4 eih- und LCeſebedingungen.. ¹. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bucher j 8 bn ilkorine 7 Uhr ie Aense 3 hr afen lcher jeden Tag von Morgens „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buch ird d 5e n nes 3 ees wird von 8 bendaa hnene Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei gines Buches, ane dem Werthe dehelheheneneenhntlegennahme 3 hinrter SSei, Wrei ei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4. uß 1 Leisignd)nement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und für wöchentlich 2 Bücher: 4 Büchen: auf 1 Monat: 1M. Tf. 1 Nr. 55 Sf 2 N— Wf. „ Lunn Erſatz des Ganzen very flichtet. 5 4 ⁸ k. 31 17 im Lee=aaen f Skizzen aus Spanien. Von Zweiter Theil. Goͤttingen, Vandenhoeck und Ruprecht. 1833. — Jaime Alfonſo, genannt: el Barbudo. Skizzen aus Valencia und Murcia. Goͤttingen, Vandenhoeck und Ruprecht. 1833. Vorwort. Nach dem, was ich in der Einleitung zu den 1828 erſchienenen Skizzen aus Spanien geſagt habe, brauche ich uͤber den Charakter die⸗ ſer Fortſetzung, uͤber das Verhaͤltniß von Dich⸗ tung und Wahrheit in ihnen nur kurz zu wie⸗ derholen, daß die Elemente derſelben, die Perſoͤnlichkeiten, Begebenheiten und Oertlich⸗ keiten auch in ihren Details weſentlich wahr und wirklich, d. h. entweder aus eigner An⸗ ſchauung oder aus den Berichten Andrer ge⸗ VI Vorwort. ſchoͤpft ſind, daß ich aber in der Zuſammenſe⸗ tzung und Verſetzung dieſer Elemente mir ſolche Freiheiten erlaubt habe, wie jeder Mahler ſte fuͤr ſeine Darſtellungen in Anſpruch nimmt, wenn er ſich nicht ausdruͤcklich darauf be⸗ ſchraͤnkt, als Yeduten⸗, Architektur⸗-, Por⸗ trait⸗- oder Coſtuͤmemahler zu gelten. Von ſelbſt verſteht es ſich, daß durch dieſe Frei⸗ heit die hoͤhere Kunſtwahrheit nicht gefaͤhrdet werden darf. Daß mir die Loͤſung dieſer Aufgabe in meinem fruͤhern Verſuche nicht ganz mißlungen, dafuͤr buͤrgt mir das Zeug⸗ niß ſolcher Leſer, die ſelbſt das Land und Volk, das ich zu ſchildern unternommen, kennen, und wie ich es denn bei wirklicher Kenntniß ſtets gefunden, auch lieben. Ein Vorwort. VII ſolches Verſtaͤndniß aber iſt die einzige Aner⸗ kennung, um die es mir zu thun iſt. Meine Abſicht iſt, ich wiederhole es, weder das ſpaniſche Volk zu loben, noch es zu tadeln— am allerwenigſten, dem Leſer eine voruͤbergehende Gemuͤthsergoͤtzlichkeit oder Ruͤhrung zu verſchaffen. Dazu giebt es der trefflichen Schriften genug, und auch Spa⸗ nien haben unſre großen romantiſchen Novel⸗ liſten ja oft genug zum Schauplatz der herz— brechenden oder erhabenen Abenteuer ihrer Helden gewaͤhlt— wie China, Island, Timbuktu u. ſ. w.— e sempre bene!— — Ich ſchildere ſolche Seiten des Volksle⸗ bens, ſolche Geſtalten, die ſich meiner Er⸗ innerung als beſonders charakteriſtiſch einge⸗ VIII Vorwort. praͤgt; herrſchen in meinen Darſtellungen die duͤſtern Toͤne vor, ſo iſt das weniger meine Schuld, als die des Gegenſtandes oder der Seite des Gegenſtandes, die ſich mir eben beſonders hervordraͤngte.— Vorwuͤrfen gegen Mangel an Zuſam⸗ menhang der Erzaͤhlung, Ungleichheit der Ausfuͤhrung u. ſ. w., mag der Titel Skiz⸗ zen begegnen.— Skizzen aus Spanien. Zweiter Theil. —— Allgemeines über landſchaftlichen Charakter und Bau der iberiſchen Halbinſel. Auf dem Gebiete landſchaftlicher und geo⸗ graphiſcher Beſchaffenheit und Verhaͤltniſſe— beide ſind unzertrennlich— giebt es keinen deutlichen Begriff ohne ein lebendiges der Phantaſie gegenwaͤrtiges Bild; und wir koͤnnten uͤber die ſchlimmen Folgen des Man⸗ gels an der Faͤhigkeit und Gewohnheit mit einem Worte oder Namen ein beſtimmtes, lebendiges Bild zu verbinden, noch viel Schoͤ⸗ nes und Erbauliches ſagen, wenn es hierher und nicht vielmehr in eine Erziehungsſchrift gehoͤrte; da die Vernachlaͤſſigung dieſes Punk⸗ tes einer der großen Fehler unſrer Erziehungs⸗ 1* 4 Skizzen aus Spanien. und Unterrichtsmethoden, oder doch ihrer Praxis iſt.— Genug aber— dieſer Man⸗ gel zeigt ſich nur zu oft auch in Beziehung auf Laͤnder, Gegenden und Staͤdte uͤberhaupt und ſo auch zunaͤchſt in Beziehung auf Spanien. Der geneigte Leſer mag es uns daher nicht verargen, wenn wir die Freiheit und Privilegien dieſer Skizzen auch dazu be— nutzen, einmal uͤber dieſen Gegenſtand ein Wort im Allgemeinen zu ſagen, nachdem wir bei andern Gelegenheiten verſucht haben, einzelne Theile des großen Ganzen zu ſchil⸗ dern. »Ein ſchoͤnes Land«— yein haͤßliches Land,« iſt einer von den Ausdruͤcken, die, beſonders in der Geſtalt einer Frage, es uns andern Reiſenden(ſofern wir dieſen Ehren⸗ namen wirklich verdienen), am meiſten er⸗ ſchweren, das loͤbliche Geluͤbde der Geduld zu bewahren, was ja jeder von uns bei ſeiner Ruͤckkehr in die liebe Heimath und ſo— mit in das Reich der Frager und— Fra⸗ gerinnen(!) ablegen muß; eben weil es un⸗ moͤlich iſt, eine irgend befriedigende Antwort darauf zu geben. Wir meinen dies uͤbrigens Skizzen aus Spanien. 5 eigentlich mehr in Beziehung auf den Ge⸗ fragten ſelbſt; denn da der Frager mit der Frage ſelten einen Begriff, ein Bild, oder auch nur das Beduͤrfniß danach verbindet, ſo i*ſt er ſehr leicht befriedigt, wenn er fuͤr den Wortlaut ſeiner Frage, nur den Wortlaut einer Antwort erhaͤlt, und es bringt das lie⸗ benswuͤrdige Geſchlecht der Frager ſogar in nicht geringe Verlegenheit, wenn die Ant⸗ wort hinter der Frage mehr vorausſetzt und ſucht als eben den Wortlaut.— In der That aber iſt von allen uns bekannten ſelbſt⸗ ſtaͤndigen Laͤndern Europas— nicht im po⸗ litiſchen, ſondern im geographiſchen und in⸗ ſofern beſonders im landſchaftlichen Sinne— mit Ausnahme der Schweiz, und allenfalls Tyrols und der uͤbrigen eigentlichen Alpenge⸗ genden— keines was unbedingt ſchoͤn genannt werden kann— den Peloponnes und die grie⸗ chiſchen Inſeln kennen wir nicht, doch moͤgen ſie vielleicht auch in dieſe Kategorie gehd⸗ ren.— Ebenſowenig aber erinnern wir uns eines haͤßlichen Landes, oder eines Landes, wo nicht landſchaftlich Schoͤnes und Haͤßliches ſich in großen Strichen ungefaͤhr die Wage —— 6 Skizzen aus Spanien. hielte. Italien wuͤrden wir unbedingt zu den ſchoͤnen Laͤndern rechnen, ohne die ei⸗ gentliche lombardiſche Ebene, den Sand der Romagna und beſonders ohne die kahlen Huͤ⸗ gelſtriche der Apenninen. Doch herrſcht aller⸗ dings im Ganzen auch in der raͤumlichen Ausdehnung das Schoͤne ſo ſehr vor, und die Schoͤnheiten Neapels allein wiegen ſo entſchieden Alles auf, was irgendwo ſonſt ſchoͤn genannt werden kann, daß es freilich als ein großer Rigorismus erſcheinen mag, wenn wir Italien nicht zu den ſchoͤnen Laͤndern rech⸗ nen, und ſo moͤgen wir es denn fuͤglich als außerhalb aller gewoͤhnlichen Regeln ſtehend anſehen.— Inwiefern Rußland und Polen eigentlich haͤßliche Laͤnder genannt werden koͤnnen, moͤgen wir nicht entſcheiden, da wir hier nicht nach eigener Anſchauung zu urthei⸗ len vermoͤgen. Da aber Ebenen und niedrige Huͤgelgegenden, ſie moͤgen kahl oder bewachſen ſein, ſobald ſie nicht mit Waſſerfuͤlle ver⸗ bunden ſind, entſchieden den Charakter land⸗ ſchaftlicher Haͤßlichkeit bedingen, ſo duͤrfte der Nordoſten Europas einem Verdammungs⸗ urtheil auch durch ſachkundigere Richter ſchwer⸗ Skizzen aus Spanien. 7 lich entgehen. Norwegen, Schweden, Daͤne⸗ mark ſchließen wir ebenfalls von dieſer Ueber⸗ ſicht aus. Uebrigens bedarf unſere Anſicht allerdings noch eines beſondern distinguo. Naͤmlich: Huͤgel und Ebenen, beſonders wenn ſie von einer reichen Vegetation und von den Werken der Menſchen beguͤnſtigt ſind, koͤnnen einen großen Reichthum von einzelnen Schoͤn⸗ heiten enthalten, als da ſind Waldparthieen, Burgen, Bauernhaͤuſer, Kirchen, Doͤrfer, Staͤdte mit der noͤthigen Ausſtattung von Epheu, Obſtbaͤumen, Reben, Getraidefeldern, Wieſen u. ſ. w.— wir bleiben jedoch dabei, daß dies Alles zwar ein niedliches, intereſ⸗ ſantes Bild geben kann, aber keine eigent⸗ liche ſchoͤne Landſchaft. Dazu gehoͤrt ein ge⸗ wiſſes groͤßeres charakteriſtiſches Ganzes, ſo zuſammengeſtellt, daß es eine Ueberſicht, ei⸗ nen Geſammteindruck zulaͤßt. Es bedarf nicht blos ſchoͤner Einzelnheiten, beſonders an geo⸗ graphiſchen Verhaͤltniſſen und Produkten, z. B. ſchoͤner Gebirgsformen, ſondern es bedarf beſonders einer vortheilhaften, ſchoͤnen Grup⸗ pirung derſelben— wie ja auch eine An⸗ zahl der ſchoͤnſten menſchlichen Geſtalten noch 8 Skizzen aus Spanien. kein ſchoͤnes Bild geben, wenn ſie nicht ſchoͤn gruppirt ſind. Dieſe weſentliche Bedingung landſchaftlicher Schoͤnheit ſchließt uͤbrigens eine große Mannigfaltigkeit, ja die entſchiedenſten Gegenſaͤtze im landſchaftlichen Charakter kei⸗ nesweges aus; und ſo kann z. B. die roͤmi⸗ ſche Landſchaft in der Vereinigung ihrer Hauptelemente, der ſchoͤnen Gebirgsformen, der oͤden aber impoſanten Campagna und der ewigen Weltſtadt und des Meeres eben ſo entſchieden ſchoͤn genannt werden, als die Bai von Neapel mit ihren ganz verſchiedenen Elementen. Ja, die Gegend von Rom iſt die einzige, die neben der von Neapel be⸗ ſtehen kann, eben weil ſie ganz ſelbſtſtaͤndig iſt, waͤhrend alles, was irgend an Neapel erinnert, daneben verſchwindet.— Was die britiſchen Inſeln betrifft, ſo duͤrften ſie wegen des ſo entſchieden vorherr⸗ ſchenden Huͤgellandes, kaum der Verweiſung unter die haͤßlichen Laͤnder entgehen, wenn nicht durch ihre große Kuͤſtenausdehnung und die impoſante Breite einiger Stroͤme, die wirkliche landſchaftliche Schoͤnheit vielleicht noch mehr Raum gewoͤnne, als ſie im In⸗ Skizzen aus Spanien. 9 nern des Landes verliert. Dies Urtheil mag allerdings denjenigen hart erſcheinen, die kei⸗ nen Unterſchied machen oder kennen, und je⸗ den angenehmen Eindruck, den eine Gegend auf ſie macht, in Bauſch und Bogen als Be⸗ weis fuͤr deren landſchaftliche Schoͤnheit an⸗ ſehen— und noch mehr ſolchen, die aus den ſchottiſchen Novellen nach beliebter Art, kein deutliches Bild, ſondern nur einen ganz all⸗ gemeinen Begriff, oder vielmehr ein Vorur⸗ theil, ja ein bloßes Wort:»die Hochlan⸗ des ſich abſtrahirt haben, und bei jeder be⸗ ſchraͤnkenden Beſtimmung dieſen ihren todten Schatz gefaͤhrdet glauben. Wir koͤnnten aber leicht ſogar aus den guͤnſtigſten Beſchreibun⸗ gen Walter Scotts den Beweis fuͤhren, daß die hochlaͤndiſchen Gegenden im Allgemeinen keinesweges ſchoͤn, ſondern im beſten Falle nur huͤbſch, intereſſant, romantiſch u. ſ. w. ſind*). *) Wenn man ſieht, wie wenig es Scott mit ſeinen mei⸗ ſterhaften und meiſtens vollkommen treuen Beſchreibun⸗ gen gelungen iſt, der großen Mehrzahl ſeiner Verehrer und Leſer ein klares lebendiges Bild zu geben, oder irgend etwas andres als ein Paar allgemeine Phraſen, ſo ſollte man billig jedem ähnlichen Verſuche entſagen. 10 Skizzen aus Spanien. Die Gebirgsformen ſind groͤßtentheils keinesweges großartig genug, um den Man⸗ gel an Vegetation auszugleichen, und an Gruppirung iſt wenig zu denken— die Seen aber ſind meiſtens zu ſchmal, um irgend eine groͤßere Anſicht zu geſtatten. Dagegen aber iſt freilich kaum ein Land reicher an huͤbſchen und intereſſanten Einzelnheiten jeder Art und jeden Charakters als die britiſchen Inſeln. So moͤgen wir denn im Ganzen auch dieſen Theil von Europa, ſo wie Teutſchland, Frank⸗ reich und die pyrenaͤiſche Halbinſel zu den Laͤndern rechnen, die man weder ſchoͤn noch haͤßlich nennen kann.— Von Teutſchland, als unſerem Vater⸗ lande, ſchweigen wir aus mancherlei Urſachen billig; was aber Frankreich betrifft, ſo koͤn⸗ nen wir es den Franzoſen ſelbſt nicht ſehr verdenken, wenn ſie ihr Land emphatiſch la belle France nennen. Denn erſtlich gefaͤllt uns in der Vorliebe fuͤr das Vaterland eher das Zuviel als Zuwenig, und grade was Kunſt oder Naturſchoͤnheit betrifft, darf man es bei unſern Nachbarn nicht ſo genau neh⸗ men, da ſie fuͤr dieſe im Ganzen wenig Sinn, Skizzen aus Spanien. 11 fuͤr jene nur einen ſehr beſchraͤnkten und ganz modiſch⸗conventionellen und nationellen Maß⸗ ſtab haben; ſo daß jenes Beiwort nicht eigent⸗ lich im landſchaftlichen Sinne, ſondern nur als ein allgemeiner Ausdruck der Zaͤrtlichkeit verſtanden werden darf.— Dagegen aber muͤſſen wir ſelbſt Frankreich gegen diejenigen in Schutz nehmen, die zum Theil vielleicht durch die anſcheinende Anmaßung jenes Bei⸗ wortes herausgefordert, oder uͤberhaupt in vaterlaͤndiſchem Eifer, Frankreich unter die haͤßlichen Laͤnder rechnen wollen. Uns ſchei⸗ nen im Ganzen beide Laͤnder, Teutſchland und Frankreich, in dieſer Hinſicht ziemlich auf derſelben Stufe zu ſtehen, oder doch der Un⸗ terſchied zu Gunſten Teutſchlands nicht ſehr groß zu ſein.— Der groͤßte Theil der Ober⸗ flaͤche Frankreichs iſt unbedeutendes Huͤgelland, oder Ebene; daſſelbe gilt von Teutſchland, nur mit dem Unterſchiede, daß dort der Huͤgel, hier— beſonders im Norden— die Ebene vorherrſcht.— Gegen unſere Voralpen und Alpenabhaͤnge— denn die eigentlichen Alpenge⸗ genden, ſelbſt in Tyrol, muͤſſen wir in land⸗ ſchaftlicher Hinſicht als ein ſelbſtſtaͤndiges Gebiet 12 Skizzen aus Spanien. betrachten— hat Frankreich auch ſeine ſuͤd⸗ weſtlichen Alpenabhaͤnge, ſeine Dauphinèé, und die Nordabhaͤnge der Pyrenaͤen, und dieſe letzteren beſonders ſtehen den groͤßten Schoͤn⸗ heiten unſrer Gebirgsgegenden durchaus nicht nach und haben noch den Vorzug der Vege⸗ tation und des Climas.— Was aber un⸗ tergeordnete Gebirgszuͤge betrifft, ſo duͤrften die Cevennen, die Côte dor, der Puy de Dome ungefaͤhr eben ſo wenig ſchoͤne Land⸗ ſchaften und eben ſo viel huͤbſche und inter⸗ eſſante Gegenden darbieten als der Harz, das Fichtel⸗ und Rieſengebirge. Wollen wir aber auch unſerm Rheine den Vor⸗ zug vor der Rhone geben, beſonders wenn wir ſeine beiden Ufer, das Elſaß mit einge⸗ rechnet, hier uns vindiciren, ſo auͤbertrifft die Seine von Paris bis zu ihrem Ausfluſſe ohne allen Zweifel die Elbe bis Meißen, und an Kuͤſtengegenden hat Frankreich unbedingt den Vorzug. Was Frankreich eigentlich be⸗ ſonders nachtheilig wird, iſt dies, daß das gewoͤhnliche Vorurtheil die landſchaftlichen Schoͤnheiten eben da ſucht, wo ſie am mei⸗ ſten fehlen, in dem, was man gewoͤhnlich Skizzen aus Spanien. 13 das ſuͤdliche Frankreich nennt, in der eigent⸗ lichen Provence. Sobald man ſich aber von den Ufern der Rhone entfernt, iſt dieſe ein entſchieden haͤßliches Land. Das hat denn dieſer und jener Reiſende gemerkt, und ver⸗ kuͤndet es aller Welt als eine große Entde⸗ ckung, und findet, wie jeder der ſein Schaͤrf⸗ lein zur Aufklaͤrung dieſer Zeit beitraͤgt, der Glaͤubigen genug, die es ihm kuͤhn nachbe⸗ ten: an der geprieſenen belle France ſei am Ende doch auch gar Nichts.— Daß aͤhnliche, ja noch poͤtzlichere und entſcheiden⸗ dere Enttaͤuſchungen und Umwaͤlzungen in demjenigen was Reiſende, Leſer und Frager ihre Anſicht, ihr Urtheil zu nennen belieben, nicht auch in Beziehung auf Spanien Statt finden, mag daher kommen, daß uͤberhaupt von Spanien weniger die Rede iſt. An Ver⸗ anlaſſung zu Enttauſchungen fuͤr ſolche Rei⸗ ſende, Leſer oder Frager, die mit der Er⸗ wartung, dem Begriffe eines ſogenannten ſchoͤnen Landes ankommen, iſt aber ſicher kein Land reicher als eben Spanien. Der groͤßte Theil von Spanien iſt in landſchaftlicher Hinſicht entſchieden haͤßlich zu 14 Skizzen aus Spanien. nennen, ein geringerer Theil hüͤbſch, und ein ungefaͤhr gleicher Theil ſchoͤn.— Aber frei⸗ lich findet auf allen dieſen Gebieten, das er⸗ ſtere nicht ausgenommen, noch eine große Mannigfaltigkeit von Charakteren und Toͤnen Statt, und man wuͤrde ſehr irren, wenn man auch die haͤßlichſten Landſchaften in Spanien als jedes Reizes, jedes Intereſſe ermangelnd anſehen wollte.— Das Leben des Volkes in der Gegenwart, Denkmaͤler und Erinnerun⸗ gen der Vergangenheit eroͤffnen hier Jedem, dem der Sinn dafuͤr nicht ganz fehlt, einen reichen Erſatz.— Die landſchaftlichen Ein⸗ theilungen der Halbinſel ſind, wie ſich von ſelbſt verſteht, weſentlich auf die geographi⸗ ſche Structur begruͤndet, obgleich auch an⸗ dere wenigſtens nicht unmittelbar von dieſer abhaͤngende Bedingungen einwirken; nament⸗ lich Vegetation und Waſſer.— Welche von dieſen beiden wir aber als Urſache oder Wir⸗ kung anſehen ſollen, waͤre nicht ſo leicht zu beſtimmen; und ſo ſehr einerſeits der Waſſer⸗ mangel in den meiſten Theilen Spaniens die Friſche und Fuͤlle der Vegetation beſchraͤnkt, eben ſo ſehr wird dieſe Duͤrre wiederum be⸗ Skizzen aus Spanien. 15 guͤnſtigt durch den Mangel an Vegetation, vorzuͤglich an Waldungen und laubreichen Baͤumen uͤberhaupt, und beſonders in den Gegenden, wo die meiſten Fluͤſſe entſpringen, in dem eigentlichen Kern der Halbinſel. Mit dieſem Ehrentitel koͤnnen wir mit Recht das hohe Huͤgelland bezeichnen, welches ungefaͤhr in gleicher Breitenausdehnung und in einer Durchſchnittshoͤhe uͤber der Meeres⸗ flaͤhhe von 3— 4000 Fuß ſich uͤber folgende politiſche Landestheile erſtreckt, naͤmlich: den noͤrdlichen Theil von Altcaſtilien, um die Quellen des Ebro— wo auch der politiſche Kern und Keim der eaſtiliſchen Monarchie zu finden, da hier der gothiſche Herzog Pedro eine Zuflucht vor den ſiegreichen Arabern fand— dann weiter nach Suͤdweſten hin uͤber den oͤſtlichen Theil von Soria um die Quellen des Duero— endlich in ſuͤdlicher Richtung uͤber den groͤßten Theil der Pro⸗ vinz Cuenca und den angraͤnzenden Theil von Aragon und Valencia im Oſten, und von Murcia im Suͤden, mit den Quellen des Tajo, des Jalon, des Jucar, des Guadiana, des Segura und Guadalaviar. Dieſes ganze 16 Skizzen aus Spanien. weite Gebiet hat kaum irgend eine hervor⸗ ſtechende, maleriſche landſchaftliche Form oder Element. Es iſt ein Gewirre von Huͤgeln, deren relative Hoͤhe uͤber Thal und Ebenen nur gering iſt, ſo bedeutend ſich auch ihre abſolute Hoͤhe uͤber das Meer erhebt. Kaum erhalten dieſe Gegenden hier und da durch Felſen, oder tiefer geriſſene Schluchten(wie z. B. die Felſenpaͤſſe von Pancorbo) einige Abwechſelung, einiges Intereſſe. Zu beiden Seiten dieſes huͤgeligen Hoch- landes breitet ſich nach Oſten und Weſten die iberiſche Halbinſel aus— jedoch in ſehr ver— ſchiedener Ausdehnung und Beſchaffenheit. Nach Weſten naͤmlich in viel groͤßerer Aus⸗ dehnung, in weiten Hochebenen, die im Nor⸗ den und Suͤden von zwei Randgebirgen be⸗ graͤnzt, in der Mitte von zwei Scheidegebir⸗ gen durchzogen werden, welche aus jenem Hochlande ſich entwickeln. Im Oſten dage⸗ gen ſenkt ſich das Hochland allmaͤlig in das niedrige, huͤgelige Stromthal des Ebro her⸗ ab.— Neben dieſem Hochlande, dieſen weſtlichen Hochebenen, mit ihren Scheide— und Randgebirgen, neben dieſem oͤſtlichen Skizzen aus Spanien. 17 Stromthale gehoͤren aber zu dem geographi⸗ ſchen Organismus der Halbinſel erſtlich die weſtlichen Begraͤnzungen und Abſenkungen der Hochebenen nach dem atlantiſchen Ocean zu, und dann beſonders die zwei iſolirten hohen Gebirgszuͤge der Pyrenaͤen und der Sierra nevada, von denen jener von der nordoͤſtlichen Ecke des Hochlandes und nach Oſten als parallele Fortſetzung des noͤrdlichen Randgebirges, dieſer von der ſuͤdweſtlichen Ecke deſſelben nach Weſten und parallel neben dem ſuͤdlichen Randgebirge hinzieht. Zunaͤchſt haben wir das Noͤrdliche von dieſen iſolirten Alpengebirgen zu betrachten — die Pyrenaͤen. Sie werden von dem oͤſt⸗ lichen Ende des noͤrdlichen Randgebirges durch einige niedrigere Huͤgel, von dem noͤrdlichen Theile des Hochlandes durch die verhaͤltniß⸗ maͤßig freilich immer noch ziemlich hoch(1500 Fuß) aber doch tief unter dem Hochlande lie⸗ gende Ebene von Vitoria getrennt.— Aus dieſer Ebene, und aus dem biscayiſchen Meerbuſen erheben ſich die Pyrenaͤen in Bis— caya, Alava und Guipuzcoa zu einer Art von Gebirgsknoten von 3— 4000 Fuß mitt⸗ II. 2 18 Skizzen aus Spanien. lerer abſoluter Hoͤhe, und aus dieſem ziehen ſie dann als eigentlicher, einfacher Gebirgs⸗ zug nach Oſten, und erheben ſich bis zu einer Hoͤhe von 9— 10000 Fuß.— In Folge dieſer Richtung haben die Pyrenaͤen einen noͤrdlichen und einen ſuͤdlichen Abhang; beide aber tragen einen ſehr verſchiedenartigen land⸗ ſchaftlichen Charakter. Der Nordabhang fäͤllt ſteil, jedoch mit mancherlei Vorſpruͤngen und Thaͤlern, in die weite, fruchtbare Ebene von Languedoc herab. Die vielen zum Theil weit vorgeſtreckten Gebirgsarme bilden herrliche Al⸗ penthaͤler, von rauſchenden Waldſtroͤmen tief durchwuͤhlt, und der Ebene ſelbſt ſowohl, als auch den vorſpringenden Hoͤhen fehlt es nicht an Punkten, von wo aus ſich Alles ſo gruppirt, daß wirkliche landſchaftliche Schoͤn⸗ heiten erſten Ranges hervorgebracht werden; obgleich die Formen der Pyrenaͤen allerdings an großartiger Kuͤhnheit ſich nicht mit den Alpen meſſen koͤnnen. Ganz anders verhaͤlt es ſich mit dem ſuͤdlichen Abhange der Pyre⸗ naͤen. Hier fallen ſie ſehr allmaͤlig in ein Huͤgelland ab, was ſich faſt bis an den Ebro erſtreckt, und nur am oͤſtlichen Ende in Ca⸗ Skizzen aus Spanien. 19 talonien ſich wieder zu dem Gebirgscharakter mit ſteilem Abfalle nach dem ſchmalen Kuͤ⸗ ſtenrande hin erhebt.— Daraus folgt nun aber keinesweges, daß es dieſem Suͤdabhange der Pyrenaͤen, der den groͤßten Theil von Aragon am linken Ebroufer ausmacht, be⸗ ſonders in geringerer Entfernung von dem Gebirgsſtocke ganz an maleriſchen Parthieen fehle; im Gegentheil iſt er immer noch reich an ſeltſam zerriſſenen Felsparthieen, Alpenthaͤ⸗ lern, Schluchten, Waͤnden und Zacken, be— ſonders in dem eigentlichen Catalonien; allein nirgends(unſers Wiſſens wenigſtens) bietet ſich ein Punkt dar, der eine guͤnſtige Grup⸗ pirung und Ueberſicht des Gebirges geſtattete, und im Ganzen herrſcht der zahmere Huͤgel⸗ charakter vor, der ſich von dem oben bezeich⸗ neten des gegenuͤberliegenden Hochlandes nur dadurch unterſcheidet, daß der groͤßte Theil dieſes Suͤdabhanges, mithin der groͤßte Theil von Aragon viel tiefer liegt als jenes. Der weſt⸗ liche und hoͤhere Theil dieſes Suͤdabfalls ver⸗ liert ſich uͤbrigens faſt unmerklich in die eben⸗ falls nur allmaͤlig abnehmenden Huͤgel des oͤſtlichen und nordoͤſtlichen Abhanges jenes 2* 20 Skizzen aus Spanien. Hochlandes, und beide bilden gemeinſam und nicht ſelten zu mehr oder weniger hochliegen⸗ den Ebenen oder weitern Thaͤlern abgeflacht, das nach Oſten zu ſich ſenkende und er⸗ weiternde Flußgebiet und Huͤgelthal des Ebro, das heißt, den groͤßten Theil von Navarra und Aragon. Weiter ſuͤdlich faͤllt der Weſt⸗ rand des Hochlandes etwas ſteiler gegen das untere Ebrothal ab, welches jedoch nur gegen den Ausfluß des Stromes hin ſich wirklich zur Ebene erweitert, und Gelegen⸗ heit zu einigen maleriſchen Anſichten giebt.— In viel hoͤherem Grade gilt dies aber da, wo das Hochland, noch weiter ſuͤdlich, ſehr ſteil gegen den ſchmalen Kuͤſtenſtrich herab⸗ faͤllt, der ſich bei Caſtellon de la Plana nur wenig, bei Valencia und Murcia aber zur ſtattlichen Kuͤſtenebene erweitert.— So wie von dem noͤrdlichen Ende des Hochlandes, jedoch nicht eigentlich mit ihm zuſammenhaͤngend, die Pyrenaͤen nach Oſten ziehen, ſo erſtreckt ſich in unmittelbarer Ver⸗ bindung aus dem Hochlande ſich entwickelnd, ein noͤrdliches Randgebirge nach Weſten in derſelben Linie wie die Pyrenaͤen, deſſen Skizzen aus Spanien. 21 hoͤchſte Punkte ſich jedoch nicht uͤber 5— 7000 Fuß erheben. Seine Hauptrichtung iſt zwar nach Weſten, anfangs unter dem Namen des Cantabriſchen Gebirges oder der eigentlichen Montana, dann als Montes de Europa; al⸗ lein wo dieſe letzteren aufhoͤren, etwa im zweiten Drittheil ſeiner ganzen Ausdehnung, bildet der Gebirgszug ein ſtarkes Knie nach Suͤden, oder theilt ſich vielmehr in zwei Zweige von ungefaͤhr gleicher Hoͤhe, von de⸗ nen der noͤrdliche in mannigfachen Windun⸗ gen und Verzweigungen die Quellen des Sil und Minho naͤhrt und Galizien oder die nordweſtliche Ecke der Halbinſel bildet; ein niedrigliegendes Huͤgelland, deſſen Verzwei⸗ gungen ſich nicht ſelten zu Gebirgshoͤhe er⸗ heben, und Hochthaͤler, kleine Hochebenen und Tafelberge bilden, mit ſteilen Abfaͤllen gegen das Meer, mit tiefen Einſchnitten und weit vorſpringenden Vorgebirgen. Der an⸗ dere Zweig aber macht eine ſtarke Beugung nach Suͤden und verlaͤuft ſich dann erſt mit neuer Erhebung als Serra de Geres in weſt⸗ licher Richtung nach dem atlantiſchen Ocean. — Dieſes ganze Weſtgebirge zeigt, ſo wie 22 Skizzen aus Spanien. das oͤſtliche der Pyrenaͤen, einen weſentli⸗ chen Unterſchied zwiſchen ſeinem noͤrdlichen und ſuͤdlichen Abhange. Iener faͤllt mit ei⸗ nigen, an Hoͤhe dem Stammgebirge wenig nachſtehenden Parallelzuͤgen und Stufen, die von vielen Bergſtroͤmen queer durchbrochen werden, nach den nahen Kuͤſten des biscayi⸗ ſchen Meerbuſens ab, wie die Pyrenaͤen in die ſuͤdfranzoͤſiſche Ebene und an ihrem weſtlichen Ende in denſelben Meerbuſen. So wie dort iſt auch hier dieſe Structur der landſchaft⸗ lichen Schoͤnheit beſonders guͤnſtig und in noch hoͤherem Grade, da das Meer dieſem Kuͤſtenſtriche von Biscaya, Santillana und Aſturien, ſeinen bald lieblichen bald rauhen Thaͤlern, ſeinen Vorgebirgen und Buchten alle die unausſprechlichen Schoͤnheiten ver⸗ leiht, die eben nur das Meer geben kann. Der ſuͤdliche Abhang dieſes Gebirges iſt da⸗ gegen noch weniger beguͤnſtigt als jener der Pyrenaͤen, indem er nicht einmal in ein huͤ⸗ geliges Stromthal ſich abſenkt, ſondern mit einigen Huͤgelſtufen ſich in die uͤber 2500 Fuß uͤber dem Meere liegende Hochebene von Altcaſtilien verliert. Zu den naͤheren Skizzen aus Spanien. 23 Verhaͤltniſſen dieſer ſo wie der andern Hoch⸗ ebenen, welche den weſtlichen Abhang des Hochlandes bilden, werden wir bald zuruͤck⸗ kehren; zunaͤchſt aber muͤſſen wir, ſo wie eben den Nordrand, nun auch den Suͤdrand dieſer Hochebenen angeben, welche den groͤß⸗ ten Theil der Halbinſel einnehmen. Hier im Suͤden finden wir eben ſo wie im Nor⸗ den neben einem Randgebirge— der Sierra morena— was aus dem Hochlande entſteht und nach Weſten ſtreichend die Hochebene begraͤnzt, ein iſolirtes, hoͤheres Alpengebirge, die Sierra nevada. Der Unterſchied iſt aber, daß dieſes ſuͤdliche Gebirge nicht in gleicher Linie und als eine Art Fortſetzung des Randgebirges erſcheint, ſondern daß es neben demſelben parallel von Oſten nach Weſten ſtreicht, durch das tiefe, huͤgelige Stromthal des Guadal⸗ quivir von ihm getrennt, ſo wie dort die Pyrenaͤen von dem nordoͤſtlichen Abfalle des Hochlandes durch das Stromthal des Ebro geſchieden ſind. Das ſuͤdliche Randgebirge, die Sierra morena, entwickelt ſich aus der ſuͤdweſtlichen Spitze des Hochlandes und ſtreicht gegen 24 Skizzen aus Spanien. Weſten in einer ziemlich gleichen Hoͤhe von etwa 2500 bis hoͤchſtens 3000 Fuß uͤbers Meer, und ſpringt mit dem Vorgebirge St. Vicente, der Suͤdweſtſpitze von Portugal, in den atlantiſchen Ocean vor. Der noͤrdliche Abhang dieſes Gebirges iſt ſteil, aber nicht tief, da es ſich nur wenige hundert Fuß hoch jedoch ziemlich ſchroff und ploͤtzlich aus der Hochebene erhebt. Der ſuͤdliche Abhang da⸗ gegen faͤllt in einigen Stufen weniger ſteil aber viel tiefer in das Thal des Guadalqui⸗ vir herab. Die Sierra nevada erhebt ſich dem ſuͤd⸗ lichen Abfalle des Hochlandes gegenuͤber und mit ihm durch niedrigere Huͤgelreihen verbun⸗ den ſehr ſchnell zu einer abſoluten Hoͤhe*) von 4— 5000 Fuß, die aber weiter nach Weſten bis zur Hoͤhe des ewigen Schnees ſteigt, wie denn die Cumbre de Mulhacen und der Picacho de la Veleta 11000 und 10000 Fuß uͤber dem Meere haben. Noch *) Wir brauchen kaum zu bemerken, daß die abſolute Höhe die Höhe über dem Meeresſpiegel, die relative die Höhe über dem Thale oder der Ebene iſt, aus dem ein Gebirge ſich unmittelbar erhebt. Skizzen aus Spanien. 25 weiter nach Weſten nimmt dieſe Hoͤhe wieder bedeutend ab, ſo ſehr, daß der weiter ſuͤd— weſtlich liegende Gebirgsſtock der Serrania de Ronda ziemlich iſolirt erſcheint, obgleich er doch allenfalls noch als eine Fortſetzung an⸗ geſehen werden kann. Er entſendet einen Hauptarm nach Suͤdweſten der die Vorge⸗ birge von Tarifa und Trafalgar bildet und den Felſenblock von Gibraltar wie zu trotziger Herausforderung in den Ocean hinausſchleu⸗ dert. Der ſuͤdliche Abhang der Sierra nevada ſenkt ſich mit mehren Stufen, oder eigentlich mit mehren parallel laufenden Thaͤlern und Gebirgszuͤgen, die zum Theil eine bedeutende Hoͤhe von 6— 7000 Fuß erreichen, und wiederum von Queerthaͤlern und reißenden Gebirgsſtroͤmen zerriſſen ſind, nach dem Mit⸗ telmeere herab. Die Suͤdabhaͤnge aller dieſer Gebirgszuͤge ſind ſehr ſteil und tiefer als die Nordabhaͤnge, und auch die letzte Stufe faͤllt ſteil und ſchroff nach dem Mittelmeere ab und laͤßt nur hier und da Raum fuͤr frucht⸗ bare Kuͤſtenraͤnder, z. B. bei Almeria, Mo⸗ tril, Velez Malaga, Malaga und Marbella. 26 Skizzen aus Spanien. Nach Oſten bildet das letzte Stufengebirge das vorſpringende Cabo de Gata. Der oͤſt⸗ liche Theil dieſes Gebirgslandes, wo drei bis vier parallele Stufengebirge den ſuͤdlichen Ab⸗ hang der Sierra nevada bilden, iſt unter dem Namen der Alpujarra bekannt. Ganz anders verhaͤlt ſich der noͤrdliche Abhang der Sierra nevada. Zwar faͤllt der hoͤchſte Kamm des Gebirges auch hier ſchroff und felſig ab, aber bald geht das rauhe Ge⸗ birge in ſanfte Huͤgelterraſſen und weite Parallelthaͤler, wie die von Guadiz und Baza, uͤber und ſenkt ſich ſo allmaͤlig in das Thal des Guadalquivir hinab.— Eins dinſer Parallelthaͤler aber in einer Tiefe von 8000 Fuß unter dem hoͤchſten Kamme der Sierra, alſo noch etwa 3000 Fuß uͤber dem Meere, breitet ſich zu einer weiten fruchtbaren Ebene der beruͤhmten Vega von Granada aus. Nach Norden bildet den Rand dieſer Ebene, ſchroff aus ihr ſich erhebend, der parallele aber viel niedrigere Gebirgszug der Sierra Elvira, deren Nordabhang dann in ſanften Huͤgeln dem Guadalquivir zufaͤllt. Nach Weſten neigt ſich die Ebene dem Laufe des Skizzen aus Spanien. 27 Genil folgend allmaͤlig ebenfalls dem Thale des Guadalquivir zu, von dem ſie hier nur durch Huͤgelreihen getrennt iſt.— Aus dem Geſagten ergeben ſich nun ſchon im Allgemeinen die Anſpruͤche, die man in Hinſicht auf landſchaftliche Schoͤnheit an dieſen Theil Spaniens machen darf. Der Kuͤſtenabfall der Parallelgebirge der Sierra nevada, dann die Hochebene von Granada bietet landſchaftliche Schoͤnheiten des erſten Ranges dar; aber nicht ſowohl oder doch ſeltener in den Anſichten des ſchneebedeckten Hauptgebirgszuges, deſſen Formen wenig ausgezeichnetes haben, als in der Gruppirung ſeiner Verzweigungen und Abſtufungen, be⸗ ſonders nach der Kuͤſte hin. Das verworrene Gebirgsland der Alpujarra bietet, wenn man ſich von der Kuͤſte entfernt, nur Einzelnhei⸗ ten dar, die ins Gebiet des Seltſamen, Rau⸗ hen und Schrecklichen, Intereſſanten gehoͤren, aber ſich nicht zur hoͤhern landſchaftlichen Schoͤnheit zu entwickeln und zu ordnen ver⸗ moͤgen. Eben ſo wenig finden wir dieſe in dem Thale des Guadalquivir, ſondern nur die untergeordneten, vereinzelten Schoͤnheiten 28 Skizzen aus Spanien. eines tiefen, von einem bedeutenden Fluſſe durchſtroͤmten Huͤgellandes, dem freilich Ve⸗ getation, Clima und Volksleben der Gegen⸗ wart und Vergangenheit einen unendlichen Reiz anderer Art verleihen. Je weiter nach Weſten weitet ſich das Thal zuweilen zur Ebene aus, und um die Muͤndung des Gua⸗ dalquivir her flacht es ſich zur Kuͤſtenebene ab, wo Sandduͤnen das Ufer bilden.— Wir kommen nun zu dem weſtlichen Abfalle des ſpaniſchen Hochlandes, der den groͤßten Theil der Halbinſel einnimmt. Es geht naͤmlich hier das hohe Huͤgelland allmaͤ⸗ lig in die drei ausgedehnten Hochebenen von Altcaſtilien und Leon, Toledo oder Neucaſtilien und der Mancha uͤber. Den noͤrdlichen Rand dieſer Hochebenen bilden, wie wir ſahen, die Gebirge von Cantabrien und von Europa, den ſuͤdlichen die Sierra morena; von ein⸗ ander getrennt werden ſie aber durch zwei Gebirgszuͤge, welche ebenfalls aus dem Hoch⸗ lande ſich entwickelnd nach Weſten ſtreichen. Das noͤrdliche Gebirge trennt unter dem Na⸗ men des Guadarrama und mit einer Hoͤhe von 5— 7000 Fuß Altcaſtilien von Neuca⸗ Skizzen aus Spanien. 29 ſtilien, und dann weiter weſtlich und in ge— ringerer Hoͤhe als Sierra de Gata, de Gua⸗ dalupe ꝛc. die Ebene von Leon, die ſogenannte Tierra de campos von Eſtremadura und laͤuft endlich, ſich wiederum zu 6000 Fuß erhebend, mit einer Wendung nach Suͤdweſten als Serra de Eſtrella und de Cintra mit dem Cabo de Roca in den Ocean aus, zugleich nach Norden die Muͤndung des Tajo begraͤn⸗ zend, deſſen Stromgebiet es auf ſeinem gan⸗ zen Laufe von jenem des Duero ſcheidet, waͤhrend vermittelſt eines Armes die Serra de Eſtrella das beſchraͤnktere Stromgebiet des Mondego umſchließt und von dem ſeiner ge⸗ waltigen Nachbarn iſolirt. B Das ſuͤdlichere Scheidegebirge der ſpaniſchen Hochebenen iſt durchweg von viel geringerer Hoͤhe als das noͤrdliche, erhebt ſich nur als felſige Huͤgel⸗ reihe uͤber die Ebene, und trennt unter dem Namen der Montes de Conſuegra und de Toledo die Mancha von dem Koͤnigreiche To⸗ ledo, das Stromgebiet des Guadiana von dem des Tajo. Zwiſchen beiden Stromgebie⸗ ten ſich mehr und mehr ausdehnend, erſtreckt es ſich dann unter verſchiedenen Namen durch 30 Skizzen aus Spanien. Eſtremadura und Alentejo und bildet endlich mit dem Cap Espichel in den Ocean vor⸗ ſpringenden den ſuͤdlichen Eingangspfoſten der Tajomuͤndung. Die nach Norden und Suͤ⸗ den durch die genannten Gebirgszuͤge, nach Oſten durch das Hochland begraͤnzten Hoch⸗ ebenen fuͤllen jedoch nur den oͤſtlichen Theil b dieſer Raͤume aus— mit Ausnahme des noͤrd⸗ lichen, wo die Hochebene ſich weit uͤber die Haͤlfte nach Weſten ausdehnt— und ſo wie die Huͤgel des Hochlandes ſich allmaͤlig nach Weſten in die Hochebenen abflachen, ſo naͤ⸗ hern ſich an deren weſtlichem Ende nach und nach die Abſtufungen und Verzweigungen jener Gebirgszuͤge ſo ſehr, daß hier die Hochebenen - durch ein allmaͤlig ſich wieder erhebendes Huͤ⸗ gelland begraͤnzt werden, deſſen relative Hoͤhe uͤber der Ebene jener des Hochlandes gleich— koͤmmt, waͤhrend ſeine abſolute Hoͤhe im Ganzen bedeutend geringer iſt, obgleich ſie ihr in einzelnen Gebirgszuͤgen gleichkoͤmmt. b Es haben naͤmlich jene Hochebenen eine zwei⸗ fache Senkung, erſtlich von Norden nach Suͤ⸗ den und zweitens von Oſten nach Weſten. Die erſtere zeigt ſich terraſſenfoͤrmig, in der Skizzen aus Spanien. 3 Art, daß die Hochebene von Altcaſtilien etwa 500 Fuß hoͤher liegt als jene von Neucaſtilien, und dieſe wieder, wenn auch bei Weitem nicht im ſelben Verhaͤltniſſe, doch immer etwas hoͤher als die Mancha.— Die zweite Senkung der Hochebenen findet, den Lauf der Hauptſtroͤme bedingend, deren Fluß⸗ gebiete zugleich jene Hochebenen ausmachen, von Oſten nach Weſten Statt, aber nicht ter⸗ raſſenfoͤrmig, ſondern ſehr allmaͤlig. Aus dem Geſagten geht ſchon hervor, daß der ſuͤdliche Abhang der Sierra de Guadarrama um wenigſtens 500 Fuß hoͤher ſein muß als der noͤrdliche, da er aber zugleich viel ſteiler iſt, ſo geht daraus ſchon ein weſentlicher Un⸗ terſchied fuͤr den landſchaftlichen Charakter der beiden Hochebenen hervor, die jenes Gebirge ſcheidet. Die neucaſtiliſche Hochebene naͤm⸗ lich erſcheint nach Norden durch eine bis zu einer Hoͤhe von 4— 5000 Fuß uͤber die Ebe⸗ ne, ſchroff anſteigende zackige Gebirgswand, durch eine Sierra im eigentlichen Sinne be⸗ graͤnzt; die alteaſtiliſche dagegen zeigt nir⸗ 5 eine ſo ſcharfe Begräͤnzung, indem das Scheidegebirge nach Norden eben ſo allmaͤlig —y —— 32 Skizzen aus Spanien. in Huͤgelterraſſen ſich abſenkt, wie das can⸗ tabriſche Randgebirge nach Suͤden.— Es iſt ſchon bemerkt, daß zwiſchen der Hochebene von Neucaſtilien und jener der Mancha kein ſo weſentlicher Unterſchied durch Hoͤhe und Begraͤnzung bemerklich iſt, wie zwiſchen der von Alt⸗ und Neucaſtilien und man koͤnnte ſie vielleicht fuͤglich als eine einzige nur von einer nicht einmal ganz zuſammenhaͤngenden Huͤgelkette durchzogene Ebene anſehen. Mag dieſe Huͤgelkette nun aber auch in geographi⸗ ſcher Hinſicht von keiner ſo großen Bedeu⸗ tung ſein, da ſie zum Theil ſogar noͤrdliche Zufluͤſſe des Guadiana durchlaͤßt, ſo bietet ſie doch dem Auge einen auffallenden Zug in dem Bilde der Hochebenen dar, indem ſie, namentlich z. B. bei dem Puerto Lapiche, als eine zu beiden Seiten ſteil abfallende, zackige, blaͤuliche Wand ſich ſchroff und ploͤtzlich aus der Ebene erhebt— eigentlich als eine Sierra im Kleinen, oder gleichſam als ein Gebirgs⸗ kamm, der bis auf eine Hoͤhe von etwa 2— 300 Fuß verſchuͤttet waͤre.— Eben ſo ſcharf wie hier durch dieſe Huͤgelwand(oder wie die neucaſtiliſche Ebene im Norden durch das . 28 Skizzen aus Spanien. 33 hohe Guadarramagebirge) wird nun aber die Ebene der Mancha im Suͤden durch den Nordabhang des Randgebirges der Sierra morena begraͤnzt, der in einiger Entfernung wie eine blaͤuliche Wand in ziemlich gleicher Hoͤhe von etwa 3— 400 Fuß uͤber der Ebe⸗ ne den Horizont ſchließt, waͤhrend auf der andern Seite der Suͤdabhang zwar bis zu einer Tiefe von 2— 3000 Fuß, aber in meh⸗ ren Terraſſen, wie wir ſahen, und alſo nicht ſo ſteil und beſtimmt nach dem Thale des Guadalquivir abfaͤllt.— Aus alle dieſem geht ſchon hervor, daß in der Begraͤnzung und Scheidung der iberiſchen Hochebenen eine große Mannigfaltigkeit herrſcht; aber auch dieſe Ebenen ſelbſt, beſonders die von Altca⸗ ſtilien, obgleich in ihnen der mit ſolcher geo⸗ graphiſcher Lage und Structur unzertrenn⸗ liche Charakter von Eintoͤnigkeit und Gleich⸗ foͤrmigkeit vorherrſcht, zeigen doch auf ihrer Oberflaͤche mehr Abwechſelung und Zufaͤllig⸗ keiten*), als man gewoͤhnlich annimmt, und *) Wir wiſſen nicht, ob der franzöſiſche Ausdruck aeciden⸗ du terrain bei uns eingebürgert iſt, doch ſcheint er uns bedeutſam, und wir ſehen keinen Grund, weshalb wir uns denſelben nicht zueignen ſollten. II. 3 34 Skizzen aus Spanien. ohne den faſt gaͤnzlichen Mangel an Vegeta⸗ tion wuͤrde es an angenehmen Parthieen nicht fehlen. In der That bieten jene Hochebenen mehr im Ganzen und gleichſam aus einer Vogelperſpective, den Charakter eigentlicher Ebenen dar. Einzelne wirklich faſt ganz ebene Strecken ausgenommen, z. B. ſuͤdlich von Madrid bis in die Naͤhe des Tajo, dann am linken Ufer des Tajo die wiederum etwas hoͤher liegende Meſa de Ocana, dann noͤrdlich und ſuͤdlich vom Guadiana die Meſa del To⸗ boſo, und die Gegend um Ciudadreal und Manzanares, werden dieſe Hochebenen von zahlreichen Vertiefungen durchzogen, die, je⸗ nachdem ſie von den Winterſtroͤmen aufge⸗ wuͤhlt ſind, als kleine Thaͤler oder Schluchten erſcheinen, wie denn auch die Fluͤſſe ſich mei⸗ ſtens ſehr tiefe Betten, durch den Lehmboden bis auf die Felſengrundlage gewuͤhlt haben. An andern Stellen tritt dieſes Felſenlager frei zu Tage, bildet entweder die Flaͤche der Ebene ſelbſt auf ziemlich bedeutende Strecken, oder erhebt ſich in einzelnen Bloͤcken und Mauertruͤmmern daruͤber. Dieſe Eigenſchaf— ten der Oberflaͤche jener Ebenen verdienen ſo⸗ Skizzen aus Spanien. 35 gar in hiſtoriſcher Hinſicht eine Beachtung, da ſie z. B. den ſo anhaltend und gluͤcklich von den ſpaniſchen Guerillas gegen die Fran⸗ zoſen, hier, in einem ſonſt ganz offenen Lande gefuͤhrten kleinen Krieg erklaͤren; es muß auch dem Reiſenden oft auffallen, wie Menſchen oder Vieh, welche er in groͤßerer oder geringerer Entfernung in der weiten Ebene vor ſich ſieht, und jeden Augenblick einzuho⸗ len erwartet, ploͤtzlich vor ſeinen Augen wie durch einen Zauberſchlag verſchwinden und gar nicht, oder in ſehr großer Entfernung wieder zum Vorſchein kommen, indem ſie in eine jener Vertiefungen hinabgeſtiegen ſind und deren Laufe folgen. Es bleibt uns nun noch der oͤſtliche Theil der Stromgebiete des Duero, Tajo und Gua⸗ diana zu betrachten uͤbrig, deſſen oͤſtlichen eben dieſe Hochebenen einnehmen; ſo jedoch, daß im Gebiete des Duero die Ebene ſich viel weiter nach Weſten zieht als in den bei⸗ den uͤbrigen. Es laͤßt ſich aber der Charak⸗ ter des weſtlichen Theils dieſer wie der an⸗ dern genannten Stromgebiete im Allgemeinen bezeichnen als der eines Huͤgel⸗ und Gebirgs⸗ 3“ 36 Skizzen aus Spanien landes, einer Abwechſelung von Hoͤhen und Thaͤlern, die ſich von beiden Seiten von den Hauptſcheidegebirgen nach den Hauptſtroͤmen hinziehen. Obgleich jene Hoͤhen im Ganzen nicht bedeutend genug ſind, um als Gebirge betrachtet zu werden, ſo erheben ſich doch, beſonders in den beiden Stromgebieten des Tajo und Duero bis zur Kuͤſte des atlanti⸗ ſchen Meeres hin, einzelne Zuͤge hoch genug (2— 3000 Fuß), um dem Namen von Sier⸗ ras, den ſie tragen, einige Ehre zu machen. Dieſen Gegenden fehlt es denn auch nicht an einer gewiſſen Mannigfaltigkeit der Formen und Zufaͤlle, die jedoch auch im Einzelnen ſelten ſich zur Großartigkeit erheben, ſondern meiſtens zum Gebiete des Sonderbaren, Inter⸗ eſſanten gehoͤren. Noch ſeltener ergeben ſich hier bedeutende landſchaftliche Schoͤnheiten in ausgedehnteren Anſichten und Gruppen. Ent⸗ ſchieden vorherrſchend iſt der niedrigere Huͤ⸗ gelcharakter an dem ſuͤdlichen Ufer des Tajo und in dem Stromgebiete des Guadiana, in dem groͤßten Theile des ſpaniſchen Eſtrema⸗ dura, wo ſich die Thaͤler auch hier und da zu wirklichen Ebenen erweitern(z. B. die Skizzen aus Spanien. 37 von la Serena). Die gewoͤhnliche Zahmheit und Einfoͤrmigkeit dieſer Art von Gegenden wird indeſſen hier unterbrochen durch das haͤufige Zutagegehen der Gebirgsarten und durch den Waſſerreichthum, der ſich auch oft in kleinen Teichen anhaͤuft.— Nach dieſem Huͤgellande folgt noch weiter nach Weſten zwiſchen dem Tajo und Guadiana ein neuer Landſchaftscharakter, der in dem groͤßten Theile der Provinz Alentejo und in dem ſuͤdlichen Theile des portugieſiſchen Eſtremadura vor⸗ herrſcht. Hier flachen ſich die niedrigen Huͤ⸗ gel und Thaͤler allmaͤlig zu einer ausgedehn⸗ ten Ebene ab, die nach Oſten in einer abſo⸗ luten Hoͤhe von etwa 500 Fuß beginnt und ſich allmaͤlig nach der Kuͤſte ſenkt. Dieſe Ebene wird aber in mehren Richtungen von einigen Fortſetzungen des Scheidegebirges zwi⸗ ſchen Tajo und Guadiana durchzogen, die zwar an abſoluter Hoͤhe ſich ſchwerlich viel uͤber die hoͤhern Huͤgelruͤcken von Eſtremadura erheben, aber dennoch in Folge des Abfalls der Ebene eine ſehr vermehrte relative Hoͤhe uͤber dieſe Ebene erhalten, aus der ſie ſich meiſtens ſchroff und ploͤtzlich erheben, und 38 Skizzen aus Spanien. eben deshalb weit mehr als jene den Eindruck von Gebirgszuͤgen machen, und maleriſche Anſichten darbieten, beſonders nach der Kuͤſte hin, wo die Ebene in niedrigen Sandduͤnen endigt.— Setzen wir nun noch hinzu, daß in den Gebirgsarten der Halbinſel der Granit und Gneis, und dadurch in den Gebirgsformen das Cubiſche, Tafel⸗ und Wuͤrfelfoͤrmige vorherrſcht, wodurch im Einzelnen eine Wie⸗ derholung der Geſammtform und Bildung der Halbinſel, beſonders in ihrem eigentlichen Kerne dem Hochlande entſteht— bemerken wir noch, daß ſehr oft der Glimmer und da⸗ durch die ſchiefrige Fuͤgung die Oberhand er⸗ haͤlt, wodurch bei geſtuͤrzten Schichten beſon⸗ ders auffallende Zackenformen entſtehen*), ſo haͤtten wir damit im Allgemeinen angefuͤhrt, was wir uͤber die landſchaftliche und geogra⸗ phiſche Structur der Halbinſel und die dar⸗ *) Hierauf weiſt ſchon der Ausdruck sierra(Säge) für Gebirge hin, und auch der öfters wiederkehrende Name für Päſſe und Schluchten: dientes(Zähne); z. B. dien- tes de la vicja zwiſchen Sevilla und Antequera, und zwiſchen Granada und Guadiz.— Skizzen aus Spanien. 39 aus hervorgehenden Verſchiedenheiten des land⸗ ſchaftlichen Charakters zu ſagen wuͤßten. Doch bliebe uns in dieſer Hinſicht noch uͤbrig an den bekannten Waſſermangel der Halbinſel zu erinnern, deren groͤßte Stroͤme einen großen Theil des Jahrs hindurch nicht Waſ⸗ ſer genug haben, um in landſchaftlicher Hin⸗ ſicht oder ſonſt ſehr in Betracht zu kommen, waͤhrend viele der kleinen ganz verſiegen. Charakteriſtiſch fuͤr die Halbinſel iſt auch, daß ſie keinen einzigen See hat, ſondern hoͤchſtens nur einige Teiche.— Wir haben bisher jedoch beſonders jenen Theil der landſchaftlichen Erſcheinungen im Auge gehabt, der von den Verſchiedenheiten der Vegetation weniger abhaͤngig iſt, und darin beſteht eigentlich wohl das Weſen land⸗ ſchaftlicher Schoͤnheiten erſten Ranges, daß ſie aus der Structur des Landes, aus dem Bleibenden hervorgehen und nicht aus dem Wechſelnden der Vegetation und der Men⸗ ſchenwerke. Doch ſind wir weit entfernt, die Bedeutſamkeit dieſer letzteren und beſonders der Vegetation zu laͤugnen, da aus ihnen auch unter den unguͤnſtigſten Umſtaͤnden der 40 Skizzen aus Spanien. geographiſchen Structur und der groͤßeren landſchaftlichen Verhaͤltniſſe eine große Fuͤlle und Mannigfaltigkeit von einzelnen Schoͤn⸗ heiten hervorgehen koͤnnen, und da ſie uͤber⸗ dies fuͤr die meiſten Beſchauer ein Intereſſe haben, was jenes der eigentlichen landſchaft⸗ lichen Schoͤnheit ſehr uͤberwiegt.— In die⸗ ſer Hinſicht aber moͤgen— ohne auf botani⸗ ſche Details einzugehen, die uns fremd ſind — einige allgemeine Bemerkungen genuͤgen. Mangel an Vegetation iſt ein vorherrſchender Zug der Oberflaͤche der iberiſchen Halbinſel, und obgleich daraus, beſonders da, wo keine ausgezeichnete Geſtaltung der Oberflaͤche jenen Mangel erſetzt, mancherlei Nachtheile fuͤr das landſchaftliche Anſehen entſtehen, ſo befoͤrdert doch eben dieſe Kahlheit den Geſammteindruck, die Ueberſicht, woraus oft ein gewiſſer Spa⸗ nien ganz eigenthuͤmlicher Charakter entſteht, der zwar nicht eigentlich großartig, ſchoͤn, aber doch im hoͤchſten Grade ernſt und im⸗ poſant erſcheint, beſonders wenn der Geiſt ſich erſt einmal an das Ungewohnte, Selt⸗ ſame gewoͤhnt und mit dem ſo ſehr dadurch bedingten Volkscharakter vertraut gemacht hat. Skizzen aus Spanien. 41 Am aͤrmſten aber iſt Spanien wiederum grade an der Art von Vegetation, die in dem Gebiete landſchaftlicher Schoͤnheit als die bedeutendſte erſcheint, naͤmlich an Waldung. Doch gilt dies blos im Allgemeinen, denn einzelne, wenn auch kleine Theile von Spa⸗ nien, koͤnnen ſich an aͤchter Waldespracht je⸗ dem andern Lande an die Seite ſtellen, ſo gedeiht die teutſche Eiche in den Thaͤlern des Nordabhanges der Pyrenaͤen in Biscayen, z. B. in den Waͤldern von Guarnica, und uͤberhaupt an den Abhaͤngen und in den Thaͤ⸗ lern der Nordkuͤſte abwechſelnd mit herrlichen Kaſtanienwaͤldern aufs trefflichſte— ſo be⸗ decken Fichten⸗, Eichen⸗ und Buchenwaͤlder einige Theile des huͤgeligten Hochlandes von Soria und Cuenca, obgleich der groͤßte Theil des Hochlandes freilich kahl iſt. Weiter er⸗ ſtreckt ſich aber auch das Gebiet unſerer Eiche nicht, ſondern ſie weicht den verſchiedenen Arten der Stacheleiche mit glaͤnzenden harten immergruͤnen Blaͤttern„ zu deren weſentli⸗ chem Charakter und Vorkommen es zu gehoͤ⸗ ren ſcheint, daß ſie nie ſo enge auf großen Strecken beiſammen erſcheint, als noͤthig waͤre, 42 Skizzen aus Spanien. um den Namen eines Waldes nach unſeren Begriffen zu rechtfertigen, doch bedeckt ſie in einzelnen mehr oder weniger zuſammenhaͤn⸗ genden Gruppen— abwechſelnd mit ziemlich niedrigen Fichten— große Strecken auf den Abhaͤngen der Gebirge, doch nicht ſo, daß der vorherrſchende Charakter von felſi⸗ ger Nacktheit dadurch verdraͤngt wuͤrde, be⸗ ſonders uͤberall, wo die Gebirge eine gewiſſe Hoͤhe erreichen, wie z. B. die S. de Gua⸗ darrama, und Sierra nevada. Am meiſten naͤhert ſich dem Charakter eines Waldgebir⸗ ges der obere Theil des ſuͤdlichen Abhanges der Sierra morena. Auch das Huͤgel⸗ und Gebirgsland, welches nach Weſten die Hoch⸗ ebene begraͤnzt, beſonders in Eſtremadura iſt auf weite Strecken mit dieſer Art von lich⸗ ter Waldung bedeckt, die hier haͤufig von der Korkulme gebildet wird, welche ſich oft zu einem ſtattlichen Baume erhebt.— Solche einzelne Baumgruppen beguͤnſtigen aber vielleicht mehr als dichtere Waldungen, die Mannigfaltigkeit landſchaftlicher Schoͤnheiten im Kleinen und Einzelnen, beſonders wenn ſie, wie hier, ſich auf dem feinen Raſen der weltberuͤhmten —jj—— Skizzen aus Spanien. 43 eſtremaduriſchen Weiden erheben, mit Felſen und Waſſerparthieen, und mit Durchblicken auf hoͤhere Gebirgszuͤge vereint.— Die Hochebenen, deren Graͤnzen wir angegeben, ſind faſt ganz kahl und die roͤthlichgraue Lehmfarbe, die weit und breit ſich ausdehnt, wird durch das blaſſe Gruͤn einiger Oliven⸗ pflanzungen und der Getraide⸗, Bohnen⸗ oder Safranfelder, welche die ſpaͤrlich zerſtreueten Ortſchaften umgeben, kaum unterbrochen. Ein um ſo dringenderes Beduͤrfniß wird in dieſen duͤrren Einoͤden der Schatten des Pa⸗ ſeo's oder Spazierganges, den faſt jeder Ort beſitzt, waͤren es auch nur ein halb Dutzend Ulmen und Kaſtanien. Beſonders angenehm aber uͤberraſchen den Reiſenden kleine Gebuͤ⸗ ſche von Mandelbaͤumen, die mit ihrem zar⸗ ten Gruͤn und duftenden Bluͤthen hier und da einzelnen Vertiefungen und Schluchten, wo ſie vor den heftigen und kalten Winden geſchuͤtzt ſind und einige Feuchtigkeit finden, einen ganz eigenthuͤmlichen Reiz geben; aber freilich bei einer Ueberſicht in der graurothen Maſſe verſchwinden. In dem Bilde, was man ſich gewoͤhnlich von Spanien macht— 441 Skizzen aus Spanien. wenn man ſich uͤberhaupt eins zu machen verſucht— nimmt nun die ſogenannte ſuͤd⸗ liche Vegetation natuͤrlicher Weiſe eine Haupt⸗ ſtelle ein;z aber in Wahrheit iſt die Rolle, die ſie, wenigſtens in Hinſicht auf landſchaftliche Schoͤnheit, ſpielt, keine ſo ausgebreitete, oder vielmehr eine ganz andere als man gewoͤhn⸗ lich meint. Freilich muͤßte man ſich erſt dar⸗ uͤber verſtaͤndigen, was man zur ſuͤdlichen Vegetation zaͤhlen will, und ob namentlich der Oelbaum dazu gerechnet werden ſoll? In der That moͤchten deſſen Anſpruͤche ſchwer zu beſeitigen ſein; denn obgleich er auch ſchon in ſolchen Gegenden vorkoͤmmt, wo an⸗ dere Suͤdgewaͤchſe noch nicht gedeihen, und obgleich er beſonders in Spanien faſt den einzigen ſpaͤrlichen Baumſchlag der Hochebenen und des Hochlandes ausmacht, und inſofern alſo eher eine Art von Uebergangsſtufe bildet, ſo ſpielt er doch auch da, wo die entſchiede⸗ ner ſuͤdliche Vegetation, Orange, Citrone, Granate, Palme u. ſ. w., anfaͤngt, eine zu bedeutende Rolle, als daß man ihn ganz da⸗ von trennen koͤnnte. Ueberdies gehoͤrt er be⸗ ſonders auch dadurch weſentlich in dieſelbe Skizzen aus Spanien. 45 Klaſſe, daß er ebenfalls nicht zu der wilden, zu der Waldvegetation gehoͤrt, ſondern aus⸗ ſchließlich zu der Vegetation des Anbaues, wie alle anderen eigentlichen Suͤdgewaͤchſe— ei⸗ nige Arten von Lorbeer und Bluͤthengebuͤſchen ausgenommen. Der landſchaftliche Charakter des Oelbaums iſt aber ſehr verſchieden, je nach ſeinem Vorkommen. So ſehr er naͤm— lich in vielen Faͤllen, das heißt, uͤberall wo er das einzige und noch dazu verhaͤltnißmaͤßig ſpaͤrliche Gruͤn ausmacht— wie in den Ebe⸗ nen und Huͤgeln der Hoͤhe und in dem huͤ⸗ geligten Thale des Ebro, alſo eigentlich in dem groͤßten Theile der Halbinſel— den veraͤchtlichen Ton verdient, mit dem die mei⸗ ſten Reiſenden von ihm ſprechen, ſo bildet er dagegen in einer auch an anderem Baum⸗ ſchlag reichen Gegend, oder uͤberhaupt da, wo er in verhaͤltnißmaͤßig hinreichender Aus⸗ dehnung vorkoͤmmt, um nicht von der Kahl⸗ heit uͤberwaͤltigt zu werden und in ihr ſich zu verlieren, einen ſehr wohlthuenden dufti⸗ gen Mittelton, der dem Bilde eine Haltung verleiht, die grade zur Erreichung hoͤherer landſchaftlicher Schoͤnheit unentbehrlich iſt, 46 Skizzen aus Spanien. und wiederum das hin und wieder zerſtreu⸗ te ſaftigere Gruͤn des Citronen⸗ und Oran⸗ genbaumes, oder das dunkele Gruͤn der Stacheleiche, die meiſt hoͤher hinauf an den Gebirgsabhaͤngen die Olivenpflanzungen be⸗ graͤnzt, ſehr angenehm hervorhebt.— Ueber⸗ dies erreicht der Oelbaum, ſo ſchmaͤchtig und unerquicklich er ſich auch meiſt darſtellt, doch in guͤnſtigen Lagen eine Groͤße und Entwik⸗ kelung, die ihn auch einzeln genommen wenig⸗ ſtens zu einem viel maleriſchern Baume ma⸗ chen als die meiſten unſrer Obſtbaͤume. Die⸗ ſe letztern, als Apfel, Birne, Kirſche u. ſ. w., kommen uͤbrigens auf der Halbinſel wenig in Betracht, außer etwa in dem Huͤgellande von Aragon hin und wieder, oder in den Thaͤlern des noͤrdlichen Randgebirges, beſon⸗ ders auf deſſen noͤrdlichem Abfalle. Der Nuß⸗ baum dagegen findet ſich uͤber die ganze Halbinſel verbreitet, jedoch in derſelben Art wie auch in Mitteleuropa, das heißt, ziemlich veerrenzelt, aber immer zum großen Schmuck der Gegend. Von der Rebe gilt im Ganzen eigentlich daſſebe wie von dem Oelbaume. Im groͤßten Theile der Halbinſel, dem huͤge⸗ Skizzen aus Spanien. 47 ligten oder ebenen und durch Gebirgszuͤge getheilten Hochlande verſchwinden die Wein⸗ berge oder vielmehr Weinfelder in dem alles⸗ beherrſchenden kahlen Rothgrau. Den gruͤ⸗ nern Abhaͤngen und Thaͤlern der Randgebir⸗ ge verleihen ſie einen weſentlichen Ton mehr, und in beſonders guͤnſtigen Lagen, an Baͤu⸗ men zu Baumeshoͤhe emporgerankt und ver⸗ bindende Lauben und Gewinde bildend geben ſie einen eigenthuͤmlich reichen und in Ein⸗ zelbildern und Vordergruͤnden beſonders lieb⸗ lichen Baumſchlag. Des Maulbeerbaums nicht zu gedenken, der jede Gegend entſtellt, gehoͤrt auch die Cypreſſe eigentlich in die Klaſſe der Uebergangsbaͤume wie der Oelbaum. In recht ſchoͤner Entwicklung und Groͤße findet ſie ſich aber doch nur in Verbindung mit entſchieden ſuͤdlicher Vegetation, und dann ſind ihre ſcharfen graden Linien, ihre dunkle Farbe, beſonders wenn ſie in laͤngeren Reihen und paſſenden Gruppen ſteht, von großer, eigenthuͤmlicher Wirkung. Dieſe eigentliche Suͤdvegetation hat nun ſchon dadurch, daß ſie ein Produkt des Anbaus und zwar eines verhaͤltnißmaͤßig beſchraͤnktern 48 Skizzen aus Spanien. Anbaues iſt, in landſchaftlicher Hinſicht un⸗ mittelbar bei ausgedehntern Anſichten keine große Bedeutung, aber deſto mehr durch den mittelbaren Einfluß, den ihr Ideenverbin⸗ dungen mancherlei Art auf den ganzen Cha⸗ rakter des Landes geben, wie er ſich uns darſtellt. Außerdem aber erhalten einzelne und kleinere Bilder von dieſer Vegetation, beſonders in ihrem Gegenſatze zu rauhen Um⸗ gebungen mit mancherlei Zuͤgen des Volks⸗ lebens, einen eigenthuͤmlichen, tief eingrei⸗ fenden Reiz. Das Vorkommen des gewoͤhn⸗ lich dahin gerechneten Orangen⸗, Citronen⸗ und Granatbaums— der Feigenbaum ſpielt immer eine ſchlechte Rolle— iſt zwar dem ſuͤdlichen Abfalle des iberiſchen Hochlandes und des ſuͤdlichen Randgebirges und den bei⸗ den Abhaͤngen der Sierra nevada, alſo den Kuͤſtenthaͤlern des Mittelmeeres und dem Thal⸗ lande des Guadalquivir, ſo wie der Hoch⸗ ebene von Granada beſonders eigen, aber auch von dem noͤrdlichen und oͤſtlichen Abfalle des Hochlandes, und in dem Gebirgs⸗ und Huͤgellande weſtlich von den Hochebenen, be⸗ ſonders weiter nach dem Meere zu, in Por⸗ Skizzen aus Spanien. 1 49 tugal kommen ſie in ſehr geſchuͤtzten Lagen fort, und erſcheinen in einigen Thaͤlern von Biscaya und der Gegend von Santander, umgeben von einer kraͤftigen nordiſchen Vege⸗ tation von Eichen, Buchen und Kaſtanien, in einer großartigen Gebirgsumgebung lieb⸗ licher noch als in ihrer eigentlichen ſuͤdlichern Heimath. Viel beſchraͤnkter iſt das Vorkom⸗ men der Palme, die in landſchaftlicher Hin⸗ ſicht eine viel entſcheidendere Wirkung hat, und viel mehr den Begriff einer von unſerer noͤrdlichen ganz verſchiedenen Vegetation recht⸗ fertigt, als Orangen⸗, Citronen⸗ und Gra⸗ natbaͤume. Dieſe unterſcheiden ſich in ihrem ganzen Habitus wenig von manchen unſerer Fruchtbaͤume, ſie entwickeln ſich einzeln ge⸗ nommen nicht oft zu einer wirklich ſchoͤnen, maleriſchen Baumform, ihr Hauptreiz beſteht mehr in der Farbe und dem Duft ihrer Bluͤ⸗ then und Fruͤchte, in dem friſchen ſaftigen Gruͤn ihrer Blaͤtter, als in ihrem Wuchs, ihrem Baumſchlag, jene aber kommen bei umfaſſendern landſchaftlichen Anſichten wenig in Betracht. Ganz anders verhaͤlt es ſich mit der Palme, deren ganzer Bau grade die II. 4 50 Skizzen aus Spanien. Art von Schoͤnheit hat, wodurch ſie in jeder Landſchaft charakteriſtiſch hervorragt und in die Augen faͤllt, und dies ſogar mehr da, wo ſie in einzelnen Buͤſcheln, als wo ſie in groͤßerer Menge und Dichtigkeit vorkommen. Das Letztere iſt in Spanien uͤbrigens blos bei Elche noͤrdlich von Murcia an der Kuͤſte der Fall, welcher Ort ringsum auf etwa eine halbe Legua von einem dichten Walde von Dattelpalmen umgeben iſt. In einzelnen Gruppen dagegen, jedoch in großer Menge zerſtreut, findet ſich die Dattelpalme in der Kuͤſtenebene von Murcia und Orihuela, von drei Seiten geſchuͤtzt durch die ſuͤdlichen Ab⸗ haͤnge des Hochlandes— weniger haͤufig in der nicht ganz ſo geſchuͤtzten Kuͤſtenflaͤche von Valencia und hier und da weiter noͤrdlich hinauf an der Kuͤſte— wiederum haͤufiger in den Kuͤſtenterraſſen von Almeria und Mo⸗ tril und Velez Malaga— ſeltener in derje— nigen von Malaga— haͤufiger wieder auf den Duͤnen am Ausfluſſe des Guadalquivir — dann wieder ziemlich ſelten zerſtreut im Thale des Guadalquivir bis zu den untern Stufen der Sierra morena, wo z. B. auf Skizzen aus Spanren. 51 dem Schlachtfelde von Bailen die letzten, oder fuͤr den, der vom Hochlande durch den Puerto oder Gebirgspaß in die Tiefe herab⸗ ſteigt, die erſten vorkommen. Dies ſind die einzigen Gegenden der Halbinſel, wo die Palme als charakteriſtiſcher Zug des land⸗ ſchaftlichen Charakters erſcheint, mag ſie ſich auch hier und da noch ganz einzeln finden. Dem Hochlande des Innern, deſſen Nord⸗ und Oſtabfall und dem Huͤgel⸗ und Gebirgs⸗ lande, in das es nach Weſten zu ſich abſenkt, iſt es ganz fremd, und auch die Hochebene von Granada hat kaum ein halbes Dutzend Dattelpalmen aufzuweiſen, wie denn uͤber— haupt, mit Ausnahme der Granate, die ei⸗ gentlich ſuͤdliche Vegetation hier nicht vor⸗ herrſcht, ſondern nordiſche Baͤume, herr⸗ liche Rebengewinde, weite Getraidefelder und Wieſen mit Fuͤlle von Waſſer.— Eine an⸗ dere Art von Palme darf aber hier nicht un⸗ erwaͤhnt bleiben, da, obgleich ſie in geringer Zahl ganz uͤberſehen wird, ſie in großer Menge weſentlich zu dem Charakter der Land⸗ ſchaft beitraͤgt und namentlich die gruͤnen Ebenen, in welche ſich das Thal des Guadal⸗ 4* 52 Skizzen aus Spanien. quivir hin und wieder ausdehnt, von den kahlen graurothen Hochebenen des Innern, oder den braunen, mit Heidekraut bedeckten Ebenen von Alentejo unterſcheidet— dies iſt die kleine, kaum 1 ½ Fuß ſich erhebende Zwerg⸗ palme mit ſaͤcherfoͤrmigen Blaͤttern, die ein⸗ zige Pflanze, welche auf der Halbinſel bedeu⸗ tende Flaͤchen ohne eigentlichen Anbau mit einer gruͤnen Decke bekleidet, wie die Gras⸗ arten ſie unſern Wieſen geben. Es bedarf kaum der Bemerkung, daß die waſſerarme Halbinſel die Moͤglichkeit ausgedehnter, fetter Wieſenlaͤnder, oder auch nur gruͤner Steppen ausſchließt. Die ſuͤdlichen Abhaͤnge der Py⸗ renaͤen haben ihre Alpweiden, die Thaͤler der Nordkuͤſte und beſonders Galliziens ihre be⸗ ſchraͤnkten Wieſen, und auch die Sierra ne⸗ vada und der ſuͤdliche Theil des hohen Huͤ⸗ gellandes haben einzelne kleine Alpenthaͤler mit gruͤnem Wieſenſchmuck; ſonſt aber er⸗ ſcheint Graswuchs nur da, wo hoͤhere Vege⸗ tation die Strahlen der Sonne bricht und die Anſammlung der noͤthigſten Feuchtigkeit beguͤnſtigt— alſo im Schatten der lichten Waldungen, welche die Abhaͤnge der Scheide⸗ Skizzen aus Spanien. 53 gebirge und die mit ihnen zuſammenhaͤngen⸗ den Huͤgel bedecken.— Hier bilden ſich uͤberall die trocknen aromatiſchen Weiden, de⸗ nen die Schaafe und Pferderacen der Halb⸗ inſel ihre Vorzuͤge verdanken, oder verdanken koͤnnten, wenn nicht ſo viele andere Bedin⸗ gungen ihrer Veredlung zu ſehr vernachlaͤſ⸗ ſigt wuͤrden. Wir muͤßten hier freilich auch die hohen Schilfarten und die Reißfelder an⸗ fuͤhren, welche an den ſumpfigen Muͤndungen einiger Fluͤſſe, z. B. des Jucar, weite gruͤne Flaͤchen bilden, und von denen die erſteren auch in einzelnen Buͤſchen zu den Kleinbil⸗ dern der fuͤdlichen Kuͤſtenflaͤchen gehoͤren; vor allen aber duͤrfen wir der Cactus und Aloe nicht vergeſſen, deren ſeltſame Geſtalten und blaſſes Gruͤn naͤchſt der Palme dem noͤrdli⸗ chen Reiſenden, ſobald er nach Oſten oder Weſten, beſonders aber nach Suͤden von dem hohen Binnenlande herabſteigt, vor Allem als Repraͤſentanten einer ſuͤdlichen Vegetation, einer neuen fremdartigen Welt erſcheinen.— Nach dem, was wir bisher uͤber die land⸗ ſchaftliche Beſchaffenheit der Halbinſel und deren in der geographiſchen Struetur und zum 54 Skizzen aus Spanien. Theil in der Vegetation liegenden Bedingun⸗ gen geſagt haben, mag nun jeder— wenn es uͤberhaupt moͤglich iſt— ſich ein Bild machen von der Art von Landſchaften, die er bei einer Reiſe durch Spanien, nach dieſer oder jener Richtung zu erwarten haben kann. Am erſprießlichſten in dieſer Hinſicht muͤßte natuͤrlich eine Reiſe rings umher an den Kuͤ⸗ ſten der Halbinſel ſein, wozu denn auch der noͤrdliche Abhang der Pyrenaͤen zu rechnen waͤre, mit Excurſionen in die iſolirten Al⸗ pengebirge der Pyrenaͤen und Sierra nevada, hier beſonders nach der Hochebene von Gra⸗ nada. Auf dieſe Weiſe wuͤrde Spanien frei⸗ lich als ein Land erſcheinen, wo das land⸗ ſchaftlich Schoͤne entſchieden vorherrſcht— als ein yſchoͤnes Land.« Auch abgeſehen da⸗ von wuͤrde er Spanien in mancher Hinſicht von ſeinen merkwuͤrdigſten und anziehendſten Seiten kennen lernen, da ſchon Andaluſien allein mit ſeinem Sevilla, ſeinem Cordova, dann Granada und Valencia die Bluͤthe des ſpaniſchen Volkslebens, die groͤßte Fuͤlle und Mannigfaltigkeit der Denkmaͤler der Kunſt in allen ihren Zweigen enthalten; und den⸗ Skizzen aus Spanien. 55 noch kann nur der ſich ruͤhmen Spanien in ſeinem eigenthuͤmlichen Charakter zu kennen, der durch einen der Puertos, wo moͤglich aus den, mit kuͤhnen Gebirgsformen abwechſeln⸗ den, anmuthigen Thaͤlern und fruchtbaren Kuͤ⸗ ſtenflaͤchen des Suͤdens nach den weiten kal⸗ len, eintoͤnigen Hochebenen des Binnenlan⸗ des heraufgeſtiegen und in dieſen, trotz alles anfaͤnglichen Widerwillens ſich eingewoͤhnt hat. Denn moͤgen dieſe Gegenden auch noch ſo wenig ſchoͤn ſein, ſo ſind ſie doch grade we⸗ ſentlich ſpaniſch, und dann giebt es außer der eigentlichen landſchaftlichen Schoͤnheit noch eine andere, die wir kaum recht zu bezeich⸗ nen wuͤßten, die aber jedem nur einigerma⸗ ßen geographiſchen Geiſte grade in die⸗ ſen ſo entſchieden ausgebildeten und hervor⸗ tretenden und alles zufaͤlligen Schmuckes be⸗ raubten geographiſchen Formen anſprechen muͤſſen, wie etwa den Anatomen ein ſchoͤner Schaͤdel. Außerdem aber hat auch in dieſem Theile Spaniens das Volksleben ſeinen ganz eigenthuͤmlichen Charakter, und wer Burgos, wer Toledo, wer die alten Kloͤſter von Mi⸗ raflores, Sahagun ꝛc., wer das Escorial, und 56 Skizzen aus Spanien. die roͤmiſchen Ruinen von Merida nicht kennt, der darf ſich nicht ſchmeicheln, einen Begriff von der ſpaniſchen Kunſt zu haben.— Nachtrag. Erſt nachdem dieſe Bemerkungen ſchon niedergeſchrieben waren, hatten wir das Ver⸗ gnuͤgen, des Herrn Hofrath Hausmann's treffliche»Umriſſe nach der Natur« kennen zu lernen.— Ein Vergnuͤgen, was jedoch nicht ganz ungetruͤbt war, da es ſich erſtlich mit der Erkenntniß verbinden mußte, daß wir fuͤglich unſere ganze Muͤhe und Weisheit haͤt⸗ ten ſparen, und den Leſer kurz und gut auf jene Schrift verweiſen koͤnnen. Zweitens aber merken wir auch zu unſerm nicht geringen Entſetzen, daß einige unſrer Anſichten im Widerſpruche mit der Darſtellung und An⸗ ſicht zu ſtehen ſcheinen, die wir in beſagter Schrift ausgeſprochen finden. Da wir nun Skizzen aus Spanien. 57 aber weit entfernt ſind, als geographiſcher und noch mehr orographiſcher Laie gegen den Mann vom Fache Recht haben zu wollen, und am allerwenigſten gegen unſern verehr⸗ ten ehemaligen Lehrer— wollte Gott wir haͤtten ſeinen Unterricht beſſer genutzt— ſo ſei uns zu unſerer Rechtfertigung(zunaͤchſt vor uns ſelbſt) geſtattet, zu beweiſen, daß dieſe Ketzerei doch nur eine ſcheinbare, keine wirkliche iſt. Hausmann verdammt naͤmlich, und ohne Zweifel mit vollem Rechte, die An⸗ ſicht, wonach ſich eine ſogenannte iberiſche Gebirgskette von den Quellen des Ebro zwi⸗ ſchen Caſtilien und Aragon nach Suͤdoſten und dann nach Suͤden bis zum Cabo de Gata zieht; eben deshalb aber muͤſſen wir uns ſehr gegen die Meinung verwahren, als wenn das huͤgelige Hochland, was wir als den geographiſchen Kern der Halbinſel, als den Hauptbalken ihrer charpente bezeichnen, von demſelben Verdammungsurtheil getroffen wer⸗ de. Eben indem wir den Landſtrich, der ſich Anfangs nach Suͤdoſt und dann nach Suͤden von dem cantabriſchen Gebirge bis nach dem oͤſtlichen Ende der Sierra morena und Sierra 58 Skizzen aus Spanien. nevada in einer Breite von 10— 30 Leguas erſtreckt, ein Hoch- und Huͤgelland nennen, entſagen wir jeder Gemeinſchaft mit jenem uͤbelberuͤchtigten iberiſchen Gebirgszuge. Daß aber ein ſolches Huͤgelland von geringer rela⸗ tiver Hoͤhe, aber von einer abſoluten Hoͤhe, die der Mittelhoͤhe der Hauptgebirgszuͤge der Halbinſel(mit Ausnahme der Pyrenaͤen und Nevada) ungefaͤhr gleichkommt, wirklich vorhanden iſt, ſcheint uns ſchwer zu laͤugnen. Hausmann ſelbſt bezeichnet einzelne Theile derſelben als die Sierra de Molina, de Albaracin und de Cuenca; allein dieſe ſogenannten Sierras ſind nur die hoͤheren Ruͤcken, die ſich aus dieſem Huͤgelgewiere nur wenig erheben und nirgends die Anſicht einer Sierra darbieten. Was wenigſtens die Sierra de Cuenca auf dem Striche zwiſchen Valencia und Madrid und die noͤrdliche und oͤſtliche Ecke des Koͤnigreichs Murcia betrifft, ſo koͤnnen wir dies aus eigner Anſchauung verſichern, und was die noͤrdlicheren Theile dieſes hohen Huͤgellandes betrifft, ſo ſchließen wir aus mancherlei Angaben auf eine Ana⸗ logie— wuͤrden uns jedoch ohne weiteres Skizzen aus Spanien. 59 durch entſcheidend widerlegende Beobachtun⸗ gen gern bekehren laſſen. Bis dahin aber glauben wir berechtigt zu ſein, dieſes ausge⸗ dehnte Hochland, eben weil es kein Gebirgs⸗ zug iſt, und ſich doch uͤber die Hochebenen und Tiefthaͤler und ſo ſehr bedeutend uͤber die Mee⸗ resflaͤche erhebt, in der geographiſchen Structur der Halbinſel eine ſo große Wichtigkeit einzuraͤu⸗ men, wie wir es thun. Jedenfalls wuͤßten wir nicht, was wir ſonſt mit dieſem Land⸗ ſtriche anfangen ſollten. Eine andere Frage iſt aber, ob man die Pyrenaͤen als ein iſo⸗ lirtes Gebirge betrachten kann— denn von der Sierra nevada wird man uns dies leicht einraͤumen. Jenes aber ſcheint uns— man⸗ cher anderer Thatſachen nicht zu gedenken— auch aus den in der Hertha von 1825 von Alex. v. Humboldt mitgetheilten Hoͤhenanga⸗ ben hervorzugehen; wonach die Erhebung von Bilbao bis Vitoria nur in folgenden Stufen zunaͤhme: Zornoſa 34 Toiſen, Durango 65 T., Vergara 110 T., Mondragon 110 T., Gamboa 280 T., Vitoria 278 T. Dann Miranda 236 T. und nun die Hochebene bei Burgos 449 T. Unſere Anſicht wird aber 60 Skizzen aus Spanien. auch durch Hausmann ſelbſt gerechtfertigt, indem er ſagt:»Die weſtliche Fortſetzung der Pyrenaͤenkette, weicht nicht blos durch die weit geringere Hoͤhe, ſondern auch durch die uͤbrigen aͤußern und innern Beſchaffen⸗ heiten auffallend von den eigentlichen Pyre⸗ naͤen ab.« Valencia und Murcia. Jayme Alfonſo der Baͤrtige. Wer von Madrid auf der gewoͤhnlichen Heerſtraße nach Valencia reiſt, dem ſtehen ein Paar ſchwere Tagereiſen bevor. Anfangs uͤber die Meſa de Ocana, die ihrem Namen entſprechend, ſo eben iſt wie ein Tiſch, und die auch ſo kahl erſcheint, wie ein unbeſetzter Tiſch, ihrer bekannten Fruchtbarkeit unbe⸗ ſchadet; denn der Boden iſt ſo fruchtbar, daß ein ſehr geringer Raum durch Schoͤpf⸗ raͤder bewaͤſſert hinreicht, um einen Ueberfluß von Getraide hervorzubringen, aber nicht genug Gruͤn, um das Auge zu erquicken, um ſo weniger, da weder Baum noch Hecke die Felder begraͤnzt, und da ohnehin das Gruͤn des Getraides nur ſehr kurze Zeit dauert, um 62² Skizzen aus Spanien. der gelbrothen Farbe der Reife, und dann der Stoppelfelder zu weichen. Durch aͤhn⸗ liche kahle Ebenen geht es fort bis San Cle— mente, wo das hoͤhere, aber eben ſo kahle Huͤgelland im Suͤden der Provinz Cuenca und im Norden des Koͤnigreichs Murcia be⸗ ginnt— uͤber Albacete, was zwei Drittheile von Spanien mit Dolchen und Meſſern und Allem was damit zuſammenhaͤngt, verſieht, nach Almanza. An dieſen Ort knuͤpft ſich ein doppeltes Intereſſe durch das Andenken einer wichtigen hiſtoriſchen Begebenheit und durch eine in die Augen fallende Bedeutung in der geographiſchen Structur des Landes. Es giebt freilich Reiſende und Leſer genug, die fuͤr das Intereſſe eines ſolchen Zuſam⸗ mentreffens keinen Sinn haben, obgleich es in den meiſten Faͤllen nichts weniger als ein zufaͤlliges iſt, und im Gegentheil die Geo⸗ graphie hier oft unentbehrlich zum Verſtaͤnd⸗ niß der Geſchichte iſt— wie dem aber auch ſei, ſo koͤnnen wir nicht umhin, zu bemer⸗ ken, daß hier der Punkt iſt, wo man durch einen Engpaß(puerto) aus dem rauhen, kahlen Hochlande der Halbinſel nach den mil⸗ Skizzen aus Spanien. 63 den fruchtbaren Thaͤlern und Ebenen der Suͤdoſtkuͤſte des Koͤnigreichs Valencia herab⸗ ſteigt, und daß eben hier am 25. April 1708 der Herzog von Berwick durch einen entſchei⸗ denden Sieg uͤber den Grafen Stahrenberg (Feldherrn des Erzherzogs Karl) ſich den Weg zur Unterwerfung Valencias und Cataloniens unter die Herrſchaft Philips V. eroͤffnete*). Neben dieſer welthiſtoriſchen Bedeutung hat dieſe Schlacht auch noch ein beſonderes Inter⸗ eſſe, indem hier die Ueberreſte der tapfern und ungluͤcklichen Camiſarden mit ihrem kuͤh⸗ nen Anfuͤhrer Cavalier ihren Untergang fan⸗ den. Nachdem ihr unerſchuͤtterlicher Wider⸗ ſtand den Heeren Ludwigs XIV. mehr Opfer gekoſtet, als der ganze Succeſſionskrieg gegen das verbuͤndete Europa und den ſtolzen Monar⸗ chen gezwungen hatte, zu Unterhandlungen und zu einem ehrenvollen Vertrage mit dem *) Auf dem Schlachtfelde iſt zum Gedächtniß des Sieges ein, Obelisk errichtet, und nach der löblichen Sitte die auch in andern Ländern nachgeahmt zu werden ver⸗ dient, das Andenken an rühmliche Kriegsthaten durch den Namen eines Regiments im Heere zu bewahren, trägt ein ſpaniſches Dragonerregiment den Namen Al⸗ manza. 64 Skizzen aus Spanien. ehemaligen Baͤckergeſellen Cavalier ſich zu be⸗ quemen— einem Vertrage, der aber nach gewohnter Weiſe bald wieder verletzt wurde— verließ Cavalier mit den entſchloſſenſten ſeiner Kampf⸗ und Glaubensgenoſſen ſein Vater⸗ land. Ihn und ſeine tapfere Schaar nahm der Herzog von Savoyen in ſeine Dienſte, und ſo fanden ſie ſich in Spanien auf einem neuen Schlachtfelde ihren alten Feinden, den Soͤldlingen ihres Tyrannen, gegenuͤber und ſtuͤrzten ſich bei Almanza mit ſo unaufhalt⸗ ſamer Wuth auf die franzoͤſiſchen Regimenter, daß ſie alle ihren Tod fanden. Der Kampf der armen Gebirgsbewohner der Cevennen zur Bewahrung evangeliſcher Glaubensfreiheit gegen Jeſuiten und Dragoner, gegen die ungeheure Macht des ſtolzen Ludwig iſt nicht nur von groͤßerer hiſtoriſcher Bedeutung als man gewoͤhnlich annimmt, ſondern er iſt auch mit ſo eigenthuͤmlichen, ja wunderbaren Um⸗ ſtaͤnden und Begebenheiten verbunden, daß es kaum moͤglich iſt, auf irgend eine Weiſe daran erinnert zu werden, ohne ſeiner auch wirklich zu gedenken*). *) Möchte doch irgend eine Erinnerung im Stande ſein, Skizzen aus Spanien. 65 Der Uebergang von dem Hochlande nach dem Thallande iſt ſo ploͤtzlich, als die Ver⸗ ſchiedenheit in dem Charakter beider groß. Wer dieſen Weg im December macht, der ſieht ſich innerhalb zwei Stunden aus den unbeſchreiblich oͤden, rauhen, baumloſen Huͤ⸗ geln des Hochlandes, die nicht ſelten Tage lang mit Schnee bedeckt ſind, und wo jeden⸗ falls faſt ununterbrochen ein eiskalter, durch⸗ dringender Nordoſtwind heult, in das gruͤne, ſommerliche, zwar von rauhen, felſigen Wald⸗ hoͤhen umgebene, aber auch geſchuͤtzte Thal des Monteſa verſetzt, deſſen Laufe folgend die Straße links an den ſtattlichen Ruinen der alten Ordensburg Monteſa vorbeifuͤhrt, dann weiterhin rechts an dem freundlichen Staͤdtchen San Felipe de Jativa, uͤber wel⸗ chem ſich auf hohem Felſenruͤcken die gewalti⸗ gen Mauern und zackigen, dicken, zum Theil durch Pulversgewalt zerriſſenen und geſpalte⸗ nen Thuͤrme der alten Feſte Jativa, des hartnaͤckigen Bollwerkes des Hauſes Oeſtreich, die Vollendung eines— wir möchten ſagen unverant⸗ wortlicher Weiſe— unterbrochnen Meiſterwerkes über dieſen Gegenſtand zu befördern. II. 5 66 Skizzen aus Spanien. erheben. Dies Thal, ſo freundlich es auch gegen die traurigen Einoͤden erſcheint, die wir hinter uns gelaſſen, iſt doch nur ein Vorhof des fruchtbaren Gartens von Valencia. Am Ende des Thals wendet ſich die tiefe Schlucht, die der Monteſa ſich gewuͤhlt hat, rechts, einem ſteilen Huͤgel ausweichend, der das Thal ploͤtzlich ſchließt; haben wir aber dieſen Huͤgel erſtiegen, ſo breitet ſich die gruͤne Ebene von Valencia vor unſern Blicken aus— rechts das Meer, zu unſern Fuͤßen der reißende Jucar. Auch dieſe Hoͤhe, gleichſam die Schwelle, uͤber die wir in den Garten der Hesperiden eintreten, hat ihre hiſtoriſche Bedeutung, als das Schlachtfeld, wo der Cid Campeador im Jahre 1097 durch einen wunderbaren Sieg uͤber die unzaͤhligen Scharen der africaniſchen Almoraviden ſeine Herrſchaft in Valencia befeſtigte. So er⸗ ſcheint dieſer Huͤgel zugleich als die Schwelle, die uns wuͤrdig in den reichen bluͤhenden Kreis der Geſchichten, Sagen und Lieder vom Cid, dem aͤchten Volkshelden der Spa⸗ nier, einfuͤhrt, deren lieblicher Schauplatz, das Ziel ſeiner Kaͤmpfe, der Preis ſeiner Siege, Skizzen aus Spanien. 67 ja eben die edle Stadt Valencia mit ihrem fruchtbaren Garten war.— Wir koͤnnten vielleicht Manches einwen⸗ den gegen die gewoͤhnliche, ja faſt ſprichwoͤrt⸗ liche Meinung, wonach Valencia an Frucht⸗ barkeit des Bodens, Lieblichkeit des Climas und landſchaftlichen Schoͤnheiten unbedingt den erſten Rang unter allen Gegenden der Halbinſel verdient— wir koͤnnten Gruͤnde genug angeben, weshalb wir der Huerta von Murcia und Orihuela und der Vega von Granada den Vorzug geben— wir koͤnnten ſagen, die Gegend von Valencia ſel zu flach und zu ausgedehnt, die Hoͤhen, die ſie um⸗ geben, zu unbedeutend und zu weit entfernt, das Ufer beſonders zu flach, ſandig und ſumpfig, um eigentlich ſchoͤne Anſichten zu ge⸗ ſtatten, wie ſie der gewaltige Ruͤcken der Sierra nevada, die kuͤhnen felſigen Vorge⸗ birge von Orihuela und Alicante darbieten — wir koͤnnten ſagen, daß auch der Anbau der Huerta von Valencia zu regelmaͤßig, kuͤnſtlich und zu dicht iſt, um eine ſo male⸗ riſch uͤppige Vegetation zu entwickeln, wie ſie Murcia, Orihuela, Velez Malaga und Motril, 5* 68 Skizzen aus Spanien. und wenn gleich mit noͤrdlicherem Charakter, auch die waſſerreiche Hochebene von Granada darbietet. Deß ungeachtet aber ſind wir weit entfernt, zu laͤugnen, daß Valencia einer der lieblichſten Flecken dieſer Erde iſt, und es koͤmmt eben nur darauf an, worin der Reiz und der unterſcheidende Charakter dieſer Gegend liegt. Dieſes Charakteriſtiſche iſt aber ohne Zweifel der hoͤchſte Grad des ſorgfaͤltig⸗ ſten Anbaus, von dem mildeſten Clima, dem fruchtbarſten Boden beguͤnſtigt— der Gar⸗ tenbau im allerausgedehnteſten Maßſtabe. Den beſten Ueberblick der Ebene von Valen⸗ cia giebt die Ausſicht von dem Miquelet— dem uralten arabiſchen Thurme der Cathedral, der einſt neben der Moſchee, auf deren Grundmauer dieſe erbaut iſt, dieſelbe Stelle behauptete. Dieſe Ebene wird von einem Halbkreiſe von niedrigen aber felſigen Gebir⸗ gen eingeſchloſſen, deſſen eines Ende noͤrd⸗ lich von Valencia von den Thuͤrmen des Ka⸗ ſtels von Murviedro, den Ruinen des alten Sagunts gekroͤnt, das andere unter dem Na⸗ men der Sierra de Sta Ana ſuͤdlich von Valencia ans Meer ſtoͤßt, ſo daß die Kuͤſte Skizzen aus Spanien. 69 als Sehne dieſes Halbkreiſes erſcheint, in de⸗ ren Mitte die Stadt Valencia liegt, etwa ſechs Leguas von jedem Ende entfernt. Die⸗ ſer ganze Raum iſt faſt ganz flach, und nur im aͤußerſten Hintergrunde nach Weſten ſenkt ſich das Gebirge, dem Laufe des Jucar und des Guadalaviar folgend, allmaͤliger in die Ebene herab, welche jener an ihrem ſuͤdlich⸗ ſten Rande beſpuͤhlt, waͤhrend dieſer ſie un⸗ gefaͤhr in der Mitte queer durchſtroͤmt. Dieſe allmaͤlige Abflachung hat aber auf die allge⸗ meine Anſicht der Ebene keinen Einfluß, da hier nur die dahinter liegenden kahlen Hoͤhen bemerklich werden. Als Hauptmittelpunkt des Anbaues dieſes Halbkreiſes erſcheint nun Valencia ſelbſt mit ſeinen mittelalterlichen Mauern und Thoren und zahlreichen Kirchen, Kloͤſtern und Hoſpitaͤlern; um die Stadt her liegen in mehren Halbkreiſen und in verſchie⸗ dener Entfernung eine Anzahl ſtattlicher Doͤr⸗ fer mit hohen Kirchthuͤrmen„ wie Quarte, Maniſes, Ruzafa, Chirivella, Torrente, Be⸗ nituſer, Benache ꝛc., dann weiterhin am noͤrdlichen Rande des Halbkreiſes Puzol, im ſuͤdlichen Alcira, und im weſtlichen Hinter⸗ 70 Skizzen aus Spanien. grunde die alte Stadt Liria. Jedes dieſer Doͤrfer aber bildet gleichſam nur den dichtern Kern einer Unzahl von kleinern Huͤtten, die reinlich und ſchneeweiß aus dem kleinen, ſaf⸗ tiggruͤnen, mit blaßgruͤnen, ſtachligen Aloen eingefaßten Garten hervorſchimmern. Hier und da erhebt ſich ein einzeln liegendes groͤ⸗ ßeres Landhaus, oder ein Kloſter uͤber dieſe Huͤtten, oder ein Buͤſchel Palmen, eine Reihe hoher dunkler Cypreſſen uͤber das gleich⸗ foͤrmige, gleichhohe Gruͤn der Ebene. Aus dem Geſagten geht ſchon hervor, daß dies Alles kein eigentlich maleriſches Ganzes bilden kann, und das um ſo weniger, da es dem Bilde ganz an Waſſer fehlt. Das Meer nimmt zwar die ganze oͤſtliche Haͤlfte des Geſichtskreiſes ein, aber es iſt durch den graden Strich einer ſandigen Kuͤſte begraͤnzt und traͤgt nicht zur Belebung der andern Haͤlfte bei; dieſer aber, obgleich ein bedeu⸗ tender Fluß ſie durchſtroͤmt*), fehlt es— *) Der Jucar iſt zwar waſſerreicher, aber ſein Bette iſt zu tief und ſeine Ufer zu bewachſen, als daß ſein Lauf von irgend einem Punkte der Ebene aus ſichtbar wäre. Beiläufig bemerkt iſt hier ein merkwürdiges, aber leider Skizzen aus Spanien. 71 einige Wochen im Winter ausgenommen— faſt ganz an Waſſer zu allen landſchaftlichen Behufen, eben weil daſſelbe zu ausſchließ⸗ lich andern Zwecken zugewendet wird. Die ganze unglaubliche Fruchtbarkeit der Ebene von Valencia, die ihr mit ſo vollem Rechte den Namen Huerta(Garten) erworben hat, haͤngt naͤmlich von dem kuͤnſtlichen Bewaͤſſe⸗ rungsſyſteme ab, wodurch das Waſſer des Guadalaviar in einem Netze von Canaͤlen (acequias) und kleinern Graͤben uͤber die ganze Ebene verbreitet und bis zu jedem ein⸗ zelnen Beete der unzaͤhligen Gaͤrten geleitet wird, von denen jeder, betruͤge er auch kaum anderthalb Morgen, zu dem Unterhalte einer in Spanien nicht ſeltenes Beiſpiel von verkehrter Ver⸗ wendung bedeutender Kräfte und Koſten. Ueber den Guadalaviar, der den größten Theil des Jahres kaum Waſſer genug enthält, um ein Paar Hemden darin zu waſchen, führen bei Valencia vier prachtvolle ſteinerne Brücken, von zehn bis zwölf Bögen, und über den Ju⸗ car, deſſen tiefes, reißendes Waſſer wirklich gefährlich iſt, ſetzt man auf einer halsbrechenden Fähre. Aber dies iſt nicht Alles. Hat man dieſe Gefahr überſtanden, ſo trifft man einige hundert Schritt vom Strome, mitten auf dem trocknen Felde, eine prachtvolle ſteinerne Brücke von vierzehn hohen Bögen, an der die Straße vorüber führt! 72 Skizzen aus Spanien. Familie hinreicht. Solcher Aderlaͤſſe— im Spaniſchen bedient man ſich des Ausdrucks sangrar und sangria in dieſer Bedeutung — muß der Guadalaviar auf ſeinem ganzen Laufe von etwa 25 Leguas nicht weniger als 30 erleiden, von denen jedoch nur die acht letzten und bedeutendſten der Huerta von Va⸗ lencia zu Gute kommen— kein Wunder alſo, daß der arme Strom in der heißen Jahrs⸗ zeit kaum Kraͤfte genug behaͤlt, um einige Tropfen Waſſer bis zu ſeiner Muͤndung zu tragen. Jene acht Canaͤle ſind urſpruͤnglich groͤßtentheils das Werk der Araber, allein ihren Nachfolgern, den aragoneſiſchen Erobe⸗ rern, gebuͤhrt jedenfalls die Ehre, dieſe Werke und die zu deren moͤglichſt gemeinſamen und ſichern Benutzung erforderlichen geſetzlichen Einrichtungen und Verwaltungsart in ihrer urſpruͤnglichen zweckmaͤßigen Einfachheit ſo viele Jahrhunderte hindurch unverſehrt erhal⸗ ten zu haben— ein Verdienſt, was uͤberall, beſonders aber in Spanien, wo faſt alle Einrichtungen von vorne herein dem Verfall geweiht zu ſein ſcheinen, zu ſelten iſt, als daß eine ſo erfreuliche Ausnahme nicht her⸗ Skizzen aus Spanien. 73 vorgehoben werden muͤßte. Durch einen Gnadenbrief des Eroberers von Valencia, Koͤnig Jayme I. von Aragon, von 1239, uͤberließ er ſeinen Kampfgenoſſen und den uͤbrigen Anſiedlern aus Aragon als Beloh⸗ nung ihrer treuen Dienſte die Bewaͤſſerungs⸗ graͤben der Huerta als freies Eigenthum: „daß ſie das beſagte Waſſer gebrauchen ſoll⸗ ten, in der Art, wie es von Alters her feſt⸗ geſetzt und gebraͤuchlich war zur Zeit der Sarazenen.« Seit der Zeit iſt die Verwal⸗ tung und Beaufſichtigung der Canaͤle, die Vertheilung des Waſſers, die Entſcheidung aller dabei vorfallenden Streitigkeiten aus⸗ ſchließlich in den Haͤnden der dabei betheilig⸗ ten Landleute, ohne die geringſte Einmiſchung einer hoͤhern oder Centralbehoͤrde; und vor dem aus Landleuten beſtehenden Gerichtshofe der Cort de la Seo, verſchwindet jedes Pri⸗ vilegium, deſſen einer der Grundbeſitzer in an⸗ dern Verhaͤltniſſen genießen mag, waͤre er auch Grande von Spanien. Die Dauer und Reſultate dieſer Einrichtungen, der Jahrhun⸗ derte fortbeſtehende reiche Anbau der Huerta, iſt ein fuͤr unſere Zeit vor allen lehrreiches 74 Skizzen aus Spanien. Beiſpiel der Vorzuͤge freier Entwickelung und Bewegung des Volkslebens in den untern und entferntern Kreiſen der Verwaltung, vor dem leidigen, laͤhmenden Centraliſationswe⸗ ſen.— Wer in Wohnung, Kleidung und Le⸗ bensweiſe des ſpaniſchen Volkes, nach den Klageliedern der meiſten Reiſenden, nichts als Schmutz, Lumpen und Elend zu finden erwartet, darf die Originale zu ſolchen Schil⸗ derungen wenigſtens nicht in der Huerta von Valencia— weder in den großen ſtattlichen Doͤrfern, noch in den Tauſenden von Huͤtten (Chozas) ſuchen, die wie Perlen aus der gruͤnen Ebene hervorſchimmern. Betrachten wir nur eine von dieſen Hut⸗ ten, die rechter Hand an der Straße liegt, welche von der Puerta de Serranos nach dem kaum eine halbe Stunde von der Stadt ent⸗ fernten Dorfe Ruzafa fuͤhrt. Von der Stra⸗ ße iſt das Grundſtuͤck geſchieden durch einen Graben und eine Hecke oder lebendige Paliſ⸗ ſade von gewaltigen Aloen, deren ſeltſame, ſtarre, hellgruͤne Blaͤtter mit ſcharfen, horn⸗ artigen Spitzen verſehen, jedes unbefugte Skizzen aus Spanien. 75 Eindringen mit ſchmerzlichen, ja giftigen Wunden abweiſen, waͤhrend hier und da ein Bluͤthenſchaft mit weitausgeſtreckten Zweigen und von unzaͤhligen Schmetterlingen um⸗ ſchwirrten, gelben Bluͤthen ſich erhebt gleich einem rieſenmaͤßigen, fabelhaften Armleuch⸗ ter.— Ein Steg fuͤhrt uͤber den Graben— durch eine ſteinerne, von Epheu umrankte Pforte, mit einem Kreuz oder Marienbild geziert, treten wir in eine ſchattige, kuͤhle Rebenlaube, durch deren leicht rauſchendes Laubdach die Sonnenſtrahlen nur einzeln und durch das ſaftige Gruͤn gebrochen und ſchwan⸗ kend den Purpur der ſaftigen Traube hervor⸗ heben, die zahlreich und von unglaublicher Groͤße zwiſchen dem Laube ſich hervordraͤngen und handgerecht, um nicht zu ſagen maul⸗ gerecht, herabhaͤngen. Am andern Ende die⸗ ſes halbdunkeln Laubenganges glaͤnzt uns im hellſten Sonnenlichte die weiſſe Wand der Huͤtte entgegen, durch deren offene Thuͤre wir ſchon aus der Ferne das einfach reinliche innere Hausweſen uͤberſehen. Die Waͤnde ſind von geſtampftem Lehm aufgefuͤhrt, und erhalten durch einen weiſſen Anwurf, der 76 Skizzen aus Spanien. ſehr haͤufig erneut wird, ein Ausſehen von beſtaͤndiger Neuheit und Friſche. Das ziem⸗ lich ſpitze Dach iſt meiſtens von leichtem Rohr, und bildet nur ſelten, theilweiſe oder ganz, eine platte, dem ſuͤdlichen Clima vielleicht angemeſſenere Terraſſe. Die innere Einrich⸗ tung kann bei etwa 40 Fuß Laͤnge auf 20 Fuß Breite nicht anders als ſehr einfach ſein. Den groͤßten Theil des Raumes nimmt die Kuͤche ein, welche zugleich als Wohnſtube fuͤr Alle und Schlafſtube fuͤr die Maͤnner dient, und in die man gleich durch die Hausthuͤre eintritt, von der ſie allein Luft und Licht er⸗ haͤlt. Der Herd, kaum uͤber der Lehmdiele ſich erhebend, und daruͤber das Kamin, nimmt die eine kuͤrzere Seitenwand ein, an der an⸗ dern finden ein Paar Bretter Platz, auf welchen ſorgſam geordnet, und meiſt in be⸗ traͤchtlicher Zahl, das Kuͤchengeſchirr, welches ſich durch beſondere Feinheit des rothen und gelben Thons und Zierlichkeit der Formen aus⸗ zeichnet*). Ein unentbehrliches Geraͤth iſt *) Dieſe ſcheinen ſie als eine Art von techniſcher Tradition aus den Zeiten der Araber, oder wohl gar der Römer fortgepflanzt zu haben. Wenigſtens iſt die Straße, wo Skizzen aus Spanien. 77 der 3— 4 Fuß hohe Waſſerkrug, der meiſtens noch etwa 2 Fuß tief in die Erde eingeſenkt, in einer Ecke ſteht, und um ihn her auf ei⸗ ner Art von hoͤlzerner Galerie, faſt anzuſehen wie ſeine junge Brut, ein Dutzend kleinerer Gefaͤße von aͤhnlicher Geſtalt— Alles treff⸗ lich berechnet zur Befriedigung eines der er⸗ ſten Beduͤrfniſſe in jenem Clima: eines be⸗ ſtaͤndig friſchen Waſſervorraths. Ein niedri⸗ ger Tiſch, ein Paar kleine Schemel— gleich⸗ ſam als Hindeutung oder Reminiszenz orien⸗ taliſcher Sitte— darauf beſchraͤnkt ſich uͤbri⸗ gens der Hausrath. Was an Kiſten und Kaſten vorhanden ſein mag, findet in einer anſtoßenden Kammer Platz, wo auch ein Bett oder doch etwas dem aͤhnliches zu fin⸗ den. Unter einem leichten, an der einen Seite der Huͤtte vorſpringenden Wetterdache findet Maulthier und Eſelein, nebſt dem ein⸗ fachen Acker⸗ oder vielmehr Gartengeraͤth die Töpfer wohnen, dieſelbe, wo das Gewerbe auch un⸗ ter der mauriſchen Herrſchaft getrieben wurde, und die Formen der Gefäße ſind zum Theil ganz dieſelben, die ſich in dem Küchengeſchirre der Bürger von Pompeji wiederfinden. 78 Skizzen aus Spanien. Winter und Sommer hindurch hinreichenden Schutz.— Macht es nun auch die Bauart und das Material einer ſolchen Choza noth⸗ wendig, daß ihre Waͤnde den doͤrrenden Son⸗ nenſtrahlen ausgeſetzt bleiben, und entbehren ſie daher der Annehmlichkeit einer unmittel⸗ baren grünen Bekleidung durch Weinreben oder anderes Rankengewaͤchs, und des Schat⸗ tens hoͤherer Baͤume, ſo fehlt doch ſelten wenig Schritte entfernt ein ſchattiges Gebuͤſch von Orangen, Limonen, Granaten oder Fei⸗ genbaͤumen, uͤber welche einige Dattelpalmen emporſchießen.— Man wuͤrde indeſſen ſehr irren, wenn man annaͤhme, das haͤusliche Leben des Valencianiſchen Landmannes ſei auf den reinlichen, aber doch engen und dunkeln Raum ſeiner Huͤtte beſchraͤnkt. Im Gegentheil bringt er in dieſer den groͤßten Theil des Jahres hindurch eigentlich blos die Nacht zu; den Tag hindurch aber entfernen ſich die Hausgenoſſen ſo wenig wie moͤglich aus dem Schatten des Orangengebuͤſches, oder der Rebenlaube.— In ſolchen Umgebungen lebte nun eben in jener Huͤtte, an dem Wege von Valencia 1 Skizzen aus Spanien. 79 nach Ruzafa, eine Wittwe, die von ihren Nachbarn, und in der That von faſt allen wackern Leuten der Gemeinde Dona Ana ge⸗ nannt wurde, obgleich ſie durch ihre aͤußere Lage zu den aͤrmern Bewohnern des Dorfes gehoͤrte, und inſofern ſich das vertraulichere Tia(Tante) Ana haͤtte gefallen laſſen muͤſſen. Weshalb die ehrlichen Nachbarn dieſer Frau eine ſolche Auszeichnung erwieſen, ſowohl in dieſer Anrede als auch ſonſt in dieſem und jenem kleinen Zuge des gewoͤhnlichen Um⸗ ganges, wußten die meiſten wohl kaum ſelbſt zu ſagen, und ebenſowenig ließ ſich beſtimmt entſcheiden, ob dieſer Art von Auszeichnung ein gewiſſes Wohlwollen oder eine Art von Scheu und Mißgunſt zum Grunde lag. Ei⸗ nige alte Weiber freilich— die Sibyllen und Chroniken des Dorfes— pflegten, wenn von der Nachbarin die Rede war, die grauen Haͤupter zu ſchuͤtteln, mit Mienen, worin ſich die durch das Alter zur Ueberzeugung verhaͤrteten Vermuthungen oder Erfindungen der Mißgunſt oder der Dummheit ausdruͤck⸗ ten. Auf weitere Nachfrage aber konnte ein Fremder wenigſtens ihnen ſelten mehr ent⸗ 80 Skizzen aus Spanien. locken als einige Zweifel und Winke gegen das Chriſtenthum der Dona Ana— was dort natuͤrlich ſo viel heißt, als ihre roͤmiſch⸗ katholiſche Rechtglaͤubigkeit. Und doch konnte kein Menſch der Frau irgend eine Vernach⸗ laͤſſigung der aͤußern Pflichten und Vorſchrif⸗ ten der rechtglaͤubigen Kirche vorwerfen— ſelten oder nie fehlte ſie bei Meſſe und Pro⸗ ceſſion, und die Wahrheit zu ſagen, war der Prieſter(Cura) des Ortes, Don Gero⸗ mino, der ſie doch, als ihr Seelſorger und Beichtiger, am beſten kennen mußte, eher geneigt, ſie fuͤr eine Heilige zu erklaͤren, und ſtellte ſie nicht ſelten ſeinen Pfarrkindern zum Muſter auf. Das war nun eben nicht das beſte Mittel ihre alten Nachbarinnen mit ih⸗ rem Weſen und Treiben zu verſoͤhnen. War von ihrem fleißigen Kirchenbeſuche die Rede, ſo hieß es:»hinter dem Kreuze der Teufel — und die Kutte macht nicht den Moͤnch,« und dergleichen mehr. Ruͤhmte man ihren unſtraͤflichen Wandel und ordentlichen Haus⸗ halt, ihre Wohlthaͤtigkeit bei aller eignen Ar⸗ muth, ſo warf man ihr vor, ſie trage ſich wie eine Dame, kein Menſch wiſſe, wo ſie b b Skizzen aus Spanien. 