich von einem Krokodile und von einem Pflan-⸗ zer gerettet. Was aber noch ſchlimmer iſt, du 4 haſt mir das Recht, dich zu haſſem geraubt. Ich bin ſehr ungluͤcklich! — 155— Die Sonderbarkeit ſeiner Sprache und ſeiner Ideen befremdete mich beinahe nicht mehr. Sie war im Einklange mit ihm ſelbſt. Ich ſchulde Euch wohl mehr, als ihr mir. Ich verdanke Euch das Leben meiner Braut, meiner Marie. Ein elektriſcher Schlag durchzuckte ihn. Ma⸗ rial rief er mit erſtickter Stimme; ſein Kopf fiel auf ſeine Haͤnde, die ſich krampfhaft zu⸗ ſammenzogen, und ſchwere Seufzer entſtiegen der breiten Bruſt. Ich geſtehe, daß hier mein ſchon ſchlum⸗ mernder Verdacht wieder erwachte, allein ohne Zorn und ohne Eiferſucht. Ich war dem Gluͤ⸗ cke, er dem Tode zu nahe, um durch einen ſol⸗ chen Nebenbuhler, war er es auch, in mir an⸗ dere Gefuͤhle als die des Wohlwollens und des Mitleid's aufregen zu laſſen. Er erhob endlich den Kopf. Gehe! ſagte er, danke mir nicht! Nach einer Pauſe fuͤgte er hinzu: ich bin indeſſen von keinem niederern Ran ge als du! 8 — 26— Dieſes Wort ſchien eine Ideen⸗Reihe zu entwickeln, welche meine Neugierde aufs hoͤchſte reizte: ich drang in ihn, mir mitzutheilen, wer er ſey, und was er gelitten habe. Er beobach⸗ tete ein tiefes Stiliſchweigen. Mein Verfahren hatte ihn geruͤhrt; mein Anerbieten, ihm zu dienen, meine Bitten ſe ie⸗ nen ſeinen Lebensabſcheu zu beſiegen. Er ging hinaus, und brachte Feigen nebſt einer ungeheu⸗ ren Cokosnuß zuruͤck. Dann ſchloß er die Oeff⸗ nung, und machte ſich ans Eſſen. In meiner Unterhaltung mit ihm bemerkte ich, daß er mit Leichtigkeit franzoͤſiſch und ſpaniſch ſprach, und daß ſein Geiſt gar nicht ohne Bildung warz er wußte ſpaniſche Romanzen, die er mit Ausdruck ſang. Indeſſen erſchien dieſer Menſch in jeder Beziehung ſo unerklaͤrbar, daß mir die Reinheit ſeiner Sprache bisher gar nicht einmal aufgefal⸗ len war. Ich verſuchte von neuem die Ur⸗ ſache davon zu erfahren, er ſchwieg. Endlich verließ ich ihn, und befahl meinem treuen Tha⸗ daͤus, alle moͤgliche Ruͤckſicht und Sorgfalt fuͤr ihn zu nehmen. — 27ʃ— Ich ſah ihn taͤglich zur ſelben Stunde. Seine Angelegenheit beunruhigte mich; mein Onkel ging nun einmal trotz meiner Bitten nicht davon ab, ihn zu verfolgen. Ich verbarg Pierrot meine Beſorgniſſe nicht; er hoͤrte ſie mit Gleichguͤltigkeit. Oefter kam Nask, waͤhrend wir beiſammen ſaßen, und trug ein breites Palm⸗ blatt um den Hals. Der Schwarze nahm es ab, las die unbekannten Schriftzuͤge, welche da⸗, rauf ſtanden, und zerriß es. Ich war gewoͤhnt, ihm keine Fragen zu ſtellen. Eines Tages trat ich ein, ohne daß er mich zu bemerken ſchien. Er war mit dem Ruͤcken gegen die Pforte ſeines Kerkers gekehrt, und ſang mit melancholiſcher Stimme das ſpaniſche Lied: No que soy Contrabandista*)? Als er ge⸗ — endet, wendete er ſich raſch gegen mich: Bru⸗ der, wenn du je an mir zweifelſt, ſo verſprich, jeden Verdacht zu beſeitigen, wenn Du mich dieſes Lied wirſt ſingen hoͤren. Sein Blick war imponirend: ich verſprach ihm, was er wuͤnſchte, ohne eigentlich recht zu *) Ich, der ich ein Contrebandiſt bin. * — 26— begreifen, was er damit ſagen wollte: wenn du je an mir zweifelſt.— Er nahm die tiefe Schaale der Nuß, die er am Tage meines erſten Beſuches geoͤffnet, und ſeitdem aufbewahrt hatte, fuͤllte ſie mit Palm⸗Saft, ließ mich die Lippen daran halten, und leerte ſie mit einem Zuge. Von dieſem Tage an nannte er mich nur ſeinen Bruder. Mittlerweile begann ich einiger Hoffnung Raum zu geben. Mein Oheim war nicht mehr ſo aufgebracht. Die Freude an meiner baldigen Verbindung mit ſeiner Tochter hatte ihm mil⸗ dere Gedanken eingefloͤßt. Marie flehte mit mir, taͤglich ſtellte ich ihm vor, daß Pierrot ihn nicht habe beleidigen, ſondern blos von der Ausuͤbung einer grauſamen Handlung abhalten wollen; daß dieſer Schwarze, durch ſeinen verwegenen Kampf mit dem Krokodile Marien vom gewiſſen Tode errettet, und daß wir ihm, ich meine Braut, er ſeine Tochter, verdanken. Ich erinnerte ihn fer⸗ ner, daß Pierrot der kraͤftigſte ſeiner Sklaven ſey(denn ich dachte nicht mehr daran ihm die Freiheit zu verſchaffen, es handelte ſich nur mehr um die Erhaltung ſeines Lebens); daß er allein die Arbeit von zehn andern verrichte, und daß ſein Arm ſchon hinreiche, um die Cylinder einer Zuckermuͤhle in Bewegung zu ſetzen. Er hoͤrte mich, und gab mir zu verſtehen, daß er vielleicht der Anklage keine Folge geben werde. Von dieſer Sinnesaͤnderung meines Onkels ſag⸗ te ich dem Schwarzen nichts, um mir das Ver⸗ gnuͤgen zu bewahren, ihm ſeine Freiheit, wenn ich ſie erhielt, ganz anzukuͤnden. Unbegreiflich war es mir uͤbrigens, daß er, da er wohl wußte, zum Tode beſtimmt zu ſeyn, von den Mitteln zur Flucht, die in ſeiner Ge⸗ walt waren, keinen Gebrauch machte. Ich ſprach ihn hieruͤber. Ich muß bleiben, entgegnete er kalt, man koͤnnte glauben, ich haͤtte Furcht gehabt. Eines Morgens kam Marie zu mir. Sie ſtrahlte vor Freude, und es lag auf ihrem ſchoͤ⸗ nen Geſichte etwas noch himmliſcheres als die Freude der reinen Liebe. Es war der Gedanke einer guten Handlung. Hoͤre, ſagte ſie, in drei Tagen iſt der 22te Auguſt, und unſere Hochzeit. Wir gehen bald... Ich unterbrach ſie: Marie ſage nicht bald, da es noch drei Tage ſind... ſie laͤchelte und erroͤthete. Verwirre mich nicht, Leopold, erwiederte ſie; es iſt mir ein Gedanke gekommen, der dich zufrieden machen wird. Du weißt, daß ich geſtern mit dem Vater in der Stadt war, um Putz fuͤr unſer Jeſt zu kaufen. Nicht als hielte ich etwas auf dieſe Koſtbarkeiten; dieſe Diamanten werden mich in deinen Augen nicht verſchoͤnern. Ich gaͤbe alle Perlen der Welt fuͤr eine der Blumen, die mir der boͤſe Menſch des Todtenblumen⸗Straußes zertreten hat; in⸗ deſſen es thut nichts. Mein Vater will mich mit allen dieſen Sachen uͤberſchuͤtten, und ich zeige mich daruͤber, ihm zu gefallen, ſehr gluͤck⸗ lich. Unter andern ſahen wir geſtern auch eine Basquina(Unterkleid) von chineſiſchem Atlas, mit großen Blumen, welche in einem Kaͤſtchen von wohlriechendem Holze aufbewahrt war, und die ich viel betrachtete. Sie iſt ſehr ſchoͤn, allein ſehr theuer. Mein Vater hat wohl bemerkt, mit welcher Aufmerkſamkeit ich dieſe Waare mu⸗ ſterte. Auf dem Nuͤckwege bat ich ihn, mir nach Sitte der alten Ritter eine Bitte zu gewaͤhren; du weißt es, daß er ſich gerne mit dieſen vergleichen laͤßt. Er ſchwur bei ſeiner Ehre, 1 — — 81— daß er mir jede Bitte, die ich an ihn machen koͤnne, erfuͤllen werde. Er meint, es ſey das Kleid von chineſiſchem Atlas. Keineswegs, es iſt Pierrot's Leben; dieß wird mein Hochzeits⸗ Angebinde ſeyn. Ich konnte mich nicht enthalten, den En⸗ gel in meine Arme zu ſchließen. Das Wort meines Onkels war heilig; waͤhrend Marie zu ihm ging, um deſſen Ausfuͤhrung zu fordern, eilte ich aufs Fort Galifet, um Pierrot ſeine Befreiung anzukuͤnden, die nun keinem Zweifel mehr unterlag. Bruder! rief ich im Eintreten, Bruder! freue dich, dein Leben iſt gerettet. Marie hat es von ihrem Vater als Hochzeits⸗Geſchenk er⸗ halten! Der Sklave ſchauderte zuſammen. Maria! Hochzeit! mein Leben! wie kommt das Alles zuſammen? Ganz einfach ſagte ich: Marie, der du das Leben gerettet, heurathet. - 6 — 92— 5. 44 Wer? rief der Sklave, und ſeine Aügen rollten furchtbar wild. Du weißt es nicht? entgegnete ich ſanft: mich.— Sein fuͤrchterliches Geſicht wurde wohl⸗ wollend und gefaßt. Ach, es iſt wahr, du heuratheſt ſie! und welchen Tag? Am 22ten Auguſt. Am 2Lten Auguſt! biſt du wahnſinnig? rief er mit einem Ausdruck von Bangigkeit und 6. Schrecken. Er hielt an. Ich betrachtete ihn erſtaunt. Nach kurzem Stillſchweigen ſchuͤttelte er mir heftig die Hand: Bruder, ich bin dir ſoviel ſchul⸗ dig, daß ich dir dieſen Wink geben muß. Glaube mir, geh aufs Kap, und heurathe vor dem 22ten. * Vergebens drang ich in ihn, mir den Sinn dieſer raͤthſelhaften Worte zu erklaͤren. Lebe wohl, ſagte er mit feierlicher Stimme, ich habe 83— vielleicht ſchon zu viel geſagt; allein ich haſſe Undankbarkeit mehr noch als Meineid ſelbſt. Voll Unſchlüſſigkeit und Unruhe verließ ich ihn endlich, vergaß aber bald alles wieder uͤber den Gedanken an mein bevorſtehendes Gluͤck. Mein Oheim nahm die Anklage noch den⸗ ſelben Tag zuruͤck. Ich kehrte aufs Fort zuruͤck, um Pierrot zu entlaſſen. Thadaͤus, der wußte, daß ich ihm die Freiheit brachte, ging dießmal mit mir in das Gefaͤngniß. Er war verſchwun⸗ den. Rask, welcher allein zuruͤckgeblieben, kam ſchmeichelnd auf mich zu; an ſeinem Halſe hing ein Palmblatt, auf dem folgende Worte ſtanden: Dank dir, du haſt mir zum drittenmale das Le⸗ ben gerettet. Bruder, erinnere dich deines Ver⸗ ſprechens. Unten waren die Worte, gleich der Unterſchrift beigefuͤgt: NVo que soy Contra- bandista. Thadaͤus war noch mehr als ich ſelbſt er⸗ ſtaunt; er wußte nichts von dem Loche, und glaubte, der Neger habe ſich in einen Hund verwandelt. Ich ließ ihn glauben, was er 60* — 387— mochte, und foderte von ihm Stillſchweigen uͤber das, was er geſehen. Als ich aus dem Fort ging, rannte Rask, den ich mit mir nehmen wollte, in die nahen Gebuͤſche und verſchwand. Mein Onkel war außer ſich uͤber die Ent⸗ weichung des Sklaven. Er befahl, ihm nach⸗ 3 zuſetzen, und ſchrieb an den Gouverneur, um Pierrot, wenn man ihn aufgegriffen, ganz in ſeine Gewalt zu ſtellen. Der Laſte Auguſt erſchien. Meine Verbin⸗ dung mit Marien war mit Pracht in der Kirche. von Acul vollzogen. Wie gluͤcklich begann dieſer Tag, von dem alle meine Leiden ausgingen! Niemand, ſo nicht aͤhnliches erfahren, kann ſich einen Begriff von meiner trunkenen Freude ma⸗ chen. Pierrot und ſeine finſtern Warnungen waren aus meinem Gedaͤchtniß verlöſcht. Endlich kam der ſo ſehnlich erwartete Abend. Mei⸗ ne junge Gattin zog ſich in ihr Brautgemach zuruͤck, wohin ich ihr nicht ſo ſchnell folgen durfte, als ich es gewuͤnſcht haͤtte. Eine laͤſtige, allein unerlaͤßliche Pflicht machte meine Gegenwart anderwaͤrts drin⸗ gend nothwendig. Als Hauptmann der Milizen traf es mich nehmlich dieſen Abend die Runde bei den Poſten um Acul zu machen, eine Vor⸗ ſicht, welche eben damals durch die Unruhen der Kolonie doppelt gebieteriſch erheiſcht war. Ein⸗ zelne Neger⸗Empoͤrungen, obſchon im Entſtehen erſtickt, hatten in den Anſiedlungen von Thibaut und Lagoscette in den vergangenen Monaten Juni und Juli, ja ſelbſt zu Anfang Auguſt's noch, ſtatt gefunden, und beſonders beunruhigend wa⸗ ren die uͤblen Geſinnungen der freien Mulatten, die durch die neuliche Hinrichtung des Rebellen Ogé nur noch geſteigert worden waren. Mein Oheim erinnerte mich zuerſt an die Erfuͤllung meiner Pflicht; ich mußte mich ihr unterwerfen. Ich zog meine Uniform an und ging. Auf den erſten Stationen fand ich nicht die mindeſte Ver⸗ anlaſſung zu Beunruhigung; allein, als ich gegen Mitternacht in Gedanken vertieft gegen die Bat⸗ terien der Bay zuging, erblickte ich am Hori⸗ zonte eine Roͤthe, die ſich von Limonende gegen St. Louis du Morin ausbreitete. Die Soldaten glaubten Anfangs mit mir, daß es eine zufaͤllige & — 36— Feuersbrunſt ſey; als aber gleich darauf die Flammen ſo ſichtbar wurden, und der vom Win⸗ de getriebene Rauch immer dichter und dichter herankam, ſo eilte ich auf das Fort zu kom⸗ men, um Laͤrm zu machen und Huͤlfe zu ſen⸗ den. Indem ich an den Huͤtten unſerer Skla⸗ ven vorbeieilte, war ich von einer außergewoͤhn⸗ lichen Bewegung, die unter ihnen herrſchte, ſehr befremdet. Die meiſten waren noch wach, und ſprachen mit großer Heftigkeit. Ein ſeltſamer Name, Bug⸗Jargal, immer mit Ehrfurcht ausgeſpro⸗ chen, wiederholte ſich haͤufig in ihrem faſt un⸗ verſtaͤndlichen Kauderwelſche. Soviel konnte ich jedoch aus einigen Worten abnehmen, daß die Schwarzen der noͤrdlichen Ebene in voller Em⸗ poͤrung ſeyen, und die Wohnungen und Pflan⸗ zungen jenſeits des Kaps den Flammen Preis gaben. Indem wir uͤber einen moraſtigen Grund gingen, ſtieß ich mit dem Fuße an einen Haufen im Schilf verſteckter Hacken und Aexten. Und nunmehr mit Recht beunruhigt, ließ ich augen⸗ blicklich die Milizen von Acul unter die Waffen treten, und befahl ihnen, die Sklaven zu be⸗ wachen; alles wurde ſodann ruhig. —, —, Die Flammen ſchienen indeſſen immer mehr und mehr um ſich zu greifen, und bedrohten ſelbſt Limbè. Man glaubte aus der Ferne Ka⸗ nonen⸗Donner, ja ſelbſt klein Gewehrfeuer zu vernehmen. Mein Onkel, den ich gegen zwei Uhr Morgens aufgeweckt hatte, konnte ſeine Un⸗ ruhe nicht meiſtern, und befahl mir, einen Lieu⸗ tenant mit einer Abtheilung Milizen in Acul zu laſſen; mich aber ſchickte er mit dem Reſt der Soldaten nach dem Kap, waͤhrend meine arme Marie ſchlief, oder meiner harrte. Ich war meinem Onkel als Mitglied der Provinzial⸗ Verſammlung Gehorſam ſchuldig⸗ Nie werde ich den Anblick dieſer Stadt vergeſſen, als ich mich ihr naͤherte. Es war 2 Uhr nach Mitternacht. Die Flammen, welche die Felder rings herum verzehrten, warfen in die Straße eine furchtbare Helle, die ſelbſt wie⸗ der durch die vom Winde getriebenen Rauchwol⸗ ken verfinſtert wurde. Ganze Maſſen bren⸗ nender Zuckerroͤhre und anderer fluͤchtiger Stoffe fielen gleich dichtem Schnee auf die Daͤcher der Haͤuſer, und das Tackelwerk der in der Rhede ankernden Schiffe nieder, und drohten jeden — 39— Augenblick der Stadt des Kaps ein nicht min⸗ der klaͤgliches Schickſal, als ſie an ihren Um⸗ gebungen vor Augen hatte. Es war ein furcht⸗ bar erſchuͤtternder Anblick, wie auf einer Seite die blaſſen Einwohner ihr Leben wagten, um der zerſtoͤrenden Flamme das einzige Dach zu entreißen, welches ihnen von ſo vielen Reichthuͤ⸗ mern allein uͤbrig blieb; waͤhrend auf der andern die Schiffe, die daſſelbe Loos befuͤrchten mußten, und welche wenigſtens durch den, den armen Koloniſten ſo ungluͤcklichen, Wind beguͤnſtigt waren, alle Segel aufſpannten, um das mit den blutigen Spuren des Brandes bedeckte Meer zu erreichen. Betaͤubt durch die Kanonen des Forts, durch das Geſchrei der Fliehenden, und das Kra⸗ chen der einſtuͤrzenden Haͤuſer, ſtand ich un⸗ ſchluͤſſig, wohin ich meine Soldaten fuͤhren ſoll⸗ te, als ich auf dem Waffenplatze den Haupt⸗ mann der gelben Dragoner begegnete, der ſich uns zum Fuͤhrer anhot. Ich will Sie, meine Herren, hier nicht mit der Beſchreibung des Schauſpiels aufhalten, das ſich uns nun in der brennenden Ebene darbot. Andere haben dieſe —G * — 89— erſten Ungluͤcke des Kaps ſchon hinlaͤnglich be- ſchrieben, und ich eile deßhalb raſch uͤber dieſe Erinnerungen der Zerſtoͤrung hinweg. Zur Sache gehoͤrt es, Ihnen zu ſagen, daß die empoͤrten Sklaven, wie man verſicherte, bereits Meiſter von Dondon, terrier⸗ rouge, des Fleckens d'Ouanaminte, und ſelbſt der ungluͤcklichen Pflan⸗ zungen des Limbe waren, welches letztere, der Nachbarſchaft von Acul wegen, mich beſonders beunruhigte. Ich begab mich nun in aller Eile in die Wohnung des Herrn von Blanchelande, Gou⸗ verneur's des Kaps. Alles war dort in Verwir⸗ rung, und Herr v. B. hatte ſelbſt den Kopf verloren. Ich bat um Verhaltungsbefehle, in⸗ dem ich ihn auf die Sicherheit des ſchon be⸗ drohten Aculs aufmerkſam machte. Um ihn waren verſammelt Herr von Rouvray, Marſchall de Camp, und einer der vornehmſten Eigenthuͤmer der Inſel, Herr von Touzgd, Oberſtlieutenant des Regiments vom Kap, einige Mitglieder der Kolonial⸗ und Provinzial⸗Verſammlungen, und endlich mehrere der angeſehenſten Pflanzer. Als — 90— ich eintrat, befand ſich dieſe Art von Kriegs⸗ rath in den heftigſten Debatten. 1 Herr Gouverneur, ſagte ein Mitglied der Provinzial⸗Regierung, dieß iſt nur zu wahr; es ſind die Sklaven und nicht die Freien von ge⸗ miſchtem Blute. Wir haben es ſeit langer Zeit vorausgeſagt. Ihr ſagtet es, ohne daran zu glauben, erwiederte mit Bitterkeit ein Mitglied der Ko⸗ lonial⸗Verſammlung, die man die allgemeine nannte. Ihr ſagtet es, um Euch auf unſere Unkoſten in Anſehen zu ſetzen; und ihr waret ſo entfernt an eine wirkliche Empoͤrung der Skla⸗ ven zu denken, daß blos durch die Intriguen Eurer Verſammlung dieſe laͤcherliche und famoͤ⸗ ſe Revolte der dreitauſend Neger vom Jahr 1780 fingirt wurde, eine Revolte, wo bloß ein Na⸗ tional⸗Gardiſt, und zwar durch ſeine eigenen Kameraden getoͤdtet ward. 4 Ich verſichere Ihnen, entgegnete der Pro⸗ vinziale, daß wir viel klarer ſahen als ihr. Dieß iſt ſehr einfach, denn wir blieben hier, 1 um die Angelegenheiten der Kolonie in der Naͤhe zu beobachten, waͤhrend ihre ganze Verſammlung ſich nach Frankreich begab, um ſich jene laͤcher⸗ liche Oviation zuerkennen zu laſſen, die ſich mit den Vorwuͤrfen der National⸗Repraͤſentation en⸗ dete: ridicilus mus! Das Mitglied der Kolonial⸗Verſammlung antwortete mit Verachtung: Unſere Mitbuͤrger haben uns alle einſtimmig wieder gewaͤhlt. Ihr wart es, fing nun der andere wieder an, Eure Ueberſpannung war ſchuld; daß der Ungluͤckliche, der ſich auf einem Kaffeehauſe ohne dreifarbige Kokarde zeigte, um den Kopf kam, ihr ſeyd ſchuld, daß der Mulatte Lacombe we⸗ gen ſeiner Bittſchrift gehangen wurde, weil ſie mit den ungewoͤhnlichen Worten anfing:„Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heili⸗ gen Geiſtes.“ Dieß iſt falſch, rief ein Mitglied der Ge⸗ neral⸗Verſammlungen. Es iſt der Kampf der Prinzipien und der Privilegien, der Buckeli⸗ gen und der Krummen. Ich dachte mir doch immer, mein Herr, Sie ſeyen ein Independent. Auf dieſen Vor⸗ wurf des Mitglieds der Provinzial⸗Verſammlung erwiederte ſein Gegner:„Sie geſtehen hiedurch ſelbſt, daß Sie ein weißer Pompon ſind. Tra⸗ gen Sie immer die ganze Laſt eines aͤhnlichen Geſtaͤndniſſes! Der Streit wuͤrde vielleicht noch weit ge⸗ fuͤhrt haben, waͤre der Gouverneur nicht da⸗ zwiſchen getreten. Aber, meine Herren, was hat dieß alles mit der augenſcheinlichen Gefahr gemein, in welcher wir ſchweben? Rathen Sie mir, und zanken Sie ſich nicht. Hier ſind die Meldungen, welche mir bisher zugekommen. Die Empoͤrung hat heute Nacht um 10 Uhr unter den Negern der Anpflanzung von Turpin begonnen. Die Skla⸗ ven, welche von einem engliſchen Neger, Na⸗ mens Boukman angefuͤhrt werden, haben alles Geraͤthe von Clement, Trenies, Flaville und Noe mit ſich fortgeſchleppt. Um ihnen einen Be⸗ griff von der Graͤßlichkeit der durch ſie veruͤbten Graͤuel zu geben, muͤſſen Sie wiſſen, daß der Leib eines Kindes, das auf einer Picke getragen wird, ihnen als Standarte dient. — — 95— Ein Ausdruck des Entſetzens unterbrach H. v. Blanchelande. Dieß hat ſich außerhalb zuge⸗ tragen, fuhr er fort; doch auch innerhalb unſerer Mauern iſt alles uͤber den Haufen geworfen. Mehrere Einwohner des Kaps haben ihre Skla⸗ ven getoͤdtet; die Furcht machte ſie grauſam. Die beſt- und mildeſt Geſinnten haben ſich noch damit begnuͤgt, ſie einzuſchließen. Die kleinen Weißen*) klagen die Freien von gemiſchtem Blute dieſes Graͤuels an. Mehrere Mulatten waͤren beinahe ein Opfer der Volks⸗ wuth geworden. Ich habe eine Kirche ihnen als Aſyl beſtimmt, und ihnen ein Bataillon zur Be⸗ wachung gegeben. Sie verlangen nun einen Po⸗ ſten zu vertheidigen und Waffen, um zu bewei⸗ ſen, daß ſie kein Einverſtaͤndniß mit den empoͤr⸗ ten Negern halten. Thun Sie das nicht! rief eine Stimme, die ich augenblicklich erkannte; es war der ſeiner 9 Petits blancs, Weiße, welche kein Eigenthum beſitzen, und in der Kolonie von irgend einem Erwerbszweig leben. —— — ——— — 94— Abkunft wegen verdaͤchtige Pflanzer, mit dem ich einen Zweykampf beſtanden. Thun Sie es ja nicht, Herr Gouverneur, rief er, geben Sie den Mulatten keine Waffen. Sie wollen ſich alſo nicht ſchlagen? fragte ihn raſch einer der Pflanzer. Er ſchien ihn nicht zu hoͤren und fuhr fort: die mit gemiſchtem Blute ſind unſere ſchlimmſten Feinde. Sie allein haben wir zu fuͤrchten, und ich geſtehe, daß wir nur von ihnen, nicht aber von den Sklaven eine Empoͤrung zu befuͤrchten hatten. Denn dieſe letztern ſind doch fuͤr nichts zu zaͤhlen? Der arme Mann hoffte durch dieſe Invek⸗ tiven gegen die Mulatten ſich ganz von ihnen loszuzaͤhlen, und hier auf einmal jeden Verdacht der Weißen zu entfernen, der ihn unter dieſe verachtete Kaſte warf. Es war jedoch zuviel Er⸗ baͤrmlichkeit in ſeiner Prozedur, und ein allge⸗. meines Murren der Mißbilligung ließ ſich ver⸗ nehmen. Doch, mein Herr, ſagte der alte Marſchall de Camp Rouvray, gewiß ſind die Sklaven fuͤr etwas zu zaͤhlen; es ſind ihrer vierzig gegen drei der unſern, und wir waͤren, bei Gott, uͤbel da⸗ ran, haͤtten wir den Negern lauter Weiße oder Mulatten Eures Gelichters entgegen zu ſetzen. Der Pflanzer biß ſich auf die Lippen. Und was halten denn Sie, Herr General, von dem Anliegen der Mulatten! nahm nun der Gouverneur das Wort.— Geben Sie ihnen Waffen, Herr Gouverneur! erwiederte Herr v. Rouvray; bedienen wir uns aller Mittel, die ſich darbieten. Hierauf wendete er ſich zu dem ver⸗ daͤchtigen Koloniſten: Und Sie, mein Herr, be⸗ waffnen Sie ſich! Der gedemuͤthigte Pflanzer verließ den Saal mit allen Zeichen der hoͤchſten Wuth. 8 Indeſſen wurde das Angſtgeſchrei in der Stadt immer graͤßlicher und vernehmlicher, und erinnerte die Glieder dieſer Verſammlung an den Zweck ihrer Zuſammenkunft. Herr v. Blanche⸗ land uͤbergab einem Adjutanten eine, in der Eile — 96— mit Bleiſtift geſchriebene Ordre, und unter⸗ brach das dumpfe Stillſchweigen, in welchem die Verſammlung dieſes unheilſchwangere Getoͤſe an⸗ hoͤrte: Die Mulatten erhalten Waffen, meine Her⸗ ren, allein es bleiben noch genug andere Maß⸗ regeln zu ergreifen. Man muß die Provinzial⸗Verſammlung zu⸗ ſammen berufen, ſagte dasjenige Mitglied der⸗ ſelben, welches bei meinem Eintritte geſprochen hatte.. Die Provinzial⸗Verſammlung! entgegnete ſein Antagoniſt von der Kolonial⸗Verſammlung. Was iſt denn eigentlich die Provinzial⸗Ver⸗ ſammlung? Weil Sie Mitglied der Kolonial⸗Verſamm⸗ lung ſind! antwortete der weiße Pompon. Der Independente unterbrach ihn: ich kenne weder eine Kolonial⸗ noch Provinzial⸗, ſondern blos eine General⸗Verſammlung, begreifen Sie, mein Herr? 97 Und ich, erwiederte der weiße Pompon, ſa⸗ ge Ihnen, daß es bloß eine National⸗ 1eBärſennmung zu Paris giebt. Die Provinzialverſammlung zuſammen be⸗ rufen! wiederholte lachend der Independent; wie wenn ſie nicht durch den Beſchluß der Gene⸗ ralverſammlung, ihre Sitzungen hier zu halten, bereits als aufgeloͤſt zu betrachten waͤren. Ein allgemeiner Ruf der Mißbilligung toͤnte nunmehr durch das ganze Auditorium, welches dieſe gehaͤſſigen Zaͤnkereien ſatt hatte. Aber bedenken Sie doch, meine Herren De⸗ putirten, was aus meinen Baumwollballen, aus „meiner Kochenille werden ſoll, waͤhrend Sie ſich hier um ſolche Erbaͤrmlichkeiten ſtreiten? Und aus meinen viermal hundert tauſend Indigo⸗ Setzlingen im Limbe, fuͤgte ein Pflan⸗ er bei. zer bei ₰ℳ Und meinen Negern, einer in den andern dreyßig Dollars werth! rief ein Neger⸗Kapitan. 7 — 93— Jede Minute, die Sie verlieren, fuhr ein anderer Koloniſt fort, koſtet mich, genau ge⸗ rechnet, zehn Zentner Zucker, welches, den Zent⸗ ner zu ſiebzehn Piaſter, hundert dreyßig Livres, zehn Sous unſeres Geldes betraͤgt. Ein anderer Kaͤmpfer bemaͤchtigte ſich mit einer Stentorſtimme des Wortes: die Kolonial⸗ Verſammlung maßt ſich an, eine General⸗Ver⸗ ſammlung zu heißen; ſie mag auf Port⸗au Prin⸗ ce bleiben, um Dekrete fuͤr zwei Stunden im Umkreiß und zwei Tage Dauer zu ſchmieden, uns aber laſſe ſie hier in Ruhe. Der Kap gehoͤrt dem Provinzial⸗Kongreß des Nordens, und ihm aus⸗ ſchließlich. Und ich behaupte, erwiederte der Indepen⸗ dent, daß Se. Exz⸗, der Herr Gouverneur kein Recht hat, eine andere Verſammlung zuſammen zu rufen, als die General⸗Verſammlung der Vertreter der Kolonie, unter Vorſitz des Herrn v. Caduſch. Wo iſt denn dieſer Herr v. Caduſch, Ihr Praͤſident? fragte der weiße Pompon; wo iſt denn — — 90— Ihre Verſammlung? Es ſind noch keine vier Glieder derſelben hier, waͤhrend die Provinzial⸗ Verſammlung ganz beiſammen iſt. Wollten Sie vielleicht allein, fuͤr ſich ſelbſt eine Verſammlung oder die ganze Kolonie vertreten? Der Gouverneur ſah ſich genoͤthigt, noch⸗ mals zwiſchen die Eiferſucht dieſer beiden Depu⸗ tirten zu treten, welche hier als treue Echos ih⸗ rer Verſammlungen erſchienen. Wo wollen Sie denn, meine Herren, mit dieſen ewigen Provinzial⸗, General⸗, Kolonial⸗ und National⸗Verſammlungen noch hinkommen? Werden Sie wohl den Entſcheidungen unſerer Verſammlung Vorſchub leiſten, waͤhrend Sie ſich immer auf die vier andern berufen? Zum Teufel mit dem verfluchten Geſchwaͤtze! rief mit Donnerſtimme General Rouvray, indem er heftig auf den Tiſch ſchlug! Da muͤßte man Lungenfluͤgel wie ein Vier und zwanzig Pfuͤnder haben. Was nuͤtzen uns dieſe zwei Verſamm⸗ lungen, die ſich den Rang ſtreitig machen, gleich zwei Kompagnien Grenadieren, die zum Sturm 7* 4 marſchiren! Herr Gouverneur, rufen Sie ſie beide ein, ich formire zwei Regimenter aus ih⸗ nen, und fuͤhre ſie gegen die Neger; dann wol⸗ len wir ſehen, ob ihre Gewehre enn ſo viel Laͤr⸗ men verurſachen, als ihre Zungen. Nach dieſem kraͤftigen Ausfalle wendete er ſich zu ſeinem Naͤchſtſtehenden, der ich war, und ſagte wit gemaͤßigterer Stimme: Was ſoll aber auch ein vom Koͤnig eingeſetzter Gouverneur an⸗ fangen, der ſich zwiſchen zwei ſich ſouverain duͤn⸗ kenden Verſammlungen mitten inne befindet? Die ſchoͤnen Redner und die Advokaten ſind es, die hier wie in der Hauptſtadt alles verderben. Haͤtte ich die Ehre der Herr Generallientenant zu ſeyn, ſo wuͤrde ich dieſe ganze Kanaille zur Thuͤ⸗ re hinaus werfen. Ich wuͤrde ſagen: der Koͤnig herrſcht, nnd ich kommandire. Ich ſchickte die Verantwortlichkeit von den ſogenannten Repraͤ⸗ ſentanten zu allen Teufeln; und mit zwoͤlf Lud⸗ wigs Kreuzen, die ich im Namen Sr. Majeſtaͤt verſpraͤche, jagte ich alle Empoͤrer auf die Inſel — la Tortuͤe, welche ehemals durch Raubjaͤger und Straßenraͤuber gleich ihnen, bewohnt war. Er⸗ innern Sie ſich an das, was ich Ihnen hier — 101— ſage. Die Philoſophen haben die Philan⸗ tropen erzeugt, aus denen die Negrophi⸗ len hervorgegangen ſind, welche ihrerſeits die Auffreſſer der Weißen hervorbringen, die wir ſo nennen wollen, bis man ihnen einen griechi⸗ ſchen oder lateiniſchen Namen geben wird. Dieſe angeblich liberalen Ideen, von denen ganz Frank⸗ reich berauſcht iſt, ſind unter den Tropen Gift. Man mußte die Neger mit Gute behandeln, nicht aber ſie ploͤtzlich freiſprechen. Alle dieſe Graͤuel, welche Sie heute auf San Domingo ſahen, ſind aus dem Klubb Maſſiac hervorgegangen, und die Empoͤrung der Sklaven iſt bloß eine Ruͤckwir⸗ kung des Sturzes der Baſtille. . Waͤhrend der alte Krieger mir voll Freimuth und Ueberzeugung ſeine politiſchen Anſichten aus⸗ einanderſetzte, nahm die ſtuͤrmiſche Diskuſſion ih⸗ ren Fortgang. Einer der wenigen Pflanzer, welche die revolutionaͤre Raſerey theilten, und der ſich Buͤrger General C... nennen ließ, weil er ei⸗ nigen blutigen Strafgerichten vorgeſtanden, rief aus: Hinrichtungen ſind es, die wir brauchen, keine Gefechte. Die Nationen beduͤrfen fuͤrchter⸗ licher Beyſpiele; erſchrecken muͤſſen wir die Neger! 8 — 102— Ich habe die Empoͤrungen vom Juny und July gedaͤmpft, indem ich fuͤnfzig Sklavenhaͤupter auf Palmbaͤumen, als Spalier zu beiden Seiten mei⸗ ner Anfahrt aufſtecken ließ. Jeder reihe ſich dem Vorſchlage an, den ich nun machen werde. Ver⸗ theidigen wir die Zugaͤnge des Kaps mit den Ne⸗ gern, welche uns noch uͤbrig bleiben. Wie! welche Unklugheit! erſchallte es von allen Seiten. Sie verſtehen mich nicht meine Herren, erwiederte der Buͤrger⸗General. Bilden wir einen Kordon von den noch unterwuͤrfigen Neger⸗Koͤpfen, um die Ringmauer der ganzen Stadt, vom Fort⸗Picohet, bis an die Spitze von Caracol; ihre inſurgirten Kameraden werden nicht wagen ſich zu naͤhern. Man muß ſich in ſolchen Augenblicken fuͤr die gemeinſchaftliche Sache opf⸗ ern. Ich bin der erſte dazu bereit. Ich beſitze fuͤnfhundert nicht empoͤrte Sklaven: ich biete ſie an. Dieſer graͤßliche Vorſchlag wurde mit Ab⸗ ſcheu empfangen. Alles rief:„das iſt abſcheulich! das iſt ſchrecklich! Durch Maßregeln dieſer Gat⸗ tung hat man juſt alles verloren, ſagte ein 2 8 —— Pflanzer. Waͤre man nicht ſo uͤbereilt zu der Hinrichtung der letzten Empoͤrer vom Juni, Ju⸗ ly und Auguſt geſchritten, ſo haͤtte man den Faden ihrer Verſchwoͤrung, den das Henkerbeil zerhauen, leicht faſſen koͤnnen. Der Buͤrger CG... ſchwieg einen Augen⸗ blick mit Verachtung, dann murmelte er zwiſchen den Zaͤhnen: Ich glaubte doch nicht verdaͤchtig zu ſeyn. Ich ſtehe in Verbindung mit Negro⸗ philen; ich korrespondire mit Briſſot und Pru⸗ neau de Pomme Gouge in Frankreich; Hans⸗ Sloane in England; Pezel in Deutſchland; Olivarius in Daͤnemark; Wadſtroͤm in Schwe⸗ den; Peter Paulus in Holland; Avandano in Spanien; und dem Abbée Pater Tamburini in Italien. Seine Stimme wurde ſtaͤrker, wie er in der Nomenklatur der Negrophilen vorruͤckte. Er ſchloß endlich mit den Worten: hier aber giebt es keine Philoſophie! H. v. Blanchelande forderte zum drittenma⸗ le die Stimme jedes Einzelnen zu ſammeln. Schiffen wir uns alle auf dem Leopard, der im Hafen vor Anker liegt, ein. Dieß, Herr — 104— Gouverneur, iſt meine Meinung, ſagte eine Stimme. 3 3 Setzen wir einen Preis auf Boukman’'s Kopf, meinte ein anderer. Setzen wir den Gouverneur zu Jamaika von Allem, was vorgegangen, in Kenntniß, ſagte ein Dritter. Ja, damit er uns nochmals eine laͤcherliche Huͤlfe von fuͤnfhundert Gewehren ſende, erwie⸗ derte ein Deputirter der Provinzial⸗Verſammlung. Schicken Sie eine Anzeige nach Frankreich, Herr Gouverneur, und warten wir es hier ab. Warten, warten! rief H. v. Rouvray mit Kraft. Und werden die Schwarzen auch warten? wird die Flamme, welche ſchon dieſe Stadt um⸗ kreiſt, wird auch dieſe warten? Laſſen Sie Ge⸗ neral⸗Marſch ſchlagen, Herr von Touſard, neh⸗ men Sie Kanonen, und ſuchen Sie mit Ihren Grenadieren und Jaͤgern den Haupthau⸗ fen der Rebellen auf. Herr Gouverneur, laſſen Sie Lager in den Gemeinden nach Oſten ſchlagen, — Dauphin, da ſie vom Meer und den ſpaniſchen theidigen. Die Halbinſel des Molo's bietet den⸗ jeder von ſeinem wahren Intereſſe in ſich traͤgt, — 105— und bilden Sie Poſten bei Trou und Vallieres; ich nehme die Ebenen beim Fort Dauphin uͤber mich. Ich werde die dortigen Arbeiten leiten; mein Großvater, der Feldoberſter beim Regiment Nor⸗ mandie war, hat unter Marſchall Vauban ge⸗ dient; ich habe Folard und Bezont ſtudirt, und beſitze einige Uebung in der Vertheidigung eines Landes. Uebrigens hat die Ebene des Fort Grenzen eingefaßt iſt, die Form einer Halb⸗ inſel, und wird ſich eines theils von ſelbſt ver⸗ ſelben Vorzug dar. Benuͤtzen wir alles dieß, aber handeln wir! Alle Verſchiedenheit der Meinungen ver⸗ ſtummte ploͤtzlich bei der kraͤftigen und beſtimm⸗ ten Sprache des ehrwuͤrdigen Veteranen. Der General hatte Recht. Das Bewußtſeyn, welches vereinigte alle Anſichten mit der des H. v. Rouv⸗ ray. Alle Pflanzer forderten die ſchleunige Aus⸗ fuͤhrung der gegebenen Beſtimmungen, und der Gouverneur bezeugte durch einen Haͤndedruck dem braven General, daß er die Vortrefflichkeit ſeiner — 106— Rathſchlaͤge, ob ſie ſchon gleich Befehlen ausge⸗ ſprochen waren, zu ſchaͤtzen wußte. Nur die beiden Deputirten der Nebenbuh⸗ leriſchen Verſammlungen ſchienen ſich von der allgemeinen Einſtimmung auszuſchließen, und murmelten etwas von Anmaßung der exekutiven Gewalt, von uͤbereilter Entſcheidung und von Verantwortlichkeit. Ich ergriff dieſen Augenblick, um von H. v. Blanchelande die Orders zu erbitten, welche ich mit Ungeduld erwartete. Ich kam endlich wieder zu meiner Truppe, die ich ſammelte, um unverzuͤg⸗ lich den Weg nach Acul einzuſchlagen, obgleich alle, mich ausgenommen, aͤußerſt erſchoͤpft waren. Der Tag begann anzubrechen; ich befand mich auf dem Waffenplatz, wo ich die Milizen, die auf ihren Maͤnteln ſchliefen, erweckte. Alles lag hier unter einander, gelbe und rothe Drago⸗ ner, die Fluͤchtlinge des Plattlandes, bruͤllende Heerden Viehes, und Geraͤthe aller Art, welches die Pflanzer aus der Nachbarſchaft hatten her⸗ einbringen koͤnnen. Ich brachte nach und nach = 107— meine kleine Truppe zuſammen, als ich einen gelben Dragoner, bedeckt von Schweiß und Staub, in vollem Lauf auf mich zuſprengen ſah. Ich ging ihm entgegen, und hoͤrte aus wenigen her⸗ ausgeſtoßenen Worten mit Beſtuͤrzung, daß mei⸗ ne Beſorgniß nur zu wahr geweſen, daß die Empoͤrung die Ebene von Acul ergriffen, und daß die Schwarzen des Fort Galifet, weſich die Milizen und Koloniſten eingeſchloſſen, be⸗ lagerten. Dieſes Fort Galifet, muͤſſen Sie wiſ⸗ ſen, war von wenig Bedeutung; man nannte in San Domingo jedes Erdwerk ein Fort. Hier war kein Augenblick zu verlieren. Ich ließ allen meinen Soldaten Pferde nehmen, die nur irgend aufzutreiben waren, und kam, gefüͤhrt von dem Dragoner, gegen zehn Uhr Morgens auf den Beſitzungen meines Onkels an. Dieſe unermeßlichen Anpflanzungen waren in ein Feuermeer verwandelt; ungeheure Rauch⸗ Wellen ergoſſen ſich uͤber die weite gluͤhende Ebene, und gleich Funken trieb der Sturm bren⸗ nende Baumſtaͤmme vor ſich her. Das ſchau⸗ derliche Gepraſſel der Flammen, und das Krachen — 108— der einſtuͤrzenden Gebaͤude war von dem Gebrtl⸗ le der wuͤthenden Sklaven uͤbertoͤnt, die wir noch nicht ſahen, bloß hoͤrten. Ich hatte fuͤr al⸗ les dieß keinen Sinn; das Verſchwinden ſo vie⸗ ler Reichthuͤmer, die mir beſtimmt waren, konnte mich keinen Augenblick von dem einzigen Gedan⸗ ken, der mich erfuͤllte, der Rettung Mariens, abziehen. Marie gerettet, was kuͤmmerte mich alles andere! Ich wußte, daß ſie im Fort ein⸗ geſchloſſen war, und flehte nichts vom Himmel, als noch zu rechter Zeit anzukommen. Dieſe Hoffnung allein hielt mich in meiner Beaͤngſti⸗ gung aufrecht, und gab mir den Muth und die Kraft eines Loͤwen. Endlich erblickten wir beym Umbug der Straße das Fort. Noch wehte die dreyfarbige Fahne auf ihm, und ein wohl genaͤhrtes Feuer ward rund um aus ſeinen Verſchanzungen un⸗ terhalten. Ich ſtieß einen Freudenſchrei aus! Gallop! reitet was ihr koͤnnt! laßt ſie laufen! rief ich meinen Kameraden zu. Wir verdoppel⸗ ten unſere Schnelligkeit, und ritten queerfeldein gegen das Fort zu, an deſſen Fuß man das Haus meines Onkels gewahrte. Fenſter und — — 1009— Thuͤren waren zertruͤmmert, allein es ſtand noch, geroͤthet von dem Zuruͤckprallen des Feuers, wel⸗ ches, da der Wind vom Meere her bließ, es in ſeiner von den Pflanzungen getrennter Stellung, nicht erreicht hatte. Eine große Menge Neger, welche ſich in dieſes Haus in Verſteck gelegt, zeigten ſich auf einmal an allen Kreuzſtoͤcken, und ſelbſt auf dem Dach, und unter den Flintenſchuͤſſen, die ſie unausge⸗ ſetzt auf das Fort abfeuerten, glaͤnzten ihre Pi⸗ ken, Aexte und Hacken hervor. Andere Haufen ihrer Kameraden verſuchten unaufhoͤrlich die Ver⸗ ſchanzungen, welche ſie mit Leitern belegt, hin⸗ aufzuklimmen; ſie ſtiegen hinauf, wurden her⸗ untergeſchleudert, und kamen immer wieder zum Sturm zuruͤck. Dieſe Fluth von Schwarzen, ſtets zuruͤckgeworfen, und ſtets wieder anſtroͤmend gegen die grauen Mauern, glich von ferne einem Ameiſenhaufen, der die Schaale einer großen Schildkroͤte zu erſteigen ſucht, und welchen das langweilige Thier von Zeit zu Zeit wieder ab⸗ ſchuͤttelt. Endlich gelangten wir zu den erſten Ver⸗ theidigungslinien des Forts; den Blick auf die ſie — 110— beherrſchende Fahne gerichtet, ermuthigte ich mei⸗ ne Soldaten, indem ich ſie an ihre Familien erinnerte, die eben ſo gut wie die meinige, in dem Fort eingeſchloſſen waren. Ihr allgemei⸗ ner Zuruf war die Antwort; ich formirte meine kleine Schwadron in Kolonne, und bereitete ſie zur Attaque des Belagerungs⸗Korps vor. In dieſem Augenblick erhob ſich ein großes Geſchrei auf dem Fort; eine Rauchwolke huͤllte ploͤtzlich das ganze Gebaͤude ein, umzog und ver⸗ finſterte einige Zeit die Mauern, aus denen ein Getoͤſe, wie aus einem Schmelzofen hervordrang, und ließ uns endlich, als ſie ſich zertheilte, die rothe Fahne auf dem Fort erblicken.