5 14 * 9 ₰ 1 5———-= Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von⸗.. Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen mü eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: ſſen, bei Entgegennahme für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Ml.— Pf. 1 Nr. 50 Pf. 2 N. gf 3 4 4 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſum Erſatz des Ganzen verp flichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 83„— 7—„—„„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung d — 2 Skizzen aus Spanien. ———— ———.— Druck und Papier von Fr. Vieweg und Sohn in Braunſchweig. Skizzen aus Spanien. Von V. A. Huber. Goͤttingen, Vandenhöck und Ruprecht. Vorwort und Einleitung. Indem ich, mit geziemender Scheu dieſes Buͤchlein als meinen erſten Verſuch in einem Zweige der Lite⸗ ratur, der ganz außerhalb meinen gewoͤhnlichen Be⸗ ſchaͤftigungen liegt, dem Leſer vorlege, ſei es mir er⸗ laubt, mit einigen Worten anzudeuten, was ich da⸗ mit will und meine, auf daß der Leſer weder mehr, oder etwas anderes darin ſuche, als ich zu geben gedenke und verſpreche; denn danach hoffe ich von dem Billigen beurtheilt zu werden. Manchem mag es beduͤnken, daß es ſo vieler Umſtaͤnde bei einem Buche von ſolcher Gattung gar nicht be⸗ duͤrfe, wo es doch blos auf eine augenblickliche Unterhaltung abgeſehen ſei; mir aber ſteht nicht nur das Recht, ſondern die Pflicht zu, auf ein Werk, was ich dem Publikum vorlege, einen hoͤheren und ernſteren Werth zu ſetzen, da in der That dieſe meine eigene Anſicht von demſelben das einzige iſt, was ein ſolches Wagniß entſchul⸗ VI Vorwort und Einleitung. digen kann. Nichts kann wohl beleidigender fuͤr das Publikum und unverantwortlicher von Seiten des Schriftſtellers ſein, als wenn er jenem Ar= beiten vorlegt, die in ſeinen eigenen Augen kei⸗ nen, oder doch nur einen ſehr untergeordneten Werth haben; und doch geſchieht es nur zu oft, daß Schriftſteller auf dieſe Art die Achtung vor ſich ſelbſt und vor dem Publikum aus den Augen ſetzen. Damit wenigſtens dieſer Vorwurf mich nicht treffe, erklaͤre ich offen, daß ich wirklich glau— be, der vorliegende Verſuch koͤnne zu etwas beſ⸗ ſerem, als zu einer augenblicklichen, ſpurlos vor⸗ uͤbergehenden Unterhaltung dienen, daß ich hoffe, er moͤge nicht mit der Fluth unſerer gewoͤhnlichen Leihbibliotheksromane vermengt werden und in ihr untergehen. Daß ich, wie ſchon der Titel dieſes Buͤchleins andeutet, keinesweges dabei im Sinn hatte, einen Roman, auch keinen hiſtoriſchen Roman zu ſchreiben, iſt einerſeits ein Vortheil, denn einen guten hiſtoriſchen Roman zu ſchreiben, fuͤhle ich mich keinesweges im Stande; anderſeits aber iſt es ohne Zweifel bei dem gegenwaͤrtigen Geſchmack der Leſewelt ein Nachtheil, dem ich wohl verge⸗ bens durch dieſe Erklaͤrung ſuche zu entgehen. Meine Abſicht iſt durchaus, blos Wirklichkeit Vorwort und Einleitung. VII zu ſchildern. Die Perſonen, die Charaktere, die Sitten, die Anſichten und Leidenſchaften, die Ge⸗ genden und Gebaͤude endlich, welche ich in mehr oder weniger fluͤchtigen aber getreuen Bildern dem Leſer vorlege, ſind ſolche, die ich ſelbſt in Spa⸗ nien gekannt und geſehen habe. Die Begebenhei⸗ ten ſind ſolche, von denen ich entweder ſelbſt Augen⸗ zeuge war, oder von deren Umſtaͤnden ich durch Augenzeugen unterrichtet worden. Die einzige Frei⸗ heit, die ich mir dabei nahm, beſteht darin, daß ich dieſe einzelnen Bilder ſo verſetze, ordne und verbinde, daß ſie ein loſes Ganze bilden, was vermoͤge der durchhin laufenden Schickſale einiger Perſonen zuſammengehalten wird. Indem ich die⸗ ſes Ganze aber eine Folge von Skizzen nenne, enthebe ich mich aller Verbindlichkeiten, die einem Romandichter obliegen. Es kann mir deshalb auch nicht zum Vorwurf gereichen, daß ich weder ei⸗ nen Helden, noch eine Heldin einfuͤhre. Ich will blos Wirklichkeit geben. Der Romandichter mag nach Gefallen einen oder mehrere Perſonen zum Mittelpunkte ſeiner Schoͤpfung machen, um die ſich, ſie moͤgen handelnde oder leidende Roman⸗ helden ſein, die Begebenheiten drehen, und die von der Vorſehung, dem Schickſale, das heißt ei⸗ VIII Vorwort und Einleitung. gentlich von dem Dichter, mit ganz beſonderer Aufmerkſamkeit, ſei es nun in Glimpf oder Un⸗ glimpf, behandelt werden. In der Wirklichkeit giebt es keine Helden, und das oſtenſible Schick⸗ ſal kuͤmmert ſich wenig um den Einzelnen; am wenigſten in einer ſolchen Zeit, wie ſie uͤber Spa⸗ nien hereingebrochen iſt. Da ſind die Einzelnen und der Einzelne wenig oder nichts, als Wellen in dem gewaltigen Strom der Zeit— Brettlein in dem ungeheuern Schiffbruche. Solche unbedeutende klei⸗ ne Einzelnheiten gewinnen aber dennoch dadurch In⸗ tereſſe, daß der Strom doch nur aus einer Menge und Folge von kleinen Wellen beſteht, und dadurch, daß das menſchliche Herz doch nur von dem einzelnen Schickſal und Ungluͤck bewegt wird, waͤhrend es den vereinten Strom nicht aufzunehmen vermag. Kein menſchlicher Geiſt wuͤrde den Geſammteindruck eines Krieges oder auch nur eines Schlachtfeldes aushal⸗ ten koͤnnen, wenn er faͤhig waͤre, ihn ſo zu uͤberſehen, zu empfangen und zu begreifen, wie den einer ein⸗ zelnen Wunde oder Leiche. Von einem Volke, von einem Lande, von einer Zeit einen Geſammt⸗ eindruck, gleichſam eine Abſtraction zu geben, iſt kaum moͤglich, und wenn es gelaͤnge, ſo wuͤrde ein ſolches Bild dennoch weder Geiſt, noch Herz, 4. Vorwort und Einleitung. IX noch Phantaſie des Beſchauers bewegen, weil es ihm eigentlich nichts zeigt, als den Eindruck, den der dargeſtellte Gegenſtand in dem Darſteller her— vorgebracht hat. Das einzige Mittel, die eigene Anſchauung, wenn auch noch ſo duͤrftig, zu er⸗ ſetzen, beſteht wohl darin: Individualitaͤten aus dem Volke, Localitaͤten aus dem Lande, Mo⸗ mente aus der Zeit darzuſtellen, und es dem Be⸗ ſchauer zu uͤberlaſſen, den Eindruck, den ſolche Bilder auf ihn machen, ſelbſt zu einer Anſicht des Ganzen, zu einer Abſtraction zu verarbeiten. Dafuͤr aber, daß ich keine Helden, weder Romanhelden noch andere ſchildere, ſondern blos ſolche unbedeutende Individuen, wie ſie die Maſſe des Volkes bilden, glaube ich um ſo weniger Ta⸗ del zu verdienen, da mich ſelbſt, und wenn ich nicht irre, auch viele andere, die eigentlichen Helden und Heldinnen auch in den beſten ſoge⸗ nannten hiſtoriſchen Romanen, z. B. von Wal⸗ ter Scott, weit weniger angeſprochen haben, als die lebendigen, kraͤftigen Darſtellungen von Sce⸗ nen aus dem wirklichen Leben des Volks, z. B. der Schotten, der Hochlaͤnder, welche in vieler Hinſicht eine wahre hiſtoriſche Wichtigkeit haben, indem ſie dem Leſer das Verſtaͤndniß der Geſchichte * X Vorwort und Einleitung. und der Schickſale dieſes Volkes erleichtern. So kann ich denn auch der Hoffnung nicht entſagen, durch dieſe Skizzen einen Beitrag zur Kenntniß eines der merkwuͤrdigſten, und dennoch vielleicht am wenigſten gekannten Landes und Volkes zu geben. Der einzige Grund, der mich bewog, dieſe Form der einer Reiſebeſchreibung vorzuziehen, iſt die Unmoͤglichkeit, in einer ſolchen alle jene einzelnen Zuͤge und Bilder, welche ſich dem aufmerkſamen Beobachter in einem fremden Lande in endloſer Menge aufdraͤngen, paſſend einzuſchalten. Es wuͤrde hiebei unmoͤglich ſein, von zwei Uebeln ei⸗ nem zu entgehen. Entweder der Gang und die Form einer guten Reiſebeſchreibung wuͤrde unter⸗ brochen und entſtellt, oder die Zerſplitterung der einzelnen Zuͤge und Farben ſolcher Bilder wuͤrde jeden lebendigen Eindruck unmoͤglich machen. Daß keine tiefer gehende, weiter ausholende Charakterentwicklungen in dieſen Skizzen ſich fin⸗ den, rechtfertigt nicht nur der Titel ſelbſt, ſon⸗ dern mir daͤucht, ſie waͤren dem Schauplatze, dem Gegenſtand an und fuͤr ſich weniger angemeſſen, als wenn jener ein anderes Land, z. B. Teutſch⸗ land darſtellte. Beim Spanier, und wenn ich nicht irre, beim Suͤdlaͤnder uͤberhaupt, iſt das Vorwort und Einleitung. XI ſubjective Leben uͤberwiegend. Religion, Gewohnheit, Gewalt, kurz das Poſitive entſcheidet viele Fragen, deren Aufloͤſung ſonſt allerdings in das Gebiet des Romanſchreibers gehoͤrt. Der Stoff ſelber iſt alſo bei dem von mir gewaͤhlten Gegenſtand nach die⸗ ſer Seite beſchraͤnkt, und dieſe Graͤnzen nicht an— erkennen, hieße ihn misverſtehen. Mancher Leſer wird durch das hier Geſagte nicht geneigter ſein, die Armuth an pſychologiſchen Entwicklungen, Sen⸗ timents u. ſ. w. zu entſchuldigen, was ich be⸗ daure, aber nicht aͤndern kann.— Daß das Schickſal mancher der handelnden Perſonen nicht weiter angedeutet iſt, rechtfertige ich damit, daß ich in der That nichts weiter von ihnen weiß. Laͤngere Beſchreibungen von Gegenden und andern Locglitaͤten, die nicht ſehr eng mit dem Gange der Geſchichte verknuͤpft ſind, muß ebenfalls der Ti— tel rechtfertigen. Der geneigte Leſer vergeſſe nur nicht, daß er Skizzen durchblaͤttert, ſo wird er manches entſchuldigen, was hier zu ſagen weit⸗ laͤufig waͤre.— Groß iſt die Zahl der Romane und Novellen in allen Sprachen, deren Schauplatz nach Spa⸗ nien verlegt iſt, allein mit ſehr wenigen Ausnah⸗ men verrathen alle eine ſo laͤcherliche Unbekannt⸗ XII Vorwort und Einleitung. ſchaft mit den phyſiſchen ſowohl als moraliſchen Localitaͤten dieſes Landes und ſeiner Bewohner, daß ſie in dieſer Hinſicht gar keiner Erwaͤhnung verdienen— welches Verdienſt ſie auch in Hin⸗ ſicht der Erfindung haben moͤgen. Ich kenne nur drei Werke dieſer Art, welche eine ehren⸗ vollere Ausnahme machen, naͤmlich den Don Alonzo von Salvandy, und die vor etwa zwei Jah⸗ ren in London erſchienenen Romane Don Eſteban und Sandoval. In Don Alonzo finden ſich viele Zuͤge und Charaktere aus der Maſſe des Volksle⸗ bens mit treffender Wahrheit dargeſtellt, allein ſie ſind oft faſt vergraben unter romantiſchem Schwulſt und unter den, uͤbrigens hoͤchſt treffenden und anziehenden Schilderungen hiſtoriſcher Begebenhei⸗ ten und politiſcher Verhaͤltniſſe. Fern iſt es uͤbri⸗ gens von mir, mit dieſen hingeworfenen Skizzen gegen dies treffliche Werk in die Schranken treten zu wollen, ich wuͤnſche im Gegentheil durch dieſe Bemerkung den Leſer von der Vergleichung abzu⸗ halten, da Art und Zweck und Anſpruch ſo ganz verſchieden ſind. Der Verfaſſer des Don Eſteban und Sandoval iſt ein Spanier, der ſeiner politi⸗ ſchen Meinungen wegen in London in der Ver⸗ bannung lebt. Seine Erzaͤhlungen ſind zum Theil Vorwort und Einleitung. XIII durch luͤbrigens vollkommen gerechtfertigten) Par⸗ theihaß, zum Theil durch die Sucht, nichts als hoͤchſt Außerordentliches zu berichten, entſtellt. In den Schilderungen des Spaniers fehlt oft grade das, was der Nichtſpanier verlangt, um ein lebendiges Bild zu erhalten, und uͤberhaupt ſucht er mehr durch abenteuerliche Begebenheiten, Gefahren und Verbrechen das Intereſſe des Leſers zu ſpannen, als durch unbefangene Darſtellungen aus dem wirklichen, gewoͤhnlichen Leben. So ſcheint es mir denn, daß es dieſen Skizzen nicht ſchaden kann, jene Vorgaͤnger gehabt zu haben, da ſie in der That ganz anderer Art und Weiſe ſind.— Ob die Charaktere, Sitten und Vorfaͤlle, welche ich ſchildere, dem Leſer eine guͤnſtige Mei⸗ nung von dem Theil des ſpaniſchen Volkes geben werden, den ſie darſtellen ſollen, muß ich dahin geſtellt ſein laſſen. Meine Abſicht iſt nicht zu lo⸗ ben oder zu tadeln, ſondern eben blos Beſtehen⸗ des zu ſchildern, auf jeden Fall aber moͤge der Leſer bedenken, daß es nur einige wenige Geſtal⸗ ten aus einem unendlich mannigfaltigen und aus⸗ gedehnten Gemaͤlde ſind, die ich hier geben kann. Von der Aufnahme, die dieſer erſte Verſuch fin⸗ XIV Vorwort und Einleitung. det, haͤngt es ab, ob ihm andere folgen werden, da ſich denn vielleicht die einzelnen Gruppen eher zu einem Ganzen ordnen moͤgen. Leid aber ſollte es mir thun, wenn der tuͤchtige Kern eines mehr durch fremde als durch eigene Schuld ungluͤcklichen Volkes, das ich ſo herzlich liebe und achte, nicht auch von meinen Leſern erkannt wuͤrde.— Dieſe wenigen Worte uͤber Art und Zweck dieſer Skizzen, glaubte ich mir ſelber und dem Leſer ſchuldig zu ſein, es ſei mir aber auch noch erlaubt, einige allgemeine Bemerkungen uͤber das geſellſchaftliche und haͤusliche Leben der Spanier vorauszuſchicken, welche in mancher Hinſicht das Verſtaͤndniß des Nachfolgenden erleichtern koͤnnen. Mit Unrecht wuͤrde man mir vorwerfen, zu viel Wichtigkeit auf einen wenig bedeutenden Gegen⸗ ſtand zu legen, denn was waͤre in der That wich⸗ tiger, als grade das geſellſchaftliche Leben bei einem Volke? Es iſt das eigentliche Reſultat ſeines Charakters, ſeiner Sitten, ſeiner buͤrgerlichen und religioͤſen Einrichtungen— in ihm mehr als ir⸗ gendwo anders zeigt ſich der Grad und die Art ſeiner Civiliſation. Um ſich hiervon zu uͤberzeu⸗ gen, braucht man ja blos zu bedenken, wie kurz die Zeit iſt, welche im gewoͤhnlichen Leben von Vorwort und Einleitung. XV. den buͤrgerlichen Pflichten oder Beſchaͤftigungen im engern Sinne eingenommen wird? wie wenige Stunden des Jahrs z. B. die Mehrzahl vor Ge⸗ richt, oder in der Kirche, oder auf der Redner⸗ buͤhne u. ſ. w. verleben, waͤhrend ſie, beſonders in Suͤden, den groͤßten Theil des Tages und der Tage in freien geſellſchaftlichen Beruͤhrungen irgend ei⸗ ner Art zubringen. Und dennoch glauben wir ein Volk zu kennen, wenn wir ſeine religioͤſen und ge⸗ richtlichen Einrichtungen und Verfahren, ſeine⸗Ge⸗ ſchichte und buͤrgerliche Verfaſſung u. ſ. w. nothduͤrf⸗ tig kennen— dennoch glauben die meiſten Schrift⸗ ſteller uns ein Volk hinlaͤnglich geſchildert zu haben, wenn ſie dieſe Dinge ausfuͤhrlich mehr oder weniger darſtellen, und begnuͤgen ſich, das geſellſchaftliche Leben mit wenig allgemeinen Redensarten abzu⸗ fertigen, wenn ſie es nicht ganz mit Stillſchwei⸗ gen uͤbergehen.— In der That liegen die Eigenthuͤmlichkeiten, wodurch ſich Spanien und die Spanier vor allen andern Laͤndern auszeichnen, weniger in ihren buͤrgerlichen Einrichtungen, als in ihrem geſell⸗ ſchaftlichen Leben. Auch in denjenigen Laͤndern, die, was jene betrifft, weſentliche Verſchiedenheiten darbieten, ſind dieſelben großentheils ſehr neu, XVI Vorwort und Einleitung. waͤhrend die Verſchiedenheiten des geſellſchaftlichen Lebens ſehr alt ſind. Auch iſt der Charakter des geſellſchaftlichen Lebens der Spanier in mancher Hinſicht ſehr verſchieden von demjenigen ihrer buͤr⸗ gerlichen und religioͤſen Einrichtungen, denn waͤhrend dieſe z. B. ganz den Stempel derjenigen Staats⸗ weisheit tragen, welche vor der Revolution als die hoͤchſte galt, und welche im Grunde auch jetzt noch ſich nur ſchlecht unter neuen Formen und Benen⸗ nungen verbirgt— waͤhrend ſie an allen Folgen einer unendlichen uͤbermaͤßigen Kuͤnſtlichkeit und Zahl der Triebraͤder, an einer daraus entſtehenben endloſen Langſamkeit, Foͤrmlichkeit und Verwir⸗ rung darniederlagen, zeichnet ſich das geſellſchaft⸗ liche und haͤusliche Leben der Spanier durch eine Friſche, Einfachheit und Freiheit aus, wiesſie in dieſem Grade vielleicht bei keinem andern euro⸗ paͤiſchen Volke gefunden wird. Dies iſt ohne Zweifel ein auffallender Gegenſatz, allein daß er ſchwer zu erklaͤren iſt, macht ihn nicht weniger wahr, obgleich es Vielen bequemer ſcheinen mag, dergleichen Gegenſaͤtze nicht anzuerkennen, oder nicht zu beachten, da ſie die allgemeinen Urtheile und Redensarten, mit denen man ſo leicht bei der Hand iſt, ſtoͤren. Billiger Weiſe ſollten aber, Vorwort und Einleitung. XVII wenn von dem Nazionalcharakter und der Bildung des ſpaniſchen Volkes die Rede iſt, nicht nur ihre buͤrgerlichen und religioͤſen Einrichtungen, ſondern noch weit mehr ihr geſellſchaftliches und haͤusliches Leben in Betracht kommen.— Daß uͤbrigens auch grade dieſe es ſind, die bei ſehr vielen Rei⸗ ſenden, und durch ſie bei dem Publikum im All⸗ gemeinen ſehr unguͤnſtige Urtheile und Anſichten uͤber die Spanier hervorgebracht haben, iſt keines⸗ weges zu verwundern. Die Urſache liegt theils darin, daß in der That ſehr viele Reiſende unbe⸗ greiflich wenig, und dieſes Wenige entweder ſehr fluͤchtig, oder mit einer unbegreiflichen Befangen⸗ heit ſehen. Dies findet zwar in allen Laͤndern Statt— man erinnere ſich nur der Urtheile engliſcher Reiſenden uͤber Teutſchland oder Frank⸗ reich— allein nirgends ſo haͤufig, wie in Spa⸗ nien, und einige Bemerkungen uͤber dieſen Punkt moͤgen nicht ganz uͤberfluͤſſig ſen. Spanien wird von allen europaͤiſchen Laͤndern vielleicht am we⸗ nigſten von Reiſenden beſucht; ſchon deshalb iſt es nicht zu verwundern, wenn die wenigen, die ſich hiezu entſchließen, mit einer verhaͤltnißmaͤ⸗ ßig groͤßern Menge von Vorurtheilen dies Land betreten, als es bei andern Laͤndern der Fall iſt, b XVIII Vorwort und Einleitung. und dieſe Vorurtheile weichen um ſo ſchwerer einer unbefangenen Anſchauung, da ſie faſt immer mit einer guten Doſis von Duͤnkel vermiſcht ſind. Da geraͤth kein franzoͤſiſcher oder engliſcher Muſterreiter nach Spanien, der nicht mit großer Verachtung auf ein Volk herabſaͤhe, das in der Fabrikation von Pomade oder Cattun ſo unendlich weit hin⸗ ter ſeinem eigenen zuruͤckſteht. Dieſer Duͤnkel iſt oft ſchon hinreichend, um auch gelehrten und ge⸗ bildeten Reiſenden die Augen zu verſchließen, und hierzu kommen noch die wirklichen Unbequemlich⸗ keiten oder Gefahren der Reiſe, die den an die Bequemlichkeit und Sicherheit anderer Laͤnder Gewoͤhnten leicht in eine permanente uͤble Laune verſetzen, in der er alles, was um ihn her vorgeht, nur nach dem Gefuͤhl von Unbehaglichkeit beurtheilt, was dieſe oder jene Einzelnheit ihm vielleicht mit Recht verurſacht. Ein Haupthinderniß aber iſt bei den meiſten Reiſenden der Mangel an einer hinrei⸗ chenden Fertigkeit in der Sprache des Landes. Dieſe iſt zwar in jedem Lande eine unerlaͤßliche Bedin⸗ gung, ohne die keinem Reiſenden das Recht zu⸗ ſtehen kann, ſich ein Urtheil uͤber das Volk an⸗ zumaßen— noch weit mehr iſt dies aber in Spa⸗ nien der Fall, wo eine fremde Sprache auch nicht Vorwort und Einleitung. XIX einmal zur Erlangung der nothwendigſten Lebens⸗ beduͤrfniſſe ausreicht. Dieſe und andere Urſachen, die hier auszufuͤhren nicht der Ort iſt, moͤgen es erklaͤren, daß wirklich viele Reiſende Spanien nur beſuchen, um die Vorurtheile, die ſie mit— bringen, und etwa einzelne Erſcheinungen, die ſich ihnen unangenehm und wider Willen aufdraͤngen, mit geſchloſſenen Augen auszumalen, und die Schoͤpfungen ihrer Phantaſie oder die Reminiszen⸗ zen aus den Berichten ihrer Vorgaͤnger als Dar⸗ ſtellungen des Landes und Volkes auszugeben. Ich will nur ein kleines, an ſich unbedeutendes Beiſpiel anfuͤhren. Nach der allgemeinen Mei⸗ nung haben die Spanier dunkelbraune, finſtere Geſichter, ſchwarze Augen, tragen breite Huͤte, das Haar in Netzen, und weite braune Maͤntel, ſind zerlumpt, ſchmuzzig, elend und faul. Dieſes Bild paßt zwar auf einzelne Theile einiger Pro⸗ vinzen, aber fuͤr manche andere, z. B. die Be⸗ wohner der Baskiſchen Provinzen iſt es ganz un⸗ paſſend. Die Basken ſind eher blond⸗ als dun⸗ kelhaarig, tragen keine breite Huͤte, das Haar nicht in Netzen, und keine Maͤntel, ſind im Ganzen wohlhabend, oder doch nichts weniger als zerlumpt, und auf jeden Fall eines der betrieb⸗ b* XX Vorwort und Einleitung. ſamſten, fleißigſten und frohſinnigſten Voͤlklein, die es giebt. Das alles hindert aber nicht, daß z. B. franzoͤſiſche Reiſende, ſo wie ſie uͤber die Bidaſſoa gegangen ſind, und bei Irun ſpaniſchen Boden betreten haben, pflichtſchuldig ſich uͤber die finſtern Geſichter, ſchwarzen Haare, Netze, breiten Huͤte, braunen Maͤntel, Lumpen und Faulheit vernehmen laſſen, die ſie uͤberall zu ſehen erwar⸗ ten, und deshalb uͤberall ſahen; obgleich ſie grade hier gar nicht vorhanden ſind. Gelangt ein ſol⸗ cher Reiſender endlich nach Caſtilien, wo er we⸗ nigſtens einen Theil jener Schoͤpfungen ſeiner Phantaſie wirklich findet, ſo iſt es aber auch ge⸗ nug fuͤr ihn, im raſchen Voruͤberfahren der Dili⸗ gence einige Maͤnner in braune Maͤntel gehuͤllt, den breiten Hut in's Geſicht gedruͤckt, mit(we⸗ nigſtens in den Augen eines Franzoſen) finſtern Geſichtern beiſammen ſtehen oder ſitzen zu ſehen, um die Leute als Lumpen, Naͤuber, Bettler oder Verſchworene ſeiner Phantaſie zu uͤberliefern, und die ſchoͤnſten philantropiſchen, aufgeklaͤrten Redens⸗ arten anzubringen.— Fern ſei es jedoch von mir zu laͤugnen, daß es nicht auch manche Reiſende in Spanien giebt, und gegeben hat, welche wenigſtens die Kunſt zu Vorwort und Einleitung. XXI ſehen und zu hoͤren einigermaßen verſtanden, obgleich man es auch den beſſern Reiſebeſchreibun⸗ gen uͤber Spanien leicht anſieht, daß die Verfaſſer ihre Menſchenbeobachtung auf einen viel zu engen und ausgeſuchten Kreis beſchraͤnkt, ſich viel zu ſehr von der Maſſe entfernt gehalten haben. Wenn nun auch die Urtheile ſolcher Reiſenden groͤßten⸗ theils ſehr unguͤnſtig fuͤr die Spanier ſind, ſo kaͤme es zunaͤchſt darauf an, zu unterſuchen, in wie fern die Grundſaͤtze, worauf ſolche Urtheile ſich gruͤnden, haltbar oder lobenswerth ſind.— Wer unſer ge⸗ ſellſchaftliches Leben als die einzige Bluͤthe oder Frucht aͤchter Civiliſation anſieht, wer in dieſem Treiben den hoͤchſten Genuß des denkenden, gebil⸗ deten Menſchen ſieht, der kann freilich nicht um⸗ hin, die Spanier der Barbarei anzuklagen. Fuͤr die Schauſpiele, Kaffeehaͤuſer und hundert andere oͤffentliche Beluſtigungsoͤrter, ohne welche auch verhaͤltnißmaͤßig kleine Orte im civiliſirten Europa nicht mit Ehren beſtehen koͤnnten, und worin ihnen leicht die groͤßten Staͤdte Spaniens nachſtehen; fuͤr die Diners, Soupers, Dejeuners, Ambigus, Thédan⸗ ſants, Soirées, Baͤlle, Routs, und wie die Erfin⸗ dungen der unerſaͤttlichen Leerheit unſeres Geſellſchafts⸗ lebens alle heißen moͤgen, findet man in Spanien XXII Vorwort und Einleitung. keinen Erſatz, und der einfache Lauf des haͤuslichen Lebens wird nur bei ſeltenen feierlichen Gelegenheiten unterbrochen. Selbſt in Madrid ſind es nur die hoͤchſten Staͤnde, welche in dieſer Hinſicht fremde Sitten anzunehmen ſtreben. Hiezu kommt nun noch, daß grade die einzige oͤffentliche Beluſtigung, welcher die Spanier mit Leidenſchaft nachhaͤngen, die Stiergefechte, von unſerer zartfuͤhlenden Ci— viliſation ohne Gnade verdammt wird.— Nech⸗ net man nun noch die Armuth an den unzaͤhligen Gegenſtaͤnden des Lurus im Haus⸗Tiſch⸗Kuͤchen⸗ und Bettgeraͤthe, in der Kleidung und Nahrung, welche unſer verfeinerter Geſchmack zu mehr oder weniger allgemein verbreiteten oder begehrten Be⸗ duͤrfniſſen erhoben hat, ſo iſt es leicht erklaͤrlich, daß die meiſten Fremden das geſellſchaftliche Leben der Spanier wegen ſeiner unertraͤglichen barbari⸗ ſchen Einfoͤrmigkeit verdammen, und Spanien eher als einen Theil von Afrika, denn als das Haupt der Dame Europa anſehen.— Solche Urtheile ſind des Geiſtes unſerer ganzen Civiliſation und Aufklaͤrung vollkommen wuͤrdig. «Sie gleichen dem Geiſt, den ſie begreifen.“— Der letzte Endzweck unſerer ganzen induͤſtriell⸗re⸗ praͤſentativen Civiliſationslehre iſt das Hervorbrin⸗ Vorwort und Einleitung. XXIII gen der groͤßtmoͤglichen Menge materieller Genuͤſſe, und die Vertheilung derſelben unter die groͤßtmoͤg⸗ liche Menge von Menſchen. Die Freiheit ſelbſt — Preßfreiheit, Denkfreiheit, Wahlfreiheit, Ge⸗ werbfreiheit, Handelsfreiheit u. ſ. w.— iſt noth⸗ wendig, weil ohne Freiheit die Wiſſenſchaften, die Induͤſtrie, der Handel darnieder liegt, die Genuͤſſe vermindert, die Dampfmaſchinen verſcheucht werden. Die Wiſſenſchaften ſind nothwendig, und muͤſſen beguͤnſtigt werden, weil ihre Erfindungen der In⸗ duͤſtrie, dem Handel zu Gute kommen, und die Genuͤſſe vermehren. Freiheit, Wiſſenſchaft, Reli⸗ gion, Poeſie, ſind verſchiedene Raͤder in der gro⸗ ßen Maſchine welche Genuͤſſe fuͤr die Voͤlker fa— brizirt, oder in welcher die Voͤlker fabrizirend her⸗ umtreten, und dieſe Maſchinen, ſind um ſo preis— wuͤrdiger, je einfacher und ſchneller ſie arbeiten, und je mehr und je beſſere Arbeit ſie liefern. Die Voͤlker ſelbſt, ſtehen um ſo hoͤher in der Civiliſa⸗ tion, je groͤßer und je mannigfacher ihre Genuͤſſe ſind. Alles dies hat nun auch ſein Gutes, und i*ſt eine Entwickelungsſtuffe— nur der Hochmuth, der dies als das einzig Gute anſieht, iſt nicht gut, und es iſt erlaubt, zu Gott zu hoffen, daß dem Leben der Voͤlker wie der Einzelnen in der XXIV Vorwort und Einleitung. That noch andere Zwecke und Triebfedern zum Grunde liegen, und daß das Troſtloſe einer ſol⸗ chen Anſicht nur eben in der Anſicht, in dem Syſtem liegt, nicht in der Sache ſelbſt— zu hoffen, daß die Leerheit dieſes Syſtems allmaͤlig dargethan und gefuͤhlt— daß fuͤr den Werth der Voͤlker ein anderer Maßſtab eingefuͤhrt und aner⸗ kannt werde, als die Ellenzahl des Cattuns, den ſie zu produziren vermoͤgen. Man preiſt es oder prieß es ſonſt an den Alten, daß ſie in aͤrmlichen Huͤt⸗ ten wohnten, waͤhrend die Tempel ihrer Goͤtter und andere oͤffentliche Gebaͤude ſich in aller Pracht und Groͤße erhoben, welche der Stoff und die Kunſt dem Menſchenwerk verleihen koͤnnen. Mehr oder weniger iſt dies in Spanien noch der Fall. Die Wohnungen, die Lebensart der Privatleute ſind einfach aͤrmlich, die Kirchen, Kloͤſter, Hoſpi⸗ taͤler, Gerichtshoͤfe u. ſ. w. ſind prachtvoll.— Ein unverkennbares Zeichen der Barbarei nach un⸗ ſeren Begriffen von Civiliſation.— Dieſen Gegenſtand weiter auszufuͤhren, iſt hier nicht der Ort, und auch fuͤr das Geſagte finde ich keine andere Entſchuldigung, als den Unmuth, welchen die Urtheile und Anſichten die uͤber Spanien und die Spanier ſo allgemein verbreitet ſind, und ſo Vorwort und Einleitung. XXV ſelbſtgefaͤllig wiederholt werden, bei einem unbefange⸗ nen Beobachter zu erregen geeignet ſind, der mit aller Gewiſſenhaftigkeit ſich ſelbſt Rechenſchaft gebend, durchaus den großen Vorzug, den vorgeblich civiliſirte Nationen uͤber die Spanier haben ſollen, nicht einſehen noch finden kann, wenn er ſich nicht ganz von den Er⸗ ſcheinungen und Begebenheiten des Augenblicks befan⸗ gen laͤßt.— So paradox es klingen mag, ſo iſt vielleicht kein Land ſo geeignet wie Spanien, heilſame Zweifel ge⸗ gen die prahlende Weisheit unſerer Staatslehrer zu er⸗ regen. Wenn gleich die materiellen Nachtheile, welche aus der ganzen materiellen und moraliſchen Verbin⸗ dung von Urſachen und Wirkungen entſpringen ſollen, die ſeit Jahrhunderten den ſpaniſchen Staat und das ſpaniſche Volk bilden, ſehr uͤbertrieben worden ſind, ſo laͤßt ſich nicht laͤugnen, daß ſie in hohem Grade Statt finden; allein um ſo beachtenswerther iſt es, daß dieſe Ordnung der Dinge, man nenne ſie nun wie man will, ein Volk, ein Geſchlecht erzeugt und erzogen hat, das an Tuͤchtigkeit, an wirklichem moraliſchen Werth und na⸗ tuͤrlichen Anlagen, man mag es nun im Ganzen, oder ſeinen Indiniduen betrachten—von keinem Volke in der Welt uͤbertroffen wird, auch nicht von denjenigen, die ſich an der Spitze der europaͤiſchen Civiliſation waͤhnen. Doch wir kehren zu unſerm Gegenſtande zu⸗ XXVI Vorwort und Einleitung. ruͤck. Wenn die oͤffentlichen Beluſtigungen und die Lebensgenuͤſſe der Spanier einfacher ſind, als die unſrigen, ſo ſind ſie dafuͤr auch gleichmaͤßiger unter alle Staͤnde vertheilt, und koͤnnen grade ihrer gro⸗ ßen Einfachheit wegen ſich oͤfters, ja taͤglich wie⸗ derholen. Ein Vergnuͤgen z. B., was in Spanien Naͤnner und Frauen leidenſchaftlich lieben, iſt el Paſeo, das Spazierengehen. Jede Stadt, jeder Flecken, faſt jedes Dorf hat ſeine Alameda, oder ſeinen Paſeo— im verjuͤngten Maßſtabe den Prado von Madrid erſetzend. Ein geebneter Platz zwiſchen zwei Reihen Baͤumen, mit ſteinernen Baͤnken und einer Quelle oder Brunnen. Hier finden ſich jeden Abend die Bewohner in großer Zahl ein, um einige Male auf und abzugehen, auf einer Bank auszuruhen, ein Glas eiskaltes Waſ⸗ ſer zu trinken, wozu die Aguadores einladen, end⸗ lich um zu ſehen und geſehen zu werden. Es darf nicht unbemerkt bleiben, welche große Rolle in den Genuͤſſen der Spanier friſches Waſſer ſpielt. Das heiße Clima, die Seltenheit des Waſſers in eini⸗ gen Gegenden macht, daß man es mit groͤßerer Sorgfalt behandelt, und in den waſſerreichſten Laͤn⸗ dern und Staͤdten wird man ſich oft vergebens nach einem ſo friſchen, einladenden Trunk umſe⸗ Vorwort und Einleitung. XXVII hen, wie ihn in Spanien die Aguadores zu jeder Stunde und auf allen Straßen und Plaͤtzen anbieten. Eine andere, wenigſtens in der Art Spanien ganz eigenthuͤmliche oͤffentliche Beluſtigung, wenn man ſie ſo nennen will, ſind die Verſammlungen der Maͤnner auf irgend einem oͤffentlichen Platze, welche jeden Morgen zwiſchen zehn und eilf Uhr ſtatt finden. In Madrid iſt es die Puerta del Sol, in Toledo der Zocodover, in Sevilla die Plaza de Santo Domingo, in Granada die Plaza de Vivar⸗ rambla und der Zacatin u. ſ. w. Dieſe Verſammlungen haben eine auffallende Aehnlichkeit mit dem Forum, der d*„οο der Alten. Hier werden theils Privatge⸗ ſchaͤfte abgemacht, theils aber alle oͤffentlichen In⸗ tereſſen des Tages von dem leerſten Stadtgeſchwaͤtz bis zu den wichtigſten Angelegenheiten der Stadt, der Provinz oder des Landes unter den zahlreichen und wechſelnden Gruppen beſprochen, und zwar mit einem Eifer, oft mit einem Talent, und ſo unglaublich es ſcheint, mit einer Freimuͤthigkeit, wie man ſie vielleicht in dieſer Art und Form im keinem andern Lande findet. Dieſer Augen⸗ blick in dem taͤglichen Leben der Spanier, hat fuͤr ſie einen ſolchen Reiz, daß ich von Maͤnnern, die die glaͤnzendſten Hauptſtaͤdte Europa's bewohnt XXVIII Vorwort und Einleitung. hatten, und eher geneigt waren, das Ausland zu uͤberſchaͤtzen, das Geſtaͤndniß gehoͤrt habe: daß alle Genuͤſſe und Vergnuͤgungen von Paris, Wien, London und Berlin, ihnen keinen Erſatz fuͤr das Stuͤndchen geben koͤnnten, was ſie taͤglich auf der Puerta del Sol in Madrid zuzubringen gewohnt ſeien. Es haben dieſe Verſammlungen aber eine groͤßere Wichtigkeit, als es dem Auslaͤnder auf den erſten Blick ſcheinen mag. Wer den Charakter, die Stimmung, den Wechſel der Gruppen, die ſich z. B. auf der Puerta del Sol vereinigen, zu be⸗ urtheilen vermag, hat ſchon einen Schluͤſſel fuͤr den Gang der oͤffentlichen Angelegenheiten, der ihn ziemlich weit fuͤhren kann.— Die eigentlichen Geſellſchaften der Spanier, die ſogenannten Tertullas*), entſprechen im allge⸗ meinen wohl der Converſazione der Italiener, oder den Veillées, wie ſie hier und da in Frankreich auf dem Lande gebraͤuchlich ſind. Wer in einem Hauſe eingefuͤhrt iſt, wird ſelten oder nie wieder eingeladen. Es wird ihm nur mit dem allgemei— nen Ausdruck:«dies Haus iſt das Ihrige“ ge⸗ *) Welches mag wohl die Etymologie des Wortes Ter⸗ tulla ſein?— Es iſt mir bis jetzt nicht gelungen, darüber etwas Genügendes zu finden. Vorwort und Einleitung. XXIX ſtattet, wiederzukommen, ſo oft es ihm beliebt, je⸗ doch mit der Vorausſetzung, daß weder er noch die Bewohner deſſelben ſich dabei den geringſten Zwang auflegen. Kommt er zur Mittagszeit, ſo iſt er als Gaſt willkommen— kommt er waͤhrend der Sieſta, ſo iſt Niemand fuͤr ihn zu Hauſe— kommt er nach der Sieſta, und findet er die Fa⸗ milie zu Hauſe, ſo iſt er willkommen zu Geſpraͤch, Muſik oder Tanz, zuweilen auch— jedoch mehr in hoͤhern Zirkerln— zum Spiel. Alles aber ohne die geringſte Vorbereitung, ohne den gering⸗ ſten Zwang. Haben ein oder mehrere Paare Luſt zu tanzen, und findet ſich Jemand, der ihnen da⸗ zu aufſpielt, ſei es auf der Violine, Clavier und be⸗ ſonders Guitarre— an einem ſolchen aber fehlt es nie— ſo tanzen ſie ſo lange es ihnen Freude macht. Eigentliche Tanzparthien, Baͤlle, ſind da⸗ gegen ſehr ſelten. Ueberhaupt iſt der Hauptgrund⸗ ſatz der Tertullas, daß der gewoͤhnliche Gang des Hausweſens und des Lebens dadurch in nichts un⸗ terbrochen werden darf. Es ſind damit durchaus keine Ausgaben verbunden, da den Gaͤſten in der Regel nichts vorgeſetzt wird, als ein Glas Waſſer, oder hoͤchſtens eine Taſſe Chocolade, wenn ſie es verlangen. So geſchieht es, daß beinahe alle Staͤnde, XXX Vorwort und Einleitung. Arme und Reiche, ihre Tertullas haben— das heißt, daß es wenige Familien giebt, die nicht Abends ihre Freunde bei ſich verſammelten, wenn anders die geiſtigen oder koͤrperlichen Eigenſchaften der Mit⸗ glieder der Familie von der Art ſind, daß ſie Je⸗ manden anziehen und feſſeln koͤnnen. Dieſe Ter⸗ tullas legen aber der Familie, oder der Perſon, die ſie giebt, keinesweges den Zwang auf, zu Hauſe zu bleiben, und ſeine Gaͤſte zu erwarten. Zieht ſie es vor, den Paſeo, oder eine andere Tertulla zu be⸗ ſuchen, und finden ihre Beſucher das Haus leer, ſo findet kein Menſch etwas dagegen auszuſetzen. Dieſelbe Zwangloſigkeit herrſcht in der Kleidung, und man geht in die Tertulla und giebt die Ter⸗ tulla in demſelben Anzuge, den man den ganzen Tag und bei ſeiner gewoͤhnlichen Beſchaͤftigung traͤgt. Der Charakter des geſellſchaftlichen Lebens in Spanien wird am beſten durch einen Ausdruck bezeichnet, den der Fremde haͤufig hoͤrt, wenn er die Umſtaͤndlichkeit, Pruͤderie und Eitelkeit des un⸗ ſerigen dort ſucht, oder es hinuͤbertraͤgt, und ſich nicht gleich davon losmachen kann— leider iſt dieſer Ausdruck aber nicht woͤrtlich zu uͤberſetzen, grade weil man in andern Laͤndern die Sache nicht kennt: Aqui hay franqueza, ſagen die Spanier. Vorwort und Einleitung. XXXI Man kann nun freilich fragen: welcher Genuß und welcher Nuzzen aus dem Zuſammenſein der Unterhaltung von Menſchen entſtehen kann, denen es an Kenntniſſen und an Gegenſtaͤnden der Un⸗ terhaltung ſo ſehr mangelt, deren geiſtige Bildung ſo beſchraͤnkt iſt, wie man ſie, und in gewiſſem Sinne, bis zu einem gewiſſen Punkte mit Recht bei den Spaniern vorausſetzt. Meine Abſicht iſt hier nicht, die ſchwachen Seiten deſſen, was wir bei uns als Bildung ruͤhmen, zu pruͤfen, und zu un⸗ terſuchen, in wiefern dieſe Bildung, dieſe Ueber⸗ fuͤle von Eindruͤcken und Bildern, welche faſt aus⸗ ſchließlich aus Buͤchern, ſelten aus dem aͤußern Leben und in das innere fließen, den Geiſt berei⸗ chern und kraͤftigen, oder ihn abſtumpfen und ent⸗ nerven— in wiefern dadurch das geſellſchaftliche Leben(um dabei ſtehen zu bleiben) gewinnt oder verliert— ich will nur den Vorwurf, den man den Spaniern macht, ſo viel es moͤglich iſt, motivi— ren. Ich kann es als einen Erfahrungsſatz aufſtellen, daß ein Auslaͤnder, der nur einen geſunden offe⸗ nen Sinn, gleichſam einen unverdorbenen geiſti⸗ gen Magen mitbringt, in ſehr kurzer Zeit ein blei⸗ bendes Gefallen an dem geſellſchaftlichen Leben, an der Unterhaltung der Spanier, kurz an den ſpani⸗ XXXII Vorwort und Einleitung. ſchen Tertullas findet. Die Urſachen, welche dies Wohlgefallen hervorbringen, laſſen ſich leicht er— kennen. Die Spanier, ſo beſchraͤnkt auch immer der Kreis ihrer Ideen und ihres Wiſſens iſt, brin⸗ gen zur Unterhaltung uͤber die Gegenſtaͤnde, die nun einmal innerhalb dieſes Kreiſes liegen, einen gewiſſen Ernſt, einen wohlgemeinten Eifer mit, der nothwendig die Seele der Unterhaltung iſt. Sie bringen auf der andern Seite fuͤr den Scherz einen offenen derben Sinn, ein freies Verſtehen, Geben und Nehmen, und in der Regel einen na⸗ tuͤrlichen Witz, einen derben Humor mit, den un— ſere Ueberbildung ausſchließt. Die ſpaniſche Spra⸗ che ſelbſt iſt, außer der engliſchen, die einzige, wel⸗ che Humor in reichen Stroͤmen enthaͤlt.— Der Spanier bringt zur geſellſchaftlichen Unterhaltung in der Regel einen offnen Sinn fuͤr alles Schoͤne und Edle, einen ſehr richtigen, wenn auch nicht ſehr geſchmeidigen Verſtand, eine lebendige Ein⸗ bildungskraft, einen tuͤchtigen praktiſchen Sinn in ſeinem Kreiſe von Beduͤrfniſſen und Wuͤnſchen, haͤufig eine gluͤhende Wißbegierde, die aber nur der Ueberzeugung ſich hingiebt, und die das lebendige Wort dem Buchſtaben vorzieht, endlich, und was vor allen Dingen ſehr zu beachten iſt, einen na⸗ Vorwort und Einleitung. XXXIII tuͤrlichen Anſtand und Wuͤrde des Benehmens, welche Gemeinheit ausſchließt, und die groͤßte Leichtigkeit des Ausdruckes in einer Sprache, deren Kraft und Reichthum nur der gehoͤrig ſchaͤtzen kann, der ſie im Lande ſelbſt gehoͤrt hat. Es ließe ſich vielleicht die ganze Sache in zwei Worten ſagen, die aber nicht teutſch ſind: die Spanier ſind we⸗ niger blasés wie wir civiliſirtern, gebildeteren Leute— ſie ſind weniger sophisticated, wie Shakſpeare irgendwo ſagt.— Jeder Unbefangene wird zugeben, daß dies ſchon Elemente ſind, welche dem geſellſchaftlichen Leben Annehmlichkeit und In⸗ tereſſe geben koͤnnen; allein es laͤßt ſich noch man⸗ ches ſehr Weſentliche hinzufuͤgen. Ohne gegen die ſo allgemeine Meinung von der Unwiſſenheit der Spanier, die große Anzahl von Maͤnnern anzu⸗ fuͤhren, welche die neuere Zeit mit den wiſſenſchaft⸗ lichen Schaͤtzen des Auslandes, wenigſtens Eng⸗ lands und Frankreichs, vertraut gemacht hat, wol⸗ len wir bei dem gewoͤhnlichen Durchſchnittsmaß⸗ ſtabe des Wiſſens, wie man es bei den Spaniern findet, ſtehen bleiben. Es iſt wahr, daß bei uns ein Gymnaſiaſt leicht eine Menge Dinge lernt und weiß in der Geſchichte, Naturgeſchichte, Ma⸗ thematik, alten und neuen Sprachen u. ſ. w., die c XXXIV Vorwort und Einleitung. ſogar einem ſogenannten Gelehrten(un sabio) in Spanien fremd ſind. Allein es iſt eben ſo wahr, daß dieſes viele Lernen, dieſes Ueberfuͤllen von außen, worauf unſere ganze Erziehung begruͤn⸗ det, und was vielleicht nicht zu aͤndern iſt, bei der groͤßten Mehrzahl die Geiſteskraͤfte, die eigent⸗ lichen Federn des geiſtigen Lebens, alles was na⸗ tuͤrlich iſt, und nicht angelernt werden kann, ſchwaͤcht und abſtumpft— ſo daß dieſe Mehrzahl, wenn ſie einmal das Ziel alles dieſes Lernens, ein Amt, oder Praxis, oder dergleichen erreicht haben, wenn ſie als Maͤnner im praktiſchen Leben ein⸗ getreten ſind, den groͤßten Theil jenes angelernten, eingeſtopften, wo nicht Alles, von ſich werfen, und dann meiſtens mit gelaͤhmtem, verdorrtem Geiſte, und ohne alles hoͤhere Intereſſe, bloß vegetiren. In Spanien iſt es anders. Der Spanier lernt in der Jugend nicht ſo viel aus Buͤchern, er ver⸗ gißt aber auch nicht ſo viel, und ſeine Geiſteskraͤfte bleiben friſcher, jungfraͤulicher moͤchte ich ſagen. Sein Charakter und ſein Urtheil bildet ſich mehr und fruͤher im wirklichen Leben, und als Mann ſteht er dann zwar viel aͤrmer an Wiſſen, aber auch im Ganzen viel reicher an Erfahrungen, an geſundem Menſchenverſtand, an lebendigem In⸗ Vorwort und Einleitung. XXXV. tereſſe fuͤr das, was er weiß, und an Begierde nach dem, was er nicht weiß, da, als dies bei uns im Durchſchnitt der Fall iſt; denn Ausnahmen, auch zahlreiche, entſcheiden natuͤrlich nichts. Das Wiſſen ſelber der Spanier iſt im Gan⸗ zen von der Art, daß es grade der geſellſchaftlichen Unterhaltung, dem lebendigen Worte eine leichtere und friſchere Nahrung giebt, als unſere umfaſſende Buͤchergelehrſamkeit, Buͤcherphantaſie und Buͤcher⸗ empfindſamkeit, weil ſie ſich meiſtens an das wirk⸗ liche Leben, an die naͤhere oder naͤchſte Umgebung der Geſellſchaft knuͤpft. In jeder Geſellſchaft, in jedem Staͤdtchen ſindet man einen oder mehrere Perſonen, die ſich mit der Geſchichte, der Kunſt, den Alterthuͤmern, oder den naturhiſtoriſchen Merk⸗ wuͤrdigkeiten ihrer Provinz, ihrer Stadt, oder ih⸗ res Staͤdchens beſchaͤftigen— nach ihrer Art frei⸗ lich und ohne eine Ueberſicht, oder auch vielleicht nur eine Ahnung des Zuſammenhanges dieſer ſie zunaͤchſt umgebenden Erſcheinungen mit dem gro⸗ ßen Ganzen der Wiſſenſchaft. Allein ihr Intereſſe iſt lebendig, das was ſie wiſſen, haben ſie ſelbſt geſehen, ſelbſt muͤhſam geſammelt, und gleichſam entdeckt, mag es auch anderswo ſchon lange bekannt geweſen ſein. Ihre Umgebung ſelbſt nimmt leben⸗ c*† XXXVI Vorwort und Einleitung. digen Theil daran, ihr Wiſſen iſt gleichſam ein Gemeingut, was zur Ehre und Erbauung der Provinz, der Stadt, des Dorfes oder der Geſell⸗ ſchaft bei ihnen niedergelegt iſt, und dem Fremden mit einem gewiſſen patriotiſchen Stolz gezeigt, auch gegen die Anſpruͤche und Verdienſte der Nachbarn eifrig vertheidigt wird. Einen ſehr wichtigen Platz in dem geſellſchaft⸗ lichen Leben der Spanier nehmen, wie ſich den⸗ ken laͤßt, die Frauen ein, und durch ſie die Lie⸗ be, und es laͤßt ſich im Ganzen annehmen, daß Jeder und Jede in der Tertulla, welche ſie nun einmal gewoͤhnlich beſucht, irgend eine Herzens⸗ angelegenheit betreibt. Dies iſt wirklich eine Art von gegenſeitiger ſtillſchweigender Vorausſetzung, es denkt Niemand daran, dem Andern etwas in den Weg zu legen, ſondern im Gegentheil es hat etwas Komiſches, wie die Geſellſchaft einem Frem⸗ den, der ſeine Wahl noch nicht getroffen hat, und daher nicht recht weiß, woran er iſt, und wo er ſeinen Platz ſuchen ſoll, oder einem Paare, das ſich ſucht, die Sache erleichtert. Was dagegen zu ſagen iſt, iſt ſehr leicht geſagt, und ohne zu ur⸗ theilen, will ich hier nur charakteriſiren. Der Umgang mit den Frauen und die Liebe iſt in Vorwort und Einleitung. XXXVII Spanien nicht blos leichte Galanterie oder kalte Berechnung, wie z. B. meiſtens in Frankreich, auch nicht bloße rohe Sinnlichkeit oder gemeſſene Foͤrmlichkeit, wie ſie ſich als ſonderbarer Gegen⸗ ſatz in dem Amte des Cavalier Servente in Ita⸗ lien zeigt; ſie iſt wirkliche Leidenſchaft des Her⸗ zens, immer ernſt, haͤufig bleibend. Der Cortejo in Spanien iſt keine Maske, kein zierlicher Scheingemahl, wie der Cavalier Servente in Ita⸗ lien, ſondern ein derber Liebhaber von Fleiſch und Bein, den gegenſeitige Leidenſchaft an eine Frau feſſelt. Wird die eheliche Treue und ihre Geſetze in Spanien auch vielleicht nicht ganz ſo ſtreng be⸗ wahrt, wie es wenigſtens die Anſichten des Nordens verlangen, ſo wird die Treue der Liebe und ihre Geſetze um ſo heiliger gehalten. Treulo⸗ ſigkeit in der Liebe wird von der oͤffentlichen Mei⸗ nung gebrandmarkt, ſo wie dagegen die Geſell⸗ ſchaft faſt jedes Verhaͤltniß, was die Liebe knuͤpfte, ſchuͤtzt. Die Spanierinnen machen d ie Liebe zu ihrer Hauptbeſchaͤftigung, und ſehen die Pflichten und Geſetze der Liebe als die wichtigſten und bindendſten an. Die ſtrengen Urtheile, welche uͤber die Spanierinnen gefaͤllt werden, entſpringen uͤbri⸗ XXXVIII Vorwort und Einleitung. gens, wenn ſie nicht blos das Product der Eitel⸗ keit und der Einbildungskraft ſind, aus der gro⸗ ßen Freiheit und Ungezwungenheit im Ausdrucke, aus derſelben Franqueza, welche dem ganzen ge⸗ ſellſchaftlichen Leben der Spanier zum Grunde liegt, und den Fremden bei oberflaͤchlicher Be⸗ obachtung, bei der Gewohnheit theoretiſcher Schluͤſſe, oder ſehr oft bei einer großen Eitelkeit, leicht zu ſehr irrigen Folgerungen und Anſichten verleiten. Was indeſſen auch die Spanierinnen fuͤr Fehler haben moͤgen, ſie ſind weder coquett noch pruͤde, und das iſt ſchon ſehr viel.— Was die Frauen nun außer der Liebe in das geſellſchaftliche Leben der Spanier bringen, und woran die ganze Geſell⸗ ſchaft Theil nehmen kann, waͤhrend die Liebe dem Einzelnen gehoͤrt, iſt eine unvergleichliche natuͤr⸗ liche Anmuth in der Rede, in dem Blicke, in allen Bewegungen, kurz in ihrem ganzen Weſen, welche man in der Art nirgends wiederfindet— einen natuͤrlichen Verſtand und Witz, mit einer Leichtigkeit und Kraft des Ausdrucks verbunden, die wirklich bei dem faſt gaͤnzlichen Mangel an eigentlicher Erziehung und Unterricht erſtaunens⸗ werth iſt— einen Enthuſiasmus fuͤr den Ruhm, die Unabhaͤngigkeit und Freiheit des Vaterlandes, Vorwort und Einleitung. XXXIX und uͤberhaupt eine Lebendigkeit und Friſche aller Gefuͤhle und Intereſſen, ſei es Liebe, Religion, Haß, Eiferſucht, Freude oder Schmerz, die ſich ohne falſche Scham oder Pruͤderie aͤußert, und bei jeder Gelegenheit wie ein unbaͤndiger Strom hervorbricht, in begeiſterten Worten, gluͤhenden Blicken und den ausdruckvollſten und doch anmu⸗ thigſten Bewegungen.— Sollte es dem Leſer ſcheinen, daß dies Bild von den Spanierinnen geſchmeichelt oder zu warm gehalten ſei, ſo verweiſe ich ihn auf das, was Laborde in ſeinem trefflichen Werke uͤber dieſen Gegenſtand ſagt, und was um ſo unverfaͤnglicher iſt, da es von einem Franzoſen kommt, der ge⸗ wiß nicht ohne die dringendſte Ueberzeugung ſeine Landsmaͤnninnen auf dieſe Art mit den Spanie⸗ rinnen verglichen haͤtte. Er ſagt unter andern ſehr treffend:«Die Spanierinnen haben eine Freiheit in ihren Ausdruͤcken und in ihrem Betragen, wel⸗ che bei Fremden leicht ein unguͤnſtiges Urtheil her⸗ vorbringt; allein wenn man ſie naͤher kennt, ſo weiß man, daß ſie viel mehr zu verſprechen ſchei⸗ nen, als ſie gewaͤhren, daß ſie ſelbſt ſolche Ver⸗ traulichkeiten nicht geſtatten, welche in andern Laͤndern die ſtrengſten Frauen ohne Nachtheil dul⸗ XL Vorwort und Einleitung. den zu koͤnnen glauben. Ein neuerer Reiſender (Townshend) der oft cauſtiſch und nicht ſelten voreilig in ſeinen Urtheilen iſt, hat dieſelbe Be⸗ merkung gemacht, allein er zieht daraus einen Schluß, der fuͤr die Spanierinnen ſehr unguͤnſtig iſt:«Da ſie ihre Schwaͤche fuͤhlen, und wiſſen, wie leicht ſie zu entflammen ſind, ſo mißtrauen ſie ſich ſelbſt, weil ſie fuͤrchten, zu leicht zu un⸗ terliegen.“ Das heißt ſehr viel Schwaͤche und ſehr viel Berechnung bei ihnen vorausſetzen, und ſie haben weder die eine noch die andere. Dieſe Art von Zuruͤckhaltung iſt in ihren Sitten und in ihren Gefuͤhlen begruͤndet; ſie entſteht aus ih⸗ ren Grundſaͤtzen in der Liebe, welche ihnen nicht geſtatten, halb zu gewaͤhren und jene Coquetterie anzuwenden, welche in andern Laͤndern ſo gewoͤhn⸗ lich iſt. Wenn die Sypanierinnen(ſchließt er) liebenswuͤrdig ſind, wenn ſie zuweilen unterrich⸗ tet ſind, ſo verdanken ſie es nur ſich ſelbſt; die Erziehung hat nichts fuͤr ſie gethan, ſie iſt faſt ganz vernachlaͤſſigt. Wenn ihre natuͤrlichen Anla⸗ gen durch eine ſorgfaͤltige Erziehung ausgebildet und entwickelt waͤren, ſo wuͤrden die Spanierin⸗ nen zu liebenswuͤrdig ſein.“— Da muͤßte man denn freilich erſt wiſſen, was unter einer educa- Vorwort und Einleitung. XLI tion soignée zu verſtehen ſei, und ob grade das, was der Franzoſe darunter verſteht, fuͤr die Spa⸗ nierinnen zu wuͤnſchen waͤre. Ohne viel daraus folgern zu wollen, bemerke ich noch, daß die Eng⸗ laͤnderinnen und Franzoͤſinnnen im Ganzen in Spanien mißfallen, waͤhrend man ſich dagegen wohl die deutſchen Frauen als eine Art von Ideal von Sanftmuth, blonden Haaren, blauen Angen, und Roſen und Lilien denkt. Han de serx muy dulces las Alemanas, ſagen die Spanier. Ein anderer charakteriſtiſcher Zug in dem ge⸗ ſellſchaftlichen Leben der Spanier, iſt der in an⸗ dern Laͤndern unbekannte Grad von geſellſchaftli⸗ cher Freiheit und Gleichheit, der in der Tertulla, auf dem Paſeo, auf der Plaza, den Handwer⸗ ker, den Kaufmann, den Offizier, den Beamten, den Geiſtlichen von jedem Range, den Adligen, den Marques und Grafen, auf einem Fuße der voll⸗ kommenſten Gleichheit in Beruͤhrung bringt. Und es verdient bemerkt zu werden, daß dieſe Gleich⸗ heit eben ſo ſehr, und noch mehr unter den Frauen herrſcht, welche leider in andern Laͤndern ſo oft die unliebenswuͤrdige Rolle von Prieſterin⸗ nen des Adels⸗, des Geld⸗ oder des Beamten⸗ und Titelhochmuthes uͤbernehmen.— XILII Vorwort und Einleitung. Aus dem, was hier uͤber geſellſchaftliche Frei⸗ heit und Gleichheit geſagt iſt, darf indeſſen kei⸗ nesweges gefolgert werden, daß diejenigen Staͤnde. oder Perſonen, deren Beſchaͤftigung, deren Ar⸗ muth, deren Mangel an Bildung ſie auf die untern Stufen der buͤrgerlichen Geſellſchaft geſtellt hat, ſich in die Gemeinſchaft der hoͤhern Staͤnde draͤngen, und darin eine Befriedigung ihrer Ei⸗ telkeit ſuchen. Grade im Gegentheil, die Selbſt⸗ ſtaͤndigkeit der untern Claſſen hat in Spanien niemals den trozzigen, aggreſſiven, frechen An⸗ ſtrich, den man oft in Frankreich und England findet, und der beſonders in England oft mit kriechender Demuth abwechſelt. Mit einem Wort, es iſt auch in dem gemeinſten Spanier, ſogar in dem Poͤbel nicht die Gemeinheit oder rohe Plumpheit, die man im Norden oft bei denſel⸗ ben Claſſen findet. Ich erinnere mich eines Eng⸗ laͤnders, der Spanien genau kannte, und bitter ta⸗ delte, aber doch endlich damit ſchloß: and yet, by God, theyare noble fellows! Derſelbe rechtliche Stolz, der verlangt, daß da, wo ſich die verſchiedenen Staͤnde beruͤhren, es auf dem Fuß der vollkommenſten Gleichheit geſchehe— der Stolz, der darin gar keinen Triumph, keine Ehre, ſon⸗ Vorwort und Einleitung. XLIII dern etwas ſich von ſelbſt Verſtehendes, ganz Natuͤrliches ſieht, verhindert ein verletzendes Auf⸗ draͤngen und Vermiſchen von Menſchen, die ih⸗ rer verſchiedenen Bildung nach keine genuͤgenden oder erfreulichen geſellſchaftlichen Beruͤhrungspunkte haben koͤnnen. Was aber in Spanien die Geſell⸗ ſchaften trennt, iſt nur die geiſtige Bildung, die geiſtigen Beduͤrfniſſe, nicht die aͤußere Stellung ihrer Mitglieder; und innerhalb deſſen, was man im Allgemeinen die gebildetern Staͤnde nennt, giebt es keine geſellſchaftliche Ariſtokratie und Abſonde⸗ rung.— Hier ſind hoͤchſtens nur einige Ueber⸗ reſte der alten Grandeza auszunehmen, deren Le⸗ ben nur dem Hof angehoͤrt.— Was unter oder außerhalb dieſer Graͤnze liegt, hat, wie ſich den⸗ ken laͤßt, nicht den Wunſch ſie zu uͤberſchreiten, ſondern haͤlt ſich zu Seinesgleichen; aber wo der Zufall die untern oder unterſten Staͤnde mit den hoͤhern oder hoͤchſten zuſammenfuͤhrt, z. B. auf Reiſen, ſogar in Verhaͤltniſſen voruͤbergehender Dienſtleiſtungen, da geſchieht es immer mit der vollkommenſten Gleichheit, die aber auch nur da⸗ durch moͤglich wird, daß die unteren Staͤnde gei⸗ ſtig nur durch groͤßere Unwiſſenheit ſich von den hoͤhern unterſcheiden, waͤhrend ſie alle natuͤrlichen III Vorwort und Einleitung. Anlagen mit ihnen gemeine haben, beſonders aber einen natuͤrlichen Anſtand, eine Wuͤrde des Be⸗ nehmens und der Haltung, und eine Leichtigkeit⸗ und Kraft des Ausdruckes, der kriechende oder rohe Gemeinheit ausſchließt, und es dem Gebil⸗ deten, dem Vornehmen moͤglich macht, mit dem gemeinen Manne wie mit Seinesgleichen umzu⸗ gehen. So geſchieht es denn, daß die aͤußern Formen der Hoͤflichkeit und der geſellſchaftlichen Beruͤhrungen unter allen Staͤnden ziemlich die⸗ ſelben ſind, alſo daß der gebildete Staͤdter ohne unangenehme Empfindung oder Beruͤhrung in ei⸗ ne Venta voll Fuhrleute oder Maulthiertreiber, oder in ein Bauernhaus, und der Landmann oder Maulthiertreiber, ohne Verlegenheit oder Demuͤ⸗ higung, in das eleganteſte Kaffeehaus oder in die Wohnung des reichſten Staͤdters tritt. Dieſe Art von geſellſchaftlicher Freiheit und Gleichheit, der rechtliche Stolz, die ernſte, gemeſſene Hoͤchflich⸗ keit, die edle Haltung, die man durchgehends auch ja faſt vorzuͤglich) bei den untern Volssclaſſen in Spanien findet, bringt bei dem Fremden, wenn er anders Sinn fuͤr dieſe Eigenſchaften hat, eine Art von bleibender angenehmer Empfindung, ein gewiſſes Behagen hervor, was ich wenigſtens in Vorwort und Einleitung. XLV keinem andern Lande empfunden, ſondern im Ge⸗ gentheil haͤufig ſchmerzlich entbehrt habe. Ja auf die Gefahr hin, als Sonderling zu erſcheinen, ge⸗ ſtehe ich, daß dieſes Gefuͤhl mir alle Beſchwerlich⸗ keiten oder Gefahren, welche ſonſt mit dem Reiſen in Spanien verbunden ſein moͤgen, nicht nur er⸗ traͤglich, ſondern angenehm gemacht hat— daß ich mit einer Art von Sehnſucht der Abende gedenken kann, die ich nach einer ermuͤdenden Tagereiſe in den ſpaniſchen Ventas zugebracht habe. 6 Ich bin moraliſch und durch Erfahrung uͤber⸗ zeugt, daß, wer Ausnahmen von dieſer Regel fin⸗ det, wer mit den Spaniern nicht auskommen kann, faſt immer die Schuld nur ſich allein zu⸗ zuſchreiben hat. Wer die Sprache nicht verſteht und gelaͤufig ſpricht, wer beſonders die Hauptregel:«Je⸗ dermann wie Seinesgleichen zu behandeln, und ſich keinerlei Arten von Airs zu geben,» aus den Augen ſetzt, wer dem Spanier Mißtrauen, Furcht, Hochmuth oder eine unziemliche Vertraulichkeit zeigt, der hat es freilich mit ihnen verdorben, und ei⸗ nen ſchweren Stand. Man wirft den Spaniern ihren Stolz vor, und das um ſo bitterer, da die hergebrachten Vorurtheile ihn als einen laͤcherlichen, grundloſen XVI Vorwort und Einleitung. Bettelſtolz erſcheinen laſſen. Allein dieſes Urtheil ent⸗ ſteht theils aus einer falſchen Vorausſetzung, theils aus eigener Eitelkeit. Der Stolz der Spanier gruͤn⸗ det ſich in der That eigentlich nicht auf eine Ueber⸗ ſchaͤtzung aͤußerlicher Vorzuͤge des Landes oder Volkes, oder auf eine Unkenntniß der eigenen Maͤngel und fremder Vorzuͤge, uͤberhaupt iſt er eigentlich gar nicht das Reſultat irgend einer uͤberlegten Schulß⸗ folge, er iſt auch vielleicht nicht ſowohl Nazional⸗ ſtolz, als Menſchen⸗ oder Mannesſtolz. Es iſt mit einem Wort nicht Eitelkeit oder Hochmuth, ſondern aͤchter Stolz, der ſich eben ſelbſt rechtfer⸗ tigt und weiter keinen aͤußern Grund dazu ſucht, oder braucht. Der Stolz der Spanier iſt in der Regel nichts weniger, wie aggreſſiv. Sie raͤumen ſehr gerne den Fremden den Vorzug in einer Menge aͤußerer Fertigkeiten und deren Fruͤchte ein, aber ſie ſetzen theils keinen ſo hohen Werth auf dieſe Dinge, weil ſie ſie nicht vermiſſen, theils bleibt ihnen trotz dieſer Vergleichung das Gefuͤhl des eigenen Werthes. Aeußert ſich aber der Stolz der Spanier zuweilen in einer weniger edlen Art, ſucht er zuweilen prahlend das Eigene gegen das Fremde hervorzuheben, ſo muß man bedenken, daß er faſt immer von Seiten des Fremden durch eine Vorwort und Einleitung. XVII unertraͤgliche Geringſchaͤtzung, durch ei ne beleidi⸗ gende Eitelkeit gereizt wird. Wenn der Spanier auf die Helden und Großthaten ſeiner Geſchichte, wenn er auf die ihn noch rings umgebenden herrlichen Denkmaͤler der Kuͤnſte, auf den Reich⸗ thum ſeiner Literatur, ſeiner Sprache blickt, wenn er in ſich ſelbſt den Stolz fuͤhlt, der keiner perſoͤn⸗ lichen Beleidigung oder Unterdruͤckung ſich bewußt iſt, keine dulden wuͤrde, wenn er endlich Sicher⸗ heit fuͤr die Befriedigung ſeiner einfachen Beduͤrf⸗ niſſe fuͤhlt, und den Luxus des Auslandes nicht vermißt, ſo kann es ihm denn doch mit Recht hoͤchſt laͤcherlich und beleidigend erſcheinen, daß n der Fremde als einen halben Barbaren, als einen Sklaven und Bettler zu betrachten wagt. Eine weitere Auseinanderſetzung dieſer Gegenſtaͤnde, Be⸗ weiſe der Thatſachen und Erklaͤrung ihrer Urſa⸗ chen wuͤrde hier viel zu weit fuͤhren; ich gebe jedoch die Hoffnung nicht auf, daß die nachfolgen⸗ den Skizzen, wenigſtens bei einigen Leſern, dazu beitragen moͤgen, ihre Anſichten uͤber Spanien zu modifiziren.— Skizzen aus Spanien. Am Eingang des bekannten Engpaſſes von Des⸗ peñaperros, durch welchen von Caſtilien nach Anda⸗ luſien die große Straße uͤber die Sierra morena fuͤhrt, liegt eine einſame Herberge: la Venta de Cardenas genannt*), und den Reiſenden durch ganz Spanien wohl bekannt. Dicht hinter dem Hauſe erheben ſich die von Schluchten zerriſſenen, felſigen Huͤgel der Sierra morena. Das Ge⸗ birge erſcheint dem Reiſenden, der durch die hohe, kahle Ebene von Caſtilien und der Mancha heb anzieht, nur als eine Reihe niedriger, dunkel⸗ blauer Huͤgel; waͤhrend es ſich von der ſuͤdlichen, andaluſiſchen Seite her in gewaltigen Maſ⸗ ſen erhebt. Vor der Venta breitet ſich, ſo 4) Venta heißt in Spanien jedes einzeln ſtehende, von Stadt oder Dorf entfernte Wirthshaus. Fondas, posadas, mesones nennt man die Wirthshäuſer in Dörfern und Städten. Die Fondas ſind die vor nehmſten. 1* 4 Skizzen aus Spanien. weit der Horizont reicht, die kahle, roͤthliche Ebene der Mancha aus, und von dem ermuͤdenden An⸗ blick erholt ſich willig das Auge an dem wenigen. Gruͤn, was ſich ihm in der naͤchſten Umgebung darbietet— zur Seite des Hauſes ein Gebuͤſch von bluͤhenden Mandelbaͤumen und Roſen und ein kleiner, verwilderter Garten mit etwas Gemuͤſe, Gurken und Melonen, die mit ihren uͤppigen Ranken und Blaͤttern die naͤchſten Baͤume faſt verhuͤllen und durch die Laſt ihrer ſaftigen Fruͤchte zu Boden ziehen. In der Mitte des Gartens wird ein Schoͤpfrad von der einfachſten Conſtruc⸗ tion, wie ſie von den Arabern vor tauſend Jah⸗ ren in Spanien eingefuͤhrt worden, unter eintoͤni⸗ gem Knarren von einem Maulthiere in Bewegung geſetzt, das mit verbundenen Augen gemeſſenen Trittes im Kreiſe herumſchreitet.— Vor dieſer Venta de Cardenas langte an einem ſchoͤnen Abend des Maimonats 1 822 ein Zug von ſchwerbeladenen Maulthieren mit ihren Fuͤhrern (horrieros) und einigen Reiſenden an,— Men⸗ ſchen und Vieh waren mit dem rothen, lehmigen Staube der Mancha bedeckt, und aͤußerten, jeder in ſeiner Art, die Freude uͤber das Ende einer langen, muͤhſeligen Tagereiſe. Bewillkommt wur⸗ Skizzen aus Spanien. 5 den die Ermuͤdeten nur durch das wuͤthende Ge⸗ bell einiger gewaltigen Ruͤden, die neben der Venta angekettet lagen, waͤhrend wohl ein Duzzend wun⸗ derſchoͤerr Windhunde, wie ſie die Mancha her⸗ vorbringt, von allen Seiten herbeiſprangen und den Laͤrm vermehrten.— Der Mayoral oder Fuͤhrer des Zuges, ein alter Mann, deſſen ſonnenverbranntes Geſicht Rechtlichkeit, mit der Schlauheit langer Erfahrung verbunden, aus⸗ druͤckte, ſtieg mit einem:„Gelobt ſei Gott!⸗ von der kleinen Stute, die er ritt, und fuͤhrte ſie am Zuͤgel durch eine kleine Pforte, die in dem großen Thorweg der Venta angebracht und indeſſen von Innen geoͤffnet worden war. Vor⸗ ſichtig und in guter Ordnung folgten die Maul⸗ thiere mit lang vorgeſtrecktem Halſe eines nach dem andern, und ſtellten ſich auch innerhalb ſchon von ſelber ſo, daß ſie mit Bequemlich⸗ keit abgeladen werden konnten. Die Treiber und die Reiſenden folgten ihnen und die Pforte ward, da es indeſſen Nacht geworden war, ſorg⸗ faͤltig wieder geſchloſſen und verrammelt.— Eine ausfuͤhrlichere Beſchreibung des Innern der Venta de Cardenas mag dem Leſer ein Bild von der beſten Gattung ſpaniſcher Herbergen geben, die 6 Skizzen aus Spanien. zuweilen mit bedeutenden Koſten zu milden Stif⸗ tungen gehoͤrig, oder von irgend einem großen Herren erbaut ſind, deſſen Wappen denn wohl uͤber dem Thor prangt.— Die Aehnlichkeit ſol⸗ cher Ventas mit den Karavanſerais des Orients i*ſt auffallend. Das Ganze bildet nur einen Raum, eine gewaltige Halle, deren Decke das Dach des Hauſes ſelbſt mit ſeinem Sparrwerk bildet, von drei Reihen ſtarker, viereckiger ſteinerner Pfeiler getragen. Auch bei Tage erhaͤlt dieſer ausgedehnte Raum nur durch einige kleine Luken in den Sei⸗ tenmauern und durch einige Dachfenſter ein ſpaͤr⸗ liches Licht, an welches das Auge ſich erſt gewoͤh⸗ nen muß, um die Gegenſtaͤnde einigermaßen zu erkennen und zu uͤberſehen. In dieſer Halle fin⸗ den Menſchen, Vieh und Gepaͤck Platz, und an manchem Abende mochte ſie wohl hundert Men⸗ ſchen und zwei bis dreihundert Maulthieren Obdach gegeben haben, ohne daß ſie ſich gegenſeitig ge⸗ ſtoͤrt oder beengt haͤtten.— Zunaͤchſt um das Thor ſtanden mehre beladene Fuhrmannskarren und vier⸗ raͤdrige Wagen, galeras genannt. Die Maulthiere waren zu beiden Seiten laͤngs der Mauer ange⸗ bunden und gaben ſich im Dunkeln nur durch Stampfen und Pruhſten kund. Um einige der Skizzen aus Spanien. 7 Pfeiler waren die Kiſten, Saͤcke und Ballen der verſchiedenen Karavanen aufgehaͤuft, die ihr Nacht⸗ lager in der Venta genommen hatten. Dem Thore gegenuͤͤber, am andern Ende der Halle, loderte auf dem gepflaſterten Boden ein gaſtliches Feuer. Der Rauch fand ſeinen Weg theils durch die Dachluken, theils zog er, leichtem Gewoͤlk aͤhn⸗ lich, unter dem Dach hin. Der einzige abgeſon⸗ derte Raum war ein kleiner Verſchlag zur Seite des Heerdes, fuͤr den Ventero und die Seinigen und zur Aufſtellung des noͤthigen Kuͤchengeſchirrs beſtimmt, und gleichſam ein Haͤuschen im Hauſe bildend. An der einen Wand deſſelben waren auf einem ſtarken hoͤlzernen Geſtell wohl ein Duzzend mannshoher und verhaͤltnißmaͤßig breiter Kruͤge von rothem Thon aufgeſtellt, den Waſſerbedarf fuͤr das Vieh enthaltend, waͤhrend fuͤr die Reiſen den zu beliebigem Gebrauch eine große Menge kleiner Geſchirre von zierlicher Form, voll Waſſer, auf einem Brette in leicht zu erreichender Hoͤhe ſtan⸗ den.— Zwiſchen dem Sparrwerke des Daches klebten einige Bodenkammern, faſt wie Schwal⸗ benneſter anzuſchauen. Um das Feuer her und in deſſen Naͤhe hatte ſich eine große Anzahl von Menſchen in einzel⸗ 8 Skizzen aus Spanien. nen Gruppen verſammelt, theils mit der Berei⸗ tung des Nachtlagers oder der Speiſen beſchaͤftigt, manche ſaßen auch ſchon an ganz niedrigen Tiſch⸗ chen und auf kleinen Schemeln(an orientaliſche Sitte mahnend) umher und verzehrten ihr maͤßi⸗ ges Abendmahl.— Am Feuer war die Padrona, eine aͤltliche, aber ruͤſtige Frau, mit einigen Maͤg⸗ den beſchaͤftigt, in mehreren Schuͤſſeln und Toͤpfen, die auf dem Boden umher ſtanden oder uͤber dem Feuer hingen, allerlei Speiſen zu bereiten, und behutſam wichen die Gaͤſte der barſchen, eifrigen Hausfrau aus.— Den beſten Platz am Feuer hatte auf einem hoͤlzernen Armſtuhl ein Geiſtli⸗ licher in der Ordenstracht der Dominikaner ein⸗ genommen. Ein wohlbeleibter Herr, mit feuri⸗ gen Augen, liſtigem Blick, hoher Stirn, und ei⸗ nem Mund, der Haͤrte und Herrſchſucht ausdruͤckte. Neben ihm ſaß, ohne ſich um ſeine andern Gaͤſte zu bekuͤmmern, der Ventero, ein Geſelle, wie ihn Cervantes allein zu malen vermag und des⸗ gleichen ſich vielleicht nur in Spanien findet. Auch die zuletzt angekommenen Reiſenden tra⸗ ten ſogleich zum Feuer und begruͤßten die Geſell⸗ ſchaft mit einem:«ave Maria purissima! gu⸗ ten Abend, Cavalleros, wohl bekomm' euch das Skizzen aus Spanien. 9 Abendeſſen.“— Der Gruß wurde von den Maul⸗ thiertreibern, Fuhrleuten und Bauern mit der ernſten Hoͤflichkeit erwiedert, die in Spanien den Umgang mit allen Staͤnden ſo ſehr auszeichnet und erleichtert. Die zunaͤchſt Sitzenden luden die Ankommenden mit einem:»iſt es euch gefaͤllig mit uns zu eſſen, Cavalleros?» ein, an ihrer Mahl⸗ zeit Theil zu nehmen; denn in Spanien herrſcht noch die arabiſche Sitte, daß Niemand etwas ißt oder trinkt, ohne vorher die Nachbaren oder ſogar die Voruͤbergehenden zur Theilnahme eingeladen zu haben*).«Tauſend Dank, ihr Herren!“» er⸗ widerte einer der Reiſenden— ein hoher, mage⸗ rer, doch wohlgebauter Mann mit hoher Stirne, freundlichem, aber ernſtem Blick, kohlſchwarzen, dicht anliegenden Haaren und einem feinen Munde. Der ganze Ausdruck des Geſichts hatte etwas ſonder⸗ bar Anziehendes und doch Raͤthſelhaftes. Nachdenken und Beobachtung waren der hervorſtechende Aus⸗ druck, doch nicht ohne eine Beimiſchung von Weich⸗ heit, die faſt Schwaͤche verrieth. Der Mann trug *) So wie auch ein Gegenſtand, der von Jemanden ge⸗ lobt wird, ihm ſogleich angeboten wird. Die Sitte beruht zum Theil auf einem Aberglauben, es ſoll da⸗ durch dem Fluch des Neides vorgebeugt werden. 10 Skizzen aus Spanien. einen langen ſchwarzen Ueberrock, der ihm nebſt einem halbwegs modiſchen Hut das Anſehen eines Fremden gab. Indeſſen richtete er ſich in gelaͤu⸗ figer caſtilianiſcher Rede, doch nicht ohne ein leich⸗ tes Ziſchen und uͤberfluͤſſiges Aſpiriren, was den Andaluſier verrieth, an die Wirthin und fragte freundlich:«Nun, Pabrona, was koͤnnt ihr uns zu eſſen geben?“— Gar nichts!» antwortete die Padrona barſch und ohne den Frager auch nur eines Blickes zu wuͤrdigen.«Was Ihr mit⸗ bringt, Cavallero, wird Euch meine Frau zube⸗ reiten laſſen,» ſetzte etwas menſchlicher der Ven⸗ tero hinzu.«Erſt muß ich dem wuͤrdigen Pater Francisco dies Huͤhnchen geſotten haben, dann wollen wir ſehen!» ſchloß die Padrona. Der Rei— ſende ſchien etwas verduzt uͤber dieſe barſche Ab⸗ fertigung, und lachend ſagte einer ſeiner Gefaͤhrten: «Ei, Don Antonio, habt Ihr ſchon wieder ver⸗ geſſen, daß Ihr nicht in Eurem geprieſenen Frank⸗ reich reiſet.— Aber ſeid nur ruhig, ich habe fuͤr uns Beide geſorgt.“ Der Sprechende war ein junger Mann von etwa zwanzig Jahren, deſſen ganzes Weſen frohe, unbefangene Lebensfreudig⸗ keit ausdruͤckte. In reicher Fuͤlle draͤngten ſich ſeine kaſtanienbraunen Locken unter einer Art von Skizzen aus Spanien. 11 militaͤriſcher Muͤtze(cachucha genannt) hervor, und ein zierliches neuangelegtes Baͤrtchen zog ſich um ſeinen Mund, der von nichts als Lachen und loſen Scherzen zu wiſſen ſchien. Seine Kleidung war halb ſtaͤdtiſch, halb laͤndlich, und man ſah ihr an, daß ſie auf Reiſen und im Wald und Feld wenig geſchont worden. Auf der Schulter trug er ein langes Jagdgewehr— und nicht ver⸗ gebens, denn ein Paar wilde Enten, die er un⸗ terwegs geſchoſſen hatte, in die Hoͤhe haltend, rief er:«nun es wird ſich wohl eine mitleidige Seele finden, die uns dieſe Enten ſiedet und bratet,» und damit fing er, ſein Gewehr an einen Pfei⸗ ler haͤngend, an ſie zu rupfen; ward jedoch bald in der Arbeit unterbrochen, indem ein junges Muͤdchen herbeiſprang und freundlich ſprach:«Je⸗ ſus! Cavallerito, was ſeid Ihr ungeſchickt, und habt doch ſo niedliche Haͤndchen. Gebt nur her! ich will fuͤr Euer Abendeſſen ſorgen.“— Gott ſegne deine ſchwarzen Augen, Koͤnigin meiner Seele, denn wahrlich, meine niedlichen Haͤnde, nebſt den Armen, die daran ſitzen, weiß ich beſſer zu gebrau⸗ chen.“ Gewandt entſchluͤpfte ihm das Maͤdchen, und der junge Menſch ließ ſich, waͤhrend ihr Abend⸗ eſſen bereitet wurde, mit ſeinen zwei Reiſegefaͤhr⸗ 12 Skizzen aus Spanien. ten an einem der kleinen Tiſchchen(oder vielmehr Baͤnke) nieder, das indeſſen leer geworden war. Der dritte Reiſende hatte, auf ein Soldatengewehr mit Bajonet gelehnt, bis jetzt keinen Antheil an dem was vorging genommen. Er war ein aͤltlicher Mann mit wenig bedeutenden Zuͤgen, roͤthlichen Haaren und durchdringenden grauen Augen, und trug einen grauen Infanterieoberrock, wie er bei der Nationalmiliz von Madrid eingefuͤhrt war. Erſt auf eine wiederholte Einladung ſeines jungen Ge⸗ faͤhrten nahm er neben ihm Platz.«Ihr hoͤrt und ſeht wieder nicht, Vallejo!» rief dieſer,«iſt das nicht eine allerliebſte Dirne?“—«Ein al⸗ lerliebſter Kindskopf ſeid Ihr, Rojas,» war die Antwort.— Ich habe mehr geſehen und gehoͤrt, als Ihr. Schaut z. B. dort den ehrwuͤrdigen Pa⸗ ter, der uns ſo aufmerkſam von der Seite be⸗ trachtet“—«Nun,“ meinte der Andere lachend, « der Hochwuͤrdige hat uns angemerkt, weß Gei⸗ ſtes Kind wir ſind, und damit er ſeiner Sache gewiß ſei, will ich ihm gleich das Tragala ſin⸗ gen und will es auch der Kleinen lehren, die dem alten Suͤnder dort eben die Hand kuͤßt.» — Morgen fruͤh, wenn du die Dirne wie⸗ der vergeſſen haſt,» antwortete ſein aͤlterer Ge⸗ Stizzen aus Spanien. 13 faͤhrte,«will ich dir mehr von dem Pater ſa— gen; und was das Tragala betrifft, ſo ſei ſo gut und ſieh dort hinter jenen Pfeiler.“— Rojas ſah ſich um und bemerkte einige Paare ſchwerer Kuͤraſſierſtiefeln, die an einem der Pfeiler aufgehaͤngt waren. Nun?“ fragte er lachend. «Nun 2» fuhr Vallejo fort,«ſolche Stiefel traͤgt hier kein Menſch als die Carabiniers, von denen eine Schwadron in Andujar liegt und die wahr⸗ ſcheinlich hier einen Poſten haben. Alſo, lieber Junge, ſei ſo gut und verſchlucke diesmal dein Tragala ſelber, denn ich habe keine Luſt deinet⸗ wegen Haͤndel zu kriegen, hab' auch mehr zu thun.»— Rojas hatte nur mit halbem Ohr die Ermahnung ſeines Gefaͤhrten vernommen, denn indeſſen war das Maͤdchen wieder zu ihnen getre⸗ ten, um den Tiſch zu decken, bei welchem Ge⸗ ſchaͤft ſie durch die Scherze des jungen Menſchen vielfach geſtoͤrt und haͤufig durch den ſcheltenden Zuruf der Mutter aufgeſchreckt wurde. Endlich ward das Abendeſſen aufgetragen und beſchaͤftigte eine Zeitlang die hungrigen Reiſenden hinlaͤnglich. Auch der Mayoral, der indeſſen mit ſeinen Maul⸗ thieren und Gepaͤck beſchaͤftigt geweſen war, trat nun zur Geſellſchaft, gruͤßte die Fremden hoͤflich, 14 Skizzen aus Spanien. und die Padrona mit einem vertraulichen:«guten Abend, Mutter Anna.“ Dieſe erwiderte den Gruß mit ſeltener Huld:«ei, Vater Ramon*), laßt Ihr Euch auch endlich wieder einmal auf dieſer Straße ſehen? Seid willkommen!“— Nachdem das Abendbrot mit einigen Oliven be⸗ ſchloſſen war, hielt der Weinſchlauch(bota) die Geſellſchaft noch eine Zeitlang beiſammen. Rojas hatte eine Guitarre zur Hand genommen und riß mit kunſtfertiger Nachlaͤſſigkeit in die Saiten, dem jungen Maͤdchen, das ſich immer etwas bei ihm zu thun machte, allerlei Liedchen vorſingend. Der Pa⸗ ter hatte ihrem Treiben nicht ohne ſteigenden Verdruß zugeſehen, und auf einen Wink von ihm erſchallte von neuem die Stimme der Mutter: Geh zu Bett! Pepita, ſchaͤmſt du dich nicht? Fort! kuͤß' dem ehrwuͤrdigen Pater die Hand und geh zu Bett!