666 453 —⸗-—--==— Leihbibliothetk deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 2 von( Eduard Ottmann in Gießen, 5 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesebreis. Bei Nückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ d den un Jercfatrien baknunte Nerf Fen.1 6 3.(aution. Unbekannte Per onen müſſen, bei Entgegenn hme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende⸗ Shme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet l. wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 6 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Büchen: 6 Bücher: ————— auf 4 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 1 4. 2— u 1— 82 11— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 56. 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Es waͤre ein Leich⸗ tes geweſen, eine Poſtchaiſe aus M. kommen zu laſ⸗ ſen, ja der ruͤſtige Sechziger haͤtte den Reſt des Wegs zu Fuß fortſetzen koͤnnen; aber das reinliche Dorfwirths⸗ haus gefiel ihm, oder er hatte uͤberhaupt nicht zu eilen, genug, er befahl ſeinem Diener, ihm ein Schlafzimmer zu beſtellen, und machte ſich zu einer Wanderung in der Umgegend des Dorfs auf dem Weg. Der Mann war vor mehr als dreißig Jahren nach Amerika ausgewan⸗ dert, hatte alle Verhaͤltniſſe mit ſeinem Vaterlande ab⸗ gebrochen und kam nun in die Naͤhe ſeiner Geburts⸗ ſtadt, in welcher zwar keiner der Seinigen mehr lebte, wo aber doch tauſend Andenken ihn bewegten. Er war in einem hollaͤndiſchen Hafen ans Land geſtiegen, in den Niederlanden ſuchte er keine Ähnlichkeit mit Fran⸗ ken auf, von der deutſchen Grenze an war er im ſchlech⸗ teſter Wetter Tag und Nacht gereiſt, nun war er faſt 1* 4 am Ziel, und der ſchoͤnſte Abend wollte ihm die vaͤter⸗ „lichen Fluren recht vortheilhaft zeigen. Er erinnerte ſich wohl, in ſeiner Jugend dieſes Dorf beſucht zu haben, aber Alles war ihm jetzt fremd. Die Menſchen, die Wohnungen, der Anbau des Landes, die Natur ſelbſt ſchien ihm den Charakter von Beengung und Nothbe⸗ helf zu tragen. Der gewaltige Strom ſeines neuen Vaterlandes, die reifen Baͤume, zwiſchen denen man den duftenden Stauden Raum ließ, ihre breiten Blaͤt⸗ ter zu entwickeln, die Weideplaͤtze zwiſchen den uͤppig wachſenden Mais⸗, Taback⸗ und Indigofeldern, die weit um die bequemen Wohnungen verbreitet lagen, aus de⸗ nen feſtgerollte Wege, mit Baͤumen bepflanzt, zu den Nachbarguͤtern fuͤhrten, hatten ſein Auge an einen Maßſtab gewoͤhnt, bei dem das Gemaͤlde, das dieſe Huͤ⸗ gel einſchloß, zur Miniatur wurde. Das Dorf mit ſeinen kleinen Haͤuſerchen, nach Landesverordnung un⸗ laͤngſt mit Ziegeldaͤchern verſehen, mit ſeinen kleinen Gaͤrtchen, lag wie eine Chriſtbeſcherung vor ihm, und der alte Mann fand, daß ſein Vaterland ihm ſo fremd geworden war, wie die Freude jenes Kinderfeſtes ſeinem truͤben Sinne. Gruͤbelnd ſchritt er laͤngs eines Wald⸗ ſaums hin, der in der halben Hoͤhe einer Huͤgelreihe die Saatfelder begrenzte; jetzt bog er um eine tief ins Thal reichende Ecke des Waldes, von der nicht weit entfernt er den Gottesacker erblickte, und zugleich in dem Schatten der aͤußerſten Baͤume einige Kinder, die mit Kraͤnzeflechten beſchaͤftigt waren. Es war die Jahrs⸗ zeit der Wieſenblumen; zwei kleine Maͤdchen verbrauch⸗ ten einen vor ihnen liegenden Haufen derſelben zu ih⸗ — — „ 5 rem kindlichen Spiel, ein ſchoͤner neunjaͤhriger Knabe kletterte eben von einem Baume, wo er kleine Eichen⸗ buͤſche gepfluͤckt, aus welchen das aͤlteſte Maͤdchen mit „beſonderer Sorgfalt, einzig Vergißmeinnicht dazwiſchen⸗ miſchend, einen Kranz wand. Frank blieb, durch Ge⸗ buͤſch ihren Augen entzogen, ſie zu beobachten, ſtehen. Frank hatte ſeit langen Jahren ſeine Mutterſprache nicht von Kindern gehoͤrt.„Der iſt fuͤr Großvater,“ rief das Maͤdchen froͤhlich, als ſie fertig war, und hielt den Kranz in die Hoͤhe.—„Und der fuͤr Großmutter, der fuͤr Tante Claire, der fuͤr Oheim Karl, und ich habe den fuͤr Vater und Mutter, und Ihr muͤßt die uͤbrigen Blumen in Eure Schuͤrzen faſſen, um den Boden zu beſtreuen,“ rief der Knabe, zwei Kraͤnze vom Boden aufnehmend, und alle Drei gingen Hand in Hand auf den Kirchhof zu. Frank war ſehr angenehm von dem Anblick uͤberraſcht; er vermuthete ein Familienfeſt und ſchritt den Kindern nach. Bald waren ſie ihm in dem laͤngs des Kirchhofs herfuͤhrenden Hohlweg aus den Au⸗ gen. Jetzt ſah er unten ein Monument uͤber die Mauer ragen und ſtieg den Hohlweg hinauf, um dieſes zu betrachten. Er mußte einige Steine zuſammentragen, um uͤber die Mauer ſehen zu koͤnnen, und auch dann konnte er die Namen der Todten nicht leſen, er ſtand auf der ihm entgegengeſetzten Seite, und auch die In⸗ ſchrift ward ihm durch die zarten Zweige von ein paar Thraͤnenweiden unleſerlich gemacht. Doch wie wun⸗ derte er ſich, als er die drei Kinder innerhalb des Kirch⸗ hofs daherkommen ſah; ſie naheten ſich ernſt und ſchweigend dem Monument, das aͤlteſte Maͤdchen legte 6 ihten Eichenkranz, wie Frank aus der Handlung der üſbrigen verſtand, an der Vorderſeite der Pyramide nie⸗ der, denn dieſe ordneten die ihren rings um dieſelbe auf die Raſenſtufe, die ſie umgab. Nun gaben ſich die Kinder die Haͤnde und ſangen ſehr leiſe, aber mit zunehmendem Gefuͤhl das ewig ſchoͤne Lied: Wie ſie ſo ſanft ruhen, alle die Seligen u. ſ. w. Doch ſie brachten ihren Geſang nicht bis zum letz⸗ ten Vers, ſondern wendeten ſich ſchluchzend von einan⸗ der ab, der Knabe beſonders ging eine Strecke fort und ſuchte ſeine Weichheit durch Leſen von Leichenſteinin⸗ ſchriften zu zerſtreuen, die Maͤdchen ſetzten ſich nach ei⸗ ner Weile neben einander auf das naͤchſte Grab, und die Alteſte ſagte noch weinend: Daß Großvater hier liegt, macht mich nicht ſo weinen; das thut er ja ſchon ſo lange, daß ich mich gar nicht recht erinnere, wann wir zum erſten Mal ſein Grab bekraͤnzt; aber daß Onkel und Tante nicht gekommen ſind, und die Mutter ſo krank iſt— und daß ſie heute ſagte— ich legte an der offen ſtehenden Thuͤr Waͤſche zuſammen—: wenn ſie ſich vor meinem Tod noch mit dir verſoͤhnten!— Hier weinte das Kind ſo heftig, daß der Knabe herbei⸗ kam und recht gebietend rief: Nicht doch, Marie, wie kannſt Du ſo laut weinen, wo der Großvater ſchlaͤft? Kommt nach Hauſe!— und die Maͤdchen folgten ihn. Frank ging ſchnell um den Kirchhof herum, um ſie beim Ausgang zu empfangen, denn der vorgefallene Auf⸗ tritt hatte ihn tief erſchuͤttert. Die guten Kleinen ka⸗ men getroͤſtet aus der Pforte und lenkten zum Dorf hin. Guten Abend, Kinderchen, rief er ihnen zu; Ihr 7 habt ja einen betruͤbten Spaziergang gemacht.— Sie gruͤßten freundlich, antworteten aber nicht.— Ihr habt wol noch keinen nahen Verwandten auf dem Kirchhof, ſonſt wuͤrdet Ihr nicht ſo froͤhlich dahin ſpazieren, fing Frank wieder an.— Wir haben einen lieben Großva⸗ ter dort ſchlafen, antwortete der Knabe faſt trotzig und zog die Schweſtern ſchneller fort.— Nun, nur nicht ſo raſch, Du lieber Trotzkopf, ſagte der Fremde, indem er ihm faſt den Weg vertrat; ich weiß das aus Euern Kraͤnzen und Euerm frommen Geſang und wollte Euch nur anreden, um Euch meine Freude daruͤber zu bezei⸗ gen. Gott wird Euch ſegnen fuͤr Euern frommen Sinn. — Dieſe Worte ſprechend, legte er ſeine Hand auf Emils lockigen Scheitel, der nun beſchaͤmt die Augen niederſchlug und ehrerbietig des Greiſes Hand kuͤßte. Nun ging Frank neben den Kindern her und hoͤrte, daß heute des Großvaters Todestag ſei, den ſie jedes Jahr alſo feierten, aber mit Vater und Mutter; heute ſei die Mutter unpaͤßlich, der Vater aber bei ihr geblieben, weil alles Geſinde einer nothwendigen Feldarbeit wegen vom Hauſe entfernt ſei. Der Vater war Gutsbeſitzer, zugleich aber auch Gerichtsobrigkeit in dem anſehnlichen Dorfe. Jetzt war die kleine Karavane an eine Garten⸗ anlage gekommen, durch deren leichte Umzaͤunung durch⸗ blickend, Marie freudig rief: O da iſt Mutter im Gar⸗ ten und der Vater auch! Und nun eilten die Maͤdchen fort, ohne weiter auf den Fremden zu achten, nur Emil regelte ſeinen Schritt nach dem ſeinigen, ſodaß ſie zu⸗ ſammen an einer Seitenpforte anlangten, in welche die Schweſtern hineingeſchluͤpft waren. In demſelben Au⸗ 8 genblick trat der Vater heraus, begruͤßte Frank hoͤflich und bat ihn, lieber in ſeinem Garten als in dem ein⸗ ſamen Gaſthof die Nacht zu erwarten. Frank ſah ſich unvermerkt aus ſeiner Perſoͤnlichkeit, in die er ſich die lange Seefahrt uͤber und waͤhrend der einſamen Reiſe uͤber das Feſtland noch mehr eingewiegt hatte, wie es Greiſen ohnehin eigen iſt, durch ſein kleines Abenteuer herausgehoben. Er hatte nur an ſich und ſein Schick⸗ ſal gedacht: dieſem aus dem Weg zu gehen, war er vor vierzig Jahren uͤber den Ocean geflohen; jetzt trieb es ihn wieder zuruͤck, ohne daß er beſtimmt einen Zweck kannte— er wollte ihn in der alten Heimath finden, und wie ſein Wagen ihn hier zu verweilen noͤthigte, hatte er dieſe Stunden als beſtimmt dafuͤr gehalten, um ei⸗ nen Plan fuͤr ſein naͤchſtes Leben zu entwerfen. Sein Spaziergang hatte ihn dazu nicht kommen laſ⸗ ſen, und nun ſah er ſich ploͤtzlich in einen Kreis ver⸗ ſetzt, in dem er gar kein Fremder, kein lange Verbann⸗ ter, kein Vereinzelter mehr ſchien. Vorzuͤglich zog ihn Willmer's Gattin an, die liebe, eingebildete Kranke. Denn wie Frank, den ſeine fruͤhern Studien zum Arzt gebildet hatten, der Worte wohl eingedenk, die aus der Mutter Mund Marien ſo betruͤbt hatten, ſich von ih⸗ rem Geſundheitszuſtand unterrichtete, uͤberzeugte er ſich, daß ſie ihr Uebel ganz irrig fuͤr Bruſtſchwaͤchung hielt, da es allgemeine und durch Ruhe und Zeit unfehlbar zu heilende Ermattung war. Frank begriff ſelbſt nicht die Hinneigung, welche ihn an dieſe Frau zog, und wie er nachſinnend immer wieder in der Vergangenheit ein Bild ſuchte, an das ihn ihre Zuͤge erinnerten. Er fand — ——— Aℳ 9 keines; aber immer zahlreicher ſtiegen bei ihrem An⸗ ſchauen, bei dem heitern Treiben der Kinder, dem mil⸗ den, herzlichen Ernſt des Vaters, Erinnerungen an den Freund in ihm auf, den er allein wiederzufinden ge⸗ wuͤnſcht haͤtte, deſſen Aufenthalt aber, wenn er noch leben ſollte, noch von hier fern war. Die Kinder wur⸗ den nach einem fruͤh genoſſenen, einfachen Abendbrot zu Bett geſchickt, und von ihrem Abſchied, der fromme Liebe und kindlichen Gehorſam ſo deutlich ausſprach, von neuem ergriffen, brach Frank in die Worte aus:„O erhalten Sie dieſen Geiſt des Gehorſams und der Liebe! Es iſt der einzige, welcher die Segensverheißung der Schrift an den Kindern in Erfuͤllung bringt.“ Frau Willmer ſah ihren Gatten mit ausdrucksvollem Laͤcheln an, reichte ihm ihre Hand und ſagte: So haben wir's erfahren und hoffen auf unſere Kinder die Frucht die⸗ ſer Erfahrung fortzupflanzen. Jetzt fiel Frank die Äuße⸗ ung der Frau Willmer ein, welche auf einen Zwiſt mit erwandten gedeutet hatte; beſorgt, ihre durch die Wen⸗ d gg des Geſpraͤchs veranlaßte Ruͤhrung moͤchte ſie zu ſe angreifen, und durch die Gedanken, die ſeine Seele fi en, dennoch hingeriſſen, ſah ſich der fremde Greis gar bald in der Erzaͤhlung ſeiner Geſchichte begriffen. Frank war der Sohn eines angeſehenen Mannes aus M., in deſſen Naͤhe er ſich jetzt befand. Seines Va⸗ ters Beruf erlaubte ihm nur eine allgemeine Ueberſicht bei ſeiner Erziehung, eine Vorſchrift ſeiner Studien, ohne Aufſicht und Pruͤfung. Seine Mutter verzog den einzigen talentvollen, wohlgebildeten Sohn. In dem Alter, wo ein Juͤngling ſich irgend einer Wiſſenſchaft 10 beſtimmt widmen ſoll, und ſein Vater ſeinem Zuſchnitt nach erwartete, daß ſich ſein Sohn dem adminiſtrativen Fache widmen ſolle, zeigte ſich, daß Heinrich ein entſchied⸗ nes Misfallen an dieſen Studien empfand, und Spra⸗ chen, Dichtkunſt und Geſchichte zu ſeiner Lieblingsbeſchaͤf⸗ tigung gemacht hatte. Sehr entruͤſtet bewies ihm der Vater, daß ſein Vermoͤgen nicht ausreiche, um ihm eine poetiſche Muße zu verſchaffen, ſondern daß ihm das Studium der ſchoͤnen Wiſſenſchaften nur dann erlaubt ſein koͤnnte, wenn er ſich einem Lehrſtuhl in dieſem Fache zu widmen gedaͤchte. Heinrich verſprach dieſes; als aber die Haͤlfte ſeiner Univerſitaͤtsjahre verfloſſen war, bat er den Vater, ihn ſeines Verſprechens zu ent⸗ laſſen, indem er ſich mit Unrecht eine hinlaͤngliche Be⸗ harrlichkeit im Sprachſtudium zugetraut habe, er glaube, ſeine ganze Anlage berufe ihn zur Naturgeſchichte und vielleicht auch zur praktiſchen Arzneikunde. Heinrichs Vater war jetzt alt, er hatte einſt ein ſchoͤnes poetiſches Talent der Pflicht, einer betagten Mut⸗ ter Unterſtuͤtzung zu verſchaffen, aufgeopfert, hatte fruͤh als Advocat gearbeitet, der Mutter zu Liebe ſpaͤt gehei⸗ rathet, und noch jetzt bei grauem Haar erwaͤrmte ſich ſein Herz bei dem Geſange der Muſen. Darum hatte er Heinrichs Wuͤnſchen nachgegeben: er wußte, wie weh das Opfer einer Geiſtesneigung thut; doch jetzt ent⸗ brannte ſein Unwille, er machte ſeinem Sohne die Be⸗ dingung, innerhalb drei Jahren ſich als Arzt den Doc⸗ torhut zu erwerben, im entgegengeſetzten Falle wuͤrde er ihm nach deren Verfluß ſeine finanzielle Unterſtuͤtzung entziehen. Die Mutter weinte und ſammelte heimlich 11 Mittel, um den Sohn in dieſem traurigen Falle zu unterſtuͤtzen; der alte Vater ſammelte Muth, um ſei⸗ nem von der Vernunft vorgeſchriebenen Entſchluß ge⸗ treu zu bleiben. Heinrich hatte einen Univerſitaͤtsfreund, Konrad Erb, er hatte ſich, armer Ältern Sohn, einzig durch eignen Fleiß zu einem vortrefflichen Schuͤler ge⸗ bildet, war aber dadurch verſpaͤtet und drei Jahre aͤl⸗ ter als Heinrich, wie er mit dieſem zugleich nach der Doctorwuͤrde ſtrebte. Konrad fand bei angeſtrengtem Fleiß Nebenſtunden, wo er ſich an den claſſiſchen Dich⸗ tern mehrerer Voͤlker und Zeitalter erquickte, und ſeine Phantaſie, weich wie ſein Herz, veredelte ſeine, oft an die Herabwuͤrdigung der Menſchen erinnernde Wiſſen⸗ ſchaft; denn Konrads Lage noͤthigte ihn, vor Allem nach Praxis zu ſtreben. Geſchmack an Dichtkunſt und gleiches Brotſtudium brachte die beiden Juͤnglinge zu⸗ ſammen, das Beſte eines Jeden verband ihn mit dem Andern, aber Heinrich empfing, Konrad gab mehr in dieſem Bunde, Beiſpiel, Rath, die herzlichſte Bemuͤ⸗ hung, Heinrich zu ernſtlichen Anſtrengungen in dem ſelbſt gewaͤhlten Fache zu vermoͤgen. Es war umſonſt. Heinrich lernte vielerlei, aber nie das Zweckmaͤßige, im Gegentheil ekelte dieſes ihn als ſolches an, wenn er es vielleicht ein Jahr vorher als Zeitvertreib geuͤbt hatte. Auf dieſem Wege kam er dahin, nach drei Jahren ſei⸗ nem Vater redlich zu geſtehen, daß er zu einem Exa⸗ men, wie ſein Ehrgeiz es verlange, unfaͤhig ſei; daß er wohl eingeſtehe, ſeinen Zorn zu verdienen, daher er auch freiwillig auf ſeine fernere Unterſtuͤtzung verzichte. Er theilte Konrad ſeinen Entſchluß zu dieſem Geſtaͤndniß 12 mit. Alles, was gewiſſenhafte Einſicht der Pflicht, was Mitleid mit dem Gram eines Vaterherzens eingeben kann, wendete Konrad an, ſeinen Freund zu einer neuen Anſtrengung zu vermoͤgen.— Umſonſt! Heinrich be⸗ harrte ſtarrſinnig, ſich nun als einen verlorenen Sohn zu betrachten. Nur um Aufſchub bat jetzt der treue Freund; und um ihn von den ihn verfolgenden Gedan⸗ ken zu zerſtreuen, fuͤhrte er ihn in einen Garten, wo ſie eine engliſche Familie trafen, die auf einer Reiſe auf dem Feſtland begriffen war. Die juͤngſte ihrer Toͤchter war im Gaſthofe ploͤtzlich von convulſiviſchen Zufaͤllen uͤberraſcht worden; Konrad befand ſich eben daſelbſt am Mittagstiſch, man rief ihn zu Huͤlfe, und ſein Betragen als Arzt und Menſch hatte ihm das Vertrauen und die Achtung der ganzen Familie erworben. Heinrich, der glaͤnzende Eigenſchaften hatte und durch ſeine jetzige Lage ernſter als gewoͤhnlich geſtimmt war, gefiel den britiſchen Leuten, die außerdem ſelten Menſchen finden, die ſich der Muͤhſeligkeit, ihre Sprache zu welſchen, ausſetzen moͤgen, ſodaß der Beſuch lang und angenehm ward. Den folgenden Abend kam Konrad mitaͤngſtli⸗ cher Haſt und dennoch durchſchimmernder Freude zu Hein⸗ rich, der den ſchickſalsvollen Brief an ſeinen armen Va⸗ ter eben beendigt hatte und kaum uͤber ſich vermochte, denſelben, ſeinem Konrad gethanen Verſprechen gemaͤß, erſt morgen abgehen zu laſſen. Frank, fing der eintre⸗ tende Freund an, ich biete Dir ein Mittel an, Deinen Entſchluß auszufuͤhren und den Kummer deines Vaters weniger druͤckend zu machen. Burtons(ſo hieß die engliſche Familie) fuͤhlen das Hinderniß, ohne Kennt⸗ 13 niß der Sprache in irgend einem der Laͤnder, in denen ſie reiſen wollen, ihren Weg fortzuſetzen; der kleinen Liddy Zuſtand fordert aͤrztliche Aufſicht; Mr. Ned merkt, daß er mit einem unterrichteten Geſellſchafter ſehr viel nuͤtzlicher reiſen wird— kurzum, ſie bitten Dich, ſie zu begleiten, und erbieten ſich, Dir auf drei Jahre einen Ge⸗ halt feſtzuſetzen, ſelbſt wenn Du nach ſechs Monaten Dich bewogen faͤndeſt, ſie zu verlaſſen. Heinrich ſprang freu⸗ dig auf!— Nur huͤte Dich, daß Deine poetiſche Laune ſich mit Miß Jenny nicht aus der Wirklichkeit verſteigt. Daruͤber wuͤrde Mr. Burton keinen Spaß verſtehen— Und es waͤre eine Niedertraͤchtigkeit, rief Heinrich, alſo bin ich davor ſicher.— Der Brief an den Vater ward nun umgeſchrieben; aber des Sohnes Trotzkopf blieb darin ſichtbar, indem er ſeine Unfaͤhigkeit, ein ſtrenges Examen zu beſtehen, ſowie ſeine Abneigung, prakti⸗ ſcher Arzt zu werden, erklaͤrte, zugleich aber den gluͤck⸗ lichen Zufall pries, der es ihm leicht machte, des Va⸗ ters Unterſtuͤtzung zu entbehren; endlich ſchloß er ziem⸗ lich leichtſinnig mit der Hoffnung, daß ſeine Ältern ſeine Freude uͤber ſeine angenehme Zukunft theilen wuͤrden. Der Vater antwortete:„Gott macht Dir Deine Beſſe⸗ rung ſchwer, indem er Dir Truͤbſal erſpart. Erlebe ich die Zeit nicht, wo Du Deinen unwuͤrdigen Leichtſinn ein⸗ ſehen wirſt, ſo gedenke dann, daß ich ohne Groll gegen Dich die Welt verlaſſen habe.“— Heinrich fand ſich durch dieſe Zeilen beleidigt und beruhigt zugleich. Nach ſeiner Anſicht miskannte ihn ſein Vater, und war gar nicht faͤhig, ihn zu beurtheilen. Er leiſtete der Familie alle Dienſte, die ſie von ihm gehofft hatte, 14 ja als Arzt der kleinen Liddy erwarb er ſich Anſpruͤche an ihre Dankbarkeit, auch bildete Mr. Ned ſeine guten Anlagen zuſehends aus. Konrads Ermahnung ruͤckſicht⸗ lich Jennys war nicht nothwendig, da der Widerſpruchs⸗ geiſt ſeines Charakters ihn gegen eine kindiſche Nei⸗ gung, welche das junge Maͤdchen gegen ihn gefaßt hatte, ſchuͤzte. Das Herz, das ſich ihm anbot, hatte keinen Reiz fuͤr ihn;z er ward ihr Mentor, und ſie zog bald einen jungen Irlaͤnder vor, der mit echt engliſchen Be⸗ denklichkeiten neben ihr ritt, mit ihr tanzte und ihr die Herrſchaft ſeiner uralten Burgveſte in der Grafſchaft Kilkeny anbot. Burtons waren nun bereit, nachdem ſie das ganze ſuͤdliche Europa durchwandert hatten, nach ihrer Inſel zuruͤckzukehren; die bezeichneten drei Jahre waren noch nicht verfloſſen, und die ganze Familie bat Heinrich, ſie nach England zu begleiten. Nichts konnte ihm, der um ſeine Zukunft ſtets unbeſorgt war, er⸗ wuͤnſchter ſein; denn die Kenntniß Englands vermehrte noch ſeine Mittel, dieſelbe zu ſichern. Burtons bega⸗ ben ſich gleich bei ihrer Ankunft in ihr Vaterland zu einer Verwandtin, der ſie ihre zweite Tochter von Kind⸗ heit an als Pflegkind und einſtige Erbin uͤberlaſſen hat⸗ ten; Julia erhielt Erlaubniß, die langentbehrten Altern auf einige Wochen zu beſuchen und Heinrich vergaß neben ihr, daß ſein Ausſpruch:„das waͤre eine Nieder⸗ traͤchtigkeit,“ ſich ſowol auf ſie als Jenny anwenden ließ. Sein heftiges Erfaſſen und ſein wandelbarer Wille hatten bisher noch nie Liebe zum Gegenſtand gehabt, jetzt beſtaͤtigte er die oft gemachte Bemerkung, daß dieſe Leidenſchaft, wenn ſie zum erſten Mal in dem Alter ein 15 Gemuͤth erfaßt, wo die Natur auf Reife, die Verhaͤltniſſe auf Stetigkeit hinweiſen, eine viel unwiderſtehlichere Herrſchaft aͤußert als in der erſten Jugend. Nur dem Augenblick lebend und durch ſeine bisherige Lage vom Augenblick geſchmeichelt, hatte Frank nie fuͤr die Zu⸗ kunft geſorgt; um Julias Hand zu erhalten haͤtte ſie glaͤnzend ſein muͤſſen: Jenny und Liddy konnten vom Vater Burton nur maͤßig ausgeſteuert werden; Julia erhielt von ihrer Pflegmutter einen reichen Brautſchatz. Heinrich hatte nicht ſeinen Muth am beharrlichen Streben geuͤbt; er beſaß ihn zu kuͤhnen Wagniſſen und benutzte des Maͤdchens Einwilligung, ſie auf gut eng⸗ liſch nach Greatna Green zu fuͤhren, mit ſo gutem Er⸗ folg als jeder andere Abenteurer; denn die entehrte Tochter beſchimpfte die Burton'ſche Familie viel unleid⸗ licher als die, welche die Frau eines namen⸗ und heimathloſen Fremdlings geworden war. Namen und Heimath haͤtte ihm die reiche Tante wol verſchaffen koͤnnen; allein kein Mitglied der Familie konnte den Mann mehr achten, den ſie drei Jahre als Sohn, als Bruder behandelt hatte, und der nun wie ein feiger Dieb, den Schatz ihres Herzens beraubend, davonging. Julia erhielt ein anſtaͤndiges Jahrgehalt unter der Be⸗ dingung, mit ihrem Gatten die alte Welt zu verlaſ⸗ ſen.— Heinrich ſehnte ſich danach. Seines Vaters Gram, ſeiner Mutter Thraͤnen hatten ſeinen Sinn nie gebeugt; jetzt ſah er ſich verachtet, und da erwachte Ge⸗ fuͤhl des Unrechts in ihm.— Die Jahrszeit hielt ſeine Einſchiffung nach Kanada auf, ſodaß er Zeit bekam, noch eine Antwort von Hauſe abzuwarten, wohin er 16 mit ſchonenden Gruͤnden ſeine Abſicht, Europa zu ver⸗ laſſen, geſchrieben hatte. Er wußte nicht, daß Vater Burton, in dem ſcharfen Gefuͤhl erlittenen Unrechts, welches uns gleichſam die Pflicht aufdringt, den Unthaͤ⸗ ter zu entlarven, ſeinem Vater den eigentlichen Vor⸗ gang der Sache geſchrieben hatte. Leider war, ſeit Heinrichs wiederholtem Wankelmuth, nicht Achtung, ſon⸗ dern Mitleid der Charakter von des alten Frank Vater⸗ liebe; bei Mitleid, bloßem Mitleid in der Liebe er⸗ krankt aber das Herz, und das Auge ſenkt ſich bei dem Namen des Bemitleideten truͤbe zu Boden. Zwiſchen dieſem Mitleid zur Verachtung liegt fuͤr den Lieben⸗ den noch ein Abgrund.— Burton's Brief theilte dem alten Frank die ſeinige mit fuͤr den Selbſtſuͤchtigen, der nie andere Wuͤnſche als die ſeinigen gekannt hatte— und das Vaterherz brach.— Huͤlflos wimmerte ihm die ſchwache Mutter nach, und ohne fremde Huͤlfe waͤre ſie eine Laſt oͤffentlicher Mildthaͤtigkeit geworden. Es war nicht mehr der Welttheil, in dem er je wieder ruhig und gluͤcklich ſein konnte, den Heinrich bei ſeinem Abſchied aus Europa verließ. Ein duͤſterer Schleier umhuͤllte das Land, wo ſeines Vaters Grab gegen ihn zeugte. Er faßte Vorſaͤtze, er wollte als Gatte, Vater, Buͤrger ſich in ſeinen eignen Augen wieder zu Ehren bringen; aber zuerſt mußte er vergeſſen— ſein ganzes verfloſſenes Leben vergeſſen. Er brach allen Verkehr mit Konrad ab, dem er bisher fortwaͤhrend ſeine Schick⸗ ſale mitgetheilt hatte; er bemuͤhte ſich, in Quebeck an⸗ gelangt, eifrig, die Kenntniſſe eines Buͤrgers der ver⸗ einigten Staaten zu erlangen, alte Handelsverbindungen 17 von Julias Vater waren ihm behuͤlflich, ſeine engliſche Gattin erleichterte es ihm, einheimiſch zu werden, ſeine Kenntniſſe und Talente erwarben ihm Freunde, Ehre und ein ſtets wachſendes Vermoͤgen. Allein die Ne⸗ meſis folgte ſeiner Ferſe. Er fuͤhlte, wie viel ſeine Gattin ihm geopfert, und ſpuͤrte bald, daß er ihr doch das Gut, welches allein jene Opfer lohnen konnte, nicht zu geben im Stande war— jene edlere Liebe, welche das Heiligthum der Ehe gewaͤhrt. Sie war eine eitle Frau mit warmer Phantaſie und leerem Kopf. Heinrichs Vorzuͤge erfreuten ſie nur, wenn Andere ſie lobten.— Heinrich ertrug ihre Schwaͤ⸗ chen mit ſchweigender Selbſtuͤberwindung; er hatte, indem er ſie zum Ungehorſam gegen ihre Ältern verfuͤhrte, das Herrſchaftsrecht uͤber ſie verloren.— Nach einigen Jahren einer freudeloſen Ehe, beſchloß Julia ein farbloſes Daſein, und doch ließ ihr Anden⸗ ken einen ſcharfen Stachel in Heinrichs Herzen zu⸗ ruͤck. Sie hatte ihm nie Kinder gegeben, und Heinrich hatte nie danach verlangt,— der Begriff: Vater, machte ihn heimlich erbeben. Aber es ſtumpft ſich ja jedes Uebel endlich ab, ſogar das Misfallen an uns ſelbſt, beſonders wenn Bewußtſein wirklichen Verdien⸗ ſtes und aͤußere Achtung uns immer Beweiſe unſers eignen Werthes geben, noch mehr, wenn uns die Ver⸗ ſagung der liebſten Wuͤnſche eine hinreichende Buͤßung fuͤr begangene Irrthuͤmer ſcheint. Das Alles traf bei Heinrich zuſammen, und im Verlauf der Zeit fuͤhlte er viel deutlicher die Entbehrung der Vaterfreuden, als er V. 2 18 ſich erinnerte, wie beharrlich, wie zwiefach er einſt dieſe Freuden zerſtoͤrt hatte. Heeinrich war ein wohlerhaltener Vierundvierziger, als er zu einem reichen Kaufmann gerufen ward. Sein Ruf als Arzt war jetzt ſo begruͤndet, daß man ihm, wohin er trat, als Retter empfing, weshalb ihn An⸗ tonie, des Kranken einzige Tochter, auch ſo aufnahm. Heinrich geſtand, daß nur eine gewagte Operation ihren Vater retten koͤnne; dieſer, ſich gleich einem Sterbenden betrachtend, entſchloß ſich dazu, und Heinrich war Zeuge eines ruͤhrenden Abſchieds zwiſchen Vater und Tochter, durch welchen der Arzt erfuhr, wie vor einigen Jahren Antonie einer jugendlichen Leidenſchaft entſagte, um ungetheilt ſich des Vaters Pflege widmen zu koͤnnen. Heinrich heftete mit Bewunderung ſeine Blicke auf die in reifer Schoͤnheit prangende Geſtalt der pflichterfuͤll⸗ ten Tochter,— ihr Gebet ſegnete die Hand, die Ope⸗ ration gab dem Kranken das Leben zuruͤck, und Hein⸗ richs geſchickte Behandlung ſicherte ihm Geſundheit zu. Antonie verehrte ihn wie einen Schutzgeiſt, und bald wagte Heinrich nochmals auf Gluͤck des Herzens auszu⸗ gehen,— er ward Antoniens Gemahl. Seit Frank Europa verließ, waren nun zwanzig Jahre vergangen, ſeine Erfahrungen waren ihm— wie es thaͤtig im Leben fortſchreitenden Menſchen nothwen⸗ dig gehen muß, bis eine ihnen analoge Gegenwart ſie wieder, als ſelbſt erlebt, ihnen ins Gedaͤchtniß ruft— zu hiſtoriſchen Thatſachen geworden, und er wollte ſie zu Grundſaͤtzen benuzen. Wankelmuth und Leicht⸗ ſinn hatten ihn zu Fehltritten verleitet, heftige Lei⸗ 19 denſchaften hatten ihn zu Irrthuͤmern verfuͤhrt, er wollte deshalb der Vernunft die Herrſchaft nie mehr entziehen laſſen. Antonie war eines der weiblichen Weſen, die jede gute Regung zur Pflicht ſtempeln, und ſich damit aller freien Bewegung im Reiche des ſittlich Schoͤnen berauben. Das Rechtthun behandeln ſie wie eine Ta⸗ gesarbeit, und ihr Bewußtſein richtet ihre guten Tha⸗ ten immer als Trophaͤe auf. Sie ſehen deshalb auch das ganze Leben fuͤr eine Geſetzeserfuͤllung an, und fuͤh⸗ len jedes ihnen gethane, wirkliche oder eingebildete Un⸗ recht wie ein Maͤrtyrerthum, fuͤr das ſie unbedenklich eine himmliſche Krone in Anſpruch nehmen wuͤrden, wenn die Demuth nicht wieder eine Pflicht waͤre. Sol⸗ che Geſchoͤpfe kommen nie zu Athem, ſtets uͤberzeugt, ſich fuͤr andre und der Pflicht gemaͤß abzumuͤhen, und im Grund nur der Selbſtſucht nachgehend, weil ſie die Tugend zur Selbſtſucht gemacht haben, erſtirbt noch die letzte weiche Faſer ihres Herzens in dem Anblick des Erſtaunens, das ihre eiſige Naͤhe verbreitet, und von ihnen als Undankbarkeit gefuͤhlt wird. Ein Mann von Heinrichs Phantaſie und Reizbarkeit, ließ ihn nie zum Menſchenkenner werden, ihm erſchien Antonie lange eine in Hingebung lebende Gattin, welches ſie ihm auch war, und er hatte nicht Zeit, uͤber die Entdeckung, daß ſie keine geiſtreiche Freundin war, nachzugruͤbeln, da in den erſten Jahren ſeiner Ehe ſein Schwiegervater, deſ⸗ ſen Haus die pflichterfuͤllte Tochter nicht hatte verlaſſen wollen, ſeine haͤusliche Geſellſchaft theilte, und nach deſſen Tode Dina, die einzige Frucht ſeiner Ehe, eben ins zehnte Jahr getreten, deren Geiſtesbildung er nun 2* 20 allein uͤbernommen hatte, ihn waͤhrend der wenigen Stunden, die ihm ſein Beruf zum Familienleben uͤbrig ließ, Beſchaͤftigung genug gab. Er war, wie er in dieſem Alter des Maͤdchens Bildung uͤbernahm, er⸗ ſtaunt, ſchon einen ſo beſtimmten Charakter bei ihr zu finden. Ältern fallen ſehr gewoͤhnlich in den Irrthum, zu glauben, das Kind warte, bis ſie ihre Erziehung, beginnen. Heinrich hatte uͤberſehen, was der Mutter praktiſches Leben und des Vaters Geſpraͤche auf das kluge Kind, das als einziges ſich fruͤh an das gefaͤhr⸗ liche Zuhoͤren bei den Geſpraͤchen Alterer gewoͤhnte, hervorgebracht haben mußte. Der Mutter ſtete Hinwei⸗ ſung auf die duͤrre Pflicht lehrte ihr Eigenſinn, des Vaters Geſpraͤche Freiheit in jeder Anſicht des Lebens— ſo fand der Vater, daß Dina im zehnten Jahre ſchon ſehr beſtimmt wollte, und oft ſehr wunderliche Dinge. Dieſe Entdeckung freute ihn. Er hatte ſich uͤberzeugt, daß ihn dieſe Denkart eben ſo gut gerettet als ins Verderben geſtuͤrzt hatte; um aber Vortheile von ihr zu ziehen, mußte er Dinas Verſtand aufklaͤren, ihr fruͤh eine richtige Anſicht des praktiſchen Lebens geben. Dina bildete ſich ſehr guͤnſtig aus, ſie ward des Va⸗ ters Geſellſchafterin, ja ſeine Freundin; ſtatt kindlicher Unterwuͤrfigkeit bildete ſich eine exaltirte Verehrung fuͤr ihren Vater in ihr aus, die ihre Ergebenheit zum Er⸗ zeugniß ihrer Erkenntniß und freien Willkuͤr machte. Ihrer Mutter kam das unheimlich vor. Sie wußte ihres Mannes kraͤftigen Einfluß auf Dina kein Gegen⸗ gewicht zu geben als ihr Beiſpiel, und ſo uͤbertrieb ſie ihren Pflichteifer und ihre Pflichtaͤußerung und ſuchte 21 jedes Mal, wenn der Vater das junge Maͤdchen durch einen großen Gedanken in das All fortruͤckte, ſie durch eine kleine Pflicht an den Augenblick zu binden. Dina gehorchte ohne Widerrede, aber ihr Gehorſam ward, ohne daß ſie daruͤber gegruͤbelt haͤtte, bald eine reine Verſtandesſache. Sie uͤberſah die Mutter und befrie⸗ digte ſie, weil die Ordnung im Hauſe das zum Gera⸗ thenſten machte. Ohne Erklaͤrung und Abrede hatte Heinrich fuͤr ſeine Frau denſelben Geſichtspunkt gefaßt; dieſe glaubte ſich ungeſtoͤrt in ihrem Einfluß, und ta⸗ delte in ihrem Herzen die Willkuͤr des Gedankens, die ihr Gatte ſeiner Dina geſtattete, fuͤhlte ſich aber doch geſchmeichelt, ſo eine geiſtvolle Tochter zu beſitzen. Dina war ſechszehn Jahr alt, als ihre Mutter ſtarb. Mit Zuverſicht konnte Heinrich ihr die Wirthſchaft uͤberge⸗ ben, aber unausſprechlich wehmuͤthig blickte er in das Grab ſeines Weibes. Waͤhrend ihrer Krankheit— es war ein ſchnell uͤberhandnehmendes Bruſtuͤbel— ſchie⸗ nen ſich die ſtarren Anſichten des Lebens wie Frucht⸗ huͤlſen von ihrem Herzen zu loͤſen, was ſie Pflichtmaͤßi⸗ ges gethan, ſchien ihr immer geringer und freute ſie doch immer mehr, und was ihr nicht gelungen, bat ſie ſo liebevoll den Ihrigen ab! Die nahende Sonne der Ewigkeit reifte den Kern ihres Herzens ſo wohlthaͤ⸗ tig, daß Sterben und ruͤckſichtlos, rein und begluͤckend Lieben fuͤr ſie Eins ward. Heinrich haͤtte gewuͤnſcht, Dina waͤre durch der Mutter Tod mehr erſchuͤttert wor⸗ den. Daran mahnen wollte er ſie nicht, aber es ver⸗ mochte ihn, mehr von der Verewigten zu ſprechen, als er, waͤre Dina betruͤbter geweſen, gethan haͤtte. Dina 22 widerlegte ſeine zaͤrtlichen Klagen mit Vernunftgruͤnden, und der Vater erklaͤrte ſich dieſe Erſcheinung durch die Sproͤdigkeit, welche ſtarken Charakteren vor der Erfah⸗ rungsreiſe eigen iſt. Dina fuͤhrte den Haushalt im Sinn der Mutter fort, mit Ordnung und Thaͤtigkeit, aber als ganz untergeordnetes Intereſſe, dem man ſich wie einer Naturnothwendigkeit beugt, ohne es zu achten. Heinrich hatte nie einen Willen geaͤußert, weil An⸗ tonie jedem ſeiner Wuͤnſche zuvorgekommen war. Dina ſchritt fort, ohne ihres Vaters kleine Gewohnheiten je zu Rath zu ziehen. Der Vater wollte ihren Gang nicht gleich beim Anfange ſtoͤren, er erkannte ſeine Wuͤnſche fuͤr geringfuͤgig, fand ſich maͤnnlich aufgefordert, an Kuͤche, Waͤſche, Zimmerordnung keinen Einfluß zu uͤben; aber er beobachtete Dina beſorgt, denn in ihrem Regi⸗ ment war keine kindliche Weichheit, keine weibliche Vor⸗ ſorge zu ſpuͤren. Bald war der herrſchensgewohnte Mann in ſeinem Hauſe zum leidenden Hausgenoſſen geworden. Er bemerkte es, aͤußerte einen Willen, ſetzte ihn auch durch. Da ſah er Dina ihre Anſicht aufge⸗ ben, wie ein Vernuͤnftiger auch Thoren nachgibt, oder Kranken, aber den Begriff, fortan den Wunſch des Va⸗ ters als Regel zu befolgen, aͤußerte ſie nie. Heinrich war nun ein alter Mann, er war ſo alt, wie ſein Va⸗ ter geweſen war, da er ſeine Hoffnungen alle durch ſei⸗ nen thoͤrichten Wankelmuth, durch ſeine willkuͤrlichen Ent⸗ ſchluͤſſe zerſtoͤrt hatte. So oft Dinas hochfahrendes Weſen ihn kraͤnkte, trat ſeines Vaters Bild vor ſeine Seele, und er dankte Gott, daß er ihm keinen Sohn gegeben; den zu behandeln waͤr' er ſich keiner Mittel 23 bewußt geweſen. Das weibliche Herz, dachte er, das ſich ſtets im Kreis natuͤrlicher Pflichten bewegte, muͤßte ſich aus der kleinen Verirrung der Anſichten herausfin⸗ den. Dina war achtzehn Jahr alt, als ein ſehr lie⸗ benswuͤrdiger junger Eingewanderter ihre Neigung ge⸗ wann. Es war ein Franzoſe, er hatte Talente, Ehr⸗ geiz, Kenntniſſe, aber gar kein Vermoͤgen. Das Maͤd⸗ chen, welches alle Verhaͤltniſſe des Lebens mit ſeltner Klarheit uͤberſchaute, faßte fuͤr die, worein ſie jetzt die Liebe verſetzte, einen ganz leidenſchaftlichen Geſichtspunkt. Sie traͤumte ſich ein Paradies, in dem Stand und Vermoͤgen aus den Augen verſchwanden; nicht weil ſie keinen Werth hatten, ſondern weil ihr Werth in Ver⸗ gleich des Gluͤcks zweier Liebenden nicht gezaͤhlt werden konnte. Der Vater uͤberſah die Folgen der Leiden⸗ ſchaftlichkeit in ſeinem Kinde; er wußte, daß ſie den Mann bald ſelbſt verachten wuͤrde, der berufslos ſich auf den Reichthum ſeiner Frau verließ; er wußte, daß der Liebe, welche in der Ehe verraucht, nur dann ein noch herrlicheres Gefuͤhl folgt, wenn Achtung und See⸗ lengemeinſchaft im Grunde des Herzens zuruͤckbleibt, und fand ſich berufen, hier mit Beſtimmtheit zu ſprechen. Der junge Mann ſchoͤpfte Kraft in ſeinem Ehrgeiz; er nahm Heinrichs Vorſchlag an, in Baltimore in einem großen Handelshauſe zu arbeiten, wobei ein Kapital, das ſein kuͤnftiger Schwiegervater ihm vorſchoß, ihm Raum zu eigenen Spekulationen gewaͤhren ſollte, und erſt wenn er ſich in einem feſten Geſchaͤfts⸗ und Ge⸗ winnesgang ſaͤhe, ſolle er Dina als ſeine Gattin abho⸗ len. Dina widerſprach ihrem Vater nicht, ſie gehorchte 24 ihm wie der perſonificirten Nothwendigkeit, verbarg ihre Thraͤnen bei dem Abſchied ihres Geliebten, und erwaͤhnte ſeiner nie wieder, obgleich ſie ihren Briefwechſel mit ihm als berechtigt betrieb. Heinrich ward beſtuͤrzt. Sein Kind war ſein einziger Reichthum, ſein Halt im Leben. Er hatte ſich ihrem liebſten Wunſch widerſetzt, ſie verdiente Nachſicht. Dieſe gewaͤhrte er ihr. Unge⸗ truͤbt von ihrem finſtern Schweigen, zeigte er ihr nur Heiterkeit, bot ihr Freude an, bequemte ſich ſo freudig in ihren Willen, daß ſie ſeine Opfer nie wahrnahm. Geiſtesuͤbereinſtimmung war zwiſchen Vater und Toch⸗ ter geblieben, Herzenseinigkeit hatte Dinas ſtarrer Sinn zerſtoͤrt. Heinrich gedachte ſeines mit Schmerz uͤber ihn in die Grube gegangenen Vaters und ſchwieg, und trug Alles bei, was Leroux's Geſchaͤften in Baltimore bald eine gluͤckliche Geſtalt geben konnte. Wenn ihr Herz befriedigt iſt, dachte er, wird es wieder zum na⸗ tuͤrlichen Gefuͤhle zuruͤckkehren. Da kam die Nachricht, daß Leroux am gelben Fieber geſtorben ſei. Mit un⸗ ſaͤglichem Schmerz theilte ſie Heinrich ſeiner Tochter mit. Sein Geiſt rang danach, ſich durch das Bewußt⸗ ſein, das Beſte gewollt zu haben, zu troͤſten. Dina empfing den Schickſalsſtreich wie ein gewidmetes Opfer. Ob ſie insgeheim verzweifelte, wußte Niemand, von außen blieb ſie gefaßt; ſie war gegen alle Fremden, in allen Verhaͤltniſſen die Guͤte, die Anmuth ſelbſt, ein Bild leidender Milde, aber gegen ihren Vater ſchloß ihr Herz ſich zu. Sie liebte ihn, ſie verehrte ihn, aber ſie ſtand gegen ihn, wie gegen einen Bundesbruder, der das gemeinſchaftlichen Heiligthum zerſtoͤrt hatte,— ſie 25⁵ mußte ihn feindſelig behandeln. Heinrich zaͤhlte ſeine Jahre und, daß das Menſchenleben, wenn's hoch iſt, auf ſechszig Jahre ſteigt; er gedachte ſeines Vaters, und daß er das Kind, dem er kein Gluͤck zu ge⸗ ben im Stande ſei, mit jeder kleinen Freude entſchaͤdi⸗ gen muͤßte. So ward der Mann, der ſeinen Willen gegen Vater und Geſetze durchgefuͤhrt hatte, der nach⸗ ſichtige beherrſchte Vater ſeines ungluͤcklichen Kindes. Dinas Geſundheit war dem Gram, noch mehr der innern Heftigkeit erlegen, ſie verſchwieg ihre Leiden, und verweigerte aͤrztliche Huͤlfe; der Vater wußte, daß noch kein Mittel entdeckt ward, den Wurm im Herzen zu toͤdten, und uͤberließ ſie der Natur. So verfloſſen einige truͤbe Jahre, in denen Hein⸗ rich mehr als einmal ſeiner Tochter Vernunft beizukom⸗ men ſuchte, denn uͤber ihr Herz wollte er ſich nie einen Zweifel erlauben; allein die duͤrre Heftigkeit, mit der ſie ihm bewies, wie ſie alle ihre Pflichten erfuͤlle, uͤber⸗ zeugten ihn, daß die Zeit noch nicht da ſei, wo ihr geholfen werden koͤnnte. Da fuͤhrten zufaͤllige Umſtaͤnde einen reichen Laͤndereibeſitzer aus Penſilvanien in Hein⸗ richs Haus. Er war uͤber die Jugendjahre hinaus, hatte ſchoͤne Plane fuͤr die Verbeſſerung, nicht ſeiner Guͤter allein, ſondern ſeiner ganzen Provinz entworfen und zum Theil ſchon ausgefuͤhrt; Dinas reifer Ver⸗ ſtand und lebendiger Geiſt zog ihn an, er war ſich be⸗ wußt, wie nothwendig ein geiſtiger Umgang Dem iſt, der eine rohe Maſſe zur Kultur erheben will, und die⸗ ſer fehlte ihm in ſeinem Wohnort,— er trug ihr ein Loos an, das Ehrgeiz oder die edelſte Menſchenliebe 26 wuͤnſchenswerth machte. Dina uͤberlegte und willigte ein. Ihr Vater blickte dankend gen Himmel, wie ihm Dina verſicherte, daß alle ihre Wuͤnſche erfuͤllt waͤren, und glaubte wirklich ſeinem neuen Schwiegerſohn nur Tugenden von ſeiner Tochter ruͤhmen zu koͤnnen; er hatte ſie immer nur ungluͤcklich, nie ſtrafbar genannt, und dabei gedacht, wenn der Irrthum eines ungluͤckli⸗ chen Kindes das Vaterherz alſo verwundete, wie zerriſ⸗ ſen dann ſeines Vaters Herz uͤber den Undank eines ſtrafbaren Sohnes hatte ſein muͤſſen. Dina und ihr Gatte luden ihn dringend ein, ſeinen Wohnſitz in der Naͤhe ihrer Guͤter aufzuſchlagen;„ich komme zu Euch meine Kinder,“ ſagte er beſtimmt verneinend,„und jetzt und alsdann begleitet und umgibt Euch mein in⸗ nigſter Segen.