— Nun war Alles verloren. Ich will Ihnen nicht beſchreiben, was ich bei dieſem Anblick empfand. Das eroberte Fort, ſeine erſchlagenen Vertheidiger, zwanzig geſchlach⸗ tete Familien, alle dieſe Graͤuel, ich geſtehe es zu meiner Schande, beſchaͤftigten mich indeſſen keinen Augenblick. Marie verloren, Marie we⸗ nige Stunden nach derjenigen, welche ſie mir auf immer gegeben, nun auf immer fuͤr mich —— — 111— verloren! Verloren durch meine Schuld! denn haͤtte ich die vergangene Nacht den Befehlen mei⸗ nes Onkels, aufs Kap zu gehen, keine Folge ge⸗ leiſtet, ſo haͤtte ich ſie hier vertheidigen, oder wenigſtens mit ihr ſterben koͤnnen, welches ge⸗ wiſſermaßen, ſie nicht verloren zu nennen ge⸗ weſen waͤre. Dieſe troſtloſen Gedanken ſteiger⸗ ten meinen Schmerz bis zur Raſerei. Meine Verzweiflung trug den Stempel der Reue. Indeſſen riefen meine Gefaͤhrten, ganz er⸗ bittert nach Rache! Wir ſtuͤrzten uns, den Saͤbel im Munde, die Piſtolen in beiden Haͤn⸗ den, mitten unter die ſiegreichen Inſurgenten. Sie flohen bei unſerm Anblicke, obſchon ſie uns weit uͤberlegen waren; doch ſahen wir deutlich, wie ſie rechts und links, vor und hinter uns, die Weißen niedermetzelten und den Brand zu beſchleunigen ſuchten. Unſere Wuth wuchs bei ihrer Schlechtigkeit. An einem der Eingaͤnge naͤhert ſich mir der mit Wunden bedeckte Thadaͤus. Mein Haupt⸗ mann, ſagte er mir, Ihr Pierrot iſt ein Zau⸗ berer, ein Obi, wie die verdammten Neger ſagen, — 112— oder wenigſtens ein Teufel. Wir hielten gut, alles war gerettet, als Sie ankamen; da drang er, ich weiß nicht wie, ins Fort, und da ſehen Sie nun!— Was Ihren Herrn Onkel und ſeine Familie betrifft... Marie, unterbrach ich ihn, wo iſt Marie? In dieſem Momente ſtuͤrzte ein großer Neger hinter einer brennenden Paliſade hervor; er trug ein junges Weib, welche ſchrie und ſich aus ſeinen Armen loszumachen ſtrebte. Das junge Weib war Marie; der Schwarze war Pierrot!— Treuloſer, rief ich ihm zu!... ich richtete meine Piſtole auf ihn; einer der Empoͤrer warf ſich in den Schuß, und ſtuͤrzte todt nieder. Pierrot wandte ſich, und ſchien mir einige Worte zuzurufen; allein er verlor ſich mit ſeiner Beute im Dickicht des halb brennenden Gehoͤlzes. Gleich nach ihm rannte ein ungeheu⸗ rer Hund heraus, der eine kleine Wiege mit dem letzten Kind meines Onkels im Rachen trug. Ich erkannte auch den Hund, es war Rask. Au⸗ ßer mir vor Wuth, feuerte ich mein zweites Piſtoi auf ihn; ich fehlte. Ich lief nun wie ein Naſender hinterdrein, allein mein doppelter Nacht⸗Marſch, ſo viele — 1135— ohne Ruhe und Nahrung zugebrachten Stunden, meine Beſorgniſſe um Marien, der raſche Ue⸗ bergang vom hoͤchſten Gluͤck zum fuͤrchterlichſten Elend, alle dieſe heftigen Gemuͤthsbewegungen hatten mich noch mehr, als die koͤrperlichen An⸗ ſtrengungen ſelbſt erſchoͤpft. Ich ſchwankte noch einige Schritte; meine Augen wurden dunkel, und ich ſank bewußtlos nieder. Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich in dem zerſtoͤrten Hauſe meines Onkels, und in den Armen Thadaͤus. Dieſer vortreffliche Menſch hatte die Augen voll Beſorgniß auf mich ge⸗ heftet. Viktoria! ſchrie er nun, als er meinen Puls wieder in ſeiner Hand ſchlagen fuͤhlte. Viktoria! die Neger ſind auf der Flucht, und der Hauptmann beim Leben!. Ich unterbrach ſein Freudengeſchrei mit meiner ewigen Frage: Wo iſt Marie? Ich konnte meine Gedanken noch nicht ſammeln. Mir war bloß das Gefuͤhl, nicht die Erkenntniß meines Ungluͤckes geblieben. Tha⸗ daͤus ſenkte den Kopf. Jetzt trat die ganze Er⸗ innerung meiner ſchrecklichen Hochzeit⸗Nacht vor mich, und der große Neger, wie er Marien durch die Flammen forttrug, ſtellte ſich mir als eine 8. — 114— hoͤlliſche Erſcheinung dar. Die furchtbare Hel⸗ le, die uͤber der ganzen Kolonie aufgegangen, und die allen Weißen ihre Sklaven als Feinde gezeigt hatte, ließ mich in dieſem guten, groß⸗ muͤthigen, ergebenen Pierrot, der mir dreimal das Leben verdankte, bloß einen Undankbaren, ein Ungeheuer, einen Nebenbuhler erblicken. Die Entfuͤhrung meiner Frau in der Nacht unſerer Verbindung, uͤberzeugte mich endlich von dem laͤngſt geſchoͤpften Verdachte, und ich erkannte deutlich in dem Saͤnger der Laube den verhaßten Raͤuber Mariens. Welche Veraͤnderung in ſo wenigen Stunden! Thadaͤus erzaͤhlte mir, daß er fruchtlos Pier⸗ rot und ſeinen Hund verfolgt habe, daß die Ne⸗ ger ſich zuruͤckgezogen haͤtten, obſchon ihre Ueber⸗ zahl leicht meine kleine Truppe vernichten konnte. Der Brand wuͤthete noch in den Beſitzungen meiner Familie, ohne daß man ihm Einhalt thun konnte. 4 Ich fragte ihn, ob man nicht wiſſe, was aus meinem Onkel, in deſſen Zimmer man mich gebracht, geworden ſey? Stillſchweigend ergriff —,— — 115— er meine Hand, und fuͤhrte mich nach dem Schlaf⸗ zimmer, deſſen Vorhaͤnge er hinwegzog. Hier lag mein ungluͤcklicher Onkel auf ſei⸗ nem blutgetauchten Bette, einen Dolch tief ins Herz gebohrt. Man erkannte an der Ruhe ſeines Antlitzes, daß der Stahl ihn im Schlafe getrof⸗ fen. Das Lager des Zwerges Abibra, welcher immer zu ſeinen Fuͤßen geſchlafen, war ebenfalls mit Blut bedeckt, und die damit befleckte Jacke deſſelben, welche einige Schritte vom Bette am Boden lag, zeugte von der Art ſeines Todes. Ich zweifelte gar nicht, daß der arme Narr ein Opfer ſeiner bekannten Anhaͤnglichkeit an meinen Onkel geworden; vermuthlich war er von ſeinen eigenen Mitſklaven, vielleicht indem er ſeinen Herrn vertheidigte, getoͤdtet worden. Ich machte mir lebhafte Vorwuͤrfe uͤber die Vorur⸗ theile, welche mich ſo falſch uͤber Abibra und Pierrot urtheilen ließen; ich vermengte mit den Thraͤnen, welche mir das fruͤhzeitige Ende mei⸗ nes Onkels auspreßte, einiges Bedauern mit ſei⸗ nem Narren. Meinen Befehlen nach ſuchte man ſeinen Koͤrper, jedoch fruchtlos. Ich nahm nun 8* — 116— an, daß die Neger den Zwerg mit fortgeſchleppt, und in die Flammen geworfen haͤtten, und be⸗ fahl, daß in dem Trauer⸗Gottesdienſte fuͤr mei⸗ nen Schwiegervater, auch Gebete fuͤr die See⸗ lenruhe des treuen Abibra geſagt werden ſollten. Das Fort Galifet war zerſtoͤrt, unſere Woh⸗ nungen waren verſchwunden; jeder laͤngere Auf⸗ enthalt auf dieſen Ruinen war unnuͤtz und un⸗ moͤglich. Wir kehrten noch denſelben Abend nach dem Kap zuruͤck. V Ein hitziges Fieber ergriff mich dort. Die Anſtrengung, welche ich uͤber mich ſelbſt ge⸗ macht, um meiner Verzweiflung Meiſter zu werden, war zu heftig. Die uͤbertriebene Spann⸗ kraft brach. Ich fiel in Delirien. Alle dieſe ge⸗ 3 teaͤuſchten Hoffnungen, meine verrathene Freund⸗ 3 ſchaft, meine Zukunft zerſtoͤrt, und dazu noch die nicht zu beſchwichtigende Eiferſucht, alles dieß mußte meinen Verſtand irre leiten. Flammen ſchienen mir in den Adern zu ſtroͤmen; mein Kopf 3“ brach, die Furien wuͤthteten mir im Herzen. Ich ſah Marien nur in der Gewalt eines Andern, in der Gewalt eines Herrn, eines Sklaven, in der Gewalt Pierrots. Man hat mir geſagt, daß — — 412— ich mich damals aus meinem Bette ſtuͤrzte, und daß es der Kraft von ſechs Menſchen bedurfte, um mich abzuhalten, mir das Gehirn an den Mauern zu zerſchmettern. Warum konnte ich damals nicht ſterben? n e Die Kriſis ging voruͤber. Die Aerzte, die Pflege Thadaͤus und eine unerklaͤrbare Jugend⸗ kraft, beſiegten dieſe Krankheit, welche fuͤr mich das groͤßte Gluͤck geweſen waͤre, haͤtte ſie mich zum Tode gefuͤhrt. Ich genaß nach zehn Ta⸗ gen, und doch betruͤbte ich mich nicht daruͤber, denn ich war froh, noch einige Zeit der Rache leben zu koͤnnen. Kaum geneſen, begab ich mich zu Herrn v. Blanchelande, um Dienſte zu verlangen. Er wollte mir einen Poſten zu vertheidigen geben, ich beſchwor ihn aber, mich als Freiwilligen ei⸗ ner der mobilen Kolonnen zuzutheilen, die man von Zeit zu Zeit ausſandte, um das Land von den Negern zu ſaͤubern. In der Geſchwindigkeit hatte man das Kap befeſtiget. Die Inſurrektion griff furchtbar um ſich, und ſchon geriethen auch die Sklaven von Port au⸗Prince in Bewegung. Biaſſou kom⸗ mandirte die von Limbe, Dondon und dem Acul; Jean Frangois hatte ſich zum Generaliſſimus der Empoͤrer aus der Ebene von Maribarou ausrufen laſſen; Boukman, den ſein tragiſches Ende ſo bekannt gemacht, durchſtreifte mit ſei⸗ nen Gefaͤhrten die Kuͤſten von Limonade, und die Banden von Morne rouge hatten einen Neger Namens Bug⸗Jargal als ihren Anfuͤhrer erkannt. Wenn den Berichten zu trauen war, ſo ſtand der Charakter dieſes Letztern ganz auffallend mit der Wildheit der uͤbrigen im Widerſpruche. Er bemuͤhte ſich, ſeinen Gefangenen Mittel zur Flucht an die Hand zu geben, waͤhrend Biaſ⸗ ſou und Boukman tauſend Todesarten fuͤr die⸗ jenigen, welche in ihre Gewalt fielen, erſannen. Sie verhandelten an die ſpaniſchen Fahrzeuge, welche um die Kuͤſten kreuzten, was ſie den ungluͤcklichen Schlachtopfern abnahmen. Bug⸗ Jargal bohrte mehrere dieſer Korſaren in den Grund. Auf ſeinen Befehl war Herr Colas de Maigne und acht andere ausgezeichnete Koloniſten vom Rade befreit, worauf Boukman ſie hatte flechten — 1109— laſſen. Es waͤre zu lange, Ihnen alle Zuͤge von Großmuth zu erzaͤhlen, welche er unausge⸗ ſetzt ausuͤbte. Meine Hoffnung zur Nache ſchien ſich nicht ſo geſchwinde erfuͤllen zu wollen. Ich konnte durch⸗ aus nichts mehr von Pierrot hoͤren. Die Re⸗ bellen unter Biaſſou fuhren fort, das Kap zu beunruhigen, ja ſie hatten ſchon gewagt, ſich der Anhoͤhe, welche die Stadt beherrſcht, zu be⸗ maͤchtigen, und kaum gelang es den Kanonen der Cidatelle, ſie davon zu vertreiben. Der Gou⸗ verneur beſchloß, ſie in das Innere der Inſel zu⸗ ruͤckzudraͤngen. Unſere aktive Armee beſtand aus den Milizen von Acul, Limbe, d'Ouanaminte und Maribarou, vereint mit dem Regiment vom Kap, und den gefuͤrchteten Kompagnien der gelben und rothen Dragoner. Die Milizen des Don⸗ don und vom Quartier Dauphin durch ein Korps Volontaire verſtaͤrkt, bildeten unter dem Negozi⸗ anten Poncignon, die Garniſon der Stadt. Der Gouverneur wollte vor allem ſich von Bug⸗Jar⸗ gal, deſſen Unternehmungen ihn beunruhigten, befreien, und ſendete die Milizen von d'Ouana⸗ minte nebſt einem Bataillon des Kaps gegen ihn aus. Dieſe Truppe kehrte zwei Tage hernach gaͤnzlich geſchlagen zuruͤck. Der Gouverneur be⸗ ſtand darauf, Bug⸗Jargal zu beſiegen, und ließ dieſes Korps mit Verſtaͤrkung von fuͤnfzig gelben Dragonern, und vierhundert Milizen von Ma⸗ ribarou abermals abgehen. Dieß zweite Korps kam jedoch noch uͤbler weg, als das erſte. Tha⸗ daͤus, der ſich bei dieſer Expedition befand, hatte großen Verdruß daruͤber, und ſchwur mir bei ſeiner Zuruͤckkunft, daß er ſich deßhalb an Bug⸗ Jargal raͤchen werde. Eine Thraͤne rollte hier uͤber d'Auverneys Wange; er kreuzte die Arme uͤber der Bruſt, und ſchien waͤhrend einigen Minuten in ſchmerz⸗ liches Nachdenken verſunken. Dann fuhr er fort: Man erhielt die Nachricht, daß Bug⸗Jar⸗ gal das Mornerouge verlaſſen, und ſeine Trup⸗. pen gegen die Berge gewendet habe, um ſich mit Biaſſou zu vereinigen Der Gouverneur ſprang auf vor Freude. Wir haben ſie! rief er, indem er ſich die Haͤnde rieb. Am folgenden Tage be⸗ fand ſich die Koloni al⸗Armee eine Stunde vom Kap. Die Inſurgenten verließen bei unſerer — 121— Annaͤherung ſchleunigſt Port⸗Margot und das Fort Galifet, wo ſie einen feſten Poſten ange⸗ legt, und ihn durch grobes Geſchuͤtz, welches ſie von den Kuͤſten⸗Batterien genommen, ver⸗ theidigt hatten. Alle Banden warfen ſich aufs Gebirge; der Gouverneur frohlockte. Waͤhrend wir unſern Marſch fortſetzten, ſuchte jeder von uns, in dieſen oͤden verlaſſenen Ebenen noch den Ort zu begruͤßen, wo ſeine Felder, ſeine Wohnung, ſein Reichthum war; oft korate taan kaum eine Spur davon auffinden. Unſer Marſch war auch zuweilen durch den Brand aufgehalten, der ſich von den bebauten Fel⸗ dern, den Waͤldern und Steppen mitgetheilt hatte. In dieſen Zonen, wo der Boden noch unbebaut, die Vegetation die uͤppigſte iſt, erſcheint der Brand eines Waldes mit außergewoͤhnlichen Phaͤnome⸗ nen. Man hoͤrt ihn von ferne, oft ehe man ihn ſieht, gleich einem großen Waſſer⸗Falle, mit furchtbarem Getoͤſe rauſchen und brauſen. Das Berſten der Baumſtaͤmme, das Kniſtern der Aeſte, das Krachen der Wurzeln im Boden, das Ziſchen der groͤßten Pflanzen, das Sieden der im brennenden Walde eingeſchloſſenen Seen — 122— und Moraͤſte, das Pfeifen der Flamme, welche die Luft verzehrt, alles dieß erzeugt ein Getoͤſe, das mit dem Brande waͤchſt und abnimmt. Zuweilen ſieht man lange Zeit eine gruͤne Schei⸗ dewand von noch unberuͤhrten Baͤumen den Feu⸗ erheerd umſchließen. Ploͤtzlich dringt ein Feuer⸗ ſtrahl durch eines der Enden dieſes friſchen Guͤr⸗ tels; eine Schlange von blaͤulichem Feuer ſchießt laͤngs der Staͤmme hin, und die Holzwand ver⸗ ſchwindet im Augenblicke hinter einem Schlei⸗ er beweglichen Goldes; alles ſteht nun zu⸗ gleich in Flammen. Eine Rauchdecke wird dann von Zeit zu Zeit durch die Winde herniederge⸗ druͤckt, und verhuͤllt das ungeheure Feuermeer. Sie rollt ſich auf und wieder zuſammen, ſie er⸗ hebt und ſenkt ſich, loͤßt ſich auf, verdichtet ſich wieder, und wird ganz ſchwarz. Eine Art Feuer⸗ rand durchzuckt ihn nun in ſcharfen Umriſſen, er verſchwindet, der Rauch ſteigt empor, und gießt im Aufſteigen eine Fluth rother Aſche aus, die lange Zeit auf die Erde niederregnet. Am Abende des dritten Tages gelangten wir in die Schluchten des Gran Riviere. Man 125— 7* rechnete, daß die Schwarzen auf zwanzig Stun⸗ den von da in den Bergen ſtuͤnden. Wir ſchlugen unſer Lager auf einer An⸗ hoͤhe, welche nach der Weiſe wie ſie zugerichtet war, ihnen ebenfalls zu dieſem Gebrauch gedient haben mochte. Dieſe Stellung war nicht gut gewaͤhlt; indeſſen blieben wir anfangs ruhig in derſelben. Das Ufer war von allen Sei⸗ ten von ſenkrechten Felſen beherrſcht, welche mit dichtem Gehoͤlze bewachſen waren. Die Rauhheit dieſer ſteilen Anhoͤhen hatte dieſem Ort den Namen Dompta⸗Mulatten erworben. Die Grande Riviere ſtroͤmte hinter dem Lager und iſt an dieſem Orte von beiden Seiten ein⸗ geengt, tief und reißend. Seine Ufer ſind ſteil, und mit ſo dichtem Gebuͤſche bewachſen, daß man gar nicht durchdringen konnte. Haͤufig ver⸗ bargen Guirlanden von Lianenpflanzen, die ſich um die Aeſte der Ahorne gewunden hatten, welche unter dem Gebuͤſche herumſtanden, ſeine Gewaͤſſer, indem ſich ihre Sproͤßlinge von einem Ufer zum andern ausbreiteten, und auf tauſenderlei Wei⸗ ſe verbunden, uͤber dem Strome eine breite Decke von Laubwerk bildeten. Von den benach⸗ — 124— barten Felſen betrachtet, konnte man ſie fuͤr vom Thau befeuchtete Wieſen anſehen, und haͤtte man nicht das dumpfe Rauſchen des Waſſers gehoͤrt, oder waͤre nicht zuweilen eine Wildente durch dieſe truͤgeriſche Gruͤndecke auf⸗ getaucht, ſo wuͤrde des Stromes Lauf ſchwer zu unterſcheiden geweſen ſeyn. Bald verſchwand nun die Sonne hinter den entfernten ſcharfen Spitzen der Berge des Don⸗ don, Schatten ſenkte ſich auf das Lager nieder. Die tiefe Stille wurde nur noch durch das Ge⸗ ſchrei der Kraniche, und durch die monotonen Fußtritte der Schildwachen unterbrochen. Ploͤtzlich ließen ſich uͤber uns die fuͤrchterli⸗ chen Geſaͤnge des Oua⸗Naſſe und des Camp de Grand⸗Preé vernehmen; die Palmen und Ce⸗ dern, welche die Felſen begraͤnzten, begannen ſich zu entzuͤnden, und bei dieſer durchdringenden Helle bemerkten wir die umſtehenden Hoͤhen mit Negern und Mulatten beſaͤt, deren Kupfer⸗ farbe beim Widerſchein der Flamme roth erſchien. Es waren Biaſſous Schaaren. Bmuu—————— — 125— Die Gefahr war dringend. Die Offiziere eilten, ihre Truppen zu ſammeln; die Tromm⸗ ler ſchlugen Generalmarſch, die Trompeter bließen Allarm; unſere Linien bildeten ſich mit Tumult, allein anſtatt uns anzugreifen und aus unſerer Unordnung Nutzen zu ziehen, blieben die Empoͤrer unbeweglich, und ſangen ihr Oua⸗Naſſe. Ein Schwarzer von Rieſengeftdtt erſchien auf dem hoͤchſten der, den Fluß einſchließenden, Fel⸗ ſenſpitzen, eine Feder von Feuerfarbe wallte auf ſeiner Stirne; ſeine Rechte ſchwang eine Axt, ſeine Linke die rothe Fahne. Ich erkannte Pier⸗ rot! Waͤre mir ein Gewehr zu Hand geweſen, die Wuth haͤtte mich zu einer Niedertraͤchtigkeit hingeriſſen. Der Schwarze wiederholte die Re⸗ frain von Oua⸗Naſſe, pflanzte ſeine Fahne auf die Spitze des Felſens, ſchleuderte ſeine Arxt mit⸗ ten unter uns, und ſtuͤrzte ſich in die Fluthen des Stromes. Ich bedauerte ſchon, daß er nun nicht mehr von meiner Hand ſterben koͤnne. Die Schwarzen begannen nun ungeheure Felſenſtuͤcke auf unſere Kolonnen herabzurollen; ein Hagel von Kugeln und Pfeilen fiel auf den 120— Huͤgel nieder. Wuͤthend, ihre Angreifer nicht erreichen zu koͤnnen, mußten unſere armen Sol⸗ daten, von Felſen zermalmt, von Kugeln und Pfeilen durchbohrt, in Verzweiflung ihren Geiſt aushauchen. Eine fuͤrchterliche Unordnung herrſchte in unſerer Armee. Plötzlich drang ein graͤßlicher Laͤrmen mitten aus dem großen Fluſſe. Ein au⸗ ßerordentliches Schauſpiel zeigte ſich dort. Die gelben Dragoner, entſetzlich gedraͤngt durch die Felſen, welche die Rebellen von oben auf ſie her⸗ abrollten, entſchloſſen ſich, um dieſem gewiſſen Tode zu entgehen, zur Flucht unter der biegſa⸗ men Decke der Lianen, womit der Fluß bedeckt war. Thadaͤus hatte zuerſt dieſen uͤbrigens ſehr ſcharfſinnigen Ausweg angegeben.... Hier wurde der Erzaͤhler unverſehens un⸗ terbrochen. Bereits ſeit laͤnger als einer Viertelſtunde hatte ſich Sergent Thadaͤus, den rechten Arm in der Schlinge, und ohne von Jemanden bemerkt zu werden, in eine Ecke des Zeltes geſchlichen, wo ſeine Gebaͤrden allein den Theil ausdruͤckten, welchen er an der Erzaͤhlung des Hauptmanns — 122— nahm. Als aber dieſe Stelle gekommen war, glaubte er, daß der Reſpekt es nicht geſtatte, ihm ein ſo direkte geſpendetes Lob ſtillſchweigend voruͤber gehen zu laſſen, ohne d'Auverney zu danken, und ſtammelte mit etwas ungewiſſem Tone: Sie ſind gar zu guͤtig, Herr Hauptmann! Ein allgemeines Gelaͤchter erhob ſich. D'Au⸗ verney wendete ſich und fragte barſch: wie, Sie hier, Thadaͤus? und Ihr Arm? Bei dieſer ihm ſo neuen Sprache, verdun⸗ kelten ſich die Zuͤge des alten Soldaten; er ſchwank⸗ te, und neigte den Kopf zuruͤck, wie wenn er die Thraͤnen, die aus ſeinen Augen brechen woll⸗ ten, haͤtte zuruͤckdraͤngen wollen. Ich glaubte nicht, ſagte er endlich leiſe, daß mein Hauptmann jemals ſeinen alten Ser⸗ genten mit Sie anſprechen koͤnnte. Der Hauptmann ſtand raſch auf. Verzeihe, alter Freund, verzeih! ich weiß nicht was ich geſagt habe; Thad, verzeihſt du mir? — 128— Die Thraͤnen brachen nun gewaltſam aus den Augen des Sergenten, ob er ſie gleich zu⸗ ruͤckzuhalten ſtrebte. Das iſt das drittemal, ſchluchzte er; aber es ſind Freudenthraͤnen. Der Friede war geſchloſſen. Nach einer kleinen Pauſe fragte der Hauptmann ſanft: aber V ſage mir Thad, weßhalb haſt du denn die Am⸗ bulange verlaſſen, um hieherzukommen? Das war bloß mit Ihrer Erlaubniß, mein Hauptmann, um Sie zu fragen: ob ich mor⸗ gen die Borten⸗Schabrake Ihrem Schlachtpfer⸗ de auflegen ſolle. Henri meinte lachend: Ihr haͤttet beſſer ge⸗ 1 than, Thadaͤus, den Arzt zu fragen, ob ihr mor⸗ gen zwei Unzen Scharpie auf euern wunden Arm legen ſollt. Oder euch zu erkundigen, ſagte Paſchal, ob Ihr nicht etwas Wein zu Eurer Staͤrkung genießen duͤrft. Hier iſt Kirſchgeiſt, der Euch nur gut thun kann; trinkt braver Sergent. Thadaͤus trat vor, machte eine reſpektvol⸗ le Verbeugung, entſchuldigte ſich, daß er das Glas mit der linken Hand anfaſſe, und leerte es auf die Geſundheit der Geſellſchaft. Er wur⸗ de aufgeregt. Sie blieben ſtehen, mein Hauptmann, im Augenblicke, wo... nun ja da, ich, war es, der den Vorſchlag machte, unter den Lianen fortzukommen, um ſo viele Chriſten von dem Schickſale zu behuͤten, von Felſen erſchlagen zu werden. Unſer Offizier konnte nicht ſchwimmen und fuͤrchtete daher zu ertrinken. Es war ſehr natuͤrlich, daß er ſich aus allen Kraͤften der Unternehmung widerſetzte, bis er, mit Ihrer Er⸗ laubniß meine Herren, von einem Steine beinahe erſchlagen wurde. Es iſt beſſer rief er nun, wie Pharao in Egypten, als gleich dem heiligen Etienne ums Leben zu kommen. Wir ſind kei⸗ ne Heilige, und Pharao war Soldat wie wir. Sie ſehen, mein Offizier war ein Gelehrter; er ergab ſich endlich meinem Vorſchlag unter der 9 — 1350— Bedingung, daß ich die Ausfuͤhrung zuerſt ver⸗ ſuchen ſollte. Ich gehe unverzuͤglich laͤngs dem Ufer hinab; ich ſpringe unter den Bogengang, indem ich mich an den uͤberragenden Aeſten feſthalte, und fuͤhle mich im ſelben Augenblick an den Beinen gefaßt. Ich ſuche mich loszumachen, ich rufe Huͤlfe, ich erhalte mehrere Saͤbelhiebe. Jetzt aber ſtuͤrzten ſich alle gelben Dragoner, wahre Teufelskerle, unter die Lianen. Es wa⸗ ren die Schwarzen von Morne rouge, die ſich, ohne daß wir es bemerkt, dort verborgen hatten, vermuthlich um uns einen Augenblick ſpaͤter in den Ruͤcken zu fallen. Dieſer Augenblick war koſtbar. Man ſchlug ſich, man ſchrie, man fluchte. Ganz nackt waren ſie flinker als wir⸗ allein unſere Hiebe gingen beſſer ein, als die ihrigen. Wir ſchwammen mit einem Arme, und hieben mit dem andern zu, wie das in ſolchen Faͤllen uͤblich iſt. Diejenigen, die nicht ſchwim⸗ men konnten, hielten ſich mit einer Hand an den Lianen, waͤhrend die Schwarzen an ihren Fuͤßen hiengen. Mitten unter dem Getuͤmmel ſah ich einen großen Neger, welcher ſich wie ein wahrer Satan gegen acht oder zehn meiner Kamera⸗ den herumſchlug; ich ſchwamm hin, und erkannte — 151— Pierrot, ſonſt genannt Bug.. Doch das darf erſt ſpaͤter entdeckt werden, nicht wahr, mein Hauptmann?— Ich erkannte Pierrot. Seit der Einnahme des Forts ſtanden wir nicht mehr gut zuſammen; ich faßte ihn an der Gurgel; er ſuchte ſich durch einen Dolchſtoß von mir loszu⸗ machen, als er mich erkannte, und anſtatt mich zu toͤdten, ſich ergab, dieß war ſehr ungluͤcklich, mein Hauptmann, denn haͤtte er ſich nicht er⸗ geben... Doch das wird man ſpaͤter erfahren. Kaum ſahen die Neger ihn gefangen, ſo ſtuͤrz⸗ ten ſie ſich auf uns, um ihn zu befreien. Die Milizen aber ſtiegen nun auch ins Waſſer, um uns zu Huͤlfe zu kommen, als Pierrot, der ohne Zweifel ſah, daß die Neger alle maſſakrirt wuͤr⸗ den, einige Worte ausſtieß, die gleich einer Zau⸗ berformel, alle in die Flucht jagten. Sie tauch⸗ ten unter, und verſchwanden in einem Augen⸗ blicke. Dieſe Waſſer⸗Bataille haͤtte fuͤr mich ſehr viel angenehmes gehabt, und mich vielleicht be⸗ luſtigt, wenn ich nicht dabei einen Finger ver⸗ loren, und zehn Patronen naß gemacht, und wenn... armer Menſch! aber das ſtand dort geſchrieben, nicht wahr, mein Hauptmann? Der Sergent hob die Hand, nachdem er ſie militaͤriſch 9* — 152— an ſeine Muͤtze gelegt, mit Begeiſterung gen Himmel. D'Auverney ſchien heftig bewegt. Ja, ſagte er, du haſt Recht, alter Tha⸗ daͤus, dieß war eine verhaͤngnißvolle Nacht. Hier wuͤrde er vermuthlich in eine der ihm ſo eigenen tiefen Traͤumereien gefallen ſeyn, haͤtte ihn nicht die Geſellſchaft lebhaft aufgefordert, fortzufahren. Er begann daher wieder: Waͤhrend die Szene, welche Thadaͤus ſo eben beſchrieben,(Thadaͤus, ſetzte ſich triumphirend hinter den Hauptmann) ſich hinter uns zutrug, war es mir mit einigen der Meinen gelungen, indem wir von Strauch zu Strauch hinankletterten, eine Felſenſpitze zu ge⸗ winnen, die man, der Regenbogen Farben wegen, mit welchen die Sonnenſtrahlen ſich an ihm brachen, Pfauenſpitze nannte. Dieſe Spitze befand ſich in gleicher Hoͤhe mit den Poſitionen der Neger, und bald war, nachdem der Weg einmal gebahnt, die Hoͤhe mit Milizen bedeckt; wir begannen ein lebhaftes Gewehrfeuer. Die Neger konnten uns, da ſie nicht ſo gut bewaffnet waren, nicht eben ſo heftig antworten, und begannen den — 155— Muth ſinken zu laſſen. Wir verdoppelten unſere Anſtrengungen, und bald waren die naͤchſtſtehen⸗ den Felſen von den Rebellen verlaſſen, nachdem ⸗ ſie ihre Leichen auf unſre, noch in Schlachtord⸗ nung am Ufer aufgeſtellten Truppen herabgewor⸗ fen hatten. Wir faͤllten nun mehrere Staͤmme von ungeheuren Katturbaͤumen, aus denen die erſten Bewohner Pirogen zu hundert Rudern gezimmert hatten, und banden ſie mit Palmblaͤttern und Stricken zuſammen. Mittelſt dieſer improviſirten Bruͤcke gelangten wir auf die verlaſſenen Felſen, und ein Theil der Armee nahm dort vortheilhaf⸗ te Stellung. Die Faſſung der Neger war ſehr erſchuͤttert, und unſer Feuer wurde immer ſtaͤrker, als ploͤtzlich furchtbares Jammergeſchrei, worunter wir den Namen Bug⸗Jargal heraushoͤrten, in Biaſſou's Armee ertoͤnte. Allgemeines Entſetzen ſprach ſich dort aus. Mehrere Neger von Morne⸗ rouge erſchienen auf dem Felſen, wo die Schar⸗ lachfahne wehte; ſie warfen ſich nieder, ergriffen die Fahne, und ſtuͤrzten ſich mit ihr in die Tiefe des großen Stromes. Dieß ſchien anzudeuten, daß ihr Chef todt oder gefangen ſey. Unſere Kuͤhnheit ſtieg hierdurch ſo, daß ich mich entſchloß, die Rebellen mit dem Bayonette Wald, indem er gleich einer Gemſe, aͤußerſt ge⸗ wandt von Stein zu Stein ſprang. Die Helle der Flammen verſchwand, doch fand er ſeinen Weg, den er dann nur etwas langſamer fort⸗ ſetzte, auch bei dem matten Licht des Mondes. Wir gelangten endlich, nachdem wir durch Gebuͤſche und Waldbaͤche gedrungen, in ein tie⸗ fes Thal, welches einen ganz beſondern wilden Anblick gewaͤhrte. Der Ort war mir gaͤnzlich unbekannt. Dieſes Thal lag in dem eigentlichen Herzen der Morner, in den zu San Domingo ſogenannten doppelten Gebuͤrgen. Es war eine große gruͤne Heide, von nackten Felſen eingeſchloſſen, mit einzelnen Gruppen von Fichten, Gayacs und Palmbaͤumen beſetzt. Die in dieſer Holzgegend der Inſel ſtets herrſchende Kaͤlte, welche oft ſehr empfind⸗ lich iſt, wenn ſie gleich nie Eis erzeugt, war durch die Fruͤh⸗Stunde erhoͤht. Die Morgen⸗ Sonne roͤthete kaum die Spitzen der umlie⸗ genden Berge, waͤhrend das duͤſtere Dunkel des Thales nur durch die zahlreichen Feuer der Neger, die hier ihren Vereinigungsplatz hatten⸗ — 154— ſetzt hielten. Ich ließ eine Bruͤcke von Baum⸗ ſtaͤmmen zwiſchen unſerer Spitze und dem naͤchſt⸗ gelegenen Felſen ſchlagen, und warf mich zuerſt mitten unter die Neger. Die Meinen wollten mir folgen, als einer der Rebellen mit einer Axt die Baͤnder an der Bruͤcke durchhieb. Die Baͤu⸗ me rollten in den Abgrund, und lange hoͤrte man ſie noch an den Felſen in der Tiefe mit fuͤrchterlichem Getoͤſe widerprellen. Ich wandte den Kopf; im Augenblicke aber faßten mich ſechs oder ſieben Schwarze, die mich entwaffneten. Ich wehrte mich wie ein Loͤwe; ſie banden mich jedoch mit Stricken feſt, ohne ſich um die Ku⸗ geln zu kuͤmmern, welche meine Leute zu ihnen heruͤberſendeten. Nichts konnte meine Verzweiflung mildern, als das Siegesgeſchrei der Meinen, welches ich einen Augenblick darauf hinter mir hoͤrte; bald ſah ich Neger und Mulatten untereinander die ſteilſten Anhoͤhen hinaufklimmen, indem ſie Angſt⸗ geheul ausſtießen. Meine Waͤchter folgten ihrem Beiſpiel; der ſtaͤrkſte unter ihnen lud mich auf ſeine Schultern, und rannte mit mir gegen den von den Felſen zu verjagen, die ſie noch bes öͤö—öoöͤͤͤſſſſſſſ— — — 156— erhellt ward. Die Verſprengten ihrer Armee ſam⸗ melten ſich hier mit Unordnung. Mit Angſt und Wuthgeſchrei kamen unaufhoͤrlich zerſtreute Neger⸗ und Mulatten⸗Trupps hier an, und die ſtets neuen Feuer, leuchtend wie des Tigers Au⸗ gen in der finſtern Savanne zeigten, daß der Kreis des Lagers ſich ſtets ausdehne. Der Neger, deſſen Gefangener ich war, hatte mich zu den Fuͤßen einer Eiche niederge⸗ legt, von wo ich mit Gleichguͤltigkeit dieſem ſonderbaren Treiben zuſah. Dieſer Neger band mich am Guͤrtel um den Baumſtamm, an den ich gelehnt war, zog die doppelten Baͤnder, durch die mir ſchon jede Bewegung unmoͤglich war, noch feſter zu, und ſetzte mir, ohne Zweifel zum Beweis, daß ich ſein Gefangener ſey, ſeine ro⸗ the wollene Muͤtze auf den Kopf; nachdem er ſich ſo auf alle Art verſichert, daß ich mich nicht losmachen koͤnne, ſchickte er ſich an fortzugehen. Ich entſchloß mich nun, ihn anzuſprechen, und fragte ihn in kreoliſcher Mundart, ob er zu der Bande des Dondon, oder zu der des Mor⸗ ne rouge gehoͤre. Er blieb ſtehen, und erwie⸗ derte mir mit Stolz: Morne rouge. — 137— Ein Gedanke fuhr mir durch den Kopf. Ich hatte nemlich von der Großmuth des Anfuͤhrers dieſer Bande, Bug⸗-Jargal gehoͤrt, und ob ich gleich zu ſterben entſchloſſen war, da der Tod allen meinen Leiden ein Ziel ſetzte, ſo konnte ich mich doch nicht eines Gefuͤhls von Schauder bei dem Gedanken an die Martern erwehren, die mir bevorſtanden, falls ich ihn von Biaſſou zu erhalten hatte. Ich wuͤnſchte nichts anderes als den Tod, allein ich wollte ihn ohne Martern. Dieß war vielleicht eine Schwachheit, allein ich glaube, daß in aͤhnlichen Faͤllen die menſchliche Natur ſich immer geltend macht. Ich hoffte, falls ich mich Biaſſou entziehen koͤnnte, von Bug⸗Jargal vielleicht einen Tod ohne Qualen, einen Soldatentod zu erhalten. Ich bat dieſen Neger mich vor ſeinen Chef, Bug⸗Jargal, zu fuͤhren. Er bebte. Bug⸗Jargall rief er, indem er ſich verzweiflungsvoll vor die Stirne ſchlug. Dann ging er ploͤtzlich in Wuth uͤber, und ſchrie, indem er mir die geballte Fauſt zeigte: Biaſ⸗ ſou, Biaſſou! Mit dieſem drohenden Na⸗ men verließ er mich. Der Schmerz und die Wuth des Schwarzen — 138— erinnerten mich an den Umſtand im letzten Gefechte, woraus wir die Gefangennehmung oder den Tod des Anfuͤhrers der Banden von Mor⸗ ne rouge abnahmen. Ich zweifelte nun nicht mehr daran, und machte mich auf die Rache Biaſſou's gefaßt, womit mir der Neger gedroht hatte. Indeſſen mehrte ſich die Anzahl der Neger, und ihrer Feuer in dem noch finſtern Thale. Ein Schwarm Negerinnen ſchlug ſeine Feuerſtaͤtte naͤchſt bei mir auf. An ihren zahlreichen Armſpangen von blauen, rothen und violeten Steinen, de auf ihren Armen und Beinen aneinander ge⸗ reiht, glaͤnzten, an ihren ſchweren Ohren be⸗— haͤngen, an den Ringen, welche alle ihre Finger und Zehen ſchmuͤckten, an den auf der Bruſt befeſtigten Amuletten, an ihrem Halsſchmuck, an der buntfedrigen Schuͤrze der einzigen Be⸗ 6 kleidung ihrer Nacktheit, beſonders aber an ihrem abgemeſſenen Geſchrei und ſtieren wilden Blicken, erkannte ich die Grioten. Es giebt nemlich un⸗ . ter den ſchwarzen Staͤmmen in verſchiedenen Ge⸗ 2 6... 4 ggenden Afrika's, Neger, welche mit einem rohen, 3 dem Wahnſinn aͤhnlichen, Talente der dichteriſchen 5 — 1309— Improviſation, begabt ſind. Dieſe Neger nennt man Grioten; ſie irren, gleich den engliſchen Miniſtrels, den deutſchen Minneſaͤngern, und den franzoͤſiſchen Troubadours, von einem Rei⸗ che dieſes barbariſchen Landes ins andere. Ih⸗ re Frauen, gleich ihnen von dieſem Daͤ⸗ mon beſeſſen, begleiten die barbariſchen Geſaͤnge ihrer Maͤnner mit ſchluͤpfrigen Taͤnzen, und bieten eine groteske Parodie der Bayaderen des Hindoſtan oder der egyptiſchen Almeen, dar. Solche Weiber waren es nun, die ſich wenige Schritte von mir, rings um einen brennenden Haufen trockener Reiſer ſetzten, ihre Beine wa⸗ ren nach afrikaniſcher Sitte untergeſchlagen, und die Flamme ſpiegelte ihren rothen Schein auf ih⸗ ren ſcheußlichen Geſichtern. Sie faßten ſich, ſobald ihr Kreis gebildet war, alle bei der Hand, und die Aelteſte, wel⸗ che ſich durch eine Reiherfeder im Haar kennt⸗ lich machte, fing an zu ſchreien: Ouanga! Ich verſtand, daß ſie nur eine der Heperaine vor⸗ nehmen wuͤrden, welche ſie darunter verſtehen. Alle wiederholten: Ouanga! Indem ſich nun die Aelteſte einen Schopf Haare ausriß, und ins — 140— Feuer warf, ſtieß ſie die fluchenden Worte aus: Malé o guiab! welches in den Jargon der Ne⸗ ger Kreolen ſo viel bedeutet, als: ich werde zum Teufel gehen. Alle Griotinnen thaten gleich ih⸗ rer Aelteſten, warfen einen Haarbuͤſchel in die Flamme, und wiederholten feierlich: Malé o guiab! Ich empfand bei dieſer beſondern Szene und den tollen Geberden, von denen ſie begleitet war, jenen unwiderſtehlichen konvulſiviſchen Drang zum Lachen, welchen zuweilen unwillkuͤhrlich den ernſtgeſtimmteſten, von Schmerz durchdrungenen Menſchen erfaſſen kann; ich ſtrebte vergebens ihn zu unterdruͤcken, er brach aus. Dieſes krampf⸗ hafte Lachen, vor dem mein trauriges Gemuͤth ſelbſt erbebte, erzeugte alsbald einen fuͤrchterlichen Auftritt. Wuͤthend ſprangen alle Negerinnen, die ſich in ihren Myſterien geſtoͤrt ſahen, auf, denn ſie wurden meiner jetzt erſt anſichtig. Mit Tu⸗ mult liefen ſie auf mich zu, und bruͤllten: blan- co, blanco! Nie ſah ich einen Verein von haͤßlichern Phyſiognomien, als dieſe ſchwarzen — 141— Geſichter mit ihren weißen Zaͤhnen, und denen die Raſerei die weißen, mit Blutadern furcht⸗ bar durchſchnittenen Augen aus dem Kopfe trieb. Sie wollten mich zerreißen. Die Alte mit dem Reiherbuſche gab ein Zeichen, und ſchrie wiederholt: Zoté cordé! Zoté cordé!