“— Halb trozig, halb verſchaͤmt und furchtſam, that Pepita wie ihr geboten ward. Rojas aber rief ihr noch zu:«wart' einen Au⸗ genblick, Salzfaͤßchen, ich will dir noch einen *) Aeltere Männer und Frauen werden in Spanien ei⸗ gentlich: Onkel und Tante genannt, z. B. tio Ra- mon, lia Ana. Doch entſpricht der Ausdruck ganz unſerem Vater in dieſer Bedeutung. Skizzen aus Spanien. 15 Abendſegen lehren,» und nach dem Pater hinge⸗ wandt, ſang er im ſpoͤttiſchen Tone einige Stro⸗ phen des Tragala. Auf einen ernſten Wink ſeines Gefaͤhrten brach er jedoch ab und folgte dem Bei⸗ ſpiel der uͤbrigen Gaͤſte, welche ſchon groͤßtentheils ihr Nachtlager geſucht hatten. Strahlenfoͤrmig waren um die Pfeiler, welche zunaͤchſt am Heerde ſtanden, auf dem Boden wollene Decken und Schaaffelle ausgebreitet, auf welche, in ihre Maͤn⸗ tel gehuͤllt, die Maulthiertreiber und Reiſenden ſich lagerten, waͤhrend uͤber ihnen an dem Pfei⸗ ler ihre Gewehre, Weinſchlaͤuche und anderes Rei⸗ ſegeraͤth aufgehaͤngt war.— Allmaͤlig erſtarb in der weiten Halle ein Laut nach dem andern, das Feuer war zu einigen ſpaͤrlichen Kohlen einge⸗ brannt, und bald hoͤrte man in der Dunkelheit nichts mehr, als das einfoͤrmige Schnarchen der Schlafenden und hin und wieder das Stampfen der Maulthiere und Pferde.— Schon vor Tagesanbruch ward es jedoch wie⸗ der laut in der Venta. Das Durcheinanderren⸗ nen der Treiber, welche die Maulthiere fuͤtterten, traͤnkten und bepackten, der Ton der Schellen, womit ſich eine Karavane nach der andern ent⸗ fernte, verſcheuchte den Schlaf auch von denjeni⸗ 16 Skizzen aus Spanien. gen, deren Geſchaͤft ſie nicht ſo fruͤh aufgerufen hatte. Der wackre Ramon war einer der letzten, da er nur eine kurze Tagereiſe vor ſich hatte. Un⸗ ſere drei Reiſenden bezahlten der Padrona eine hoͤchſt unverſchaͤmte Forderung:«fuͤr den Laͤrm,»*) wie ſie es nannte, und machten ſich zu Fuß auf den Weg, nachdem Rojas vergebens gehofft hatte, die freundliche Pepita noch einmal zu ſehen, und ſich nicht wenig gekraͤnkt fuͤhlte, als die Padrona ihm ſehr trocken verſicherte, Pepita ſchlafe noch.— Bald waren auch Ramon's Maulthiere bereit und zogen in Begleitung der Treiber langſam dem Paß zu. Ramon ſtand indeſſen noch unter dem Thor und ſchluͤrfte bedaͤchtlich ſeine Taſſe Choko⸗ lade herunter, wie ſie nach bezahlter Rechnung in Spaniſchen Herbergen dem Reiſenden als Ab⸗ ſchiedstrunk umſonſt gereicht wird. Gluͤckliche Reiſe, Vater Ramon, Gott geleit' Euch!“» ſprach die Padrona, welche ſich gegen ihren alten Freund immer ungemein gnaͤdig bewies. Wir werden's brauchen koͤnnen,— meinte der Mayoral.— Schlimme Zeiten, Mutter Anna. Von Eurer *) Por el ruido, d. h. für Bereitung der Speiſen, Aufwartung und Aufnahme in dem Hauſe. Skizzen aus Spanien. 17 eignen Thuͤr aus ſieht man ja wieder ein neues Kreuz an der Straße.— Nun, die heilige J Jung⸗ frau ſteh' Euch bei, Alte!— betet fuͤr die arme Seele und fuͤr uns auch; lebt wohl.) Waͤhrend er ſo ſprach, unterſuchte er bedaͤchtig das Schloß ſeines Gewehrs, hing es an den Sattel, beſtieg ſeine kleine Stute und trabte dem Zuge nach, den indeſſen die Wendungen des Paſſes den Blicken entzogen hatten.„Ein wackrer Mann, der alte Ramon,“ ſprach die Padrona fuͤr ſich,«ein aͤch⸗ ter Altkaſtilier.— Ja wohl, ſchlimme Zeiten! Aber bringt er doch ſelber wieder ein Paar ſolche gottloſe Freimaurer und Atheiſten mit uͤber die Sierra morena. Sollte mich nicht wundern, wenn ihm was begegnet;— waͤr's nicht um Ra⸗ mon's willen, kein Ave Maria wollt' ich fuͤr das Geſindel beten, und wenn ich ihnen damit die ſieben Kinder von Ecija ſelber vom Leibe halten koͤnnte*). Aber, Mutter,— unter⸗ brach ſie Pepita, die indeſſen auch herbeigekommen war,— der Miliciano war doch ein ſchmucker *) Los siete nimos de Ecija, eine Räuberbande, die während vieler Jahre die Landſtraße von Cordova nach Sevilla und beſonders die Gegend von Ecija unſicher machte. 2 18 Skizzen aus Spanien. Junge, und wußte ſo huͤbſche Liedchen, und...» «Schweig, Pepita,» gebot die Alte,«lerne deine alten Gebote beſſer, ſtatt der neuen Lieder, und ſteh fruͤher auf— jetzt komm und mach' dem Pater Francisco ſeine Chocolate.) Damit ging ſie in's Haus und die Kleine trippelte ſchmollend hinter ihr drein. Ramon hatte indeſſen ſeine Maulthiere ein⸗ geholt, als ſie eben anfingen, langſam den Paß von Despenaperros hinanzuſteigen. Dieſer mochte wohl fruͤher ſeinen ominoͤſen Namen mit Recht gefuͤhrt haben— er bedeutet ſo viel als: ein Ort wo ein Hund den Hals brechen kann— aber unter der wohlthaͤtigen Regierung Carls III. ward hier eine breite Kunſtſtraße angelegt, die mit einigen Windungen nach der Hoͤhe des Paſſes, und in weit zahlreichern auf der andern Seite hinab nach dem Thale des Guadalquivir fuͤhrt. An manchen Orten iſt ſie auf kuͤhnen Bogen uͤber die tiefen Schluchten weggefuͤhrt, welche im Winter die Ge⸗ birgswaſſer bilden. Zu beiden Seiten der Straße erheben ſich die zerriſſenen Felſenzacken eines Glim⸗ merſchiefers in ſenkrechten Schichten, deſſen rothe Skizzen aus Spanien. 19 Farbe auffallend gegen das dunkle Gruͤn der Sta⸗ cheleichen und Pinien abſticht, welche auf einzel⸗ nen Terraſſen oder in den Schluchten des Gebir⸗ ges wachſen. Wo dieſe ſich hin und wieder er⸗ weitern, unterbrechen einzelne gruͤne Raſenplaͤtze, von bluͤhenden Mandelbaͤumen beſchattet, den duͤ⸗ ſteren Charakter der Gegend. Hier weiden Vieh⸗ heerden, und der gewaltige Stier der Sierra morena wetzt ſein Horn an den Staͤmmen der Eichen, ſcharrt die Erde und ſchaut bruͤllend nach dem voruͤbergehenden Reiſenden empor. Hin und wie⸗ der gewaͤhren die Windungen der Straße noch ei⸗ nen Ruͤckblick auf die rothe, kahle Ebene der Mancha, bis nach dem fernen Caſtell des alten Conſuegra und den Huͤgeln von Valdepenas. Langſam naͤherte ſich der Zug der Hoͤhe des Paſ⸗ ſes. Es mochten wohl funfzig Maulthiere und ein Duzzend Treiber(harrieros) ſein. Die einfache Kleidung der letzteren— kurze Jacken, Beinkleider bis an die Knie und lange Camaſchen, alles von grobem braunen Tuch, um den Leib rothe oder blaue Binden— ehrliche, etwas plumpe, ſonnenverbrannte Geſichter, endlich die eigenthuͤm⸗ liche Muͤtze(montera) bezeichnete ſie als Man- chegos(Bewohner der Mancha). Die meiſten 2* 20 Skizzen aus Spanien. trugen ihre Gewehre auf der Schulter, oder hatten ſie an den Packſaͤtteln der Maulthiere feſtgehakt. Der Mayoral unterſchied ſich in ſeiner Kleidung⸗ wenig von ſeinen Leuten.— Rojas und Vallejo gingen neben einander hinter dem Zuge her, und jener ſang luſtig eines der neuen Lieder, wie ſie damals von den politiſchen Ereigniſſen in großer Zahl hervorgerufen wurden.« Unverſchaͤmter Bur⸗ ſche!» ließ ſich ploͤtzlich halblaut und mit einem derben Fluch eine Stimme hinter ihnen verneh⸗ men. Ich meine mein Pferd, laßt Euch nicht ſtoͤren, Cavalleros,— ſitz' ich erſt wieder drauf, ſo ſollen ihm Sporen und Zuͤgel das Muͤthchen kuͤhlen,» ſprach der Unterbrecher, als die Beiden ſich raſch umſahen. Er war ein hoher, wohlgebauter Mann, von ſonderbar blaſſer Geſichtsfarbe, die durch einen kohlſchwarzen Bart noch auffallender wurde. Eine hohe Stirn, faſt kahler Scheitel, wenige ſchon in's Graue uͤbergehende Haare, aber augenſcheinlich mehr als Folge von Anſtrengun⸗ gen und Erfahrungen, als von Alter— eine Habichtsnaſe, feine, etwas zuſammengekniffene Lip⸗ pen— der forſchende, durchdringende Blick der ſchwarzen, tiefliegenden Augen machte ſein Geſicht zu einem von denen, die man nicht leicht wieder Skizzen aus Spanien. 21 vergißt. Er trug eine alte Reiter⸗Uniform mit reichen goldenen Epaulets und Schnuͤren, einen hohen Hut mit rother Feder, und unter dem Arme einen ſchweren Kuͤraſſierſaͤbel; allein auch ohne dies verrieth ſein ganzes Ausſehen und Hal⸗ tung den verſuchten alten Soldaten. Er fuͤhrte am Zuͤgel einen kohlſchwarzen andaluſiſchen Hengſt, der ſich ungeduldig baͤumte, aber auf des Herrn Zuruf ruhig und zierlich hinter ihm her ſchritt.— Nachdem man ſich gegenſeitig gegruͤßt hatte, ſagte Rojas:«Ihr habt da ein ſchoͤnes Pferd, Herr Offizier.⸗—«Steht Euch zu Dienſten, Caval⸗ lero,— erwiederte dieſer der gewoͤhnlichen Hoͤf⸗ lichkeitsregel in Spanien gemaͤß— aber— ſetzte er etwas ſpoͤttiſch hinzu— ich darf Euch wohl gar Cammerad nennen?—„Wie Ihr wollt, Herr!— antwortete der junge Miliciano halb beſchaͤmt, halb beleidigt,— ich bin Ser⸗ geant bei der Nazionalmiliz von Madrid.“— «Sehr ſchoͤn!» warf der Offizier leicht hin und das Geſpraͤch war abgebrochen, da ſie indeſſen auch den dritten Reiſenden, der nachdenklich eine Strecke vorausgegangen war, erreicht hatten.— Die Ca⸗ ravane hielt bei einem uralten Grenzſtein, der An⸗ daluſien von Caſtilien ſcheidet. Auf der andalu⸗ de Toledo eingehauen*)— die erſte in An⸗ daluſien, die zweite in Caſtilien hochverehrt. Die Maulthiertreiber, lauter Caſtilianer, knieten auf ihrer Seite des Steins und beteten ſtill. Die beiden Milicianos nahmen ihre Muͤtzen ab und ſahen ruhig zu, waͤhrend zu ihrer nicht geringen Verwunderung ihr Reiſegefuͤhrte auf der andaluſi⸗ ſchen Seite ebenfalls niederkniete und betete, wo⸗ 1 bei ihn der Offizier, der ſich nicht um die Anderen und noch weniger um den Gegenſtand ihrer Ver⸗ ehrung zu kuͤmmern ſchien, mit ſpoͤttiſchem Laͤ⸗ cheln beobachtete. Nach einer kleinen Weile brach der ganze Zug wieder auf und beeilte ſich die Hoͤhe des +— Paſſes zu erreichen. Bald erſchallte ein frohes: sda liegt Andaluſien!» aus dem Munde der vor⸗ derſten Reiſenden.— Weithin in bedeutender Tiefe breiten ſich am Fuße des dunkeln Gebirges und ſeinen Schluchten, ſanfte Huͤgel aus, mit *) Erſtere iſt das Schweißtuch der heiligen Veronica, was in Jaen gezeigt wird. Die virgen del Sagra- rio iſt ein Muttergottesbild, was in der Kathedral von Toledo verehrt wird. — Skizzen aus Spanien. 23 dem blaͤulichen Gruͤn der Oliven bedeckt— hier und da glaͤnzen die weißen Mauern einzelner Hoͤfe(cortijos) daraus hervor, von dem ſaftigen Gruͤn der Orangen umgeben. Links in bedeuten⸗ der Ferne erblickt man die alte Kathedral von Jaèn, naͤher Basza und, von gruͤnen Weiden umgeben, Ubeda, waͤhrend die maleriſchen Gipfel der Gebirge von Granada, im Strahl der Mor⸗ genſonne geroͤthet, den Horizont begraͤnzen. Links oͤffnen ſich in ſchauerlichem Dunkel die Schluch⸗ ten der Sierra morena, las Navas de Toledo genannt, und beruͤhmt durch den herrlichen Sieg, den im Jahr 1250 hier der Koͤnig Don Alfonſo uͤber zahlloſe Heere des Miramumilin erkaͤmpfte, alſo, daß die Leichen von zweimal hunderttauſend Afrikanern in den Thaͤlern aufgehaͤuft wurden.— Schweigend genoſſen die Reiſenden des An⸗ blickes. Ein ſanfter Suͤdwind wehte ihnen den Duft der Roſen, des Rosmarin und unzaͤhliger aromatiſcher Kraͤuter entgegen, womit die ſuͤdlichen Abhaͤnge der Sierra morena bedeckt ſind. Das edle Roß des Offiziers wieherte freudig in die friſche Morgenluft hinein, als erkenne es die Weiden von Ubeda, ſeiner Heimath, und legte dann ſchmeichelnd den zierlichen Kopf auf die 24 Skizzen aus Spanien. Schulter ſeines Herrn, der ihm freundlich den ſchlanken Hals klopfte. Als die Reiſenden ſich anſchickten den Maulthieren zu folgen, die indeſ⸗ ſen weiter gezogen waren, wandte ſich der Offizier zu dem nachdenklichen ſchwarzen Manne, und ſagte in franzoͤſiſcer Sprache:« Ich haͤtte Sie nicht fuͤr ſo devot gehalten, Monsieur l'abbé, Sie knieten vor dem Heiligenbild da drunten faſt ſo andaͤchtig als unſer Freund, der alte Ramon hier. Solche Tugenden muͤßten doch in dieſem Augenblick in Frankreich mehr Anerkennung fin⸗ den, als bei uns.“ Der Angeredete ſah den Of⸗ fizier befremdet und mistrauiſch an, und ant⸗ wortete endlich ebenfalls franzoͤſiſch:«Kann ſein, daß Sie ſich in mir irren, Herr Offizier, doch geſteh' ich, daß jener Stein und dieſe Ausſicht mich tief ergriffen haben; ich betrete nach vielen Jah⸗ ren mein ſchoͤnes Vaterland zum erſtenmale wie⸗ der.— Allein— ſetzte er nach einer Pauſe hinzu— woher kennen Sie meinen Stand? woher wiſſen Sie, daß ich aus Frankreich komme?“ —„Ach,» antwortete jener,«was das erſte be⸗ trifft, ſo hab' ich in dieſer letzten Zeit, leider Got⸗ tes! mit den Herren Ihres Standes ſo viel zu ſchaffen gehabt, daß ich mir getraue, die Tonſur Skizzen aus Spanien. 25 unter Helm und Hut herauszufinden— da kommt auch ſchon mein wuͤrdiger Sancho Panſa, wir muͤſſen uns trennen. Uebrigens darf es Sie nicht verdrießen, wenn man mehr von Ihnen weiß, als Ihnen immer lieb iſt; das geht heut⸗ zutage manchem ehrlichen Manne ſo.“ Auf ei⸗ nem wohlgenaͤhrten Maulthier trabte der Pater Francisco heran.«Nun, wuͤrdiger Pater,— rief ihm lachend der junge Miliciano entgegen— hat Euch Pepita ſo lange in der Venta aufge⸗ halten? wahrlich Ihr macht mir Luſt gleich ſelbſt die Tonſur zu nehmen!“— Mit einem grim⸗ migen Blick antwortete der Pater:«Pepita laͤßt Euch fuͤr die ſchoͤne Muſik von geſtern Abend danken— hoffentlich werden wir Euch bald dazu tanzen lehren. Gott geleit' Euch, Kinder!“ Damit wandte er ſein Maulthier und ſchlug die Straße ein, welche hier links nach der Venta quemada abfuͤhrt, waͤhrend Rojas ihm lachend nachſang: si te pesa roe el hueso Los Liberales dicen a eso Tragala! tragala! tragala! tragala etc. Der Offizier hatte indeſſen abſeits einige Worte mit 26 Skizzen aus Spanien. dem alten Ramon geſprochen, er beſtieg nun ſein Pferd, und zu dem Reiſenden gewandt, ſagte er:« Lebt wohl, Don Antonio de Lara, und verſucht einmal, ob Ihr Euch nicht mehr an das Collegium von Antequera und an Euren Cameraden Fernando Mendizabal erinnern koͤnnt!“ Damit ſprengte er dem Pater nach und eine Kruͤmmung des Weges entzog ihn bald dem Blick des Reiſenden, der ihm verwundert, doch nicht erfreut nachſah, und dann ſeinen Gefaͤhrten nacheilte, die indeſſen ſchon ihre Maulthiere beſtiegen hatten.— Durch die von Olavides angelegten, ehemals mitten im wilden Gebirge bluͤhenden, jetzt groͤßten⸗ theils verlaſſenen und verwilderten deutſchen Colo⸗ nieen, Santa Elena und la Carolina, dann uͤber das Schlachtfeld von Baylen, wo Dupont dem kaiſerlichen Adler den Zauber der Unuͤberwindlich⸗ keit entreißen ließ*), und wo den noͤrdlichen Wan⸗ derer die erſten Palmen als ſichere Buͤrgſchaft fuͤr den erſehnten Suͤden, als Wegweiſer nach Afrika empfangen— uͤber Andujar, wo in unſern Ta⸗ *) Il a desenchanté l'armée, ſagte Napoleon von ihm. Skizzen aus Spanien. 27 gen das fuͤrſtliche Wort eines Bourbon als Speck ausgehaͤngt worden, um liberale Maͤuſe zu fangen — uͤber el Carpio endlich, wo die Waſſer des Guadalquivivir durch kuͤnſtliche Schoͤpfwerke in die Olivenpflanzungen des Herzogs von Alba gehoben werden, welche auf viele Meilen weit hin die Huͤ⸗ gel und Felder bedecken— ſo naͤherten ſich un— ſere Reiſenden der uralten Stadt Cordova. Mit ihren engen gewundenen Gaſſen, ihren zahlloſen Kirchen und Kloͤſtern, ihrer mauriſchen Moſchee, von gewaltigen uralten Mauern und Thuͤrmen umſchloſſen, hinter denen einſt die Araber verge⸗ bens dem heiligen Ferdinand zu trotzen meinten, liegt Cordova am Abhang der Sierra morena, welche hier ſich allmaͤlig in niedrigen Huͤgeln ver⸗ liert. Vom Guadalquivir bewaͤſſert, ſchließen Gaͤrten und Felder die Stadt ein, mit allen Wun⸗ dern der uͤppigſten Vegetazion geziert, von Hecken von bluͤhendem Cactus und Aloen, hinter denen Mann und Roß ſich verbergen kann, durchſchnit⸗ ten, und verlieren ſich nach dem Gebirge hin all⸗ maͤlig in ſchattige Waͤlder von kraͤftigen Eichen und Kaſtanien. Schon aus weiter Ferne tragen die Winde den Duft der Orangenbluͤthe dem Rei⸗ ſenden entgegen, der die erſten Tage in dieſem 28 Skizzen aus Spanien. Wogen eines aͤberſteoͤmenden, ungewohnten Lebens ſich kaum einer Art von Betaͤubung erwehren kann. Da wir hier nicht auf die fruͤheren Lebens⸗ verhaͤltniſee der Perſonen, mit welchen wir den Leſer bekannt gemacht haben, zuruͤck gehen koͤn⸗ nen, ſo theilen wir einen Brief mit, den Anto⸗ nio de Lara von Cordova aus an einen Freund in Paris ſchrieb, und der wenigſtens den noͤthig⸗ ſten Aufſchluß uͤber ihn giebt.— «So bin ich denn wieder in meinem bluͤhen⸗ den, duftigen, lebenskraͤftigen Vaterlande, und daß mir erſt hier wieder wohl und heimiſch iſt, beweiſt mir, daß ich noch, trotz der alle ſieben Jahre vollendeten Umwandlung, wovon die Phy⸗ ſiologen erzaͤhlen, aͤchtes andaluſiſches Blut in den Adern habe. Zehn Jahre ſind es nun, ſeit ich mein Vaterland verließ.— Eine kurze Zeit werden Sie denken, der Sie faſt dreißig Jahre lang dem Ihrigen entſagten, um Ihrem Glauben und Ihrem Koͤnige treu zu bleiben— aber welche Ewig⸗ keit durch die Fluth von Ereigniſſen, die waͤhrend dieſer zehn Jahre ſich uͤber Spanien ergoſſen ha⸗ ben; und doch haben ſie nur die Oberflaͤche etwas aufgewuͤhlt, nur einige voruͤbergehende Formen er⸗ Skizzen aus Spanien. 29 zeugt, und noch ſteht das alte Spanien und die alten Spanier unbeweglich unter der ſpaͤrlichen Huͤlle eurer Civiliſation.— Verfolgungen fana— tiſcher Prieſter trieben mich damals nach Frank⸗ reich, wo ich Schutz und einen Wirkungskreis fand, der mich vergeſſen ließ, daß ich ſonſt mehr gewollt und gehofft hatte. Jetzt vertreiben fana⸗ tiſche Prieſter mich aus eurem ſchoͤnen Frankreich, und ich ſuche in meinem Vaterlande Schutz und finde... nun, lieber Freund, viel Gutes und viel Schlimmes, und Gegenſaͤtze, die Sie in Ih⸗ rer civiliſirten, abgerundeten, nivellirten Umge⸗ bung ſchwer begreifen werden, an die ich ſelbſt mich erſt wieder gewoͤhnen muß. Manches hat ſich veraͤndert und ich ſelbſt vor allem. Als ich vor zehn Jahren meiner Kloſterhaft entſprungen, die Sierra morena uͤberſtieg mit allem jugendli⸗ chen Stolz eines Maͤrtyrers fuͤr Geiſtesfreiheit, duͤnkte ich mich gewaltig viel kluͤger als meine gu⸗ ten Landsleute, die andaͤchtig vor einem Heiligen⸗ bild knieten, was dort der Graͤnze huͤtet. Als ich vor zwei Tagen dieſelbe Straße zog, kniete ich vielleicht zur freiwilligen Selbſtdemuͤthigung, mit und betete wie ſie zu dem Heiligen, an das ich glaube, weil ich es nicht begreife.— 30 Skizzen aus Spanien. Stoͤrend, und faſt als ſchlimmes Vorzeichen, trat mir gleich darauf eine Erinnerung aus mei⸗ ner Jugend entgegen. Ein Menſch mit dem ich zuſam⸗ men auf dem Collegium zu Antequera erzogen wor⸗ den. Ohne eigentlichen beſtimmten Grund, ohne beſonders viel Streit mit ihm zu haben, hatte ich beſtaͤndig eine geheime Abneigung gegen ihn. Er iſt ein Baske, und wir Andaluſier koͤnnen uns ſchlecht mit dieſen ſteifen, hochmuͤthigen Narren vertragen. Auch wir fanden Mittel die verbote⸗ nen Fruͤchte franzoͤſiſcher Philoſophie zu genießen; aber waͤhrend bei mir und vielen Andern ein gluͤ⸗ hender Eifer fuͤr Denkfreiheit und was wir Men⸗ ſchenrechte nannten an die Stelle des alten Glau⸗ bens trat, den unſere geiſtlichen Lehrer uns ver⸗ aͤchtlich gemacht hatten, verhoͤhnte jener Mendiza⸗ bal unſern neuen Glauben, unſere Hoffnungen eben ſo bitter als jene der frommen Vaͤter. Er verließ das Collegium lange vor mir und ich habe ſeitdem nichts weiter von ihm gehoͤrt, als daß er mit Auszeichnung in den Heeren des Kaiſers ge⸗ dient hat. Jetzt iſt er, wie ich hoͤre, Rittmei⸗ ſter bei den Carabiniers, die in Cordova liegen. Das Regiment iſt wegen ſeines, der Conſtitution feindſeligen Geiſtes bekannt; es gehoͤrte fruͤher Skizzen aus Spanien. 31 zur Garde und iſt nun unter die Linie verſetzt worden. Mendizabal ſoll, wie ich hoͤre, in ſehr genauer Verbindung mit dem ſchaͤndlichen Freyre ſtehen und ſogar thaͤtigen Antheil an der Metzelei gehabt haben, die jener vor zwei Jahren in Cadix veranſtaltete.— Ich fuͤrchte, ich habe den Men⸗ ſchen nicht zum letztenmal geſehen.— Von mei⸗ nen Reiſegefaͤhrten wuͤßte ich Ihnen fuͤr's erſte nichts zu ſagen, als daß der eine ein junger Menſch von ſehr guter Familie iſt, deſſen Ver⸗ wandte in Madrid und Granada ich kenne. Vor dem andern bin ich von den Bruͤdern M. und O. in Madrid gewarnt worden. Er iſt Comunero und ſoll in Auftraͤgen der Geſellſchaft nach Cordova und Sevilla geſchickt worden ſein. Ich kann dieſe Verhaͤltniſſe zwiſchen Freimaurern und Comuneros noch nicht gehoͤrig beurtheilen, doch fuͤrchte ich unſere Bruͤder ſind nicht auf dem rechten Wege; davon ein Mehres.— Ich werde mich hier fuͤr's erſte nur wenige Tage aufhalten, und dann mit derſelben Reiſegeſellſchaft bis Mairena weiter rei⸗ ſen, wo naͤchſter Tage ein großer Markt gehal⸗ ten wird und ich mancherlei Bekannte zu treffen und Geſchaͤfte abzumachen habe. Ich habe in⸗ deſſen die geiſtliche Tracht wieder angenommen Skizzen aus Spanien. und mich dem Biſchoff vorgeſtellt, allein ich ſehe leider jetzt ſchon unendliche Schwierigkeiten bei meiner Rehabilitation voraus u. ſ. w.”„ Bei ſeiner Ankunft in Cordova hatte Anto⸗ nio in der Poſada gefragt: ob keine Leute aus Benamexi da ſeien?— Benamexi, Antonio's Geburtsort, iſt ein kleiner Flecken zwiſchen Ante⸗ quera und Loja, die Einwohner deſſelben ſind als die kuͤhnſten Contrebandiſten in ganz Andaluſien und den angraͤnzenden Provinzen bekannt. Der Vater oder der aͤltere Bruder beſorgt gewoͤhnlich die Wirthſchaft in Feld und Haus, waͤhrend die juͤngern Maͤnner Contrebande und Handel trei⸗ ben, indem ſie engliſche Waaren aus Gibraltar holen. Die Leute von Benamexi zeigen ſich durch ein ſtattliches Aeußeres, reiche Tracht, ſchoͤne Pferde und Waffen als aͤchte Andaluſier und Con⸗ trebandiſten, und Jedermann bedenkt ſich wohl ehe er ihnen etwas in den Weg legt.— «Ei ja wohl,— erwiederte die Padrona auf Antonio's Frage,— geſtern Abend ſind ein Paar von ihnen angekommen. Der ſchoͤne Eſteban Skizzen aus Spanien. 33 Lara iſt auch dabei; aber ſie ſind in der neuen Poſada abgetreten, weil die beſten Plaͤtze in mei⸗ nem Stall ſchon beſetzt waren, und anderswo wollen die Herren ihre Pferde nicht einſtellen.“— Eſteban war Antonio's Bruder, den er als ſechszehnjaͤhrigen Knaben verlaſſen hatte. Er ging ſogleich nach der bezeichneten Poſada, um ſeinen Bruder aufzuſuchen. Auf ſeine Nachfrage ging der Mozo hinein, und gleich darauf trat ein junger Mann heraus, mit trozigem Blick und Haltung, als erwarte er etwas Feindſeligem zu begegnen; als er jedoch einen Geiſtlichen vor ſich ſah, ſagte er hoͤflich:«ich bin Eſteban Lara, was ſteht Euch zu Dienſten, Cavallero?“— Der vorherrſchende Ausdruck in Eſtebans Geſicht war kuͤhne Lebensfreudigkeit und troziges Bewußtſein eigner Kraft, durch die Vorfaͤlle einer Lebensart voll Anſtrengungen und Gefahren und ſchnellen Wechſel von Gewinn und Verluſt erzeugt. Seine Zuͤge waren jedoch ſehr regelmaͤßig, ſein Kopf auf⸗ fallend klein, ſeine großen Augen verkuͤndeten eine Glut, die jeden Augenblick in helle Lohe aus⸗ brechen konnte. Seine Geſichtsfarbe war dunkel⸗ braun, ſeine Haare pechſchwarz in krauſen Locken. Er war fuͤr einen Andaluſier eher groß zu nen⸗ 3 34 Skizzen aus Spanien. nen. Sein ganzer Koͤrperbau verrieth Kraft, Ge⸗ wandtheit und Maͤßigkeit, und ward durch die reiche Tracht der andaluſiſchen Majo's in's vor⸗ theilhafteſte Licht geſett. Sein Haar war in ein gruͤnes Netz gebunden— die ſogenannte Rede⸗ cilla, die fruͤher in Spanien viel haͤufiger getra⸗ gen wurde, als jetzt. Er trug eine kurze Jacke von blauem Sammet mit vielen ſeidenen Schnuͤ⸗ tren, Stickereien und ſilbernen Troddeln— um den Hals nachlaͤſſig geſchlungen ein buntes ſeide⸗ nes Tuch, was jedoch das feine, ſchneeweiße Hemde mit breiter Krauſe nicht ganz verdeckte. Die enganſchließenden Beinkleider von feinem brau⸗ nen Tuch reichten bis an die Kniee— um den Leib trug er eine Faja von rother Seide*).— Schuhe und Camaſchen von hellbraunem Leder, faſt bis unter die Knie reichend und mit Sticke⸗ reien bedeckt, vollendeten den Anzug des jun⸗ gen Majo, der ſich Antonio als ſeinen Bruder vorſtellte**). *) Eine eigne Art von Gurt, beinahe wie ein langer Beutel geflochten, der wohl zehn bis zwölf mal um den Leib gewickelt wird. Der Zipfel, der dann ein⸗ geſchoben wird, dient zugleich als Geldbeutel. **) Wie ſo viele andere, ſo läßt ſich auch der Ausdruck Skizzen aus Spanien. 35 Antonio forderte laͤchelnd ſeinen Bruder auf, ſich zu beſinnen, ob er ihn nicht kenne und ihn majo und maja nicht überſetzen und ſchwer erklären, und wir wüßten keinen ganz analogen in einer an⸗ dern Sprache. Majo und maja wird erſtlich als Adjectiv in der Bedeutung von gepuzt(und beſonders mit der Abſicht zu gefallen) gebraucht, z. B. ay, due maja estas, nima! Ei, wie ſchön haſt Du Dich ge⸗ macht, Mädchen!— Als Subſtantip bezeichnet es aber bei den untern Volksklaſſen das, was wir in der höhern Geſellſchaft einen petit mattre, oder dandy, oder Stutzer zu nennen pflegen. Der Majo iſt ein junger Mann, der durch irgend eine Urſache veran⸗ laßt wird, in ſeiner Claſſe der Geſeuſchaft eine Figur ſpielen zu wollen. Dies geſchieht nun freilich eines Theils durch die Kleidung. Sie iſt in Andaluſien entſtanden;— wie? und zu welcher Zeit? können wir nicht angeben— und unter dem Namen Vestido de majo oder Vestido andaluz bekannt, wie denn auch der Majo ein ächt andaluſiſches Erzeugniß iſt und ſich nur dort in ſeiner Vollkommenheit findet. Die Klei⸗ dung und ein ſchönes Aeußeres reichen aber nicht hin, um unſern jungen Mann zum Majo zu machen. Er muß ſeine Anſprüche durch alle die körperlichen und geiſtigen Vorzüge bewähren und vertheidigen, die ihm unter Seinesgleichen und bei den Sitten und der Lebensart des Volkes Anſehen und Einfluß und die Gunſt der Frauen verſchaffen können. Er muß ein trefflicher Reiter und guter Schütz ſein, vor allen Dingen aber mit der navaja und dem pufal ſowohl im Stoß als im Wurf umzugehen wiſſen— er muß auch, wenn er nicht etwa ſelbſt torero(Stier⸗ fechter) iſt, doch auf der plaza de toros mit Ehren ſich zeigen können. Er muß dem fandango, die ma- 3*† 36 Skizzen aus Spanien. genau anzuſehen, dieſer aber ſagte endlich verdrieß⸗ lich:«Cavallero, Ihr ſeid ein Geiſtlicher— . traca und alle andern Tänze, wie ſie dort gebräuch⸗ lich ſind, mit größter Anmuth tanzen— die Guitarre muß er fertig ſpielen, und nicht nur die beliebteſten Lieder dazu ſingen, ſondern auch ſelber im Wechſel⸗ geſang der Seguidillas, oder nach der Melodie der camas dulces u. ſ. w. improviſiren. Eine ſeiner wich⸗ tigſten Pflichten iſt aber Galanterie gegen Frauen, und ſo herausfordernd und trozig er gegen Männer auftreten muß, jedoch niemals die Geſetze der Höflichkeit, die ein Cavallero dem andern ſchuldig iſt, aus den Augen ſetzend— ſo zuvorkommend müſſen ihn die Damen finden. Allein auch da behauptet er immer eine ge⸗ wiſſe nachläſſige Wurde, und nichts kann ihm ſchlechter ſtehen, als empfindſames Stutzerweſen. Verliebt muß er ſein bis über die Ohren, oder ſpröde wie ein Fels — nur tändeln darf er nicht. Es iſt jedoch nicht zu läugnen, daß es eine gewiſſe Nüance von Majo's giebt, welche auch gegen die Frauen eine gewiſſe unempfind⸗ liche Wildheit annehmen, und weder tanzen, noch ſin⸗ gen, noch überhaupt jemals ihrer grimmigen Würde etwas vergeben. Freigebigkeit bis zur Verſchwendung, beſonders wenn es darauf ankommt ſeine Geliebte zu erfreuen, iſt eine unerläßliche Eigenſchaft des Majo, aber auch Mäßigkeit in Eſſen und Trinken, und in al⸗ lem, außer in der Liebe und in der Kleidung.— Geiz, was die Spanier miseria nennen, würde ihn eben ſo ſehr entehren, als Trunkenheit oder Weichlich⸗ keit. Die Rache für Beleidigungen oder Kränkungen übernimmt der Majo immer ſelbſt, weshalb er mei⸗ ſtens auf einem ſehr geſpannten Fuß mit dem Geſetze und ihren Dienern ſteht, ſo daß der Ausdruck majo auch die Nebenbedeutung eines Raufboldes erhält. Ei⸗ Skizzen aus Spanien. 37 und ſcheint ein Fremder zu ſein, ſonſt wuͤrdet Ihr wiſſen, daß wir Leute aus Benamexi wenig Spaß verſtehen. Wollt Ihr etwas von mir, ſo ſprecht; ſonſt macht daß Ihr fortkommt und laßt mich ungeſchoren.“ Da ſprang ploͤtzlich ein jun⸗ ges Maͤdchen, was an die Thuͤre getreten war, um zu ſehen, was es gebe, hervor mit dem Aus— ruf:«Jeſus Maria, es iſt unſer Bruder Anto⸗ nio!“ und fiel ihm weinend und alle Heiligen preiſend um den Hals. Auch Eſteban erkannte nige Morde, wenn es nur kein Meuchelmord iſt, tra⸗ gen weſentlich dazu bei, ſein Anſehn zu erhöhen. Aus dem Geſagten geht ſchon hervor, daß die Majo's kei⸗ nen beſtimmten Stand ausmachen— jeder junge Mann, womit er auch ſonſt ſeinen Unterhalt erwerben mag, kann ſich zum Majo emporarbeiten, wenn er Luſt und Beruf in ſich fühlt, doch läßt ſich leicht denken, daß die Majos ſich beſonders unter der Klaſſe von Menſchen finden, deren Beſchäftigung ſchon etwas Abentheuerli⸗ ches hat und zugleich einträglich iſt, wie z. B. die Contrebandiſten, Stierfechter, Räuber u. ſ. w.— Eins in's andere gerechnet iſt ein ſolcher Majo ein höchſt eigenthümlicher, tüchtiger, ergötzlicher Geſell, denn außer dem, was ihm eigenthümlich iſt, beſitzt er auch allen Witz, alle windbeutliche nonchalance der Andaluſier im Allgemeinen. Sein weibliches Gegen⸗ bild, die Maja, zeichnet ſich durch ähnliche Eigenſchaf⸗ ten in ihrem Geſchlechte aus, und oft findet er an ihr ſeinen Meiſter, ja ſogar den Dolch weiß ſie gegen den Ungetreuen oder die Nebenbuhlerin zu führen. 38 Skizzen aus Spanien. nun endlich den Bruder, ſchuͤttelte ihm herzlich die Hand und ſuchte vergebens die Verlegenheit, die er wegen ſeiner eignen Ruͤhrung fuͤhlte, da⸗ durch zu verbergen, daß er ſeine Schweſter zur Ruhe wies. Endlich ſagte er zu ihr:»aber Do⸗ lores, du vergiſſeſt ja ganz, daß der Bruder ein geiſtlicher Herr iſt. Was werden die Leute den⸗ ken?“ Das Maͤdchen trat nun ploͤtlich ſchuͤch⸗ tern zuruͤck, kniete dann nieder und bat Antonio um ſeinen Segen. Dieſer hob ſie auf und kuͤßte ſie mit inniger Ruͤhrung auf die Stirn und ſagte: «Gott ſegne dich, mein Kind!— und nach ei— ner Pauſe:— aber wie haſt du mich wieder erkennen koͤnnen, Dolorcitas?— Du warſt ja kaum ſechs Jahr alt, als du mich zum letzten⸗ mal ſahſt.“—»Ach Bruder,— antwortete das Maͤdchen— an der Stimme. Du warſt ja immer ſo gut gegen mich— viel beſſer als Eſteban, der war damals ſchon ein wilder Junge. — Ich habe dich aber doch lieb, ſei nur ſtill— ſagte ſie ſchmeichelnd, als Eſteban ihr mit dem Finger drohte.— Und— ſetzte ſie nach einer Weile verlegen hinzu,— ich habe auch dieſe Nacht von Antonio getraͤumt und hab' ihn ſo deutlich geſehen— ſonſt haͤtte ich ihn doch vielleicht nicht 2 Skizzen aus Spanien. 39 wieder erkannt.— Ach, Antonio, was biſt du alt geworden— fuhr ſie fort, nachdem ſie ihn aufmerkſam betrachtet hatte— dir iſt es gewiß recht ſchlecht gegangen da draußen unter den Ke⸗ tern.“—«Nicht gar ſo ſchlimm, Schweſterchen — antwortete Antonio laͤchelnd— aber du biſt auch aͤlter geworden, und groͤßer, und wahrhaftig recht huͤbſch.)— «Ja, beim heiligen Sebaſtian von Alcoben⸗ das!— rief Eſteban lachend,— da ſagſt du ihr eine große Neuigkeit— das haben ihr unſere jungen Burſche ſchon vor Jahren geſagt, und wir haben nur unſere Noth mit der Dirne.“— Do⸗ lores zupfte ſchalkhaft und verlegen laͤchelnd an ihrer Mantilla.—« Undjetzt wird Antonio ſie noch vollends verziehen— fuhr Eſteban fort.— Nun, Maͤdchen, ſteh' nicht da, als wenn du nicht fuͤnf zaͤhlen koͤnnteſt— geh! ſchaff uns Wein und was dazu.» Dolores war froh, dem Scherz des Bruders ent⸗ gehen zu koͤnnen, ſie machte einen Knix und huͤpfte in's Haus.«Aber Recht haſt du,— ſprach nun Eſteban zu Antonio, indem er ihn einlud, ſich auf der ſteinernen Bank niederzulaſſen, — ſie iſt die ſchmuckſte Dirne in Andaluſien und alſo in der ganzen Welt, und ein Engel oben⸗ —. 2 40 Skizzen aus Spanien. drein.“— Da hatte auch Eſteban vollkommen recht, und wir wuͤrden vergeblich ſuchen dem Le⸗ ſer ein lebendiges Bild von der lieblichen Blume Andaluſiens zu geben. Die Spanierinnen uͤber⸗ haupt, und die Andaluſierinnen vor allen, haben eine ſo eigenthuͤmliche Anmuth in ihrem ganzen Weſen, ihre Fehler ſowohl, als ihre Tugenden entſpringen aus einem geſellſchaftlichen, moraliſchen und religioͤſen Zuſtande, der von demjenigen in andern europaͤiſchen Laͤndern ſo verſchieden iſt— ſie entſtehen und bluͤhen auf dieſem fruchtbaren Felde ſo ganz ohne beſondere Pflege, ohne das, was wir eigentlich Erziehung nennen, daß der Fremde ſchwer einen Maßſtab fuͤr den Vergleich, oder paſſende Ausdruͤcke findet, um von der fremdar⸗ tigen lieblichen Erſcheinung Rechenſchaft zu geben.— Nach des Bruders Wunſch hatte Dolores ſei⸗ nen Diener mit Wein und Erfriſchungen hinaus⸗ geſandt, und die beiden Maͤnner waren eben im eifrigen Wechſel von Frag' und Antworten uͤber Aeltern, Freunde und Verwandte begriffen, als die Kleine wieder zu ihnen trat und die Bruͤder um Erlaubniß bat nach der Cathedral zur Meſſe gehen zu duͤrfen, wozu ſie auch in der Eile eine kleine Toilette gemacht hatte. Byron, der als Skizzen aus Spanien. 41 Kenner in der Sache ſpricht, wußte die ſpaniſche Frauentracht gehoͤrig zu ſchaͤtzen, und bezeichnet ſie treffend durch den Ausdruck: at the same time mystical and gay. Dieſer Eindruck entſteht zum Theil durch den Gegenſatz, welchen die ern⸗ ſten, dunklen Farben und das ſtrenge Verhuͤllen mit den deutlich bezeichneten uͤppigen Formen, dem Gange, der Haltung, dem Blitze der Augen bildet.— Waͤhrend die eng anſchließende Bas⸗ quiſia von dunkelvioletter Seide die weichen Um⸗ riſſe des Leibes und der Glieder verraͤth, faͤllt die Mantilla von ſchwarzem leichten Zeuge, auch wohl von weißen Spitzen, gefaͤllig von der Stirne auf die Schultern und den Nuͤcken herab, das Geſicht bald halb verhuͤllend, bald, vermoͤge einer leichten Bewegung mit dem Faͤcher zuruͤckweichend vor dem vollen Strahl des Auges: The veil Thrown back a moment wilh the glancing hand, While the o'erpowring eye that turns you pale, Flashes into the heart.—(Don Juan.) Die Basquina reicht kaum bis etwa eine Hand⸗ breit uͤber die Knoͤchel, und laͤßt den zierlichſten Fuͤßchen, wie man ſie ſchwerlich anderswo als in Andaluſien ſoallgemein ſieht, mit feinen ſeidenen 42 Skizzen aus Spanien. Struͤmpfen und rothen, gelben, gruͤnen oder vio⸗ letten Schuhen bekleidet, ihr volles Recht wider⸗ fahren. Ein unentbehrliches Erforderniß fuͤr die Spanierin, ſobald ſie nicht im Hausweſen oder ſonſt beſchaͤftigt iſt, macht der Faͤcher,(abanico) deſſen ſie ſich auf die allerzierlichſte Art zu bedie⸗ nen verſteht. Oft zu telegraphiſchen Nachrichten und Hieroglyphen, die der Gluͤckliche, an den ſie ſich richten, wohl zu deuten weiß.— Dolores war erſt ſechszehn Jahr alt, auch fuͤr eine Anda⸗ luſierin eher klein, jedoch im lieblichſten Ebenmaß des aufbluͤhenden jungfraͤulichen Koͤrpers gebaut. Der Ausdruck ihres Geſichtes war ein treuer Spiegel ihres Weſens. Eine ſonderbare Miſchung von kindlicher Lebensfreude und unbefangener Schalkheit, mit dem Ernſt, den die Leidenſchaft giebt oder was wir eher die Leidenſchaftsfaͤhigkeit nennen moͤchten, und der ſich beſonders in der Stirn und einem Zuge um den Mund ausdruͤckte, nicht ſowohl von wirklich erfahrenem, als von geahnetem, zukuͤnftigen Schmerz. In leichten Bogen woͤlbten ſich die ſtarken ſchwarzen Augenbraunen uͤber den großen dunkelbraunen Augen, deren Licht gewoͤhnlich durch die halb⸗ herabfallenden Lieder, die langen ſeidnen Wimpern gemildert und verſchleiert war, um bei jeder Ver⸗ Skizzen aus Spanien. 43 anlaſſung um ſo ausdrucksvoller und blendender hervorzubrechen, wie die Sonne hinter Wolken. Fuͤr dieſe Art von Augen, die etwas ganz eigen⸗ thuͤmlich Nachlaͤſſiges und zugleich Schalkhaftes ha⸗ ben, was die Ausbruͤche der lebhafteſten Affecte um ſo hinreißender macht, braucht man in Spa⸗ nien den Ausdruck: ojos adormidillos, vom Adjectiv adormido, ſchlaͤfrig, dem aber das Di⸗ minutiv eine unuͤberſetzbare Bedeutung giebt.— Das reiche dunkelbraune Haar war groͤßtentheils durch die weiße Mantilla bedeckt, einige Roſen vollendeten den Kopfputz. Die Geſichtsfarbe des jungen Maͤdchens ließ ſich zwar nicht mit den Li⸗ lien und Roſen vergleichen, deren die Frauen des Nordens ſich ruͤhmen, ſie war braͤunlich, aber ohne im geringſten an Kraͤnklichkeit oder an ge⸗ waltſame Einwirkung der Luft oder der Sonne zu erinnern. Man moͤchte die Wangenroͤthe der Andaluſierinnen am eheſten mit dem braͤunlichen Roth einer Pfirſich vergleichen, wenn auch dieſer Vergleich nicht ſchlecht waͤre. «Willſt du ſchon fort, Schweſterchen?— redete Antonio ſie an— ich habe ja noch keine zehn Worte mit dir geſprochen, und reiſe morgen ſchon wieder ab.“— Morgen ſchon?— meinte 44 Skizzen aus Spanien. Eſteban bedenklich— und nach Mairena willſt du?— Hoͤre, Bruder, reiſe lieber noch dieſen Abend mit uns nach Benamexi, ſo kommſt du⸗ noch zur rechten Zeit nach Mairena, und wir ha⸗ ben doch noch etwas von dir, denn wenn wir uns auch in Mairena treffen, da giebt es ſo viel zu thun, und dann...„ Antonio unterbrach ihn, indem er ihm allerlei Gruͤnde anfuͤhrte, die ihn beſtimmen mußten mit ſeinen jetzigen Gefaͤhrten und dem alten Ramon weiter zu reiſen. Mit einiger Verlegenheit ſagte endlich Eſteban:«Hoͤre, Bruder, wenn du es um unſertwillen nicht thun willſt, ſo thue es um deiner ſelbſt willen. Es koͤnnte dir unterwegs etwas Unangenehmes begeg⸗ nen.“ Antonio ſah den Bruder verwundert an, und dieſer fuhr zoͤgernd fort:„Ich will dir's nur geſtehen, man weiß, daß Ramon eine reiche La⸗ dung fuͤhrt, und ihr werdet ſchwerlich ungeſtoͤrt uͤber Ecija hinauskommen.“ Antonio bezeigte dem Bruder ſeine Verwunderung, daß er dies ſo genau wiſſe, und tadelte ihn ernſtlich wegen der Verbindungen, in welche ihn ſein Schleichhandel verwickele, und brachte uͤberhaupt mehrere wohlge⸗ meinte und wohlgeſetzte Redensarten gegen ein ſo geſetzwidriges, unruhiges Treiben an. Eſteban Skizzen aus Spanien. 45 wollte erſt auffahren, ſagte aber endlich lachend: «Hoͤr', Bruder, du biſt gar gelehrt und weit her⸗ umgekommen, aber bleib uns mit deiner auslaͤn⸗ diſchen Weisheit vom Leibe.— Haſt du doch Dolorcitas ganz bange gemacht, daß ſie dich mit großen Augen anſieht, als haͤtteſt du griechiſch geſprochen— und ich weiß wahrhaftig auch nicht, wo du eigentlich hinauswillſt. Die Laras von Benamexi ſind Contrebandiſten geweſen von der Zeit der Koͤnigin Maricaſtaña her*), und es iſt noch keinem Menſchen eingefallen, ſie drum zu ſchelten. Stehlen wir denn etwa unſere Waare? oder betruͤgen wir eine Chriſtenſeele damit?— Wenn uns die Graͤnzwaͤchter kriegen, ſo werden wir geſtraft und haben den Schaden; kommen wir durch, ſo iſt es unſer Vortheil und jeder treibt in Ehren ſein Geſchaͤft. Ja mit den alten Graͤnz⸗ waͤchtern war doch ein vernuͤnftig Wort zu re— den, aber ſeit dieſe verdammten Miliciano's ihre Gelbſchnaͤbel uͤberall hinſtecken, muͤſſen wir auch Ernſt machen. Die fuͤhren auch ſo wunderliche 4) El tiempo de la reyna Maricastana, eine Redens⸗ art, die ſo viel bedeutet als: ſeit Olims Zeiten. 46 Skizzen aus Spanien. Redensarten aus den Buͤchern, wie du. Sie ſind es, die den armen Vetter Chriſtoval Moreno zu Grunde gerichtet haben, und wer kann ihn drum ſchelten, wenn er nun ins Gebirge gegan⸗ gen iſt, um ſich zu raͤchen? Und ſind nicht die ſieben Kinder von Ecija die wackerſten Burſche in Spanien, die ſich vor keinem Kaiſer zu ſchaͤ⸗ men brauchen? Der Chriſtoval war ſonſt doch eine halbe Milchſuppe, jetzt iſt er dir ein tuͤchti⸗ ger Junge geworden—'s iſt eine Freude, und eine rechte Ehre iſt es fuͤr ihn, daß ſie ihn an⸗ genommen haben.“— Antonio, durch den gerin⸗ gen Erfolg ſeiner uͤbelangebrachten Weisheit etwas beleidigt, beſtand darauf, ſich durch dergleichen Re⸗ den nicht von ſeinem Vorhaben abbringen zu laſſen, und Eſteban ſagte endlich:«nun thu' was du willſt. Freſſen werden ſie dich nicht, und wenn was vor⸗ iaͤllt, ſo halt' dich nur ruhig.“ Dolores, die bei der Nennung des Vetters Chriſtoval ſichtlich ver⸗ legen geworden, ſchlich ſich nun hinter Antonio und ſagte ihm leiſen«Chriſtoval thut dir nichts — der arme Junge!— Gruͤß' ihn von mir, wenn du ihn ſiehſt, und gieb ihm das. Er kennt es wohl. Es iſt am heiligen Bild zu Jaen ge⸗ weiht.“— Zugleich ſchob ſie ihm ein Amulet an Skizzen aus Spanien. 47 einem ſeidenen Bande in die Hand, wie ſie haͤu⸗ fig in Spanien vom Volke getragen werden. Um dem Geſpraͤch ein Ende zu machen, ſchlug An⸗ tonio vor, die Schweſter nach der Cathedrale zu begleiten. Eſteban lehnte es ab, da er noch dieſe Nacht abreiſen muͤſſe, und Dolores machte ſich mit Antonio allein auf den Weg, mit kindlicher Freude und Stolz neben dem wiedergefundenen Bruder, dem gelehrten und weitgereiſten geiſtlichen Herrn her⸗ gehend. Eigentlich ſollte man einen beſondern Ausdruck fuͤr den anmuthigen Gang der Andalu⸗ ſierinnen erfinden, und mit Recht ſagt Byron von ihnen: Their very walk would make your bosom swell; I can't describe it though so much it strikes, Nor liken it— I never saw the like.— An Arab horse, a stately stag, a barb New broke, a camelopard, a gazelle— No— none of these will do.— Die Geſchwiſter erreichten bald die Cathedrale, und traten durch den mauriſchen Bogen des Tho⸗ res in den ſogenannten patio de las naranjas, oder Orangenhof. Es iſt dies einer von den Plaͤtzen, deren Andenken immer als ein ſonniger Fleck in der Erinnerung des Reiſenden bleibt, bei 48 Skizzen aus Spanien. dem ſich ſeine Phantaſie auf den duͤſtern Wegen des Lebens zu erholen und zu erwaͤrmen liebt. Und doch iſt es gar wenig und einfach, was ſei⸗ nen Reiz ausmacht. Ein geraͤumiger, viereckiger Hof mit Orangen bepflanzt, deren Duft die ganze Umgegend erfuͤllt— einige klare, plaͤtſchernde Brunnen mit glaͤnzenden Goldfiſchen— einige Cypreſſen und ein Paar ſchlanke Dattelpalmen, die ihre Haͤupter leiſe im Hauche des Windes wiegen. Auf zwei Seiten hat der Platz bedeckte Gaͤnge mit zierlichen mauriſchen Boͤgen, auf der dritten einen Thurm, uͤber dem Haupteingang und laͤngs der Seite hin einige Stufen, die zu einer Terraſſe fuͤhren. Auf der vierten Seite end⸗ lich oͤffnet ſich der Saͤulenwald, der zur Cathe— dral umgewandelten Moſchee. Es moͤchte vielleicht ſchwer ſein, die mauriſche Bauart vor den Geſetzen der gewoͤhnlichen architektoniſchen Kritik zu recht⸗ fertigen; ſo viel iſt aber gewiß, daß das Ganze einen hoͤchſt eigenthuͤmlichen, fremdartigen, aber angenehmen Eindruck macht. Die Zahl der Saͤu⸗ len betraͤgt gegen Tauſend. Sie ſind von verſchie⸗ denen Arten von Marmor oder Granit gearbeitet, theils glatt, theils canelirt, theils mit gewunde⸗ ner Verzierung. Ihre Dicke betraͤgt nicht uͤber — Skizzen aus Spanien. 49 zehn Zoll, ihre Hoͤhe nicht uͤber zwanzig Fuß. Sie tragen zwei Reihen von hochgeſprengten mauriſchen, d. h. hufeiſenfoͤrmigen Boͤgen, einer uͤber dem an⸗ dern, ſo daß trotz der Niedrigkeit der Saͤulen, die aus eingelegtem Holzwerk reich verzierte Decke des Gebaͤudes wenigſtens vierzig Fuß hoch iſt. Rings⸗ um an den Waͤnden des viereckigen Gebaͤudes ſind zahlreiche Capellen, meiſtens mit chriſtlichen Altaͤ⸗ ren und Gemaͤlden, den Meiſterwerken eines Ces⸗ pedes, Alonſo Cano, Murillo und Anderer ge⸗ ſchmuͤckt. Die Waͤnde einiger der Capellen ſind jedoch noch mit Stellen aus dem Koran bedeckt, in einer Art Moſaik aus bunten Glasſcherben zu⸗ ſammengeſetzt: alſo daß ſich die Schriftzuͤge, wie zufaͤllig, aus vielfach verſchlungenen Arabesken und Zierrathen entwickeln. Das Schiff der Kirche mit dem Hochaltar und Chor iſt im funfzehnten Jahr⸗ hundert und im gothiſchen Styl gebaut, und erhebt ſich bedeutend uͤber das urſpruͤngliche mauriſche Ge⸗ baͤude, ſtöͤrt aber den Ueberblick des Ganzen, ſo wie auch mehrere kleinere Capellen, welche hin und wieder in die Zwiſchenraͤume zwiſchen den Saͤulen eingebaut ſind. Am eigenthuͤmlichſten iſt der An⸗ blick nach dem Hofe hinaus, da die Reihen der gruͤnen duftenden Orangenbaͤume gleichſam als 4 50 Skizzen aus Spanien. eine Fortſetzung der Saͤulenreihen erſcheinen.— Waͤhrend Dolores vor dem Altar ihrer Schutz⸗ heiligen, der ſchmerzenreichen Mutter, betete, trat Antonio ſie zu erwarten in den Hof. Hier ſchallte ihm ſchon aus der Ferne frohes Gelaͤchter entgegen, und bald erblickte er ſeinen Reiſegefaͤhrten Rojas, in Begleitung mehrerer jungen Maͤnner, von welchen einige die Uniform der Nationalmiliz von Cordova trugen, und junge Handwerker zu ſein ſchienen. Auch Rojas hatte ſich auf's Beſte herausgepuzt, um ſeinem Corps Ehre zu machen, und was auch ein alter Soldat an der militairiſchen Haltung der jungen Leute auszuſetzen finden mochte, ſo ſchie⸗ nen ſie doch ſehr zufrieden mit ſich ſelbſt, und auch die Blicke der voruͤbereilenden Damen bewieſen, daß ſie Gnade vor ihren Augen gefunden hatten, waͤhrend dagegen einige Geiſtliche, die paarweiſe im Schatten der Orangen auf⸗und abgingen, und ei⸗ nige aͤltere Maͤnner, die in ihre Maͤntel gehuͤllt, die breitrandigen Huͤte ins Geſicht gedruͤckt, auf den Baͤnken umher ſaßen, ſie zuweilen mit grimmigen Blicken von der Seite anſahen. Antonio trat zu den jungen Leuten, ward von Rojas herzlich be⸗ willkommt und ſeinen Gefaͤhrten vorgeſtellt. Er machte ihnen ein Compliment uͤber den guten con⸗ Skizzen aus Spanien. 51 ſtitutionellen Geiſt, der die Jugend von Cordova zu beſeelen ſcheine; einer aber meinte, die Achſel zuckend:«es koͤnnte wohl beſſer ſein. Auf eine Stadt wie Cordova nur acht hundert Freiwillige, will wenig ſagen— aber wie ſollte es anders ſein, da eure elenden Moderirten in Madrid und ihre Creatu⸗ ren hier und anderswo Alles thun, um uns den Dienſt zu verleiden.“«„Scheint es doch wahrhaftig— rief ein anderer— als fuͤrchteten ſie uns mehr als die Servilen— aber: der Krug geht ſo lange zu Waſſer bis er bricht, ſagt Sancho Panſa. Wenn es zum Dreinſchlagen kommt, werden ſie daſtehen mit ihrer moderirten Weisheit wie der Schnee im Mai.»«Nun— meinte der erſte— es geht doch jetzt beſſer; aber wißt ihr noch, wie wir uns vor drei Monaten zum erſtenmal zum Exerzitium verſammelten? da waren wir grade funfzig Mann ſtark. Die Servilen ſtanden in Haufen mher und verhoͤhnten uns. Jetzt laſſen ſie es wohl blei⸗ ben.»— In dieſem Augenblicke trat ein junger Offizier in der Uniform des leichten Reiterregi⸗ ments Alcantara zu ihnen, ſchuͤttelte den Bekann⸗ ten die Hand und begruͤßte die Fremden hoͤflich.“ Der Marques von Penaflores, ein Liberaler bis auf's Mark der Knochen,» ſagte einer der jungen 4* 52 Skizzen aus Spanien. Leute, indem er ihn den Fremden vorſtellte, und zu ihm gewandt:» nun was gibt es Neues, Don Luis? Habt ihr was nach Mairena zu beſtel⸗ len, ihr Herren?— erwiderte der Offizier— ich bin hinkommandirt mit zwanzig Mann. Soll da beim Markt Ordnung halten und vorher auf den Landſtraßen patrouilliren.“«Ein ſchlimmer Dienſt— meinte einer der Freiwilligen— ihr kennt das Geſindel noch nicht, Don Luis. Seit ihr damals den Handel mit den Contrebandiſten hattet bei der Venta de Gualdiaro, haben ſie ein Aug' auf Euch.“—»Gewiß— ſagte der an⸗ dere— wißt ihr wohl, daß einer von den Frei⸗ willigen von Marbella, die ihr damals fuͤhrtet, vor acht Tagen erſchoſſen worden iſt, auf der Straße nach Malaga? Ich hab' ihn ſelber nach Hauſe bringen ſehen, ich hatte grade Geſchaͤfte in Mar⸗ bella. Lachend meinte der Offizier, es werde doch ſo gefaͤhrlich nicht ſein, und entfernte ſich eilig, da er noch denſelben Abend aufbrechen ſollte.— Es war Antonio nicht unlieb zu hoͤren, daß eine ſolche Maßregel zur Sicherung der Straße genom⸗ men werde; denn ſeines Bruders Warnung hatte doch einige Beſorgniß bei ihm zuruͤckgelaſſen.— In dieſem Augenblick trat Dolores aus der Kirche * Skizzen aus Spanien. 53 und eilte auf ihren Bruder zu. Sie gruͤßte die Geſellſchaft unbefangen und erinnerte Antonio, daß Eſteban auf ſie warten werde. Die jungen Leute aͤußerten den Eindruck, den die Anmuth des Maͤdchens auf ſie machte, durch ihre beſten Ver⸗ beugungen und Redensarten; Rojas allein war im erſten Augenblick ſo uͤberraſcht, daß er gegen ſeine Gewohnheit keine Worte finden konnte, um ſich der Schoͤnen bemerklich zu machen, und erſt als Anto⸗ nio ihm zurief:«nun auf Wiederſehn dieſen Abend, Don Fernando,» und als Dolores, der ſeine Ver⸗ legenheit eben ſo wenig entgangen war, als ſein einnehmendes Aeußeres, ihm laͤchelnd mit dem Faͤ⸗ cher gruͤßend zurief:„gluͤckliche Reiſe, Cavallero. Ich empfehle euch meinen Bruder— denn ich fuͤrchte, er vergißt vor lauter Gelehrſamkeit zuwei⸗ len Eſſen und Trinken“— erſt da verſuchte er mit einem zierlichen Scherz zu antworten; allein er war noch nicht damit zu Stande gekommen, als Antonio mit ſeiner Schweſter ſchon den Orangen⸗ hof verlaſſen hatte. Waͤhrend ſeine Gefaͤhrten ſich mit andaluſiſchem Feuer in hyperboliſchen Ausdruͤcken der Bewunderung uͤber das Maͤdchen ergoſſen, rieb ſich Rojas nachdenklich die Stirne, und rief endlich ver⸗ drießlich: öbleibt doch mit eurem andaluſiſchen Unſinn 54 Skizzen aus Spanien. zu Hauſe, ihr trefft doch das rechte Wort nicht— aber der Teufel ſoll mich holen wenn ich mich in das Maͤdchen verliebe— das waͤr' ja gar nicht auszuhalten.“— Lachend trennten ſich die jun⸗ gen Leute. 6 Antonio hatte indeſſen ſeine Schweſter nach ihrer Poſada zuruͤckgebracht, wo Eſteban ſchon ganz reiſefertig ſie erwartete. Ein ſchoͤnes Pferd mit reichem Sattel und Zeug, einige beladene Maul⸗ thiere nebſt zwei Dienern hielten vor der Thuͤre. «Spute dich, Maͤdchen, uͤber dein ewiges Beten vergißt du alles andere,» rief er ihr zu, und Do⸗ lores eilte hinein um ſich reiſefertig zu machen, und trat auch in wenig Minuten, waͤhrend welcher Eſteban noch hier und da etwas angeordnet und nachgeſehen hatte, in einem groͤbern Anzug und mit einem kleinen Buͤndelchen unter dem Arme heraus. Mit Thraͤnen in den Augen nahm ſie von Antonio Abſchied, der ihr vergebens vorſtellte, daß ſie ſich in wenigen Tagen in Mairena wie⸗ derſehen wuͤrden, wohin Dolores ihren Bruder be⸗ gleiten ſollte. Halb verdrießlich, halb geruͤhrt hob Eſteban die Schweſter auf einen Sitz, den er ihr ſorgfaͤltig auf dem Gepaͤcke eines der Maulthiere zurecht gemacht hatte, druͤckte dem Bruder mit ei⸗ Skizzen aus Spanien. 55 nem herzlichen:«auf Wiederſehn, Antonio!» die Hand, ſchwang ſich leicht in den Sattel und ritt den Maulthieren nach. Am folgenden Morgen ſetzte auch Ramon nebſt ſeinen Reiſenden, zu denen ſich noch einige andere geſellt hatten, waͤhrend Vallejo in Cordova geblieben war, ihren Weg fort. Er fuͤhrte ſie bald aus dem fruchtbaren Thal des Guadalquivir heraus, durch die verfallenen Colonien von la Carlota uͤber einfoͤrmige, theils kahle theils mit Olivenpflanzungen bedeckte Huͤ⸗ gel nach der bedeutenden Stadt Ecija am Genil, wo ſie uͤbernachteten, hocherfreut, unangefochten durch dieſe uͤbelberuͤchtigte Gegend gekommen zu ſein. Am naͤch⸗ ſten Morgen brachen ſie in aller Fruͤhe auf, um noch Carmona zu erreichen. Der erfahrene Mayoral trauete immer dem Landfrieden noch nicht recht, und hatte ſeine Caravane in eine Art von Schlacht⸗ ordnung geſtellt, ohne ſich durch Rojas Scherze aus ſeinem Gleiſe bringen zu laſſen. Zwei ſeiner Leute mußten einige funfzig Schritt vor dem Zuge hergehen, vier andere in derſelben Entfernung zu beiden Seiten. Alle aber mußten ihre Gewehre friſch laden, und ſich bereit halten. Lachend meinte 56 Skizzen aus Spanien. „ Rojas:«nun Vater Ramon, auf die Art koͤnnten wir es mit den ſieben Infanten von Lara ſelber aufnehmen*), und ich denke die ſieben Kinder von Ecija werden ſich eher vor uns zu fuͤrchten haben, als wir vor ihnen.— Die erſten Paar Meilen fuͤhrt die Straße durch eine huͤglige, hin und wieder von Schluchten zer⸗ riſſene, mit Gebuͤſch bedeckte Gegend, welche aller⸗ dings einen Angriff auf die recua(Caravane) er⸗ leichtert haͤtte. Endlich aber breitete ſich vor den Reiſenden die weite Ebene aus, in deren Mitte ſich der iſolirte Kegel erhebt, deſſen Gipfel die alte Stadt Carmona mit ihren ehemals fuͤr unuͤber⸗ windlich gehaltenen Mauern und Thuͤrmen kroͤnt. Dieſe Ebene iſt faſt ganz von Baͤumen entbloͤßt, und mit einer niedrigen, kaum anderthalb Fuß hohen Pflan⸗ ze bedeckt, die im kleinen die groͤßte Aehnlichkeit mit der Faͤcherpalme hat— auch palmita genannt wird. Als die Reiſenden dieſe Ebene erreicht hatten, mein⸗ *) Los siete infantes de Lara. Berühmt in der Volks⸗ poeſie der Spanier, wo ſie einigermaßen die Rolle der Heimonskinder ſpielen. Von ihrem Oheim Ruy Ve⸗ lasquez verrathen, fielen ſie im Kampfe gegen die Mauren von Cordova. Ein kleiner Hügel, zwei Leguas von Cordova wird von den Maulthiertreibern als der Ort bezeich⸗ net: donde murieron los siete infantes de Lara. Ihr Bruder, der Baſtard Mudarra, rächte ihren Tod.— Skizzen aus Spanien. 57 te Ramon ſelbſt, ſie haͤtten nun nichts mehr zu fuͤrchten, und ſo zogen ſie, wenn auch nicht ganz ſorglos, doch ſehr beruhigt weiter. Bald naͤherten ſie ſich einem einzelnen Cortijo, der noch etwa zwei Leguas von Carmona, von einem kleinen Oliven⸗ gehoͤlz umgeben, einige Schritte von der Straße liegt. Sie hatten es noch nicht erreicht, als ploͤtz⸗ lich ein Reiter aus dem Gehoͤlz hervorſprengte und, in geringer Entfernung von ihnen haltend, ihnen ein donnerndes: Halt! zurief.„Jetzt geht der Teufel los, daß ſind die Kinder!» murmelte der Mayoral, ohne jedoch im geringſten ſeine ruhige Faſſung zu verliehren:«Was giebt's, Cavallero? was ſteht zu eurem Befehl?“» rief er dem Reiter zu.“„Vater Ramon— antwortete dieſer— macht uns und euch ſelber keine unnoͤthige Muͤhe. Ihr habt etwa zehn Unzen in Gold bei euch, und fuͤr vierhundert Unzen Waaren. Gebt uns acht Un⸗ zen baar, und eine Verſchreibung auf hundert Un⸗ zen, auf eure Kaufleute in Sevilla, ſo moͤgt ihr wei⸗ ter ziehen. Die Herren Reiſenden werden auch nichts dagegen haben, eine Kleinigkeit beizutragen.“— Dieſe hatten indeſſen Zeit den Sprechenden naͤher zu beſchauen. Er trug die Tracht der andaluſi⸗ ſchen Majos, und ritt ein treffliches Pferd mit reich 58 Skizzen aus Spanien. verziertem Reitzeug. Der Sattel war hinten und vorn ſehr hoch, glich auch durch die kurzen Steig⸗ buͤgel von gewaltiger Groͤße ganz den tuͤrkiſchen. Satteln. Ein gruͤnes Fliegennetz bedeckte den gan⸗ zen Leib des Pferdes. In der Hand trug der Rei⸗ ter ein ſehr langes Gewehr. An ſeinem Sattel hing ein ſogenannter trabuco, oder Musketon. Eine Patrontaſche(cartuchera) von buntgeſticktem Leder, die er um den Leib geſchnallt hatte, enthielt einige funfzig Patronen wohlverwahrt in blecher⸗ nen Kapſeln, die in zwei Reihen uͤber einander be⸗ feſtigt waren.— Ramon machte bei dieſem freund⸗ ſchaftlichen Vorſchlag ein ſehr dedenkliches Geſicht, und erwiderte endlich: Ihr ſeid ſehr hoͤflich, Ca⸗ vallero, aber Euch allein werden ſich doch ein Duz⸗ zend Caſtilianer nicht ergeben ſollen.— Ich bin wahrhaftig kein Freund von Raufereien: beweiſet uns, daß wir es mit Ehren koͤnnen, ſo ſoll kein Schuß von unſerer Seite fallen. Wie viele ſind Eurer?— Aber ehe der Reiter noch antworten konnte, druͤckte Rojas, dem dieſe Verhandlungen keinesweges behagten, ſein Gewehr auf ihn ab, je⸗ doch ohne ihn zu treffen.«Verdammte Naſeweis⸗ heit! bei der heiligen Frau von Covadonga! nun muͤſſen wir uns halten ſo gut es geht, Kinder!“ Skizzen aus Spanien. 59 ſagte nun der Mayoral. Der Reiter aber wandte ſein Pferd, indem er hoͤhniſch lachend rief:«ein elender Schuͤtze, aber, Carajo! ich will Euch beſſer bezahlen, als Ihr's verdient, junger Herr,» ſprengte querfeldein, hielt in einer Entfernung von einigen hundert Schritt, und indem ſein Pferd ſtill ſtand wie eine Mauer, feuerte er ſein langes Gewehr ab. Rojas ſank mit einem derben«verflucht ſei die Ziege die dich geboren!“ zu Boden. Die Kugel war ihm durch den Schenkel gegangen. Zugleich fielen einige Schuͤſſe, die zwei Maulthiertreiber ver⸗ wundet zu Boden ſtreckten, und aus dem Gehoͤlz ſprengten noch vier Reiter hervor. Einer von ih⸗ nen rief, indem er ſein Gewehr wieder lud:«Got⸗ tes Leben! ich will euch lehren, die Kinder von Ecija reſpectiren!?— Es wurden nun von bei⸗ den Seiten Schuͤſſe gewechſelt; allein die Gewehre der Maulthiertreiber und der Reiſenden waren nicht im beſten Stande, und trugen uͤberhaupt nicht ſo weit, als die der Angreifer, auch mochten die mei⸗ ſten von ihnen eben keine gute Schuͤtzen ſein, und was das Schlimmſte war, ſie wurden noch durch die Sorge um die Maulthiere, welche ſcheu durch ein⸗ ander rannten, von der Vertheidigung abgehalten. Die Raͤuber dagegen ſchoſſen mit Sicherheit aus 60 Skizzen aus Spanien. einer bedeutenden Entfernung, und gallopirten nach jedem Schuſſe querfeldein, um ganz außerhalb des Bereiches ihrer Gegner mit Ruhe wieder zu laden. Doch ſchien ihnen ſelbſt nicht viel daran gelegen, ihre Gegner zu verderben, und ihr Feuer ſchien mehr den Maulthieren, als den Menſchen zu gel⸗ ten. Nach einigen Minuten lagen indeſſen ſchon vier Maulthiertreiber zu Boden, einer todt, die an⸗ dern mehr oder minder ſchwer verwundet, und mehrere Maulthiere waͤlzten ſich im Staube, oder rannten verwundet und ihr Gepaͤck abwerfend um⸗ her. Da ſprengte einer der Reiter naͤher heran, und rief mit rauher Stimme:«legt euch in's Teu⸗ fels Namen! mit dem Geſicht zur Erde! Ich haͤtte Euch nicht fuͤr ſo kindiſch gehalten, Ramon! nieder zur Erde, wer ſein Leben lieb hat!»— Ra⸗ mon ſelbſt und die meiſten ſeiner Leute ſchickten ſich an, dem Befehl Folge zu leiſten, Antonio aber, der es vielleicht in der Verwirrung nicht bemerkte, riß einem der Verwundeten das Gewehr aus der Hand und druͤckte es auf den Reiter ab, deſſen Pferd auch wohlgetroffen unter ihm zuſammen⸗ ſtuͤrzte. Dieſer kleine Vortheil konnte jedoch auf den Ausgang des Kampfes keinen Einfluß haben, wohl Skizzen aus Spanien. 61 aber das Loos der Beſiegten verſchlimmern. Die Maulthiertreiber, und ihrem Beiſpiel folgend die Reiſenden, hatten ihre Waffen weggeworfen und ſich mit dem Geſicht zur Erde platt niedergelegt, und erſt als es zu ſpaͤt war, ward Antonio inne, welcher Gefahr er ſich unnuͤtzer Weiſe ausgeſetzt hatte. Die Naͤuber ſprengten heran, und waͤhrend einer mit geſpanntem Hahn die entwaffneten Geg⸗ ner bewachte, mit der Drohung, den erſten, der die geringſte Bewegung machen wuͤrde, niederzuſchießen, begannen die andern ſowohl die Reiſenden aus⸗ zupluͤndern, als die Ladung der Maulthiere zu un⸗ terſuchen. Der Anfuͤhrer aber, von ſeinem Fall be⸗ ſchaͤdigt, und durch den Verluſt ſeines Pferdes und den unnuͤtzen Widerſtand im hoͤchſten Grade auf⸗ gebracht, ſtuͤrzte mit gezuͤcktem Dolche und unter wil⸗ den Fluͤchen auf Antonio los, in der Abſicht ihn nie⸗ derzuſtoßen. Einer der Raͤuber— derſelbe wel⸗ cher die Caravane zuerſt angerufen hatte— hielt ihn jedoch auf, indem er ſagte:«Laß ihn erſt be⸗ ten, Pedro, es iſt ein Pfaffe!„—«Der Hund!— antwortete der andere wuͤthend— und wenn es der heilige Vater von Rom ſelber waͤre, mit ſeinem Leben muͤßte er mir meinen Rappen zahlen. Das beſte Roß, was ſeit des Cid Babieca Gerſte gekauet 62 Skizzen aus Spanien. hat!“ Dann Antonio, der ſeines Todes gewaͤrtig wehrlos vor ihm ſtand, mit dem Gewehrkolben zu Boden ſtoßend rief er:«Bete dein letztes Ave Maria, Carajo! ſterben mußt du.„«Chriſtoval! — rief er nun dem erſten Raͤuber zu— wer war es von den Hunden, der den erſten Schuß that— ſchleppt ihn herbei, bindet ſie beide an den naͤchſten Baum und ſchießt ſie nieder.» Die Raͤu⸗ ber ſchickten ſich an, den Befehl zu erfuͤllen; bei dem Namen Chriſtoval aber gedachte Antonio ploͤtz⸗ lich des Auftrages ſeiner Schweſter, er konnte nicht zweifeln, daß der Raͤuber, der ſchon vorhin ſich ſei⸗ ner angenommen hatte, ſein Vetter Chriſtoval ſei. Schon das Aeußere des jungen Mannes floͤßte ihm Vertrauen ein. Der Ausdruck von Gewaltthaͤtig⸗ keit, den ihm der Augenblick gab, ſchien offenbar ſeinen Zuͤgen fremd zu ſein, welche im Gegentheil Milde und Schwermuth ausdruͤckten. Chriſtoval war etwas kleiner als Eſteban, und ſchien mehr gewandt als ſtark. Seine Augen und Haare wa⸗ ren hellbraun, was in Andaluſien fuͤr eine große Schoͤnheit gilt. Zwei Raͤuber hatten den blutenden und halb ohnmaͤchtigen Rojas an einen Baum ge⸗ bunden, und ſchienen um ſo weniger geneigt, ihn zu ſchonen, da ſie ihn an ſeiner Muͤtze als einen Mi⸗ Skizzen aus Spanien. 65 liciano erkannt hatten. Sie waren eben im Be⸗ griff, auch Antonio zu ergreifen, als dieſer ſeinem Vetter, indem er ihm das Geſchenk ſeiner Schwe⸗ ſter hinreichte, zurief:«Chriſtoval Moreno, erkennt ihr dies?“— Chriſtoval riß es ihm heftig aus der Hand und rief:«Herr, wie kommt Ihr dazu? wer ſeid Ihr?“—«Meine Schweſter gab es mir fuͤr Euch, mit einem Gruß. Ich bin dein Vetter Antonio Lara. Rette uns, wenn du kannſt!»— Chriſtoval war beim erſten Worte herbeigeſprungen, und ſeine beiden Gefaͤhrten zuruͤckreißend rief er, indem er ſein Meſſer zog:«bei der heiligen Mutter Gottes, Euch ſoll kein Haar gekruͤmmt werden! Wer ihn anruͤhrt, hat es mit mir zu thun!» Der Anfuͤhrer der Raͤuber, entruͤſtet uͤber dieſe unerwar⸗ tete Dazwiſchenkunft, rief, indem er ſich anſchickte gegen Chriſtoval Gewalt zu gebrauchen:«Zuruͤck, Chriſtoval!— ſo lieb du mir biſt, er muß ſter⸗ ben, und waͤr' er dein leiblicher Bruder!“— In dieſem Augenblicke erſchallte ploͤtzlich der Ruf:«Im Namen des Koͤnigs und der Conſti⸗ tution! ergebt Euch!— Es lebe Riego! drauf Kinder!“» und hinter dem Olivengehoͤlz, was ihre Annaͤherung den Blicken der Reiſenden entzogen hatte, ſprengte ein Trupp Reiter hervor. Die Raͤu⸗ 64 Skizzen aus Spanien. ber waren ſo vollkommen uͤberraſcht, daß ſie keine Zeit hatten einen Schuß zu feuern, und da ſie durchaus nicht zum Kampf in der Naͤhe bewaffnet, auch die Gegner an Zahl weit uͤberlegen waren, ſo konnte von keinem Widerſtand die Rede ſein. Zwei von ihnen wurden ſogleich niedergehauen, ein drit⸗ ter gab ſich gefangen. Chriſtoval und ein anderer Raͤuber ſchwangen ſich auf ihre Pferde und jagten von einem halben Duzzend Reitern verfolgt davon.⸗ Pedro, dem Anfuͤhrer, gelang es in das Haus, dem man ſich waͤhrend der vorhergehenden Auftritte ge⸗ naͤhert hatte, zu entkommen, und die Thuͤre hinter ſich zu verrammeln.«Umzingelt das Haus! daß er nicht entwiſche,» rief der Anfuͤhrer der Reiter. Einige ſeiner Leute eilten ſogleich um das Haus und den kleinen Hof herum, und beſetzten alle Aus⸗ gaͤnge, wodurch der Raͤuber haͤtte entkommen koͤn⸗ nen. Hierdurch geſchah aber, was dieſer wahrſchein⸗ lich erwartet hatte, daß der Offizier, der indeſſen vom Pferde geſtiegen war, allein vor dem Haupt⸗ eingang ſtehen blieb. Seine Aufforderung an den Raͤuber, ſich zu ergeben, erhielt nur ein hoͤhniſches Gelaͤchter zur Antwort, und gleich darauf ſprang die Thuͤre auf, und der Raͤuber, den geſpannten Musketon in der Hand, rief dem Offizier zu:«zu⸗ Skizzen aus Spanien. 65 ruͤck, junger Herr, oder ich ſchieß' euch zu Fetzen, daß man ſie auf allen Sternen zuſammen ſuchen ſoll! Zuruͤck! junges Blut, ihr dauert mich!“— Die Lage des Offiziers war bedenklich, da er nur mit einem Saͤbel bewaffnet war, und die furchtbare Waffe des Gegners in dieſer Naͤhe ihn wirklich in Stuͤcke zerreißen mußte. Ohne ſich jedoch zu be⸗ ſinnen, drang er mit dem Ruf:«es lebe Riego!“ auf den Raͤuber ein. Dieſer druͤckte los, die Pfanne blitzte, aber— das Gewehr verſagte, und mit geſpal⸗ tenem Kopf ſtuͤrzte der Raͤuber zu Boden.— Antonio hatte unterdeſſen ſeinen Reiſegefaͤhrten losgebunden, und fuͤr ihn ſowohl als die verwun⸗ deten Maulthiertreiber wurden, nachdem ihre Wun⸗ den ſo gut als moͤglich verbunden waren, Tragbah⸗ ren aus Brettern und Stangen bereitet, die man im Hauſe, deſſen Bewohner nicht zum Vorſchein kamen, fand. Ramon und ſeine Leute, von den Reiſenden unterſtuͤtzt, brachten die Maulthiere und ihre Ladung ſo gut als moͤglich in Ordnung und der Offizier trat nun auch herbei, und wurde von den Geretteten mit herzlichem Danke empfangen. Antonio erkannte ihn bald als den jungen Mann, der ihm am vorigen Abend als der Marques von Peſaflores vorgeſtellt worden war, und dieſer be⸗ 66 Skizzen aus Spanien. zeigte ihm auf's verbindlichſte ſein Vergnuͤgen daruͤber, daß er durch Zufall im Stande gewe⸗ ſen, ihm und Rojas nuͤtzlich zu ſein. Um letzteren. war er mit der groͤßten Aufmerkſamkeit beſorgt. Ein Schluck Wein aus dem ledernen Schlauch, den einer der Reiter am Sattel fuͤhrte, brachte den Verwundeten, den der Blutverluſt erſchoͤpft hatte, bald wieder zu ſich, und er ſchien nicht abgeneigt zu ſein, das ganze Abenteuer ſehr luſtig zu finden; allein die Betruͤbniß des alten Ramon, die um ſo eindringlicher war, da er ſie nicht durch lautes Kla⸗ gen, ſondern nur durch einzelne abgebrochene Aeuße⸗ rungen an den Tag legte, auch der Anblick der ver⸗ wundeten Maulthiertreiber, brachte doch ein heilſa⸗ mes Nachdenken bei ihm hervor, da er ſich nicht verbergen konnte, daß er gewiſſermaßen Schuld an dem Ungluͤcke ſei.— Indeſſen hatten ſich einige Landleute aus den naͤchſten Cortijos eingefunden, und begannen auf des Offiziers Bitte, eine Grube an der Seite der Straße zu graben, um die Leichen der erſchlagenen Raͤuber zu beerdigen. Als die Leiche Pedro's, des Anfuͤhrers, herbeigetragen wurde, ſahen ſie dieſelbe nicht ohne eine geheime Scheu an, und ſchienen den gewaltigen Koͤrper und die wilden Zuͤge des Skizzen aus Spanien. 67 Mannes, der ſeit vielen Jahren der Schrecken der Gegend war, und deſſen Namen in ganz Spanien neben dem des beruͤchtigten Jayme Alfonſo genannt wurde, mit ſeinem Sieger zu vergleichen, den man bei ſeiner großen Jugend, ſeinem zarten Bau und bluͤhenden Ausſehen fuͤr ein verkleidetes Maͤdchen haͤtte halten koͤnnen. Kopfſchuͤttelnd meinte ein al⸗ ter Bauer:«war doch ein tuͤchtiger Burſche, der Pedro Gomez— wer ſollte es glauben—— nun Gott ſei ſeiner Seele gnaͤdig!“ Die Leichen wurden in die Grube geſenkt, die Umſtehenden ſpra⸗ chen ein kurzes Gebet, und bald haͤufte ſich ein Grabhuͤgel uͤber den Todten. Ramon hatte mit Huͤlfe des alten Bauern indeſſen, ſo gut es in der Eile gehen wollte, aus leichten Latten drei Kreuze gefertigt.«Denn, meinte er, es ſind ja doch Chri⸗ ſten, und wir wollen ſie nicht verſcharren wie Hun⸗ de.» Auf eines der Kreuze kritzelte er den gefuͤrch⸗ teten Namen: Pedro Gomez ein, und darunter die in ſolchen Faͤllen gewoͤhnliche Inſchrift:«Starb durch gewaltſame Hand. Betet fuͤr die Seele.»*) Und noch jetzt bezeichnen die drei Kreuze den Reiſenden *) Murio de manoa ayrad. Rueguen por el alma, teht auf den Kreuzen, die man in Spanien nur zu häufi an der Straße findet. 5*† 68 Skizzen aus Spanien. die Stelle, wo die Kinder von Ecija begraben liegen. Kaum war dies vollendet, ſo kehrten die Reiter von der vergeblichen Verfolgung Chriſtovals zuruͤck:«den mag der Teufel einholen, wenn er es nicht ſelber iſt— meinte ein alter Wachtmeiſter,— ſo reitet kein Chriſtenmenſch und kein vernuͤnftiges Pferd.“» Der Zug ſetzte ſich nun langſam in Bewegung. Die Verwundeten wurden von einigen der Reiter getragen; ſo auch die Leiche des erſchoſſenen Maul⸗ thiertreibers, welche Ramon ordentlich begraben laſſen wollte. Das Gepaͤck der todten oder verwun⸗ deten Maulthiere ward in das Haus gebracht, und unter dem Schutze von zwei Reitern zuruͤckgelaſſen, bis Ramon es abholen laſſen koͤnne. Der Offizier wollte die Bauern fuͤr ihre Muͤhe bezahlen, der alte Mann weigerte ſich jedoch unwillig, etwas anzu⸗ nehmen, und rief im Fortgehen dem jungen Manne zu:«Gott geleit' Euch, junger Herr!— Ihr wer⸗ det wohl thun, wenn Ihr macht, daß Ihr aus die⸗ ſer Gegend fortkommt, je eher je beſſer. Blut will Blut haben!“— Mit Sonnenuntergang erreichte der Zug Car⸗ mona, wo Ramon auf jeden Fall einige Tage lie⸗ gen zu bleiben gezwungen war. Rojas fand bei den jungen Leuten, die zu der Nationalmiliz von Car⸗ Skizzen aus Spanien. 69 mona gehoͤrten, die groͤßte Theilnahme, und wurde in dem Hauſe eines derſelben aufgenommen, um die Heilung ſeiner uͤbrigens ganz gefahrloſen Wunde abzuwarten. Die uͤbrigen Verwundeten fanden in einem Kloſter Aufnahme und Pflege. Antonio aber nahm den Vorſchlag des jungen Offiziers an, in ſeiner Begleitung den naͤchſtfolgenden Tag die Reiſe nach Mairena fortzuſetzen, und dort werden wir ihn wiederfinden.