— ⸗ e Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 5 von.. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages den angenommen. 8— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir 3 wird. Buches wird von iſt zu 24 Stun⸗ zurückerſtattet 75 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 4 beträgt:. 1 für uagchentlich 2 Bücher: 4 Büchen: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Nk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern dc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer lum Erſatz des Ganzen verp flichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 — 9, SIL. 4„ 5— ͤZͤZöͤZöͤöͤöͤ Skizzen aus Spanien. 5 — n Von B. A. Huber. 3 Dritter Theil. 1 * Bremen, im Muſeum der neueſten Literatur von C. Schuͤnemann. 1833. ͤ 8—— Madrid, Lisboa und die Refugiados in London. Skizzen aus der Geſchichte unſrer Zeit. Von V. A. Huhber. Dritte Abtheilung. L i 3 b d a un d die Refugiados in London. Bremen, im Muſeum der neueſten Literatur von C. Schuͤnemann. 1833. Vorwort. Wir haͤtten zwar als Vorwort zu dieſer dritten und allerletzten Abtheilung des dritten und allerletzten Theils der Skizzen aus Spa⸗ nien gar viel auf dem Herzen, werden aber eben deshalb ſo wenig wie moͤglich ſagen.— Dahin kommt unſer eins heut zu Tage leicht. Was ſoll z. B. ein gewiſſenhafter Autor dazu ſagen, wenn ſogar ſo geiſtreiche Recenſenten, wie der, welcher den 2ten Theil der Skizzen in den Krit. Blaͤttern der Boͤrſen⸗Halle be⸗ ſprochen hat, an der hiſtoriſchen Wirklichkeit unſeres Haupthelden, des großen Barbudo zweifeln und mit ſchlauer Miene meinen, ſie wollen die Sache auf ſich beruhen laſſen? Himmel! dazu giebt man ſich die groͤßte Muͤhe der hiſtoriſchen Wahrheit nirgends auf die VI Vorwort. Fuͤße zu treten— welche bekanntlich in un⸗ ſern Zeiten ſehr empfindlich geworden ſind, wahrſcheinlich von wegen des nahenden Alters mit ſeinen Gebrechen, Podagra u. ſ. w.?— Wenn die Recenſenten uns und der Welt nur den Gefallen thun wollten nicht gar zu ſchlau zu ſein— es waͤre ſchon etwas geholfen. Aber wenn ſie dem ehrlichen Verfertiger der Skizzen nicht auf's Wort glauben moͤgen, koͤnnen ſie nicht— da ſie ja ex oſficio alles wiſſen und geleſen haben— aus den Memoiren des trefflichen Ouvrard— trefflich genug, da er bewieſen, daß ſogar der Papierhandel ſeine Poeſie hat— das Beſte von dem wiſſen, was wir ſelbſt von unſerm Freunde, dem Bar⸗ budo, erfahren, geſehen und berichtet haben? Aber es iſt nicht anders. An allem ſonſtigen Lobe— und die Recenſenten ſind nach ihrer Art ſaͤuberlich genug mit den Skizzen verfah⸗ ren— liegt dem Verfaſſer blutwenig, ſon⸗ dern nur daran, daß man ihm auf's Wort glaube. Grade dazu aber iſt weder das Pu⸗ blicum noch deſſen Vorſchmecker, das Recen⸗ ſentenvolk, zu bringen! So mag ſich denn ein gewiſſenhafter Skizziſt anſtellen wie er — — Vorwort. VII will, er wird nur beluſtigen wo er nur be⸗ lehren wollte. Was huͤlfe es, daß er noch in zwanzig zierlichen Baͤndchen fortfuͤhre die Ele⸗ mente und Verhaͤltniſſe des Spaniſchen Volks⸗ lebens darzuſtellen?— wie es ihm denn ein leichtes waͤre, da er in der That bisher nur einige Proben hier und da herausgegriffen hat. Er wuͤrde nichts damit erlangen, als den leidigen Ruf eines unſerer geiſtreichſten, beliebteſten Novelliſten u. ſ. w.!»Caviar fuͤr die Menge!« ſagt Hamlet. So hat er(d. h. der Verf.) denn jetzt ſchon ſein Amt als Skizziſt reſignirt und uͤbergiebt dem geneig⸗ ten Leſer hier zum freundlichen Abſchied und leidlichen Abkommen das Tagebuch zweier Be⸗ kannten oder wenn man will Freunde, worin durch einen ſeltſamen Zufall— Rec. werden unglaͤubig laͤcheln— einige der Faͤden aus⸗ laufen, die in der erſten und zweiten Abthei⸗ lung angeſponnen wurden. So ſeltſam iſt uͤbrigens der Zufall doch nicht, da der Verf. der Skizzen ſich gleichzeitig mit den Verf. dieſer Tagebuͤcher in Spanien und dann in Portugal und England aufhielt, und wie es dann zu gehen pflegt, manche gemeinſame VIII Vorwort. Bekanntſchaften und Verhaͤltniſſe ſich fanden. Auch ſtellt er nicht in Abrede, daß er die Be⸗ richte ſeiner Freunde— beide ſind laͤngſt nicht mehr— uͤberarbeitet und ſogar Einzel⸗ nes an eignen Bemerkungen eingewebt hat. Suum euique. Sollte der geneigte Leſer dieſe 3te Abtheilung weniger intereſſant und amuͤſant finden als die andern, ſo waͤr' das natuͤrlich ſehr ſchmeichelhaft. Eines Theils naͤmlich wuͤrde dieſer Tadel nicht den Verfaſſer der Skizzen, ſondern ſeine anonymen Freunde, denen kein Zahn mehr weh thut, treffen. An⸗ derſeits ſpraͤch es wieder fuͤr die treue Auf⸗ faſſung eben dieſer Edeln, welche natuͤrlich nicht dafuͤr aufkommen koͤnnen, daß Lisboa und London weniger pikante Gerichte abgeben, als Granada, Sevilla, Valencia, Madrid, Toledo, Navalcarnero u. ſ. w. Bruchſtuͤcke eines Tagebuchs a u s8 Lisboa. Dieſen Morgen hier angekommen, kann ich Ihnen, lieber Freund, über dieſe Stadt und ihre Bewohner noch nichts berichten, als al⸗ lenfalls, daß der erſte Anblick derſelben in meinen Augen das portugieſiſche Sprichwort vollkommen rechtfertigt, welches ſagt: Quem näo tem visto à Lisboa Näão tem visto cousa boa.— Dagegen aber bin ich Ihnen den Bericht ei⸗ nes Abentheuers ſchuldig, welches mir noch kurz vor meiner Ankunft hier begegnet; und eigentlich freilich nur erſt ein Stückchen Aben⸗ theuer iſt, aus dem jedoch immer etwas wer⸗ den kann. Geſtern bald nach Mitternacht ſchifften wir uns in Aldea Gallega auf einer Falua ein. Das leiſe Flüſtern der Wellen; über welche ein ſchwaches Lüftchen uns ſanft hin— zter Thl. III. Abth. 1 2 Skizzen aus Spanien. gleiten ließ— das Funkeln der Sterne am Himmel und ihr zitternder Widerſchein in dem leicht gekräuſelten Waſſerſpiegel— die ſonder⸗ baren ſchwankenden Dunſtgeſtalten, welche die nahende Morgendämmerung aus den Fluthen hervorlockte— der einförmige klagende Geſang des portugieſiſchen Matroſen, der am Steuer ſtand, hatten mich in einen, dem ſeinigen ziem— lich ähnlichen halbträumeriſchen Zuſtand ver⸗ ſetzt. Aus den einzelnen Sätzen, welche er mit öftern Wiederholungen und Unterbrechun⸗ gen vorbrachte, gelang es mir indeſſen, fol⸗ gende Modinha zuſammenzuſetzen, die ich Ih⸗ nen zu beliebigem Gebrauch mittheile: Vai pensamento Vai procurar Quem seja amante Quem sabe amar. Mas se encontrares Torna voltar; Vem, vem depressa Noticias dar. In den Träumereien, welche dieſe ein— fachen Töne und Worte anregten, wurde ich nach einer Weile durch ein Geflüſter geſtört, Skizzen aus Spanien. 3 welches ich nicht weit von mir vernahm, und wovon ich endlich deutlich die etwas lauter ausgeſprochenen Worte verſtand: ger iſt es ohne Zweifel, und diesmal ſoll er uns nicht entgehen.“ Die Worte hatten an und für ſich einen beunruhigenden Sinn, die Stimme ſelbſt ſchien mir nicht unbekannt. Ich rich⸗ tete mich auf und wandte mich nach der Seite, woher ſie gekommen war. Zwiſchen Fäſſern, Holzbündeln, Säcken, womit der Raum des Fahrzeuges ausgefüllt war, lagen mehre Män⸗ ner, Weiber und Kinder umher, wie eben je⸗ der eine bequeme Stelle für die kurze Ruhe gefunden oder ſich bereitet hatte. Alle ſchie⸗ nen feſt zu ſchlafen, nur wollte mir ſcheinen, daß zwei Männer, die nicht weit von mir la⸗ gen, ſich eben erſt im Augenblick, da ich mich umwandte, zurückgelegt hätten, und mehr wie nöthig ſchnarchten. Sie waren in braune Mäntel gehüllt, und unter dem einen ſchien mir etwas hervorzuglänzen, was der Mündung eines Trabuco ähnlicher ſah, als mir lieb war. Ich zweifelte keinen Augenblick daran, daß ſich die Worte, die ich gehört hatte, auf meinen Reiſegefährten bezogen und weckte ihn daher 1* 4 Skizzen aus Spanien. ſogleich aus dem tiefen Schlummer, den er ſeit mehren Nächten zum erſtenmal genoß. Bei näherer überlegung fanden wir jedoch Beide, daß es nicht rathſam ſei, für den Au⸗ genblick irgend etwas zu unternehmen, da wir durchaus nicht wußten, wie die uns umgeben⸗ den wirklichen oder ſcheinbaren Schläfer ſich gegen uns verhalten würden, im Fall wir An⸗ laß zu einem Streit gäben. Wir beſchloſſen daher, ſo viel wie möglich, ein Auge auf die beiden Leute zu haben, die uns zu dieſer Un⸗ ruhe Anlaß gegeben hatten. Die Morgendämmerung war indeſſen her⸗ angebrochen. Am Himmel ſchimmerten nur noch matt einige Sterne; hinter uns röthete ſich der öſtliche Himmel und warf ſeinen Wie⸗ derſchein auf die dunkle Fluth. Schon glühte in den erſten Sonnenſtrahlen die alte Burg von Palmella, die einen der felſigen Gipfel krönt, welche ſüdlich in einem weiten Halb⸗ ereis das Becken des Tajo umgeben. Vor uns bedeckte eine dichte, weiße Nebelwand das nördliche Ufer. Bald überflog ein roſenrother Schimmer dieſe dichten Maſſen, und ſo wie ſie vor dem ſiegenden Strahl der Sonne ſich Skizzen aus Spanien. 5 zertheilten und aufrollten, breitete ſich die herrliche Stadt des Odyſſeus, das Ufer, die Schiffe vor unſern Blicken aus. Anfangs warfen hier und da, durch die Riſſe des Ne⸗ belvorhangs, einzelne Fenſter wie Sterne, die Strahlen der Morgenſonne zurück. Dann traten allmälig die höchſten Punkte der Stadt, das Kaſtell Säo Jorge, mehre Klöſter, Kir⸗ chen und Palläſte frei und glänzend aus dem Nebelmeer hervor, welches hin und herwogend, ſie auf Augenblicke doch wieder ganz zu ver⸗ ſchlingen drohte. Bald aber ſiegte der Tag. In ſtufenweiſer Erhöhung traten, von Gärten und Baumgruppen unterbrochen, die gewalti— gen weißen Häuſermaſſen hervor, und da und dort ſtrahlten ganze Reihen großer Fenſter ei⸗ ner Kirche oder eines Pallaſtes, gleich Wän⸗ den rothen Goldes, die am wolkenloſen Him⸗ mel emporſteigende Sonne zurück, während dieſe, theils urſprünglichen, theils erborgten Lichter und Farben ſich in tauſendfacher wech⸗ ſelnder Brechung, in dem durch einen friſchen Morgenwind bewegten Meerbuſen ſpiegelten. Rechtshin breiteten ſich, zwiſchen Orangengär— ten und Weingeländen halbverſteckt, weiße Land⸗ H 6 Skizzen aus Spanien. häuſer, Klöſter und Kapellen aus, in faſt un— unterbrochener Reihe die benachbarten Orte Sacavem, Bellas u. ſ. w. mit der Stadt ver⸗ bindend. Weiterhin und darüber hinaus er⸗ heben ſich die waldigen Hügel, in welchen, als einem Theil der Linien von Torres vedras, einſt die Siegesfluthen napoleoniſcher Heere ſich brachen. Links zieht ſich die Vorſtadt Belem (Bethlehem) am Strande hin, bis wo die Torre de Säo Julido und die ſchimmernden Segel ein⸗ oder auslaufender Schiffe den Eingang der Bay, die ſogenannte Barre bezeichnen. Bald befanden wir uns mitten unter Fahrzeugen jeder Größe, Bauart und Flagge, welchen, trotz ihrer großen Anzahl, die weite Bucht, der treffliche Ankerplatz, hinreichenden Raum ließen, um ſich von den verſchiedenſten Seiten in ihrer ganzen zweckmäßigen Anmuth zu zeigen, während ſie, der Ebbe folgend, ſich langſam, leiſe gewiegt, gleichſam in freiwilli— ger Behäglichkeit um ihre Anker drehten.— Die Menge der neuen Gegenſtände, die unſre Blicke auf ſich zogen, hatte unſre Aufmerkſam⸗ keit einen Augenblick von unſern nächſten Um- gebungen abgezogen, und als wir uns wieder Skizzen aus Spanien. 7 nach unſern beiden Verdächtigen umſahen, wa⸗ ren ſie verſchwunden. Auf unſere Fragen ant⸗ wortete der Schiffer mit mancherlei Ausflüch⸗ ten, es ſeien ſo eben einige ſeiner Paſſagiers in einem Nachen geſtiegen, der ihnen wahr⸗ ſcheinlich entgegengeſchickt worden ſei— ſie hätten wohl Gründe, einer nähern Bekannt⸗ ſchaft mit den Zoll⸗ und Polizeibeamten am gewöhnlichen Landungsplatz auszuweichen— übrigens hätten ſie ihre überfahrt richtig be— zahlt und er habe ſich weiter nicht um ſie zu bekümmern.—„Jeder für ſich und der liebe Gott für Alley— ſchloß der vorſichtige Alte— «iſt's gefällig, zur guten Stunde ans Land zu ſteigen, Senhores?» Der terreiro do paço, wo wir landeten, und die benachbarten Straßen und Plätze, die ſich längs dem Fluß und am Fuße der Hügel ausbreiten, auf denen der größte und ältere Theil der Stadt ſich erhebt, ſind ein würdiges und charakteriſtiſches Denkmal der Herrſchaft des, wenn auch viel zu ſehr erhobenen, doch immer großen Pombal, der vergeblich durch miniſteriellen Despotismus zu erzwingen ſuchte, was nur der Freiheit möglich iſt: Befreiung —— 8 Skizzen aus Spanien. ſeines Vaterlandes von den Leiden der Mönchs⸗ und Höflingsherrſchaft. Nach dem großen Erd⸗ beben erhoben ſich, wie durch Zauber, unter ſeinem raſtlos thätigen, nichts ſchonenden Treiben dieſe Gebäude. Impoſant, mehr durch Maſſe als durch Styl, entbehren ſie in kaſer⸗ nenartiger Eintönigkeit, des wechſelnden Aus⸗ drucks individueller Neigung und Bedürfniſſe, durch lokale Bedingungen beſtimmt, welche das freiere Volksleben des Mittelalters den Woh⸗ nungen der Bürger in höherem Grade ver⸗ liehen hat, als die noch größtentheils durch Syſtemen und Theorieen uniformirte Freiheit der neuern Zeit es kann, beſonders wenn die Geſchmackloſigkeit des ins Große ausgebildeten Induſtrialismus ſich dazu geſellt. Pallaſt⸗ ähnliche, gleichförmige Gebäude umſchließen drei Seiten des ungeheuren Terreiro; die vierte Seite bildet ein Quai am Hafen hin; ſo daß in einer Entfernung von wenigen Schritten die größten Fahrzeuge vor Anker liegen kön⸗ nen. Auf der entgegengeſetzten Seite des Platzes öffnen ſich drei breite, grade, einförmig und durch Maſſen prachtvolle Straßen: in der Mitte die Rua auguſta, zu beiden Seiten die Skizzen aus Spanien. 9 Rua da prata und Rua do ouro. Die Rua auguſta führt auf den großen Platz do Rocio zu, wo ein angefangenes Monument zu Ehren der neuen Conſtitucion ſich, der brongenen Reiterſtatue König Joſeph II. gegenüber, er⸗ hebt, welche mitten auf dem texrreiro do paco*) ſteht. Statt mich ohne Zeitverluſt hier weiter umzuſehen und die nothwendigſten Beſuche zu machen, ſahe ich mich gezwungen, mich vor al⸗ len Dingen dem Schneider, Schuſter, Krämer, Friſeur und dergleichen leidigen Gäſten in die Hände zu liefern. Ein Bekannter und Lands⸗ mann, der ſich hier zu meinem Mentor auf⸗ geworfen hat, verſichert auf's beſtimmteſte, in dem Aufzuge, den ich vorhin nicht ohne eini⸗ ges Selbſtgefühl aus meinem Mantelſack zog, mit dem ich noch in Badajoz in den beſten Tertullas, wie ich mir ſchmeicheln darf, ſehr zu meinem Vortheil mich gezeigt— mit die— *) Terreiro do paço heißt ſo viel als Terraſſe des Pal⸗ laſtes, von dem hier ſtehenden Juſtizpallaſt. Anm. b. H. 10 Skizzen aus Spanien. ſen Gewändern könne ich mich hier nicht auf der Straße ſehen laſſen, geſchweige denn in honnetter Geſellſchaft als Gentleman produci⸗ ren. All meine Einwendungen halfen nichts, und er weigerte ſich gradezu, ſich irgendwo mit mir ſehen zu laſſen, bevor ich mich einiger— maßen civiliſirt, das heißt hier zu Lande, ang— liſirt habe. Die Menge von Fashionables beiderlei Geſchlechts, welche ich von meinem Fenſter aus vorübergehen ſah, und in deren Kleidung ich alte Bekannte aus Bondſtreet (drei Jahre rückwärts!) wiederzuerkennen glaub⸗ te, hätten mich freilich ſchon belehren können, daß ich hier gleichſam in einer brittiſchen Pro⸗ vinz oder Colonie bin— und ſo werde ich mich denn in mein Schickſal fügen und mit den Wölfen heulen müſſen. Die Friſt bis zum Ablauf meiner Modequarantaine benutze ich theilweiſe, um Ihnen einige der aphoriſti— ſchen Bemerkungen und Betrachtungen mitzu⸗ theilen, welche ich auf dem Wege hierher in mein Tagebuch eingetragen habe.). *) Die allgemeinen Bemerkungen dieſes Tagebuchs be⸗ ziehen ſich zwar zum Theil lediglich auf die damali⸗ gen Verhaͤltniſſe, doch duͤrften ſie das Verſtaͤndniß Skizzen aus Spanien. 11 Auch Eſtremadura muß man geſehen ha— ben, um über Spanien urtheilen zu können, und wer es geſehen hat, wird einen Grund mehr finden, ſich vor den alles und nichts ſa⸗ genden allgemeinen Urtheilen und Charakteri⸗ ſtiken dieſes Landes— und in der That aller andern Länder— zu hüten. Dieſe Provinz hat wieder einen ganz eigenthümlichen Cha⸗ rakter. Grüne Wieſenhügel, mit Gruppen alter Stacheleichen und Korkulmen— mit klaren Teichen und Waldſtrömen— hier und. da ſeltſam zuſammengewürfelte Felstrümmer— in der Ferne in verſchiedenen Richtungen blaue, zackige, kahle Gebirgszüge(Sierras). Der Menſchenſchlag iſt außerordentlich ſchön. Viel ſchlanker als in Caſtilien, auch die Geſichts⸗ form weniger breit, die Backenknochen weniger hervorſtehend, die Stirne ſchmal und hoch. Der ganze Ausdruck ſeltſam, melancholiſch, ei⸗ genſinnig. Die Augen auffallend ſchön ge⸗ ſchnitten, haben bei allem Feuer doch etwas der gegenwaͤrtigen, im allgemeinen ſo wenig ver⸗ ſtandenen Criſe in Portugal erleichtern, weshalb wir ſie dem Leſer nicht ganz vorenthalten wollen. Anm. d. H. 12 Skizzen aus Spanien. ſonderbar verſchleiertes, träumeriſches— ro⸗ mantiſches könnte man ſagen, wenn man ge⸗ nau wüßte, was man ſich dabei denken ſoll, oder vielleicht eben weil man das nicht weiß. Jedenfalls wundert es mich gar nicht, daß die Eſtremeños in den ältern Schriftſtellern und in der Geſchichte Spaniens meiſtens eine phan⸗ taſtiſche, abentheuerliche Rolle ſpielen. Der Zeloſo Eſtremeno iſt unſterblich wie alles, was die Hand des großen Cervantes berührt hat, und auf den erſten Blick könnte es befremden, daß er nicht der Blüthe und Sahne der fah⸗ renden Ritterſchaft, dem Inbegriff und Mu⸗ ſterbild thörichter Weisheit und weiſer Thor⸗ heit, ſtatt der Mancha, Eſtremadura zum Va⸗ terland gegeben hat. Abgeſehen aber von den ſpeciellen Gründen, die ihn dazu bewegen konnten, zeigt es ſich bei einigem Nachdenken, wie ſehr er auch hierin der Natur und Wahr⸗ heit treu blieb. Denn eben in der Mancha, wo Gutmüthigkeit mit Eigennutz, Ehrlichkeit mit Schlauheit, Einfalt und Beſchränktheit mit Mutterwitz vereint, wo vor allen Dingen der derbe, geſunde Menſchenverſtand mehr denn irgendwo ſonſt zu Hauſe iſt— eben hier konn⸗ Skizzen aus Spanien. 13 ten und mußten ſich die Keime der Thorheit des edeln Ritters als Gegenſatz auf's trefflichſte entwickeln, während ſie in Eſtremadura, eben weil ſie etwas von dem Charakter hat, welcher den Bewohnern dieſer Provinz im allgemeinen eigen iſt, eben deshalb ſchwerlich hätte gedei— hen können. Der abentheuerliche Sinn der Eſtremeños fand überdies ſehr früh einen paſ⸗ ſenden praktiſchen Wirkungskreis in der neuen Welt, und Eſtremadura rühmt ſich, die aus⸗ gezeichnetſten unter den Conquiſtadoren erzeugt und genährt zu haben, die Cortes, Pizarros, Almagros, Balboas, Alvarados u. a. m. Auch iſt Eſtremadura reich an Denkmälern, durch kühne Tapferkeit oder Glück ſchnell entſtande⸗ ner und durch abentheuerliche Verſchwendung oder träumeriſche Trägheit wieder zerſtörter Größe und Pracht. Trujillo beſonders macht einen ganz eigenthümlichen Eindruck auch in dieſer Hinſicht. Die Stadt erſcheint als eine übereinandergethürmte, verworrne Maſſe von Felſen und mittelalterthümlichen Ruinen, al⸗ ler Art Kirchen, Burgen, Palläſte. Dieſe ſind größtentheils aus der Zeit der Eroberung von Amerika, und von ſolchen erbaut, die ſich 14 Skizzen aus Spanien. dort oft von niederem Stande ſchnell zu Reich⸗ thum und Anſehen emporſchwangen und Ma— jorate und Titel gründeten. Vor allen zeich⸗ net ſich der Pallaſt der Marqueſes de la Con—- quiſta aus, aber nicht blos durch Größe und Bauart, ſondern auch dadurch, daß der Fleiſch⸗ ſcharren einen Theil des untern Stockwerks einnimmt. Das heißt ungefähr ſo viel, als wenn man einem deutſchen Baron zumuthete, dem Scharfrichter ſein Parterre einzuräumen; denn das Fleiſcherhandwerk gilt im ſüdlichen Spanien für unehrlich. Dieſe ſeltſame Ano⸗ malie erklärt eine Sage folgendergeſtalt. Der erſte Marques de la Conquiſta, der dieſen Ti— tel wegen ſeiner Heldenthaten bei der Erobe— rung von Mejico erhalten, habe ſo große Reich⸗ thümer erworben, daß er aus übermuth ſei— nen Pallaſt mit ſilbernen Ziegeln habe decken laſſen. Zu ſeiner Demüthigung aber habe der König ihn gezwungen, einen ſo unſaubern Gaſt unter dieſem Dach aufzunehmen. Tru⸗ jillo ward— um noch eine Merkwürdigkeit des Ortes anzuführen— in Eſtremadura das Haupt⸗ quartier der Störche genannt. Wirklich ſchie⸗ nen ſie ſich aus der ganzen Halbinſel— um Skizzen aus Spanien. 15 nicht mehr zu ſagen— hier verſammelt zu haben, und umſchwärmten und bedeckten in Wolken wie Krähen die alten Thürme der Stadt. Auch iſt, was die Verproviantirung betrifft, der Punkt ſehr gut gewählt, denn in allen Waldthälern und Schluchten der Umge⸗ gend ſind kleine Teiche, nach denen und von da zurück man die Fouragierpartheien ſehr re⸗ gelmäßig ziehen ſieht. Eſtremadura iſt von allen ſpaniſchen Pro⸗ vinzen, im Verhältniß zu ihrem Flächeninhalt, am ſchwächſten bevölkert, und man reiſ't halbe Tage lang durch den Monte— dies iſt der eigentliche Ausdruck für dieſe Art von dünn— bewaldetem Hügelland— ohne auf andre Spuren von menſchlicher Thätigkeit zu ſtoßen, als einzelne Kohlenmeiler, oder die Hütten der göttlichen Sauhirten, von ungeheuern Hun⸗ den bewacht. Um ſo auffallender iſt der Ein⸗ druck, den es macht, wenn man unerwartet zwiſchen eine der Merinosheerden geräth, welche im Frühjahr nach den Gebirgen von Altkaſti⸗ lien und im Herbſt wieder nach dem ſüdlichen Eſtremadura zurückwandern. In endloſen, dichten weißen Schaaren ziehen ſie durch die 16 Skizzen aus Spanien. ſchattigen Weidegründe dahin, und Schäfer und Hunde ſcheinen mehr zu ihrem Schutz, als zu ihrer Leitung beſtimmt— ſo genau folgen ſie der wohlbekannten Bahn durch Wald und Feld, über Felſen und Sand, Gebirge und Ebene. Die Privilegien der Meſta(Cor⸗ poration der Beſitzer der Merinoheerden) ſichern ſie davor, daß kein umzäuntes Feld ſie aufhal— ten kann.— Sonderbarer Weiſe finden ſich in keinem andern Theile Spaniens ſo viele Beweiſe des Reichthums, des trefflichen Anbaus und der zahlreichen Bevölkerung der Halbinſel unter der römiſchen Herrſchaft, als grade in Eſtre— madura. Vieler anderer überreſte römiſcher Straßen, der herrlichen Brücken von Almaraz, Alcantara und Badajoz nicht zu gedenken, erinnert die ſogenannte Via de la plata, wel⸗ che auch jetzt noch von Zafra über Merida, Caceres und Oropeſa befahren wird, an die Wichtigkeit der Bergwerke, wodurch Spanien der alten Welt das war, was Amerika ſeitdem durch Spanien geworden iſt. Als Hauptſitz der römiſchen Macht in dieſen Gegenden iſt auch jetzt noch Merida(Auguſta emerita) leicht Skizzen als Spanien. 17 zu erkennen, durch die Menge, Großartigkeit und Mannigfaltigkeit der überreſte römiſcher Bauwerke, Tempel, Befeſtigungen, Bäder, Waſſerleitungen, Amphitheater, Naumachien, Brücken und Straßen, ſowohl in der Stadt ſelbſt als in der Umgegend. Der römiſche Circus erfüllt noch bis auf dieſen Augen— blick die Abſicht der Erbauer, indem er zu Stiergefechten dient. Ein merkwürdiges Bei— ſpiel der Feſtigkeit römiſcher Bauten gab die Brücke, welche mit 15 Bogen über den Guad⸗ iana führt. Ein plötzliches, unerhörtes An⸗ ſchwellen des Stroms, deſſen wüthende Wellen hoch über die Bruſtwehr der Brücke geſtiegen und das ganze benachbarte Land überſchwemmt hatten, untergrub auch einen der Pfeiler der Brücke, welcher einſtürzte. Dennoch blieben die Bogen zu beiden Seiten und die Brücke ſelbſt unverletzt, und die ſchwerſten Laſtwagen fuhren ungeſcheut darüber weg. Nach der Portugieſiſchen Gränze zu und beſonders in der Gegend von Badajoz, wird das Land wieder kahl und dürr, und Badajoz ſelbſt fehlt es ſo ſehr an Bäumen, daß die lange römiſche Brücke über den Guadiana und 3ter Thl. III. Abth. 2 18 Skizzen aus Spanien. der bedeckte Weg nach dem Fort San Chriſto⸗ val den Einwohnern als Paſeo dienen muß. Die Feſtungswerke tragen übrigens noch alle Spuren der wiederholten Belagerungen und Eroberungen, welche Badajoz in dem letzten Kriege erlitten hat. Selbſt die Hauptbreche, wodurch 1812 die Engländer in die Stadt drangen, iſt noch nicht wieder ausgefüllt— und dennoch können die Franzoſen in acht, vierzehn Tagen vor den Thoren ſein! übri— gens kann man die Berichte der Bewohner über das damalige Betragen der Engländer nicht wohl anhören, ohne von neuem und zum hundertſten und tauſendſten Mal mit Stau⸗ nen und Bewunderung darüber nachzudenken, wie dauerhaft der letzte und vorherrſchende Eindruck welthiſtoriſcher Begebenheiten in den Anſichten der Menſchen iſt, und bis zu wel— chem Grade⸗Heuchelei und Unwahrheit der Geſchichtsſchreiber aller Art und Größe bis zu dem zahlreichen, bunten Geſchlecht der Ephe⸗ meren hinunter, zur Gewohnheit werden und beim Publikum eine ähnliche Gewohnheit er⸗ zeugen kann. Es iſt ſchwer zu ſagen, wie lange die endlich ſiegreichen Gegner und zum Skizzen aus Spanien. 19 Theil Erben der franzöſiſchen Revolution und des Kaiſerreichs noch mit Zuverſicht und Vor⸗ theil auf das wahrhaft lächerliche und doch ſo allgemein und unbedingt als Axiom angenom⸗ mene Vorurtheil werden ſpeculiren können, daß es nur an Napoleon gelegen hätte, jeden Augenblick Europa den Frieden zu geben oder zu erhalten— daß die Kriege, die er geführt, lediglich Folgen ſeiner Kriegs-, Herrſch- und Ruhmſucht, ſeiner univerſal⸗monarchiſchen Pläne waren— daß er mit Öſtreich, mit England, mit Preußen, mit Rußland, mit Spanien Krieg angefangen, wie man etwa ſagt: jetzt will ich ein Glas Waſſer trinken, weil es mir eben ſo einfüllt— daß alle andern Mächte fortwährend keinen andern Wunſch gehegt, als das Wohl der Menſchheit, ohne die geringſte Rückſicht auf eigne Vergrößerung, keine an— dern Geſinnungen, als Friedfertigkeit, Treue und Redlichkeit— daß Kriege erſt ſeit der Revolution und nur durch die Franzofen mit Verwüſtungen, Bedrückungen und Unmenſch⸗ lichkeiten aller Art geführt worden ſind. Was die übrigen Punkte betrifft, ſo habe ich hier weiter nichts damit zu ſchaffen; aber, in der 9*½ 20 Skizzen aus Spanien. That, wenn man ſieht, wie politiſche Verhält⸗ niſſe beurtheilt werden— wie auf der einen Seite alles löblich, billig und natürlich er— ſcheint, während man auf der andern mit al⸗ ler Pedanterie philoſophiſcher oder religiöſer Moral oder mit aller Heftigkeit der Senti— mentalitäten aller Art verdammt und verab⸗- ſcheut, ſo ſollte man meinen, Weiber oder Knaben wären unſre Geſchichtſchreiber. Bei den meiſten iſt dieſe Art von Unredlichkeit und Heuchelei allerdings unbewußt und naiv ge— nug, und eine Folge des Mangels an Bekannt⸗ ſchaft mit dem Leben, bei andern iſt es Folge des Bedientengeiſtes, der von obenher zu allen Zeiten, niemals aber ſo ſehr wie jetzt begün— ſtigt wurde. Andre freilich, z. B. der Erz⸗ vater der diplomatiſch-hiſtoriſchen Lügen, oder vielmehr halbſeitigen Wahrheiten, Herr v. Genz, wiſſen wohl was ſie thun.— Was den letz⸗ ten Punkt betrifft, ſo könnten Badajoz und San Sebaſtian die heuchleriſche Selbſtzufrie⸗ denheit der Schriftſteller und der öffentlichen Meinung in England und deren Nachbeter auf dem feſten Lande beſchämen, wenn beide in England oder anderswo überhaupt dieſer Skizzen aus Spanien. 21 Art von Scham fähig wären. Nirgends ha⸗ ben die Franzoſen in Spanien ärger gehauſ't mit Feuer und Schwerdt, Plündern, Morden und Schänden, ohne Rückſicht auf Alter, Stand und Geſchlecht, als die Engländer in dieſen beiden Städten, deren Bewohner, ihre Freunde und Bundsgenoſſen, ſie als Retter und Befreier von dem Joche der fremden Kriegs⸗ herrſchaft erwarteten und empfingen. Wer wird läugnen, daß die Franzoſen in Spanien und Portugal ebenfalls oft wahrhaft türkiſch, ja tartariſch gehauſ't haben? Aber wer kann läugnen, daß, ſoweit es die Natur der Sache irgend zuließ, eben ſo große Grauſamkeiten von Seiten der Spanier gegen die Franzoſen und Afranceſados ausgeübt wurden. Auch iſt es gar nicht zu vermeiden, daß bei einem Volkskriege die gegenſeitig wechſelnde Steige⸗ rung von Beleidigung und Rache zwiſchen ei⸗ nem, bis zum Fanatismus aufgeregtem Volk und einem erbitterten, mißtrauiſchen Heer, welches gewohnt Heere zu bekämpfen, den Widerſtand des Volks an und für ſich als eine Anmaßung anſieht, die durch militairiſche Executionen und Schrecken verhindert und be⸗ 22 Skizzen aus Spanien. ſtraft werden muß, eine ſolche Höhe erreicht, daß jeder Theil das Recht verliert, ſich über den andern zu beklagen. Der Grad der Bar⸗ barei, den ein ſolcher Kampf annimmt, hängt dann lediglich von der Dauer und Ausdehnung deſſelben ab, und die neuere Geſchichte hat kein Beiſpiel eines Volkskriegs, der an Dauer und Ausdehnung, und alſo an Steigerung der Erbitterung und Grauſamkeit von beiden Sei⸗ ten und an Zahl und Größe der Opfer irgend mit dieſem Kriege zu vergleichen wäre. Son⸗ derbar genug nähert ſich die Anſicht der Mehr⸗ zahl aus allen Ständen in Spanien weit mehr einer hiſtoriſchen Anſicht über dieſe Begeben— heiten, als in irgend einem andern Lande der Fall iſt. Man giebt zu, daß Spanier und Franzoſen ſich gegenſeitig nichts ſchuldig ge— blieben ſind und nichts vorzuwerfen haben, und daß es nicht anders ſein konnte;«was wollt ihr?— wir waren nun einmal Feinde,“» heißt es dann gewöhnlich zum Schluß. Daß dagegen die Engländer und das Andenken an ſie aus jener Zeit im Ganzen weit verhaßter ſind, als das der Franzoſen, zeigt ſich zum Theil freilich in ſehr unbilligen und ungegrün⸗ Skizzen aus Spanien. 23 deten Vorwürfen, und es werden ihnen nicht ſelten Gewaltthätigkeiten und Verwüſtungen zur Laſt gelegt, die ſie entweder gar nicht be— gangen haben, oder die durch militairiſche Gründe vollkommen gerechtfertigt werden mö⸗ gen. Aber auch an ſehr begründeten Klagen der Art fehlt es nicht, und neben Fällen von beſtialiſcher Zügelloſigkeit, wie bei der Ein⸗ nahme von Badajoz und San Sebaſtian, fin⸗ den ſich andre, wo die kälteſte überlegung und Berechnung des Intereſſe der Seeherrſchaft und der Induſtrie ſich kaum verkennen läßt, und jedenfalls haben die Spanier nicht Un— recht, bitter hinzuzuſetzen: und das thaten unſre Bundsgenoſſen. Dazu kommt noch die, theils aus Nationaleitelkeit, theils aus Un⸗ wiſſenheit und der Unfähigkeit, ſolche Verhält⸗ niſſe zu beurtheilen, entſpringende gränzenloſe Unbilligkeit der Engländer, wenn von dem Antheil die Rede iſt, den die Spanier an dem ſiegreichen Ausgang des Kampfes gehabt haben, und die lächerlichen Prahlereien von der Groß⸗ muth der brittiſchen Retter und Befreier, als wenn England nicht in Spanien, wie überall, lediglich ſeine eignen Intereſſen verfochten Skizzen aus Spanien. hätte, und als wenn(abgeſehen von den ſpä⸗ ter geſtellten Rechnungen) der freie Han⸗ del mit den Colonien nicht allein für alle Auslagen Englands zehnfachen Erſatz gegeben hätte. Es iſt ſchwer zu ſagen, wem mehr an dieſem Bündniß gelegen war und ſein mußte, England oder Spanien;— daß England für die Zukunft die größten Vortheile daraus gezogen hat, leidet keinen Zweifel, und jedenfalls giebt es mit Recht nichts beleidigenderes und krän⸗ kenderes für ein Volk, als wenn ein andres Volk ihm ſeine Großmuth vorrückt und Dank⸗ barkeit fordert. Den entſcheidendſten Antheil, den die Engländer an jenem Kampfe nahmen, haben die Spaniſchen Schriftſteller zu allen Zeiten offen und edel anerkannt, und die Ver⸗ dienſte des brittiſchen Feldherrn hat die ſpa⸗ niſche Nation durch ihre Repräſentanten reich⸗ lich belohnt. Doch genug und zu viel davon. Der erſte Eintritt von Spanien nach Portugal auf dieſer Seite iſt, was das An— ſehen des Landes betrifft, zum Vortheil Por⸗ tugals. Elvas liegt auf einer Höhe, deren Abhänge mit herrlichen Kaſtanien und Eichen und hier und da mit freundlichen Gärten in Skizzen aus Spanien. 25 voller Pracht der Frühlingsblüthe und Belau⸗ bung bedeckt ſind; die Feſtungswerke, welche den Gipfel krönen, ſo wie die der benachbar⸗ ten Forts Santa Lucia und Lippe, ſind im be⸗ ſten Zuſtande und täuſchen keinesweges die Erwartung, welche man ſich von einer der be⸗ deutendſten Feſtungen Europa's oder doch der Halbinſel macht. Alles dies fällt um ſo mehr in die Augen, wenn der Blick hinüber auf das kahle braune Hügelland des angränzenden Spaniens fällt, und auf Badajoz, deſſen zum Theil noch mittelalterlichen Feſtungswerke eher wie eine düſtere Ruine ſich am Horizont er⸗ heben. Auch was ſonſt noch zu dem militäriſchen ensemble gehört, trägt denſelben Charakter, und während man die ſpaniſchen Truppen der Beſatzung von Badajoz leicht für Räuberhau⸗ fen oder ſonſtiges Geſindel halten könnte, hat bei der Beſatzung von Elvas Uniform, Waf⸗ fen und Haltung im Dienſt einen durchaus britiſchen Anſtrich und Charakter.— Jenſeits Elvas hört freilich ſehr bald der Vergleich auf, zu Gunſten Portugals auszu⸗ fallen. Das Land erſcheint als eine unabſeh⸗ bare braune Haide, durch welche ſich einige 26 Stizzen aus Spanien. felſige Gebirge hinziehen, auf deren vorſprin— genden Zweigen hier und da die Trümmer der theils mittelalterlichen, theils neuern Feſtungs⸗ werke von Alcravizas, Eſtremoz, Evora, Vil⸗ lavicioſa, Barbacena, Montemor u. ſ. w. ſich erheben. Nur die Thäler der Gebirge zeigen oft ſehr freundlichen reichen Anbau, überraſchend durch den Gegenſatz mit den ſchroffen Felſen, den düſtern Ruinen und der öden Haide.— So wie man ſich dem Ausfluß des Tajo nä⸗ hert, wird das Land noch öder und faacher, und die ſogenannten ventas de Pegues lie⸗ gen in einer Gegend, welche man leicht für die Lüneburger Haide halten könnte. Nach Aldea Gallega, dem Orte, wo man ſich ein⸗ ſchifft, um queer über die Bay nach Lisboa zu fahren, führt der Weg durch Sanddünen und Kieferngehölz⸗ Was die Menſchen betrifft, ſo iſt gleich der erſte Eindruck den Portugieſen nicht gün⸗ ſtig. An die Stelle des ernſten, derben, et— was brüsken— es ſollte mir lieb ſein, einen entſprechenden deutſchen Ausdruck zu finden— und doch zugleich anſtändig⸗höflichen, leichten und herzlichen, gemüthlich-bequemen Weſens, Skizzen aus Spanien. 27 welches die ſpaniſche Sprache mit dem ihr (wie dem Nationalcharakter die Sache) ei⸗ genthümlichen Ausdruck franqueza bezeichnet, tritt hier entweder eine fratzenhafte, manda⸗ rinenmäßige Feierlichkeit und Einſylbigkeit, oder eine übermäßige, mit Händen und Füßen fechtende, ſchreiende, heftig ohne Leidenſchaft, beweglich ohne Anmuth, zudringliche demon⸗ ſtrative Lebendigkeit. Auch die Sprache trägt vieles zu dieſem unangenehmen Eindruck bei. Die ſpaniſche Sprache iſt beſonders in ihren Endigungen ſo voll und weich, wie keine an⸗ dre europäiſche, und zwingt unwillkührlich zu einer gewiſſen gehaltenen Würde im Spre⸗ chen, welche dem Ausdruck des Humors, des Ernſtes und der Leidenſchaft ſo günſtig iſt, während ſie leeres, leichtes, fließendes, nichtsſa⸗ gendes Geſchwätz faſt unmöglich macht. Der oft wiederkehrende harte Kehllaut mag das ungewohnte Ohr verletzen, aber für den Ge⸗ ſammteindruck erſcheint er bald eher vortheil⸗ haft, indem er dem Nachtheil zu großer Weich⸗ heit durch eine gewiſſe Schärfe entgegen wirkt, gleichſam wie ein ſtarkes Gewürz. Die por⸗ tugieſiſche Sprache hat dagegen neben dem 28 Stizzen aus Spanien. häufigen Naſenlaut, ohne Zweifel der widrigſte den es geben kann, weil er ein Baſtard von Vocal und Conſonanten iſt, eine ſolche Menge von nicht ſowohl weichen als weichlichen und auch von ziſchenden Conſonanten, und ver⸗ ſchluckt in den Endſylben die Vocale ſo völlig, während ſie beſonders das e im Anfang und in der Mitte ſo grell und breit ausſpricht, daß daraus eine Leichtigkeit, ja eine unwider⸗ ſtehliche Verſuchung entſteht, die verfließenden Endigungen an den Anfang des folgenden Wortes zu knüpfen, woraus, ehe man ſich's verſieht, ein unaufhaltſamer Strom von hal⸗ ben Lauten oder ganzen Mißlauten entſteht, der eben nur zum leerſten, nichtsſagendſten Geſchwätz tauglich iſt und verleitet, und rück⸗ wirkend unfehlbar bis zu einem gewiſſen Punkte einen entſprechenden Charakter oder Gewohn⸗ heit des Geiſtes und Gemüthes erzeugt. Daß dabei der Mund, dem dieſe Ströme entquel⸗ len, viel zur Sache thut, will ich nicht läug⸗ nen, ſondern geſtehe gern, daß von den Lip⸗ pen einer hübſchen Frau dieſes Lispeln und Schnurren und Näſeln, durch den Inſtinkt der weiblichen Anmuth gemildert, ſich ganz gut Skizzen aus Spanien. 29 anhören läßt. übrigens findet ſich, ſoviel ich bisher gemerkt habe, eben dieſes Correktiv nicht ſehr häufig. Die Portugieſen ſind im Ganzen lange kein ſo ſchöner Menſchenſchlag als die Spanier, beſonders in den angränzen⸗ den Provinzen Eſtremadura und Andaluzien. Sie haben meiſt verhältnißmäßig ſehr große knochige Köpfe und kurze Beine, und häßliche Füße. Dies letztere gilt beſonders von den Frauen— oder doch fällt es, wie billig, an den Frauen am meiſten auf— beſonders da die Spanierinnen ſich durch niedliche Füße vor allen Frauen der Welt auszeichnen. Daſſelbe gilt von Gang und Haltung. Statt der ſtol⸗ zen, leichten, üppigen Haltung der Spanierin⸗ nen, findet man hier ein eigenthümliches Wat⸗ ſcheln, was mehr wie billig an gewiſſe Waſ⸗ ſervögel erinnert. Das mag theils daher kom⸗ men, daß die Portugieſinnen überhaupt viel weniger gehen als die Spanierinnen. Die aus frühern Romanen geſchöpften Begriffe von verſchloſſenen und vergitterten Gemächern, worin die Damen eingeſperrt ſind und welche nicht anders als zur Meſſe und unter der Aufſicht ſtrenger Dueñas verlaſſen dürfen u. ſ. w., 30 Skizzen aus Spanien. ſind auf Spanien bezogen durchaus ungegrün⸗ det und lächerlich. In Portugal dagegen hat ſich noch ſehr viel von dieſem orientaliſchen Weſen erhalten. Den Paſeo(Promenade), welcher in Spanien auch für den kleinſten Ort ein unentbehrliches Bedürfniß, beſonders für das weibliche Geſchlecht iſt, kennt man in Portugal gar nicht, und wo auch die mate⸗ riellen Anlagen vorhanden ſind, werden ſie doch wenig oder gar nicht benutzt. Auch die Kleidung der Frauen trägt gewiß ſehr viel dazu bei, ihrer Haltung dieſe ſchlaffe Schwer⸗ fälligkeit zu geben. Wenn ſie einmal ausge⸗ hen, z. B. zur Meſſe, ſo tragen auch die Frauen der höhern Stände, die zu Hauſe vielleicht engliſchen Moden fröhnen, eine be⸗ ſtimmte Nationaltracht.