81 es her habe, und aus andrer Leute Fell ſei gut Riemen ſchneiden.— Was aber den Cura betrifft, ſo meinten beſagte Sibyllen, ſeine eigne Rechtglaͤubigkeit ſei gar nicht ſo makellos, daß ſeine Buͤrgſchaft fuͤr andrer Leute Seelenheil ſehr viel Gewicht haben koͤnnte; und obgleich ſie ihm grade keine of⸗ fenbarliche Ketzerei vorwerfen moͤchten, ſo meinten ſie doch, in der guten alten Zeit haͤtte den hochwuͤrdigen Herrn ſein Weg leicht ſehr nahe am Scheiterhaufen vorbeifuͤhren koͤnnen— warum er denn beim Meſſeleſen immer die Augen niederſchlage, ſtatt ſie ge⸗ hoͤrig zu verdrehen und gen Himmel zu wer⸗ fen, wie es einem eifrigen Diener des Herrn wohl anſtehe?— und warum er in ſeinen Predigten immer nur von Gott dem Vater und von unſerm Herrn Jeſus Chriſtus, hoͤch⸗ ſtens ein Mal im Jahre von der heiligen Jungfrau, und nicht ein einziges Mal von ihren lieben Heiligen und ihren wunderthaͤti⸗ gen theuern Reliquien rede— und noch dazu immer mit einer Stimme und Geberden, als wenn er eben irgend wo anders bei gu⸗ ten Freunden und nicht auf der Kanzel und II. 6 82 Skizzen aus Spanien. vor bußfertigen, rechtglaͤubigen Chriſten ſtaͤn⸗ de? Mit einem Worte, dieſe alten Weiber gaben blutwenig um den Prieſter, in ſeinem abgetragenen, ſchwarzen Gewand, mit ſeinen blaſſen Wangen, tiefliegenden, ernſten, aber milden Augen, und duͤrren weißen Haͤnden; ſondern hielten ſich an den Pater Graciano aus dem benachbarten reichen Kloſter von San Miguel de los Reyes. Einen ſolchen ſtattlichen Herrn konnte man mit gutem Ge⸗ wiſſen und Ueberzeugung Seine Hochwuͤrden nennen— deſſen volle runde Haͤnde zu kuͤſ⸗ ſen, verlohnte ſich der Muͤhe, und brauchte man nicht zu fuͤrchten, ſich an ſeinen Kno⸗ chen zu reißen wie bei dem armen duͤrren Suͤnder, dem Cura. Und vor dem Altare, auf der Kanzel— da zeige es ſich, welcher von beiden ein wuͤrdiges Glied unſrer heili⸗ gen Mutter der Kirche ſei— man brauche nur zu ſehen, wie der fromme Pater in ſei⸗ nem chriſtlichen Eifer die großen Augen ver⸗ drehe, die friſchen, rothen Backen aufblaſe, wie er ſtoͤhne, ſeufze und knirſche— wie er mit kraͤftigen Faͤuſten bald auf die Kanzel, bald auf die breite Bruſt ſchlage, daß es Skizzen aus Spanien. weit hinſchalle, wie er bald gegen die Un⸗ glaͤubigen, gegen die Veraͤchter und Mißguͤn⸗ ſtigen der heiligen Kirche und ihrer Diener donnern koͤnne, daß auch der Froͤmmſte in der Gemeinde ſich in Spalten und Winkel verkriechen moͤchte, bald ſo ergoͤtzliche und liebliche Geſchichten von den lieben Heiligen erzaͤhle und von den Wundern, die ſie noch heut zu Tage durch ihre allerheiligſten Re⸗ liquien thun— und was die Gelehrſamkeit betreffe; ſo habe noch keines Menſchen Ohr einen lateiniſchen Brocken aus dem Munde des Cura gehoͤrt, außer die Paar Worte die in jedem Miſſal ſtehen, und manche gute Gevatterinn ſo gut auswendig wiſſe als er — dagegen brauche man nur bei der erſten beſten Predigt von Pater Graciano zu ſein, um lateiniſche Spruͤche und Verſe von der Kanzel herunter wehen zu hoͤren, wie Waſſer aus dem Brunnen und Laub von den Baͤu⸗ men— und was fuͤr ein Latein! Die groͤß⸗ ten Weiſen aus Valencia, Canonici und Pro⸗ feſſoren haͤtten es nicht verſtanden, bis der Pater es ihnen ausgelegt und gedeutet. Kein Wunder, daß in der Seo und in allen großen 6* 84 Skizzen aus Spanien. Kirchen in Valencia und im ganzen Reiche man ſich um den Pater Graciano reiße, um ihn in den Faſten predigen zu hoͤren, und daß die vornehmſten Damen aus Valencia hinausfahren nach San Miguel de los Reyes, um bei ihm zu beichten. Und außerdem fehle dem Haar des Cura wenig, um brandroth zu ſein, und das ſei ſchon genug geſagt— oder habe nicht Judas auch rothes Haar ge⸗ habt und Luther der Erzketzer auch— we⸗ nigſtens ſagt's der Pater Graciano und der muͤſſe es wiſſen— habe er doch ſelber einen Teufel gebannt, der die huͤbſche Carmen Ros zwei Jahre lang beſeſſen, und habe ihn nicht eher entlaſſen, bis er ihm gebeichtet und er⸗ zaͤhlt, was er nur wiſſen wollen. So pfleg⸗ ten die guten Leute, die in Valencia, grade ſo wie anderer Orten, oft boshaft genug ſind, wenn ſie nichts Beſſeres zu thun haben, in ihren Reden von der Wittwe auf den Cura und von dem Cura auf den Pater, und von da wieder zuruͤck auf die Wittwe zu kommen, der am Ende die Freundſchaft des Cura zu nichts half, als daß, nachdem die Rechtglaͤubigkeit ihres Goͤnners in Zweifel Skizzen aus Spanien. 85 gezogen worden, man ihr ſolche Sprichwoͤrter applicirte, wie z. B.: jedes Schaf mit ſei⸗ nes Gleichen— und: ſage mir, mit wem du umgehſt, ſo will ich dir ſagen, was du biſt u. ſ. w.— Fragte Jemand aber weiter nach, was fuͤr eine Bewandtniß es eigentlich mit dieſer Frau habe, ſo erfuhr man hoͤchſtens: wer oder was ihr Mann geweſen— oder ob ſie uͤberhaupt einen gehabt, wiſſe eigentlich Niemand. Einige behaupteten, er ſei Offizier geweſen, und in der Zeit des Unabhaͤngig⸗ keitskrieges abhanden gekommen— Andere ſetzten hinzu, er ſei ein Afranceſado geweſen und in Frankreich geſtorben. Andere endlich ſprachen von einem aͤltern Sohn, den ſie gehabt, der aber vor langen Jahren einer Kleinigkeit wegen davon gegangen ſei.— Uebrigens urtheilte keinesweges die ganze Nachbarſchaft ſo unguͤnſtig uͤber Dona Ana, und wurden ſolcherlei Reden eigentlich blos von einem ge⸗ wiſſen Kreiſe von alten Gevatterinnen gefuͤhrt, die eine Art von theokratiſcher Ariſtokratie in dem Dorfe bildeten, wozu jedoch eben vermoͤge dieſes gemiſchten Charakters keinesweges blos reichere, angeſehenere Nachbarinnen gehoͤrten, 86 Skizzen aus Spanien. ſondern deren thaͤtigſte und gefaͤhrlichſte Mit⸗ glieder einige arme alte Betſchweſtern(bea- tas) waren, die von den Brofamen der Wohl⸗ habendern lebten, und ihnen dafuͤr die Klat⸗ ſchereien des Dorfes zuzutragen pflegten, nach ihrer Weiſe zugerichtet. Das junge Volk da⸗ gegen hielt die Wittwe fuͤr eine gute, wun⸗ derliche Frau, die freilich ſo ſtreng und ſtatt⸗ lich ausſehen koͤnne, wie die hochwuͤrdige Frau Priorin von Santa Ines in Puzol, die aber doch keiner Menſchenſeele Etwas in den Weg lege, ſondern im Gegentheil Jedermann nur Gutes thue und wuͤnſche. Beſonders aber ſeit Dona Ana's Sohn Florencio bei ihr war, und die verſtohlenen Blicke der jungen Maͤdchen auf ſich zog, und ſeit ihre Tochter Mercedes, zur Jungfrau herangewachſen, die Herzen und Gedanken der jungen Leute be⸗ ſchaͤftigte, vereinigten dieſe doppelten Anzie⸗ hungskraͤfte die Verehrung der juͤngeren Ge⸗ neration ſehr bald zu Gunſten der Mutter und die Knixe der jungen Maͤdchen und die feinen Gruͤße der jungen Leute mochten ſie füͤr die ſcheelen Geſichter der alten Weiber entſchaͤdigen. Skizzen aus Spanien. 87 Dieſe Dona Ana oder Tia Ana, wenn der Leſer gegen ſolche Courtoiſie etwas ein⸗ zuwenden haben ſollte, ſtand nun an einem ſchoͤnen Herbſtabend des Jahres 18. an der Thuͤre ihrer Huͤtte gelehnt, der Kuͤhle des Abends genießend, und des lieblichen Spieles der untergehenden Sonne in dem roͤthlichen Weinlaube ſich freuend— zwei⸗ felsohne auch dem Treiben ihrer Kinder mit Wohlgefallen zuſchauend. So ſtreng, faſt hart, war aber der gewoͤhnliche Ausdruck ih⸗ res blaſſen, und durch die ganz ſchwarze Kleidung noch blaͤſſer erſcheinenden Geſichtes, ihres ſcharfgeſchnittenen Mundes, ihrer hohen, fuͤr ein Weib viel zu faltenreichen Stirn, ih⸗ res wie durch viele Thraͤnen verduͤſterten Blickes, daß auch dieſe wohlthaͤtigen Empfin⸗ dungen bei ihr nur den Ausdruck mildern, wehmuͤthigen Ernſtes hervorbrachten. Ihrer hohen Geſtalt nach, und der Anmuth und Sicherheit, womit ſie, den Rocken an die kraͤftige Huͤfte ſtuͤtzend, die Spindel von ſich ſchwang und wieder aufzog, haͤtte man ſchwer⸗ lich ihr Alter errathen, wenn nicht das vor⸗ herrſchende Grau in der Fuͤlle ihrer urſpruͤng⸗ 188 Skizzen aus Spanien. d lich ſchwarzen, nachlaͤſſig geſchlungenen Haar⸗ flechten, in ihr die alternde Matrone verra⸗ then haͤtten.— Wenige Schritte von ihr ſaß im Schat⸗ ten der Weinlaube auf einem Schemel ein junger Menſch, von kaum achtzehn Jahren, in der groben ſchwarzen Tracht, wie ſie bei den armen Studenten in Spanien gebraͤuch⸗ lich iſt— der Mantel lag neben ihm auf dem Raſen. Er war ſo eifrig mit einem großen Folianten beſchaͤftigt, der auf ſeinen Knieen lag, daß er gar nicht auf das zu ach⸗ ten ſchien, was um ihn her vorgehen mochte, und ohne eine raſche, faſt ungeduldige Be⸗ wegung, womit er zuweilen ſich die langen, blonden Locken aus der Stirn ſtrich, wenn ein leiſes Luͤftchen ſie hin und her bewegte, haͤtte man ihn fuͤr eins jener lieblichen Bil⸗ der halten ſollen, wie niederlaͤndiſche Meiſter in ihren beſten Stunden ſie ſchufen— ſo hell und doch milde hob ſich das blonde Haar, die jugendlich ſinnige Stirne, von einem roͤthlichen Sonnenſtrahl beleuchtet, der durch das Laub drang, aus dem dunkeln Gewande, dem Zwielichte des Laubesſchatten hervor. 7 Skizzen aus Spanien. 89 Aus dem nahen Gebuͤſch erſchallte von Zeit zu Zeit munter trillernder Geſang einer weib⸗ lichen Stimme, der jedoch ploͤtzlich durch den eiligen Ausruf unterbrochen wurde:„Flo⸗ rencio! Florencio! komm ſchnell und hilf mir, der Celador hat eben an der großen Schleuſe das Zeichen gegeben, und gleich wird das Waſſer hier ſein.«— Ungeduldig ſchuͤttelte der junge Menſch mit dem Kopf und brummte:»Kann einem das Maͤdchen denn keinen Augenblick Ruhe laſſen! Warum hilft ihr der Pep nicht?— was verſteh' ich von ihren Waſſerkuͤnſten!«—„»Lernſt du ſo feine Sitte aus deinen Buͤchern, Florencio?« — ſagte hierauf die Mutter in ſtrengerem Ton, als ſie vielleicht ſelbſt wollte, ſo ſehr war er zur Gewohnheit geworden—»wenn deine edlen Ritter, von denen du ſo viel zu ſagen weißt, dir nicht lehren, was du Frauen und Maͤdchen ſchuldig biſt, ſo koͤnnteſt du eben ſo gut ein Bauer bleiben.«—»Ich weiß ſchon, Mutter,« erwiederte der Juͤng⸗ ling, halb ungeduldig, halb bittend,»aber es war eben auch gar zu ſchoͤn.«—»Flo⸗ rencio, das Waſſer iſt da!« rief dieſelbe 99 Skizzen aus Spanien. Stimme wieder, und nun ſaͤumte er nicht laͤnger, ergriff eine Hacke und eilte ſeiner Schweſter beizuſtehen, welche ungeduldig an einer Schleuſe rüͤttelte, womit der Bewaͤſſe⸗ rungsgraben verſchloſſen war, der dem klei⸗ nen Grundſtuͤcke der Wittwe aus einem der hunderte von Canaͤlen, welche netzfoͤrmig die Huerta durchziehen, das befruchtende Waſſer des Guadalaviar zufuͤhrte. Schon rauſchte das Waſſer in den Graͤben der zunaͤchſt und hoͤher hinauf liegenden Grundſtuͤcke, ſchon ſtromte es auf die Schleuſe los und als es ſie verſchloſſen fand, an ihr vorbei und dem naͤchſten Grundſtuͤcke zu; und noch waren alle Anſtrengungen des Maͤdchens, die Schleuſe heraufzuziehen, vergeblich geweſen. Erhitzt und unwillig ſchalt ſie dem Bruder entgegen: »Da ſitzt er wieder uͤber ſeinen ewigen Buͤ⸗ chern, und laͤßt mich hier mich abquaͤlen, und nun bekommen alle Nachbarn ihr Waſ⸗ ſer vor uns!—„»Wahrhaftig, Schweſter,« erwiederte er lachend, indem er Anſtalt mach⸗ te ihr beizuſtehen,»das heißt ſich in wenig Waſſer erſaͤufen und viel Laͤrm um Nichts machen! Was liegt denn am Ende daran, b Skizzen aus Spanien. 91 daß die Anderen vor uns kriegen, wenn nur fuͤr uns auch was uͤbrig bleibt!!—»Da ſpricht er wieder wie ein rechter Kuͤſter!— was daran liegt? Sollen wir nehmen, was die Anderen uͤbrig laſſen?— Da lieſt er den ganzen Tag in ſeinen ſchoͤnen Ritterbuͤ⸗ chern und fuͤhrt zuweilen Reden, als wenn er kaum den Augenblick erwarten koͤnnte, um ſeine Lanze in Algier zu brechen— aber am Ende iſt's mit dir wie mit den Huͤhnern der Margarita, die viel gackern und nichts le⸗ gen.«»Du biſt ſo hochmuͤthig, als waͤrſt du die Frau des Bernardo del Carpio, Schweſter, und wenn kein Grande oder we⸗ nigſtens ein Titel von Caſtilien um dich freit, ſo wirſt du eine alte Jungfer,« antwortete Florencio ziemlich empfindlich, und indem er mit einer letzten Anſtrengung die Schleuſe emporzog, ritzte ihn ein Nagel oder Splitter in den Arm, daß das Blut reichlich hervor⸗ ſtroͤmte. Sobald ſeine Schweſter das bemerk⸗ te, legte ſich augenblicklich ihr Zorn und mit der zaͤrtlichſten, faſt muͤtterlichen Sorge, ſtreif⸗ te ſie ihm den Aermel auf, um die Wunde zu unterſuchen und mit ein Paar blutſtillen⸗ 92 Skizzen aus Spanien. den Blaͤttern zu verbinden.— Er glaubte indeſſen, wahrſcheinlich da ſein Ehrgeiz durch die Vorwüͤrfe ſeiner Schweſter gereizt war, ſich durch einigen Stoicismus in einem eh⸗ renvolleren Lichte vor ihr zeigen zu muͤſſen, ſtreifte den Aermel raſch uͤber und indem er verſicherte, es habe nichts zu bedeuten, fing er an mit der Hacke die Hinderniſſe wegzu⸗ raͤumen, die das Einſtroͤmen des Waſſers durch die geoͤffnete Schleuſe und deſſen wei⸗ tere Vertheilung noch hinderten. Mercedes ſah ihn einen Augenblick zweifelhaft an, end⸗ lich aber rief ſie:»Nun es wird auch nichts ſein,— aber Gott verzeih mir's, das Blut auf deinem weißen Arm ſieht ſo ſchoͤn aus, wie Korallen und Elfenbein.— Denn es iſt wahr, du haſt Arme wie eine Graͤfin.« Damit begann ſie ihm in ſeiner Arbeit zu helfen, und beide, dem Laufe des Waſſers raſch vorſchreitend und alle zufaͤlligen oder ab⸗ ſichtlichen Hemmungen aus dem Wege raͤu⸗ mend, eroͤffneten ihm den Zugang zu je⸗ dem Beete. Gierig ſog die durſtige Erde die befruchtende Feuchtigkeit ein, und die von der Tageshitze ermatteten Pflanzen erhoben Skizzen aus Spanien. 9³ erquickt ihre Zweige und Blaͤtter, und ließen gleichſam zum Dank ihre Bluͤthen mit ver⸗ doppelter Lieblichkeit duften, waͤhrend auch ihre Gaͤſte, die Voͤgel, durch ihr munteres Zwitſchern ihren Beifall und ihre Freude be⸗ zeigten. Die freundlichen, wohlthuenden Ein⸗ druͤcke des Augenblicks hatten bald die letzte Spur des kleinen Streites verſcheucht, den bei dieſer Gelegenheit, wie auch ſonſt oft ge⸗ nug, Verſchiedenheit der Charaktere des gut⸗ muͤthigen, weichen, aber tieffuͤhlenden, em⸗ pfindlichen, ehrgeizigen Juͤnglings, und der etwas ſchroffen, launiſchen und herriſchen aͤl⸗ teren Schweſter herbeigefuͤhrt hatte. Beide gingen nach vollendeter Arbeit langſam, Arm in Arm, nach der Huͤtte zuruͤck. Hier fan⸗ den ſie die Mutter in traulichem Geſpraͤch mit dem guten Cura, der von dem Maͤdchen mit einiger Zuruͤckhaltung, von Florencio mit herzlicher Ehrfurcht begruͤßt wurde. Nach ei⸗ nigem gleichguͤltigern Geſpraͤch ſprach der Cu⸗ ra, indem er das Buch ergriff, worin Flo⸗ rencio eben geleſen hatte:»Schoͤn und gut, mein Sohn, daß du Gefallen haſt an den al— ten Geſchichten, aber fuͤr einen kuͤnftigen 94 Skizzen aus Spanien. Diener des Herrn, einen Mann des Friedens, faͤnden ſich wohl erbaulichere und paſſendere Dinge zu leſen, als die Kaͤmpfe unſrer Hel⸗ den, unſres Pelayo, Fernan Gonzalez, Ber⸗ nardo und des Cid.⸗—»Ei, warum ſoll denn Florenzuelo durchaus ein Geiſtlicher wer⸗ den, Senor Cura,« rief hier Mercedes da⸗ zwiſchen,»und braͤchte er's bis zum Biſchof, ſo iſt mir ein ſchmucker Ritter doch lieber, und ſonſt Jemanden auch— was meinſt du, Florencio?k«k— Der Cura ſchuͤttelte verwei⸗ ſend den Kopf, und Florencio ſtand in ſicht⸗ barer Verlegenheit, tief erroͤthend die blauen Augen niederſchlagend; das Maͤdcheén aber fuhr in ihrem leichtſinnigen Tone fort: »Seht einmal, ob er nicht roth wird wie ein Maͤdchen— nur zu, Florencio— beſſer Schamroͤthe im Geſicht, als geheimen Schmerz im Herzen! Ich weiß was ich weiß.«— »Schweſter!« rief der junge Menſch, ſie mit einem ſo unerwartet zornigen, drohenden Blick anſchauend, daß ſie, dadurch geſchreckt, froh war, als die Ruͤckkehr der Mutter ohne⸗ hin einem Geſpraͤch ein Ende machte, wel⸗ ches ſie in deren Gegenwart nie begonnen Skizzen aus Spanien. 95 haͤtte. Florencio benutzte ebenfalls begierig die Gelegenheit, einer weitern Frage des Geiſt⸗ lichen zuvorzukommen, und ſagte:»Ei nun in dem Buche leſe ich von Biſchoͤfen, die zu⸗ gleich ritterlich genug dreinſchlagen konnten, wie der fromme Biſchof Don Jeronimo, der dem Cid Valencia erobern half. Wo koͤnnt' ich aber etwas Erbaulicheres finden, als was ich eben vorhin las, als Merredes mich ſtoͤr⸗ te— die Erzaͤhlung von dem ſchoͤnen und frommen Tode des Cid Ruy Diaz.«“»Nun ſo laß mal hoͤren, damit ich auch einmal et⸗ was Erbauliches vernehme, was mich nicht zum Gaͤhnen bringt,« ſagte das Maͤdchen. »Du?— wie ſollteſt du es auch nur eine Viertelſtunde aushalten, etwas Vernuͤnftiges mit anzuhoͤren,« erwiederte Florencio, indem er zugleich fragend ſeine Mutter anſah.»Ei wenn es mir nicht gefaͤllt, kann ich ſchlafen oder weggehen— mach nur zu, Meiſter Mer⸗ lin,« rief die Dirne wieder, und da zugleich die Mutter bejahend nickte und der Cura ſprach: »Nun ſo laß hoͤren, mein Sohn,« ſo fing der Juͤngling, nach einigem verlegenen Raͤuspern und Hin⸗ und Herblaͤttern, an undlas Folgendes: 96 Skizzen aus Spanien. »Fuͤnf Jahre war der Cid Herr von Valencia, und in dieſen fuͤnf Jahren gedachte er an Nichts anderes, denn wie er dem Herrn diene, und in Frieden lebe mit allen ſeinen Nachbarn. Und ſo eintraͤchtig und freundſchaftlich lebten die Chriſten mit den Mohren zu der Zeit, daß es ein großes Wunder war. Und als die fuͤnf Jahre her⸗ um waren, da kam nach Valencia Kunde, die ſchnellfliegende, von jenſeits Meer, vom Koͤnig Bucar, dem Sohne des Koͤnigs von Marruecos, daß er es nicht verwinden koͤnne, wie ihn der Cid Ruy Diaz vor Valencia be⸗ ſiegt und bis ins Meer gejagt, und daß er uͤber Meer kommen wolle und ſich raͤchen und Valencia nehmen. Alles deſſen gedenkend, und wie kaum er damals dem Cid entrann, zog er ſelber umher und predigte der ganzen Heidenſchaft, und rief ſie auf zum Streite im Lande Bojia und im Gebirge. Und als der Cid dieſe Kunde vernahm, ergrimmte er ge⸗ waltig in ſeinem Herzen, doch verbarg er es, daß es Niemand merkte. Und als die Kunde zunahm und ſicher ward, und als er ver⸗ nahm, daß der Koͤnig Bucar ſchon auf dem Skizzen aus Spanien. 97 Meere ſei, da ließ er eines Tages vor ſich rufen alle Mohren, die da in Valencia wohn⸗ ten, und als ſie alle vor ihm ſtanden, er aber ſaß auf ſeinem Lehnſeſſel, ſprach er: »Ihr wackern Leute von der Aljama von Va⸗ lencia, ihr wißt wohl, daß, ſeit ich Herr die⸗ ſer Stadt geworden, ihr immer von mir werth gehalten und geſchaͤtzt worden ſeid, und in Ehren in euern Haͤuſern und Erben ge⸗ lebt habt, und Niemand that euch was zu Leide. Nun aber koͤmmt mir gewiſſe Kunde, daß Koͤnig Bucar von Marruecos mit großer Heereskraft uͤber Meer zieht, um mir dieſe Stadt zu nehmen, die ich mir mit vieler Noth und Arbeit gewonnen; und dieweil dem alſo iſt, ſo gebiete ich euch, daß ihr mir die Stadt raͤumet mit euern Weibern und Kin⸗ dern, und daß ihr hinziehet zu wohnen in der Vorſtadt Alcudia mit den andern Moh⸗ ren, bis daß wir geſehen, wo es mit dieſer Sache zwiſchen mir und dem Koͤnig Bucar hinaus will.«— Und nachdem alle Mohren aus der Stadt waren, alſo, daß da keiner mehr blieb, da lag der Cid Ruy Diaz in ſelbiger Nacht im II. 7 98 Skizzen aus Spanien. Bette, und gedachte, wie er es halten wolle bei dieſem Zuge des Koͤnigs von jenſeit Mee⸗ res. Und alsbald entſtund eine große Helle, und ein Duft, ſo ſuͤß, daß es ein Wunder war. Und wie er ſtaunte ob dieſer Helle und dieſes Duftes, da erſchien ihm ein Mann, ſo weiß wie der Schnee, mit weißen Haaren und weißem Barte, und ehe denn der Eid ein Wort reden konnte, ſprach derſelbige zu ihm:»Schlaͤfſt du, Rodrigo, oder was treibſt du?« Und der Cid Campeador antwortete: »Wer biſt du, der du mich fragſt?« Und jener ſprach:»Ich bin San Pedro, der Fuͤrſt der Apoſtel, und komme zu dir mit eiliger Botſchaft, und nicht wegen des Koͤnigs Bu⸗ car, um den du ſorgeſt, ſondern es iſt dieſe: daß du dieſe Welt verlaſſen ſollſt, und in das Leben eingehen, das da ohne Ende iſt. und das wird geſchehen von heute binnen dreißig Tagen: aber ſo große Gnade will Gott der Herr an dir thun, daß deine Ge⸗ ſellen den Koͤnig Bucar ſchlagen, und daß du nach deinem Tode noch in der Schlacht ſiegen ſollſt. Und das wird geſchehen durch Huͤlfe des Apoſtels Santyago, den wird Gott Skizzen aus Spanien. 99 fuͤr euch in dieſen Streit ſenden. Du aber ſollt, vor allem Andern, vor Gott Buße thun fuͤr alle deine Suͤnden, ſo wirſt du ſeelig werden. Und Alles dies gewaͤhrt dir unſer Herr Jeſus Chriſtus, um meinetwil⸗ len, und wegen der Ehre und Andacht, die du mir immerdar erwieſen in meiner Kirche zu San Pedro de Arlanza.« Und als der gute Cid Ruy Dia; Campeador Alles dies vernommen, fuͤhlte er ſehr große Wonne in ſeinem Herzen, und ſtuͤrzte herab von ſeinem Lager, auf daß er die Fuͤße des Apoſtels kuͤſſe. Der Apoſtel aber ſprach:»Gieb dir keine Muͤhe darum, denn du kannſt mich doch nicht beruͤhren; aber deſſen ſei gewiß, daß Alles was ich geſagt, dir gewaͤhrt iſt.«— Nachdem der gute Apoſtel San Pedro alſo geſprochen, entſchwand er gen Himmel; und der Pallaſt blieb voll eines ſo erquicklichen Duftes, daß kein Herz auf Erden es faſſen koͤnnte. Und der Cid war ſo geſtaͤrkt und ſo freudig, und ſo ſicher, daß Alles dies, was der Apoſtel geſagt, erfuͤllet werde, als wenn es ſchon geſchehen waͤre. Und darnach am Morgen in der Fruͤhe 7* 100 Skizzen aus Spanien. gebot der Cid, daß ſich vor ihm verſammel⸗ ten alle ſeine Ritter in dem Alcazar; und als ſie alle beiſammen waren, erhob ſich der Cid unter ihnen, und mit weinenden Augen ſprach er:»Freunde und Verwandte und treue Vaſallen, viele ſind hier unter euch, die ſich erinnern muͤſſen, wie der Koͤnig Don Alfonſo mich aus ſeinem Lande vertrieben zu zweien Malen, und die meiſten von euch, die ihr hier ſtehet, folgten mir freiwillig und hielten zu mir; und Gott that ſo viele Gna⸗ de an uns, daß ich mit ſeiner Huͤlfe zuvor, und mit der euern darnach in manchem Streit geſiegt gegen Mohren und Chriſten, obgleich ſie mir oft das gute Gluͤck wenden wollten, ſo der Herr mir verliehen. Jetzt, gelobt ſei der Name meines Herrn Jeſus Chriſtus, bin ich Herr dieſer Stadt, und keinem Menſchen der Erde bin ich Dienſt oder Pflicht ſchuldig, als nur meinem Herrn, dem Koͤnig Don Alfonſo. Ich ſage euch aber in Wahrheit, daß dies die letzten Tage meines Lebens ſind, dieweil ich nicht mehr denn dreißig Tage zu leben habe. Und deſſen bin ich ſehr gewiß; denn ſchon ſind es wohl ſieben Naͤchte her, Skizzen aus Spanien. 101 daß mich Geſichte verfolgen, und ſahe ich meinen Vater Diego Laynez, und meinen Sohn Diego Ruyz. Und ſo oft ich ſie ſehe, fragen ſie, warum ich ſo lange hier verweile und nicht ihnen folge, zu denen, die da ewig leben? und obgleich ein Chriſt an der⸗ gleichen Geſichte nicht glauben ſoll, ſo bin ich doch auch auf andere Weiſe ſehr ſicher, daß ich binnen dreißig Tagen aus dieſer Welt ſcheiden werde. Und das kann kein Menſch auf Erden abwenden. Nun wißt ihr wohl, daß der Koͤnig Bucar gegen uns koͤmmt; und es heißt, er fuͤhrt mit ſich ſechs und dreißig Koͤnige der Mohren, und dieweil eine ſo große Macht der Mohren koͤmmt, ſo wuͤr⸗ det ihr Valencia nicht vertheidigen koͤnnen; aber mit der Huͤlfe Gottes, und mit dem, was ich euch rathen will, werdet ihr das Feld gewinnen. Und Dona Eimena und ihr Alle mit dem Eurgen werdet euch retten. Und wie ihr das anfangen ſollt, will ich euch noch weiter ſagen, ehe denn ich ſcheide.«— Und nach dieſen Worten erkrankte der Cid Ruy Diaz an der Krankheit, daran er auch ſtarb. Und eines Tages, ehe denn es 10²2 Skizzen aus Spanien. ſchlimmer mit ihm wurde, gebot er zu ſchlie⸗ ßen alle Thore der Stadt, und ging in die Kirche San Pedro. Und vor dem Biſchof Don Geronimo und allen Praͤlaten, die da. in Valencia waren, und allen Rittern und ehrbaren Damen, und vor allem andern Volk, ſo viele nur die Kirche faſſen konnte, ſtand der Eid und ſprach ſeine Predigt gar edel und weiſe, und hielt ihnen vor, wie alle Menſchen auf dieſer Erde, waͤrven ſie auch noch ſo geehrt, maͤchtig und gluͤcklich, doch dem Tode nicht entgehen koͤnnen, der nun auch ihm ſelber ſehr nahe bevorſtehe. Und dieweil dem ſo ſei, ſo muͤſſe ſein Leib nie⸗ mals verunehrt und beſchimpft werden in dieſem Leben, und ſie alle ſollten abwenden und hindern, daß es auch in Zukunft nicht geſchehe; denn das Gluͤck des Menſchen liegt in ſeinem Ende. Wie ihr mir dies aber er⸗ fuͤllen ſollt, das laſſe ich in den Haͤnden des Biſchofs Don Geronimo und Alvar Fanez und Pero Bermudez.« Und nachdem er Alles dies geredet, ſetzte er ſich zu den Fuͤßen des gu⸗ ten Biſchofs Don Geronimo; und dort vor allem Volke legte er Beichte ab von all den Skizzen aus Spanien. 103 Suͤnden, die er begangen gegen das Gebot unſers Herrn Jeſus Chriſtus. Und der Bi⸗ ſchof legte ihm ſeine Buße und loͤſte ihn. Alsbald nahm er Abſchied von allen andern Leuten; und mit weinenden Augen kehrte er zuruͤck nach dem Alcazar und legte ſich auf ſein Lager, davon er nicht wieder aufſtund, ſondern wurde alle Tage ſchwaͤcher und ſchwaͤ⸗ cher. Und als nur noch ſieben Tage ſeiner Friſt uͤbrig waren, ließ er zu ſich rufen ſein Weib Dona Ximena und ſeinen Vertrauten Gil Diaz, und gebot ihm zu bringen die ſilberne Buͤchſe, darin der Balſam war und die Myrrhe, ſo ihm der große Sultan von Perſien geſendet. Und als man ihm die gebracht, gebot er, daß man ihm einen goldnen Becher bringe, daraus er trinke. Und er nahm von dieſem Balſam und dieſer Myrrhe einen Loͤffel voll, und miſchte das mit Roſenwaſſer in dem goldnen Becher und trank es. Und alle dieſe ſieben Tage aß er nichts Andres und trank nichts Andres als einen kleinen Loͤffel voll von jenem Balſam und jener Myrrhe ver⸗ miſcht mit Waſſer. Und von Tage zu Tage, ſo wie er das that, wurde ſein Antlitz ſchoͤner 104 Skizzen aus Spanien. und ſein Leib friſcher denn vorher, und ſeine Stimme heller; dennoch aber wurde er von Tage zu Tage ſchwaͤcher. Und am zweiten Tage vor dem dreißigſten, ließ er rufen Doa Ximena, den Biſchof Don Geronimo, Alvar Fanez Minaya, Pero Bermudez und Gil Diaz. Und als alle fuͤnf vor ihm ſtunden, begann er ſie zu vermahnen, wie ſie ſich hal⸗ ten ſollten nach ſeinem Tode, und ſprach: „»Ihr wißt, daß der Koͤnig Bucar von jen⸗ ſeit Meeres hier ſein wird binnen wenig Ta⸗ gen, und wird dieſe Stadt einſchließen mit großer Heereskraft der Mohren, die er mit ſich fuͤhrt. Und das erſte, was ihr thun ſollt, nachdem ich geſtorben bin, iſt, daß ihr meinen Leib recht rein waſchet von Außen zu mehren Malen, denn, gelobt ſei der Name Gottes, von Innen hab ich ihn ſchon ſehr rein gehalten, auf daß ich empfangen moͤge ſeinen heiligen Leib, morgen, an meinem letz⸗ ten Tage. Und wenn ihr meinen Leichnahm ordentlich gewaſchen und rein abgetrocknet habt, ſo ſollt ihr ihn ſalben mit dieſer Salbe und die⸗ ſer Myrrhe; und ſollt ſalben ſowohl den Kopf als die Fuͤße, alſo, daß kein Fleck bleibe am Skizzen aus Spanien. 105 ganzen Leibe, der nicht damit geſalbt ſei. Und ihr Schweſter, Dona Ximena, und ihr alle meine Geſellen, huͤtet euch, daß keiner ein Geſchrei nach Klage erhebe, nachdem ich geſtorben, da⸗ mit die Mohren nicht erfahren meinen Tod, und ſich nicht deſſen freien. Und wenn der Tag kommen wird, daß der Koͤnig Bucar ſich lagert vor Valencia, ſo ſollt ihr alles Volk auf die Mauern ſteigen laſſen, und ſollen mit Trometen und Pfeifen blaſen und Freude zeigen, ſo viel ſie irgend koͤnnen. Und an dem Tage, da ihr abziehen wollt nach Ca— ſtilien, ſollt ihr es wiſſen laſſen allem Volke, insgeheim, damit keiner von den Mohren es erfahre in der Alcudia. Und ſollt die Saum⸗ thiere beladen laſſen mit allem Gut und aller Habe, die ihr findet in Valencia, alſo, daß nichts Gutes dahinten bleibe. Und das ge⸗ biete ich dir, Gil Diaz, noch mehr als den Andern. Und nachdem ihr das gethan, ſollt ihr ſatteln laſſen mein gutes Roß Bavieca, und es wappnen, und darnach ſollt ihr mei⸗ nen Leib wohl zurichten und wappnen und ihn auf den Sattel binden, alſo, daß er nicht herabfalle; und ſollt mir mein Schwert 106 Skizzen aus Spanien. Tizona in die Hand geben. Und auf der ei⸗ nen Seite neben mir ſoll immer bleiben der Biſchof Don Geronimo und auf der andern Seite Gil Diaz und ſollen mein Roß fuͤhren. Und ihr, Pero Bermudez, ſollt mein Banner fuͤhren, wie ihr bisher gethan. Und ihr, Alvar Fanez Minaya, ſollt die Schlachthau⸗ fen ordnen, und ſollt ſtreiten mit dem Koͤnig Bucar; denn ſeid gewiß und zweifelt nicht, daß Gott mir gewaͤhrt hat in dieſem Streite zu ſiegen nach meinem Tode, und ihr wer⸗ det das Feld gewinnen nach euerm Wunſche und großes Gut finden.“— Und am andern Tage in aller Fruͤhe traten vor den Eid Ruy Diaz der Biſchof Don Geronimo, Alvar Fanez Minaya, Mar⸗ tin Antolinez von Burgos und Dona Ximena, die ihn nie verließ; und der Cid Campeador begann ſeinen letzten Willen zu verordnen; und das erſte was er verordnete, war, daß ſein Begraͤbniß ſein ſolle in San Pedro von Cardena, wo er jetzt liegt; und vermachte dem Kloſter viele gute Erbe, dadurch heut zu Tage um ſo mehr geehrt und bedient iſt der Ort, da ſein Leib ruhet.— Ferner vermachte Skizzen aus Spanien. 107 er ſeinem Geſinde und allen Dienern ſeines Hauſes, Jedem nach ſeinem Verdienſte; und ferner vermachte er allen den Rittern, die ihm dienten, ſeit er aus Caſtilien vertrieben wor⸗ den, jedem insbeſondere großes Gut. Und ferner vermachte er allen andern Rittern, die ihm nicht ſo lange Zeit dienten, tauſend Maravedis einem jedem, und einigen zwei⸗ tauſend und dreitauſend. Und ferner vermach⸗ te er den adlichen Schildknappen, die ihm ſeit langer Zeit gedient, jedem fuͤnfhundert Ma⸗ ravedis. Und er verordnete, wenn ſie ankaͤ⸗ men in San Pedro von Cardena, ſo ſollten ſie Kleider und Speiſe geben an viertauſend Arme. Und vermachte an Dona Ximena Al⸗ les, was er ſonſt auf Erden beſaß, auf daß ſie in Ehren leben moͤchte in dem Kloſter von San Pedro de Cardena; und daß Gil Diaz ihr diente alle Tage ſeines Lebens. Und damit Alles dieſes erfuͤllt werde, er⸗ nannte er zu Vollſtreckern den Biſchof Don Geronimo, ſein Weib Dona Ximena Gomez, Don Alvar Fanez Minaya und Pero Ber⸗ mudez. Dies geſchah ſchon zur ſechsten Stunde; und der gute Eid Campeador bat 108 Skizzen aus Spanien. den Biſchof Don Geronimo, daß er ihm reiche den Leib unſeres Herrn und Heiland Jeſus Chriſtus; und empfing ihn knieend mit großer Andacht und mit weinenden Au⸗ gen. Und alsbald darauf legte er ſich wie⸗ derum auf ſein Lager, und rief zu Gott und San Pedro und ſprach:»Mein Herr, Jeſus Chriſtus, deſſen iſt die Macht und deſſen ſind die Reiche, du biſt uͤber alle Reiche und uͤber alle Voͤlker, und alle Dinge ſtehen un⸗ ter deinem Gebote, und alſo bitte ich dich um deine Gnade, daß meine Seele finden moͤge das Ende ohne Ende.« Und als der Cid dies geſprochen, gab der edle Held ſeine reine Seele dem Herrn. Und das geſchah im Jahre der Aera Tauſend Einhundert und Zwei und Dreißig am funfzehnten Tage des Maymonats. Als ſie aber ſahen, daß er todt war, nahmen ſie ſeinen Leib und wuſchen ihn und ſalbten ihn, wie er es geboten; und darnach kamen alle ehrbaren Maͤnner und alle geiſtlichen Herrn, die da in Valencia waren, und trugen den Leichnahm nach der Kirche Unſer lieben Frauen zur Tugend, nahe beim Alcazar. Und der Biſchof und Skizzen aus Spanien. 109 die andern Geiſtlichen ſangen ihre Gebete und ihre Vigilien und ihre Meſſen, ſo wie es Sitte iſt zu thun fuͤr die Todten.— Und am dritten Tage, nachdem der Cid aus dieſem Leben geſchieden, landete der Koͤnig Bucar im Hafen von Valencia, und fuͤhrte mit ſich eine große Macht der Moh— ren, daß es ein Wunder war; denn mit ihm zogen ſechs und dreißig Koͤnige der Mohren, und eine ſchwarze Mohrin, die fuͤhrte zwei⸗ hundert Mohrinnen, ſo ſchwarz wie ſie ſelber, und waren nackt, und trugen Buͤſchel rother Wolle in den Haaren und fuͤhrten Pfeile und tuͤrkiſche Bogen. Und dieſe zogen ins Feld um eines Geluͤbdes willen, und auf einer Pilger⸗ fahrt. Und der Koͤnig Bucar gebot die Zelte auf⸗ zuſchlagen rings um Valencia, und waren wohl funfzehntauſend Zelte; und gebot jener ſchwar⸗ zen Mohrin, daß ſie recht nahe an der Stadt laͤge mit allen ihren Gefaͤhrtinnen. Und drei Tage beſtuͤrmten die Mohren die Stadt und litten großen Schaden; und ſo oft ſie heran⸗ zogen, ſtiegen die Chriſten auf die Mauer und thaten mit Trometen und Pfeifen, wie der Cid geboten hatte. Als aber der Koͤnig 110 Skizzen aus Spanien. Bucar und ſeine Mohren das ſahen, meinten ſie, der Cid wage nicht gegen ſie auszuzie⸗ hen; und waren froh und trotzig und woll⸗ ten anfangen Wurfzeug und Thuͤrme zu bauen. Aber am neunten Tage, nachdem der Koͤnig Bucar ſich vor Valencia gelagert, hatten die Geſellen des Cid Ruy Diaz ſchon Alles zuge⸗ richtet, wie er es geboten. Und der Leib des Cid war von dem Balſam ſo friſch und feſt geblieben, und das Fleiſch ſo ſchoͤn und roth, und ſein Antlitz ſo lebendig, und die Augen gleich offen, und der Bart wohl geordnet, daß kein Menſch auf Erden, der es nicht vorher gewußt, anders meinen konnte, als er ſei lebendig. Und in der Nacht des zwoͤlften Tages war Alles bereit, und alle Saumthiere beladen mit aller Habe und allem Gute, das ſie finden konnten, alſo, daß alle Haͤuſer leer waren. Und ſie nahmen den Leib des CEid Campeador, und legten ihm an ein ſteifes Gewand grau und weiß gleich einer eiſernen Ruͤſtung, alſo, daß kein Menſch es fuͤr etwas Andres halten konnte, er haͤtte denn ſeine Hand darauf gelegt; und einen Helm von Skizzen aus Spanien. 111 Pergament ebenſo; und ſattelten das Roß Bavieca und wappneten es, und ſetzten den Cid auf den Sattel, der war ſo zugerichtet worden von Gil Diaz mit großer Kunſt und Arbeit, daß er ganz feſt darin ſaß. Und in die Hand banden ſie ihm ſein Schwert Ti⸗ zona, und an die Schulter einen Schild von Pergament, ſo kuͤnſtlich, daß es ein Wunder war, wie grade und feſt er den Schild und das Schwerd hielt.— Und an der einen Seite ritt der Biſchof Don Geronimo und an der andern Gil Diaz und fuͤhrten das Roß beim Zuͤgel. Und als Alles in dieſer Art zugerichtet und bereit war, und die Schlachthaufen geordnet, oͤffneten ſie um Mitternacht das Thor gegen Caſtilien, wel⸗ ches genannt wird das Trabethor. Und vor⸗ an zog Pero Bermudez mit dem Banner des Cid, und vierhundert Ritter mit ihm, denen keine Schnalle fehlte. Und darnach kamen die Saumthiere und der uͤbrige Zeug, und darnach zogen wieder einher vierhundert Rit⸗ ter, alle auserleſen, einer immer beſſer denn der andere, und hinter ihnen folgte Doña kimena mit ihrem Geſinde, und mit ihr 112 Skizzen aus Spanien. ſechshundert Ritter, die ihrer huͤteten. Und zogen aus ſo heimlich und ſo ſtille, als wenn es nicht mehr denn zwanzig waͤren. Und als ſie alle draußen waren, brach ſchon der helle Tag an; und Alvar Faüez hielt ſchon ſeine Haufen geſchaart und ſie brachen in die Moh⸗ ren ein und riefen laut: Santgago und Ca⸗ ſtilien! Und zuerſt brachen ſie in die Zelte der ſchwarzen Mohrin, die da voran ſtunden; und ſo ploͤtzlich war ihr Anlauf, daß ſie mehr denn hundert Mohrinnen erſchlugen, ehe die Mohren ſich waffnen und zu Pferde ſteigen konnten. Jene Mohrin aber war ſo gewandt und ſo geſchickt im Bogenſchießen, daß es ein Wunder war, und darum nannte man ſie auf Arabiſch Nugey Maturja, das will ſagen, der Stern der tuͤrkiſchen Bogen. Und ſie war die erſte zu Pferde und mit ihr hun⸗ dert Mohrinnen, ihre Gefaͤhrtinnen, und thaten den Geſellen des Cid einigen Schaden. Wie aber das Weib von Natur den Tod mehr ſcheuet denn der Mann, ſo zeigten dieſe es auch; und die erſte, welche erſchlagen wur⸗ de, war jene ihre Fuͤhrerin, und die uͤbrigen flohen durch die Zelte daher, und regten die Skizzen aus Spanien⸗ 113 Mohren auf, und ſo groß war der Laͤrm und die Verwirrung, daß nur wenige ihre Waffen ergreifen konnten, ſondern Alles floh dem Meere zu. Und als der Koͤnig Bucar und die ſechs und dreißig Mohrenkoͤnige deß inne wurden, da ſtaunten ſie, und daͤuchte ihnen, es kaͤmen uͤber ſie mehr denn ſechszig⸗ tauſend Ritter, alle weiß wie Schnee, und vor ihnen her, einer groͤßer denn alle anderen, auf einem weißen Roſſe, und truͤge in der linken Hand ein weißes Banner, mit einem rothen Kreuz darin, und in der Rechten ein Schwert, gleichwie von Feuer; und er er⸗ ſchluͤge alſo viele Mohren, daß der Koͤnig Bucar und die Mohrenkoͤnige ſich entſetzten und begannen zu fliehen, und hielten nicht eher an als am Meere. Die Geſellen des Cid aber jagten ihnen nach und erſchlugen ihrer ſo viele, daß es ein Wunder war, und keiner wagte es, ſich zu wenden und ſich zu vertheidigen. Und als ſie zu den Schiffen kamen, war ſo groß ihre Eile hinein zu ſtei⸗ gen, daß wohl zehntauſend im Meere ertran⸗ ken, und von den Koͤnigen kamen mehr denn zwanzig um. Und der Koͤnig Bucar und die II. 8 114 Skizzen aus Spanien. mit ihm entrinnen konnten aus dieſer Schlacht, zogen alsbald die Seegel auf und ſchifften weg und wandten nicht mehr den Kopf zu⸗ ruͤck.— Die Geſellen des Cid aber kehrten um und fielen in das Lager und nahmen aus den Gezelten unermeßlich viel Gold und viel Silber und viele Edelſteine, alſo, daß auch der Aermſte an dieſem Tage reich wur⸗ de.— Und darnach eilten ſie dem Biſchof Don Geronimo und Gil Diaz und Dona Ximena nach, die waren derweile geruhig fortgezogen auf der Straße nach Caſtilien, und alſo kamen ſie in zwoͤlf Tagereiſen nach dem Kloſter San Pedro de Cardeüa.«— Florenzio ſchwieg und nach einer Pauſe ſprach Mercedes mit milderer Stimme:»Nun das laͤßt ſich hoͤren— aber was wird denn nun am Ende aus der edlen Frau Pimena und aus dem ehrlichen Gil Diaz?«—»Das ſollſt du auch erfahren, wenn Mutter und der Herr Cura Nichts dagegen haben,« er⸗ wiederte der Student, hocherfreut uͤber den Eindruck, den ſein Vortrag gemacht, und auf ein ermunterndes Zeichen der beiden Al⸗ ten blaͤtterte er weiter nach und ſuhr dann Skizzen aus Spanien. 115 fort:»Viele Muͤhe gab ſich Gil Diaz, um Alles das zu erfuͤllen, was ihm der Cid Ruy Diaz aufgetragen, im Dienſte Dona Eimena und ihres Geſindes. Und das dauerte wohl vier Jahre, daß ſie alle Tage Opfergebete ſangen, und Meſſen leſen ließen, und Vigi⸗ lien hielten am Grabe des Cid. Und ein an⸗ dres Leben fuͤhrte Dona Ximena nicht, und that viel Gutes den Armen, und gab reiche Almoſen fuͤr die Seele des Cid Ruy Diaz, und ging alle Tage zweimal dorthin, wo ſein Leichnam lag, einmal des Morgens und ein⸗ mal des Abends, und mochte zu keiner Zeit an einem andern Orte ſein, als nur zur Eſ⸗ ſenszeit und des Nachts, da man ſie nicht daſelbſt laſſen wollte. Und Gil Diaz nahm ſich ſo zu Herzen die Pflege des Roſſes Ba⸗ vieca, daß nur wenige Tage vergingen, daß er es nicht ſelber traͤnkte. Und von dem Ta⸗ ge an, da ſie den Leichnam des Cid von dem Ruͤcken des edlen Roſſes herunter genommen, hatte kein Menſch auf Erden es wieder beſtie⸗ gen, ſondern ſie fuͤhrten es an der Halfter zur Traͤnke und wiederum zuruͤck. Und die⸗ ſes gute Roß des Cid Campeador lebte nach 8* 116 Skizzen aus Spanien. dem Tode ſeines Herrn zwei und ein halbes Jahr und ſtarb, nachdem es alt geworden war nicht viel weniger denn vierzig Jahr. Und Gil Diaz ließ es begraben auf dem Pla⸗ tze, rechts vor dem Thore des Kloſters von San Pedro de CardeRa, und pflanzte daſelbſt zwei Ulmen, und dieſelbigen Ulmen ſtehen heut zu Tage noch an derſelben Stelle, rech⸗ ter Hand vor dem Thore des Kloſters, und ſind ſo groß, daß es ein großes Wunder iſt, wie jeder ſehen kann, der dorthin gehen will. Vier Jahre nach dieſer Zeit ſtarb die ed⸗ le Frau, Dona Ximena Gomez, die Wittwe des edlen Helden Cid Campeador. Und der fromme Abt Garcia Tellez ſandte nach den Toͤchtern des Cid, Doſa Elvira, Koͤnigin von Aragon, und Doña Sol, Koͤnigin von Navarra, daß ſie kaͤmen zu dem Begraͤbniß ihrer Mutter. Und ſie kamen mit großem und reichem und edlem Gefolge, und viel Volk mit ihnen, um den Leichnam des Cid noch einmal zu ſehen. Und ſie beſtatteten Dona Ximena zu den Fuͤßen des Seſſels, darauf der Cid ſaß, und ließen viele Meſſen leſen fuͤr ihre Seele und Vigilien halten, 117 Skizzen aus Spanien. nach der Sitte und wie es ſich ziemte fuͤr eine ſo edle Frau, wie Dona Ximena, und kehrten wieder zuruͤck, jeder an ſeinen Ort.— Gil Diaz aber, der Diener des Eid, welcher ihn in Valencia zum Chriſten gemacht hatte, da er vorher ein Mohr war, blieb in dem Kloſter San Pedro de Cardena bis an ſeinen Tod, und dienete und wartete der Graͤber ſeiner Herrn und der Gebete und Opfer fuͤr ihre Seelen. Und lebte alſo viele Jahre, als er aber zu ſterben kam, verlangte er begraben zu werden neben dem guten Roß Bavieca, unter den Ulmen, die er ſelber ge⸗ pflanzt, und alſo geſchah es auch, nach ſei⸗ nem Willen.«— Gegen ihre eigene Erwartung hatte Mer⸗ cedes ihrem Bruder bis zu Ende mit ſtiller Aufmerkſamkeit zugehoͤrt— auch die Mutter aͤußerte ihren Beifall, weniger uͤber die Er⸗ zaͤhlung ſelbſt, als uͤber die Art, wie Floren⸗ cio ſie vorgetragen, und bemerkte ſcherzend zum Cura, ob ihr Florencio nicht nach gra⸗ de einen wackern Kanzelton und Anſtand be⸗ komme? Der gute Geiſtliche aber, der die ganze Zeit wenig Acht auf das hatte, was 118 Skizzen aus Spanien. Florencio vorlas, obgleich er den ſorglichen, mistrauiſchen Blick unverwandt auf ihm ru⸗ hen ließ, ſchuͤttelte bedenklich den Kopf und antwortete:»Gott gebe das Beſte— aber, von der Hand zum Mund verſchuͤttet man⸗ cher das Waſſer, und ſo koͤnnte es uns auch gehen mit dem Jungen. Nun, Gott behuͤt euch Kinder! Auf Wiederſehen, wenn es Got⸗ tes Wille iſt.“— Damit ſetzte er ſeinen Hut auf, nahm ſeinen Stab und ging davon, ohne auf die Einladung der Mutter, und ihre verwunderte Frage nach der Urſache des ploͤtzlichen Aufbruchs zu achten. Doña Ana war indeſſen dergleichen Wunderlichkeit an dem wuͤrdigen Manne gewohnt, und ließ ſich uͤberhaupt nicht leicht aus ihrer etwas feierli⸗ chen, ſtarren Faſſung herausbringen, ſie hat⸗ te daher auch weiter kein Arg aus der Sache, oder aͤußerte doch wenigſtens nichts. Anders verhielt es ſich mit den beiden Geſchwiſtern, die recht gut fuͤhlten, daß die Aeuſſerungen und Anſpielungen, welche Mercedes in ihrem ruͤckſichtloſen Muthwillen hatte fallen laſſen, den geiſtlichen Herrn auf eine Reihe von Ge⸗ danken gefuͤhrt hatten, als deren Schluß ſei⸗ 4 Skizzen aus Spanien. 119 ne Worte ihnen ſehr erklaͤrlich und keineswe⸗ ges beruhigend erſchienen. Da nun uͤberdies Florencio ſelbſt in dem ganzen Vorfall Stoff genug zum Sinnen und Bruͤten erhalten hatte,— da er der Schweſter wegen ihrer Un⸗ vorſichtigkeit zuͤrnte und ſie ſelbſt ſich einer gewiſſen Verlegenheit und Reue nicht erweh⸗ ren konnte, obgleich ihr Blick eher Muthwil⸗ len und Schadenfreude ausdruͤckte, ſo ſaßen ſie beide ſo lange ſtumm dort, bis die Mut⸗ ter, da indeſſen auch der Mond untergegan⸗ gen war, ſie etwas ungeduldig ermahnte, ſich zur Ruhe zu legen. Bald war in der Huͤtte Alles ſtille, aber nach einer Weile oͤffnete ſich die Thuͤre leiſe wieder und der Studioſus Florencio, in ſeinen ſchwarzen Mantel ge⸗ huͤllt, ſchluͤpfte hinaus und nachdem er ſich nicht ohne Gefahr zwiſchen den Stacheln der Aloen an einer ihm bekannten Stelle durch⸗ gedrungen hatte, verſchwand er bald auf dem Wege nach dem Dorfe hin.— So ließ ſich denn freilich nicht laͤugnen, daß der Cura mehr Urſache zur Sorge um ſeinen Zoͤgling hatte, als er ſelber vielleicht ſich traͤumen ließ, und daß es in mehr als 120 Skizzen aus Spanien. einer Hinſicht mit dem Studioſen nicht rich⸗ tig und in der Ordnung ſtand. Was wir nun daruͤber wiſſen, ſo wenig es ſein mag, wollen wir dem geneigten Leſer nicht vorent⸗ halten. Die in Spanien unglaublich große Leichtigkeit, auch fuͤr den Aermſten eine ge⸗ wiſſe, freilich eben ſo verkehrte als beſchraͤnkte, wiſſenſchaftliche Bildung zu erlangen*)— und die eben ſo große Leichtigkeit, an irgend ei⸗ nem der unzaͤhligen Zweige des ſtattlichen, uͤppigen Baums der Kirche nicht nur Nah⸗ rung und Obdach, ſondern auch aͤußeres An⸗ ſehen, waͤr' es auch in einem noch ſo be⸗ ſchraͤnkten Kreiſe, zu finden— hoͤherer Aus⸗ ſichten fuͤr den reicher begabten, Gluͤcklichern oder Ehrgeizigern gar nicht zu gedenken— hatten den Sohn der Wittwe, wie Tau⸗ ſende in ſeiner oder aͤhnlicher Lage, von ſei⸗ *) Wir bedauern ſehr, hier gegen ein allgemein verbreite⸗ tes Vorurtheil anzuſtoßen; aber es iſt Thatſache, daß die Zahl der Anſtalten, Stiftungen aller Art, wodurch auch dem Aermſten nicht nur die Erlernung der erſten Elemente, ſondern auch weitere Fortſchritte zugänglich werden, außerordentlich groß iſt. Wie ſie geleitet, und ob ſie gehörig benutzt werden, iſt freilich eine andre Frage. Skizzen aus Spanien. 121 nen Umgebungen und Verwandten, faſt ohne eigentliche Verabredung, zum geiſtlichen Stan⸗ de beſtimmen laſſen. Dieſer Lebensweg ſchien um ſo paſſender fuͤr ihn, da er von Jugend an bei einem zarten Koͤrper, und lebendigen Geiſte, fuͤr die Beſchaͤftigungen des Land⸗ manns wenig geeignet ſchien, und auch die eigenthuͤmliche Lage der Mutter, die wir oben angedeutet haben, es gleichſam von ſelbſt mit ſich brachte, daß der Junge hoͤher hinaus und es weiter bringen ſollte, als zum bloßen Bauern. So war denn Florenzuelo als Kind aus der Mutter Huͤtte in das große und muſterhaft eingerichtete Waiſenhaus von San Vicente in Valencia gekommen— und zwar durch die Verwendung eben des Geiſtlichen, Don Geronimo, der damals bei der Anſtalt eins der vielen Aemter verſah, die in Spa⸗ nien faſt ausſchließlich von Geiſtlichen beklei⸗ det ſind, und der, wie es hieß, wegen fruͤ⸗ herer Verhaͤltniſſe zu den Aeltern des Kna⸗ ben, ſich ſeiner beſonders annahm. Der Knabe aber bedurfte kaum eines ſolchen Schu⸗ tzes, denn ſein ganzes Weſen gewann ihm von ſelbſt die Zuneigung Aller, die, wenn 122 Skizzen aus Spanien. auch nur voruͤbergehend, ihn ſahen; und wenn der blondgelockte Knabe in der braunen, moͤnchartigen Waiſenhaustracht mit der ble⸗ chernen Buͤchſe in der Kathedrale herumlief, um fuͤr die Anſtalt zu ſammeln(captar), und mit ſeiner Engelsſtimme, und ſchelmiſch bit⸗ tenden blauen Augen ſein:»un dines per San Vicent!« vorbrachte, ſo war da Keiner, der ihm widerſtanden haͤtte; und wenn etwa Jemand zoͤgerte, ſeinen Beitrag zu ſpenden, ſo geſchah es wahrſcheinlich blos, um ſeine Luſt an der endlich bis zum komiſchſten Zorn und tragiſchen Flehen geſteigerten, gebieteri⸗ ſchen Ungeduld des Jungen zu haben, die ihm eben ſo lieblich anſtand, wie ſeine Froͤh⸗ lichkeit. Mit einem Wort, Florenzuelo war bald in der ganzen Stadt bekannt, und wur⸗ de, wie ſich denken laͤßt, von Jung und Alt, von Maͤnnern und Weibern und beſonders Maͤdchen nach beſten Kraͤften und bei jeder Gelegenheit verzogen. Und die Folgen blieben nicht aus. Seine angeborne Gutmuͤthigkeit, der freilich eben bei dieſem allgemeinen Wohl⸗ wollen, welches ihn umgab, grade keine ſchwe⸗ ren Opfer zugemuthet wurden, bewahrte ihn Skizzen aus Spanien. 123 zwar vor groͤbern Vergehen, aber dennoch entwickelten ſich gefaͤhrlichere Elemente ſei⸗ nes Charakters, leidenſchaftliche Weichheit, Sinnlichkeit und Eitelkeit, um ſo ſchneller, je weniger ſie durch heftige Ausbruͤche ihr Daſein beurkundeten und Aufmerkſamkeit oder Beſchraͤnkung und Tadel erregten. Die im⸗ mer wiederholten gutgemeinten Aeußerungen alter und junger Goͤnnerinnen, die mit all den wunderlichen Verflechtungen von Begrif⸗ fen und Gefuͤhlen, die im katholiſchen Suͤden ſich in weiblichen Koͤpfen, Herzen und Sin— nen zu bilden pflegen, in ihrem jungen Guͤnſt⸗ ling ſchon im voraus den kuͤnftigen Beicht⸗ vater, Prediger und Seelſorger, wohl gar in Geſtalt eines Biſchofs ſahen und verehrten, mußten der Eitelkeit des Knaben, ſo wie er ſich zum Juͤngling entwickelte, allmaͤlig den beſtimmteren Charakter unmaͤßigen Ehrgeizes geben. Hatte dieſer nun auch die gute Fol⸗ ge, den Knaben zu ungewoͤhnlichen Anſtren⸗ gungen ſeiner großen Faͤhigkeiten anzureizen, ſo fanden ſolche doch wiederum in der Art und den Gegenſtaͤnden des Unterrichts einen zu wenig genuͤgenden und anſprechenden Stoff, 124 Skizzen aus Spanien. um ſich kraͤftig, gleichmaͤßig und wohlthaͤtig auszubilden. Dies Mißverhaͤltniß trat noch mehr hervor, als er— von vielen Seiten beguͤnſtigt und der mannigfaltigen Vortheile reichlich theilhaftig, welche fromme Stiftun⸗ gen in ſolchen Faͤllen dem Armen eroͤffnen— in ſeinem neunzehnten Jahr in das Collegio der Univerſitaͤt zu Valencia aufgenommen wurde. Der trockne, ſpitzfindige Unſinn der herrſchenden ſcholaſtiſchen Philoſophie war ſei⸗ nem lebhaften Geiſte, ſeiner thaͤtigen Phan⸗ taſie unertraͤglich, und da dennoch weder ſei⸗ ne Eitelkeit noch ſein Thaͤtigkeitstrieb ihm geſtattete, ſich unter die muͤſſige oder gedan⸗ kenloſe, leichtſinnige Schaar ſeiner akademi⸗ ſchen Mitbuͤrger zu verlieren, ſo kam er da⸗ hin, in der Bibliothek ſeines Collegio Alles zu leſen, was nur irgend ſein Intereſſe feſ⸗ ſeln konnte. Dies hatte die doppelte Folge, daß einerſeits ſeine Eitelkeit, welche durch die Bloͤßen, die er gelegentlich in den Pruͤ⸗ fungen uͤber die Lehrgegenſtaͤnde der Univerſi⸗ taͤt gegeben hatte, tief verletzt worden war, neue Befriedigung fand; denn in jenem gluͤck⸗ lichen Lande reicht es bei dem groͤßten Theil 125 Skizzen aus Spanien. des Publikums hin, uͤberhaupt nur mit Bü⸗ chern beſchaͤftigt zu erſcheinen, um fuͤr einen Gelehrten— un sabio— zu gelten; ander⸗ ſeits aber gab der Inhalt der Buͤcher, die er bald vorziehen lernte, ſeinem Ehrgeiz eine andere Richtung, als diejenige war, der er bisher, den Anſichten Andrer ohne eigne Ue⸗ berlegung nachgebend, gefolgt war; oder viel⸗ mehr ſeine Phantaſie fand in den Chroniken, Rittergeſchichten und Sammlungen aͤlterer Dichtungen, die ihm in die Haͤnde fielen, einen ſo mannigfachen, reichen, unuͤberſehba⸗ ren Stoff, daß ſie ſeinen Ehrgeiz bald weit uͤber die Graͤnzen des geiſtlichen Lebens hin⸗ ausfuͤhrte, und beide vereint uͤber verworre⸗ nen, unklaren, aber lieblichen, bunten, ſtrah⸗ lenden Bildern aller irdiſchen Herrlichkeiten nachzubruͤten begannen, waͤhrend doch zugleich durch mancherlei Legenden von Heiligen und durch die myſtiſchen Dichtungen, an denen die goldene Zeit der Spaniſchen Poeſie ſo reich iſt, ſein religioͤſes Gefuͤhl, ſeine Begei⸗ ſterung fuͤr die Wuͤrde und Heiligkeit des geiſtlichen Lebens, nicht nur wach erhalten, ſondern oft bis zur Schwaͤrmerei geſteigert 126 Skizzen aus Spanien. wurde, ſo daß es Augenblicke gab, wo er alle Herrlichkeit der Welt gegen das haͤrene Gewand, die Enthaltungen und Buͤßungen und himmliſchen Geſichte der heiligen Ein⸗ ſiedler dahingegeben haͤtte. Aus dieſer gluͤ⸗ henden, gaͤhrenden Maſſe von Bildern, Wuͤn⸗ ſchen und Begriffen entwickelten ſich aber, je mehr Florencio im Juͤnglingsalter heranreifte, auch ſolche, die am wenigſten mit dem ſtren⸗ gen beſchaulichen Leben jener frommen Maͤn⸗ ner ſich vertragen wollten. Unter dem Va⸗ lencianiſchen Himmel konnte der Knabe kaum in's Juͤngslingsalter eintreten, ohne ſehr bald in dem Anblick und den Blicken der Frauen Stoff zu neuen und ſuͤßern Ahnungen, Wuͤnſchen und Hoffnungen zu finden, in de⸗ nen auf Augenblicke alle andern Schaͤtze ſei⸗ nes gluͤhenden Buſens verſchmolzen. Um die Lage, den Zuſtand des armen Jungen billig zu beurtheilen, muß man aber immer die Sitten und Anſichten des katholiſchen Suͤdens beruͤckſichtigen, wo ein an und fuͤr ſich ſo unbedeutendes Individuum, wie der arme Studioſus Florencio dennoch ſeit ſeiner fruͤh⸗ ſten Jugend fuͤr einen Theil des Publikums Skizzen aus Spanien. 127 einer ſo großen Stadt wie Valencia, eine Art von public character werden, ein gewiſ⸗ ſes Intereſſe, eine Stellung erlangen konnte, die grade dem Ausdrucke der Theilnahme bei dem weiblichen Geſchlecht eine Ausdehnung und einen Charakter gab, welcher fuͤr ein empfaͤngliches Gemuͤth und leicht erregbare Sinne nur zu verfuͤhreriſch ſein mußte. Wa⸗ ren bei den ſchoͤnen Goͤnnerinnen des liebli⸗ chen Waiſenknaben, deſſen blonde Locken ſchon allein hingereicht haͤtten, ihm alle Herzen und den Beinamen eines kleinen Engels(angeli- to) nebſt hundert andern zu gewinnen, die Regungen chriſtlicher Liebe, zaͤrtlichen Mitlei⸗ dens ꝛc. vorherrſchend, und erlaubte die Ju⸗ gend ihres Schuͤtzlings, und die Oeffentlich⸗ keit und Allgemeinheit der Theilnahme, die er erregte, jeder Einzelnen die groͤßte Freiheit in den Aeuſſerungen derſelben, ſo war es ſchwerer der Sache zu ſteuern, als der Kna⸗ be ſeinen alten und jungen Freundinnen un⸗ ter der Hand zum ſchwaͤrmeriſchen, zartbluͤ⸗ henden, blonden Juͤngling heranwuchs. Je⸗ denfalls konnte dies fuͤr die Meiſten kein Grund ſein, ihre Theilnahme und Zaͤrtlich⸗ 128 Skizzen aus Spanien. keit in Kaͤlte zu verwandeln, und nahm auch dieſe Theilnahme einen mehr ſinnlichen und doch zugleich mehr geiſtigen Charakter an— denn es war nicht blos der blonde Juͤngling, ſondern auch der angehende Geiſtliche, der Gelehrte, der kuͤnftige Kirchenfuͤrſt, den man verehrte— fanden dem gemaͤß auch Veraͤn⸗ derungen in der Art ſtatt, wie dieſe veraͤn⸗ derte Theilnahme ſich aͤußerte, um ſo mehr, da auch von den Verehrerinnen des gluͤcklichen Studioſen nicht wenige gleichzeitig mit ihm aus der Kindheit in ein reiferes und gefaͤhr⸗ licheres Alter getreten waren— ſo vererbte ſich doch das Recht und die Gewohnheit, auch dieſe veraͤnderten Gefuͤhle mit einer gewiſſen unbefangenen Oeffentlichkeit zu aͤußern, aus der fruͤhern Zeit in dieſe hinuͤber, und kein Menſch fand etwas daran auszuſetzen, daß Weiber und Mauͤdchen in den Studioſen Flo⸗ rencio verliebt waren, und daß ihm uͤberall zaͤrtliche Blicke und Worte entgegenflogen und folgten. Es war eine Sache fuͤr ſich; aber wie geſagt, wie es eigentlich zuging, und wie es ſich aͤußerte, wird Niemandem recht deutlich werden, der nicht einen Begriff von Skizzen aus Spanien. 129 der ganzen Art und Weiſe dieſer Menſchen hat, und beſonders auch von der Art von Oeffentlichkeit und Allgemeinheit, welche an und fuͤr ſich unbedeutende Dinge auch in ei⸗ nem groͤßern Kreiſe, ja bei der Bevoͤlkerung einer ganzen Stadt erlangen koͤnnen, wo die Leute ſo viel auf den Straßen und Plaͤtzen und in den Kirchen und ſo wenig in ihren vier Mauern ſich herumtreiben, wie es im Suͤden der Fall iſt.— Aus allem Geſagten geht wenigſtens ſo viel hervor, daß es dem armen Florencio nicht an ſchweren Verſuchungen aller Art feh⸗ len konnte, und ein Wunder bleibt es immer, daß er ihnen ſo lange widerſtand; obgleich ſich behaupten ließe, daß grade die Allgemein⸗ heit und Oeffentlichkeit dieſer Verſuchungen, wodurch ihm dieſelben gleichſam zu einer ſuͤ⸗ ßen Gewohnheit wurden, wie Sonnenlicht, Luft und Leben uͤberhaupt, ihn vor den ein⸗ zelnen Faͤllen ſchuͤtzte, die denn doch eigent⸗ lich allein gefaͤhrlich werden konnten. Genug, Florencio war lange in ziemlicher Unſchuld durch dieſe gefaͤhrliche Atmoſphaͤre hingewan⸗ delt, und erſt in dem beſagten Jahre, als II. 9 130 Skizzen aus Spanien. er der Ferien wegen, oder um ſeine immer zarte Geſundheit zu pflegen, einige Wochen bei ſeiner Mutter zubrachte, hatte er ſich in die bedenklichen Verhaͤltniſſe eingelaſſen, wel⸗ che, wie wir ſahen, die Neckereien ſeiner Schweſter und den ſorgſamen Argwohn des guten Don Geronimo herbeifuͤhrten, und den Studioſen um Mitternacht aus der muͤtterli⸗ chen Huͤtte ſchleichen und den Weg in's Dorf hineilen ließen, von wo er erſt eben vor Sonnenaufgang zuruͤckkehrte; ohne daß wir genau ſagen koͤnnten, wo und wie er ſeine Zeit zugebracht. So viel aber iſt gewiß, daß die Nachbarn und Nachbarinnen des alten, reichen Blay Talens, der am andern Ende des Dorfes wohnte, ſeine Tochter Gesualda am folgenden Morgen nicht genug zu necken und zu fragen wußten wegen des Saͤngers, der in der Nacht vor ihrem Fenſter ſeine Stimme und Guitarre ſo gar lieblich und ſchmachtend habe vernehmen laſſen. Von allen der katholiſchen Kirche eigen⸗ thuͤmlichen Feſten, iſt der Tag aller Seelen vielleicht dasjenige, wodurch auch Solche, de⸗ Skizzen aus Spanien. 131 nen die eigentlich katholiſche, kirchliche Bedeu⸗ tung des Feſtes fremd iſt, oder die eben dieſe tadeln und verwerfen, durch ſo manche allge⸗ mein und tief ergreifende, menſchliche Bezie⸗ hungen, ſo wie durch die ganze aͤußere Er⸗ ſcheinung ſich am meiſten angezogen oder doch beſchaͤftigt fuͤhlen muͤſſen. Wenigſtens wird Keiner, der je geliebte Todte beweint und deſſen geiſtiges Leben die ernſte Weihe ſolcher Mahnungen empfangen und bewahrt hat, der durch ſolche Banden ſeine engere Beziehung mit der Geiſterwelt lebhafter fuͤhlt, dieſer oͤffentlichen, gemeinſamen, ernſten Feier eines ganzen Volkes auf den Graͤbern ſeiner Todten ohne tiefe Theilnahme beiwohnen, und ohne ſeiner eignen Todten zu gedenken und ihre Naͤhe zu fuͤhlen, wie ferne auch ihre Graͤber ſein moͤgen von dem Ort der Feier, die ihn ſo unmittelbar an das gemeinſame Vaterland erinnert.— Die Kathedrale(Seo) von Valencia ge⸗ hoͤrt nicht zu den bedeutendern Denkmaͤlern der gothiſchen Baukunſt, an denen Spanien ſo außerordentlich reich iſt. Sie iſt— des mauriſchen Thurmes oder Miquelet nicht zu 9* Skizzen aus Spanien. gedenken— urſpruͤnglich im byzantiniſchen Styl erbaut, der auch in ſeinen ſchwerfaͤlli⸗ gern Formen und in ſeinem Verfall ein eigen⸗ thuͤmliches Intereſſe hat, und was auch die Regeln der Baukunſt dagegen einwenden moͤ⸗ gen, einen tiefen, wenn auch ſehr gemiſchten Eindruck hervorbringen kann; aber dieſe ur⸗ ſpruͤngliche Geſtalt iſt durch mancherlei An⸗ und Ausbaue, und beſonders durch die Ver⸗ kleidung und Verwandlung der Saͤulen, wel⸗ che das Schiff der Kirche tragen, zerſtoͤrt, und zeigt ſich nur noch in den Eingaͤngen, beſonders dem Hauptthore, und in einigen Nebenkapellen. Dieſe bei einer Ueberſicht und beim Tageslicht ſtoͤrenden Maͤngel verſchwin⸗ den jedoch bei dem eigenthuͤmlichen Lichte der zahlreichen Wachskerzen, die bei einer abend⸗ lichen Feier, wie das Feſt aller Seelen, die niedrigen Gewoͤlbe der Kirche mit unſicher geheimnißvollem Glanze erfuͤllen. Auf allen Graͤbern ſtehen Gefaͤße mit Getraide und Kruͤge mit Oel, in das Getraide aber ſind dicke, brennende Wachskerzen eingepflanzt. Zwiſchen dieſen Opfergaben knieen andaͤchtig die Glaͤu⸗ bigen, welche den Segen der Kirche und die Skizzen aus Spanien. 133 Fuͤrſprache ihrer Heiligen fuͤr die Seelen ihrer Todten in Anſpruch nehmen, und unter dem feierlichen Geſang unſichtbarer Choͤre wandelt der Prieſter, in Begleitung rauchfaßſchwin⸗ gender Chorknaben, von Grabe zu Grabe, Weihwaſſer und Segen uͤber die Haͤupter der dichtgedraͤngten Beter ausgießend, deren dumpf murmelnde Stimme in den Pauſen des Geſangs geheimnißvoll durch die Gewoͤlbe hinrollt. Dieſer Augenblick hat etwas ſehr Ergrei⸗ fendes, obgleich der Verſtand des proteſtanti⸗ ſchen Nordlaͤnders darin Stoff genug zu miß⸗ billigenden Betrachtungen finden mag. In ſolchen aber kann ihn das, was darauf folgt, allerdings nur beſtaͤrken; doch darf uns das nicht abhalten, einer ſo eigenthuͤmlichen Sitte zu erwaͤhnen. Vielleicht um das Vertrauen der Glaͤubigen auf die Fuͤrbitte der Kirche in ihren eignen Augen zu rechtfertigen, durch eine Hinweiſung auf diejenigen Heiligen, de⸗ ren Gunſt wegen der Gegenwart ihrer Reli⸗ quien und wegen der beſondern Verehrung, die ihnen erwieſen wird, die Kirche ſich vorzuͤg— lich verſichert haͤlt— vielleicht um den Glaͤu⸗ 134 Skizzen aus Spanien. bigen ſelbſt die Wahl zwiſchen ſo hohen Fuͤr⸗ ſprechern zu laſſen; oder um uͤberhaupt die Wuͤrde der Kirche in den Augen der Gemein⸗ de, welche nicht wenig von der Zahl der Reliquien abhaͤngt, die ſie beſitzt, in ihrem groͤßten Glanze zu zeigen, und zu werkthaͤti⸗ gen, erſprießlichen Beweiſen der Verehrung aufzufordern— genug bei dieſer Gelegenheit, ſo wie bei andern hohen Feſten, werden zum Schluß der Feier dem verſammelten Volk die heiligen Reliquien vorgewieſen, an denen, wie billig, die Seo von Valencia ſo reich iſt, wie kaum irgend eine andere Kathedral in Spanien. So geſchah es denn auch am Tage Aller Seelen des Jahres 18. Nachdem die letzten Toͤne des Meßgeſangs und der Or⸗ gel verſtummt waren, entſtand ein gewaltiges Draͤngen und Wogen der verſammelten Menge nach dem Hauptaltar hin, indem auch von Auſſen noch ſo viel Volk hereinſtroͤmte, als die Kirche nur zu faſſen vermochte, und nach⸗ dem bald darauf wieder eine andaͤchtige Stille eingetreten war, ſtieg ein Prieſter die Stufen des Altars hinan, auf dem alle die koſtbaren Reliquienkaſten und Kaͤſtchen der Kathedral Skizzen aus Spanien. 135 ausgebreitet lagen, ergriff den zunaͤchſt ſtehen⸗ den, und indem er ihn emporhielt, ſprach er langſam mit feierlicher, weitſchallender Stim⸗ me:»Fromme Chriſten! in gegenwaͤrtigem Reliquiarium befinden ſich zwei Finger von der linken Hand des Evangeliſten Sanct Lu⸗ cas, welche dieſer Kirche vermacht worden ſind durch die Koͤnigin Dona Margarita, Ge⸗ mahlin des Koͤnigs Don Martin, deren Seele bei Gott ſei. Fromme Chriſten, erweiſet dieſer heiligen Reliquie alle ſchuldige Vereh⸗ rung.«— Nachdem er dieſe Anrede been⸗ det, oͤffnete der Prieſter den Kaſten, wobei er durch offenbar abſichtliches Zoͤgern die athem⸗ loſe, geſpannte Erwartung der verſammelten Menge auf's Aeußerſte zu ſteigern wußte; endlich langte er zwei laͤngliche, gelbliche, reichlich mit Edelſteinen beſetzte Knochen her⸗ aus, welche ein halb unterdruͤckter Ausbruch des Entzuͤckens der Verſammlung begruͤßte. Alsbald aber erhob der Prieſter ſeine Stimme zu einem Geſang, wobei ihn die verſammelte Menge begleitete, und den wir, in ſchlichte Proſa uͤbertragen, dem geneigten Leſer nicht vorenthalten wollen: Skizzen aus Spanien. Von deiner linken Hand zwei Finger rühren Jetzt unſer Herz, dir nachzuahmen, Sanct Lucas— dein Fürſpruch möge machen, Daß heil'ge Englein uns hoch gen Himmel leiten*). Nachdem der Geſang aufgehoͤrt und auch die murmelnden Stoßgebete der Frommen all⸗ maͤlig ſich gelegt hatte, ergriff der Prieſter ein andres, noch koſtbareres Kaͤſtlein, hielt es in die Hoͤhe und ſprach:»Fromme Chri⸗ ſten! in gegenwaͤrtigem Reliquiarium befindet ſich Etwas von der Myrrhe, welche die heili⸗ gen drei Koͤnige darbrachten, als ſie das Kindlein Jeſu anbeteten, geſtiftet von dem Pabſt Calixtus III, deſſen Seele bei Gott iſt. Erzeiget dieſer heiligen Reliquie die gebuͤh⸗ rende Verehrung, und ſinget mit mir: Wie wir die geweihte Myrrhe verehren, Welche dir, Jeſus, die drei Könige dargebracht, *) Wem unſre Ueberſetzung nicht genügt, oder wem ſonſt an dergleichen Curioſitäten gelegen iſt, für den ſetzen wir auch das Original her: De vostra ma dos dits esquerres toquen Lo nostre cor, volentvos imitar, Beneyt Sant Leuc; vullanos impetrar Quels angels sancts en Palt cel nos colloquen.. V — Skizzen aus Spanien. So gieb, daß wir in dieſer flüchtigen Welt Von Todesſünden frei bewahren unſer Leben*).“ Nachdem wiederum eine Stille eingetreten, hob der Prieſter einen dritten Kaſten empor und ſprach:»Fromme Chriſten! in gegen⸗ waͤrtigem Reliquiarium befindet ſich der Kelch, aus welchem unſer Herr Jeſus Chriſtus den heiligen Apoſteln das erſte Abendmahl gereicht; geſtiftet von dem ſehr edeln Ruy Diaz, Cid Campeador, der ſelbigen als ein Geſchenk und Tribut empfangen von dem großen Sultan von Perſien. Erweiſet dieſer heiligen Reliquie ſchuldige Ehrerbietung und ſinget mit mir: O heiliger Kelch, mit Andacht und Verehrung Beſchaun wir dich, da in dir der Herr Sein edles Blut geheiligt, jenen Quell, Der uns gereinigt von der Sünde Gift**).“ *) Puix reverim la mirra consagrada Que pels tres reys, Jesus, oferta os fon, Feu que tinham en aduest fragil mon De greus pecats la vida preservada. O calcer sanct, devots ab reverencia Te reverim, puix en ti lo senyor Ha consagrat la sanch que ja licor De nostres crims purga la pestilencia. 138 Skizzen aus Spanien. Ein viertes Kaͤſtlein nahm der Prieſter vom Altar, hob es empor und ſprach:»Fromme Chriſten! in dieſem Reliquiarium befindet ſich ein Stuͤck von dem erſten Hemde, welches unſer Herr Jeſus Chriſtus getragen hat, und iſt ſolches von ſeiner allerheiligſten Mutter, die unſer Aller Fuͤrſprecherin ſein wolle, mit eignen Haͤnden verfertiget worden. Geſtiftet von dem edlen Koͤnig Don Jayme dem Ero⸗ berer, deſſen Seele bei Gott ſei. Erweiſet dieſer heiligen Reliquie die geaihaanhe Ver⸗ ehrung und ſinget mit mir: O Mutter Gottes, deren Hand genähet Des Herrn anbetungswerthes Hemd, Gieb, daß, genäht in deine Huld, Auch wir ihn ſchaun, der es einſt getragen*).“ Keines von allen den Herrlichkeiten, die der Prieſter vorgezeigt, hatte eine ſolche Bewe⸗ gung erregt als dieſe, denn alle Muͤtter wa⸗ ren wohl eingedenk der wunderbaren, ſchuͤtzen⸗ den Eigenſchaften, welche die bloße Beruͤh⸗ ..— ) Mare de deu, por qui fon prim cosida La reverent camisa del Senyor, Feu nos estar cosits en vostre amor Porque vejam aquel que l'ha veatida. 139 Skizzen aus Spanien. rung dieſer Reliquie den Hemdchen ihrer eig⸗ nen Kinder verleihe. Alle draͤngten ſich un⸗ geſtuͤm herbei mit lautem Ausruf, mit Thraͤ⸗ nen der Sehnſucht und des Entzuͤckens. Eben wollte der Prieſter in ſeinem Ge⸗ ſchaͤft fortfahren, als am andern Ende der Kirche ein gewaltiger Tumult und lautes Ge⸗ ſchrei von:»Huͤlfe! Huͤlfe!« und:»Feuer! Feuer!« entſtand. Bei der Beſtuͤrzung und der ploͤtzlichen allgemeinen Bewegung nach den Ausgaͤngen hin waͤren zahlreiche und große Ungluͤcksfaͤlle unvermeidlich geweſen, wenn nicht der Prieſter mit loͤblicher Geiſtesfaſſung und Wuͤrde ſeine Stimme uͤber all den Tu⸗ mult haͤtte erſchallen laſſen mit den Worten: »Ihr Kleinglaͤubigen! wohin flieht ihr, wo ſucht ihr Rettung und Schutz, da hier in eurer Mitte die handgreiflichen Ueberreſte und Denkzeichen der Heiligen ſind, die jedes Haar auf eurem Kopfe beſchirmen werden, ſtuͤrzten auch die Gewoͤlbe uͤber uns zuſammen und oͤffnete ſich der flammende Abgrund der Hoͤlle unter unſern Fuͤßen. Jetzt ſchauen ſie vom Himmel herab und ſuchen die Ihrigen— wer aber von euch einen wahrhaftigen, leben⸗ 140 Skizzen aus Spanien. digen Glauben hat, der ruͤhre ſich nicht von der Stelle, ſondern erwarte knieend und be⸗ tend, daß die Heiligen ihn ſchirmen!«— Gluͤcklicherweiſe war das Gedraͤnge zu groß, als daß irgend Jemand ſich haͤtte ſchnell be⸗ wegen und entfernen koͤnnen, und die Mei⸗ ſten mußten daher die Worte des Prieſters anhoͤren, ſo gern ſie auch im erſten Augen— blick ſich durch eilige Flucht gerettet haͤtten. Da aber beſonders bei den Frauen, deren Entſetzen am meiſten hinderlich, deren Ret⸗ tung am ſchwerſten geweſen waͤre, durch die ganze Feier eine Stimmung hervorgebracht worden, die den Ermahnungen des Prieſters um ſo mehr Eingang und Gewicht verſchaffen mußte, ſo verfehlten ſie ihre Wirkung nicht. Das ungeſtuͤme Wogen und Stroͤmen der Menge legte ſich ploͤtzlich, und jeder kniete mit inbruͤnſtigem Gebet an der Stelle nieder, wo er ſich befand, irgend ein Wunder er⸗ wartend. Ein Wunder begab ſich indeſſen nicht, auch bedurfte es deſſen gar nicht, denn die Urſache dieſer ploͤtzlichen Aufregung, an und fuͤr ſich keinesweges ſo bedeutend, als der Skizzen aus Spanien. 141 erſte Schreck der zunaͤchſt Stehenden ſie ihnen erſcheinen ließ, war indeſſen beſeitigt worden, und nach einigen Minuten konnte der Prieſter in der Vorzeigung der Reliquien fortfahren, nachdem er nicht ermangelt, die Gelegenheit zu einer zweckdienlichen Ermahnung an ſeine Zuhoͤrer benutzt zu haben. Der Vorfall aber, der dieſe Feier einen Augenblick geſtoͤrt hatte, um ihr dann eine deſto groͤßere Wuͤrde und Eindringlichkeit zu verſchaffen, war dieſer.— Unter der an⸗ daͤchtigen Menge, welche die Kathedral fuͤllte, befand ſich auch Dona Ana mit ihrer Tochter und ihrem Sohne. Durch einen Zufall aber waren ſie getrennt worden, und Mercedes, nachdem ſie vergeblich geſucht ihren Bruder wieder zu erreichen, hatte endlich in großer Unruhe und Ermuͤdung ſich auf den Stufen eines Nebenaltars niedergelaſſen. Von der Bewegung, welche das Vorzeigen der zuletzt⸗ genannten Reliquie bei den ſie umgebenden Weibern hervorgebracht hatte, fortgeriſſen, und ihr doch widerſtrebend, war ſie einer der vielen Wachskerzen zu nahe gekommen. Die Flamme ergriff ihr Gewand und dies ſtand 142 Skizzen aus Spanien. in einem Augenblick in Flammen. Die Be⸗ ſtuͤrzung, womit ſich Alles um ſie her von ihr entfernte, um der Mittheilung der Flam⸗ men zu entgehen, fachte dieſe nur noch mehr an, und da die ſie umgebenden Weiber nichts fuͤr ſie thun konnten als um Huͤlfe rufen, ſo ſchien ſie rettungslos verloren, als ploͤtzlich aus einem dunklern Winkel der Kirche ganz in ihrer Naͤhe ein Mann hervorſtuͤrzte, ſeinen weiten Mantel uͤber ſie warf, und indem er ſie raſch hineinwickelte und feſt an ſich druͤckte, die Flamme in einem Augenblick erſtickte, und dann mit der Geretteten zur nahen Sei⸗ tenpforte hinauseilte. Dona Ana hatte bald theils errathen, theils erfahren, welcher Gefahr ihre Tochter ausgeſetzt geweſen, ſie hatte zwar zugleich ihre Rettung vernommen und auch verſicherten nicht wenige, es ſei der heilige Martin ſelber geweſen, der aus ſeiner Kapelle hervorgeeilt und das Maͤdchen mit der einen Haͤlfte ſeines Mantels bedeckt, die andre aber ſei dem Bett⸗ ler in der Hand geblieben, mit dem er ihn getheilt habe, zwie das Bild uͤber dem Altar Skizzen aus Spanien. 143 darſtellt. Florencio haͤtte ſich dieſe Geſchichte wohl gefallen laſſen, und meinte: um ein ſolches Wunder ſelber zu erleben, wollte er ſich gern etwas ſieden und braten laſſen. Doüna Ana aber hatte ohne Zweifel andre Gedanken, denn ſie eilte, ſo ſchnell es das Gedraͤnge in der Kirche nur erlaubte, nach Hauſe. Hier fand ſie ihre Tochter ſchon vor, zwar ſehr aufgeregt, aber bis auf einige leichte Brandflecken doch wohlbehalten.»Nun, Schweſter, welcher Heilige war es, der dich aus dem Feuer getragen hat?« fragte Flo⸗ rencio, nachdem der erſte Ausbruch der Freude und Sorge ſich gelegt, und die Brandſtellen mit einem Hausmittel unter einigen Spruͤ⸗ chen verbunden worden.»Ein Heiliger?— antwortete das Maͤdchen mit ſonderbar ge⸗ heimnißvollem Laͤcheln, und ſetzte leiſer hin⸗ zu, ſo daß der Bruder allein es hoͤren konn⸗ te:— beſſer als alle Heiligen des Kalenders — ein Mann war es.« Als aber die Mut⸗ ter ungeduldig rief:»Nun ſo ſprich doch or⸗ dentlich, daß man dich verſtehen kann— wem haben wir deine Rettung zu danken?« antwortete ſie ziemlich ruhig:»Es war Mo⸗ 144 Skizzen aus Spanien. ſen*) Beneyt Soler, und ich denke, er wird morgen ſelber vorkommen und nachfra⸗ gen, ob— ob du ihm Etwas zu befehlen habeſt.«—»So?— erwiederte die Mutter mißtrauiſch oder nachdenklich— haſt du den Herrn etwa ſchon fruͤher geſehen?«»Nicht mehr als ihr, auf dem Paſeo, in der Kir⸗ che.— Es ſind ja erſt acht Wochen, ſeit er in der Quinta de Mediocamino wohnt— antwortete Mercedes ruhig, ſetzte aber ſo⸗ gleich lachend hinzu: aber was kann euch das Fragen helfen, Muͤtterchen? Wenn ich Etwas zu verbergen oder zu beichten haͤtte, wuͤrdet ihr's doch von mir nicht erfragen, denn ich verſpuͤre mehr vom Maͤrtyrer als vom Bekennerthum in mir— und, ſagt nur ſel⸗ ber, ich muͤßte ja kein Maͤdchen ſein, wenn's anders waͤre.«—»Du biſt wenigſtens viel vorlauter als einem Maͤdchen ziemt, und ich ſehe wohl, daß ich zu nachſichtig bin. Aber ich werde dafuͤr ſorgen, daß dein Leichtſinn *) Abgekürzt von Mosenyor, ein Titel, der in Valencia und beſonders in Catalonien, wenigſtens par courtoisie Solchen beigelegt wird, die vorzugsweiſe als caballeros (gentlemen) gelten, und den Weltgeiſtlichen. Skizzen aus Spanien. 145 uns wenigſtens keine Unehre bringe, verlaß dich drauf.«— Unehre— rief das Maͤd⸗ chen auffahrend und mit ſtolzem Blick— ich weiß, was uns, was mir ziemt, und da bedarf es keiner Aufſicht und keines Zwan⸗ ges. Wenn ihr mich aber bewachen wollt, Mutter, ſo hab' ich wahrhaftig nichts dage⸗ gen— fuhr ſie wieder in ihrem leichtſinni⸗ gen Tone fort, aber verlaßt euch drauf: ſo bald ich es merke, denk ich nicht mehr dran, mich ſelbſt zu bewachen, und dann moͤgt ihr zuſehen, wie ihr fertig werdet— denkt an das Lied: Mutter, meine Mutter, Wachen ſetzt ihr mir; Bewach ich mich nicht ſelber, Ihr könnt's wahrlich nicht*). Und nun ſeid auch nicht boͤſe, Muͤtterchen, ich glaube, ich habe Fieber im Blut, aber morgen will ich wieder vernuͤftig ſein.— Muͤtterliche Beſorgniß verdraͤngte ſogleich alle andern Gedanken und Aeuſſerungen der *) Madre la mi madre, Guardas me poneis, Si yo no me guardo, No me guardareis. II. 10 146 Skizzen aus Spanien. Matrone, welche vielleicht in dem wunderli⸗ chen Weſen ihrer Tochter, was ſie haͤufig genug verletzte, zu viel verwandte Zuͤge aus ihrer eignen Jugend erblickte, um ihr ſehr 3 ernſtlich zu zuͤrnen— genug, Mercedes er⸗ hielt die Friſt und das Privilegium einer Kranken, und wenn ſie auf ihrem Lager keine Ruhe fand, ſo war es wenigſtens nicht die Schuld der ſorgſamen Mutter.— Als Mercedes am folgenden Morgen vor ihre Mutter erſchien, war zwar keine Spur von Krankheit oder Schrecken mehr an ihr zu bemerken, und ſie ſelbſt verſicherte, daß ſie ſich vollkommen wohl befinde, da auch 4 das Hausmittel trefflich geholfen habe und die Brandſtellen gar nicht mehr ſchmerzten; dennoch aber konnten Mutter und Bruder das Maͤdchen nicht ohne Verwunderung, Be⸗ ſorgniß und Wohlgefallen anſehen. Sie ſchien groͤßer, voͤlliger geworden zu ſein— ihr Ge⸗ ſicht war ungewoͤhnlich blaß, ihre Augen 8 ſtrahlten, auf ihrer Stirne lag ein Ernſt, um ihre Lippen ſpielte eine ſanfte Wehmuth, die den Ausdruck von Leichtſinn und faſt Haͤrte verbannt hatte, der ſonſt gewoͤhnlich bei ihr Skizzen aus Spanien. 147 vorherrſchte. In ihren Worten und Geber⸗ den war ſie milder, gehaltener und anmu⸗ thiger, als ſonſt, doch war ihre ganze Erſchei⸗ nung der Art, daß ſogar die Mutter alle Fragen unterdruͤckte, und ſich begnuͤgte, nach⸗ dem ein ruhiger, aber faſt ſtarrer Blick der Tochter ihren fragenden zuruͤckgewieſen hatte, kopfſchuͤttelnd in ihrer Beſchaͤftigung fortzu⸗ fahren, waͤhrend Mercedes ſich im Garten etwas zu thun machte. Bald darauf ging Dona Ana aus, um die Meſſe zu hoͤren; Flo⸗ rencio aber, der abwechſelnd vor ſich hinge⸗ traͤumt und in ſeiner geliebten Chronik gele⸗ ſen hatte, wurde nach einer Weile aus einer ſolchen Traͤumerei geweckt durch die Stimme ſeiner Schweſter, welche dieſe Verſe aus ei⸗ nem Volksliede ſang: Viel beſſer iſt tauſchen Freude um Leiden, Als Liebe zu meiden. In Liebe erſterben, Iſt ſüßer Tod; Vergeſſen zu leben, Das iſt kein Leben. Viel beſſer iſt nehmen Statt Freude Leiden, Als Liebe zu meiden. 10* Skizzen aus Spanien. Verlornes Leben Iſt Leben ohne Liebe, Und mehr noch als Leben, Der Liebe es weihen. Viel beſſer iſt dulden Und Schmerzen erleiden, Als Liebe zu meiden. 4 Sterben iſt ſiegen, Bleibt Liebe lebendig, Auf Seligkeit hofft, Wer in Schmerzen gerungen. Viel beſſer erliegen Der Liebe Leiden, Als Liebe zu meiden. Wo Liebe nicht leidet, Verdient ſie nicht Wonne, Verdammet ſich ſelber Als ſchwächliche Liebe. Viel beſſer verlieren Freuden um Leiden, Als Liebe zu meiden*). *) Da wir keineswegs Willens ſind, dem Leſer unſre ſtümperhafte proſaiſche Ueberſetzung aufzudrängen, ſo ſetzen wir ſolche und ähnliche Verſe getreulich in der Urſprache bei, damit Jeder ſich ſelber dran verſuchen möge: Mas vale trocar, Placer por dolores, Que estar sin amores. Donde es gradecido, Es dulce el morir, Skizzen aus Spanien. 149 Als gleich darauf Mercedes zu ihm un⸗ ter die Weinlaube trat, ſagte er etwas ſpoͤt⸗ tiſch:»Das klingt ja ganz wunderlich und ganz anders wie ſonſt, Merceditas— ſollte Vivir en olvido, Aquel no es vivir, Mejor es sufrir, Pasion y dolores, Que estar sin amores. Es vida perdida, Vivir sin amar, N mas es que vida, 7 Saberla emplear; Mejor es penar, Sufriendo dolores, Que estar sin amores, La muerte es victoria, Do vive aficion, Que espera haber gloria, Quien sufre pasion; Mas vale presion, De tales dolores, Que estar sin amores. Amor que non pena, Non pida placer, Quo ya lo condena, Su poco querer: Mejor es perder, Placer por dolores, Que estar sin amores. 150 Skizzen aus Spanien. doch dein Stuͤndchen geſchlagen haben?— dann muͤßte es, nach dem Wunder zu ur⸗ theilen, doch wohl ein Heiliger geweſen— ——«»Du biſt ein alberner, naſeweiſer Knabe, Florencio, und weißt nicht, was du ſchwatzeſt«— unterbrach ihn aber Mercedes mit ſolcher Heftigkeit und Schaͤrfe, daß er ſie halb erſchrocken halb beleidigt anſah— ſie fuhr indeſſen ſogleich ruhiger fort:»biſt du nicht ein rechter Kindskopf, daß du gleich meinſt, ein Maͤdchen muͤſſe verliebt ſein, weil es ein verliebtes Liedchen vor ſich hin ſummt? Und was meinen Ritter von geſtern betrifft, ſo brauch' ich dich hoffentlich nur daran zu erinnern, daß ohnehin die alberne Geſchichte Aufſehn genug machen wird, und daß ſolche Scherze von dir, wenn irgend ein Andrer ſie hoͤren ſollte, jedem Andern das Recht geben wuͤrden, daſſelbe Lied anzu⸗ ſtimmen. Wenn du aber nicht fuͤhlſt, daß es deine Sache iſt, die Ehre unſres Namens, die Ruhe einer frommen Wittwe und den guten Ruf einer ſchoͤnen Dame— Eurer Schweſter zu Euren Dienſten— zu beſchir⸗ men und zu verwahren, ſtatt ihn durch kin⸗ —— — Skizzen aus Spanien. 151 diſches Geſchwaͤtz zu gefaͤhrden, ſo haben dir all die ſchoͤnen Geſchichten, die du da lieſt, nichts geholfen.«»Du nimmſt die Sachen hoch und ernſt, Schweſter— antwortete Flo⸗ rencio ſehr aufgeregt— das kann ich auch, und du müßteſt mir zutrauen, daß ich kein Knabe bin, wenn es darauf ankoͤmmt dich ———«»Schon gut, Florenzuelo meiner Seele— unterbrach ihn das Maͤdchen wie⸗ der, welche heute durch ihren Ernſt weit mehr Einfluß auf ihn uͤbte als fruͤher durch ihren Muthwillen, ihre Schaͤrfe— ſchon gut, ich zaͤhle auf dich, und jetzt genug davon. Lies mir lieber noch Etwas aus deinem ſchoͤ⸗ nen Buch vor, bis Mutter wieder koͤmmt. Laß ſehen, woran du biſt.«— Nicht ohne große Muͤhe buchſtabierte Mercedes einige Worte auf der Seite zuſammen, die ihr Bruder ihr hinhielt und rief dann:»Da iſt die Rede von der ſtolzen Infantin Dona Ur⸗ raea, von der die Romanze ſagt, daß ſie heimlich den Cid geliebt!— Lies da nur weiter, Florenzuelo, das muß luſtig ſein.«— Florencio, bei ſeiner ſchwachen Seite ge⸗ faßt, war gleich bereit und begann be⸗ —— 152 Skizzen aus Spanien. reitwillig und las Folgendes:»Und im drit⸗ ten Jahre verſammelte ſich alles Volk zu Sant Fakund, ſo wie der Koͤnig, Don Sancho Fernandez, genannt der Starke, es geboten. Und als der Koͤnig es gewahrte, freute er ſich deß und hob die Haͤnde zu Gott und ſprach: »Gelobet ſeiſt du, Herr, daß du mir gegeben haſt alle die Reiche, die meines Vaters wa⸗ ren.« Und nachdem er dies geſprochen, ließ er durch die Stadt Burgos verkuͤnden, daß Alle herauszoͤgen, um dem Banner und dem Leib ihres Herrn zu folgen und gewaͤrtig zu ſein. Und an dem Tage, da ſie aus Bur⸗ gos zogen, nahmen ſie Herberge zu Fromeſta, und den andern Tag kamen ſie nach Sant Fakund, wo das ganze Heer ſeiner wartete, und lagerte außerhalb der Stadt. Und am folgenden Tage ließ der Koͤnig das ganze Heer aufbrechen und ſie zogen fort, bis ſie am dritten Tage ankamen vor Zamora und lagerten am Ufer des Duero. Und der Koͤ⸗ nig ließ verkuͤnden: daß ſich Alle ruhig ver⸗ halten ſollten, und daß Keiner ſich ruͤhrte, bis er es geboͤte. Er aber mit ſeinem Gefolge ritt rings um Zamora her, und er ſah, wie Skizzen aus Spanien. 153 ſie ganz auf gehauenem Fels ſtand und mit feſten Mauern und vielen dicken und feſten Thuͤrmen, und auf der andern Seite der Strom Duero, der zu ihren Fuͤßen fließt. Sprach der Koͤnig zu denen, ſo bei ihm wa⸗ ren:»Seht nun, wie ſehr feſt ſie iſt; denn ich meine, weder Chriſten nach Mohren ver⸗ moͤchten ſie zu bezwingen. Wenn ich dieſe von meiner Schweſter erhalten koͤnnte, dann erſt wuͤrde ich mich als den Herrn von Hi⸗ ſpanien anſehen.«. Nachdem Koͤnig Sancho dieſes geſpro⸗ chen, kehrte er nach ſeinem Zelt zuruͤck und ſandte alsbald nach dem Eid und ſprach zu ihm:»Mein Cid, ihr wißt, wie mein Vater euch in ſeinem Hauſe erzogen in großen Eh⸗ ren, und wie er euch zum Ritter gemacht vor Coimbra, und zum Oberſten ſeines gan⸗ zen Hauſes, und als er am Tode lag zu Cabezon empfahl er euch alle ſeine Soͤhne, und wir ſchwuren Alle, daß wir euch in Eh⸗ ren halten wollten. Und ich habe euch uͤber mein ganzes Haus geſetzt und euch von mei⸗ nem Lande mehr denn eine Grafſchaft gege⸗ ben, ſo will ich euch denn nun als Freund 154 Skizzen aus Spanien. bitten und als treuen Vaſallen, daß ihr nach Zamora hineingehen wollet und noch einmal meiner Schweſter Dona Urraca ſagen: daß ſie mir Zamora abtreten moͤge, und ich wolle ihr dafuͤr geben Medina de Rioſeco mit dem ganzen Infantazgo, von Villalpando bis nach Valladolid und dazu Tiedra, welches eine ſehr gute Burg iſt. Und ich will es ihr be⸗ ſchwoͤren mit zwoͤlf meiner Vaſallen, daß ich niemals den Eid und den Vertrag mit ihr brechen werde. Wenn ſie das aber nicht will, ſo werde ich ihr die Stadt mit Gewalt neh⸗ men.« Und zur Stunde kuͤßte ihm der Cid die Hand und ſprach zu ihm:»Dieſe Both⸗ ſchaft zu thun, moͤchte vielleicht einem An⸗ dern ziemen, mir aber muß ſie ſchwer an⸗ kommen, denn ich bin in Zamora aufgewach⸗ ſen, wo mich Euer Vater außziehen ließ mit Doña Urraca im Hauſe Don Arias Gonzalo und mit allen ſeinen Soͤhnen. Doch will ich Eure Bothſchaft ausrichten.« Und der Cid nahm Urlaub und ritt nach Zamora mit funfzehn ſeiner Ritter. Und als er nahe an die Stadt gekommen, rief er den Waͤchtern auf den Thuͤrmen zu, daß ſie ihn nicht mit Skizzen aus Spanien. 15⁵5 Pfeilen ſchoͤſſen, denn er ſei der Cid Ruy Diaz und komme auf Befehl des Koͤnigs Don Sancho zu Dona Urraca, ſeiner Schwe⸗ ſter, und ſie moͤchten bei der anfragen, ob er eingelaſſen werden ſolle. Und da kam zu ihm heraus ein Neffe von Arias Gonzalo, der uͤber jene Wache am Thor geſetzt war, und ſprach zu ihm, er moͤchte hereinkommen und er werde ihm gute Herberge geben, bis er bei Dona Urraca angefragt habe. Und der Cid that alſo; der Ritter aber ging hin, wo er Dona Urraca fand, und ſagte ihr Alles an. Sie aber ſprach: es ſei ihr recht, und der Cid ſolle vor ſie treten und ſagen, was er verlange. Und ſie gebot Don Arias Gon⸗ zalo, daß er mit allen ihren Rittern dem Cid entgegen gehe und ihn empfange. Und als der Cid in den Pallaſt trat, empfing ihn Dona Urraca ſehr wohl und hieß ihn will— kommen. Und alsbald ſetzten ſich beide und ſie ſprach:»Ihr wißt, Cid, wie ihr mit mir in Zamora erzogen worden, im Hauſe Don Arias Gonzalo, und wie euch der Koͤ⸗ nig Don Fernando vor ſeinem Tode gebot, daß ihr ſeinen Kindern nach eurem beſten 156 Skizzen aus Spanien. Wiſſen und Vermoͤgen rathen ſolltet, und deshalb bitte ich euch, ihr wollet mir ſagen, was mein Bruder, der Koͤnig Don Sancho, zu thun gedenkt; denn ich ſehe ihn geruͤſtet mit ganz Hispanien— oder gegen welche Lande er zu ziehen gedenkt.« Darauf erwie⸗ derte der CEid:»Herrin, Dona Urraca, einem Brief und Bothen ſoll man nichts fuͤr un⸗ gut nehmen; und wenn ihr mir das zuſagt, ſo will ich euch zu wiſſen thun, was euch der Koͤnig Don Sancho durch mich ſagen laͤßt.« Sie ſprach, ſie wolle thun, was Don Arias Gonzalo ihr rathe; Don Arias aber ſagte: es zieme ihr zu hoͤren, was ihr Bru⸗ der ihr ſagen laſſe.»Denn, ſagte er, wenn er etwa gegen die Mohren zu ziehen gedaͤchte, und verlangte Huͤlfe von euch, ſo muͤßtet ihr ſie ihm gewaͤhren in alle Wege. Und ich wollte ihm funfzehn von den Meinigen ge— ben, wohlgeruͤſtet mit Roß und Waffen, und Speiſe wohl auf zehn Jahr.« Darauf ſprach Dona Urraca zum Cid, er moͤge zuverſicht⸗ lich ſagen, was er wolle. Da richtete der Cid ſeine Bothſchaft aus, wie der Koͤnig ſie ihm aufgetragen hatte; als aber Dona Ur⸗ Skizzen aus Spanien. 157 raca das hoͤrte, ward ſie voll Kummer und Zornes, und ſprach alſo mit weinenden Au⸗ gen:»Was ſoll ich beginnen bei ſo vielen ſchlimmen Kunden, die ich erhalten ſeit dem Tode meines Vaters. Dem Koͤnig Don Gar⸗ cia nahm mein Bruder ſein Land, und fing ihn und warf ihn in Ketten, und da liegt der Arme, als waͤr' er ein Raͤuber oder ein Verraͤther. Und dem Koͤnig Don Alfonſo nahm er auch ſein Land, als waͤr' er ein Treuloſer, und vertrieb ihn zu den Mohren von Toledo und geſtattet Keinem ihm zu fol⸗ gen, als nur dem Peranſurez und ſeinen Bruͤdern, die ich mit ihm ſandte. Und mei⸗ ner Schweſter Dona Elvira hat er Toro ge⸗ nommen; und mir will er jetzt Zamora neh⸗ men. O daß jetzt die Erde unter mir ſich aufriſſe, daß ich nicht ſo viel Jammer er⸗ leben muͤßte!«— Und in ihrem großen Zorne ſprach ſie weiter gegen ihren Bruder, den Koͤnig Don Sancho:»SIch bin ein Weib, und er weiß wohl, daß ich nicht mit ihm kaͤmpfen kann, aber ich will ihn erſchlagen laſſen heimlich oder oͤffentlich«— Zur Stunde erhob ſich Don Arias Gonzalo und 158 Skizzen aus Spanien. ſprach:»Herrin, Dona Urraca, mit Jam⸗ mern und Weinen richtet ihr nichts aus; ſol⸗ ches aber iſt Verſtand und Kuͤhnheit, zur Stunde der Noth ſich mit Maͤnnern berathen und beſchließen, was das Beſte ſcheint. So laſſet uns auch thun, und die von Zamora ſollen ſich alle verſammeln in San Salvador, auf daß wir erfahren, ob ſie mit euch hal⸗ ten wollen; ſintemalen ihnen euer Vater euch zur Herrin geſetzt. Und wenn ſie die Stadt fuͤr euch halten wollen, ſo gebt ſie nicht her, weder im Tauſch noch ſonſt. Wenn ſie aber nicht wollen, ſo brechen wir auf alsbald und zehen zu den Mohren nach Toledo, wohin auch euer Bruder Don Fernando entflohen iſt.«. Und Doña Urraca that, wie er ihr rieth, und ließ durch die ganze Stadt verkuͤnden, daß Alle ſich verſammelten in San Salva⸗ tor. Und als ſie Alle beiſammen waren, ſprach ſie zu ihnen:»Vaſallen und Freunde, ich trete hier zu euch, um euch kund zu thun, daß mein Bruder, der Hoöͤnig Don Sancho, mir ſagen laͤßt, ich ſolle ihm die Stadt Za⸗ mora geben fuͤr Geld oder im Tauſch, nicht, ſo wolle er ſie mit Gewalt nehmen. erhob er ſich in großem Zorne gegen den Cid Skizzen aus Spanien. 159 Wenn ihr aber mit mir halten wollt, als gute Vaſallen und treue, ſo will ich ſie ihm nimmer geben.« Alsbald erhob ſich ein Eh⸗ renmann unter den Zamoranern, von den Angeſehenſten der Stadt, Don Nuſo mit Namen, und ſprach mit Vergunſt der Ver⸗ ſammlung:»Herrin, Gott vergelte es euch, daß ihr uns ſo geehrt und in unſre Ver⸗ ſammlung getreten ſeid. Wir aber ſind eure Vaſallen und wollen euch nimmer verlaſſen, bis in den Tod— und fuͤr euch wollen wir dranſetzen Alles was wir haben, ehe wir die Stadt uͤbergeben gegen euren Willen.« Als die Infantin Doüa Urraca das vernahm,, freute es ſie in ihrem Herzen, und ſie ſprach zum Cid:»Geht nun und ſagt meinem Bu⸗ der, Don Sancho, daß ich eher ſterben will mit denen von Zamora und ſie mit ur, als daß ich ihm die Stadt uͤbergebe.« lſo nahm der Cid Urlaub von ihr undeitt zuruͤck zum Koͤnig und ſagte ihm an Alles wie es ſtand, und daß auf keine Feiſe ſie ihm die Stadt öͤbergeben woue. als der Koͤnig Don Sancho das hoͤrte, 160 Skizzen aus Spanien. und ſprach:»Ihr habt meiner Schweſter das gerathen, dieweil ihr hier mit ihr erzogen worden; und wenn mir mein Vater euch nicht anbefohlen haͤtte, ſo wollte ich euch hier alsbald aufhaͤngen laſſen. Aber ich gebiete euch, daß ihr von Stund an, binnen neun Tagen, alle meine Lande raͤumt, alſo, daß ich euch nicht mehr darin finde.« Der Cid aber brach am ſelben Abend auf mit ſeinen Vaſallen, Freunden und Helfern, und lagen die Nacht in Caſtronuüo, und gingen zu Kath mit einander und wollten nach Toledo iehen zum Koͤnig Don Alfonſo. Als aber olches vernahmen die Grafen und die reichen Naͤnner von Caſtilien, traten ſie alsbald vor den Koͤnig und ſprachen zu ihm:»Herr, einenſolchen Vaſallen wie der Cid, duͤrft ihr nicht ver eren, um Alles in der Welt nicht; ſo ſendet zenn nach ihm um unſertwillen, denn hier wuͤrde ihr uͤbel fahren.«— Und der Koͤnig erkannte, daß ſie Recht hatten, und ſandte nach einem Kitter, Diego Or⸗ donez mit Namen, der in Neffe war des Grafen Don Garcia de Cabra, und ſprach zu ihm:»Geht und ſagt dem Cid, er ſolle Skizzen aus Spanien. 