— 2 In ganz Spanien iſt der große Viehmarkt be⸗ ruͤhmt, welcher alle Fruͤhjahr in dem Dorfe Mairena, vier Leguas von Sevilla, gehalten wird. Aus al⸗ len Provinzen Spaniens ſtroͤmen, waͤhrend der drei Tage ſeiner Dauer, Menſchen von allen Staͤnden zuſammen; theils Kaͤufer und Verkaͤufer der Heer⸗ den von Rindvieh, Pferden, Maulthieren und Schaafen, welche hierher gebracht werden, theils und hauptſaͤchlich eine große Zahl von Neugierigen, welche dies Schauſpiel mit ſeinem Gefolge von Beluſtigungen aller Art anzieht. Auf einem freien Platze vor dem Dorfe hat⸗ ten ſich diejenigen, welche eigentlich Geſchaͤfte halber zugegen waren, verſammelt. In einzelnen Grup⸗ 70 Skizzen aus Spanien. pen betrachteten ſie die Heerden von Maulthieren, welche in langen Zuͤgen zuſammengekoppelt, den Kaͤufer erwarteten, waͤhrend die viel geringere Zahl. der Pferde das traurige Mißverhaͤltniß augenſchein⸗ lich machte, welches durch die Beguͤnſtigung der Maulthierzucht auf Koſten der Pferdezucht in Spa⸗ nien entſtanden iſt. Doch ſchien die Guͤte und Schoͤnheit der andaluſiſchen Roſſe fuͤr ihre geringe Zahl entſchdaͤigen zu ſollen. Schnaubend und mit den Hufen ſcharrend druͤckten die edlen Thiere ih⸗ ren Widerwillen gegen ihre zwitterhaften Nachbarn aus, und ſchienen mit freudigem Gewiehre den Reiter herauszufordern, der ſie zu baͤndigen wagte. Auf allen benachbarten Feldern und laͤngs den Straßen trieb ſich die Menge der Neugierigen her⸗ um, und waren leichte Buden mit Erfriſchungen aufgeſchlagen, waͤhrend von allen Seiten das gel⸗ lende Geſchrei der Waſſertraͤger und Orangenhaͤnd⸗ lerinnen ertoͤnte. Ein eilig errichtetes Amphithea⸗ ter fuͤr die Stiergefechte durfte bei dieſer Gelegen⸗ heit nicht fehlen, undvon Zeit zu Zeit uͤbertoͤnte— irgend einen kuͤhnen Stoß des Matadors, oder des Stiers feiernd— der laute Jubel derer, die gluͤcklich genug geweſen waren, einen Platz zu finden, das Getoͤſe des Marktes.— Doch wir wuͤrden ver⸗ Skizzen aus Spanien. 71 gebens ſuchen, dem Leſer ein genuͤgendes Bild des bunten Gewuͤhls, was ſich hier unter dem dunkel⸗ blauen, wolkenloſen andaluſiſchen Himmel herum⸗ trieb, zu geben, und begnuͤgen uns daher, ihm eine einzelne Gruppe vorzufuͤhren, worunter er vielleicht bekannte Geſtalten erkennen mag.— In der Naͤhe des Haupttummelplatzes fuͤr Menſchen und Vieh, auf einem kleinen Felde, ab⸗ geſchloſſen, und vor dem Gewuͤhl geſchuͤtzt, durch eine Hecke von mannshohen Aloen und bluͤhenden Caktus, unter dem Schatten einiger Palmen war eine geraͤumige Bude aufgeſchlagen, aus den leichten aber feſten Stengeln der Aloe zuſammengeſetzt und mit bunten, geflochtenen Matten von Esparto bedeckt. Im Hintergrunde der Bude waren auf einem langen Ti⸗ ſche Zuckerwerk aller Art und einige kleine Faͤßchen mit Liqueurs aufgeſtellt. Auf einer Bank zur Seite lagen mehrere von Wein ſtrozende Bockshaͤute, alle vier Fuͤße ſehnſuͤchtig von ſich ſtreckend nach dem durſtenden Freunde. An der hintern Wand der Bude in einigen Kaſten waren bunte Baͤnder und Tuͤcher, Heiligenbilder und Roſenkraͤnze, auch Ringe, Nadeln und anderer goldener und ſilberner Schmuck ausgeſtellt.— Der Eigenthuͤmer und Verkaͤu⸗ fer aller dieſer Herrlichkeiten that ſich auf den 72 Skizzen aus Spanien. erſten Blick durch anſtaͤndige, doch nicht ſtaͤdtiſche Kleidung, und durch eine gewiſſe Wuͤrde, woͤmit er ſeine Gaͤſte und Kunden bediente, zu erkennen. Seine Zuͤge hatten jedoch etwas widrig Gemeines, einen Ausdruck von Geiz, engherziger Sorge und Mistrauen. Ihm ging ſein Sohn in dem Ge⸗ ſchaͤfte ruͤſtig zur Hand, und ſchien an berechnen⸗ der Sparſamkeit ein wuͤrdiges Ebenbild des Vaters. Theils in der Bude ſelbſt, theils in dem Schatten der Baͤume, oder der hohen Aloen hat⸗ ten ſich auf dieſem kleinen Platze, von dem aus man bequem das Gewuͤhl des Marktes uͤberſehen konnte, mehre Gruppen gelagert, mit Geſpraͤch, mit Wein, auch mit Karten und Wuͤrfeln die Zeit kuͤrzend. Seit⸗ waͤrts von dem Eingang zu dieſem umſchloſſenen Platze war ein kleines Schirmdach von Matten aufgeſchlagen, unter welchem auf einem Tiſchchen mehrere große irdene Kruͤge von zierlicher Form, mit Laub und Blumen bekraͤnzt, zu ſehen waren. Der Haufen, welcher ſich um dieſe kleine Bude draͤngte, hatte aber offenbar nicht bloß die Abſicht, das Ge⸗ frorne und die Limonade, auch das eiskalte Waſſer zu genießen, was jene Kruͤge enthielten, ſondern ſie wurden eben ſo ſehr durch die Spen⸗ derin dieſer Erfriſchungen angezogen. Hinter dem —,— Skizzen aus Spanien. 73 Tiſchchen ſaß in anmuthiger, nachlaͤſſiger Geſchaͤftig⸗ keit ein junges Maͤdchen, deſſen eigenthuͤmliche, ſcharfe Geſichtszuͤge, und ein gewiſſer Ausdruck von ſcheuer Wildheit in den großen gluͤhenden Augen, beſonders aber die dunkle, faſt olivenbraune, offenbar nicht Europa urſpruͤnglich angehoͤrige Hautfarbe, ſie auf den erſten Blick dem Kenner als Zigeunerin verra⸗ then mußte. Angenehm ſtach die braune Farbe des Maͤdchens gegen das weiße, enganſchließende Kleid und die weiße Mantilla ab; ein paar dunkelrothe Nel⸗ ken im rabenſchwarzen Haar vollendeten ihren Putz. So ſaß die junge Zigeunerin da, mit heller Stimme ihre kuͤhlenden Gaben anpreiſend, oft auch wohl in zierlichen Liedchen die Voruͤbergehenden einladend, oder mit derbem, allezeit fertigem Witz und ſchnip⸗ piſcher Schalkheit die Scherze und Schmeicheleien der jungen Leute beantwortend, welche ſich um ſie draͤngten.“ An einem abgeſonderten Tiſche in der Bude ſaßen einige aͤltere Maͤnner in eifrigem Geſpraͤch, vor ihnen eine glaͤſerne Weinkanne mit langer Roͤhre, welche bald der Eine, bald der Andere er⸗ griff, und hoch in die Hoͤhe haltend, den rothen Strom in den Schlund hinabgoß.— Einen der Maͤnner, in der Tracht der Weltgeiſtlichen, erken⸗ 74 Skizzen aus Spanien. nen wir ſogleich als Antonio Lara, der hier ſeinen Bruder erwartete. Die uͤbrigen waren, nach ihrer einfachen braunen Kleidung zu ſchließen, wohlha⸗ bende Landleute aus der Mancha; einer von ihnen, in ſtaͤdtiſcher Tracht, gab ſich in Verlauf des Ge⸗ ſpraͤchs als ein Handelsmann aus Figueras in Catalonien zu erkennen. Glaubt mir, Ihr Herren, ſagte der Catalonier, es iſt nicht richtig wie es hier ſteht, muͤßt ihr beſſer wiſſen, als ich; wie es in Madrid ſteht, hat das, was letzthin in Aranjuez geſchehen, zur Genuͤge bewieſen.— Es kann nicht mehr ſo fortgehen; die Miniſter und die Freimaurer verrathen uns an die Servilen.— Aber— fuhr er auf den Tiſch ſchlagend fort— Cap de deu! wenn man uns nur machen ließe, die Freiwilligen von Barcelona waͤren allein hin⸗ reichend, mit dem Geſindel fertig zu werden.— „Nun— meinte Antonio— im Ampurdan und in der Cerdana ſcheint doch die Ruhe— nlich wieder her⸗ geſtellt zu ſein, nach den offtziellen Berichten.“ «Ja, glaubt den Berichten!— fuhr der hef⸗ tige Catalonier fort— wartet nur noch vier Wochen, bis die Paſtete aus dem Ofen kommt, dann verdaut ſie, wenn ihr koͤnnet!)— Ja die Berichte!— meinte einer der Landleute— Skizzen aus Spanien. 75 offiziell nennt ihr ſie, Señor Catalan? Da weiß man nicht, ob es ja oder nein, ſchwarz oder weiß iſt. Die Redensarten habt ihr Herrn Liberalen auch von den Franzoſen gelernt— aberaus ſolchem Staub wird ſolcher Dreck!»*)— Was 2— fuhrderCata⸗ lonier auf— was habt ihr gegen die Liberalen? gegen die Conſtitution?“— Gar nichts auf der Welt,— ſagte der Landmann ruhig.— Es mag ein ganzgutes Ding ſein, aber wir verſtehen nichts von den Aus⸗ laͤndereien. Erhitzt Euch nicht, Cavallero, erzaͤhlt uns lieber was Neues aus dem Reich.»**)«Schaut nur dort hinaus,— ſagte nun der Handelsmann, — dort eoͤnnet ihr gleich was Neues aus dem Reich ſehen!“— Die Maͤnner ſahen nach dem Markte hin; dort ward eben ein Zug von einigen funfzig Pferden vorbeigefuͤhrt, die, nach ihrer Groͤße und Staͤrke zu ſchließen, mit Abſicht, und nicht ohne Muͤhe auserleſen zu ſein ſchienen. Sie wur⸗ den von einigen Maͤnnern gefuͤhrt, deren Tracht und Ausſehen ſie als Bewohner der Gebirge von *) de tales polvos, tales bodos, eine gewöhnliche ſprich⸗ wörtliche Redensart. *) Die Einwohner aus den Provinzen der Krone Caſti⸗ liens nennen Valenzia, Catalonien und Aragon ſchlecht⸗ weg el reyno. 76 Skizzen aus Spanien. Catalonien bezeichnete. Sie trugen lange weite Beinkleider von geſtreiftem Zwillich, eine aͤhnliche kurze Jacke, welche jedoch einige nur auf die Schul⸗ ter gehaͤngt hatten. Ihre Kopfbedeckung war eine Muͤtze von rother Wolle, auf der einen Seite bis auf die Schulter herabhaͤngend.— An den nack⸗ ten Fuͤßen trugen ſie ſogenante Alpargatas, eine Art von geflochtenen Sandalen, welche nur die aͤu⸗ ßerſten Spitzen der Zehen und die Hacken und Sohlen bedeckten. Dieſe Menſchen waren großen⸗ theils beinah blond, mit ſonneverbrannten, faſt ro⸗ then Geſichtern, und blauen oder grauen Augen, die einen eigenen Ausdruck von Wildheit hatten.— Der Anfuhrer des Zuges, der ſich durch eine beſſere Klei⸗ dung, einen weiten braunen Mantel(capa), einen Hut mit breitem Rande und hohem Kegel auszeich⸗ nete, ließ einen Augenblick halten, trat in die Bu⸗ de, mit mistrauiſchem Blick umher ſchauend, und nachdem er ein großes Glas Brauntewein auf ei⸗ nen Zug geleert hatte, warf er dem Montaſies*) ſein Geld hin, und ging wieder zu ſeinen Leuten, ohne *) Die Weinhändler in Andaluſien ſind meiſtens aus der ſogenannten Montaſia von Aſturien und Altcaſtilien, und werden ſchlechtweg Montaſfeſes genannt, wie man an manchen Orten die Zuckerbäcker Schweizer nennt. - Skizzen aus Spanien. 77 Jemanden zu gruͤßen.«Verdammt ſei dein Ge⸗ ſchlecht!— Cataloniſcher Trunkenbold!» ſolche und aͤhnliche Redensarten wurden von den Herum⸗ ſtehenden— meiſtens Andaluſier— dem Manne nachgebrummt, der jedoch, ohne darauf anders als mit grimmigen Blicken zu antworten, mit ſeinen Leuten und Pſerden weiter zog.— Nun, habt Ihr die Neuigkeit geſehen?» ſagte jetzt der Cata⸗ lonier, zu Antonio und den Landleuten gewandt. «Wie meint Ihr das?» erwiederte Antonio, der nichts Ungewoͤhnliches darin ſah, daß ein cataloniſcher Roßkamm auf dem Markt von Mairena erſchien. «Meinen? Cap de deu! rief der Andere dagegen, wißt Ihr wer es war, der eben wegging?— Das war der Jep dels Eſtanys, der ſchon mehr Li⸗ berale auf der Seele hat, als Knoͤpfe am Rock; fragt im Ampurdan und Cervera nach ihm. Ein Spießgeſell von Moſen Anton Coll, von Miralles und von Miſas.— Fuͤr wie viele tauſend Pia⸗ ſter meint ihr wohl, daß heute und geſtern Pferde fuͤr Catalonien gekauft worden ſind? Es wimmelte ja von rothen Muͤtzen.“—«Aber— warf An⸗ tonio ein— wenn dieſe Pferde fuͤr die Glaubens⸗ armee in Euren Gebirgen beſtimmt waͤren, war⸗ um haͤtte Euer Jep grade die ſtaͤrkſten und ſchwer⸗ 78 Skizzen aus Spanien. ſten ausgeſucht?«—»Warum?— erwiederte jener lachend— ei, Herr, grade weil ſie in die Ebene herunter wollen. Hab' ich nicht in Per⸗ pinan mit eigenen Augen Kuͤraſſe und Helme ſchmieden ſehen fuͤr ein ganzes Regiment Kuͤraſ⸗ ſiere? und wer glaubt ihr, daß ſie bezahle? Die ehrwuͤrdigen Herren vom Kloſter zu Monſerrate, von Campredon. Eine Freude iſt es zu ſehen, wie dort die franzoͤſiſchen Offiziere, und Banquiers, und all die klugen Herren mit unſern Kutten zu⸗ ſammenſtecken.“— Ein Laͤrm auf dem Markte unterbrach den Sprechenden, und zog die Aufmerk⸗ ſamkeit der Geſellſchaft nach dieſer Seite. Ein kuͤhner Reiter tummelte draußen einen gewaltigen ſchwarzen Hengſt, den er, wie es ſich erwies, zu kaufen gedachte. Er ſchien ſeine Freude an den wilden Spruͤngen des Thiers zu haben, was ſeine letzten Anſtrengungen aufbot, um dem Menſchen die Herrſchaft ſtreitig zu machen. Bald aber fuͤhlte es, daß es ſeinen Meiſter gefunden hatte, und ſtand endlich zitternd, mit Schaum bedeckt und ſchnaubend auf den Ruf des Reiters ſtill.— Die⸗ ſer ſprang aus dem Sattel, und nachdem er den geforderten Preis bezahlt und das Pferd einem Diener zu halten gegeben, trat er mit einigen an⸗ Skizzen aus Spanien. 8 79 dern Maͤnnern in die Bude, um ſich durch einen Schluck Wein zu ſtaͤrken. Er war ein gewaltig ſtarker Mann, zu beleibt, um wohlgebaut zu hei⸗ ßen, mit roͤthlichen Haaren und ſtarkem Bart, freiem Blick und kraͤftigen Zuͤgen. Seine Klei⸗ dung war halb ſtaͤdtiſch, doch trug er eine kurze ſammtne Jacke und einen Hut mit breiter Krem⸗ pe. Seine Begleiter waren der Tracht und Spra⸗ che nach Valencianer. Sie trugen das Haar in Netzen, Huͤte mit breitem Rande und hohem Ke⸗ gel, kurze Jacken von blauem oder gruͤnem Zeuge mit vielen Schnuͤren, breite Gurte(fajas) von rother oder blauer Seide, Beinkleider von weißer Leinewand, nur bis uͤber die Knie, aber ſo weit und mit ſo vielen Falten, daß man ſie eher fuͤr einen kurzen faltigen Weiberrock haͤtte halten moͤ⸗ gen. Die Beine waren mit einer Art von blauen Struͤmpfen bedeckt, die jedoch nur uͤber den Knoͤ⸗ cheln anfingen und unter dem Knie aufhoͤrten, ſo daß das Knie und die Fuͤße bloß blieben. Statt der Schuhe trugen ſie Sandalen(alpargatas). — Auf der Schulter hing nachlaͤſſig zuſammenge⸗ ſchlagen eine wollene Decke, von den bunteſten, grellſten Farben. Dieſe dient ihnen entweder, um ſich gegen Regen und Kaͤlte zu ſchuͤtzen, ſtatt Man⸗ E Skizzen aus Spanien. 80 tel, oder ſie wird auf die Erde ausgebreitet, um drauf zu liegen oder zu ſitzen. Sie iſt fuͤr den Valencianer, wie der Mantel fuͤr den Caſtilianer, Haus und Hof.— Die Hereintretenden gruͤßten die Geſellſchaft hoͤflich, jener Reiter aber fiel durch einen beſonders feinen Anſtand auch Antonio auf. Er verlangte vom beſten Wein, trank ſeinen Gefaͤhrten zu, und nachdem ſie ſich gelabt, be⸗ zahlte er und ging gruͤßend wieder nach dem Markt hinaus. Der Catalonier hatte bei ſeinem Eintre⸗ ten Antonio mit Bedeutung in's Ohr gefluͤſtert: «Schaut, das iſt Don Bernaldino Marti aus Valencia, der iſt auch nicht umſonſt hier.» An⸗ tonio fragte nun:«Wer iſt denn dieſer Bernal⸗ dino Marti? ich habe nie von ihm gehoͤrt.“— «Da muß euer Weg Euch lange nicht durchs Koͤ⸗ nigreich Valencia gefuͤhrt haben. Der Herr, den Ihr eben ſaht, iſt im ganzen Lande bekannt und gefuͤrchtet; bis nach Caſtellon de la Plana und Reus hin weiß man von ihm zu erzaͤhlen. Er iſt einer der reichſten Landbeſitzer in Valencia, und Rittmeiſter bei dem Kuͤraſſierregiment Koͤnigin Amalia. Vor ein paar Jahren iſt er in ſeinem Landhauſe bei Valencia von Raͤubern uͤberfallen worden. Er entkam zwar mit genauer Noth im Skizzen aus Spanien. 81 Hemde durch eine Hinterthuͤr, aber ſein Haus wardrein ausgepluͤndert und in Brand geſteckt. Das Ding hat den braven Herrn ſo verdroſſen, daß er ſeit der Zeit, auf ſeine eigne Hand, im ganzen Koͤnigreich Valencia ohne Raſt und Gnade die Raͤuber und anderes Geſindel verfolgt. Die Regierung laͤßt ihn gern gewaͤhren, und iſt froh, daß Jemand ſich der Sache annimmt. Wenn er es verlangt, werden ihm Truppen und alle Unter⸗ ſtuͤsung gegeben. Er aber fraͤgt nicht danach. Aus ſeinem Regiment und unter den Landleuten, die er alle genau kennt, hat er ein paar tuͤchtige Burſchen ausgeſucht, Kundſchafter bezahlt er aller Orten mit ſeinem eignen Gelde, und wo ſich ver⸗ daͤchtig Volk zeigt, ſitzt er ihnen auf dem Nacken ehe ſie ſich's verſehen. Mit eigner Hand hat er wohl ein Duzzend der kuͤhnſten und gefuͤrchtetſten Raͤuber niedergemacht, und jetzt fuͤrchten ſie ihn ſo, daß Ihr. mit einem Sack voll Geld in der Hand durch's ganze Reich ziehen koͤnnt, ohne daß Euch ein Haar gekruͤmmt wird. Allen Raub, den er dem Volk wieder abgenommen hat, und er haͤtte koͤnnen reich werden damit, ließ er in der Zei⸗ tung anzeigen, damit ſich der Eigenthuͤmer mel⸗ den koͤnne, und es haben Leute Sachen wie⸗ 6 * 5* 82 Skizzen aus Spanien. dergekriegt, an die ſie laͤngſt nicht mehr dachten.— Ja, Cavalleros, ſchloß der Erzaͤhler, der Don Ber⸗ naldino hat allein in drei Jahren ſo viel gethan, als Elio, der ſich Koͤnig von Valencia nannte, in ſech⸗ ſen.“«Ein wackerer Herr!“» riefen die Landleute, «man ſollte meinen, er ſei ein Caſtilianer, denn ei⸗ nem Valencianer ſollte man's nicht zutrauen; Ihr wißt ja, was das Sprichwort von Valencia ſagt: «Das Fleiſch, Gemuͤſe; das Gemuͤſe, Waſſer; die Weiber, Huren; die Maͤnner, gar nichts.“— Der Catalonier ſtand nun auf, gruͤßte die Ge⸗ ſellſchaft, zahlte ſeine Zeche und entfernte ſich. «Ihr ſtreicht ja Euer Geld ein, als wenn Ihr Rhabarber verſchlucken ſolltet, Montanes— redete Antonio den Herrn der Bude an— Euch kann es doch wahrlich nicht fehlen.“ Ei was— erwiederte dieſer verdrießlich— wenn ich auch bei dem Geſchaͤft nicht verhungere, ſo iſt's doch hart, daß ein Aſturianer von altem Adel und noch aͤlterem Chriſtenthum, einer der die Ehre gehabt hat unter dem Kellermeiſter Seiner Excel⸗ lenz des Herzogs vor Villahermoſa zu dienen — daß ich hier dies Geſindel bedienen muß, wovon die meiſten mehr mauriſches, als chriſtliches Blut in den Adern haben.“—«Nun— ſagte Skizzen aus Spanien. 83 Antonio lachend— Ihr laßt ſie die Ehre, daͤcht' ich, theuer genug bezahlen, und wenn ſie nur Euren Wein trinken und zahlen, kann Euch ja die Farbe ihres Blutes eins ſein.“—„Ja, trin⸗ ken und zahlen!— meinte der Montañes— wenn ſie ihn wenigſtens traͤnken; aber thaͤten es nicht die Aragonier, die Catalonier und an⸗ dere alte Chriſten von der andern Seite der Sier⸗ ra morena, ſo koͤnnte ich meinen Valdepeſias, meinen Yepes, meinen Peroximenez ſelber trinken, — Weine, wie ſie Se. Excellenz der Herzog von Villahermoſa nicht beſſer im Keller hatte.— Seht nur ſelbſt, wie die andaluſiſchen Windbeu⸗ tel dort um die Hexe, die Zigeunerin, herum ſtehen, nach Luft ſchnappen, und ihr in die ſchwarzen Augen gaffen, ſtatt ſich wie rechtliche Leute her zu ſetzen zu einem guten Schluck Wein und einem vernuͤnftigen Geſpraͤch, wie ihr, Ca⸗ valleros.— Gießt ſo ein Burſche den ganzen Tag was anders in den Hals, wie klares Waſſer, und kaut er was anderes, wie ſeine Cigarre?« Auch die beiden Landleute, welche bisher An⸗ tonio Geſellſchft geleiſtet hatten, brachen nun auf, und er blieb allein zuruͤck, ungeduldig hinausſehend, ob ſein Bruder nicht bald komme. Bei der kleinen 6*† 84 Skizzen aus Spanien. Bude der Zigeunerin ging es indeſſen immer mun⸗ terer zu, und lautes Gelaͤchter begleitete die Ab⸗ fertigungen, welche dieſer oder jener junge Burſche von der ſproͤden Dirne erhielt.«Ha! Gitanilla, — ſagte, indem er ein Glas Eiswaſſer verlangte, mit ſchmachtendem Blick ein junger Studioſus, der ſich in ſeinem ſchwarzen Talar und hohen Sturmhut unter dem Haufen auszeichnete— Gi⸗ tanilla, was hilft es mir, daß mir dein Haͤndchen dies kalte Waſſer reicht, wenn deine Augen mir Herz und Gehirn verſengen.«Ei, wie Schade! — rief die Dirne ſpoͤttiſch— aber iſt es meine Schuld, Herr Licenciado, wenn das Stroh in Eurem Kopf ſo leicht angeht— und doch ſollte man es wirklich kaum glauben, denn ihr ſeid ja noch nicht einmal trocken hinter den Ohren.“ Waͤhrend der junge Muſenſohn vergebens auf eine ſeiner wuͤrdige Antwort ſann, wiederholte das Maͤdchen mit klarer Stimme die Seguidilla, die ihr ungluͤcklicher Anbeter unterbrochen hatte: Traue nimmermehr den Eiden— Kind— der Verliebten Denn ſie gleichen nur— im Sturme— Schiffergelübden; Um gleich Alles zu vergeſſen, Wenn ſie gelandet. Skizzen aus Spanien. 8⁵ Paͤtzlich aber rief ſie:«Schaut, Kinder, dort kommt einer, dem ihr alle nicht das Waſſer reicht. Ihr lauft mir nach, und ich ihm. Willkommen, Eſteban! Zauber meiner Eingeweide! Nelke mei⸗ ner Seele!“ rief heftig aufſpringend die wilde Dirne einem jungen Manne entgegen, der, auf einem brauſenden Andaluſier heranſprengend, vor ihrer Bude ſtill hielt. Hinter ihm ſaß mit an⸗ muthiger Sicherheit ein Maͤdchen, das Geſicht mit der Mantilla bedeckt. Der Reiter, es war Eſteban Lara, ſprang leicht aus dem Sattel, hob das Maͤdchen ſorgfaͤltig herunter, und ſagte beru⸗ higend zu ihr:«Sei ruhig, Schweſter, dort ſteht Antonio.“ Die Zigeunerin wollte ihn mit einem Scherz aufhalten, er wies ſie aber ziemlich barſch zuruͤck:«laß mich jetzt ungeſchoren, Paca, ich habe mehr zu thun.“ Das Maͤdchen ſuchte den ſcherzhaften Ton beizubehalten, und ſagte: «nun, nur nicht ſo pazzig, meinetwegen kannſt du.... aber ihr Auge ſpruͤhte Feuer, und ploͤt⸗ lich von ihrer Leidenſchaft hingeriſſen, rief ſie mit halb erſtickter Stimme, die verſchleierte Dolores mit drohendem Blick anſehend: gaber du ſollſt ihn nicht haben! verflucht ſei die Mutter die dich geboren!“ Zugleich riß ſie ein kleines Meſſer 86 Skizzen aus Spanien. aus dem Buſen und ſchien ihre Drohung erfuͤllen zu wollen, als Eſteban ihre Bewegung bemerkte, und ihr in den Arm fiel, indem er ſagte:«Du biſt eine Naͤrrin, Paquita, es iſt ja meine Schwe⸗ ſter Dolores. Sei nur ruhig, ich komm' nachher zu dir.“ Bei der drohenden Bewegung Paqui⸗ ta's war Dolores einen Schritt zuruͤckgetreten, hatte die Mantilla zuruͤckgeſchlagen und ſah das Maͤdchen halb verwundert, halb erſchrocken an. Kaum hatte Paquita die Zuͤge ihrer vermeintlichen Nebenbuhlerin erblickt und Eſteban's Worte ge— hoͤrt, ſo eilte ſie weinend auf Dolores zu, und ihre Haͤnde mit Kuͤſſen bedeckend, rief ſie:«ach, Seſorita, verzeiht mir um der heiligen Jungfrau von Guadalupe willen! ihr ſeid gewiß ſo gut als ihr ſchoͤn ſeid, ihr verzeiht gewiß einer armen Dirne, die um des boͤſen Geſellen Willen noch zur Naͤrrin wird.“ Dolores wußte fuͤr den Augen⸗ blick nichts zu thun, als das Maͤdchen auf den Mund zu kuͤſſen, um ſie ihrer Verzeihung zu verſichern, Eſteban aber machte ihrer Verlegenheit ein Ende, indem er mit den Worten:«Komm, Schweſter, auf Wiederſehen, Paquita!» raſch auf die Bude zu ging. Dolores folgte ihm. Bei⸗ den wichen die Umſtehenden willig aus, theils Skizzen aus Spanien. 87 weil Eſteban bekannt war, theils aus Hoͤflichkeit gegen das Maͤdchen. Hinter ihren Nuͤcken aͤußer⸗ ten ſie in ihrer lebhaften Weiſe laut den Ein⸗ druck, den Dolores Anmuth auf ſie machte: «Gott ſegne die Mutter, die dich geboren hat!»— «Die heilige Jungfrau ſegne deine ſchwarzen Au⸗ gen, Koͤnigin.“— Ha, Gottes Leben! welch ein Gang!“— Es lebe das andaluſiſche Salz!»*) Solche und aͤhnliche Ausrufungen ſchallten hinter Dolores her, waͤhrend Paquita, ſchnell ihre Thraͤ⸗ nen trocknend, ſich wieder in kampffertigen Stand *) Sal, salero, Salz und Salzfaß, ſind in Andaluſten ſehr gebräuchliche Ausdrücke in Beziehung auf weibli⸗ che Anmuth und Reiz. Z. B. Salero del alma: Salzfaß meiner Seele⸗— tiene mucha sal— es muy salada: Sie hat viel Salz— ſie iſt ſehr geſalzen.— Solche Ausdrücke laſſen ſich freilich ſchlecht überſetzen, und nur verſtehen, wenn man ſie in ihrer Anwendung gehört hat. Dahin gehören auch die Ausdrücke jaleo, zandunga, welche aber nur ausſchließlich in Andalu⸗ ſienverſtanden werden können, da die Sache, dieſe ei⸗ genthümliche Anmuth der andaluſiſchen Frauen ſich nirgends wieder findet. Sogar das Wort gracia, läßt ſich nicht überſetzen: es heißt nicht bloß Anmuth, grace, ſondern es iſt damit der Begriff von ſchalkyaf⸗ tem Witz verbunden. La gracia andaluz iſt ſprich⸗ wörtlich in Spanien, und von den Schönheiten des Nordens ſagen die Spanier: son bonitas, pero no tienen gracia. Sie ſind ſchön, aber ſie haben keine gracia. 88 Skizzen aus Spanien. ſetzte, um den Neckereien zu begegnen, welche nun von allen Seiten auf ſie einbrachen. Anto⸗ nio, der ſich grade, als Eſteban ankam, mit dem Montanes unterhalten hatte, bemerkte nun die Eintretenden und eilte ihnen entgegen. Do⸗ lores ſprang ihm jubelnd in die Arme, mit dem Ausruf:«gelobt ſei die heilige Mutter Got⸗ tes, ihr ſeid doch wenigſtens gerettet!„ Eſteban ſchuͤttelte dem Bruder die Hand und ſagte:«Das arme Maͤdchen! Es hat Euretwegen genug ge⸗ weint und gebetet. Es hieß, ein Geiſtlicher ſei erſchoſſen worden.— Ihr haͤttet in Cordova meinem Rath folgen ſollen, thut es wenigſtens jetzt, und bringt das Maͤdchen gleich nach der Poſada.— Da! Schweſterchen, ſuch dir dort was aus, ein Tuch oder eine Kette— was du willſt. Ich habe mit Antonio zu reden— unterbrach er ſich, zu Dolores gewandt, die ſich ſogleich in einiger Entfernung niederſetzte, die Beiden aͤngſtlich beobachtend.— Eſteban aber fuhr leiſer redend ge⸗ gen ſeinen Bruder fort:«Es iſt mir, als wenn es hier Laͤrm eben wuͤrde.— Der Solano weht*), und— ſetzte er leiſe hinzu— ich weiß, *) Ein heißer Südwind, dem italieniſchen Siroeco ähn⸗ Skizzen aus Spanien. 89 daß Chriſtoval hier iſt. Solche Haͤndel ſind nichts fuͤr Euch, auch taugt Ihr beſſer als ich dazu, das Maͤdchen zu huͤten. Wer weiß, ob Chriſto⸗ val nicht meiner beduͤrfen wird.» Die Sonne war indeſſen untergegangen, und ohne den allmaͤligen Uebergang der Daͤmmerung, war, wie durch einen Zauberſchlag, der dunkel⸗ blaue, ſternenfunkelnde Nachthimmel uͤber der Erde ausgebreiteet. Das Vieh war von dem Platze weggetrieben worden, der eigentliche Marktlaͤrm hatte ſich etwas gelegt, und beim Schein der Fackeln hatten ſich weit umher auf dem Platze, un⸗ ter den zerſtreuten Baumgruppen und vor den be⸗ nachbarten Haͤuſern, einzelne kleine Geſellſchaften ge⸗ ſammelt. Das belebende Schmettern der Caſtaue⸗ las, der Klang der Guitarre und des Geſanges toͤnte von allen Seiten durch die ſtille Luft, da⸗ zwiſchen auch wohl feindſeligere Toͤne, Fluchen der Spieler und drohende Worte.— Vor der Bude der Montasees hatte ſich nach und nach ein Haufen junger Leute von der Nazionalmiliz von Cordova und Sevilla verſammelt, und ließen lich. Während er weht, ſollen beſonders viele Mord⸗ thaten vorfallen. 90 Skizzen aus Spanien. weit hinaus in die Nacht die patriotiſchen, oder wenn man lieber will, Partheigeſaͤnge jener Zeit erſchallen.«Es lebe Riego!— es lebe die Con⸗ ſtituzion!» ſchloſſen ſie ihren Geſang. Einige Reiter vom Regiment Alcantara, die in der Naͤhe gelagert ihre Cigarren rauchten, und deren begehr⸗ liche Blicke dem Weinſchlauche nachhingen, der bei den jungen Leuten fleißig die Runde machte, riefen mit einſtimmend:«ſie lebe! es lebe die Nazionalmiliz“— Sogleich wurden die Reiter von den froͤhlichen Burſchen eingeladen, ſich zu ihnen zu geſellen, um ihren Patriotismus mit einem Schluck Wein zu befeuchten. Jene ließen es ſich nicht zweimal ſagen, und bald ward die Freude dieſes Haͤufleins lauter, und herausfordernd ertoͤnte die hoͤhniſche Melodie des Tragala, ſo daß die geſetztern unter den Umſtehenden ſich entfern⸗ ten, währeng zugleich von draußen herein immer mehr Menſchen ſich herandraͤngten, wie es denn zu geſchehen pflegt, wenn es bei ſolchen Gelegen⸗ heiten irgendwo den Anſchein hat, als wolle es Streit geben. Antonio hatte immer vergebens einen guͤnſtigen Augenblick abzuwarten geſucht, um ſeine Schweſter weg zu fuͤhren, und ſo blieben alle drei Geſchwiſter in der Bude. Antonio un⸗ Skizzen aus Spanien. 91 ruhig um die Schweſter beſorgt, Eſteban inner⸗ lich ſtreitfertig und Dolores ziemlich ruhig auf ſeinen Schuz vertrauend.— In geringer Entfernung von jenem laͤrmen⸗ den Haufen ſaßen in ruhigem Geſpraͤche beiſam⸗ men einige Soldaten von der Provinzialmiliz*). Einer der Reiter bemerkte ſie, und rief:«Seht dort die verdammten Servilen von der Provinzial⸗ miliz! Carajo! haben die Schurken wohl ein einzigesmal mitgerufen: es lebe Riego 2 Trozig antwortete einer der Infanteriſten:«Was geht uns Riego an? ohne ihn und Eure Conſtitu⸗ zion koͤnnten wir jetzt zu Hauſe bleiben und un⸗ *⁰) Die Provinzialmiliz iſt eine alte Einrichtung in Spa⸗ nien, und zu ihrem Lobe genügt es zu ſagen, daß ſie in mancher Hinſicht der Landwehr entipricht, wie ſie in Preußen beſteht. Nach der vunſßle der Cortes durften dieſe Milizen nicht ohne ausdrückliche Bewilli⸗ gung der geſetzgebenden Verſammlung außerhalb ih⸗ rer Provinz gebraucht werden. Der Aufſtand in Ca⸗ talonien und Aragon machte es 1322 und 25 nöthig, zu dieſem Mittel zu greifen, und es wurden mehrere Bataillone aus dem weſtlichen und ſüdlichen Spanien in jene Provinzen geſandt. Dies, ſo wie überhaupt die Störungen, die ihre eigenen Arbeiten auf dem Felde u. ſ. w. durch gehäuftes Exerzieren u. ſ. w. litten, beſonders aber die Aufhetzungen der Servilen hatten bei einigen derſelben Unzufriedenheit erregt. 92 Skizzen aus Spanien. ſere Aernte einfuͤhren, und brauchten nicht nach Catalonien zu ziehen, um gegen die Ruſſen und Tuͤrken, und was weiß ich, zu fechten.— «Laßt uns ungeſchoren— rief ein anderer— ihr ſeid betrunken!“ Der Streit wurde von bei⸗ den Seiten mit heftigen Worten fortgeſetzt, doch hatte Niemand Luſt zuerſt Thaͤtlichkeiten zu begin⸗ nen. Da erſchallten ploͤtzlich ſchwere Tritte und Sporengeklirr, und durch den verſammelten Hau⸗ fen draͤngten ſich einige Reiter von dem Carabi⸗ nierregiment des General Freire. Große, ſtaͤm⸗ mige Geſellen, alte Soldaten, deren militairiſche Haltung eben ſo ſehr gegen die neuen, bunten Roͤcke der Nazionalmiliz, als ihre wohlerhaltene, ſorgfaͤltige Uniform gegen die leichten Reiter von Alcantara abſtach, welche, wie faſt alle ſpaniſchen Linien⸗Regimenter, im elendeſten Zuſtande waren. Ein alter Wachtmeiſter, mit ſonnverbranntem, baͤrtigem, benarbtem Geſicht trat, ohne ein Wort zu reden, auf jenen Reiter, der zuerſt den Streit angefangen hatte, zu, und mit den hoͤhniſchen Wor⸗ ten:«fort mit dem Bettel!» riß er ihm ein Band mit conſtituzionellen Farben und Diviſe, wie es damals die ſogenannten liberalen Regimen⸗ ter trugen, von der Bruſt, ſpuckte drauf und Skizzen aus Spanien. 93 trat es veraͤchtlich mit Fuͤßen. Auf eine ſo uner⸗ wartete Frechheit folgte ein augenblickliches Schwei⸗ gen, allein bald ertoͤnte von Seiten der Milicianos das Geſchrei:«Nieder mit den Hunden! nieder mit den Carabiniers! es lebe Riego!“— Die Geg⸗ ner aber, obgleich an Zahl viel geringer, zeigten gar keine Luſt dem Kampf auszuweichen, ſondern forderten ihn mit hoͤhniſchen Reden heraus. Schon waren einige Saͤbelhiebe gefallen, ſchon hatten ei⸗ nige der jungen Leute, zu dreiſt vordringend, ſich leichte Wunden geholt; als ein Offizier, in dem Antonio alsbald den Marques von Penaflores erkannte, ſich zwiſchen die Streitenden warf, und ſie mit derben Fluͤchen und Schelten zur Ruhe ermahnte. Seine eigenen Leute entfernten ſich brummend, doch wie es ſchien nicht eben unzufrie⸗ den damit, daß ſie des bedenklichen Kampfes mit den gefuͤrchteten Carabiniers uͤberhoben waren. Auch die jungen Freiwilligen, die den Marques kannten, gehorchten ihm um ſo williger, da er ih⸗ nen verſprach, fuͤr die Beſtrafung der Schuldigen zu ſorgen. Die Carabiniers aber bezeigten nicht die geringſte Luſt, ſeinem Befehl Folge zu leiſten, und als er ihn im Namen der Conſtituzion wie⸗ derholte, rief der alte Wachtmeiſter hoͤhnend: 94 Skizzen aus Spanien. «zur Hoͤlle mit Eurer Conſtituzion! Laßt Euch erſt den Bart wachſen, junger Herr, und dann fragt wieder nach! Ihr habt uns nichts zu befeh⸗ len!“ Der junge Offizier, von einer fanatiſchen Verehrung fuͤr Riego und die Conſtituzion be⸗ ſeelt, drang nun wuͤthend auf ſeinen gewal⸗ tigen Gegner ein, ward aber ploͤtzlich von dem Rittmeiſter Mendizabal, der indeſſen herbeigetre⸗ ten war, zuruͤckgehalten mit den Worten:«gebt Euch keine Muͤhe, Marques— es ſind meine Leute und ich will ſchon mit ihnen reden— au⸗ ßerdem moͤchte die Nuß doch zu hart fuͤr Ihre jungen Zaͤhne ſein, trotz Ihrer letzten Heldentha⸗ ten!“ ſetzt' er hoͤhniſch hinzu; dann zu den Rei⸗ tern gewandt: Steckt ein, Kinder, geht nach der Poſada und ſattelt, wir muͤſſen die Nacht durch reiten.“— Aufgebracht uͤber die perſoͤnliche Beleidigung, die in Mendizabal's Worten lag, und noch mehr uͤber die Gleichguͤltigkeit, womit dieſer das Vergehen ſeiner Leute anzuſehen ſchien, rief ihm der Marques mit Heftigkeit zu.«Wie? Herr Rittmeiſter, iſt das die Art, wie Sie dieſe Schurken behandeln, welche unſere heilige Verfaſ⸗ ſung geſchmaͤht haben? Fuͤr Ihren Hohn werde ich Sie zur Rechenſchaft ziehen, und jene ſollen Skizzen aus Spanien. 95 der gerechten Strafe nicht entgehen!“„Ganz, wie Euch beliebt, mein junger Held— erwiderte Mendizabal hoͤhniſch— nur werdet Ihr wohl thun, Euch etwas zu beeilen.“ Damit drehte er ihm den Ruͤcken, und verſchwand bald nebſt ſei⸗ nen Leuten in der Dunkelheit. Der Marques bedurfte einiger Augenblicke, um ſich zu faſſen, und rief endlich, mit drohenden Blicken umher ſe⸗ hend:«in meiner Gegenwart ſoll es keiner wa⸗ gen, die Conſtituzion und den Helden de las Cabe⸗ zas zu ſchmaͤhen!“— Da rief ploͤtzlich eine dumpfe Stimme unter dem ihn umgebenden Hau⸗ fen:«Nieder mit der Conſtituzion! zur ſiebten Hoͤlle mit Riego!» und zugleich trat ein Mann, in dem Mantel verhuͤllt, den breiten Hut tief in's Geſicht gedruͤckt, hervor. Der Offizier ungewiß, was er von dieſem unerwarteten Gegner zu den⸗ ken habe, zog den Saͤbel und rief ihm zu:«wer biſt du? was. willſt du? im Namen des Koͤnigs und der Conſtituzion, gib dich gefangen!— Bei dem erſten Worte des Vermummten wollte Do⸗ lores mit dem Ausruf:„Jeſus Maria! es iſt Chriſtoval!“ auf ihn zu ſpringen, allein ihr Bru⸗ der und die junge Zigeunerin, welche ſich indeſ⸗ ſen zu ihr geſellt hatte, hielten ſie zuruͤck. Chri⸗ 96 ſtoval ſelbſt, raſch den Hut zur Erde werfend, den Mantel zuruͤckſchlagend und um den linken Arm wickelnd, ſtand in einem Augenblick mit gezoge⸗ nem Meſſer in kampffertiger Stellung da. Dolo⸗ res Bewegung bemerkend, rief er ihr zu; um Gottes willen! Maͤdchen, zuruͤck! Eſteban, halte ſie zuruͤck!— Dann rings umſchauend— und Ihr, Cavalleros, haltet Euch ſtill! ich habe mit dem jun⸗ gen Herrn dort eine Rechnung abzumachen!— «Ihr kennt mich nicht, Herr, ſagt Ihr?— fuhr er zu dem Offizier gewandt fort— ich aber kenne Euch! Ihr ſeid einer, der mich zu Grunde gerichtet hat,— denkt an die Venta de Gualdiaro. Ihr ſeid der Moͤrder des wackern Pedro Gomez; ſein Blut klebt noch an Eurem Saͤbel, und Blut will Blut haben!“ Mit den Worten drang Chriſtoval auf ſeinen Gegner ein. Dieſer konnte ſich das Gefaͤhr⸗ liche ſeiner Lage nicht verhehlen. Rings um ſich her ſah er beim unſichern Schein einiger Fackeln entweder neugierige, oder gleichguͤltige Geſichter, waͤhrend einzelne Embozados*) ihm finſtere, feind⸗ Skizzen aus Spanien. *) Wir glauben dieſen ſpaniſchen Ausdruck beibehalten zu dürfen, da das, was er bezeichnet, nur durch Um⸗ oder Beſchreibung wiedergegeben iſt. Embozarse, Skizzen aus Spanien. 97 ſelige Blicken zuwarfen. Er wußte recht wohl, daß er bei den untern Volksclaſſen in der ganzen Umgegend und bei den Servilen verhaßt ſei, wegen des Eifers, mit dem er ſich bei der Verfolgung von Contrebandiſten, Raͤubern und dergleichen Volk ausgezeichnet hatte. Er ſchwankte eine Zeit⸗ lang, ob er ſich in einen Zweikampf mit einem ſolchen Gegner einlaſſen, oder den Arm des Ge⸗ ſetzes zu Huͤlfe rufen ſolle; allein theils ſtieg die bei einem ſo jungen Manne natuͤrliche Luſt an dem Abenteuer in ihm auf— und er ſchaͤmte ſich, einem einzelnen Gegner gegenuͤber, gleich⸗ ſam um Huͤlfe zu rufen— theils war er auch nicht ſicher, daß ihm das etwas helfen wuͤrde, da Niemand von den Umſtehenden Luſt zu haben ſchien, ſeine Parthei zu nehmen. Einige Per⸗ ſonen wollten zwar dazwiſchen treten, allein die Mehrzahl rief:«Laßt ſie! laßt ſiel» andere: heißt, das eine Ende des weiten ſpaniſchen Mantels über die andere Schulter werfen, ſo daß das Geſicht bis an die Augen verhüllt iſt. Kömmt dazu ein Hut mit breitem Rande, ſo wird der embozado unkennt⸗ lich, weshalb Leute, die aus irgend einer Urſache nicht gekannt ſein wollen, ſich des embozo bedienen. Es iſt verboten mit dem embozo vor einer Schildwache vorbei zu gehen, oder ihn in den Kirchen zu behalten. 7 98 Skizzen aus Spanien. «Halt dich brav, Majo!—« Zeigt was Ihr koͤnnt, Cavallerito!“— Eſteban aber trat her⸗ vor und rief mit drohendem Blick und Stimme: »Wer ſich drein mengt, hat es mit mir zu thun. Laßt ſie ihre Sache abmachen, wie es wackren Burſchen ziemt.— Laß dich nicht ſoͤren, Chriſto⸗ val!» Antonio war, noch ehe Chriſtoval auftrat, davon geeilt, bei dem Poſten, der zur Erhaltung. der Ordnung vor dem Gemeindehauſe im Dorfe aufgeſtellt war, eine Patrouille zu fordern, um die Unruheſtifter feſt zu nehmen; denn er ſah wohl, daß ſeine einzelne perſoͤnliche Einmiſchung nichts helfen koͤnne. Wie es ſich aber nachher auswies, hatte er nicht nur den Weg verfehlt, ſondern auch den Anfuͤhrer des Poſtens, der zu der Pro⸗ vinzialmiliz gehoͤrte, keinesweges ſehr geneigt ge⸗ funden, ſein Verlangen zu erfuͤllen. Dolores, die den wilden Sinn ihres Bru⸗ ders wohl kannte, und keine Einmiſchung wagte, und uͤberhaupt bei der ganzen Sache wenig fuͤhlte, als Sorge um Chriſtoval, harrte in angſtvollem Gebet des Ausganges, waͤhrend Paquita unter den zaͤrtlichſten Liebkoſungen ihr Muth zuſprach: «Sei nur ruhig, mein Engel, ſei doch ganz ruhig, meine Roſe— fluͤſterte ſie ihr zu— Skizzen aus Spanien. 99 dem Chriſtoval wird kein Haar gekruͤmmt.— Weine doch nicht ſo, mein Leben! glaub du mir, ich weiß ja wie das iſt; mit ſeinem Meſſer braucht Chriſtoval den langen Saͤbel nicht zu fuͤrchten.— Der junge Offizier mag ſein letztes Ave Maria beten; wenn er es noch weiß, der gottloſe Frei⸗ maurer—'s iſt doch ſchade um ihn, ein ſchmu⸗ cker Junge!“— Der ſonderbare Kampf hatte in⸗ deſſen begonnen. Nicht unbekannt mit der furcht⸗ baren Waffe des Gegners, und dem einzigen Mit⸗ tel ihrer Wirkung zu entgehen, ſtand der Offi⸗ zier in ruhiger Auslage auf ſeiner Stelle, mit zuruͤckgezogenem rechten Arm zum Hiebe oder zum Stoße bereit. Er wußte, daß er ohne Rettung verloren war, wenn er nicht gleich beim erſten Streich den Gegner niederſtreckte, und folgte deſ⸗ ſen Bewegungen mit Auge und Koͤrper in ge⸗ ſpannter Aufmerkſamkeit. Chriſtoval indeſſen— in vorgebeugter, faſt kauernder Stellung, hinter ſeinem am linken Arm weit vorgeſtreckten Mantel, in der Rechten das lange Meſſer, mit zweifinger⸗ breiter, allmaͤlig nadelſpitz zulaufender Klinge, zum Stoße von unten nach oben ausgehohlt— um⸗ ſchlich in immer engeren Kreiſen den Gegner, mit gluͤhenden Augen jede ſeiner Bewegungen belau⸗ 7* 100 Skizzen aus Spanien. ſchend. Dieſem ſah man es allmaͤlig an, daß er anfing die Geduld zu verlieren, indem ihn ſein feuriger Muth trieb, der Sache ein Ende zu ma⸗ chen.«Er iſt verloren!“ ſagte ruhig ein alter Stierfechter, der unter dem Haufen ſtand, und mit Kennerblicken den Kampf beobachtete. Da ſchien der Mantel von Chriſtoval's linkem Arm herabzugleiten, und indem er ihn wieder aufzu⸗ raffen ſuchte, gab er ſich dem Gegner etwas bloß. Dieſer meinend, der rechte Augenblick ſei gekom⸗ men, fuͤhrte vorſpringend einen gewaltigen Hieb nach des Gegners Kopfe, ſank aber im ſelben Moment mit einem dumpfen Schrei zu Boden. — Das ſcheinbare Herabgleiten des Mantels war nur eine Liſt geweſen, wodurch Chriſtoval den Gegner zu einer unvorſichtigen Bewegung verleiten wollte. Mit dem Mantel ſeinen Hieb auf⸗ fangend, war er im ſelben Augenblick, blitzſchnell, wie der Tieger auf ſeinen Raub, auf den Gegner losgeſprungen und hatte ihm das Meſſer von unten her in die linke Seite unter die Rippen geſtoßen; und ſo groß war die Gewalt des Stoßes mit der⸗ jenigen des Sprunges vereint, daß er dem Ungluͤck⸗ lichen rings um den ganzen Leib aufriß, alſo daß der Oberleib mit dem Unterleibe nur noch durch Skizzen aus Spanien. 101 die Knochen des Ruͤckgrades zuſammenhing. Die vielfachen Lagen des dicken wollnen Mantels hat⸗ ten Chriſtoval ſelbſt vor jeder Verletzung geſchuͤtzt. «Gott ſei ſeiner armen Seele gnaͤdig!» ſagte er, mit muͤhſam unterdruͤckter Bewegung, waͤhrend die Umſtehenden einen Augenblick ſchweigend die furchtbare Wunde anſtarrten.« Wohlgetroffen! Chriſtoval— rief endlich Eſteban, ſeinem Vetter die Hand reichend— aber jetzt fort! ich hoͤre die Ronde. Dort ſteht mein Pferd. Gieb Dolores einen Kuß und fort!»„Mit der blutigen Hand! — rief Chriſtoval— niemals! Das arme, liebe Kind!» Und Dolores, die mit Entſetzen Zeugin ſeines Sieges geweſen war, ein ſchmerzliches: «Lebwohl, Dolores!“ zurufend, ſchwang er ſich leicht auf Eſteban's Pferd, das neben der Bude angebunden war, und in einem kuͤhnen Sprung uͤber die Cactushecke wegſetzend, verſchallte in we⸗ nig Augenblicken der Gallop des Pferdes in der Ferne. Indem hoͤrte man Waffengeklirr und ra⸗ ſche Tritte nahen. Die Zuſchauer bei dem toͤdtli⸗ chen Spiel verliefen ſich ſchnell in der Dunkelheit, und im ſelben Augenblick erſchien Antonio an der Spitze einiger Soldaten auf dem Platze, und Eſteban, der um ſeine halb ohnmaͤchtige Schwe⸗ 102 Skizzen aus Spanien. ſter beſchaͤftigt war, rief ihm nur noch zu:«Sorg fuͤr die Schweſter! auf Wiederſehn!“» warf einige Soldaten, die ihn aufhalten zu wollen ſchienen, bei Seite und verſchwand unter der Menſchen⸗ menge, welche das Geruͤcht von dem Vorfall her⸗ beizog. Die Soldaten hoben mit Muͤhe den furcht⸗ bar verſtuͤmmelten Leichnam auf, um ihn nach dem Poſten zu bringen. Antonio, Alles andere vergeſſend, eilte zu ſeiner Schweſter, die ſich in Paquita's Armen wieder etwas erholt hatte. «Chriſtoval iſt geborgen,— ſagte ſie ihr— und dort kommt Euer Bruder Antonio. Ich muß fort — ſetzte ſie leiſe hinzu— dort ſteht mein Va— ter und ruft mich; aber Ihr ſollt von Chriſtoval Nachricht haben, verlaßt Euch auf mich.“— Dankbar druͤckte Dolores die Hand der Troͤſterin an ihren Mund, und folgte ſchweigend ihrem Bruder, der ſie nach der Poſada fuͤhrte, wo eine aͤltere Verwandte, die ſie nach Mairena begleitet hatte, ihrer wartete.— Das frohe Leben auf dem Platze war durch dieſen Vorfall nur kurze Zeit unterbrochen, und bis zum Morgen ward die Nacht durch Geſang, Guitarrenklang und Tanz belebt.— Skizzen aus Spanien. 103 Antonio's Geſchaͤfte mit den geiſtlichen Be⸗ hoͤrden von Cordova, noͤthigten ihn, auf einige Tage nach jener Stadt zuruͤckzukehren, und da er ſeine Schweſter nicht ohne ſichere Begleitung nach Hauſe ſchicken wollte, Eſteban aber nichts von ſich hoͤren ließ, ſo ward beſchloſſen, daß Dolo— res nebſt ihrer Verwandtin ihn nach Cordova be⸗ gleiten ſollten, von wo aus er ſie dann ſelbſt nach Benamexi bringen wollte. Ohne weitere Stoͤrung erreichten ſie Cordova, und fanden in dem Hauſe einer Freundin der Fa⸗ milie eine gaſtfreie Aufnahme.— Antonio war uͤber die ſonderbare Faſſung, wo⸗ mit, ſchon nach wenigen Tagen, Dolores jenen furchtbaren Vorfall anſah, erſtaunt, und es koſtete ihn nicht wenige Muͤhe, ſich dieſe Erſcheinung pſycho⸗ logiſch zu erklaͤren, und aus ſeiner Schweſter klug zu werden.— Was ihm dabei auffiel, war nicht allein die Leichtigkeit, womit das Kind den ſinn⸗ lichen Eindruck ertrug, den eine ſolche Begeben⸗ heit auf ihren Koͤrper und auf ihre Phantaſie zu machen geeignet war, ſondern noch mehr die An⸗ ſicht, die ſie in moraliſcher Hinſicht daruͤber zu haben ſchien. Er hatte ſeine Schweſter nach 104 Skizzen aus Spanien. der Wirkung beurtheilt, die ein aͤhnlicher Vor⸗ fall auf die Frauen gemacht haben wuͤrde, welche er im Auslande, waͤhrend einer zehnjaͤhrigen Ver⸗ bannung, zu beobachten Gelegenheit gehabt hatte. Er hatte nicht nur eine heftige Erſchuͤtterung ih⸗ res Nervenſyſtems, ihrer Geſundheit erwartet, ſon⸗ dern auch eine gaͤnzliche Umwandlung ihrer Ge⸗ fuͤhle fuͤr einen Menſchen, den ſie nun als Moͤr⸗ der verabſcheuen mußte, der ihr, nachdem ſie Au⸗ genzeuge eines furchtbaren von ihm veruͤbten Ver⸗ brechens geweſen war, nur Entſetzen einfloͤßen konnte. Antonio wuͤnſchte zwar ein ſolches Re⸗ ſultat, da er das Verhaͤltniß ſeiner Schweſter zu jenem Menſchen unmoͤglich billigen konnte, allein er fuͤrchtete fuͤr das Maͤdchen den Kampf zwiſchen den Reſten einer Leidenſchaft und der moraliſchen Ueberzeugung von der Unwuͤrdigkeit des Gegen⸗ ſtandes. Er hielt es deshalb fuͤr ſeine Pflicht, ſei⸗ ner Schweſter dieſen Kampf ſo viel wie moͤglich zu erleichtern, indem er, wie ſich denken laͤßt, auf die Seite der moraliſchen Ueberzeugung, die er bei ihr vorausſetzte, zu treten gedachte. Er fand aber bald, zu ſeinem großen Erſtaunen, daß man ſeines Troſtes und ſeiner Weisheit fuͤr's er⸗ ſte gar nicht beduͤrfe, und daß er irriger Weiſe Skizzen aus Spanien. 105 die Begriffe und Gefuͤhle einer verfeinerten Civi⸗ liſation in ſeinem Vaterlande geſucht hatte. Do⸗ lores war zwar nicht in ihrem elterlichen Hauſe, ſondern in einem Kloſter in Granada erzogen, wo⸗ durch ihr Weſen etwas milderes, ſtilleres, ſchuͤch⸗ terneres erhalten hatte, als es vielleicht bei einem Maͤdchen ihres Standes zu erwarten war, den⸗ noch aber hatte ſie lange genug mit den Ihrigen gelebt, um ihre Anſichten und Begriffe uͤber Verhaͤltniſſe und Handlungen, wie diejenigen des Vetters Chriſtoval, zu theilen, ohne ſich weiter genaue Rechenſchaft daruͤber zu geben; und was das Erſchuͤtternde des ſinnlichen Eindruckes betrifft, den ein ſolcher Anblick bei den Frauen anderer Laͤnder zu erregen geeignet waͤre, ſo vergaß An⸗ tonio, daß Dolores, wie alle ihre Landsmaͤnninnen, gewohnt war, mit Entzuͤcken bei Stiergefechten die Gefahren, den Sieg, die Niederlage, das Blut und die Wunden zu ſehen, welche der Kampf kaltbluͤtgen Muthes und kuͤhner Gewandtheit ge⸗ gen die wilde, unbaͤndige Wuth des furchtbaren Thieres mit ſich fuͤhrt.— In den erſten Tagen ward Antonio durch dringende Geſchaͤfte und andere Umſtaͤnde verhin⸗ dert, ſeine Schweſter anders als auf Augenblicke Skizzen aus Spanien. 106 zu ſprechen; ſoviel merkte er aber, daß die Sorge um Chriſtoval's perſoͤnliche Sicherheit es allein war, welche die gewohnte kindiſche Froͤhlichkeit aus ihren lieblichen Zuͤgen verſcheuchte, und ſie ſtill und nachdenklich machte. Wenn aber An⸗ tonio, der uͤberdies auch wegen ſeines Bruders beſorgt war, welcher nichts von ſich hoͤren ließ, mit ihr uͤber dieſen Punkt ſprach, ſo bedurfte es nur weniger Augenblicke, um ſie zur Troͤſterin zu machen, und ſie konnte dann ſich foͤrmlich ge⸗ gen ihren Bruder ereifern, daß er glauben koͤnne, Chriſtoval oder Eſteban wuͤrden ſich ſo leicht fan— gen laſſe. Zur Meſſe, zum Gebet ging das Maͤdchen fleißiger als je. Nach einigen Tagen bat ſie eines Morgens ihren Bruder, ſie in die Kirche zu begleiten, und dieſer, indem er ſich an— ſchickte ihrer Bitte zu willfahren, ſagte laͤchelnd: vaber du biſt ja gar zu fromm, Dolorcitas, du willſt am Ende gar noch eine kleine Nonne wer⸗ den»—«Warum nicht gar!— erwiderte die Kleine— was wuͤrde Chriſtoval ſagen... ſie ſchwieg erroͤthend und fuhr nach einer Pauſe fort: nein, aber ich habe ja zweihundert Ave Maria's und zweihundert Paternoſter fuͤr die arme Seele des jungen Offiziers zu beten gelobt vor dem Skizzen aus Spanien. 107 Kreuz des Gefangenen.— Ach, Bruder, ich moͤchte ſo gerne ein paar Seelenmeſſen leſen laſ⸗ ſen fuͤr ihn; denn ich denke, er hat es recht noͤthig. Er war auch einer von den ſchlimmen Liberalen, die an keinen Gott glauben.— Dolores war ganz zornig geworden bei ihrer letzten Aeußerung, ſie ſchien ſich aber ploͤtzlich zu beſinnen, daß ihr Bruder auch ein Liberaler ſei, und kuͤßte ihm in großer Verlegenheit die Hand, dieſer aber ſagte laͤchelnd:«Da haſt du ganz Recht, Dolores, du mußt ja Seelenmeſſen fuͤr den armen Marques leſen laſſen.)— Etwas mißtrauiſch ſah ihn die Kleine an:«ja— ſagte ſie endlich— aber ich habe kein Geld..... weißt du was, Bruder, geh du mit mir zum Goldſchmidt, da verkaufen wir das goldne Kettlein da, und dann koͤnnen wir gleich die Meſſen beſtellen. Freilich— ſetzte ſie weinerlich hinzu, indem ſie die Kette losmachte — Chriſtoval hat mir ſie ſelber geſchenkt, aber eigentlich iſt es ja doch ſeine Schuld.“— Anto⸗ nio verſicherte dem Maͤdchen, ſie koͤnne ihr Kett⸗ chen behalten, denn er wolle die Seelenmeſſen bezahlen, und vergnuͤgt huͤpfte ſie vor ihm her. — Bald erreichten ſie den Saͤulenwald der Ka⸗ thedral. In einer der Saͤulen, von dunkelgruͤ⸗ 108 Skizzen aus Spanien. nem Jaspis, iſt ein grobes, unfoͤrmliches Kreuz eingekratzt, dies wird la eruz del cautivo ge⸗ nannt, und ſteht bei den Cordoveſen in großer Verehrung. Ein gefangener Chriſt, ſagt die Le⸗ gende, ward von den Mohren an dieſe Saͤule ge⸗ feſſelt, und gezwungen, den Graͤuel ihrer Abgoͤtterei und die Verhoͤhnung des heiligen Glaubens mit anzuſehen, er aber kratzte mit den Naͤgeln ſeiner Haͤnde das Kreuz in den harten Stein, ſo gleich⸗ ſam im Namen des heiligen Erloͤſers Beſitz neh⸗ mend von dem Tempel des falſchen Propheten. Als nun das Kreuz vollendet war, ward der Ge⸗ fangene des heiligen Maͤrtyrertodes theilhaftig, aber wenige Tage darauf eroberte Koͤnig San Fernan⸗ do die Stadt und weihte die Moſchee der Unglaͤu⸗ bigen z Kathedral des neuen Bisthums Cordo⸗ va. Vor dieſem Kreuze kniete Dolores andaͤchtig nieder, um einen Theil der heiligen Schuld abzu⸗ tragen, die ſie gegen die Seele des Erſchlagenen uͤbernommen hatte. Ploͤtzlich fluͤſterte ihr eine be⸗ kannte Stimme in's Ohr:«Chriſtoval laͤßt dich gruͤßen, Sehorita, er iſt geſund wie ein Fiſch und frei wie ein Adler.« Dolores ſprang auf, ‚und hatte eben noch Zeit, die junge Zigeunerin zu erkennen, die davon eilend und gewandt die Skizzen aus Spanien. 109 Mantilla etwas zuruͤckſchlagend, ſie mit dem Faͤ⸗ cher und mit freundlichem Nicken gruͤßte. Dolo⸗ res eilte ſogleich hinaus, um ihren Bruder auf⸗ zuſuchen, der, ihr vor Freude ſtrahlendes Ge⸗ ſicht bemerkend, ihr entgegentrat:«nun, was giebt es denn, Schweſterchen, du ſiehſt ja ſo vergnuͤgt aus, wie ein Oſtermorgen!“— Chri⸗ ſtoval!.... antwortete ſie, und konnte vor lau— ter Freude nicht zu Worte kommen.— Siehſt du, Antonio— fuhr ſie endlich fort— ich wußte wohl, daß Chriſtoval ſich von den Mili⸗ cianos und Soldaten nicht werde fangen laſ⸗ ſen.— Er laͤßt mich gruͤßen, und iſt frei.“— «Aber, Dolores— antwortete Antonio— kannſt du denn dieſen Menſchen wirklich noch lie⸗ ben, nach dem was er begangen hat, was du ſelber mit angeſehen haſt?y— Verwundert ſah Dolores ihren Bruder fragend an, und dieſer, nicht ohne einige Verlegenheit uͤber die Art, wie er eine ſolche Verkehrtheit behandeln ſolle, fuhr fort:«Bedenke doch, Dolores, daß Chriſtoval ein Raͤuber, ein Moͤrder, ein gottloſer Menſch iſt.“—«Chriſtoval ein gottloſer Menſch!— rief Dolores faſt zornig aus— ach, Antonio, wenn du wuͤßteſt, wie gut und fromm er iſt! 110 Skizzen aus Spanien. Ehe ihm die Milicianos ſeine Waaren weggenom⸗ men, ihn zu Grunde gerichtet haben, und nach ihren neuen Geſetzen einſperren wollten, hat er ja. nie Jemandem was zu Leide gethan. Immer war er es, der Frieden ſtiftete, wenn der wilde Eſte⸗ ban Streit angefangen hatte; und gegen mich war er ja immer ſo gut— grade wie du ſonſt, Antonio. Ach ja! und wenn du nur ſo fromm waͤreſt, als er— ſetzte ſie ſchuͤchtern hinzu— frage nur den alten Pater Hilario bei uns zu Hauſe, der ſagte immer, es ſei Jammerſchade, daß Chriſtoval kein Geiſtlicher geworden ſei. Er hat ihm auch Leſen und Schreiben gelehrt.”» —«Aber, Dolores— ſagte Antonio ernſt— hat ihn der Pater nicht gelehrt, daß unſer Herr Chriſtus ſagt: du ſollt nicht toͤdten.“ Weinend, aber eifrig und ohne im mindeſten uͤberzeugt zu ſein, antwortete das Maͤdchen:«Chriſtoval konnte ja aber nicht anders, er mußte ſich ja doch raͤchen und ſeinen Freund auch; denn er kannte den Pedro Gomez ſchon lange, und Pedro hat ihm einmal das Leben gerettet, als die Franzoſen ihn erſchießen wollten, weil er ihnen den Weg nicht zeigen wollte.“—«Aber, Dolores, es iſt ja doch eine Todſuͤnde, ſei doch vernuͤnftig, Maͤd⸗ Skizzen aus Spanien. 111 chen,» ſagte nun Antonio ungeduldig, daß die Kleine ſo einfache Dinge nicht begreifen koͤnne. «Ach, Bruder, das weiß ich ja wohl— ſagte dieſe, die ſich indeſſen ſchon ganz gefaßt hatte, und die nur das Geſpraͤch zu beendigen wuͤnſchte, um ſich ungeſtoͤrt uͤber Chriſtoval's Gruß freuen zu koͤnnen— das weiß ich ja wohl, und Chriſtoval weiß es ja auch; aber Chriſtoval iſt ja fromm, und unſere heilige Mutter, die Kirche, vergiebt ihm gewiß, frag nur den Pater Hilario. Ich bin freilich ein armes, einfaͤltiges Maͤdchen, aber es iſt doch gewiß ſo.“—„Chriſtoval hat aber die Geſetze verletzt, er iſt ein Verbrecher, und der Strafe des Geſetzes verfallen,» ſagte nun Anto⸗ nio, welcher ſich nicht berechtigt glaubte, den re⸗ ligioͤſen Glauben ſeiner Schweſter zu ſtoͤren, und ihr Vertrauen zu verlieren fuͤrchtete. Er fand aber zu ſeinem Verdruſſe, daß das eigenſinnige Maͤdchen auch uͤber dieſe Seite der Sache ganz beruhigt, und nicht zu uͤberzeugen ſei. Lachend antwortete ſie: «ja Strafe! wenn ſie ihn erſt haͤtten! Was kann Chriſtoval dafuͤr, daß die Geſetze ihm verbieten, ſei⸗ nen Feind zu toͤdten?— Du biſt aber auch gar kurios, Antonio— fuhr ſie nun ſelber ungeduldig fort — er hat ja den Offizier nicht meuchlings ermordet. 112 Skizzen aus Spanien. Obgleich ich ſehr erſchrocken war— es war recht kindiſch von mir, und Chriſtoval iſt gewiß boͤſe auf mich— aber ich hab' es doch recht gut geſehen.»— Maͤdchen, du biſt ja ganz toll! rief nun Antonio, du weißt, daß Chriſtoval ein Naͤuber iſt.»— «Ei, das iſt ja gerade gut— erwiederte wieder la⸗ chend Dolores— ſonſt haͤtte der Pedro dich gewiß erſchoſſen— aber Bruder— fuhr ſie fort, als ſie ſah, daß Antonio gegen dies Argumentum ad hominem proteſtiren wollte— was kann ich denn dafuͤr, wenn Chriſtoval das thut oder jenes. Ich bin ja ein albernes Maͤdchen, und er wird ſchon am beſten wiſſen, was er zu thun hat. Er wuͤrde mich ſchoͤn auslachen, wenn ich da drein reden wollte, und ich bin nur froh, daß Eſteban nicht gehoͤrt hat, was du alles geſagt haſt.“» Sie hatten indeſſen das Haus erreicht, und waren beide froh, wenn auch aus verſchiedenen Gruͤnden, dem Geſpraͤch ein Ende zu machen. Im Vorplatz(Zaguan) trat ihnen, noch etwas blaß und auf einen Stab geſtuͤtzt, aber ſo munter wie jemals, der junge Rojas entgegen, deſſen leichte Wunde groͤßtentheils geheilt war, und der Carmona ver⸗ laſſen hatte, um uͤber Cordova nach Granada zu reiſen, wo er Verwandte hatte; als er jedoch ver⸗ Skizzen aus Spanien. 113 nahm, daß Antonio mit ſeiner Schweſter noch meh⸗ rere Tage in Cordova zu bleiben gedachte, fiel es ihm ploͤtzlich ein, daß er ebenfalls wichtige Geſchaͤfte in dieſer Stadt habe, und er nahm ſehr begierig die Einladung der Frau vom Hauſe an, welche dem munteren jungen Manne nicht abhold zu ſein ſchien, und ihm, nach Spaniſcher Sitte, fuͤr die Zeit ſeines Aufenthalts ihr Haus anbot. Dieſes Anerbieten darf nun freilich eben ſo wenig woͤrtlich genommen werden, als aͤhnliche Hoͤflichkeitsformeln in andern Laͤndern, ſie giebt indeſſen doch dem Fremden das Recht, ſich jeden Abend in der Ter⸗ tulla einzufinden, wenn er anders Luſt hat, und dort einen Gegenſtand zu finden erwartet, der ihn anzieht. Dies war nun bei Rojas unſtreitig der Fall, und gewiſſermaßen hatte er Recht, wenn er behauptete, ein wichtiges Geſchaͤft halte ihn in Cordova— auch Dolores ſchalkhaftes Laͤcheln bewies, daß ſie dies ſehr wohl begriff. Ihrer Sorge um Chriſto⸗ val entledigt, begegnete ſie mit ausgelaſſenem Muth⸗ willen den Scherzen und Schmeicheleien des jun⸗ gen Mannes. S 114 Skizzen aus Spanien. In der Vorſtadt Triana*), der uralten Torre del Oro gegenuͤber, liegt ein einzelnes Haus, was trotz ſeiner duͤſtern, baufaͤlligen Außenſeite, und ob⸗ gleich es weder ein Wirthshaus, noch eine Wein⸗ ſchenke iſt, dennoch haͤufig zum Sammelplatz und Beluſtigungsort junger Burſchen und Dirnen aus 4 den unteren Volksclaſſen dient, welche faſt aus⸗ ſchließlich dieſen Theil der Vorſtadt bewohnt. Der Hausherr war, oder iſt mit Gottes Huͤlfe noch, dem ganzen loͤblichen Barrio de Triana und weit umher in der Gegend unter dem Namen el tuerto de Triana(der Schielende von Tria⸗ na) oder el tio Eusebio bekannt, ſeine genaue⸗ ren Freunde und Freundinnen aber pflegten ihn auszeichnend nur el tio zu nennen**). Dieſer Mann hatte in ſeiner Jugend Schleichhandel ge⸗ trieben, und ſich ſpaͤter wohl noch in mancherlei ſchlimmere Haͤndel eingelaſſen. In ſeinem Alter aber ruhete er auf ſeinen Lorbeeren, und uͤbte eine Art von patriarchaliſcher Autoritaͤt uͤber alle jun⸗ *) Die Vorſtadt Triana liegt Sevilla gegenüber am rech⸗ ten Ufer des Guadalquivir, und ihre Bewohner ſtehen ziemlich in demſelben Rufe wie die von Trastevere.— **) Es iſt ſchon oben bemerkt, daß der Ausdruck tio, Oheim, von ältern Leuten gebraucht wird, etwa wie bei uns: Vater. Skizzen aus Spanien. 115 gen, verwegenen Geſellen der Vorſtadt aus, woſelbſt es an dergleichen niemals mangelt. Sie unter⸗ werfen ſich dieſer Art von Vormundſchaft um ſo williger, da ſie nicht nur dafuͤr auf den Rath des erfahrnen Veteranen bei jeder Verlegenheit rechnen durften, in welche ſie auf der dornigen Bahn ge⸗ rathen konnten, die ſo dicht an den aͤußerſten Graͤn⸗ zen der Geſetze, und oft ſo nah am Galgen vorbei⸗ fuͤhrt, und auf der in Spanien heiße Leiden⸗ ſchaften, kuͤhner Muth und eine ſchlechte Hand⸗ habung der Geſetze ſo manchen tuͤchtigen jungen Geſellen zu wandeln verleiten— nicht nur auf den guten Rath des Schielenden, ſondern auch auf ſeinen Schutz konnten ſeine Anhaͤnger rechnen. Dieſer letzte aber war keineswegs zu verachten; denn das Anſehn des Schielenden war bei der unteren Claſſe der Handlanger und Helfershelfer der Ge⸗ ſetze kaum geringer als bei denjenigen, deren natuͤr⸗ liche Feinde und Verfolger dieſe edlen Herren zu ſein berufen ſcheinen. Die haͤufigen Feindſeligkei⸗ ten, und der haͤufige Wechſel von Sieg und Nie⸗ derlage, der gegenſeitige Wetteifer von Liſt und Kuͤhnheit, welcher waͤhrend ſeines thaͤtigen Lebens zwiſchen ihm und den Dienern der Geſetze Statt gefunden hatte, war in eine Art von ehrenvoller, auf 8* 116 Skizzen aus Spanien. gegenſeitige Achtung beruhende Waffenruhe uͤberge⸗ gangen, waͤhrend welcher beide Theile, jedoch ohne die ſtrengſte Wachſamkeit zu verabſaͤumen, ſich durch allerlei kleine Gefaͤlligkeiten und Aufmerkſamkeiten ihre Achtung bezeigten. So haͤtte z. B. kein Alguazil daran gedacht, einen Verhaftsbefehl oder der⸗ gleichen gegen einen von den Schuͤtzlingen des wuͤr⸗ digen Vaters Euſebio auszufuͤhren, ohne dieſem vor⸗ her einen Wink gegeben zu haben, und dann fan⸗ den ſich immer Mittel genug, den Bedrohten bei Seite zu ſchaffen, bis die dringende Gefahr vor⸗ uͤber war, und die wackern Diener der Gerechtig⸗ keit konnten im Nothfall ſo blind ſein, als man ihre Herrin darzuſtellen pflegt. Dagegen war der Schielende auch immer erboͤtig, ſeine jungen Leute an den gehoͤrigen Orten in den gehoͤrigen Schran⸗ ken zu halten, um die nachſichtigen Spuͤrhunde nicht zu ſehr in Verlegenheit zwiſchen ihrem Zart⸗ gefuͤhl und ihrer Dienſtpflicht zu bringen, und be⸗ ſonders hielt er ſehr ſtrenge darauf, daß ihnen die Gebuͤhren, welche ſie fuͤr ihre Gefaͤlligkeiten ver⸗ langten, nicht vorenthalten wurden. Ja, er war zuweilen ſogar behuͤlflich, ſolche Uebelthaͤter, welche ſeiner angemaßten Herrſchaft fremd waren, oder ſie verſchmaͤhten, ſeinen Freunden, den Haͤſchern, Skizzen aus Spanien. 117 in die Haͤnde zu liefern;«denn ohne Ordnung und Geſetze— meinte der Biedermann— koͤnne auf dieſer Welt nichts beſtehen.“— Sollte nun aber ei⸗ nem unſerer Leſer die treffliche Novelle des großen Cervantes: Rinconete und Cortadillo, bekannt ſein — was wir billig vorausſetzen, und auf jeden Fall recht ſehr hoffen und wuͤnſchen— ſo moͤchte es ihn vielleicht beduͤnken, daß wir in dieſer wuͤrdigen Perſon den vortrefflichen Meiſter Monipodio aus jener Erzaͤhlung entwenden und copiren; dage⸗ gen koͤnnen wir nur ſagen, daß die Nachahmung nicht uns, ſondern dem Geſchick zur Laſt faͤllt, wel⸗ ches noch vor wenigen Jahren einen ſolchen Mo⸗ nipodio den zweiten in Sevilla ſein Weſen treiben ließ, und vielleicht in dieſem Augenblick noch trei⸗ ben laͤßt, wenn er nicht ſeitdem zu einem hoͤhern Wirkungskreis berufen worden. Letzteres aber iſt, auch im guͤnſtigſten Sinne, nicht unwahrſcheinlich, da der Schielende von Triana einen nicht unbe⸗ deutenden Antheil an der ruͤhmlichen Reſtauration der ſpaniſchen Monarchie genommen, und mit Aus⸗ zeichnung an dem Lorbeerkranz geflochten hat, der die erlauchte Stirne des Siegers vom Trocadero, des Wiederherſtellees und Begluͤckers Spaniens ziert.— 118 Skizzen aus Spanien. Der Vater Euſebio liebte es, die jungen Leute ſeiner Bekanntſchaft um ſich zu ſehen, und raͤumte ihnen gern ſein Haus zu ihren Luſtbarkeiten ein, deſſen abgelegene Lage und die Naͤhe des Fluſſes vielen von denjenigen, welche ſich hier einfanden, ſehr erwuͤnſcht ſein mußte. So hatte ſich denn auch in derſelben Nacht, worin auf dem Markte zu Mairena der Mord des jungen Marques von Pehaflores vollbracht wurde, eine zahlreiche Geſellſchaft in dem Hofe der Woh⸗ nung des Schielenden verſammelt. Sie hatten die⸗ ſen Theil des Hauſes nicht bloß deshalb gewaͤhlt, weil er in dieſer Jahrszeit den angenehmſten Auf⸗ enthalt gewaͤhrte, ſondern auch, weil er in der That der einzige bewohnbare Theil des Gebaͤudes war, wenn wir ein einziges Gemach, was auf ebener Erde ſich nach dem Hofe zu oͤffnete, ausnehmen, worin der Herr des Hauſes ſelbſt ſein Lager aufzu⸗ ſchlagen pflegte, wie eine am Boden ausgebreitete Matte, eine alte Guitarre und ein gewaltiger Tra⸗ buco(Musqueton) an der Wand, ein großer Waſ⸗ ſerkrug von Thon in der einen Ecke, und ein gro⸗ ßer eichener Kaſten in der anderen bewies. Rechts von der Thuͤre hing ein grobes ſchwarzes Crucifix, darunter ein zerbrochenes Becken mit Weihwaſſer. Skizzen aus Spanien. 119 Um den Hof lief ein Saͤulengang, an dem aber ſchon hier und da die Decke eingefallen war, ſo wie uͤberhaupt das ganze ziemlich weitlaͤufige Gebaͤude Spuren des groͤßten Verfalls trug. Die Thuͤren waren zerſchlagen, oder gar nicht mehr vorhanden, die Fußboͤden aufgeriſſen, alles oͤde und finſter, denn die Fenſterladen allein waren ſorgfaͤltig ver⸗ ſchloſſen und von innen verrammelt. Dergleichen Ruinen finden ſich leider haͤufig in mehreren ſpaniſchen Staͤdten, als Folge der ver⸗, minderten Bevoͤlkerung und des allgemeinen Ver⸗ falls. Wie aber der Schielende von Triana zu dem Beſitze dieſes Mauerwerks gekommen, ob es wirk⸗ lich ſein Eigenthum war, oder ob er von den Ei⸗ genthuͤmern nur darin geduldet oder vergeſſen wor⸗ den, hat Schreiber dieſes nicht auszumitteln ver⸗ mocht, genug, daß er von allen ſeinen Gaͤſten als Herr des Hauſes geehrt wurde. Die Gaͤſte ſelbſt waren der Kleidung, der Sprache, den Gebehrden, nach, ſogenannte Majos und Majas. Was dieſe Ausdruͤcke bedeuten, haben wir ſchon bei einer an⸗ dern Gelegenheit erklaͤrt, und aus dem, was wir damals bemerkten, kann ſich der Leſer ungefaͤhr ei⸗ nen Begriff von dem Ton und Charakter dieſer ehrenwerthen Geſellſchaft machen. 120 Skizzen aus Spanien. In der Mitte des Hofes hatte ſich eine zahl⸗ reiche Gruppe im Kreiſe um ein Paar verſammelt, was nach dem Klang der Guitarre und dem Schmet⸗ tern der Caſtañuelas und unter dem lauten Beifall der Zuſchauer den Fandango tanzte. Einige Bret⸗ ter, auf ein paar Steinbloͤcke gelegt, bildeten an ei⸗ ner Seite des Hofes einen langen Tiſch, auf wel⸗ chem einige Weinſchlaͤuche, glaͤſerne Kannen mit Liqueurs, eingemachte Fruͤchte und Suͤßigkeiten ver⸗ ſchiedener Art, Orangen, Feigen, Melonen und Wein⸗ trauben, nebſt einigen Wuͤrſten und Schinken lagen — Alles durcheinander wie Jeder von der Geſellſchaft, nach hergebrachter Sitte bei ſolchen Refrescos, die wir vielleicht Pickenicks nennen wuͤrden, ſeine Lebens⸗ mittel herbeigebracht hatte. Seitwaͤrts von dem Tiſche in einer dunklen Ecke des Hofes, der uͤbrigens bloß durch das ſilberſtrahlende Mondlicht erleuchtet wurde, ſaß ein Mann in ſeinen Mantel gehuͤllt, den breiten Hut tief in's Geſicht gedruͤckt, und vor ihm ſtand mit untergeſchlagenen Armen und bedenklichem Ge⸗ ſichte der Hausherr, in heimlichem eifrigen Ge⸗ ſpraͤche mit dem Verhuͤllten. Der Vater Euſebio war eine breitſchulterige, kraͤftige, ſogar etwas wohlbeleibte Geſtalt. Sein ſonſt nicht uͤbelgebildetes Geſicht hatte doch einen Ausdruck von Wildheit und Tuͤcke, der Skizzen aus Spanien. 421 durch das Schielen ſeiner blitzenden Augen und ei⸗ nen gewaltigen Backenbart vermehrt wurde. Sein rabenſchwarzes, mit grauem untermiſchtes Haar war auf dem Scheitel mit einem Kamm in einer Art von Flechte(moũo) zuſammengehalten. Seine Klei⸗ dung war die der aͤltern Maͤnner aus den unteren Volksklaſſen, eine kurze Jacke, kurze Beinkleider, von grobem ſchwarzen Zeuge, gelblederne Camaſchen bis an die Knie, und um den Leib einen breiten rothen Gurt. Eben hatte das tanzende Paar unter dem lauten Jubel der Geſellſchaft und dem Ruf: viva la gente morena!*) den Fandango beſchloſſen, und die Taͤnzerin trat auf den Hausherrn zu, undſagte⸗ «ei, Vater, das iſt gar nicht fein von Eurer Tochter, daß ſie ſo lange ausbleibt, waͤhrend wir hier verſam⸗ melt ſind, um ihren Namenstag zu feiern. Denn ob⸗ gleich die ganze Welt ſie la luciente(die Glaͤn⸗ zende)**) nennt, ſo iſt ſie doch Anſelma getauft, und heut iſt ihr Namenstag.— Und Ihr, Joſe— fuhr ſie, die Haͤnde in die Seite ſtemmend, zu dem Ver⸗ mummten gewendet fort— was ſitzt Ihr da in *) Gente morena, a das braune Völkchen» werden ſcherz⸗ weiſe in Andaluſien die gemeinen Leute genannt, und naennen ſich ſelbſt ſo.— **) Dergleichen Beinamen(noms de guerre) ſind in Spanien ſehr gebräuchlich. 122 Skizzen aus Spanien. der Ecke wie eine Nachteule?— Ha! Geſalzener! Ha! Held meiner Seele!*) Willſt du einen Fan⸗ dango mit mir verſuchen, Schatz?— Oder was? liebſt du mich nicht mehr? Treuloſer! Un⸗ geheuer!“— Die Dirne war auf dem Wege, ſich zur hoͤchſten Wuth der Eiferſucht zu erheben, als der Vater Euſebio ſie mit gemeſſener, tiefer Stimme unterbrach:« Ruhig, Morenita, meine Tochter— Alles hat ſeine Zeit. Joſe iſt viel zu ſehr Cavallero, um einem Maͤdchen, wie du biſt, treu⸗ los zu werden. Aber jetzt iſt fuͤr ihn nicht Zeit zum Fandango. Kinder— fuhr er fort, ſich zu den Uebrigen wendend, die ſich nach und nach um ihn verſammelt hatten— ich hab' es Euch oft geſagt: dieſe Zeiten ſind nicht wie die vorigen. Aber Ihr ſeid jung, und wollt nicht hoͤren. Ja, ja, ſeit der neuen Wirthſchaft, die ſie Conſtitution nennen, wird es einem wackern Manne ſchwer gemacht— nun das wird nicht immer waͤhren, und ſo lange geht der Krug zu Waſſer, bis er bricht. Geduld, und die Karten gemiſcht. Aber was meint ihr, was *) So ſonderbar ſolche und ähnliche Ausdrücke der Zärt⸗ lichkeit, wie salado und valenton del alma, in der Ueberſetzung klingen, ſo ſind ſie doch zu charakteriſtiſch, als daß man ſie durch andere erſetzen könnte. Skizzen aus Spanien. 123 der wackere Joſe hier fuͤr Nachricht bringt?— Die Kinder von Ecija ſind von dem jungen Mar⸗ ques von Peſaflores— Gott verdamme ſein Ge⸗ ſchlecht!— uͤberfallen worden. Pedro Gomez und drei Andere ſind geblieben, Joſe und ein neuer, Chriſtoval Moreno, ſind allein entkommen!» Mit Erſtaunen und Schrecken wurde dieſe Nachricht von den Zuhoͤrern empfangen, und der entflohene Naͤuber mit Fragen beſtuͤrmt. Dieſer aber unter⸗ brach ſein finſteres Schweigen nur durch einzelne, Fluͤche.„Glaubt mir, Kinder— fing der Haus— herr endlich wieder an— die Liberalen, die Con⸗ ſtitution iſt an allem Uebel Schuld. Da ſoll Alles anders werden, und nichts iſt ihnen recht, uͤberall ruͤtteln und fegen ſie. Gott weiß, ob ich mein Haus hier lange behalten werde.— Nun jeder fuͤr ſich, und Gott fuͤr alle! Aber was wird la Luciente ſagen, wenn ſie erfaͤhrt, daß Pedro Gomez todt iſt — die Dirne hat gar zu heißes Blut. Und was ſollen wir mit dem armen Joſe anfangen— hier kann ich ihn nicht behalten. Die Zeiten ſind ſchlimm — die alten Zeiten ſind vorbei. Noch geſtern ſagte mir Don Fulgencio, der Escribano, er koͤnne nicht laͤnger ein Auge zudruͤcken, es werde von oben her gar zu ſcharf aufgepaßt. Verdammt ſeien 124 Skizzen aus Spanien. doch alle Freimaurer und alle Liberale, Amen!» —«Amen! Jeſus!» wiederholten viele Stimmen. «Ei, Vater— unterbrach ihn aber ein huͤbſches jun⸗ ges Maͤdchen— was ſcheltet ihr ſo ſehr auf die Liberalen? Ich weiß gewiß es ſind recht wackere Leutchen darunter.“—« Seht einmal das Gaͤns⸗ chen!— unterbrach ſie die Eiferſuͤchtige, die indeſſen ſich beeifert hatte, ihren niedergeſchlagenen Cortejo aufzuheitern.— Seit ihr der lumpige Sergeant vom Regiment Mayorca den Hof macht, iſt ſie ſelber zur Freimaurerin geworden. Seht nur! traͤgt die Dirne nicht gar eines von ihren gruͤnen Baͤn⸗ dern, mit ihren goldenen Buchſtaben und Inſchrif⸗ ten! Es fehlt mir nicht viel, ſo reiß' ich es ihr vom Halſe!„—«Du willſt dich ſo was unter⸗ ſtehen— rief nun die andere— tritt mir nur einen Schritt naͤher, wenn du das Herz haſt!— Ja dir zum Trotz, ſag' ich: es lebe Riego! es lebe die Conſtipazion!»—& Ruhig, Kinder!