*) Dieſe beſteht aus einem weiten und bis zur Erde herabhängen⸗ den rothen oder violetten wollenen Mantel und einem weißen, leinenen Tuch über den Kopf, zwei Zipfel unter dem Kinn zuſammen⸗ *) Sogar in Lisboa iſt dies noch der Fall, wenigſtens bei den Fruͤhmeſſen. Anm. d. H. Skizzen aus Spanien. 31 gebunden, die beiden andern hinten herabhän⸗ gend. Das Ganze ſieht an und für ſich nicht übel aus, beſonders zeigen ſich der braune Teint, die lebhaften, großen ſchwarzen Augen mit ſtarken Augenbrauen in dieſer Einfaſſung ſehr zu ihrem Vortheil. Daß aber Gang und Haltung in dieſer weiten Hülle vernach— läſſigt wird, iſt eben ſo natürlich, als daß die Spanierinnen durch die dichtanſchließen⸗ de, die Formen bezeichnende und nicht ein⸗ mal bis zu den Knöcheln reichende Basquiña gezwungen werden, ſich zuſammen zu nehmen, und ſich vor jeder eckigen, ſchleppenden, ſchwer⸗ fälligen Bewegung zu hüten. Von Jugend an, ja faſt im Mutterleibe zur Gewohnheit geworden, entwickelt ſich dieſer Zwang zur leichteſten Anmuth. Was die Augen der Por⸗ tugieſinnen betrifft, ſo werden ſie von vielen ſehr geprieſen und ſind jedenfalls die größte und eine ſehr allgemeine Schönheit bei ihnen, aber dennoch zieh' ich die ſpaniſchen Augen weit vor. Sie ſind in gewiſſer Hinſicht we⸗ niger ausdrucksvoll, d. h. der Ausdruck iſt gewöhnlich mehr gemildert, verſchleiert und erſcheint nur gelegentlich zur höchſten Wirk⸗ —- id—O—————³ 3²2 Skizzen aus Spanien. ſamkeit concentrirt, aber eben deshalb iſt er beweglicher, vielſagender, abwechſelnd ange⸗ meſſener, während die dunkeln Augen der Portugieſinnen etwas ſtarres, nicht grade leeres, aber ſchweres, ſinnliches, geiſtloſes ha⸗ ben. Ohnehin ſind ſie meiſtens, wenn auch grade nicht zu groß, doch zu rund. Alles zuſammen genommen, erſcheint das Gefühl dieſer beiden Nationen gegen einander nicht ſehr unnatürlich. Sie haſſen ſich ge⸗ genſeitig, aber der Haß des Portugieſen iſt mit einer Art von Furcht gemiſcht, der Haß des Spaniers gegen den Portugieſen iſt weit mehr Verachtung als Haß. Schon die Art, wie unſer ſpaniſcher Caleſero und die portu⸗ gieſiſchen Fuhrleute, denen wir begegneten, ſich begrüßten, war charakteriſtiſch. Dieſe ſchwenkten ſchon in einiger Entfernung ihre großen, ſpitzen, mit allerlei Tauwerk aufge⸗ takelten Hüte und riefen:«viva meu Senhor Dom Joso! viva muitos annos! viva!» wäh⸗ rend jener ihnen nur im Vorbeifahren ein ruhiges:«vayan ustedes con Dios, Sefores 15 mit einer leichten Bewegung der Hand zu⸗ warf, und zugleich mit einem ausdrucksvollen Skizzen aus Spanien. 33 Wink gegen uns etwas in den Bart brummte, was kein Segen und kein Lob für die höfli⸗ chen Leute war. Schon das könnte nicht ohne Bedeutung erſcheinen, daß in Spanien Je⸗ dermann Don(Dominus) genannt wird— wenigſtens im gewöhnlichen Leben, wenn auch nicht vor Gericht und officiell— während in Portugal das Dom außer den Mitgliedern des königlichen Hauſes nur den älteſten Söh⸗ nen ſolcher Familien gegeben wird, welche ſpaniſchen Urſprungs ſind.— Alles was ich hier zum Nachtheil der Portugieſen geſagt habe, gilt übrigens mehr von den höhern und mittlern Claſſen und von den Bewohnern der Städte überhaupt, als von dem Landvolk. Dies iſt vielmehr im Ganzen ein ſehr wacke⸗ rer, geſunder, treuer Menſchenſchlag, weni⸗ ger energiſch aber auch eben deshalb leichter zu leiten, als dieſelben Claſſen in Spanien. Mein ſpaniſcher Reiſegefährte— aber da⸗ bei fällt mir ein, daß Sie noch gar nicht wiſ⸗ ſen, wie ich zu einem ſolchen und zu welch' einem ich gekommen bin.— Das aber iſt eigentlich der Anfang. des Abentheuers, von dem ich eben ſprach. 3ter Thl. III. Abth. 3 34 Srizzen aus Spanien. Als ich mich vor meiner Abreiſe von Evora, theils wegen meines Paſſes, theils um noch einige Handelsgeſchäfte abzuſchließen, zu dem Juiz de fora*) begab— er iſt der einzige be⸗ deutende Kaufmann des Ortes, ein Liberaler nach portugieſiſchem Zuſchnitt— d. h. ſo lange es nicht an den Kragen geht; übrigens ein gutmüthiger, friedliebender alter Herr, der es ſicher nicht mit dem Teufel verderben würde, wenn er vor dem Thor der Hölle wohnte— als ich, wie geſagt, dem ehrlichen Senhor Candido meinen Abſchiedsbeſuch mach⸗ te, wobei er mir mit Achſelzucken und behut⸗ ſamen Reden, die Nachrichten von den Fort⸗ ſchritten der Franzoſen in Spanien und der Silveiras in Tras os Montes mittheilte, tra⸗ ten, in Begleitung des Priors eines vor dem Thore liegenden Kloſters, zwei Spanier her⸗ ein, von denen ich den einen als den Kaplan des Marques de Altamira in Madrid geſehen hatte; in dem andern aber erkannte ich einen Geſellen, der eine Zeit lang ſein Brod damit verdiente, daß er Reiſenden in der Gegend *) Dieſe Wuͤrde iſt ungefaͤhr gleichbedeutend mit der eines Corregidor in Spanien. Skizzen aus Spanien. 35 von Madrid das Geleit gab und ſie gegen die Angriffe der Räuber ſchützte.— In die⸗ ſer Eigenſchaft habe ich die Ehre gehabt, ſeine Bekanntſchaft zu machen, und, der Wahrheit die Ehre zu geben, habe ich alle mögliche Ur⸗ ſache, mit ihm zufrieden zu ſein, obgleich er ſeinem eignen ſehr unbefangenen Geſtändniß und der allgemeinen Kunde und Meinung zu— folge, als ein ziemlich verdächtiger Schutzpa⸗ tron erſcheinen mußte; denn nachdem er im letzten Kriege in Palareas Guerilla gegen die Franzoſen gefochten, hatte er nach dem Frie⸗ den ſich nicht anders helfen können oder mö⸗ gen, als pidiendo la Ilimosna con el trabuco, wie er ſich euphemiſtiſch ausdrückte— d. h. mit dem Musketon in der Hand, um Almo— ſen bitten. Wie er dann zu einem Indulto (Amneſtie) gelangte, um auf grade entgegen⸗ geſetztem Wege ſich den blühenden Zuſtand dieſes edlen Bettelhandwerks in Spanien zu Nutze zu machen und von der Taſche der Rei⸗ ſenden zu leben, hab' ich vergeſſen; ſpäter aber iſt mir der Name Juanito unter den zahl⸗ reichen Helden des Throns und des Altars in den Zeitungen zu Geſicht gekommen. 3* 36 Skizzen aus Spanien. Beide Herrn begrüßten mich als einen alten Bekannten, und begannen ſogleich, von dem ganzen Gewicht des Anſehens des Pater Prior unterſtützt, den ſie offenbar zu ihrem Succurs herbeigezogen hatten, auf den armen Juiz de fora einzureden, indem ſie auf eine ſchon früher beſprochene Angelegenheit ſich be⸗ riefen. Es zeigte ſich bald, daß es ſich darum handelte, einen Reiſenden auszuliefern, oder doch feſtzuhalten, der, wie ſie behaupteten, mit einem falſchen Paß betroffen worden, und den ſie als einen ſehr gefährlichen Menſchen ſchilderten. Der gute Senhor Candido ſchien gar keine Luſt zu haben, ſich mit der Sache zu befaſſen. Er meinte, der Paß ſei ſo gut als hundert andre, an denen kein Menſch ein Ärgerniß genommen habe— von den conſti⸗ tutionellen Behörden in Badajoz ausgeſtellt— von dem portugieſiſchen Geſchäftsträger in Sevilla viſirt— wenigſtens komme es ihm nicht anders vor, als daß es die Hand des Senhor Freire de Andrada ſei. Halb im Scherz ſetzte er hinzu, die beiden Herrn hät⸗ ten ja ſelber keinen Paß vorzuweiſen, und doch würden ſie es ſehr übel nehmen, wenn Skizzen aus Spanien⸗ 37 er ſie deshalb nicht für Ehrenmänner anſehen wollte, wie er denn auch von ganzem Herzen thue— aber was dem einen recht, ſei dem andern billig. Der Prior aber ſchien es ſehr ungnädig zu nehmen, daß ſeine Clienten und Gaſtfreunde mit jenem Landſtreicher in eine Claſſe geſetzt werden ſollten. Aber ich weiß wo der Wind herkömmt, Senhor Candido,“ ſchloß er mit drohendem Tone,«und wo euch der Schuh drückt, ihr wollt es nicht mit den caſtilianiſchen Freimaurern verderben; aber nehmt euch in Acht, nehmt euch in Acht, daß ihr nicht am Tage des Zornes unter den Gott⸗ loſen erfunden, und mit ihnen verdammt wer⸗ det. Wo dann weder die Freimaurer in Spa⸗ nien, noch die Herrn, die jetzt in Lisboag das große Wort haben, euch retten könnten.» Vergeblich verwahrte ſich der bedrängte Juiz gegen ſolche Auslegungen, vergeblich wandte er ein, er könne doch den Mann nicht darum anfechten, daß er einer Regierung und Par⸗ thei anhänge, welche von ſeiner eignen aner⸗ kannt und ihr befreundet ſei. Habt ihr die Nachrichten aus Tras os montes nicht ver⸗ nommen?“ fragte ihn der Prior mit Bedeu⸗ 38 Skizzen aus Spanien. tung— Wißt ihr nicht, daß der wackre Tel⸗ lez Jordäo ſchon über den Tajo gegangen und den Norden von Alentejo zur Vertheidigung der guten Sache unter die Waffen ruft?» „Die gute Sache!— die gute Sache!“— brummte Senhor Candido—«Ich will nicht ſagen, daß die Sache, die ihr meint, ſo übel ſei— aber die andern ſprechen auch von der guten Sache— und— und— wo ſagtet ihr heute, daß die Franzoſen ſtünden, Sen⸗ hor Dom Gaspar?“—«In Merida, in Cor⸗ dova, in Leon“— wo ſtehn ſie nicht?«Ich ſprach heute einen, der ſchwur, man habe von Badajoz her ſchießen hören,» antwortete der Gefragte zuverſichtlich. Da ich eben vor⸗ her ganz andre Nachrichten erhalten hatte, die ſich freilich ſpäter als eben ſo unrichtig er— wieſen als jene, ſo ſuchte ich den offenbar ſehr beängſteten Senhor Candido zu beruhigen, in⸗ dem ich ihn verſicherte, die Franzoſen ſeien von Balleſteros und von Mina geſchlagen, die Silveiras über die ſpaniſche Gränze gejagt und von den Franzoſen ſelbſt entwaffnet wor⸗ den, und endlich habe England gegen die fran⸗ zöſiſche Intervention proteſtirt und eine De⸗ Skizzen aus Spanien. 39 fenſivallianz mit der Cortesregierung geſchloſ⸗ ſen, der auch Portugal beigetreten ſei. Dieſe Nachrichten gaben dem geplagten Mann wie⸗ der einigen Muth. Er ſchlug das Anſinnen der Herren ziemlich rund ab, erbot ſich aber, zu ihrer eignen Beruhigung den Verdächtigen noch einmal vor ſich zu fordern und zu exa⸗ miniren, damit ſie ſich überzeugen möchten, daß kein Grund vorhanden ſei, ihn länger aufzuhalten. Auf ſeinen Befehl trat bald darauf, von einigen Häſchern begleitet, ein Menſch herein, in welchem ich, trotz ſeines traurigen Aufzuges, den Advokaten Mejia er⸗ kannte, mit dem ich, wie Sie wiſſen, vor einigen Jahren in Madrid in vielen geſchäft⸗ lichen Beziehungen geſtanden hatte, wobei er zufälliger Weiſe in dem Fall war, mir einige ſehr weſentliche Dienſte zu leiſten. Seitdem ſoll er, wie ich höre, in den politiſchen Um⸗ trieben der Hauptſtadt eine Rolle geſpielt ha⸗ ben, welche von vielen ſehr getadelt wird. Ich habe weder Zeit noch Beruf und Luſt ge⸗ habt, mich über dieſe Dinge genauer zu un⸗ terrichten, aber obgleich ich ihm viel Schlim⸗ mes zutraue, fo hab' ich ihn doch auch von 40 Skizzen aus Spanien. einer beſſern Seite kennen lernen. Aber er war durch, urſprünglich wenigſtens unver⸗ ſchuldete Leiden, Verfolgungen und Willkühr der Mächtigen jener Zeit ſchon damals tief verbittert, dabei cyniſch, kühn, fähig, ehr⸗ geizig, und aus politiſchem Haß gegen die Geiſtlichkeit, die er als Haupturſache ſeiner eignen Leiden und gar manchen Unheils ſonſt anſah, ein erbitterter Spötter und Feind des Chriſtenthums, oder deſſen, was er als ſol⸗ ches anzuſehen gewohnt war. Zu ſeinen gu⸗- ten Seiten gehörte ſeine zärtliche Liebe für ſeine Frau und Kinder. Jene war eine Fran⸗ zöſin, die er als Kriegsgefangener hatte ken⸗ nen lernen, unter Umſtänden, die ihm ewige Dankbarkeit auferlegen mußten. Sie war überdies eine ſehr ausgezeichnete Frau, von raſchem, praktiſchem und klarem Geiſte und doch ſehr mildem wohlwollendem Gemüthe, und von unerſchöpflicher Geduld, wenn es galt, den finſtern Geiſt ihres Mannes zu erheitern. Schon früher hatte ich Gelegenheit, mich die⸗ ſes Mannes gegen andre anzunehmen, obgleich ich mir nicht verſchweigen konnte, daß ich Ge⸗ fahr lief, den Advocatus diaboli zu machen. Skizzen aus Spanien. 41 übrigens konnte ſchon ſein Aeußeres, ſein ganzes Weſen dazu beitragen, ihm viele Feinde und keinen Freund zu machen, und — wie geſagt, er war eben das, wozu die Welt ihn gemacht hat und ließ es der Welt entgelten, wo er konnte. Er war einer von den Menſchen, die im Stande ſind auszuſprechen, was andre nur denken oder wünſchen, und zu thun, was andre nur ſpre⸗ chen. So mag er denn in dieſer Zeit der uUmwälzung und Verwirrung mehr gethan ha⸗ ben, als ich weiß oder entſchuldigen möchte, wenn ich es wüßte. Wie dem aber auch ſei, es ging mir ſehr nahe, dieſen Mann in einer ſolchen Lage zu ſehen, obgleich ich ſie nicht recht zu beurtheilen vermochte. Die ganze Sache ſchien mir ſogar mehr abgeſchmackt als gefährlich, indem nehmlich Mejias Gegner be⸗ haupteten, er ſei nicht der, für den er ſich ausgebe und den ſein Paß bezeichne, ſondern ein ganz andrer, den ſie nannten, und der in Badajoz mehrere Betrügereien begangen hatte. Sie verlangten, als Mitbetheiligte, obgleich ſie keine gerichtliche Vollmacht dazu hatten, daß ihnen der Betrüger ausgeliefert, — 42 Skizzen aus Spanien. oder doch ſo lange feſtgehalten werde, bis die officielle Aufforderung der ſpaniſchen Behörden anlange. Die abſichtliche oder zufällige Ver⸗ wechſelung mußte ſich ſo ſchnell aufklären, daß ich zwar wohl die Unannehmlichkeit, aber durchaus keine Gefahr für Mejia bei der Sache ſah. Deshalb überraſchte es mich, als jener, den ich doch ſonſt als nicht ſehr leicht durch äußere Vorfälle aus ſeiner ironiſchen, cyni⸗ ſchen, bittern Ruhe zu bringen kannte, mit offenbarer tiefer Bewegung mich dringend bat, mich hier für ihn zu verwenden.«Es gilt mein Leben und— die Ehre Ihrer Nation,» wie⸗ derholte er mehrere Mal, und obgleich ich nicht begriff, inwiefern die Ehre deutſcher Nation bei dieſer Geſchichte betheiligt ſein konnte, ſo bedurfte es deſſen auch gar nicht, um mich zu vermögen, der Wahrheit gemäß zu erklä⸗ ren, daß Inculpat wirklich und in der That derjenige ſei, für den er und ſein Paß ihn ausgaben, daß er überdies mein guter Freund ſei und was ich ſonſt noch mit gutem Ge⸗ wiſſen im Allgemeinen zu ſeinem Vortheil ſa⸗ gen konnte. Zugleich ließ ich gegen den Juiz de fora einige bedeutende Winke fallen über Skizzen aus Spanien. 43 die Verantwortlichkeit, der er ſich durch ſolche willkührliche Behandlung eines Mannes aus— ſetze, der(wie ich wiſſe) einflußreiche Freunde in Lisboa habe. Alles dies überwog endlich bei dem guten Mann die Scheu vor den dun⸗ keln, drohenden Winken der Gegenparthei. Er viſirte den Paß und wünſchte uns allen zu⸗ ſammen eine glückliche Reiſe, in einem Ton, der nicht undeutlich zu merken gab, daß er uns zugleich eine möglichſt weite Reiſe wünſchte. Unſre Gegner entfernten ſich mit ſchlechtver⸗ haltenem Unwillen und nur der Pater Prior erkundigte ſich mit ſcheinbarer Theilnahme und Freundlichkeit nach der Zeit unſrer Abreiſe, denn ich hatte ſchon erklärt, daß Mejia mit mir weiter reiſen würde. Als ich den folgen⸗ den Morgen angab, warf er einen bedeuten⸗ den Blick auf ſeine Spießgeſellen, wünſchte uns eine glückliche Reiſe und ſie gingen ihrer Wege. Kaum waren wir aber allein, ſo beſchwor Mejia mich, ſogleich abzureiſen, da ſonſt we— der er noch ich ſelbſt ſicher ſeien, ob wir es überhaupt noch könnten, oder ob wir nicht unter⸗ wegs angehalten würden. Da ich einmal miß⸗ 44 Skizzen aus Spanien. trauiſch geworden war, ſo folgte ich ſeinem Rath ohne weitere Fragen, indem er alle Er⸗ örterungen ablehnte, bis wir unterwegs wä⸗ ren. Nach einer halben Stunde ſaßen wir denn wirklich in unſrer Caleſa und rollten ſo ſchnell über die Haide, als zwei tüchtige Maul⸗ thiere und der angeregte Ehrgeiz und Patrio⸗ tismus des Caleſero es nur geſtatteten, der eine Ehre drin ſuchte, einen Landsmann zu retten und dieſen Lumpen von Portugieſen“ einen Streich zu ſpielen. Ich will Sie nicht mit der Wiederholung alles deſſen beläſtigen, was mir Mejia nun über ſeine Schickſale und Verhältniſſe mit lei⸗ denſchaftlicher Redſeligkeit mittheilte. Im All⸗ gemeinen gab mir ſein gewöhnlicher Cynismus eine Bürgſchaft, daß er die Wahrheit ſagte, und obgleich er Dinge geſtand, die ich nim⸗ mermehr billigen konnte, ſo kann ich doch nicht ſagen, daß ich im Ganzen meine frühere Meinung über dieſen Menſchen geändert habe. Er iſt ſchlimm genug, aber nicht ſchlimmer als viele andre, die ſich wunder wie unſchul⸗ dig ſtellen. Wer das Spiel gewinnt oder nichts eingeſetzt hat, dem koſtet es keine große Skizzen aus Spanien. 45 Mühe, ein ehrbares Geſicht dabei zu machen.— Was aber ſeine politiſchen Anſichten betrifft, ſo iſt es nicht leicht, ihn grade jetzt zu wider⸗ legen, wo alles das eintrifft, was er und ſei⸗ nesgleichen vorhergeſagt haben, als unvermeid⸗ liche Folge eines falſchen, heuchleriſchen, ſelbſt⸗ ſüchtigen Mäßigungsſyſtems ohne Energie und wahre überlegenheit. Ob die Mittel, die er vorſchlug, das Unheil abgewehrt hätten, ob ſie überall ausführbar, ob ſie am Ende nicht viel ſchlimmer geweſen wären als das Schlimmſte, was jetzt geſchehen mag, will ich jetzt nicht unterſuchen und mochte es damals dem unglücklichen Geächteten gegenüber noch weniger. Ohnehin war es eigentlich nur ſein perſönliches Schickſal, was mich intereſſirte. Was jene andern Fragen und Angelegenheiten betrifft, ſo wiſſen Sie längſt, wie wenig Werth ich darauf lege— wie wenig ich auf irgend einer Seite, ganz abgeſehen von dem Rechte oder dem guten Willen, die Fähigkeit und die Mittel zur Begründung weſentlich erſprießli⸗ cherer Zuſtände ſehe. Ich bin ſogar wegen deſſen, was Sie meine Indifferenz nennen, oft genug von Ihnen getadelt worden— aber ich 46 Skizzen aus Spanien. habe nun einmal nicht die Gabe, nur das zu ſehen, was einer Lieblingsanſicht oder Hoff⸗ nung, welcher Art ſie auch ſein mag, ſchmei⸗ cheln kann— ich habe keinen Grund, mich ſelbſt und noch weniger andre zu täuſchen. Was nun Mejias perſönliche Schickſale, in der letzten Zeit und ſoweit ſie mit unſerm unerwarteteten Begegnen zuſammenhängen, be⸗ trifft, ſo kann ich Ihnen mit wenig Worten darüber folgendes melden. Daß Mejia bei der durch Intervention und Fortſchritte der franzöſiſchen Heere her⸗ beigeführten Umwälzung und Reaktion um ſo mehr gefährdet war, je entſchiedener er dem, den nun ſiegenden Intereſſen und Leidenſchaf⸗ ten entgegengeſetzten Extreme angehörte, war mir begreiflich. Auf meine allgemeine Be⸗ merkung, daß ich gehört, er und ſeine Freunde hätten in geheimen Beziehungen der Art mit dem franzöſchen Botſchafter geſtanden, daß er von den Franzoſen nichts zu fürchten haben könne, erwiederte er mit verächtlicher Bitter⸗ keit: er könne ſich dieſe abgeſchmackten Ver⸗ läumdungen ſeiner Feinde, die mehr eine Frucht ihrer Dummheit als ihrer Bosheit ſeien, wohl Skizzen aus Spanien. gefallen laſſen— ja zur Ehre anrechnen, da ſelbſt der große Robespierre, ſein Vorbild, ähnlichen Anklagen nicht entgangen ſei. Ich hatte keinen Beruf, mit dem Mann über ſeine ſeltſame Liebhaberei zu ſtreiten und ließ ihn fort erzählen. Theils die Unmöglichkeit, ſeine Frau fortzuſchaffen, welche an einer ſchwe⸗ ren Krankheit danieder lag, theils die Hoff⸗ nung und die im Auftrage ſeiner Parthei über⸗ nommene Verpflichtung, im Rücken der feind⸗ lichen Heere zu günſtiger Zeit einen Aufſtand oder Hinderniſſe andrer Art zu erregen, hat⸗ ten ihn verhindert, ſich zur rechten Zeit durch die Flucht zu retten. In einem, wie er meinte, ſichern Schlupfwinkel erwartete er den günſtigen Augenblick, entweder zur Flucht mit den Seinigen, oder zum Hervortreten und Handeln. Da gelang es einem gewiſſen Janitz, den ich ſelbſt früher in Mejias Hauſe geſehen, wo er ſich mir als Landsmann vorſtellen ließ und mir als Agent für mancherlei Geſchäfte empfohlen wurde— dieſem ſeinem ehemaligen Hausfreunde gelang es von ihm ſelbſt, indem er ihm durch ſeine Frau ſeine Dienſte anbot, ſeinen Aufenthalt zu erfahren, den er dann 48 Skizzen aus Spanien. der Polizei der herrſchenden Parthei verrieth, ſo daß Mejia, von ſeiner Frau gewarnt, mit genauer Noth einer Verhaftung entging und ſich durch die Flucht zu retten vermochte, ohne jene noch einmal geſehen oder über ihr Schickſal einige Beruhigung erhalten, noch ſeine eigene und ſeine politiſchen Angelegen⸗ heiten irgend geordnet zu haben. Daß er aber auch hier, jenſeits der ſpaniſchen Gränze, vor Nachſtellungen nicht ſicher ſei, rühre nicht blos von dem perſönlichen Haß mehrerer ſei⸗ ner politiſchen Gegner her, ſondern auch da⸗ her, daß man ihn durch Janitz in dem Beſitze wichtiger, viele Perſonen ſchwer compromitti⸗ render Papiere wiſſe, deren man um jeden Preis habhaft zu werden ſuche. Auf meine Frage: was es aber den beiden Herrn, welche das Geſchäft übernommen, hätte helfen kön⸗ nen, ihn unter einem Vorwande, deſſen Un⸗ wahrheit ſich ſo leicht erweiſen laſſe feſtzuhalten? verwies er mich auf den gänzlichen Mangel irgend eines politiſchen Intereſſes bei der großen Mehr⸗ zahl des portugieſiſchen Volkes, auf die ge⸗ ringe, auf einige Krämer in den Städten be⸗ ſchränkte Anzahl der Anhänger der Cortesre⸗ Skizzen aus Spanien. 49 gierung, auf die ſtrafloſen Umtriebe der Geiſt⸗ lichkeit und einzelner militäriſcher Abentheu⸗ rer, vor allen Dingen aber auf den gänzlichen Mangel an Energie oder Fähigkeit bei den gegenwärtigen Machthabern, und behauptete, daß ſeine Verfolger um ſo mehr darauf rech⸗ nen könnten, daß wenn er nur feſtgehalten würde, ein Umſturz des beſtehenden Regi⸗ ments ihn vielleicht binnen wenig Tagen in ihre Gewalt liefern werde, da ſie ſelbſt zu⸗ gleich als Agenten ihrer Parthei mit Verſpre— chungen des Beiſtandes aller Art eine ſolche Umwälzung zu befördern ſuchten. Ob dieſe Beſorgniſſe begründet ſind, will ich nicht be— urtheilen; allerdings aber war die gewöhn⸗ liche Antwort, welche wir auf alle Fragen er— hielten, die ſich auf den politiſchen Zuſtand des Landes bezogen, ein ſchläfriges:«o meu senhor! por câ nao se falla de esso. 2*) übri⸗ gens käme es doch immer noch darauf an, die Stimmung der Hauptſtadt und der beiden andern größern Städte Porto und Coimbra zu kennen, ehe man ſich auf ſolche Prophe⸗ „„O mein Herr! hier zu Lande ſpricht man nicht von dieſen Dingen.“— 3ter Thl. III. Abth. 4 50 Skizzen aus Spyanien. zeiungen einlaſſen ſollte. Wie dem aber auch ſei, Mejia hat für den Augenblick gar keine Hoffnung, und für die Zukunft nur inſofern die Heftigkeit der Reaktion der ſiegenden Par⸗ thei die Energie der beſiegten anregt, alle Träumereien und Täuſchungen der Moderir⸗ ten, wie er ſie nennt, zerſtört und die Maſſen den Exaltirten zuwendet. Das heißt freilich weder mehr noch weniger, als daß es nicht eher beſſer wird, als bis man ihn und ſeine Freunde nach Belieben ſchalten läßt. Ich er⸗ mangelte nicht, dem Mann über ſeine Be⸗ ſcheidenheit mein Compliment zu machen, doch muß ich hier hinzuſetzen, daß er mir bei alle⸗ dem mehr ein Fanatiker als ein Egoiſt zu ſein ſcheint. Und iſt es zu verwundern, daß Menſchen, welche rückſichtslos und unbedingt ihre eigne Exiſtenz an die Erreichung eines, ihrer Meinung nach, gemeinnützigen Ziels ge⸗ ſetzt haben, mit der Exiſtenz, Leben, Frei⸗ heit, Eigenthum Andrer nicht viel Umſtände machen? Aber wie geſagt, das, was er das Unglück ſeines Vaterlandes, den Untergang der Freiheit u. ſ. w. nennt, bewegt dieſen Mann viel tiefer und ſchmerzlicher als ſein Skizzen aus Spanien. 4 51 eignes Unglück, und wenn er über das Schick⸗ ſal ſeiner Frau beruhigt wäre, ſo würde er ſeiner eignen Zukunft ſehr gleichgültig entge⸗ genſehen. Wunderlich genug iſt es aber bei einem ſolchen Menſchen, daß er ſich über ei⸗ nen Umſtand gar nicht zufrieden geben kann: nämlich, daß es ein Deutſcher geweſen, der ihn verrathen.— Ich bin ſonſt doch wahr⸗ lich kein Schaaf und er müßte früh aufſtehen, der mich berücken wollte— wiederholte er oft — aber ein Deutſcher!— Gott weiß, ich habe dieſen Menſchen aufgenommen, wie mei⸗ nen Bruder— was ich für ihn gethan, will ich nicht aufzählen— aber—— war er nicht in meinem Hauſe, wie ich ſelbſt? Meine Freunde— meine Frau hat mich oft gewarnt. Ich ſagte immer: Kind, es iſt ein Deutſcher, er kann nicht falſch ſein. Welcher Teufel ſetzt unſer einem nur ſolche Grillen in den Kopf? Aber bei meinem Leben! ich hatte mir einge⸗ bildet, die Deutſchen——— genug— und nun muß mir dieſer einen ſolchen Streich ſpielen? Was ſagen Sie dazu?“ Was ſollte ich dazu ſagen? Ich vermuthete, jener Menſch ſei gar kein eigentlicher Deutſcher, ſondern - 4* 52 Skizzen aus Spanien. gehöre zu dem, wenigſtens was die Geſinnun⸗ gen betrifft, immer zahlreicher werdenden und nach Weſten ſich ausbreitenden Halbgeſchlechte, welches aus den Berührungen ſlaviſcher mit germaniſchen Stämmen entſtanden iſt— ich fügte hinzu, wie ich höre, habe Janitz einen diplomatiſchen oder halbdiplomatiſchen Charak⸗ ter, und dieſe Herrn ſtehn bekanntlich zu hoch, um wie andre gemeine Menſchen irgend einer Nation anzugehören. Mejia erſparte mir. fernere Bemühungen, indem er ſich damit zufrieden gab, und mir das Compliment machte, ich hätte ohnehin in ſeinen Augen die Ehre des deutſchen Namens durch mein großmü⸗ thiges Benehmen gegen ihn gerettet. Deſto beſſer für ihn, wenn dem ſo iſt. Mein Bericht wurde durch die Ankunft des Schneiders u. ſ. w. unterbrochen, der mich bald von meiner Modequarantaine befreite, und in den Augen des Freundes Sch. Gnade finden ließ, worauf wir uns auf den Weg machten, um die nöthigſten Gänge und Ge⸗ ſchäfte abzuthun. Auch habe ich mich indeſ⸗ Skizzen aus Spanien. 53 ſen hier überhaupt eingerichtet und einge⸗ wohnt; und, ich will es nur geſtehen, nach⸗ dem ich mich ſo lange in den ſpaniſchen Po⸗ ſadas und Ventas— ja Ventorillos herum⸗ getrieben, laſſ' ich es mir ganz wohl gefallen, ganz unerwarteter Weiſe von allen Bequem⸗ lichkeiten eines deutſchen Gaſthofs umgeben zu ſein. Dieſem Hauſe fehlt aber wirklich nichts, um den beſten der Art bei uns an die Seite geſetzt zu werden, als ein ordentliches Schild und Name. Das mag übrigens freilich als eine Nebenſache angeſehen werden, da Jeder⸗ mann hier a casa de L. oder noch beſſer a casa dos Alemäes kennt. Jedenfalls macht die wohlwollende Aufmerkſamkeit und Theil⸗ nahme der Wirthe und ihre ſolide Küche ihrer gaſtfreien Vaterſtadt Bremen alle Ehre, und Mama L., wie die Hausfrau allgemein unter uns genannt wird, wird gewiß bei allen, die je zu ihren Gäſten gehört haben, im beſten Andenken bleiben. Die Lage des Hauſes konnte nicht vortheilhafter gedacht werden. Die vor⸗ dern Zimmer gehen auf den ſtattlichen Platz Largo de Sao Paulo und haben die Ausſicht auf einige der höher liegenden Stadttheile. 54 Stkizzen aus Spanien. Die hintern Zimmer gehn auf den Fiſch⸗ markt mit der weiteſten Ausſicht auf den Hafen, die Barra, die Forts, das gegenüber liegende Ufer von Almada und Moeda mit ſeinen freundlichen Landhäuſern und dahinter höhere Felſenhügel. Der Fiſchmarkt allein wäre eine unerſchöpfliche Quelle der Unterhal⸗ tung und Verwunderung. Jeden Morgen ſah ich die mißgeſtalteten, glänzenden, bunten Bewohner der feuchten Tiefe zahllos, plät⸗ ſchernd, zappelnd aus den Boten an's Ufer ſchleppen und auf den ſaubern Ständen aus⸗ breiten. Dann die Käufer, von dem halbnack⸗ ten Neger, der ſich ſein Paar Sardinhas er⸗ bettelt— d. h. für ein Deus se ο pague erkauft— bis zu dem ſtattlichen Koch des Marques de Quintella, der ſich feierlich mit ſeinem Gefolge von Küchenjungen und Trä⸗ gern durch die ehrerbietig zurückweichende Menge dahinbewegt, wie ein Eroberer. Er und ſei⸗ nesgleichen ſind die einzige Macht, vor der die hieſigen Poiſſarden ihren Zungen Gewalt anthun, die ſonſt ſo ſcharf und gelãufig ſind, wie es nur die ihrer Colleginnen in Paris oder ſonſt wo ſein mögen. Skizzen aus Spanien. 55 Von der Geſellſchaft, die ich hier an der Table d'hote finde, iſt wenig zu ſagen, als daß ſie nicht unangenehmer iſt, als man ſie bei uns und anderswo auch trifft. Es gibt eine eigne, ſehr weit verbreitete Art von Ta— bled'hotenciviliſation die nicht ganz daſſelbe iſt mit der Caffeehausciviliſation, aber doch ſo nahe mit ihr verwandt iſt, daß die Gränzen und Unterſchiede zwiſchen beiden nicht leicht anzugeben ſind. Leerheit, Unwiſſenheit und Gemeinheit hinter einer Suffiſance, einer Affektion von Gentilität und Faſhionabilität, zuweilen auch hinter einem Anſtrich von Viel⸗ wiſſerei verſteckt, wie ſie die Journaliſtik aller Länder bietet— das ſind beiden gemeinſame Eigenſchaften, und der Unterſchied zwiſchen beiden wäre allenfalls darin zu ſuchen, daß an der Table d'höte mehr die ſchweren, im Kaffehauſe die leichten Truppen dieſer Völker⸗ ſchaft ſich hervorthun. Eine Völkerſchaft kann man ſie aber wirklich nennen, denn Reiſende aller Nationen, Deutſche, Franzoſen, Eng⸗ länder verſchmelzen darin zu einem, in man⸗ cher Hinſicht homogenen Ganzen. Wer kennt dieſes Geſchlecht nicht!— Spanien iſt bisher 56 Skizzen aus Spanien. noch ziemlich davon verſchont geblieben, des— halb fällt es mir jetzt wieder beſonders widrig auf, da ich es hier in voller Blüthe finde, und wahrlich nicht genießbarer dadurch, daß engliſcher Ton und Sitte darin vorherrſcht. Eine wahre Wohlthat ſind dagegen die See⸗ geſchöpfe, welche ſich einzeln immer unter uns zeigen, engliſche und beſonders hanſeatiſche Schiffscapitaine— und dieſe ſind es eigent⸗ lich, die mir die ganze Geſellſchaft erträglich und ſogar angenehm machen. Die wenigen Portugieſen, welche unter den Habitués des Hauſes ſind, haben ſo wenig nationelles, au⸗ ßer etwa in der ängſtlichen, linkiſchen Art, womit ſie ihre Nationalität zu verläugnen und fremde Sitten nachzuahmen ſuchen. An eini⸗ gen Ausnahmen im guten Sinne fehlt es in⸗ deſſen nicht ganz, und dahin gehört z. B. ein junger Menſch Namens Vieira, der, wie es ſcheint, einen nähern Umgang mit mir ſucht⸗ In andrer Hinſicht, d. h. als fremdäffiſche Fratze ausgezeichnet, muß ich indeſſen noch einen unſrer Tiſchgenoſſen anführen. Wir kennen ihn nur als den Desembargador(kö⸗ niglicher Richter), welche Stelle er mehrere Skizzen aus Spanien. 57 Jahre in Goa bekleidet und erſt kürzlich auf⸗ gegeben hat, um hier bei allen Mächtigen des Tages um eine Beförderung und Verſetzung nach Europa zu ſollicitiren. Sein Außeres iſt nicht grade unangenehm, er ſieht jünger aus als er iſt, kleidet ſich gut— und iſt dennoch eine vollkommene Komödienfigur. Dem guten Mann ſind, Gott weiß wie— wahr⸗ ſcheinlich aus dem Nachlaß irgend eines fran⸗ zöſiſchen Abentheurers einige Bände von Vol⸗ taire, Rouſſeau und Volnay in die Hände gefallen. Er hat ſich ſo auf ſeine eigne Hand in Goa ſein kleines freigeiſtiges Syſtem zu⸗ ſammengeflickt, und weiß ſich nun kaum vor Entzücken zu laſſen, daß er mit dem Schatz, an dem er ſich dort aus heilſamer Furcht vor der Inquiſition nur heimlich laben konnte, hier öffentlich prunken darf, ſwährend er ſich doch zugleich zu wundern anfängt, daß Nie⸗ mand viel auf ſeine Weisheit geben oder hö⸗ ren will. Was er als ſeltene Denkmünze bewahrte, iſt ja in Europa längſt zur Schei⸗ demünze geworden, was ihm ein koſtbar, ver⸗ botenes, geheimnißvolles Elixir ſchien, wird ja bei uns aus jedem Troge von jedem Eſel 58 Skizzen aus Spanien. geſoffen. Dabei iſt das Männlein entweder wirklich Freimaurer, oder ein Spaßvogel hat ihn zum Beſten gehabt und eine Aufnahms⸗ comödie mit ihm vorgenommen; genug er bringt bei jeder Gelegenheit bedeutungsvolle Zeichen und Winke an, die er für maureri⸗ ſche hält, und ich bin gänzlich bei ihm in Mißcredit gefallen, weil ich keine Luſt hatte, ſie zu verſtehen und zu erwiedern. Zugleich bildet auch die orientaliſche Wichtigkeit und Grandeza, die man ſo oft bei Euorpäern— wenigſtens Portugieſen— findet, die in Oſt⸗ indien Stellen bekleidet haben, einen ſehr er- götzlichen Gegenſatz mit der natürlichen Leb⸗ haftigkeit des gewandten, ſchmächtigen, gelben Männchens, und mit ſeiner nicht weniger an— gebornen Servilität, die ſich hier namentlich in einer großen Verehrung aller Fremden, be⸗ ſonders Engländer und Franzoſen, zeigt.— Dabei dauert mich eigentlich ein junger Malaye, den unſer Deſembargador als Bedienten mit herübergebracht hat, und der ſich durchaus noch nicht darein finden kann, ſeinen Herrn, den er in Aſien immer nur von knechtiſcher Verehrung und Ehrerbietung, von Dienern Skizzen aus Spanien. 59 und Sklaven umgeben ſah, hier eine unterge⸗ ordnete, oder gar, wie ſein geſunder Verſtand ihn nach und nach errathen läßt, eine lächer⸗ liche Rolle ſpielen zu ſehen. Wenn er, hin— ter dem Stuhle des Deſembargador ſtehend, an dem Gelächter und den Mienen der Gäſte merkt, daß ſein im übermaaß der Eitelkeit argloſer Herr zum Beſten gehalten wird, ſo erröthet er durch ſeine olivenbraune Hautfarbe hindurch, ſeine langgeſpaltenen Augen blitzen einen Augenblick in heftiger Erbitterung und erwarten, was ſein Herr beginnen wird, um ſeine Würde zu behaupten. Bald aber ſcheint er ſich zu beſinnen und wendet ſich beſchämt ab. Letzthin zeigte ſich bei einer Gelegenheit die ganze Heftigkeit, welche dem malayiſchen Stamme eigen iſt, und es fehlte wenig, ſo hätte der Burſche uns das erbauliche Schau⸗ ſpiel eines a-muck Laufens gegeben, woge— gen, wenn wir den Berichten der Reiſenden glauben, die Berſerkerwuth der Fouqué'ſchen Helden ein Kinderſpiel iſt. Der Junge zeigt gegen ſeinen Herrn eine ſtumme, ächt orien⸗ taliſche Unterwürfigkeit, und bei Gelegenheit 60 Skizzen aus Spanien. eine faſt kindliche Anhänglichkeit, die ſich theils daraus erklärt, daß jener im Grunde wirk⸗ lich eine gute Haut iſt, beſonders aber dar⸗ aus, daß er ſein Taufpathe iſt. Auch gegen andre Gäſte iſt er ſehr dienſtfertig und auf⸗ merkſam, nur muß man ihn höflich behan⸗ deln und Gefälligkeiten, keine Dienſte von ihm verlangen. Dieſen Stolz des jungen Menſchen verletzte vor einigen Tagen ein Schiffscapitain, der hier logirt, indem er ihm ſehr barſch etwas befahl. Als Joſé ihn, ſtatt zu gehorchen, empfindlich an die Diener des Hauſes verwies, ſtieß jener ihn mit einem gemeinen Schimpfwort bei Seite. In dem Augenblick ſchien die ganze Natur des jungen Menſchen wie verwandelt, mit einem unter⸗ drückten, heulenden, halb grimmigen, halb ſchmerzlich⸗klagenden, aber ſehr unheimlichen Schrei, ſtürzte er auf den Beleidiger los, faßte ihn bei der Gurgel und ſuchte ihn nach dem Tiſche zu zerren, wo ein Meſſer lag. Der ſtämmige Seemann, der es weiter gar nicht bös gemeint hatte, war anfangs etwas verdutzt über einen ſo unerwarteten Angriff, ſchleuderte jedoch den Jungen ohne Mühe von Skizzen aus Spanien. 61 ſich, und als derſelbe nur noch wüthender mit dem Meſſer auf ihn eindrang, ſchlug er ihm mit dem Stock, den er mit engliſcher Fertig⸗ keit führte, die in ſeinen Augen höchſt unmo⸗ raliſche Waffe aus der Hand, ergriff ihn wie ein Bündel ſchwarzer Wäſche und wollte ihn, im höchſten Grade erbittert über einen, ſeiner Meinung nach, ſo wenig gerechtfertigten, blut— gierigen Angriff, ohne weiteres zum Fenſter hinaus werfen. Ich hatte mich gleich anfangs des armen Jungens, der eine große Vorliebe gegen mich zeigt, angenommen und dem Ca— pitain ſeine Rohheit verwieſen, jetzt fiel ich ihm allen Ernſtes in die Arme und riß Joſé vom Fenſter zurück. Der ehrliche Capitain ſchämte ſich ſeiner Hitze und zog ab; den Burſchen aber hatte Wuth und Schrecken ſo erſchöpft, daß er wie beſinnungslos in meinen Armen lag, bis ſein Herr herbei kam, von dem er ſich, weinend vor Wuth, wie ein Kind wegführen und in deſſen Zimmer ein⸗ ſperren ließ. Als der Deſembargador zurück⸗ kam, beſchwor er uns mit einem wahren Ernſt, der ihm ſonſt fremd war, uns mit dem Jun⸗ gen vorzuſehen; er kenne den Charakter der 62 Skizzen aus Spanien. Malayen, und es bedürfe kaum ſo viel, als eben vorgefallen, um die blutigſte, unverſöhn⸗ lichſte Rache herbeizuführen. Begreiflich dran— gen nun alle Gäſte darauf, daß dieſe junge Beſtie, wie ſie ſich ausdrückten, unverzüglich entfernt werde. Dies iſt ſeitdem auch geſche⸗ hen, denn ich habe den armen Jungen nicht wieder geſehen, und weiß nicht, wo ihn ſein Herr untergebracht hat. Die große Anzahl farbiger Menſchen un— ter der hieſigen Bevölkerung, beſonders der untern Claſſen, fällt ſehr auf und gehört zu den charakteriſtiſchen Zügen des Bildes. Ne⸗ ger, Mauren, Chineſen, Hindu's, Malayen, braſiliſche Miſchlinge aller Art begegnen mir in allen Straßen. Dies giebt dem hieſigen Pöbel einen eigentlich widrigen Charakter, ſowohl in ſeiner äußern Erſcheinung, als in ſeinem Weſen. Eine Miſchung von Wildheit und ſklaviſcher Niederträchtigkeit— ſchon in der Sprache etwas, was mehr an Braſilien oder Weſtindien als an Eu⸗ ropa erinnert;— ſehr verſchieden von der gan⸗ zen Erſcheinung derſelben Claſſen in Spanien, Skizzen aus Spanien. 63 wo ſie ſo entſchieden den nationellen Cha⸗ rakter mit allen ſeinen Tugenden tragen.— Beſonders zahlreich ſind die Neger, und ſonderbarerweiſe ſcheinen ſie eine Beſchäfti⸗ gung vorzuziehen, die mit ihrer ſchwarzen Farbe den grellſten Contraſt bildet. Wenig⸗ ſtens ſieht man ſie immer haufenweiſe auf dem Rocio und andern Plätzen ſtehen, mit langen Anſtreichpinſeln und Gefäßen voll weißem Gipsbewurf. So bieten ſie dem Pu⸗ blicum in ihrer Lingua franca ihre Dienſte an mit den abentheuerlichſten Gebehrden. Das häufige Weißmahlen der Häuſer iſt aber in der That auch das einzige Symptom, wor⸗ aus man ſchließen kann, daß es den Bewoh⸗ nern von Lisboa nicht ganz an dem Organ der Reinlichkeit fehlt. Ich ſage ausdrücklich nicht den Portugieſen überhaupt, denn es giebt in den Provinzen ſehr reinliche und freundliche Städtchen und Dörfer. Hier aber in der Hauptſtadt geht der Schmutz in's Groß⸗ artige. Todte Katzen, Hunde, ja Maulthiere verdorren auf den Straßen. Wenigſtens ein Maulthier lag mehrere Tage in einer ziemlich beſuchten Straße. Wer, der in Lisboa war, 64 Skizzen aus Spanien. denkt nicht mit Schrecken an den verhängniß⸗ vollen Ruf:«agoa vai!» der beim Dunkel⸗ werden von allen Seiten aus den Fenſtern erſchallt und dem armen Fußgänger am Ende, wenn er lange vergeblich durch Hin- und Her⸗ ſpringen auszuweichen ſuchte, den ſtoiſchen Gleichmuth der Verzweiflung giebt, alles über ſich ergehen zu laſſen, was unter dem verrä⸗ theriſchen Euphemismus agoa herabgegoſſen wird. Gelingt es ihm aber auch, den furcht⸗ baren Ausleerungen zu entgehen, ſo iſt ſehr die Frage, ob er nicht von den Schaaren her⸗ renloſer Hunde umgerannt oder gar zerriſſen wird, welche ſo zahlreich wie in Conſtantino⸗ pel herbeiſtürzen, um in dem Abfall und Un⸗ rath noch Nahrung zu finden. Wehe ihm aber, wenn er mit dem Stein, Stock oder Fuß dieſe Gelage ſtört. Ein gräuliches, tau⸗ ſendſtimmiges Geheul, Gebell und Geknurre verfolgt ihn von Straße zu Straße und er⸗ füllt die ganze Stadt mit wahrhaft hölliſchem Getöſe. Was hieſige Politica betrifft, ſo würde ich ohne Ihre ausdrückliche Nachfrage, ſie wahr⸗ Skizzen aus Spanien. 