*) Die Raſenden hielten ploͤtzlich inne, und ich ſah nicht ohne Erſtaunen, wie ſie alle ihre Schuͤrzen ab, und auf den Boden warfen, und nun jenen unzuͤchtigen Tanz um mich herumtanzten, wel⸗ chen die Schwarzen la chica nennen. Dieſer Tanz druͤckt durch ſeine wilden Stel⸗ lungen und Lebendigkeit der Bewegung nur Wol⸗ luſt und Froͤhlichkeit aus; hier aber erhielt er durch verſchiedene Nebenumſtaͤnde einen ſehr fin⸗ ſtern Charakter. Die wuͤthenden Blicke, welche die Griotinnen mitten unter ihren ſcherzenden Grup⸗ pirungen auf mich ſchleuderten, der Trauerton, welchen ſie der froͤhlichen Melodie des rhica ga⸗ ben, das ſchneidende und anhaltende Seufzen, welches die ehrwuͤrdige Praͤſidentin dieſes ſchwarzen *) Sammelt euch! Sammelt euch! — 4142— Sanhedrin von Zeit zu Zeit ihrem balafo(eine Gattung Spinett aus zwanzig hoͤlzernen Pfeifen, deren Laͤnge und Dicke ſtufenweiſe abnimmt, zuſammengeſetzt, deſſen Ton dem einer Or⸗ gel aͤhnlich klingt) entlockte, vor allem aber das graͤßliche Gelaͤchter, welches eine dieſer nackten Furien nach der andern, indem ſie ihr Geſicht beinahe auf das meine legte, gegen mich aus⸗ ſtießen, ließen mir keinen Zweifel mehr uͤbrig, welche fuͤrchterliche Strafe der blanco, der ihre Geheimniſſe entheiliget, zu gewaͤrtigen habe. Ich entſann mich recht gut des Gebrauches die⸗ ſer wilden Voͤlkerſchaften, welche vor der Hin⸗ richtung ihrer Gefangenen um ſie herumtanzen, und ich ließ dieſe Weiber gelaſſen das Ballet des Drama's ausfüͤhren, zu deſſen Entwicklung ich beſtimmt war. Ich konnte mich indeſſen des Schauderns nicht erwehren, als ich in einem Augenblicke, der durch den balafo angezeigt war, gewahrte, wie jede Griotin entweder die Spitze einer Saͤbelklinge, oder das Eiſen einer Arxt, das Ende einer großen Seegelmachersnadel, die Scheeren einer Zange oder die Zaͤhne einer Saͤ⸗ ge, in die heiße Gluth ſteckte. — 143— Der Tanz naͤherte ſich ſeinem Ende; die Werkzeuge der Tortur ſpruͤhten. Auf ein Zei⸗ chen der Alten gingen die Negerinnen, eine nach der andern, in Prozeſſion an das Feuer, um ſich eine Waffe herauszuholen. Wer ſich keine gluͤhenden Waffen verſchaffen konnte, nahm ein brennendes Holz. Jetzt begriff ich klar, welche Todesart mir beſtimmt ſey, und daß ich in jeder Taͤnzerin einen Henker erblickte. Sie began⸗ nen, auf ein nochmaliges Kommando ihrer Kory⸗ phaͤin, eine letzte Ronde, waͤhrend welcher ſie auf eine furchtbare Weiſe heulten. Ich ſchloß die Augen, um wenigſtens die wilde Luſt dieſer weiblichen Daͤmonen nicht zu ſehen, welche im Tacte ihre gluͤhenden Eiſen uͤber ihren Koͤpfen zuſammenſchlugen, aus denen Myriaden Funken ziſchend hervorſpruͤhten. Mit Ergebung erwartete ich nun den Moment, wo meine Eingeweide heraus⸗ geriſſen, meine Knochen zu Kalk gebrannt, und meine Nerven unter den gluͤhenden Biſſen der Zangen und Saͤgen ſich biegen wuͤrden; ein kal⸗ ter Froſt lief mir durch alle Glieder. Es war ein graͤßlicher Augenblick. Gluͤcklicherweiſe dauerte er nicht lange. Die — 144— chica der Griotinnen erreichte ihre letzte Periode, als ich von ferne die Stimme des Negers ver⸗ nahm, welcher mich zum Gefangenen gemacht hatte. Er lief rufend herbei: que haceis, mu- geres de demonio? que haceis alli? dexad mi prisonicro*)! Ich ſchlug die Augen auf: es war Tag. Der Neger eilte mit Zeichen des groͤßten Zornes herbei. Die Griotinnen hielten inne, doch ſchienen ſie weniger durch ſeine Dro⸗ hungen dazu bewogen, als durch eine hoͤchſt bi⸗ zarre Erſcheinung verbluͤfft, welche der Neger mitbrachte. Dieß war ein ſehr kleiner dicker Menſch, eine Gattung Zwerg, deſſen Geſicht, nach Art der Buͤßer, mit einem weißen Schleier bedeckt war, in welchem ſich die Loͤcher fuͤr Augen und Mund befanden. Dieſer Schleier, welcher uͤber Hals und Schultern reichte, ließ ſeine zottige Bruſt frei, die mir von der Farbe der Griffen zu ſeyn ſchien. Auf ihr hing an einer goldenen Kette die glaͤnzende Sonne einer Monſtranz . *) Was macht ihr Weiber des Teufels? was macht ihr da? Laſſet meinen Gefangenen! — 145— von geſchlagenem Silber. Der Griff eines gro⸗ ßen Dolches, ragte in Geſtalt eines Kreuzes aus einem rothen Guͤrtel hervor; hieran hing ein gruͤn, gelb und ſchwarzgeſtreifter Rock, deſſen Franzen bis auf ſeine breiten unfoͤrmlichen Fuͤſſe herab⸗ hingen. Seine Arme waren gleich der Bruſt, nakt; in der Hand hatte er einen weißen Stab. Ein Roſenkranz, deſſen Ringe von Azedarek, hieng am Guͤrtel, naͤchſt dem Dolche herab, und auf ſeiner Stirne ſaß eine hohe mit Schel⸗ len geſchmuͤckte Muͤtze, in welcher ich, bei ſei⸗ ner Annaͤherung nicht wenig erſtaunt war, Abi⸗ bra's Gorra zu erkennen. Zwiſchen den Hiero⸗ glyphen dieſer Art Biſchoffs⸗Muͤtze bemerkte man Spuren von Blut; es war ohne Zweifel das des treuen Buffo's. Dieſe Anzeigen der Ermor⸗ dung dienten mir als neuer Beweis, daß er nicht mehr lebe, und erweckten in mir ein letz⸗ tes Mitleid fuͤr den Verkannten. Kaum gewahrten die Griotinnen dieſen Er⸗ ben von Abibra's Muͤtze, als ſie alle zuſammen ausriefen: Obi! und ſich vor ihm niederwarfen. Ich vermuthete, daß dieß der Zauberer von Biaſ⸗ ſous Armee ſey. Mit dumpfer feierlicher Stimme 10 — 436— ſagte er: Basta, Basta! dexais el prisoniero de Biassou!—. Die Negerinnen erhoben ſich, alle warfen die Inſtrumente des Mords, mit denen ſie bewaffnet waren, von ſich, nahmen ihre Schuͤrzen wieder um, und ſtoben auf ein Zeichen des Obi's, gleich einem Heuſchreckenſchwarm auseinander. Die Blicke des Obi's fielen jetzt erſt auf mich; er ſchien zu erſchrecken, wich einen Schritt zuruͤck, und machte mit ſeinem weißen Stab eine Bewegung gegen die Griotinnen, wie wenn er ſie zuruͤckrufen wollte. Nachdem er aber ei⸗ nigemal das Wort maldicho*) zwiſchen den Zaͤhnen gemurmelt, zog er ſich langſam, die Ar⸗ me gekreuzt, und in einer Haltung tiefen Nach⸗ denkens, zuruͤck. Mein Waͤchter verkuͤndete mir, daß Biaſſou mich zu ſprechen verlange, und daß ich mich vorbereiten muͤſſe, in einer Stunde eine Zuſam⸗ menkunft mit dieſem Chef zu beſtehen. *) Verdammter. 2 — — 147— Ich war uͤberzeugt, daß dieſe Stunde mei⸗ ne letzte ſeyn werde. Meine Blicke ſchweiften waͤhrend dieſer Zwiſchenzeit auf dem Lager der Rebellen herum, deſſen ſonderbare Phyſionomie mir der helle Tag in ſeinen kleinſten Details zu ſehen geſtattete. In einer andern Gemuͤths⸗ ſtimmung wuͤrde mich die alberne Eitelkeit der Schwarzen lachen gemacht haben; ſie waren bei⸗ nahe alle mit militaͤriſchem und prieſterlichem Schmucke, den ſie ihren Schlacht opfern geraubt hatten, bedeckt. Die meiſten dieſer Kleidungs⸗ ſtuͤcke waren nichts mehr als zerfetzte blutige Lum⸗ pen. Nicht ſelten ſah man einen Offiziersring⸗ Kragen unter einem geiſtlichen Bruſtlatze, oder ein Epaulett auf einem Meßgewand. Die Ne⸗ ger hielten ſich in einer Unthaͤtigkeit, welche un⸗ ſern Soldaten ſelbſt unter dem Zelte fremd iſt, und wodurch ſie vermuthlich fuͤr die harte Ar⸗ beit, unter tpelcher ſie ihr ganzes Leben zuge⸗ bracht, entſchaͤdigen wollten. Die einen ſchlie⸗ fen, den Kopf an ein Feuer gelegt, waͤhrend die Sonne ihnen ins Geſicht ſchien; andere ſan⸗ gen mit bald matten, bald wuͤthenden Geber⸗ den ein monotones Lied, waͤhrend ſie ſich auf der Schwelle ihres Ajoupa's,(Huͤtten gleich 10* — 148— unſerer Kanonierzelten, von koniſcher Form, und mit Bananen und Palmblaͤttern bedeckt) in Grup⸗ pen lagerten. Ihre ſchwarzen und kupferbrau⸗ nen Weiber bereiteten nebſt den Negerkindern, die Nahrung der Krieger. Ich ſah, wie ſie Feigen, Kartoffel, Erbſen, Kokus, tuͤrkiſch Korn, karaibiſchen Kohl, den ſie taͤgo nennen, und noch eine Menge inlaͤndiſcher Fruͤchte in großen den Pflanzern geſtohlenen. Keſſeln, mit un⸗ geheuren Stuͤcken von Schwein⸗ Schildkroͤte⸗ und Hundefleiſch zuſammen warfen und kochten. Die Grioten und ihre Weiber bildeten in der Ferne auf den Graͤnzen des Lagers große Krei⸗ ße um ihre Feuer, und der Wind brachte mir zuweilen Bruchſtuͤcke ihrer barbariſchen Geſaͤnge, die ſich mit den Toͤnen der Guitarren und ba⸗ lafo's vermiſchten. Einige Vedetten, auf den Spitzen der naͤchſten Felſen aufgeſtellt, bewach⸗ ten Biaſſous Hauptquartier, deſſen einzige Ver⸗ ſchanzung fuͤr den Fall eines Angriffs, eine Cir⸗ convallations⸗Linie von mit Beute und Muni⸗ tion beladenen Karren war. Gleich Wetterfah⸗ nen auf gothiſchen Thuͤrmen drehten ſich die ſchwarzen Schildwachen auf den ſcharfen Spi⸗ ben und ſteilen Abhaͤngen der Granit⸗Pyramiden, und riefen ſich mit aller Kraft ihrer Lungen das die Sicherheit des Lagers wahrende Geſchrei: Nada, Nada!*) unaufhoͤrlich zu. Von Zeit zu Zeit rotteten ſich neugierige Neger um mich zuſammen, und betrachteten mich mit drohenden Geberden.— Endlich erſchien eine Abtheilung farbiger Soldaten bei mir. Der Ne⸗ ger, deſſen Eigenthum 9 ſeyn ſchien, band mich von der Eiche los, und uͤberlieferte mich dem Anfuͤhrer des Kommondo's, aus deſſen Haͤn⸗ den er dagegen einen großen Sack erhielt. Er oͤffnete ihn ſogleich, und fand ihn voll Piaſter; waͤhrend er ſie auf dem Boden knieend zaͤhlte, fuͤhrten mich die Soldaten fort. Ich betrach⸗ tete neugierig ihren Anzug. Sie trugen eine Uniform von grobem braunrothem und gelbem Su-⸗ che, nach ſpaniſcher Sitte zugeſchnitten. Eine Art kaſtilianiſches Montera, mit breiter rother) Kokarde geziert, verbarg ihr wollichtes Haar. *) Nichts, Nichts! * Man weiß, daß dieſe Farbe die der ſpaniſchen Kokarde iſt. — 450— Anſtatt der Patrontaſche hieng eine Gattung Jagdtaſche an ihrer Seite. Eine ſchwere Flinte, Saͤbel und Dolch waren ihre Waffen. Spaͤter erfuhr ich, daß dieß die Garde Biaſſous war. Nachdem wir die in unordentlichen Reihen gelagerten Ajoupas durchkreuzt, gelangten wir an den von der Natur gebildeten Eingang einer Grotte, welche am Fuße einer jener ungeheuren Felſenwaͤnde, wovon die Steppe umfaßt iſt, ſich befindet. Ein großer Vorhang von thibetiſchem Stoffe, den man Kaſchmir nennt, und der ſich weniger durch den Glanz ſeiner Farben, als durch ſeine weiche kernigte Wolle und verſchiedenenar⸗ tigen Deſſeins, auszeichnet, verhinderte das Auge, das Innere dieſer Hoͤhle zu erſpaͤhen. Sie war von doppelten Reihen Soldaten umgeben, welche eben ſo wie die, welche mich hergefuͤhrt, gekleidet waren.— Der Anfuͤhrer des Kommando's luͤftete, nach⸗ dem das Feldgeſchrei von beiden Seiten gewech⸗ ſelt worden, den Vorhang, und fuͤhrte mich, indem er ihn hinter mir wieder fallen ließ, in das Innere. 3 — 15⁵51— Eine fuͤnfdochtige Kupferlampe, welche mit Ketten an der Decke angebracht war, warf ein zit⸗ terndes Licht auf die feuchten Waͤnde der dem Ta⸗ ge ewig verſchloſſenen Hoͤhle. Ichzbemerkte zwi⸗ ſchen einem Spalier von Mulatten⸗ Soldaten, einen farbigen Mann auf einem großen Maha⸗ gony Blocke ſitzend, uͤber den eine Decke von Papagayfedern gedeckt war. Dieſer Mann ge⸗ hoͤrte zu der Gattung der Sakatra's, welche ſich von den Negern durch eine oft unmerkliche Schat⸗ tirung unterſcheidet. Seine Tracht war laͤcherlich. Ein ſehr reicher Guͤrtel von Seidentreſſen, an welchem ein Ludwig Ordenskreuz hing; hielt in der Hoͤhe des Nabels eine blaue Hoſe von gro⸗ bem Zeuge feſt; eine Weſte von weißem Seide⸗ Zeug, welche aber zu kurz war, um bis auf den Guͤrtel zu reichen, vollendete ſeine Bekleidung. Er trug graue Stiefel, runden Hut mit rother Kokarde, und Epauletten, wovon eine golden mit den zwei filbernen Sternen, wie die Mare- chaux de Camp ſie tragen, die andere aber von gelber Wolle war. Zwey Kupferſterne, die ich fuͤr Spornraͤder anſah, waren auf letztern befe⸗ ſtiget, ohne Zweifel, um ſie wuͤrdig zu machen, neben ihrer glaͤnzenden Gefaͤhrtin zu erſcheinen. — 4152— Da dieſe Epauletten aber nicht wie gewoͤhnlich, durch Querſchleifen auf den Schultern feſtge⸗ halten wurden, ſo hiengen ſie auf beiden Seiten auf die Bruſt des Chefs herunter. Ein reich da⸗ maszirter Saͤbel und Piſtolen lagen vor ihm auf dem Teppich. Stumm und unbeweglich ſtanden zwey Skla⸗ venkinder hinter ſeinem Stuhle; jedes hatte einen großen Faͤcher von Pfauenfedern in der Hand, beide waren weiß. Zwei karmoſin Sammet⸗Kiſſen, welche dem Betſtuhl eines Presbyters angehoͤrt haben moch⸗ ten, bezeichneten Plaͤtze rechts und links des Ma⸗ hagonyblockes. Einen derſelben, den zur Rech⸗ ten nahm der Obi ein, welcher mich der Wuth der Griotinnen entriſſen hatte. Er ſaß mit un⸗ tergeſchlagenen Beinen, ſeinen Stab gerade in die Hoͤhe haltend, unbeweglich wie ein Porzel⸗ lan⸗Goͤtzenbild in einer chineſiſchen Pagode. Nur ſeine ſpruͤhenden Augen ſah ich durch die Oeff⸗ nungen des Schleiers, ſtets auf mich gerichtet, hervorblitzen. 1 = 455— Rings um den Anfuͤhrer lagen Fahnen, Standarten und Feldzeichen aller Art aufgehaͤuft, worunter ich die weiße mit Lilien gezierte, die dreifarbige und eine ſpaniſche Fahne bemerkte. Die uͤbrigen waren Phantaſiezeichen; unter an⸗ dern ſah ich eine ſchwarze Standarte. Im Hintergrunde, uͤber dem Haupte des Chefs, zog ein anderer Gegenſtand meine Auf⸗ merkſamkeit auf ſich. Es war das Bild Oge's, der vergangenes Jahr wegen Rebellion mit ſeinem Lieutenant Johann Baptiſt Chavarne und zwan⸗ zig andern Schwarzen und Blutgemiſchten, auf dem Kap geraͤdert worden war. In dieſem Bil⸗ de war Oge, ein Schlaͤchtersſohn vom Kap, auf die von ihm am meiſten geliebte Art in der Uni⸗ form als Oberſtlieutenant mit dem Ludwigs⸗ Kreuze und dem Verdienſtorden des Loͤwen, den er vom Prinzen Limburg in Europa gekauft, dargeſtellt. Der Rebellenchef, vor welchen ich gebracht wurde, war von mittlerer Statur. Seine unedle Geſichtsbildung druͤckte eine ſonderbare Miſchung von Verſchlagenheit und Grauſamkeit aus. Er — 154— ließ mich naͤher treten, und betrachtete mich ei⸗ nige Zeit ſtillſchweigend; endlich fieng er an ei⸗ ner Hyaͤne aͤhnlich, zu grinzen. Ich bin Biaſſou, ſagte er. Ich hatte dieſen Namen erwartet, allein aus dieſem Munde, mit wild hoͤhniſcher Miene, mach⸗ te er mich innerlich ſchaudern. Mein Geſicht blieb ruhig und kalt. Ich antwortete nicht. Nun, fing er wieder in ſchlechtem Franzoͤ⸗ ſiſch an, biſt du etwa ſchon geſpießt, daß du deinen Ruͤckead in Gegenwart Johann Biaſſous, des Generaliſſimus aller eroberten Laͤnder, Ma⸗ rechals de Camp der Armeen Seiner katholiſchen Majeſtaͤt, nicht mehr zu beugen vermagſt,(ein Kunſtgriff der Haͤuptlinge der Rebellen beſtand darin, glauben zu machen, daß ſie, bald fuͤr den Koͤnig von Frankreich, bald fuͤr die Revolution, bald fuͤr den Koͤnig von Spanien handelten.) Ich ſchlug die Arme uͤbereinander, und be⸗ trachtete ihn ſcharf. Er begann wieder zu grin⸗ zen, was ihm Gewohnheit ſchien.— O ho! — 155 Me pareces hombre de buen corazon*)! Hoͤ⸗ re denn was ich dir ſagen werde. Biſt du Kreole 2 Nein, erwiederte ich, ich bin Franzoſe. Meine Feſtigkeit machte ihn die Stirne runzeln. Deſto beſſer, ich ſehe an deiner Uniform, daß du Offizier biſt. Wie alt biſt du? Zwanzig Jahre. Wann haſt du ſie erreicht?⸗ Dieſe Frage erweckte zu ſchmerzliche Erin⸗ nerungen in mir, ich blieb einen Augenblick in Gedanken vertieft. Er wiederholte ſie lebhaft. Ich antwortete: an dem Tage, wo dein Gefaͤhr⸗ te Leogri gehenkt wurde. Es ſind drei und zwanzig Tage, ſagte er, daß Leogri gehenkt worden iſt. Franzoſe, ſage 3 *) Du ſcheinſt Muth zu beſiten. 3.„ zwanzig Tage laͤnger als er gelebt haſt. Den heutigen Tag uͤber will ich Dich noch auf der Welt laſſen, damit Du ihm erzaͤhlen kannſt, wie es um die Freiheit ſeiner Brüder ſteht, was du im Hauptquartier des Marſchalls Johann Biaſ⸗ ſous geſehen, und was fuͤr eine Gewalt dieſer Generaliſſimus uͤber die Truppen des Koͤnigs ausuͤbe. Mit dieſem Titel hatten Jean⸗Francois, der ſich ſelbſt Groß⸗Admiral von Frankreich taufte, und ſein Kamerad Biaſſou, ihre revoltirten Ne⸗ ger- und Mulatten⸗Horden belegt. Er ließ mich hierauf zwiſchen zwei Wachen in einen Winkel der Grotte niederſetzen, und be⸗ fahl einigen Negern, die mit Uniformen unſerer Adjudanten ausſtaffirt waren, den Generalmarſch ſchlagen zu laſſen, und die ganze Armee um das Hauptquartier zu verſammeln, damit er uͤber ſel⸗ be Heerſchau halte. 6 Und ihr, Herr Kaplan, ſagte er, indem er ſich zum Obi wendete, bekleidet euch mit Prieſter⸗ ihm heute Abend von mir aus, daß du vier und —— 155— Gewaͤndern, und haltet fuͤr uns und unſere Sol⸗ daten eine heilige Meſſe. Der Obi erhob ſich, verbeugte ſich tief vor Biaſſou, und ſagte ihm einige Worte ins Ohr, welche der Chef jedoch barſch und laut unter⸗ brach. Ihr habt keinen Altar, ſagt ihr Sennor Cura? iſt das ſo verwunderlich in dieſen Gebuͤrgen? Und was macht das? ſeit wenn bedarf denn der bon Giu*) zu ſeiner Verehrung einen praͤchtigen Tempel, und einen Altar mit Gold und Edel⸗ ſteinen geſchmuͤckt! Gedeon und Joſua haben ihn vor Felſen⸗Stuͤcken angebetet; machen wir es gleich ihnen, bon per;**) der bon Giu will nur bruͤnſtige Herzen. Ihr habt keinen Altar! Koͤnnt ihr euch keinen aus dieſer großen Zucker⸗ Kiſte ſchaffen, die vorgeſtern in Duboiſſon's Pflan⸗ zungen durch die Truppen des Koͤnigs genommen wurde? Biaſſous Wille wurde augenblicklich vollzo⸗ gen. In wenig Minuten war das Innere der *) Kreoliſches Patois: der gute Gott.*) Ebenſo: guter Vater. en eingerichtet. Man brachte einen Tabernakel und ein heiliges Meßgefaͤß herbei, welche der Ge⸗ meinde Acul aus derſelben Kirche geſtohlen wor⸗ den war, wo meine, ſo bald durch Ungluͤck verfolgte Einſegnung mit Marien ſtattgefunden hatte. Als Altar errichtete man die geraubte Zuckerkiſte, welche, anſtatt des Tafeltuches, mit einem weißen Leintuche bedeckt wurde. Dieſes verhinderte nicht, daß man auf den Seitenthei⸗ len dieſes Altars die Aufſchrift leſen konnte: Duboisson et Comp. pour Nantes. Als die heiligen Gefaͤße auf das Tuch ge⸗ ſtellt waren, bemerkte der Obi, daß ein Kreuz fehle; er zog ſeinen Dolch, deſſen Griff dieſe Form darſtellte, hervor, und ſteckte ihn zwiſchen Kelch und Monſtranze, vor den Tabernakel. Hierauf warf er, ohne ſeine Muͤtze noch Schleier abzulegen, das dem Pfarrer von Acul geſtoh⸗ lene Meßgewand uͤber ſeine nackte Bruſt und Ruͤcken, oͤffnete zunaͤchſt dem Tabernakel das mit Silber beſchlagene Meßbuch, aus dem die Ge⸗ bete bei meiner verhaͤngnißvollen Heirath geleſen worden waren, und verkuͤndete, indem er ſich zu Grotte zu dieſer Parodie der goͤttlichen Myſteri⸗ — 1509— dem einige Schritte vom Altar entfernt ſitzen⸗ den Biaſſou wandte, durch eine tiefe Verbeu⸗ gung, daß er bereit ſey. Auf ein Zeichen des Chefs oͤffneten ſich nun ploͤtzlich die Kaſchmir Vorhaͤnge, und wir erblick⸗ ten die ganze ſchwarze Armee in dichten Kolon⸗ nen vor dem Eingange der Grotte aufgeſtellt. Biaſſou zog ſeinen runden Hut ab, und kniete vor dem Altare nieder. Zugleich rief er mit ſtarker Stimme: Auf die Knie!— Auf die Knie! wiederholten die Bataillons⸗Chefs; die Tamboure ſchlugen einen Wirbel, und alles lag auf den Knien. Ich allein war unbeweglich auf meinem Si⸗ te geblieben, empoͤrt uͤber die abſcheuliche Ent⸗ weihung, welche unter meinen Augen ausgefuͤhrt werden ſollte, allein die beiden kraͤftigen Mulat⸗ ten, welche mich bewachten, zogen den Sitz un⸗ ter mir weg, ſo, daß ich gleich den andern, auf die Knie fallen mußte, und gezwungen war, die⸗ ſen Goͤtzendienſt mitzumachen. Der Obi verrichtete ſein Amt mit Feier⸗ — 160— lichkeit. Die beiden weißen Pagen erfuͤllten das Geſchaͤft des Diakons und Subdiakons. Die Maſſe der ſtets niedergeworfenen Rebellen„wohn⸗ te dieſer Ceremonie mit einer Andacht bey, in welcher ihr Generaliſſimus ihnen als Beyſpiel voranging. Der Obi wendete ſich endlich, die geweihte Hoſtie emporhebend, mit Begeiſterung gegen die Armee, und ſchrie in kreoliſchem Jargon: Zotè cone bon giu; ce li mo fé zoté voer. Blan touyè li; touye blan yo toute.*) Dieſe Worte waren mit ſtarker Stimme, welche mir ſchien ſchon anderwaͤrts und unter andern Verhaͤltniſ⸗ ſen gehoͤrt zu haben, geſprochen. Die ganze Horde ſtieß ein Gebruͤll aus; ſie ſchwenkten lan⸗ ge Zeit ihre Waffen, und es bedurfte nichts we⸗ niger, als das ganze Anſehen Biaſſous, um bei dieſem furchtbaren Laͤrmen nicht meiner letzten Stunde nahe zu ſehen. Ich ſah wohl, zu welchen Erzeſſen von Wuth und Rohheit Menſchen gebracht *) Ihr kennet den guten Gott; er iſt es, den ich Euch hier zeige. Die Weißen haben ihn ge⸗ toͤdtet: toͤdtet ihr alle Weiße! Toussaint-Lou- Verture hat ſpaͤter, jedesmal nach genommenem Abendmahl, daſſelbe den Negern zugerufen. — 161— werden konnten, denen ein Dolch als Kreuz diente, und auf deren Gemuͤth jeder Eindruck ſo ſchnell und tief ſich ausſprach. Als die Ceremonie beendet war, wendete ſich der Obi mit tiefer Verbeugung gegen Biaſſou. Hierauf erhob ſich der Chef, und ſprach mich auf franzoͤſiſch an: Man beſchuldigt uns, keine Religion zu beſitzen, du ſiehſt jedoch, daß dieß eine Verlaͤumdung iſt, und daß wir gute Ka⸗ tholiken ſind. Ich weiß nicht, ob er ironiſch oder aus Ue⸗ berzeugung ſprach. Gleich darauf ließ er ſich ein Gefaͤß bringen, welches mit ſchwarzen tuͤrki⸗ ſchen Koͤrnern gefuͤllt war, und warf darunter einige weiße Koͤrner; dann erhob er die Vaſe, damit ſie von der ganzen Armee beſſer geſehen werden konnte, uͤber ſeinem Haupte, und rief: Bruͤder, ihr ſeyd die ſchwarzen Koͤrner; die Wei⸗ ßen, Eure Feinde⸗ ſind die Weißen. Bey die⸗ ſen Woͤrten ruͤttelte er das Gefaͤß, und rief, als die weißen Koͤrner ſich unter die ſchwarzen ver⸗ 11 — 462— loren hatten, voll Begeiſterung und triumphirend: Guetté blan ci la la!*) Lange wiederholte das Echo in den Bergen die neue Akklamation, womit dieſe Parabel des Chefs aufgenommen wurde. Biaſſou, indem er haͤufig ſein abſcheuliches Franzoͤſiſch mit kreoliſchen und ſpaniſchen Phraſen miſchte, fuhr fort: El tiempo de la mansuetud es pasado.**) Wir waren lange geduldig, wie die Schafe, mit deren Wolle die Weißen unſere Haare ver⸗ gleichen, von nun an aber wollen wir unverſoͤhn⸗ lich ſeyn gleich den Panthern und Hyaͤnen der Laͤnder, aus welchen ſie uns geraubt haben. Nur Gewalt verſchafft Recht; alles gehoͤrt dem Star⸗ ken und Mitleidloſen. Sankt Wolf hat zwei Feſte im Gregorianiſchen Kalender, das Oſter⸗ lamm aber nur eines!— Iſt dem nicht ſo, Herr Kaplan? — *) Sehet, das ſind die Weißen im Verhaͤltniß zu Euch. **) Die Zeit der Schonung iſt voruͤber. — 105— Der Obi verneigte ſich bejahend. Sie ſind gekommen, fuhr Biaſſou fort, ſie ſind gekommen, dieſe Feinde der Wiedergeburt der Menſchheit, dieſe Weißen, dieſe Pflanzer, dieſe Koloniſten, dieſe Kaufleute, wahre Demonios, aus der Alekto Mund geſpieen. Son venidos con insolencia;*) ſie waren bedeckt, die Stol⸗ zen, mit Waffen, Federbuͤſchen und Kleidern, die das Auge blendeten, und ſie verachteten uns, weil wir ſchwarz und nackt ſind. Sie dachten in ihrem Uebermuthe uns eben ſo leicht zerſtreu⸗ en zu koͤnnen, als dieſe Pfaufedern Schwaͤrme von Inſekten verjagen. Bei dieſer Vergleichung hatte er den Haͤn⸗ den eines weißen Sklaven einen der Faͤcher ent⸗ riſſen, welche er ſich nachtragen ließ, und ſchwenk⸗ te ihn uͤber ſeinem Kopfe mit tauſend heftigen Geberden. Dann hub er an: Allein, o meine Bruͤder, unſer Heer ſtuͤrzte auf das ihrige, wie die Inſekten auf einen —ixixixixixix&- *) Sie kamen mit Unverſchaͤmtheit. 11* — 164— Kadaver; ſie fielen mit ihren ſchoͤnen Uniformen unter den Streichen dieſer nackten Arme, welche ſie ohne Kraft glaubten; ſie wußten nicht, daß gutes Holz ohne Rinde haͤrter iſt. Nunmehr zit⸗ tern ſie, die verfluchten Tyrannen. Yo gagné peur!* Ein Gebruͤll von Frohlocken und Triumph antwortete dieſem Ausrufe des Chefs, und lan⸗ ge anhaltend wiederholten alle Horden: Vo gag- né peur! Ihr Kreolen und Schwarzen von Kongo, ſetzte Biaſſou hinzu, Nache und Freiheit! Ihr aber Blutgemiſchte, laſſet Euch nicht erkalten durch die Verfuͤhrung de los diabolos blancos. Eu⸗ re Vaͤter ſind in ihren Reihen, aber Eure Muͤt⸗ ter in den unſrigen. Uebrigens, o hermanos de mi alma,**) haben ſie Euch niemals als Vaͤ⸗ ter, ſondern ſtets als Herren behandelt; ihr waret Sklaven gleich den Schwarzen. Waͤhrend ein elender Schurz kaum Eure von der Sonne ver⸗ *) Sie haben Furcht. **) Bruͤder meiner Seele! — 165— brannten Lenden bedeckte, gingen Eure barbari⸗ ſchen Vaͤter ſtolz unter buenos Sombreros ein⸗ her; ſie trugen Nankin⸗Kleider an Werktagen, und an Feſttagen ſah man ſie in Berkon und Sammet, a diez y Siéte quartos la vera.*) Verfluchet dieſe entarteten Weſen; allein, da die Geſetze des bon Giu es unterſagen, toͤdtet nicht ſelbſt Euern eigenen Vater. Wenn ihr ihn in den feindlichen Reihen begegnet, wer hindert Euch amigos, einer zum andern zu ſagen: Touyè pa- pa moé, ma touyé quena toué!*) Rache, ihr Truppen des Koͤnigs! Freiheit allen Men⸗ ſchen! Dieſer Ruf wiederhallt auf allen Inſeln; von Quisqueya**s) iſt er ausgegangen; er weckt Tabago und Kuba auf. Ein Anführer von hun⸗ *) Zu 17 quartos la vera,(Spaniſches Maaß, welches unſerer Elle gleichkommt.) *) T;ddte meinen Vater, ich will dir deinen toͤdten. Man hat wirklich Mulat⸗ ten, indem ſie den Vatermord gleichſam ver⸗ handelten, dieſe fluchwuͤrdigen Worte ausſpre⸗ chen hoͤren.) ***) Alte Benennung San Domingo's, welche gro⸗ ßes Land bedeutet. Die Eingebornen nennen es auch Aity. — 166— dert fuͤnf und zwanzig Maron Negern aus den blauen Bergen, ein Schwarzer aus Jamaika, Namens Boukman, hat unter uns die Freiheits⸗ Fahne aufgepflanzt. Mit einem Siege hat er ſeinen Freundſchaftsbund mit den Schwarzen zu San Domingo beſiegelt. Folgen wir ſeinem ruhmvollen Beyſpiele, die Zuͤndfackel in der einen, die Art in der andern Hand! Keine Gnade fuͤr die Weißen, fuͤr die Pflanzer! Ermorden wir ihre Familien, zerſtoͤren wir ihre Pflanzungen; kein Baum bleibe in ihren Laͤndereien, deſſen Wurzel nicht nach oben ſtehe. Graben wir die Erde auf, damit ſie die Weißen verſchlinge! Muth alſo, Freunde und Bruͤder! bald eilen wir zu Kampf und Vertilgung. Wir wollen ſiegen oder ſterben. Als Sieger kommt es an uns, al⸗ le Freuden des Lebens zu genießen; kommen wir um, ſo erwarten uns die Heiligen im Himmel, und jeder Brave erhaͤlt im Paradieſe ein doppel⸗ tes Maaß aguardiente*) und taͤglich einen Kuͤr⸗ bis voll Piaſter. Obgleich Ihnen, meine Herren, dieſe Soldaten⸗Predigt laͤcherlich vorkommen mag, *) Brandtwein. — 162— ſo brachte ſie doch auf die Rebellen eine bewun⸗ derungswuͤrdige Wirkung hervor. Ich geſtehe in⸗ deſſen, daß die außerordentliche Geſtikulation Bi⸗ aſſous, der begeiſterte Ton ſeiner Stimme, das befremdende Grinzen, welches zuweilen ſeine Wor⸗ te unterbrach, ſeiner Anrede eine mir ſelbſt un⸗ begreifliche, verblendende und hinreißende Kraft verlieh; die Kunſt, womit er Nebenumſtaͤnde, welche die Leidenſchaft oder das Intereſſe der Inſurgenten ſchmeichelten, in ſeine Rede zu ver⸗ flechten wußte, vermehrte um vieles die Gewalt ſeiner Beredſamkeit, welche ſo ganz fuͤr dieſe Zu⸗ hoͤrer geeignet war. Ich wuͤrde vergebens verſuchen, Ihnen den Enthuſiasmus zu beſchreiben, welcher auf die Anrede Biaſſous in der Rebellen⸗Armee ſich aus⸗ ſprach. Es war ein unharmoniſches Konzert von Geſchrei, Klagen und Bruͤllen. Die einen ſchlu⸗ gen ſich auf die Bruſt, andere ſtießen mit ihren Keulen und Saͤbeln auf den Boden. Viele la⸗ gen auf den Knien, oder ganz niedergeworfen, und behielten die Stellung der unbeweglichen Entzuͤckung. Die Negerinnen zerfleiſchten ſich Bruͤſte und Arme mit Fiſchgraͤten, deren ſie ſich — 168— als Haarkaͤmme bedienen. Guitarren, Tamtams, Trommeln und Balafos miſchten ihre Toͤne mit den Dechargen der Gewehre. Es war eine Art Sabbat. Biaſſou gab mit der Hand ein Zeichen, und der Tumult hoͤrte wie durch Zauberſchlag auf; jeder Neger nahm ſtill ſeinen Platz ein. Ich mußte dieſe Disziplin bewundern„ welche Biaſ⸗ ſou ſeinen Gefaͤhrten bloß durch das Uebergewicht des Verſtandes und des Willens, gelehrt hatte. Unter ſeiner Hand ſchienen ſich alle Soldaten dieſer aufwiegleriſchen Armee zu bewegen, wie die Taſten des Klaviers unter den Fingern des Spielers. Bald erregte eine andere Art Charlatanism und Blendwerk meine Aufmerkſamkeit, nemlich das Verbinden der Verwundeten. Der Obi, wel⸗ cher in der Armee die doppelte Verrichtung ei⸗ nes Seelen⸗ und Koͤrperarztes verſah, hatte die Beſichtigung der Kranken begonnen. Seines Prie⸗ ſtergewandes entlediget, hatte er eine große Kiſte herbeiſchaffen laſſen, worin ſeine Arzneien und Inſtrumente befindlich waren. Seiner chirur⸗ — 160— giſchen Inſtrumente bediente er ſich ſelten, und ſchien mir, mit Ausnahme einer Lanzette von Fiſchgraͤte, die er ſehr geſchickt zu Aderlaͤſſen an⸗ wendete, im Gebrauch des Brecheiſens und des Einſchnittmeſſers, etwas ungeſchickt zu ſeyn. Mei⸗ ſtentheils begnuͤgte er ſich Tiſanen von Holzoran⸗ gen, Traͤnke von China und Saſſaperils, und einige Schlucke alten Zuckerbrandtwein zu verord⸗ nen. Sein Lieblings⸗, und wie er ſagte Haupt⸗ Mittel aber beſtand in drei Glaͤſern rothen Wei⸗ nes, in die er eine geſtoßene Muskatnuß und das Gelbe eines Eyes ſchuͤttete, und alles wohl un⸗ ter der Aſche kochen ließ. Dieſes Speziſikums bediente er ſich fuͤr jede Gattung von Wunde oder Krankheit. Sie ermeſſen leicht, daß dieſe Medizin eben ſo laͤcherlich war, als der Gottes⸗ dienſt, welchen er darſtellte. Es iſt wahrſchein⸗ lich, daß die wenigen Kuren, welche ſich durch Zufall bewerkſtelligten, dem Obi bei den Schwar⸗ zen nicht das ungemeſſene Vertrauen erworben haben wuͤrde, wenn er dieſen Quark nicht durch Gaukler⸗Kuͤnſte unterſtuͤtzt, und mehr auf die Einbildungskraft, als die Leiden der Neger zu wirken verſtanden haͤtte. So beſchraͤnkte er ſich zuweilen, ihre Wunden blos mit myſtiſchen Zeichen — 170— in Charpie gewickelten Fetiſchſtein in die Wun⸗ de, indem er geſchickt die Reſte alten Aberglau⸗ bens mit ihrem Katholizismus von neuem Da⸗ tum zu vereinigen wußte. Der Kranke ſchrieb nun dem Steine die wohlthaͤtigen Wirkungen der Charpie zu. Zeigte man ihm an, daß ein Ver⸗ wundeter, den er behandelt, an ſeiner Wunde, oder vielleicht an ſeinem Verbande geſtorben ſey, ſo ſprach er feierlich: Ich habe es vorausge⸗ ſehen. Er war ein Verraͤther: bei dem Brande einer Pflanzung hat er einen Weißen gerettet, dieß iſt ſeine Strafe! Und der Haufe verbluͤff⸗ ter Rebellen zeigte ſeinen Beifall, und verhaͤr⸗ tete ſich mehr und mehr in ſeinem Haſſe und ſeiner Rache. Der Charlatan wendete unter an⸗ dern ein Heilungsmittel an, deſſen Sonderbar⸗ keit mich erſtaunte. Einer der ſchwarzen Anfuͤh⸗ rer war im letzten Kampfe ſehr ſchwer verwun⸗ det worden. Lange unterſuchte er die Wunde, verband ſie ſo gut er konnte, ſtieg auf den Al⸗ tar und ſagte: Alles dieß iſt fuͤr nichts. Nun riß er drei oder vier Blaͤtter aus dem Meßbuche, verbrannte ſie an der Flamme der in der Kirche Acul geſtohlenen Fackeln, und ſagte, indem er die zu beruͤhren; dann legte er auch einen kleinen * — 171— Aſche davon unter etwas Wein in den Relch miſchte, zum Verwundeten: Trinket, das iſt Eure Heilung.“) Der andere trank ſtumpfſin⸗ nig, indem er die Augen voll Vertrauen auf den Eaukler heftete. Dieſer hielt die Haͤnde uͤber ihn, wie wenn er die Benediktion des Him⸗ mels auf ihn herabflehen wollte, und wahr⸗ ſcheinlich heilte ihn nur die Ueberzeugung, daß er geheilt werden muͤſſe. Eine andere Szene, wobei der verſchleierke Obi abermals eine Hauptrolle ſpielte, folgte die⸗ ſer; der Arzt hatte den Prieſter erſetzt, der Zau⸗ berer erſetzte nun den Arzt. Hombres escuchate!*) rief der Obi, in⸗ *) Dieſes Mittel wird noch jetzt in Afrika ſehr haͤu⸗ fig angewendet, namentlich bei den Mauren von Tripolis, die in ihr Getraͤnk die Aſche eini⸗ ger Seiten aus dem Alkoran werfen. Dieß gibt einen Trank, dem ſie die hoͤchſten Tugenden zu⸗ ſchreiben. Ein Englaͤnder nannte dieſen Trank die Eingebung des Alkorans. **) Maͤnner, hoͤrt! der Sinn, welchen die Spanier dem Worte hombre unterlegen, kann hier . dem er mit unbegreiflicher Behaͤndigkeit auf den improviſirten Altar ſprang, und die Beine ſitzend unter ſein buntes Kleid ſchlug: escuchate, hom- bres! Wer aus dem Buch des Schickſals ſein eigenes leſen will, der komme herbei. Ich werde es ihnen enthuͤllen: hé estudiado la ciencia de los Gitanos.*) Die Schwarzen und Mulatten draͤngten ſich Haufenweiſe herbei. Einer nach dem Andern/ rief der Obi, deſſen dumpfe Stimme zuweilen einen ſchreienden Ton annahm, der mir, wie fruͤher bekannt, ans Ohr klang; wenn ihr alle zugleich kommt, ſo fahrt ihr alle zuſammen in die Grube. Sie hielten an. In dieſem Augen⸗ blicke trat ein farbiger Mann vor Biaſſou, in weißer Weſte und Beinkleidern, und mit einem Madras, gleich den reichen Koloniſten friſirt. Schrecken mahlte ſich auf ſeinem Antlitze. Nun, Rigand, ſagte der Generaliſſimus leiſe, was giebt nicht uͤberſetzt werden. Es iſt mehr als Menſch, und weniger als Freund. *) Ich habe die Wiſſenſchaft der Egypter ſtudirt. — 173— es, was habt ihr denn? Es war der Haupt⸗ Mulatte der Vereinigung von Cayes, ſeitdem als General Rigaud bekannt; ein Mann, der unter treuherzigem Aeußern große Argliſt, und Grauſamkeit unter einem Anſtrich von Sanft⸗ muth ſehr geſchickt zu verbergen wußte. Ich be⸗ trachtete ihn ſehr aufmerkſam, und da ich nahe bei Biaſſou ſaß, ſo verſtand ich alles, obſchon ſehr leiſe geſprochen wurde. General, entgegne⸗ te Rigaud, auf den Graͤnzen des Lagers iſt ein Abgeordneter von Jean Frangois. Boukman wurde in einem Gefechte mit Herrn v. Touſard getoͤdtet; die Weißen haben ſeinen Kopf als Sie⸗ gestrophaͤe auf den Mauern ihrer Stadt aufge⸗ pflanzt.— Iſt dieß alles? ſagte Biaſſou, und ſeine Augen glaͤnzten vor geheimer Freude, die Zahl der Chefs ſich mindern, und dadurch ſein Anſehen vergroͤßert zu ſehen. Der Abgeordnete hat uͤberdieß eine Botſchaft an Euch zu beſtellen. Gut, erwiederte Biaſſou: legen Sie dieſe erſchro⸗ ckene Miene ab, lieber Rigaud.— Fuͤrchten Sie denn nicht, fragte Rigaud, eine nachtheili⸗ ge Wirkung von Boukman's Tod auf ihre Ar⸗ mee? Ihr ſeyd nicht ſo wenig ſcharfſichtig, als Ihr ſcheinen wollt, Rigaud, verſetzte der Chef; Ihr werdet Biaſſou kennen lernen! Verzoͤgert — 124— nur die Annahme der Botſchaft um eine Vier⸗ telſtunde. 3 Der Obi hatte mittlerweile ſein Amt als Wahrſager begonnen, indem er die bezauberten Neger ausfragte, und die Zeichen ihrer Stirnen und Haͤnde pruͤfte; hierauf vertheilte er an ſie zukuͤnftiges Gluͤck, mehr oder weniger nach Maaß des Klanges, der Farbe und Dichte des Geld⸗ ſtuͤckes, welches von jedem Neger in ein zu ſei⸗ nen Juͤßen ſtehendes vergoldetes Kelchſchuͤſſelchen geworfen wurde. Biaſſou naͤherte ſich ihm, und ſagte ihm einige Worte ins Ohr. Der Zaube⸗ rer fuhr, ohne ſich unterbrechen zu laſſen, in ſeinen metoposkopiſchen Operazionen fort: „„Derjenige, ſagte er, welcher mitten auf der Stirne, auf der Sonnenrunzel, eine kleine vier⸗ oder dreieckige Figur traͤgt, wird ohne Muͤhe und Arbeit ein großes Gluͤck machen.“ „Die Form von drei gneinander haͤngenden F, wo ſie ſich auch immer auf der Stirne befin⸗ den moͤgen, iſt ein furchtbares Zeichen; wer — 15— dieſe Zeichen traͤgt, ertrinkt ohne Zweifel, nie er auch immer das Waſſer meiden moͤge.“ „Vier Linien, ſo von der Naſe aus zu „zwei und zwei ſich auf der Stirne uͤber den „Augen kruͤmmen, verkuͤnden, daß man als „Gefangener in den Haͤnden des Feindes ſchmach⸗ „ten werde.“ Hier hielt der Obi inne. Gefaͤhrten, ſetzte er feierlich bei, dieſes Zeichen habe ich auf Bug⸗ Jargals Stirne bemerkt, des Hauptes der Bra⸗ ven von Morne rouge. Dieſe Worte beſtaͤtigten mir die Gefangen⸗ nehmung Bug⸗Jargals. Sie erregten das Jam⸗ mergeſchrei einer Horde, die blos aus Schwar⸗ zen beſtand, und deren Haͤuptlinge Scharlach⸗ Beinkleider trugen; es war die Bande von Mor⸗ ne rouge. Indeſſen begann der Obi von neuem: „Habt ihr auf der rechten Seite der Stir⸗ „ne auf der Mondlinie ein Zeichen, welches — 176— „Aehnlichkeit mit einer Gabel verraͤth, ſo ver⸗ „meidet muͤßig zu bleiben, oder Euch Ausſchwei⸗ „fungen hinzugeben.“ — „Ein kleines, allein ſehr bedeutendes Zei⸗ „chen, die arabiſche Figur der Chiffer 3, ver⸗ „kuͤndet, wenn es auf der Sonnenlinie ſteht, „Stockſchlaͤge.. Ein alter Neger aus dem ſpaniſchen Do⸗ mingo ſchleppte ſich hier auf den Zauberer zu, und flehte um Verband. Er war auf der Stir⸗ ne verwundet, und eines ſeiner Augen hieng blu⸗ tend aus ſeiner Hoͤhle herab. Der Obi hatte ihn bei ſeinem aͤrztlichen Beſuche uͤberſehen. Als er ihn gewahrte, rief er: „Nunde Figuren auf der rechten Seite der „Stirne, auf der Mondeslinie, kuͤndigen Augen⸗ „Krankheiten an.“ Hombre, ſagte er zu dem armen Verwundeten, dieß Zeichen iſt ſehr ſicht⸗ lich auf deiner Stirne; zeige deine Hand. Alas, excelentisimo Senor, erwiederte der andere, mir' * — 177— Usted mi Ojo!*)— Fatras,**) entgegnete der Obi unwillig, ich brauche auch noch Dein Auge zu ſehen: Deine Hand, ſage ich! Der Ungluͤckliche hielt die Hand hin, waͤh⸗ rend er immer jammerte: mi ojo! Gut! ſagte der Zauberer nun.„Findet man „auf der Lebenslinie einen Punkt, welcher von ei⸗ „nem kleinen Kreis umſchloſſen iſt, ſo wird man „einaͤugig, weil dieſe Figur den Verluſt eines „Auges anzeigt.“ Das iſt es, hier iſt der Punkt und kleine Kreis, und Du wirſt einaͤugig ſeyn. Na le soy!**) antwortete der Fatras, in⸗ dem er erbaͤrmlich ſeufzte. Allein der Obi, wel⸗ cher durchaus kein Chirurg war, ſtieß ihn„hart *) Ach, vortrefflichſter Herr! betrachten Sie mein Auge. **) Unter dieſem Namen verſtand man einen dienſt⸗ loſen Neger. ***) Ich bin es ſchon. 12 8 = 176— zurück, und fuhr fort, ohne ſich um die Klagen des armen Einaͤugigen weiter zu kuͤmmern. Escuchate hombres!„Sind die ſieben Li⸗ „»nien der Stirne klein, krumm und ſchwach ge⸗ „zeichnet, ſo zeigen ſie kurzes Leben an.“ „Wer zwiſchen den beiden Augenbraunen „auf der Mondeslinie die Figur zwei ſich kreu⸗ „zender Pfeile hat, wird in einer Schlacht um⸗ „fkommen.