“— Dina war in den letzten Tagen von einer ſtummen Angſt getrieben, dem Vater ſtets feſt und forſchend ins Auge ſehend, als wolle ſie durch das Auge hindringen in ſeine geheimſte Seele. Einſt, als er dieſen Blick wieder wahrnahm, ergriff er ihre Hand und ſagte ſehr weich: Dringe nur immer mit die⸗ ſem Blick in mein Herz, meine Dina, heute und dann, wenn wir alle einander in den Herzen leſen, findeſt Du nichts wie Liebe darin. Die Tochter ſank laut weinend an ſeine Bruſt, aber Beide deckten die Tiefe ihrer Wunde nicht auf. Nach Dinas Abreiſe ergriff Erinnerung an ſeinen Vater Heinrichen mit unwiderſtehlicher Gewalt. Er hatte nun ſeit faſt vierzig Jahren keine Nachricht aus ſeinem Geburtsort gehabt. Regiment und Geſetze hat⸗ ten ſich daſelbſt umgewaͤlzt, es mochten Geſchlechter aus⸗ 27 geſtorben ſein, alles Moͤgliche ſtellte er ſi ſich vor— aber die Erde, die ihn deckt, muß ja noch da ſein, noch die Huͤgel, auf denen ſein treues Auge ruhte, noch der Himmel, zu dem er aufſchaute, wenn er ſie betend fuͤr den ungerathenen Sohn emporhub. Und Konrad konnte leben, obſchon er aͤlter war als Heinrich, und Kinder und Enkel mußten von ihm da ſein; denn Gott hat verſprochen, den Samen des Gerechten zu ſegnen.— Heinrich nahm an ſeinem fuͤnfundſechzigſten Geburts⸗ tag Abſchied von dem Grabe ſeiner Gattin und ſchiffte ſich ein nach Europa. Wir haben erzaͤhlt, wie ſchnell er ſeine Reiſe zu⸗ ruͤckgelegt hatte, wie er ſich nur unmittelbar in die Mauern ſeiner Geburtsſtadt zu verſetzen begehrte, und wie ein Zufall ihn eine halbe Stunde davon aufhielt, er ſich erſt den Plan ſeines fernern Thuns uͤberlegen wollte. Jetzt war er nun, in ſonderbarem Zauber befangen, in Willmer's Familienkreis verſetzt; er fand hier, was er ſich als das Ideal des Lebens gedacht, und ſeine Thorheit als Sohn und als Vater zerſtoͤrt hatte. Das Alter iſt mittheilend, ſobald das Gemuͤth erweicht wird; zum Fragen hatte Frank nicht den Muth, wie konnte auch das junge Geſchlecht ſeinen ſo lange verſtorbenen Vater gekannt haben; wie konnten dieſe einfachen Land⸗ leute ſeinen Jugendgeſpielen Konrad kennen, der ſchwer⸗ lich ſeit ſeinem Austritt aus dem vaͤterlichen Haus wie⸗ der in M. geweſen war. Das Alles wußte er, aber er war zu weich, um es durch Willmer's Antworten be⸗ ſtaͤtigen hoͤren zu wollen. Um ſo leichter ließ er ſich 12] 28 hinreißen von ſich ſelbſt zu erzaͤhlen. Die altvaͤterliche Ordnung unter den Kindern ſeines Gaſtfreundes, der ſtille Gehorſam, in dem ſie vor ihren Altern ſtanden, die herzliche Freimuͤthigkeit, die ſie belebte, riß ihn hin, Vieles von Dem, was wir hier von ſeinen Schickſalen erzaͤhlt haben, nach ihrer Entfernung ihren Ältern mit⸗ zutheilen. Er klagte nur ſich an, gegen Vater, Gat⸗ tinnen, Tochter, aber nicht wie Einer, der Buͤßung zu fuͤrchten hat, ſondern ſicher, verſoͤhnt zu ſein durch den Schmerz ſeines Lebens, und freudig in das Land der Allvereinigung blickend. Willmer und Marie hoͤrten ihm in tiefer, ſtiller Wehmuth zu. Bei manchen von Frank's fruͤhern Begebenheiten hatte ſie ihren Gatten fragend angeſehen, als fodere ſie ihn auf, in ihre ſtummen Gedanken einzuſtimmen; im Fortgang des Erzaͤhlens heftete ſie ihre naſſen Augen dankbar auf ihn, weil ſie das Gluͤck ihres Hausſtandes neben Frank's oͤdes Leben geſtellt ſah. Jetzt ſchwieg Frank eine Weile.— Wer⸗— ther Herr, ſprach Willmer mit Zuverſicht und faßte des Fremden Hand, Ihrer Tochter Liebe iſt Ihnen gewiß. Ihr Verſtand war verdreht durch eine dem weiblichen Herzen unangemeſſene Bildung; als Gattin, als Haus⸗ frau und, Ihrer Hoffnung gemaͤß, nun als Mutter, findet ſie ſich ſelbſt wieder in der wahrhaften Beſtim⸗ mung des Weibes.— Ja, ja, das weiß ich, antwor⸗ tete Frank; aber der jahrelang zugefuͤgte, der jahre⸗ lang ertragene Schmerz hat die Gewohnheit des Zu⸗ trauens in uns getoͤdtet; wir werden bei jedem Wort fuͤrchten, uns weh zu thun, und das iſt eben Zutrauen, daß man uͤberzeugt iſt, ſich gar nicht weh thun zu koͤn⸗ 29 nen.— Aber Ihr Konrad, lieber Vater, unterbrach ihn hier Marie, der kann noch leben wie Sie, er lebt vielleicht in unſerer Naͤhe— Konrad Erb? Nein! Der ward Stadtphyſikus in Wi...— Gott, mein Vater? rief Marie aufſpringend. O mein Vater! Deſſen Grab war es, das meine Kinder heute bekraͤnzten.— Was jetzt zwiſchen dieſen guten Menſchen vorging, laͤßt ſich ja ohnehin nicht beſchreiben; wer unternaͤh⸗ me es, die Empfindung des vereinzelten, lange Ver⸗ bannten zu ſchildern, der ſtatt Jugendfreunden nur ihre Graͤber, ſtatt Entfremdung aber ſich in ihrer Kinder Liebesarmen fand? Wir wollen das Schickſal von Konrads Familie erforſchen, von der wir ſchon Liebes und Sorge Erregendes vernommen haben. Die Umſtaͤnde, unter denen Heinrich die alte Welt verließ, machten auf ſeinen treuen Konrad den ſchmerz⸗ lichſten Eindruck. Nach ſeiner Denkart mußte die raͤ⸗ chende Nemeſis unabaͤnderlich der Schuld nachſchreiten, und das Beſſere, was der Strauchelnde mit edler Kraft aus ſeinem Fehltritt ſelbſt gewinnen konnte, traͤgt nie den freudigen Charakter des angeſtammten Guten. Und wie er ſeinen Heinrich kannte, raſch, eigenſinnig und nur beharrlich zu widerſtreben, mußte er fuͤrchten, daß die Vergelterin ſtreng wuͤrde rechnen mit ihm. So ſehr ihn ſein Beruf als ausuͤbender Arzt draͤngte, ſo ſchwer ihm in oͤkonomiſcher Ruͤckſicht eine Reiſe ward, machte er ſich doch ſogleich auf den Weg, um bei dem alten Vater ſeines Freundes Milderung ſeines Kummers wie ſeines Zornes zu bewirken. Er fand den alten Frank auf dem Krankenlager, auf das ihn Burton's 30 mitleidsloſe Nachricht geſtreckt hatte. Der Greis ſtreckte ihm die Hand entgegen und rief ſchmerzvoll: Kommen Sie! Sagen Sie mir, wie mein Gebet den Ungluͤckli⸗ chen einſt retten kann vor den Furien ſeines Bewußt⸗ ſeins!— Heinrichs Mutter war bei Konrads Anblick ſchon heulend aufgefahren, jetzt trat ſie mit bibliſchen Spruͤchen und Ermahnungen hinzu, die den Vater der Haͤrte beſchuldigten. Konrad ſah, wie dieſer Auftritt den Kranken peinigte; er bat ein junges Maͤdchen, die Handreichung that, die Mutter hinwegzufuͤhren, weil der Kranke Ruhe beduͤrfe. Die junge Perſon be⸗ zeigte ihm leiſe und mit auffallender Anmuth ihre an⸗ gelegentliche Theilnahme, wie ſehnlich ſie ſchon lange dem Mann dieſe Erleichterung gewuͤnſcht haͤtte.„Seit dem Moment, wo die ſchreckliche Nachricht kam, wan⸗ delt der Greis der Gruft zu, und dieſe ungluͤckliche Frau ſcheucht den Frieden des Grabes mit Vorwuͤrfen von ihm.“ Konrad blieb nun allein bei dem Alten. Er bedurfte keiner Verſoͤhnung, keines Troſtes; klar uͤberſah ſein Geiſt Urſach und Wirkung des Ungluͤcks, das ſein Herz brach, und ſann nur uͤber die Wege nach, auf welchen der ſtrafbare Sohn in einem andern Daſein entſuͤhnt wieder zu ihm zuruͤckkehren koͤnnte. „Daß mein altes muͤdes Herz bei ſeiner Schuld brach,“ ſagte er,„das vermehrt ſie nicht, und das kommt mir zu gute, denn es bricht in Liebe. Ich erzog ihn ſchlecht; er verzeihe mir die Reue, die ihn treffen wird! das Unheil, das er auf ſeine Kinder fortpflanzen wird! Aber— hier blickte er durch das nahe Fenſter zu dem beſternten Nachthimmel auf— dort ſind Wege genug, 31 von denen irgend einer uns beide zu dem Lichtquell emporfuͤhrt.“ Unter Konrads frommem Gebete ſchlief er ein. Kon⸗ rad druͤckte ſeine hellen Greiſenaugen zu, und die un⸗ endliche Wehmuth ſeiner Seele faßte ſich in die Worte des Dichters: teach me at once and learn of me to die. Die alte Frau war ganz unfaͤhig, dem Begraͤb⸗ niß vorzuſtehen, ſie war ganz der Pflege Beatens, jenes jungen Maͤdchens, uͤberlaſſen, welches Konrad bei ſeiner Ankunft im Krankenzimmer gefunden hatte. Beate war die Tochter eines ſehr angeſehenen buͤrgerlichen Beam⸗ ten, dem das Haus gehoͤrte, von dem der alte Frank einige Hinterzimmer innehatte. Eine der ſchoͤnſten Naturen hatte in ihrem Weſen eine ſeltene Harmonie des Willens und der Keaͤfte hergeſtellt; denn ihre Umgebungen waren gemein. Ihre Kirche— ihr Vater war ein katholiſcher Auslaͤnder— gab ihr eine freiere Handelsweiſe, wenn es auf gute Werke ankam, als die proteſtantiſche Sitte in jenem Theil von Deutſchland damals geſtattete; ſie hatte ſich deshalb, ſobald ſie hoͤrte, daß dieſes alte Ehepaar einſam und bekuͤmmert ſei, bei des alten Franks Krankenbette eingeſtellt. Sie wollte nur Theilnahme bezeigen, ſie fand aber die Auffode⸗ rung, jede Art von Huͤlfe zu leiſten. Frank's jaͤhrliche Erſparniſſe hatte Heinrich jaͤhrlich aufgezehrt, ein klei⸗ nes Kapital, das der Greis von ſeinem Vater geerbt und ſeiner Witwe zu hinterlaſſen gedachte, war vor Kurzem durch den Bankerot eines Schuldners verloren gegangen, ſein Alter und ſein Kummer hatten ihn an gelehrten Nebenverdienſten gehindert, Muthloſigkeit hatte 32 ſeine alte Gattin von ſorgfaͤltgem Haushalt abgelenkt. Beate ward helfender Engel in jedem Sinne, und als der liebe Greis zur Ruhe war, bemuͤhte ſie ſich, ſeiner Hinterbliebenen ſchwaches Gemuͤth aufzurichten, und ſann darauf, wie ſie, die auf ihrer Ältern Mithuͤlfe wenig rechnen durfte, den Lebensreſt der alten Frau wuͤrdig erleichtern koͤnnte. Konrad beobachtete ſie mit Be⸗ wunderung, und verließ ſie nach des Alten Begraͤbniß mit inniger Liebe. Dem Seelenforſcher koͤnnte zuweilen beduͤnken, da erſcheine die Liebe am herrlichſten, wenn ein ſittlich und geiſtig gereifter Menſch ſie in ſeiner Seele aufnimmt, wie die heilige Tiefe der unbewegten Flut des Mondes leuchtendes Bild. Von Oſten nach Weſten vollendet dieſer ſeinen Lauf; indeß Myriaden von Welten uͤber ihm ſich drehen, ſtralt die ſtille Flut ihn unverfaͤlſcht, rein zuruͤck. So leuchtete von da an Bea⸗ tens Bild aus Konrads Herzen zuruͤck, und ſo ſtill wan⸗ delte das Maͤdchen, den Blick ihrer Seele nur auf ihn geheftet, durch das Leben. Konrad ſagte ihr, daß er noch einige Jahre wuͤrde arbeiten muͤſſen, ehe er ihrem Vater ein annehmlicher Schwiegerſohn ſein koͤnne; ſie bliebe daher frei, allein er ſei fuͤr immer gebunden. Sie bekannte ihm, daß ihr ſtolzer Vater ſtrenge Be⸗ dingungen machen wuͤrde, um ſeine Einwilligung zu geben; daß ſie mit kindlichem Gehorſam ſich jeder un— terwerfe, aber keines ſeiner Gebote ihr je einen andern Gatten aufdringen ſolle. Die Hoffahrt des Vaters ſetzte ſie auf eine ſchwere Probe. Beate, die Konrad ihr Herz in ihrem zwanzigſten Jahr geſchenkt hatte, ſah ihre Jugendbluͤte bleichen, ehe die elende Bedin⸗ 33 gung: daß Konrad wirklicher Leibmedicus ſein muͤſſe, um ſein Schwiegerſohn zu werden, erfuͤllt wurde. Konrads Ruf als Arzt ward ſo glaͤnzend, daß er, der aus niederm und armem Stande entſproſſen, keine Protection genoß, als der Wuͤrdigſte zum Leibarzt des Fuͤrſten erwaͤhlt, nach Beatens Wohnſitz, Heinrichs Geburtsſtadt, berufen ward. Erſt nach ſechs Jahren Treue und Harrens vereinte die Ehe ein Paar Herzen, die im ewigen Jugendgefuͤhl von dem Lauf der Jahre keine Spur trugen. Ihr Ehegluͤck war nicht eine ſchoͤne Herbſtblume, es war der ſpaͤt gruͤnenden deutſchen Eiche gleich, die herrlich und maͤchtig dem Lauf der Jahrs⸗ zeiten nachſchreitet. Konrad brachte mancherlei Sorgen als Erretter und Linderer koͤrperlichen Leidens mit in die Ehe. Beate war ſchon allein um des Guten wil⸗ len reich, was ſie jahrelang an Heinrichs verlaſſener Mutter gethan hatte. Da ſie Huͤlfe beduͤrftig war, haͤtte ſie in jedem Fall fuͤr ſie geſorgt; als ſie aber durch ihren Geliebten die naͤhern Umſtaͤnde ihres Schick⸗ ſals erfuhr, empoͤrte ſich ihr Herz, daß die Mutter von Konrads Freund der Gemeinde uͤberlaſſen bleiben ſollte. Sie vermochte ihren Vater, ihr die kleine Wohnung im Hinterhaus um geringe Miethe zu laſſen, ſie wirkte durch eignes Zureden und Mithuͤlfe eines wackern Geiſt⸗ lichen ſo wohlthaͤtig auf ſie, daß der leichte Sinn, der fruͤher ihres Sohnes Verderben herbeifuͤhrte, ihr nun das Leben tragen half. Beate beredete ſie, zu einer kleinen Naͤhſchule den Namen herzugeben, welche ſie ſelbſt in der That dirigirte; aber der Ertrag half der Greiſin fort, und die Beſchaͤftigung erhielt ſie hei⸗ V. 3 34 ter, ein durch Beate wach erhaltenes religioͤſes Gefuͤhl machte ſie eifrig, die kleinen Maͤdchen recht gutmeinend zu behandeln, und alſo mit gemildertem Schmerz und feſtem Vertrauen, ihren Heinrich entſuͤhnt wiederzuſe⸗ hen, rief ſie nach einigen Jahren der Tod mitten aus dem Kreis der freundlichen Kinder ab. Dieſer Segen wirkte aber auch maͤchtig auf Kon⸗ rads Leben. Sechs ſchoͤne geſunde Kinder wuchſen um ihn auf; er und ſeine Beate wollten nur Eines— rechtſchaffne Menſchen aus ihnen ziehen— und das gelang ihnen auf dem einfachen Wege des Gehorſams und des Fleißes; allein auf ihre Charakterbildung und ihren Weg in der Welt wirkte außer ihren Lehrern auch das Fortſchreiten der Zeit. Marie, das erſte Pfand ihres Ehegluͤcks, ward ſehr einfach erzogen, im letzten Nachhall der altvaͤterlichen Sitte, die Konrad aus ſei⸗ ner beſchraͤnkten Lage, Beate aus ihrem ſtrengen Va⸗ terhauſe heruͤbernahm. Der junge Willmer hatte den Landbau wiſſenſchaftlich ſtudirt, er hatte die Geſetze ſei⸗ nes Landes erlernt, um ſeine eignen und die Rechte der Armen zu vertheidigen, und ſchuf in dem Dorf, wo ſein Vater als Amtmann reich geworden war, ein Bau⸗ erngut durch Ankauf und Anbau zu einem herrlichen Landgute um. Er ſah und liebte Marie, mit Freuden legte Konrad ſeines Lieblings Hand in die ſeinige, froͤh⸗ lich brachten in den erſten Jahren ſeine juͤngern Kin⸗ der die Feiertage bei dem freundlichen Schwager zu, und Konrad ſegnete Willmer’s Loos, der im Wohlſtand bei den nuͤtzlichſten Beſchaͤftigungen noch Muße behielt, ſeinen Geiſt anzubauen und ſeine Gattin liebend mit 3⁵ zu gleicher Bildung fortzufuͤhren. Allein die Jahre brachten Anderungen hervor. Sophie, Mariens zweite Schweſter, ein glaͤnzendes Maͤdchen durch Geiſt und Geſtalt, heirathete einen Mann mit vornehmem Titel; neuere Verhaͤltniſſe ſchufen neue Sitten im vaͤterlichen Haus, die Bruͤder wurden von dem angeſehenen Schwager empfohlen; der alte Fuͤrſt, dem ſein Leben lieber wurde, je ſchwaͤcher es glimmte, wollte ſeines Leibarztes Verdienſte in ſeinem Sohne be⸗ lohnen und ernannte Mariens aͤlteſten Bruder zum Juſtizrath, wie er kaum der Doctorwuͤrde gewohnt wor⸗ den war; ein juͤngerer war Soldat geworden und hatte gerade Zeit, vor dem Frieden ſchnell bis zum Haupt⸗ mann zu ſteigen; ebenſo gluͤcklich wurden ihre uͤbrigen Geſchwiſter verſorgt, ſodaß Konrad im Kreiſe ſeiner Kinder das ſeltne Beiſpiel ungetruͤbten Gluͤckes und rei⸗ cher Ehre als Gatte, Vater und Buͤrger aufſtellte. Daß in den letzten Jahren ſeines Lebens ſeine naͤchſten Um⸗ gebungen nicht mehr waren wie ehemals, bemerkte er wohl; er geſtand ſich auch ein, daß ſie ihm nicht ſo wie das Ehemalige behagten, allein er bedeutete ſich, daß die neue Welt nicht mehr ſo ſein koͤnnte wie die alte, und indeß ſeine Beate die Abende den Geſellſchafts⸗ zirkel ihres Schwiegerſohn Staatsraths beſuchte, oder Geſellſchaft bei ſich verſammelte, wo ihre Kinder Leben und Glanz verbreiteten, fuhr er nach Willmer's ſtillem Landgute, wo ihn ſeine Enkel umkreiſten; denn ihn zum Großvater gemacht zu haben, war, obſchon drei andere ſeiner Kinder verheirathet wurden, Mariens be⸗ gluͤckender Vorzug. Hier bei Willmers war der Zweck 3* 36 der Zierlichkeit in jeder Einrichtung: Bequemlichkeit und Genuß; die hauptſaͤchlichſten Mittel: Reinlichkeit und Dauer; der Luxus: Blumen, Baͤume, Stauden, Er⸗ trag eigner Betriebſamkeit, Gelingen kluger Benutzung der Mittel. Auch Willmer und ſeine Gattin zogen je mehr und mehr vor, den Vater bei ſich zu ſehen. Frei⸗ lich hatte ſich Willmer durch ſeine Individualitaͤt beſtim⸗ men laſſen, dieſe Lebensweiſe zu waͤhlen. Die Be⸗ griffe uͤber Menſchenwohl und Menſchenwerth, welche waͤhrend ſeiner Jugendbildung zum Gemeingut geſtem⸗ pelt wurden, hatten ihn vom Fuͤrſtendienſt entfernt, aber zum Staatsbuͤrger gemacht. Der Maßſtab, den ſeine Schwaͤger je mehr und mehr an ihn legen woll⸗ ten, ſtand ihm demnach nicht an; ohne Zwieſpalt wur⸗ den ſich die Geſchwiſter fremder, und Beate, welcher Maria zuerſt viel geweſen war, die ihre verdienſtliche Thaͤtigkeit, ihr feſt gegruͤndetes Gluͤck mit Beruhigung und Dank zu Gott anſah, war doch ſchwach genug, die Innigkeit zwiſchen den Geſchwiſtern dadurch herſtel⸗ len zu wollen, daß ſie Willmer zu bewegen ſuchte, um die Oberamtmannsſtelle, welche ſein Vatker beſeſſen hatte, einzukommen; dann haͤtte er einen Rang gehabt, ei⸗ nen Einfluß. Willmer kuͤßte ihr lachend die Haͤnde, ſie bat, weinte; Marie weinte auch, allein nicht um ihres Mannes Entſchluß zu lenken, ſondern uͤber den Bruch, der nun zwiſchen ihm und ſeinen Schwaͤgern entſtehen mußte, nun jenes Denkart ſich ſo ſcharf in ſeiner Wei⸗ gerung ausſprach. Allein Willmer blieb feſt, er lachte mit ſeinem ehrwuͤrdigen alten Schwiegervater bei deſſen naͤchſtem Beſuch uͤber den„Welttand“ und fuͤhrte ihn 37 durch ſeine Saatfelder, wo die bluͤhende Frucht die Luft mit balſamiſchen Duͤften erfuͤllte. Der liebe Alte blieb mitten in dem Halmenmeer neben einigen mit Bluͤten uͤbergoſſenen Hollunderbuͤſchen ſtehen und ſagte wankend: Wahrlich der alte Menſch iſt zu ſchwach fuͤr die Weih⸗ rauchwolken des großen Altars um uns her— er ſprach undeutlich, aber ſein Auge laͤchelte, und ſo verſchied er und ging aus dem duftenden Tempel in das Allerhei⸗ ligſte ein; das war die Veranlaſſung, warum er hier auf dem Dorfkirchhof ruhte, und Marie ſegnete den Zufall, der ihr die Hut ſeines heiligen Grabes verliehen hatte. Bald nach ſeinem Tod trat die denkwuͤrdige Gegen⸗ wirkung gegen das übergewicht unſerer weſtlichen Nach⸗ barn ein. Willmer hatte nie gewuͤrdigt die Anſpielun⸗ gen zu ruͤgen, welche ſeine Schwaͤger uͤber ſeine politi⸗ ſche Denkart zu machen befliſſen waren. Wie in die⸗ ſer Zeit ein verirrter Haufen der beſiegten Heere des großen Eroberers, Ungluͤck und Treubruch an Unſchul⸗ digen raͤchend, Willmer's Gegend Verderben drohte, be⸗ rief er Maͤnner und Juͤnglinge der umliegenden Doͤrfer zuſammen, traf die geſchickteſten Anſtalten und brachte den ganzen Haufen als Kriegsgefangene in die Reſidenz ein. Eine Saͤbelwunde uͤber die Schulter, ein Bajo⸗ netſtich im Schenkel bewieſen, daß der wackere Haͤupt⸗ ling nicht von weitem gefochten. Der alte Fuͤrſt ſchuͤt⸗ telte ihm die Hand, ruͤhmte ſeines Schwiegervaters An⸗ denken und fragte, womit er ihm lohnen koͤnnte. Will⸗ mer erſuchte ihn, einſt, wenn er fuͤr ſeine Soͤhne zu bitten haͤtte, an dieſe Stunde erinnern zu duͤrfen, und 38 eilte in ſein Dorf zuruͤck. Allein bei dieſem Anlaß hatte er wol gegen ſeine Schwaͤger Unrecht auf ſich geladen. Dieſe nie wiederkehrende Gelegenheit, Gnaden vom Fuͤr⸗ ſten zu erlangen, war fuͤr dieſe, in der Welt Eitelkeit befangene Menſchen zu groß, um in ihrem Beſtreben Maß halten zu koͤnnen. Sie eilten ſchon bei dem Ein⸗ marſch der wackern Landleute, die den Gefangenen zum Geleit dienten, Willmer entgegen; ihrer Freude uͤber den Tapfern konnte es nicht an ſchoͤnerm Zuſatz fehlen, und das anerkennend, nahm er ihre Bewillkommnung mit Herzlichkeit auf; wie ſie aber nach ſeinem Zutritt beim Fuͤrſten in Schmeichelei ausartete, und, nachdem ſie ſeine Weigerung, Gnaden zu erbitten, erfahren hatten, eine wahre Wuth ſie ergriff, brach ſein Unwille losz ein paar Worte, die ſeinen ganzen Ekel an dem Patriotismus ausdruͤckten, der Haß zur Triebfeder und Selbſtſucht zum Ziel habe, machten einen Riß in dem Verhaͤltniß der Geſchwiſter, welchen ſeitdem nicht die Zeit und nicht Mutter Beatens herzliche Bemuͤhung zu heilen vermocht hatte. Das war der Kummer, welcher Marie bei dem durch ihre leidende Geſundheit geſchaͤrften Gefuͤhl ſo druͤckte. Zwei Mal hatte ſich, des Vaters Todestag an ſeiner Ruheſtaͤtte zu feiern, die Familie jaͤhrlich bei Marie verſammelt, und das Andenken des Verklaͤrten hatte in dieſen wenigen Stunden alle Mistoͤne entfernt. Man hatte ſein Grab mit Blumen beſtreut und das Lied ge⸗ ſungen, unter deſſen lebenverheißenden Toͤnen es einſt aufgehaͤuft worden war; dann hatte man in ſeiner Lieb⸗ lingslaube einen ſtillen Abend verlebt, und beim Ab⸗ 39 ſchied meinten alle dieſe Menſchen, von denen keiner Boͤſes im Sinn hatte, daß ſie ſich mit ihrer Unzufrie⸗ denheit Einer uͤber den Andern doch Unrecht thaͤten. Dieſes Jahr war nun, nach dem Auftritt bei Willmer's Einzug mit den gefangenen Franzoſen, eine ſolche Ver⸗ einigung unmoͤglich, ein Jedes fuͤhlte ſich unwuͤrdig, mit Zorn im Herzen an des Vaters Grabe zu ſtehen, und eben in den Tagen dieſer Todtenfeier ſollten Konrads Kinder alle in der Hauptſtadt vereint werden; denn der Hauptmann, der ſeit ſeinen Dienſtjahren nur auf Mo⸗ mente in ſeine Vaterſtadt zuruͤckgekehrt war, hatte nun ſeinen Abſchied genommen und wollte eine buͤrgerliche Beſchaͤftigung ergreifen. Seine Ankunft ſollte in dieſen Tagen erfolgen, und Marie hatte vernommen, daß die Mutter ſie durch ein glaͤnzendes Feſt zu feiern gedachte. Dieſe Verhaͤltniſſe waren es, welche dieſe zarte, treue Seele mit einer Wehmuth, deren Lebhaftigkeit Willmer ein wenig zu tadeln ſchien, Frank jetzt mittheilte, als die erſte Üüberraſchung, die Kinder ſeines geliebteſten Freundes zu erkennen, voruͤber war. Frank nahm an Mariens Bekuͤmmerniß den lebhafteſten Antheil, und ſann alle Moͤglichkeiten durch, die Herzen dieſer Men⸗ ſchen einander zu naͤhern. Willmer ſagte zu ihm: Die Herzen beduͤrfen hier keiner Annaͤherung, mein verehr⸗ ter Freund; die Koͤpfe ſind getrennt, und die werden durch keine ruͤhrende Auftritte, die werden nur durch verbeſſerte Einſicht genaͤhert. Und ſelbſt alsdann iſt da⸗ mit keine Innigkeit erlangt; das alte Sprichwort ſagt es: Vergeben will ich, aber vergeſſen kann ich nicht. Der edlere Menſch iſt durch die Sorge, die Narben zu 1 40 verbergen, die ein verſoͤhnter Gegner ihm ſchlug, ſeiner Unbefangenheit beraubt, und der Gegner bei dem An⸗ blick dieſer Narben unausbleiblich gedemuͤthigt.— Marie weinte ſanft, Frank verließ mit den Worten: Sie ſpre⸗ chen eine furchtbare Wahrheit aus! ſeinen Platz und ſtellte ſich im finſtern Schweigen ans Fenſter. Nach einer langen Pauſe fragte Marie: Und ſoll dieſer ſchreck⸗ liche Zwieſpalt ein ganzes Leben durch fortdauern? Und wenn dort der Vater mich fraͤgt— Willmer unter⸗ brach ſie raſch, ehe ſie das quaͤlende Bild ausmalen konnte. Nicht doch! rief er, die Zeit mildert Vieles, aͤn⸗ dert Vieles! Wir haben ein Leben vor uns, meine Ma⸗ rie, in dem wir durch Rechtſchaffenheit und Milde alle Herzen, die unſern und die ihren, endlich ſo umſpinnen wollen, daß keine Narbe mehr ſichtbar iſt.— Frank ſchritt ſchnell zu den Beiden, legte ſeine Haͤnde auf ei⸗ nes Jeden Haupt und rief wie mit einem Schrei der Verzweiflung: O ihr Gluͤcklichen, die ihr noch ein Le⸗ ben vor Euch habt, Euch mit Lebenden zu verſoͤhnen!— und ſeine Stirn mit der Hand bedeckend, eilte er aus dem Zimmer.. Willmers ſahen ihn den Abend nicht wieder und hoͤrten den andern Morgen, daß er nach der Stadt gefahren ſei; zugleich erhielten ſie auch ein paar herz⸗ liche, wehmuͤthige Zeilen von Mariens Mutter, die ihnen ſchrieb: der Hauptmann ſei angekommen und habe mit lebhafter Achtung von ſeinem Schwager Will⸗ mer geſprochen. Dieſe arme Mutter nahm erſt, ſeit ein anderer als ihres Gatten weiſer Wille ſie leitete, wahr, daß ſie nicht Kraft hatte, ihre beſſeren Anſichten 41 durchzuſetzen; ſie fand ſich noch gequaͤlter, wenn der zahlreiche Kreis der in der Stadt um ſie verſammel⸗ ten Kinder ſie tadelte, Willmer's Anſichten durch ihren Beifall zu beguͤnſtigen, als ſie es durch die Entſagung war, Marie oͤfters zu ſehen, und deshalb erſchloß ſich ihr Herz in der Hoffnung, ihren jetzt angekommenen Sohn ſeinem Schwager Willmer Gerechtigkeit widerfah⸗ ren laſſen zu ſehen. Heinrich war wirklich nach der Stadt gefahren, und die Ankunft des Hauptmanns war die erſte Nachricht, die der Lohnbediente ihm auf dem Wege zu ſeines Kon⸗ rads Witwe mittheilte. Er ließ ſeinen Namen nicht anſagen, ſein Anſtand und Aufzug verhinderten den Be⸗ dienten, eine andere Meldung fuͤr ſeine Herrin zu fo⸗ dern als: daß ein Fremder ſie zu ſprechen verlange. Frank zwang ſich zu einer Faſſung, die ſeinem Herzen fremd war— das ſchwamm in Wehmuth—; denn der Greis wie das Kind hat fuͤr ſeine Ruͤhrung nur Thraͤ⸗ nen. Er brauchte keinen Eingang, keine Umſchweife, ſondern fragte die wuͤrdige Alte, die mit behutſamer Hoͤflichkeit zu ihm trat: ob ſie ſich erinnere, daß ihr Gatte einen Freund, Heinrich Frank mit Namen, ge⸗ habt habe?— Die Witwe bejahte es freudig und ſetzte hinzu: Bringen Sie Nachricht von ihm, ſo muß ich ſchmerzlich beklagen, daß er ſie nicht noch vernahm. Nur wenige Tage vor ſeinem Tode ſagte er mit der Innigkeit, die das Alter ihm nicht genommen, von ei⸗ nem ſeiner Schwiegerſoͤhne: Willmer erinnert mich doch oft an meinen Heinrich!— Dieſe Worte uͤberwaͤl⸗ tigten Frank, ſeine Stimme zu beherrſchen, und er 42 ergriff der Matrone Haͤnde und ſprach mit gebrochenen Toͤnen: Dieſer Heinrich bin ich; hier iſt ſein letzter Brief, den ich erhielt, ehe ich vor ſiebenunddreißig Jah⸗ ren Europa verließ, er bezeuge Ihnen meine Rechte, ſeine Witwe zu begruͤßen. Die Matrone blickte fluͤchtig in das Blatt, druͤckte es an ihre Bruſt und empfing den alten bekannten, doch nie geſehenen Freund mit herzlicher Liebe. Frank ver⸗ ſchwieg, daß er in Kirchdorf ihre Tochter Willmer ge⸗ ſehen, er konnte mit Recht ſagen, erſt ſoeben in die Stadt angelangt zu ſein, und keines von Mariens Fa⸗ milie ahnete, daß er ſchon von den Verhaͤltniſſen des Hauſes unterrichtet ſei. Mariens Mutter foderte Frank beim Schluß ihrer erſten Unterredung auf, ein Zimmer in ihrem Hauſe zu beziehen; er nahm es mit einfacher Dankbarkeit an, denn er glaubte durch dieſes naͤhere Verhaͤltniß die Gemuͤther, auf die er planmaͤßig zu wir⸗ ken gedachte, beſſer kennen zu lernen. Der gute Frank erinnerte ſich jetzt ſo wenig als bei jeder wichtigen Be⸗ gebenheit ſeines Lebens, daß er immer geglaubt hatte, ſeinem Verſtande zu folgen, wenn er that, was ſein Herz ihm zum Beduͤrfniß machte. Nach ein paar Stun⸗ den, in denen er Straße auf und ab die Erinnerun⸗ gen ſeiner Kindheit wieder aufgeſucht hatte, erinnerten ihn ſchwere Gewitterwolken, ſeine gaſtfreie Wohnung wieder aufzuſuchen, und unter fernem Donner kam er nach Hauſe. Frank war ſich, ſo unbekannt und unerkannt durch die ihm fremd gewordenen Straßen ſtreifend, wo ihm ſonſt Hunderte als Bekannte oder Geſpielen begruͤßt, 43 wie ein wandelndes Geſpenſt vorgekommen und ſtand, verſunken in ſchmerzliche Gefuͤhle, den fernen, trotz des Mittagslichtes auf finſterm Himmel zitternden Blitz als ſeinen einzigen alten Bekannten in dieſer Fremde be⸗ gruͤßend, am Fenſter ſeines Zimmers, als ihn der Ruf zum Mittagstiſch ſeiner Wirthin aus ſeinen Traͤumen erweckte. Er fand, Willmers ausgeſchloſſen, alle Kin⸗ der ſeines Freundes verſammelt; zu Aller Erſtaunen und der Mutter Mismuth, fehlte der Hauptmann, der ziemlich fruͤh ganz allein weggeritten war, allein der Mismuth ging in Wehmuth uͤber, als ſich Frank ne⸗ ben ſie niederließ. Haͤtte mein Mann ſeinen Heinrich unter ſeinen Kindern geſehen! rief ſie innig.— Er ſieht mich hier unter ihnen, erwiederte Frank geruͤhrt; fuͤhl' ich mich doch zum erſten Mal wieder unter den Meinen.— Aber Sie haben eine Tochter, Sie bekom⸗ men Enkel, ſagten Sie mir?— Ich lebe in Feind⸗ ſchaft mit meiner Tochter, mein Haus iſt einſam, ant⸗ wortete er ſchneidend und blickte in den Kreis der Juͤn⸗ gern umher.— Unter dieſen fuͤhlten einige ein Grau⸗ ſen, wie ſie mit ſo duͤrren Worten ſagen hoͤrten, was ſeit einiger Zeit nur zu einheimiſch in ihren Herzen ge⸗ worden war.— Junge Leute, nahm Frank nach einer Pauſe wieder das Wort, wenn meine Tochter einſt ihre Kinder um ſich verſammelt, darf ſie meinen Schatten nicht zu ſich beſchwoͤren, denn ſie muß fuͤrchten, daß er mit Vorwurf unter ihnen auftraͤte. O huͤtet Euch vor dem Moment Eures Lebens, wo der Anblick Eures Va⸗ ters— wuͤrde Sterblichen der Anblick Verklaͤrter ver⸗ goͤnnt— Euch an Schuld mahnte!— Die Gewitter⸗ 44 wolken hatten ſich tiefer geſenkt, durch die rothen Vor⸗ hangsdraperien fiel nur ſpaͤrliches Licht auf die von den Fenſtern entfernte Gruppe der erbleichenden jun⸗ gen Leute. Alles ſchwieg.„Doch hier fehlen ja außer dem Hauptmanne noch Kinder,“ fing Frank jetzt wieder an, nachdem er abermals nachſinnend mit ernſtem Auge den Kreis uͤberblickt hatte.„Mariens Kinder muͤſſen ja ſchon erwachſen ſein, und welches iſt ſie und ihr Gat⸗ te?“— Die Matrone zoͤgerte, die Kinder ſchlugen alle den Blick zur Erde.— Mariens Familie fehlt freilich unter uns, ſagte endlich bang und ſchmerzvoll die Mut⸗ ter.— Wie, heute? Bei der Ruͤckkehrfeier des Bruders? Iſt denn Kirchdorf zu weit? Iſt Marie denn krank? Verdient denn Willmer nicht unter Konrads Kindern des Bruders Ruͤckkehr zu feiern?— Der Mutter brach das Herz bei dieſer Steigerung von Bedeutung in des alten Freundes Fragen, die er bei der bangen Stille aller Gegenwaͤrtigen mit zunehmender Heftigkeit und an⸗ geſtrengter Bemuͤhung, gefaßt zu bleiben, ausſprach.— Willmer nicht werth, unter Euch zu ſein? rief ſie endlich, von ihren Gefuͤhlen begeiſtert, den aufgeſchreckten Kin⸗ dern zu. Wenn Eures Vaters milder Geiſt ſich uns ſichtbar zeigte und uns fragte: wo iſt meine Marie mit dem wuͤrdigen Gatten?— Hier ſind ſie, meine Mut⸗ ter, hier ſind wir! riefen ein paar Stimmen, und Ma⸗ rie und Willmer ſchloſſen die Mutter in ihre Arme. Die Geſchwiſter waren einen Augenblick, weil zu glei⸗ cher Zeit ein maͤchtiger Donner, von einem blendenden Blitz begleitet, herabrollte, von ſo einer maͤchtigen Em⸗ pfindung ergriffen, daß die Frauen, in den Armen ihrer 45 Maͤnner ihr Antlitz an deren Buſen verbergend, Schutz ſuchten und den Hauptmann gar nicht gewahr wurden, der, Mariens juͤngſtes Maͤdchen auf dem Arm, die bei⸗ den aͤlteſten zur Seite, nach Willmers ins Zimmer ge⸗ treten war und nun die Zeit abwartete, der Mutter Liebkoſungen zu theilen. Sie verweilte nicht, die Mutter ahnete die liebe Gegenwart der Enkel, ſie be⸗ griff des Hauptmanns Antheil an der Sache, ſie ſprach auch Frank nicht frei davon und blickte, von ihren Kindern umfangen, ſchon nach den Enkeln hin. Indeß dieſe nun an ihr hingen, ging der Hauptmann auf Frank zu, ſchuͤttelte ihm kraͤftig die Hand und ſagte humoriſtiſch oder begeiſtert: Meines Vaters Zwillingsbruder, kommen Sie hierher, helfen Sie und unſers Verklaͤrten Geiſt, der gewiß hier auf uns ſchaut, wie er mich auf dem Schlacht⸗ felde umſchwebte; helft Ihr Zwillingsbruͤder, wie Euere Sterne den irrenden Schiffer, dieſe Maͤnner auf rech⸗ ten Weg bringen. Bruͤder, Schwaͤger, rief er nun und fuͤhrte Willmer einen Schritt auf die zoͤgernd Na⸗ henden zu, ich wuͤrde ohne den herzlichſten Umgang mit dieſem meinen Waffenbruder nicht froh unter Euch leben, deshalb habe ich ihn vermocht, das Feſt meiner Ruͤck⸗ kehr mit uns zu feiern, und wahrlich, ich leſe in Euern Augen, daß es nun erſt ein Feſt fuͤr uns Alle zu ſein beginnt. Seit des Hauptmanns Ankunft hatten die Geſchwi⸗ ſter ſich das Misbehagen, das ihnen ihre Entzweiung mit Marie und ihrem Gatten erregte, nicht laͤnger ver⸗ ſchwiegen. Dieſer durch den Krieg zur Selbſtaͤndigkeit und durch die in ihm ſo mannichfach herbeigefuͤhrten An⸗ 46 ſichten des Lebens zur Klarheit gebildete junge Mann hatte bei ſeiner Ruͤckkehr ins Vaterhaus mit Unwillen den Zwieſpalt unter ſeinen Geſchwiſtern erfahren. Mit Erroͤthen nahm er wahr, daß ſeine eignen unreifen Anſichten, die er vor mehren Jahren bei ſeiner letzten Anweſenheit geaͤußert, dazu beigetragen hatten, Willmer ſeinen Geſchwiſtern in einem falſchen Geſichtspunkte zu zeigen. Die ſchoͤne Waffenthat, wodurch dieſer ſeine Umgegend vor Mishandlung des fluͤchtigen Feindes ge⸗ ſchuͤtzt, brachte ihn dieſem Schwager vorzugsweiſe naͤ⸗ her, er beſchloß ihn zu verſoͤhnen, und dem Entſchluß folgte die That. Gleich den Tag nach ſeiner Ankunft, waͤhrend Frank in die Stadt fuhr, ritt er nach Kirch⸗ dorf hinaus; die Freude war gegenſeitig, war unaus⸗ ſprechlich. Sie begeiſterte Willmer's Verſtandesanſicht, ſo⸗ daß er die Überzeugung gewann, im Bunde mit die⸗ ſem geraden, herzlichen Menſchen ſeiner Marie Geſchwi⸗ ſter zuerſt die Hand bieten zu duͤrfen und fortan alle ihre Schwaͤchen zu verzeihen. Nach einigen beſeitigten Hinderniſſen gelang es dem Hauptmann, die ganze Fa⸗ milie trotz des heranziehenden Gewitters in die Stadt zu entfuͤhren. Dort hatte ihm indeß das Mutterherz in die Hand gearbeitet. Beate hatte den Kindern waͤh⸗ rend Frank's Morgenwanderung die nie gegen ſie er⸗ waͤhnte Geſchichte von deſſen Jugend erzaͤhlt; ſie hatte mit Wehmuth von dem Jammer geſprochen, deſſen Zeu⸗ gin ſie an des alten Frank's Sterbebette geweſen war, und nicht ohne Bedeutung hatte ſie geſagt: O meine Kinder, aller Jammer der Erde iſt nichtig, gegen die Thraͤnen, die ÄAltern uͤber das Unrecht ihrer Kinder ver⸗ 47 gießen— und mit gedaͤmpfter Stimme ſetzte ſie hin⸗ zu: und kein Unrecht muß ſo nagende Reue nach ſich ziehen als das Unrecht, was Kinder an ihren Ältern thun, weil das Altersverhaͤltniß ſie ſo oft am Erſatze verhindert. Es gleicht ja faſt dem Selbſtmord, dem einzigen Verbrechen, bei dem der Menſch zum Bereuen keine Zeit hat.— Durch dieſe Erzaͤhlung vorbereitet, hatten Frank's Reden die Gemuͤther noch mehr erſchuͤttert. Wenn das Gefuͤhl einem Irrthum widerſtrebt, ſo gelingt es dem lebhaften Misfallen Anderer am leichteſten, die Ver⸗ nunft von ihm zu uͤberzeugen. Wie Frank die Frage that:„Verdient denn Willmer nicht unter Konrads Kin⸗ dern des Bruders Ruͤckkehr zu feiern?“ war mehr oder minder lebhaft in eines Jeden Herzen ein bitterer Vor⸗ wurf uͤber ihre Ungerechtigkeit laut geworden, ſodaß die Schweſtern, von Reue ergriffen, bei Mariens Er⸗ ſcheinung, in dem Augenblick, wo ihre Mutter in dem Namen ihrer Verklaͤrten fragte: wo iſt meine Marie mit dem wuͤrdigen Gatten?