65 ſcheinlich ganz mit Stillſchweigen übergehen. So wenig und noch weniger Erbauliches iſt davon zu ſagen. Offenbar hat Mejia in ſei⸗ ner Prophezeiung nicht ganz unrecht gehabt, und es handelt ſich eigentlich nur um das früher oder ſpäter. Daß ein gewiſſer, ziem⸗ lich zahlreicher Theil der Bevölkerung der Hauptſtadt, beſonders unter den mittlern Claſſen, zur liberalen Parthei gehören, wie man ſie nennt, läßt ſich nicht läugnen, aber dieſer Liberalismus iſt ſo vage und negativ, es fehlt ihm in dieſem Augenblick ſo ſehr an aller Energie, an jeder Art von poſitivem Halt und Mittelpunkt, daß man alle dieſe Menſchen kaum im Scherz eine politiſche Par⸗ thei nennen kann. Unter den Machthabern in den Cortes hat nach einigen Schwankun⸗ gen die Parthei der ſogenannten Moderirten, wie ſich bei einer folchen Stimmung der Maſ⸗ ſen leicht vorausſehen ließ, obgeſiegt und o Senhor Moura, ihr Hauptredner, giebt ſich das Anſehen eines zweiten Cicero und ver⸗ ſichert alle Tage, er habe das Vaterland vor den Umtrieben der republikaniſchen, jako⸗ biniſchen Catilinas gerettet. Dagegen wäre 3ter Thl. III. Abthl. 5 66 Skizzen aus Spanien. nun nicht viel zu ſagen, aber da die Mäßi⸗ gung dieſer Herrn weſentlich mit ihrer Unfä— higkeit und Beſchränktheit zuſammenhängt, ſo geſchieht auch weiter gar nichts von alle dem, was dringend nothwendig iſt— ich will nicht einmal ſagen, um dieſes ganze Weſen auf die Dauer zu begründen, durch weſentliche Verbeſſerungen des phyſiſchen und moraliſchen Zuſtandes des Volkes, ſondern auch nur zur unmittelbaren Abwehr der immer näher dro⸗ henden Gefahr einer gewaltſamen Reaktion von Seiten der Intereſſen, welche die Revo⸗ lution gekränkt oder bedroht hat, und welche durch die Ereigniſſe in Spanien an Kühnheit und Kraft außerordentlich gewonnen haben. Die Agenten der Contrerevolution bearbeiten ohne Scheu und Hinderniß den Pöbel der Städte, das Landvolk und die Soldaten. Die ſiegreichen Apoſtoliſchen in Spanien unter⸗ ſtützen dieſe Umtriebe mit Geld und Waffen und drohen täglich mit einem offenen Angriff. Die nördlichen Provinzen ſind, was man auch officiell dagegen ſagen mag, noch immer in vollem Aufruhr, obgleich die Silveiras ſich nach Spa⸗ nien gezogen haben— wahrſcheinlich, um ver⸗ Skizzen aus Spanien. 67 ſtärkt wiederzukommen. Endloſe Declamatio⸗ nen in den Cortes und unterdrückung der geringen und wenig zahlreichen Äußerungen von Partheikraft bei den Liberalen— das ſind die einzigen Lebenszeichen der Staatsge⸗ walt. Doch um billig zu ſein, darf ich nicht vergeſſen, daß man ſeit einigen Tagen anfängt, eine Nationalgarde zu organiſiren und daß ſich ſchon einzelne Elegants nicht ohne große Selbſtzufriedenheit in der neuen Uniform auf dem Caes de Sadré zeigen. Auch in den Theatern wird ſeit einiger Zeit wieder die con— ſtitutionelle Hymne vom Orcheſter geſpielt und vom Parterre ſtehend mit ſtummem An— ſtande angehört. Dieſe Reden in den Cortes— dieſe Stücke auf dem portugieſiſchen Theater— Alles ver⸗ mehrt und beſtätigt den traurigen, widrigen Eindruck, den das hieſige Leben auf mich macht. Schon die Sprache eignet ſich daraus nicht zum öffentlichen Vortrag. Die Ziſch⸗ und Naſenlaute werden um ſo merklicher, je eifri— ger der Redner wird, und der Eifer der Red⸗ 5* 68 Skizzen aus Spanien. ner hat etwas leeres, hohles, weil es immer ſcheint, als ſuche er durch dieſes Wüthen nur dem Mangel an Klang und Haltung ſeiner Sprache entgegenzuwirken. Nirgends wird ſo entſetzlich und mit ſo wenig Effekt geſchrieen, als in den hieſigen Cortes. Des Mangels an den geiſtigen Quellen wahrer Beredſamkeit, will ich gar nicht einmal gedenken— aber er iſt jämmerlich auffallend. Und das Theater? Die gebildete Welt kennt hier eigentlich blos ein kleines franzöſiſches Theater für Vaude⸗ villes u. ſ. w. und die italieniſche Oper. Ein ſchönes Gebäude— Orcheſter und Geſang kaum mittelmäßig— Muſik von Roſſini. Das eigentliche portugieſiſche Theater iſt weit weg nach dem Bairro alto verbannt in eine Art von großer Scheune und wird faſt nur von den untern Volksklaſſen beſucht, und auch dieſe thäten beſſer, davon zu bleiben, wenn ihnen nichts beſſeres geboten wird als einige Stücke, die ich ſah— Bearbeitungen Kotzebueſcher Stücke oder doch Produkte dieſer Schule. Wenn der Zuſtand des Theaters ein Maaßſtab der Bildung des Publicums im all⸗ gemeinen iſt, was in vieler Hinſicht ſich gar Skizzen aus Spanien. 69 nicht läugnen läßt, ſo möchten zwar auch bei uns, auch in Frankreich und England, die Anſprüche an einen hohen Grad allgemeiner Bildung, die wir und unſre Nachbarn mit ſo großer und naiver Zuverſicht erheben, beträcht⸗ lich zu ermäßigen ſein. Aber ſind wir auch um ſo ſtrafbarer, ja verächtlicher, wenn wir ſo tief ſinken, da wir ſo hohe Vorbilder und Führer haben, ſo iſt doch die Entſchuldi— gung der Portugieſen, daß ſie nichts der Art haben, auch gar zu troſtlos. Und müſſen ſie nicht ſeit drei hundert Jahren dieſelbe Klage auf allen Gebieten des geiſtigen Lebens wie— derholen— in Kunſt, Poeſie, Wiſſenſchaft? Zwar hat ſich noch neuerlich der fleißige Balbi große Mühe gegeben, Namen und Bücherti— tel aufzuzählen, und in ſeiner ſonſt muſter⸗ haften Statistique du Portugal mehre Sei⸗ ten damit gefüllt, aber wie wenig damit ge— holfen und bewieſen iſt, zeigt ſich nur zu ſehr, wenn man die Leiſtungen der wenigen bei ih⸗ ren eignen Landsleuten bekannten oder gefeier⸗ ten Namen unter dieſer Menge näher betrach⸗ tet und einen nicht ganz trivialen Maßſtab anlegt. Und den Portugieſen ſelbſt fehlt ja 70 Skizzen aus Spanien. der größte Maßſtab nicht. Haben ſie nicht ihren Camoss, den größten Meiſtern der lyriſchen und epiſchen Poeſie aller Völker eben⸗ bürtig? Ihren Gil Vicente, der zwar nur die erſten Schritte auf der Bahn der drama⸗ tiſchen Poeſie that, aber mit welch' herrlichen Kräften? Welches Ziel konnte bei einer ſo betretenen Bahn zu weit und zu hoch ſchei— nen? Statt die klägliche Armuth der ſpätern Zeit mit allerlei, zum Theil erborgten Flit⸗ tern und Lappen bedecken zu wollen, ſollte man lieber dieſe traurige Thatſache genügen⸗ der zu erklären ſuchen, als bisher von denen, welche ſie anerkennen, geſchehen iſt. Mangel an Aufklärung, an Freiheit, Bigotterie, geiſt— licher und weltlicher Despotismus, ſind hier die immer fertigen, vagen Phraſen, womit man alles zu erklären meint. Und doch haben ganz ähnliche Urſachen und Elemente in Spanien ganz andre Refultate gehabt. Aber freilich— unſern alleserklärenden Weiſen wird es nicht ſehr ſchwer zu vergeſſen, was ihre Weisheit in Verlegenheit bringen könnte, daß nämlich Spanien grade zu der Zeit der größten Ener⸗ gie der Inquiſition und des monarchiſchen 71 Skizzen aus Spanien. Despotismus in Poeſie, Kunſt und Wiſſen⸗ ſchaften ſo hoch, ja höher ſtand, als irgend ein Volk in Europa.— Genug davon— oh⸗ nehin hab' ich es hier nur mit dem allgemei— nen Eindruck zu thun, den die hieſige Welt durch Anſchauung und Erinnerung auf mich macht. Gewiß bietet die Weltgeſchichte kein zweites Beiſpiel dar, daß die herrlichſte Ent⸗ wicklung eines Volkes durch einen Unfall ſo unwiederbringlich zerſtört worden wäre, wie es bei den Portugieſen ſeit der Niederlage von Alcazar in Afrika und dem Tode oder Ver⸗ ſchwinden des König Dom Sebaſtian der Fall war. Dieſe Niederlage giebt aber freilich im— mer nur eine Epoche, einen Wendepunkt, keine Erklärung des ſpätern Verfalls, denn in eben ſo blutigen Niederlagen iſt die Blüthe des Adels andrer Völker gefallen. Und Könige?— Die thun's doch wahrlich nicht! Auch der er⸗ ſtickende ſpaniſche Despotismus reicht nicht aus zur Erklärung, denn in der Revolution, welche Portugal ſeine Unabhängigkeit wieder⸗ gab und das Haus Braganza auf den Thron ſetzte, waren viele, große und edle Kräfte thätig geweſen, welche zu den ſchönſten Hoff⸗ 7² Skizzen aus Spanien. nungen berechtigten, und dennoch blieb die höhere geiſtige Blüthe der nationellen Ent⸗ wicklung geknickt, und auch die politiſche Na⸗ tionalität ſank ſehr bald wieder in dumpfe Erſchlaffung, als Portugal die Bewahrung ſeiner Selbſtſtändigkeit dem Schutze Englands anvertraute und ſich wie ein Boot von dem mächtigen, ſeebeherrſchenden Albion in'sSchlepp⸗ tau nehmen ließ. Wie verſchieden aber auch die Anſichten über dies Verhältniß und ſeine Folgen ſein mögen— ſeit dem Verſchwinden des König Sebaſtian— geheimnißvoll bezeich⸗ nend iſt nie von ſeinem Tode die Rede, ſon⸗ dern es heißt immer a perdida— herrſcht in dem portugieſiſchen Volksleben ein langge⸗ haltener Ton ſchwermüthiger Klage vor. Ja die fratzenhafte Lebendigkeit der Gebildeteren macht zuweilen den Eindruck, als entſpränge ſie aus dem Beſtreben, vor Ausländern, viel⸗ leicht auch vor ſich ſelbſt, dieſen innern Schmerz zu übertäuben und zu verbergen. Ohne ſo widrige Verſtimmung und Beiſatz klingt die⸗ ſer Ton in dem Volke, in ſeinen Geſängen, ſeinem Sprachton, ſeinen Geſichtszügen, ſei⸗ nem ganzen Weſen.— Es iſt etwas trübes, Skizzen aus Spanien. 73 dumpfes, klagendes darin. Möglich auch, daß alles das nur in mir liegt, was ich in die Welt lege, die mich umgiebt. Hab' ich doch letzthin die Sage oder wie man es nennen will, von den Sebaſtianiſten, die hier dem Fremden als etwas ſehr komiſches aufgetiſcht wird, ſehr tragiſch gefunden. Die zur rech⸗ ten Zeit immer ſonnige oder ſchattige Ter⸗ raſſe des Kloſters San Geronimo, von wo aus man die Bay und darüber hinaus weit⸗ hin den Ocean erblickt, iſt der Lieblings⸗Spa⸗ ziergang oder vielmehr Ruheplatz einer gewiſ⸗ ſen Gattung von Leuten— Portugieſen von altem Schrot und Korn, ſchweigſam und feier⸗ lich. Ich ſelbſt habe geſehen, wie ſie ſtun— denlang ſitzen und nach dem Ocean hinaus⸗ ſtarren, dann zuweilen langſam die Kugeln des Roſenkranzes durch die Finger gleiten laſ⸗ ſen, dann etwa alle viertel Stunde einer zum andern gewendet mit einem tiefen Seufzer und bedenklichem Geſicht und feierlichem Ton ſprechen: Sim senhor, Senhor compadre, sim! Ich wagte es nicht, die ehrwürdige Ge— ſellſchaft ſelbſt durch Fragen zu ſtören, aber nachher erzählte man mir mit Lachen: die al⸗ 74 Skizzen aus Spanien. ten Herrn ſeien die Sebaſtianiſten. Sie ſchau⸗ ten tagtäglich ins weite Meer hinaus nach dem Schiff, was den verlornen König Seba⸗ ſtian zurückbringen ſolle und mit ihm beſſere Zeiten für Portugal. Ich weiß nicht— ich finde das ſo komiſch eben nicht. Von allen Bekanntſchaften, die ich in⸗ deſſen hier gemacht habe, iſt eigentlich nur eine, die mich näher intereſſirt. Ich hatte Briefe an einen Herrn van M., die ihm er⸗ wünſchte Nachrichten von Verwandten und Geſchäften in Cadix gaben, weshalb ich denn auch ſehr freundlich aufgenommen wurde und die Leute ſeitdem faſt täglich ſah. Hr. van M. iſt ein geborner Holländer, war lange in England anſäſſig, auch früher an eine Englän⸗ derin verheirathet, von der ſich noch eine ſehr ſteife, kalte Schwägerin herſchreibt, die wie es ſcheint, den Pantoffel von ihrer verſtor⸗ benen Schweſter geerbt hat. Van M's. hol⸗ ländiſches geiſtiges und körperliches Phlegma hat in dieſem Clima wo möglich noch zuge— nommen. Er iſt übrigens in ſeiner Schlaf⸗ Skizzen aus Spanien. 75⁵ mütze und Nankingjacke, mit ſeiner unaus⸗ löſchlichen Thonpfeife ein herzensguter, dicker Mann— vorausgeſetzt, daß nichts ſeine Be⸗ quemlichkeit ſtört und daß the main chance, der Geldkaſten, nicht gefährdet oder beläſtigt werde. Wie nun dieſe Fleiſchmaſſe von Myn⸗ heer zu einer ſolchen Frau kommt, weiß ich eben ſo wenig zu erklären als hundert andre Fälle der Art. Sie ſchütteln hier ſchon Ihr weiſes Haupt, lieber Freund, und glauben zu merken, daß in dieſen meinen Berichten, falls ſie anders der Wahrheit gemäß, der Madame van M. öfters Erwähnung gethan wird, als gut und zu wünſchen. In gewiſſer Hinſicht möchten Sie auch vielleicht Recht behalten; nur nicht wenn Sie mich als den Helden dieſes Romans denken. Höchſtens laſſe ich mich, und gewiß ſehr gegen meinen Willen, als der Mentor oder Vertraute an:— ſoviel ich mich aus der Zeit erinnere, wo ich noch das Thea⸗ ter beſuchte, eine ſehr undankbare und lang⸗ weilige Rolle. Allen Ernſtes aber geht mir die Sache nicht wenig im Koßf herum, da es ſich mehr um das Glück— und mehr als das— zweier Menſchen handelt, die mir Skizzen aus Spanien. beide, durch Zufall oder Sympathie, vom er⸗ ſten Augenblick an ein ſolches Wohlwollen und Vertrauen gezeigt haben, daß ich ſie nicht mehr als Fremde anſehen kann und aufge— hört habe, es für ſie zu ſein. Und überdies ein Paar Weſen von ſeltener Anmuth, jedes in ſeiner Art, und bis jetzt beide ſchuldlos. Sie würden mir alles dies gern erlaſſen, um deſto eher zur Hauptſache— zur Perſonalbe⸗ ſchreibung, zum Signalement der muthmaß⸗ lichen Delinquenten zu kommen. Ihre Neu— gierde könnte aber leicht ganz unerfüllt blei— ben, wenn nicht zufällig ein Andrer dieſe Mühe für mich übernommen hätte. Erinnern Sie ſich vielleicht noch jenes Sonnets von Camoss, was wir einſt zuſammen laſen, und was Ihnen ſo ſehr auffiel, wegen des unſüd⸗ lichen, gleichſam teutſchen Geiſtes, der ſich darin ausſprach? Wenigſtens beliebten wir damals es ſo zu nennen. Doch ich thue wohl am beſten, es Ihnen hier aufzuſchreiben, da Sie es nicht bei der Hand haben könnten: Hum mover de olhos, brando e piadoso, Sem ver de quem; hum riso brando e honesto, Skizzen aus Spanien. Quasi forzado; hum doce e humilde gesto, De qualquer alegria duvidoso; Hum despejo quieto e vergonhoso; Hum reposo gravissimo e modesto; Huma pura vontade, manifesto Indicio da alma, limpo e gracioso; Hum encolhido ousar; huma brandura; Hum medo sem culpa; hum ar sereno; Hum longo e obediente sofrimento;— Esta foi a celeste fermosura Da minha senhora, o magico veneno Que pode transformar meu Pensamento.*) *) Da der Schreiber nicht fuͤr noͤthig haͤlt, dies Son⸗ net zu uͤberſetzen, ſo erwartet der geneigte Leſer ohne Zweifel, daß der Herausgeber dieſe Muͤhe uͤber ſich nehme, und ſoferne von ihm nicht verlangt wird, daß er in einem teutſchen Sonnet den Geiſt des portugieſiſchen der Form aufopfere, wie ſo oft geſchieht, und wenn es mit einer ſchlichten, woͤrtli⸗ chen proſaiſchen Ueberſetzung gethan ſein kann, iſt er auch gern dazu bereit:„Ein ſanftes Bewegen der Augen voller Mitleid— doch weiß man nicht uͤber wen; ein mildes, ehrbares Laͤcheln, gleichſam unwillkuͤrlich; ſuͤße, demuͤthige Gebehrden, wie zweifelnd an jeder Freude; eine ſtille, zuͤchtige Ge⸗ wandtheit; eine beſcheidene ernſte Ruhe; ein tadel⸗ loſer Wille, klares Zeugniß einer anmuthigen, rei⸗ nen Seele; ein in ſich geſammelter Muth; eine Sanftheit; eine Scheu ohne Schuld; ein heitres Weſen bei langem, gehorſamem Dulden— dies war die himmliſche Schoͤnheit u. ſ. w.“— 78 Skizzen aus Spanien. Wenn ich hinzufüge, daß ſie blond iſt und blaue Augen hat, ſo werden Sie ſich noch mehr darüber wundern, wie ein ſolches We⸗ ſen unter die ſchwarzäugigen, bräunlichen Schönheiten Luſitaniens gerathen iſt. Dies erklärt ſich freilich dadurch, daß ſie von teut⸗ ſcher Abkunft iſt. Auch ſpricht ſie teutſch, obgleich mit einem gar lieblichen fremden Ac⸗ cent, ſowie ſie überhaupt, bei einer ſonſt ſehr vernachläſſigten geiſtigen Bildung, doch durch übung von Jugend an eine große Sprach⸗ fertigkeit hat, und teutſch, engliſch, franzö⸗ ſiſch, italieniſch und portugieſiſch mit gleicher Leichtigkeit und gleicher anſpruchsloſer Anmuth ſpricht. Eine ſolche Fertigkeit ohne verhält⸗ nißmäßige Geiſtesbildung, oder vielmehr mit einer gewiſſen Rohheit des Gemüths verbun⸗ den, kann leicht ſehr unangenehm werden. Aber hier bei einer ſo reinen, edeln Weiblich⸗ keit macht ſie auch ohne eigentliche ſogenannte Geiſtesbildung einen überraſchenden, ſeltſamen aber ſehr anmuthigen Eindruck, durch den Ge⸗ genſatz weiblicher Schüchternheit und der Art von Sicherheit, welche vielſeitige Sprachfer⸗ tigkeit unter Menſchen verſchiedener Nationen, Skizzen aus Spanien. 79 wie ſie ſich in einer großen Seeſtadt ſo oft zuſammenfinden, immer giebt. Es iſt gar lieblich, auch die gleichgültigen Kleinigkeiten, welche größtentheils das Geſpräch des tägli⸗ chen Lebens ausmachen, in denen ſich aber doch immer ächt weibliches Wohlwollen aus— ſprechen kann, in den verſchiedenſten Sprachen nach ihrer Eigenthümlichkeit mit derſelben Leichtigkeit und Anmuth aus einem ſchönen Munde zu hören, der ohnehin jeden Gedan⸗ ken an mühſames Erlernen ausſchließt.— Und er? Das iſt bald geſagt. Unter den jungen Leuten, die Herr van M. auf ſeinem Comptoir beſchäftigt und an ſeinem Tiſch hat, iſt einer, deſſen große dunkle Augen mit ei⸗ ner ſchwärmeriſchen Gluth jede Bewegung der Frau vom Hauſe verfolgen, und ſo oft ſie den ihrigen begegnen ſcheu, ehrerbietig, ver⸗ ſchämt niederblicken— der jeden ihrer Winke, jeden kaum ihr ſelbſt bewußten Wunſch zu errathen ſucht, und— was eben ſonſt noch dazu gehört. Und dennoch, wenn ich es dabei bewenden ließe, könnten Sie den armen Leu⸗ ten in Ihrem Sinne leicht bitterlich Unrecht thun. Aber was iſt dabei zu machen? Die 80 Skizzen aus Spanien. alte und immer neue Geſchichte einer Liebe, einer erſten Liebe zu erzählen, werden Sie mir doch nicht zumuthen. Sie ſind Verwandte, Jugendgeſpielen— früher für einander be⸗ ſtimmt— er war auswärts, ſein Haus erlitt Verluſte— der alte reiche van M. wurde von den Eltern vorgezogen— ſie gehorchte, und er findet ſie eben als Madame van M.— kurz, alte, abgedroſchene Geſchichten. Bis jetzt iſt dies Verhältniß noch ſo rein, daß es die Engel im Himmel jammern muß— und mich auch— und der Teufel lacht dazu. Denn wie kann es ſo bleiben und wo ſoll es hin⸗ aus? Und wer mag es verantworten, die Leute aus ihrer ſichern Unſchuld zu regen und ihnen die Gefahr der reizenden Sünde zu zeigen? Jetzt verehrt er ſie wie eine Hei⸗ lige und ſie liebt ihn, wie eine Heilige lieben mag; aber wie lange kann es dauern, bis— genug, es iſt ein Elend. Der hieſige politiſche Horizont verdun⸗ kelt ſich immer mehr— um mich im Zei⸗ tungsſtyl auszudrücken. In Spanien iſt es Skizzen aus Spanien. 81 ſo gut wie vorbei. In den Provinzen regt es ſich immer heftiger— ſogar in den Vor— ſtädten von Lisboa fallen faſt täglich kleine Duodezempörungen vor. In demſelben Maße nehmen die Freiheitsdeclamationen der Cortes, die officielle Begeiſterung der Liberalen zu. Der gute alte König ſpielt die Poſſe gewohn⸗ heitsmäßig mit. Schwört gelegentlich, bei Audienzen oder ſonſt, mit der Conſtitucion zu leben und zu ſterben u. ſ. w. Die Diplo⸗ macie glänzt in geſchäftiger Selbſtzufrieden⸗ heit. Alles geht nach Wunſch und zwar nicht nur die Sache, ſondern auch die Art und Weiſe. Alles hübſch ſtille und ohne blutigen Skandal. Denn man muß es der Diplomacie nachrühmen, ſie gleicht darin der Kirche: abhorret sanguinem. Oder der Katze, wel⸗ che das Huhn pflücken will, ohne ſich Maul und Pfötchen zu beſchmutzen. Nun— mir kann's einerlei ſein. Wir benutzen die Zeit, ſo gut wir können. Vor einigen Tagen in zahlreicher, guter Geſellſchaft— auch v. M's. — eine Parthie nach dem kühlen Eintra. Schon Camosés ſagt davon: 3ter Thl. 11I. Abth. 6 Skizzen aus Spanien. — A fria Cintra, Onde as Najadas escondidas Nas fontes väo fugindo o doce lazo, Onde amor as emeda brandamente, Nas agoas accendendo fogo ardente. Ein kleiner Umweg führt nach der herrlichen Waſſerleitung das agoas livres. Auf 35 Bogen ſchwebt ſie über der Thalſchlucht dos larangeiros, in deren Tiefe ein rauſchender Bach und freundliche Landhäuſer zwiſchen Oran⸗ gengärten glänzen. Der größte dieſer Bogen hat hundert Fuß Sprengung und 206 Fuß Höhe, ſo daß ein Linienſchiff mit vollen Se— geln darunter durchfahren könnte.— Die Fe⸗ ſtigkeit dieſes großartigen Werkes hat ſich während des großen Erdbebens hinreichend bewährt, wo kein Stein davon verrückt wurde. Es verſieht die meiſten Brunnen(chafarices) der Hauptſtadt mit einem trefflichen Waſſer, was nur leider in den Gefäßen der Agoa- deiros weder ſeine Friſche noch ſeine Rein⸗ heit bewahrt. Hierin ſtehen dieſe Leute, die hier eine ſehr zahlreiche Corporation bilden, ihren Amtsgenoſſen in Spanien weit nach. Sie ſind wie in den meiſten ſpaniſchen Städ⸗ Skizzen aus Spanien. 83 ten, wenigſtens angeblich Gallicier; eben ſo auch die Laſtträger. Dieſe Gallegos bilden ein ſehr zahlreiches und unter Umſtänden ge⸗ fährliches Element unter dem Pöbel von Lis⸗ boa; und es wäre leicht möglich, daß wir dies, im Falle es zu ernſtlichen Unruhen kommen ſollte, empfinden könnten, da einige Neue⸗ rungen, welche die Polizei kürzlich einzufüh⸗ ren verſuchte, dieſes Volk höchlich erbittert haben. Den Ruf ſtrenger Rechtlichkeit und Gutmüthigkeit, den die Gallegos in Spanien genießen, verdienen ſie hier im Ganzen kei⸗ nesweges. Es iſt ein treuloſes, gewaltthä⸗ tiges Geſindel, und zur Ehrenrettung ihres Namens muß man annehmen, daß ſie ſich nicht rein erhalten, ſondern mit der Maſſe des Pöbel's der Hauptſtadt vermiſcht haben, was bei der nähern Verwandtſchaft ihres Dia⸗ lekts mit der portugieſiſchen Sprache ſchwerer zu vermeiden iſt als in den ſpaniſchen Städten. Eine Art von Abentheuer, was uns zu⸗ ſtieß, noch ehe wir Cintra erreichten— wird zwar meinem Tagebuch ſehr willkommen ſein — war aber in jeder andern Hinſicht höchſt unangenehm. Nicht weit von dem Luſtſchloß 6* 84 Skizzen aus Spanien. Ramalhäo— wo die alte Königin, ſeitdem ſie ſich geweigert, den verfaſſungsmäßigen Eid zu ſchwören, wie ein böſer Geiſt ſitzt und Unheil brütet— geriethen wir plötzlich unter einen lärmenden Haufen von Jägern und Hunden, was bei dem ſtaubigen Wege für uns auf unſern demüthigen Eſelein ſchon unangenehm genug war, und es noch mehr wurde durch den rohen Spott, womit einige der Jäger ſich an unſerer Verlegenheit ergötz⸗ ten. Endlich ritt einer derſelben ſogar ganz dicht an Madame van M. heran und erlaubte ſich einige unanſtändige Scherze gegen ſie. Natürlich mußte ich hier meines Amtes als ihr Ritter und Beſchützer eingedenk ſein, und da ich weiß, wie tief bei den Portugieſen eine bedientenartige Verehrung vor Allem, was Eng⸗ liſch iſt, ſich eingeniſtet hat, ſo ſprang ich von meinem Eſel und riß das Pferd des Un⸗ verſchämten bei Seite, indem ich mit aufge— hobenem Stock auf Engliſch und in den derb⸗ ſten Ausdrücken gegen ſein Betragen prote⸗ ſtirte und ihn aufforderte, mir als ein Gentle⸗ man Genugthuung zu geben. Einen Augen⸗ blick war der Menſch unſchlüſſig und ſah erſt Skizzen aus Spanien. 8⁵ mich, dann das zitternde, erröthende Weib mit einem höchſt unheimlichen Grinſen an, und gab dann einigen ſeiner Leute einen Wink, worauf ſie offenbar Anſtalt machten, über uns herzufallen; und Gott weiß, was draus geworden wäre, wenn nicht einer ſeiner Be— gleiter, den ich mich erinnerte, ſchon irgend— wo geſehen zu haben, ihm leiſe aber mit dringenden Minen und Gebehrden Etwas ge⸗ ſagt hätte, wovon ich jedoch nichts verſtand, als den Namen des engliſchen Geſandten, worauf mir nun auch einfiel, den Menſchen in dem Salon des Geſandten geſehen zu ha— ben. Genug, mein Gegner rief nach wenig Augenblicken aus:«es iſt wahr, es iſt noch nicht Zeit!— Dieſe verdammten Engländer! Nur Geduld!“— Damit ſprengte er queer— feldein und der ganze Haufen hinter ihm drein. Als ſich die Staubwolke, in der das Geſindel uns zurückließ, verzogen hatte, holte uns auch die übrige Geſellſchaft ein, Herr van M. ſchien wenig von unſerm Abentheuer afficirt zu ſein, Vieira dagegen ſpie Feuer und Flamme und wollte ohne weiteres dem Beleidiger der Dame ſeines Herzens nacheilen und blutige Rache 86 Skizzen aus Spanien. an ihm nehmen. Einige ernſte Worte von mir, ein Blick von ihr und van M's. ruhige Frage:«aber Mynheer, was geht Sie denn eigentlich die Sache an?“ brachte ihn bald zur Beſinnung. Mein teutſcher Freund machte ſein gewöhnliches weiſes Geſicht, ſchüttelte den Kopf und nachdem er mich näher befragt, wie der freche Geſell eigentlich ausgeſehen, ſagte er mir, ohne daß es die andern hören konnten: adanken Sie Gott, daß es ſo gut abgelaufen iſt, und daß Sie den Herrn nicht haben ihren Stock fühlen laſſen, wie er es allerdings verdiente; und beſonders, daß hier unſer junger Freund nicht dabei war— denn jener Menſch war ohne Zweifel Niemand an⸗ ders, als unſer hoffnungsvoller Infant Dom Miguel.“— Wir waren indeſſen vor Monsieur Jean's Thüre angelangt, und ſuchten die alberne Rencontre, ſo gut es gehen wollte, zu vergeſſen. — Dieſes Cintra iſt wirklich ein wunder⸗ lieblicher Fleck. Die felſige Hügelgruppe von Eintra erhebt ſich ganz iſolirt aus der Ebene, Skizzen aus Spoanien. 87 welche nach dieſer Seite hin die Hauptſtadt umgiebt. Die kühlen Schatten uralter Ka⸗ ſtanien und Nußbäume, Korkulmen und Stein⸗ eichen empfangen am Fuße des Gebirges den, durch die glühende Hitze der baumloſen Ebene ermatteten Wanderer. Dann führt der Weg an waldigen Abhängen hin, über denen ſich mooſige Felſenmaſſen in abentheuerlichen Bil— dungen aufthürmen— im Mondlicht wie Thürme und Zinnen anzuſehen. Viele klare Bäche entſtrömen den Abhängen des Gebir⸗ ges, anfangs über Felſen brauſend und ſchäu⸗ mend, dann zwiſchen blühenden, duftenden Gebüſchen und Waldesſchatten verborgen, ge⸗— heimnißvoll rauſchend, und bald hier, bald dort durchſchimmernd, endlich leiſe murmelnd, ſilberhell durch blumenreiche Wieſen dahin ei⸗ lend und in Gärten und Feldern ſich zu kla— ren, blauen Teichen und Becken mit Spring⸗ brunnen und andern Waſſerkünſten ausbrei⸗ tend. Zahlreiche, zum Theil faſt pallaſtartige Landhäuſer, von Lorbeern, Cypreſſen, Oran⸗ gen und Citronengehölz umgeben, deren Blü⸗ thenduft bei jedem leiſen Windſtoß uns Wellen von Wohlgeruch umfluthen läßt, folgen einan⸗ . 88 Skizzen aus Syanien. der immer häufiger rechtshin am Fuß der Serra, und bilden endlich das freundliche Städtchen Eintra. Dieſe Gegend wird ſo viel von Fremden beſucht, beſonders von Engländern, welche auch den größten Theil der Landhäuſer inne haben, daß die Leute hier ſchon vollkommen, ja faſt zu ſehr auf die Wünſche und Bedürf⸗ niſſe der Touriſten— dieſes neuen, der über⸗ civiliſation Britanniens entſtrömenden No⸗ madenvolks— ein⸗ und abgerichtet ſind. So fanden ſich auch den Morgen nach unſrer An⸗ kunft bei Monsieur Jean ganz von ſelbſt Eſel und Führer ein, um uns den hergebrachten Curſus in ein, zwei oder mehr Tagen nach Belieben zu geleiten. Ich überließ die übrige Geſellſchaft dieſen Führern und Trägern, um meinen eignen Weg auf eignen Füßen zu klet⸗ tern und mit dem Verſprechen ſie unterwegs einzuholen. Mein erſtes Ziel war indeſſen das convento da penha, was grade über Ein⸗ tra den höchſten Felſenzacken des Gebirges erönt. Anfangs führt der Weg zwiſchen Gar⸗ tenmauern hin, wird dann zu einem Fuß⸗ pfade, der ſich in einem Eichengehölze immer Skizzen aus Spanien. 9 ſteiler hinan windet. Noch weiter hinauf geht es durch einen Fichtenwald, an mooſigen Fel⸗ ſenwänden hin, dann durch ein wunderliches Chaos durcheinander geworfner Granitblöcke, einen kahlen, ſteilen, felſigen Abhang hinan— und nun ſteht man vor einem Thor und ei⸗ ner Zugbrücke, die über einen in den Fels gehauenen tiefen Graben führt. Nach allen andern Seiten hin bilden die Kloſtermauern eine unmittelbare Fortſetzung der ſenkrechten Felswände, und das Ganze hat von außen wenigſtens weit mehr das Anſehen eines Raub⸗ ſchloſſes, als eines Gotteshauſes.— Das Innere enthält jedoch eine Kapelle und einen Kreuzgang in zierlichem byzanti⸗ niſch-gothiſchen Styl, und einige reinliche kleine Zellen. Faſt alle Wände ſind mit Vo⸗ tivtafeln und wächſernen Gliedmaßen behängt, zum Zeugniß der hohen Verehrung, in der das Heiligenbild ſteht. Die Ausſicht von einer Plateform des Kloſters herab umfaßt das ganze Gebirge, mit ſeinen zerriſſenen Zacken und bald zerſtreuten, bald abentheuerlich aufeinan⸗ der gehäuften Felsblöcken— an ſeinen Ab⸗ hängen und an ſeinem Fuße den grünen Kranz 90 Srkizzen aus Spanien. von Wäldern, von Wieſen und Gärten, von Landhäuſern, Klöſtern, Kapellen und Dör⸗ fern darüber hinaus; nach Weſten der Ocean, nach Norden niedrige, kahle Hügel, die ſich allmählig bis zur fernen Serra de Eſtrella hin erheben, auf einem derſelben die gewaltige Maſſe des königlichen Kloſters Mafra; nach Süden die kahle, dürre, braune Ebene, nur durch einzelne Meiereien und kleine Dörfer mit ihren ſpärlichen Aeckern unterbrochen, und durch die Gärten und Gehölze begränzt, die ſich längs dem Ufer des Tajo hinziehen. Von Lisboa ſelbſt ſieht man nur das Caſtell Säo Jorge und einige hochliegende Klöſter; da die Stadt ſelbſt auf und hinter den ſteilen Ab⸗ hängen liegt, womit das Plateau nach dem Ufer hin abfällt.— In einiger Entfernung von dem Felſenkloſter ſind die Ruinen einer Burg auf zwei niedrigern Klippen durch eine Mauer verbunden, die am Rande des Ab⸗ grundes hinzieht, der ſich hier faſt ſenkrecht mit Felstrümmern bedeckt, ſich bis zur Ebene hinab ſenkt, allen Windungen und Zacken der Felſenvorſprünge folgend und kaum von ih⸗ nen zu unterſcheiden. Auf den Thürmen und 91 Skizzen aus Spanien. zwiſchen den Zinnen haben ſich in der, nach und nach durch Verwitterung gehäuften Erde hängende Gärten voll blühender Pflanzen, be⸗ ſonders blauen Hyacinthen gebildet, die gar lieblich zwiſchen dem rauhen Geſtein hervor glänzen und duften.— Aus den überreſten von großen Waſſerbehältern, wahrſcheinlich Bä⸗ dern, die zu dieſen Ruinen gehören, möchte man ſchließen, daß ſie aus der Zeit der Mau⸗ riſchen Herrſchaft in dieſer Gegend herſtammen. Unter den vielen Landhäuſern, die bald durch ihre Lage, bald durch ihre Bauart, bald durch ihre Gartenanlagen, bald durch hiſtori⸗ ſche Namen oder andre Erinnerungen ſich un⸗ ter der Menge auszeichnen, fiel mir beſon- ders die ſogenannte Penha verde in die Au⸗ gen— der Lieblingsaufenthalt des großen Vi— cekönigs von Indien, Joso de Caſtro. Ich machte mich alsbald dahin auf den Weg, um ſo mehr, da ich untenhin am Fuße des Gebir⸗ ges unſre Caravane ſich in eben der Richtung bewegen ſah. Am Eingang des Parks er⸗ reichte ich ſie. Der Charakter dieſes Land⸗ ſitzes iſt des Helden würdig, der ihn angelegt und in ſeinem Teſtament geboten hat, daß 92 Skizzen aus Spanien. dieſer Theil ſeiner Beſitzungen nie mit irgend einer Rückſicht auf Nutzen und Erwerb be⸗ wirthſchaftet werden, ſondern immer zur Er⸗ holung des Geiſtes und Körpers in ſtiller, ländlicher Einſamkeit dienen ſolle. Auf einem felſigen, waldigen Vorſprung des Gebirges mit herrlicher, weiter Ausſicht auf Land und Meer, ſteht in einem Haine von uralten Lor⸗ beeren, von einer Höhe und Stärke, wie man ſie ſchwerlich irgendwo ſonſt ſieht, ein klei— nes Haus, von einfach edlen Verhältniſ⸗ ſen. In einiger Entfernung eine Grabca⸗ pelle, worin das Herz des Helden ruht. In der Tiefe des Waldes ſtürzt ein Waſſerfall donnernd und ſchäumend in eine Felſenſchlucht hinab. Alles erſcheint des Mannes würdig, der als der letzte aber auch größte in der Reihe von Helden erſcheint, welche über Aſien und Afrika den Schrecken des portugieſiſchen Na— mens verbreiteten, und die geheimnißvollen Quellen aſiatiſcher Wunder, Reichthümer und Genüſſe mit dem Schwerdt aufbrachen, und in vollen Strömen der meerbeherrſchenden Stadt des Odyſſeus zuführten.— Ich kann der Verſuchung nicht wider— Skizzen aus Spanien. 93 ſtehen, Ihnen eine Nachricht von den letzten Augenblicken des großen Mannes beizufügen, die ich kürzlich las— um ſo größer, da er in den Zeiten des anfangenden Verfalles alle Tu⸗ genden der Heldenzeit in ihrer höchſten Blüthe zeigte. Die Albuquerques, die Almeidas hat⸗ ten die portugieſiſche Herrſchaft in Aſien ge⸗ gründet, von dem vollen Strom der höchſten Kraft ihres Volkes getragen, Jozso de Caſtro löſ'te die ſchwierige Aufgabe, dieſes Reich zu retten, zu erhalten, als auch überall außer in ihm der alte Geiſt ſeines Volkes zu er⸗ ſterben begann. Je tiefer Portugal ſeit zwei Jahrhunderten geſunken iſt, deſto billiger iſt es, nicht zu vergeſſen, daß es einſt auf einer Höhe der Kraft und Herrlichkeit geſtanden, die, wenn man das Verhältniß der materiel⸗ len Kräfte, der Volkszahl berückſichtigt, kein andres Volk erreicht hat. Das Verhältniß der damaligen Portugieſen zu ihrer Zeit fin⸗ den wir bezeichnet in der Außerung eines indiſchen Fürſten, eines ihrer vielen Opfer: es ſei ein Glück, daß die Zahl der Portugie⸗ ſen unter den Menſchen, wie die der Löwen unter den Thieren, nur gering ſei, ſonſt würde 94 Skizzen aus Spanien. die Welt bald durch ſie verödet ſein.— Daß dieſe portugieſiſchen Löwen es auch im edlern Sinne waren, aller philantropiſch⸗weinerlichen Moral zum Trotz— beweiſ't das Bild, wel⸗ ches Caſtro's würdiger Biograph Freire de An⸗ drada von ihm giebt. Folgendes berichtet er von dem Tode des Helden. Dom Jozo de Caſtro fühlte ſich erſchöpft, weniger durch die Jahre als durch die Mühſeligkeiten ununter⸗ brochner Kriege; ſo erlag er endlich der Laſt ſo ſchwerer Sorgen. Er wurde gefährlich krank und ſein übel erwies ſich in wenigen Tagen als tödtlich. Als er dies inne wurde, durch den Schmerz der wiederholten Anfälle, entle⸗ digte er ſich der Laſt der Regierung. Er be⸗ rief zu ſich den Biſchof Dom Joäo de Albu⸗ querque, Dom Diego de Almeida Freire und andre der Angeſehenſten, denen er das Reich übergab im Frieden mit allen benachbarten Fürſten, durch ſo viele Siege geſichert. Hier⸗ auf ließ er die Stadtbeamten vor ſich kom⸗ men, ſowie den Generalvikar von Indien, den heiligen Franziscus Xavier und die Be⸗ amten des königlichen Schatzes, und ſprach folgende Worte zu ihnen: Ich ſchäme mich Skizzen aus Spanien. 95 nicht, euch zu geſtehen, ihr Herren, daß es dem Vicekönig von Indien in dieſer Krank⸗ heit an den Bequemlichkeiten gebricht, welche der ärmſte Soldat in den Hospitälern findet. Ich bin in's Morgenland gekommen, um zu kämpfen, nicht um Handel zu treiben. Euch ſelbſt wollte ich einſt die Gebeine meines Soh⸗ nes verpfänden, und habe euch die Haare meines Bartes verpfändet, weil ich keine an— deren Teppiche noch andre Kleinodien beſaß, um euch Sicherheit zu geben. Heute war in dieſem Hauſe nicht Geld genug, um mir ein Huhn kaufen zu können; denn bei meinen Kriegszügen verzehrten die Soldaten immer eher das Vermögen des Feldherrn als den Sold ihres Königs; und es iſt kein Wunder, daß der Vater ſo vieler Kinder arm iſt. Ich erſuche euch, daß während der Dauer dieſer Krankheit ihr mir aus dem königlichen Schatze einen anſtändigen Unterhalt zuweiſet und eine von euch zu beſtimmende Perſon, die mich um billigen Lohn verpflege.“ Und hierauf ein Miſſal verlangend, legte er auf das Evange⸗ lium einen Eid ab, daß er bis zu dieſem Au⸗ genblick dem königlichen Schatze nicht einen 96 Skizzen aus Spanien. einzigen Cruzado ſchuldig ſei, noch jemals ir— gend eine Gabe empfangen habe von Chriſten, Mohren, Juden oder Heiden; auch daß er für den äußern Glanz ſeines Amtes keine andern Kleinodien noch Geräth beſitze, als die, ſo er aus Portugal mitgebracht, und das Geld, was er von Hauſe bezogen, habe er hier ausgege⸗ ben, ſo daß es ihm in dieſem Augenblick nicht möglich ſei, einen andren Bettſack zu kaufen, als der, auf dem er liege. Nur ſeinem Sohne Dom Alvaro habe er einen Degen machen laſſen, mit einigen Steinen von geringem Werth beſchlagen, um nach Portugal zurück⸗ zugehen. Hierüber verlange er ein gerichtli— ches Zeugniß, damit wenn jemals ſich etwas Andres fände, der König ihn als einen Mein⸗ eidigen beſtrafen könne. Dieſe Verhandlung wurde in den Büchern der Stadt Goa nie⸗ dergelegt, wo man ſie nachleſen kann als Lehre für die Nachkommen, unter denen, wie ich glaube, das Andenken ſich länger erhalten hat als die Nachahmung. Als der Vicekönig hierauf fühlte, daß er zu einem härtern Kampfe be⸗ rufen ſei, wies er die läſtige Zerſtreuung menſchlicher Angelegenheiten von ſich und ver⸗ Skizzen aus Spanien. 97 ſchloß ſich mit dem heiligen Vater Franziscus Kavier, für eine ſo gefährliche Reiſe ſich ei— nem ſo ſichern Führer vertrauend, der ihm während der ganzen Dauer ſeiner Krankheit mit Pflege, Gebet und Lehre beiſtand. Da er keine Reichthümer erworben hatte, über die er von neuem hätte verfügen können, machte er kein neues Teſtament, ſondern beſtätigte dasjenige, was er vor ſeiner Abreiſe nach In⸗ dien aufgeſetzt hatte. Nachdem er die Sakra— mente empfangen, übergab er ſeine Seele Gott, den ſechſten Juni 1548, im achtund⸗ vierzigſten Jahre ſeines Lebens, von denen er die drei letzten an der Spitze dieſer Reiche geſtanden. Die Schätze, welche er in Aſien erwarb, waren ſeine großen Thaten, welche die Nachkommen mit ſehnſüchtigem Andenken leſen werden. In ſeinem Schreibtiſch fand man drei Scheidemünzen und eine Disciplin, der man den häufigen Gebrauch anſah, und die Bartlocke, welche er einſt verpfändet. Sein Leichnam wurde in der Kirche St. Franziscus zu Goa beigeſetzt, um von da nach ſeiner Ca⸗ pelle von Eintra gebracht zu werden. Sein Leichenbegängniß war eben ſo feierlich als kla⸗ 3ter Thl. III. Abth. 7 98 Skizzen aus Spanien. gereich, begleitet von den Thränen aller Stän⸗ de, des Adels wie des Volks.