161 wieder zuruͤckkehren und thun, wie ein guter Vaſall, und ich will ihn uͤber mein ganzes Haus ſetzen.« Und Diego Ordohßez ritt, ſo ſchnell er konnte, und fand den Cid und ſagte ihm Alles, was der Koͤnig ihm aufgetragen hatte, und was er geſprochen, ſei nur aus gro⸗ ßem Zorne gegen ſeine Schweſter Dona Urraca geweſen. Und der Cid hielt Rath mit ſeinen Vaſallen, und ſie meinten, es ſtehe ihnen beſſer an, zum Koͤnig zuruͤckzukehren, da er nach ihnen ſchicke, als zu den Mohren zu gehen. Und er that alſo und kehrte zuruͤck, und der Koͤnig zog ihm entgegen mit fuͤnf⸗ hundert Rittern, wohl zwei Stunden Weges weit, und empfing ihn mit großen Ehren und beſtaͤtigte ihm vor allen Rittern Alles, was er ihm durch Diego Ordonez hatte ſagen laſſen. Alſo kehrte der Cid mit dem Koͤnig ins Lager zuruͤck, und war große Freude um den Cid.— Darnach hielt der Koͤnig ſeinen Rath mit ſeinen Rittern, und mit den reichen Maͤnnern und mit den Andern, die dort waren, wie ſie Zamora gewaͤnnen. Und ſie ſtritten hart drei Tage und drei Naͤchte, und II. 11 162 Skizzen aus Spanien. die Graͤben, ſo ſehr breit und tief waren, wurden ausgefuͤllt und die Zinnen herabge⸗ riſſen, und ſie kaͤmpften mit Schwertern Mann gegen Mann, die von draußen und jene von drinnen, und ſtarb viel Volk von beiden Seiten, alſo daß das Waſſer des Due⸗ ro mit Blut geroͤthet war von der Stadt ab⸗ waͤrts. Und als dies ſah der Graf Garcia de Cabra, jammerte ihn des Volkes, das alſo umkam, und trat vor den Koͤnig Don Sancho, und kuͤßte ihm die Hand und ſprach: »Herr, gebietet, daß ſie ablaſſen vom Streite, denn ihr verliert viel Volkes; haltet ſie aber eingeſchloſſen, ſo werdet ihr ſie bald gewinnen durch Hunger.« Und der Koͤnig that alſo und ließ nachzaͤhlen, und ſie fanden, daß tauſend und dreißig Maͤnner geblieben waren; und es verdroß ihn ſehr, und gebot, die Stadt ringsum einzuſchließen. Und ſie ſtrit⸗ ten hart um die Stadt alle Tage; und eines Tages ritt der Cid um die Stadt und ward angerannt von dreizehn Rittern, und ſchlug den einen nieder, die andern aber entflo⸗ hen. Als aber Don Arias Gonzalo ſahe das große Elend des Volkes und den Hunger Skizzen aus Spanien. 163 und das Sterben, ſprach er zur Infantin Doña Urraca:»Herrin, ich bitte euch, ihr wollet die von Zamora Alle verſammeln und ihnen erlauben, daß ſie die Stadt uͤbergeben an den Koͤnig Don Sancho, binnen neun Tagen; denn um ihrer Treue willen haben ſie viel Elend und Noth erlitten. Wir aber ziehen zu eurem Bruder Don Alfonſo ins Mohrenland; denn nimmermehr ſollt ihr in Zamora bleiben bei eurem Bruder Don San⸗ cho, mit meinem Willen.« Und ſie that alſo und redete mit denen von Zamora. Sie aber, als ſie das hoͤrten, verdroß es ſie ſehr, daß ſie ſo lange die Stadt vertheidigt hatten, und ſollten ſie nun am Ende doch uͤbergeben, und beſchloſſen alle insgemein, ſie wollten mit der Infantin Dona Urraca ausziehen und nicht im Lande bleiben.— Als ſolches vernahm Vellido Dolfo, ſprach er zu Dona Urraca:»Herrin, ich bin nach Zamora gekommen aus meiner Heimath mit dreißig Rittern, meinen Vaſallen, ſobald ich vernahm, daß ihr hier belagert wuͤrdet, und habe euch nun lange Zeit, Gott ſei gelobt, treu gedient; und hab euch oft gebeten, daß 11* 164 Skizzen aus Spanien. ihr mir mit Etwas lohnen wollet, wie ihr wohl wiſſet, ihr aber wolltet es nicht thun. Jetzt aber wenn ihr es mir erlaubt, ſo will ich machen, daß der Koͤnig ablaſſe von Za⸗ mora und die Belagerung aufhebe.« Sprach Doña Urraca:»Vellido Dolfo, ich muß euch entgegnen das Wort des Weiſen: mit dem Einfaͤltigen und Elenden iſt gut handeln. Ich gebiete euch nicht, daß ihr irgend etwas Boͤ⸗ ſes thut; aber das ſage ich euch: wer mei⸗ nen Bruder vor Zamora verjagte und die Belagerung aufheben machte, dem wollte ich bewilligen, was er nur verlangen moͤchte, er ſei wer er ſei.«— Als Vellido Dolfo ſol⸗ ches vernahm, kuͤßte er ihr die Hand, und ging eilends nach dem Stadtthore und redete mit dem Pfoͤrtner, und ſagte ihm: wenn er ihn in Noth ſehe, ſolle er ihm eilig die Pforte oͤffnen; und gab ihm den Mantel, den er trug. Und darnach ging er in ſeine Herberge und waffnete ſich und beſtieg ſein Roß und ritt nach dem Hauſe Arias Gonzalo und rief ihm zu:»Wohl wiſſen wir Alle, warum ihr nicht wollt, daß Dona Urraca einen Vertrag oder Tauſch mit ihrem Bruder Skizzen aus Spanien. 165 ſchließe— darum, daß ihr bei ihr lieget.« Als Don Arias Gonzalo dieſes hoͤrte, er⸗ grimmte er in ſeinem Herzen und rief:»Zur ſchlimmen Stunde bin ich geboren, da man mir in meinen alten Tagen ſolche Worte ſagt, und Niemand iſt, der mich raͤche!«— Zur Stunde erhoben ſich ſeine Soͤhne und waffneten ſich in großer Eile und waren hin⸗ ter Vellido Dolfo her. Der aber floh eiligſt nach dem Thore zu und der Pfoͤrtner oͤffnete ihm das Thor, wie ſie es verabredet hatten, und er kam hinaus und trat vor den Koͤnig Don Sancho, kuͤßte ihm die Hand und ſprach zu ihm eine falſche Luͤge:»Herr, dieweil ich denen von Zamora gerathen, daß ſie euch die Stadt uͤbergaͤben, wollten mich die Soͤhne Arias Gonzalo toͤdten; ich aber bin gekom⸗ men, euer Vaſall zu werden; und ich will machen, daß ihr Zamora gewinnt binnen we⸗ nigen Tagen. Und wenn ich das nicht voll⸗ bringe, was ich ſage, ſo moͤget ihr mich toͤdten.«“ Und der Koͤnig glaubte ihm und nahm ihn zu ſeinem Vaſallen an und ehrte ihn ſehr und ſchenkte ihm ſein Vertrauen. Und am andern Morgen fruͤh ſtieg ein Ritter 166 Skizzen aus Spanien. auf die Zinnen der Mauer und rief laut, alſo, daß Alle im Heere ihn hoͤrten, und ſprach:»Koͤnig Don Sancho, nehmt zu Her⸗ zen, was ich euch jetzt ſage: ich bin ein Rit⸗ ter und adelichen Blutes, und mein Vater und meine Vorfahren ruͤhmten ſich der Treue, und ich will euch enttaͤuſchen und die Wahrheit ſagen, ſo ihr mir glauben wollt. Aus der Stadt iſt entflohen ein Verraͤther, mit Na⸗ men Vellido Dolfo, um euch zu toͤdten; ſo huͤtet euch denn vor ihm. Wenn euch aber ein Unheil zuſtoßen ſollte, ſo moͤgen die Ca⸗ ſtilier nicht ſagen, daß ihr nicht gewarnt worden.« Als aber Vellido Dolfo dieſe Rede vernahm, trat er vor den Koͤnig und ſprach: »Herr, der alte Arias Gonzalo iſt ſchlau ge⸗ nug, und weil er weiß, daß ich euch kann die Stadt gewinnen machen, laͤßt er euch dies ſagen.« Und alsbald rief er nach ſeinem Roß und that desgleichen, als wollte er im Zorne davon reiten. Und der Koͤnig faßte ihn bei der Hand und ſprach:»Mein Freund und mein Vaſall, laßt euch das nicht kuͤm⸗ mern; denn ich ſage euch fuͤrwahr, daß, ſo ich Zamora gewinne, will ich euch zum Groͤ⸗ Skizzen aus Spanien. 167 ßten und Erſten machen darinne, gleich wie jetzt Arias Gonzalo iſt.«“— Und Vellido Dolfo kuͤßte ihm die Hand und ſagte: Gott moͤge ihm langes Leben geben, daß er ihm dieſes vollbringe. Wie er aber auch redete, ſo hatte er gar Anderes im Sinne. Darnach geſchah es, daß Vellido Dolfo den Koͤnig bei Seite nahm und ſprach zu ihm: »Herr, wenn es euch gefaͤllt, ſo reiten wir beide allein um die Stadt Zamora, und ihr moͤgt beſchauen die Gruben, die ihr zu gra⸗ ben gebotet; ich aber will euch ein Pfoͤrtlein zeigen, von den Zamoranern das Stadtpfoͤrt⸗ lein genannt, da moͤgen wir eindringen in die Stadt; denn ſelbiges Pfoͤrtlein wird nie⸗ malen geſchloſſen. Und dieſen Abend ſollt ihr mir hundert Ritter geben, daß ſie zu Fuß mit mir gehen; und dieweil die Zamoraner ſchwach ſind vor Hunger und Elend, werden wir ſie leicht uͤberwaͤltigen und euch die Thore oͤffnen und ſie offen halten, bis das ganze Heer in die Stadt eingezogen iſt, und ſo werden wir die Stadt gewinnen.« Und der Koͤnig glaubte ihm und lobte ihn ſehr, und ſie ritten beide allein um die Stadt, ferne 168 Skizzen aus Spanien. vom Heer, und der Koͤnig ſpaͤhte, wo er ſie am beſten gewinnen koͤnnte, und jener Ver⸗ raͤther wies ihm das Pfoͤrtlein, davon er ihm geſagt hatte. Und nachdem ſie rings umher geritten, gefiel es dem Koͤnig abzuſteigen und ſich zu ergehen am Ufer des Duero; und er trug in der Hand einen kleinen goldenen Wurfpfeil, wie es zu jener Zeit der Koͤnige Gebrauch war, und gab ihn Vellido Dolfo zu tragen. Und der Koͤnig ging abſeits, daß er verrichte, was des Menſchen Nothdurft iſt, bei dem Klausnerhaͤuslein, ſo man heißt Santyago. Und Vellido Dolfo folgete ihm und ſchoß ihm den Wurfpfeil von hinten zwi— ſchen die Schultern und fuhr vorne zur Bruſt heraus: und als er ihn ſo getroffen hatte, beſtieg er ſein Roß und floh ſo ſchnell er nur konnte, nach jenem Pfoͤrtlein zu, welches er dem Koͤnig gezeigt hatte. Und wie er alſo flohe, begegnete ihm der Cid und fragte: warum er alſo fliehe?— Er aber antwor⸗ tete nichts, und alsbald merkte der Cid, was es war, und rief eilig nach ſeinem Roſſe, und ergriff die Lanze und wartete nicht, daß man ihm die Sporen anlegte, und jagte Skizzen aus Spanien. 169 Vellido Dolfo nach und holte ihn ein, da er eben in das Pfoͤrtlein trat, und verwundete noch ſein Pferd. Und es heißt, er haͤtte ihn ſelber noch treffen koͤnnen, wenn er ſeine Sporen gehabt, und deshalb verfluchte damals der Cid jeden Ritter, der ohne Sporen zu Pferde ſtiege. Und von allen Thaten, die der Cid gethan, iſt dies die einzige, worauf wackre Leute etwas ſagen koͤnnten, daß er naͤmlich nicht dem Verraͤther nach in die Stadt gedrungen und ihn erſchlagen habe. Daß er es aber nicht that, geſchah keines⸗ weges aus Furcht vor Tod oder Wunden, ſondern nur darum, daß er damals nicht ſo geruͤſtet war, wie er haͤtte ſein ſollen. Vellido Dolfo aber, nachdem er mit großer Angſt und Noth in die Stadt gekom⸗ men war, barg ſich unter dem Mantel der Infantin Dona Urraca. Arias Gonzalo aber ſprach zu ihr:»Herrin, ich bitte euch um Gottes willen, daß ihr dieſen Verraͤther uͤber⸗ gebet den Caſtilianern; wonicht aber, ſo wird daraus groß Unheil folgen fuͤr Zamora, denn ſie werden Zamora anklagen und dann werdet ihr uns nichts helfen.« Doña Urraca 1 170 Skizzen aus Spanien. aber entgegnete:»Don Arias Gonzalo, jetzt rathet mir ſo, daß der Mann nicht ſterbe um deswillen, das er gethan hat.“ Sprach Arias Gonzalo:»Wohlan, ſo uͤbergebet ihn mir, daß er in meiner Haft ſei dreimal neun w Tage; und wenn uns in der Zeit die Caſti⸗ lianer anſchuldigen, ſo ſtoßen wir ihn aus der Stadt, daß er nicht wieder vor euch er⸗ ſcheine.« Und ſie thaten alſo. Die Caſtilianer aber ſuchten ihren Herrn und fanden ihn am Ufer des Duero, da er lag zum Tode getroffen, und wagten nicht den Pfeil aus der Wunde zu ziehen, auf daß er ihnen nicht unter den Haͤnden ſterbe. Und alsbald trat herzu ein Meiſter aus Burgos und ſaͤgte den Pfeil ab zu beiden Seiten, vorne und hinten, auf daß der Koͤnig nicht die Sprache verloͤre. Und es ſprach zu ihm Don Garcia de Cabra, der Krauskopf von Graüon:»Herr, gedenkt eurer Seele, denn ihr ſeid ſchwer und uͤbel verwundet.« Und der Koͤnig ſprach:»Geſegnet ſeid ihr, Graf, daß ihr mich daran mahnt, denn ich fuͤhle wohl, daß ich des Todes bin, und hat mich erſchlagen jener Verraͤther, Vellido Dolfo. Skizzen aus Spanien. 171 Und ich meine wohl, daß mir dies geſchehen um meiner Suͤnden willen— und um mei⸗ ner Bruͤder willen und meiner Vaſallen; denn ich brach das Gebot meines Vaters und den Eid, den ich ihm geleiſtet, daß ich kei⸗ nem meiner Bruͤder noch meiner Vaſallen das Seinige nehmen wolle.« Und als der Koͤnig dies geſprochen, trat der Cid herzu und ließ ſich nieder auf die Knie vor ihm und ſprach: »Ich bin verlaſſen und rathlos, mehr denn irgend einer von euern Vaſallen; denn um euretwillen hab ich allen euren Geſchwiſtern großen Schaden gethan, und jetzt kann ich weder zu den Mohren fliehen vor eurem Bru⸗ der Don Alfonſo, noch kann ich bei den Chri⸗ ſten bleiben vor eurer Schweſter Doña Urraca, denn ſie meinen fuͤrwahr, alles Uebel, was ihr ihnen angethan, dazu habe ich euch gera⸗ then; darum bitte ich euch, ihr wollet mei⸗ ner gedenken, ehe ihr ſterbet.«— Und der Koͤnig gebot, daß man ihn aufrecht ſetze auf ſeinem Lager, und um ihn her ſtanden Gra⸗ fen und reiche Maͤnner, und Erzbiſchoͤfe und Biſchoͤfe, und er redete zu ihnen und ſprach: »Ihr ſollt meinen Bruͤdern Don Alfonſo und 172 Skizzen aus Spanien. Don Garcia ſagen, daß ſie mir vergeben moͤgen alles Unrecht und alle Gewalt, die ich ihnen angethan; auch ſollt ihr alle Gott bitten, daß er meiner Seele gnaͤdig ſei.« Nachdem er dies geſprochen, verlangte er die geweihte Kerze und alsbald ging ihm die Seele aus, und erhuben alle ſeine Vaſallen umher große Klage um ihn, und darnach auch alle anderen im ganzen Lande. Und ein gut Theil der Grafen und der reichen Maͤn⸗ ner des Heeres, und die Erzbiſchoͤfe und die Biſchoͤfe nahmen den Leichnam ihres Herrn, des Koͤnigs Don Sancho, und fuͤhrten ihn nach dem Gotteshaus zu Oüa, und beſtatte⸗ ten ihn zur Erde mit großen Ehren, wie es einem Koͤnig ziemt. Die uͤbrigen aber blie⸗ ben in dem Lager vor Zamora. Nachdem ſie aber den Koͤnig beſtattet hatten, kehrten alle reichen Maͤnner und Praͤ⸗ laten zum Heere vor Zamora zuruͤck, und hielten alle ihren Rath, ſie wollten die Za⸗ moraner herausfordern. Und es erhob ſich unter ihnen der Graf Garcia de Cabra und ſprach:»Freunde, ihr wißt, wie wir unſern Herrn, den Koͤnig Don Sancho verloren ha⸗ Skizzen aus Spanien. 173 ben, und wie ihn der Verraͤther Vellido Dolfo erſchlagen; und die von Zamora haben ihn in ihrer Stadt aufgenommen, und es iſt ſo, wie wir vermuthen und wie ausgeſagt wor⸗ den, daß er es auf Anſtiften der Zamoraner gethan hat. Iſt aber einer hier, der ſie deſſen anklagen und herausfordern will, ſo wollen wir andern ihn ſchirmen und wohl ausruͤſten mit Waffen und Pferden, bis die Sache entſchieden.«— Nachdem der Graf ſo geſprochen, ſchwiegen ſie alle, daß keiner antwortete. Darnach aber nach einer guten Weile erhob ſich ein Caſtiliſcher Ritter, Don Diego Ordoüez de Lara mit Namen, und ſprach zu ihnen:»Ihr Herrn, wenn ihr Alles halten wollt, was der Graf hier geredet, ſo will ich die von Zamora anklagen und her⸗ ausfordern wegen des Todes unſers Herrn, des Koͤnigs Don Sancho.«— Und ſie ver⸗ hießen es ihm und erhoben die Haͤnde und thaten einen Eid. Don Diego aber waffnete ſich und beſtieg ſein Roß und ritt hin, die von Zamora herauszufordern. Und als er nahe an die Stadt gekommen, deeckte er ſich mit ſeinem Schilde, auf daß ſie ihn nicht 174 Skizzen aus Spanien. ſchoͤſſen mit Pfeilen, und begann mit lauter Stimme zu rufen nach Don Arias Gonzalo. Ein Schildknappe, der auf der Mauer ſtand, ging zu Don Arias und ſagte ihm an, es halte ein Ritter vor der Mauer und rufe nach ihm, und ob man ihn mit Pfeilen oder mit der Armbruſt ſchießen ſolle, oder ihm das Roß toͤdten? Und Don Arias Gonzalo ſprach: er ſolle ihn nicht verletzen auf keinerlei Weiſe; und ſtieg mit ſeinen Soͤhnen, die um ihn waren, auf die Mauer, zu ſehen, was jener Ritter wolle, und rief zu ihm:»Freund, was begehrt ihr?« Und Don Diego rief: »Die Caſtilianer haben ihren Herrn verloren, den Koͤnig Don Sancho, und erſchlug ihn der Verraͤther Vellido Dolfo, den ihr in Za⸗ mora aufgenommen. Darum ſage ich: wer einen Verraͤther bei ſich aufnimmt, ſo er kennt ſeinen Verrath, oder ihn zuließ, der iſt ſel⸗ ber ein Verraͤther; und ich klage alle Zamo⸗ raner an und fordere ſie heraus, die Großen wie die Kleinen, die Lebendigen und die Tod⸗ ten und die da noch nicht geboren ſind, und das Waſſer, davon ſie trinken, und die Ge⸗ vaͤnder, damit ſie ſich kleiden— ja die Stei⸗ Skizzen aus Spanien. 175 ne eurer Mauern klage ich an. Und iſt einer in Zamora, der da nein ſagt, ſo will ich mit ihm darum kaͤmpfen, und wenn es Gott gefaͤllt, daß ich ſiege, ſo ſollt ihr ſolche ſein und bleiben, wie ich geſagt habe.« Antwor⸗ tete Don Arias Gonzalo:»Waͤr ich ein ſol⸗ cher, wie du geſagt haſt, ſo muͤßte ich nie geboren worden ſein, aber in Allem, was du geredet, haſt du gelogen. Und ich muß dir ſagen, was die Großen thun, daran haben die Kleinen keine Schuld, noch die Todten, noch die, ſo es nicht hoͤren noch ſehen konn⸗ ten. Laß mir alſo weg die Todten und die Kinder, und was du ſonſt da geredet, ſo ſag ich dir, was das Uebrige anlangt, du 3uͤgſt, und ich will mit dir kaͤmpfen oder dir ſtellen, wer mit dir kaͤmpfe. Du mußt aber wiſſen, wer eine Stadtgemeinde anklagt und heraus⸗ fordert, der muß mit fuͤnfen kaͤmpfen, einem nach dem andern; und wenn er alle fuͤnfe beſiegt, ſo hat er wahr geredet; wenn aber einer von den fuͤnfen ihn beſiegt, ſo gilt er als ein Luͤgner.« Als Don Diego dies ge⸗ hoͤrt, gereute ihn ein wenig, doch ließ er ſich nichts merken, ſondern entgegnete:»Don 176 Skizzen aus Spanien. Arias Gonzalo, ich will zwoͤlf Caſtilianer ſtellen, ſo ſtellet ihr zwoͤlf Zamoraner, und alle vier und zwanzig ſollen auf das Evan⸗ gelium ſchwoͤren, daß ſie nach Recht ſprechen wollen, und ſo wie ſie ſprechen, daß ich kaͤm⸗ pfen muß, ſo will ich kaͤmpfen.« Sprach Don Arias, daß es ihm recht ſei, und daß er wohl geſprochen. Und alsbald ſchloſſen ſie einen Waffenſtillſtand auf dreimal neun Tage, bis ſie gekaͤmpft haͤtten.— Und es traten zuſammen zwoͤlf Schieds⸗ richter von beiden Seiten, Zamoraner und Caſtilianer, um zu entſcheiden uͤber die An⸗ klage und Herausforderung, und in welcher Weiſe der Kampf ſein ſolle; und die Angeſe⸗ henſten und Weiſeſten von beiden Theilen fan⸗ den alſo, es ſei Rechtens und ſtehe geſchrie⸗ ben: wer eine Stadtgemeinde herausfordere, der muͤſſe mit fuͤnfen kaͤmpfen, mit einem nach dem andern. Und nach jedem Kampf ſolle man ihm friſche Waffen und ein friſches Roß geben, und drei Kraftbruͤhen, und zu trinken, Wein oder Waſſer, was er lieber wolle. Und alſo kamen ſie uͤberein, und die Schiedsrichter maßen das Feld aus bei Za⸗ Skizzen aus Spanien. 177 mora, an einem Ort, der da heißt Santyago, auf dem Sande am Fluſſe, und richteten eine Stange auf mitten auf dieſem Platze, und verordneten: wer ſiege, der ſolle alsbald die Hand legen an dieſe Stange und ausrufen, daß er das Feld behauptet; und ſetzten ihnen Friſt, binnen neun Tagen, daß jene auf dieſem Platze kaͤmpfen ſollten, den ſie ihnen bezeichnet. Darnach kehrte Don Arias Gonzalo nach Zamora zuruͤck und ſagte der Infantin Doña Urraca an Alles, was ſie verordnet. Und ſie ließ verkuͤnden durch die ganze Stadt, daß Alle ſich zu Rathe verſammelten; und nachdem ſie verſammelt waren, redete Don Arias Gon⸗ zalo zu ihnen und ſprach:»Freunde, ich bitte euch, wenn einer unter euch iſt, der Theil hat an dem Tode des Koͤnigs Don Sancho, oder der darum gewußt, der ſpreche jetzt und laͤugne es nicht; denn eher will ich mit meinen Soͤhnen in die Mohrenlande ge⸗ hen, ehe wir beſiegt werden in dieſem Kampf und als Verraͤther und Treuloſe gelten.« Alsbald ſprachen Alle, daß keiner unter ih⸗ nen ſei, der darum gewußt oder dazu gera⸗ II. 12 178 Skizzen aus Spanien. then. Und Don Arias freute ſich deß, und gebot Allen zu gehen, ein jeder in ſein Haus, und auch er ging mit ſeinen Soͤhnen nach ſeinem Hauſe. Und waͤhlte vier von ſeinen Soͤhnen, daß ſie kaͤmpften, er ſelber aber als der fuͤnfte. Und ermahnte ſie, wie ſie ſich auf dem Kampfplatz halten ſollten; und ſagte, er wolle der erſte ſein:»Und wenn der Caſtilianer die Wahrheit geſprochen, ſo werde ich zuerſt fallen, und werde nicht an⸗ ſehen euern Schmerz; und wenn er gelogen hat, ſo werde ich ihn beſiegen, und ihr wer⸗ det auf immer geehrt ſein.«— Als aber der Tag kam, welches war der erſte Sonntag des Junius, da waffnete Don Arias Gonzalo ſeine Soͤhne, und dar⸗ nach waffneten ſie wiederum ihn. Und es ward ihnen angeſagt, daß Don Diego Or⸗ donez de Lara ſchon auf dem Platz ſei, und als ſie eilig hinausritten, trat ihnen am Thor ihres Pallaſtes entgegen Dona Urraca mit den Matronen, und ſprach mit weinenden Augen:»Don Arias, moͤget ihr jetzt deſſen gedenken, wie mein Vater, der Koͤnig Don Fernando, mich euch anbefohlen, und wie Skizzen aus Spanien. 179 ihr in ſeine Haͤnde geſchworen, daß ihr mich nie verlaſſen wolltet. Darum flehe ich euch, ihr wollet jetzt hier bleiben und nicht kaͤm— pfen, denn genug ſind deren, die es fuͤr euch thun moͤgen.« Da legte Don Arias die Waffen ab, und es traten herzu viele Ritter und foderten ſeine Waffen, daß ſie ſtatt ſeiner kaͤmpften. Er aber wollte ſie kei⸗ nem Menſchen auf Erden geben, als nur ſei⸗ nem juͤngſten Sohn, Pedro mit Namen. Der war noch ſehr jung an Jahren, aber ſehr kuͤhn und hatte ihn viel gebeten, daß er ihn kaͤmpfen ließe ſtatt ſeiner. Und er waffnete ihn mit eigner Hand und vermahnte ihn viel, und darnach ſegnete er ihn, und gebot ihm, er ſolle die Zamoraner retten, ſo gewiß wie unſer Herr Jeſus Chriſtus die Welt erloͤſet habe. Albsbald eilte er auf den Platz, wo ihrer ſchon wartete Don Diego Ordoüez, trefflich gewaffnet; und es traten zu ihnen die Kampfrichter und zeigten ihnen die Schranken, und ſagten ihnen, wer ſiege, der muͤſſe Hand legen an jene Stange, die inmitten der Schranken ſtand, und muͤſſe ſprechen: er habe das Feld gewonnen. Und 12* 180 Skizzen aus Spanien. darnach verließen ſie ſie dort und blieben au⸗ ßerhalb der Schranken. Jene aber wandten ihre Roſſe und rannten einander an und fuͤhrten gewaltige Stoͤße auf einander, und alſo thaten ſie fuͤnf Mal; und das ſechste Mal zerſplitterten ihnen die Lanzen, und ſie zogen die Schwerter und fuͤhrten ſolche Hiebe, daß die Helme nachgaben. Das dauerte bis um Mittag; als aber Don Diego ſah, daß es ſich ſo lange hinzog und daß er ihn nicht beſiegen konnte, gedachte er, wie er kaͤmpfe, um ſeinen Herrn und Koͤnig zu raͤchen, der durch großen Verrath umgekommen, und nahm ſich zuſammen, ſo viel er nur konnte, erhob das Schwert und fuͤhrte einen ſolchen Hieb auf Pedro Arias, daß er ihm den Helm, den Harniſch und die Hirnſchale zer⸗ ſchmetterte. Pedro aber im Grimm uͤber die große Wunde, die er empfangen, und da ihm das Blut uͤber die Augen herabſtroͤmte, umfaßte den Hals ſeines Roſſes, ohne das Schwert aus der Hand oder die Buͤgel zu verlieren. Und als Don Diego ihn ſo ſahe, meinte er, er ſei todt, und wollte ihn nicht mehr verwunden, und rief laut und ſprach: Skizzen aus Spanien. 181 »Don Arias Gonzalo, ſchickt mir einen an⸗ dern von euren Soͤhnen her, denn dieſer hier wird euch keinen Gruß mehr bringen!« Als Pedro Arias dies hoͤrte, obgleich er ſchwer getroffen war zum Tode, wiſchte er ſich das Blut aus dem Geſicht mit dem Panzeraͤrmel, und rannte Don Diego heftig an, erhob das Schwert mit beiden Haͤnden und gedachte ihn uͤber den Kopf zu hauen, aber er ver⸗ fehlte ihn, von wegen des Blutes, und traf das Roß mit einem ſo ſchweren Hieb, daß er ihm das Maul und die Naſe mit ſammt dem Zuͤgel herunter hieb, und das Roß be⸗ gann alsbald zu fliehen, wegen des Schmer⸗ zes der Wunde. Und Diego Ordonez, da er nichts hatte, damit er es anhalten konnte, und ſah, daß es ihn uͤber die Schranken hin⸗ aus tragen werde, ließ ſich zur Erde fallen aus dem Sattel, innerhalb der Schranken. Pe⸗ dro Arias aber fiel todt zur Erde, jenſeits der Schranken, und Don Diego legte die Hand an die Stange, inmitten der Schran⸗ ken, und rief:»Den Einen hab' ich beſiegt, gelobt ſei Gott!«— Und die Kampfrichter traten alsbald herbei und faßten ihn bei der 182 Skizzen aus Spanien. Hand und fuͤhrten ihn nach dem Lager, ent⸗ waffneten ihn und gaben ihm zu eſſen drei Kraftbruͤhen, und Wein zu trinken; und er ruhte ein weniges aus. Und darnach legten ſie ihm eine friſche Ruͤſtung an, und waff⸗ neten ihn und gaben ihm ein ſehr gutes Roß, und fuͤhrten ihn nach den Schranken zuruͤck. Alsbald erſchien der zweite Sohn Don Arias Gonzalo, Diego Arias mit Namen, wohl verſehen mit Ruͤſtung und Waffen und auf einem guten Roß, und kamen mit ihm ſein Vater und ſeine Bruͤder bis an die Schranken und ermahnten ihn viel. Alsbald faßten die Kampfrichter ſie bei den Zuͤgeln und fuͤhrten ſie in die Schranken und ver⸗ ließen ſie dort. Sie aber rannten einander an und fuͤhrten ſolche Stoͤße mit der Lanze, daß die Schilde nachgaben, und die Lanzen zerſplitterten; und nahmen zur Hand die guten Schwerter und zerhieben ſich bald die Helme und die Panzeraͤrmel. Und Don Die⸗ go nahm ſich zuſammen und fuͤhrte einen Hieb auf den Helm, daß er ihm das Haupt ſpaltete bis an die Schultern; und eilte und legte Hand an die Stange, inmitten der 183 Skizzen aus Spanien. Schranken, und rief zu Don Arias Gonzalo: »Schickt mir einen andern Sohn, denn zwei hab' ich beſiegt, gelobt ſei Gott!« Alsbald tra⸗ ten herzu die Kampfrichter und ſprachen zu ihm: der Todte ſei noch nicht aus den Schranken getrieben— denn er lag noch in den Schran⸗ ken— ſondern er ſolle vom Roſſe ſteigen und ihn aus den Schranken werfen. Don Diego Ordoüez aber that, wie ihm geheißen ward, und ſtieg vom Roſſe und faßte den Todten beim Fuße, und zog ihn bis an die Schran⸗ ken, und legte ſich auf die Erde, und ſtieß ihn aus den Schranken mit den Fuͤßen, und ging wieder zuruͤck nach der Stange und legte die Hand daran und ſprach:»Lieber will ich mit einem Lebendigen kaͤmpfen, als einen Todten aus den Schranken ſchleppen.« — Und abermals traten herzu die Kampf⸗ richter, fuͤhrten ihn nach dem Lager, ließen ihn eine Weile ruhen und erquickten ihn mit Bruͤhen und mit Wein, und gaben ihm friſche Waffen und ein friſches Roß, und fuͤhrten ihn zuruͤck nach den Schranken. Don Arias Gonzalo in ſeinem großen Schmerz, rief ſeiner Soͤhne einen, Rodrigo 184 Skizzen aus Spanien. Arias mit Namen, der war der aͤlteſte von allen, und ein ſtarker und tapferer Ritter, und hatte ſich ſchon in andern Zweikaͤmpfen verſucht und hatte viel Gluͤck. Und Don Arias ſprach zu ihm:»Sohn, ich bitte euch um Gottes willen, ihr wollet hingehen und mit Don Diego Ordonez kaͤmpfen, und ret⸗ ten die Stadt Zamora und die Infantin Dona Urraca und raͤchen eure Bruͤder, und ſo ihr das thut, ſeid ihr zur guten Stunde geboren.« Und Rodrigo Arias antwortete und ſprach:»Herr und Vater, ich danke euch fuͤr das, was ihr geſagt, und glaubt mir, daß ich ſterben will oder die Stadt Zamora retten.«— Alsbald waffnete er ſich, und ſein Vater half ihm dabei, und ſie ritten nach den Schranken. Und die Kampfrichter fuͤhrten ſie in die Schranken und ließen ſie dort, und ſie rannten einander an. Und Don Diego verfehlte ſeinen Stoß; aber nicht alſo Rodrigo Arias, ſondern er ſtieß ihn durch den Schild, und zerſchmetterte den vordern Sattelbogen, alſo, daß Don Diego die Buͤgel verlor und den Hals des Roſſes umfaßte. Wie uͤbel aber auch Don Diego Skizzen aus Spanien. 185 zugerichtet war von dem Stoße, doch nahm er ſich zuſammen und rannte den andern wiederum an, und ſtieß ihm die Lanze durch den Schild, und ein gutes Ende ins Fleiſch, und die Lanze zerbarſt; und darnach legten ſie Hand an die Schwerter, und Rodrigo Arias fuͤhrte einen Hieb, der ſchnitt ihm den linken Arm durch, bis auf den Knochen. Als aber Don Diego ſich ſo uͤbel getroffen fuͤhlte, rannte er wiederum Rodrigo Arias an, und hieb ihn uͤber den Helm, und durch den Helm, und durch die Helmbinde und durch die halbe Hirnſchale. Rodrigo Arias aber, als er ſich zum Tode getroffen fuͤhlte, ließ den Zuͤgel fahren und faßte das Schwert mit beiden Haͤnden und fuͤhrte einen Hieb auf Don Diegos Roß und ſpaltete ihm den Kopf. Und es begann zu fliehen mit Don Diego Ordoüez und trug ihn uͤber die Schranken hinaus und ſtarb dort. Rodrigo Arias aber folgte Don Diego und ſtuͤrzte todt vom Pferde; und alsbald wollte Don Diego in die Schranken zuruͤckkehren und mit den an⸗ dern kaͤmpfen. Die Kampfrichter aber ließen es nicht zu und wollten auch nicht entſchei⸗ 186 Skizzen aus Spanien. den, ob die Zamoraner beſiegt ſeien oder nichtz, darum, daß ſein Roß Don Diego uͤber die Schranken hinaus getragen hatte. Und ſo blieb es dabei.«— Florencio, nach ſeiner Art durch den Gegenſtand in hohem angezogen und aufge⸗ regt, hatte mit großem Eifer und Ausdruck ſo weit geleſen, ohne zu bemerken, daß ſeine Schweſter ihm laͤngſt nicht mehr zuhoͤrte; ſondern in Gedanken verſunken dort ſaß und einige Papiere, die auf dem Tiſche lagen, mit großer Muͤhe und Sorgfalt in moͤglichſt kleine Stuͤcke zerriß. Eben fing Florencio an, ihr ihre Unart mit Heftigkeit zu verweiſen und die Wichtigkeit und Unerſetzlichkeit der Papiere vorzuhalten, in denen er die Weis⸗ heit des letzten Vierteljahrs ſeiner philoſophi⸗ ſchen Studien niedergelegt hatte, als ſie durch die Stimme ihrer Mutter unterbrochen wur⸗ den, die draußen an der Gartenpforte im Zwiegeſpraͤch mit einer wohlklingenden maͤnn⸗ lichen Stimme ſich hoͤren ließ. Gleich dar⸗ auf oͤffnete ſich die Pforte und Dona Ana trat herein, hinter ihr ein junger Mann, den ſie ihren Kindern mit den Worten vorſtellte: Skizzen aus Spanien. 187 »Hier, Mercedes, danke dieſem Caballero, Moſen Beneyt Soler, dem, naͤchſt der heili⸗ gen Jungfrau, wir die Rettung deines Le⸗ bens ſchuldig ſind.«— Mercedes war bei dem Eintreten des Fremden aufgeſprungen, und warf einen ſo ſonderbar vielbedeutenden Blick auf ihn, daß Florencio ſich ihn vergeb⸗ lich zu erklaͤren ſuchte, ſo leidenſchaftlich, zaͤrt⸗ lich und doch zugleich fragend und drohend .ſchien ihm dieſer Blick zu ſein. Der Eintre⸗ tende ſelbſt ſchien zweifelhaft, wie er dieſen Empfang zu deuten habe. Er war ein Mann von eltwa dreißig. Jahren, von mittlerer Groͤße, ausgezeichnet kraͤftigem und zugleich gewandtem Koͤrperbau, anmuthigem Anſtand und raſchen Bewegungen; in den bewegli⸗ chen Zuͤgen ſeines braunen und doch ſehr leicht die Farbe wechſelnden Geſichtes herrſchte ge⸗ woͤhnlich ein Ausdruck von Freimuͤthigkeit, Kuͤhnheit und Lebensfreudigkeit vor, der je⸗ doch in dem blitzenden Auge, den ſchwellen⸗ den Naſenfluͤgeln, der aufgeworfenen Ober⸗ lippe leicht in herausfordernden Trotz, belei⸗ digenden Uebermuth, Zorn und Hohn uͤber⸗ gehen konnte, und auch einen Anſtrich von 188 Skizzen aus Spanien. Liſt nicht ausſchloß. Seine Kleidung, ein langes Gewehr, das er trug, und ein Paar ſchoͤne Jagdhunde, die ihm folgten, deuteten ſeine Lieblingsbeſchaͤftigung an. Als er her⸗ eintrat und Mercedes anreden wollte, druͤckte ſein Blick, ſein Geſicht, ſeine ganze Haltung eine gewiſſe Zuverſicht, Selbſtzufriedenheit und Wohlwollen aus, wozu ſich, als er ih⸗ rem Blick begegnete, jedoch einige Verwun⸗ derung geſellte, die nach und nach die Ober⸗ hand behielt. Bei Mercedes war die Ver⸗ aͤnderung viel ploͤtzlicher; denn kaum hatte ſie ſeinem Blicke begegnet, ſo war auch jede Spur einer tiefern, innern Aufregung bei ihr verſchwunden; ſie behauptete gegen ihren Retter und Ritter ihren gewoͤhnlichen, ja womoͤglich noch geſteigerten Ton von Stolz und Schaͤrfe, und fing ſogleich damit an, ihrer Mutter zu verſichern: Moſen Beneyt ſei zu ſehr Caballero, um wegen einer ſol⸗ chen Kleinigkeit einen beſondern Dank zu erwarten oder gar zu holen; da er ja nur gethan, was jeder Mann von einiger Ehre und einigem Muth auch gethan haben wuͤrde. Der junge Mann ſchien offenbar durch dieſen Skizzen aus Spanien. 189 Ton, dieſe Aeuſſerung auf mancherlei Weiſe unangenehm und unerwartet angeregt zu wer⸗ den, und ſein ausdrucksvolles Auge ſtreifte bald fragend, bald bittend, bald unwillig drohend nach dem Maͤdchen hinuͤber, das ſich aber keineswegs irre machen ließ, ſondern ruhig nach den Geraͤthſchaften zu einer weiblichen Arbeit herumſuchte.»In der That, antwor⸗ tete er endlich mit ſichtlicher Empfindlichkeit, ich wuͤrde mich ſchaͤmen, die Seſorita durch meine Gegenwart an eine ſolche Kleinigkeit zu erinnern, und Dona Ana wird mir das Zeugniß geben, daß unſer Begegnen ganz zufaͤlig war, und daß ich es nur auf ihre ausdruͤckliche Aufforderung gewagt habe, mich bei Ihnen ſelbſt nach Ihrem Befinden zu erkundigen. Da ich aber mit Vergnuͤgen ſehe, daß das geſtrige Abenteuer durchaus keinen Eindruck bei Ihnen zuruͤckgelaſſen hat, ſo bleibt mir weiter nichts uͤbrig, als Ihnen und mir Gluͤck zu wuͤnſchen und meiner Wege zu gehen.«—»Wie ihr wollt, Caballero, ſagte Mercedes lachend, aber ihr duͤrft we⸗ nigſtens nicht ſagen, daß ich euch ſo wieder weggeſchickt habe, und koͤnnt mir nicht ver⸗ 190 Skizzen aus Spanien. wehren zu denken, daß ihr geht, weil ihr keine Luſt habt zu bleiben, oder weil ihr nichts mehr zu ſagen wißt. Laßt mich euch aber auch die gute Lehre mit auf den Weg geben, daß es fuͤr einen feinen Caballero nicht genug iſt, Damen aus dem Feuer zu holen, ſondern daß er auch hoͤflich gegen ſie ſein muß. Uebrigens will ich auch zu eurer Ehre gar nicht glauben, daß ihr nur zufäͤllig hier ſeid.. ſondern daß ihr expreß kommt, um euch pflichtmaͤßig nach meinem werthen Befinden zu erkundigen.« Soler ſchwankte zwiſchen mancherlei ſehr verſchiedenartigen Em⸗ pfindungen, aber ſchon dieſes Schwanken hinderte ihn, ſeinen Entſchluß auszufuͤhren und ein ſo ſonderbares Verhaͤltniß ſogleich abzubrechen.— Als nun gar Florencio, den offenbar die ganze Erſcheinung, das Weſen des Fremden anzog, das wunderliche Beneh⸗ men ſeiner Schweſter ſcherzend tadelte und ihn aufforderte, ſich nicht an ſie zu kehren, ihr zum Trotz zu bleiben— als auch die Mutter, die indeſſen in die Huͤtte gegangen war, mit der Taſſe Chocolade heraustrat, die in Spanien gleichſam das Symbol der Skizzen aus Spanien. 191 Gaſtfreundſchaft iſt, und, in ſolchem Falle wenigſtens, kaum ohne Beleidigung ausge⸗ ſchlagen werden konnte, da entſchloß ſich So⸗ ler ohne Muͤhe zu bleiben, um ſo mehr, da er nur eines Vorwandes bedurfte, um ſeine Empfindlichkeit zu beruhigen, welche ihn weg⸗ trieb, waͤhrend ſo viele, wenn auch wider⸗ ſprechende Gefuͤhle ſich vereinigten, ihn zu halten. So war denn ein Verhaͤltniß angeknuͤpft, welches auf das Schickſal aller dabei bethei⸗ ligten und vieler andern Menſchen einen be⸗ deutenden Einfluß zu uͤben beſtimmt war. Hatte daſſelbe aber von vorne herein einen ſonderbar verworrnen, unerfreulichen Charak⸗ ter gezeigt, ſo entwickelten ſich dieſe Elemente im Verlauf der Zeit immer deutlicher. Was Mercedes und Soler an einander feſſelte, ſchien in der That oft nichts weniger wie Liebe, ſondern im Gegentheil beiderſeitige tiefe Erbitterung zu ſein. Woher ſich dies Gefuͤhl ſchrieb, war nicht leicht auf andre Weiſe zu erklaͤren, als daraus, daß bei dem wunderlichen Paar gegenſeitig mehr Stolz als Liebe war. Soler ſchien nicht da⸗ 192 Skizzen aus Spanien. von abgehen zu wollen, daß er Rechte habe; und Mercedes beharrte darauf, ihm nichts der Art zuzugeſtehen. Ob nun in jener Nacht etwas zwiſchen Beiden vorgefallen war, was ſie vergeſſen haben wollte, waͤhrend er ſich darauf berufen zu koͤnnen glaubte, wiſ⸗ ſen wir freilich nicht; ſo viel iſt gewiß, daß jede Anſpielung an jenen Vorfall von dem Maͤdchen mit auffallender Heftigkeit zuruͤck⸗ gewieſen wurde; und es ſchien, als wenn dann bei ihr eine wahre, tief verhaltene Rach⸗ ſucht gegen ihren Retter hervorbraͤche. War es aber ihre eigne, blos voruͤbergehende Schwaͤche oder ein bleibender Eindruck, eine tiefer begruͤndete Abhaͤngigkeit, die ihr Stolz an ihm raͤchen zu muͤſſen glaubte?— War es ſeine Kuͤhnheit?— Vielleicht haͤtte ſich Alles leicht und wohlthuend geloͤſt, wenn er ſich haͤtte entſchließen koͤnnen, als demuͤthi⸗ ger Anbeter um ſie zu werben, ihren empoͤr⸗ ten Stolz zu beſchwichtigen; aber eben dazu konnte er ſich nicht entſchließen. Sein gan⸗ zes Weſen, woran die Erfahrungen, die er waͤhrend eines ziemlich wilden, abenteuerli⸗ chen Lebens in der Liebe gemacht haben Skizzen aus Spanien. 193 mochte, keinen geringen Antheil hatten, er⸗ hob ſich dagegen; und am Ende war es eben dieſes Weſen, eben dieſer Stolz des kuͤhnen Mannes, wodurch in dem Maͤdchen das Gefuͤhl geweckt worden war, und wach erhalten wurde, dem ihr eigner Stolz ſo hartnaͤckig widerſtrebte, daß am Ende ſogar ihr Bruder irre an ihr wurde, und ſich da⸗ bei beruhigte, ſie als eine unheilbare Sproͤde aufzugeben.— Was aber Soler verhinderte, das ganze Verhaͤltniß fallen zu laſſen, war, am Ende in der That nicht mehr Liebe. Denn obgleich er in der eigenthuͤmlichen, koͤr⸗ perlichen und geiſtigen Bildung des Maͤdchens Reize fand, von deren maͤchtigem Einfluß er ſich nie ganz frei machen konnte, ſo war doch ſeinem ganzen Weſen ein Gefuͤhl, das ihn bleibend von einem Weibe abhaͤngig ge⸗ macht haͤtte, zu fremd, als daß er ſich durch Mercedes haͤtte lange feſſeln laſſen, ſobald er erſt ihren ſichern Beſitz erlangt haben wuͤrde. Aber eben der ungewohnte Wider⸗ ſtand, den er hier fand, forderte ſeinen Stolz, ſeine Beharrlichkeit heraus, und gab dem ganzen Verhaͤltniß fuͤr ihn einen um ſo groͤ⸗ II. 13 194 Skizzen aus Spanien. ßern Reiz, da es ihn fortwaͤhrend beſchaͤftigte und ſtachelte. Beide Theile fuͤhrten indeſſen im Ganzen dieſen ſonderbaren, geheimen Krieg mit ſo viel Scharfſinn als Anmuth; denn Beiden lag vor allen Dingen daran, daß kein Dritter durch irgend ein Symptom von Leidenſchaftlichkeit zu einer Vermuthung gefuͤhrt werde, gegen die ihr Stolz ſich em— poͤrte. Aeuſſerte ſich daher auch Doüa Ana gelegentlich mißbilligend uͤber die Art, wie Mercedes ſich gegen den Caballero benahm oder uͤber ihn ſprach, und ſchuͤttelte der treue Hausfreund, der Cura, bedenklich das Haupt, ſo geſchah das, weniger weil ſie in dieſem Verhaͤltniß Etwas bemerkten, was ihnen ta— delnswerth oder beunruhigend ſchien, ſondern eben weil ſie nicht recht draus klug werden konnten. Der Cura freilich hatte ſehr viel gegen Soler einzuwenden; aber nicht in Be⸗ ziehung auf Mercedes, ſondern wegen des Einfluſſes, den er mit jedem Tage mehr auf Florencio ausuͤbte. Florencio hatte ſich mit jugendlicher Raſch⸗ heit und anfangs mit ungetheiltem Wohlwol⸗ len Soler angeſchloſſen, deſſen kuͤhnes, zu⸗ Skizzen aus Spanien. 195 verſichtliches, freies Weſen, ſein gewandtes, anmuthiges Aeuſſeres ihm ſchon fruͤher, wenn er ihn auf die Jagd gehn oder ausreiten ſah, ſeine Bewunderung erregt hatte. Schon die Ruͤckſicht auf Mercedes haͤtte den jungen Mann vermocht, ſich des Juͤnglings freundlich anzu⸗ nehmen, da er bald merkte, daß, ſo wenig ſie es auch zugeben mochte, die Liebe zu ih⸗ rem Bruder ihre eigentliche ſchwache Seite war. Aber auch um ſeiner ſelbſt willen ge⸗ wann er leicht den ſchwaͤrmeriſchen, ſchoͤnen Jungling lieb, beſonders da er bald bei ihm fand, was er auf den erſten Anblick bei ei⸗ nem angehenden Geiſtlichen nicht geſucht haͤtte, eine leidenſchaftliche Luſt und große Anlage zu allerlei Leibesuͤbungen, Waffen⸗ und Waidwerk. Doch ging auch in dieſem Verhaͤltniß ſehr bald boͤſer Saamen auf. Der Unterſchied des Alters der beiden neuen Freunde war an und fuͤr ſich nicht bedeutend genug, um bei dem juͤngern eine unbedingte Unterord⸗ nung zu begruͤnden, und uͤberdies fuͤhlte Flo⸗ rencio bald, daß, wie ſehr ſein Freund ihm auch in manchen Aeuſſerlichkeiten uͤberlegen war, er doch auch auf ſeiner Seite manche 13* 196 Skizzen aus Spanien. Vorzuͤge zahlte, die beſonders dazu geeignet waren, den Unterſchied der Jahre vergeſſen zu machen, da ſie nicht nur in einem hoͤhern Grade von wiſſenſchaftlicher Bildung lagen— ſo weit davon uͤberhaupt die Rede ſein konnte— ſondern auch in einem gewiſſen Ernſt, einer groͤßern Reife des Charakters, wie ſie bei mehr nach Innen gewandten Geiſteskraͤften ſich zu entwickeln pflegt, und zwar im Ge⸗ genſatz zu einer gewiſſen Unbehuͤlflichkeit in den praktiſchen Beziehungen und Verhaͤltniſ⸗ ſen des Lebens, die ſehr oft den oberflaͤchli⸗ chen Beobachter irre fuͤhrt.— Haͤtte nun von beiden Seiten gleiche An⸗ erkennung deſſen, was Jedem eigenthuͤmlich war, ſtatt gefunden, ſo haͤtte eben dieſe Ver⸗ ſchiedenheit die beſte Buͤrgſchaft fuͤr die Dauer der Freundſchaft ſein koͤnnen. Aber eben dieſe Anerkennung fehlte von Seiten des aͤl⸗ tern Freundes. Waͤhrend Florencio, der gan⸗ zen Richtung und Entwickelung ſeiner Phan⸗ taſie zufolge, die koͤrperlichen und geſellſchaft⸗ lichen Vorzuͤge Soler's und das praktiſch Tuͤch⸗ tige ſeines Weſens im hoͤchſten Grade und um ſo mehr zu ſchaͤtzen wußte, je mehr er — — V— Skizzen aus Spanien. 197 fuͤhlte, was ihm ſelbſt in dieſer Hinſicht ab⸗ ging,— waͤhrend er dieſe Bewunderung an⸗ fangs mit jugendlicher Unbefangenheit aͤußerte, beeiferte er ſich zugleich, dem Freunde alle ſeine eignen Schaͤtze entgegenzubringen, zu⸗ naͤchſt aus Dankbarkeit, dann aber auch aus kaum bewußtem Stolz, der ihm nicht geſtat⸗ tete allein, der Empfangende zu ſeyn. Als Soler aber gar keinen Antheil an ſeinem Treiben, ſeinem Wiſſen, ſeinen Buͤchern nahm, und ſein reiches Phantaſieleben als leere Traͤu⸗ merei, eines tuͤchtigten Geſellen unwuͤrdig, verlachte, und uͤberhaupt zu ſehr den Ton und die Stellung einer unbedingten, wenn auch wohlwollenden Ueberlegenheit annahm, da fuͤhlte der Juͤngling ſeinen Stolz tief ver⸗ letzt, und zu dem gluͤhenden Trieb der Nach⸗ eiferung, der Erwerbung der Vorzuͤge, die er bei ſeinem Freunde anerkannte, geſellte ſich bald ein Gefuͤhl von nebenbuhleriſchem Neide und von Bitterkeit, das um ſo unerfreuli⸗ cher und verwirrender auf ſeine Stimmung einwirken mußte, da in Soler's ganzem Be⸗ tragen gegen ihn die groͤßte Offenheit und Unbefangenheit herrſchte, indem dieſer in der 198 Skizzen aus Spanien. That in ſeiner kraͤftigen Selbſtſtaͤndigkeit keine Ahnung von dem hatte, was in dem ſonder⸗ baren Jungen vorging. Auch waren pſycho⸗ logiſche Unterſuchungen gar nicht ſeine Sache; ſeine Menſchenkenntniß war ganz praktiſch und faſt inſtinktmaͤßig, befaßte ſich aber eben deshalb nur mit ſolchen Erſcheinungen, die eine unmittelbare praktiſche Beziehung im gu⸗ ten oder ſchlimmen Sinn auf ſein eignes Intereſſe erhielten. Dahin mußte es aber auch in dieſem Verhaͤltniß bald kommen. Das Feſt des heiligen Martin iſt fuͤr Valencia und die ganze Huerta eins der er⸗ ſehnteſten Feſte im ganzen Jahr. An dieſem Tage wird die Waſſerjagd auf der ſuͤdlich von der Stadt gelegnen großen Lagune der Al⸗ bufera(bekannter durch den Titel, den der Eroberer von Valencia, Marſchall Suͤchet, von ihr erhielt) frei gegeben, und die zahllo⸗ ſen Schwaͤrme von Waſſervoͤgeln aller Art, welche das ganze Jahr hindurch ungeſtoͤrt dort ihre reichliche Nahrung finden, werden auf einige Stunden einem wahren Vertilgungskrieg preisgegeben. Mit dem fruͤhen Morgen — Skizzen aus Spanien. 199 ziehen aus der Stadt und aus allen Doͤrfern der Huerta Schaaren von Jagd⸗ oder Schau⸗ luſtigen. Wer die Tauſende von ruͤſtigen Landleuten in der maleriſchen, faſt orientali⸗ ſchen Landestracht*), mit langen Entenroͤh⸗ ren und anderem Feuergewehr bewaffnet, her⸗ anziehen ſah, wird ſich uͤber den tapfern Widerſtand, den ſchon ſo mancher Angreifer und noch im Jahr 1808 die Franzoſen un⸗ ter Suͤchet in der von Kanaͤlen und Hecken durchſchnittenen Ebene erlitten, ſo wenig *) Das charakteriſtiſche Stück der valencianiſchen Tracht ſind die ſogenannten Zavagüelles: ſehr weite Beinklei⸗ der von weißer Leinewand, die in vielen Falten bis an die Knie reichen, und faſt ausſehen, als trügen die Leute gar keine Beinkleider, ſondern nur ein Hemd. Die Waden bis über die Knöchel und unter die Knie ſind mit einer Art blauer Strümpfe bedeckt, die Knie nackt, an den Füßen Sandalen. Um den Leib einen blauen oder rothen Gurt(kaja). Dazu eine kurze, blaue oder grüne Jacke mit Schnüren. Eine weiße oder bunte Weſte mit Troodelknöpfen; bloße Bruſt und Hals— um den Kopf turbanartig ein buntes Tuch— oft zu⸗ gleich ein Hut mit breitem Rand und hohem Kegel. Dazu kömmt bei den Reichern eine braune oder blaue Capa, bei den Aermern eine weiße, mit bunten Strei⸗ fen und Rändern durchwirkte wollne Decke, nach Be⸗ dürfniß, aber immer maleriſch, umgeſchlagen oder auf der linken Schulter hängend. 200 Skizzen aus Spanien. wundern als uͤber die Wichtigkeit, welche bei buͤrgerlichen Streitigkeiten auf die Geſinnun⸗ gen, den Beiſtand oder die Feindſchaft der Huerta gelegt wird. Auch am Martinstag koͤnnte der kriegeriſche Aufzug leicht zu der Meinung fuͤhren, daß es auf ein ernſteres Waidwerk als Enten⸗ und Schnepfenjagd ab⸗ geſehen ſei, wenn nicht im Gewirre der Schuͤtzen mit lautem Jubel auch Weiber und Kinder heranzoͤgen, in feſtlichem Putze auf Eſeln und Maulthieren oder in kleinen bedeck⸗ ten Karren, Tartanas genannt— Alles mit Laub, Blumen und Baͤndern geſchmuͤckt. Das laute, bunte Getuͤmmel, was von al⸗ len Seiten der Albufera zuſtroͤmt, ſtellt ſich um ſo eigenthuͤmlicher und maleriſcher dar, da es ſich oft zwiſchen den hohen Hecken von Cactus, Aloën oder hinter dem Schilf und Rohr der Kanaͤle hinzieht. So giebt ſich ein ſolcher Zug lange Zeit nur durch das luſtige Getoͤſe, Jubeln und Singen, den Klang der Guitarren und Panderos(Schellentrommel), die abſonderlichen, brummenden, ſchnarrenden Toͤne der Zambomba*), das raſche Schmet⸗ Skizzen aus Spanjen. 201 tern der Caſtauelas, das Bellen der Hunde, das Wiehern der Pferde, das Alles uͤbertoͤ⸗ nende Freudengeſchrei der Eſel, die ihrer edeln Bruͤder Naͤhe wittern— endlich durch viele einzelne Flintenſchuͤſſe und den in leichten Woͤlkchen da und dort aufſteigenden Pulver⸗ dampf kund. Dann zeigen ſich ab und zu die bunten Kopftuͤcher der Maͤnner, und durch das lichter werdende Gruͤn werfen die Flinten⸗ laͤufe wie einzelne Blitze die Strahlen der Sonne zuruͤck— dann tauchen da und dort an freiern Stellen, wo bei einem Kreuz oder Heiligen⸗ bild ſich die Straßen vereinigen, die Spitzen der Haufen aus dem Dunkel der Hohlwege und Hecken hervor; die Zuͤge aus den ver⸗ ſchiedenen Gemeinden begegnen und begruͤßen ſich; es wird einen Augenblick Halt gemacht, die Bota(der Weinſchlauch) geht oder fliegt vielmehr nach allen Seiten durch die Schaar, von einem Bekannten zum andern, oft weit uͤber die Koͤpfe der Dazwiſchenſtehenden hin⸗ einer dicken Darmſeite auf einem hölzernen Bogen ge⸗ ſpannt. Indem mit den Fingern an der Darmſaite auf⸗ und abgeſtrichen wird, entſtehen jene, freilich nicht ſehr muſikaliſchen Töne. 202 weg— die liebe Jugend erhebt ſich ſchnell zu den Wipfeln der zunaͤchſt ſtehenden Pal⸗ men, und ſucht auf mancherlei Weiſe, be⸗ ſonders auch durch Schwaͤrmer, Froͤſche und aͤhnliche Pulverkuͤnſte das allgemeine oder doch ihr eigenes Ergoͤtzen, jedenfalls aber die Verwir⸗ rung, den Laͤrm zu mehren, bis der ſchwe⸗ rer beſchaͤdigte Putz und das Wehklagen eines Maͤdchens den Bruder oder Anbeter antreibt, jene ſchadenfrohen Voͤgel aus ihren Neſtern zu vertreiben— waͤr' es auch mit einer Ladung Salz oder Sand. Bald erſchallt von daher Wehklagen, die Aeltern nehmen ſich der Ran⸗ gen an, und endlich bedarf es, um ernſtern Unfrieden zu verhuͤten,— wozu bei der oft ſeit mehren Generationen fortwaͤhrenden Feind⸗ ſchaft zwiſchen einzelnen Familien oder ganzen Gemeinden nur eine kleine Veranlaſſung ge⸗ hoͤrt— der Dazwiſchenkunft einer Standes⸗ perſon, z. B. des Alkalden, der ſeinen wei⸗ ßen Rohrſtab, das Zeichen ſeiner Wuͤrde, auf dieſem Zuge weislich zur Hand hat, oder ei⸗ nes in der Gemeinde bekannten Caballero, der querfeldein im zierlicheren Jagdkleide heran⸗ ſprengt.— An ſicherſten wirkt indeſſen auch Skizzen aus Spanien. Skizzen aus Spanien. 2⁰3 hier die Gegenwart eines Geiſtlichen, woran es billigerweiſe auch bei dieſer Szene des Spaniſchen Volkslebens nicht fehlen darf— auf die Gefahr hin, daß durch die haͤufige Wie⸗ derholung in der Erzaͤhlung dieſe Herrn dem Leſer laͤſtiger werden, als ihre Ubiquitaͤt in der That dem Wanderer je werden kann, wenn er irgend mit ihnen umzugehen weiß. Genug, auch hier trifft der Blick, wohin er ſich auch in dem Volksgetuͤmmel wenden mag, unfehlbar auf irgend eine Geſtalt, deren Ge⸗ wand und ganze Haltung ein Glied der Mut⸗ ter⸗Kirche kund giebt. Waͤhrend die aͤltern unter den geiſtlichen Herrn leicht ein beque⸗ mes Plaͤtzlein bei den Frauen und Kindern der Nachbarn in den Tartanas finden, thront der geiſtliche Sinecuriſt, der Inhaber eines fetten beneficio simple wohl gar auf ſeiner eignen Caleſa; nicht ſelten aber vergißt er als Jagd⸗ dilettant das ecclesia abhorret sanguinem, und ſchreitet ruͤſtig mit der Flinte und Jagd⸗ taſche einher, in abenteuerlichem, halb geiſtli⸗ chem halb waidmaͤnniſchem Aufzuge. Ihm folgen unter den Letzten ſtattliche Qrdens⸗ geiſtliche oft zu zweien auf einem ſtarken 204 Skizzen aus Spanien. Maulthier, deſſen raſcher Gang ſie bald zu den vorderſten Gruppen fuͤhrt. Geſchaͤftig auf ſeinem Eſelein hin und her trippelnd, zeigt ſich der Bettelmoͤnch, und die geraͤumigen Tragkoͤrbe, zwiſchen denen ſein derbes, brau⸗ nes, baͤrtiges, behagliches Geſicht heraus lacht, das eben kein Zeugniß von ſtrenger Ordenszucht giebt, beweiſen, daß er wenig⸗ ſtens die materiellen Intereſſen ſeines Hau⸗ ſes nicht vernachlaͤſſigt und auch von der Beute dieſes Tages einen betraͤchtlichen Antheil davonzutragen hofft, wenn anders die Ueberre⸗ dungskuͤnſte mancherlei Art, deren er maͤchtig iſt, ſich wie gewoͤhnlich an der Mildthaͤtigkeit und Froͤmmigkeit der Nachbarn und Nachbarin⸗ nen bewaͤhrt.— Ja, auch noch ehe die Jagd angeht, weiß er ſeine Zeit ad majorem dei gloriam und zum Nutzen der heiligen Bruͤder⸗ ſchaft anzuwenden, indem er Amulete und Spruͤche gegen etwanige Feuers⸗ oder Waſſers⸗ gefahr hin und her feilbietet, deren jeder an dieſem halbkriegeriſchen Tage gewaͤrtig ſein muß— oder indem er ein kleines Reliquienkaͤſt⸗ lein gegen einen Quarto, ja einen Dines den Kuͤſſen der Weiber und Kinder preißgiebt.— — b —- weiter, verſtaͤrkt ſich unterwegs mit neuen Zuſtroͤmen aus allen Nebenſtraßen und brei⸗ tet ſich bald am Ufer der Albufera, links und rechts ſich mit andern Schaaren vereinend, die von andern Seiten, von Alcira, ja von Pa⸗ tiva und Denia heranziehen, bis gegen Mit⸗ tag die Lagune ringsumher von einem dich⸗. ten, bunten, laͤrmenden, zwiſchen hohem Rohr und Gebuͤſch und einzelnen Baumgruppen die vornehmern Staͤdter, Herrn und Damen ſich hier und da auf freieren, trocknen Stel⸗ len ſchneeweiße Zelte aufgeſchlagen, von wo aus die Damen mit aller Bequemlichkeit dem Getuͤmmel zuſchauen koͤnnen, und deren bunte Wimpel und Baͤnder mit Farben und Wap⸗ pen die Gegenwart der Bluͤthen aus den edelſten Staͤmmen des Landes, der Titel Dosaguas, Cervellon, Miraſol, Rafal, De⸗ nig, Oſuna u. ſ. w., verkuͤnden, und bald Be⸗ 206 Skizzen aus Spanien. kannte oder auf irgend eine Weiſe Abhaͤngige zu einer Art von ab⸗ und zugehender Hof⸗ haltung heranziehen. Eine tiefe, erwartungsvolle Stille ver⸗ breitet ſich allmaͤlig uͤber die mannigfach laͤr⸗ mende Menge. Die Jaͤger unterſuchen noch einmal ſorgfaͤltig ihre Waffen, ſchuͤtten fri⸗ ſches Pulver auf die Pfanne, deren vielfach ringsumher knatterndes Zuklappen nebſt dem unterdruͤckten Knurren und Bellen und un⸗ geduldigen Winſeln der Hunde und dem Schel⸗ ten der Herrn und den aͤngſtlichen Toͤnen ein⸗ zelner von der nahenden Gefahr aufgeſchreck⸗ ten Waſſervoͤgel allein die Stille unterbricht. Nach einigen Minuten giebt auf Befehl eines der Corregidores von Valencia ein Trompe⸗ tenſtoß und das Aufſteigen einer Rakete das Zeichen zum Angriff auf die harmloſen Be⸗ wohner der Gewaͤſſer. Das verworrene Ge⸗ ſchrei der Weiber und Kinder bricht rings um die Lagune los, die Hunde werfen ſich bellend ins Waſſer, um aus dem dichten Schilf und Rohr das Gevoͤgel aufzujagen— eine Menge von kleinen Nachen rudern, mit Schuͤtzen bemannt, auf den freien Raͤumen — — Skizzen aus Spanien. 207 klaͤglichem Geſchnatter und Geſchrei auf allen Seiten Wolken von Waſſervoͤgeln aller Art aus dem Dickicht, und ſchweben anfangs in einzelnen, kleinern Kreiſen, jede Art zuſam⸗ menhaltend, dann aber von allen Seiten durch Flintenſchuͤſſe gedraͤngt, allmaͤlig zu ei— ner großen, die blaue Luft verfinſternden Wolke vereint, in großen Kreiſen rings um die Albufera. Wohin ſie ſich aber auch wen⸗ ſich auf Augenblicke zuſammendraͤngen, ſo folgen die Nachen ihrem Beiſpiel, und eine gleichzeitige Salve der unter ihnen zuſammen⸗ gedraͤngten Schuͤtzen ſcheucht ſie aus einander einzelne Reiher zu durchbrechen wagen. Der Vergleich mit einer Wolke, ſo uͤbertrieben er ſcheinen mag, iſt doch in der That um ſo paſſender, da auch der Regen nicht fehlt, 208 Skizzen aus Spanien. ſondern die von dem Schrot und Pfoſtenha⸗ gel getroffenen Voͤgel zu Hunderten nieder⸗ fallen, und todt oder noch angſtvoll mit den Fluͤgeln ſchlagend von den Maͤnnern in den Nachen aus der freiern Waſſerflaͤche mit Haͤn⸗ den, Schoͤpfeimern und Netzen eingeſammelt, und aus dem dichten Roͤhricht von den Hun⸗ den, aus dem trockenern Buſchwerk von den Kindern herausgeholt werden. Noch blutiger wird die Niederlage der gefluͤgelten und ge⸗ ſchnaͤbelten Heerſchaaren, wenn ſie, von Schre⸗ cken, Wunden und Ermattung gelaͤhmt, all⸗ maͤlig ihre Kreiſe immer niedriger ziehen und nun nicht blos von Entenroͤhren und weit⸗ tragenden Jagdflinten erreicht werden koͤn⸗ nen, ſondern auch von den moͤrderiſchen Tra⸗ bucos, die aus ihren weiten Oeffnungen mit betaͤubendem Knalle ganze Scheffel von Schrot, Pfoſten, Naͤgel und Kieſel in die Voͤgel⸗ wolke ſpeien. Nun erſt wird ſie ſichtlich und zunehmend duͤnner, und indem ſie ſich immer mehr ſenkt, wird es den Schuͤtzen endlich unmoͤglich, das Blutbad fortzuſetzen, ohne ſich ſelbſt und die im Dickicht herum— kriechenden Kinder und Hunde der groͤßten Skizzen aus Spanien. 2⁰9 Gefahr auszuſetzen; ſo hoͤrt denn nach und nach das Knallen der Gewehre auf, und die klaͤglichen Ueberreſte der vor wenigen Stun⸗ den noch ſo zahlreich und in buntem, man⸗ nigfachem Schmuck des Gefieders prangenden Voͤgelgeſchlechter fallen mit einzelnen Klage⸗ lauten und mattem Fluͤgelſchlag ins Dickicht zuruͤck, wo ihnen nun wieder volle Jahresfriſt bleibt, um ſich zu troͤſten und ihren Verluſt durch eine neue Generation zu erſetzen— welche dann durch die Wiederholung deſſelben blutigen Spieles hingerafft wird. Mit reichlicher Beute verſchwindet der laͤr⸗ mende Menſchenkranz, der die Lagune un⸗ ſchlang, allmaͤlig wieder zwiſchen dem hohen Rohr und Gebuͤſch, und ſtroͤmt auf denſelben Straßen, ſich immer mehr nach allen Sei⸗ ten zerſtreuend, der Heimath zu. Tarta⸗ nen, Pferde, Maulthiere und Eſel ſind mit Waſſervoͤgeln in unendlicher Mannigfaltigkeit der Farben und Geſtalten beladen, ja bedeckt, waͤhrend die Kinder einzelne, durch Groͤße oder Gefieder beſonders ausgezeichnete Opfer im Triumph davontragen. An bequemen und lieblichen Plaͤtzen laſſen ſich einige Gruppen II. 14 — 210 Skizzen aus Spanien. derjenigen nieder, fuͤr welche dies Feſt nicht, wie bei den Aermern, zugleich eine wichtige Quelle des Erwerbs und der Verſorgung ihrer Haushaltung iſt, und die deshalb auch die Luſt ſoweit hinausziehen wie moͤglich. Mit⸗ gebrachte Lebensmittel werden zu gemein⸗ ſchaftlicher Mahlzeit preisgegeben. Der Weinſchlauch geht um, und bald fehlt es auch nicht an Geſang, Saitenſpiel und Tanz.— Nicht weit von der aͤußerſten Spitze der Landzunge, welche die Albufera vom Meere trennt, mit welchem ſie nur durch die enge Gola zuſammenhaͤngt, ſteht auf einer et⸗ was erhoͤhten und weniger ſandigen Stelle einer der halbverfallenen Wartthuͤrme, de⸗ ren es an der Kuͤſte des mittellaͤndiſchen Meeres, ehemals zum Schutz gegen afrika⸗ niſche Seeraͤuber erbaut, ſo viele giebt, und um ihn her erheben ſich einige Dattelpalmen, von denen auch der Thurm ſeinen Namen, Torre del Palmar, hat.— Auf dieſer Stelle— von wo aus man die beſte Ueber⸗ ſicht der Lagune hat, und zugleich den freien Blick uͤber die weite, blaue, von weißen Segeln nach allen Richtungen durchzogene Skizzen aus Spanien. 211 Meeresflaͤche, und auf das jenſeits der Muͤn⸗ dung des Jucar und der ſumpfigen Reißfel⸗ der von Cullera allmaͤlig zu kuͤhnen Felſen ſchroff ſich erhebende, von weißem Schaume der Brandung umſaͤumte Geſtade bis Denia hin und Cabo San Martin— hatten ſich viele Zuſchauer und Theilnehmer an dem St. Martinsfeſte verſammelt. Hier waren einige Zelte aufgeſchlagen, in und um welche die vornehmere Welt ſich herumtrieb— waͤhrend im Schatten der Palmen und der alten Warte ſich weniger glaͤnzende, doch eben ſo lebens⸗ luſtige Kreiſe bildeten, um den milden Herbſt⸗ abend noch zu genießen, nachdem der große Haufe ſich zerſtreut hatte. Unter den Maͤnnern fehlte es nicht an aͤchten Waidmaͤnnern, die es verſchmaͤht hatten, an dem voͤllig unwaid⸗ maͤnniſchen Vertilgungskrieg„ den der große Haufe gefuͤhrt hatte, thaͤtigen Theil zu neh⸗ men, und die dafuͤr jetzt in mancherlei Schuͤtzenkuͤnſten und andern Leibesuͤbungen bei den Damen Ehre einzulegen ſuchten. So fand ſich denn auch bald ein Geſell ein, der zu dem in Valencia allgemein beliebten und uͤblichen Taubenſchießen einlud. Aus einem 14* 212 Skizzen aus Spanien. großen, leichten Kaͤfig voll Tauben, den er trug, wurde eine oder mehre Tauben, je nach⸗ dem ſich Schuͤtzen fanden, die ſie bezahlen und Neugierige, die drauf wetten wollten, heraus⸗ geholt und losgelaſſen, um dann nach Verlauf einer gewiſſen, jedesmal vorher beſtimmten und abgezaͤhlten Zeit von den Schuͤtzen im Fluge heruntergeſchoſſen zu werden, oder auch nicht — nachdem Gluͤck oder Uebung waltete. Unter denen, die an dieſem Spiel Theil nahmen, befand ſich auch Soler und zeig⸗ te eine ſolche Ueberlegenheit uͤber alle an⸗ dern, daß die meiſten jungen Leute vorneh⸗ men Standes aus der Stadt und zu den Geſellſchaften in den Zelten gehoͤrend, gar bald jeden Gedanken an Nebenbuhlerſchaft aufgaben, und ſich nach Weiſe junger Leute mit harmloſer Bewunderung und Theilnahme dem anerkannten Meiſter freundſchaftlich naͤ⸗ herten, und, jeder auf ſeine Weiſe, den Wunſch ausdruͤckten, ihn wie zum erſten, nicht auch zum letzten Mal geſehen zu ha⸗ ben. Soler war ſeinem ganzen Weſen nach ſolches Zuvorkommen ſchon gewohnt, und konnte es ohne Verlegenheit und ohne be⸗ Skizzen aus Spanien. 213 ſondere Erkenntlichkeit als eine Art von gebuͤhrendem Tribut annehmen; und ob⸗ gleich man ihm leicht anſah, daß er kein Staͤdter war, und nicht zur vornehmern Ge⸗ ſellſchaft gehoͤrte, ſo hatte doch ſeine Haltung, ſeine Rede, ſogar ſeine ſorgfaͤltige, zierliche, und doch offenbar nicht zum Staate, ſondern auf raſche Thaͤtigkeit berechnete Kleidung et⸗ was ſo ſelbſtſtaͤndig Ausgezeichnetes, daß er hier zwiſchen dieſen jungen Herrn eben ſo entſchieden als der Erſte erſchien, wie es un⸗ ter den Landleuten der Fall war, zu denen er ſich vorzugsweiſe hielt, wie er denn auch mit einigen Nachbarn aus Ruzafa ſich hier eingefunden hatte, unter denen auch Doña Ana mit Florencio und Mercedes waren.— Mercedes erſchien ihm in der Aufregung, welche der Anblick und das Getoͤſe der Jagd, der vielen Menſchen u. ſ. w. hervorbrachte, reizender als je, zeigte ſich aber auch, ohne Zweifel im Bewußtſein des Eindrucks, den ſie auf ihn machte, noch ſproͤder und ſtolzer als gewoͤhnlich; und waͤhrend er mit ſeinen neuen Bekannten zu deren groͤßtem Ergoͤtzen, als gruͤndlicher und erfahrner Kenner von 214 Skizzen aus Spanien. Pferden, Hunden und Waffen, von Jagd, Fiſchfang und Hahnenkaͤmpfen, von Faͤhr⸗ lichkeiten zu Waſſer und zu Lande, und bei⸗ laͤufig, wie es denn zu geſchehen pflegt, auch von Liebesabenteuern ſprach, waren ſeine Gedanken und ſeine Blicke verſtohlner Weiſe auf Mercedes gerichtet, und er ſann danach, wie er die ihrigen ſich in Gnaden zuwenden moͤchte. Das beſte Mittel ſchien ihm endlich zu ſein, Florencio Gelegenheit zu geben, ſich zu ſeinem Vortheil zu zeigen. Dieſer hatte unter den Damen in den Zelten einige ſeiner fruͤhſten Goͤnnerinnen gefunden, die ſich auch hier um ſo mehr beeiferten, ihm ihr Wohlwollen zu zeigen, da er ſich ſeit ei⸗ nigen Wochen in der Stadt nicht hatte bli— cken laſſen. Florencio ließ ſich die kleine Ver⸗ ziehung ganz gern gefallen, obgleich er im⸗ mer wieder ſeine Blicke und, ſo oft wie moͤg⸗ lich, auch ſeine Schritte nach der Seite rich⸗ tete, wo im Schatten der Palmen die Nach⸗ barn von Ruzafa und unter dieſen der ſtatt⸗ liche alte Blay Talens mit ſeiner Frau und der lieblichen Geſualda lagerten, obgleich er dort, wenigſtens von den Alten, keineswegs Skizzen aus Spanien. 215 ſo freundlich aufgenommen wurde, als auf der andern Seite. Soler aber nahm von einem Geſpraͤch uͤber die ab und zu immer wieder aufgenommenen Schuͤtzenkuͤnſte, worin er behauptete, eine gewiſſe natuͤrliche Anlage zu dergleichen thue mehr zur Sache als alle Uebung, Veranlaſſung, den Studioſen als Beiſpiel anzufuͤhren, der auch erſt ſeit kurzer Zeit ſolche Kuͤnſte treibe, und es doch ſchon faſt ſo weit gebracht habe als er ſelbſt, jeden⸗ falls es mit den meiſten der Anweſenden auf⸗ nehmen koͤnne. Was an dieſer Anſicht iſt, und ob er ſie nicht blos deshalb verfocht, weil es ſeiner Eitelkeit ſchmeichelte und ſeiner leichten Art zuſagte, ſeine Meiſterſchaft nicht muͤhſamer Uebung, ſondern gluͤcklichen Natur⸗ gaben zu verdanken, wollen wir nicht unter⸗ ſuchen; genug, daß ſie in Florencio allerdings eine Beſtaͤtigung fand. Und es ließe ſich doch wohl in der That behaupten, daß, ein geſundes Auge und hinreichend ſtarker Arm vorausgeſetzt, zu einem ſichern Schuͤtzen vor allen Dingen gewiſſe Eigenſchaften der Seele gehoͤren, welche die Art von Ruhe, Unbefan⸗ genheit und Kaltbluͤtigkeit hervorbringen, die 216 Skizzen aus Spanien. in Verbindung mit der moͤglichſten Concen⸗ tration aller Sinne und Gedanken auf den ent⸗ ſcheidenden Punkt und Augenblick den Erfolg ſichern. Dieſe Eigenſchaften koͤnnen durch viele Uebung erlangt, befeſtigt und geſtaͤrkt werden, ſie koͤnnen aber ohne allen Zweifel auch angeboren ſein, und, ſo paradox es klingen mag, ſo moͤchten wir behaupten, daß es einige, durch eine gewiſſe Intenſitaͤt des Charakters ausgezeichnete Menſchen giebt, die von Natur gute Schuͤtzen ſind, und bei denen es nur einer zufaͤlligen Veranlaſſung bedarf, die ſie in den Fall ſetzten, dieſe Eigenſchaften in dieſem Gebiete praktiſch anzuwenden, um ſich als treffliche Schuͤtzen und Jaͤger zu be⸗ waͤhren, ſoweit dazu nicht andere, von dieſen Seelenkraͤften und Eigenthuͤmlichkeiten ganz unabhaͤngige Fertigkeiten dazu gehoͤren, wie Laufen, Springen, Reiten, Bekanntſchaft mit Hunden und Wild u. ſ. w.— Wie dem auch ſei— und wir muͤſſen es darauf ankommen laſſen, daß ſolche Leſer, die den Gegenſtand nicht ſo hoch anſchlagen als wir, uns dieſe Abſchweifung zu gute halten— Florencio machte das Lob und die Theorie Skizzen aus Spanien. 217 ſeines Freundes nicht zu Schanden. In mehren Wettſchießen mit den beſten unter den gegenwaͤrtigen Schuͤtzen zeigte er eine entſchiedene Ueberlegenheit, und auch Soler ließ ſich, mit vielſagenden Blicken auf Mer⸗ cedes, die mit einigen andern Frauen und Maͤdchen naͤher getreten war, ſeit Florencio an den Uebungen Theil nahm, von ſeinem Zoͤgling in mehren Schuͤſſen uͤbertreffen.— Diejenigen unter den Naͤherſtehenden, welche einigermaßen etwas von der Sache verſtanden, merkten bald, daß Soler keinen rechten Ernſt machte, und wunderten ſich eben daruͤber, da ſie nicht begriffen, welchen Grund er ha⸗ ben konnte, die Ehre des Tages ſo von ſich zu werfen; die meiſten der Zuſchauer aber— beſonders die Frauen, welche ohnehin, wenn gleich zum Theil mit ſehr gemiſchten Gefuͤhlen, wenigſtens laut und aͤußerlich den blondgelock⸗ ten, zartgebauten, unverfaͤnglichen Florencio be⸗ guͤnſtigten, gegen den ihnen unbekannten Soler, der ſich wenig oder gar nicht um ſie bekuͤmmert hatte, waͤhrend manches ſchoͤne Auge mit Wohl⸗ gefallen ſeinen Bewegungen gefolgt war— hatten kein Arges und zeigten laute Theil⸗ 218 Skizzen aus Spanien. nahme, Freude und Bewunderung uͤber den Sieg des Studioſen, obgleich einige aͤltere Frauen den Kopf zu ſo weltlichem Treiben ſchuͤttelten. Soler, der wenig Werth auf Alles das legte, und eher ſeine Freude dar⸗ an zu haben ſchien, alle dieſe guten Leute zum Beſten zu haben, wollte eben dem Spiel ein Ende machen und nach ſeinem Pferde ſe⸗ hen, das in der Naͤhe angebunden war, als eine rauhe Stimme aus dem immer dichter gewordenen Kreis der Zuſchauer ihm zurief: »Moſen Beneyt Soler, die Augen auf! und denkt an das Sprichwort: Wer ſich zu Honig macht, den benaſchen die Fliegen!«»Ei, ei, Capitain Borrasca, verſchmaͤht ihr es nicht, uns Landratten bei unſerm Treiben zuzuſehen! welcher Wind hat euch ſo ſchnell wieder nach dem Grao von Valencia gefuͤhrt? Nun auf jeden Fall, trink ich euch's zu: zum Will⸗ kommen! thut Beſcheid, alter Seewolf!«— Dieſer freundſchaftlichen Einladung folgte auch alsbald der Angeredete, indem er vortrat, die dargebotene Bota ergriff und nachdem er den Zunaͤchſtſtehenden zugenickt und ein: Skizzen aus Spanien. 219 »Geſundheit En Beneyt*) und Geſellſchaft!« herausgebrummt hatte, ſie hoch in die Hoͤhe haltend mit ſicherer Hand und geuͤbtem Schlund einen Strahl rothen Weines mit dem weitgeoͤffneten Munde auffing. Nachdem er dieſe erquickende Quelle eine gute Weile un⸗ unterbrochen im Fluß erhalten hatte, ſetzte er mit einem tiefen, behaglichen Seufzer ab, warf die Bota hin und ſagte mit einigerma⸗ ßen gemilderter Stimme:»Euer Wein iſt gut, En Beneyt, und ich hab es immer geſagt und ſag es noch: Wein macht Blut und Waſſer Dreck; aber cap sagranat!— jetzt iſt genug der Kinderei!« Damit faßte er Soler's Arm mit kraͤftiger, breiter Hand und fuͤhrte ihn einige Schritte abſeits, wo er halb leiſe und mit heftigen Bewegungen auf ihn einredete. Dieſer wunderliche Freudenſtoͤrer, denn danach ſah ſeine Dazwiſchenkunft aus, war ein ausgezeichnet kraͤftiger Mann, von unter⸗ ſetztem Bau, breiten Schultern und gewalti⸗ ger Bruſt. Sein Geſicht, ſeine ganze Haut war von der Sonne des mittellaͤndiſchen *) En, cataloniſch, abgekürzt von Moſen. 220 Skizzen aus Spanien. Meeres dunkelbraunroth gebrannt, ſeine weißen, ſpaͤrlichen Haupthaare ließen auf ein Alter ſchließen, dem doch ſeine kraͤftigen, ra⸗ ſchen, aber eckigen, anmuthloſen Bewegun⸗ gen, ſeine tiefe, erſchuͤtternde Stimme, das Feuer ſeiner grauen, von buſchigen Augen⸗ braunen beſchatteten Augen widerſprach. Der eigentliche Charakter ſeiner Zuͤge war ſchwer zu errathen, da ſein Geſicht großen Theils von einem grauroͤthlichen, kurzen, krauſen Bart bedeckt war und die Geſichtshaut um die Au⸗ gen, auf der Stirn und um den Mund in unzaͤhlige Falten gelegt war, wie ſie aus fruͤ⸗ her, fortgeſetzter und angeſtrengter koͤrperli⸗ cher Arbeit, beſonders unter heißen Sonnen⸗ ſtrahlen ſich zu bilden pflegen*). Er trug lange, weite Beinkleider von geſtreifter Lein⸗ wand, eine blaue Jacke, eine rothe Faja und auf dem Kopf eine rothe, ſackartig und ſeit⸗ *) Es wird uns leid thun, wenn der geneigte Leſer bei dieſer und manchen ähnlichen Stellen nicht recht begrei⸗ fen ſollte, was wir meinen, und wir könnten ihm in dieſem Fall nur rathen, das Geſicht eines alten Bau⸗ ern, etwa aus der Pfalz, oder eines Winzers, ge⸗ nau zu betrachten— obgleich dieſe Falten wieder ihr Eigenthümliches haben.— Skizzen aus Spanien. 221 waͤrts faſt bis auf die Schulter herabhaͤngen⸗ de, wollne Muͤtze, wie ſie die gemeinen Leute an der Kuͤſte von Catalonien, und beſonders die cataloniſchen Seeleute zu tragen pflegen. Ein buntes ſeidnes Tuch, nachlaͤſſig um den Hals geſchlungen, und ein ſchneeweißes Hemd ließ doch einen Theil der dicht behaarten Bruſt ſehen. Nicht nur die Kleidung, ſon⸗ dern noch weit mehr der eigenthuͤmliche, un⸗ verkennbare Gang, die ganze Haltung, ver⸗ rieth den alten Seeman; auch war dieſe Ge⸗ ſtalt bei Alt und Jung in Valencia, ja an der ganzen Kuͤſte von Cap Roſas bis Punta de Europa, ja bis Cadix hinaus bekannt, als dem Tio Borrasca angehoͤrig, dem kuͤhn⸗ ſten und gluͤcklichſten Schleichhaͤndler, deſſen die aͤlteſten Leute ſich erinnerten; und wollte ein Kaufmann in Malaga, Murcia, Carta⸗ gena, oder Valencia eine Ladung engliſcher Waaren unverzollt aus Gibraltar haben, und hatte das Geſchaͤft dem alten Borrasca anver⸗ traut, ſo konnte er ſeine Kunden auf Tag und Stunde beſtellen, ohne je fuͤrchten zu muͤſſen, daß jener ihn im Stich laſſen wuͤrde. Der alte Seemann haͤtte ſchon zehnmal ein reicher 222 Skizzen aus Spanien. Mann werden und ſich zur Ruhe ſetzen koͤn⸗ nen. Auch hatte er es ſchon einmal verſucht, ſeine leichte Falua verkauft und ſich ein Haus im Grao gekauft, war auch drauf und dran, zu heirathen— was ihm aber dazwiſchenge⸗ kommen, oder ob er es uͤberhaupt am Lande nicht mehr hat aushalten koͤnnen— genug, nach ſechs Monaten hatte er ſein Haus wie⸗ der verkauft, ſeine Buena ventura wieder an ſich gebracht— Beides um jeden Preis— und war nun wieder Jahr aus Jahr ein un⸗ terwegs nach oder von Gibraltar. War ihm aber dieſer Verſuch auch theuer zu ſtehen ge⸗ kommen, ſo fehlte es ihm doch nie an einer Handvoll Duros, die er Niemanden zu be— rechnen brauchte, und ſein Credit war um ſo groͤßer, da er nie Gebrauch davon machte. Von ſeinen fruͤheren Verhaͤltniſſen zu Soler wiſſen wir wenig zu ſagen. Sie mochten ſich aus der Zeit ſchreiben, da Soler ſich theils als Contrebandiſt, theils als Kaufmann in Gi⸗ braltar, Cadix und der Umgegend herumge⸗ trieben hatte, oder aus der Zeit des Krieges, wo er zu der Guerilla des Pater Nebot ge⸗ hoͤrte, fuͤr welche der Tio Borrasca Waffen Skizzen aus Spanien. 223 und Kriegsvorraͤthe von den engliſchen Kreu⸗ zern, aller Wachſamkeit der Franzoſen zum Trotz, zu jeder Zeit und an jedem Orte, der ihm bezeichnet wurde, an's Land zu brin⸗ gen pflegte.— Seit dem Frieden hatten aber noch andere und naͤhere Beziehungen zwiſchen beiden ſtatt gefunden, obgleich ihre ganze buͤrgerliche Stel⸗ lung und Lebensart ſich ſehr verſchieden geſtal⸗ tet hatte und wenig Beruͤhrungen zwiſchon ih⸗ nen zuzulaſſen ſchien. Soler hatte bei ſeinem fruͤheren unſtaͤten, abenteuerlichen und uns nicht weiter bekannten Leben doch niemals das Ziel unabhaͤngigen Beſitzes aus den Augen verloren, und war, als der Frieden ihn zwang, einen Entſchluß fuͤr die Zukunft zu faſſen, nicht nur im Stande, die Quinta de Medio Camino nebſt einem Paar ſchoͤnen Grundſtuͤcken zu kaufen, ſondern auch den Anbau und die Verwaltung ſeines neuen Ei⸗ genthums ſo einzurichten, daß ihm nur die allgemeine Aufſicht zur Laſt fiel und er den groͤßten Theil ſeiner Zeit einem thaͤtigen Muͤſ⸗ ſiggange widmen konnte, wie er ſeinem gan⸗ zen Weſen zuſagte. Borrasco hatte, und 224 Skizzen aus Spanien. zwar beſonders durch Soler's Zureden und Beiſpiel, durch das Wohlgefallen, das er in ſeiner rauhen Art an dem tuͤchtigen und er⸗ probten jungen Mann hatte, verleiten laſſen, ſich ebenfalls in einem neuen Element zu verſuchen; aber, wie geſagt, dauerte ſeine Anſiedelung nur kurze Zeit, und die Urſache war eigentlich ſehr natuͤrlich. Soler war ein geborner Caballero und ſeine neue Lebensart war das Ziel geweſen, wonach er, da ſeine Geburt ihm derfelben ſehr fern geſtellt hatte, durch mannigfache Gefahren, und zum Theil wohl ſehr zweideutige Verhaͤltniſſe, unablaͤſſig be⸗ harrlich und kuͤhn geſtrebt hatte; Borrasca dagegen war ein geborner Seemann und Schleichhaͤndler und die Gefahren und Muͤh⸗ ſeligkeiten ſeines Berufs waren, ohne daß er ſelbſt es ſich ſo klar bewußt ſein mochte, nicht Mittel zu einem Zweck, ſondern ſelbſt Zweck und Ziel— das einzige Element, worin er ſich behaglich und an ſeinem Platz fuͤhlen konnte. Wie geſagt aber, es ſpannen ſich bald neue Faͤ⸗ den zwiſchen beiden ſo ſehr verſchiedenartigen Maͤnnern an, die ſie wiederum in gemeinſa⸗ mer Gefahr und kuͤhnem Wagniß verbanden. Skizzen aus Spanien. 225 Wie es geſchah, daß, nachdem der Preis des hartnaͤckigſten, grimmigſten, blutigſten Kampfes, den je ein Volk um ſeine Freiheit und Unabhaͤngigkeit gefochten hat, errungen war, ein großer Theil der Maͤnner, die an dieſem Kampfe den thaͤtigſten und ruͤhmlich⸗ ſten Theil gehabt, die jenem Preiſe die groͤß⸗ ten Opfer gebracht hatten, in ein feindſeliges Verhaͤltniß gegen die Regierung Ferdinand VII. geriethen, und nicht nur die eine Haͤlfte des Siegespreiſes, den ſie erfochten, die Frei⸗ heit, zerſtoͤren ſahen, ſondern auch durch Ver⸗ folgungen aller Art in die gefaͤhrliche Bahn geheimer Umtriebe und Verſchwoͤrungen getrie⸗ ben wurden— wie die Freimauerei und an⸗ dere geheime Geſellſchaften als Mittel zu ſol⸗ chen Zwecken dienen mußten— Alles dies iſt bekannt genug, oder ſollte es doch ſein, und braucht jedenfalls hier nicht eroͤrtert zu werden. Eher thaͤte es vielleicht Noth zu erklaͤren, wie grade die beiden ſo verſchieden⸗ artigen Geſellen ſich in der Maurerloge zu Valencia, und in andern noch geheimern und gefaͤhrlichern Zuſammenkuͤnften begegneten. Indeſſen auch uͤber dieſen Punkt wuͤßten wir II. 15 226 Skizzen aus Spanien. in der That nur Allgemeines zu ſagen. Bei Beiden mochte ein herzlicher, tiefeingewurzelter Haß gegen die Kirche und ihre Lehren, oder beſſer geſagt, gegen deren Diener und ihren Einfluß die Haupturſache ihrer politiſchen Parteianſichten ſein; allein dieſer Haß hatte bei jedem von Beiden einen verſchiedenen Urſprung und Charakter. Man koͤnnte glau⸗ ben, daß bei Soler, der einen gewiſſen aͤuſ⸗ ſerlichen Anſpruch auf hoͤhere Bildung hatte, die Elemente der ſogenannten Aufklaͤrung zu ſeinem Abfall von der Kirche beigetragen habe; allein dies war nicht der Fall. Er hatte uͤber die Theorie aller dieſer und der meiſten andern Angelegenheiten weder nach⸗ gedacht, noch viel daruͤber geſprochen oder ſpre⸗ chen hoͤren; aber ſein perſoͤnliches Intereſſe war bei mehren Gelegenheiten durch Geiſt⸗ liche und deren Einfluß gefaͤhrdet oder wirk⸗ lich verletzt worden, und eben dieſem Einfluß ſchrieb er es zu, daß ſeine waͤhrend des Krie⸗ ges geleiſteten Dienſte unberuͤckſichtigt, einige ſeiner liebſten Hoffnungen unerfuͤllt blieben, und er weder einen militairiſchen Rang noch irgend eine buͤrgerliche Chrenſtelle in den Frieden Skizzen aus Spanien. 227 hinuͤbertrug, um ſeine pecuniaͤre Unabhaͤngigkeit durch eine gewiſſe Wuͤrde hervorzuheben. So haßte er die Pfaffen, und kuͤmmerte ſich nicht ſonderlich um die Kirche, aber ohne daß die religioͤſen Anſichten, die ihm ſeit ſeiner Ju⸗ gend zur Gewohnheit geworden, eigentlich weſentlich erſchuͤttert oder gar durch andre verdraͤngt worden waͤren. Anders verhielt es ſich mit dem Seemann. Ein gewiſſer allge⸗ meiner Unabhaͤngigkeitstrieb, der leicht ſogar in freche Ruchloſigkeit ausartet, iſt den ca⸗ taloniſchen Kuͤſtenbewohnern uͤberhaupt eigen⸗ thuͤmlich, und die ganze Lebensrichtung des alten Borrasca— ja ſogar dieſer Beinamen, der ſeinen eigentlichen Namen ſo ſehr ver⸗ draͤngt hatte, daß alle unſre Bemuͤhmungen, ſelbigen in dieſem Werke der Nachwelt auf⸗ zubewahren, vergeblich waren, beweiſen hin⸗ reichend, wie ſehr dieſer freie, freche Geiſt in ihm waltete, und erklaͤren zugleich, wie derſel⸗ be, unterſtuͤtzt von einem zwar ungebildeten, beſchraͤnkten, aber ſehr ſcharfen, natuͤrlichen Verſtand, den Catalanen ſchon fruͤh zu man⸗ cherlei Zweifeln an Dingen gefuͤhrt hatte, die von der katholiſchen Kirche nun einmal 15* 228 Skizzen aus Spanien. als weſentliche Beſtandtheile ihrer Lehre an⸗ geſehen werden und in dem geiſtigen Eigen⸗ genthum und Leben des Volks eine wichtige Rolle ſpielen. In dieſen Geſinnungen war er durch manche aͤußere Verhaͤltniſſe weiter gefuͤhrt und beſtaͤrkt worden. Anfangs war es die Naͤhe des revolutionairen Frankreichs, deſſen Anſichten und Intereſſen an den Kuͤ⸗ ſten von Catalonien mehr Anklang fanden, als in irgend einem andern Theil von Spa⸗ nien; und als ſpaͤter die Politik des franzoͤ⸗ ſiſchen Kaiſerreichs die Catalonier in gemein⸗ ſamem Haß gegen die Franzoſen mit den uͤbri⸗ gen Spaniern verband, fand Borrasca nebſt vielen Seinesgleichen dennoch neue Nahrung fuͤr die Art von Freigeiſterei, in die er gerathen war. Selbſt ein aͤchter Seemann, konnte er dem uͤberwaͤltigenden Eindruck, den das brittiſche Seeweſen und Seeleben auf jeden macht, der Sinn fuͤr etwas in ſeiner Art beiſpiellos Großartiges, Tuͤchtiges hat, nicht widerſtehen, ſo ſehr auch Anfangs der nur zu ſehr durch die bisherige Politik Englands gegen Spanien gerechtfertigte Haß, das Miß⸗ trauen gegen England, und ein gewiſſer Skizzen aus Spanten. 229 Handwerks⸗Neid ſich gegen die Anerkennung dieſer Ueberlegenheit ſtraͤubte. Die herzliche Anerkennung, die ſeine eigne Tuͤchtigkeit und die großen Dienſte, die er den Kreutzern an der Kuͤſte als Lotſe und ſonſt bei vielen Ge⸗ legenheiten leiſtete, bei den brittiſchen See⸗ leuten fand, half ihm bald alle gehaͤßigen Empfindungen uͤberwinden, und nach Art kraͤftiger, geſunder, aber roher Gemuͤther trieb er nun die Verehrung der Englaͤnder— die er ſich aber nie anders als in Beziehung auf das Seeweſen dachte— bis zum Fanatis⸗ mus. Jack Tar war ſein Ideal— und die derbe Herzlichkeit, die ihn nicht nur bei den Matroſen, ſondern auch beim Bootsmann, Steuermann und uͤberhaupt auf dieſen untern Stufen der Seehierarchie empfing, ſo oft er ſich an Bord eines Schiffes der dortigen Sta⸗ tionen ſehen ließ— die koſen Scherze und Neckereien der Midſhipmen— der herab⸗ laſſende Beifall der Offiziere, das Vertrauen, das ſie bei gefaͤhrlichen Unternehmungen auf ihn ſetzten— darin beſtand der hoͤchſte Lohn, den er fuͤr alle ſeine Anſtrengungen wuͤnſchte und erwartete— naͤchſt der Befreiung ſeines 230 Skizzen aus Spanien. Vaterlandes von der franzoͤſiſchen Herrſchaft. Die Verachtung, der Haß gegen den Papis⸗ mus und alles was damit zuſammenhaͤngt, welche ein Grundelement des brittiſchen Volks⸗ charakters ausmachen— der Spott, die oft handgreiflichen Spaͤße uͤber und gegen die Anſichten, Sitten und Gebraͤuche der ſpani⸗ ſchen Katholiken, die Kirche und ihre Diener, wozu Jack Tar in ſeinem Verkehr mit den Spaniern zu viel Gelegenheit fand, als daß er, trotz der ſtrengen Befehle der Vorgeſetzten und der gelegentlichen Thaͤtigkeit der cat o' nine tails, ihnen immer haͤtte widerſtehen koͤnnen, verfehlten ihre Wirkung auf den Ca⸗ talanen nicht; er ſchaͤmte ſich in irgend ei⸗ nem Punkte fuͤr einen Papiſten gehalten zu werden, und Anſpielungen dieſer Art waren faſt die einzige Veranlaſſung, wo er in den grellſten Gegenſatz gegen brittiſche Begriffe von fair play gerathen und ſich als echter Spanier zeigen konnte, indem er, Knuͤppel und Fauſt verſchmaͤhend, an deren Gebrauch er ſich doch ziemlich gewoͤhnt hatte, inſtinkt— maͤßig nach dem Meſſer zu greifen pflegte. Hierzu kamen aber noch entſchiedene Bekeh⸗ Skizzen aus Spanien. 231 rungsverſuche einiger eifriger Schiffsgeiſtlichen, die an Bord nichts Beſſeres zu thun fanden, da ſie die Bekehrung ihres eignen gottloſen Volks laͤngſt aufgegeben und ihre keuſchen Ohren auch nicht einen einzigen Fluch weniger zu ertragen hatten, als im Anfang ihres Hirtenamts uͤber dieſe wilde Heerde des Alt⸗ vaters Neptunus. So geſchah es, daß in dem ehrlichen Borrasca bald jede Spur des Papismus gluͤcklich vertilgt war, und einem grimmigen Haß gegen Alles, was damit zu⸗ ſammenhaͤngt, Platz machte; da es aber ſeinen Bekehrern nicht ſo leicht wurde, ihm die Dog⸗ men der Anglikaniſchen Kirche begreiflich zu machen, und da uͤberhaupt nur wenige und zerſtreute Augenblicke zu dieſer geiſtigen Wie⸗ dergeburt verwendet werden durften, wobei uͤberdies ſeine Geduld nur durch haͤufige Glaͤ⸗ ſer Grog aufrecht gehalten werden konnte, ſo wurde es Frieden, ehe darin irgend ein erklekliches Reſultat zu bemerken war. So trennte ſich der Catalane von ſeinen brittiſchen Kampfgenoſſen, als ein eben ſo vollkommner, aber freilich nach ſeiner Art viel froͤmmerer Heide, als wenn er die duͤrren Steppen 232 Skizzen aus Spanien. unſrer Aufklaͤrung durchwandert waͤre, und ein Lafontaine haͤtte ihn vielleicht zu ei⸗ nem niedlichen Gegenſtuͤck ſeines paysan du Danube herausputzen koͤnnen, wenn nicht etwa auch die Schaale des Seemanns, und beſonders das leidige, graͤuliche Fluchen ihn auſſer Schußweite gehalten haͤtte. In der That war aber dies meerverwandte Element mehr als Schaale, es war der eigentliche kraͤftige Kern ſeines Weſens, und das Ge— gengewicht und Gegengift des ungeſchlachten, aber von Herzen aufrichtigen und gutgemein⸗ ten Deismus— dies waͤre wenigſtens der einzige Kunſtausdruck, mit dem wir ſeine An⸗ ſichten einigermaaßen zu bezeichnen wuͤßten— als deſſen eifriger Apoſtel er in Kaffeehaͤuſern und Tabernen auftrat, ſo oft die kurze Ruhe zwiſchen ſeinen gefahrvollen Fahrten ihm dazu Gelegenheit bot.— Solche Aeuſſerungen, beſonders aber die derben Scherze, die hef⸗ tigen Drohungen gegen Pfaffen und Pfaffen⸗ knechte, die er ohne Scheu oder Ruͤckſicht an allen oͤffentlichen Orten mit lauter, rau⸗ her Stimme von ſich zu geben pflegte, mach⸗ ten ihn bald zu einem Gegenſtand des Ab⸗ Skrizzen aus Spanien. ſcheus fuͤr die Meiſten, und wuͤrden ihn ohne Zweifel ſehr bald zu einem Opfer der hefti⸗ gen Reaction gemacht haben, welche gleich nach der Ruͤckkehr des Koͤnigs aus Frankreich im Sinne der Theokratie und des Alten uͤber⸗ haupt begann, wenn er nicht auch von einer andern Seite Aufmerkſamkeit und Hoffnun⸗ gen erregt haͤtte. Es konnte naͤmlich denje⸗ nigen Anhaͤngern der unterdruͤckten Partei, welche hofften, durch Verſchwoͤrungen und Umwaͤlzungen einen guͤnſtigern Zuſtand her⸗ beizufuͤhren, nicht entgehen, von welchem Nutzen ein Mann wie Borrasca ihren Plaͤ⸗ nen ſein konnte, und ſein Haß gegen die Theokratie ſchien eine hinreichende Buͤrgſchaft dafuͤr, daß er ohne Muͤhe gewonnen werden konnte. Wirklich ging er auch mit großem Eifer in dieſe Vorſchlaͤge und Plaͤne ein, zuͤ⸗ gelte ſeinen lauten„ unvorſichtigen Eifer, ließ ſich die Weitlaͤuftigkeiten und Alfanze⸗ reien der Aufnahme in die Loge, und die endloſen Discuſſionen der Liberalen mit einer Geduld gefallen, die um ſo mehr zu bewun⸗ dern war, da er nothwendig bei jenen eine ſehr viel laͤcherlichere Figur ſpielte, als die 234 Skizzen aus Spanien. meiſten Andern, und von dieſen weder et⸗ was verſtand noch viel danach fragte. Wor⸗ an ihm lag, was er begriff, und wozu er aus allen Kraͤften mitwirkte, war der Sturz der Pfaffenherrſchaft, und zwar weil er feſt uͤberzeugt war, daß ſie allein Schuld dran ſeien, daß die Spanier keine ſo guten See— leute ſeien und keine ſo zahlreiche und treffliche Seemacht haben, wie die Englaͤnder.— Die Dienſte, die er ſeiner Partei leiſtete, waren aber von ſo großer Wichtigkeit, daß er bald eins der Haͤupter der faſt permanenten Verſchwoͤrung wurde, welche die Revolution von 1820 vor⸗ bereitete. Wer irgend von der unermuͤdlichen Wachſamkeit und unerbittlichen Strenge des Tyrannen von Valencia, Elio, bedroht wur⸗ de, konnte auf ihn rechnen, und durch ihn auf ſichere Flucht nach Afrika oder Gibraltar. Die geheimen Verbindungen der Zuruͤckgeblieb⸗ nen mit den Fluͤchtlingen gingen durch ſeine Haͤnde— eben ſo der Ankauf von Waffen und Munition fuͤr einen Gewaltſtreich. Aber auch auf dem feſten Lande zeigte ſich ſein ſchlauer, kuͤhner, thatkraͤftiger Sinn, ſein ſcharfer Blick, der Einfluß, den er auf einen Skizzen aus Spanien. 235 Theil der untern Volksklaſſe uͤbte, bei jeder Gelegenheit zum groͤßten Vortheil der Sache, die er verfocht.— Wenn der geneigte Leſer wuͤßte, welch ein wichtiger, allgemein bekannter publio cha- racter dieſer Borrasca zu ſeiner Zeit in Va⸗ lencia geweſen iſt, ſo wuͤrde er uns dieſe Abſchweifung, die uns allerdings ſehr weit von dem Sankt Martinstag des Jahres 18.. und von der Torre del Palmar hinwegge⸗ fuͤhrt, gerne hingehen laſſen, und uns ſogar dafuͤr danken, daß er nun weiß, was er von dem Manne zu halten hat, der— wie ge⸗ ſagt— ſo graͤmlich in den bunten, lu— ſtigen Kreis trat, worin Soler und Floren⸗ cio glaͤnzten.— »Damn your eyes!— fing Borrasca an— ſeid ihr denn blind, wißt ihr denn nicht, daß ihr Feinde habt? denkt ihr denn gar nicht an euern Streit mit euern Nach⸗ barn wegen des Waſſers?«—»Ei, ihr ſeid wohl nicht bei Troſte, Alter!— unter⸗ brach ihn Soler ungeduldig lachend— meint ihr, daß ich mir um die Albernheiten graue Haare machen ſoll?— Naͤchſten Donnerſtag 236 Skizzen aus Spanien. mag die Cort de la Seo entſcheiden, und findet ſie gegen mich, ſo iſt's dann lange fruͤh ge⸗ nug mich zu aͤrgern— bis dahin laßt mich ungeſchoren.«—»Mir ſollte es eigentlich einerlei ſeyn— ſagte der Seemann mit er⸗ kuͤnſtelter Ruhe— ob ihr ein Bettler werdet oder nicht. Im Gegentheil— cap de Sen! God damn!— wenn ihr eure verdammte Quinta wieder aufgeben muͤßtet, koͤnnte wie⸗ der ein ordentlicher Kerl aus euch werden, wie ihr ſonſt wart— ſtatt eines milchbaͤrti⸗ gen, unnuͤtzen Junkers und Weiberknechts, wie ihr jetzt werden moͤchtet. Aber verlaßt euch drauf die Cort, ſpricht gegen euch— ich verſtehe freilich nichts von dem Zeug; aber Don Andres, der Advokat, ſagt es, und der verſteht es, denk ich, nur zu gut.«—»Nun, und wenn ich auch Tag und Nacht und die⸗ ſen Augenblick an die verdammte Geſchichte daͤchte— rief Soler aͤrgerlich— was kann das helfen? Noch einmal, ſteckt euern Loͤffel nicht in andrer Leute Toͤpfe, und laßt mir meinen Spaß.«—»En Beneyt— ihr ſeid jung und verliebt, drum will ich euch jetzt Nichts uͤbel nehmen.«——— Verliebt? Skizzen aus Spanien. 237 ihr faſelt, Alter!« unterbrach ihn Soler und wollte zur Geſellſchaft zuruͤckkehren. Der Alte aber hielt ihn mit eiſerner Fauſt zuruͤck, und fuhr ruhig fort:»Nennt's, wie ihr wollt — aber ich weiß, woher das Waſſer zur Muͤhle fließt, und wo der Teufel ſein Neſt baut. Und wenn ich auch weiter nichts wuͤßte, ſo muͤßte ich doch merken, daß ihr verliebt ſeid, wenn ich ſehe, daß ihr ſo blind ſeid, nicht zu merken, wie eure Feinde ihre Freude dran haben, und ſich uͤber euch luſtig machen, daß ihr in einem Schuljungen euern Meiſter gefunden habt.“»Den Spaß will ich ihnen bald verderben«— ſagte Soler ver⸗ aͤchlich— und wollte wieder gehen.»Ihr ſolltet ihnen den Spaß gar nicht machen— fuhr der andre, ihn immer feſthaltend, fort. Bis jetzt hat das Geſindel, Pfaffen und Pfaf⸗ fenknechte, euch gefuͤrchtet, wie ſie mich fuͤrch⸗ ten. Und wenn ſie euch nicht mehr fuͤrchten, ſeid ihr verloren. Auſſerdem— fuhr der Alte noch leiſer fort— ſteht ihr uns fuͤr die jungen Burſchen der halben Huerta— ihr habt euch hoch und theuer vermeſſen, daß ihr zu jeder Zeit hundert Schuͤtzen zu einem 238 Skizzen aus Spanien. Streich zuſammenbringen koͤnnt, die euch folgen, wohin ihr wollt. Verlaßt euch aber drauf, wenn die Leute erſt merken, daß ihr nicht in allen Dingen ihr Meiſter ſeid, wenn ſie ſehen, daß man ungeſtraft uͤber euch la⸗ chen kann, ſo iſt es vorbei damit, und ihr werdet, wenn's drauf ankoͤmmt, als ein Windbeutel unter uns ſtehen— Pacho!— und wenn unſre Anſchlaͤge gelingen, werdet ihr wieder leer abziehen, wie damals— aber dann werdet ihr ſelber Schuld ſein und nicht die verdammten Pfaffen— God damn!«— Ueber Soler's Geſicht flog eine zornige Gluth, ſein Auge blitzte, ſeine Zuͤge druͤckten zugleich wilde Rachſucht und uͤbermuͤthige Zuverſicht aus; er riß ſich mit einer kraͤftigen Bewe⸗ gung los, und ſagte kurz:»Ihr habt recht, alter Seewolf, und wißt wahrhaftig zu Lan⸗ de ſo gut Beſcheid wie zu Waſſer.— Aber kommt und ſeht, wie die guten Leute die Maͤuler aufreißen werden.«— Als er in den Kreis, der ſich um die Schuͤtzen gebildet hatte, zuruͤckkehrte, wurde er mit unterdruͤck⸗ tem hoͤhniſchen Gelaͤchter der Meiſten, und ſpoͤttiſchen Aufforderungen einiger der Zunaͤchſt⸗ Skizzen aus Spanien. 239 ſtehenden empfangen, ſein Gluͤck noch ein⸗ mal mit dem Studioſen zu verſuchen. Flo⸗ rencio ſelbſt, durch ſeine Erfolge begeiſtert und von dem entfeſſelten Strom ſeines Ehr⸗ geizes fortgeriſſen, draͤngte ſich zu einer neuen Probe vor; und als Soler ihm leiſe zufluͤ⸗ ſterte, er ſolle es ihm nicht uͤbel nehmen, wenn er diesmal Ernſt mache und ihn nicht wieder gewinnen laſſe, war ſeine Eitelkeit ſo wenig geneigt, dieſe beſchaͤmende Erklaͤrung ſeiner Siege ſich gefallen zu laſſen, daß er mit erzwungenem, lautem Lachen Mercedes zu⸗ rief:»Stelle dir vor, Merceditas, Moſen Be⸗ neyt will uns weiß machen, er habe mich nur aus Gnade und Barmherzigkeit gewin⸗ nen laſſen.— Er will mit aller Gewalt großmuͤthig ſein— dich hat er aus dem Feuer geholt und mich will er gegen meinen eignen Willen zum Schuͤtzenkoͤnig machen!«— Florencio merkte nicht, daß dieſe unbeſon⸗ nene Rede ſeine Schweſter noch weit tiefer verletzte als ſeinen Gegner. Es gelang ihr indeſſen beſſer als dieſem ihre Bewegung zu unterdruͤcken, indem ſie ſcheinbar gar nicht auf das achtete, was dort vorging, ſon⸗ 240 Skizzen aus Spanſen. dern ſich eifrig mit ihrem Nachbarn unter⸗ hielt, deſſen Bemuͤhungen und Naͤhe Soler ſchon ſeit einiger Zeit mit Unwillen bemerkt hatte. Dadurch wurde ſeine eigne Erbitte⸗ rung nur geſteigert, doch zwang er ſich zu anſcheinender Ruhe, und ſagte blos leiſe zwi⸗ ſchen den Zaͤhnen:»Mir geſchieht ſchon recht — was Teufel's hatte ich mich mit dem al⸗ bernen Jungen und der verſchrobenen Dirne, mit dem ganzen Pack einzulaſſen? Wer den Staub ſcheut, der bleibe von der Tenne!