— Conſtipazion! du weißt nicht, was du ſchwatzeſt, meine Tochter,» ſprach hier der Hausherr dazwi⸗ ſchen; gber die aufgebrachte Dirne fuhr mit zorngluͤhenden Augen fort:«ei was! ſo weiß ich doch, daß die Elende dort nicht einmal von rei⸗ nem Blute iſt, daß ihr Großvater ein Mezger Skizzen aus Spanien. 125 war!»*)—«Meſſer heraus! wenn du Herz haſt, Juͤdin! Ketzerin! Freimaurerin!“» rief nun in hoͤch⸗ ſter Wuth ihre Gegnerin, und beide machten An⸗ ſtalt, dem Streite eine gefaͤhrlichere Wendung zu geben, als ploͤtzlich unter lautem Jammergeſchrei ein Maͤdchen hereinſtuͤrzte, und die Aufmerkſamkeit aller Anweſenden auf ſich zog. Es war eine ſtatt⸗ liche Dirne, im reichſten Anzuge der Majas. Wo iſt er— wo iſt er, der die Nachricht gebracht hat? — rief ſie, und den Naͤuber erblickend ſtuͤrzte ſie auf ihn zu, und fragte mit wildem Blick und bebender Stimme:«iſt es wahr, Menſch?— iſt es wahr, daß mein Pedro erſchlagen iſt?“— «Nur zu wahr!“» antwortete der Raͤuber dumpf vor ſich hin. Das Maͤdchen aber uͤberließ ſich nun unaufhaltſam den ausſchweifendſten Ausdruͤcken der Verzweiflung. Ihre Haare zerraufend, und ihre Bruſt, ihr Geſicht zerſchlagend, rief ſie bald alle Heiligen am Troſt an, bald wuͤnſchte ſie ſich den Tod, und ſtieß die furchtbarſten Verwuͤnſchungen aus. Vergebens ſuchte der alte Euſebio ſeine Toch⸗ ter zu beruhigen.„Troͤſte dich, meine Tochter— *) Mezger, und ſogar Weinwirthe, ſind in Andaluſien nicht«ehrlich.“— 126 Skizzen aus Spanien. ſagte er mit ſalbungsvoller Stimme— bedenke, daß Chriſtus noch weit mehr fuͤr uns am Kreuze gelitten hat.“«Sprecht mir nicht von Chriſtus, noch vom Kreuz,— fuhr die Troſtloſe fort zu raſen— ich entſage Chriſtus! ich ſchwoͤre dem Kreuze ab! was hilft mir jetzt das Alles— giebt mir das meinen Pedro wieder?— Jeſus! Jeſus!— der boͤſe Feind ſpricht aus dem Maͤdchen!“ riefen hier mehrere der Um⸗ ſtehenden, und eilten entſetzt nach dem Crucifix und beſprengten ſich und die Tobende mit Weihwaſſer. Sie ſuchte ſich zu faſſen, und ploͤtzlich von ihrer Leidenſchaft zu den entgegengeſetzten Gefuͤhlen hin⸗ geriſſen, ſtuͤrzte ſie in tiefſter Zerknirſchung vor dem Bilde des Gekreuzigten nieder, und betete mit krampfhaftem Eifer. Nach einigen Augenblicken ſprang ſie wieder auf, und dem Anſcheine nach et⸗ was ruhiger, trat ſie wieder zu Joſe, und fragte heftig:«Sprich, Mann! wie ſtarb mein Pedro?⸗ —«Vei der heiligen Jungfrau von Fuenſanta! — rief der Gefragte ungeduldig— glaubſt du, Maͤdchen, ich habe Zeit gehabt dabei zu ſtehen und zu gaffen? Ich danke Gott, daß ich ſo davon kam.“— Mit dem Ausdruck der Verach⸗ tung auf ihrem ſchoͤnen, aber durch Schmerz und Skizzen aus Spanien. 127 Wuth entſtellten Geſicht, trat la Luciente ihm naͤher und ſagte:«dankſt du Gott, Menſch? wirklich? und haſt du keine Zeit gehabt zu gaffen? Hatte Pedro etwa keine Zeit zu gaffen, als du ſchon in der Kapelle zu Ecija ſaßeſt*) und dir die Pfaffen die letzten Litaneien vorſangen? Wagte er weniger als ſein Leben, wie er dich damals be⸗ freite? Und wer biſt du, daß du jetzt Gott dan⸗ ken darfſt, weil du ſo davon kamſt?— Mit ſteigendem Zorn, der nun einen beſtimmten Ge⸗ genſtand gefunden hatte, trat ſie ihm naͤher, und ihm die geballte Fauſt vor die Augen haltend, fuhr ſie fort:«Waͤrſt du ein Mann, du wuͤr⸗ deſt meinen Pedro nicht im Stich gelaſſen haben — du wuͤrdeſt wiſſen, wie er ſtarb, und wer ihn erſchlug— ja, du wuͤrdeſt nicht hier ſitzen, wie ein altes Weib!— Aber was red' ich mit ihm? was iſt er?— Der Sohn der Ziege iſt er! der Enkel des raͤudigen Hundes! der Kaf⸗ fer!»**) rief ſie, ihm die Fauſt vor die Stirne *) Estar en capilla. Die Verurtheilten bringen die letzten 24 Stunden vor der Hinrichtung in einer Ka⸗ pelle zu mit Gebet und Geiſtlichen. **) Sonderbar genug, haben die Spanier das Schimpf⸗ 128 Skizzen aus Spanien. druͤckend. Der Mann machte eine heftige Be⸗ wegung nach ſeinem Meſſer, wie es ſchien, ſtand aber wie ſich beſinnend auf, und ſprach ruhig, mit der Hand abwehrend:«weiße Haͤnde koͤnnen nicht beleidigen*). Danke aber Gott, Maͤdchen, daß Pedro dein Cortejo war.“— In dieſem Augen⸗ blick traten zwei Maͤnner in den Hof, und auf Joſe zueilend, rief der eine:«Da iſt er ja, und die arme Dirne weiß es auch ſchon!“—„Das iſt Eſteban Lara und Chriſtoval Moreno,» ſagten einige der Umſtehenden halblaut.« Chriſtoval Mo⸗ reno?— rief das Maͤdchen, indem ſie ſich zu ihm wandte— ihr habt auch keine Zeit gehabt? ihr habt meinen Pedro auch verrathen?— in ein Kloſter ſollteſt du gehen— in ein Nonnen⸗Klo⸗ ſter— Weibsgeſicht!“» rief ſie, indem ſie ihn veraͤchtlich zuruͤckſtieß. Chriſtoval, deſſen regel⸗ maͤßige und angenehme Zuͤge in dem Augenblick wirklich einen auffallenden Ausdruck von wehmuͤ⸗ tigem Schmerz trugen, ſah das Maͤdchen einen wort cafre,(womit die Mohamedaner die Ungläubi⸗ gen bezeichnen) von den Arabern geerbt. *) Manos blancas no olenden, ein ſpaniſches Sprich⸗ wort. 4 Skizzen aus Spanien. 129 Augenblick finſter an, dann ploͤtzlich den Mantel zuruͤckwerfend, ſtreckte er ihr ſeine rechte Hand entgegen, ſie war mit Blut bedeckt:«Siehſt du des Blut, Weib?— redete er ſie mit ernſter Stimme an— es iſt das Blut deſſen, der den Pedro Gomez erſchlug.“ Die furchtbare, raſche That des Mannes baͤndigte ploͤtzlich den tobenden, lauten Jammer des Weibes. Sie trat entſetzt zuruͤck, und auch die uͤbrigen, weniger betheilig— ten Zuſchauer, aͤußerten das Erſtaunen und den Schrecken uͤber die unerwartete Erfuͤllung deſſen, was doch den meiſten von ihnen als erwuͤnſcht oder nothwendig erſchienen war.— Noch hatte ſich dieſer augenblickliche Eindruck nicht gelegt, als ein Knabe, von etwa zwoͤlf Jahren, eilig herein⸗ ſtuͤrzte und rief:«Soldaten! Soldaten! ſie kom— men grade auf das Haus zul»— Kaum hatte der Hausherr Zeit, die Hausthuͤre zu verſchließen, um wenigſtens einen Augenblick Zeit zu gewinnen, als draußen das dumpfe Klirren der Waffen er⸗ ſchallte und eine Stimme an der Thuͤre rief: «macht auf, Vater Euſebio, macht gleich auf!“ — Es iſt Don Fulgencio, der Escribano— ſprach der Hausherr, mistrauiſch lauſchend— ich muß doch hoͤren, was er will.» Er eilte 9 8 130 Skizzen aus Spanien. nach der Thuͤre und ſprach durch das kleine Git⸗ terſenſter leiſe mit Jemanden. Nach einigen Se⸗ kunden kam er zuruͤck, und zu Chriſtoval gewandt, ſprach er zoͤeerrnd:«Cavallero— ich— es thut mir leid— aber— eigentlich kenn' ich Euch nicht und Ihr gehoͤrt nicht zu den Unſrigen.“ Veraͤchtlich ſah ihn Chriſtoval an, und ſprach: „zu den Euren, Alter? Nein, wahrlich, zu de— nen gehoͤr' ich noch nicht— aber was ſoll das?⸗ —«Kurz und gut, Cavallero— fuhr der Andere dreiſter fort— die Herren draußen ſuchen Niemanden als Euch, und da Ihr ſo vornehm thut, hab' ich keine Luſt, um Euretwillen es mit dem Escribano zu verderben und meinen Hals dran zu ſetzen— drum ſeht zu, wie Ihr mit den Herren fertig werdet; ich mache die Thuͤre auf, ehe ſie eingeſtoßen wird.„ Damit wollte er nach der Thuͤre eilen, gegen welche ſchon die Kol⸗ benſtoͤße der Soldaten donnerten, waͤhrend eine rauhe Stimme rief:«aufgemacht! es lebe Riego!» — Chriſtoval ſchien ſich in dumpfer Niederge⸗ ſchlagenheit ruhig in ſein Schickſal ergeben zu wol⸗ len, Eſteban ſprang fluchend auf den Alten los, und ſuchte ihn zuruͤckzuhalten, dieſer ſchleuderte ihn aber mit Rieſenkraft von ſich, und einige der Skizzen aus Spanien. 131 jungen Leute warfen ſich zwiſchen ſie, ſo daß der Alte Zeit hatte, den Balken, mit dem er die Thuͤre verrammelt hatte, wegzunehmen. Ein Sergeant drang an der Spitze einiger Soldaten herein, und rief:«Ruhe hier! Wer von den Herren iſt Chriſtoval Moreno?» Als dieſer ge⸗ ſehen hatte, wie der Alte die Thuͤre oͤffnete, hatte er eine Bewegung gemacht, um ſeinen Verfolgern durch einen raſchen Angriff zuvorzukommen; al⸗ lein kaum hatten ſich die eindringenden Krieger an⸗ der Thuͤre gezeigt, als die troſtloſe Geliebte Pe⸗ dro's herzuſprang und einer anderen Dirne, welche vergebens, aber eifrig beſchaͤftigt geweſen war, ſie zu troͤſten, halblaut zurief:«es iſt dein Cortejo, der Sergeant Carasca. Such' ihn aufzuhalten, Schweſter!“— Dann ergriff ſie raſch Chriſtovals Hand, riß ihn nach einer Thuͤre in der entfern⸗ teſten dunkeln Ecke des Hofes fort, indem ſie ihm zufluͤſterte:«ſchweigt! und folgt mir!“— Conchita, das andere Maͤdchen, eilte indeſſen ihrem baͤrtigen Liebhaber entgegen, der nicht wenig uͤber⸗ raſcht war, ſie hier zu finden, und nicht wußte, wie er ihren Scherzen, Schmeicheleien und Vorwuͤrfen begegnen ſolle:«Nun, Senor Licenciado— rief er ungeduldig dem Escribano zu, der ſich noch an 9*† 132 Skizzen aus Spanien. der Thuͤr leiſe mit dem alten Euſebio unterhielt — nun in's Teufels Namen! ſucht Euch jetzt Euren Vogel ſelber aus.— Conchita! mein Salz⸗ faß! laß mich jetzt ungeſchoren!“— ſprach er ſchmunzelnd zu der loſen Dirne. Der Escribano trat nun heran und ſah ſich fluͤchtig in dem Kreiſe um: ger iſt nicht hier!— rief er endlich be— ſtuͤrzt— ſchnell durchſucht das Haus.— Alter — fuhr er, zu dem Hausherrn gewandt, fort — halte mich nicht zum Beſten, wenn er im Hauſe iſt, ſo muß ich ihn haben.— Mit Euch andern Cavallaros hab' ich jetzt nichts zu ſchaffen. Ihr Diener, Seſoritas, es thut mir leid, daß ich ſtoͤre,“ fuhr er, zu der uͤbrigen Geſellſchaft gewandt, fort, und Eſteban nebſt einigen andern eilte auch ungehindert hinaus. Waͤhrend ſich die Soldaten anſchickten, das Haus zu durchſuchen, betheuerte der alte Euſebio, daß Chriſtoval noch eben da geweſen ſei, und er um ſein Verſchwin⸗ den nicht wiſſe. Ploͤtzlich rief er:«wo iſt meine Tochter?— Die Teufelsdirne hat ihn zur Hin⸗ terpforte hinausgefuͤhrt!“— Er beſprach ſich wieder leiſe mit dem Diener des Geſetzes, und ſchien ſich ſehr eifrig zu rechtfertigen, und als end⸗ lich die Soldaten nach einer vergeblichen Durch⸗ Skizzen aus Spanien. 133 ſuchung des Hauſes, wobei der Sergeant, wie es ſchien, Gelegenheit gefunden hatte, ſeine er⸗ zuͤrnte, oder ſich ſo ſtellende Schoͤne, zu verſoͤh— nen, ſich wieder einfanden, ſprach der Escribano, der nicht ohne Zeichen der Ungeduld und des Un⸗ glaubens zugehoͤrt hatte, endlich:«Freund Eu⸗ ſebio, wenn ich nicht wuͤßte, daß Ihr Euren eigenen Vortheil zu gut kennt, um mich auf dieſe Weiſe zum Beſten zu halten, ſo wuͤrde ich von all' Euren ſchoͤnen Reden kein Wort glauben— ſo aber moͤgt Ihr vielleicht wirklich unſchuldig ſein; aber ausgeflogen iſt der Vogel nun einmal, und Ihr moͤgt ſehen, wie Ihr Euch und mich beim Pater Francisco rechtfertigt. Ich ſag' Euch noch einmal, es lag ihm ſehr viel daran, dieſen Chriſtoval zu haben.— Sonſt waͤren wir wahr⸗ lich auch nicht ſo eilig hinter ihm hergeweſen. Was ſie mit ihm vorhaben, koͤnnt Ihr Euch leicht den⸗ ken. Jetzt lebt wohl!“— Der wuͤrdige Diener der Themis zog mit ſeinen Mirmidonen ab, und der Schielende von Triana blieb allein zuruͤck, denn ſeine Gaͤſte hatten ſich einer nach dem andern da⸗ von geſchlichen. Nachdem er unter manchem Fluche uͤber manche Leute und Dinge, beſonders aber uͤber ſeine Tochter und Chriſtoval, die Hausthuͤr wie⸗ 134 Skizzen aus Spanien. der verrammelt, dann ſich mit Weihwaſſer be⸗ ſprengt, und ein Gebet vor dem Crucifix geſpro⸗ chen, auch friſches Pulver auf die Zuͤndpfanne ſeines Trabuco geſchuͤttet hatte, ſtreckte er ſich auf ſein Lager und ſchlief bald ſo ſanft, wie es billi⸗ ger Weiſe nur die Unſchuld ſollte, und ſo nehmen wir von dieſem Ehrenmanne Abſchied.— Chriſtoval war indeſſen von ſeiner ſchweigen⸗ den Fuͤhrerin, der er ſchweigend und faſt gedanken⸗ los folgte, eilig durch einige Gaͤnge und veroͤdete Gemaͤcher nach einem kleinen, zwiſchen Gebuͤſch und Ruinen verborgenen, Hinterpfoͤrtchen gezogen wor⸗ den, das ihr als Tochter des Hausherrn bekannt war. Dann eilten ſie nach dem Ufer des Gua⸗ dalquivir, wo ein kleiner Nachen angebunden war, den er, der Aufforderung ſeiner Fuͤhrerin ge⸗ horchend, mit ihr beſtieg. Sie aber ergriff zwei Ruder, und lenkte den Nachen mit raſchen, kraͤf⸗ tigen Schlaͤgen dem andern Ufer zu. Als ſie die⸗ ſes erreicht hatten, daͤmmerte bereits der Morgen, und die Ruinen des alten Caſtel von San Juan de Alfarache, die vergoldete Victoria auf der ho⸗ Skizzen aus Spanien. 135⁵5 hen Giralda*) erglaͤnzten ſchon in den erſten Strah⸗ len der aufgehenden Sonne.«Wo wollt Ihr jetzt weiter hin, Chriſtoval Moreno?» unterbrach das Maͤdchen zuerſt das Schweigen.„Nach der Ca⸗ thedral— antwortete Chriſtoval, nach einigem Beſinnen— ich muß fuͤr's erſte am heiligen Ort Schutz ſuchen. Ich danke dir, was du fuͤr mich gethan haſt, und Gott mag es dir vergelten, Maͤdchen— aber jetzt bedarf ich deiner nicht mehr.» — Ich darf nicht zuruͤckkehren— ſagte das Maͤd⸗ chen kalt— mein Vater bringt mich um, weil ich das Hinterpfoͤrtchen verrathen, und dem Escri⸗ bano ſeine Beute entriſſen habe.— Auch beduͤrft Ihr meiner, um Euch Speiſe und Kunde zuzu⸗ tragen.— Dankt mir nicht— fuhr ſie, ſeiner Antwort zuvorkommend, mit bebender Stimme fort— ich thu' es um Pedro's Willen. Kommt!» — Bald erreichten ſie die Cathedrale, wo ſchon der Fruͤhgottesdienſt(maytines) gefeiert wurde. Einige Lampen, vor den Altaͤren, ſchimmerten hier und da wie ferne Geſtirne in dem feierli⸗ *) Giralda iſt der hohe, von den Arabern erbaute Thurm, der ſich an die Cathedral von Sevilla ſchließt. Eine Wendeltreppe führt ſo künſtlich faſt bis auf die Spitze, daß man hinauf reiten kann. 136 Skizzen aus Spanien. chen Dunkel des gothiſchen Rieſenbaues. Sein un⸗ geheurer Umfang, die ſchwindelnde Hoͤhe der Ge⸗ woͤlbe, die vierfache Reihe gewaltiger Saͤulen, erſchie⸗ nen faſt unermeßlich in dem Halbdunkel des herein⸗ brechenden Morgens, der muͤhſam mit der Nacht zu kaͤmpfen ſchien.— Sonderbar, ſchauerlich klan⸗ gen durch die heilige Stille das Murmeln des Prieſters, der die Meſſe las, und der Ton des Gloͤckleins. Die Andaͤchtigen, welche dort ſchon knieten, obgleich in bedeutender Zahl, verſchwan⸗ den faſt in dem weiten Raume.— Ein from⸗ mer Schauder ergriff den jungen Mann, als er den heiligen Ort betrat— er fuhr entſetzt zuruͤck, als das Licht einer Lampe ſeine eigene blutige Hand beleuchtete, mit der er das geweihte Waſ⸗ ſer beruͤhren wollte. Er eilte hinaus, um in dem Brunnen, der in dem Hofe der Cathedral unter Cypreſſen und Orangen rauſcht, ſeine Hand zu waſchen, kehrte aber gleich zuruͤck. Chriſtoval war theils durch ſeine ganze Lage, durch die Sitten und Anſichten ſeiner Umgebungen, dann durch be⸗ ſondere Ungluͤcksfaͤlle, durch eigene heiße Leidenſchaf⸗ ten zu Handlungen fortgeriſſen worden, die ſei⸗ nem, von Natur milden, ſanften Gemuͤthe, und den Lehren, die ein frommer Geiſtlicher ſei⸗ Skizzen aus Spanien. 137 ner Jugend eingepraͤgt hatte, keinesweges ent⸗ ſprachen. Waͤhrend ſeine Geſellen, und beſonders Eſteban, ihn feierten und wohl gar beneideten, fuͤhlte er oft tief ſein Unrecht und ſein Ungluͤck. Hiezu kam noch ſeine Liebe zu Dolores, die alle beſſeren, ſanfteren Gefuͤhle in ihm anregte und ſaͤrkte, und den Kampf ſeines Innern, den Streit ſeines guten Genius mit den wilden Sit⸗ ten ſeines Standes, dem Drang ſeiner Lage, ſei⸗ ner Leidenſchaften, denen ſein kuͤhner Muth nur zu ſehr zu Gebote ſtand, vermehrte. Heftiger, wie je, beſtuͤrmten die wechſelnden Gefuͤhle ihn in dieſem Augenblick. Er konnte es ſich auch nicht verhehlen, daß die That, die er begangen, durch die Umſtaͤnde und die Perſon des Ermorde⸗ ten von der Art ſeien, daß ſie, nicht wie ſo viele aͤhnliche, ungeahndet bleiben koͤnne.— Dies bewies ihm ſchon die Gefahr, der er ſo eben ent⸗ ronnen, obgleich es ihm unbegreiflich blieb, wie die Diener der Geſetze ihn ſo ſchnell ausfindig ge⸗ macht und erreicht hatten, da ja erſt wenig Stun⸗ den ſeit der That verfloſſen waren. Er ſah ein, daß er fuͤr's erſte das Land, was ſeine Geliebte bewohnte, verlaſſen muͤſſe, und dieſer Gedanke brachte ihn der Verzweiflung nahe. Er ſetzte ſich auf 138 Skizzen aus Spanien. der Stufe eines der Altaͤre einer kleinen Seiten⸗ kapelle nieder, um ſeinem Schmerz und ſeinen Gedanken nachzuhaͤngen; allein die Ermuͤdung von den geiſtigen und koͤrperlichen Anſtrengungen der letzten Tage, ſeit dem Ueberfall in der Ebene von Carmona, bis zu der raſchen Flucht von Mairena herein, uͤberwaͤltigten bald ſeine Sinne und der Schlaf machte ſeinen Betrachtungen kin Ende. Als ſeine Begleiterin ſah, daß er einge⸗ ſchlafen war, eilte ſie hinaus, erſchien aber bald darauf wieder mit einem Korbe, worin Fruͤchte und andere Speiſen lagen, und ſtellte ihn neben dem Schlafenden hin. Sie ſelbſt ſetzte ſich in ei⸗ niger Entfernung von ihrem Schuͤtzlinge am Fuß einer Saͤule nieder, in dumpfes Hinbruͤten verloren. So mochten wohl einige Stunden ver⸗ floſſen ſein. Die Sonne ſtrahlte ſchon hoch am dunkelblauen Himmel, und die hohen, mit herr⸗ lichen Glasmalereien gefuͤllten Bogenfenſter der Cathedral erhellten mit bunten Lichtſtrahlen einen Theil der ungeheuern Hallen, waͤhrend die entle⸗ genern Kapellen noch immer in Finſterniß ver⸗ huͤllt waren. Da die Fruͤhmeſſe beendigt war, ſo ſah man nur einzelne Beter vor den Altaͤren ihrer beſondern Verehrung knieen, oder ſtill durch die Skizzen aus Spanien. 139 weiten Hallen, zwiſchen den hohen Saͤulen hin⸗ eilen, neben denen die menſchliche Geſtalt faſt zu einem Punkte ſich verkleinerte.— Da hoͤrte das Maͤdchen ploͤtzlich hinter ſich ein halblautes Fluͤ⸗ ſtern, und verſtand die Worte: Dort ſitzt er, jetzt laßt mich nur allein mit ihm fertig werden, Don Fulgencio. Dem Schurken, dem alten Euſebio, koͤnnt ihr ſagen, er moͤge Gott danken, daß wir unſere Faͤrthe ſo bald wieder aufgefun⸗ den haben, ſo daß noch nichts verloren iſt— ſonſt, beim heiligen Domingo! ſollte er mir ſei— nen dummen Streich buͤßen.“ Das Maͤdchen ſprang, als ſie dieſe Worte vernommen, erſchrocken auf Chriſtoval zu und rief: Chriſtoval! Ihr ſeid entdeckt! auf!“ Chriſtoval ſtand im Augen⸗ blick in kampffertiger Stellung, und ſuchte ſeinen Feind, als er aber den Ort erkannte, wo er ſich befand, ſchien er ſich zu beſinnen, und ſein Meſſer wieder einſteckend, erwartete er ruhig was geſche⸗ hen werde. Hinter einer Saͤule trat ein Moͤnch hervor, und ſprach, ihn mit pruͤfenden Blicken betrachtend:„Ihr ſeid ja gar fruͤh in der Kirche, mein Sohn Chriſtoval, und in guter Geſellſchaft noch dazu. Seit wann biſt du ſo fromm?“ —„Wir koͤnnen es Alle brauchen, hochwuͤrdiger 140 Skizzen aus Spanien. Pater Francisco,“» antwortete Chriſtoval mistrauiſch und verlegen.—«Geh, meine Tochter, laß uns allein— ſprach nun der Pater Francisco, denn er war es wirklich(derſelbe, den wir ſchon in der Venta de Cardenas antrafen)— ich habe mit Chriſtoval zu ſprechen. Geh, dein Vater ſoll dir nichts thun, ich will mit ihm reden, und fuͤr den Pedro will ich ſelber Seelenmeſſen leſen.“ Schluchzend kuͤßte das Maͤdchen dem Geiſtlichen die Hand, und vermochte ihm nur in unverſtaͤnd⸗ lichen, halben Worten zu danken, dann entfernte ſie ſich ſchnell.«„Hoͤre, mein Sohn— fuhr der Pater, nun zu Chriſtoval gewandt, fort— was denkſt du denn nun eigentlich anzufangen?»« Weiß ich es ſelbſt, hochwuͤrdiger Pater?— antwortete Chriſtoval niedergeſchlagen— fuͤr's erſte denk' ich hier zu bleiben, bis der erſte Laͤrm voruͤber iſt— dann muß ich wohl uͤber's Waſſer, nach der Havana oder ſo.“—„Hier willſt du bleiben? — fragte der Moͤnch hoͤhniſch laͤchelnd— hier kannſt du keine Viertelſtunde mehr bleiben.“— «Nun, die Alguazils, die Milicianos werden doch das Heiligthum nicht verletzen?“ rief Chri⸗ ſtoval.«Heiligthum verletzen!— wiederholte der Pater giftig— weißt du nicht, du Thor, daß Skizzen aus Spanien. 141 die Conſtitution das Aſyl der Kirchen aufgehoben hat? Ja, ſie werden das Heiligthum verletzen, und dich unter dem Gewande der heiligen Mut⸗ ter Gottes ſelbſt hervorreißen. Die gottloſen Frei⸗ maurer! die Ketzer! die Juden! die Atheiſten!“ — Der heilige Eifer hatte den Pater ſo hinge⸗ riſſen, daß ſeine Stimme weit hinſchallte, er faßte ſich ſchnell, und fuhr fort:«noch mehr, mein Sohn, ich muß Euch im Namen der allerheilig⸗ ſten Religion gebieten, ſogleich dieſen Ort zu ver⸗— laſſen, auf daß kein Scandalum geſchehe, denn die Haͤſcher ſind Euch ſchon auf der Spur.“— «Wohl! es iſt doch aus!— erwiederte Chriſto⸗ val, nach einigem Nachdenken, ſeufzend— aber ehe ich gehe, hochwuͤrdiger Pater, wolltet Ihr wohl meine Beichte hoͤren, und mir die Buße auflegen, die Ihr fuͤr gut finden werdet?“— «Du biſt ein großer Suͤnder, mein Sohn— ſprach der Pater feierlich— die heilige Kirche kann dir nur unter der Bedingung vergeben, daß du dich ihr und ihrem Dienſt ganz hingiebſt.» «Wie kann ich das, hochwuͤrdiger Herr?» fragte Chriſtoval verwundert.«Indem du ihre Feinde bekaͤmpfeſt, und dich mit ihren Streitern verbin⸗ deſt. Schon zu lange wird unſere allerheiligſte 142 Skizzen aus Spanien. Religion mit Fuͤßen getreten, unſere allerheiligſte Kirche geſchaͤndet und gepluͤndert, ihre frommen Diener verhoͤhnt, verfolgt, beraubt— und. von wem?— Von den gottloſen Liberalen, den Freimaurern, den Atheiſten, die uns dieſe Con⸗ ſtitution, dieſe Erfindung des Teufels, aus der Hoͤlle herauf gebracht haben, verflucht ſeien ſie und ihr Geſchlecht in Ewigkeit, Amen!»— Der Pater war wieder nahe daran, in heiligem Eifer ſeine eigene Sicherheit zu vergeſſen, Chriſtoval aber ſah ihn mistrauiſch an, und ſagte kopfſchuͤttelnd: «aber, hochwuͤrdiger Herr, von alle dem was ihr da ſagt, hab' ich nichts geſehen. In der Conſti⸗ tution ſteht nichts gegen unſere allerheiligſte katho⸗ liſche Religion, den Dienern der Kirche wird kein Haar gekruͤmmt, das ich wuͤßte, und unter den Liberalen giebt es gar viele, die ſo fleißig beich⸗ ten und Meſſe hoͤren, als ich oder andere, die es nicht ſind.— Und dann, hat nicht der Koͤnig, unſer Herr, die Conſtitution angeordnet und be⸗ fohlen, daß wir den Eid darauf ablegen ſollen, und ſie ſelber beſchworen. Haͤtte er das je gethan, wenn ſie ſo ſchlimm waͤre, wie Ihr ſagt?— «Du Thor!— fuhrt der Pater zornig auf— weißt du denn nicht, daß der Koͤnig gefangen iſt, Skizzen aus Spanien. 143 daß er zu allem gezwungen worden iſt 2—«Un⸗ ſer Herr, der Koͤnig, ſollte gezwungen worden ſein, hochwuͤrdiger Pater?— antwortete Chri⸗ ſtoval umglaͤubig— wer ſollte ihn denn zwingen? oder wie?— Kann mich ja doch Niemand zwin⸗ gen, etwas zu thun oder zu ſagen, was ich nicht will, geſchweige denn einen Eid zu ſchwoͤren. Nein, nein— fuhr er nach einer Pauſe fort— was Ihr da ſagt, hab' ich ſchon mehr gehoͤrt, und die Milicianos, das iſt wahr, haben meinen Dank nicht verdient, und die Conſtitution hat mir auch viel Schaden und keinen Nutzen ge⸗ bracht— aber, was die Conſtitution anbetrifft, da iſt doch allerlei drin, was mir nicht ſo uͤbel gefaͤllt. — Aber— fuhr er nach einer Pauſe fort— das alles geht mich nichts an, und hilft mir jetzt nichts— mein Weg fuͤhrt nicht nach der Seite.“ Der Pater hatte es mit Muͤhe uͤber ſich gewon⸗ nen, dieſe Rede ruhig anzuhoͤren, aber ſeine Blicke, ſeine Geberden druͤckten Zorn und Ungeduld aus, und er erwiderte endlich, mit muͤhſam verhalte⸗ nem Grimm: Ahoͤre, Burſche, du haſt ſehr auf⸗ richtig geredet— und ich merke wie es mit dir ſteht, ich weiß auch gar wohl, wo der Wind herkommt. Ich kenne den weinerlichen, empfind⸗ 144 Skizzen aus Spanien. ſamen Narren, Euren Pater Hilario, der ſich einbildet, die Kirche ſolle nur ſegnen— doch genug davon.— Jetzt hoͤre, ich will dir eben ſo aufrichtig meine Meinung ſagen. Wenn du nicht von den Unſern ſein willſt, ſo ſitzeſt du ehe die Sonne im Mittage ſteht im Gefaͤngniß, und ehe acht Tage vergehen, auf der Plaza de Santo Do⸗ mingo mit einem eiſernen Halsband, das dich eiligſt dahin befoͤrdern wird, wo Heulen und Zaͤhneklap⸗ pern iſt— denn, wer die allerheiligſte Kirche in ihrem Kampfe gegen die Gottloſen verlaͤßt, fuͤr den iſt keine Vergebung der Suͤnden.“—„Droht mir nicht, hochwuͤrdiger Pater, das thut bei mir kein Gut— unterbrach ihn Chriſtoval, indem er ſich ploͤtzlich ſtolz aufrichtete.— Ich weiß keinen Grund, weshalb ich nicht einſchlagen ſollte— fuhr er nach einer Pauſe fort— auch wenn es nicht halb ſo ſchlimm mit mir ſtaͤnde, als Ihr ſagt. Daß Ihr mich retten koͤnnt, weiß ich, auch wenn der Garrote mir ſchon die Kehle zuſchnuͤrte. Alſo kurz und gut— ich bin zu Euren Dienſten, und mit mir noch ein paar Duzzend tuͤchtige Burſchen, die jeden Pfad im Gebirge kennen, die beſten Pferde in Andaluſien reiten, und von denen jeder ſeine Kugel ſo ſicher verſendet wie ſeinen Blick. Skizzen aus Spanien. 145 Iſt unſerer allerheiligſten Mutter, der Kirche, und unſerem Herrn, dem Koͤnige, damit geholfen— ſo ſoll's mich freuen. Doch das iſt Eure Sache.»— «Sehr wohl, mein Sohn— antwortete der Pater freundlich— folge mir jetzt, damit wir das wei⸗ tere abreden. Du kannſt jetzt ganz ruhig ſein— und— ſetzte er laͤchelnd hinzu— wenn du et— was an eine gewiſſe Dolores zu beſtellen haſt, ſo weiß ich dir eine ſichere Gelegenheit. Aber jetzt komm, mein Sohn.“— 3 Der Pater wollte ſich eilig entfernen, Chriſtoval aber hielt ihn zuruͤck, und ſprach bittend:«wollt Ihr jetzt meine Beichte hoͤren, hochwuͤrdiger Pa⸗ ter?“—„Wohlan, mein Sohn— aber ſpute dich, denn die Hauptſache weiß ich ja ſchon, und da wird ſchon zu helfen ſein,» antwortete der Pater etwas ungeduldig, indem er ſich in den naͤchſten Beichtſtuhl niederſetzte, waͤhrend Chriſtoval andaͤchtig zur Seite niederkniete, und durch die kleine Oeffnung dem Geiſtlichen ſein Bekenntniß zufluͤſterte.— Rojas fand bald, daß ſein Geſchaͤft in Cordova ernſthafter und langwieriger werden koͤnne, als er es ſelber erwartet. Er konnte ſich ohne Muͤhe uͤber⸗ 10 146 Skizzen aus Spanien. zeugen, ſo wenig dies auch ſeiner etwas verwoͤhnten Eitelkeit behagte, daß er nicht den mindeſten ern⸗ ſten Eindruck auf Dolores machte, und die Kleine war weit entfernt, ihm dieſe bittere Pille im min⸗ deſten zu verſuͤßeen, waͤhrend ſie eben ſo unverhohlen das Vergnuͤgen aͤußerte, welches ihr ſeine Geſellſchaft, ſein Witz und ſein muntres, angenehmes Weſen machte. Sie ſelbſt war— zu Antonio's nicht ge⸗ ringem Verdruſſe, da er immer noch hoffte, ihr Vernunft beibringen zu koͤnnen, wie er es nannte — froher wie jemals. Von Zeit zu Zeit erhielt ſie Gruͤße und Nachrichten von Chriſtoval durch Paquita, die junge Zigeunerin, deren Stand und Beſchaͤftigung ſie mit allerlei Menſchen in Beruͤh⸗ rung brachte, welche ihre ſchwarzen Augen lieber ſehen mochten, als die ſchwarzen Roͤcke der Algua— zils und Escribanos.* Gluͤcklicherweiſe vielleicht fuͤr den jungen Mi⸗ liciano, fuͤhrten die damaligen politiſchen Verhaͤlt⸗ niſſe in Spanien bald Ereigniſſe herbei, welche, fuͤr den Augenblick wenigſtens, ſeine Herzensange⸗ legenheiten in den Hintergrund draͤngten, und ihm, als einem Liberalen mit Leib und Seele, alle Haͤnde voll zu thun gaben. Ausfuͤhrlicher jene Verhaͤltniſſe darzuſtellen, ——ÿ—ÿ—ÿ—ꝛ—ꝛ—— —— ͤ Skizzen aus Spanien. 147 kann hier nicht der Ort ſein, und wir begnuͤgen uns, ſie in wenig Worten zu beruͤhren. Die Fehler der Regierung, die Verblendung der Ei⸗ nen, die Treuloſigkeit Anderer, hatten unter der damals herrſchenden Parthei der Liberalen ſelbſt zwei Partheien erzeugt, wovon die eine die der Moderirten, die andere die der Exaltirten genannt wurde. Benennungen, die freilich die Bedeutung der Sache ſelbſt nur im Allgemeinen enthalten. Die Moderirten waren damals die herrſchende⸗ Parthei, indem ihre Anhaͤnger faſt alle Stellen, als die feſten Plaͤtze der buͤrgerlichen Geſellſchaft, beſetzt hatten. Sie warfen den Exaltirten die Ab⸗ ſicht vor, die Verfaſſung zu ſtuͤrzen und eine Re⸗ publik an ihre Stelle zu ſetzen, und die wirkliche oder vorgebliche Furcht vor dieſer Gefahr leitete alle ihre Maßregeln. Die Exaltirten ſchienen ih⸗ nen die einzigen Feinde zu ſein, welche die Ver⸗ faſſung zu fuͤrchten habe, und ſie wurden uͤberall durch alle Mittel, welche den Behoͤrden zu Ge⸗ bote ſtanden, bewacht, und alle ihre Bewegungen ſo viel moͤglich unterdruͤckt. Die Exaltirten dage⸗ gen warfen den Moderirten vor: ſie wollten die Verfaſſung ſtuͤrzen, entweder um den alten Deſpo⸗ tismus, oder um zwei Kammern einzufuͤhren, und 10* 148 Skizzen aus Spanien. glaubten, daß dieſer Gefahr, und der noch groͤßern von Seiten der Servilen, nur durch die groͤßte Ei⸗ nigkeit, den groͤßten Enthuſiasmus und die entſchie⸗ denſten Maßregeln aller wahren Freunde der Ver⸗ faſſung zu begegnen ſei. Als Kern der Parthei der Moderirten ſah man die Geſellſchaft der Freimaurer, und als Centrum der Exaltirten, die neuerrichtete Geſellſchaft der ſogenannten Comuneros an. Die Servilen indeſſen benutzten dieſen Zwieſpalt auf's beſte, und waͤhrend die Regierung alle ihre Kraͤfte aufbot, um einige Thorheiten junger Leute, Umzuͤge mit Riego's Bildniß, den Ruf:«es lebe Riego!“ u. ſ. w. zu verhindern oder zu beſtrafen, verbreitete ſich die Empoͤrung aus den Gebirgen von Catalonien faſt ungehindert uͤber andere Graͤnzprovinzen, und unge⸗ ſtraft bereiteten die Verſchwoͤrungen der Servilen, von dem Palaſte des Koͤnigs ſelbſt ausgehend, den Hauptſchlag, der die Verfaſſung ſtuͤrzen ſollte.— Wer den gaͤnzlichen Mangel an polizeilicher Aufſicht nicht kennt, welcher in Spanien herrſchte, ſeitdem die Inquiſition, welche unter andern auch eine Polizeibehoͤrde war, aufgehoben war, der wird kaum begreifen, wie oͤffentlich und leicht die Umtriebe und Verſammlungen der Seroilen ſtatt fanden, wir muͤſſen daher den Leſer bitten, es nicht Skizzen aus Spanien. 149 uns zuzuſchreiben, wenn wir ihn nicht in ſchauer⸗ liche Kloſtergewoͤlbe, oder wilde Gebirgshoͤhlen, Waͤl⸗ der und Wuͤſten fuͤhren, um ihn mit den Plaͤnen dieſer Herren bekannt zu machen, ſondern in die ge⸗ raͤumige bequeme Zelle des ehrwuͤrdigen Paters Do⸗ mingo, Priors des Franziskanerkloſters zu Cordova. Hier hatten ſich an einem der erſten Tage des Juli im Jahre 1822 die Haͤupter der Parthei verſam⸗ melt, um uͤber die Zeit und Weiſe der Ausfuͤhrung des laͤngſt vorbereiteten Schlages einig zu werden. Eine ſonderbare Vereinigung ſcheinbar widerſtre⸗ bender Elemente! Einige Weltgeiſtliche in ihrer ſchwarzen Kleidung, mehrere Ordensgeiſtliche, dar⸗ unter ſich vorzuͤglich der uns ſchon bekannte Pater Francisco auszeichnete, hatten wie billig die Ehren⸗ plaͤtze an dem maſſiven alten eichenen Tiſche be⸗ ſetzt, der zunaͤchſt am Fenſter ſtand, und auf wel⸗ chem Papier, Dinte und Federn, nebſt vielen, theils geoͤffneten, theils verſiegelten Briefen, und andere Schriften lagen. Einige Maͤnner in ſtaͤdtiſcher Kleidung, und allem Anſcheine nach aus den hoͤ⸗ hern Staͤnden, hatten ebenfalls an dem Tiſche Platz gefunden. Hinter ihnen bemerkte man einige Men⸗ ſchen, die offenbar zu den unterſten Volksklaſſen der Stadtbewohner geboͤrten; ſie ſchienen auch zu 150 Skizzen aus Spanien. begreifen, daß ſie nur hier ſeien, um Verhaltungs⸗ befehle zu empfangen. In einiger Entfernung, und mit ſcheuen neugierigen Blicken umſchauend, ſtan-⸗ den einige Landleute aus den Gebirgen von Ronda — magere, gewandte Burſchen, mit dunkelbraunen wilden Geſichtern; zu ihnen hatte ſich ein junger Mann geſellt, durch die Tracht der Majos ausge⸗ zeichnet. Es war Chriſtoval, der in ſeiner ver⸗ zweifelten Lage ſich von den Anerbietungen und Vorſpiegelungen der Emiſſaire dieſer Parthei, wel⸗ che ihm Strafloſigkeit, Belohnung und Rache an den ihm verhaßten Milicianos verhießen, bewegen laſſen, ſich ſelbſt und ſeinen Einfluß bei andern verwegenen Geſellen der Umgegend, zur Befoͤrde⸗ rung dieſer Plaͤne dran zu wenden, obgleich er ſelbſt durchaus weiter keiner politiſchen Meinung oder Par⸗ thei angehoͤren konnte. Aber was geht das mich an, ſchloß er ſeine Betrachtungen, wenn ich nur meinen Indulto kriege, und die tauſend Duros, die der Pater Francisco mir verſprochen, dann kauf' ich den Weinberg des Nachbars Rebollo, und Do⸗ lores wird meine Frau. Das tolle Leben bin ich ſo ſatt genug, und die arme Kleine aͤngſtigt ſich ja zu Tode.“— Vor Allen zeichneten ſich in dieſer Verſammlung zwei Offiziere aus, welche bei Skizzen aus Spanien. 151 ihrem Eintreten mit beſonderen Zeichen der Ach⸗ tung und der Freude empfangen wurden. Einer von ihnen war der Graf von Torrelaguna, Oberſt des Provinzialmilizenregiments, was in Cordova lag, ein Edelmann von altem Schrot und Korn, der es ſich fruͤher zur Ehre gerechnet hatte, Fami⸗ liar des heiligen Gerichts geweſen zu ſein, und der kein Heil fuͤr Spanien ſah, wenn nicht Morillo mit einer zweiten Expedition nach Columbien ge⸗ ſchickt wuͤrde. Grund genug fuͤr ihn, Riego und die Revolution in die unterſte Hoͤlle zu wuͤnſchen. Er hatte ſich anheiſchig gemacht, ſein Regiment fuͤr die Sache zu gewinnen, was ihm auch zum Theil gelungen war. Sein ganzes Aeußeres war uͤbrigens nicht dazu gemacht, großes Vertrauen auf ſeine Geiſtesgaben zu erregen, allein er erſetzte die⸗ ſen Mangel in den Augen derer, die ſich ſeiner bedienten, reichlich durch das unbegraͤnzte Vertrauen, was man in ſeine Folgſamkeit und in ſeine An⸗ haͤnglichkeit an die Sache ſetzen konnte. An das Fenſter gelehnt ſtand der Rittmeiſter Mendizabal, und der ſpoͤttiſche Blick, mit dem er die Verſamm⸗ lung muſterte, ſchien ebenſowohl der Geſellſchaft, als ihm ſelbſt zu gelten, daß er ſich mit ſo ſonder⸗ baren Verbuͤndeten eingelaſſen habe. Mendizabal 152 Skizzen aus Spanien. hatte eigentlich eben ſo wenig irgend eine politiſche Meinung, als Chriſtoval; er hatte ſich in dieſe Verſchwoͤrung eingelaſſen, weil er durch allerlei Umſtaͤnde, die wir hier uͤbergehen muͤſſen, verhin⸗ dert worden war, bei der militaͤriſchen Verſchwoͤ⸗ rung, welche unter Quiroga und Riego's Leitung die Wiederherſtellung der Conſtitution herbeigefuͤhrt hatte, eine ausgezeichnete und ſeinem Ehrgeiz ge⸗ nuͤgende Rolle zu ſpielen. Perſoͤnliche Streitigkeiten mit einigen der Verſchworenen hatten ihn 1819 veranlaßt, in die Intriguen des General Freire ein⸗ zugehen, der bekanntlich damals eine Anzeige von der Verſchwoͤrung machte, an der er gewiſſermaßen Theil genommen hatte, und ſich auf Koſten ſeiner Mitverſchwornen die Gunſt des Hofes erwarb.— Nur der uͤbelverſtandenen Maͤßigung der ſiegenden Parthei hatte er es zu verdanken, daß ſein Betra⸗ gen bei dieſer Gelegenheit ſtraflos blieb, jeder Aus⸗ ſicht auf Befoͤrderung aber mußte er, wie ſich den⸗ ken laͤßt, unter ſolchen Umſtaͤnden entſagen; er warf ſich daher der Parthei in die Arme, welche ſeiner Thaͤtigkeit Stoff, ſeinem Ehrgeiz, im Fall des Erfolges, die glaͤnzendſten Ausſichten, und ſei⸗ ner Privatrache Nahrung anbot. In der That war ein Offizier von ſeinem erprobten Muthe, ſei⸗ Skizzen aus Spanien. 153 ner Kriegserfahrung und ſeinem Einfluß auf den Geiſt der Soldaten, ein Bundesgenoſſe, deſſen Wich⸗ tigkeit die Servilen zu wuͤrdigen wußten, waͤh⸗ rend ſie jedoch ſehr wohl merkten, daß es nicht Uebereinſtimmung in den politiſchen Anſichten war, welche ihnen denſelben zufuͤhrte. Mendizabal wurde indeſſen wirklich nicht blos von perſoͤnlichem Eigen⸗ nutz beſtimmt. Er hatte nebſt einem Theil ſeines Regiments verhindert, dem Marquis de la Ro⸗ mana in ſeinem kuͤhnen Unternehmen zu folgen, anfangs gezwungen, dann durch den gewaltigen Geiſt des«großen Heeres“ und ſeines Feldherrn unwiderſtehlich fortgeriſſen, mit wachſender Begei⸗ ſterung unter franzoͤſiſchen Fahnen gefochten, und war vom Kaiſer perſoͤnlich ausgezeichnet worden. Bei dem Ruͤckzuge aus Rußland war er in ruſ⸗ ſiſche Gefangenſchaft gerathen, und hatte es der Fuͤrſprache des ruſſiſchen Hofes, an dem er ſich perſoͤnliche Freunde zu verſchaffen Gelegenheit ge⸗ habt hatte, zu verdanken, daß er bei ſeiner Ruͤck⸗ kehr ins Vaterland ſogleich purificirt, und in ſei⸗ nem Range bei den Garde⸗Carabiniers angeſtellt wurde. Er hatte ſich gewoͤhnt, ſich als thaͤtiges, ſeinen Wirkungskreis, ſeine Pflichten und Rechte beſtimmt kennendes, und darin geehrtes Glied eines 154 Skizzen aus Spanien. gewaltigen Ganzen zu fuͤhlen, deſſen Bewegungen bis in die kleinſten Details von einem Rieſengeiſte vorgeſchrieben, und ſo geleitet wurden, daß die Re⸗ ſultate, gleich der gewaffneten Goͤttin, welche dem Haupte des Donnergottes entſprang, die Welt mit Staunen und mit dem Entſetzen des Uebermenſch⸗ lichen erfuͤllte, waͤhrend die Werkzeuge ſelbſt durch die Hand des Meiſters geadelt wurden, und den Ruhm nicht als einen von Zeit zu Zeit erkaͤmpften und wieder zu verlierenden Siegespreis, ſondern als ihr Erbtheil, ihr unveraͤußerliches Eigenthum anſahen, wie die Luft, die ſie athmeten. Er war ge⸗ wohnt, in dem großen Kaiſer gleichſam ſeine und des Heeres Vorſehung zu erblicken, er verehrte ihn mit einem Enthuſiasmus, auf jeden Fall mit einem Starrſinn, dem Erbtheile des Basken, deſ⸗ ſen wohl wenige Franzoſen faͤhig ſind. Der Sturz des Kaiſers hatte ihn in doppelter Hinſicht verwaiſt gelaſſen, theils indem ſein Glaube an ſeine Vorſe⸗ hung ſelbſt wankend gemacht, und ſein ganzes gei⸗ ſtiges Weſen in ſeinen Grundfeſten erſchuͤttert wurde, theils aber, indem er auch in Hinſicht ſeines aͤußern Lebens ganz aus ſeiner Sphaͤre geriſſen wurde. Das kleinliche, verworrene Treiben eines in ſich ſelbſt verfallenden Deſpotismus, wie derjenige, den die Skizzen aus Spanien. 155 Reſtauration von 1814 in Spanien eingefuͤhrt hatte, mußte ihm unendlich zuwider ſein. Die Re⸗ volution von 1820 konnte ihm jedoch eben ſo wenig genuͤgen, auch wenn ſeine perſoͤnlichen Intereſſen durch den damaligen Zuſtand der Dinge weniger verletzt worden, als es der Fall war. Er ſah ſich vergebens nach großen Reſultaten, nach Thaten, nach einem Haupte um, was die zerſtreueten Kraͤfte der Revolution haͤtte vereinen nnd leiten koͤnnen. Die Verwirrung, das Schwankende der Maßre⸗ geln war nicht geringer wie unter dem fruͤhern Deſpotismus, dabei aber das aͤußere Treiben und der Aufwand an moraliſchen Mitteln weit groͤ⸗ ßer. Ihm waren die Redensarten der Liberalen, das viele Berathen, Verhandeln, Waͤhlen u. ſ. w., was auch den unbedeutendſten Perſoͤnlichkeiten Ge⸗ legenheit gab zu glaͤnzen, ſich zu ruͤhren und wich⸗ tig zu machen, ohne daß eben etwas dabei heraus kam, in den Tod zuwider, und was hauptſaͤchlich mit dazu beitrug, ihn in die Plaͤne der Servilen zu ziehen, war der ingrimmige Wunſch, dieſes in ſei⸗ nen Augen verworrene kleinliche Treiben auf ir⸗ gend eine Art zu ſtoͤren, mochte endlich dieſe Stoͤ⸗ rung ihn ſelbſt oder Andere zu etwas fuͤhren, oder nicht. Wie ſehr auch Eigennutz und gekraͤnkter Ehr⸗ 156 Skizzen aus Spanien. geiz ihn beherrſchten, Mendizabal liebte ſein Va⸗ terland; dies Gefuͤhl iſt bei dem Spanier unver⸗ wuͤſtlich, allein die Umſtaͤnde und die Zeit verken⸗ nend, und nachdem er das Groͤßte erlebt und ſelbſt gefoͤrdert hatte, das Geringere ohne Unterſuchung verſchmaͤhend, ſah er fuͤr Spanien kein Heil, als durch einen zweiten Napoleon, und da er dieſen zu finden verzweifelte, verzweifelte er auch an dem Heile ſeines Vaterlandes. Dies Gefuͤhl vermehrte nur ſeinen inneren Groll, waͤhrend er zugleich ſich ſelber verachtete, indem er ſich, den der Kaiſer auf dem Schlachtfelde geehrt hatte, in die kleinlichen Intriguen und das verworrene Treiben dieſer Ver⸗ ſchwoͤrungen verſunken ſah, von Pfaffen Verhal⸗ tungsbefehle erhaltend, und mit Raͤubern und Bau⸗ ern zu Kampfgenoſſen.— Als die Verſammlung vollzaͤhlig war, begann der Pater Francisco, indem er ſich mit trium⸗ phirender Miene umſah: Gelobt ſei die heilige Drei⸗ einigkeit und unſer Herr Santyago, endlich iſt die Zeit gekommen, den Schlag zu fuͤhren, und zu zeigen, was wir vermoͤgen. Dieſe Briefe und die Ausſagen unſerer Boten aus Madrid, laſſen keinen Zweifel daruͤber, daß in dieſem Augenblick die tapfern Garden in voller Empoͤrung ſind. Ma⸗ Skizzen aus Shanien. 157 drid iſt vielleicht ſchon in ihren Haͤnden und von den gottloſen Feinden der Religion geſaͤubert, Riego am Galgen, wo er hingehoͤrt. In Granada, in Valencia, in Toledo, in Siguenca, in Catalonien, Aragon und Navarra iſt Alles zum Hauptſchlage vorbereitet, wenn er nicht ſchon gefallen iſt. Wir duͤrfen keinen Augenblick mehr anſtehen, zu zeigen, daß wir nicht ſaumſeliger geweſen ſind, als die Vertheidiger des Throns und des Altars an andern Orten.»— Dann zu Chriſtoval gewandt, fuhr er fort:«ſprich, mein Sohn Chriſtoval, wann kannſt du mit den Deinigen hier in der Stadt ſein?»— Chriſtoval verneigte ſich ehrerbietig, und ſprach: «mit Vergunſt, hochwuͤrdiger Pater, hier in der Stadt kann ich Euch nichts helfen, und wenn ich auch ſelber nichts dagegen haͤtte, Eurem Be⸗ fehl zu gehorchen, ſo wuͤrde keiner meiner Geſel⸗ len mir folgen. Aus den Gebirgen bringt Ihr ſie nicht herab, aber wenn Ihr befehlt, ſo ſollen bis uͤbermorgen Abend von Ronda bis Medina Sidonia, alle Conſtitutionsſteine zerbrochen, und alle Milicianos entwaffnet oder gehaͤngt ſein.“ — Gehaͤngt! guter Freund, gehaͤngt!— rief hier der Pater Francisco.— Todte Hunde beißen . 158 Skizzen aus Spanien. nicht.“**) Verdrießlich ſprach aber der Prior Do⸗ mingo:«ei, was kann es uns hier helfen, wenn Ihr zwanzig Leguas von hier in euren verdammten Gebirgen die Milicianos aufhaͤngt?“ Chriſtoval zuckte die Achſel und ſchwieg. Mendizabal aber ſagte hervortretend:«Erlaubt, hochwuͤrdiger Herr Prior, helfen kann es uns ſehr viel. Uns hier in der Stadt feſtſetzen und einſchließen laſſen, davon kann uͤberhaupt keine Rede ſein, das habe ich Euch ſchon zur Genuͤge erklaͤrt. Mit den paar Milicia⸗ nos hier, muͤßt Ihr zuſehen, wie Ihr fertig werdet, auch bleibt Euch ja der tapfere Meiſter Morla dort, und alles Lumpen⸗Geſindel in der Stadt— und das will viel ſagen. Glaubt Ihr, ich habe Luſt, mich mit meinen Leuten hier in den engen Straßen herumzudruͤcken, und ſie todtſchießen zu laſſen, wie tolle Hunde?— Ich ſag' es Euch zum letzten⸗ mal, entweder folgt meinem Rath, und miſcht Euch nicht in Sachen, die Ihr nicht verſteht, oder laßt mich aus dem Spiel. Hier in der Stadt darf wo moͤglich von meinen Reitern kein Hieb gefuͤhrt werden, ſondern wir brechen in Verein mit den *) Muerto el perro, muerta la rabia, ſagt das entſpre⸗ chende ſpaniſche Sprichwort, eigentlich: siſt der Hund todt, ſo iſt auch die Wuth todt.» Skizzen aus Spanien. 159 Provinzialmilizen auf, und ziehen uͤber die Sierra Morena, und durch die Mancha, bringen unter⸗ wegs die Provinzen in Aufruhr, und dringen mit Allem, was wir aufbringen koͤnnen, gegen Madrid vor; denn dort muß ſich die Sache entſcheiden, und, mit Eurer Erlaubniß, Pater Francisco, dort ſind wir lange ſo weit noch nicht, als Ihr glaubt, und die Garden werden unſererer beduͤrfen, das kann ich Euch verſichern.— Ihr aber, Cavallero, fuhr er zu Chriſtoval gewandt fort, koͤnnt unſern Zug durch eine Diverſion in den Gebirgen decken und erleichtern, und ich muͤßte mich ſehr in Euch ir⸗ ren, wenn Ihr nicht die Beſatzungen von Sevilla, Ca⸗ dix und Malaga wenigſtens vier Wochen lang in Athem erhalten koͤnntet, auch wenn Ihr keine Unter⸗ ſtuͤtzung erhieltet.“—«Schoͤnen Dank fuͤr die gute Meinung, Herr Rittmeiſter, antwortete Chriſtoval, ich werde mein moͤgliches thun.“— Nach ei— nigen Hin⸗und Widerreden ward endlich Mendi⸗ zabals Plan genehmigt.„Aber— fing nun der Pa⸗ ter Francisco an— wie ſteht es nun eigentlich mit unſern Mitteln? Kann Ew. Exellenz— zum Gra⸗ fen Torrelaguna gewandt— uns fuͤr Ihr Regiment ſtehen?“—„Ich bin uͤberzeugt, antwortete die⸗ ſer, daß es mir gegen die Feinde unſerer allerhei⸗ 160 Skizzen aus Spanien. ligſten Religion und Seiner Majeſtaͤt, des Koͤnigs⸗ folgen wird.“—«Und Eure Reiter, Herr Ritt⸗ meiſter?» fuhr der Pater zu Mendizabal gewandt fort.«Fuͤr meine Schwadron, kann ich ſtehen— erwiederte dieſer, halb verdrießlich, uͤber ſolche Dinge dem Pater Rechenſchaft geben zu muͤſſen— un⸗ ter den uͤbrigen haben wir auch viele Burſche, auf die wir zaͤhlen koͤnnen, unzufrieden ſind ſie alle, was ſie aber thun werden, wenn es zum Klappen kommt, kann man nie ſo gewiß vorherſagen, ehe man es verſucht hat. Verſuchen koͤnnen und muͤſ⸗ ſen wir es aber, und das je eher je lieber.— „Wenn Ihr, Herr Rittmeiſter, fing ein alter Geiſt⸗ licher an, Eure Leute nur fleißiger in die Meſſe und zur Beichte ſchicken wolltet, ſo koͤnnten wir ſie noch etwas bearbeiten.—«Da kaͤmt Ihr ihnen eben recht, hochwuͤrdiger Herr!— rief Men⸗ dizabal lachend— wollt Ihr mich zum Narren halten? Baares Geld verlangen meine Leute, und ſcheeren ſich den Teufel um die Meſſe und den Beichtſtuhl. Behaltet dergleichen Bearbeitungen fuͤr den edlen Grafen hier und ſeine Provinzia milizen.“— Ein unwilliges Gemurmel ei ſich in der Verſammlung:«Der Jude! gottloſe Afranceſado!— er iſt um kein Haar Skizzen aus Spanien. 161 ſer als die Freimaurer und Jakobiner!“" ließen ſich einzelne Stimmen vernehmen, und unter den Geiſt⸗ lichen, die leiſe zuſammen ſprachen, war von der Inquiſition die Rede. Ohne ſich jedoch ſchrecken zu laſſen, fuhr Mendizabal lachend fort:« Inqui⸗ ſition! ſo weit ſind wir noch nicht, ihr Herren, und merkt es Euch, ich brauche nur ein Wort zu ſagen, ſo hauen meine Leute eben ſo munter auf Eure Helden ein, wie auf die Milicianos.— Aber wozu den unnuͤtzen Laͤrm? fuͤr's erſte brau⸗ chen wir einander gegenſeitig, auf jeden Fall werdet 8 Ihr meiner Huͤlfe wahrſcheinlich noch laͤnger be⸗ duͤrfen als ihr zu glauben ſcheint; laßt uns alſo, wenn's gefaͤllig iſt, uͤbereinkommen, was zu thun iſt.—. Die Kluͤgern unter den Anweſenden ſahen ſehr wohl ein, daß Mendizabal Recht habe; der Laͤrm legte ſich, und es wurde endlich einſtimmig beſchloſ⸗ ſen, daß am folgenden Abend die Provinzialmiliz und die Carabiniers die Waffen ergreifen, und un⸗ ter des Grafen von Torrelaguna Anfuͤhrung in Caſtilien eindringen ſollten, waͤhrend zugleich durch einen Volksaufſtand die verfaſſungsmaͤßigen Behoͤr⸗ den abgeſetzt, die Nazionalmiliz entwaffnet, und ſelbſtgewaͤhlte Behoͤrden in der alten Form und 11 162 Skizzen aus Spanien. im Namen des abſoluten Koͤniges proviſoriſch das Geſchaͤft der Strafe und Rache gegen die Libera⸗ len leiten ſollten.— Die Ausfuͤhrung dieſes Plans ſchien auch mit wenig oder keiner Schwierigkeit verbunden zu ſein. Das Reiterregiment Alcantara war ſeiner exaltir⸗ ten Geſinnung wegen, und um die taͤglichen Streitigkeiten mit den Carabiniers zu vermeiden, in die kleinen Staͤdte der Umgegend verlegt wor⸗ den. Die Bildung und Vermehrung der Nazio⸗ nalmiliz war durch allerlei Mittel gefliſſentlich und aus derſelben Urſache verhindert worden, ſo daß dieſes Corps, die einzige bewaffnete Macht, worauf die Behoͤrden im Nothfall zaͤhlen konnten, nicht mehr als etwa achthundert Mann Fußvolk und einige funfzig Reiter betrug, auf deren gu⸗ ten Willen man ſich zwar verlaſſen konnte, von denen aber die meiſten noch niemals der Muͤn⸗ dung eines feindlichen Gewehrs gegenuͤber geſtan⸗ den hatten, indem es groͤßtentheils junge Leute aus den hoͤheren Staͤnden und aus dem wohlhabenden Mittelſtande waren. Antonio, der durch ſeine Verbindungen in Madrid und durch ſeine Stellung in der Maure⸗ rei einen nicht unbedeutenden Einfluß auf die Skizzen aus Spanien. 163 Behoͤrden in Cordova ausuͤbte, hatte ſich ſchon oͤfters vergebens bemuͤht, die Haͤupter ſeiner Par⸗ thei uͤber ihre Lage und ihr wahres Intereſſe auf⸗ zuklaͤren, und eine Annaͤherung zwiſchen den Frei⸗ maurern und Comuneros zu Stande zu bringen. Er fand von beiden Seiten ſo viel Verblendung, ſo viel Vorurtheil und kleinliche Leidenſchaftlich⸗ keit, daß er daran verzweifelte, doch konnte er ſich nicht laͤugnen, daß die Verantwortlichkeit fuͤr die Gefahren, welche aus einem ſolchen Verhaͤlt⸗ niß im Fall eines Angriffes von Seiten der Servilen entſpringen mußten, groͤßtentheils auf den Moderirten, auf den Behoͤrden ſelbſt laſten mußte. Bei Gelegenheit dieſer erfolgloſen Unter⸗ handlungen war er wieder mit jenem Vallejo zu⸗ ſammengekommen, der von Maodrid her ſein Reiſegefaͤhrte geweſen war, und von den Haͤup⸗ tern der Comuneros in Madrid abgeſchickt, um den Eifer ihrer Anhaͤnger im Suͤden aufzufriſchen, einen bedeutenden Einfluß bei ſeiner Parthei aus⸗ uͤbte. Antonio hatte die eigentlichen Abſichten und den Charakter dieſes Mannes nicht zu durchſchauen vermocht, ſich jedoch davon uͤberzeugt, daß er ei⸗ nen eben ſo ſchnellen richtigen Blick fuͤr die Be⸗ urtheilung der Lage der Dinge, als Kuͤhnheit 11* 8 164 Skizzen aus Spanien. fuͤr die Ausfuͤhrung der gefaßten Entſchluͤſſe be⸗ ſaß.— Am Nachmittage des Tages, der von den Verſchwornen zur Ausfuͤhrung ihres Planes be⸗ ſtimmt war, aͤußerte Antonio gegen ſeine S Haus⸗ wirthin, daß er ausgehen und wahrſcheinlich ſpaͤt nach Hauſe kommen wuͤrde, weshalb man ihn nicht erwarten moͤge. Dolores, welche ſeit dem vorhergehenden Tage eine ſonderbare Unruhe gezeigt hatte, eilte bei dieſer Erklaͤrung auf ihren Bru⸗ der zu, und bat ihn mit großer Heftigkeit, nicht auszugehen, oder wenigſtens vor Sonnenunter⸗ gang wieder nach Hauſe zu kommen. Auf die dringenden Fragen des Bruders: was ſie zu einer ſo ſonderbaren Bitte bewegen koͤnne, wußte ſie nichts zu antworten, und unfaͤhig, einen Bruder, an den ſie ſich immer inniger anſchloß, zu hinter⸗ gehen, geſtand ſie endlich unter vielen Thraͤnen: ſie habe am vergangenen Abend in der Cathe⸗ drale Chriſtoval geſehen, und er habe ſie in einer kurzen Unterredung, die ſie mit ihm gehabt, ge⸗ beten, ſich dieſen Abend zu Hauſe zu halten, da es wahrſcheinlich Laͤrm in der Stadt geben werde. Mehr wußte ſie nicht zu ſagen;«aber— meinte ſie— Chriſtoval habe ſie ſo ernſtlich gebeten, und— Skizzen aus Spanien. 165 habe ſo beſorgt um ſie geſchienen, daß es gewiß etwas recht Ernſthaftes ſein muͤßte; denn Chriſto⸗ val ſei gar nicht gewohnt, viel Laͤrm um Nichts zu machen.“ Dann fing ſie von neuem an, ih⸗ ren Bruder um aller Heiligen Willen zu bitten, ſich doch dieſer Gefahr, was es auch ſei, nicht auszuſetzen. Antonio ſuchte das Maͤdchen moͤg⸗ lichſt zu beruhigen, und verſprach ihr, in weni⸗ gen Minuten wieder da zu ſein. Er eilte ſogleich zu dem Gefe politico, bei dem er die angeſehn⸗ ſten Beamten verſammelt fand, indem ſo eben be⸗ denkliche Nachrichten aus Madrid eingelaufen wa⸗ ren. Seine Anzeige machte zwar einigen Ein⸗ druck auf dieſe Herren, um ſo mehr, da zugleich die Meldung gethan wurde, daß in den Vorſtaͤd⸗ ten ſich der Poͤbel zuſammenrotte und aufruͤhreri⸗ ſches Geſchrei ausſtoße; dennoch aber konnte er die Verblendeten nicht bewegen, einen entſcheiden⸗ den Entſchluß zu faſſen, und theils, wie er rieth, ſogleich aus den naͤchſten Orten einige Schwadro⸗ nen des Regiments Alcantara in die Stadt ruͤcken zu laſſen, wo ſie noch vor Sonnenuntergang ein⸗ treffen konnten, theils die Nazionalmiliz insge⸗ ſammt unter die Waſſen zu rufen, und uͤberhaupt alle Anhaͤnger der Verfaſſung zu deren Vertheidi⸗ 166 Skizzen aus Spanien. gung zu bewaffnen, beſonders aber unter irgend ei⸗ nem Vorwande die Carabiniers zu entwaffnen. Wie in der Hauptſtadt im Großen, ſo war es hier im Kleinen, und Antonio war endlich ſelbſt zweifel⸗ haft, ob hier blos unbegreifliche Verblendung, oder wirklicher Verrath Statt finde. Alles, was er er⸗ langen konnte, war, daß die wenigen Poſten, welche der Nazionalmiliz anvertraut waren, ver⸗ ſtaͤlkt und nach den Vorſtaͤdten Patrouillen aus⸗ geſchickt werden ſollten. Antonio verließ dieſe Ver⸗ ſammlung mit bitterem Zorne und faſt hoffnungs⸗ los, da er hinlaͤnglich uͤberzeugt war, daß die Ge⸗ fahr, beſonders von Seiten der Beſatzung, drohe. Wenige Schritte von dem Gemeindehauſe begeg⸗ nete ihm Rojas, im eifrigen Geſpraͤch mit Valle⸗ jo, ſie gruͤßten ihn, und er faßte ploͤtzlich den Entſchluß, Vallejo ſeine Beſorgniſſe zu eroͤffnen, und Vallejo hoͤrte ihn ruhig an, waͤhrend Rojas gleich Feuer und Flamme war, und ausrief:«ei, das waͤre ja eine verdammte Geſchichte! ſollen wir uns erwuͤrgen laſſen, wie Laͤmmer, oder wie Eſel vielmehr? Fort, Vallejo, laßt uns nach der Hauptwache, die Unſrigen und die ganze Nazio⸗ nalmiliz zu den Waſſen rufen, dann erſt den mo⸗ derirten Schurken dort im Ayuntamiento den Hals Skizzen aus Spanien. 167 gebrochen, die Carabiniers in ihren Caſernen uͤber⸗ fallen, und...„—«Spar' deine Lunge, Ro⸗ jas, du ſollſt heute noch genug zu ſchreien und zu thun kriegen— unterbrach ihn Vallejo laͤchelnd, dann aber Antonio herzlich die Hand ſchuͤttelnd, ſagte er:«fuͤr Euer Vertrauen dank' ich Euch, doch davon ein andermal. Wir haben keinen Augenblick zu verlieren, denn was Ihr ſagt, be⸗ ſtaͤgt meine Vermuthungen.— Rojas hat, wie gewoͤhnlich, Unſinn geſchwatzt— ſeit er ſich in, Eurer Schweſter ſchwarze Augen vergafft hat, iſt gar nichts mehr mit ihm anzufangen. Wenn wir die Nazionalmiliz ohne Befehl des Ayuntamiento unter die Waffen rufen wollten, ſo wuͤrde es lang⸗ ſam und laͤrmig zugehen, die eine Haͤlfte wuͤrde ſich bedenken, die andere vor lauter Eifer zu nichts kommen; außerdem kenn' ich die Herren vom Ayun⸗ tamiento drauf, daß ſie im Stande waͤren, die Carabiniers ſelber gegen uns aufzubieten, wenn wir Laͤrm anfangen ſollten. Es iſt uͤbrigens thoͤ⸗ richt zu glauben, daß die Gegner, wenn ſie heute Abend noch einen Schlag vorhaben, nicht jetzt ſchon geruͤſtet ſein ſollten, uͤberdies ſind wir viel zu ſchwach, es mit ihnen aufnehmen zu koͤnnen. Es bleibt uns nichts uͤbrig, als in aller Eil' 168 Skizzen aus Spanien. und Stille diejenigen von den unſrigen, auf die wir uns verlaſſen koͤnnen, zu verſammeln, die Poſten in aller Stille zu verſtaͤrken, und zu er⸗ warten was geſchehen wird. Die einzige Moͤglich⸗ keit fuͤr uns, den Gegnern mit Gluͤck zu wider⸗ ſtehen, liegt darin, daß ſie uns unvermuthet zu aͤberfallen denken, waͤhrend wir vorbereitet ſind ſie zu empfangen.— Lebt wohl, Don Antonio— fuhr Vallejo zu dieſem gewandt fort— Ihr habt Eure Pflicht gegen das Vaterland erfuͤllt, uͤber⸗ laßt uns das uͤbrige. Komm, Rojas.“» Antonio ſah ein, daß er fuͤr's erſte nichts mehr thun koͤnne, als erwarten, was da geſche⸗ hen werde. Er mußte Vallejo's Anſicht und Plan billigen, obgleich er ihn keinesweges ganz beru⸗ hig. So kehrte er ſorgenvoll nach Hauſe zuruͤck. Bei ſeinem Eintreten lag Dolores betend und wei⸗ nend vor einem Crucifix, dem einzigen Schmucke der kahlen, weißen Waͤnde des Saales. Sie ſprang dem Bruder entgegen, und uͤber ſeine Sicherheit beruhigt, erlangte ſie ihre ganze Mun⸗ terkeit wieder, und ſuchte vergeblich die duͤſtern Falten von ſeiner Stirne zu vertreiben.— Vallejo hatte unterdeſſen in groͤßter Eile ſei⸗ nen Plan in's Werk geſetzt. Unter der Nazional⸗ Skizzen aus Spanien. 169 miliz waren ſehr viele, die zu der Geſellſchaft der Comuneros gehoͤrten, fuͤr dieſe bedurfte es nur eines Befehles von ihren geheimen Obern, um ſie ſogleich wohlbewaffnet in einem Hauſe, zunaͤchſt am Thore von Andujar, was nach der Bruͤcke uͤber den Guadalquivir fuͤhrt, zu verſammeln. Viele andere, ohne grade zu der Geſellſchaft zu gehoͤren, waren ebenfalls ſogleich bereit, ohne auf einen beſondern Befehl zu warten, ſich mit ihren Waffen auf dem Hauptpoſten der Nazionalmiliz im Gemeindehauſe ſelbſt einzufinden, wo ſie auch, wie ſich leicht denken laͤßt, von ihren Kameraden ohne Bedenken aufgenommen wurden. So wa⸗ ren doch, als die Nacht einbrach, gegen vierhun⸗ dert Bewaffnete bereit, den Angriff der Gegner zu erwarten. Tiefe Stille herrſchte in der Stadt, denn auch der Poͤbel, welcher den Nachmittag uͤber ſich unruhig gezeigt hatte, war durch die Gegenwart einiger Patrouillen im Zaume gehal⸗ ten.— Die Behoͤrden hatten, durch die Bewe⸗ gung unter den Nazionalmilizen, die ihnen nicht ganz entgehen konnte, geſchreckt, auch die Po⸗ ſten, welche von der Provinzialmiliz beſetzt wa⸗ ren, verſtaͤrkt und vermehrt, und die groͤßte Wach⸗ ſamkeit anbefohlen. So waren ſchon einige Stun⸗ 170 Skizzen aus Spanien. den der Nacht vergangen, und ſchon glaubte An⸗ tonjo, ſeine Beſorgniß ſei uͤberfluͤſſig geweſen, als aus der Gegend des koͤniglichen Marſtalls, wo die Carabiniers einquartiert waren, ein dumpfer Laͤrm ertoͤnte. Der Miliciano, welcher in der Naͤhe dieſer Caſerne Schildwache ſtand, rief dem naͤch⸗ ſten Poſten, der von den Provinzialmilizen be⸗ ſetzt war, das uͤbliche: sentinela alerta! zu, wartete aber vergebens auf die Antwort: Alerta esta!— Er feuerte ſein Gewehr ab, um den Seinigen ein Zeichen zu geben, daß etwas vor⸗ gehe, und bald erſchien eine Patrouille, um dieſe Gegend zu recognosziren.— Als ſie ſich den koͤ— niglichen Marſtaͤllen naͤherte, fand ſie alle Poſten der Provinzialmiliz verlaſſen. Ploͤtzlich oͤffneten ſich die Thore des Marſtalls, und unter dem wil⸗ den Geſchrei:«Es lebe der abſolute Koͤnig! Nie— der mit der Conſtitution! nieder mit den Libera⸗ len!» brachen die Carabiniers, Mendizabal an der Spitze, aus der Caſerne hervor, und ſchlugen die Straße ein, welche nach dem Thore von An⸗ dujar fuͤhrt. Die Patrouille gab Feuer, und zog ſich, von einigen Reitern verfolgt, eilig nach der Hauptwache zuruͤck, wo man in großer Beſtuͤrzung ſich zur Vertheidigung ruͤſtete. Skizzen aus Spanien. 171 Es war Mendizabal gelungen, einen großen Theil der Unteroffiziere und Gemeinen ſeines Re⸗ giments, und auch einige Offiziere zu gewinnen, dennoch aber traten verſchiedene Umſtaͤnde ein, wel⸗ che den Ausbruch um einige Stunden verzoͤgerten. Namentlich hatten die Partheihaͤupter ihm ſagen laſſen, die ganze Sache ſolle verſchoben werden, da ihre Anhaͤnger in der Stadt erfahren haͤtten, daß die Carabiniers dieſe zu verlaſſen daͤchten, wes⸗ halb ſie es nicht wagten, etwas zu unternehmen, da ſie ohne Zweifel ſogleich von den conſtitutionel⸗ len Truppen und der Nazionalmiliz von Sevilla uͤberwaͤltigt werden muͤßten, auch wenn es ihnen gelingen ſollte, die Liberalen in Cordova ſelbſt zu entwaffnen. Mendizabal erhielt jedoch von dem Ober⸗ ſten der Provinzialmiliz das Verſprechen, daß er zur ſelben Zeit mit ſeinem Regiment ausruͤcken, und das Thor von Andujar nebſt der Bruͤcke beſetzen wolle; er gab daher kurz zur Antwort: ſie moͤch⸗ ten es halten wie ſie wollten, er beduͤrfe ihrer nicht, und werde dieſe Nacht ausruͤcken.— Wirk⸗ lich ließ er auch ſogleich ſeine Schwadron ſatteln und aufſitzen, die uͤbrigen folgten theils auf Be⸗ fehl ihrer Offiziere, theils freiwillig, theils weil es Alle thaten. Der Oberſt nebſt einigen Offizieren, 172 Skizzen aus Spanien. die ſich weigerten an der Sache Theil zu nehmen, wurden eingeſperrt, und ſo ging es unter wildem Geſchrei, jedoch in ziemlicher Ordnung, dem Thore zu. Die Straße fuͤhrt hier von der Cathedral ſteil abwaͤrts nach dem Thor und der Bruͤcke zu, und hat auf einer Strecke von etwa zweihundert Schritten keine Seitenſtraßen. Zu ſeinem großen Misvergnuͤgen fand Mendizabal, als er an der Spitze ſeiner Reiter hier angekommen war, keine Spur von der Provinzialmiliz; allein es war zu ſpaͤt zuruͤckzukehren, oder ſich aufzuhalten, er wußte zu gut, daß er den meiſten ſeiner Leute keine Zeit zum Nachdenken laſſen durfte, und daß bei ſolchen Bewegungen alles darauf ankomme, den erſten Eifer nicht erkalten zu laſſen. Das Thor war zwar verſchloſſen, und das dreimal wie⸗ derholte: quien viva! der Schildwache bewies, daß der Durchgang erkaͤmpft werden mußte. Men⸗ dizabal meinte jedoch, den ſchwachen Poſten von acht Mann, der in der Regel hier aufgeſtellt war, durch einen raſchen Angriff ohne Zeitverluſt uͤber⸗ waͤltigen zu oͤnnen. Kaum hatte daher die Schild⸗ wache, als auf den dritten Anruf keine Antwort erfolgte, Feuer gegeben, als er den Seinigen zu⸗ rufend:«vorwaͤrts Kinder!“ den Abhang hinab⸗ * Skizzen aus Spanien. 173 ſprengte; allein ungluͤcklicher Weiſe ſtuͤrzte ſein Pferd an einer Stelle der Straße, wo Bauma⸗ terialien und Werkzeuge lagen, und obgleich er keine bedeutende Beſchaͤdigung erlitt, gerieth doch theils durch die Bemuͤhung, den Anfuͤhrer nicht uͤberzureiten, theils durch die große Abſchuͤſſigkeit der Straße und das ſchlechte Pflaſter der ganze Zug in die groͤßte Verwirrung. Die Vordern wurden von den hinten Nachdraͤngenden gewalt⸗ ſam gegen das Thor hingedruͤckt, und in einem Augenblicke war der ganze Theil der Straße bis an das Thor hin mit einer dichten, unbeweglichen, verworrenen Maſſe von Menſchen und Pferden angefuͤllt. Das Fluchen der Reiter, der vergeb⸗ liche Ruf der Anfuͤhrer, das Stampfen und Wie— hern der Roſſe, zuweilen von dem verworrenen Feldgeſchrei:«Es lebe der abſolute Koͤnig!— Nieder mit den Liberalen!“ uͤbertoͤnt, und durch alle den Laͤrm Mendizabal's metallene Stim⸗ me: aſchlagt das Thor ein! bei allen Teufeln der ſiebten Hoͤlle! das Thor eingeſchlagen!“— dieſe Szene hatte wenige Sekunden gedauert, als ploͤtzlich aus den, dem Thore naͤchſten Haͤu— ſern, und von dem Thore und dem dranſtoßenden Theile der Stadtmauer ſelbſt, der Ruf erſchallte: 2 174 Skizzen aus Spanien. ces lebe die Conſtitution! es lebe Riego! es leben die Soͤhne des Padilla!» und zu gleich ein lebhaftes Gewehrfeuer in die Maſſe der Angreifenden fiel.— Durch den ſonderbarſten Wechſel befanden ſich die Ueberfallenden in der Lage, als wenn ſie ſelber uͤberfallen worden waͤren, und die geringe Anzahl von Liberalen, welche das Thor beſetzt hatten, ſahen ſich gegen ihre eigene Erwartung und ohne ihr Zuthun, im Begriff, einen entſchie⸗ denen Vortheil uͤber ihre Gegner zu erringen. Vallejo, der dieſen Poſten beſetzt hatte, war uͤber die eigentliche Abſicht der Empoͤrer ganz ungewiß, und hatte die Wichtigkeit ſeiner Stellung erſt jetzt eingeſehen. Als er merkte, daß die Carabiniers nur die Abſicht hatten, die Stadt zu verlaſſen, ſchien es ihm das beſte, ihnen gar kein Hinderniß in den Weg zu legen, da im Fall ſie dadurch ver⸗ anlaßt wuͤrden, ihr Vorhaben aufzugeben und ſich in der Stadt ſelbſt feſt zu ſetzen, der Widerſtand von Seiten der Liberalen nur kurze Zeit dauern koͤnnte. Noch berathſchlagten die Comuneros was zu thun ſei, und Vallejo's Rath, ohne einen Schuß zu feuern, die Feinde abziehn zu laſſen, ja ihnen ſelbſt das Thor zu oͤffnen, ward faſt allgemein gebilligt. Waͤhrend dem entſtand die Verwirrung, Skizzen aus Spanien. 175 die eben beſchrieben worden, und Rojas, der ſich bisher ebenfalls eifrig Vallejo's Vorſchlag wider⸗ ſetzt hatte, begann nun mit einigen andern jun⸗ gen Leuten auf die Reiter zu feuern, ohne ſich weiter an die andern zu kehren und dieſe ſahen ſich genoͤthigt ſeinem Beiſpiele zu folgen. Da in dieſem Augenblick der Mond hinter dichtem Ge— woͤlk hervortrat, mußte die Lage der Carabiniers noch ſchlimmer werden, indem auf der vom Thore aus ſich erhebenden Straße nicht einmal die hin— tern durch die vordern vor dem Feuer aus den Fenſtern geſchuͤtzt waren. Dies hatte indeſſen doch die gute Wirkung, daß die hintern ſtatt wie bis⸗ her vorzudraͤngen, nun ſelbſt zuruͤckwichen und ſich in die naͤchſten Straßen vertheilten, ſo daß nach vorne etwas Luft wurde. Dieſen Augen⸗ blick benutzte Mendizabal, der, ſchaͤumend vor Wuth, vergebens geſucht hatte, einige Ordnung unter ſeine Leute zu bringen. Er draͤngte ſich bis zum Thore durch, einen ſchweren Hammer in beiden Haͤnden, mit dem er alsbald in gewaltigen Schlaͤgen gegen daſſelbe zu donnern begann, daß es weithin uͤber das Getuͤmmel ſchallte. Sogleich richtete ſich das feindliche Feuer faſt ausſchließlich auf ihn, allein ohne ſich durch die dicht um ihn her ſchmetternden 176 Skizzen aus Spanien. Kugeln abſchrecken zu laſſen, zum Theil aber auch durch die Woͤlbung des Thores ſelbſt gedeckt, ließ er uicht eher ab, als bis die von Roſt halb zer⸗ ſtoͤrten Riegel nachgaben, und das Thor krachend aufſprang. Mendizabal hatte kaum Zeit, ſich auf ſein Pferd zu ſchwingen und ſeinen Leuten ein: „Vorwaͤrts! der Teufel hole den Letzten!“ zuzu⸗ rufen, ſo brach auch hinter ihm her, wie das Waſſer aus einer geoͤffneten Schleuſe, die ganze Schaar zum Thore hinaus, und im donnernden Galopp uͤber die Bruͤcke, wo es endlich den Fuͤh⸗ rern gelang, die Ordnung einigermaßen wieder her⸗ zuſtellen, und ſie auf der großen Heerſtraße nach Andujar weiter zu fuͤhren, wo wir ſie fuͤr's er⸗ ſte verlaſen. In dem Augenblicke, da Mendiza⸗ bal die Seinigen aus ihrer bedenklichen Lage be⸗ freite, waren endlich auch die Provinzialmilizen angekommen. Der Graf von Torrelaguna war durch die Laͤſſigkeit ſeiner Leute, welche eben ſo wenig Luſt hatten, nach Caſtilien als nach Cata⸗ lonien zu marſchiren, verhindert worden, ſein Verſprechen gegen Mendizabal zu erfuͤllen. Als er endlich mit ſeinen Leuten das Thor erreichte, fanden ſie es offen, und die Liberalen wurden nach einem kurzen Gefechte gezwungen ihre Stel⸗ Skizzen aus Spanien. 177 lung eilig zu verlaſſen, und ſich durch die Hinterthuͤren und uͤber die Gartenmauern der naͤchſten Haͤuſer zu retten, wobei ſie jedoch einige Todte und Ver⸗ wundete verloren. Die Provinzialmilizen ſetz⸗ ten eilig ihren Marſch weiter fort, um ſich mit der Reiterei zu vereinigen, die ſie auch in gerin⸗ ger Entfernung von der Stadt einholten. Hier verlaſſen wir ſie fuͤr's erſte. Der ganze Vorfall, den wir berichtet, hatte kaum eine halbe Stunde gedauert von dem erſten Laͤrm bis zum endlichen Abmarſch der Empoͤrer. Die Stadt war dabei, außer an dem Punkte, wo der Angriff geſchah, ganz ruhig geblieben, denn, obgleich der groͤßte Theil der Einwohner der Verfaſſung abgeneigt war, ſo hatten doch die Wohlhabenderen keine Luſt, ſich in ein ſo gewag⸗ tes Unternehmen einzulaſſen. Die unteren Volks⸗ klaſſen aber, waͤhrend der vorhergehenden Tage von den Servilen bearbeitet, waͤren zwar, wenn die Carabiniers und Provinzialmilizen einen ernſtli⸗ chen Angriff auf die Nazionalmiliz beabſichtigt haͤtten, bereit geweſen, ihn durch einen Auflauf zu unterſtuͤtzen; als ſie aber merkten, daß ihre Beſchuͤtzer und Verfechter die Stadt verlaſſen wollten, verloren ſie den Muth und hielten ſich 12 178 Skizzen aus Spanien. ſtil. Die Liberalen ihrerſeits erwarteten angſtvoll den Ausgang der Sache, theils in ihren Haͤuſern, theils auf den Poſten, die ihnen von den Behoͤr⸗ den angewieſen waren. Letztere waren in gaͤnzli⸗ cher Unthaͤtigkeit, aber lebhaften Berathungen auf dem Gemeindehauſe, unter dem Schutze einiger hundert Nazionalmilizen, verſammelt. Wirklich war es jetzt auch zu ſpaͤt, irgend eine Maßregel zu treffen, nachdem fruͤher Alles in unbegreiflicher Verblendung verſaͤumt worden war.— Als endlich der Tag anbrach, hoͤrte dieſer ſonderbare Zuſtand von ſelbſt auf. Man uͤber⸗ zeugte ſich bald, daß kein Feind mehr vorhan⸗ den ſei. Die Behoͤrden traten wieder in Thaͤ⸗ tigkeit, die ganze Nazionalmiliz ward unter die Waffen gerufen, um die von den Empoͤrern ver⸗ laſſenen Poſten zu beſetzen, und das in der Um⸗ gegend vertheilte Regiment Alcantara erhielt Be⸗ fehl, in die Stadt zu ruͤcken. Es wurden von Seiten der Behoͤrden Berichte aufgeſetzt, um nach Madrid geſchickt zu werden, worin erzaͤhlt wurde, aus welcher großen Geſahr die heilige Sache der Freiheit gerettet worden ſei durch den Eifer, die Thaͤtigkeit und Entſchloſſenheit der Behoͤrden, und durch den Enthuſiasmus der Freien. Skizzen aus Spanien. 179 Von irgend einer Unterſuchung und Beſtra⸗ fung der eigentlichen Schuldigen war weder da⸗ mals, noch ſpaͤter die Rede. Am folgenden Tage erhielten aber Rojas, Vallejo und einige andere Exaltirte die Weiſung, die Stadt zu verlaſſen. Wie es bei aͤhnlichen Vorfaͤllen wohl zu ge⸗ ſchehen pflegt, war uͤbrigens auch hier der Laͤrm weit groͤßer geweſen, als der Schaden. Die Li⸗ beralen hatten nur zwei Todte und einige Verwun⸗ dete gehabt. Erſtere gebot der herrſchende Mode⸗ rantismus ohne beſondere Feierlichkeit zu beerdi⸗ gen, zum großen Kummer derjenigen, welche bei dieſer Gelegenheit in feurigen Reden gedachten ihr Licht leuchten zu laſſen. Wenige Tage nach dieſem Vorfall zogen von Cadix und Sevilla her Truppen von allen Waffen durch Cordova, um die Empoͤrer zu verfolgen. Dieſe wurden auch bei Adamuz, und ſpaͤter bei Caſtro del Rio, von den conſtitutionellen Truppen angegriffen und theils zerſtreut, groͤßtentheils aber gefangen, was jedoch nicht zu unſerer Erzaͤhlung gehoͤrt. So endete der Aufſtand der gefuͤrchteten Ca⸗ rabiniers in Cordova. In den Gebirgen von Ronda dagegen hielten ſich fortwaͤhrend einzelne Haufen von ſogenannten Faccioſos unter Chri⸗ 12* 180 Skizzen aus Spanien. ſtovals und Anderer Anfuͤhrung, und hielten die Liberalen der Umgegend beſtaͤndig in Athem. Antonio hatte ſich in jener unruhigen Nacht zu Hauſe gehalten, da es nicht ſeines Amts war, ſich in das Getuͤmmel des Krieges zu miſchen— ſondern weit eher den Weibern und Kindern im Hauſe Muth zu geben. Deſſen bedurfte nun freilich Dolores am wenigſten. Da ſie Niemanden, der ihrem Her⸗ zen naͤher ſtand, in der Gefahr wußte, ſo ſchien ſie die ganze Sache ſehr ruhig zu nehmen, als ein Naͤnnergeſchaͤft, wovon ſie nichts verſtehe. Gegen Morgen endlich ging Antonio aus, um Erkundigungen einzuziehen, und kam bald darauf mit Rojas wieder, welcher dann die Neugierde ſeiner Unerbittlichen befriedigte. Er dankte es An⸗ tonio, daß ſein eigener Antheil dabei in's glaͤn⸗ zendſte Licht geſtellt wurde, und hatte die Genug⸗ thuung, zu ſehen, daß das junge Maͤdchen, das Muth und Entſchloſſenheit bei einem Manne ganz beſonders zu ſchaͤtzen wußte, ihn mit ſichtbar ver⸗ mehrter Theilnahme und Achtung behandelte; da ſie fruͤher, zu ſeinem großen Verdruß, nicht ſel⸗ Skizzen aus Spanien. 