“— Von der Penha verde zogen wir weiter, am Abhang der Serra hin gegen Colares zu, und wählten einen höheren Pfad, der am Rand des Waldes hinführt, um zwiſchen den been⸗ genden Gartenmauern herauszukommen, die hier wie ſo oft im Süden, beſonders wo Wein gebaut wird, den Wanderer mitten in der ſchönſten Gegend, wie mit glühenden Kerker⸗ mauern umſchließen. Ein rauſchender Bach hielt uns gefeſſelt, der, aus einer waldigen Schlucht hervorſtrömend, dicht am Wege ein Felſenbecken ausgehölt hatte, deſſen klarer Spiegel Blumen, Gras und Gebüſch und das Laubgewölbe eini⸗ ger hoher Eichen in feuchtem Bilde zurück⸗ warf, während das muthwillige, mannigfache Gezwitſcher der Vögel wie eine unwiderſteh⸗ liche Einladung uns entgegen tönte. Ohne Berathſchlagung oder Verabredung fanden wir uns auch bald im Schatten an der Quelle ge⸗ lagert, genoſſen unter abgebrochenem, leiſen Ge⸗ ſpräch des lieblichen Ortes, des friedlichen Augen⸗ blickes, der weiten Ausſicht auf die Abhänge des Gebirges, auf die Küſte von Peniche bis Skizzen aus Spanien. 99 Cabo de Roca, auf die unermeßliche, dunkel⸗ blaue Meeresfläche, die faſt unmerklich in den wolkenloſen Horizont überging. Bald aber erregte eine Gruppe, die deſſelben Weges heran zog, den wir gekommen waren, unſre ganze Aufmerkſamkeit. Auf ſtattlichen, wohlgenähr⸗ ten und mit Bändern und Troddeln aufge⸗ putzten Eſeln ſaßen zwei Frauen; die erſte, eine ehrwürdige Matrone mit einem Ausdruck freundlicher, ſtiller, frommer Zufriedenheit in dem ſonneverbrannten, faltenreichen Geſicht— ihre Kleidung dunkelbraun; die andere ein blühendes, junges Mädchen, in weißem Feſt⸗ kleide, mit blauem Gürtel, blauen Schleifen auf den Schultern. Die bräunliche, friſche Geſichtsfarbe, das große, dunkle Auge, die hervorquellende Fülle ſchwarzer Locken wurde noch gehoben durch das feine weiße Tuch, was ſie nach portugieſiſcher Sitte um den Kopf geſchlagen und unter dem Kinne zuſam⸗ mengeknüpft hatte. Jede der Frauen hatte einen Führer, der ihrem Alter und Ausſehen entſprach. Ein rüſtiger Sechziger ſchritt nach⸗ denklich neben der Alten her, und obgleich er bei beſchwerlichen Stellen des Pfades ſeine 7* 100 Skizzen aus Spanien. Pflicht als Führer und Beſchützer nicht ver⸗ ſäumte, ſo geſchah es doch mit einer, ſeinem Alter wohlanſtändigen Ruhe und Bedächtlich⸗ keit und mit einer nicht zu verkennenden Rück⸗ ſicht auf ſeinen ehrbaren ländlichen Sonntags⸗ ſtaat.— Nicht ſo der Begleiter des Mäd— chens. Ein kräftiger, gewandter junger Mann, er hatte für nichts Auge oder Ohr oder ir⸗ gend eine Rückſicht, als für ſeine Schutzbe⸗ fohlene— ja er ſchien die größte Luſt zu ha⸗ ben, dem Eſel ſeine liebliche Bürde ganz ab⸗ zunehmen und über Berg und Thal zu tra⸗ gen. Ein Junge von 14— 15 Jahren klet⸗ terte mit knabenhaftem Frohſinn bald unter⸗ halb, bald oberhalb des Fußpfades herum— pflückte an den äußerſten Vorſprüngen der Klippen Blumen und Beeren, die er dem jungen Mädchen brachte oder zuwarf und ſie auf mancherlei Weiſe neckte.— Die Leute wollten mit einem freundlichen Gruß vorüberziehen; ein Gutsbeſitzer aus der Nachbarſchaft, der ſich, da er einige von uns kannte, unſrer Geſellſchaft angeſchloſſen hatte rief ſie aber an: O! Compadre Machado— habt ihr ſolche Eile, daß ihr eure Nachbarn Skizzen aus Spanien. 101 nicht einmal kennt! O, Senhora Brigida, mögt ihr tauſend Jahre leben!— O! Colaſita, mein ſchönes Kind, lebe hoch!— tauſendmal willkommen! Aber ich ſehe ſchon— ich ſehe ſchon— es iſt alles richtig! nun, ich wünſche Glück, Senhor Bras— möge es zur guten Stunde ſein!— Nun, nun— ſteigt doch ab Kinder, laßt euch ein wenig beſehen, zur guten Stunde. Setzt euch her in's Kühle, die helle Gluth ſchlägt ja über euch zuſam⸗ men. Ihr braucht nicht ſo roth zu werden, Menina— keine von all den ſchönen Da⸗ men die hier ſind, würde was dagegen haben, eurem wackern Bras einen Kuß zu geben; unter vier Augen verſteht ſich— es iſt ja der ſchmuckſte Junge im ganzen Gebirge von Cintra. Nun— noch einmal, ich wünſche Glück.— Aber ſteigt doch ab. So fuhr er in ſeiner lauten, luſtigen Art fort, bis der ehrbare alte Bauer nachgab, der unſchlüſſig und etwas verdrießlich doch ohne Verlegen⸗ heit, ihn vergeblich zu unterbrechen geſucht hatte.«Wenn die Herrn und Damen erlau⸗ ben— wir hatten ohnedies im Sinn, hier ein halb Stündchen zu raſten, aber wir fürch⸗ 102 Skizzen aus Spanien. teten, beſchwerlich zu ſein und wollten vorüber⸗ ziehen.» Mit dieſen Worten half er ſeiner Frau abſteigen, und das Mädchen ſprang, ohne die Hülfe ihres Begleiters abzuwarten, dem dieſes Zuſammentreffen nicht ganz recht zu ſein ſchien, federleicht zur Erde, und un⸗ ter manchen höflichen Reden lagerten ſich die Leutchen zu uns.„Aber ſagt mir,» fing un⸗ ſer Wortführer wieder an, wer hat euch denn endlich zur Vernunft gebracht, alter Starr⸗ kopf?— Es war ja Jammer und Schade, zu ſehen, wie die beiden jungen Leute vor Liebe umkamen, und ihr ihnen die Freude verdarbt — wegen alter Geſchichten, die längſt vergeſ⸗ ſen ſein ſollten. Der alte Barroſo war frei⸗ lich noch verſtockter als ihr— Gott verzeih es ihm!“—«Um alte Geſchichten zu vergeſ⸗ ſen, iſt es am beſten, man ſpricht nicht da⸗ von“— erwiederte der Landmann etwas mür⸗ riſch.«So wie es einmal iſt, iſt es gut und vielleicht beſſer. Gott gebe ſeinen Segen dazu, ſo wie ich den meinigen gegeben habe. Aber den Dank iſt das junge Volk dem Pater Ja⸗ cinto ſchuldig— droben vom Korkkloſter; und eben ſind wir auf dem Wege, dem Mann Skizzen aus Spanien. 103 Gottes zu danken und den alten Barroſo in Colares zu beſuchen, dem freilich ſeine ſieb⸗ zig ſchwerer auf den Schultern liegen als mir. Und wie geſagt— es iſt beſſer ſo. Wir tra⸗ gen ja doch beide unſer weißes Haar mit Eh— ren, das iſt die Hauptſache; und ohne die verdammten böſen Zungen, die ſich hineinge— miſcht, waren wir längſt in Ruhe und Frie— den.“— Das Brautpaar hatte indeß wenig auf dieſe und ähnliche halblaut geführten Re⸗ den geachtet, und während der Bräutigam ſich etwas verdrießlich zurückhaltend zeigte, ant⸗ wortete das Mädchen beſcheiden auf die freund⸗ lichen Fragen, womit beſonders Madame van M. ſich ihr zu nähern und ihrer Verlegenheit zu Hülfe zu kommen ſuchte. Ich hatte mich indeſſen mit dem Jungen eingelaſſen, deſſen halbverlegenes und doch zugleich keckes, ſchlaues, derbes und gewandtes Weſen mir viel Spaß machte. Er trug eine ungeheure violette Bän⸗ der⸗Cokarde an ſeinem neuen Hute und ſchien ſich nicht wenig drauf einzubilden. Es fiel mir nun erſt auf, daß ich dieſen Schmuck, wenn auch in verjüngtem Maßſtabe, ſeit eini— gen Tagen bei den Landleuten der Umgegend 104 Skizzen aus Spanien. öfters bemerkt hatte. Du biſt wohl auch ſchon Bräutigam, Junge, und trägſt die Farbe deiner Dame am Hut; oder was ſtellt dieſe Pracht hier vor?» fragte ich, indem ich ihm den Hut vom Kopf nahm. Er riß mir ihn aber ſogleich wieder aus der Hand, und ſtellte ſich in einer trotzigen Poſitur vor mich hin: „Das ſind die Farben Ihrer Majeſtät der Königin— die Gott erhalte, und— und die dicke Frau des Herrn Schloßvogtes, deren Schweſter die Gevatterin meiner Frau Pathe, der Frau des Hundefütterer des Infanten Dom Miguel iſt, hat mir ſie ſelbſt aufgeſteckt, als ich geſtern friſche Butter nach dem Ra⸗ malhäo brachte— Herr. Und ſie hat mir geſagt, die heilige Mutter Gottes do Buraco habe wieder große Wunder und Zeichen gegen alle die gethan, die nicht ſolche Bänder tra⸗ gen— Herr.“ eTrägt denn die Königin an⸗ dre Farben als der König— Junge 2»— fragte ich weiter,«weißt du nicht, daß die jetzt blau und weiß ſind? wart, ich will dich lehren.“—— Der Junge ſtand in einigen Sätzen auf einem Felſenſtück, wo ich ihn nicht erreichen konnte und rief höhniſch herunter:« Blau und weiß Skizzen aus Spanien. 105 iſt die Farbe der Freimaurer, der Juden und Ketzer— und der König— der König— der König iſt ein guter Mann, und wenn die Frei⸗ maurer oder die Cortes dort zu ihm ſagen: Herr, der Eſel dort das iſt ein Pferd, ſo würde er ſagen: ja meine Herren, der Eſel iſt ein Pferd. So iſt der König— aber die Königin— es lebe die Königin!“—„Aber Junge“— fuhr ich fort— adeine Schweſter trägt ja auch weiß und blau, und die iſt doch gewiß keine Ketzerin.“„Ach was— meine Schweſter keine Ketzerin? Sie iſt ja verliebt bis über die Ohren, und glaubt an nichts mehr, als an ihren Bras— Braſito— Bra⸗ ſito— ſpottete er der armen Colaſa zu, die vergeblich ihr Erröthen hinter dem Blumen— ſtrauß zu verbergen ſuchte, an dem ſie roch und den ſie zerpflückte.„Willſt du's Maul halten und herunter kommen, Junge! rief hier der Alte— mußt du hier das große Wort führen vor den Herrn und Damen.— «Ihr habt da einen ſchönen Corcunda aus eurem Jungen gezogen, Compadre Machado,“ fiel ihm unſer Führer halb im Scherz, halb ärgerlich in's Wort; zaber, wie ſoll es anders 106 Srizzen aus Spanien. ſein— der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Ihr laßt euch auch von den Pfaffen am Nar⸗ renſeil herumführen, daß es eine Schande iſt. Man ſollte es gar nicht glauben— ihr ſeid ſonſt ſo ein rechtſchaffener, verſtändiger Mann.“ Der Alte war offenbar durch dieſe Worte ſehr unangenehm berührt, doch nahm er ſich zu⸗ ſammen und ſagte:«Laßt uns nicht von die⸗ ſen Dingen ſprechen, Senhor Couto— was ſollte ich einfältiger Bauer vor all dieſen frem- den Herrn mit euch ſtreiten?“— Couto ſchien keine große Luſt zu haben, ſeine Schwatzhaf⸗ tigkeit zu zäͤhmen; aber ein Blick von Madame van M. forderte mich auf, dem Geſpräch eine andre Wendung zu geben, und indem ich dem Bräutigam die Mandoline hinreichte, die er an einen Zweig gehängt hatte, ſagte ich:«was kümmern einen glücklichen Bräutigam, wie ihr ſeid, alle dieſe Dinge— ſingt uns lieber eine Modinha, zum Lobe eurer ſchönen Braut.“ Mehre von der Geſellſchaft unterſtützten meine Bitte, und der junge Mann war ohne Ziererei noch Zuvorkommenheit bereit, ſagte aber, ſein Glück und Bräutigamsſtand ſei noch ſo neu, daß er noch kein darauf paſſendes Lied ſingen Skizzen aus Spanien. 107 könne, aber wenn die Geſellſchaft eins hören wolle, was er leider früher gar oft geſungen, ſo wolle er es gerne ſingen. So begann er denn nach einer hier bekannten uind beliebten Melodie zu ſingen: Como corre este ribeiro Mansamente täo saudozo. Sô eu näão corro à meu bem, Por ser pouco venturozo. Ko som das serenas agoas, Que väo até o mar undozo 4 Derramo meu triste pranto, Por ser pouco venturozo. As suas agoas correntes Tudas väo ao mar undozo, Sö meu pranto corre em vão, Por ser pouco venturozo.*) Als er geendet und den Beifall der Geſell⸗ ſchaft, mit ſtolzer Verlegenheit und lieblichem *)„Wie gießt der Strom ſo ſanft und ſehnſuchterre⸗ gend, nur ich eile nicht meinem Gluͤcke zu, weil ich kein Gluͤck habe. Beim Rauſchen des klaren Waſſers, welches dem wogenreichen Meere zuſtroͤmt, vergieße ich meine bittern Thraͤnen, weil ich kein Gluͤck habe. Seine ſtroͤmenden Gewaͤſſer eilen alle dem wogen⸗ reichen Meere zu, meine Thraͤnen ſtroͤmen vergeb⸗ . lich, weil ich kein Gluͤck habe.“ * 108 Skizzen aus Spanien. Erröthen der Braut, eingeerndtet hatte, reichte er die Mandoline an Vieira, der gutmüthig mit herzlichen Äußerungen des Beifalls ſich ihm genähert hatte.„Nehmt, Herr, und laßt uns auch etwas hören— einem ſchmucken Herrn wie ihr fehlt es gewiß nicht an ſchö⸗ nen Augen, die er beſingen kann. Nehmt, nehmt— ich weiß wohl, daß ihr mich zum Raben machen werdet, mit meiner Bauern⸗ ſtimme, aber das thut nichts; weiß ich ja Eine, die mein Krähen doch lieber hört, als alle Nachtigallen.“ Mehre von uns ſtimmten dem Verlangen bei, aber Vieira war nicht dazu zu bewegen.«Stellt euch doch nicht ſo wunderlich an, Vieira— ihr wart ſonſt doch wahrhaftig nicht ſo ſpröde mit eurer Kunſt— aber ſeit einiger Zeit iſt überhaupt nichts mehr mit euch anzufangen. Was iſt mit euch?“ So fuhr endlich der alte van M. ver⸗ drießlich dazwiſchen; und leider hat er nur zu ſehr Recht, denn ſeit den letzten Wochen nimmt ſein Verhältniß zu Madame van M., ſeine ganze Stimmung und ſein Weſen einen ſehr bedenklichen Charakter, der allmählig auch auf ſie zurückwirkt und ihr ihre Unbefangen⸗ Skizzen aus Spanien. 109 heit nimmt. Aufgeſchreckt durch des Alten unfreundlich-argwöhniſche Worte und Blick, nahm nun Vieira, um der Sache ein Ende zu machen, die Mandoline zur Hand und ver⸗ ſuchte mit einigen Griffen ein Paar mun⸗ tere Melodien, die ihm aber nicht gelingen wollten. Er ſchüttelte, wehmüthig lächelnd, den Kopf und ſang endlich ein ſehr ſchwermü⸗ thiges Lied, womit ich Sie verſchonen will, da es offenbar von ſeiner eignen Fabrik war, und ſich nicht weſentlich von hundert andern unterſchied, die auf hundert ähnliche, wirkliche oder fingirte unglückliche Lieben aller Orten gedichtet und geſungen worden ſind. «Coitadinho!“ ſagte die Braut, die den Sänger mitleidig angeſehen hatte, als er ſchwieg, und kehrte dann mit dem ſichern In⸗ ſtinkt der Frauen faſt unwillkührlich ihren Blick nach Madame van M. hin, die anſcheinend nur ſehr zerſtreut zugehört und ſehr eifrig mit Blumen geſpielt hatte. Sie wandte ſich leicht erröthend ab, die gute Dirne aber ergriff ihre Hand und wiederholte leiſe:«coitadinha.“— Die portugieſiſche Sprache iſt im Ganzen ſehr wenig wohlklingend, aber grade dieſes coita⸗ 110 Skizzen aus Spanien. dinho von einem hübſchen Munde mit einer ſanften Stimme hat etwas unvergleichlich lieb⸗ liches und vielſagend wohllautendes. Es war indeſſen Zeit zum Aufbruch ge⸗ worden, und wir machten uns um ſo lieber auf, da eine gewiſſe Verlegenheit ſich anfing ſchwül, unbehaglich über uns auszubreiten, ohne daß die Meiſten recht wußten, wie ihnen geſchah. Unterwegs verlor ſich dies indeſſen bald. Unſere kleine Caravane gewährte einen höchſt maleriſchen Anblick, wie ſie ſich ſo an dem ſteilen Abhaͤng des Gebirges hinwand, bald ganz, bald nur theilweiſe zum Vorſchein kam, und die bunten Tücher und Sonnen⸗ ſchirme der Damen wie fremdartige Blumen zwiſchen dem Gebüſch und Felſen hervorſchim⸗ merten. Der Pfad führte indeß wieder ab⸗ wärts und nach der eigentlichen Straße, die wir verlaſſen hatten, zurück. Auf dieſer nä⸗ herten wir uns nun dem Dorfe Colares— durch ſeinen trefflichen Wein berühmt. Bald wurden wir jedoch auf ein verworrenes, viel⸗ ſtimmiges Getöſe, was von dort her erſchallte, aufmerkſam, und als gleich darauf auch einige Schüſſe in derſelben Richtung fielen, machten Skizzen aus Spanien. 111 wir Halt, um zu berathen, was zu thun ſei und was ſich dort wohl zutragen möge. Bras erbot ſich ſogleich, voraus zu eilen, um Erkun— digung einzuziehen und ſchritt, ſeinen tüchti⸗ gen langen Knotenſtock leicht und kräftig um den Kopf ſchwingend, vorwärts, als mit flie⸗ genden Haaren, vom Laufen und Angſt er⸗ ſchöpft und erhitzt, ein Mädchen herbeiſtürzte, das uns ſchon aus der Ferne zurückgewinkt und etwas zugerufen hatte. Als ſie den jun— gen Mann, der verwundert ſtehen geblieben war, erreicht, zog ſie ihn heftig zu uns zu— rück, indem ſie athemlos rief:«Fliehe, Bras! fliehe, lieber Bruder! Die Quinta— die Quinta iſt los! Der Lieutenant und der Re⸗ gidor haben es auf uns abgeſehen— wegen der Geſchichte von letzthin. In unſerem Haus ſind die Soldaten zuerſt gewefen, und erſt als ſie merkten, daß du nicht zu Hauſe ſeiſt, ha⸗ ben ſie bei den Nachbarn nach den jungen Leuten geſucht. Einige haben ſie auch er— wiſcht, die andern rennen durch die Wein⸗ berge wie gejagtes Wild, und die Soldaten hinter ihnen her mit Fluchen und Schießen.“ «⸗Blind hoffentlichh— ſagte hier van M., 112 Skizzen aus Spanien. indem er ſich bedenklich umſah.«Blind oder nicht, hier iſt keine Zeit zu verlieren»— rief der alte Machado.»Bras, mach daß du fort⸗ kömmſt, dort ſeh ich ſchon ein Paar von den Schurken in Uniform auf uns zukommen— fort!“ Im Korkkloſter bin ich ſicher und warte auf euch, leb wohl Colaſa— lebt wohl Mutter, nehmt euch ihrer an!“ ſagte Bras ſchnell, indem er ſich gewaltſam aus den Ar⸗ men ſeiner klagenden, geängſteten Braut los⸗ riß, und war in wenig Augenblicken verſchwun⸗ den. Es war auch die höchſte Zeit, denn kaum hatten wir ihn aus dem Geſicht ver— loren, ſo kamen ſeine Verfolger bei uns an.— Ein Officier mit einigen Soldaten, in Be⸗ gleitung eines Eivilbeamten, den der kurze ſchwarze Mantel und der dreieckige Hut aus⸗ zeichnete, trieben ſchon mehre junge Bauern⸗ burſche, mit Stricken zuſammengekoppelt, vor ſich her. Der Officier muſterte unſern Zug und wurde offenbar unangenehm überraſcht, als er ſah, daß er es nicht blos mit armen Bauern, ſondern auch mit Honoratioren, oder gar mit Fremden zu thun hatte: Ja, ja— Herr Officier, der Vogel iſt aufgeflogen“— Skizzen aus Spanien. 113 rief der Junge ihm höhniſch zu, als er ſo, zwiſchen Ärger und Verlegenheit unſchlüſſig ſchwankend, eine ziemlich lächerliche Figur dar⸗ ſtellte. Dies und das ſchadenfrohe Gelächter einiger ſeiner Gefangenen gab ſeinem Zorn den Sieg über ſeine Scheu, und er warf uns nun gradezu voͤr, dem jungen Menſchen be⸗ hülflich geweſen zu ſein, ſich der Rekrutirung zu entziehen, und wollte ohne weiteres den Alten dafür verantwortlich machen und ſich ſeiner als Bürgſchaft verſichern. Der laute Ausbruch des Unwillens, mit dem wir aber dieſe Frechheit zurückwieſen, einige Drohun⸗ gen, die Vieira und ich einfließen ließen, mach— ten den Geſellen indeſſen wieder ſtutzig und endlich trat gar Bras Schweſter mit aller Kühnheit eines gekränkten Weibes vor ihn und rief:„Du elende Memme! glaubſt du wir wiſſen nicht, was du gegen meinen Bru— der haſt? So willſt du dich dafür rächen, daß er mich Arme gegen deine ekelhaften Bewer— bungen geſchützt hat? Und der Regidor dort, das blaſſe Galgengeſicht— ihr meint, mein Vater ſoll euch den ſtreitigen Acker überlaſſen, um ſeinen Bras los zu kaufen— und tau— 3ter Thl. III. Abth. 8 114 Srizzen aus Spanien. ſend ſolche Acker wären freilich zu wenig für unſern Bras— aber die Herrn werden es nicht zugeben, und der König und die Kö⸗ nigin auch nicht— wir ſind gute Chriſten und keine Juden wie ihr und eure Cortes.“ Ohne ſo unangenehme Reden ganz auszuhö⸗ ren, ſprach der Lieutenant einen Augenblick leiſe mit dem Civilbeamten, der ihn begleitete. „Wir wollen ihn ſchon wieder finden— rief er endlich giftig— und wenn er uns gar ent⸗ käme, ſo wiſſen wir, an wen wir uns zu hal⸗ ten haben.)«An wen wollt ihr euch denn halten, als an den Strick, der auf euch war⸗ tet— es lebe die Königin!» rief ihm der Junge von ſeiner Feſte herab nach, als er mit ſeinem freiwilligen und gezwungenen Ge⸗ folge abzog.— Nach einigem Bedenken be⸗ ſchloſſen wir alle, ohne den Ort Colares zu berühren, uns nach dem Kloſter zu begeben, wo Bras eine Zuflucht ſuchen wollte und was ohnehin das Ziel unſrer Wanderung ſein ſollte. uUnſer Weg führte uns nach dem wilde⸗ ſten Theil des Gebirges. Der öde Haidegrund iſt mit Felsſtücken beſät und vor uns erhob Skizzen aus Spanien. 115 ſich eine ſenkrechte Felswand. Wir gingen bald nach einer Gegend zu, wo ſchon aus der Ferne Schatten und Grün uns freund⸗ lich anlockte. Am Fuße der Felſenwand brei⸗ tet ſich, von höher gehäuften, wilden Trüm⸗ mern umgeben, ein kleiner Raſenplatz aus, in deſſen Mitte ſich ein Paar uralte Eichen erheben, weithin ihre Äſte und ihren Schat⸗ ten ausbreitend— darunter ſteht ein ſteinernes Crucifix und ein Paar rohbehauene ſteinerne Bänke. Einige Mönche im Barfüßergewande gingen langſam in beſchaulicher Behaglichkeit im Schatten der Eichen auf und ab, und die Anweſenheit dieſer friedlichen Greiſe in ſo wil⸗ der Felſenwüſte, wo ſie offenbar zu Hauſe waren, ohne daß doch eine Spur menſchlicher Wohnung zu bemerken war, machte einen höchſt eigenthümlichen Eindruck. Auch wollte ich der Verſicherung meiner Begleiter:«daß wir zur Stelle ſeien und vor dem Kloſter ſtänden,“ nicht eher glauben, als bis einer der Geiſtlichen, unſern Gruß freundlich erwie— dernd, uns nach einer engen Oeffnung im Felſen deutete, die ich nicht gleich bemerkt hatte, indem er der geängſteten Colaſa, die 8* 116 Skizzen aus Spanien. ſogleich auf ihn losgeeilt war und ihm mit Thränen in den Augen die Hand küßte, wohl⸗ wollend zunickte und beruhigend ſagte:«nur ruhig, meine Tochter, ruhig, coitadinha, er iſt ſchon da und wir wollen dafür ſorgen, daß Alles gut abläuft— verlaß dich auf mich und bete ein Paar Ave Maria.“— Ein durch den Felſen gehauener Gang, der nur durch die, vor einem Marienbilde bren⸗ nende Lampe erhellt wurde, führte uns nach einer kleinen ſchmalen Terraſſe, die, auf drei Seiten von Felſen umgeben, für einen kleinen Blumengarten, einige Orangen, Cypreſſen und blühendes Oleander- und Myrthengebüſch Raum hatte. In der Mitte ſprudelt ein kla⸗ rer Springbrunnen, worin glänzende Gold⸗ fiſchchen munter hin und her ſchießen. Nach der offnen Seite hin iſt dieſes ſtille freund— liche Plätzchen mit einem eiſernen Geländer eingefaßt, da hier der felſige Abhang des Ge⸗ birges faſt ſenkrecht nach dem Ufer abfällt, das ſich weithin vor dem Blicke ausbreitet— und darüber hinaus am fernſten Horizont mit dem blauen Himmel verfließend der Ocean. — In den Felſen, die oben, mit Bäumen und Skizzen aus Spanien. 117 Gebüſch gekrönt, das Gärtchen einſchließen, ſind die Zellen der Mönche und das Refecto⸗ rium eingehauen. Eine kleine gothiſche Ka⸗ pelle klebt wie ein Schwalbenneſt in einem Felſenſpalt; dichte Teppiche von Rebengewinde, Geisblatt und Clematis verdecken faſt die ſchma— len Fenſterchen, und bilden hier und da, von einem Vorſprung des Felſens zum andern ſchwebend, ſchattige Lauben— hängende Brücken voll Blüthen und Früchte. Der Anblick die⸗ ſer anmuthigen Umgebungen nahm einige Augenblicke meine ganze Aufmerkſamkeit hin, ehe ich ſie wieder der Entwicklung unſres Abentheurers, wenn es den Namen verdient, zuwenden konnte, die allem Anſcheine nach hier vor ſich gehen ſollte.— Unſre Liebesleute hatten ſich glücklich wie— der zuſammen gefunden und entſchädigten ſich abſeits durch eifriges Gekoſe für die gewalt— ſame Trennung. Der alte Machado war in eifrigem Geſpräch mit einigen Patres begrif— fen; die Mutter kniete mit ihrem Roſenkranz in ſtillem Gebet vor einem Marienbild am Eingang der Kapelle. In den Ecken, etwas ſcheu verlegen zuſammengedrängt, ſtanden ei⸗ 118 Skizzen aus Spanien. nige junge Burſche, die, wie es ſich bald er⸗ wies, ebenfalls der Menſchenjagd entronnen waren, und nun von der Weisheit der Patres Rath oder von der Heiligkeit des Ortes Schutz erwarteten.— Unſre Geſellſchaft begab ſich, der Einladung eines der Geiſtlichen folgend, in's Innere des Felſenkloſters, und nachdem wir einige der engern, kahlen Zellen beſehen hatten, fanden wir im Refectorium auf einem großen flachen Felsſtück, welches als Tiſch dient, ein ſpärliches aber reinliches Mahl für uns bereitet: Wein, Früchte, Käſe, Eier.— Die Wände ſind im Innern dieſes wunder⸗ lichen Höhlenbaues mit Kork ausgeſchlagen, als Schutz gegen die Feuchtigkeit, die beſtän⸗ dig aus dem Felſen hervordringt, daher der Name Korkkloſter(convento do corche), un⸗ ter welchem es weit und breit bekannt iſt. Es war freilich nicht das erſte Mal, daß ich das Innere eines Kloſters und die Lebensart der Mönche in grellem Widerſpruch mit den gewöhnlichen Begriffen von Wohlleben, über⸗ fluß und Faulheit fand; aber ſo ärmlich wie dieſe guten alten Leute waren mir doch Ih⸗ resgleichen noch nicht vorgekommen. Ein ſchma⸗ 119 Skizzen aus Spanien. les, langes Stück Kork, als Bank, Tiſch und Bett dienend, iſt das einzige Geräth der dun⸗ keln, feuchten Zellen. Ein großer Sonnen⸗ ſchirm von grober verſchoſſener Leinwand, iſt ein Luxusartikel, welcher der ganzen Brüder⸗ ſchaft gemeinſchaftlich angehört, und der Reihe nach von demjenigen benutzt wird, den es trifft, in der glühenden Sonnenhitze auf dem Gebirge umherzuziehen, um Almoſen zu ſam— meln, Kranke zu tröſten, guten Rath zu ge⸗ ben, oder da und dort ein Paar Meſſen zu leſen.— Unſer Geſpräch im Refectorium wandte ſich bald auf unſer heutiges Abentheuer, von deſſen eigentlichem Zuſammenhang und Veranlaſſung ich noch nichts begriff; da die andern alle ſich nur mit den Folgen beſchäf⸗ tigten, ſofern ſie unſere neuen Freunde und uns ſelbſt betreffen konnten. Ich erfuhr nun, daß die Sache an und für ſich etwas ſehr all⸗ tägliches ſei und Niemanden aufſiel. Dieſe Menſchenjagd iſt die gewöhnliche Art, wie hier zu Lande das Rekrutirungsgeſchäft gehand— habt wird, und eine von den Cortes vor ei⸗ niger Zeit verordnete Aushebung war auf dieſe Weiſe in's Werk geſetzt worden, die 120 Skizzen aus Spanien. ſich allerdings eher mit dem frühern Despo— tismus oder mit brittiſchen Preßgängen zu vertragen ſchien, als mit der geprieſenen con⸗ ſtitucionellen Regierung. Aber leider hatte ich von dieſer ſchon genug geſehen, um mich auch über dies Verfahren nicht ſehr zu ver⸗ wundern. Die Sache iſt übrigens ſehr ein— fach. Der dazu beauftragte Officier nimmt Rückſprache mit dem Landſturmhauptmann (capitäo mor) und dem Regidor des Dorfes, und beide wählen eine paſſende Zeit, um ſo viele junge Burſche zuſammen zu treiben wie möglich; da dieſe aber bei dem geringſten An— zeichen einer ſolchen Operation das Weite ſu— chen, ſo nimmt das Geſchäft ganz das Anſe⸗ hen eines feindlichen überfalls, wie wir es eben ſelbſt erlebt. Unter den Gefangenen wird dann eine Auswahl getroffen, um die der Ge— meinde auferlegte Anzahl von Rekruten voll zu machen— und zwar geſetzlich durch's Loos — in der That aber ganz nach Willkühr und Gunſt oder Ungunſt der Richter, der Offi— ciers und der Escriväes(Schreiber)— die⸗ ſer Seuche aller ſchlecht verwalteteten Länder. Dieſe ſaubern Geſchichten ſchienen Nie— Skizzen aus Spanien. 121 manden eben ſo ſehr aufzufallen, oder zu be— kümmern, außer den ehrlichen Vieira, der es nicht an ſehr wohlgemeinten Deklamationen gegen ſolche überreſte des alten Despotismus in der neuen Freiheit fehlen ließ.— Eine unruhige Bewegung auf der Terraſſe, wo wir unſere Freunde gelaſſen hatten, un— terbrach dies Geſpräch, und als wir hinaus⸗ eilten, um zu ſehen was es gebe, erfuhren wir, daß eine Abtheilung Soldaten den Weg zum Kloſter heranſteige und ſchon ganz nahe ſei. Der Pater Jacinto verlor keinen Augen⸗ blick ſeine überlegene, milde, ſchlaue Ruhe; er befahl dem Bruder Pförtner, vor allen Dingen die äußere Pforte zu dem Felſengange zu ver⸗ ſchließen und durch die darin befindliche Lücke mit dem Feinde zu parlamentiren, um Zeit zu gewinnen. Hierauf nahm er die beiden Alten bei Seite und erklärte ihnen: es leide keinen Zweifel, daß der Capitäo mor es be⸗ ſonders auf den jungen Bras abgeſehen— aus Urſachen, die ihnen bekannt ſeien— es gebe aber ein ſehr einfaches Mittel, ihn zu retten, nämlich ſofort und ohne Zeitverluſt die jungen Leute zu trauen, wozu er gerne 122 Skizzen aus Spanien. bereit ſei. Die Alten gaben freudig ihre Ein⸗ willigung und erſuchten mich und Vieira, ſie als Zeugen in die Capelle zu begleiten, wohin auf einen Wink des Paters das Braut⸗ paar uns folgte, mit einer frohen Ahnung deſſen, was geſchehen ſollte. Der Pater faßte ſeine Amtsverrichtung ſo kurz wie möglich, und kaum hatte er ſie vollendet, kaum lag die überraſchte, erröthende Braut in den Ar⸗ men des glücktrunkenen Bräutigams, ſo rief der laute Lärm draußen den Pater ſchon wie⸗ der nach jener Seite und wir folgten ihm. Von der Pforte her ſchallte lauter werdender Wortwechſel zwiſchen dem Pförtner und dem Anführer der Soldaten, welcher laut und hef⸗ tig im Namen des Königs und der Conſtitu⸗ cion Einlaß begehrte und die Pforte aufzu— ſprengen drohte; wozu auch nach den Befeh⸗ len, die er ſeinen Leuten gab, Anſtalt ge⸗ macht wurde. Die jungen Burſche dräng⸗ ten ſich um den Pater, baten ihn um Rath und Schutz, und einige ſahen ſich nach Mit— teln zur Gegenwehr um. Der Pater aber eilte an die Luke der Pforte, wo es ihm ge⸗ lang, die Lärmenden durch ein Paar leiſe ge— Skizzen aus Spanien. 123 ſprochene Worte zu beruhigen, worauf er zu⸗ rückkehrte und, durch einen Wink Stillſchwei⸗ gen gebietend, ſich an die Bauern wandte. «Kinder,» ſagte der ſchlaue Greis, aich kann euch nicht helfen, ihr müßt euch ſchon drein ergeben, oder zuſehen, was ihr von dem Ca— pitäo mor erhalten könne Wenn unſer Herr, der König, noch etwas zu ſagen hätte, oder unſere fromme Königin, ſo würde ich ſagen: laßt uns nach dem Ramalhao gehn und die Königin bitten, euch diesmal frei zu laſſen— aber jetzt! Seht ſelber zu, geht nach Lisboa und fragt die Herrn in den Neceſſidades, was ſie für euch, für das arme Volk thun wol⸗ len oder gethan haben. Zweihundert Könige ſtatt eines werden euch ja wohl helfen kön⸗ nen. Aber brauchen denn die Herrn etwa keine Soldaten, da der fromme König von Frankreich mit dreimal hunderttauſend Mann an der Gränze ſteht, und die Silveiras in Tras os montes und Beira alle guten Chri⸗ ſten unter die Waffen rufen? Der König braucht keine Soldaten— der hat Friede mit aller Welt— der gute Herr; aber die Cor⸗ tes, mit wem können die Frieden halten? 124 Skizzen aus Spanien. Und habt ihr die Ruthe nicht verdient, die euch jetzt trifft? Hab' ich nicht ſelber von dieſem und jenem hören müſſen, die Con— ſtitucion ſei doch nicht ſo übel— weiß ich etwa nicht, daß viele unter euch ſind, die ſich heimlich freuen, daß ſie der heiligen Kirche keinen Zehnten mehr bezahlen ſollen? Und jetzt meint ihr, dieſer heilige Ort ſoll euch ſchützen vor den Dienern der Gottloſen? Vielmehr ich gebiete euch im Namen des Heiligen, ver— laßt dieſen Ort— unterwerft euch der Strafe, die ihr ſelbſt über euch gebracht habt— und wollt ihr den Zorn der heiligen Kirche ver⸗ ſöhnen, ſo wird es nicht an Gelegenheit feh— len. Bald— ja in den nächſten Tagen viel— leicht könnt ihr die Waffen, die euch die Feinde der Kirche zu ergreifen zwingen, zu ihrer Rettung gebrauchen, und dann wird der rechtmäßige König ein Ohr für eure Be⸗ ſchwerden haben, deren jene Volksbetrüger ſpotten. Jetzt ſchließt die Pforte auf und daß keiner es wage, ſich zu widerſetzen— ſonſt thu' ich ihn in den Bann.“— Die armen Burſche waren über dieſe Strafpredigt ganz verdutzt und wagten weder Vorſtellungen noch Skizzen aus Spanien.. 125 Widerſtand, als auf Befehl des Paters die Pforte geöffnet wurde und der gefürchtete Ca⸗ pitäo mor mit einigen Soldaten eintrat. Be⸗ daure von ganzem Herzen, daß ich gezwungen bin, hier den ungebetnen Gaſt zu machen,“ ſagte der Officier höhniſch, und als er ſah, welchen Fang er gemacht hatte, ſetzte er hin— zu:«ei ſieh da, meine Jungens! das iſt ja ſchön von euch, daß ihr mir die Mühe er⸗ ſpart, euch in der ganzen Serra zuſammenzu⸗ leſen— alle in einem Neſt!“„Hätte mein Vater dem Escrivaäo ſeinen Weinberg um das Spottgeld verkauft, das ihr dafür geboten, ſo hätte ich ruhig zu Hauſe bleiben können!“ rief weinerlich ein Burſche, der zunächſt ſtand; —«hätte des Nachbars Pinto Sohn keine hübſche Schweſter und der Herr Hauptmann keine Augen, ſo würdet ihr den genommen haben und nicht mich— um Gottes Willen, was ſoll aus meiner armen Mutter werden, die niemand hat als mich!» rief ein Andrer, und ſo ging es fort, ohne daß der Haupt⸗ mann und ſeine Helfershelfer ſich dadurch im Geringſten irre machen ließen.„Ei behüte⸗ — rief der Hauptmann mit frechem Geläch⸗ 126 Skizzen aus Spanien. ter,» wer wird gleich ſo ſchlimm denken— du ſollt nicht falſch Zeugniß ablegen— es ſteht geſchrieben, nicht wahr, hochwürdiger Pater? Nein, nein, Kinder, euretwegen bin ich auch gar nicht hier heraufgeſtiegen— euch nehm' ich nur mit in Kauf. Bindet ſie, Geſellen! — um es kurz zu machen, Herr Pater“— wandte er ſich mit ehrbarer Stimme zu die— ſem, der ruhig vor ihm ſtand— ader junge Bras Machado ſteht hier auf der Liſte der Rekruten, und ich weiß gewiß, daß er ſich hier im Kloſter aufhält. Die Zeiten, wo die⸗ ſer Ort jeden Taugenichts vor der weltlichen Gerechtigkeit ſchützen konnte, ſind vorbei und ich hoffe, ihr werdet mich nicht zwingen, Maß⸗ regeln zu treffen, die euch unangenehm ſein könnten, ſondern mir ohne weiteres den jun⸗ gen Menſchen ausliefern.“«Ausliefern— wenn er nichts dagegen hat, ſo nehmt ihn hin, Herr Hauptmann— ich werde es nicht hindern“— erwiederte der Pater lächelnd— „Bras, Bras,“ rief er zugleich, nach der Ca⸗ pelle gewendet. Sogleich trat der junge Mann heraus, hinter ihm verbarg ſich ſcheu verlegen und doch ſchalkhaft kichernd Colaſa. Er ging, Skizzen aus Spanien. 127 ſie bei der Hand nachziehend, auf den Haupt⸗ mann zu und ſtellte ſie ihm mit einer tiefen Verbeugung als ſeine Frau vor.«Menſchb— rief dieſer giftig—«die Comödie ſoll dir nichts helfen— will die Dirne mit zum Regiment, ſo iſt ſie willkommen, ihr aber, feiner Vogel, her mit den Händen— ich will euch mit der Musguete trauen und das feſt genug. Ver⸗ zeiht, mein Officier,“ ſagte nun Vieira, der ſchon lange eine Gelegenheit gewünſcht hatte, ſeinem innern Unmuth Luft zu machen, in— dem er dazwiſchen trat—«dieſe Herrn und ich ſind Zeugen, daß die beiden jungen Leute Mann und Frau ſind, ihr werdet alſo wohl thun, euch keine ſchlechten Händel zu machen — ihr wißt, daß ihr kein Recht mehr auf ſie habt. Üübrigens bleiben euch ja Trophäen ge⸗ nug von eurem Ritterzuge.“—„Und die üblichen Proklamationen— oder hat der ehr⸗ würdige Pater ſich etwa im Voraus mit der Diſpenſation verſehen?» fragte nun der Es⸗ criväo, der es offenbar mehr als der Officier ſcheute, ſich mit der Kirche zu verfeinden. «Das iſt meine Sache, und ihr wißt ſelbſt, ob ich ſie beim Erzbiſchof durchführen kann, 128 Skizzen aus Spanien. wenn ich will»— erwiederte der Pater ru— hig aber mit einem bedeutenden Blick. Ach⸗ ſelzuckend und verlegen erklärte der Escriväo ſeinem militairiſchen Verbündeten, daß hier nichts weiter zu machen ſei. Als der Officier ſich ſo überliſtet ſah und die Schadenfreude über die etwas alberne Figur, die er ſpielte, auf den Geſichtern aller Anweſenden und in dem halb unterdrückten Gelächter der Bauern las, brach er in lautes und rohes Schelten gegen uns alle aus, und es kam bald zwi⸗ ſchen ihm und meinem jungen Freunde zu einem heftigen Wortwechſel. Nun aber trat der Pater wieder in's Mittel, forderte den Officier auf, ſich zu entfernen, und die jun⸗ gen Burſche, ihm zu folgen. Jener war endlich ſelbſt froh, ſo wohlfeilen Kaufes da— von gekommen zu ſein, und zog ab.— Wir nahmen ebenfalls von den Patres Abſchied und ſo kann ich Ihnen von dem weitern Ver⸗ lauf der Sache nichts melden.— Dieſe politiſche Tragi⸗Comödie naht ſich mit ſchnellen Schritten ihrer Entwicklung. Skizzen aus Spanien. 129 Wer dieſe Wirthſchaft nicht mit Augen geſe⸗ hen hat, wird kaum für möglich halten, was hier vorgeht. Ich beſchränke mich auf das, was ich mit eignen Augen geſehen. Vorge⸗ ſtern wollte ich den armen Mejia beſuchen, der noch immer keine Mittel oder Gelegenheit zur überfahrt nach England gefunden hat, und der größern Wohlfeilheit wegen in einer der elendeſten Straßen der Vorſtadt von Belem wohnt, wo ſich einige ſeiner Unglücksgefährten zu ihm gefunden haben. Eine Unterſtützung, die ich ihm letzthin im Namen einiger meiner Bekannten anbot, ſchlug er aus, bat aber, ſie für ihn bereit zu legen, im Fall er ſeine überfahrt fände.— Noch geht es uns vor⸗ trefflich— meinte einer ſeiner Freunde, ein alter Guerillero—«Sonnenſchein finden wir hier, ein Paar Cigarren haben wir noch ge⸗ rettet aus dem großen Schiffbruch— und wenn wir uns mit dieſer Canaille von Por⸗ tugieſen vertragen könnten, blieb' ich lieber hier, was mir Freund Mejia auch von den Herrlichkeiten Englands erzählen mag— frei⸗ lich iſt die Frage, ob man uns noch lange hier laſſen wird.— Seit einigen Tagen geht 3ter Thl. III. Abth. 9 130 Skizzen aus Spanien. es hier wunderlich zu und, wie ich ſehe, ver— ſtehen es die Herrn in den Neceſſidades, trotz unſern eignen weiſen Cortes, die letzte Gal⸗ genfriſt mit ſchönen Worten und langen Re⸗ den zu verlieren.“— Vorgeſtern alſo ging ich hin, um ihm zu melden, daß ein Hamburger Capitain ihn und ſeine Gefährten um halbe Paſſage mit nach London nehmen wolle.— Schon unter⸗ wegs fiel mir auf, daß die Haufen Geſindels, die ſich auf den Straßen und am Ufer her— umtrieben, Bänder und Cocarden trugen, und da jeder anſtändig Gekleidete dieſen Geſellen als ein Freimaurer und Liberaler erſcheint, ſo kam ich auch nicht ganz unangefochten durch, und mancher freche Kerl rief mir ein drohendes: morräo os pedreiros livres! nach. Je weiter ich in der langen Vorſtadt kam, deſto drohender und zügelloſer ſchienen mir die Haufen und ich bemerkte, daß viel bewaffnetes Landvolk darunter war. An ei⸗ nigen Orten hatten ſich zahlreiche Haufen um einige Kerls gebildet, die gedruckte Zettel vor⸗ laſen und mit ihren Commentaren begleiteten. Ich ſtand bei einem dieſer Haufen ſtill und Skizzen aus Spanien. 131 hörte:«o grande milagro que fez Nossa Senhora do Buraco!— Das große Wun⸗ der, welches unſre liebe Frau zur Höhle ge⸗ than, bei Gelegenheit des großen Sieges des Marques von Chaves, zum Troſt aller guten Chriſten und zum Schrecken und Warnung der Feinde Gottes und der Kirche— der Freimaurer und Liberalen.“— Hierauf folgte eine lange abgeſchmackte Geſchichte, wie Nossa Senhora do Buraco(ein neuerdings in ei⸗ ner Höhle entdecktes und durch die alte Kö⸗ nigin ſehr in Anſehn geſetztes Wunderbild) die Augen verdreht und Wehe über die Frei⸗ maurer geſprochen habe u. ſ. w. Die Rück⸗ ſicht auf die Geſellſchaft, in der ich mich be— fand, konnte eine leichte Außerung des Un— glaubens bei mir nicht ganz unterdrücken, und ich ward meine Unvorſichtigkeit erſt inne, als ſich ſchon um mich ein Kreis gebildet hatte, der mich zum Gegenſtand halblauter Drohun⸗ gen machte. Zwar machte man mir Platz, als ich mich beeilte, meinen Weg fortzuſetzen, doch weiß ich nicht, wie es mir weiter ergan⸗ gen wäre, wenn nicht ein junger Burſche ſich durch die Haufen gedrängt und ſchon in der 9* 132 Skizzen aus Spanien. Ferne mir, mit großen Schwingungen ſeines Hutes, ſein: viva meu senhor! viva muitos annos! u. ſ. w. zugerufen, und den Umſtehen⸗ den mancherlei abentheuerliche Verſicherungen meiner Verdienſte gegeben hätte. Als er ſich bis zu mir durchgedrängt hatte, erkannte ich trotz der ihn entſtellenden, ſehr geſchmackloſen Livrée des Infanten, die er trug, den jun⸗ gen Malayen, deſſen ich früher erwähnt. Er ließ mir jedoch keine Zeit, mich über dies Begegnen zu verwundern, ſondern indem er mit vielen Betheuerungen über die Ehre und Freude mich wiederzuſehen und Erkundigun⸗ gen ſich an mich drängte, flüſterte er mir leiſe zu: ihn machen zu laſſen, ſo lieb mir mein Leben ſei. Worauf er laut ſeine Verwunde⸗ rung bezeigte: wo ich doch meine Cocarde ge⸗ laſſen haben könnte? Und zu dem Geſindel ge⸗ wendet, ſchalt er es mit aller Frechheit eines auf ſeine Livrée trotzenden Bedienten herun⸗ ter, daß ſie einem ſolchen Herrn zu nahe zu treten wagten; ich ſei ein Abgeordneter des Königs von Frankreich an ſeinen Herrn, den Infanten Dom Miguel und die Königin, und er habe ſelbſt gehört, wie ich dem Infanten Skizzen aus Spanien. 