«— Florencio hoͤrte ſo ſchlimme Worte nur halb, denn er hatte ſeine Aufmerkſamkeit auf die Tauben gewendet, die eben ausgelaſſen wur⸗ den— doch war ſchon der Ausdruck, der ihn betraf, hinreichend, um auch bei ihm jedes wohlwollende Gefuͤhl gegen Soler, we⸗ nigſtens fuͤr den Augenblick, zu unterdruͤcken. Obgleich nun zwar Soler bei dieſer Probe ſeine Meiſterſchaft deutlich genug bewies, und diejenigen, die aus Unkunde oder Leidenſchaft auf den Studenten gewettet hatten, mit be⸗ traͤchtlichem Aerger ihren Einſatz verloren ſa⸗ hen, ſo ließen ſich doch einzelne Stimmen hoͤren, die meinten, das eine Mal beweiſe Skizzen aus Spanien. 241 nichts, Florenzuelo habe oͤfter gewonnen, als Soler oder irgend ein Andrer, und ſei und bleibe der Meiſter. Soler beachtete dieſe Reden nur durch einen grimmig veraͤchtlichen Blick; den Herren, mit denen er zunaͤchſt zu ſchaffen gehabt, rief er zu:»Nun, Ce⸗ balleros, bisher war Alles Kinderei— das koͤnnen Sie ſich leicht denken— wer aber ein Kunſtſtuͤckchen ſehen will, der paſſe jetzt auf; und mach' es mir nach, wenn er kann.« — Damit ging er auf ſein Pferd zu, zaͤumte es auf, und ſchwang ſich leicht in den Sat⸗ tel. Einige unter den Mißguͤnſtigen fingen an zu fuͤrchten, er koͤnnte etwas Schlimmes im Schilde fuͤhren, und dachten an Wider⸗ ſtand oder Flucht. Soler aber rief den Tau⸗ benverkaͤufer heran, fluͤſterte ihm einige Worte zu und entfernte ſich dann in kurzem Galopp nach dem aͤußerſten Ende der Landzunge. Dort angelangt, wendete er ſein Pferd, und indem er es nach der Torre del Palmar zu⸗ ruͤck zu raſcherem Laufe antrieb, fing er zu⸗ gleich an, ſein langes Rohr zu laden, waͤh⸗ rend, wie auf ein gegebenes Zeichen, zwei Tauben aus dem Kaͤfig entlaſſen, nach ver⸗ II. 16 242 Skizzen aus Spanien. ſchiedenen Seiten das Weite ſuchten. Ohne den ſchnellen, aber leichten Galopp ſeines Pferdes einen Augenblick aufzuhalten, lud Soler ſeine Flinte, wandte ſich nach der ei— nen Seite und ſchoß die eine Taube herun— ter, lud von neuem, wandte ſich nach der andern, ſchoß, und auch die andere Taube, die ſchon faſt uͤber der Mitte der Albufera ſchwebte, ſank flatternd nieder. Soler hatte indeß die Stelle, wo die Geſellſchaft verſam⸗ melt war, wieder erreicht, warf dem Tau— benverkaͤufer ein großes Geldſtuͤck hin, gruͤßte ſeine Mitbewerber und die Damen mit der Hand und galoppirte mit ſtolzer Haltung und veraͤchtlichem Laͤcheln dicht vor dem Hau⸗ fen ſeiner Widerſacher vorbei, auf der Land⸗ enge hin, an deren Ende er bald hinter den Hecken auf der Straße nach Ruzafa ver⸗ ſchwand, waͤhrend das Erſtaunen der Zu⸗ ſchauer uͤber ſo unerhoͤrte Sicherheit und Gewandtheit ſich, nach einem Augenblick all⸗ gemeinen Schweigens, in einem lauten, wie⸗ derholten»Victor! Victor! Moſen Soler!« Luft machte, worin faſt Alle, ſogar viel ſei⸗ ner Feinde einſtimmten. Florencio ſetzte ſich Skizzen aus Spanien. 243 beſchaͤmt und erbittert neben ſeine Schweſter, und wunderte ſich ſehr, daß dieſe, zwar nicht durch Worte, aber durch den Blick, den ſie dem ſiegreichen Schuͤtzen nachſandte, ohne im Geringſten auf das zu achten, was ihr zaͤrt⸗ licher Nachbar ihr zufluͤſterte, ganz andre Empfindungen ausdruͤckte, als die, welche ihn in dieſem Augenblick quaͤlten.— Waͤhrend die letzten Toͤne der Orgel und des Geſanges der Vormittagsmeſſe in dem Gelaͤute der Glocken verhallte, gab ſich unter den Schaaren der Frommen, welche dem Hauptthor der Kathedral entſtroͤmten, bald ein verſchiedenartiges Streben kund, wodurch die Staͤdter und Landleute ſich allmaͤlig trenn⸗ ten. Von den erſteren bildeten die Maͤnner einzelne kleine Gruppen(corrillos)*) unter den Arkaden, oder an andern ſchattigen Stel⸗ len der plaza mayor, um ſich nach ſpani⸗ *) Ein Ausländer macht ſich ſchwerlich einen Begriff da⸗ von, welchen Reiz und welche Wichtigkeit dieſe corrillo⸗ für den Spanier haben. Sie erſetzen gewiſſermaaßen die Tagesblätter andrer Lander, als Quellen einer ge⸗ wiſſen allgemeinen Bildung und öffentlichen Meinung. 16* 244 Skizzen aus Spanien. ſcher Sitte in behaglichem Geſpraͤch uͤber die Neuigkeiten des Tages oder andere oͤffent⸗ liche oder Privatangelegenheiten zu unterhal⸗ ten, und auch hier, wie bei allen Gelegen⸗ heiten, bilden meiſtens Geiſtliche in verſchie⸗ denen Trachten die Kerne, um welche die andern Elemente ſich gruppiren, und die be⸗ ſonders dazu beitragen, dem Ganzen jene ernſte, gemuͤthliche, ruhige und zugleich ma⸗ leriſche Haltung zu geben, die dem Fremden, falls er uͤberall Sinn fuͤr dergleichen hat, ſo anziehend erſcheint und ſo verſchieden von der aͤuſſern Erſcheinung des Volkslebens in an— dern Laͤndern.— Der weibliche Theil der Kirchengaͤnger vertheilte ſich bald auf dem Weg nach Hauſe in den naͤchſten Straßen, anfangs noch in dichteren Zuͤgen, dann durch weitere Vertheilung in die Straßenverzwei⸗ gungen in einzelne kleine Caravanen aufge⸗ loͤſt. Die Mutter, und allenfalls neben ihr der Hausvater, oder auch wohl ein ſtattlicher geiſt⸗ licher Herr zuletzt, vor ihr in abſteigender Li⸗ nie die Toͤchter, von der vollbluͤhenden Jung⸗ frau bis zum kleinſten Maͤdchen, das nicht nur in der Kleidung, der dunkeln Basquia, der —— — ⏑—O⏑—— Skizzen aus Spanien. 245 weißen oder ſchwarzen Mantilla, den bunten Schuͤhchen, als ein kleines Ebenbild der groͤßern Schweſtern erſcheint, ſondern auch, das Gebetbuͤchlein unter dem Arm, den klei⸗ nen Faͤcher in der Hand, in anmuthiger Haltung, in zierlich bedaͤchtlichem Schritt, in halb feierlicher, halb ſchalkhafter Miene, nie⸗ dergeſchlagenem, doch gelegentlich ſeitwaͤrts aufblitzendem Blicke, eine poſſierliche Aehnlich⸗ keit und Nachahmung vollendet, die indeſſen dadurch jeden widrigen Eindruck ausſchließt, daß ſie offenbar nicht mit Muͤhe angelernt, ſondern die Frucht einer Art von Inſtinkt iſt, wie das juͤngſte Zicklein im Rudel gar bald eben ſo zierlich und ſcheu einhertritt, wie die aͤltern Rehgeſchwiſter.— Als Nachtrab folgt einem ſolchen Zuge meiſtens irgend eine Art von dienſtbarer Geiſt. Bei den Wohlhabendern iſt es die weltbekannte und nicht ganz ohne Unrecht uͤbelberufene Dueña, deren verſchiedene Spiel⸗ arten wir leider hier nicht weiter aufzaͤh⸗ len und bezeichnen koͤnnen, da in einem ſolchen Unternehmen ein uͤberreicher Stoff zu einem eignen Werke liegt— und ohne daß 246 Skizzen aus Spanien. wir den Leſer mit einem ſolchen zu bedrohen brauchen, wird er uns geſtatten, den wichti⸗ gen Gegenſtand hier lieber gar nicht, als mit unziemender Fluͤchtigkeit und Kuͤrze zu behandeln. Weniger charakteriſtiſch hat ſich der Escudero erhalten, doch ſteigt nicht ſel— ten, das Gebetbuch der Herrin tragend, ein alter Diener neben der Duena her, hinrei⸗ chend abenteuerlich graͤmlich und ſteif, um an jene Vorbilder, wie ſie Cervantes und Quevedo gezeichnet haben, entfernt zu erin⸗ nern. Auch die aͤrmere Buͤrgersfrau, die Handwerkerin, der eine eigentliche Duena zu hoch ſteht, laͤßt gerne die Hausmagd oder den Lehrburſchen hinter ſich her treten, ohne der Poſſen und Schwaͤnke zu achten, die der letztere, nach Art dieſes verruchten Geſchlech⸗ tes, auch bei ſo feierlicher Gelegenheit nicht ganz unterlaſſen kann. Waͤhrend ſolche und äͤhnliche kleine Zuͤge, der vielen einzelnen Wallfahrterinnen nicht zu gedenken, nach und nach von ihren Wohnungen aufgenommen werden, und die meiſten Straßen bei nahen⸗ der Mittagshitze ziemlich leer werden, ſam⸗ melt ſich vor dem Hauptthor der Kathedral Skizzen aus Spanien. 247 allmaͤlig ein zahlreicher Haufen von Land⸗ volk. Diejenigen, welche die Meſſe mit angehoͤrt haben, belohnen ihren frommen Eifer ſelber, indem ſie zunaͤchſt um das in byzantiniſchem Style reichverzierte, ſchwerfaͤl⸗ lige, tiefe Portal, in dem Schatten des al⸗ terthuͤmlichen Gebaͤudes, die bunten wollnen Decken ausbreiten, die ihnen nach Unſtaͤn⸗ den als Mantel, Stuhl, Bett und auch zum Staat dienen. Die ſpaͤter entweder unmittelbar aus den fernerliegenden Doͤrfern und Huͤtten der Huerta oder vom Markte oder andern Geſchaͤften zu Fuß, zu Pferde, auf Maulthieren oder Eſeln haufenweiſe(nicht ſelten zwei, auch drei auf einem Thier) An⸗ langenden muͤſſen großentheils ſich ſchon be— quemen, ſich auf der ſonnigen plaza mayor einzurichten, da die Hauptſache immer bleibt, das Portal der Kathedral nicht aus den Au⸗ gen zu verlieren. Die einen ſuchen in dem kuͤmmerlichen Schatten der Pferde, Eſel und Maulthiere ein Plaͤtzchen, andre ziehen den bequemern, wenn auch heißern Sitz im Sat⸗ tel vor, und erwarten, uͤber den Hals ihrer Thiere gebeugt, die Dinge, die da kommen 3 248 Skizzen aus Spanien. ſollen. Dieſe großentheils bewaffnete Maſſe mag nicht nur in ihrer Kleidung, beſonders den bunten, turbanaͤhnlichen Kopftuͤchern, in der kauernden Stellung, welche die Meiſten auf ihren Decken annehmen, an orientaliſche Sitte, an die fruͤhere mauriſche Bevoͤlke⸗ rung erinnern, ſondern auch der Zweck der Verſammlung iſt derſelbe, wozu zur ſelben Tageszeit, am ſelben Tage jeden Monats, und an demſelben Orte vor dem Eingang der großen Moſchee(an deren Stelle nachher die Kathedral trat) ſich die mauriſchen Eroberer von Valencia verſammelten: die Anordnung der Bewaͤſſerungsangelegenheiten der Huerta, die Schlichtung der Streitigkeiten zwiſchen den Anwohnern und Benutzern der Kanaͤle, denen Valencia ſeine Fruchtbarkeit verdankt.— Mit dem Schlage zehn Uhr tritt in der zahlreichen, und bis dahin durch nicht ſelten in Streit und Schelten ausartendes Geſpraͤch vielfach bewegten und lauten Verſammlung eine tiefe Stille ein; die kleinere Pforte in dem großen Thor der Kathedral oͤffnet ſich, und die Richter, vier alte Landleute, ehr⸗ wuͤrdig anzuſchauen, mit langem, ſchneewei⸗ —— Skizzen aus Spanien. 249 ßem Haar, treten heraus, hinter ihnen in ſtaͤdtiſcher Kleidung ein Escribano, eine Rolle Papier in der Hand. Auf ihre Staͤbe ge⸗ lehnt, murmeln ſie ein kurzes Gebet, ma⸗ chen dann das Zeichen des Kreuzes, wobei die ganze verſammelte Menge ihrem Beiſpiel folgt, und laſſen ſich auf einer eigens dazu beſtimmten ſteinernen Bank nieder. Der Escribano ſetzt ſich ſeitwaͤrts auf einen nie— drigern Stein, breitet ſeine Papiere auf ſeinen Knieen aus, ſetzt ein kleines Tinten⸗ faß neben ſich und ſieht nach ſeiner Feder. Einige Geiſtliche oder andere aͤltere und an— geſehnere Leute, welche die Richter in ihrer Naͤhe unter dem verſammelten Landvolk be— merken, treten halb auf ihre Einladung halb nach Gewohnheitsrecht hervor, und nehmen, jedoch in ziemender Entfernung, ebenfalls unter dem Portal auf der ſteinernen Bank Platz— ein Paar Kanalaufſeher(Celadores) treten heran, um als Gerichtsdiener der Be⸗ fehle des Gerichts gewaͤrtig zu ſein, und auf einen Wink des aͤlteſten Richters ruft der erſte Celador mit lauter Stimme:»Die Cort de la Seo dieſes Tages iſt eroͤffnet, in 250 Skizzen aus Spanien. Gottes Namen: Amen!«— und die Ver⸗ handlungen beginnen. Die ſtreitenden Par⸗ teien, oder Solche, gegen die von Seiten der Celadores Klage erhoben wird, ſo wie auch die Zeugen, werden aufgerufen, treten vor unter das Portal, um auf die Fragen der Richter zu antworten oder ihre Rechtfer⸗ tigung vorzubringen, dann erfolgt nach kur⸗ zer, leiſer Berathung der vier Richter das Urtheil, ſelten auf geſchriebene Verordnungen, meiſtens auf Herkommen oder Billgkeit be⸗ gruͤndet. Der Eseribano hat, ſehr gegen ſeine Neigung und gegen den Gebrauch und Mißbrauch, der bei anderen Gerichten herrſcht, nichts bei der ganzen Sache zu thun, als das Urtheil außuſchreiben und zu beglaubigen. Koſten ſind bei dem ganzen Verfahren keine, denn auch fuͤr den Escribano ſelbſt iſt dies Ge⸗ ſchaͤft eine Ehrenſache, die ihm freilich eben dadurch wieder anderweitigen Vortheil bringt, als Veranlaſſung oder als Beweis des Ver⸗ trauens der Landleute.— Auf ſolche Weiſe wurde denn auch an einem der naͤchſten Donnerſtage nach dem Martinstag, von dem oben die Rede war, 251 Skizzen aus Spanien. die Cort de la Seo eroͤffnet; und nachdem mehre unbedeutendere Faͤlle entſchieden wor⸗ den waren, rief der Celador die Namen Blay Talens und Beneyt Soler auf. Dieſe Namen erregten in der zahlreichen Verſamm⸗ lung jene Art von Bewegung, die nicht ſo⸗ wohl Ueberraſchung, als das wirkliche Ein⸗ treten eines im Voraus erwarteten oder ge⸗ fuͤrchteten Ereigniſſes bezeichnet; als aber die beiden Aufgerufenen, welche beide unter den Honoratioren ſaßen, vor die Richter traten, legte ſich ſogleich jedes Geraͤuſch und machte geſpannter Erwartung Platz. Nach wenigen Fragen und Antworten erfolgte ein Urtheil des Gerichts, wodurch Soler das Recht ab⸗ geſprochen wurde, gewiſſe neue Bewaͤſſerungs⸗ graben zu ziehen, wodurch er einem Theil ſeines Grundeigenthums einen ſehr erhoͤhten Werth zu geben gehofft, weshalb er auch die Arbeiten ſchon begonnen hatte, ohne auf die Einreden ſeines Nachbarn Blay Talens zu achten, der bei dieſem Beginnen ſein eignes Bewaͤſſerungsrecht gefaͤhrdet ſah. Zwar haͤtte ſich die Sache ohne Muͤhe zu gegenſeitiger Zufriedenheit einrichten laſſen, allein Soler's 252 Skizzen aus Spanien. eigenmaͤchtiges Verfahren, obgleich zum Theil aus Unkunde der Verhaͤltniſſe entſprungen, hatte im Verein mit manchen andern Urſa⸗ chen, der Angelegenheit von vorne herein ei⸗ nen Charakter von Feindſeligkeit gegeben, den die Einmiſchung unberufener Freunde, Zwi⸗ ſchentraͤger und Rathgeber ſo weit getrieben hatte, daß nur durch eine richterliche Ent⸗ ſcheidung einem gewaltthaͤtigem Ausbruch vielleicht noch vorzubeugen war.— Soler's Eigennutz und mehr noch ſein Stolz war aber durch die unguͤnſtige Entſcheidung des Gerichts zu tief verletzt, als daß er nach ſei⸗ ner heftigen Art es uͤber ſich vermocht haͤtte, ſich ruhig zu unterwerfen. Waͤhrend ſein Gegner, ein ſchlichter, derber, alter Land⸗ mann, ſich ruhig, als einer, der von ſeinem Recht im Voraus uͤberzeugt war, wieder hin⸗ ſetzte, blieb er trotzig ſtehen und wandte ſich faſt veraͤchtlich von dem Gericht ab und dro— hend nach der verſammelten Menge hin und rief:»Was frag ich nach eurem Bauernge⸗ richt!— ich appellire!«— Unter den Land⸗ leuten erhob ſich alsbald ein lautes Murren, und einzelne vernehmlicher drohende Stim⸗ Skizzen aus Spanien. 253 men waren mit entſprechenden Bewegungen und Geraͤuſch der Waffen verbunden. Auf das ernſte Gebot der Richter legte ſich indeſ⸗ ſen die Bewegung ſchnell, und der Aelteſte von dieſen ſprach mit großer Ruhe, Feſtig⸗ keit und Wuͤrde zu Soler:»Junger Mann, ihr wißt nicht, was ihr da ſchwatzt. Das Sprichwort ſagt: wer weit geht, der lernt viel; ihr aber ſeid ſo weit herumgekommen und wißt nicht einmal, daß von der Cort de la Seo keine Berufung auf irgend ein an— dres Gericht ſtatt findet. Glaubt mir, der Pabſt in Rom mit allen ſeinen Cardinaͤ⸗ len— ja Elio, der Koͤnig von Valencia ſelber, vermag nichts an unſerem Spruch zu aͤndern.— Dafuͤr aber, daß ihr auf ſolche unerhoͤrte Weiſe die gebuͤhrende Ehrerbietung gegen die Cort de la Seo verletzt habt, ver⸗ urtheilen wir euch zur hoͤchſten Geldſtrafe von hundert harten Peſos.«⸗—»Kommt ſelber und holt ſie, wenn ihr das Herz dazu habt, oder euer aller Leben nicht hoͤher ach⸗ tet, als ein Paar lumpige Peſos!«— rief Soler, auf den die uͤberlegne Wuͤrde und Ruhe des alten Mannes zwar ihren Eindruck 254 Skizzen aus Spanien. nicht verfehlte, deſſen hartnaͤckiger Stolz aber in der Gegenwart ſo vieler Zeugen, ja in dem Unwillen, den ſein Benehmen offenbar unter der Menge erregte, einen zu großen Antrieb zum Widerſtand fand, als daß er es haͤtte uͤber ſich gewinnen koͤnnen, ſogleich einzulenken. Der Richter ließ ſich indeſſen gar nicht aus ſeiner Faſſung bringen, und fuhr eben ſo ruhig wie vorher fort:»Abge⸗ holt werden die Geldſtrafen, welche das Ge⸗ richt verfuͤgt, nie; ſondern die Verurtheilten haben ſie ſelber an den Celador zu bringen, und ehe das geſchehen iſt, wird kein Tropfen Waſſer auf ſeine Felder geleitet.«— Soler wollte von neuem etwas noch Heftigeres und Unſinnigeres, als vorhin, erwiedern— allein einer der Richter, der juͤngſte, erlangte es durch einen ſchnellen Wink, den er ihm, den andern unbemerkt, gab, daß er verwundert erwarktungsvoll ſchwieg, und indem er ſich nun zu ſeinen Collegen wandte, ſuchte er in wenigen Worten Soler's Benehmen mit ſei— ner Unkenntniß der Rechte und Gebraͤuche des Gerichts, bei der kurzen Dauer ſeines Aufenthalts unter ſeinen Nachbarn, ſeiner Skizzen aus Spanien. bekannten hochfahrenden Heftigkeit, die jedoch nur Folge ſeiner Jugend und bisherigen Le⸗ bensweiſe ſei, zu entſchuldigen— wobei er jedoch zugab, daß er die ihm zuerkannte, ja eine noch haͤrtere Strafe vollkommen verdient habe; und erſuchte endlich ſeine Genoſſen, es ihm allein zu uͤberlaſſen, den jungen Mann, dem er ja naͤher befreundet ſei, zur Ver⸗ nunft zu bringen, um Aergeres und am Ende doch Allen Unangenehmes zu verhuͤten. Als die drei andern Richter nach einigem Zaudern ihre Zuſtimmung gegeben hatten, wandte ſich der Vermittler an Soler, der ſeinerſeits irgend einen geheimen Grund zu haben ſchien, dem perſoͤnlichen Einfluß des einen Richters mehr Raum zu geben, als dem Anſehen des ganzen Gerichts.»Ihr wißt, Moſen Beneyt, ſprach dieſer mit be⸗ ſondrem Nachdruck und Beziehung, daß ich es gut mit euch meine, und ihr koͤnnt mir, als ehrlichem Mann und gutem Chriſten, glauben, daß das Gericht nicht anders ſpre⸗ chen durfte und konnte, als es gethan hat. Damit ihr aber einſeht, daß es reiner Un⸗ ſinn iſt, wenn ihr meint, mit dem Kopf 256 Skizzen aus Spanien. durch die Wand zu rennen und dem Gericht zu trotzen, ſo macht ſelber nur gleich die Probe — oder laßt ſie mich machen.«— Hierauf gegen die verſammelte Menge gewendet— die waͤhrend dieſer, in der Geſchichte der Cort de la Seo beiſpielloſen Verhandlungen*) noch durch eine große Menge von Neugierigen vermehrt worden war, ſo daß faſt die ganze Plaza Mayor gedraͤngt voll war— rief er mit weithin ſchallender Stimme:»Iſt einer unter allen hier Gegenwaͤrtigen, der es auf ſich nehmen moͤchte, dem hier ſtehenden Mo— ſen Beneyt Soler zu Gunſten, auch nur ei— nen Finger gegen die Cort de la Seo auf⸗ zuheben, der rede— zum erſten Mal frage ich— zum zweiten Mal— zum dritten Mal!«— alles blieb ſtill und der Richter fuhr, zu Soler gewendet, fort:»Ihr wißt beſ⸗ ſer als ich, daß unter dieſem Haufen nicht *) Es iſt merkwürdig genug, daß, während es in andern Fällen der Wirkſamkeit der Gerichte und der Obrigkeit nicht ſelten mißlingt, feindſeligen Berührungen und Störungen der öffentlichen Ruhe unter dem Volk vor⸗ zubeugen, die Entſcheidungen dieſes aus ihrer eignen Mitte gewählten Gerichts, nur höchſt ſelten Widerſtand, oder auch nur Unzufriedenheit finden.— Skizzen aus Spanien. 257 wenige kuͤhne, euch ergebene Burſchen ſind, die ſonſt den Teufel nach Geſetz oder Gericht fragen wuͤrden, wenn es drauf ankaͤme, euch einen Gefallen zu thun— aber mit der Cort de la Seo iſt es ein eigen Ding— ja, ſeht nur, ſogar der alte Borrasca, der dort hin⸗ ten ſitzt, will nichts mit der Sache zu thun haben, ſondern winkt euch, auf eurer Hut zu ſein und euch ſtill zu halten— und das werdet ihr zugeben, der Alte weiß, wo der der Teufel ſein Neſt hat.« Der Richter hatte ſich waͤhrend dieſer Reden Soler ſo ge⸗ naͤhert und ſich ſo geſtellt, daß er ihm ein Paar Worte, von den Umſtehenden unbe⸗ merkt, ſchnell in's Ohr fluͤſtern konnte, und dieſe entſchieden offenbar den Eindruck, den ſchon das Vorhergehende auf den heftigen jungen Mann gemacht hatte, und als der Nichter ſogleich laut, und zu ſeinen Collegen gewendet— welche einige Ungeduld uͤber die lange Dauer der Unterhandlungen mit dem Widerſpenſtigen zeigten— wieder anhub: »Laßt dem Jungen Zeit, Seüores Compa⸗ dres— er hat heißes Blut; aber der Teufel iſt nie ſo ſchwarz, als man ihn malt, und II. 17 258 Skizzen aus Spanien. der liebe Gott hat auch Geduld mit uns Al⸗ len, vom Morgen bis zum Abend und vom Abend bis zum Morgen. Wenn es euch aber gefaͤllig iſt, Seüores Compadres, ſo wollen wir, mit Gottes Huͤlfe, nach dem Regiſter in unſerer Sitzung fortfahren.«“—»Wie ihr meint, Compadre del Puig— erwiederte der aͤlteſte Richter— und wie ihr ſagt, ſo laßt uns in Gottes Namen fortfahren, und wahr iſt es, es thaͤte mir ſelber leid, wenn der Junge, den ihr Moſen Beneyt nennt, mit dem Kopf gegen die Wand rennte, und dem Teufel was zu lachen gaͤbe— er iſt ein ſchmucker Burſche und gefaͤllt mir wohl. Ich hab ihn am letzten geſegneten Martins⸗ tag ſchießen ſehen— und das heiß ich doch noch ſchießen. Da gedacht' ich der guten al⸗ ten Zeiten, Nachbar Vergara; denn aus⸗ genommen meinen eignen Jungen, den Paco — Gott wolle ſeine Seele in ſeiner Hand bewahren— es ſind nun bald vierzig Jahr her, daß ſie mir den Burſchen vor die Schwelle legten, mit einer Kugel im Her⸗ zen— nun ihr wißt ja, daß die Leute mei⸗ nen Paco, Paco Mazaredo, den Koͤnig der Skizzen aus Spanien.. 259 Bandoleros nannten— damals gab es noch Bandoleros, jetzt giebt es blos Raͤuber— nun— was wollt ich ſagen?— Alt, alt werden wir, Nachbar— aber wie Gott will. Nun, Seüor Escribano— in Gottes Namen, was koͤmmt zunaͤchſt in euerm Re⸗ giſter?«»Seine Excellenz der Marques de Dosaguas, Graf von Pozoblanco, Herr zu Mislata«— fing der Escribano mit ſchnar⸗ render Stimme an—»Schon gut— un⸗ terbrach ihn aber der juͤngſte Richter— was giebt es mit Sr. Excellenz.«—»Wegen ei⸗ genmaͤchtiger Bewaͤſſerung ſeiner Laͤndereien bei Mislata, außer der Reihe.«»So, ſo— die alte Geſchichte— fuhr der Richter fort— war ſchon zweimal vor; aber weil der Graf nicht zu finden war und ſeine Leute ſich mit ſeinem Befehl entſchuldigten, wurde die Sa⸗ che auf den naͤchſten Gerichtstag, das iſt heute, verſchoben, weil Seine Excellenz bis dahin in der Stadt ſein ſollten.«»Ich hoͤre, bemerkte der Escribano etwas verlegen, der Herr Graf weigert ſich in Perſon vor Ge⸗ richt zu erſcheinen— daß er ſein Privile⸗ gium als Grande vorſchützt— ſonſt aber— 17* 260 Skizzen aus Spanien. ſo hoͤr ich— iſt er nicht abgeneigt, ſich dem Ausſpruch des Gerichts zu unterwerfen— und ich meine, in der That— genau ge⸗ nommen—«»Was ihr gehoͤrt habt und was ihr meint, Seüor Escribano, geht uns gar nichts an— unterbrach hier der Richter— Fuero de Grandeza gilt nicht vor der Cort de la Seo, und wir muͤſſen die Wuͤrde des Gerichts ſo bewahren, wie wir ſie empfan⸗ gen— was meint ihr, Compadre Maza— redo?«—»Was ich meine?— antwortete der Alte, mit ſeinem Stab heftig auf die Steinplatten ſtoßend, und ſein greiſes Haupt ſchuͤtternd— was ich meine?— Was ich vor funfzig Jahren gemeint, als ich zum er⸗ ſten Mal die Ehre hatte in dieſem Gericht zu ſitzen, ſo wie es jetzt das funfzehnte Mal iſt— Gott ſei Dank und der guten Mei⸗ nung meiner guten Nachbarn und Gevatters⸗ leute, die mich gewaͤhlt haben. Nun wohl— und damals hat der Großvater dieſes Grafen hier vor uns geſtanden und hat ſein Urtheil angehoͤrt— und war ein gar andrer Herr, als dieſer, und hatte nicht den Fremden, den Franzoſen hofirt— die Gott verfluchen Skizzen aus Spanien. 261 wolle!— Und wußte beſſer als dieſer, was Fuero de Grandeza heißt, aber er kannte auch unſre Rechte und unſre Gebraͤuche— und, Cap sagranat!— Gott wolle mir das Fluchen nicht zur Suͤnde anrechnen— ſo lange meine weißen Haare uͤber der Erde ſind, ſollen die Rechte der Cort de la Seo nicht verkuͤrzt werden— was meint ihr, Nach⸗ barn?«— Die Landleute, an die er ſich gewendet hatte, antworteten mit lautem Bei⸗ fall und Drohungen gegen den Grafen, den ſie einen Afranceſado, Juden und Freimau⸗ rer ſchalten. Auf einen Wink des alten Mannes, der trotz ſeines hohen Alters und etwas geſchwaͤchter Geiſteskraͤfte, als leben⸗ diges Urkunden⸗Geſetzbuch in dieſen Sachen die erſte Stimme hatte, und allgemein eines großen Anſehens genoß, legte ſich der Laͤrm wieder, und zwei Celadores wurden abge⸗ ſchickt, um den Grafen in Perſon vor das Gericht zu fordern. Wie ſpaͤter ruchbar wur⸗ de, hatten ſie den ſtolzen Granden, der eine ſolche Ladung ſchon erwartete, in eifrigem Geſpraͤch mit ſeinem Anwald gefunden, der ihm vergeblich zuredete nachzugeben, da nach 262 Skizzen aus Spanien. uraltem Herkommen wirklich vor der Cort de la Seo alle Privilegien oder Fueros aufhoͤr⸗ ten, und alle diejenigen, die an der Wohl⸗ that der Bewaͤſſerung Theil haͤtten, auch gleichem Rechte in ſolchen Sachen unterwor⸗ fen ſeien.— Als er ihn zugleich auf die Gefahr aufmerkſam machte, die fuͤr ihn und ſein Eigenthum aus der gerechten Erbitterung der Landleute entſtehen wuͤrde, beſchloß der Graf die Entſcheidung dem Generalcapitain Elio zu uͤberlaſſen, indem er ſich zu dieſem begab und ihn fragte, ob er ihm Schutz ge⸗ waͤhren wolle oder koͤnne, wenn er ſein Fue— ro de Grandeza gegen die Anſpruͤche des Ge⸗ richts durchſetze. Elio aber, dem dieſe Ge⸗ legenheit, ſich bei den Landleuten beliebt zu machen und zugleich einen Afranceſado zu demuͤthigen ſehr erwuͤnſcht war, hatte ihm rund heraus erklaͤrt, er werde, wenn die Cort de la Seo militaͤriſche Huͤlfe requiriren ſollte, keinen Augenblick anſtehen, den Gra⸗ fen— ja Jeden, wer er auch ſein moͤchte, vom Koͤnig abwaͤrts— durch ſechs Mann und einen Gefreiten aus ſeinem Hauſe abho⸗ len und unter das Portal der Kathedral vor Skizzen aus Spanien. 263 ſeine Richter fuͤhren zu laſſen. Der Graf, der ſeinen Mann kannte, fuͤgte ſich nun ohne Weiteres, und machte zu dem boͤſen Spiel das beſtmoͤgliche Geſicht.— Er erſchien vor dem Gericht, entſchuldigte ſich mit ſeiner Unkenntniß der Rechte und Herkommen deſ⸗ ſelben, und empfing ſtehend und mit entbloͤß⸗ tem Haupt eine Art von Verweis aus dem Munde des alten Landmanns, der hier als ſein Richter mit bedecktem Haupte vor ihm ſaß, zahlte auf der Stelle die Geldſtrafe, wozu er verurtheilt worden, und zog dann wieder ab unter dem lauten Beifall der ver⸗ ſammelten Landleute, der eben ſowohl ihm ſelbſt, als dem Gerichte, und beſonders dem alten Vater Mazaredo galt.— Dieſer Vorfall gab Soler Anlaß und Zeit zu ruhiger Ueberlegung, deren Ergebniß war, daß er vollkommen einſah, wie thoͤricht es von ihm ſein wuͤrde, wenn er in ſeinem vereinzelten Trotz gegen eine Gewalt verhar⸗ ren wollte, der ſich ſogar die Maͤchtigſten des Landes unterwarfen, und die ſo feſt auf den Anſichten und Sitten des Volks, ja auf der Beſchaffenheit des Landes ſelbſt, ſeit Jahr⸗ 264 Skizzen aus Spanien. hunderten begruͤndet war, daß ſie faſt allein den Eingriffen des koͤniglichen Despotismus, den Einfluͤſſen der Zeit, des allgemeinen Ver⸗ falls, den Stuͤrmen des Kriegs widerſtanden hatte.— Theils eigne gewandte Schlauheit, theils das Zureden einiger Freunde, die ſich zu ihm herangedraͤngt hatten, und neben an⸗ dern Gruͤnden beſonders auch die Intereſſen der Partei geltend machten, der er angehoͤrte, wie auch ſchon von dem einen Richter ge⸗ ſchehen war, der— freilich eine ſeltene Aus⸗ nahme unter dem Landvolke— ein Mitglied der geheimen Geſellſchaft war, deren ſich dieſe Partei zu ihren Zwecken bediente, theils end⸗ lich mancherlei andre ſehr gemiſchte Eindruͤcke, Erinnerungen und Gefuͤhle gaben ihm einen Plan ein, durch den er dem Nachtheil, der ihm drohte, nicht nur entgehen, ſondern die ganze Angelegenheit zu ſeinem Vortheil zu wenden hoffte. Sobald der Gerichtshof die vorliegenden Geſchaͤfte abgefertigt hatte, trat er noch einmal vor ſeine Richter, und er⸗ klaͤrte hier unumwunden ſein Bedauern uͤber ſein fruͤheres Benehmen, was er durch ſolche Gruͤnde zu entſchuldigen ſuchte, wie ſie ei⸗ Skizzen aus Spanien. 265 nem jungen, leidenſchaftlichen, der Verhaͤlt⸗ niſſe unkundigen Manne, den Greiſen gegen⸗ über ſich leicht darboten. In ſeiner ganzen Art und Weiſe lag dabei ſo viel Beſcheiden⸗ heit und doch ſo viel Freimuͤthigkeit und fri⸗ ſche Kraft, er wandte ſo ſehr alle ihm ſo reichlich zu Gebote ſtehenden Mittel an, um den ſchlimmen Eindruck auszuloͤſchen, den ſein voriges Auftreten hervorgebracht, daß er ſeinen Zweck vollkommen erreichte, und von dem aͤlteſten Richter, nach einem freundlichen Verweiſe, der eher Wohlgefallen als Mißfal⸗ len ausdruͤckte, aufgefordert wurde, ſich nun auch aufrichtig mit ſeinem Nachbarn und Gegner, dem alten Talens zu verſoͤhnen. »Eben wollte ich ſelber dazu thun— rief Soler ſogleich— der Sohn meiner Mutter iſt nun einmal ein ſolcher, wunderlicher Kautz — da muß es immer heißen entweder oder— Freund oder Feind. Zum Feinde werdet ihr mich doch nicht gerne haben wollen— fuͤr Nichts und wieder Nichts— Alter?«— fuhr er, zu ſeinem alten Nachbar gewendet, fort, der mit einem halbverlegnen Laͤcheln vor ſich hin brummte:»Der Teufel mag euer 266 Skizzen aus Spanien. Feind ſein, nicht ich— und wenn meine Alte mir nicht ſo eingeheitzt haͤtte.«—— »Nun gut, unterbrach ihn Soler wieder, das heiß ich reden— und wer mich kennt, der weiß, daß meine Freundſchaft noch Keinen gereut und meine Feindſchaft noch Keinen ge⸗ freut hat. Nun hoͤrt meinen Vorſchlag, und wie ihr mich zum Freunde gewinnen koͤnnt auf immer— kurz und gut: gebt mir eure Tochter Geſualda zur Frau, ſo werden wir uns um das Waſſer wohl vertragen.«— Ein beifaͤlliges Murmeln erhob ſich auf die⸗ ſes Wort unter den Zunaͤchſtſtehenden, und verbreitete ſich ſchnell weiter unter der ver⸗ ſammelten Menge, die noch immer dieſen Verhandlungen mit der groͤßten Theilnahme beiwohnte, obgleich die eigentliche Gerichts⸗ zeit voruͤber war, und die der Mittagshoͤhe nahende Sonne nur noch einen ſchmalen Strei⸗ fen von Schatten beſtehen ließ. Der alte Mazaredo aber erhob ſich und trat, auf ſei⸗ nen Stab gelehnt, zu Talens und ſprach: »Alles mit Gottes Segen und der heiligen Jungfrau— aber dieſer junge Mann hat wohlgeſprochen, und ich ſelbſt will den Frei⸗ 267 Skizzen aus Spanien. werber fuͤr ihn machen. Nun, was meint ihr, Compadre?« Der ehrliche Blay Talens zeigte in ſeinem Geſicht, ſeiner ganzen Hal⸗ tung eine ſeltſame Miſchung von Freude, Furcht und Verlegenheit. Er raͤusperte ſich, kratzte ſich hinter den Ohren, rieb ſich die Haͤnde und ſagte:»Meiner Treu— bei der Seele meiner Großmutter(Gott wolle ſie in ſeinen Armen behalten)— der Teufel ſoll mich holen(Gott verzeih mir die Suͤnde) ſchneller als er mit der Seele eines Advoka⸗ ten davongeht— wenn ich denſelben Gedan⸗ ken nicht auch ſchon gehabt habe— ſchon gleich als Moſen Beneyt die Quinta kaufte — aber— aber— ich konnte ihm doch das Maͤdchen nicht antragen— und— und«— —»Nun, jetzt trag' ich mich dem Maͤdchen und euch an, Alter— was wollt ihr mehr? da ſchlagt ein— oder was ſoll draus wer⸗ den?— Oder meint ihr, das Maͤdchen werde mich nicht wollen? Da laßt mich nur ſorgen, Alter«— ſo unterbrach ihn Soler, bei dem ſchon deutliche Spuren von Un⸗ geduld ſich zeigten.»Schlagt ein, Alter!«— »Schlagt ein, Compadre,« ſo riefen die 268 Skizzen aus Spanien. Umſtehenden. Blay aber wurde nur verleg⸗ ner, ſah ſich wie Huͤlfe ſuchend um, und fuhr eben ſo in abgebrochenen Saͤtzen fort: »Ganz gewiß— und es wuͤrde uns eine Ehre ſein— das heißt, ich habe gar und ganz nichts dagegen— aber— aber— man muß ſich doch beſinnen, und beſprechen— mit ſeinen Freunden— und Verwandten«— »Und mit ſeiner Frau— fiel hier mit heiſe⸗ rem Lachen eine rauhe Stimme ein— Tron de biou! merkt ihr's denn nicht, ihr Herrn, wo der Wind her kommt? Das rothe Faͤhn⸗ lein! das rothe Faͤhnlein!«— Ein allge⸗ meines Gelaͤchter folgte dieſer derben Anſpie⸗ lung auf das unter den Nachbarn hinreichend bekannte, haͤusliche Verhaͤltniß des guten Blay Talens. Dieſer aber ſchien eben dadurch, daß die Sache einmal ausgeſprochen war, wieder Muth und Faſſung zu gewinnen, in⸗ dem er ſich bis zu einer Art von komiſchem Zorn durcharbeitete.»Das rothe Faͤhnlein! das rothe Faͤhnlein!— ſpottete er nach— nun ja, in's Teufels Nahmen!(Gott wolle es nicht gehoͤrt haben!)— und was iſt's denn am Ende? Ihr habt gut reden— Skizzen aus Spanien. 269 Meiſter Borrasca, ihr kennt nur eine rothe Fahne, und das iſt die Flagge Sr. Majeſtaͤt, des Koͤnigs— den Gott erhalten wolle, Amen— und ihr meint wohl gar, eine Weiberzunge ſei nicht ſchwerer zu regieren als eure Falua— aber, ihr andern, Gevat⸗ terleute, ihr habt wohl viel Urſache uͤber mich zu lachen!— Wir kennen uns ja alle— und beim Teufel!(Jeſus! Maria! Joſeph!) fragt meine Alte, die wird euch ſagen, an welchem Fuß ihr hinkt, und ob Zwoͤlfe von euch nicht genau ein Dutzend Hahnreihe ma⸗ chen!«— Das Gelaͤchter wurde durch dieſen Ausbruch des Zorns nur lauter und allge⸗ meiner; auch Soler ſtimmte herzlich mit ein und ſagte:»Nun, nun, Alter— gebt euch zufrieden— wenig Worte und gute; und damit die Nachbarn ſehen, wer aufſpielt und wer tanzt, wenn der alte Blay Talens ſich ein Herz nimmt, ſo ſchlagt ein— mit Vor⸗ behalt.«—»Ja, beim Gott Bacchus— rief Talens, indem er einſchlug— und ſie ſollen ſehen— wenn ich einmal meinen Kopf aufſetze, ſo muͤßte der Teufel ſein Spiel ha⸗ ben(Gott wolle mir's nicht zur Suͤnde an⸗ 270 Skizzen aus Spanien. rechnen)— wenn ich mit dieſem Weibe des Barrabas nicht fertig wuͤrde— alſo wie ge— ſagt, ich ſchlage ein, in Gottes Namen— die Dirne ſoll eure Frau werden, oder ich heiße nicht Blay Talens.«—»Mit Vorbehalt«— rief der unverbeſſerliche Borrasca dazwiſchen, aber zu dem Gelaͤchter, das von neuem er⸗ ſcholl, geſellten ſich laute und allgemeine Aeuſſerungen des Beifalls, vielſtimmiges: Viva! und Victor! und die verſammelte Menge zerſtreute ſich in der beſten Stimmung uͤber dieſen Ausgang der Sache, der, nach den Sitten und Geſinnungen dieſer Leute, allerdings ein allgemeines Intereſſe haben mußte, da die beginnende Feindſchaft zwi⸗ ſchen dem reichen Blay Talens, deſſen ſeit mehren Generationen in der Huerta bekannte und vielfach durch Verwandtſchaft verſchlun⸗ gene und weitverbreitete Familie ihm trotz ſeiner perſoͤnlichen Unbeholfenheit ein gewiſſes Anſehen gab, und ſeinem jungen Nachbarn, der zwar von vielen als ein fremder Aben⸗ teurer und Eindringling nicht eben gerne geſehen, von vielen andern dagegen ſeiner perſoͤnlichen Eigenſchaften, ſeines ganzen Auf⸗ Skizzen aus Spanien. 271 tretens wegen bewundert und aufgeſucht, von Allen aber als ein gefaͤhrlicher Gegner ge⸗ ſcheut wurde, wenn ſie tiefer einwurzelte und ſich ausbreitete, ſehr leicht gar viele, nicht unmittelbar Betheiligte in mancherlei Unannehmlichkeiten und Faͤhrlichkeiten ver⸗ wickeln koͤnnte.— Was Soler zu einem ſo raſchen und entſcheidenden Schritt getrieben hatte, war nicht nur der Wunſch, zunaͤchſt den Nachtheil, den ihm die Entſcheidung des Gerichts ver⸗ urſachen mußte, zu vermeiden, und zugleich durch die Verbindung mit einer ſo wohlha⸗ benden und weitverbreiteten Familie ſeinen eignen Einfluß in der Huerta zu vermehren, ſeine ganze Stellung, die bisher noch immer noch etwas Schwankendes, Fremdartiges hatte, feſter zu begruͤnden, und dadurch dann auch die Zwecke ſeiner Parthei, und ſomit auch ſein eignes Anſehen, ſeine eignen Ausſichten im Fall des Gelingens zu befoͤrdern, ſondern die Erbitterung, die ſeit jenem Vorfall am St. Martinstage gegen Florencio oder eigent⸗ lich gegen Mercedes in ihm gaͤhrte, hatte 272 Skizzen aus Spanien. allerdings wohl auch ihren Theil an ſeinem Entſchluſſe, der dem ſproͤden Maͤdchen ein fuͤr allemal beweiſen ſollte, wie ſehr ſie ſich verrechnete, wenn ſie geglaubt, mit ihm ihr Spiel treiben zu koͤnnen, wie er es nannte. Auſſerdem hatte ihn ſein Verhaͤltniß mit Mercedes keineswegs verhindert zu bemerken, daß die Tochter des feindſeligen Nachbarn eins der ſchoͤnſten Maͤdchen der Huerta war, und die ſchuͤchterne, anmuthige Freundlichkeit, womit ſie ſeinem Gruße oder ſonſtiger Annaͤ⸗ herung, wozu es nicht an Gelegenheit fehlte, zu begegnen pflegte, ließ ihn leicht auf den Gedanken kommen, daß ſie unter Umſtaͤnden nicht abgeneigt ſein moͤchte, ihn fuͤr die Feind⸗ ſchaft des Vaters ſchadlos zu halten. Ob er das zaͤrtliche Verhaͤltniß, das ſich zwiſchen Florencio und Geſualda angeſponnen hatte, als ein Hinderniß oder als einen neuen An⸗ trieb zu ſeinem neuen Plane angeſehen haben wuͤrde, wollen wir dahin geſtellt ſein laſſen— da es aber jedenfalls gewiß ſcheint, daß er von der Neigung und von den verliebten naͤchtlichen Wanderungen des Studioſen ganz und gar keine Kunde hatte, ſo ſteht es uns Skizzen aus Spanien. 273 immer frei, ihm in dieſer Hinſicht das Beſte zuzutrauen. Wie dem aber auch ſei, und obgleich im Ganzen ſeine Stimmung, als er in Begleitung vieler ſeiner fruͤhern Anhaͤnger und ſeiner neuverſoͤhnten Widerſacher gleich⸗ ſam im Triumph das Gericht verließ und nach Hauſe zuruͤckkehrte, eine freudig trotzige war, ſo regten ſich doch auch mancherlei Mißklaͤnge in ſeinem Innern, die er beim laͤrmenden Gelage zu beſeitigen hoffte, wozu er ſeine Begleiter, und namentlich ſeinen kuͤnftigen Schwiegervater einlud. Dieſer war aber, je mehr man ſich dem Dorfe naͤherte, deſto ſtiller geworden, und geſtand den Spoͤt⸗ tern gerne, daß ihm von wegen des bewuß⸗ ten Vorbehalts nicht ganz wohl zu Muthe ſei. Er haͤtte auch lieber die Einladung zu einem Mahle ausgeſchlagen, das offenbar die Beſtaͤtigung und Feier ſeines gegebenen Ver⸗ ſprechens bedeuten ſollte; aber ſein kuͤnftiger Schwiegerſohn zeigte nicht undeutlich, daß er gar keinen Spaß in dieſer Angelegenheit ver⸗ ſtehe, und da hier, wenn auch vielleicht nicht die groͤßte, doch die naͤchſte Gefahr war, ſo entſchloß er ſich kurz, und gab nicht nur ſein II. 18 274 Skizzen aus Spanien. Wort, ſelber Soler's Gaſt zu ſein, ſondern— ſei es, daß ein ſolcher Entſchluß ihn uͤber⸗ haupt in eine heldenmuͤthige Stimmung ver⸗ ſetzte, oder daß er noch einen Vorwand ſuchte, um fuͤr den Augenblick wenigſtens loszukom⸗ men— er verſprach ſogar, ſeine geſtrenge Hausehre, Dona Emerencia del Portalet, und ſein Toͤchterlein Geſualdita zu holen und mit⸗ zubringen, und auf dieſe Weiſe das Verſoͤh⸗ nungsmahl zugleich zum Verlobungsmahl zu machen. Unter dem lauten Beifallsgeſchrei der ſchon hinreichend zu jedem luſtigen Trei⸗ ben geſtimmten Schaar, bei der unterwegs ſchon die Bota fleißig im Gange geblieben war, entfernte ſich der Alte, anfangs mit ruͤſtigen Schritten und trotziger Haltung, die jedoch allmaͤlig in ein zoͤgerndes Schleichen und eine bedenkliche Senkung des Hauptes uͤberging, welche merklich zunahm, als er, ſeiner eignen Wohnung naͤher ruͤckend, bald die gellende, ſcheltende Stimme ſeiner un⸗ fuͤgſamen Rippe vernahm, und an der Haus⸗ thuͤre mit einem demuͤthigen Gruß, boshaftem Läͤcheln und Gluͤckwunſch eine alte Betſchwe⸗ ſter beſagter Dona Emerencia an ihm voruͤ⸗ Skizzen aus Spanien. 275 berſchlich, welche ihr alle Dorfklatſchereien bruͤhwarm zuzutragen und ſie unter gemein⸗ ſchaftlichem Abbeten des Roſenkranzes mit ihr nach allen Seiten umzuruͤhren und mit den noͤthigen Nutzanwendungen und Randgloſſen zu wuͤrzen pflegte. Als er zagend und zaudernd in den Hof trat, fand er Mutter und Tochter in der allertragiſchſten Aufregung, und eben ſchrie die erſtere, indem ſie das Maͤdchen an ſich druͤckte:»Ach, Toͤchterlein meiner Eingewei⸗ de und meines Herzens! dich wollen ſie den Gottloſen in die Haͤnde geben! Dazu haͤtte ich dich unter meinem Herzen getragen, und mit Schmerzen geboren, und an meiner Bruſt geſaͤugt— und in der Furcht Gottes und ſeiner heiligen Kirche erzogen!«—»Ave Maria purisima— was giebt's denn hier? Ihr ſtellt euch ja an, als wenn die Moh⸗ ren im Grao gelandet waͤren— Ave Ma- ria— koͤnnt ihr denn nicht ordentlich ant⸗ worten, wenn man gruͤßt, und waͤr es auch nicht«— ſo weit hatte der Alte halb ver⸗ drießlich, halb aͤngſtlich geſprochen, ohne daß ſeiner geachtet wurde— nun aber fuhr Frau 18* 276 Skizzen aus Spanien. Emerencia in die Hoͤhe, und, die Haͤnde in die Seite geſtemmt, mit blitzenden Augen auf ihren Gemahl los und ſchrie, den Gruß erwiedernd:»Sin pecado mortal concebida! — Ja das darf ich wohl ſagen, aber du Suͤn⸗ der! wie wagſt du es, den ſuͤßen Namen der Mutter Gottes in deinen ungewaſchenen Mund zu nehmen— mit dem du eben dieſes unſchuldige Lamm verkauft haſt— an den Juden, den Freimaurer dadruͤben— du Judas!«»Frau, ich ſage dir— Frau, zieh die rothe Flagge ein— antwortete der Be⸗ draͤngte, allmaͤlig den Sieg ſeines Zornes uͤber ſeine Scheu vorbereitend— wenig ge⸗ ſprochen und gut geſprochen, ſo ſagte meine Großmutter(Gott wolle ihr eine ſelige Ur⸗ ſtaͤnde verleihen!), aber du— wahrhaftig, das Weib waͤre im Stand, dem Teufel ſel⸗ ber(Jeſus, Maria, Joſeph!)— ja dem Teu⸗ fel ſelber graue Haare zu machen— aber nimm dich in Acht! Wenn dem Sohn mei⸗ nes Vaters einmal die Hitze in den Kopf ſteigt, ſo laͤßt er euch am hellen Mittag die Sterne ſehen, ihr heilloſen Plageteufel— ja, bei dieſem und jenem! dir und der Dirne!« Skizzen aus Spanien. 277 —»Ach um Gottes willen Vater— ich kann ihn nicht nehmen und ich will ihn nicht nehmen, und wenn mir Theatiner vorpredig⸗ ten bis Morgen fruͤh!« rief nun Geſualdita, wie auf ein gegebenes Zeichen, und griff ſich in die hellbraunen Locken„ als wollte ſie ſie allen Ernſtes ausraufen.— Die Mutter aber, wenig geſchreckt durch die Drohungen des gu⸗ ten Blay, fuhr noch im hohen Tone fort: „Und ſie ſoll ihn nicht nehmen, und fie ſoll keinen Andern nehmen, als den ihre Mutter ihr giebt. Und ihr, Blay Talens— ihr ſollet mich und meine Tochter gar nicht nen⸗ nen, ehe ihr nicht euern Mund mit Roſen⸗ waſſer ausgeſpuͤlt habt— wie? oder wer ſeid ihr denn, um ſo mit uns zu reden— bei unſrer lieben Fraͤuen von Fuenſanta! Hat er ganz vergeſſen, der arme Mann, wer die del Portalet ſind? Jeſus, Jeſus— wenn mein Großvater, der Alcade mayor von Alcira, das erlebt haͤtte! Ja im Grabe dreht er ſich noch um!— Und meine Tante, die Dueüa bei der Excellenz von Denia— und der andre Oheim, der Mayordom— und«——»Frau, jetzt wird's zu toll, 278 Skizzen aus Spanien. wenn du mit deiner Litanei von infernaliſchen Tanten und Onkeln anfaͤngſt, ſo geh ich. Aber das Maͤdchen muß mit und das ſchnur⸗ ſtracks hinuͤber zu Moſen Beneyt und den Nachbarn— und wenn du ihre Mutter biſt, oder ich ihr Vater, ſo gehſt du mit— oder zu allen Teufeln, Gott verzeih mir die Suͤn⸗ de— mit den Andern.« Damit wollte der gute Mann, deſſen Zorn nun gluͤcklich zum Durchbruch gekommen war, ſein Toͤchterlein bei der Hand faſſen und davon fuͤhren. Aber Geſualdita weinte ſo bitterlich und die Mut⸗ ter ſchien ſo entſchloſſen, ſie nicht ziehen zu laſſen, daß ſein Grimm ſchon zu ſchmelzen begann und er die groͤßte Luſt hatte, ſelber mit zu heulen, als Geſualda unter andern klaͤglichen Ausrufungen auch eine hoͤren ließ, die ihre Sache in alle Weiſe ſehr verſchlim⸗ merte.»Ach, Florenzuelo meiner Seele, was wirſt du dazu ſagen! was ſoll aus dir wer⸗ den!« rief das unbedachtſame Maͤdchen; aber kaum war ihr das Wort entfahren, als nicht nur der Vater mit neuer Wuth nach ihr packte, ſondern auch die Mutter einen Theil der ihrigen gegen ſie wandte.»Alſo ——— Skizzen aus Spanien. 279 da koͤmmt der Wind her— von der Pfuͤtze laͤuft das Waſſer zur Muͤhle— den lumpi⸗ gen Studenten, den Gelbſchnabel hat die Dirne im Kopf. Einen Kerl, der nicht ein⸗ mal genug hat, um darauf zu liegen— nicht mehr, als was ihm die Sonne ſcheint!« »Ja, und wir ſind verſprochen vor Gott und unſerem Gewiſſen!« fing das Maͤdchen ſich rechtfertigend an, aber ſogleich fuhr die Mut⸗ ter dazwiſchen und rief:»Alſo iſt es doch wahr, was die alte Bajuana ſagt— und die Guitarre von letzthin— du Satanskind! alſo den frommen jungen Diener des Herrn willſt du beſtricken und verleiten. Gott ſteh uns bei und die heilige Mutter Gottes, und San Francisco Kaver! einen geiſtlichen Herrn will ſie heirathen— Jeſus, Jeſus, das ſchmeckt ja nach der klaren Ketzerei und Schei⸗ terhaufen! Ach, daß mir das geſchehen muß!«—»lr iſt ja aber kein geiſtlicher Herr— klagte das bedraͤngte Maͤdchen— er hat mir ja verſprochen, er wolle ein gro⸗ ßer Weiſer werden, und Doctor und Richter in Indien— und Alles was ich will, und dann will er um mich freien.“’—»Der 280 Skizzen aus Spanien. Brod⸗ und Waſſerſtudent, der ſoll mir kom⸗ men!— ſchrie der Vater wieder— und wenn er mehr lernte als die ſieben Weiſen und als die drei Magier aus Morgenland, und als Merlin der Zauberer— und wenn er Saft aus den Steinen druͤcken koͤnnte! Hat er auch nur ſo viel, um einen Blinden zu bezahlen, daß er fuͤr ihn aufſpiele! Nichts hat das Volk, ſo vornehm es auch thut— nein! nicht einmal die Kraͤtze!— Oder wo wollt ihr zuſammen wirthſchaften? In der Kirche oder im Gefaͤngniß?— Denn ein anderes Haus wird er ja doch in ſeinem gan⸗ zen Leben nicht haben? Aber— auf hartes Fleiſch ſcharfer Zahn— ich will dir lehren, wieviel funfzehn ſind, und wenn du nicht in acht Tagen Moſen Beneyt ſeine Frau biſt, ſo will ich— Gott verzeih mir alle boͤſen Reden.«—»uUnd ehe die Tochter der Doña Emerencia del Portalet des gottloſen, herge⸗ laufenen Geſellen Frau wird, laß ich mich bra⸗ ten wie eine Kaſtanie, oder wie du einmal in des Pero Botero Kuͤche braten wirſt— wer ſind ſeine Verwandten und wo iſt er getauft, dein ſauberer Windbeutel? Sag mir das, Blay Skizzen aus Spanien. 281 Talens— ſag mir das.«»Ei was Ver⸗ wandte!— Heut zu Tage ſind harte Peſos die beſten Bruͤder, und gute Papiere die beſten Verwandten— und Gott ſchenke mir kein andres Indien als dieſes, und wer Geld hat, der hat Alles und des Koͤnigs Tochter, wenn er ſie will.«—»Aber Florenzuelo kann ja alles Moͤgliche werden, und wir wollen ja gerne warten«— fiel Geſualda wieder ein, die aus dem Wiederausbruch der Feindſeligkeiten zwiſchen ihren beiden geſtren⸗ gen Richtern einige Hoffnung fuͤr ſich ſchoͤpfte. »Warten?— fuhr ſie der Alte wieder an— und wenn wir auch nicht laͤnger warten woll⸗ ten, als bis er einen eignen Rock hat, und eine Kerze zahlen kann, um bei einer Pro⸗ zeſſion mitzugehen, ſo koͤnnte ich zehnmal druͤber ſterben und verderben, und Keiner haͤtte was zu lachen als der Teufel.)»Und wenn er auch gar keinen Rock an haͤtte— rief dagegen wieder das Maͤdchen, durch ſo ſchnoͤde Exwaͤhnung ihres Anbeters aufs Aeußerſte ge⸗ trieben, und ohne eben etwas Arges dabei zu denken— ſo waͤr er mir nur um ſoviel lieber.« Die ehrbare Frau Emerencia aber verſtand das 282 Skizzen aus Spanien. arme Maͤdchen ohne Zweifel anders, und fuhr mit großem Eifer auf ſie los, um ihr ſo gottloſe Geluͤſten zu vertreiben— und da zugleich auch der Vater ſich von neuem an⸗ ſchickte, ſie wegzufuͤhren, ſo waͤr es ihr ohne Zweifel ſchlimm ergangen, wenn ihr nicht von einer andern Seite unverhofft Huͤlfe ge⸗ kommen waͤre.»Der Herr wolle in dieſem Hauſe ſein!«— ſo ließ ſich ploͤtzlich hinter den Streitenden eine tiefe Baßſtimme ver⸗ nehmen, und als ſie auffahrend ſich umſahen, ſtand die ſtattliche Geſtalt des Pater Gracia⸗ no auf der Schwelle, faſt den ganzen Raum der Thuͤre ausfuͤllend. Es trat nun ein Au⸗ genblick verlegnen Stillſchweigens ein und der Pater wiederholte ernſt ſeinen Spruch:»Der Herr wolle in dieſem Hauſe ſein— ſag ich ſchon zum dritten Mal, und kein Menſch, der mir einen chriſtlichen Gruß erwiedert! Aber, freilich, hier ſcheint eher der Teufel ſelbſt ſein Spiel und Weſen zu haben.— Ei, ei, Bruder Talens, heißt das wie ein alter Chriſt und reiner Ehrenmann mit ſei⸗ nem eignen Fleiſch und Blut umgehen? Draußen auf der Straße bleiben die Leute Skizzen aus Spanien. 283 ſtehen und fragen, ob hier Mohren in der Schenke liegen— oder ob die Schlacht von San Quintin aufgefuͤhrt wird— oder was das ſonſt fuͤr ein Teufelslaͤrm in Nachbar Talens Hauſe ſein mag.«— Geſualdita ſchluchzte, ſchlug die Augen nieder, trippelte mit den Fuͤßen und zupfte an ihrer Schuͤrze — Tia Emerencia warf einen triumphirenden Blick auf den ehrlichen Talens, denn ſie glaubte ziemlich darauf rechnen zu koͤnnen, daß der Pater ihr Recht geben wuͤrde, und eben deshalb beeilte ſie ſich nicht zu ſehr das Wort zu nehmen, ſondern wartete ab, was ihr Eheherr zu ſeiner Rechtfertigung vorbringen wuͤrde, um ihn dann deſto vollſtaͤndiger mit ihrem Zeugniß und ihrer Anklage zu erdruͤcken. Bei dem guten Mann aber ſchlug die augen⸗ blickliche Verlegenheit nach der andern Seite um, naͤmlich ſie vermehrte den Zorn, zu dem er ſich ſo ganz gegen ſeine Gewohnheit ein Herz gefaßt und hinaufgearbeitet hatte; er antwortete daher dem Pater ziemlich patzig, ſo daß ſeine Frau ihren Ohren nicht trauen wollte, und ganz verdutzt bald den einen, bald den andern anſah— in Erwartung der 284 Skizzen aus Spanien. Dinge, die da kommen ſollten.»Ei nun, mein hochwuͤrdiger Pater— was den Laͤrm betrifft, ſo war deſſen freilich mehr als der Nuͤſſe. Ich meine, mit Eurer Hochwuͤrden Vergunſt, die Sache iſt es nicht werth, daß die Nachbarn oder Ihr, oder ich ſelber viel Laͤrm darum machen. Eine Kleinigkeit! we⸗ nig Waſſer, um ſich drin zu erſaͤufen!— Ich will die Dirne, von der meine Frau mir geſagt hat, ſie ſei meine Tochter, ver⸗ heirathen, wie und an wen mir gut duͤnkt— das iſt Alles!— Und da Euer Hochwuͤrden doch einmal die Sorge fuͤr die Seele dieſes Barrabas von Weib uͤbernommen habt— Gott vergelt euch die Muͤhe, und ich wollte lieber alle Ziegen huͤten, die in der Sierra weiden— ſo legt ihr doch auch einmal den Text aus, wo geſchrieben ſteht: Er ſoll dein Herr ſein!— Wenn ihr das aber nicht wollt oder nicht koͤnnt, nun ſo laßt, in Gottes Namen, verbrennen, was ihr nicht zu eſſen braucht— und laßt mich wenigſtens dem Weibe ſagen, wieviel funfzehn ſind!« »Ganz wohl, Bruder Talens— antwortete mit großer Wuͤrde und durchdringendem Blick Skizzen aus Spanien. 285 der Geiſtliche— ganz wohl und ſchoͤn. Al⸗ lerdings ſteht das geſchrieben, und wenn meine Tochter in Chriſto dagegen gethan oder geſprochen hat«—»Ach Gott, ehrwuͤrdiger Pater— unterbrach ihn heulend die Alte— fragt ihn nur, was er von mir verlangt hat, der gottloſe Mann, der Jude«— Der Pa⸗ ter winkte ihr mit ſtrenger Mine zu ſchwei⸗ gen und fuhr fort:»Aber, Bruder Talens, es ſteht auch geſchrieben, daß Einer unſer aller Herr und ſeine Kirche unſer aller Mut— ter iſt; und ihre Diener, deren ich Unwuͤr⸗ diger einer bin, ſind ihr allein verantwortlich fuͤr die Laͤmmer, die ihnen zugezaͤhlt ſind— aber wenn ihr ſelber ſo weiſe geworden ſeid, daß ihr meines Raths und meines Gebets fuͤr euch und die Eurigen nicht mehr beduͤrft, ſo ſprecht nur, damit ich gehe und den Staub von meinen Fuͤßen ſchuͤttle.«»Um Gottes willen nicht, rief ſogleich der bedraͤngte Haus⸗ herr, bei dem, als der Geiſtliche ſeine kaum ihm ſelbſt klar gewordenen Gedanken errieth und ſo ſtreng ausſprach, die alte Gewohnheit geiſtiger Abhaͤngigkeit ſogleich wieder die Ober⸗ hand erlangte— um Gottes willen nicht! 286 Skizzen aus Spanien. Wie koͤnnt ihr mir armem, geplagtem Manne das zu Leide thun? Vielmehr helft mir mit dem Weibsvolk und den Andern in Ehren fertig werden, ſo ſtifte ich dem Hauptaltar eures Kloſters eine Wachskerze ſo lang und dick wie ich ſelber bin.«»Nun, nun, ſchon gut— fuhr der Pater beſaͤnftigt fort— was giebt's denn eigentlich? Aber vor allen Din⸗ gen, mein Toͤchterlein Geſualda, geh in’s Kaͤmmerlein und bete ein Dutzend Ave Ma⸗ ria's, und warte, bis wir dich rufen.« Ge⸗ ſualda kuͤßte dem Pater die Hand und ſchlich hinaus; der alte Talens aber berichtete kuͤrz⸗ lich, wovon die Rede ſei, jedoch nicht ohne haͤufige Unterbrechungen von Seiten ſeiner frommen Hausehre, die keinen Augenblick zweifelte, daß der Pater ſein ganzes Anſehen aufbieten werde, um das Lamm dem Rachen des Wolfes zu entreißen, denn ſo und nicht beſſer erſchien ihr der Schwiegerſohn, den ihr Blay ſich ausgeſucht hatte. Ganz gegen. ihre Erwartung, daß der ehrwuͤrdige Herr alsbald mit heiligem Eifer gegen die Gottlo⸗ ſen, Ketzer und Freimaurer und Liberalen losfahren werde, wie er ſonſt bei jeder Ge⸗ Skizzen aus Spanien. 287 legenheit zu thun pflegte, hoͤrte er den alten Blay ruhig und mit geſpannter Aufmerkſam⸗ keit an, und blieb, als jener fertig war, einen Augenblick in Gedanken verſunken, de⸗ ren Bedeutung ſich bald zeigte, indem er nicht nur ſeiner geiſtlichen Tochter ihre Wi⸗ derſetzlichkeit gegen ihren Eheherrn im Allge⸗ meinen ſtreng verwies, ſondern auch in dieſer Sache ihm vollkommen Recht gab, und unter andern Gruͤnden auch den anfuͤhrte, daß es eine offenbare Schickung Gottes ſei, wodurch ein Gottloſer und Unglaͤubiger, wie Soler leider allerdings zu ſein ſcheine, durch eine chriſtliche Frau und das Beiſpiel und die Vermahnungen einer frommen und eifrigen Schwiegermutter bekehrt werden ſolle. Dieſe und aͤhnliche Reden, mit Schriftſtellen, Na⸗ men von heiligen Kirchenvaͤtern und lateini⸗ ſchen Brocken verbraͤmt, konnten in dem Munde des hochverehrten Seelſorgers ihres Eindrucks bei der guten Frau nicht verfehlen, um ſo weniger, da die Rolle einer bekehren⸗ den, predigenden und fuͤrbittenden Schwieger⸗ mutter, die ihr auf dieſe Weiſe zufallen ſollte, ihrer Eitelkeit nicht wenig ſchmeichelte, welche 288 Skizzen aus Spanien. ohnehin— wenn auch in einer andern Ver⸗ zweigung dieſes wunderlichen Gewaͤchſes— durch Soler's vornehmeres Auftreten und un⸗ abhaͤngige Stellung in Anſpruch genommen war, ſo wenig ſie es ſich auch vorher in ih— rem frommen Eifer eingeſtehen mochte, daß es ihr nicht unlieb ſei, ihr Toͤchterlein an ei⸗ nen halben Caballero verheirathet zu ſehen.— So blieb denn bald der Eigenſinn des alber⸗ nen Maͤdchens— wie die Alten es nannten, da ſie das arme Ding in der Kammer beten und ſchluchzen hoͤrten— das einzige Hinder⸗ niß, das noch uͤberwunden werden mußte. Aber auch hier legte ſich der geiſtliche Haus⸗ freund ins Mittel und verſprach, wenn man ihm die Handhabung der Sache ganz und allein uͤberlaſſen wolle, in einer halben Stun⸗ de Geſualdita zur Vernunft zu bringen. Da⸗ mit waren die beiden Alten vollkommen zu⸗ frieden. Das Maͤdchen wurde gerufen und mit dem Pater allein gelaſſen, waͤhrend die Mutter in der Kleiderlade kramte und der Vater ſich dies und das in Haus und Hof zu ſchaffen machte. Wenn nun der geneigte Leſer etwa ge⸗ Skizzen aus Spanien. 289 meint hat, es ſei eine ſehr tragiſche Scene zwiſchen dem Pater und dem Maͤdchen erfolgt, und dieſe ſei ihrer Liebe zu Florencio helden⸗ muͤthig treu geblieben, ſo bedauern wir ſehr, dieſer Erwartung nicht genuͤgen zu koͤnnen. Der Einfluß, den des Paters Wuͤrde, ſeine Stellung im Hauſe, ſeine wirkliche und im Ganzen wohlthaͤtig bewaͤhrte geiſtige Ueberle⸗ genheit, und die zur Gewohnheit gewordene Anerkennung derſelben ihm bei der ganzen Familie, beſonders aber bei dem weiblichen Theil derſelben ſicherte, gab ſeinen Gruͤnden und Ermahnungen einen ſolchen Nachdruck, er wußte Sinn und Herz des ſchwachen, furchtſamen, zerknirſchten Maͤdchens ſo ſchlau und zugleich ſo ernſt und wohlwollend theils zu beſtechen, theils zu uͤberzeugen, theils zu ſchrecken, daß das Andenken an Florencio der Gewalt des Augenblicks weichen mußte; woraus wir billiger Weiſe ſchließen duͤrfen, daß jenes Verhaͤltniß, wenigſtens von ihrer Seite, mehr ein kindiſches Vorſpiel eigentlicher Liebe war, was ihrer erwachenden Maͤdchen⸗ eitelkeit ſchmeichelte, und ihre noch halbkin⸗ diſche Neugierde zu dunkeln Ahnungen an⸗ II. 19 290 Skizzen aus Spanien. regte. Wie dem aber auch ſei, nach einer halben Stunde fuͤhrte der Pater die zwar immer noch weinende, aber doch gehorſame Tochter ihren Aeltern zu, und bald darauf ſaßen alle zuſammen, den Pater nicht aus⸗ genommen, in Soler's Hauſe, wo ſie mit lautem Jubel empfangen wurden, beim fro⸗ hen Mahle, oder, wie der alte Talens ſich ausdruͤckte: in guter Eintracht alle aus einer Krippe freſſend wie Oechslein und Eſelein zu Bethlehem.— Uns bliebe nun noch zu erklaͤren uͤbrig, welche Ruͤckſichten den theuern Pater Gracia⸗ no bewegen konnten, ſich in dieſer Sache ſo entſchieden Soler's anzunehmen, auf den er doch ſonſt keinesweges gut zu ſprechen war, und den er oft— und ſogar nicht undeutlich von der Kanzel herab— ſeinen frommen Schafen als den Wolf, oder gar als den bruͤllenden Loͤwen bezeichnet hatte. Leider koͤnnen wir aber uͤber dieſen Punkt nur die Vermuthungen mittheilen, welche damals ſchon und noch mehr ſpaͤter in dieſer Hinſicht von Freunden, Bekannten und Widerſachern der betheiligten Perſonen, tadelnd, warnend oder Skizzen aus Spanien. 291 ſchadenfroh geaͤußert wurden. Einige meinten naͤmlich, der ſchlaue Pater habe in dieſer Heirath ein Mittel geſehen, entweder Soler, deſſen Einfluß und Wichtigkeit unter gewiſſen Umſtaͤnden er ſehr wohl zu wuͤrdigen wußte, fuͤr die Zwecke ſeiner Partei zu gewinnen, oder ihn doch gleichſam zu neutraliſiren, theils durch die Ruͤckſichten, welche eine ſolche Ver⸗ bindung ihm auch gegen ſeinen Willen auf⸗ erlegen wuͤrde, theils durch das Mißtrauen, welches eben dieſe Ruͤckſichten bei vielen ſei⸗ ner jetzigen Genoſſen erregen mußte. Andre, die ſich noch ſchlauer duͤnkten, oder dem Pa⸗ ter noch mehr Schlimmes zutrauten, mein⸗ ten gradezu, er habe Geſualdita als Kund⸗ ſchafterin in Soler's Hauſe angeſtellt, um auf dieſe Weiſe uͤber deſſen Treiben, das ihm laͤngſt verdaͤchtig, ſichere Kunde zu erhalten, und ihn dann zur gelegnen Zeit verderben zu koͤnnen.— Freilich war das Maͤdchen und ſpaͤ⸗ ter die junge Frau jedenfalls ganz unſchuldig an dieſem treuloſen Anſchlage, aber allerdings war die Moͤglichkeit fuͤr den Geiſtlichen vor⸗ handen, ſeinen Einfluß und ſeine Stellung, die ihm auch Soler nicht wohl ſtreitig machen 19* 292 Skizzen aus Spanien. konnte, auf ſolche Weiſe zu benutzen, indem er es ſeinem Beichtkinde zur Gewiſſensſache machte, ihm uͤber manche Dinge Auskunft zu geben, deren Bedeutung ſie nicht kannte, deren Geheimhaltung aber fuͤr Soler und die Seinen ſehr wichtig ſein konnte.— So er⸗ klaͤrten ſich viele das Verfahren des Pater Graciano in dieſer Angelegenheit, beſonders als in der Folge Ereigniſſe eintraten, welche dergleichen Deutungen nur zu ſehr Raum gaben. Das Haus des alten Talens war nicht das einzige in Ruzafa und der Umgegend, wo die Nachricht von dem, was auf der Cort de la Seo beſchloſſen worden und vorgefallen war, durch die heimkehrenden Landleute ſchnell uͤberall verbreitet, große Bewegung hervor⸗ brachte. Mutter Ana ſaß vor der Thuͤre ihrer Huͤtte, den Roſenkranz in der Hand, leiſe Gebete murmelnd, waͤhrend Mercedes gedan⸗ kenvoll, zerſtreut das Geraͤth und die Reſte des ſpaͤrlichen Mahls von dem niedrigen Tiſch⸗ chen wegraͤumte.»Wo der Knabe nur bleibt? 293 Skizzen aus Spanien. — ſprach endlich die Mutter mehr traurig als unwillig— ſeit Sonnenaufgang weg, und nicht zu Tiſche— und ſo einen Tag wie den andern, ja von Tage zu Tage aͤr⸗ ger.« Als Mercedes auf dieſe Aeußerung nur durch ein halb gedankenloſes Achſelzucken antwortete, fuhr die Mutter nach einer Weile fort:»Der Soler iſt eigentlich an allem Schuld— und hat er an dir meinen Segen verdient, ſo koͤnnt ich ihm um des Knaben willen fluchen. Und doch— kein Menſch weiß, wie er mit dem Geſellen dran iſt, und ob er von Gott oder vom Teufel iſt— und auf jeden Fall war es mir noch lieber, daß Florencio ſich an ihn hielt, als nun, da er ſich ganze Tage lang herumtreibt— allein, und Gott weiß wo!«—»Florencio iſt kein Kind mehr und wird ſich wohl allein huͤten koͤnnen— erwiederte Mercedes— und Soler iſt weniger Schuld an dem allen, als die, welche aus meinem Bruder mit aller Gewalt etwas machen wollen, wozu er nicht Luſt noch Schick hat— einen Geiſtlichen.«— Die Alte wollte mit einem Verweiſe antworten, als Florencio in den Garten ſtuͤrzte, und mit 294 Skizzen aus Spanien. allen Zeichen der hoͤchſten Aufregung ſchon von ferne rief:»Der tuͤckiſche Schurke! er hat uns verkauft und verrathen, Mercedes!« »Wer denn? was giebt's denn?«—»So⸗ ler!« riefen Mutter und Tochter zugleich. »Soler iſt mit der Tochter des alten Talens verſprochen!« antwortete Florencio, indem er heftig Mantel und Hut hinwarf und ſich er⸗ ſchoͤpft niederſetzte.»Nun, was iſt dabei fuͤr ein großes Ungluͤck?— ſagte die Mutter ziemlich ruhig— freilich eine Zeitlang glaubte ich, er wolle um deine Schweſter freien; aber ſo wie die es mit ihm getrieben hat, kann ich's ihm nicht verdenken, wenn er eine an⸗ dre nimmt.«— Florencio hoͤrte nicht auf die Mutter, ſeine ganze Aufmerkſamkeit war auf ſich ſelbſt und auf die Schweſter gewandt. Mercedes blieb einen Augenblick wie erſtarrt ſtehen, die Haͤnde geballt, ihre Augen rollend, Todtenblaͤſſe auf dem Geſichte, ſprachlos. Dann, in die gewaltſamſte Bewegung uͤber⸗ gehend, mit gluthrothem Geſicht, funkelndem Blick ergriff ſie ein Meſſer, was noch auf dem Tiſche lag, und that einige Schritte nach der Gartenthuͤre. Ploͤtzlich aber blieb ſie ſte⸗ Skizzen aus Spanien. 295 hen, faßte ſich gewaltſam, und indem ſie fuͤr ſich murmelte:»Nein! auch das wuͤrde mich verrathen— eher ſterben!« trat ſie wieder zu ihrer Mutter, der ihre Bewegung, da ſie ſich eben etwas ſuchend abgewendet hatte, zum Theil entgangen war, ſo daß ſie nur durch ihre ſchnelle Entfernung aufmerk⸗ ſam geworden war, und ſie nun fragend, verwundert, mißtrauiſch anſah. Nercedes ſagte endlich mit erkuͤnſtelter Ruhe, die aber durch das Tonloſe ihrer Stimme, durch ihre Blaͤſſe, ihre zerſtoͤrten Zuͤge und das finſtre Feuer ihres Blickes Luͤgen geſtraft wurde: »In der That, Mutter hat Recht, und ich begreife nicht, warum du mich bei dieſer Sache ſo ſehr bedauerſt, Florencio. Oder meinſt du etwa, deine Schweſter habe ſich mit der kuͤhnen Hoffnung geſchmeichelt, dein edler Freund werde ſich herablaſſen, ſie mit ſeiner Hand zu begluͤcken, um ihre ſtille Ver⸗ ehrung zu belohnen?— Ich moͤchte wohl wiſſen, wer oder was dem Jungen das Recht giebt, mich eine ſolche Rolle ſpielen zu laſ⸗ ſen?— Oder moͤchteſt du vielleicht gar, daß deine Schweſter fuͤr dich die Kaſtanien —— 296 Skizzen aus Spanien. aus der heißen Aſche holt— mein armer Jun⸗ ge?«— Die letzten Worte hatte ſie wieder mit innerlich ſteigender Heftigkeit und Bitterkeit geſprochen, ſo daß die Mutter, von einem unheimlichen Gefuͤhl uͤberwaͤltigt, welches das ihr raͤthſelhafte Betragen ihrer Kinder in ihr erregte, unwillig aufſtand und in die Huͤtte trat, mit den Worten:»Das ſind freche, unnuͤtze Reden, uͤber die der Teufel allein ſeine Freude hat. Ich aber will dergleichen nicht hoͤren— und du, Maͤdchen, geh auf der Stelle hinein und bete mit mir.«— »Ihr habt Recht, Mutter, beten! wenn ich's koͤnnte!«— erwiederte Mercedes, indem ſie ſich anſchickte, ihr zu folgen; drehte ſich aber in der Thuͤre noch einmal um und ſagte zu ihrem Bruder:»Wenn ich ein Mann waͤre, und es freite ein Andrer um mein Maͤdchen, wahrhaftig, ich wuͤrde nicht erſt eine hal⸗ be Stunde mit Weibergeſchwaͤtz und Jam⸗ mern verlieren— ſondern— es waͤre laͤngſt geſchehen, was doch geſchehen muß.« Mit einem vielſagenden Blick legte ſie das Meſſer, das ſie noch in der Hand hielt, auf den Tiſch, und eilte zu ihrer Mutter, die unge⸗ Skizzen aus Spanien. 297 duldig nach ihr rief.— Die Worte, das Weſen des tief und unheilbar in ihrem In⸗ nerſten vergifteten und zerriſſenen Maͤdchens verfehlten ihre Wirkung auf den leidenſchaft⸗ lichen Juͤngling nicht. Er fuͤhlte die Kraͤn⸗ kung ſeiner geliebten Schweſter, deren Ver⸗ haͤltniß zu Soler, ſo raͤthſelhaft es ihm auch oft ſchien, ein gewiſſer Inſtinkt ſeines Her⸗ zens ihn doch im Allgemeinen nicht mißver⸗ ſtehen ließ, um ſo tiefer, da er Gelegenheit genug gehabt hatte, aus den Aeußerungen der Nachbarn zu ſchließen, daß Soler's Be⸗ ſuche in dem Hauſe der Wittwe ihren guten Ruf zerſtoͤren wuͤrden, wenn ſie nicht zu ei⸗ nem Heirathsantrag fuͤhren ſollten— daß alſo nun Mercedes der in ſolchen Faͤllen un⸗ vermeidlichen und unerbittlichen uͤbeln Nach⸗ rede anheimfallen werde. Und derſelbe Menſch, der dies Unheil uͤber ſeine Schweſter brachte, zertrat mit demſelben Schritt das Paradies⸗ gaͤrtlein ſeiner erſten Liebe, fuͤr deren Dauer wir zwar nicht gut ſagen moͤgen, ſo wie wir auch von ihrem Urſprung und Verlauf nichts wiſſen, deren phantaſtiſche Heftigkeit aber dem ganzen Weſen des Juͤnglings entſprach; 298 Skizzen aus Spanien. und die Erbitterung gegen Soler mußte um ſo groͤßer ſein, da ohnehin jedes freundſchaft⸗ liche Gefuͤhl gegen ihn in der Verworrenheit gekraͤnkten Stolzes untergegangen war, waͤh⸗ rend er dennoch zu gleicher Zeit das Betra⸗ gen deſſelben als einen abſichtlichen, vorbe⸗ dachten Verrath an der Freundſchaft anſah, ohne auch nur an die Moͤglichkeit zu denken, daß Soler von ſeinen wirklichen oder vorgeb⸗ lichen Anſpruͤchen gar nichts wiſſen konnte. Dieſe Gefuͤhle haͤtten ſich vielleicht bei dem heftigen, eiteln, verzogenen, weichlichen, phantaſtiſchen und doch kraͤftigen Juͤngling in unmaͤßigen, unthaͤtigen, thraͤnenreichen, haar⸗ ausraufenden Schmerz aufgeloͤſt, oder in duͤſterer religioͤfer Schwaͤrmerei, Buße, Be⸗ ten und Faſten ein Gegengewicht gefunden— die giftigen Worte der armen Mercedes gaben ihnen aber eine andre Richtung, die ohnehin auch dem wunderlichen Weſen des Bruders nahe genug lag, und zu einem gewaltigen, thatkraͤftigen, abenteuerlichen Entſchluß fuͤh⸗ ren mußte.— Florencio hatte ſeit ſeinem erſten Eintre⸗ ten und der erſten Mittheilung deſſen, was 299 Skizzen aus Spanien. geſchehen war, ſchweigend, aber in gewalti⸗ ger, hin und her wogender Aufregung dort geſeſſen. Bei Mercedes letzten Worten fuhr er auf, und mit einem ploͤtzlichen Entſchluß das Meſſer ergreifend, das ſie auf den Tiſch gelegt hatte, warf er ſeinen ſchwarzen Mantel um und eilte hinaus auf die Stra⸗ ße.— In Soler's Hauſe ging es indeſſen hoch und luſtig her. Die Braut war von ihren Aeltern und dem Pater gluͤcklich, wenn auch nicht ohne Thraͤnen, Zagen und Zieren dem Braͤutigam zugefuͤhrt worden, und dieſer hatte nicht vergebens alle Liebenswuͤrdigkeit und Ueberlegenheit, die ihm zu Gebote ſtand, angewendet, um das Maͤdchen zu beruhigen und zu gewinnen, ſo daß ſie durch Thraͤnen, verſchaͤmt laͤchelnd, die Gluͤckwuͤnſche der Nach⸗ barn annahm, die ſich nach und nach, gela⸗ den und ungeladen, eingefunden hatten, und gar bald uͤber reichlichen Geſundheiten— zu denen die vollen Weinſchlaͤuche unwiderſtehlich aufforderten, die Soler in großer Zahl aus der Stadt kommen ließ— das Unerwartete und Unziemliche dieſes Verlobungs⸗ und 300 Sbhizzoen aus Spanien. Verſoͤhnungsmahles in dem Hauſe des Braͤu⸗ tigams vergeſſen hatten. In dieſem luſtigen, lauten Treiben, und als eben der gluͤckliche Braͤutigam leiſe fluͤ⸗ ſternd mit der Braut um den erſten Kuß unterhandelte, oder vielmehr dieſen vorweg⸗ nahm, mit der redlichen Abſicht, ihn mit Zinſen alsbald wieder zuruͤckzuſtellen, hoͤrte er dicht hinter ſich von einer bekannten Stimme, deren Klang aber ſchlecht zu dem Ton und der Gelegenheit des Augenblicks paßte, die Worte:»Wohlbekomm's, Moſen Beneyt! Ihr vergeßt der abweſenden Freunde; drum kommen ſie als ungebetne Gaͤſte. Nehmt das zum Andenken!«— Soler war bei den er⸗ ſten Worten aufgeſprungen, ſtuͤrzte aber ſo⸗ gleich wieder mit einem lauten, ſchmerzlichen: »Jeſus! Maria!« vorn uͤber auf den Tiſch, waͤhrend ein rother Blutſtrahl aus ſeinem Halſe ſpritzend die entſetzte Braut uͤberſtroͤm⸗ te, welche mit dem Ausruf:»Florencio!« in eine tiefe Ohnmacht fiel.— Der Aufruhr, in dem nach dieſem Vor⸗ fall das Feſt ſich aufloͤſte, laͤßt ſich denken. Er war der Art, daß Florencio ſich gleich 301 Skizzen aus Spanien. nach der That eben ſo unangefochten entfer⸗ nen konnte, wie er unbemerkt, oder doch un⸗ befragt hereingeſchlichen war. Es zeigte ſich aber bald, daß er weit entfernt war, ſich den Folgen ſeiner raſchen That entziehen zu wollen. Als die Gaͤſte allmaͤlig zur Beſin⸗ nung kamen, und, nachdem fuͤr den erſten Verband und die Pflege des ſprachloſen, ſchwerverwundeten Wirthes und die Beruhigung und Fortſchaffung der tief erſchuͤtterten Braut das Noͤthige geſchehen war, ſich ihre Meinungen und Beobachtungen mittheilten, blieb uͤber den Thaͤter bald kein Zweifel. Die einen erinnerten ſich nun deutlich, den Eſtudiante — mit dieſer Benennung wurde Florencio in dem Dorfe bezeichnet, wo er damals der ein⸗ zige Schwarzrock dieſer Art war— geſehen zu haben, wie er zur Thuͤr hereingeſchaut, und ſie haͤtten ſich nur gewundert, daß er nicht längſt mit unter den Gaͤſten ſite— Andre hatten ihn hinter Soler's Stuhl geſehen und gemeint, er wolle ihm zutrinken oder Gluͤck wuͤnſchen— Andren war er draußen an der Hausthuͤre begegnet, mit zerſtoͤrtem Aus⸗ ſehen hinausſtuͤrzend— Andre hatten Ge⸗ 3⁰² Skizzen aus Spanien. ſualda's Ausruf vernommen; und obgleich Niemand in dem Augenblick der That eigent⸗ lich auf ihn geachtet hatte, ſo begab ſich doch nach Abhoͤrung und Erwaͤgung dieſer Um⸗ ſtaͤnde, der Alcalde, der von Rechtswegen un⸗ ter den Gaͤſten war, und gleich, als der Laͤrm losging, nach ſeinem weißen Stabe geſchickt hatte, dieſen mit gehoͤrigem Anſtand vor ſich her tragend, und in Begleitung des Escriba⸗ no, des Alguazil und des Celador, ſo wie einiger Nachbarn geradeswegs nach der Huͤtte der Doüa Ana, um jedenfalls dort zu der uͤblichen Beſchlagnahme und andren Forma⸗ litaͤten zu ſchreiten, waͤhrend die ſchnellfuͤßig— ſten, ruͤſtigſten unter den Anweſenden ſich nach verſchiedenen Seiten zerſtreuten, um den fluͤch⸗ tigen Moͤrder einzufangen. Dieſe Muͤhe zeigte ſich indeſſen uͤberfluͤſſig; denn als der Alcalde mit ſeinem Gefolge an der Thuͤre des Gar⸗ tens der Wittwe ankam und ſie eben mit einiger Vorſicht oͤffnen laſſen wollte, wurde ſie von innen geoͤffnet, und der Student trat heraus, ein kleines Buͤndelchen in der Hand, ein Paar Buͤcher unter dem Arm.»Ich habe die That gethan— ſagte er mit feſter Stim⸗ Skizzen aus Spanien. 303 me— Gott wolle ſie mir verzeihen um ſei⸗ nes Blutes willen. Fuͤhrt mich in's Gefaͤng⸗ niß, aber ſtoͤrt meine Mutter und die Schwe⸗ ſter nicht. Sie beten drin und werden's ja fruͤh genug erfahren.«— Das ganze Weſen des jungen Mannes hatte etwas ſo ſonderbar Feierliches, ſein Benehmen in einer ſo miß⸗ lichen Angelegenheit war ſo ungewoͤhnlich, daß einige Augenblicke dazu gehoͤrten, ehe der wackre Alcade ſich faſſen und thun konnte, was ſeines Amtes war.— Auf einem der wenigen ſteilen Felſen⸗ pfade, welche, nur Hirten und Schleichhaͤnd⸗ lern bekannt und zugaͤnglich, von einigen gefaͤhrlichen Landungsplaͤtzen durch das rauhe, duͤrre Gebirge, was ſich vom Cabo de Gata bis Alicante an der Kuͤſte hinzieht, in's In⸗ nere fuͤhren— auf einem dieſer Pfade zogen im Fruͤhjahr des Jahrs 18.. zwei Pilger einher————— doch wir wollen mit dem geneigten Leſer nicht lange Verſtecken ſpielen, obgleich wir uns desfalls mit ſehr bedeutenden Beiſpielen und Vorgaͤngern ent⸗ ſchuldigen koͤnnten, ſondern nur gleich geſtehen 304 Skizzen aus Spanien. und erklaͤren, daß dieſe beiden Pilger keine andern waren, als der gute Cura Don Ge⸗ ronimo von Ruzafa und ſein Beichtkind Mer⸗ cedes, die Tochter ſeiner alten Freundin Doüa Ana. Was aber die Veranlaſſung dieſer Pilgerfahrt geweſen, wird der Leſer im All⸗ gemeinen aus dem, was wir bisher von den Schickſalen dieſer Leute berichtet haben, ab⸗ nehmen koͤnnen.— Um den Zweck und Aus⸗ gang derſelben zu erfahren, braucht er dieſen wahrhaften Bericht nur zu Ende zu leſen, wenn anders ſeine Geduld und Wißbegierde ſo lange und ſo weit vorhaͤlt. Hier aber koͤnnen wir nur ſo viel ſagen: nach Floren⸗ cio's ungluͤcklich raſcher That war die Ent⸗ ſcheidung ſeines Schickſals, und inſofern es damit zuſammenhing, des Schickſals der Sei⸗ nigen den Gerichten anheim gefallen, das heißt— bei der Art, wie dergleichen Dinge leider in Spanien gehandhabt wurden und noch werden— er und die Seinigen fielen in die Haͤnde eines Escribano und ſeiner Helfers Helfer nach ab und aufſteigender Li⸗ nie. Dieſe fanden denn auch bald Mittel, der ganzen Sache alles tragiſche und poetiſche Skizzen aus Spanien. 305 Intereſſe zu nehmen, und ſie zu einer ihrer vielen und gewoͤhnlichen Erwerbquellen herab⸗ zuwuͤrdigen. Es wurde ihnen um ſo leichter, die Sache in die Laͤnge zu ziehen, da es ſich bald zeigte, daß Soler zwar ſchwer, doch nicht toͤdtlich verwundet war, ſo daß die Fuͤrſprache, welche mehre einflußreiche Leute aus der Stadt fuͤr den Verbrecher einlegten, um ſo eher beachtet werden konnte. Dieſe Fuͤrſprache hatte aber keinen andern Er⸗ folg, als Florencio's Gefangenſchaft zu ver⸗ laͤngern, die Unterſuchung in's Stocken zu bringen, da die Diener der Gerechtigkeit ſich wohl huͤteten, ihre Pflicht weiter zu verletzen, als es ihr Vortheil mit ſich brachte, und dieſer beſtand eben darin, ſich nicht nur je⸗ den Schritt, den ſie in dieſer Sache thaten, ſondern auch jeden Schritt, den ſie nicht tha⸗ ten, bezahlen zu laſſen, und alſo mit dem armen Gefangenen, wie die Katze mit der Maus, ſo lange zu ſpielen, als Jemand ſich fand, der fuͤr dieſe Verzoͤgerung einer trau⸗ rigen Entſcheidung, oder fuͤr die verſprochene Milderung dieſer Entſcheidung Etwas bezah⸗ len konnte oder wollte. Rechnet man dazu II. 20 *4 3⁰6 Skizzen aus Spanien. noch, daß auch fuͤr jede Erleichterung, jede Erquickung, die dem Gefangenen zugedacht war, die Gefaͤlligkeit der Gerichtsdiener er⸗ kauft werden mußte, ſo wird ſich Niemand wundern, daß nach Verlauf einiger Wochen das kleine Vermoͤgen der Wittwe dahinge⸗ ſchmolzen war wie Salz im Waſſer, und daß endlich auch die Theilnahme der Nachbarn und Goͤnner nachließ, welche ihr bisher durch milde Gaben behuͤlflich geweſen waren, in dieſem vergeblichen, ohnmaͤchtigen Streben das Faß der Danaiden zu fuͤllen. Die Mie⸗ nen und Worte des Escribano, der Richter, der Gerichtsdiener wurden nun immer dro⸗ hender— es hieß, die Entſcheidung der Sache muͤſſe und duͤrfe nun nicht lange mehr verzoͤgert werden, und der Junge koͤnne froh ſein, wenn er mit zwanzig Jahren Preſidio*) davon komme. Und das Schlimmſte war, daß der arme Florencio ſich im Kerker ſo ab⸗ ²) Presidios heißen die feſten Plätze, welche Spanien an der Nordküſte von Afrika beſitzt, und wohin gewöhn⸗ lich die zu Zwangsarbeit Verurtheilten geſchickt wer⸗ den— alſo zwanzig Jahre Preſidio ſooiet wie e zig Jahre Galeeren. Skizzen aus Spanien. 307 haͤrmte, daß nicht abzuſehen war, wie er auch nur das erſte Jahr einer ſolchen Strafe uͤber⸗ leben koͤnnte. Er mochte ſich in ſeinem wun⸗ derlichen Kopf, ſeinem heißen Herzen freilich Alles ganz anders vorgeſtellt haben. Hatte er durch eine kuͤhne That ſeine und ſeiner Schweſter Ehre und Liebe geraͤcht, ſo war er ganz bereit, durch aufrichtige Buße und fe⸗ ſten Glauben den Himmel, und durch den Tod auf dem Blutgeruͤſt die Erde zu verſoͤh⸗ nen. Darauf war er nicht nur gefaßt, ſon⸗ dern ſeine abenteuerliche Phantaſie mochte ihm die ganze Feierlichkeit ſo erbaulich ausge⸗ mahlt haben, daß er mit einer Art von fei⸗ erlicher Verzuͤckung ſich nach dem Ende ſehn⸗ te.— Als ſich aber die Sache ſo in die Laͤnge zog, brachten ſchlechte Nahrung, Ent⸗ behrung von Luft und Licht, Kerkereinſam⸗ keit, abwechſelnd mit ſchlechter Geſellſchaft und Verhoͤren, Rohheit der Waͤchter, Ge⸗ meinheit und Zudringlichkeit des Escribano, Geringſchaͤtzung oder ſchwerfaͤllige Wuͤrde der Richter— doch wer moͤchte die unzaͤhligen giftigen Dornen aufzaͤhlen, aus denen das Jammerlager eines Gefangenen zuſammenge⸗ 20* 308 Skizzen aus Spanien. ſetzt iſt!— genug, daß der arme Junge durch alles dies und aͤhnliches ſehr bald in eine andre Stimmung verſetzt wurde. Die Luſt zu Leben und Freiheit erwachte wieder, und ſeine Anſicht der That, die ihn in dieſe ſchlimme Lage ge⸗ bracht hat, naͤherte ſich nach und nach wieder der Anſicht, die uͤber ſolche Dinge nicht nur im Gefaͤngniſſe, ſondern auch außerhalb deſſelben die herrſchende war, und wonach ein ſolcher Vorfall als ein Ungluͤck betrachtet wird, das Jedem, auch dem Beſten begegnen kann, wobei der Thaͤter mehr bedauert wird als der Leidende, und am Ende der Teufel allein die Schuld traͤgt. Als es ſich nun gar zeigte, daß ſein Nebenbuhler mit einer bloßen Ver⸗ wundung davon kommen werde, verlor die Geſchichte in ſeinen Augen, wie in den Augen des Publicums, die Art von Intereſſe und Wichtigkeit, die ſie bisher gehabt, und es fehlte nicht viel, daß ſeine Eitelkeit oder ſeine Phantaſie ſich durch dieſe unerwartet gluͤckli⸗ chere Wendung ſeiner Sache gekraͤnkt fuͤhlte. Jedenfalls aber ſah er die Fortdauer der Un⸗ annehmlichkeiten ſeiner Lage nun als eine große Unbilligkeit an, um ſo mehr, da er bald Skizzen aus Spanien. 309 merkte, daß in der That Niemandem mehr an der Fortſetzung des Spiels lag, als den Dienern der Gerechtigkeit, deren Habſucht und Unredlichkeit er nach und nach durch⸗ ſchaute. Dieſe Erkenntniß fuͤhrte ihn zu al⸗ lerlei Betrachtungen und Entwuͤrfen, wie ſie ſeinem nun nicht mehr bußfertigen, ſondern gegen die Einrichtungen und Mißbraͤuche, und endlich gegen die ganze buͤrgerliche Ge⸗ ſellſchaft, als deren Opfer er ſich anſah, ver⸗ bitterten Gemuͤthe und ſeiner abenteuerlichen Phantaſie angemeſſen waren. Endlich aber, als ſeine Geſundheit unter den Einfluͤſſen ſei⸗ ner Lage zu erliegen begann, wechſelten ſol⸗ che Stimmungen mit großer Niedergeſchla⸗ genheit, knabenhafter Muthloſigkeit ab. Was ſollen wir von der Mutter, der Schweſter ſagen? Ihr Gefuͤhl bei dem Ungluͤck ihres Lieblings zu beſchreiben, koͤmmt uns nicht zu. Ihr Benehmen war, wie ſich denken laͤßt, dahin gerichtet, die Lage des Armen zu erleichtern, und der einzige aͤußere Unterſchied zwiſchen beiden lag darin, daß die Mutter oͤfter in der Kirche, die Schweſter oͤfter im Gefaͤng⸗ niſſe, oder wenn ihr dies nicht geſtattet war, 7 310 Skizzen aus Spanien. vor dem Gefaͤngniß an dem großen Gitter⸗ fenſter zu ſehen war, wo auch Florencio ge⸗ ſtattet wurde, mit den andern Gefangenen ſo viel friſche Luft zu ſchoͤpfen und ſo viel vom blauen Himmel zu ſehen, als er erhaſchen konn⸗ te und als ihm ſeine ſtaͤrkern und mit dem Ker⸗ kerleben und den Vortheilen und Kniffen, die dabei ſtatt finden koͤnnen, vertrautern Ge⸗ noſſen uͤbrig ließen. Auch Mercedes hatte nicht ſelten Muͤhe genug, die kleinen Erfri⸗ ſchungen oder ſonſtige Gaben, die ſie ihrem Bruder zugedachte, oder von manchen Seiten, beſonders von weiblichen Haͤnden fuͤr ihn er⸗ hielt, in dem Gefaͤß oder dem Hut niederzu⸗ legen, der in einer Reihe mit aͤhnlichen Vor⸗ richtungen der andern Gefangenen laͤngs der Mauer lag, um dann durch den Kerkermeiſter nach vorhergegangener Unterſuchung und nicht immer ohne Abzug in die rechten Haͤnde ge⸗ liefert zu werden; ſo groß war oft das Ge⸗ draͤnge der Verwandten, Freunde und beſon⸗ ders Freundinnen, welche daſſelbe Geſchaͤft zu den dazu gewoͤhnlichen Stunden hierher fuͤhrte, und die meiſtens uͤber ſie eben auch den Vortheil hatten, der ganzen Sache mehr Skizzen aus Spanien. 311 gewohnt zu ſein. Anfangs fehlte es ſogar nicht an Solchen, die dem armen Maͤdchen ihre Ziererei, wie ſie es nannten, durch Spott zu vertreiben ſuchten, aber die gutmuͤthige Mehrzahl gewoͤhnte ſich bald daran, dem Eindruck, den die Schoͤnheit des Maͤdchens, ihr ſtarrer, ſtrenger Schmerz, ihr ganzes Weſen machte, nachzugeben, und ihr ſtill⸗ ſchweigend gewiſſe kleine Privilegien einzu⸗ raͤumen.— Dies dauerte, ſo lang es konnte; als aber die arme Wittwe ſchon einmal ausgepfaͤndet worden war, als der Knecht nicht mehr be⸗ zahlt werden konnte, als der Garten verwil⸗ derte und fuͤr das naͤchſte Jahr kaum mehr eine Ernte verſprach, als die Mittel, wo⸗ durch man bisher dieſe oder jene kleine Gunſt von dem Kerkermeiſter erkauft hatte, immer ſpaͤrlicher wurden, und Florencio's Geſicht immer hagerer und ſchmutzig blaſſer hinter dem Eiſengitter herausſah, ſeine Stimme ſchwaͤcher, ſeine Aeuſſerungen bitterer und klaͤglicher wurden— und der Escribano ſtatt allen Troſtes dem armen Jungen die Aus⸗ ſicht auf zwanzig Jahre Strafarbeit auf ei⸗ 4 312 Skizzen aus Spanien. nem duͤrren afrikaniſchen Felſen eroͤffnete, da mußte irgend Etwas geſchehen. Nach einer langen geheimnißvollen Unterredung zwiſchen Mercedes und dem guten Cura, deſſen treue Freundſchaft und thaͤtige, chriſtliche Barmher⸗ zigkeit ſich in dieſer ganzen traurigen Zeit unwandelbar bewaͤhrt hatte, verlangte und erhielt jener von ſeinen Vorgeſetzten einen Urlaub, um durch eine Wallfahrt nach dem wunderthaͤtigen Bilde Unſerer lieben Frau von der See zu Elche*) einem Gelübde zu genuͤgen, und machte ſich eines Morgens vor Tagesanbruch auf den Weg. Mercedes war ſchon einige Tage zuvor in die Stadt gegan⸗ gen, wie es hieß, um einen Dienſt anzutre⸗ ten, wozu ſie ſich endlich entſchloſſen haͤtte.— Der Leſer hat ſchon errathen, daß ſo⸗ wohl der Geiſtliche als ſein Beichtkind den guten Nachbarn Etwas weißgemacht hatten, denn ſonſt haͤtte er nicht Beide als Pilger auf den ſteilen Felſenpfaden des duͤrren Ge⸗ birges angetroffen. Beide ſchienen ſehr er⸗ *) Nuestra Seäora de la NMar, ein wunderthätiges Bild, welches der Legende nach aus Paläſtina nach der ſpa⸗ niſchen Küſte bei Elche geſchwommen. 18 40 Skizzen aus Spanien. 313 muͤdet, und nachdem ſie eine Zeitlang ſtill⸗ ſchweigend, keuchend auf dem ſchmalen Pfade einen ſteilen felſigen Abhang hinangeſtiegen waren, blieb der Geiſtliche tief aufathmend, auf ſeinen Stab gelehnt ſtehen, um ſeine Mitpilgerin, die etwas zuruͤckgeblieben war, zu erwarten. Als ſie naͤher kam, empfing er ſie mit einem Blick des innigſten Mitlei⸗ dens, und ſagte kopfſchuͤttelnd und wehmuͤ⸗ thig laͤchelnd:»Der liebe Gott moͤge uns vergeben, was Suͤndhaftes an unſerem Be⸗ ginnen iſt, denn wenn er ſich unſer nicht erbarmt, ſo ſteht es ſchlimm mit uns, mein armes Toͤchterlein. Wir haben uns verirrt, und hier iſt weit und breit keine Spur von Menſchenwohnung— ja kein Tropfen Waſſer, kein gruͤner Fleck, kein lebendes Weſen— nichts als wilde Felſen und ſchwarze Schluch⸗ ten— und deine zwanzig Jahre ſind einer ſol⸗ chen Pilgerfahrt faſt noch weniger gewachſen als meine ſiebzig.— Jedenfalls ſehen doch deine jungen Augen beſſer als meine alten; ſo ſchau dich denn noch einmal um, ob du gar nichts Troͤſtliches erblicken kannſt.“ Mercedes konnte lange nicht zu Athem kommen, end⸗ 3¹⁴ Skizzen aus Spanien. lich aber, und nachdem ſie ſich ringsumgeſe⸗ hen hatte, ſagte ſie mit ſchwacher Stimme: „Ich ſehe nichts— aber meine Augen ſind, glaub' ich, auch nicht mehr, was ſie waren.« Einen Augenblick ſchien die Ermattung der Glieder und die Erinnerung der Vergan⸗ genheit ſie zu uͤberwaͤltigen, und ſie ſank auf ein Felsſtuͤck nieder; alsbald aber raffte ſie ſich auf und eilte vorwaͤrts, den Geiſtlichen mit ſich fortziehend, indem ſie ſagte:»Fort, fort— wir vergeſſen den armen Kleinen in ſeinem dumpfen Kerker!— wie koͤnnen wir klagen, ſo lange wir die friſche Luft um uns her, und den blauen Himmel uͤber uns ha⸗ ben! Noch einen Anlauf, mein Vater, bis zu jener Hoͤhe, von dort werden wir uns gewiß weiter umſehen und unſern Weg fin⸗ den koͤnnen.«»Nun in Gottes Namen, meine Tochter— aber ſachte— und kuͤnftig laß uns des Sprichworts eingedenk ſein: ein Richtweg, ein ſaurer Weg. Wir wiſſen da⸗ von zu ſagen.« Nach einer halben Stunde muͤhſamen, oft unterbrochenen Steigens er⸗ reichten die Pilger den Ruͤcken der Hoͤhe, an deren Abhang ſich der Pfad hinauſſchlaͤngelte. Skizzen aus Spanien. 315 Mercedes, die zuerſt oben war, brach in ei⸗ nen Ausruf frohen Erſtaunens aus, als ſie ploͤtzlich zu ihren Fuͤßen eine weite fruchtbare Kuͤſtenebene und daruͤber hinaus, linker Hand, bis zum fernſten Horizont das blaue Meer ausgebreitet ſah. Grade hinaus begraͤnzten die Thuͤrme von Murcia und die dahinter liegenden Huͤgel bis zur Kuͤſte hin die Aus⸗ ſicht— rechts erhoben ſich, gleich einem Vor⸗ gebirge, uͤber die gruͤne Ebene die kuͤhnen For⸗ men der felſigen Hoͤhen von Orihuela, mit Burgen und Kloͤſtern gekroͤnt. Staͤdte, Doͤrfer, Kloͤſter, Kapellen und unzaͤhlige Hoͤfe glaͤnz⸗ ten aus dem gruͤnen Teppich hervor; vor allen aber prangt Elche in einem Wald von Dattelpalmen, die es nach allen Seiten auf eine halbe Legua weit umgeben. Ganz links gewendet begreift der Blick auch noch das Kaſtel und den Hafen von Alicante.— Der herrliche Anblick war wohl geeignet, auch unſre ſorgenbelaſteten Wanderer einen Augen⸗ blick ausſchließend zu beſchaͤftigen; bald je⸗ doch nahmen Mercedes Gedanken wieder die Richtung, in der ſie ſeit Monaten mit der ihr eigenthuͤmlichen concentrirten Heftigkeit — 316 ſtroͤmten, und nun konnte ſie ſich nicht ver⸗ hehlen, daß mit der ſchoͤnſten Ausſicht von der Welt vor ſich, ſie doch dem Ziel und Zweck ihrer muͤhſeligen Wanderſchaft nicht naͤher ſeien, als noch vor Srzene im wie den Gebirge. mmnDas iſt alles gut und ſchoͤn— meinte Mercedes, nachdem ſie ſich noch einmal rings⸗ umgeſehen hatte— und wenn mein armer Florenzuelo das mit anſehen koͤnnte, ſo waͤr' es ein Indien und weiter brauchte ich keins — aber die Sonne geht unter und ich ſehe noch nirgends einen Thurm von Carus— und bis hinunter zu den naͤchſten Hoͤhen iſt noch weit— und ich bin muͤde und durſtig — aber was denk ich an mich, wenn ich euch anſehe, mein Vater!« Der gute alte Mann ſchien wirklich voͤllig erſchoͤpft, wie er da ſaß, blaß und ſtill laͤchelnd, an einen Felſen gelehnt; Mercedes betrachtete ihn ei⸗ nen Augenblick ſchweigend, und ihr Geſicht nahm einen Ausdruck von Weichheit an, der ihr ſeit langer Zeit nur zu fremd geworden war. Endlich kniete ſie vor dem alten Mann nieder und ſagte:»Ihr ſeid ein Heiliger, Skizzen aus Spanien. Skizzen aus Spanien. 3¹7 wenn es je einen gegeben; o warum thut ihr kein Wunder, um meinen armen Floren⸗ zuelo zu befreien.— Aber— was ſag ich? — das groͤßte Wunder iſt ja doch, daß ihr Geduld mit mir armen Thoͤrin habt und nicht von mir laßt— und wo hab ich euch hingefuͤhrt in euren alten Tagen!— und wenn Gott mir Alles vergeben kann, was ich ſonſt geſuͤndigt habe, ſo kann er mir das nicht vergeben!« Sie verbarg ſchluchzend ihr Geſicht in den Haͤnden des Greiſes, der ſich vergeblich bemuͤhte, ſich aufzurichten und ihr Troſt zuzureden. In dem Augenblick erſchallte lieblich aus der Ebene herauf das Veſperge⸗ laͤute von Kirchen und Kapellen. Es war, als wenn der Greis ſich alsbald durch dieſen Ton erquickt und geſtaͤrkt fuͤhlte, er draͤngte das klagende Maͤdchen ſanft von ſich und ſprach:»Nicht alſo, meine Tochter, ſondern laß uns beten mit den Chriſten unten im Thal, und mit ſo vielen Millionen Chriſten, die mit uns in dieſem Jammerthale wan⸗ deln.«“— Damit ſuchte er ſeinen Roſenkranz hervor und betete inbruͤnſtig und laut die uͤblichen Litaneien, waͤhrend Mercedes ihm 318 Skizzen aus Spanien. leiſe nachſprach.—»Gelobt ſei Gott, Amen!« ſagte in dem Augenblick, da ſie geendet hatten, dicht hinter ihnen eine tiefe, rauhe Stimme. Mercedes ſprang auf; hin⸗ ter dem Felsſtuͤck aber, an dem die beiden Pilgrimme gelagert waren, trat ein Mann hervor, den untern Theil des Geſichts mit dem Mantel verhuͤllt, den breitkrempigen Hut tief in die Stirne gedruͤckt.»Meinetwegen braucht ihr euch nicht ſtoͤren zu laſſen, gute Chriſten— wenn ihr ſonſt keine Eile habt; — ſprach der Fremde— aber wenn ihr nach Elche hinunter wollt, um unſre liebe Frau von der See zu verehren, wie ich aus euerm Pilgergewand ſchließe, ſo habt ihr wahrlich keine Zeit zum Beten.«»Wir ſind müde, Caballero, und haben uns verirrt«, ſagte der Cura, indem er nicht ohne Muͤhe aufſtand. »Man ſieht's euch an, Alter— und die Senorita macht auch keine weiten Spruͤnge mehr, ſo flink ſie auch vorhin auffuhr— bei meinen Suͤnden! nicht anders als ein Reh, das unverſehens dicht hinter ſich den Schweißhund anſchlagen hoͤrt. Iſt's eure Tochter, Alter?«—»Geiſtliche Tochter, Skizzen aus Spanien. 319 Caballero— andre Kinder ſind mir nicht vergoͤnnt«, antwortete der Cura, indem er auf ſeine Tonſur deutete, die freilich in ſei⸗ nem ohnehin ſpaͤrlichen, grauen Haare nicht mehr ſehr bemerklich war. Der Fremde ver⸗ ſtand ihn indeſſen ſogleich, und ſagte heiſer in ſich hinein lachend:»Oho! oho!— ſprecht doch caſtillaniſch, Hochehrwuͤrdigſter! das Brod, Brod; und den Wein, Wein— und zum Teufel alle Ziererei. Es wird eben euer Baͤschen ſein— und damit gut. Und keinen uͤbeln Geſchmack habt ihr, alter Suͤnder!«— »Suͤnder ſind wir alle, mein Sohn, und wohl euch, wenn ihr euch nie ſchwerer ver⸗ ſuͤndigt habt, als ihr jetzt eben an mir alten Mann und dem armen Maͤdchen gethan habt«, erwiederte der Cura, indem er Mercedes Hand ergriff, welche ihm naͤher getreten war. Der Fremde hatte bisher eigentlich nur das Maͤd⸗ chen angeſehen, und wenig auf ihren Be⸗ gleiter geachtet. Des alten Mannes Stimme und Worte hatten aber etwas ſo Mildes und doch zugleich Eindringliches, ernſt Verweiſen⸗ des, daß er ſich nun ploͤtzlich nach ihm hin⸗ wandte und ihn einen Augenblick ſcharf anſah. 