“ „Wenn die Lebenslinie, welche die Hand „durchſchneidet, an ihrem Ende bei der Ver⸗ „bindung ein Kreuz bildet, ſo iſt dieß ein An⸗ „zeichen, daß man auf dem Schaffotte ſterben „wird... Und hier. muß ich Euch ſagen, hermanos, daß einer der bravſten Stützen un⸗ ſerer Freiheit, Boukman, dieſe drei verhaͤngniß⸗ vollen Zeichen an ſich traͤgt. Bei dieſen Worten hielten die Neger den Athem an ſich: ihre Augen waren unbeweglich und ſtart auf den Jongler geheftet, indem ſie — 179— eine an Stumpfſinn graͤnzende Aufmerkſamkeit ausdruͤckten. „ Nur kann ich, fuhr der Obi fort, dieß doppelte Zeichen, welches Boukman in der Schlacht und mit dem Schaffot bedroht, nicht zuſammeg⸗ reimen. Inzwiſchen iſt meine Kunſt untruͤglich. Er hielt an, und warf Biaſſou einen Blick zu. Biaſſou ſagte einem ſeiner Adjudanten ein Wort ins Ohr, worauf dieſer augenblicklich die Grotte verließ. „„kin weiter, geſpaltener Mund,“ fuhr der Obi, waͤhrend er ſich mit ſeinem malitioͤſen po⸗ ſierlichen Accent wieder gegen die Verſammlung wendete,„eine alberne Stellung, herabhaͤngende „Arme, und die linke Hand nach außen ge⸗ „wendet, ohne daß dafuͤr ein Grund vorhanden, „beweiſen angeborne Stupiditaͤt, eine leere Nich⸗ „tigkeit, eine thoͤrichte Neugierde.“ Biaſſou grinz⸗ 66.— Im ſelben Augenblicke kam der Adjudant zuruͤck; er fuͤhrte einen mit Staub und Koth bedeckten Neger ein, deſſen von Dornen und Stei⸗ nen zerriſſene Fuͤße bewieſen, daß er einen weiten 12* — 130— Weg gemacht hatte. Es war der von Rigaud an⸗ gekuͤndigte Bote. In einer Hand hielt er ein verſiegeltes Packet, in der andern ein entfaltetes Pergament, an dem ein Siegel mit dem Stem⸗ pel eines flammenden Herzens hieng. Mitten aulf ſelbem war eine Chiffer aus dem in ein⸗ ander geſchlungenen Buchſtaben M und N ge⸗ bildet, welches ohne Zweifel die Vereinigung der freien Mulatten mit den Negerſklaven ausdruͤckte. Neben dieſer Chiffer las ich die Unterſchrift: vdas Vorurtheil iſt beſiegt, die eiſerne Ruthe iſt zerbrochen. Es lebe der Koͤnig! Dieſes Pergament war ein von Jean Francois ausge⸗ ſtellter Paß. Der Abgeſandte bot es Biaſſdu dar, und uͤbergab ihm, nachdem er ſich bis zur Erde ver⸗ beugt, das verſchloſſene Paket. Raſch riß dieſes der Generaliſſimus auf, durchlief die Depeſchen, welche es enthielt, ſteckte eine davon in ſeine Weſte, und rief, waͤhrend er die andern zwiſchen den Haͤnden rieb, mit betruͤbter Miene: Trup⸗ pen des Koͤnigs!— Die Neger neigten ſich. Truppen des Koͤnigs! hoͤret was Jean —;— — 131— Francois, Großadmiral von Frankreich, General⸗ lieutenant der Armeen Seiner Majeſtaͤt des Koͤ⸗ nigs von Spanien und beider Indien, dem Jo⸗ hann Biaſſou, Generaliſſimus der eroberten Laͤnder, Feldmarſchall Sr. katholiſchen Majeſtaͤt vermeldet:„Boukmann, Anfuͤhrer von hundert zwanzig Schwarzen aus den blauen Gebuͤrgen zu Jamaika, von dem General⸗Gouverneur zu Belle Combe als unabhaͤngig erkannt: Bouk⸗ man iſt im ruͤhmlichen Kampfe der Freiheit und Menſchlichkeit, gegen den Despotismus und die Barbarei gefallen. Dieſer großherzige Chef iſt in einem Gefechte mit den weißen Raͤubern des infamen Touzard's geblieben. Die Ungeheuer haben ihm den Kopf abgeſchlagen, und verkuͤn⸗ det, ſie wuͤrden ihn zum Schimpfe auf ein Schaf⸗ fot auf dem Waffenplatze des Kaps, ſtecken. „Rache!“ Das dumpfe Schweigen der Muth⸗ loſigkeit folgte dieſer Bekanntmachung einige Au⸗ genblicke durch die ganze Armee. Allein der Obi, welcher ſich gerade auf dem Altar aufgerichtet hatte, ſchrie mit triumphirenden Zeichen, waͤh⸗ rend er ſeinen weſßen Stab ſchwang: Salo⸗ mon, Zorobabel, Eleazar, Thaleb, Cardan, Ju⸗ das, Bowthericht, Avereons, Albrecht der Große, — 182— Bohabdil, Jean de Hagen, Anna Baratro, Da⸗ niel Ogrumof, Rachel Flietz, Altornino! ich dan⸗ ke Euch. Die Ciencia der Seher hat mich nicht getaͤuſcht. Hijos, amigos, hermanos, mu- chachos, mozos, madres, y vosostros to- dos qui me escuchais aqui, was habe ich vor⸗ ausgeſagt? que habin dicho? Die Zeichen auf Boukman's Stirne haben mich erkennen laſſen, daß er nur kurze Zeit zu leben beſtimmt war, und daß er in einem Gefechte umkommen werde; die Linien ſeiner Hand aber, daß er auf einem Schaffote erſcheinen werde. Treu erfuͤllen ſich die Offenbarungen meiner Kunſt, und von ſelbſt geſtal⸗ ten ſich die Ereigniſſe, um ſelbſt den Tod auf dem Schlachtfelde und Schaffote, was uns unverein⸗ bar ſchien, zuſammen zu paſſen! Bruͤder, betet an! Die Entmuthigung der Neger hatte ſich waͤh⸗ rend dieſer Rede in eine Art Verzauberung ver⸗ wandelt. Sie hoͤrten den Obi mit Glauben und Schrecken an, waͤhrend dieſer laͤngs und breit auf der Zuckerkiſte herumſpatzierte, deren Ober⸗ flaͤhe fuͤr ſeine kleinen Schritte hinlaͤnglich groß war. Biaſſou grinzte, und ſprach den Obi an: Herr Kaplan! da Sie in die Zukunft ſe⸗ hen, ſo gefiele es uns, wenn Sie uns unſer „ — — 133—. Schickſal vorausſagen wollten; unſer, des ma⸗ riscal de campo, Schickſal! Deer Obi ſtand mit Stolz auf dem grotes⸗ ken Altare ſtille, auf welchem die Leichtglaͤubig⸗ keit der Neger ihn vergoͤtterte, und ſagte zum mariscal de campo: Venga vuestra merced!*) In dieſem Augenblicke war der Obi der wichtig⸗ ſte Mann in der Armee, und die militaͤriſche Gewalt wich der geiſtlichen. Biaſſou naͤherte ſich; in ſeinen Zuͤgen war Verachtung zu leſen.— Ihre Hand, General, ſagte der Obi, indem er ſich buͤckte, um ſie zu faſſen. Empezo.**)— Die Verbindungslinie, gleich gezeichnet in ihrer gan⸗ zen Laͤnge, verheißt Ihnen Reichthuͤmer und Gluͤck. Die vier gleichen und geraden Linien, die ſie durchſchneiden, verkuͤnden Ihnen Ehren und Wuͤrden. Die Lebenslinie, lang, markirt, verſpricht ein Leben ohne Leiden, ein friſches Al⸗ ter; gerade, bezeichnet ſie Ihre Weisheit, Scharf⸗ ſinn, die Generosidad Ihres Herzens. Endlich gewahre ich ein Zeichen, welches die Chiromanti⸗ ker das gluͤcklichſte von allen nennen, nemlich *) Koͤnnen Ew. Liebden. **) Ich beginne. — 184— eine Menge kleiner Falten, welche ihm das Aus⸗. ſehen eines mit Aeſten beſchwerten Baumes ge⸗ ben, und die ſich in der Hand nach oben ziehen; dieß iſt das ſichere Prognoſtikon des Ueberfluſſes und der Groͤße. Die ſehr lange Geſundheits⸗ Linie beſtaͤtigt die Anzeigen der Lebenslinie; ſie bezeichnet uͤberdieß auch den Muth; zuruͤckgebo⸗ gen gegen den kleinen Finger, bildet ſie eine Ar Haken. General, dieß iſt das Zeichen einer noethwendigen Strenge. Bei dieſem Ausdrucke heftete ſich das glaͤn⸗ zende Auge des Obi's durch die Oeffnungen ſeines Schleiers auf mich, und ich bemerkte nochmals eine bekannte Stimme, welche nur in etwas durch die beſtaͤndige Feierlichkeit, mit der er ſprach, veraͤndert war. Er fuhr mit denſelben Geſten und Betonung fort: Die Geſundheitslinie, mit kleinen Kreiſen bedeckt, verkuͤndet Ihnen eine große Anzahl von Hinrichtungen, welche Sie gezwungen ſeyn wer⸗ den, vorzunehmen. Sie biegt ſich nun gegen die Mitte in einen Halbzirkel, beweiſt, daß Sie große Gefahren mit wilden Thieren, das heißt —— — 185— mit den Weißen, zu beſtehen haben werden, wenn Sie ſie nicht ausrotten. Die Gluͤcks⸗ linie iſt bei Ihnen gleich der Lebenslinie von lleinen Aeſten umſchloſſen, welche in der Hand ſich nach oben ziehen; ſie zeigt zukuͤnftige Macht und Oberherrſchaft an, zu denen Sie berufen ſind. Gerade und duͤnn gegen oben zu, beweiſt ſie das innewohnende Herrſcher⸗Talent.— Die fuͤnfte Linie, die des Triangels, bis gegen die Mitte des mittlern Fingers verlaͤngert, verſpricht Ihnen in jeder Unternehmung den gluͤcklichſten Erfolg. Zeigen Sie Ihren Finger. Der Dau⸗ men, in ſeiner Laͤnge von kleinen Linien durch⸗ ſchnitten, welche vom Nagel bis ans Gelenk gehen, verkuͤndet eine große Erbſchaft: vermuth⸗ lich die von Boukman's Ruhm! fuͤgte der Obi mit lauter Stimme hinzu. Der kleine Aufwurf, welcher die Wurzel des Zeigefingers bildet, iſt mit kleinen ſanft geſchnittenen Linien bedeckt: Ehren und Wuͤrden!— Der Mittelfinger zeigt nichts. Ihr Goldfinger iſt mit in einander ver⸗ ſchlungenen Linien bedeckt. Sie werden alle Ihre Feinde beſiegen, Sie werden alle Ihre Neben⸗ buhler beherrſchen. Dieſe Linien bilden Andreas⸗ Kreuze; Zeichen von Genie und Vorſicht!— — 186— Das Gelenk, das den kleinen Finger mit der Hand vereinigt, macht krumme Falten; das Gllͤck wird Sie mit Gunſt uͤberhaͤufen. Dort ſehe ich noch das Gebilde eines Kreiſes, Vorbedeutungen, welche man zu den andern fuͤgen muß, welche Macht und Wuͤrden verkuͤnden! „Gluͤcklich, ſagt Eleazar Thaleb, wer dieſe Zeichen an ſich traͤgt! das Schickſal hat ſich mit ſeinem Heile befaßt, und ſein Stern wird ihm das Genie verleihen, welches zum Ruhme fuͤhrt.“« Laſſen Sie mich nun auch Ihre Stirne befragen. „Derjenige, ſagt die Boͤhmin Rachel Fliez, welcher mitten auf der Stirne, auf der Son⸗ nenfalte eine kleine viereckte Figur, oder ein Drei⸗ eck, traͤgt, wird großes Gluͤck haben.“ Hier ſieht man ſie ſehr hervorſtechend.—„Iſt die⸗ ſes Zeichen zur Rechten, ſo verſpricht es eine wichtige Hinterlaſſenſchaft... Immer die von Boukmann!„Das Zeichen eines Hufeiſens zwi⸗ ſchen den Augenbraunen unter der Mondeslinie, zeigt, daß man Beleidigung und Tyranney zu ——— — 182— raͤchen wiſſe.“ Ich trage dieſes Zeichen, Sie tragen es auch. Beſonders befremdend war mir die Weiſe, mit welcher der Obi die Worte, ich trage das Zeichen, ausſprach. Man findet es, fuhr er im ſelben Tone fort, bei den Braven, welche den Muth haben ſich zu empoͤren, und das Joch der Sklaverey kaͤmpfend abzuſchuͤtteln. Die Loͤwentatze, welche uͤber Ihrem Augenbraun eingepraͤgt iſt, beweiſt Ihren glaͤnzenden Muth. Endlich aber, Ge⸗ neral Johann Biaſſou, iſt Ihre Stirne mit dem blendendſten aller Gluͤckszeichen geſchmuͤckt; nem⸗ lich mit einer Verſchlingung von Linien, welche den Buchſtaben M, den erſten der heiligen Jung⸗ frau, bilden. Auf welchem Theil der Stirne, oder auf welcher Falte dieſe Figur auch immer erſcheinen moͤge, ſie verkuͤndet Genie, Ruhm und Macht. Derjenige, welcher ſie an ſich traͤgt, wird ſtets ſeine Sache triumphiren machen, und wer ihn als Oberhaupt erkennt, wird nie Ver⸗ luſte erleiden; er allein iſt mehr werth, als alle — 138— Vertheidiger ſeiner Parthei zuſammen. Sie ſind dieſer Auserwaͤhlte des Schickſals! Gratias, Herr Kaplan, ſagte Biaſſou, in⸗ dem er ſich anſchickte, auf ſeinen Mahagony⸗ Thron niederzuſitzen. Warten Sie, mein General, fing der Obi nochmals an, ich vergaß noch ein Zeichen. Die Sonnenlinie, welche auf Ihrer Stirne beſonders ſichtlich, zeugt von Lebensart, vom Verlangen, Gluͤckliche zu machen, vieler Freigebigkeit, und einer Neigung zur Pracht. Biaſſou verſtand, daß dieſes Vergeſſen mehr ihn als den Obi anging. Er zog eine rothe Boͤrſe aus der Taſche, und warf ſie in die ſilberne Schuͤſ⸗ ſel, um die Sonnenlinien nicht Luͤgen zu ſtrafen. Mittlerweile hatte das blendende Horoskop des Chefs ſeine Wirkung auf die Armee nicht verfehlt. Die Worte des Obi's hatten nach ein⸗ gegangener Nachricht von Boukman's Tode ſehr an Gewicht gewonnen; die Rebellen giengen ſchnell von ihrer Muthloſigkeit zu Enthuſiasmus uͤber, — 139— und gaben ſich nun blindlings ihrem untruͤgli⸗ chen Zauberer, und ihrem vom Schickſal beguͤn⸗ ſtigten Generale hin. Lange wiedertoͤnte das Ge⸗ bruͤll: Es lebe der Obil es lebe Biaf⸗ ſou!— Der Obi und Biaſſou ſahen ſich an, und ich glaubte das erſtickte Gelaͤchter des er— ſtern dem Grinzen des Generaliſſ mus antworten zu hoͤren. Ich weiß nicht, weßhalb dieſer Obi mich ſo ſehr beſchaͤftigte; mir daͤuchte, ich haͤtte ſchon anderwaͤrts ein ihm aͤhnliches Weſen gekannt; ich wollte ihn ſprechen machen. Monsieur 1Obi, Doctor Medico, Sennor Cura, Herr Kaplan, bon per! ſagte ich zu ihm. Er wendete ſich raſch um. Hier iſt noch jemand, dem Ihr das Horos⸗ kop nicht geſtellt: ich moͤchte es wiſſen. Err ſchlug die Aerme uͤber der ſilbernen Son⸗ ne zuſammen, welche ſeine haarige Bruſt bedeckte, und antwortete nicht. Ich fing wieder an: Ich wuͤnſchte wohl zu wiſſen, was Ihr von meiner Zukunft weisſagt, allein Ihr ſeyd kein — 190— Prophete umſonſt, und Eure ehrlichen Kamera⸗ den haben mir Boͤrſe und Uhr fortgenommen. Er ging raſch auf mich zu, und ſagte mir dumpf ins Ohr: Du irrſt, zeige deine Hand. Ich bot ſie ihm dar, indem ich ihn ſcharf ins Auge faßte. Seine Augen funkelten, er ſchien meine Hand zu unterſuchen. „Wenn die Lebenslinie, hub er dann an, gegen die Mitte von zwei ſenkrechten und ſicht⸗ lichen Linien durchſchnitten iſt, ſo iſt dieß ein Zeichen des nahen Todes.“ Dein Tod iſt nahe! „Befindet ſich die Geſundheitslinie nicht mit⸗ ten in der Hand, ſondern bloß die Lebens⸗ und Gluͤckslinie, und wenn ſie bei ihrem Urſprunge nach Art eines Winkels geſtaltet ſind, ſo darf man ſich mit dieſen Zeichen keinen natuͤrlichen Tod erwarten.“ Erwarte daher keinen natuͤrli⸗ chen Tod! „Wenn das Untere des Zeigfingers von ei⸗ ner Linie in ſeiner ganzen Laͤnge durchſchnitten iſt, ſo ſtirbt man eines gewaltſamen Todes.“ Hörſt du, bereite dich zum gewaltſamen Tode! — 191— In dieſer Grabes⸗Stimme, welche den Tod kuͤndete, ſchien mir etwas froͤhliches zu liegen; ich hoͤrte ihn mit Gleichguͤltigkeit und Verach⸗ tung an.— Zauberer, ſagte ich mit veraͤcht⸗ lichem Laͤcheln, du biſt geſchickt, du ſtellſt die Nativitaͤt mit Sicherheit. Er naͤherte ſich mir noch mehr. Du zweifelſt an meiner Wiſſenſchaft! wohl⸗ an, hoͤre weiter:„Der Bruch der Sonnenlinie auf deiner Stirne zeigt an, daß du einen Feind fuͤr Freund und einen Freund fuͤr Feind haͤltſt.« Der Sinn dieſer Worte hatte natuͤrliche Beziehung auf den treuloſen Pierrot, den ich liebte, und der mich verrieth, und den treuen Abibra, den ich haßte, und deſſen blutige Klei⸗ dungsſtuͤcke ſeine muthvolle, mit dem Tode be⸗ ſiegelte Ergebenheit bezeugten.— Was ſoll das heißen? rief ich. Hoͤre bis zu Ende, fuhr der Obi fort. Ich ſprach von der Zukunft, hier nur von Vergan⸗ genheit:„Die Mondlinie iſt leicht auf deiner — 102— Stirne gebogen; dieß beweiſt, daß dir deine Frau entfuͤhrt worden iſt. Ich bebte; ich wollte von meinem Sitze auf⸗ ſpringen; meine Waͤchter hielten mich zuruͤck. Du biſt nicht geduldig, ſprach der Zauberer; hoͤre mich doch bis zu Ende:„das kleine Kreuz, welches das Ende dieſer Kruͤmmung durchſchneidet, giebt vollends Licht;“ deine Frau war dir in der Hochzeitnacht entfuͤhrt. Elender, ſchrie ich, du weißt, wo ſie iſt, wer biſt Du? Vergebens ſuchte ich mich loszu⸗ machen, und ihm ſeinen Schleier abzureißen; ich mußte der Gewalt und der Uebermacht wei⸗ chen, und mit Wuth ſah ich den Obi von dan⸗ nen gehen, welcher mich noch fragte: Glaubſt du mir jetzt? Bereite dich zum baldigen Tode. Um mich auf Augenblicke aus der Verwir⸗ rung zu reißen, in welche mich dieſe Szene ver⸗ ſetzt hatte, bedurfte es des neuen Drama's, wel⸗ ches nunmehr der laͤcherlichen Komoͤdie folgte, — — 193— die Biaſſou und der Obi ſo eben vor ihren vere blendeten Banden geſpielt hatten. Biaſſou hatte ſich auf ſeinen Mahagony⸗ Thron zuruͤckbegeben; der Obi ſaß zu ſeiner Rech⸗ ten, Rigaud zu ſeiner Linken, auf den Polſtern zur Seite des Throns. Der Obi, die Arme auf der Bruſt gekreuzt, ſchien in tiefe Betrach⸗ tungen verſunken, Biaſſou und Rigaud kauten Tabak. Ein Adjudant trat ein, um den Mari- scal de Campo zu fragen, ob die Armee de⸗ filiren ſolle, als ſich drei Haufen Schwarzer tu⸗ multuariſch und mit wuͤthendem Geſchrei dem Eingange der Grotte naͤherten. Jeder dieſer Hau⸗ fen fuͤhrte einen Gefangenen, welchen ſie der Verfuͤgung Biaſſous uͤbergeben wollten, weniger um zu wiſſen, ob er ihn begnadigen, ſondern vielmehr um zu erfahren, welche Todesart es ihm gefaͤllig ſeyn wuͤrde, uͤber die Ungluͤcklichen zu verhaͤngen. Ihr furchtbares Geſchrei druͤckte dieß nur zu deutlich aus: Mort! Mort! Mu- erte!— Death! Death! ſchrieen einige engli⸗ ſche Neger, zweifelsohne von Boukman's Hor⸗ de, die ſich bereits mit den franzoͤſiſchen und ſpaniſchen Schwarzen Biaſſous vereinigt hatte. 15 Der Mariscal de Campo gebot mit einem Winke der Hand Stillſchweigen, und ließ die drei Gefangenen auf die Schwelle der Grotte vor⸗ treten. Mit Erſtaunen erkannte ich zwei der⸗ ſelben. Der eine war der Buͤrger⸗General C..., der mit allen Negrophilen Europa's in Verbin⸗ dung ſtand, und welcher in dem beim Gou⸗ verneur gehaltenen Kriegsrathe eine fuͤr die Ne⸗ ger ſo grauſame Meinung ausgeſprochen hatte. Der andere war der zweideutige Pflanzer, wel⸗ cher ſo vielen Widerwillen gegen die Mulatten, zu welchen die Weißen ihn zaͤhlten, an den Tag gelegt. Der dritte ſchien zu der Klaſſe der klei⸗ nen Weißen zu gehoͤren; er trug eine Schuͤr⸗ ze von Leder, und hatte die Hemde⸗Aermel uͤber den Elbogen aufgeſchuͤrzt. Jeder von ihnen war einzeln in den Gebuͤrgen, wo ſie ſich verſtecken wollten, aufgegriffen worden. Der kleine Weiße kam zuerſt vor. Wer biſt du? fragte Biaſſou. 14 Ich bin Jakob Belin, Zimmermann im Vater⸗Spital auf dem Kap. 3 Ueberraſchung und Scham malte ſich auf dem Geſichte des Generaliſſimus der eroberten Laͤnder: Jakob Belin! ſagte er, indem er ſich auf die Lippen biß. Ja, erwiederte der Zimmermann; kennſt du mich denn nicht mehr? Beginne damit, ſprach der Mariscal de Campo, mich zu erkennen und zu begruͤßen. Ich gruͤße meinen Sklaven nicht⸗ entgeg⸗ nete der Zimmermann. Dein Sklave, Elender! rief der Generaliſ⸗ ſimus. Ja, erwiederte der Zimmermann, ja, ich bin dein erſter Herr. Du willſt mich nicht mehr kennen„aber erinnere dich, Johann Biaſ⸗ ſou, daß ich dich fuͤr dreizehn Piaſter an einen domingiſchen Herrn verkaufte. Alle Zuͤge Biaſſous druͤckten hier den leb⸗ hafteſten Verdruß aus.— Nun, fuhr der kleine 3 13* 8 — 106— Weeiße fort, ich glaube gar, du ſchaͤmſt dich, mir gedient zu haben. Glaubſt du etwa, es gereiche dem Johann Biaſſou nicht zur Ehre, in Dienſten des Jakob Belin geſtanden zu ſeyn? Deine eigene Mutter, die tolle Alte, hat oft meinen Schoppen ausgekehrt. Allein jetzt habe ich ſie an den Herrn Majordomus des Hospi⸗ tals verkauft; ſie iſt ſo herunter, daß er mir nur 52 Livers und ſechs Sous füͤr ſie geben wollte. Dieß iſt uͤbrigens deine und ihre gan⸗ ze Geſchichte; mir ſcheint aber, ihr Neger und Mulatten ſeyd jetzt ſtolz geworden, und du be⸗ ſonders haſt die Zeit vergeſſen, wo du auf den Knieen deinen Herrn und Meiſter Johann Belin am Kap, bedienteſt. Biaſſou hatte ihn mit dem wilden Grin⸗ zen angehoͤrt, welches ihn einem Tiger aͤhnlich machte. Gut! ſagte er. Dann wendete er ſich ge⸗ gen die Neger, welche Meiſter Belin gebracht hatten: bringet zwei Zimmer⸗Boͤcke, zwei Bre⸗ ter und eine Saͤge, und fuͤhrt dieſen Menſchen fort.— Jakob Belin, Zimmermann am Kap, ——ÿÿ44¼— — 197— danke mir, daß ich dir den Tod eines Zimmer⸗ manns verſchaffe. „ Sein Lachen ließ keinen Zweifel uͤbrig, mit welch' fuͤrchterlicher Todesart der Stolz ſeines alten Meiſters beſtraft werde. Ich ſchauderte, allein Jakob Belin veraͤnderte keine Miene, ſtolz wandte er ſich gegen Biaſſou: ja, ſagte er, ich muß dir danken, denn ich habe dich um den Preis von dreizehn Piaſter verkauft, waͤhrend Du gewiß nicht ſo viel werth warſt. Man ſchleppte ihn fort. Dieſem wenig beruhigenden Vorſpiele ihrer eigenen Tragoͤdie hatten, mehr todt als lebendig, die beiden andern Gefangenen beigewohnt. Ihre unterthaͤnige, Schrecken verrathende Stellung ſtand mit der, beinahe prahleriſchen Feſtigkeit des Zim⸗ mermanns im grellen Widerſpruche: ſie zitter⸗ ten an allen Gliedern. Biaſſou betrachtete einen nach dem andern, mit ſeiner Fuchs⸗Miene. Es gefiel ihm, ihre Todesangſt zu verlaͤngern, und er fing mit — 108 Rigaud eine Unterredung uͤber die verſchiedenen Tabakgattungen an. Er verſicherte, daß der von Havannah bloß in Cigarren gut ſey, und daß er zum Schnupfen keinen beſſern kenne, als den, wovon Boukman ihm zwei Faͤſſer, welche dem Herrn Lebatu, Eigenthuͤmer auf der Inſel de la Tortue abgenommen worden, geſendet habe. Hieauſai wendete er ſich barſch zum Buͤr⸗ ger⸗ General C. Was duͤnkt dir davon? Dieſe unerwartete Apoſtrophe machte den Buͤrger ſchwanken. Stam⸗ melnd entgegnete er: Ich berufe mich, General, ganz auf die eigene Meinung Ew. Exzellenz.. Schmeichelreden! erwiederte Biaſſou. Ich frage dich um dein Urtheil, nicht um das meine. Kennſt du einen beſſern Tabak zum Schnupfen, als den Herrn Lebatu's. Nein, wahrhaftig gnaͤdiger Herr, ſagte C..., deſſen Verlegenheit Biaſſou ſehr unter⸗ hielt. — 190— General! Exzellenz! Gnaͤdiger Herr! rief der Chef mit Ungeduld; du biſt ein Ariſtokrat! Nein, wahrlich nein! rief der Buͤrger⸗Ge⸗ neral; ich bin guter Patriot von 01, uud eifri⸗ ger Negrophile! Negrophile! unterbrach ihn der Gene⸗ raliſſimus; was iſt das, ein Negrophile? Das iſt ein Freund der Schwarzen, ſtam⸗ melte der Buͤrger. Es iſt nicht hinlaͤnglich, Freund der Schwar⸗ zen zu ſeyn, erwiederte nun der ſtrenge Biaſſou, man muß auch der des Farbigen ſeyn. Ich glaube geſagt zu haben, daß Biaſſou Sakatra war. Der Farbigen, das iſt eben, was ich ſa⸗ gen wollte, entgegnete der Negrophile unterwuͤr⸗ ſigſt. Ich bin in Freundſchaft mit den beruͤhm⸗ teſten Anhaͤngern der Neger und Mulatten... Gluͤcklich einen Weißen demuͤthigen zu koͤn⸗ nen, unterbrach ihn Biaſſou nochmals: —— 200— Neger und Mulatten! mas ſoll das heißen! Glaubſt du uns hier mit dieſen verhaß⸗ ten, aus der Weißen Verachtung entſprungenen Na⸗ men hoͤhnen zu duͤrfen? Hier giebt es nur Far⸗ bige und Schwarze, hoͤrt ihr, Herr Koloniſt? Verzeihen Sie, entſchuldigte ſich C.., es iſt eine von Kindheit auf angenommene uͤble Ge⸗ wohnheit; ich hatte nicht die Abſicht, Sie zu beleidigen, gnaͤdiger Herr! Laß das einmal mit deinem gnaͤdigen Herrn; ich wiederhole dir, daß ich kein Freund Ariſto⸗ kratiſcher Formen bin.— C... wollte ſich wei⸗ ter entſchuldigen, und fing ſchon an, eine neue Erklaͤrung hervorzuſtottern! Wenn Sie mich kenn⸗ ten, Buͤrger.... Buͤrger! fuͤr was haͤltſt du mich denn? rief Biaſſou zornig. Ich haſſe dieſen Jargon der Ja⸗ kobiner. Biſt du vielleicht ſelbſt ein Jakobiner? Beſinne dich, daß du mit dem Generaliſſimus der Koͤniglichen Truppen ſprichſt. Buͤrger! Wel⸗ che Unverſchaͤmtheit! — 201— Der arme Negrophile war verſteinert; er wußte nicht mehr, in welchem Tone er mit die⸗ ſem Menſchen ſprechen koͤnnte, welcher eben ſo die Titel Gnaͤdiger Herr und Buͤrger, als die Sprache der Ariſtokraten und Patrioten von ſich ſtieß. Biaſſou aber, deſſen Zorn verſtellt war, weidete ſich grauſam an ſeiner Verlegenheit. Ach! ſagte endlich der Buͤrger⸗General, Sie beurtheilen mich ſehr uͤbel, edler Verfechter der unverjaͤhrbaren Rechte der Haͤlfte des menſchli⸗ chen Geſchlechtes. Er fand in ſeiner Verzweiflung, dieſem Chef doch irgend eine Benennung zu geben, keinen an⸗ dern Ausweg, als eine jener wohlklingenden Um⸗ ſchreibungen, welche die Revoluzionaͤre gerne dem Namen und DTitel der Perſon unterſchieben, die ſie anſprechen wollen. Biaſſou faßte ihn ſcharf ins Auge, und ſagte: Du liebſt alſo die Schwarzen und die Farbigene Ob ich ſie liebe! rief der Buͤrger... ich korrespondire mit Briſſot aus... Ah ha! unterbrach ihn Biaſſou grinzend, ich bin erfreut, in dir einen Freund unſerer Sache zu finden. In dem Falle kannſt du die elenden Pflanzer nur haſſen, weil ſie unſere gerechte Empoͤrung mit den grauſamſten Hinrich⸗ tungen beſtraft haben. Du mußt mit uns ein⸗ verſtanden ſeyn, daß nicht die Schwarzen, ſon⸗ dern die Weißen die eigentlichen Rebellen ſind, da ſie ſich gegen Natur und Menſchheit aufleh⸗ nen, du mußt dieſe Ungeheuer verfluchen! Ich verwuͤnſche ſie, antwortete C... Wohlan! fuhr Biaſſou fort, was wuͤrdeſt du von einem Menſchen halten, welcher um die letzten Verſuche der Sklaven zu erſticken, fuͤnfzig ſchwarze Koͤpfe zu beiden Seiten ſeiner Wohnung aufpflanzen ließ. Die Blaͤſſe C... s nahm wirklich zum Erſchrecken zu. Was hielteſt du von einem Weißen, der den Vorſchlag gemacht, die Stadt des Kaps mit einem Kordon von Sklaven⸗Koͤpfen zu garnieren? — 205— Gnade! Gnade! rief der erſtarrte Buͤrger⸗ General. Drohe ich dir denn? verſetzte Biaſſou kalt. Laß mich ausreden... mit einem Kordon von Koͤpfen, welcher die Stadt vom Fort Picolet bis Kap Caracol, umſchloͤſſe? Was daͤchteſt du davon? he, ſprich!* Der Ausdruck Biaſſou's: drohe ich dir denne floͤßte C... wieder einige Hoffnung ein. Er dachte, Biaſſou wiſſe vielleicht von dieſen Graͤueln, ohne den Urheber zu kennen, und ant⸗ wortete mit einiger Feſtigkeit, um allen ihm ſelbſt nachtheiligen Verdacht vorzubeugen: Mir daͤucht, dieß ſeien ungeheure Verbrechen. Biaſſou grinzte. Gut! und welche Strafe wuͤrdeſt Du uͤber den Schuldigen verhaͤngen? Hier zoͤgerte der ungluͤckliche C.. d. Nun, biſt du wirklich der Freund der Schwar⸗ zen oder nicht? fragte Biaſſou. 8 — 204— Der Negrophile waͤhlte von zwei Alterna⸗ tiven die weniger drohende, und ſagte, da er nichts feindſeliges gegen ſich in den Mienen Biaſ⸗ ſou's las, mit ſchwacher Stimme: der Schuldige verdient den Tod. Ganz richtig geantwortet, ſagte Biaſſou ru⸗ hig, indem er gekauten Tabak auswarf. Indeſſen hatte ſein gleichguͤltiges Ausſehen dem armen Negrophilen wieder einige Sicher⸗ heit gegeben, und er machte noch einen Verſuch, um jeden auf ihm allenfalls laſtenden Argwohn zu beſeitigen. Niemand, rief er aus, hat heißer das Gedeihen Ihrer Sache gewuͤnſcht, als ich. Ich korrespondire mit Briſſot und Pruͤneau de Pomme⸗ Gouge in Frankreich; Magan in Ame⸗ rika; Peter Paulus in Holland; dem Abbé Tam⸗ burini in Italien. Er wuͤrde vermuthlich ſo bald nicht auf⸗ gehoͤrt haben, die ihm, wie er bei Herrn von Blanchelande unter andern Verhaͤltniſſen und fuͤr andere Zwecke bewieſen, ſo gelaͤufig gewordene philantropiſche Litaney herzuſagen, haͤtte Biaſſou ihn nicht aufgehalten. — 205— He! wozu nüͤtzen mir alle deine Korrespon⸗ denten! Zeige mir deine Magazine, deine Nie⸗ derlagen; meine Armee braucht Vorrath. Deine Pflanzungen ſind gewiß ſehr gut, und deine Handlung muß reich ſeyn, da du mit allen Kauf⸗ leuten der Welt in Verbindung ſtehſt. Der Buͤrger C. wagte es hier, eine ſchuͤchterne Bemerkung anzubringen: Held der Menſchheit, es ſind keine Kauf⸗ leute, ſondern Philoſophen, Philantropen, Ne⸗ grophilen. Da hat dich der Teufel, ſagte Biaſſou kopf⸗ ſchuͤttelnd, ſchon wieder bei den unverſtaͤndlichen Worten. Wozu aber biſt du denn gut, wenn du keine Magazine zum pluͤndern haſt? C... faßte den leichten Hoffnungsſtrahl, welcher ſich ihm hier darzubieten ſchien.— Be⸗ ruͤhmter Krieger, erwiederte er, haben Sie ei⸗ nen Oekonomen in Ihrer Armee! Was iſt das? fragte der General. Das iſt ein Mann, ſagte der Gefangene mit ſo vielem Nachdruck, als die Angſt ihm ge⸗ ſtattete, welcher unerlaͤßlich nothwendig iſt. Das i*ſt derjenige, welcher allein die materiellen Kraͤfte eines Staates nach ihrem wahren Werthe zu ſchaͤtzen weiß, ſie nach der Ordnung ihrer Wich⸗ tigkeit eintheilt und abſtuft, ſie verbeſſert, indem er ihre Quellen und Ergebniſſe zuſammenſtellt, und ſie zur rechten Zeit, gleich eben ſo vieler befruchtenden Baͤchen in den Strom des allge⸗ meinen Nutzens ſchuͤttet, welcher ſeiner Seits das Meer des oͤffentlichen Wohls ſchwellen hilft. Caramba! ſagte Biaſſou, indem er ſich zum Obi neigte, was Henker will er mit ſeinen, gleich den Kugeln Eures Roſenkranzes aneinander ge⸗ reihten Worten ſagen. Der Obi zuckte die Achſeln, als deichen ſei⸗ ner Verachtung und Unkenntniß. Iadeſhin fuhr der Buͤrger C... fort. Geruhen Sie mich anzuhoͤren, tapferer An⸗ fuͤhrer der braven Wiederherſteller von San Do⸗ mingo; ich habe die großen Oekonomen Turgot, * — 202— Raynal und Mirabeau den Menſchenfreund ſtu⸗ dirt. Ich habe ihre Theorien ins Leben treten laſſen; ich kenne die Wiſſenſchaft, welche der Re⸗ gierung des Koͤnigreichs und des Staates unent⸗ behrlich iſt. Der Oekonome iſt nicht oͤkonomiſch mit⸗Wor⸗ ten, ſagte Rigaud mit ſeinem ſanften muthwil⸗ ligen Laͤcheln. Biaſſou aber rief aus: Sag mir denn, Schwaͤtzer, habe ich denn Künfgraihe und Staaten zu regieren? Noch nicht, großer Mann, erwiederte C..., allein das wird noch kommen; und uͤberdieß rich⸗ tet ſich meine Wiſſenſchaft auch abſteigend nach niederen und fuͤr die Verwaltung einer Armee erſprießlichen Details. Der Generaliſſimus unterbrach ihn hier aber⸗ mals barſch. Ich verwalte meine Armee nicht, Herr Pflanzer, ich kommandire ſie. Sehr wohl, bemerkte dieſer, Sie ſind Feldherr, und ich Ihr Intendant. Ich habe beſondere Kenntniſſe fuͤr die Vervielfaͤltigung des Rindviehes. Glaubſt du, wir wollen Vieh aufziehen, grinzte Biaſſou; wir eſſen es nur. Fehlt es mir daran in der franzoͤſiſchen Kolonie, ſo gehe ich uͤber die Graͤnze, und nehme den Spaniern ihre Ochſen und Schafe weg, welche ſie auf ihren großen Triften von Catuy, de la Vega, de Sant-Jago, und an den Ufern der Tuna ziehen. Ich wuͤrde im Falle der Noth mir ſolche ſelbſt von der Halbinſel Samana, und den Abhaͤngen des Gebuͤrges von Cibos, von der Muͤndung des Neybe an bis dieſſeits San Domingo holen. Bei dieſer Gelegenheit waͤre ich entzuͤckt, dieſe verfluch⸗ ten ſpaniſchen Pflanzer ſtrafen zu koͤnnen; ſie ſind es, die Ogi ausgeliefert haben. Der Mangel an Lebensmitteln macht mich, wie du ſiehſt, eben nicht verlegen, und ich habe deine Wiſſenſchaft, die du unerlaͤßlich noth⸗ wendig nennſt, eben nicht nothwendig. Dieſe kraͤftige Erklaͤrung entmuthigte den armen Oekonomen; er griff jedoch nach dem letz⸗ ten Rettungsbrete. Meine Studien haben ſich nicht allein auf die Viehzucht beſchraͤnkt. Ich beſitze noch andere — 2009— beſondere Kenntniſſe, welche Euch ſehr nützlich ſeyn koͤnnen; ich will euch die Art, die Erd⸗ kohlen⸗Minen zu bearbeiten lehren.— Wozu brau⸗ che ich das? ſagte Biaſſou; brauche ich Kohlen, ſo brenne ich ein paar Stunden Wald zuſam⸗ men. Ich werde Ihnen lehren, wozu man je⸗ des Holz verwenden kann, fuhr der Gefangene fort; das Chikaron und Sabiecca zum Schiffs⸗ kiel, das Babas zu den Kurben, das Mispel zu den Einfaſſungen, das Hercamas, Gayacs, Ce⸗ der, Accomas... Que te llevan todos los demonios? de los diez-y-siete infiernos*)! rief Biaſſou voll Ungeduld. Was beliebt, gnaͤdiger Patron? fragte der Oekonome, der kein Spaniſch verſtand, mit Zittern. Hoͤre, erwiederte Biaſſou, ich brauche keine Schiffe. In meinem Gefolge iſt nur eine Stelle frei; es iſt nicht die des Mayor domo, ſondern *) Holen dich alle Teufel von 17 Hoͤllen. — 14 8 — 210— die eines Kammerdieners. Steht ſie dir an, ſo wirſt du mich auf den Knieen bedienen. Du bringſt mir meine Pfeife, das Catalou*) und die Schildkroͤten⸗Suppe; du traͤgſt mir, gleich den zwei Pagen, die du ſiehſt, einen Faͤcher von Pfauen⸗ oder Papageyfedern nach. Nun, ant⸗ worte, willſt du mein Kammerdiener ſeyn? Nur bedacht ſein Leben zu retten, beugte ſich der Buͤrger⸗General mit tauſend Freuden und Dankbezeugungen bis zur Erde. Du nimmſt es alſo an? fragte Biaſſou. Koͤnnen Sie glauben, mein gnaͤdiger Herr, daß ich einen Augenblick anſtehe, eine ſo aus⸗ gezeichnete Gnade anzunehmen, als die iſt, Ih⸗ nen zu dienen? Biei dieſer Antwort brach das teufliſche Grin⸗ zen Biaſſou's mit Gewalt los. Er kreuzte die Arme, erhob ſich mit einer Art Triumph, und rief, waͤhrend er mit ſeinem Fuße den Kopf des *) Kreoliſches Ragout. . ——— — 241— vor ihm niedergeworfenen Weißen von ſich ſtieß, mit lauter Stimme: Es war mir ſehr lieb zu erfahren, wie weit die Erbaͤrmlichkeit der Weißen gehen konnte, nach⸗ dem ich geſehen, wie weit ſie ihre Grauſamkeit treiben. Buͤrger C..., dir verdanke ich dieß doppelte Beiſpiel. Ich kenne dich! wie konnteſt du aber auch ſo einfaͤltig ſeyn, dieß nicht zu bemerken. Du haſt die Martern des Juni's, Juli's und Auguſt's angegeben; du haſt fuͤnfzig ſchwarze Koͤpfe zu beiden Seiten deines Wohn⸗ hauſes ſtatt Palmen aufpflanzen laſſen; du woll⸗ teſt die fuͤnfhundert Neger, welche nach der Em⸗ poͤrung in deinen Feſſeln geblieben waren, er⸗ morden, und die Kap⸗Stadt mit Sklavenkoͤpf⸗ en garniren laſſen, vom Fort Pieolet bis zur Spitze Caracol. Du haͤtteſt, wenn du gekonnt, auch aus meinem Kopfe eine Trophaͤe gemacht, jetzt aber ſchaͤtzeſt du dich gluͤcklich, wenn ich dich als Kammerdiener anſtellte. Ich bin mehr um deine Ehre beſorgt, als du ſelbſt, und ich will dir dieſe Schmach nicht bereiten; ſchicke dich zum Tode an! 1 14 — 212— Er gab ein Zeichen, und die Schwarzen warfen den ungluͤcklichen Negrophilen, der ohne weiter ein Wort vorbringen zu koͤnnen, zu ſei⸗ nen Fuͤßen wie vom Blibe getroffen niederge⸗ fallen war, neben mich hin. Der Chef wendete ſich nun an den letzten der Gefangenen, den Pflanzer, der bei den Wei⸗ ßen im Verdachte des gemiſchten Blutes ſtand, und mir einſt fuͤr dieſe Beleidigung eine Her⸗ ausfoderung geſchickt hatte. An dir iſt nun die Reihe, ſagte er zu ihm. Ein allgemeines Geſchrei der Rebellen er⸗ ſtickte die Antwort des Koloniſten. Muerte! Muerte! Mort! Death! Touyé! Touyé! rie⸗ fen ſie mit wuͤthenden Geberden, indem ſie ge⸗ gen den ungluͤcklichen Gefangenen die Faͤuſte ballten. General, ſagte ein Mulatte, der ſich deutlicher als die uͤbrigen ausdruͤckte, er iſt ein Weißer, er muß ſterben. Durch Bewegungen und Geſchrei gelangte der arme Pflanzer endlich dazu, ſich etwas hoͤren zu machen: Nein, nein, Herr General, nein, meine Bruͤder, ich bin kein — ᷣm² Weißer! das iſt abſcheuliche Verlaͤumdung! ich bin Mulatte, ein Blutgemiſchter, wie ihr, Sohn einer Negerin, wie eure Muͤtter und Schweſtern ſind. Er luͤgt! riefen die Neger wuͤthend. Er iſt ein Weißer. Immer hat er die Schwarzen und Farbigen gehaßt. Niemals! entgegnete der Gefangene. Ich haſ⸗ ſe die Weißen. Ich bin einer eurer Bruͤder, ich habe immer mit den Negern gerufen: Nègre cé blan, blan cé nègre!*) Nichts, nichts! ſchrie die Menge: touy blan! touyé blan! Der Ungluͤckliche lamentirte immer klägli⸗ 6 cher, ich bin ein Mulatte! ich bin einer der euren! *) Gewoͤhnlicher Ausruf bei den inſurgirten Negern. Wortliche Ueberſetzung: Les Noͤgres sont les blancs, les blanes sont les Negres. Beſſer hieße der Sinn: Die Neger ſind die Herren, die Weißen die Sklaven. — 214— Der Beweis? ſagte Biaſſou kalt. Der Beweis, antwortete der andere in ſei⸗ ner Verwirrung, liegt darin, daß die Weißen mich immer verachtet haben. Das mag wahr ſeyn, verſetzte Biaſſou, al⸗ lein du biſt ein Unverſchaͤmter. Ein junger Farbiger wendete ſich lebhaft an den Pflanzer.— Es iſt wahr, daß die Weißen dich verachteten, allein dagegen affektirteſt du die Blutgemiſchten, unter welche man dich rech⸗ nete, zu verachten. Man hat mir ſelbſt verſi⸗ chert, daß du einen Weißen, der dir einſt vor⸗ geworfen, zu unſerer Kaſte zu gehoͤren, zum gweikampfe gefodert habeſt. Ein allgemeines Getoͤſe erhob ſich in dem aufgebrachten Haufen, und die immer haͤufiger werdenden Todes⸗Forderungen u uͤbertoͤnten die Recht⸗ fertigung des Koloniſten, der, inden Blicke voll Verzweiflung und Flehen zu heruͤber⸗ ſendete, immer wieder weinend ſagte: Es iſt Verlaͤumdung! Ich habe keinen andern Ruhm — 215— und kein anderes Gluͤck, als den Schwarzen anzugehoͤren. Ich bin ein Mulatte. Waͤrſt du wirklich Mulatte, bemerkte Ri⸗ gaud ruhig, du wuͤrdeſt dich nicht dieſes Aus⸗ druckes bedienen. Ach, weiß ich denn, was ich ſage? fing der Elende wieder an. Herr General, dieſer ſchwarze Ring, den Sie um meine Naͤgel ſehen koͤnnen, iſt Beweis, daß ich von gemiſchtem 3 Blute bin.*) Biaſſou ſtieß die flehende Hand zuruͤck. Ich beſitze nicht des Herrn Kaplans Wiſ⸗ ſenſchaft, der beim Anblick Eurer Hand alles was ihr ſeyd, errathen kann. Aber hoͤre: un⸗ ſere Soldaten klagen dich an, zum Theil, daß du ein Weißer, zum Theil, daß du ein falſcher Bruder ſeyſt. Iſt das wahr, ſo mußt du *) Mehrere Blutgemiſchte zeigen wirklich dieſes Zei⸗ chen am Urſprunge ihrer Naͤgel, welches ſich mit dem Alter verloͤſcht, aber bei ihren Kindern wieder kommt. — 216— ſterben. Du behaupteſt zu unſerer Kaſte zu ge⸗ hoͤren und ſie niemals abgelaͤugnet zu haben; es giebt nur ein Mittel, deine Angabe zu beweiſen, und dich zu retten. 