133 die Nachricht gebracht, daß 300,000 Franzo⸗ ſen bei Elvas über die Gränze gegangen ſeien, um den König aus den Händen der Juden und Freimaurer zu erlöſen— wie ſie es ſchon mit dem König von Spanien gemacht hätten. — Hierauf nahm er ſeine eigne blau und rothe Cocarde von ungeheurer Größe von ſei⸗ nem Hute und ſteckte ſie auf meinen. Ich verſtand ſeine Meinung und ſetzte mit mög— lichſter Ruhe und Würde meinen Weg fort. Das Geſindel wollte mich unter dem Geſchrei: viva Nossa Senhora do Buraco! viva el Rei absoluto! viva o senhor Rei de F ranca! viva o senhor embaixador! begleiten. Der ſchlaue Burſche hielt ſie aber zurück, indem er erklärte, ich hätte geheime Aufträge vom Infanten an den Commandanten der Torre de Belem, um die franzöſiſche Flotte, welche vor der Barra ſignaliſirt ſei, einzulaſſen. So gelang es mir endlich, auf einigen Seiten⸗ ſtraßen ungehindert meinen Weg fortzuſetzen. Als ich endlich bei Mejias Wohnung ange⸗ langt war, fand ich zu meinem nicht gerin⸗ gen Schreck einen Haufen des ärgſten Ge— ſindels davor verſammelt, der mit wildem Ge⸗ 134 Skizzen aus Spanien. ſchrei einzubrechen drohte, aber durch zwei Flintenläufe, die aus dem Fenſter über der Thür hervorguckten, abgehalten wurde, ſeinen Drohungen thätlichen Nachdruck zu geben. Ich wurde von dieſem Volk mit einer Art von Freude und Vertrauen empfangen; viele drängten ſich an mich heran, hielten die Hände hin und forderten Geld— indem ſie verſi⸗ cherten, ſie hätten ſchon den ganzen Tag ge⸗ arbeitet und ſich heiſer geſchrieen zu Ehren des abſoluten Königs, und brauchten einen Schluck Wein zur Stärkung. Andere forder⸗ ten meinen guten Rath oder Befehle, um die verdammten caſtilianiſchen Freimaurer heraus⸗ zukriegen, die man in's Waſſer werfen, oder gar verbrennen müſſe. Leider fanden ſich wil— ligere Rathgeber als ich war; denn eine Stim⸗ me nicht weit von mir rief:«man ſolle hin⸗ ten durch den Garten in's Haus dringen, oder Feuer anlegen,“ und einige der Kerls zeigten ſich ſogleich willig, den Angriffsplan in's Werk zu ſetzen. In dem ſchlimmen Rath⸗ geber aber erkannte ich ohne Mühe denſelben Dom Gaspar, den ſpaniſchen Agenten, dem ich ſchon einmal ſeine Beute entriſſen hatte. Skizzen aus Spanien. 135 Die dringende Gefahr der armen Flüchtlinge ließ mir übrigens weder darüber, noch über die Verehrung, welche das Geſindel mir be⸗ wies, und die offenbar meiner Cocarde und vielleicht der bis hierher gedrungenen Empfeh⸗ lung des Malayen galt, nachzudenken Zeit. Ich ſann vergebens auf Mittel, die Leute zu ret⸗ ten, als ich plötzlich aus einiger Entfernung ganz vernehmlich die Worte hörte:«.Jungens— ik ſegge: is dat nich de Schande werth? Schält wi dat ſo mit anſehn, dat dit ole Naſchon— good düſſe armen Spaniolen dodtſleit? Noch güſtern ſede de eene: he mochte us ſo gerne liden. Un wo mangen Snaps het he us nich betald van ſine Armod. Jungens, de Düvel ſchall mi halen— dat Dunnerweer ſchall drin ſlaen— ik kan et nich togeven!?» Sie können ſich denken, wie warm und erfreu⸗ lich mir der rauhe Klang vaterländiſcher Töne und Geſinnungen zu Herzen ging, und wie ſchnell ich mich nach der Seite kehrte, wo die Stimme her kam. Einige Matroſen ſtan— den vor der Thüre einer Branntweinſchenke, und ſahen mit untergeſchlagenen Armen dem Lärm zu. Auch ohne das Zeugniß meiner 136 Skizzen aus Spanien. Ohren, hätten die breitſchultrigen, unterge— ſetzten Geſtalten, die blonden Haare und ro⸗ then Geſichter, die reputirlichen blauen Jacken und getheerten Hüte der ehrlichen Kerls mich ſie als nordiſche Seekälber erkennen laſſen. Ein plötzlicher Einfall zeigte mir eine Mög⸗ lichkeit, die armen Teufel drinnen zu retten, und meine Zuverſicht wuchs, als ich in dem, der eben jene Worte geſprochen hatte, einen Matroſen von demſelben Schiff erkannte, auf dem Mejia ſich einſchiffen ſollte. Ich ſtimmte in ſeinen eben geäußerten Unwillen ein, lobte ihn und fragte ihn, ob er wohl Luſt habe, mit ſeinen Cumpanen ein gutes Trinkgeld zu ver⸗ dienen und mir zu helfen, die Spanier an Bord des Schiffes zu bringen, welches in der Nähe des Thurms von Belem vor Anker lag. Der ehrliche Jan antwortete, da er nun beim Wort genommen wurde, mit einem prüfen⸗ den, vergleichenden Blick auf den lärmenden Haufen und auf ſeine Geſellen, und einem bedächtigen:«wi känt et ja mal ins ver⸗ ſöken.“ Ein Burſche, deſſen fideles Whis⸗ kygeſicht und vor allem ſeine volle irish progue ſogleich den Irländer verrieth, fragte Skizzen aus Spanien. 137 den andern, was ich vorhabe, und kaum hatte er kurzen Beſcheid erhalten, als er ſich herandrängte und mir vor Entzücken beinah um den Hals fiel, indem er rief: Erin go brae! is it a row, jewel, we are for?— then by Jasus!'tis Paddy that's your man — God bpless your honour's honour!» Auf näheres Befragen erfuhr ich, daß das Boot dichte bei und bereit liege, da ſie ſo eben Waſſer gefüllt hätten. Ein Paar Gläſer Branntwein machten bald Alles richtig und ohne weiter viel zu fragen, ſtürmten meine wackern Neptunsſöhne, den jauchzenden Paddy an der Spitze, auf das Haus los, und zwar ſo eifrig, daß ich keine Zeit hatte, ihnen zu folgen. In einem Augenblick hatten ſie den dichten Haufen links und rechts mit Püffen und Flüchen auseinander geworfen, mit um ſo weniger Mühe, da das Geſindel nicht recht wußte, was ſie von dieſer unerwarteten Be⸗ wegung zu halten hätten, und da ſie mich dabei ſahen, den ſie für einen Agenten oder Führer ihrer Parthei hielten, ſo daß ſie vielleicht gar glaubten, es ſeien Hülfstruppen. Meine Seekälber fingen, ohne ſich weiter um dieſe 138 Skizzen aus Spanien. Gegner zu bekümmern, an, die Thüre einzu⸗ brechen, und ich rief indeſſen Mejia zu, her⸗ unter zu kommen und ſeine Siebenſachen zu⸗ ſammen zu packen, um gleich an Bord zu gehen. Unter lautem: Hurrahl ſtürzten ſeine rüſtigen Befreier in's Haus, als ihnen eben die beiden Bedrängten entgegen eilten, die trotz meiner Gegenwart Mühe hatten, ſich zu überzeugen, daß es auf ihre Rettung abge⸗ ſehen ſei, als jeder von ihnen ſich von vier kräftigen Armen gepackt und unter rauhen Flüchen und Gelächter mehr fortgetragen als geführt ſah. Indeſſen hatten ihre Verfol⸗ ger gemerkt, was wir eigentlich vorhatten, und während alle in laute Verwünſchungen ausbrachen, verſuchten einige, uns ihre Beute wieder zu entreißen. Aber einige kräftige Fauſtſchläge kühlten ihren Eifer ſehr ſchnell und ſogar mehr, als dem begeiſterten Pat lieb war, der nachher bitterlich klagte, nur in ſei⸗ nem poor dcar old Ireland wiſſe man, was ein ordentlicher Row ſei— oder höchſtens in St. Giles's Quartier in London, wo doch die Irländer das Beſte thun. So erreichten wir glücklich das Boot und Skizzen aus Spanien. 139 es war hohe Zeit, als wir unter drei lauten Hurrahs! abſtießen; denn der Haufen hatte indeſſen immer zugenommen und es glänzten hier und da einige Flintenläufe dazwiſchen, und ehe wir das Schiff erreicht hatten, fielen auch mehre Schüſſe. Doch gelangten wir un⸗ verſehrt auf's Verdeck, wo ich die Geretteten ihrem weitern Schickſal überlaſſen mußte. Ich war geſtern Mittag bei N. in Bel⸗ las, wo ich einige der einflußreichen oder doch wichtigthuenden Perſonen traf, denen ich den Vorfall, ſo weit die Stimmung des Volks daraus hervorging, mittheilte. Allein man entgegnete mir, wie ſich erwarten ließ, nur mit den hergebrachten Verſicherungen: wenn man nur die Bewegungen der Exaltirten und Republikaner unterdrücke, und ſo dem König und der Diplomacie allen Anlaß zu Klagen und Mißtrauen nehme, ſo ſei von Seiten der Corcundas nichts zu fürchten. Als es dunkel geworden, und wir uns auf der Terraſſe im Garten verſammelt hatten, wurden wir auf laute Stimmen und einige Schwärmer aufmerkſam, 140 Skizzen aus Spanien. die von dem Franziskanerkloſter ausgingen, welches hinten an den Garten ſtößt; und bald ſahen wir die ehrwürdigen Patres mit komi— ſcher Unbehülflichkeit hin und her geſchäftig, kleine Schwärmer und andre Feuerwerke los⸗ zubrennen. Da ſie wie unartige Kinder ſich um das Spielzeug riſſen und ſtießen, ſo miß⸗ glückten viele, verbrannten ihnen auch wohl die Finger; wenn ihnen aber eins beſonders gelang, ſo hüpften und ſtrampelten ſie vor Freude und klatſchten in die Hände. In dem verworrenen Jubel, womit ſie ihre Geſchick⸗ lichkeit feierten, unterſchieden wir aber bald deutlich die Worte: viva Dom Miguel! viva % Rei absoluto! viva o Sampayo!— Die Vermuthung und Beſorgniſſe, welche dies wunderliche Treiben unſrer liebenswürdigen Nachbarn erregte, führten uns früher als wir im Sinn gehabt, nach der Stadt zurück. Un⸗ terwegs begegneten uns einzelne unordentliche Haufen von Soldaten verſchiedener Regimen⸗ ter, die wir jedoch nicht befragen mochten, ſondern froh waren, daß es ihnen nicht ein⸗ fiel, uns beſchwerlich zu fallen. Heute Mor⸗ gen endlich erhielten wir die Löſung dieſer V Skizzen aus Spanien. 141 Räthſel. Ein Theil der Beſatzung unter dem Oberſt Sampayo hat in Sacavem ſich gegen die Cortes erklärt; der Infant Dom Miguel hat ſich an die Spitze der Empörer geſtellt, oder iſt dahin geſtellt worden— mehre ange— ſehne Leute haben ſich mit ihm vereinigt, un— ter andern General Pamplona. Sie ſind jetzt auf dem Wege nach Villa franca de Pira, wo ſie Verſtärkung aus den Provinzen erwarten. — Was beginnen unter ſolchen Umſtänden unſre Herrn Moderirten?— Nichts oder ſo viel wie nichts. Zwar ſind Anſtalten zu ei⸗ ner Bewaffnung der Anhänger der Conſtitu⸗ cion getroffen, oder vielmehr man widerſetzt ſich dieſer Bewaffnung nicht mehr, wie bisher. Auf einigen Plätzen werden auch von Amts⸗ perſonen einige Gewehre vertheilt und Wacht- poſten ausgeſtellt; allein es finden ſich außer einigen jungen Leuten wenig Freiwillige, und die Soldaten ziehn haufenweiſe durch die Straßen, um ſich mit den Empörern in Vil⸗ la franca zu vereinigen, ohne daß Jemand ſich ihnen widerſetzt oder ſie auch nur fragt: woher und wohin?—«Sie gehn zu den An⸗ dern, nach Sacavem und Villa franca,» ant⸗ 142 Skizzen aus Spanien. wortete mir ſehr unbefangen ein Ehrenmann der auf dem Poſten des Largo de Säo Paulo den Befehl oder doch das große Wort führt.— AUAnm eifrigſten nimmt an dieſer Art von Emigration das zahlreiche Corps der Polizei⸗ wache Theil, und wahrſcheinlich, damit ihre Entfernung nicht zu fühlbar werde, hat der Poſten, der den Limoeiro(das große Gefäng⸗ niß auf dem Kaſtell), worin mehre hundert Verbrecher aller Art aufgehäuft ſind— bewa— chen ſoll, ſeine Waffen an die Gefangenen verkauft, und dieſe waren eben im Begriff, die Thore zu ſprengen, als eine Abtheilung der Bürgergarde dazu kam und ſie nicht ohne Mühe wieder entwaffnete und zur Ordnung brachte.— General Sepulveda hat den Oberbefehl über die hieſigen Truppen erhalten, und thut, als wolle er ſie auf dem Campo grande zu— ſammenziehn und gegen die Rebellen führen. Statt deſſen aber läßt er ſie dort unthätig ſtehen, ſo daß ſie fortfahren, haufenweiſe da⸗ von zu gehen.— In der ganzen Stadt wer⸗ Skizzen aus Spanien. 143 den Kanonen ſpazieren geführt und bald da bald dort aufgefahren, ohne daß abzuſehen iſt, ob, wo und gegen wen man ſie zu gebrauchen denkt. In den Cortes werden endloſe Reden gehalten, aber kein Beſchluß gefaßt. Heute wurde, als wenn weiter gar nichts zu thun wäre, das Feſt des heiligen Georg, des Schutzpatrons der Stadt, gefeiert. Was von der Beſatzung noch nicht davon gelaufen iſt, die Kaufmannsgarde, was von der frei⸗ willigen Nationalmiliz in Uniform erſcheinen konnte, bildete auf dem Rocio ein Quarré. Der Heilige wurde in feierlicher Prozeſſion aus ſeiner Kapelle auf dem Kaſtell herunter geholt. Er erſchien in reich vergoldetem Har⸗ niſch auf einem ſtattlichen, geharniſchten Streit— roß, welches von zwei Stallknechten in alter— thümlicher Tracht am Zügel geführt wurde, ſintemalen der hölzerne Heilige zu Reiterkün⸗ ſten wenig aufgelegt war. Hinter ihm ritten zwei Leibknappen, wovon der eine die Lanze, der andre den Helm des Drachenbezwingers trug— dann ein Zug von reichgeſchmückten 144 Skizzen aus Spanien. Handpferden, jedes von einem Stallbedienten geführt— dann die verſchiedenen Mönchsor⸗ den, grau, weiß, ſchwarz, braun in unabſehba⸗ ren Zügen, und der triumphirende Ausdruck der Geſichter diefer Herrn zeigte deutlich, wie ſicher ſie in dieſem Augenblick ihrer Sache ſind;— end⸗ lich ſchloſſen die frommen Brüderſchaften mit ihren Fahnen und Reliquien und die Schaar der übrigen nichtdisciplinirten Frommen die Prozeſſion. Gleich nachdem der ritterliche Hei— lige auf ſeine Burg zurückgeleitet war, ging wieder ein Theil der Truppen faſt unmittel— bar von der Parade nach Villa franca, und am Abend hat der General Sepulveda denſel⸗ ben Weg eingeſchlagen, ohne daß ſeine Abwe— ſenheit und der Mangel irgend eines militai⸗ riſchen Hauptes unſre Lage eben ſchlimmer machte.— Die Cortes haben beſchloſſen, eine Deputation nach Bemfica an den König zu ſchicken und ihn zu bitten, ſich in der Mitte ſeiner loyal⸗conſtitucionellen Unterthanen zu zeigen, um niederſchlagende Gerüchte zu wi— derlegen u. ſ. w. V Skizzen aus Spanien. 145 Heute iſt die Deputation zurückgekom⸗ men und die Herrn erzählen Wunderdinge von der conſtitutionellen Begeiſterung des Kö⸗ nigs, der mit Thränen in den Augen ſeine alte Litanei von Schwüren und Verſicherun⸗ gen wiederholt und gleich eine Proklamation unterzeichnet hat, worin Dom Miguel als ungerathener, verlorner Sohn und ſeine Ver⸗ führer und Anhänger als Hochverräther mit allen Folgen des höchſten, väterlichen Zornes bedroht werden. Worauf die guten Leute hier demnächſt am meiſten Werth legen, iſt die Stimmung des Cavallerieregiments No. 15., was in Bemfica ſteht. Die Herrn von der Deputation, ſcheint es, haben die Leute und die Officiere haranguirt, und verſichern, ihre Vermahnungen ſeien mit Begeiſterung auf⸗ genommen worden. Ein Exemplar der Con⸗ ſtitution— in rothem Maroquin, mit Gold⸗ ſchnitt— was ſie den Officieren zur Beloh⸗ nung und Aufmunterung überreichten, wurde knieend, mit Thränen und Küſſen und mit dem Schwur, es oder ſie bis auf den letzten Blutstropfen zu vertheidigen, empfangen. —— 3ter Thl. III. Abth. 10 146 Skizzen aus Spanien. Als ich heute Morgen früh ausging, fand ich an der nächſten Ecke einen Haufen Leute, die unter Zeichen des Erſtaunens einige an— geheftete Blätter laſen. Auf mein Befragen hieß es: eine Proklamation des Königs. Wirk⸗ lich ſah ich die geſtrige Proklamation, worin der König, mit ſeinen treuen Cortes vereint, die heilige Conſtitution, die er beſchworen und die einzig und allein das Glück der he- roica nacao lusitana, ſeiner geliebten Unter⸗ thanen, verbürge, aufrecht zu halten verheißt und ſeinen eignen Sohn als dreifachen Va⸗ termörder und Verräther an ſeinem Vater, König und Vaterland ächtet. Ich wollte wei⸗ ter gehn, als mein Vordermann mir Raum machte, und nun ſah ich unter jener eine andre, ſo eben aufgeklebte Proklamation des Königs aus Villa franca von geſtern Abend datirt, worin er dem Infanten Dom Miguel ſeine väterliche Huld und königliche Dankbar⸗ keit bezeugt, als Retter ſeines Vaterlandes und Befreier ſeines königlichen Vaters von dem Joch einer ruchloſen Rotte von Meinei⸗ digen und Empörern— ihn zum Generaliſſi⸗ mus des treuen portugieſiſchen Heeres ernennt Skizzen aus Spanien. 147 — den Cortes, kraft ſeiner unbeſchränkten le⸗ gitimen Gewalt, befiehlt, augenblicklich aus⸗ einander zu gehen u. ſ. w. Hatte der Kerl, welcher die Proklamation auf Befehl der Po⸗ lizei angeklebt, aus übergroßem Reſpekt, oder aus Dummheit oder aus Ironie, dieſe zweite neben, ſtatt auf die erſte geklebt— jedenfalls war es eine ſchöne demonstratio ad oculos. An der ganzen Sache iſt übrigens nichts wun— derbares und unbegreifliches, als das über⸗ mäßige Erſtaunen meiner Freunde, der Libera⸗ len, darüber, daß der Vogel ausgeflogen iſt. Es heißt, Sua Majeſtade fideliſſtma ſei geſtern, bald nach dem rührenden Auftritt mit der Deputation der Cortes, in den Wagen ge⸗ ſtiegen und von den vorbelobten Officieren des l5ten Regiments mit lautem Viva nach Villa franca entführt worden.— Dieſe Entwicklung durch eine Entführung iſt des ganzen Stückes würdig und man muß geſtehen, daß wir hier dieſe Sachen trefflich zu nehmen wiſſen. Einige wenige zwar den⸗ 40* 148 Seizzen aus Spanien. und dergleichen. Die Beharrlichkeit, womit ſie auf einigen vereinzelten Wachtpoſten dem mitleidigen Achſelzucken der ſogenannten ver⸗ nünftigen Leute, den Drohungen, dem rohen Hohn des Pöbels, der von Zeit zu Zeit aus den entfernten Stadtvierteln neugierig und raubſüchtig nach dem reichen Mittelpunkt der Stadt vorſtrömt, Trotz bieten, verdiente ein beſſeres Loos und könnte, beſſer geleitet und benutzt, auch jetzt noch einen günſtigen Aus⸗ ſchlag geben. Die große Mehrzahl aber denkt, wie geſagt, nicht mehr an dergleichen Thor⸗ heiten. Die meiſten Wachtpoſten, die in der letzten Zeit errichtet worden, ſind verlaſſen, die glänzenden Uniformen der Freiwilligen ſind verſchwunden, ſelbſt die vertheilten Ge⸗ wehre findet man häufig auf der Straße, da die Beſitzer ſich durch ſo gefährliches Spiel⸗ werk, das gegen ſie zeugen könnte, nicht com⸗ promittiren wollen. Die Straße nach Villa franca dagegen iſt voll von allen denen, welche glauben, es ſei noch Zeit, ſich durch irgend eine hervorſte⸗ chendere Niederträchtigkeit unter der großen Maſſe von Feigheit auszuzeichnen— oder Skizzen aus Spanien. 149 ſolchen, die ſich einbilden, durch Eifer oder Dienſte in der Sache der Conſtitution ſich be⸗ ſonders compromittirt zu haben, und die ſich deshalb beſonders beeilen, die Verzeihung des Herrn zu erhalten. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß die Angeſehenſten, Reichſten, Vor⸗ nehmſten, die Beamten, der Adel ſich beſon⸗ ders eifrig in dieſer Veränderung des Coſtü⸗ mes und der Dekoration zeigen. Da der Kö⸗ nig ſie kennt, ſo haben ſie wenig von ihm zu fürchten, aber die Soldaten und das Land⸗ volk und Geſindel, was ſich in Villa franeca zuſammengefunden hat, ſoll manche von die⸗ ſen Herrn übel empfangen und zugerichtet ha⸗ ben, zu Dom Miguels großem Ergötzen. Übri⸗ gens ſoll die Verwirrung und Feigheit dort wenigſtens eben ſo groß ſein als hier. Ein alter militairiſcher Abentheurer aus Napoleons Schule, der ſich ſeit einiger Zeit hier aufhält und Dienſte ſucht, kam heute von dort zu⸗ rück und hat den Cortes verheißen, mit ein Paar Schwadronen dieſe Nacht Villa franca zu überfallen und die ganze Herrlichkeit aus⸗ einander zu ſprengen. Die Herrn werden ſich aber wohl hüten, dazu die Hand zu bie⸗ 150 Skizzen aus Spanien. ten. So kommt es drauf an, wer zuerſt ganz davon läuft. Der Einzug des Königs iſt auf Morgen feſtgeſetzt. Die Cortes haben ſich mit einer, von einigen Mitgliedern unterzeichneten Pro⸗ teſtation aufgelöſt, und die wenigen Libera⸗ len, die ſich für zu compromittirt halten, die ſich keines wirklichen oder vorgeblichen Ver⸗ raths an ihrer Sache rühmen können, ſind an Bord eines engliſchen Dampfſchiffes ge⸗ gangen.— übrigens ſind kaum dreißig Perſonen in dem Fall und es iſt nun kaum mehr zu zwei⸗ feln, daß nicht alles ſehr friedlich ablaufen wird— ob deshalb ehrenvoller, will ich dahin geſtellt ſein laſſen. Doch kann man auch dieſe Leute eben nicht unbedingt tadeln. Die Art, wie das conſtitutionelle Regiment ſeit zwei Jahren gehandhabt worden iſt, würde in den Augen jedes unbefangenen und ſach⸗ kundigen Beobachters nicht nur die vollkom— menſte Gleichgültigkeit, ſondern die tiefſte Verachtung gegen dieſes Poſſenſpiel und ge⸗ Skizzen aus Spanien. 151 gen diejenigen, welche es aufgeführt haben, rechtfertigen. Was man den Leuten vorwer— fen kann, iſt alſo wahrlich nicht, daß ſie keine Luſt haben, eine ſolche Sache zu vertheidigen, ſondern vielmehr, daß ſie ſo lange und noch grade in den letzten Tagen eine wortreiche Begei⸗ ſterung für ſte geheuchelt haben, daß ſte nicht ſchon längſt dem Unweſen ein Ende gemacht und daß ſie auch jetzt ſich ohne eine Spur von Energie und Beſonnenheit, ja auch nur Anſtand und Geſchmack, mit eben ſo lauten und fratzenhaften Phraſen und Gebehrden der unterwürfigen Begeiſterung auf eine entgegen⸗ geſetzte Seite werfen, wo eben ſo wenig ir⸗ gend eine Bürgſchaft für eine beſſere oder ehrenvollere Zukunft zu ſehen iſt.— Der ein— zige Grund, den die hieſigen Liberalen, ſo wie ſie nun einmal ſind, haben könnten, um ei⸗ nige Energie zur Vertheidigung ihrer Cortes und Verfaſſung zu zeigen, nehmlich, daß ſie etwa damit zugleich ſich ſelbſt, ihre perſönli⸗ chen Intereſſen, Haut und Hab und Gut gegen eine gewaltſame Reaktion vertheidigen müß⸗ ten, fällt ohnehin bei der Wendung, welche die Sachen genommen haben, ganz weg. Die 152 Skizzen aus Spanien. Bewegung, welche die Cortes geſtürzt hat, iſt urſprünglich wie alle ähnliche von den Fa⸗ natikern des entgegengeſetzten Extrems aus⸗ gegangen, und wenn dieſe Herrn ſie auch wirklich zu Ende und durchgeführt hätten, ſo möchte es uns hier ſchlimm genug gegangen ſein. Wenigſtens iſt kein Zweifel, daß den Soldaten und dem Pöbel anfangs die Plün— derung der reichſten Quartiere der Stadt ver⸗ ſprochen worden iſt— der rua do ouro, au- gusta und da prata, des Caes Sodré u. ſ. w., wo beſonders die fremden Kaufleute und die reichern Liberalen ihre Wohnungen oder Ma⸗ gazine haben. Vielleicht hätte aber auch, wie geſagt, dieſe Gefahr einige Energie auf der andern Seite geweckt und dann hätte der Ausgang wieder ein ganz anderer ſein kön⸗ nen. Aber bei der gänzlichen Unthätigkeit und Unfähigkeit der Cortes neigte ſich die große Maſſe von neutralen, ſchwachen, ſelbſtſüch— tigen, gemäßigten Elementen, welche immer der Anziehungskraft der größern Energie fol⸗ gen, ſo ſchnell auf die andre Seite, daß der Charakter dieſer Parthei und ihrer Bewegung bald modificirt wurde. Die Schlauen, die Skizzen aus Spanien. 153 Politiker bemächtigten ſich allmälig derſelben, beſonders als der König ſelbſt hinübergezogen worden war; die Diplomacie, welche überall gerne lauten Scandal verhindert, miſchte ſich drein. Die erſten Äußerungen einer drohen⸗ den, national-energiſchen Reaktion machten bald den bekannten abgedroſchenen cosmopoli⸗ ſchen Phraſen Platz. Man verſprach nicht nur völlige Amneſtie, ſondern, wie ſich von ſelbſt verſteht, auch zeitgemäße Inſtitutionen, Abhülfe aller gegründeten Klagen u. ſ. w. durch die Gnade des legitimen Königs und wie das Lied denn weiter heißt. Kein vernünftiger Menſch glaubt, daß der arme alte König ein Wort von alle dem halten kann, was er ver⸗ ſpricht, auch wenn er es wollte, aber faſt Jedermann thut, als wenn nicht der geringſte Zweifel dran wäre, und iſt froh, einen ſo treff⸗ lichen Vorwand zu haben, um entweder die Hände in den Schooß zu legen, oder, wenig⸗ ſtens was die Klügern und Gewandtern be⸗ trifft, ſich den Wind, der grade bläſ't, zu Nutze zu machen. Keiner braucht ſich vor dem andern zu ſchämen oder zu fürchten. Der Vorhang iſt gefallen, die conſtitutionelle Poſſe 154 Skizzen aus Spanien. iſt zu Ende geſpielt, die Schauſpieler legen die Coſtümes und den Zwang ab und ſchüt⸗ teln ſich hinter den Couliſſen lachend die Hände. Der wenigen, die von beiden Enden her ſcheel und finſter ſehen, achtet man nicht mehr ſon⸗- derlich. Doch könnten ſie uns leicht, wenig⸗ ſtens von der einen Seite, noch einen Streich ſpielen, da der Pöbel und zum Theil die Sol⸗ daten für ſie ſind.— Der glorreiche Tag iſt denn wirklich glück⸗ lich vorüber— triefend und glänzend. Ge— gen neun Uhr Morgens zogen die erſten Ab⸗ theilungen der Truppen von Villa franca her in die Stadt, um die Poſten zu beſetzen und Unordnungen des Pöbels möglichſt zu verhü⸗ ten. Es fiel mir ſchwer aufs Herz, daß Vieira mit einigen andern jungen Freiwilligen den Poſten auf dem Kaſtell beſetzt habe, und nach den Reden zu urtheilen, die er noch geſtern Abend führte, mußte ich irgend einen tollen Streich von ſeiner Seite fürchten. Was ſoll aber ein vernünftiger Menſch einem ſolchen jungen Brauſekopf ſagen, wenn er verſichert, 5„ V V Skizzen aus Spanien. 155 er wolle für die Freiheit oder mit der Frei⸗ heit ſterben? Ihn fragen, was er unter Frei⸗ heit verſtehe? Wo diejenige ſei, welche er ver⸗ theidigen wolle? Wenn er mir Rede und Antwort ſtünde, wäre ſchon viel geholfen— aber ſeit wann thun dies ſolche Geſellen? Außerdem ſteckt noch etwas ganz andres da⸗ hinter, und des armen Jungen patriotiſche Aufregung und Todesgedanken hängen mit ſeiner unſeligen Leidenſchaft zuſammen. Dort geht es offenbar nicht gut. Was vorgefallen iſt, weiß ich nicht— mag's auch nicht wiſ⸗ ſen. Ob er oder ſonſt Jemand die arme Frau aus ihrer Unbefangenheit geriſſen hat? Ge⸗ nug er behauptet, ſie habe ihn von ihrem An⸗ geſicht verbannt, und das Ende vom Lied iſt wieder, er wolle und müſſe ſterben. In mei— ner Herzensangſt um den armen Jungen lief ich ſchon in aller Frühe zu van M's. und brachte es geſchickt genug dahin, daß der alte Herr in ſeiner Art von Gutmüthigkeit und Furchtſamkeit ſeiner Frau befahl, dem jungen Menſchen, über den ſie doch am meiſten ver— möge, durch mich befehlen zu laſſen, daß er keine dummen Streiche mache, ſondern wie an— 156 Skizzen aus Spanien. dre vernünftige Leute ſich nach Hauſe begebe. — Mit dieſer Vollmacht ausgerüſtet, eilte ich auf das Kaſtell und als ich vor der Haupt⸗ wache ankam, war es wirklich die höchſte Zeit und der junge Herr eben im Begriff, Streiche zu ſpielen, die uns allen hätten theuer genug können zu ſtehen kommen. Denn wirklich bedurfte es in dieſem Augenblick für den Pö⸗ bel und die Soldaten nur eines zufälligen Anſtoßes, des geringſten Widerſtandes und Blutvergießens, eines einzigen Schuſſes an ir— gend einem Punkt, um Plünderung und Mord in der ganzen Stadt zu verbreiten und alle Berechnungen unſerer Politiker, alle Hoff⸗ nungen unſerer Moderirten zu zerſtören.— Vieiras Poſten ſtand unter dem Gewehr und ihm gegenüber eine Abtheilung Linientruppen, welche ihn ablöſen ſollte, und ringsumher ein Haufen zum Theil bewaffneten Pöbels. Der Officier, welcher die Freiwilligen ablöſen ſollte, ein vernünftiger wohlmeinender Mann, der unſer gewöhnlicher Tiſchgenoſſe bei L's. war, gab ſich alle erſinnliche Mühe, den jungen Trotzkopf zu überreden, daß er ſich gutwillig ablöſen und ſeine Leute entwaffnen und nach 2 Skizzen aus Spanien. 157 Hauſe gehen laſſe. Von dieſen ſchlich ſich ohnehin einer nach dem andern davon. Vieira aber merkte es nicht oder achtete es nicht, und obgleich er faſt allein, wollte er keine Vernunft annehmen, führte nicht nur ſehr laut die verfänglichſten Reden, ſondern drohte auch jeden Augenblick, mit ſeiner Musquete Feuer zu geben. Der Officier verlor allmä⸗ lig die Geduld, ſeine Leute hatten angelegt und erwarteten nur das Commando, um der Sache ein Ende zu machen. Der Pöbel er⸗ füllte die Luft mit wüthendem Geſchrei und drängte ſich immer frecher heran, ſo daß der Officier, der ohnehin wenig von dieſen Hülfs⸗ völkern erbaut war, ſich genöthigt ſah, auch hier mit Zureden, Schelten und gelegentlich flachen Klingenhieben zu ſteuern. Am miß⸗ lichſten wurde die ganze Sache dadurch, daß die Strafgefangenen im Limoeiro, an deſſen Thor eben das Corps de Garde ſteht, um deſ⸗ ſen Beſitz es ſich hier handelte, ſich haufen⸗ weiſe, dichtgedrängt an den Fenſtern zeigten, wie wilde Thiere an ihren Gittern zu reißen begannen und den Pöbel mit gräulichen Re⸗ den, Drohungen und Witzen zu Mord und 158 Skizzen aus Spanien. Plünderung aufhetzten, während die Weiber und Freunde der Gefangenen, welche einen guten Theil des verſammelten Haufens aus— machten, ſich heranzudrängen oder zu ſchleichen ſuchten, um ihnen Waffen, Stricke und ſon⸗ ſtige Mittel zum Entkommen zuzuwerfen oder zuzuſtecken. Wie geſagt, es war die höchſte Zeit, daß dem Unſinn und Unfug ein Ende gemacht wurde. Ich ſprach einige Worte mit dem Officier und trat dann zu Vieira heran, der mich glücklicherweiſe, trotz ſeiner Tollheit, erkannte. Nun bedurfte es auch nur eines Wortes, um ihn zahm zu machen, ja die hef— tige Zornesaufregung des jungen Menſchen machte plötzlich, wie bei einem Kinde, der größten Weichheit Platz. Mit einer letzten Aufwallung ſeines kriegeriſchen Patriotismus ſchlug er ſeine Musquete an einem Eckſtein entzwei, ſchleuderte die Trümmern weit hin⸗ weg über die Bruſtwehr der Terraſſe und warf ſich mir, ohne ſich um irgend etwas weiter zu bekümmern, laut weinend und ſchluch⸗ zend vor Wuth, Schmerz und Schaam, wie ein Kind in die Arme. Glücklicherweiſe war die Abtheilung, welche der Officier befehligte, — — Skizzen aus Spanien. 159 nicht nur ſtark genug, um ſogleich alle Maß⸗ regeln zu treffen, den Andrang des Pöbels zu hemmen und im Innern des Gefängniſſes die Ordnung herzuſtellen, ſondern es fand ſich, daß nicht nur der Anführer, ſondern auch mehre ſeiner Leute es beſſer mit Vieira mein⸗ ten, als er es eigentlich verdiente, nachdem er ſo thörichter Weiſe eine ſo große Gefahr herbeigeführt hatte. Zufälligerweiſe befanden ſich dabei von der letzten Rekrutenaushebung eben die jungen Leute aus Colares, von deren Einfangung und Einweihung zu Vertheidi⸗ dern der Verfaſſung und des Vaterlandes auf dem Korkkloſter wir ſelbſt Zeuge geweſen wa⸗ ren. Dieſe erkannten mich und Vieira wie⸗ der, erinnerten ſich, daß er ſich damals ihrer gegen die Menſchenjäger angenommen habe, und gaben auch gleich einen Beweis, wie gut⸗ müthig dieſe laſſe des Volks eigentlich iſt, indem ſie ihn nicht nur gegen einige ihrer Kameraden, welche ſich an ihn machen woll⸗ ten, ſchützten und ihm freundlich zuredeten, ſondern auch ſich erboten, uns nach Hauſe zu begleiten, damit der Pöbel uns nichts an⸗ habe. Dies konnte der Officier indeſſen nicht 160 Skizzen aus Spanien. zugeben, da er alle ſeine Leute brauchte, auch bemerkte er mir beiläufig, er fürchte, die Kerls würden gar nicht wieder kommen, klagte auch ſonſt bitterlich, ſie ſeien die erſten geweſen, die Cocarde der Cortes abzunehmen und— nicht etwa die roth und blaue des Königs— ſondern die ganz rothe der Königin aufzuſtek⸗ ken. Auch hatten die Burſchen es kein Hehl, der Pater Jacinto habe es ihnen verſprochen, ſobald die Königin und der König wieder das Regiment führten und die Freimaurer verjagt wären, könnten ſie wieder nach Hauſe gehn und ihr Feld bauen. Wir dankten ihnen für ihren guten Wil⸗ len und machten uns auf den Weg, nicht ohne Sorge von meiner Seite, wie es mit uns ablaufen werde, da einige Volkshaufen, nachdem ſie von der Terraſſe vor dem Corps de Garde vertrieben worden waren, ſich in den nächſten Straßen wieder geſammelt hat⸗ ten. Wirklich empfing uns einer derſelben auch mit drohendem Geſchrei, aber— Gott weiß, wie es kam— einige Weiber wandelte plötzlich eine Art von verliebtem Mitleid für den armen Jungen an, der in ſeinem halb — — Skizzen aus Spanien. 161 trotzigen, halb begeiſterten, halb verſchämten Schmerz wirklich rührend ſchön ausſehen mochte. «Wie ſchön iſt er!»—„ Coitadinho!l— «Geſegnet ſei die Mutter, die ihn geboren!“ «Laßt ihn gehen, den hübſchen Jungen— laßt ihn zur guten Stunde gehn!“ Seht, er hat geweint— Coitadinho!«—„Geſegnet ſei ſeine Geliebte!— ſo riefen einige und immer mehr Stimmen, als wir durch den Hau⸗ fen zogen, und wenig fehlte, daß die Weibs⸗ leute uns mit handgreiflichen Tröſtungen zu⸗ geſetzt hätten. Glücklicherweiſe kam ein Zug von einmarſchierenden Truppen dazwiſchen und wir erreichten ohne weitere Anfechtung Vieira's Wohnung. Er wollte zwar durchaus mit zu van M's., aber ich benutzte meine Vollmacht ſo gut und gab mir ſo viele Mühe, ihn zu überzeugen, daß er dort in ſeiner jetzigen Stim⸗ mung nur Unheil anrichten würde, daß er ſich's gefallen ließ, mir ſein Ehrenwort zu ge⸗ ben, nicht aus dem Hauſe zu gehn, bis ich ihm von dort ausdrücklichen Befehl oder Er⸗ laubniß brächte. So ließ ich ihn denn, we⸗ nigſtens inſofern beruhigt, daß er(mit Ham⸗ let zu ſprechen) verhindert war, t0 play the 3ter Thl. III. Abth. 11 162 Skizzen aus Spanien. fool anywhere but in his own house— womit überall in der Welt ſchon viel gewon⸗ nen iſt, wenn die Leute es doch einmal nicht ganz laſſen können.. Ich ſelbſt eilte nun nach van M's. in der Rua auguſta, wozu es des ausdrücklichen Verſprechens, das mir Vieira abnahm, nicht einmal bedurft hätte. Die Straße ſelbſt und alle Balcons und Fenſter waren dicht gedrängt voll Menſchen— dort Volk, hier Honoratio⸗ res, Herrn und beſonders Damen im beſten Staat zum feſtlichen Empfang der königlichen Familie bereit, welche jeden Augenblick erwar⸗ tet wurde. Auch van M's. Zimmer waren voll von Bekannten, welche die Herrlichkeit mit anſehen wollten. Ich konnte mich kaum bis zur Frau vom Hauſe durchdrängen, deren beſorgter, fragender Blick mir gleich beim Ein— tritte begegnet war. Ich beruhigte ſie mit einigen Worten über unſern jungen Herrn, aber dennoch blieb ſie in einer großen Bewe— gung, die ſie vergeblich durch eine gewaltſame Spannung zu bemeiſtern ſuchte. Dies wurde ihr auf mancherlei Weiſe erſchwert. Wäh⸗ rend alle andern Damen an ihrem Anzuge, Skizzen ags Spanien. 163 wo es ſich nur irgend machen ließ, die Far⸗ ben der jetzt ſiegenden Partheien angebracht hatten, roth oder roth und blau, trug ſie ein weißes Kleid und blauen Gürtel und Schawl.— Dies iſt ihre gewöhnliche Tracht, ihre Lieb⸗ lingsfarbe— ich habe ſie nie anders geſehen, und wahrſcheinlich dachte ſie auch jetzt gar nichts beſonderes dabei; unglücklicherweiſe aber iſt blau und weiß auch die conſtitutionelle Farbe. Senhora Mencia hatte früher zwar in ihrer ſtillen Weiſe weniger Antheil an po⸗ litiſchen Ereigniſſen gezeigt, als die meiſten ihrer weiblichen Bekannten, von denen einige noch vor vierzehn Tagen eben ſo laut und ſchreiend für die Cortes begeiſtert ſchienen, als ſie nun den König und den Infanten feiern, ſo daß ſie ſogar als eine Corcunda verrufen war; aber ihre vertrauteren Auße⸗ rungen hatten mir ſchon früher in ihr eine ſehr lebhafte Theilnahme an dem, was ſie ſich unter Freiheit und Glück der Menſchen dachte, verrathen, wobei freilich nichts wahr und wirklich war, als ihr wohlwollender, rei⸗ ner Sinn, der ſich mit gar vielen Erſcheinun⸗ gen des Lebens um ſie her, die ſie mit kla⸗ 11* 164 Skizzen aus Spanien. rem Blicke beobachtete, nicht vertragen konnte, und dagegen in einigen der Lehren oder Phra⸗ ſen des Liberalismus, welche ihre Unerfahren⸗ heit leicht wörtlich nimmt oder idealiſirt, Bürg⸗ ſchaft einer beſſern Zukunft ſieht. Es iſt aber dies bei ihr ein ſo allgemein menſchliches Ge⸗ fühl, und deſſen Äußerungen ſind ſo milde, zart und weiblich, daß ich es durch den Na⸗ men einer politiſchen Partheinahme beflecken würde; aber es iſt, wie alle Elemente dieſes ſonderbaren Weſens, tief, klar und rein wie ein Thautropfen, aber auch feſt wie ein Dia⸗ mant. Wenigſtens hat ſich dies in dieſer letzten Zeit gezeigt, wo ihre Anſichten und Gefühle eben ſo wie ihr Weſen, ihre Auße— rungen ſich völlig gleich geblieben ſind, wäh⸗ rens alles um ſie her in lauter, greller Ver⸗ wandlung begriffen war, und eben deshalb erſcheint ſie nun wieder ganz ohne ihre Schuld und gegen ihren Willen, und faſt ohne es zu ahnen, im grellſten Gegenſatz zu ihren Um— gebungen, die ſie nun als Malhada eben ſo verſchreien, wie früher als Corcunda*), wie *) Bekanntlich heißen in Portugal die Servilen Cor⸗ cundas(buckliche, gebuͤckte), die Liberalen Malhados. Skizzen aus Spanien. 165 denn ja dieſe Leute, hier wie überall, in ihrer beſchränkten Rohheit für die mannigfachſten Erſcheinungen nur ein Paar arme, plumpe, hergebrachte Worte und Begriffe haben, in die ſie alles hineinquetſchen wollen. Bei alle dem will ich keinesweges läugnen, daß nicht das Verhältniß zu Vieira einigen Einfluß auf Mencia's— ich will ſie der Kürze wegen bei ihrem Namen nennen— Anſichten gehabt habe. Im Gegentheil mag wohl das Bild, was ſie ſich von einer menſchenbeglückenden Freiheit macht, großentheils aus der reinen Begeiſterung, der Freiheits⸗ und Vaterlandsliebe des Jünglings geſchöpft ſein, der hier wie in ſeinem ganzen geiſtigen Leben, die reinſten Früchte und Blü⸗ then ſeiner Heiligen zu Füßen zu legen pflegte — für deren praktiſche Brauchbarkeit ich frei⸗ lich nicht einſtehen möchte. Wie dem nun aber auch ſein mag, ich fand die arme Frau in ihren conſtitutionellen Farben den Scher⸗ zen und Neckereien einer zahlreichen Geſell⸗ ſchaft ausgeſetzt, von denen einige den un⸗ zarten Leichtſinn ſo weit trieben und das Privilegium weiblicher Hausfreundſchaft ſo ſehr mißbrauchten, daß ſie ziemlich deutlich 166 Skizzen aus Spanien. auch auf ihr Verhältniß zu dem als Jakobi⸗ ner, beſonders ſeit den letzten Bewegungen übelberüchtigten Vieira anſpielten. Der alte van M. war offenbar noch voll Angſt und Sorgen, wegen der frühern Gerüchte von Plün⸗ derung u. ſ. w., und ſchon deshalb polternd verdrießlich gegen ſeine Untergebenen, alſo zunächſt gegen ſeine Frau. Dieſe hatte ſich gegen alle dieſe widrigen Berührungen von außen mit einer Faſſung gewaffnet, die den Menſchen, welche ſie quälten, als Gleichgül⸗ tigkeit oder Fühlloſigkeit und Schwerfälligkeit erſcheinen mochte und ſie um ſo mehr guter Dinge in ihrem Treiben fortfahren ließ. Mich aber erſchreckte ihr Weſen durch eine Art von ſtiller Kälte und Härte, welche nur das Reſultat einer ſehr krampfhaften Spannung ſein konnte. Der alte van M. hatte ſich in ſeiner Angſt eine Art von diplomatiſcher Sauvegarde zu verſchaffen gewußt. Ein gewiſſer blon— der, fader, leerer, ſelbſtzufriedener Attaché der R. Geſandtſchaft, der ſich ſeit einiger Zeit herabgelaſſen hat, van M's. Haus und Ge— ſellſchaften mit ſeiner Gegenwart zu beehren, Skizzen aus Spanien. 