— das Natuͤrliche nicht mehr von der Erſcheinung zu unterſcheiden vermochten. Unter dieſen Umſtaͤnden konnte ſich der Hauptmann nicht irren, als er in der Seinigen Augen die Bereit⸗ willigkeit zu leſen glaubte, jeden Zwieſpalt in Vergeſ⸗ ſenheit zu begraben. Die Maͤnner bekannten ſich mit rechtlicher Offenherzigkeit das Beduͤrfniß ihrer Ehre und ihres Herzens: ihre Familienbande durch Einigkeit zu zu ihrem buͤrgerlichen Wohl, durch Liebe zu ihrem Le⸗ bensgluͤck zu befeſtigen; die Weiber umhalsten ſich, weinten, gelobten, waren unausſprechlich gluͤcklich 48 und fanden die Sprache zu arm fuͤr ihr Gefuͤhl. Frank, der wenig, aber kraftvoll und wirkſam mit des Haupt⸗ manns Bruͤdern und Schwaͤgern geſprochen hatte, warf ſein Auge ploͤtzlich auf die Kinder, die, aͤngſtlich, erhitzt, weinend, ohne recht zu begreifen, was alle dieſe Bewe⸗ gung veranlaßte, aus den Armen der Großmutter in die der thraͤnenreichen Tanten gezogen wurden— er ſchritt ſchnell auf ſie zu, ſammelte ſie und fuͤhrte ſie an der Hand in ein Nebengemach. Erſtaunt ſahen die Frauen ihm nach, beſonnen folgte ihnen Willmer und fragte beſorgt, was ihnen fehle.— Den Kindern fehlt nichts, ſagte der Alte, die Juͤngſte auf ſeine Knie ſetzend, die beiden Älteſten, wie ſie vor ihm ſtanden, leicht umfaſſend; den Kindern fehlt nichts, aber Ihr konntet ſie krank machen. Meine Lieben, wißt Ihr, warum Eure Mutter, Eure verehrte Großmutter, Alle ſo weinen, ſich ſo freuen?— Freuen ſie ſich wirklich? fragte der Knabe in ſehr beſtimmtem Ton.— Gewiß freuen ſie ſich, denn ſie haben liebe Kinder um ſich. Eure Oheime und Tanten hatten einen Streit gehabt, heute verſoͤhn⸗ ten ſie ſich; begreift, wie furchtbar Zwietracht unter Geſchwiſtern iſt, wenn ſo fromme, wackere Menſchen, wie Euere Verwandten, ſie ſo bitter bereuen, wenn ihre Verſoͤhnung ſie ſo unendlich entzuͤckt. Allein ihr bleibt hier, bis ſie ſich beruhigt haben. Es geziemt der Ehr⸗ erbietung, die ihr Euren Ältern ſchuldig ſeid, nicht muͤßige Zuſchauer ihrer Thraͤnen zu ſein.— Bei dieſen Wor⸗ ten ergriff er Willmer's Arm und lehnte die Thuͤr des Gemachs zu, in dem er die Kinder zuruͤckließ. Mein vaͤterlicher Freund, ſagte Willmer, indem ſie in das 49 Geſellſchaftszimmer zuruͤckgingen, wie weiſe haben Sie mich und meine Kinder belehrt!— O mein Sohn, rief Frank ſtillſtehend und ſein Auge ſchmerzvoll zum Himmel hebend, ich bin der verarmte Goldmacher. Mein Gut liegt alles in der Aſche, jetzt bin ich wohl im Stande meinem Bruder Adepten zu ſagen: das Rezept betruͤgt dich. Es war nicht ganz wie er's vermeinte. Der Frie⸗ de, die Freude, die in ſeines verklaͤrten Freundes Fa⸗ milie von da an heimiſch ward, weil keines der ver⸗ ſchieden denkenden Geſchwiſter ſeine Verſchiedenheit mehr als Trophaͤe dem andern vor Augen ſtellte, gaben dem Greis Glauben an die Moͤglichkeit, ſeine Tochter wieder⸗ finden zu koͤnnen; die Liebe war nie geſchwaͤcht gewe⸗ ſen, und ſo fuͤhrte ihn die Hoffnung nach einem Jahre wieder dem neuen Welttheile zu. Er ſtieg in Neuyork ans Land, nicht die heiße Sonne der Jahreszeit, nicht die Ermattung der langen Seereiſe hielt ihn ab, er eilte auf ſeines Schwiegerſohns Guͤter. Guter Gott, habe Dank, daß du ihm ſeine Tochter lebend finden ließeſt! daß ſeine Tochter den Vater lebend wiederſah!— Davaux, Dinas Gatte, war ein ernſter Mann, mit al⸗ len Eigenſchaften eines weiſen Herrſchers, ſichern Freun⸗ des, eines erfreulichen Geſellſchafters ausgeruͤſtet. An ſeiner Seite war Dina nicht ohne manchen Widerſtand, den Davaux nicht beachtete, nicht ohne manchen bit⸗ tern Selbſtvorwurf wegen ihres Betragens gegen ihren Vater, uͤber welche er ſie maͤnnlich troͤſtete, in die Schranken der Weiblichkeit zuruͤckgetreten; an die Stelle des Unmuths gegen ihres Gatten Oberherrſchaft war V.— 6 4 50 nach und nach Zerknirſchung gegen ihren Vater getre⸗ ten. Die Geburt ihres erſten Kindes gab ihr zuerſt ein Gleichgewicht wieder; ſie ward ſich wahrer Wuͤrde be⸗ wußt, ſie ſah in ihrem Sohn das Mittel, die Nemeſis zu entwaffnen, welche Übel aus übeln folgen zu laſ⸗ ſen bedroht. Er ſollte der beſte Sohn werden, und unvermerkt ward ihr der Vater theuer, dem ſie wollte dieſen Sohn erziehen. Wie Frank in der neu geſchaffe⸗ nen Wohnſtaͤtte fleißiger, genießender Menſchen anlangte, welche ſie, welche Davaux ihre Wohlthaͤter nannten, ſpielten zwei Kinder um ſie her, und ſie hatte das Gluͤck, ihres Vaters Dankgebet fuͤr wiedergefundenen Frieden, erſt mehrere Jahre darauf, von ſeinen ſter⸗ benden Lippen zu kuͤſſen. II. Die Geschwister. 4*⅔ An einem ſchwuͤlen Fruͤhlingstage kam ein auslaͤndi⸗ ſcher Wandersmann nach Berneck in Franken. Seine bluͤhende Jugend, ſein ſchoͤnes dunkles Auge bei einer fremdartigen, jedoch angenehmen Ausſprache, zeichnete ihn ſo ſehr aus, daß ſelbſt die Wirthin aufmerkſam ward und den jungen Fremden eigends anſah, freundlich nachfragend, ob der Frankenwein ſchmecke, und ſich erkundigte, wo⸗ her er kaͤme.—„Von Perekop; gar weit weg, am ſchwarzen Meere.“—„Das ſchwarze Meer? Das iſt wol noch hinter Amerika?“— Eine der gemeinen Wirthshausgeſtalten, ein verdorbener Schreiber oder der⸗ gleichen, lachte ſpoͤttiſch auf:„Hoho, Frau Wirthin, hinter Amerika!“—„Nein, liebe Dame,“ ſchnitt der Fremde ſeinen Spott ab,„es iſt gerade auf der andern Seite. Haͤttet ihr einen Sohn in Amerika, ſo ſehntet Ihr Euch der Abendſonne nach zu ihm, und wenn ich meines Vaters gedenke, ſchau' ich dahin, wo die Sonne aufgeht.“— Die Wirthin, die gar nicht gefuͤhlvoller als andere Wirthinnen ausſah, rief geruͤhrt:„Ach Gott, da denke ich wirklich an meinen Sohn, wenn die Son⸗ ne ſinkt, denn er iſt in Baltimore verheirathet— 54 und Euer Vater?“—„Den deckt vielleicht in Perekop das Grab.“ Bei dieſen Worten hatte er ſeine Reiſe⸗ ranzen wieder umgehangen und reichte der Wirthin zum Abſchiede ſchweigend die Hand; auch dieſe ſchwieg, Beide hatten Thraͤnen in den Augen, die ſonſt mun⸗ tere Frau ſah ihm uͤber'n Platz nach, bis er links zu dem Thore bog, das nach Schorgaſt fuͤhrt; dann ſagte ſie theilnehmend:„Er muß am Thore nach dem Wege gefragt haben, wenn er nur nicht irre geht!“ und ohne auf des alten Schreibers Witzreden zu hoͤren, ging ſie in ihre Kuͤche. Der junge Wandersmann verfehlte aber den Weg. Statt bis ans Stadtthor zu gehen, gerieth er rechts durch ein Gaͤßchen an das Ufer der Oelſenitz und ging langſam und ſinnend ihrem Bette nach. Die Sonne begann zu ſinken, ſchwarze Wolken lagerten ſich ſeitwaͤrts an das Ziel ihrer Bahn, dem ſie in einem leichten duͤnſtigen Schleier zurollte, indeß der obere Himmel noch im glaͤnzenden Blau prangte. Der Wanderer, Feodor Prosky, befand ſich am Eingange eines engen Thales, das kaum mehr Platz hatte, als das Bett der Oelſe⸗ nit einnimmt, die weiß ſchaͤumend auf ſchwarzem Schie⸗ fer dahinſchießt. Bald rechts, bald links liegen wol kleine Wieſenplaͤtzchen, die eben jetzt im farbigſten Blu⸗ menſchmucke prangten, oder das Ufer geht in einem ſanftern Abhange zu den Felſen empor; meiſtens iſt die⸗ ſes aber immer von einer oder der andern Seite ſteil und oft ſenkrecht von bemoosten Felſen gebildet und ver⸗ goͤnnt dem Fluſſe nur eben zwiſchen dem Geſtraͤuche oder den Wurzeln der alten, zum Himmel ſtrebenden Tannen ſeinen Platz zu finden. Über die hächſten Baͤume blickten Felſenzacken, und auf ihnen wurzelte Geſtraͤuch und wiegten ſich Blumen, und hinter ihnen ſtiegen neue Staͤmme in Rieſengroͤße zum Himmel auf. Kein Ton menſchlichen Treibens miſchte ſich hier in die Sprache der Natur. Bald war es der Waldſtrom allein, der, in zornigem Wirbel um die Felsſtuͤcken treibend, jeden andern Ton in ſeinem Brauſen verſchlang, bald glitt er ſo leiſe uͤber ſein ſchwarzes Bett, daß ſein kry⸗ ſtallhelles Waſſer vor dem Auge verſchwand, und nur hie und da, wo es die vom Ufer herabhaͤngenden Ro⸗ ſenzweige ſpielend fortzog, oder ſie ſich neigend uͤber ihn wiegten, verrieth leiſes Liſpeln ſein Daſein. Dann vernahm man den heitern Geſang des Rothkehlchens, das Zirpen der Grille; der Roßkaͤfer ſchnurrte mit ſchnarrendem Fluge von der Baumwurzel zum Johan⸗ niskraute, und die leichte Libelle ſchwebte im leiſe ſum⸗ menden Fluge uͤber dem Waſſer. In all dieſes Leben der Toͤne und Farben blickte oben von den Felſenzacken hie und da ein weidendes Reh, und unter dem blauen Gewoͤlk, das uͤber dem Thale ſich woͤlbte, ſchaute ein Geier oder ein Habicht auf breiten Fittigen in das ruheathmende Thal. Feodor ward bald gewahr, daß er den rechten Weg verfehlt, glaubte aber aus der Richtung des Waſſers eine richtige Folgerung zu ziehen und klimmte raſch uͤber Geſtruͤppe und Baumwurzeln, huͤpfte uͤber die Felsſtuͤcke im Waldſtrome und blickte dabei zuweilen nach Weſten in das Thal hinab, wo Gewitterwolken ſich thuͤrmten. Sein raſcher Gang kam ihnen nicht zuvor, die f Sonne umhullte ſich gaͤnzlich, die Schwuͤle lagerte ſich ins Thal, der Raubvogel ſank ſchweren Fluges in den Gipfel eines maͤchtigen Baumes, das Rothkehlchen ſchwieg, der Kaͤfer kroch ſchuͤchtern unter die Wurzeln der Haſelſtaude, und langſam ſchlich das Reh in das Dickicht zuruͤck. Feodor war noch ſchneller vorwaͤrts geeilt, aber jetzt hielt er inne und blickte umher: bei der druͤckenden Schwuͤle zitterten in einzelnem Schauder die aͤußerſten Zweige, als rieſelte er aus ihnen heraus; denn keine Luft bewegte das Laub. Der Teppich der Wieſen ward gefurcht, als ſchleife man ein luftig Ge⸗ wand uͤber die Haͤupter ſeiner Blumen hin, und ploͤt⸗ lich kam ein Sturm, beugte die maſthohen Baͤume, 1 4 heulte in rollendem Donner durch die Gipfel, gelbe Blitze zuͤngelten in die Zacken der Felſen nieder und er⸗ hellten blendend ihr gelbgruͤnes Moos. Feodor ſchmiegte ſich in eine tiefe breite Felſenritze, die ihn voͤllig ſicherte und barg. Der Regen ſtroͤmte ſo brauſend von der Steile des Berges herab, daß er den Donner uͤber⸗ ſtimmte, bis ein furchtbares Krachen ſein Ohr traf, ein zweites erſchuͤtterte das Gewoͤlbe ſeines Schlußfwinkels, und belehrte ihn, daß der Blitzſtral einen Baum ge⸗ troffen, der, vor ſeiner Hoͤhle herabfallend, vielleicht brennend, ihm den Eingang verſperren, im Rauch viel⸗ leicht ihn erſticken konnte. Der maͤchtige Baum ſchlug aber uͤber die Hoͤhle hinaus, hinaus uͤber den Fluß, wo er eine kuͤnſtliche Bruͤcke bildete, welche nun die beiden Felſenufer verband. Mit dem maͤchtigen Wort dieſes Donners hatte der Himmel ſeinen Spruch geſprochen; die Wolken entflohen, und nach wenigen Minuten ſetzte A 57 Feodor ſeinen Weg im Schimmer der koſenden Abend⸗ ſonne fort, die, den Gipfel der Berge vergoldend, troͤſtend Thiere und Gewuͤrm noch einmal aus ihren Schutzorten herbeirief. Jetzt bog die angeſchwollene Oel⸗ ſenitz um einen Felſenvorſprung; hinter ihr breitete ſich das Ufer, an dem der Wanderer hinklimmte, zu einer kleinen Wieſe aus, in deren Hintergrund hart am Berg eine Huͤtte ſtand, deren kleine Welt ſie zu bilden ſchien; denn rundum ſtarrten Felſen, und hoch ſtieg gegenuͤber das Ufer zum dichten Wald empor. Auf Gaſtrecht zaͤhlend, eilte Feodor auf dem nun ſichtbaren Pfade zu der Huͤtte, die im Abendſonnen⸗ glanze, der die kleine Bucht umfloß, wie eine Woh⸗ nung des Friedens ihn einlud. Eine Stimme toͤnte ihm entgegen und ward ihm mit jedem Schritte deut⸗ licher: von Thraͤnen unterbrochner betender Geſang. Ehrerbietig wollte er deſſen Schluß abwarten und ſetz⸗ te ſich, mitbetend, auf eine Bank unter dem offnen Fenſter. Jetzt vernahm er deutlich eine ſuͤße weibliche Stimme, die von Wehmuth gedaͤmpft, folgende Worte ſang: Was vor mir heimgegangen, Wird treulich mich empfangen— Nimm mich zu dir, mein Gott! Laß mich, der nichts geblieben, Zu Denen, die mich lieben, Nimm mich zu dir, mein Gott! Jetzt erſtarb der Geſang in Thraͤnen.„Haͤtte ich gewußt, daß es Sie ſo betruͤben wuͤrde, ſo haͤtten Sie das Lied nicht ſingen duͤrfen!“ ſagte eine gebro⸗ 3 chene Stimme, die aus einer andern Seite des Zim⸗ mers hertoͤnte, und Feodor wagte durch das niedere Fenſter zu ſehen. Auf einem armen, aber reinlichen Bette lag eine Greiſin, der freilich nichts mehr uͤbrig zu ſein ſchien als das Wiederſehen jenſeits— ſo ſchwach, ſo zum Tode muͤde ſah ſie aus. Ein, dem Anſchein nach noch junges Maͤdchen ging in einen Winkel des Stuͤbchens, wo ein paar geweihte Kerzen vor einer Schmerzensmutter waͤhrend des Gewitters ge⸗ brannt hatten. Sie loͤſchte ſie aus, trat dann an das Bett, faßte der Kranken Hand und druͤckte ſie, leiſe ſprechend, an ihre Bruſt. Jene ſprach muͤhſam, aber mit ſtarkem Ton, wie Hochbetagte zu ſprechen pflegen, fort:„Ihre Sternlein, Marie, werden noch glaͤnzen, aber mich— mich will kein Herz mehr fin⸗ den; denn das Herz meines Sohnes hat ſich ja von mir gewandt! Mich will kein Herz mehr finden, nimm mich zu Dir, mein Gott!“ Das Maͤdchen erblickte jetzt den Fremden, trat aus der Huͤtte und fragte um ſein Begehren. Sie war vielleicht einige zwanzig Jahre alt, eine edle Geſtalt, ſchoͤne, ernſte Augen, ünd von Blattern gezeichnet, ohne daß die Friſche ihrer Wangen, der Schmelz ihrer Zaͤhne davon gelitten haͤtten.„Ich hatte den falſchen Weg nach Schorgaſt eingeſchlagen,“ antwortete Feodor,„woruͤber ich gehen wollte, um noch heute Abend Dorneck zu erreichen.“—„Dazu waͤre es in jedem Falle zu ſpaͤt geweſen.“—„Aber bis Schorgaſt koͤnnen Sie mir vielleicht den Weg beſchreiben.“ —„Schorgaſt liegt noch vier Stunden von hier. Sie eoͤnnen es erſt tief in der Nacht erreichen; ſehen Sie, 59 die Sonne iſt hinter den Berg geſunken und die Dun⸗ kelheit in der engen Felsſchlucht neben der Oelſenitz ge⸗ faͤhrlich.“ Wirklich war waͤhrend des kurzen Vorgangs die Sonne hinter die Felſen getreten, das ernſte Maͤd⸗ chen ſtand ſchon im Schatten, nur noch hoch uͤber ihr gluͤhten die aͤußerſten Gipfel in ihrem ſcheidenden Lichte. „Sie haben eine kranke Mutter,“ ſagte Feodor zoͤgernd, „ſonſt wuͤrde ich auf einer Bank in Ihrer Kuͤche ſtille den Morgen erwarten. Lieber hier, als in einem Gaſthofe in Schorgaſt.“—„Die liebe Alte iſt nicht krank,“ antwortete das Maͤdchen, indem ihre Augen ſich mit Thraͤnen fuͤllten,“ ſie iſt nur alt und— ſagen Sie ihr einen guten Abend, das wird ſie erfreuen.“ Feodor trat an ihr Bett und ſagte ihr, wie ihn der Sturm in der Bergſchlucht uͤberfallen,„und Euer Kind will mir erlauben, daß ich den Morgen in Eurer Huͤtte erwarte, weil die Oelſenitz je mehr und mehr anſchwillt.“— Die Alte reichte ihm die Hand, und fragte, woher er gekommen, und fragte immer mehr, und Emma, ſo hieß die Jungfrau, welche Hausgeſchaͤf⸗ ten nachging, blieb etwa im Durchgehen ſtehen, hoͤrte zu, fragte, wenn ſie aus dem Zuſammenhange war, und ſagte, wie ſie Milch und ein Gemuͤſe zur Abend⸗ koſt auf den reinen Tannentiſch geſetzt und die kleine Lampe angezuͤndet hatte:„Feodor heißt Ihr? Da war Euer Vater doch ein Ruſſe?“— ,Fraͤulein, ich weiß nicht, woher er war; aber ein Ruſſe war er nicht; denn die Ruſſen im Buͤrgerſtande ſind unwiſſend, und Vornehme ſind nicht edel und beſcheiden wie er.“— „Und Eure Mutter?“—„Die kannte ich nicht, habe nur eine dunkle Erinnerung von ihr, und ob ſie auf Wahrheit ſich gruͤndete, habe ich meinen Vater nie fragen duͤrfen. Sein Schmerz blieb zu neu, bis er ihr nachfolgte ins Grab.“—„Ins Grab!“ ſagte die Alte, welche beſonders auf die Worte Achtung gab, die mit ihren Gedanken verwandt waren.—„Und hoffen Sie, ſo fern von Ihres Vaters Grabe Verwandte zu finden?“ fuhr Emma fort.—„Mich will kein Herz mehr finden, ich rufe Dich, mein Gott!“ ſeufzte die Alte, deren Gedaͤchtniß, von den Worten angeregt, die wiedertoͤnte, die es zuletzt beſchaͤftigt hatten. Feodor ſchwieg, ſichtlich ergriffen. Emma's Thraͤnen brachen aber aus, ſie rief leiſe:„Guter Vater im Himmel, wenn Du keinen Frieden auf Erden mehr fuͤr ſie haſt, ſo nimm ſie doch zu Dir!“ Sie weinte ſtill, indeß Feodor ſich dem Bette genaht, und nachdem er, die Lampe etwas naͤher ruͤckend, die alte Mutter betrachtet hatte, fragte er:„Fraͤulein, ſind Sie denn ganz al⸗ lein mit der Kranken?“—„Die Magd iſt in Berneck und kehrt erſt morgen zuruͤck.“— Jetzt richtete ſich die Alte auf und fragte:„Fraͤulein Emma, warum haben Sie die geweihten Kerzen wieder angezuͤndet, der Sturm iſt ja voruͤber?“—„Gute Mutter, ſagte Feodor, das iſt kein irdiſches Licht, was Du ſiehſt!“ — Sie horchte auf.„Das war Albrechts Stimme, rief ſie; o, des Lebens Sterne funkeln! Zu ihm, zu ihm!“ Dieſes rief ſie mit Siegerton, als habe neues Leben das Alter verjuͤngt, ſtreckte ihre Arme aus und ſank entſeelt auf ihr Lager. Emma kniete neben der Todten in ſtillem Gebet, 61 das Feodor ehrerbietig abwartete. Jetzt richtete ſie ſich auf, druͤckte der Siegerin die muͤden Augen zu und ſagte, indem ſie ein leichtes Tuch uͤber ihr Antlitz deckte: „Gott ſendete Sie her. Es waͤre mir doch unendlich aͤngſtlich geweſen, in dieſer Nacht ganz allein zu ſein.“ —„Die fromme Todte war nicht Ihre nahe Ver⸗ wandte?“ wagte jetzt Feodor zu fragen.—„Nein, ich bin eine Waiſe, wie Sie; moͤgen Sie nicht ſo ver⸗ laſſen ſein, wie ich!“—„Das iſt der Mann nie,“ er— wiederte Feodor;„moͤchte ich ſo gluͤcklich ſein, in dieſer Lage etwas fuͤr Sie thun zu koͤnnen!“—„Bleiben Sie bei mir, bis der Tag anbricht, damit ich nicht durch irgend einen Fremden erſchreckt werde; dann rufe ich unſere naͤchſten Nachbarn herbei und ſorge vor Allem, daß meine geliebte alte Wohlthaͤterin der Erde uͤbergeben werde, und ſobald meine kleinen Geſchaͤfte geordnet ſind, wandere ich nach der Himmelsgegend zu, woher Sie gekommen.“— Feodor rief erſtaunt:„Nach Perekop!“—„Nicht nach Perekop, aber nach Cher⸗ ſon, wo ich eine Bekannte im Kloſter der barmherzigen Schweſtern habe, und dort laſſe ich mich einkleiden.“ — Beide ſchwiegen lange, Emma, in ſtummer Be⸗ trachtung ihrer Lage, Feodor von widerſtreitenden Em⸗ pfindungen zerriſſen. Ihm war, als gebot ihm eine innere Stimme, ſich Emma zu widmen, darum erſchrak er vor dem Gedanken, daß er in dieſem Zeitpunkt jene Gegend vielleicht auf immer vrrlaſſen hatte, wo er ihr Schutz haͤtte werden koͤnnen. Sie dankte fuͤr Das, was eihr der junge Fremde mit unverkennbarer Innigkeit uͤber dieſen Gegenſtand ſagte;„aber,“ ſetzte ſie hinzu,„Gott, der Sie mir heute ſo wunderbar zu meinem Troſt her⸗ ſendete, wird mir andere Schutzengel bereiten.“— Feodor fand, daß ihm in eines andern Maͤdchens Mund dieſe Worte nicht genuͤgt haͤtten; aber von ihr thaten ſie ſeiner Eigenliebe nicht weh. Er ſchwieg, nachſinnend uͤber die Urſachen, die dieſes Geſchoͤpf in dieſe Huͤtte gebannt hatten, da ihr Anſtand und Bildung, ja auch ihre Kleidung deutlich bewies, daß ſie in guͤnſtigern Verhaͤltniſſen gelebt hatte. Emma nahm nach einer Weile von Neuem das Wort:„Allein Sie ſelbſt, wo⸗ hin geht Ihr Weg? Haben Sie Freunde, hoffen Sie Freunde in dieſem fremden Lande zu finden”“—„Wahr⸗ lich, ich hoffte Beides, als ich meine Reiſe antrat, aber mein Gemuͤth hatte keine Freudigkeit dabei. Und ſo deutlich mich die Einrichtungen, das Ausſehen Ihrer Laͤnder uͤberzeugte, daß ich aus einer Wildniß kaͤme, graute mir dennoch vor dem Gedanken, hier eine Hei⸗ math zu ſuchen. Dieſe letzte Stunde, dieſe wunderbare Fuͤgung—“ Feodor erroͤthete und ſuchte vergeblich einen ſchicklichen Ausdruck;„hier an dieſem Sterbebette,“ ſagte er endlich,„ahnete ich, meines Vaters Grab ſei nicht das einzige Fleckchen Erde, das ich ungern verlaſſen, nach dem ich ſehnend zuruͤckkehren wuͤrde.“ Er ſah dabei offen in Emma's Geſicht.—„Gut, Feodor, bei einem Sterbebette fallen kleinliche Convenienzruͤckſichten hinweg. Sie ſtanden wie ein Bruder mir bei, ich will als Ihre aͤltere Freundin mich anſehen.“— Das konnte Emmaz; denn trotz des krauſen Haars uͤber des Juͤng⸗ lings Lippe durfte ſich die dreiundzwanzigjaͤhrige Emma auf den erſten Blick fuͤr die ältere halten.—„Wohin 63 gedenken Sie, was fuͤr Freunde ſuchen Sie auf?“— „Die Familie eines Baron Heilſtein, deren Haupt ich ein Packet Schriften von meinem Vater bringen ſoll.“ —„Heilſtein? fragte Emma erſtaunt, auf Dorneck?“ —„Auf Dorneck.“—„Ihr Vater war alſo ein Deutſcher? Er kannte dieſe Familie?“—„Emma, ich weiß es nicht. Mein Schickſal iſt darum ſo wun⸗ derlich, weil ich gar nichts von mir zu ſagen weiß. Seit meinem vierten Jahre lebte ich mit meinem Vater in Perekop; anfangs hatten wir nur ein ganz kleines Feld, mein Vater baute Gartengewaͤchs, wie hier in der Ge⸗ gend gebaut wird, was dort Niemand verſtand und ihm theuer bezahlt ward, dabei ſprach er das Ruſſiſche wie ſeine Landesſprache, ich dachte nicht daran, welches ſeine Mutterſprache ſei, denn Deutſch und Franzoͤſiſch lehrte er mich erſt im ſiebenten Jahre, wie ich ſchrei⸗ ben und leſen lernte, und da nahm ich wahr, daß er kein ruſſiſches Buch beſaß, aber viele deutſche und fran⸗ zoͤſiſche, die er aber ſorgfaͤltig vor den Leuten verbarg. Nein, verbergen kann ich's eigentlich nicht nennen; er hatte nur eine Art, zu verhindern, daß Andere nicht mehr, als er wollte, von ihm erfuhren, ohne etwas zu verbergen...“—„Feodor, die lernten Sie von ihm; denn Sie erzaͤhlen auch nur, was Sie wol⸗ len. Von Ihrer Mutter.“—„O meine Schweſter,“ unterbrach ſie jetzt der Juͤngling,„haͤtte ich's gelernt, ſo uͤbte ich es nie gegen Sie. Von meiner Mutter weiß ich gar nichts, als daß ſie mir wie eine ſchoͤne trau⸗ rige Frau vorkam. Wir haben damals gegen die pol⸗ niſche Grenze zu gewohnt, mich duͤnkt auf den Landguͤ⸗ tern eines ruſſiſchen Großen,— ich erinnere mich nur, daß wir nach Landesart in Wohlſtand waren. Wie wir dort fortkamen, weiß ich nicht. Weiter erinnere ich mich, daß wir in einem Walde waren, mit zwei Ki⸗ bitken, wie wir unſere kleinen Wagen nennen. Auf der einen lag die Mutter auf Betten, die fuͤhrte der Va⸗ ter; die andere, auf der Gepaͤck war, fuͤhrte ein ruſ⸗ ſiſcher Knecht. In dieſem Walde wurde angehalten, der Mutter auf dem Mooſe ein Lager gebettet, und ich freute mich, dem Knecht Fichtenaͤpfel zum Feuer zutra⸗ gen zu duͤrfen. Da befahl der Vater Dominik, mit mir tiefer in den Wald zu gehen. Ich ſehe noch ſein todtenbleiches, ſchmerzvolles Geſicht!— ich glaubte, er zuͤrne mir, und bat ihn, mir zu verzeihen, weil ich eben mein Kleidchen an dem Feuer verſengt hatte; er hob mich empor und rief ein fremdes Wort, das ich nicht verſtand, aber nie vergaß; erſt ſpaͤter erfuhr ich, es heiße Waiſe— er rief: Waiſe! Waiſe! und hob mich, den Blick ſchrecklich zum Himmel gerichtet, empor. Dominik fuͤhrte mich abwaͤrts und betete ſei⸗ nen Roſenkranz und kreuzte ſich; ich fand aber Kaͤ⸗ fer und Blumen und dachte bald nichts Trauriges mehr, nur das Wort wiederholte ich kindiſch und riß dabei die großen blauen Glockenblumen ab, die ich noch jetzt nie ſehe, ohne an das Wort zu denken. Wie lange wir fort waren, weiß ich nicht; wie wir aber wieder⸗ kamen, lag meine Mutter todt auf dem Lager unter den Fichten, und der Vater grub ihr ein Grab. Ich habe das übrige vergeſſen, glaube aber, wir lebten eine ganze Weile in dem Walde in einer Huͤtte, nahe 65 bei einer Einſiedelei. Der Eremit gab mir trockne Fruͤchte und lehrte mich lateiniſche Gebete. Dominik ſtarb hier, und ich glaube, er ward auf demſelben Ra⸗ ſenplan, wo meine Mutter liegt, begraben. Mir duͤnkt, ich haͤtte zwei Grabhuͤgel geſehen. Dann mußten wir nach Perekop gezogen ſein. Dort hatten wir Anfangs nur einen kleinen Garten oder Feld; aber der Vater ging einmal mit mir nach Odeſſa, wo er Geld holte. Mit dieſem kauften wir mehr Land, und kauften einige Knechte, und der Ertrag einer großen Zahl Kuͤhe, wel⸗ che der Vater zu Butter oder Kaͤſe benutzte, muß ihm viel eingebracht haben. Von Zeit zu Zeit reiſte der Vater nach Odeſſa, wo er von dem Gouverneur, Gra⸗ fen von Richelieu, ſehr achtungsvoll aufgenommen ward. Er vergroͤßerte ſeine Guͤter noch mehr, legte Bier⸗ und Brantweinbrennereien an, dabei unterrichtete er mich ſehr ſorgfaͤltig, und ich habe die Fuͤhrung ſeiner Geſchaͤfte vollkommen erlernt. Ich glaube, ich bin in Perekop ſo reich, als einer Ihrer hieſigen Barone; aber ich heiße nur Feodor Prosky, und bin ein tauriſcher Bauer.“ Emma ſchien ganz in Gedanken verloren, und Feo⸗ dor war nicht beduͤrftig, ſie in ihrem Nachſinnen zu ſtoͤren. Er ſtand auf, zog leiſe die Leinwand von dem Antlitz der Todten, und ſah ſie ernſt und nachſinnend an. Nach einem langen Stillſchweigen ſchien Emma erſt wahrzunehmen, was er that, ſie rief mit einigem Schauder:„Laſſen Sie die Todte ruhen!“—„O ich ſtoͤre ſie nicht!“ antwortete Feodor ſanft, und zog die Decke wieder uͤber den Leichnam,„ich bedurfte den Anblick dieſes Bildes endlicher Ruhe. Nicht wahr, W. 5 Emma, Ihr neuer Bruder iſt ein vereinzeltes Ge⸗ ſchoͤpf?“—„Er iſt ein Mann, er iſt ein frommer Menſch, er wird ſtark werden im Kampfe gegen ſein Schickſal. Dieſes iſt ſeltſam, denn, Feodor, von den Menſchen, die Sie ſuchen, iſt wol keiner mehr am Leben.“—„Von der Familie Heilſtein?“—„Von ihr. Eine Tochter ging vor vielen, vielen Jahren zu Grunde; ſie hat wahrſcheinlich, vom Schmerz hoff⸗ nungsloſer Liebe gepeinigt, im Waſſer ihren Tod ge⸗ funden. Zwei Soͤhne ſtarben vor drei Jahren ſchnell nach einander, Beide verheirathet, aber ungluͤcklich, kin⸗ derlos, der Eine von ſeiner Gattin entehrt. Ihre Al⸗ tern ſanken einſam, kummervoll— ach, ſie ſanken troſtlos ins Grab!“ Dies hatte Emma mit ſichtbarer Gemuͤthsbewegung geſagt und die letzten Worte in Thraͤnen erſtickt.—„Sie kannten ſie, Emma? Sie liebten ſie?“—„Lieben? O haͤtten Sie Liebe brau⸗ chen koͤnnen! Sie erzogen mich; ich bin ein Fremdling, oder vielmehr ein von ſeinen Ältern verlaſſenes Kind. Aber ſehen Sie, der Tag bricht an, der kleine Hirt ruft die Heerde zuſammen. Ich muß dem naͤchſten Nachbar den Tod meiner alten Wohlthaͤterin anzeigen, damit ihre liebe Huͤlle mit Ehren begraben werde. Wol⸗ len Sie nach Dorneck, ſich bei dem fremden Erben zu melden, und ſpaͤter bei mir einkehren, dann erzaͤhle ich Ihnen von den Verſtorbenen.“—„O nicht ſo ſchnell!“ rief Feodor, und hielt ſie zuruͤck.„Waͤre dies nicht der letzte Wille meines Vaters, haͤtte er mir nicht befohlen, durch die Übergabe dieſer Papiere Licht uͤber ſeine Ver⸗ gangenheit und meinen Urſprung zu ſuchen, ich ließ ſie 67 unbenutzt; ich baͤte Sie, meine Begleitung nach Cher⸗ ſon anzunehmen, und kehrte an meines Vaters Grab⸗ huͤgel zuruͤck.“—„Nicht doch, das bleibt Ihnen ja immer. Gehen Sie jetzt nach Dorneck, geben Sie Ihr Packet durchaus nur in ſichere Haͤnde, ſonſt behalten Sie es, kehren Sie dann zu mir zuruͤck; dieſe Huͤtte iſt mein Eigenthum. Sie finden mich hier.“ Emma hatte bei dieſer Rede einen Strohhut aufgeſetzt, ſorg⸗ faͤltig Fenſter und Laͤden verſchloſſen und ſtand jetzt mit Feodor in der Hausthuͤr. Er faßte ihre Hand, ſah ſie mit thraͤnenvollem Blick an und ſagte:„Ich war bisher gefaßt, ich ging meinen Weg mit klarer Einſicht oder heiterm Gehorſam— er war ſo einfach, dieſer Weg! Jetzt iſt mir's, als ſolle er hier enden, hier in dieſer Huͤtte, hier an Ihrer Seite.“—„Feodor, das kommt daher, weil wir uns an heiliger Staͤtte fanden; weil ich wahrſcheinlich die erſte Gebildete mei⸗ nes Geſchlechts bin, mit der Sie verkehrten; weil ich Sie, als Ältere von uns Beiden, ſo offen und ſchwe⸗ ſterlich behandeln kann. Gott mit Ihnen, mein Bru⸗ der! Kehren Sie bald zuruͤck; kehren Sie unfehlbar zuruͤck! Bewahren Sie Ihre Schriften, beſchließen Sie nichts, ehe ich Ihnen von dieſen Heilſteins erzaͤhlt habe.“ — Waͤhrend des Sprechens waren ſie uͤber eine kleine Wieſe gegangen um einen Haufen hoher Tannen, und hinter ihm lag eine zweite Huͤtte, deren Bewohner ſo⸗ eben ihre Hausthuͤr oͤffneten. Emma winkte Feodor, dem Fußſteig entlang zu gehen, und trat in die Huͤtte. Feodors einfache, unerfahrne Seele war in hoͤchſter Bewegung. Er war halb Europa, von Oſten nach 5* Weſten, durchwandert, hatte ſich in einigen großen Staͤdten aufgehalten, wohin er von Handelshaͤuſern in Odeſſa, mit denen ſein Vater in Verbindung geſtanden, Empfehlungen mitgebracht, und hatte nie die geringſte Unruhe uͤber ſeine Zukunft empfunden. In Muͤnchen machte er die Bekanntſchaft von ein paar jungen ſtudi⸗ renden Norddeutſchen, die ſich anſchickten, das Fichtel⸗ gebirg zu durchſtreifen. Sie beredeten ihn, ſie zu be⸗ gleiten, und dieſe erſte Fußreiſe, in der ſorgloſen, genia⸗ liſchen Geſellſchaft der beiden Juͤnglinge, hatte ſeine Lebensanſichten bereichert, mehr als die Zirkel der Staͤdte. Als er ſich in Baireuth von ihnen trennte, war er un⸗ geduldig, in Dorneck die ihm von ſeinem Vater ver⸗ heißenen Aufſchluͤſſe uͤber ſeine Familienangelegenheiten zu erhalten, und gedachte dann, ſeine jungen Freunde in Berlin aufſuchend, ſeinen Aufenthalt in Deutſchland zu verlaͤngern. Allein ſeit er Emma geſehen hatte, waren ihm ſeine Ausſichten aͤngſtlich: er fuͤrchtete, daß ſie ihn trennen moͤchten von ihr; jener Reiſeplan war ihm gleichguͤltig, es ſchien ſein Beruf, in Emma's Naͤhe zu ſein, wenn es noͤthig ſei, in jener Huͤtte zu bleiben. Und warum? Liebe ich Emma? ſo fragte er ſich im Fortſchreiten nach Schorgaſt, wohin ihm Emma den Weg bezeichnet hatte. Seine jungen Reiſegefaͤhrten hatten von Liebſchaften geſprochen, er hatte in ſeines Vaters Buͤchern hie und da auch von Liebe geleſen; verglich er ſeine Sorge um Emma mit den Geſpraͤchen jener Juͤnglinge, ſo zuͤrnte er uͤber den Vergleich; ver⸗ glich er ſeine Theilname mit Romeo's Sehnſucht, mit Rinaldo's Taumel, ſo war ſie keine Liebe. So im 69 Streit mit ſich und mit Widerwillen gegen ſein vorha⸗ bendes Geſchaͤft, kam er vor die Thore von Schorgaſt. Waͤhrend Feodor im Gaſthofe zu Schorgaſt fruͤh— ſtuͤckte, fragte er nach dem Wege nach Dorneck, und ob der Beſitzer dort zugegen ſey. Man bejahte es und war neugierig, ob er bei ihm etwas zu ſuchen habe. „Wie es kommt,“ antwortete Feodor ſorglos.„Eigent⸗ lich lauten meine Empfehlungen an den verſtorbenen Baron.“—„Das waͤre ungefaͤhr einerlei geweſen,“ bemerkte der Wirthsſohn.„Dieſe Äpfel fallen alle nicht weit vom Stamme; der vorige war alt und hochmuͤ⸗ thig, und dieſer iſt alt, hochmuͤthig und geizig.“— „Waren denn die Soͤhne nicht beſſer?“—„Schlim⸗ mer. Die verputzten in der Reſidenz, was die Unter⸗ thanen hier mit Frohnden und Zehnt und Mahlgeld und Schildgerechtigkeit einbrachten, und je mehr ſie verthaten, je haͤrter trieb man das Geld ein. Das iſt ein ſchlimmes Geſchlecht, und was von ihm kommt, dem fehlt Gottes Segen.“—„Mit nichten,“ rief ein alter Mann, des Wirthes Vater, der am Fenſter ſich von der Sonne beſcheinen ließ;„mit nichten hat Allen aus dieſem Geſchlecht Gottes Segen gefehlt; der vorige alte Baron hatte eine Tochter, auf der lag der Se⸗ gen hundertfach; an Schoͤnheit und Guͤte ein wahres Tugendbild.“—„Nun ja, Vater,“ unterbrach ihn der Sohn,„darum haben ſie ſie ja auch todt geplagt, wie Ihr ſelbſt glaubt.“—„Wie das?“ fragte Feodor mit Theilnahme, weil er ſich eines Wortes von Emma erin⸗ nerte, das dieſer Tochter Schickſal erwaͤhnte.—„Hm! man ſollte die Todten alle ruhen laſſen,“ meinte der Alte. Der Sohn ſagte aber halb laut zu dem Gaſt: „„Sie hatte eine Liebſchaft mit ihrem Muſiklehrer, und wie das entdeckt ward, ſprang ſie in den Teich.“— „Nicht doch,“ rief der Alte aͤrgerlich, klopfte ſeine kurze Pfeife aus und ſtand auf;„nicht wie es entdeckt ward, ſondern nachdem der brave junge Herr drei Jahre lang ſie redlich geliebt und dann vier Jahre um ſie gewor⸗ ben hatte, ja, ja, ſieben Jahre waren ſie ſich treu; er war Profeſſor in Erlangen geworden, von einem Gypſersſohn, das er war; aber der Hochmuth wollte das Buͤrgerverdienſt nicht anerkennen; ſie jagten ihn ſchimpflich vom Schloß, den Mann, bei dem ihre Soͤhne ſtudirten— da verſchwand er und auch ſie. Er las immer in einem lateiniſchen Buche, wenn man ihm auf dem Felde begegnete, das und ſein kleines ſpa⸗ niſches Rohr ſah ich zuerſt auf dem Waſſer ſchwim⸗ men, ich fragte nach ihm und ſo kam's heraus. Der ſchoͤnen Fraͤulein Strohhuͤtchen, ihr Strickkoͤrbchen, ihr Halstuch trieb der See nach und nach herauf, aber die Leichname mußten in die Tiefe geſunken und dort unter dem Geſtein und den Baumwurzeln verzehrt ſein.“ Betruͤbt von dem neuangeregten Andenken, verließ der Alte, als moͤge er nichts weiter hoͤren, die Stube. Feodor, in dem dieſe Nachrichten den Widerwillen, dieſe Familie aufzuſuchen, vermehrt hatten, griff ſchwei⸗ gend nach ſeinem Reiſeranzen. Der Wirthsſohn ſagte, denſelben ihm reichend:„Der Vater kann die Geſchichte nicht vergeſſen; ſie liegt ihm ſo am Herzen, daß kein Jahr hingeht, wo er nicht den Teich beſucht, und er iſt der Erſte, einer Sage zu glauben, als wenn 71 Fraͤulein Agnes in der Zeit, wo die Waſſerlilien bluͤhen, gerade jetzt, an warmen Abenden, an dem Ufer, wo ſie hineinſprang, ſpazieren gehe— ja mit einem neu⸗ gebornen Kind auf dem Arme.“ Dieſes ſetzte er leiſe hinzu, nicht ſpottend, ſondern als wenn er ſelbſt den Spott von ſeiner Erzaͤhlung abwenden wollte. Feodor ſchritt nun raſch vorwaͤrts; da die Hitze aber groß war, verließ er nach zwei Stunden den Weg, um einen Fußpfad in dem Walde zu finden, an deſſen Saume er hinging. Hier verirrte er ſich in den vielen geraden Pfaden unter den Tannenſtaͤmmen, daß die Sonne im hoͤchſten Mittag ſtand, als er wieder auf gebahnte Wege gerieth, Ruhebaͤnke und kleine Wieſen⸗ plaͤtze mit Buſchwerk und Laubbaͤumen erblickte, und von hohen Erlen umgeben einen großen klaren Teich, der ihn ſogleich vermuthen ließ, er habe von einer dem Heerweg entlegenen Seite den Park von Dorneck betre⸗ ten, und dieſes ſei der ſchickſalsvolle Teich, das Grab des liebenden Paares. Es war ein druͤckend heißer Mai⸗ tag, nahe und fern regte ſich kein lebendes Weſen. Die Voͤgel erwarteten im dichten Schatten die Kuͤhle des Abends, die Blumen der Wieſe ſenkten regungs⸗ los das Haupt, die Fiſche ſprangen einzeln aus dem Waſſer auf, das in der ſenkrecht ſtralenden Sonne wie ein ſchwarzer Abgrund anzuſehen war, und erſchreck⸗ ten den einſamen Wanderer, deſſen Ohr in dieſer ban⸗ gen gluͤhenden Stille von keinem andern Ton getrof⸗ fen ward. Feodor nahm einen vorſpringenden Theil des entgegengeſetzten Ufers wahr, mit einem dichten Erlen⸗ gebuͤſch beſchattet; die ganze Waſſermaſſe ſchien dahin zu druͤcken, und er erkannte große Kreiſe in der ſtillen Flut, wie ſie um die Erdzunge herumtrieb. Dort mußte der kleine See ſehr tief ſein, und dort war es ſicherlich, wo er die Leichen der beiden Liebenden dem Blicke kaltherziger Verwandten entzog. Mit einer Weh⸗ muth, die ihn ſelbſt befremdete, umſchritt Feodor den Teich, trat nahe an das Ufer und blickte in den Ab⸗ grund. Das Waſſer war kryſtallhell und ließ in ſchwindelnder Tiefe farbiges Moos und Waſſerpflanzen ſehen, zwiſchen denen man durch einzelne ffnungen in einen bodenloſen dunkeln Raum hinabblickte. Lange Halme wurden von einer leiſen Stroͤmung langſam am Boden gewiegt, und kleine Fiſche ſchluͤpften pfeilſchnell durch den aͤngſtlich⸗trugvollen Raum. Feodor war zu wenig an muͤßiges Traͤumen gewoͤhnt, um hier lange zu weilen, und waͤhrend er ſich ſeinem Gefuͤhle uͤber⸗ laſſen, hatte ſich in ſeinem Kopf die Anſicht gebildet, wie und mit welcher Faſſung er ſich den Baronen von Heilſtein darzuſtellen habe.— Feodor wanderte nun zu dem Gaſthofe des Dorfes Dorneck, wo er ſeinen ruſſiſchen Bedienten mit ſeiner Chaiſe, die er von Anſpach auf dem geraden Wege da⸗ hin geſchickt hatte, ſchon ſeit dem vorigen Abend auf ihn wartend fand, kleidete ſich um und ließ ſich nach dem Mittagstiſch bei dem Gutsherrn melden. Iwan blieb lange aus, und machte bei ſeiner Ruͤckkehr die widrigſte Schilderung von dem dort gefundenen Em⸗ pfang. Ein paar verdrießliche Bedienten trugen ſoeben ein paar kleine, rein abgeleerte Schuͤſſeln die Treppe herab; in der Kuͤche ſtand eine ſchmuzige Koͤchin an 73 dem herabgebrannten Herdfeuer, und hier ließen ihn die Schloßherren fragen, ob der Herr, welcher ſie zu beſuchen verlange, ein adeliger, und was ſein Anſu⸗ chen ſei. Iwan, der von ſeinem Herrn eine ſtattliche Vorſtellung hatte, die bisher auf ſeiner Reiſe mehr erhoͤht als vermindert worden war, lachte dem ver⸗ drießlichen Kauz ins Geſicht und ſagte: darum habe er ſich nie bekuͤmmert, ob ſein Herr ein Baron ſei; und was er hier wolle, begreife er ſelbſt nicht—„aber gewiß Euch nichts bringen, ſonſt waͤre er ein Narr, ſo weit deshalb hergereiſt zu ſein; und etwas zu holen gibt's in dieſem Hauſe wol ſchwerlich!