320 Skizzen aus Spanien. Das Geſicht, der Blick des Geiſtlichen ent⸗ ſprach aber ſeiner Stimme, ſeinen Worten ſo ſehr, daß der Fremde ſehr ſchnell ſeinen rohen Scherz zu bereuen ſchien.»Nun, nicht fuͤr ungut— und wollte Gott, ich haͤtte am Tage des Urtheils nichts zu verantworten, als dieſe und aͤhnliche loſe Reden, die ich hiermit zuruͤckgenommen und nicht geſagt ha⸗ ben will. Aber das Alles iſt Geſchwaͤtz, und worauf es ankoͤmmt, iſt: wohin ihr heute noch gedenkt, guten Leute? Nach Elche hinun⸗ ter geht der Weg dort hin— aber ich fuͤrchte, es iſt euch zu weit. In einer halben Stunde iſt es ſtockfinſter— und der Teufel ſchlaͤft niemals und am wenigſten hier im Gebirge zu ſolcher Zeit. Wie, in aller Welt! habt ihr euch auch nur ſo weit verſteigen koͤnnen? Seht dort unten, wohl eine gute Legua weit, ſccts von hier fuͤhrt der Fahrweg durch den GPhnerto de la Cochera nach Elche.«—»Wir wollten eigentlich nicht nach Elche— das heißt nicht gradezu nach Elche, Caballero— antwortete Mercedes zoͤgernd— wir haben noch— wir ſuchen— wenn ihr uns ſagen koͤnntet, ob und wie wir heute noch nach dem —.— Skizzen aus Spanien. 321 Thurm von Carus kommen koͤnntene——— »Seid ihr toll, Seüorita? ich meinte ganz ehrlich, ihr habt eine Wallfahrt zum Hauſe der heiligen Mutter Gottes vor; und nun kommt es meiner Treu heraus wie eine Wall⸗ farth zum Hauſe des Teufels! Oder wollt ihr den tapfern Bernardo del Carpio ſehen, von dem es heißt, daß er dort gebannt und ver⸗ zaubert liegt?«— unterbrach ſie der Fremde mit einem ganz beſonderen Ausdrucke.— Als Mercedes ſchwieg und verlegen ihren Gefaͤhrten anſah, fuhr er fort:»Nun— ihr muͤßt wiſſen, was ihr dort zu ſuchen habt, und ich will nicht weiter fragen. Werd' ich doch ohnehin ſel⸗ ber mitanzuſehen kriegen, wo das hinaus will— denn juſt bin ich ſelber auf dem Wege nach dem Thurm, und ihr doͤnntet kei⸗ nen beſſern Fuͤhrer getroffen haben als mich. In einer Viertelſtunde bring ich euch ſicher hin— wie ihr aber wieder weg mt, das fuͤr kann ich freilich nicht ſtehen s haͤngt davon ab, wie ihr euch dort haltek. Nun aber fort— folgt mir— wir haben keine Zeit zu verlieren.« Damit ſchritt der Frem⸗ de raſchen, feſten Schrittes fuͤrbaß, wie ei⸗ II. 21 322 Skizzen aus Spanien. ner, der uͤberzeugt iſt, daß ſeinem Wort Folge geleiſtet wird.»In Gottes und der heiligen Jungfrau Namen ſei es,« ſprach der Geiſtliche nach einigem Bedenken, indem er ein Kreuz ſchlug und dem Maͤdchen folg⸗ te, welches, ohne einen Augenblick zu zau⸗ dern, ſich dem wunderlichen Fuͤhrer anvertraut hatte.— »Schaut dort den Thurm,« ſagte der Fremde, nachdem ſie eine halbe Stunde auf einem vielfach gewundenen, kaum bemerkba⸗ ren Pfade den ſteilen Abhang herabgeſtiegen waren. Das Thal, in welches ſie auf dieſe Weiſe geriethen, oͤffnete ſich hinter ih⸗ nen nach dem Paß, den der Fremde ihnen vorhin als den uͤbelberuͤchtigten Puerto de la Cochera bezeichnet hatte; auf der andern Seite, nach der ſie ſich nun wandten, endet es in einem engen Keſſel, der durch wild auf eina gehaͤufte Felſentruͤmmer gebildet wird, uͤ elchen ſich nur hier und da noch in zackigen Graͤten der eigentliche Kern des Gebirges erhebt, von dem ſich im Lauf der Jahrhunderte dieſe Truͤmmer ſihr une Kein Baum, kein Strauch, ja kein Grashalm war 323³ Skizzen aus Spanien. hier zu ſehen. Nur die hoͤchſten Felſenzacken ſchimmerten noch in dem Purpur der unter⸗ gehenden Sonne, das Thal ſelbſt war ſchon in graue Daͤmmerung gehuͤllt, die mit jedem Augenblick in tiefere Schatten uͤberging. Mer⸗ cedes ſtrengte vergeblich ihre ſcharfen Augen an, um hier eine Spur von Menſchen und Menſchenwohnung zu entdecken, und erſt als der Fremde ihr ganz genau mit dem Finger die Stelle bezeichnete, vermochte ſie ganz in der Tiefe des Keſſels zwiſchen den grauen Felsſtuͤcken einen grauen, halbverfallenen, vier⸗ eckigen Thurm zu unterſcheiden. In demſelben Augenblick aber erhob ſich von dieſem Thurm her ein weitſchallendes Hundegebell— ganz verſchieden von jenem traulichen Tone—»the watchdogs honest bark,« wie der viel um⸗ getriebene Dichter es nennt— der dem muͤ⸗ den Nachtwandrer die Naͤhe friedlicher Men⸗ ſchenwohnungen, freundliches Willkommen, und loderndes Feuer auf dem Heerde, Schutz des Daches gegen Wind und Wetter, und Schutz des Geſetzes, des Friedens gegen Gewaltthat und Liſt vaskuͤndet und bedeutet; ein grim⸗ miges, in zunehmender Wuth bis zu heiſe⸗ 21* — 324 Skizzen aus Spanien. rem Heulen geſteigertes Bellen, wie von rei⸗ ßenden Thieren, die um ihre blutige Beu⸗ te hadern.»Halloah! Tu! tu! tu!« rief der Fremde und alsbald hoͤrte das Bellen und Toben auf, und indem die Wanderer naͤher kamen, hoͤrten ſie nur noch das halb unterdruͤckte, wimmernde, ungeduldige Heu⸗ len, womit die Hunde ihre Freude auszu⸗ druͤcken pflegen, wenn ihnen lautere Aeuße⸗ rungen nicht geſtattet ſind. Etwa funfzig Schritt vom Thurme hob der Fremde an: »Jetzt, guten Leute, wartet hier einen Au⸗ genblick— ich muß doch lieber erſt ſelber zu⸗ ſehen, wie es drinnen ſteht, ob die Wirthe zu Hauſe und die Beſtien angebunden ſind. Wenn euch Jemand anruft, bis ich wieder⸗ komme, ſo antwortet nur:»San Ciruelo.« — Damit verließ er unſre Pilgrimme, die in einer keinesweges troͤſtlichen Lage und Stimmung zuruͤckblieben, und ſich gegenſei⸗ tig ihre Vermuthungen und Beſorgniſſe mit⸗ theilten. So waren einige bange Minuten verfloſſen, als ſie rauhe Maͤnnerſtimmen und nahende Tritte hoͤrten und gleich darauf ſahen ſie ſich von einigen wildausſehenden Bewaffneten — Skizzen aus Spanien. 325 umgeben, welche nicht wenig erſtaunt ſchienen, hier und allein zwei Fremde zu finden.»Wer da! die Loſung! nieder auf die Erde!« mit ſolchem Geſchrei und drohenden Geberden drangen ſie auf die Pilger ein, welche ſich beeilten, die Worte, die ſie ſchuͤtzen ſollten, auszuſprechen:»San Ciruelo!« rief der alte Don Geronimo—»San Ciruelo!« rief Mercedes ihm nach.»Holla! was haben wir da fuͤr ein feines Stimmlein!« rief nun der Eine.—»Es muß eine allerliebſte kleine Pfeife ſein, wo das herauskoͤmmt!«— ſagte der Andere. Ein Dritter meinte: »Laßt mal ſehen, ob unſereins auch drauf ſpie⸗ len kann!«— und mit derlei Reden draͤngten ſich die Geſellen neugierig, luͤſtern um die geäͤngſteten Pilger. Der eine luͤftete die Ka⸗ puze, welche Mercedes tief uͤber den Kopf gezogen hatte, ein wenig und rief, offenbar ſehr angenehm uͤberraſcht durch das, was er darunter fand:»Holla, Jungens! was gilts, ich ſchaͤle mir aus dieſer braunen Mandel noch einen ſchneeweißen Kern!«— Wir wiſſen nicht, wie weit er ſeine Unterſuchung getrieben haben mochte, als er durch eine 326 Skizzen aus Spanien. gewaltige, weit ſchallende Ohrfeige geſtoͤrt wurde, welche Mercedes ihm verſetzte, die uͤber der Beleidigung ihres jungfraͤulichen Stolzes alle Folgen vergaß, welche eine ſolche Abwehr und Rache in einem ſolchen Augen⸗ blick unfehlbar herbeifuͤhren mußte. Das Gelaͤchter ſeiner Geſellen vermehrte die Wuth des auf ſo herbe Weiſe abgewieſenen, zudring⸗ lichen Verehrers, und mit einem graͤuli⸗ chen Fluch ſpannte er den Hahn ſeines Tra⸗ buco und war eben im Begriff, das zerſchmet⸗ ternde Mordgewehr auf das Maͤdchen abzu⸗ druͤcken, welches furchtlos, ſtarr ihm gegen⸗ uͤberſtand und ihren alten Begleiter zuruͤck⸗ draͤngte, der ſich zwiſchen ſie und ihren Geg⸗ ner werfen wollte. Aber von einer andern Seite kam ihnen wirkſamere Huͤlfe.»Was ſind das fuͤr Kindereien, el Guapo?«— ſagte ploͤtzlich, aus der nun ſchon faſt hand⸗ greiflichen Dunkelheit hervortretend, ein Mann, deſſen bekannte Stimme den Bedraͤngten in dieſem Augenblick als die eines Freundes und Beſchuͤtzers erſchien. Der Fremde ſprach ſehr ruhig, wie einer, dem es gar nicht einfäͤllt, daß ſeine Worte eines beſondern Nachdrucks ₰ Skizzen aus Spanien. 327 beduͤrfen koͤnnten, um als Befehle zu gelten; da aber der wuͤthende Geſelle einen Augen⸗ blick zoͤgerte, ſein feindſeliges Beginnen auf⸗ zugeben, faßte ihn der Fremde beim Arm und ſchleuderte ihn weit hinweg, daß er zwiſchen den Felſen niedertaumelte und unter dem zunehmenden Gelaͤchter der andern da⸗ von ſchlich.»Weiße Haͤnde beleidigen nicht, Compadre— und mit meinen Haͤnden wirſt du, denk ich, nicht gerne zu thun ha⸗ ben,« ſagte der Fremde eben ſo ruhig wie vorher, und die Beſeitigung des Geſellen ſchien ihm uͤberhaupt nicht mehr Muͤhe ge⸗ macht zu haben, als wenn es ein ſchwacher Knabe geweſen waͤre.»Ihr macht, daß ihr hineinkommt, und jeder an ſeinen Poſten und an ſein Geſchaͤft,« ſprach er nun zu den andern, die ſich auch ſogleich entfernten; dann zu Mercedes gewendet, fuhr er fort: »Ihr aber, Sehßorita, ſeid wohl rein beſeſ⸗ ſen! wißt ihr wohl, daß das groͤßte Stuͤck⸗ chen, was jetzt noch von euch zu finden waͤre, das Ohrlaͤppchen ſein koͤnnte, wenn ich nicht dazu gekommen waͤre?— Aber, bei Gott, die Dirne gefaͤllt mir nicht uͤbel, wie ſie dort 1 328 Skizzen aus Spanien. ſteht, als wollte ſie mir die Augen auskra⸗ tzen.— Haͤtt' ich eine ſolche Tochter, ſo duͤrfte mir kein Grande von Spanien nein ſagen, wenn ſie ihn zum Mann haben wollte. Nun, nunz gebt euch zufrieden, guten Leute, ich habe weder Zeit noch Luſt zu Kindereien — kommt herein, es iſt hohe Zeit.« Als die beiden Pilger einen Augenblick zauderten, ſetzte er ungeduldig hinzu:»Nun, was ſoll daraus werden? Nach dem Thurm von Ca⸗ rus habt ihr gewollt, und wenn's euch jetzt reut, ſo iſt's zu ſpaͤt. Was eingeſchenkt iſt, muß auch ausgetrunken werden, und wer nicht verlieren will, der ſpiele nicht.«“—»In Gottes Namen denn,« ſagte der Cura.»Flo⸗ rencio,« ſprach leiſe das Maͤdchen und Beide folgten ihrem Fuͤhrer und gelangten in wenig Augenblicken an den Fuß des Thurmes, und an eine Leiter, welche nach einer Oeffnung fuͤhrte, die ungefaͤhr im dritten Theil der Hoͤhe des Thurmes angebracht war. Der Fremde ſtieg ohne ein Wort zu ſagen hinauf, und die Beiden folgten ſchweigend und jeder in ſeiner Weiſe auf Alles gefaßt. Nachdem ſie durch jene Oeffnung in eine Art von Ge⸗ ————„ 3—— Skizzen aus Spanien. 329 woͤlbe gelangt waren, zog der Fremde die Leiter nach ſich, ſchloß die Oeffnung, indem er einen ſchweren Quaderſtein mit einem Heb⸗ eiſen davor ſchob, und nun ſtieg er eine ſteile, enge, in der Dicke der Mauer angebrachte Treppe hinan. Die Pilger folgten ihm und bald ſchimmerte ihnen durch eine nur ange⸗ lehnte eiſerne Thuͤr Licht entgegen. Der Fremde ſtieß die Thuͤr auf und alle Drei traten in ein rundes Gewoͤlbe, welches, den ganzen innern Raum des Thurmes einneh⸗ mend, von einem gewaltigen Pfeiler getra⸗ gen wurde.— In ein Paar eiſernen Rin⸗ gen, welche an dem Pfeiler angebracht wa⸗ ren, ſteckten Kienfackeln, bei deren kuͤmmer⸗ lichem, ſchwankendem Lichte die Gegenſtaͤnde nur ſehr allmaͤlig dem Auge deutlich wurden. Was die Pilger auf dieſe Weiſe nach und nach gewahr wurden, war aber allerdings nicht geeignet, ſie uͤber ihre Lage zu beruhi⸗ gen. An den Waͤnden herum hingen man⸗ cherlei Waffen. Ein Brett, das uͤber ein Paar Baumkloͤtzen lag, diente als Tiſch, und bildete nebſt ein Paar aͤhnlichen Kloͤtzen das einzige Hausgeraͤth. Hier ſaßen zwei 330 Skizzen aus Spanien. wild ausſehende Geſellen beim Karkenſpiel, halblaute Fluͤche murmelnd und die rauhen Kehlen aus einem Weinſchlauch befeuchtend, der neben ihnen auf dem Boden lag. Einige eben nicht erbaulichere Geſtalten lagen in Naͤntel gehuͤllt da und dort herum und dehn⸗ ten ſich knurrend im erſten Schlaf. Der Fremde ſtand mit untergeſchlagenen Armen an den Pfeiler gelehnt und erwartete, offen⸗ bar mit einer gewiſſen Theilnahme, wie ſich das ihm bisher ganz unbegreifliche Gewerbe ſeiner Gaͤſte endlich aufklaͤren werde; denn daß er hier den Wirth und Herrn ſpielte, wird der geneigte Leſer laͤngſt gemerkt haben. Mercedes machte dieſer Ungewißheit bald ein Ende. Sie hatte beim Eintreten erſt einige raſche, ſcheue Blicke ringsumher geworfen, dann aber heftete ſich ihr Auge auf den Fremden, deſſen Geſtalt und Zuͤge ſie bisher noch gar nicht recht hatte beobachten koͤnnen, da er anfangs ganz in den Mantel gehuͤllt war und es nachher zu dunkel wurde, um ir⸗ gend etwas zu unterſcheiden. Jetzt warf die Fackel ein grelles Licht auf ihn, und ſeine Geſtalt und Zuͤge traten um ſo ausdrucks⸗ * Skizzen aus Spanien. 331 voller aus dem ringsum waltenden Halbdun⸗ kel hervor. Er war von ausgezeichnet kraͤf⸗ tigem Wuchs, wohl einen Kopf uͤber mitt⸗ lerer Groͤße, mit breiten Schultern und ge⸗ waltiger Bruſt. Seine Geſichtszuͤge waren breit, einfach und offen, faſt zu plump, und unter den buſchigen Augenbraunen begegne⸗ ten ein Paar große, glaͤnzende, braune Au⸗ gen mit einem Ausdruck von neugierigem Wohlwollen dem forſchenden, unruhigen Blicke des Maͤdchens. Was aber beſonders dazu beitrug, dem Geſicht des Mannes einen Charakter von ruhiger Kraft, ja von patri⸗ archaliſcher Ehrwuͤrdigkeit zu geben, war der lange, ſchwarze, buſchige Bart, der die ganze untre Haͤlfte des Geſichts bedeckte, und bis auf die halbe Bruſt herunter wallte. Ue⸗ ber ſein Alter ließ ſich nicht leicht etwas be⸗ ſtimmen, ſo ſehr druͤckte ſich in der ganzen Geſtalt unverwuͤſtliche Kraft aus.— Seine Kleidung war die eines wohlhabenden aͤltli⸗ chen Landmanns. Eine braune Jacke, kurze ſchwarze Beinkleider von Halbſammet, Ka⸗ maſchen von weichem, gelbem Leder, bis an die Kniee, doch ſo, daß die weißen Struͤmpfe Skizzen aus Spanien. und Unterbeinkleider noch zu ſehen ſind; um den Leib einen Gurt von rother Seide; das dichte, lange, ſchwarze Haar in ein gruͤnes Netz gebunden und auf den Ruͤcken wie in ei⸗ nem Beutel herabhaͤngend. Das Ganze hatte etwas ſo entſchieden Friedliches, Ehrbares, daß man den Mann wegen ſeines langen Bartes, der allein nicht recht zu ſeinem uͤbrigen Aufzug paſſen wollte, in einem andern Land als Spa⸗ nien ohne Umſtaͤnde fuͤr einen ehrlichen Wie⸗ dertaͤufer oder etwas Aehnliches gehalten haben wuͤrde; und um ſo auffallender mußte eine ſolche Erſcheinung in ſolchen Umgebungen ſich darſtellen. Mercedes indeſſen mußte offenbar ſchon nach dem erſten Blick Etwas an dem Man⸗ ne ſehen, was ihr ſchnell Beruhigung und eine troͤſtliche Ueberzeugung gab, ſie ſagte halblaut zu ihrem Begleiter:»Er iſt es ohne allen Zweifel— der Barbudo*). Florencio iſt ge⸗ rettet.« Damit trat ſie raſch auf den Fremden zu und ſagte mit feſter Stimme kurz und beſtimmt:»Senor Don Jaime Ferrer— ich *) Der Bärtige— der Beiname, mit dem der berüch⸗ tiate Räuber Jaime Alfonſo gewöhnlich bezeichnet wurde. 2— ẽ—————- x— Skizzen aus Spanien. 333 bin eure Schweſter Mercedes und bringe euch den Segen unſrer Mutter— und ihr Gebet und mein heißes Flehen, daß ihr unſern Bruder Florencio von Ketten„ Tod und Schande retten wollet.«—»Das Maͤdchen redet die Wahrheit— fiel hier der Geiſtliche ein, indem auch er herantrat— Beweiſe haben wir keine; aber ſeht das Kind an und mich alten Mann, und fragt eure Seele, ob wir uuͤgen koͤnnen— ob wir um einer Luͤge wil— len dieſen ſauern Weg gewandert ſind.«— Der Fremde hoͤrte das Maͤdchen und ihren Begleiter ruhig aus, faßte dann ihre beiden Haͤnde, die ſie bittend zuſammengelegt hatte, mit ſeiner einen, ſtreifte mit der andern die Kapuze zuruͤck, die immer noch ihr Geſicht beſchattete, fuͤhrte ſie dicht an die flackernde Fackel und betrachtete ſie einen Augenblick unverwandt mit einem Ausdruck von durch⸗ dringendem Scharfſinn, und faſt furchtbarem Ernſt an. Die Zuverſicht, womit das Maͤd⸗ chen ſeinem Blick begegnete, brachte ſchnell eine erfreuliche Veraͤnderung in dem ganzen Weſen des Baͤrtigen hervor, und nachdem er noch einen forſchenden Blick auf den Cura 334 Skizzen aus Spanien. geworfen hatte, der mit gefalteten Haͤnden betend dort ſtand, ſagte er mit freundlichem Blick und Laͤcheln und milder Stimme, doch ohne ſonderliche Bewegung:»Ja, bei Gottes Wunden, du biſt mein Schweſterchen Mer⸗ ceditas— oder der leibhaftige Teufel muͤßte ſein Spiel mit mir treiben. Sei ruhig, Kind — du ſollſt in mir einen Bruder finden, was du auch ſonſt ſehen und hoͤren magſt. Gott ſegne dich— Kind— und was biſt du groß geworden. Und huͤbſch— das werden dir andre ſchon geſagt haben; oder die jungen Burſchen der Huerta verdienten alle in der Albufera erſaͤuft zu werden. Bei meinen Suͤnden! die Augen und die Stirne und der Mund der Mutter! und— Cap sagranat! die Hand der Mutter und der Sinn der Mutter— davon weiß der Guapo zu ſagen. Bei unſrer lieben Frau von der See— ich haͤtte mir's gleich denken ſollen— der Apfel faͤllt nicht weit vom Stamme; aber wie Teu⸗ fels haͤtte ich mein Schweſterchen hier ſuchen ſollen!— Nun, eins nach dem andern— davon ſprechen wir nachher in Ordnung. Noch einmal Kind, willkommen hier und Skizzen aus Spanien. 335 uͤberall, und Gott ſegne dich.«— Damit kuͤßte er das Maͤdchen ſo freundlich auf die Stirne, daß bei der Armen endlich die un⸗ natuͤrliche Spannung, die es ihr allein moͤg⸗ lich gemacht hatte, den Jammer der letzten Zeit zu ertragen und ihren kuͤhnen Entſchluß durchzufuͤhren, in einem ihr faſt ganz fremd gewordenen Gefuͤhl von weiblicher Schwaͤche und Huͤlfloſigkeit und zugleich von Vertrauen auf maͤnnliche Kraft und Milde ſich aufloͤſte, und ſie umfaßte, ſchluchzend und in einen unaufhaltſamen Strom von Thraͤnen ausbre⸗ chend, den wiedergefundenen Bruder. Dieſer— war offenbar in einiger Verlegenheit, wie er ſich bei einem ſolchen Auftritte, der ſeinem Weſen und Treiben fremd genug ſein mochte, gehaben ſollte. Er ſetzte ſich, nahm das wei⸗ nende Maͤdchen auf den Schoß, ſtreichelte ihr die Wangen und verſprach ihr, wie ei⸗ nem kranken Kinde, Alles, was ſie nur den⸗ ken und wuͤnſchen koͤnnte. Endlich wandte er ſich an den guten Cura:»Nun ſo helft mir doch, in Gottes Namen, das arme Kind zur Ruhe bringen— ſie ſchmilzt mir ja hier weg wie Salz im Waſſer, wenn ihr 336 Skizzen aus Spanien. nichk ein gutes Wort in eurer Weiſe ſprecht — Seſor Don Geronimo; denn nun erin⸗ nere ich mich eurer recht gut,— und ſchafft, daß ich endlich auch erfahre, was in aller Welt euch und das Maͤdchen in dieſe Gegend fuͤhrt und wie es der Alten geht und Alles.« — Die Erinnerung an den Gegenſtand ih⸗ rer Wanderung vermochte auch Mercedes wahrſcheinlich mehr, als die troͤſtlichen Reden des Geiſtlichen gekonnt haͤtten, ſie ſprang auf, trocknete ſich die Augen und ſagte halb beſchaͤmt, halb trotzig:»Verzeiht, Senor Don Jaime— ich will euch Alles ſagen«— »Wer ſachte fortgeht, koͤmmt am weiteſten, und jedes Ding zu ſeiner Zeit, der Magen traͤgt das Herz und nicht das Herz den Ma⸗ gen, Seüora Dona Mercedes Ferrer— un⸗ terbrach ſie der Barbudo mit einem An⸗ ſtrich von komiſcher Gravitaͤt— wenn es euch recht iſt, ſo richten wir uns fuͤr's erſte auf Speiſe und Trank ein, dabei kannſt du immerhin dein Garn abſpinnen, Merceditas.« —»Wie ihr wollt, Seſior Don Jaime— aber⸗—»Ei was, iſt die Dirne des Teu⸗ fels— rief er nun ungeduldig— immer —,.,— —.— Skizzen aus Spanien. widerſprechen, und Seuor Don Diablo— bin ich nicht dein Bruder— he? und dein aͤlterer Bruder— he?— und kannſt du mich nicht Jaime nennen, und thun was ich haben will— beim heiligen Onufrio!— Auf da, Caballeros! Und Reſpect vor den Damen, vor der Schweſter des Barbudo— rief er nun, zu den Geſellen gewendet, die theils vom Tiſch, theils von ihrem harten Lager auf⸗ ſprangen, und neugierig der Aufloͤſung die⸗ ſer Raͤthſel entgegenſahen— du„ Guapo, ſchaff zu Trinken und zu Eſſen herbei, und vergiß nicht ſuͤßen Wein und Eingemachtes. Wenn der alte Fenoll aus Elche wuͤßte, wem ſeine Siebenſachen zu gute kommen, er wuͤr⸗ de mir wahrhaftig ſelber danken, daß wir letzthin ſeinen Kiſten, Schachteln und Schlaͤu⸗ chen die lange Reiſe nach Madrid erſpart haben. Nun, ich denke, er ſchickt bald her, daß wir uns endlich einmal vertragen wie gute Chriſten. Sonſt, bei allen Teufeln der ſtebten Hoͤlle, laß ich ihn noch aus ſeinem Bett holen, oder vom Altar— oder wo ich ihn finde, und jag' ihm ſelber die Kugel durch ſeinen Starrkopf. Aber jetzt nichts II. 22 Skizzen aus Spanien. weiter davon— jede Sau hat ihren Mar⸗ tinstag.“⸗— Nach einigen Minuten ſaßen die drei in einem kleinen erkerartigen Vor⸗ ſprung des Thurmes, von den uͤbrigen Raͤu⸗ bern fern genug, um ungeſtoͤrt ihre Angele⸗ genheiten beſprechen zu koͤnnen, und an ei⸗ nem Tiſche, der mit mancherlei wunderlich zuſammengeworfenen, von ſehr verſchiedenen Orten und Beſtimmungen entfremdeten Ge⸗ faͤßen, Speiſen und Getraͤnken beſetzt war, welche den beiden Pilgern um ſo willkomme⸗ ner erſchienen, da nun, als die geiſtige Aufre⸗ gung einigermaßen ſich gelegt hatte, die man⸗ nigfachen und dringenden Forderungen des erſchoͤpften Koͤrpers um ſo unabweislicher laut wurden.— Was nun hier beſprochen, gefragt und beantwortet wurde, kann der geneigte Leſer ſich ſchon ungefaͤhr zuſammen denken, und ſollte er desungeachtet noch ei⸗ nige Fragen in Beziehung auf den wunder⸗ lichen Wirth dieſer unheimlichen Herberge auf dem Herzen haben, ſo wollen wir hier⸗ mit nur gleich erklaͤren, daß wir daruͤber nicht viel Erhebliches wiſſen, als was ſchon aus dem Geſagten hervorgeht: daß naͤmlich der Skizzen aus Spanien. 339 beruͤhmte und beruͤchtigte Raͤuberanfuͤhrer Jai⸗ me Alfonſo, genannt el Barbudo, der ſeit einer Reihe von Jahren der Schrecken der Landſtra⸗ ßen von Murcia nach Valencia und derjenigen von beiden Staͤdten nach der Hauptſtadt war, kein anderer iſt, als eben der juͤngſte Sohn der armen Wittwe zu Ruzafa, der vor lan⸗ ger Zeit einer Kleinigkeit(friolera) wegen, wie die guten Leute das nennen, davon ge⸗ gangen war. Welcher Art dieſe Kleinigkeit geweſen, iſt uns eben ſo wenig genauer be⸗ kannt geworden, als die Nachbarn eine Ah⸗ nung davon hatten, daß der wilde Burſche, den los zu werden ſich damals alle friedlichen und geſetzten Leute in der Huerta herzlich freuten, derſelbe Barbudo ſei, deſſen kuͤhne Thaten der unerſchoͤpfliche Gegenſtand ihrer Abendunterhaltungen und der Romanzen der herumziehenden blinden Saͤnger waren. Nur einige wollten ſich noch ganz deutlich erinnern, der junge Ferrer habe mit dem Neffen des da⸗ maligen Gouverneurs von Valencia Streit we⸗ gen eines Maͤdchens gehabt, mit dem jener verlobt geweſen, und man habe ſeinen Neben⸗ buhler eines Morgens mit einem halben Schuh 22* 3 Skizzen aus Spanien. kalten Stahls in der Bruſt, an ihrer Schwelle gefunden— Ferrer habe ſich noch eine Zeitlang heimlich in der Gegend herumgetrieben, da aber die Verwandten des jungen Herrn ſich gar nicht zufrieden geben wollten, ſondern fortwaͤhrend Himmel und Erde gegen ihn aufboten, ſo ſei es ihm wohl am Ende zu heiß geworden und ſo ſei er verſchwunden, und wie einige meinten, uͤber die große Pfuͤtze gegangen.— Ob dieſe letzte Vermuthung gegruͤndet war und ob der Baͤrtige wirklich eine Zeitlang ſich in Ame⸗ rika herumgetrieben, koͤnnen wir nicht ſagen — bezweifeln es indeſſen ſtark, da die ganze Weiſe dieſes Mannes zu verſchieden von der⸗ jenigen erſchien, welche ſolchen Abenteurern ei⸗ gen iſt, wie ſie die neue Welt dem Mutterland von Zeit zu Zeit zuruͤckzuſenden pflegt, um die giftigſten Elemente der ſchlimmſten Hefe der Bevoͤlkerung der Seeſtaͤdte des ſuͤdweſtli⸗ chen Europas zu bilden.— Eben ſo wenig koͤnnen wir mit Beſtimmt⸗ heit ſagen, auf welche Weiſe und ſeit wann der Barbudo ſeiner Mutter wieder Nachricht von ſeinem Treiben hatte zukommen laſſen. Einige wollten indeſſen ſpaͤter, als das Ver⸗ Skizzen aus Spanien. 341 haͤltniß ſich aufklaͤrte, durch den Cura Don Geronimo wiſſen, die Wittwe habe eine Zeit⸗ lang einige Unterſtuͤtzung von ihrem Sohne erhalten, der ſie mit irgend einem Maͤhrchen in allgemeinen Ausdruͤcken uͤber ſeine Lage beruhigte. Doüa Ana habe indeſſen nach und nach Verdacht geſchoͤpft, und ihn, da er ſelbſt einmal heimlich nach Valencia, wo ſie da⸗ mals noch in beſſern Umſtaͤnden lebte, ge⸗ kommen waͤre, mit Androhung ihres Fluches, obgleich vergeblich, ermahnt, ſein ruchloſes Leben aufzugeben, auch von da an jeden Verkehr mit ihm abgebrochen. Als letztes Wort dieſes traurigen Wiederſehens und als Ant⸗ wort auf ihren muͤtterlichen Fluch, habe er ihr nur noch den Ort genannt, wo ſie oder ihre Boten ihn treffen oder doch Nachricht von ihm erhalten koͤnnten, falls ſie ſeiner je beduͤrfen wuͤrde oder gedenken wollte.— Seitdem aber waren ſchon mehre Jahre ver⸗ floſſen; und die ſtrenge, fromme Frau hatte es uͤber ſich gewonnen, nie Gebrauch von dieſer Kunde zu machen, und ſoweit es einer Mutter uͤberall moͤglich iſt, das Andenken an ihren verlornen Sohn aus ihrem Geiſte, 342 Skizzen aus Spanien. jedenfalls aber ſeinen Namen aus ihrem Ge⸗ ſpraͤch ſogar mit ihrem treuen geiſtlichen Freunde zu verbannen— dem ſie jedoch auch dies traurige Geheimniß nicht verbarg. Mer⸗ cedes mochte, damals noch faſt ein Kind, einige Worte, die uͤber dieſen Gegenſtand gewechſelt wurden, mit angehoͤrt haben; ſie war bei jener letzten Zuſammenkunft zugegen geweſen, und dieſer Auftritt, die Geſtalt, das Geſicht, das Weſen, die ganze raͤthſelhafte Exiſtenz des Mannes, den ſie damals mit kindiſcher Scheu, halbgezwungen als Bruder begruͤßte, hatte einen unausloͤſchlichen Eindruck bei ihr hinterlaſſen, und nicht wenig dazu beigetra⸗ gen, jenes ſchroffe, hochfahrende, wunderliche Weſen in ihr zu entwickeln, das ſie zu ei⸗ ner ſo eigenthuͤmlichen, zugleich anziehenden und zuruͤckſtoßenden Erſcheinung machte. Das phantaſtiſche Bild, was ſie in ihrem kindi⸗ ſchen Sinn von dem fernen Bruder als von einer raͤthſelhaften, furchtbaren Macht aus⸗ mahlte, war zwar mit den Jahren in den Hintergrund getreten und verbleicht, aber in der letzten Zeit der Noth und Sorge, als alle Ausſicht zur Rettung fuͤr Florencio im⸗ Skizzen aus Spanien. 343 mer mehr verſchwand, als alle Goͤnner und Freunde ſich zuruͤckzogen, da trat ploͤtzlich der Gedanke an ihren aͤltern Bruder und an die Moͤglichkeit einer Rettung durch ihn lebhaft vor ihre Seele und geſtaltete ſich auch bald zum feſten Entſchluß, dieſe Huͤlfe anzu⸗ rufen. Auf welche Weiſe er helfen ſolle, war ihr freilich nicht klar, aber ſie meinte, wenn ſie ihm nur ihre und der Ihrigen Noth klagen koͤnnte, ſo werde er ſchon wiſſen, was er zu thun habe. Sie ruhte nun nicht eher, als bis ſie durch Bitten und ſcheinbar unverfaͤngliche Fragen von dem Cura, von dem ſie, als ſich von ſelbſt verſtehend annahm, daß er Alles wiſſen muͤßte, erfahren hatte, was er ſelbſt wußte, naͤmlich im Allgemeinen das Treiben ihres Bruders und den Ort, wo der Bar⸗ budo zu finden oder zu erfragen waͤre. Nun erklaͤrte ſee dem guten Manne zu ſeinem gro⸗ ßen Schrecken, ihren feſten Entſchluß, den Bruder aufzuſuchen und ſeine Huͤlfe anzu⸗ ſprechen. Der Geiſtliche kannte das Maͤd⸗ chen zu gut, um viele Zeit mit Vorſtel⸗ lungen und Abmahnungen zu verlieren, und uͤberdies war in ihm eine ſo ſonderbare Mi⸗ 344 Skizzen aus Spanien. ſchung von Elementen des Geiſtes und Ge⸗ muͤths, daß er ſelbſt die Sache mit einigem Nachdenken gar nicht ſo unvernuͤnftig und verwerflich fand, als er es billigerweiſe ſeinem Alter und ſeinem Stande nach geſollt haͤtte. — Er erbot ſich zwar gleich, ſelbſt und al⸗ lein ſich auf den Weg zu machen, aber dar⸗ auf wollte ſich Mercedes durchaus nicht ein⸗ laſſen, indem ſie behauptete, und nicht mit Unrecht, einem Fremden werde ein Mann in des Barbudo Lage ſchwerlich trauen und noch weniger folgen; aber ſeiner Schweſter werde und muͤſſe er trauen, ihren Bitten koͤnne und duͤrfe er nicht widerſtehen. Sie erklaͤrte endlich nach ihrer Weiſe ſehr be⸗ ſtimmt: Nichts werde ſie abhalten, ihren Bruder ſelbſt aufzuſuchen; wolle der Cura ſie begleiten, ſo moͤge es ihm Gott vergelten, aber allein werde ſie ihn auf keinen Fall ziehen laſſen. Der bedraͤngte Mann dachte einen Augenblick daran, Dona Ana von Al⸗ lem zu unterrichten; aber er wußte zu gut, daß ſie nie ihre Einwilligung geben werde, und eben ſo gut, daß auch ihr Verbot das Maͤdchen nicht zuruͤckhalten, ſondern nur zu —,,———⅓:——— * Skizzen aus Spanien. 345 heftigen Auftritten zwiſchen dieſen beiden We⸗ ſen fuͤhren wuͤrde, die beide, jedes nach ſei⸗ ner Stellung und nach ſeinem Alter, durch ſtarre Energie des Charakters ſich ſonderbar verwandt und zugleich entfremdet waren. Er entſchloß ſich alſo endlich„ um auf jeden Fall das Maͤdchen den Gefahren dieſes Aben⸗ teuers nicht allein zu uͤberlaſſen, es mit ihr zu theilen, und ſo machten ſich denn Beide auf den Weg, wie wir ſchon berichtet haben. Der Mutter aber hinterließ der Geiſtliche ein Schreiben, worin er ſich und ſeine Beglei⸗ terin ſo gut wie moͤglich rechtfertigte, der Verlaſſenen Muth, Geduld und Vorſicht em⸗ pfahl, auch ihr einige Winke gab, wie ſie das Verſchwinden der Tochter den Nachbarn erklaͤren ſolle. Wie die Mutter die Sache genommen, wollen wir nicht unterſuchen, und noch weniger laͤugnen, daß der alte Cu⸗ ra allerdings etwas Vernuͤnftigeres haͤtte thun koͤnnen, als in einer ſo zweideutigen Ange⸗ legenheit mit einer jungen Dirne in der Welt herumzuziehen. Es war dies aber freilich nicht das erſte Mal, daß ſein heißes Herz mit ſeinem alten Kopf und ſogar mit ſeinem A 346 Skizzen aus Spanien. chriſtlichen Gewiſſen durchging, wie wir denn hier das Weitere berichten und auseinander⸗ ſetzen koͤnnten, wenn wir Luſt dazu haͤtten, und es uns nicht zu weit von unſerem, oh⸗ nehin ſchon vielleicht zu wenig geregelten Wege abfuͤhren wuͤrde.— Wie die erſte Haͤlfte des Abenteuers gelungen, hat der ge⸗ neigte Leſer ſchon erfahren, und wir ihm alſo auf eine ſehr ſchlaue Art einen großen Theil der Sorge erſpart, welche ein ſolches Unternehmen hoffentlich in ſeinem zarten Her⸗ zen erregt haben wuͤrde. »Noch einmal und fuͤr allemal, Mereedi⸗ tas, ſei du ruhig und verlaß dich drauf, dem Jungen ſoll geholfen werden— und nun, Kind, mach, daß du zur Ruhe koͤmmſt, es thut dir Noth— und ihr auch, Hochehr⸗ wuͤrdiger. Der liebe Gott wird morgen wie⸗ der einen Tag machen und dann wollen wir ſehen.«— So ſprach der Barbudo, indem er aufſtand, dem Geſpraͤch, das ſich tief in die Nacht hinein verlaͤngert hatte, ein Ende machend, und die Ungeduld ſeiner Schweſter zuruͤckweiſend, welche lieber gleich —,.—— — V V V V X Skizzen aus Spanien. 347 wieder aufgebrochen waͤre. Auch jetzt wollte ſie ſich nicht zufrieden geben, ſondern ſagte in einem halb befehlenden, halb bittenden Ton:»Aber Morgen, Bruder meiner Seele — morgen fruͤh brechen wir doch gleich auf nach Haus?«—»Bei dieſem und jenem! ich glaube, die Dirne hat zu Hauſe keinen Reſpect und Gehorſam gelernt!— rief nun der Barbudo, indem er mit der Hand in ſeinen Bart griff und ſeine buſchigen Augenbraunen drohend zuſammenzog.— Aber es iſt gut, daß wir dich hier haben, und du ſollſt mir die Haͤlfte meines Bartes abſcheeren, wenn du mir nicht unter der Hand ſo weich wirſt, wie ein Damenhandſchuh— eh ich dich nach Haus zuruͤckbringe. Cap de Sen! meinſt du, ich habe nun auch auf der Welt weiter nichts zu bedenken und zu betreiben, als was in dei⸗ nem Sinn grade obenaufliegt? Carajo!— Eins nach dem andern und Pommade*), damit *) Wenn der geneigte Leſer an dieſem Studenkenausdruck Anſtoß nehmen ſollte, ſo bitten wir ihn, uns für das ſpaniſche cachaza einen bezeichnendern Ausdruck als Pommade zu geben. In einem Wörterbuch darf er aber freilich nicht ſuchen. 348 Skizzen aus Spanien. koͤmmt man am weiteſten. Nun, nun, ſei nur ruhig, Merceditas, und gieb dem Teu⸗ fel nichts zu lachen— fuhr er in milderem Tone fort, als er die ſteigende, aͤngſtliche Verlegenheit ſeiner Schweſter bemerkte— in drei, vier Tagen iſt Alles in Ordnung und dann geht's nach Valencia. Bis dahin mußt du Geduld haben, vielleicht bring' ich dir auch noch Geſellſchaft— wer weiß?— Nun gute Nacht, dort iſt dein Bett— ein halb Du⸗ tzend Schaffelle uͤber einander. Der Leib des Koͤnigs kann nicht weicher liegen. Kommt, Seüor Don Geronimo, fuͤr euch wird ſich auch ein bequemes Pläͤtzchen finden.«“— Mercedes erwiederte den Gruß ihres Bruders mit mehr Demuth als Freundlichkeit und kuͤßte dem Cura die Hand, dieſer ſprach einen Se⸗ gen uͤber ſie und folgte dem Barbudo, der die Thuͤr des kleinen Gemaches durch Vor⸗ ſchieben des Riegels von Außen ſchloß, dem Geiſtlichen ein Lager von Schaffellen und Decken anwies und ſich neben ihm in ſeinen Mantel gehuͤllt auf dem harten Boden ausſtreckte. Der gute Cura wollte noch ſein Abendgebet herſagen, aber die Muͤdigkeit uͤberwaͤltigte Skizzen aus Spanien. 349 ihn, und er ſank mit geſalteten Haͤnden, den Roſenkranz feſthaltend, auf ſein Lager zuruͤck, und bald lagen alle ſo verſchiedenartigen Gaͤſte, welche der alte Thurm von Carus in dieſer Nacht beherbergte, in tiefem Schlaf.— Die Sonne ſtand ſchon hoch am Himmel, ehe ihre Strahlen die enge Schlucht, den finſtern Thurm, den Erker und das Lager trafen, worin Mercedes von den Anſtrengun⸗ gen und Aufregungen des verfloſſenen Tages ausruhte. Sie ſprang auf, und es bedurfte einiger Minuten, ehe ſie ihre Erinnerungen geſammelt und ſich in ihre unerfreulichen, fremdartigenUmgebungen gefunden hatte. Nach⸗ dem ſie ſich aber geſammelt und ihren Anzug einigermaaßen geordnet hatte, wollte ſie ſich weiter umſehen, fand aber die Thuͤr verſchloſ⸗ ſen. Sie horchte. Alles war ſtill. Sie blickte zu dem engen Gitterfenſter hinaus— Alles war ſtill— nichts als kahle Felſengruͤn⸗ de und verworrene Felſentruͤmmer und drüͤ⸗ ber der dunkelblaue Himmel. Endlich ver⸗ ſuchte ſie mit einem Meſſer, das noch von der geſtrigen Mahlzeit dort lag, den Riegel von Innen zuruͤckzuſchieben. Dies gelang 350 Skizzen aus Spanien. ihr zwar nicht, aber auf das Geraͤuſch hoͤrte ſie außerhalb Jemanden ſich regen, und bald wurde der Riegel zuruͤckgeſchoben, die Thuͤre geoffnet und der Cura ſtand vor ihr, offen⸗ bar uͤber ihre wunderliche Lage noch mehr verlegen und beſorgt als ſie ſelbſt. Im ganzen Thurm war außer den Bei⸗ den Niemand zu ſehen noch zu hoͤren. Sie fanden den Eingang, wodurch ſie am Abend zuvor ins Innere gefuͤhrt worden waren, ver⸗ ſchloſſen, ſtiegen dann mehre enge Treppen auf und ab, die in der Dicke der Mauer nach einigen dunkeln Gewoͤlben und Winkeln fuͤhrten, dem aͤhnlich, wo ſie die Nacht zu⸗ gebracht hatten, nur daß dieſer durch einige Schießſcharten ein ſpaͤrliches Licht erhielt und deshalb allein zu einer Art von menſchlicher Wohnung eingerichtet war. Bei naͤherer Unterſuchung fanden ſie an den Waͤnden und dem Gewoͤlbe ſogar noch Spuren eines Ue⸗ berwurfs von Stuck mit bunten Schnoͤrkeln und Verzierungen, von denen der Cura be⸗ hauptete, ſie glichen denjenigen, die er vor Jahren in der Alhambra von Granada ge⸗ ſehen, und ſeien alſo ohne allen Zweifel Skizzen aus Spanien. 351 mauriſchen Urſprungs.— In die uͤbrigen Gewoͤlbe wagten die Beiden nicht einzudrin⸗ gen, ſondern waren froh, als ſie endlich eine kleine Treppe fanden, welche ſie oben auf die Zinnen des Thurmes fuͤhrte. Damit hat⸗ ten ſie zwar das helle Tageslicht und den blauen Himmel und einen Ueberblick der un⸗ wirthbaren Schlucht erlangt, aber weiter Nichts. Alles war öde und kein lebendes Weſen zu ſehen. Nur ein Paar Raubvoͤgel zogen ihre Kreiſe in der dunkelblauen Luft, bald hoͤher bald tiefer, und wenn ſie ſich dem Rande des Felſenkeſſels naͤherten, ſo trafen einzelne unheimliche Toͤne das Ohr der aͤngſt⸗ lich Lauſchenden und unterbrachen die Tod⸗ tenſtille. An einer Seite ſtand der Thurm ſo nahe an der Felſenwand der Schlucht, daß der Geiſt⸗ liche bemerkte, wenn Florencio hier waͤre, wuͤrde er ſich nicht lange beſinnen, um auf einen der Abſaͤtze zu ſpringen, der ſich der Wand des Thurmes am meiſten naͤherte. Hier war auch eine Vorrichtung angebracht, welche einer ſchmalen Zugbruͤcke glich— und bei naͤherer Unterſuchung entdeckten ſie hinter derſelben 35² Skizzen aus Spanien. in einer finſtern Ecke kaurend ein uraltes, gelbbraunes, runzliges, zerlumptes Zigeuner⸗ weib, was ſie mit gluͤhenden Augen anſtarr⸗ te; aber auf alle Fragen nur mit dem Kopf ſchuͤttelte.»Sie iſt ſtocktaub— ſagte end⸗ lich der Geiſtliche— nachdem er vergeblich verſucht hatte die Bruͤcke zu bewegen— aber Jaime wird ja wohl bald wieder kommen.— Die ſchaͤrfern Augen des Maͤdchens entdeckten bald eine Art von Fußpfad, der in vielen Windungen an manchen Stellen auf in den Felſen gehauenen Stufen, bei jenem Vor⸗ ſprung beginnend, ſich an der Felſenwand hinaufzog, und bald erſchien oben an dem Rande des Felſenkeſſels ein Menſch, und rief mit dem Hute winkend einen Gruß hinunter.»Es iſt der Barbudo— rief ſogleich Mercedes— Gott gebe, daß er uns abholt.«— Nach einigen Minuten ſa⸗ hen auch Beide den Barbudo eilig den hals⸗ brechenden Pfad herabſteigen, und bald ſtand er auf dem Vorſprung und rief:»Nun, Mer⸗ cedes— du haſt wohl ſchon wacker auf mich geſcholten. Haſt du denn auch fein ausge⸗ ſchlafen? Und ihr, Seüor Don Geronimo? Skizzen aus Spanien. 353 ihr werdet es brauchen koͤnnen. Es zieht ſich wunderlich zuſammen und wird wohl hei⸗ ßer hergehen, als mir um euretwillen lieb iſt.— Nun macht euch fertig— wir ha⸗ ben keinen Augenblick zu verlieren.« Nach die⸗ ſen Worten ließ der Barbudo einen dreimal wiederholten eigenthuͤmlichen Schrei ertoͤnen, und alsbald zeigte es ſich, daß die alte Zigeu⸗ nerin nicht ganz ſo taub war, als ſie ſich ſtellte. Sie zog einen Schlüſſel aus der Ta⸗ ſche, oͤffnete das Schloß, welches die Kette hielt, an der jenes zugbruͤckenaͤhnliche Geruͤſte befeſtigt war, ließ dieſes nieder und zeigte grin⸗ ſend ihren Gaͤſten den Weg uͤber dieſe ſchwan⸗ kende Bruͤcke, waͤhrend der Barbudo ſie auffor⸗ derte, heruͤberzukommen. Der Cura hatte ſich ent⸗ fernt, um ſein und ſeiner Gefaͤhrtin leichtes Rei⸗ ſegeraͤth zu holen; Mercedes aber ſtand einen Augenblick unſchluͤſſig— die jaͤhe Tiefe und den ſchwachen Steg betrachtend.»Nun, Maͤdchen— haͤtt ich doch nicht gedacht, daß du ſo furchtſam waͤrſt— laß ſehen, ob dein Fuͤßchen ſo ſicher und feſt tritt, als dein weiſſes Haͤndchen zuſchlaͤgt.— Oder ſoll ich dich heruͤber tragen?— wart«— Ehe er II. 23 354 Skizzen aus Spanien. aber ausgeredet hatte, war das Maͤdchen, mit einem raſchen Entſchluß, leichten ſichern Schrittes uͤber den Steg geeilt, und, vor ihn tretend, fagte ſie mit einem tiefen Knix: »Damit der geſtrenge Herr Bruder ſieht, daß wir uns nicht fuͤrchten.«—»Eine wackre Dirne, bei meinem Bart!« rief der Barbu⸗ do,»aber nun der Alte— den muß ich nur heruͤber holen, ehe er ſich beſinnen und viel Umſtaͤnde machen kann.«— Er ſchritt raſch aͤber die Leiter, und, ohne ein Wort zu ſa⸗ gen, faßte er den guten Cura, der eben mit ſeinem Buͤndelchen von Innen auf die Zinne herausſtieg, in die Arme, und trug ihn wie⸗ der uͤber die Leiter zuruͤck, leicht wie ein Kind.»Nicht fuͤr ungut, hochehrwuͤrdiger Herr, aber es iſt keine Zeit zu Complimen⸗ ten— ſagte er, indem er ihn niederſetzte— horcht, es geht ſchon los.«— Wirklich hoͤrte man in dieſem Augenblick in weiter Ferne einige Schuͤſſe fallen, und der arme Cura unterdruͤckte gern oder ungern die Klagen und Fragen, die er wohl auf dem Herzen haben mochte, und folgte dem, der hier den Herrn ſpielte, mit einem ſchweren Seufzer und ei⸗ 1 α 8 235 Skizzen aus Spanien. 35 nem ſorgenvollen Blick auf Mereedes, welche ſich indeſſen in der Naͤhe und dem Schutze ihres Bruders vollkommen ſicher und an ihrer Stelle zu fuͤhlen ſchien. Die drei ſtiegen den muͤhſamen Pfad heran, ſo ſchnell der Alte nur mitkommen konnte. Der Bar⸗ budo ſprach kein Wort, ſondern horchte, zwar mit geſpannter Aufmerkſamkeit, jedoch mit großer Ruhe, auf die Schuͤſſe, welche immer ſchneller hinter einander ſielen. So erreichten ſie den Rand des Felſenkeſſels, gingen dann noch einige Minuten in einer hoͤher liegenden Schlucht fort, bis an eine Stelle, wo ſie ſich etwas erweiterte, und wo eine duͤrftige Quelle, zwiſchen Felſen hervorſickernd, einiges ſpaͤrliches Gruͤn von Mooſen und Gras er⸗ naͤhrt. Hier fanden ſie ein Paar beladene Maulthiere unter der Obhut eines Bewaffne⸗ ten, und hier verließ Jaime Alfonſo ſeine Schweſter und ihren Begleiter mit dem kur⸗ zen, beſtimmten Befehl, ſich nicht von der Stelle zu entfernen, ſondern, was auch ge⸗ ſchehen moͤge, ſeine Ruͤckkehr abzuwarten.— Eine Zeitlang blieb nun wieder Alles ſtill, und weder Mercedes noch der Cura fuͤhlten 23* 5 Skizzen aus Spanien. ſich geneigt, ihre Gedanken und Gefuͤhle laut werden zu laſſen. Der Cura nahm ſein Brevier vor und blaͤtterte drin. Mercedes ging unruhig, geſpannt auf und ab. Auch der Kerl, der zu ihrem Schutz oder vielleicht zu ihrer Aufſicht zuruͤckgeblieben war, beob⸗ achtete ein gleiches Stillſchweigen, obgleich wahrſcheinlich aus andern Gruͤnden. In der That ſchien er blutwenig weder zu denken, noch zu fuͤhlen, ſondern zog mit großer Ge⸗ muͤthsruhe ein Stuͤck Brodt und Speck aus einem Sack, den er auf dem Ruͤcken trug, und nachdem er ſich beides mundgerecht zu⸗ geſchnitten, oͤffnete er einen betraͤchtlichen Rachen, und wollte eben einbeißen, als ihm noch zur rechten Zeit die Ruͤckſichten der gu⸗ ten Lebensart einfielen, die ſich in Spanien auch da finden, wo man ſie am wenigſten ſuchen ſollte.»Iſt euch gefaͤllig, Senorita?« ſagte er, indem er Mercedes grinſend ſein Fruͤhſtuͤck anbot.»Großen Dank, Caballero, wohlbekomm's euch«, antwortete dieſe freund⸗ lich. Der Kerl zuckte die Achſel, wandte ſich nun offenbar nur, um eine letzte Foͤrm⸗ lichkeit abzufertigen, gegen den Cura:»Und Skizzen aus Spanien. 357 ihr, Hochwuͤrdiger?« und ohne eine Antwort abzuwarten, die ihm der gute Don Geroni⸗ mo, in ſein Brevier oder ſeine Gedanken vertieft, ohnehin ſchuldig blieb, ging er ſo eifrig an's Werk, als wollte er ſobald wie moͤglich jede Verſuchung entfernen, noch Je⸗ mand zur Theilnahme an ſeinem Fruͤhſtuͤck einzuladen. Ehe er jedoch ſeinen Zweck er⸗ reicht hatte, fielen in der Ferne wieder einige Schuͤſſe, wodurch er ſich indeſſen nicht im Geringſten ſtoͤren ließ, und auch auf die aͤngſtlichen, ungeduldigen Fragen des Maͤd⸗ chens und des Geiſtlichen ſtatt aller Antwort nur einzelnen, abgebrochenen Worten zwiſchen ſeinem Kauen und Schmazen Raum gab. »Was ſollte es ſein?— Kleinigkeiten!— alte Geſchichten— der Tio Fenoll aus Elche — keine Vernunft annehmen— alter Starr⸗ kopf.«»Aber um Gottes Willen, wo iſt mein Bruder?« fragte Mercedes ungeduldig. »Ei nun— der wird wohl da ſein, wo es am ſchaͤrfſten hergeht— aber der Fandango wird erſt noch losgehen, denk' ich— dort droben koͤnnte man Alles ſehen— wie eine Stierhetze in der Plaza de Toros in Murcias, 7 Skizzen aus Spanien. antwortete der Geſell, indem er auf eine, keinen Buͤchſenſchuß entfernte Felskuppe wies. »Dort?— rief Mercedes— Toͤlpel, warum ſagt er das nicht gleich?« und damit wollte ſie ohne Weiteres nach dem bezeichneten Pun⸗ cte hineilen. Die Wache aber hielt ihr das lange Gewehr vor und ſagte barſch:»Halt! nicht von der Stelle, Seüorita! der Herr hat befohlen, ich ſoll euch nicht aus den Au⸗ gen laſſen!«— Mercedes ſchien einen Au⸗ genblick unſchluͤſſig, ob ſie dieſem Gebot nach⸗ geben ſolle, aber ein dringend bittendes, warnendes Wort des Cura beſtimmte ſie fuͤr den Augenblick zum Nachgeben; ſie ſtampfte mit dem Fuße, drehte ſich um und ging wie vorher unruhig auf und ab. Die Schildwache vollendete ihrerſeits mit der groͤßten Seelen⸗ ruhe ihr Mahl, wiſchte ſich den Mund und griff nach einer Bota, die nebſt einigem an⸗ dern Gepaͤck auf der Erde lag; er hielt ſie mit geuͤbter Hand in gehoͤriger Hoͤhe uͤber ſeinen Mund, den er weit aufriß, um den erquickenden Trank aufzufangen. Statt des rothen Weinſtrahls ſtroͤmte ihm aber ein truͤ⸗ ber Waſſerſtrahl entgegen, und er ſchleuderte Skizzen aus Spanien. 359 mit einem ellenlangen Fluch, ſchnaubend und pruſthend die Bota weit von ſich:»Die ver⸗ maledeiten Soͤhne des Barrabas! das junge Otterngezuͤcht— die Zigeuner haben mir das angethan! Ich hab's dem Herrn oft genug geſagt— es iſt eine Suͤnde und Schande, ſolches Geſindel unter reputirlichen Leuten zu dulden! Aber wenn ich ſie—— nun der liebe Gott verſteht mich oder der Teufel— was frag ich danach. Jetzt muß ich nur ſe⸗ hen, daß ich mir den Mund mit einem fri⸗ ſchen Trunk aus der Quelle ausſpuͤle. Dort iſt freilich ein Heiliger, der mich troͤſten koͤnnte— aber mit dem Herrn iſt nicht zu ſpaßen. Und wenn er ſchon ſelber ſo wenig Wein trinkt, daß man glauben ſollte, es ſtehe mit ſeiner Reinheit nicht zum Beſten, und er muͤſſe irgendwoher Mohrenblut in den Adern haben, ſo goͤnnt er's doch Andern auch nicht. Wie der Hund des Gaͤrtners, der weder ſelber frißt, noch andre freſſen laͤßt. Nun, es wird von wegen des Reſpekts wohl ſo ſein muſſen.« Der alte Suͤnder warf ei⸗ nen ſehnſuͤchtigen Blick nach einer wohlgefuͤll⸗ ten Bota, welche einen Theil des Gepaͤcks 360 Skizzen aus Spanien. eines der Maulthiere ausmachte, und ſchickte ſich dann verdrießlich an, aus der Quelle zu trinken. Mercedes hatte, ſeit ſie von dem Kerl in ihrem Vorhaben geſtoͤrt worden war, ſeine Bewegungen und Worte von der Seite genauer beachtet, mit der faſt inſtinktmaͤßigen Abſicht, irgend Etwas zu entdecken, was ſie zur Erreichung ihrer Abſichten benutzen koͤnnte. »Trinkt doch kein Waſſer an einem ſo kalten Morgen, Caballero— ſagte ſie, als ſie die Anſtalten des Geſellen ſah— es zieht ja Froͤſche im Magen— wißt ihr das nicht?« —»Wahrhaftig? Froͤſche? ich glaub' es wohl«— antwortete dieſer zaudernd und mit einem neuen klaͤglichen Blick auf die verbote⸗ ne Frucht. Mercedes ſtand eben bei dem Maulthier, welches, in Betrachtungen ver⸗ loren, das ſpaͤrliche Gras zwiſchen den Fels⸗ ſpalten herauszupfte und ſich ihr ſo genaͤhert hatte.»Was mein Bruder wohl fuͤr Wein in ſeiner Bota fuͤhren mag?« ſagte ſie mit gleichguͤltigem Ton, indem ſie die Bota los⸗ machte, oͤffnete und dran roch. Der Raͤuber folgte mit gierigen Augen ihren Bewegungen. »Vom beſten Alicante— Euer Wohlſein, Skizzen aus Spanien. 361 Caballero!«— fuhr die ſchlaue Dirne fort, indem ſie das hoͤrnene Mundſtuͤck der Bota an die Lippen fuͤhrte— und dem Geſellen ganz unbefangen die Bota hinreichte. Dieſer ſtreckte zaudernd, verlegen und doch ſehnſuͤch⸗ tig die Hand aus, zog ſie aber zuruͤck und aͤchzte klaͤglich:»Der Herr— der Herr!«— Mercedes aber that ſehr entruͤſtet und ſagte: »Was, ihr wollt mir nicht Beſcheid thun? Einer Dame, die euch zutrinkt!— heißt das Lebensart! wißt ihr, wer ich bin? aber mein Bruder ſoll's euch eintraͤnken. Oder ſcheut ihr euch, weil ich das Mundſtuͤck mit den Lippen beruͤhrt habe? Wenn ihr kein Toͤlpel waͤrt, ſo ſolltet ihr froh ſein.“;’—»Das nicht— das nicht— Gott verdamm mich! Dem heiligen Antonius ſelber muͤßte die Ver⸗ ſuchung zu ſtark ſein«— brummte der Durſtige wieder, und nach einem kurzen Kampfe faßte er zugleich einen kuͤhnen Entſchluß und die Bota, und bald ſtroͤmte der rothe Wein un⸗ aufhaltſam in ſeine trockne Kehle.»Großen Dank, Senorita— ſagte er endlich tief auf⸗ athmend— Gott vergelt es euch im ewigen Leben. Aber— bei der Seele eurer Groß⸗ 362 Skizzen aus Spanien. mutter— kein Wort an den Herrn! Wie?« —»Das koͤmmt drauf an— antwortete Mercedes lachend— wo mans giebt, da nimmt man's auch. Laßt mich dort hinauf⸗ ſteigen, ſo moͤgt ihr auf meine Verantwort⸗ lichkeit die ganze Bota leeren— ſonſt ſoll euch der Schluck, den ihr eben gethan habt, mehr koſten als die Ohren.«—»Oho! da ſoll's hinaus— rief nun der Waͤchter, der ſich nicht verhehlen konnte, daß er in ein mißliches Dilemma gezogen worden ſei— nun in Gottes Namen! Ich ſoll ſie nicht aus den Augen laſſen, hat der Herr geſagt, und dort ſeh ich ſie ſo gut wie hier.— Aber keine Kindereien, Seüorita!— denn wo mein Auge euch erreicht, da erreicht euch auch meine Kugel.«— Merecedes hoͤrte ihn aber laͤngſt nicht mehr. Sie war um ſo ra⸗ ſchern Schrittes nach der bezeichneten Stelle hingeeilt, da von neuem einzelne Schuͤſſe fielen, und ſie auch verworrnes Geſchrei aus weiter Ferne zu hoͤren glaubte. Als der gute Cura, der wenig auf ihre Verhandlungen mit dem Naͤuber geachtet hatte, ihre Entfer⸗ nung bemerkte, raffte er ſich trotz ſeiner Er⸗ ———— Skizzen aus Spanien. 363 muͤdung auf, und folgte ihr, ohne von dem Waͤchter verhindert zu werden, der ſehr eifrig mit der Bota beſchaͤftigt war, und nicht ein⸗ ſah, warum er dem alten Geiſtlichen weniger trauen ſollte als der raſchen Dirne. Der Anblick, der ſich Mercedes von dem Felſenvorſprung aus eroͤffnete, den ſie bald erreicht hatte, bildete einen auffallenden Ge⸗ genſatz mit der beſchraͤnkten Stille, Einſam⸗ keit und Verborgenheit des kleinen Thals, von dem ſie ſich nur wenige Schritte entfernt hatte. Die fruchtbare Palmenebene von Elche, das Meer, die Hoͤhen von Orihuela lagen ploͤtz⸗ lich vor ihr. Zunaͤchſt aber zu ihren Fuͤßen oͤffnete ſich nach der Ebene zu das felſige Thal, in welches der ſogenannte Puerto de la Cochera auslaͤuft, ein Paß, durch den ein Fahrweg, uͤber dieſe rauhen Gebirge aus der Ebene von Murcia nach dem Stromthal des Monteſa und Jucar, und ſo nach der Huerta von Valencia fuͤhrt. Die Straße, ſo weit ſie zu uͤberſehen war, ging aus dem weiter hinten und hoͤher im Gebirge ſich ver⸗ lierenden rauhern Theil des Puerto hervor, dann durch das erweiterte Thal und endlich 2 36½ Skizzen aus Spanien. in einigen Windungen auf den letzten Stu⸗ fen des Gebirges in die Ebene hinab— anfangs zwiſchen kahlen Felstruͤmmern und pyramidaliſchen Lehmhuͤgeln, aus denen nur hier und da eine Stacheleiche oder eine Algar⸗ robe mit dunkelgruͤnem, lederartigem Laube ſich erhebt— dann zwiſchen dichtem Gebuͤſch von Ginſter, Lorbeer, Myrthen, Rosmarin, Zarza und anderm, zum Theil durch Bluͤthen und Duft ausgezeichnetem Geſtraͤuche— dann zwiſchen Pflanzungen von Oliven und endlich zwiſchen der immer dichtern und uͤppigern Vegetation der Ebene verſchwindend und nur hier und da wieder aus dem ſaftigen Gruͤn hervorſchimmernd. In dieſem Augenblick war es aber nicht der Anblick dieſer Gegend, der beſonders die Aufmerkſamkeit der Beſchauer feſſelte, ſondern vielmehr das laute, unge⸗ woͤhnliche Leben und Treiben, das ſich darin erhoben hatte. Von der Ebene her bewegte ſich ein Zug von etwa einem Dutzend Karren und Wa⸗ gen, oder ſogenannten Galeeren, langſam an dem Abhang des Gebirges herauf, weit hin bemerklich durch die weißen leinenen Tuͤcher, Skizzen aus Spanien. 36⁵ womit ſie bedeckt ſind. Da die Galeeren mit ſechs, die Karren mit drei bis vier Maul⸗ thieren und zwar nicht neben, ſondern hinter einander in langen Reihen beſpannt waren, ſo nahm der Zug wohl eine Strecke von ei⸗ ner halben Viertelſtunde ein, und waͤhrend die vordern Fuhrwerke ſchon in dem lichten Olivengehoͤlz ſich bewegten, zeigten ſich die hintern nur erſt hier und da zwiſchen dem dichten Gruͤn der Ebene. Dieſer Zug war offenbar der Mittelpunct einer hier und da zerſtreulen, hin und her wogenden, im Gan⸗ zen aber doch ſeiner langſamen Bewegung folgenden Menſchenmenge, welche den Abhang des Gebirges mit mannigfachem Getoͤſe er⸗ füͤllte. Außer den eigentlichen Fuhrleuten, deren einige bei jedem Fuhrwerk mit lautem Antreiben der Thiere ſich bemerklich machten, gehoͤrten zu dieſem Zuge gegen funfzig Be⸗ waffnete, die in der Entfernung von etwa einem Flintenſchuß theils vor, theils zu bei⸗ den Seiten der Fuhrwerke in kleinen Abthei⸗ lungen von vieren bis ſechſen ſich herumtrie⸗ ben, und deren bunte Kopftuͤcher, Jacken und weiße Zaraguͤelles bald da, bald dort Skizzen aus Spanten. zwiſchen Gebuͤſch, Baͤumen und Felſen her⸗ vortauchten, indem ſie bald hinter ſolchen Gegenſtaͤnden niederduckten, Feuer gaben, wieder luden, um dann in ſchnellem Lauf bald vorwaͤrts, bald ruͤckwaͤrts oder ſeitwaͤrts ſich auf aͤhnliche Weiſe wieder zu ſichern und zu decken. Die Stellungen des Feindes, mit dem ſie es offenbar zu thun hatten, war auf den erſten Blick nur an dem Pulverdampf bemerklich, der in einem groͤßern Halbkreis bald da, bald dort ſchnell hinter einander hinter Felſen, Baumſtaͤmmen und Gebuͤſch emporſtieg. Nachdem das Auge ſich aber ge⸗ woͤhnt hatte, in dem Gewirre die einzelnen Gegenſtaͤnde zu unterſcheiden und feſtzuhal⸗ ten, entdeckte es hier und da die Geſtalten der Schuͤtzen, deren braͤunliche Kleidung und Monteras(Muͤtzen) kaum von dem Erdreich und den Felſen zu unterſcheiden waren, wenn ſie, den Bewegungen der Gegner folgend oder noch oͤfters ſie veranlaſſend, eilig und gebuͤckt hin und her rannten von einer vortheilhaften Stellung zur andern. Neben dem Knallen der Feuergewehre gaben ſich auch die feindſe⸗ ligen Abſichten der beiden Parteien in man⸗ Skizzen aus Spanien. 367 cherlei verworrnem Geſchrei kund, was bald da, bald dort, von einzelnen Stimmen oder mehren zugleich, als Drohung, Schimpf und Spott, Gelaͤchter oder Fluchen laut ward. Alles jedoch in der Entfernung, von der aus Mercedes das Treiben beobachtete, in ein ver⸗ worrenes, mißtoͤnendes Getoͤſe verſchmelzend; doch zeigte ſich in der Folge, daß auch hier, wie meiſtens bei aͤhnlichen Gelegenheiten der Fall iſt, der Laͤrm groͤßer war als der Scha⸗ den. Immerhin aber war das Schauſpiel belebt und anziehend und intereſſant genug, um auf ein zahlreiches Publikum Anſpruch machen zu koͤnnen, und es ſammelten ſich auch bald aus den weit umher am Fuß des Gebirges zerſtreuten Huͤtten und von den naͤher liegenden Pflanzungen, Feldern und Schaftriften Landleute und Hirten hier und da an bequemen Stellen außer Schußweite, in einzelnen, allmaͤlig zunehmenden Haͤuflein. Auch zu Mercedes und ihrem Begleiter ge⸗ ſellte ſich ein alter Hirt, der in der Naͤhe ſeine Schafe gehuͤtet hatte, aber der Neu⸗ gierde nicht widerſtehen konnte. »ine ſolche Hetze moͤcht' ich nicht verſaͤu⸗ 368 Skizzen aus Spanien. men— ſprach er nach den erſten Begruͤßun⸗ gen— und wenn ich mein beſtes Schaf druͤ⸗ ber verlieren ſollte. Der Tio Fenoll hat heute Alles dran geſetzt, und es wird ſich nun zei⸗ gen, ob der Barbudo Meiſte im Gebirge bleibt oder nicht.»Was meint ihr damit, Bruder, und wer iſt dieſer Tio Fenoll, von dem ihr redet?« fragte der Cura, der ſich bemühte, um ſeinen eignen Gedanken und Serupeln zu entgehen, ſich ſo gut wie moͤg⸗ lich in die außerordentlichen Verhaͤltniſſe zu finden, in die ſeine Gutmuͤthigkeit ihn ge⸗ riſſen halte.»Ihr ſeid ohne Zweifel fremd und ſehr weit von hier zu Hauſe, Bruder Pilger— ankworteke der Hirt mit merklicher Verwunderung⸗— daß ihr nicht wißt, was auf dreißig Leguas in der Runde jedes Kind weiß. Der Tio Fenoll iſt der reichſte von allen Fuhrleuten, deren Schiff und Geſchirr je zwiſchen Murcia, Granada, Valencia und Madrid ge⸗ gangen iſt. Er hat wohl funfzig Maulthiere im Stall und ein Duͤtzend Karren oder Galeeren unterwegs.= Seht, dort koͤnnt ihr ihn ſel⸗ ber ſehen; der Lange auf der kleinen Stute, der jetzt eben nach den hinterſten Karren zu⸗ Skizzen aus Spanien. 369 ruͤckſprengt und ſie antreibt.— Bei der Seele meiner Großmutter, die in der Wahr⸗ heit iſt und wir ſind in der Luͤge!— der Alte iſt eine harte Nuß fuͤr den Barbudo— wenn er die knackt und ſich keine Zaͤhne dran ausbricht, ſo kann er ſich den Koͤnig des Gebirges nennen; ſo gut wie Elio der Koͤnig von Valencia heißt. Aber— was ich ſagen wollte— nun ja: ſeit zwey Jah⸗ ren hat Fenoll das Geſchaͤft uͤbernommen— ſeit ſein Vater geſtorben iſt— der rechte alte Fenoll— Don Vicente Fenoll— von dem habt ihr doch gehoͤrt, Bruder Pilger?— Neunzig Jahr war er alt, als er ſtarb— und ein ſolches Leichenbegaͤngniß habt ihr in eurem Leben nicht geſehen, und wenn ihr den Koͤnig in Preußen habt begraben ſehen, oder den Prie⸗ ſter Johann. Der reichſte Mann in Elche an Vieh und Fuhrwerk und Land und Haͤuſern— ein wahrer Fugger!— Ein ſtattlicher und friedlicher Herr— mit ſchneeweißen Haaren, wie ein Apoſtel— und in ſeinen alten Tagen kein Freund von Laͤrm und Raufereien— ſeht ihr. Alſo der hatte es gemacht, wie alle andern Fuhrleute und Harrieros, die regel⸗ II. 24 370 Skizzen aus Spanien. maͤßig auf dieſen Straßen ziehen, und hatte ſich mit dem Barbudo vertragen, wie ein guter Chriſt. Die Einen ſagten dreißig Un⸗ zen jaͤhrlich— in Bauſch und Bogen— die Andern ſagten ſo und ſo viel Procent fuͤr je⸗ de Reiſe. Genug, ſein Fuhrwerk zog hin und her, und wehe dem, der auch nur ein Haar aus dem Schwanz des ſchlechteſten Maulthiers geriſſen haͤtte— der hatte es mit dem Barbudo zu thun. Das ging gut, ſo lang es waͤhrte und der Alte lebte; aber als der ſtarb, hatte der Teufel, der nimmer ruht, ſein Spiel— und der liebe Gott laͤßt es zu um unſrer Suͤnden Willen. Kurz, der junge Fenoll— jung ſag' ich, weil es nicht der alte iſt und nicht der aͤltere Bru⸗ der, der die Haͤuſer und Grundſtuͤcke uͤber⸗ nommen hat; dieſer aber das Geſchaͤft— und freilich jung ſind ſie beide nicht geblie⸗ ben, waͤhrend der Vater neunzig Jahr alt wurde— drum heißt dieſer eben auch der Tio Fenoll und von dem andern iſt nicht viel die Rede.— Aber ſeht— ſeht— bei unſrer lieben Frauen vom Meer!— Der Barbudo zieht den Kuͤrzern.— Seht, wie Skizzen aus Spanien. 371 die Herrn laufen.« Wirklich ſah man in dieſem Augenblick die Leute des Naͤuberhaͤupt⸗ lings wie auf ein gegebenes Zeichen ihre Stellungen verlaſſen, und eine bedeutende Strecke zuruͤck und den Abhang des Gebirges hinaufrennen, dann ploͤtzlich wieder hinter Gebuͤſch und Felſen verſchwinden. Ihre Geg⸗ ner folgten ihnen, zwar vorſichtig, aber mit lauterem Geſchrei und Gelaͤchter, und die Fuhrwerke fuhren raſcher vorwaͤrts. Als die außerordentliche Bewegung voruͤber war, wel⸗ che den Bericht des redſeligen Alten unter⸗ brochen hatte, fuhr er, ohne eine Aufforde⸗ rung abzuwarten, fort:»Alſo, wie ich ge⸗ ſagt habe, Bruder Pilger— und ihr koͤnnt es wieder erzaͤhlen, wenn ihr nach Hauſe kommt— dieſer Tio Fenoll, den ihr dort ſeht, wie er treibt und hin und herreitet— wollte auf einer andern Pfeife blaſen, als auf der ſein Vater geblaſen hatte— und ein zaͤher Geſell war er von jeher, und was er ſonſt noch dabei hatte, weiß er am beſten. Genug, er ſagte dem Barbudo den Handel auf— mir nichts, dir nichts— und ſchwur, er wolle keinem Menſchen ein gutes Wort 24* 372 Skizzen aus Spanien. drum geben, um auf des Koͤnigs Heerſtraße zu gehn und zu kommen— geſchweige denn ſeine guten goldenen Unzen und harten Pia⸗ ſter. Ob ihm aber die Escopeteros, die er zu Dutzenden bezahlt fuͤr jede Reiſe, und die Knechte, die er uͤberall halten muß— und die Waare, die er da und dort verloren hat, und das Vieh, das drauf geht— und die Reiſen, die er aufgeben muß— ob ihm die, ſag ich, nicht mehr koſten, als was der Alte dem Barbudo gezahlt hat— des Aer⸗ gers und der Sorge und Gefahr nicht zu ge⸗ denken— das moͤgt ihr euch ſelber ausrech⸗ nen. Uns armen Leuten kann's einerlei ſein — und vielen koͤmmt es noch zu gut, hat doch mein eigner Bruder manchen harten Piaſter verdient als Escopetero— aber ein Aergerniß iſt es doch, daß zwei ſolche Herrn ſich nicht vertragen koͤnnen wie gute Chriſten. Und die Leute ſagen, der Koͤnig aus Madrid wolle ſelber kommen und dem Spectakel ein Ende machen. Und ich kann's nicht anders ſagen und kein Menſch kann's mit gutem Gewiſſen anders bezeugen, als daß Jaime Alfonſo ſich wie ein ganzer Caballero gehalten Skizzen aus Spanien. 373 hat— wie er's dann iſt, ſo gut wie irgend einer, vom Koͤnig abwaͤrts— und hat es im Guten verſucht und die billigſten Bedin⸗ gungen geſtellt— und durch die Finger ge⸗ ſehen— und frei Geleit angeboten zu jeder Zeit; aber bei dem Tio Fenoll war Alles vergebens— er hat ſeinen Kopf, und damit will er durch die Wand als ein rechter Ava⸗ goneſe, der er iſt— denn die Fenoll ſind aus Barbaſtro gebuͤrtig, und dieſer hier war mit in Zaragoza und weiß, wie Pulver riecht. Seit ein Paar Tagen aber hat es ſich ſo ſchwarz zuſammengezogen, daß jedes Kind ſich denken konnte, es werde ein rechtes San Quintin geben. Der Barbudo hat alle ſeine Leute von allen Straßen weg und hierher beordert— und im Thurm von Carus ging es her wie im Taubenſchlag, und vier fette Haͤmmel haben mir die Woͤlfe gefreſſen— ihr verſteht mich!— Und Fenoll hat alle Escopeteros aufgeboten und doppelten Lohn verſprochen, wenn ſie Ernſt machen wollen — und ſeine Vettern und Vettersvettern aus der ganzen Huerta von Elche— und junge Burſche genug— die ſchoͤne Rita Fenoll wird 374 Skizzen aus Spanien. wohl wiſſen, nach welchem Vogel die ſchießen; und bei meiner Seele!— ich glaube, wenn ich armer Teufel dem Vater den Bart des Jaime Alfonſo in der Hand braͤchte, er gaͤbe mir das Maͤdchen zur Frau. Das reichſte Maͤdchen weit und breit— und ein Engel oben drein — im einen Auge die Sonne und im andern den Mond.— Nun— was ich ſage— der Barbudo hat dem Alten ſagen laſſen, wenn er diesmal mit Gewalt uͤber den Puerto de la Cochera komme, ſo ſoll er kuͤnftig uͤberall frank und frei durchkommen— und er, der Barbudo, wolle in ein Kloſter gehen oder ein Mohr werden.— Und meiner Treu, ich denke, wir koͤnnen uns bald auf die Ein⸗ kleidung zuruͤſten— den Bart zum Kapuzi⸗ ner hat er ſchon— und ſeht— ſeht nur, die erſten Karren ſind ſchon im Puerto und es geht munter vorwaͤrts.«— Wirklich ſchien es, als wenn der Bar⸗ budo die Parthie verloren gebe. Von ſeinen Leuten war nichts mehr zu ſehen, ſchon ſeit mehren Minuten hatte das Feuer ganz auf⸗ gehoͤrt und die Fuhrwerke zogen unter lau⸗ tem Jubel der Treiber und der Bedeckung Skizzen aus Spanien. 375 in raſchem Trabe auf einer weniger ſteilen Strecke der Straße in den eigentlichen Paß hinein. Mercedes hatte bis dahin mit der ge⸗ ſpannteſten Aufmerkſamkeit Alles, was vor⸗ ging, beobachtet, ohne dem Anſchein nach uͤber den gegenwaͤrtigen Augenblick hinaus zu denken, und wirklich war ihre ganze Stimmung, ihr Denken und Fuͤhlen ſeit Monaten ſo abenteuerlich und gewaltſam, daß ſie wahrſcheinlich an all' dieſem Treiben, worin fie als Maͤdchen ſo wenig an ihrer Stelle war, nichts Befremdliches oder Unge⸗ hoͤriges fand. Nun aber regte ſich doch bei ihr die Beſorgniß, daß der Ausgang des Abenteuers, von dem ſie hier Zeuge war, ein Hinderniß fuͤr das Gelingen ihrer eige⸗ nen Unternehmung werden koͤnnte, deren Ziel und Gegenſtand fortwaͤhrend ihre ganze Seele ſo ſehr beſchaͤftigte, daß eben daraus jene außerordentliche Stimmung entſprang, die ſie gegen Alles, was um ſie her vorging, ſo ſeltſam und zum Theil unheimlich und be⸗ drohlich es auch ſein mochte, mit uͤberlegner Faſſung waffnete. 376 Skizzen aus Spanien. Sie ſah ſich aͤngſtlich nach dem Manne um, auf deſſen Huͤlfe ſie ihre ganze Hoff⸗ nung geſetzt hatte; aber der Barbudo war nirgends zu ſehen. Auf eine Aeußerung, die ſie deshalb an den guten Don Geronimo richtete, dem bei all' dieſem Treiben keines⸗ weges wohl zu Muthe war, ſo daß er heim⸗ lich ſein zu leicht bewegliches Mitleiden ver⸗ wünſchte, erwiederte der alte Hirt ſtatt des Geiſtlichen, der, um eine Antwort verlegen, ihm alle Zeit dazu ließ:»Ihr ſeht euch nach dem Barbudo um, Sehnorita Romera(Pil⸗ gerin)— und wahrhaftig ich ſeh ihn auch nirgends; er wird wohl ſchon den Weg von Villadiego eingeſchlagen haben*)— aber auf jeden Fall braucht ihr keine Sorge zu haben, und wenn ihr dicht unter ſeinem Bart vor⸗ bei muͤßt oder mitten durch ſeine Geſellen. Nicht ein Haar an eurem Kopf wuͤrde er euch anruͤhren— und ich wollte es keinem Andern rathen, es zu verſuchen. Er wuͤrde ſchoͤn ankommen. Oder, was meint ihr? Glaubt ihr, der Barbudo ſei ein Jude oder *) davon laufen. Skizzen aus Spanien. 377 Mohr?— da kennt ihr ihn ſchlecht. Ein guter alter Chriſt— Meſſe, Beichte, Faſten, Alles, wie Gott befiehlt— eine gar beſon⸗ dre Devotion hat er aber fuͤr unſre liebe Frau vom Meer; und noch dies Jahr hat eer ein Paar neue Leuchter zu ihrem Altar geſtiftet— wenn ſie nicht von Gold ſind, ſo glaͤnzen ſie doch wie Gold.— Nein, nein — was er auch ſonſt auf der Seele haben mag— und es iſt freilich ſo eine Sache mit dem Geſchaͤft, das er treibt— aber Nie⸗ mand kann ihm nachſagen, daß er je einem Pilger ein Haar gekruͤmmt hat. Und ſo koͤnnt ihr frei und getroſt— aber ſeht dort Lunterbrach der Alte ploͤtzlich ſein Geſchwaͤtz) — ſeht dort— da ruͤckt ein andrer Mohr in's Feld— oder, bei der Seele meiner Großmutter!— es iſt der Barbudo ſelbſt und jetzt moͤcht ich nicht um Vieles in des alten Fenoll Haut ſtecken.«— Mercedes ſcharfes Auge erkannte bald in der Richtung, die der Hirt andeutete, ihren Bruder, der an der Spitze einiger ſeiner Leute aus einer mit Buſchwerk bedeckten Vertiefung hinter dem Zuge der Fuhrwerke 378 Skizzen aus Spanien. hervorbrach und uͤber die letzte Galeere her⸗ fiel, waͤhrend zu gleicher Zeit die Spitze des Zuges an einer engern und ſteilern Stelle des Paſſes durch ein heftiges Gewehrfeuer, das von allen Seiten zugleich und ploͤtzlich begann, aufgehalten und bedroht wurde. Der Fuͤhrer des Zuges, der auf ſeinem kleinen Pferde ſich eben vorne befand, ſchien offen⸗ bar anfangs keine Ahnung davon zu haben, daß die groͤßte Gefahr von der andern Seite drohte. Er ſuchte die Schuͤtzen, die er um ſich hatte, zu einem Verſuch zu bewegen, die Raͤuber aus ihren Stellungen zu vertreiben; und ſtieg ſelber vom Pferde und drang ſeit⸗ waͤrts von der Straße den ſteilen, felſigen Abhang hinan, von einigen jungen Burſchen begleitet. Geſchrei und Schuͤſſe vom andern Ende des Zuges zogen aber bald ſeine Auf⸗ merkſamkeit dorthin, und er rannte ſogleich in der geradeſten Richtung, uͤber Stock und Stein und mit ſolcher Eile dorthin, daß kei⸗ ner ſeiner Begleiter ihm folgen konnte. Es war die hoͤchſte Zeit, wo nicht zu ſpaͤt. Zwar hatte ſich ein Theil der zahlreichen Bedeckung um die letzte Galeere verſammelt, um ſie Skizzen aus Spanien. 379 gegen den unerwarteten Angriff zu vertheidi⸗ gen; aber nachdem einige Schuͤſſe von beiden Seiten gefallen waren, ſtuͤrzte ſich der Bar⸗ budo mit ſolcher Entſchloſſenheit mitten unter die Vertheidiger, daß dieſe, einen Kampf Mann gegen Mann mit einem ſo gewaltigen, gefuͤrchteten Gegner ſcheuend, auseinander⸗ ſtaͤubten und hinter Felſen und Geſtraͤuch ſich bargen. Aus der bedeckten Galeere erſcholl nun lautes Jammergeſchrei weiblicher Stim⸗ men; der baͤrtige Raͤuber wollte eben auf das Vordergeſtell ſpringen, um ſich zu uͤber⸗ zeugen, daß er die Beute, auf die er gerech⸗ net, nicht verfehlt habe, und ſeine Leute ſchickten ſich an, ſich der Galeere zu bemaͤch⸗ tigen, ſie abzuladen und die Maulthiere zum Stehen zu bringen, welche von ihren Trei⸗ bern im Stich gelaſſen, ſcheu hin und her⸗ ſprangen. In dieſem Augenblicke ſtuͤrzte Fe⸗ noll athemlos herbei, ſchlug den einen Raͤu⸗ ber, der eben die Straͤnge durchſchneiden wollte, da die Maulthiere auf keine Weiſe zu beruhigen waren, mit dem Flintenkolben nieder, ſchwang ſich auf das vordere Thier, wandte die Galeere, trotz der Enge des Rau⸗ 1 380 Skizzen aus Spanien. mes, um, und trieb nun das ganze Geſpann im raſendſten Laufe, den ſteilen, ſteinigen Abhang hinab, daß Mercedes und Jedem, der es mit anſah, Hoͤren und Sehen verging, und das Fuhrwerk jeden Augenblick in tauſend Truͤmmern zerſplittern zu muͤſſen ſchien. Der Mann hatte ein verzweifeltes Mittel gewaͤhlt, um das Theuerſte zu retten, was er beſaß, indem er es auf dieſe Weiſe der Uebermacht zu entfuͤhren ſuchte, gegen die er es nicht vertheidigen konnte. Aber ſein raſcher, kuͤh⸗ ner Entſchluß half ihm zu nichts, denn er fuͤhrte ſeinen furchtbarſten Gegner mit hin⸗ weg. Jaime Alfonſo hatte in dem Augen⸗ blick, als die Galeere anfing in ſo raſendem Fluge dahinzuraſſeln, nur Zeit gehabt, vol⸗ lends auf den vordern Sitz hinaufzuſpringen, ſonſt waͤre er niedergeworfen und von den Raͤdern zerſchmettert worden. Nun ſaß er aber dort, als gehoͤrte er dahin und waͤre gar ſelber der Mayoral. Doch war feine Lage keinesweges ohne Gefahr, denn erſtlich hatte er anfangs die groͤßte Muͤhe, ſich bei den gewaltſamen Spruͤngen und Hin⸗ und Her⸗ fliegen des Fuhrwerks auf ſeinem Sitze feſt⸗ Skizzen aus Spanien. 384 zuhalten, und dann ſah er ſich, wenn es auf dieſe Weiſe fortging, in wenig Minuten ohne Rettung verloren und in den Haͤnden der Menſchen, die von allen Seiten herbei⸗ eilten, um den Ausgang dieſer ſeltſamen Ent⸗ fuͤhrung mit anzuſehen, und huͤlfreiche Hand bei einem ſo wichtigen Fange zu leiſten. Sein Gewehr hatte der Barbudo hingeworfen, als er auf den Wagen ſprang, aber in dem Au⸗ genblick, da Mercedes ihn ſchon verloren gab, da die tolle Farth ſchon mit weniger Gefahr des Umwerfens oder Zertruͤmmerns und nur um ſo ſchneller auf ebenerem Wege forkging, und da einige der Herbeieilenden den auf eine freilich faſt laͤcherliche Weiſe Entfuͤhrten mit Spott und Schimpf bewillkommten, benutzte dieſer eben den Umſtand, daß er nicht mehr beide Haͤnde gebrauchte, um ſich feſtzuhalten, zog eine Piſtole aus dem Guͤrtel und feuerte ſie auf den Fuhrmann ab, der ihn gegen ſeinen Willen ſo trefflich bediente. Er verfehlte zwar Fenoll ſelbſt, das ſchwer getroffene Maulthier aber baͤumte ſich hoch auf, uͤberſchlug ſich und begrub ſeinen Reiter unter ſeiner Laſt, uͤber die ſich alsbald die nachfolgenden Ge⸗ 382 Skizzen aus Spanien. ſpanne hinwaͤlzten, in die Straͤnge verwi⸗ ckelt und wild um ſich hauend. Die Galeere wurde von dem verworrnen Haufen ploͤtzlich aufgehalten und zwar durch einen gluͤcklichen Zufall ohne umzuwerfen; die zur Huͤlfe Herbeieilenden aber wurden durch dieſes un⸗ erwartete Zwiſchenſpiel ſtutzig gemacht, um ſo mehr, da ſie von der andern Seite einige von des Barbudo Leuten ihrem Herrn zu Huͤlfe kommen ſahen. Ehe ſie ſich aber noch entſchloſſen oder ſelbſt Huͤlfe derer abwarten konnten, die hinter ihnen mit Geſchrei und Drohungen herankamen, hatte der Barbudo aus der Galeere ein Weib geriſſen, warf ſie auf ſeine Schulter, rief ſeinem Gegner noch einmal zu:»Freies Geleit, bei meinem Bart, Fenoll!« und war in wenig Secunden mit erſtaunlicher Kraft und Gewandheit einen dem Anſchein nach zugaͤnglichen Felſenabhang mit ſeiner Laſt hinangeklettert und gleich darauf mitten unter den Seinigen auf dem eigent⸗ lichen Wahlplatz, dem er ſo unerwarteter Weiſe entfuͤhrt worden war. Hier herrſchte die entſetzlichſte Verwirrung. Nach Fenoll's Entfernung hatte ſich die ganze Bedeckung, Skizzen aus Spanien. 383 Vettern und Freier, Escopeteros und Fuhr⸗ leute nach allen Richtungen auf dem Abhang des Gebirges zerſtreut, ohne weiter verfolgt zu werden, da die Raͤuber an Nichts dach⸗ ten, als ſich der Beute zu bemaͤchtigen, de— ren Werth ſie nach der Anſtrengung anſchlu⸗ gen, mit der ſie vertheidigt worden war. In unglaublich geringer Zeit— ſo groß war die Uebung dieſer Herrn in ihrem Handwerk — hatten ſie das Zugvieh abgeſpannt, die Galeeren und Karren abgeladen, und von den Ballen und Kiſten und Saͤcken, mit de⸗ nen ſie befrachtet waren, diejenigen, deren Inhalt(der an mancherlei Kennzeichen leicht zu errathen war) am meiſten Werth hatte und die am leichteſten fortzuſchaffen waren, ausgeſucht und den ledigen Maulthieren auf⸗ gepackt, und dieſe wurden, ſo wie ſie ihre Ladung hatten, nach verſchiedenen Seiten in aller Eile fort und in's Gebirge hinein⸗ getrieben. Noch war indeſſen die Operation nicht ganz vollendet, als der Barbudo mit ſeinem Raube erſchien und auf ſeinen Befehl mußte Alles, was noch nicht fortgeſchafft war, im Stiche gelaſſen werden, und in wenig 4 Skizzen aus Spanien. Augenblicken war der ganze Schwarm hinter den naͤchſten Gipfeln und in den Schluchten verſchwunden. Die fluͤchtigen Vertheidiger dieſer verungluͤckten Caravane, deren Schick⸗ ſal in den Annalen, das heißt dem Munde der Bewohner jener Gegenden, ewig aufbe⸗ wahrt werden wird, hatten ſich indeſſen zum Theil wieder um ihren Fuͤhrer geſammelt, der von ſeinem Sturze betaͤubt unter den Maulthieren hervorgezogen worden war und nicht ohne Muͤhe zur Beſinnung gebracht werden konnte. Sogleich fragte er mit ent⸗ ſetzlicher Angſt nach ſeiner Tochter und als er deren weibliche Begleiterinn ohne ſie un⸗ ter den Umſtehenden erblickte, brach er in herzzerreißende Klagen und furchtbare Ver⸗ wuͤnſchungen aus und ſtieß jeden Troſt, jede Huͤlfe zuruͤck. Bald faßte er ſich indeſſen mit einer gewaltſamen Anſtrengung ſeines Willens und ſchien einen beſonnen beſtimm⸗ ten Entſchluß gefaßt zu haben. Er gab ei⸗ nige Befehle fuͤr die Heimſchaffung der Ue⸗ berreſte ſeiner Fracht und einige andre haͤus⸗ liche Angelegenheiten, ſetzte ſich auf ſeine klei⸗ ne Stute, die indeſſen von ſelbſt ſich einge⸗ Skizzen aus Spanien. 385 funden hatte, und trabte, ohne Jemanden zu geſtatten, ihn zu begleiten, und ohne ein Wort uͤber ſein Vorhaben zu aͤußern, davon, auf einem Wege, der am Rande des Gebir⸗ ges hin fuͤhrt. Seine Leute packten was noch von durcheinander geworfenen Kiſten und Saͤcken auf der Straße herumlag, nebſt den wenigen ſchwerer Verwundeten und ei⸗ nem Todten, die ſie zwiſchen Gebuͤſch und Felſen auflaſen, in einige der Karren, es wurde von den naͤchſten Hoͤfen Zugvieh ge⸗ holt und vorgeſpannt, die leeren Fuhrwerke hinten angehaͤngt, und ſo begab ſich der ſehr erleichterte und gelichtete Zug langſam und traurig auf dem Wege zuruͤck, den er noch vor kaum einer Stunde— denn laͤnger hatte der ganze Vorfall nicht gedauert— in ganz anderer Verfaſſung herangezogen war. Auch die Neugierigen oder Huͤlfebringenden, deren Zahl immer zugenommen hatte, verliefen ſich wieder, und bald hatte die ganze Gegend wieder ihr gewoͤhnliches Anſehen. Sollte es aber dem geneigten Leſer ſchwer fallen, ſich zu uͤberzeugen, daß im Jahr des Herrn 18. in einem chriſtlichen Lande, in gerin⸗ II. 25 386 Skizzen aus Spanien. ger Entfernung von mehren volkreichen Staͤd⸗ ten und einer Feſtung, dergleichen Laͤrm und Scandal habe vorfallen koͤnnen, ohne daß ſich die Obrigkeit oder ſonſt Jemand darein⸗ gelegt, ſo koͤnnten wir ihm in der That ſol⸗ che Zweifel— obgleich die Gewiſſenhaftigkeit, deren wir uns bei dem Berichte dieſes und aller andern Vorfaͤlle, welche in dieſer wahr⸗ haften Geſchichte vorkommen, befleißigen, ei⸗ ne beſſere Anerkennung verdiente— nicht eben verargen, ſondern verweiſen ihn des⸗ falls an unſern eigenen Gewaͤhrsmann, den mehrbenannten reichen Fuhrmann Fenoll aus Elche, der uns die weſentlichen Umſtaͤnde dieſer ſeiner großen Niederlage an Ort und Stelle ſelbſt mitgetheilt hat. Mehr kann uns ſicher billiger Weiſe Niemand zumuthen.— Mercedes hatte mit der Sorge und Freu⸗ de, die ſich denken laͤßt, die Gefahr und Rettung ihres Bruders von ihrer Hoͤhe her⸗ ab mit angeſehen, als er aber den Befehl zum Aufbruch gab, folgte ſie gerne den drin⸗ genden Vorſtellungen ihres Begleiters, und dem Zurufe ihres beſtochenen Waͤchters, der die ganze Zeit uͤber mit dem Weinſchlauch, Skizzen aus Spanien. 387 dem Preiſe ſeiner Pflichtvernachlaͤſſigung voll⸗ auf und angenehm beſchaͤftigt geweſen, zu folgen und ihren Bruder an dem Orte zu erwarten, den er ihr angewieſen. Kaum waren ſie wieder bey der Quelle und dem Gepaͤck in der verborgenen Schlucht angekommen, als auch der Barbudo erſchien, immer noch ſeine lebendige Beute auf der Schulter tragend. Dieſe war indeſſen kei⸗ nesweges mehr ohnmaͤchtig, ſondern erfuͤllte weithin die Luft mit Jammergeſchrei und ſtrebte mit Haͤnd und Fuͤßen, ſich ihrem Ent⸗ fuͤhrer zu entwinden. Als er ſie endlich, bei den Seinigen angelangt, auf die Erde nie⸗ derließ, wurde ſie etwas ſtiller und ſah ſich verſtoͤrt ringsum. Als ſie aber Mercedes und den Geiſtlichen erblickte, loͤſte ſich ihre ohn⸗ maͤchtige, verzweiflungsvolle Wuth in mil⸗ dern Schmerz und Gefuͤhl ihrer Huͤlfloſigkeit, verbunden mit dem dunkeln Gefuͤhl, daß ſie bei dieſen Beiden Schutz und Mitleiden fin⸗ den muͤſſe. Sie ſtuͤrzte laut weinend und um Mitleid flehend Mercedes zu Fuͤßen, die deſſen gar nicht einmal bedurfte, um ihr, ſo gut ſie es nur konnte und vermochte, Troſt 25* 388 Skizzen aus Spanien. und Beruhigung zuzuſprechen; denn außer ihrem Ungluͤck und ihrer Angſt mußte die Schoͤnheit und Jugend des beinah noch kin⸗ diſchen Maͤdchens die Theilnahme eines Je⸗ den in Anſpruch nehmen, der uͤberall eines menſchlichen Gefuͤhls ſaͤhig war. Selbſt der Urheber ihres Jammers ſchien es nicht ſo gar ſchlimm mit ihr im Sinne zu haben. Er ſah halb mitleidig, halb ungeduldig dem Auf⸗ tritt zwiſchen den beiden Maͤdchen zu, indem er ſeinen ſtattlichen Bart zurecht ſtrich, den die Kleine ihm in ihrer Angſt arg zerzauſt hatte, und ſagte, noch keuchend von der Anſtrengung der letzten Augenblicke:»Recht ſo, Mercedi⸗ tas, troͤſte die alberne Dirne— ſag ihr, daß ich ſie nicht freſſen, und nicht einmal kuͤſſen will, ſo lange ich meinen Bart trage, und da hat ſie lange Zeit, wenn ſie mir ihn nicht ſelbſt ausrupft, die kleine Hexe. Tron del Aire! Das iſt ſchon ſo eigenſinnnig wie der Alte— aber jetzt iſt keine Zeit zum Schwatzen und zum Jammern. Kommt, kommt, Sehorita, ſetzt euch gutwillig dort auf das Maulthier— der Sattel iſt ſo be⸗ quem und reich wie der Lehnſtuhl des Pab⸗ Skizzen aus Spanien. 389 ſtes— gutwillig und ſtill ſag ich— ſonſt ſteck ich dich in einen Sack wie eine junge Katze und ſchleppe dich auf dem Ruͤcken fort, ſchnurſtracks nach dem Keſſel des Pero Bo⸗ tero*), meines lieben Vetters.«—»Ach Jeſus, Maria und Joſeph!— mein armer Vater!— was wird der ſagen! was iſt aus ihm geworden! gewiß iſt er todt! ach heilige Mutter Gottes! ach um Gottes willen— Seüor Ladron.«—»Hab ich dir nicht ge⸗ ſagt, daß du deinen Vater heut oder mor⸗ gen wiederſehen wirſt?— Mach mich nicht unwirrſch, Maͤdchen, ſonſt geht's dir ſchlim— mer, als mir lieb iſt«— unterbrach ſie der Barbudo ungeduldig, wandte ſich aber ſo⸗ gleich wieder ruhiger an Mercedes und den Geiſtlichen und ſagte:»Macht doch, daß das Kind Vernunft annimmt und ruhig mitgeht — es ſollte mir leid thun, wenn ich ſie hart anfaſſen muͤßte; und doch haben wir keinen Augenblick zu verlieren. Der alte Fenoll *) Pero Botero iſt Niemand anders, als der Gott ſei bei uns, aber die größten Sprachforſcher ſtreiten noch um den Urſprung und die eigentliche Bedeutung dieſes Namens. 390 Skizzen aus Spanien. wird nicht auf ſich warten laſſen— und wer weiß, ob wir ihn nicht ſchon dort finden, wo wir hinmuͤſſen.«“— Wirklich gelang es Mercedes und dem Cura, die arme Kleine etwas zu beruhigen, und nach einigen Minuten zogen Alle ſchnell und ſchweigend durch das Gebirge hin: Mer⸗ cedes und Rita Fenoll auf einem Maulthier, worauf ein Sitz, ſo bequem und weich man es nur verlangen konnte, zurecht gemacht war— der Cura auf einem andern— eini⸗ ges Gepaͤck und Lebensmittel auf einem drit⸗ ten. Der Barbudo folgte nachdenklich mit ruͤſtigen Schritten dem Zuge, ſeinem Diener die Sorge der Leitung und Ermunterung der Thiere uͤberlaſſend, der auch den groͤßtmoͤgli⸗ chen Eifer zeigte; hocherfreut, daß der Herr, als er zur Staͤrkung einen Trunk Wein ver⸗ langte, entweder ſo ſehr in ſeine Gedanken vertieft, oder ſo durſtig war, daß er den klaͤglichen Zuſtand ſeiner Bota gar nicht be⸗ merkte.— So ging es fort den ganzen Tag durch wildes, oͤdes Gebirge. Nur wenig Augen⸗ blicke wurden zur Raſt und Erquickung mit 1 Skizzen aus Spanien. 391 Speiſe und Trank vergoͤnnt— nur einzelne Cortijos(Hoͤfe) beruͤhrt, deren Bewohner alle in einer Art von Einverſtaͤndniſſe mit, oder Abhaͤngigkeit von dem Raͤuberhaͤuptling zu ſtehen ſchienen, ſo eifrig befolgten ſie alle ſeine Befehle, und ſchickten nach verſchiede⸗ nen Richtungen ihre Soͤhne oder Knechte auf geheime Botſchaften aus. Die Sonne war ſchon lange untergegangen und die ermuͤde⸗ ten Maulthiere vermochten kaum mehr im Dunkeln auf dem ſteilen, felſigen Pfade ih⸗ ren ſichern Tritt zu bewahren, als die Wan⸗ derer, die in ſo verſchiedenartiger Stimmung und Abſicht, gezwungen und freiwillig ſich zuſammengefunden hatten, in der Tiefe eines Thals, in das ſie nicht ohne Sorge um Hals und Bein hinabſtiegen, mehre Feuer in der ſchnell uͤberhand nehmenden Dunkelheit ſchim⸗ mern und Geſtalten ſich um ſie her bewegen ſahen, auch ein Geraͤuſch von vielen Stim⸗ men und allerlei andern Toͤnen vernahmen. Noch ein Paar Schritte weiter wurden ſie durch ein rauhes: quien viva! erſchreckt, dem der Barbudo ruhig mit:»Santa Rita!« erwiederte, und dabei zu ſeiner kleinen Ge⸗ 3 8½ † 8 392 Skizzen aus Spanien. fangenen gewendet ſcherzend bemerkte:»Seht ihr wohl, Seüorita, wie euer Name zu Ehren kommt— wenn du nur vernuͤnftig ſein willſt, Kind— ſo ſoll es dir bei uns noch ſo gut gefallen, daß du gar nicht wie⸗ der fort moͤgen wirſt— wenn dein Vater morgen koͤmmt, um dich abzuholen.«— Das arme Kind antwortete nichts, denn obgleich ſie ſich ſeit dem Morgen ſchon ſehr beruhigt und ſogar einiges Zutrauen zu dem baͤrtigen Mann gefaßt hatte, ſo war ſie doch eben nicht zum Scherzen aufgelegt. Auch war dazu wenig Zeit; denn bald befanden ſich die Wanderer mitten in dem Lager einer zahlreichen Caravane von Saumthieren aller Art. Das Gepaͤck lag reihenweiſe aufgeſchich⸗ tet neben den Packſaͤtteln; die ledigen, aber gekoppelten Thiere draͤngten ſich um die Quel⸗ le, welche dieſes Gebirgsthal befruchtete, oder weideten das feine kurze Gras ab, ſpweit ſie es ohne Muͤhe erreichen konnten; die Menſchen waren an den Feuern mit Zurich⸗ tung des Mahles beſchaͤftigt, oder lagen in ihre Maͤntel und Decken gehuͤllt umher, im Vertrauen auf die Wachſamkeit der auf den Skizzen aus Spanien. 393 naͤchſten Anhoͤhen ausgeſtellten Wachen.— Die neuen Ankoͤmmlinge verurſachten keine Stoͤrung in dieſem Treiben, und ihre Ankunft war offenbar ſchon laͤngſt erwartet. — Der Barbudo half den beiden Maͤdchen und dem Geiſtlichen aus dem Sattel und fuͤhrte ſie zu einer Art von leichtem Zelt, welches etwas abwaͤrts von dem Haufen aus ein Paar Stangen, Decken und Maͤnteln er⸗ richtet war, wuͤnſchte ihnen eine gute Nacht und uͤberließ es ihnen, ſich ſo gut ſie es konn⸗ ten fuͤr die Nacht einzurichten. Auch war bei allen Dreien die koͤrperliche Ermuͤdung ſo groß, daß ſie ſehr bald im tiefen Schlaf Alles vergaßen, und nicht einmal merkten, daß eine Wache vor ihrem Zelte aufgeſtellt wurde. Mit Sonnenaufgang wurden ſie durch das Laͤrmen und Treiben der Menſchen und Thiere geweckt, und als ſie aus ihrem Lager hervorkrochen, fanden ſie die Caravane ſchon im Begriff, aufzubrechen, und den Barbudo, der ſie wegen ihrer Faulheit ſchalt, es aber doch nicht uͤber's Herz bringen konnte, ſie ohne ihre warme Chocolade bei dem kalten “—õõ⁶⁶△——“““ 394 Skizzen aus Spanien. Morgen auf die Wanderung zu ſchicken; ſondern vielmehr ſelber ſich die Muͤhe gege⸗ ben hatte, ihr Fruͤhſtuͤck zu bereiten, das er ihnen nun in einem Trinkhorn der Reihe nach hinreichte. Nach wenigen Minuten aber waren Alle wieder unterwegs und nach eini⸗ gen Stunden ermuͤdender Wanderung durchs Gebirge, wobei ſie mehrmals die gewoͤhnli⸗ chen Fahrſtraßen durchkreuzten, ohne ihnen je zu folgen, erreichten ſie gegen Mittag eine Hoͤhe, von wo herab ſie in das freundliche, wohlbebaute Thal von Sax blickten. Der Ort ſelbſt liegt am Fuße eines felſigen Vor⸗ ſprungs des Gebirges, deſſen feſte Gipfel die weitlaͤuftigen Ruinen einer ehemaligen Burg der Tempelherrn kroͤnen.»Senor Don Ge⸗ ronimo— begann der Barbudo zum Geiſtli⸗ chen, indem er nach dem Orte hinwies— dort unten werden wir nun bis Morgen oder Uebermorgen verweilen, und dann, wenn es Gottes Wille iſt, weiter nach Valencia, und ſehen, wie es mit dem Kinde ſteht. Dort bin ich eigentlich zu Haus, wenigſtens ſo lang es waͤhrt und ich mich mit dem Alcalde und Escribano und mit dem Pater Prior — Skizzen aus Spanien. 395 vertrage— aber das iſt nichts fuͤr euch, gu⸗ ter Herr, und wenn ihr gleich Nichts ſagt, ſo merke ich doch gar wohl, daß es euch oh⸗ nehin laͤngſt zu viel und zu bunt iſt, was ihr von mir hoͤrt und ſeht. Kann es euch auch nicht uͤbel nehmen, denn wenn ich euch ſo anſehe und denke an die Zeit, wo ihr mir die ſchoͤnen Spruͤche und Gebete lehrtet— und an die Mutter und— aber was wollt ihr? Ich bin einmal uͤber die Mitte hinaus und muß nun ſchon durch— und unſer Herr Chriſtus iſt doch fuͤr uns Suͤnder alle geſtor⸗ ben. Und es giebt Schlimmere als ich— nun, das iſt reden. Aber, was ich ſagen wollte, Seüor Don Geronimo, die Leute duͤrfen euch nicht ſo in meiner Geſellſchaft ſehen, das koͤnnte euch zu uͤbel bekommen— beſſer allein, als in ſchlechter Geſellſchaft, und mit wem du gehſt, zu dem gehoͤrſt du — alſo zieht ihr mit den Maͤdchen dort hin⸗ aus— ihr koͤnnt den Weg von hier ganz uͤberſehen und nicht verfehlen, bis zu der großen Poſada dort, am andern Ende des Dorfes. So meinen die Leute, ihr kommt von der andern Seite, und wenn ihr mich 4 4 8 396 Skizzen aus Spanien. mit den Andern ſchon in der Poſada findet, ſo braucht ihr nicht zu thun, als wenn ihr uns kenntet— Bekanntſchaft koͤnnen wir dann ſchon machen, ſoweit es noͤthig iſt.«— »Du aber, Merceditas— fuhr er zu dieſer gewendet fort— ſtehſt mir fuͤr die Kleine, daß ſie nicht etwa unterwegs Kindereien an⸗ faͤngt, die Leute anruft, oder weglaͤuft— es wuͤrde ihr ohnehin Nichts helfen— und je ſchneller dieſes Geſchaͤft abgemacht wird, deſto eher kann ich an Florenzuelo denken. Und es wuͤrde mich nicht wundern, wenn der alte Starrkopf ſchon dort unten waͤre und auf uns wartete. Alſo, Seüorita— ſchloß er halb ſcherzhaft, halb drohend zu der Kleinen gewendet— keine Kindereien; ſonſt — verlaßt euch drauf, ihr habt mit der dort einen ſchwerern Stand, als mit mir, oder ich muͤßte ſie ſchlecht kennen. Und hoͤrſt du — ihr ſeid Schweſtern, und der Cura iſt euer Oheim— und decke dein Goldgeſichtchen fein zu mit der Mantilla, daß dich die Leute nicht erkennen, wenn du etwa ſchon einmal hier warſt.— Nun, auf Wiederſehen.«— Mercedes ſah ihre gezwungene Reiſegefaͤhrtin Skizzen aus Spanien. 397 mit einem Blick an, der hinreichend bewies, daß ſie ihr Waͤchteramt in vollem Ernſte nehme, und die Kleine ſchmiegte ſich aͤngſt⸗ lich, demuͤthig an ſie und trieb ſelbſt fort, theils um jeden Verdacht zu entfernen, theils weil ſie wirklich anfing, der Verſicherung des Barbudo, daß ſie ihren Vater bald wiederſe⸗ hen werde, zu trauen. In einer kleinen halben Stunde erreichten ſie auf einem Um⸗ wege von der entgegengeſetzten Seite die ih⸗ nen angedeutete Poſada. Ein altes, weitlaͤu⸗ figes Gebaͤude am aͤußerſten Ende des Dor⸗ fes und durch einiges Mauerwerk mit den Ringmauern der Burg in Verbindung ſtehend, zu der es einſt als Vorwerk oder dergleichen gehoͤrt haben mochte. Sie trafen den Bar⸗ budo und ſeine Caravane ſchon daſelbſt an. Die Maulthiere wurden abgeladen, das Ge⸗ paͤck in den hinterſten Theil der Poſada ge⸗ ſchafft, die Thiere ſelbſt ſogleich fortgefuͤhrt. Von den Geſellen des Barbudo waren nur drei bis vier zu ſehen, die uͤbrigen hatten ſich theils ſchon unterwegs, theils gleich nach der Ankunft in Sax zerſtreut. Er ſelbſt ſtand in der Thuͤre der Poſada in ruhigem Geſpraͤch 398 Skizzen aus Spanien. mit dem Padron, einem magern, gewandten, zigeunerartigen Cumpan. Als die kleine Ge⸗ ſellſchaft ſich dem Thore naͤherte, winkte ih⸗ nen der Padron abweiſend mit der Hand und rief ziemlich barſch:»Gebt euch keine Muͤhe, guten Leute, es iſt kein Platz mehr— und wenn die zwoͤlf heiligen Apoſtel ſelber an⸗ klopften. Alles voll.— Kein Wunder! ein ſolches Haus— Alles will hier einkehren.«— Zugleich warf er einen liſtigen, fragenden Blick auf den Barbudo. Dieſer aber gab ihm ein Zeichen und ſagte halblaut:»Laßt die nur, Compadre— die werden uns nicht im Wege ſein— die ſehen unſchuldig genug aus. Wer weiß, ob ſich nicht etwas damit anfangen laͤßt. Sorgt fein fuͤr ſie, Curro— verſtanden?«— Sogleich eilte der Padron den Ankommenden entgegen, welche verlegen und ſtutzig angehalten hatten, faßte das Maul⸗ thier, worauf die beiden Maͤdchen ſaßen, bei dem Halfter und fuͤhrte es in die Poſada, indem er mit einem Ausdruck von Galanterie ſagte:»Nein, nein, ſchoͤne Damen, ſo war es nicht gemeint— wenn ich dieſe Sonnen gleich erblickt haͤtte, ſo wuͤrd' ich mir eher — Skizzen aus Spanien. 399 die Zunge abgebiſſen haben, ehe ich——— Jeſus! Jeſus! und wenn der Erzengel Michael mit allen himmliſchen Heerſchaaren bei mir im Quartier laͤgen, ſo muͤßten ſie zuſammenruͤcken — fuͤr ſolche Koͤniginnen iſt uͤberall Platz— ich ſage— das fehlte mir noch, daß dieſer Segen an meinem armen Hauſe voruͤbergin⸗ ge.«— In der Poſada angekommen, half er den Reiſenden vom Sattel, fuͤhrte ſie in einen kleinen Verſchlag, der in einer Ecke in dem weiten, halbdunkeln, mit mancherlei Geraͤth, Karren, Wagen und Vieh beengten Raum„ in einiger Entfernung von dem breiten, niedrigen Heerde angebracht war, und ſorgte, ſoweit es uͤberhaupt zu erwarten und zu verlangen war, fuͤr ihre Beduͤrfniſſe und Bequemlichkeit.— Der Cura und Rita hielten ſich ruhig in ihrem Winkel, jeder auf ſeine Weiſe in ſein Schickſal ergeben und der Loͤſung und Erloͤ⸗ ſung wartend. Mercedes konnte keine Ruhe finden, ſondern ließ ſich mit ihrem Bruder in ein Geſpraͤch ein als mit einem Fremden, oder naͤherte ſich ihm vielmehr ſo, daß er ſie, ohne daß es dem Padron auffiel, anreden konnte. Der uͤberſchlaue Geſel entfernte ſich 400 Skizzen aus Spanien. bald, indem er mit einem boshaften Blick auf das Maͤdchen, halblaut zum Barbudo ſagte:»Nun— verſucht euer Gluͤck, Ca⸗ ballero— und wohlbekomm's. Ich gehe— Niemanden im Wege ſein— das eilfte Ge⸗ bot.