167 um die Rolle eines ſieggewohnten Anbeters der Frau vom Hauſe zu ſpielen, deren kalte Verwunderung ihn übrigens ſehr bald ſo lä⸗ cherlich erſcheinen ließ, daß er trotz ſeiner Ei⸗ telkeit einigen Argwohn ſchöpfte und ſich in der letzten Zeit mit offenbarem dépit ferner hielt— dieſer diplomatiſche Held hatte ſich erbitten laſſen, den Einzug der hohen Herr⸗ ſchaften aus van M's. Fenſtern zu betrachten, und zeigte ſich entweder mit neugeſtärkter Ei⸗ telkeit oder aus Bosheit beſonders eifrig und laut um die arme Mencia bemüht. Sie hatte offenbar ihre innere, ſtille Haltung ver⸗ loren, und begegnete auch ihm mit einer bei ihr ungewohnten Schärfe, ſehr verſchieden von der Unbefangenheit, womit ſie ihn, wie alles Gemeine und Widrige, geiſtig zu ignoriren pflegte. Er ſeinerſeits ſchämte ſich der elen⸗ den Rache nicht, den Strom der allgemeinen Neckereien immer wieder anzuregen und auf ſie zu leiten. Als ich meinen Platz in ihrer Nähe gefunden hatte, ſagte er eben mit wi⸗ drig, füßlicher Zuverſicht:«nun, nun, meine Damen, ich verbürge mich für unſre ſchöne Rebellin. Was gilt es, daß ſie, ihrem libe⸗ 168 Skizzen aus Spanien. ralen Ritter zum Trotz, doch am Ende noch mit uns loyalen Wölfen heulen und ſo gut und laut wie irgend eine von Ihnen, dem Prinzen Generaliſſimus der dort kommt, ihr Vivat bringen wird? Was gilt es 2— Eine ſchnelle Röthe überflog die zarten Züge des geplagten Weibes, bei dieſem rohen Angriff. Sie zuckte leicht zuſammen, antwortete aber mit einer Schärfe und Feſtigkeit, die ſo ſehr gegen den gewöhnlichen ſanften, weichen Ton ihrer Stimme abſtach, daß es mir durch die Seele ging, dem Menſchen:«Sie werden ihre Wette verlieren, Herr.“— Zugleich ſtand ſie raſch auf und trat vorne an den Balcon. Was in ihrer Seele eigentlich vorging, blieb mir duakel, wie ich überhaupt in der letzten Zeit die überſicht und das Verſtändniß dieſes unſeligen Verhältniſſes ziemlich verloren habe. Am Ende der Straße drängten ſich ei⸗ nige Reiter, von einem Haufen Pöbel umge⸗ ben, in ungleicher Bewegung, bald langſa⸗ mer, bald ſchneller, doch immer mühſam durch die dichte Maſſe der ruhigern Zuſchauer. Lautes, verworrenes Jubelgeſchrei von der Straße und den Balcons, das Wehen der Skizzen aus Spanien. 169 blau und rothen Tücher, Bänder und Fah⸗ nen empfing und begleitete, mit immer erneu— tem Eifer den tollen Zug. Auch als er ſich van M's. Hauſe näherte, erſchallte von allen Seiten der tauſendſtimmige Ruf: viva Dom Miguel!— viva o senhor infante gera- lissimo!— viva a santissima virgem do Buraco!— viva a senhora rainha!— viva a morte!— morra a constituicäo!— mor- räo os malhados!— morraio os judeos!— morra a naçäo!— morrao os pedreiros livres! u. ſ. w. Der Prinz ſaß in prachtvol⸗ ler Uniform nachläſſig, ſelbſtgefällig auf einem wilden ſchwarzen Hengſt, der, durch das Ge⸗ dränge und Geſchrei und durch das Wehen und Flattern bunter Tücher ungeduldig ge— macht, ſchnaubend Kopf und Mähne ſchüt⸗ telte, weißen Schaum umherwarf, und durch ſeine Sprünge die Verwirrung noch vermehrte. Hinter dem Infanten ritten einige Officiere und Reitknechte, und nach ihnen drängte ſich ein Haufen des ärgſten Lumpengeſindels, was in Lisboa nur aufzutreiben ſein mag. Ma⸗ troſen, Gallegos, halbnackte Neger und Mu⸗ latten mit Knüppeln, Spießen, Bayonetten 170 Skizzen aus Spanien. auf Stangen geſteckt, alten verroſteten Ge⸗ wehren ohne Schloß noch Beſchlag bewaff⸗ net. Immer wüthender erſchallte von allen Seiten das Geſchrei, da diejenigen Zuſchauer, welche etwas zu fürchten oder zu verlieren hatten, dieſe ſaubern Leibtrabanten durch zu⸗ vorkommenden Eifer und Eingehen in ihre damalige Stimmung zu verſöhnen und zu ge⸗ winnen ſuchten und in ihrer Herzensangſt ärger und Argeres als das Geſindel ſelbſt ſchrieen. Dieſes ließ ſich aber dadurch nicht irre ma— chen, ſondern zwiſchen den politiſchen Loſun⸗ gen und Kraftſprüchen ließen ſich immer ſehr bedenkliche Anſpielungen auf das Eigenthum und Leben mehrer theils als Liberale, theils als Reiche bekannter Bewohner der Rua au— guſta und der benachbarten Straßen vernehmen. Doch ging anfangs noch alles gut, da ſie ſich im Ganzen doch immer beeiferten, in der Nähe des Infanten zu bleiben, der ſeinerſeits ent⸗ ſchloſſen ſchien, die Huldigungen des Publi⸗ cums in der ganzen Stadt, Straße bei Straße, einzuſammeln und zu genießen. Als er aber eben an van M's. Hauſe vorüber eilen wollte, debouchirte durch eine Seitenſtraße vor ihm Skizzen aus Spanien. 171 ein Zug Reiterei in die Hauptſtraße und machte es der Menſchenmenge für einen Augen⸗ blick völlig unmöglich, dem Infanten und ſeinem Gefolge Platz zu machen. Nachdem einige Flüche, Stöße und Hiebe vergeblich angewendet wor⸗ den waren, ergab ſich Dom Miguel in ſein Schickſal und begann mit der frechen, plum⸗ pen Art eines betrunkenen Studioſen die Bal— cons zu beiden Seiten zu muſtern. Plötzlich zuckte ein widrig grinſendes Lächeln über ſeine Mulattenzüge und er grüßte halbdrohend mit der Hand nach unſerm Balcon herauf. Was ich befürchtet hatte, war eingetroffen. Mencia in ihrem einfachen weiß und blauen Anzug, blaß, unbeweglich und ſtumm wie eine Bild— ſäule, mußte auf den erſten Blick unter den leidenſchaftlich, fratzenhaft bewegten und lau⸗ ten, in den bunteſten Farben gekleideten Da⸗ men auffallen, welche ringsumher ſchrieen, winkten und wehten. Auch hatte der Infant ſie, ſobald ſein Blick auf ihr ruhte, offenbar wiedererkannt und gedachte des Abentheuers, wobei ich vor einigen Wochen faſt an ihm zum Ritter geworden wäre. Er fiirte ſie eine Zeitlang, als erwartete er eine Bewe— 1 72 Skizzen aus Spanien. gung oder Äußerung von ihr. Sie aber blieb regungslos, ſtumm in ihrer frühern Stellung. Nur ein leiſes Zittern überflog ihre zarten Glieder, aber ihr Blick begegnete mit einem ſonderbaren ſtarren Ausdruck dem des Prin⸗ zen, wie man wohl von Vögeln berichtet, die durch den Blick der Schlange gebannt und be⸗ zaubert werden. Einen Augenblick verbreitete ſich weithin über die dichtgedrängte Maſſe eine tiefe, bange Stille, indem die, welche ſehen konnten, was vorging, in ſtarrer Furcht und Neugierde über eine ſo ſeltſam unerwartete Störung den Ausgang erwarteten, während die entferntern durch das Stillſchweigen der näher Stehenden nach und nach gleichſam an⸗ geſteckt wurden, ſo daß nur noch einzeln, in immer größerer Ferne und gleichſam über dieſe Vereinzelung beſtürzt oder verwundert, die Loſungen des Tages ſich vernehmen ließen. Alles das hatte kaum anderthalb Minuten Zeit hinweggenommen, als der Infant, mit ſichtlichem Grinſen der Wuth und mit der Fauſt drohend, mit heiſerer, ſcharfer Stimme herauf ſchrie: anun— dieſe Hure von Mal⸗ hada! kann ſie nicht auch ihr Viva dazu ge⸗ Skizzen aus Spanien. 173 ben! Werft ſie herunter auf die Straße, daß meine Burſche ihr Lebensart lehren!— Hol— la Jungens!“— fuhr er zu den Seinigen fort:«welcher vermaledeite Freimaurer wohnt in dieſem Haus? Schlagt ihm die Fenſter ein!“— Das Geſindel hätte kaum einer ſol⸗ chen Aufforderung bedurft, ſobald es ſich nur von der Art von Verwunderung erholt hatte, ſo unerwartet das zu finden, was es ſuchte: eine Veranlaſſung zum Plündern. Sogleich fingen die zunächſt Stehenden an, aus allen Kräften mit Gewehrkolben und Knüppeln ge⸗ gen die Hausthüre zu toben und an den ei— ſernen Gittern der Fenſter zu brechen, wäh⸗ rend einige Steinwürfe uns ſehr bald von den Balcons vertrieben. Glücklicher Weiſe war das Gedränge und der Eifer ſo groß, daß ei⸗ ner dem andern im Wege ſtand und beſon⸗ ders zum Ausheben der Pflaſterſteine ſich gar kein Raum fand. Auch war die Hausthür, Dank der Fürſorge des Hausherrn um ſeinen Mammon, feſt genug gezimmert, mit eiſernen Schienen verſehen und von innen zwei- und dreifach verrammelt, ſo daß nicht zu fürchten war, daß ſie ſolchen Angriffen ſo bald weichen 174 Srizzen aus Spanien. würde. Dennoch war es ein furchtbarer Au⸗ genblick. Glücklicherweiſe verſchwand aber dieſe Gefahr ebenſo ſchnell, unerwartet und tumul⸗ tuariſch, als ſie eingetreten war. Die Reite⸗ rei, welche den Infanten aufgehalten hatte, war indeſſen vorübergezogen, und zugleich hieß es unter der Menge, der König halte ſeinen Einzug auf dem Terreiro do Paco. Sogleich ſtrömte ein Theil der Menſchenmenge nach dieſer Seite hin ab. Es wurde Raum vor dem Infanten und kaum ſah ſein edles Roß, deſſen Ungeduld den höchſten Grad erreicht hatte, die freiere Bahn vor ſich, als es ihn mit einigen gewaltigen Sätzen weit hinweg trug, ſo daß er alle ſeine Kräfte und Auf⸗ merkſamkeit aufwenden mußte, um ſich im Sattel zu halten und kaum mehr Zeit hatte, noch einmal zu uns herauf zu drohen. Der größte Theil ſeines Gefolges eilte dem wür— digen Führer nach; diejenigen, welche in ih— rem Zerſtörungseifer nicht bemerkten, was vorging, ſondern fortfuhren, an Thür und Fenſter zu brechen, wurden bald von der nach⸗ ſtrömenden Menſchenmenge fortgeriſſen, oder ſahen ſich ſo vereinzelt, daß ihre Feigheit über Skizzen aus Spanien. 175 ihre Wuth ſiegte und ſie froh waren, unbe— merkt davon zu ſchleichen. So waren wir für's erſte gerettet. Während dies vorging, hatte ſich, außer mir, keine Seele um die unglückliche Veran⸗ laſſung dieſer plötzlichen, ſcheußlichen Gefahr bekümmert— ſcheußlich konnte man ſie wohl nennen, wenn man die Hände ſah, in wel⸗ che wir gefallen wären. Bei dem erſten An⸗ zeichen von Gefahr hatten Herrn und Damen ſich in beſtürzter Eile theils zur Hinterthür hinaus geflüchtet, theils unter dem Boden oder im Keller verſteckt. Unfre diplomatiſche Sauvegarde hatte das erſte Beiſpiel und Zei⸗ chen zur Flucht gegeben, und den zwiſchen Sorge für ſeine Perſon und für ſeinen Geld⸗ kaſten, zwiſchen Flucht und Bleiben ſchwan⸗ kenden und in dieſer bangen Unentſchloſſen⸗ heit faſt weinenden Hausherrn hatte er noch vollends zur Verzweiflung gebracht, indem er ihn verſicherte: nach einem ſolchen Scandal könne er ſein Haus nie wieder betreten und Seine Excellenz werde nicht verfehlen, ſeine Geldgeſchäfte einem andern Banquier anzu— vertrauen. Ein Mann, deſſen Hausfreund 176 Skizzen aus Spanien. ein enragirter Jakobiner ſei, um deſſentwillen die Dame vom Hauſe ſich nicht ſcheue, eine ganze Geſellſchaft loyaler Unterthanen Seiner allergetreuſten Majeſtät— ja ein Mitglied der R. Diplomacie zu compromittiren— ein ſolcher Mann ſei der Gewogenheit Sr. Ex⸗ cellenz nicht würdig. Auch andre Mitglieder der Geſellſchaft machten ihrer Angſt durch tau⸗ bes Schelten gegen die Hausfrau und unzar⸗ ten Spott über den Hausherrn Luft, und bei dieſem nahmen Angſt und Zorn allmälig die⸗ ſelbe Richtung. Mencia hatte bei den erſten Schlägen an die Thüre ſich krampfhaft an den Balcon feſt⸗ zuhalten geſucht. Aber jeder Schlag erſchüt⸗ terte ihren ganzen Körper und ihre zarte Na⸗ tur erlag ſchnell den mannigfach gewaltſamen, zerreißenden Eindrücken des Augenblicks; Angſt vor dieſer Gefahr— Reue, daß ſie ſie herbei⸗ gerufen— Schaam, daß ſie ſo der Mittel⸗ punkt der Aufmerkſamkeit von Tauſenden ge⸗ worden— Unwillen über die rohen Beſchul⸗ digungen, die von allen Seiten auf ſie ein⸗ ſtürmten— dazu vielleicht noch der ganze Schmerz ihres Lebens und ihrer Liebe in ei⸗ Skizzen aus Spanien. 177 nen Moment zuſammengedrängt. Es war zu viel. Sie ſank plötzlich ohnmächtig zurück und hätte ſich den Kopf an der Fenſterecke zerſchmettert, wenn ich ſie nicht aufgefangen und nach dem Sofa getragen hätte. Hier lag ſie ein Paar Minuten in tiefer Bewußtloſig⸗ keit, während ich vergeblich den alten van M. oder eine weibliche Seele zur Vernunft zu bringen ſuchte, damit der Unglücklichen die nöthigſten Hülfsleiſtungen würden. Als end⸗ lich das Gepolter an der Thüre aufhörte und die Gefahr vorüber war, fanden ſich mehre von der Geſellſchaft, beſonders die nähern Freunde und Verwandten des Hauſes wieder ein, theils um ihre Hüte, Shawls u. ſ. w. zuſammenzuraffen, die ſie in der Beſtürzung und Eile vergeſſen, theils und wohl beſonders um ſich an einem Familienſtandrecht auf fri⸗ ſcher That zu laben, was ſie über die arme Mencia ergehen zu ſehen oder ergehen zu laſ⸗ ſen gedachten. Unter den dummen, neugie⸗ rigen, unzarten, boshaften Fragen, Klagen, Vorwürfen und Erläuterungen dieſer guten— Leute— wirklich ſind ſie nicht ſchlimmer, als dies Geſchlecht überall ſonſt auch iſt— kam 3ter Thl. III. Abth. 12 178 Skizzen aus Spanien. Mencia wieder zu ſich. Ihr erbarmenswer⸗ ther Zuſtand, ihre Schwäche, ihr flehender Blick, ihre leiſen Bitten um eine kurze Friſt, um einen Augenblick Ruhe und Schonung wurden nicht im geringſten berückſichtigt. Bei van M. ſelbſt hatte dieſe Störung ſeiner Be⸗ quemlichkeit, die überſtandene Furcht und die Furcht vor fernern Folgen jede Spur ſeiner ſogenannten Gutmüthigkeit verdrängt— die ohnehin nichts iſt als Bequemlichkeit— und er wüthete nun ohne alle Haltung, Faſſung und Würde mit lautem, pöbelhaften Schelten auf das arme Weib los, und wenig fehlte, ſo hätte er ſich thätlich an ihr vergriffen. Um ihn einigermaßen zur Vernunft zu brin⸗ gen, ſuchte ich ſeiner Wuth durch neue Furcht zu begegnen und lenkte ſeine Gedanken auf die möglichen Folgen dieſer Begebenheit und auf die Maßregeln, welche zunächſt zu deren Verhütung oder Milderung zu treffen ſein möchten. Er erklärte endlich, er habe ohne⸗ hin eine Geſchäftsreiſe nach England vor, und wolle dieſe nun dazu benutzen, gleich dort zu bleiben, ſein ganzes Vermögen hier wegzuzie⸗ hen— wo er doch nicht mehr mit Ehren und Skizzen aus Spanien. 179 Sicherheit bleiben könne.«Aber was fangen wir mit dieſer Närrin an 25 fuhr er, mit wie⸗ derkehrendem Grimme zu ſeiner Frau gekehrt, fort.—„Ich kann ſie jetzt nicht mitnehmen und wenn ich ſie ſpäter auch abholen wollte, wo ſoll ſie indeſſen bleiben— nach den Streichen, die ſie hier gemacht hat?„Never heard of so im- Proper and scandalous behaviour,“ ließ ſich die trockne, ſchleppende Stimme ſeiner Schwe⸗ ſter, Miß Kitty, zum zwanzigſten Mal ver⸗ nehmen, und ſie wollte eben ihren langen Commentar über dieſen Text fortſpinnen, als ſie von ihrer Schwägerin unterbrochen wurde. Mencia hatte die ganze Zeit dem Strom des Un⸗ willens ihres Mannes freien Lauf gelaſſen, und mit geſchloſſenen Augen, ſtill den Kopf in die Kiſſen gedrückt, dort gelegen. Nur das ſchmerzliche Zucken ihres Mundes verrieth, daß die harten Worte ihr Herz trafen. In welchem Verhältniß ſie mit ihrer Schwägerin ſteht, weiß ich nicht genau, aber bei deren ganzem kalten, harten, pedantiſchen, förmli⸗ chen Weſen, bei der Herrſchaft, die ſie über ihren Bruder ausübt, mag das arme Weib auch hier einen ſchweren Stand gehabt ha⸗ 12* 180 Skizzen aus Spanien. ben, und nicht wenige der Wunden, an denen ihr Herz verblutet und die ſie bisher mit lä— chelnder Demuth bedeckt und getragen, mag ſie ſich an dieſem Dornenſtrauch geriſſen ha⸗ ben. Wie dem auch ſei, ſo oft ſich dieſe Stimme vernehmen ließ, ſchien Ungeduld und Unwille über die Erſchöpfung des Schmerzes, der Schaam und Reue ſiegen zu wollen. Als nun jetzt Miß Kitty unter andern ſagte: awenn mein Bruder meinem Rath gefolgt wäre, ſo hätte er ſich alle dieſe Unannehm— lichkeiten erſpart. Aber nein— er mußte ſeinen Willen haben und eine Perſon heira⸗ then, die weder durch ihre Geburt noch durch ihre Erziehung ſeiner würdig war. Wo ſollte auch hier eine junge Perſon Gelegenheit zu einer genteelen Erziehung finden?— Erzie⸗ hung abery“—— hier wurde ſie, wie ge⸗ ſagt, von ihrer Schwägerin unterbrochen. Mencia ſtand plötzlich auf, warf einen durch⸗ dringend verächtlichen Blick auf die Erzie⸗ hungspredigerin, und zu ihrem Manne ge⸗ wendet, der eben ſeine Frage:«was ſollen wir mit ihr anfangen 25» wiederholte, ſprach ſie mit einer plötzlich errungenen Faſſung, Würde Skizzen aus Spanien. 181 und Milde, die auf die ſonderbarſte Weiſe die Schwerbeſchuldigte und Bedrängte in die Gebieterin und Richterin zu verwandeln ſchien: «um meinetwillen brauchen Sie ſich keine Sorge mehr zu machen. Ich habe Ihre Be⸗ quemlichkeit ſchon zu ſehr geſtört. Nach dem, was hier vorgefallen— noch mehr nach dem, was hier geſprochen worden iſt, kann und will ich nicht mehr als Ihre Gattin erſchei⸗ nen. Ich werde— ich wünſche zunächſt und vor allen Dingen ein Paar Wochen bei mei— ner Freundin, der Äbtifſin des Urſulinerklo⸗ ſters in Bellas, zuzubringen. Während dieſer Zeit wird ſich alles andre einleiten und ord⸗ nen laſſen— oder von ſelbſt fügen.) Der alte van M. ſchwieg betroffen über den Ton, das Weſen und die Worte ſeiner Frau; Miß Kitty aber ließ ſich nicht irre machen. Mein Gott, welch ein wunderlicher, unpaſſender Einfall!“— rief ſie, indem ſie als Nothzei⸗ chen ihre Brille aufſetzte.«In ein papiſtiſches Kloſter! Meines Bruders Frau! Was ſollen die Leute denken! Ja wenn wir hier blieben, aber in England— unſre Verwandte und Bekannte! Hier ſind die Menſchen in ihrem 182 Skizzen aus Spanien. papiſtiſchen Laſterleben das nicht beſſer ge⸗ wohnt; aber in England. In unſrer Familie und in unſrem Kreiſe, Mrs. van M., hat man keinen Begriff von irgend etwas Unpaſ⸗ ſendem. Gott bewahre!— no impropriety! — Was werden die Leute ſagen, wenn ſie hören, daß meine Schwägerin in einem ka— tholiſchen Kloſter die büßende Magdalene ſpielt! Nur dran zu denken! in einem Kloſter! Wir wiſſen alle, wie es in dieſen Klöſtern hergeht! Aber das kömmt davon, wenn man ſich mit dieſen Papiſten einläßt! Ich habe es meinem Bruder gleich geſagt. Nur mit einer Eng⸗ länderin iſt man vor dergleichen Scandal ſicher! Nur in England erhalten junge Frauen— zimmer die Art Erziehung, welche vor allen improprieties ſchützt.“— Ohne auf dieſes Geſchwätz zu hören, erwiederte Mencia auf ei⸗ nige Einwendungen, welche ihr Mann gemacht hatte: edieſe ſo wie alle anderen Schwierigkei⸗ ten werden ſich leicht beſeitigen laſſen, ſobald Sie nur für den Augenblick in meine Entfer— nung willigen. Ich fühle es hier— ſie drückte die Hand auf's Herz— daß dies meine letzte Bitte an Sie ſein wird. Ich wiederhole es Skizzen aus Spanien. 183 Ihnen um meinetwillen wie um Ihretwillen — ich kann nicht Ihre Gattin ſein.“ Er wollte ſie mit einigen Gemeinplätzen beruhigen, denn, da ſein Zorn verraucht war und ſeine Furcht für den Augenblick beſeitigt, ſo fing es an, ihm ernſtlich leid zu thun, daß die Sache ſo weit kommen ſollte. Sie hörte ihm einen Augenblick ruhig zu, da er aber nichts Erheb⸗ liches ſagte, fuhr ſie fort, ohne das was er geſagt hatte zu beachten:„ ich will Nieman⸗ den anklagen. Ich will Sie nicht fragen: warum Sie meine Hand annahmen, da Sie wußten, daß nur das Gebot, die Bitten mei— ner armen Eltern mich bewogen ſie Ihnen zu geben? Warum Sie— doch genug, das iſt vorbei. Ich hatte alles das überwunden— was es mich gekoſtet— gleich viel! Ich ſollte zu Ihrer Bequemlichkeit beitragen, Ihnen ein Haus machen helfen— wie jeder andre Theil Ihres Hausweſens. Das war Ihre Meinung und war— Gott weiß es— mein aufrich⸗ tiger Wille. Das kann jetzt nicht mehr ſein. Eine Kranke, eine tief, giftig, unheilbar Ver⸗ wundete kann Ihnen nur läſtig ſein. Sie kann, auch mit dem beſten Willen, nicht jede 184 Skizzen aus Spanien. Äußerung, Bewegung des Schmerzes unter⸗ drücken. Wie es ſo und ſoweit gekommen— ich möchte Niemand anklagen, als mich ſelbſt. Und doch— ich bin unſchuldig— vor Men— ſchen— wer kann ſagen, daß er es vor Gott iſt? Genug— ich kann Ihnen nichts mehr ſein. Ich kann nicht. Sie können mir nichts mehr nehmen— nichts mehr geben als Ruhe.“» Damit ſchritt ſie, ohne etwas weiter zu beach⸗ ten, oder irgend Jemanden anzuhören, leiſen aber feſten Trittes durch uns hin nach ihrer Kammer. Das ganze Weſen des ſonſt ſo kindlich milden, demüthigen, weichen Weibes hatte etwas unbeſchreiblich wehmüthiges— faſt un— heimliches. Wie viele, lange und ſtill getra⸗ gene Entſagungen und Kränkungen, wie viele Tropfen ätzenden Giftes, in dieſes Herz ge⸗ träufelt und angehäuft, gehörten dazu, dieſe Energie der Verzweiflung hervorzurufen? Wir alle zuſammen, mich, den zufälligen, unberufenen, unfreiwilligen Zeugen dieſer Fa⸗ milienſcene, ſchwerlich ausgenommen, ſpielten eine ziemlich alberne Figur. Dieſe ganz ge⸗ wöhnlichen Menſchen, die eben deshalb nicht Skizzen aus Spanien. 18⁵ ſowohl mit Vorbedacht und Bewußtſein, als aus Dummheit, Kleinlichkeit und leerer Neu⸗ gierde hart und grauſam geweſen waren, ſchie⸗ nen nun, durch die ungewöhnliche, unerwar⸗ tete, ihnen ſelbſt noch unverſtändliche Wir⸗ kung ihres Treibens erſchreckt und verdutzt. Sie zogen kopfſchüttelnd und ohne viele Worte ab. Nur Miß Kitty blieb dabei:«how very improper! shocking!“— und nahm eine Priſe über die andere. Der arme van M. wußte gar nicht, wie ihm geſchah und was eigentlich von allem, was hin und her geſpro⸗ chen worden, nun Ernſt ſei und gehalten werde, und ich hatte alle Mühe ihm begreiflich zu machen, daß ich nicht zu ſeinem Rathgeber tauge, daß er aber für's erſte nichts beſſeres thun könne, als ſeiner Frau Ruhe zu laſſen und nach ſeinen Geſchäften zu ſehen. Damit kam ich denn glücklich los. Als ich nun wieder auf die Straße kam, hatte der ſchon oft angekündigte Einzug des Königs endlich wirklich begonnen. Das ſchöne neunte Dragonerregiment eröffnete den Zug, der ſich langſam durch die mit Menſchen ge⸗ füllte Rua auguſta hinbewegte. Auf dieſes 186 Skizzen aus Spanien. Regiment hatten noch bis zum letzten Augen— blick die Cortes ihre Hoffnung geſetzt. Der Abfall dieſer Leute war entſcheidend geweſen, hatte den König ſelbſt den Empörern in die Hände geſpielt und ſich in dieſer Maſſe von Feigheit und Verrath gewiſſermaßen ausge— zeichnet. Dies Bewußtſein ſchien den Leuten eine neue, kaum anderswo als in Portugal denkbare Art von Stolz zu geben. Sie ſelbſt und ihre Pferde waren mit Bändern und Laub geſchmückt und ihre Blicke ſchienen Bei⸗ fall und Bewunderung herauszufordern. Man⸗ cher mochte auch unter der Menge, beſonders auf den Balcons, nach einem Zeichen des Miß⸗ fallens herumſpähen, welches einen Vorwand zu Gewaltthätigkeiten geben möchte. Aber dieſe Erwartung wurde nicht befriedigt. Von allen Seiten tönte jubelnder Beifall, und der Muth der kühnſten Anhänger der geſtürzten Verfaſſung ging an dieſem Tage kaum ſo weit, ſich dem Anblick dieſes ſchmählichen Triumphs zu entziehen, oder ſich lauter Beifallsbezeu⸗ gungen zu enthalten. Ja, ich bemerkte nicht wenige von denen, die ſich früher mit libera— len Phraſen am meiſten laut gemacht hatten Skizzen aus Spanien. 187 — unter andern unſern freimaureriſchen Freund, den Desembargador— jetzt unter denen, die durch Außerungen, Farben und Bewegungen um ſo lauter und auffallender ihren loyalen Jubel auszudrücken ſuchten. Am Ende der Straße, vom Terreiro do Paco her bewegte ſich nun langſam, ſchwerfällig die ungeheure, alterthümliche, vergoldete Staatscaroſſe. Ver⸗ geblich ſtrengte ich meine Augen an, um zu entdecken, durch welche Kräfte dieſe Maſchine in Bewegung geſetzt würde, da ich weder Pferde noch Maulthiere vor dem Wagen er⸗ blickte, ſondern nur ein dichtes Gedräng von Federbüſchen und Epaulets. Ich wollte der Ahnung, die in mir aufſtieg, keinen Raum geben, aber bald mußte ich dem Zeugniß mei⸗ ner Augen nachgeben. Einige hundert Offi⸗ ciere von allen Graden, vom General ab⸗ wärts, großentheils von den beſten Familien des Landes, in voller Gallauniform, hatten ſich herbeigedrängt, dem königlichen Wagen als Zugvieh zu dienen— hatten ſich mit dem niedrigſten Pöbel um dieſe Ehre geſtritten. Und wie viele waren nicht unter ihnen, die noch vor wenigen Tagen in Addreſſen an die 188 Skizzen aus Spanien. Cortes, in Geſellſchaften und in Caffeehäu— ſern ſich hoch und theuer verſchworen hatten, die Conſtitution, über deren Trümmern der Rei absoluto einzog, bis auf den letzten Blutstropfen zu vertheidigen! Dieſes Raffi⸗ nement von Niederträchtigkeit empörte den derben, geſunden Sinn des Volks, welches wenigſtens nie Theil an dem conſtitutionellen Poſſenſpiel genommen hatte. Der Wagen des Königs wurde zugleich mit Jubelgeſchrei und mit Hohngelächter empfangen. Erſteres galt dem König oder vielmehr der Königin— Letzteres dem militairiſchen Zugvieh. Ol men coronel!— rief ein Bauernburſch neben mir, ich erkannte bald meinen Freund Bras in ihm, einem Oberſten zu, der den Zug eröffnete— oh meu coronel! viva! emdonde se mudaräo as bestias 2— Der Oberſt that billigerweiſe, als wenn er es nicht hörte; aber von der andern Seite der Straße ſchrie ein halbnackter Mulatte zur Antwort herüber: «se mudarao nos Anjos, e vão vinte bur- ros por hum macho!?*) *) Frage:„holla, Herr Oberſt! wo hat man umge⸗ ſpannt?(eigentlich, das Vieh gewechſelt)“— Ant⸗ Nie hat übrigens wohl ein Triumphator mit ſo bedrängtem, ängſtlichem, peinlichem wort:„bei os Anjos(½l Stde. v. L.) und man hat zwanzig Eſel fuͤr ein Maulthier gerechnet!“— Un⸗ ſer Freund koͤnnte hier auch noch einige Zuͤge an⸗ fuͤhren, welche, wenn auch nicht fuͤr den portugie⸗ ſiſchen Nationalcharakter uͤberhaupt— denn das zu behaupten, ſind wir weit entfernt— doch fuͤr die Stimmung jener Zeit bezeichnende Zuͤge anfuͤhren. So z. B. erſchien in der Gaceta de Lisboa vom fol⸗ genden Tage ein Bericht dieſer Herrlichkeiten, worin alle die Herrn, welche ſich hier mit angeſpannt, oder wie es dort hieß:„an dieſer, der hochherzigen luſi⸗ taniſchen Nation wuürdigen Großthat Theil genom⸗ men hatten,“ mit vollem Namen und Rang aufge⸗ fuͤhrt waren, und noch mehre Tage nachher erſchie⸗ nen in dem Blatte einzelne ſehr empfindliche Recla⸗ mationen von ſolchen, die aus Zufall in jenem Verzeichniß vergeſſen worden waren. In demſelben Blatte, worin jener Bericht ſtand, hatte ſich aber auch unter den Annoncen ein kleiner Artikel einge⸗ ſchlichen, wodurch Kaufliebhaber eingeladen wur⸗ den, ſich zu der und der Zeit vor dem Kriegsmini⸗ ſterio einzufinden, wo das Zugvieh(os tiros de bestias), welches den koͤniglichen Wagen nach dem Pallaſt von Ajuda gefahren, meiſtbietend verkauft werden ſolle. Man riß ſich in den Kaffeehaͤuſern am Cacs de Sodré um das Blatt, bis die Polizei es merkte und confiscirte. Der Redakteur, der aus bloßem uͤbergroßem, loyalem Eifer das unſelige kleine Ar⸗ tikelchen uͤberſehen hatte, wurde ſogleich abgeſetzt und eingeſteckt. Uebrigens wird der geneigte Leſer aus den Zeitungen mit Vergnuͤgen erſehen, daß die Liberalen von Lisboa ſich ſeit 1823 inſofern zum beſ⸗ ſern geaͤndert haben, als ſie ſich, wie es ſcheint, ziemlich gut ſchlagen. Das Verdienſt gebuͤhrt offen⸗ Skizzen aus Spanien. 189 190 Skizzen aus Spanien. Weſen und Gemüth in ſeiner Triumphkutſche geſeſſen, als sua majestade fidelissima, der arme alte König Johann VI. an dieſem Tage neben ſeinem königlichen Gemahl ſaß. Wie ein unartiger Junge, der es den Blicken der geſtrengen Mama anſieht, daß ihn zu Hauſe die Ruthe erwartet— ſo drückte er ſich, ſo weit es ſeine unbehülfliche Corpulenz irgend geſtattete, in die Ecke des Wagens und hätte ſich lieber gar unſichtbar gemacht. Ja er war offenbar dem Weinen nahe, und wagte es in ſeiner Angſt und Verlegenheit nicht, die Flie— gen wegzujagen, die ſich auf ſeine herabhän— gende Unterlippe ſetzten und ihm in den Mund krochen. Die kleine, braune mumien- und hexenartige Figur der Königin dagegen ſpreizte ſich aus Leibeskräften, und die Wolke von alt— modiſchem Staat, in dem ſie ſtack, blähte ſich ordentlich auf vor ihrem Siegeshochmuth. Ihre ſcharfen, unheimlichen, halbirren Blicke fuhren wie Wetterleuchten ringsumher, bald auf das Volk, bald mit ſichtlicher Ungnade bar Dom Miguel, der ihnen dafuͤr buͤrgt, daß es diesmal alles Ernſtes an den Kragen geht. Anm. d. H. Skizzen aus Spanien. 191 ſeitwärts auf den bedrängten Eheherrn. Ich hatte vor einigen Wochen Gelegenheit, die Ko— nigin auf ihrem Landſitze Ramalhao zu ſehen, wohin ſie ſich zurückzog, nachdem ſie ſich ge⸗ weigert, den Eid auf die Conſtitution abzule⸗ gen. Damals gab ſie ſich den Anſchein, aller Herrlichkeit der Welt auf ewig entſagt zu ha— ben, um durch ſtrenge Bußübungen und Ge⸗ bete den Himmel wegen der Sünden des con⸗ ſtitutionellen Portugals und ſeines verführten, irregeleiteten Königs zu verſöhnen. Zugleich aber bewegte ſie Himmel und Hölle zum Um⸗ ſturz der beſtehenden Ordnung der Dinge und war der Mittelpunkt aller dahin zielenden Umtriebe— und wohl mochte ſie jetzt über den Erfolg ihrer Thätigkeit triumphiren. Da⸗ mals trug ſie ein grobes, weites, braunes Gewand, aus welchem ihr magrer brauner Hals, ihr Mumiengeſicht um ſo abſonderli⸗ cher hervorſtand, da ſie den Kopf blos trug und ihre grauſchwarzen Haare ringsherum kurz abgeſchnitten hatte. In ihrer braunen Kutte war eine große Taſche angebracht, wor⸗ aus ſie bald Hände voll Taback ſchöpfte, in denen ſie mit der Naſe wühlte und den Reſt 192 Skizzen aus Spanien. auf Bruſt und Schooß und weit umher ver— ſchüttete, bald auch eine Reliquie hervorholte, die ſie mit Gebehrden und Blicken faſt wahnſin⸗⸗ niger Andacht küßte.— Ich wandte mich mit gleichem Eckel von dem Anblick der Gegen— wart und der Erinnerung an die Vergangen⸗ heit, als der königliche Wagen glücklich vor⸗ überrollte und der in einiger Entfernung da⸗ hinter folgende leichte, offene Wagen, worin die beiden Infantinnen ſaßen, mir meine gute Laune wieder brachte. Es war ein allerlieb⸗ ſter Anblick, da beide Prinzeſſinnen, beſon— ders aber die jüngſte ſehr hübſch, in einfacher geſchmackvoller Kleidung mit freundlichſter An⸗ muth das Volk zu beiden Seiten grüßten. Hier erſchien auch wirklich der Jubel des Volks, frei von politiſchem Fanatismus, nur der lie⸗ benswürdigen Perſönlichkeit der huldvollen Fürſtinnen zu gelten. Ja man konnte es faſt den jungen Herrn, welche den Wagen als eine Art von Chrenwache umgaben, verzeihen, daß die meiſten von ihnen— den jungen Marques von Loulé nicht ausgenommen, der ſich beſonders aufmerkſam geſchäftig um Doña Joſefa zeigte— noch vor kurzem mit gleicher Skizzen aus Spanien. 193 leichtſinniger Eitelkeit in der Uniform der Rei⸗ terei der Nationalgarden geprunkt hatten.— Dieſer Ehrentaͤg der Heldenſöhne des Luſus(os heroicos filhos de Luso) iſt mit einem Schauſpiel beſchloſſen worden, welches dem ganzen Treiben die Krone aufſetzte. An Niederträchtigkeiten der Art, wie ſie jetzt hier in der ſchönſten Blüthe ſtehen, fehlt es in keinem Lande, unter keinem Volk, und es bedarf nur einer gewiſſen Witterung, um ſie während gewiſſer Epochen zum Gedeihen zu bringen. Mag auch ſein, daß die hieſige Gat⸗ tung wirklich größer und in die Augen fallen⸗ der, der Grund und Boden, die Athmosphäre günſtiger iſt als anderswo. Darin liegt jeden⸗ falls nicht der charakteriſtiſche Hauptunter⸗ ſchied, der mir in dieſen Tagen beſonders auf⸗ fiel. Es iſt vielmehr dies. Andrer Orten weiß man all dergleichen parties honteuses des Nationallebens mit einem gewiſſen An⸗ ſtand und Geſchmack zu bedecken, zu ſchmücken. Man hat Leute bei der Hand, die mit einer gewiſſen Gewandtheit und Gründlichkeit in Zeitungen, Flugſchriften Reden u. ſ. w. be⸗ weiſen— wie ſich denn ziemlich alles bewei⸗ 3ter Thl. III. Abth. 43 194 Skizzen aus Spanien. ſen läßt, ſobald man nur die rechte Seite der Sache herauszuheben weiß— daß das alles ganz in der Ordnung iſt und gar nicht anders ſein könne und dürfe. Andre finden ſich, in noch größerer Zahl, ja das ganze, be⸗ ſonders höhere Publikum trägt dazu bei, das Äußere, den Augenblick ſolcher Haupt- und Staatsactionen durch geſchmackvolle, mannig⸗ faltige Pracht nicht nur erträglich, ſondern allſeitig erfreulich zu machen. Nicht ſo hier. Von der Unbehülflichkeit der hieſigen Allbe⸗ weiſer und Beſchöniger im Verhältniß zu ih— ren Collegen in Paris, London, beſonders in Berlin will ich gar nicht reden. Wo ſollten ſie es her haben, da die philoſophiſch⸗religiös⸗ hiſtoriſche Schule nordöſtlicher Staatsweisheit ſich noch nicht bis hierher erſtreckt hat? Aber die unerhörte Geſchmackloſigkeit bei allen die— ſen Feſtlichkeiten und deren Programmen— der gänzliche Mangel an äußerer Decenz bei ſolchen Angelegenheiten iſt charakteriſtiſch, aus⸗ ſchließlich portugieſiſch. Es iſt wirklich ergötz⸗ lich, den Ingrimm, die Verzweiflung der di— plomatiſchen Zirkel anzuſehen, welche genö⸗ thigt waren, in einer ſo plumpen Farce eine Skizzen aus Spanien. 195 Rolle zu übernehmen, und es ſcheint mir kein übler Einfall des Schickſals, daß es dieſe, bei allen Stürmen oben auf ſchwimmenden, ſelbſt⸗ zufriedenen, politiſchen Zwiſchenträger bei der einzigen Seite gefaßt hat, wo ſie verwundbar ſind.— Aber zur Sache. Es war angekün⸗ digt, daß der König mit ſeiner Familie ſich am Abend in San Carlos noch einmal ſeinem treuen Volke zeigen und daß nach der Oper — verſteht ſich, die ewige Eduardo e Cri— ſtina— ein den erfreulichen und ehrwürdi⸗ gen Ereigniſſen des Tages angemeſſenes pan⸗ tomimiſches Ballet: o triunfo da Jealdade ge⸗ geben werden ſolle. Das Haus war gedrängt voll— die diplomatiſchen Logen wohlbeſetzt— in der königlichen Loge Kopf an Kopf neben und hinter dem großen, breiten, gutmüthi⸗ gen, ſchlaffen, bedrängten Geſicht des Kö⸗ nigs— alle Notabilitäten des Tages, Dom Miguel, die Silveiras, der General Pam⸗ plona, Oberſt Sampayo, Ferraz— tutti quanti— ſpreitzten ſich in ihrer Herrlichkeit. Ich hätte bei den beſten Vorſätzen es doch nicht über mich gewinnen können, die Abge⸗ ſchmacktheiten mit anzuſehen, und war nach 13* —— 196 Skizzen aus Spanien. den erſten präludirenden Sprüngen der Tän⸗ zer im Begriff wegzugehen, als der unver⸗ meidliche Attaché der R. Geſandtſchaft, der an leerer Suffiſance als ein wahres Muſter dieſes leidigen Geſchlechts gelten könnte, und überdies noch die Manie hat, populär zu ſein, weshalb er ſich auch in das Parterre verirrt hatte— mich zurückhielt, indem er rief:«mein Gott! tritt dort nicht Se. Majeſtät auf die Bühne?“ Ich blickte hin, und wirklich Sua majestade fidelissima wankte auf der Bühne umher, wie er leibt und lebt— offenbar in großem Zorn und Kummer. Gleich darauf erſchien eben ſo leibhaftig die Königin— dann Dom Miguel und führten eine ſehr lar⸗ moyante Pantomime auf. So viel ich nun auch dieſen Leuten zutraue, war mir dies doch etwas zu ſtark und ich theilte einen Au⸗ genblick die Beſorgniß des kleinen Diplomaten, daß hier eine unerhörte Frechheit im Spiel ſei— vielleicht gar ein Anſchlag der Jakobi⸗ ner. Er erwartete jeden Augenblick, daß ent⸗ weder die Tänzer durch die Polizei abgeführt, oder im Parterre, oder draußen auf der Straße ein Aufruhr ausbrechen würde, wozu dieſes Skizzen aus Spanien. 197 teufliſche Gaukelſpiel als Signal dienen ſollte. Von alle dem geſchah aber nichts. Mein er⸗ ſter Blick auf die königliche Loge beruhigte mich auch vollkommen und erinnerte mich daran, wo wir waren— in Portugal. Die königliche Familie ſah mit dem größten Wohl⸗ gefallen und unter gelegentlichem lautem Bei⸗ fall und Händeklatſchen ihre Doppelgänger auf der Bühne ihr Weſen treiben. Der Kö⸗ nig ſelbſt vergaß über dieſer Herrlichkeit alle Sorgen und ſein Geſicht ſtrahlte von kindli— cher Freude. Wer hätte ſich bei ſo hohen Vorgängern enthalten können, in den allgemei⸗ nen Jubel über dieſen Triumph der portu⸗ gieſiſchen Loyalität und des portugieſiſchen Ge— ſchmacks einzuſtimmen? Auch der blonde At⸗ taché folgte dieſem Beiſpiel, jedoch nicht eher, als bis er ſich vermöge ſeiner Lorgnette über⸗ zeugt hatte, daß auch die diplomatiſchen Lo⸗ gen zu dem allgemeinen donnernden Beifall⸗ klatſchen das Ihrige beitrugen. Ja er ſuchte nun durch verdoppelten Eifer das Verſäumte nachzuholen, um ſeine ſtaatsweiſen Collegen und Vorgeſetzten, welche en masse ihre Be⸗ 198 Skizzen aus Spanien. denklichkeiten früher überwunden hatten, ein— zuholen. Aber ſie ſollten auf noch härtere Proben geſtellt werden. Im Verlauf der Pan⸗ tomime, nachdem Dom Miguel beträchtlich herumgewüthet, auch vergeblich einige Fuß⸗ fälle gethan hatte, um ſeinen père noble zu einem heroiſchen Entſchluß gegen das Un⸗ geheuer der Revolution zu bewegen, traten endlich, von einigen allegoriſchen Geſchöpfen. geleitet, zu ſeiner Unterſtützung zwei Figuren herein, in denen man ohne Mühe zwei der Häupter der hieſigen Diplomacie erkennen konnte. Bei dem Anblick einer ſolchen Ent⸗ weihung verlor der Attaché alle Faſſung. Mit dem Ausruf:«grand dieu, son excellence!“ ſtürzte er hinaus, um in den Reihen des diplomatiſchen Phalanx Rath und Muth zu ſuchen und jedenfalls deſſen Entſchlüſſe und Schickſale zu theilen, welche ſie auch ſein möchten. Aber die Herrn ſchienen ſelbſt einen Augenblick aus der Faſſung zu kommen. Als der König mit freundlichem Kopfnicken, gleich⸗ ſam im Namen ſeines erfindungsreichen Bal⸗ letmeiſters, Beifall ſuchend hinüberblickte und Skizzen aus Spanien. 199 aus Leibeskräften ſeine diplomatiſchen Erlö— ſer beklatſchte— als Dom Miguel vor Ent⸗ zücken laut jubelte, erhoben ſich auch in den diplomatiſchen Logen die Hände zum Klat⸗ ſchen— aber es war zu hart— ſie ſanken ermattet wieder nieder, und— ſo unglaub⸗ lich es der Mit- und Nachwelt ſcheinen wird — das Unerhörte geſchah. Der ſtehende Aus⸗ druck leichter, ſelbſtgefälliger Sicherheit ver⸗ ſchwand allmälig auf den diplomatiſchen Ant⸗ litzen und die Herrn ſahen einen Augenblick entſchieden verlegen und albern aus. Aber— der Wahrheit die Ehre— es war nur ein Augenblick. Ein heroiſcher Entſchluß— ein fragender Blick der Ermuthigung auf die Leidensgenoſſen, und die Hände erhoben ſich von neuem und das lauteſte Beifallklatſchen der wirklichen Diplomaten begleitete das glück— liche Reſultat der Bemühungen ihrer Dop— pelgänger auf der Bühne, und gab einen Be— weis, mit welcher Entſchloſſenheit dieſe edle Sippſchaft ſich ſelbſt dem monarchiſchen Prin— cip opferte und honne mine à mauvais jeu zu machen wußte. 