181 ten ihren loſen Spott uͤber ſein Soldatenſpielen, wie ſie es nannte, gehabt hatte.— Dieſe Begebenheit trug uͤbrigens dazu bei, Antonio's Aufenthalt in Cordova abzukuͤrzen. Sein bitterer Tadel uͤber das Betragen ſeiner Parthei, und beſonders der Behoͤrden, fing die⸗ ſen an laͤſtig zu werden; um ſeiner los zu wer⸗ den, wurde er mit ſeinen Anliegen an den Erz⸗ biſchoff von Granada verwieſen. Antonio wuͤnſchte je eher je lieber Cordova zu verlaſſen, da aber der Weg durch die Gebirge nach Benamexi, An⸗ tequera und Granada in dieſem Augenblicke zu unſicher war, als daß er es haͤtte wagen koͤnnen, mit ſeiner Schweſter dieſe Reiſe zu machen, ſo beſchloß er, ſich in Cadix einzuſchiffen, und zur See nach Malaga zu reiſen. Er miethete eine ſogenannte tartana(ein leichter, zweiraͤdriger, be⸗ deckter Karren, der von zwei Maulthieren gezo⸗ gen wird) und ſchloß ſich an eine Caravane von Fuhrleuten(carreteros) an, welche denſelben Weg zu machen hatten, und der groͤßern Sicher⸗ heit wegen ſich zuſammenhielten.— Da jedoch die Truppenzuͤge auf der Heerſtraße noch fort⸗ dauerten, ſo hatten ſie nicht große Urſache, etwas von Raͤubern oder Faccioſos zu fuͤrchten.— Nach 182 Skizzen aus Spanien. vier langſamen Tagereiſen erreichten die Reiſenden auch gegen Mittag des vierten Tages ungefaͤhrdet die ſogenannten Cabezas de San Juan, von wo man zuerſt Cadix mit ſeiner Bai und den Ozean erblickt. Das Bild hat einen ſehr eigenthuͤmlichen Cha⸗ rakter, und obgleich es ſich vielleicht fuͤr die Dar⸗ ſtellung des Malers nicht eignet, ſo praͤgt es ſich doch unausloͤſchlich der Einbildungskraft ein.— Es fehlt dieſem Bilde ganz an Schatten und an milden Toͤnen, und die Fuͤlle von Licht in dem⸗ ſelben thut den Augen weh. Der azurblaue Him⸗ mel, das dunkelblaue Meer, die Sonnenſtrahlen in tauſendfachem Glanze zuruͤckwerfend, die ſchnee⸗ weißen, blendenden Mauern, Waͤlle und flachen Daͤcher von Cadix, welches wie ein Edelſtein aus der blauen Fluth hervortaucht, die kahlen, meiſtens weißen Duͤnen rings um die Bai, die weißen Gebaͤude von Puerto de Santa Maria, Pu⸗ erto real, la Carraca, San Fernando u. ſ. w., wie glaͤnzende Scherben an dem Ufer hin zerſtreut, die weißen Segel der zahlloſen Fahrzeuge, von jeder Form und Groͤße, welche den blauen Spiegel nach allen Richtungen durchſchneiden, und Alles dies beinahe ohne einen Baum, als einige am Ufer hin zerſtreute Palmen, und im Vordergrunde Skizzen aus Spanien. 183 rieſengroße Aloon oder Cactus— Alles, ohne irgend eine andere Farbe, oder einen andern Ton, als glaͤnzendes Blau und blendendes Weiß, macht einen faſt betaͤubenden Eindruck durch die Ueber⸗ ſaͤttigung von Licht, und wer jemals auf dieſer Stelle geſtanden, wird ſie nicht vergeſſen, auch wenn es nicht hier waͤre, wo Riego ſeine Bahn antrat, die er, wie einſt der edle Padilla, auf dem Blutgeruͤſt beſchließen ſollte*).— Waͤhrend die Carreteros der Landſtraße polgten, die uͤber die Bruͤcke von Suazo und die Isla de Leon nach Cadix fuͤhrt, ließ ſich Antonio mit ſei⸗ ner Schweſter auf einem Boote, was mit Blumen und Fruͤchten beladen war, von dem Puerto de Santa Maria aus nach dem Muelle von Cadip uͤberſeten.— Es giebt vielleicht keine Stadt, welche ein ſo fortwaͤhrend feſtliches Anſehen hat, wie Cadix. Dies ruͤhrt zum Theil davon her, daß die Straßen groͤßtentheils ſich in rechten Winkeln durchſchneiden, daß die Hoͤhe der Haͤuſer im ange⸗ nehmſten Verhaͤltniß zu der Breite der Straßen ſtehet, daß ihre Bauart und Groͤße faſt durchge⸗ *) Auf dieſer Höhe von las Cabezas de San Juan procla⸗ mirte Riego an der Spitze eines Batallions vom Regi⸗ ment Aſturias die Conſtitution von 1312. 184 Skizzen aus Spanien. hends gleichfoͤrmig iſt— daß die Straßen ſorg⸗ faͤltig gepflaſtert ſind, und daß endlich ſowohl in⸗ nerhalb als außerhalb der Haͤuſer eine wahrhaft hollaͤndiſche Reinlichkeit herrſcht, die aber offenbar mehr Folge des Klima's und der Lage, als einer beſondern Sorgfalt iſt. Der feſtliche Eindruck, den Cadip macht, entſteht aber gewiß noch weit mehr aus der unglaublichen Fuͤlle von Licht, was die Phantaſie mit dem gewoͤhnlichen Alltagsleben, be⸗ ſonders einer Handelsſtadt, durchaus nicht zu rei⸗ men weiß. Es iſt dem Fremden, beſonders dem Nordlaͤnder, Anfangs zu Muthe, als wohne er in einem der Pallaͤſte aus Brillanten und Sa⸗ phiren, wie ſie uns in orientaliſchen Feenmaͤhrchen geſchildert werden. Wohin ſich das Auge wendet, trifft es nichts, als den ſtrahlendblauen Himmel, oder das blaue Meer, oder blendend weiße Mauern, ſo daß es wirklich gleichſam trunken wird von Licht. — Auch das Leben in Cadix hat einen permanent feſtlichen Charakter, und man fragt ſich oft, wo denn eigentlich Handel und Wandel getrieben werde, denn wo man hinſieht, ſcheint es, als wenn Jeder⸗ mann hier deſſen genieße, was er anderswo erar⸗ beitet hat. In Cadix ſcheinen alle Lebensgeiſter des andaluſiſchen Charakters wie auf einem Brenn⸗ Skizzen aus Spanien. 185 punkt vereint zu ſein. Der Eindruck des Ganzen i*ſt anfangs betaͤubend, dann peinlich. Das Auge ſehnt ſich nach Gruͤn, der Leib nach Schatten, der Geiſt nach Ruhe, und Cadix erſcheint bald als ein verzaubertes Schiff mitten im Meere, von dem man herzlich froh iſt, wieder das weite gruͤne Land zu betreten.— Antonio merkte, als er an's Land ſtieg, daß hier wirklich ein Feſt gefeiert werde. Durch die Straßen wogten Haufen von feſtlich geſchmuͤckten Menſchen, die Balkons waren mit rothen Teppi⸗ chen behaͤngt und, ſo wie die platten Daͤcher, voll Menſchen. Das Gedraͤnge nahm zu, je mehr ſie ſich der Plaza de la Conſtitution naͤherten, wohin alles zuſtroͤmte. Auf ſein Befragen erfuhr Antonio, daß der am 7ten Juli erfochtene Sieg von der Nazionalmiliz von Madrid uͤber die empoͤrten Gar⸗ den, von welchem dieſen Morgen ſichere Kundean⸗ gelangt ſei, gefeiert werde.— Auf der Plaza de la Conſtitution bot ſich ihm ein ſonderbarer Auf⸗ zug dar. Die Linientruppen und Veteranen der Beſatzung, und die Nazionalmiliz, zogen in voller Parade voruͤber nach der Cathedral, wo ein feier⸗ liches Te Deum gehalten werden ſollte. Allen Re⸗ geln militaͤriſcher Parade zum Trotze waren aber 186 Skizzen aus Spanien. hier alle Waffengattungen vermiſcht, Reiter, Artil⸗ leriſten, Infanteriſten und Seeleute, junge Solda— ten und Invaliden, Linientruppen, Provinzialmili⸗ zen und Freiwillige, alles zog zwar in regelmaͤßi⸗ gen Gliedern, aber bunt durch einander daher, die Fahnen der Linienregimenter wurden von den Frei⸗ willigen, die der Freiwilligen von den Artilleriſten getragen u. ſ. w. Was aber am ſonderbarſten auf⸗ fiel, waren einige hundert Knaben von acht bis funfzehn Jahren, welche hier und da in den Rei⸗ hen vertheilt, in der Uniform der freiwilligen Na⸗ zionalmiliz ſehr gravitaͤtiſch einherſchritten. Einer der kleinen Kriegsleute ſeufzte ſtolz unter der Laſt einer alten zerfetzten Fahne, welche er dem Fah⸗ nentraͤger der Veteranen, einem ſechzigjaͤhrigen Schnurrbart, der neben ihm herſchritt und die Fahne vor einem Fall huͤtete, abgenommen hatte. Die patriotiſchen Lieder, welche von den Reihen dieſer ſonderbaren Verbruͤderung erſchallten, wurden von dem donnernden, von Daͤchern und Balkons herab tauſendfach wiederholten Ruf der verſammel⸗ ten Menge:«es lebe die Conſtitution! es lebe Riego! es lebe die Nazionalmiliz von Madrid!“ uͤberwaͤl⸗ tigt. Vor allen aber zeichneten ſich die ſchoͤnen Gadetanas durch ihren ſtuͤrmiſchen Enthuſiasmus Skizzen aus Spanien. 187 aus, und kaum war eine ſchoͤne Frau auf der Straße, oder an den Balkons zu ſehen, die nicht ein gruͤnes oder violettes Band zur Schau getra⸗ gen haͤtte, mit Deviſen, wie z. B. dieſe:«Eher ſterben als einen Servilen lieben»(antes morir que querer a un servil) oder:«Conſtitution oder Tod! das iſt mein Wahlſpruch!»(consti- tution o muerte, esta es mi suerte.)— Es war als wenn die Gadetaner ſich doppelt berechtigt und verpflichtet glaubten, den conſtitu⸗ tionellen Enthuſiasmus auf's Hoͤchſte zu treiben; erſtlich weil Cadix die Wiege der Conſtitution iſt, und dann beſonders wegen der blutigen Opfer, wo⸗ mit am unvergeßlichen zwoͤlften Maͤrz Cadix die Auferſtehung dieſes Kindes bezahlte. Damals ah⸗ nete die begeiſterte Menge nicht, daß bald Cadix auch das Grab der Freiheit werden ſolle.— Es war nicht Antonio's Abſicht, ſich in Ca⸗ dix aufzuhalten, und er ſchiffte ſich daher am ſel⸗ ben Abend ſeiner Ankunft auf der Falua(Feluke) la virgen de la victoria ein, welche eben un⸗ ter Segel ging. Ein friſcher Suͤd-oſtwind trieb das kleine Fahrzeug pfeilſchnell vor ſich her, und bald erſchienen den Reiſenden die weißen Mauern von Cadix nur noch am fernſten Horizont, wie eine 188 Skizzen aus Spanien. weiße Taube mit ausgebreitetem Fluͤgel uͤber der blauen Fluth ſchwebend. In der Nacht ließ der Wind etwas nach, und das Fahrzeug naͤherte ſich gegen Tagesanbruch dem Lande. Leicht gleitete es uͤber den Truͤmmern der Seemacht Spaniens und Frankreichs hinweg, welche das wogende Schlacht⸗ feld von Trafalgar deckt. Wohl mag hier der Britte mit ſtolzer Luſt ſein: rule Britania! rule the waves! ſingen; denn hier ward Englands See⸗ herrſchaft mit Nelſon's Blut beſiegelt, und unſerer an Allem zweifelnden Zeit, wenigſtens ein politi⸗ 3 ſches Axiom vermacht: rule Britania! rule the waves!— Aber alle Lorbeern des brittiſchen Seehelden koͤnnen ein Bild in ſeinem Leben nicht verhuͤllen, die Leiche des tapfern Admirals Carac⸗ cioli an der Segelſtange des brittiſchen Admiral⸗ ſchiffs haͤngend. Und doch iſt Nelſon nicht nur ein tapferer Seeheld, ſondern auch ein großer Cha⸗ rakter. England expects every man to do his duty!— dieſe einfachen Worte, womit er ſeine Eichenherzen*) zum Siege von Trafalgar fuͤhrte, ſind in ihrer Art fuͤr den Helden und fuͤr *) Hearts of oak, ein beliebtes und gewöhnliches, auch be⸗ 1 zeichnendes Beiwort der brittiſchen Matroſen. Skizzen aus Spanien. 189 ſein Volk eben ſo bezeichnend, wie die Worte des Kaiſers, vor der Schlacht bei den Pyramiden: Soldats, souvenez-vous que quarante siè- cles vous regardent du haut de ces mo- numents. Bald ſtiegen die gewaltigen Gebirge von Afrika vor den Blicken der Reiſenden auf. Sie naͤherten ſich dem Eingange der Straße von Gibraltar. Im unſichern Lichte der Morgendaͤmmerung konnten ſie die alte Burg Tarifa unterſcheiden, das ruͤhm⸗ liche Denkmahl des ſpaniſchen Manlius, Don Alonſo Perez Guzman, zubenamt el Bueno*).— Weiterhin Algezira, wo der Rio ſalado das Schlachtfeld durchſtroͤmt, auf dem Alonſo XI. einſt *) Er war unter König Fernando III. Befehlshaber von Tarifa. Die Mauren bedrängten die Stadt, und führ⸗ ten eines Tages den Sohn des Helden, der in ihre Hände gefallen war, vor ihr Lager, und ließen dem Vater die Wahl, entweder Tarifa zu übergeben, oder vor ſeinen Augen ſeinen Sohn enthaupten zu ſehen. Der alte Guzman warf ihnen zur Antwort ſein eignes Schwerdt von der Mauer herab, und ſah damit ſeines Sohnes Haupt abſchlagen. Die Mauren hoben die Be⸗ lagerung auf, und Don Alonzo Perez Guzman erhielt den Zunamen el Bueno. Der König ſchrieb ihm bei dieſer Gelegenheit:«Wir haben mit Bewunderung ver⸗ nommen, daß Ihr Euer Blut hingegeben, und Euren Erſtgebornen geopfert habt für Unſern und Gottes Dienſt vorerſt und Eure eigne Ehre. Darin habt Ihr dem 190 Skizzen aus Spanien. die zahlloſen Schaaren Afrika's beſiegte. Es giebt Ereigniſſe, die wenig beachtet werden, weil ihre Wichtigkeit nur negativ iſt, indem ſie den Unter⸗ gang des Beſtehenden verhindern. Dahin gehoͤren die gewaltigen Siege, welche die Alonſos am Rio ſalado, und viele Jahre fruͤher in den Schluchten der Sierra Morena, las navas de Tolosa ge⸗ nannt, uͤber die Mauren von Spanien und Afrika erfochten.— Dieſe Siege brachten keine weſent⸗ liche Veraͤnderung in dem beſtehenden Zuſtande von Europa hervor, aber wer moͤchte die Folgen fuͤr chriſtliche europaͤiſche Civiliſation berechnen, wenn hier die Afrikaner geſiegt haͤtten?— Selbſt arabiſchen Berichten zufolge, ſollen in der Schlacht am Rio ſalado dreimal hunderttauſend Mohren gefallen ſein.— Eben umſſchiffte das leichte Fahr⸗ zeug das Vorgebuͤrge von Tarifa, was hier den ei⸗ gentlichen Eingang der Straße bildet, als die auf⸗ gehende Sonne das Mittelmeer mit Glanz uͤber⸗ Vater Abraham gleich gethan, der, um Gott zu dienen, ſeinen Sohn zum Opfer weihte, und habet auch des edlen Blutes, daraus ihr ſtammet, würdig gehandelt, des⸗ halb verdienet Ihr der Getreue zu heißen, und ſo nenne ich Euch, und ſollt Ihr genannt werden fürderhin; denn es iſt billig, daß, wer die Treue bewahrt, den Namen des Getreuen trage.* Skizzen aus Spanien. 191 ſtroͤmte, und durch das gewaltige Rieſenthor von Gi⸗ braltar einen Lichtſtrom weit hinaus uͤber den dun⸗ kelblauen Ozean goß, waͤhrend die hohen Gebirge von Ronda auf der einen, und die Gebirge von Tetuan auf der andern Seite ihre dunkeln Maſ⸗ ſen erhebend, noch weit hin duͤſtere Schatten war⸗ fen.— Auf der ganzen Erde giebt es wohl kei⸗ nen zweiten Fleck, der ſo die großartigſten land⸗ ſchaftlichen Schoͤnheiten mit dem eigenthuͤmlichen Intereſſe verbaͤnde, den die uͤberwaͤltigende Fluth von Gedanken, Empfindungen und Erinnerungen hervorbringen muß, welche aus dem Anblick zweier Welttheile entſpringt— und gerade der beiden Welttheile, die von allen am wenigſten Vergleichs⸗ und Beruͤhrungspunkte haben, die an beiden Ex⸗ tremen der Civiliſation ſtehen— Afrika und Europa. Bald traten nun die ſonderbaren Felſen von Gibraltar und von Ceuta hervor. Stolz wehte im Strahl der Morgenſonne die Flagge der Seebeherr⸗ ſcherinn, welche das Mittelmeer unter Schloß und Riegel haͤlt, als waͤr' es ein Fiſchweiher. Aus Furcht vor den Barbaresken, den Haifiſchen, welche zur Ergoͤtzlichkeit der weiſen Schließerin darin ihr Weſen treiben, ſegelte die Feluke dicht am ſpani⸗ 192 Skizzen aus Spanien. ſchen Ufer hin, was ſich in maleriſchen felſigen Ge⸗ birgsmaſſen erhebt, aus deren dunklen Schluchten ſich hier und da gruͤne fruchtbare Thaͤler nach dem Meere zu oͤffnen, wo aus dem uͤppigen Gruͤne der Weinlauben und Orangengaͤrten freundliche Staͤdt⸗ chen hervorglaͤnzen, wie Eſtepona, Marbella, Fuen⸗ girola und Torremolina.— Mit Sonnenunter⸗ gang ſtieg vor den Blicken der Reiſenden die alte mauriſche Burg Gebalfaro empor, zu deren Fuͤßen ſich die engen Straßen von Malaga ausbreiten, und bald darauf ging das Fahrzeug auf der Rhede vor Anker.— Auch in Malaga hatte Antonio keine Urſache ſich aufzuhalten, und wir finden ihn gleich den Tag nach ſeiner Ankunft auf dem Wege nach An⸗ tequera, was er am Abend erreichte, und dann den folgenden ſeine Reiſe nach ſeinem Geburtsort Be⸗ namexi fortſetzte. Die Sonne neigte ſich zum Untergang, als die Reiſenden die Hoͤhe des Berges erreichten, an deſſen Abhang von Weingaͤrten, Oliven⸗und Oran⸗ genpflanzungen umgeben, Benamexi liegt. Anto⸗ nio verließ hier die Maulthiere, und eilte mit ſei⸗ Skizzen aus Spanien. 193 ner Schweſter auf einem naͤhern Fußpfad den Berg hinab.— Antonio's vaͤterliches Haus war eines der er⸗ ſten am Eingange des Ortes. Es zeigte nach der Straße hin ein etwa dreißig Fuß breites, zwei⸗ ſtoͤciges Haupt⸗oder wenigſtens Wohngebaͤude mit einer Azotea(flaches Dach), einem einzigen brei⸗ ten Balkon⸗Fenſter im zweiten Stock, waͤhrend der erſte nur eine kleine Luke hatte. An dieſen Theil des Hauſes ſchloß ſich ein langer niedriger Anbau mit Ziegeln gedeckt, und in einer Laͤnge von etwa ſech⸗ zig Schritt bis zum naͤchſten Hauſe reichend. Die⸗ ſer Anbau hatte gar keine Fenſter, ſondern nur hier und da einige unregelmaͤßige Luken, und ei⸗ nen großen Thorweg; in den geſchloſſenen Thor⸗ fluͤgln aber war eine kleinere Thuͤre angebracht. Eine ſolche Außenſeite konnte freilich keine archi⸗ tectoniſchen Schoͤnheiten darbieten, doch war ſie ſchneeweiß und reinlich gehalten. Antonio trat mit ſeiner Schweſter in die offene Thuͤre. Sie fuͤhrte unmittelbar in eine große Halle, oder eigentlich in einen bedeckten Hof, welcher den ganzen oben er⸗ waͤhnten Anbau einnahm, und etwa ſechzig Schritt 13 194 Skizzen aus Spanien. in die Laͤnge, und dreißig Schritt in die Breite maß. Das Dach war von einer ringsum laufen⸗ den Reihe von grob gearbeiteten hoͤlzernen, auf Steinbloͤcken ruhenden Saͤulen getragen, an wel⸗ chen allerlei Arten von Ackergeraͤth, Geſchirre fuͤr Pferde und Maulthiere, auch einige Gewehre hin⸗ gen. Einige Wagen und Karren ſtanden im Hin⸗ tergrunde dieſes Raums, zu beiden Seiten aber waren wohl zwanzig Maulthiere, und durch einen Verſchlag von ihnen getrennt einige Pferde an Krippen gebunden. Nach der linken Seite hin trat man von dieſem Raume in einen kleinen Hof, von dem er jedoch durch nichts getrennt war, und den wir nur deshalb einen Hof zum Unterſchiede nennen, weil hier das Dach, was jenen Vorplatz bedeckte, aufhoͤrte. Dieſer Hof hatte etwa dreißig Fuß Laͤnge, d. h. die Breite des beſagten Vorpla⸗ tzes, und etwa funfzehn Fuß Breite von den letz⸗ ten Saͤulen des Daches, bis zu der Wand des eigentlichen Wohnhauſes. Auf zwei Seiten hatte der Hof bedeckte Gaͤnge, von etwas zierlicheren Saͤulen getragen, als jene des Vorplatzes, doch ohne irgend eine Art von architectoniſchem Schmuck. An der dritten Seite des Hofes befand ſich eine Art von Ziehbrunnen, indem naͤmlich ein unge⸗ 195 Skizzen aus Spanien. heurer irdener Krug, wohl ſechs Fuß im Durch⸗ meſſer, und funfzehn bis zwanzig Fuß tief in die Erde geſenkt war. In dieſen Ziehbrunnen, oder eigentlich Ziehkruͤgen, haͤlt ſich das eingefuͤllte Waſ⸗ ſer auch bei der groͤßten Hitze friſch. Neben dem Brunnen erhob ſich eine Dattelpalme hoch uͤber das Haus; laͤngs derſelben Seite der Wand zog ſich eine ungeheure Rebe, welche auch einen großen Theil der Wand des Hauſes bedeckte, und vor dem einen Theil des Saͤulenganges ſelbſt eine gruͤne Wand gebildet hatte, mit purpurrothen Trauben in kaum glaublicher Groͤße und Anzahl durchwirkt. In einer Ecke des Hofes endlich ſtanden einige Granaten⸗ und Orangenbaͤume, letztere von der Laſt ihrer ſonderbar geformten roͤthlichen Kapſeln faſt zur Erde gezogen, dieſe in der Fuͤlle goldgelber Fruͤchte und duftender Bluͤthen prangend, welche auch den Boden um ſie her bedeckten. Rings auf den Saͤulengang oͤffneten ſich mehrere Thuͤren, wovon eine durch eine Treppe nach dem oberen Stockwerk des Hauſes, die andere aber in einige zu ebener Erde liegende Gemaͤcher fuͤhrte, denen ſie zugleich als Fenſter dienten. Der obere Stock des Hauſes hatte nach dem Hofe zu einige klei⸗ nere Fenſter, jedoch ohne Glasſcheiben.— Das 13* 196 Skizzen aus Spanien. Ganze war zwar reinlich, allein man erkannte leicht, daß dieſe Reinlichkeit mehr Folge eines gluͤcklichen Klima's, denn einer beſondern Bemuͤ⸗ hung von Seiten der Bewohner war, wie z. B. die im Hofe umherliegenden, halbzertretenen Oran⸗ gen und das Gras bewies, was uͤberall zwiſchen dem Pflaſter hervorwucherte.— Als Antonio eintrat, waren im Helldunkel des Vorplatzes einige Knechte mit der Fuͤtterung und Pflege der Maulthiere und Pferde beſchaͤftigt. Zunaͤchſt am Hofe, ihnen den Ruͤcken kehrend, ſaß auf einem großen Steine ein junger Mann in Hemdsaͤrmeln, und arbeitete an der Ausbeſſe⸗ rung eines Zaumes. Unter dem Saͤulengange ſaß auf einem kleinen hoͤlzernen Schemel eine Frau von etwa fuͤnf und zwanzig Jahren, im nachlaͤſ⸗ ſigen haͤuslichen Anzuge, mit bloßem Kopfe, ei⸗ nige Roſen in den ſchwarzen Haaren. Sie war mit der Reinigung von Gemuͤſe beſchaͤftigt, wo⸗ von ein großer Haufe vor ihr lag. Ihr gegen⸗ uͤber ſaß auf einem Armſeſſel(der Sitz von ge⸗ flochtenen Weiden) ein alter Carmelitermoͤnch, mit langem, weißen Bart, feurigen Augen, aber mildem Blicke.— Im Hofe ſelbſt trieben ſich zwei Jungen von neun bis zehn Jahren herum, Skizzen aus Spanien. 197 ohne andere Bekleidung, als Hemd und kurzes braunes Beinkleid. Jeder von ihnen hatte ein kurzes Stuͤck Holz in der Hand, und eben, als Antonio herbeitrat, hatte der eine ſeinem Gegner einen ſo tuͤchtigen Stoß in die Seite beigebracht, daß er ruͤckwaͤrts niederfiel. Triumphirend rief nun der Sieger:« hnicht wahr, Vater, das war ein ſchoͤner Stoß! ſo hat Vetter Chriſtoval den Offizier getroffen auf dem Markt zu Mairena.» Der Ueberwunde war zweifelhaft, ob er weinen oder lachen ſolle, als aber ſein Sieger ihm zurief: «jetzt komm, Juanito, ich will der Stier ſein, und du der Matador!» ſprang er munter auf, aber Dolores erblickend, rannten ſie beide mit gewalti⸗ gem Geſchrei:«Tante Dolores! Tante Dolores! was haſt du uns mitgebracht?» auf ſie los. Der junge Mann ſtand auf,(es war Antonio's aͤlteſter Bruder Juan) und reichte Antonio, denn ohne ihn eigentlich zu erkennen, errieth er es gleich, daß er es ſei, die Hand, mit einem herzlichen: „Willkommen, Antonio!“— Dolorzs ward von ihrer Schwaͤgerin umarmt, waͤhrend die Jungen nicht von ihr laſſen wollten. Sie riß ſich jedoch los, und eilte auf den Geiſtlichen zu, dem ſie, mit Ehrfurcht und ſchmeichelnden Fragen 198 Skizzen aus Spanien. nach ſeinem Befinden, die Hand kuͤßte, waͤhrend er mit ſichtbarer Ruͤhrung ihre Wangen ſtreichelte, und ſprach:«Willkommen, mein Kind! die hei⸗ lige Jungfrau ſegne dich tauſendfach!“— Anto— nio erkannte ihn ſogleich als den alten Pater Hilario, deſſen Liebling er als Knabe geweſen war, und dem er in mancher Hinſicht außeror⸗ dentlich viel verdankte. Er eilte auf ihn zu, und ergriff die dargebotene Hand, die er in ſprachlo⸗ ſer Ruͤhrung kuͤßte. Der alte Mann ſchien einen Augenblick uͤberaſcht, und ſagte dann mit Thraͤ⸗ nen in den Augen:«Gott ſegne dich, Antonio, du biſt noch immer mein guter Sohn!“— Do⸗ lores hatte ſchluchzend und mit gefalteten Haͤnden zugeſehen, und Juan ſagte mit weicherer Stim⸗ me, als es ſonſt ſeine Art war, zu ſeiner Frau: «Das iſt der Bruder Antonio, Weib.“— Dieſe machte einen verlegnen Knix, und wollte dem geiſtlichen Schwager die Hand kuͤſſen, der es jedoch nicht litt, ſondern, die ihrige herzlich ſchuͤttelnd, ſie an die fruͤhere Bekanntſchaft er⸗ innerte. Juan ergriff nun die beiden Jun⸗ gen, die ſich ſcheu hinter der Tante verkrochen, und ſie mußten dem Oheim pflichtmaͤßig die Hand kuͤſſen, rannten aber auch alſobald davon, Skizzen aus Spanien. 199 und waren erſt ſpaͤter wieder herbei zu locken, als Dolores ihre kleinen Geſchenke auskramte. Auch die Knechte hatten ſich bei dem Geraͤuſch der Bewillkommung genaͤhert, gruͤßten ihre junge Herrin, die jedem etwas Freundliches zu ſagen hatte, mit herzlicher Freude, und Antonio mit großer Ehrerbietung, doch mit ſichtbarem Stolz uͤber die Ehre, welche der Familie ihres Herrn durch einen Sohn geiſtlichen Standes erwachſen mußte, und eilten dann, die Maulthiere, welche indeſſen mit dem Gepaͤck angekommen waren, und ungeduldig mit ihren Schellen ihre Anwe⸗ ſenheit verkuͤndeten, abzuladen.„Vater und Mutter ſind auf dem Felde— ſagte endlich, als man ſich einigermaßen beruhigt hatte, Juan— ſie muͤſſen aber gleich heimkommen.“— Wirk⸗ lich langten ſie auch gleich darauf an. Die Mut⸗ ter, eine alte Frau, die einmal ſehr ſchoͤn geweſen ſein mußte, mit einem Geſichte, wie man wohl auf Murillo's Gemaͤlden die heilige Anna darge⸗ ſtellt ſieht, trug eine Basquiſia von grobem, ſchwarzen Zeuge, mit einem kleinen Beſatz von ſchwarzem Sammt, und auf dem Kopfe eine Man⸗ tilla von ſchwarzem Halbſammet, ohne allen Be⸗ ſatz. Sie ſaß ſeitwaͤrts auf einem ſchoͤnen Eſel, 200 Skizzen aus Spanien. der ſie ſichern Trittes, und ohne irgend einer Lei⸗ tung zu beduͤrfen, trug. Neben ihr ſchritt der Vater, ein kraͤftiger Mann, dem man nicht leicht die ſiebzig Jahre voll Arbeit und Gefahren aller Art anſah, die er erlebt hatte. Er trug eine kurze Jacke von ſchwarzem Halbſammt, mit ei⸗ nigen ſeidenen Schnuͤren und Stickereien verziert, und kurze weite Beinkleider von demſelben Stoff. Ein ſehr breites und feines Jabot, und ein ſei⸗ denes Tuch um den Hals, eine rothe Faja um den Leib, endlich Schuhe und Camaſchen von hell⸗ braunem Leder, bis unter die Knie reichend, ſo jedoch, daß man das weiße, leinene Unterzeug ſe⸗ hen konnte, vollendeten ſeinen Anzug. Auf der Schulter trug er ein langes biskayſches Gewehr, und neben ihm her liefen zwei ſchoͤne Windhunde. Der Herrſchaft folgte eine Magd, einen Eſel vor ſich hertreibend, der mit Gemuͤſe und Fruͤchten beladen war, Melonen, Gurken und gluͤhendro⸗ ther Pimiento, Feigen, Orangen und Weintrau⸗ ben, auch ein kleiner Buͤndel ſaftigen Zuckerroh⸗ res. Ueber letzteres fielen ſogleich die Kinder her, um mit aller Macht daran zu ſaugen und ſich damit zu pruͤgeln.— Antonio eilte der Mutter entgegen, die ihn Skizzen aus Spanien. 201 ſogleich erkannte, und ſprachlos und ſchluchzend ihm um den Hals fiel, und ihn nur los ließ, um ihn mit dem ſorgſamen Blick der Mutterliebe zu betrachten, und wieder in die Arme zu ſchlie⸗ ßen, bis Dolores, die den Vater mit einem ſchuͤchternen Handkuß begruͤßt hatte, endlich auf ihren Theil der muͤtterlichen Zaͤrtlichkeit Anſpruch machte, und Antonio ſich zum Vater wenden konnte, der ihm freundlich, doch ohne beſondere Ruͤhrung die Hand ſchuͤttelte, mit einem herz⸗ lichen:«„Gott ſegne dich, Antonio! willkom⸗ men zu Hauſe.“— Nachdem der erſte Sturm der Freude, der Ruͤhrung, des Fragens und Ant⸗ wortens voruͤber war, erinnerte der Vater, daß es Zeit zum Abendeſſen ſei. Auf ein paar niedri⸗ ge Boͤcke wurde ein Tiſchblatt gelegt, und ſo mit⸗ ten im Hofe ein langer niedriger Tiſch gebildet, und mit einem groben, doch reinlichen Tiſchtuch bedeckt. Nun wurden einige große irdene Schuͤſ⸗ ſeln voll Gazpacho*) aufgetragen, und alle Haus⸗ bewohner ſetzten ſich auf niedrigen Schemeln um den Tiſch, die Knechte und die Magd unten, am *) Eine Art kalte Schaale aus Gurken, Brotkrumen, Knoblauch, Pimiento, Eſſig, Oel und Waſſer, und ſehr kühlend. 202 Skizzen aus Spanien. obern Ende der Pater Hilario, ein ſtets willkomm⸗ ner Gaſt; ihm zunaͤchſt der alte Lara und die Mutter, neben ihr Antonio, dem Dolores ihren Platz hatte abtreten muͤſſen. Die hoͤlzernen Loͤffel, von allen Seiten aus den Schuͤſſeln ſchoͤpfend, hat⸗ ten dieſe bald geleert, und Oliven und ſchneeweißes Brot ſchloſſen die maͤßige Mahlzeit, wobei jedoch einige große glaͤſerne Kannen mit Wein nicht fehl⸗ ten, aus denen ſich die Maͤnner, ſie mit kundi⸗ ger Hand hoch uͤber dem Kopf haltend, den Wein in die Kehle goſſen. Nach der Mahlzeit entfernte ſich der Pater Hilario, nachdem er der Geſellſchaft eine gute Ruhe gewuͤnſcht, und baldige Wiederkehr verſpro⸗ chen hatte. Die Familie aber blieb noch in trau⸗ lichem Geſpraͤch beiſammen, und Antonio konnte kaum Athem finden, um alle Fragen, die ihn be⸗ ſtuͤrmten, zu beantworten; beſonders ſchwer ward es ihm, den beiden Jungen, die ſich ſchon eini⸗ germaßen mit ihm befreundet hatten, begreiflich zu machen, daß es außerhalb Spanien auch noch Laͤnder und Menſchen, und ſogar Kirchen gebe. «„Nein— ſagte endlich die Mutter— Ihr fragt ja den armen Antonio zu Tode, laßt ihm jetzt Ruhe. Nimm die Guitarre, Dolorcitas, und Skizzen aus Spanien. 203 ſing uns etwas.“— Dolores holte die Guitarre, und mit ihren niedlichen, wenn gleich etwas brau⸗ nen, Haͤndchen geuͤbt in die Saiten greifend, ſang ſie einige ſchalkhafte Liedchen.«Spielt uns die Cachucha, Senorita— unterbrach ſie einer der Knechte, der ſeine Arbeit beendet hatte, und mit Wohlgefallen zuhoͤrte— Rita ſoll mit mir tanzen.“»— Mit dem Koͤpfchen nickend, ſtimmte Dolores ſogleich die lebhafte und zugleich ſchmach⸗ tende Melodie der Cachucha an, von Zeit zu Zeit einige Strophen dazu ſingend; Rita und Domin⸗ go tanzten einander gegenuͤber, und die Zuſchauer gaben, mit den Haͤnden klatſchend und mit dem Abſatz tretend, den Takt an. Der Mond beleuch⸗ tete die Gruppe mit ſilbernem Lichte, und ſtaͤrker duftete die Orangenbluͤthe.— Der, feinem Regen gleich fallende Thau, erinnerte endlich die Geſell⸗ ſchaft, daß es Zeit ſei, ſich zur Ruhe zu begeben. Die Knechte breiteten unter dem Saͤulengange ihre Decken und Maͤntel aus, und der alte Lara, ſo⸗ wie auch Juan, folgten ihrem Beiſpiel. Es wurde fuͤr jeden eine Matraze auf den Boden gelegt.— Dolores folgte der Mutter in eines der Gemaͤcher, zu ebener Erde, das andere war fuͤr die Schwaͤ⸗ gerin und die Magd beſtimmt. Erſtere aber 204 Skizzen aus Spanien. zuͤndete erſt noch eine Lampe an, um Antonio, nachdem er Allen eine gute Ruhe gewuͤnſcht hatte, ſein Lager zu zeigen. Dies war im obern Stock in einem ziemlich großen Saal bereitet— dem Prunkgemach und zugleich Winteraufenthalt der Familie, wenn man einige Wochen Regen, Win⸗ ter nennen kann. Der Saal war mit Ziegeln be⸗ legt, hatte ein großes Balkonfenſter nach der Straße zu, weiße Waͤnde, und außer einigen Nohrſtuͤhlen keine Meubel. Antonio's Lager war eine auf dem Boden ausgebreitete Matraze. Die Ermuͤdung der Tagereiſe machte den Gedanken und Gefuͤhlen, die ſich in ſeinem Geiſte durchkreuz⸗ ten, durch den Schlaf bald ein Ende.— So wohlthuend auch anfangs fuͤr Antonio die Aufnahme und der Aufenthalt im vaͤterlichen Hauſe, nach ſo langer Verbannung, war, ſo fuͤhlte er doch ſehr bald, daß ſeine Heimath und die Seinigen ihm eigentlich fremd geworden wa⸗ ren. Seine ganze Bildung, ſeine geiſtigen Be⸗ duͤrfniſſe konnten in dem Kreiſe der Seinen we⸗ nig oder keine Befriedigung finden. Sein Vater hatte ihn von jeher mit zuruͤckſetzender Haͤrte be⸗ Skizzen aus Spanien. 205 handelt, und zeigte bald deutlich genug, daß er ſeine Geſinnungen nicht geaͤndert habe. Juan konnte die Art von Ueberlegenheit, welche Reiſen und hoͤhere Bildung dem juͤngern Bruder gaben, nicht immer ohne Verdruß anerkennen, um ſo mehr, da Antonio, in der beſten Abſicht freilich, aber ſehr oft am unrechten Orte, immer wieder auf ſeine Civiliſationsverſuche zuruͤckkam, und dem Bru⸗ der die raſtloſe Thaͤtigkeit, Sparſamkeit und kluge Benutzung aller Huͤlfsmittel anpries, wie er ſie— in manchen fremden Laͤndern geſehen hatte. Der Bruder dagegen betrieb, als echter Andaluſier, die Arbeit nur als ein nothwendiges und einigermaßen unziemliches Uebel, mit einer grandioſen Non⸗ chalance nebenbei, und konnte durchaus nicht ein⸗ ſehen, weshalb er, wenn nicht grade eine drin⸗ gende, fuͤr den Augenblick nothwendige, und im gewoͤhnlichen hergebrachten Laufe des Haus⸗ und Feldweſens liegende Arbeit zu beſeitigen war, ir⸗ gend eine Arbeit ſuchen ſolle, ſtatt ſeine Cigarre zu rauchen, oder auf die Jagd zu gehen, oder ſonſt auf andere Art ſeines Lebens zu genießen. — Wenn ihm ſein Bruder von der Wirthſchaft in fremden Laͤndern erzaͤhlte, wie da jedes Eckchen und Fleckchen Erde benutzt und eingehaͤgt, wie 206 Skizzen aus Spanien. jeder Abfall und wieder der Abfall des Abfalls be⸗ nutzt werde, entweder zum Auffuͤttern von Schwei⸗ nen, Huͤhnern u. ſ. w., oder zum Duͤnger— wie die Winterabende, wo auf dem Felde nichts zu thun, wiederum zu anderem Erwerb benutzt wuͤr⸗ den, die Kinder vom fruͤhſten Alter und ſtufen⸗ weiſe zum Miterwerb angehalten, kurz wie alles in einander greife zur Vermehrung und Verviel⸗ faͤltigung des Erwerbes— wobei der gute An⸗ tonio freilich die Sache noch ſchlimmer darſtellte, als ſie eigentlich iſt— ſo konnte Juan wohl mit veraͤchtlichem Achſelzucken ausrufen:«Gottes Leben! que miseria! welche elende Wirthſchaft! aber dieſe Leute leben ja gar nicht. Kein Maulthier, keinen Hund moͤcht' ich ſo arbeiten laſſen.“— Mit den Kindern aber verdarb es Antonio durch ſolche Re⸗ den ganz und gar, und ſie verſteckten ſich vor ihm, nicht anders, als wenn er ſie in die Sklaverei verkaufen wollte.— Kraͤnkender ward fuͤr den armen Antonio ſein Verhaͤltniß zu ſeiner Mut⸗ ter. Dieſe fing bald an wegen des Seelenheiles ihres Sohnes in Sorge zu gerathen, theils we⸗ gen einiger ſeiner Außerungen, theils weil er die haͤufigen Andachtsuͤbungen, wozu die gute Frau ſich ſelbſt und ihre Hausgenoſſen anhielt, nicht * ——. Skizzen aus Spanien. 207 mit gehoͤrigem Eifer mitmachte, und ſogar einmal im Reſponſorium ſtecken blieb, beſonders aber, weil ſie durch dienſtfertige Gevatterinnen erfuhr: er ſei ein Freimaurer. Dieſe Sorge aͤußerte ſich ſreilich immer nur in Verbindung mit der zaͤrt⸗ lichſten Mutterliebe, aus der ſie eigentlich ent⸗ ſprang, allein ſie ward fuͤr Antonio um ſo druͤcken⸗ der, da ſeine Mutter ſelbſt ſichtlich und ſchmerz⸗ lich dabei litt, und ungluͤcklicher Weiſe mußte der Pater Hilario, von dem Antonio gehofft hatte, er werde ſeine Mutter beruhigen, den Tag nach ſeiner Ankunft, in Geſchaͤften ſeines Kloſters, ver⸗ reiſen. Unter dieſen Umſtaͤnden war es ihm deſto wohlthaͤtiger, daß Dolores ſich immer inniger und mit kindlichem Vertrauen an ihn anſchloß. Die Art, wie Antonio den ehrwuͤrdigen Pater Hilario begruͤßt hatte und von ihm geſegnet wor⸗ den war, hatten alle Zweifel verſcheucht, die in ihrem kindlichen Sinn wohl zuweilen wegen des Bruders Glauben mochten aufgeſtiegen ſein.— Zu dieſer unangenehmen Geſtaltung ſeiner haͤuslichen Verhaͤltniſſe kamen jedoch auch andere Urſachen, welche dazu beitrugen, Antonio's Auf⸗ enthalt in Benamexi abzukuͤrzen. In ſeinem Ge⸗ burtsorte und in der benachbarten Gegend ſtanden 1 208 Skizzen aus Spanien. ſich, wie in ganz Spanien, zwei Partheien feind⸗ lich gegenuͤber, und Antonio hatte auf den erſten Anblick geglaubt, es ſeien dies, wie in den groͤ⸗ ßeren Staͤdten, die er bisher kennen gelernt hatte, ſogenannte Liberale und Servile. Er uͤberzeugte ſich bald, zu welchem Irrthum er verleitet wor⸗ den, indem er aus der Lage der Dinge in den groͤßern Staͤdten, auf dieſe Verhaͤltniſſe geſchloſſen hatte. Durch mehrere Generationen hindurch be⸗ ſtand zwiſchen den Lara's nebſt ihren Verwandten und Freunden, und den Arredondo's, einem an⸗ dern zahlreichen Geſchlechte in Benamexi und der Umgegend, eine heftige Feindſchaft, die durch ge⸗ richtliche Streitigkeit, und ſo oft ſich Gelegenheit darbot, durch gegenſeitige Gewaltthaͤtigkeiten immer neue Nahrung erhielt. Die Revolution von 1820 war von den Arredondo's benutzt wurden, um ſich gegen die Lara's einen entſchiedenen Vortheil zu verſchaffen, indem ſie, ohne ſich weiter um die Bedeutung der Worte zu kuͤmmern, ſich fuͤr die Conſtitution erklaͤrten, und dem Namen nach zur Parthei der Liberalen uͤbertraten. Ein Arre⸗ dondo wurde nun zum Alcalden ernannt, ein an⸗ derer zum Escribano, und ſie bedienten ſich ihrer Macht nur, um die Lara's bei jeder Gelegenheit 8. 209 Skizzen aus Spanien. mit oder ohne Vorwand zu druͤcken. So hatten ſie auch jetzt Alles angewandt, um Eſteban, den die Arredondos beſonders fuͤrchteten, zu Grunde zu richten und ohne weitere Unterſuchung war er des Antheils an dem von Chriſtoval begangenen Morde beſchuldigt worden, und durfte es unter ſolchen Umſtaͤnden nicht wagen, nach Hauſe zuruͤckzukeh⸗ ren. Antonio ſuchte anfangs durch vernuͤnftiges Zureden eine Verſoͤhnung herbei zu fuͤhren, oder wenigſtens dem Alcalden ſeine Pflichten begreiflich zu machen, und als dies nichts half, als er ſah, daß die Leute nicht einmal den entfernteſten Be⸗ griff von dieſen Pflichten und von den Abſich⸗ ten der Parthei hatten, der ſie anzugehoͤren vor⸗ gaben, drohte er mit einer Anzeige an die obere Behoͤrde.— Die Arredondos dagegen drohten oͤffentlich, ihn zu ermorden, und ein Anſchlag ge⸗ gen ihn ward nur durch ſeines Bruder Juan Ent⸗ ſchloſſenheit vereitelt. Der Haß der Arredondos hatte ihm ſeine eigenen Verwandten wieder naͤher gebracht, und ſein alter Vater ſelbſt ſchwur beim heiligen Bild von Jaen, es ſolle Antonio kein Haar gekruͤmmt werden, und wenn er Leib und Gut daran ſetzen ſollte. Um ſo mehr bedauerte er dann, daß Chriſtoval und Eſteban fehlten. 14 210 Skizzen aus Spanien. Dieſer hatte ſich mit ſeinem Vetter im Gebirge vereinigt. Unter dieſen Umſtaͤnden beſchloß Anto⸗ nio, ſobald als moͤglich abzureiſen, um ſo mehr, da ſeine Geſchaͤfte ihn nach Granada riefen. Dort⸗ hin ſollte auch Dolores geſchickt werden, da die Schweſter der Aebtiſſin des Kloſters, in dem ſie erzogen worden war, die Gattin eines reichen Kaufmannes in Granada, das Maͤdchen, das von jeher ihr Liebling geweſen war, zu haben wuͤnſchte, und ſich erbot, ſie abholen zu laſſen. Die Aeltern willigten ein, theils aus Ehrfurcht fuͤr die Frau Aebtiſſin, theils weil ſie das Maͤd⸗ chen in Granada ſichrer wußten, als unter den Umſtaͤnden zu Hauſe. Antonio konnte ſeine Schwe⸗ ſter nicht begleiten, da ſeine Geſchaͤfte ihn zwan⸗ gen uͤber Malaga zu reiſen, wohin er ſich auch in den letzten Tagen des Juli auf den Weg machte. Antonio's Geſchaͤfte in Malaga waren bald abgemacht, und er verließ nach wenigen Tagen die Stadt, mit dem ſogenannten Corſario von Granada, der mit ſeinen Maulthieren regelmaͤßig die Woche einmal die Reiſe von Granada nach Malaga und wieder zuruͤck macht. Der Trupp beſtand aus etwa zwanzig Maulthieren und eini⸗ 211 Skizzen aus Spanien. gen Treibern, und dem Corſario ſelbſt, einem ruͤſtigen Mann, in beſten Jahren, der fruͤher Contrebandiſt geweſen war, und noch einen ge⸗ wiſſen Anſtrich von Majo hatte, der ſich auch in ſeiner Kleidung, der Guͤte ſeines Pferdes u. ſ. w. zeigte. Antenio fand noch einen Reiſegefaͤhrten, deſſen gebrochenes Franzoͤſiſch und noch mangel⸗ hafteres Caſtilianiſch, noch mehr aber ſein ganzes Weſen ihn bald als einen Englaͤnder kund gaben. Er war mit der groͤßten Eleganz gekleidet, weite faltige Beinkleider und Frack, nach der neue⸗ ſten Londoner Mode, hohes Halstuch und fei⸗ ner Hut mit dem moͤglichſt ſchmalen Rand. An⸗ fangs ſchien er ſeinen geiſtlichen Reiſegefaͤhrten mit allem Hochmuth anglicaniſcher Aufklaͤrung zu betrachten; als ihm indeſſen Antonio bei ſeinen vergeblichen Bemuͤhungen, ſich mit dem Corſario zu verſtaͤndigen, der von allen den Wuͤnſchen, Klagen und Beduͤrfniſſen des Mannes gar nichts begriff, menſchenfreundlich beiſprang, und es ſich ergab, daß er Franzoͤſiſch und ſogar etwas Eng⸗ liſch ſprach, endlich daß er ein ſogenannter auf⸗ geklaͤrter, liberaler Geiſtlicher ſei, ſo gerieth er bald gegen ihn in's andere Extrem, uͤberſchuͤttete ihn mit Fragen, mit aufgeklaͤrten und induſtriel⸗ 14* 118 Skizzen aus Spanien. len Abhandlungen uͤber Spanien, und was alles anders werden muͤſſe, auch wie, in einem Lande, das er vor drei Tagen zum erſtenmal betreten hatte, und in deſſen Sprache er kaum drei Worte reden konnte, ſo daß Antonio bald ſein eignes Lieblings⸗ thema ſo zum Ueberdruß ſatt hatte, vaß er, ohne es ſelber zu merken, ſich allmaͤlig zum eifrigen Vertheidiger deſſen aufwarf, was ſein Gefaͤhrte, und er ſelbſt haͤufig die ſpaniſche Barbarei zu nen⸗ nen beliebte. Dabei aͤrgerte es ihn freilich auch, daß der Englaͤnder ihn immer mit einer Art von herablaſſender Neugier beobachtete. Ein aufgeklaͤr⸗ ter, unterrichteter katholiſcher Prieſter war eine Art von lusus naturae in ſeinen Augen, und die Hitze allein verhinderte ihn, gleich ſein Tagebuch zu ergreifen, um ſeine Beobachtungen aufzuzeich⸗ nen. Alle Thatſachen, die Antonio ſeinen eng⸗ liſch-proteſtantiſchen Vorurtheilten uͤͤber Spanien entgegenſetzte, konnten ihn uͤbrigens in ſeinen Folgerungen und in der triumphirenden Weisheit ſeiner Civiliſation nicht einen Augenblick irre ma⸗ chen, und erſt die zunehmende Hitze des Tages verſchaffte ſeinem geplagten Gegner einige Ruhe. Dieſer Reiſende war, wie der Corſario berichtete, ein Mr. Brown bei dem engliſchen Conſulat in H ** 1 Skizzen aus Spanien. 213 Malaga angeſtellt, und ihm auf Leib und Leben von den beſten Firmen in Malaga anbefohlen.— Der Weg von Malaga nach Granada fuͤhrt anfangs am Fuße des Kaſtells von Gibalfaro vor⸗ bei, und laͤngs des ſandigen Ufers hin. Eine Stunde von der Stadt aber wendet er ſich etwas ins Innere des Landes, um die Felſen, welche hier bis dicht ans Meer herabziehen, zu vermeiden. Unſere Reiſenden verließen jedoch hier den Fahr⸗ weg, und folgten einen nur fuͤr Fußgaͤnger und Maulthiere zugaͤnglichen Pfade, der dicht am Ufer hin theils uͤber die Felſen ſelbſt fuͤhrt, theils auf den ſchmalen Streifen von Sand, den das Meer an ihrem Fuße abgeſetzt hatte. Hin und wieder muͤßen aber auch die Maulthiere von einer Land⸗ ſpitze zur andern bis an den Bauch im Waſſer waten. Die kuͤhnen, oft abentheuerlichen Formen der kahlen rothen Granitfelſen, an denen ſich das Meer von eiuem friſchen Suͤd⸗weſtwind getrieben, in ſchaͤumender Brandung brach— hier und da auf einer, weit in's Meer vorſpringenden Felſenſpitze ein alter Wartthurm, wie ſie laͤngs der ganzen Kuͤſte, zum Schutz gegen die Landungen der Bar⸗ baresken, zerſtreut ſind— der Blick uͤber die end⸗ 214 loſe dunkelblaue Flaͤche des Mittelmeers, auf dem nah und fern glaͤnzende Segel dahinſchwebten— der dunkelblaue Himmel, und das grelle Licht des ſuͤdlichen Mittages, in dem alle Umriſſe ſo ſcharf hervortreten, daß das unbewaffnete Auge fuͤr ſeine eigne Sehkraft den Maßſtab verliert— alles dies giebt manchen Stellen dieſer Ufer⸗Landſchaft, der es groͤßtentheils an jeder Spur von Vegetazion fehlt, ei⸗ nen ganz eigenthuͤmlichen, hoͤchſt maleriſchen Charak⸗ ter. Hin und wieder, wo ein Giesbach aus enger Schlucht hervor ins Meer ſtuͤrzt, labt ſich das Auge wiederum an der uͤppigſten Vegetazion, die gleichſam dem Laufe des Waſſers folgend ihm entgegen quillt. Eine Muͤhle oder eine Fiſcherhuͤtte, von Weinran⸗ ken ganz bedeckt, von einigen Palmen umgeben, er⸗ hoͤht das freundliche dieſes Bildes.— So erreichten die Reiſenden gegen Mittag Velez Malaga. Der Ort liegt in einer ſanft nach dem Meere ablaufenden Ebene, doch vom Meere ſelbſt durch einige Sandhuͤgel getrennt, auch vor der ſcharfen Seeluft geſchuͤtzt. Die Ebene von Velez Malaga iſt eine der fruchtbarſten Gegenden von Spanien. Nicht nur Oehl, Seide, Wein und Orangen bringt ſie im Ueberfluß hervor, ſondern auch Datteln und Baumwolle. Auch Zuckerrohr Skizzen aus Spanien. Skizzen aus Spanien. 215 wird in ziemlicher Menge und mit geringer Pflege angebaut, und in mehren Zuckermuͤhlen Syrup daraus gepreßt, der unter dem Namen Honig ein Lieblings⸗Nachtiſch der Einwohner iſt*).— So⸗ gar der weſtindiſche Piſang waͤchſt zu beteaͤchtlicher Hoͤhe im Freien, in den Gaͤrten, wobei jedoch eben ſo wenig an irgend eine beſondere Pflege und Sorg⸗ falt zu denken iſt.— Nachdem in Velez Malaga eine lange Sieſta gehalten worden, brach der Corſario auf, um noch vor Abend eine kleine Venta am Fuße der Gebir⸗ ge zu erreichen. Mr. Brown hatte ſich von der Geſellſchaft getrennt, um einen Landsmann, der hier ein großes Lager von Wein und Oehl beſaß, und an den er empfohlen war, zu beſuchen. Er fand ſich jedoch zur rechten Zeit ein, ganz ſelig uͤber die Comforts, die er in ſeines Freundes Hauſe gefunden, der ihm Beefſteak und Porter vorgeſetzt habe, und faſt ganz auf engliſche Art eingerichtet ſei. Statt die Sieſta zu halten, hatten aber die Herren getrunken, ſo daß Mr. Brown die Hitze, welche durch die von Felſen abprellende Abendſonne *) Unter miel, Honig ſchlechtweg, verſteht man in An⸗ daluſien gewöhnlich dieſen Syrup. Eigentlicher Honig wird miel de abejas, Bienenhonig, genannt. 216 Skizzen aus Spanien. faſt gluͤhend wurde, um ſo bitterer empfand. Hie⸗ zu kam noch, daß der Fahrweg nach der erſten halben Stunde gaͤnzlich aufhoͤrte, und die Maul⸗ thiere nun in dem ausgetrockneten, felſigen Bette eines Bergwaſſers das Gebirge hinanſtiegen, ſorg⸗ faͤltig von einem loſen Stein auf den andern tre⸗ tend. Mr. Brown verſicherte zwar, einer der be⸗ ſten Fuchshetzer in Yorkſhire zu ſein, allein dieſe Reiterei ſchien ihm zu halsbrechend, und er fuͤhrte wirkliche Gefahr herbei, indem er, ſtatt das Maul⸗ thier ruhig ſeinen Weg gehen zu laſſen, es an der Halfter zu leiten verſuchte. Endlich verlangte er mit großem Ungeſtuͤm von dem Corſario, er ſolle ſeinem Maulthiere einen Zaum geben, oder ihn auf ſeinem Pferde reiten laſſen— Der Cor⸗ ſario hatte anfangs mit Neugierde, dann aber mit einer Art von Verachtung alle die Anſtalten geſe⸗ hen, welche der Englaͤnder traf, um ſich vor der Sonne zu verwahren, oder auf andere Art Kuͤhlung zu verſchaffen, indem er aus allerlei zierlich gear⸗ beiteten Reiſeneceſſairs und Mantelſaͤcken allerlei Geraͤthſchaften, Eſſenzen, und Puͤlverchen heraus⸗ nahm, und ſeinen Diener unaufhoͤrlich mit Be⸗ fehlen plagte, ſo daß der arme Teufel endlich in allen Sprachen Europa's ſeine Noth klagte, waͤh⸗ 217 Skizzen aus Spanien. rend jedoch ſein claſſiſches: cospetto! corpo di Baco! und pacienza! ihn als einen Italiener verrieth.«Aber hoͤrt einmal, Señor Italiano— redete ihn endlich einer der Maulthiertreiber an— hat Euch denn der Englaͤnder— verflucht ſei der arge Jude!— gekauft? Kein Neger ließe ſich ja ſo ſchinden wie Ihr!»— Achſelzuckend meinte der Italiener:«pacienza! was ſoll ich machen? wenn ich widerſpreche, ſo giebt's Pruͤgel.“— «Was?— rief der andere zornig— ruͤhrt er den Zipfel Eurer Jacke an, und Ihr ſtoßt ihm nicht Euer Meſſer in den Leib?»—«Pacienza! — antwortete wieder achſelzuckend der arme Teu⸗ fel— er ruft ſchon wieder. Was ſoll ich anfan⸗ gen, wenn er mich fortjagt?»— Rauben, Herr!“» rief der Andaluſier dem Forteilenden nach, und dann fuͤr ſich:«was fuͤr Leute! was fuͤr Leute! Gott bewahre uns!“— Der Corſario hatte zwar anfangs den Fremden mit aller der ernſten Hoͤflichkeit behandelt, die in Spanien un⸗ ter Leuten aller Staͤnde ſich ungefaͤhr auf dieſelbe Art aͤußert, die jeder dem andern giebt, und ſie auch wieder von ihm verlangt, wer er auch ſein mag; Da Mr. Bromn aber weder der Sprache noch der Landesſitte hinreichend kundig war, um dieſe Art 218 Skizzen aus Spanien. von Annaͤherung zu erwidern, ſo hatte jener ſich weiter nicht um ihn bekuͤmmert. Als aber Mr. Brown im befehlenden Ton und mit einem Fluch von ihm verlangte, er ſolle ihm ſein Pferd abtre⸗ ten, oder ein beſſeres Maulthier geben, riß ploͤtzlich ſeine Geduld, und an die Seite des Englaͤnders reitend, rief er mit zornblitzenden Augen:«Carajo! Herr, glaubt Ihr, ich ſei Euer Knecht? Ein Hund moͤcht' ich lieber ſein, als jener arme Teufel dort. Carajo! Gottes Leben!— wenn ich den Herren Garcia und Comp. nicht verſprochen haͤtte, Euch ſicher und unverletzt in Granada abzuſetzen, ſo ſoll⸗ tet ihr.... aber wenn ihr mir darnach wieder vor die Augen kommt, und habt noch nicht gelernt Euch zu betragen, wie es einem Cavallaro ziemt, ſo ſollt Ihr an mich denken. Carajo! Ich hab' Euch mein beſtes Maulthier gegeben, und Ihr zerrt es da an der Halfter, als waͤr's ein galliziſcher Eſel, das arme Thier hat ſich ſchon die Knie wund geſtoßen.“—«„Wenn ihm was geſchieht, ſo bezahl' ich es ja gern— ſagte der Englaͤnder, den die Heftigkeit des Mannes erſchreckte, ohne daß er ihre Urſache ganz begriff.— Verfluchter Jude! — fuhr dieſer aber noch zorniger fort— bezah⸗ len ſollſt du es freilich, aber du ſollſt das Thier Skizzen aus Spanien. 219 nicht ſchinden wie deinen Diener, oder ich ſtoße dich uͤber den Haufen!“— Antonio's Dazwi⸗ ſchenkunft beruhigte den Erzuͤrnten, und uͤberzeugte den Englaͤnder, daß es in jeder Hinſicht beſſer fuͤr ihn ſei, ſich der Vorſicht des Thieres in Demuth anzuvertrauen.«Ein ſolcher Eſel will auf meinem Pferde reiten!“ brummte der Corſario noch halb fuͤr ſich; aber zu Antonio gewandt, ſetzte er hoͤflich hinzu: cwollt Ihr vielleicht ein Stuͤck Wegs den Rappen reiten, ſo ſteht er Euch zu Dienſten, Herr.» An⸗ tonio bedankte ſich, und nach einer kleinen halben Stunde erreichten ſie die Venta del Gitano, wo ſie die Nacht hinzubringen gedachten. Es war eine elende Huͤtte auf einer kleinen Viehtrifft, von Felſen umgeben, und der einzige Grund, der den Erbauer beſtimmen konnte, ſich hier niederzu⸗ laſſen, war eine reiche Quelle, die hier einen klei⸗ nen Teich bildete. An ein Obdach fuͤr die Maul⸗ thiere war nicht zu denken, und dieſe ſowohl als die Treiber ſchickten ſich an, die Nacht draußen im Freien zuzubringen. Mr. Brown aber, nachdem er ſich von ſeinem Bedienten hatte herabhelfen laſ⸗ ſen, trat mit einem Geſicht, als ſollte er ein Brech⸗ mittel verſchlucken, in's Haus. Hier war nur ein einziger Raum, der als Kuͤche, Wohn⸗ und Schlaf⸗ Skizzen aus Spanien. zimmer diente, und nachdem der Reiſende, mit der Lorgnette herumſpaͤhend, den im Rauch verhuͤllten Padron herbeigerufen hatte, verlangte er ein Zim⸗ mer fuͤr ſich, und ſetzte gleich hinzu, er werde es gut bezahlen. Der Ventero, ein runder, glatter, behaglicher Spitzbube, war anfangs ungewiß, ob der Fremde ihn zum beſten halte; als dieſer aber in abgebrochner Rede ſein Verlangen und Verſpre⸗ chen wiederholte, ſah er ihn mit Wohlgefallen als eine willkommene Beute an, und mit laurend ſchelmiſchen Seitenblicken auf die Umſtehenden, de⸗ ren Gelaͤchter ſeine Plaͤne zu zerſtoͤren drohten, verſicherte er den Englaͤnder mit einem Schwall von Worten:«daß freilich fuͤr hohe Herrſchaften immer ein ſehr niedliches, luftiges Cabinetchen be⸗ reit ſtehe, und er werde es ſich zur unendlichen Ehre rechnen, es dem Cavallaro Ingles einzuraͤu⸗ men.» Da er jedoch merkte, daß dieſer nicht ein⸗ mal genug Spaniſch verſtehe, um ſeiner luſtigen Laune Nahrung zu geben, ſo nahm er das zierliche Mantelſaͤckchen aus der Hand des Dieners, und mit dem Ruf: Ihierher, Cavallaro! nur mir nach!» ſtieg er eine Art von Huͤhnerſteige hinauf. Der Englaͤnder folgte ihm, und befand ſich bald mit ſeinem großmuͤthigen Wirthe— der ihn mit ſelbſt⸗ Skizzen aus Spanien. 221 gefaͤlligen Blicken fragend anſah— in einer Art von Dachkammer, ohne Geraͤth irgend einer Art, und ohne anderes Licht, als was durch die Luͤcken des baufaͤlligen Daches reichlich hereinſchien. Der Englaͤnder ſah ſich mit troſtloſen Blicken um, al⸗ lein der heutige Auftritt mit dem Corſario hatte. ihn etwas vorſichtiger gemacht, und er fragte end⸗ lich den Ventero kleinlaut:«hnun aber, Ihr wer⸗ det mir doch wenigſtens ein gutes Bett geben koͤn⸗ nen, Padron?“— Dieſe Forderung war jedoch wirklich ſogar dem Witz und der guten Laune des Ventero zu ſtark, und mit ungeheucheltem Erſtau⸗ nen einige Schritte zuruͤcktretend, rief er:«ein Bett, Cavallaro? ein Bett?— Aber das alles iſt ja Bett, Euch zu dienen,» ſchloß er, indem er auf den mit Ziegeln belegten Fußboden zeigte.— Hierauf ſtieg er ganz nachdenklich hinab, und theilte ſeiner Frau— der eben Antonio die Bereitung des Abendeſſens empfahl— die ſonderbare Zumuthung des Cavallaro Ingles, mit. Dieſer erſchien auch, und klagte Antonio ſeine Noth, der ſich nun ſeiner erbarmte, und die Padrona bewog, ihm ihre eigne Matraze abzutreten, auf welcher er ſich denn auch unter bittern Klagen und Verwuͤnſchungen nieder⸗ legte, da er es gar nicht wagte, etwas zu eſſen 222 Skizzen aus Spanien. zu fordern, um nicht neue Beweiſe ſpaniſcher Barba⸗ rei zu erfahren. Doch verſaͤumte er nicht, eine an⸗ ſaͤndige Nachttoilette mit ſeines Dieners Huͤlfe zu machen. Antonio legte ſich mit den Maulthier⸗ 1 treibern draußen auf's weiche Gras, in ſeinen Man⸗ tel gehuͤllt, nachdem ſie in Geſellſchaft eine Schuͤſ⸗ ſel voll Stockfiſch mit Knoblauch und Kartoffeln verzehrt hatten.— Den folgenden Morgen brachen die Reiſenden mit Tagesanbruch auf, nachdem Mr. Brown, jedoch nicht ohne heftigen Proteſt, ſein Lager und ſeine Schlafkammer mit vier ſpaniſchen Thalern bezahlt hatte. Vergebens ſtellte ihm Antonio vor, da er Dinge verlangt habe, die in dieſem Hauſe nie ver⸗ langt wuͤrden, und unerhoͤrt ſeien, ſo ſei es ganz in der Ordnung, daß er auch einen unerhoͤrten Preis dafuͤr zahle.„Haͤtten Sie es gemacht wie ich, ſo wuͤrden Sie ſechs Reales fuͤr ein treffliches Nachtlager und Abendeſſen bezahlt haben; wollen Sie ſich aber nicht in die Sitten des Landes ſchi⸗ cken, ſondern Ihre eignen Forderungen machen, ſo koͤnnen Sie ſich nicht beklagen, wenn Sie nach Willkuͤhr gebrandſchatzt werden. Sein Sie ver⸗ ſichert, daß der Ventero uͤberzeugt iſt, eigentlich viel zu wenig gefordert zu haben,» ſchloß Antonio, Skizzen aus Spanien. 223 als der Englaͤnder nicht aufhoͤrte, uͤber die Unred⸗ lichkeit und Barbarei der Leute zu klagen.— Der Pfad fuͤhrte indeſſen ſteil das Gebirge hinan, wel⸗ ches immer wilder und kahler wurde. Anfangs erfreuten noch einzelne waldige Schluchten, oder gruͤne Viehweiden das Auge der Wandrer, und auf der hoͤchſtgelegenen Trift fanden ſie wieder eine einzeln ſtehende Huͤtte, die ſie gegen Mittag erreichten, und wo ſie ſich mehrere Stunden auf⸗ halten mußten, da einige Maulthiere ſich in der. Nacht verlaufen hatten, und nebſt ihren Treibern hier erwartet werden ſollten. Endlich war die ganze Truppe vereint, und ſetzte ihren Weg fort, der ſich nun ſehr ſteil den felſigen Puerto de Zafaraya 55 hinaufwand. Hier und da erblickte man anfangs. noch einzelne Gruppen von Algarrobenbaͤumen, mit dunklen lederartigen Blaͤttern, allein weiter nach der Hoͤhe des Paſſes zu hoͤrte alle Vegetazion auf, und zu beiden Seiten des ſchmalen Pfades haͤuften ſich immer mehr wilder die rothen Granit⸗ *) Puerto heißt in Spanien ein Gebirgspaß. Eine Oeff⸗ nung im Gebirge, durch welche die Straße führt, aber auch die Höhe des Gebirges ſelbſt, wenn eine Straße darüber führt, z. B. puerto de Guadarrama, de Miravete eto. 224 Skizzen aus Spanien. bloͤcke, Truͤmmer der entfernteren Felſenzacken. Muͤhſam und vorſichtig ſchritten die Maulthiere auf dem mit ſpitzigen Felsſtuͤcken uͤberſaͤtten Pfade hinan. Die Reiſenden, von den Strahlen der rings von den faſt gluͤhenden Felſen abprellenden Abend⸗ ſonne geblendet, und faſt erſtickt in der von kei⸗ nem Luͤftchen gemilderten Hitze, erreichten endlich mit geſchloſſenen Augen und halb verſchmachtet die Hoͤhe des Paſſes, und bald entzog ſie eine Felſen⸗ wand den Strahlen der Sonne. Vor ihnen lag die herrliche Vega von Granada, ein gruͤnes Meer der aͤppigſten Vegetazion, von dem ſilberglaͤnzenden Genil durchſtroͤmt. Waͤhrend ſich die Schatten des Abends ſchon uͤber die Vega ausbreiteten, erhoben ſich im Hintergrunde die gewaltigen Maſſen der Sierra Ne⸗ vada, deren ſchneebedeckte Gipfel in den Strahlen der untergehenden Sonne mit roſenrothem Schein leuch⸗ teten.— Am fernen Fuß des Gebirges aber breite⸗ ten ſich terraſſenfoͤrmig die weißen Gebaͤude von Granada, mit ſeinen Kuppeln und Thuͤrmen aus. «A quien Dios lo quiso bien en Gra- nada Je dié de comer,»*) ſprach freudig der *)«Wen Gott lieb hat, dem giebt er ſein Brod in Gra⸗ nada,» ein gewöhnliches Sprüchwort. Bekannter iſt ein anderes: Skizzen aus Spanien. 225 Corſario, nachdem ſich die Wandrer lange ſchwei⸗ gend an dem Anblicke gelabt hatten.— Wer die herrliche Vega de Granada kennt, wird leicht den Schmerz des letzten mauriſchen Koͤniges von Granada verſtehen, der, nachdem er ſein bluͤhendes Reich, ſein wundervolles Alhambra dem ſiegenden Ferdinand uͤbergeben hatte, und mit geringem Ge⸗ folge nach Motril floh, an der Stelle, welche noch heut zu Tage:«der Seufzer des Mohren„(el sospiro del Moro) heißt, einen letzten Blick auf die Vega und das ferne Granada warf, und dann mit bittern Thraͤnen von ihr auf ewig Ab⸗ ſchied nahm. Seine Mutter aber ſprach ſtrenge zu ihm:«du thuſt wohl, mein Sohn, daß du jetzt weinſt wie ein Weib, nachdem du jene Stadt nicht vertheidigt haſt wie ein Mann.» Am noͤrdlichen Abhange des Gebirges herab⸗ ſteigend, ließen die Reiſenden das Dorf Zafaraya rechts liegen. Die Haͤlſte der Haͤuſer waren ab⸗ gebrannt, und bildeten eine wuͤſte Schuttmaſſe. Ein Denkmal des ſonderbaren Zuſtandes, den El que no ha visto a Sevilla No ha visto maravilla, El que no ha visto a Granada, No ha visto nada.— 15 —QO—— 226 Skizzen aus Spanien. das ungezaͤhmte Beduͤrfniß der Selbſtrache, in Verbindung mit altem Haſſe und neuen Belei⸗ digungen, in dieſem Lande hervorgebracht hat. Die Bewohner von Zafaraya lebten mit denen von lhama ſchon ſeit langen Jahren in beſtaͤndiger Fehde, urſpruͤnglich wegen Weidgerechtigkeiten ent⸗ ſtanden, dann durch gegenſeitige Gewaltthaten ver⸗ wickelt und verbittert. Zu kleinern Gefechten war es ſchon oͤfters gekommen, aber endlich im Fruͤh⸗ jahr 1822 hatten die Bewohner von Alhama, Zafaraya uͤberfallen und einen Theil des Dorfes, nicht ohne Verluſt an Todten und Verwundeten von beiden Seiten, in Aſche gelegt, und nur die von Granada abgeſandten Truppen konnten groͤ⸗ ßeres Ungluͤck verhuͤten und fuͤr den Augenblick die Ruhe herſtellen. Nach einer Stunde beſchwerlichen Bergabſtei⸗ gens erreichte der Zug die alte Stadt Alhama, mit ſtarken Mauern und Thuͤrmen und manchen an⸗ dern Ueberreſten aus der Zeit der Mauren— faſt ringsum von einer tiefen Schlucht umgeben, wo⸗ rin der Rio de Alhama ſtroͤmt. Alhama war einſt das wichtigſte Bollwerk der mauriſchen Herr⸗ ſchaft in Granada, bis es im Jahr 1490 von den Chriſten, welche uͤber den Paß von Zafaraya Skizzen aus Spanien. 227 heranzogen, nach einem heldenmuͤthigen Wider⸗ ſtande der Einwohner, die alle Straßen Schritt vor Schritt vertheidigten, erobert wurde. Ueber ſechstauſend Weiber und Kinder wurden in der großen Moſchee niedergemezelt. Wenn Herders treffliche Sammlung von Volksliedern heutigen Tages ſo beliebt waͤren, wie die Schlechtigkeiten von Clauren und Conſorten, ſo koͤnnte ich vorausſetzen, daß die ſchoͤne mauri⸗ ſche Romanze, welche den Verluſt von Alhama beklagt, meinen Leſern bekannt ſei; ſo aber neh⸗ me ich mir die Freiheit, hier eine Ueberſetzung da⸗ von beizufuͤgen. Dieſe Romanze ſoll auf die Be⸗ wohner von Granada einen ſolchen Eindruck her⸗ vorgebracht haben, daß es nach dem Fall von Granada von den chriſtlichen Siegern ſtrenge ver⸗ boten ward, ſie in den Straßen zu ſingen. Ich gebe ſie ſo woͤrtlich als moͤglich, und opfere auch der Aſſonanz die Einfachheit des Ausdruckes nicht auf. Skizzen aus Spanien. Gar klaͤgliche Romanze von dem Sturm und der Einnahme von Alhama, welche in arabiſcher Sprache alſo ſagte: Durch die Straßen von Granada Einſt der Mohrenkönig ritte, Von dem Thore von Elvira Bis zu dem von Bibarrambla, Wehe mir! Alhama!— Kamen Briefe an den König: Daß Alhama ſei gefallen. Warf die Briefe in das Feuer, und den Boten hieb er nieder. Wehe mir! Alhama!— Von dem Maulthier ſteigt herunter Und ſein Roß beſteigt er bald: Zacatin er aufwärts reitet, Nach dem feſten Schloß Alhambra. Wehe mir! Alhama! Angekommen im Alhambra, Raſch befiehlt er ſeinen Treuen: Die Trompeten laſſet ſchmettern, Und die ſilbernen Poſaunen. Wehe mir! Alhama! Skizzen aus Spanien. Und die rauhe Kriegestrommel Laſſet wild zum Streite rühren, Daß es alle Mohren hören Von der Vega und Granada.⸗ Wehe mir! Alhama! Als den Schall die Mohren hörten, Der zum blut'gen Streite ruft, Ein und einer, zwei und zweie, Sie ſich eilig alle ſchaarten. Wehe mir! Alhama! Hub ein alter Mohr die Rede, Alſo ſprach er zu dem König: a Warum rufſt du uns, o Herr! Warum ruft uns die Trompete?, Wehe mir! Alhama! Hören ſollt ihr, meine Freunde, Eine jammervolle Kunde:. Vor der Chriſten wildem Muths Iſt Alhama zungſt gefallen.⸗» Wehe mir! Alhama! 85 4 Hat ein alter Alfaqui 36,f Mit dem langen, weißen Varte: „Recht geſchieht dir, edler König! Edler König, du verdienſt es! Wehe mir! Alhama!— Skizzen aus Spanicn. Schlugſt die tapfern Bencerrages, Sie, die Blüthe von Granada; Haſt die Fremden aufgenommen,„ Die aus Cordova entflohen. Wehe mir! Alhama! Drum verdieneſt du, o König! Eine doppelt harte Strafe, Daß dein Reich und du verderbeſt, Daß Granada ſelber falle. Wehe mir! Alhama! Wenn das Recht man nicht mehr ehret, Iſt es Recht, daß Alles ſinke, Daß Granada ſelber falle, 4 Und mit ihr auch du verderbeſt.⸗ Wehe mir! Alhama! Feuer ſtrahlen ſeine Augen, 4 Als der König dies vernommen; von Recht der Prieſter redet, Spricht vom Rechte auch der König: 8 Wehe mir! Alhama! *„ Weiß als König, daß nicht Nechtens, Was des Königs Willen hemmt.“— Alſo ſpricht der Mohrenkönig 1 Und er wiehert laut vor Zorne. Wehe mir! Alhama! Skizzen aus Spanien. 231 Mohr Alfaqui! Mohr Alfaqui! Du mit deinem langen Barte, Dich zu fangen er gebietet, Um des Falles von Alhama. Wehe mir! Alhama! Läßt dein Haupt herunterſchlagen, Am Alhambra auf es ſtecken, Dir zur Strafe und zum Schrecken Allen denen, die es ſehen. Wehe mir! Alhama! „Ritter ihr, und wackre Männer, Sprecht von mir zum König dieſes, Sprecht zum König von Granada, Daß ich nichts ihm hab' verſchuldet. Wehe mir! Alhama! Daß Alhama iſt verloren, Füllt mein Herz mit bittrem Gram. Doch, hat er die Stadt verloren, Wohl viel mehr verloren Andre. Wehe mir! Alhama! Verloren Väter ihre Söhne, Und die Weiber ihre Gatten, Sein Geliebteſtes verlor der Eine Und der Andre ſeinen Ruhm. Wehe mir! Alhama! 232 Skizzen aus Spanien. Und ich ſelbſt verlor die Tochter, Sie, die Blume dieſes Landes, Hundert Unzen gäb' ich gerne, Sie zu löſen, wenn ich könnte.⸗ Wehe mir! Alhama! Als der Alfaqui geſprochen, Ward ſein Haupt ihm abgeſchlagen, Am Alhambra aufgeſtecket, Wie der König es geboten. Wehe mir! Alhama! Männer, Weiber, kleine Kinder, Den Verluſt da laut beweinen, Und die Damen weinten alle, Die es gab in ganz Granada. Wehe mir! Alhama! Auf den Straßen und Balkonen Sieht man Trauer allenthalben, Wie ein Weib der König weinet, Weil er alſo viel verloren. Wehe mir! Alhama!—. Der thauige Morgen fand die Reiſenden ſchon durch die fruchtbare Ebene von Granada da⸗ 1 hinziehend. Bald zwiſchen den goldnen Wogen der — Skizzen aus Spanien. 233 Getreidefelder, bald durch gruͤne Wieſen, bald durch dichte Pflanzungen von Oelbaͤumen, Maulbeeren oder Orangen, durch kleine Gehoͤlze von Eichen, Kaſtanien, oder Erlen. Die reinlichen Doͤrfer ſind durch zahlreiche einzelne Huͤtten, deren weiße Waͤnde laͤngs des Weges unter dem dichten Netze von Weinreben hervorſchimmerten, gleichſam zu ei⸗ nem Ganzen verbunden. Muntere Schnitter, hoch⸗ beladene Getreidefuhren belebten ringsum die Felder, und wetteiferten mit den Winzern, welche ſchon in den Weinfeldern, die zum Theil Rebenlauben von unabſehbarer Laͤnge bilden, ihr Werk begonnen hatten, alſo daß an der Straße in reicher Ab⸗ wechslung die goldnen Garben und die ſaftigen, purpurnen und gruͤnen Weintrauben aufgehaͤuft waren. In dieſem Lande wird jede Arbeit zum frohen Spiel, und die Reiſe zum Feſtzuge, und ſo erreichten auch unſere Reiſenden in der frohſten Laune, die ſogar den ungluͤcklichen Hyperboraͤer Mr. Brown die uͤberſtandenen Leiden vergeſſen ließ, die Allee hoher, ſchattiger Ulmen, an deren Ende die Bruͤcke uͤber den Genil und in die Stadt fuͤhrt. Links von der Bruͤcke ſteht am Fluſſe eine kleine Kapelle, deren ganze Bauart ſie als ein ehemaliges mauriſches Bethaus bezeich⸗ 234 Skizzen aus Spanien. net. Von dem Thurme der Cathedrale erſchallte ein dreimaliges Glockengelaͤute, und viele der ein⸗ und ausziehenden Staͤdter und Landleute eilten nach der Kapelle, und knieten in andaͤchtigem Gebete nieder. Der Englaͤnder fragte Antonio um die Bedeutung dieſer aberglaͤubiſchen Hand⸗ lung, und jener erklaͤrte ihm, wenn auch nicht die Bedeutung, doch den Urſprung derſelben. An dieſer Stelle harrten den 3. Sept. 1492, Nach⸗ mittags um drei Uhr, die Koͤnige von Caſtilien, Fernando der Katholiſche und ſeine heldenſinnige Gattin Yſabel, des lang erſehnten Zeichens, was ihm von dem Hauptthurme des Alhambra verkuͤn⸗ den ſollte, daß er Granada endlich ſein, und ſich zum erſtenmal mit Recht Spaniens Herrſcher nennen koͤnne, deſſen ſchoͤnſter Edelſtein bisher ſei⸗ ner Krone fehlte. Am gruͤnen Ufer des Genils hin waren ſeine ſiegreichen Schaaren aufgeſtellt, in feierlicher Stille harrend. Da erſchien der Cardi⸗ nal Don Pedro Gonzalez de Mendoza auf dem hoͤchſten Thurm des Alhambra und pflanzte die Fahne des Kreuzes auf; neben ihm ſchwang der tapfere Graf von Tendilla das koͤnigliche Banner von Caſtilien, und Don Gutierre de Cardenas das Banner des Herrn Sant Yago, und weit⸗ Skizzen aus Spanien. 235 hin uͤber die Stadt erſchallte das Schmettern der Trompeten und der Ruf der Herolde:»Gra⸗ nada! Granada! fuͤr die ruhmwuͤrdigen Koͤnige von Caſtilien, Fernando und Yſabel!l“— Und dankbar ſank das koͤnigliche Paar auf die Kniee, und rief: non nobis, domine, sed tibi sit gloria! und ihrem Beiſpiel folgend, dankte das ganze Heer auf den Knieen dem Herrn der Heer⸗ ſchaaren, und die Prieſter ſtimmten das feierliche Te Deum an.— Zum Andenken dieſer Stunde ertoͤnt alle Nachmittage um dieſelbe Zeit die große Glocke der Cathedral von Granada, und eine paͤpſtliche Bulle verheißt vollkommnen Ablaß den Glaͤubigen, die bei ihrem Klang drei Pater No⸗ ſter und drei Ave Maria beten. Am oͤſtlichen Abhange der Sierra Nevada er⸗ gießen ſich aus zwei engen felſigen Thaͤlern der Genil und der goldfuͤhrende Darro in die Vega von Granada, und am Fuße des vorſpringenden Bergruͤckens, Cerro de Santa Elena genannt, der beide Thaͤler trennt, vereinigen ſie ſich, und der Genil traͤgt ihre vermiſchten Wellen dem Guadal⸗ quivir zu. In dem Thale des Darro, an ſeinen 236 Skizzen aus Spanien. beiden Ufern, am oͤſtlichen und ſuͤdlichen Abhange des Cerro de Santa Elena, endlich in die Ebene hinaus bis dahin, wo Darro und Genil ſich ver⸗ einen, liegt die uralte Stadt Granada. Der laͤngliche Ruͤcken jenes Vorgebirges aber traͤgt die feſte Burg Alhambra. Der Theil der Stadt, wel⸗ cher den gegenuͤber auf dem rechten Ufer des Darro ſich erhebenden Huͤgel bedeckt, heißt der Albaycin, und bildet gewiſſermaßen, ſowie der Alhambra ſelbſt, eine Stadt fuͤr ſich. Die Straßen von Gra⸗ nada ſind, wie in allen Staͤdten von mauriſcher Bauart, ſehr eng und gewunden. Die Privatge⸗ baͤude ſind mit ſehr wenigen Ausnahmen von der einfachſten Bauart, ohne allen architektoniſchen Schmuck; dagegen iſt die Stadt reich an ſchoͤnen, oder doch ſtattlichen oͤffentlichen Gebaͤuden, beſon⸗ ders Kirchen, Kloͤſtern und Hospitaͤlern. Die Ca⸗ thedrale im 1 6ten Jahrhundert erbaut, zeichnet ſich zwar nicht durch das aus, was man einen reinen Styl nennt, aber wohl durch große Schoͤn⸗ heiten in den Details und durch den impoſanten Eindruck der Maſſe. Sie iſt reich an Kunſt⸗ ſchaͤtzen aller Art, und daſſelbe gilt von manchen andern Kirchen. An den Abhaͤngen des Alham⸗ bra und Albaycin erheben ſich die Gebaͤude und —— Skizzen aus Spanien. 237 Straßen terraſſenfoͤrmig und mit uͤppigen Gaͤrten abwechſelnd. Granada hat einige große, jedoch un⸗ regelmaͤßige Plaͤtze, Bivarrambla, Plaza mayor und el Campo del Triumfo, und Spaziergaͤnge laͤngs des Genil und laͤngs des Darro, el Paſeo und la Alameda Vieja. Nach der Ebene zu ſtehen noch Ueberreſte der alten mauriſchen Feſtungs⸗ werke, gewaltige Mauren, Thuͤrme und Thore mit hufeiſenfoͤrmigen Bogen. In der Stadt ſelbſt iſt kaum ein altes Haus, was nicht mehr oder minder Ueberreſte mauriſcher Bauart zeigte. Meh⸗ rere Gebaͤude ſind noch ganz erhalten, vor allen aber der Pallaſt der mauriſchen Koͤnige auf dem Alhambra, und weiter hin auf demſelben Berg⸗ ruͤcken, jedoch durch eine tiefe Schlucht vom Alhambra getrennt, das Luſtſchloß Gineraliph oder Generalife genannt.— Auch die Namen der Plaͤtze, z. B. Bivarrambla, der Straßen, z. B. Zacatin, Calle de los Zenetes, de los Gazules, de los Gomeles ꝛc. der Thore erin⸗ nern noch vielfach an die Herrſchaft der Araber. — Die naͤchſten Umgebungen der Stadt uͤber⸗ treffen wo moͤglich den uͤbrigen Theil der Vega an Fruchtbarkeit und uͤppiger Vegetazion. Der engere Theil der Thaͤler des Darro und Genil, * Skizzen aus Spanien. und die kleinern Seitenthaͤler ſind mit dichtem Gebuͤſche von Granatbaͤumen bewachſen. Um die ganze Stadt zieht ſich ein Kranz von Gaͤrten, die alle Fruͤchte und Bluͤthen des Suͤdens und Nordens in unendlicher Fuͤlle hervorbringen, da die Naͤhe der ſchneebedeckten Sierra Nevada es niemals an Waſſer fehlen laͤßt. Von Baum zu Baum ziehen ſich die uͤppigen Ranken der Rebe und Melone, und ein Arm des Genil, der zur Bewaͤſſerung der hoͤher gelegnen Laͤndereien abge⸗ leitet worden iſt, ſtroͤmt an manchen Stellen un⸗ ter einem natuͤrlichen Dach von Reben, die ſich von einem Ufer zum andern ſchwingen.