“— Der Barbudo warf ihm einen verbiſſenen Fluch nach, und begann ein ver⸗ trauliches Geſpraͤch mit ſeiner Schweſter, mit ſolchem Wohlwollen und Freundlichkeit ſich nach Dieſem und Jenem erkundigend, daß Mercedes immer mehr von einem Gefuͤhl von kindlichem Vertrauen und Achtung gegen ihn ergriffen wurde, was ihr bisher faſt ganz fremd geweſen, und grade in ihrer gegen⸗ waͤrtigen Stimmung ſehr wohlthuend auf ſie wirkte. Nach einiger Zeit wurden ſie wieder unterbrochen durch den Padron, der herbeiſchlich und geheimnißvoll dem Barbudo ins Ohr ziſchelte:„»Der Senor Escribano iſt da und will euch ſprechen.«»Nun, laßt ihn kommen— erwiederte der andre laut und barſch— hat der alte Rabe das Aas ſchon gerochen?«— Gleich darauf trat ein lan⸗ ger, hagerer, blaſſer Mann in die Poſada, in einer Kleidung, die ein wunderliches Mit⸗ Skizzen aus Spanien. 401 tel zwiſchen Bauerntracht und Staͤdter⸗ oder vielmehr Advokatentracht war. Er ging mit gravitaͤtiſchen Schritten auf den Barbudo los, blieb dicht vor ihm ſtehen, erhob ſeinen dreieckigen Hut eine Hand hoch uͤber den ge⸗ puderten Kopf, ließ ihn ſogleich wieder auf ſein Haupt nieder und ſprach, von einem trocknen Huſten haͤufig unterbrochen„ mit ſchnarrender Stimme:»Willkommen zu Hau⸗ ſe, Seüor Don Jaime— willkommen zu Hauſe——— nun, gute Geſchaͤfte gemacht, wie ich hoͤre? Geſehen hab' ich freilich noch nichts, aber Alles zu ſeiner Zeit, Seüor Don Jaime— Alles zu ſeiner Zeit. Der Sakri⸗ ſtan kann nicht zugleich laͤuten und in der Proceſſion gehen.—— Aber, was ich ſa⸗ gen wollte«— in dieſem Augenblick fiel ſein Blick auf Mercedes, welche hinter ihrem Bru⸗ der und im tiefern Schatten ſtand; er wie⸗ derholte ſogleich ſeinen Handgriff mit dem Hute, nickte ſteif mit dem Kopfe und ſprach: »Willkommen in dieſer Gegend, Seüora, und wenn ihr etwas zu befehlen habt, ſo ſteht hier euer gehorſamſter Diener, Pancracio de Salinas, Escribano und Licenciat der Rechte II. 26 402 Skizzen aus Spanien. von der beruͤhmten Univerſitaͤt zu Osma. Ihr werdet ohne Zweifel hier die Sieſta hal⸗ ten und dann weiter reiſen, nach——— 2 Der Ehrenmann zog das letzte Wort auf eine gar ſeltſame Weiſe in den fragenden Ton uͤbergehend lange hinaus, aber ehe Mer⸗ cedes, welche ihn, mehr verwundert als ver⸗ legen, groß anſah, und Muͤhe hatte, das La⸗ chen zuruͤckzuhalten, ſeine Frage verſtanden und ſich auf eine Antwort beſonnen hatte, fuhr ihr Bruder verdrießlich dazwiſchen:»Ei was, Salbadern und kein Ende! was geht euch die Dirne an, Senor Don Pancracio— ſchaͤmt euch in euren alten Tagen noch ein ſolcher Geck zu ſein. Kommt ihr meinetwe⸗ gen oder des Maͤdchens wegen?«— Er gab hier Mercedes einen Wink und dieſe ent⸗ fernte ſich, jedoch nicht ſo weit, daß ſie nicht hoͤren und ſehen konnte was vorging— denn der Menſch floͤßte ihr einen unerklaͤrlichen Widerwillen und Mißtrauen ein. Hierauf fuhr der Barbudo fort:»Wenn ihr meinet⸗ wegen kommt, ſo fangt euer Lied an, je eher je beſſer— ich habe ſonſt zu thun. Iſt es aber blos wegen deſſen, was euch zu⸗ v 2 Skizzen aus Spanien. 403 koͤmmt— und den Braten habt ihr ſchon gerochen, das weiß ich— ſo haͤttet ihr euch die Muͤhe ſparen koͤnnen. Die Sachen muͤſ⸗ ſen erſt untergebracht oder verkauft werden. Der Bruder Hausmeiſter vom Kloſter wird gleich hier ſein, und abholen laſſen, was dort Platz hat. Die Maulthiere hat hier der Schuft von Curro fuͤr einen Spottpreis ge⸗ kriegt— Cap de Sen! wenn ich nicht grade Geld brauchte, und das Vieh mich nicht dau⸗ erte, ich ſtaͤche es lieber todt, als es dem Spitzbuben, dem Sohn einer Ziege, zu Gute kommen zu laſſen. Ohnehin treibt er ſeinen Handel ſo frech, daß noch uͤber kurz oder lang der Teufel ſein Spiel haben muß— aber.«— »Mit eurer Vergunſt, Seüor Don Jaime— bemerkte hier der Padron, der ſich in der Naͤhe was zu thun machte— wenn ihr weiter kei⸗ nen Kummer habt als den, ſo koͤnnt ihr ruhig ſchlafen wie der Gerechte.— Ein Maulthier, Pferd, Eſel oder was es ſonſt ſein mag, was mir durch die Haͤnde geht, ſoll nach ſechs Stunden kein Menſch wieder erkennen— ja, nicht die Mutter, die es geboren hat. Verſucht es ſelber an denen, die ich euch 26* 494 Skizzen aus Spanien. heute abgekauft habe; ich will ſie euch mor⸗ gen vorfuͤhren, und ſo gewiß ich und mein Geſchlecht alle Chriſten ſind von Vater auf Sohn«——»Du Sohn des Barrabas— Hund von Zigeuner— Inaquiſitionsfutter von Vater auf Sohn— fuhr ihn hier der Barbudo an— wenn ich dich noch einmal dabei ertappe, daß du herumſchleichſt und horchſt und mehr ſprichſt, als du gefragt wirſt, ſo ſollſt du mir hier uͤber deinem eignen Heerd braten, wie ein Jude auf dem— ge— nug.« Der Geſcholtene kroch eilig von dan⸗ nen und der Barbudo brummte noch halb⸗ laut, mit einem Seitenblick auf den Escri⸗ bano:»Daß unſer eins, ein guter Chriſt, von reinem Blute und als Caballero gebo⸗ ren und gehalten, mit ſolchem Geſindel zu ſchaffen haben muß— das zu feige iſt, auf eigne Fauſt zu rauben— das koͤnnte mich noch toll machen oder in's Kloſter treiben. Und, bei den Wundern unſrer lieben Frauen von der See! wenn ich meine Suͤnden habe, ſo hab' ich auch mein Fegfeuer— mehr als der gute Cura ſich dort traͤumen laͤßt.— Nun, Seuor Don Pancracio— fuhr er Skizzen aàus Spanien. 405 laut zu dieſem gewendet fort, der ihn, in ſei⸗ ner ſteifen Poſitur verharrend, auf ein lan⸗ ges ſpaniſches Rohr mit weißem Knopf ge⸗ ſtuͤtt, lauernd von unten herauf betrachtet hatte— wenig Worte und was zur Sache gehoͤrt. Wie geſagt, was euch zukoͤmmt, entgeht euch nicht zu ſeiner Zeit— oder hab' ich ſchon einmal gegen Chriſten oder Mohren mein Wort nicht gehalten— wie, Seüor?«— Mit dieſer Frage trat er dem Escribano einen Schritt auf den Leib. Die⸗ ſer fuhr aͤngſtlich ein Paar Schritte zuruͤck, nahm aber in groͤßerer Entfernung alsbald ſeine Poſitur wieder an und ſagte mit ſei⸗ nem ſchnarrenden Tone, gravitaͤtiſch jedes Wort abmeſſend:»Was der Senor Don Jaime vorhin mehr zu ſich ſelbſt als zu mir zu erwaͤhnen beliebten, kann ich fuͤglich un⸗ beruͤhrt laſſen, und was die billige Erkennt⸗ lichkeit fuͤr meine geringen und mannigfaltigen Dienſte betrifft, ſo verlaß ich mich darauf, daß der Seüor Don Jaime ſelbige zu gut zu ſchaͤtzen weiß, als daß er ſich je undank⸗ bar bezeigen ſollte. Aber Señor Don Jaime wird ſich erinnern, daß eine Hauptbedingung 406 Skizzen aus Spanien. meiner Freundſchaft«—»Freundſchaft, der Teufel iſt dein Freunda— brummte der Bar⸗ budo hier; der Andre ließ ſich aber nicht ſtoͤ⸗ ren, ſondern wiederholte ſeinen Spruch:»Ei⸗ ne Hauptbedingung meiner Freundſchaft und Gefaͤlligkeit war, daß unſer eigenes Neſt ſau⸗ ber bleibe— ich meine, daß Seüor Don Jaime Alfonſo, genannt el Barbudo, weder in dieſem guten Dorfe Sax, noch in dem ganzen Termino ſeine freie Kunſt betreibe, noch irgend Jemandem zu betreiben geſtatte, auch keine Boͤhnhaſen aufkommen laſſe. Des⸗ ungeachtet aber ſind waͤhrend der letzten vier⸗ zehn Tage wieder mehre von Seiner Majeſtaͤt — den Gott erhalten moͤge— getreuen Va⸗ ſallen und Unterthanen in geringer Entfer⸗ nung von hier gewaltſam angehalten worden und um das Ihrige gekommen.«—»Das alte Lied, Seüor Don Pancracio— rief Jaime— wir kennen uns, und ihr koͤnntet euch die Muͤhe ſparen; ihr ſteigert mich doch nicht, nicht ein gutes Wort wend' ich mehr an euch, als ihr mir ſchon gekoſtet habt. Zeigt mir die Maͤn⸗ ner, die beraubt worden ſind— ich will es aus ihrem eignen Munde hoͤren, eh ich es 407 Skizzen aus Spanien. glaube. Cap sagranat! ich ſollte denken, die Buſchklepper kennten mich und huͤteten ſich mir in's Gehege zu kommen. Ich ver⸗ diente ja mein Lebelang eine Weiberſchuͤrze zu tragen, wenn mir jetzt noch dergleichen geboten wuͤrde.«»Tragt was ihr wollt, Seüor Don Jaime— erwiederte der Escri⸗ bano ſo patzig wie einer, der Recht hat und weiß, daß er es dem andern beweiſen kann— und laßt euch obendrein euern Bart ſcheeren, wie ihr euch mehr als einmal hoch und theuer verſchworen habt, mit Worten, die einem frommen Chriſten ſchlecht anſtehen— ihr ſollt die Maͤnner noch heute ſprechen, und dann werdet ihr ſelber ſagen, daß ich um Pflicht und Gewiſſens willen die Sache nicht mehr ſo mit anſehen darf. Und wenn ich es auch wollte und koͤnnte, ſo hat es ſchon zuviel Scandal gemacht, und der Alcalde, und der Steuereinnehmer und ſogar der Pater Prior meinen auch, es koͤnne uns allen ſchlecht bekommen——— und bei meinem armen Gewiſſen, ich darf——«»Alte Ge⸗ ſchichten— unterbrach ihn wieder kopfſchuͤt⸗ telnd und mit veraͤchtlichem Laͤcheln der Bar⸗ 408 Skizzen aus Spanien. budo— faule Fiſche, Seüor Don Pancracio; ſucht euch einen andern Hund, wenn ihr keinen beſſern Knochen habt. Ich bin zu alt, um da anzubeißen, ſag' ich euch; und jetzt, wenn es euch recht iſt, laßt mich ungeſcho⸗ ren, ſonſt ſteigt mir gar noch das Blut zu Kopfe— und— genug, ich verſtehe mich.« Kaum hatte er aber ausgeredet und eben wollte der Escribano unverrichteter Sache und ſeine Bosheit in ſich verkochend ſich entfer⸗ nen, als ihm ein Vorfall zu Statten kam, der freilich dem Barbudo unwiderleglich be⸗ wies, daß dies mal die Behauptungen des wuͤrdigen Dieners der Themis mehr als ein bloßes und ſchon oft verſuchtes Mittel waren, das Schutzgeld zu ſteigern, womit der Raͤuber ſich in Sax eine ſichere Zuflucht ſicherte und woran, wie es ſcheint, mehre der weltlichen und geiſtlichen Honoratioren des Ortes Theil hatten. Es entſtand naͤmlich draußen vor der Poſada ein Geraͤuſch von mehren Menſchen und gleich darauf trugen ein Paar Landleute einen, allem Anſchein nach, Schwerverwunde⸗ ten oder Ohnmaͤchtigen herein. Jaime Al⸗ Skizzen aus Spanien. 4⁰9 fonſo erkannte auf den erſten Blick ſeinen Gegner, den alten Fenoll; auf ſeine haſtige, dringende Frage, ward ihm von den Traͤ⸗ gern berichtet, ſie haͤtten kaum eine halbe Stunde vom Dorf auf dem Felde gearbeitet, als dieſer Mann auf einer kleinen Stute an ih⸗ nen vorbei geritten ſei und ſie nach dem naͤchſten Weg nach Sar gefragt habe. Sie haͤtten ihn zurecht gewieſen und mit den Augen verfolgt, wie er den Abhang hinunter geritten. Da ſei ploͤtzlich, kaum ein Paar Steinwuͤrfe wei⸗ ter, hinter einer Hecke heraus ein Schuß ge⸗ fallen. Der Reiſende habe ſeinem Pferd die Sporen gegeben und ſei noch eine Strecke weit davon geſprengt, dann aber aus dem Sattel zur Erde geſtuͤrzt. Sogleich haͤtten zwei Maͤnner, die nach dem Schuß hinter der Hecke hervor und hinter ihm her gerannt ſeien, ſich an ihn gemacht, ihm einen Gurt oder Geldkatze abgenommen und waͤren dann eben ſo ſchnell wieder hinter den hohen Aloẽ⸗ hecken verſchwunden. Jaime faßte ſich waͤh⸗ rend dieſer Erzaͤhlung mehrmals heftig in den Bart, und ſchien mit einem gewaltigen Zorn zu kaͤmpfen. Da er aber auch ſogleich 410 Skizzen aus Spanien. einen Entſchluß gefaßt hatte, ſo ließ er ſei⸗ nen Grimm nicht in leere Worte aus. Vor allen Dingen trieb er einen Haufen Neugieri⸗ ger, der ſich mit in die Poſada gedraͤngt hatte, zur Thuͤr hinaus, wobei ihm der Es⸗ cribano ſelber behuͤlflich war, da ihm eben ſo wenig daran lag, unberufene Zeugen ſei⸗ nes Treibens zu haben. Er rief laut nach Papier und Schreibzeug und erklaͤrte, er wolle ein Protokoll aufnehmen, der Wirth ſolle ſein Thor ſchließen, und alle Gegenwaͤr⸗ tigen ſollten mit vernommen werden. Dieſe Drohung reichte hin, um auch die Neugie⸗ rigſten zu verſcheuchen; denn ſie wußten aus Erfahrung, daß, wer einmal in des Escri⸗ bano's Protokolle gerathe, nimmer mehr mit heiler Haut wieder loskomme. Uebrigens konnte Don Pancracio kaum ſeinen Triumph bergen, uͤber die Beſchaͤmung des unglaͤubigen Barbudo, und nur die Furcht, einen Ausbruch ſeines gewaltigen Zornes auf ſich zu ziehen, hinderte ihn, ſeine boshafte Freude laut ge⸗ gen ihn auszulaſſen. Jaime indeſſen ſchien gar nicht auf ihn zu achten. Als die bei⸗ den Landleute ſich ebenfalls in großer Be⸗ Skizzen aus Spanien. 411 ſtuͤrzung entfernen wollten, befahl er ihnen zu bleiben, dem Wirth aber gebot er fuͤr den Verwundeten zu ſorgen, nachdem jener, der wie die meiſten Zigeuner nicht unerfahren in dergleichen war, die Wunde unterſucht und erklaͤrt hatte, daß ſie nicht gefaͤhrlich ſei, und nur der Blutverluſt eine Ohnmacht herbeigefuͤhrt habe— that dann noch einige raſche, beſtimmte Fragen an die Landleute, aus deren Antworten es ſich bald ergab, daß die Thaͤter zwei in der Gegend fruͤher wohlbe⸗ kannte Landſtreicher ſein mußten, welche aber ſeit langer Zeit aus Furcht vor dem Barbudo ſich nicht hatten blicken laſſen. Sobald dieſer daruͤber ſicher war, pfiff er einige Male auf dem Finger, daß es weit hin gellte. Alsbald eilten einige ſeiner Leute, die hier und da in dem weitlaͤuſigen Gebaͤude Etwas zu ſchaffen oder ſich zur Ruhe gelegt hatten, herbei; er gab jedem leiſe einige kurze Befehle, worauf ſie ſchnell hinaus eilten. In dieſem Augen⸗ blick kam der Verwundete wieder zu ſich und rief aͤngſtlich:„Rita, Tochter meiner Seele, wo biſt du?« Der Barbudo ſchien einen Augenblick zu zaudern, dann wies er auf 412 Skizzen aus Spanien. die Thuͤr des Verſchlages, worin ſeine Ge⸗ fangene und der Cura noch immer ſaßen, ohne bisher auf das, was in der Poſada vorging, weiter geachtet zu haben, und ſagte zum Wirth:»Bringt ihn dort hinein— in zwei Stunden ſpaͤteſtens bin ich wieder hier. Seüor Don Pancracio— fuhr er, zu die⸗ ſem gewendet, fort, der ſich indeſſen an die beiden Landleute gemacht hatte und ſie mit verfaͤnglichen Fragen in die Enge trieb— ihr habt Nichts mehr hier zu thun, habt die Gnade und ſcheert euch zum Teufel.« Da⸗ mit ergriff er ſein Gewehr, das in der Ecke ſtand, mit der einen Hand und mit der an⸗ dern den beſtuͤrzten Escribano beim Kragen und ſchleppte ihn raſch mit ſich fort zur Thuͤr hinaus, die er hinter ſich zuſchlug und von außen abſchloß.— Unnoͤthig waͤr' es, uͤber das Wiederſe⸗ hen des alten Fenoll und ſeines Toͤchterleins ein Wort zu verlieren. War auch von bei⸗ den Seiten die Freude des Wiederſehens durch Sorge und Schmarz getruͤbt, ſo gewann ſie doch endlich die Obethand, da der Vater durch die Verſicherungen der Kleinen, daß — — Skizzen aus Spanien. 413 ihr kein Leid widerfahren ſei, durch das Zeug⸗ niß, ja ſchon durch die Gegenwart des gu⸗ ten Don Geronimo und Mercedes bald be⸗ ruhigt wurde, und der die Stelle eines Wund⸗ arztes ſpielende Padron ſeinen erſten Aus— ſpruch, daß die Wunde des Alten nicht ge⸗ faͤhrlich ſei, wiederholte.— Bald aber be⸗ diente er ſich ſeiner aͤrztlichen Autoritaͤt, wel⸗ che von den Vorſtellungen und Ermahnungen des Cura unterſtuͤtzt wurden, um den Ver⸗ wundeten zur Ruhe zu bringen. Es wurde ihm der bewußte Verſchlag eingeraͤumt, ſeine Tochter blieb als ſorgſame Pflegerin bei ihm und die andern erwarteten, um den Heerd verſammelt, mit der Unruhe und Spannung, die ſich denken laͤßt, die Ruͤckkehr des Bar⸗ budo und die Loͤſung dieſes Abenteuers. So verfloſſen einige bange Stunden und die Sonne war laͤngſt untergegangen, als end⸗ lich Tritte und halbleiſe Stimmen ſich an der Pforte der Poſada hoͤren ließen, und gleich darauf oͤffnete ſich dieſe und Jaime Alfonſo erſchien, mit einigen ſeiner Leute, zwei blu⸗ tende, geknebelte und gefeſſelte Maͤnner vor ſich her zum Heerde ſtoßend. Alles ſprang auf 2 414 Skizzen aus Spanien. und ſammelte ſich um die neuen Ankoͤmm⸗ linge, anfangs nicht ohne Entſetzen, einen blutigen, raſchen Ausgang erwartend. Allein der Barbudo, obgleich er offenbar von einer uͤbermaͤßigen Kraftanſtrengung ermuͤdet, zeigte ſich doch ſo ruhig, ja faſt milde, verlangte ſo unbefangen nach einem Trunk Wein fuͤr ſich und ſeine Gefaͤhrten, daß ſich bald Alle wieder etwas beruhigten und nun mit mehr Neugier⸗ de als Angſt erwarteten, was mit den beiden Gefangenen geſchehen ſolle. Nachdem Jaime ſichetwas gelabt hatte, wandte er ſich zu den Beiden, die wimmernd, mit todtenbleichen, ſcheußlich verzerrten, gemeinen Zuͤgen, an allen Gliedern zitternd dort ſtanden, und ſagte: »Nun, Kinder des Satans, wenn ihr nicht ſchreien und uͤberhaupt keine unnuͤtzen Weit⸗ laͤufigkeiten machen wollt, ſo hab' ich nichts dagegen, daß ihr noch einen Trunk Wein thut, ehe ich euch abfertige. Wie ſteht's, wollt ihr euch anſtaͤndig auffuͤhren, verdamm⸗ tes Geſindel?«— In dieſem Augenblicke fie⸗ len ſeine Blicke auf Mercedes, welche in ei⸗ niger Entfernung ſand und ihn beobachtete: »Du Maͤdchen, mach, daß du fort kommſt, Skizzen aus Spanien. 415 das iſt nichts fuͤr dich. Geh hinein zum al⸗ ten Fenoll und der Kleinen, und ſo ſicher du meine Schweſter biſt, ſuche nicht zu hoͤ⸗ ren noch zu ſehen, was hier vorgeht. Und— gieb Acht, daß du den Alten nicht weckſt— hoͤrſt du?«— Mercedes entfernte ſich ſo— gleich. Die beiden armen Teufel aber gaben durch Zeichen zu verſtehen, daß ſie zu Allem bereit ſeien, und er befahl nun, ſie von dem Knebel zu befreien, der den untern Theil ihres Geſichts bedeckte. Kaum war dies geſchehen, ſo fingen ſie an mit halbunterdruͤcktem Jammer⸗ geſchrei und knieend um Gnade und Barm⸗ herzigkeit zu bitten. Der Barbudo aber ge⸗ bot ihnen Stille mit einem ſolchen Ausdruck von entſetzlicher Ruhe und unerſchuͤtterlichem Beſchluß, daß ſie bald, wie durch einen Zau⸗ ber gebannt und gelaͤhmt, in huͤlfloſer Ver⸗ zweiflung ſich willenlos in ihr Loos ergaben. »Trinken ſollt ihr und nicht ſchreien, Kin⸗ der— dazu hab' ich euch den Maulkorb ab⸗ nehmen laſſen. Der alte Fenoll ſchlaͤft wohl, und ihr ſollt mir ihn nicht ſtoͤren. Ihr habt um ſeinetwillen ſchon genug auf der Zeche, ſollt ich meinen. Trinkt in aller Teufel Na⸗ 416 Skizzen aus Spanien. men; damit ihr ein wenig Herz in den Ma⸗ gen kriegt, da ihr's doch ſonſt nirgends habt, ihr elenden Buſchklepper*)— ihr Boͤhnha⸗ ſen. Trinkt, damit ihr nicht gar vor Angſt umkommt, ehe wir mit einander und ihr mit unſerem Herrn Gott abgerechnet habt.«— Die Ungluͤcklichen ließen ſich von dem Pa— dron, der die ganze Sache ſehr ergoͤtzlich zu finden ſchien, ein Paar Glaͤſer Branntewein einfloͤßen, und ſchienen danach wirklich eini⸗ gen Muth, oder doch wenigſtens einige koͤr⸗ perliche Haltung zu gewinnen. Hierauf wandte ſich Jaime an die Landleute, welche den verwundeten Fenoll hereingebracht hat⸗ ten, und fragte ſie:»Bei euerm Leben und eurer Seligkeit, ſind das die beiden Geſellen, die ihr heute geſehen habt, die euch nach dem Reiſenden gefragt haben, und von de⸗ nen ihr meint, es ſeien dieſelben, die den Mann verwundet und beraubt haben?« Die Landleute bejahten ſogleich dieſe Frage und *) Jedermann kennt den unermeßlichen Abſtand zwiſchen ladrones(Räuber) und raterillos— ſehr willkommen ſoll mir aber ſein, wer für dieſe letztern einen beſſern 1 Ausdruck weiß als: Buſchklepper. Skizzen aus Spanien. 417 bekraͤftigten ihre Ausſagen mit vielen Be⸗ theuerungen.»Schon gut, ſchon gut«— unterbrach ſie Jaime, immer mit gleicher Ruhe, die aber den Umſtehenden immer mehr als Reſultat eines unerſchuͤtterlichen, furcht. baren Entſchluſſes erſchien— dann ſchnallte er eine lederne Geldkatze los, die er trug, hielt ſie an's Licht und ſagte:»Dies iſt Vi⸗ cente Fenoll ſeine Geldkatze, hier iſt ſein Na⸗ me eingenaͤht— ſeht ſelber, Seüor Don Geronimo— wir wollen hier nach der Ord⸗ nung verfahren.« Er wies die Geldkatze an alle Anweſenden umher und fing dann wie⸗ der an:»Dieſe Geldkatze hab' ich den beiden Buſchkleppern abgejagt— ihr ſeid Zeugen, Guapo und Pedrillo— ſprecht.« Die bei⸗ den Raͤuber nickten bejahend, und nun fuhr Jaime fort:»Wohlan, darnach frag' ich nun jeden auf Gewiſſen, ob dieſe beiden Buſch⸗ klepper nicht ſchuldig und uͤberfuͤhrt ſind, den Vicente Fenoll keine Viertelſtunde von dieſem Dorfe Sax angefallen und beraubt zu haben? Ihr, guten Leute, antwortet: ja oder nein.« Die Landleute erwiederten mit einem halb⸗ lauten: Ja!»Und ihr, Senor Don Geroni⸗ II. 27 418 Skizzen aus Spanien. mo— bei euerm Gewiſſen, glaubt ihr, daß ſie es gethan haben?« Der arme Geiſtliche fing an, mit ſteigender Angſt und Entſetzen die Wendung zu ahnen, welche dieſe Sache nahm; er hatte es bisher nicht gewagt, auch keine Gelegenheit gefunden, eine Vorſtellung oder Fuͤrbitte, wie ſein Herz und ſein Ge⸗ wiſſen ihm eingab, anzubringen. Nun glaub⸗ te er aber den rechten Augenblick gefunden zu haben, und fing, ſtatt auf die Frage zu antworten, an, auf's Allerbeweglichſte dem Barbudo das Suͤndhafte und Geſetzwidrige ſeines Treibens vorzuhalten. Dieſer hoͤrte ihn eine Zeitlang ruhig an, unterbrach ihn aber endlich mit den Worten:»Alles, was ihr da ſagt, iſt gut, ſchoͤn und heilig, Sen⸗ nor Don Geronimo; aber es gehoͤrt in kei⸗ ner Art zur Sache. Ihr koͤnnt mir auch auf's Wort glauben, daß ich mir ſelber das Alles ſchon oft geſagt habe— und das, als es noch eher Zeit war als jetzt. Jetzt iſt es zu ſpaͤt, der liebe Herr Gott verzeih mir's— aber ich ſag' euch, es iſt zu ſpaͤt. Raͤuber bin ich und Raͤuber bleib ich— und ihr koͤnnt mir glauben, wenn das ſchlimm iſt, ſo iſt es 1 Skizzen aus Spanien. 419 nicht das Schlimmſte, was man ſein kann. Aber mein Wort will ich halten und habe es noch nie gebrochen— und wo ich zu befehlen habe, will ich Gehorſam— und wer mir was verſpricht, ſoll es auch halten. Jeder ſein Ge⸗ ſchaͤft— aber Ordnung und Recht muß ſein, unter Raͤubern wie unter Leuten des Frie⸗ dens. Alſo kurz und gut— ja oder nein?« — Der Geiſtliche ſchwieg und der ſelbſtge⸗ ſchaffene Richter fing wieder an:»Ich ver⸗ denk' es euch nicht, daß ihr ſchweigt, aber ich weiß, was euer Schweigen bedeutet, und wei⸗ ter bedarf es Nichts. Jetzt zu euch, Kinder — fuhr er, zu den Delinquenten gewendet, fort: habt ihr mir nicht, als ich euch vor kaum einem halben Jahre hier an derſelben Stelle hatte, und das zum zweiten Mal— und nachdem ihr mich an die Soldaten hat⸗ tet verrathen wollen— habt ihr mir's nicht zugeſchworen, daß euer Leben mir verfallen ſein ſolle, wenn ich euch zum dritten Mal bei euern Pfuſchereien hier auf meinem Ge⸗ biet ertappen wuͤrde? Sprecht— ja oder nein— das Brod, Brod und der Wein, Wein.) Die armen Teufel konnten vor 27* —, 42⁰ Skizzen aus Spanien. Angſt, Jammer und Zaͤhneklappern kaum antworten:»Ach, leider Gottes, ja, Seüor Don Jaime— um unſrer Suͤnden Willen— ach, Barmherzigkeit! Barmherzigkeit!«»Schon gut— fuhr Jaime ruhig fort— was zur Sache gehoͤrt. Jetzt Seüor Don Geronimo — wenn ihr ein gutes Werk thun wollt, ſo ſeht zu, ob dieſe armen Teufel euch beichten und ob ihr ihnen die Abſolution geben koͤnnt; denn, bei meinem Bart, ſie ſind in articulo — oder wie ihr's da nennt. Pedrillo und du, Guapo, fuͤhre ſie hinten hin und ihr geht mit, wenn's euch recht iſt, Seüor Cura. Kein Geſchrei, Kinder, es hilft euch doch nichts, und wenn alle Kapuziner und Thea⸗ tiner der Welt auf mich lospredigten. Alſo nur fort.«—— Die beiden Elenden ſtraͤub⸗ ten ſich, ſo ſehr es nur ihre von Schrecken gelaͤhmten Kraͤfte zuließen, und fuhren fort, jaͤmmerlich um Gnade zu flehen, bis auf ein Zeichen des Anfuͤhrers ſeine Leute ihnen wollne Decken uͤber den Kopf warfen und ſie auf dieſe Weiſe, ihr Geſchrei erſtickend, fortſchleppten. Der Geiſtliche ſchien von dem Augenblick an, wo er aufgefordert wurde, ſein Skiszen aus Spanien. 421 heiliges Amt zu verwalten, und ſo bald er ſich uͤberzeugte, daß er durch Bitten und Vorſtellungen hier nichts ausrichten koͤnne, eine außerordentliche Faſſung gewonnen zu haben, und ſich uͤber das Entſetzliche, was vor ſeinen Augen geſchah, erhoben, gegen den Eindruck der Auſſenwelt gewaffnet zu fuͤhlen. Er warf einen Blick, worin ſich aber ſoviel Mitleid als Vorwurf ausſprach, auf den un⸗ erbittlichen Raͤuber und folgte entſchloſſen deſſen Schlachtopfern. Es verfloß eine Vier⸗ telſtunde, waͤhrend welcher Niemand der Zu⸗ ruͤckgebliebenen ein Wort ſprach. Jaime ging mit droͤhnendem maͤchtigem Schritt auf und ab, ohne ein andres Zeichen innerer Bewe⸗ gung zu geben, als daß er ſeinen Bart ſtrich; was aber doch von dem ſchlauen Curro, der ihn kannte, ſo wohl verſtanden wurde, daß er, ſcheu in einen Winkel gedruͤckt, es vermied, den Blick des Furchtbaren auf ſich zu ziehen, da ihm ſehr wohl bewußt war, wie innerlich verhaßt er ihm ſei, und da ſein Gewiſſen ihm ſogar in dieſem Augenblick Plaͤne und Abſichten gegen den Barbudo vorruͤckte, von denen jener zwar eine Ahnung, aber keine Gewißheit hatte, ³½ ³ 422 Skizzen aus Spanien. denn ſonſt haͤtte der Verraͤther die Huͤlfe ei⸗ nes Geiſtlichen in articulo mortis wohl noch eher bedurft, als die beiden Buſchklep⸗ per, welche als Opfer der ſonderbaren, will⸗ kuͤhrlichen Polizei und Gerechtigkeit fielen, die der Raͤuber ſich angemaßt hatte. End⸗ lich trat der Geiſtliche wieder herein. Seine Zuͤge druͤckten den Kampf ſeines Innern aus und die Anſtrengung, womit er ſeine Faſſung waͤhrend des traurigen Geſchaͤfts, das er uͤbernommen, und gegen den Gedanken an unmittelbar bevorſtehende, graͤßliche Loͤſung dieſes Abenteuers, behauptet hatte. Er ging auf den Barbudo zu und ſprach mit tief bewegter Stimme und gefalteten Haͤnden: »Ich habe das Meinige gethan, mein Sohn, und du, kehre um, ſo lange es Zeit iſt, daß du nicht eine That begeheſt, die deine letzte Stunde noch ſchwerer machen muß, als dieſe Stunde fuͤr jene Elenden iſt. Jetzt laß mich beten fuͤr ſie und fuͤr dich und fuͤr uns alle. Gott ſei uns gnaͤdig!«»Amen, Amen— erwiederte Jaime haſtig— dann zu einem der Raͤuber gewendet, der mit dem Geiſtli⸗ chen hereingetreten war— nun, Guapo, X —y Skizzen aus Spanien. 423 ſeid ihr ſo weit?«— Wir ſind bereit— antwortete dieſer grinſend— aber wenn ihr warten wollt, bis die beiden armen Teufel eben ſo bereit ſind, ſo koͤnnt ihr warten bis zum Tage des Zornes. Der Seüor Cura dort hat ihnen vorgepredigt, der heilige Fran⸗ ciscus von Sales haͤtte es nicht erbaulicher und beweglicher machen koͤnnen— aber die Kerls wollen keine Vernunft annehmen, und zappeln wie Aale, denen die Haut abgezogen werden ſoll. Unſer Herr Gott ſchicke mir, wenn einmal an mir die Reihe iſt, einen ſolchen Troͤſter, und man ſoll ſehen, was fuͤr einen ſchoͤnen Tod ich machen werde. Aber dieſe Buſchklepper— Juden und Mohren koͤnnten ſich nicht aͤrger anſtellen. Und dann, Herr— wie ſollen wir ſie abfertigen? ſie ſind zuſammen keinen Schuß Pulver werth— und dann der Laͤrm. Es ſchallt gar zu arg da hinten in dem alten Mauerwerk.« Jaime hatte wenig auf das rohe Geſchwaͤtz des Geſellen geachtet, der in der ganzen Sache nur ein alltaͤgliches, handwerksmaͤßi⸗ ges Geſchaͤft ſah.»Schweig— unterbrach er ihn endlich gebieteriſch— wer hat dir die † 3 42⁴4 Skizzen aus Spanien. Zunge ſo geloͤſt, unverſchaͤmter Geſell, daß du mit mir ſprichſt wie mit einem alten Weibe?— Du biſt wohl betrunken⸗«— Der Menſch ſchwieg, halb beſtuͤrzt, halb tro⸗ tzig, und der Barbudo fuhr fort auf- und ab⸗ zugehen, und ſprach mehr zu ſich ſelbſt als zu den Anweſenden:»Sterben muͤſſen ſie— bei meinem Bart! Ich hab' es ihnen da⸗ mals zugeſchworen, und ſie haben es zehn Mal um mich verdient. Und dann— Fe⸗ noll iſt auf meinem Gebiet, auf dem Wege zu mir, im Vertrauen auf mein Wort, be⸗ raubt worden— ich muͤßte ein Schurke, ein Buſchklepper ſein, wenn ich das hingehen ließe. Außerdem— ich muͤßte das ganze Geſchaͤft aufgeben und lieber gleich und gra⸗ dezu nach dem Richtplatz wandern, wenn ich nicht drauf halte, daß mein Neſt rein bleibe. Der Schurke von Escribano ſoll bei allen Teufeln ſich nicht ruͤhmen, daß ich mein Wort und mein Recht nicht zu halten weiß. Ohnehin trau ich ihm nicht mehr, und dem Curro auch nicht recht— ich muß ihnen ein⸗ mal wieder zeigen, daß ich keinen Spaß ver⸗ ſtehe. Bei meiner Seele, ſie muͤſſen ſterben— — Skizzen aus Spanien. 425 und doch— ſie ſo wehrlos ſchlachten wie Kaͤlber— es widerſteht einem ehrlichen Mann. Ich kann's nicht uͤber's Herz bringen.— Guapo— rief er ploͤtzlich dem Raͤuber zu, der immer noch auf ſeinen Beſcheid wartete — bindet die Schurken los und gebt jedem ein Meſſer. Ich komme gleich ſelber— bis dahin— wenn ſie von der Stelle wollen, niedergeſchoſſen!«— Der Raͤuber ſah ihn fragend und unſchluͤſſig an, und erſt als Jaime zornig den Befehl wiederholte und zugleich drohend auf ihn losging, eilte er da⸗ von, ihn auszufuͤhren. Jaime zog nun ru⸗ hig einen langen, breiten Dolch, trat damit an's Licht und unterſuchte die Schneide, die Spitze und das Heft genau und wie es ſchien zu ſeiner Zufriedenheit; dann faltete er die Haͤnde und bewegte, wie betend, die Lippen, wand eine wollne Decke, die dort lag, einige Mal um ſeinen linken Arm und ging dann raſchen, feſten Schrittes auf die Thuͤr zu, die nach hinten hinaus in Gewoͤlbe und Mauerwerk fuͤhrt, die mit den Ruinen der Burg von Sax in Verbindung ſtehen. In dem Augenblick, als er hinaustreten wollte, 1 5 3 426 Skizzen aus Spanien. wurde wieder an der vordern Pforte der Po⸗ ſada gepocht. Jaime kehrte wieder um und winkte dem Padron, der ſogleich hinſchlich, um zu hoͤren, wer es ſei, und bald ſich dem Barbudo vorſichtig, aͤngſtlich mit der Mel⸗ dung naͤherte, es ſei der Escribano, der ihn durchaus noch einmal ſprechen wolle.»Laßt ihn ja herein, Seüor Padron— er koͤmmt grade recht! tron de Pare! Zu ſagen hab' ich ihm nicht viel, aber zeigen will ich ihm was.— Er ſoll nur einen Augenblick hier warten. Ich bin gleich wieder zu ſeinen Dienſten— wenn's ihn dann noch danach geluͤſtet.« Mit dieſem, in einem Tone rau⸗ hen, drohenden Spottes, ausgeſprochenen Worte eilte er hinaus, waͤhrend zugleich der Escribano in ſeiner feierlichen, ſteifen Weiſe hereinſchritt, aber auf einen Wink ſeines treff⸗ lichen Freundes Curro, der ihm die Pforte geoͤffnet hatte, dem Beiſpiel der uͤbrigen An⸗ weſenden folgte und ſich ſtille verhielt. Alle lauſchten mit geſpannter Aufmerkſamkeit und glaubten ein fernes, dumpfes Geraͤuſch, wie von Hin⸗ und Herdraͤngen, Ringen und ein⸗ zelnen Ausrufen kaͤmpfender Maͤnner, zu ver⸗ Skizzen aus Spanien. 427 nehmen. Nach einigen Minuten trat Jaime wieder herein. Seine Haltung und Zuͤge waren zwar finſter, drohend, aber ruhig— die Unordnung ſeiner Kleidung, ſeines Bar⸗ tes und ſeiner Haare, eine ſtarkblutende Wunde in ſeinem linken Arm, und vor allen der blutige Dolch, den er in der blutigen, rechten Hand trug, bezeugten den entſetzten Anweſenden hinreichend, was in der kurzen Zeit geſchehen ſei, und es bedurfte der Be⸗ ſtaͤigung des Guapo gar nicht, der ſeinem Herrn folgte und halblaut verſicherte:»Das war kein Spaß, bei meiner armen Seele! ich mach es dem Barbudo nicht nach, und wenn er oͤfters ſolche Grillen hat, ſo koͤnnen wir uns bald nach einem andern Herrn um⸗ ſehen, oder jeder auf ſeine eigne Hand rau⸗ ben. Die beiden Vogelſcheuchen wollten an⸗ fangs nicht dran, oder wußten nicht, ob es Spaß oder Ernſt war, als er ſie aufforderte, ſich ihrer Haut zu wehren. Wie er uns aber bei ſeinem Bart gebot und bedrohte, uns ſtille zu halten, was auch geſchehen moͤchte, faßten ſie ſich ein Herz und fuhren auf ihn los, wie ein Paar wilde Katzen auf einen 428 Skizzen aus Spanien. Bullenbeißer. Beim Gott Bachus! mir wurde angſt und bange dabei, wie ſie ſich herumtrieben, und wenn ich den Barbudo und ſeinen Bart nicht mehr fuͤrchtete als den leibhaftigen Teufel, ich haͤtte drauf geſchoſ⸗ ſen, haͤtt' ich es nur anzufangen gewußt, ohne ihn mit zu treffen, ſo waren ſie in einander verbiſſen. Und nach den erſten Fluͤchen kein Wort mehr! nicht gemuckt! Am Ende ſtieß der Barbudo dem einen ſein Ei⸗ ſen in den Leib— von unten herauf— ein Meiſterſtoß, wie es ſich fuͤr den Barbudo ſchickt. Da ſtuͤrzt er zuſammen und konnte kaum noch ſein Jeſus Maria herausbringen. Der andere ſtieß im ſelben Augenblick nach ihm, und hatte ihn nicht uͤbel ins Auge ge⸗ faßt; aber er faͤngt den Stoß mit dem lin⸗ ken Arm auf und faßt euch den armen Suͤn⸗ der beim Arm und ſchleudert ihn gegen die Mauerecke, daß das Gehirn davon ſpruͤtzte— und da lag er auch, und den Reſt wird der Teufel am beſten wiſſen. Der Barbudo aber— nun ſo pommadig, als haͤtte er ein Glas Waſſer getrunken. Bei meiner armen, ſuͤndigen Seele!— einen ſolchen Mann hat Skizzen aus Spanien. 429 es noch nicht gegeben! Sprecht mir vom Cid und von Bernardo del Carpio oder Ju⸗ lian Romero und den andern, von denen die Blinden ſingen!— Saͤuglinge, unſchul⸗ dige Kindlein ſind ſie gegen den Barbudo.«X — Waͤhrend der Getreue ſo die entſetzliche That ſeines Herrn anprieß, hatte dieſer den Padron, der an der Thuͤr gehorcht hatte und bei ſeinem Eintritt ſcheu zuruͤckgefahren war und ſich wegdruͤcken wollte, gefaßt und ihn zu dem Escribano geſchleppt, der vor Angſt nicht einmal zu entfliehen verſuchte, und in dem vergeblichen Kampf ſeiner fratzen⸗ haften Wuͤrde und ſelbſtbewußten Schlauheit gegen das Gefuͤhl augenblicklicher Huͤlfloſig⸗ keit einen ſo abſonderlichen und unter andern Umſtaͤnden laͤcherlichen Anblick darbot, daß ſogar uͤber des Barbudo finſterem Geſicht ein faſt gutmuͤthig ſpottendes Laͤcheln flog, das dem Geaͤngſteten nicht entging und ihm auch ſogleich wieder einen Theil ſeiner Zu⸗ verſicht gab, da er den Mann, mit dem er in einem aͤhnlichen Verhaͤltniß ſtand, wie ein geldgieriger Waͤrter mit ſeinem halbge⸗ zaͤhmten Loͤwen, genau genug kannte, um 430 Skizzen aus Spanien. jede ſeiner Mienen und Aeußerungen zu deu⸗ ten. Jaime ſaßte die duͤrre Hand des E?⸗ cribano in ſeiner linken, welche ſchon die des ſich aͤngſtlich windenden Curro hielt, und Beide fuͤhlten ſich zuſammengeklemmt wie in einen eiſernen Ring. So fuͤhrte er ſie— wie etwa ein Paar ungezogene Jungen da⸗ hin gefuͤhrt werden, wo ſie ihre Strafe em— pfangen ſollen— nach dem Herde hin. Hier hielt er ihnen noch einmal den blutigen Dolch dicht vor die Augen, daß der Escri⸗ bano die Zaͤhne zuſammenbiß und ſich ſteifte und Curro ſich wieder aͤngſtlicher zu winden begann.— Jaime erhob nun den Dolch, holte weit aus; die beiden Schaͤcher duck⸗ ten ſich mit einem halbunterdruͤckten Schrei, und Jaime ſtieß den Dolch dicht uͤber ihren Koͤpfen tief in einen Balken. Er klemmte nun noch einmal ihre beiden Haͤnde zuſam— men, daß die Gelenke krachten, wies auf das warnende Zeichen und Werkzeug ſeiner Rache, und indem er mit einem durchbohrenden Blick, mit halblauter, tiefer, drohender Stimme ſagte:»Habt ihr verſtanden?— Seht zu, was ihr thut— oder!———a ſchleuderte Skizzen aus Spanien. 431 er ſie veraͤchtlich von ſich, daß ſie uͤbereinan⸗ der taumelten und der Escribano mit Aech. zen ſeinen Hut und ſeinen Stab wieder zu⸗ ſammenſuchte, und einen dunkeln Winkel ſuchte, um ſich wieder zu rehabilitiren. Der Barbudo reinigte ſich indeſſen von dem Blute und befahl nun ganz in ſeiner gewoͤhnlichen, ruhigen Weiſe dem entſetzten Curro, ihm ſeine Armwunde zu verbinden, ordnete ſeine Klei⸗ dung wieder, kaͤmmte Bart und Haare glatt und hatte bald wieder ganz das Anſehen ei⸗ nes ehrbaren aͤltlichen Landmannes.— Er ſah ſich nun nach dem Cura um, den er mit einiger Muͤhe in einem entfern⸗ ten Winkel der Poſada fand, in großer Ge⸗ muͤthsbewegung und ſo eifrigem Gebet, daß er den Herangetretenen nicht eher bemerkte, als bis er ihn, ſanft auf die Schulter klop⸗ fend, fragte:»Nun, Seüor Don Geronimo — ſeid ihr fertig? Jetzt geht es nach Va⸗ lencia.« Der Cura ſprang mit ſichtlichem Entſetzen auf und ſprach zuruͤcktretend und mit weit vorgeſtreckten Haͤnden:»Weiche von mir, Unſeliger. Ich hab nichts mehr mit dir gemein. Deine Haͤnde rauchen von Blut. 43²³ Skizzen aus Spanien. Gott verzeih mir meinen Vorwitz, der mich in die Gemeinſchaft der Gottloſen gefuͤhrt hat— aber von nun an in Ewigkeit ſage ich mich von dir und deinen Werken los. Willſt du auch mein Blut vergießen— ſo bin ich bereit.« Der Barbudo beſann ſich einen Augenblick und ſchien eine zornige oder ungeduldige Regung nicht ohne Muͤhe zu un- terdruͤcken; bald ſagte er aber ruhig:»Ich kann es euch nicht eben verdenken, hochwuͤr⸗ diger Herr, daß euch unheimlich bei mir wird. Aber ihr haͤttet das fruͤher bedenken ſollen. Ihr wußtet, was ich bin, und treibe und haͤttet wiſſen koͤnnen, daß das Hand⸗ werk rothe Haͤnde macht. Bei unſerer lieben Frau zu Elche! meint ihr, es waͤre mir nicht auch lieber, wenn ich die Haͤnde nur in Ro⸗ ſenwaſſer und nicht in Blut zu tauchen brauchte? Meint ihr, ich habe meine Freude dran, arme Teufel zur Ader zu laſſen? Fragt wen ihr wollt: ob der Barbudo dafuͤr be⸗ kannt iſt, muthwillig Blut zu vergießen oder wem es ſei ein Haar zu kruͤmmen, ohne Noth? Aber was ſein muß, das muß ſein — und Cap sagranat!— was ſein muß, — Skizzen aus Spanien. 433 kann und will ich auch ausfuͤhren. Dafuͤr bin ich ein Mann———»Aber um Gottes und um aller ſeiner Heiligen Willen, mein Sohn Jaime— unterbrach ihn der gute Cura, deſſen Gefuͤhl immer noch mit ſeinem Gewiſſen und ſeiner Vernunft kaͤmpfte— warum gebt ihr euer entſetzliches Handwerk nicht auf?«—»Ihr habt gut reden und meint es gut— antwortete der Barbudo laͤ⸗ chelnd— aber ihr wißt nicht, was ihr ſagt. Noͤchtet ihr mich denn wirklich am hohen Gal⸗— gen ſehen? Nun— bei Gott— ſo wie die Sachen jetzt ſtehen, hab' ich keine Wahl, als zu ſein, was ich bin, oder mich dem Henker in die Haͤnde zu liefern und mich haͤngen zu laſſen wie ein elender Buſchklepper oder Ta⸗ ſchendieb. Und— nehmt mir's nicht uͤbel— dazu halt' ich mich zu gut.«»Aber, deine unſterbliche Seele, mein Sohn— bedenke das Ende, den Tag des Gerichts«— fiel der Geiſtliche, die Haͤnde bittend zuſammen⸗ legend, wieder ein. Der Barbudo aber ließ ſich auch uͤber dieſen Punkt nicht ſo leicht aus der Faſſung bringen. Er antwortete eben ſo ruhig wie vorher:»Ei, hochwuͤrdi⸗ II. 28 434 Skizzen aus Spanien. ger Herr, wird denn meine Seele beſſer dran ſein, wenn mein Leib gehaͤngt und den Voͤgeln des Himmels zur Speiſe gegeben wird? Nein, nein, ſag' ich euch— wenn die Herren mich kriegen, ſo moͤgen ſie mich ſieden oder braten, und ich werde ſterben wie ein Mann und wie ein alter Chriſt— aber freiwillig geb' ich mich nicht in ihre Haͤnde. Zum Maͤrtyrer und Heiligen bin ich verdorben;— Suͤnder ſind wir aber alle— und, meiner Treu! wenn ich noch heute die Wahl haͤtte, und koͤnnte meine Laſt vertauſchen gegen das, was ſo viele Andre zu verantworten haben, die ich euch nennen koͤnnte, und die ihr Ge⸗ ſicht keck vor der ganzen Welt zeigen— Leute, die ſeit Jahren auf mich fahnden— Herrn, die einſt uͤber mir zu Gerichte ſitzen werden— wenn's Gottes Wille iſt;— ſeht, Herr, ich bedankte mich dafuͤr und ſagte: Jeder trinke, was er ſich eingeſchenkt, und liege, wie er ſich gebettet. Jeder fuͤr ſich und der liebe Gott fuͤr Alle. Vermoͤgt ihr fuͤr mich einen Indulto zu erlangen, worauf ich mich verlaſſen kann— dann fragt wieder an, und wenn ich von dem Augenblick an meine —ᷣ— Skizzen aus Spanien. 435 Flinte je wieder auf etwas Anderes anlege, als auf Haſen und Rebhuͤhner, und mein Meſſer zu etwas Andrem brauche, als zum Tabackſchneiden— ſo ſoll mir ein Escribano den Bart ausreißen, und der Teufel mit meiner Seele umſpringen wie mit einer Ad⸗ vocatenſeele. Was meint ihr denn, guter Herr? Glaubt ihr, es ſei ſo viel Freude bei dem Handwerk?— Ja, im Anfang, als ich noch jung und wild war— als mir noch die Erinnerung an mein Maͤdchen im Gehirn brannte, die ein vornehmer Bube mir—— nun— als ich es noch Tag und Nacht nicht vergeſſen konnte, wie die Diener der Gerechtigkeit des Koͤnigs die Dirne in's Zuchthaus ſchleppten„ weil ſie ſich nicht mit Geld abfinden laſſen wollte— wie ſie mir mitſpielten, um den feigen Schurken vor meiner Rache zu ſchuͤtzen— aber ſie hat ihn getroffen, und ſeitdem war ich wie ein wildes Thier unter den Menſchen. Und— wie ich euch ſage— anfangs war mir wohl, ſo lange ich noch allein war und hauſte wie der Adler im Gebirge— aber nach und nach verſuchte mich das Gluͤck und der Teufel in 28* 436 Skizzen aus Spanien. Geſtalt eines Escribano, und ich machte mein freies Leben zum Geſchaͤft und Handwerk, und jetzt bin ich nicht mehr jung und zu tief drin und alles Reden iſt umſonſt— aber glaubt mir, Herr— das Blut, das an dieſer Hand klebt, liegt mir weniger ſchwer auf der Seele, als daß ich mit ſolchen Schurken Gemeinſchaft ma⸗ chen muß. Was ihr auch von mir denken moͤgt, ich habe noch kein unſchuldiges Blut vergoſſen, außer im offnen Kampf. Ich habe den Ar⸗ men nie beraubt und gedruͤckt, ſondern ihm oft ſein Recht verſchafft, oder ſein Unrecht ge⸗ raͤcht, wenn Schurken im Namen des Koͤnigs und des Geſetzes ihn plackten. Und wenn ich Leute, wie den armen Teufel da drinn, den Fenoll, zwinge, ſich mit mir abzufinden, wenn ſie's nicht gutwillig thun— nun, das iſt eben mein Geſchaͤft— davon leb' ich, und, wenn die Leute die Wahrheit ſagen wollen, ſo ſtehn ſie ſich beſſer dabei als vor⸗ her, wo jeder Buſchklepper ihnen etwas ab⸗ zapfen konnte. Ich halte auf Ordnung und Recht und Billigkeit, und kein Menſch kann ſagen, daß ich je mein Wort gebrochen— im Guten oder Boͤſen. Wenn ich meinen In⸗ Skizzen aus Spanien. 437 dulto haͤtte— ſo wuͤßte ich auf dreißig Mei⸗ len in der Runde kein Dorf noch Stadt, wo ich mich nicht morgen niederlaſſen und mit den Nachbarn als guter Nachbar und Ehrenmann und Chriſt leben koͤnnte, ohne daß mir einer ein boͤſes Wort gaͤbe. Und, bei meinem Bart, weiter verlang' ich Nichts. Aber das verlang' ich— und ſo lang' man mir das nicht goͤnnt, muß ich eben mein Geſchaͤft treiben, ſo gut ich kann und weiß.« —»Habt ihr's denn nie verſucht, einen Indulto zu erlangen?« fragte der Cura, der anfing, den wunderlichen Geſellen wirklich nicht mehr ſo ſtrafbar, entſetzlich und un⸗ menſchlich zu finden.»Oft genug— ant⸗ wortete Jaime— aber anfangs fuͤrchteten ſie mich nicht genug und jetzt fuͤrchten ſie mich zu ſehr— und dann ſtehen die Schurken von Escribanos mir uͤberall im Wege, und reiten mich immer wieder hinein, wenn ich mich herauszuziehen meine. Bis ich den In⸗ dulto habe, und um ihn zu erlangen, brauch' ich ſie; aber— das iſt eben das Seil, an dem der Teufel mich feſt haͤlt— und ſie laſſen mich nicht los, ſo lange ſie noch eine 438 Skizzen aus Spanien. Peſeta von mir ziehen koͤnnen. Seht— vor vier Jahren fing ich den Sohn des Cor⸗ regidor von Murcia weg, und meinte, ich wollte damit den Alten dahin bringen, ſich fuͤr mich bei den großen Herren in Madrid zu verwenden— und es war Alles ſo ziem⸗ lich in Ordnung— nur daß ich meine Leute namentlich und alle darin aufgenommen ha⸗ ben wollte; da macht' ein Schurke— und wenn ich es gewiß wuͤßte, was ich nur ver⸗ muthe, daß es der ſteife, duͤrre Suͤnder Don Pancracio war, ſo— nun dem Scüor Cor⸗ regidor wurde weiß gemacht, ich ſei nicht auf meiner Hut und er koͤnne mich leicht fangen, ehe ich den Indulto in Haͤnden haͤtte, und dann koͤnnte man ein Exempel an mir ſtatuiren und er wuͤrde Ehre und Vortheil davon haben. Die guten Leute ka⸗ men freilich ſc=hlimm an— und werden noch lange dran denken. Da hieß es recht: ſie kamen nach Wolle und zogen geſchoren ab. Und von Rechtswegen haͤtte der Corregidor ſeinen Jungen nimmer wiederſehen ſollen— aber, was wollt ihr? Der arme Junge konnte doch nichts dafuͤr— und ſo eigentlich Skizzen aus Spanien. 439 und beſtimmt verſprochen hatte ich auch nicht, ihn umzubringen.— Ich dachte gleich: was ſollſt du verſprechen, was dir hinterdrein leid thaͤte zu halten?— Und die Stadtleute halten mich ohnehin fuͤr einen ſolchen einge⸗ fleiſchten Teufel, daß ich wenig zu ſagen brauchtet, um dem Vater bange zu machen, der Mutter und des Weibsvolks nicht zu ge⸗ denken. Davon koͤnnt' ich euch einen guten Spaß erzaͤhlen— ich war damals ſelber in Murcia bei den guten Leuten und— wie geſagt, ſie jammerten mich und ich ſchickte ihnen den Jungen zuruͤck. Aber mit dem Indulto war's nichts, und— was meint ihr?— hinterdrein hieß es, ich habe den Indulto angenommen und wieder gebrochen. Solche Teufeleien! Nachher— es iſt noch kein Jahr her, boten ſie mir wieder einen Indulto an— aber was meint ihr, Herr— was fuͤr einen Schurken ſie aus mir machen wollten— oder fuͤr welchen Narren ſie mich hielten? Ich ſollte meine Geſellen preisgeben — verrathen! Und zu gleicher Zeit machten die Herren ſich an meine Leute und boten ihnen dies und das— eine Goldmine!— 440 Skizzen aus Spanien. wenn ſie mich ausliefern wollten. Nun— ich kenne meine Leute und ſie kennen mich— und ihr koͤnnt euch denken, daß in des Bar⸗ budo Quadrilla kein Verraͤther gedeiht. Alſo, wir verglichen unſre Rechnungen, und wenn ihr in Murcia an dem Stadthauſe zu beiden Seiten der Hauptpforte ein Paar rothe Kreuze an der Wand ſeht, ſo kann euch jedes Kind ſagen, wie die Herren dort an einem ſchoͤnen Morgen die beiden Spuͤrhunde liegen fanden, die ſie uns herausgeſchickt hatten— die ha⸗ ben es, meiner Treu! ſeitdem nimmer wie⸗ der verſucht, einen ehrlichen Mann zum Narren zu halten oder zum Schurken zu ma⸗ chen. Aber, ſagt ſelber— was ſoll unſer eins nun anfangen? Da ſchicken ſie mir alle Vierteljahr— oder wenn es ſich grade einmal trifft, daß irgend ein großer Vogel— vom Hofe oder ſo— ein Paar Federn hat laſſen müͤſſen und ein Geſchrei erhebt— ein Meute von armen Teufeln in des Koͤnigs Uniform auf den Leib— nun, meines Lei⸗ bes und Lebens muß ich mich doch wehren; alſo was geſchieht? Es wird im Gebirge hin und her gezogen und geſchoſſen— ich Skizzen aus Spanien. 441 verſaͤume mein Geſchaͤft da und dort— weil ich meine Leute beiſammen halten muß— und von den andern kehren nach vierzehn Tagen, drei Wochen, auch nicht alle heim, die ausgezogen ſind. Wie ſoll man’s anfan⸗ gen? Die armen Teufel dauern mich— ſie thun Nichts als ihre Schuldigkeit— rechter Ernſt iſt es ihnen auch eben nicht— aber einmal oder das andremal muͤſſen ſie ſich doch ſo anſtellen; und— Gott weiß— ſo ſehr ſie mich dauern, und ſo ſehr ich zuruͤck⸗ halte, muß ich ihnen doch zuweilen auf die Finger klopfen.— Seht, Seünor Don Ge⸗ ronimo, ich denke mir oft ſo, da in meinem Kopf, wie wenig dran fehlt, daß ich ſo, wie ich da gehe und ſtehe, den Herren all die Muͤhe erſparen und unſerm Herrn, dem Koͤnig, dienen koͤnnte als ein ehrlicher, fried⸗ licher Mann, wie es unſer Herr Gott befiehlt und will. Er brauchte mir, meiner Treu, nur zu befehlen, woran er mich jetzt mit Gewalt hindern will. Dann hielt ich hier das Land rein von Buſchkleppern und Geſin⸗ del— was ſie ja ohne mich doch nicht koͤn⸗ nen und nimmer gekonnt haben— und mit 442 Skizzen aus Spanien. den Fuhrleuten, Kaufleuten und Reiſenden ließen wir's beim Alten. Ja, ich wollte Je⸗ dem gern die Haͤlfte ablaſſen von dem, was ſie mir jetzt geben muͤſſen. Was meint ihr, Seüor Don Geronimo— wenn ich einmal mit dem Koͤnig ſelber ſprechen koͤnnte? Ich hab's ſchon oft im Sinn gehabt— waͤr' ich nur einmal in Madrid, ſo wollt' ich es ſchon ſo einrichten.— Die letzte Zeit hat mir der aſturiſche Starrkopf, der alte Fenoll, zu viel zu ſchaffen gemacht— jetzt koͤnnt' ich ſchon eher abkommen, wenn die wunderliche Dirne mir mit dem Burſchen, dem Florencio, nicht in die Queere gekommen waͤre. Nun, und bei meinem Bart! ich ſitze hier und ſchwatze euch was vor, wie ein Weib. Aber, weiß Gott, wie es kommt, wenn ich euch ſehe, ſo denk ich alter Zeiten, und——— nun, das iſt vorbei, wie die Wolken von vorigem Jahr— jetzt an's Werk. Ihr, hochwuͤrdi⸗ ger Herr, zieht mit der Dirne eures Weges fuͤrbaß nach Hauſe— ich will euch nicht be⸗ ſchwerlich ſein, und, wie geſagt, ich kann's euch nicht verdenken, wenn ihr meint: beſſer allein als in ſchlechter Geſellſchaft. Es iſt Skizzen aus Spanien. 443 auch ſonſt beſſer. Ruhig und ſicher koͤnnt ihr ſein, wie in Abraham's Schooß— ver⸗ laßt euch auf mich. Weit weg werd' ich nie ſein und in Valencia hoͤrt ihr weiter von mir. Die Hand will ich euch nicht bieten— aber geht mit Gott.« Der gute Cura haͤtte ihm gar zu gern die Hand gegeben, aber er nahm ſich zuſammen und ſagte ſo ſtreng, wie es ihm moͤglich war:»Gott moͤge dir gnaͤdig ſein, mein Sohn, und uns Suͤndern allen.«— Der Barbudo nickte beiſtimmend mit dem Kopf, zoͤgerte noch einen Augenblick und wandte ſich um und ging, die noͤthigen Anſtalten zu treffen. Waͤhrend auf ſeinen Befehl der Padron ein Paar tuͤchtige Maul⸗ thiere ſattelte, holte der Barbudo aus einer alten ledernen Brieftaſche zwei Stuͤckchen Pa⸗ pier und rief nach dem Escribano, der nach einigem Zoͤgern aus ſeinem halben Verſteck hervortrat, aber dem Landfrieden noch nicht trauend, immer noch anſtand, naͤher zu treten. Endlich ſagte der Barbudo ungeduldig:»Nun, ſeid ihr feſtgefroren, Señor Don Pancracio— ſoll ich euch holen, ode, wie wird's? Ihr ſteht freilich dort wie ein Laternenpfahl; aber 1 4¹⁴ Skizzen aus Spanien. ſo ſchlau euer Kopf iſt, ſo kann man doch bei ſeinem Licht nicht ſchreiben. Ihr ſollt mir aber zwei Geleitszettel ſchreiben, fuͤr den hochwuͤrdigen Herrn dort nach Valencia und fuͤr den alten Fenoll nach Elche. Alſo ſcheert euch hierher an's Licht.— Schnell, oder— Tron de tron!«-— Da der Barbudo zugleich in ſeinen Guͤrtel griff, glaubte der Escribano wahrſcheinlich, er ſuche irgend ein Mordgewehr, und ſah ſich ſchon nach einem Auswege zur Flucht um, als der Klang des Silbers in der gefuͤrchteten Hand ihn benach⸗ richtigte, daß jener nur den zwiſchen ihnen fuͤr dergleichen unentbehrliche Dienſte der kunſtfertigen Schreiberhand feſtgeſetzten Eh⸗ renſold bereit halte. Sogleich uͤbte der lieb⸗ liche Ton ſeinen unwiderſtehlich anziehenden Zauber auf den Escribano. Er ſchritt heran, ſetzte ſeine Brille auf, zog ſein hoͤrnernes Dintenzeug heraus— und Alles mit ſo gro⸗ ßer Eile, als die ſteife Foͤrmlichkeit es ge⸗ ſtattete, mit der er ſeine Spitzbubenrolle her⸗ auszuputzen und zu verkleiden fuͤr gut fand. — Der Barbudo hielt ihm ungeduldig die beiden Zettel hin, der Escribano ſchrieb ein Skizzen aus Spanien. 415 Paar Worte drauf und reichte dann mit fei⸗ erlichem Anſtand dem Raͤuber die Feder hin — dieſer riß ſie ihm aus der Hand, ſetzte unter das Geſchriebene die hieroglyphiſchen, aber wohlbekannten Schnoͤrkel und Haken, welche er ſeine Namensunterſchrift: el Bbdo, zu nennen beliebte, ſah ſie nicht ohne einige Selbſtgefaͤlligkeit an, bis ſie trocken waren, und ſagte zum Escribano gewandt:»Was meint ihr, Seüor Don Pancracio, wenn ich fruͤher angefangen haͤtte— aber es war meine Schuld. Meine Aeltern haͤtten's gern dran gewandt— wenn ich nur den Weg in die Schule haͤtte finden koͤnnen; aber, der Teu⸗ fel weiß, wie es kam— immer vorbei. Damals haͤtt' es mich nicht den hundertſten Theil gekoſtet von dem, was ihr mir ange⸗ rechnet habt, um mir die Paar Buchſtaben zu lehren— und die Paar Worte fuͤr mich zu ſchreiben. Aber wartet nur— jetzt eben denk' ich dran— Florencio ſoll mein Schreiber werden; der Junge muß ja ſo ge⸗ lehrt ſein wie Juan de la Encina, der Zauberer.« Das Letzte ſagte er halblaut fuͤr ſich und immer noch ſein Kunſtwerk betrachtend, waͤhrend er 446 Skizzen aus Spanien. dem Escribano ein Paar Geldſtuͤcke hinreichte. Dieſer war zwar eifrig genug bei der Hand, um ſie in Empfang zu nehmen— ja ſogar zu eifrig, denn eins davon fiel auf die Erde, und waͤhrend der Escribano ſich buͤckte, um es aufzuheben, und der Barbudo, dadurch aufmerkſam gemacht, hinſah, fiel ſein Blick auf einen ledernen Riemen mit einer Schnalle, der dem Escribano aus der Taſche guckte. Sogleich fuhr jener danach und zog die Geld⸗ katze heraus, die er vorhin den beiden Buſch⸗ kleppern abgenommen hatte. Der Escribano merkte es nicht eher, als bis er uͤber ſeinen duͤrren Ruͤcken einen ſchallenden Hieb mit dem harten Riemen erhielt und die Worte ver⸗ nahm:»Ei, du heilloſer Spitzbube— wart, ich will dir——« Der Escribano richtete ſich ſchnell auf, ſah den Barbudo drohend und mit aufgehobenem Arm vor ſich ſtehn, bereit, die Correction zu wiederholen; er ſuchte auf alle Weiſe den Sturm abzuwen⸗ den, indem er den Schmerz des erſten Hie⸗ bes mit den wunderlichſten Verziehungen des Geſichts und Windungen des Koͤrpers verar⸗ beitend, ſeine duͤrren Haͤnde ausgeſpreitzt vor⸗ Skizzen aus Spanien. 447 haltend ſich zuruͤckzog und zugleich verſicherte: »Bei meiner armen Seelen Seeligkeit— und ſo gewiß ich einen Stuhl im Himmel zu fin⸗ den hoffe— ich hab' das Geld nicht ange⸗ ruͤhrt— ich hab' es nur in Sicherheit brin⸗ gen und berechnen wollen. Es lag dort am Boden— ihr hattet es fallen laſſen und ver⸗ geſſen, Seüor Don Jaime— als ihr— als ihr«—»Als ich vorhin ein Paar ar⸗ men Teufeln den Laufpaß gab, den ihr und Euresgleichen zehnfach verdient. Und, bei dieſem und jenem— es fehlt mir nicht viel, ich— aber genug fuͤr heut. Von dieſem Geld kommt kein Maravedi in meine Taſche — alſo habt ihr auch nichts zu berechnen, und koͤnnt euch euer unſauberes Maul wiſchen. Was!— der Mann iſt auf dem Wege zu mir, um mit mir wie ein Ehrenmann ſich abzufinden, von Landſtreichern uͤberfallen wor⸗ den— auf meinem Gebiet— und ich ſollte ihn noch dazu um das Seinige bringen! Nicht einen Dines nehme ich von ihm und wenn er ſo alt wuͤrde wie Methuſalem und mehr Wagen und Karren auf des Koͤnigs Landſtraßen herumrollen ließe, als der Koͤnig 448 Skizzen aus Spanien. Pharao ins rothe Meer gefuͤhrt hat— ſo ſoll er von mir und den Meinigen kein Wort mehr hoͤren— anders als im Guten und im Frieden. Bei der lieben Frauen zu Elche! — ich ſchaͤme mich, ihm wieder vor die Au⸗ gen zu treten. Aber jetzt macht, daß ihr fortkommt— ich habe anderswo zu thun. In acht Tagen bin ich wieder hier— und bis dahin— ſeht zu, was ihr thut und vergeßt nicht———« Der Barbudo warf einen bedeutenden Blick auf das Wahrzeichen, was er vorhin in terrorem aufgepflanzt, und der Escribano, der, ohne es zu merken, faſt mit dem Kopf dran geſtoßen hatte, fuhr erſchrocken zur Seite, faßte ſich indeſſen ſchnell wieder und ſprach, indem er zum Abſchiede den Hut etwas luͤpfte:»Habt keine Sorge, Seüor Don Jaime, habt nicht die geringſte Sorge. Ihr laßt Alles in guten Haͤnden— wir werden nach der Ordnung verfahren— wie bisher. Die lieben Heiligen wollen euch geleiten, hin und her— und wenn ihr viel⸗ leicht———«»Schon gut, ſchon gut— Gott befohlen— Agur!« brummte der Bar⸗ budo und wieß nach der Thuͤre. Der Escri⸗ Skizzen aus Spanien. 44⁴9 bano ſchritt mit ſtattlichem Anſtand hinaus, und der Barbudo wandte ſich, offenbar nicht ohne ein Gefuͤhl von Verlegenheit, nach der Kammer, Verſchlag oder wie wir es nennen ſollen, worin der verwundete Fenoll und die beiden Maͤdchen waͤhrend dieſer ganzen Zeit in einer Art von Arreſt gehalten worden wa⸗ ren; Fenoll halb betaͤubt und erſchoͤpft der Ruhe genießend— Rita ausſchließlich mit der Pflege des Vaters beſchaͤftigt— Merce⸗ des unruhig auf die verworrnen Toͤne lau⸗ ſchend, welche aus den entferntern Theilen der Poſada zu ihr drangen, und aus denen ſie zwar im Allgemeinen bald ſchloß, daß etwas unheimlich Gewaltthaͤtiges dort vorge⸗ hen muͤſſe, ohne doch uͤber den eigentlichen Zuſammenhang, den Antheil eines Jeden, und den Ausgang eine beſtimmte Anſicht er⸗ langen zu koͤnnen. Vorherrſchend blieb aber bei ihr immer der ungeduldige Drang, den Zweck ihrer gewagten Pilgerfahrt erreicht zu ſehen, und das feſte Vertrauen auf den Schutz und die Huͤlfe ihres ſtarken Bruders, dem, wie ſie in ihrer halbkindiſchen Uner⸗ fahrenheit waͤhnte, Nichts unmoͤglich ſein, II. 29 Skizzen aus Spanien. Nichts widerſtehen koͤnne.— Beim Bar⸗ budo ſelbſt ſchienen aber in dieſem Augenblick ganz andere und viel beſcheidenere Anſichten und Gefuͤhle uͤber ſich ſelbſt vorzuherrſchen. Auf einen Wink von ihm entfernte ſich der Geſelle, der an der Thuͤre des Verſchlags Wache gehalten hatte, und der Barbudo griff nach der Thuͤrklinke, als wollte er hineintre⸗ ten— ploͤtzlich zog er aber die Hand zuruͤck, und blieb in offenbarer Verlegenheit, ſich hinter den Ohren kratzend und halblaute, ab⸗ geriſſene Worte brummend, vor der Thuͤre ſtehen. Endlich brummte er:»Bei der Seele meiner Großmutter! ſchaͤme ich mich nicht wie ein Junge, der zum erſtenmal uͤber dem Obſtſtehlen ertappt iſt?— Steh ich nicht da wie ein Gelbſchnabel an der Schwelle ſei⸗ nes erſten Maͤdchens? Aber, ich kann's nicht verdauen— ich kann dem Mann nicht vor die Augen treten. Außerdem— es thaͤte ihm jetzt gewiß nicht einmal gut, wenn er ſich ereiferte— und Urſach hat er genug da⸗ zu— bei meinem Bart!«— Der Bar⸗ budo war offenbar froh, einen ſo triftigen Grund gefunden zu haben, um einem Zu⸗ Skizzen aus Spanien. 451 ſammentreffen auszuweichen, das, nach ſei⸗ nem wunderlichen, ſelbſtgeſchaffenen Syſtem von Ehre, Recht und Billigkeit, Treu und Glauben, ſo beſchaͤmend fuͤr ihn ſein zu muͤſſen ſchien. Er klopfte ſachte an die Thuͤ⸗ re, oͤffnete ſie ein klein wenig und rief leiſe: »Merceditas— Merceditas— komm heraus.« Mercedes eilte hinaus und fing ſogleich an, mit leidenſchaftlichen Fragen und Bitten auf ihn einzuſtuͤrmen; ihr Bruder aber unterbrach ſie, indem er mit drohendem, ungeduldigem Ton, doch immer halblaut ſagte:»Maͤdchen, wirſt du nimmer lernen, was ſich ſchickt? Wenn ich rede, ſo ſchweigſt du und hoͤrſt. Rayon del are!«— Mercedes ſchwieg be⸗ troffen, und er fuhr wieder milder fort: »Geh hinein, Merceditas, und gieb dem al— ten Fenoll dies und dies— er reichte ihr die Geldkatze und den einen Geleitszettel— und ſag' ihm einen ſchoͤnen Gruß von mir— und— und er ſollt's nicht fuͤr ungut neh⸗ men— es thue mir leid genug— und die Kerls, die Buſchklepper haͤtten den Spaß theuer bezahlt, das Brod habe ihnen einen Kuchen gekoſtet— er ſolle nur den Curro 29* 452 Skizzen aus Spanien. fragen— und wenn ein Maravedi an ſei⸗ nem Geld fehlt, ſo ſoll er es mir wiſſen laſ⸗ ſen— ich will es ihm erſetzen, und ſollt' ich an den Kirchenthuͤren betteln— und ſag ihm, wenn der Barbudo ihm irgend einmal einen freundlichen Dienſt erweiſen koͤnne— ihm oder den Seinigen, ſo ſoll er nicht bloͤde ſein. Und— einen ſchoͤnen Gruß an das Kind— die Seüorita— wenn ſie einmal Hochzeit macht, ſo woll' ich ein Gaſt ſein. Ich bin ihr auch noch einen Spaß ſchuldig fuͤr den Schreck, den ich ihr gemacht.— Jetzt das Andre. Den Zettel gieb dem Cura, und meinen ſchoͤnen Gruß— das Andre weiß er. In einer Stunde muͤßt ihr unterwegs ſein nach Valencia— dort ſehn wir uns wieder, und dann wird der liebe Gott wei⸗ ter helfen. Da haſt du was auf die Reiſe, Kind— und hoͤrſt du, laßt euch nichts ab⸗ gehen, und ſorge mir auch ordentlich fuͤr den alten Herrn— und fuͤr dich ſelber, Kind— du biſt ja ganz abgetrieben. Da, nimm— er reichte ihr eine Handvoll Piaſter hin— und geh mit Gott. Furchte dich nicht— wir wollen ſchon Alles einrichten.«“»Ich fuͤrchte mich nicht— Gott behuͤte dich, Jai⸗ me! Denk an Florencio« antwortete Merce⸗ des feſt. So trennten ſich die Geſchwiſter. Mercedes ging wieder hinein, ihre Auftraͤge auszurichten; der Barbudo gab noch einige Befehle an ſeine Leute und den Padron, un⸗ terſuchte ſeine Waffen und ſchritt dann ruͤſtig, im Bewußtſein ſeiner Kraft und Kuͤhnheit, hinaus. In der Thuͤre der Poſada drehte er ſich noch einmal um, rief die Landleute, welche Zeugen und Theilnehmer an den Vor⸗ faͤllen dieſer Nacht geweſen waren, herbei, und indem er ihnen ein Paar Geldſtuͤcke hin⸗ reichte, ſagte er:»Da habt ihr auch was fuͤr eure Muͤhe und Verſaͤumniß, Gevatters⸗ leute— denn euer Schweigen brauch' ich euch, denk ich, nicht zu bezahlen. Wir ver⸗ ſtehn uns— Wie?«—»Ob wir uns ver⸗ ſtehen! Caramba!— antwortete der Eine— und wenn ich euch nur ſeit dieſem Abend kennte— ich haͤtte Schweigen gelernt fuͤr mein ganzes Leben.«»Genug— bleibt mit Gott, Caballeros!« ſagte der Barbudo und ging.— Nach einer Stunde finden wir den Cura und Mercedes in der fruͤhſten Morgen⸗ Skizzen aus Spanien. 453 454 Skizzen aus Spanien. daͤmmerung auf dem Ruͤckweg nach Valencia, den ſie jedoch mit viel mehr Bequemlichkeit machten als den Herweg. Nicht zu Fuße als arme Pilger, ſondern auf ein Paar tuͤch⸗ tigen Maulthieren, mit wohlgefuͤllter Alſorja*) und einer Handvoll blanker Piaſter, und mit einem Mozo de Eſpuelas**), der es, was auch ſeine Beweggruͤnde dazu ſein mochten, nicht an geſchaͤftiger Aufmerkſamkeit fuͤr die Reiſenden fehlen ließ. Ohne weiteres Abenteuer erreichten ſie am Abend des dritten Tages die Huerta von Valencia, unb nachdem ſie vorher die Thiere und den Treiber zuruͤckgeſchickt hatten, trenn⸗ ten ſie ſich, um ohne Aufſehen nach Sonnen⸗ untergang in Ruzafa und jeder in ſeiner Wohnung einzutreffen. Mercedes hatte ſich auf den erſten Ausbruch des Zorns ihrer Mut⸗ ter gefaßt gemacht. Sie hoffte theils ihn *) Eine Art von Queerſack, der über den Sattel gehängt, Lebensmittel und andres Reiſegeräth enthält. ²*) Sporenjunge— ein Burſche, der für die gemietheten Thiere ſorgt, nebenher läuft, ſie antreibt, wieder zu⸗ rückbringt u. ſ. w., auch nebenbei den Diener der Rei⸗ ſenden macht. — —.— 455 Skizzen aus Spanien. bald durch die Ausſicht auf Rettung füͤr Flo⸗ rencio zu beſaͤnftigen, theils uͤberwog bei ihr ſelbſt dieſe Zuverſicht jede andre Ruͤckſicht ſo ſehr, daß ſie dem Wiederſehen der Mutter, wie es auch ausfallen mochte, mit einer Art von ruhigem Trotz entgegen ging. Als ſie bei ihrem kleinen Garten angekommen war, fand ſie die Pforte offen, den Laubengang, den Garten, ſoweit ſie ihn im Mondenlicht unterſcheiden konnte, ſehr verwildert. Die Huͤtte ſelbſt war verſchloſſen; vor der Thuͤre lag einiges Hausgeraͤth umher.— Mercedes klopfte anfangs leiſe, dann lauter an die Thuͤre, an die Fenſterlaͤden— ſie rief— Alles blieb ſtille. Das Maͤdchen verlor ſich in Muthmaßungen, um dieſes troſtloſe Raͤth⸗ ſel zu loͤſen— ihrer eignen huͤlfloſen Lage gedachte ſie dabei kaum. Endlich entſchloß ſie ſich, bei den Nachbarn Erkundigung ein⸗ zuziehen, obgleich dies ihre Abſicht, unbe⸗ merkt wieder zu ihrer Mutter zuruͤckzukehren, vereitelte. Sie fand die naͤchſten Nachbarn noch vor ihrer Huͤtte im Mondſchein beiſam⸗ men, mit Geſpraͤch, Geſang und Guitarre die laue Fruͤhlingsnacht genießend.— Als 456 Skizzen aus Spanien. ſie herantrat, ſchwieg Alles ſtill, und ohne die Zuͤge, den Blick der Menſchen im unſi⸗ chern Mondlicht genau unterſcheiden zu koͤn⸗ nen, fuͤhlte Mercedes doch, daß ſie vorwurfs⸗ voll auf ihr laſteten; ſie fing verlegen, mit unſicherer Stimme an:»Ave Maria puris- sima!— Gute Nacht, Vecinitas*)— wo iſt— um der heiligen Jungfrau Willen!— was iſt aus meiner Mutter geworden?«— »Es iſt nicht fein, Mercedes Ferrer, daß ihr uns— die Tochter Fremde— fragen muͤßt, was aus eurer Mutter geworden iſt— oder, weißt du nicht, wie das Gebot heißt: du ſollſt Vater und Mutter ehren?«— ant⸗ wortete eine alte Nachbarin mit vorwurfs⸗ vollem Tone, und haͤtte vielleicht noch mehr in dieſer Art geſagt, wenn Mercedes nicht auf ſie zugetreten waͤre und ſie mit jenem Ausdruck innerer tiefer Leidenſchaft und Jam⸗ mers unterbrochen haͤtte, der ſelten ſeinen beherrſchenden Einfluß auf gewoͤhnliche Men⸗ ſchen in gewoͤhnlichen Stimmungen verfehlt: *) Diminutiv v. vecina, Nachbarin— und einer von den vielen Diminutiven, deren Sinn wir vergeblich durch Ueberſetzung wiederzugeben ſuchen würden. Skizzen aus Spanien, 457 „»Alles weiß ich— Nachbarin— Alles, was ich zu wiſſen brauche, nur das Eine nicht: wo iſt meine Mutter?« rief Mercedes, krampfhaft den Arm der Nachbarin ergreifend. Dieſe, theils erſchreckt durch ihre Heftigkeit, theils durch den Gedanken an die Lage des Maͤdchens erweicht, antwortete in milderem Ton:»Nun— nun, du haſt es wohl nicht erfahren, Merceditas, bei deiner Herrſchaft; oder biſt krank geweſen— ſieht das Kind nicht elend aus?— Faß dich in Geduld und empfiehl dich der heiligen Jungfrau und dei⸗ nem Schutzheiligen.— Deine Mutter iſt vorgeſtern ausgepfaͤndet worden— wegen des Proceſſes, verſtehſt du? Der Escribano hatte wieder eine Rechnung Ellenlang— verflucht ſei ſein Geſchlecht!«—»Amen, Jeſus!« murmelten die Nachbarn; Mercedes aber ſchien durch dieſe Nachricht eher beruhigt als er⸗ ſchreckt. Sie hatte theils noch Schlimmeres erwartet, theils erfuhr ſie zugleich, daß der Vorwand ihrer langen Abweſenheit bei den Nachbarn als vollgültig angenommen ſei. »Wo iſt ſie— was macht ſie?— und was macht Florencio?« fragte ſie wieder haſtig, 458 Skizzen aus Spanien. aber ruhiger, da nun ſchon wieder ihr Sinn auf beſtimmte thaͤtige Theilnahme gerichtet war.»Wo ſollte ſie ſein, die arme Frau? was ſollte ſie treiben?— geſtern habe ich ſie an der Pforte der Seo ſtehen ſehen, und an frommen Seelen fehlt es ja Gottlob nicht, die ein Almoſen fuͤr eine arme verlaſſene Wittwe haben und ihren Segen und ihr Ge⸗ bet wohl brauchen koͤnnen— und unter dem Portal der Seo, oder den Bogen des Ayun⸗ tamiento kann unſer eins bei dieſer Jahrszeit es wohl die Nacht aushalten— aber freilich i ihr ſeid es anders gewohnt und Dona Ana war zu ihrer Zeit—— nun davon wollen wir jetzt nicht ſprechen. Wir meinen es gut mit euch, Merceditas, wenn ihr gleich immer thatet, als wenn ihr mehr waͤret als wir— aber Gott verzeih mir boͤſe Reden und Ge⸗ danken, ſie kommen einem, ohne daß man es will und eh man es ſich verſieht.— Wir meinen es gut.— Aber wir ſind ſelber arme 4 Leute— das weißt du, Merceditas, wie es Gott weiß— und Dona Ana hat ſelber ge⸗ ſagt, das Wenige, was wir uns abziehen koͤnnen, ſollen wir euerm Florencio zuwen⸗ ——x —— Slizzen aus Spanien. 459 den. Und noch heute hat mein Paco ihm eine Kleinigkeit von Eſſen gebracht— und er ſagt, es gehe ihm eher beſſer als ſchlim— mer. Der arme Vogel gewoͤhnt ſich ja am Ende an den Kaͤfig— aber der Escribano ſpricht wieder lauter als je von Preſidio und was weiß ich.«“—»Preſidio!— dafuͤr iſt geſorgt— das ſicht uns nicht mehr an!— Gott vergelt euch Alles, Nachbarin, bleibt mit Gott!«— rief Mercedes zuverſichtlich und wollte forteilen. Die Nachbarn aber riefen ſie zuruͤck und ſtellten ihr vor, daß ſie ja doch dieſe Nacht ihre Mutter nicht aufſu⸗ chen koͤnne, und boten ihr Speiſe und Nacht⸗ lager an.— Das Maͤdchen beſann ſich ei⸗ nen Augenblick und bat endlich, wenn man um Gotteswillen etwas fuͤr ſie thun wolle, ſo moͤge man ihr eine warme Decke leihen, ihr Nachtlager wolle ſie ſchon ſelber finden. Einige der Anweſenden ſetzten ihr noch wei— ter zu, zu bleiben, die alte Nachbarin aber meinte:»Gebt euch keine vergebliche Muͤhe, Kinder— ſondern ihr, was ſie verlangt— und Gott ſegne ihr's. Was ſie in ihrem Koͤpfchen hat, ſetzt ſie doch durch— ich ken⸗ 460 Skizzen aus Spanien. ne ja die Ferrers ſeit lange.«— Man brachte dem Maͤdchen eine wollne Decke, ſie dankte und eilte ſchnell fort.— Als Mercedes das Anerbieten der Nach⸗ barn ausſchlug, war ihre Abſicht, ſogleich ihre Mutter aufzuſuchen, wozu ſie kaum des Winkes bedurfte, den ihr die Nachbarn gege⸗ ben hatten, da die arme Frau in der That ſchwerlich ein andres Nachtlager gefunden hatte, als was der milde Himmel von Va⸗ lencia jedem Bettler darbietet und ertraͤglich macht. Sie fand aber die Stadtthore ſchon laͤngſt verſchloſſen, und mußte alſo, ſo gut oder ſchlimm ſie konnte, die Nacht hinbrin⸗ gen, um mit Tagesanbruch das Oeffnen der Thore zu benutzen. Die Stimmung, in der ſie ſich befand, und die der geneigte Leſer ſich ſelber ausdenken mag, hatte wenigſtens den Vortheil, daß ſie fuͤr die koͤrperlichen Unannehmlichkeiten ihrer Lage gar kein Ge⸗ fuͤhl behielt, und ſich nimmer erinnern konn⸗ te, wie oder wo ſie dieſe Nacht zugebracht. Kaum aber hatte ein Kanonenſchuß von der Citadelle das Zeichen zum Oeffnen der Thore Skizzen aus Spanien. 461 gegeben, ſo ſchluͤpfte ſie, den ſchlaftrunkenen Pfoͤrtner faſt umrennend, hinein und eilte nach der Seo. Die Glocken der Seo laͤuteten die Fruͤh⸗ meſſe ein, die Morgendaͤmmerung kaͤmpfte in den Straßen noch mit den Schatten der Nacht, und nur das Kreuz und der goldne Knopf auf dem hohen Miquelet leuchtete weit hin durch die leichten Nebel, die ihn um⸗ ſchwebten, in den erſten Strahlen der aufge⸗ henden Sonne. Die gefluͤgelten Bewohner des alten Gebaͤudes regten ſich da und dort mit ihren wunderlichen Stimmen— die ei— nen, um ſich ſcheu vor dem Licht des Tages zu verkriechen, nachdem ſie die Nacht hin⸗ durch geſchwaͤrmt, die andern, um die auf⸗ gehende Sonne zu begruͤßen und ihr Tage⸗ werk zu beginnen. Da und dort öoͤffnete ſich eine Hausthuͤr, und ein frommes Muͤtterchen nach dem andern ſchlich dem Gotteshauſe zu — auch wohl hier und da ein Handwerker, der den Tag uͤber keine Zeit zu finden weiß, ſeinem Gewiſſen oder den Forderungen ſeines Beichtvaters zu genuͤgen— auch wohl ein Harriero oder Carretero, der ſeine oft ge⸗ 462 Skizzen aus Spanien. faͤhrliche Reiſe nicht gerne antreten will, ohne vorher Meſſe gehoͤrt zu haben, um jede boͤſe Vorbedeutung zu entkraͤften, und an dem guten alten Sprichwort feſthaltend: por oir misa y dar cebada no se pierde la jornada(mit Meſſehoͤren und Futtern iſt keine Zeit verloren). Der Prieſter, der Sa⸗ criſtan, die Chorknaben ſchlichen endlich auch herbei, gaͤhnend, mechanich die unwillkomme⸗ ne, wenn gleich gewohnte Pflicht erfuͤllend— und aus dem Innern der Kathedral ſchallten die langgehaltenen feierlichen Toͤne der Orgel und des Meßgeſanges. Einzelne Verkaͤufer vom Lande fanden ſich nach und nach mit ihren Tragkoͤrben und Eſeln ein, legten ihre Waare zurecht und eilten auch noch nach der Seo, um wenigſtens noch ein Endchen Meſſe davonzutragen. Heerden von Ziegen trippel⸗ ten durch die Straßen und ſammelten ſich da und dort in kleinen Haufen, beſonders um die Kathedral her, wo aus den Fugen des alten dunkeln Geſteins einige Graͤſerchen ſproſſen, oder wo die Steine Salpeter aus⸗ ſchwitzen, oder ſie ſchnoppern auch wohl an den verbotenen Fruͤchten des Marktes und ——— Skizsen aus Spanien. 463 erregen dadurch den lauten, bellenden Proteſt der treuen Waͤchter, denen von den abweſen⸗ den Herrn die Sorge fuͤr dieſe Schaͤtze uͤber⸗ laſſen iſt. Die gewiſſenloſen Hirten aber ſu⸗ chen ſich gern ein Plaͤtzchen, um die Zeit noch zu verſchlafen, bis die aufwachenden Staͤdter ſie zum Melken ihrer Heerde antrei⸗ ben. Auf die beſten, bequemſten, am mei⸗ ſten vor Wind, Regen oder vielmehr Luftzug und Thau— denn darauf beſchraͤnken ſich meiſtens die haͤrteſten Unannehmlichkeiten ei⸗ ner Valencianiſchen Sommernacht— geſchuͤtz⸗ ten Plaͤtze koͤnnen dieſe Landleute freilich kei⸗ nen Anſpruch machen, da ihnen hier uͤberall dach⸗ und fachloſe Staͤdter zuvorgekommen ſind, von denen die meiſten ein verjaͤhrtes, oder durch einen ſtillſchweigenden oder aus⸗ druͤcklichen Vertrag mit den Handlangern der Polizei, beſonders den Serenos ⁷), garantir⸗ tes Recht an dieſe Plaͤtze haben.— *) Serenos heißen bekanntlich die Nachtwächter in Spanien, weil ſie neben der Nachtzeit auch Witterung verkünden, und dabei freilich meiſtens mit dem langgezogenen: sereeenoool ausreichen. Wenigſtens im ſüdlichen Spa⸗ nien, denn es giebt allerdings auch Gegenden, wie z. B. Burgos, wo man diez meses de invierno y dos me- 464 Skizzen aus Spanien. Hier, unter den Portalen der Kathedral und einiger benachbarten großen Gebaͤude, unter den Bogengaͤngen des Stadthauſes (Ayuntamiento) lagen, noch ungeſtoͤrt durch das zunehmende Leben und Geraͤuſch des Ta⸗ ges, mancherlei wunderliche Geſtalten in zer⸗ lumpte Decken und Maͤntel gehuͤllt, auf den harten Steinen, oder auch wohl auf dem bischen Stroh und Heu, was ſie da und dort hatten zuſammenraffen koͤnnen. Hier ſchritt Mercedes mit aͤngſtlich ſpaͤhendem Blick umher, halb fuͤrchtend und doch ſehnlich hof⸗ fend, in einer dieſer Geſtalten ihre Mutter zu entdecken; lange hatte ſie vergeblich ge⸗ ſucht, als einer der Serenos, der von ſeiner letzten Runde nach Hauſe ging, ſie anre⸗ dete:»Ich weiß ſchon, was ihr ſucht, Se⸗ üorita— ihr kennt mich nicht, aber ich ken⸗ ne euch und die Eurigen von fruͤher her— nun das iſt einerlei. Ihr ſucht eure Mut⸗ ter— und ich wollte, ihr haͤttet eher dazu gethan. Aber kommt mit, ich will euch zei⸗ gen, wo ſie iſt. Und— gebt euch nur zu⸗ ses de inſterno hat. Zehn Monate Winter und zwei Monate Hölle, d. h. unerträgliche, dumpfe Hitze⸗ Skizzen aus Spanien. 465 frieden— ſie hat einen ſo guten Platz als irgend einer von der Heerde des lieben Got⸗ tes in Valencia— von denen, die um Got⸗ teswillen bitten, mein' ich. Simon Aſturia⸗ no iſt nicht der Mann, den Leuten in ihrem Elend das Gute zu vergeſſen, was ſie ihm in ihrem Reichthum und Gluͤck erzeigt haben — und eure Mutter und euer Vater, Gott hab' ihn ſelig, haben es wohl an mir ver⸗ dient— zu der Zeit, da ich in ſeiner Schwa⸗ dron diente. Ja, ja— ich weiß am beſten, daß ihr nicht Kater der Hecke geboren ſeid, Seüorita— und daß Doüa Ana eine Dame iſt, ſo gut wie eine— und von gutem Aſtu⸗ riſchem Blut— alte Chriſten, alter Adel— wie ich und die Meinigen auch, ſo wenig man mir's anſieht. Und euer Vater— war er auch nur ein Valencianer, ſo war er doch ein Caballero und ein tapferer Officier— und hat er damals dem Gurkenkoͤnig*) ge⸗ ſchworen, ſo haben es Andre auch gethan und Beſſere als er— ich ſage Vornehmere— und was war der Unterſchied? daß der arme *) Joſeph Bonaparte er ſtatt Pepilo. II. hielt dieſen Beinamen, Pepino 3⁰ 466 Skizzen aus Spanien. Don Vicente Ferrer dem Gavacho treu blieb, als es ſchief ging— die Andern aber hatten wieder Ferdinand VII. geſchworen, wie man die Hand umdreht. Nun— er ſtarb in der Fremde unter Ketzern und im Elend— und die Andern ſitzen oben an, nach wie vor— und ſo geht's her in der Welt. Aber das Alles iſt wie die Wolken vom vorigen Jahr — und ich wollte nur ſagen, Seüorita— eurer Mutter hab' ich ein feines, warmes Pläͤtzchen zurecht gemacht— und keine Seele von dem andern Geſindel ſoll ſie da ſtoͤren, oder ihr ſonſt auch nur einen Strohhalm in den Weg legen— dafuͤr laßt mich ſorgen. Und des Sacriſtans Knecht hat ihr einen gu⸗ ten Platz an der großen Pforte der Seo an⸗ gewieſen— und geſtern und vorgeſtern hat es nicht an Ochavos und Quartos gefehlt— und mancher Silberreal war dabei; denn Mancher, wenn er's auch nicht grade ſagen mag, denkt an alte Zeiten, und die Andern thun's um Florenzuelo's Willen. Seht, dort liegt eure Mutter— ſie ſchlaͤft noch und Gott ſegne es ihr. Bleibt bei ihr und mit Gott.« Der ehrliche Alte, den Mercedes Skizzen aus Spanien. ſich nach und nach erinnerte in ihrer Aeltern Hauſe geſehen zu haben, als ſie noch in der Stadt wohnten, hatte ſie unter das Portal eines großen Hauſes am andern Ende der Plaza mayor gefuͤhrt, und hier erblickte ſie, in einer Art von Niſche, auf einem Lager von ziemlich friſchem Stroh ihre Mutter in tiefem Schlafe. Sie bedeutete ihren Fuͤhrer durch Zeichen zu ſchweigen und dankte ihm eben ſo, was er Beides freundlich nickend anerkannte und ſich entfernte. Mercedes leg⸗ te ſo leiſe und ſanft wie moͤglich die Decke, die ſie mitgebracht hatte, uͤber ihre Mutter, und ſetzte ſich neben ſie, ihr Erwachen ab— wartend.— Die Sonne ſtand ſchon ziem— lich hoch am Himmel, der Markt fing an ſich zu fuͤllen, die Buden ſich zu oͤffnen, als die tief gebeugte, verlaſſene Wittwe von dem Schlaf erwachte, deſſen ſie ſo ſehr bedurfte, um die Laſt und das Elend des Tages und aller Tage, die ſie noch vorherſah, zu ertra⸗ gen. Nachdem ſie ein Kreuz geſchlagen und ſich die dichten grauenden Haare aus der Stirn geſtrichen hatte, fiel ihr erſter Blick auf ihre Tochter, deren Blick bittend und 30* 468 Skizzen aus Spanien. voll zaͤrtlicher Sorge auf ihr ruhte. Einen Augenblick ſchien bei der ungluͤcklichen Frau, ſobald ſie nur erſt ihre Gedanken geſammelt hatte, die gewohnte Strenge vorwalten zu wollen; ſie ſah ihre Tochter finſter an und wollte eben ein ſtrafendes Wort ausſprechen, das wahrſcheinlich auch in Mercedes von Mitleid erweichtem Gemuͤth eher ſtarren Trotz als Reue und Unterwerfung erzeugt haͤtte. Als aber das Maͤdchen, ihr zuvorkommend, weinend und mit den Worten:»Vergebt mir, Mutter! es geſchah Alles um Florenzuelo's Willen— und er iſt gerettet!«— um den Hals fiel, da ſiegten auch bei der Mutter mildere Gefuͤhle, und die beiden ſonderbaren, ſtarren Weſen fanden ſich ſeit langer Zeit zum erſtenmal in dem Gefuͤhl gleichen Ün— gluͤcks, gleicher Hoffnung und gleicher Freude vereinigt, und ſchienen in unverſiegbaren Thraͤnenſtroͤmen gleichſam zuſammenzuſchmel⸗ zen.— Hatte nun aber auch Dona Ana ihre Tochter mit den oft wiederholten Wor⸗ ten getroͤſtet:»Gott verzeih dir, Mercedes, wie ich dir verzeihe!« ſo blieb doch noch gar mancher Punkt zu beſprechen, bei dem der — b Skizzen aus Spanien. 469 duͤſtere Geiſt, der in beiden ſo maͤchtig war, wieder losbrechen konnte. Dies war beſon⸗ ders der Fall, als Mercedes ihre Mutter uͤberreden wollte, den Reſt des Geldes anzu⸗ nehmen, das ihr der Barbudo mit auf den Weg gegeben hatte, und uͤberhaupt ſich doch ſeine Unterſtuͤtzung gefallen zu laſſen, um dem aͤußerſten Elend zu entgehen, das ihnen drohte, ja worauf ſie ſich ſchon gefaßt ge⸗ macht und eingerichtet hatte.—»Sprich mir nie wieder davon, Mercedes— ſo lieb dir mein Segen iſt und ſo ſchwer dir mein Fluch waͤre.— Ich bin des armen Kindes, des Florencio Mutter, und hab' ihn mit Schmerzen und Thraͤnen getragen, gebo⸗ ren und erzogen— iſt es ja doch mein juͤngſtes Kind und der Liebling meiner Seele, das Licht meiner Augen— das Ebenbild und das letzte Pfand eures armen Vaters— ich kann ihn nicht ſo elend verderben laſſen — ich kann es dem andern, dem Jaime, nicht wehren, ihn zu retten, wie er kann und weiß— ja ich kann ihn darum nur ſegnen — Gott wolle mir die Suͤnde verzeihen, wenn's eine iſt— und die heilige Jungfrau 470 Skizzen aus Spanien. wolle fuͤr mich bitten und der heilige Vicente Ferrer.— Aber von dem ungerechten Gut zehren! nimmermehr! Lieber will ich ver⸗ hungern, lieber ſollſt du——— aber ge⸗ nug! Oder ſchaͤmſt du dich etwa, mit dei⸗ ner Mutter zu betteln und das Mitleid guter Chriſten anzuflehen?«»Ich will fuͤr euch betteln, Mutter— ſagte Mercedes halb bit⸗ tend, halb ungeduldig— ich will Alles thun, was ihr wollt;— aber———«»Wohl⸗ an denn— unterbrach ſie die Mutter ſtreng — weniger Worte und mehr, was zur Sa⸗ che gehoͤrt. Jetzt geh hinein in die Kirche und beichte im erſten beſten Stuhl, wo du einen von den frommen Herrn findeſt, und laß dir deine Buße auflegen und gieb ihm das ungerechte Gut— mag er es dann fuͤr die heilige Kirche behalten, oder fuͤr die Ar⸗ men, wenn er es nicht dem rechtmaͤßigen Herrn wieder zuſtellen kann. Komm— ich will an der Thuͤr auf dich warten.— Gott verzeih mir's, die Fruͤhmeſſe hab' ich ver— ſaͤumt— und bis zur zweiten Meſſe iſt noch eine Stunde hin!«— Die Alte ſtand auf, ſtrich ſich die Kleider etwas zurecht, reinigte 471 Skizzen aus Spanion. ſie von Staub und Strohhalmen, warf die grobe ſchwarze Mantilla uͤber den Kopf— auch Mercedes machte in Eile die unumgaͤng⸗ lich nothwendigſte Toilette und beide gingen nach der Kathedral.— Donña Ana blieb unter dem Portal ſtehen und Mercedes ging hinein, um dem Befehl ihrer Mutter Folge zu leiſten. Sie fand bald einen Beichtſtuhl, worin ein Geiſtlicher bereit war, geaͤngſteten Gewiſſen die Strafen und die Troͤſtungen der Kirche zukommen zu laſſen. Der fromme Mann ſchien Faͤlle der Art nicht ſehr befremd⸗ lich oder abſonderlich zu finden; und ohne viel nach Einzelheiten oder gar nach Namen zu fragen, legte er ihr fuͤr die Bewahrung und Benutzung geſtohlenen Gutes eine anſehnliche Zahl von Ave Maria und andern Gebeten auf, und befahl ihr den Reſt des Geldes in den Opferkaſten zu werfen. Mercedes eilte, den letzten Theil des Spruches zu erfuͤllen, und ſchob die Paar Silberſtuͤcke, die ſie noch hatte, nicht ohne einige Muͤhe durch die enge Ritze des Opferſtocks— wahrſcheinlich zur nicht geringen Verwunderung der Kupfermuͤn⸗ zen, die es nicht gewohnt waren, ſich in ſo Skizzen aus Spanien. vornehmer Geſellſchaft zu finden.»Ei, ei, Merceditas, haſt du es ſo uͤbrig, daß du ſolche Almoſen ſpenden kannſt?«— ſo ſprach, waͤhrend ſie den letzten Piaſter hineinſchob, nahe bei halblaut eine bekannte Stimme. Sie blickte um, und neben ihr ſtand ein Franciscaner, die Kutte tief ins Geſicht ge⸗ zogen, doch nicht ſo tief, daß Mercedes nicht, ſchnell gefaßt, den ſchwarzen Bart, die treu⸗ herzigen Augen und die kraͤftigen breiten Zuͤ⸗ ge ihres aͤltern Bruders erkannt haͤtte; ſie wollte ihn ſogleich leiſe anreden— er aber winkte ihr und ſchritt vor ihr her nach einer der dunkelſten, einſamſten Seitenkapellen der Kathedral, und hier berichtete ihm Mercedes, wie ſie ihre Mutter gefunden und was zwi⸗ ſchen ihnen geſprochen worden und vorgefallen ſei. Der Barbudo hoͤrte mit großer Theil⸗ nahme und ſoviel Ruͤhrung zu, als uͤberhaupt von ſeiner etwas ſchwerfaͤlligen, derben Orga⸗ niſation zu erwarten war— endlich meinte er:»Laß uns nur erſt das Kind aus dem Hauſe Petri heraus haben— dann wollen wir ſehen, was mit der Alten zu machen iſt— wenn ſie ihren blonden Liebling wie⸗ Skizzen aus Spanien. 473 der ſieht, wird ſie wohl zahmer werden. Sonſt aber— auf jeden Fall— thu du Alles, was ſie befiehlt— und meiner Treu! die Frau hat ſo Unrecht nicht. Aber— die Hauptſache zuerſt. Und— beim Gott Bac⸗ chus! das iſt kein Kinderſpiel. Ich bin hier nicht auf meinem Gebiet— da iſt mit Ge⸗ walt und Laͤrm nichts zu machen; drum bin ich auch allein gekommen— nur mit meinem Podenco— einem von unſrer Zigeunerbrut zum Kundſchaften. Bis uͤbermorgen Nacht muß Alles geſchehen ſein— denn lange kann ich mich nicht ſo herumdruͤcken und ſchleichen. Die Mummerei iſt mir langweilig und laͤ⸗ ſtig— ich bin's nicht gewohnt und es ſchickt ſich nicht fuͤr mich. Aber um Mutters Wil⸗ len und deinetwillen thu ich's gern— und es ſoll ſchon gehen. Halb und halb iſt mein Anſchlag ſchon reif— nur Eins, und das iſt freilich die Hauptſache— wo ſollen wir mit dem Jungen hin? Hier wuͤrd' es bald zu heiß werden— wie er ſich auch verkriechen moͤchte; gewinnt er nicht gleich eine gute Strecke voraus, ſo iſt er verloren.— Au⸗ ßerdem— ich kann nicht ſo lange von dort 474 Skizzen aus Spanien. wegbleiben, und muͤßt' ihn im Stich laſſen; das will ich nicht. Der Junge muß mit— aber das wird Kuͤnſte koſten. Ja, wenn wir nur erſt uͤber die Huerta hinaus im Gebirge waͤren— aber———«»Wollt ihr den Rath eines Maͤdchens in einem Maͤnnerhandel hoͤren?« unterbrach ihn beſcheiden Mercedes, die es ſchon gewohnt war, dem Barbudo mit mehr Reſpekt zu begegnen, als ſie ſonſt den Maͤnnern zu erzeigen gewohnt war.»Sprich, Maͤdchen— das wird was Rechtes ſein!« antwortete der Barbudo laͤchelnd.»Was meint ihr— wenn wir den Tio Borrasca in den Handel zoͤgen— ich habe wohl ge⸗ hoͤrt— von einem Freund von ihm«— ſagte Mercedes zoͤgernd, und eine gluͤhende Roͤthe, mehr des Zorns als der Schaam, uͤberzog ihr Geſicht, als ſie des Mannes gedachte, der ſo viel Unheil uͤber ſie und die Ihrigen gebracht hatte. Ihr Bruder aber bemerkte davon nichts, ſondern ſagte hocherfreut:»Bei mei⸗ ner Seele! die Dirne hat Recht— du ver⸗ dienſt in Gold gefaßt zu werden, Merceditas. Iſt der alte Borrasca in Valencia oder im Grao aufzutreiben, ſo iſt unſer Spiel ge⸗ — ———ʒ—:;·—.— Skizzen aus Spanien. 475 wonnen. Ich kenn' ihn ja, den Alten— und Schande genug, daß ich nicht gleich an ihn dachte.— Nun hoͤr', Mercedes. Geh wieder zur Alten— bleibe bei ihr, thu', was ſie haben will— ſei ein gutes Maͤdchen— hoͤrſt du?— Und ſag' ihr, wenn ſie den Barbudo und Florenzuelo noch einmal ſehen wolle, ſo brauche ſie nur zu thun, was ich ihr werde ſagen laſſen, wenn wir erſt ſo weit ſind. Agur!« Damit entfernte er ſich, und Mercedes eilte zu ihrer Mutter zuruͤck, die ſchon wegen ihrer langen Abweſenheit beſorgt und ungeduldig war, ſich aber doch, als ſie hoͤrte, was ſie aufgehalten, zufrieden gab. Wer etwa von unſern geneigten Leſern zu jener Zeit in Valencia war, wird ſich oh⸗ ne Zweifel erinnern, unter dem großen Por⸗ tal der Seo zwei Bettlerinnen bemerkt zu haben— denn weſſen Blick auch nur zufaͤllig auf dieſe Gruppe fiel, kann ſie nicht leicht wieder vergeſſen haben. Es war eine alte Frau in aͤrmlicher, abgeſchabter, ſchwarzer Kleidung, unter deren ſchwarzer Mantilla ein bleiches Geſicht hervorſah, deſſen Ausdruck freilich keinesweges recht zu dem demuͤthigen⸗ 476 Skizzen aus Spanien. den Erwerbszweig paßte, zu dem ſie ihre Zuflucht genommen hatte. Ihre Zuͤge hatten einen gewiſſen Stolz, einen ſtrengen Ernſt, ja etwas Gebieteriſches— freilich himmelweit verſchieden von jenem Bettleruͤbermuth, jener Frechheit, die ſo oft bei alten Bettlern von Profeſſion ſich findet, beſonders in ſolchen Laͤndern, wo das Betteln noch eine freie Kunſt iſt, wo man noch nicht ſo weit in der Civiliſation gekommen iſt, den Auswurf, Unrath und Abfall der buͤrgerlichen Geſellſchaft mit dem Beſen der Polizei in gewiſſe Winkel zu kehren und aufzuſchuͤtten, und ihm nicht zu geſtatten, den Lebensgenuß der Reichen und Gluͤcklichen zu ſtoͤren.— Der Stolz, der Ernſt, die gebieteriſche Strenge, die ſich in dem Geſichte dieſer Bettlerin, in der gan— zen Haltung ihrer großen, wohlgebauten, ha⸗ gern Geſtalt ausſprach, wie ſie dort auf dem Mauervorſprung, zwiſchen den Saͤulen, unter dem gothiſchen Gewoͤlbe ſaß, und ſchweigend die offne Hand auf ihrem Knie ausſtreckte— dieſer Ausdruck, dieſe Haltung erinnerte uns vielmehr an eine Stelle aus Shakſpeare: For griof is proud, and makes ite owuer stout. Skizzen aus Spanien. 477 Und iſt es auch dort eine Koͤnigin, die ſo ſpricht, ſo duͤrfte ſie ſich doch der Vergleichung nicht ſchaͤmen.— Ja, wenn der Stolz des tiefen Kummers dieſer Bettlerin ſich nicht lei⸗ denſchaftlich aͤußerte, wie bei der Koͤnigin Conſtance, ſo war er nicht weniger ergreifend, durch eine Ruhe, die wir antik genannt haͤt⸗ ten, wenn ſie nicht wahrſcheinlich aus dem religioͤfen Gefuͤhl der Frau entſtand, wonach ſie ſich nur vor Gott, nicht vor den Menſchen demuͤthigte, und in dieſer Demuͤthigung eine Buße, und eben dadurch ein naͤheres Ver⸗ haͤltniß zwiſchen ihr und ihrem Erloͤſer ſah— waͤhrend ſie, ihrer Anſicht nach, wahrſchein⸗ lich denjenigen, welche ihr eine milde Gabe reichten, keinen Dank ſchuldig war, da ſie ihnen vielmehr Gelegenheit gab, durch gute Werke das Heil ihrer Seelen zu befoͤrdern.— Der geneigte Leſer hat mit ſeinem gewoͤhnli⸗ chen Scharfſinn laͤngſt errathen, daß dieſe Bettlerin Niemand anders war, als Doũa Ana Ferrer, und ſo bedarf es keines Winkes fuͤr ihn, daß das Maͤdchen, welches ihr zur Seite ſtand, nur ihre Tochter Mercedes ſein konnte. Leider koͤnnen wir aber nicht ſagen, 478 Skizzen aus Spanien. daß ſie ſich in ihre neue, traurige Lage eben ſo gut gefunden, wie ihre Mutter. Und wenn die Blicke und Reden der Voruͤberge— henden, beſonders der jungen Leute, deren Mitleiden freilich nicht immer ganz uneigen⸗ nuͤtzig ſchien, ſie auch nicht grade in Verle— genheit ſetzten, denn ihr ganzes Weſen und noch mehr ihre jetzige Stimmung, die Span⸗ nung, womit ſie den Ausgang des Wageſtuͤcks erwartete, in dem ihr und der Ihrigen Schick⸗ ſal ſo tief verwickelt war, das Bewußtſein der Naͤhe ihres aͤltern Bruders, von dem ſie in ihrer Unerfahrenheit meinte, er werde und koͤnne in der volkreichen Stadt nicht weniger ihr Beſchuͤtzer ſein als im Gebirge— Alles dies ſchloß ſolche Gefuͤhle, wie Schaam, Furcht oder Verlegenheit, ziemlich aus— er⸗ hoͤhte aber den Ausdruck von Trotz, ja faſt Verachtung, womit ihr kleiner Mund, ihr dunkles Auge der Welt begegnete, die ſie, ſehr mit Unrecht, als feindſelig geſinnt anſah; wie ſie denn auch die Hand nur dann aus⸗ ſtreckte, wenn ihr die Gaben faſt aufgedrun⸗ gen wurden. Dies geſchah aber nicht ſelten, denn in der That zeichneten ſich dieſe Beiden —— Skizzen aus Spanien. 479 vor dem Haufen der gewoͤhnlichen Armen, welche die Zugaͤnge der Kirche zu umlagern pflegen, ſo ſehr aus, daß die reichlichen Ga⸗ ben, welche ihnen von allen Seiten zufielen, bald den Neid ihrer Mitbewerber rege mach⸗ ten, und ſprach er ſich auch anfangs nur in Spitzreden und Drohungen aus, ſo waͤr' es doch ohne Zweifel bald zu noch unangeneh⸗ mern Ausbruͤchen gekommen, wenn nicht der ehrliche Sereno Simon entweder zufaͤllig, oder aus freundlicher Vorſorge ſich unter den Anweſenden befunden und ſeine ganze Auto⸗ ritaͤt gegen dies Geſindel geltend gemacht haͤtte. Wie er aber die neugierigen Fragen der Umſtehenden beantwortete, ließ ſich dar⸗ aus ſchließen, daß bald Einer dem Andern halblaut in abgebrochenen Reden weiter ſagte: »Es iſt die arme Frau aus Ruzafa!— Tia Ana!«—»Dona Ana Ferrer, die Mutter des blonden Florencio!«—»Des Stu⸗ dentchen, der das Ungluͤck gehabt hat mit Moſen Beneit Soler!«—»Das arme Kind! Seht mal— und ſitzt noch im Gefaͤngniß um einer ſolchen Kleinigkeit Willen!«— »Daß Gott erbarm! Was ja Jedem begeg⸗ 480 Skizzen aus Spanien. nen kann!«—»So ein feines Student⸗ chen!«—»Und ein Gelehrter!— Bis zum Biſchof haͤtt' er's gebracht, ſo wie er es an— fing!«—»Gebt ihr! gebt der armen Frau!