200 Skizzen aus Spanien. Ich hatte genug geſehen und außerdem fiel mir mein armer Gefangener auf parole wieder ein, und ich begab mich auf den Weg nach Vieiras Hauſe, auf dem Rocio. Auf den Straßen feierte die Loyalität des Pöbels ihren Sabbath. Haufen von Geſindel zogen umher und riefen zur Illumination auf. Sie ſchienen ſich förmlich in die Quartiere der Stadt getheilt zu haben und wehe dem Hauſe, wo noch ein einziges Fenſter durch jakobini⸗ ſche Finſterniß bei der zurückkehrenden Ronde den geringſten Zweifel an den Geſinnungen der Bewohner veranlaßte! Alsbald flogen die Steine durch die klirrenden Scheiben hinein, und nicht ſelten folgten krachend Thüren und Läden und flog auf eben dem Wege das Haus⸗ geräth heraus, und diente auf der Straße zu trefflichen Freudenfeuern. Auf dieſe Weiſe kam die freiwillige Erleuchtung allerdings un⸗ glaublich ſchnell zu Stande und es gewährte von der Plateform des Caſtells herab einen überraſchend ſchönen Anblick, wie die Licht⸗ ſtröme, den Bewegungen jener loyalen ſelbſt⸗ geſchaffenen Polizei folgend, ſich nach allen ——— Skizzen aus Spanien. 201 Seiten Berg auf und ab, in den Thälern und am Strande hin über die ungeheuere Stadt hin verbreiteten und durchkreuzten, und von dem Waſſerſpiegel der Bai zurück⸗ geſtrahlt wurden. Ein beſonders lautes und dichtes Gedränge fand ich auf dem Rocio um das angefangene Denkmal zu Ehren der Con⸗ ſtitution. An die ſchon zuſammengefügten Steinblöcke waren Stricke befeſtigt, an denen in wüſtem, wildem, jubelndem Gemenge Of⸗ ficiere, Soldaten, Huren, Mönche, Neger, Lumpengeſindel aller Art ſich geſpannt hatten — und in einer Stunde war von dem Mo⸗ nument nichts mehr zu ſehen, als die weit umher zerſtreuten Werkſtücke. Vieira fand ich, zu meinem Erſtaunen und zu meiner Zufriedenheit, zwar etwas feierlich, aber ſehr gefaßt und er ſchien wirk⸗ lich ſeit dieſem Morgen um ein Paar Jahre älter geworden zu ſein. Zum Theil konnte ich mir dieſe Veränderung durch ſein ernſtli⸗ ches Nachdenken über ſeine ganze Lage, wozu er Zeit und Veranlaſſung genug gehabt hatte, erklären, und dennoch ſchien es mir, als wenn 202 Skizzen aus Spanien. noch etwas andres dahinter ſtecke. Er ge⸗ ſtand mir auch endlich, daß er Mencia wie⸗ dergeſehen habe, aber über das Wie und Wo wollte er mir keine Rede ſtehen. Das ging 1 mich denn auch weiter nichts an und ich be⸗ gnügte mich gerne mit dem Reſultat, wel⸗ ches darin beſtand, daß der junge Mann er⸗ klärte, er werde noch wo möglich den folgen⸗ den Tag an Bord eines Schiffes gehen, was nach Macao unter Segel liege, und deſſen Befrachter, ein Freund von ihm, ihm einen hinreichenden Grund oder Vorwand für einen ſo plötzlichen Entſchluß an die Hand zu geben verſpreche. Ich brauche nicht zu ſagen, wie viel dieſes heroiſche Mittel dem jungen Mann koſtete, und ſo ſehr er ſich zuſammennahm, ſo vermochte er dennoch nicht ſeine erzwun⸗ gene Faſſung zu behaupten. Ich that indeſ⸗ ſen das Meinige, um ihn in ſeinem Ent⸗ ſchluß zu beſtärken und verſprach ihm alles, was er wollte, in Hinſicht auf die Sorge um das Wohl ſeiner Geliebten und die Nach⸗ richten, die ich ihm von ihr geben ſollte. —— Skizzen aus Spanien. 203 Der Sso Sebaſtiso iſt heute glücklich in See gegangen und ich habe Vieira bis zur Barra das Geleit gegeben. Hat doch der göttliche Achilleus am Wogenſchlage des Mee⸗ res beträchtliche Thränen vergoſſen— warum ſollte dieſer arme Junge nicht mit Thränen und ſprachloſem Jammer von ſeiner Vater⸗ ſtadt, ſeiner erſten Liebe, ſeiner Jugend, ſei⸗ nen Freiheitsträumen Abſchied nehmen?— Bei van M's. habe ich Niemanden ſprechen können. Der Alte war in Geſchäften aus. Mencia ließ ſich als unwohl verläugnen. 8 Meine Geſchäfte hier ſind abgemacht und ich reiſe mit dem nächſten engliſchen Packet⸗ boot. Van M. und Miß Kitty werden meine Reiſegefährten ſein. Der Sorge wegen ihres Bruders Reputation iſt ſie überhoben. Die gefürchtete impropriety hat nicht Statt ge⸗ funden. Mencia hat nicht im Kloſter, noch in den Armen ihrer Freundin Ruhe gefunden, ſondern im Grabe.«She died of a broken heart, as we would say in England— 204 Skizzen aus Spanien. ſagte der Arzt, der ſie behandelt hatte, und ſah mich dabei an, als wenn ich etwas davon verſtünde.„Nonsense, Sir“— antwortete ich— ain drei Wochen?“ Geſehen hab' ich ſie nicht wieder ſeit jenem unſeligen Vorfall. 4 8 η 85 η — — Qη + GꝘ — ) — — Unter andern mediciniſchen Sehenswürdig⸗ keiten beſuchte ich*) pflichtſchuldig auch das Lockhospital. Newgate, Bedlam ſind ohne Zwei⸗ fel inhaltsſchwere, lehrreiche Seiten in dem großen Buche des menſchlichen Lebens— wer ſie nur zu leſen und zu deuten wüßte. Und dennoch— die Hospitäler dieſer Gattung— das iſt der Ort, wo wir lernen könnten, was das Leben eigentlich iſt. Wir die wir das Leben nach unſern eignen und unſrer Ver⸗ wandten und Freunde Verdienſten, Schwä— chen und Schickſalen beurtheilen, wo ſich denn freilich, da weder ſehr merkliche Sünden, Laſter oder gar Verbrechen, noch erhebliche tragiſche Unglücksfälle zu berechnen ſind, ſon⸗ dern alles ſeinen anſtändigen ruhigen Gang findet, leicht ein ganz erträgliches Reſultat ergeben mag, ſo daß wir ohne einen ſehr *) Es kann dem geneigten Leſer ganz gleichguͤltig ſein, welcher Ich hier redend auftritt, und wir bemerken nur, daß es nicht der Verfaſſer des Tagebuchs aus Lisboa iſt.—. 208 Skizzen aus Spanien. großen Aufwand von Philoſophie oder Reli⸗ gion— je nachdem grade unſre Liebhaberei oder der Zufall uns geleitet hat— diejenigen bemitleiden oder beſpötteln mögen, welche ſich ſo geheimnißvoll wichtig über Schmerz des Lebens und Räthſel des Lebens gebehrden. Der Anblick der tauſende von weiblichen We⸗ ſen, die ſo tief gefallen ſind, wie— nach den Geſetzen der Natur und der Geſellſchaft— nur das Weib fallen kann— der Anblick die⸗ ſer Unſeligen, wenn ſie zu Tauſenden, mit buntem Flitterſtaat halb bedeckt, im hellſten Licht der Lampen, in den glänzenden Foyers der Theater das Laſter zur Schau tragen und herausfordern, erweckt natürlich mehr Unge⸗ duld und Unwillen, als Nachdenken und Mit⸗ leid, und der Glanz der Schönheit ſelbſt ver⸗ mehrt den Ekel, ſie ſo von der frechſten Sünde gebrandmarkt zu ſehen. Der Augenblick drängt ſich zu widrig grell uns auf, als daß wir ihn viel fragen möchten: woher? und wohin? Dieſe Frechheit iſt zu empörend, als daß wir danach fragen mögen, ob ſie nicht eine Frucht des wüthenden Hungers, der bittern Kälte, des Branntweins, der das Gefühl jener beiden —Q V·x;— ——— Skizzen aus Spanien. 209 für einen Augenblick betäuben ſoll, oder wohl gar der Furcht vor der Peitſche iſt, die—— genug, alles das bedenken wir denn nicht und wenn unſre Tugend etwa unerfahren genug wäre, zu fragen:«wie darf das Laſter ſich ſo herausputzen und hervordrängen, während der arbeitſame Arme im Elend und in der Dun⸗ kelheit ſchmachtet?— wo bleibt die Vergel⸗ tung?“ ſo beantwortet auch gleich die tiefe Verachtung, die uns erfüllt, in uns über⸗ ſtrömt und worin ſich das Urtheil der Welt ausſpricht, dieſen Zweifel und beruhigt uns, daß auch hier die Tugend ihre Rechnung fin⸗ de— und unſre mehrbelobte Philoſophie oder Religion iſt gerettet und bewährt. Aber hier, wo nun wirklich das letzte irdiſche Gericht über die Sünde ergeht— wo jede Spur der Schönheit und des wirklichen oder affektirten, gezwungenen Leichtſinns, wel⸗ che dort unſre Tugend beleidigte, in den na⸗ menloſen Schmerzen ſcheußlicher Krankheiten untergeht— hier, wo eine irdiſche Hölle uns nun wirklich Heulen und Zähnklappern und Knirſchen, und Verzweiflung und Vergeltung zeigt, ſoviel unſer tugendhaftes Herz nur je 3ter Thl. III. Abthr. 14 210 Skizzen aus Spanien. verlangen mochte, um das Gleichgewicht ſei⸗ ner Welt⸗ und Lebensrechnung herzuſtellen— hier, wo wir nun das: wohin? ſo befriedi⸗ gend vor uns ſehen, finden wir auch wohl Zeit und Luſt, Neugierde, vielleicht Beruf zu fragen: woher? Zeigt es ſich dann, daß dieſe unter den Rädern der Civiliſation einer Stadt von anderthalb Millionen Einwohnern in den Koth und zu Koth getretenen Weſen— dieſe unförmliche, ekelhafte Maſſe geiſtiger und leib⸗ licher Verweſung, in ihre einzelnen Beſtand⸗ theile zerlegt und dieſe durch die unzähligen Stufen der Auflöſung bis zu ihrem urſprüng⸗ lichen Zuſtande zurückverfolgt, uns zu einer Fülle und Mannigfaltigkeit weiblicher An⸗ muth und Liebe führt, hinreichend um eine Welt zu beglücken, wenn ſie ihren angemeſſe— nen Wirkungskreis im häuslichen Leben ge⸗ funden, geſucht oder bewahrt hätte— ſo fra⸗ gen wir uns wohl mit Recht: wie wurde die⸗ ſes blühende Gefilde in einen faulen, gifti⸗ gen Sumpf verwandelt? Die Antwort iſt in den meiſten Fällen leicht und einfach genug: Leichtſinn in allen ſeinen Formen und Abſtu— fungen. So hart, ſo entſetzlich würde Leicht⸗ Skizzen aus Spanien. 211 ſinn hier beſtraft? Wo bleibt denn unſere Philoſophie, unfre Religion? Denn wirklich, wer möchte es läugnen, daß bei all unſerer Tugend nicht einiger Leichtſinn mit unter⸗ läuft, und dennoch iſt es uns nie eingefallen, die Möglichkeit ſo ſcheußlichen Elendes als Folge und Strafe des Leichtſinns mit in un⸗ ſerer Rechnung anzuſchlagen. Und das wäre in der That alles? Nicht alles— denn ganz ſicher kam in den meiſten Fällen zu einer ganz gewöhnlichen Doſis Leichtſinn ein unge⸗ wöhnliches Maaß von weiblicher Anmuth, warmes Blut, nicht ſelten Liebesfähigkeit und Liebesbedürftigkeit— faſt immer Noth und Verſuchung. Alſo führt eigentlich nicht der Leichtſinn in dieſe Hölle— denn ſonſt wäre kein Raum für die Unzähligen, die denſelben Weg gehen müßten— ſondern Anmuth, Schönheit, Liebe, Noth, Verſuchung?— Ar⸗ mes, unſeliges Geſchlecht! Aber es iſt nicht anders. Tauſende und Tauſende der lieblich⸗ ſten Blüthen des ganzen Landes verſinken all⸗ jährlich, ja täglich Schritt vor Schritt in die⸗ ſen Abgrund, nicht weil ſie leichtſinniger als andre ſind, ſondern weil ſie der Verſuchung 14* 212 Skizzen aus Spanien. mehr ausgeſetzt ſind, und weil ihre Liebens— würdigkeit, welcher Art ſie nun auch ſein mag, mehr Verſuchung darbietet. Und haben ſie nicht auch geſündigt, haben ſie nicht leicht⸗ ſinnig, jede in ihrer Sphäre, mit dem Ge⸗ ſchlecht geſpielt, was ſie endlich in dieſen Ab⸗ grund ſtößt— haben nicht auch ſie Glück und Frieden zerſtört?— Mögen ſie— immer werden ſie mit dem alten Lear ſagen, ſie ſeien: more sinn'd against than sinning. Und im ſchlimmſten, ſeltenen Fall gleicher Schuld, wo iſt gleiche Vergeltung? Sucht die Verführer, die Verderber auf, von dem erſten— dem ſogenannten Kinderfreund, der zu ſeinem Zeitvertreib oder um den Ältern zu ſchmeicheln, die ſchlummernde Eitelkeit und Sinnlichkeit des lieblichen Kindes durch abge⸗ ſchmackte Spielerei und Liebkoſung weckte, von Stufe zu Stufe bis zu dem letzten der— genug— wo ſind ſie? Wer kennt ſie nicht als Ehrenmänner, Prediger des Worts, Leh⸗ rer der Jugend, Geſetzgeber, Krieger— ja als glückliche Hausväter? Und dieſe Unſeli⸗ gen liegen hier.— Alles das wiſſen viele von uns recht gut, wenn ſie ſich beſinnen Skizzen aus Spanien. 213 wollen— die andern könnten es erfahren— ſolche und ähnliche Poſten finden ſich überall in dem großem Buch der Welt— aber wir beſitzen eine bewundernswerthe Fähigkeit, ſie nicht zu ſehen, oder doch nicht auszuſchreiben und in unſre Specialrechnung aufzunehmen. Genug, ich begleitete an einem düſtern Wintertage des Jahres 1825 einen der Ärzte des Lockhospital auf ſeiner gleichgültig hand⸗ werksmäßigen Wanderung durch die weiten Säle, und hütete mich ſehr, ihn merken zu laſſen, daß ich in den Jammergeſtalten, die in langen Reihen da herumlagen, etwas anders ſah als er ſelbſt— Fälle. Ich hatte mich an einem Krankenbette etwas länger aufge⸗ halten, als ich ihn an einem der nächſten noch lauter als ſeine gewöhnliche Art war, poltern hörte.«Wir haben hier im Hauſe mehr zu thun, als auf deine papiſtiſchen Alfanzereien zu achten“— fuhr er die Kranke an. Dann zu einer Wärterin:«wenn nachher Jemand Zeit hat, ſo mag man immerhin nach dem Pfaffen ſchicken, damit er der albernen Per⸗ ſon ihren Laufpaß ausfertige. Wenn es bis dahin noch Zeit iſt“— ſetzte er zu mir ge⸗ 214 Skizzen aus Spanien. wendet hinzu.—«Wenig mehr zu machen, wie Sie ſehen. Nicht der Rede werth— ganz gewöhnlicher Fall— mit phiisis pulmonalis complicirt— larvata würden Sie es auf dem feſten Lande nennen— ich finde die Benen⸗ nung zu vage, unpraktiſch— aber das macht Ihre teutſche Philoſophie— nervöſer Charak⸗ ter— nicht der Rede werth. Vergeßt nicht» — rief er eaekügir Wärterin zu—«die Num⸗ mer 6. hierher bringen zu laſſen, wenn dies Bett leer ſein wird. Morgen Mittag, denk' ich, wird's vorbei ſein.) Die Kranke ſuchte ſich mühſam aufzurichten und ein Paar Worte zu ſprechen.«Ei, was kann das Geſchwätz helfen!“— unterbrach ſie der Aeskulapsmann, indem er ihr den Rücken drehte— ges verſteht ſie ja doch kein Menſch hier. Weiter— Num⸗ mer 26.— wie ſteht's hier 2»— Die Kranke fiel zurück:«Ay Jesus! Jesus!— Ay, Virgen santissima!»„Halt deine verdammte papiſtiſche Zunge!“— fuhr ihre nächſte Nach⸗ barin ſie an.— Im ganzen Saale macht keine ſo viel Weſens mit ſich ſelbſt als die kleine Donna.“„Wir ſind auch guter Leute Kinder, wenn's da rauf ankommt»— fiel eine Skizzen aus Spanien. 215 andre ein.«Aber das iſt der papiſtiſche Hoch⸗ muthsteufel. Sie müſſen immer was beſon⸗ ders haben!)„Was habt ihr der Kleinen ihren Glauben vorzuwerfen!“— ließ ſich eine breite irländiſche Branntweinbaßſtimme ver⸗ nehmen.„By Jasus! wer dem Kind was anhängt, hat es mit mir zu thun. Könnt ihr ſie nicht ruhig und dacently in ihrer Weiſe ſterben laſſen? Sei ſtill, mein Kleinod — fuhr ſie in möglichſterttSanftmuth kräch⸗ zend, zu ihrem Schützling gewendet fort— alaß dich nicht irre machen. Gleich— wenn der Doktor fort iſt, ſo beten wir ein feines Ave Maria zuſammen. Das thut ſo gut, wie ein Glas vom blauen. Laß die dort nur ſchreien— ſie fahren doch alle zur Hölle!„— «Wollt ihr wohl Ruhe halten!“ rief hier die gefürchtete Stimme des Doktors dazwiſchen— und das laute Keifen ſank alsbald zu dum⸗ pfem, drohendem Knurren herab. Die kaſti⸗ lianiſchen Laute hatten meine ſchwache Seite berührt, und ich trat näher an das Lager der Kranken, die ich bisher, mit andern Ge⸗ danken beſchäftigt, eben ſo wenig beachtet hatte, als die Bemerkungen des Doktor T. 216 Skizzen aus Spanien. In den, von körperlichem Schmerz, Elend und Verzweiflung verzerrten, abgezehrten Zügen des armen Geſchöpfs waren Spuren großer charakteriſtiſch nationeller Schönheit nicht zu verkennen, und der Ausdruck des ſchnell al⸗ ternden Schmerzes darin war um ſo betrü⸗ bender, da er doch ein faſt noch kindliches Al⸗ ter errathen ließ. Es war eine in der üppi⸗ gen Knospe vergiftete Blüthe. Ich redete ſie, ſo theilnehmend wie mir möglich war, in ihrer Sprache an, erſchrak aber faſt vor der Hef⸗ tigkeit, womit ſie ſich erhob, die langen, ver⸗ worrenen, dunkeln Flechten aus dem Geſichte ſtrich, und mit gewaltſam angeſtrengter Stim— me rief:«wer iſt das? wer ſpricht hier chriſt⸗ lich? Seid ihr ein Chriſt, Caballero? Sprecht noch einmal mit mir— es klingt ſo ſüß. Denkt nur— die groben Leute ſagen, ich müßte ſterben— ſo viel verſteh' ich ſchon von ihrer höflichen Ketzerſprache— und wollen mir doch keinen Geiſtlichen kommen laſſen, dem ich beichten und der mich abſolviren kann. Ich ſoll warten, bis ſie Zeit haben— und ich ſterbe— gewiß ich ſterbe. Nicht einmal meinen Roſenkranz haben ſie mir gelaſſen— Skizzen aus Spanien. 217 und ich kann gar wenig auswendig.— Die heilige Mutter Gottes möge es mir verzeihen — ich hab' ſonſt wenig gebetet. Mutter hatte wohl Recht mich zu ſchelten— wißt ihr noch, Don Alberto?— Aber ſie iſt nun ſchon im Himmel und ich will doch auch zu ihr— nicht mehr frieren— und nun iſt kein Geiſtlicher da— ach Pater Iſidro wärſt du jetzt hier— ich habe ihm oft zum Ärger das Tragala ge⸗ ſungen, aber er würde mich doch in Himmel laſſen, zu Mutter— im Himmel friert man nicht und iſt nicht ſo dunkel und naß wie in der großen Stadt.— Könnt ihr euch denn wohl zurecht finden, Señor Don Alberto? Ach wie manche lange, kalte Stunde bin ich herumgeirrt durch tauſend und tauſend Straßen und kein Menſch verſtand mich und ich konnte das Haus nicht wieder finden, wo Vater und Rafaela wohnten.— Ach Gott! ach heilige Mutter der Schmerzen! mein armer Vater! — die ſind gewiß auch ſchon lange erfroren 1o— —— Das arme Kind warf ſich wieder wim⸗ mernd auf ihr Kiſſen zurück und ich hatte Zeit mich zu beſinnen, was zu thun ſei. Sie hatte mich in halbem Irrereden beim Na⸗ 218 Skizzen aus Spanien. men, hatte mir bekannte Perſonen genannt, und nun gelang es mir auch, aus den ent⸗ ſtellten Zügen einen frühern Eindruck zuſam⸗ men zu ſetzen. Welches Wiederſehen! Ich hatte dies unſelige Weſen vor kaum zwei Jahren in Madrid geſehen— im Schooße des Ueberfluſſes, mit Liebe von allen Seiten über— ſchüttet, ſprudelnd von kindiſcher Lebhaftig⸗ keit und Glücksübermuth und dem erwachen⸗ den Bewußtſein der Herrſchaft aufkeimender Reize. Mit Klagen war hier nichts geholfen. Ich verließ ſie einen Augenblick und traf mit dem Doktor die nöthige Verabredung die Kranke in ein eigenes Zimmer bringen zu laſſen, ob— gleich er meinte, es ſei nicht mehr der Mühe werth.— Als ich wieder kam, ſuchte ſie mich ängſtlich mit den Augen:«Ihr geht doch nicht wieder weg, Señor Don Alberto?“— ſagte ſie, und faltete flehend die Hände.— «Ach, um aller Heiligen Willen, laßt mich nicht allein ſterben.— Ihr mochtet mich ſonſt wohl leiden— aber ich weiß wohl— ich bin jetzt nicht mehr hübſch— das macht die Kälte — aber darum braucht ihr mich doch nicht allein zu laſſen. Die arme Rafaela würdet ihr Skizzen aus Spanien. 219 auch nicht wieder kennen— die Kälte kann ſie, denk' ich, wohl beſſer vertragen als ich— wenigſtens hat ſie nie geklagt— aber ſeit ſie Don Luis umgebracht haben——— ach Gott, wenn Rafaelita nur wüßte, wo ihre arme Conchita iſt, ſie ließe mich nicht allein ſterben— ſie iſt ſchweigſam und ernſthaft— ſo gut, ſo gut.“«Wie heißt denn die Straße, wo ihr wohntet, Conchita?«— fragte ich.— „Ich will den Vater und Rafaela ſelbſt aufſu⸗ chen.— Seid nur ruhig Señorita. Ihr ſollt auch gleich ein beſſeres Zimmer für euch allein haben.) Ach Gott— rief ſie—«ich kann ja den wunderlichen Namen nicht ausſprechen! — Es thut mir weh im Munde— es iſt auch viel zu weit— Sie finden doch nicht hin. Ich bin wohl zehn Wochen auf der Reiſe geweſen. Erſt war ich acht Tage bei einem hübſchen jungen Mann— Sie haben ihn ja wohl auch bei uns geſehen, als wir noch in dem kleinen freundlichen Häuschen wohnten— in Ack— Ackna— nicht 2„—« Hackney meinen Sie wohl— Sehorita, aber ich habe Sie ja ſeit Madrid nicht wieder geſehen“— unterbrach ich das arme Kind.«Das ſind zwei 220 Skizzen aus Spanien. Jahre her— Sie dürfen nicht ſo viel ſpre⸗ chen, Conchita— ich muß nun weg, wenn ich nur wüßtes—— Ich wollte mich ent⸗ fernen, aber ſie hielt mich krampfhaft feſt, und fuhr in derſelben verworrenen Eile fort: «Ach ja— in Madrid— warum nicht ſpre⸗ chen— es thut mir ſo wohl— Ihr verſteht mich doch— und ſprecht recht gut caſtilia⸗ niſch— in Madrid— ſagt Ihr— damals lebte Mutter noch und Don Luis und wir waren glücklich— der arme Franzoſe auch, dem ſie dann den Garote gaben, wegen Don Luis— er hatte einen ſo hübſchen kleinen Schnurrbart— ich mochte ihn gar zu gerne daran zupfen— die Leute neckten mich noch damit und meinten, ich ſei verliebt in ihn— aber das war Scherz. Damals war ich in keinen Menſchen verliebt als in Riego— der Held de las Cabezas.——— Es that mir aber doch leid— als— aber Don Eduardo — ja den— ach ſo ſchöne blonde Locken und blaue Augen und weiß und roth— viel weißere Haut als ich— Moranita hieß ich ja in Madrid— ach er war gar zu hübſch und hatte mich gar zu lieb— drum hab ich ihn Skizzen aus Spanien. 221 ja auch geheirathet, als ich ſo fror. Denken Sie nur, Don Alberto, ſeit vierzehn Tagen kein armſeliges warmes Köhlchen! hungrig war ich auch— immer Kartoffeln! wenn es noch Kaſtanien wären. Da ging ich hinaus und wollte betteln— oder ihn ſuchen— ich weiß nicht mehr.— Aber die Leute lachten mich aus— und ich fror ſo bitterlich— da begegnete mir Don Eduardo— und nahm mich mit in ein hübſches, warmes Haus— da war ich ſeine Frau. Ein Prieſter war nicht dabei— aber die Ketzer wiſſen das wohl nicht beſſer— die armen Leute— ſollte Don Eduardo deshalb ſeine Conchita nicht heira⸗ then, die er ſo lieb hatte? Denkt nur— in die Hölle zu kommen und obendrein nicht ein⸗ mal——— denn in die Hölle muß er doch. Meinetwegen nicht— denn daß er nicht wie⸗ derkam, und daß die Leute alles wegnahmen — das Bett— und mich hinaus auf die kalte Straße warfen—— er hat ſich wohl auch verirrt in der großen Stadt— wie mag er ſich nicht auch gegrämt haben, als er zurück⸗ kam und mich nicht mehr fand? Und nun muß er noch obendrein in die Hölle— der Skizzen aus Spanien. arme Ketzer. Und was hülf' es ihm, wenn ich auch für ihn bete— im Himmel wiſſen ſie doch nichts von ihm. Da fragen ſie: wen meinſt du Conchita? den kennen wir nicht. Was ſoll ich dazu ſagen?— In der Hölle iſt es heiß— aber auf der Straße da fror es noch viel heißer— da gaben die häßlichen Männer mir noch gar Feuerwaſſer zu trin⸗ ken— Pfui! Davon muß ich nun ſterben— das hat mir das Herz verbrannt. Muß ich denn wirklich ſterben, Don Alberto!»— Ich ſuchte ſie zu beruhigen und trieb die Wär⸗ terin an zu eilen, daß die Kranke in eine beſſere Lage komme. «Meinetwegen iſt es nicht— wenn ich nur nicht wieder friere“ fuhr Conchita fort— ich bin ſchon ein Paar Mal geſtorben— und da hab ich die Teufel geſehen— die häßli— chen Männer— pfui! pfui!— aber wenn ich jetzt ſterbe, ſo komm' ich doch zu Mutter im Himmel. Was kann ich denn dafür, daß die Ketzer keinen Pater holen wollen und daß ſie mir meinen Roſenkranz geſtohlen haben— oder verſteckt— er iſt noch von Mutter— wenn ich den nur hätte— dann würde ich Skizzen aus Spanien. 223 ihn den kleinen Engeln zeigen, dann würden ſte gleich ſehen, daß ich eine Chriſtin bin und würden mich herein laſſen— wo er nur ſein mag?“— Sie ſuchte ängſtlich umher, mußte aber bald vor Mattheit ablaſſen.«Aber mein armer Vater»— fuhr ſie leiſer fort—«und Rafaela—was werden die ſagen, wenn Conchita nicht wieder kömmt?— Nie— nie— nie.» Die Wärterin kam jetzt, um Conchita nach ihrem neuen Zimmer und Lager zu trans⸗ portiren. Sie wickelte das faſt zum Schatten abgezehrte, zierlich gebaute Geſchöpf in die Decke und hob ſie auf wie eine Feder. In dem Augenblick wie ſie weggetragen wurde, machte Conchita noch eine Bewegung mit dem Arm und rief freudig:«hier iſt er!— hier iſt erl— Unterwegs brummte die Wärterin:«es wird mit jedem Schritt ſchwe⸗ rer. Ich hab' es wohl geſagt, daß es zu ſpät ſei— aber der Doktor meint, weil er es ſich ſo ausgerechnet hat, ſo ſoll es auch ſo lange vorhalten— immer ſchwerer— daß unſer eins vergebliche Arbeit und Mühe hat, danach fragen die Herrn nicht. Aber auf ein gutes Trinkgeld wird's euch doch nicht ankommen, 224 Skizzen aus Spanien. Herr.— Da habt ihr ſie, Herr,» ſagte die alte Hexe mit widrigem Grinſen zu mir, in— dem ſie ihre Bürde auf das für ſie bereitete Bett legte. Ich trat näher— es war vor— bei— das ſchwache Licht war ausgelöſcht. Ein kindliches Lächeln ruhte um die blaſſen Lippen— die erſtarrte Hand war feſt an's Herz gedrückt und darin hielt ſie ihren Ro— ſenkranz, deſſen Wiederfinden ihr eben noch einen Augenblick Freude gegeben hatte. Zu bedauern war hier weiter nichts mehr, nach dem was geſchehen war.— Doktor T., der dazu kam, meinte, als ich ihm mit einiger Bewegung von dem Fall ſprach: es ſei eine eigenſinnige Kranke geweſen, und wenn ſie die letzte Mixtur ordentlich eingenommen hätte, ſo wär' ſie vielleicht erſt den folgenden Mor⸗ gen geſtorben. Als ich im Allgemeinen der frühern Verhältniſſe der Todten erwähnte, meinte er: das ſei nichts beſondres. Töchter von Landgeiſtlichen, von wohlhabenden Päch⸗ tern gingen ihm alle Tage durch die Hände. Dafür ſorgten die Nobility und Gentry wäh— rend der Zeit der Villeggiatura— er ſprach das fremde Wort mit ſpöttiſchem Nachdruck Skizzen aus Spanien. 225 aus— in der Sportingſeaſon geht es noch hitziger, Herr. Das beſte thut freilich die Die⸗ nerſchaft. Das ſei gewiß ſehr traurig— denn ein engliſcher Pächter ſei jedenfalls zehn Mal mehr werth, als der erſte Don unter der Sonne. Man mache ſo viel Weſens von den armen Refügiés— Spanier, Italiener, Por⸗ tugieſen, Geſindel— er könne nicht finden, daß ſie es beſſer verdienten als zu verhungern. Erſtlich hätten ſie Rebellionen angefangen und ſeien Jakobiner— dann ſeien ſie davon ge⸗ laufen wie Memmen, und jetzt wollten ſie ſich hier in Altengland füttern laſſen. Un⸗ dankbare Hunde ſeien ſie obendrein— und wollten nicht zugeben, daß die Engländer al⸗ lein ſie von Bony's Herrſchaft erlöſt hätten. Daß die Kleine auf ſo ſchlimme Wege gekom⸗ men, wundre ihn gar nicht.— Sie müſſe ſehr hübſch geweſen ſein— noch als ſie hier hergebracht wurde— dieſe Menſchen hätten aber gar keine Erziehung, keine Grundſätze und keine Religion— nichts als papiſtiſche Allfanzereien. Nein ich gebe nicht einen Schilling für die Refügiés, Herr“— ſo ſchloß er mit erhobener Stimme— nicht einen 3ter Thl. III. Abth. 15 226 Skizzen aus Spanien. Schilling. Wir haben ſelber genug Arme zu füttern.“— Ich bemerkte dem Mann, daß doch viele ehrenwerthe Leute in England der Meinung zu ſein ſchienen, ein ſolches Unglück wie dasjenige dieſer politiſchen Flüchtlinge verdiene eine beſondre Rückſicht; er meinte aber: das ſeien einige Schwätzer und Jour⸗ naliſten der Whigs, die überdies eben ſo we⸗ nig nach dieſem Geſindel fragten, als er und andre loyale Engländer. Aber ihr Handwerk und ihre politiſche Farbe bringe das ſo mit ſich und eine ſo gute Gelegenheit zum Phra⸗ ſenmachen ließen die Herrn nicht ungenutzt. Er ſeines Orts finde, daß jeder Vagabund, ja Wild⸗ ober Pferdedieb, mehr Mitleiden verdiene, wenn er in Noth gerathe, als dieſe politiſchen Verbrecher, mit denen man heut zu Tage ſo empfindſam zu Werke gehe. Da⸗ gegen ließ ſich zwar mancherlei einwenden, aber ich hatte keinen Beruf und in dieſem Augenblick wahrlich keine Luſt dazu, dieſen Streit fortzuſetzen, um ſo weniger da mir dran lag, ihm noch einige Rückſichten und Gefälligkeiten in Hinſicht auf die Beerdigung der Leiche abzugewinnen, welche lächelnd als Skizzen aus Spanien. ſtummer Zeuge der Vorwürfe che der harte Mann gegen die Opfer des un⸗ geheuren Verderbens ausſtieß, welches mit ſo manchem kräftigen Stamm auch dieſe zarte Blüthe in den Abgrund geriſſen hatte. Wie es denn ſo geht, ſo war der Doktor lange ſo ſchlimm nicht, als er ſprach. Ja mir ſcheint, er hat den Cynismus, den er als Arzt zeigt, ſich allmälig zur Schutzwehr gegen ſeine eigne Schwäche angewöhnt, und wer weiß nicht, zu welchen Abgeſchmacktheiten oder Abſcheulich⸗ keiten ſogenannte Conſequenz in politiſchen Grundſätzen führen kann— gleichviel von welcher Seite man auch ausgeht. Ich er⸗ langte leicht was ich wollte und begab mich dann auf den Weg, um wo möglich die An⸗ gehörigen des armen Kindes aufzufinden und über deſſen Schickſal— zu beruhigen. Warum nicht? Wenn ſie die Sache von der rechten Seite nahmen, ſo war die Nachricht von Con⸗ chita's Tode der beſte Troſt für alles andre. dort lag, wel⸗ 9* 1 Der Zufall begünſtigte mein Vorhaben. Unterwegs begegnete ich einem Leichenzuge. 15* 228 Skizzen aus Spanien. Der Contraſt zwiſchen der ärmlichen Kleidung und der Haltung der meiſten Leidtragenden, und als ich näher kam, die fremdartige ſüd⸗ liche Geſichtsfarbe und Züge derſelben fielen mir wie allen Vorübergehenden auf. Es wa— ren meiſt ſchwarze Haare und Augen, dunkel⸗ braune Farbe, bedeutſame Geſichtszüge, auf denen ſich theils heftige Leidenſchaften, theils große Leiden, ein tiefer, düſterer Ernſt malte. In mehren erkannte man leicht an den dich⸗ ten, buſchigen Bärten, noch mehr an der ganzen Haltung den militairiſchen Charakter. Einige trugen auf ihren abgetragenen, zum Theil offenbar entlehnten ſchwarzen Röcken mehre Ordensbänder. Ich erkannte endlich unter ihnen einige mir bekannte Spanier, unter andern den ehrwürdigen alten V.— in Glück und Unglück, in Ehren und Wür⸗ den wie in Elend und Verbannung der gleich rüſtige Vertheidiger der katholiſchen Religion gegen die Aufklärerei und Irreligioſität der Zeit, der Unabhängigkeit der ſpaniſchen Kirche gegen die Anmaßungen Roms und die Lehren des Jeſuitismus, und der bürgerlichen Frei⸗ heiten gegen den weltlichen Despotismus— Skizzen aus Spanien. 229 als gründlicher Forſcher der Lehre, der Rechte, der Geſchichte der Kirche ausgezeichnet, der herrlichen caſtiliſchen Sprache in Schrift und Wort, zu Ernſt und Scherz, kräftiger Ein⸗ falt und ſcharfem Witze in gebundener und ungebundener Rede mächtig, wie kaum einer ſeiner Zeitgenoſſen, und durch ſeine tiefe, le⸗ bendige, glühende katholiſche Frömmigkeit und caſtiliſche Freiheitsliebe mit ernſter Hei⸗ terkeit den Leiden des Alters, der Armuth, der Verbannung, der Verfolgungen und Ver⸗ läumdungen trotzend, welche auch in der Fremde nicht von ihm abließen. Ich ſchloß mich an ihn an und erfuhr von ihm, daß es die Gattin des unglücklichen Riego ſei, der hier von den perſönlichen und politiſchen Freunden und Gefährten des Mär⸗ tyrers die letzte Ehre erwieſen werde. Kaum waren zwei Jahre verfloſſen, ſeit ich dieſe Frau an der Seite ihres Gatten, dem ge⸗ feierten Befreier und Liebling des Volkes, dem ſie wenige Tage vorher ihre Hand ge⸗ reicht hatte, unter unermeßlichem Zudrang und Jubel in Madrid hatte einziehen ſehen— von Liebe, von Stolz und Wonne ſtrahlend, 230 Skizzen aus Spanien. von Tauſenden bewundert, geſegnet— von Frauen beneidet um die Liebe, die Liebkoſun⸗ gen des Helden de las Cabezas. Seit der Gatte den ſchmählichſten Verbrechertod erlit— ten hatte, ohne daß ihr verzweifeltes Flehen bei den Mächtigen in und außerhalb Spanien ihn retten konnte, ſtarb ſie, die Geächtete, faſt ohne Klage dahin. Nun hatte ſie aus⸗ gelitten und ſo begegnete ich ihr wieder. Die Beerdigung war bald vorbei. Einer der Leid⸗ tragenden, V. ſagte mir, es ſei Riegos Oheim und väterlicher Freund— der Canonicus, ver⸗ ſuchte einige Worte am Grabe zu ſprechen, aber die Stimme verſagte ihm und er kniete betend und ſein Geſicht verhüllend nieder. Die andern folgten ſeinem Beiſpiel und gin⸗ gen nach wenigen Augenblicken ſtumm aus⸗ einander. Aber mancher ausdrucksvolle Blick bewies, wie auch dieſer Augenblick und das unglückliche Loos eines Weibes den Durſt nach Rache in kräftigen, tief verletzten, verbitter— ten Männerherzen geſchärft hatte.— Ich trug V. mein Anliegen vor und der kurze Bericht deſſen, was ſich im Hospital zugetragen hatte, rührte den ohnehin durch Skizzen aus Spanien. 231 die Feierlichkeit weich geſtimmten Greis bis zu Thränen. Ich ſollte ſagen, zu zwei Thrä⸗ nen, denn mehr waren es nicht, die ſich un⸗ ter ſeinen buſchigen grauen Augenbraunen aus der tiefen dunkeln Quelle ſeiner redlichen, ſo ſtrengen und doch ſo wohlwollenden Augen hervordrängten, während es in ſeinen ſtarken, harten Zügen, auf ſeiner hohen, kahlen, kno⸗ chigen Stirne ſo wunderlich unbehülflich durch⸗ einander arbeitete, daß einer, der die Veran⸗ laſſung nicht kannte, hätte zweifeln können, ob es auf Weinen oder Lachen angelegt ſei. «Ich kenne die armen Leute»— ſagte er end⸗ lich. Das Kind— es war mein Beichtkind — ſo lange die Pfaffen hier mir noch er⸗ laubten zu officieren. Ich ſage Ihnen, Herr — das Kind war noch vor ein Paar Wochen ſo unſchuldig wie eine Blume— früher ein kleiner Tollkopf— ich kenne ſte ja noch von Madrid her.— Aber das hatte ſich freilich gegeben.— Wir ſind ſchwer genug beladen, um keine hohen Sprünge mehr zu thun, und die arme Kleine hatte ihr Theil zu tragen, ſo gut wie andre, da war ſie denn auch zah⸗ mer geworden. Wie ein zahmes Reh, Herr— 232 Skizzen aus Spanien. wie eine lebendige Quelle— ſie war ein Son— nenſtrahl in der Finſterniß für den alten Oſorio, für uns alle, die in ihre Nähe ka⸗ men. Und nun ſo verloren— und doch iſt es noch ein Glück für ihn, wenn er erfährt, daß der Herr ſie zu ſich genommen hat— ſo hört doch die Angſt und Sorge und das ver⸗ zweifelte Umherſtreichen und Suchen auf. Wie und wo— braucht er doch nicht zu er⸗ fahren. Es kommt auch gar alles zuſammen, um den Mann zu erdrücken. Er iſt von je⸗ her ein zu guter Patriot geweſen, als daß er nach den letzten Vorfällen hätte unangefochten bleiben können. Und doch kriegten wir ihn mit genauer Noth dazu, noch zur rechten Zeit ſich vorzuſehen. Er meinte, und davon konnte ihn Niemand abbringen: er habe nie und nim⸗ mer ein Wort gegen den König oder die Kirche geſagt, nie einen Finger dagegen aufgehoben, er habe die Conſtitution nicht eher beſchworen, als bis der König es ſelber gethan und be⸗ fohlen— jedermann wiſſe, daß er gar vieles gegen alle dieſe Neuerungen gehabt, ſo daß gar viele ihn als Servilen und Panciſta ver⸗ ſchrieen und bedroht hätten, und wären die Skizzen aus Spanien. 233 Exaltirten, die Comuneros, die Zurriaguiſten einmal recht an's Regiment gekommen, ſo hätten ſie ihm ohne allen Zweifel übel gelohnt. Ja die Stelle im Ayuntamiento habe er nicht angenommen ohne Gutheißen, ja ausdrückli⸗ chen Befehl des Königs. Dagegen hatten wir nur ein Lied zu ſingen: der ſiebte Juli! der ſiebte Juli! Aber da nahm er erſt keine Ver⸗ nunft an. Am ſiebten Juli habe er nur ſeine Schuldigkeit gethan als Mitglied des conſti— tutionellen Ayuntamiento der Stadt— wenn Andre, wenn der König ſelber die Conſtitu⸗ tion nur zum Schein beſchworen, ſo ſei das ihre Sache. Er habe es damals nicht gekonnt und könne es auch jetzt nicht über ſein caſti⸗ lianiſches Herz bringen, zu glauben oder anzu⸗ nehmen, der König handle heimlich gegen ſei— nen Eid, oder halte es mit denen, die das vorgäben— oder erwarte gar ähnliche Künſte von ihm— von irgend einem Ehrenmann und Altcaſtilier, wie er. Und abgeſehen von alle dem, habe er als Mitglied des Ayunta⸗ miento keine andre Pflicht haben können, als ſie gegen einen Angriff empörter, zügelloſer, ohne irgend einen Befehl handelnder Kriegs⸗ 234 Skizzen aus Spanien. haufen zu vertheidigen. Das habe er gethan und wolle er vor Gott und Menſchen ver⸗ antworten. Wie ein Buch ſprach der alte Mann— und was geſchah? Wir hatten ihn kaum mit Mühe und Noth überredet, we⸗ nigſtens dem erſten Unwetter aus dem Wege zu gehen, ſo ging es los. Nachdem ſie ihn vergeblich geſucht und mit allen Hunden ge— hetzt hatten, kam ſein Nahme oben an in die langen, langen Liſten der Ächtung. Anfangs bezog er noch Geld aus Madrid oder fand Credit auf ſein dortiges großes Eigenthum— genug, er lebte hier ziemlich gut und ließ es hunderten von unſern armen Teufeln mit ge⸗ nießen. Oder wer hat je des alten Oſorio Hand und Herz verſchloſſen gefunden, wenn es galt, einem verfolgten Ehrenmann aus der Noth zu helfen? Aber was hatte der Teufel ausgeheckt? Vor ein Paar Wochen kam die Nachricht, die damaligen Mitglieder des Ayun⸗ tamiento— d. h. natürlich die Ehrenmän⸗ ner, die ihre Schuldigkeit thaten wie unſer Oſorio— ſollen mit ihrem ganzen Vermö⸗ gen einſtehen für die Koſten, welche damals die von Seiten der Stadt getroffenen Ver⸗ Skizzen aus Spanien. 235 theidigungsmaßregeln gegen die Rebellen ver— urſacht haben. Iſt ſo was erhört! Nun war der alte Mann ein Bettler— mit ſeinen beiden Töchtern. Die Kleine kam abhanden, als es ſo grimmig kalt wurde— die andre pflegt den Alten und ein Dutzend andre von den unſern, die am ſchlimmſten dran ſind. Wenn dieſe Rafaela kein Engel im Himmel oder keine Heilige wird, ſo haben ſie keinen Platz mehr droben— denn ſonſt.— Aber ſie zu ſehen, zerreißt mir das Herz— ihr wißt, ſie war mit dem armen Buſtamente verſpro⸗ chen— genug— ihr ſollt ſie ſehen und ſollt ſehen, wie es vielen von uns geht— ja den meiſten. Was ihr hier oben beiſammen ge⸗ ſehen habt, ſind die Reichen und Glücklichen unter uns, die noch einen ganzen Rock ha⸗ ben oder leihen können— die ſich den Leib noch mit ein Paar warmen Kartoffeln ver⸗ wahren können. Ich— für mich— darf gar nicht klagen— ich verdiene mit der Fe⸗ der noch ſo viel, daß ich ein Paar Kohlen in's Camin wenden kann. Oder wo's dazu nicht reicht, hab ich doch ein Bett, worin ich mich warm halten kann. Viele haben es noch 236 Skizzen aus Spanien. beſſer. Entweder perſönliche Freunde hier ge⸗ funden, die ſie zu ſich genommen haben, oder auch einen Theil ihres Vermögens gerettet — von denen ſprech' ich nicht. Aber im Gan⸗ zen— Gott weiß, wie es kommt— aber uns Spaniern geht es in der Fremde am ſchlech— teſten. Die Italiener, die Portugieſen, die Franzoſen— alle wiſſen ſich eher zu ſchicken und zu rühren. Wir ſind zu ſehr Caballeros — nehmt's wie ihr wollt, Herr— lacht uns aus, wenn ihr wollt— aber es iſt wahr. Ich kenne welche von den unſern, die ſich lie⸗ ber hinlegen und verhungern, als daß ſie da und dort herumlaufen, um Gunſt oder Arbeit zu ſuchen und Grobheiten oder Mitleid und Almoſen anzunehmen.“ Ich bemerkte, daß ja doch von Seiten der Comittee viel zur Un⸗ terſtützung der Flüchtlinge gethan werde. V. meinte aber:«Was geſchieht, vergelte Gott und ich will's nicht verkleinern— aber, Herr, wie weit reicht das am Ende? Und dann— die Herrn mögen es wohl gut meinen, aber es wird manchem ſo ſchwer, ſo bitterlich ſchwer, ſo ſelber hinzugehen— oft Stunden weit— oft hat er keine Schuhe, keinen Rock— iſt Skizzen aus Spanien. 237 krank— und doch muß er ſelber, perſönlich erſcheinen, um die Paar Pence zu empfan⸗ gen. Und dann, Herr— die Leute nehmen wahrlich ihren Lohn und unſern Dank vorweg, wenn ſie meinen, ſie erwürben mit dem Al— moſen das Recht, uns auf Koſten unſrer Na⸗ tion, unſerer heiligen Sache zu bedauern. Herr— ſolche Reden!