— Un⸗ terhalb der Stadt zieht ſich laͤngs des Genil der ſogenannte Soto de Roma hin, ein bedeutendes Gehoͤlz von hohen Ulmen, Eichen und Kaſta⸗ nien, wie denn uͤberhaupt der eigenthuͤmliche Reiz Granada's in der Verſchwiſterung des Nordens und Suͤdens liegt, welche die hohe Lage hervor⸗ bringt; ſo daß von einzelnen Palmen,(welche jedoch nur ſelten und in den Kloſtergaͤrten zu fin⸗ den ſind) ſich der Blick nach den beſchneiten Gipfeln des Gebirges erhebt.— Die Wohnung des ehrenwerthen Don Blas Gallardo, eines an⸗ geſehenen Kaufmannes, bei deſſen Gemahlin Doña — 2— —— —.— Skizzen aus Spanien. 239 Joſefa Antonio ſeine Schweſter antreffen ſollte, mag uns als Beiſpiel der beſſern Gattung von Privathaͤuſern in Granada dienen.— Die Haus⸗ thuͤre fand Antonio offen, trat in den dunkeln Vorplatz, Zaguan genannt, und ſchellte an einer zweiten Thuͤre, welche, nachdem er die Frage von Innen: Wer iſt da?» mit dem beruhigen⸗ den:«Leute des Friedens“(gente de paz) be⸗ antwortet hatte, ſich oͤffnete und ihm den Ein⸗ tritt in den Hof verſtattete. Der Hof(patio) hatte gegen funfzig Fuß in's Geviert und war mit brei⸗ ten weißen Steinplatten belegt. In der Mitte plaͤtſcherte ein klarer Springbrunnen, und einige bluͤhende Oleanderbuͤſche und bluͤhende an der Wand hinrankende Schlingpflanzen gaben ihm ein gar freundliches Anſehen. An drei Seiten hatte dieſer Hof zwei bedeckte Gaͤnge, einer uͤber dem andern, von einfachen ſteinern Saͤulen und Bogen getra⸗ gen. An der dritten Seite, derjenigen von wel⸗ cher Antonio hereintrat, oͤffnete ſich ein Balkonfen⸗ ſter nach dem Hofe zu. Auf ebener Erde fuͤhrten mehrere Thuͤren in eben ſo viele Gemaͤcher, denen ſie meiſtens zugleich als Fenſter dienten, indem nur zweie, die nach der Straße hinaus lagen, noch ein kleines vergittertes Fenſter hatten. Im 240 Skizzen aus Spanien. obern Stock war die Bauart und Einrichtung ziemlich dieſelbe. Da es Sommer war, bewohnte die Familie ausſchließlich den untern Stock, oder eigentlich den Tag uͤber den Hof, uͤber den ein Zelttuch ausgeſpannt war, ſo daß die angenehmſte Kuͤhle darin herrſchte. Das Geraͤth des Hau⸗ ſes koͤnnen wir gleich mit wenig Worten abma⸗ chen. In dem großen Saale des zweiten Stockes. welcher der Familie zum Winteraufenthalt diente lief an einer Seite der Wand eine Art von nie⸗ driger Bank mit geflochtenem Sitz hin, beſon⸗ ders fuͤr die Damen beſtimmt. Ein Duzzend Strohſtuͤhle und ein großer Tiſch von Nuß⸗ baumholz vollendete das Ameublement. Die Waͤnde waren weiß; an dem einen Ende hing ein großes Crucifix, und an jeder Seite ein treffliches Gemaͤl⸗ de von Alonſo Cano, eine Himmelfahrt und eine Empfaͤngniß darſtellend.— Zwiſchen den Fen⸗ ſtern und zu beiden Seiten der Thuͤre waren an der Wand ſehr altmodige Armleuchter mit ſchma⸗ len Spiegeln befeſtigt— der einzige Schmuck des Zimmers. Noch muͤſſen jedoch an jeder Ecke der drei Balkons gewiſſe dreigezackte Gabeln bemerkt werden, deren jede ein zierliches Gefaͤß mit fri⸗ ſchem Waſſer hielt. Dieſe Kruͤge beſtehen aus Skizzen aus Spanien. 241 ſehr feinem rothen, oder auch weißem Thon; die beſten werden in Andujar gemacht, und unter dem Namen Pujarros oder auch Alcarrazas de Andujar in ganz Spanien verkauft. Sie ſind nicht glaſirt, und erhalten durch eine Art von Filtration, indem ihre Ausſeite immer ganz naß iſt, das Waſſer auch in der groͤßten Hitze ſehr lange friſch. Ihre Form iſt meiſtens ſehr zierlich; manche ſcheinen ſchon ſeit Jahrhunderten nach demſelben Modell gemacht zu werden, und ent⸗ ſprechen ganz einigen antiken Gefaͤßen, wie ſie z. B. in Pompeji gefunden worden. Beſonders haͤufig findet man ſie mit einer Muͤndung, die beinahe ein Kleeblatt bildet.— Was nun die uͤbrigen Gemaͤcher betrifft, ſo waren ſie wo moͤg⸗ lich noch einfacher eingerichtet. Die, welche grade nicht bewohnt waren, ſtanden ganz leer. In den Schlafzimmern waren, bis auf ein einziges großes Ehebett in der Winterkammer der Mutter im obern Stock, entweder nur leichte Feldbetten, oder die Matrazen wurden auch bloß in der Mitte des Zimmers auf den Boden gelegt. Ob in den Schlafzimmern der Damen ſich einiges zierliches Geraͤth befand, wollen wir in Beſcheidenheit da⸗ hingeſtellt ſein laſſen, da wir wenigſtens uͤber das 16 242 Skizzen aus Spanien. Daſein einiger kleinen Spiegel beruhigt ſind. Was etwa an Schraͤnken oder Commoden vor⸗ handen war, ſtand in der oben beruͤhrten muͤtter⸗ lichen Schlafkammer, oder in der Schreibſtube des Vaters, wo auch eine maͤßige Sammlung von Buͤchern ihren Platz an der Wand gefunden hatte. Was die Kuͤche, welche ſich auf ebener Erde rechts von der aus dem Zaguan in den Hof fuͤh⸗ renden Thuͤre befand, etwa fuͤr Geraͤth enthalten haben mag, laſſen wir billiger Weiſe dahingeſtellt und bekennen unſere Unwiſſenheit in dieſem Punkte.— Gleich bei Antonio's Eintritte eilte ihm Do⸗ lores, die an einem kleinen Tiſchchen neben dem Springbrunnen eine weibliche Arbeit betrieben hatte, entgegen und empfing ihn mit lautem Ju⸗ bel. Die Hausfrau, eine wuͤrdige Matrone, aber beinahe blind, hieß ihn mit ernſter Freundlichkeit willkommen, und auf ſeine Nachfrage lobte ſie mit Ruͤhrung die Pflege und Sorge ihres lieben Kindes, wie ſie Dolores nannte.— Gleich dar⸗ auf trat der Hausherr ein. Ein ruͤſtiger Mann in den Sechszigern von altem Schrot und Korn, wenig Worten, nicht uͤberfluͤſſig vielen Gedanken, feſtem Glauben, eiſernem Charakter, redlich bis aufs Mark der Knochen— ſtolz, und eben des⸗ Skizzen aus Spanien. 243 halb jedem, mit dem er zu thun hatte, die ge⸗ buͤhrende Achtung erweiſend. Er ſchuͤttelte Anto⸗ nio die Hand, mit einem ziemlich trocknen:«Ca⸗ vallero, ſeid in dieſem Eurem Hauſe willkommen.“ Antonio's Gepaͤck hatte er ſchon in das ihm be⸗ ſtimmte Zimmer zu bringen befohlen, und ſo fand er ſich bald in dem Hauſe eingebuͤrgert. Eine junge Frau von etwa fuͤnf und zwanzig Jahren, ſehr blaß und mit einem Ausdruck von Ernſt und Wehmuth in den etwas ſtarken, aber ſchoͤnen Zuͤgen, groͤßer als Dolores, impoſanter, aber weniger anmuthig, ward ihm als Doña Fernan⸗ da, die Tochter des Hauſes, vorgeſtellt. Er er⸗ fuhr, daß ſie an einen reichen Gutsbeſitzer aus Altcaſtilien verheirathet ſei, der als eifriger Libe⸗ raler mit ſeinem Schwiegervater nicht im beſten Vernehmen ſtand, ihr jedoch geſtattet hatte, eine Zeitlang bei ihren Aeltern zuzubringen. Fernanda erwaͤhnte ſeiner nur gegen Dolores, gegen die ſie ſich als eine liebevolle aͤltere Schweſter erwies, aber immer geſchah es mit gluͤhendem Enthuſiasmus fuͤr ihn und fuͤr die Sache, der er ſich geweiht hatte. Antonio erwarb bald ihr Vertrauen durch ſeine politiſchen Grundſaͤtze und durch ſeine Kennt⸗ niſſe; denn Fernanda ſelbſt beſaß mehr Kennt⸗ 16*† 244 Skizzen aus Spanien. niſſe, als man ſie gewoͤhnlich bei ſpaniſchen Frauen findet. Mit großem Reſpekt verſicherte Dolores ihren Bruder: Fernanda koͤnne Geſchriebenes le⸗ ſen und ſchreiben, ſo gut wie Pater Hilario.— Es wurde, da indeſſen die Abendkuͤhlung ein⸗ getreten war, beſchloſſen, daß Antonio mit den beiden Damen nach dem Paſeo gehen ſollte.— Dieſer Paſeo erſtreckt ſich etwa 300 Schritte am rechten Ufer des Genils hin von der Bruͤcke auf⸗ waͤrts. Er beſteht aus einem etwa funfzig Fuß breiten, mit feinem Kies beſtreuten Platz(el salon); an jeder Seite ſind zwei Reihen Ulmen und Acazien gepflanzt, und dazwiſchen allerlei bluͤ⸗ hendes Gebuͤſch, Roſen, Oleander und dergl. Von Entfernung zu Entfernung findet man an beiden Sei⸗ ten anſtaͤndig gearbeitete ſteinerne Baͤnke, und am Ende des Spazierganges iſt ein praͤchtiger runder Brunnen, wo das Waſſer in Fuͤlle von einem Becken in's andere ſtroͤmt. Hinter ihm zieht ſich ein dichtes Gehoͤlz am Genil hin, der, ein wil⸗ der Gebirgsſtrom, uͤber Felsſtuͤcke dahin brauſt. Auf der andern Seite des Spazierganges erheben ſich terraſſenfoͤrmig Haͤuſer, Gaͤrten und Wein⸗ lauben bis zur Hoͤhe des Vorgebirges, wo der Wald und ein großes Kloſter die Ausſicht auf das Skizzen aus Spanien. 245 Alhambra verdecken. Jenſeits des Fluſſes ſieht man Wald, Gaͤrten und einige Haͤuſer, und daruͤber er⸗ hebt ſich allmaͤlig die Sierra Nevada bis zu ihren beſchneieten Gipfeln. Die Kuͤhle, welche durch das benachbarte Gehoͤlz, durch den ſchaͤumenden Genil, den plaͤtſchernden Brunnen, endlich durch die Naͤ⸗ he des Gebirges hier hervorgebracht wird, macht dieſen Platz zu einem der angenehmſten Spazier⸗ gaͤnge, die ſich denken laſſen. Als Antonio mit ſeinen Begleiterinnen daſelbſt ankam, fanden ſie ihn mit Luſtwandelnden von allen Staͤnden bedeckt. Wer ſich ein Bild von einer ſolchen Vereinigung machen will, darf jedoch nicht vergeſſen, daß hier die bunten Farben unſerer Damenkleider, Huͤte und Sonnenſchirme fehlen, wodurch das Ganze einen ernſteren Ton erhaͤlt. Wer aber die anmuthigen Traͤgerinnen der ſchwarzen, braunen oder violetten Basquiſia, und der ſchwar⸗ zen oder weißen Mantilla in der Naͤhe betrachtet — ihren Gang, ihre freundlichen Blicke, ihre aller⸗ liebſten Gruͤße mit dem Faͤcher, und ihr freundli⸗ ches: Agur! Agur!— der wird den bunteren Norden nicht vermiſſen, ſondern hier, wenn auch weniger bunte Farben, doch mehr Intenſitaͤt des Lebens finden. Eine groͤßere Abwechſelung findet 7 246 Skizzen aus Spanien. ſich in der Kleidung der Maͤnner, obgleich auch hier braun und ſchwarz vorherrſcht. An glaͤnzen⸗ den Uniformen fehlte es um ſo weniger, da auch die jungen Freiwilligen von der Nazionalmiliz nicht ermangelten, ſich in ihren bunten Federn zu zeigen. Eine Freude, die jeder ihnen goͤnnte, der wußte, mit welchem unermuͤdlichen Eifer ſie auch die muͤh⸗ ſamen und gefahrvollen Pflichten, die ſie uͤbernom⸗ men, erfuͤllten. Noch weniger fehlte es an geiſt⸗ lichen Uniformen aller Art, braune, weiße, graue und ſchwarze. Die hoͤhern Staͤnde zeigen ſich zwar meiſtens in franzoͤſiſcher Tracht, doch iſt es ſehr gewoͤhnlich, daß ſie grade bei dieſen Abendſpazier⸗ gaͤngen die kurze Jacke, den Hut mit breitem Rande und den Mantel von der eigentlichen Volkstracht entlehnen, welche jedoch auch in ihrer ganzen Voll⸗ kommenheit, von Landleuten und andern wackern Leu⸗ ten getragen, auf dem Salon des Paſeo zu ſchauen iſt. Unſere Geſellſchaft hatte eben einen Gang bis an das Ende des Salon gemacht, als das Schellen eines Gloͤckleins ſich hoͤren ließ,«Se. Majeſtaͤt! Se. Majeſtaͤt!» riefen mehrere Stimmen*), und *) Die geweihte Hoſtie, der Leib des Herrn, wird in Spanien: su majestad genannt, was freilich einem Fremden komiſch genug vorkommt. Skizzen aus Spanien. 247 in einem Augenblicke lag die ganze Menſchenmaſſe ſowohl auf dem Spaziergange, als in allen angraͤn⸗ zenden Straßen, ſoweit das Auge reichte, mit ent⸗ bloͤßtem Haupte auf den Knieen, und eine tiefe Stille folgte dem muntern Summen der Menge. Ueber die Bruͤcke her, nach der Carrera de Darro ſchritt, von einem Sterbenden kommend, ein Prie⸗ ſter mit dem Leib des Herrn, einen Gehuͤlfen und Chorknaben hinter ſich. Nach einigen Minuten riefen am Ende des Salons einige Stimmen: «Se. Majeſtaͤt iſt voruͤber!» und nun ſtand Alles wieder auf, und ſetzte ſeinen Gang fort. Gleich darauf begegnete Antonio mit ſeinen Damen einer zahlreichen Geſellſchaft von Herren und Damen, welche ſeine Begleiterinnen begruͤßten. Die Herren mit einem Kopfnicken und Handgruß, doch ohne den Hut abzunehmen, die Damen, indem ſie ſich der Reihe nach kuͤßten, was freilich zu einigen nei⸗ diſchen Bemerkungen der voruͤber und leer aus⸗ gehenden jungen Leute Anlaß gab. Eine aͤltliche Dame und ein junges Maͤdchen, ihre Tochter, be⸗ zeigten die groͤßte Freude beſonders Dolores zu ſehen, uͤberhaͤuften das verlegene Kind mit Liebkoſungen, und luden ſie nebſt ihrer Freundinn, fuͤr den folgen⸗ den Tag, als den Namenstag der Dame, zu einem klei⸗ Skizzen aus Spanien. 248 nen Feſt auf dem Alhambra ein. Dolores ſah ihren Bruder fragend an, und meinte:«ja wenn es der Bruder erlaubt, und Doſia Fernanda.“—— Sobald die Dame erfuhr, wer Antonio ſei, ſchloß ſie auch ihn dringend in ihre Einladung ein. Es wurde von allen Seiten zugeſagt, und jede Geſell⸗ ſchaft ſetzte ihren Weg fort. Antonio erfuhr dann von ſeiner Schweſter, daß jene Dame die Gemah⸗ lin des Xefe Politico der Provinz ſei, mit de⸗ ren Tochter Dolores im Kloſter erzogen worden. Nachdem Antonio ſeine Begleiterinnen noch einige⸗ male auf und abgefuͤhrt hatte, ſchickten ſie ſich, als die Sonne untergegangen war, an, nach Hauſe zu gehen, als eben die Vesperglocke(in Spanien la oracion genannt) ertoͤnte. Von Neuem erfolgte eine tiefe Stille, die ſich im ſelben Augenblick uͤber die ganze Stadt— ja man koͤnnte ſagen, uͤber ganz Spanien erſtreckt.— Jedermann bleibt ſte⸗ hen, und betet leiſe mit entbloͤßtem Haupte. Nach einigen Sekunden bekreuzt ſich Alles, ſetzt den Hut wieder auf, und wuͤnſcht ſich ringsum gegenſeitig: «buenas noches!»(gute Nacht.) Die Nacht hat begonnen, und das Spazierengehen in der er⸗ quickenden Kuͤhle geht von Neuem, und erſt recht an, und dauert oft bis nach Mitternacht.— Nie⸗ Skizzen aus Spanien. 249 mand, wes Glaubens oder Volkes er auch ſei, wird ſich des tiefen Eindruckes erwehren koͤnnen, den dieſer Augenblick der Oracion hervorbringt. Dieſe einfache Feierlichkeit, der Katholiſchen Kirche iſt ohnſtreitig ergreifender, ruͤhrender, als ihre pomp⸗ hafteſten Feſte. Sie iſt es, theils durch die Ta⸗ geszeit, dadurch, daß ſie die taͤglich wiederkehrende, mit Sonnenuntergang beginnende ſtille Haͤlfte unſeres Lebens verkuͤndet und einleitet— theils durch die Maſſe, nicht nur die, welche ſich den aͤußeren Sinnen in derſelben andaͤchtigen Handlung begrif⸗ fen darſtellt, ſondern auch die weit groͤßere, welche die Phantaſie uͤberſieht. Ein ganzes Volk unter⸗ bricht in demſelben Augenblick ſein tauſendfaͤl⸗ tiges lautes Treiben und Schaffen, um ſich in ſtillem Gebet zu vereinen, und ſich dann eine gute Nacht zu wuͤnſchen als das beſte, was der Menſch ſich wuͤnſchen kann“ beſonders im heißen Suͤden, wo die Kuͤhle der Nacht alle Genuͤſſe des einfachen Lebens erhoͤht.— Antonio hatte Briefe zu ſchreiben, und die Da⸗ men wollten die Mutter nicht laͤnger allein laſſen, auch wol mancherlei kleine Vorbereitungen auf den folgenden Tag treffen, und ſo kehrten ſie gleich nach der Oracion nach Hauſe zuruͤck.— 250 Skizzen aus Spanien. Dolores und Fernanda nahmen Antonio's Vorſchlag an, etwas fruͤher nach dem Alhambra hinaufzuſteigen, um noch, ehe die Geſellſchaft ſich verſammelt, die Wunderſchoͤpfung mauriſcher Kunſt mit Muße betrachten zu koͤnnen, um ſo lieber an, da Pater Inocencio, Pfarrer der Parochialkirche des Alhambra, ein gelehrter Geiſtlicher— un sabio— und Antonio's Schulgenoſſe, der ihn auch ſogleich am Morgen aufgeſucht hatte, ſich an⸗ bot, ihnen als Fuͤhrer zu dienen.— Nach der Sieſta machte ſich die Geſellſchaft, die noch durch einige Fremde, darunter auch Mr. Brown, vermehrt worden war, auf den Weg, uͤber den Platz von Bivarrambla, wo ſonſt, wie Geſchicht⸗ ſchreiber und Lieder berichten, ſich die Bluͤthe der mauriſchen Ritterſchaft in bunter Pracht bei Stier⸗ gefechten, und bei dem Spiel der Canas zu tum⸗ meln pflegten, in ſinnigen Deviſen und Farben⸗ wahl den Damen, deren Blicke rings von den Balconen her ſie zu kuͤhnen Thaten anfeuerten, die Gefuͤhle ihrer Herzen verkuͤndend— dann den Zacatin hinauf— eine enge Straße, aber ſchon zur Zeit der Araber, wie auch jetzt noch, be⸗ ruͤhmt wegen der reichen Kauflaͤden, die zu beiden Seiten das Erdgeſchoß der Haͤuſer einnehmen, s Skizzen aus Spanien. 251 worunter ſich beſonders Silber⸗ und Goldarbeiter auszeichnen— weiter uͤber die Plaza Nueva, der, ſo wie auch dem Zacatin, eine im Munde des Volks lebende Prophezeihung den Untergang durch die rei⸗ ßenden Fluthen des Darro droht: Darro hat es einſt verheißen, Mit Genil ſich zu vermählen; Führt ihm zu als Morgengabe Plaza Nueva und Zacatin.*)— weiter endlich, durch die Calle de los Zenetes— nach einem kriegeriſchen mauriſchen Stamme ge⸗ nannt, den die letzten Koͤnige von Granada in ih⸗ rem Sold hielten, und der hier am Fuß des Al⸗ hambra ſeine Quartiere hatte— ſo erreichte un⸗ ſere Geſellſchaft endlich das Thor de las Granadas, von den Mauren Bib⸗leuxar genannt, von wo aus der Weg aufwaͤrts nach dem Alhambra fuͤhrt. Der ſogenannte Cerro de Sta Elena, jenes Vorgebirge, was der Genil und Darro einſchließt, und an deſſen Fuße ſich Granada ausbreitet, wird der Laͤnge nach durch eine tiefe Schlucht, oder en⸗ *) Darro tiene prometido, De casarse con Gcenil; Is le ha de llevar en dote Plaza Nueva y Zacatin. 252 Skizzen aus Spanien. 292 ges Thal in zwei Theile getheilt; die noͤrdliche, oder wenn man durch das Thor der Geanaden dieſe Schlucht hinanſteigt, links gelegene Hoͤhe nimmt das Alhambra ein. Auf der gegenuͤber, alſo rechts liegenden Hoͤhe, ſteht ein Kloſter, und nur auf der aͤußerſten Spitze nach der Ebene zu erheben ſich ein paar gewaltige Thuͤrme, welche durch eine Mauer mit den gegenuͤberliegenden Thuͤrmen des Alhambra verbunden ſind, und ſo den Eingang von der Stadt nach der Burg durch das Grana⸗ ten Thor vertheidigen. Dieſe Thuͤrme zu beiden Seiten des Einganges in die Schlucht, werden ih⸗ rer rothen Farbe wegen die rothen Thuͤrme genannt, (las torres bermejas), und gelten fuͤr den aͤlteſten Theil des Alhambra*). Man verſteht aber unter Alhambra keineswegs blos den bekann⸗ ten Pallaſt der mauriſchen Koͤnige, ſondern den gan⸗ zen Theil der Stadt, der auf der bezeichneten An⸗ hoͤhe liegt, und die eigentliche Akropolis von Gra⸗ nada bildet. Sie enthaͤlt eine Pfarrkirche, ein Klo⸗ ſter, den großen halbvollendeten Pallaſt von Carl V., gegen zweihundert Privathaͤuſer, viele Hoͤfe und *) Al⸗hamra heißt, wenn ich nicht ſehr irre, adas rothe,“» auch iſt die ganze mauriſche Befeſtigung von demſelben rothen Sandſtein erbauet. Skizzen aus Spanien. 253 Gaͤrten, und endlich einen großen wuͤſten Raum. Alles dieſes iſt von einer dicht am Abhange des Berges und an der ihn quer darchſchneidenden Schlucht hingefuͤhrten, wohl achtzehn Fuß dicken, mit gewaltigen viereckigen Thuͤrmen beſetzten Mauer eingeſchloſſen. Die meiſten dieſer Thuͤrme ſind wuͤſte und halb zerfallen, und waren auch von jeher aus⸗ ſchließlich zur Vertheidigung beſtimmt. Diejenigen Thuͤrme aber, welche ſich an der Nordſeite erheben, da wo ſich der Berg ſteil nach dem Darro abſenkt, bilden gerade das, was man gewoͤhnlicher irriger⸗ weiſe den Alhambra nennt, naͤmlich die Wohnung der mauriſchen Koͤnige, die ſogenannte Caſa real del Alhambra. In dieſer ausgedehnten Befeſti⸗ gung des Alhambra, die wohl eine halbe Legua im Umfang betraͤgt, bilden aber wiederum die oben ge⸗ nannten Torres bermejas am aͤußerſten und hoͤch⸗ ſten Vorſprung des ſchmalen Bergruͤckens, ein ei⸗ genes, auch nach Innen durch ſtarke Mauern und Thuͤrme getrenntes Caſtell. Der ganze Berg, auf dem der Alhambra erbaut iſt, ſo wie der ge⸗ genuͤber liegende, und die Schlucht, welche ſie trennt, iſt ganz mit hochſtaͤmmigen Baͤumen, Ulmen, Ei⸗ chen, Platanen, Lorbeeren und Caſtanien bewachſen, und zahlreiche Ouellen entſtroͤmen ihm von allen 254 Skizzen aus Spanien. Seiten, zum Theil in zierliche Becken von weißem Marmor gefaßt. Das Thor der Granaden hinter ſich laſſend, folg⸗ te die Geſellſchaft dem bequemen, breiten Wege, der das kuͤhle Thal hinan, und in einigen Windungen nach dem Hauptthore des Alhambra fuͤhrt. Staunend betrachteten ſie die gewaltige Maſſe des viereckigen Thurmes, die kuͤhne Woͤlbung des Thores, mit ſei⸗ nem hufeiſenfoͤrmigen Bogen.«Wer das doch leſen koͤnnte!— rief Doña Fernanda— indem ſie auf eine arabiſche Inſchrift deutete, die uͤber dem Thor einge⸗ graben iſt.— Ich gaͤbe viel drum, zu wiſſen was es heißt.“— Dolores ſah ihre Freundin halb un⸗ glaͤubig, halb ſpoͤttiſch an, und fragte:«ob ſie denn wirklich glaube, daß die Schnoͤrkel etwas bedeute⸗ ten, und daß die blinden Heiden ordentlich Buch⸗ ſtaben gehabt haͤtten wie Chriſtenmenſchen?“— Der Pater Inocencio aber verſicherte Doña Fer⸗ nanda ſehr galant: daß er ſich eine Ehre daraus machen werde, mit ſeinen geringen Kenntniſſen des Arabiſchen einer ſo ſchoͤnen Schuͤlerin zu die⸗ nen.—„Jene lange Inſchrift unter den Fen⸗ ſtern des Thurmes— fuhr er fort— nennt die Zeit der Erbauung des Thurmes, das Jahr der Hegira 749, oder nach unſerer Zeitrechnung 1348, — Skizzen aus Spanien. 255 und den Erbauer, den Koͤnig der Mohren, Juſſuf Abulhagehg, Sohn des Koͤnigs Abilgualid, des Kaͤmpfers, des Gerechten, des Sohnes Nazar.— Hieraus geht ſchon hervor, daß dieſer Thurm nicht zu dem aͤlteſten Theil des Alhambra gehoͤrt.“— Aber— frug Dona Fernanda— was bedeu⸗ tet die Hand mit dem Schluͤſſel, welche grade uͤber dem Thore ſo zierlich und ſcharf in den Stein ge⸗ hauen iſt?«Der Schluͤſſel— war die Antwort des gefaͤlligen Fuͤhrers— hat bei den Arabern eine ſymboliſche Bedeutung, etwa wie das Kreuz in un⸗ ſerer allerheiligſten Religion. Er bedeutet dem glaͤubigen Muſelmann die Verheißung des Ein⸗ trittes in das Himmelreich, deſſen er in ſeinem blinden Wahne gewiß zu ſein glaubt.—«Ei, der iſt ja faſt ſo gut, wie Sanct Peters Schhluͤſſel, der aber billigerweiſe zwei hat!" bemerkte einer der Geſellſchaft. Ohne jedoch darauf zu achten, fuhr der Geiſtliche fort:«die Schrift zu beiden Seiten des Schluͤſſels heißt: die Ehre ſei Gott. Es giebt keinen Gott als Gott, und Mahomed iſt ſein Pro⸗ phet. Es giebt keine Kraft als nur Gott.»—«War⸗ um-— fragte Dolores, die ſich etwas uͤber ihre Un⸗ wiſſenheit geſchaͤmt hatte, und ganz verduzzt war, daß dieſe verworrnen Schnoͤrkel einen Sinn enthiel⸗ 256 Skizzen aus Spanien. ten— warum heißt denn dieſer Thurm, der Thurm des Gerichtes(la torre del juyzio)?» „Weil unter dieſem Thore, nach alter orientaliſcher Sitte, der Cadi oder auch wohl der Koͤnig ſelbſt, Recht und Urtheil zu ſprechen pflegte,» war die Antwort des Paters, der nun die Damen erſuchte, ihm weiter zu folgen, und die Geſellſchaft betrat den Alhambra. Von dem Thore des Gerichtes fuͤhrt der Weg eine Strecke weit zwiſchen hohen, mit Schießſcharten verſehenen Mauern hin, bis nach einem zweiten Thore, dem ſogenannten Wein⸗ thurm(torre del vino).« Den Urſprung die⸗ ſes Namens kann ich Ihnen nicht erklaͤren— be⸗ begann der Fuͤhrer, den Fragen der Wißbegierigen zu⸗ vorkommend— die Inſchrift uͤber dem Thore giebt daruͤber keine Auskunft; ſie heißt:«Meine Huͤlfe in Gott, dem Steiniger des Teufels. Im Namen Gottes, der barmherzig iſt und ſich erbarmt. Gott ſei mit unſerm Herrn und Koͤnig Mahoma, und mit ſeinen Verwandten und Freunden, Heil und Erloͤſung. Und offenbare uns deine reine Offen⸗ barung. Und Gott hat dir deine vergangenen Suͤn⸗ den und die zukuͤnftigen vergeben. Und er hat ſeine Gnade an dir erfuͤllet, und hat dich geleitet den graden Weg. Und Gott hat dich erhoben zu hoher Skizzen aus Spanien. 257 Erhebung. Ehre ſei unſerem Herrn, dem Koͤnig Abi⸗abd⸗Allah, den Gott erhoͤhe.“— Dieſes Thor fuͤhrt in einen großen unregelmaͤßi⸗ gen Hof, der links durch die rothen Thuͤrme, rechts durch den Pallaſt Carls V. und den Pallaſt der mau⸗ riſchen Koͤnige, an der dem Thore gegenuͤber liegenden Seite durch eine, laͤngs dem Rande des Abhanges hinlaufende Mauer begraͤnzt. Obgleich der Pallaſt Carls V, von Machuca erbaut, eines der herrlichſten Denkmaͤler der Baukunſt iſt, ſo halten wir uns doch nicht dabei auf, ſondern folgen unſerer Geſellſchaft nach dem ſich daran ſchließenden mauriſchen Pallaſt. Wer ſich von dieſem Gebaͤude im voraus ein Bild gemacht hat, und ſeine Phantaſie dabei von dem Ausdruck Pallaſt und von den Erinnerungen aus orientaliſchen Maͤhrchen oder Beſchreibungen hat hinreißen laſſen, findet ſich bitter getaͤuſcht, wenn er nun vor einer rohen Mauer, welche den Pallaſt Carls V. mit einem jener gewaltigen viereckigen Thuͤrme der Ringmauern des Alhambra verbindet, und vor dem in ihr angebrachten unſcheinbaren Thore ſteht. Dies iſt der Eingang und die ei⸗ gentliche Fagade des geprieſenen Pallaſtes, der von Außen, von welcher Seite man ihn auch betrach⸗ tet, nur einige alte Thuͤrme, wie ſie bei den Rit⸗ 127 258 Skizzen aus Spanien. terburgen des Nordens zu finden, mit ſtarken Mauern und Zinnen verbunden, darſtellt.— Iſt aber die Enttaͤuſchung*) beim erſten Anblick der Außenſeite niederſchlagend, ſo iſt die freudige Ueber⸗ raſchung beim Eintritte in das Innere noch groͤ⸗ ßer, noch vollkommener. Man tritt zuerſt in ei⸗ nen etwa hundert Schritt langen, und funfzig breiten Hof, den groͤßtentheils ein klares, von Gold⸗ fiſchen belebtes Waſſerbecken einnimmt. Der Gang ringsum iſt, wie der Boden des ganzen Gebaͤudes, mit breiten Platten von weißem Marmor belegt. Die beiden langen Seiten des Hofes haben auf ebener Erde einige ſehr ſchmale Thuͤren, durch wel⸗ che die kleinen Gemaͤcher, zu denen ſie fuͤhren, auch das Licht erhalten. Daruͤber oͤffnen ſich in regelmaͤßigen Entfernungen einige Fenſter, die nicht ſo hoch als breit ſind. Dieſe beiden Seiten ſind nur durch einige ringsum laufende Reihen von ziem⸗ lich einfachen, in Gips gedruͤckten Frieſen verziert, die jedoch an vielen Stellen auch Inſchriften ent⸗ halten. Die eine der kuͤrzeren Seiten wird von **) Sollte es im Teutſchen keinen ganz entſprechenden Aus⸗ druck für das franzöſiſche desappointement, oder das ſpaniſche desengaso geben? Skizzen aus Spanien. 259 der Mauer des Pallaſtes Carls V. gebildet, und hier wohnt in einem kleinen Anbau der Pfoͤrtner oder Caſtellan, der unter dem Alcayde oder Gou⸗ verneur des Alhambra ſteht*). Die entgegenge⸗ ſetze Seite des Hofes wird durch die ſuͤdliche Wand der ſogenannten Torre de Comares, eines der großen Thuͤrme der nord⸗weſtlichen Ringmauern des Alhambra, gebildet. Dieſe Seite iſt faſt ganz mit ſehr verſchlungenen Zierrathen und Inſchrif⸗ ten bedeckt, und eine Thuͤr mit hufeiſenfoͤrmigen Bogen und Pilaſtern von weißem Marmor fuͤhrt in das Innere des Thurms. Ueber der Eingangs⸗ thuͤre ſind Reſte eines ſehr zierlichen Balkons, und ihr gegenuͤber in der langen Seite des Hofes fuͤhrt eine aͤhnliche, doch weniger reich verzierte Thuͤr in einen zweiten Hof. Der gute Pater Inocencio freute ſich einige Augenblicke an der Ueberraſchung derjenigen in der Geſellſchaft, welche den Alhambra zum erſten⸗ male ſahen, wobei Mr. Brown ſich beſonders durch wiederholte Ausrufungen:«eh! pon my *) Jedes königliche Schloß(alcazar real) hat ſeinen Alcaude, nicht zu verwechſeln mit den Alcaldes einer Civilbehörde, dem Maire oder Schulzen entſprechend. 17* 260 Skizzen aus Spanien. honour, very pretty, that!.. eh! deevi- lish fine indeed!» auszeichnete— und fuhr dann in ſeinen Erklaͤrungen fort, wobei er ſich beſonders zu Dona Fernanda wandte, deren geiſt⸗ volles Auge von lebendigem Intereſſe gluͤhte, waͤh⸗ rend ein hoͤheres Roth ihre blaſſen Wangen faͤrbte. «Dieſen Hof nannten die Mauren Meſuar, ge⸗ genwaͤrtig aber wird er los Arrayjanes oder Patio de la Alberca(der Hof des Teiches) genannt. Er bildet den eigentlichen Vorhof zu der koͤniglichen Wohnung. Sie werden es mir danken, wenn ich Ihnen einige der Inſchriften deute, die Sie hier an den Waͤnden ſehen, da ihr Verſtaͤndniß weſentlich dazu gehoͤrt, dieſes ſonderbare Gebaͤude und den Geiſt ihrer Erbauer zu verſtehen und zu genießen. Unter den Inſchriften ſowohl in dieſem Hofe, als in dem ganzen Gebaͤude, und eigentlich auf allen arabiſchen Denkmaͤlern in Spa⸗ nien, laſſen ſich auf den erſten Blick, auch von dem Nichtkenner der Sprache, gewiſſe kleine Verſe oder Spruͤche unterſcheiden, welche haͤufig wiederholt ſind, und uͤberall wieder vorkommen. Es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß ſie mit ſtehenden Modellen in den weichen Gyps oder Lehm gedruͤckt wurden. Sie finden ſich auch haͤufig in Flieſen, Skizzen aus Spanien. 261 ſo wie noch jetzt Spruͤche und Figuren in den Flieſen(azulejos) eingebrannt ſind, die wir zur Bekleidung unſerer Waͤnde, beſonders in Bade⸗ zimmern, brauchen. Einer der gewoͤhnlichſten die⸗ ſer Spruͤche iſt jener, welcher zwiſchen dem er⸗ ſten und zweiten Stockwerk der Seiten dieſes Ho⸗ fes, mit den Zierrathen anmuthig verſchlungen, wie eine Stickerei rings umherlaͤuft; es iſt das bekannte:«Và le ghalibile Allah„*).«Und Gott allein iſt Sieger.“ Daruͤber ſind ebenfalls rings um den Hof in einer zweiten Franſe die Spruͤche wiederholt:«Gott iſt das Gute, der Schirm, und er iſt milde gegen den Milden.» Auch folgender Spruch: Die Kraft iſt allein Gottes, des Milden und Gerechten,“» findet ſich in die⸗ ſem Hofe haͤufig wiederholt, und uͤber dem Ein⸗ gange, unter jenem zierlichen Balkon die Worte: «Gehorſam und Ehre unſern Herrn Abi⸗Abdal⸗ lah.»— *) Das häufige Vorkommen dieſes Spruches im Alham⸗ bra läßt ſich auch daraus erklären, daß Aben Ahmar, einer der größten Könige Granadas, ihn zu ſeinem Wahlſpruch genommen, auf einem blauen Balken in ſilbernem Felde. Sein Volk pflegte ihn mit dem Na⸗ men Galib(Sieger) zu begrüßen, er aber ſagte: va le galib ile Allah.—«Gott allein iſt Sieger.“ 262 Skizzen aus Spanien. Eine groͤßere Inſchrift in Verſen nimmt ei⸗ nen großen Theil der Wand uͤber jener Thuͤr ein, welche in den Thurm des Comares fuͤhrt; ihr Sinn iſt ungefaͤhr folgender:«Geprieſen ſei der große Gott, daß er ſeinem Volke einen ſolchen Fuͤhrer gab, der das Mohrenvolk und ſeine Ehre alſo erhoͤhet hat. Wie viele hat er vom Irrwege zuruͤckgefuͤhrt, und ſie friedlich in ihrem Erbe und Lande gelaſſen! Und die ſich deſſen weigerten, hat er in die Knechtſchaft gefuͤhrt, und ſie ge— zwungen, ſeinem Reiche und ſeinen Werken zu dienen. Und mit ſeinem ſchneidenden Schwerte hat er die Laͤnder erobert. Du, o Nazar, mach⸗ teſt Einfaͤlle wie ein Held, und eroberteſt, o hei⸗ lige Seele! zwanzig beruͤhmte Staͤdte. Und brach⸗ teſt Sieg heim und Guͤter, damit du dein Volk erfreuteſt; und wenn ſie ihr Gebet wohl anwen⸗ den wollen, auf daß es erhoͤret werde, ſo muͤſ⸗ ſen ſie langes Leben fuͤr dich erflehen, und Heil fuͤr dein Reich von Gott dem Großen, Erhabnen. O du, erzeugt von Großen und Angeſehnen und Hoheit, der du Staͤrke und Schutz biſt, und haſt einen lebendigen Eifer, gleich dem Licht eines ſchoͤnen Sternes, und herrſcheſt gleich einer Leuchte im Zeichen der Ehre— lebendiges Licht gegen Skizzen aus Spanien. 263 die Finſterniß, dein Glanz verkuͤndet deine lieb⸗ lichen Fruͤchte; dich ehren die Sterne in ihrem Laufe, der Mond neigt ſich dir, und der edel⸗ ſte Baum gewinnt, wenn er dir weichet.“— Dieſe, ſo wie ſehr viele andere Inſchriften des Alhambra, enthaͤlt das Lob einiger Koͤnige von Granada. Ueber jener Thuͤre, dem Eingang gegen⸗ uͤber, ſteht in einer Art von Schild oder Medaille folgende Inſchrift, ebenfalls in Verſen: Wenn du meine Schoͤnheit anſchauſt, ohne Beziehung auf Gott, ſo muß ich dir ſagen, daß es eine große Thorheit iſt, deine Bewunderung nicht zu Gott zu erheben, der dir den Tod geben kann. Und wer dieſe kunſtreiche Arbeit betrachtet, von ihrer Schoͤnheit angezogen, der lege zu ſeinem Schutze und damit er geſund bleibe, die fuͤnf Finger ſeiner Hand zu⸗ ſammen.“—„Das letzte verſteh' ich nicht;» unterbrach hier Fernanda den Geiſtlichen— aber ehe dieſer antworten konnte, rief Dolores aus: «Ei, Fernandita! das verſtehe ich doch! Weißt du denn nicht, daß man gegen einen Zauber, wenn einen eine boͤſe alte Frau anſieht, oder wenn — wenn man ſich nicht verlieben will auch, oder gegen das Auge eines Neidiſchen, die fuͤnf Finger zuſammenlegt?... ſo!» und nun ſtreckte ſie ⁵½ 264 Skizzen aus Spanien. ihr Haͤndchen aus, mit geſchloſſener Fauſt, doch ſo, daß der Daumen zwiſchen den Mittel⸗ und Zeigefinger hervorguckte.«Die Seüorita hat ganz Recht— ſagte der Geiſtliche laͤchelnd— und dieſelbe Lage der Finger galt bei den Arabern fuͤr ein Mittel gegen den Zauber. Der Vers warnt uns alſo, uns von der Schoͤnheit dieſer Arbeit, und beſonders des Hofes, zu dem dieſe Thuͤre fuͤhrt, nicht bezaubern zu laſſen, ſondern Gott die Ehre zu geben.“ Triumphirend blickte Dolores umher, und merkte nun mit doppelter Aufmerkſamkeit auf die Reden des gelehrten Fuͤhrers, um ihm bei Gelegenheit wieder mit ihrer Weisheit beizuſprin⸗ gen. Der Pater Inocencio aber fuͤhrte ſeine Zu⸗ hoͤrer nach dem beruͤhmten Thurme des Comares, der nach ſeinem Erbauer genannt worden ſein ſoll, obgleich die Zeit der Erbauung nicht genau angegeben werden kann. Doch iſt es wahrſcheinlich, daß ſie in den Anfang des dreizehnten Jahrhunderts faͤllt. Aus dem Hofe Meſuar tritt man zuerſt in ein kleines Vorzimmer von zierlicher elliptiſcher Geſtalt, und mit reichen Verzierungen bedeckt, die jedoch gegen die Schoͤnheit des großen Saa⸗ les verſchwinden. Die Thuͤre, welche in die⸗ ſen ſogenannten Saal der Geſandten fuͤhrt— 2 2 Skizzen aus Spanien. 265 wir bemerken ein fuͤr allemal, daß alle dieſe Thuͤren offen und ohne Fluͤgel ſind— iſt ein wahres Wunderwerk an Zierlichkeit und Reich⸗ thum der Verzierungen, welche in unendlicher Mannigfaltigkeit, in vier⸗ bis fuͤnffachen Raͤn⸗ dern, den leichten Bogen umgeben. Sie ſind in Stuck gearbeitet, mit rothem, blauem und gruͤ⸗ nem Grunde. In der Dicke der Mauer ſelbſt, die wohl zwoͤlf Fuß betraͤgt, iſt zu jeder Seite eine kleine Niſche angebracht, wo diejenigen, wel⸗ che den Saal betreten, um vor dem Koͤnig zu er⸗ ſcheinen, ihre Pantoffeln ablegten. Der Saal des Comares oder der Geſandten (sala de los embajadores) ſelbſt uͤbertrifft jede Erwartung, die man ſich von dieſer ganz eigenthuͤm⸗ lichen Schoͤpfung machen kann. Ueberhaupt iſt die⸗ ſer mauriſche Pallaſt wohl eines von den wenigen Dingen, von denen es kaum moͤglich iſt, der groͤßten Mehrzahl der Leſer, allen denen, welche nicht ſelber aͤhnliche Schoͤpfungen arabiſcher Kunſt geſehen ha⸗ ben, einen auch nur einigermaßen richtigen Be⸗ griff zu geben, weil wirklich alle Vergleichspunkte fehlen. Von den Wundern alter und neuer Kunſt in Italien z. B. kann ſich auch der, der ſie nicht ſelber ſah, einen Begriff machen, weiler 266 Skizzen aus Spanien. mehr oder minder vertraut iſt mit Gegenſtaͤnden, die als Vergleichspunkte dienen koͤnnen, ſo daß man ihm ſagen kann, in der und der Art, nur groͤßer, ſchoͤner, praͤchtiger u. ſ. w. Das iſt hier nicht der, Fall und indem ich verſuche, dieſe Ge⸗ genſtaͤnde zu beſchreiben, werfe ich mir ſelbſt das vergebliche Bemuͤhen vor. Jener Saal bildet ein gleichſeitiges Viereck von etwa ſechzig Schritten.— Die Verzierungen der Waͤnde beſtehen er⸗ ſtens in einem bis zur Hoͤhe von etwa vier Fuß ringsum laufenden Rande von Flieſen, mit gruͤ⸗ nen und blauen Zierrathen, wie Sterne, oder Blu⸗ men und Roſetten. Daruͤber iſt die ganze Wand mit einer Art von Arabesken bedeckt. Sie ſind in Stuck gearbeitet, auf hellblauem, auch rothem Grunde. Das Muſter dieſer Verzierungen iſt ſehr klein— denn Arabesken, im gewoͤhnlichen Sinne, ſind es eigentlich doch nicht, da ſie durchaus keine groͤßere, irgend einen Sinn, oder wirklichen Gegenſtand, Blumen, Blaͤtter oder Thiere dar⸗ ſtellende Parthieen bilden. Sie ſind uͤber die ganze Wand wiederholt, mit Ausnahme breiter Raͤnder uͤber den Fenſtern und Thuͤren, wo andere Mu⸗ ſter erſcheinen, der Woͤlbung der Bogen entſpre⸗ Skizzen aus Spanien. 267 chend und von unendlicher Mannigfaltigkeit und Anmuth— mit Ausnahme ferner einer großen Menge von Inſchriften, welche theils als Bor⸗ duͤren rings um laufen, theils in ſymmetriſchen Medaillen oder Sternen ſtehen, und zwar ſo, daß ſie ſelber einen Theil der Muſter auszumachen ſcheinen, und die Buchſtaben allmaͤlig aus den Verſchlingungen des Muſters entſtehen. Wir koͤn— nen den Ausdruck Muſter um ſo eher gebrauchen, da dieſe ganze Arbeit offenbar mit feſten Modellen oder Matrizen gedruckt worden iſt. Der Ein⸗ druck des Ganzen iſt außerordentlich angenehm und leicht. Die Decke des Saales beſteht ganz aus eingelegter Arbeit von Perlemutter, Elfen⸗ bein und koſtbaren Holzarten, welche die aller⸗ zierlichſten Figuren, Sterne, Achtecke u. ſ. w. in ſchoͤner Symmetrie bilden. Der Saal hat an einer Seite die oben erwaͤhnte Eingangsthuͤre, und daneben zu jeder Seite eine Art von falſchem Fenſter oder Niſche. Jede der drei andern Sei⸗ ten hat drei Bogenfenſter, nach innen mit Pila⸗ ſtern von weißem Marmor geziert, nach außen, d. h. am andern Ende des Erkers, den die ge⸗ waltige Dicke der Mauer bildet, durch eine Saͤule von demſelben Steine in zwei hoͤchſt zierliche Bo⸗ 268 Skizzen aus Spanien. gen getheilt. Dieſe Fenſter reichen alle bis auf den Boden, und ihre Gewoͤlbe und Seiten ſind mit Verzierungen uͤberdeckt. Die Ausſicht aus den⸗ ſelben iſt wunderlieblich, theils uͤber die Stadt weg in die Ebene, das Thal des Darro und in's Gebirge hinein. In einer Hoͤhe von et⸗ wa funfzig Fuß oͤffnen, ſich dieſen entſprechend, an jeder Seite des Saales drei kleinere Fenſter, welche von oben her eine ſehr angenehme Be⸗ leuchtung geben. Das Ganze macht einen wahr⸗ haft zauberiſchen Eindruck. Fernanda unterbrach zuerſt das ſtaunende Schweigen oder freudige Gemurmel der Geſeell⸗ ſchaft, indem ſie ihren Fuͤhrer um die Erklaͤ⸗ rung der zahlreichen Inſchriften bat.„Dieſe rings um den Saal in verſchiedenen Hoͤhen lau⸗ fenden Inſchrifften— begann der Pater— enthalten mehrere der ſchon in dem erſten Hofe angebrachten Spruͤche, nebſt einigen neuen, z. B. jene etwa vier Fuß uͤber den Fenſtern rings⸗ um wiederholte heißt:«Erhoͤhung ſei Gott, und nahe Ausbreitung. Wuͤnſchet Gluͤck denen, die da glauben.“ Jene andere:«Mein Friede iſt in Gott, an ihm halte ich mich, und unter ſei⸗ nem Schutze ſteh' ich.“ Ferner: Es giebt keine Skizzen aus Spanien. 269 wahre Groͤße, als in Gott, dem Geehrten, dem Gerechten.“— Doch es wuͤrde uns zu weit fuͤhren, wenn wir alle dieſe kleinern Säͤtze leſen wollten, und ich gehe daher zu den groͤßern In⸗ ſchriften uͤber, um Ihnen wenigſtens einige der⸗ ſelben zu erklaͤren. Ueber jeder der Niſchen oder Blenden zu beiden Seiten der Thuͤre ſteht eine Inſchrift; ich fuͤhre jedoch nur diejenige der rech⸗ ten Seite an, ſie ſagt in ſehr ſchoͤnen Verſen: «Ruhm der vorangegangenen Koͤnige und Ehre der nachſolgenden, dem die Sterne, wenn ſie ſich ihm vergleichen, ohne Schande gehorchen koͤn⸗ nen. Wenn der Macht die Hoheit fehlte, wuͤr⸗ deſt du ſie ihr geben, und jeder Fuͤrſt koͤnnte durch dich geehrt werden. Dank deinen Verdien⸗ ſten, ſind hier niedergelegt die weiſen Schriften, welche den Glauben verherrlicht, und ſeine Herr⸗ lichkeit bezeugt haben mit unwiderleglichem Zeug⸗ niß, das um ſeiner Wahrhaftigkeit Willen nie⸗ mals verfaͤlſcht wird. O wie viele Menſchen ſind jetzt, und auch vordem, durch deinen Eifer ge⸗ rettet worden! Du enthaͤltſt und verbirgſt Dinge von hoher Wichtigkeit, und biſt es werth, daß dein Ende niemals komme, da alle Tugenden in dir ihren Sitz haben, beſonders aber die 270 Skizzen aus Spanien. Tugend, mit Milde zu verzeihen, ohne vergan⸗ gener Fehler zu gedenken.“—«„Offenbar das Lob eines der mauriſchen Koͤnige, die, wie alle Koͤ⸗ nige, der Sitz aller Tugenden waren, von Gottes Gnaden— ſagte hier Dona Fernanda — aber glaubt Ihr, wuͤrdiger Pater, daß wirklich die Schriften, von denen die Inſchrift ſprach, hier aufbewahrt worden?»— Ohne Zwei⸗ fel, Señora, und ſie ſind ſogar gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts darin gefunden, aber aus misverſtandenem chriſtlichen Eifer auch ſo⸗ gleich zerſtoͤrt worden.— Jene Inſchrift uͤber dem Mittelfenſter, der Thuͤre gegenuͤber, heißt: «Stehe mir bei, o Gott, Steiniger des Teu⸗ fels. Im Namen Gottes, des Barmherzigen. Gott ſei mit unſerm Herrn Mahoma, ſeinem Geſchlechte, ſeinen Gefaͤhrten, und Heil. Und ſprich: mein Schutz gegen den Zorn Gottes und gegen den Teufel, der du die Pforten der Hoͤlle brichſt und mich von dem Uebel befreiſt, was mich trifft im Ungluͤck, und mich befreiſt von dem Uebel des Neidiſchen, wenn er ſich regt, mich zu beneiden. Und es lebt kein anderer Gott, als Gott, den ihr in Ewigkeit preiſen ſollt. Ehre ſei Gott in Ewigkeit.)—„Jeſus, Maria! Skizzen aus Spanien. 271 wie fromm ſind die Mohren geweſen! wer haͤtte das gedacht!“» rief hier Dolores, die ganz andaͤchtig die Haͤnde gefaltet hatte.«Die Inſchrift uͤber dem Fen⸗ ſter rechts— fuhr der Pater laͤchelnd fort— iſt in fuͤnf ſehr zierlichen Verſen von elf Silben, und heißt:»Ich bin der Sitz von Pflanzen, die ſiegen durch Schoͤnheit und vollendetes Wohlgefallen. Siehe das Gefaͤß, was ich trage, und in ſeiner An⸗ muth wirſt du ſehen, daß ich die Wahrheit rede. Willſt du mir ein Gleichniß geben, ſo findeſt du es nur im Monde, wenn er voll iſt. Und Na⸗ zar, mein Herr, iſt die Sonne, die mir ihr Licht mittheilt, ohne daß es mir je mangeln koͤnnte, denn ich werde alle Hinderniſſe, die ſich zwiſchen uns ſtellen, beſiegen.“— Ueber dem Fenſter rechts heißt es:«Wohl kann man mich herrlich und hehr nennen, und koͤnnen mich alle gluͤck⸗ lich preiſen. Dieſes Gefaͤß voll koͤſtlicher Fluͤſſig⸗ keit, was du hier ſiehſt, erquickt und loͤſcht deinen Durſt, wenn du deſſen bedaͤrfſt, und auch ohne die Fluͤſſigkeit, wuͤrde es doch durch ſeine Schhoͤnheit und Zierlichkeit ſeinen Herrn, Nazar, ehren, der den Beinamen traͤgt des Freigebigen, des Großen, denn nie blieb ohne Huͤlfe, wer ihm nahte.“— «In jenem Fenſter— bemerkte Fernanda— 272 Skizzen aus Spanien. ſcheint ein Gefaͤß mit Blumen, in dieſem ein Gefaͤß mit Waſſer, oder anderem kuͤhlenden Ge⸗ traͤnk geſtanden zu haben.“—»Ganz Recht— erwiderte der Pater— auch waren noch vor eini⸗ gen Jahren Bruchſtuͤcke eines dieſer Gefaͤße vor⸗ handen, woraus zu erſehen war, daß ſie nur in der Groͤße von denen verſchieden waren, welche wir draußen im Hofe ſahen.— Bemerkenswerth i*ſt jene Inſchrift uͤber der Thuͤre des Eingangs, ſie heißt:«Bei der Sonne und ihrem Glanze — bei dem Monde, wenn er ihr folgt— bei dem Tag, wenn er ſie im vollſten Glanze zeigt — bei der Nacht, wenn ſie ſie verhuͤllet— bei dem Himmel und dem, der ihn geſchaffen— bei der Erde und dem, der ſie ausbreitet— bei der Seele und dem, der ſie vorher beſtimmt: es giebt keinen Gott, als Gott.«— Dies iſt der Anfang der ein und neunzigſten Sur des Ko⸗ rans; und damit die Damen ſich auch einen Be⸗ griff davon machen koͤnnen, wie die Verſe im Arabiſchen klingen, will ich ſie ausſprechen:, Và-Siamsi, và dhohaàha. Và- Kamari edaà talàha. Và- nahaàri edà chiallàha. Va- làili edà chagciaha. Skizzen aus Spanien. 273 Va-samài, và banâha. Và- àrdhi, và ma sanväha; La Ellah ela Allah.—*) Wie Sie ſehen, ſind uͤber jedem der Fenſter In⸗ ſchriften angebracht, und obgleich ſie es wohl verdienen, wuͤrde es uns doch zu lange aufhalten, ſie zu leſen. Sie enthalten das Lob des Koͤnigs Abulhaghegh, und dieſes Saales ſelbſt.“— Die Geſellſchaft verließ nun den Saal, und folgte ihrem Fuͤhrer nach der ſogenannten Toi⸗ lette der Mohrenkoͤnigin(el tocador de la rey- na mora). Auf der Zinne der Ringmauer fuͤhrt ein ſchmaler Gang nach dieſem Tocador. Ein wunderzierlicher Pavillon auf einem vorſpringenden Thurme. Das Dach wird von ſchlanken Saͤulen von weißem Marmor und von leichten reichverzier⸗ ten Bogen getragen. Die Zahl der Saͤulen be⸗ traͤgt acht und zwanzig. Die Decke iſt mit trefflichen Frescogemaͤlden, Arabesken, Blumen und Fruͤchten, aus der Zeit Carls V, geſchmuͤckt. Der Pavillon iſt nach allen Seiten offen, und bietet eine herrliche Ausſicht dar uͤber die Stadt hinaus und die fruchtbare Vega nach der Sierra *) Ob der Pater richtig ausgeſprochen, hat er vor Gott und der Welt zu verantworten, nicht ich.(Der Setzer.) 18 274 Skizzen aus Spanien. Elvira, die ſie mit ihren kuͤhnen Felshoͤrnern be⸗ graͤnzt, hinunter nach dem Darro, der in ſenkrecht ſchwindelnder Tiefe zwiſchen Granaten⸗ und Oran⸗ genhainen dahin brauſt. Wahrhaft zauberiſch iſt nach der andern Seite der Anblick, den die Schnee⸗ gipfel der Sierra Nevada, die ſogenannte Pun⸗ ta de Muleyhacem und Picacho de la Veleta von hieraus gewaͤhren, indem nur ihre beſchnei⸗ ten Hoͤrner noch uͤber die Gipfel der Baͤume her⸗ vorragen, und ſo ſonderbar nahe erſcheinen, daß man ſie glaubt mit Haͤnden greifen zu koͤnnen, daß man die Kuͤhlung, die von ihnen herabſtroͤmt, zu fuͤhlen glaubt.— Die Wand zunaͤchſt dieſem lieblichen Orte — wo ſich die Phantaſie ſo gerne die ſchoͤnſte Mohrenkoͤnigin hineindenkt, was auch die Ge⸗ ſchichte dagegen einwenden mag— war, der wenn nicht ſehr loͤblichen, doch ſehr allgemeinen Sitte gemaͤß, mit einer großen Menge von Na— men beſchrieben. Antonio, der, des Weges noch kundig, ſeinen Begleitern etwas vorangeeilt war, erblickte vor dieſer Wand einen Mann, der einige Namen mit merklicher Bewegung las, und an⸗ fing etwas hinzuſchreiben, aber als er Anto⸗ nio's Schritte hoͤrte, ſich ſchnell abwandte, und — — Skizzen aus Spanien. 275 nach der Gegend hinaus ſah. Antonio trat an die Stelle, wo er geſtanden hatte, und las hier ne⸗ ben einer großen Zahl von teutſchen, franzoͤſiſchen und polniſchen Namen, die einſt unter den Fluͤ⸗ geln des kaiſerlichen Adlers hier vereint worden— auch mehrere italieniſche Namen, darunter einige, die durch die juͤngſten Ereigniſſe in jenem Lande bekannt geworden ſind. Der letzte Name war Giuſeppe Ruggieri, und darunter ſtanden, von derſelben Hand, die Verſe aus Dante: Ahi serva Italia! di dolore ostello Nave senza nocchiero in gran tempesta; Non donna di provincie ma bordello!— «Ruggieri!» rief Antonio aus, nachdem er gele⸗ ſen, und als der Fremde ſich haſtig umdrehte, er⸗ kannte er in ihm einen Mann, mit dem er fruͤ⸗ her in Paris viel Umgang gehabt. Er war ein Genueſer, hatte mit Auszeichnung unter dem Kaiſer gedient, ſpaͤter an den mislungenen revo⸗ lutionairen Verſuchen in Piemont Theil genom⸗ men, und theilte nun das Schickſal ſo vieler ſei⸗ ner Landsleute, in der Verbannung. Sein An⸗ zug war aͤrmlich, die zerriſſenen Zuͤge ſeines brau⸗ nen Geſichtes, ſeine rollenden Augen, druͤckten unheilbares Zerfallenſein mit ſich und der Welt, 18* 276 Skizzen aus Spanien. Truͤmmer edler Gefuͤhle und die finſtere Kuͤhn⸗ heit der Verzweiflung aus. Er erkannte Antonio ſogleich, und gruͤßte ihn mit bitterem Laͤcheln, und ſchloß ſich, nachdem die erſten Fragen und Antwor⸗ ten beſeitigt, auf ſeine Einladung, der Geſellſchaft an. «Was mag die Beſtimmung dieſes Pavillons geweſen ſein?“» fragte Fernanda ihren geiſtlichen Fuͤhrer; Dolores aber rief ſogleich:«Ei weißt du das nicht einmal, Fernanda? hier hat ſich die ſchoͤne Mohrenkoͤnigin alle Morgen angezogen, drum heißt es ja auch das Putzzimmer der Moh⸗ renkoͤnigin.— Diesmal, meine Tochter, kann ich leider deine Erklaͤrung nicht bekraͤftigen— be⸗ gann der Pater, und Dolores ſuchte beſchaͤmt ihren Ruͤckzug zu bewerkſtelligen;— die Inſchrift— fuhr jener fort— welche hier rings um den Pa⸗ villon an dem Fries hinlaͤuft, ſcheint mir vielmehr anzudeuten, daß dieſer liebliche Platz eine noch angemeſſenere Beſtimmung hatte, als die, welche ihm die Sage zuſchreibt. Es war hoͤchſt wahr⸗ ſcheinlich hier, wo die mohriſchen Koͤnige ihre Andacht verrichteten. Hoͤren Sie die Inſchrift: Im Namen Gottes, der barmherzig iſt. Gott ſei mit unſerm Herrn und Propheten Mahoma. Ihm und den Seinigen und ſeinen Freunden Skizzen aus Spanien. 277 Heil und Erloͤſung in's Unendliche. Gott iſt das Licht des Himmels und der Erden, und ſein Licht iſt gleich ihm ſelbſt. Er iſt gleich einer Leuchte, deren Strahlen vielfach ſind, ſie ſelbſt aber iſt Eins. Er iſt das Licht der Lichter, gleich einem ſtrahlenden Sternbilde, mit heiligem Oele bren⸗ nend— nicht oͤſtlichem oder weſtlichem— das entzuͤndet, leuchtet ohne ſich zu verzehren. Er iſt das Licht uͤber dem Lichte. Und Gott leitet mit ſeinem Lichte wen er will. Und Gott verleihet den Voͤlkern die Spruͤche der Weiſen. Und Gott iſt weiſe in allen Dingen.“— «Alſo war dies gewiſſermaßen die Schloßka⸗ pelle,» bemerkte einer von der Geſellſchaft.«Wel⸗ cher Platz fuͤr die ſtille Andacht der Seele!— rief Fernanda begeiſtert in die Sonne blickend, die im dunkelblauen Himmel nach der Sierra Elvira hinabzuſinken begann— wie anders, als unſere dumpfen Kirchen! Nach allen Seiten der offene Blick in die Wunder der Schoͤpfung! Wie herr⸗ lich mußte uͤber den eiſigen Gipfeln der Sierra Ne⸗ vada dem Muſelmann die Sonne aufgehen, wenn er, nach Oſten gewandt, ſein Morgengebet ver⸗ richtete.“ Schuͤchtern ſchmiegte ſich Dolores an die Freundin, waͤhrend der Geiſtliche ſie mit for⸗ 278 Skizzen aus Spanien. ſchenden Blicken betrachtete. Sie blickte lange ge⸗ dankenvoll in die Ferne, und folgte dann raſch dem Fuͤhrer, der ſie an die untergehende Sonne erinnerte, und an die Menge von Gegenſtaͤnden, die ſie noch zu ſehen haͤtten. Durch eine unregelmaͤßige Folge von Gemaͤ⸗ chern fuͤhrte er ſie nun ohne ſich aufzuhalten. Dieſe wurden unter Carl V. fuͤr ihn ſelbſt und ſeinen Hofſtaat eingerichtet, und von ihm, bei ſeinem Aufenthalt in Granada, bewohnt. So entzuͤckt war der Kaiſer uͤber die Schoͤnheit von Granada, daß er jenen herrlichen Pallaſt zu erbauen befahl, der noch heute nach ihm benannt iſt. Die haͤu⸗ figen Erdbeben, von denen damals noch mehr, als jetzt, Granada heimgeſucht ward, ſollen ihn jedoch verhindert haben, wie er es im Sinn hatte, hier ſeine Reſidenz aufzuſchlagen, und der Pallaſt blieb unvollendet. Faſt alle Schoͤpfungen dieſes maͤchtigen Erdenſohnes blieben entweder unvollen⸗ det, oder zerfielen vor ſeinen Augen wieder, und ſeine Abdankung, ſein Tod in der Kutte, iſt wohl einer der tiefſten pſychologiſchen Einzelnzuͤge der Geſchichte. Die Decken dieſer Gemaͤcher ſind mit vortrefflichen Fresco's geziert, herrliche Blumen und Fruchtſtuͤcke und Arabesken. Ueberall begeg⸗ A —O——ꝭ—Q—CO—O—QC—Q—B—ꝛ—ꝛ–/pͤ₰—ñ— Skizzen aus Spanien. 279 net das Auge dem Wahlſpruch des raſtlos Stre⸗ benden:«plus oultre.“— Durch verſchiedene Gaͤnge und Treppen gelangt man endlich in einen kleinen Hof, von dem einige Stufen abwaͤrts nach den mauriſchen Baͤdern fuͤhren, deren anmuthige, zweckmaͤßige Einrichtung und reiche Verzierung, auch nach dem Saale der Geſandten, den Be⸗ ſchauer mit freudiger Ueberraſchung trifft. Der Charakter der Wandverzierung iſt ungefaͤhr derſel⸗ be, wie in jenem Saale, und nur die Muſter verſchieden. Die Decken der Badekammern beſte⸗ hen aus hoͤchſt zierlichen Gewoͤlben, welche das Licht durch viele ſternfoͤrmige Oeffnungen einlaſſen, die, wie die Ueberreſte noch beweiſen, mit bun⸗ ten Glasſcheiben verſchloſſen waren. Die Wir⸗ kung dieſes bunten Lichtſpieles auf dem weißen Marmor, wovon die Badewannen, der Fußbo⸗ den, die Saͤulen und Pilaſter beſtehen, mußte wahrhaft zauberiſch geweſen ſein. Die Einrichtung der Baͤder ſelbſt iſt folgende. Man tritt erſt in eine Art von Vorzimmer, mit einem in der Hoͤhe ringsum laufenden Balkon, fuͤr die Muſiker be⸗ ſtimmt, von da in das eigentliche Badezimmer, wo zwei Wannen einander gegenuͤber in Wand⸗ vertiefungen ſtehen; dann folgt ein Gemach, was 280 Skizzen aus Spanien. zum Ankleiden oder zur Ruhe nach dem Bade beſtimmt ſein mochte. In zwei Wandvertiefungen ſind von Flieſen breite Baͤnke angebracht, auf welche ohne Zweifel Decken u. dergl. ausgebreitet wurden. Nach dieſem Gemache folgt noch ein kleineres Badegemach, mit zwei kleinen Badewan⸗ nen, offenbar fuͤr Kinder beſtimmt.— Auch in dieſen Baͤdern ſind an den Waͤnden und Bogen viele Inſchriften angebracht, die jedoch alle anzufuͤh⸗ ren außerhalb unſeres Zweckes liegt, der blos iſt, dem Leſer einen Begriff von dem Charakter dieſer ſonderbaren Schoͤpfung zu geben. Wir folgen dem Pater Inocencio wiederum durch mehrere verwor⸗ rene Treppen und Gaͤnge und halbverfallne Gemaͤ⸗ cher, nach dem ſogenannten Loͤwenhof(patio de los leones), der ſich an jenen erſten Hof Me⸗ ſuar ſchließt.— Von dieſem Hofe mit den ihn umgebenden Gemaͤchern muͤſſen wir, da es uns an Ausdruͤcken fehlt, wiederholen, daß er einen wahrhaft zaube⸗ riſchen Anblick, wie aus einer ganz fremden, bluͤ⸗ henden Maͤhrchenwelt gewaͤhrt, auf den ſogar das, was wir bis jetzt geſehen haben, nicht hinlaͤnglich vorbereitet. Der Hof ſelbſt, eigentlich ein verwil⸗ derter Garten voll bluͤhendem Gebuͤſche, Roſen, Skizzen aus Spanien. 281 Oleander und Jasmin— bildet ein Viereck von mehr als hundert Schritt Laͤnge und etwa funfzig Breite. Ringsum laͤuft ein bedeckter Saͤulengang, und in der Mitte einer jeden der beiden langen Seiten ſpringt ein viereckiger Pavillon in den Hof vor. Die Saͤulen von weißem Marmor ſind glatt und ſehr ſchlank, ſo daß immer zwei neben einander ſtehen, an allen Ecken, ſowohl des Ho⸗ fes als der Pavillons, aber dreie. In den Capi⸗ talen herrſcht eine große Abwechslung, und wenn auch jede einzelne Saͤule keinesweges den ſtrengen Regeln antiker Baukunſt genuͤgen mag, ſo geben ſie doch in Maſſe den anmuthigſten Anblick, den man ſich denken kann. Hierzu gehoͤren freilich weſentlich die mit Verzierungen und Stuck be⸗ deckten, zum Theil gezackten Bogen von ganz be⸗ ſonderer Leichtigkeit, indem ſie verhaͤltnißmaͤßig zur Hoͤhe ſehr ſchmal ſind, oval und eigentlich nicht in der vollſtaͤndigen Hufeiſenform. Die ganze Arbeit oberhalb der Saͤulen laͤßt ſich am beſten mit Filigranarbeit vergleichen. Die Decke des Ganges hat viele Aehnlichkeit mit jener des Ge⸗ ſandtenſaales, ſie beſteht aus hoͤchſt koſtbarer einge⸗ legter Arbeit. Ueber dem Saͤulengange haben die Facaden des Hofes eine Reihe kleiner Bogenfen⸗ 282 Skizzen aus Spanien. ſter, und an drei Seiten erhebt ſich daruͤber in der Mitte eine Art von Kuppel. In der Mitte des Ho⸗ fes wird von zwoͤlf Loͤwen ein großes Becken ge⸗ tragen, alles von weißem Marmor.— Nach dieſem Hofe oͤffnen ſich drei große Ge⸗ maͤcher, und zwar zweie davon den beiden Pavillons entſprechend, das dritte der Eingangsthuͤr gegen⸗ uͤber. An der rechten Seite, wenn man von dem Hofe Meſuar hereintritt, liegt der ſogenannte Saal der Abencerrages(sala de los Abencerrages). Durch eine reich geſchmuͤckte Bogenthuͤr tritt man erſt in ein Vorzimmer, dann in den eigentlichen Saal; er iſt viereckig, mit einem großen Fen⸗ ſter an drei Seiten. Die Art der Verzierungen, womit die Wand, die Bogen, die Bruͤſtung der Fenſter bedeckt ſind, gleicht jener, die wir ſchon oben bei dem Geſandtenſaal beſchrieben. Doch findet man hier keine laͤngere Inſchriften, dagegen aber einige Frescogemaͤlde, Jagden und Kaͤmpfe darſtellend, die beſonders deshalb merkwuͤrdig ſind, weil der Koran den Mohomedanern eigentlich un⸗ terſagt, lebende Geſchoͤpfe nachzubilden. Das Ge⸗ woͤlbe der Decke wird durch ein ganz eigenthuͤmli⸗ ches Conglomerat von kleinen Gewoͤlben und Zapfen in Stuck, gebildet. Es laͤßt ſich ſchwer beſchrei⸗ Skizzen aus Spanien. 283 ben, und nicht leicht vergleichen. Einigermaßen erinnert es an die Decke einer Tropfſteinhoͤhle. Kaum hatte die Geſellſchaft den Loͤwenhof betreten, ſo fragten Alle nach dieſem Saale der Abencerragen, und Dolores, die ihn ſchon kannte, eilte dem guten Pater voraus, um den Andern die Blutſpuren zu zeigen, welche rings um das Becken in der Mitte des Saales in dem weißen Marmor zu ſehen ſein ſollen, und fing eifrig an zu erzaͤhlen, wie hier die tapfern Ritter, die edeln Abencerragen, von dem grauſamen Moh⸗ renkoͤnig an dieſem Becken geſchlachtet worden ſeien, und wie ein kleiner Page ſich noch zum Gluͤck hinausgeſchlichen, und die uͤbrigen des Stam⸗ mes, welche, des Koͤnigs Befehl folgend, einzeln nach einander den Pallaſt betreten ſollten, warnte, alſo daß dies edle Geſchlecht vom gaͤnzlichen Un⸗ tergange gerettet wurde.„Gott ſegne den kleinen Pagen!— rief Dolores— wenn er gleich ein Heide war, wie die andern. Sind doch nachher die Abencerragen Chriſten geworden, mit ſammt der ſchoͤnen Koͤnigin.“—«Aber, Dolores, du laͤßt ja den Pater Inocencio gar nicht zu Worte kommen mit deiner Weisheit— unterbrach An⸗ tonio die Schweſter— wie kannſt du glauben, 284 Skizzen aus Spanien. daß dieſe leichten Schattirungen im Steine Blut⸗ flecken ſeien?“ Halb weinerlich meinte Dolores: «Doch gewiß, es ſind Blutflecken. Es ſind ja ſchon tauſend Jahre her, Antonio. Nicht wahr, Vaͤterchen, ich habe Recht,» wandte ſie ſich ſchmeichelnd zum Pater.«Ei gewiß— antwor⸗ tete dieſer laͤchelnd.— Aus meinem Hauſe, deſ⸗ ſen Fenſter Sie dort uͤber jenem Dache erblicken, habe ich ja ſelbſt zuweilen um Mitternacht die lei⸗ ſen Klagetoͤne der gemordeten Ritter gehoͤrt, und weiße Geſtalten, wie Nebel, hier zwiſchen den Saͤulen hingleiten ſehen.“—«Ernſtlich, lieber Pater— fragte nun Fernanda, waͤhrend Dolores ſehr ernſthaft zuhoͤrend mit dem Kopfe nickte und ſich umſah— was iſt an der Erzaͤhlung von dem Morde der Abencerragen, ihrer nachherigen Bekeh⸗ rung und dem Gottesgerichtskampf, um die Un⸗ ſchuld der Koͤnigin, zwiſchen den falſchen Zegries und den tapfern Chriſten Rittern?“—„Die Wahrheit zu geſtehen— war des Geiſtlichen Ant⸗ wort— ſo habe ich fruͤher die ganze Sache als ein Maͤhrchen angeſehen, da die bekannteren ara⸗ biſchen Geſchichtsſchreiber nichts davon erwaͤhnen; allein ein Dokument in arabiſcher Sprache, was ich vor einigen Jahren entdeckt habe, ſcheint mir Skizzen aus Spanien. 285 wenigſtens den letzten Theil dieſes Berichtes, den Kampf um die Unſchuld der Koͤnigin und die Be⸗ kehrung der Abencerragen außer Zweifel zu ſetzen. Wenn Ihnen daran liegt, kann ich Ihnen dieſes Dokument bei Gelegenheit mittheilen. Jetzt aber laſſen Sie uns die Inſchrift leſen, welche rings um den Rand jenes von Loͤwen getragenen Beckens laͤuft. Sie beſteht aus vier und zwanzig Verſen von zwei und zwanzig Silben, und ſagt:«O du, der die Loͤwen betrachteſt, wie ſie auf ihrem La⸗ ger ruhen, merke, daß ihnen zur Vollkommen⸗ heit nichts fehlt, als Leben. Und du, der dieſen Alcazar erbeſt mit dem Reiche, uͤbernimm es, umgeben von Edein, ohne Groll und ohne Wider⸗ ſtand. Gott ſegne dich fuͤr das Werk, was du von neuem unternommen, und er geſtatte nicht, daß jemals dein Feind ſich an dir raͤche. Gluͤck und Ruhm ſei dein, o Mahoma, unſer Koͤnig, der du geſchmuͤckt biſt mit wuͤrdigen Tugenden, damit dir Alles gelinge. Und Gott erlaube nicht, daß dieſer ſchoͤne Garten, das Bild deiner Tu⸗ genden, ſeines Gleichen finde, ihn zu beſchaͤmen. Der Perle gleicht die Maſſe, darin das klare Waſſer glaͤnzt. Geſchmolzenem Silber gleicht der Brunnen. Die Weiße des Steines und des Waſ⸗ 286 Skizzen aus Spanien. ſers haben nicht ihres Gleichen. Dem Roſenwaſ⸗ ſer vergleich' ich es, auf weißer Wange, und ſchwer iſt es, ſeinen Lauf anzugeben; betrachte das Waſ⸗ ſer und betrachte das Becken, und du wirſt end⸗ lich geſtehen, daß entweder das eine und das an⸗ dere fließt, oder daß beide feſt ſtehen. Wie der Gefangene der Liebe, deſſen Antlitz der Zorn be⸗ thaut, und die Furcht vor dem Neidiſchen, alſo ſtroͤmt das Waſſer in Eiferſucht uͤber den Mar⸗ mor, und der Marmor beneidet das Waſſer. Dieſen reichen Quell vergleiche ich der Hand des Koͤniges, der milder und freigebiger iſt, denn ſtark der kuͤhne Loͤwe.“— Es bleibt uns nun noch jener Saal der zwei Schweſtern zu ſehen uͤbrig, und wir haben keine Zeit zu verlieren,» ſchloß der Pater, und fuhr, als ſie dieſen Saal erreicht hatten, fort:«Der Saal der zwei Schwe⸗ ſtern,(de las dos hermanas) hat ſeinen Namen von zwei Marmorplatten von ausgezeichneter Groͤße und Weiße, welche einen Theil des Fußbodens bilden. In ſeinen Verzierungen und ſeiner Bauart gleicht er weſentlich dem gegenuͤberliegenden Saale der Abencerragen, und er unterſcheidet ſich von hm nur durch die große Anzahl von Inſchriften, die ſich uͤberall aus den Verzierungen der Waͤnde entwickeln. Skizzen aus Spanien. 287 Ich kann Ihnen jedoch nur die bemerkenswerthe⸗ ſten erklaͤren. Sie unterſcheiden zuerſt wieder eine Menge von jenen kleinern, oft wiederholten Spruͤ⸗ chen, ſo z. B. jener um den ganzen Saal lau⸗ fende: Das bleibende Reich, die Ehre, den Schutz ſeinem Herrn. Und Gott allein iſt Sie⸗ ger.“ Jene andern, an der ganzen Wand wieder⸗ holten:«Das Sein und das Heil Gott allein, und uͤber den Propheten Gottes.“—«Es iſt vollendet worden. Und Preis ſei Gott, und Gott hat den barmherzigen Propheten geheiligt.“— «Gott iſt der wahre Frieden und er iſt es, der die guten Vorſaͤtze beguͤnſtigt“— Jene beiden Kreiſe rechts vom Eingange enthalten in dem he⸗ roiſchen Versmaß der Araber ein Lob dieſes Ho⸗ fes, ſie heißen:»Ein Garten bin ich der Wonne, zuſammengeſetzt aus allen Schoͤnheiten. Anmuth und Zierlichkeit ſind in mir niedergelegt. Kein Werk mag neben mir beſtehen, und der Blick ſagt dir, wie vielfach meine Schoͤnheiten ſind; ein ruhiges Gemuͤth wird nirgends erquickendere Kuͤhle finden, als bei mir. Ich enthalte ein koſt⸗ bares Gemach, deſſen Anfang und Ende ſehr rein iſt. Das Zeichen der Zwillinge allein deutet die ſchoͤne Verzweigung meiner Zierrathen, welche 288 Skizzen aus Spanien. ihnen ein Scheindaſein giebt, ſehr aͤhnlich der Wirklichkeit. Auch der Mond am Himmel muß mir weichen, weshalb ſchoͤne Frauen zu meinem Reiche gehoͤren moͤgen. Wenn die Sonne in ih⸗ rem Laufe ruhte, ſo waͤre es nicht zu verwundern, denn ſie haͤlt ſich auf, um meine Klarheit zu ſehen; da ich, ein Gemach, den Himmel verdunkle und alles Schoͤne von mir Daſein erlangen koͤnnte. Und wer mich recht anſieht, der wird mich be⸗ trachten mit der Ruhe und Sorgfalt, die ich ver⸗ diene. Die Kreiſe des Himmels ſcheinen neben mir verdunkelt und mit Wolken bedeckt. Ich enthalte auch weiße Saͤulen von großem Werthe, ihre Geſtalt iſt ſchlank und frei, und der Schat⸗ ten, den ſie geben, iſt gleich einem hellen Strahl, und an ihnen ſind Perlen ohne Gleichen. Und wer ſie errichtet hat, kann ſich uͤber Alle erheben. Unvergleichlich iſt ihre Pracht und ihr Leben, und niemand vermag ihren Preis zu nennen. Und wenn die untergehende Sonne ihre Strahlen aus⸗ breitet, und dieſes Gemach trifft, entſteht ein Glanz ohne Gleichen, dem du weder an Form noch an Farbe etwas vergleichen kannſt. Was mir aber meinen groͤßten Werth giebt, iſt der Glaube, der in mir ſich in ſeinem vollſten 289 Skizzen aus Spanien. Glanze zeigt, und in ihm vereinigen ſich alle V meine Schoͤnheiten.“—„Das geſteh' ich— be⸗ merkte Antonio— wenn dieſe Herren kuͤnſtliche und erfahrene Baumeiſter waren, ſo vergaßen ſie auch nicht ihr eignes Werk zu loben. Freilich lobt auch das Werk den Meiſter.“—»Warum nennt man den kleinen Blumengarten, nach dem V dieſes Fenſter hinaus ſieht, den Garten der ſcho⸗ nen Lindaraja?» ſagte Fernanda, und ſogleich rief Dolores:«Ach, die ſchoͤne Lindaraja war ja eine wunderſchoͤne Mohrin, und der Koͤnig war in ſie verliebt, und der tapfere Abdallah auch, und V alle Welt, und.....„ Ein boshafter Blick ihrer Freundin unterbrach die kleine Schwaͤtzerin, ſie brach ploͤtzlich mit einem verdrießlichen Geſicht⸗ chen ab, und murmelte nur noch fuͤr ſich:«Chri⸗ ſtoval hat mir's doch alles erzaͤhlt, wie es ihn der Pater Hilario gelehrt hat.— Der Pater aber ſprach: Die Inſchrift uͤber jenem Fenſter nennt wenigſtens den Namen der ſchoͤnen Dame nicht, obgleich ſie ſich offenbar auf den Garten bezieht; ſie iſt in zwei Verſen von zwei und zwanzig Silben, und heißt: Der Garten, der hierneben i*ſt, giebt dir Leben, der liebliche Duft der Oran⸗ gen erhoͤht deine Reize, und du, o Vaſe, biſt, 19 290 Skizzen aus Spanien. gleich einem Koͤnig, mit Krone und Kette ge⸗ ſchmuͤckt.— Die Vaſe ſehen Sie dort im Gar⸗ ten ſtehen, und noch vor etwa zwanzig Jahren ſchlang ſich eine ſtarke, ſchoͤn gearbeitete Kette um die⸗ ſelbe.— Die beiden langen Inſchriften an jener Wand enthalten ebenfalls das Lob des Platzes und ſeines Erbauers, allein ſie wuͤrden uns zu lange aufhalten. Einige Verſe uͤber den beiden Fenſtern zur Seite des Eingangs beweiſen, daß auch hier einſt das Licht durch bunte Glasſcheiben ſchien. Sie ſagen: Siehe die Schoͤnheit des Glaſes, wie es mit Glanze ſiegt und mit Vollkommenheit dieſe Figuren darſtellt, und ihre Farben. Wenn du ſie betrachteſt, koͤnnteſt du glauben, Licht und Farbe ſei eins.— Die Sonne iſt untergegangen, und eben laͤutet die Vesperglocke,» ſchloß der Pater Inocencio, indem er ſeinen Hut abnahm und ſtill betete. Die ganze Geſellſchaft folgte ſeinem Beiſpiel, bis auf Ruggieri und Mr. Brown, wel⸗ che ſich davon ſchlichen. Nachdem man ſich ge⸗ genſeitig eine gute Nacht gewuͤnſcht, und dem gu⸗ ten Pater herzlich fuͤr ſeine Muͤhe gedankt hatte, begab ſich Antonio mit ſeiner Schweſter und ih⸗ rer Freundin nach dem Saale des Comares, wo das Feſt, zu dem ſie geladen waren, gegeben wer⸗ 291 Skizzen aus Spanien. den ſollte. Die uͤbrigen Mitglieder der Geſell⸗ ſchaft wollten den Alhambra wieder verlaſſen, al⸗ lein ſie begegneten an dem Thore dem Gefe Po⸗ litico ſelbſt, der ſie als Bekannte des wuͤrdigen Geiſtlichen ſogleich einlud, Theil an dem Feſte zu nehmen, was ſie auch annahmen. In dem ſchoͤ⸗ nen Saale war ſchon eine große Menge von Maͤnnern und Frauen verſammelt. Erfriſchun⸗ gen aller Art wurden herumgetragen, und eben gab der Ton der Violine und Floͤte das Zeichen zum Tanze, der auch begonnen hatte, als An⸗ tonio mit ſeinen Begleiterinnen eintrat. Sie wuͤnſchten der Hausfrau Gluͤck zu ihrem Namens⸗ tage, und dieſe empfing die Damen, und beſon⸗ 4 ders Dolores, mit freundlichen Vorwuͤrfen uͤber ihr langes Ausbleiben. Dolores verſicherte aber, ſie habe ihre Zeit ſehr gut angewandt, und habe un⸗ geheuer viel gelernt, zog auch alsbald ihre junge Freundin Conchita, die Tochter der Dame, bei Seite, wo, wie ihr lebhaftes Haͤndeſpiel bewies, die wichtigſten Dinge verhandelt wurden. Fer⸗ nanda wurde zum Tanz aufgefordert, und Anto⸗ nio fand ſich bald in ein Geſpraͤch mit einigen aͤltern Maͤnnern verflochten.— Nachdem einige franzoͤſiſche Taͤnze getanzt 19* * Skizzen aus Spanien. worden waren, und eine augenblickliche Pauſe ein⸗ trat, ward auch Antonio in ſeinem Geſpraͤch un⸗ terbrochen, indem Rojas, der einige Tage zuvor in Granada angekommen war, ihn und ſeine Schwe⸗ ſter mit großer Freude bewillkommte, und dann Dolores fuͤr den naͤchſten Rigodon aufforderte. «Ei was Rigodon!— rief aber Antonio's gaſt⸗ freier Wirth, der alte Gallardo, der in der Naͤhe ſtand, dazwiſchen— eoͤnnt ihr junges Volk denn heut zu Tage gar nichts mehr tanzen, als die ſteifen auslaͤndiſchen Frazzen. Wenn ich wie Ihr waͤre, junger Herr, ſo wuͤrde ich eine Dirne, wie unſere kleine Dolores, zu nichts auffordern, als zum Fandango oder Bolero. Gottes Leben! wozu hat ſie denn das Salz in ihren Glieder⸗ chen, das mir in meinen alten Tagen noch den Kopf verdreht.— Sollen wir den Fandango verſuchen, mein Nelkchen?» fragte nun der wa⸗ ckere Alte die Kleine, aber Rojas ließ ſich das Ding nicht zweimal ſagen, ſondern forderte unter dem lauten Beifall der Geſellſchaft Dolores auf, den Fandango mit ihm zu tanzen.«Ei warum nicht? nur her mit den Caſtafuelas“— rief Dolores, leicht wie ein Reh aufſpringend— wir Skizzen aus Spanien. 293 wollen doch ſehen, was der Herr Madrileno*) vom Fandango verſteht!“— Schmunzelnd rief der alte Don Blas:„das iſt mein wackres Maͤd⸗ chen! Kein Gezier und Gezimpere!— Da koͤnnte ich meine Fernanda lange bitten, die tanzte keinen Fandango mehr— und konnte es doch ſonſt ſo gut als eine in Andaluſien. Aber jetzt— da muß alles franzoͤſiſch ſein, und auslaͤndiſch, wie ihre Conſtitution auch— ſetzte er halblaut hinzu; allein Niemand achtete ſeiner Worte, denn der Klang der Guitarre und das raſche Klappern der Caſtanuelas hatte ſchon Augen und Ohren, und alle Seelen der Geſellſchaft ungetheilt an das junge Paar gefeſſelt, was den Lieblingstanz der Spanier begann.— Der Fandango iſt von manchen Reiſenden be⸗ ſchrieben, und als unzuͤchtig und unmoraliſch ver⸗ ſchrieen worden, und zwar grade von den Reiſen⸗ den, welche ihn am. unzuͤchtigſten beſchrieben; in Wahrheit iſt aber eigentlich nichts Unzuͤchtiges daran, als die Beſchreibungen dieſer Herren, beſonders ge⸗ *) Madrileſto, Einwohner von Madrid oder Madriter, wenn man lieber will; es ſcheint mir aber im Ganzen beſſer, die landesüblichen Benennungen zu gebrauchen. 3. B. klingt Gadetano gewiß vernünftiger, als Cadixer. 294 Skizzen aus Spanien. wiſſer Engliſcher Reiſender, in deren maſtiger Phan⸗ taſie von der Pruͤderie zur Beſtialitaͤt nur ein Schritt iſt.— Dieſen Herren geht es ohne Zwei⸗ fel mit der Venus von Medici oder mit einem Gemaͤlde von Albano oder Tizian, eben ſo wie mit dem Fandango und Bolero.