5 Welches, mein General, welches? fragte der Pflanzer mit Begierde. Ich bin zu allem bereit. Kalt erwiederte Biaſſou: nehme dieß Sti⸗ let und ermorde mit eigener Hand dieſe beiden weißen Gefangenen. Hierbei zeigte er mit der Hand auf uns. Der Koloniſt bebte voll Entſetzen vor dem Dol⸗ che, den ihm Biaſſou mit teufliſchem Hohnlaͤ⸗ cheln darbot, zuruͤck. Nun, ſagte der Chef, du zauderſt? es iſt indeſſen die einzige Ueberzeugung, welche du mir und meiner Armee geben kannſt, daß du kein Weißer, ſondern einer der Unfern biſt. Allons, ent⸗ ſcheide dich, du machſt mich koſtbare Zeit verlieren. Die Augen des Gefangenen waren verwirrt. — 212— Er that einen Schritt gegen den Dolch, ließ dann die Arme ſinken, und wendete das Geſicht ab. Ein Schauder machte ſeinen ganzen Koͤr⸗ per zittern. Nun denn, rief Biaſſou mit⸗Ungeduld und zornig. Ich habe Eile; waͤhle, entweder du toͤdteſt ſie ſelbſt, oder du ſtirbſt mit ihnen. Der Pftanzer blieb unbeweglich und wie verſteinert. Wohlan, wendete ſich Biaſſou zu den Ne⸗ gern, er will nicht der Schlaͤchter ſeyn, er ſey der Geſchlachtete. Ich ſehe, er iſt ein Weißer, fuͤhrt ihn fort. Die Schwarzen traten vor, um den Pflan⸗ zer zu faſſen. Dieſe Bewegung entſchied ſeine Wahl zwiſchen dem Tod zu geben, oder ihn zu empfangen. Die aͤußerſte Feigheit hat auch ih⸗ ren Muth, der Elende ſtuͤrzte ſich auf den Dolch, welchen ihm Biaſſou darbot, und warf ſich, oh⸗ ne ſich weiter uͤber ſeine Handlung zu beſinnen, wie ein Tiger auf den Buͤrger C..., der ne⸗ ben mir lag. 213— Nun begann ein fuͤrchterlicher Kampf. Der Negrophile war durch Biaſſou's qualvolles Exa⸗ men in dumpfe Verzweiflung verſunken; er hat⸗ te zwar die ganze Szene zwiſchen dem Chef und dem Pflanzer mit angeſehen, ſchien ſie aber im Schrecken vor einer bevorſtehenden Hinrichtung nicht verſtanden zu haben. Als er jedoch den Pflanzer auf ſich zuſtuͤrzen, und das Eiſen uͤber ſeinem Haupte blitzen ſah, erweckte ihn ploͤtzlich die augenſcheinliche Gefahr. Er richtete ſich raſch empor, und fing den Arm des Moͤrders auf, indem er mit klagender Stimme rief: Gnade! Was wollen Sie denn von mir! Was habe ich Ihnen denn gethan? Sie muͤſſen ſterben, mein Herr, erwiederte der Pflanzer, indem er ſeinen Arm loszumachen ſuchte, und wilde Blicke auf ſein Opfer ſchoß. Laſſen Sie mich machen, ich werde Ihnen nicht wehe thun. Ich ſoll von Ihrer Hand ſterben, ſagte der Oekonome, und weßhalb denn? ſchonen Sie mich! Sie haben vielleicht noch Haß auf mich, weil ich einſt behauptet, daß Sie ein Blutgemiſchter ſeyen? laſſen Sie mir das Leben, und ich ver⸗ ſpreche Ihnen, Sie immer fuͤr einen Weißen an⸗ zuerkennen; ja Sie ſind ein Weißer, ich werde es uͤberall ſagen, aber Gnade! Der Negrophile hatte ſein Vertheidigungs⸗ Mittel uͤbel gewaͤhlt. Schweige, ſchweige! ſchrie der Blutgemiſchte wuͤthend, da er fuͤrchtete, die Neger koͤnnten dieſe Erklaͤrung hoͤren. Allein der andere heulte ohne ihn zu hoͤren, in einem fort, daß er ihn fuͤr einen Weißen, und von ſehr guter Abkunft erkenne. Der Blutgemiſchte machte nun die letz⸗ te Anſtrengung, um ihn zum Stillſchweigen zu bringen, indem er heftig die beiden Haͤnde, wel⸗ che ihn hielten, auseinander ſchob, und mit ſei⸗ nem Dolche durch die Kleider C... s wuͤhlte. Der Ungluͤckliche fuͤhlte die Spitze des Stahls, und biß raſend in den Arm, welcher ihn fuͤhr⸗ te.— Ungeheuer! Schaͤndlicher, du ermordeſt mich!— Er warf einen Blick auf Biaſſou.— Vertheidigen Sie mich, Naͤcher der Menſchheit! Allein der Mörder druͤckte ſtaͤrker auf den Dolch; ein Strom von Blut ergoß ſich uͤber ſeine Haͤnd, — 220— und ſelbſt uͤber ſein Geſicht. Die Knie des un⸗ gluͤcklichen Negrophilen ſchwankten, ſeine Arme ſenkten ſich, ſeine Augen verloͤſchten, ſein Mund ſtieß einen dumpfen Seufzer aus. Er fiel ent⸗ ſeelt nieder. Dieſe Szene, wobei ich auch bald meine Rolle ſpielen ſollte, hatte mich mit Abſcheu er⸗ fuͤlt. Der Raͤcher der Menſchheit hat⸗ te dem Kampfe ſeiner beiden Schlachtopfer ohne Zeichen der Ruͤhrung zugeſehen. Als er geen⸗ diget war, wandte er ſich zu ſeinen erſchrocke⸗ nen Pagen: Bringet mir andern Tabak; und fing ſodann wieder an, ſolchen gemuͤthlich zu kauen. Der Obi und Rigaud waren unbeweg⸗ lich, doch die Neger ſchienen von dem graͤßlichen Schauſpiel, welches ihnen ihr Anfuͤhrer gegeben, ergriffen. Indeſſen war noch ein Weißer zu erdol⸗ chen, nemlich ich ſelbſt; die Reihe war an mir. Ich warf einen Blick auf den Moͤrder, der mein 5 4 2. Henker werden ſollte. Er floͤßte mir Mitleiden ein. Seine Lippen waren blau, ſeine Zaͤhne klap⸗ perten, konvulſiviſche Zuckungen machten ihn an 7. — 221— allen Gliedern zittern und ſchwanken; unwill⸗ kuͤhrlich kam ſeine Hand immer wieder auf die Stirne zuruͤck, um die Blutstropfen abzutrock⸗ nen, und mit einer Art Wahnſinn betrachtete er unaufhoͤrlich den noch rauchenden Kadaver zu ſeinen Fuͤßen. Sein ſtarrer Blick konnte ſich nicht von ſeinem Opfer losreißen. Ich erwartete den Augenblick, wo er ſeine Aufgabe mit meinem Tode loͤſen wuͤrde. Mit dieſem Menſchen befand ich mich in einer beſon⸗ dern Lage: er haͤtte mich fruͤher beinahe getoͤd⸗ tet, um zu beweiſen, daß er ein Weißer ſey, jetzt wollte er mich ermorden, um zu beweiſen, er ſey ein Mulatte. Wohlan, ſagte Biaſſou, es iſt gut, ich bin mit dir zufrieden, Freund! Er warf einen Blick auf mich, und ſetzte hinzu: Ich ſchenke dir den andern. Geh, wir erklaͤren dich fuͤr einen guten Bruder, und ernennen dich zum Scharfrichter der Armee. „ Bei dieſen Worten des Chefs trat ein Ne⸗ ger aus den Reihen, verbeugte ſich dreimal vor * — 222— Biaſſou, und rief dann in ſeinem Jargon, den ich zur beſſern Verſtaͤndlichkeit ins Franzoͤſiſche uͤberſetzen will. Und ich, mein General? Nun du, was willſt du ſagen? fragte Biaſſou. Wollt Ihr gar nichts fuͤr mich thun, Ge⸗ neral? ſagte der Neger. Da gebt Ihr dieſem weißen Hunde eine Anſtellung, weil er mordet, um ſich fuͤr einen der Unſern auszugeben. Wollt Ihr. mir, da ich ein guter Schwarzer bin, nicht auch welche geben.. Dieſes unerwartete Anſuchen ſchien Biaſſou in Verlegenheit zu ſetzen; er neigte ſich zu Ri⸗ gaud, und der Chef der Verſammlung von Cay⸗ es ſagte ihm auf franzoͤſiſch: man kann ihm nicht willfahren, ſuchen Sie ſeine Bitte zu um⸗ gehen.— Dir eine Anſtellung geben? ſagte nun Biaſſou zum guten Schwarzen; mir iſt es recht. Welchen Grad verlangſt du? Ich wuͤnſchte Offizier zu ſeyn. Offizier, entgegnete der Generaliſſimus, 1 — 225— und welche Anſpruͤche haſt du, um das Epau⸗ lett zu erhalten? Ich habe, antwortete der Schwarze mit Nachdruck, in den erſten Tagen des Auguſt's, Feuer in die Wohnung Lagoscette gelegt, ich ha⸗ be Herrn Clement, den Pflanzer ermordet, und den Kopf ſeines Raffineurs auf der Spitze meiner Pike getragen. Ich habe zehn weiße Frauen und ſieben kleine Kinder erdroſſelt; eines derſelben hat ſogar dem braven Boukman als Standarte ge⸗ dient. Spaͤter habe ich vier Pflanzerfamilien in einem Zimmer auf Fort Galifet verbrannt, nach⸗ dem ich ſolches, bevor ich es anzuͤndete, doppelt verſchloſen. Mein Vater wurde auf dem Kap geraͤdert, mein Bruder zu Rokrou gefangen, und ich ſelbſt waͤre bald erſchoſſen worden. Ich habe drei Kaffee⸗ und ſechs Indigo⸗Pflanzungen zer⸗ ſtoͤrt, und zweihundert Quadraten Zucker⸗Roͤhre verbrannt; ich habe meinen Herrn, Herrn Noe, und ſeine Mutter umgebracht. Erlaſſe uns die Erzaͤhlung deiner Dienſte, ſagte Rigaud, der unter verſtellter Sanftmuth wirkliche Grauſamkeit, und Wildheit unter aͤußerm Anſtand 8 — 224— verbarg, nud der den Cynismus der Raͤuber nicht leiden konnte. Mit Stolz wiederholte der Neger: ich koͤnn⸗ te noch genug andere anfuͤhren, allein Ihr findet ohne Zweifel, daß dieß fuͤr den Offiziersgrad, und um gleich unſern Kameraden ein Epaulett auf dem Kleide zu tragen, genug ſeyn mag. Er zeigte hier auf die Adjudanten und den Generalſtab Biaſſou's. Der Generaliſſimus ſchien einen Augenblick nachzudenken, dann fragte er ernſt den Neger: Ich moͤchte dir gar zu gerne einen Grad verleihen, ich bin mit deinen Dien⸗ ſten ſehr zufrieden, allein dazu braucht es noch B mehr. Kannſt du lateiniſch? Deer verbluͤffte Rebelle machte große Augen, und fragte: Was iſt gefaͤllig, mein General? Nun wiederholte Biaſſou lebhaft, ob du latein kannſt? La— latein.. antwortete der Schwarze beinahe ſprachlos. — 225— Ja, ja, ja doch, Latein! kannſt du es? fuhr der ſchlaue Chef fort, und indem er auf eine Standarte wieß, auf welcher der Pſalm: In Exitu Israel de Aegypto, ſtand, ſetzte er hinzu: Erklaͤre mir, was dieſe Worte bedeuten. Der immer mehr uͤberraſchte Schwarze blieb unbeweglich und ſtumm, und zerknitterte ma⸗ ſchinenaͤhnlich ſeine Schuͤrze. Seine Augen roll⸗ ten ungewiß vom General auf die Fahne, und von der Fahne auf den General. Nun, wirſt du antworten, fragte Biaſſou ungeduldig. Der Neger ſchuͤttelte den Kopf, öͤff⸗ nete und ſchloß mehrmal den Mund, und ſtieß endlich voll Verlegenheit die Worte hervor: ich weiß nicht, was der General ſagen will. Augenblicklich nahm das Geſicht Biaſſou's den Ausdruck des Zorns und des Unwillens an: wie Elender, du willſt Offizier werden, und verſtehſt nicht einmal Latein? Aber mein General—.. ſtammelte der Neger konfuß und zitternd⸗ 15 — 226— Schweige, rief Biaſſou mit einer Heftigkeit, die zu wachſen ſchien. Ich weiß nicht, was mich abhalten kann, dich fuͤr dieſe Anmaßung augenblicklich niederſchießen zu laſſen. Verſtehen Sie, Rigaud, ein huͤbſcher Offizier, der nicht einmal Latein verſteht. Nun du verſchmitzter Kerl, da du nicht verſtehſt, was auf der Fahne ſteht, ſo will ich erklaͤren: In Exitu, kein Soldat, Israel, der nicht Latein verſteht, de Aegypto kann Offizier werden. Iſt es nicht ſo, Herr Kaplan? Der kleine Obi machte ein bejahendes Zei⸗ chen. Biaſſou fuhr fort.— Der Bruder, den ich zum Scharfrichter der Armee ernannt, und auf welchen du eiferſuͤchtig biſt, verſteht Latein. Er wendete ſich gegen den neuen Scharf⸗ richter. Nicht wahr mein Freund? Beweiſet dieſemt Toͤlpel, daß ihr mehr wiſſet, als er. Was heiß Dominus vobiscum? Durch die fuͤrchterliche Stimme aus ſeinem dumpfen Hinbruͤten erweckt, erhob der ungluͤck⸗ — 6 V ’ j ——— 1 — 2272— liche zweideutige Pflanzer das Haupt, und ob er gleich nach dem feigen eben begangenen Mus chelmorde noch nicht wieder hatte zu ſich kommen koͤnnen, ſo beſtimmte ihn doch der Schrecken hier zum Gehorſam. Es war ganz eigen zu ſehen, wie dieſer Menſch mitten in ſeinem Entſetzen und ſeinen Gewiſſensbiſſen eine Erinnerung aus der Schulſtube hervorſuchen mußte, und mit welch klaͤglichem Tone er gleich einem aufſagenden Kna⸗ ben die Erklaͤrung abgab:— Dominus vobis- cum.. will heißen— will ſagen...„Der Herr ſey mit Euch! 8 Et cum spiritu tuo! füuͤgte der myſterioſe Obi feierlich hinzu. Amen! ſagte Biaſſou, indem er ſogleich wieder ſeinen vorigen Ton annahm, und ſeinen 8* verſtellten Zorn mit einigen ſchlechten lateiniſchen Brocken hervorſtieß, um den Schwarzen eine hohe Idee von der Kenntniß ihres Anfuͤhrers beizubringen. Kehre als der letzte in deine Rei⸗ hen zuruͤck! rief er dem ehrgeitzigen Neger zu. Sursum corda! unterfange dich in Zukunft nie⸗ mehr zum Range deiner Chefs, die Latein 43* 1 — 228— verſtehen, emporſteigen zu wollen„ orate fra- tres, oder ich laſſe dich haͤngen, bonus, bona,. bonum! Der eben ſo erſchreckte als verzauberte Ne⸗ ger kehrte mit geſenktem Kopfe und unter dem allgemeinen Hohngelaͤchter ſeiner Kameraden auf ſeinen Platz zuruͤck. Seine Kameraden waren un⸗ willig uͤber ſeine gemachten und auf nichhs gegruͤndeten Anſpruͤche, und richteten Blicke der Bewunderung auf ihren gelehrten Generaliſ⸗ ſimus. 7— In dieſer Szene lag indeſſen etwas belu⸗ ſtigendes, welches meine ſchon gefaßte Meinung. uͤber Biaſſou's Geſchicklichkeit ſehr vermehrte. Das laͤcherliche Mittel, deſſen er ſich mit ſo vielem Erfolge*) bediente, um den ſtens wachſenden Ehrgeitz in ſolchen rebelliſchen Banden zu daͤm⸗ pfen, gab mir eben ſo ſehr den Maßſab des 4 Stumpfſinnes der Neger, als der Gevaudtheie 4 5 ihrers Anfiiyrers. 4 *) Touſſaint Louyertuͤre hat ſich ſpaͤter deſſelben Mittels und mit demſelben Erfolge bedient. — 220— Mittlerweile war die Stunde des Alnuer- 20*) gekommen. Man ſetzte dem Mariscal de Campo de sú Magestad Catolica eine große Schildkroͤten⸗Schale vor, in welcher eine Art Olla potrida dampfte, hinlaͤnglich mit Speck⸗ ſchnitten gewuͤrzt, waͤhrend das Schildkroͤtenfleiſch das des Carnero“*), und die Patate die Gar- gauzas***) erſetzen mußte. Ein ungeheurer ka⸗ raibiſcher Kohl ſchwamm auf der Oberflaͤche die⸗ ſes puchero.— Auf beiden Seiten der Scha⸗ le, deren man ſich als Koch⸗Geſchirr und Sup⸗ pen⸗Schuͤſſel bediente, ſtanden zwei Teller von Kokusrinde voll trockener Trauben, Sandias***), Brodfrucht und Feigen; dieß war das Postre Irrrr). Ein Brod von tuͤrkiſch Korn und ein betheerter Wein⸗Schlauch machten das Mahl vollſttaͤndig. Biaſſou zog einige Knoblauchzehen aus der Taͤſche, ſtrich bamit ſelbſt das Brod, und ſetzte ſich dann zu Tiſchs, waͤhrend er Rigaud einlud, desgleichen zu thun. Er dachte nicht daran, den noch zucken⸗ den Leichnam„ der zu ſeinen Fuͤßen lag, weg⸗ *) Fruͤhſtuͤkk.**) Lamm.***) Erbſen.***) Waſ⸗ ſer⸗Melonen.***4) Deſert. — 250— 3 ſchaffen zu laſſen; der Appetit, mit welchem er al⸗ les verſchlang, hatte wirklich etwas graͤßliches. An dieſem Mahle nahm der Obi keinen Theil. Ich begriff, daß er es, wie alle ſeines Gleichen, vermied, oͤffentlich zu eſſen, damit man ihn fuͤr ein uͤbernatuͤrliches Weſen, das ohne Nahrung exiſtirt, halten ſollte. Waͤhrend dem Fruͤhſtuͤcke befahl Biaſſou ei⸗ nem Adjudanten, die Revue anfangen zu laſſen, und dieſe Banden begannen wirklich in guter Haltung vor der Grotte zu defiliren. Die Schwar⸗ zen des Morne rouge kamen zuerſt, es waren ihrer beilaͤufig viertauſend, in kleine geſchloſſene Trupps abgetheilt, und von Chefs gefuͤhrt, die ſich, wie ſchon geſagt, durch Zierrathen und Scharlach⸗Guͤrtel und Beinkleider kenntlich mach⸗ ten, dieſe Schwarzen waren durchgehends von großem muskuloͤſem Koͤrperbau, trugen Flinten, Aexte und Saͤbel, und waren zum Theile auch mit Bogen und Pfeilen, dann Wurfſpießen, welche ſie ſich in Ermangelung anderer Waffen geſchmiedet hatten, verſehen. Sie hatten keine Fahne, und marſchirten in Stille und Trauer. — 231— Biaſſou neigte ſich, als er dieſe Horde an⸗ ſichtig wurde, zu Rigaud, und ſagte ihm auf franzoͤſiſch: Wann werden denn die Kartaͤtſchen Blanchelande's und Rouvray's mich von dieſen Banditen des Morne rouge befreien. Ich haſſe ſie, weil ſie faſt alle Congo's ſind. Sie wiſſen nur in der Schlacht zu toͤdten, worin ſie dem Beyſpiel ihres einfaͤltigen Anfuͤhrers, ihres an⸗ gebetenen Bug-Jargals folgten, dieſem jungen Thoren, der den groß⸗ und edelmuͤthigen ſpielen wollte. Ihr kennet ihn nicht, Rigaud, und wer⸗ det ihn auch, hoffe ich, nicht mehr kennen ler⸗ nen. Die Weißen haben ihn gefangen genom⸗ men, und werden mich von ihm befreien, wie ſie mich von Boukmann befreit haben.— Apro⸗ pos, bei Boukmann faͤllt mir bei, ſagte Rigaud, hier marſchieren eben die Maronen des Macaya vorbei, in deren Reihen ich den Neger, ſo Jean Frangois Ihnen mit Boukmans Todesnachricht ge⸗ ſendet, bemerke: Wiſſen Sie wohl, daß dieſer Menſch die ganze Wirkung der Prophezeiungen des Obi's uͤber das Ende dieſes Chefs zernichten koͤnnte, wenn er erzaͤhlte, daß man ihn eine halbe Stun⸗ de auf dem Vorpoſten aufgehalten, und daß er — 232— mir ſeine Nachricht vertraut hat„ bevor er vor Sie gefuͤhrt wurde. Diabolo! rief Biaſſou, Ihr habt Recht, mein Lieber, dieſem Kerl muß man den Mund ſchließen. Warten Sie! Er rief laut: Macaya. Der Neger⸗Chef trat hervor, und praͤſentirte ſein Musketon als Zeichen des Reſpektes. Laſſet jenen Schwarzen, welchen ich da un⸗ ten bemerke, austreten; er iſt nicht wuͤrdig un⸗ ter Euch zu marſchiren. Dieß war der Bote des Jean⸗François. Ma⸗ caya fuͤhrte ihn vor den Kommandirenden, deſſen Antlitz ploͤtzlich wieder den Ausdruck von Zorn annahm, welchen er ſo leicht nachmachen konnte. Wer biſt du? fragte er den erſchrockenen Neger. Ein Schwarzer, mein General. Earamba! das ſehe ich! aber wie heißt du? 4 —.,— — 235— Mein Kriegesname iſt Vavelan, mein Schutz⸗ Patron iſt“ der heilige Sabas, Almoſenpfleger und Maͤrtyrer, deſſen Feſt am zwanzigſten Tag nach Chriſti Geburt faͤllt... Biaſſou unterbrach ihn: wie kannſt du die Frechheit haben, dich bei einer Parade, mitten unter glaͤnzenden Ruͤſtungen und weißen Wehr⸗ Gehaͤngen, mit deinem Saͤbel ohne Scheide, zer⸗ riſſenen Beinkl leidern, und mit kothbedeckten Fuͤ⸗ ßen ſehen zu laſſen? 3 General, erwiederte der Neger, dieß iſt nicht meine Schuld. Ich war von dem Großadmiral Jean Frangois beordert, Ihnen die Nachricht von dem Tode des engliſchen Maronen⸗Chefs Boukman zu hinterbringen. Wenn meine Klei⸗ der zerriſen, und meine Beine ſchmutzig ſind, ſo kommt dieß daher, weil ich mich athemlos ge⸗ laufen, um ſie Ihnen eher zu hinterbringen. Allein man hielt mich auf den Vorpoſten zuruͤck, und... Biaſſou runzelte die Stirne; davon handelt es ſich nicht, gavacho! ſondern von deiner Kuhn⸗ — 254— heit in dieſem Aufzuge einer Parade beizuwoh⸗ nen. Empfiehl deine Seele dem heil. Sabas, Almoſenpfleger und Maͤrtyrer, deinem Patron! Gehe, und laß dich erſchießen!. Hier zeigte ſich eine neue Probe des mora⸗ liſchen Einfluſſes Biaſſou's auf die Rebellen. Der Ungluͤckliche, ſelbſt beordert ſich erſchießen zu laſ⸗ ſen, erlaubte ſich keinen Klagelaut; er ſenkte den Kopf, kreuzte die Arme uͤber die Bruſt, gruͤßte dreimal ſeinen unbarmherzigen Herrn, und trat, nachdem er ſich vor dem Obi niedergekniet, und eine ſummariſche Abſolution erhalten, aus der Grotte. Eine Decharge Musketen verkuͤndete einige Minuten ſpaͤter, daß der Neger gehorcht und gelebt hatte. Aller Unruhe enthoben, wendete ſich der Chef nunmehr freudig gegen Rigaud, und ſchien ihm mit ſeinem triumphirenden Grinzen ſagen zu wollen: Bewundert!*) *) Touſſaint Louvertuͤre, in Biaſſou's⸗Schule gebil⸗ det, und wenn ihm nicht an Schlauheit uͤber⸗ legen, doch weit entfernt, ihm an Treuloſigkeit und Graufamkeit zu gleichen, hat ſpaͤter daſſel⸗ — 255— Indeſſen dauerte die Revue fort. Die Armee, deren Unordnung mir einige Stunden fruͤher ein ſo außerordentliches Bild gezeigt, war nicht we⸗ niger ſeltſam unter den Waffen. Bald zogen gleich Wilden, ganz nackte Neger, mit Keulen und Tomahawks verſehen, nach dem Klang eines Huͤfthorns, voruͤber; bald marſchirten Bataillone nach ſpaniſcher oder engliſcher Sitte ausgeruͤſte⸗ ter, wohl bewaffneter und disziplinirter Mulatten be Beiſpiel von Gewalt uͤber die fanatiſirten Neger gegeben. Dieſer Chef, der aus einer Afrikaniſchen Koͤnigsfamilie abſtammte, kam mit ſeinem Genie einer oberflaͤchlichen Erziehung zu Huͤlfe, die er gleich Biaſſou erhalten hatte. In der Zeit, wo Buonaparte in Europa eine Mo⸗ narchie auf ſeine Siege gruͤndete, hatte er zu San Domingo eine Art republikaniſchen Thro⸗ nes errichtet. Touſſaint bewunderte ganz naiv den erſten Konſul; allein der erſte Konſul, der in Touſſaint bloß einen laͤſtigen Nachahmer ſei⸗ nes Gluͤckes ſah, verſchmaͤhte ſtets mit Verach⸗ tung den Briefwechſel mit einem freigewordenen Sklaven, der es wagte, an ihn zu ſchreiben: Der erſte der Schwarzen an den erſten der Weißen. — 256— nach der Trommel, bald Heerden von Ne⸗ gerinnen und Negerkindern, beladen mit Hacken und Spießen, Fatras gekruͤmmt unter alten Ge⸗ wehren ohne Schloͤſſer und Laͤufe; Griotinnen mit ihren gemalten Zierrathen, Grioten mit fuͤrchterlichen Grimaſſen und Verzerrungen, un⸗ zuſammenhaͤngende Lieder nach der Guitarre dem Tamtam und Balafos abſingend, daher. Dieſe eigene Prozeſſion war von Zeit zu Zeit durch Ab⸗ theilungen von Griffen, Marabous, Sagatras, Mameluk's, Quarterons„ freien Blutgemiſchten, oder von den Manaden⸗Horden der Maron⸗ Schwarzen unterbrochen, welche mit ſtolzer Hal⸗ tung und glaͤnzenden Waffen erſchienen, und ihre ganz beladenen Waͤgen oder den Weißen ab⸗ genommenen Kanonen in ihren Reihen zogen, welch letztere ihnen weniger als Waffe, denn als Sieges⸗Zeichen dienten. Alle bruͤllten mit voller Stimme ihre Geſaͤnge vom Lager der großen Wieſe, oder der Oua⸗Naſſe. Ueber allen dieſen Haͤuptern wehten Fahnen von allen Farben, mit allen Deviſen, weiß, roth, dreifarbig, Lilien; uͤber alles ragte die Freiheits-Muͤtze hervor, mit den Inſchriften: Tod den Prieſtern und Ariſto⸗ kraten! Es lebe die Religion!— Freiheit und —.—— — — Gleichheit!— Es lebe der Koͤnig! Nieder mit der Hauptſtadt!— Viva Espanna!— Keine Tyrannen mehr! ꝛc. ꝛc. Ueberraſchende Verwechs⸗ lungen, welche zeigten, daß alle Kraͤfte der Re⸗ bellen nichts als ein Haufen von Mitteln ohne Zweck ſey, und daß in dieſer Armee nicht weni⸗ ger Unordnung in den Ideen als unter den Men⸗ ſchen herrſchte. Die Abtheilungen ſalutirten mit der Fahne, wie ſie nach einander vor der Grotte ankamen, und Biaſſou dankte jeder. Jede Truppe ſprach er an, indem er ihr etwas verwies oder ſie lob⸗ te, und jedes Wort aus ſeinem Munde, es moch⸗ te ſtrenge oder ſchmeichelhaft ſeyn, war von den ſeinen mit fanatiſchem Reſpekte und einer Art aberglaͤubiſchen Furcht aufgenommen. Dieſe Fluth von Barbaren und Wilden war endlich voruͤber; ich geſtehe, daß der Anblick ſo vieler Raͤuber, der mich anfangs zerſtreut hatte, mich nun zu druͤcken begann. Indeſſen ſenkte ſich der Tag, und als die letzten Reihen defilir⸗ ten, warf die Sonne nur noch einen rothen —“ 8 — 258— Schein auf die Granir Gial der oͤſtlichen Ge⸗ birge. Biaſſou ſchien addenkend Als die Re⸗ vue beendet war, er ſeine letzten Befehle ertheilt, und die Rebellen unter ihre Ajoupa's zuruͤckge⸗ kehrt waren, ſprach er mich folgendermaßen an: Junger Mann, du haſt nun hinlaͤngliche Gelegenheit gehabt, von meinem Genie und mei⸗ ner Gewalt zu urtheilen. Die Stunde iſt nun gekommen, wo du Leogri daruͤber Bericht erſtat⸗ ten mußt. Ich erwiederte kalt: es iſt nicht meine Schuld, daß ſie nicht fruͤher gekommen. Du haſt Recht, verſetzte Biaſſou. Er hielt einen Augenblick inne, wie wenn er die Wirkung deſſen, was er mir zu ſagen hatte. erſhähen woll⸗ te, dann fuhr er fort: Aber es haͤngt nur von dir ab„ daß ſie gar nicht kommt. Wie? rief ich erſtaunt, was Lin du da⸗ mit ſagen? — 250— Daß dein Leben von dir ſelbſt abhaͤngt, ſagte Biaſſou, du kannſt es retten, wenn du willſt.. Dieſer Anfall von Gnade, der erſte und, letzte ohne Zweifel, den Biaſſou je gehabt, ſchien mir ein Wunder. Der Obi ſchien eben ſo uͤberraſcht als ich. Er ſprang von dem Si⸗ tze auf, wo er ſo lange in derſelben verzuͤckten Stellung, einem hindoſtaniſcheu Fakir aͤhnlich, verweilt hatte. Er ſtellte ſich gerade vor den Ge⸗ neraliſſimus, und erhob die Stimme zornig: Que dice el excellentissimo Sennor Ma- riscal de Campo*). Erinnern Sie ſich, was Sie mir verſprochen? Weder Sie noch der bon Giu haben fernerhin das Recht, uͤber dieſes Le⸗ ben zu verfuͤgen; es gehoͤrt mein! Hier glaubte ich abermals, an dieſer er⸗ grimmten Stimme des verdammten kleinen Man⸗ nes, eine Reminiscenz zu finden, allein der Au⸗ genblick war nicht gemacht, um ſie feſtzuhalten, und ſo bekam ich wieder kein Licht daruͤber. *) Was ſagt der vortrefflichſte Marſchal de Camp. — 240— Biaſſou erhob ſich, ohne aus der Faſſung zu kommen, ſprach einen Augenblick leiſe mit dem Obi, und zeigte ihm die ſchwarze Fahne, welche mir fruͤher ſchon aufgefal len war. Nach einigen gewechſelten Worten verneigte ſich der Obi, zum Beweis ſeiner Beiſtimmung, tief, und beide nahmen ihre Plaͤtze und vorigen Stel⸗ lungen wieder ein. Indem nun der Generaliſ⸗ ſimus die zweite Depeſche Jean Frangois's aus der Weſtentaſche zog, wohin er ſie verwahrt hatte, ſprach er mich nochmals an: Ich muß dir ſa⸗ gen, daß unſere Angelegenheiten einen uͤblen Gang nehmen; Boukmann iſt in einem Gefech⸗ te umgekommen. Die Weißen haben zweitau⸗ ſend revoltirte Schwarze im Diſtrikte des Cul de Sac uͤber die Klinge ſpringen laſſen. Die Pflan⸗ zer verſchanzen ſich fortwaͤhrend, und ſpicken die Ebene mit militaͤriſchen Poſten. Unſere eigene Schuld iſt es, daß wir die Gelegenheit ver⸗ ſaͤumt haben, das Kap zu nehmen; ſie duͤrfte⸗ ſich ſobald nicht wieder darbieten. Gegen Mor⸗ gen iſt die Hauptſtraße von einem Fluſſe durch⸗ ſchnitten; die Weißen haben, um den Uebergang zu vertheidigen, Batterien auf Schiffbruͤcken er⸗ richtet, und auf beiden Ufern kleine Lager. — 241— Gegen Mittag laͤuft eine große Straße durch die gebirgige Gegend, die man die Kaphoͤhe nennt; dieſe haben ſie mit Truppen und Artillerie be⸗ ſetzt. Die Poſition iſt eben ſo feſt von der Land⸗ ſeite, durch eine Palliſadirung, an der alle Ein⸗ wohner mitgearbeitet haben, und die man noch durch ſpaniſche Reiter verſtaͤrkt hat. Das Kap iſt daher unſern Waffen unzugaͤnglich. Unſer Hinterhalt in den Schluchten des Dompte⸗Mulat⸗ tre hat ſeinen Zweck verfehlt. Zu allen dieſen Mißgeſchicken geſellt ſich nun das Fieber von Siam, wodurch Jean Francois's Lager viele Leute ver⸗ liert. Demnach beſchließt der Groß⸗Admiral von Frankreich, und wir desgleichen, daß es zweck⸗ dienlich waͤre, mit dem Gouverneur Blanchelande und der Kolonial⸗Verſammlung zu unterhandeln. Hier iſt der Brief, welchen wir in dieſer Be⸗ ziehung an die Verſammlung ſenden: hoͤre! Meine Herren Deputirte! „Große Ungluͤcksfaͤlle haben dieſe wichtige und reiche Kolonie heimgeſucht; wir waren dar⸗ ein verwickelt, und es bleibt uns weiter nichts zu unſerer Rechtfertigung zu ſagen uͤbrig. „Sie werden uns einſtens alle die Gerech⸗ tigkeit widerfahren laſſen, welche unſere Lage ver⸗ 16 — 22— dient. Wir muüͤſſen in der allgemeinen Amne⸗ ſtie begriffen ſeyn, welche Ludwig XVI. fuͤr al⸗ le ohne Unterſchied ausgeſprochen hat. „Sollte dieß nicht der Fall ſeyn, ſo wer⸗ den wir, da der Koͤnig von Spanien ein guter Koͤnig iſt, der uns gut behandelt, und uns ſo⸗ gar Belohnungen giebt, fortfahren, ihm mit Ei⸗ fer und Unterwuͤrfigkeit zu dienen. „Wir ſehen durch das Geſetz vom 28. Sep⸗ tember(1791), daß die National⸗Verſammlung und der Koͤnig Ihnen geſtatten, beſtimmt uͤber das Loos der Nichtfreien, und den politiſchen Standpunkt der Farbigen, zu entſcheiden. Wir werden die Dekrete der National⸗Verſammlung und die Ihrigen, wenn ſie mit den uͤblichen Formen bekleidet ſind, mit unſerm letzten Bluts⸗ tropfen vertheidigen. Es waͤre ſelbſt intereſſant, wenn Sie durch einen, vom Herrn General gut⸗ geheißenen Beſchluß erklaͤrten, daß Sie ſich ernſtlich mit dem Schickſale der Sklaven beſchaͤf⸗ tigen wollen. Wenn dieſe erſt durch ihre Chefs, denen Sie dieſes Geſchaͤft auftragen koͤnnten, in Kenntniß kämen, daß Sie ſich fuͤr ihr Wohl intereſſiren, ſo wuͤrde das verletzte Gleichgewicht in kurzer Zeit wieder hergeſtellt ſeyn. — 245— „Glauben Sie indeſſen nicht, meine Her⸗ ren Repraͤſentanten, daß wir uns je bewegen laſ⸗ ſen, uns fuͤr die Willkuͤhr revolutionaͤrer Ver⸗ ſammlungen zu waffnen. Wir ſind Unterthanen dreier Koͤnige, des Koͤnigs von Congo, angebor⸗ nen Koͤnigs aller Schwarzen; des Koͤnigs von Frankreich, der unſere Vaͤter, und des Koͤnigs von Spanien, der unſere Muͤtter repraͤſentirt. Dieſe drei Koͤnige ſind Nachkoͤmmlinge derer, welche durch einen Stern geleitet, den Gott⸗Menſchen anbe⸗ teten. Dienten wir den Verſammlungen, ſo waͤren wir vielleicht verleitet gegen unſere Bruͤ⸗ der zu Felde zu ziehen, die Unterthanen dieſer drei Koͤnige ſind, denen wir den treuen Schwur geleiſtet. „Ueberdieß wiſſen wir nicht, was unter dem Willen einer Nation zu verſtehen, da wir doch, ſeit die Welt regiert, nur den eines Koͤ⸗ nigs vollſtreckt haben. Der Beherrſcher Frank⸗ reichs liebt uns, der von Spanien hoͤrt nicht auf, uns zu unterſtuͤtzen. Wir helfen ihnen, ſie uns. Dieß iſt die Sache der Menſchheit. Sollten uns aber jemals dieſe Majeſtaͤten mangeln, ſo koͤnnten wir ſehr ſchnell einen Koͤnig auf den Thron ſetzen. 5 10* — 234— „Dieß ſind unſere Abſichten, in Betracht derer wir geſonnen ſind, Frieden zu ſchließen. Unterz. Jean Frangois, General; Biaſſou, Mareſchal de Camp; Desprey; Manzeau; Touſ⸗ ſaint; Aubert, Kommiſſaͤr ad hoc. Biaſſou, nachdem er dieſes Aktenſtuͤck von Neger⸗Diplomatie, welches mir Wort fuͤr Wort im Gedaͤchtniß geblieben, vorgeleſen, fuͤgte hin⸗ zu: Du ſiehſt hier, daß wir friedlich geſinnt ſind; und nun hoͤre, was ich von dir fordere. Weder Jean Frangois noch ich, ſind in den Schulen der Weißen, wo man die ſchoͤnen Worte machen lernt, erzogen worden. Wir wiſſen. zu kaͤmpfen, aber nicht zu ſchreiben. Indeſſen wuͤnſchen wir in unſerem Briefe an die Verſammlung alles zu vermeiden, was ſtolze Spottreden unſerer ehe⸗ maligen Herren veranlaſſen koͤnnte. Du ſcheinſt dieſer frivolen Kunſt, welche uns fehlt, maͤch⸗ tig zu ſeyn. Verbeſſere die Fehler, welche in unſerm Schreiben den Weißen Stoff zum Lachen geben koͤnnten, und um dieſen Preis ſchenke ich dir das Leben. In dieſer Rolle eines Korrektors der orto⸗ graphiſch⸗diplomatiſchen Fehler Biaſſous lag et⸗ was meinen Stolz zu ſehr beleidigendes, als — 245— daß ich einen Augenblick haͤtte anſtehen koͤnnen. Und uͤbrigens, was lag mir am Leben?— Ich ſchlug ſein Anerbieten aus. Er ſchien uͤberraſcht.— Wie! rief er, du willſt lieber ſterben, als einige Federzuͤge auf einem Stuͤck Pergamente verbeſſern? Ja, erwiederte ich. Mein Entſchluß ſchien ihn in Verlegenheit zu ſetzen. Nach einem augenblicklichen Nachden⸗ ken ſagte er mir: Hoͤre mich wohl, junger Thor, ich bin weniger hartnaͤckig als du. Ich gebe dir bis morgen Abend Bedenkzeit, ob du mir gehorchen willſt. Morgen bei Sonnen⸗Untergang, wirſt du wieder vor mich gebracht. Ueberlege es wohl mir zu willfahren. Lebe wohl, zie Nacht bringt Rath. Denke wohl, bei uns iſt der Tod nicht Tod allein.. Der Sinn dieſer letzten Worte, welche von einem graͤßlichen Laͤcheln begleitet waren, war nicht zweideutig; die Martern, die Biaſſou fuͤr ſeine Opfer zu erfinden pflegte, machten ſie ſehr ver⸗ ſtaͤndlich. Candi, fuͤhre den Gefangenen ab, fuhr Biaſſou fort, vertraue ſeine Obhut den Schwar⸗ — 2346— zen von Mornes⸗rouge; ich will, daß er lebe bis die Sonne ſich noch einmal gewendet, und mei⸗ ne andern Soldaten haͤtten vielleicht nicht die Geduld, den Ablauf der vier und zwanzig Stun⸗ den abzuwarten. Der Mulatte Candi, Anfuͤhrer ſeiner Gar⸗ de, ließ mir die Arme auf den Ruͤcken binden. Ein Soldat nahm das Ende des Stricks, und ſo giengen wir aus der Grotte. Wenn außerordentliche Ereigniſſe und zer⸗ ſtoͤrende Kataſtrophen ploͤtzlich mitten unter ein gluͤcklich und einfoͤrmig dahinfließendes Leben her⸗ einbrechen, ſo erſchuͤttern ſolch unerwartete Be⸗ wegungen und Schickſals⸗Schlaͤge die im unge⸗ truͤbten Gluͤcke eingewiegte Gemuͤthsruhe mit ſchwe⸗ rer Hand. Einem Traume, keinem Erwachen aͤhnelt dann das Ungluͤck, welches auf ſolche Weiſe uns trifft, und den immer gluͤcklich ge⸗ weſenen betaͤubt die Verzweiflung. Die unvor⸗ hergeſehene Widerwaͤrtigkeit gleicht dem Krampf⸗ fiſche; ſie erſchuͤttert, aber betaͤubt, und das furchtbare Licht, welches ſie vor unſern Augen verbreitet, iſt kein Tageslicht. Alle Gegenſtaͤnde, die Menſchen und ihre Handlungen, nehmen dann eine andere gleichſam phantaſtiſche Phyſiognomie — 247— vor uns an, und bewegen ſich wie in einem Traume. Alles geſtaltet ſich anders am Hori⸗ zonte unſeres Lebens, in ſeiner Atmosphaͤre und Perſpektive; allein es bedarf langer Friſt, bevor unſere Augen dieſes Lichtbild des verlornen Gluͤ⸗ ckes, welches ihnen tief eingepraͤgt, ſich unauf⸗ hoͤrlich zwiſchen ſie und die finſtere Gegenwart draͤngt, entſchwindet, und die Farbe annimmt, welche der Wirklichkeit den Anſtrich von Trug⸗ Geſtalten giebt. Dann erſcheint uns alles, was beſteht, unmoͤglich und ungereimt; kaum daß wir an unſere eigene Exiſtenz glauben, und weil wir aichts um uns finden, was unſerm Weſen lent⸗ ſpraͤche, ſo begreifen wir nicht, wie alles dieß habe verſchwinden koͤnnen, ohne uns mit ſich zu reißen, und wie von unſerm Leben nichts habe uͤbrig bleiben koͤnnen, als wir ſelbſt. Wenn die⸗ ſe gewaltſame Stimmung der Seele ſich verlaͤn⸗ gert, 4o zerruͤttet ſie das Gleichgewicht des Denk⸗ vermoͤgens und wird Wahnſinn; gluͤcklicher Zu⸗ ſtand vielleicht, wo das Leben dem Ungluͤcklichen nur noch als Traumbild erſcheint, worin er ſelbſt das Phantom vorſtellt. Ich weiß nicht, meine Herren, weßhalb ich ſie mit dieſen Ideen aufhalte. Sie gehoͤren nicht — 2646— zu denen, die man begreift, oder begreiflich ma⸗ chen kann; man muß ſie empfunden haben. Ich habe ſie erfahren, und ſie bildeten den Zuſtand meiner Seele, als die Garden Biaſſou's mich fortfuͤhrten. Sie erſchienen mir als Geſpenſter, die mich andern Geſpenſtern auslieferten, und ich ließ mich geduldig, ohne den mindeſten Wi⸗ derſtand zu leiſten, an einen Baumſtamm an⸗ binden. Einige in Waſſer gekochte Pataten, wel⸗ che ſie mir brachten, verzehrte ich in einer Art mechaniſchen Inſtinktes, welchen eine weiſe Vor⸗ ſehung ſelbſt bei uͤberwiegenden Seelenleiden in uns gelegt hat. Mittlerweile war es Nacht geworden; meine Waͤchter zogen ſich in ihre Ajoupa's zuruͤck, und nur ſechſe derſelben, welche ſich, um ſich vor der Nachtkuͤhle zu ſchuͤtzen, um ein Feuer gela⸗ gert hatten, blieben bei mir. Nach wenigen Mi⸗ nuten ſchliefen ſie alle tief. Die phyſiſche Erſchoͤpfung, in welcher ich mich befand, trug nicht wenig zu den traurigen Vorſtellungen bei, welche mich verfolgten. Wenn ich die heitern immer gleichen Tage meines Gluͤckes, welches ich bis vor wenigen Wochen, ohne nur die entfernteſte Ahnung ſeiner jemaligen Unterbrechung zu faſſen, an Mariens Seite verlebte, mit dem heute zugebrachten, dieſem Tage verglich, an welchem ſich ſo außerordentliche Dinge vor mir zugetragen, wo mir das Leben dreimal abgeſpro⸗ chen und doch nicht gerettet war, ſo konnte ich mich kaum von der Wirklichkeit alles dieſes uͤber⸗ zeugen. Ich uͤberlegte, was mir zunaͤchſt bevor⸗ ſtaͤnde, und daß ich nur noch den morgigen Tag zu leben habe, wo der, gluͤcklicherweiſe nahe, Tod mein ſicheres Loos war. Es kam mir vor, als kaͤmpfte ich gegen einen fuͤrchterlichen Alp. Ich fragte mich, ob es moͤglich, daß alles, was ſich zugetragen, auch wirklich zugetragen habe, ob das, was mich umgab, wirklich des blutduͤrſtigen Biaſ⸗ ſou's Lager, ob Marie auf immer fuͤr mich verloh⸗ ren, und ob der von ſechs Barbaren bewachte, ge⸗ knebelte und dem gewiſſen Tode beſtimmte Gefan⸗ gene, dieſer Gefangene den ich bei'm Schimmer des Rebellenfeuers erblickte, auch wirklich ich ſelbſt ſey. Trotz aller meiner Anſtrengungen, den mir aller⸗ ſchrecklichſten Gedanken zu meiden, kam mein be⸗ aͤngſtetes Herz doch immer wieder auf Marien zu⸗ ruͤck. Was konnte ihr Schickſal ſeyn? ich meine Feſſeln ſprengen, um ihr zu Huͤlfe zu«. indem ich immer glaubte, der furchtbare Traum + 2350— werde aufhoͤren, und Gott werde nicht alles das Graͤßliche uͤber den Engel, den er mir zum Weibe gegeben, verhaͤngen, was ich ſelbſt nicht einmal zu denken wagte. Dann brachte die unſelige Verket⸗ tung meiner Ideen Pierrot mir vor, und die Wuth machte mich faſt raſend. Die Adern meiner Stirne ſchienen mir aufſpringen zu wollen; ich haßte, ich verwuͤnſchte, ich verachtete mich, weil ich einen Augenblick meine Freundſchaft fuͤr Pierrot mit mei⸗ ner Liebe zu Marien vermengt hatte, und ich be⸗ weinte nur, ihn nicht getoͤdtet zu haben, ohne wei⸗ ter zu unterſuchen, was ihn konnte bewogen haben, ſich in den großen Fluß zu ſtuͤrzen. Er war todt, ich mußte ſterben; das einzige, was ich bei ſeinem und meinem Tode bedauerte, war, mich nicht ge⸗ raͤcht zu haben. Alle dieſe Erinnerungen griffen zerſtoͤrend in mein Gemuͤth, waͤhrend die koͤrperliche Abſpan⸗ nung mich in einen halben Schlummer hatte fallen laſſen. Ich weiß nicht wie lange dieſer mag ge⸗ dauert haben, als mich der Laut einer maͤnnlichen Stimme erweckte, welche von weitem, aber ſehr * atlich die Worte ſang: VYo que Soy Contra- wandista. Schaudernd ſchlug ich die Augen auf, um mich war alles ſchwarz, die Neger ſchliefen, das 3 Feuer war am Erloͤſchen. Ich hoͤrte nichts weiter, ich glaubte die Stimme ſey eine Folge meiner exal⸗ tirten Einbildungskraft geweſen und bald fielen mir die ſchweren Augenlieder wieder zu. Allein ploͤtz⸗ lich weckte mich die Stimme wieder, und zwar in⸗ dem ſie traurig und ganz nahe die Strophen einer ſpaniſchen Romanze ſang: En los Campos de Ocanna prisionero cai; me llevan a Cotadilla desdichado fui.