— Feigheit— nicht reif zur Freiheit— der Freiheit nicht werth — nicht wiſſen, was wir wollen— papiſti⸗ ſche Verfinſterung— was weiß ich!— Und ſoll ich Ihnen meine aufrichtige Meinung ſa— gen, Herr? Ehe ich das Land und das Volk hier und in Frankreich ſo kannte, wie ich es jetzt um meiner Sünden willen habe kennen lernen, meinte ich, wir Spanier ſeien freilich ſchlimm genug und könnten nichts beſſeres thun, als ſo werden wie unſre Nachbarn— wenn ſie nur halb ſo weiſe und frei und ge⸗ bildet und glücklich wären, als alle Welt und ſie ſelber vor allen verſicherten. Aber, Herr — jetzt ſag ich, es iſt nicht alles Gold, was glänzt— und wenn wir am Ende vom Liede nichts Beſſeres erlangen ſollten, als was ich hier gefunden habe, ſo— hätte der Teufel 238 Skizzen aus Spanien. ſein Spiel mit uns gehabt. Von uns, die ſich die Gelehrten, Gebildeten nennen, will ich nicht viel rühmen— aber meiner Treu! unſer Volk— was man ſo eigentlich das Volk nennt— darauf laſſ' ich nichts kommen. Dagegen kommt mir dies hier oft vor wie Barbaren— halbe Beſtien. Da ſeht nur ſel— ber, Herr.“ Wirklich bot ſich ihm in dieſem Augenblick ein treffliches Argumentum ad hominem an. Wir waren im Geſpräch, ohne daß ich es bemerkt hatte, in eine von den Ge— genden der Stadt gerathen, wo ſich Elend, Verwilderung und Verbrechen wie in unge— heuern Cloaken ſammeln— in tauſendfach ſcheußlicher Mannigfaltigkeit, wie ſie ſich nur in einem kalten Lande entwickeln kann, wo der Branntewein bei jedem Schritte dem Ar⸗ men, dem Verworfenen, dem Verbrecher ſich als Mittel aufdrängt, das Bewußtſein einer ſcheußlichen Exiſtenz zu betäuben. Wahrlich, wenn Nordländer, beſonders Engländer ſich immer von neuem bei jeder Gelegenheit mit ſelbſtzufriedenem Mitleiden über Elend und Verworfenheit des Volks im Süden auslaſſen, ſo beweiſt das nur, bis zu welchem Grade eine ge⸗ Skizzen aus Spanien. 239 wiſſe Art von, dem Einzelnen unbewußter Heuchelei der Selbſtſucht das ganze geiſtige Leben durchdringen kann. Elend— herzzer⸗ reißendes Elend, ſcheußliche Verworfenheit, Verwilderung in Maſſe— in Kälte, Näſſe, Schmutz und Branntewein giebt es nur im Norden— nur in England. Alles andre iſt dagegen kaum der Rede werth. Aber auch da giebt es charakteriſtiſche Unterſchiede. Das Elend, was ſich in hohen, alterthümlichen, finſtern Gebäuden eingeniſtet hat— in ge⸗ wiſſen kleinen Straßen, Winkeln, Höfen der älteren Stadttheile oder älteren Städte, hat immer noch einen— man möchte ſagen, hi— ſtoriſch ehrwürdigen Charakter— und wenn's auch weiter gar nichts wäre, es hat eher et— was maleriſches. Und, man mag ſagen was man will, das bleibt nicht ohne moraliſche Rückwirkung. Noch mehr aber und die Haupt⸗ ſache, es iſt nicht ſo kalt— ſo kahl— ſo widrig. Dagegen aber giebt es gewiſſe Ge— genden, wo der Induſtrialismus im Großen auf das Elend ſpeculirt und große Jammer⸗ colonien angelegt hat. Ganze Straßen, von zwei langen niedrigen Gebäuden gebildet— 240 Skizzen aus Spanien. fünfzig und mehr gleichförmige Wohnungen unter einem Dach— fünfzig Thüren und fünfzig Fenſter abwechſelnd— und je die zweite oder dritte Thüre eine Branntewein⸗ ſchenke oder ein Trödelkram— weiße Wände — alles neu und verfallen— die Straße breit — nicht für das Sonnenlicht, denn das giebt es nicht in dem ſchönen Lande, ſondern für den kalten, pfeifenden Wind und damit alle Gräuel dieſer Hölle ſich recht ausbreiten kön— nen und alle Schaam und Scheu vor dem Tag verlieren. Das iſt Elend. Außerdem war es Sonnabend und die Leute fingen jetzt ſchon an, ſich für den folgenden Sonntag zu betrinken, damit in dem religiöſen Lande der Sabbath nicht entheiligt werde. Wir zogen noch weiter und kamen in eine Gegend, wo das Stadtungeheuer ſchon entſchiedener einen ländlichen Charakter an⸗ nimmt, aber nicht durch freundliche Cottages, Gärten u. ſ. w., ſondern in weiten, öden Strecken mit einzelnen Bauplätzen, Brenne⸗ reien, oder andern Fabrikgebäuden, deren Be⸗ ſtimmung durch Geruch oder andrer widriger Eigenſchaften wegen, ſie von bewohntern Ge— Skizzen aus Spanien. 241 genden verbannt und die Art von Verſchöne⸗ rungen ausſchließt, womit in ſo vielen an⸗ dern Fällen in unſerer Zeit die Induſtrie ſich zu ſchmücken weiß. Hier waren auch vor einigen Monaten mehre größere Wohnhäuſer an⸗ gefangen und ſchnell unter Dach gebracht worden. Seitdem aber hatte der Spekulant Bankerott gemacht und nun verfielen jene Bauten, ehe ſie nur vollendet worden waren, und dienten, mit oder ohne Vorwiſſen der Eigenthümer, mancherlei Arten von Bewohnern zum vorü— bergehenden Zufluchtsort, deren Treiben ſeit einiger Zeit die Aufmerkſamkeit der Polizei und der Tagespreſſe auf ſich gezogen hatte. Ich geſtehe, daß ich mich ſehr bedacht haben würde, ehe ich mich freiwillig und al⸗ lein in dieſe verrufene Gegend gewagt hätte, aber da der alte V. rüſtig fürbaß ſchritt, ſo konnte ich mich nicht wohl zieren. Auf meine Fragen erwiederte er lachend: Das Lumpengeſindel weiß längſt, daß bei uns ar⸗ men Teufeln nichts zu holen iſt, als etwa ein halber Schuh kaltes Eiſen. Anfangs ſuch⸗ ten ſie wohl ihren Muthwillen mit uns zu treiben; aber einige von den Unſern— ſie 3ter Thl. III. Abth. 16 242 Skizzen aus Spanien. ſollen lieber ungenannt bleiben— verſtanden den Spaß übel und ließen die Meſſer ſpielen, ſeitdem laſſen ſie uns ungeſchoren. Ich muß noch lachen, wenn ich dran denke. Vor ei⸗ niger Zeit kam ſo eine Geſchichte vor die Po⸗ lizei und in die Blätter. Einer von den Trunkenbolden hatte einen alten Schnurrbart von den Unſern zum Boxen herausgefordert, wie ſie's heißen.— Ei— eben fällt mir ein— ihr kennt ja den alten Ramirez von früher her— da darf ich ihn ſchon nennen. Nun, als er aus der Kriegsgefangenſchaft in Frankreich zurückkehrte, hatten ſie ihn von Kerker zu Kerker herumgeſchleppt— waren gräulich mit ihm umgegangen. Da hat er einen lahmen Arm davon getragen— ohne— hin mehr Narben auf dem Leibe als Knöpfe auf dem Rock, der ſollte boxen— mit einem jungen rüſtigen Burſchen, halben Kopf größer. Er ſchickte ihn zu allen Teufeln und als die Beſtie über ihn herfiel, zog er freilich ſein gutes Meſſer von Albacete, das einzige Klei⸗ nod, was er gerettet, und ſtieß es dem Kerl in den Leib. Da hätten Sie ſehen ſollen, was für ein Zetergeſchrei dieſe Heuchler in allen ——— — — —p Skizzen aus Spanien. 243 Blättern erhoben. Da könne man den Un⸗ terſchied ſehen zwiſchen dem offnen, ehrlichen Britten und ſeinem fair play und dem tücki⸗ ſchen, feigen, hinterliſtigen Spanier— und was des Unſinns mehr war. Ich glaube der Kerl iſt nachher wieder geheilt worden; aber das Beſte war doch, daß ſie ihn nicht kann⸗ ten und nicht kriegten— den wackern Alten. — Sie hätten ihn vorläufig doch gehängt und für engliſche Galgen ſind wir zu gut. Bei uns iſt es was andres— ſeit ſie den armen Riego gehängt haben, braucht ſich keiner zu ſchämen. Aber wieder auf Ramirez zu kom⸗ men— er mußte lange den Schatten ſuchen — dann ſchiffte er ſich mit den beiden Bazan ein— und wird eben auch ſein letztes Blut für unſere Sache vergoſſen haben. Wir ha⸗ ben noch keine ſichere Nachricht— aber im Allgemeinen wiſſen wir ſchon, daß es ſchief gegangen iſt, wie es denn auch nicht an⸗ ders ſein konnte. Aber das thut nichts— es ſind unſer noch genug— und ſo lange noch einer übrig iſt, geben wir die Sache nicht auf. Ich bin freilich nicht für ſolche vereinzelte Handſtreiche. Wir müſſen der 16* 244 Skizzen aus Spanien. Zeit Zeit laſſen— ſie iſt jetzt noch nicht reif für uns. Aber hier ſind wir zur Stelle.— Wir ſtanden vor einem großen halbaus⸗ gebauten, halbverfallenen Gebäude. Eine Hausthüre war noch nie vorhanden geweſen — die Fenſter waren theils ganz offen, theils mit Brettern vernagelt— die Treppe war wieder eingeſtürzt, auch ein Theil des Daches ſenkte ſich zum Einſturz, während ein andrer noch nicht gedeckt war. Nicht ohne Mühe kletterten wir über Backſteine und Schutt, welche im Vorplatz und im Hof wüſte durch⸗ einander lagen und gelangten nach einem Hin— tergebäude, welches urſprünglich zur Wa⸗ genremiſe, Pferdeſtall u. ſ. w. beſtimmt war. Dies war der einzige Theil des Ge⸗ bäudes, der von dem gegenwärtigen Beſitzer benutzt wurde, deſſen Leute eben beſchäftigt waren, Heu wegzufahren, wovon hier ein be⸗ deutender Vorrath aufgeſpeichert lag. Die Wagenremiſe felbſt aber war an einige ſpani⸗ ſche Flüchtlinge vermiethet. Auf unſer Klop⸗ fen wurde die kleine Thür, welche in dem großen Wagenthor angedracht war, geöffnet und wir traten mit dem üblichen: gelobt ſei Skizzen aus Spanien. 245 Gott! ein.„Willkommen, Señor Don Lo⸗ renzo und Geſellſchaft!) Was bringt ihr Gutes 25»Setzt euch, Señor Don Lorenzo!» «Entſchuldigt, daß wir nicht aufſtehen— aber wenn man einmal ein bischen warm liegt“— ſo ließen ſich einige Stimmen vernehmen, aber es bedurfte einiger Augenblicke, ehe ich in dem Raume, der nur von obenher durch einige Luftlöcher ſpärlich erleuchtet wurde, die Gegenſtände unterſcheiden konnte. Irgend eine Art von Hausgeräth war hier nicht zu entdecken. Auf einer Streu lagen theils in braune, zerriſſene Capas, theils in wollene Decken gewickelt einige Männer, deren fin⸗ ſteres Ausſehen, langes verworrenes Haupt⸗ und Barthaar mir unter andern Umſtänden und in weniger zuverläſſiger Begleitung jede Luſt zu näherer Bekanntſchaft benommen ha⸗ ben würde. Einige Waffen hingen an den Wänden herum— und bei näherer Prüfung entdeckte ich auch in einer Ecke einige grobe irdene Töpfe und Schüſſeln und einen Krug. «Was ſollte ich Gutes bringen, in die⸗ ſen ſchlimmen Zeiten, mein General?— Wollte Gott ich könnte mich euch in der That 246 Skizzen aus Spanien. willkommen machen, mein Oberſt! Aber was kann ich armer alter Mann thun, Euer Ex⸗ cellenz!“— erwiederte V., indem er näher trat, ſich ohne Weiteres neben jenen auf das Stroh niederließ und mich einlud ſeinem Beiſpiel zu folgen.„Der Herr iſt ein Frem⸗ der“— hub er wieder an, wurde aber durch einige, offenbar mißbilligende, mißtrauiſche AÄußerungen unterbrochen.—.Ich ſage, der Herr iſt ein Deutſcher«— fuhr er verbeſſernd b fort.—„O, das iſt was andres!“—„Will⸗ kommen Caballero!“—„Entſchuldigt die ge— ringe Bequemlichkeit.“—„Wir haben leider nichts aus unſrem Lande mitgebracht, als Franqueza.— Was ſagen ihre Landsleute von uns?“— e„Gewiß nicht ſo viel Unſinn, wie dieſe Franzoſen, dieſe Engländer.“— «Man ſagt bei euch giebt es auch Conſtitu⸗ tionen.“—„Oder noch beſſer, ihr braucht keine— ihr habt gute Fürſten und ſeid ein gutes Volk.“—„Teutſche und Spanier ſoll⸗ ten Nachbarn ſein, ſo wär vieles beſſer.“— So ſprachen die Männer durcheinander und nickten mir freundlich zu, und die nächſten reichten mir braune, magre, haarige Hände Skizzen aus Spanien. 247 zum Druck.»Aber womit können wir dem Herrn dienen, Señor Don Lorenzo?— fing einer von ihnen wieder an— verzeiht die Unterbrechung.“„Der Herr hat einen Auf⸗ trag an Oſorio— erwiederte V. Aber wie iſt's? ich ſehe ihn nicht hier— und die Seño⸗ rita auch nicht?“— Doſia Rafaela— ant⸗ wortete jener— kocht uns unſre Kartoffeln, Señor Don Lorenzo— ihr wißt ja— wir dürfen hier kein Feuer haben— das iſt un⸗ ſer Miethcontrakt— wegen des Heus. Wir ſtehn uns gut dabei, denn was wir an Feu⸗ rung aufwenden können, reicht kaum hin ein Paar Kartoffeln gar zu machen. Das Heu giebt uns weit mehr Wärme.— Sie führen es freilich jetzt nach und nach weg. Hier zieht der kalte Wind ſchon durch. Der Schurke hatte hoch und theuer verſichert, das Heu ſolle den ganzen Winter hier bleiben. Aber, wie geſagt, Rafaelita iſt im Haus— in der Küche, wie ſie's nennt, das arme Kind. Aber der Vater Herr? Mein Gott, habt ihr den nicht geſehen? Ihr kommt doch vom Be⸗ gräbniß? Nun, da muß er auch geweſen ſein. Dort der General war an der Reihe unſern 248 Stizzen aus Spanien. ganzen Rock anzuziehen und auszugehen, aber Oſorio ließ ſich die Reihe abtreten, um der Leiche folgen zu können. Ihr wißt ja er iſt mit Riego durch die Frau verwandt. Habt ihr ihn denn nicht geſehen?«—«Gewiß irrt er wieder in der Stadt herum und ſucht die Kleine“— meinte ein andrer.„Wir mein⸗ ten, wir hätten es ihm endlich ausgeredet. Wie will er das Kind in der Welt von Stadt wiederfinden?“ Sie iſt längſt im Himmel, oder—«Eben davon hat der Herr zu berich⸗ ten,» unterbrach ihn V. und alle wandten ſich fragend an mich. Ich erzählte kurz die Hauptſache, daß das Kind im Hospital geſtorben ſei, und es war mir überraſchend, wie viel Gefühl für fremdes Unglück dieſe unglücklichen Män⸗ ner noch hatten.„Laßt uns für die Seele beten,» ſagte endlich V. und zog ſeinen Ro⸗ ſenkranz.„Beten mag ich nicht— erwie⸗ derte einer der Anweſenden, der jüngſte— deſſen Ausdruck aber finſterer, ingrimmiger war, als bei den andern— aber betet ihr nur, ihr alten Herrn. Wenn es einen Gott im Himmel giebt, ſoy——„Pfui! pfui!“— Skizzen aus Spanien. 249 „Wenig Worte und gute“— Behaltet eure Gottloſigkeit für euch, wenn ihr unter uns leben wollt, Seüorito.) Mit ſolchen und ähnlichen Außerungen wurde der Störer zur Ruhe gewieſen und es herrſchte einen Augen⸗ blick tiefe Stille des Gebets. Sie wurde un⸗ terbrochen durch ein Geräuſch an der Thüre, welche ſich öffnete, ohne Hülfe von Innen. «Was iſt das? Wer mag das ſein? er kennt unſer kleines Kunſtſtück an der Thüre 2» ſo riefen einige und wollten mißtrauiſch aufſprin⸗ gen.«Ei was wollte er's nicht kennen! hat er's doch ſelber fabrizirt! unſer Herr Gott ſei in dieſem Haus!» ließ ſich der Eintretende mit einer auch mir nicht ganz unbekannten Stimme vernehmen.«„Ramirez!“«Seid ihr's oder treibt der Teufel ſein Spiel!“„Will⸗ kommen, alter Geſell!)„Was bringſt du Neues!“ mit ſolchen AÄußerungen der Freude, des Erſtaunens und der Neugierde ſprangen die Männer auf und umgaben den Ankömm⸗ ling. Neues?— meinte dieſer— nichts Neues, ſondern die alte Geſchichte. Wir ha⸗ ben Schläge gekriegt und das Schlimmſte iſt, ich glaube feſt ich bin der einzige, der davon er⸗ 250 Skizzen aus Spanien. zählen kann.»Doch ihr wißt wohl ſchon al— les, Caballeros? Es ſind ja ſchon ſechs Wo— chen her, daß wir bei Guardamar landeten.“ «Wir wiſſen vielerlei durcheinandery—„Was die Zeitungen geben. Was Seſoor Don Lo⸗ renzo uns daraus mittheilt.“—«Aber ſie lügen ſo abgeſchmackt.“—«Keinen Chriſten— namen können ſie richtig drucken.„Beide Bazan und einige vierzig von euch ſeien ge⸗ fangen und erſchoſſen worden, hieß es noch zuletzt.)—«Ein Name war auch drunter genannt, den wir auf euch deuteten.“— «Großen Dank!— rief der Guerillero la⸗ chend— nein, der alte Ramirez iſt ihnen doch noch zu ſchlau, trotz ſeiner lahmen Hand! Der eine Bazan iſt auch nicht gefangen wor⸗ den.— Als alles verloren war, ging er mit Mejia beiſeite; ſie ſetzten ſich einer dem an— dern die Piſtole an den Kopf und— da la—⸗ gen ſie.) Mehre der Anweſenden drückten halblaut Mißbilligung und Abſcheu aus und es entſtand eine Pauſe, da der Erzähler ſelbſt offenbar durch die Erinnerung erſchüttert war. «Was, Mejia?— rief endlich wieder einer— war der dabei? Ich meinte der ſäße ruhig in Skizzen aus Spanien. 251 Paris und verzehrte ſeinen Judaslohn.“«Ja wohl, er wurde letzthin in einer Zeitung ge— nannt— bemerkte V.— aber es hieß dabei, er habe euch verrathen.“»Gott verzeih es denen, die ſolche Dinge von dem Mann ge— ſagt haben“»— erwiederte Ramirez ernſthaft— «und mir, der es geglaubt. Er war ſchlimm genug und nie mein Freund, noch ich der ſeinige— aber, beim Heiligen Zoil von Car— rion! ein Verräther an Freiheit und Vater⸗ land war er nicht— weder früher noch jetzt. Ich hab ihn kennen lernen— genug davon— Gott wolle ſeiner armen Seele barmherzig ſein.“ Nach einigem Stillſchweigen fragte einer der Anweſenden:„Fandet ihr denn gar keinen Anhang, Ramirez?“„Was ſollten ſie!— rief ein anderer— hab ich's nicht immer geſagt? In euerm Süden iſt nichts zu machen. Andaluzier, Murcianer, Valen⸗ cianer— Strohfeuer, Strohfeuer, ſag ich. Wie ging es bei Tarifa vorig Jahr?»—„Ei nund— meinte ein andrer— awer hindert uns es im Norden zu verſuchen? Jauregui wird doch ſeinen Plan im Frühjahr an der Cantabriſchen Küſte zu landen nicht aufgege⸗ 2⁵² Skizzen aus Spanien. ben haben?«„Was ſollt' er aufgegeben ha— ben!— rief hier Ramirez— ich habe ihn noch geſtern geſprochen. Es iſt alles richtig.“ „Nun ihr werdet doch nicht ſchon wieder mit machen, Ramirez?“ fragte V. den alten Kriegs⸗ mann.„Nicht mit machen, Seſor Don Lo⸗ renzo? bei der Seele meiner Großmutter! ſo lang ich noch ein Glied rühren kann und ei⸗ nen Tropfen Blut zu vergießen habe, geb ich die Parthie nicht auf. Die Moren hatten unſre Väter noch ſchlimmer in der Klemme, als jetzt die Servilen und Franzoſen uns— und doch ſind wir, Gott und Don Pelayo ſei Lob und Dank! heut am Tage alle ſo gute Chriſten, als wenn's nie dergleichen Mo— ren gegeben hätte. Was meint ihr, mein General? Ihr ſeid doch dabei?“—«Ich muß geſtehen, daß ich wenig auf Jauregui und ſeinen Plan gebe— erwiederte der Gefragte, ein ſteifer Kriegsmann von der alten Schule, dem eine bunte wollne Decke, womit er ſeine Blößen bedeckte, gar wunderlich anſtand— Catalonien wär mir lieber, wenn man ſich nur mit dem hochmüthigen Tollkopf, dem Mina vertragen könnte. Von all' euern Gue⸗ rilleros war mir der Empecinado der liebſte — und giebt mir Gott die Gnade, daß ich einmal mit der hohen Hand nach Roa komme, ſo ſollen Kindeskinder davon ſagen. Ihr wißt doch, Ramirez, wie ſie mit dem wackern Em⸗ pecinado umgegangen? wie ſie ihn zu Tode gemartert? Ihn— der in ſeinem Leben kei⸗ nem Kind mit Willen und Freude was zu Skizzen aus Spanien. 253 Leide that— dabei tapfer wie ein Löwe und treu wie Gold— ein Altcaſtilier mit einem Wort. Aber, wie geſagt, die Steine von Roa ſollen es erfahren, und das Blut allein ſoll das Feuer löſchen, wenn ich je hinkomme — oder Gott ſoll mein in meiner letzten Stunde vergeſſen!) Der alte Mann war in großer Aufregung und V. ſuchte ihn zu be⸗ ruhigen. Ramirez aber gab der Unterhaltung eine andre Richtung, indem er in ſeiner ge— wöhnlichen, gutmüthig frohen Weiſe rief: aaber nun, Kinder, von was andrem. Was ſagt ihr dazu, he?» Er zog unter ſeinem Mantel einen beträchtlichen Sack hervor, wel⸗ cher, als er ihn ſchüttelte, einen ſehr vernehm— lichen Silberklang von ſich gab. Wie ich dazu komme, nicht?— fuhr Ramirez fort, nachdem er ſich einen Augenblick an ihrem Erſtaunen geweidet hatte— das iſt bald ge— ſagt. Ich warf mich ins Gebirge von Elche — fand ein Paar wackre Geſellen von des Barbudo Cuadrilla— kam uns ein Trans⸗ port Taleyas in den Wurf von den Pfaffen von Orihuela für die Königlichen Freiwilligen in Elche— ſo nennen ſie das Geſindel. Wir machten kurzen Prozeß und das kam auf mei⸗- nen Antheil. Hernach hat mich Tio Bor⸗ rasca an Bord genommen und nach Gibraltar gebracht— und da bin ich und meine Peſos. Und jetzt, Kinder, packt eure Siebenſachen zuſammen— ſchwer werdet ihr nicht zu tra⸗ gen haben und macht, daß wir aus dieſem Stall herauskommen. Ihr ſollt mir noch 254 Skizzen aus Spanien. heute Nacht in Betten ſchlafen mit einem warmen Abendeſſen im Leib und zum Zigar— rito wird auch wohl Rath werden. Und die Señoritas— aber wo iſt Oſorio? wo ſind die Damen? Meine kleine Conchita 2) Er ging nach einer Leiter, welche zu einer Art von Verſchlag oben im Heu führte, wo, wie es ſchien, die Damen ſich aufzuhalten pfleg— ten, und rief ſie bei Namen. Unſer bedeu— tungsvolles Schweigen machte ſchnell ſeiner guten Laune ein Ende und als er erfuhr, was vorgefallen war, warf er den Geldſack hin und ging ein Paar Mal ſchweigend auf und ab.«Nun Gottes Wille geſchehe!— ſagte er endlich, indem er das Geld wieder auf⸗ nahm— die Kleine hat er in ſeinen Him— mel geholt— und da paßt ſie beſſer hin, als hier in dieſe ſchlimme Welt— mir hat er meine beſte Freude verdorben. Das Kind war mein erſter Gedanke, als ich die Hand an die Taleyas legte.— Nichts für ungut Caballeros! Aber ſie war ja unſer aller Freude. Nun wir wollen darum nicht den Strick hin⸗ ter dem Eimer herwerfen— alſo wie geſagt, kommt und laßt uns ein andres Quartier ſuchen.)„Beſſer wär's wir laſſen es bis Morgen und Dona Rafaela ſucht uns eins aus, nach ihrer Weisheit. Dieſe Nacht wol⸗ len wir uns wohl noch behelfen— bemerkte einer— wenn Ihr uns aber was warmes zu Eſſen ſchafft, Ramirez, ſo vergelt's euch Gott.» Ich ging während dieſer Verhandlungen hinaus, um Rafaela aufzuſuchen und ihr lie⸗ Skizzen aus Spanien. 255 ber allein mitzutheilen, was ſie ja doch ein— mal erfahren mußte. Ich fand ſie in einem großen, öden in ſeinen Anlagen, Stuckver⸗ zierungen u. ſ. w. prachtvollen, aber wie das ganze Gebäude, unvollendeten und verfallenen Saal, wo ſie im Kamin ſich aus Backſteinen einen kleinen Heerd gebaut hatte, über den ge— bückt ſie bemüht war, ein kümmerliches Kohlen⸗ feuer unter einem eiſernen Keſſel anzublaſen. Bei dem Schallen meiner Schritte in den leeren Räumen richtete ſie ſich auf, ſah mich einen Augenblick ſcharf an und ſagte dann, mich erkennend, ruhig:„Willkommen Señor Don Alberto. Es iſt des Herrn Wil⸗ le, daß Ihr uns gar anders wiederſeht, als Ihr uns vor zwei Jahren verließet. Seine Hand liegt ſchwer auf uns, aber unſre Sün⸗ den ſind doch noch ſchwerer.“ Die Worte, der Ton, die Haltung, das ganze Weſen des Mädchens, ſetzten mich in Verlegenheit. Schon früher, in beſſern Zeiten, hatte ich eine Art von Scheu vor ihrem ſeltſam unjugendlichen, ernſten, faſt ſtrengen Weſen empfunden, ſo ſehr ich mit allen, die ſie kannten, ihre treff⸗ lichen Eigenſchaften anerkannte. Jener Aus- druck hatte jetzt ſehr zugenommen und jede Spur von Jugend bei ihr verdrängt. Sie war faſt geſpenſtiſch mager, marmorblaß und ſchien oder war bedeutend größer als damals. Ihre Züge hatten einen unbeſchreiblichen Aus⸗ druck von überſtandenem, ich möchte ſagen, geiſterhaftem Schmerz— als wenn der Tod 256 Skizzen aus Spanien. ſie ſchon von ihren Schmerzen befreit hätte, ohne doch zugleich den Ausdruck, die Spuren deſſelben vertilgen zu können. Ihre großen Augen ſtrahlten in einem ſeltſamen, faſt un⸗ heimlichen Glanz. Ihre Haltung war feier⸗ lich, ihre Bewegungen langſam und doch ſcharf, ihre Stimme war ruhig, milder als damals oder vielmehr ausdruckslos, klanglos, wie vor Ermüdung. Sie ſchien einen Augenblick zu erwarten, daß ich die Urſache meines Hier— ſeins ausſpreche; da ſie aber meine Verlegen- heit bemerkte, hub ſie wieder an:„Ihr ſucht ohne Zweifel meinen Vater. Er iſt ausge⸗ gangen und kommt vielleicht erſt ſpät wieder — er bleibt oft lange weg— Geſchäfte— ein Geſchäft— er hat Erkundigungen einzuziehen — ich bin ſeinetwegen nicht beſorgt— er findet ſich leicht zurecht— er ſpricht das Engliſche hin⸗ reichend um zu fragen— er hat mir ausdrücklich geboten hier zu bleiben, ihn zu erwarten, wenn er auch noch ſo lange ausbliebe.“ Sie hatte zuletzt mehr zu ſich ſelbſt, als zu mir geſpro— chen, gleichſam ihren eignen ſchlimmen Ah- nungen begegnend.»Ich habe allerdings Ihrem Vater eine Nachricht mitzutheilen— leider geht ſie ſeine Tochter eben ſo nah an und wenn Ihr gefaßt ſeid, Seüora Doña Rafaela» —— eGefaßt!“—— unterbrach ſie mich und ein leichtes, bitteres Lächeln flog über ihre ſtarren Züge, dann ſah ſie mich fragend an. «Ihre Schweſter»—— fuhr ich zögernd fort. Eine dunkle Röthe übergoß ihr blaſſes Ge⸗ ſicht und verſchwand eben ſo ſchnell wieder. Stkizzen aus Spanien. 257 Sie ſchöpfte tief Athem, drückte beide Hände auf ihr Herz und ſagte in ihrem vorigen Ton: eiſt ſie todt?“ Ich nickte bejahend. Rafaela eilte hinaus und ließ mich ein Paar Minu⸗ ten in peinlicher Spannung, was ich begin— nen ſolle, allein. Bald aber kehrte ſie zurück und jede Spur außerordentlicher Bewegung war verſchwunden, ich kann nicht einmal ſa⸗ gen, daß ihr Ausdruck noch ſteinerner war als vorher. Sie fragte nach den nähern Um⸗ ſtänden, die ich ihr mittheilte, ſoweit es mir nöthig ſchien, ohne daß ſie den ganzen Ab⸗ grund dieſes Jammers zu ermeſſen brauchte. Conchita war mehre Wochen in einem Hospi— tal geweſen und an einer Bruſtkrankheit ge— ſtorben— ſie ſollte in geweihter Erde, einem katholiſchen Begräbnißplatz beerdigt werden. Ich nannte ihr Zeit und Ort— ich hatte dafür geſorgt, daß die Ihrigen die L iche nicht im Hospital, ſondern in der Begräbnißkapelle finden ſollten. Nachdem ich mit meinem Be⸗ richte fertig war, reichte Rafaela mir die Hand, zeigte mit der andern gen Himmel und ſagte:«er wird's vergelten, was Ihr an der armen Kleinen thatet.“ Ich hatte eigentlich hier nichts mehr zu ſchaffen.— Helfen konnte ich dieſen Menſchen nicht.— Ein Almoſen wäre ein Tropfen Waſſer in eine Hölle ge⸗ weſen. Tröſten! Ich empfand in dieſem Au⸗ genblick die Nichtigkeit menſchlicher Troſt⸗ worte. Als ich einige der gutgemeinten Ge⸗ meinplätze anbringen wollte, ſah mich Rafaela fragend, faſt neugierig an, als wollte ſie 3ter Thl. III. Abthl. 17 258 Skizzen aus Spanien. es erwarten, was ein Menſch wohl zu ſagen wiſſe, der es wagen wollte, ſie zu tröſten. Ich blieb bald ſtecken und ſie ſagte, beinah mich tröſtend:«gut, gut— ich weiß— Ihr meint es gut— lebt wohl, Señor Don Alberto— mein Vater ſoll euch aufſuchen— ihn könnt ihr tröſten.— Und, Herr— ich errathe eure Gedanken— wenn ihr ein Almoſen habt, was ihr mir anvertrauen wollt, ſo verlaßt euch drauf, es wird gut angewendet.— Schämt euch nicht— wir ſchämen uns auch nicht— oder ſollten es doch nicht.“ Ich gab ihr was ich hatte und ſchämte mich doch— und konnte immer noch nicht wegfinden. Sie errieth meine Gedanken und ſagte:«meinetwegen ſeid unbeſorgt— auch wenn Vatery»—— ihre Stimme bebte hier zum erſten Mal, ſie faßte ſich aber ſchnell und fuhr fort: Herr, ich büße eine irdiſche Liebe und irdiſches Trachten, was mich meinem himmliſchen Herrn entfremdet hatte— und die Thränen der Reue und Buße haben dem Glauben wieder Kraft gegeben— und der Herr erzeigt mir auch darin unverdiente Gnade, daß er mir reiche Gelegenheit giebt zu der Liebe. Mein Vater und alle die unglücklichen Geächteten, die ihr unten ſeht, können meiner Pflege nicht entbehren. Seid meinetwegen ohne Sor— ge.“ Sie winkte mir mit der Hand und ich ging. Den Tag nach dieſem traurigen Wieder⸗ ſehen war ich ſo beſchäftigt, daß ich nicht, wie es meine Abſicht war, mich bei Conchi⸗ X Skizzen aus Spanien. 259 tas Beerdigung einfinden konnte. Den nächſt— folgenden Tag las ich in der Morning Chro⸗ nicle unter der Aufſchrift:«Coroner's in- quest» folgendes. Wir erfahren über die ge⸗ ſtern in der Bluebelltavern Fiſhſtreat gehal⸗ tene Coroner's Jury folgende nähere Um⸗ ſtände. Der Leichnam, über den die Jury zu ſitzen hatte, war der eines Mannes von eini⸗ gen ſechzig Jahren, ſehr abgemagert, die Klei⸗ dung ſehr ärmlich. Er hatte an der linken Seite des Halſes eine tiefe Wunde, aus der ſehr viel Blut gefloſſen war. In ſeiner Ta⸗ ſche fand man einige Papiere, in einer dem Coroner unverſtändlichen Sprache beſchrieben. Einer der Anweſenden, der ſie ſich zur An— ſicht ausbat, erklärte, es für Spaniſch zu er⸗ kennen, obgleich er es nicht geläufig leſen könne, erbot ſich indeſſen zugleich einen ihm bekannten in der Nähe wohnenden ſpaniſchen Gentleman herbeizurufen, der dann nähere Auskunft geben könne. Der Coroner dankte ihm für ſeine Gefälligkeit und fügte eine ſehr paſſende Bemerkung über den Nutzen der Be⸗ kanntſchaft mit neuern Sprachen bei. Während die Rückkehr dieſes Gentleman erwartet wurde begann der Coroner das Zeugenverhör. Mr. John Bullfinch, Becker in Fiſhſtreat ſagte aus: er habe den Mann, dem dieſer Leichnam gehöre(Gelächter unter den Anwe⸗ ſenden— wir bitten den Herrn Bullfinch um Verzeihung, aber es war ſchwer ſich des La— chens zu enthalten)— er habe alſo den be⸗ ſagten Leichnam ſchon einigemal vor ſeinem 17* 260 Skizzen aus Spanien. Laden auf und abgehen ſehen und ſein ſchwan— kender Gang, ſeine irren Blicke ſeien ihm aufgefallen— weßhalb er auch ein ſcharfes Auge auf ſeine Waare gehabt. Endlich habe ſich der Leichnam, der ihm aber damals noch nicht todt geweſen zu ſein geſchienen, auf ſeine Schwelle niedergeſetzt und habe eine Zeitlang ſtill geſeſſen und ſich die Ohren zu⸗ gehalten— auch ein Paarmal zu ihm, Zeu— gen, abwechſelnd in ziemlich ſchlechtem Eng— liſch und in einer andern ihm, Zeugen, völlig unbekannten Sprache geredet. Aus einigen Worten habe er, Zeuge, entnommen, daß der Fremde über Hunger und Schwindel, auch über das entſetzliche Getöſe und die vielen Menſchen auf der Straße klage. Plötzlich ſei der Fremde aufgeſtanden und auf ein junges Mädchen losgefahren, welches an der andern Seite der Straße ging— habe es bei den Schultern gefaßt und ſtarr angeſehen, ſo daß es laut aufgeſchrieen. Darauf ſei er offenbar ſehr betrübt— Zeuge glaube er habe wirklich geweint— nach ſeiner alten Stelle zurückge— kommen— habe immer wieder über den großen Lärm geklagt— auch ſogar die Vorübergehen⸗ den gebeten, ihm doch nur einen Augenblick Ruhe zu laſſen. Auch klagte er wieder über Hunger und da mir ſein ganzes Weſen ver⸗ dächtig ſchien, er auch meinen Kunden im Wege war, ſo lud ich ihn ein, einen andern Platz zum Ausruhen zu ſuchen und da er nicht darauf achtete, wollte ich ihn natürlicherweiſe beim Kragen nehmen und wegführen. Indem ich Skizzen aus Spanien. 261 aber herumkam, ſtand er auf und that als wenn er jetzt zum erſtenmal bemerkte, daß dies ein Beckerladen ſei.— Ehe ich michs verſah, hatte er ein Brodt in der Hand und in der Taſche. Ich faßte ihn ſogleich feſt und beſchuldigte ihn auf friſcher That. Nun be— hauptete er, er habe das Broͤdt kaufen wol⸗ len, griff auch in alle Taſchen, aber da war kein Farthing zu finden. Ich hätte den Mann vielleicht dem nächſten Polizeimann übergeben ſollen, aber es kam mir doch etwas ſonderbar vor und überdies bin ich ſehr weichherzig in Anſehung meiner Frau, welche eben dazu kam und ſagte— Mr. Bullfinch, ſagte ſiey—— Hier unterbrach der Coroner den Zeugen und lud ihn ein ſich kürzer zu faſſen und Mrs. Bullfinch aus dem Spiele zu laſſen, worauf der Zeuge noch ſchließlich ausſagte, er habe kauf Bitten ſeiner Frau den Vagabunden des vorliegenden Leichnams oder vielmehr den Leich⸗ nam des Vagabunden laufen laſſen(lautes Gelächter). Hierauf wurde Mr. Field, Gla— ſermeiſter in derſelben Straße, vereidigt und aufgefordert zu ſagen, was er von der Sache wiſſe. Er erklärte: er habe denſelben Men— ſchen, von dem der vorige Zeuge ſpreche, um dieſelbe Zeit ungefähr bemerkt, auch geſehen, wie Mr. Bullfinch, ſein Nachbar, ihn aus dem Hauſe gewieſen. Darauf habe ſich jener auf ſeine Schwelle geſetzt, über Hunger und Geräuſch, auch über Schwindel geklagt— und mehrmals ſehr kläglich gebeten: man möge ihn nur in Ruhe und Stille ſterben 262 Skizzen aus Spanien. laſſen. Endlich habe er Etwas vom Boden aufgerafft und bald darauf eine Bewegung nach ſeinem Halſe gemacht. Er, Zeuge, habe in dem Augenblick nicht genauer auf den Men⸗ ſchen geachtet, bald darauf aber ſei auf der Straße ein großes Geſchrei und Auflauf ent⸗ ſtanden und nun habe er bemerkt, daß der Menſch eine große Menge Blut vergieße, wel⸗ ches ſtromweiſe die Schwelle hinab auf das Trottoir gefloſſen ſei. Der Zeuge ſei nun hinzu getreten und habe bemerkt, daß der Fremde eine grüne Glasſcherbe in der Hand hielt, welches derſelbe wahrſcheinlich vorhin aufgehoben, da eben an dem Morgen eine Parthie Bouteillen in ſeinem Magazin abge⸗ laden worden ſei— allem Augenſchein nach habe der Fremde ſich mit dieſer Scherbe die Halswunde beigebracht, an der er verblutet, ſo daß er ſchon ohne Bewußtſein lag, als ei⸗ nige Polizeimänner ſich einſtellten, um ihn nach dem nächſten Wachthauſe zu bringen.» Hier wurden die Verhandlungen durch ein lau⸗ tes Geſchrei: Dieb! Dieb! unterbrochen und ein Gentleman trat vor und beklagte ſich in gebrochenem Franzöſiſch⸗engliſch, daß ihm in dem Augenblick ſein Taſchentuch geſtohlen wor⸗ den ſei. Seine ſonderbare Ausſprache erregte aber eine ſolche allgemeine Heiterkeit, daß er endlich in großer Wuth hinauseilte, wohin ihm der Dieb wahrſcheinlich längſt vorange⸗ gangen war. Als die Ruhe wieder hergeſtellt, wurde Peter Jenkins, Aufſeher des Wachthauſes in b —— — Skizzen aus Spanien. 263 *⸗, vereidigt und berichtete weſentlich: ader Fremde, als deſſen Leichnam er den vor⸗ liegenden erkannte, ſei in einem, offenbar durch Blutverluſt herbeigeführten Zuſtand von Be⸗ wußtloſigkeit in das Wachthaus gebracht worden. Hier ſeien ſogleich einige Mittel angewendet worden, um das Blut zu ſtillen und den Ver⸗ wundeten zum Bewußtſein zu bringen. Dies ſei auch einen Augenblick gelungen, wo er denn anfangs einige unverſtändliche, unzuſammen⸗ hängende Worte ausgeſtoßen, dann aber auch großes Erſtaunen über ſeine Verwundung habe blicken laſſen, auch nicht glauben wollen, daß er ſich dieſelbe mit eignen Händen beigebracht, ſondern dieſen Gedanken mit großem Abſcheu von ſich gewieſen. Endlich habe er nach einem katholiſchen Prieſter verlangt, aber gleich darauf wieder in Bewußtloſigkeit zurückgefallen, aus der er auch nicht wieder zu ſich gekommen, ſondern ſo allmälig verſchieden ſei.)— Mr. Saxton, Wundarzt, vereidigt beſtätigte die Ausſagen des letzten Zeugen und erklärte, daß die Halswunde die nächſte Urſache des Todes dieſes Unbekannten geweſen, daß deſſen Kör⸗ per aber außerdem alle Symptome langen Hun⸗ gers und großen Elends an ſich trage. Auf die Frage eines Mitglieds der Jury: ob un⸗ ter ſolchen Umſtänden die Selbſtverwundung ohne klar bewußten Vorſatz des Selbſtmordes habe ſtatt finden können? antwortete der Zeuge: daß hier allerdings ein Augenblick von Ver⸗ wirrung der Begriffe ſehr möglich geweſen, 264: Skizzen aus Spanien. doch getraue er ſich nicht darüber beſtimmter zu entſcheiden. Die Jury und der Coroner erklärten die Unterſuchung nun für hinreichend und wollten eben den Spruch thun, als einer unter den Zuhörern vortrat und erklärte, er habe auch noch etwas dieſen Fall betreffend auszuſagen, doch wünſche er nicht vereidigt zu werden. Der Coroner bewilligte ihm das Wort, da ohnehin zu wünſchen, daß vor dem Spruch einige nähere Auskunft über den Todten ge⸗ geben werde, und deshalb die Rückkehr des Gentleman abzuwarten, welcher ſich erboten einen Spanier herbeizuſchaffen. Der Zeuge (wir wiſſen nicht wie wir ihn ſonſt nennen ſollen, obgleich er nicht vereidigt wurde) ſagte: er habe einige Stunden vor dem Vorfalle, den die früheren Zeugen berichtet, den beſagten Fremden auf der Treppe vor der Thüre des Herzogs von N. ſitzen ſehen.(Der Gentleman nannte einen edeln Herzog, der nicht hundert Meilen von Hydeparkcorner wohnt, den wir aber nicht nennen wollen, da wir ein Ding kennen, welches die Rechtsgelehrten scandalum magnatum nennen.) In dem Augenblick ſei die Equipage Sr. Gnaden vorgefahren und die⸗ ſer ſei ſelbſt aus dem Hauſe getreten um aus⸗ zufahren, und habe, als er den Fremden in ſeinem Wege gefunden, ihn ſehr hart ange⸗ fahren, auch einem ſeiner Leute befohlen einen Polizeimann zu rufen, um dieſen Vagabunden feſtzunehmen. Der Fremde ſei darauf aufge⸗ ſtanden und habe Sr. Gnaden ſehr beſonders Skizzen aus Spanien. 265 angeſehen, auch einige Worte zu ihm auf Franzöſiſch geſprochen, wovon Zeuge ſoviel ver⸗ ſtanden, daß er ſich ihm genannt und ihn an eine frühere Bekanntſchaft erinnert habe. Den Namen habe Zeuge aber nicht verſtanden. Der Herzog habe aber ziemlich ungeduldig er⸗ klärt: er könne Nichts für ihn thun. Worauf der Fremde mit erhobener Stimme und einer verächtlichen Bewegung erwiedert: ger ſei kein Bettler und verlange Nichts von Sr. Gnaden, habe auch nicht gewußt, daß dies ſeine Woh⸗ nung ſei.“ Der Herzog ſei nun haſtig in den Wagen geſtiegen und der Fremde habe auf Engliſch zu den Umſtehenden mit ſehr beſon⸗ derem Ausdruck geſagt, indem er auf den Her⸗ zog gedeutet:«„Dieſer Mann war einſt mein Gaſt.“ Hierauf hätten die Umſtehenden zum Theil mit lautem Ziſchen und Heulen die ab⸗ fahrende Equipage des Herzogs verfolgt; und ein Mann, welcher neben ihm, Zeugen, geſtan⸗ den und ihm wie ein Halfpayofficier vorge⸗ kommen ſei, habe geſagt: akein Wunder! die⸗ ſer Herzog ließ in Spanien ſeine Jagdhunde mit Leckerbiſſen füttern, während die Soldaten verhungerten.“(Ziſchen und Pfui! pfui!) Der Fremde ſei während dieſes Lärms ſeiner Wege gegangen, ohne daß Zeuge geſehen wo⸗ hin oder weiter etwas über ihn habe erfahren können. Zeuge habe aber trotz des elenden Ausſehens und der ſchlechten Kleidung deſſel⸗ ben aus ſeiner Haltung und Weſen, während er mit dem Herzog ſprach, geſchloſſen, daß er wirklich beſſere Zeiten geſehen haben müſſe. 3ter Thl. III. Abth. 18 266 Skizzen aus Spanien. unter den Mitgliedern der Jury ließen ſich nun einige Zeichen von Ungeduld bemerken und da der Gentleman immer noch nicht wie⸗ derkam, ſo ſchritt man zum Spruch und die Jury fand einſtimmig: ein Unbekannter ſtarb an einer Wunde, die er ſich ſelbſt in einem Anfall von Geiſtesabweſenheit beigebracht.“ Hierauf verließ unſer Berichterſtatter den Ort. N. S. Wir erfahren ſo eben, daß gleich nachdem die Jury auseinandergegangen, ſich einige Angehörige und Freunde des Verſtorbe⸗ nen eingeſtellt, worunter auch ein verſchleier⸗ tes Frauenzimmer. Sie hätten den Leichnam ſogleich erkannt, und wie wir hören ſoll der Verſtorbene einer der unglücklichen Spaniſchen Refugiés ſein und vor den letzten Ereigniſſen in Spanien eine ſehr bedeutende und ehren⸗ werthe Rolle als Mitglied des Stadtrathes von Madrid geſpielt haben. Den Namen ſchienen ſeine Angehörigen nicht bekannt haben zu wollen. Die ganze Szene wird uns als ſehr eindrucksvoll beſchrieben, beſonders das Benehmen der Dame, welche, wie wir hören, die Tochter des Verſtorbenen iſt. Es ſind Anſtalten für ein anſtändiges Begräbniß des Leichnams in einem römiſch⸗katholiſchen Be⸗ gräbnißplatz getroffen worden. * 5 4 ff ₰