— Aber das iſt ihre Sache. Sie deuten die Erſcheinung nach ih⸗ rer Art. Einen Tanz oder eine Melodie beſchrei⸗ ben zu wollen, iſt das undankbarſte Geſchaͤft von der Welt, und wie ſehr man ſich auch plagen wollte, ſo ließe ſich am Ende vom Fandango doch nichts ſagen, als daß es eine Folge der anmuthig⸗ ſten Stellungen und Bewegungen iſt, deren der weibliche oder maͤnnliche Koͤrper faͤhig iſt, daß der Leib, die Glieder, der Kopf, die Augen, die nicht ſowohl lebhafte als leidenſchaftliche Tanzweiſe, der raſche, ſchmetternde Schall der Caſtanuela, daß alle dieſe gleich ſehr dazu beitragen, das reizendſte Ganze zu bilden, was man ſich denken kann. Daß dieſes Ganze nun eben nicht den Eindruck eines Gerippes oder einer Faſtenpredigt macht, iſt frei⸗ lich wahr, und wenn dies Ganze durchaus anmu⸗ thig ſchoͤn iſt, ſo iſt es freilich auch wolluͤſtig, aber nur in dem Sinne, wie es die Venus von Medici auch iſt.— Es iſt die Poeſie der Wol⸗ 2 Skizzen aus Spanien. 9* 295 luſt. Die erſten Klaͤnge der beliebten Weiſe hat⸗ ten wie ein Zauber auf die Geſellſchaft gewirkt. Alles draͤngte ſich um die beiden Taͤnzer, und fuͤr den Moment ſchien der Anblick wahres nationelles Gemeingut geworden zu ſein, denn auch von drau⸗ ßen eilte, ſoweit der Klang vernehmbar war, Alles herbei, der Kaſtellan vergaß in der Haſt die Thuͤr des Pallaſtes zu ſchließen, Tageloͤhner, Handwer⸗ ker, Bauern, verließen das nahe Ballſpiel*), und vermehrten die Geſellſchaft, ohne daß es Jeman⸗ den eingefallen waͤre, ſie auszuſchließen. Anfangs herrſchte die Stille der geſpannteſten Aufmerkſam⸗ keit, ſo wie aber die Taͤnzer, ſelbſt hingeriſſen durch das Begeiſternde dieſes Tanzes, immer groͤßere Ge⸗ wandtheit und Anmuth entwickelten, brach auch der Antheil und der Beifall der Zuſchauer unaufhalt⸗ ſam hervor. Mit Haͤnden und Fuͤßen begannen ſie den Takt zu ſchlagen, und durch unwillkuͤhrliches Schnalzen und Schnellen mit den Fingern ihr Entzuͤcken auszudruͤcken. Ausrufungen des Beifalls und der Ermunterung ließen ſich von allen Sei⸗ ten hoͤren, als z. B.«Hui! Kinderchen!“— *) Juego de la pelota, ein in Spanien bei allen Stän⸗ den ſehr beliebtes Spiel, wozu auch auf dem Alhambra ein Platz eingerichtet iſt. 296 Skizzen aus Spanien. «Wohl gemacht, Maͤdchen!)—«Nur zu Koͤ⸗ nigin!)—„Gott ſegne dich, Morenita!— «Brav gemacht! der Madrileño!“— Als aber endlich die beiden Taͤnzer einhielten, und mit ei⸗ ner gravitaͤtiſchen Verbeugung endeten, worauf Do⸗ lores ſich nach ihrem Sitz, und Rojas nach der andern Seite zuruͤckzog, brach der Beiſall von al⸗ len Seiten betaͤubend aus, daß es weit hin durch die alten Hallen ſchallte, und Dolores wurde bei⸗ nahe unter den Liebkoſungen erſtickt, womit die Frauen ſie uͤberhaͤuften.— Es ſollten nun noch einige franzoͤſiſche Tanze getanzt werden, aber Niemand ſchien Luſt dazu zu haben, und ſo beſchloß man, nach dem Paſeo am Genil hinabzugehen, und die herrlihhe Nacht im Freien zu genießen. Schon hatte ſich die ganze Geſellſchaft entfernt, als Antonio ſeine Schweſter vermißte, und zuruͤckeilend, fand er ſie am Eingange des Loͤwenhofes ſtehend. Als ſie ihn gewahrte, winkte ſie ihn herbei, ihm zugleich durch Zeichen Stillſchweigen empfehlend.«Die Geiſter! Die Abencerrages! fluͤſterte ihm Dolores leiſe zu, in⸗ dem ſie nach dem Hofe hineindeutete. Wirklich bot ſich Antonio hier ein ſonderbarer Anblick dar. In dem zauberiſchen, unſicheren Lichte des Voll⸗ Skizzen aus Spanien. 297 mondes glaͤnzten die weißen Marmorfſaͤulen, gegen welche ſich die dunklen Cypreſſen des Gartens grel⸗ ler hervorhoben, und hin und wieder ſchienen wei⸗ ße Nebelgeſtalten die Laͤnge entlang zu gleiten— ſei es nun, daß es eine Taͤuſchung war, durch die Schatten der ſanft im lauen Nachtwinde gewiegten Cypreſſen und Lorbeeren, oder durch die leichten Woͤlkchen, welche auf Augenblicke den Mond ver⸗ huͤllten, oder endlich durch leichte Duͤnſte hervor⸗ gebracht— ſei es, wie Dolores verſicherte, daß die ermordeten Abencerrages den Schauplatz ihres Glanzes und ihres Falles wieder beſuchten. Da⸗ bei ließen ſich neben dem Plaͤtſchern des Loͤwen⸗ brunnens ſonderbare, klagende Toͤne vernehmen, wie laͤngs den Hallen und Saͤulengaͤngen hinzie⸗ hend, und trotz allen Einwendungen des Verſtan⸗ des, konnte Antonio ſein Gehoͤr nicht uͤberzeugen, daß der Klagelaut ſich nicht dicht neben ihm und gleichſam unter ſeinen Fuͤßen hinzog*).«Siehſt *) Der Verfaſſer hat dieſe ſonderbaren Töne ſelbſt mehr denn einmal vernommen, und bei einem gewiſſen Mondlicht, gewährt der Löwenhof des Alhambra aller⸗ dings einen ſehr ſonderbaren Anblick, der die Sage von den Geiſtern der Abencerrages wohl rechtfertigen kann. Wem daran läge, der könnte jene Töne ohne Zweifel akuſtiſch erklären, allenfalls durch die vielen, 298 Skizzen aus Spanien. du wohl, Antonio!» ſagte leiſe Dolores, als ſie ſich endlich losriſſen.«Sonderbar!— erwiederte Antonio wie fuͤr ſich— aber haſt du dich denn nicht gefuͤrchtet, ſo allein zuruͤckzubleiben, Dolorci⸗ tas2)—»Fuͤrchten?— lachte die Kleine— ei warum nicht gar! wir ſind ja Chriſten, was ſollten uns die armen Abencerrages thun, wenn ſie auch wollten?“— Bald hatten ſie die Geſellſchaft wieder einge⸗ holt, und ſtiegen nun unter allerlei Bemerkungen Glaͤubiger und Unglaͤubiger uͤber die Erſcheinung, welche Dolores ſich ſogleich beeilte ihrer Freundin Fernanda zu erzaͤhlen, den Berg hinab.— „In der Stadt war alles munter, und mit Ge⸗ ſang und Tanz ward die Johannisnacht gefeiert. Jeden Augenblick begegneten ſie kleinen Zuͤgen von jungen Leuten und Maͤdchen, welche nach dem mun⸗ teren Klang der Guitarre, des Pandero(Tambu⸗ rin) und der Caſtanuelas tanzend umherzogen. Von Zeit zu Zeit hielten ſie ſtill, entweder um ein Staͤndchen zu bringen, oder auch um ein Spottlied zu ſingen, oder um einem Paar Zeit und jetzt meiſtens Brunnenröhren, welche nach allen Rich⸗ tungen unter dem Boden wegziehen, der vielen unterir⸗ diſchen Gänge des Alhambra nicht zu gedenken. Skizzen aus Spanien. 299 Raum zu laſſen, den Fandango, die Cachucha oder auch die Matraca zu tanzen. Durch die offenen Hausthuͤren erblickte man uͤberall in den vom Mon⸗ de erleuchteten Hoͤfen nicht weniger anmuthige Grup⸗ pen. Die aͤltern Leute in traulichem Geſpraͤch, oder auf die Reden eines Geiſtlichen horchend, die juͤngern vor ihnen tanzend, oder mit Geſang und Spiel die Zeit kuͤrzend. Immer lauter ward die Froͤhlichkeit, und groͤßer war das Gedraͤnge auf den Straßen, jemehr man ſich dem Ufer des Genil naͤherte, denn nach dieſer Richtung ſchien alles hin⸗ gezogen zu werden. Auf dem Paſeo, in dem an⸗ ſtoßenden Gehoͤlz wimmelte es von frohen Men⸗ ſchen, und von allen Seiten in der Naͤhe und Ferne und von den Hoͤhen her erſchallten durch die heitere Nacht Toͤne der Froͤhlichkeit. Der Jo⸗ hannisabend bringt in Andaluſien eine Art von Maskenfreiheit ohne Masken mit ſich, naͤhmlich die unbegraͤnzte Freiheit, Jedermann, beſonders aber jede Dame, als eine Bekannte anzureden, was zu einer reichen Quelle von Scherz und Ernſt wird.— In der Naͤhe des Paſeo waren zahlreiche Ti⸗ ſche aufgerichtet, wo Zuckerwerk, oder Erfriſchungen, Waſſer und Sorbete verkauft wurden. Mit Blu⸗ men geſchmuͤckt, und mit bunten Papierlampen 300 Skizzen aus Spanien. erleuchtet, gewaͤhrten ſie einen angenehmen Anblick. Um eines dieſer Tiſchchen war ein dichter Kreis verſammelt, von welchem Lachen und Scherz weit hin erſchallte. Als Antonio mit ſeiner Schweſter und einigen von ihrer Geſellſchaft ſich dieſem Kreiſe naͤherte, zog ſie die muntere Melodie eines Zigeu⸗ nerliedchens an, was von einer klaren, weit hin toͤnenden Stimme geſungen wurde. Es war dies ohne Zweifel das ſogenannte: Arza Pilili, was wir jedoch dem Leſer, der nicht Spaniſch verſteht, nicht verſtaͤndlich machen koͤnnen, da es der vielen andaluſiſchen Provinzialismen we⸗ gen unuͤberſetzbar iſt. Wir koͤnnten nun zwar freilich mit Leichtigkeit ein ſehr romantiſches Liedchen, von unſerm eignen Fabrikat, der huͤbſchen Paquita in den Mund legen— dies laͤßt aber die ſtrenge Gewiſſenhaftigkeit, welche unſer erſtes Geſetz in die⸗ ſer Erzaͤhlung iſt, nicht zu, wir geben daher den Kennern der Spaniſchen Sprache hier das Liedchen im Originale, und in einer Beilage die Melodie, beide als aͤchtes ſpaniſches Zigeunergewaͤchs ver⸗ buͤrgend: „ Skizzen aus Spanien. 301 I. Do que sirve a los Usias Camelar a lo sefor, Si carecen de zandunga A la mejor ocasion? Asi de majota Quiero siempre. andar, Que es el manejillo De derramar sal. X yo le digo(Arza Pilili.) Arrimate para allâ. II. Un seflor currutaguiyo Me quire mi jonjabar Y se viste mil modos Para poderme agradar. Todo es dar saltitos, Los pies arrastrar, Refruncir la boca, El pelo peynar. Y yo Je digo(Arza Pilili) Arrimate para allâ. Un santurron embustero Me quiere a mi cortejar pretende mas que todos Con capa de santidad; 302 Skizzen aus Spanien. Yo que le conozco Le dexo al hablar X quando respondo Es con mucha sal. yo le digo(Arza Pilili) 9 Arrimate para allâ. Un real majo me camela Que es el que gusto me da, Pues se me quita el sentibo Solo de verle baylar. Le toco las palmas X el con mucha sal Bayla una nnatraca Muy particular. Pilili) 2 X yo le digo Arrimate para a. Dolores glaubte die Stimme zu kennen, und erblickte auch bald ihre Freundin Paquita, die, wie damals auf dem Markte von Mairena, es ſich an⸗ gelegen ſein ließ, ihre zahlreichen Verehrer zu quaͤ⸗ len.— Dolores nickte und winkte ihr im Verbeige⸗ hen freundlich mit dem Faͤcher, und kaum hatte Paquita ſie erblickt, als ſie aufſprang, und blitz⸗ ſchnell den Kreis ihrer Anbeter durchbrechend ſtand ſie bei Dolores, ſie mit Kuͤſſen und Liebkoſungen 5 Skizzen aus Spanien. 303 uͤberhaͤufend:«Sanct Johann ſegne deine Augen, mein Leben! Ich werde toll vor Freude, daß ich dich endlich wiederſehe, meine Nelke, wo biſt du denn ſo lange geweſen?— Dolores beantwor⸗ tete in wenig Worten ihre Fragen, und Paquita fuhr ohne viel darauf zu hoͤren fort:«nun, willſt du dich in dieſer geſegneten Johannisnacht auch im Genil baden, um weiß zu werden wie der Schnee der Sierra Nevada, meine Koͤnigin?— Thu⸗ es nicht— ſetzte ſie leiſer hinzu, indem ſie Dolo⸗ res bei Seite zog— du haſt es auch gar nicht noͤthig, Morenita. So wie du biſt, gefaͤllſt du mir am Beſten und Jemand anders auch. Du brauchſt nicht roth zu werden, Schatz— Chri⸗ ſtoval iſt der bravſte Junge in Andaluſien, und der ſchoͤnſe— nach Eſteban verſteht ſich.— Aber im Ernſt— fuhr die Schwaͤtzerin ploͤtzlich ernſthaft werdend fort— habt ihr was an Chri⸗ ſtoval zu beſtellen, Señorita?— Ich gehe mor⸗ gen fort ins Gebirge.“—«Du Paquita, in's Gebirge? was faͤllt dir ein?» rief Dolores ver⸗ wundert.«Ja, ja— ſprach die Zigeunerin, ſich aͤngſtlich umſehend— aber ſprecht leiſe. Eſteban hat es mir erlaubt.— Erſt wollte er nichts da⸗ von hoͤren, er hat genug geflucht, geſcholten und 304 Skizzen aus Spanien. gebeten, und ich habe geſcholten und gebeten, und Gott weiß, was Alles— ich waͤre in's Waſſer geſprungen, wenn er's nicht erlaubt haͤtte. Er hat mich wohl ein bischen lieb, aber er meint, ich werde ihm im Wege ſein, und es nicht aushalten im Gebirge— es geht gerade jetzt ſcharf her.— Aber er kennt Paquita nicht!—«Aber um Gottes⸗ willen, was willſt du im Gebirge, Maͤdchen?“ rief Dolores wieder:«Leiſe, leiſe— fuhr Paquita fort 1 — wenn es der Vater erfaͤhrt, bin ich verloren. Er hat mich dem Schlaͤchter Romero zur Frau verſprochen, und hat mir geflucht, wenn ich je Eſteban wiederſaͤhe— und den Eſteban hat er geſchworen zu erſtechen, wo ſer ihn findet.— Ach Gott, Seſorita, ich bin recht ſchlimm dran gewe⸗ ſen; aber jetzt iſt alles gut, ſeh' ich doch morgen meinen Eſteban wieder, und kann bei ihm blei⸗ ben.— Chriſtoval iſt auch bei ihm, und laͤßt euch ſchoͤn gruͤßen. Ach, der iſt verliebt in dich, meine Roſe!“—„Koͤnnte ich doch mit»— unterbrach ſie furchtſam Dolores.—«Ei be⸗ wahre, das waͤre nichts fuͤr Euch, Senorita— fuhr aber Paquita fort.— Nein, nein, dazu ſeid Ihr zu zart, das koͤnnten wir Alle nicht mit an⸗ ſehen. Aber ſei nur ruhig, Kind, es wird noch Skizzen aus Spanien. 305 Alles gut, und ehe ein halb Jahr vergeht, iſt Chriſtoval dein Mann, und lacht die Milicianos aus. Ich darf nur nicht Alles ſagen, was ich weiß.— Nein, ſagt mir was ich ihm von Euch ſagen ſoll, aber ſchnell)—« Sag ihm . ſag ihm...» ſtotterte Dolores verlegen.— «Ich weiß ſchon Alles, Kind, und will Alles beſtellen, und daß du nichts nach all' den feinen jungen Herren fragſt— nicht wahr, Dolores? — Jetzt leb wohl, Engel.“— Damit ſprang Paquita nach ihrem Platze zuruͤck, und uͤberließ es der armen Dolores, die Scherze und Fragen zu beantworten, welche die Geſellſchaſt uͤber dieſe geheimnißvolle Unterredung an ſie richtete. Es folgt nun in dem Leben der Menſchen, fuͤr welche wir den Antheil des Leſers zu gewinnen verſucht haben, eine Epoche von mehren Mona⸗ ten, waͤhrend welchen das Einerlei des taͤglichen Lebens durch keinen bemerkenswerthen Vorfall un⸗ terbrochen ward. Die Entſcheidung von Antonio's Angelegenhei⸗ ten verzoͤgerte ſich von einer Woche, von einem Monate zum andern. Obgleich ſeine Verbindungen 20 Skizzen aus Spanien. in Madrid, ſeine Stellung in der Maurerei, ihn den Behoͤrden dringend empfahlen, obgleich die weltlichen Behoͤrden es auch in der That nicht an Verſicherungen und Schritten fehlen lie⸗ ßen, um eine ſeinen Wuͤnſchen entſprechende Ent⸗ ſcheidung zu beſchleunigen, ſo ſcheiterten doch ſeine und ihre Bemuͤhungen an der unſichtba⸗ ren Gewalt der geiſtlichen Macht, welche ſchein⸗ bar durch die Verfaſſung eines großen Theils ih⸗ res Einfluſſes beraubt, dennoch allen Zumuthun⸗ gen, die ihren Anſichten oder Zwecken zuwider waren, durch tauſend Mittel, beſonders aber durch die unuͤberwindliche vis inertiae einen faſt immer gluͤcklichen Widerſtand entgegen zu ſetzen wußte, und nur den guͤnſtigen Augenblick abwartete, um ihre alte Oberherrſchaft wieder zu ergreifen. In ihren Augen war und blieb Antonio ein entlauſener Moͤnch, und keine Zeit, kein von der weltlichen Macht ausgehendes Geſetz konnte ihn von dieſer Schuld reinigen. Die Strafe ſchwebte uͤber ihm, bereit ihn zu faſſen, ſobald die verhaßten Banden gebrochen waͤren, die fuͤr den Augenblick ihren Arm zuruͤckhielten. Waͤhrend man dem Anſcheine nach nur zweifelhaft war, welche vortheilhafte geiſtliche Stelle man Antonio — — Skizzen aus Spanien.. 307 anbieten ſolle, waͤhrend es ſchien, als wenn nur einige unbedeutende Foͤrmlichkeiten bei der Unter⸗ ſuchung und Rechtfertigung ſeiner Entweichung aus dem Kloſter, ſeine Befoͤrderung verzoͤgerten, war dies alles nur ein Spiel, wodurch er und die weltlichen conſtitutionellen Behoͤrden hingehal⸗ ten wurden. Sein Urtheil war laͤngſt unwider⸗ ruflich gefaͤllt: ewige Gefangenſchaft in den Ker⸗ kern irgend eines Kloſters.— Antonio kannte die Welt, kannte die Kirche, ihre Diener und ihren Geiſt zu gut, um nicht bald, wenigſtens bis zu einem gewiſſen Punkte, die wahre Lage der Dinge zu durchſchauen, und er konnte ſich oft einer bangen Ahnung nicht erwehren, die ihn verfolgte und zuweilen wie Kerkerluft anwehte, wenn er ſich dieſen Menſchen gegenuͤber fand, die theils mit geheuchelter Bereitwilligkeit und Milde, theils mit ſchlechtverhaltenem Grimme der Erfuͤl⸗ lung ſeiner Wuͤnſche gleich wirkſam entgegen ar⸗ beiteten. Unter denjenigen, die er beſonders als ſeine thaͤtigſten Feinde anſehen mußte, war der hef⸗ tigſte und einer der gefaͤhrlichſten, jener Pater Fran⸗ cisco, dem wir ſchon einigemale in dieſer Erzaͤh⸗ lung begegnet haben. Das Mislingen ſeiner Un⸗ ternehmung in Cordova hatte weder fuͤr ihn noch 20* 308 Skizzen aus Spanien. fuͤr die andern Haͤupter der Verſchwoͤrung, die ge⸗ ringſten ſchlimmen Folgen gehabt, ſo weit ging die Blindheit oder Maͤßigung der ſpaniſchen Liberalen. Bei ſeinen haͤufigen geheimnißvollen Hin⸗- und Herzuͤgen zeigte er ſich oͤfters in Granada, wo er bei dem Erzbiſchoff und andern hohen geiſtlichen Behoͤrden einen Einfluß ausuͤbte, der mit ſeiner aͤußerlichen Stellung in der Kirche in keinem Ver⸗ haͤltniß ſtand. Es war der Einfluß, den in ſol⸗ chen Zeiten der Kuͤhnſte, der Thaͤtigſte, der wel⸗ cher nichts zu verlieren und Alles zu gewin⸗ nen hat, uͤber diejenigen ausuͤbt, die durch Feig⸗ heit oder andere Nuͤckſichten verhindert werden, ſich an die Spitze gefahrvoller Unternehmungen zu. ſtellen. Gegen Antonio zeigte der Pater Francisco bei jeder Gelegenheit ſo feindſelige Geſinnungen, daß ſie mehr das Anſehen einer perſoͤnlichen, als einer politiſchen Feindſchaft hatten, obgleich Antonio ſich durchaus nicht entſinnen konnte, jemals Ver⸗ anlaſſung dazu gegeben zu haben. Abgeſehen von den Unannehmlichkeiten und gelegentlichen Geſchaͤften, welche dieſe Angelegenheit fuͤr ihn herbeifuͤhrte, fing Antonio bald an, ſich in Granada zu gefallen, obgleich es ihm anfangs doch ſchwer wurde, ſich an die einfache ſpaniſche Lebens⸗ Skizzen aus Spanien. 309 art zu gewoͤhnen, und ſich damit zu verſoͤhnen, daß eine Stadt von beinahe ſiebzig tauſend Ein⸗ wohnern keine andere oͤffentliche Beluſtigungsorte haben ſolle, als ein kleines, wenig beſuchtes und ſehr mittelmaͤßiges Theater, und eine Plaza de Toros, welche freilich deſto groͤßer, und zur Zeit der Stiergefechte deſto beſuchter iſt.— Antonio ſelbſt beſuchte dieſes blutige Schauſpiel niemals, da es zu ſehr ſeinen Begriffen von Civiliſation, ſeinen Anſichten und Gefuͤhlen von Menſchlichkeit wider⸗ ſprach. Dennoch geſtand er, daß die Erinnerun⸗ gen aus ſeiner Jugend ihn oft faſt unwiderſteh⸗ lich dahin zoͤgen, und in ſeiner Phantaſie alles, was er ſeitdem in London oder Paris an pracht⸗ vollen Feſten und Schauſpielen geſehen habe, ver⸗ dunkelte. Auch Fernanda fand kein Gefallen an dieſen Kaͤmpfen, deſto mehr aber Dolores, die zu ſehr Spanierin war, um die Gruͤnde auch nur anzuhoͤren, noch weniger zu verſtehen, welche ihre Freundin und ihr Bruder hervorſuchten, um ſie zu uͤberzeugen, daß es ihrer unwuͤrdig ſei, an ei⸗ nem ſo grauſamen Schauſpiel Gefallen zu finden; beiden war es ein Raͤthſel, wie es dem kindlich frommen, ſanften Maͤdchen moͤglich ſei, mit ei— ner ſolchen Hartnaͤckigkeit ihren Vorſtellungen zu 310 Skizzen aus Spanien. widerſtehen, und bald durch Spott, bald durch Spitzfindigkeiten, bald durch eine unbegreifliche Einfalt des Glaubens jeder Ueberzeugung in die⸗ ſem wie in vielen andern Punkten auszuweichen, wenn ſie den aus ihrer Erziehung und Umgebung entſtandenen Vorurtheilen widerſprach. Je unzu⸗ friedener uͤber dieſen Gegenſtand Antonio und Fernanda mit der Kleinen waren, deſto mehr er⸗ freute ſie ſich des Beifalls des alten Don Blas, der nicht nur aus wirklicher Neigung, ſondern auch aus einer Art von eigenſinnigem Trotz, ſelten ein Stiergefecht verſaͤumte, grade weil er wußte, daß die Auslaͤnder und die aufgeklaͤrtern Spanier dieſe alten ſpaniſchen Nazionalfeſte tadelten, und daß die Liberalen dagegen eiferten. Die Abnei⸗ gung ſeiner eigenen Tochter gegen dieſelben er⸗ ſchien ihm als eine Entartung, die er den heillo⸗ ſen Lehren des Freimaurers und Jakobiners, wie er ſeinen Schwiegerſohn nannte, zuſchrieb, und um ſo mehr lobte er es an ſeiner kleinen Dolo— res, daß ſie ſich keine ſolche auslaͤndiſche Gedan⸗ ken in den Kopf ſetzen laſſe, ſondern eine echte Andaluſierin ſei und bleibe. Trotz dieſes und einiger andern Punkte, wel⸗ che zuweilen Anlaß zu Str eitigkeiten unter Anto⸗ Skizzen aus Spanien. 311 nio's Hausgenoſſen gaben, fuͤhrten ſie im Ganzen ein gar angenehmes Leben, und bei ſolchen Ge⸗ legenheiten reichte ein einziges Wort der wuͤrdigen Hausfrau hin, um ſelbſt den polternden, heftigen alten Gallardo augenblicklich zur Ruhe zu bringen. Die Morgen brachten die Maͤnner gewoͤhnlich in Geſchaͤften zu; der alte Gallardo auf ſeiner Schreibſtube, oder in ſeinem mit reichen Sei⸗ denzeugen wohlverſehenen Laden in der Alcayceria — Antonio theils in Geſchaͤftsgaͤngen bei den ver⸗ ſchiedenen Behoͤrden, von denen ſeine Angelegen⸗ heit abhing, theils zu Hauſe leſend und ſchreibend. Gegen Mittag fehlte ſelten einer von beiden auf dem Platze Vivarrambla, oder dem anſtoßenden Zacatin, wo ſich um dieſe Zeit die Maͤnner zu verſammeln pflegten.— Da zahlreiche gemiſchte Gruppen jedes Standes, Kaufleute, Handwer⸗ ker, Landleute, Weltgeiſtliche, Moͤnche von allen Orden und Offiziere von allen Waffen— nur durch Verſchiedenheit oder Uebereinſtimmung poli⸗ tiſcher Meinungen vereint, oder getrennt, wo nicht kaufmaͤnniſche Geſchaͤfte alle andern Ruͤckſich⸗ ten ſchweigen ließen, denn dieſer Platz dient zu⸗ gleich dem Kaufmannsſtande als Boͤrſe.— Von der Art, wie unſere Damen ihre Mor⸗ E 312 Skizzen aus Spanien. gen hinbrachten, moͤchte es nicht ſo leicht ſein Rechenſchaft zu geben, und wenn wir auch billiger Weiſe vorausſetzen, daß die Sorgen der Wirth⸗ ſchaft und weibliche Arbeiten einen Theil ihrer Zeit einnahmen, ſo iſt es doch erlaubt zu glau⸗ ben, daß ein groͤßerer Theil fuͤr ein wichtigeres Geſchaͤft uͤbrig blieb, naͤmlich gar nichts zu thun. Jeden Falls fand Dolores immer noch Zeit ge⸗ nug, um alle Morgen einige Kirchen oder Kloͤ⸗ ſter in Begleitung einer aͤltern Freundin des Hauſes, oder die alte Doſia Joſefa ſelbſt leitend, zu beſuchen, um eine oder auch mehr Meſſen zu „hoͤren, um ihre wenigen unſchuldigen Suͤnden zu beichten, und die auferlegten Bußen abzutragen, um die Blinden und Lahmen an den Kirchenthuͤ⸗ ren, oder auch beſcheidenere Arme in ihren Haͤu⸗ ſern durch Almoſen zu erfreuen, deren Verthei⸗ lung der alte Don Blas ſeinem kleinen Liebling gerne uͤberließ. Beſonders aber verging ihr man⸗ che Stunde an den Sprachgittern der Nonnenkloͤ⸗ ſter. Die jungen Schweſtern konnten kein Ende finden, ſie zu herzen und allerlei Geheimniſſe mit ihr zu verhandeln, ſo daß die Kleine oft den Eindruck der metallenen Gitterſtaͤbe noch den gan⸗ zen Tag auf der Stirn trug. Die guten alten Skizzen aus Spanien. 313 Kloſterfrauen konnten aber eben ſo wenig ein En⸗ de finden, wenn ſie einmal angefangen hatten, der frommen Tochter wunderbare Legenden zu erzaͤh⸗ len, ihr Gebete zu lehren, ſie mit Vermahnun⸗ gen gegen die Lockungen der ſuͤndigen Welt, mit geweihten Bildchen und beſonders mit Zuckerwerk zu uͤberſchuͤtten, ſo daß Dolores faſt jedem Corſario ein Koͤrbchen mit dergleichen Gaben an ihre Schwe⸗ ſter und die Kinder in Benamerxi mitgeben konnte Dona Fernanda zu Ehren darf nicht vergeſſen werden, daß ſie, gegen die Gewohnheit der Spa⸗ nierinnen, einen Theil des Morgens mit Leſen und ſogar zuweilen mit Schreiben zubrachte, und dann ſchlich Dolores immer ganz leiſe im Hauſe umher, und empfahl, damit Fernanda ſtudiren koͤnne, al⸗ len dieſelbe Stille, ſelbſt dem großen Haushund Berganza, der ihr wedelnd und ſie mit den treuen Augen ſorgſam huͤtend uͤberall nachzuſchreiten pfleg⸗ te, immer zu ihren Fuͤßen ſeinen Platz einnahm, und ſich zu allen ihren kindiſchen Neckereien und Spielen geduldig hergab. Das einfache Mittagsmahl vereinte gegen ein Uhr alle Hausgenoſſen wieder im Hofe, der, we⸗ nige Wochen des Winters ausgenommen, uͤber⸗ haupt der gewoͤhnliche Aufenthaltsort der Familie 314 Skizzen aus Spanien. war. Dann folgte die Sieſta, welche bis gegen ſechs oder halb ſieben Uhr dauerte. Der Abend ward dann in der Tertulla zugebracht, oder auf dem Paſeo, wo die Kuͤhle der herrlichen Naͤchte die Spaziergaͤnger oft bis nach Mitternacht ver⸗ ſammelte. Don Blas Gallardo war mit den beſten Familien der Stadt durch Geſchaͤfts⸗ oder Ver⸗ wandtſchafts⸗Verhaͤltniſſe verbunden, und ſein Haus ſtand, nach ſpaniſcher Sitte, nicht nur ſeinen Bekannten und Freunden, ſondern auch den Bekannten ſeiner Bekannten bis in's dritte und vierte Glied offen, ſo daß ſich faſt jeden Abend bei ihm eine zahlreiche Geſellſchaft zur Ter⸗ tulla einfand, um ſich durch Geſpraͤch, durch Ge⸗ ſang und Tanz zu erfreuen. Antonio fand bald in dieſem Kreiſe nicht nur eine angenehme Unterhaltung, ſondern auch in dem Verkehr mit einigen ausgezeichnetern Maͤn⸗ nern eine genuͤgende Nahrung fuͤr ſeinen Geiſt, waͤhrend ihm ſeine Kenntniß des Auslandes und ſeine Bildung einen auch ſeiner Eitelkeit ſchmei⸗ chelnden Platz in demſelben ſicherte.— Unter den vielen juͤngern Frauen, welche ſich hier verſammelten, zeichneten ſich, obgleich — —— Skizzen aus Spanien. 315 auf ſehr verſchiedene Art, beſonders Fernanda und Dolores aus, und beiden fehlte es nicht an Be⸗ werbern um ihre Gunſt, obgleich beide mit der den Spanierinnen eigenen Aufrichtigkeit weder ihre Verehrer, noch die Geſellſchaft ſelbſt lange im Zwei⸗ fel daruͤber ließen, daß ihre Herzen nicht mehr frei ſeien. Fernanda's großartiger, gewiſſermaßen antiker Charaͤkter, der ſich auch in ihrer ſtrengen Schoͤnheit, in der tiefen ernſten Gluth ihres Bli⸗ ckes ausſprach, ihr mehr kraͤftiger als klarer Ver⸗ ſtand, ihr Enthuſiasmus fuͤr die Sache der Frei⸗ heit, der mit ihrer Liebe fuͤr ihren fernen Ge⸗ mahl in ein Gefuͤhl verſchmolzen war, endlich ihre, fuͤr eine Spanierin vielſeittge und reiche Bil⸗ dung, zog die ausgezeichnetſten Maͤnner unwi⸗ derſtehlich zu ihr heran, waͤhrend jede Mittelmaͤßig⸗ keit und Schwaͤche ſich von ſelber ſcheu von ihr fern hielt. Antonio ſelbſt konnte ſich bald die Gefahr einer ernſtern Leidenſchaft fuͤr Fernanda nicht verhehlen, waͤhrend ſeine Grundſaͤtze ihm geboten, eine ſolche um jeden Preis zu meiden oder zu beſiegen; ob ihm dies auf die Laͤnge ge⸗ lungen waͤre, koͤnnen wir nicht entſcheiden, auf je⸗ den Fall aber wußte er ſich, bis das Geſchick ſie trennte, jene Unabhaͤngigkeit zu erhalten, die 316 Skizzen aus Spanien. in ſeiner Lage geziemend und zum unbefangenen ge⸗ ſellſchaftlichen Umgang noͤthig war.— Waͤhrend nur Wenige es wagten, auf einen ver⸗ trautern Umgang mit Fernanda Anſpruch zu ma⸗ chen, waͤhrend ihr ganzes Weſen beſonders die Frauen von ihr entfernte, bezauberte Dolores An⸗ muth, ihre kindliche Unbefangenheit, ihr immer gleicher Frohſinn, die Herzen aller, ſelbſt derjenigen unter den Frauen, deren unbewußte oder doch abſichtsloſe Nebenbuhlerin ſie ward. So fehlte es Rojas, deſſen Leidenſchaft fuͤr ſie immer wuchs, nicht an Mitbewerbern, und grade, daß keiner von al⸗ len ſich der geringſten Beguͤnſtigung ruͤhmen konnte, daß ſie ihn ſelbſt mit der groͤßten Unbe⸗ fangenheit als fruͤhern Bekannten, als beſonders werthen Geſellſchafter auszeichnete, bewies ihm bald, daß er nichts weiter zu hoffen habe. Al⸗ len begegnete ſie mit heiterem Wohlwollen, mit dem Wunſche froh zu ſein, und froh zu machen, aber ihr Herz blieb bei Chriſtoval, und die Scherze oder ernſten Vorſtellungen derjenigen, welche etwas von ihres fernen Geliebten Treiben wußten oder vermutheten, machten ſie keinen Augenblick irre. Ihr liebſtes und wichtigſtes Geſchaͤft blieb die Pfle⸗ ge der alten, blinden Dona Joſefa, und ruͤh⸗ Skizzen aus Spanien. 317 rend war es zu ſehen, wie ſie oft mitten in lo⸗ ſen Scherzen und lautem Jubel alles vergaß, um die Blinde zu leiten, und ihre leiſeſten errathe⸗ nen Wuͤnſche zu erfuͤllen. Oft, von der from— men Alten aufgefordert, legte ſie dann die Gui⸗ tarre weg, zu der ſie eben ein ſchalkhaftes Lied⸗ chen ſang, und ſetzte ſich auf einen Schemel zu den Fuͤßen der Alten, die Haͤndchen faltend, die großen Augen niederſchlagend, um mit ihr ein Reſponſorium zu beten, wohl eine halbe Stunde lang, waͤhrend auf ihrem Geſicht allmaͤhlig der Ausdruck des ausgelaſſenen Frohſinnes in den der kindlichen Froͤmmigkeit und Andacht uͤberging.— Die Sieſta war geſchloſſen, die Aguadores zogen mit gellendem Ruf durch die Straßen, und boten den erwachten Schlaͤfern ihr eiskaltes Waſſer von der Lilienquelle an*); als der Pater Ino⸗ cencio in das Haus trat, um, ſeinem Verſprechen gemaͤß, die Damen nebſt Antonio zu einem Spa⸗ *) La fuente de las azucenas oberhalb des Ginaraliph, deren Waſſer die Granadiner für beſonders gut hal⸗ ten. 318 Skizzen aus Spanien ziergang nach dem Ginaraliph einzuladen, wozu ſie auch ſogleich bereit waren.— Sie ſchlugen den Weg nach dem Alhambra ein, und erreichten bald das Thor des Gerichtes; dann rechts der Ringmauer folgend, und den Pallaſt Carls V. links liegen laſſend, gelangten ſie auf den weiten, wuͤſten Platz, der den groͤßten Theil des von den Ringmauern umſchloſſenen Raumes einnimmt. Es iſt auffallend— bemerkte un⸗ terwegs der Geiſtliche— daß der Alhambra in ganz Spanien faſt der einzige Ort iſt, an den ſich Sagen von uͤbernatuͤrlichen, geſpenſtiſchen Erſcheinungen knuͤpfen. Von dem Roß ohne Kopf, dem haarigen Ungeheuer, und dem feurigen Stier, die in Alhambra, beſonders aber auf dieſem wuͤſten Platze, ihren Spuk treiben ſollen, haben die Damen ohne Zweifel alberne Erzaͤhlungen genug gehoͤrt— und die Geiſter der ermordeten Abencerragen haben Sie ja ſelbſt geſehen,« ſetzte er laͤchelnd, zu Dolores gewandt, hinzu, die weit V lieber Ernſt als Scherz daraus gemacht haͤtte. «Ich muß Ihnen aber doch einen Vorfall mit⸗ theilen, der mir vor mehreren Jahren von dem Manne erzaͤhlt worden iſt, welcher vorgab ihn er⸗ lebt zu haben. Er hieß Barruga, war lange Sol⸗ Skizzen aus Spanien. 319 dat geweſen, und ich muß ſagen, daß ich ihn nie anders, denn als einen ehrbaren, gewiſſen⸗ haften und wahrheitsliebenden Mann gekannt ha⸗ be. Dieſer nun erzaͤhlte mir, waͤhrend ſeiner letz⸗ ten Krankheit, denn er iſt laͤngſt todt, Folgendes. Er erging ſich eines Abends im Monat Juli am Ufer des Darro, als er auf der letzten Bruͤcke, die nach dem Albayzin hinuͤber fuͤhrt, einen Kriegsmann erblickte, in blauem Kleide mit rothen Litzen, ein Schwert an der Seite und einen Spieß in der Hand. Von Geſtalt war er etwas groß, jedoch wohlgebaut, ſein Angeſicht etwas verwittert, je⸗ doch nicht zuruͤckſchreckend, und ſeine Stimme ſehr angenehm. Der Kriegsmann redete ihn an, und ſagte: wenn er ſein Gluͤck machen wolle, ſo ſolle er ihm folgen. Barruga fragte, ob es ſehr weit ſei, und da er zur Antwort erhielt: es ſei ganz nahe bei; ſo folgte er dem Kriegsmann, jedoch nicht ohne einige Furcht, die ſich aber verlor, als dieſer ihm ſeinen Spieß zu tragen gab. So ſchlu⸗ gen ſie den Weg ein, der in der Schlucht zwi⸗ ſchen dem Alhambra und Ginaraliph hinauffuͤhrt. Das Gewicht des Spießes daͤuchte ihm uͤbermaͤßig zu ſein, und er konnte ihn nur mit Muͤhe hin⸗ ter ſich herſchleifen. Er glaubt aber, daß derſelbe 320 Skizzen aus Spanien. ihn unſichtbar gemacht habe, denn mehrere ſeiner Bekannten, denen er begegnet, ſeien an ihm vor⸗ beigegangen, ohne ihn anzureden. Damals aber achtete er deſſen nicht, weil er zu ſehr mit ſeinem kuͤnftigen Gluͤck beſchaͤftiget war. Unterwegs gab ihm ſein geheimnißvoller Fuͤhrer die ſonderbare Anweiſung: wenn ſie zur Stelle ſeien, und er ihm dann gebiete, mit dem Spieße gegen die Mauer zu ſtoßen, ſo ſolle er es beileibe nicht thun; wenn er ihm aber ſage, er ſolle es nicht thun, dann ſolle er mit Gewalt gegen die Mauer ſtoßen. So erreichten ſie dieſes vorſpringende Bollwerk des Al⸗ hambra, wo eine eiſerne Thuͤre nach dem Gina⸗ raliph hinausfuͤhrt. Unterhalb dieſes Bollwerks ſahen ſie einen kleinen Thurm. An der Mauer nun, welche den Thurm mit dem Bollwerk ver⸗ bindet, gebot der Kriegsmann dem Barruga mehre Male, daß er mit dem Spieße dagegen ſtoßen ſolle. Er aber, eingedenk ſeiner Weiſung, that es nicht, ſondern erſt als jener an einer andern Stelle ihm ſagte: hier ſolle er nicht ſtoßen; da fuͤhrte er ei⸗ nen herzhaften Stoß gegen die Mauer, und ſie oͤffnete ſich von oben bis unten. Beide traten nun durch dieſe Oeffnung in ein enges Gemach, darin ſtatt allen Geraͤthes einige Toͤpfe zu bei⸗ — 4 Skizzen aus Spanien. 321 den Seiten halb in der Erde vergraben ſtanden. Sie waren mit eiſernen Deckeln verwahrt. In der Mitte des Gemaches aber lag ein großer Stein, auf den ſich nun die Beiden niederließen, und alsbald begann der Kriegsmann ſeinem Begleiter ſein Leid zu klagen: an dieſen Ort ſei er mit Gewalt gebannt, ſeit der Eroberung der Stadt durch die Chriſten. Alle drei Jahre ſei es ihm vergoͤnnt, dieſes Gemach zu verlaſſen, um ſeine Befreiung zu verſuchen, aber noch immer ſei es ihm durch die Feigheit oder Unvorſichtigkeit derer, die ihm dabei helfen ſollten, mislungen. Darnach ſtand er auf, und um den Eifer ſeines Begleiters noch mehr anzufeuern, hob er die Deckel von den Toͤpfen, und aus einigen nahm er Haͤndevoll des feinſten Goldſtaubes, und aus andern kleine Stangen Goldes, darauf mit Strichen das Gewicht an Unzen zu ſehen war— eben ſo viele Striche als jede Stange Unzen wog; an der andern Seite aber war ein Wappenſchild eingegraben. Alles dies, ſagte ihm der Kriegsmann, ſei fuͤr ihn be⸗ ſtimmt, wenn er die Unternehmung gluͤcklich aus⸗ fuͤhre. Er ſelbſt wolle den Schatz aus dem Thur⸗ me herausſchaffen, darnach aber muͤſſe Barruga dafuͤr ſorgen, daß er nicht entdeckt und ihm ab⸗ 21 322 Skizzen aus Spanien. genommen werde. Zugleich bat er ihn um Got⸗ teswillen, ſeine Befreiung zu unternehmen. Der wackere Barruga, voll Mitleiden uͤber ein ſo langwieriges Gefaͤngniß, und ſchon ſehr beruhigt, weil der Gefangene um Gotteswillen gebeten hatte, verſprach ihm alles zu thun, was in ſei⸗ ner Macht ſtehe. Mit vielem Dank beſchied ihn nun der Gefangene auf den naͤchſten Tag, und wies ihn an, eine Rackete vor der Mauer ſteigen zu laſſen, dann werde er ſie jedesmal offen finden. Sie trennten ſich, und kaum war Barruga im Freien, als er ſich vergebens nach der Oeffnung in der Mauer umſah.— Am folgenden Tage in aller Fruͤhe fand unſer Barruga ſich zur Stelle ein, und ließ ſeine Rackete ſteigen.— Die Mauer oͤffnete ſich, und er trat wieder in das Gemach. Diesmal fand er den Ge⸗ fangenen nicht in ſeiner kriegeriſchen Tracht, ſon⸗ dern in einem reichen Feierkleide. Sie ſetzten ſich wiederum auf den Stein, und nach mancherlei Reden fingen ſie denn an, von der Art zu ſpre⸗ chen, wie die Befreiung geſchehen ſolle. Der Kriegsmann ſagte: er ſolle drei gedachte und gedoppelte Muͤnzen(pensadas y dobladas) zu entlehnen ſuchen, und als der andere ihn fragte, Skizzen aus Spanien. 323 was er darunter verſtehe, fuhr er fort: gedachte Muͤnzen heiße ſoviel, daß die Perſon, welche ihm dieſelben gebe, nicht wiſſen duͤrfe, wozu ſie beſtimmt ſeien, ſondern glauben muͤſſe, ſie ſeien fuͤr ihn ſelbſt. Gedoppelt aber heiße ſoviel, daß die zweite noch einmal ſoviel werth ſein muͤſſe als die erſte, und die dritte noch einmal ſoviel, als die zweite; alſo z. B. die erſte fuͤnf Reales, die zweite zehn, die dritte zwanzig. Mit dieſen drei Muͤnzen ſollte er allerlei Dinge kaufen, und ſie nach dem Gemache bringen, wo er dann das wei⸗ tere vernehmen werde. Was es aber fuͤr Dinge waren, wollte oder konnte Barruga nicht ſagen. Er gab ihm auch noch ausdruͤcklich die Erlaubniß, die Sache im allgemeinen ſeinem Beichtvater zu eroͤffnen, jedoch ohne die naͤheren Umſtaͤnde zu be⸗ richten.— Barruga beurlaubte ſich, und bat am folgenden Tage einen Freund, er moͤge ihm einen Real, eine halbe Peceta und eine Peceta leihen. Der Freund hatte zufaͤlliger Weiſe dieſe drei Muͤnzſorten nicht bei ſich, wohl aber den Wunſch ihm zu dienen, und alſo lieh er ihm zwei Pecetas. Barruga meinte, es ſei genug, die drei gedoppelten Muͤnzſorten verlangt zu ha⸗ ben, und er koͤnne nun jene Dinge mit jeder an⸗ 21* 324 Skizzen aus Spanien. dern Muͤnze einkaufen. Er machte alſo ſeine Einkaͤufe, begab ſich an die bewußte Stelle, ließ ſeine Rackete ſteigen, und ſtand bald wieder in dem Gemache, wo ihm der Gefangene mit trau⸗ riger Geberde entgegen kam, und ſagte:«Ich weiß alles, was du gethan haſt, und weiß, daß du nicht abſichtlich gefehlt haſt, allein es iſt dennoch jetzt allss umſonſt, wegen des Fehlers in den Muͤnzen. Schau hier, das Gold iſt alles zu Koh⸗ len geworden, und auch die Edelſteine in jenen Toͤpfen, die ich dir zu Liebe hinzugelegt hatte.» Wirklich zeigte er dem erſtaunten und betruͤbten Barruga den Kohlenſtaub in den Gefaͤßen ſtatt des Goldſtaubes und der Goldſtangen, welche er vorher darin geſehen. Ferner bemerkte er aber in dem dunkeln Gemache eine Niſche, mit einem Vorhange von rothem Taffet bedeckt, und in die⸗ ſer Niſche zwei Kruͤge, von derſelben Geſtalt wie die uͤbrigen, jedoch kleiner. Sie waren weiß von Farbe, und auf jedem war ein rothes Kreuz ge⸗ malt, wie es die barfuͤßigen Trinitarier tragen. Trotz jener traurigen Verwandlung, erklaͤrte der Kriegs⸗ mann, ſei noch nicht alles verloren, aber er muͤſſe nun wiederum drei Jahre warten, und bat ihn endlich noch einmal um Gotteswillen, daß er nach ——-— Skizzen aus Spanien. 325 drei Jahren ſich wieder einfinden moͤge. Barruga ver⸗ ſprach es, und ſo trennten ſie ſich.“—»Nun, und kam er denn nach drei Jahren wieder?» fragte Dolores, die mit geſpannter Neugierde zu⸗ gehoͤrt hatte.«Nein, Seforita— antwortete der Pater— denn er ſtarb am Anfang des drit⸗ ten Jahres, und dies hier iſt die Stelle an der Mauer, die ſich oͤffnete, wenn er ſeine Rackete ſteigen ließ,» ſetzte er hinzu, da ſie indeſſen durch jenes eiſerne Thor in dem Bollwerke aus dem Alhambra herausgetreten waren.„Die Geſchichte iſt alſo doch ganz gewiß wahr; ſiehſt du wohl, Fernanda!» ſagte Dolores, mit großer Aufmerk⸗ ſamkeit die Mauer betrachtend, bis das Gelaͤchter ihrer Freundin und Antonio's ſie in ihren Be⸗ trachtungen unterbrach. Sie blickte nun den Pater mistrauiſch an, und als auch dieſer nicht ganz ernſthaft ausſah, ging ſie ſchmollend hinter den andern her, den ſteilen Pfad nach dem Ginara⸗ liph hinauf. Zwei ungeheure Cypreſſen zogen Fer⸗ nanda's Aufmerkſamkeit auf ſich:«Welche herrliche Baͤume!» rief ſie.„Das ſind die Cypreſſen der Sultanin— erklaͤrte ſogleich Dolores, welche ſich wieder in Anſehen zu ſetzen gedachte, da von ihrem Lieblingsgegenſtande, worin ſie ſich ſo wohl⸗ 326 Skizzen aus Spanien. bewandert glaubte, die Rede war— unter dieſen Baͤumen, erzaͤhlte der falſche Gomele dem Mohren⸗ koͤnig, habe er die ſchoͤne Mohrenkoͤnigin mit dem Abencerragen uͤberraſcht. Es war aber alles erlo⸗ gen, obgleich der Abencerrage ein ſchoͤner und tap⸗ ferer Ritter war, und von ihm ſtammt das edle Haus Granada Venegas ab, dem der Generalife gehoͤrt. Und um die Unſchuld der ſchoͤnen Koͤni⸗ gin zu beweiſen, kaͤmpften die eaſtilianiſchen Ritter, Don Diego de Cordova, Don Rodrigo Ponce de Leon und Don Diego de Aguilar, mit den falſchen Zegries und Gomeles, und beſiegten ſie. Und die Koͤnigin ward darnach bekehrt, und die tapfern Abencerrages auch— und dann.... Aber die Geſchichte iſt doch gewiß wahr, Vater Inocencio?* unterbrach ſie ſich ploͤtzlich.«Glaube immerhin ſo viel davon, als dir Freude macht, meine Tochter, — erwiederte der Pater— denn die Hauptſache ſcheint wirklich wahr zu ſein.“» Sie waren indeſſen am Thore des Ginaraliph oder Generalife, wie es gewoͤhnlich genannt wird, angelangt, und auf des Geiſtlichen Ruf wurden ſie ſogleich eingelaffen. Das Generalife war ohne Zweifel ein Luſthaus der mauriſchen Koͤnige von Granada, wie auch der Name nach der Auslegung Skizzen aus Spanien. 327 Einiger andeuten ſoll, waͤhrend Andere meinen: Ginaraliph heiße das Haus des Taͤnzers oder des Floͤtenſpielers.— Die Sage aber ſetzt hinzu, ein Koͤnig von Granada habe ſich dies Luſthaus er⸗ bauet, um, ungeſtoͤrt von den Regierungsgeſchaͤften, ſich der Dichtkunſt und Muſik, beſonders aber dem Floͤtenſpiel zu ergeben.— Das Gebaͤude bildet ein langes Viereck, und beſteht eigentlich aus zwei Pavillons, welche durch Saͤulengaͤnge verbunden ſind. Der Hof, den ſie einſchließen, enthaͤlt ein großes Waſſerbecken, und Laubengaͤnge von Oran⸗ gen, Lorbeern, Granaten und Cypreſſen. Der rings⸗ um laufende Saͤulengang und die Gallerie daruͤber, ſo wie auch die Eingaͤnge in die beiden Pavillons, ſind vollkommen erhalten, und im reichſten, anmu⸗ thigſten Styl der mauriſchen Baukunſt, in der Art wie der Loͤwenhof des Alhambra. Der Fuß⸗ boden iſt durchgehends, ſo wie auch die zahlreichen Saͤulen, von weißem Marmor. Die Decke von koſtbarer eingelegter Arbeit. Die Gemaͤcher in den beiden Pavillons ſind dagegen im Anfang des vori⸗ gen Jahrhunderts neu aufgeputzt worden, und haben nichts mehr von ihrer urſpruͤnglichen Einrichtung. Hinter dem Gebaͤubde erſtreckt ſich ein Garten, in ſchmalen Terraſſen, an dem ſteilen Abhang des 328 Skizzen aus Spanien. Berges hinauf. In ſeiner erſten Anlage ſcheint wenig veraͤndert zu ſein, er beſteht ganz aus dunklen Laubengaͤngen von Weinreben, Oran⸗ gen, Lorbeern und Granaten, aus Alleen von Cy⸗ preſſen, und Gebuͤſchen von Roſen, Myrthen, Jas⸗ min und Oleander; dazwiſchen zahlreiche Waſſer⸗ becken und Springbrunnen, auch einige uͤberra⸗ ſchende Waſſerkuͤnſte. Zwiſchen den Baͤumen durch oͤffnen ſich herrliche Ausſichten auf das Thal des Darro, auf den Alhambra, die Stadt und daruͤber hinaus auf die Vega. Von den hoͤchſten Terraſſen ſieht man auch in das Thal des Genil hinab und auf die Sierra Nevada.— So einfach und ge⸗ genwaͤrtig faſt verwildert dieſe ganze Anlage iſt, ſo hat ſie doch noch jetzt einen zauberhaften Reiz, und taͤuſcht keinesweges die Erwartung, welche man ſich nach den anmuthigen Erzaͤhlungen des Dich⸗ ters der Buͤrgerkriege von Granada und der Feh⸗ den der Abencerrages und der Zegries, davon macht. Wahrhaft ſtaunenerregend iſt die ungeheure Groͤße, welche hier die uralten Cypreſſen, Lorbeer⸗ und Orangenbaͤume erreicht haben. Auf dem hoͤchſten Vorſprung des Bergruͤckens oberhalb des Gene⸗ ralife ſieht man noch einige Ueberreſte eines an⸗ dern mauriſchen Gebaͤudes, deſſen ehemalige Be⸗ Skizzen aus Spanien. 329 ſtimmung nicht genau anzugeben iſt; das Volk nennt es den Thron des Mohren. Nachdem ſich die Geſellſchaft in der lieblichen Kuͤhle des Hofes von dem beſchwerlichen Steigen erholt hatte, bat Fernanda ihren gefaͤlligen Fuͤhrer um die Deutung einiger der vielen Inſchriften, womit hier, wie im Alhambra, die Waͤnde bedeckt ſind.«Die kleinern Spruͤche, die wir auch hier ſo oft wiederholt finden— begann der Pater— ſind dieſelben, die wir im Alhambra uͤberall wie⸗ derfanden, wie z. B.:«Es iſt kein Gott als Gott.» „Und Gott allein iſt Sieger—«„Gott allein iſt meine Hoffnung“ u. ſ. w. Jene lange Inſchrift aͤber dem Eingange, iſt in vieler Hinſicht bemer⸗ kenswerth. Sie heißt:«Gott ſei mein Beiſtand gegen den Teufel, den Verſucher. Im Namen Gottes der barmherzig iſt, und Barmherzigkeit uͤbt. Gott ſei mit unſerm Herrn, dem Propheten Ma⸗ homet, Heil und Segen. Wir haben dich entdeckt, Triumph der Klarheit, damit Gott dir vergebe die Vergangenheit und die Zukunft deiner Suͤnden, und damit in dir ſein Wille erfuͤllt werde, und er dich den graden Weg fuͤhre, und Gott dich erhoͤhe, der die hoͤchſte Erhabenheit iſt. Er hat mich ge⸗ ſetzt unter die Glaͤubigen, damit der Glaube ſich 330 Skizzen aus Spanien. mehre durch den Glauben. Gottes ſind alle Heer⸗ ſchaaren des Himmels und der Erden. Gott iſt weiſe, groß und gerecht, um ſeinen Glaͤubigen Se⸗ gen zu verleihen; den Segen, der in ewigen Stroͤ⸗ men fließet im Glauben, und wird ihnen alle ihre Suͤnden vergeben. Und er wird ſtrafen die Laͤſte⸗ rer und die Laͤſterinnen, die Vervielfaͤltiger und Verrielfaͤltigerinnen Gottes, die da an Gott einen Makel finden, und wird Unheil auf ſie herabtraͤu⸗ fen, und die Hoͤlle fuͤr ſie bereiten, in alle Ewig⸗ keit. Gottes ſind die Heerſchaaren des Himmels und der Erden. Gott iſt groß und gerecht. Wir haben dich ausgeſandt, auf daß du glaubeſt an Gott und ſeinen Propheten, und ihn ehreſt und ihn prei⸗ ſeſt Tag und Nacht. Und ein jeder, der euch gruͤ⸗ ßet, der gruͤßt euch im Namen Gottes, denn die Hand Gottes iſt uͤber ihrer Hand. Euer Bart be⸗ ruͤhre Gott zu beſtaͤndiger Gemeinſchaft. Und ein jeder, der euch ſchadet, der ſchadet ſich ſelber. Und ein jeder, der noch uͤber das thut, was ihm Gott geboten, dem wird dafuͤr reichen Lohn.—«Eine ſonderbare Inſchrift fuͤr ein Luſthaus— bemerkte Antonio— aber ſie beweiſt wiederum, wie bei den Arabern mehr, als bei irgend einem andern Volke, die Religion gleichſam den Einſchlag in dem Skizzen aus Spanien. 331 Gewebe des taͤglichen Volkslebens ſowohl, als des Lebens der Einzelnen machte. Nur ſo laͤßt ſich auch die Groͤße und Wichtigkeit erklaͤren, die dieſes edle Volk in der Weltgeſchichte erhalten hat.“— «Aber, ſagte Fernanda, es iſt in dieſer Inſchrift manches, was ich nicht verſtehe. Was bedeuten z. B. die Vervielfaͤltiger und Vervielfaͤltigerinnen Gottes 2—„Dieſer Ausdruck— erklaͤrte der Pater— entſteht aus dem groben Irrthum, wor⸗ in dieſe Ungluͤcklichen uͤber unſere allerheiligſte und alleinſeligmachende Religion befangen ſind. Sie begreifen naͤmlich nicht, wie die Dreiheit der Perſonen mit der Einheit der Eſſenz vereinbar ſei. Sie ſagen: glauben, daß der Vater Gott iſt, der Sohn Gott und der heilige Geiſt Gott, heißt glauben, daß es drei Goͤtter giebt, oder Gott vervielfaͤltigen. So nennen ſie alſo in ihrem blinden Irrglauben die Chriſten Vervielfaͤltiger und Vervielfaͤltigerinnen Gottes.— Gott wolle ihren Sinn erleuchten!»— «Die armen Leute»— ſeufzte Dolores— aber fuhr ſie fort— was hat denn ihr Bart mit dem lieben Gott zu ſchaffen. Das iſt ja recht gott⸗ los.“—„Der Ausdruck: jemanden mit ſeinem Bart beruͤhren, iſt figuͤrlich von dem vertrauteren Gruß der Morgenlaͤnder genommen, und bedeutet 332 Skizzen aus Spanien. eine innige Gemeinſchaft und Treue,— Unter den uͤbrigen Inſchriften— fuhr er fort— ſind zwei noch beſonders zu bemerken. Die erſte ſahen Sie dort uͤber den Boͤgen der Gallerie, uͤber dem Ein⸗ gang, ſie heißt:«Meine Huͤlfe in Gott, dem Steiniger des Teufels. Im Namen Gottes, der barmherzig iſt. Sei Gott unſer Herr, mit dem Propheten und den Seinigen. Euer Gott iſt ein einiger Gott, und es giebt keinen Gott als er; Milde uͤber den Milden. Lebend, der immer wach iſt, und den niemals Muͤdigkeit oder Schlaf be⸗ faͤllt. Sein iſt alles, was da iſt im Himmel und auf Erden. Wer iſt es, der etwas gegen uns vermag, als allein mit ſeinem Willen. Er weiß Alles, was unter dem Himmel und was uͤber dem Himmel iſt. Von ſeiner Weisheit begreifen wir nichts, als was ſein Wille iſt. Nichts entgeht ſeinem Wiſſen. Er iſt groß und hehr. Und ſprechet: Die Wahrheit iſt Gott und ſein Prophete.»— Jene Inſchrift uͤber dem Ausgang nach dem Garten heißt: Ein ſchoͤnes Luſthaus voll Lieblichkeit ſtellt ſich dar mit großer Herrlichkeit, und Strahlen der Groͤße gehen von ihm aus. Alles badet daſſelbe in ſeinem Glanz. Wolken des Lichtes bedecken es, und Trefflichkeit alle ſeine Theile. Es iſt werth, daß ihm die Gabe — Skizzen aus Spanien. 333 des Lobes dargebracht werde, denn ſein Schmuck hat etwas Goͤttliches. Sein Garten mit Blumen gezieret, und Stauden in ſchoͤner Ordnung ver⸗ theilt, haucht ſuͤßen Duft aus. Der Wind be⸗ wegt ſeine Zweige, und ſie geben einen lieblichen Ton, gleich ſuͤßer Muſik. Das weite Gefilde er⸗ blickt man nach allen Seiten, in lieblichem Gruͤn. Abul⸗gualid, der beſte der Koͤnige, der das Geſetz Gottes ehrt, und dem Gerechten Ruhe giebt— der die Anhaͤnger Mahoma's beſchuͤtzt— der ſich ſeinen Vaſallen offen zeigt— der Werth giebt, der das Vergaͤngliche verachtet, und ſeine Hoff⸗ nung in Gott ſetzt und in ſeine Geſetze. Er iſt der Gegenſtand meiner Verehrung. Gott ſegne dich, und beſtaͤtige ſeine hohe Gnade in dir, auf daß du erhoͤhet werdeſt. O, moͤgeſt du immer Gluͤck haben; moͤge dir niemals das Liebliche man⸗ geln. Dieſes Gemach, welches dir geweiht iſt, kann ſich an Volkommenheit, Hoͤhe und Feſtigkeit un⸗ ſerem Volke vergleichen. Es iſt ein Wunder und ein Sieg der Kunſt. Deshalb, hoher Koͤnig, Stuͤtze der Groͤße, wolleſt du dieſe Gabe annehmen, denn deine Annahme wird ſie verherrlichen; und durch ſie wird ſie deiner wuͤrdig werden, und wird in ihr glaͤnzen das Licht, die Ruhe, die Pracht, die 334 Skizzen aus Spanien. Ehre, der Ruhm und die Gnade ihres Herrn, was der letzte Grad ihrer Vollkommenheit ſein wird.— Schon lange war die Sonne hinter den fer⸗ nen dunkelvioletten Gebirgen herabgeſunken, die Schneegipfel der Sierra Nevada hatten ausgegluͤht, und ſchimmerten in unſicherm, matten Scheine aus der dunkelblauen Ferne her, waͤhrend die ſil⸗ bernen Lichtſtroͤme des Mondes die naͤher liegenden Felſen, Thaͤler und Gaͤrten uͤbergoß; das Plaͤtſchern der Brunnen und Quellen, das ferne Rauſchen des Genil und Darro, und zuweilen der Klang einer Guitarre oder der Geſang eines Liebenden un⸗ terbrach allein die Stille der Nacht, als die Geſell⸗ ſchaft aus den duftenden Laubengaͤngen des Gene⸗ ralife ſchied. Monate waren vergangen, ohne daß Etwas die gleichfoͤrmige Lebensart Antonio's und ſeiner Hausgenoſſen unterbrochen haͤtte. Der kurze Win⸗ ter war voruͤber, und in erneuter Pracht erbluͤhte die Natur im Fruͤhling des Jahres 1823. Schon ſeit einiger Zeit hatte Dolores keine Nachricht von Chriſtoval gehabt. Um die Mitte des Winters war Skizzen aus Spanien. 33⁵ die Nachricht von einem heftigen Gefechte zwiſchen einer von Cadix ausgeſandten mobilen Colonne und einer Schaar von Faccioſos in den Gebirgen von Ronda verbreitet worden, und ſeit jener Zeit hatten auch Antonio's Eltern nichts mehr von Eſteban gehoͤrt.— Vergebens kaͤmpfte Dolores kindlich froher Sinn gegen den Schmerz, dem er anfangs wie ein ihm fremdes Element zu entgehen ſuchte, ohne den Feind eigentlich zu kennen. Dann hatte ſie wohl eine Zuflucht in erhoͤhter Lebhaftigkeit des ge⸗ ſellſchaftlichen Frohſinnes geſucht; allein bald ſchien es gleichſam, als fange ſie nun an, ihren Schmerz zu beobachten und zu verſtehen, und allmaͤhlig als ihr theuerſtes Eigenthum in ihr Innerſtes aufzu⸗ nehmen. Immer ſeltener und matter wurden die Fluͤgelſchlaͤge, womit ihre junge Seele ſich noch zu⸗ weilen zur Freude zu erheben ſuchte; dann konnte ſie oft, wie zu ſich ſelbſt, den Kopf ſchuͤtteln, waͤh⸗ rend Thraͤnen ihr großes Auge fuͤllten und ein ſchmerzliches Laͤcheln um ihren Mund zuckte. Spaͤ⸗ ter war ſie dann ſtill und in ſich gekehrt geworden, wie ein verwundetes Reh, was erſt in wilderen Spruͤngen dem Schmerze zu entrinnen ſtrebt, end⸗ lich aber ermattet ſtehen bleibt, und ſtill mit truͤ⸗ 336 Skizzen aus Spanien. bem, faſt neugierigem Blick die Wunde anſieht. Anfangs hatte das arme Kind ſich ſeines Schmer⸗ zes geſchaͤmt, und war verlegen den ſorglichen Fra⸗ gen Fernanda's ausgewichen. Es war aber nicht die Scheu vor etwas Unrechtem, ſondern reine jungfraͤuliche Schaam, die ſie hinderte, der Freun⸗ din ihr Herz zu oͤffnen. In ihrer frohen Unbe⸗ fangenheit war ihr die Liebe als etwas ſo natuͤr⸗ liches, ſich von ſelbſt verſtehendes erſchienen, wie ihr Glaube, wie ihr Leben ſelbſt, und ſie hatte nie daran gedacht, ſie zu verbergen, und erſt den Schmerz der Liebe fing ſie an als ein ſuͤßes Geheimniß zu verhuͤllen, und anfangs ſich ſelbſt, dann auch den An⸗ dern abzulaͤugnen. Als ſie endlich ihr Herz der ſchwe⸗ ſterlichen Freundin oͤffnete, verſuchte ſie beinah ſich zu entſchuldigen, als wenn dies Gefuͤhl ſich fuͤr ein ſo junges Maͤdchen noch nicht ſchicke, ſo daß Fernanda mitten in ihrer Ruͤhrung ſich kaum des Lachens uͤber das ſonderbare Maͤdchen enthalten konnte.— Dieſe Veraͤnderung in dem Liebling der ganzen Geſellſchaft verſcheuchte die Freude aus dem gaſtlichen Hauſe. Der alte Gallardo wurde vor Sorgen um die Kleine faſt ſelber krank. Ro⸗ jas, der die Seele des juͤngern Theils der Geſell⸗ ſchaft geweſen war, hatte ſchon fruͤher in den ſich —-— ——— Skizzen aus Spanien. 337 immer mehr verwickelnden politiſchen Umtrieben der Zeit, ſeine Leidenſchaft zu betaͤuben geſucht, durch eine noch heftigere. Endlich als die Nazionalmiliz von Madrid den Cortes nach Sevilla folgte, hatte er ſich mit einem raſchen Entſchluß losgeriſſen, um ſich mit ſeinen Weffenbruͤdern zu vereinigen. Antonio hatte eine Geſchaͤftsreiſe nach Jaen und Andujar gemacht, die ſich uͤber ſechs Wochen hin⸗ ausgedehnt hatte. Bei ſeiner Ruͤckkehr bemerkte auch er die Veraͤnderung, die in ſeiner geliebten Schwe⸗ ſter vorgegangen war, mit innigem Schmerz; allein er wagte es nicht, mit ihr uͤber den Gegenſtand zu ſprechen, da er nicht wußte, wie er einen ſo ſon⸗ derbar beſchraͤnkten Sinn voll Glauben und Liebe und Feſtigkeit behandeln ſollte. Freudig uͤberraſchte es ihn, als Dolores eines Morgens ungewoͤhnlich munter in ſein Zimmer trat, um ihm die Choco⸗ lade zu bringen, wie ſie zu thun pflegte, und ihn bat, ſie auf einem kleinen Spaziergange zu beglei⸗ ten. Gern gewaͤhrte er ihre Bitte, und mit ihrer alten Froͤhlichkeit eilte ſie in den Hof, brach ein paar Lilien, Jasmin und Roſen, und ſtand alsbald mit der Basquina und Mantilla vor dem Bruder, der das liebliche Maͤdchen mit Ruͤhrung betrachtete. Allein ſie trieb ihn ungeduldig mit dem Faͤcher 22 338 Skizzen aus Spanien. zur Eile, und zog ihn die Treppe hinab, und die Straße entlang, die nach dem Ufer des Darro fuͤhrt. Als ſie an einem Wachsladen vorbeikamen, forderte ſie vom Bruder einen Real, um eine geweihte Kerze zu kaufen. Bald erreichten ſie die Plaza Nueva, und, dem Laufe des Darro folgend, die Alameda Vieja. Am Ende des ſchattigen Spazierganges ſteht unter einer uralten Platane eine kleine Ka⸗ pelle, der Mutter Gottes zum guten Traum(la virgen del buen sueßño) geweiht. Einen lieb⸗ lichern Platz auf der Erde zu finden, moͤchte ſchwer ſein. Von dem Regen des Winters und dem ſchmelzenden Schnee der Sierra Nevada angeſchwellt, ſtuͤrzt ſchaͤumend der Darro hinter der Kapelle aus dem enger werdenden Thal hervor. An ſeinem linken Ufer erheben ſich ſenkrechte Felſen, von den Zaubergaͤrten des Ginaraliph gekroͤnt— weiterhin die gewaltigen Thuͤrme und Mauern des Alham⸗ bra, und von dem Abhang des Berges ſtuͤrzt ſich ein Strom von uͤppiger Vegetazion in uͤberſchweng⸗ licher Farbenpracht und Duft. Mit dem dunkeln Gruͤn des Laubes das herrliche Roth der Granate gemiſcht, wie die Gluten des Abendrothes auf den dunkelgruͤnen Wellen des Ozeans ſpielen, dazwi⸗ ſchen die Orangenbaͤume voll Bluͤthen, goldnen Skizzen aus Spanien. 339 Fruͤchten und Duft— und dunkel erheben ſich uralte Cypreſſen, gleich ernſten Denkmaͤhlern, uͤber die Fluth des frohen Lebens. Zur rechten Hand, dem Alhambra gegenuͤber, ſteigen terraſſenfoͤrmig die ſtattlichen Gebaͤude des Albaycin empor, mit Weinlauben und Gaͤrten abwechſelnd. Gerade hin⸗ aus erblickt man zwiſchen den Baͤumen der Ala⸗ meda uͤber die Stadt weg die fruchtbare Vega von der Sierra Elvira begraͤnzt. Die Kapelle ſelbſt iſt von bluͤhenden Gebuͤſchen, beſonders Roſen in unendlicher Pracht und Fuͤlle umgeben, und von der Straße durch eine Hecke von bluͤhendem Cac⸗ tus, den Tauſende von Schmetterlingen umſchwaͤr⸗ men, und von hohen Aloén geſchuͤtzt, deren Bluͤ⸗ thenſchafte gleich gewaltigen Leuchtern weithin ihre Zweige ausbreiten. Wohl wiſſen die ſchoͤnen Gra⸗ nadinas die Anmuth des Ortes und die Gaben der Heiligen zu ſchaͤtzen, und nie fehlen dem Altare der Spenderin ſuͤßer Traͤume friſche Lilien, Jas⸗ min und Roſen, und geweihte Kerzen, und wer dort in der Kuͤhlung des Morgens oder des Abends vorbeiwandert, den erfreut der Anblick der anmu⸗ thigen Geſtalten, die vor der Heiligen knieen, ihren Dank oder ihre Bitten zu ihr erhebend.— Vergebens waren unterwegs Antonio's Fra⸗ 22* 340 Skizzen aus Spanien. gen nach dem Ziel des Ganges, und nach der Ur⸗ ſache von der Schweſter Ungeduld geweſen; als ſie aber endlich das Ende des Alameda erreicht hatten, eilte Dolores voraus nach der Kapelle, ordnete ſorg— faͤltig ihre Blumen und ihre Kerze vor der Heili⸗ gen, und blieb dann in andaͤchtigem Gebet einige Minuten vor ihr auf den Knieen. Dann eilte ſie zu ihrem harrenden Bruder zuruͤck, und wollte ihn eben ſo in ſchweigender Eile wieder von dannen fuͤhren. Antonio aber ſprach etwas verdrießlich uͤber dies Geheimniß und dieſe Eile:«aber Dolo⸗ res, ſei doch vernuͤnftig, oder laß mich es we⸗ nigſtens ſein. Soll ich in meinem geiſtlichen Ge— wand mit dir durch die Straßen rennen, als waͤr' ich dein Braͤutigam?— Was giebt es denn 2»— Wie ein geſcholtenes Kind, antwortete Dolores halb weinerlich und trozig:«du biſt aber auch gar ſo langſam zum Verſtehen, Antonio.— Ich werde ihn heute wiederſehen!“«Wen denn 2— fragte Antonio erſtaunt.«Wen?— erwiderte das ungeduldige Maͤdchen— nun, beim heiligen Francisco von Salas! wen anders als Chriſto⸗ val?— Ich habe die heilige Jungfrau um ei⸗ nen guten Traum gebeten. Ach ich war ſo muͤde, und konnte doch ſo wenig ſchlafen die letzte Zeit! Skizzen aus Spanien. 341 — und dieſe Nacht aber hab' ich getraͤumt.... o ich weiß wohl, was die Traͤume bedeuten! Pa⸗ quita hat mir alles gelehrt, und ich ſeh' ihn heute gewiß wieder.“«Armes Kind— ſagte Antonio mitleidig— du weißt nicht was du ſprichſt; wie ſollte Chriſtoval hierher kommen— Gott verhuͤte es um deinetwillen, arme Dolores.— Ver⸗ dirb mir doch nicht die Freude— rief dagegen Do⸗ lores laͤchelnd— ich habe mich ſchon ſo lange nicht gefreut!» ſetzte ſie mit Thraͤnen in den Au⸗* gen hinzu. Antonio beſchloß auf dem Ruͤckwege ein Ge⸗ ſchaͤͤtt mit dem Kefe politico abzumachen, und Do⸗ lores bat ihn begleiten zu duͤrfen, um deſſen Toch⸗ ter, ihre junge Freundin, zu beſuchen. Um das Thor des ehemaligen Dominikaner⸗ kloſters am Ende der Calle de las Carretas, in welches die conſtitutionellen Behoͤrden verlegt wor⸗ den waren, und wo auch der Kefe politico ſeine Wohnung hatte, fand Antonio einen Menſchen⸗ haufen verſammelt, durch den er mit Muͤhe ſich und ſeiner Schweſter Platz zu ſchaffen ſuchte. Auf ſeine Frage erhielt er zur Antwort: es ſeien eben Gefangene aus den Gebirgen eingebracht worden, und man warte auf den Xefe Politico, um uͤber ſie 342 Skizzen aus Spanien. zu verfuͤgen. Eine bange Ahnung rieth Antonio umzukehren, allein Dolores, eine Luͤcke in dem Gedraͤnge benutzend, war ihm vorangeeilt, und er mußte ihr folgen. Das Einlaßpfoͤrtlein des gro⸗ ßen Thores, welches der Pfoͤrtner Dolores als einer Bekannten vom Hauſe geoͤffnet hatte, ſchloß ſich wieder, und Antonio befand ſich mit ſeiner Schweſter in dem dunkeln Vorplatz oder Zaguan des Kloſters, der nur durch ein ſtark vergittertes kleines Fenſter von der Straße aus Licht erhielt. Der Raum war mit Menſchen angefuͤllt; allein erſt nachdem ſich das Auge allmaͤlig an das ſpaͤr⸗ liche Licht gewoͤhnt hatte, konnte es die Gegenſtaͤnde unterſcheiden. Ein Haufen Soldaten, deren gan⸗ zes Ausſehen, die ſonneverbrannten, ſchweißbedeck⸗ ten Geſichter, blutunterlaufenen Augen, zerriſſene, ſtaubbedeckte Uniform, bloße blutige Fuͤße, einen lan⸗ gen beſchwerlichen Marſch andeuteten, ſtanden auf ihre Gewehre gelehnt, die ſie kaum vor dem Hinſinken ſchuͤtzten. Ihre finſtern Blicke, verdrießlichen Mie⸗ nen, und die halblauten Fluͤche, mit denen ſie zu⸗ weilen den Gewehrkolben klirrend gegen das Pfla⸗ ſter ſtießen, druͤckten die Ungeduld aus, womit ſie die Abloͤſung von ihrem beſchwerlichen Dienſt er⸗ warteten. Hinter ihnen laͤngs der Wand hatten Skizzen aus Spanien. 343 ſich die Gefangenen, etwa zwoͤlfe an der Zahl, ge⸗ lagert, der Ruhe genießend, deren ihre Waͤchter noch entbehren mußten. Einige ſehr junge Leute lagen in voͤlliger Entkraͤftung auf dem Pflaſter ausgeſtreckt. Andere kauerten an der Wand, in zerriſſene Maͤntel oder wollene Decken halbverhuͤll Ihre Augen gluͤhten wild aus dem Halbdunkel her⸗ vor, ihre Zuͤge druͤckten ſtarren Trotz aus. Ohne eine Klage, ohne eine Bewegung, ſchienen ſie ihre Waͤchter und Sieger mit Blicken durchbohren zu wollen. Herzzerreißend war der Anblick einiger Weiber, welche den Ungluͤcklichen gefolgt waren. Zwei von ihnen hatten ſich an das enge Gitterfen⸗ ſter gedraͤngt, und flehten bei allen Heiligen das draußen verſammelte Volk um Speiſe und Trank; waͤhrend man von auſſen vergebens verſuchte, ih⸗ nen durch das enge Gitter etwas zu reichen. Auf einem ſteinernen Pfoſten an der Wand ſaß eine junge Frau mit zerriſſenen, blutigen Fuͤßen, und vergebens ſuchte der Saͤugling, den ſie im Arme trug, an ihrer gluͤhenden Bruſt die gewohnte Nahrung, waͤhrend die Mutter ihn mit ſtummem Schmerz betrachtete. Unter den Gefangenen, wel⸗ che meiſtens die Tracht der aͤrmern Landleute des Gebirges trugen, waren zwei, welche ſich durch 344 Skizzen aus Spanien. Ueberreſte einer reichern Kleidung auszeichneten. Der eine von ihnen lag mit auf den Ruͤcken ge⸗ feſſelten Haͤnden an der Mauer, gegen welche er ſein Geſicht verbarg. Der andere ſaß auf einem großen Steine, der dort lag. Er ſchien ſich mit Muͤhe aufrecht halten zu koͤnnen— ein blutiges Tuch war um ſeinen Kopf gebunden, den er mit geſchloſſenen Augen ruͤckwaͤrts an die Wand gelehnt hatte. Ein junges Weib kniete vor ihm, und ver⸗ barg das Geſicht auf ſeinem Schoß, eine ſei⸗ ner Haͤnde mit den ihrigen umfaſſend. Dolores, von dem Anblick tief erſchuͤttert, obgleich ſie ihn beim erſten Eintritte nicht ganz uͤberſehen konnte, hatte den Pfoͤrtner dringend gebeten, den Leuten Erfriſchungen reichen zu laſſen, allein dieſer ſagte achſelzuckend: Der Anfuͤhrer der Wache wolle Niemandem erlauben, mit den Gefangenen zu ver⸗ kehren, bis der Kefe Politico angekommen ſei. Nun naͤherte ſich Dolores der ungluͤcklichen Mut⸗ ter, und ſuchte ſie mit einigen mitleidigen Worten zu troͤſten. Ploͤtzlich ſprang das junge Weib, was dort kniete, in die Hoͤhe, und auf Dolores zuei⸗ lend, rief ſie:«Jeſus Maria! Seſoorita, ſeid ihr es?.... o der Jammer!... Euer Bruder und Chriſtoval! o um der ſchmerzenreichen Mutter Skizzen aus Spanien. 345 willen, ſchafft ihm nur einen Trunk Waſſer!»— Es war Paquita; aber ihre Zuͤge hatten den Aus⸗ druck freier ſchalkhafter Froͤhlichkeit verloren, und druͤckten vieles Leiden und wildere Leidenſchaften aus. Auch Eſteban richtete ſich nun muͤhſam auf, und ſagte fuͤr ſich:«das arme Kind! ſie haͤlt es nim⸗ mermehr aus.“— Der Gefeſeelte hatte, als er Dolores Stimme hoͤrte, verſucht ſich aufzuraffen, allein ſeine Banden und eine Wunde am Schen⸗ kel verhinderten es, er ſank zuruͤck mit einem Laute der Verzweiflung, den Kopf gegen die Steine ſto⸗ ßend. Es war Chriſtoval.— Als Dolores be⸗ griffen hatte, welcher Schmerz ſie getroffen habe, wollte ſie mit einem Schrei des Jammers auf Chriſtoval und ihren Bruder losſtuͤrzen, und auch Antonio folgte in der erſten Bewegung ihrem Bei⸗ ſpiel. Die Soldaten aber ſtießen ſie barſch zuruͤck; ihre eignen Leiden machten, daß ſie ihre Pflicht mit groͤßerer Haͤrte erfuͤllten, als es ſonſt wohl der Fall geweſen waͤre, und Dolores ſank ohnmaͤchtig in ihres Bruders Arme. In dieſem Augenblick trat der Xefe Politico herein, in Begleitung ſeiner Frau und Tochter. Dieſe bemuͤhten ſich mit zaͤrt⸗ licher Theilnahme um Dolores, und brachten ſie nach ihrem eigenen Gemache. Der Kefe Politico 346 Skizzen aus Spanien. befahl ſogleich, den Gefangenen einige Erfriſchun⸗ gen zu reichen, und hoͤrte dann den Bericht des Anfuͤhrers der Wache an. Antonio benutzte den erſten Augenblick, um ein Fuͤrwort fuͤr Eſteban und Chriſtoval einzulegen. Der efe, nachdem er nicht ohne Erſtaunen vernommen hatte, daß An⸗ tonio Eſtebans Bruder ſei, erklaͤrte ihm zwar in den ſchonendſten Ausdruͤcken, aber ſehr beſtimmt: daß es durchaus nicht in ſeiner Macht ſei, oder ſich mit ſeiner Pflicht vertrage, hierin den Lauf der Gerichte zu unterbrechen, oder von der groͤßten Strenge und Wachſamkeit gegen ſo gefaͤhrliche Ver⸗ brecher das geringſte nachzulaſſen; er weigerte ſich ſo⸗ gar, Antonio eine Unterredung mit ſeinem Bruder zu geſtatten. Eſteban hatte dieſe Unterredung zum Theil mit angehoͤrt, er trat, ſo weit es die Wache erlaubte vor, und rief ſeinem Bruder zu:«Anto⸗ nio, gieb dir keine Muͤhe meinetwegen. Es iſt noch lange nicht Alles verloren, und der Herr Fefe Politico mag des Spruͤchwortes gedenken: von der Hand zum Munde.... ihr wißt es wohl! — Geh nach Haus, Antonio— ſieh nach der Schweſter. Ich weiß, daß du es gut mir meinſt, aber es ſchickt ſich nicht fuͤr dich, jetzt hier zu ſte⸗ hen, oder gar auf der Straße neben uns her zu Skizzen aus Spanien. 347 laufen. Sei vernuͤnftig und geh nach Haus!»— « Der Mann hat Recht, Don Antonio— ſagte der Pefe Politico, der Antonio wirklich ſchaͤtzte— gehen Sie hinauf zu den Frauen, Sie koͤnnen hier nichts gut machen.» Antonio entfernte ſich endlich, da er ſelbſt einſah, daß es beſſer ſei.«Gruͤß' Va⸗ ter und Mutter— rief ihm Eſteban noch zu— ſie ſollen nur ohne Sorgen ſein!“»— Nun gab der Xefe Befehl, die Gefangenen nach dem Stadtgefaͤngniß zu fuͤhren, die Frauen aber frei zu laſſen. Die uͤbrigen nahmen ziemlich gefaßt von ihren Begleitern Abſchied, da ſie wohl wußten, daß es ihnen nicht ſchwer ſein werde, auch im Gefaͤngniß ſie zu ſehen, und fuͤr ſie zu ſorgen, wie ſtreng auch die Befehle von Seiten der Be⸗ hoͤrden ſein mochten. Paquita aber erklaͤrte, Eſte⸗ ban heftig umarmend, ſie werde und wolle ihn nicht verlaſſen, er ſei verwundet, und beduͤrfe ih⸗ rer Pflege.— Alle Vorſtellungen, ſelbſt Eſte⸗ ban's Befehle und Bitten waren vergebens, und der Xefe befahl endlich, ſie mit Gewalt zu entfer⸗ nen, indem er zu ihr ſagte: ſei doch vernuͤnftig, Maͤdchen! ich mein' es ja gut mit dir. Du haſt nichts verbrochen, alſo kann ich dich nicht einſper⸗ ren laſſen.“— Plͤtzlich ſprang das Maͤdchen 348 Skizzen aus Spanien. auf, und rief mit funkelnden Augen: anichts verbrochen hab' ich?— fehlt weiter nichts, als das, Herr?» und mit Blitzesſchnelle ein kleines Meſſer aus dem Buſen reißend, ſtieß ſie es einem der Soldaten, der ihren Arm ergriffen hatte, um den Befehl des Xefe zu vollſtrecken, in die Bruſt, daß er blutend und fluchend zu Boden ſtuͤrzte.«Iſt das genug, Herr, damit ein armes Maͤdchen bei ihrem Cortejo bleiben darf?⸗ rief ſie nun hoͤh⸗ niſch, waͤhrend die aufgebrachten Soldaten nur mit Muͤhe von dem Beamten verhindert wurden, das Maͤdchen niederzuſtoßen.« Fuͤhrt ſie mit fort in's Gefaͤngniß, ich muß der tollen Dirne jetzt wohl ihren Willen thun!⸗ befahl er, als endlich die Ruhe hergeſtellt war.«Schoͤnen Dank, Herr!⸗ rief Paquita, indem ſie an Eſtebans Arm den Soldaten folgte, welche ſie nach dem Gefaͤngniſſe bringen ſollten. Auf dem Wege nach dem Gefaͤngniß hatte ſich eine große Menge Menſchen verſammelt, die meiſten aus Neugierde, viele in der Abſicht, wo moͤglich etwas zu Gunſten der Gefangenen zu un⸗ ternehmen. Anfangs wurden ſie wohl hier und da mit dem Geſchrei der Mißbilligung oder der Rache empfangen, allein das Mitleid, und eine Skizzen aus Spanien. 349 Art von Achtung, welche die ſchoͤne Geſtalt, die ſtolze Haltung und der trozige Blick der meiſten von ihnen, und beſonders der Anblick Paquita's erregte, welche nur fuͤr Eſteban Augen zu haben ſchien, gewann bald die Oberhand. Ploͤtzlich ſprang ein Menſch aus dem Haufen hervor, und fuͤhrte mit dem Ausrufe:«Nimm das! verfluch⸗ ter Hund!“» auf Eſteban einen Stoß mit dem Meſſer, der jedoch von einem der Soldaten mit dem Gewehr parirt wurde, waͤhrend zugleich Pa⸗ quita, bleich vor Schrecken, ſich hinter Eſteban zu verbergen ſuchte, indem ſie vor Entſetzen kaum die Worte: Jeſus Maria! der Vater!» aus⸗ zurufen vermochte.— Der alte Zigeuner machte einen neuen Verſuch, Eſteban und ſeine Tochter zu erreichen, indem er gegen Beide die furchtbar⸗ ſten Fluͤche und Verwuͤnſchungen ausſtieß.«Ich treffe dich doch noch, und ſollte ich dich hinter dem Mantel der heiligen Mutter Gottes hervorreißen!» rief der wuͤthende Alte, als es den Umſtehenden endlich mit Muͤhe gelang, ihn zuruͤckzureißen, waͤhrend die Gefangenen den Kerker erreichten, deſſen Thor ſich hinter ihnen ſchloß. 5 350 Skizzen aus Spanien. Am Abend des folgenden Tages hatten ſich, wie es gewoͤhnlich der Fall iſt, an dem großen Gitterfenſter, das von dem Hofe des Gefaͤngniſſes ſich nach der Straße oͤffnet, eine Gruppe von Weibern verſammelt, um denjenigen Gefangenen, welche die Erlaubniß hatten im Hof zu bleiben, und die ſich uͤber einander an das Gitter draͤng⸗ ten, Lebensmittel und Troſt zu bringen. Ein Maler haͤtte reichen Stoff fuͤr ſeinen Pinſel und fuͤr ſeine Phantaſie gefunden unter dieſen beiden Gruppen. Unter einer der Seitenthuͤren der Cathedral, welche nur durch eine ſchmale Straße von dem Gefaͤngniſſe getrennt iſt, lehnte an ei⸗ nem Pfeiler Dolores, mit rothgeweinten Augen und tiefem Jammer in dem blaſſen Geſichte, nach einem der obern Gitterfenſter des Gefaͤngniſſes ſchauend. Mitleidig ſahen die Voruͤbergehenden das ſchoͤne Kind an, und in einiger Entfernung ſtand Fernanda mit Antonio in ernſthafter Unter⸗ redung, die ſich offenbar auf ihre junge Freun⸗ din bezog, wie die ſorgſamen Blicke bewieſen, die beide nach ihr hinuͤberwarfen. Keine Gruͤnde, keine Bitten, keine Vorſtellungen hatten Dolores von dem Entſchluß abbringen koͤnnen, Chriſtoval zu ſehen, und ſich zur gewoͤhnlichen Stunde vor Skizzen aus Spanien. 