“ ſetzte er ſpot⸗ tend hinzu, indem er in der ziemlich leeren Kuͤche um⸗ herſah. Der Bediente kehrte zu ſeiner Herrſchaft zu⸗ ruͤck, welche Iwan von der Kuͤche aus zanken hoͤrte; ob wegen ſeiner Vorlautigkeit, ob wegen des Beſuchs, wußte er nicht. Das endliche Reſultat war aber: daß man ſeines Herrn Beſuch anzunehmen geruhte. Feodor fand die beiden Erben, die Gemahlin des Ei⸗ nen und drei garſtige, verbluͤhte Fraͤulein Toͤchter, alle mager wie der Mangel und gelb wie der Neid, die beiden Herren in verſchabten Hofuniformen, die ſie hier auf dem Lande vollends abtrugen, die Damen in dun⸗ kelfarbigen Zeuchen, die ſich ohne irgend eine Spur weißer Zierde an die langen Haͤlſe ſchloſſen. Der un⸗ gebildete Taurier haͤtte bei dem Anblick dieſer Gruppe, trotz dem, daß er ſich in einigen großen Staͤdten ſehr zu ſeinem Vortheil in der guten Geſellſchaft gezeigt, bei⸗ nahe die Oberhand behalten. Er blieb einige Sekunden mitten im Saale ſtehen und beſah ſich das Tableau . mit ziemlich muthwilligem Blick.„In welchem dieſer „Herren habe ich den Hausherrn zu begruͤßen?“ fragte er dann ziemlich ſtolz. Der Laͤngſte, Hagerſte und Gelbſte trat naͤher und fragte, was er zu beſtellen habe. Sein Ton war ſo wenig verbindlich, daß er Feodors Selbſtgefuͤhl aufregte.„Zu beſtellen habe ich nichts; denn ich komme in meinen eignen Geſchaͤften. Mein Vater, der vorigen Herbſt in Taurien ſtarb, befahl mir, ein Packet Schriften an Baron Hans Chri⸗ ſtoph von Heilſtein, oder ſeinen Soͤhnen Hans Erich und Hans Otto zu uͤberbringen. Ich hoͤre, daß dieſe Herren alle zu ihren Vaͤtern verſammelt ſind, halte es aber fuͤr meine Schuldigkeit, meiner Inſtruction gemaͤß, bei Ihnen, mein Herr Baron, anzufragen, ob Ihre verewigten Vettern Ihnen irgend etwas hinterlaſſen haben, wodurch ihnen Albrecht Muͤller bekannt geworden? Mein Auftrag geht dahin, den Brief oder das Paͤckchen nur in die Haͤnde der genannten drei Perſonen zu geben, oder desjenigen Ihrer Erben, der mit dem Mann, der dieſen Namen trug, genau bekannt iſt. Wenn Ihnen daher von den Verſtorbenen kein Auftrag gelaſſen iſt uͤber Albrecht Muͤller, ſo nehme ich dieſes Packet wie⸗ der mit mir.“— Der andere Baron war auch heran⸗ gekommen, hatte zugehoͤrt, und Beide ſahen ſich nun ſehr zweifelhaft an. Die alte Dame wiederholte den Namen:„Albrecht Muͤller? Albrecht Muͤller? Das iſt vielleicht ein Domeſtike geweſen?“ bemerkte ſie in widrig⸗ nachlaͤſſigem Tone.—„Vielleicht,“ nahm Feodor das Wort und verbeugte ſich laͤchelnd,„iſt ihm der Herr Vetter die Gage ſchuldig geblieben, welche dieſe Schrif⸗ 7⁵ ten einfodern.“ Die Damen wurden alle drei hochroth; die beiden Barone ſpannen an des kecken Fremden Ant⸗ wort eine Idee aus, welche ihrer Neugier, den Inhalt des Packets zu wiſſen, ſehr im Wege ſtand. Sie ſuch⸗ ten ſich durch mehre zudringliche Fragen von Feodor's Lage zu unterrichten; dieſer ſagte aber bald ſehr be⸗ ſtimmt:„Meine Herren, hier“— indem er ein mit Siegeln verſehenes Papier aus der Schreibtafel nahm —„hier iſt meine Inſtruction, wie ſie mir, von dem Gouverneur von Perekop unterſchrieben, mein Vater gab: Du bringſt das Dir ſoeben eingehaͤndigte verſiegelte Packet nach Dorneck, einem Schloß der adeligen Fa⸗ milie Heilſtein in Franken. Da es zwanzig Jahre ſind, daß ich nichts von ihr hoͤrte, ſo koͤnnte der Be⸗ ſitzer dieſe Herrſchaft verlaſſen haben; damit das Dir anvertraute Packet in die rechten Haͤnde komme, frage den jetzigen Beſitzer, wer er auch ſei, den Du in Dor⸗ neck findeſt, ob er Albrecht Muͤller kenne. Weiß er Dir von ihm auf die erſte Frage nichts zu ſagen, ſo iſt das Packet Dein Eigenthum, aber fruͤher nicht. Sehen Sie, Herr Baron, meine Beglaubigung in dieſem Wap⸗ pen und der Unterſchrift des Gouverneurs. Ich erlaube mir noch einmal die Frage: Hat Ihnen Ihr verewig⸗ ter Vetter den Namen Albrecht Muͤller genannt?“—— „Hm,“ ſtotterte der Erbherr endlich,„dieſe Art einer Nachfrage iſt ſo wenig in der Form, in der man ſich an uns zu wenden hat“—„Verzeihen Sie, Herr Baron, wenn dieſe Form einem General Seiner ruſ⸗ ſiſch⸗kaiſerlichen Majeſtaͤt unbekannt iſt; Sie ſehen, daß ich unter ſeiner Autoritaͤt handle.“—„Wenn 76 wir nur den alten Joſeph nicht fortgeſchickt haͤtten,“ be⸗ merkte der juͤngere Baron, ein ganz vertrockneter Sech⸗ ziger, mit einem Johanniterkreuz;„der kannte die ganze Familie ſeit vierzig Jahren.“—„Erlauben Sie, das wuͤrde Sie nicht weiter fuͤhren, denn die Inſtruction lautet auf eine unmittelbare Antwort des Gefragten, auf kein Erkundigungseinziehen.“— Die alte Dame rief mit beißender Stimme:„Sie werden doch nicht verlan⸗ gen, daß der Herr Baron ſein Gedaͤchtniß mit gemei⸗ nen Namen chargiren ſoll?“—„Gar nicht, meine Gaaͤdige, ich wollte es ja gegentheils davon dechargiren, indem er ſagen ſollte, was er von dieſem Unbekannten wiſſe; da er dieſes aber nicht kann, nehme ich mein Packet wieder mit mir und bitte nur noch um die Guͤte, mich in einem zweiten Geſchaͤft, das Sie als Gutsherr angeht, zu expediren. Ich ſoll fuͤr eine Soͤld⸗ nerswitwe, Albertine Muͤller, dieſen Wechſel von 8000 Gulden, auf Frege in Leipzig zahlbar, gegen gericht⸗ lichguͤltigen Empfangſchein, in Ihre Haͤnde niederlegen; ſollte aber dieſe Witwe, eine Unterthanin Ihrer Herr⸗ ſchaft, ohne Erben geſtorben ſein, ſo ſollen die Zinſen des Kapitals auf ewige Zeiten den beiden beduͤrftigſten Witwen der Gemeinde Dorneck von den Gemeindevor⸗ ſtehern ausgezahlt werden.“—„Dieſes Geſchenk kommt von Ihrem Papa?“ fragte beſtuͤrzt die Baronin und wiſchte die Brille ab, um den überbringer deſſelben klarer zu ſehen.—„Ich glaube, das iſt dem Empfaͤn⸗ ger gleichguͤltig, gnaͤdige Frau! Ich erſuche Sie, Herr Baron, dieſes Geſchaͤft durch Berufung der noͤthigen Gerichtsperſonen zu beenden, da ich meine Reiſe fort⸗ 77 zuſetzen in Eile bin.“— Die alten Herren hatten in⸗ deß leiſe einige Worte gewechſelt und der juͤngere begann, zu Feodor gewendet:„Dieſe Albertine Muͤller ſcheint mit jenem Albrecht Muͤller doch wol in einigem Zu⸗ ſammenhange zu ſtehen.“—„Herr Baron, das ziemt mir nicht zu unterſuchen; ich handle nach der Inſtruction meines Vaters, die mein Gouvernement gerichtlich beglaubigt hat. Die beiden Auftraͤge wegen Albrecht Muͤller und Albertine Muͤller ſtehen in gar keiner Verbindung.“ Die beiden Herren ſtanden verle⸗ gen, Feodor ſah ſie fragend an; wie es eine Weile gedauert, begann er von Neuem:„Halten wichtige Geſchaͤfte Sie ab, Herr Baron, ſo will ich mich zu Ihrem Gerichtshalter begeben und die Sache, bis auf Ihre Unterſchrift, ausfertigen laſſen.“—„Nein, nein; ich werde meinen Leuten ſogleich meine Be⸗ fehle zukommen laſſen. Belieben Sie indeß nieder⸗ zuſitzen.“—„Ich danke; ich zieh' es vor, in Ihrem Garten zu ſpazieren; in einer halben Stunde werde ich nachfragen„ob Ihre Leute beiſammen ſind.“ Damit verneigte er ſich gegen den verlegenen Bauernfuͤrſten, nicht ohne ein bischen Spott, gegen die Damen aber wie ein Mann, der gute Geſellſchaft gewohnt iſt, und verließ das Zimmer. 4 Es iſt ziemlich gleichguͤltig, was dieſe Familie un⸗ tereinander vermuthete, verdaͤchtigte, verurtheilte. Sie kannte die letzten Beſitzer von Dorneck gar nicht; einem andern Zweig der Heilſteins angehoͤrend, hatte ſie der ſchnell aufeinanderfolgende Tod der letzten Beſitzer von Dorneck ganz unverhofft zu Erben dieſer Guͤter gemacht; 78 da aber die Verſtorbenen Schulden auf dieſelben gehaͤuft hatten, wurden ſie durch dieſes Erbtheil aus hungrigen Hofleuten hungrige Landjunker, gewannen aber die, ih⸗ nen unſchaͤtzbare Herrlichkeit, jetzt Amtleute, Pfarrer und Bauern vor ſich kriechen zu ſehen, wie ſie vor ihrem Fuͤrſten gekrochen hatten. Feodor ſuchte den Garten auf, der zwiſchen dem ehemaligen Park und dem Schloß lag. Die Blumenbeete waren mit Unkraut, Kohl und Lattich bepflanzt, die Lauben verwildert; hie und da ſtreckte ein Mercur von mit Hl uͤbermaltem Sand⸗ ſtein ſein befluͤgeltes Bein, oder ein Dianenkopf ſeine Mondshoͤrner aus Brombeerbuͤſchen heraus; in dem bemoosten Becken eines ehemaligen Springbrunnens lag die ſehr kenntliche Kehrſeite einer Venus Anadyomene im Schlamm, und auf ihrem noch auf dem Poſta⸗ ment ruhenden Delphin hatte man einige grobe Waͤ⸗ ſche zum Ablaufen gehaͤngt. Unter dem Wuſt von Un⸗ kraut und Kuͤchengewaͤchs hatte ſich keine Blume erhal⸗ ten, als mager aufgeſchoſſene Buͤſche von Ritterſporn, ſtinkender Hochmuth(calendula, in Norddeutſchland hie und da Todtenblume genannt) und Feuerlilien. Feo⸗ dor mußte uͤber dieſe allegoriſche Veroͤdung in tiefe Be⸗ trachtungen verſunken ſein, denn er hatte die halbe Stunde verſaͤumt, und einer der verdrießlichen Bedien⸗ ten, in einer zu Grund gebuͤrſteten Livree, die einſt, wie ihre Weite zeigte, ein beſſer genaͤhrter Leib getra⸗ gen, rief ihn ins Schloß ab. Er fand die noͤthigen Perſonen in einem leeren Saale um einen großen Tiſch verſammelt, und der Baron befahl dem Amtmann, ei⸗ nem alten Mann mit einem widrig⸗ demuͤthigen und 79 doch auch lauernden Weſen, dem fremden Herrn die, den ihm bekannten Albrecht Muͤller angehenden Um⸗ ſtaͤnde zu erzaͤhlen. Feodor's Geſicht druͤckte Zorn und Verachtung aus, indem er den Mann, der ſich zum Reden anſchickte, am Sprechen verhinderte.„Albrecht Muͤller iſt gar nicht die Veranlaſſung dieſer Verſammlung. Kann mir der Herr von dieſem, mir ganz unbekann⸗ ten Mann Nachricht geben, ſo bitte ich ihn, heute Abend zu mir in den Gaſthof zu kommen, um ſie mir dort mitzutheilen. Unſer Geſchaͤft geht einer Soͤldners⸗ witwe, Albertine Muͤller, aus Dorneck, an;“ und nun verlas er ſeine, dem Baron ſchon mitgetheilte Inſtruction. Der Amtmann warf ſeitwaͤrts verlegene Blicke auf den Baron; dieſer ſaß in einem alten Arm⸗ ſeſſel geradauf, die Beine im rechten Winkel geſtellt, die Haͤnde auf beiden Seitenlehnen. Der Amtmann raͤusperte ſich endlich und ließ ſich vernehmen:„Beſagte Albertine Muͤller, Soͤldnerin in Dorneck, hat vor meh⸗ ren Jahren dieſen Herrſchaftsort verlaſſen, um ein klei⸗ nes Wieſengut an der Slſenitz, zwiſchen Berneck und Amſtein i man weiß nicht, durch welche Mittel— zu kaufen; es wird daher nothwendig ſein, ſich voͤrder⸗ ſamſt nach dem Leben und Sterben beſagter Soͤldnerin zu erkundigen, bevor gerichtlich beſtimmt werden kann, wem das hochanſehnliche Legat, von welchem gegenwaͤr⸗ tiger Herr der Überbringer iſt, angehoͤren ſoll.“ Feo⸗ dor war bei dieſen Worten ſehr beſtuͤrzt geworden. Den Umſtaͤnden nach konnte er faſt nicht zweifeln, daß die Greiſin, an deren Sterbebette er vorigen Abend geſtan⸗ den, und die Unbekannte, welcher ſein Vater ein ſo anſehnliches Geſchenk beſtimmt hatte, eine und dieſelbe Perſon ſei. Das Raͤthſelhafte dieſes Zuſammentref⸗ fens beſchaͤftigte ihn ſehr; allein die Leute, unter de⸗ nen er ſich befand, hatten ihm ſo viel Mistrauen ein⸗ gefloͤßt, daß er ſich jede Frage verſagte, die Geldanwei⸗ ſung mit aller noͤthigen Vorſicht deponirte und am dritten Tage, waͤhrend welcher Zeit der heilſtein'ſche Beamte ſeine Nachfrage wegen des Lebens und Ster⸗ bens der Albertine Muͤller zu machen Zeit habe, wie⸗ der nach Dorneck zu kommen verſprach. Er brannte vor Ungeduld, in die kleine Huͤtte an der lſenitz zu⸗ ruͤckzukehren; dort hoffte er von Emma Aufſchluͤſſe uͤber ihre verblichene Freundin zu erhalten; ja, er war ſo ſicher, von ihr allein, bei ihr allein, Aufſchluͤſſe uͤber ſeine ſonderbare Sendung an die Heilſteins zu er⸗ halten, daß er ſich ſelbſt mit Strenge an die Vernunft zuruͤckwies, die hier auch nicht die geringſte Wahrſchein⸗ lichkeit eines Zuſammenhangs zwiſchen Perekop und Dorneck, zwiſchen ihm, des laͤngſt Ausgewanderten Sohn, und einer fraͤnkiſchen Waiſe finden konnte. Es koſtete ihm große Selbſtuͤberwindung, nicht ſchon an bemſelben Abend ſeine Ruͤckreiſe anzutreten; allein er fuͤrchtete, Emma laͤſtig zu ſein, ſo lange die traurige Pflicht, fuͤr ihrer Freundin Begraͤbniß zu ſorgen, ſie mit Frem⸗ den in Verkehr erhielt. Er beſchloß daher, dieſe Nacht in Dorneck zu verweilen, dann den folgenden Tag in einem weiten Halbkreis die Gegend gegen Oſten zu durchſtreifen und den Abend in Emmas Huͤtte einzu⸗ treffen. Eine innere Unruhe trieb ihn dann zu dem Amtmann, um die ihm verſprochenen Nachrichten von 81 Albrecht Muͤller einzuſammeln. Der ſchlaue Geſell glaubte ſeines Herrn Auftrag, den Inhalt des Schrift⸗ paͤckchens zu erfahren, durch Anreizung von Feodors Neugierde erfuͤllen zu koͤnnen; ſtatt ihm ſeine Frage nach jenem Manne einfach zu beantworten, ſuchte er ihn durch ein langes Geſchwaͤtz uͤber die Zweifelhaftig⸗ keit ſeiner Anſpruͤche an die erwaͤhnten Schriften zu be⸗ unruhigen; allein Feodor ſagte ſehr beſtimmt:„Lieber Herr, ſollte man mir die geringſte Ungelegenheit ma⸗ chen, ſo wende ich mich an den ruſſiſchen Geſandten in Muͤnchen, der meine Angelegenheit kennt; Ihre Mittheilung kann ich entbehren, da die in meinen Haͤn⸗ den befindlichen Schriften, wenn jener Muͤller mich etwas angeht, mir ohne Zweifel jede Aufklaͤrung geben werden; was ich von Ihnen begehre, iſt eine Befriedi⸗ gung meiner Neugierde und verdient meinen Dank, den ich nicht verſaͤumen werde.“— Der Beamte wit⸗ terte etwas von Rubeln, Zobeln oder Fuchspelzen, und entdeckte endlich ſeinem kecken Gaſte ſehr geheimnißvoll: dieſer Albrecht ſei ohne Zweifel jener Albertine Muͤller Sohn. Ein geiſtlicher Herr, ſein Oheim, in Bam⸗ berg, habe den armen Soͤldnersſohn erzogen, ſtudiren laſſen, und dann als Hofmeiſter der jungen Barone nach Dorneck gebracht. Geſcheit waͤre der junge Menſch geweſen, und ein guter Muſikus, und ſeine Mutter eine ſehr anſtaͤndige, wenngleich ſehr arme Frau. Ihr Mann ſei daher gezogen als Zimmermaler, habe bei den umlie⸗ genden Herrſchaften viel Arbeit gehabt, ſei aber fruͤh geſtor⸗ ben und, als katholiſch, von den freiherrlichen Unterthanen nie gern geſehen worden. Der Sohn nun habe die Frech⸗ V. 6 heit gehabt, ſich in die einzige Tochter des Herrn Baron zu verlieben, weshalb er einen ſchimpflichen Abſchied er⸗ halten, nach einigen Jahren aber, wie er es bis zum Pro⸗ feſſor der Rechte mit Hofrathstitel in Wuͤrzburg gebracht, ſei er unverſchaͤmterweiſe mit einem Heirathsantrage auf das Schloß zuruͤckgekehrt, die gnaͤdigſte Herrſchaft habe ihn mit gebuͤhrendem Hohne abgewieſen, er aber habe mit Lie⸗ beszauber und Satanskuͤnſten, wie die Katholiken ſie von ihren Moͤnchen erkauften, das Fraͤulein dergeſtalt verblen⸗ det, daß ſie endlich— Gott allein wiſſe warum?— ihren Tod in dem Erlenſee geſucht. Um der freiherrlichen Ehre willen habe man dieſe Sache zu vertuſchen geſucht, und nun ſei ſie laͤngſt vergeſſen. Die Mutter des Selbſtmoͤrders habe aber keinen Frieden mehr in Dorneck gefunden, ſondern habe ſich, wie er ſchon im Gericht ausgeſagt, ins Slſenitzthal zuruͤckgezogen, wo ſie wie eine Buͤßende, welches ihr wohl zugeſtanden, gelebt.— Feodor hatte mit muͤhſam verhehltem Unwillen zugehoͤrt. Er fand ein ſo ro⸗ hes Urtheil uͤber ein Paar rettungslos Ungluͤckliche in dieſer Erzaͤhlung, daß ihm die Gewißheit, daß ſie vereint untergin⸗ gen, zur milden Beruhigung diente. Fluͤchtig dankte er dem Erzaͤhler, legte einige Thaler als Sporteln auf den Tiſch und eilte in den Park, wo er, die Schriften zu unterſuchen, die Abendſtunde zu benutzen gedachte— denn nachdem er alle Obliegenheit ruͤckſichtlich ihrer erfuͤllt hatte, hielt er ſich hinlaͤnglich berechtigt, ihren Inhalt zu erforſchen. Nicht ohne eine feierliche Empfindung brach Feodor das Siegel. Auf den in der groͤßten Einfachheit und zweckmaͤßiger Thaͤtigkeit, zwiſchen Landarbeit und Han⸗ 83 delsgeſchaͤfen erzogenen Juͤngling hatten die dunkeln Verhaͤltniſſe, in die er ſich verſetzt ſah, die Ahnungen, welche ſie in ihm erregten, der Gegenſatz von freiwil⸗ ligem Tode der Liebenden, deren Schatten ihn an die⸗ ſer Staͤtte vielleicht umſchwebten, und das Bild eines verkruͤppelten, veraͤchtlichen Lebens, welches er in der Familie des Schloßherrn erblickt hatte, ſo maͤchtig ge⸗ wirkt, daß er ſich, dieſen Brief in der Hand, vorkam, als ſtehe er am Scheidewege—— des Lebens? des Gluͤcks?— er wußte es nicht!— aber ihm war's, als wuͤrde fortan Alles anders ſeinz und doch war ihm jede Zukunft undenkbar. Nur Emmas Bild ſtand klar und troͤſtend vor ihm, und ihm beduͤnkte, ſie wuͤrde dieſe geſtaltloſe Zukunft beſtimmen. Jetzt war der Umſchlag geloͤſt, und er erkannte ſei⸗ nes Vaters Hand. Ehrerbietig hielt er die Blaͤtter, ohne zu leſen, und pruͤfte noch ein Mal, ob er ihr Ge⸗ heimniß— denn ein ſolches enthielten ſie— zu durch⸗ dringen befugt ſei? Da hoͤrte er reges Leben auf der bisher ſo ſtillen Flut und erblickte ein paar Schwaͤne, die aus der bezeichneten Bucht herausruderten; ihre Fluͤ⸗ gel waren von einer Kette der goldgelben Fruͤhlingsblu⸗ men umſchlungen, ſie muͤhten ſich, die leichten Feſſeln zu zerreißen, es gelang ihnen, die Blumenkette ſank in die Flut, und die Schwaͤne, ſich in die Luft erhebend, ſchwebten uͤber die Erlengipfel der andern Seite der= Halbinſel zu, indeß ein paar bluͤhende Kinder aus dem Gebuͤſch traten und mit heiterm Gelaͤchter ihren, ſchalk⸗ haft den ſchoͤnen Schwaͤnen umgeſchlungenen, Kranz von den Wellen getragen ſahen. . 6* Fuͤr Feodor hatte der Teich in dieſem Augenblicke „alle Todesahnung verloren, und mit ihr wich auch die ihm ungewohnte Unſicherheit aus ſeinem Gemuͤthe. Er entfaltete das Schreiben und las: „Einer von den vier Menſchen, denen ich zunaͤchſt, denen ich vielleicht allein Unrecht abbitten, aber auch Verſoͤhnung anbieten kann, wird doch noch leben, wenn mein Sohn und Eurer Agnes Sohn dieſes Blatt Euch uͤberbringt; und hat die Zeit auf ihn gewirkt wie auf mich, ſo wird er darum gluͤcklicher ſein, meine Bitte zu gewaͤhren, meine Verzeihung zu erhalten.— In mir hat die Zeit meine Bitterkeit vertilgt und mein Un⸗ recht mir klar gemacht— Ihr aber hattet mich in ei⸗ ne Lage verſetzt, wo ich ohne dieſe, meine Kraft auf⸗ rechthaltende Bitterkeit nicht vermocht haͤtte, das Leben zu ertragen. „Den Ihr mit Agnes in der Untiefe Eures Tei⸗ ches begraben waͤhntet, lebt, und die Ihr— haͤtte ich ſie nicht gerettet— durch herzloſen Hochmuth in die Fluten getrieben haͤttet, ſtarb... huͤlflos und elend, denn ihr Engelherz war der Bitterkeit, die mich ſtaͤhlte,“nicht faͤ⸗ hig. Meine gute Mutter ſah mit Entzuͤcken die Bil⸗ dung, welche mein Oheim mir gegeben, mich zu einem Poſten faͤhig machen, der ihr einer der erhabenſten ſchien — denn dieſe fromme Seele glaubte, der Eure Kinder er⸗ zoͤge, muͤſſe auch geehrt ſein von Euch. Gott iſt mein Zeuge, daß Das, was ich fuͤr Eure Soͤhne that, mir Eure Achtung verdient haͤtte, allein Ihr hattet ſie in Suͤnden ge⸗ boren und in Suͤnden erzogen, ſo blieb meine Muͤhe um ſie ohne Segen. Unter welchem Sterne Agnes geboren war, 85 um Euch ſo wenig zu gleichen, weiß ich nicht! Haͤtte ein goͤttlicher Funken in Euerm Buſen geglimmt, ſo haͤtte ſie ihn aufs Neue mit dem Hauche ihrer Liebe belebt. Aber alles Leben war ausgebrannt in Euch durch Hochmuth und Selbſtſucht, und ſo ward der Engel Euch zum Fluch— denn athmet nicht auf und glaubt nicht, Ihr ſeid verſoͤhnt, weil die Nachricht, daß ich lebe, daß Agnes erſt mehre Jahre nach ihrem Verſchwinden unter Euch geſtorben iſt— glaubt nicht, daß dieſe Nachricht die Schuld ihres Todes, meines Ungluͤcks, von Euch nimmtv; hoͤrt an, wie ſchrecklich der Engel gelitten, und dankt Gott, der Euch erlaubt, ihrem Sohne, den ich Euch ſende, die Liebe zu ſchenken, die Reue zu bezeigen, die allein Euch vor Gott reinigen kann. „Zwanzig Jahre ſind verfloſſen, ich habe mich tau⸗ ſend und aber tauſend Mal bitter getadelt um den ſcho⸗ nungsloſen Eigennutz, der Agnes verdarb. Ach, meine Leidenſchaft ſah ihn damals fuͤr Liebe an, fuͤr Natur⸗ recht! O daß dieſe kuͤnſtlichen Verhaͤltniſſe Eurer Welt, welche die Vernunft, die Religion verwirft, die Natur nicht anerkennt— daß ſie jede übertretung raͤchen, wie die Geſetze der Natur! „Die Geſchichte unſerer Liebe haben ſchon andere edle Herzen erlebt, ſchon erhabene Geiſter beſungen. Im Bewußtſein einer Wuͤrde wie Abaͤlard, lebte ich in Euerm Hauſe, wie Abaͤlard liebte ich, wie Abaͤlard er⸗ lag ich der menſchlichen Schwaͤche. Es war der Tau⸗ mel eines Augenblicks, den Agnes Unſchuld, den meine kloͤſterliche Unerfahrenheit herbeizog, kein unreiner Ge⸗ danke befleckte uns.— Mein geiſtlicher Oheim ward mein Vertrauter, der Himmel wollte Agnes damals vor Eurer Wuth ſchuͤtzen, er ließ unſere Maßregeln alle gluͤken; das Kind meiner Agnes ward nach Bamberg gebracht, keine Ahnung unſerer Schuld iſt jemals in Euch aufgeſtiegen. Edelmuͤthig ſtand mein Oheim mir bei, meine Laufbahn als Rechtsgelehrter zu beſchleuni⸗ gen. Ich verließ Euer Haus, ich arbeitete redlich, ich ſtrebte unermuͤdet; ein Werk, das ich damals ſchrieb, verſchaffte mir ein Zutrauen in der Gelehrtenwelt, das meine Jahre, das meine Verdienſte uͤberſtieg.— Ich er⸗ hielt eine Profeſſur, ich that, was ich in jedem andern Falle verachtet und verlacht haͤtte: ich kaufte mir einen Titel, und nun glaubte ich, der Adelſtolz wuͤrde der Vaterliebe, dem Menſchenrechte, dem Ehrgefuͤhle weichen; ich kam zu Euch nach Dorneck und bat um Eurer Agnes Hand. „öSedenkt Ihr noch des Tages, wie ich kniend vor Euch lag, Euer Herz zu erweichen, weil Vaterliebe, Ehre, Menſchlichkeit nichts uͤber Euch vermocht hatten? Wie Agnes ohnmaͤchtig auf dem Sopha lehnte, von der Er⸗ niedrigung ihres Geliebten zernichtet? Gedenkt Ihr, wie ich rief: Nun, ſo wißt, ſie iſt ſchon mein Weib, ſie iſt ſchon Mutter meines Kindes!— und Hans Erich— o noch nach zwanzig Jahren brauſt mein Blut in toben⸗ den Wellen bei der Erinnerung!— wie der Knabe, den ich verſucht hatte, ſeine eigene Menſchenwuͤrde zu er⸗ kennen, mich mit ſeiner Gerte— und ich ihn nieder⸗ warf und aus dem Schloß ſprang, um Euch nicht zu erwuͤrgen, und Ihr, alter Vater, Ihr, die Hunde im Hofe mir nachhetztet——. „Ich verbarg mich im Grabgewoͤlbe der Kirche. 87 Nachts umlauſchte ich Euer Haus; ich ſah Licht in Agnes Zimmer; mit Lebensgefahr erkletterte ich die Hoͤhe, ſtieg durch das offene Fenſter ihres Vorſaals und trat zu der Verzweifelten ein. Liebe, Verzweiflung und Rache beherrſchten dieſe Stunde. Anfangs fuͤllten ra⸗ ſende, verbrecheriſche Plane mein entzuͤndetes Gehirn. Euer ganzes Geſchlecht wollt' ich vertilgen, auf den rau⸗ chenden Truͤmmern Eures Schloſſes Agnes fuͤr mein Weib erklaͤren und mit ihr vereint ſterben. Der milde Engel wußte meine Wuth zu beſchwoͤren. Wie ich ihr darthat, daß der von Knabenhaͤnden mit Ruthenſtreichen Mishandelte, mit Hunden Gehetzte nicht laͤnger in die⸗ ſem Welttheile leben koͤnnte, war ſie es, die den Ge⸗ danken der Flucht in mir anregte, die ſich erbot, mit mir in einen entfernten Welttheil zu ziehen. Nicht in dieſer erſten Nacht ward der Plan verabredet; aber er kam zu Stande. Die Umſtaͤnde beguͤnſtigten ihn. Ihr Armſeligen wurdet beſorgt um Euer Wohlbehagen, wie Ihr nach und nach bedachtet, daß Ihr einen fuͤrſtlichen Diener mishandelt hattet, Ihr verlort noch mehr den Muth, da von Wuͤrzburg aus angeſehene Maͤnner nach mir fragten, auch in Eurer Haͤrte gegen Agnes ließet Ihr nach und dranget wegen des Geheimniſſes ihrer ungluͤcklichen Mutterſchaft nicht weiter in ſie. Anderer⸗ ſeits war mein guter Oheim in den Tagen meiner un⸗ ſeligen Reiſe nach Dorneck geſtorben, wodurch ich ein Capital in die Haͤnde erhielt, das unſerer Flucht zu Huͤlfe kam— dieſer Tod erſparte mir auch die abſcheu⸗ liche Schuld, meine alte Mutter ohne Unterſtuͤtzung zu laſſen.— Gott! Gott! Ihr Unmenſchen, Ihr triebt mich von Der, der mein Fleiß ſeit Jahren muͤheloſe Tage verſchaffte, ihr ein ſorgenloſes Alter bereitet hatte. — Ein kleines Einkommen, das mein Oheim ihr ließ, er⸗ ſetzte ihr des Sohnes Unterſtuͤtzung, aber des Sohnes vermeinter Selbſtmord brach ihr ohne Zweifel das Herz. „Das ſchrecklichſte Opfer, was die Nothwendigkeit heiſchte, war das Zuruͤcklaſſen unſeres Kindes. Dies mit uns zu nehmen, war unmoͤglich, denn um uns eine ruhige Zukunft zu bilden, mußte unſere Spur in dieſem Lande vertilgt werden, und wie waͤre das moͤg⸗ lich geweſen, haͤtte ein Kind uns begleitet? Ich that alles Moͤgliche, um unſerer Emma Schickſal zu ſichern. Fuͤr drei Jahre hinterlegte ich ihr Koſtgeld, ich machte ihre Pflegemutter, eine gutmuͤthige Frau, aufmerkſam auf einige ſchwarze Flecken, die ſie in Form eines Dreiecks unter der linken Bruſt hatte, und einer Narbe am linken Oberarme, von einer tiefen Schnittwunde, welche ein Meſſer, das von einem Schranke herabfiel, ihr im zweiten Lebensjahre gelaſſen hatte. Moͤge Euch der Tod, moͤge Euch das Erwachen nach dem Tode nicht ſolche Qualen bereiten, wie ich litt, als ich mein Kind verließ, wie Agnes erlitt, da ſie erfuhr, daß ſie ihr Kind zuruͤcklaſſen muͤſſe. Ich legte ihr den heilig⸗ ſten Eid ab, daß ich Mittel finden wuͤrde, Emma noch vor dem Ablaufe der drei Jahre uns nachfolgen zu laſſen. Wehe Dem, der auf heimlichen Pfaden geht, denn er hat das boͤſe Gewiſſen und die Furcht und die Muthloſigkeit mit dem Laſterhaften gemein, wenn auch fremde Ungerechtigkeit ihn forttreibt und Tugend ſein Zweck iſt! —— 89 „Mein ehrloſer Zuſtand legte mir die Nothwendigkeit auf, mich vor aller Menſchen Augen zu verbergen; deßhalb ſah mich Niemand, als die wenigen Menſchen, deren ich bedurfte, mein kleines Capital in Wechſel zu verwandeln; mein Bewußtſein, durch Schande den buͤr⸗ gerlichen Tod erlitten zu haben, brachte mich darauf, un⸗ ſere Flucht durch den Verdacht des Selbſtmordes von Ag⸗ nes und mir zu decken. Ihr wißt, ob es mir gelang.— Der Anblick des Teiches war Euch ſeitdem ein Schre— cken, in dem Saͤuſeln ſeiner Erlen hoͤrtet Ihr unſer Todesgeſtoͤhn. Wir aber erreichten Deutſchlands Grenze und die von Polen, und langten auf den Landguͤtern eines Polen an, mit dem ich ſtudirt, den ich mir durch Aufopferungen der innigſten Freundſchaft verbunden hatte, und deſſen guter Aufnahme ich ſicher war. Euch verfolgte das Geſpenſt der vermeinten Selbſtmoͤrder, mich verfolgte das Ungeheuer: Schande.— Schande! muthberaubendes, entnervendes Bewußtſein der Enteh⸗ rung. Und von des Entehrten Athem erkrankt, was ihm naht. Auch Agnes erkrankte— zwar loderte noch einmal die Glut der Lebensfreude fuͤr uns auf, als ſie mir— die nun durch prieſterlichen Segen mein Weib war— den Sohn gebar, der, indem Ihr dieſes leſet, ſeinen reinen Blick auf Euch Suͤndern wird ruhen laſ⸗ ſen. Er weiß nicht, was Ihr an mir ſuͤndigtet, und ſo lange Ihr lebt, ſoll er's nicht erfahren. Ihr koͤnnt ihn fuͤr Euern Enkel, Euern Neffen erkennen und ihm ſagen, daß Ihr ſeinem Vater, ſeiner Mutter verzeiht; wenn mein Geiſt Euch umſchwebt, will ich nicht dazwiſchenrufen: Ihr luͤgt!— Laßt meinen edeln Feodor Verwandte finden, denn es iſt ſchrecklich, ganz freundlos zu ſein!— „Der Freund empfing uns, wie ich gehofft hatte. Seine Guͤter foderten eine Aufſicht, ich ward ihm ſo nuͤtzlich, daß ich, ohne mein Capital anzugreifen, mit Ehren den Unterhalt in ſeinem Hauſe abzuverdienen im Stande war. Das dritte Jahr unſerer Verbannung begann. Agnes Sehnſucht nach ihrer Emma nahm bis zur Troſtloſigkeit zu, die Pflege, die ſie ihrem Sohne gab, belehrte ſie, was ihre Tochter entbehrt hatte. Ein Entſchluß ward gefaßt: ich reiſte nach Schleſien, wo ich nie die fernſten Verhaͤltniſſe gehabt hatte, und ſandte von da einen treuen Diener nach Bam⸗ berg, mit der noͤthigen Vollmacht, Emma aus den Haͤnden ihrer Pflegemutter zu empfangen. Die un⸗ truͤglichen Zeichen der drei Flecken, der Narbe wur⸗ den ihm anvertraut. Der Bote eilte nach Bamberg und brachte mir Emmas Todtenſchein zuruͤck.— Sagt, wandelt unſers Engels holdſelige Geſtalt nicht neben den bleichen Geſpenſtern in naſſen, ſchlammgetraͤnkten Gewaͤndern, die Euern Teich umkreiſen? Ihs habt ſie getoͤdtet, indem Ihr die Mutter zu der unnatuͤrli⸗ chen That zwangt, ihr Kind zu verlaſſen. O des Schrecklichen, daß die Übertretungen willkuͤrlicher Sa⸗ tzungen geſtraft werden, wie der Frevel gegen die Natur!— „Ich brachte meinem Weibe das Todeszeugniß ihres Kindes, und ihr Schmerz war ſo herzzerreißend, daß ich lange nicht wahrnahm, daß er nicht allein an ihr nagte. Ich hatte auf ihn gerechnet, allein zugleich auf 91 den Troſt meiner Liebe. Sie wies meinen Troſt zu⸗ ruͤck, ihr Schmerz war ihr lieber als meine Liebe, lie⸗ ber als ihres Knaben freudige Kindheit— ſie ſtieß ihn mit finſterm Entſetzen zuruͤck, lieber als ihr Leben, das ſie, alle Huͤlfe verſchmaͤhend, dahinſchwinden ſah. Sie verweigerte meine Bitten, die einfachen Heilmittel, wel⸗ che unſere abgeſchiedene Lage anbot, zu gebrauchen. Eure Unbarmherzigkeit hatte mein Selbſtgefuͤhl zerſtoͤrt, ich mußte Agnes Veraͤnderung dem Erloͤſchen ihrer Liebe zurechnen und geſtand mit Verzweiflung im Herzen mir ein: das edle Weib koͤnne keinem Entehrten treu bleiben. „Ich war im Herbſte zuruͤckgekehrt; ein finſterer, grambedruͤckter Winter folgte ihm, ich ſah, weil ich ihr Übel erkannt hatte, dem Erloͤſchen von Agnes Leben mit dem erwachenden Fruͤhlinge entgegen. Mit ſeinen er⸗ ſten warmen Luͤften ſchien meines armen Weibes ſtil⸗ les Hinſterben in ſtachelnde Unruhe uͤberzugehen. Sie eilte mit matten Schritten von dem Zimmer in den Laubgang, von da auf die Wieſe, dann zuruͤck in das Haus; ſie trat in mein Zimmer, ſtand matt an die Thuͤr gelehnt und ſah mich mit ſchmerzlicher Zaͤrtlich⸗ keit an, und wenn ich ihr meine Arme entgegenſtreckte, floh ſie wankend den Gang hinab und begann ihre Wanderung von Neuem. In dieſen Tagen erhielt ich einen Boten von dem Manne, in deſſen Hauſe ich Gaſtfreundſchaft gefunden, fuͤr den ich redlich gearbei⸗ tet, dem ich mich mit meinem Liebſten ohne Ruͤckhalt anvertraut hatte. Er brachte zwei Drittel des Jahres in der Hauptſtadt oder im Auslande zu, nur einen kleinen Theil des Jahres auf dieſen Guͤtern. Mit Be⸗ fremden erſah ich aus ſeinem Schreiben, daß er dieſes Jahr ſchon in wenigen Tagen einzutreffen gedachte. Mehr als dieſe Nachricht befremdete mich ein herriſcher Ton in ſeinem Briefe, der mir mein Verhaͤltniß zu ihm unertraͤglich machen mußte, und deshalb koſtete es mir große Selbſtherrſchaft, meiner Agnes die Nachricht ſeiner Ankunft ohne Bitterkeit zu geben.— Agnes hoͤrte ſie kaum, ſo ſchlug ſie die Haͤnde verzweiflungsvoll zuſam⸗ men, richtete ihren Blick mit dem Ausdrucke der huͤlf⸗ loſeſten Angſt zum Himmel und rief:„O Vater, Va⸗ ter, ſo habe ich vergebens gefleht!“— und ehe ich zu ihr eilen konnte, dieſe ſtarr aufgehobenen Haͤnde zu faſ⸗ ſen, hatten ſie Convulſionen ergriffen. Um Mitternacht kam ſie wieder zu ſich; ihre Schwaͤche taͤuſchte ſie mit der Hoffnung, der erflehte Tod ſei ihr nahe, ſie zu befreien. Sie glaubte, nun mir nichts mehr verhehlen zu duͤrfen, und entdeckte mir, daß der Mann, der uns an ſei⸗ nem Herde aufgenommen, bei dem wir des heiligen Gaſt⸗ rechts genoſſen, der mein ganzes unuͤberſehbares Ungluͤck kannte, ſie waͤhrend meiner Abweſenheit mit einer unſinni⸗ gen Leidenſchaft verfolgt, und wie ſie ihn mit Ernſt und Hoheit zuruͤckgewieſen, hatte er, weil er ihr, als dem Wei⸗ be eines Entehrten, keine Schonung ſchuldig zu ſein glaub⸗ te, einen Augenblick abgewartet, wo ſie einſam, von Huͤlfe entfernt war, und mishandelte ſie. Verzweiflung warf ſie aufs Krankenbett, der Schaͤndliche floh vor dem Anblick ihres nahenden Todes und aus Furcht vor meiner Rache. Sie ſtarb damals nicht, aber ihr Herz war gebrochen, und ſie hoffte eine baldige Befreiung. Die Nachricht von Emmas Tode war eine Wohlthat fuͤr ſie; zum Schmerz uͤber ihres Kindes Verluſt berechtigt, hoffte ſie ſchnell die wenigen Tage ihres vergifteten Lebens zu durchweinen, und ehe ihr Verderber in unſern Wohnſitz zuruͤckkehrte, ſeinem Wiederſehen entzogen zu ſein. In ihrer letzten Stunde, die ſie jetzt eingetreten glaubte, wollte ſie mir die Urſache ihres Todes entdecken und mich bitten, mit unſerm Sohne den maͤchtigen, ſchaͤnd⸗ lichen Verraͤther zu fliehen.— Seht hier, ihr ſtolzen Thoren! Euer Kind wie eine Dirne mishandelt, weil die innigſte Liebe ſie in meine Arme geleitet, und ihre Schmach war Eure Schuld— aber nicht nur ihre Schmach, auch ihr Tod laſtet auf Euch! „Agnes Todesſchwaͤche zaͤhmte in mir den Rache⸗ durſt des beleidigten Gatten. Noch in dieſer Nacht ward unſere Flucht beſchloſſen. Ich hatte ſeit meiner Ruͤckkehr den Plan gemacht, in der Naͤhe unſeres jetzi⸗ gen Wohnortes ein Eigenthum von der Krone zu kau⸗ fen, und deshalb mein ganzes kleines, in den letzten drei Jahren durch Sparſamkeit vermehrtes Capital in Wechſeln und baarem Gelde in Haͤnden. Ich kuͤndigte meinen Untergebenen meine Abreiſe an, berichtigte meine Rechnungen, die ich an den Gutsbeſitzer einſiegelte, mit ein Paar Zeilen, die ihm in dieſer Welt Furcht vor meiner Rache, im Tode Schrecken vor dem Gerichte zu Gefaͤhrten geben mußten, und dann zogen wir, un⸗ ſere nothwendigſten Habſeligkeiten mitnehmend, mit un⸗ ſerm nur Freude athmenden, keinen Gram ahnenden Feodor und einem treuen Koſaken dem Dnieper zu. Ich hatte bei den Geſchaͤften der Guͤterverwaltung Han⸗ delshaͤuſer in Taurien und die Gewerbsart jener Gegend „kennen gelernt und wollte mich dort anbauen. Seit Agnes mir das ſchreckliche Geſtaͤndniß gemacht, war ſie erleichtert; ſie hatte ihren Vertrauten ihren Freund, ihre Stuͤtze, ihren Verpfleger wiedergefunden, ſie genoß, wie ſie ſagte, das ungetruͤbte Gluͤck, an meinem Herzen zu ſterben. Ich ſchmeichelte mir thoͤrichterweiſe, ihre neugeſchenkte Ruhe ſei Vorbote der Geneſung. Langſam zog ich mit meiner kleinen Karavane, zur Seite der gewoͤhnlichen Militairſtraße, durch Waͤlder und uͤber Weiden dem Bug entlang; aber bald waren Annes letzte Kraͤfte verzehrt — AÄltern, Euer Kind ſtarb im Dickicht eines Waldes der Tatarei, auf einem Bette trockenen Mooſes, das meine Hand ihr bereitete, ihr letzter Hauch ſegnete lie⸗ bend den Mann, auf den Ihr Eure Hunde gehetzt, und meine Haͤnde gruben ihr Grab!— „Ich ſtand und ſchnitzte ein Kreuz, um ihren Grab⸗ huͤgel zu bezeichnen, meine Thraͤnen waren laͤngſt ver⸗ ſiegt, ich fuͤrchtete mich aber vor der Naͤhe ihres Gei— ſtes, um zu laͤſtern, ich gedachte ihres Sohnes, der Haͤnde voll Blumen auf ihren Huͤgel ſtreute, um nicht ihr zu folgen. Da trat ein alter Waldbruder zu mir. Er hatte noch tiefer im Gehoͤlze ſeine Klauſe. Er ſah meine Arbeit, hoͤrte meine Erzaͤhlung und bot mir an, ihr Grab durch den Segen der Kirche zu weihen. Heiliger, heiliger Gott! der du erhabene Ahnungen deinem beſchraͤnkten Geſchoͤpfe ſchenkteſt, wo das furcht⸗ bar Wirkliche ihn erdruͤckt!