*) Diesmal konnte ich es fuͤr keinen Traum mehr halten, es war Pierrots Stimme. Gleich darauf ließ ſie ſich nochmals in der ringsum herrſchenden dunkeln Stille hoͤren, und ſang beinahe mir in's Ohr den bekannten Refrain: Yo que Soy Conf irabandista. Eine Dogge waͤlzte ſich freudig zu meinen Fuͤßen, es war Rask. Ich ſchlug die Au⸗ gen auf. Ein Schwarzer ſtand vor mir, und das glimmende Feuer warf ſeinen koloſſalen Schatten neben Rask; es war Pierrot. Die Nache ſetzte *) In den Gefilden von Ocanna fiel ich in Gefangen⸗ ſchaft, und ich wurde ungluͤcklich, als ſie mich nach Codatilla brachten. — 252— mich außer mir, die Ueberraſchung machte mich un⸗ beweglich und ſtumm. Ich ſchlief nicht. Sollten denn die Todten wieder auferſtanden ſeyn? Es war kein Traum mehr, es war eine Erſcheinung. Ich wandte mich mit Entſetzen ab. Bei dieſem Anblicke ſenkte ſich ſein Haupt auf die Bruſt. Bruder, begann er mit leiſer Stimme, du haſt mir verſprochen, nie an mir zu zweifeln, wenn du mich je das Lied wuͤrdeſt ſingen hoͤren; Bru⸗ der, ſprich, haſt du dein Verſprechen vergeſſen. Der Zorn gab mir die Sprache wieder. Ungeheuer, rief ich, ſo finde ich dich endlich, den Henker, Meuchelmoͤrder meines Onkels, den Raͤuber Mariens, und du wagſt es mich deinen Bruder zu nennen? Wage nicht dich mir zu naͤhern. Ich vergaß, daß ich auf eine Weiſe angebun⸗ den war, welche mir nicht die geringſte Bewegung erlaubte. Ich ſuchte unwillkuͤhrlich mit den Au⸗ gen den Degen an meiner Seite; dieſe ſichtliche Abſicht ergriff ihn, er ſchien bewegt. Nein, ich werde dir nicht nahe kommen, du biſt ungluͤcklich, und ich bedaure dich; du aber bebauerſt mich nicht, obſchon ich ungluͤcklicher bin als du ſelbſt.. 253 Ich zuckte die Achſeln. Er verſtand dieſen ſtummen Vorwurf, und betrachtete mich nach⸗ denkend. 3 Ja, du haſt viel verlohren, ich aber, glaube mir, mehr wie du. Indeſſen hatte das Geraͤuſch der Stimmen meine ſechs Neger aufgeweckt. Als ſie einen Frem⸗ den gewahrten, ſprangen ſie auf und griffen nach den Waffen, kaum hatten ſie aber Pierrot erkannt, als ſie ein Freudengeſchrei ausſtießen, ſich nieder⸗ warfen und die Erde mit ihren Stirnen ſchlugen. Allein weder die Ehrfurchtsbezeugungen, wel⸗ che Pierrot von den Negern erhielt, noch die Lieb⸗ koſungen, welche Rask bald mir bald ſeinem Herrn ſpendete und mich unruhig wegen meiner Unfreund⸗ lichkeit betrachtete, nichts konnte den mindeſten Ein⸗ druck auf mich machen. Ich war ganz meiner ohnmaͤchtigen Raſerei hingegeben. Weinend vor Wuth uͤber die Feſſeln, die mich zuruͤckhielten, rief ich aus: o wie ungluͤcklich bin ich!— Es ſchmerzt mich, daß dieſer Elende noch lebt, daß er nicht fuͤr meine Rache lebt, ja daß er noch ſelbſt kommen darf, mich zu verachten. Le⸗ bend muß ich ihn unter meinen Augen herumgehen Then, und kann nicht einmal das Gluͤck genießen — 255— ihn umzubringen. O wer befreit mich aus die⸗ ſen ſchmaͤhlichen Banden! Pierrot wendete ſich gegen die ſtets vor ihm niedergeworfenen Neger: Kameraden, bindet ihn los! Meine ſechs Waͤchter gehorchten augenblick⸗ lich. Sie ſchnitten eiligſt die Stricke, in denen ich mich befand, durch; ich war frei. Ich rich⸗ tete mich in die Hoͤhe, allein bewegungslos: das Erſtaunen feſſelte mich von Neuem. Das iſt nicht alles, fuhr Pierrot fort; er reichte mir den Dolch eines ſeiner Neger, indem er ſagte:— Naͤche dich jetzt, wie du es wuͤnſcheſt; Gott behuͤte mich dir mein Leben ſtreitig zu ma⸗ chen, das dir gehoͤrt. Du haſt es dreimal geret⸗ tet, es muß jetzt wohl dein gehoͤren. Stoß zu, wenn du es nehmen wilſt. Seine Stimme verrieth weder einen Vorwurf noch Bitterkeit. Er war blos traurig und ge⸗ faßt. Die Leichtigkeit, womit mir die Befriedi⸗ gung meiner Nache, nach der ich lechzte, von dem mir erkohrenen Opfer ſelbſt angeboten wurde, ſtieß mich zuruͤck. Ich fuͤhtte, daß mein ganzer Haß gegen Pierrot, alle meine Liebe fuͤr Marie, nicht hinreichend waren, mich zum Meuchelmoͤr⸗ der zu machen. Eine Stimme rief aus meinem Innern, daß, wie der Schein auch gegen ihn war, doch ein Feind und Schuldbewußter ſich nie ſelbſt auf dieſe Art der ſtrafendenden Rache preißgeben werde. Dann lag wirklich, und wa⸗ rum ſoll ich es nicht geſtehen, in dem Weſen die⸗ ſes außerordentlichen Menſchen etwas ſo Impo⸗ nirendes und Ueberzeugendes, daß ich davon mich ſelbſt hingeriſſen fuͤhlte. Ich ſchleuderte den Dolch von mir. Ungluͤcklicher! ſagte ich ihm, ich kann dich wohl in einem Gefechte toͤdten, nicht aber dich meuchelmorden. Vertheidige dich. Ich mich vertheidigen! erwiederte er erſtaunt, und gegen wen? Gegen mich! Er gab alle Zeichen des hoͤchſten Erſtaunens. Gegen dich! darin allein kann ich dir nicht willfahren. Siehſt du. Rask? Ich kann ihn wohl erdroſſeln, er wird es geſchehen laſſen, allein ich wuͤßte ihn nicht zu bewegen, gegen mich zu kaͤm⸗ pfen; er wuͤrde mich nicht begreifen. Ich be⸗ greife dich auch nicht; ich bin Rask fuͤr dich. — 256— Nach einer Pauſe fuͤgte er hinzu: Ich ſehe Haß in deinen Augen, wie du ihn einſtens in den meinen geſehen. Ich weiß, daß du viel Ungluͤck erfahren haſt: dein Onkel ward gemordet, deine Felder verbrannt, deine Freunde erſchlagen; man hat deine Haͤuſer in Aſche ge⸗ legt, dein Erbe zerſtoͤrt; allein nicht ich, die Meinen haben es gethan,— Hoͤre, ich ſagte dir einſtens, daß die Deinen mir viel Boͤſes zu⸗ gefuͤgt, du gabſt mir zur Antwort, du habeſt da⸗ ran keine Schuld; was that ich darauf? Sein Antlitz heiterte ſich auf; er war ge⸗ waͤrtig, mich ihm in die Arme fallen zu ſehen. Ich betrachtete ihn mit wilden Blicken. Du bekennſt dich, rief ich mit dem Ausdruck der Wuth, du bekennſt dich nicht zu den Schand⸗ thaten der Deinen, ſprichſt aber nicht von dem, was du mir ſelbſt gethan! Und was iſt das? fragte er. Ich trat auf ihn zu und rief mit Donner⸗ ſtimme: wo iſt Marie? was haſt du mit Marien gemacht! Bei dieſem Namen bewoͤlkte ſich ſeine Stirne: er ſchien einen Augenblick verlegen. Endlich brach er das Stillſchweigen: Mariel antwortete eer, — 257— ja, du haſt Recht, aber hier hoͤren zu viele Ohren. Seine Verlegenheit, dieſe Worte: du haſt Rechtl entzuͤndeten eine Hoͤlle in meinem Herzen. Mir ſchien er ſuche meiner Frage auszuweichen. Er blickte mich jedoch mit ſeiner offenen Phyſiogno⸗ mie an, und ſagte in tiefer Bewegung: Ich beſchwoͤre dich, mißtraue mir nicht. Ich werde dir alles dieß anderwaͤrts mittheilen. Liebe mich, wie ich dich, mit Vertrauen. Hier hielt er inne, um die Wirkung ſeiner Worte zu beobachten, dann fuͤgte er mit Rüͤhrung hinzu: Darf ich dich Bruder nennen? Doch meine raſende Eiferſucht hatte ihre ganze Heftigkeit wieder gewonnen, und dieſe zaͤrtlichen Worte, die ich fuͤr verſtellt hielt, dienten nur da⸗ zu, ſie noch mehr zu ſteigern. Und du wagſt es, mir dieſe Zeit zuruͤckzuru⸗ fen, elender Undankbarer! rief ich— Er unterbrach mich, und große Thraͤnen roll⸗ ten uͤber ſeine Wangen:— Ich bin nicht undank⸗ bar. Wohlan, ſo ſprich, rief ich außer mir, was haſt du mit Marien gemacht. 47 Anderwaͤrts, hier nicht! entgegnete er, hier hoͤren unſere Ohren nicht allein was wir ſprechen; uͤberdieß wuͤrdeſt du mir ſicher keinen Glauben bei⸗ meſſen, und die Zeit draͤngt. Es iſt heller Tag, und ich muß dich von hier fortſchaffen. Hoͤre mich, alles iſt vorbei, weil du an mir zweifelſt, und du thuſt beſſer, mich gleich niederzuſtechen, doch zoͤgere noch ein wenig, bis du deine ſogenannte Rache ausuͤbſt, denn zuvor muß ich dich befreien. Komm mit mir zu Biaſſou. 4 Dieſe Worte, ſowie ſeine ganze Handlungs⸗ weiſe verhuͤllten ein Geheimniß, welches ich mir durchaus nicht zu erklaͤren vermochte. So ſehr ich auch gegen dieſen Menſchen eingenommen war, ſo machte ſeine Stimme doch immer eine Saite in mei⸗ nem Herzen anklingen, und uͤbte eine unerklaͤrbare Macht uͤber mich aus. Schon fand ich mich ſchwankend zwiſchen Rache und Mitleiden, zwiſchen Mißtrauen und blinder Hingebung. Ich folgte ihm. Wir traten aus dem Kreiſe der Neger von Morne⸗rouge, und ich erſtaunte, in dieſem Barba⸗ ren⸗Felslager, wo noch geſtern jeder nach meinem Blute zu lechzen ſchien, ſo frei herumgehen zu koͤn⸗ nen. Weit entfernt, uns aufzuhalten, wetteiferten — 259— vielmehr Schwarze und Mulatten, uns beim Voruͤbergehen ihre freudige Ueberraſchung und Hoch⸗ achtung durch Erklamationen und Niederwerfen auszudruͤcken. Ich kannte den Rang, den Pierrot in der Rebellen Armee bekleidete, nicht, allein die Gewalt, welche er uͤber ſeine Mitſclaven ausuͤbte, war mir noch wohl im Gedaͤchtniß, und ich er⸗ klaͤrte mir leicht das Anſehen, deſſen er unter ſei⸗ nen Kameraden genoß. Als wir an die Garden, welche Biaſſous Hoͤhle bewachten, herangekommen waren, trat ihr Haupt⸗ mann, der Mulatte Candi, auf uns zu, und fragte uns ſchon drohend aus der Ferne, wie wir es wagen koͤnnten, ſo nahe zum General heran⸗ zukommen. Sobald er jedoch im Stande war, die Zuͤge Pierrots genau zu unterſcheiden, riß er raſch die goldgeſtickte montera vom Haupte, und verbeugte ſich, gleichſam uͤber ſeine eigene Kuͤhn⸗ heit verſteinert, bis auf die Erde. Er fuͤhrte uns ſodann zu Biaſſou, indem er fortwaͤhrend Ent⸗ ſchuldigungen ſtammelte, auf welche Pierrot nur durch Zeichen der Verachtung antwortete. Der Reſpekt der gemeinen Neger vor Pierrot hatte mich nicht ſehr befremdet; als ich aber Candi, einen ihrer vornehmſten Officiere, ſich gleichermaßen 472* — 260— vor dem Sklaven meines Onkels demuͤthigen ſah, begann ich mich zu fragen, wer dieſer Menſch ſeyn koͤnne, dem man ſolche Verehrung zollte. Wie wuchs aber mein Erſtaunen, als ich ſelbſt den Ge⸗ neraliſſimus, welchen wir allein bei Tiſche fanden, beim Anblick Pierrots ſich raſch erheben und ihm ehrerbietig entgegeneilen ſah. Seine unangenehme Ueberraſchung und den heftigen Verdruß, welchen ihm dieſer unerwartete Anblick innerlich bereiten mochte, verbarg er ſehr geſchickt unter erheucheltem tiefen Reſpekte; er verbeugte ſich demuͤthig vor ſeinem Gefaͤhrten, und bot ihm ſogar ſeinen Maha⸗ gonythron an. Pierrot ſchlug ihn aus. Jean Biaſſou, ſagte er, ich bin nicht hier, um Euren Platz einzunehmen, ſondern bloß um von Euch eine Gefaͤlligkeit zu erbitten. Alteza, entgegnete Biaſſou, indem er ſeine Unterwuͤrfigkeit verdoppelte, Sie wiſſen, daß Sie uͤber alles verfuͤgen koͤnnen, was von Jean Biaſ⸗ ſou abhaͤngt, was ihm gehoͤrt, ja uͤber Jean Biaſſou ſelbſt. 4 1 Der Titel Alteza, welcher ſoviel als Hoheit bedeutet, und den ich hier Pierrot geben hoͤrte, befremdete mich noch mehr. —- 261— Ich verlange nicht ſo viel, erwiederte Pierrot lebhaft, ich fordere nichts von Euch, als das Le⸗ ben und die Freiheit dieſes Gefangenen. Er bezeichnete mich mit der Hand: Biaſſou ſchien einen Augenblick in Verlegenheit, welche jedoch nicht lange dauerte. Alteza, Sie ſetzen Ih⸗ ren Diener in Verzweiflung, indem Sie weit mehr von ihm fordern, als er, zu ſeinem großen Be⸗ dauern, zu leiſten im Stande iſt. Dieſer Ge⸗ fangene iſt weder Jean Biaſſou, noch gehoͤrt er Jean Biaſſou, noch haͤngt ſein Leben von Jean Biaſſou ab. Was ſoll das heißen? fragte Pierrot ſtrenge, und von wem hinge es ſonſt ab? Giebt es hier eine andere Gewalt, als die Eurige! O ja! Alteza. Und welche? Meine Armee. Die ſchmeichelnde und truͤgeriſche Weiſe, wo⸗ mit Biaſſou den hochherzigen und freien Fragen Pierrots auswich, zeigte mir klar, daß er entſchloſ⸗ ſen war, ihm nichts zu bewilligen, als den Re⸗ ſpekt, wozu er, wie es ſchien, verpflichtet war. Wie, rief Pierrot, Eure Armee! Und ſeyd nicht Ihr es, der hier befehligt. 3 — 262— Biaſſou hielt ſich hier ganz in ſeiner vortheil⸗ haften Stellung, ohne den Schein der Unterwuͤr⸗ figkeit zu verletzen. Er antwortete mit einem An⸗ ſcheine von Freimuͤthigkeit. Su Alteza glaubt wohl, daß man Menſchen wirklich befehligen kann, die bloß revoltirt haben, um nicht mehr zu gehorchen. Das Leben war mir zu gleichguͤltig, um mein Stillſchweigen zu brechen; die unbegraͤnzte Gewalt, die ich Biaſſou Tags zuvor uͤber ſeine Banden aus⸗ uͤben ſah, haͤtte mir Gelegenheit genug gegeben, ihn heut Luͤgen zu ſtrafen, und ſeine Doppel⸗ zuͤngigkeit aufzudecken. Pierrot erwiederte ihm: Wohlan! Wenn Ihr Eure Armee nicht zu kom⸗ mandiren verſteht, und wenn Eure Soldaten Eure Befehlhaber ſind, welche Veranlaſſung zum Haſſe koͤnnt Ihr gegen dieſen Gefangenen haben? Biaſſou gab ſeinem wilden Antlitze den An⸗ ſtrich von Traurigkeit; Boukman wurde durch die Truppen der Regierung erſchlagen, und die Meinen haben beſchloſſen, an dieſem Weißen hier den Tod des Maronen⸗Chefs von Jamaika zu raͤchen. Sie wollen Trophaͤe gegen Trophaͤe, und den Kopf dieſes jungen Officiers gegen Boukmans Haupt — 263— in die Wagſchale legen, mit welcher der bon Guiuu beide Partheien abwaͤgt. Und wie habt Ihr, fragte Pierrot, dieſen fuͤrch⸗ terlichen Repreſſalien beiſtimmen koͤnnen? Hoͤrt mich, Jean Biaſſou, dieſe Grauſamkeiten werden noch unſere gerechte Sache verlieren machen. Da ich auf dem Kap gefangen ſaß, von wo es mir kaum gelungen, mich zu befreien, ſo erfahre ich hier zuerſt den Tod Boukmans. Ich erkenne ihn als eine gerechte Strafe des Himmels fuͤr ſeine viel⸗ fachen Verbrechen; ich aber will Euch eine andere Neuigkeit mittheilen. Jeannot, derſelbe Chef, welcher den Weißen als Fuͤhrer gedient, um ſie in den Hinterhalt von Dompte⸗Mulätre zu locken, dieſer Jeannot iſt auch umgekommen. Ihr wißt,— unterbrecht mich nicht, Biaſſou,— daß er mit Euch und Boukman an Grauſamkeit wetteiferte; nun gebt Acht, nicht der Blitz des Himmels, nicht die Rache der Weißen hat ihn ereilt,— Jean Frangois ſelbſt hat dieſen Akt der Gerechtigkeit be⸗ gangen.. Biaſſou, welcher mit reſpectvollen Schweigen zuhoͤrte, machte hier einen Ausruf der Ueberraſchung. Im ſelben Augenblick trat Rigaud ein, beugte ſich tief vor Pierrot, und ſprach leiſe mit dem Gene⸗ — 264— fcaliſſimus. Im Lager vernahm man von außen eine heftige Bewegung. Pierrot fuhr forr:... Ja, Jean Francois, der keinen andern Fehler hat, als einen verderblichen Luxus und die laͤcherliche Prahlerei mit dieſer ſechsſpaͤnnigen Karoſſe, in der er jeden Tag von ſeinem Lager zu der Meſſe des Pfarrers von Grande Rivisre faͤhrt, Jean Frangois ſelbſt hat Jeannots Graͤuel beſtraft. Ungeachtet des unwurdigen Flehens dieſes Raͤubers, und ob er gleich in ſeinem letzten Augenblicke den ihn zur, Hinrichtung begleitenden Pfarrer von Marmelade dermaßen umklammert, daß man ihn mit Gewalt von ihm losreißen mußte, wurde dieſes Ungeheuer doch geſtern, und zwar am Fuße deſſelben Bau⸗ mes, wo er ſeine Opfer lebendig an eiſerne Haken ſpießte, erſchoſſen. Biaſſou, beherziget dieſes Bei⸗ piel! Wozu dieſe Blutbaͤder, welche die Weißen zur Vergeltung zwingen? Wozu dieſe Gaukler⸗ ſpiele, welche die Wuth unſerer ungluͤcklichen ohne⸗ hin ſchon gereizten Bruͤder in's unnatuͤrliche ſtei⸗ gern? Auf Trou⸗Coffi iſt ein Mulatte, Namens Romaine⸗la⸗Propheteſſe, welcher mit derlei Char⸗ latanerien eine Bande Schwarzer fanatiſirt. Er macht ſie glauben, er ſey in unmittelbarer Ver⸗ bindung mit der heiligen Jungfrau, deren ver⸗ — 205— 7 meintliche Orakelſpruͤche er vernehme, indem er den Kopf in das Tabernakel ſteckt. Er treibt ſein e Kameraden zum Morde, und zur Pluͤnderung, und dieß alles im Namen Mariens!... In der Art wie Pierrot dieſen Namen aus⸗ ſprach, lag vielleicht etwas zaͤrtlicheres als die bloße religioͤſe Verehrung. Ich weiß nicht wie es kam, allein ich fuͤhlte mich dadurch verletzt und geereizt. Und Ihr, fuhr Pierrot fort, habt ebenfalls 2 Euerm Lager einen ſolchen Obi, einen Gauk⸗ ler gleich dieſem Romaine⸗la⸗Propheteſſe! Mir iſt wohl bekannt, daß, um eine aus Menſchen von allen Laͤndern, Staͤmmen und Farben zu⸗ ſammengeſtoppelte Armee zu lenken, es eines ge⸗ meinſamen Bandes bedarf; koͤnnt Ihr dieß aber nicht anderwaͤrts, als in einem wilden Fanatis⸗ mus, und entwuͤrdigenden Aberglauben finden? Die Weißen, glaubt mir Biaſſou, ſind nicht ſo grauſam als wir. Viele Pflanzer ſah ich das Leben ihrer Sklaven vertheidigen, und ob ich wohl weiß, daß hier die Rens eines Menſchenlebens nur die Erhaltung einer Summe Geldes bedingte, ſo erzeugte doch mindeſtens das Intereſſe eine Tugend. Seyen dir nicht minder mild als ſie, * denn auch unſer Intereſſe erheiſcht es. Wird denn unſere Sache heiliger und gerechter erſcheinen, wenn wir alle Weiber ausgerottet, die Kinder er⸗ droſſelt, die Greiſe gefoltert und die Pflanzer in ihren Wohnungen verbrannt haben? Was ſind etwa die von uns taͤglich veruͤbten Thaten an⸗ ders? Und muß denn, ſprecht ſelbſt Biaſſou, die einzige Spur unſerer Bahn ſtets mit Mord und Brand bezeichnet ſeyn 2 Er ſchwieg, das Feuer ſeiner Augen, der Ton ſeiner Stimme gab ſeinen Worten eine un⸗ widerſtehliche Kraft der Ueberzeugung und Macht. Gleich einem vom Loͤwen gefaßten Fuchſe, ſuchte Biaſſou mit ſeitwaͤrts ſpaͤhendem Blicke, wie er ſo vieler Gewalt entrinnen moͤge. Waͤhrend er ſo ſich wand und uͤberlegte, nahm Rigaud, der⸗ ſelbe Chef der Banden von Cayes, welcher Tags zuvor kalten Blutes ſo viel Graͤßliches geſehen, . das Wort. Er ſtellte ſich aufgebracht uͤber die Graͤuel, wovon Pierrot eine Schilderung gemacht, und rief endlich mit erheucheltem Schmerze: Mein Gott, was iſt ein Volk in Wuth doch ſchrecklich! Mittlerweile nahm der Laͤrmen von außen immer mehr uͤberhand, und ſchien Biaſſou zu beunruhigen. Spaͤter erſt hoͤrte ich, daß ſolcher — 2672— von den Negern von Morne⸗rouge herruͤhrte, welche durch das Lager die Ruͤckkunft ihres Be⸗ freiers ausriefen und ihren Entſchluß, ihn in al⸗ lem zu unterſtuͤtzen, was ihn zu Biaſſou gefuͤhrt haben koͤnne, erklaͤrten. Rigaud hatte den Ge⸗ neraliſſimus hiervon verſtaͤndigt, und die Furcht vor verderblichen Spaltungen bewog dieſen ſchlauen Anfuͤhrer zu einer Art von Zuſtimmung, welche er nunmehr Pierrot bewilligte. Alteza, ſagte er mit kummervoller Miene, wenn wir ſtrenge gegen die Weißen ſind, ſo ſind ſie es doppelt gegen uns. Es iſt nicht recht, daß Sie mir beimeſſen, woran nur die Heftigkeit des Stromes ſchuld, der mich mit fortreißt. Indeſ⸗ ſen, que podria hacer ahora*), was Ihnen angenehm waͤre? Ich habe es Euch bereits geſagt, Sennor Biaſſou, erwiederte Pierrot, uͤberlaßt mir dieſen Gefangenen. Biaſſou blieb einen Augenblick nachdenkend, dann rief er mit der ſeinen Zuͤgen moͤglichſten Frreimuͤthigkeit: Wohlan, Alteza, ich werde Ihnen beweiſen, wie ſehr ich mich beſtrebe, Ihr Wohl⸗ *) Was böoͤnnte ich jetzt thun? — 268— wollen zu erhalten. Erlauben Sie mir nur, dem Gefangenen wenige Worte in's Geheime zu ſa⸗ gen, dann iſt er frei Ihnen zu folgen. Darauf kommt es nicht an, ſagte Pierrot, und ſein Geſicht, bis dahin ſtolz und unzufrie⸗ den, ſtrahlte vor Freude. Er trat einige Schritte zuruͤck. Biaſſou zog mich in eine Ecke der Grotte, und ſprach leiſe zu mir:— dein Leben haͤngt von einer Bedingung ab, die du kennſt; verſtehſt du dich dazu? Er zeigte mir Jean Francois's Depeſche. Meine Einwilligung haͤtte nur Erniedrigung ge⸗ ſchienen.— Ich antwortete: Nein! Aha! grinzte er, immer ſo entſchloſſen? du rechneſt etwas viel auf deinen Beſchuͤtzer? weißt du wer er iſt? Ja, entgegnete ich lebhaft, ein Ungeheuer gleich dir, nur noch heimtuͤckiſcher. Voll Erſtaunen richtete er ſich auf und ſchien in meinen Augen zu forſchen, ob ich ernſtlich ſpreche: Wie ſagte er, du kennſt ihn alſo nicht? Ich entgegnete mit Widerwillen: ich erkenne in ihm nichts als meines Onkels Sklaven, ge⸗ nannt Pierrot. — 260— Biaſſou grinzte wieder: das iſt wirklich hoͤchſt ſonderbar! er will dir Leben und Freiheit erhal⸗ ten, und du nennſt ihn ein Ungeheuer! Was liegt mir daran, antwortete ich, wenn es mir gelingt einen Augenblick frei zu ſeyn, werde ich nicht mein Leben ſondern das ſeine fordern. Was waͤre das, ſagte Biaſſou? du ſcheinſt doch zu ſprechen wie du denkſt, und ich kann nicht glauben, daß du mit deinem Leben Scherz treibſt. Ich begreife nicht, wie du einen Mann, der dich ſchuͤtzt, haſſen kannſt, wie du den Tod desjenigen fordern magſt, der dein Leben retten will!— Mir iſt das indeſſen gleichguͤltig. Du wuͤnſcheſt kurze Friſt frei zu ſeyn, und das iſt das Einzige, was ich dir gewaͤhren kann; ich laſſe dich frei ihm zu folgen. Gieb mir jedoch dein Ehrenwort, dich mir wieder zwei Stunden vor Sonnenuntergang ſelbſt zu uͤberliefern.— Du biſt Franzoſe, nicht wahr? Ich geſtehe Ihnen, meine Herrn, das Leben war mir laͤſtig. Ich wollte es uͤbrigens nicht die⸗ ſem Pierrot zu verdanken haben, welchen ich vie⸗ len Grund zu haſſen hatte. Hierzu kam vielleicht auch die Gewißheit, daß Biaſſou, der nie eine — 20— Beute fahren ließ, ſeine Einwilligung zu meiner Befreiung nicht geben wuͤrde; auch war es mir wirklich blos um einige Stunden Freiheit zu thun, um vor meinem Tode mich uͤber mein und mei⸗ ner geliebten Marie Schickſal aufzuklaͤren; das Wort, welches Biaſſou, im Vertrauen auf fran⸗ zoͤſiſche Ehre, mir abforderte, war ein ſicheres und leichtes Mittel, noch einen Tag zu gewinnen, und ich gab es. Der Generaliſſimus, nachdem er auf ſolche Art mich gebunden, naͤherte ſich Pierrot: Alteza, ſagte er unterwuͤrfig, der weiße Ge⸗ fangene iſt zu Ihren Befehlen; Sie koͤnnen ihn fortfuͤhren, er iſt frei Sie zu begleiten. Nie hatte ich fruͤher einen aͤhnlichen Aus⸗ druck von Gluͤckſeligkeit in Pierrots Geſichte ge⸗ ſehen. Dank, Biaſſou, rief er, indem er ihm die Hand reichte, Dank! du haſt mir einen Dienſt erwieſen, der dir von nun an das Recht giebt, alles von mir zu fordern. Fahre fort bis zu mei⸗ ner Ruͤckkunft uͤber meine Bruͤder von Morne⸗ rouge zu verfüͤgen. Dann wandte er ſich zu mir: da du nun frei biſt, ſo folge mir, komm! und ſo zog er mich mit Heftigkeit fort. — 221— Biaſſou betrachtete unſer Fortgehen mit Er⸗ ſtaunen, welches ſelbſt durch die ehrerbietigen Ver⸗ ſicherungen vorleuchtete, mit dem er meinen Ge⸗ faͤhrten geleitete. Kaum konnte ich es erwarten, mit Pierrot allein zu ſeyn. Die Gefuͤhle des Abſcheus und der Eiferſucht, welche gegen dieſen Menſchen von dem Augenblicke an in mir Wurzel gefaßt hatten, wo ich ihn ſie durch die brennenden Truͤmmer des Forts Galifet tragen ſah, die ich kaum noch meine Gat⸗ tin nennen konnte, waren durch ſeine Verwirrung, welche er bei meiner Frage nach Marien zeigte, und durch die unverſchaͤmte Zaͤrtlichkeit, womit er ihren Namen auszuſprechen gewagt, noch viel lebhafter geworden. Was konnten nach Allem dem, ſeine großmuͤthigen Vorwuͤrfe, welche er in meiner Gegenwart dem blutduͤrſtigen Biaſſou ge⸗ macht, die Sorge, welche er fuͤr mein Leben ge⸗ nommen, ja ſelbſt dieſes Gepraͤnge des Außeror⸗ dentlichen, welches ſich in allen ſeinen Worten und Handlungen ausſprach, auf mich noch fuͤr einen Eindruck machen? Was kuͤmmerte mich das Ge⸗ heimniß, welches ihn zu umgeben ſchien, welches ihn mir lebendig vor Augen fuͤhrte, nachdem ich glaubte, Zeuge ſeines Todes geweſen zu ſeyn, wel⸗ — 3 — 272— ches mir ihn gefangen bei den Weißen erblicken ließ, als er ſich in die Grande Riviere geſtuͤrzt hatte, und welches endlich den Sklaven in Hoheit, den Gefangenen in Befreier verwandelte? Nichts er⸗ ſchien mir klar von allen dieſen unbegreiflichen Din⸗ gen, als der verhaßte Raub Mariens, eine zu raͤ⸗ chende Beſchimpfung und ein zu ſtrafendes Ver⸗ brechen. Alles was ich ſchon Befremdendes hatte vorgehen ſehen, reichte kaum hin, mich meine Rache aufſchieben zu laſſen, und ich erwartete mit hoͤchſter Ungeduld den Augenblick, wo ich endlich meinen Nebenbuhler zwingen konnte, ſich zu er⸗ klaͤren. Dieſer Augenblick erſchien. Dreifache Reihen niedergeworfener Schwarzer ſchrien mit Erſtaunen bei unſerm Voruͤbergehen! Miraculo! ya no esta prisionero! Ich weiß nicht, ob dieß auf Pierrot oder mich Bezug hatte. Wir uͤberſchritten die aͤußerſten Graͤnzen des Lagers, und hatten bereits hinter Baͤumen und Felſen die letzten Vedetten Biaſſous aus dem Ge⸗ ſichte verloren. Rask lief freudig uns vor und wie⸗ der zuruͤck; Pierrot eilte raſch vorwaͤrts, da hielt ich ihn an: ») Wunder! er iſt kein Gefangener mehr! Hore mich, es iſt unnutz weiter zu gehen. Die Ohren, welche du fuͤrchteteſt, hoͤren uns nicht mehr, ſprich: was haſt du mit Marien gemacht? Die heftige Bewegung machte meine Stimme ſchwanken; er betrachtete mich mit Guͤte. Immer! entgegnete er. Ja immer, rief ich wuͤthend, immer! bis zu deinem letzten Athemzuge, bis zu meinem letzten Hauche werde ich dieſe Frage an dich richten: wo iſt Marie? Nichts kann denn deine Zweifel an meiner Treue zerſtreuen? Du wirſt es bald erfahren. 1 Bald, Ungeheuer! rief ich. Jetzt will ich es wiſſen. Wo iſt Marie? wo iſt Marie? hoͤrſt du? antworte, oder ſetze dein Leben gegen das meine! Vertheidige dich! Ich habe dir bereits geſagt, erwiederte er traurig, daß dieß nicht ſeyn kann. Der Fluß ſtroͤmt nicht gegen ſeine Quelle; mein Leben, daß du mir dreimal erhalten, kann nicht gegen das deine kaͤmpfen. Koͤnnte ich indeſſen es auch woollen, ſo waͤre es doch unmoͤglich; wir haben nur einen Dolch fuͤr uns beide. Hier zog er einen Dolch aus dem Guͤrtel, und bot ihn mir dar. Nimm, ſagte er. 18 — 24— Ich war außer mir. Ich faßte den Dolch, und ſetzte ihn auf ſeine Bruſt. Er machte keine Bewegung, ſich ihm zu entziehen. Elender, rief ich ihm zu, zwinge mich nicht zum Meuchelmord. Ich ſtoße dir dieſen Stahl in's Herz, ſagſt du mir nicht zur Stelle, wo mein Weib iſt. Ohne Zorn entgegnete er:. Du biſt Herr; allein ich bitte dich mit ge⸗ falteten Haͤnden, laß mich noch eine Stunde le⸗ ben, und folge mir. Du zweifelſt an dem, der dir drei Leben verdankt, an dem, ſo du Bruder nannteſt; allein wenn du in einer Stunde noch zweifelſt, ſo darfſt du mich toͤdten. Es iſt im⸗ mer Zeit dazu, und du ſiehſt wohl, daß ich dich nicht daran verhindern will. Ich beſchwoͤre dich im Namen Maria's,.. deiner Eattin, ſetz⸗ te er mit ſichtbarer Anſtrengung hinzu, gieb mir noch eine Stunde, und wenn ich dich ſo bitte, ſo bedenke, daß es nicht fuͤr mich, daß es fuͤr dich ſelbſt geſchieht. Seine Stimme hatte hier einen unausſprech⸗ lichen Ausdruck von Schmerz und Ueberzeugung. Eine geheime Ahnung ſchien mir zu ſagen, daß er vielleicht doch wahr ſpreche, und daß nicht — 25— bloß der Trieb der Lebenserhaltung, ſondern ein hoͤheres Intereſſe ſeinen Worten dieſe ruͤhrende Kraft verleihen moͤchte. Noch einmal ſah ich mich gezwungen, der unerklaͤrbaren Gewalt zu weichen, welche dieſer Menſch uͤber mich ausuͤbte, und welche ich mir damals nur mit Schamroͤthe eingeſtehen konnte. Wohlan, ſagte ich, dieſe Friſt von einer Stunde ſey dir geſtattet; ich folge dir. Als ich ihm jedoch den Dolch zuruͤckgeben wollte, ſagte er: nein, behalte ihn, denn du trauſt mir nicht. Komm jetzt, und verlieren wir keine Zeit.. Er fuͤhrte mich weiter. Rask lief freudig vor uns her, nachdem er uns oft fragend uͤber unſer Stillehalten angeſehen hatte. Wir drangen in einen jungen Wald, bei deſſen Ausgang, un⸗ gefaͤhr nach einer halben Stunde Weges, wir uns auf einer freundlichen gruͤnen Wieſe befanden, welche von einem Felſenbache benetzt, durch eine friſche Mauer von herrlichen hundertjaͤhrigen Baͤu⸗ men umſchloſſen war. Eine Hoͤhle, deren graͤu⸗ licher Vorgrund von einer Menge rankender Pflan⸗ zen, der Waldrebe, der Liane, dem Jasmin be⸗ deckt war, bot ſich unſern Augen dar. Rask wollte 18* 5 4 — 2760— anfangen zu bellen, als Pierrot ihm dieß durch ein Zeichen verbot, und mich, ohne ein Wort zu ſprechen, an der Hand in die Hoͤhle zog. Ein Weib ſaß innerhalb, den Ruͤcken gegen den Eingang gewendet, auf einem Blumentep⸗ pich. Beim Geraͤuſche unſerer Schritte ſah ſie um O meine Freunde, es war Marie! Sie hatte ein weißes Kleid an, wie am Tage unſerer Verbindung, und trug in ihren Haaren die Krone von Orangen⸗Bluͤthen, den letzten jung⸗ fraͤulichen Schmuck, welchen meine Haͤnde nicht von ihrer Stirne geloͤſt hatten. Sie ſah mich, erkannte mich, ſtieß einen Schrei aus, und ſank, ſterbend vor Freude und Ueberraſchung, in meine Arme! Ich war außer mir. Auf den ausgeſtoßenen Schrei lief aus dem Hintergrunde eine alte Frau mit einem Kinde auf dem Arme herbei. Es war Marien's Amme mit dem letztgebornen Kinde meines Onkels; Pierrot ging an der nahen Quelle Waſſer zu holen. Er ſpritzte einige Tropfen auf Mariens Geſicht, deren Kuͤhlung ſie wieder zum Leben brachte; ſie ſchlug die Augen auf. Leopold, ſagte ſie, mein Leopold! — Marie!.. antwortete ich, und unſre Namen verſchlangen ſich in einem heißen Kuſſe.— 286— Nicht vor mir wenigſtens! rief eine herzzer⸗ reißende Stimme. Wir blickten auf, es war Pierrot. Er ſtand da, bei unſerer Zaͤrtlichkeit, wie bei ei⸗ nem Gottes⸗Urtheil. Seine ſchwellende Bruſt ſtoͤhnte und kalter Todesſchweiß rann in großen Tropfen von ſeiner Stirne. Alle ſeine Glieder zit⸗ terten. Ploͤtzlich raffte er ſich zuſammen, bedeckte ſein Geſicht mit beiden Haͤnden, und rannte aus der Hoͤhle, indem er fortwaͤhrend mit fuͤrchterlichem Tone ſchrie: Nicht vor mir! Nicht vor mir! Marie richtete ſich halb aus meinen Armen auf, und ſagte: indem ſie ihm mit den Augen folgte. Großer Gott, mein Leopold! unſere Liebe ſcheint ihm wehe zu thun. Sollte er mich lieben? Der Ausruf des Sklaven hatte nur bewieſen, daß er mein Nebenbuhler, die Frage Mariens aber, daß er mein Freund ſey. 3 Marie! erwiederte ich, und eine unbeſchreib⸗ liche Gluͤckſeligkeit durchſtromte mich, woͤhrend ich mir Vorwuͤrfe machte; Marie! wußteſt du es nicht 2 1 Aber.. ich weiß es noch nicht, ſagte ſie mit ſittſamen Erroͤthen. Wie, er liebt mich? das hatte ich gar nicht bemerkt. Trunken druͤckte ich ſie an meine Bruſt. — 278— So finde ich Weib und Freund wieder! rief ich; wie ſelig und ſchuldig bin ich zugleich! Und an ihm konnte ich zweifeln? Wie, an ihm, an Pierrot? fragte Marie er⸗ ſtaunt; o dann biſt du freilich ſchuldig. Du dankſt ihm zweimal mein Leben, und vielleicht noch mehr, fuͤgte ſie hinzu, indem ſie die Augen niederſchlug. Ohne ihn haͤtte mich das Krokodill am Fluſſe ver⸗ ſchlungen, ohne ihn haͤtten die Neger... Es war Pierrot, der mich ihren Haͤnden entriß, als ſie mich vermuthlich mit meinen ungluͤcklichen Vater verei⸗ nigen wollten. Sie hielt inne, und weinte. Und weshalb, antwortete ich ihr, hat dich Pierrot nicht auf's Kap zu deinem Manne ge⸗ ſendet? Er hat es verſucht, allein nicht ausfuͤhren koͤn⸗ nen. Gezwungen ſich eben ſo ſehr vor den Schwar⸗ zen als den Weißen in Acht zu nehmen, war ihm dieß ſehr ſchwer. Dann wußte man auch nicht, was aus dir geworden. Einige wollten dich todt geſehen haben, allein Pierrot verſicherte mir das Gegentheil, welches ich auch feſt glaubte; denn ſicher haͤtte ich eine Ahnung davon gehabt, und wenn du geblieben waͤreſt, ſo haͤtte ich gewiß im ſelben Augenblicke auch ſterben muͤſſen. — 279— Pierrot hat dich alſo hierher gebracht? Ja, mein Leopold, dieſe abgelegene Hoͤhle kennt nur er. Zugleich mit mir hatte er alles, was von der Familie uͤbrig geblieben, gerettet; hier hat er mich, meine gute Amme und meinen kleinen Bruder verborgen. Ich verſichere dir, daß dieſe Grotte ſehr bequem iſt, und daß ich ſie wohl mit dir bewohnen moͤchte, wenn nicht der Krieg das ganze Land und unſere Guͤter zerſtoͤrt haͤtte.— Pierrot ſorgte fuͤr alles. Er kam oft, und trug eine rothe Feder auf dem Kopfe. Er troͤſtete mich, ſprach mir viel von dir und verſicherte, daß wir wieder vereinigt wuͤrden. Da ich ihn nun aber drei Tage nicht geſehen hatte, fieng ich ſchon an mich daruͤber zu beunruhigen, als er endlich mit dir zuruͤck kam. Der arme Freund hat dich alſo aufgeſucht? Ja, erwiederte ich. Wie geht das aber zu, fragte ſie ferner, daß er in mich verliebt ſeyn ſoll? biſt du deſſen gewiß? Nun ganz gewiß, ſagte ich ihr, denn er iſt es, der ſich durch die Furcht dich zu betruͤben ab⸗ halten ließ, mich zu erdolchen; er ſang dir die Liebeslieder in der Laubhuͤtte am Fluſſe⸗ — 280— Wie rief nun Marie mit naivem Erſtaunen, er waͤre dein Nebenbuhler! Der garſtige Menſch mit den Todtenblumen waͤre dieſer gute Pierrot! Nein ich kann es nicht glauben. Er zeigte ſich im⸗ mer ſo unterwuͤrfig, ſo peſpektvoll gegen mich, mehr noch, als er es als Sklave war. Wohl betrachtete er mich zuweilen ganz beſonders, allein dann lag eine Trauer in ſeinen Blicken, welche ich nur mei⸗ ner ungluͤcklichen Lage beimaß. Wuͤßtet du, mit welcher leidenſchaftlicher Ergebenheit er mich von meinem Leopold unterhielt. Die Liebe ſelbſt konnte es beinahe der Freundſchaft nicht zuvorthun. Dieſe Aufſchluͤſſe aus Mariens Munde ent⸗ zuͤckten und betruͤbten mich zu gleicher Zeit. Ich erinnerte mich, mit welcher Grauſamkeit ich dieſen großmuͤthigen Pierrot behandelt hatte, und ich fuͤhlte das ganze Gewicht ſeines zaͤrtlichen und er⸗ gebenen Vorwurfes: ich bin nicht der Un⸗ dankbare. 3 Hier trat Pierrot wieder ein. Seine Zuͤge waren finſter und ſchmerzverkuͤndend; man konnte ſie einem Verurtheilten zuſchreiben, der die Tortur triumphirend uͤberſtanden. Er naͤherte ſich mir langſamen Schrittes, und ſprach mit ernſtem Tone, indem er auf den Dolch wies, der in — 2³81— meinem Guͤrtel ſtak. Die Stunde iſt verfloſſen! — Die Stunde? welche Stunde? fragte ich.— Die, ſo du mir bewilliget; ich benutzte ſie, um dich hierher zu fuͤhren. Damals habe ich dich ge⸗ beten, mir das Leben zu laſſen, jetzt bitte ich dich, es mir zu nehmen. Die heftigſten Gefuͤhle, Liebe, Freundſchaft und Dankbarkeit vereinigten ſich um mein Herz zu zerreißen. Ich ſank zu den Fuͤßen des Skla⸗ ven nieder, ſchluchzte bitterlich, ohne ein Wort vorbringen zu koͤnnen. Er hob mich eiligſt auf. — Was beginnſt du? ſagte er.— Ich ehre dich, wie es dir gebuͤhrt, in bin einer Freundſchaft wie die deine nicht wuͤrdig.— Deine Dankbarkeit kann nicht ſo weit gehen, meinen Undank zu verzeihen. Sein Geſicht trug noch einige Momente das Gepraͤge einer abſtoßenden Rauheit; er ſchien heftig mit ſich zu kaͤmpfen, machte einen Schritt gegen mich und wieder zuruͤck, oͤffnete den Mund und ſchwieg. Doch dauerte dieß nicht lange, bis er die Arme oͤffnete und rief: kann ich dich jetzt Bruder nennen? Ich antwortete ihm, indem ich mich an ſei⸗ ne Bruſt warf. — 232— Nach einer kleinen Pauſe fuͤgte er hinzu: Du biſt gut, allein das Ungluͤck hatte dich ungerecht gemacht. Ich habe meinen Bruder wiedergefunden, ſagte ich ihm; ich bin nicht mehr ungluͤcklich, allein ich bin ſehr ſchuldig. Schuldig! Bruder. Ich war es auch, und mehr wie du, du biſt nicht mehr ungluͤcklich, ich werde es immer ſeyn. Ddie Freude, welche die erſten Aufwallungen der gerechtfertigten Freundſchaft auf ſeinem Ant⸗ litze abgedruckt hatte, verſchwand, und machte tiefer Trauer auf ſelbem Platz. Hoͤre mich, begann er kalt. Mein Vater war Koͤnig uͤber das Reich Kakongo. Er pflegte vor ſeiner Thuͤre ſeinen Unterthanen Recht zu ſpre⸗ chen, und trank bei jedem Urtheil, das er faͤllte, eine volle Schale Palmwein; denn ſo will es die Sitte unſerer Koͤnige. Wir lebten glͤcklich und zufrieden, als Europaͤer zu uns kamen, von denen ich die unnuͤtzen Kenntniſſe erhielt, welche du er⸗ ſtaunt warſt bei mir anzutreffen. Ihr Chef war ein ſpaniſcher Kapitaͤn; er verſprach meinem Vater groͤßere Laͤnder als das ſeine, und weiße Frauen; A — 235— mein Vater folgte ihm mit ſeiner Familie..