«—»Es iſt ein gutes Werk!«— »Was ihr nicht ſagt! Alles bringt ſie dem armen Kind!«—»Ausgepfaͤndet! ach, du heilige Mutter Gottes!«—»uUnd die Dir⸗ ne! das ſchmucke junge Blut! was ſoll dar⸗ aus werden?«—»Nun, der liebe Gott und ſeine lieben Heiligen werden ja drein ſe⸗ hen!«—»Gebt ihr, der armen Kleinen! der liebe Gott wird's vergelten!«—»Da — Schweſter! Gott woll' es euch wohl ge— deihen laſſen!— Betet ein Ave Maria fuͤr die Seelen meiner Verſtorbenen!«— Solche und aͤhnliche Reden gingen ſummend von Mund zu Mund, da ſich bald Mehre fanden, welche die Wittwe und ihre Kinder und ihre Geſchichte kannten, und ſogar ihre Mitbe— werber um das oͤffentliche Mitleid zeigten ſich bald geneigt, den hoͤheren Anſpruch dieſer Art von Ungluͤck anzuerkennen.— So war ein guter Theil des Morgens verfloſſen, Mercedes erinnerte ihre Mutter — Skizzen aus Spanien. 481 daran, daß ſie ihren Florencio noch gar nicht wiedergeſehen habe, und ſie wollten eben aufbrechen, als die wohlbekannte Geſtalt des Tio Borrasca ſich durch die Menge waͤlzte— denn auch den Gang eines aͤchten Jack Tar hatte er nicht verſaͤumt ſich anzugewoͤhnen— und indem er dem Maͤdchen ein Paar Silber⸗ muͤnzen verſtohlener Weiſe in die Hand druͤckte, fluͤſterte er ihr ins Ohr:»Alles richtig— rayon de deu!— All right, my girl:! God dam! Heut Nacht um zwoͤlf Uhr am Grao. Nimm das von mir, Kind! Ehrlich erworben! God dam!«— Ohne Antwort abzuwarten, trollte er wieder ab, und Mer⸗ cedes zog ihre Mutter haſtig fort, nach Ru⸗ zafa.— Der Escribano Don Tadeo begab ſich etwas ſpaͤter als gewoͤhnlich aus ſeiner Ter⸗ tulia bei unſerem Freunde, dem ehrlichen Blai Talens, nach Hauſe, ohne eben an mehr Arges zu denken, als einem Escribano von Rechtswegen zuſteht. Er berechnete eben, als er um die Ecke bog, um den Weg nach ſeinem Hauſe einzuſchlagen, ob noch moͤgli⸗ cherweiſe aus der Sache des armen Florencio II. 31 482 Skizzen aus Spanien. Etwas zu preſſen ſei, oder ob es nicht viel⸗ mehr an der Zeit ſei, ſie und mit ihr den armen Teufel als eine ausgepreßte Schaale wegzuwerfen in den großen Kehrigthaufen oder Kloak der Gerechtigkeit— da bemerkte er bei dem ſchwachen, unſichern Licht des Neu⸗ monds einen Moͤnch, der ihm langſam von ſei⸗ nem Hauſe her entgegenkam:»So ſpaͤt noch unterwegs, hochwuͤrdiger Pater Graciano? vielleicht gar noch ein Geſchaͤftchen mit mir?« redete der Escribano den Moͤnch an, den er wegen einer allgemeinen Aehnlichkeit der breit⸗ ſchultrigen, großen Geſtalt, vielleicht auch, weil er es gewohnt war, zu ſolchen Stunden gelegentlich in lichtſcheuenden Geſchaͤften zu verkehren, ohne Weiteres fuͤr den unſerem Leſer— oder Leſern— ebenfalls wohlbe⸗ kannten Pater Graciano hielt.»Richtig!— ein Geſchaͤftchen mit euch, Seüor Don Tadeo— oder Don Demonio«— antwortete eine dumpfe Stimme und im ſelben Augen⸗ blicke fuͤhlte ſich der unſelige Escribano von einer ſo gewaltigen Fauſt an der Kehle ge⸗ packt, daß er auch keinen Laut von ſich ge⸗ ben, kein Glied zu ruͤhren vermochte, ſondern Skizzen aus Spanien. 483 ſtracks und auf der Stelle zu verenden meinte. »Wenn du einen Laut, eine Sylbe mehr hoͤ⸗ ren laͤßt, als ich dir abfrage und befehle, Bruͤderchen, ſo biſt du nicht beſſer als ein todter Hund«— ſprach der Moͤnch leiſe und ließ den Griff an der Kehle ein Weniges los; zugleich aber fuͤhlte der Escribano unter ſei⸗ nen Rippen die kalte, prickelnde Spitze eines Meſſers oder Dolchs.»Barmherzigkeit! um des heiligen Antonio von Padua Willen! Alles, was ihr wollt, Hochwuͤrdiger!«— ſtoͤhnte der Geaͤngſtete.»Leiſe, leiſe, ſag' ich — Sohn der Ziege, Escribano des Barrabas — muß ich uͤberall mit dem vermaledeiten Gewuͤrm zu ſchaffen haben?— Aber an dir will ich ein Exempel ſtatuiren, ehe ich dich aus den Haͤnden laſſe. Jetzt aber horch auf, Satan der ſiebten Hoͤlle. Deine Kehle will ich fuͤr's erſte loslaſſen— ohnehin iſt meine Hand zu gut, um einem Hund, wie du biſt, als Strick zu dienen; aber ſo wie du muckſeſt oder zappelſt«— ein unterdruͤckter Schrei des Escribano bewies, daß ſein Peiniger ihm das argumentum ad hominem des kalten Stahls wieder ſehr nahe geruͤckt hatte——„»Ru⸗ 31* 1 484 Stizzen aus Spanien. hig, ſag' ich— fuhr der Moͤnch wieder fort — wir verſtehn uns alſo. Gut, Bruder. Jetzt gehſt du mit mir nach dem Gefaͤngniß; aber ordentlich, anſtaͤndig, wie es dem Es⸗ cribano, Seüor Don Taddeo von ſo und ſo, geziemt— wie gute Freunde mit einander gehen— Arm in Arm, und mein rechter Arm hier unter deinem Mantel, und was dazu gehoͤrt, unter deinen verdammten Rip⸗ pen— verſtehſt du?« Der Escribano quickte leiſſe.—»Wohl— fuhr der Andre wieder fort— ich denke, wir werden unter⸗ wegs Niemandem mehr begegnen, es geht auf Zwoͤlf— aber wenn es ſein ſollte, ſo gruͤßt ordentlich und zeigt eure Lebensart— aber bedenk, wenn du eine Sylbe mehr ſagſt als noͤthig, ſo haſt du deine anderthalb Schuh kalten Stahls im Leibe, und ich bin uͤber der naͤchſten Hecke oder Mauer, ehe einer Amen ſa⸗ gen kann— alſo helfen kann dir kein Menſch und kein Teufel. An der Thuͤr des Gefaͤng⸗ niſſes angekommen, rufſt du oder pochſt du den andern Schurken, den Gefaͤngnißwaͤrter, heraus— aber leiſe, leiſe— nun, du wirſt ſchon wiſſen wie. Nicht das erſte Mal, daß — Stissenaus Spanien. 485 ihr eure Teufeleien zuſammen treibt. Und dann — kurz und gut— machſt du, daß er uns den Studenten Florencio herausgiebt— den armen Vogel, den ihr Otterngezuͤcht ſchon ſeit ſechs Monaten zwiſchen euch herumzerrt. Jetzt marſch!«—»Aber, um des heiligen Nepomuceno Willen! Hochwuͤrdiger, oder was ihr ſeid— ſtoͤhnte der Escribano, in⸗ dem er dem Rippenſtoß Folge leiſtete, womit dieſe Ermunterung begleitet war— ich habe ja dem Menſchen nichts zu befehlen; ich bin ja ein armer, unwuͤrdiger Escribano; ich habe ja die Schluͤſſel nicht, ſonſt wollt' ich ja gern———«»Wenig Worte und gute, Bruder— unterbrach ihn der Andre wieder— meint ihr, ich kenn' eure Schliche, euer Treiben nicht— und daß der Gefaͤng⸗ nißwaͤrter aufmacht, wann ihr wollt? Die Schluͤſſel nicht! Ich habe hier einen Schluͤſ⸗ ſel, der ſoll deiner verdammten Schreibers⸗ ſeele den Weg zur Hoͤlle weit genug aufthun, wenn du noch viele Umſtaͤnde machſt. Fort! — und ordentlich gegangen, grade und an⸗ ſtaͤndig, da koͤmmt Jemand— nun ſteht ordentlich Rede, Satan!«— In der That 486 Skizzen aus Spanien. kamen in dieſem Augenblick ein Paar verſpaͤ⸗ tete Landleute heran, erkannten den Escribano und riefen ihm ihr:»Gute Nacht, Seüor Don Tadeo und Geſellſchaft— geht mit Gott!« entgegen.»Geht mit Gott, Caballe⸗ ros!« aͤchzte der Escribano zuruͤck, mit ſo klaͤglichem Tone, daß die Nachbarn mitleidig ſtehen blieben und fragten:»Was iſt euch, Seüor Don Tadeo?— ihr ſolltet nicht ſo ſpaͤt auf der Straße ſein— die Nachtluft— in euern Jahren!«—»Jawohl, die Nachtluft— Gott befohlen, Nachbarn, wir haben Eile, der Pater Graciano und ich— ein Kranker, ein Teſtament«— antwortete der Escribano wieder mit gepreßter Stimme in abgeſtoßenen Saͤtzen, und bald hatten beide Theile ſich in der Dunkelheit aus den Augen verloren. Das Gefaͤngniß machte einen Theil des Ge⸗ meindehauſes aus, und der gezwungene Nachtwanderer hoffte in ſeinem geaͤngſteten Sinne noch auf Rettung von dem Nacht⸗ und Scharwaͤchterpoſten, der gewoͤhnlich un⸗ ter der Treppe des Gemeindehauſes ſich ein⸗ zurichten pflegte. Als ſie ſich dem Orte naͤ⸗ herten, drehte der Escribano ſehnſuchtsvoll —. 487 Skizzen aus Spanien. den Kopf hin und her, um zu ſehen, ob er einen jener ehrlichen Leute erblicken koͤnnte. Der Moͤnch bemerkte es und ſagte, in ſich hineinlachend:»Oho, oho, Schreiberlein— ihr macht die Rechnung ohne den Wirth— dafuͤr haben wir geſorgt. Eure Serenos ſind zu gute Chriſten, um das eilfte Gebot zu vergeſſen: Niemanden ſtoͤren. Und ſind wir Beide— ihr und ich— auch kein Liebespaar, ſo haben wir doch auch unſer kleines Geheimniß fuͤr uns. Seht, dort liegen eure Leute und ſchnarchen wie die Kautze.— Wenn ihr Morgen fruͤh noch Brod eſſen koͤnnt— wofuͤr ich euch nicht ſtehe— ſo ſagt ihnen, ſie ſol— len ſich kuͤnftig vorſehen, mit wem ſie trin— ken.— Der alte Borrasca hat ſeine Sa⸗ chen gut gemacht«— ſetzte er fuͤr ſich noch leiſe hinzu. An der Gefaͤngnißthuͤre ange⸗ kommen, brachten einige halblaute Worte und ein wahrſcheinlich als gewoͤhnliches Zei⸗ chen verabredetes Klopfen des Escribano— der den fortwaͤhrend eindringlichen Vorſtellun⸗ gen ſeines Begleiters auch dieſe kleine Ge⸗ faͤlligkeit nicht abſchlagen konnte— an ein vergittertes Fenſterchen, ſehr bald den Ge— 488 Skizzen aus Spanien. faͤngnißwaͤrter auf die Beine, und da ihm wahrſcheinlich ſo ſpaͤte Beſuche ſeines Goͤn⸗ ners und Spießgeſellen nichts Neues waren, ſo oͤffnete er nach einigen allgemeinen Fragen das kleine Pfoͤrtlein in der Thuͤre, und der Escribano ſchluͤpfte zuerſt hinein, und ſein Be⸗ gleiter— wir haben es kein Hehl, daß es der Barbudo war— ohne ihn einen Augen⸗ blick loszulaſſen, hinter ihm her. Als der Gefaͤngnißwaͤrter beim Schein ſeiner Laterne eine fremde und trotz der geiſtlichen Tracht keinesweges ſehr friedfertig ausſehende Ge⸗ ſtalt und Geſicht erblickte, wollte er Laͤrm ſchlagen, aber ein gewaltiger Fauſtſchlag warf ihn ſinnlos zu Boden. Der Barbudo ſtieß ihn in ſeine Hoͤhle zuruͤck, riegelte die Thuͤre zu, nahm den Schluͤſſelbund, der am Boden lag, auf, und ſagte dann ſehr ruhig zu dem zitternden Escribano:»Jetzt, ſchnell— wo ſitzt unſer Vogel?« Bald erreichten ſie die niedere Pforte der Zelle, worin der arme Florencio ſo manche lange ſchlafloſe Nacht verjammert hatte, und auch jetzt durch das Geraͤuſch an der Thuͤre aufgeweckt, zu dem Gefuͤhle ſeines Elends zuruͤckgerufen ſich auf Skizzen aus Spanien, 489 ſeinem harten Lager hin und her warf. Als ſich nun aber die Pforte klirrend und knarrend oöͤff⸗ nete, und eine rauhe, aber treuherzige Stimme ihm zurief:»Auf, auf, mein Junge— ins Freie— auf, Florenzuelo, und keine Zeit verloren! Ich bin dein aͤlterer Bruder Jai⸗ me«— war ſein Erſtaunen zwar groß, aber er begriff doch ſchnell genug, daß dies nicht der Augenblick ſei, Erklaͤrungen zu verlan⸗ gen, und da er uͤberdies noch zu jung und unerfahren war, um eine tief angelegte Hin⸗ terliſt zu fuͤrchten, ſo ſprang er raſch auf, raffte ſeinen Mantel auf und ſagte:»Ins Freie— ich bin fertig. Teufel oder Engel, ich folge dir.«»Kindereien— antwortete der Barbudo in ſeiner gewohnten trocknen Art— Teufel und Engel haben mehr zu thun— aber darum ſollſt du nicht zu kurz kommen, mein Junge. Wenigſtens was den Teufel betrifft— ſo iſt hier dein Freund, der Escribano— was meinſt du? Aber fort, fort— faß mit an, daß wir den Ge⸗ ſellen mit fortbringen, wir haben noch eine kleine Rechnung mit einander abzuſchließen. Ich koͤnnt ihm freilich eben ſo gut hier ſein 490 Skizzen aus Spanien. Theil geben; aber wir koͤnnen ihn unterwegs noch brauchen— und dann— ich verfahre gern in der Ordnung— nun fort. Faß an, faß an— du den rechten Arm, ich den lin⸗ ken. Oder weißt du einen oder ein Paar von den andern Voͤgeln hier— der's ver⸗ diente? Was iſt's fuͤr Volk?«»Arme Teufel— antwortete Florencio— der eine hat die Faſten gebrochen— der andere hat falſches Gewicht gebraucht— ein Paar Feld⸗ diebe— ein Paar Buſchklepper hat Don Bernaldino geſtern eingebracht.«»Lumpen⸗ geſindel!— laß ſie ſitzen— fiel der Barbu⸗ do ungeduldig ein— geſchieht ihnen Recht! Ordnung und Recht muß ſein. Die Faſten brechen! Judenpack! fort!«— Einen Augenblick drauf oͤffnete ſich die Pforte des Gefaͤngniſſes wieder, und die bei⸗ den Bruͤder traten heraus, ihren Gefangenen, der ſich, halbtodt vor Angſt, widerſtandlos in ſein Schickſal fand, in der Mitte. Der Barbudo ſchloß von Auſſen ab, beſann ſich einen Augenblick, warf dann die Schluͤſſel den ſchlafenden Scharwaͤchtern zu— und alsbald ging es raſchen Schrittes auf der Skizzen aus Spanien. 491 Straße nach der Albufera fort, und nach ei⸗ ner halben Stunde— waͤhrend welcher die beiden Bruͤder alle Muße hatten, ſich gegen einander zu erklaͤren, und ſich mit einem tuͤchtigen Strick, den der Barbudo bei ſich trug, ihres Gefangenen beſſer zu verſichern — erreichten die Wanderer jenen, dem Leſer ſchon bekannten Thurm„ Torre del Palmar, auf der Landzunge, welche die Albufera von dem Meere trennt. In der Naͤhe des Thurms angekommen, gab der Barbudo ein Zeichen, welches von einigen Geſtalten, die unter den Palmen hervortraten, erwiedert wurde, und den Augenblick drauf lag Flo⸗ rencio in den Armen ſeiner ihn mit Thraͤnen und Segenswuͤnſchen, Klagen und Dank uͤberſchuͤttenden Mutter und Schweſter. Der Barbudo band indeſſen den unfreiwilligen Zeugen dieſes ruͤhrenden Widerſehens ruhig an den Stamm des naͤchſten Palmbaums, ſchuͤttelte dem Begleiter der beiden Frauen die Hand mit einem herzlichen:»Willkom⸗ men, Seſor Capitan Borrasca! Gott ver⸗ gelt's euch— was ihr fuͤr die Alte thut— ihr ſeid puͤnktlicher als wir; aber da ſind 49² Skizzen aus Spanien. wir.«»God dam! puͤnktlich— das lernt ſich wohl auf einem engliſchen Kriegsſchiff— brummte Borrasca.— Meine Sorge war nur, daß ich die Weibsleute nicht zuſammenbrin⸗ gen koͤnnte. Ihr wißt ja, Ziegen und Weiber — aber die beiden— das laß ich mir gefallen — und Pacho! ich kann es dem Soler nicht eben verdenken, daß er ſich in die Dirne vergafft hatte.« Der Barbudo hatte dieſes halbe Selbſtgeſpraͤch nicht ganz ausgehoͤrt, ſondern war zu den Seinen getreten, und wartete ruhig, freundlich zuſehend, daß der erſte Erguß der Freude und des Schmerzes voruͤber ſei. Endlich fing er an:»Nun, Frau Mutter, hebt fuͤr mich auch noch Et⸗ was auf— ſonſt werd' ich eiferſuͤchtig auf den Gelbſchnabel. Oder, was meint ihr, hab' ich meine Sachen nicht gut gemacht?« — Dona Ana ließ ihren Liebling los— mit dem Mercedes nun fuͤr ſich allein tauſend Dinge zu verhandeln hatte— und wandte ſich zu ihrem aͤltern Sohn, auf ihrem Ge⸗ ſicht, wie in ihrem Gemuͤthe, rang Milde und Weichheit mit Strenge; der Barbudo reichte ihr aber ſo treuherzig bittend beide Haͤnde Skizzen aus Spanien. 493 hin, daß ſie nicht lange widerſtehen konnte, ſondern ihn weinend und recht muͤtterlich umarmte— doch nahm ſie ſich bald wieder zuſammen und gleichſam ſich ihrer Schwaͤche ſchaͤmend, trat ſie einen Schritt zuruͤck und ſagte:»Gott verzeih mir's, mein Sohn, wenn ich mich in dieſem Augenblick deines ſuͤndhaften Wandels freue, wegen des Heils, das mir und meinem armen Kind daraus entſtanden iſt. Ja, Gott wolle mir die Suͤnde anrechnen, und meine Buße dafuͤr annehmen, da ich der Fruͤchte der Suͤnde mich erfreue.— Ich kenne dich zu gut, Jaime, als daß ich hoffen koͤnnte, du wer⸗ deſt von deinem ſuͤndhaften, verbrecheriſchen Treiben laſſen.“——— Der Ton ihrer Stimme druͤckte bei dieſen Worten doch einen Zweifel, eine Hoffnung aus, daß ihre Vor⸗ ausſetzung ſich vielleicht nicht beſtaͤtigen moͤch⸗ te; allein dieſe Hoffnung wurde alsbald zer⸗ ſtoͤrt, da der Barbudo zwar ruhig und mit Ehrerbietigkeit, aber mit entſchiedener Feſtig⸗ keit ſie unterbrach und ſagte:»Unmoͤglich, Frau Mutter— unmoͤglich, jetzt und ſo, wie ihr's meint! Was ſollen wir noch viel 494 Skizzen aus Spanien. Worte verlieren uͤber eine Sache, an der nichts mehr zu aͤndern iſt. Ich thu', was ich nicht laſſen kann.«———»Wohl, wohl, mein Sohn— antwortete die Mutter mit der Ent⸗ ſchloſſenheit der Reſignation— ich weiß das. Ich weiß auch— fuhr ſie mit einem tiefen, ſchmerzlichen Seufzer fort— daß mein ar⸗ mer Florenzuelo nicht hier bleiben kann— daß du ihn mit dir nehmen mußt— und daß er ſich zu ſchwer verſuͤndigt hat, um je wieder ſo frei von den Banden der Suͤnde und des Verbrechens zu ſein, wie er es von den Banden der weltlichen Gerechtigkeit iſt. Ich ſeh' Alles kommen— und kann's nicht aͤndern — Gott ſei uns Allen gnaͤdig.« Die innere Bewegung erſtickte die Stimme des ungluͤckli⸗ chen Weibes, und ſie verhuͤllte ihr Haupt und wollte gehen, ohne zu wiſſen, wohin. Dem Barbudo ging offenbar der Kummer ſei⸗ ner Mutter nah genug, obgleich er ſich kei⸗ nen Rath wußte, was er dabei thun koͤnnte. Er hielt ſeine Mutter zuruͤck und ſagte ſo beruhigend und troͤſtend wie moͤglich:»Bei meiner Seele, Mutter, es thut mir leid— ihr habt ohne Zweifel Recht in allem, was ihr da ſagt— wenn's mir ſchon meiſt zu hoch iſt, ſo weiß ich doch ungefaͤhr, was ihr meint— Bande der Suͤnde und Bande der Gerechtigkeit— ja wohl, Mutter— kommt, Muͤtterchen, ſetzt euch dort auf den Stamm — wo wollt ihr allein hin in der finſtern Nacht? Und, wie ihr ſagt, es iſt Schade, daß das Kind, der Florencio, auch hinein kommt. Aber, was wollt ihr? Es kann Jedem begegnen, ver Blut, nicht Eiweiß in den Adern hat. Die alte Geſchichte— Maͤd⸗ chen, Eiferſucht. Wir muͤſſen alle durch— der Eine ſo, der Andere ſo, je nachdem der Teufel ſein Spiel hat. Und Florenzuelo iſt doch noch gut weggekommen— hat doch noch keinen Mord auf der Seele. Haͤtt' er von unten herauf geſtoßen, ſtatt von oben herun⸗ ter, ſo waͤr's freilich ein anderer Tanz— aber ſolche Gelbſchnaͤbel wiſſen das nicht beſſer. Er wird's ſchon beſſer lernen— ich meine— Gott verzeih mir's, ich glaube, der Teufel regiert meine Zunge!«— unterbrach ſich der Barbudo ſelbſt, als er merkte, wie wenig ſolche Ausſichten ſeine Mutter beruhigen konn⸗ ten.»Nehmt's nicht uͤbel, Mutter— fuhr Skizzen aus Spanien. 495 496 Stizzen aus Spanien. er aber bald ſehr treuherzig wieder fort— das gehoͤrt nun einmal zum Handwerk— und wenn's nicht anders ſein kann, ſo muß ein Ehrenmann ſeine Sache ſo gut wie moͤg⸗ lich machen.— Aber damit ihr ſeht, daß ich kein Blut vergieße, wenn ich nicht muß — ſeht dort den Schaͤcher— den ich dort an den Baum gebunden habe. Der Spitz⸗ bube weiß, daß er zehnmal Galgen und Rad verdient hat— wie alle ſeines Gelichters— wir Alle wiſſen, daß er euch zu Grunde ge⸗ richtet hat.⸗——»Ich verzeih' ihm und ſo moͤg ihm Gott der Herr verzeihen«— unter⸗ brach ihn ſchnell Dona Ana.»Ob ich ihm ſo recht verzeihe, weiß ich ſelber nicht, und will mich deſſen nicht ruͤhmen— fuͤhr der Bar⸗ budo fort— und wie er mit unſerem Herrn Gott oder mit dem Teufel ſteht, wird er fruͤh genug merken— aber laufen laſſen will ich ihn— obgleich ich ihn nicht dazu mitge⸗ ſchleppt habe.«— Damit ging er auf den Escribano los, der in Todesangſt die Ent⸗ ſcheidung ſeines Schickſals erwartete, und vergeblich gelauſcht hatte, um Etwas von dem zu vernehmen, was in einiger Entfer⸗ Skizzen aus Spanjen. 497 nung von ihm und ſo leiſe verhandelt wurde, wie es zu einer ſolchen Zeit und unter ſol⸗ chen Umſtaͤnden, auch ohne die unmittelbare Abſicht der Verheimlichung zu geſchehen pflegt. Als er ſeinen furchtbaren, unbekannten Ent⸗ fuͤhrer mit gezogenem Meſſer auf ſich zukom⸗ men ſah, glaubte er, ſein letztes Stuͤndlein ſei gekommen, und fing an ſich gar wunder⸗ lich zu gebehrden; als nun gar der Barbudo mit dem Meſſer ausholte, entfuhr dem Pa⸗ tienten ein lauter Schrei, und zugleich pur⸗ zelte er kopfuͤber auf die Erde. Da er ſich aber alsbald unverletzt und ſeiner Banden entledigt fuͤhlte, die der Barbudo zerſchnitten hatte, raffte er ſich eiligſt wieder auf, wagte aber immer noch nicht, ſich fuͤr voͤllig gebor⸗ gen zu halten. Da jener ihm aber lachend zurief:»Mach, daß du wegkommſt, Escri⸗ banillo des Ungluͤcks— und das ſchneller, als der Teufel einmal mit deiner Seele da⸗ von fahren wird; ſonſt ſchick' ich dir eine Bohne nach— und, hoͤrſt du— der alten Frau kannſt du es danken, daß du diesmal ſo weg koͤmmſt!«— da machte er ſich ſo ſchnell davon, daß er nicht einmal das Ende II.. 32 498 Skizzen aus Spanien. dieſer Rede hoͤrte, was ohne Zweifel fuͤr die alte Frau eher ein Gluͤck als ein Unglüuͤck war; denn wenn der Escribano ſich je ihres Antheils an ſeiner Rettung erinnert haͤtte, waͤr' es wenigſtens gewiß nicht im Guten geweſen. »Da koͤnnt ihr ſehen, Frau Mutter, daß ich kein Menſchenfreſſer und kein Blut⸗ ſaͤufer bin— hub der Barbudo wieder an, als er zu der Alten zuruͤckkehrte— und was das Kind betrifft, den Florencio, ſo ſeht ihr ſelbſt, daß er fort muß.«⸗—»Beim heiligen Steißbein*) des Mohamed!— das muß er, Donya Ana, verzeiht, daß ich auch meinen Wind dazu gebe— fiel der alte Borrasca ein— und gute Chriſten um ein Almoſen bitten auf des Koͤnigs Heerſtraße, mit dem Mus⸗ queton in der Hand— wie mancher wackrer Junge vor ihm— und meinen Segen hat er dazu. Freilich, wenn die Satansbrut, die Pfaffen, uns Spanier nicht zu ſolchen *⁴) El santo zancarron iſt ein gewiſſer Knochen Mohameds, von dem die Spanier behaupten, er werde in den Moſcheen verehrt, und bei dem ſie nicht ſelten fluchen — was freilich keinesweges zu loben. Skizzen aus Spanien. 499 elenden Landratten gemacht haͤtten— wenn man das Geld, was die Kloͤſter und Kirchen, und der Teufel und ſeine Heiligen gekoſtet haben und noch koſten, auf ſchoͤne große Schiffe verwendet haͤtte, wie es die Englaͤn— der gemacht haben, dann muͤßt' er mir zu Schiffe, der junge Herr— und wenn er nur ſeine Schuldigkeit thaͤte, God dam! ſo wuͤrde kein Menſch weiter nach dieſer Kinde⸗ rei fragen. Aber in unſerem armen, alten Spanien!— ja wenn er ein Kapitaͤlchen haͤt⸗ te zum Anfangen, ſo koͤnnte er Contrebandiſt werden— aber ſo! Trabuco und Landſtraße — das alte Lied! Was meint ihr, Seüor Don Jaime?«—»Mit Vergunſt, Senor Capitan— antwortete dieſer— ihr ſprecht nicht wohl. Auf unſre heilige Kirche laß ich nichts kommen— und die Englaͤnder ſind Trunkenbolde— aber das gehoͤrt nicht hier⸗ her. Mein Bruder ſoll nicht betteln, weder mit noch ohne Trabuco— Eins ſo ſchlimm wie's Andre fuͤr einen jungen Burſchen. Nein, hoͤrt, Frau Mutter. Ich brauch' in meinem Geſchaͤft ohnehin einen Schreiber— einen, der mir Buch und Rechnung fuͤhrt, und was 32* 500 Skizzen aus Spanien. es ſonſt zu ſchreiben giebt— und dazu kann ich mir keinen Beſſern wuͤnſchen als unſern Florenzuelo, der ja ſo gelehrt ſeyn muß, wie Merlin, der Zauberer— nach dem, was Merceditas erzaͤhlt.— Und da braucht er keinen Tropfen Blut zu ſehen oder zu ver⸗ gießen— was meint ihr?«—»Ich habe dir ſchon geſagt, Jaime— ich weiß, daß es ſein muß— in Gottes Namen denn!« ant⸗ wortete die Mutter traurig, aber entſchloſſen. »Nun gut— gut— fing der Barbudo wie— der an— jetzt iſt's aber die hoͤchſte Zeit, daß wir wegkommen.— Der Escribano des Teufels wird Lärm ſchlagen und— ich haͤtte ihn freilich noch nicht ſollen laufen laſſen. Ihr, Seüor Borrasca, ſeht nach eurer Bar⸗ ke, mein Burſche kann euch helfen. Ich und Florencio bringen die Frauensleute ein Stuͤck Wegs weit zuruͤck bis zu den erſten Haͤuſern. In zwei Ave Maria's ſind wir wieder hier — dann fort!«— Unterwegs aͤußerte der Barbudo ſeine Verwunderung, daß der Cura gar nichts von ſich hoͤren laſſe, und meinte, er haͤtte die Frauen wohl begleiten und ihm den Verluſt ſo koſtbarer Zeit erſparen koͤnnen, —x=x Skizzen aus Spanien. 501 erfuhr aber, daß der arme alte Mann krank danieder liege, ſo ſehr habe ihn das Aben⸗ teuer angegriffen, wozu ſeine Gutmuͤthigkeit und Mercedes Entſchloſſenheit ihn verleitet. »Nun, der liebe Gott wird ihm helfen— ſprach endlich der Barbudo— aber dort ſind die erſten Haͤuſer des Grao— die Hunde bellen und es iſt die hoͤchſte Zeit. Nimm du Abſchied, Florenzuelo— mach's kurz— und ihr, Frau Mutter, gebt uns ein Endchen Segen. Damit ich wiſſe, daß euch nichts fehlt— ſo nehmt das und Gott ſegne es euch— und iſt was Unrechtes dran, ſo wird er es euch nicht zurechnen.« Damit reichte er ihr einen ziemlich ſchweren ledernen Beu⸗ tel hin. Sie aber ſtieß ihn zuruͤck und ſagte mit feſter, faſt feierlicher Stimme:»Glaubſt du denn, Jaime, daß ich mich der Ruthe ſchaͤme, mit der der Herr mich ſtraft? Nein — und wenn ſeine Streiche noch viel ſchaͤrfer waͤren als Armuth, Alter und einſames Witt⸗ wenthum, ſo koͤnnt' ich um ſo eher mich troͤ⸗ ſten und hoffen, daß er mein Elend als Bu⸗ ße fuͤr eure Suͤnden annimmt.«——„»Aber, Mutter, um Gottes Willen, ihr werdet doch 502 Skizzen aus Spanien. nicht betteln wollen!«—— unterbrach ſie Florencio.»Warum nicht betteln?— ja, und bei jeder Gabe, die ich der Barmherzig⸗ keit danke, will ich zu Gott flehen, daß er in meinem Hochmuth auch den eurigen mit ſtrafen moͤge. Denn ich weiß es wohl— ich weiß es am beſten, woher ihr alle den ſtarren Sinn habt. Nicht von euerm armen Vater— den ich in der Fremde und einſam habe ſterben laſſen— weil— weil ich meinte, einem Ketzer und Afranceſado duͤrfe ich nicht folgen— weil— genug, genug! der Herr iſt gerecht. Laßt mir meine Buße und nehmt meinen Segen, Kinder. Fort, fort.«»Aber Mercedes«—— fing Florencio wieder bit⸗ tend an. Dieſe aber, welche ſcheinbar un⸗ theilnehmend, ſtarr dabei geſtanden hatte, unterbrach ihn ſchnell, faſt ſchneidend:»Um meinetwillen mach dir keine Sorge, Kind. Wo MNutter bleibt, bleib' ich auch— und Buße!— Gott weiß und du weißt, Flo⸗ rencio, ob ich Etwas zu buͤßen habe. Ge⸗ denke des Tages.«——»Genug des Re⸗ dens— fiel nun der Barbudo ein, der ei⸗ nen Augenblick ſcharf umher gehorcht hatte— ———-— ———— Skizzen aus Spanien. wir haben keinen Augenblick mehr zu verlie⸗ ren, wenn wir nicht dem Teufel und dem Escribano zu lachen geben wollen. Jeder fuͤr ſich und der liebe Gott fuͤr Alle. Mit dem Gelde macht, was ihr wollt. Laßt Meſſen leſen fuͤr die Seelen— gebt's den Armen— dem Cura. Da liegt's— und nun Gott befohlen— Mutter. Leb' wohl, Merceditas — ſorge du fuͤr ſie— dir empfehlen wir ſie an wie den Augapfel. Fort, fort, Junge!« — Dagmit riß er ſeinen Bruder aus den Umarmungen der Frauen, und dieſe ſahen ihnen mit gefalteten Haͤnden, betend und weinend nach, ſo lange ſie ihre Geſtalten noch in der daͤmmernden Dunkelheit unter⸗ ſcheiden konnten, oder es ſich doch einbilde⸗ ten.»Komm, Mercedes— ſagte endlich die alte Frau, ihre Stimme zur Strenge zwin⸗ gend, um ihre Bewegung zu beherrſchen— nimm das Geld, Jaime hat Recht. Dafuͤr laſſen ſich ein Paar ſchoͤne Meſſen ſtiften— der Cura wird es uns beſorgen. Komm.« So zogen ſie einſam ihres Weges heim. Als Jaime und Florencio wieder ſich dem Orte naͤherten, wo das Fahrzeug des Tio 5⁰04 Skizzen aus Spanien. Borrasca ihrer wartete, hoͤrten ſie dieſen ſchon von Ferne rufen und fluchen, und als ſie ihm antworteten und unter den Pal⸗ men hervortraten, rief er noch einmal von dem Fahrzeuge aus:»Nun, damn your eyes! was troͤdelt ihr? was habt ihr denn in dem Thurm zu ſchaffen?— warum ant⸗ wortet ihr nicht fruͤher? aber jetzt fort! der Wind iſt gut und in zwoͤlf Stunden ſind wir auf der Hoͤhe von Alicante! all hands about!«—»In dem Thurm?— wir kom⸗ men eben wieder und haben den Thurm nicht angeſehen!« antwortete der Barbudo, indem er nach dem Strande herabſtieg.»Meiſter, Meiſter— rief ploͤtzlich ſein Burſche von dem Fahrzeug her— im Thurm iſt's nicht richtig — es ſind Leute hineingegangen, eben, ehe ihr kamt. Wir meinten, ihr waͤrt es. Da ſind ſie— da ſind ſie— ich bring' euch den Trabuco!«—»Auf die Erde! Alles auf die Erde mit dem Geſicht!« riefen in dieſem Augenblick mehre Stimmen„ und der Bar⸗ budo und Florencio ſahen ſich von einigen Bewaffneten umringt, die aus dem alten Wartthurm hervorbrachen, ihnen den Weg —— —— Skizszen aus Spanien. 505 nach dem Strande verlegten, und mit ange⸗ legten Flinten jene Aufforderung wiederholten. »Wenn ſie ſchießen, ſind wir verloren— ſagte der Barbudo ruhig, indem er ſeinen Bruder hinter ſich ſchob und ihn mit ſeiner breiten Geſtalt deckte— wir muͤſſen's anders verſuchen. Halte du dich nur ruhig, mein Junge.— Caballeros— fuhr er zu den unerwarteten Gegnern fort— es wuͤrd' euch wenig Ehre bringen, ein Paar wehrloſe Leute niederzuſchießen wie ein Paar tolle Hunde. Sagt, womit wir euch dienen koͤnnen— ſo werden wir ja wohl im Stehn auch einig werden. Der Barbudo hat Andern wohl oft genug das Manoͤvre gelehrt— aber es ſelber zu verſuchen, koͤmmt mir ſchwer an.« Waͤh⸗ rend er ſprach, hatte er den Dolch in die eine, die Piſtole in die andre Hand gefaßt, und lauerte auf einen guͤnſtigen Moment, um ſich durch einen ploͤtzlichen Angriff den Weg nach dem Strande und nach dem Fahr⸗ zeug zu bahnen. Er hatte dabei beſonders einen breitſchultrigen, wohlbeleibten Mann im Auge, der ihm zunaͤchſt ſtand und in wel⸗ chem er den Anfuͤhrer der Gegner zu erkennen 5⁰⁶ Skizzen aus Spanien. glaubte. Dieſer aber, als er jene Worte ge⸗ hoͤrt, rief den Seinen zu:»Nicht geſchoſſen, bis ich's ſage, meine Jungen!?— Dann zu Jaime gewendet, fuhr er fort:»Was ſingt der Vogel uns da fuͤr ein Lied? Was haſt du mit dem Barbudo zu ſchaffen?— Aber vor allen Dingen— laß das Hand⸗ werkzeug ſtecken, oder beim«—— Hier wurde er durch die rauhe, heiſere Stimme des alten Borrasca unterbrochen, deſſen erſte Bewegung bei dieſem unerwarteten Ueberfall geweſen war, nach aͤchter Seemannsweiſe, das Fahrzeug in Sicherheit zu bringen, in⸗ dem er es, trotz allen Widerſtrebens des Zi⸗ geunerburſchen, der durchaus ſeinem Herrn zu Huͤlfe eilen und ihm ſeine Waffen brin⸗ gen wollte, eine hinreichende Strecke vom Ufer abgeſtoßen und dann aufmerkſam ge⸗ horcht hatte, wo die Sache hinauswolle. Nun rief er aber, indem er aus Leibeskraͤf⸗ ten nach dem Strande ruderte:»Hola ho! hola ho! Seüor Don Bernaldino— ich bin auch dabei!— das iſt kein Wildprett fuͤr euch!«—»Was iſt das fuͤr eine Faſt⸗ nacht?— rief jener unſchluͤſſig, verwundert 7— 1— — Skizzen aus Spanien. 597 zuruͤck.— Tio Borrasca, was habt ihr mit dieſen Strauchdieben zu ſchaffen?«—»Ihr ſeid nicht hoͤflich, Caballero— hub der Bar⸗ budo wieder an— Carajo! ein Strauchdieb! Der Barbudo ein Strauchdieb! Cap sagra- nat!« Er haͤtte vielleicht aus Aerger uͤber dieſe Beleidigung eine verderbliche Unvorſich⸗ tigkeit begangen, wenn nicht in dieſem Au— genblick der alte Borrasca athemlos und vol⸗ ler Eifer dazwiſchen gefahren waͤre.»Kein Wild fuͤr euch— ſag' ich, Seüor Don Ber⸗ naldino!— God dam!— rief er— wir ſind alle Freunde. Nur keine Kinderei! Da ſchießt her, Jungens— wenn ihr ein Herz dazu habt! Schießt auf euern alten Bor⸗ rasca, und dann ſeht zu, wer euch darnach die ſchoͤnen Sachen aus Gibraltar holt!«— »Nun, was ſoll's? So ſprecht doch, Tio Borrasca!— rief wieder Don Bernaldino ungeduldig— wer iſt der große Geſell? und der andre— der Kleine?«—»Der Bar⸗ budo iſt es— antwortete der ehrliche See⸗ mann— und wenn ihr gleich oft gewuͤnſcht habt, er moͤge ſich in die Huerta wagen, damit ihr einen Fandango mit ihm verſuchen 508 Skizzen aus Spanien. koͤnntet; ſo weiß ich doch, jetzt laßt ihr ihm kein Haar kruͤmmen— und wenn man euch ſeinen Kopf mit Gold aufwoͤge. Dazu kenn' ich euch zu gut. Ihr kennt ja das Student⸗ chen von Ruzafa— nun der arme Junge iſt ſein Bruder, und den hat er aus domo Petri erloͤſet. Ein feines Stuͤck— meiner Treu! Ein ander Mal will ich's euch er⸗ zaͤhlen; aber jetzt ſchafft, daß wir fortkom⸗ men. Es will tagen, und euch waͤr's doch auch nicht recht, wenn Elio erfuͤhre, daß ihr einen ſolchen Vogel in der Hand gehabt und ihn fliegen laſſen; und——«»Ich bin dem General Elio keine Rechenſchaft ſchuldig, Tio Borrasca— unterbrach ihn Don Ber⸗ naldino— und wenn ich's waͤre, ſo wuͤrd' ich um ſeinetwillen doch nicht zum Schurken. Seid willkommen in der Huerta, Caballero — fuhr er zu dem Barbudo gewendet fort, der nicht ohne Verwunderung die unerwartete Loͤſung dieſes Knotens ſah— indem er den 6 Hahn ſeines Gewehrs in Ruhe ſtellte, es auf die Schulter warf, und freundlich und mit ausgeſtreckter Hand auf ihn zuging— und ihr, Seüorito, Seüor Don Florencio will ich — Skizzen aus Spanien. 509 ſagen, denn ihr ſeid indeſſen freilich zum Mann geworden— und habt das Lehrgeld ehrlich gezahlt. Ich wuͤnſch' euch Gluͤck; ihr habt mich lang' gedauert; aber ſorgt dafuͤr, daß ich euch kuͤnftig nicht in meinem Revier wieder treffe.«— Der Barbudo begriff durch eine Art von Inſtinkt, daß hier keine Argliſt zu fuͤrchten ſei; er ſteckte ſeine Waffen wieder in ſeinen Gurt und ſchuͤttelte ſeinem Gegner die dargebotene Hand.»Ich habe von euch gehoͤrt, Seüor Don Bernaldino Marti; und ihr handelt, wie es einem Manne, wie ihr ſeid, ziemt. Wir ſind in eurer Hand— jetzt kann ich's gern geſtehen— und wenn ihr uns ziehen laßt, ſo werd' ich's nimmer vergeſſen, daß wir euch Leben und Freiheit ſchuldig ſind— bei meinem Bart— nim⸗ mer! Daß ich kein Strauchdieb bin, wißt ihr nun— und, meiner Treu! wenn ich's recht bedenke, Seüor Don Bernaldino, ſo ſind wir ſo weit gar nicht auseinander, wenn wir's gleich an den entgegengeſetzten Enden angefangen haben— und ihr euer Weſen mit koͤniglichem Privilegium treibt, mit des General Elio Freibrief, und als Liebhaber, 510 Skizzen aus Spanien. als reicher Mann, auf eure eignen Koſten. Halten wir doch beide des Koͤnigs Heerſtra⸗ ßen rein von Strauchdieben und Geſindel— was meint ihr?«— Don Bernaldino ließ ſich den Vergleich lachend gefallen, und nach einigen weitern freundlichen Reden wuͤnſchte er dem neuen Bekannten eine gluͤckliche Fahrt, wartete noch am Strande, bis die Stimme der Scheidenden in dem Rauſchen des Win⸗ des und der Wellen verhallte, welche die Barke des Tio Borrasca pfeilſchnell nach Weſten hinfuͤhrten, und zog dann mit ſeinen Leuten ab, die mit einer Art von Ehrfurcht, auf ihre Gewehre gelehnt, den beruͤhmten Barbudo angeſtaunt hatten. Sollte aber der geneigte Leſer nicht wiſſen, was er von dieſem Don Bernaldino Marti zu halten, ſo koͤnnten wir ihn nur aufrichtig be⸗ dauern, indem wir daraus ſchließen muͤßten, daß er den erſten Theil der Skizzen aus Spa⸗ nien nicht mit Aufmerkſamkeit geleſen; denn, daß dieſes treffliche Werk ihm ganz unbekannt geblieben, wollen wir in chriſtlicher Liebe nicht glauben. Obgleich wir uns nun zwar damit begnuͤgen koͤnnten, ihn hier auf das zu ver⸗ — —— —,— Skizzen aus Spanien. 511 weiſen, was wir dort geſagt, ſo wollen wir ein Uebriges thun und hier das Noͤthige wie⸗ derholen. Es gehoͤrte naͤmlich beſagter Don Bernaldino Marti ſeiner Zeit zu den bekann⸗ teſten public characters Valencia's— zu denjenigen, die jedes Kind kennt, von denen Jeder zu erzaͤhlen weiß; ja eine Zeitlang mußte ſogar das Geſtirn des Tio Borrasca vor dieſem neu aufgehenden Lichte erbleichen. Es war auch lange zweifelhaft, in welches Verhaͤltniß dieſe beiden Maͤchte zu einander treten wuͤrden— und es gab eine Zeit, wo man ſich in den Kaffehaͤuſern, Weinſchenken und auf dem Paſeo draͤngte, um zu ſehen, wie ſich Don Bernaldino und der Tio Bor⸗ rasca anſehen oder begruͤßen wuͤrden. In der That lagen in dem ziemlich entgegenge⸗ ſetzten Charakter ihrer gegenſeitigen Thaͤtigkeit und Stellung Veranlaſſungen genug zu ſehr kitzlichen Beruͤhrungen und Verwicklungen. Nach dem, was wir fruͤher uͤber das Treiben des alten Seemanns geſagt haben, brauchen wir hier nicht zu bemerken, daß derſelbe mit den Geſetzen und deren Dienern auf einem ziemlich geſpannten Fuße, und von Glied zu 51² Skizzen aus Spanien. Glied in ziemlich nahen und haͤufigen Beruͤh⸗ rungen mit Solchen ſtand, die ſich noch ent⸗ ſchiedener jenſeits aller Grenzen der buͤrgerli⸗ chen Ordnung herumtreiben. In Spanien noch mehr als in andern Laͤndern iſt der Contreban⸗ diſt das gefaͤhrliche Mittelglied zwiſchen dem geſetzlich anerkannten ehrlichen Mann und allen Abſtufungen des Verbrechens. Mit Don Ber⸗ naldino verhielt es ſich aber folgender Geſtalt. Er gehoͤrte zu den wohlhabendſten Landbe⸗ ſitzern der Huerta, zu der guten Geſellſchaft von Valencia, hatte gedient, war gereiſt— kurz ein ſo vollkommner Caballero wie nur Einer. Eines ſchoͤnen Tages aber— oder vielmehr in einer ſchoͤnen Nacht— wurde er in ſeiner Quinta, eine halbe Stunde von Valencia, von Raͤubern uͤberfallen, und Ei⸗ nige wollten wiſſen, es ſei noch ein beſonde⸗ rer Haken dabei im Spiel geweſen— naͤm— lich eine Dame, die er zu der Zeit bei ſich gehabt.— Wie dem aber auch ſei, Don Bernaldino entkam ihren Haͤnden und ſchlim⸗ meren Mißhandlungen nur mit genauer Noth und im Hemde. Die Folge aber war, daß er ſich vom Generalcapitain Elio die unbe⸗ Skizzen aus Spanien. 513 dingteſte Vollmacht erwirkte„auf ſeine Koſten und Gefahr gegen Raͤuber, Strauchdiebe und all dergleichen Geſindel Krieg zu fuͤhren, oder Jagd auf ſie zu machen in der ganzen Huerta, und mit allen, die in ſeine Haͤnde fielen, nach Gutduͤnken zu verfahren. Wenigſtens kraͤhte kein Hahn danach, wenn da und dort ein armer Teufel brevi manu von Don Bernaldino und ſeinen Leuten erſchoſſen oder wohl gar obendrein in terrorem aufgehaͤngt wurde; und erhoben ſich ja einmal Zweifel ge⸗ gen die Zulaͤſſigkeit eines ſolchen Verfahrens, ſo hieß es: es ſei in eigner Nothwehr geſchehen — wer da immer ſo genau unterſcheiden und Grenzen ziehen koͤnne?— verdient haͤtten ſie es ohnehin zehnfach— und, vor allen Din⸗ gen, man ſolle froh ſein, daß der eine Don Bernaldino mit einem Dutzend von ihm aus⸗ geſuchter und bezahlter Burſche zu Stande bringe, wonach jeder ehrliche, friedliche Mann ſich laͤngſt ſehne, und was der Gene⸗ ral Elio, wie ſehr er auch das große Wort fuͤhre, mit der ganzen Beſatzung und den Gerichten und ihren Helfershelfern nicht zu Stande bringen koͤnne. Den Juriſten vom 33 II. 1 514 Skizzen aus Spanien. Fach aber, die wohl am lauteſten proteſtir⸗ ten, warf man vor, es ſei nur Handwerks⸗ neid, und der Aerger, daß ihnen Don Ber⸗ naldino dieſe Voͤgel— die ſie ſo gut zu rupfen wuͤßten, um ſie dann wieder laufen zu laſſen, bis ihnen die Federn wieder gewachſen— vor der Naſe wegfange und ihnen ohne Umſtaͤnde und Koſten den Hals umdrehe— ſei uͤbri⸗ gens eine Suͤnde dabei, ſo ſei das Don Ber⸗ naldino und ſeines Beichtvaters Sache. Um alle dieſe Reden fuͤr und wider ihn kuͤmmerte ſich Don Bernaldino ſehr wenig, und am allerwenigſten ſchien ſein Gewiſſen dabei zu leiden. Wenigſtens wird Jeder, der ihn in Kaffehaͤuſern, auf oͤffentlichen Plaͤtzen oder in den beſten Tertullas Valencia's geſehen, ihm das Zeugniß geben, daß dieſe Art von Men⸗ ſchenjagd, die er zu ſeinem ausſchließlichen Geſchaͤft gemacht, ihm geiſtig und leiblich vortrefflich anſchlug. Ein dicker, luſtiger Bruder— ein Bild behaglich ſelbſtbewußter Energie— offne heitere Zuͤge, ein ſcharfer freier Blick der großen, hellen, blauen Augen— ein etwas lautes, aber treuherzig zuvorkommen⸗ des Weſen gegen Maͤnner, beſonders Fremde, »—— —,—. Skizzen aus Spanjen. 515 eine ziemlich militairiſche Galanterie gegen Frauen, deren Gunſt er ſich gerne, und, wie man ſagte, nicht mit Unrecht ruͤhmte— ſo war er bei Klein und Groß, Vornehm und Gering bekannt und beliebt.— Seine Jagdabenteuer gingen von Munde zu Munde, und er erſparte ſogar Andern die Muͤhe, ſie auszuſchmuͤcken, indem er ſie ſelbſt bei jeder Gelegenheit mit der naiven Aufſchneiderei ei⸗ nes aͤchten Waidmanns erzaͤhlte.— Nur daruͤber mochte man ſich billig verwundern, wie er bei einem faſt ſchwerfaͤlligen Koͤrperbau einer ſo unausgeſetzten und muͤhſamen Thaͤ⸗ tigkeit gewachſen ſei, wobei es noch mehr auf Schlauheit, Schnelligkeit, Gewandtheit und Wachſamkeit ankam, als auf Koͤrperkraft und Muth. Wie dem auch ſei— Don Ber⸗ naldino wurde in kurzer Zeit der Schrecken, die Verzweiflung aller Raͤuber, Strauchdiebe und was damit zuſammenhaͤngt.— So gut bezahlte er und ſo gut bedienten ihn ſeine Kundſchafter und ſeine Geſellen, die er un⸗ ter den kuͤhnſten, gewandteſten Burſchen der Huerta ausſuchte, daß er dieſem Geſindel immer auf dem Nacken ſaß, wo es ihn am 33* Skizzen aus Spanien. wenigſten erwartete, bis ſie endlich ſeine furcht⸗ bare Allgegenwart nicht anders denn als Zau⸗ berei und ſchwarze Kunſt ſich erklaͤren konn⸗ ten— und auch das Volk uͤberhaupt meinte, mit rechten Dingen gehe es nicht zu, wenn er es in Zeit von zwei Jahren dahin gebracht, daß ein Kind mit einem Beutel voll Geld unangefochten von Liria nach dem Grao und von Alcira nach Murviedro gehen koͤnne.— Daß aber Don Bernaldino unter ſolchen Um⸗ ſtaͤnden ſehr leicht mit dem Tio Borrasca feindſelig zuſammentreffen konnte, obgleich das Element des Einen ausſchließlich das Land, das des Andern vorzuͤglich das Waſſer war, leuchtet ein— und wie geſagt, es war dies eine Zeitlang eine Frage von nicht geringer Wichtigkeit fuͤr Valencia und die Huerta. Wie es nun aber gekommen, daß Beide endlich ſich in gegenſeitiger herzlicher Achtung und zu gelegentlichen wechſelſeitigen Dienſten und Gefaͤlligkeiten vereinigt, ſo daß ſie ſich nicht im Weinhauſe trafen, ohne aus demſel⸗ ben Glaſe ſich zuzutrinken, noch auf dem Paſeo, ohne daß Don Bernaldino ſeinen un⸗ geſchlachten Freund anrief und ins Geſpraͤch Skizzen aus Spanien. 517 zog, mochte er ſich auch in Geſellſchaft der erſten Herrn und Damen von Valencia be⸗ finden, die uͤbrigens ihren nicht geringen Spaß an dem Seeungeheuer zu haben pfleg⸗ ten, das nach keinem Menſchen auf Erden Et⸗ was fragte und Niemandem je eine Antwort ſchuldig blieb— Alles das ausfuͤhrlich zu berichten, wuͤrde uns hier viel zu weit fuͤh⸗ ren, wie wir denn uͤberhaupt kein Ende fin⸗ den wuͤrden, wollten wir von dieſem Ehren⸗ mann, Don Bernaldino, Alles mittheilen, was wir von ihm gehoͤrt. So beſchraͤnken wir uns denn auf Dasjenige, was einen unmit⸗ telbaren Einfluß auf das Schickſal unſers Barbudo hatte— uͤberlaſſen es auch dem Leſer, den kuͤhnen Vergleich weiter auszufuͤh⸗ ren, den der Barbudo zwiſchen ſeinem Ge⸗ ſchaͤft, wie er es zu nennen beliebte, und Don Bernaldino's freiwilligem Gensdarmerie⸗ und Polizeidienſte anſtellte. Was koͤnnten wir viel ſagen von dem Leben und Schickſal der beiden verlaſſenen Frauen, Dona Ana und ihrer Tochter Mer⸗ cedes? Die alte Frau ſetzte das wunderliche 518 Skizzen aus Spanien. Syſtem von Buße— bei ihr die Frucht ſo vieler bitterer Lebenserfahrungen und des ſchweren Kampfes zwiſchen ihrem fruͤher lei⸗ denſchaftlich heftigen, jetzt in Alter und Un⸗ gluͤck erſtarrten Sinn und ihrer aufrichtigen, ernſten Froͤmmigkeit und ſtrengen, aſcetiſchen Moralitaͤt— mit unerſchuͤtterlicher Beharrlich⸗ keit durch. Die nicht unbedeutende Summe, welche ihr der Barbudo hinterlaſſen, ver⸗ wandte ſie zu einer Stiftung von Todten⸗ meſſen, deren ein Mayoratsherr ſich nicht zu ſchaͤmen gehabt haͤtte, und der Gedanke, auf dieſe Weiſe in jenem Leben das Schickſal der⸗ jenigen zu erleichtern, die durch Gewaltthat ihrer Soͤhne dieſes Leben verloren, erhielt allmaͤlig bei ihr eine ſolche Macht, daß es unſern neumodigen medicoforenſiſchen Pſycholo⸗ gen wenig Muͤhe gekoſtet haben wuͤrde, ſie durch eine mania occulta, und wie die niedlichen Erfindungen weiter heißen, womit wir den Teufel um das Seine prellen, zu erklaͤren. Es gelang ihr wirklich mit unerhoͤrter Selbſt⸗ uͤberwindung, wenigſtens fuͤr das Auge des großen Haufens, in dem Haͤuflein der Elen⸗ den und Bettler faſt zu verſchwinden, welche 4— Skizzen aus Spanien. 519 in Spanien ſich in der Naͤhe der Kirchen aufzuhalten pflegen. Sie hatte ſich ſogar ge⸗ zwungen, deren Beiſpiel folgend, durch klaͤg⸗* liche Toͤne und gewohnheitsmaͤßige Redensar⸗ ten das Mitleid der Voruͤbergehenden anzu⸗ rufen, und da ſie immer im Namen der ar⸗ men Seelen im Fegfeuer zu bitten pflegte, ſo erhielt ſie den Beinamen der Mutter der ar⸗ men Seelen(tia de las animas), und ob⸗ gleich das Andenken ihrer fruͤheren Schickſale nach und nach bei den Meiſten ſich verlor, ſo erhielt ſie bald durch dieſe eigenthuͤmliche Weiſe zu betteln eine andre Art von Celebri⸗ taͤt, und da ſie uͤberhaupt alle aͤußeren Vor⸗ ſchriften der Kirche mit ungewoͤhnlicher Stren⸗ ge und Andacht erfuͤllt, auch gelegentlich Ver⸗ ſtoͤße dagegen von Seiten ihrer Genoſſen im Elende ſehr ſtreng und mit feierlich beſchwoͤ⸗ renden, begeiſterten Ermahnungen geruͤgt hatte, ſo fehlte wenig, daß ſie in den Ge⸗ ruch der Heiligkeit gekommen waͤre. Alles dies fuͤhrte ihr wenigſtens eine ſehr reichliche Aernte zu, von der ſie aber nur einen ſehr geringen Theil zum nothduͤrftigſten Unterhalt fuͤr ſich ſelbſt und ihre Tochter zuruͤcklegte, 5²⁰ Skizzen aus Spanien. waͤhrend ſie den Reſt immer wieder zu See⸗ lenmeſſen verwendete, beſonders ſo oft das Geruͤcht, die Lieder der Blinden auf den Straßen und das Gerede unter dem Volk ir⸗ gend ein neues, natuͤrlich immer ſehr uͤber⸗ triebenes Abenteuer des Barbudo feierte, deſ⸗ ſen Ruf um dieſe Zeit eher zu- als abnahm, ſo daß ſogar der Generalcapitain Elio von Madrid aus beſtimmten, dringenden Befehl erhielt, ſich mit dem Generalcapitain von Murcia zu gemeinſamen Maßregeln gegen den kuͤhnen Raͤuber zu vereinigen.— Kein Menſch freilich ahnete, weshalb die tia de las animas dann mit erneutem, unwiderſtehli⸗ chem Eifer das Mitleid der frommen Chriſten anrief, denn auch der gute Cura Don Gero⸗ nimo(der einzige Wiſſende) war von ſeiner Krankheit, die er ſich auf ſeinem unberufenen Ritterzuge geholt hatte, nicht wieder erſtanden, ſondern, wie wir hoffen und glauben, ſelig verſtorben.— Der Tio Borrasca aber hatte endlich doch die Aufmerkſamkeit der Inquiſition ſo ſehr auf ſich gezogen, daß er, um ihren Kerkern zu entgehen, Valencia meiden, oder doch ſich der groͤßten Vorſicht befleißigen mußte.— Skizzen aus Spanien. 521 Was Mercedes bei alle dem fuͤhlte, waͤre ſchwer zu entraͤthſeln und auszuſprechen. Ihre Jugendbluͤthe war geiſtig und koͤrperlich zer⸗ ſtoͤrt, dennoch aber behielt ihre ganze Erſchei⸗ nung auch unter dem aͤrmlichſten Gewande etwas ſo eigenthuͤmlich Schoͤnes, Gebietendes, daß auch die rohſten, gemeinſten Elemente, unter denen ſie ſich bewegte, ihnen ſelbſt un⸗ bewußt, dieſem Eindruck nachgeben mußten. Einige reichere, vornehmere Gecken, welche den faſt finſtern Ernſt der ſchoͤnen Pordioſera (Bettlerin)— unter dieſem Namen war ſie bald allgemein bekannt— fuͤr affectirt hielten, und meinten, ihrer Liebenswuͤrdigkeit, die in hoͤheren Sphaͤren ſich als unwiderſtehlich be⸗ wieſen, muͤſſe dieſe in Lumpen gehuͤllte Sproͤ⸗ digkeit unterliegen, hatten ſich des Erfolges ihrer Eroberungsverſuche um ſo weniger zu ruͤhmen, da die ſchneidenden, bitteren, ge⸗ draͤngten Antworten, womit Mercedes ihre ſchmeichelnde Zudringlichkeit abgefertigt hatte, coram populo ergangen waren, und das laute Gelaͤchter der an dem Thore der Kathe⸗ dral, wo die tia de las animas ihren Poſten hatte, verſammelten Menge gegen ſolche An⸗ 522 Skizzen aus Spanien. beter erregt hatte. War nun aber gleich ihre Stellung ibald gegen ſolche Angriffe geſichert, erſchien und fuͤhlte ſie ſich in der Pflege ihrer Mutter um ſo mehr in ihrem natuͤrlichen Berufe, da Dona Ana's Geſundheit durch die, auch bei dem mildeſten Clima, in ihrem Alter doch mannigfachen und ſchweren koͤrper⸗ lichen Unannehmlichkeiten ihrer Lage, nach und nach ſehr litt, und ſie beſonders das oh⸗ nehin durch Mancherlei, z. B. durch Thraͤ⸗ nen, geſchwaͤchte Licht der Augen bald ganz verlor— uͤbte gleich Mercedes ihre Kindes⸗ pflichten mit unermuͤdlichem Eifer, unerſchoͤpf⸗ licher Milde und Geduld— ſchien gleich ihre aͤußere Lage, ſo wenig ſie auch ihrem Cha⸗ rakter und ihren Gewohnheiten, ja ihrer Ge⸗ ſtalt, ihrem ganzen Weſen angemeſſen war, wenig oder gar keinen Eindruck auf ſie zu machen, ſo kalt und veraͤchtlich trotzte ſie allen Dornen, an denen ihr taͤgliches Leben ſo reich war— dennoch war ihre Faſſung, ihre Geduld, ihre Pflichterfuͤllung, offenbar keine Frucht innern Friedens, und gab ihr dieſen nicht, und wer ſich uͤberall auf der⸗ gleichen hochtrabende Vergleiche einlaſſen moch⸗ —— Skizzen aus Spanien. 5²³ te, konnte ſie, wenn ſie neben ihrer blinden Mutter ſtand, und ihr finſterer, ſtolzer Blick den Blicken der Menge begegnete, dieſe moch⸗ ten nun Neugierde, Mitleiden, Spott, Gleich⸗ guͤltigkeit oder Begehren ausdruͤcken, leicht mit einem gefallenen Engel vergleichen. Welches Gift nun aber in der Tiefe ihrer kraͤftigen Seele lag: Liebe oder Haß oder Reue— Reue wegen des Schickſals ihres juͤngeren Bruders und ihrer Mutter, das ſie, vielleicht mit Un⸗ recht, als eine Folge jener Worte anſah, wo⸗ mit ſie, ihr ſelbſt faſt unbewußt, in einem Augenblick Alles uͤberwaͤltigender Leidenſchaft dem Knaben den Wink und das Werkzeug des Verbrechens gegeben— das moͤgen wir nicht entſcheiden.— Monate und Jahre waren auf dieſe Weiſe verfloſſen, als eines Tages ſich in Valencia das Geruͤcht verbreitete, daß eine große Ver⸗ ſchwoͤruug gegen die legitime Gewalt Sr. Majeſtaͤt Ferdinand VII. und ſeines getreuen Statthalters, des Generals Elio, entdeckt worden ſei— und bald erfuhr man, wenn auch nicht alle Namen, doch einige naͤheren Umſtaͤnde. Eine Moͤnch habe der Frau eines 5²⁴ Skizzen aus Spanien. der Verſchwornen, ohne daß ſie ſelbſt recht verſtand, warum es ſich handelte, zum Theil ſogar in der Beichte Nachrichten entlockt, die, den Behoͤrden angezeigt, nach und nach auf die ſicherſten Spuren gefuͤhrt haͤtten, wobei, wie in den meiſten aͤhnlichen Faͤllen, ſchwer zu entſcheiden war, wo Kundſchafterei und Aufhetzerei aufhoͤrte, und wo die eigentliche Verſchwoͤrung anfing. Die Frau ſollte, ſo hieß es, ſpaͤter, da ſie, ihre Unvorſichtigkeit ahnend, ihren Mann warnen wollte, ploͤtzlich verſchwunden und wahrſcheinlich in ein Klo⸗ ſter oder gar in die Inquiſition gebracht, da⸗ durch aber zugleich der Gang der Verſchwoͤ⸗ rung und die Maßregeln zu ihrer Unterdruͤ⸗ ckung beſchleunigt worden ſein. Das Weitere verkuͤndeten zum Theil auch die Zeitungen des Auslandes der Welt. Der General Elio uͤberraſchte naͤchtlicherweile die Verſchwornen, unter denen mehre be⸗ kannte und angeſehene Maͤnner ſich befanden, an dem Orte ihrer Verſammlung, uͤberwaͤl⸗ tigte durch ſeine bekannte Unerſchrockenheit und nicht ohne eigne große Lebensgefahr ih⸗ ren verzweifelten Widerſtand, wobei Einige Skizzen aus Spanien. 525 das Leben verloren, die Meiſten aber verhaf⸗ tet wurden. Der Proceß dauerte, wie ſich leicht denken laͤßt, nicht lange, und bald war der Tag feſtgeſetzt, wo ſechszehn der Verhaf⸗ teten den Tod der Verraͤther ſterben, das heißt, da ſie von einem Kriegsgericht verur⸗ theilt waren, von hinten erſchoſſen werden ſollten. Mercedes hatte nach ihrer gewoͤhnlichen, verſchloſſenen, theilnahmsloſen Weiſe dem Ge⸗ rede, welches dieſe Begebenheiten veranlaßten, keine Aufmerkſamkeit geſchenkt— die Worte — ſogar die Namen hatten ihr Ohr getroffen, ohne bis zu ihrer Seele zu dringen. Sie war am fruͤhſten Morgen, waͤhrend ihre Mutter, der Obhut einer gutmuͤthigen Lager⸗ nachbarin anvertraut, noch ſchlief, ausgegan⸗ gen, einen Auftrag, den ſie den Tag vorher vergeſſen hatte, auszurichten, um ihrer Mut⸗ ter beim Erwachen den Aerger und ſich das Reden zu erſparen. Ploͤtzlich wurde ſie in ihren finſtern Gedanken durch den dumpfen Klang der Trommel und das Herannahen einer ſo fruͤh am Tage ungewoͤhnlichen Men⸗ ſchenmenge geſtoͤrt. Sie ſchaute auf und er⸗ 526 Skizzen aus Spanien. blickte zum Thor hinausziehend, von Solda⸗ ten bewacht, eine Reihe von Maͤnnern in der geſchmackloſen, geſpenſterartigen, braunen Armenſuͤnderkapuze, die Haͤnde auf den Ruͤ⸗ cken zuſammengeſchnuͤrt, Jeder einen Moͤnch mit dem Kruzifix an der Seite, der ihm entweder mit heftigen Gebehrden zuredete, oder mit heiſerer, heulender Stimme Lita⸗ neien vorſang.— Die meiſten der Maͤnner, die ſo zum Tode gefuͤhrt wurden, zeigten die begeiſterte Feſtigkeit und Todesverachtung, die auch ſchlechtere Sachen als die, fuͤr welche Dieſe bluten ſollten, meiſtens ihren Vorkaͤm⸗ pfern verleihen, und die Zuſchauer aͤußerten mehr dumpfes Entſetzen, Theilnahme und Mitleiden als rohe Neugierde oder gar Ab⸗ ſcheu. Mercedes Blicke fielen ſchon von Ferne auf Einen, deſſen ſchlanke Geſtalt und freien kraͤftigen Gang weder die geſchmackloſe Tracht entſtellen, noch die Feſſeln hemmen konnten. Die braune Kapuze war zuruͤckgefallen und das ſchwarzlockige Haupt trug er ſtolz em⸗ por— ſeine Blicke zuckten wie duͤſtre Blitze umher, als ſuchten ſie Jemanden, ſein Mund druͤckte Trotz und Spott aus, und eben wen⸗ Skizzen aus Spanien. 527 dete er ſich mit einem beſondern Ausdruck von Verachtung und Ekel von dem dicken Kapuziner ab, der ſich, triefend vor Schweiß, in handwerksmaͤßigem Eifer fuͤr das Heil ſeiner Seele abmuͤhte, als ſeine und Mercedes Blicke, die ſchon eine Zeitlang ſtarr an ihm hingen, ſich begegneten. Eine unerklaͤrliche, heftige Bewegung durchzuckte ſein ſchoͤnes, braunes Geſicht, dann aber behielt ein ſonderbares, doch jedenfalls mehr ſchmerzliches als bit⸗ teres Laͤcheln die Oberhand, indem er ihr zurief:»Das iſt ja ſchoͤn, Señora Doña Mercedes, daß ihr alte Freunde nicht ver⸗ geßt— und, meiner Treu! ihr ſeid genug geraͤcht. Waͤre dieſer Arm nicht gelaͤhmt— Dank euch und Florenzuelo— ſo haͤtte mein Dolch den Henker Elio nicht verfehlt und wir waͤren nicht hier.«— Mercedes hoͤrte die bekannte Stimme, die ſtrafenden Worte bewegungslos, einer Bildſaule gleich; als aber Soler nun ganz nahe bei ihr mit den weichſten Toͤnen ſeiner biegſamen Stimme ſprach:»Oder wie, Mercedes— biſt du unverſoͤhnlich? Soll unſer Mund auch jetzt nicht geſtehen, was unſere Herzen nie ge⸗ 528 Skizzen aus Spanien. laͤugnet, daß du mich liebſt ſeit jener Nacht?« —— da ſtuͤrzte ſie ploͤtzlich wie zuſammen⸗ brechend zu ſeinen Fuͤßen, die ſie lautlos. krampfhaft umſchlang. Der Zug wurde durch dieſe Stoͤrung unterbrochen, doch ge⸗* lang es ohne Muͤhe, das Maͤdchen von dem Geliebten loszureißen, da ſeine Arme gefeſſelt und die ihrigen durch eine Ohnmacht erſchlafft waren. Ein Paar Soldaten ſetzten ſie auf die ſteinerne Bank vor dem naͤchſten Hauſe. Andre riſſen und ſtießen den Gefangenen fort, und da bei den Zuſchauern Neugierde oder. Theilnahme an den Verurtheilten das Mit⸗ leiden mit einer, den Meiſten unbekannten Dirne, von der Andere ohnehin behaupteten, ſie ſei wahnſinnig, uͤberwog, ſo blieb Mer⸗ cedes bald allein ihrem Schickſal uͤberlaſſen, und der Zug war zum Thor hinaus und verſchwunden, ehe ſie wieder zu ſich kam. Auf dem Glacis der Citadelle waren in ei⸗ ner Reihe ſtarke Pfaͤhle eingerammelt; an. dieſe wurden die Verurtheilten gebunden und hinter Jedem in einiger Entfernung vier Mann aufgeſtellt, das verhaͤngnißvolle Com⸗ mando erwartend.»Es lebe die Freiheit!«— Skizzen aus Spanien. 529 »Es lebe die Conſtitucion von 181214— »Es lebe Spanien!«—»Wir ſterben fuͤr die Freiheit!«—»Fuͤr das Vaterland!«— »Wir ſind gute Chriſten wie ihr, Landsleu— te!«—»Tod den Tirannen!«—»Tod den Pfaffen!«— Solche und aͤhnliche Aus⸗ rufungen ließen die Verſchworenen hoͤren, ſo wie ſie an den Pfahl gebunden wurden und nun im naͤchſten Augenblick den Tod erwar⸗ teten, und dieſe Worte machten augenſchein⸗ lich großen Eindruck auf einen Theil der Zu⸗ ſchauer, deren Zahl trotz der abſichtlich ge⸗ waͤhlten fruͤhen Stunde immer zunahm. Als nun gar einer der Verurtheilten eine laͤngere Rede anfing, um das Volk zum Aufſtand zu bewegen, befahl der Offizier, welcher das Detachement befehligte, die Trommeln zu ruͤhren, und ſogleich verſchlang der betaͤubende Wirbel alle andern Toͤne; und nachdem alle andern Vorkehrungen und Formalitaͤten vol⸗ lendet waren, ſchwiegen ploͤtzlich die Trom⸗ meln, und dem Commando:»Feuer!« folgte der Blitz und das Knallen der Gewehre. Dann ein Augenblick Todtenſtille— aber auch nur ein Augenblick, denn ehe Auge und II. 34 530 Skizzen aus Spanien. Ohr der Seele dieſen gewaltſamen Eindruck zugefuͤhrt und dieſe ſich ihn zu eigen gemacht hatte, erhob ſich aus dem Pulverdampf ein entſetzliches verworrenes Getoͤſe— Wehkla⸗ gen, Geſchrei des Schmerzes und der Wuth, Flehen um den Tod, furchtbare Fluͤche und Anrufung der goͤttlichen Gnade— und wie, um dieſe Aeußerungen menſchlichen Jammers noch viel erſchuͤtternder zu machen, klaͤgliches, langgezogenes, ohrenzerreißendes Hundegeheul. Die ohnehin ſchon aufgeregten, zum Theil er⸗ bitterten Zuſchauer draͤngten ſich nun in dem gemiſchten Impuls des Entſetzens, des Ab⸗ ſcheues, des Mitleidens und der Erbitterung, ohne Scheu vor den Drohungen, den Er⸗ mahnungen und dem Widerſtand der Solda⸗ ten herbei, um ſich von der Urſache und der Art dieſer ungewoͤhnlichen Steigerung der Graͤuel einer Hinrichtung zu uͤberzeugen.— War dies nun auch in dieſer Verwirrung kaum moͤglich, ſo fand ſich doch nachher, daß durch ein Verſehen die Pfaͤhle, an welche man die Verurtheilten gebunden hatte, ſo breit und ſo hoch gemacht worden, daß der Kopf und der Ruͤcken dieſer Ungluͤcklichen Je⸗ ————.O—OC—COC—C—CQ—Q—Q—ꝑC—C—ę—ʒ—L—Kʒ˖—— Skizzen aus Spanien. 531 deckt und ſie alſo vor augenblicklich toͤdtlichen Wunden geſchuͤtzt waren, und die Kugeln entweder die Schultern zerſchmetterten, oder, durch das Holz geſchwaͤcht, nicht tief in Ruͤcken und Kopf eindringen konnten. So ſcheußlich zerſchoſſen, brachen ſie, nachdem der erſte Augenblick von dumpfem Schmerz und Betaͤubung voruͤber war, welchen Schußwun⸗ den ſo leicht hervorbringen, in die gewaltſamſten Aeußerungen des Schmerzes, der Wuth und Verzweiflung aus, und wanden ſich fluchend und jammernd an ihren Pfaͤhlen. Die Solda⸗ ten und ſogar der Offizier, welche den Henker⸗ dienſt verrichten mußten— ohnehin unwirſch uͤber dieſen unerwuͤnſchten Auftrag, und von der herandraͤngenden Menge und ihren Vor— wuͤrfen betaͤubt und erbittert, von Mitleiden uͤber die Opfer ihrer eignen, unwillkuͤhrlichen, unverſchuldeten, unvermeidlichen Grauſamkeit, von der militairiſchen Pflicht, ihr ſchreckliches Geſchaͤft zu vollenden, bedraͤngt— verloren einen Augenblick den Kopf, und, wie es denn bei bewaffneten Kriegsleuten kaum anders zu erwarten war, machten ſich dieſe ſo gemiſch⸗ ten Gemuͤthsbewegungen in einem Anfall von 34* 532 Skizzen aus Spanien. Wuth Luft, indem ſie theils mit Kolben und Bajonnetten die Menge, welche ihre ſchwachen Reihen durchbrach, zuruͤckſtießen— theils uͤber die ſchwerverwundeten Verurtheilten her⸗ fielen, um ihnen den Reſt zu geben. Aber der Eifer ſelbſt, wozu ihr Mitleiden mit je⸗ nen, ihr Abſcheu vor ihrem eignen Thun ſie trieb, trug dazu bei, der Erfuͤllung dieſer traurigen Pflicht einen Augenblick den Cha⸗ rakter einer ſcheußlichen, verworrnen Metzelei zu geben, da auch der Todeskampf der Opfer zuweilen in wirklichen Widerſtand uͤberzuge⸗ hen ſchien. Nach einigen Minuten gelang es endlich dem Offizier, die Ordnung wieder herzuſtellen, die Reihen zu ſchließen und den Volkshaufen zuruͤckzudraͤngen und zu zer⸗ ſtreuen.— Das Geſchrei der Hingemetzelten war verſtummt, nur von Einzelnen hoͤrte man noch ein leiſes Roͤcheln— als aber nun Anſtalten getroffen wurden, die ſchrecklich ver⸗ ſtͤmmelten Leichname in den ſchon im Vor⸗ aus neben jedem Pfahl gegrabenen Gruben zu verſcharren, da fanden ſich ſtatt ſechszehn Leichen ſiebzehn. Die Leiche eines der Hin⸗ gerichteten, in dem der Offizier mehr wegen 383 Skizzen aus Spanien. der Stelle, wo er angebunden war, als an ſeiner zerfetzten, blutigen Geſtalt und ihm ſonſt wohlbekannten Zuͤgen, Moſen Beneyt Soler erkannte, fand man von einer weibli⸗ chen, noch mehr bis zur Unkenntlichkeit ent⸗ ſtellten Leiche ſo feſt umſchlungen, daß alle Muͤhe ſie zu trennen vergeblich war; und ſo entſchloß man ſich um ſo eher, ſie ohne wei⸗ tere Umſtaͤnde in einer Grube zu verſcharren, da hiermit alles weitere Aufſehen, Weitlaͤuf⸗ tigkeit und Unterſuchungen vermieden wurden, da Keiner von den Anweſenden in der ent⸗ ſetzlichen Verwirrung des Augenblicks bemerkt hatte, oder genauer angeben konnte, wo die Unbekannte hergekommen und wie ſie ihren Tod gefunden, obgleich Jeder es ſich leicht erklaͤren konnte, wie ſie, aus welchem An⸗ triebe verzweifelten oder wahnſinnigen Muthes es auch geſchehen ſein mochte, ſich ſchnell und unbemerkt durch das Gewuͤhl und bis zu Soler hindurchgedraͤngt, und dieſen umfaſſend, mit ihrem Koͤrper deckend, unter den Strei⸗ chen der Soldaten gefallen ſei, von denen ſie in dem Pulverdampf, Staub, Verwirrung und blinder Wuth entweder nicht bemerkt, 534 Skizzen aus Spanien. oder fuͤr einen Gegner gehalten worden.— So blieb dieſer ſo unwillkuͤhrliche Mord dem groͤßten Theil des Publikums verborgen, um ſo mehr, da alle naͤhern Umſtaͤnde dieſer Hin⸗ richtung, ſo viel wie moͤglich, geheim gehalten wurden, indem ſowohl das dabei betheiligte Militair, als die Zuſchauer, alle Urſache hat⸗ ten, ſich vor einer genauern Unterſuchung bei der bekannten und immer zunehmenden Strenge und Wachſamkeit des Generals Elio zu ſcheuen, und dieſer ſeinerſeits dagegen kei⸗ nesweges wuͤnſchte, daß ein ſolcher Vorfall, der ſeinen Gegnern, deren er auch am Hofe Viele hatte, zur Waffe gegen ihn dienen konnte, weiter bekannt wuͤrde. Die tia de las animas aber, oder, wenn der Leſer lieber will, die blinde Dona Ana, erwartete an dieſem Tage und bis in Ewigkeit vergeblich die Ruͤckkehr ihrer Tochter. Einige ihrer Gefaͤhrtinnen im Elend nahmen ſich ein Paar Tage ſo gut wie moͤglich ihrer an— ſofern ihre koͤrperliche Huͤlfloſigkeit es erforderte; denn geiſtigen Troſtes ſchien ſie nicht zu beduͤrfen, ſondern es ſchien vielmehr bei der zunehmenden Gewißheit, daß ihre V V 535 Skizzen aus Spanien. Tochter ſie entweder verlaſſen habe oder ver⸗ ungluͤckt ſei, eine immer hoͤhere, ſonderbare Freudigkeit ſie zu ergreifen, wobei ſie oft fuͤr ſich wiederholte: Nun ſei gewiß die Buße vollſtaͤndig, und ihre und der Ihrigen Suͤn⸗ den ihr vergeben. Denen, die ſolche Weiſe anſahen und ſolche Reden anhoͤrten, wurde aber freilich faſt unheimlich dabei, und da ſie ohnehin keinen Beruf und mit ihrer eig⸗ nen Noth zu viel zu thun hatten, um ſich der huͤlfloſen, kranken, allem Anſchein nach halbwahnſinnigen, alten Frau auf die Laͤnge anzunehmen, ſo ſorgten einige mitleidige Leute dafuͤr, daß ſie nach dem großen Hoſpi⸗ tal de la Merced gebracht wurde, wo ſie dann auch nach wenigen Tagen ſtarb, nach⸗ dem ſie dem Prieſter der Anſtalt gebeichtet, von ihm die Abſolution erhalten, und zur großen Erbauung aller Anweſenden das hei⸗ lige Abendmahl und die letzte Oelung em⸗ pfangen hatte.— Wir haben ſchon oben erwaͤhnt, daß das Geſchaͤft des Barbudo ſeit ſeinem Abenteuer in Valencia, welches ihm die thaͤtige Theil⸗ 536 Skizzen aus Spanien. nahme ſeines juͤngern Bruders verſchaffte, an Ausdehnung und Bedeutung, aber auch an Gefahren immer zunahm; letzteres beſon⸗ ders, ſeitdem theils auf Befehl des Hofes, theils durch einzelne Neckereien gereizt, die — abgeſehen von der Befreiung ſeines Bru⸗ ders, welche doch immer auch großes Aufſehen machte— der Barbudo ſich innerhalb der Grenzen ſeines Gouvernements erlaubte, der General Elio ſeine viel gefaͤhrlichern Maßre⸗ geln mit denen der Behoͤrden der angraͤnzen⸗ den Provinzen vereinigte. Bei dieſem man⸗ nigfaltigen, gefahrvollen, thaͤtigen Leben be⸗ fand ſich nun Florencio— der uͤbrigens von ſeines Bruders Leuten und bald auch allge⸗ mein den Beinamen el estudiantillo, das Studentchen, erhielt— im Ganzen ſehr gut, und war ſeinem Bruder in mancher Hinſicht von groͤßerem Nutzen, als dieſer anfangs ſelbſt erwartet hatte. Nicht nur brachte er in deſſen Geſchaͤfte die Art von Ordnung, welche der gewiſſenhafte Barbudo ſich ſo oft gewuͤnſcht, um Niemandem Unrecht zu thun und doch ſelbſt nicht zu kurz zu kommen, indem er die Bedingungen der Vertraͤge mit Skizzen aus Spanien. 537 den Maulthiertreibern, Fuhrleuten oder Kauf⸗ leuten, ferner die Bezahlung der feſtgeſetz⸗ ten Tribute, ſo wie die außerordentlichen Einnahmen an Beute von Widerſpenſtigen, Abgaben von Reiſenden u. ſ. w., dann auch die Ausgaben an Sold fuͤr die Leute, Beloh⸗ nung der Kundſchafter, Munition u. ſ. w. gehoͤrig und genau zu Buche brachte— auch in anderen Dingen verhielt ſich der Eſtudian⸗ tillo zur Freude und Zufriedenheit des Bar⸗ budo, durch Muth, Liſt, Tapferkeit und Ge⸗ wandtheit, bei den mancherlei Faͤhrlichkeiten, die ihr Gewerbe mit ſich brachte, und wobei allmaͤlig und unmerklich die mehr friedliche, gleichſam civiliſtiſche, adminiſtrative Stellung, die er ſeinem Bruder zugedacht, in den Hin⸗ tergrund trat. Dennoch aber fehlte es nicht an Elementen und Veranlaſſungen zu Gegen⸗ ſaͤtzen, wo nicht zum Streit, zwiſchen beiden Bruͤdern. Florencio, obgleich er ſich im Ganzen in ſeinen neuen Lebensweg, oder Stand, ziemlich gut fand, und, wie es nach ſolchen gewaltſamen Veraͤnderungen dann ge⸗ woͤhnlich zu geſchehen pflegt, ſein fruͤheres Leben, ſeine fruͤhern Verhaͤltniſſe und Hoff⸗ 538 Skizzen aus Spanien. nungen als abgethan und ſich von ihnen wie durch eine tiefe Kluft getrennt anſah, ſo regte ſich in ihm doch bald wieder jener phantaſti⸗ ſche Ehrgeiz, freilich auf ſeine ſehr veraͤnder⸗ ten Verhaͤltniſſe angewendet, aber doch am Ende, ihm ſelbſt unbewußt, danach ſtrebend, dieſe mit fruͤheren Jugendtraͤumereien wieder in einigen Zuſammenhang und Einklang zu bringen. In dieſe Richtung konnte er aber um ſo eher gerathen oder ſich darin erhalten, und dieſen Geiſt naͤhren, da ſein Bruder, aus aufrichtigem Reſpekt fuͤr ſeine Gelehr⸗ ſamkeit, nicht eher geruht hatte, bis er ihm, wir wiſſen nicht woher und auf welchem Wege, eine Eſelsladung alter Troͤſter in Schweinsle⸗ dereinband verſchafft hatte, worunter der Student einige ſeiner alten Bekannten wie⸗ derfand, Chroniken und Legenden— die in muͤßigen Stunden oder Tagen ſeinen Geiſt und ſeine Phantaſie nicht weniger feſſelten als fruͤher, waͤhrend die veraͤnderten, ziem⸗ lich außerordentlichen Umſtaͤnde, in denen er ſich befand und das kraͤftigende Gefuͤhl kuͤhner Thatkraft, ihm eine Verwirklichung der Traͤu⸗ mereien, mit denen er ſich ergoͤtzte, als moͤg⸗ Skizzen aus Syanien. 539 lich und deshalb wuͤnſchenswerther als je vorher erſcheinen lirz. So geſchah es denn, daß ihm des ehrlichen Barbudo Treiben, die Art, wie dieſer ſeine ganze Stellung anſah und auffaßte, viel zu beſchraͤnkt, handwerks⸗ maͤßig, und, wie wir es ausdruͤcken wuͤrden, proſaiſch erſchien. Seiner Meinung nach ſollte Alles viel hoͤher hinaus und einen groͤßern Zuſchnitt erhalten. Zu der Entwickelung dieſer Anſichten oder Grillen trugen nun nicht wenig bei die bekannten politiſchen Ereigniſſe, welche ſeit dem Jahre 1820 Spanien in ſo mancherlei Richtungen gewaltſam bewegten. Die Parthei, welche durch die Revolution von 1820 und die Wiedereinfuͤhrung der Conſtitution von 1812 beſiegt und bis auf ei⸗ nen gewiſſen Grad unterdruͤckt wurde, ſuchte, wie fruͤher die Gegenparthei, durch Verſchwoͤ⸗ rungen und geheime Umtriebe aller Art eine Reaction zu bewirken, wobei ſie natuͤrlicher Weiſe ihre Werkzeuge, ihren Anhang beſon⸗ ders bei den am wenigſten gebildeten Staͤn⸗ den, dem Poͤbel der Staͤdte und dem Land⸗ volk ſuchen mußte; als Hebel, um dieſe ſchwerfaͤlligen und im Ganzen in ſolchen An⸗ 540 Skizzen aus Spanien. gelegenheiten ſehr friedfertigen Maſſen in Be⸗ wegung zu ſetzen, war ihnen aber uͤberhaupt Alles willkommen, was ſich in einer entſchie— den feindſeligen Stellung gegen die beſtehende Ordnung der Dinge befand, auch wenn da⸗ bei gar keine politiſchen Motive obwalteten, und die conſtitutionelle Regierung nur als Erbin der vorhergehenden Ordnung der Dinge im Gegenſatz zu den Feinden jeder buͤrgerli⸗ chen Ordnung erſchien, inſofern ſie Eigenthum und Perſonen zu ſchuͤtzen hatte. So ſah ſich alſo die ganze, in Spanien ſehr zahlreiche Claſſe von Menſchen, die als Raͤuber, als Schleichhaͤndler vom Fach, oder als Dilettan⸗ ten in ſolchen Kuͤnſten, oder wegen anderer Vergehen und Verbrechen, oder aus irgend einer andern Urſache mit Geſetz und Polizei auf einem geſpannten oder feindſeligen Fuße ſtanden— gentlemen of the shade, mi- nions of the moon, wie der treffliche Fall⸗ ſtaff ſie nennt— Alle dieſe ſahen ſich ploͤtz⸗ lich, wenn ſie es nur irgend wuͤnſchten, und nicht ſelten ſogar, ohne daß ſie es wollten oder ahnten, in Verfechter des Throns und des Altars verwandelt. Denn dies war und —;— — 541 iſt bekanntlich die Loſung der Parthei, von der hier die Rede iſt. Auch bedurfte es in vielen Faͤllen keines großen Aufwandes von geiſtigen Ueberredungsgruͤnden, um dieſe Herrn zur Uebernahme ihrer neuen Rolle zu vermoͤ⸗ gen, da eines Theils der Altar die metalliſchen Reagentien nicht ſparte, andrerſeits aber die neue Regierung aus mancherlei Urſachen, ab⸗ geſehen von der, welche bei allen neuen Be⸗ ſen gilt, ſich berufen hielt, gegen manche Scandale der oben beruͤhrten Art, welche bis⸗ her ziemlich unbelaͤſtigt betrieben worden wa⸗ ren, ſchaͤrfere Maßregeln zu ergreifen, oder doch wenigſtens davon zu ſprechen, und ſich das Anſehen zu geben.— So war es denn natuͤrlich und in der Ordnung, daß die Apoſtoliſchen, Servilen, oder wie man dieſe Parthei ſonſt nennen will — uns gilt es ſehr gleich, und wollen wir je⸗ denfalls Niemandem zu nahe treten— auch auf den Barbudo, als einen keineswegs zu verachtenden Bundesgenoſſen, ihr Auge war⸗ fen, und Alles anwandten, ihn entſchieden fuͤr ſich zu gewinnen, um in jener Gegend einen aͤhnlichen Aufſtand zu bewirken, wie Skizzen aus Spanien. 542 Skizzen aus Spanien. derjenige, der in Aragon und Catalonien— Dank der Treuloſigkeit der franzoͤſiſchen Re⸗ gierung und der Untuͤchtigkeit der Spaniſchen Doctrinairs, welche damals an der Spitze der conſtitutionellen Regierung ſtanden— eine ſo große und gefaͤhrliche Ausdehnung er⸗ hielt. Der Barbudo zeigte ſich aber keines⸗ weges ſehr geneigt, ſich auf dieſe Lockungen einzulaſſen. Sein Ehrgeiz, wenn ſolches Streben dieſen Namen verdient, beſchraͤnkte ſich nach wie vor darauf, als ein ehrlicher, ruhiger und wohlhabender Landmann ſeines Lebens froh zu werden, und dazu bedurfte er nichts als eines unbedingten, aufrichtigen Indulto(Amneſtie) von Seiten der Regie⸗ rung. Dieſen zu erlangen, war fortwaͤhrend ſein lebhafter Wunſch, und nach ſeiner be⸗ ſchraͤnkten, ſchlichten, aber kraͤftigen, ganz praktiſchen Geiſtes⸗ und Gemuͤthsart, war dies der einzige Geſichtspunkt, unter dem er die Ereigniſſe des Tages anſah. Da nun das Streben nach buͤreaukratiſch centraliſiren⸗ der Energie und moderner Civiliſation, wel⸗ ches ein weſentlicher Charakterzug des neuen Regiments war, eine ſolche Uebereinkunft Skizzen aus Spanien. 5⁴³ mit einem Straßenraͤuber durchaus nicht zu⸗ ließ, ſo wurde die Erfuͤllung der beſcheidenen Hoffnungen und Wuͤnſche des Barbudo durch die Energie oder Pedanterie der neuen Re⸗ gierung eben ſo erſchwert und vereitelt, wie fruͤher durch die Schwaͤche, Verworrenheit oder Treuloſigkeit der alten, und es blieb ihm nichts uͤbrig, als ſein ungeſetzliches Ge⸗ ſchaͤft nach wie vor mit der ihm eigenthuͤmli⸗ chen Umſicht, Tuͤchtigkeit und, wenn man ſo ſagen darf, Rechtlichkeit fortzuſetzen. Dabei blieb er natuͤrlich gegen die neue geſetzliche Gewalt und ihre Diener in demſelben feind⸗ ſeligen Verhaͤltniſſe wie gegen die alte, aber dennoch waren ſeine Geſinnungen gegen jene um nichts feindlicher als gegen dieſe— wenn ſie uͤberhaupt in Beziehung auf die eine oder andere feindlich genannt werden konnten, da er, mit Ausnahme der Escribanos, den groͤ⸗ ßten Reſpekt gegen die Obrigkeit hatte, wie einem guten alten Chriſten zukommt, und eben deshalb ausnehmend bedauerte„ zu ei⸗ nem ſo unangenehmen Verhaͤltniß gegen ſie gezwungen zu ſein. In dieſer Hinſicht aber machte er gar keinen Unterſchied zwiſchen dem 54⁴⁴ Skizzen aus Spanien. neuen und dem alten Regiment, und alles, was man ihm ſagen konnte, um ihn zu uͤberzeugen, daß jenes ein Werk der Freimau⸗ rer, der Juden und Ketzer, ja des leibhafti⸗ gen Satans ſei, machte wenig Eindruck auf ſeinen ſchlichten geſunden Verſtand und reich⸗ liche Kenntniß der Menſchen und Dinge. Und endlich war er zufaͤlliger Weiſe durch die Er⸗ eigniſſe von 1820 aus einer großen und drin⸗ genden Verlegenheit und Gefahr befreit wor⸗ den, indem der thaͤtige und energiſche Gene⸗ ralcapitain von Valencia, der ungluͤckliche, wenn auch nicht ſchuldloſe Elio, ihm in der letzten Zeit ſo hart zugeſetzt hatte, daß er ſich kaum mehr trotz aller Kuͤhnheit und Schlauheit in ſeinen Gebirgen zu bergen wußte, als die Revolution ſeinen gefuͤrchteten Gegner um ſeinen Oberbefehl und ſeine Freiheit und ſpaͤter um ſein Leben brachte, ſo daß die militairiſchen und polizeilichen Anſtalten, die er gegen den Barbudo ergriffen hatte, ins Stocken geriethen und dieſer wieder Luft bekam. Kurz und gut, die ſchoͤnen Worte und Verſprechungen der Apoſtoliſchen waren an ihm ziemlich verloren, da ſie ihm durchaus keine hinreichende Buͤrg⸗ —-——— Skizzen aus Spanien. 5⁴⁵ ſchaft geben konnten, daß ſie jemals im Stan⸗ de ſein wuͤrden, ihm das zu gewaͤhren, was die conſtitutionelle Regierung ihm verweigerte, denn er kannte die wahre Stimmung des Volkes, die gegenſeitigen Kraͤfte der Partheien in ſeiner Gegend zu gut, um ſich durch aben⸗ teuerliche Plaͤne und Berechnungen taͤuſchen zu laſſen, und auf das, was weiter entfernt lag, ließ er ſich gar nicht ein, ſo daß auch die Ausſicht auf den Beiſtand der Franzoſen, Ruſſen, Oeſtreicher, Preußen und was nicht alles, womit die Apoſtoliſchen ſich damals ſo gern und leicht zu troͤſten pflegten, kein großes Gewicht bei ihm hatte. Das ging ſo weit, daß wenig fehlte, er waͤre ſelbſt als Freimaurer und Liberaler verſchrieen worden, wenn man ihn nicht gefuͤrchtet, und wenn er nur einen einzigen Tag die Meſſe verſaͤumt haͤtte, vorausgeſetzt, daß er auf ſeinen Zuͤ⸗ gen irgend dazu kommen konnte„ ohne gra⸗ dezu ſeinen Hals daran zu wagen. Ganz anders verhielt es ſich mit dem Eſtudiantillo. Dieſer faßte mit aufrichtiger jugendlicher Begeiſterung die Anſicht auf, welche von einem großen Theil der Geiſtlich⸗ II. 35 546 Skizzen aus Spanien. keit, beſonders den Moͤnchen verbreitet und auch in den Unterhandlungen mit dem Bar⸗ budo gelegentlich hervorgehoben wurde, daß die Conſtitution und ihre Anhaͤnger Feinde des wahren Glaubens und der Kirche ſeien, und daß es die Pflicht eines guten Chriſten (das heißt natuͤrlich Katholiken) ſei, auf alle Weiſe zu dem Umſturze dieſes gottloſen Re⸗ giments beizutragen, die heilige Mutter Kir⸗ che an ihren Feinden zu raͤchen, und den Koͤnig von Gottes Gnaden aus den Haͤnden derjenigen zu befreien, welche ihn mit Gewalt zwaͤngen, ſeinen Namen zu ſo verruchtem Treiben herzugeben, wie die Aufhebung eini⸗ ger Kloͤſter, die Abſchaffung einiger Feiertage und des halben Zehnten u. ſ. w.— Nach der ganzen Anlage und Richtung des Geiſtes, der Phantaſie und des Gemuͤthes unſeres Eſtudiantillo gehoͤrte wenig Ueberredung da⸗ zu, ihn zu einem fanatiſchen Apoſtoliſchen, Servilen, Eiferer und Kaͤmpfer fuͤr Thron und Altar zu machen.— So ließ er es denn auch nicht an Bemuͤhungen fehlen, ſei⸗ nen aͤltern Bruder zu bekehren oder aus der Rolle eines bloßen Straßenraͤubers in die Skizzen aus Spanien. 5⁴⁷ eines Partheigaͤngers der Legitimitaͤt, eines Anfuͤhrers einer kleinen Glaubensarmee hinuͤ⸗ berzureißen. Freilich fehlte es nicht an mehr oder weniger beſtimmten Aufmunterungen von Seiten ſeiner neuen Goͤnner, auf ſeine eigne Hand das Banner des Glaubens zu erheben, oder wohl gar, wenn der Barbudo bei ſeiner Widerſpenſtigkeit und dem Indifferentismus verharre, ihn auf irgend eine Weiſe zu be⸗ ſeitigen, und ſich ſelbſt an die Spitze der Bande zu ſtellen; allein, abgeſehen davon, daß dies nicht leicht war, ſo wieß Florencio auch dergleichen Inſinuationen mit ſo auf⸗ richtigem Abſcheu von ſich, daß ſie nicht oft und nicht deutlicher wiederholt wurden. Er trieb es indeſſen ſo arg mit Quaͤlereien, Bit⸗ ten und Vorſtellungen, daß der Barbudo— der eigentlich ſeine beſte Freude an dem Jun⸗ gen hatte, und ihn, beſonders ſeitdem er, wenn auch ohne die eigentlichen Umſtaͤnde, den Tod ſeiner Mutter und Schweſter erfahren hatte, foͤrmlich verzog— ihm zu Gefallen, halb verdrießlich, wie man einem Kinde ei⸗ nen albernen Wunſch erfuͤllt, damit es durch die Folgen gewarnt und belehrt werde, halb 35* 548 Skizzen aus Spanien. ſelbſt neugierig auf den Ausgang, ſich zu ei⸗ ner Unternehmung im Sinne der Apoſtoliſchen verſtand, oder vielmehr dem Eſtudiantillo den groͤßten Theil ſeines Haufens dazu uͤberließ, und ſich ſelber nur ſtillſchweigend vorbehielt, wenn es Noth thaͤte, zuzugreifen, um ernſtli⸗ chern Schaden, eine zu theuer erkaufte Erfah⸗ rung zu verhindern. Wir koͤnnten nun von dieſem Abenteuer Vieles und nicht weniger Merkwuͤrdiges und Ergoͤtzliches berichten, als irgend ſonſt Etwas in dieſer eben ſo erbauli⸗ chen als wahrhaften Geſchichte, aber Unſereins hat Ruͤckſichten des Raums zu beobachten, von denen der Leſer keine Ahnung hat, und ſo muͤſſen wir auch hier ſeine Neugierde oder Wißbegierde unbefriedigt laſſen, und nur ſo viel ſagen. Der Eſtudiantillo ſtieg mit ſei⸗ nem Haufen in die Thaͤler von Elda und Novelda hinunter, nachdem vorher die Moͤn⸗ che und andre Haͤupter der Parthei und Mit⸗ verſchworne Alles aufgeboten hatten, um das Landvolk geneigt zu machen, ſich gegen die conſtitutionelle Regierung zu empoͤren. Dies mislang den Apoſtoliſchen aber hier wie faſt uͤberall in Spanien. Außer einigen Schleich⸗ Slizzen aus Spanien. 549 händlern, oder ſonſt uͤbel beruͤchtigten, zu jeder Gewaltthat, am meiſten zu einer ſol⸗ chen, bei der es Etwas zu verdienen gab, bereiten Geſellen, und einigen wenigen Maͤn⸗ nern, die aus irgend einer Urſache ihre Ab⸗ neigung gegen das neue Regiment bis zum entſchiedenen politiſchen Fanatismus trieben, ſchloß ſich Niemand den zu Glaubensrittern (flotas) avancirten Raͤubern an. Die Land⸗ leute, die Bewohner der großen Flecken ſa⸗ hen ihnen ruhig zu, ließen ſie die Conſtitu⸗ tionsſteine vor den Gemeindehaͤuſern umwer⸗ fen— die Symbole des neuen Regiments, an denen den guten Leuten aber auch nicht viel gelegen war, noch ſein konnte— ließen ſie die Paar herrnloſen Milicianos, die es da gab, entwaffnen— ließen ſie ihr: muera la constitucion! mueran los liberales! viva el Rei absoluto! viva la virgen! u. ſ. w. rufen— zechten und unterhielten ſich auch wohl mit ihnen in der Poſada, und fragten ſie, wo das hinaus ſolle? worauf die Geſellen meiſt nicht viel zu antworten wußten. Dabei aber blieb es. Und als— weil eben weiter Nichts anzufangen war— 5⁵⁰ Skizzen aus Spanien. dieſer Embryo von Glaubensarmee am zwei⸗ ten oder dritten Tag, nachdem ſie dieſes glorreiche Abenteuer begonnen hatten, ſich in Wein und andern guten Dingen zu ſorglos und eifrig guͤtlich that, wurde er von einer Abtheilung Milicianos aus Valencia und El⸗ che, an die ſich ein Paar Zuͤge von dem Dragonerregiment Ordenes militares, das in Alicante lag, angeſchloſſen hatten, uͤberfallen — und es waͤre ihnen und wahrſcheinlich dem Eſtudiantillo ſelber die Zeche theuer zu ſtehen gekommen, wenn nicht, noch eben zur rechten Zeit, der Barbudo mit einigen ſeiner alten Getreuen dazwiſchen gefahren waͤre und die Ueberfallenden zweifelhaft gemacht haͤtte, ob ſie nicht ſelbſt uͤberfallen ſeien. So kam Florencio zwar mit einem blauen Auge da⸗ von, und nach wenig Tagen verkuͤndeten alle liberalen Zeitungen der Halbinſel in einem pompoͤſen Buͤlletin, welches auf dem Schlacht⸗ felde, naͤmlich in der Poſada von Novelda, und in der Begeiſterung, welche der den Beſiegten abgejagte Wein vermehrte, von den Siegern entworfen worden, die große Nie⸗ derlage der Glaubensarme des Koͤnigreichs — 4 ℳ Skizzen aus Spanien. 551 Murcia unter Anfuͤhrung des beruͤhmten Bar⸗ budo, und die Heldenthaten der tapfern pa⸗ triotiſchen Milicianos von Valencia und Elche und der mit dem Syſtem identificirten Be⸗ ſatzung von Alicante*). Der Barbudo ließ ſich das um ſo eher gefallen, da ihm nichts davon zu Ohren oder zu Geſichte kam, und da er nun doch das gewonnen hatte, daß Florenzuelo ihm mit ſeinen hochfliegenden Plaͤnen wenigſtens fuͤr's erſte eher Ruhe ließ — oder daß er doch ohne große Anſtrengung des Geiſtes immer ein Argument, eine An⸗ ſpielung, einen Scherz bei der Hand hatte, womit er den Eifer des jungen Glaubensrit⸗ ters etwas daͤmpfen konnte. Wahr iſt es uͤbrigens, daß der Barbudo ſich auch ſelbſt und aus eignem Antrieb bald *²) Identiſicado con el sistema! Kein Menſch kann übrigens weniger als wir daran denken, die großen Verdienſte und Dienſte, den tüchtigen Patriotismus der Spani⸗ ſchen Milicianos zu läugnen— wir rechnen es ſogar mit zu ihren Verdienſten, daß ſie auch gleich mit gro⸗ ßer Selbſtverläugnung für die nöthige Doſis Lächerlich⸗ keit ſorgten, ohne welche nun einmal auch die ernſt⸗ hafteſten und löblichſten Dinge der Art zu langweilig ſind. — ————— Skizzen aus Spanien. darauf in einen Handel einließ, der ebenfalls einen Anſtrich von politiſcher Partheiſache hatte, ohne es doch eigentlich zu ſein— die Hauptſache aber war, daß auch dies Aben⸗ teuer dem Barbudo weder Ruhm noch Ge⸗ winn brachte, dem Eſtudiantillo aber den Vortheil, daß er nun ſeinen Bruder mit gleicher Muͤnze bezahlen konnte. Auch dieſes Abenteuers wollen wir nur mit wenig Wor⸗ ten erwaͤhnen, da es doch dazu beitragen kann, dem Leſer ein Bild von dem Treiben dieſer Leute und den wunderlichen Verhaͤlt⸗ niſſen, in denen ſie ſich bewegten, zu geben. Zwiſchen den beiden Nachbarſtaͤdten Elche und Orihuela herrſcht ſchon ſeit mehren Generationen eine Feindſchaft, deren Urſprung eben deshalb kein Menſch anzugeben weiß, deren reichliche Nahrung aber ſie ſelbſt mit ſich fuͤhrt, da jede Kraͤnkung, die der eine Theil dem andern anthat, ſeine Vergeltung nebſt Zinſen, der Ueberſchuß wiederum die ſeinige nach ſich zieht, ſo daß die Rechnung nie geſchloſſen ſcheint. Aeuſſerte ſich nun dieſe Feindſchaft in gewoͤhnlichen Zeiten bei gewoͤhnlichen Ge⸗ legenheiten, auf Jahrmaͤrkten, bei Stierge⸗ ₰ 1 Skizzen aus Spanien. 5⁵³ fechten oder Hahnenkaͤmpfen, oder wo ſonſt Bewohner von beiden Staͤdten ſich einfan⸗ den— durch Schmaͤhreden und Meſſerſtiche— denn auch beſonders in Streitigkeiten uͤber Weidegerechtigkeiten oder Feldmarken, wobei oft die Betheiligten mit ihren Freunden und Verwandten durch Ausuͤbung des Fauſtrechtes dem Ausſpruch der Gerichte zuvorkamen oder ihm trotzten, ſo gaben die außerordentlichen Umſtaͤnde, welche durch die Revolution von 1820 herbeigefuͤhrt wurden, dieſem Streit ein ausgedehnteres Feld und einen ſcheinbar ern⸗ ſtern politiſchen Charakter. Nicht wiſſen wir, welcher Zufall die guten Buͤrger von Orihuela zuerſt in den Ruf brachte, ſie ſeien dem con⸗ ſtitutionellen Regiment abhold, ſie ſeien, mit einem Wort, Erz⸗Servile— genug aber, daß dies ſchon hinreichte, um in Elche einen gewaltigen Eifer fuͤr die Eonſtitution, fuͤr Riego u. ſ. w. hervorzurufen, und die wackern Elcheüos in Liberale und Freimaurer, ja in Exaltados und Communeros zu verwandeln. Mehr bedurfte es denn auch wieder nicht, um die von Orihuela an der Parthei, die ihnen vielleicht ein Zufall angewieſen, feſtzu⸗ Skizzen aus Spanien. halten, und ſie wirklich zu enragirten Ser⸗ vilen und Apoſtoliſchen zu machen. Häͤtte der Zufall es anders gewollt, ſo haͤtten wahrſcheinlich beide Theile die Rollen getauſcht und mit demſelben Eifer, derſelben Hart⸗ naͤckigkeit die entgegengeſetzten Stellungen be⸗ hauptet. Da nun aber die Herrn, welche damals am Regiment ſaßen*), beim beſten Willen, den ſchoͤnſten Reden und den ſauber⸗ ſten Theorieen nicht im Stande waren, we⸗ der die Servilen, noch die Exaltados, weder die aͤußerſte Rechte, noch die aͤußerſte Linke im Zaume zu halten, noch auch der Mitte, das heißt der großen Mehrzahl des Volkes, zu geben und zu ſichern, was Noth that, 5) Zwar geht es uns hier weiter nichts an und wird auch weiter Niemand danach fragen, dennoch aber können wir uns nicht enthalten, beiläufig zu bemerken, daß dieſe Herrn zum Theil dieſelben ſind, von denen auch jetzt wieder das arme Spanien ſein Heil erwarten ſoll, und die unſre Tagespolitiker auch unbedenklich als die rechten Männer dazu anpreiſen, weil ſie liberal und gemäßigt ſind— die beiden großen, leeren Worte, mit denen heut zu Tage von der einen Seite Alles gethan ſein ſoll.— Der andern Seite hier nicht zu gedenken, die mit, in ihrem Munde, nicht weniger leeren Phra⸗ ſen auftritt. V —— — — Skizzen aus Spanien. 5⁵5⁵ ſo hatten hier, wie uͤberall, die Partheien freies luſtiges Sgiel, und das ging bald ſo weit, daß die von Orihuela und die von Elche auf ihre eigene Hand foͤrmlich gegen einander zu Felde lagen— ohne ſich freilich uͤbermaͤßig viel Schaden zu thun. Dabei hatten denn auch beide Staͤdte ihre Verbann⸗ ten— ihre Bandidos und Fuoruſciti, wie die Guelfen und Gibelinen in Italien zu ih⸗ rer Zeit*).— Nun war der alte Fenoll, den wir ſchon kennen, als einer der reichſten und angeſehenſten Einwohner von Elche, ein eigenſinniger, ſtolzer, ruͤſtiger Mann, auch ohne die zufaͤllige Stellung und Partheinah⸗ *) Man möge uns die Vergleichung immer hingehen laſſen. In Spanien im 19ten Jahrhundert, wie in Italien im 13ten und l4ten, hat der Kampf der Partheien ſeine ſehr ernſte Bedeutung, aber dort wie hier hat es ihm ohne Zweifel, auch nicht an ſeinen ergötzlichen Sei⸗ ten und Elementen gefehlt. Der cloron, der gracioso, findet ſich zu allen Zeiten in dem Drama der Geſchichte — und auch das gehört dazu. Außerdem liegt die Ver⸗ gleichung ſchon wegen der Partheinamen der plancos und nesros nahe genug. Ein ähnliches Verhältniß, wie hier von Elche und Orihuela erwähnt iſt, und ſogar noch viel greller, fand auch zwiſchen andern Orten ſtatt, z. B. zwiſchen Lorca und Caravaca. 5⁵6 Skizzen aus Spanien. me ſeiner Mitbuͤrger, als ein gereiſter, be⸗ triebſamer Mann, den Pfaffen und dem gan⸗ zen alten Unweſen gram und dem neuen Re⸗ giment guͤnſtig, was Verbeſſerung der Stra⸗ ßen, Beguͤnſtigung des Handels und Ver⸗ kehrs, Aufhebung vieler alter Hemmungen verhieß. Er fuͤhrte alſo auch in dieſer wie in allen wichtigen Angelegenheiten ſeiner Va⸗ terſtadt den Reigen und das große Wort, und ließ es ſich eben ſo wenig Koſten und Muͤhe und Gefahr verdrießen, den Servilen von Orihuela Abbruch zu thun, als damals, wo es galt, dem Barbudo Trotz zu bieten. Mit dieſem aber ſtand er ſeit jenem Aben⸗ teuer auf dem beſten Fuß, und Beide ſahen ſich oft und gerne, wie Maͤnner, die ſich gegenſeitig erprobt hatten und achteten, und freilich konnte Fenoll nicht umhin, anzuer⸗ kennen, daß der Barbudo nicht nur als ein Mann von Wort, ſondern wirklich großmuͤ⸗ thig gegen ihn gehandelt hatte, da er von dem Augenblick an, da ſeine kleine Rita in ſeiner Gewalt war, alle, auch die haͤrteſten Bedingungen von ihm haͤtte erlangen koͤnnen. Genug, als zu einer Zeit die von Elche von —.,— Skizzen aus Spanien. 557 denen von Orihuela ziemlich hart bedraͤngt wurden— da auch in Murcia die Servilen noch die Oberhand hatten und die Liberalen noch nicht ſiegen konnten, wie ſie bald dar⸗ auf thaten, da ſie von ihrem ſiegreichen Zuge gegen Orihuela zuruͤckkehrten: à los de Orihuela, N à los de Orihuela, 3 Se les ha bajado de célera Ha! hal hat ha!, hal hal ha! ha!— wovon denn auch viel zu berichten waͤre— ſo kam Fenoll, damals Alcalde conſtitucional von Elche, auf den Einfall, auf ſeine eigne Hand mit dem Barbudo zu unterhandeln, ob er nicht zu einem gemeinſamen Zuge ge⸗ gen die von Orihuela ſich brauchen laſſen moͤge. Da nun Fenoll, der ſeinen Mann kannte, die ganze Sache nur als ein Geſchaͤft darſtellte, wobei ſich in allen Ehren Etwas verdienen ließ, da er ſehr freigebige Anerbie⸗ tungen machte, und da ohnehin aus begreif⸗ lichen Urſachen grade zu der Zeit auf den Straßen wenig zu thun war, ſo ſchlug der Barbudo ein, und es wurde verabredet, daß er mit ſeinen Leuten denen von Elche bei ei⸗ 558 Skizzen aus Spanien. nem großen Zuge beiſtehen ſolle, deſſen Zweck kein geringerer war, als Orihuela zu beſetzen, den Conſtitutionsſtein aufzurichten, die Libe⸗ ralen zu bewaffnen, die Servilen zu entwaff⸗ nen, ein neues Ayuntamiento aus Liberalen zuſammenzuſetzen, und nebenbei dann und zum Lohn fuͤr dieſe Muͤhe auf Koſten der Servilen ein Paar Tage luſtig zu leben— einige Schlaukoͤpfe aber gingen noch weiter und meinten, man koͤnnte bei der Gelegenheit leicht gewiſſer Documente habhaft werden, die der Gemeinde von Elche in einem Pro⸗ zeß, den ſie ſchon ſeit zwei Menſchenaltern gegen die Gemeinde von Orihuela fuͤhrte, ſchon verſchiedentlich bei allen Inſtanzen bis zum hohen Rath von Caſtilien hinauf, ſehr hinderlich geweſen waren. Wie nun aber durch eine Reihe von Verſehen und Zufaͤllig⸗ keiten dieſer ganze treffliche Anſchlag geſchei⸗ tert, wie die tapfern Milicianos von Elche — entweder aus Irrthum in der Dunkelheit, oder weil ſie nicht gehoͤrig inſtruirt waren und Fenoll ihnen eine angenehme Ueberra⸗ ſchung bereiten wollte, oder endlich weil Ein⸗ zelne von ihnen mit Einzelnen von ihren ————— Skizzen aus Spanien. 