— Der Mann war von den Menſchen mishandelt worden wie ich; Muthes be⸗ raubt war er in die Waͤlder geflohen, entſchloſſen, in 95 feindſeliger Abſonderung Keinem unſeres Geſchlechtes mehr zu begegnen; die rohen Nomaden hatten ihn den⸗ noch entdeckt, hatten ihn fuͤr einen Gottesmann gehal⸗ ten und verehrt, und er vermochte nicht, ſie zuruͤckzu⸗ ſtoßen aus ihrem Vertrauen. Der Umgang mit der Natur hatte ihn beruhigt, er hatte beten gelernt, wohl⸗ thun gelernt und verzeihen. Und ich verzeihe auch Euch, er hat es mich gelehrt. Ich wollte bei ihm bleiben und meinen Sohn zum Leben eines Tataren erziehenz der Eremit verwies mir den thoͤrichten Plan. Er zeigte mir, wie die Umſtaͤnde ihm Mittel gegeben, in der Kutte wohlthaͤtige Wirkſamkeit zu uͤben, und wie kein anderes Mittel dazu in ſeinem Bereich ſei; wie ich aber etwas Beſſeres thun koͤnnte, als der Ta⸗ taren Kuͤhe und Pferde unter dem Vorwande von Zau⸗ berformeln zu heilen, den Gebrauch ihrer Wolle zu ver⸗ beſſern, ihre Kinder beten zu lehren; belehrte mich, daß Feodor etwas Beſſeres werden koͤnnte als ein Sklave des Czaren. Langſam ermuthigte ſich mein Herz. Der Herbſt ruͤckte heran, Feodor kam froſterſtarrt von ſeinen Spielen im Walde zuruͤck, und in der kleinen Siedelei rief er in den laͤngeren Abenden ungeduldig nach Raum und Licht. Ich machte mich nach Perekop auf den Weg. Des Waldbruders Vergangenheit iſt mir dunkel geblieben, er mußte einſt gekannt, er mußte geſchaͤtzt geweſen ſein; er war, ſeiner Ausſprache nach, ein Fran⸗ zoſe. Von ihm erhielt ich ein Schreiben an den Gou⸗ verneur von Taurien, den edeldenkenden Richelieu, welcher mich in meinem Unternehmen, einige Meilen ruͤckwaͤrts von der Feſtung einen Meierhof anzulegen, unterſtuͤtzte. 96 Fleiß und Sparſamkeit haben mich zum wohlhabenden Manne gemacht, ernſter Wille, Thaͤtigkeit und Gebet haben mich Agnes Schickſal, meine Schuld, Eure Grau⸗ ſamkeit in ſtets milder und milderem Lichte betrachten gelehrt— und Gottes Segen hat uͤber meinem Feodor gewaltet, daß er ein kraͤftiger, reiner Menſch ward. Aber die Kraft meines Lebens iſt ſeit jenem Tage, je⸗ nem Tage, den Ihr kennt, gebrochen; mein Auge ſchaute ſeitdem nie mehr trotzig in eines Mannes Geſicht; ich bedurfte es, unter einem Volke zu leben, das, zwiſchen Barbarei und Geſetzlichkeit ſchwankend, den Verluſt der Ehre noch nicht genugſam kennt. Mit keinem Euro⸗ paͤer habe ich mehr genaue Verhaͤltniſſe gehabt, kein Gefuͤhl von Vertrauen, von Freundſchaft habe ich ge⸗ naͤhrt— als ſei mein Herz von Stein, ging ich dem Grabe zu, denn ſelbſt meinen Sohn hielt ich mir fern durch das Geheimnißvolle, das mich umhuͤllte. Je mehr ich mich dem Grabe naͤherte, je ruͤſtiger Feodor im Leben fortſchritt, je lebhafter erwachte in mir der Wunſch, ihn mit ſeiner Mutter, ſeinen Verwandten zu verſoͤhnen. Ihr hattet Standesvorzuͤge und waret arm, er iſt, nach Euern Begriffen, reich, hat aber nur den Rang ſeines Vaters; will er in ſeiner Mutter Vater⸗ lande bleiben, ſo unterſtuͤtzt ihn mit Dem, was Ihr habt, er ſoll Euch helfen mit Dem, was er beſitzt, und die Üüberzeugung, daß Ihr damals keine Moͤrder waret, und die Freude, aus Euerm kraͤnkelnden, duͤrren Stamme ein ſo kraftvoll prangendes Reis emporwachſen zu ſehen, wie meinen Sohn, verſuͤße Euer Leben. „Fuͤr meine Mutter, fuͤr meine arme, verlaſſene 97 Mutter hat Feodor, ohne es zu wiſſen, einen beſonde⸗ ren Auftrag. Sie ſang in ihren truͤben Stunden ein ſchmerzvolles Lied, aus dem ſie, im Andenken an alle ihre fruͤh verſtorbenen Lieben, die Worke wiederholte: Die einſt mir Liebe gaben, hab' ich ſchon laͤngſt begra⸗ ben! Ich machte ihr Vorwuͤrfe, daß ſie alſo ſang, da ich ihr geblieben ſei, und ließ ſie dann mich als Selbſt⸗ moͤrder beweinen!— Dieſe Erinnerung draͤngt Thraͤ⸗ nen in mein lang, lang vertrocknetes Auge, und mit dieſen Thraͤnen will ich enden— ſie waſchen den letz⸗ ten Erdengroll hinweg, und jenſeits biete ich und Agnes, Agnes!— mit mir, Euch verſoͤhnt die Hand.“ Feodor nahm nicht wahr, daß die Sonne geſunken war und daß die Stralen des Vollmondes die Blaͤtter in ſeiner Hand beleuchteten. Er hatte Licht und Dun⸗ kelheit bei den Thraͤnen, die ſeine Augen fuͤllten, bei dem ungeſtuͤmen Schlage ſeines Herzens nicht unter⸗ ſchieden. Bei dem Namen Emma, den ſeiner ungluͤck⸗ lichen Mutter erſtes Kind gefuͤhrt, war er aufgeſprungen, hatte ſeine Papiere zuſammengerafft, wollte nun fort zu der Emma im Slſenitz⸗Thale, zu der Emma am Sterbebette der Greiſin, ſie mußte ſeine Schweſter ſein; aber dann ſchaͤmte er ſich ſeiner Eile, gebot ſich weiter zu leſen— und Emma's Todtenſchein zerſtoͤrte ſeine Hoffnung. Von dem Schmerze, der keinen Troſt kennt, dem Schmerze, die verborgenen, verkannten Leiden ge⸗ liebter Verſtorbenen kennen zu lernen, niedergeworfen — er kennt keinen Troſt, weil wir ſie zu troͤſten ver⸗ ſaͤumt haben— ging er ſpaͤt in der Nacht nach Hauſe und erwartete ungeduldig den naͤchſten Abend, wo er V. 7 98 die andere Emma aufſuchen und mit ihr ſeine Mutter beweinen koͤnnte. Oft unterbrach aber eine immer kla⸗ rer werdende Empfindung den Sturm ſeines Innern: Dank zu Gott, daß die Menſchen, die ſeinen Vater ſo unbarmherzig behandelten, die ſeine Mutter ins Elend trieben, alle das Grab deckte. Er ſchauderte vor dem Gedanken, ſie lebend haben antreffen zu koͤnnen, und brannte vor Begierde, Gruͤnde dieſes dunkeln Grau⸗ ens von Emma zu erfahren. Mit dem erſten Morgen⸗ ſtral verließ er Dorneck; er ſchweifte durch die Vorder⸗ huͤgel des Fichtelgebirges, ohne den Zauber der Land⸗ ſchaft, die Erhabenheit des fernen Gebirgszuges, die freudige Thaͤtigkeit des mit der Heumad beſchaͤftigten Landmanns zu empfinden. Er hatte Haſt, den Abend zu erreichen; das war Alles, denn ſelbſt ſeine Gedan⸗ ken wies er von ſich, als wolle er erſt in Emma's Gegenwart ſeine ganze Seele ihnen hingeben. Endlich ſank die Sonne, und, ſeinem Verſprechen gemaͤß, ſtand er mit ihren letzten Stralen wieder vor der Huͤtte am ufer der Ölſenitz. Die Huͤttenthuͤre war verſchloſſen, ja die Laͤden waren zu. Ein Schauder durchzuckte ihn bei dem Gedanken, Emma nicht mehr zu finden. Er klopfte heftig, ihre Stimme rief, und ſie oͤffnete die Thuͤre. Unfaͤhig zu ſprechen, faßte er heftig ihre Hand, und erſt auf ihre aͤngſtliche Frage rief er mit beklommener Stimme:„Ich dachte, Sie waͤren verſchwun⸗ den. Emma, das haͤtte ich nicht zu ertragen gewußt!“ —„Das ſoll der Menſch nicht ſagen, lieber Feodor, nicht der Mann. Sie haͤtten's ertragen, aber ich haͤtte es nie gethan. Ein nichtsbedeutendes altes Lied⸗ 99 chen ſagt einmal: Deux victimes infortunées se doi- vent des tendres secours. Halb und halb koͤnnen wir das auf uns anwenden.“ Waͤhrend dieſer Worte hatte ſie ihren Gaſt in ein hinteres Zimmerchen gefuͤhrt, das, am Felſen angelehnt, kein Licht hatte, als was eine Lampe ihm gab. Sie hatte hier, wie es die um⸗ herliegenden Kleider und Waͤſche bewieſen, die Habſelig⸗ keiten der verſtorbenen Greiſin geordnet, wieß jetzt Feo⸗ dor einen Schemel an und fuhr, ſelbſt auf eine alte Truhe ſich niederlaſſend, zu ſprechen fort:„Sagen Sie, mein Bruder, was iſt das fuͤr eine Geſchichte, die ein Amtsbote von Dorneck mir vor einer Stunde erzaͤhlte, ein Fremder habe fuͤr meine verſtorbene Wohlthaͤterin eine ungeheuere Menge Geld aus der Tuͤrkei gebracht?“ —„Ihre Wohlthaͤterin? Hieß ſie Albertine Muͤller?“ fragte der Juͤngling, athemlos vor Erwartung.—„So hieß ſie. Iſt denn von der Sage—“— Aber Feo⸗ dor unterbrach ſie mit einem lebhaften Ausruf, indem er ſeine Haͤnde ausſtreckte nach der Seite, wo er durch die offene Thuͤre das leere Lager der Verklaͤrten erblickte: „Alſo war es dein Sterbebett, an dem ich ſtand? Alte, gute Mutter, du haſt deinen Enkel erkannt, du ſtarbſt im Gefuͤhle ſeiner Naͤhe! Vater, Vater, ich that mehr, als du hoffteſt, ich brachte ihr nicht allein dein armes Geld, ich verſuͤßte ihr auch den Tod!“— „Feodor, was iſt Ihnen? Was haben Sie erfahren?“ fragte Emma erſchrocken, ſeine Haͤnde ergreifend und ihn von der Thuͤre abziehend; allein es bedurfte einer Weile, ehe er Faſſung gewonnen und in dem vordern Stuͤbchen, bei geoͤffneten Laͤden, durch welche man jetzt h 100 den hellſtralenden Mond uͤber die Felſen wandeln ſah, neben der wohlgenaͤhrten Lampe ſeiner ſanften, ermah⸗ nenden Freundin ſeinen Empfang im Schloſſe erzaͤhlen konnte und dann den Aufſatz ſeines Vaters ihr vorzu⸗ leſen begann. Emma hoͤrte Anfangs mit mehr Sorge um Feodor, als Theilnahme an dem Gehoͤrten zu; denn ſie fuͤhlte, wie furchtbar eines Sohnes Herz bei ei⸗ nem ſolchen Zeugniſſe des Irrthumes, des Ungluͤckes ſeiner äältern leiden muͤſſe; als Feodors Vater aber Bamberg als den Ort nannte, wo er Annes heimlich geborenes Toͤchterchen verborgen hatte, wie er es Emma nannte, ward ſie betroffen, ſie hoͤrte geſpannter und immer ge⸗ ſpannter zu, bis ſie bei der Beſchreibung der Merkmale, welche Albert zur Wiedererkennung ſeiner armen kleinen Verlaſſenen angibt, uͤberwaͤltigt ausrief:„Feodor, mein Bruder!“ und ihre Hand, die der Juͤngling voll Ent⸗ zuͤcken und Erſtaunen gefaßt hatte, gewaltſam hinweg⸗ riß und, ihren Ärmel aufſtreifend, ihm die Narbe zeigte und hinzufuͤgte:„Und die im Dreieck ſtehenden Flecken hat Deine Großmutter oft bemerkt und in ih⸗ rem frommen Sinne oft geſagt: Das iſt ein heiliges Zeichen, das Bild des dreieinigen Gottes uͤber dem Herzen!“—. Es war ein ſchoͤner Auftritt in dieſer kleinen Huͤtte, der nur Engel zu Zeugen hatte, denn von ihren Bruͤ⸗ dern, den Menſchen, waren die beiden Einſamen ver⸗ laſſen, wie dieſe Geſchwiſter ſich erkannten, wie ſie ih⸗ rer Altern Ungluͤck beweinten und dann ſich aufs Neue einander ans Herz ſchloſſen und ſich bewieſen, wie ſie beim erſten Anblicke ſich erkannt und, wie die ewige 101 Wahrheit, ſich die überzeugung wiederholten: daß nun nichts mehr ſie trennen ſollte, daß ſie, Eins fuͤr das Andere lebend, Niemandes mehr beduͤrften. Es dauerte lange, ehe die Neuheit ihrer Lage, der Schmerz und die Freude, mit der ihr entdecktes Geheim⸗ niß ihre Seelen fuͤllte, ſich ſo gemaͤßigt hatten, um Emma zu einer zuſammenhaͤngenden Erzaͤhlung ihres kleinen Schickſales kommen zu laſſen. Ach, es war das truͤbe Schickſal eines freudeloſen Jugendlebens geweſen! Die Buͤrgerswitwe, welche Albrecht Muͤller zur Pfle⸗ gerin ſeines Kindes erwaͤhlt hatte, war eine wackere, gewiſſenhafte Frau. Albrecht hatte als Schuͤler bei ihr gewohnt, und ſie war nicht nur eine ſorgfaͤltige Pfle⸗ gerin, ſondern wachte auch uͤber der Koſtgaͤnger ſittli⸗ ches Verhalten, mahnte ſie und machte ihre Feiertags⸗ freuden zum Lohne ihres Fleißes. Albrecht war vor Allen ihr Liebling geweſen, weil er vor Allen der Flei⸗ ßigſte, Geſchickteſte war. Wie er ihr, nach mehrjaͤhri⸗ ger Trennung Emma brachte, traute ſie deshalb auch ſeiner ihr uͤber deren Geburt gemachten Erzaͤhlung ſo feſt, daß ſie ihn nie in Verdacht der Vaterſchaft hatte: ſie er⸗ zog das aͤlternloſe Kind mit redlicher Vorſorge, aber dieſe Frau war alt geworden, ihre Koſtanſtalt hatte ſie aufge⸗ geben, Kinder und Enkel hatte ſie nicht, und ſo war Em⸗ ma's Jugend einſam und einfoͤrmig. Sie hatte aber eine Freundin, eine Geſpielin, die in ewig wechſelnder Ge⸗ ſtalt ihr alles Andere erſetzte— die ſtets erneuende Na⸗ tur; der ſie bei dem Gartenbau ihrer Pflegemutter in der reichen Gegend des ſchoͤnen Bambergs in aller Fuͤlle genoß. Dieſe gab ihr Kinderfreuden und Jugendmuth, trotz dem Ernſte der Pflegemutter, der Dunkelheit ihres kleinen Stuͤbchens, der Grauſigkeit der Legenden, die ſie ihr vorleſen, der Langweiligkeit der Roſenkraͤnze, die ſie beten mußte. Emma erinnerte ſich des Tags, wo ihr Vater ſie zum letzten Male beſucht hatte. Ein ſchoͤner trauriger Mann, war er bei ihrer Pflegemutter geweſen, er hatte ihr Papiere gegeben und Geld und hatte mit ihr lange im Nebenzimmer geſprochenz dann hatte ſie ihr Kittelchen und Mieder ablegen ſollen, aber es ver⸗ weigert, erſt bittend, dann mit Gewalt bemuͤht, den Haͤnden ihrer Pflegemutter zu entſchluͤpfen. Aber der Fremde bat und ſtreichelte ihre Wange und hatte end⸗ lich ihren Arm und ihre Herzgrube entbloͤßt. Ohne ſie zu beruͤhren, zeigte der Fremde auf das Dreieck der ſchwarzen Male und die Buͤrgerfrau auf die Narbe am Arme. Weiter erinnerte ſich Emma nichts von dieſem Fremden. Noch in eben dieſem Sommer kam ein anderer Mann, von widrigem Anſehen, in einer Uniform, und ein Jaͤger blieb waͤhrend ſeines Beſu⸗ ches vor der Thuͤre ſtehen. Emma, froh, das Strick⸗ zeug hinlegen zu duͤrfen, lief ins kleine Hausgaͤrt⸗ chen, bis die Pflegemutter ſie rief und ihr be⸗ fahl, ihre Schulbuͤcher und Arbeiten zuſammenzutra⸗ gen, weil ſie Nachmittag mit einer ſchoͤnen Frau auf ein ſchoͤnes Schloß fahren ſollte. Aber die gute Alte hatte dabei Thraͤnen im Auge, und ihre naſſen Wangen zeig⸗ ten, daß ſie ſchon laͤnger geweint. Emma erinnerte ſich, daß ſie mit Heftigkeit verweigert hatte, ihre Pfle⸗ gemutter zu verlaſſen, daß, wie der Jaͤger des fremden Herrn gekommen, ſie ſich an den Kleiderſchrank, an 103 das Treppengelaͤnder gehalten, um nicht fortgefuͤhrt zu werden, und nur dann ruhig geworden ſei, wie die gute Alte, ſie vor ſich auf die Knie niederdruͤckend, den Segen uͤber ſie geſprochen und ihr zum Andenken ein Amulet um den Hals gehangen, welche Handlung ſie ſo betroffen gemacht, daß ſie nicht mehr gewaltthaͤtigen Widerſtand zu leiſten ſich erkuͤhnt haͤtte. Das geſchah aber erſt, nachdem der Jaͤger ſie mit Gewalt in den Gaſthof getragen. Die ſchoͤne Frau war aber Agnes' Mutter, die Baronin von Heilſtein. Die ſoeben erzaͤhlte Begebenheit bleibt in Dunkel gehuͤllt. Wie hatte die Familie Heilſtein Emma's Da⸗ ſein erfahren? Denn weder Albrecht noch Agnes hat⸗ ten ihr mehr entdeckt, als daß ein ungluͤckliches Weſen vorhanden ſei, welches ſie Beide unverbruͤchlich verbinde. Und wer entdeckte ihnen des Kindes Aufenthalt? Was fuͤr eine Hinterliſt wendeten ſie an, die redliche Witwe zu deſſen Herausgabe zu bewegen? Die einzige Moͤg⸗ lichkeit— da Agnes und Albrechts einzige Ver⸗ traute, Albrechts Oheim, ſowie ſeine alte Haushaͤlterin, die Zeugin bei Emma's Geburt, vor Albrechts Flucht aus Deutſchland geſtorben war— die einzige Moͤglich⸗ keit muß man in irgend einem, in der Angſt der be⸗ werkſtelligten Flucht verlornen ſchriftlichen Zeugniſſe ſu⸗ chen— vielleicht einem Briefe von Feodors Vater, den Agnes zu verbrennen vernachlaͤſſigt, der ſich unter ihre zuruͤckgelaſſenen Arbeiten in ihre Schubfaͤcher ver⸗ borgen. Wahrſcheinlich trieb das innere Bewußtſein, durch ihre Haͤrte ihres Kindes und eines, außer ſeinem Verhaͤltniſſe mit Agnes ganz tadelloſen Mannes Selbſt⸗ 104 mord veranlaßt zu haben, nach dieſer Entdeckung die Großaͤltern an, ſich des verlaſſenen Kindes zu erbarmen, und bewogen die Pflegemutter deſſelben, durch ein hal⸗ bes Geſtaͤndniß ihnen ihr anvertrautes Pfand auszulie⸗ fern. Emma ward zwar ins Schloß als ein Findelkind eingefuͤhrt, das man, da ſeine unbekannten ÄAltern auf⸗ gehoͤrt, ſeine Koſt zu bezahlen, aus Barmherzigkeit dem Mangel entriſſen habe; allein ſie erinnerte ſich, den Jaͤ⸗ ger, der ſie ihrem Kindheitsſchutzorte entfuͤhrte, in der erſten Zeit ihres neuen Aufenthalts einige Worte haben ſagen hoͤren, die darauf deuteten, Emma gehoͤre durch einen der Soͤhne des Hauſes der Familie an. Wahr⸗ ſcheinlich hatte der alte Baron durch dieſes Vorgeben die Pflegemutter in Bamberg beruͤckt, und, um jede Spur von ihres Pflegekindes Daſein zu vertilgen, ſie durch Mittheilung eines falſchen Todtenſcheines, den die ehrliche Frau Albrechts Abgeſchickten zuſtellte, von Em⸗ ma's Hinſcheiden uͤberzeugt. Jener Wink war dem Kinde damals aufgefallen, aber unverſtaͤndlich geblieben, weil ſie ſich zuverſichtlich fuͤr eine Waiſe gehalten. Spaͤter aber erinnerte ſie ſich deſſen, als die beiben Soͤhne des alten Barons ſie oft mit beſonderer Gering⸗ ſchaͤtzung behandelten. Ihr Herz ſagte ihr, daß von die⸗ ſen rohen, liebloſen Menſchen keiner ihr Vater ſein koͤnnte. Emma's Lage auf dem Schloſſe war die gewoͤhn⸗ liche ſolcher armen Geſchoͤpfe, welche eine vornehme Frau unter dem Vorwande der Barmherzigkeit auf⸗ nimmt und ſie dann, weil ſie nicht aus dem Loh— ne laufen koͤnnen, vorzugsweiſe zum Ableiter aller boͤ— ſen Launen benutzt. Emma hatte von der Natur ein 105 ſo herrliches Gleichgewicht der Kraͤfte erhalten, daß ihre ſchwierige Lage nichts an ihr verdarb. Da ſie ſich fuͤr eine huͤlfloſe Waiſe anſah, zollte ſie der Baronin und ihrem Gemahle jede Pflicht der Dankbarkeit und des Gehorſams, ja ſie haͤtte gewuͤnſcht, ſie lieben zu duͤr⸗ fen; allein wenn ihre ſogenannten Wohlthaͤter gleich im Grade der Milde und Haͤrte in ihrem Betragen ab⸗ wechſelten, ſo ſtießen ſie jede Außerung von Liebe, die ſie ihnen ſo gern dargebracht haͤtte, mit uͤbermuͤthigem Stolze, oft mit Verachtung zuruͤck. Nur in einem Punkte be⸗ hielten ſie einen gleichen Gang in ihrem Betragen ge⸗ gen ſie— alle Mittel, die ihre Lage anbot, wendeten ſie zu ihrem Unterrichte an. Der Geiſtliche des Dor⸗ fes war ein guter Tonkuͤnſtler, und mußte ihr Talent zum Geſange, zum Fluͤgel entwickeln, der Pfarrer eines nahen proteſtantiſchen Ortes gab ihr einigen Unterricht in Wiſſenſchaft, und von dem ernſten Beſtreben des jungen Maͤdchens geruͤhrt, gab er ihrem Geiſte die gluͤck⸗ liche Ausbildung, die das Weib zu ſeinem und des ge⸗ bildeten Mannes Gluͤck bedarf. Auch fuͤr weibliche Ar⸗ beit und feines Betragen fand ſie Unterricht in der Ge⸗ ſellſchaft der ſeitdem verſtorbenen Gemahlin des einen der Heilſtein'ſchen Soͤhne. Es war eine liebenswuͤrdige Frau, welche Emma's Lage waͤhrend ihrer Beſuche zu erleichtern wußte. Wenngleich der harte Stand der Dienſtbarkeit das verwaiſte Maͤdchen druͤckte, ſo hatte er ihren Geiſt nicht entnervt; ſie hatte bald mit ſelte⸗ ner Klarheit ihre Lage uͤberſehen und ſich gewoͤhnt, den Befehl, den man ihr gab, zur Form ihres Willens zu machen, und die Unbilde, die ſie trug, als eine Zufaͤl⸗ — — ꝗ— 106 ligkeit anzuſehen, die ihr eigentliches Weſen ſo wenig beſudelte als die unreine Flut das Gefieder des koͤnig⸗ lichen Schwanes. Dieſe Denkart waffnete ſie vor dem zuneh⸗ menden Mismuthe in dem freiherrlichen Schloſſe. Der aͤl⸗ teſte Sohn behandelte ſeine liebenswuͤrdige Gattin ſo, daß der Kummer ihr Herz brach. Der juͤngere hatte eine reiche, haͤßliche Erbin genommen, die durch ihr Geld glaubte auch ihres Mannes Ehre bezahlen zu koͤnnen — ein Scheidungsproceß machte die Welt mit der Schmach des Ehegatten bekannt, und beide Maͤnner bewieſen in dem nun wiedereintretenden eheloſen Leben, daß ſie nicht dazu gemacht geweſen waren, die Wuͤrde des Hausſtandes aufrecht zu erhalten. Ihre Verſchwen⸗ dung machte bald ihren Aufenthalt auf dem Schloſſe ihres Vaters zu einer Zuflucht gegen das Andringen ihrer Glaͤubiger; ſie brachten aber einen Theil ihrer La⸗ ſter mit dahin, und Emma empfand nun zum erſten Male, daß die Dankbarkeit, die ſie an das Haus ihrer Wohlthaͤter feſſelte, eine ſehr ſchwere Pflicht ſei. In dieſer Zeit machte ſie die naͤhere Bekanntſchaft von Albertine Muͤller, ihrer unbekannten Großmutker. Dieſer Frau ganzes Leben war eine ſtete Übung der Ergebung geweſen. Sie war die Tochter eines angeſehe⸗ nen Fabrikanten in einem ſaͤchſiſchen Staͤdtchen; ihre Al⸗ tern verarmten, und ſie widmete ihre erſte Jugend, zur Er⸗ leichterung ihrer Beduͤrfniſſe, verſchiedenen Arbeiten. Bald enthob ſie der Tod dieſer Pflichterfuͤllung, als Albrecht Muͤller, ein Porzellanmaler von großer Geſchicklichkeit, eines Streites mit ſeinen Vorgeſetzten wegen die Meiß⸗ niſche Porzellanfabrik verlaſſen mußte und bei ſeiner 107 genialiſch- ſorgloſen Wanderung Albertine in ihrer Vaterſtadt kennen lernte. In der kecken Zuver⸗ ſicht, nie an Verſorgung Mangel leiden zu koͤnnen, beredete er die liebende unerfahrene Marie, ſich mit ihm zu verbinden. Er ſuchte in allen Porzellanfabriken des oͤſtlichen Deutſchlands Anſtellung, fand ſie ſchwer und behielt ſie nicht lange, bis ihn die Noth endlich vermochte, ſein Talent zum Ausmalen der Zimmer an⸗ zuwenden. Da ging ihm ein Gluͤcksſtern auf; der zahlreiche Landadel, die Buͤrger der wohlhabenden ſaͤch⸗ ſiſchen Staͤdtchen machten es zur Mode, gemalte Waͤnde zu beſitzen; Albertinens Mann ſetzte ſich deshalb mit ſechs Kindern, von denen Albrecht Muͤller das juͤngſte war, in dem bequem gelegenen Dorfe Dorneck feſt und zog von Schloß zu Schloß, von Staͤdtchen zu Staͤdt⸗ chen beſtellter Arbeit nach. Doch kaum war er recht im Gange, ſo ſtarb er, und nach einander folgten ihm ſeine Kinder, und die Krankenbetten und Todtenbahren verarmten die Witwe gaͤnzlich. Albrecht allein blieb ihr; ihres Mannes Bruder ſorgte fuͤr ſeine Erziehung, und er ward ihr Troſt und ihre Freude. Er ſtrebte um ihretwillen nach der edeln Unabhaͤngigkeit, die eig⸗ ner Erwerb gibt, widmete aber von den Knabenjahren an, wo er juͤngern Koſtſchuͤlern als Repetent diente, ſein kleines Verdienſt der geliebten Mutter. Fern von ihr erzogen und nur durch ſeine Beweiſe kindlicher Aufopferung ſich ihr kundthuend, verlor das Verhaͤlt⸗ niß zwiſchen Sohn und Mutter ſeinen gewoͤhnlichen Charakter. Albertine Muͤller machte aus ihrem Sohne ihren Abgott, Albrecht ward durch ſeine Abweſenheit der Mutter perſoͤnlich entfremdet, und die poetiſche Wendung ſeines Geiſtes, der Ehrgeiz, der ihn heftig nach Auszeichnung ſtreben hieß, fuͤhrte ihn natuͤrlich da⸗ zu, ſeine Kindesliebe um ſo mehr zu idealiſiren, da der guten Mutter Ausbildung ſie, bei ſehr lebhafter Phantaſie und tieſem Gefuͤhle, wenig uͤber ihren Stand erhob. Mit ſchmerzlicher Ungeduld entſchloß er ſich, auf ſeines Oheims Befehl, die Hofmeiſterſtelle in Dorneck, in der Zwiſchenzeit der Univerſitaͤt und einer Anſtellung, zu bekleiden; bald aber bannte ihn eine unſelige Liebe fuͤr Agnes laͤnger in ihre Naͤhe, als ſein Ehrgeiz es gutheißen konnte. Die Folge haben wir geſehen. Seine Mutter hatte nie eine Ahnung ſeiner Schuld, ſeines Ungluͤckes. Wie er als ernannter und angeſehener Lehrer einer Landes⸗ univerſitaͤt in ihre Huͤtte zuruͤckkehrte, um Agnes als Gattin zu erwerben, blieb der Zweck ſeiner Ruͤckkehr ihr verborgen; ſie war uͤber ſeine buͤrgerlichen Ehren, uͤber die Anerkennung ſeiner Verdienſte ſo entzuͤckt, daß ihr Freudentaumel ſie blind machte uͤber ihres Sohnes Verſtimmung, es gelang ihm, den Sturm ſeines In⸗ nern ihr zu verbergen. Um ſo aͤngſtlicher war ihr ſein Verſchwinden; ſie wartete ein, zwei und mehre Tage, ſie verbarg den Nachbarn ihre Angſt, denn ſie haͤtte ihrem Sohne einen Vorwurf zuziehen koͤnnen— da erreichte ſie ploͤtzlich die Kunde, daß er und Fraͤulein Agnes im Teiche umgekommen waͤren. Warum man das erſt heute entdeckt, warum man im Schloſſe erſt heute eingeſtand, daß Fraͤulein Agnes vermißt wuͤrde, daß ſie nicht, wie die Ältern dem Geſinde geſagt, einen Beſuch in der Nachbarſchaft mache, warum der Kahn, 109 auf dem ſie verungluͤckt ſein ſollten, nie vom Ufer los⸗ geſchloſſen erblickt worden war, unterſuchte die arme Verzweifelnde nicht. Der damalige Schenkwirth von Dorneck brachte ihr das kleine Spazierrohr ihres Soh⸗ nes und einen Homer, in dem ſie ihn ſeit ſeinen Stu⸗ dentenjahren hatte leſen ſehen, und man hatte Fraͤulein Agnes Arbeitskoͤrbchen und ihren Shawl auf dem Wir⸗ bel des Teiches ſchwimmend gefunden— das bewies ihren Tod. Der Gedanke des Selbſtmordes, der das Gewiſſen der Heilſteins erſchreckte, nahm in ihrer zer— riſſenen Seele nie Platz; aber ſie lebte fortan wie eine Abgeſchiedene, einzig dem Andenken an ihre Verſtorbe⸗ nen; an Feſttagen ergoͤtzte ſie ſich, die Habſeligkeiten ihres Sohnes, die ihr von Wuͤrzburg ausgehaͤndigt wurden, mit ſtets neuem Schmerze zu ordnen. Sie faltete ſeine Waͤſche, ſie ſtaͤubte ſeine Kleider ab und ließ lange ihre Hand auf dem fuͤhlloſen Gewande lie⸗ gen, indem ſie bei dem Gedanken weilte: hier habe ſein Herz geklopft. Stunden lang wendete ſie die Blaͤtter des kleinen Homers um, damit ihr Blick auf dasjenige treffen moͤchte, das ihres Sohnes Auge zum letzten Male erblickt. Die Maßregeln, die Albrecht vor ſeiner Flucht genommen, ſicherten ihr einen maͤßigen Unterhalt zu, den ſie der Guͤte ihres verſtorbenen Schwagers, des Geiſtlichen, ſchuldig zu ſein glaubte, ihr religioͤſer Sinn bewog ſie auch zu fortgeſetztem Fleiße ihrer Haͤnde, aber ihr Geiſt draͤngte ſie zu den Pforten jener Welt, die ſie von ihren Geliebten entfernt hielten, und die ſich ſo viele, viele Jahre ihrer Sehnſucht zu oͤffnen ver⸗ ſagten. 110 Eine heftige Krankheit, in welche Albertine verfiel, brachte Emma in naͤhere Verhaͤltniſſe mit ihr. Emma war von jeher der Troſt der Betruͤbten, die Pflegerin der Kranken im Dorfe geweſen; Albertine Muͤller hatte ihre Huͤlfe nie bedurft, und da Emma die Todesart des Fraͤuleins, obſchon der traurigen Geſchichte nicht mehr gedacht wurde, bekannt war, begriff ſie, daß die weich⸗ liche Selbſtſucht die arme Alte als eine Schmerzensge⸗ ſellin verhaßt machen koͤnnte. Jene Krankheit knuͤpfte ein ſonderbares, aus unerklaͤrlichen Empfindungen ge⸗ ſponnenes Band um dieſe Beiden. Emma empfand. es wie verletzte Pflicht, wenn ſie einen Tag hingehen ließ, ohne die alte Mutter zu beſuchen. In Albertine erneute ſich aller Schmerz der Vergangenheit, wenn Emma ihr keinen Gruß gegeben hatte. Unerwartet griff aber die Greiſin ſehr wohlthaͤtig in Emma's Schickſal ein. Die beiden Soͤhne ihrer Pflegeaͤltern ſtarben in kurzem Zwiſchenraum; ihre Glaͤubiger beſtuͤrmten den alten Baron; gekraͤnkt, ſorgenvoll, kinder⸗ und freundlos folgte er und ſeine Gattin ſeinen Soͤhnen nach, und innerhalb achtzehn Monaten ward das Schloß, wo Alt und Jung gehauſt hatte, zur Einoͤde. Der Baron ging zuletzt unter; Emma pflegte ihn mit der Sorgfalt einer Tochter; er ſowol als ſeine Gemahlin mochten ſeit langer Zeit Emma nicht mehr in Verbindung mit ihrer ungluͤcklichen Mutter gedacht haben. Die beharr⸗ liche Luͤge hat das Eigene, daß der Luͤgner endlich ſie ſelbſt geglaubt; ſo hatten dieſe ſelbſtſuͤchtigen Menſchen nach und nach ihrer gemordeten Tochter verlaſſenes Kind wie eine aus Barmherzigkeit von ihnen aufgenommene 111 Waiſe anzuſehen ſich gewoͤhnt. Emma's unermuͤdete Pflege bei einem langen Krankenlager rief die Schuld der Vergangenheit in des Barons Seele zuruͤck, er wuͤnſchte das Verſaͤumte gutzumachen; allein die Mit⸗ tel fehlten ihm, ſein Vermoͤgen war zerruͤttet, er kannte ſeine Erben nicht einmal, er haßte ſie, weil ſie in der Reihe der Heilſteine— welches er fuͤr ſehr wich⸗ tig anſah— ſein Geſchlecht ſollten verdraͤngen. Eine Verſorgung ihr zu geben, haͤtte er jetzt ſehnlich gewuͤnſcht, allein er konnte es nicht; ſeinen großvaͤterlichen Segen haͤtte er ihr geben koͤnnen, allein dazu konnte ſein ſtarr⸗ koͤpfiges Herz ſich nicht entſchließen, und darum ward ihm der Tod ſchwer. Emma verſtand, nun ihr trau⸗ riger Urſprung ihr bekannt war, ſeine abgeriſſenen Reden, ſein Ächzen, ſein Kruͤmmen unter Angſt und Zweifel; ſie verſtand, warum er ſie ſo oft zu ſich rief und dann fortwinkte und endlich im Sterben ſie flehend anſah und ſtammelnd noch rief:„Vergebung, Vergebung!“— Die neuen Beſitzer der Herrſchaft kamen an, Emma haͤndigte ihnen die Gegenſtaͤnde ein, die ſie in Gewahr⸗ ſam gehabt hatte und verließ das Schloß mit keinen andern Huͤlfsmitteln, als die Talente und Fleiß ihr ge⸗ waͤhrten. Die geizigen, hungrigen Erben boten ihr kei⸗ nen Unterhalt, keine Unterſtuͤtzung an, obſchon ihnen die Herrſchaftsbeamten geſagt hatten, daß dieſes junge Maͤdchen durch ſeinen treuen Fleiß den gaͤnzlichen Ver⸗ fall des Hausweſens gehindert, und die Vermuthung hinzufuͤgten, daß ſie wahrſcheinlich zu der Familie ge⸗ hoͤrte. Die alte Baronin verwarf eine ſo liebrei⸗ zende Haushaͤlterin, ihre verbluͤhten Toͤchter bedankten 112 ſich fuͤr die Naͤhe eines ſo ſchoͤnen Kammermaͤdchens.— Ohne einen ſolchen Vorſchlag zu erwarten, begab ſich Emma zu Albertine Muͤller, entſchloſſen, von hier aus Maßregeln fuͤr ihren kuͤnftigen Unterhalt zu ergreifen. Die ſchwermuͤthige Alte war zu gluͤcklich, ihre junge Wohlthaͤterin beherbergen zu koͤnnen. Aber einmal in die geiſtermaͤßige Abgeſchiedenheit dieſer ſchwaͤrmeriſchen Alten aufgenommen, ſtand es nicht mehr in ihrer Macht, ſie zu verlaſſen. Die Greiſin entdeckte ihr den aͤngſtli⸗ chen Widerwillen, den ihr Aufenthalt in Dorneck ihr einfloͤßte, ſeit ſeine alten Beſitzer geſtorben waͤren; wie es ſie ohne Aufhoͤren mahnte, einen andern Wohnplatz zu ſuchen. Emma bemuͤhte ſich, ihr das gewagte Un— ternehmen, bei ihrem hohen Alter, auszureden, allein ſie hatte ein leidendes Gemuͤth und eine geſpannte Phantaſie zu bekaͤmpfen. Albertine ſprach mit Zuver⸗ ſicht von Traͤumen und Stimmen, beſchrieb einen Waldſtrom, der uͤber Schieferfelſen floß, eine kleine Wieſe, hohe Tannen und ſah einen Wandersmann da⸗ herkommen, der brachte ihr einen Brief von ihrem Soh⸗ ne, und wie er an ihr Haus kam, zog ihm ein Leichen⸗ gefolge entgegen. Emma hoͤrte auf, ihr Vorſtellungen zu machen; ſie hoffte die Beendigung ihrer jetzigen Ver⸗ legenheit von der Zeit. Wie die verewigte Baronin ihren damals erſt verheiratheten aͤlteſten Sohn in Dres⸗ den beſuchte, hatte Emma ſie begleitet und dort die Bekanntſchaft einer jungen Ruſſin gemacht, die ſo eben im Begriff war, nach Akierman in Beſſarabien abzu⸗ reiſen, wo ſie, eines Geluͤbdes ihrer Mutter wegen, in den Orden der barmherzigen Schweſtern treten ſollte. 113 Das ſchwaͤrmeriſche junge Maͤdchen hatte ſich ſehr leb⸗ haft fuͤr Emma intereſſirt und ihr beim Abſchied Nach⸗ weiſung gelaſſen, um ihr in jenem abgelegenen Winkel der Erde Kunde von ſich zu geben. Seitdem waren mehre Jahre vergangen, aber Emma vertraute ihrer da⸗ mals bewieſenen Freundſchaft, und ließ ſich von dem Gefuͤhl ihrer gaͤnzlichen Vereinzelung auf Erden zu dem Entſchluß verleiten, Krankenpflegerin in dem Ordens⸗ hauſe von Akierman zu werden. Sie ſchrieb der ruſſi⸗ ſchen Nonne, und widmete ſich indeß freundlich den Wuͤnſchen ihrer alten Freundin. Eines Tages beſuchte dieſe ihr alter Bekannte, der ehemalige Schenkwirth in Dorneck, jetziger Gaſtgeber zu Schorgaſt. Albertine gerieth mit ihm in die Erinnerung der Vergangenheit, und aufgeregt dadurch, vertraute ſie ihm auch ihre Traͤume und beſchrieb ihm die Huͤtte, die Wieſe, den Waldbach, den ſie im Traume ſah. Der alte Mann ſah ſie erſtaunt an und rief:„Frau Muͤller, das hat Ihnen getraͤumt?“—„Ach, nicht ein Mal, hundert Malz und in dieſer Huͤtte ſollte ich woh⸗ nen, hier liegen mir die Mauern auf der Bruſt.“— „Aber das iſt ja nicht moͤglich,“ nahm Jener wieder mit Lebhaftigkeit das Wort;„dieſe Huͤtte ſteht ja, wie Sie Zug vor Zug ſie beſchreiben, an der Hlſenitz, drei Stunden von Schorgaſt, ſeit drei Wochen gehoͤrt ſie mein durch einen Schuldbrief, und ich ſuche eben ei⸗ nen Kaͤufer dazu oder einen Beſtaͤnder.“ Emma hoͤrte mit Bangigkeit zu, ihr ward unheimlich bei dem Ge⸗ ſpraͤch der beiden Alten; allein ſie konnte nichts dagegen haben, daß Frau Muͤller, ihrem alten Freunde voͤllig V. 8 114 vertrauend, einen Handel mit ihm abſchloß. Der Gaſt⸗ wirth verſprach, die Huͤtte voͤllig herzuſtellen, ſagte ihr fuͤr eine ehrliche, freundliche Nachbarſchaft gut, indem der naͤchſte Nachbar ihrer neuen Beſitzung, ein alter Knecht ſeines Hauſes, dort ein kleines Guͤtchen habe und da⸗ bei das Holzfaͤllen beſorge. Emma konnte der Antwort aus Akierman, da ihr Brief einen großen Umweg ma⸗ chen mußte, erſt in ein paar Monaten entgegenſehen, ſie ſoͤrte die Greiſin deshalb nicht in ihrer überzeugung, daß ſie ihre Huͤtte mit ihr bewohnen wuͤrde. Sie zo⸗ gen, von einer alten Magd begleitet, welche Albertine noch in ihren beſſern Tagen gekannt hatte, in jene Huͤtte, wo Feodor ſie fand. Die Antwort aus Akier⸗ man kam und brachte Emma die Verſicherung der freundlichſten Aufnahme, ſelbſt ein kleines Handbriefchen der Domina, welches ihr in ihrem und ihrer Schwe⸗ ſterſchaft Namen Schutz und Beiſtand verſprach, wenn immer ſie eintreffen wuͤrde. Des verlaſſenen Maͤdchens Schickſal ſchien nun beſtimmt, und ſie folgte willig dem ihr unbegreiflichen Zug, ihre alte Freundin in der her⸗ annahenden Nacht ihres Lebens nicht zu verlaſſen. Faſt zwei Jahre hatte dieſe nun in dieſer Abgeſchiedenheit gelebt, und ihr flackerndes Lebenslaͤmpchen widerſtand noch immer dem kalten Hauche des Todes. In man⸗ cher Stunde ſchien ihr Geiſt die morſche Huͤlle zu durch⸗ brechen, und Emma hoͤrte mit Erſtaunen und Bewun⸗ derung die erhabene Phantaſie, mit der ſie das Unſicht⸗ bare ahnete, die klare Einſicht, mit der ſie das Wirk⸗ liche beurtheilte. Da erloſch die matte Flamme an je⸗ nem Abend, wo die Hand des himmliſchen Vaters die 8 115 beiden aͤlternloſen Geſchwiſter ſo wunderbar einander zu⸗ fuͤhrte und ihre Vereinzelung ploͤtzlich in unzertrennliche Liebe verband. Es bedurfte Tage und Wochen, ehe ſich Emma und Feodor in das unbegreifliche Gluͤck zu finden ver⸗ mochten, nun Niemand mehr fragen zu eoͤnnen, wenn Einer etwas beſchloß, nun Niemand mehr ſeine Unruhe, ſeine Freude mittheilen zu koͤnnen. Al⸗ bertine Muͤller hatte durch ein Teſtament Emma zur Erbin all ihrer Habe gemacht. Aus der Hinterlaſſen⸗ ſchaft ihres Sohnes ſuchte Feodor mit tiefer Ruͤhrung Manches heraus, was er als Andenken des geliebten, gequaͤlten, wie er nun mit ſchmerzlicher Wehmuth ein⸗ ſah, nie geheilten Vaters mit ſich zu nehmen gedachte; denn daß Emma ihren Bruder nach Taurien begleiten ſollte, wurde gleich Anfangs beſchloſſen. Die Huͤtte an der Slſenitz ward das Vermaͤchtniß der treuen alten Magd, welche Feodors Großmutter ſo lange gedient hatte, und wie der Herbſt die kleine Wieſe, die ſie um⸗ gab, mit Zeitloſen zu bedecken begann, wie das gelbe Johanniskraut auf den Felskanten zu dunkeln anfing, verließen die Geſchwiſter das Thal, wo Keiner ihr Schick⸗ ſal gekannt hatte, Keiner ihre Liebe verſtand. Wenn ein geliebtes Kind ſein vaͤterliches Haus ver⸗ laßt, wenn ein ruͤſtiger Juͤngling die Grenzen ſeines Vaterlandes uͤberſchreitet, wenn ein wagender Mann die Kuͤſten ſeines Feſtlandes von ſeinem ſchnellſegelnden Schiff aus verſchwinden ſieht, ergreift unendliche Weh⸗ muth ihr Herz, und die erwuͤnſchteſte Ferne wird ih⸗ rem thraͤnenſchweren Auge auf eine Zeit lang verfin⸗ 8* ſtert. Emma und Feodor aber waren in den erſten Tagen ihrer Reiſe in Wehmuth verſenkt, weil kein Va⸗ terhaus, keine Heimath, kein Vaterland ihr Andenken in Anſpruch nahm. Ihr Herz hing nur durch Graͤ⸗ ber mit der Erde zuſammen; eines, mit dem nur truͤbe Andenken verbunden waren, ließen ſie in Franken zuruͤck, ein theures Grab war in einer ihnen unbekannten Wuͤſte verborgen, und neben dem dritten waren ſie auf dem Wege, ihre Heimath zu gruͤnden. Feodor hatte zu viel Jugendmuth, Emma zu viel Staͤrke des Ge⸗ muͤths, um dieſer Wehmuth lange Herrſchaft zu erlau⸗ ben. Zwar blieb ihre Reiſe durch die weite Strecke der Laͤnder einſam und von Menſchen geſchieden, als fuͤhre nicht ein leichter Wagen ſie durch Staͤdte und bebaute Gefilde; Emma hatte von ihrem Bruder erlangt, ſich nirgends aufzuhalten, ihre gedruͤckte Jugend hatte ihr nie die Freuden der Geſellſchaft geboten, und nun, entſchloſſen, ein laͤndliches Leben in einem halb barba⸗ riſchen Lande zu fuͤhren, empfand ſie Widerwillen ge⸗ gen die eiteln Bedingungen ihrer anſtaͤndigen Erſcheinung in der zierlichen Welt. Allein uͤber Akierman zu reiſen und dort das Kloſter zu beſuchen, in dem ſie, einſam und von Niemand gekannt, ſich dem Dienſte fremder Leidenden weihen wollte, hatte ihr Bruder ihr verſpro⸗ chen. Sie betrat dieſen ihr ſo befremdlichen Aufenthalt mit klopfendem Herzen. So lange Zeit hatte ſie ſich hierher geſehnt, weil ſie die abgeſchloſſenen Mauern uͤber das ſchmerzliche Bewußtſein, in der weiten Welt keinen Halt zu haben, taͤuſchen ſollten; jetzt, an Feo⸗ dors Seite, floͤßten ſie ihr Schauder ein, wie der An⸗ 117 blick des Gefaͤngniſſes dem kaum Befreiten einfloͤßen kann. Die Schweſter, welche Emma ihren Platz ſchon bereitet hatte, goͤnnte, mit Thraͤnen, die nur halb der theilnehmenden Freude gehoͤrten, ihrer Freundin ihren neuen Beruf; die Domina, eine Frau, welche den bieg⸗ ſamen Geiſt ihres Standes in hohem Grade beſaß, ver⸗ barg ihren Unmuth, eine ſo gebildete Novizin verlieren zu muͤſſen, und ward ſehr zuvorkommend, als Feodor die kleine Ausſteuer, welche ſeine Schweſter dem Klo⸗ ſter eingebracht haͤtte, ihm zum Beſten der Armenpflege uͤberließ. Der Genuß, an dieſem abgelegenen Orte Fremde zu ſehen, und die gewohnte Gaſtfreundſchaft jenes Landes bewog die Domina und die nach Neuig⸗ keiten begierigen Nonnen, die Abreiſe der Fremden auf alle Weiſe zu verhindern, und Emma nahm bald wahr, daß Feodor, der die Erlaubniß, die Domina in ihrem Zimmer zu beſuchen, erhalten hatte, ſeinen Aufenthalt mit Wohlgefallen verlaͤngerte. Das Kloſter gab in die⸗ ſem Augenblick der Tochter eines ſehr verfolgten Man⸗ nes unſeres Volkes, der dieſes ſein einziges Kind, bis ihm ein ungeſtoͤrter Aufenthalt geſichert waͤre, in die⸗ ſen Winkel gefluͤchtet, eine Zuflucht. Emma's Freun⸗ din hatte Pauline, das war der Name des jungen Maͤdchens, in Moskau, wo ihr Vater damals in ei⸗ ner guͤnſtigen Lage lebte, gekannt, ſie war in Akierman ihre Beſchuͤtzerin, und Paulinens Liebenswuͤrdigkeit war es, die Feodor an das Kloſter feſſelte. Pauline war in Deutſchland geboren und, wenngleich ſchon ſeit mehren Jahren von dort entfernt, im Umgang ihres Vaters in deutſcher Art weiblicher Bildung fortgeſchrit⸗ 118 ten. Feodor machte ſich die Taͤuſchung, in ihr eine zweite Emma gefunden zu haben, die aͤltere Schweſter ſah aber mit innigem Danke zu Gott ihre groͤßte Sorge gehoben:— ihr Bruder ſollte nicht der Wuͤrde des Hausvaters entbehren, ſein freier Sinn, ſeine wohl⸗ thaͤtige Betriebſamkeit ſollte, durch Gattin und Kin⸗ der verzweigt, buͤrgerliches Wohl um ihn her ſchaf⸗ fen, und wenn ſie einſt von ihm ſchied, ſollte ſie ihn in dem Schatten der von ihm gepflanzten Baͤume, in den Armen der ſeine Tugenden erbenden Kinder, in der Achtung der von ihm belehrten Mitbuͤrger zuruͤcklaſ⸗ ſen. Feodors Neigung zu Pauline ward zu keinem Ro⸗ man. Der zwanzigjaͤhrige Juͤngling warb, mit Zu⸗ trauen in ſeine gute Sache, um die Geliebte— denn langenhatte ſeine Taͤuſchung, daß Pauline eine juͤngere Schweſter fuͤr ihn ſei, nicht gedauert— und der ſpaͤte Herbſt ſah das Paar in dem tauriſchen Meierhof in deutſch eingerichtetem Hauſe, bei deutſchem Fleiß als gluͤckliche Gatten verbunden. Seitdem kehrten ſchon mehre Herbſte zuruͤck, Emma ſah die Zahl der geliebten Haͤupter um ſich heranwachſen, ſah ernſte Freudigkeit und heitern Muth den innern Frieden des Hauſes ſichern, die aͤußern Stuͤrme uͤberſtehen, und all' dieſes Gluͤck dem Andenken ihrer ungluͤcklichen Ältern zum Suͤhnopfer bringend, ſah ſie all ihre Wuͤnſche erfuͤllt. III. Die Frau von vierzig Jahren. * „Nun waͤre es doch Zeit,“ ſagte der Major von Helm zur Praͤſidentin von Helm;„nun waͤre es doch Zeit, gute Mutter, daß Sie etwas Ruhe genoͤſſen. Sie haben ſich auf mehr als eine Art angegriffen, un⸗ gewohnt angegriffen; Tochter und Enkel ſchlummern, beide in ihrer neuen Exiſtenz; ſchlummern Sie auch einen Augenblick.