— Bruder, ſie verkauften uns! Die Bruſt des Schwarzen ſchwoll gewaltſam, ſeine Augen blitzten, er brach maſchinenmaͤßig ei⸗ nen jungen Mispelbaum entzwei, der neben ihm ſtand, und fuhr fort, ohne das Wort an jemanden zu wenden: Der Herr des Koͤnigreichs Kakongo bekam ei⸗ nen Herrn, und ſein Sohn kruͤmmte ſich als Sklave auf den Feldern San Domingos. Man trennte den jungen Loͤwen von ſeinem alten Vater, um ſie deſto ſicherer zu zuͤhmen. Man entriß die junge Frau ihrem Gatten, um mehr Nutzen aus ihr zu ziehen, indem man ſie mit andern vereinte. Die kleinen Kinder ſuchten die Mutter, von der ſie genaͤhrt, den Vater von dem ſie im Fluſſe ge⸗ badet worden; ſie fanden nur unmenſchliche Th⸗ rannen, und lagen unter den. Hunden! Er ſchwieg: ſeine Lippen bewegten ſich, ohne daß er ſprach, ſein Blick war ſtarr. Endlich faßte er mich am Arme. Bruder, verſtehſt du? gleich einem Suͤcke Vieh verhandelte mich einer an den andern.— Du erinnerſt dich der Hinrichtung Ogé's; dieſen Tag ſah ich meinen Vater wieder:— auf dem Nade! 1 = 2656= Ich bebte vor Entſetzen zuruͤck. Er fuhr fort: Meine Frau war von den Weißen geſchaͤndet; hoͤre Bruder, ſie ſtarb und forderte mich zur Rache auf. Soll ich dir es geſtehen, fuͤgte er ſchwan⸗ kend hinzu, indem er die Augen niederſchlug, ich liebte eine andere— doch ſtill davon! Alle die Meinen draͤngten mich, ſie zu be⸗ freien und mich zu raͤchen. Rask hrachte mir immer ihre Botſchaften. Ich konnte ihnen nicht willfahren, da ich ſelbſt in der Haft deines Oheims mich befand. An demſelben Tage, wo du mir meine Begnadi⸗ gung anzeigen wollteſt, war ich fortgegangen, um meine Kinder der Hand eines grauſamen Herrn zu entreißen. Bruder, als ich ankam, hauchte der letzte Enkel des Koͤnigs von Kakongo ſeinen Geiſt unter den Streichen eines Weißen aus! die andern waren ihm vorangegangen. Er unterbrach ſich und fragte mich kalt: Bruder, was haͤtteſt du gethan? Die furchtbare Erzaͤhlung hatte mich vor Entſetzen ſtarr gemacht. Ich erwiederte ſeine Frage mit einer drohenden Pantomime. Er ver⸗ ſtand mich, und bitter laͤchelnd fuhr er fort: die „ — 285— Sklaven empoͤrten ſich gegen ihren Herrn, und beſtraften ihn fuͤr den Mord meiner Kinder. Sie waͤhlten mich zu ihrem Oberhaupte. Du kennſt die ungluͤcklichen Folgen dieſer Empoͤrung. Ich erfuhr, daß die Sklaven deines Onkels ſich an⸗ ſchickten, dem gegebenen Beiſpiele zu folgen. Ich kam nach Akul in der Nacht ſelbſt, wo die In⸗ ſurrektion ausgebrochen.— Du warſt abweſend; dein Onkel in ſeinem Bette erſtochen. Die Schwar⸗ zen hatten bereits die Plantagen in Brand ge⸗ ſteckt; ich konnte ihre Wuth nicht aufhalten, da ſie mich zu raͤchen waͤhnten, indem ſie das Ci⸗ genthum deines Onkels zerſtoͤrten; ich konnte nur retten, was von der Familie uͤbrig geblieben war. Ich drang in das Fort durch einen mir gebahn⸗ ten Weg; ich vertraute die Amme deiner Frau einem treuen Schwarzen, allein mehr Muͤhe machte mir die Rettung Mariens. Sie war gegen den in Flammen ſtehenden Theil des Forts gelaufen, um den juͤngſten ihrer Bruͤder, der allein dem Blutbade entgangen war, aus ſelben zu befreien. Die Schwarzen umringten ſie und wollten ſie eben umbringen, als ich mich zeigte, und ihnen befahl, mir meine Rache ſelbſt zu uͤberlaſſen. Sie gehorchten; ich nahm deine Frau auf mei⸗ 8 2 8 6 6 — 286— nen Arm, vertraute das Kind Rask, und brachte ſie beide in dieſe Hoͤhle, deren Daſeyn und Ein⸗ gang mir allein bekannt war,— Bruder, dieß iſt mein Verbrechen. Von Gewiſſensbiſſen immer mehr gefoltert, wollte ich mich ihm abermals zu Fuͤßen werfen; er verhinderte es, beinahe beleidigt. Komm, ſagte er gleich darauf, indem er mich bei der Hand faßte, fuͤhre deine Frau, und gehen wir nun alle von hinnen. Ich fragte ihn erſtaunt, wohin er uns denn fuͤhren wolle. In's Lager der Weißen, antwortete er, die⸗ ſer Ort iſt nicht mehr ſicher. Morgen mit Ta⸗ gesanbruch wollen die Weißen Biaſſous Lager an⸗ greifen, und ſicher wird dieſer Wald in Brand ge⸗ ſteckt. Uebrigens haben wir keinen Augenblick zu verlieren, denn zehn Koͤpfe haften fuͤr den meini⸗ gen. Wir koͤnnen uns beeilen, da du frei biſt; wir muͤſſen es, da ich es nicht bin. Dieſe Worte vermehrten mein Erſtaunen; ich foderte Aufklaͤrung. Hoͤrteſt du denn nicht, daß Bug Jargal Ge⸗ fangener ſey? fragte er ungeduldig. — 232— Ja, allein was haſt du mit Bug Jargal ge⸗ mein? Dieſe Frage ſchien ihn nun ſelbſt zu erſtau⸗ nen; ernſt erwiederte er: ich bin Bug Jargal. Ich war bei dieſem Menſchen ſchon an das Au⸗ ßerordentliche gewoͤhnt. Nicht ohne Ueberraſchung ſah ich einen Augenblick fruͤher den Sklaven Pierrot ſich in einen afrikaniſchen Koͤnig ver⸗ wandeln, ſie ſtieg aber aufs hoͤchſte, indem ich nun den großherzigen Bug Jargal in ihm erkannte, den gefuͤrchteten Anfuͤhrer der Rebellen von Morne⸗ rouge. Ich begriff endlich die Unterwuͤrfigkeit, welche alle Inſurgenten, ja, ſelbſt Biaſſou, gegen Bug Jargal, Koͤnig von Kakongo, an den Tag legten. Er ſchien den Eindruck nicht zu gewahren, welchen ſeine letzten Worte auf mich hervorgebracht, ſondern fuhr fort:. Ich erfuhr, daß du ſelbſt im Lager Biaſſous gefangen ſeyſt, und eilte dich zu befreien. Warum ſagteſt du mir denn aber, daß du nicht frei waͤrſt? Er betrachtete mich, wie wenn er errathen wollte, was mich zu dieſer ſo natuͤrlichen Frage vermochte. — 283— Hoͤre, dieſen Morgen war ich noch unter den Deinen Gefangener. Ich hoͤrte im Lager ver⸗ kuͤnden, daß Biaſſou erklaͤrt habe, noch vor Son⸗ nenuntergang einen jungen Gefangenen, Namens Leopold d'Auverney, erſchießen zu laſſen. Man verſtaͤrkte meine Wachen. Ich wußte, daß meine Hinrichtung der deinigen folgen wuͤrde, und daß im Falle meiner Entweichung zehn meiner Ka⸗ meraden fuͤr mich hafteten. Du ſiehſt, daß keine Zeit zu verlieren iſt. Ich hielt ihn wieder zuruͤck, du biſt alſo ent⸗ ronnen? fragte ich ihn. Und wie waͤre ich ſonſt hier? mußte ich dich nicht retten? bin ich dir nicht das Leben ſchul⸗ dig? Auf, folge mir nun. Wir haben eine Stunde Weges in's Lager der Weißen, ſo wie in das Biaſſou's. Siehe, der Schatten dieſes Kokosbaumes verlaͤngert ſich, und ſein runder Wipfel gleicht auf dem Wiesboden dem Rieſeney des Vogels Greif. In drei Stunden iſt die Sonne unter; komm, Bruder, die Zeit draͤngt. In drei Stunden iſt die Sonne unter. Dieſe Worte erſtarrten mich gleich einer Geiſtererſcheinung. Sie mahnten mich an das verhaͤngnißvolle Verſprechen, welches ich Biaſſou — 2309— geleiſtet. Ach, indem ich Marien wiedergefun⸗ den, hatte ich nicht mehr an unſere nahe und ewige Trennung gedacht. Ich war hingeriſſen, berauſcht von ihrem Anblicke, und dieſer große Eindruck hatte ſo heftig auf mein Gemuͤth ge⸗ wirkt, daß ich in meinem Gluͤcke ſelbſt meinen Tod vergeſſen hatte. In drei Stunden iſt die Sonne unter! Ich brauchte eine Stunde um in Biaſſous Lager zu kommen... Meine Pflicht war unabaͤnderlich vorgezeichnet; der Re⸗ belle hatte mein Wort, und lieber wollte ich ſter⸗ ben, als dieſem Barbaren das Recht einraͤumen, das Einzige was er noch zu achten ſchien, die Ehre eines Franzoſen gering zu ſchaͤtzen. Die Alternative war entſetzlich; ich waͤhlte was ich waͤhlen mußte, allein, darf ich es geſtehen meine Herrn, ich ſchwankte einen Augenblick. War ich ſchuldig? Ich ergriff endlich die Hand Bug Jargals, und die der armen Marie, welche mit fuͤrchterli⸗ cher Angſt meine finſtern Geſichtszuͤge erſpaͤhte. Bug Jargal, ſagte ich mit Anſtrengung, ich vertraue dir das einzige Weſen auf der Welt, wel⸗ ches ich mehr wie dich liebe, Marien.— Kehret ohne mich äuf's Kap zuruͤck, denn ich kann euch nicht folgen. 19 — 200— Gott, welch neues Ungluͤck, rief Marie kaum noch Athem holend. Bug Jargal ſelbſt zitterte. Ein ſchmerzliches Erſtaunen malte ſich auf ſeinem Geſichte:— Bruder, was ſagſt du? 4 Das Entſetzen, welches ſich Mariens bei der bloßen Ahnung eines neuen moͤglichen Ungluͤckes bemaͤchtigt hatte, legte mir das Geſetz auf, ihr die Wirklichkeit zu verbergen, und ihr den ſo er⸗ ſchuͤtternden Abſchied zu erſparen; ich neigte mich zu Bug Jargals Ohr, und ſagte ihm leiſe:— Ich bin Gefangener; ich ſchwur Biaſſou, mich zwei Stunden vor Sonnenuntergang wieder in ſeine Gewalt zu ſtellen; ich verſprach zu ſterben. Er war außer ſich vor Wuth, ſeine Stimme wurde fuͤrchterlich. Das Ungeheuer! deshalb wollte er dich allein ſprechen, es war um dir dieß Verſprechen zu ent⸗ reißen. Ich haͤtte dieſem elenden Biaſſou nicht trauen ſollen. Wie konnte ich aber nicht irgend eine Treuloſigkeit vorausſetzen? Er iſt kein Schwar⸗ zer, ein verfluchter Mulatte iſt er. Was denn? welche Treuloſigkeit! welch Ver⸗ ſprechen? fragte Marie vor Schrecken, wer iſt die⸗ ſer Biaſſou? — 201— 1 Schweig, o ſchweig, bat ich leiſe wieder Bug Jargal, beunruhige mir Marien nicht. Wohl, ſagte er mit dumpfer Stimme; al⸗ lein wie haſt du dich entſchließen koͤnnen, ein ſol⸗ ches Verſprechen zu geben? Ich hielt dich fuͤr einen Undankbaren, und Marien fuͤr mich verloren. Was konnte mir da noch am Leben liegen. Aber ein muͤndliches Verſprechen kann dich mit dem Raͤuber nicht binden. 3 Ich gab mein Ehrenwort. Er ſchien nach einer Erklaͤrung deſſen was ich ſagte zu ſuchen. Dein Ehrenwort! was iſt das? Ihr habt nicht aus derſelben Schale getrunken. Ihr habt nicht zuſammen einen Ring oder einen Ahorn⸗ zweig mit rothen Bluͤthen gebrochen? Nein!. Wohlan, was ſagſt du uns denn? Was kann dich denn binden? Meine Ehre, erwiederte ich. Ich weiß nicht was das bedeutet, allein nichts bindet dich an Biaſſou; komm mit uns. Ich kann nicht Bruder, ich habe ver⸗ ſprochen. 40* — 2092— Nein, du haſt nicht verſprochen, rief er mit aͤußerſter Heftigkeit; dann erhob er die Stimme:— Schweſter, vereinigt euch mit mir, verhindert euren Gatten, uns zu verlaſſen; er will ins Lager der Schwarzen, aus dem ich ihn befreit, zuruͤckkehren, unter dem Vorwand, ihrem An⸗ fuͤhrer Biaſſou ſeinen Tod verſprochen zu ha⸗ ben.. Was haſt du gemacht? rief ich. Es war zu ſpaͤt, den Folgen dieſer großmuͤthigen Auf⸗ wallung vorzubeugen, welche ihn fuͤr das Leben ſeines Nebenbuhlers die Huͤlfe der von ihm Heißgeliebten anflehen ließ. Marie hatte ſich mit dem Schrei der Verzweiflung mir in die Arme geworfen. Sie hing mit um den Hals geſchlungenen Haͤnden an meiner Bruſt, und ihr ſchwacher Athem verrieth kaum noch den glimmenden Lebensfunken. 1 Was ſagſt du da, mein Leopold? ſtammelte ſie mit Muͤhe. Nicht wahr, er betruͤgt mich? du kannſt mich nicht im Augenblicke der Wiederver⸗ einigung verlaſſen, mich verlaſſen um zu ſterben? Antworte geſchwinde oder ich ſterbe. Du haſt nicht das Recht dein Leben hinzugeben, weil du nicht das meinige opfern darfſt. Nicht wahr, du 8— 295— willſt dich nicht von mir trennen, um mich nie wieder zu ſehen? Marie, antwortete ich, glaub es nicht; ich muß dich wirklich verlaſſen, allein wir ſehen uns anderwaͤrts wieder.. Anderwaͤrts, rief ſie voll Entſetzen, ander⸗ waͤrts, und wo? Dort oben! erwiederte ich; ich konnte den Engel nicht beluͤgen. Sie ſtuͤrzte beſinnungslos nieder. Die Stunde draͤngte, mein Entſchluß war gefaßt. Ich legte ſie in Bug Jargals Arme, deſſen Augen voll Thraͤnen ſtanden. Nichts kann dich denn zuruͤckhalten? fragte er mich. Ich will dem, wie du ſelbſt ſiehſt, nichts beifuügen. Wie kannſt du Marien widerſtehen? fuͤr ein einziges der Worte, die ſie dir geſagt, haͤtte ich eine Welt geopfert; du willſt ihr nicht einmal deinen Tod zum Opfer bringen. Die Ehre! entgegnete ich. Lebe wohl, Bug Jargal; lebe wohl, Bruder, ich vermache ſie dir. Er ergriff meine Hand; er war nachdenkend und ſchien mich kaum zu hoͤren:— Bruder! im Lager der Weißen iſt einer deiner Verwandten, — W= ihm uͤbergebe ich Marien, ich kann dein Ver⸗ maͤchtniß nicht annehmen. Er zeigte auf eine Bergſpitze, welche die Gegend ringsumher beherrſchte. Sieh jene Felſenſpitze; ſobald das Zeichen deines Todes dort ſichtbar wird, wird das Ge⸗ raͤuſch des meinen bald zu hoͤren ſeyn.— Lebe wohl. Ohne mich bei dem dunkeln Sinn ſeiner Worte aufzuhalten, ſchloß ich ihn in meine Ar⸗ me; ich druͤckte einen Kuß auf die blaſſen Lippen Mariens, welche durch die Bemuͤhungen ihrer Amme wieder zu ſich zu kommen begann, und ſtuͤrte von dannen, ſtets fuͤrchtend, ihr erſter Blick, ihre erſte Klage, koͤnnten mir alle Kraft rauben. Ich entfloh; ich warf mich in den dun⸗ keln Wald, indem ich der von uns hinterlaſſenen Spur folgte, ohne auch nur einen Blick ruͤckwaͤrts zu werfen. Gleich als wollte ich den mich ver⸗ folgenden Gedanken entrinnen, lief ich ohne an⸗ zuhalten mitten durch Wald, Berg und Thal, bis endlich am Abhange eines Felſens, Biaſſous La⸗ ger mit ſeiner Wagenverſchanzung, ſeinen Huͤt⸗ tenreihen, und dem Schwarm von Schwarzen, vor mir lag; jetzt erſt hielt ich an. Ich war hier — 205— am Ende meines Laufes und meines Lebens. An⸗ ſtrengung und innere Bewegung brachen meine Kraͤfte; ich lehnte mich an einen Baum, um nicht zu fallen, und ließ meine Augen auf dem Bilde herumſchweifen, welches ſich zu meinen Fuͤßen in der verhaͤngnißvollen Tiefe ausbreitete. Bis jetzt glaubte ich alles bittere des gehaͤſſi⸗ gen Schickſals gekoſtet zu haben, ich kannte aber noch nicht das Grauſamſte aller Leiden. Gezwun⸗ gen durch eine moraliſche Gewalt, die maͤchtiger als die Ereigniſſe ſelbſt, auf uns einwirkt, mußte ich, im vollen Lebensgenuß dem Gluͤcke, in voller Lebenskraft dem Leben, und zwar aus freiem An⸗ triebe entſagen. Was lag mir wenige Stunden fruͤher daran, zu leben. Ich lebte bereits nicht mehr; die aͤußerſte Verzweiflung iſt eine Art Tod, welche den wahren wuͤnſchen laͤßt. Allein ich war aus dieſer Verzweiflung gerettet, Marie war mir wiedergegeben, meine verlorene Gluͤckſeligkeit war ſo zu ſagen wieder auferſtanden, meine Ver⸗ gangenheit war meine Zukunft geworden, und alle meine dunkeln Traͤume waren glaͤnzender wie je ans Licht getreten. Das Leben endlich, ein Le⸗ ben voll Jugend, Liebe und Zauberkraft hatte ſich von Neuem in der ſchoͤnſten Perſpektive vor mir — 206— aufgeſchloſſen. Dieſes Leben konnte ich wieder be⸗ ginnen, alles in und außer mir forderte mich dazu auf, und kein wirkliches Hinderniß hielt mich da⸗ von zuruͤck. Ich war frei, gluͤcklich, und doch mußte ich ſterben; ich hatte kaum einen Schritt in dieſem Eden gemacht, als eine Pflicht, deren Wirklichkeit vielleicht nicht gewiß, mich es frei⸗ willig zu opfern zwingt. Fuͤr eine abgeſtumpfte, durch Widerwaͤrtigkeiten gebeugte Seele iſt der Tod nicht hart, faͤllt er aber auf ein erſt aufle⸗ bendes, den Lebensfreuden erſt aufbluͤhendes Herz, dann erſcheint er in furchtbarer Geſtalt. Dieß fuͤhlte ich nun recht tief; ich war einen Augenblick aus dem Grabe geſtiegen, um mich in dieſem kurzen Augenblicke von Allem was die Erde himm⸗ liſches geben kann, von Liebe und Freiheit berau⸗ ſchen zu laſſen: ich konnte das Gluͤck feſthalten, und ſtieg freiwillig ins Grab zuruͤck. Sobald ich dieſes anſpannende Reuegefuͤhl beſiegt, bemaͤchtigte ſich meiner eine Art Wuth; ich ſtuͤrzte mich mit eiligem Laufe in das Thal, denn ich fuͤhlte die Nothwendigkeit zum Ende zu kommen. Als ich mich den Vorpoſten der Ne⸗ ger naͤherte, ſchienen ſie erſtaunt und wollten mich nicht einlaſſen. Wie ſonderbar, ich war beinahe — 2097— genoͤthigt, ſie zu bitten, bis endlich zwei von ih⸗ nen ſich meiner bemaͤchtigten und mich zu Biaſſou fuͤhrten. Als ich zu dieſem Anfuͤhrer in die Hoͤhle trat, war er beſchaͤftiget, die Federn einiger Mar⸗ terinſtrumente, von denen er umgeben war, zu pro⸗ biren. Beim Geraͤuſche unſeres Eintrittes wen⸗ dete er den Kopf; mein Anblick ſchien ihn nicht zu befremden. Siehſt du? ſagte er zu mir, indem er auf die furchtbare Anſtalt um ihn herum hinwies. Ich blieb kalt, denn ich kannte die Tigerna⸗ tur dieſes Helden der Menſchheit, und war entſchloſſen, alles ohne das geringſte Zeichen von Furcht oder Schmerz zu ertragen. Nicht wahr, grinzte er, Leogri war gluͤcklich genug mit dem Haͤngen durchzukommen. Ich betrachtete ihn mit kalter Verachtung und ſchwieg.. Er befahl einem Adjudanten, daß der Kaplan ſich bereit halten ſolle. Wir blieben nun beide eine Weile ſtumm, und ſahen uns ins Geſicht. Ich beobachtete ihn, er belauerte mich. — 298— In dieſem Momente trat Rigaud ein; er ſchien ſehr bewegt und ſprach leiſe zum Generaliſ⸗ ſimus. Dieſer befahl ganz ruhig, daß man die Anfuͤhrer ſeiner Armee verſammeln ſolle. Eine Viertelſtunde darauf waren alle Chefs, in ihren verſchiedenen burlesken Anzuͤgen, vor der Hoͤhle verſammelt. Biaſſou trat unter ſie: Hoͤret, amigos, die Weißen wollen uns mor⸗ gen mit Tagesanbruch hier angreifen; die Stel⸗ lung iſt ſchlecht, wir muͤſſen ſie verlaſſen. Zu dieſem Ende ſetzen wir uns mit Sonnenuntergang in Marſch, um die ſpaniſche Graͤnze zu erreichen. Macaya, ihr bildet mit euren Marronen Schwar⸗ zen den Vortrab. Padrejan, ihr vernagelt die Kanonen, welche wir dem Praloto abgenommen, da wir ſie auf dieſem Wege nicht fortbringen koͤn⸗ nen. Nach Macaya folgen die Braven von La⸗ croix des Bouquets, und dieſen die Schwarzen von Leogan und von Trou unter Touſſaint. Dem Buͤttel der Armee trage ich auf, die Grioten und ihre Weiber an allem Unfug und Laͤrmen zu ver⸗ hindern. Oberſtlieutenant Cloud vertheilt die am Cap Cabron ausgeſchifften engliſchen Flinten an die Blutgemiſchten, gidevant Freien, und fuͤhrt dieſe durch die Engpaͤſſe der Viſta. Man erdroſſele — 290— die uͤbriggebliebenen Gefangenen, man hacke die Kugeln, man vergifte die Pfeile. Drei Tonnen Arſenik werfe man in die Quelle, an welcher man im Lager Waſſer holt; die Koloniſten neh⸗ men das fuͤr Zucker, und werden es ohne Miß⸗ trauen trinken.— Nach Cloud und Touſſaint marſchiren die Truppen von Limbé, Dondon und Acul. Verrammelt mit Felsſtuͤcken alle Zugaͤnge dieſes Thales, grabt die Wege ab, und ſteckt die Waͤlder in Flammen; Rigand, ior blei bt bei Uns. Candi verſammelt meine Garbe um mich. Die Schwarzen von Morne⸗rouge bilden die Nachhut, und raͤumen das Thal erſt mit beginnendem Lage. Hier neigte er ſich zu Rigaud, dem er ſtille ſagte: dieſes ſind die Schwarzen Bug⸗Jargals; ich hoffe, ſie werden bei dieſer Gelegenheit auf⸗ gerieben. Muerta la tropa, muerto el gefe*). Gehet nun, meine Bruͤder; Candi wird euch die Loſung bringen. Die Chefs zogen ſich zuruͤck. General, ſagte Rigaud, man ſollte wohl die Depeſche Jean⸗Frangois's abſenden; unſere Sachen *, Todt die Bande, todt der Fuͤhrer. E — 300— ſtehen ſchlecht, und ſie koͤnnte vielleicht die Wei⸗ ßen aufhalten. Biaſſou zog ſie raſch aus der Taſche; ihr erinnert mich gerade recht, allein man ſagt mir, ſie enthalte ſo viele Fehler, daß wir uns laͤcher⸗ lich machen werden. Er gab mir das Papier.— Hoͤre, willſt du dein Leben retten? meine Guͤte fragt hier nochmals, ob du deine Verſtocktheit nicht abgelegt. Hilf mir dieſen Brief aͤndern, ich werde dir meine Ideen ſagen, und du ſchreibſt ſie in's Reine. Ich ſchuͤttelte den Kopf. Ungeduldig fragte er: ſoll das nein heißen? Nein! erwiederte ich. Er drang darauf, ich ſollte beſſer uͤberlegen, und ſein Blick ſchien den meinigen auf die Mord⸗ werkzeuge hinzuleiten, mit denen er ſpielte. Eben weil ich es uͤberlegte, antwortete ich kalt, ſchlug ich es ab. Du ſcheinſt fuͤr dich und die Deinen beſorgt zu ſeyn, und rechneſt auf dei⸗ nen Brief an die Verſammlung, um ihren Marſch und die Rache der Weißen zu vſßßögern. Ich aber mag kein Leben, welches dir vielleicht das Deinige gerettet.— Saz meine Hinrichünag be⸗ ginnen.. — 301— O du muchacho, rief Biaſſou aus, indem er mit den Fuͤßen auf die Mord⸗ Inſtrumente ſtampfte, mir ſcheint, du machſt dich damit ver⸗ traut. Es thut mir leid, daß ich jetzt ſie nicht mehr an dir verſuchen kann, da mir die Zeit dazu fehlt. Unſere Stellung iſt bedenklich, daher ich ſie auf's eiligſte verlaſſen muß. Du weigerſt dich, mir als Sekretaͤr zu dienen, und du haſt Recht, denn ich haͤtte dich deshalb nicht weniger gewiß ſterben laſſen. Man darf nicht leben, wenn man ein Geheimniß Biaſſou's kennt, und uͤbri⸗ gens hatte ich dein Leben, mein Lieber, dem Herrn Kaplan verſprochen. Er wendete ſich zum Obi, welcher eben eintrat. Bon per, iſt Eure Schaar fertig 2 Der Obi machte ein bejahendes Zeichen mit dem Haupte. Habt ihr dazu die Schwarzen von Mornesrouge gewaͤhlt, da ſie doch die einzigen im Lager ſind, welche ſich noch nicht mit dem Abmarſche zu beſchaͤftigen haben? Der Obi nickte abermals Ja. Biaſſo te mir nun mit dem Finger die ſchwarze Fahne, welche in einem Winkel der Hoͤhle ſtand, und die mir ſchon fruͤher aufgefallen war. Dieſe, ſagte er, wird deinen Landsleuten den Au⸗ genblick verkuͤnden, wenn ſie dein Epaulett dei⸗ nem Lieutenant geben koͤnnen; du denkſt dir, daß ich um dieſe Zeit bereits auf dem Marſche ſeyn muß.— Apropos, du haſt ja einen Spaziergang gemacht, wie haſt du die Gegend gefunden? Ich habe, erwiederte ich kalt, genug Baͤume in ihr gefunden, um dich und deine ganze Bande daran aufzuknuͤpfen. Einen Ort, laͤchelte er gezwungen, haſt du gewiß nicht bemerkt; der bon per ſoll dich da⸗ mit bekannt machen.— Lebe wohl, junger Haupt⸗ mann, gruͤße Leogri! Sein Lachen, mit dem er mich begruͤßte, erinnerte mich an das Geraͤuſch, welches die Klapperſchlangen zu machen pflegen. Er gab ein Zeichen, kehrte ſich um, und die Neger ſchleppten mich fort. Der verſchleierte Obi folgte mit dem Roſenkranz in der Hand. Ohne Widerſtand ging ich in ihrer Mitte, auch waͤre ein ſolcher ganz fruchtlos geweſen. Wir ſtiegen auf den Abhang eines Berges gegen Oſten des Thales, und ruhten daſelbſt etwas aus; hier warf ich den letzten Blick auf die untergehende Sonne, welche ich nun nicht mehr erblicken ſollte. Meine Führer erhoben ſich wieder, und ich folgte ihnen. Wir ſtiegen in ein reizendes Thal hinab, deſſen Anblick mich zu jeder andern Zeit entzuͤckt haben wuͤrde. Ein Fluß durchſtroͤmte es nach ſeiner Breite, und theilte ſeinem Boden eine fruchtbare Feuchtigkeit mit; dieſer Fluß ergoß ſich am aͤußerſten Ende des Thales in einen jener blauen Seen, deren man ſo viele in dem Innern San Domingos antrifft. Wie oft hatte ich mich in gluͤcklicheren Zeiten traͤumend an den Ufern dieſer ſchoͤnen Seen gelagert, in der Daͤmme⸗ rungsſtunde, wenn ihr Azurblau ſich in einem Silberſpiegel verwandelt, auf dem der Wieder⸗ ſchein der erſten Abendſterne Goldflitter ausſaͤet. Dieſer Stunde waren wir nahe, allein wir muß⸗ ten voruͤber. Wie herrlich erſchien mir dieſes Thal! da ſah man Platanen mit Ahorn„Blaͤttern von bewunderungswuͤrdiger Staͤrke und Hoͤhe durch⸗ ſchimmern, buſchige Straͤuche von Mauritias, einer Art Palmen, die jede andere Vegetation unter ihrem Schatten ausſchließen, Datteln, Mag⸗ nolias mit ihren breiten Kelchen, große Katalpas, die ihre glatten abgeſchnittenen Blaͤtter unter den goldenen auben der falſchen Ebenholzbaͤume hervorſchimmern laſſen. Der canabiſche Odier miſchte dort ſeine blaßgelben Bluͤthen mit den blauen Warzen, womit dieſe Gattung wilden — 304— Geißblatts, welches die Neger Coa li nennen, bedeckt iſt. Gruͤne Vorhaͤnge von Lianen raubten dem Auge die Anſicht der nahen Felſenwaͤnde. Von allen Punkten dieſes jungfraͤulichen Bodens ſtroͤmte jener Wohlgeruch aus, den wohl nur der erſte Menſch aus den erſten Roſen Edens einge⸗ athmet hat!— Wir gingen auf einem ſchmalen Wege laͤngs des Stromes fort. Ich war befremdet, dieſen Fußweg ploͤtzlich am Fuß einer Felswand enden zu ſehen. Unter dieſer erblickte ich eine Oeffnung in Geſtalt eines Bogens, aus welcher der Strom hervorquoll; ein dumpfes Brauſen, ein heftiger Wind drangen aus dieſent von der Natur geform⸗ ten Bogen. Die Neger ſchlugen einen ſich kruͤm⸗ menden ungleichen Weg zur Linken ein, der durch die Gewaͤſſer eines wohl ſchon laͤnger vertrockne⸗ ten andern Fluſſes gebildet zu ſeyn ſchien. Eine Schlucht that ſich auf, ganz verwachſen mit dor⸗ nigem Geſtraͤuch, welches dort zu gedeihen ſchien. Ein Getoͤſe, welches dem unter dem Bogen im Thal gehoͤrten aͤhnlich war, ließ fich auch in dieſer Schlucht vernehmen. Dahin zogen mich die Neger. Als ich den Fuß in dieſen unterirdiſchen Raum ſettte, naͤherte ſich mir der Obi, und ſagte mit einer mir an ihm fremden Stimme: — — 305— „Hoͤre was ich dir hier verkuͤnde: einer nur von uns beiden koͤmmt lebendig aus dieſer Schlucht zuruͤkk.— Ich wuͤrdigte ihn keiner Antwort. Wir gingen in der Dunkelheit weiter. Das Ge⸗ raͤuſch wurde endlich ſo ſtark, daß wir unſere eige⸗ nen Tritte nicht mehr hoͤrten; ich vermuthete, daß ſelbes durch einen Waſſerfall hervorgebracht wuͤrde, und ich hatte mich nicht getaͤuſcht. Nachdem wir ungefaͤhr zehn Minuten im Dun⸗ keln fortgegangen ſeyn mochten, gelangten wir an eine Art innerer Plattform, welche die Natur in den Eingeweiden dieſes Berges gebildet hatte. Der groͤßere Theil dieſer halbrunden Platt⸗ form war von dem Strom uͤberſchwemmt, wel⸗ cher mit furchtbarem Gepraſſel von den Felſen⸗ Schachten abprallte. Ueber dieſer unterirdiſchen Halle bildete ſich die Decke in einer Art Dom, der mit gelblichtem Epheu bekleidet war. Mitten durch dieſe Decke,ging nach der Breite ein Spalt, durch welchen der Tag eindrang, und deſſen Raͤn⸗ der mit gruͤnem, aber noch von den Sonnenſtrah⸗ len beleuchtetem Geſtraͤuche, bewachſen waren. Am noͤrdlichen Ende der Plattform verlor ſich der Strom mit heftigem Getoͤſe in einem Abgrunde, uͤber deſſen Boden das Licht, welches von dem Felſenritze herab 20 — 306— fiel, zu ſchwanken ſchien, da es nicht bis zu ſel⸗ bem durchzudringen vermochte. Ueber den Ab⸗ grund neigte ſich ein alter Baum, deſſen hoͤchſte Aeſte von dem Schaume des Waſſerfalls benetzt wurden, und deſſen knotiger Stamm ein oder zwei Fuß unter dem Rande im Felſen wurzelte. Dieſer Baum badete zugleich ſein Haupt und ſeine Wur⸗ zeln in dem Strome, welch' letztere gleich einem fleiſchloſen Arme uͤber den Schlund hinausragte. Er war ſo von allem Gruͤn entbloͤßt, daß man ſeine Gattung nicht zu erkennen vermochte, und bot ein ganz ſeltenes Schauſpiel dar. Die Feuchtigkeit, welche ſeine Wurzeln fortwaͤhrend benetzte, ver⸗ hinderte allein ſein Abſterben, waͤhrend die Wuth des Waſſerſturzes ihm ſtets wieder die neuen Zweige abriß, und ihn ſo zwang, immer ſeine alten Aeſte zu behalten. An dieſem ſchrecklichen Orte hielten die Ne⸗ ger an, und ich ſah, daß ich ſterben muͤſſe. Vor dieſem Abgrunde, in den ich mich gewiſ⸗ ſermaßen freiwillig ſtuͤrzte, erfaßte mich nochmals gleich einem Vorwurf, ja wie ein Gewiſſensbiß, das ſchoͤne Bild des wenige Stunden fruͤher von mir geſtoßenen Gluͤckes. Jede Bitte waͤre meiner unwuͤrdig geweſen, eine Klage aber konnte ich nicht — 307— zuruͤckhalten. Freunde, ſagte ich zu den mich um⸗ ringenden Schwarzen, wißt ihr auch, wie traurig es iſt, mit zwanzig Jahren zu ſterben, in der vollen Kraft ſeines Lebens, von derjenigen die man liebt, wiedergeliebt, und mit dem Bewußtſeyn, Augen zu verlaſſen, die weinen muͤſſen, bis ſie ſich auf ewig ſchließen! Ein graͤßliches Gelaͤchter empfing dieſe Klage; es kam vom kleinen Obi. Dieſe Art boͤſer Geiſter, dieſes undurchdringliche Weſen trat nun raſch auf mich zu. Ha, ha, ha! du bedauerſt zu ſterben! La⸗- bado sea Dios! Meine einzige Sorge war, du moͤchteſt den Tod nicht fuͤrchten. Ich hoͤrte wieder dieſelbe Stimme, das naͤm⸗ liche Lachen, woruͤber ich mich ſchon ſo oft in Ver⸗ muthungen erſchoͤpft hatte. Elender, fragte ich, wer biſt du? Du ſollſt es wiſſen! antwortete er mit graͤß⸗ lichem Ausdrucke. Dann ſchob er die ſilberne Sonne, welche ſeine braune Bruſt bedeckte, zur Seite: Hier betrachte. Ich neigte mich zu ihm. Zwei Namen wa⸗ ren mit weißlichten Lettern auf des Obis zottigen Buſen gepraͤgt, haͤßliche und unverloͤſchliche Spu⸗ * 20 — 303— ren, welche ein gluͤhendes Eiſen auf die Bruſt der Sklaven eindruͤckt. Einer dieſer Namen war Ef⸗ fingham, der andere der meines Onkels, der meinige, d'Auverney. Ich war ſtumm vor Ueberraſchung. Nun, Leopold d'Auverney, fragte der Obi, ſagt dir dein Name den Meinigen? Nein, antwortete ich erſtaunt, mich von die⸗ ſem Menſchen nennen zu hoͤren, und indem ich meine Erinnerung zu ſammeln verſuchte. Dieſe beiden Namen waren nur auf der Bruſt des Nar⸗ ren vereinigt... allein der iſt todt, der arme Zwerg, und uͤberdieß war dieſer uns ſehr anhaͤng⸗ lich. Du kannſt nicht Abibra ſeyn. Er ſelbſt! ſchrie er mit fuͤrchterlicher Stim⸗ me, und riß, indem er die Gorra luͤftete, den Schleier herab, das ungeſtaltete Geſicht des Haus⸗ Narren bot ſich meinen Augen dar; allein der tollen Luſtigkeit, welche ich an ihm kannte, war ein Ausdruck finſtern Drohens gefolgt. Großer Gott, rief ich voll Entſetzen, kehren denn alle Todten zuruͤck? es iſt Abibra, der Narr meines Onkels. Der Zwerg legte die Hand auf den Dolch und ſprach dumpf: ſein Narr und ſein Moͤrder. — 300— Ich prallte zuruͤck: ſein Moͤrder! Schaͤnd⸗ licher, ſo haͤtteſt du ſeine Wohlthaten vergolten? Er unterbrach mich: ſeine Wohlthaten! ſprich ſeine Beſchimpfungen. Wie, fing ich wieder an, du Elender haſt ihn ermordet. Ich! erwiederte er mit graͤßlichem Ausdrucke. Ich habe ihm das Meſſer ſo tief in die Bruſt geſtoßen, daß er kaum aus dem Schlafe erwachen konnte um in den Tod uͤberzugehen. Er rief noch ſchwach:„zu mir, Abibra! Ich war bei ihm.. Seine freche Erzaͤhlung, ſein kaltes Blut dabei empoͤrten mich.— Unglüͤcklicher, feiger Moͤrder! ſo konnteſt du die Gunſtbezeugungen ver⸗ geſſen, die er bloß dir zukommen ließ? du aßeſt bei ſeiner Tafel, du ſchliefſt neben ſeinem Bette... Gleich einem Hunde! fiel Abibra ein; como un perro! Gehe, nur zu gut habe ich mich die⸗ ſer Gnaden, welche eben ſo viele Beleidigungen ſind, erinnert. Ich habe mich deshalb an. ihm geraͤcht, jetzt kommt meine NRache an dich. Glaubſt du denn, weil ich Mulatte, Zwerg und misgeſtal⸗ tet bin, daß ich nicht auch ein Menſch ſey? O, ich habe eine Seele, und eine tiefer füͤhlende, — 310— ſtaͤrkere Seele, als die iſt, von der ich deinen maͤd⸗ chenhaften Koͤrper nunmehr befreien will. Ich bin deinem Onkel gleich einem Affen gegeben worden, ich mußte ſeinen Spaͤßen, ſeiner Verach⸗ tung dienen. Er liebte mich, ſagſt du, ich hatte einen Platz in ſeinem Herzen; ja, zwiſchen ſei⸗ nem Kebsweib und ſeinem Papagay. Ich habe mir mit dem Dolch einen andern geſucht. Ich bebte vor Abſcheu. Ja, ich bin es, fuhr der Zwerg fort, ich bin es wirklich, ſchau mir ins Geſicht, Leopold d'Au⸗ ⸗ verney. Du haſt oft genug uͤber mich gelacht, zittere nun vor mir. Wozu erinnerſt du mich an die ſchmachvolle Vorliebe, welche dein Onkel fuͤr den ausſprach, welchen er ſeinen Narren nannte. Welche Vorliebe, bon Giu! Wenn ich in euer Salons trat, empfing mich tauſendfaches ver⸗ achtliches Gelaͤchter; meine Mißgeſtaltung, meine Zuͤge, meine laͤcherliche Kleidung, ja ſelbſt die be⸗ weinenswerthen Unfoͤrmlichkeiten meiner Natur, alles an mir diente deinem verfluchten Onkel und ſeinen verfluchten Freunden ſich uͤber mich luſtig zu machen. Und ich durfte nicht einmal ſchwei⸗ gen, ich mußte, o rabia! mein eigenes Lachen mit dem vermiſchen, welches ich erregte. Glaubſt * — 311— du, daß derlei Demuͤthigungen irgend ein menſch⸗ liches Weſen zur Dankbarkeit auffordern koͤnnen. Haͤltſt du ſie fuͤr minder ſchrecklich, als das Elend der uͤbrigen Sklaven, als ihre Arbeit ohne Er⸗ holung und in brennender Sonne, als die eiſer⸗ nen Halsringe und die Geißel der Aufſeher? Meinſt du ſie reichen nicht hin, um in einer Menſchenbruſt einen ewigen Haß keimen zu ma⸗ chen, einen Haß, eben ſo unverloͤſchlich und ewig wie das ſchimpfliche Brandmaal, welches auf mei⸗ ner Bruſt eingegraben. Ach wie kurz war meine Rache fuͤr ſo langes Leiden! Warum konnte ich meinen gehaßten Tyrannen nicht alle die Martern empfinden laſſen, welche bei ihm jeden Augenblick mir neu ſich erzeugten. Warum konnte er vor ſeinem Tode nicht alle Bitterkeit gekraͤnkten Stol⸗ zes kennen lernen, und es fuͤhlen, welche bren⸗ nenden Spuren die Thraͤnen der Schmach und der Wuth auf einem Antlibe hinterlaſſen, wel⸗ ches zu einem ewigen Laͤcheln verdammt war. Wie hart iſt es, die Stunde der Vergeltung ſo ſehnlich erwartet zu haben, und ſie mit einem einzigen Dolchſtoße zu enden. Wenn er nur zum mindeſten gewußt haͤtte, welche Hand ihn getrof⸗ fen; allein ich war zu ungeduldig, ſein letztes Roͤcheln zu hoͤren, und ſtieß zu eilig zu. Er ſtarb ohne mich zu erkennen, und meine Wuth hat meine Rache betrogen. Dieſesmal ſoll ſie wenigſtens voll⸗ ſtaͤndiger ſeyn. Du ſiehſt mich deutlich„ nicht wahr? zwar wirſt du Muͤhe haben mich in der neuen Geſtalt zu erkennen, da du mich fruͤher nur ſtets laͤchelnd und heiter zu ſehen gewohnt warſt; allein jetzt, da nichts meine Seele anders ſtimmen kann als ſie empfindet, jetzt iſt kein Grund zur Verſtellung mehr vorhanden. Du kannteſt nur meine Meske, erblicke hier mein Geſicht! Es war ſchrecklich. Ungeheuer, rief ich, du betruͤgſt dich, noch finde ich etwas vom Gaukler in der Wildheit ſelbſt deiner Zuͤge und deines Herzens. Sprich nicht von Wildheit, unterbrach mich Abibra, gedenke der Grauſamkeit deines Onkels. Elender, erwiederte ich voll Unwillen, wenn er grauſam war, ſo traͤgſt du die Schuld. Du beklagſt das Schickſal deiner ungluͤcklichen Bruͤ⸗ der, warum aber haſt du den Einfluß, welchen dir die Schwaͤche deines Herrn einraͤumte, nicht zu ihrem Beſten und zu Erleichterung ihrer Lei⸗ den angewendet, indem du verſuchteſt, ihn zu ih⸗ ren Gunſten zu ſtimmen? — 3515— Das waͤre mir ſehr leid geweſen. Ich ſollte einen Weißen abhalten, ſich mit einer Grauſam⸗ keit zu beſudeln, nein, ich reizte ihn vielmehr, die uͤble Behandlung gegen ſeine ungluͤcklichen Skla⸗ ven zu verdoppeln, um die Stunde der Empoͤrung zu beſchleunigen, wo das Uebermaß der Unter⸗ druͤckung endlich die Rache herbeifuͤhren mußte. Ich nützte meinen Bruͤdern, indem ich ihnen zu ſchaden ſchien. Dieſer tief berechnende Haß verwirrte mich. Siehſt du jetzt ein, fuhr der Zwerg fort, daß ich zu uͤberlegen und zu handeln wußte. Was ſagſt du zum Narren Abibra? Vollende was du ſo wuͤrdig begonnen, ant⸗ wortete ich. Laß mich ermorden, aber eile dich damit.— Er ging haͤndereibend auf der Plattforme auf und nieder. Und wenn es mir nun nicht gefaͤllig, mich zu eilen, wenn ich mich nun erſt an deiner Angſt weiden will? Schau, Biaſſou ſchuldete mir einen Antheil an der letzten Beute: ich forderte, ſobald ich dich im Lager der Schwarzen anſichtig geworden, dein Leben dafuͤr, und er gewaͤhrte es mir ſehr gerne. Jetzt gehoͤrt es mein, aber ich will meinen Spaß damit haben, und bald wirſt du die⸗ 1 — 314— ſem Strome in den Abgrund folgen. Vorher aber mußt du wiſſen, daß ich den Zufluchtsort deiner Gattin entdeckt habe, daß ich Biaſſou angeſtiftet, den Wald, in welchem ſie verborgen iſt, in Brand zu ſtecken, und daß dieſer nun bereits begonnen haben muß. So waͤre deine verhaßte Familie aus⸗ gerottet; dein Onkel durch Eiſen, du durch Waſ⸗ ſer, und deine Marie durch Feuer. Elender! Nichtswuͤrdiger! ſchrie ich, indem ich mich auf ihn ſtuͤrzen wollte. Er wandte ſich raſch zu den Negern:— Auf, bindet ihn, er eilt ſeiner Stunde vor. b Schon begannen die Neger mich mit Stricken, welche ſie bei ſich hatten, zu binden, als mir ſchien, von Ferne das Bellen eines Hundes zu hoͤren. Ich nahm dieſen Laͤrmen jedoch fuͤr eine Taͤu⸗ ſchung, welche durch das Brauſen des Waſſerfal⸗ les hervorgebracht worden; die Neger banden mich vollends feſt, und naͤherten mich nun der Tiefe, welche mich verſchlingen ſollte. Der Zwerg ſchlug die Arme uͤbereinander, und betrachtete mich mit triumphirendem Laͤcheln. Um ſeinem widrigen An⸗ blicke auszuweichen, ſchlug ich meine Augen nach dem Felſenritze empor, wodurch ich allein den Him⸗ mel gewahren konnte. In dieſem Augenblicke ließ — 515— ſich ein ſtaͤrkeres und viel deutlicheres Bellen ver⸗ nehmen, und Rasks Kopf erſchien uͤber der Spalte. Ich bebte. Der Zwerg rief: Vorwaͤrts, und die Neger, welche das Gebelle gar nicht gehoͤrt hat- ten, ſchickten ſich an, mich in den Abgrund zu ſchleudern. Kameraden! rief eine Donnerſtimme. Alle ſahen ſich um:— Es war Bug Jar⸗ gal. Er ſtand auf dem Rande der Spalte, und eine rothe Feder wehte auf ſeinem Haupte. Kameraden! rief er nochmals, haltet ein! Die Neger warfen ſich nieder. Ich bin Bug Jargal, fuhr er fort. Die Schwarzen ſchlugen die Erde mit ihrer Stirne, und ſtießen ein Geſchrei von ſich, wovon es ſchwer war, den Ausdruck zu unterſcheiden. Entfeſſelt den Gefangenen! rief der Chef. Hier ſchien der Zwerg von ſeiner Ueberraſchung zu ſich zu kommen, worein ihn die unerwartete Erſcheinung verſetzt hatte, und er fiel raſch den Negern, welche eben meine Bande durchſchneiden wollten, in den Arm. Wie, was waͤre dieß? rief er aus. Que quiere decir eso?