351 dem Gefaͤngniſſe einzufinden, man haͤtte ſie nur mit Gewalt zuruͤckhalten koͤnnen, und dazu konnte Niemand, der ſie ſah, rathen, ſo daß endlich Fer⸗ nanda und Antonio ſich entſchloſſen, ſie zu beglei⸗ ten.— Nachdem Dolores einige Minuten ver⸗ gebens gewartet, erſchien endlich Chriſtoval an ei⸗ nem der Gitter, und ſobald er Dolores erblickte, welche ſprachlos vor Schmerz und Freude ihm mit dem Faͤcher und dem Tuche zuwinkte, beſchwor er ſie auf's inſtaͤndigſte, ſich wegzubegeben:«um der heiligen Mutter Gottes willen! Dolores, mein ſuͤßes Leben— rief er ihr zu— ſei meinetwe⸗ gen ruhig. Mir fehlt nichts, und hier bleib' ich nicht lange, aber dich dort ſtehn zu ſehen, halt ich nicht aus.— Hab' Mitleid mit mir, und geh' nach Haus, ſorg' fuͤr dich ſelbſt, mein Maͤdchen.» —„Don Antonio— rief er noch lauter, als er dieſen erblickte— um Gottes Wunden Willen! fuͤhrt das arme Kind nach Hauſe, und beruhigt ſie!— Geh' Dolores, geh' mit deinem Bruder, ich bitte dich drum, ich befehl' es dir.— Wollte Gott, du haͤtteſt mich nie geſehen!— rief er ſchmerzlich, als Dolores noch zauderte— ich ſchwoͤre es dir bei der ſchmerzenreichen Mutter, du kannſt ganz ruhig meinetwegen ſein, es wird 8 352 Skizzen aus Spanien. noch Alles gut gehen!“— Da gruͤßte Dolores noch einmal hinauf, und folgte dann ſtill ihrem Bru⸗ der, der ſie nach Hauſe fuͤhrte.— Vor dem Ge⸗ faͤngniſſe ward es nun bald wieder leer und ſtill, aber aus dem Innern hoͤrte man den klagenden Geſang einer ſchoͤnen maͤnnlichen Stimme: An der Thüre meines Kerkers Komme nicht, um da zu weinen. Meine Schmerzen du nicht linderſt, Sie vermehreſt mit den deinen*). Die franzoͤſiſchen Heere hatten die Pyrenaͤen uͤberſchritten, Madrid, Sevilla war in ihre Haͤnde gefallen, in Cadix die Truͤmmer der conſtitutionel⸗ len Regierung eingeſchloſſen.— Es iſt hier nicht der Ort, die Urſachen des leichten Gelingens die⸗ ſer Unternehmung ausfuͤhrlicher anzugeben. An— deuten laſſen ſie ſich in wenig Worten. Die ſpa⸗ niſche Revolution war ohne den gewaltigen, aber furchtbaren Beiſtand der Maſſe des Volks und *) A la puerta de mi carcel No me vengas a llorar Va que penas no me quitas No me las vengas a dar. Skizzen aus Spanien. 353 ſeiner Leidenſchaften, vollbracht worden. Der erſte Grundſatz der Staatsmaͤnner, die an der Spitze des conſtitutionellen Spaniens ſtanden, war, Alles zu vermeiden und zu verhindern, was auch nur entfernt dieſen furchtbaren Geiſt aufrufen konnte. Dieſer Geiſt und die Kraͤfte, die er in Bewegung ſetzen kann, war es aber allein, der ſie vor der Uebermacht fremder Bajonette ſchuͤtzen konnte. Sie verſchmaͤh⸗ ten ſeine Huͤlfe, weil ſie den Preis kannten, um den man ſie erhaͤlt— und waren verloren.— Ein bedeutendes franzoͤſiſches Corps, unter dem Befehl des General Molitor, hatte auch das Koͤnigreich Granada betreten, und naͤherte ſich in Eilmaͤrſchen der Hauptſtadt. Hier zeigte ſich bald die Unmoͤglichkeit eines wirkſamen Wider⸗ ſtandes. Es war hier, wie in ganz Spanien, nicht Muth, nicht Vaterlands⸗ und Freiheitslie⸗ be, welche fehlten, ſondern Einigkeit— ein Haupt, was die zerſtreuten Vertheidigungsmittel, die moraliſchen und materiellen Kraͤfte geſammelt und geleitet haͤtte— vor allen Dingen aber fehlte die lebendige Ueberzeugung von der Nothwen⸗ digkeit eines Widerſtandes auf Leben und Tod. Unter der Parthei der ſpaniſchen Liberalen waren nur wenige, welche wirklich noch an der Verfaſ⸗ 23 354 Skizzen aus Spanien. ſung von 1812 hingen, die einen wollten mehr, die andern weniger, und grade die uneigennuͤzzigere und unbefangenere Mehrzahl der Liberalen hatte einſehen lernen, daß dieſe oder jene Form der Verfaſſung noch keinesweges hinreichend ſei, um Spanien die Vortheile zu geben und zu ſichern, welche ſie von der Revolution erwartet hatten, daß im Gegentheil eine Modification in der Form der Verfaſſung ein nothwendiges Opfer ſei, um weſentliche Vortheile, die Vereinigung der Par⸗ theien, den Frieden nach Innen und Außen zu erlangen, der Spanien zur Heilung ſeiner Wun— den nothwendig war. Sie irrten ſchwer und haben ihren Irrthum ſchwer gebuͤßt. Die Abneigung der Mehrzahl vor einem hoff⸗ nungsloſen Kampfe um ein ſehr zweifelhaftes Gut, und gegen ein ſehr ungewiſſes Uebel, ward beſonders dadurch vermehrt, daß ſie wohl einſa⸗ hen, dieſer Widerſtand ſei nur dann moͤglich, wenn man uͤberhaupt dem Geiſt der Maͤßigung, welcher bisher die ſpaniſche Revolution bezeichnet hatte, entſage, daß es unmoͤglich ſei, die heftigen Leidenſchaften, welche erregt werden mußten, um einen ſolchen Kampf zu fuͤhren, nur zur Verthei⸗ Skizzen aus Spanien. 355 digung und zum Angriff gegen den aͤußern Feind zu leiten— daß einmal aufgerufen, ſie zu alle den Gewaltthaͤtigkeiten und Graͤueln fuͤhren muͤß⸗ ten, von denen bis jetzt die ſpaniſche Revolution frei geblieben war. Die Mehrzahl der Liberalen fuͤrchtete mehr von der Heftigkeit und den Planen derjenigen kleinern Anzahl der Ihrigen, welche zum Widerſtand riethen, und in deren Haͤnde die⸗ ſer natuͤrlicher Weiſe die Gewalt geſpielt haͤtte, als von einem Feinde, der uͤberall Maͤßigung, Schutz des Eigenthums und der Perſon verhieß, und nicht undeutlich die weſentlichſten Fruͤchte, welche die Conſtitution tragen ſollte; aber groͤßtentheils nicht getragen hatte, als eine freie Gabe des be⸗ freiten Koͤniges erwarten ließen. Der Erfolg hat bis jetzt bewieſen, daß ſie bitter getaͤuſcht worden — die Zukunft allein kann entſcheiden, ob ſie nicht dennoch Recht thaten, ſich fuͤr eine andere, guͤnſti⸗ gere Gelegenheit aufzuſparen. Waͤhrend dies die Geſinnungen der Mehrzahl waren, ſuchte eine geringere Parthei, theils weil ſie klarer ſah, theils weil ſie weniger zu verlieren, oder keine Scho⸗ nung zu erwarten hatte, auf alle Art die Libera⸗ len zum Widerſtand zu entflammen. Fluͤchtlinge aus den benachbarten kleinern Staͤdten vermehrten 23* Skizzen aus Spanien. die Verwirrung, die Unſchluͤſſigkeit der Mehr⸗ zahl und die Erbitterung der Leidenſchaftlichern und Entſchloſſenern, indem ſie die Gewaltthaͤtigkei⸗ ten berichteten, welche von dem aufgehetzten Poͤbel und den Horden der ſogenannten Glaubensarmee ge⸗ gen die beſiegte Parthei ausgeuͤbt wurden. In Gra⸗ nada ſelbſt zeigte ſich bei den unterſten Volksclaſſen jene dumpfe Unruhe, jene finſtere drohende Freude, welche einen Volksauflauf zu verkuͤnden pflegt. Vom Lande herein ſchlichen ſich Banden verdaͤchtiger Geſellen in die Vorſtaͤdte— und die Servilen fingen an, offen die Opfer ihrer nahen Rache zu bezeichnen, und die bisherige Maͤßigung ihrer Gegner ließ ſie beinahe vergeſſen, daß ſie fuͤr den Augenblick noch in deren Macht waren. Mehrere der heftigſten und unvorſichtigſten wurden verhaf— tet. In dieſer Lage war es den Behoͤrden kaum moͤglich, die Ruhe im Innern der Stadt zu erhal⸗ ten, an eine Vertheidigung gegen einen zahlrei⸗ chen, wohlgeruͤſteten aͤußern Feind war vernuͤnf⸗ tiger Weiſe nicht zu denken. Die wenigen Trup⸗ pen, welche ſich in der Stadt befanden, waren von der Gegenparthei, die Gold mit vollen Haͤnden ſpendete, verfuͤhrt und ganz unzuverlaͤſſig. Die Nazionalmiliz allein erfuͤllte auch hier ihre Pflicht —— Skizzen aus Spanien. 357 mit jener Aufopferung, Unerſchrockenheit und Maͤßigung, die ſie in ganz Spanien bei jeder Ge⸗ legenheit gezeigt hat, und wodurch grade der Buͤrgerſtand in Spanien bewieſen, daß er der Freiheit ſo wuͤrdig iſt, als er es in irgend ei⸗ nem Lande Europa's ſein kann. Mit ihrer Huͤlfe war es moͤglich geweſen, bis Ende Auguſt alle gewaltſamen Ausbruͤche der Partheiwuth zu ver⸗ hindern. Deutlicher wie je zeigten ſich jedoch die Merk⸗ male dumpfer Gaͤhrung am Abend eines der letzten Tage dieſes Monates. Es war die Nachricht einge⸗ laufen, daß der Vortrab des franzoͤſiſchen Heeres ſchon bei Guetar ſtehe, und jeden Augenblick erwar⸗ tete man die Ankunft eines Parlementairs. Seit Sonnenuntergang war das Ayuntamiento, in dem Stadthauſe auf dem Platze Vivarrambla verſam⸗ melt, in ſorgenvoller Berathung. Die Kauflaͤden waren geſchloſſen, alle Geſchaͤfte unterbrochen. Auf dem Platze und den anſtoßenden Straßen waren zahlreiche Gruppen von Menſchen verſam⸗ melt, mit geſpanntem, obwohl mannigfachem In⸗ tereſſe die Ereigniſſe beſprechend und den Aus⸗ gang erwartend. Einige Compagnien der Nazional⸗ miliz waren vor dem Gemeindehauſe und auf den 8 358 Skizzen aus Spanien. uͤbrigen Hauptplaͤtzen der Stadt aufgeſtellt, und ſandten nach allen Richtungen ſtarke Patrouil⸗ len aus. Immer dichter draͤngte ſich die Menge vor dem Gemeindehauſe, und mit Muͤhe konn⸗ ten ſich die ankommenden und forteilenden Or⸗ donnanzen und Patrouillen durch die dichten Maſſen draͤngen. Das Schickſal der Stadt hing davon ab, ob die Nazionalmiliz ſich, im Fall das Ayuntamiento beſchloͤſſe, dem Feinde die Thore zu oͤffnen, ruhig unterwerfen, oder ob ſie ſich hinreißen laſſen wuͤrde, einen Widerſtand zu leiſten, der un⸗ ter den beſtehenden Umſtaͤnden, und bei einer off⸗ nen Stadt, wie Granada, die hoͤchſte Thorheit ge⸗ weſen waͤre. In finſterem Unmuthe das Schick⸗ ſal des Vaterlandes, die harte Nothwendigkeit, und ſo viele freudig dargebrachte, vergebliche Opfer bedenkend, und ſchwankend zwiſchen der Stimme der Vernunft und dem Triebe, ſich durch eine raſche That zu betaͤuben, ſtanden viele der wackeren Buͤr⸗ ger auf ihre Waffen gelehnt dort, waͤhrend bei andern ſichtlich die bange Sorge um ihr eigenes und das Schickſal der Ihrigen vorherrſchte, und die juͤngern, entſchloſſenſten oder heftigſten, in laͤr⸗ menden Haufen zuſammengedraͤngt, den Reden einzelner wuͤthender Demagogen ein eifriges Ohr Skizzen aus Spanien. 3⁵59 liehen, und durch wildes Geſchrei zuweilen ihre ſteigende Erbitterung und den unſinnigſten Vor⸗ ſchlaͤgen ihren Beifall ausdruͤckten. Nur der Dienſt, der ſie von Zeit zu Zeit in Reih und Glied rief, ſchien dieſe ſchwankenden Elemente auf Augenblicke zu vereinen, wenn ſie in ernſter, drohender Hal⸗ tung die entfernteren Straßen durchzogen, wo ihre Gegenwart allein den auf ſeinen Raub lau⸗ ernden Poͤbel in Schranken halten konnte.— Die Gruppen, welche ſich um die Nazionalmiliz her auf dem Platze Vivarrambla verſammelt hatten, und unter die ſich auch viele von ihnen miſchten, beſtanden groͤßtentheils aus Anhaͤngern der Conſtitution, oder doch aus friedfertigen Leuten, die eine Veraͤnderung, als ſolche, uͤberhaupt fuͤrch⸗ teten, aber mehr noch in dieſem Augenblicke. Nur hier und da bemerkte man einige Servile, die in ihre Maͤntel gehuͤllt, den Hut tief in's Geſicht gedruͤckt, mit feindſelig lauerndem Blicke ihre Gegner be⸗ obachteten. In den Theilen der Stadt aber, die von den niedern Volksclaſſen bewohnt ſind, beſonders im Albayein, trieben ſich, geſchaͤftig das Feuer ſchuͤrend, Moͤnche von allen Orden her⸗ um.— Vor ſeinem geſchloſſenen Laden, am Eingange 360 Skizzen aus Spanien. des Zacatin, nach dem Platze Vivarrambla, ſtand der reiche Kaufmann Don Domingo Ochoa, von einigen der angeſehenſten Buͤrgern umgeben, in eifrigem Geſpraͤch uͤber die Angelegenheiten des Tages. Auch Antonio hatte ſich zu ihnen geſellt, und bemerkte zu ſeinem Misfallen unter der Grup⸗ pe auch ſeinen ehemaligen Reiſegefaͤhrten, Mr. Brown, deſſen graue, kalte Augen und hoͤlzerne Geſichtszuͤge keine Spur von Theilnahme an dem zeigte, was ſo viele wackere Maͤnner bewegte, und was uͤber ihr und ihrer Vaterſtadt Schickſal entſcheiden ſollte. Als Antonio hinzutrat, hatte ſich eben die Nachricht verbreitet, daß das Ayun⸗ tamiento beſchloſſen habe, ſich ohne Widerſtand zu unterwerfen. Eine heftige Bewegung aͤußerte ſich in der verſammelten Menge. Die moraliſchen Bande des Gehorſams und der Ordnung waren fuͤr den Augenblick zerriſſen.— Die Heftigern eiferten laut gegen den Beſchluß der Behoͤrden, die Mehrzahl ſchien ihn zu billigen.— Es iſt ein Unſinn!— ſagte der reiche Ochoo— es iſt eine Tollheit, an die nur dieſe Tollkoͤpfe von Comuneros denken koͤnnen, uns auch nur eine Viertelſtunde vertheidigen zu wollen. Was kann das helfen?“—„Helfen!— rief heftig ein an⸗ Skizzen gusSpanien. 361 derer, dem Anſcheine nach ein alter Offizier— es kann helfen unſere Ehre retten, wenn auch nicht unſere Freiheit. Sollen wir untergehn, ſo ſei es wenigſtens mit Ehren; um das zu wollen, braucht man kein Comunero zu ſein, ſondern nur ein Altkaſtilier und Soldat, wie ich.“— Aber von alle dem iſt ja gar nicht die Rede, Herr Oberſt— fiel ein dritter ein.— Wir ſollen nichts als dieſe Conſtitution aufgeben, an der, wenn jeder die Wahrheit ſagt, eigentlich Nieman⸗ den etwas liegt.“—„Das iſt wahr— rief ei anderer— es iſt nicht mehr Zeit zu ſchoͤnen 19 densarten. So wie es ging, konnte es ohnedies nicht bleiben, wir waͤren am Ende noch alle zu Jakobinern geworden. Was geht es uns an, wer die Geſetze giebt, die Cortes oder zwei Kammern, oder der abſolute Koͤnig, wenn ſie nur gut ſind und befolgt werden. Das iſt es, was uns Noth thut.“—«Es kommt offenbar nur darauf an, fuͤr den Augenblick Geduld zu haben,— ſprach nun wieder Ochoa.— Wenn die Tollkoͤpfe uns nicht in's Verderben ſtuͤrzen, ſo haben wir nichts zu fuͤrchten, und verlieren nichts bei der Sache.» «So? wer ſteht Euch denn gut dafuͤr?» bna nun Antonio, der wenig Luſt hatte, ſich i 362 Stiszen Aus Spanien. dieſen Streit einzulaſſen, da er einſah, daß es zu nichts fuͤhren koͤnne.—« Ei, habt ihr denn die Proclamation von Andujar nicht geſehen? — war die Antwort— da leſ't! Hier ſteht auch der Cavallero Brown, der mir Briefe vom eng⸗ liſchen Conſul in Malaga bringt, und uns den Schutz und die Vermittlung der engliſchen Regie⸗ rung verſpricht, wenn wir nur keinen unuͤberleg⸗ ten Schritt thun, und uns fuͤr den Augenblick fuͤgen wollen. Ihm verdanken wir es„ daß die Herrn vom Ayuntamiento Vernunft angenommen haben.» .«Ganz gewiß! auf mein Wort!— ſprach nun ſehr foͤrmlich Mr. Brown— Sie koͤnnen der Vermittlung Sr. Majeſtaͤt des Koͤnigs von Groß⸗ britannien verſichert ſein, wenn ſie nur nicht durch einen vergeblichen Widerſtand ſeine wohlthaͤ⸗ tigen Abſichten vereiteln. Sie kennen die Groß⸗ muth der brittiſchen Nation.„— Hier ſprang aus einer naheſtehenden Gruppe junger Leute, die er mit heftigen Worten angeredet hatte, der Italiener Ruggieri hervor, und den Englaͤnder bei der Bruſt faſſend, rief er mit wildem Hohnlachen:« Sprecht Ihr von der Ehre Eurer Regierung und der Großmuth der brittiſchen Nation 2— Wißt Ihr was das heißt, Ciudadanos?— Du Hund! Skizzen aus Spanien. 363 — fuhr er fort, den Englaͤnder in ſteig nder Wuth ſchuͤttelnd— ich kenne Eure Ehre und Eure Großmuth, ich bin ein Genueſer.“— Dann zu dem Haufen der jungen Leute gewandt, rief er:«Wollt Ihr Eure Freiheit verkaufen laſ⸗ ſen, wie die Freiheit Genuag's verkauft worden iſt von dieſen großmuͤthigen Britten?— Iſt es nicht beſſer, mit den Waffen in der Hand und als freie Maͤnner zu ſterben?»— Ihr ſeid toll, Cavallero!— rief dagegen Ochoa, indem er den Wuͤthenden zuruͤckriß— was Teufel habt ihr hier zu ſuchen? Ihr Fremden, Ihr Italiener und Franzoſen ſeid es, die alles Unheil bei uns an⸗ richtet, und mit Eurem gottloſen Geſchwaͤtz un⸗ ſern jungen Leuten den Kopf verdreht. Ihr habt nichts mehr zu verlieren, aber wir.“—«Nichts! nichts!— fort mit dem Englaͤnder!— nieder mit den Servilen! nieder mit den Moderirten! — Sollen wir uns von den Servilen ermorden laſſen!) So riefen viele Stimmen wild durch⸗ einander. Die aͤltern Maͤnner ſuchten die Erbit⸗ terten zu beſaͤnftigen, und Antonio ſelbſt, der noch einigen Einfluß bei ihnen hatte, rief:«die Pro⸗ clamation von Andujar ſichert uns vor allen Reac⸗ tionen. Sie verſpricht Sicherheit des Eigenthums Skizzen aus Spanien. und der Perſon.“— Da. draͤngte ſich durch die Umſtehenden ein Mann mit blutigem verbunde⸗ nen Kopfe, zerriſſenen Kleidern und dem Aus⸗ druck der wildeſten Verzweiflung:« Sprecht Ihr von der Proclamation!— rief er wuͤthend— zur unterſten Hoͤlle mit dem, der ſie ſchrieb, und mit dem, der dran glaubt!— Geht nach Ante⸗ quera! geht!— wir haben ihr getraut und die Waffen niedergelegt. Jetzt bin ich ein Bettler, mein Haus iſt geſchleift, mein Weib liegt am Tode und meinen Sohn haben die Schurken vor meinen Augen ermordet.„— Der Schmerz uͤber⸗ mannte den Ungluͤcklichen, und unter furchtbaren Fluͤchen riß er die Binde vom blutigen Kopfe, und zerraufte ſich die Haare;„ Haͤtte ich wenig⸗ ſtens das Blut der Schurken getrunken, ſo koͤnnte ich ſterben!— fuhr er fort zu raſen.— Sie waren in unſerer Gewalt, und wir haben ſie ge⸗ ſchont. Verflucht ſei unſere Maͤßigung!“—«Seid Ihr Maͤnner? wollt Ihr es abwarten, bis es Euch auch geht, wie unſern Bruͤdern in Ante— quera?» begann Ruggieri wieder, zu dem Haufen gewandt.«Nieder mit den Servilen, und dann gegen die Franzoſen!“ riefen mehrere Stimmen. Vergebens ſuchten die Gemaͤßigtern den Aufruhr .—— —O—‧C—C—O—OC—L—CQ—CCBC—C—C—C—⸗—⸗—⸗—x—x—x—xxxꝛ Skizzen aus Spanien. 365 zu ſtillen; vergebens ſtellte Antonio dem Italie⸗ ner vor: daß die wenigen Truppen beſtochen ſeien — daß von der Nazionalmiliz ſelbſt neun Zehn⸗ tel keinen Schuß feuern wuͤrden.„Sie muͤſſen! moͤgen ſie wollen oder nicht— war Ruggieri's Antwort— wenn ſie einmal nicht mehr zuruͤck koͤnnen, muͤſſen ſie ſich ſchlagen. Wir wollen ihnen die Wahl erſparen.“ Noch war indeſſen den aufgeregten Leidenſchaften kein beſtimmter Ge⸗ genſtand bezeichnet, und man durfte hoffen, daß dieſe Criſe ohne einen gewaltſamen Ausbruch vor⸗ uͤbergehen wuͤrde, als ploͤtzlich eine rauhe Stimme ſich uͤber das Getuͤmmel erhebend rief:«Nach dem Gefaͤngniſſe!» und wie von einem ſchlimmen Zau⸗ ber fortgeriſſen, nahm nun ploͤtzlich der unbe⸗ ſtimmte Vorſatz der Wuͤthenden eine beſtimmte Richtung und Geſtalt, und mit dem Geſchrei: „Nach dem Gefaͤngniſſe!“—„Dort ſind die Schlimmſten beiſammen!“—„Da laßt uns anfangen!“ ſtuͤrmte ein Haufen von einigen Zwanzigen fort, in der Richtung des Zacatin, und von da nach der Cathedral, neben welcher das Stadtgefaͤngniß liegt. Dieſer Haufen beſtand groͤß⸗ tentheils aus Fluͤchtlingen von den benachbarten Orten, doch hatten ſich auch einige Milicianos 366 Skizzen aus Spanien. angeſchloſſen, an ihrer Spitze aber ſtuͤrmte der Ita⸗ liener Ruggieri, einem Wahnſinnigen aͤhnlich— neben ihm ein alter Mann in der Tracht des Vol⸗ kes, deſſen weiße Haare den Ausdruck von tiefem Ingrimm auf ſeinem dunkelbraunen Geſichte, und die Gluth der tiefliegenden Augen noch furchtba⸗ rer machten. Es war der alte Zigeuner, Paqui⸗ ta's Vater— er war es geweſen, der zuerſt ge⸗ rufen hatte:«Nach dem Gefaͤngniſſe!“— Die Hoffnung, ſich endlich an Eſteban, den er den Verfuͤhrer ſeiner Tochter nannte, raͤchen zu koͤn⸗ nen, erſetzte bei ihm die Kraͤfte, welche Alter und Kummer ihm geraubt hatten.— Vergebens hatten einige wohlmeinende Maͤn⸗ ner verſucht, den unſinnigen Haufen zuruͤckzuhal⸗ ten. Obgleich die Mehrzahl unter den verſammel⸗ ten Buͤrgern und der Nazionalmiliz die That ver⸗ abſcheuten, ſo verhinderte dumpfe Verzweiflung uͤber das allgemeine Ungluͤck die Einen, und Un⸗ entſchloſſenheit die Andern, ſich dem wahnſinnigen Anſchlag mit Gewalt zu widerſetzen:«Laßt ſie ma⸗ chen!— riefen einige Stimmen— ſie moͤgen es ver⸗ antworten!“—«Es iſt doch alles verloren, und die Schurken im Gefaͤngniſſe haben den Tod zehn⸗ mal verdient!“—«Die Burſchen haben Recht! Skizzen aus Spanien. 367 todte Hunde beißen nicht,— ließen ſich ſogar einige vernehmen.— Morgen wuͤrde das Geſin⸗ del auf uns losgelaſſen; beſſer man ſchlaͤgt ſie heute todt!“— Einige Schuͤſſe in der Ferne ließen vermuthen, daß das blutige Werk begon⸗ nen habe, und ploͤtzlich herrſchte eine tiefe Stille unter der verſammelten Menge. Antonio war indeſſen auf naͤhern Wegen dem Mordhaufen vorangeeilt, und hatte eben noch Zeit gehabt, die Wache vor dem Gefaͤngniſſe von der drohenden Gefahr zu unterrichten, als die Moͤrder ſchon heranſtuͤrmten. Die Wache gab Feuer, und Ruggieri ſtuͤrzte mit zerſchmettertem Haupte zu Boden; allein die Wuͤthenden ließen ſich nicht aufhalten, die Wache war in einem Augenblicke entwaffnet, und nun begannen ſie mit Brecheiſen und Haͤmmern die eiſenbeſchlagene Thuͤr des Gefaͤngniſſes zu beſtuͤrmen, waͤhrend von Innen das Jammergeſchrei und die Fluͤche der Gefangenen immer lauter erſchollen. Nach einigen Augenblicken fing die Thuͤr an zu krachen und zu weichen, und eben ſollte ein letzter Anlauf ſie vollends zertruͤmmern, als ſie ploͤtzlich von In⸗ nen aufgeriſſen wurde, und einige Gefangene, Chriſtoval an der Spitze, mit dem Muth der Ver⸗ 368 Skizzen aus Spanien. zweiflung hervorſtuͤrzten. Dieſer unerwartete An⸗ griff ſchreckte die Stuͤrmenden einen Augenklick zuruͤck, und es gelang Chriſtoval, wie durch ein Wunder, in die nahe Cathedral zu entkommen. Seine Gefaͤhrten waren nicht ſo gluͤcklich, ſie ſanken bald unter den Schlaͤgen der Brecheiſen und von Bajonetten durchbohrt zu Boden, und uͤber ſie weg drangen die Moͤrder in's Gefaͤngniß. Antonio war, von Entſetzen und Schmerz zerriſſen, unter der Thuͤr der Cathedral ſtehen geblieben, und hatte Chriſtoval erkannt, als dieſer an ihm vorbei in die Kirche ſtuͤrzte. Er ſah zu gut ein, daß er nicht helfen und nicht retten koͤnne, und doch fuͤhlte er ſich wie feſtgebannt. Aus dem In⸗ nern des Gefaͤngniſſes erſchallte ein dumpfes Ge⸗ toͤſe, verworrenes Geſchrei des Schmerzes, der Todesangſt, der Rache, von einzelnen Flinten⸗ ſchuͤſſen unterbrochen. Nach wenig Minuten war jedoch alles ſtill, und bald ſchlichen die Moͤrder, mit Blut bedeckt, heraus— das Entſetzen vor ihrer eigenen That auf den verſtoͤrten Geſichtern. Was ihnen noch vor wenig Minuten als ein noth⸗ wendiges Opfer fuͤr die Rettung oder Rache der Freiheit erſchien, ſtand nun, nachdem es voll⸗ bracht, in der ganzen Furchtbarkeit eines nutzlo⸗ Skizzen aus Spanien. 369 ſen ungeheuern Verbrechens vor ihnen, und ohne weiter an Widerſtand, oder an irgend etwas zu denken, zerſtreuten ſie ſich, wie von den Geiſtern der Ermordeten verfolgt.— Es war indeſſen den Behoͤrden, von den Be⸗ muͤhungen einiger angeſehener Buͤrger unterſtuͤtzt, ge⸗ lungen, die Nazionalmiliz aus der dumpfen Un⸗ thaͤtigkeit zu reißen, in die ſie einen Augenblick verſunken war, und wodurch allein die Ausfuͤh⸗ rung jenes Verbrechens durch einige Wuͤthende moͤglich ward. Dem Ruf ihrer Anfuͤhrer folgend, hatten ſich die bewaffneten Buͤrger wieder geſchaart, und von neuem durchzogen Patrouillen die Stadt, und alle Anſtalten wurden getroffen, um bis zum Einmarſche der Franzoſen die oͤffentliche Ruhe zu ſichern. Es hatte nur weniger Minuten bedurft, um dieſe wackern Leute wieder zur Beſinnung zu bringen, und eine ſtarke Patrouille war ſogleich nach dem Gefaͤngniſſe abgeſandt worden. Dennoch war es zu ſpaͤt. Das Verbrechen war vollbracht, und mit Entſetzen betraten die Maͤnner das Ge⸗ faͤngniß, worin Todtenſtille herrſchte. Antonio raffte ſich auf, und folgte ihnen. Die Gaͤnge, die Treppen waren mit Blut bedeckt, die Thuͤ⸗ ren zertruͤmmert, blutende Leichname lagen auf 24 370 Skizzen aus Spanien. dem Hofe und in den Zellen umher. Die Men⸗ ge der Wunden, aus denen ſie bluteten, bewie⸗ ſen die blinde Wuth der Moͤrder. In einer der letzten Zellen fand Antonio Paquita auf dem Bo⸗ den knieend. Sie hielt Eſteban's Leichnam mit beiden Armen umfaßt; aus einer weitklaffenden Wunde auf ſeiner breiten Bruſt floß das Blut noch in Stroͤmen. Ihre Kleider waren mit Blut uͤberſtroͤmt, ihre langen ſchwarzen Haarflechten, von Blut zuſammengeklebt, hingen uͤber ihre Schultern herab. Ohne den Eintretenden zu be⸗ achten, hatte ſie ihr Geſicht auf das des Er⸗ mordeten gebeugt, den ſie ſtarr, ohne Thraͤnen, ohne einen Laut des Schmerzes anſah. Die Jam⸗ mergeſtalt des Maͤdchens machte einen tiefern Ein⸗ druck auf Antonio, als die Leiche des Bruders, und ſein erſter Ausruf war:«Paquita! Sie . ſah auf, ſchien ihn zu erkennen, und ſagte dumpf: «Er iſt todt. Der Vater hat ihn erſtochen.“— Antonio, dem das Beduͤrfniß, die Ungluͤckliche zu troͤſten, ſelbſt ſeine Faſſung erhielt, verſuchte alles, um ſie zu bewegen aufzuſtehen und dieſen Ort zu verlaſſen. Sie ſchien gar nicht auf ihn zu achten, ſondern wiederholte nur die Worte: „Er iſt todt!“— Als aber Antonio ſie an⸗ Skizzen aus Spanien. 371 faßte, um ſie wegzufuͤhren, ließ ſie es ohne Wi⸗ derſtand geſchehen, und folgte ihm bis auf die Straße; hier riß ſie ſich aber ploͤtzlich los, und verſchwand in der Dunkelheit. Was aus dem Maͤdchen geworden, weiß Niemand zu ſagen. Hirten und Jaͤger wollen in dem wildeſten Theil der Gebirge hinter Granada einer Dirne Allmoſen gegeben haben, die auf alle Fragen nur eine Ant⸗ wort hatte: Er iſt todt. Der Vater hat ihn erſtochen.». Am Morgen nach dieſem ſchrecklichen Tage ruͤckten die franzoͤſiſchen Truppen in Granada ein. Es gelang ihnen, die erſten Ausbruͤche der Rache gegen die beſiegte Parthei zu verhindern. Alle Einrichtungen, welche mit der conſtitutionellen Regierung zuſammenhingen, wurden als nicht be⸗ ſtehend angeſehen, alle vor der Revolution beſtan⸗ denen wieder eingefuͤhrt, und alle Stellen mit An⸗ haͤngern der ſogenannten ſervilen Parthei beſetzt. Die Liberalen waren in der traurigen Lage, den fremden Siegern, die ſie als die Urſache ihres ei⸗ genen und des Ungluͤckes ihres Vaterlandes anſe⸗ hen mußten, die Sicherheit ihrer Perſonen und 1 24* 372 Skizzen aus Spanien. ihres Eigenthums zu verdanken, welche jeden Au⸗ genblick von der ſiegenden Parthei bedroht wurde. Dem Anſcheine nach war alles ruhig, oͤffentliche Feſtlichkeiten, Proclamationen und Zeitungsarti⸗ kel feierten den Sieg der heiligen Sache des Throns und des Altars. Allein die tiefe, ſtumme Trauer der guten Buͤrger von allen Partheien waͤre hin⸗ reichend geweſen, bei den franzoͤſiſchen Kriegern die Freude eines glaͤnzendern Sieges, als der war, den ſie erfochten, zu daͤmpfen. Sie konnten nicht umhin, den Beſiegten gegenuͤber eine gewiſſe Be— ſchaͤmung zu fuͤhlen, die durch die Ausbruͤche der Freude und des Beifalls ihrer Bundesgenoſſen noch vermehrt wurde. Was aber fuͤr die franzoͤ⸗ ſiſche Eitelkeit beſonders kraͤnkend ſein mußte, war die Art, wie ſie von den meiſten Spanierinnen empfangen wurden. War der ſchoͤne Enthuſias⸗ mus der Spanierinnen ein Irrthum, ſo iſt er ih⸗ nen wohl zu verzeihen, da Maͤnner ihn getheilt und veranlaßt hatten. Die Spanierin ſah in der Conſtitution nicht nur das Mittel, was ihrem theuren Vaterlande von neuem die Bahn der Ehre, der Macht und des Gluͤckes eroͤffnen ſollte, ſie ſah durch ſie auch, wie ſie meinte, ihrem Ge⸗ liebten, ihrem Gatten, ihrem Vater und Bru⸗ Skizzen aus Spanien. 373 der eine neue Wuͤrde ertheilt, ſie fuͤhlte den Stolz: freie Maͤnner zu lieben. Sie aͤußerten den Schmerz uͤber den Untergang dieſer Hoffnun⸗ gen und dieſes Stolzes mitunter wohl in bittern Vorwuͤrfen und ſchonungsloſer Verachtung gegen die Maͤnner, welche, meinten ſie, dieſe heilige Sache haͤtten vertheidigen oder ihre Niederlage nicht uͤberleben ſollen. Aber auch den ruhmloſen Siegern ließen ſie haͤufig furchtlos ihre Geſinnun⸗ gen fuͤhlen, Haß mit Verachtung gemiſcht. Und mancher alter franzoͤſiſcher Krieger fuͤhlte ſein benarbtes Geſicht von Schaamroͤthe ergluͤhen, wenn ein ſchoͤner Mund ihm zuͤrnend das Sonſt und Jetzt vorhielt, oder ihm mit bitterem Spotte zu dem unblutigen, ruhmloſen Siege uͤber einen ſchwachen, faſt wehrloſen Feind, und zu den einer ſolchen Sache wuͤrdigen Bundesgenoſſen, Raͤubern und Moͤrdern, dem Verrath, dem Fa⸗ natismus der Prieſter und des Poͤbels, Gluͤck wuͤnſchte.— Fernanda hatte ſeit dem Augenblick, da die Sache ihres Gemahls hoffnungslos verloren ſchien, in tiefem, aber ſtummen Schmerz die Entſcheidung 374 Skizzen aus Spanien. ihres eigenen Schickſals erwartet. Ihr Gemahl ſtand als Freiwilliger bei dem Corps des Generals Balleſteros. Seit dem ungluͤcklichen Gefechte bei Campillo de Arenas hatte ſie nichts von ihm gehoͤrt; aber nur wenn Gefangene von den zer⸗ ſprengten conſtitutionellen Corps durch die Stra⸗ ßen von Granada, unter dem Hohne des Poͤbels, gefuͤhrt wurden, verließ ſie ihre Feſtigkeit, und mit furchtbarer Angſt ſchien ſie unter den Ungluͤck⸗ lichen ihren Gatten zu ſuchen. Dolores, obgleich ſie durch die Nachricht von Chriſtoval's Rettung einigermaßen aufgerichtet war, theilte nun, in ſchuͤchternen Verſuchen ſie zu troͤſten, den ernſten Schmerz der Freundin, waͤhrend zugleich die zunehmende Krankheit der blinden Dona Joſefa alle ihre Zeit und Sorge in Anſpruch nahm.— Antonio erwartete in ruhiger Verzweiflung die Entſcheidung ſeines eigenen Schickſals, die nur durch den beſondern Schutz des franzoͤſiſchen Com⸗ mandanten verzoͤgert wurde.— In dem wackern Don Blas, obgleich er den Sturz der Conſtitu⸗ tion gewuͤnſcht hatte, verdraͤngte doch der rechtliche Schmerz uͤber die Einmiſchung und augenblickliche Herrſchaft fremder Bajonette, jedes Gefuͤhl von Freude uͤber den Sieg ſeiner Parthei.—, Eines Skizzen aus Spanien. 375 Tages ward einem franzoͤſiſchen Offizier bei Don Balthaſar das Quartier angewieſen. Dieſer em⸗ pfing ihn mit ernſter Hoͤflichkeit, und lud ihn ein, an der Mahlzeit der Familie Theil zu nehmen. Die Geſellſchaft ſaß ſchon bei Tiſche, nur Fernanda fehlte noch; als ſie endlich eintrat, und den Offi⸗ zier erblickte, der mit franzoͤſiſcher Galanterie auf⸗ ſpringen wollte, winkte ſie ihm heftig, ſitzen zu bleiben, und ſtatt ihren Platz einzunehmen, ſtellte ſie ſich, dem Diener einen Teller aus der Hand reißend, hinter den Stuhl des Offiziers, indem ſie mit dem Ausdruck des bitterſten Hohnes ſagte: Rerlauben Sie, tapferer Ritter des Throns und des Altars, daß Ihre Sklavin Sie bediene. Denn, Dank Ihnen, wir ſind wieder was wir zu ſein verdienen: Sklaven!“— Der Offizier ſprang auf, und die Roͤthe der Schaam oder des Zornes uͤbergoß ſeine edlen ern⸗ ſten Zuͤge, indem er ſeine ſchoͤne Gegnerin anblickte, die blaß wie eine Bildſaͤule vor ihm ſtand, und ihn mit zorngluͤhendem Blicke zu durchbohren ſchien. Antonio ſuchte einige beguͤtigende Worte anzubrin⸗ gen, Dolores ſprang auf, und ſchmiegte ſich aͤngſt⸗ lich an die Freundin, der Vater aber ſagte ernſt: «Fernanda, ſetz dich auf deinen Platz, oder gehe 376 Skizzen aus Spanien. auf dein Zimmer. Der Herr iſt mein Gaſt.»— „Fernanda!»— rief der Offizier ploͤzlich erſtaunt aus, und ſeine Zuͤge nahmen immer mehr den Ausdruck mitleidiger Theilnahme an.— Ja, ſie muß es ſein!— fuhr er fort.— Sie ſind Doña Fernanda Velarde?— fragte er, ſich Fernanda naͤhernd.«Velarde iſt der Name meines Man— nes,» antwortete dieſe, und eine leichte Roͤthe uͤber⸗ flog ihr blaſſes Geſicht.«Dann verzeihen Sie mir— fuhr der Offizier fort— wenn ich, ſtatt Ihren Zorn zu beſaͤnftigen, Ihnen vielleicht neue, gerechtere Urſache gebe, mich zu haſſen;— kennen Sie dies? fragte er nach einer Pauſe, indem er eine Brieftaſche hervorzog, und daraus ein Stuͤck von einer violetten ſeidenen Binde zog, worauf, durch Blutflecken faſt unleſerlich, die Deviſe:«Con⸗ ſtitution oder Tod» geſtickt war.— Fernanda riß ihm das Band heſtig aus der Hand— ſie ſchwankte einen Augenblick, und ſchien zuſammen⸗ ſinken zu wollen, faßte ſich aber, und fragte mit bebender Stimme:«iſt er gefangen?“— Mit ſichtbarer Ruͤhrung erwiederte der Offizier:«es thut mir weh, daß ich Ihnen auch dieſen Troſt rauben muß. Ihr Gemahl fiel bei Campillo de Arenas, er ſtarb in meinen Armen.»— Gott Skizzen aus Spanien. 277 ſei geprieſen!— rief nun Fernanda heftig, in⸗ dem ſie das Geſicht mit den Haͤnden bedeckte— Gott ſei geprieſen! Nur nicht gefangen!— O er iſt gluͤcklich und frei.— Tauſendmal beſſer, ihn todt zu wiſſen, als ihn in langſamer Ver⸗ zweiflung gefangen im Kerker, als Sklaven dahin ſterben zu ſehen. Das— das allein war die furchtbare Angſt, die mich erdruͤckte.— Jetzt iſt mir ſo leicht“— rief ſie tief aufſeufzend, und ſich matt auf dem Stuhl niederlaſſend, den ihr Antonio reichte.„Wie ſtarb er?“» frug ſie nach einer Pauſe, die nur von Dolores und der Mut⸗ ter Schluchzen unterbrochen war.—«Er fiel ei⸗ ner ſolchen Frau wuͤrdig— erwiderte der Offi⸗ zier— und ich muß hinzuſetzen— auch der Sache, fuͤr die er focht. Ihre Truppen waren un⸗ geuͤbt und ſchlecht gefuͤhrt, wir zerſprengten ſie ohne Muͤhe, aber einzelne Punkte wurden mit verzwei⸗ felter Hartnaͤckigkeit vertheidigt. Ich fuͤhrte zum drittenmale meine Reiter gegen einen kleinen Hau⸗ fen Fußvolk, das ein Quarré gebildet hatte. Es erwartete den Anlauf nicht, ſondern zerſtreute ſich in wilder Flucht in die nahen Schluchten. Nur der Anfuͤhrer erwartete ruhig mit untergeſchlagenen Armen die Kuͤraſſiere, und beantwortete den an⸗ 378 Skizzen aus Spanien. gebotenen Pardon nur mit dem Rufe:«Conſtitu⸗ tion oder Tod!— Meine Leute waren durch den hartnaͤckigen Widerſtand erbittert, ihre Schwerd⸗ ter durchbohrten ſeine Bruſt.— Er ſtarb in meinen Armen, Seüora, ſein letztes Wort war: «Conſtitution oder Tod!“ ſein vorletztes«Fer⸗ nanda,» und dieſes Band trug er mir auf, Ihnen zu uͤberbringen.“—„Ich danke Ihnen— moͤ⸗ gen Sie Ihren Degen einſt fuͤr eine beſſere Sache zie⸗ hen“— ſagte Fernanda, indem ſie dem Offizier die Hand reichte, und das Zimmer verließ.— Fernanda ſtarb wenige Wochen darauf.— Einige Tage nach dem Einmarſch der Fran⸗ zoſen erhielten alle Fluͤchtlinge aus den benachbar⸗ ten Orten Befehl, nach ihrer Heimath zuruͤckzu⸗ kehren. Dies hieß, ſie einem beinah unvermeid⸗ lichen Verderben entgegen treiben, das ſie ent⸗ weder durch die umherſtreifenden Horden der Glau⸗ bensarmee, oder durch die Wuth der ſiegenden Par⸗ thei bedrohte, welche in jenen Orten, wo keine fran⸗ zoͤſiſche Truppen lagen, durch nichts in Schranken gehalten wurde. Auch Antonio mußte ſich entſchlie⸗ ßen, dieſem Befehl Folge zu leiſten, da er ihm Skizzen aus Spanien. 379 noch ausdruͤcklich durch die geiſtliche Behoͤrde wie⸗ derholt ward, mit dem Bedeuten, in ſeinem Ge⸗ burtsort die weitere Entſcheidung ſeines Schickſals abzuwarten. Antonio erhielt fuͤr ſich und mehrere andere Fluͤchtlinge die Erlaubniß, ſich an eine fran⸗ zoͤſiſche Colonne anzuſchließen, welche uͤber Loja und Antequera nach den Gebirgen von Ronda ab⸗ geſchickt werden ſollte, um einige conſtitutionelle Gue⸗ rillas zu verfolgen, welche ſich noch in jener Gegend herumtrieben.— An einem ſchoͤnen Septem⸗ bermorgen ſetzte ſich die Colonne in Bewegung. Es waren zweihundert Mann, unter dem Befehl eines Offiziers, der Antonio perſoͤnlich kannte, und Alles that, um das Loos ſeiner Schutzbefohlenen zu erleichtern. Dieſe mochten ſich auf etwa funf⸗ zehn Perſonen belaufen, worunter auch einige Wei⸗ ber. Dolores ſaß mit zwei andern Frauen und Antonio in einem bedeckten Karren, Tartana ge⸗ nannt. Sie war heiterer, als ſie es ſeit langer Zeit geweſen. Obgleich der Abſchied von Fernanda und Doha Joſefa ſie ſehr betruͤbt hatte, ſo uͤber⸗ wog doch die Ausſicht, ihre Aeltern wiederzuſehen, und die Hoffnung, mit Chriſtoval vereint zu wer⸗ den, bald den Schmerz der Trennung. Nur Anto⸗ nio's tiefer Kummer, der jedoch nicht ſeinem eige⸗ Skizzen aus Spanien. nen, ſondern dem Schickſal ſeines Vaterlandes galt, druͤckte das arme Kind nieder, ſie ſuchte den Bruder zu erheitern, und machte ſich ſelbſt Vorwuͤrfe, daß ſie ſeinen Kummer nicht theilen koͤnne.— Ohne irgend einen bemerkenswerthen Vorfall ſetzte die Colonne ihren Marſch uͤber Santa F durch die fruchtbare Vega fort, und erreichte gegen Abend das kleine Staͤdchen Loja, was von engen Gebirgsſchluchten umgeben, auf einem ſteilen Huͤ⸗ gel liegt, auf deſſen Gipfel ſich die Ruinen einer mauriſchen Burg erheben.— Der Anfuͤhrer der Co⸗ lonne beſchloß außerhalb des Orts zu bivouakiren, und die Reiſenden fanden es nicht rathſam, ſich von ihren Beſchuͤtzern zu entfernen, denn ſchon wa⸗ ren ſie von einem Theil der Bevoͤlkerung des Ortes, den die Neugierde ihnen entgegenge⸗ fuͤhrt hatte, mit drohendem Geſchrei empfangen worden.— Mit Sonnenaufgang rief die Trommel und die Hoͤrner der Jaͤger zum Aufbruche. Schon war die Colonne geordnet, und erwartete nur das Com⸗ mando des Anfuͤhrers, um ihren Marſch fortzuſe⸗ zen, als ein franzoͤſiſcher Chaſſeur heranſprengte, und dem Offizier eine Ordre uͤberbrachte. Nach⸗ Skizzen aus Spanien. 381 dem er ſie geleſen, ſagte er zu Antonio:«ich be⸗ daure es herzlich, allein ich muß Sie verlaſſen. Ich erhalte hier den Befehl, ſogleich nach Alhama zu mar⸗ ſchiren, und mich mit einer Colonne zu vereinigen, welche den Paß von Zafaraya beſetzen ſoll. Es ſcheint, als wenn man von Malaga her einen Angriff fuͤrch⸗ te.»—„Wenn Sie uns verlaſſen, ſo ſind wir ver⸗ loren» antwortete Antonio mit einem bangen Blick auf Dolores und auf den Haufen, der ſich um ſie verſammelt hatte, und ſchon anfing, das gewohnte Geſchrei:«es leben die Franzoſen! es lebe die In⸗ quiſition! nieder mit den Schwarzen! nieder mit den Freimaurern!» anzuheben.— Der Offizier er⸗ widerte achſelzuckend:«Ich laſſe Ihnen zwanzig Mann zur Bedeckung bis Antequera, mehr kann ich nicht thun— die werden aber hinreichen, um Sie vor der Canaille zu ſchuͤtzen. Leben ſie wohl.“» — zugleich gab er dem Sergeanten Gérard, einem alten Soldaten, der ſchon unter dem kaiſerlichen Adler in Spanien gedient hatte, den Befehl, die Reiſenden zu eskortiren, gruͤßte die Damen und beſonders Dolores, und ſchlug an der Spitze ſei⸗ ner Colonne den Weg uͤber das Gebirge nach Alhama ein. Mit ſchwerem Herzen ſahen die hrang 382 Skizzen aus Spanien. ihren Beſchuͤtzern nach; der alte Gérard aber ſprach ihnen Muth zu, ordnete ſeine kleine Schaar, trieb die umherſtehenden Gruppen mit derben Fluͤchen in allen europaͤiſchen Sprachen auseinander, und kommandirte: Marſch! Einige Eroͤrterungen, die Goérard mit dem Alcalden wegen eines Wegweiſers hatte, verurſachten einen kleinen Aufenthalt auf dem Marktplatze vor dem Gemeindehauſe, und als eben der Zug ſich wieder in Bewegung ſetzen wollte, er⸗ ſchallte ploͤtzlich aus der Ferne ein wildes Geſchrei, mit einem verworrnen Getoͤſe von Trommeln, Pfei⸗ fen und Hoͤrnern, und gleich darauf drang von der Seite her, nach welcher Gérard die Sei⸗ nigen fuͤhren wollte, eine Schaar Bewaffneter her⸗ ein, welche bald den ganzen Marktplatz anfuͤllten. Es war ein Haufen von der Glaubensarmee, wel⸗ cher ebenfalls Befehl erhalten hatte, zu dem fran⸗ oͤſiſchen Corps in Alhama zu ſtoßen. Wer dieſe Helden nicht geſehen hat, macht ſich ſchwer einen Begriff von dem Anblick, den ſie darboten. Die Mehrzahl beſtand aus Bewohnern von den wilde⸗ ſten Gebirgen Cataloniens. Ein Volk, was in man⸗ cher Hinſicht auf derſelben Stufe der Civiliſation ſteht, wie die nordamerikaniſchen Wilden, oder wie noch im Anfang des vorigen Jahrhunderts die ſchottiſchen Skizzen aus Spanien. 383 Hochlaͤnder, mit dem Unterſchiede, daß ſie ihren Geiſtlichen(curas) oder ſelbſtgewaͤhlten und an⸗ erkannten Fuͤhrern eben ſo blind folgen, als jene ihren angeſtammten Clanhaͤuptern. Die Sperre des Handels mit Frankreich durch den Geſund⸗ heitscordon hatte an jenen Gebirgen die gewuͤnſchte Folge einer Hungersnoth und Unzufriedenheit ge⸗ habt. Die Geiſtlichen bezeichneten ihr die Libera⸗ len und die Conſtitution als Urſache und Gegen⸗ ſtand, boten Ablaß und ein gutes Handgeld auf der einen Seite, Excommunication auf der andern— ſo folgten Tauſende den kuͤhnen Abentheurern, die ſich an ihre Spitze ſtellen mochten, in die frucht⸗ baren Thaͤler und Ebenen hinab*). Die meiſten von ihnen trugen keine andere Kleidung, als ein Hemd und kurze weite Beinkleider bis an die Knie *) Der Verfaſſer fragte einen Gefangenen von der Glau⸗ bensarmee: was ihn bewogen habe mitzuziehen?— Was wollt Ihr! Herr— war die Antwort— der Herr Pfarrer ſagte eines Tages zu mir: Vicente, nimm dein Gewehr und zieh mit zum Moſen Anton Coll.— Ich hatte aber keine Luſt, denn ich hatte eben wieder Arbeit gefunden, und verdiente vier Real täglich. Da ſagte der Herr Pfarrer: Vicente, wenn du nicht mitziehſt gegen die Juden, ſo biſt du excommunicirt, wenn du aber mitziehſt, krigſt du zwei Peſetas täglich. Da zog ich mit, Herr.»— 384 Skizzen aus Spanien. reichend, an den Fuͤßen Sandalen, auf dem Kopfe eine rothe wollne Muͤtze, von der einen Seite bis auf die Schulter herabfallend. Ihre Waffen wa— ren eine Escopeta, und ein Meſſer. Die Patro⸗ nen trugen viele in der Bauſchung des Hem⸗ des. Einige hatten ſich jedoch in allerlei Uni⸗ formen geſteckt, ſowohl franzoͤſiſche, als ſolche, die ſie den conſtitutionellen Soldaten abgenommen hatten. Jede andere Art von Fußbekleidung, au⸗ ßer die geflochtenen Sandalen(espardenyas) war unbrauchbar fuͤr ſie. Ihre Anfuͤhrer hatten waͤhrend des letzten harten Winters zuweilen Schuhe fuͤr ſie requirirt, allein in der erſten halben Stunde des Marſches ließen ſie ſie gewoͤhnlich auf der Straße liegen, und gingen lieber barfuß, bis ſie wieder Espardenyas fanden. Dieſer Haufen trug eine Anzahl von Fahnen, darunter einige Kirchen⸗ und Prozeſſionsfahnen, andere ganz roth, mit allerlei Deviſen; wie z. B. «es lebe die heilige Mutter Gottes vom Pilar!»“ — ces lebe unſere heilige Religion! nieder mit den Juden!»— Kes lebe der abſolute Koͤnig!“ — nieder mit den Freimaurern! nieder mit der Conſtitution!» u. ſ. w. Dieſe Worte dienten ih⸗ nen auch als Feldgeſchrei.— Unter dieſer un⸗ Skizzen aus Spanien. 385 ordentlichen Schaar von Wilden, wovon die mei⸗ ſten kein Wort caſtilianiſch verſtanden, bemerkte man jedoch auch einen kleinen Haufen, deſſen ganze Haltung trotz der Ungleichartigkeit ihres Anzuges ſie als alte Kriegsleute bezeichnete. Es waren groͤß⸗ tentheils Soldaten von der walloniſchen Garde, welche, der Niederlage des ſiebten Juli entronnen, ſich an die Glaubensarmee angeſchloſſen hatten; auch Soldaten von andern Linienregimentern waren darunter. Der Anfuͤhrer der Schaar, die wohl tauſend Mann ſtark ſein mochte, ritt ſogleich auf Gérard und ſein kleines Haͤuflein zu. Antonio erkannte in ihm denſelben Jep dels Eſtanys, den er im vorigen Jahre auf dem Markte von Mairena ge⸗ ſehen hatte. Er ritt einen leichten Klepper, wie ſie in den Gebirgen von Catalonien gewoͤhnlich ſind. Sein ganzes Ausſehen hatte etwas laͤcher⸗ lich Abenteuerliches. Er trug eine reiche Oberſten⸗ uniform und einen hohen Federhut, dabei aber weder Stiefel noch Sporen, ſondern Sandalen, wie ſeine Leute, und grobe zwillichene Beinkleider. In ſeinem Gurte ein Paar große Sattelpiſtolen, an der Seite einen langen, alterthuͤmlichen Stoß⸗ degen, offenbar nur zum Staate. An ſeinem 25 386 Skizzen aus Spanien. Sattel hing ein ſchwerer Musketon, und in der Hand hielt er eine lange Escopeta.— Neben ihm erkannte Antonio den Rittmeiſter Mendizabal auf ſei⸗ nem ſchwarzen Hengſt, mit ſeinem ſpoͤttiſchen Laͤcheln, und noch mehr bittern Grimm in dem ganzen Ausdrucke ſeines Geſichtes, als fruͤher. Als eine Art von Leibgarde umgaben den Glaubenshelden etwa ein Duzzend Reiter, die noch einige Ueber⸗ reſte von der Uniform der koͤniglichen Carabiniers trugen. «Was giebt es hier? was ſind das fuͤr Leute? wo fuͤhrt Ihr ſie hin?“» rief der gefuͤrchtete Jep dels Eſtanys dem Sergeanten Gérard zu. Die⸗ ſer, der wenig Spaniſch verſtand, und noch we⸗ niger Luſt hatte, die, wie er glaubte, unbefug⸗ ten Fragen eines Glaubensritters zu beantwor⸗ ten,(ſo pflegten die franzoͤſiſchen Soldaten ſpott⸗ weiſe ihre Bundesgenoſſen zu nennen,) gab keine Antwort, ſondern befahl ſeinen Leuten, das Ba⸗ jonett aufzuſtecken, und ſchickte ſich an, ſich im Nothfall mit Gewalt einen Weg durch das Ge⸗ draͤnge zu bahnen. Statt ſeiner aber antworte⸗ ten mehrere Stimmen aus dem Haufen, der ſich verſammelt hatte:«Es ſind fluͤchtige Freimaurer! Schlagt ſie todt! Nieder mit den Juden! Nie⸗ Skizzen aus Spanien. 387 der mit den Schwarzen!»— und naͤher draͤngte der Haufen, von einigen Fanatikern aus dem Orte ſelbſt aufgehetzt. «Rayon de deu que te cure!— rief der Anfuͤhrer, als er auf ſeine Frage keine Ant⸗ wort erhielt— kann der Hund von Gavacho nicht antworten. Sprecht mit ihm, Herr Ritt⸗ meiſter,» wandte er ſich zu Mendizabal.«Gebt dem Herrn Oberſt Antwort, Camerad!“» ſagte nun Mendizabal zu dem Sergeanten auf Franzoͤ⸗ ſiſch, wobei er hoͤhniſch laͤchelte, indem er das Wort Oberſt betonte. Gorard ſah den ſonderba⸗ ren Oberſt zweifelhaft an, und wußte nicht, in wie weit hier die militaͤriſche Subordination in's Spiel kommen koͤnne.«Ein ſchoͤner Oberſt,» brummte er fuͤr ſich. Dieſer aber rief noch aufgebrachter:«Tron de deu que te ecrasa! Ja, Oberſt bin ich, Gavacho! bei der allerheiligſten Jungfrau vom Pilar zu Zaragoza. Von der preiswuͤrdigen Re⸗ gentſchaft von Urgel ernannt und beſtellt.“— Eben wollte der Sergeant an Mendizabal berichten, daß er Befehl habe, dieſe Reiſenden zu escorti⸗ ren, als ein Geiſtlicher auf einem ſtarken Maul⸗ thier heranritt. Antonio erkannte ſogleich in ihm den Pater Francisco, und mit einer bangen Ah⸗ 25* 388 Skizzen aus Spanien. nung ſagte er zu Gérard:„Jetzt iſt es vorbei. Laſſen Sie ſchnell die Frauen in's Gemeindehaus fluͤchten, wir muͤſſen uns vertheidigen, ſo gut wir koͤnnen.“ Der Franzoſe verſtand zwar nicht genau, was Antonio meinte, allein da er es doch fuͤr raͤthlicher hielt, ruhig den Abzug des Haufens zu erwarten, ſo willigte er ein, und der Alcal⸗ de, der vergebens ſeinen weißen Stab vorhaltend, im Namen des Koͤnigs Ordnung und Ruhe gebo⸗ ten hatte, war ſogleich bereit, die Fluͤchtlinge auf⸗ zunehmen, welche mit ſteigender Angſt des Aus⸗ ganges geharrt hatten. Die Maͤnner ſchickten ſich zum Widerſtande an, die Weiber eilten in das Gemeindehaus. Dolores allein weigerte ſich hart⸗ naͤckig, ihren Bruder zu verlaſſen. Noch war die— ſer bemuͤht, ſie zu uͤberreden, als der Pater Fran⸗ cisco ihn bemerkte, und ſogleich zu dem Haufen ge⸗ wandt ausrief:«Im Namen unſrer allerheiligſten Religion, greift den Judas! greift den Apoſtaten!» Es bedurfte nur dieſer Anregung, um den tollen Haufen in Bewegung zu ſetzen, und ploͤtzlich ſtuͤrzte er von allen Seiten mit wildem Geſchrei auf ſeine Beute los. Die franzoͤſiſchen Soldaten waren zu nah bedraͤngt, als daß ſie mehr als ein⸗ mal haͤtten Feuer geben koͤnnen, und die Wuͤthen⸗ Skizzen aus Spanien. 389 den ließen ſich dadurch nicht abſchrecken. Nun begann ein wildes Hin- und Herdraͤngen, die Franzoſen wurden groͤßtentheils niedergeriſſen und entwaffnet, einige der Reiſenden waren ſchon das Opfer ihrer fanatiſchen Gegner geworden. Anto⸗ nio ſelbſt, allein um ſeine Schweſter beſorgt, welche ihn umarmt hielt, als wollte ſie ihn mit ihrem Leibe decken, blutete aus einer Wunde, und ſchon hatten einige der Raſenden ihn ergriffen, waͤhrend andere Dolores fortzureißen ſuchten, da draͤngte ſich ploͤtzlich Chriſtoval durch das Getuͤm⸗ mel, und mit dem Gewehrkolben zwei der An⸗ greifer niederſchlagend, dann mit gezogenem Dolch auf die andern eindringend, ſuchte er Dolores und ihren Bruder, ſo gut es einem Einzelnen moͤg⸗ lich war, in dem wuͤthenden Gedraͤnge zu ſchuͤtzen. Chriſtoval war kurz nach dem Pater Francisco angekommen, von dem er mit Auftraͤgen an ei⸗ nen andern Haufen der Glaubensarmee geſandt worden war. Er hatte, eingedenk des Angriffs auf die Gefangenen in Granada, ſich durchgedraͤngt, um Rache an ſeinen Feinden zu nehmen, als er mit grimmigem Entſetzen Dolores in den blutigen Haͤnden der Wilden erblickte. Mit uͤbermenſchli⸗ cher Anſtrengung ſuchte er ſich dem Strom ent⸗ 390 Skizzen aus Spanien. gegenzuſtemmen. Allein es war zu ſpaͤt. Ein Schuß, der Antonio galt, zerſchmetterte Dolores Schulter, und mit einem ſchmerzlichen Schrei ſank ſie zu Boden. Die Wuth gab Chriſtoval neue Kraͤfte, und die Angreifenden, zum Theil ſelbſt durch den Anblick des ſchoͤnen blutenden Maͤdchens erſchuͤttert, wichen etwas zuruͤck. Den⸗ noch waͤre Antonio und diejenigen ſeiner Gefaͤhr⸗ ten, welche noch nicht unterlegen hatten, verloren geweſen, wenn nicht die Rettung von einer an⸗ dern Seite gekommen waͤre. Am Eingange des Staͤdtchens fielen ploͤtzlich mehrere Schuͤſſe, und gleich darauf ſtuͤrzten einzelne Glaubensſoldaten fliehend auf den Marktplatz. Ihnen auf dem Fuße folgten einige funfzig Reiter, die, ohne ei⸗ nen Augenblick zu zaudern, unter dem Rufe:«es lebe die Conſtitution! es lebe Riego!» auf den dichten unordentlichen Haufen einhieben, waͤhrend zugleich von einer andern Seite ein lebhaftes Ge⸗ wehrfeuer auf ſie begann. Es war dies der Vor⸗ trab einer Colonne, die unter Riego's Anfuͤhrung von Malaga aufgebrochen, und die franzoͤſiſchen Corps umgehend, ohne auf einen Feind zu ſtoßen, bis hierher vorgedrungen war.— Die Glaubens⸗ helden verſuchten auch nicht einmal den Schein des Skizzen aus Spanien. 391 Widerſtandes, wozu ſie auch in dieſer Lage kei⸗ nesweges geeignet waren, ſondern ſich nach allen Seiten zerſtreuend, waren ſie in wenig Augen⸗ blicken von dem Platz und aus der Stadt ver⸗ ſchwunden, und in den benachbarten Schluchten des Gebirges in Sicherheit, wobei nur wenige von ihnen niedergehauen und einige gefangen wor⸗ den. Mendizabal und ſeine wenigen Reiter zeigten ſich als tapfere, bewaͤhrte Krieger. Meh⸗ rere Male fuͤhrte er ſie gegen den viel zahlreichern, Feind, und deckte ſo die Flucht des Fußvolkes. Erſt als die feindlichen Reiter noch Verſtaͤrkung erhielten, wich er der Uebermacht und ſprengte den Fluͤchtlingen nach, in der Richtung, die er gekommen war. Gleich beim Anfange des kurzen Gefechtes hatten einige Jaͤger, hinter dem Gemein⸗ dehauſe hervorbrechend, dem Kampfe dort ein Ende gemacht. Die franzoͤſiſchen Soldaten hatten ſich ihnen ergeben. Der alte Gérard lag mit einer tiefen Meſſerwunde in der Bruſt blutend am Bo⸗ den. Der Anfuͤhrer der Jaͤger gab Befehl, die Gefangenen zuſammenzubringen, die Verwundeten wegzuſchaffen, und eilte dann auf eine Gruppe zu, welche ſeine ganze Aufmerkſamkeit feſſelte. Auf einer ſteinernen Bank vor dem Gemeinde⸗ 392 Skizzen aus Spanien. hauſe lag, in den Armen einer der Frauen, Do⸗ lores. Von der zerſchmettert herabhaͤngenden Schul⸗ ter floß das Blut in Stroͤmen, blaß und mit geſchloſſenen Augen, beſinnungslos lag ſie da. Neben ihr ſtand Antonio, mit Beihuͤlfe eines ehr⸗ wuͤrdigen alten Geiſtlichen, der eben herbeigetre⸗ ten war, vergeblich bemuͤht, das Blut zu ſtillen. In ſtummer Verzweiflung richtete er ſich eben auf, als der junge Offizier herantrat, mit dem ſchmerzlichen Ausrufe:«gerechter Gott! Don Antonio, muͤſſen wir uns ſo wiederſehen!“— Antonio erkannte mit Muͤhe den jungen Rojas, ſo ſehr hatten Entbehrungen, Beſchwerden, Kummer und Leidenſchaften den Ausdruck frohen Jugend⸗ muth's verdraͤngt. In dieſem Augenblick kam die Verwundete wieder zu ſich. Sie oͤffnete die großen Augen, und ſah ſich mit einem ſchmerzlichen Laͤcheln um:„Chriſtoval!“» ſagte ſie mit matter Stimme. Chriſtoval kniete zu ihren Fuͤßen, ihre Knie umfaſſend, und das Geſicht gegen den Stein gepreßt. Er ſprach kein Wort, und ſchien re⸗ gungslos, nur daß der Schmerz ſeine ganze Geſtalt durchzuckte. Dolores legte ihre Hand auf ſein Haupt, dann den Geiſtlichen erken⸗ nend, ſagte ſie:«gelobt ſei die ſchmerzenreiche Skizzen aus Spanien. 393 Mutter, daß ſie Euch hergefuͤhrt hat, Pater Hi⸗ lario. Jetzt ſterbe ich gern. Betet mit mir, Va⸗ ter, und gebt mir die Abſolution.“— Mit ſchwaͤcherer Stimme, zu ihrem Bruder gewandt, fuhr ſie fort:«leb wohl, Bruder. Ich will fuͤr dich beten. Gruͤß Vater und Mutter.“ Rojas erkennend, nickte ſie ihm freundlich zu, und ſah dann den Geiſtlichen noch einmal, wie bittend, an. Der alte Mann ſuchte ſeinen Schmerz zu bemei⸗ ſtern, kniete neben der Sterbenden, und begann mit lauter Stimme die uͤblichen Litaneien zu beten⸗ Dolores verſuchte die Haͤnde zu falten, allein der zerſchmetterte linke Arm verſagte ihr den Dienſt, ſie wimmerte ſchmerzlich zuckend. Chriſtoval machte eine krampfhafte Bewegung, als wollte er auf⸗ ſpringen, Dolores aber legte ihre rechte Hand wieder auf ſein Haupt, ſchloß die Augen und be⸗ tete dann, ſtill die Lippen bewegend. Die mei⸗ ſten Umſtehenden knieten mit entbloͤßtem Haupte in ſtillem Gebet. Die Soldaten ſahen, auf ihre Gewehre gelehnt, mit ernſter Ruͤhrung zu.— Der Prieſter hatte ſein Gebet vollendet, er hielt der Sterbenden ein Crucifix hin, was ſie mit Heftigkeit an ihre Lippen druͤckte, dann gab er ihr die Abſolution, ſeine Stimme verſagte ihm, 394 Skizzen aus Spanien. und laut ſchluchzend wandte er ſich ab. Dolo⸗ res oͤffnete noch einmal die Augen, murmelte leiſe:«Chriſtoval!» und ein leichtes Zucken ver⸗ rieth, daß ſie ausgelitten hatte. Ein ſchmerzliches Laͤcheln ruhte um ihren Mund, ihre noch eben von toͤdtlicher Blaͤſſe uͤberzogenen Wangen leuch⸗ teten noch einmal auf in einem roſigen Glanz. Es herrſchte ein Augenblick tiefen Stillſchwei⸗ gens unter der verſammelten Menſchenmenge, nur von dem Schluchzen der Frauen unterbrochen. Alle heftigen, feindlichen Leidenſchaften, die ſie noch eben bewegt hatten, waren vor den mildern Regungen des Mitleids und der Andacht gewichen. Da er⸗ ſchallte aus der Ferne kriegeriſche Muſik— der wohlbekannte Himno de Riego— dann der ge⸗ ſchloſſene raſche Schritt einer geordneten Kriegs⸗ ſchaar, und gleich darauf zog eine ſtarke Infan⸗ teriecolonne unter dem Rufe:«Es lebe die Con⸗ ſtitution! es lebe Riego!» uͤber den Marktplatz weg. Der Anfuͤhrer, von mehreren Offizieren um⸗ geben, ritt auf dieſe ſonderbare Gruppe los, und als er das ſchoͤne, blutige Opfer dort liegen ſah und den Schmerz der Umſtehenden bemerkte, betrach⸗ tete er ſie einen Augenblick mit ſtiller Ruͤhrung und Verwunderung. Es war Riego ſelbſt. Antonio, .— ———— Skizzen aus Spanien. 395 der ihn und die meiſten ſeiner Begleiter gekannt hatte, mußte, trotz ſeines Schmerzes, die Veraͤn⸗ derung bemerken, welche in ihnen vorgegangen war. Riego war in den letzten ſechs Mona⸗ ten um viele Jahre gealtert. Sein Haar war er⸗ graut, und der Ausdruck von Milde, von edler Begeiſterung, der ſonſt ſeine ſtarken Zuͤge ver⸗ ſchoͤnerte, hatte einem Ausdruck von tiefem See⸗ lenſchmerz und Mistrauen Platz gemacht. Ver⸗ zehrender Kummer und raſtloſe Thaͤtigkeit hatten ſeine Stirne tief gefurcht. Selbſt die Begeiſterung, die noch aus den tiefliegenden Augen hervorgluͤhte, hatte etwas Finſteres— es war die Begeiſterung der Verzweiflung. Seine Begleiter ſchienen die Gefuͤhle des geliebten Fuͤhrers zu theilen, nur daß bei den meiſten offenbar die wildern Leidenſchaften der Rache und tiefen Ingrimmes vorherrſchten. — Die voruͤberziehenden Krieger boten einen auf⸗ fallenden Gegenſatz dar, durch ihre wirklich krie⸗ geriſche Haltung und die bunte Unordnung in ih⸗ rem Aeußern. Es waren Soldaten von verſchiede⸗ nen Regimentern darunter, welche aus eigenem Antriebe an dieſem letzten, verzweiflungsvollen Verſuch, die Sache der Conſtitution zu retten, Theil genommen hatten. Die Mehrzahl beſtand 396 Skizzen aus Spanien. jedoch aus den Truͤmmern der Nazionalmilizen von verſchiedenen Staͤdten aus allen Gegenden von Spanien. Bei der allmaͤhligen Aufloͤſung der ver⸗ ſchiedenen ſpaniſchen Armeecorps, und dem raſch auf einander folgenden Verrath der drei Hauptan⸗ fuͤhrer Abisbal, Murillo und Balleſteros, hatten viele von dieſen wackern Buͤrgern ganz Spanien durchzogen, uͤberall bereit fuͤr die Sache der Frei⸗ heit zu fechten, und uͤberall durch denſelben Man⸗ gel an Einheit, an Fuͤhrern und an Kriegsbe⸗ darf in ihren Hoffnungen getaͤuſcht. So hatte ſich endlich eine ziemliche Anzahl derſelben in Malaga zuſammen gefunden, um unter Riego das Aeußerſte zu verſuchen. Vor allen aber zeich⸗ nete ſich ein kleiner Haufen durch kriegeriſche Hal⸗ tung und Entſchloſſenheit aus; es war ein Theil der Nazionalmiliz von Madrid, welche der Un⸗ thaͤtigkeit in Cadix, der unheilbaren Blindheit der Moderirten, die ihnen als offenbarer Verrath er⸗ ſchien, muͤde, ſich freiwillig mit Riego einge— ſchifft hatten, um mit ihm zu ſiegen oder zu ſter⸗ ben. Wer jetzt dieſe, von der Sonne verbrann⸗ ten, baͤrtigen Geſichter, in denen der Muth der Verzweiflung mit dem ernſten Schmerz des wa⸗ ckern Buͤrgers um das Ungluͤck des Vaterlandes Skizzen aus Spanien. 397 und um eigenes ſich miſchte, dieſe durch Entbeh⸗ rungen abgemagerten Geſtalten, mit zerlumpten Uniformen bedeckt, barfuß oder mit Sandalen an den blutenden Fuͤßen, feſten, geſchloßnen Schrittes, uͤber die ſcharfen Felſen dahinziehen ſah, der haͤtte kaum geglaubt, daß dieſelben Maͤnner noch vor wenig Monaten in der Mitte ihrer Familien als wohlha⸗ bende, geachtete Buͤrger in Ruhe und Frieden lebten, unter dem Schutz der Geſetze, die in ih⸗ nen wiederum den ſtaͤrkſten Schutz fanden.— «„Was giebt es hier, Lieutenant Rojas?“ fragte Riego nach einer Pauſe. Rojas trat vor, und wollte militaͤriſch berichten, was vorgefal⸗ len war, allein der Schmerz uͤberwaͤltigte ihn, und er brach ab, indem er auf die ſchoͤne Leiche deutete. Riego verſtand jedoch den Zuſammenhang und ſagte vor ſich hin, indem er die Hand vor die Augen hielt:«noch ein unſchuldiges Opfer!» — Seine Begleiter warfen grimmige Blicke auf die gefangenen ⸗Glaubensſoldaten, und einige Stim⸗ men riefen:«Laſſen Sie die Hunde niederſchie⸗ ßen, mein General!“—«Es ſind Kriegsgefan⸗ gene,» ſagte Riego ernſt, ſich umwendend. Wir koͤnnen uns nicht mit Gefangenen ſchleppen, mein General. Sollen wir die Bluthunde etwa gar lau⸗ 398 Skizzen aus Spanien. fen laſſen?“ rief ein anderer. Rojas fragte zu⸗ gleich: was mit den Leuten geſchehen ſolle?— »Laßt ſie laufen!» ſagte Riego verdrießlich.«Ver⸗ zeiht, mein General— bemerkte ein neben ihm haltender Offizier— das geht nicht. Ihr ſeid immer zu gut.— Nieder mit ihnen!“» fielen mehrere Stimmen auch unter den Soldaten ein. «Ruhe!— gebot aber Riego mit donnernder Stimme— es ſind Kriegsgefangene, und ihnen wird kein Haar gekruͤmmt. Ihr, Rojas, bringt ſie fort.)— In dieſem Augenblick ſprang Chri⸗ ſtoval auf, der bis jetzt regungslos bei der Lei⸗ che gekniet hatte. Entſetzt fuhren die Zunaͤchſt⸗ ſtehenden vor ſeinem Anblick zuruͤck. Seine Ge⸗ ſichtsfarbe war aſchgrau, ſein Blick wild, gebrochen. Sein Geſicht, ſeine Kleidung war mit Blut be⸗ deckt, er ſelbſt blutete aus mehreren Wunden. «Wißt Ihr, wer ich bin, Cavalleros?⸗— fragte Chriſtoval mit tonloſer Stimme die Offiziere, welche ihn verwundert anſahen.—„Habt Ihr von Chriſtoval Moreno gehoͤrt?— fragt nach in den Gebirgen von Ronda.— Manche von den Herren hier ſollten mich kennen— fuhr er fort, als die gewuͤnſchte Entſcheidung nicht er⸗ folgte— ich bin es, der den Marques von Skizzen aus Spanien⸗ 399 Pefäaflores erſtach auf dem Markte von Mairena. Iſt Euch das noch nicht genug?“» fragte er un⸗ geduldig mit dem Fuß ſtampfend.«Der Menſch hat den Tod verdient, nach uUrtheil und Recht. Ich kenne ihn recht wohl— ſprach hier einer von Riego's Begleitern, der eine Magiſtratsperſon zu ſein ſchien.— Er hat dreimal die Amneſtie ver⸗ worfen, und da er ſich ſelbſt nennt, iſt ihm nicht zu helfen.“—«Nieder mit ihm!“» riefen meh⸗ rere Reiter von dem Regimente Alcantara— Rache fuͤr den Marques von Peſiaflores!“—, «Ruhig dort!— gebot Riego wieder— dann zu Chriſtoval gewandt, ſagte er: Ihr muͤßt ſter— ben, Freund, ich kann Euch nicht helfen!“— «Gott vergelt's Euch, mein General— rief Chri⸗ ſtoval— es iſt das einzige auf der Welt, wofuͤr ich Euch danken moͤchte.“—„Rojas— ge⸗ bot Riego zu dieſem gewandt— ſuchen Sie acht Mann aus, und laſſen Sie ihn niederſchießen.» — Riego warf noch einen Blick auf die Leiche: «mein armes Weib,“ ſagte er leiſe fuͤr ſich, dann ſich ermannend, rief er:«vorwaͤrts, Freunde! Wir haben keinen Augenblick zu verlieren!» und ſprengte mit ſeinen Begleitern der Colonne nach. Chriſtoval wandte ſich nun ruhig zum Pater Hi⸗ 400 Skizzen aus Spanien. lario, und ſprach:«ehrwuͤrdiger Vater, wollt Ihr meine Beichte hoͤren, und mich abſolviren?“— Der alte Geiſtliche, der alles was um ihn vorging kaum bemerkt hatte, ſah ihn mitleidig an, und ſagte:«gerne, mein Sohn— ich fuͤrchte, du haſt viel zu verantworten.—„Es betet ein Engel fuͤr mich, ehrwuͤrdiger Herr, und Gott wird mir verzeihen um Chriſti willen,»— erwiederte Chriſto⸗ val mit bebender Stimme. Waͤhrend Rojas einige Schuͤtzen ausſuchte, und den Abmarſch der uͤbrigen Gefangenen anordnete, betete Chriſtoval andaͤchtig mit dem Geiſtlichen, und nachdem er die Abſolu⸗ tion erhalten hatte, trat er zu Antonio, und ihm die Hand reichend, ſagte er:«lebt wohl! Gott lohn' es Euch, was Ihr Freundliches an ihr gethan habt. Ihr wart ein guter Bruder.“— Dann ſich gewaltſam von dem Anblick der Todten los⸗ reißend rief er:«ich bin bereit!» und folgte fe⸗ ſten Schrittes den Soldaten, die ihn nach der andern Seite des Platzes fuͤhrten. Dort kniete er nieder, und betete leiſe ſeinen Roſenkranz.«Feuer!“ befahl Rojas, und Chriſtoval ſank lautlos mit zer⸗ ſchmetterter Bruſt zu Boden. Rojas nahm mit ſtummem Haͤndedruck von Antonio Abſchied, und fuͤhrte die uͤbrigen Gefangenen ab.— Skizzen aus Spanien. 401 In der Kirche von Loja, neben dem Altar der ſchmerzenreichen Mutter Gottes, ruhen in einem Grabe Chriſtoval und Dolores.— Antonio erreichte Benamexi unter dem Schutze des Pater Hilario ohne weitere Anfechtung. Er fand ſeine Mutter krank, und die Nachricht von Dolores Tod ſtuͤrzte ſie nach wenig Tagen in's Grab. Sie ſtarb mit der Ruhe des feſten Glau⸗ bens, und um ſo heiterer, da es dem Pater Hilario auch gelungen war, ihre Zweifel uͤber das Seelen⸗ heil ihres Sohnes zu beſeitigen.— Antonio's Vater war durch den ungluͤcklichen Tod ſeines Lieblings Eſteban ſo erbittert, daß der Schmerz um den Tod ſeiner Tochter und ſeines Weibes ihn nicht niederbeugte, ſondern nur ſeinen ſtarren Grimm vermehrte, den er nicht nur gegen die Fein⸗ de ſeines Hauſes, die Arredondos, die nun unterlagen, ſondern auch gegen Antonio ohne Schonung ausließ. Nach wenigen Tagen erhielt Antonio Befehl von der geiſtlichen Behoͤrde, ſich nach dem Kloſter von Miraflores zu begeben, um dort fuͤr ſeine fruͤhere Entweichung aus dem Kloſter Buße zu thun, und ſeine ketzeriſchen Irrthuͤmer durch An⸗ 26 402 Skizzen aus Spanien. dacht und frommes Nachdenken zu bekaͤmpfen. Antonio kannte zwar dieſe Dinge zu gut, als daß er ſich durch die milden Ausdruͤcke dieſes Befehls, der zugleich ſeine Verurtheilung enthielt, haͤtte taͤu⸗ ſchen laſſen; allein das allgemeine Ungluͤck ſeines Vaterlandes, und die letzten Vorfaͤlle, deren Zeuge er geweſen war, hatten bei ihm eine Art von dum⸗ pfer Gleichguͤltigkeit fuͤr ſein eigenes Loos erzeugt, ſo daß ihn dieſe Entſcheidung ſeines Schickſals, der er unter andern Umſtaͤnden den Tod ſelbſt vorgezogen haͤtte, wenig ſchreckte. Ja, er ſehnte ſich zuweilen nach der Stille des Kloſters.— So finden wir ihn denn auf dem Wege nach ſeiner Beſtimmung wiederum in der uns bekann⸗ ten Venta de Cardenas, wo er nach einer Reiſe von wenigen Tagen uͤber Antequera, Cordova, Andujar u. ſ. w. in Begleitung oder unter der Aufſicht eines Geiſtlichen aus jenem Kloſter, und von einigen Bewaffneten bewacht, ankam. Was er unterwegs geſehen— die Ausſchweifungen ei⸗ nes blinden Poͤbels, von fanatiſchen Prieſtern und rachſuͤchtigen Demagogen aufgehetzt— auf der ei⸗ nen Seite die gepluͤnderten Wohnungen der beſten, geachtetſten Buͤrger— die Bewohner ſelbſt vom wuͤthenden Poͤbel durch die Straßen geſchleift— Skizzen aus Spanien⸗ 403 die gefuͤllten Gefaͤngniſſe— die verwaiſten Wei⸗ ber und Kinder— auf der andern Seite kirch⸗ liche und weltliche Feierlichkeiten, um der Gott⸗ heit fuͤr dieſe Wohlthaten zu danken— der mi⸗ litairiſche Glanz der fremden Sieger, die ekelhaften Bemuͤhungen feiler Schmeichler, die ſpaͤrlichen, ruhmloſen Lorbeern auf dem Haupte des Fuͤhrers mit dem Oelzweig des Friedens und des Schutzes zu verbinden, und das einzelne Gute der Maſſe von Unheil, die ſein Sieg uͤber Spanien gebracht, entgegen zu ſtellen:— ſolche Eindruͤcke, die ſich mit jedem Schritte wiederholt hatten, konnten Antonio's Stimmung nicht erheitern. Waͤhrend der Nacht, die er in der Venta de Cardenas zu⸗ brachte, hoͤrte man in den benachbarten Schluch⸗ ten der Sierra Morena haͤufig ſchießen; auf ſeine Frage erhielt er zur Antwort:« es werde wohl auf einige zerſprengte Negros Jagd gemacht.“— Mit Tagesanbruch wollte Antonio in Begleitung ſeines geiſtlichen Aufſehers zu Fuße der Bedeckung vorangehen. Wenige Schritte vom Hauſe traf ein leiſes Stoͤhnen ihr Ohr, und bald entdeckten ſie in dem Graben an der Straße einen Sterbenden⸗ Naͤher tretend, erkannte Antonio mit Muͤhe den jungen Rojas, ſo ſehr hatten ihn Elend, Hunger 26* 404 Skizzen aus Spanien. und Durſt, die Anſtrengungen des naͤchtlichen Kampfes, der Blutverluſt und der Schmerz der Wunden entſtellt. Er war mit Lumpen bedeckt, in denen man mit Muͤhe Fetzen einer ehemaligen Uniform erkennen konnte; ſeine nackten Fuͤße wa⸗ ren von Dornen und ſcharfen Steinen zerriſſen. Seine verzerrten Zuͤge waren mit Todtenblaͤſſe uͤber⸗ zogen; ſein Auge gebrochen.«Um Gotteswil⸗ len! Rojas!— rief Antonio— ſeid Ihr ver⸗ wundet?“—„Waſſer! Waſſer!“» ſtoͤhnte der Sterbende kaum vernehmlich. Der andere Geiſt⸗ liche, von Mitleid ergriffen, eilte in's Haus, um Huͤlfe zu holen.«Laßt mich Eure Wunde un— terſuchen— ſagte Antonio, ſich zu Rojas herab⸗ beugend— Ihr ſeid gewiß noch zu retten.— «Nicht die Wunde— der Durſt— der Hun⸗ ger— erwiederte dieſer matt— und es iſt Alles, Alles verloren!“— In dieſem Au⸗ genblick kamen einige von Antonio's Bedeckung herbei, und ſchickten ſich an, den Verwundeten in's Haus zu bringen; ihnen folgte Pepita mit einem Gefaͤß voll Waſſer, das ſie mitleidig dem Ungluͤck⸗ lichen einzufloͤßen ſuchte. Nachdem er getrunken, ſchien er ſich einen Augenblick zu erholen, er nickte dem Maͤdchen dankbar zu und ſprach:«Gott ſegne 4 Skizzen aus Spanien. 405 dich, Pepita; du kennſt mich freilich nicht mehr.» Da erkannte ihn ploͤtzlich das Maͤdchen, und die Jammergeſtalt, die vor ihr lag, mit dem bluͤhenden frohen Juͤngling vergleichend, an den ſie wohl oft ſeither gedacht hatte, brach ſie in heftiges Weinen aus, und rief ſchluchzend:«ach, heilige Mutter Gottes! ach der arme junge Herr! daß ich ihn ſo wiederſehen muß!“— Waͤhrend aber die Maͤnner ihn aufzuheben verſuchten, entdeckten ſie auf ſeiner Bruſt das violette Band der Comuneros mit der Deviſe:«Conſtitution oder Tod!“— Es iſt ein Negro!“ rief einer von ihnen, und ließ ihn unſanft zuruͤckfallen. Pepita bat jammernd die Maͤnner, Mitleiden mit dem Armen zu haben, und verſuchte ſelbſt ſeinen Kopf aufzuheben, um ihm eine beque⸗ mere Lage zu geben; da rief hinter ihr eine rauhe Stimme: zuruͤck! Maͤdchen! laßt ihn ſterben wie einen Hund!— den Ketzer! den Juden! Er iſt im Bann der heiligen Kirche, und wer ihm beiſteht, der theilt den Fluchl“— Die Maͤn⸗ ner traten zuruͤck, und zwangen Antonio, ihnen zu folgen. Pepita ſprang entſetzt auf, und erblickte den Pater Francisco, der ſie mit rauhen Droh⸗ worten von dem Sterbenden wegriß.— In dieſem Augenblick zog ein Karren, von Be⸗ 406 Skizzen aus Spanien. waffneten umgeben, heran. Ein Mann ſaß drin, gleich einem Verbrecher die Haͤnde auf den Ruͤ⸗ cken gebunden. Antonio warf noch einen Blick auf ihn zuruͤck— es war Riego.— Auch Ro⸗ jas erkannte ihn, als der Zug an ihm vorbeikam. Er raffte ſich ploͤtzlich auf, und rief mit einer letz⸗ ten Anſtrengung:«Conſtitution oder Tod! Es lebe Riego!“» dann ſank er todt zuruͤck. Riego ſah ſich mit einem ſchmerzlichen Laͤcheln nach ihm um. Einer ſeiner Waͤchter ſchien den frevelhaften Ruf ſtrafen zu wollen, und ritt auf Rojas zu, kehrte aber bald um, indem er rief:«er hat ſchon genug! der Hund!“» und bald war der Zug ver⸗ ſchwunden.— Antonio erreichte in wenig Tagen den Ort ſeiner Beſtimmung. Die Thuͤre ſeiner Zelle ſchloß ſich hinter ihm, und hier ſchließt auch unſere Er⸗ zaͤhlung.— eff een ANN. lkK- El N Mpp lelulll 1 M. be b U 4 K — — ;; nmmnnn*, LEnn — — — 6 8 3 8 1 A X 8 88 88 1 855 8 5 Ppß † —— 8 8 8 8 S d8 2 8 7 —2 — + 1 — 4 d8 83„ 7 8 O 12 1 A C 3 4 ta 9 — crre- X — — Sare X — — 9 de 7 — 2 1 Cer c 8 8 3 . ⁸N 8 4 1 „ä 4 8 5 4 8 ⁸ 8 asSs 5 ℳ S 14 an nu 9 ratdele. ‿ 7r e, 14 al V VM eds. 5 de de d= g — H 2Zree 77 —— Acr Jdes ol. Fäarr e.— + † mreut d qrciern Scereepene are r me ——— — — 1 4 * ——