“ „Nein, lieber Sohn,“ erwiederte die Praͤſidentin, „daraus wird nichts. Sie wollen mich mit der War⸗ tefrau und der Bademutter wegſchicken, weil ich ihre Gehuͤlfin geweſen bin, ſo lange es Noth that; mei⸗ nen Sie denn aber, wenn ich mich in dieſen peinlichen Stunden wirklich abmattete, daß ich mich nicht hier am beſten erholen werde?“ „Unſere liebe Mutter mag Recht haben,“ fiel Feld⸗ berg ein,„und ich glaube, ſie weiß, welche Seelendiaͤt ihr zuſchlaͤgt.“ Das Trio ward alſo nun einig, an dem duftenden Sommermorgen bei aufgehender Sonne in der liebli⸗ chen Gartenlaube beiſammenzubleiben, um ein Fruͤhſtuͤck oder Abendeſſen zu genießen: zum Fruͤhſtuͤck machte es die Tageszeit; aber keines aus der kleinen Geſellſchaft hatte ſich in der vergangenen Nacht zur Ruhe begeben, weil waͤhrend derſelben eines von den Geſchoͤpfen, wel⸗ che ſo unmerklich langſam emporkeimen, um dann in einem Augenblick ploͤtzlich wieder zu verſchwinden, die⸗ ſes raͤthſelhafte Daſein zum erſten Mal ſchreiend begruͤßt hatte. Der neue Weltbuͤrger war Sohn des Majors von Helm, ehemals Offiziers in franzoͤſiſchen Dienſten, und Stiefgroßſohn der Praͤſidentin. Feldberg, ein Freund vom Hauſe, hatte jene Stunden des Schmerzes, der Hoffnung und Furcht mit ſeinen Lieben theilen wollen. „Sie weiß,“ ſagte er,„welche Seelendiaͤt ihr zuſchlaͤgt. Von Ermuͤdungen dieſer Art— verſteht ſich, ſo oft Ihr Weibchen, lieber Helm, ſie ihr verurſachen kann — fuͤrchte ich nichts fuͤr das warme Herz, fuͤr die un⸗ ruhige Thaͤtigkeit meiner Freundin. Was Ihrer erſten Jugend fehlte, um ſie zu begluͤcken,“ ſetzte er mit ei⸗ nem bedeutenden Blick hinzu und kuͤßte der Frau von Helm achtungsvoll die Hand,„fanden Sie ſpaͤterhin, um eine zweite, ſchoͤnere Jugend zu beleben.“ Frau von Helm ſah geruͤhrt ihren Freund an:„Ja, ich holte meine verfehlte Beſtimmung noch ein.“ Jetzt erroͤthete ſie, unterbrach ſich, zog ihre Hand zuruͤck und ging eine Weile am Eingang der Laube auf und ab, indeß der junge Helm den Thee bereitete und ſie gefliſ⸗ ſentlich ſich ſelbſt uͤberließ, zugleich aber durch einige Blicke, die er auf Feldberg warf, welcher ſinnend die Flamme unter dem Keſſel betrachtete, ſeine innige Theil⸗ nahme bezeigte.— Sie trat nun wieder zu ihnen.„Halten Sie 123 1 mich, hier, um Sie, neben Ihnen, fuͤr gluͤcklich, mein guter Sohn?“—„Ja,“ erwiderte der junge Mann lebhaft und legte die Hand betheuernd auf die Bruſt,„ich halte Sie dafuͤr, weil Sie uns gluͤcklich machen, weil wir Ihnen Vieles, Alles verdanken.“ „Lieber Karl,“ ſagte ſie laͤchelnd,„Sie fuͤhren die wahre Urſache nicht an. Feldberg da wird aufrichtiger ſein; nicht wahr?“ „Nun wohl,“ ſagte Feldberg;„Sie ſind auch dar⸗ um gluͤcklich, weil Sie nichtigen Taͤuſchungen entſagt haben, weil Sie die ſchlichte Wirklichkeit lieben lernten, weil Sie Ihre Phantaſie nur noch die Luͤcken des taͤgli⸗ chen Lebens ausfuͤllen, nicht deſſen unabaͤnderliche Be⸗ dingungen mit falſchen Farben malen laſſen.“ „Halten Sie, halten Sie! Was Sie auch ſagen moͤgen, ſo hat es doch eine ungalante Seite, und ſo druͤcken Sie es immer lieber geradezu aus: weil ich ſonſt ein eitles, ſelbſtiſches Weib war und nun Pflich⸗ ten erfuͤlle und an Andern Theil nehme. Und das danke ich Ihnen, Karl, Ihrem guten Weibe, dem ſuͤßen Kinde, das ich eben in meine Arme empfing; nicht Ihren weiſen Lehren, Herr Philoſoph, denen ich uͤbrigens doch alle Gerechtigkeit widerfahren laſſe. O lieben Freunde, die Kenntniß, was zum wahren Gluͤcke gehoͤrte, hatte ich ſchon lange, aber die Mittel dazu fehlten mir. Es ruͤhme ſich doch kein frecher Weiſer, unabhaͤngig von Dem, was ihn druͤckte, trotz Dem, was ihm fehlte, gluͤcklich geweſen zu ſein; Selbſt⸗ verleugnung, Unempfindlichkeit iſt Alles, was er errun⸗ gen haben kann: gluͤcklich macht nur Befriedigung, nicht aller, aber doch eines oder des andern unſrer Wuͤnſche.“ Feldberg laͤchelte geruͤhrt:„Da wuͤrden Sie alſo den armen Epiktet ohne Umſtaͤnde Luͤgen ſtrafen?“ „Von dem ſpreche ich nicht; nicht von Euch grob fuͤhlenden, heftig verlangenden, im Genuß einſchla⸗ fenden, durch Herrſchen verdorbenen Geſchoͤpfen; ich ſpreche von uns Weibern, denen die Natur Gefuͤhle gab, die kein Menſchenleben erſchoͤpft, die wir unſerm Geſchlecht nicht mittheilen moͤgen und die das Eure nicht zu faſſen vermag.“ Helm ſagte ſanft:„Die Bruſt eines Sohnes ver⸗ mag es doch, und das Herz einer Tochter und der Kinderſinn, der ſich nun unter Ihren Augen in dem Neugebornen entwickeln ſoll“— Sie umfaßte ihren Sohn und hob ihr Geſicht von ſeiner Schulter zu Feldberg auf, der zweideutig ausſah: „Ihr ſarkaſtiſches Laͤcheln verſtehe ich ſchon; ſagen Sie nur immer: ſei ruhig, Großmuͤtterchen; denn Sie meinen doch, ich ſchwaͤrme. Davor fuͤrchte ich mich aber nicht mehr; ich habe ja ſo lange geſchwaͤrmt, habe ſo lange geſucht, nicht zu ſchwaͤrmen, daß ich mich endlich beurtheilen kann.“ „That ich Ihnen weh?“ fragte Feldberg;„nein, dieſe Schwaͤrmerei, von der ich einſt ſo viel litt, macht jetzt unſer Aller Gluͤck und erhaͤlt Sie in ewigbluͤhen⸗ der Jugend.“— Er ſah ſie mit ernſten, aber lebhaf⸗ ten Blicken lange an:„Sagen Sie ſelbſt, lieber Helm, ſieht ſie ſich noch aͤhnlich? Sie erinnern ſich doch, wie ehemals ihre kalte Schoͤnheit uns niederſchlug, und jetzt 125 — o wie verſchoͤnert innerer Frieden auch das ſchoͤne Weib!“ „Kalt?— Ja, das war ich, ich war ſehr un⸗ gluͤcklich, ſehr verſtimmt! Ein langer Miston war mein ganzes Daſein geweſen, ſeit— ſeit einem Zeitpunkt“ — Sie ſchwieg, mit einem fluͤchtigen Blick auf Feld⸗ berg. Nun ſammelte ſie ſich zu ihrer gewoͤhnlichen Freimuͤthigkeit und fuhr fort:„Es war ein Zeitpunkt, der die Kriſe meines Jugendgluͤcks machte, ſowie ich nun die meiner ſpaͤtern Jahre uͤberſtanden zu haben glaube. Ich weiß aber nicht recht, lieber Sohn, wie wir gerade zu dieſem wunderlichen Geſpraͤch kommen. Im Grunde geht es dem Menſchen doch immer ſo: in der erſten Haͤlfte ſeines Lebens ſtrebt ſeine Einbil⸗ dungskraft gern in die Zukunft hinaus, in der andern blickt er mit ſeiner Erinnerung in die Vergangenheit zuruͤck. Und es iſt ja auch ganz natuͤrlich: wenn Er⸗ fahrung die Schwingen unſerer Hoffnung gelaͤhmt hat, wollen wir uns doch noch an etwas halten und ge— ben Dem, was nicht mehr iſt, ungefaͤhr den naͤmlichen Werth, wie vorher Dem, was noch nicht war.“ „Wie ſchwarz iſt dieſes, meine gute Mutter!“ ſagte Helm.„Wirklich, wenn Sie mich jetzt wieder fragten, ob ich Sie fuͤr gluͤcklich halte: ich wuͤßte nicht mehr, was ich antworten ſollte.“ „Doch, doch, mein Freund!“ antwortete ſie mit naſſen Augen;„dies war nur ein Gefuͤhl von alten Zeiten her, die voruͤber ſind. Gewiß, wenn ich die Spuren der Vergangenheit aufſuche, ſo iſt es nur, um mich an der Vergleichung zu erfreuen.“ 126 Schweigend ſaßen jetzt die Drei eine Weile beiſam⸗ men.„Karl,“ fing endlich die Frau Helm wieder an, „in unſerm Verhaͤltniß iſt etwas, das Ihnen nicht an⸗ genehm ſein kann.“ „Was koͤnnte das wol ſein?“ „Wie Sie nach Ihrer vieljaͤhrigen Entfernung von Ihres Vaters Hauſe dahin zuruͤckkamen, fanden Sie mich ungluͤcklichz ich ſpreche oft mit Schmerz von mei⸗ ner Vergangenheit, von meiner Ehe, und Ihr Vater war mein Gemahl.“ Helm kuͤßte ihr ehrerbietig die Hand:„Meines Vaters Briefe lehrten mich Sie ehren, ehe ich in Ih⸗ rer Naͤhe war; ſo oft Sie ſeinen Namen nennen, ehrt ihn die Art, wie Sie es thun. Vermochte er nicht, meine gute Mutter zu begluͤcken, ſo war er gewiß ungluͤcklich, ſo oft er es empfand.“— „Gute, wahre Seele!“ ſagte die Mutter und ſtrei⸗ chelte nachdenkend ſeine offne Stirn;—„lieben Kin⸗ der, ich beſitze Eure ganze Liebe, ich verdiene ſie auch; es liegt aber ein Theil Glauben in ihr. Ihr ſollt mich ganz beurtheilen lernen, auf die Gefahr hin, mich zu misbilligen. Wir werden jetzt manche ruhige Stunden haben, ſo lange das Weibchen durch ihre Ammenpflicht zu einem eingezogenen Leben berechtigt iſt. Ich moͤchte mir gern jedes Recht auf Euer Vertrauen erwerben; wenn wir naͤchſtens einmal um Gertrudens Bett ver⸗ ſammelt ſind, erzaͤhle ich Euch meine Geſchichte.“ Helm kuͤßte ihr dankbar die Hand:„Nicht um un⸗ ſer Vertrauen und unſre Liebe mehr zu erwerben, ſon⸗ dern weil Sie uns damit Ihrem Herzen naͤher anſchlie⸗ 127 ßen, hat dieſes Verſprechen den groͤßten Werth fuͤr mich. Oft, wenn wir Ihre Guͤte gegen uns am lebhaf⸗ teſten empfanden, fragte meine Gertrude: warum war aber die theure Frau nicht immer ſo herzlich gegen Dich? — Verzeihen Sie, meine Mutter.“ „Nein, lieber Karl, das braucht es nicht: gegen Sie und Ihre Schweſter habe ich mir nur Unterlaſſungs⸗ fehler vorzuwerfen; nur thun mir Ihrer Gertrude Worte jetzt weh.“ Der junge Mann war betreten, ſie leitete das Ge⸗ ſpraͤch wieder in einen heitern Ton; man trennte ſich. Gertrude war voll Freude uͤber das Verſprechen der Mutter, ſie wollte ſchon den naͤchſten Tag zu deſſen Erfuͤllung feſtſetzen, was aber geradezu abgeſchlagen wurde, indem man Gertruden zur ſtrengen Beobach⸗ tung aller Vorſichtsregeln anhielt, uͤber welche eine junge Mutter im ſeligen Gefuͤhl ihrer Kraft, das geſunde Kind im Arm, ſo gern ſpottet. Sie bat, ſchmollte; mehre Tage war Alles umſonſt. Endlich ſagte Frau von Helm:„Wohl denn: morgen, wenn der Junge recht brav und Muͤtterchen huͤbſch fromm war, komme ich zum Thee herunter; dann ſchließen wir die Thuͤre vor allen Vettern und Baſen, und Großmutter nimmt das Wort.“ Den andern Tag um fuͤnf Uhr Abends war der Kleine beſchwichtigt, das Theewaſſer kochte, der Be⸗ diente war aus dem Zimmer geſchickt, als Feldberg hereintrat und ſich neben dem Bett der Woͤchnerin niederließ. Helm ſah laͤchelnd ſeine Frau an, die gute Luſt hatte, den armen Feldberg ohne Umſtaͤnde fortzuſchicken. 128 Indem erſchien Amalie.„Holla, mein guter Freund,“ ſogte ſie, als ſie Feldberg erblickte;„ſo war es mit nichten gemeint, daß Sie unter meinen Zuhoͤrern ſein ſollten; daraus wird nichts, Sie begreifen es, wiſſen es— und muͤſſen die Guͤte haben, ſich zu empfehlen.“ „Wie? meine Freundin, ſind Sie jetzt freimuͤthig? ſind Sie billig? ſind Sie vergeltend? ſind Sie groß⸗ muͤthig?“— „Ah— h!“ rief Frau von Helm, als ſchoͤpfte ſie tief Athem;„bald ſind Sie auf der rechten Hoͤhe! Nun wohl, ob es billig, vergeltend, großmuͤthig iſt, davon iſt alleweile nicht die Frage; ob es in der Natur der Sache iſt, ob ich in Ihrer Gegenwart meinen Kindern Alles ſagen werde, was ich hinter Ihrem Ruͤcken ſagen wuͤrde, ob ich— o fort, fort mit Ihnen! Waͤre es denn nicht laͤcherlich, vor Ihnen von Ihnen zu ſchwa⸗ zen?“— Frau von Helm erroͤthete, die liebe Woͤchnerin und ihr Mann ſchauten neugierig auf, betroffen und ſcherzhaft zuͤrnend rief die Mutter:„Nun da haben wir's! Meinen ganzen Plan verderben Sie mir, und nun iſt den Kindern ſchon verrathen, was das Salz meiner Geſchichte ausmachen ſollte. Adieu, adieu!“ — Sie draͤngte Feldberg gegen die Thuͤre, indeß er ihre Hand hielt und an den Mund fuͤhrte und ſie dadurch glauben machte, er wolle ſich ihrem Willen fuͤgen. „Nein, Amalie,“ ſagte er, wie er zum Worte kommen konnte,„Ihrer Geſchichte wird an Inte⸗ reſſe nichts abgehen, wenn Sie mir erlauben, Ih⸗ ren Kindern zu ſagen, daß Sie meine innigſte, feu⸗ rigſte Liebe waren, daß eben das Gefuͤhl, welches mich 129 in meiner Jugend aus meinem Vaterlande vertrieb, mich vereinzelte, und langem, ſcheuem Ungluͤck hingab, jetzt meine ſtille Zufriedenheit, meinen Genuß, mein Band an die beſten, liebſten Menſchen ausmacht“ — Amaliens ſchoͤne Zuͤge wurden jetzt von einer Roͤthe uͤberſtralt, die den Reiz der Jugend zuruͤckzauberte. Feldberg ſah Thraͤnen in ihren Augen zittern; indem er ihre Hand losließ, ſprach er mit ehrerbietiger Zaͤrt⸗ lichkeit:„o meine Freundin, jetzt koͤnnte ich wirklich fortgehen— in dieſer Thraͤne, in dieſem Blick auf Ihre Kinder, in dem liebevollen Ausdrucke dieſer beiden gluͤcklichen Menſchen, laͤge Entſchaͤdigung— laͤge Be⸗ lohnung wenigſtens fuͤr das Entſagen, zu welchem Sie mich damals zwangen— ſoll ich alſo gehen, meine Freundin?“ „Wirklich, wie Sie wollen,“ erwiderte Frau von Helm;„etwas mehr oder weniger armſuͤndermaͤßig, wenn man einmal beichtet, kommt im Grunde doch auf Eins heraus—“ „Ich werde Ihnen aber heute zum erſten Male ſa⸗ gen, wie unbillig Sie waren—“ „Zu ſeiner Zeit, wenn ich es erlaube, auch das! — Jetzt bitte ich mir Stille aus.“ Sie ſetzte ſich, meiſt gegen Gertrudens Bett, und durch Zufall gegen Feldberg, der ſeitwaͤrts ſaß, mehr mit dem Ruͤcken gekehrt; Karl ſtand gelehnt am Kopfe des Bettes. „Sie werden es bezeugen, Feldberg: wie Sie in **† ſtudirten— ich war damals acht Jahre alt— galt ich fuͤr ein ſehr huͤbſches und geſcheites Maͤdchen, V. 9 130 und um ſo mehr, als meines Vaters Geſchaͤfte unge⸗ mein zu gluͤcken anfingen. Sie erinnern ſich vielleicht noch, wie er waͤhrend der vier Jahre Ihres Aufent⸗ haltes ſeine Ausgaben vermehrte, den Bau ſeines ſchoͤ⸗ nen Hauſes unternahm, mit immer groͤßerem Aufwande zahlreiche Gaͤſte bewirthete. Mein Vater hatte viel Handelsgeiſt; er hatte ſich durch viele Anſtrengungen und große Muͤhſeligkeiten bis zum Wohlſtande, und zu⸗ letzt bis zum überfluſſe durchgearbeitet— wenn er jetzt Andere eben das leiden ſah, was ihn gedruͤckt hatte, uͤberließ er es ohne ſonderliche Theilnahme ihrem Schick⸗ ſale, ob es ſie endlich ſo gut oder ſchlechter bedenken wuͤrde, als ihn das ſeinige bedacht hatte. Er war nichts weniger als geizig, ſetzte aber einen ſo hohen Werth auf das Geld, daß es nichts gab, was er nicht damit erkaufen zu koͤnnen glaubte. Er kaufte ſich alſo auch den Adel— das muß wol nach Ihrer Abreiſe geſchehen ſein— ſein Fabrikweſen uͤbergab er den Bruͤ⸗ dern meiner Mutter und ſchaffte ſich ein ſehr ſchoͤnes Landhaus an, wo er die Sommermonate zubrachte. „Meine Mutter kannten Sie, lieber Feldberg— ich habe nicht vergeſſen, daß Ihre erſten Worte, als Sie mich nach achtjaͤhriger Abweſenheit wiederſahen, ihr Andenken feierten. Sie war eine ſanfte, edle Frau; ſie hatte einen hellen Verſtand, dem keiner von den falſchen Schritten meines Vaters entging. Allein zu weich, um ſeine Handlungen zu leiten, ließ ſie es nur ihr taͤgliches Geſchaͤft ſein, jede uͤble Folge, die ſie hatten, beſtmoͤglich zu mildern. Am meiſten trieb ſie dies Geſchaͤft in Anſehung meiner und meines nachmals 131 verſtorbenen Bruders. Ich habe erſt ſpaͤt begreifen ge⸗ lernt, wie ſehr ſie leiden mußte, in meiner Erziehung den Keim der Verkehrtheiten entſtehen und pflegen zu ſehen, aus denen in der Folge mein— mein Nicht⸗ gluͤck erwuchs. Mit welcher Sorgfalt liebkoſte ſie dem wenigen Guten in mir, was das Schickſal erſt nach ſo vieler Muͤhe von ſeinen Schlacken gereinigt hat! Unter⸗ deſſen ſparte mein Vater keinen Aufwand, um jedes glaͤnzende Talent bei mir ausbilden zu laſſen, und ehe ich es noch in irgend einem zu einiger Fertigkeit gebracht hatte, wurde ich ſchon durch ſein ſchmeichelndes, von der Geſellſchaft, in der wir lebten, gefaͤllig nachgeſpro⸗ chenes Lob uͤberredet, daß ich den hoͤchſten Grad der Vollkommenheit erreicht haͤtte. „Dieſe verderblichen Eindruͤcke waren maͤchtiger, als das ſanfte Gegenſtreben meiner guten Mutter. Ich fuͤhlte zwar oft, daß ſie Recht hatte; wenn ich aber in den Augenblicken, wo mir Alles laͤchelte, auf ihren Ernſt und Tadel ſtieß, konnte ich, ſo mild beide wa⸗ ren, doch nicht umhin, ſie als freudeſtoͤrend zu em— pfinden. „Freilich gab es wol auch Augenblicke, wo die Wahrheit ſiegte. Ich erinnere mich, daß meine Mut⸗ ter mich zuweilen von meinen glaͤnzenden Beſchaͤftigun⸗ gen unmerklich und ſpielend an ihren Arbeitstiſch her⸗ uͤberlockte. Sie machte Hemdchen, Haͤubchen, einen gan⸗ zen Kram fuͤr arme Kinder, wie denn uͤberhaupt thaͤtige Froͤmmigkeit ein Zug dieſer ſchoͤnen Seele war. Wenn ich dann einen Nachmittag lang mit ihr gearbeitet, ja wol gar irgend eine Geſellſchaft, zu der ich berufen war, 9* 132 freiwillig daruͤber verſaͤumt hatte, ſo leitete es ihre lie⸗ „bende, fromme Abſicht dahin ein, mich fuͤhlen zu laſſen, wie viel lohnender es waͤre, in der Freude der armen Mutter, die ihr Kind gekleidet ſaͤhe, in der Behaglich⸗ keit des kleinen Geſchoͤpfchens, das nicht mehr von der Bloͤße litte, ein bleibendes Denkmal dieſes Abends ge⸗ ſtiftet zu haben, als wenn ich ihn in meinem gewoͤhn⸗ lichen Cirkel von Zerſtreuungen haͤtte verhallen laſſen. „Ich war bei ſolchen Gelegenheiten nicht ohne tiefe Ruͤhrung— aber wie wenig gelang es dennoch der ein⸗ fachen, himmliſchen Seele, mich dadurch zu ſich empor⸗ zuheben! Einmal an Außenſeite gewoͤhnt, miſchte meine Einbildungskraft fremdartiges Gepraͤnge hinzu: ich ſpielte in meinen eignen Augen die Rolle einer ſchoͤnen Wohl⸗ thaͤtigen; meiner Eitelkeit waren die Fluͤgel nicht beſchnit⸗ ten, und meine Vernunft gewann nichts. „Ich war ungefaͤhr in meinem vierzehnten Jahre, als mein Vater den Adel kaufte. Ich konnte bemer⸗ ken, daß meine gute Mutter ſich vielfaͤltig dagegen ſtraͤubte, und ich hoͤre noch, wie ſanft ſie unter Thraͤ⸗ nen mir zuſprach, mich zu der ſchweren Rolle tuͤchtig zu machen, die mir zuwachſen wuͤrde, wenn mein Va⸗ ter ſeinen Entſchluß ausfuͤhrte. „An einem von jenen ſuͤßen, zu ſpaͤt mir unver⸗ geßlich gewordenen vernuͤnftigen Abenden, trat mein Vater, halb beſchaͤmt, weil er meiner Mutter Geſin— nungen kannte, halb entzuͤckt, mit ſeinem Diplom in der Hand, in unſer Zimmer. Eine Frau, deren Mann in unſern Gaͤrten arbeitete, war im Kindbette; meine Mutter, die mir ein Recht verſchaffen wollte, dieſen 133 aͤußerſt armen Leuten zu helfen, hatte mich zur Pathin vorgeſchlagen und ließ mich ein artiges Taufzeug naͤhen: bei dieſer Arbeit ſchwatzte ſie freundlich mit mir— das iſt, ſagte ſie, eine traurige Barmherzigkeit von rei⸗ chen Leuten, die den Armen immer nur vom Stehlen oder Verhungern rettet. Die Vorſehung gab den Men⸗ ſchen Genuß als Sporn zum Guten, und wie oft ſe⸗ hen wir ihn ſogar als Zweck unſers Thuns an! Um aber Gottes Ebenbild auf Erden zu ſein, meine Ama⸗ lie, wollen wir dem Armen, ſo wir es vermoͤgen, nicht blos geben, daß er ſich im Schweiße ſeines An⸗ geſichtes Brot verdiene, ſondern wir wollen ihn zuwei⸗ len auch durch einen frohen Tag uns naͤher bringen, ihm ein beſſeres Bewußtſein, als das eines bloßen Laſt⸗ thieres, verſchaffen. So wird ſchon das Tauffeſt, und noch mehr der jedesmalige Anblick dieſes Waͤmschens, dieſes Haͤubchens, die armen Richters ergoͤtzen, und jedesmal wird die angenehme Erinnerung einen ſuͤßen Tropfen in den Kelch ihrer Muͤhſeligkeiten miſchen, und das hilft die Menſchen gut machen— ach, ſetzte ſie hinzu und faltete wie betend die Haͤnde, koͤnnte man nur Jedem, der im Begriffe ſteht, eine tadelnswuͤrdige Handlung zu begehen, ſogleich eine reine Freude in den Weg werfen, es wuͤrde viel weniger Boͤſes geſchehen. „Dies Geſpraͤch unterbrach mein Vater durch ſeinen Eintritt und begruͤßte mich als Fraͤulein Amalie. Meine Mutter ſenkte ihre Blicke auf ihre Naͤharbeit und ſchwieg. Er kuͤndigte eine Menge koſtbarer Ver⸗ aͤnderungen an, wie neue Equipage, Ameublements und dergleichen; mir gab er eine Boͤrſe mit zwanzig Louis⸗ 134 dors, um bei dieſer Gelegenheit meine Garderobe zu vermehren. „Dadurch war freilich die ſanfte muͤtterliche Weis⸗ heit bei mir verdraͤngt, und leider miſchte ſich dadurch auch dem milden Charakter der trefflichen Frau ein we⸗ nig Bitterkeit bei, ſodaß ſie weniger im Stande war, durch uͤberlegte Theilnahme der Eitelkeit, die jetzt in meinem Gemuͤthe die Oberhand Leidann⸗ ihren Spiel⸗ raum zu beſchraͤnken. „Sie litt viel, die gute Mutter; und meine erſte Freude war auch nicht von langer Dauer. Man ließ es meinen Vater gern empfinden, daß man den Ur⸗ ſprung ſeines Adels nicht aus den Augen verloͤre; er hingegen vergaß ihn nur zu oft und ſetzte ſich mancher Verlegenheit aus, die auch auf mich zuruͤckfiel. „Doch jung und ſchoͤn wie ich war, beſaß ich bei Maͤnnern einen vollguͤltigen Adelsbrief, und die Weiber vollends haͤtten mir darum faſt einen himmliſchen Ur⸗ ſprung beigelegt; denn ſie waren zuweilen verſucht, mir nicht nur Ahnen, ſondern gar Vater und Mutter ab⸗ zuſprechen. ⸗ „Dieſe Stimmung bei meinem Geſchlechte mußte mich natuͤrlicherweiſe von ſeinem Umgange entfernen, und ebenſo natuͤrlich mußte ich an der Geſellſchaft von Maͤnnern Vergnuͤgen finden— daraus entſtand in meinem Betragen etwas, das man nicht ſaͤumte, fuͤr Koketterie zu nehmen, ungeachtet es das damals noch nicht war: gern haͤtte ich die allgemeine Bewunderung fuͤr ein Weſen, das mich geliebt haͤtte, hingegeben; ein ſolches Weſen ſuchte ich unter der Menge meiner ſoge— 135 nannten Anbeter, und wenn ich, lebhaft fuͤhlend, ver⸗ zogen, zart, romantiſch, es nicht fand, ſo war mein Gutes daran ebenſo ſehr ſchuld wie meine Fehler. Indeſſen war es doch immer ein Zug mehr, der wie Koketterie ausſah, der zur Gewohnheit wurde und zu⸗ letzt wirklich mit einigem Rechte Koketterie heißen konnte. Mein Herz, das ſich nach Liebe geſehnt und theils keine gefunden, theils nicht verſtanden hatte, ſie zu fin⸗ den, hielt ſich endlich an kleine Senſationen, die noth⸗ duͤrftig ein tiefes Gefuͤhl beſchwichtigten; von dieſen naͤhrte es ſich kuͤmmerlich von einem Tage zum andern, indeß ſich meiner uͤberſatten Eitelkeit immer neue Spei⸗ ſen aufdraͤngten, und meine widerſtrebende Vernunft ein ſophiſtiſches Syſtem von Jugendgenuß zuſammen⸗ ſetzte, zu welchem ſie auf keinen Fall ſtark noch reif genug war. „Mein einziger Schutzgeiſt ward mir auch ent⸗ riſſen. Meine Mutter ſtarb— ich war ſiebzehn Jahre alt, als ich mich nun ganz mir ſelbſt uͤberlaſſen fand. Ein Gefuͤhl meiner Lage gaͤhrte verworren in mir, als eine neue Bekanntſchaft meinem Weſen neue Empfindungen beimiſchte——“ Amalie hielt hier inne; ſie ſah, halb muthwillig, halb geruͤhrt, auf ihre Kinder, die ſie ſtillſchweigend liebkosten, gleichſam zum Danke fuͤr ihre Erzaͤhlung und zur Bitte um die Fortſetzung. Feldberg hatte mit tiefer Aufmerkſamkeit zugehoͤrt; jetzt war ſein geiſtvolles Geſicht von einer brennenden Roͤthe uͤberfbogen— Wie Amalie immer noch ſchwieg, ſtand er auf, unentſchloſ⸗ ſen, ob er ſich nicht entfernen wollte; nun fing ſie 136 aber ihre Erzaͤhlung wieder an, und er ging leiſe im Zimmer auf und ab. 6„Zum erſten Male nach dem Tode meiner Mutter erſchien ich in einer zahlreichen Geſellſchaft. Wie meine Toilette vollendet war, konnte ich mir nicht verhehlen, daß ſie mir ſehr gegluͤckt waͤre. Die Veranlaſſung, wegen deren ich dieſes ſchwarze Gewand trug, regte zu⸗ gleich mein Gefuͤhl auf eine andere Weiſe auf. Die Neuheit des Wirrwarrs nach einigen in der Einſam⸗ keit verlebten Wochen, die ſchmeichelhafte Bewegung, die bei meinem Eintritt entſtand, der Gedanke, zum erſten Mal als Waiſe das Getuͤmmel der Welt wie— der vor mir zu haben— Alles trug dazu bei, mich in eine ſolche Ruͤhrung, in einen ſolchen Aufruhr der Em— pfindungen und Gedanken zu verſetzen, daß ich die An⸗ reden, mit denen man ſich zu mir draͤngte, kaum be⸗ antworten konnte. „Unter Andern ſtand aber ein Fremder vor mir und ſagte: wie freue ich mich, in dem Ausdrucke dieſer ſchoͤ⸗ nen Zuͤge zu leſen, daß unter dem ſchwarzen Gewande ein Herz ſchlaͤgt, welches die beſte Mutter betrauert! — Ich ſtutzte, denn des jungen Mannes Geſicht war mir ganz unbekannt. Er nahm beſcheiden wieder das Wort:„Ich heiße Feldberg— verzeihen Sie, daß die Lebhaftigkeit, mit der ich mich erinnerte, vor einigen Jah⸗ ren Ihrer Frau Mutter prophezeit zu haben, was Sie jetzt ſo ſchoͤn wahr machen, mich vergeſſen ließ, daß Ihnen der Weiſſager laͤngſt aus dem Sinne gekommen ſein mußte.“ „Feldberg war— nicht ſo liebenswuͤrdig als er jetzt 137 iſt; er war mit der Welt unzufrieden, weil er mehr taugte als die Welt, und doch war er nicht gut genug, um die Boͤſen zu bedauern und es dem Beſſern nach⸗ zuſehen, daß es nicht das Beſte iſt. Von unſerm Geſchlechte hatte er ſich ein Ideal ausgedacht, das er in ſeiner Geliebten realiſiren wollte. Das Ideal war aller Ehren werth, aber der Bildner war— wenigſtens ein Pedant.“ Feldberg hielt im Gehen Amalien gegenuͤber inne und machte ihr ſtillſchweigend eine tiefe Verbeugung. „Ein Pedant“— wiederholte ſie, ohne ihren Ton zu veraͤndern und gleichſam nur um den Faden ihrer Rede wieder anzuknuͤpfen:„noch an demſelben Abend ward ich hinlaͤnglich inne, daß ſich mein Gefolge um ihn ver⸗ mehrt hatte— ſo ſtolz war ich noch nie auf eine Er⸗ oberung geweſen; ein Mann, deſſen Juͤnglingsalter von acht Jahren her ein allgemein geſchaͤtztes Andenken zu⸗ ruͤckgelaſſen hatte, der jetzt auf die ehrenvollſten Bedin⸗ gungen, als ein noch ſehr junger Mann, in ein Lan⸗ descolleguum berufen war, das wenige Fremde unter ſeinen Mitgliedern zaͤhlte, der ſich als Gelehrter durch den feinſten Ton, als Weltmann durch die gruͤndlich⸗ ſten Kenntniſſe auszeichnete— „Aber, liebe Freundin, bedenken Sie doch nur ei⸗ nen Augenblick, wie des alten Feldbergs Beſcheidenheit gefoltert wird, wenn er ſeiner Jugend ſolche Ver⸗ dienſte..... 44 „Still, mein Herr! die Rede iſt nicht von Ihnen. Ich war mehr als geſchmeichelt; ich war mit furchtſa⸗ mer Freude beſorgt, die Achtung des Mannes zu feſ⸗ 138 ſeln, dem ich gefallen hatte. Ich ließ ihn in mein ungebildetes, vielleicht verkehrtes aber warmes Herz bli⸗ cken. Der Mann verſtand aber nicht, mich zu behan⸗ deln; voll ſehnlichen Verlangens nach einem Hafen fuͤr das unſtete Treiben meiner Empfindungen, ging ich unachtſam einen raſchen Schritt; er, neben einem war⸗ men Herzen im Beſitz eines kalten Sinnes, folgte ge⸗ meſſen einer ſteifen Methode. Feldberg erkannte die Ge⸗ walt, die er uͤber mich gewann; er ward mein Men⸗ tor, tadelte mich, gab mir Rath— ich folgte ihm gern; ich ergrimmte uͤber ſeine Vernunft und ehrte ſie, ver— ſagte mir Zerſtreuungen, erwarb mir Kenntniſſe, be⸗ kaͤmpfte Launen, brachte ihm tauſend kleine Opfer und hoffte jedes Mal, nun— nun ihn liebend, anbetend zu meinen Fuͤßen zu ſehen, um ihn wieder zu lieben, um endlich..“ „O Amalie!“ rief jetzt Feldberg, der mit der leb⸗ hafteſten Bewegung bisher zugehoͤrt hatte, und faßte ihre Haͤnde. Sie ſah ihn mit naſſem Auge und angenom⸗ mener Kaͤlte an.„Mein Herr,“ ſagte ſie,„verwech⸗ ſeln Sie hier nicht Geſchichte und Gedicht. Meinten Sie, meiner Erzaͤhlung eine dramatiſche Form zu ge⸗ ben, ſo haͤtten wir andere Abreden nehmen muͤſſen. Sogleich ex tempore eine Rolle zu ſpielen, die doch nicht zu den leichteſten gehoͤren wuͤrde, koͤnnte nur einer— ſehr ſchlechten Schauſpielerin zugemuthet werden.“ „Ja, ja! Nach zwanzig Jahren— und noch die⸗ ſer peinigende Wechſel von Gefuͤhl und Muthwillen!“ „Nach zwanzig Jahren?— Das war grob! Jetzt, Kinder, bittet einmal den Herrn, daß er ſchweigt, oder 139 en er's nicht laſſen kann, hinuͤbergeht und dem Bam— bino vordeclamirt; dort findet er ein geneigtes Publi⸗ cum, bei welchem ſeine artigen Complimente nichts auf ſich haben.“ Feldberg legte, demuͤthig ſich buͤckend, den Finger auf den Mund, und Frau von Helm fuhr fort. „Und conſequent zu ſein, vermochte der arme Pyg⸗ maleon doch nicht; wenn er ſein Werk betrachtete, ver⸗ gaß er oft, daß es nur erſt rohe Materie war, und ſtand davor, in Entzuͤcken verloren. Da vermaß ſich dann die Statue wol auch, ſolche Augenblicke ein klein wenig zu merken, und ein ziemlich uuartiges Maͤd⸗ chen zu ſein und ſich raͤchen zu wollen an ſeiner ſyſte⸗ matiſchen Kaͤlte, an ſeiner pedantiſchen Gewalt uͤber ſein Herz—“ „Darf ich reden?“ unterbrach jetzt Feldberg noch einmal. „Um mir zu widerſprechen?— Nein, noch nicht; vielleicht nachher—— Mein Bruder ſtarb, und ich war nun die einzige Erbin von meines Vaters ſehr an⸗ ſehnlichem Vermoͤgen. Ich hatte meinen Bruder ge⸗ liebt und beweinte ihn, noch mehr aber beweinte ich ihn, als mir mein Vater erklaͤrte, jetzt koͤnnte er auf einen Schwiegerſohn Anſpruch machen, der mir an Rang und Ehre Alles gaͤbe, was er mir mit Geld allein nicht ver⸗ ſchaffen koͤnnte. „In der Zeit, wo ſich mein Vater mit dieſen Ge⸗ danken trug, lernte ich Ihren Vater kennen, lieber Karl. „Sie wiſſen, daß ich ſein Andenken ehre, daß ich ſeine Tugenden immer zu ſchaͤtzen wußte. Ich darf 140 glauben, daß ich ihm nicht in den Weg zu einem hoͤ⸗ hern Gluͤcke getreten bin. Sie ſind aber ein Mann und rechnen es nicht zu den kindlichen Pflichten, auf die unfehlbarkeit ſeiner Ältern zu ſchwoͤren. Ihr Vater be⸗ ſaß bei vielen Kenntniſſen ein gutes, ja oft ſehr edles Herz; aber als letzter Zweig einer alten Familie, die auf ihren Namen um ſo mehr hielt, als ſein Glanz nicht durch Gluͤcksguͤter erhoͤht wurde, war er von Ju⸗ gend auf verzogen worden. Seine wirklich ausgezeich⸗ neten Faͤhigkeiten wurden fruͤhzeitig bewundert; aber ſeine Ältern bildeten ſie gerade nur ſtandesmaͤßig aus: alles Solidere, was er beſaß, verdankte er einer gluͤck⸗ lichen Zuſammenſtimmung von Umſtaͤnden, die den Ehrgeiz in ihm erregt hatten, ſich durch eignes Ver⸗ dienſt hervorzuthun. Er war noch jung, als er ſchon anfing, dem Staat in anſehnlichen Ämtern zu dienen; er ſtellte den erloͤſchenden Glanz ſeiner Ahnen wieder her. Aber dieſe Selbſtbildung unter alltaͤglich verkehrten Leuten hatte auch ihr Schaͤdliches gehabt. Es war etwas Weichliches in ihn gekommen, und da Andere ihn vollkommen fanden, und er ſich wahrer Tugenden bewußt war, lernte er ſich zu vortheilhaft beurtheilen. „Er war gereiſt, hatte gelebt, hatte ziemlich ſpaͤt zum erſten Mal geheirathet; durch ungluͤckliche Zufaͤlle war Ihre wuͤrdige Mutter um ihr anſehnliches Erbe gekommen: ſie hatte ihn im vierzigſten Jahre als Wit⸗ wer und ohne Vermoͤgen zuruͤckgelaſſen. Ihm that das wenig; da er Alles, was ihn anging, ſich auf einem erhoͤhten Geruͤſte gleichſam hiſtoriſch vorzuſtellen pflegte, ſah er die Zukunft ſeiner Kinder unter dieſen Umſtaͤnden 141 nur in einem intereſſanten Lichte. Junge Leute, die bei der edelſten Geburt durch ihres Vaters und ihre Verdienſte allein zu glaͤnzen haben werden! ſo dachte er, und fing ſchon an, Weltbuͤrger aus ihnen zu bil⸗ den. Die Familie dachte aber anders; ſie ſeufzte, daß die letzten Zweige eines ſolchen Stammes vielleicht als Krippenreiter und Geſellſchaftsfraͤulein wuͤrden verderben muͤſſen. Da war beſonders eine alte Tante— Sie haben ſie nie gekannt— dieſe hatte eine edle betagte Wittib mit ungeheuerm Vermoͤgen in Bereitſchaft, wel⸗ che durch eine Heiratth mit Ihrem Vater das Öl in die erloͤſchende Adelslampe liefern ſollte—“ Feldberg ſah ernſthaft aus; Amalie erroͤthete und fuhr fort. „Sie waren damals vier Jahre alt, und Ihre Schweſter ſechs. Ich traf Sie eines Tages in dem rſchen Garten. Ihre Lebhaftigkeit freute mich. Sie ſchleuderten Steine in den Teich; bei einem ungeſchick⸗ ten Wurf mit einem zu ſchweren Steine verloren Sie das Gleichgewicht, Sie fielen auf den groben Kies am Ufer und bluteten ſtark an der Stirne. Ich eilte auf Sie zu; indeß Sie und Ihre Schweſter gewaltig ſchrien und ihre franzoͤſiſche Mamſell wie eine Gans ſchnatterte, wuſch ich Ihre Stirne, legte etwas Balſam darauf, den ich bei mir hatte, und ſo mit dem arti⸗ gen Knaben beſchaͤftigt, war ich leider nicht ganz ohne ein gewiſſes Bewußtſein, daß ein ſchoͤnes junges Maͤd⸗ chen, die ſich eines blutenden Kindes ſo thaͤtig annaͤh⸗ me, ein huͤbſches Tableau geben muͤßte. Auf einmal hoͤrte ich Ma Bonne eine Octave tiefer ſchnattern: 1 142 ſie war mit einem feinen Manne im Geſpraͤch, der auf mich zuging, den Knaben bei der Hand nahm, und mir einige verbindliche Worte ſagte, aus denen ich erſt klug wurde, als ich das Junkerchen weinerlich rufen hoͤrte: Papa, ma bonne a bien vu que ce m'etait pas ma faute. „Auf dieſe Art alſo lernte mich Herr von Helm kennen. Der Auftritt beſtimmte wahrſcheinlich mein ganzes Schickſal. Ich gefiel Ihrem Vater, und es ward ihm leicht, mir alle Tugenden beizulegen, die ſeine Gattin, die ſeiner Kinder Mutter haben ſollte. Als ſeine Abſichten merklich wurden, frohlockte mein Vater und ich— brachte bald Feldberg auf durch gefliſſentlichen Leichtſinn, bald verwirrte ich ihn durch die natuͤrliche Er⸗ gießung meines Gefuͤhls, oder befremdete ihn durch Kaͤlte: kurz, ich that Alles, um ein Geſtaͤndniß von ihm zu erhalten, das mich in den Stand geſetzt haͤtte, einen Willen zu haben. Um eine Heirath mit dem Praͤſi⸗ denten zu fuͤrchten, war ich zu eitel, zu gewohnt, Rang und Titel als etwas Vorzuͤgliches zu ſchaͤtzen. Uberdem war Ihr Vater ein Mann, deſſen Aufmerkſamkeit in man⸗ chem andern Betracht ſchmeicheln mußte, und da ich mich mit allem Unangenehmen wenig abzugeben pflegte, drang ich in die Urſachen einer Abneigung, die ich im Hintergrunde meines Herzens ſpuͤrte, eben nicht ein. „Fuͤr Feldberg war mein Gefuͤhl zu wenig einfach, um Leidenſchaft zu ſein. Es ſetzte ſich zuſammen, erſt⸗ lich auch aus Eitelkeit, dann aus Eigenſinn, dieſen Menſchen unterjochen zu wollen, aus Achtung— und 143 ſo waͤre es dann wol Liebe geworden, wenn— wenn es alſo haͤtte ſein ſollen. „Ihre obbemeldete Tante, lieber Karl, hatte ihres Bruders haͤufige Beſuche in unſerm Hauſe erfahren und von den Vermuthungen der Stadt uͤber ſeine Ab⸗ ſichten Wind bekommen. Sie ſchauderte vor dem Ge⸗ danken einer ſolchen Misheirath, die ihr uͤberdem auch aus perſoͤnlichen Gruͤnden verhaßt war, weil ihr Mann mit meinem Vater in Geſchaͤftsverhaͤltniſſen geſtanden hatte, bei denen Ihre Frau Tante— leider, wenig⸗ ſtens nicht gewann. „Ich kannte die Stimmung der Frau von 3. ge⸗ gen mich, und war alſo unangenehm betroffen, als ich ſie eines Abends ganz unerwartet in einer großen Ge⸗ ſellſchaft fand, die ihr Bruder, wie ich wußte, dieſen Tag nicht beſuchen konnte. In dem, fuͤr die kindliche Achtung peinigenden, Falle, mit Menſchen zuſammen⸗ zukommen, die in Geſchaͤften mit meinem Vater den Kuͤrzern gezogen zu haben meinten, hatte ich mich ſchon oͤfters befunden, und es war mir meiſtens ſchwer ge⸗ worden, in meine Hoͤflichkeit gegen ſie nicht ein gewiſ⸗ ſes wehmuͤthiges Gefuͤhl zu legen, das ſie leicht mis⸗ deuten konnten. „Frau von 3. draͤngte ſich zu mir, uͤberhaͤufte mich mit Schmeicheleien aller Art, zog mich in einen Zirkel von Verwandten und— fing nun an, mich auf die unbarmherzigſte Weiſe zu perſifliren. Ich war Anfangs bei dieſer Frau blos mit meiner eignen Empfindung, die ihr zu guͤnſtig war, um ſich eines ſolchen Angriffs zu verſehen, beſchaͤftigt. Zudem war ich zu jung und 144 hatte zu wenig eigentliche Erfahrung von der Welt, um ſogleich einzuſehen, was man mit mir vorhatte. Ich fuͤhlte mich lange unbehaglich, ehe ich die Bedeu⸗ tung des Geſpraͤchs verſtand, und kam erſt dahinter, als Feldberg, der zu uns getreten war, uͤber das Betragen der Frau von 3. hoͤchſt unwillig, mich mit eben den Waf⸗ fen vertheidigte, mit denen ich angegriffen wurde, und ſo wenigſtens ihre Aufmerkſamkeit von mir abzuziehen ſuchte. Das war aber nicht ſo leicht. Sie hatte dieſe Geſellſchaft, in welche ſie ſonſt nicht kam, abſichtlich beſucht, um das Geſchoͤpfchen da anzutreffen, welches ſo viel Unheil in ihrer Familie anſtiften wollte, und da ſie es wirklich etwas gefaͤhrlich fand, ſollte es nun einen Begriff erhal⸗ ten, welche Aufnahme es in derſelben zu erwarten haͤtte. „Waͤhrend ſie, weil ihre Abſicht durch Feldbergs Dazwiſchenkunft zum Theil vereitelt war, noch boshaf⸗ ter wurde, verlor ich, ſobald ich dieſe Abſicht verſtand, alle Faſſung. Doch ſchlug ſie Feldberg, der ohne Lei⸗ denſchaft ſpottete, endlich aus dem Felde. Er half mir den Zirkel verlaſſen, und ich eilte ſobald als moͤglich, von ihm begleitet, nach Haus. „Kaum hatte ich den Geſellſchaftsſaal verlaſſen, ſo brach ich in Thraͤnen aus. Ich fuͤhlte die unverdiente Demuͤthigung ſehr bitter, ſah in Feldberg meinen Schutz⸗ engel— da ergoß ſich vor ihm ein ganzes eitles, ge⸗ kraͤnktes, gutes Herz, ein Herz, das gern geliebt haͤtte, und das der kalte Menſch um ſeines ſelbſtiſchen Plans willen— wie denn?