559 neuen Verbuͤndeten alte Rechnungen abzuma⸗ chen hatten— auf den Barbudo und ſeine Leute feuerten, wie dadurch denen von Ori⸗ huela die drohende Gefahr kund und der ganze Ueberfall vereitelt wurde, und wie die Verbuͤndeten mit Spott, nicht ohne Schaden und nicht in der beſten Stimmung gegen einander abzogen— wie der Barbudo bei dieſer Gelegenheit gegen ſeine Neigung und Gewohnheit ein Pferd beſtiegen, aber auch ſchneller wieder hinunter kam, als er hinauf gekommen war, und dabei um ein Haar den Hals gebrochen haͤtte, oder gefangen worden waͤre— Alles das kann hier auch nur an⸗ gedeutet werden. Zwar bezahlte Fenoll ge⸗ wiſſenhaft die bedungenen Subſidien und ſo⸗ gar Schmerzgelder fuͤr diejenigen, welche bei dem Abenteuer ihre Haut drangeſetzt hatten, ſo daß das gute Vernehmen zwiſchen ihm und dem Barbudo und den Seinigen nicht weiter geſtoͤrt wurde, aber immer war es dem Barbudo eine aͤrgerliche Geſchichte, von der er nicht gern reden hoͤrte.— Am ver⸗ drießlichſten aber war es ihm, daß Floren⸗ zuelo und mit ihm alle andern Servilen der 560 Skizzen aus Syanien. Gegend behaupteten und ſich nicht ausreden laſſen wollten, er ſei nun ein Feind des Throns und des Altars, ein Spießgeſelle der Ketzer, Juden und Freimaurer geworden— und wenn die Herrn gleich damals nicht wagten, ihren Ingrimm und ihre Drohun⸗ gen ſehr laut werden zu laſſen, ſo kannte er das Terrain doch zu gut, um nicht zu fuͤhlen, daß er ſich da eine bittre Bruͤhe eingeruͤhrt habe, die fruͤher oder ſpaͤter hinuntergeſchluckt werden muͤſſe, wie er ſich ausdruͤckte.— So kam denn der Fruͤhling des Jahrs 1823 heran und mit ihm die bekannte In⸗ vaſion des franzoͤſiſchen Heeres, welches in Spanien die ruͤhmliche Rolle der Gensdar⸗ merie der Heiligen Allianz uͤbernommen hatte. In demſelben Maße nun, wie die franzoͤſi⸗ ſchen Diviſionen, ohne, außer in Catalonien, bedeutenden Widerſtand zu finden, ſich in der Halbinſel ausbreiteten und ſich auch Valencia und Murcia naͤherten, nahmen auch die Schwierigkeiten der Stellung des Barbudo zu, indem er von allen Seiten immer drin⸗ gender, aber auch drohender beſtuͤrmt wurde, Skizzen aus Spanien. 561 ſich fuͤr die eine oder andere der politiſchen Partheien zu erklaͤren, von denen die eine Alles von der Annaͤherung der Franzoſen zu hoffen, die andre Alles zu fuͤrchten hatte, und welche deshalb beide in dieſem entſchei⸗ denden Augenblick alle Kraͤfte aufboten, um fuͤr eine entſcheidende Kriſe geruͤſtet zu ſein. So begab es ſich denn eines Tages, daß der Barbudo, wenn auch nicht eben ſorgen⸗ voll, doch gedankenvoll, vor der Poſada in Sar ſaß— ſeinem gewoͤhnlichen Aufenthalts⸗ ort, waͤhrend jener alte Thurm in dem Paſſe de la Cochera nur bei außerordentlichen Gele⸗ genheiten als Sammelplatz ſeines Haufens und zur Aufbewahrung des Theils der Beute diente, der nicht gleich verkauft oder ſonſt untergebracht werden konnte. Ueberdies war zu der Zeit, als Elio eine ſo eifrige Treib⸗ jagd auf den Barbudo hielt, auch dieſer Schlupfwinkel oder vielmehr deſſen Nutzen und Bedeutung entdeckt und die wenigen einfachen Einrichtungen, die der Barbudo darin getroffen hatte, zerſtoͤrt worden; na⸗ mentlich jene zugbruͤckenaͤhnliche Anſtalt, auf die er ſich nicht wenig einbildete. Genug, II. 36 562 Skizzen aus Spanien. der Barbudo ſaß vor der Thuͤr ſeiner Poſada in Sax, und ſchabte eben bedaͤchtlich mit ſei⸗ ner großen Navaja*) Etwas von einer fei⸗ nen Havaneſer Zigarre in ein Stuͤckchen Pa⸗ pier, und ſchickte ſich an, daſſelbe kunſtgerecht zuſammenzudrehen, als er raſche Hufſchlaͤge vernahm, und aufblickend ſah er den alten Fenoll auf ſeiner wohlbekannten kleinen Stute um die Ecke reiten. Er hielt vor dem Bar⸗ budo ſtill, und ein gefaltetes Papier aus der Taſche ziehend, hielt er es in die Hoͤhe und rief gleichſam triumphirend:»Nun, Com⸗ padre!— was gebt ihr mir fuͤr die guten Nachrichten? Hab' ich's euch nicht verſpro⸗ chen? Hier, hier, Schwarz auf Weiß— Indulto und Alles. Ihr ſeid unſchuldig und rein wie ein neugebornes Kindlein— wie eine Schaumuͤnze— und Hauptmannsrang. Aber jetzt ſeid vernuͤnftig— ſchreibt euern —— *) Navaja iſt das große Klappmeſſer, das jeder gemeine Spanier trägt und wovon man ſie mit großer Naivetät behaupten hört, ſie brauchten es nothwendig zum Ta⸗ backſchaben, obgleich die Klinge meiſt über acht Zoll lang, unten einen Zoll breit iſt, und nach der Spitze faſt pfriemartig ausläuft. —— Skizzen aus Spanten. 563 Namen drunter— das Eiſen geſchmiedet, weil es warm iſt— oder macht ein Kreuz und euern Schnoͤrkel, den Namen hab⸗ ich ſchon ſtatt eurer drunter geſchrieben— ich weiß doch, daß eure Hand etwas ſchwer iſt zu ſolchen Kuͤnſten. Hola, Curro!— Haur! hierher, Dinte und Feder!«— Der Bar⸗ budo war indeſſen gemaͤchlich aufgeſtanden, und hatte, ſeine Zigarre vollends wickelnd, ruhig zugehoͤrt, bis zuletzt, als ſeiner Schreib⸗ kunſt ſo leichtfertig erwaͤhnt wurde. Da hub er ziemlich aͤrgerlich an:»Ei was, ſchwere Hand! Wenn's ſein muß, kann ich meinen Namen ſo ſauber ſchreiben, wie ihr, Com⸗ padre Fenoll— wenigſtens hab' ich noch nicht gehoͤrt, daß Jemand ihn nicht haͤtte leſen koͤnnen— Caraja! es ſollte mir Einer kommen——«»Ich glaub's wohl— fiel der alte Fenoll ein— der, ſo alt, lang und duͤrr er auch war, doch gern ſeinen Witz leuchten ließ, und in ſeiner Bekanntſchaft fuͤr einen loſen Vogel galt— ich glaub's wohl, aber weil's kein Menſch leſen kann, ſo weiß jedes Kind, daß es euer Zeichen iſt, und taugt auch eure Hand zum Schreiben, wie 36* Skizzen aus Spanien. der Huf des Eſels zum Floͤtenſpiel, ſo dient ſie euch doch trefflich, um eure Schrift hin⸗ terdrein den Leuten auszulegen, daß ihnen das Waſſer in die Augen kommt.— Nun, das ſind Poſſen— da kommt, denk' ich, der Curro mit Feder und Dinte, und nun ſeid vernuͤnftig, ſag' ich, und unterſchreibt— daß ich es dem Gafe politico gleich hinbrin⸗ gen kann. Er iſt druͤben in Novelda— und ſchickt mich in aller Eile her.«»So reitet nur wieder zu ihm, Compadre— antwortete der Barbudo mit dem groͤßten Phlegma— und meinen ſchoͤnen Gruß an den Herrn Gafe politico, und ich haͤtte euch in aller Eile wie⸗ der weggeſchickt. Ihr muͤßtet denn Zeit und Luſt haben, mir mit einem friſchen Trunk Beſcheid zu thun— aber nicht vom Sattel herunter, auf dem ihr euch ausnehmt, wie der Ritter von der traurigen Geſtalt, oder wie der Tod auf dem fahlen Pferd— oder vielmehr wie die Feuerzange auf dem Hund; ſondern dort auf der Bank, wie es einem reputirlichen Alcalde conſtitucional von Elche de la Mar ziemt. Auf euer Wohlſein und der Seüorita zu Haus.« Damit hob er eine Skizzen aus Spanien. 565 glaͤſerne Kanne mit langer Roͤhre, die neben ihm geſtanden hatte, in die Hoͤhe, ließ ſich den Wein von oben herab in die Kehle ſtroͤ⸗ men und hielt ſie dann dem Fenoll hin. Dieſer aber ſchuͤttelte ungeduldig mit dem Kopf, wehrte mit der Hand ab und ſagte: »Ihr wollt mich aͤrgern, Jaime— drum haͤngt ihr euch an mein Reiten— aber dem Wind und dem Narren laß ſeinen Lauf!— Auch iſt es ja bloßer, purer Neid von euch, von wegen des großen Purzelbaums, den ihr damals vom Sattel herunter in den Dreck ſchlugt— bei Orihuela— die Blinden und die Kinder ſingen davon. Kinderei! Thor⸗ heit, Alles das— nicht wahr, Compadre? — Aber, um des heiligen Franciscus Taver Willen! Compadre, ſo antwortet doch ja oder nein. Was ſoll ich dem Herrn ſagen? Abſteigen will ich nicht und kann ich nicht— der Teufel iſt los an allen Ecken. Die Franzoſen ſind ſchon in Valencia— ich ſoll's eigentlich nicht weiter ſagen; denn der Gafo hat eben erſt den Courier erhalten, und meint, er wiſſe allein davon— und ſchon geſtern Abend wußten es alle Pfaffen und 586 Skizzen aus Spanien Servilen weit und breit. Aber ſo ſind die Herrn! Was ſie nicht officiell machen— wie ſie's nennen— meinen ſie, wiſſe kein Menſch! Nun— wollt ihr?— Ich muß fort— und wer weiß, ob wir uns ſobald wiederſehen.«»Eben darum— ſagte der Barbudo wieder mit der groͤßten Ruhe, die ſehr ergoͤtzlich gegen die geſchaͤftige, klappernde Ungeduld des Andern abſtach— eben darum will ich euch keinen Beſcheid geben, bis ihr mir noch einmal ordentlich Beſcheid thut.« »Nun, wenn ihr's nicht anders thut, alter Eigenſinn! Geduld! Zamora iſt nicht in ei⸗ ner Stunde erobert worden,« rief Fenoll endlich, ſchleuderte ſeine langen Gliedmaßen aus dem Sattel auf die Erde— zwar be⸗ hende genug, aber freilich ohne großen An⸗ ſpruch auf Anmuth der Bewegungen— trat zum Barbudo und that ihm Beſcheid, und ſprach dann immer noch ungeduldig und brummig:»So, Compadre! Nun hat das Kind ſeinen Willen!— und nun deinen Be— ſcheid, wenn's gefaͤllig iſt.«»Mein Beſcheid iſt bald gegeben— hub der Barbudo an— einen ſchoͤnen Gruß an den Gafe, und ſein - Skizzen aus Spanien. 567 Indulto, und all die Papiere, ſo ſauber ge⸗ ſchrieben und abgefaßt ſie da ſind, ſeien mir jetzt grade ſo viel werth, wie die Aſche dieſer Zigarre.— Sonſt aber ſei ich ſein gehorſa⸗ 1 mer Diener.«“— Der Barbudo ſchnipſte dabei ganz ruhig mit dem Finger die Aſche ſeiner ausgebrannten Zigarre in die Luft, waͤhrend Fenoll mit allen Zeichen der Unge⸗ duld rief:»Alſo ſeid ihr gegen uns— mit den Pfaffen— den Servilen— den Gava⸗ chos!— meiner Treu! wenn mir's noch vor einer Stunde Jemand von euch geſagt haͤtte, ich haͤtt' ihn vor den Kopf geſchlagen. Nun — Gott befohlen— als Freunde ſehen wir uns nimmer wieder— alſo beſſer gar nicht.« — Der heftige Alte wollte ohne Weiteres 8 wieder aufſitzen und davon reiten, der Bar⸗ budo aber hielt ihn mit uͤberlegener Kraft zuruͤck und ſagte:»Und eher als ihr euch traͤumen laßt, werden wir uns wiederſehen, und dann werdet ihr's mir danken, daß der Himmel mir mehr Pommade gegeben hat als euch. Was ſollen die großen Worte ei— nem ſchlichten Mann wie ich bin?« Frei⸗ lich— brummte Fenoll— was ſoll der Ho⸗ — 568 Seizzen aus Spanien. nig in dem Maul des Eſels?«»Seht— fuhr der Barbudo fort, ohne ſich ſtoͤren zu laſſen— daß unter euch Liberalen ein Hau⸗ fen von Ehrenmaͤnnern und guten Chriſten ſind, die es gut mit dem Koͤnig und dem armen Volk meinen— das weiß ich ſo gut wie ihr, und hab' es euch hundertmal zuge⸗ geben— obgleich ihr— weil ihr einmal euern harten aragoneſiſchen Kopf drauf ge⸗ ſetzt habt— mir nicht geſtehen wollt, daß die Andern auch nicht lauter Mordbrenner und Blutſaͤufer, Henker und Kerkermeiſter, oder gar Verraͤther oder Dummkoͤpfe, ſon⸗ dern eben auch viele brave, fromme Leute ſind; giebt's aber hier Schurken und Toll⸗ koͤpfe drunter, ſo fehlen ſie dort auch nicht— wo Feuer iſt, iſt auch Rauch— und Jeder lobt ſich am Ende ſein Huhn, haͤtte es auch zehnmal den Pips. Daß aber bei euerm neuen Regiment— der Conſtitucion, wie ihr ſie nennt— bisher noch wenig oder nichts von all den ſchoͤnen Sachen herausgekommen iſt, die ihr und andre ehrliche Leute erwartet habt— das habt ihr mir ſchon ſelber geſtan⸗ den.— Nun ſeht— was ihr und Andre Skizzen aus Spanien. 569 dabei habt oder denkt, daß ihr dennoch euch fuͤr dieſe Conſtitucion todtſchlagen laſſen wollt, das moͤgt ihr am beſten wiſſen— mir kann's einerlei ſein; aber ich und Meinesgleichen, ſchlichte, einfaͤltige Leute, wir fragen gar nichts danach, weil wir gar nichts davon verſtehen und haben. Von mir will ich nicht einmal ſprechen— haͤtten die Herrn mir vor zwei Jahren den Indulto bewilligt und nicht ſo vornehm gethan— ich wuͤrde ſie jetzt nicht im Stich laſſen; aber Fulano, Sotano und BVangano*) hier und weit und breit auf dem Lande, die ſagen: Wenn wir's denn nicht beſſer haben ſollen, und nicht weniger zahlen ſollen, ſo geben wir's eben ſo gern oder lieber dem Koͤnig und der Kirche, wie wir's gewohnt ſind und wie unſre Vaͤter vor uns, als den neuen Cortes— oder wie ſie's da nennen. Und die Leute haben, meiner Seel', Recht— und genug! ſie werden ſich nicht fuͤr euch und eure Conſtitucion ſchlagen. — Gegen euch auch nicht— das weiß ich wohl. Denn, wer Teufel— wenn er kein *) Ungefähr ſoviel wie Dieſer und Jener, Hans und Kunz. 1 570 Skizzen aus Spanien. Staͤdter oder gar ein Gelehrter iſt— kann wiſſen, was der Koͤnig eigentlich will? Aber ſeht, darauf kommt es den Leuten an. Will er dies neue Regiment und die 500 Herrn in Madrid, die ihm regieren helfen— in Gottes Namen und wohl bekomm's ihm! Jedermann's Sache waͤr' es freilich nicht— und der Sohn meiner Mutter waͤr' an ſeiner Stelle den Spaß laͤngſt uͤberdruͤſſig und haͤtte die Herrn nach Haus geſchickt, um ihren eignen Wind fuͤr ihren eignen Brei zu ſpa⸗ ren. Aber— wie geſagt— große Herrn haben ihre Grillen— warum ſollte Ferdinand nicht die ſeine haben? Ihr ſagt, es iſt ſo, und er will durchaus, daß ihm die Herrn helfen— Andre ſagen, er iſt ein Gefangener und die Herrn halten ihm das Meſſer an die Kehle, damit er die Papiere unterſchreibt, die ſie dann drucken laſſen. Wer hat nun Recht?— Wenn ihr's wißt in den Staͤdten — deſto beſſer fuͤr euch!— Wir hier auſſen wiſſen meiner Seel' nicht, wer Koͤnig und wer Thurm iſt— und eben drum wollen's die Leute ganz ruhig abwarten— einmal muß es ſich ja zeigen. Habt ihr bis dahin Skizzen aus Spanien. 571 Geld genug und Soldaten genug, um mit den Feotas und Gavachos fertig zu werden — ſo ſeht zu; mir und den Andern kann's auch einerlei ſein. Aber ihr wißt am beſten, wie es damit ſteht, und daß in acht Tagen die Franzoſen in Murcia ſein werden und dann ſo fort.— Alſo— was ſoll ich mit euerm Indulto?— In ein Paar Tagen euer Gafe und Alles kann auf und davon ſein, oder wird ſelber ein Indulto nothwen⸗ diger brauchen als ich armer Mann.«»Aber, Mann! habt ihr denn die alten Zeiten ganz vergeſſen?— rief Fenoll, ſeine eigne Ueber⸗ zeugung vor der Unwiderlegbarkeit dieſer Ar⸗ gumente durch vermehrte Heftigkeit uͤbertaͤu— bend.— Habt ihr vergeſſen, was die Fran⸗ zoſen uns gethan haben? Seid ihr ein Spa⸗ nier, und wollt ein Knecht der Fremden, der Gavachos ſein?— Bei Gott— wenn ich an Zaragoza denke, ſo moͤcht' ich in die Hoͤhe fahren wie eine Rakete!«—„Lang und duͤnn genug ſeid ihr dazu, Compadre— meinte der Barbudo lachend— aber, nicht fuͤr ungut, euer Ernſt iſt es nicht damit, wenn ihr nicht mit Gewalt die Augen und 57² Skizzen aus Spanien. Ohren verſchließt. Damals und jetzt— es ſind ein Paar kleine Woͤrtlein, aber was dazwiſchen liegt! Damals waren wir fuͤr Ferdinand und ſie gegen ihn— jetzt ſind ſie fuͤr Ferdinand und wollen ihn befreien; ihr aber haltet ihn gefangen, wie damals der Franzoſe that— ſo ſagen wenigſtens die Servilen und die Gavachos— mit denen moͤgt ihr's ausmachen. Damals waren ſie geſchwaͤnzte Juden und Ketzer— ja ſchlim⸗ mer als Mohren, und wir ſtritten fuͤr die heilige Kirche. Jetzt!— ſeht, ich will nicht ſagen, daß ihr ein Ketzer und Jude ſeid, und Viele von den Eurigen ſind gute Chri⸗ ſten; aber ihr werdet mir doch nicht weiß machen wollen, daß euch und den Eurigen um der Kirche und ihrer Heiligen Willen graue Haare wachſen; die Franzoſen aber— wie ſie dazu gekommen ſind und wer ſie in der Schule gehabt hat, weiß ich freilich nicht — hoͤren heut zu Tage die Meſſe wie wir, und wer auf ſie wartet wie auf den Meſſias, das ſind grade die geiſtlichen Herrn und Al⸗ les, was dazu gehoͤrt. Dazumal wollten die Franzoſen uns einen Franzoſen zum Herrn 573 Skizzen aus Spanien. geben, jetzt— kein Gedanke an ſo was! Dazumal fingen ſie damit an, mit uns und unſerm Hab und Gut und unſern Weibern und Maͤdchen umzuſpringen, als wenn wir Neger oder Indier waͤren— jetzt bezahlen ſie Alles baar, und fuͤhren ſich ſo ſaͤuberlich auf wie Seminariſten— noch geſtern erzaͤhlte Einer——«»Geſchwätz der Servilen!— und wenn's wahr waͤre, wie lange wuͤrde es dauern, bis ſie wieder auf ihre alten Kuͤnſte kaͤmen?«— unterbrach ihn Fenoll.»Das weiß ich freilich ſo wenig als ihr— antwor— tete der Barbudo— aber wenn ſie wieder anfangen, und der Koͤnig befiehlt es und will es wirklich, ſo daß Jeder ſeinen Willen verſtehen und merken kann, ſo iſt es dann immer noch fruͤh genug fuͤr uns, auch wieder anzufangen— und dann laſſe Bayona bren⸗ nen und falle, wer da fallen muß. Und ich meine, wir haben ihnen damals nichts geſchenkt. Aber was!— ihr ſelbſt habt euch hoch und theuer verſchworen, und der Gafe und dieſer und Jener haͤtten es ſo gewiß wie das Evan⸗ gelium, daß keine 60000 Franzoſen uͤber den Bidaſoa gegangen ſeien— jetzt 100000 und 374 Stizzen ans Spanlen. einen Korb voll— was will das bedeuten, wenn's einmal losgeht?— Aber wie geſagt — bis es anders koͤmmt, als es ſich jetzt anlaͤßt— thut, was ihr nicht laſſen koͤnnt — und laßt mich ungeſchoren. Jederw eiß am beſten, wo ihn der Schuh druͤckt, drum heißt es nicht vergebens: Jeder fuͤr ſich und der liebe Herrgott fuͤr Alle. In der Sache mein' ich— denn ſonſt bleibt's beim Alten zwiſchen uns— wie, Compadre?«— Der Barbudo reichte dem alten Fenoll treuherzig die Hand hin, dieſer aber, der ſchon waͤh⸗ rend der letzten Rede heftige Ausbruͤche ſeiner Ungeduld und ſeines Aergers kaum zuruͤckge⸗ halten hatte, der um ſo groͤßer war, da er auf die meiſten Punkte wenig zu erwiedern hatte, brummte ihm nur zwiſchen den Zaͤh⸗ nen ein:»Gott befohlen!« zu, wandte ſich heftig ab, und ehe der Barbudo von ſeiner langen Predigt, wie er es nannte, wieder zu Athem kommen konnte, ſaß Jener ſchon wieder im Sattel und trabte davon, ploͤtzlich warf er aber ſeine kleine Stute wieder her⸗ um, ritt noch einmal dicht vor den Barbudo hin und ſagte, ihm ſeine duͤrre Hand tief in Skizzen aus Spanien. 575 die breite Schulter eindruͤckend, mit bewegter Stimme:»Compadre— wenn es ſchief ge⸗ hen ſollte, und ich glaub' es faſt ſelbſt; aber wo ich einmal ſtehe, da bleib' ich— wenn mir was widerfahren ſollte, daß ich fort muͤßte, oder— und die Schurken wollten es den Meinigen entgelten laſſen— ſo ge⸗ denket meiner armen Rita.«—»Als waͤr' es meine eigne Schweſter,«— antwortete der Barbudo ruhig, aber mit einem Blick, der mehr ſagte als alle Betheurungen, und indem Fenoll wieder raſch davon ritt, ſetzte er fuͤr ſich hinzu:»Die arme Mercedes— wenn ich noch denke, wie ich ſie hier hatte mit der Kleinen— und dann die Alte in Valencia— Gott wolle ihre armen ſuͤndigen Seelen in ſeiner Hand halten! Ich habe lang' kein Ave Maria fuͤr ſie gebetet.«—— Er ſetzte ſich wieder vor die Thuͤr und ließ langſam die Kuͤgelchen ſeines Roſenkranzes durch die Finger fallen.— So hatte er eine Zeitlang geſeſſen und war vielleicht aus ſeiner andaͤchtigen Stim⸗ mung, ihm ſelber unbewußt, allmaͤlig in einen friedlichen Halbſchlummer hinuͤbergetra⸗ 576 Skizzen aus Spanien. gen worden, als er durch die helltoͤnende Stimme ſeines Bruders aufgeſtoͤrt wurde, der drinnen in der Poſada dringend nach ihm fragte.»Ein andrer Mohr im Felde— was der Gelbſchnabel nun wieder ausgeheckt haben mag,« brummte der Barbudo— nachdem er weit droͤhnend hineingerufen hatte:»Was giebt's, Florencio? hier!« Sogleich eilte dieſer herbei. Zwar trug Florencio noch ſei⸗ nen Studentenmantel und Baret, wie vor Jahren in der friedlichen Huͤtte und dem lieblichen Garten von Ruzafa— denn aus einer Art von Grille oder Eitelkeit hatte er dieſe Tracht beibehalten, ſo wenig ſie oft zu ſeinem jetzigen Treiben paſſen mochte— aber in ſeinen Zuͤgen hatte ſich wenig von jener kindlichen Schoͤnheit erhalten, die ſogar in dem Ausdruck ſeiner Leidenſchaftlichkeit noch lieblich blieb. Wind und Wetter und die doͤrrenden Sonnenſtrahlen in dem kahlen Ge⸗ birge hatten ſeine faſt zu zarte Haut gebraͤunt und gegerbt, und auch ſeine blonden Locken waren dunkler geworden— in ſeine ſonſt ſo weichen, leicht beweglichen Zuͤge aber hatten ſich die Spuren heftiger und bleibender Auf⸗ Skizzen aus Spanien. 577 regung ſcharf und tief eingegraben, und ih— nen wenig von dem Ausdruck jugendlicher Friſche und Freudigkeit zuruͤckgelaſſen— be⸗ ſonders aber druͤckte der Blick ſeiner tiefblauen Augen eine nicht natuͤrliche und wohlthaͤtige, ſondern uͤberſpannte, aufreibende, fanatiſche Begeiſterung aus. Immer aber blieb er ein Juͤngling von ſolcher Schoͤnheit und Anmuth in Geſtalt, Haltung, Bewegung und Stim⸗ me, daß er unter Tauſenden auffallen mußte, und leicht die Herzen der Menſchen gewann, wenn er ſich den freundlicheren Elementen ſeines Weſens nur irgend hingab.— »Nun, was giebt's, Florenzuelo? weſſen Huhn hat ein Ei gelegt?« begann der Bar⸗ budo in einem Ton gutmuͤthigen Spottes, den er oft gegen ſeinen juͤngern Bruder an⸗ nahm, wenn dieſer Anſtalt machte, durch ſei⸗ nen politiſchen Bekehrungseifer ſeine Geduld auf eine etwas harte Probe zu ſetzen.»Die Negros ſind in vollem Nuͤckzug von Valencia her— antwortete Florencio, einen kleinen Aerger unterdruͤckend, den er jedesmal em⸗ pfand, wenn der Barbudo ihn halb und halb wie ein unartiges Kind behandelte, und ſich II. 37 ———— 1 2. 3 578 Stizzen aus Spanien. innerlich vornehmend, ſich diesmal ganz be⸗ ſonders verſtaͤndig, beſonnen und, wo moͤg— lich, wuͤrdig zu geberden, da es einen letzten Sturm auf das Phlegma ſeines Bruders galt — die Negros ziehen ſich zuruͤck, und es heißt, Balleſteros will bei Villena eine Stel⸗ lung nehmen und eine Schlacht liefern.«— Nun, es lebe, wer gewinnt! aber du haſt wieder mit dem Pater Prior, dem Es⸗ cribano und den Andern zuſammengeſteckt— Florencio?« unterbrach ihn der Barbudo et⸗ was verdrießlich.»Und warum nicht?— dort iſt mein Platz bei den Vertheidigern des Altars und des Throns— und dort ſollte auch deiner ſein, Jaime, wenn«— erwie⸗ derte Florencio mit aufbrauſender Heftigkeit — ywenn er bei ſeinem weiſen Bruder in die Schule gehen wollte«— unterbrach ihn wieder der Barbudo laͤchelnd; dann aber ploͤtzlich zum Ausdruck finſtern Ernſtes uͤber⸗ gehend, faßte er die, mit ſeiner eignen ver⸗ glichen, weiche, weiße und kleine Hand des Juͤnglings, und ſagte halbleiſe:»Die Men⸗ ſchen, von denen du ſprichſt, ſind meine Feinde— hoͤrſt du, Knabe?— meine Fein⸗ Skizzen aus Spanien. 579 de— um ſo giftiger und unverſoͤhnlicher, je heimlicher— ſie werden mich verrathen und verderben, ſobald ſie koͤnnen— ſobald ſie mich nicht mehr fuͤrchten oder brauchen.«— »Bei allen Heiligen, ihr thut ihnen Unrecht, Bruder— rief Florencio betheuernd— ſie wuͤnſchen nichts mehr, als euch zum Verbuͤn⸗ deten, zum Anfuͤhrer zu haben. Wie koͤnnt ihr glauben— daß ich— nach dem, was ihr fuͤr mich gethan habt——— nein, ſo lange ich einen Tropfen Blut in den Adern habe, gehoͤrt er naͤchſt der Kirche euch— zu euerm Schutz, zu eurer Rache— wenn—« »Nun, nun, mein Junge, Schutz brauch' ich fuͤr's erſte weder von dir, noch von ſonſt Jemandem— ſagte der Barbudo ſtolz laͤchelnd— aber Rache?— Nun, ich werde dich beim Wort nehmen zu ſeiner Zeit. — Aber jetzt fahr' fort und ſag' kurz und gut, was du willſt, was ihr dort wieder ausgeheckt habt.«—»Alſo kurz und gut— hub Florencio an— einmal muͤßt ihr doch fuͤr die Einen oder fuͤr die Andern ſein.«— —»Ei, was du nicht ſagſt!— fiel der Barbudo wieder ein— und warum denn 37° Skizzen aus Spanien. das?«»Aber, Jaime, wie willſt du dich denn halten? Sei doch nicht——« rief Florencio ungeduldig.»Ei nun— meinte der Barbudo laͤchelnd— wie ich mich halten will? wie bisher. Wie San Ciruelo im Himmel, der nach Keinem was fraͤgt, und nach dem Keiner was fraͤgt. Aber, nun— laß hoͤren, laß hoͤren.«»Wollt ihr mit den Unſern ſein, Jaime— fing Florencio mit dringendem, faſt bittendem Tone wieder an — auf eure eignen Bedingungen, Jaime, ſo iſt es noch Zeit. Ein kuͤhner Streich fuͤr unſre Sache— mehr bedarf es nicht. Nun hoͤrt— Einige von den reichſten Negros aus Alicante ſchicken ihre Weiber und Kinder nach Cadix, und wollen Alicante auf den letzten Mann vertheidigen. Uebermorgen brechen ſie auf— euch waͤr' es ein Leichtes, ſie unter⸗ wegs wegzufangen— dann fuͤhren wir ſie vor den Platz, und die drinnen muͤſſen capi⸗ tuliren— dann kann Balleſteros ſich nicht mehr halten, da wir eine Feſtung in ſeinem Ruͤcken haben, und das ganze Land, Elche, Murcia uns zufallen muß. Ja— warum ſollten wir nicht in Elche und Murcia Gei⸗ Skizzen aus Spanien. 581 ßeln wegfangen, und damit den Negros das Meſſer an die Kehle ſetzen?«— Der Eſtu⸗ diantillo war uͤber die Schlauheit ſeines An⸗ ſchlages— denn wirklich ruͤhrte er von ihm her— ſo entzuͤckt, daß er den Wechſel von Ungeduld, Unwillen und Spott auf dem Ge⸗ ſicht ſeines Bruders nicht bemerkte, bis die⸗ ſer ſagte:»Ei, gewiß, Florenzuelo— wie waͤre es z. B., wenn du dir die kleine Rita Fenoll als Geißel holteſt und ſie bekehrteſt?« — Auch damit beruͤhrte der Barbudo einen kitzlichen Punkt, denn allerdings hatte der Eſtudiantillo, ſeitdem er beſagte Rita gelegent⸗ lich in Geſellſchaft ihres Vaters geſehen hatte, nicht undeutliche Beweiſe gegeben, daß der ungluͤckliche Anfang ſeiner Liebesabenteuer ihn nicht ganz abgeſchreckt; er nahm daher dieſe Anſpielung in dieſem Augenblick um ſo ungnaͤdiger auf, und rief, mit dem Fuße ſtampfend:»Du biſt unertraͤglich, Jaime— und waͤr' ich ſo geduldig wie Hiob! Kannſt du denn nicht ernſthaft antworten auf einen ernſten Vorſchlag? oder haͤltſt du mich fuͤr ein Kind?— ich daͤchte doch, ich haͤtte dir bewieſen, daß ich es nicht bin.«—»Du 582 Skizzen aus Spanien. haſt die Wahl, Florenzuelo— antwortete der Barbudo ſehr ernſt— ob ich dich fuͤr ein Kind halten ſoll, das nicht weiß, was Maͤn⸗ nerreden bedeuten, oder fuͤr einen eingefleiſch⸗ ten Teufel, wie deine ſaubern Spießgeſellen, die dich aufhetzen. Du meinſt alſo, wir ſollen den Negros in Alicante und anderswo ihre Weiber und Kinder rauben, und ſo das Meſſer an die Kehle ſetzen— das heißt doch, wenn ich caſtilianiſch verſteh', wir ſollen den armen Unſchuldigen das Meſſer an die Kehle ſetzen und jenen damit drohen, und ſie zwin⸗ gen, zu Kreuze zu kriechen— iſt's nicht ſo, Florenciov?— Und wenn ſie's nun darauf ankommen laſſen?— und ich weiß welche drunter, die das und mehr im Stande ſind. Wie dann? Sollen wir abziehen und uns auslachen laſſen— oder ſollen wir es die armen Weiber und Kinder entgelten laſſen, daß Jene Maͤnner ſind?— Nein— nein, mein Junge! Was der Barbudo verſprochen hat, das haͤlt er— Gutes oder Boͤſes; drum verſpricht er nicht und droht nicht, was er nicht halten kann oder nicht halten mag.«— »Jetzt ſprecht ihr wie ein Heiliger, Bruder Skizzen aus Spanien.„ 883 Jaime— antwortete Florencio hoͤhnend, um eine gewiſſe Beſchaͤmung und Verlegenheit zu verbergen— und doch habt ihr die kleine Rita ſelbſt einmal in's Gebirge gefuͤhrt— oder iſt ſie etwa deinen ſchoͤnen Augen nach⸗ gelaufen?— und der Escribano, den Gott verdamme, in Ruzafa— den haſt du wohl mit ſchoͤnen Worten gelockt nach dem Hauſe Petri— wie?«—»Kindskopf und kein Ende!— rief der Barbudo unwirſch— dem Maͤdchen haͤtt' ich kein Haar gekruͤmmt— auf keinen Fall— und hatte dem Alten auch nimmer damit gedroht. Es fiel mir nur ſo ein— als er mit mir davon fuhr, ſchneller, als mir lieb war. Und den Escribano— dem haͤtt' ich den Hals umgedreht und mir nicht die Haͤnde danach gewaſchen!— aber das Alles iſt Geſchwaͤtz. Aus deinem Vor⸗ ſchlag wird nichts— erſtlich, weil ich nicht will— ich hab' dir geſagt, warum; und außerdem: in die Ebene kriegt mich Keiner wieder. Oder ſoll ich es wieder auf vier Beinen verſuchen und der Welt zum Scan⸗ dal Reiterkuͤnſte verſuchen in meinen alten Tagen?— he, Burſche, lachſt du?— nein, 584 ſtehen, und endlich einen raſchen Entſchluß Skizzen aus Spanien. meine eignen Arme und Beine und mein Gebirge— alles Andre iſt Narrentheidung! Zweitens aber— ſag' deinen Herren: ich traue ihnen nicht— verſtehſt du?«—»Aber, Jaime— antwortete Florencio— ihr habt ja die Papiere geſehen, die Vollmachten von der Regentſchaft— vom Baron Erolos— von«—»Vom Prieſter Johann und vom Teufel— unterbrach ihn der Barbudo— Lirum, larum! Mit Speck faͤngt man Maͤuſe. Ich muß beſſere Buͤrgſchaft haben— und die will ich mir ſchon ſchaffen. Und ſieh da— wie gerufen!— Nun, Podenco, was giebt's?«— Der Zigeunerburſche, den der Barbudo ſich zum treuen Spuͤrhund zugezo⸗ gen hatte, war bei den letzten Worten, mit Staub und Schweiß bedeckt, athemlos her⸗ beigerannt, aber in einiger Entfernung lau⸗ ernd ſtehen geblieben, die Befehle des Herrn erwartend. Dieſer trat ein Paar Schritte beiſeit, hoͤrte aufmerkſam den halbleiſen Be⸗ richt des Burſchen an, gebot ihm hineinzu⸗ gehen uno ſich zu erfriſchen und auszuruhen, blieb dann einen Augenblick in Gedanken Skizzen aus Spanien. 585 faſſend, kehrte er zu ſeinem Bruder zuruͤck und ſprach:»Ich muß fort, Florencio— in wenig Tagen hoͤrſt du wieder von mir, und, ſo Gott will, was dich freut. Bis dahin laß ich dir hier das Regiment— zwoͤlf Burſche nehm' ich mit. Die andern halt' mir wohl in Zucht— und gieb mir die Hand drauf, daß du nichts beginnſt, bis du wieder von mir hoͤrſt. Kein Schuß darf fal⸗ len— außer, wenn ihr gradezu angegriffen werdet. Zieh auch Alles, was noch auf den Landſtraßen liegt, ſo ſchnell wie moͤglich zu⸗ ſammen— beſetze die Paͤſſe und Hoͤhen hier ringsum— laß aber Alles paſſiren, Negros und Blancos, Juden und Chriſten, Fran⸗ zoſen und Spanier— bis du wieder von mir hoͤrſt.— Wenn du aber binnen vier Tagen keinen Beſcheid von mir haſt— nun ſo thu, was du willſt, und bete ein Paar Ave Maria fuͤr mich und ſtifte eine Meſſe in Santa Maria vom Meer zu Elche. Die Hand drauf!«— Florencio ſchlug ein und ſah den Bruder fragend, verwundert an; dieſer aber ſagte raſch:»Nun, Gott befohlen, Florenzuelo— du ſollſt von mir hoͤren— 586 Skizzen aus Spanien. bis dahin zerbrich dir den Kopf nicht um ungelegte Eier.«— Damit ging er in die Poſada und nach wenig Augenblicken ſah man ihn, ſein langes biscaiſches Gewehr auf der Schulter, durch eine Hinterpforte der Poſada den Schloßberg und von da weiter ruͤſtigen und ſichern Schrities das Gebirge hinanſteigen.— Allerdings iſt die nun zunaͤchſt folgende Epoche in dem Leben des Barbudo und ſei⸗ nes Bruders in mancher Hinſicht die glaͤn⸗ zendſte und bedeutendſte von allen; dennoch aber ſehen wir uns genoͤthigt, ſie mit ein Paar Worten und in ihren Hauptzuͤgen ab⸗ zufertigen, weil erſtlich eine weitere Ausfuͤh⸗ rung derſelben unſerem Werke eine Corpulenz zuziehen wuͤrde, gegen die der Verleger und wahrſcheinlich auch der Leſer, ſo geneigt wir ihn auch vorausſetzen, proteſtiren duͤrften— zweitens, weil eine ſolche Aufgabe in einem ſo viel ausgedehntern Kreis von neuen Cha⸗ rakteren, Geſtalten, Intereſſen und Verhaͤlt⸗ niſſen und Begebenheiten unſere ſchwachen Kraͤfte bei weitem uͤberſteigen wuͤrde— drit⸗ — Skizzen aus Spanien. 587 tens endlich und hauptſaͤchlich, weil wir eben nicht dazu aufgelegt ſind.— Zum Verſtaͤndniß reicht hin, Folgendes zu wiſſen. In ſeiner Verlegenheit, da er weder ſeine Neutralitaͤt laͤnger behaupten, noch ſich fuͤr eine der beiden Partheien, die ſich um ſeinen Beiſtand bewarben, erklaͤren konnte oder mochte, indem die Mittel der einen und der gute Wille und die Aufrichtig⸗ keit der andern gleich wenig Vertrauen ein⸗ floͤßten, glaubte der Barbudo, der ſich in ſei⸗ nem Kopf, ſo gut wie ein Anderer, eine, ſeinen eigenthuͤmlichen Verhaͤltniſſen, ſeiner ganzen Stellung angemeſſene, Anſicht von den politiſchen Verhaͤltniſſen der Zeit gemacht hatte, eine ſichere Buͤrgſchaft fuͤr ſeine kuͤnf⸗ tige friedlichere Stellung, wonach er ſich von Herzen ſehnte, da zu finden, wo die uͤber⸗ wiegendſte Macht mit den unbefangenſten Geſinnungen ſich vereinigte, oder nach Allem, was er ſah und hoͤrte, vereinigen ſollte, naͤmlich bei den Franzoſen— zu denen er ohnehin, wie bei Leuten in ſeiner Lage oft der Fall iſt, mehr Vertrauen hatte, als zu jeder Civilbehoͤrde, weil ſie als rein militai⸗ 588 Skizzen aus Spanien. riſche Gewalt auftraten.— Daß er dadurch zum Verraͤther an ſeinem Volk und Vater⸗ land werde, fiel ihm nicht entfernt ein, und allerdings konnte er ſich in dieſer Hinſicht auf ſehr gewichtige Beiſpiele und Gruͤnde berufen, wenn er uͤberhaupt fuͤr noͤthig ge⸗ halten haͤtte, ſich zu verantworten. Da er aber nach ſeiner ganzen Stellung außerhalb der buͤrgerlichen Geſetze, alſo auch außerhalb der politiſchen Partheien, gewohnt war, ſich als eine ſelbſtſtaͤndige Macht anzuſehen, ſo wollte er auch als ſolche und unmittelbar mit der Macht unterhandeln, durch deren Schutz und Buͤrgſchaft er ſeine Zwecke erreichen und ſeine Intereſſen ſicher ſtellen zu koͤnnen glaubte. Da er aber zugleich noch nicht recht im Kla⸗ ren war uͤber die Geſinnungen, Mittel und Verhaͤltniſſe dieſer Macht, und es ihm doch, wie er wohl begriff, kaum moͤglich geweſen waͤre, ohne Weiteres und unmittelbar eine Unterhandlung mit dem franzoͤſiſchen Feld⸗ herrn anzuknuͤpfen, ſo gerieth er auf den Einfall, ſich irgend eines angeſehenen fran⸗ zoͤſiſchen Officiers zu bemaͤchtigen, und dann theils dieſem offen ſeine Lage und Wuͤnſche Skizzen aus Spanien. 589 vorzulegen, ſeine Dienſte anzubieten und deſſen Vermittlung zu erhalten, theils aber auch in einem ſolchen Gefangenen ſich eine Buͤrgſchaft fuͤr ſeine eigne Sicherheit zu ver⸗ ſchaffen.— Eben zu dieſer Unternehmung brach er, nachdem er durch den ſchlauen Zi⸗ geunerburſchen die noͤthige Kundſchaft einge⸗ zogen, mit zwoͤlf ſeiner kuͤhnſten und ver— trauteſten Geſellen von Sax auf, ſchlich ſich durch das conſtitutionelle Heer, ſeine Stellun⸗ gen erſpaͤhend; und lauerte dann in der Naͤ⸗ he, ja mitten zwiſchen den Stellungen des franzoͤſiſchen Heeres, in ihm wohlbekannten Schlupfwinkeln auf eine Gelegenheit, ſeinen Anſchlag auszufuͤhren. Dieſe fand ſich bald. Ein Stabsofficier, der Befehle des General Molitor an eine entferntere Diviſion bringen ſollte, mit keiner andern Escorte als einer Ordonnanz, und voͤllig unbeſorgt ſeines We⸗ ges faſt mitten zwiſchen den franzoͤſiſchen Stellungen hinritt, fiel in den Hinterhalt, den der Barbudo gelegt, und mußte ſich ihm ohne die Moͤglichkeit des Widerſtandes erge⸗ ben. Eiligſt nach einem entferntern und we⸗ niger ausgeſetzten Schlupfwinkel des Gebir⸗ 590 Skizzen aus Spanien. ges gebracht, hoͤrte er dort zu ſeinem nicht geringen Erſtaunen die Eroͤffnungen des Bar⸗ budo an. Als ein geiſtreicher und gemuͤthli⸗ cher Mann ließ er ſich aber durch das Unge⸗ woͤhnliche der Sache und beſonders der Art, wie ſie eingeleitet war, nicht hindern, die wirklichen Vortheile anzuerkennen, die ein ſolcher Bundesgenoſſe in dieſen Gebirgen dem franzoͤſiſchen Heere darbieten koͤnne, deſſen Lage und Ausſichten keinesweges ganz beru⸗ higend waren. Außerdem fuͤhlte er ſich durch das Eigenthuͤmliche der Verhaͤltniſſe, des Weſens, der Anſichten und des Charakters des Barbudo angezogen*)— und ſah darin und in ſeinem offenbaren politiſchen Indiffe⸗ rentismus eine Buͤrgſchaft der Zuverlaͤſſigkeit und Treue, die die Franzoſen bei ihren Ver⸗ buͤndeten von der cataloniſchen und aragone⸗ ſiſchen Glaubensarmee haͤufig vermißten. Ge⸗ nug, er uͤbernahm es ſelbſt, den Barbudo nach dem Hauptquartier zu begleiten und dem General vorzuſtellen, und verbuͤrgte ihm *) Wahrſcheinlich gehörte der Herr zu der ſogenannten romantiſchen Schule in Frankreich.. (der Setzer.) — Skizzen aus Spanien.⸗ 591 die Gewaͤhrung ſeiner beſcheidenen Bedingun⸗ gen. Alles geſtaltete ſich in der That ſchnell nach Wunſch, da auch der Barbudo mit voͤlligem Vertrauen und Offenheit handelte. Er verhieß ſeine und ſeines Haufens Dienſte, den nach Belieben durch Freiwillige zu ver⸗ groͤßern, er auf alle kuͤhnen jungen Burſchen des Gebirges rechnen konnte, gegen die Con⸗ ſtitutionellen und zur Wiederherſtellung des Rei neto u. ſ. w., und erhielt daͤgegen voll⸗ kommene, unbedingte Amneſtie fuͤr ſich und die Seinigen, fuͤr dieſe angemeſſene kleine Jahrgelder, um ihren Unterhalt zu ſichern, wenn ſie nicht vorzogen, im Kriegsdienſte zu bleiben.— Ohne ſein Verlangen wurde ihm noch der Rang eines Hauptmanns und, wenn ſeine Dienſte nicht mehr noͤthig waͤren, der entſprechende Sold auf Lebenszeiten ge⸗ ſichert. Alles dies wurde vom franzoͤſiſchen General, ſeinen Vollmachten gemaͤß, ausge⸗ fertigt und verbuͤrgt, auch auf ſeinen Antrieb von der royaliſtiſchen Regentſchaft beſtaͤtigt. Sehr bald bewaͤhrte ſich nun die Brauchbar⸗ keit dieſes Verbuͤndeten auf eine ſo entſchie⸗ dene Weiſe, daß man, wenn auch nicht in 592 Skizzen aus Spanien. den Buͤlletins, doch im vertrautern Geſpraͤch der Frondeurs des Hauptquartiers keinen An⸗ ſtand nahm, es ihm hauptſaͤchlich zuzuſchrei⸗ ben, daß der Feind ſich in den vortheilhaften Stellungen, die er im Gebirge beſetzt hatte, nirgends halten konnte, da ſeine genaue Kenntniß der Gegend, ſein Einfluß auf das Landvolk alle Vorſichtsmaßregeln vereitelte. Mehr noch als dieſe wirklichen Dienſte, de⸗ ren Bedeutung natuͤrlich von denjenigen, de⸗ nen ſie am meiſten zu Gute kamen, am we⸗ nigſten eingeſtanden wurde, verſchaffte die eigenthuͤmliche Neuheit ſeiner Perſoͤnlichkeit, dem Barbudo das Wohlwollen ſeiner neuen Kriegsgenoſſen, freilich nicht ohne vielfache, wohlgemeinte Scherze und andere Aeußerun⸗ gen der Verwunderung uͤber eine ſo unge⸗ woͤhnliche Erſcheinung, und Verſuche, ihn in mancherlei Weiſe auf die Probe zu ſtel⸗ len, und die Langeweile dieſes in militairi— ſcher Hinſicht ſo wenig befriedigenden Feld⸗ zugs zu vermindern. Eine ſonderbare Figur ſpielte allerdings der Barbudo mitten unter den glaͤnzenden Uniformen und der ſprudeln⸗ den Lebhaftigkeit eines franzoͤſiſchen Haupt⸗ — — Skizzen aus Spanien. 593 quartiers, mit ſeiner baͤuriſchen Tracht, ſei⸗ nem langen Bart, ſeiner gewaltigen Geſtalt und ſeinem derben, behaglichen Weſen— doch ließ er ſich gar nicht irre machen, ſon⸗ dern ging ruhig ſeinen Weg und wußte, wo Kenntniß der Sprache Scherz und Neckereien zuließ, mit geſundem Urtheil und friſchem Witz Niemandem etwas ſchuldig zu bleiben. Hierzu kam noch die Maͤßigung und Menſch⸗ lichkeit, die er bei jeder Gelegenheit gegen die feindliche und beſiegte Parthei uͤbte, und mit richtiger Beurtheilung der Verhaͤltniſſe als das beſte Mittel empfahl, um den Sieg zu erleichtern und deſſen Fruͤchte zu ſichern— wodurch er ſich ſehr von den Anfuͤhrern der Glaubensarmee und andern Haͤuptern der Parthei unterſchied, deren Mißbrauch des Sieges ein groͤßeres Hinderniß zu werden drohte, als der Widerſtand der Feinde. Al⸗ les dies machte ihn, wie geſagt, zum Guͤnſt⸗ ling des Hauptquartiers, und nicht ſelten ſah man den ehemaligen Raͤuberhaͤuptling mit den zierlichſten, ordengeſchmuͤckteſten, ad⸗ lichſten franzoͤſiſchen Officieren beim Mahl und zu Rathe ſitzen. Was ſie aus ihm machen II. 38 594 Skizzen aus Spanien. ſollten, daruͤber waren die Herrn freilich nicht ganz einig. Viele waͤren bald damit fertig geweſen, und haͤtten geſchworen, er ſei un philosophe, wenn er nicht gar zu oft den Roſenkranz in Haͤnden gehabt, und gar zu puͤnktlich bei der Meſſe geweſen— Einige, die noch unter dem kaiſerlichen Adler in Ty⸗ rol gefochten hatten, verglichen ihn mit: le général Sanvir. Weniger fanden ſie ſich in Florencio, der in ſeiner ſchwarzen Stu— dententracht und ſeinem ernſten, leidenſchaft⸗ lich ſtrengen Weſen mehr nach einem Kuͤſter als nach einem Adjudanten ausſah, obgleich er zu Aller Zufriedenheit dieſe Stelle bei ſeinem Bruder verſah. Als das Heer der Cortes unter Balle⸗ ſteros dieſe ganze Gegend geraͤumt und ſich auf Granada zuruͤckgezogen hatte, ſchien es zweckmaͤßiger, den Barbudo in ſeinen Gebir⸗ gen zu laſſen und ihm die Verfolgung und Vernichtung einiger kleiner Haufen von Con⸗ ſtitutionellen zu uͤbertragen, welche Luſt zeig⸗ ten, im Ruͤcken des franzoͤſiſchen Heeres den kleinen Krieg zu verſuchen. Auch dieſes Auf⸗ trags entledigte ſich der Barbudo zur voͤli⸗ —— P] ——— Skizzen aus Spanien. 595 gen Zufriedenheit des franzoͤſiſchen Generals und in ſehr kurzer Zeit, da er in Kenntniß des Terrains und Beguͤnſtigung der Einwoh⸗ ner ſo ſehr den Vortheil vor ſeinen Gegnern hatte, die meiſt aus ehemaligen Milicianos der benachbarten Staͤdte, beſonders Valen⸗ cias, beſtanden. Der letzte Haufe, unter An⸗ fuͤhrung des Don Beraldino Marti, legte nach einer foͤrmlichen Capitulation in Villena die Waffen nieder, und nun wurde der Barbu— do, da bis auf die Einnahme von Cadix oh⸗ nehin der Krieg beendet war, mit großen ſchriftlichen und muͤndlichen Lobſpruͤchen fer⸗ nerer Dienſte enthoben. Dem Reiſenden, der den Weg von Mur⸗ cia durch den Puerto de la Cochera uͤber Sar und Villena nach Valencia gemacht hat, muß— wenn er anders in der Kunſt zu ſe⸗ hen nicht ganz unerfahren war, wovon wir freilich alle Tage die traurigſten Beiſpiele haben— eins der erſten Haͤuſer des Dor⸗ fes Sax, rechts vom Wege, auf einem nie⸗ dern, felſigen Vorſprung, am Fuß der ſtei⸗ len Hoͤhe, deren Gipfel die alte Burg kroͤnt, 38* 596 Skizzen aus Spanien. — aufgefallen ſein, als ein feines Muſter der Wohnung eines bemittelten Landmanns in jener Gegend, und man kann wohl ſagen, in dem groͤßten Theil des ſuͤdlichen Spani⸗ ens. Es iſt dies freilich am Ende nichts als ein ſchneeweißer Wuͤrfel mit einer Thuͤ⸗ re, einem hoͤheren Ausbau mit einem Bal⸗ con, und einem niedrigern Anbau, der als Stall und zur Aufbewahrung des Ackerge— raͤths dient. In Maſſe und dichter beiſam⸗ men im Dorfe hat dieſe Bauart, wenn das Gebaͤude nicht ſorgfaͤltig erhalten iſt, wenn die braunen Lehmwaͤnde zu Tage kommen, leicht etwas Duͤſteres, Schmutziges, Widriges, und wenn die Waͤnde gehoͤrig uͤberweißt und erhalten ſind, blenden ſie das Auge und zei⸗ gen keine Spur von Laͤndlichkeit; bei dieſem einzeln liegenden Haͤuschen dagegen ſchim⸗ mern die reinlichen weißen Mauern freund⸗ lich durch das dicht- und ringsumgebende Gruͤn hervor. Eine Rebenlaube bildet vor der Thuͤr eine weit vorſpringende Vorhalle— auf der einen Seite des Hauſes, neben dem Stall, iſt ein Fleck mit einer Art ſehr ho⸗ hen Rohres dicht bepflanzt, deſſen kraͤftige, —— ——— Skizzen aus Spanien. 597 uͤber zwanzig Fuß hohe Stengel, breite Blaͤt⸗ ter und wehende Buͤſchel einen fremdartigen, tropiſchen Charakter haben. Auf der andern Seite werfen ein Paar Granaten- und Oran⸗ gen⸗ oder Limonenbaͤume ihre ſchwankenden Schatten an die weiße Wand, wenn ſie auch nicht hoch genug ſind, das Haus zu beſchat⸗ ten— ein Paar Dattelpalmen erheben ſich aus dem Hofe des Hauſes ſelbſt und wiegen leiſe ihre zierliche Blaͤtterkrone und ihre ſchweren Fruchttrauben in einer Hoͤhe von dreißig bis vierzig Fuß— alſo doch immer hoch uͤber dem platten Dach des Hauſes und den umgebenden niedrigen Baumarten*).— Auf einzelnen Terraſſen des felſigen Rain, auf dem das Haͤuschen liegt, wuchern ohne *) Zwiſchen Eichen und Buchen würde eine Dattelpalme in Spanien, eben ſo wenig wie bei uns, ſich gut aus⸗ nehmen; auch findet ſie ſich dort nicht in ſo unpaſſen⸗ der Geſellſchaft. Wo ſie ſich aber findet, beſonders in nicht zu großer Anzahl, in einzelnen Büſcheln, iſt ſie allerdings ein ſehr mahleriſcher Baum, was auch Diejenigen dagegen ſagen mögen, die nur die Paar kümmerlichen Exemplare kennen, welche ſich am Golf von Neapel finden, oder gar den armen verirrten Fremdling in San Gregorio zu Rom. 598 Skizzen aus Spanien. Pflege faſt baumartige, knorrige Cactuspflan⸗ zen und Aloen, deren gelbe und rothe Bluͤ⸗ then beſtaͤndig von einer ſummenden Wolke von Schmetterlingen und andern gefluͤgelten Gaͤſten umſchwaͤrmt wird.— Vor dieſem freundlichen Haͤuschen, im roͤthlichen Strahl der herbſtlichen Abendſonne, unter dem leiſe bewegten, roͤthlichen Laube der Rebenlaube, die kaum die Laſt ihrer un⸗ geheuern Trauben tragen konnte, ſtand ein ſtattlicher, breitſchultriger Mann, den wir, der Gewohnheit wegen, gern den Barbudo nennen wuͤrden, wenn unſre Gewiſſenhaftig⸗ keit es uns nicht beſtimmt verwehrte, ſinte⸗ malen der lange, ſchwarze Bart, der ihm dieſen Beinamen erworben, ſein Haupt nicht mehr zierte. Zum Beweis und Pfand ſeines kuͤnftigen friedlichen Verhaltens hatte Jaime Alfonſo ſich, wenn auch noch ſo ſchwer und ungern, zu dieſem Opfer entſchloſſen, mit dem Vorbehalt jedoch, ſeinen ſtattlichen Bart in irgend ein Gotteshaus zu ſtiften.— Ob er dies Vorhaben ausgefuͤhrt, wiſſen wir nicht— da aber eine ſolche Stiftung mit ih⸗ ren Zuthaten von Meſſeleſen fuͤr die arme Skizzen aus Spanien. 599 Seele und dergleichen nicht zu verachten— ſo halten wir es nicht fuͤr unmoͤglich; haben ſogar einen Argwohn, daß, obgleich der ehe⸗ malige Barbudo grade nicht im Rufe der Heiligkeit gelebt, ſein wahrhaft patriar⸗ chaliſcher Bart irgend einem Heiligen unter⸗ geſchoben worden iſt und nun als Reliquie verehrt wird— wenigſtens haben wir von einem Bekannten, der ſpaͤter dieſe Gegend beſucht hat, eine Beſchreibung von einem vorgeblichen Bart des heiligen Onufrio gehoͤrt, der ihm unter den Reliquien der Kirche unſer lieben Frauen von der See in Elche vorgewieſen worden, welche Beſchreibung uns auf abſonderliche Gedanken gefuͤhrt hat.— Wie dem aber auch ſei, Jaime Alfonſo hatte ſeinen Bart abgenommen und nun ganz und gar das Ausſehen eines ehrbaren, wohlhabenden, behaglichen, aͤltlichen Land⸗ manns, als er ſo dort ſtand und mit dem Beil und anderm Handwerkzeuge beſchaͤftigt, eine neue Gabel zu ſeinem Pflug zu verfer⸗ tigen, und die Knaͤufe mit einigem Schnitz⸗ werk zu zieren, mit welcher Kunſt er ſich ſchon fruͤher in langen Winterabenden abge⸗ 600 Skizzen aus Spanien. geben, wie in jener Umgegend maͤnniglich bekannt iſt und manches kuͤnſtliche und ſorg⸗ faͤltig aufbewahrte Stuͤck beweiſt. Nicht weit von ihm ſaß auch eine dem Leſer, oder we⸗ nigſtens uns, wohlbekannte Geſtalt, der alte Fenoll, eifrig mit einem Zeitungsblatt be⸗ ſchaͤftigt, und die eckige, bittere Heftigkeit des Mannes bildete einen wunderlichen Ge⸗ genſatz zu der behaglichen Selbſtzufriedenheit, womit Jaime Alfonſo ſeiner Arbeit wartete. Als endlich Fenoll mit einem verbiſſenen Fluch das Blatt in der Hand zerknitterte und zur Erde warf, ſagte der Barbudo freundlich:»Macht euch doch nicht immer wieder boͤſes Blut mit den verdammten Zet⸗ teln— ich glaube, mein' Seel', der Pater Prior hat Recht, wenn er ſagt, der Teufel habe das Buͤcherdrucken erfunden. Ich moͤchte die haͤßlichen kleinen Schnoͤrkel nicht anſehen, und wenn ich gleich ſo weiſe davon werden koͤnnte, wie der Koͤnig Salomo.«—»Ach was— antwortete Fenoll verdrießlich— ihr habt gut ſprechen, ihr wißt nicht, wo unſer einen der Schuh druͤckt. Euch iſt's einerlei, ob wir Sklaven ſind oder nicht.«—„Dum⸗ 1 Skizzen aus Spanien. 601 mes Zeug!— mit Vergunſt, Compadre Fe⸗ noll— aber, wenn ich euch ſo wiederkauen hoͤre, was euch die Schriftgelehrten in der Stadt vorgeſchwatzt haben und was ihr in den leidigen Zeitungspapieren leſet, ſo— aber genug! Seh ich etwa auch aus wie ein Skla⸗ ve, wie ihr's nennt?«— Jaime richtete ſich in ſeiner ganzen ſtattlichen Hoͤhe, Breite und Kraft auf; Fenoll aber ſagte, ohne auf⸗ zuſehen, bitter:»Und ich? und meine arme Rita?«»Ei was— erwiederte Jaime— wer nicht verlieren will, der muß nicht ein⸗ ſetzen, und wer verloren hat, zahlt die Ze⸗ che. Habt ihr verloren, deſto ſchlimmer fuͤr euch— Andre haben gewonnen— bei wei— tem die Meiſten keins von beiden. Ein gu— ter Chriſt, ein guter Spanier, ein ehrlicher Mann kann nach wie vor jeder ſein. Wenn man euch Andre ſprechen hoͤrt, ſollte man, beim Heiligen, ich will nicht ſagen wer! glauben, der Himmel ſei nicht mehr blau, und die Menſchen gingen auf vier Beinen, ſeit— dem eure Conſtitucion abgeſchafft iſt?«»Ihr habt gut reden, Jaime Alfonſo, ihr habt gewonnen,« brummte Fenoll, indem er auf⸗ 602 Skizzen aus Spanien. ſtand und in's Haus gehen wollte. Jaime aber hielt ihn zuruͤck und ſagte wieder freund⸗ licher als vorher:»Alter Murrkopf— und was ich gewonnen habe, genießt ihr's nicht mit? Wer wagt es, euch ein Haar zu kruͤmmen, oder ein ſchiefes Geſicht zu ma⸗ chen, ſo lang ihr bei mir, unter meinem Schutz ſeid? Und am Ende— meint ihr, der boͤſe Wind, der euch hierhergetrieben und aus euerm Neſte weg, werde ewig blaſen? — dazu iſt er viel zu ſcharf— und ihr wißt ja ſelbſt, daß Andre, die ſo tief d'rin ge⸗ ſteckt haben wie ihr, auch wieder zu Hauſe ſind, ohne daß, ſo viel man bis jetzt gehoͤrt, einer gefreſſen worden waͤre. Seht es noch ein Paar Wochen mit an— dann geht nach Hauſe, haltet euch noch eine Weile im Schat⸗ ten, und heut' uͤber's Jahr iſt Alles wie's war.— Euer Vermogen iſt ja ſicher in euers Bruders Haͤnden.«“»Das iſt mehr als ich weiß!— rief Fenoll bitter— vom gefaͤllten Baum haut jeder, was er braucht.« »Und wenn auch— hub Jaime wieder an— ſo bleibt ihr bei mir. Ein Wort im Ver⸗ trauen— und Ein Wort ſtatt tauſend— ₰- ————:—— de ₰. Skizzen aus Spanien. 603 das Brod Brod und den Wein Wein: was meint ihr, wenn Florenzuelo und eure Rita ein Paar wuͤrden? Daß der Burſche ihr gefaͤllt, ſieht man ihr an den Augen an— und wenn Florencio nicht in die Dirne ver⸗ liebt iſt, ſo verdient er.—— Iſt's nicht wahr, meine Koͤnigin?« unterbrach er ſich, ploͤtzlich zu einem Maͤdchen gewendet, wel⸗ ches ſingend aus dem Gaͤrtchen kam und ſich einen Blumenzweig in's Haar flocht. Rita war, ſeitdem wir ſie zuletzt als ein halbes Kind ſahen, ein Paar Jahre aͤlter und, wie billig, nicht haͤßlicher geworden— ſie hatte zwar nur den Namen Florencio gehoͤrt, aber die Art und der ſchlaue Blick, womit Jai⸗ me ihr ſeine Frage entgegenwarf, traf ohne Zweifel bei ihr das mißtrauiſche Bewußtſein eines Geheimniſſes, wenn auch keiner Schuld. Sie erroͤthete tief und half ſich aus ihrer Verlegenheit durch einen moͤglichſt heftigen Zorn gegen den Urheber derſelben.»Immer muͤßt ihr die Leute foppen!— alter Wald⸗ teufel!« fuhr ſie mit dem Fuͤßchen ſtampfend heraus, aber war dann auch mit einem Satze an Jaime vorbei und im Hauſe.»Hui!— 604 Skizzen aus Spanien. haͤtt' ich meinen Bart noch, ich glaube, du fuͤhreſt mir hinein wie damals— nun Gott ſegne dein Salz!« rief ihr Jaime nach. Dann wieder zum Vater gewendet:»Nun, was meint ihr, Alter?«—»Ich habe nichts dagegen— und das Maͤdchen denk' ich auch nicht; aber euer Florencio?— Sonſt freilich haͤtt' ich's ſelber gedacht; aber— nun, koͤnnt ihr aus dem Jungen klug werden, ſo ſeid ihr ſchlauer als ich.«»Der Junge wird, leider Gottes, alle Tage mehr ein Tuckmaͤuſer— rief Jaime verdrießlich— ge⸗ ſtern ſchwatzte er etwas von Briefen, die er heute erwarte, von den Herrn in Murcia. Was er vorhat— mag der liebe Gott oder der Teufel wiſſen— er iſt ſein eigner Herr und ich zerbrech' mir den Kopf nicht drum. Da koͤmmt er ſelber und hat den Kragen voll wie eine Taube.— Nun, was giebt's wieder, Meiſter Merlin?« ſo rief er dem Eſtudiantillo zu, der in großer Haſt des We⸗ ges daher kam.»Seht ſelber!— wir muͤſ⸗ ſen ſcheiden und das bald!« erwiederte der junge Mann in großer und freudiger Aufre⸗ gung, ihm ein Papier hinreichend.« Jun⸗ 2 b 60⁰⁵5 Skizzen aus Spanien. ge, willſt du deinen aͤltern Bruder zum Be⸗ ſten halten!— rief Jaime aͤrgerlich, die Pa⸗ piere zuruͤckſtoßend— meinſt du, ich habe 1 mich expreß ſeit geſtern Abend auf's Studi⸗ I ren gelegt, um deine Briefſchaften zu le⸗ ſen?«»Ihr habt recht, verzeiht Bruder, und hoͤrt mich aus,« entſchuldigte Floren⸗ cio.« Aushoͤren!— brummte Jaime— als wenn ich ihm je das Wort mißgoͤnnte. Nun, was giebt's?« Es fand ſich nun, daß Flo⸗ rencio, ſeit einiger Zeit der Ruhe und der Ausſicht auf ein ſtilles Bauernleben uͤberdruͤ⸗* 1 ßig, von Ehrgeiz geplagt, ſich entſchloſſen, ſeine fruͤhere Laufbahn des geiſtlichen Stan⸗ des wieder anzutreten, wozu ihn beſonders 1 Aeußerungen und Verſprechungen von Gunſt und Befoͤrderung bewogen, die er in Mur⸗ cia erhalten, als er nebſt ſeinem Bruder im Gefolge, oder vielmehr als Vortrab des fran⸗ zöoͤſiſchen Heers, in Murcia eingezogen und ſich der ſogenannten guten Sache vielfach nuͤtzlich und ihren Haͤuptern bemerklich ge⸗ macht hatte. Damals ließ er ſich auf nichts V Beſtimmtes ein, weil er andre Dinge im b ᷣ Kopf gehabt— welche Dinge das waren, — 606 Skizzen aus Spanien. ſagte er nicht, aber ſein Erroͤthen und die Art, wie er ſich bei ſeinem Bericht umſah, ob ſonſt Niemand zuhoͤre, ließen es zum Theil errathen— ſeitdem aber, verſicherte er, habe eine innere Stimme und mancher⸗ lei merkwuͤrdige Zeichen und Traͤume ihm die Ueberzeugung gegeben, daß er zu großen Dingen im Dienſte der ſtreitenden Kirche be⸗ rufen ſei— daß er irdiſchen Freuden entſa⸗ gen muͤſſe— und dergleichen mehr. Er ha⸗ be alſo an einen ſeiner damaligen Goͤnner geſchrieben und ihn an ſeine Verſprechen er⸗ innert— dem Bruder aber nichts geſagt, um vergebliche Widerrede zu vermeiden. Nun aber ſei die Antwort da: er ſolle ſobald wie moͤglich nach Murcia kommen— dort, nur der Form wegen, auf einige Zeit in eine geiſtliche Anſtalt treten, um die Wei⸗ hen zu empfangen, dann aber dem beſagten Goͤnner als Privatſecretair dienen, der fuͤr ſeine weitere Befoͤrderung ſich verbuͤrgte. Dies ging nach des alten Fenoll Zeugniß wirklich aus den Briefen hervor und war auch ſehr ernſtlich gemeint. Einer der ange⸗ ſehenſten Praͤlaten des Landes, dem theils — ——— — Skizzen aus Spanien. 6⁰7 ſeine eigne, in jeder Hinſicht bedeutende Per⸗ ſoͤnlichkeit, theils die damaligen Unſtaͤnde, der Sieg ſeiner Parthei einen ſehr ausgedehn⸗ ten Einfluß auf die wichtigſten Angelegen⸗ heiten gab, hatte in dem jungen Menſchen ein vielfach brauchbares Werkzeug erkannt, wie er es ſo leicht nicht wiederfinden koͤnnte; und es war daher damals wirklich ſeine ernſt⸗ liche Abſicht geweſen, den Eſtudiantillo an ſich zu feſſeln. Dieſer hatte ſich nach ſeiner wunderlichen Art ſcheu und mißtrauiſch gezeigt, wichtigere Dinge waren jenem dazwiſchen ge⸗ kommen, die Begebenheiten hatte Beide nach verſchiedenen Richtungen aus Murcia ent⸗ fernt; und der Praͤlat mochte die Sache viel⸗ leicht wieder vergeſſen haben. Florencio's Brief aber, die eigenthuͤmliche ſchwaͤrmeriſche Energie, mit gluͤhendem, kaum ſich ſelbſt be⸗ wußtem Ehrgeiz vermiſcht, die ſich darin aus⸗ ſprachen, hatten die Gedanken, die er da⸗ mals gehabt, wieder geweckt und verſtaͤrkt, und er ließ den jungen Mann ſogleich drin⸗ gend einladen, ſich bei ihm einzuſtellen.— Der ehrliche Jaime wußte unter ſolchen Um⸗ ſtaͤnden nichts Erhebliches gegen den Entſchluß 608 Skizzen aus Spanien. ſeines Bruders einzuwenden, dem er ohne⸗ hin, ſeitdem er ſeine fruͤhere Lebensart und Stellung aufgegeben hatte, voͤllig freie Hand ließ. Und uͤberdieß, verdroß es ihn gleich, ſeine eignen Plaͤne mit den beiden jungen Leuten aufgeben zu muͤſſen, ſo gab er ſich doch ſehr unbefangen dem Gefuͤhl von andaͤchtigem Stolz uͤber die kuͤnftige Groͤße ſeines Bruders hin, dem er gern zutraute und von dem er ſogar oft geruͤhmt hatte, es ſei wenigſtens ein Pater Provincial an ihm verdorben. Er zeigte ſich ſogleich bereit, ihn zu ſeiner Farth auſ's beſte auszuſtatten, und ging hinein, um das Noͤthige zu beſorgen. Drinnen ſaß Rita, bitterlich weinend— die Blumen, die ſie vorhin in's Haar geſteckt, lagen auf der Erde.»Armes Kind, haſt du gehorcht?— du haͤtteſt's ohnehin fruͤh genug erfahren,« ſagte er mitleidig. In wiefern Florencio's Herz nun wirklich in der Sache betheiligt war— wie viel oder wie wenig Muͤhe es ihm koſtete, es zu beherrſchen— und ob an dieſem Siege religioͤſe Schwaͤr⸗ merei oder Ehrgeiz den meiſten Antheil hat⸗ ten— daruͤber koͤnnen wir nichts entſcheiden. 4 — Skizzen aus Spanien. 609 Genug, aber, nach einigen Stunden, die fuͤr einige der Betheiligten ſo peinlich waren, daß der Abſchied wirklich als eine Erloͤſung erſchien, machte ſich Florencio auf einem ra⸗ ſchen Maulthier, mit wohlgefuͤllter Alforja und einigen Unzen in der Taſche, auf den Weg nach Murcia. Daß Florencio's Hoffnungen nicht ge⸗ taͤuſcht worden und auch er ſeiner alten Freun⸗ de nicht vergeſſen, bewies nicht nur ein Schrei⸗ ben, das er bald nach ſeiner Ankunft in Murcia an ſeinen Bruder ſandte, und die⸗ ſer ſich von Fenoll vorleſen ließ, ſondern auch der gluͤckliche Erfolg ſeiner Bemuͤhungen, dem Alten und ſeinem Toͤchterlein die Ruͤckkehr nach ſeinem Wohnort und den ungeſtoͤrten Genuß ſeines Vermoͤgens zu ſichern, aus dem er in der erſten Wuth der Reaction durch die ſiegende Parthei, ohne rechtliches Ver⸗ fahren, vertrieben worden war; da anfangs die hoͤheren Behoͤrden dergleichen tumultua⸗ riſch beſchloſſene und ausgefuͤhrte Achtserklaͤ⸗ rungen nicht hindern konnten oder wollten.— Ueber das weitere Schickſal dieſer beiden Leute II. 39 610 Skizzen aus Spanien. koͤnnen wir— falls uͤberhaupt der Leſer dar⸗ nach fragt— nur ſagen, daß einige Monate nach ihrer Ruͤckkehr Rita im Kloſter Sta. Clara zu Elche ihr Noviciat antrat und dann in moͤglichſt kurzer Friſt den Schleier nahm — die ganze Gegend bezeugt noch heute, daß ſeit Menſchengedenken dem Himmel keine lieblichere Braut angetraut worden. Ob der alte Fenoll ſeine Einwilligung gern oder un⸗ gern gegeben, wiſſen wir nicht, jedenfalls durfte er damals nicht wagen, die Rache der Prieſterparthei durch einen hartnaͤckigen Widerſtand von neuem auf ſich zu ziehen. Daß indeſſen dieſer Vorfall ihn nicht mit ſei⸗ nen Gegnern ausgeſoͤhnt, oder ſeinen unru⸗ higen, heftigen Sinn gemildert, ergab ſich, als im Jahr 1825 die beiden Bruͤder Bazan mit einem kleinen Haufen verbannter Con⸗ ſtitutioneller an jener Kuͤſte landeten, in der Hoffnung, das Volk zu einem Aufſtand zu Gunſten ihrer Sache zu veranlaſſen. Unter den Wenigen, die ſich dieſen kuͤhnen Patri⸗ oten anſchloſſen, war auch Fenoll, und wahr⸗ ſcheinlich auch unter denen, die in dem un— gluͤcklichen Gefechte, worin ihre Hoffnungen Skizzen aus Spanien. 611 ſcheiterten, blieben— denn weder unter den gleich darauf hingerichteten Gefangenen koͤmmt ſein Name vor, noch iſt ſeitdem irgend wie⸗ der die Rede von ihm. Sein Vermoͤgen aber fiel dem Kloſter zu. Nach der Abreiſe ſeines alten Freundes oder Feindes, denn er war ja Beides, und des Maͤdchens, die laͤngſt ſein Liebling war, blieb Jaime Alfonſo allein in ſeinem neuen Beſitzthum. Anfangs zwar ſiel ihm das Al⸗ leinſein ſchwer, allein nach ſeiner gutmuͤthig frohen Weiſe, der er ſich nun, da er ſein be— ſcheidenes Ziel einer ruhigen, vor Mangel geſicherten Exiſtenz erreicht hatte, ganz und unbefangen uͤberließ, gab er ſich auch daruͤ⸗ ber zufrieden, ſuchte und fand Erſatz in dem Umgang mit einigen der angeſehenſten Be⸗ wohner des Ortes, unter deſſen Honoratio⸗ ren er billiger Weiſe eine der erſten Stellen einnahm, erwarb ſich das Zutrauen und die Liebe von Jung und Alt, mit Ausnahme ei⸗ niger Wenigen und zwar grade derjenigen, mit denen er fruͤher in naͤheren, wenn auch nicht lobenswuͤrdigen, Verhaͤltniſſen geſtan⸗ 39* 4 612 Skizzen aus Spanien. den, und die aus mancherlei Urſachen heim⸗ lichen Groll gegen ihn naͤherten, den er je⸗ doch kaum zu beachten ſchien— und verlegte ſich mit allem Ernſt und Eifer auf die Be⸗ arbeitung des kleinen Grundſtuͤcks, das er mit jenem Haͤuschen gekauft hatte. Die gu⸗ ten Leute von Sax aber behaupteten, er ha⸗ be noch viel bedeutendere Ankaͤufe im Sinn; und warum nicht?— er habe ja in einem Keller der alten Burg, zu dem von ſeiner Wohnung aus der einzige Eingang fuͤhre, eine große eiſerne Kiſte voll Goldunzen. So fehlte es denn auch nicht an mehr oder we⸗ niger deutlichen Winken und Geruͤchten, wel⸗ che bald dieſer, bald jener unter den Toͤch⸗ tern des Landes den Mitgenuß dieſer Schaͤ⸗ tze zuwandten— waͤhrend dagegen Andre, Rigoriſten und Schlaukoͤpfe zugleich, behaup⸗ teten, der Barbudo ſei ein zu guter Chriſt, um das ungerechte Gut, das er erworben, der Kirche vorzuenthalten, die ihn dafuͤr reich⸗ lich mit den Guͤtern bedenken werde, die da nicht vergehen— und es ſei ſchon ſo gut als gewiß, daß er in der Schlucht an die Stelle des Thurmes von Carus ein Klo⸗ 1 7 Skizzen aus Spanien. 613 ſter bauen werde, und wer weiß, ob man ihn nicht bald wieder mit ſeinem langen Bart und als Pater Prior ſehen werde.— Dort aber in dem Thurm von Carus ſeien ſeine Schaͤtze vergraben; die alte Zigeunerin, die man dort gefunden, wie eine Nachteule, ha⸗ be es auf ihrem Todtbett eingeſtanden. Andre meinten, der Barbudo— denn ob⸗ gleich er es nicht gern hoͤrte, nannte man ihn doch noch ſo, wenigſtens hinter ſeinem Ruͤcken— muͤßte ein ganzer Narr ſein, wenn er das, was er mit ſo vieler Muͤhe und Ge⸗ fahr erworben, nicht friſch genoͤſſe— und was die Suͤnde betreffe, ſo wollten ſie die Verantwortung gern auf ſich nehmen, wenn ſie nur ſonſt was davon haͤtten— und wenn es kein ungerechteres Gut in der Welt gaͤbe als das, ſo ſtaͤnde manches großen Herrn Rechnung beſſer, als ſie jetzt ſtehen mag, wie hoch ſie auch die Naſe tragen— und am Ende, wenn das Schlimme zum Schlimm⸗ ſten komme, ſo ſage das Sprichwort doch nicht umſonſt: Luſtig gelebt und ſelig geſtor⸗ ben, heißt dem Teufel die Rechnung verdor⸗ ben.— So ſprachen die Leute. Jaime 614 Skizzen aus Spanien. aber ließ ſie ſprechen; ihm gegenuͤber nahm ſich ohnehin Jeder in Acht. Eines Abends aber, als Jaime von ſeiner Feldarbeit zu⸗ ruͤckkehrte, die Hacke auf der Schulter und vergnuͤgt vor ſich hin ſummend, hoͤrte er ſchon aus der Ferne am Eingang des Dor⸗ fes, nicht weit von ſeinem Hauſe, einen Laͤrm von vielen Stimmen und bemerkte, naͤher kommend, einen Zuſammenlauf von vielen Knaben und einigen Erwachſenen, welche ei⸗ nen Gefangenen, der auf einem Eſel feſtge⸗ bunden, von einigen Bewaffneten geleitet wurde, mit dem damals ſo allgemein, und wie es denn zu geſchehen pflegt, meiſtens von Kindern und Geſindel aus Muthwillen und ohne viel oder wenig dabei zu denken, beliebten Geſchrei:»Nieder mit dem Negro! drauf! drauf! nieder mit dem Juden! es lebe der Koͤnig kurz und gut!« verfolgten. Jaime war zwar kein Freund von muthwil⸗ ligen Mißhandlungen, aber freilich hin⸗ reichend an gewaltſame Auftritte aller Art gewoͤhnt, um auch an dieſem vorbeizugehen, ohne ſich dadurch weiter in ſeiner heitern Stimmung ſtoͤren zu laſſen, oder auch nur Skizzen aus Spanien. 615 die ganze Gruppe ſeiner Aufmerkſamkeit zu wuͤrdigen. Ploͤtzlich aber hoͤrte er ſich durch eine bekannte Stimme angerufen:»Ihr thut wohl, Jaime Alfonſo, daß ihr euern Bart ge⸗ ſchoren habt— ja, ein Jude, eine Hure haͤtte ihn euch ausraufen ſollen; denn bei euerm Bart habt ihr mir in Villena Sicherheit fuͤr Leib und Gut, Leben und Freiheit zugeſchworen, als ich vorig Jahr die Waffen niederlegte und mich euch ergab!« Jaime glaubte an⸗ fangs in einem ſchweren Traum befangen zu ſein und blieb einen Augenblick wie angewur⸗ zelt ſtehen, zweifelhaft, ob er ſeinen Ohren trauen duͤrfe, und gleichſam es ſcheuend, das Zeugniß ſeiner Augen aufzurufen. Sogleich aber fuhr dieſelbe Stimme fort:»Nicht zu gedenken, daß ihr mir euer Leben ſchuldet, ſeit jener Nacht bei der Torre del Palmar— wenig iſt das freilich; denn was iſt das Le⸗ ben eines wortbruͤchigen Schurken!«— Nun erſt entſchloß ſich Jaime hinzublicken und ſich von dem zu uͤberzeugen, was er ſchon ahnte, und was mit dieſer Ahnung ſchon ſein gan⸗ zes Weſen umwaͤlzte, ihn aus ſeinem Trau⸗ me von einem friedlichen, geehrten Alter 616 Skizzen aus Spanien ploͤtzlich wieder in eine Wirklichkeit von Ge⸗ waltthat und Rache ſchleuderte. Trotz des Blutes, das von einer eben durch einen Stein empfangenen Kopfwunde das durch ohnmaͤchtigen Ingrimm verzerrte Geſicht des Gefangenen uͤberſtroͤmte, trotz der zerriſſenen Kleidung, erkannte er in dem Ungluͤcklichen bald jenen Don Bernaldino Marti aus Va⸗ lencia.»Halt!« rief Jaime mit furchtbarer Stimme, der keiner von Allen, die ſie hoͤr⸗ ten, auch wenn ſie nicht wußten, ob der Ruf ſie anging, einen faſt inſtinktartigen Gehorſam verweigern mochte. Der noch eben ſo laute und hin und her wogende Haufen war wie gebannt und in einem Augenblick hatte Jaime ſich bis zu dem Gefangenen durchgedraͤngt. Alles wich ihm ſcheu aus, denn abgeſehen von dem friſchen Ruf ſeiner fruͤhern Thaten, hatte ſein Blick, ſein gan⸗ zes Ausſehen, obgleich keine heftige Bewe⸗ gung und kein Wort weiter ſeine Stimmung verrieth, einen ſolchen Ausdruck von zerſtoͤ⸗ rendem Zorn, daß einer der Anweſenden ſpaͤ⸗ ter vor Gericht ausſagte, es ſei ihm geweſen, als werde es ploͤtzlich finſter. da er ihn auf Skizzen aus Spanien. 617 ſich zukommen ſah.»Ihr ſeid frei, Ca⸗ ballero! und dort iſt mein Haus— oder vielmehr das eure;« ſagte Jaime mit dum⸗ pfer Stimme, indem er mit ſeinem ſchnell gezogenen Meſſer die Feſſeln des Gefangenen zerſchnitt, und ihm mit dem Finger ſein Haus wies. Don Bernaldino ſprang raſch aus ſeinem unbequemen Sitz und war mit ein Paar Saͤtzen oben an Jaime's Hauthuͤ⸗ re. Jaime folgte ihm langſam nach, ohne auf die Umſtehenden weiter zu achten. Da erhoben die Waͤchter des Gefangenen, die einen Augenblick von der allgemeinen Betaͤu⸗ bung mit ergriffen worden waren, ein lau⸗ tes Geſchrei:»Hier der Koͤnig! hier der Koͤ⸗ nig! Huͤlfe dem Koͤnig und der Gerechtig— keit! auf die Negros!« Einige eilten ihrem Gefangenen nach, waͤhrend zwei ſich an Jai⸗ me machten und ihn zuruͤckzureißen ſuchten. Wie der Baͤr die vorwitzigen Hunde abſchuͤt⸗ telt, die der zoͤgernden Meute durch ihr Beiſpiel Muth machen wollen, ſo warf Jaime mit Rieſenkraft die beiden Maͤnner links und rechts zu Boden; als ſie aber Miene machten, ihre Waffen zu gebrauchen, zerſchmetterte er 618 Skizzen aus Spanien. mit einem gewaltigen Streich der Hacke, die er trug, den Kopf des einen, und mit ei— nem Fußtritt die Bruſt des andern und ſchritt dann, ohne ſich umzuſehen, weiter. In demſelben Augenblick aber erſchuͤtterte eine droͤhnende Exploſion weit hin die Luft und zwei andre von den Schergen ſtuͤrzten blu⸗ tend, zerfetzt, kopfuͤber die Stufen herab, welche nach Jaime's Haus fuͤhren, waͤhrend die andern heulend ſeitwaͤrts uͤber die Felſen⸗ abſaͤtze zwiſchen den Cactus und Aloen herun⸗ terſprangen. In der Hausthuͤr aber erſchien, nachdem der Pulverdampf ſich vertheilt hatte, Don Bernaldino eifrig beſchaͤftigt, in die weite trompetenfoͤrmige Muͤndung des gefuͤrchteten Trabuco des Barbudo, auf den gleich beim Ein⸗ treten in das Haus ſein Blick und ſeine Hand gefallen, eine tuͤchtige Handvoll Kugeln lau⸗ fen zu laſſen. Es bedurfte aber kaum einer Drohung und einer entſprechenden Bewegung mit dem furchtbaren Mordgewehre, um den ganzen Haufen der Neugierigen oder Huͤlfe⸗ bringenden zu zerſtreuen. Das Loos der ein⸗ zigen Bewaffneten unter dem Haufen war ſchon abſchreckend, entſetzlich genug, außer⸗ — Skizzen aus Spanien. 619 dem aber hatten Einige bei dem erſten Feuer einige zerſtreute Kugeln um ihre Ohren ſau⸗ ſen hoͤren, Einige gaben gar durch klaͤgliches Geſchrei zu erkennen, daß es ihnen noch naͤ— her gegangen, und Alle ſtaͤubten auseinander, ſobald ſie die gaͤhnende Muͤndung des Tra⸗ buco auf ſich gerichtet ſahen.— Nur der Eſel blieb, das geſenkte Haupt bedenklich ſchuͤttelnd, mitten auf der Straße ſtehen. »Gott vergelt's euch, Seüor Don Jai⸗ me— das war Huͤlfe in der Noth!« redete ihn Don Bernaldino, ſeinen Befreier, an, indem er ihm die Hand darbot. Jaime wies ſie finſter zuruͤck.»Nun, Caballero, nicht fuͤr ungut, was ich vorhin ſagte— fuhr jener fort.— Einem Mann, der nur die Zunge regen kann, muß man ein Wort zu gute halten.« Jaime ſtrich ſich mit der Linken uͤber die Stirn und reichte ſeinem Gaſt halb gedankenlos die Rechte.»Schon gut— ſchon gut— Wun⸗ den von Stahl und Blei heilen, von boͤſen Worten nimmer. Aber— ſchon gut— ver⸗ geben und vergeſſen. Mit mir iſt's ohnehin vorbei— ſagte er endlich— ihr aber habt keine Zeit zum Schwatzen und jetzt, da Haͤn⸗ 620 Skizzen aus Spanien. de und Fuͤße frei ſind, keine Entſchuldigung. — Da— hier iſt Geld— und da— der Trabuco— oder nein— der iſt zu ſchwer — nehmt mein langes Rohr. Da— die Bota und den Querſack— dort im Schrank iſt Wein, Brodt— was weiß ich. Und nun fort Herr!— die Gegend kennt ihr— hal⸗ tet nach der Kuͤſte— es hieß noch heut Morgen, Borrasca liege mit ſeiner Falua bei Montilla, der bringt euch nach Gibral⸗ tar. Gott befohlen!« Don Bernaldino ſah ihn verwundert an und ſagte endlich:»Und ihr?— ihr werdet doch nicht hier warten wollen, bis die Schurken euch abholen?— ihr werdet doch mit gehen?«—»Ich?— wozu?— warum?— erwiederte Jaime wie zerſtreut.— Ihr habt euch damals auf mein Wort ergeben, der franzoͤſiſche Obergeneral hat unſre Capitulation beſtaͤtigt— der Lump, der Feotengeneral auch— habt ihr ſeitdem was verbrochen?«»Nichts; auf Ehre und Gewiſſen— betheuerte der Andere— ich lag ruhig bei meinem Schwager in Villena — ein Bube hat—«»Schon gut— un⸗ terbrach ihn Jaime— dann hat kein Menſch Skizzen aus Spanien. 621 ein Recht, euch ein Haar zu kruͤmmen— und wer es thut, der faßt an meinen Bart — wie ihr ſelber, daͤucht mir, vorhin ſagtet. Ich habe nichts gethan, als meinen guten Namen gewahrt. Wer will mir was d'rum anhaben?«»Bei allen Teufeln! der Mann faſelt— rief Don Bernaldino hier ungedul⸗ dig— ſchaut doch nur dort hinaus.« Er fuͤhrte ihn an die Thuͤr und wies auf die vier Leichname, welche am Fuß des Rains uͤbereinander lagen.»Nun— betet ein Ave Maria oder Pater noſter fuͤr die armen See⸗ len, wenn ihr Zeit und Athem findet— ich wollte eben ſelber d'rangehen. Gott befohlen — ſag ich.«»Der Mann faſelt— wieder⸗ holte Don Bernaldino mitleidig, ungedul⸗ dig, unſchluͤſſig, ob er gehen oder bleiben ſolle— nun denn— Gott befohlen, Jaime Alfonſo— ſagte er endlich— wenn ihr bleibt, ſo werde ich gleich fuͤr eure arme Seele mitzubeten haben.«—»Es wird wohl nicht anders ſein— antwortete Jaime ru⸗ hig— nun, wie Gott will; aber wieder von vorne anfangen— das kann und will ich nicht!«— Don Bernaldino verſtand ihn 622 Skizzen aus Spanien. halb und halb, ſah auf jeden Fall ein, daß hier nichts zu machen und fuͤr ihn keine Zeit zu verlieren ſei, und ging. Er erreichte gluͤcklich die Kuͤſte und das Fahrzeug des alten Borrasca, der nach wie vor ſein Schmugglergeſchaͤft trieb, auf die Servilen und Pfaffen fluchte, Fluͤchtlinge rettete, wo er konnte, und alle Verſchwoͤrungen und Lan⸗ dungsverſuche der Conſtitutionellen mit Hand, Kopf und Schiff unterſtuͤtzte.— Jaime Alfonſo ſetzte ſich indeſſen ruhig vor ſeine Thuͤr, den Roſenkranz zwiſchen den gefalteten Haͤnden— den Trabuco neben ſich. Niemand wagte ſich an ihn. Die mei⸗ ſten Nachbarn hatten uͤberall keine Luſt, ſich in eine Sache zu mengen, die einen politi⸗ ſchen Charakter hatte. Der Alcalde, dem der Escribano, Don Pancracio, gehoͤrig zu⸗ ſetzte, brachte zwar einige Geſellen zuſammen und zog behutſam gegen den Gefuͤrchteten aus— war aber am Ende froh, als dieſer ihm barſch, gebietend zurief, die Leichen wegſchaffen zu laſſen, eben dies als den Zweck ſeiner Expedition anzugeben und mit dieſen traurigen Trophaͤen wieder abzuziehen. Jai⸗ Skizzen aus Spanien. 623 me's Knechte, ſein Burſche, ehemalige Spieß⸗ geſellen des Barbudo, kamen auf das Geruͤcht von dem Vorfall vom Felde nach Hauſe und zeigten ſich bereit, ihren Herrn zu vertheidi⸗ gen, meinten auch, es beduͤrfe nur eines Winkes, um die ganze Bande in einem Au⸗ genblick wieder um ihren Fuͤhrer zu verſam⸗ meln. Jaime wies ſie ſtreng zur Ruhe, und zwang ſie, durch die Flucht, wozu er ihnen die Mittel gab, der Verhaftung zu entgehen, die ſie ſicher mit ihm theilen muͤßten. Al— lein geblieben ſchloß er zur gewoͤhnlichen Zeit ſein Haus, kettete ſorgfaͤltig ſeine Hunde an und legte ſich ruhig ſchlafen. Ruhig brachte er auch den folgenden Tag zu Hauſe zu. Nicht ſo der Escribano. Die Zeit der Befriedigung ſeines alten Grolls und ſeiner Habſucht— denn auch er gedachte der an⸗ geblichen Schaͤtze des Barbudo— war ge⸗ kommen und er war nicht der Mann, ſie ungenutzt zu laſſen. Ein Bericht, den er gleich an die naͤchſte Militairbehoͤrde ſandte, ſtellte den Vorfall als den Ausbruch einer gefaͤhrlichen Verſchwoͤrung dar, ſprach von einer Guerilla der Conſtitutionellen, die ſich 624 Skizzen aus Spanien. in den Gebirgen zeige, und am Abend des dritten Tages zog ein zahlreiches Detache⸗ ment von der Beſatzung von Alicante in Sax ein, umringte Jaime's Haus, drang mit großer Vorſicht hinein— und fand ihn ruhig beim Abendeſſen.»Iſt's gefaͤllig, Señores Militares?— rief er ihnen entgegen— ich hab' euch erwartet; aber nicht ſo viele— ſetzte er laͤchelnd hinzu— nun nehmt vor— lieb; an Wein wenigſtens fehlt es nicht.« Die Soldaten konnten ſich lange nicht uͤber— zeugen, daß keine Kriegsliſt hinter dieſer zu⸗ vorkommenden Gaſtlichkeit des Ungeheuers ſtecke; endlich aber ließen ſie es ſich doch ſchmecken und nach einer halben Stunde zo⸗ gen ſie in der beſten Laune mit ihrem Ge⸗ fangenen ab, in Gegenwart eines großen Zuſammenlaufes von Menſchen aus der gan⸗ zen Umgegend, deren viele mit aufrichtiger Theilnahme ſich herbeidraͤngten, um von Jaime Abſchied zu nehmen, keiner aber Freu⸗ de an ſeinem Schickſal fuͤhlte, oder zu aͤu⸗ ßern wagte. Skizzen aus Spanien. 625 Jaime wurde nach Murcia gebracht und die Unterſuchung gegen ihn ſogleich eingelei⸗ tet. Die Sache war an und fuͤr ſich klar genug, und man haͤtte um ſo weniger viel Umſtaͤnde machen ſollen, da Jaime Nichts von dem, was er gethan hatte, laͤugnete, ſondern behauptete, er habe nur Recht und ſeine Pflicht gethan, und ſich dabei auf die Capitulation berief, die er im Namen und mit Beſtaͤtigung des franzoͤſiſchen Gene⸗ rals mit der Guerilla des Don Bernal⸗ dino abgeſchloſſen habe, und fuͤr deren treue Befolgung er und die Franzoſen und die Regierung des Koͤnigs einſtehen muͤßten. Da die koͤniglichen Behoͤrden in viel wichti⸗ gern Faͤllen die Capitulationen verletzt hat⸗ ten, ohne daß die franzoͤſiſche Regierung es der Muͤhe werth gehalten hatte, ihre ſo un⸗ mittelbar betheiligte Ehre, das Wort des Prinz Generaliſſimus und ſeiner Unterfeld⸗ herrn zu wahren, ſo laͤßt ſich leicht denken, daß in einem ohnehin ſo mißlichen und durch Selbſthuͤlfe verwickelten Fall gar keine Ruͤck⸗ ſicht auf dieſe Rechtfertigung genommen wur⸗ de, und Jaime hatte in dieſer Hinſicht nur II. 40 626 Skizzen aus Spanien. die Genugthuung einem franzoͤſiſchen Offi⸗ cier, den er als Zeugen aufgerufen hatte, und der erſchien, weil er zufaͤllig in Mur⸗ cia ſich befand, vor dem verſammelten Gericht, die Ehrloſigkeit und Treuloſigkeit ſeiner Nation vorzuwerfen, die hier, wie es denn oft geſchieht, die Fehler ihrer Herr⸗ ſcher buͤßen mußte. Es fand ſich zwar im Verlauf der Unterſuchung, daß die Verhaf⸗ tung Don Bernaldino's gar nicht auf Befehl irgend einer geſetzlich befugten Behoͤrde ge— ſchehen, ſondern einer der damals in Spa⸗ nien und unter aͤhnlichen Umſtaͤnden uͤberall ſo haͤufigen Faͤlle war, wo Privatrache ſich die Aufregung der politiſchen Leidenſchaften und den allgemeinen gewaltthaͤtigen Zuſtand zu Nutze machte, um ihr Opfer zu verder⸗ ben. Eben dieſe Verhaͤltniſſe entkraͤfteten aber auch in den Augen der Richter dieſen Milde⸗ rungsgrund des eigenmaͤchtigen Einſchreitens von Seiten Jaime's, da die Richter ſaͤmmt⸗ lich derſelben Parthei angehoͤrten, der Jaime das Opfer entriſſen hatte, und der er ſchon fruͤher, ſeit dem Angriff auf Orihuela, und dadurch, daß er ſich beſtaͤndig muthwilligen Skizzen aus Spanien. 627 Mißhandlungen der Beſiegten widerſetzt hat⸗ te, verhaßt und verdaͤchtig war. Begierig wurden daher auch die Ausſagen des Escri⸗ bano Don Pancracio und ſeines Helfershel⸗ fers Curro und einiger anderer, theils per⸗ ſoͤnlicher, theils politiſcher Feinde Jaime's aufgenommen, welche, nach des Escribano Anleitung, darauf hinausliefen, daß Jaime an der Spitze einer Verſchwoͤrung zu Gun⸗ ſten der conſtitutionellen Parthei geſtanden habe, zu deren Ausbruch jene That das Zei⸗ chen habe geben ſollen— der jedoch durch ſeine, des beſagten Don Pancracio und An⸗ derer, des Koͤnigs loyaler Vaſallen Muth und Thaͤtigkeit verhindert worden ſei.— Die⸗ ſem Gewebe von Luͤgen ſetzte Jaime ein ver⸗ aͤchtliches Stillſchweigen oder herzliches Ge⸗ laͤchter entgegen, aber ſeine Sache zog ſich doch daruͤber hin und es wurden mehre ehr⸗ liche Leute, theils aus Sax, theils aus der Umgegend, hineingezogen. Endlich, nach mehren Monaten, wurde das Urtheil geſpro⸗ chen und Jaime zum Tode, mehre ſeiner ſogenanntem Mitſchuldigen zu vielen Jahren Preſidio oder zu Geldſtrafen verurtheilt. 628 Skizzen aus Spanien. Der Tag der Hinrichtung war beſtimmt — das Volk in der unruhig⸗neugierigen, theilnehmenden Spannung, die ja auch geringere Ereigniſſe erregen, als dieſer Ausgang des beruͤhmten und beruͤchtigten Barbudo war— die barmherzigen Bruͤder zogen mit ihren blechernen Buͤchſen klappernd umher und ſammelten fuͤr die arme Seele— die Blinden ſchrieen wie Blinde alte und neue Geſchichten von dem Barbudo aus— die Kriegsmacht war auf den Beinen, da man eine Bewegung der Liberalen fuͤrchtete, oder doch ſich ſo anſtellte; denn in der That fragten die Liberalen wenig oder nichts nach dem armen Jaime, der ja nie einer von den Ihrigen geweſen— das Geruͤſte mit dem Pfahl und Garrote war aufgerichtet— der arme Suͤnder ſaß in der Capilla und ſetzte die guten Patres, welche die letzte Sorge fuͤr das Heil ſeiner Seele uͤbernommen hatten, in großes Erſtaunen durch die wahrhaft er⸗ bauliche, eines frommen Chriſten voͤllig wuͤr— dige Verfaſſung ſeiner Seele, die Demuth und Zerknirſchung, womit er ſeine Suͤnden bekannte, die Ruhe, womit er den Tod ſei⸗ Skizzen aus Spanien. 629 nes Leibes erwartete, die Freudigkeit, womit er die Verheißungen vom ewigen Leben und die Abſolution, die ihm der Prieſter ertheilte, hinnahm. Schon zeigte das Gelaͤute der Todtenglocke an, daß die entſcheidende Stunde gekommen ſei— ſchon war dem Henker ſein Opfer uͤbergeben worden, und eben ſollte ſich der Zug nach dem Richtplatz in Bewegung ſetzen, als ploͤtzlich ein eiliger Bote von Sei⸗ ten des Gerichts den Befehl brachte, die Hinrichtung aufzuſchieben und den Verur⸗ theilten nach dem Kerker zuruͤckzubringen. Alle Anſtalten zur Hinrichtung wurden abbe⸗ ſtellt, und die officielle Erklaͤrung dieſes Raͤth⸗ ſels war, es ſeien neue Spuren einer wei⸗ tern Verzweigung der Verſchwoͤrung entdeckt worden, über die man den Naͤdelsfuͤhrer ver⸗ nehmen muͤſſe.— Beſſer Unterrichtete aber behaupteten, und die ganze Stadt wußte bald, daß ſchon einige Tage vor Faͤllung des Urtheils das Gericht einen Drohbrief erhal⸗ ten habe, worin ihm der Eſtudiantillo, der Bruder des Barbudo, von dem fruͤher ge⸗ nug, ſeit einiger Zeit aber gar nicht mehr die Rede geweſen, anzeige:»Er ſtehe an 630 Skizzen aus Spanien. der Spitze der ehemaligen Raubgeſellen des Barbudo und alle ſeien bereit und entſchloſſen, jedes Haar auf dem Kopf ihres Herrn und Anfuͤhrers mit Feuer und Schwert zu raͤ— chen.« Auf dieſe Drohung habe man an⸗ fangs nicht viel gegeben, aber bald darauf ſei der Sohn des Praͤſidenten des Gerichts, der bei ſeinem Oheim auf einem Landhaus in der Naͤhe von Orihuela ſich aufgehalten, wahrſcheinlich auf der Jagd, entfuͤhrt und in's Gebirge geſchleppt worden. Deſſenun— geachtet wurde das Urtheil, wie geſagt, ge⸗ faͤllt, aber an demſelben Tage fand der Praͤ⸗ ſident, als er voll banger Ahnung nach Hauſe ging, einen Zettel vor, den ein bettelnder Zi⸗ geunerburſche, wie ſeine Leute meinten, habe fallen laſſen. Er war von der Hand ſeines Sohnes, und dieſer beſchwor ihn, ſo lieb ihm ſein eigen Fleiſch und Blut ſei, das Ur⸗ theil nicht vollziehen zu laſſen. An dem Morgen aber, als, trotz dieſer Warnung, die Hinrichtung eben vor ſich gehen ſollte, wur— de dem Praͤſidenten durch das offene Fenſter ein Paͤckchen vor die Fuͤße geworfen, worin er das an dem darin haͤngenden Ringe Skizzen aus Spanien. 631 kenntliche Ohr ſeines Sohnes fand. Zu⸗ gleich verbreitete ſich die Nachricht, es ſeien mehre Landhaͤuſer am Fuß des Gebirges, die einigen der Richter und andern angeſehenen Haͤuptern der ſervilen Parthei gehoͤrten, nie⸗ dergebrannt, oder gepluͤndert worden.— Florencio war zu der Zeit, als Jaime in die Kerker von Murcia gebracht wurde, mit ſeinem Goͤnner in Madrid, und erſt ſpaͤt und zufaͤllig von der gefaͤhrlichen Lage ſeines Bruders unterrichtet worden. Er hatte nun Alles aufgeboten, um jenen Praͤlaten, deſſen Einfluß ſeitdem noch zugenommen hatte, zu bewegen, ſich ſeines Bruders anzunehmen. Dieſer aber, der in Murcia ſelbſt vielleicht eher geneigt geweſen waͤre, dem Wunſch ſei⸗ nes Dieners, von deſſen Brauchbarkeit er ſich immer mehr uͤberzeugte, auf irgend eine Weiſe zu willfahren, hatte mehr als einen uͤberwiegenden Grund, ſich in Madrid gar nicht darauf einzulaſſen. Erſtlich waren in der Hauptſtadt die Anſichten uͤber ſo aben⸗ teuerliche Verhaͤltniſſe, wie die, welche ſeinen jungen Seeretair zu dieſer Fuͤrbitte bewogen, zu verſchieden von denen, die in den Pro⸗ 632 Skizzen aus Spanien. vinzen und beſonders in Murcia ihn noch eini⸗ germaßen entſchuldigt haͤtten, ein ſolches Sub⸗ ject uͤberall in ſeiner Umgebung, oder gar ſeinem Vertrauen zu dulden— es war, be— ſonders bei der Anweſenheit ſo vieler Fran⸗ zoſen und anderer Fremden in den vorneh⸗ men Zirkeln, zu fuͤrchten, daß der ehrwuͤr⸗ dige Praͤlat ſich im beſten Fall laͤcherlich ma⸗ chen wuͤrde, wenn die fruͤhern Abenteuer des jungen Geiſtlichen bekannt wuͤrden, deſſen jugendliche, ausdrucksvolle Schoͤnheit, ſein in jeder Hinſicht bedeutendes, ernſtes, faſt ſtrenges Weſen, große Froͤmmigkeit, Thaͤtig⸗ keit und raſche Faͤhigkeit von verſchiedenen Seiten auf verſchiedene Weiſe bei Frauen und Naͤnnern Aufmerkſamkeit erregt hatte. So. hatte denn der Praͤlat ſchon fruͤher dem jun— gen Mann zu verſtehen gegeben, er wuͤnſche nicht, daß außer ihm irgend Jemand etwas von ſeinen fruͤhern Verhaͤltniſſen erfahre; und hierzu bedurfte es bei Florencio kaum eines Winkes, da der Inſtinkt ſeines durch die nähere Ausſicht auf Erfolg nur noch mehr auf⸗ geregten Ehrgeizes bei ihm Lebenserfahrung und Menſchenkenntniß zum Erſtaunen ſeines —— Slizzen aus Spanien. 633 Goͤnners erſetzte, der ſich immer mehr uͤber⸗ zeugte und es auch Andern verkuͤndete, aus dem jungen Mann werde etwas Großes zum Heil und Frommen der Kirche werden. Er geſiel ſich darin dieſe kuͤnftigen Erfolge als ſein Werk, und in Florencio ſein Geſchoͤpf zu ſehen— worin er denn freilich wieder in einen, bei ſeiner ſonſtigen Menſchenkenntniß auffallenden Irrthum verfiel, der aber bei den verhaͤltnißmaͤßig Großen dieſer Erde nicht ſelten vorkommen ſoll. Als nun Florencio mit offenbarer Leidenſchaftlichkeit und dringendem Ernſt ſeine Huͤlfe fuͤr ſeinen Bruder anrief, konn⸗ te dies unerwartete Wiederanregen verfaͤngli⸗ cher Verhaͤltniſſe, die er fuͤr abgethan hielt, ihm nicht anders als unangenehm ſein, und nur ſehr unwillig verſtand er ſich dazu, nach Murcia zu ſchreiben, um ſich naͤher nach der Lage der Dinge zu erkundigen. Er that dies, wie man ein ungern, und nur, um Zudringlichkeiten zu entgehen, uͤbernom⸗ menes Geſchaͤft abzuthun pflegt, nur ganz beilaͤufig; aber die Antwort ſeines Correſpon⸗ denten ſchreckte ihn volends von jedem wei⸗ tern Schritt ab, indem ihm dieſer die Sache II. 41 631 Skizzen aus Spanien. als einen Anſchlag der Conſtitutionellen ſo bedeutend und gefaͤhrlich wie moͤglich ſchil⸗ derte, und ihn warnte, ſich durch ſeine Ein⸗ miſchung zu Gunſten der Verbrecher nicht ſelbſt zu compromittiren und ſeinen Feinden dort und bei Hofe nicht eine Bloͤße zu ge⸗ ben, die ſie zu benutzen nicht verfehlen wuͤr⸗ den. Nun befahl der Praͤlat ſeinem Schuͤtz⸗ ling kurz und gut, ihn nicht weiter mit der Sache zu behelligen, und ihrer uͤberall gegen Niemand mit einem Wort zu erwaͤhnen, ſo lieb ihm ſeine fernere Huld und Befoͤrderung ſei. Florencio hoͤrte ſchweigend, ſcheinbar ergeben, dieſen Beſcheid an, und ſein Goͤn⸗ ner glaubte allen Ernſtes, die Sache ſei ab⸗ gemacht. Es fiel ihm nicht entfernt ein, ſein Geſchoͤpf koͤnne ſeine Huld, alle Ausſich⸗ ten auf eine glaͤnzende Zukunft einer ſo ver⸗ zweifelten Sache, einem ſeiner ganzen jetzigen Stellung ſo fremden Intereſſe aufopfern.— Den Tag darauf aber war Florencio ver⸗ ſchwunden, und bald nachher erſchien er in Sax, ſuchte die alten Gefaͤhrten ſeines Bru⸗ ders dort und in der Umgegend auf und ver⸗ mochte ſie ohne große Muͤhe, ſich mit ihm — Skizzen aus Spanien. 635 zu vereinigen, um Alles zur Rettung ihres alten Anfuͤhrers aufzubieten. Schon die aus Furcht, Bewunderung und Dankbarkeit ſon⸗ derbar gemiſchte Anhaͤnglichkeit an den Mann, der dieſen Leuten leicht als ein außeror⸗ dentliches Weſen erſcheinen konnte, ſprach maͤchtig zu ſeinen Gunſten; hierzu kam aber noch, daß Manche von ihnen durch die Ge⸗ ſtalt und Ausdehnung, welche die Unterſu⸗ chung gegen Jaime Alfonſo genommen hat⸗ te, bedroht worden, und ſchon auf fluͤch⸗ tigem Fuß, alſo zu der altgewohnten, aben⸗ teuerlichen Lebensart voͤllig bereit waren, waͤhrend man zugleich aus dem Verbrechen des Anfuͤhrers einen Vorwand genommen hatte, ſeinen ehemaligen Gefaͤhrten die klei⸗ nen Jahrgelder zu entziehen, welche er ihnen in dem Vertrag, wodurch er ſeine eigne Am⸗ neſtie erlangte, ausbedungen hatte. Wie Florencio die Mittel, die ihm auf dieſe Weiſe bald zu Gebote ſtanden, benutzte, ha⸗ ben wir geſehen. Seine Stimmung war in der That der Art, daß er unbedenklich Alles an Alles zu ſetzen bereit war. Liebe und Dankbarkeit gegen ſeinen Bruder, das An⸗ 636 Skizzen aus Spanien. denken an jene Nacht, wo er ihm wie ein rettender Engel im Kerker erſchienen, an ſei⸗ ne Mutter und Schweſter, an ſein ganzes fruͤheres Leben, hatten uͤber ſeinen Ehrgeiz — und uͤber Alles das, was er in der letz⸗ ten Zeit mit ſeiner angebornen Heftigkeit er⸗ griffen hatte, oder wovon er ergriffen wor⸗ den, den Sieg davon getragen, aber nicht ohne daß das ſchwere Opfer, das er brachte, ſeine innere Leidenſchaftlichkeit bis zum hoͤch⸗ ſten Grad der Bitterkeit und der Zerriſſen⸗ heit ſteigerte.— Es war ihm gelungen, ſeinem Bruder Nachricht von ſeinem Begin⸗ nen zu geben. Dieſer hatte ihm zwar ent⸗ ſchieden abgerathen, hatte beſtimmt erklaͤrt: er habe ſeine Rechnung geſchloſſen— ſei bereit zu ſterben— wuͤrde um keinen Preis ſeine alte Lebensart wieder anfangen, und ſein einziger Kummer ſei, jetzt noch erleben zu müͤſſen, daß ſein Bruder um ſeinetwillen die ſchoͤnen Hoffnungen, die er gehabt und ge⸗ geben, aufopfere, und das Heil ſeiner Seele auf's Spiel ſetze. Florencio aber glaubte ent⸗ weder nicht an die Aufrichtigkeit dieſer Aeu⸗ ßerungen, und meinte, wenn Jaime erſt — Skizzen aus Spanien. 637 frei ſei, werde er wohl auf andere Gedanken kommen, oder er war zu weit gegangen, um zuruckzutreten, und den Zweck, um den er ſo viel aufgeopfert hatte, nun auch als nichtig aufzugeben; oder endlich, wenn er auch ſelbſt ſich haͤtte entſchließen koͤnnen, ſei⸗ nen Bruder ſeinem Schickſal zu uͤberlaſſen, ſo haͤtten ſeine jetzigen Genoſſen es nicht zu⸗ gegeben, und er hielt ſich nicht fuͤr berech⸗ tigt, ſein Loos von dem ihrigen zu trennen, nachdem er ſie in ſein verzweifeltes Begin⸗ nen fortgeriſſen hatte.— lG So ſtanden alſo, wie geſagt, die Sa⸗ chen. Die Behoͤrden trafen einige Anſtalten, um ſich des Eſtudiantillo zu bemaͤchtigen, oder doch ſeinen Geißel zu befreien. Fuͤr das Leben des jungen Menſchen war man nicht beſorgt, da Florencio beſtimmt verſprochen hatte, ſo lange ſeinem Bruder kein Leid ge⸗ ſchehe, werde er ſeines Gefangenen verſcho⸗ nen— und da ohnehin von ſelbſt einer fuͤr den andern als Buͤrgſchaft dienen mußte. Zu verſchiedenen Zeiten und von verſchiede⸗ nen Seiten wurden Truppen gegen den Eſtu⸗ diantillo ausgeſchickt, aber dieſer entwickelte 638 Skizzen aus Spanien. in dieſem kleinen Kriege eine ſolche Schlau⸗ heit, Gewandtheit, Kuͤhnheit und Schnellig⸗ keit, daß ſein Anſehen bei ſeinen Geſellen und ſein Ruf weit und breit im Volke faſt den des Barbudo zu verdunkeln anfing.— Dieſe An⸗ gelegenheit nahm aber neben dem Scandal auch dadurch eine immer bedenklichere Wen⸗ dung, daß man fuͤrchten mußte, die conſti⸗ tutionelle Parthei werde dieſe Bewegung am Ende doch wirklich zu ihren Zwecken benu⸗ tzen, um ſo mehr, da ſeit einiger Zeit ver⸗ daͤchtige Fahrzeuge ſich an der Kuͤſte ſehen ließen. — Solchen Beſorgniſſen und Verlegenheiten machte endlich im Herbſt des Jahres 1825 Florencio's Tod ein Ende. Sein durch Wun⸗ den, Verweſung und Raubvoͤgel faſt unkennt⸗ lich gemachter Leichnam wurde wenig Tage nach einem blutigen, aber ungluͤcklichen Ge⸗ fecht gegen eine ſtarke Abtheilung der Beſa⸗ tzung von Alicante im hoͤchſten und rauhſten Theil des Gebirges gefunden— einer ſeiner Vertrauten, der in jenem Gefecht gefangen worden war, gab, als er den Leichnam ſei⸗ nes Herrn erkannt hatte, den Ort an, wo der Gefangene, an deſſen Leben Jaime Al⸗ Skizzen aus Spanien. 639 fonſo's Leben hing, aufbewahrt wurde. Er wurde wohlbehalten— bis auf das bewußte Ohr — ſeinen Aeltern zuruͤckgegeben und nun er⸗ folgte auch ohne weitern Aufſchub die Hinrich⸗ tung des Barbudo, deren damals auch die Ta⸗ gesblaͤtter des Auslandes Erwaͤhnung thaten. Sein Betragen war bis zum letzten Augenblick ſo erbaulich, daß das verſammelte zahlreiche Volk Alles, was in der letzten Zeit wegen ſeiner Verbindung mit den Liberalen, Juden und Freimaurern geſagt worden war, ver⸗ gaß, und da ſich auf dieſe Weiſe ſein Ende unmittelbar an ſeine fruͤhere ſo entſchieden volksthuͤmliche, oder wenn man lieber will, populaire Laufbahn ſchloß, ſo wird ohne Zweifel auch ſein Bild und Andenken in dem Munde des Volks in jenem Lande ungetruͤbt fortleben.— Druck von Friedrich Ernſt Huth. „ 3 8 „ 8 2* — 2 2 4 4 8 8 3 1 “