— Und Ihr, von Morne⸗rouge, fragte er mit Stolz gal, was ſuchet ihr hier. — 316— Ich will meine Bruͤder anfuͤhren, erwiederte Bug Jargal. Dieß ſind wirklich die Schwarzen von Mor⸗ nesrouge, rief der Zwerg mit verbiſſener Wuth, allein mit welchem Rechte wollt ihr uͤber meinen Gefangenen verfuͤgen, ſetzte er mit verſtaͤrkter Stimme hinzu? Ich bin Bug Jargal, antwortete der Chef. Die Neger ſchlugen die Erde mit ihren Stirnen. Bug Jargal, verſetzte Abibra, kann nicht zer⸗ ſtoͤren, was Biaſſou gethan, und dieſer Weiße war mir von Biaſſou uͤbergeben. Ich will daß er ſterbe, und er wird ſterben. Vosostros, ſagte er zu den Negern, gehorchet! Werft ihn in die Tiefe.- Auf des Obis maͤchtige Stimme erhoben ſich die Schwarzen, und naͤherten ſich mir. Schon glaubte ich, es waͤre um mich geſchehen. Entfeſſelt den Gefangenen! ſchrie⸗Bug Jargal. In einem Augenblicke war ich frei. Meine Ueberraſchung glich der Wuth des Obi's. Er wollte ſich auf michz ſtuͤrzen, allein die Neger verhinder⸗ ten ihn daran. Er ergoß ſich dafuͤr in Verflu⸗ chungen und Drohun gen. — 317— Demonios! Rabia! infierno de mi alma! Wie, ihr Elenden, ihr weigert euch mir zu ge⸗ horchen! ihr mißachtet mi voz! Warum habe ich el tiempo verloren, um dieſen maldicho anzuhoͤren? Ich haͤtte ihn ſogleich den Fiſchen del baratro vorwerfen ſollen, und weil ich eine zu vollſtaͤndige Rache wollte, verliere ich ſie nun ganz. 0O rabia de Sathan! Escuchate vo- sostros! Wenn ihr mir nicht Folge leiſtet, wenn ihr dieſen fluchwuͤrdigen Weißen nicht in den Ab⸗ grund ſchleudert, ſo verfluche ich euch! Eure Haare werden weiß werden, giftige Inſekten wer⸗ den euch bei lebendigem Leibe auffreſſen; eure Arme und Beine werden abſtehen gleich welken Roſenſtengeln; euer Athem wird euern Schlund gleich heißem Sande verbrennen; ihr werdet bald ſterben, und nach euerm Tode werden eure See⸗ len verdammt ſeyn, unausgeſetzt einen bergaͤhn⸗ lichen Muͤhlſtein im Monde zu waͤlzen, wo es kalt iſt. Dieſe Scene brachte auf mich eine ei⸗ gene Wirkung hervor. Ich befand mich in einer ganz eigenen Lage. Einzig von meiner Gattung in dieſer feuchten dunkeln Hoͤhle, umgeben von Negern, die das Ausſehen von Teufeln hatten, halb ſchon uͤber dieſer grundloſen Tiefe ſchwebend, — 318— und ſtets bedroht von dem ſcheußlichen Zwerg, dieſem ungeſtalteten Zauberer, deſſen verbraͤmtes Klleid und ſpitze Muͤtze das blaſſe Licht nur muͤh⸗ ſam erkennen ließ, war ich nur beſchuͤtzt durch den großen Neger, den ich auf dem einzigen Punkte erblickte, wo man den Himmel ſehen konnte. Er ſchien mir an den Pforten der Hoͤlle zu ſtehen, den Verluſt oder Gewinn meiner Seele erwarten, und einem wuͤthenden Kampfe zwiſchen meinem Schutzengel und meinem boͤſen Genius beizuwohnen. Die Neger ſchienen durch die Verwuͤnſchun⸗ gen des Obis erſchreckt. Er gewahrte dieß und wollte daraus Nutzen ziehen, indem er ausrief:— Ich will daß der Weiße ſterbe; ihr gehorcht, er wird ſterben. Ernſt nahm Bug Jargal das Wort:— Er wird leben! Ich bin Bug Jargal. Mein Va⸗ ter war Koͤnig von Kakongo, und uͤbte Gerech⸗ tigkeit auf der Schwelle ſeiner Pforte. Von Neuem warfen ſich die Neger nieder. Ihr Chef fuhr fort: Bruͤder, eilet, Biaſſou zu ſagen, daß er die ſchwarze Fahne, welche den Tod dieſes Gefangenen verkuͤnden ſoll, nicht aufpflanze; — 3109— denn dieſer Gefangene hat das Leben Bug Jar⸗ gals gerettet, und Bug Jargal will, daß er lebe. Sie ſtanden auf, Bug Jargal warf ſeine rothe Feder mitten unter ſie. Ihr Fuͤhrer kreuzte die Arme uͤber der Bruſt, und raffte das Feld⸗ zeichen achtungsvoll auf; dann verließen ſie alle die Hoͤhle ohne ein Wort zu ſprechen. Der Obi aber verſchwand mit ihnen im Dunkel des unter⸗ irdiſchen Einganges. Ich wuͤrde fruchtlos verſuchen, Ihnen die Lage zu ſchildern, in welcher ich mich befand. Ich heftete die feuchten Augen auf Pierrot, der ſei⸗ nerſeits mich mit einem beſondern Ausdruck von Dankbarkeit und Stolz betrachtete. Gott ſey gedankt! ſagte er endlich, alles iſt gerettet, Bruder kehre nun dahin zuruͤck, woher du gekommen. Mich findeſt du im Thale wieder. Er winkte mir mit der Hand, und entfernte ſich. Ich ſaͤumte nicht, dieſe unheildrohende Schlucht zu verlaſſen; ich eilte nach dem beſtimmten Ort, wo ich zu erfahren hoffte, durch welches Wunder mein Retter mir wieder zugefuͤhrt worden war. Allein neue Gefahren waren mir daſelbſt vorbe⸗ halten, denn als ich mich gegen den unterirdiſchen Gang wendete, verſperrte mir ein unvorhergeſe⸗ henes Hinderniß den Eingang. Es war Abibra, der unverſoͤhnliche Obi, welcher nicht, wie ich dach⸗ te, den Negern gefolgt war, ſondern ſich hinter einen Felſenpfeiler verborgen hatte, um einen ſei⸗ ner Rache guͤnſtigen Moment abzuwarten. Die⸗ ſer Augenblick war gekommen; der Zwerg zeigte ſich ploͤtzlich und lachte. Ich war allein und waf⸗ fenlos; ein Dolch blitzte in ſeiner Hand, derſelbe, ſo ihm als Kruzifix gedient hatte. Ich prallte bei ſeinem Anblicke unwilkuͤhrlich zuruͤck. A ha! Maldicho! du meinteſt alſo mir ent⸗ rinnen zu koͤnnen, aber der Narr iſt weniger Narr als du. Ich halte dich, und jetzt will ich dich nicht ſo lange warten laſſen. Auch ſoll dein Freund Bug Jargal dich nicht vergebens erwarten; du kommſt auf den Platz des Rendezvous ins Thal, allein die Fluthen muͤſſen ſich mit deinem Trans⸗ porte befaſſen. 3 Mit dieſen Worten ſtuͤrzte er ſich mit erho⸗ benem Dolche auf mich.— Ungeheuer, rief ich, indem ich gegen die Platt⸗ form zuruͤckwich, eben warſt du nur Buͤttel, jetzt willſt du Meuchelmoͤrder werden! . — 321— Ich raͤche mich! rief er mit den Zaͤhnen knirſchend. In dieſem Augenblicke befand ich mich am Rande des Abgrundes; er drang auf mich ein, um mich mit einem Dolchſtoße hinabzuſtuͤrzen. Ich parirte den Stoß. Sein Fuß glitt auf dem ſchluͤpfrigen Mooſe, womit die feuchten Felſen gleichſam belegt ſind; er fiel und rollte ohne ſich erhalten zu koͤnnen, auf dem beſpuͤlten Abhange fort. Alle Teufel! ſchrie er bruͤllend: er war in den Abgrund geſtuͤrzt. Ich habe ſchon bereits fruͤher geſagt, daß eine Wurzel des alten Baumes etwas unter dem Rande aus den Granitſpalten hervorragte. Auf dieſe fiel der Zwerg bei ſeinem Sturze, und ſein Bortenkleid verwickelte ſich in den Knoten des Stammes. Er ergriff dieſe letzte Huͤlfe, und klammerte ſich daran mit außerordentlicher Kraft feſt. Seine ſpitze Muͤtze fiel ihm vom Kopfe, er mußte den Dolch loslaſſen, und dieſe Meuchel⸗ waffe nebſt der klingelnden Schellenkappe ver⸗ ſchwanden zuſammen, indem man ſie lange in der unermeßlichen Tiefe des Katarakts wiederpral⸗ len hoͤrte. 21 — 5322— So uͤber dem furchtbaren Abgrunde ſchwe⸗ bend, verſuchte Abibra wieder auf die Plattform zu ſteigen, allein ſeine kurzen Arme konnten den Rand der ſteilen Abdachung nicht erreichen, und ſeine Naͤgel bluteten von der Anſtrengung, die klebrige Oberflaͤche des Felſens, welcher uͤber den finſtern Abgrund hinausragte, anzufaſſen; er heulte vor Wuth. Der kleinſte Anſtoß haͤtte hingereicht, ihn hinabzuſtuͤrzen, allein eine ſolche Niedertraͤchtig⸗ keit kam mir nicht entfernt in den Sinn. Dieſe Maͤßigung uͤbertaſchte ihn. Ich aber dankte der Vorſehung, die mir dieſe Rettung zugeſendet, und ſchickte mich ſchon an die furchtbaren Souterrains zu verlaſſen, als ich die Stimme des Zwerges ſchmerzlich flehend aus der Tiefe herauf ſchallen hoͤrte. Herr! rief er, Herr! geht nicht von hinnen, im Namen des bon Gin bitte ich Euch, laßt nicht eine ſuͤndige menſchliche Kreatur ohne Buße ſter⸗ ben, da ihr ſie doch retten koͤnnt. Ach! die Kraͤfte fehlen mir, der Aſt glitſcht und biegt ſich in meinen Haͤnden, die Schwere meines Koͤpers zieht mich abwaͤrts, ich muß ihn loslaſſen oder er bricht... O, mein Herr, der furchtbare Schlund — 3235— gaͤhnt mich graͤßlich an! Nombre Santo de Dios! habt Ihr denn gar kein Erbarmen mit Eurem armen Buffo? Er iſt ſehr ſtrafwuͤrdig; allein wollt Ihr nicht beweiſen, daß die Weißen beſſer ſind, als die Mulatten, und die Herten beſſer als die Sklaven? 1 Halbgeruͤhrt hatte ich mich dem Abgrunde genaͤhert, und das ſchwache Licht, welches aus dem Felſen⸗Spalt herabdrang, zeigte mir auf dem abſtoßenden Antlitze des Zwerges einen Ausdruck des Flehens und der Angſt, welches beides ihm bisher fremd war. Sennor Leopold, fuhr er, ermuthiget durch die Bewegung, welche mein Mitleid verrathen hatte, fort, waͤre es moͤglich, daß ein menſchliches Weſen ſeines Gleichen in einer ſo furchtbaren Lage ſehen, ihm helfen kann, und es doch nicht thut! O Herr, bietet mir die Hand, es braucht nur geringer Anſtrengung um mir zu helfen, und was mir alles erhaͤlt, koſtet Euch ſo wenig. Zie⸗ het mich herauf, und meine Dankbarkeit und Reue ſoll meinen Verbrechen gleich kommen.— Elender, unterbrach ich ihn, erinnere mich nicht daran! Ihr ſollt dieſe Erinnerung verabſcheuen, Herr, entgegnete er, allein ſeyd großmuͤthiger als 21* — 325— ich! O Himmel, mir wird ſchwach, ich falle!.. Ay desdichado. Eure Hand, Eure Hand, reicht mir Eure Hand, im Namen der Mutter, die Euch getragen hat! Ich kann Ihnen nicht beſchreiben, wie er⸗ barmenerregend dieſer Ausdruck von Schrecken und Leiden war. Ich vergaß alles. Ich ſah nicht mehr den Feind, den Verraͤther, den Meuchel⸗ moͤrder, ich ſah nur den Ungluͤcklichen, welchen eine leichte Anſtrengung von mir einem abſcheu⸗ lichen Tod entreißen konnte. Er flehte ſo erbaͤrm⸗ lich. Jedes Wort, jeder Vorwurf wuͤrde unnüͤtz und laͤcherlich erſchienen ſeyn, da die Nothwen⸗ digkeit zu helfen dringend hervortrat. Ich buͤckte mich, und knieete am Rande nieder; eine meiner Haͤnde ſtemmte ich gegen den Baumſtamm, deſſen Wurzel den ungluͤcklichen Abibra hielt, ihm reichte ich die andere— kaum war ſie ihm nahe genug, ſo faßte er ſie: er faßte ſie mit ſeinen beiden Haͤn⸗ den mit bewunderungswuͤrdiger Kraft, und, fern davon ſich der Bewegung des Aufſteigens, wozu ich ihm behuͤlflich ſeyn wollte, hinzugeben, fuͤhlte ich, daß er mich mit ſich in den Abgrund zu ziehen verſuchte. Ich waͤre ohne Zweifel durch das heftige und unerwartete Reißen des Elenden vom Rande heruntergezogen worden, haͤtte ich nicht an dem Baumſtamm mich feſt anſtemmen koͤnnen. 2u Ai Schaͤndlicher, was beginnſt du? rief ich.— Ich raͤche mich! erwiederte er mit teufliſchem Gelaͤchter. Endlich halte ich dich feſt, du Thor haſt dich mir ſelbſt uͤberliefert, aber jetzt halte ich dich! du warſt gerettet, ich verloren, allein frei⸗ willig uͤberlieferſt du dich meinen Klauen, weil du mich ſeufzen hoͤrteſt, nachdem ich gebruͤllt.— Welcher Troſt fuͤr mich, daß mein Tod eine Rache iſt! Du biſt in die Falle gegangen, amigo, und ich werde einen menſchlichen Gefährten bei den Fiſchen des Sees haben. Verraͤther, ſagte ich, mich gegenſtemmend, iſt das der Lohn fuͤr meine Bereitwilligkeit, dich zu retten! Ja, antwortete en, ich weiß, daß ich mich mit dir haͤtte retten koͤnnen, allein mir iſt es lie⸗ ber, wenn du mit mir untergehſt; ich ziehe dei⸗ nen Tod meinem Leben vor. Komm! Nun klammerten ſich ſeine beiden ſchon an⸗ gelaufenen ſchwieligen Haͤnde mit ungeheurer An⸗ ſtrengung um die meinige, ſeine Augen ſpruͤhten, ſein Mund ſchaͤumte, ſeine Kraͤfte, deren Abnahme er einen Augenblick fruͤher ſo jaͤmmerlich beweint hatte, waren wieder gekommen, und durch Wuth und Rache noch geſteigert worden. Seine Fuͤße ſtuͤtzten ſich, gleich zwei Hebeln gegen die ſenk⸗ rechte Wand des Felſens, und er ſtampfte wie ein Tiger auf die Wurzel, welche, mit ſeinen Kleidern verwickelt, ihn gegen ſeinen Willen noch hielt; denn er wollte ſie brechen, um ſich mit ſeiner gan⸗ zen Schwere an mich zu haͤngen, und auch mich hinabziehen zu koͤnnen. Um an ihr zu ruͤtteln, unterbrach er zuweilen das graͤßliche Lachen, wel⸗ ches ich auf ſeinem ſchrecklichen Geſichte bemerkte. Es ſchien als wolle ſich der fuͤrchterliche Daͤmon die⸗ ſer Schlucht eine Beute in ſeine ſchwarze unter⸗ irdiſche Wohnung holen.* Eines meiner Knie war gluͤcklicherweiſe in eine Hoͤhlung des Felſens geſtemmt, und mein Arm war gleichſam mit dem Baume, welcher mich ſtuͤzte, verwachſen. Ich kaͤmpfte gegen die An⸗ ſtrengungen des Zwerges mit aller der Kraft, welche das Gefuͤhl der Selbſt⸗Erhaltung in einem aͤhnlichen Augenblicke geben kann. Von Zeit zu Zeit erhob ich mich muͤhſam, und rief mit aller Staͤrke, deren ich faͤhig war: Bug⸗Jar⸗ gall allein das Geraͤuſch das Waſſerſturzes, und — 527— die Entfernung ließen mir wenig Hoffnung, ge⸗ hoͤrt zu werden. Mittlerweile verdoppelte der Zwerg, welcher ſo vielen Widerſtand nicht erwartet hatte, ſein wuͤthendes Reißen, und ich begann meine Kraͤfte zu verlieren, obſchon der Kampf ſelbſt bei weitem 1 nicht ſo lange dauerte, als ich Zeit brauche, ihn zu erzaͤhlen. Das unausgeſetzte Zerren laͤhmte beinahe meinen Arm, Schatten umhuͤllten meine Augen, meine Ohren fingen an zu klingen, ſchon hoͤrte ich die Wurzel krachen, das Ungeheuer dem Falle nah, lachen, und der ſcheußliche Abgrund gaͤhnte mir graͤßlich entgegen. 8 Ehe ich jedoch alles der Erſchoͤpfung und Verzweiflung uͤberließ, verſuchte ich einen letzten Ruf. Ich raffte meine erloͤcchenden Kraͤfte zu⸗ ſammen, und ſchrie noch einmal: Bug⸗ Jar⸗ gall— Ein Bellen antwortete mir. Ich erkannte Nask, und ſah um. Bug⸗Jargal und ſein Hund waren am Rande des Spalts. Ich weiß nicht, ob er meinen Ruf vernommen, oder ob irgend eine Beſorgniß ihn zuruͤckgefuͤhrt. Er ſah meine Ge⸗ fahr.— Halte feſt! rief er mir zu. Abibra aber, der meine Rettung fuͤrchtete, ſchrie. ſchaͤumend vor Wuth: komm doch! komm! und er vereinigte, - 326— um zu Ende zu kommen, den Reſt ſeiner uͤber⸗ natuͤrlichen Staͤrke. In dieſem Augenblicke loͤſte ſich mein ermuͤdeter Arm von dem Baume. Es war um mich geſchehen, als ich mich ploͤtzlich von hinten angefaßt fuͤhlte; es war Rask. Auf ein Zeichen ſeines Herrn war er von der Spalte auf die Plattforme herabgeſprungen, und hatte mich kraͤftig an den Rockſchoͤſſen gepackt. Dieſe uner⸗ wartete Huͤlfe rettete mich. Abibra hatte alle ſeine Kraft in dem letzten Verſuche aufgewendet, ich raffte meine letzte zuſammen, um ihm meine Hand zu entziehen. Seine ſtarren Finger muß⸗ ten mich endlich loslaſſen, die ſo lange mißhan⸗ delte Wurzel brach unter ſeinem Gewichte, und, waͤhrend Rask mich maͤchtig zuruͤckriß, ſtuͤrzte der ſchaͤndliche Zwerg in den Schaum des finſtern Waſſerfalles hinab, indem er eine Verwuͤnſchung gegen mich ausſtieß, die ich nicht verſtand, und welche mit ihm in den Abgrund begraben wurde. So war das Ende des Narren meines Onkels. Dieſe fuͤrchterliche Scene, der raſende Kampf und ſeine graͤßliche Entwicklung hatten mich er⸗ ſchoͤpft. Ich befand mich in einer kraftloſen Er⸗ ſtarrung, als mich Bug⸗Jargals Stimme wieder zu mir rief. 5 — 529— 8 Bruder, rief er mir zu, eile dich von hinnen zu kommen, die Sonne wird in einer halben Stunde unten ſeyn. Ich werde dich im Thale erwarten; folge Rask. Dieſe Freundes⸗Stimme gab mir auf ein⸗ mal wieder Hoffnung, Muth und Kraft. Ich er⸗ hob mich und folgte der Dogge, die ſich raſch gegen den Eingang der Souterrains bewegte; ſein Klaffen diente mir in der Finſterniß als Führer. Nach einigen Minuten ſah ich Tageslicht vor mir, und als wir endlich den Ausgang erreichten, ath⸗ mete ich wieder frei. Indem ich aus der feuchten ſchwarzen Hoͤhle hervortrat, erinnerte ich mich der beim Eintritt in ſelbe vom Zwerge ausgeſtoßenen Vorherſagung, daß nur einer von uns beiden die⸗ ſen Weg zuruͤckmachen werde. Seine Prophezeiung war eingetroffen, nur nicht ſo, wie er ſie verſtan⸗ den hatte. 3 Im Thale angelangt, gewahrte ich Bug⸗ Jargal; ich ſtuͤrzte in ſeine Arme, und blieb ſtumm in ſelben liegen; mein Herz war zu ge⸗ preßt, um auch nur eine von den tauſend Fra⸗ gen vorzubringen, welche ich an ihn zu machen hatte. 3 — — 3550— Hoͤre, ſagte er, deine Frau, meine Schwe⸗ ſter, iſt in Sicherheit. Ich habe ſie in's Lager der Weißen gebracht, und einem deiner Verwand⸗ ten, welcher auf dem Vorpoſten befehligte, uͤber⸗ geben. Ich wollte mich als Gefangener ſtellen, da ich befuͤrchtete, man wuͤrde ſonſt die zehn fuͤr mich haftenden Koͤpfe meiner Bruͤder opfern. Al⸗ lein dieſer naͤmliche Verwandte ſagte mir, ich ſollte trachten deiner Hinrichtung zuvorzukommen, indem die Hinrichtung der zehn Neger nur von der deinigen abhinge, welche Biaſſou durch eine auf unſerer hoͤchſten Bergſpitze aufgepflanzte ſchwar⸗ Fahne kund thun muͤſſe. Nun bin ich gelau⸗ fen, Rask fuͤhrte mich, und Gott ſey geprieſen, ich kam zur rechten Zeit, du wirſt leben, und ich auch.— Er reichte mir die Hand, und fuͤgte hinzu: Bruder, biſt du zufrieden? Ich fiel ihm abermals um den Hals. Ich beſchwor ihn, mich nicht mehr zu verlaſſen, und mit mir unter den Weißen zu bleiben; ich ver⸗ ſprach ihm eine Stelle in der Kolonialarmee.— Hier unterbrach er mich jedoch mit wilder Miene: Bruder, habe ich dir etwa vorgeſchlagen, in den Reihen der Meinen zu dienen? — 331— Ich ſchwieg, denn ich fuͤhlte mein Unrecht. Er aber fuhr heiterer fort: Auf denn, eile deine Gattin wieder zu ſehen und zu beruhigen. Dieſer Vorſchlag vereinigte ſich mit dem Drange meines Herzens; ich erhob mich trunken von Gluͤcke, und wir gingen. Der Schwarze kannte den Weg, er ging voran, Rask folgte. Hier hielt d'Auverney inne, und warf einen duͤſtern Blick rings um ſich. Der Schweiß rann in großen Tropfen von ſeiner Stirne. Er bedeckte ſein Geſicht mit der Hand, Rask betrachtete ihn unruhig.— Ja, ſo ſahſt du mich damals an! murmelte er zwiſchen den Zaͤhnen. Einen Augenblick darauf ſtand er in hefti⸗ ger Bewegung auf, und verließ das Zelt, der Sergent und die Dogge folgten ihm. Ich wollte wetten, rief Henri, wir ſind der Kataſtrophe nahe! Mir ſollte es wirklich leid thun, wenn dem Bug⸗Jargal etwas zuſtieße.— Das war ein famoſer Menſch! Paſchal ſetzte den Schlund ſeiner eingefloch⸗ tenen Feldflaſche von den Lippen, und ſagte: ich gaͤbe zwoͤlf Bouteillen Porto darum, koͤnnte ich die Kokusſchale ſehen, welche er auf einen Zug geleert hat. — 332— Alfred, der eben uͤber eine Arie auf der Gui⸗ tarre bruͤtete, unterbrach ſich, und bat den Lieu⸗ tenant Henri, ihmdie Achſelſchnuͤre feſtzuheften; dann ſetzte er bei: dieſer Neger floͤßt mir Theil⸗ nahme ein, nur habe ich d'Auverney noch nicht zu fragen gewagt, ob er auch die Arie de la hermosa Padilla gekannt habe. Biaſſou iſt weit bemerkenswerther, erwiederte Paſchal; ſein betheerter Wein mag zwar nicht viel geheißen haben, allein dieſer Menſch wußte wenigſtens den Werth eines Franzoſen zu ſchaͤtzen. Waͤre ich in ſeine Gefangenſchaft gerathen, ſo haͤtte ich meinen Schnurrbart abſcheeren laſſen, damit er mir einige Piaſter darauf geliehen haͤtte, wie die Stadt Goa jenem portugieſiſchen Haupt⸗ manne. Ich verſichere Ihnen, meine Glaͤubiger ſind viel unbarmherziger als Viaſſou. A propos, Kapitaͤn! hier ſind die vier Louis⸗ d'ors, welche ich Ihnen ſchuldig bin, rief Henri, indem er Paſchal ſeine Boͤrſe zuwarf. Der Hauptmann betrachtete mit Erſtaunen ſei⸗ nen großmuͤthigen Schuldner, welcher ſich mit mehr Recht ſeinen Glaͤubiger nennen konnte. Henri beeilte ſich weiter zu ſprechen:—„Was halten — 333— Sie, meine Herren, von der Geſchichte, die uns d'Auverney erzaͤhlt? Wahrlich, ſagte Alfred, ich habe nicht ſehr aufmerkſam zugehoͤrt, allein ich geſtehe, daß ich mir etwas Intereſſanteres aus dem Munde des Traͤu⸗ mers d'Auverney erwartet haͤtte. Ueberdieß iſt es ein Roman in Proſa, und dieſe liebe ich nicht. Nach welcher Melodie ſoll man das ſingen? Im Ganzen langweilt mich die Geſchichte des Bug Jargals; ſie iſt zu lang. Sie hahen Recht, verſicherte der Adjudant Paſchal, ſie ſt zu lang, und haͤtte ich nicht meine Flaſche und meine Pfeife gehabt, ſo wuͤrde ich eine garſtige Nacht zugebracht haben. Bemerken Sie uͤberdieß, daß viele Abgeſchmacktheiten darin vor⸗ kommen. Wie ſoll man glauben, daß dieſer kleine Affe von Zauberer, wie heißt er nur geſchwinde?.. habit-bas?— wie ſoll man glauben, daß er, um ſeinen Feind zu ertraͤnken, ſich ſelbſt ertraͤnken wollte. Laͤchelnd unterbrach ihn Henri: und beſonders im Waſſer, nicht wahr, Hauptmann Paſchal? was mich betrifft, ſo unterhielt es mich in der Er⸗ zaͤhlung d'Auverneys vorzuͤglich zu ſehen, wie ſein — 334— hinkender Hund jedesmal, ſo oft er den Namen Bug Jargal ausſprach, den Kopf erhob. Und hierin, fiel ihm Paſchal ins Wort, that er eben das Gegentheil von dem was ich die gu⸗ ten alten Weiber zu Celadas thun ſah, ſo oft der Pfarrer den Namen Jeſus Chriſti ausſprach. Ich trat mit einem Dutzend Kuͤraſſieren in die Kirche— Das Anſchlagen des Gewehrs der Schildwache verkuͤndete d'Auverneys Ruͤckkehr. Alles war ſtille. Er ging einige Zeit mit gekreuzten Armen auf und nieder. Der alte Thadaͤus, der ſich wieder in einen Winkel niedergeſetzt hatte, beobachtete ihn verſtohlen, und gab ſich gewaltſam den Anſchein, mit Rask zu ſpielen, damit der Hauptmann peine Unruhe nicht wahrnehmen ſollte. Endlich fing d'Auverney wieder an: Rask folgte uns, der hoͤchſte Felſen des Thals war nicht mehr von der Sonne beleuchtet: ein Strahl erſchien und verſchwand ploͤtzlich auf ſel⸗ bem.— Der Schwarze bebte, und preßte mir heftig die Hand. Horch, ſagte er mir. Ein dumpfer Knall, aͤhnlich der Entladung einer Kanone, ließ ſich nun im Thale hoͤren, und vervielfaͤltigte ſich durch die Echo's. — 335— Dieß iſt das Zeichen! rief der Neger mit dum⸗ pfer Stimme. Es war ein Kanonenſchuß, nicht wahr? Ich machte ein bejahendes Zeichen. Mit zwei Spruͤngen war er auf einem Fel⸗ ſenhuͤgel; ich folgte ihm. Er ſchlug die Arme uͤbereinander und laͤchelte traurig. Siehſt du? ſagte er mir. Ich ſah nach der Gegend, welche er mir be⸗ zeichnete, und bemerkte die Spitze, die er mir bei meiner Zuſammenkunft mit Marien gezeigt hatte, die einzige, welche die Sonne noch erhellte; die ſchwarze Fahne war auf ihr aufgepflanzt. Hier machte d'Auverney eine Pauſe. Ich habe ſeitdem erfahren, fuhr er fort, daß Biaſſou, gedraͤngt abzumarſchiren, und in der Ue⸗ berzeugung meines Todes, die Fahne vor der Zu⸗ ruͤckkunft des Detachements, welches damit beauf⸗ tragt war, hatte aufpflanzen laſſen. Bug Jargal ſtand immer noch da, aufrecht, die Arme gekreuzt, und die verhaͤngnißvolle Fahne betrachtend, dann kehrte er ſich plötzlich raſch um, um den Fels hinat ſteigen. Gott, Gott! meine ungluͤcklichen Kdar aden!— Er kam zu mir zu⸗ — 356— ruͤck: haſt du die Kanone gehoͤrt? fragte er mich. Ich antwortete nichts. Nun wohl, Bruder, es war das Signal: man fuͤhrt ſie nun hin. Sein Kopf ſank auf die Bruſt. Er naͤherte ſich mir nochmals. Geh und ſuche deine Frau, Bruder; Rask ſoll dich fuͤhren. Er pfiff eine afrikaniſche Me⸗ lodie, der Hund wedelte mit dem Schweife, und ſchien ſich nach einem Punkte im Thale wenden zu wollen. Bug Jargal nahm mich bei der Hand und bemüͤhte ſich zu laͤcheln; es war ein krampfhaf⸗ tes Laͤcheln. Lebe wohl! rief er mit ſtarker Stimme, und verlor ſich in den Baumgruppen, welche uns umgaben. Ich war erſtarrt; das wenige, was ich von dem Vorgegangenen begriffen hatte, ließ mich mein ganzes Ungluͤck vorausſehen. Rask, der ſeinen Herrn nicht mehr ſah, eilte auf den Rand des Felſens, und ſchuͤttelte den Kopf mit klaͤglichem Geheule. Er kam mit ein⸗ gezogenem Schweife zuruͤck; ſeine großen Augen waren naß, er betrachtete mich mit unruhiger — 556— Miene, dann eilte er auf den Platz zuruͤck, von wo ſein Herr verſchwunden war und bellte heftig. Ich verſtand ihn, und theilte ſeine Furcht; ich machte einige Schritte nach ihm hin, und er flog von dannen, indem er der Spur Bug Jargals folgte. Ich wuͤrde ihn bald aus dem Geſichte verloren haben, obſchon ich nach allen Kraͤften lief, wenn er nicht von Zeit zu Zeit angehalten haͤtte, um mir Zeit zu geben ihm zu folgen.— Wir durcheilten ſo mehrere Thaͤler, wir ſtiegen in raſchem Laufe uͤber mehrere mit Geſtraͤuch be⸗ wachſene Huͤgel, als endlich— Die Stimme verſagte d'Auverney. Duͤſtere Schwermuth verbreitete ſich auf ſeinen Zuͤgen, und mit Muͤhe ſtammelte er noch die Worte hervor: Erzaͤhle weiter, Thadaͤus, denn mir fehlt die Kraft dazu. Der alte Sergent war nicht minder bewegt, als ſein Hauptmann, indeſſen ſchickte er ſich an zu gehorchen. Mit Ihrer Erlaubniß.— da Sie es wuͤn⸗ ſchen, mein Hauptmann,— ih muß Ihnen ge⸗ ſtehen, meine Herren Offiziere, daß, obſchon Bug Jargal, genannt Pierrot, ein großer, ſanftmuͤthi⸗ ger, ſtarker, muthiger Neger war, ja ſogar der 22 — 5538— erſte Brave der Erde, nach Ihnen, mein Haupt⸗ mann, ich deßhalb doch nicht minder aufgebracht gegen ihn war. Auch kann ich mir, obgleich mein Hauptmann mir es laͤngſt verziehen, dieß doch nie⸗ mals vergeben. Nachdem ich Ihren Tod, mein Hauptmann, auf den Abend des zweiten Tags hatte verkuͤnden hoͤren, gerieth ich in einen wuͤ⸗ thenden Zorn gegen dieſen armen Menſchen, und konnte ihm mit einem wahrhaft teufliſchen Ver⸗ gnuͤgen ankuͤndigen, daß er, oder falls er fehlte, zehn ſeiner Kameraden Ihnen Geſellſchaft leiſten wuͤrden, da ſie als Repreſſalien, wie man zu ſa⸗ gen pflegt, erſchoſſen werden ſollten. Bei dieſer Kunde aͤußerte er ſich gar nicht, ſondern eine Stunde darauf entfloh er durch ein großes Loch, welches er in die Mauer.— D'Auverney machte ein Zeichen der Ungeduld. Thadaͤus fuhr fort: Wohlan! als man die große ſchwarze Fahne auf dem Berge anſichtig wurde, und er, was uns nicht erſtaunte, nicht zuruͤckgekommen war, ſo loͤſte man einen Kanonenſchuß. Ich war beor⸗ dert, die zehn Neger auf den Platz der Exekuzion zu fuͤhren, la-bouche-du-grand-diable ge⸗ nannt, welcher in einer Entfernung— doch was — 350— * liegt daran! Als wir dort angelangt waren, ließ ich ſie binden, wie dieß uͤblich iſt, und ordnete meine Pelotons. Ploͤtzlich ſehe ich den großen Neger aus dem Gehoͤlze ſtuͤrzen⸗ Die Arme ſan⸗ ken mir. Er kam athemlos auf mich zu. Ich komme noch recht! rief er. Guten Tag Thadaͤus. Wahrhaftig, meine Herren, das war alles, was er ſagte, und zugleich band er ſeine Lands⸗ leute auf. Ich ſtand da, ganz verſteinert. Nun aber, mit Ihrer Erlaubniß, mein Hauptmann, entſpann ſich ein großer Kampf von Großmuth zwiſchen ihm und den Schwarzen, der wohl etwas laͤnger haͤtte dauern duͤrfen. Ich muß mich aber deshalb ſelbſt anklagen, denn ich war es, der ihn aufhoͤren machte. Er nahm die Stelle der Neger ein. In dieſem Augenblick ſprang ſein großer Hund— armer Rask! er kam und ſprang mir an die Gurgel. Er haͤtte wohl einige Augenblicke laͤnger daran haͤngen bleiben ſollen, nicht wahr, Hauptmann? Allein Pierrot gab ein Zeichen, und die arme Dogge ließ mich fahren; doch konnte Bug Jargal nicht verhindern, daß der treue Hund ſich zu ſeinen Fuͤßen niederlegte.— Nun⸗ 22* ———— “ —— — 340— mehr— Hauptmann, ich glaubte Sie todt— ich war im Zorne— ich kommandirte— Deer Sergent ſtreckte die Hand aus, betrach⸗ tete den Hauptmann, konnte aber das fatale Wort nicht ausſprechen. Bug Jargal fiel. Eine Kugel zerſchmetterte die Pfote ſeines Hundes. Seit der Zeit, meine Herren(und der Sergent ſchuͤttelte traurig den Kopf) ſeit der Zeit hinkt er. Ich hoͤrte im Gebuͤſche Stoͤh⸗ nen, ich lief hin und ſah Sie, mein Hauptmann, im Blute ſchwimmen; eine Kugel hatte Sie er⸗ reicht, als Sie herbeieilten den großen Neger zu retten. Ja, Hauptmann, Sie ſeufzten, allein uͤber ſein, nicht Ihr Schickſal.— Bug Jargal war todt. Sie brachte man in's Lager zuruͤck. Sie waren weniger gefaͤhrlich verwundet als er, denn Sie genaßen, gedankt ſey es der zaͤrtlichen Sorgfalt der Frau Maria. Der Sergent ſchwieg, d'Auverney wiederholte mit feierlicher ſchmerzlicher Stimme:„Bug Jargal war todt! Chadaͤus ſenkte das Haupt. Ja, ſetzte er hinzu, er hat mir das Leben er⸗ halten, und ich habe ihn getoͤdtet. ——— In der Vorausſetzung, daß es den meiſten Leſern dieſer Erzaͤhlung wuͤnſchenswerth ſeyn duͤrf⸗ te, naͤhere Aufſchluͤſſe uͤber das fernere Schickſal der darin vorkommenden Perſonen zu erhalter, hat man nicht unterlaſſen, Nachforſchungen an⸗ zuſtellen, inſoferne ſie den Hauptmann Leopold d'Auverney, ſeinen Sergent und ſeinen Hund be⸗ treffen.— Der Leſer erinnert ſich vielleicht, daß die duͤſtere Schwermuth des Hauptmanns von ei⸗ ner doppelten Urſache herſtammte, naͤmlich dem Tode Bug⸗Jargals, genannt Pierrot, und dem Verluſte ſeiner theuern Marie, welche aus den Flammen des Fort Galifet gerettet worden zu ſeyn ſchien, um in dem kurze Zeit darauf ſtatthabenden erſten Brande des Kaps umzukommen. Was aber — 32— den Hauptmann ſelbſt betrifft, ſo haben wir uͤber ihn folgendes in Erfahrung gebracht. Am Tage nach einem großen, von den re⸗ publikaniſchen Truppen uͤber die Armeen Euro⸗ pa's davongetragenen Siege, ſaß der en Chef kommandirende Diviſions⸗General M.... allein in ſeinem Zelte, und war beſchaͤftigt, den Rapport uͤber die geſtrige Schlacht, nach den No⸗ ten ſeines Generalſtabes fuͤr die National⸗Ver⸗ ſammlung zu ordnen.— Ein Adjudant mel⸗ dete, daß ein an ihn geſendeter Vols⸗Repraͤſen⸗ tant mit ihm zu ſprechen verlange. Der General haßte dieſe Gattung Abgeſandter mit rothen Muͤtzen, welche der Berg in die Lager ſandte, um ſie zu erniedrigen und zu dezimiren: dieſe betitelten Delatoren, von Henkern ausgeſandt, um Makel am Ruhme ſelbſt zu ſuchen. Indeſſen waͤre es gefaͤhrlich geweſen, beſonders nach einem Siege, den Beſuch eines derſelben abzulehnen. Das blutige Idol jener Zeiten liebte beruͤhmte Opfer; und die Prieſter des Revoluzions⸗Platzes waren üͤbergluͤcklich, wenn ſie auf denſelben Schlag ei⸗ nen Kopf und eine Krone fallen machen konnten, — 345— ſollte es auch nur von Dornen ſeyn, wie die Ludwig XVI., oder von Blumen, wie die der jungen Maͤdchen von Verduͤn, oder von Lor⸗ bern, wie die von Cuͤſtine und André Che⸗ Nier. Der General befahl den Repraͤſentanten einzufuͤhren. Nach einigen ſcheelſuͤchtigen falſchen Begluͤck⸗ wuͤnſchungen uͤber den neuen Triumph der republi⸗ kaniſchen Waffen, ſagte der Repraͤſentant, indem er ſich dem General naͤherte, mit leiſer Stimme: Dieß iſt nicht genug, Buͤrger General; es iſt nicht hinreichend die Feinde von Außen zu be⸗ ſiegen, man muß vor Allem die unter uns ſelbſt vertilgen. Was ſoll das heißen, Buͤrger Repraͤſentant? antwortete der General mit Erſtaunen. Es befindet ſich in Ihrer Armee, fing der Kom⸗ miſſaͤr des Konvents geheimnißvoll an, ein Haupt⸗ mann Leopold d'Auverney; er dient in der 32ten Halbbrigade. General, kennen Sie ihn? Ja, gewiß! erwiederte der General. So eben las ich einen Rapport des Chefs der 52ten — 344— Halb⸗Brigade, welche an ihm einen vortrefflichen Hauptmann beſaß. Wie, Buͤrger General! ſagte der Repraͤſen⸗ tant, indem er ſich in die Bruſt warf. Wollen Sie ihm etwa einen hoͤhern Rang geben? Ich verberge Ihnen nicht, Buͤrger Repraͤ⸗ ſentant, daß dieß wirklich meine Abſicht war— 4 Hier unterbrach der Kommiſſaͤr den General mit Heftigkeit;— das Gluͤck verblendet Sie, General M....! Geben Sie acht auf das, was Sie thun und ſagen wollen. Wenn Sie in Ihrem Buſen die Schlangen erwaͤrmen wol⸗ len, welche Feinde des Volkes ſind, ſo zittern Sie, daß das Volk nicht Sie mit dieſen Schlan⸗ gen zernichte! Dieſer Leopold d'Auverney iſt ein Ariſtokrat, ein Gegen⸗Revoluzionaͤr, ein Roya⸗ liſt, ein Feuillant, ein Girondin; die oͤffentliche Gerechtigkeit fordert ihn vor die Schranken, und Sie muͤſſen ihn mir ſogleich ausliefern. Kalt erwiederte der General: ich kann nicht. Wie, Sie koͤnnen nicht? wuͤthete der Kommiſſaͤr, ——qzrV— —— — 545— und wiſſen Sie nicht, General M..„ daß es hier keine unbegraͤnzte Gewalt giebt, als die mei⸗ nige? Die Republik befiehlt, und Sie koͤnnen nicht? Hoͤren Sie mich: ich will in Beruͤckſichti⸗ gung Ihrer glaͤnzenden Erfolge, Ihnen die Note leſen, welche mir uͤber dieſen d'Auverney gegeben worden iſt, und welche ich, nebſt ſeiner Perſon an den oͤffentlichen Anklaͤger ſenden muß. Es iſt der Auszug einer Namen⸗Liſte, die Sie mich hof⸗ fentlich nicht noͤthigen werden, mit dem Ihrigen zu beſchließen. „Leopold d'Auverney,(ehemals von) Haupt⸗ „mann in der 52. Halbbrigade, iſt uͤberfuͤhrt, „primo, in einer widerrechtlichen Verſammlung „von Verſchworenen, eine gegenrevolutionaͤre Ge⸗ „ſchichte erzaͤhlt zu haben, welche dahin abzweck⸗ „te, die Grundſaͤtze der Gleichheit und Freiheit laͤ⸗ „cherlich zu machen, und den alten, unter dem „Namen Koͤnigthum und Religion be⸗ „kannten Aberglauben wieder zu erwecken; uͤber⸗ „fuͤhrt Secundo, ſich Ausdruͤcke bedient zu ha⸗ „ben, welche durch alle guten Sans⸗culottes ver⸗ „worfen ſind, indem er verſchiedene merkwuͤrdi⸗ V 1 4 — n5 „ge Ereigniſſe ſchilderte, namentlich die Befrei⸗ „ung der eidevant Schwarzen von San Domin⸗ „go; uͤberfuͤhrt, tertio, in ſeiner Erzaͤhlung ſtets „das Wort Monsieur und niemals das Citoyen „gebraucht zu haben; endlich quarto, durch be⸗ „ſagte Erzaͤhlung den Umſturz der Republik zum „Beſten der Parthei der Girondiſten und Briſſo⸗ riſten beabſichtigt zu haben. Er verdient den „Tod l Nun, General, was ſagen Sie dazu? Wer⸗ den Sie dieſen Verraͤther noch laͤnger in Schutz nehmen? Koͤnnen Sie jetzt noch anſtehen, dieſen Feind des Vaterlandes der derechinn Stua⸗ zu uͤbergeben? Dieſer Feind des Vaterlandes, erwiederte der General mit Wuͤrde, hat ſich fuͤr daſſelbe ge⸗ opfert, dem Auszug Ihres Rapportes kann ich nur durch den Auszug des meinigen antworten; hoͤren Sie nun ſelbſt: „Leopold d'Auverney, Kapitain in der „52. Halbbrigade, hat den neuen Sieg, welchen „unſere Waffen erhalten, entſchieden. Eine furcht⸗ „bare Redoute, welche die Verbuͤndeten aufgewor⸗ „fen, war der Schluͤſſel ihrer Stellung, und muß⸗ „te daher genommen werden. Der Tod des Bra⸗ „ven, der ſie zuerſt angriff, war gewiß. Haupt⸗ „mann d'Auverney hat ſich geopfert; er nahm „die Redoute, ließ ſich in ihr toͤdten, und wir „ſiegten, der Sergent Thadaͤus der 32. und ein „Hund wurden todt neben ihm gefunden. Wir „ſchlagen dem Nationalkonvent vor, zu dekreti⸗ „ren, daß Kapitaͤn d'Auverney ſich um das Va⸗ „terland ſehr verdient gemacht hat.“ Sie ſehen, Repraͤſentant, fuhr der General mit Nuhe fort, die Verſchiedenheit unſerer Sen⸗ dungen, wir ſchicken beide eine Liſte an den Kon⸗ vent. Derſelbe Name findet ſich auf Beiden, bei Ihnen ſteht er als Verraͤther, bei mir als Held. Sie weihen ihn der Schmach, ich der Un⸗ ſterblichkeit; Sie errichten eine Schandſaͤule, ich eine Trophaͤe; jeder ſeine Rolle. Wohl dieſem Braven, daß er Ihrer Hinrichtung entrann. Gott ſey geprieſen! der, welchen Sie toͤdten wollen, iſt todt, er hat hierzu nicht auf Sie gewartet. — 346— Der Kommiſſaͤr, wuͤthend, ſich ſein Opfer entriſſen zu ſehen, murmelte zwiſchen den Zaͤh⸗ nen: er iſt todt, das iſt ſchade! Der General hoͤrte dieß, und rief voll Un⸗ willen aus:— Noch bleibt Ihnen ein Ausweg, Buͤrger⸗Repraͤſentant des Volks. Laſſen Sie den Leichnam des Hauptmann d'Auverney unter dem Schutt der Redoute aufſuchen, vielleicht haben die feindlichen Kugeln den Kopf deſſelben fuͤr die Gulllotine aufgeſpart. ——— 2* „* 8 8 fffff