— zappeln ließ—“ „Nein, nicht ein Wort weiter“— unterbrach Feld⸗ berg haſtig;„ich muß mich rechtfertigen!“ — 145 „Jetzt nicht,“ erwiderte Amalie ruhig,„und recht⸗ fertigen nie; daß ich meinen Freund Feldberg an⸗ hoͤren laſſe, wie ich einſt meinen Liebhaber Feldberg beurtheilte, iſt der ſicherſte Beweis, daß dieſer nur eine hiſtoriſche Rolle ſpielt, wie Seneca, oder Marc Aurel, oder welchen großen Stoiker des Alterthums Sie ſonſt wollen. Bleiben Sie ruhig, Feldberg; die Reihe wird endlich ſchon an Sie kommen, Ihre Memoiren herauszugeben. „Einen peinlichern Abend, eine kummervollere Nacht, hatte ich noch nie zugebracht; ja kaum ſeit⸗ dem eine. Ich war ohne Leidenſchaft, und doch in al⸗ len Winkeln meines Herzens zerquetſcht. Eitelkeit, Stolz, Gutherzigkeit, Vertrauen und das bischen Liebe in mir waren gleich gekraͤnkt. Der Morgen kam, und ehe es Mittag war, hatte mich mein Vater rufen laſ⸗ ſen, um mir anzukuͤndigen, daß der Praͤſident ſoeben um meine Hand angehalten haͤtte und dieſen Abend mein Jawort holen wuͤrde. „Bedenkt meine Jugend, und daß Alles, was mich umgab, mich immer von der Kenntniß und der Bil⸗ dung meines Herzens abgehalten hatte; bedenkt, meine Kinder, daß ich meinen Leichtſinn durch ein verfehl⸗ tes Leben gebuͤßt habe. Ich dachte mir nur meinen Triumph uͤber die boshafte Tante, nur meine Rache an Feldberg: ich antwortete meinem Vater, ich wuͤrde gehorchen. „Ihr Vater, mein guter Karl, erwaͤhnte des geſtri⸗ gen Auftritts, bat mich, ihm zu erlauben, daß er mich an eine Stelle ſetzte, wo ſeine Schweſter Gelegenheit V. 10 haben wuͤrde, ihre Unart wieder gut zu machen. Ich fuͤhlte einen Stich ins Herz— und ward Braut. Meine Verbindung wurde drei Tage darauf in einer großen Geſellſchaft, die mein Vater gab, bekannt⸗ gemacht. Der Triumph uͤber den Augenblick, wo Feld⸗ berg ſie erfahren wuͤrde, war mir in den drei Tagen vergangen. Er kam in dieſe Geſellſchaft, und ich gluͤhte vor Scham, als mir der ſtrenge Mann Gluͤck wuͤnſchte, zu einer Verbindung Gluͤck wuͤnſchte, die nur Eitelkeit und Leichtſinn geknuͤpft hatten—“ „O jener Abend!“ rief Feldberg, und Amalie ſchwieg —„darf ich nun reden? Jener Abend, der das Grab meiner Wuͤnſche ward! Darf ich endlich Ihnen ſagen, wie groß Ihr Unrecht war, und wie richtig Sie mich dennoch beurtheilten? Ich hatte keinen Adel, aber ein Amt, das mich in der Geſellſchaft dem Adel gleichſtellte; mein Ruf, ich durfte es mir eingeſtehen, gab mir vor dem Publicum ein Recht, die Hand des ſchoͤnſten Maͤdchens zu ſuchen, und mein Vermoͤgen er⸗ laubte mir, auf ein reiches Maͤdchen Anſpruch zu ma⸗ chen. Als ich Sie aber kennen lernte, meine Freundin, traten dieſe Betrachtungen in den Schatten andrer, die meinem Herzen und meiner Vernunft naͤher waren. Ich fand ein weibliches Geſchoͤpf, mit allen Anlagen ge⸗ ſchmuͤckt, das durch Umſtaͤnde in Gefahr war, weder gluͤcklich zu werden noch gluͤcklich zu machen. Ich war kein Knabe mehr; ich hatte geliebt und war be⸗ trogen worden: jetzt ſtrebte ich danach, den Gegen⸗ ſtand meiner Liebe ewig zu verehren, ihm mei⸗ nen ganzen ſittlichen und buͤrgerlichen Werth in die 147 Haͤnde zu legen. War es mir zu verdenken, wenn ich zoͤgerte, unterſuchte, deſto ſtrenger unterſuchte, je leb⸗ hafter ich fuͤhlte, daß ich als erklaͤrter Liebhaber dieſe Gewalt uͤber meine Liebe nimmer wuͤrde behaupten koͤnnen? „Ich war gluͤcklich in dieſeem Kampfe,“ fuhr Feld⸗ berg fort,„gluͤcklicher als Pygmalion; denn ich flehte von keiner Goͤttin Leben in das todte Gebilde: bei der leiſeſten geiſtigen Beruͤhrung ſpruͤhte ja himmli⸗ ſches Feuer aus dem ſchoͤnſten Stoff; wie oft, wenn ich Sie im Geſpraͤch mit mir, ſich ſelbſt unbewußt, von Ihrem reizenden Leichtſinn zu der Außerung des feinſten Gefuͤhls, des reinſten Sinnes fuͤr das Gute fuͤhrte, verbarg ich den Drang, Ihnen meine Liebe zu geſtehen, hinter eine Mentorsmiene! Wie oft mußte ich das ABC meiner Weisheit hervorſuchen, um in andern Augenblicken die Kaͤlte, mit welcher Sie mich, die maͤdchenhafte Gefaͤlligkeit, mit der Sie Andere auf— nahmen, zu ertragen! „An jenem Abend, wo Frau von 3. jedes weibliche Gefuͤhl und jedes Geſetz der geſellſchaftlichen Hoͤflichkeit mit ihrem giftigen Aufziehen eines jungen, unerfahr⸗ nen, ſchutzloſen Maͤdchens verletzte: o meine Freundin, Sie mußten von Ihren eignen Gefuͤhlen ſo hingeriſſen, ſo uͤberwallend voll ſein, um meinen Kampf bei dem lieben Ausbruch Ihres Schmerzes nicht zu bemerken! Wie offen, wie achtungswerth, wie edel erſchienen Sie mir in dieſem Augenblicke, der ein gemeines Weſen Ihres Geſchlechts ſo blosgeſtellt haͤtte! 10* 148 „Nun glaubte, nun hoffte ich, Sie gluͤcklicher ma⸗ chen zu koͤnnen, als es eine glaͤnzendere Ausſicht, die ein Anderer Ihnen etwa boͤte, vermoͤgen wuͤrde. An jenem Tage aber war ich zu ſtolz, mein Schickſal und das Ihrige waren mir zu heilig, als daß ich Sie in einer Aufwallung gekraͤnkter Eitelkeit haͤtte uͤberraſchen wollen. Deswegen ſchwieg ich, belohnt fuͤr die Ge⸗ walt, die ich mir anthat, durch den Vorſatz, die naͤchſte Gelegenheit zu benutzen, um— Ihnen die Unſtraͤflich⸗ keit Ihres lieben Leichtſimns und mir das Recht, Sie vor deſſen Folgen zu ſchuͤtzen, zuzuſichern.“ „Ich wollte, Sie ſcherzten nicht,“ unterbrach hier die junge Woͤchnerin, indem ihre bisher von Ruͤh⸗ rung glaͤnzenden Augen etwas Unwillen ausdruͤckten; „auf dieſem Wege mußte uns das Schickſal die ge⸗ liebteſte Mutter zufuͤhrenz aber Ihr Maͤnner, o Ihr Maͤnner!“ „Nicht ſcherzen? erwiderte Feldberg.„Auch nicht, wenn ich ſcherze, um— um meinem jungen Freunde hier ein Beiſpiel zu geben— das er nie nachzuahmen haben moͤge—, wie man unwiederbringlich veriornen Gluͤcks gedenken ſoll?“ „Genug,“ fiel Amalie ein,„genug, Feldberg! Jen⸗ ſeits des Styx erzaͤhlt man ſich nur; man leidet, empfindet, handelt nicht mehr.“ „Aber vor Minos' Thron darf auch der ſchuldigſte Schatten ſich vertheidigen.“ „Sie verkennen den Unbeſtechlichen— fahren Sie fort.“ Feldberg beugte ſich vor dem komiſchen Richterernſt 149 auf der Stirn ſeiner Freundin und gehorchte.„Mit Traͤumen von der ſchoͤnſten Zukunft war ich beſchaͤftigt, als mich ein Freund, der einige Meilen von der Stadt gefaͤhrlich krank lag, dringend zu ſich berief. Zwei Tage mußte ich bei ihm zubringen. Es war faſt Abend, als ich zuruͤckkam. Ich fand eine Einladungskarte von Ihrem Vater; ich hatte nur die Zeit mich anzukleiden und eilte nach Ihrem Hauſe. Eine zahlreiche Geſell⸗ ſchaft iſt ſchon dort verſammelt; auf den erſten Blick unterſcheide ich Amalien im ausgeſuchteſten Putz; ne⸗ ben ihr der Praͤſident: eine Ahnung ſteigt in mir auf; einer von den Anweſenden, der mich unentſchlof⸗ ſen ſtehen ſieht, fragt mich, ob ich dem Brautpaare ſchon Gluͤck gewuͤnſcht habe? „O Amalie, ich ſah Sie erblaſſen, in dem Au— genblick, wo ich zu Ihnen trat; hoͤrte ihre Stimme, ſanfter als ſonſt, ſanfter als je, zu mir ſagen: ich weiß, daß Ihnen mein Gluͤck werth iſt!— Was ich ſprach, was ſonſt vorging, davon iſt mir keine Erin⸗ nerung geblieben. Ich zwang mich, der Geſellſchaft anzugehoͤren. Auf Ihrer Stirne ſchwebte eine Wolke, Helm ſchien in ſeiner Gluͤckſeligkeit verſchmolzen. Ich ſchuͤtzte die Muͤdigkeit von meiner kleinen Reiſe vor, um mich nach einer Stunde zu entfernen. „Drei lange Wochen kaͤmpfte ich. Umſonſt! Ich konnte nicht laͤnger ausdauern an dem Orte, wo Ama⸗ lie, berauſcht vom Taumel der Geſellſchaft, ſich ſelbſt entriſſen durch die Bewunderung, die ſie umgab, ver⸗ geſſen hatte— ihre weibliche Wuͤrde und das liebende Herz eines Mannes vergeſſen hatte!— Mein aͤlterer 150 Bruder, der unſer Vermoͤgen verwaltet hatte, ſtarb in dieſer Zeit: jetzt hatte ich einen Vorwand; ich nahm meinen Abſchied und verließ Deutſchland, wie ich glaubte, auf immer.“ „Wahrlich, Feldberg,“ ſagte Frau von Helm, „das ahnete ich nicht. Ich hielt Sie fuͤr einen gefuͤhl⸗ vollen Pedanten und glaubte endlich gar, das Gefuͤhl ſtuͤnde bei Ihnen der Pedanterie ſo ſehr nach, daß Sie mein Herz Ihrer Menſchenkunde aufopferten; aber unſer Weibchen hier moͤchte ruhen, und der dicke Bube moͤchte eſſen; wir wollen alſo unſere Erinnerungen ein wenig beiſeite ſetzen und dieſer ſehr reellen Gegenwart ihr Recht laſſen.“ Man fand ſich einen andern Abend wieder zuſam⸗ men. Da ſaß die junge Frau mit ihrem Knaben am Buſen im freundlichen Zirkel. Feldberg ſtand am Ka⸗ min und las Zeitungen. Amalie machte ein Haͤubchen fuͤr den Kleinen, dem man es faſt zum moraliſchen Verdienſt anrechnete, ſchon in den erſten acht Tagen ſeines Lebens aus dem ihm vor Anbeginn ſeines irdi— ſchen Daſeins beſtimmten Muͤtzchen herausgewachſen zu ſein.—„Da, liebe Mama,“ ſagte Gertrude, nach⸗ dem ſie ſich heimlich mit ihrem Mann beſprochen hatte, „da,“ ſagte ſie leiſe und entzog ſachte dem Knaben die Bruſt;„der Kleine ſchlaͤft, ich brauche keine Ruhe, und unſer liebes Muͤtterchen merkt wohl, wie ſehr mich 151 zu wiſſen verlangt, warum ſie ſo gut, ſo gut, und doch nicht gluͤcklich war.“ „Liebe Seele!“ erwiderte Amalie;„ſo gut und doch nicht gluͤcklich? Weil wir zum Theil unſers Schick⸗ ſals Werkmeiſter ſind; und um es ſehr gebrechlich und verkehrt aufzubauen, braucht es nicht einmal Bosheit — o die reinſte Guͤte koͤnnte an der Strafe ihrer Feh⸗ ler verſchmachten! Und das war mein Fall nicht; ich hatte nicht aus Guͤte gehandelt: aus Leichtſinn, Unerfahrenheit, Eitelkeit hatte ich uͤber das Loos mei⸗ nes Lebens entſchieden— „Doch was entſcheidet denn gewoͤhnlich unſer Loos in der Ehe?— Unſrer Ältern Weisheit? Die kann unſer Herz nicht bedenken. Vernunft? Welcher trau⸗ rige Wahlmann, wo es darauf ankommt, zwei Men⸗ ſchen zu einem Verhaͤltniſſe zu vereinen, welches ſo ſchwer, ſo ernſt, ſo dauernd iſt, daß nur Liebe, die Alles traͤgt, es ertragen kann! Alſo Leidenſchaft? Und wenn die Flamme verloͤſcht, wie ſie verloͤſchen muß, weil ſie aus irdiſchem Stoffe entbrannte?— Was ſoll uns aber ſchuͤtzen, retten, uns, die wir in dieſem Ver⸗ haͤltniß nicht unſer Gluͤck allein, ſondern unſern ganzen Werth niederlegen mußten? Der ungluͤckliche Gatte, ja der ſchuldige Gatte kann noch Freund, noch Buͤrger, ſogar Vater koͤnnte er noch ſein. Wir ſind nichts, wenn wir nicht gluͤckliche Weiber ſind; Selbſtachtung, Muth, Duldung, Alles verſchwindet, und wir verſinken in Er⸗ niedrigung, oder kaͤmpfen den zerſtoͤrenden Kampf zwi⸗ ſchen Gewiſſen und Herz. „Was ſoll uns alſo retten?— Nur Eines, meine * 152 Kinder: nur deutliche Anſicht unſrer Pflichten als Gat⸗ tinnen und Muͤtter in ihrem ganzen Umfang. Ein Maͤdchen, das ſich fruͤhzeitig gewoͤhnt hat, dieſe Pflich⸗ ten in allen ihren Theilen, ohne falſche Scham, mit allem Ernſt, den der Gegenſtand gebietet, zu uͤberlegen, frage ſich alsdann: wirſt Du auch Muth haben, dieſe Pflichten alle durch deine Verbindung mit dieſem Manne zu uͤbernehmen? Aber nicht blos einmal, und dann ein ander Mal nicht, nicht ſtuͤckweiſe und in Augenblicken leidenſchaftlicher Spannung, ſondern zuſammenhaͤngend, mit gleicher Aufmerkſamkeit auf alle Schritte des Le⸗ bensganges, auch nicht jene heroiſchen, tragiſchen Pflich⸗ ten allein, ſondern alle die kleinen Obliegenheiten des haͤuslichen Beiſammenſeins; ich koͤnnte einen Mann Monate lang in der beſchwerlichſten Krankheit pflegen, ihn mit heldenmuͤthiger Selbſtverleugnnng, mit unaus⸗ geſetzt zaͤrtlicher Theilnahme behandeln, waͤhrend es mir unmoͤglich waͤre, ohne Widerwillen mit ihm zu fruͤh⸗ ſtuͤcken, waͤhrend er mir die Galle erhitzte, ſo oft ich ihn ſeine Nachthaube aufſetzen ſaͤhe. An die Misge⸗ ſtalt eines Mannes kann ſich eine Frau gewoͤhnen; aber ein ſchoͤner Mann kann ihrer Achtung den erſten Stoß geben, wenn er mit Pantoffeln, Schlafrock und Nachtmuͤtze im Hauſe umherſchlendert. „Ihr findet wol, ich misbrauche mein Privilegium als Großmutter. Genug des Geſchwaͤtzes, und will's Gott, meine Geliebten, des uͤberfluͤſſigen Geſchwaͤtzes! Vergeßt es aber nicht, haltet es werth und heilig, dies ewige Jugendmittel der Liebe: ſorgſame Feinheit im haͤuslichen Umgange. Der kleine Zwang macht es 153 allein moͤglich, die Ehe vor Ausartung in erniedrigende Gemeinheit zu verwahren; gute Eheleute ſchuͤtzt er vor Vergroͤberung ihres Gluͤcks, zwiſchen ungluͤcklichen erhaͤlt er Anſtand und aͤußere Achtung, die nicht Heuchelei iſt und alſo einen Grad von innerer vorausſetzt; dies letzte habe ich oft erfahren. „Ich war alſo Braut. Fuͤr ein gutes, unſchuldi⸗ ges, leidenſchaftliches Maͤdchen iſt die Seligkeit dieſes Zuſtandes ziemlich zweideutig. Waͤre die Eitelkeit nicht geweſen, ſo haͤtte ich ihn nur traurig empfinden koͤnnen, oder mein Schickſal wuͤrde eine ganz andere Wendung genommen haben. Alles, was mich umgab, wirkte auf mich wie ein Traum. Ich fand den Traum wol er⸗ goͤtzend, aber er hatte doch Augenblicke, die an Erwa⸗ chen grenzten. Ihr vermuthet ſchwerlich, welches dieſe Augenblicke waren: ganz beſonders die einfaͤltigen, frommen Gluͤckwuͤnſche einiger Hausbekannten von der niedrigern Claſſe, wie Handwerker, Naͤherinnen und dergleichen. Eine ſagte mir mit einem andaͤchtigen Blicke gen Himmel: ach, daß die gnaͤdige Frau Mama die Freude nicht erlebten. Ein gutes altes Muͤtter⸗ chen ſeufzte: nun, Gott gebe Ihnen Freude an Ihren Kindern, wie Ihre wohlgebornen Ältern an Ihnen hat⸗ ten. Lacht nur nicht! Die albernen Worte gaben mir einen ernſten Fingerzeig auf meine Zukunft, waͤh⸗ rend alles Übrige um mich her nichts als Schaum und Tand war: der Aufwand, den mein Vater machte, die Schmeicheleien meines Braͤutigams, die feinern oder groͤbern Zweideutigkeiten in den Gluͤckwuͤnſchen unſerer maͤnnlichen Bekannten. Doch auch die letztern reg⸗ 154 ten mich auf eine andere Weiſe in meinem Traume an. Sie ſtellten mir die Verbindung, die ich eingehen ſollte, in ein von mir noch unbedachtes Licht. Ich ſchauderte und ſcheute den Mann, dem ich auf eine mir unbekannte Art angehoͤren ſollte. „Mein Gefuͤhl rettete ſich hinter eine dunkele Ideen⸗ verbindung. Ich fing an, Herrn von Helm viel uͤber ſeine Kinder zu befragen, die in dieſer Zeit auf dem Lande waren. Mein Wunſch, ſie bald zu ſehen, machte ihn verlegen; ich brachte heraus, daß er ſie dem Adelſtolze ſeiner Verwandten geopfert hatte. Julie war der Frau von 3. uͤbergeben, und Sie ſollten nach Kol⸗ mar geſchickt werden. Ihr Vater wendete alle Feinheit an, um das Demuͤthigende dieſer Abfindung mit ſeiner Schweſter vor mir zu verbergen; ich empfand es aber ſehr bitter. „Haͤtte ich weiſen Rath gehabt, ſo haͤtte mein mit Recht gereiztes Gefuͤhl auf einen guten Weg geleitet werden koͤnnen; allein wie ich war, verfehlte ich ihn. „Von dem wehmuͤthigen Gedanken: ich wuͤrde die Kinder geliebt haben, ging ich zum herzlichen Haſſe gegen die Familie des Herrn von Helm uͤber; ſie dieſen empfinden zu laſſen, wußte ich nichts Beſſeres, als mei⸗ nen Mann ganz zu feſſeln und allgemeine Bewunderung zu erwerben. Nach der Hochzeit machte ich der Frau von 3. meinen Beſuch, ſuchte ſie durch meinen glaͤn⸗ zenden Anzug zu aͤrgern und Juliens Herz, ſo geſchickt als es mir in der kurzen Zeit moͤglich war, zu gewin⸗ nen. Die Kleine fand die junge, lebhafte Mama, die ihr eine Menge Bonbons und eine Puppe mikbrachte, 155 die ſo ſchoͤn und geſchmackvoll angezogen war, als die Mama ſelbſt, viel liebenswuͤrdiger als die graͤmliche Tante. Als ich Abſchied nahm, wollte ſie mit mir gehn; ich ließ gegen die theuere gnaͤdige Schwaͤgerin ein beißend empfindſames Schwaͤrmerchen fliegen und ſtieg mit kin⸗ diſchem Triumphe in den Wagen. „Mit Ihnen, Karl, ging es anders. Sie waren ein ſchoͤner, trotziger Knabe, verzogen, aber nicht ver⸗ zaͤrtelt, abgehaͤrtet, ohne roh zu ſein. Sie erkannten das huͤbſche Fraͤulein, das Ihnen Balſam auf die Stirn geſtrichen hatte. Sehen Sie, es iſt geheilt! ſagten Sie und wieſen mir Ihre glatte Stirn. Ich liebkoſte Ihnen faſt wehmuͤthig, denn Ihre Tante war nicht da, und dieſer Augenblick machte mir Ihren Va⸗ ter lieber, als er mir noch je geweſen war.„Nimm dich aber in Acht, daß Du nicht wieder faͤllſt.“—„Haben Sie noch von dem Balſam?“—„Gewiß.“—„Nun ſo ſollen Sie mich auch wieder heilen.“— Und dabei ſchlangen Sie Ihre Arme um mich. „Sie reiſten ab, und fuͤr Alles blieb mir nur Ei⸗ telkeit zum Erſatz. So lebte ich einige Jahre in nichts⸗ bedeutenden Zerſtreuungen. Herr von Helm genoß mei⸗ ner Triumphe, genoß des allgemeinen Geſtaͤndniſſes, ſein Haus waͤre das artigſte, ſeine Frau die ſchoͤnſte in der ganzen Stadt. „Nach vier Jahren ſollte ich Mutter werden. Mei⸗ nes Mannes Freude war ſehr groß. Ich war zu ver⸗ irrt, mein Gefuͤhl war zu unausgebildet, zu tief ein⸗ geſchlafen, als daß ich mich eigentlich gefreut haͤtte. Gute Gertrude! Dies iſt der einzige Zeitpunkt meines 156 Lebens, an deſſen Erinnerung ſich wirkliche Reue ge⸗ knuͤpft hat. Das Andenken von Irrthuͤmern, die aus Leidenſchaft, aus Schwaͤche begangen wurden, wird von der Zeit wohlthaͤtig gemildert; aber Vergeſſen der Natur!— O meine Tochter, liebe Deinen holden Knaben, freue Dich ſeiner. Ich ſah ſeitdem manche Mutter an der Leiche ihres Kindes verzweifeln und be⸗ neidete ihre Thraͤnen, ihr Geſchrei. „Es war beſchloſſen worden, daß ich meinen Knaben nicht ſelbſt ſtillen ſollte. Der Gebrauch war damals allgemein; Anſtand, Sittſamkeit, Philoſophie, Empfind⸗ ſamkeit, Alles ſchien ihn in Schutz zu nehmen, alle Welt betete nach, und uͤberall hatte man Ammen. Auch mein Knabe hatte eine. Er bekam Zahnfieber, ließ ſie nicht ſchlafen; ſie gab ihm aus Ungeduld eine große Doſis Opium— das Kind ſtarb.“ Frau von Helm ſchwieg; ſie hatte die letzten Worte kaum mit zitternden Lippen ausſprechen koͤnnen. Ger⸗ trude weinte und druͤckte ihren Knaben, der auf ihrem Schooſe ſchlief, an ihr Herz. Nach langer Stille fing Amalie gefaßter wieder an:„Wie verworren iſt⸗ der Menſchen Urtheil und Sinn. Ein unbeſonnenes Weib kann durch Vernach⸗ laͤſſgung mehre Kinder kraͤnklich zur Welt bringen, kann die zarte Pflanze verdorren oder ausarten laſ⸗ ſen: der Gatte iſt darum nicht beſchimpft, das Weib nicht entehrt; keine ſittliche Übereinkunft raͤcht, ſtatt des Geſetzes, dieſe fuͤrchterliche Unnatur, dieſen ſchauder⸗ vollſten Mord. Und jenes arme, verirrte Weib, die treu uͤber ihre Kinder wachte, die von ihnen allein Freude empfing, begegnet einem Manne, der ihr alles Das ſein kann, was derjenige nicht iſt, der die Guͤte hatte, ſie bei der Geburt jedes dieſer Kinder, von den Geſe⸗ tzen autoriſirt, dem Tode auszuſetzen— und ihre Ehre, ihre Ruhe, ihr Bewußtſein ſind auf immer dahin, ſind mit Recht verwirkt! Sagt mir aber, Ihr Wei⸗ ſen und Menſchenkenner, ob es nie moͤglich ſein wird, die Erziehung und die Geſetze, die Sitten und die Sittlichkeit mit einander in Übereinſtimmung zu bringen?“ Frau von Helm glaubte ſich damit wieder gleich⸗ guͤltig raiſonnirt zu haben und fuhr in ihrer Erzaͤh⸗ lung fort. „Um mich zu zerſtreuen, machte ich eine Reiſe. Kurz vor** brach unſer Wagen und mußte in einem Dorfe ausgebeſſert werden. Die Langeweile trieb mich umher, ich ſah einen Haufen Kinder ſpielen, unter dieſen ein ſehr zerlumptes und ausnehmend ſchoͤnes Maͤdchen von etwa acht Jahren. Ich rief ſie zu mir; die große Freimuͤthigkeit, mit der ſie mir antwortete, entzuͤckte mich. Sie ſagte mir, ſie waͤre die Tochter des Herrn von K., ihre Mutter waͤre bald nach ihrer Entbindung geſtorben, und nun lebte ſie bei dem Großvater.— Ich fragte, ob der Vater denn Koſtgeld ſuͤr ſie zahlte? —„Bewahre!“ antwortete ſie,„der T... bezahlt Koſtgeld! Großvater ſagt, er haͤtte wie ein Heide an mir gehandelt.“ „Wenn ich etwas Menſchenkenntniß und ein gebilde⸗ tes Gefuͤhl gehabt haͤtte, ſo wuͤrde ich hier nicht Scham⸗ loſigkeit und Haͤrte mit Naivetaͤt und intereſſantem 5 Trotze verwechſelt haben. Das Kind bezauberte mich. Ich dachte mir es als eine hoͤchſt angenehme Beſchaͤfti⸗ gung, als etwas Ruͤhrendes, Schoͤnes, die Bildung dieſes ungluͤcklichen Geſchoͤpfes uͤber mich zu nehmen; ein dunkles Gefuͤhl von Wehmuth in der Erinnerung an mein Kind kam hinzu; ich bat Herrn von Helm, mir die Kleine von ihren Verwandten zu verſchaffen. Er bot mir mit ſeiner gewoͤhnlichen Gefaͤlligkeit bei mei⸗ nem Projecte die Hand. Die Unterhandlung ging ſehr leicht von Statten: die Großaͤltern der armen Verlaſſe⸗ nen ſchienen jedes Gefuͤhl von Menſchlichkeit in ihrer Mutter Grab verſcharrt zu haben, und die rohen graͤß⸗ lichen Fluͤche, die ſie gegen des Kindes Vater ausſpra⸗ chen, waren die einzige Anerkennung ihrer Verwandt⸗ ſchaft mit der Tochter. „Ich nahm die kleine Chriſtine mit nach M., wo wir uns einige Zeit aufhalten wollten. Ich kleidete ſie, putzte ſie, ſetzte ſie in alle Rechte eines Schooshuͤndchens oder Eichhoͤrnchens ein. Wozu ich ſie beſtimmte, das war meine geringſte Sorge; fuͤrs erſte freute ich mich nur, daß ſie ſo ſchoͤn war: ich ließ zehnerlei neue Klei⸗ dungsſtuͤcke fuͤr ſie zurechtmachen, und ſo oft ich ihr et⸗ was anprobirte, erzaͤhlte ich ihr, wie elend ihr voriger Zuſtand geweſen waͤre, und wie lieb ſie mich haben muͤßte. „Wir kehrten nach Hauſe zuruͤck. Ich fing an, ihr Unterricht zu geben. Sie hatte noch weniger Kopf zum Lernen als ich zum Lehren; aber zur Muſik zeigte ſie Anlage. Dieſe allein bildete ich aus, weil es mir leicht wurde, weil es mir den Genuß verſchaffte, Chri⸗ 159 ſtinchen bewundern zu hoͤren, und ich erſchuf mir den Grundſatz, zum Leſen, Schreiben, Naͤhen, Stricken waͤre das Kind noch zu jung. Sie wurde bald unleid⸗ lich eitel, und in dem Maße, wie Andere ſie bewunder⸗ ten, nachlaͤſſig gegen mich. Ich legte mich nun darauf, ihr uͤber Undankbarkeit vorzupredigen, ihr die Ausſicht vorzuhalten, daß ſie ohne meine Wohlthaten verhungern muͤßte. Das Maͤdchen fuͤhlte mich ungroßmuͤthig, ty⸗ ranniſch und ſann auf Unabhaͤngigkeit. Man haͤlt Kinder fuͤr zu unerfahren, fuͤr zu be⸗ ſchraͤnkt, um einige Conſequenz zu haben; vornehmlich um es ſich ſelbſt bequem zu machen, uͤberlaͤßt man ſich gern dieſer Meinung. Aber man kennt die Kinder nicht; man weiß nicht, aus wie vielen Abſtractionen einerſeits ein Kind ſein Ideengebaͤude zuſammenſetzt, und wie ſehr es auf der andern Seite Alles um ſich her nur aus Einem Geſichtspunkte betrachtet, ſobald es dieſen Einen gefaßt hat. Chriſtine hatte ſich einmal uͤberzeugt, ich thaͤte ihr Unrecht, weil ich den Neigun⸗ gen zum Putze, zur Weichlichkeit, zur Traͤgheit, zur Koketterie, die ich ſelbſt in ihr erweckt hatte, widerſtre⸗ ben wollte. Nun mochte ich thun, was ich wollte, ſo ſtimmte ſie Alles zur Undankbarkeit und fuͤhrte ſie zum Verderbniß. „Bewunderte man ihren Geſang, ihr Spiel auf der Zither, ſo ſtimmte ich bald ſelbſt mit ein; oft riß mich ihre wirklich reizende Geſtalt hin, oft ſchmeichelte ich ihr um der Andern willen. Dagegen ſpielte ſie ihrerſeits auch, zuweilen durch eine angenehme Empfindung beſto⸗ chen, zuweilen aus Liſt, um noch mehr Lob zu ern⸗ 160 ten, die Komoͤdie der Zaͤrtlichkeit gegen mich. So kam Falſchheit zu ihren Fehlern hinzu, und Verdacht, daß ich falſch gegen ſie waͤre, und Geringſchaͤtzung und Nicht⸗ achten meines Raths, und Nichtachten des Guten und Rechten.—. „Doch lernt im Ganzen ein Kind das Boͤſe immer erſt, nachdem es Boͤſes gethan hat; Anfangs hat es nur Nachahmung, oder Inſtinct, zu verſuchen. Koͤnnte man ihm verbergen, daß es gelogen hat, ſo wuͤßte es nicht, was Luͤgen iſt und wozu es nuͤtzt. Im Syſtem der Strafen muͤßte es gegruͤndet werden, daß ein Kind in dem Luͤgen nicht den Nutzen, unangenehme Empfin⸗ dungen zu vermeiden, erkennte, bis die reifende Ver⸗ nunft es lehrte, die Luͤge zu verachten. „Ich aber ſaͤumte nicht, Chriſtinen der Heuchelei zu beſchuldigen. Nun wußte ſie, wie das hieß, worauf ſie ohne Vorſatz verfallen war; ſie lernte, was damit ausgerichtet wuͤrde; ſie wußte, es waͤre etwas Boͤſes fuͤr Die, gegen welche man es gebrauchte, fuͤr ſie, wenn man es gegen ſie gebrauchte, aber etwas, das ſie zu einem angenehmen Zweck fuͤhrte, wenn ſie es zur ⸗rech⸗ ten Zeit und klug und gluͤcklich gebrauchte. „Welcher ſchoͤne Stoff, uͤber die menſchliche Ver⸗ derbniß zu wehklagen, was ziemlich darauf hinauslaͤuft, daß man ſich um dieſe keine grauen Haare wachſen laͤßt, oder uͤber einen ſataniſchen Charakter Wunder auszuru⸗ fen, was ſo manchen Schauſpieldichtern und Romanen⸗ ſchreibern gewonnene Sache macht. „Das Maͤdchen war zwoͤlf Jahre alt geworden. Ihre Luſt an den Opern, die bei uns gegeben wurden, 161 ging bis zur ausſchweifendſten Leidenſchaft: meiner Ver⸗ kehrtheit getreu, beſtimmte ich ihr das Beſuchen der Oper zur Belohnung, das Zuhauſebleiben zur Strafe. „Ihr muſikaliſches Talent gab Anlaß, daß Saͤn⸗ ger von der Oper in unſer Haus kamen. Ich bemerkte, daß ſich Empfindungen in ihr entwickelten, zu denen es noch ſehr fruͤh war. Dieſe Entdeckung ſtieß ſo un⸗ ſanft gegen die Reinheit meiner Sitten und meiner Be⸗ griffe, daß ſie mein innerſtes Gefuͤhl traf und mir endlich die Augen oͤffnete. Ich ſah, daß ich das Maͤd⸗ chen voͤllig falſch erzog; aber wie wenig erkannte ich, was ich an ihr verſchuldet hatte! Ich, die ich nie deut⸗ lich an ihre Beſtimmung gedacht hatte, nahm mir ploͤtz⸗ lich vor, ſie auf dem Lande zur kuͤnftigen Frau eines braven Schulmeiſters oder Verwalters bilden zu laſſen. Aus Traͤgheit, Weichlichkeit, Blindheit fuhr ich fort, mit ausgeſuchter Unvernunft zu handeln. Ich hielt dem Maͤdchen eine aͤußerſt uͤberdachte Rede, die ich mir ein⸗ bildete, aus dem Grunde meines Herzens geſchoͤpft zu haben. Ich ſtellte ihr— ſie war gegen vierzehn Jahre alt— ihr Unrecht, ihre Falſchheit, ihre Laſterhaftigkeit vor, und verkuͤndigte ihr die Nothwendigkeit einer gaͤnz⸗ lichen Umaͤnderung ihrer Lebensart; ich ſetzte ihr aus⸗ einander, wie es kuͤnftig auf dem Lande, wo man ſie zu allen Hausarbeiten anleiten wuͤrde, mit ihrer Klei⸗ dung gehalten werden ſollte; im Gefuͤhl, wie beſonders kitzlich dieſer Punkt war, fuͤhrte ich gleichſam als Ent⸗ ſchuldigungsgrund an, ſie ſei kein Kind mehr, und die ſchoͤnen Kleider, die Floͤre, Baͤnder, Blumen ſeien in ihrem Alter nicht mehr ſchicklich. V. 11 162 „Das Maͤdchen hoͤrte mich ſtoͤckiſch an, veraͤnderte keinen Zug und ſah doch mit jedem Augenblick wider⸗ waͤrtiger aus. Als ſie ging, weinte ich; denn ich liebte ſie, ſofern man unvernuͤnftig lieben kann; ſie machte bei meinen Thraͤnen ein Geſicht. Ich fuͤhlte mich von ihr verachtet und ſchauderte— und wie ich nach ſechs Wochen erfuhr, daß ſie mit einem Opernſaͤnger entlau⸗ fen war, wunderte ich mich nicht, und wie mir nach vier Jahren zu Ohren kam, ſie waͤre in B. als Operiſtin an einer gewaltſamen Fauſſecouche geſtorben, ahnete ich nicht, daß ich ein Hauptglied in der Kette dieſes ab⸗ ſcheulichſten Schickſals geweſen war. 3 „Ich habe jetzt Alles zuſammengefaßt, was Chriſti⸗ nen betraf. Ich kehrte zuruͤck. Waͤhrend ich meine leichtſinnige, leere Rolle in der Welt fortſpielte, hatte ich im Innern meines Hauſes zuweilen truͤbere Stun⸗ den. Der Verluſt unſers Sohnes hatte meinen Gemahl ernſter geruͤhrt als mich, oder vielmehr, er hatte die Nuͤhrung nicht, wie ich, zuruͤckgewieſen. Er fing an, ſich nach ſeiner Tochter zu ſehnen: ſie war mit ihrer Tante dem Herrn von Z. nach** gefolgt, wo er Ainen Geſandtſchaftspoſten bekleidete; er ſprach oft von ihr, und ich war unbillig genug, mich dadurch fuͤr beein⸗ traͤchtigt zu halten. Unbefriedigt durch meine glaͤnzende Lebensart, uͤberredete ich mich, daß ich ſie nur um ſeinetwillen, um ihm zu gefallen und ihm Ehre zu ma⸗ chen, gewaͤhlt haͤtte: mit aller Kleinlichkeit eines ver⸗ zogenen Weibes meinte ich hintangeſetzt zu ſein, weil ein Vater, ein einſamer Vater nach ſeinen Kindern verlangte. „Herr von Helm reiſte endlich nach Kolmar, um — 163 ſeinen Sohn dort abzuholen und ihn auf einer Univer⸗ ſitaͤt ſeine Erziehung vollenden zu laſſen. Es war gerade in der Zeit, da Chriſtine aus unſerm Hauſe entfernt wurde. Mit eigennuͤtzigem Vergnuͤgen— ſo verkehrt und verdorrt war mein Herz— erfuhr ich, daß Sie durch ein ſonderbares Ungefaͤhr, in dem naͤmlichen Au⸗ genblick, wo Ihr Vater die gelehrte Laufbahn fuͤr Sie erwaͤhlte, die vortheilhafteſte und ehrenvollſte Gelegen⸗ heit gefunden hatten, in den Kriegsdienſt des Koͤnigs von Frankreich zu treten. Herr von Helm kam aͤußerſt er⸗ freut, obſchon durch jene unerwartete Wendung Ihres Schickſals auf die unbeſtimmteſte Zeit von Ihnen ge⸗ trennt, wieder zuruͤck. Chriſtinens Entweichung war waͤhrend ſeiner Abweſenheit vorgefallen, und gab den Anlaß zu einer ganz neuen, ſehr ſtuͤrmiſchen Epoche meines Lebens. „An dem Tage, wo ich dieſe Nachricht erhalten hatte, beſuchte ich eine Geſellſchaft. Ich erſchien ſehr betroffen von dem widrigen Vorfall; er wurde mit aller verkehrten Weichlichkeit, aller leeren Ziererei des Gefuͤhls, womit ein Zirkel artiger Damen ſo etwas behandelt, zum Gegenſtande des Geſpraͤchs. Es waren mehre Fremde zugegen, unter Andern ein Officier, den man mir vorgeſtellt hatte; aber ich hatte nur auf den Titel und nicht auf den Namen gemerkt. Man ſprach na⸗ tuͤrlicherweiſe von meiner ſchoͤnen Handlungs⸗ weiſe an dieſer Schlange, die ich in meinem Buſen genaͤhrt haͤtte. Ein paar liebe Freundinnen, die im Grunde ihres Herzens ſpotten mochten, daß meine Phantaſterei mit dieſem Maͤdchen ſo zu Schan⸗ 41* 164 den geworden war, ſtrichen meinen Edelmuth heraus, und veranlaßten mich endlich, die Art, wie ich Chri⸗ ſtinen gefunden hatte, ſelbſt zu erzaͤhlen. Die Umſtaͤnde, unter denen ich mich heute jenes Vorfalls erinnern mußte, ruͤhrten mich wirklich, und ich gerieth bei meiner Er⸗ zaͤhlung in ein ſehr gefuͤhltes Pathos. Natuͤrlich ver⸗ ſchwieg ich den Namen, unter dem man mir des Maͤd⸗ chens Vater angegeben hatte; indem ich aber bemerkte, daß der fremde Officier mir mit einer auffallenden Span⸗ nung zuhoͤrte und jener Name mir waͤhrend des Er⸗ zaͤhlens durch das Gedaͤchtniß ging, war ich ploͤtzlich ver⸗ ſichert, daß es der naͤmliche war, unter dem man mir den Mann vorgeſtellt hatte. „Das war nun wirklich einmal etwas wirklich Pikantes! Ich betrachtete den Officier mit vieler Auf⸗ merkſamkeit; er nahte ſich mir und ſuchte, ob er gleich durch einen fremden Gegenſtand zerſtreut ſchien, den ganzen uͤbrigen Abend mich zu unterhalten. „Er war ein ſchoͤner Mann, etwas uͤber dreißig; er hatte in der Welt, die ihn erzogen hatte, alles Gift eingeſogen, was fruͤhe Erfahrung, maͤnnlicher Muth, eine eiſenfeſte Geſundheit und ein kaltes Herz ihn nur aufnehmen ließen. Der Augenblick unſerer Be⸗ kanntſchaft war ſonderbar und ſpannend. So lange hatte ich das Kind dieſes Mannes um mich gehabt, er war mir ſo lange als Verbrecher bekannt geweſen, und in dieſem Augenblick ſpielte ich den anklagenden Engel ge⸗ gen ihn, rief die Geiſter ſeiner Suͤnden auf— Alles kam zuſammen, um mir den Mann intereſſant zu machen. 165 „Indem wir zuſammen ſprachen, trat ein Bedien⸗ ter herein, der etwas an ihn auszurichten hatte und ihn bei ſeinem Namen nannte. Ich hatte mich nicht ge⸗ irrt. Es war der Name von Chriſtinens Vater, und ſein Betragen dazu gerechnet, wurde meine Vermuthung zur Gewißheit. Ich fuͤhlte mein Geſicht gluͤhen; ſein Auge traf eben auf das meinige: er bat mich mit eini⸗ ger Verwirrung um die Erlaubniß, ſich in meinem Hauſe auffuͤhren zu laſſen und ging.“— Amalie hielt hier inne. Sie hatte heute mit weit mehr Ernſt und truͤben Erinnerungen geſprochen, als den erſten Tag. Auch die Zuhoͤrer waren in einer Stim⸗ mung, die es ihnen nicht nahe legte, auf die Fortſe— tzung zu dringen. Feldberg beſonders ſah finſter vor ſich hin. Nach einigem Stillſchweigen, waͤhrend deſſen Frau von Helm ſich mit ihrer Handarbeit beſchaͤftigt hatte, richtete ſie ihre Augen, die von einer truͤben Wolke uͤberſchattet waren, auf Gertruden:„Laß mich heute, liebe Tochter,“ ſagte ſie;„morgen komme ich wieder zu Euch.“ Sie kuͤßte Gertruden und ging aus dem Zimmer. Sie ließ ihre Freunde in einer unbehaglichen Stille zuruͤck. Feldberg entfernte ſich. Gertrude beſchaͤftigte ſich mit ihrem Knaben; ihr Mann betrachtete ſie beide ſchweigend: ſtille, kindlich ehrerbietige Furcht, das Un⸗ recht einer geliebten Mutter zu erfahren, ſprach aus dem Schweigen des edeln Paars. Gertrude war ſehr betroffen, den ganzen folgenden Tag ihre Mutter nicht zu ſehen. Am Abend ſchickte ſie — 166 zu Amalien und ließ zaͤrtlich nach ihrem Befinden fra⸗ gen. Sie erhielt ein Zettelchen voll Liebe zur Antwort. Amalie ſchrieb, daß ſie heute durch nothwendige Briefe abgehalten wuͤrde. Am zweiten Tag ſchickte ſie, anſtatt ſelbſt zu kom⸗ men, ein Packet Papiere, deren Inhalt wir hier mittheilen. „Es wird mir unmoͤglich, Euch heute muͤndlich zu 1 erzaͤhlen, und doch quaͤlt es mich, daß ich Euch nicht vor Augen haben werde, indem Ihr dieſes leſet. „Lieben Kinder, guter Feldberg— denn Sie werden ja dieſe Blaͤtter auch leſen— meine Eitelkeit leidet nicht darunter, daß meine Verirrungen Euch bekannt werden. Was that ich anders, als einen Menſchen fuͤr gut halten, der es nicht war? Ich ward betrogen, weil ich redlich war. Ein zweites Mal betrog ich mich ſelbſt. „Ich habe hier einige Blaͤtter fuͤr Euch aufgeſucht, einige geſchrieben. Als ich Euch neulich zu erzaͤhlen anfing, fuͤhlte ich das Ziel, an welchem ich mich befinde, leb⸗ hafter als die Erinnerung des Weges, der mich dahin gefuͤhrt hat. Nachher aber empfand ich vieles heftiger, als mein ruhig ſchlagendes Herz es jetzt gewohnt iſt— darum iſt mir Schreiben nun lieber. Auch mußte ich ein paar Mal Ihres Vaters, mein guter Karl, erwaͤh⸗ nen. Ich darf hoffen, daß er neben mir keines groͤße⸗ ren Gluͤcks entbehrte; ich bin mir bewußt, keinen ſei⸗ 167 ner Wuͤnſche vereitelt zu haben— aber bei dem Ge⸗ danken, meine Gertrude werde dieſes leſen, erroͤthen zu muͤſſen, iſt fuͤr mein weiches, ſtolzes Herz eine hinrei⸗ chende Strafe, wenn ich auf eine Gluͤckſeligkeit Anſpruch machte, zu der mich die Natur beſtimmt hatte, der zu entſagen aber mir Klugheit und Sitte geboten. „Am Morgen nach jener Geſellſchaft empfing ich die⸗ ſen Brief: „Sie koͤnnten den Schritt, den ich wage, auf das haͤrteſte auslegen: Sie wuͤrden mir durch eine ſolche Auslegung das bitterſte Unrecht thun. „Ich ſtelle mich freiwillig als Schuldigen vor den Richterſtuhl, vor welchem rein zu erſcheinen ich am ſehnlichſten wuͤnſchte; ich bitte da um Schonung, um Nachſicht, wo ich gern mit allen Vorzuͤgen des Ver⸗ dienſtes beguͤnſtigt erſchienen waͤre. „Gnaͤdige Frau— ich bin Chriſtinens Vater! „Eher kann ich aus dem reizenden Munde, der ge⸗ ſtern dieſes ungluͤcklichen Maͤdchens Schickſal beklagte, den ſtrengſten Urtheilsſpruch vernehmen, als meinem Herzen, das Sie ſo neue, ſo ſchmerzlich ſchoͤne Em— pfindungen lehrten, Stillſchweigen auferlegen. Zu mei⸗ ner Entſchuldigung weiß ich nichts— gar nichts zu ſagen. Und die wunderbarſte Verzauberung treibt mich, meine Schuld noch durch das Bekenntniß zu erſchweren, daß ich bis geſtern Abend den ganzen Vorfall nicht fuͤr wichtig anſah, daß noch jetzt mein lebhafteſtes Ge⸗ 168 fuͤhl Dank gegen Sie iſt, die Sie einen Theil mei⸗ nes Unrechts gut machten und mir das Mittel ver⸗ ſchafften, weiter gut zu machen. Dieſer Gedanke gibt mir den Muth, dieſe Zeilen zu ſchreiben; denn noch bin ich ungewiß, ob ich recht urtheilte, wie es mir geſtern ſchien, daß Sie in mir Chriſtinens Vater erkannt haͤtten. Ich ſah Ihr Auge, beſtuͤrzt, dann forſchend auf mir ruhen, dann ſich ernſt abwenden und nicht wieder dem meinen begegnen. „Aber nicht das allein beobachtete ich; ich erkannte auch die ſanfte Guͤte, mit welcher Sie gegen einige der Anweſenden die ſchmerzliche Reue mit in Anſchlag brach⸗ ten, die der Verfuͤhrer von Chriſtinens Mutter empfin⸗ den muͤßte, wenn er ſein Kind auf der Bahn herzloſer Thorheit, ſo nannten Sie es, faͤnde. „So menſchlich fuͤhlten Sie meine Beſchaͤmung und ſuchten die Seite des Verbrechens hervor, welche am erſten Mitleiden verdienen konnte— „Edle Seele! Sie wurden nicht verſtanden; man ſchalt fort: der Leichtſinnige, deſſen Gegenwart außer Ihnen Niemand geahnet hatte, ward unbarmherzig ver⸗ urtheilt, und Sie ſtanden in Ihrer reinen Milde allein. „Chriſtine hat ſich Ihrem Schutz entriſſen, und Sie koͤnnen nichts mehr fuͤr ſie thun. Mich aber binden Geſchlecht und Sitte nicht; ich kann noch auf ihr Schick⸗ ſal wirken. Herr von***, bei dem ich geſtern das Gluͤck hatte, Sie zu ſehen, bot mir an, mich bei Ihnen einzufuͤhren; ich konnte mich nicht entſchließen, in zweideutiger Ungewißheit vor Ihnen zu erſcheinen. Sollte Ihre ſtrenge Tugend mich zuruͤckweiſen wollen, 169 ſo ſpreche wenigſtens der Wunſch, Gutes zu befoͤrdern, in Ihrem Herzen fuͤr mich.— Alexander von K.“ „Der Brief uͤberraſchte, befremdete, aͤrgerte mich. Um ihn ganz zu beurtheilen, hatte ich zu wenig Erfah⸗ rung und Menſchenkenntniß; doch fand ihn mein Ge⸗ fuͤhl ſchwankend, grundſatzlos, ſuͤßlich. Ich war einen Augenblick verſucht, den Beſuch abzuwehren; nur be⸗ ſorgte ich; K. moͤchte mich fuͤr einen Tugenddrachen halten, und zudem ſchien es mir Gewiſſensſache, Chri⸗ ſtinen eine Stuͤtze zu verſchaffen und ſie dadurch viel⸗ leicht auf einen beſſern Weg zu bringen. Ich ließ Herrn von K. ſagen, ſein Beſuch wuͤrde mir ange⸗ nehm ſein. „Sein Betragen war voll der feinſten Aufmerkſam⸗ keit; ſeine Außerungen verriethen Leichtſinn und Ver⸗ derbniß, aber gegen die gewoͤhnliche Politik oder viel⸗ mehr den gemeinen Schlendrian der Maͤnner ſeiner Art, ſchien er von einer exaltirten Meinung von dem Werth unſers Geſchlechts durchdrungen, und hatte, wie ſoll ich ſagen? wiſſenſchaftlich, ein ſehr feines Gefuͤhl fuͤr alles weibliche Schoͤne. „Zufaͤllig und ohne Arg erwaͤhnte Herr von***, der ihn bei mir einfuͤhrte, bei dieſem erſten Beſuch der Lebensart, in welche Chriſtine ſich geworfen hatte. Das Geſpraͤch ſpann ſich aus; es befremdete mich ſehr, daß K. dieſe Laufbahn fuͤr ebenſo gut als eine andere er⸗ klaͤrte. Nach ſeiner Meinung hatte Chriſtine, um ih⸗ ren Schritt zu rechtfertigen, keine andere Bedingung auf ſich, als es in ihrer Kunſt zu wirklicher Vollkom⸗ menheit zu bringen. Er ſprach natuͤrlicherweiſe als 170 unbefangener Dritter— ich muͤßte, ſagte er, wofern ich mich des Maͤdchens noch annehmen moͤchte, ſie nur von dieſer umherziehenden Truppe zu trennen ſuchen, und ſie in Haͤnde geben, welche ihr Talent gehoͤrig aus⸗ bilden koͤnnten.* „Ich erklaͤrte lebhaft, daß ich mich nie mit mei— nem Gewiſſen dahin abfinden wuͤrde, eine Perſon mei⸗ nes Geſchlechts freiwillig einer Lebensweiſe zu uͤbergeben, die ſie ſo weit von aller weiblichen Beſtimmung abfuͤhrte. Alles, was er daruͤber gegen mich vorbrachte, war geiſtreich und ſchmeichelhaft; auf vieles hatte ich nichts zu erwidern, aber es hatte einen luͤgenhaften Glanz, den ich um ſo lieber in ſeiner Bloͤße aufgedeckt haͤtte, als ich ſelten uͤber ſolche Gegenſtaͤnde mit Jemandem ge— ſtritten hatte, der ſo viel uͤber unſre Lage in der Ge⸗ ſellſchaft nachgedacht zu haben ſchien. „Ich muͤßte Euch nun meine innere Stimmung in jenem Zeitpunkt ſchildern koͤnnen. Es war, als wenn alle meine Gefuͤhle langſam einer hefligen Gaͤhrung entgegengereift waͤren. Der taͤgliche Wirbel von Ver⸗ gnuͤgungen war mir nachgerade ſo ſchaal geworden, daß ich hatte verſuchen wollen, mehr zu Haus zu ſein. Ich las: bei meiner Art zu ſein, fiel ich zu meiner Zerſtreuung beſonders auf Romane. Der Zufall machte mich jetzt zum erſten Mal mit einigen Meiſterwerken in dieſem Fache bekannt. Die Schilderung von Saint⸗ Preux Leidenſchaft fuͤr Julien, das ſchoͤne, abſcheu⸗ liche Schickſal der Manon Leſcaut und ihres Ge— liebten, ein paar andere Gemaͤlde von gleichem Werth, lehrten mich einſehen, was es waͤre, geliebt zu werden: 171 ich empfand, daß dies die Bluͤte des Lebens, der Punkt ſei, wo unſer Gluͤck zur hoͤchſten Entwickelung gedeiht, und dann berechnete ich, daß die Jahre meiner Jugend ohne dieſes Gefuͤhl entſchwunden waren: ich verbluͤhte, ohne gebluͤht zu haben. Weich, ſchwermuͤthig brauchte ich Empfindung, und Befriedigung dieſes Beduͤrfniſſes konnte ich bei meinem Gemahl nicht hoffen. Ich las alſo mehr, und immer mehr, und nie mochte es einen vom Ro— manenleſen verdrehteren Kopf gegeben haben, als der meinige damals war. „An Romanenſchickſale glaubte ich nicht, ich rech⸗ nete nicht auf ſolche, ich liebte ſie nicht: Romane, die viel Geſchichte enthielten, feſſelten mich nicht einmal; mich zog nur Ausdruck der Liebe, Ausdruck feiner, inni⸗ ger Gefuͤhle an, wie in den Briefen der Babet, in den Briefen der Miß Fanny Butler, in den Liebesbriefen einer portugieſiſchen Nonne. So las ich in den Tagen, wo K's Beſuche anfingen, eine engliche Sammlung von Briefen, unter dem Titel Love and madness, die ich immer fuͤr mehr als erfun⸗ den hielt, beſonders da der Handlung des kleinen Romans eine bekannte wirkliche Geſchichte zum Grunde liegt— und indem ich mit der Theilnahme eines achtzehnjaͤhrigen Maͤdchens bei dieſem Buͤchern weinte, miſchten ſich unter meine Thraͤnen auch bittrere, uͤber das Laͤcherliche, im vierunddreißigſten Jahre zum erſtenmal uͤber fremde Liebesqualen zu weinen! „Ich erinnerte mich dann wol an jenen Augenblick meiner erſten Jugend, wo Leichtſinn und Eitelkeit mich zur Undankbarkeit gegen Feldberg verleiteten; er ſchien 172 mir jetzt der einzige beneidenswerthe meines ganzen Le⸗ bens, der einzige, der eine Geltung gehabt hatte. „K.'s Bekanntſchaft hatte etwas Romanhaftes in ihrem Urſprung. Seine erſten einſameren Unterredun⸗ gen mit mir bewieſen, daß er das zu benutzen wußte. Wir geriethen in weitlaͤuftige Streitigkeiten uͤber die Strafbarkeit des Umgangs, dem Chriſtine das Leben zu verdanken gehabt hatte; er wollte ihn in allen Stuͤ⸗ cken rechtfertigen, und bekannte ſich nur wegen der Vernachlaͤſſigung ſeines Kindes fuͤr ſchuldig. Meine Grundſaͤtze waren ſtreng, aber erlernt, alſo auf Treue und Glauben angenommen; mein Thun war von mei⸗ nem Sein immer getrennt geweſen, und die Alltaͤglich⸗ keit meines Schickſals hatte bisher keine Zwietracht un⸗ ter beiden entſtehen laſſen; meine Sitten aber waren rein, und ſie ſtraͤubten ſich gegen K.'s Syſtem von freier Liebe und Rechten der Natur; aber es fehlte ih⸗ nen die einzige ſichere Grundlage der Religion. „Doch die gefaͤhrlichſte Seite dieſer Moral fuͤr ein unverdorbenes weibliches Herz habe ich in ſo Manchem, was dagegen geſagt worden iſt, nur umgangen gefun⸗ den— es iſt die Abhaͤngigkeit von dem Gegenſtande unſerer Liebe, das Gefuͤhl, ihm ganz geweiht zu ſein, das uns ſo werth iſt. Der Mann erſcheint uns ſtaͤr⸗ ker durch unſere Schwaͤche, und wir fuͤhlen uns reich an Allem, was wir ihm geben. „So ſehr dieſe Idee in jedem Syſteme der Ver⸗ derbniß und der Sinnlichkeit entartet, ſo ſehr ſie in einem ſolchen nur durch entheiligenden, frechen Mis⸗ brauch ihren Platz finden kann, ſo wußte doch K., der 173 ſie aufgefaßt hatte, ſie mit Lebhaftigkeit und Feuer zu behandeln. Hatte er mir den Eindruck, den ſie auf mich machte, abgemerkt, oder war ſie ihm ohnehin eine Marotte, die er ſich zuſammengeſetzt hatte, genug, er kam nach mancher Eroͤrterung ſo weit, mich zu dem Geſtaͤndniſſe zu bringen, daß, wenn die Menſchen ein⸗ fach und gut waͤren, Liebe allein hinreichend ſein wuͤr⸗ de, um Treue zu erzeugen, und ich mußte ihm mit einem inneren Seufzer zugeben, daß die Kette der Ge⸗ ſetze uͤberfluͤſſig ſein wuͤrde, um Verbindungen zuſam⸗ menzuhalten, die von der Natur nie zwiſchen ungleich⸗ artigen Weſen geſtiftet werden koͤnnten. „Bei uns Weibern bleiben ſolche Verirrungen un⸗ ſers Verſtandes nie ohne einen Zuſammenhang mit die⸗ ſer oder jener Faſer unſers Herzens, der ſie ebenſo ge⸗ faͤhrlich als unſchuldig, und oft je edler, deſto verderb⸗ licher macht. K.'s Reden erhielten nach und nach Be⸗ ziehung. Der Gedanke, daß ich meine Beſtimmung durch meine Heirath verfehlt haͤtte, ſchimmerte zwiſchen uns anfangs nur aus der Theilnahme hervor, die er in truͤben Stunden— und dieſe wurden mir nun haͤu⸗ figer zugezaͤhlt— gegen mich aͤußerte. Dieſe Theil⸗ nahme zerſtreute und troͤſtete mich nicht; aber ſie bil⸗ dete in mir das beſtimmte Gefuͤhl, eine ſolche Empfin⸗ dung bei einem liebenswuͤrdigen Manne zu erregen, ſei ein ſchoͤnes Gluͤck— und ſei mir verboten. „Die feſte Überzeugung, daß ich fuͤr die Liebe todt waͤre, ohne jemals fuͤr ſie gelebt zu haben, verfuͤhrte mich zu der gemeinen Chimaͤre, mich mit Freundſchaft zu begnuͤgen. Nun folgte ein langer Zeitraum verwor⸗ 174 rener Gefuͤhle, wo von meiner Seite Gluͤck und Schmerz, Reue und Zufriedenheit unablaͤſſig zuſammen abwechſel⸗ ten. Bei aller Unruhe dieſes Zuſtandes, war er doch dem eiteln Treiben und der unbeſtimmten Sehnſucht, die mich ſeit meiner Heirath beſchaͤftigt hatten, weit vor⸗ zuziehen. Die Gewalt, die ich anwandte, um gegen K.'s Liebe zu kaͤmpfen, uͤberzeugte mich von der Staͤrke und Wahrheit ſeiner Empfindung; die Entſagungen, auf welchen ich beharrte, waren mir leicht: ich ſuchte nicht, mich uͤber meine Gefuͤhle zu taͤuſchen, ich wollte meinem Herzen etwas einraͤumen, aber mich mit Zucht und Tugend abzufinden, fiel mir nicht ein. 3 „K. mochte bemerken, daß ein Weib, welches Liebe geſtand, indem es Erhoͤrung verſagte, welches mit Freu⸗ denthraͤnen ſich jeder Liebkoſung entzog,— daß ein ſol⸗ ches Weib zur Verfuͤhrung noch nicht reif waͤre. Er ließ mir alſo zu, zwiſchen Liebe und Pflicht einen Ver⸗ trag zu ſtiften, bei dem ich hoffte— zwar nicht gluͤck— lich zu ſein, aber doch den mir einzig uͤbrig gebliebenen Genuß, ungluͤcklich zu lieben, mit meinem Gewiſſen vereinigen zu duͤrfen. Dem erſten Freundſchaftstraume entwachſen, beſchloß ich doch, wenigſtens nur Freund⸗ ſchaft zu aͤußern und nur von Freundſchaft zu hoͤren. K. ſetzte zwar Anfangs allen Widerſtand entgegen, der mich feſter von ſeiner Liebe uͤberzeugen und mir die Nothwendigkeit meines Entſchluſſes fuͤhlbarer machen konnte; aber er ſah mich gern in dem redlichen Wahne, meiner Pflicht Genuͤge geleiſtet zu haben, weil die lei⸗ denſchaftlichen Scenen aufhoͤrten, in denen wir lange zuſammen fortgeſtuͤrmt hatten. 175 „„Meine und meines Mannes Ehre ſchien mir jetzt vor dem Publicum ſichergeſtellt, weil die launiſchen Anfaͤlle von Luſtigkeit, Eiferſucht, Schmerz, Vertrau⸗ lichkeit, Entfernung wegfielen, an denen man in der Geſellſchaft die geheime Geſchichte eines Liebeshandels ſo leicht zu errathen pflegt. Ich bedachte nicht, daß man nunmehr die gleiche Freundlichkeit, die vertrauliche Theilnahme in meinem Verhaͤltniſſe mit K. fuͤr einen Beweis anſehen mußte, daß wenigſtens Praͤliminarar⸗ tikel zwiſchen uns richtig waͤren. „Beſſer als ich bedachte K. das Alles; denn es ge⸗ hoͤrte weſentlich zu ſeiner Abſicht, daß ich meinen Ruf befleckte. Es iſt, als foderte es von dem Verfuͤhrer ſein Gefuͤhl, daß er oͤffentliche Nichtachtung auf die Ungluͤckliche lade, die er dahin zu bringen ſucht, wo auch er ſie nicht mehr achten wird. „Ich war inzwiſchen ruhig. K. hatte viel Kennt⸗ niſſe, wir laſen und ſtritten viel zuſammen: Er bildete meinen Geiſt und brauchte wenig Muͤhe dazu, denn es kam faſt nur darauf an, eine Menge Ideen, die ich aufgefaßt hatte, eine Menge Anſchauungen, die in mir lagen, zu ordnen. Unſere Streitigkeiten betrafen mei⸗ ſtens ſeine Grundſaͤtze; ich bemuͤhte mich mit innigem Eifer, ihn tugendhaft zu machen— ich ſpiegelte mir nicht etwa vor, daß es mir gelaͤnge; aber die Schwaͤr⸗ merei, mit welcher er meine Tugend anzubeten vorgab, ſchien mir, von Leidenſchaft und Eitelkeit verblendet, wie ich war, ihn der Tugend ſchon zu naͤhern. „Nachdem dieſe gefaͤhrliche, kuͤnſtliche Verbindung einige Monate gedauert hatte, machte es mich ſtutzig, 176 daß unter den Buͤchern, die er mir gab, mehre ſehr verfuhreriſche, ja ſogar ſittenloſe waren. Ich ging ſein Betragen ſorgfaͤltig durch, und fand ſonſt nichts, was mein bitteres Gefuͤhl, daß er es an Achtung gegen mich fehlen ließe, gerechtfertigt haͤtte. Einige Tage war ich tiefſinnig; er verdoppelte ſeine zaͤrtliche Theilnahme, ohne je den Ausdruck der ehrerbietigſten Freundſchaft zu uͤberſchreiten. Nach vielen dyingenden Bitten von ſeiner Seite, geſtand ich ihm freimuͤthig, was mich be⸗ leidigt, beſchaͤmt, erſchreckt hatte. Er gab ſich viele Muͤhe, mir einen Geſichtspunkt aufzuſtellen, aus wel⸗ chem man ſolche Buͤcher betrachten muͤßte; er zog eine Scheidungslinie zwiſchen dem Schoͤnen und dem Beleh⸗ renden oder Schaͤdlichen. Das Wahre von Dem, was er ſagte, litt aber durch die innere Verlegenheit, die er empfand, mir eine Bloͤße gegeben zu haben, und ob ich ihn gleich nicht durchſchaute, ſo machten doch ſeine So⸗ phiſtereien keinen andern Eindruck auf mich, als daß ich mich beſchied, ſie nicht zu verſtehen, mithin zu ſtrei⸗ ten aufhoͤrte, und es bei der ſchlichten, freundlichen Bitte bewenden ließ, er moͤchte die Buͤcher zuruͤck⸗ nehmen. „Dies war ſeit langer Zeit wieder der erſte Streit zwiſchen uns. Er ſtoͤrte unſer Verhaͤltniß: K. ſchien beleidigt, ich war unbefriedigt und fuͤhlte es doch als eine unertaͤgliche Laſt, ihm den geringſten Anlaß zum Unwillen zu geben. Wir ſchieden mit einiger Heftig⸗ keit von einander; den folgenden Tag ſahen wir uns erſt in großer Geſellſchaft wieder. „Es war Ihrer Schweſter Hochzeittag, lieber Karl. 177 Julie hatte ihren Braͤutigam an dem Hofe kennen ge⸗ lernt, wo ihr Onkel Geſandter war; er war juͤngerer Sohn einer Familie, welche lauter Lehnguͤter beſaß, und hatte es nur mit der aͤußerſten Muͤhe erlangt, daß er ſtatt des geiſtlichen Standes, zu dem ihn ſein Va— ter beſtimmte, Kriegsdienſte nehmen durfte. In einer von Seiten des Vermoͤgens ſo unguͤnſtigen Lage liebte er unſere Julie ohne Hoffnung, und doch unter tauſend jugendlichen Entwuͤrfen, als der Tod von zwei aͤlteren Bruͤdern, die bei einer Luſtfahrt im Waſſer umkamen, ihn ploͤtzlich reich und unabhaͤngig machte. Die Hoch⸗ zeit wurde in unſerm Hauſe gefeiert. Julie war erſt ſeit wenigen Tagen bei mir; aber ich hatte ſie genug geſehen, um bitter zu bereuen, daß ich mir das Gluͤck, mit dieſem ſanften, liebevollen Geſchoͤpfe zu leben, ent⸗ zogen hatte. Ich erſtaunte uͤber meine Verkehrtheit, ein fremdes Kind auferzogen und meines Mannes Toch⸗ ter Fremden uͤberlaſſen zu haben. Ich erroͤthete vor Scham, daß es der verhaßten Frau von 3. gelungen war, Julien ſo auszubilden, indeß ich aus Chriſti⸗ nen— Mit dem Mismuthe uͤber mich ſelbſt, den ich bei dieſen Vergleichungen empfand, verband ſich ein wehmuͤthiges Gefuͤhl bei dem Anblicke des Gluͤckes der beiden Liebenden: ſie hatten gelitten, gehofft, ertragen; nun waren ſie vereint, ſie durften lieben, ſie konnten noch lange gluͤcklich ſein— ſie waren jung. „In dieſer Stimmung hatte ich Julien an ihrem Hochzeittage geſchmuͤckt. Mit zaͤrtlichen, ja reuigen Thraͤnen ſagte ich ihr, daß ich kein Recht als Mutter haͤtte, ihr Lehren zu geben fuͤr ihr kuͤnftiges Gluͤck, denn V. 42 178 ich waͤre nie Mutter geweſen; daß ich kein Recht haͤtte, als Gattin— Meine Empfindung hatte mich uͤber⸗ raſcht; denn ich kannte das Gluͤck der Liebe nie, wollte ich ſagen, aber Julie ſchlug erroͤthend ihre Arme um mich und ſagte etwas mir damals Unverſtaͤndliches, aͤußerſt Zartes und Liebreiches, woruͤber ich erſt ſpaͤter⸗ hin Licht erhielt, wie ich erfuhr, daß man mich als Gattin des Herrn von Helm viel hirter beurtheilt hatte, als ich es verdiente. „Fuͤr Julien und ihren Geliebten, die nichts als gluͤcklich waren, ging das Ernſte der heutigen Feierlich⸗ keit verloren; mich erinnerte ſie an jene, die vor ſo vie⸗ len Jahren meine Anſpruͤche auf ein Gluͤck, das ich jetzt erſt kennen lernte, durchſtrichen hatte. K. bemerkte meine Ruͤhrung, meine Weichheit; er benutzte die Be⸗ taͤubung vom geſellſchaftlichen Geraͤuſch, die Spannung von dem Zwang, den die Nothwendigkeit, ſich zu beobach⸗ ten, auflegt, den Ausdruck, der ſo leicht in halb verſtaͤnd⸗ liche, vor Zeugen geſprochene Worte kommt, das An⸗ ziehende einzelner, unbeobachteter Augenblicke: mein Herz gerieth in den ſchmerzlichſten Aufruhr; daß ich ihn-in das tiefe Gefuͤhl meiner verfehlten Beſtimmung blicken ließ, galt fuͤr ihn dem Geſtaͤndniß der zaͤrtlichſten Ge⸗ genliebe gleich. Ich konnte nicht laͤnger unter Menſchen ſein und floh in mein Zimmer. Der Ball war nach der Abendmahlzeit wiedereroͤffnet worden; ich glaubte mich allein, ging in der heftigſten Bewegung auf und ab, als K. unangemeldet hereintrat. „Du biſt ein ſittſames, weichfuͤhlendes Weib, Ger⸗ trude; du denkſt und empfindeſt maͤnnlich, mein Sohn, 179 und Ihr ſchaudert vor der Infamie, ein vertrauendes Weib betruͤgen zu wollen. Denkt Euch mein Entſetzen, als K. meine Bitte, mich jetzt zu verlaſſen, mir mit Muth beizuſtehen, damit kein Rauſch der Leidenſchaft jedes Band zwiſchen uns zerriſſe, mit einem Ungeſtuͤm beantwortete, der mir mit Blitzesſchnelle entdeckte, aus welchem ſchimpflichen Geſichtspunkt er mein ganzes Be⸗ tragen beurtheilte, welche Abſicht das ſeinige leitete. „Meine erſte Bewegung war Verzweiflung, betro⸗ gen und beſchimpft zu ſein; ſogleich aber hob ſich mein Stolz— ich befahl ihm, mich zu laſſen, und ſtrebte mit meinem Arm, den er hielt, nach der Schelle uͤber dem Kamin. Er ſah meine Bewegungen halb mit Er⸗ ſtaunen, halb mit Spott und ließ mich betroffen los, da ich die Schelle wirklich ergriff und heftig klingelte. Meine Kammerfrau ſtuͤrzte erſchrocken herein; ich ſagte ihr trocken, Herr von K. befinde ſich nicht wohl und wuͤnſche eine Saͤnfte, um ſich nach Hauſe zu begeben; ich machte ihm eine Verbeugung und taumelte— denn mein Herz brach— aus dem Zimmer. „Ich ſah ihn nie wieder; aber jeder Tag belehrte mich durch Erinnerung mehr und mehr, wie ſehr mich Leidenſchaft verblendet hatte— Leidenſchaft! Mich, das verbluͤhende Weib, die Gattin eines Greiſes! An dem Tage, wo ich ſeine Tochter zum Altar fuͤhrte, hatte ich durch meine Schuld in ſolcher Gefahr geſtanden! „Mit jedem Tage durchbohrte mich die Erkenntniß neuer Faͤden des Gewebes, in welches er mich verſtrickt hatte: freie Grundſaͤtze, verfuͤhreriſche Lecture, kuͤnſtliche Zuruͤckhaltung— nur ein Wunder hatte mich vor dem 12* 180 Elend verwahrt, durch meinen Fall Dem unterthan zu wer⸗ den, den ich, fruͤher oder ſpaͤter, immer verachtet haͤtte. „Ein Wunder duͤnkte es mich damals, zu meiner gerechten Strafe. Jetzt darf ich es ohne Unbeſcheiden⸗ heit denken, der Augenblick mußte immer erſcheinen, wo wir Beide erfuhren, das wir uns geirrt hatten. „Mein Wohnort war mir unertraͤglich, meine Ge⸗ ſundheit litt durch die Stuͤrme in mir;z ich nahm des Arztes Rath, nach dem**er Bade zu reiſen, willig an. Ich konnte es in dem Geraͤuſch, das mich hier umgab, nicht aushalten und zog mich nach den erſten acht Tagen von allen geſellſchaftlichen Zirkeln zuruͤck, um allein auf meinem Zimmer zu bleiben. „Einſt wurde ich des Nachts durch einen ungewoͤhn⸗ lichen Laͤrm in einer anſtoßenden Wohnung aufgeweckt. Ich erkundigte mich, was es gaͤbe; ich hoͤrte, eine fran⸗ zoͤſiſche Dame, die erſt den vorigen Abend ſpaͤt ange⸗ kommen waͤre, haͤtte einen heftigen Blutſturz bekommen und raͤnge mit dem Tode. Ich vernahm deutlich in den ſtillern Augenblicken das Schluchzen und die ſchmerz⸗ lichen Ausrufungen einer, wie mir ſchien, weiblichen Stimme. Das Mitleiden trieb mich aus dem Bette; es fiel mir ein, daß die Leute, von lauter Deutſchen unmgeben, Muͤhe haben koͤnnten, ſich verſtaͤndlich zu machen, und ich entſchloß mich, zu meiner ungluͤcklichen Nachbarin hinuͤberzugehen. „Ich fand eine aͤltliche Frau in der traurigſten Er⸗ ſchoͤpfung auf ihrem Bette; ihre Bedienten waren wirk⸗ lich in der groͤßten Verlegenheit, mit den Hausleuten fertig zu werden. Ich trat leiſe an das Bett und 181 ſagte zu der Kranken in ihrer Mutterſprache, ich ſei ihre Nachbarin und wuͤnſche ihr dienen zu koͤnnen. Sie ſchlug ein paar ſchoͤne, nun erloſchene Augen auf und bewegte lebhaft ihre vorher matt hingeſtreckten Arme ge⸗ gen ihren Sohn. Dieſer war es, deſſen Stimme ich fuͤr eine weibliche gehalten hatte; er richtete ſich bei meinen Worten raſch auf und rief mir mit dem Aus⸗ druck der Verzweiflung zu: O Gott, retten Sie meine Mutter!— Der junge Menſch waͤre mir von dieſem erſten Anblick unvergeßlich geworden: ein feines, ſchwar⸗ zes Haar, das eine blendend weiße Stirn bedeckte, ein ovales Geſicht, worin Schwaͤrmerei und Muthwille ſtritten, eine Geſtalt, die fuͤr ſiebzehn Jahre zu zart und doch kein Alter bezeichnete. Ich ſagte ihm einige troͤhtende Worte. Eine bejahrte Kammerfrau und ein noch aͤlterer Bedienter wußten ihre dankbare Freude, ſich Jemanden verſtaͤndlich machen zu koͤnnen, nicht genug auszudruͤckenz ich ging ihnen in Wartung der Kranken zur Hand; allein unſre Sorgfalt war vergeblich, ge⸗ gen den Morgen kam ein neuer Anfall, und die Kranke erſtickte in meinen Armen. „Den Augenblick vorher hatte ſie in convulſiviſcher Angſt mit einer Hand eine der meinigen an ſich geriſſen und mit der andern ihren Sohn gefaßt. Ich war un⸗ endlich erſchuͤtterr. Der Schmerz des jungen Men⸗ ſchen hatte die ganze Heftigkeit bisher gluͤcklicher Ju⸗ gend, die uͤberzeugt iſt, ſchrecklicher koͤnne kein Schick⸗ ſal ſein als das ihre; zugleich kaͤmpfte er gegen ſeinen Schmerz mit einer Anſtrengung des Willens, die weit uͤber ſeine Jahre ging. 182 „Die Bedienten ſagten mir, ihre Herrſchaft ſei aus Lothringen geweſen, ſie habe einen beruͤhmten deutſchen Arzt uͤber ihre Geſundheit zu Rathe gezogen und auf ſeine Weiſung dieſes Bad beſucht, wo der Vater des jungen Chevaliers in wenigen Tagen auch eintreffen werde, um ihn von da nach*** zu bringen; der Va⸗ ter liebe Deutſchland und ſei darum Willens, ſeinen Sohn auf einer deutſchen Univerſitaͤt ſeine Studien voll⸗ enden zu laſſen. „Es wurde beſchloſſen, den Marguis, der unter⸗ wegs ſein mußte, hier zu erwarten. Unterdeſſen ver⸗ ließ mich der Chevalier keinen Augenblick; die Sonder⸗ barkeit unſrer erſten Zuſammenkunft hatte uns des Be⸗ kanntſchaftmachens uͤberhoben. Als Zeugin des Todes ſeiner Mutter war ich gleichſam in einen Theil ihrer Rechte getreten: nur ich hatte ſie geſehen, nur mit mir konnte er von ihr reden. Er hatte ſie unendlich geliebt; ſie war durch fortwaͤhrende Kraͤnklichkeit in den Stand geſetzt worden, ihrem Hang zum haͤuslichen Leben zu folgen, und erfreute ſich ihrer ununterbrochenen Sorg⸗ falt fuͤr die Erziehung ihres Sohnes um ſo mehr, als ſie einen Gehuͤlfen gefunden hatte, der allen ihren Wuͤn⸗ ſchen entſprach. Dieſer war vor wenigen Monaten ge⸗ ſtorben; ſein Tod hatte den Entſchluß der Altern be⸗ ſtimmt, den Chevalier bis zu ſeinem Eintritt in die Welt in Deutſchland leben zu laſſen. „Der Anſtand erlaubte dem Chevalier nicht, Ge⸗ ſellſchaft zu ſehen; meine Stimmung verleitete ſie mir, und nichts konnte mich auf eine angenehmere, ſchmei⸗ 183 chelhaftere Weiſe beſchaͤftigen, als die Anhaͤnglichkeit dieſes ſonderbaren kindlichen Juͤnglings. „Ich weiß nicht, wie ſeine Fuͤhrer die unſchuldige Naivetaͤt neben der Heftigkeit von Gefuͤhl, in einem Alter, wo die Sinne ungeſtuͤm erwachten, hatten leiten wollen. In der Folge unſers Umgangs erkannte ich mit Erſtaunen, welche richtige Begriffe von Recht, die er ſich ſelbſt immer nur als Geſetze der Ehre vorſtellte, ihn in ſeiner raſchen Handlungsweiſe ſtets begleiteten. „Sein Vater kam endlich an, ein Weltmann, der uͤber den Tod ſeiner Gemahlin nicht ſehr betroffen war, dafuͤr aber meine Theilnahme fuͤr ſeinen Sohn mit et⸗ was zweideutiger Befliſſenheit erkannte und durch ein feines Laͤcheln mein Herz ſchmerzhaft ſchlagen machte, als der Chevalier, mit dem Ausdruck der ſuͤßeſten Schmei⸗ chelei gegen mich und mit wirklicher Heftigkeit gegen ſeinen Vater, deſſen galante Dankbarkeit ihn entruͤſtete, zu ihm ſagte, er naͤhme es auf ſich, ſeiner ſchoͤnen Mutter— ſo nannte er mich— ſelbſt abzutragen, was ſie um ihn verdient haͤtte. „Der Marquis ergoͤtzte ſich ſehr an dem lebhaften Juͤngling; er beſprach ſich mit mir uͤber ſeines Sohnes Aufenthalt in Deutſchland, und da ihm nur daran lag, ihn an einen Ort zu bringen, wo er ihn Be⸗ kannten empfehlen koͤnnte, ſo willigte er gern in die Bitten ſeines Sohnes, der, anſtatt nach*** zu gehen, mich nach unſrer Reſidenz zu begleiten wuͤnſchte. Ich meinerſeits konnte ihm verſprechen, daß mein Gemahl vaͤterlich fuͤr den jungen Menſchen ſorgen wuͤrde. Der Chevalier war außer ſich vor Freude; er kuͤßte meine 8d 184 Haͤnde, rief tauſend Mal, nun ſei er wieder unter den Augen ſeiner Mutter— Wollen Sie aber auch ganz meine Mutter ſein? fragte er; werde ich Ihnen Alles ſagen, Alles von Ihnen bitten duͤrfen?— Ich ſtrei⸗ chelte laͤchelnd dem kindiſchen Schwaͤtzer die Stirn; er hielt meine Hand an ſeinen Mund, und von ſeinen Augen fiel eine Thraͤne auf ſie herab. „Mein Zoͤgling kam wenige Tage nach mir in der Reſidenz an. Er fand ſich durch die Bemuͤhungen des Herrn von Helm, der meiner Theilnahme an dem jun⸗ gen Menſchen auf das guͤtigſte zur Hand gegangen war, gleich voͤllig eingerichtet. Er entzuͤckte jede Ge⸗ ſellſchaft durch ſeine Schoͤnheit, ſeine Alles vor ſich hin⸗ reißende Lebhaftigkeit; er intereſſirte alle Maͤnner durch ſeine Lernbegierde; mir ſchuf er eine neue Welt in mei⸗ nem Herzen durch ſeine ſchwaͤrmende, kindiſche, herrſch⸗ ſuͤchtige Anhaͤnglichkeit. „Beſchriebe ich ſein Betragen, ſo wuͤrde Niemand begreifen, wie es nicht haͤtte befremden muͤſſen, und Niemanden, der es ſah, fiel der Gedanke ein, warum man dieſes Kind— denn ihn ein Kind zu nennen war die Aushuͤlfe aller Derer, die nicht Muth hatten, ſich uͤber ſeine Unarten zu aͤrgern— dieſes Kind ſo duldete. „Er ſchwatzte mit mir das thoͤrichtſte Zeug, plagte mich, machte mich ungeduldig, bis ich ernſthaft ſagte: Chevalier, Sie misbrauchen meine Nachſicht; dann wandte er ſich gegen Herrn von Helm: O mein Herr, rief er, Ihnen duͤrfte ſie das nicht ſagen! Nie durfte ſie es Ihnen ſagen, und Sie machten ſie noch nie un— 4 185 geduldig— ich moͤchte ſo vernuͤnftig ſein als Sie, ſo alt als Sie, damit ich nur meiner ſchoͤnen Mutter Zorn nie mehr zu fuͤrchten haͤtte. Herr von Helm lachte zu gutherzig; ich erroͤthete vielleicht mehr, als ich um des Chevaliers willen haͤtte thun ſollen, denn in ſeinem Geſchwaͤtz war mehr Inſtinct als Schelmerei. „Ich fuͤhlte indeſſen bald, daß in des jungen Men⸗ ſchen Betragen eine Leidenſchaftlichkeit kam, die mich in Verlegenheit ſetzte. Ich ſah mich— und hier war nicht Verfuͤhrung, nicht Falſchheit— ich ſah mich ge⸗ liebt uͤber Alles, mit allen Kraͤften einer Feuerſeele ge⸗ liebt, die nichts hoffte und nichts fuͤrchtete, keinen Zweck, keine Abſicht hatte, unwillkuͤrlich brannte, und fuͤr mich brannte. „Nur in einem Bilde kann ich meine Stimmung beſchreiben. Es war die Wirkung der unverhofft bele⸗ benden Sonne in Oktobertagen; ſie vergoldet das ſter⸗ bende Laub, lockt junge Blumen hervor, die ſich, freund⸗ lich verwundert uͤber ihr unerwartetes Daſein, dem Lichte oͤffnen; aber ehe ihr Kelch den warmen Stral auf⸗ nimmt, toͤdtet ſie der kalte Nachtreif. „Der Chevalier wurde ploͤtzlich tiefſinnig, ernſt, weich. Dieſe Erſcheinung war mir unbegreiflich: ich zitterte fuͤr ſeine Geſundheit, fuͤr ſeine Sittlichkeit. An⸗ fangs ſuchte ich ihn aufzuheitern; er erkannte es mit der lebhafteſten Zaͤrtlichkeit, ging auf Augenblicke in aus⸗ gelaſſenen Muthwillen uͤber, verließ mich dann ploͤtzlich, um ſogleich zuruͤckzukehren und wieder in die vorige Laune zu fallen. „In meiner Unruhe aͤußerte ich gegen Herrn von 8 Helm den Wunſch, uͤber ſeine Gaͤnge und Geſellſchaften naͤhere Auskunft zu haben. Wir erfuhren, daß der Chevalier vor einiger Zeit einen Abend unter ſehr uͤbel berufenen Menſchen zugebracht hatte, ſeitdem aber nicht wieder mit ihnen geſehen wurde, ſondern allein blieb, oder auf dem Lande umherſchwaͤrmte. Dieſe Nachrich⸗ ten hatten fuͤr mich etwas unausſprechlich Schmerzliches und Empoͤrendes. Ich fuͤhlte als Mutter meinen Sohn dem Laſter hingegeben, als Weib ein Weſen, das mir ſo ganz angehoͤrte, mir ſo ſchaͤndlich entriſſen; ich fuͤhl⸗ te— mit Schamroͤthe, mit demuͤthigendem Schmerz fuͤhlte das alternde Weib Eiferſucht, Neid— Meine Vernunft zuͤrnte uͤber meine Phantaſie, und ich zitterte vor des Juͤnglings Anblick. „Doch ſiegte nach langem Kampfe mein beſſerer Geiſt. Unſere Verhaͤltniſſe, des jungen Menſchen Lage, wie er gefehlt habe, was er fuͤhlen mochte: das Alles ſtand hell vor mir, und meine Schwaͤche ſelbſt zeigte mir den einzigen Weg, den ich hier zu gehen hatte. Bei ſeinem naͤchſten Beſuch war der Chevalier launi⸗ ſcher, heftiger als je. Ich redete ihm freundlich zu⸗ ich bat ihn, in keinem Falle ſein Vertrauen zu mir ſchwaͤchen zu laſſen, nie, auf welche Abwege er auch gerathen ſein moͤchte, zu fuͤrchten, daß mir irgend ein Geſtaͤndniß weher thun koͤnnte als die unerklaͤrte Ver⸗ aͤnderung in ſeinem Charakter. „Er ſetzte ſich in unruhiger Zerſtreuung neben mich. Wie er aber anfing ruhiger zu werden, ſagte ich lieb⸗ reich zu ihm: bin ich nicht ihre Mutter? muß ich nicht an meinem Sohne Theil nehmen, wie er ſich mir auch 187 zeige?— Er ließ mich kaum ausreden und rief, heftig aufſpringend: Nein, nein! Nicht dieſen Namen, die— ſen theuern Namen, den ich nicht haſſen moͤchte— „Ich ſah ihn voll Entſetzen an. Ich fuͤhlte nur das undankbar Harte ſeiner Worte; wirklich ich fuͤhlte jetzt nur muͤtterlich.— Louisl rief ich durchdrun⸗ gen, mit einem Strom von Thraͤnen, als er vor mir niederſtuͤrzte, unter Schluchzen, mit Zittern, mit der Furchtſamkeit und der Glut erſter Jugend mir ein Geſtaͤndniß that, vor dem ich zitterte, das ich erwar⸗ tete, und zu deſſen Empfang ich darum nicht gefaß⸗ ter war. „Ich ſuchte den Geſichtspunkt, aus welchem ich den Vorfall betrachten, nehmen ſollte; aber ich konnte die beiden Bilder: dieſen Juͤngling in der Geſellſchaft, die er vor einigen Tagen beſucht hatte, und nun liebend zu meinen Fuͤßen, nicht neben einander ertragen; mein Gefuͤhl empoͤrte ſich immer heftiger. Sie haben Recht, Chevalier, ſagte ich endlich, indem ich kalt vor ihm hintrat: nicht mehr Mutter! Der ungluͤckliche Juͤng⸗ ling, der das Gefuͤhl der Schande ſo verlor, den Haupt⸗ mann von O. auf ſeinen Gelagen zu begleiten, der die Freundin ſo beleidigte, die ihm ſeine Mutter auf dem Todtenbette gegeben hatte, kann und ſoll mir dieſen Namen nicht mehr geben. „Er erhob ſich und ſagte ruhig: Gefuͤhl der Schande verloren?— Er ſchien nachzudenken. Ich war mit dem Hauptmann, meine Mutter, ſagte er; ich ging aus Thorheit mit ihm, ich kam rein von ſeinem Ge⸗ lage zuruͤck, rein wie ein Kind— wie ein Gimpel, 4 188 meine guͤtige, ungerechte Mutter! ſetzte der junge Thor hinzu; mich ekelte jene Geſellſchaft an, denn ich liebe Sie, ich bete Sie an— „Ich war nun gefaßt; ich erinnerte mich, wie ich alle die Kindereien vor dieſem Auftritt angeſehen hatte, und ich fing ein freundliches Geſpraͤch an, worin ich ihn ſelbſt zu bereden ſuchte, der jetzige Vorfall ſei eine Verirrung ſeiner Einbildungskraft, die er leicht wieder auf den rechten Weg lenken wuͤrde. „Meine Bemuͤhungen gelangen nur halb; es folgte noch mancher Augenblick, wo mir das Gefuͤhl, daß nur Vernunft, die kaͤlteſte Vernunft mich leiten duͤrfte, daß ich uͤber Louis' Leidenſchaft nur laͤcheln duͤrfte, ſchwer und bitter ankam. Nach mehren Monaten— denn uͤber dieſe Vorfaͤlle war der Chevalier nahe an ein Jahr bei uns— ward ſein Betragen ruhiger; er war nicht mehr ſtuͤrmiſch und ungleich, er nannte mich wieder ſeine Mutter, aber nicht mehr ſeine ſchoͤne Mutter; er war weniger muthwillig, gegen mich ehrerbietiger, achtſamer gegen Herrn von Helm; ich genoß ſeufzend die Freude, den taͤndelnden Knaben zum Mann werden zu ſehen.= „Waͤhrend der Winterluſtbarkeiten begleitete mich der Chevalier, ſo oft ich ausging, und ſo oft er allein in einer Geſellſchaft geweſen war, erzaͤhlte er mir am an⸗ dern Morgen mit all' ſeinem Leben und Leichtſinn die Geſchichte des verfloſſenen Abends. Ein hartnaͤckiges Schnupfenfieber hatte mich aber eine Zeitlang zu Hauſe gehalten; anfangs wollte der Chevalier darum auch aus unſern gewoͤhnlichen Zirkeln wegbleiben, ich beredete ihn aber, ſie nach wie vor zu beſuchen, und an einem * 189 Morgen kam er gluͤhend, freudetrunken, bezaubert von der Anmuth und den Reizen der Fraͤulein von B., die den Abend vorher zum erſten Mal auf dem Ball erſchie⸗ nen war, zu mir. „Ich erſchrak uͤber mich ſelbſt, als mir die Entdeckung, daß der Chevalier nun wirklich lieben wuͤrde, wie ein Dolch durch das Herz fuhr. Doch faßte ich mich, ließ ihn reden, ließ ihn in den folgenden Tagen alle Wech⸗ ſel von Gluͤck und Ungluͤck, die einen jungen Liebhaber treffen koͤnnen, vor meinen Augen durchgehen; ich wurde es gewohnt, ſeine Vertraute zu ſein, und ich fing an, meinem Sohne zu rathen, ihn zu belaͤcheln oder zu be⸗ dauern, wenn er mit der Sitte haderte, die ihn zwang, trotz ſeiner franzoͤſiſchen Zuverſicht etwas deutſche Behut⸗ ſamkeit in ſeine Leidenſchaft zu bringen. „Seit ich ſeine Liebe kannte, hatte ich mich nicht uͤberwinden koͤnnen, unſere Geſellſchaſten wieder zu be⸗ ſuchen. Jetzt fuͤhlte ich, daß ich dieſe Schwachheit mit unerbittlicher Strenge aus meinem Herzen reißen muͤßte. Ich uͤberzeugte mich bald, daß Auguſte von B. der ernſtli⸗ chen Huldigung des Chevaliers nicht werth war. Es ſchmerzte mich, und ich laͤchelte daruͤber. Die arme an Mutterſtatt Angenommene kaͤmpfte unter den Menſchen mit bitterer Laune und weinte insgeheim Thraͤnen ſo heiß als im achtzehnten Jahre— „Damals wuͤthete der amerikaniſche Krieg. Es ging die Rede, der Koͤnig von Frankreich wuͤrde den Inſurgenten mit Truppen beiſtehen. Der Chevalier ſagte, wenn das geſchaͤhe, ſo muͤßte die Sache der Re⸗ bellen die gerechte ſein, denn ſeine Landsleute wuͤrden 8 190 ihr unfehlbar den Sieg verſchaffen. Man zog ihn auf, fragte ihn, ob er ſich mit einſchiffen wollte; er beant⸗ wortete den Scherz mit der phantaſtiſchen Bravour, die im Munde ſeiner Landsleute außerhalb des Schlachtfel⸗ des oft zweideutig klingen kann. „Eines Abends trat er zu einer ungewoͤhnlichen Zeit in mein Zimmer. Er hatte Papiere in der Hand, ſeine Augen funkelten. Meine zaͤrtliche, meine guͤtige Freundin, rief er, lieben Sie Ihren Louis! Vergeſſen Sie ihn nie— in zwei Tagen reiſe ich nach Breſt ab, mein Vater hat mir eine Stelle unter den Truppen verſchafft, die ſich dort einſchiffen. „Ach, jetzt ſah ich nur meinen Sohn in ihm! Vor mir ſtand die blaſſe, ſchon lebloſe Geſtalt ſeiner Mutter, wie ſie den weinenden Juͤngling auf mich an⸗ wies. Schnell draͤngten ſich die zwei ſeitdem verfloſſe⸗ nen Jahre in meiner Vorſtellung zuſammen. Nun ſchied er von mir, ſo ganz veraͤndert, ſo viel liebens⸗ wuͤrdiger, ſo viel reifer zu tauſendfacher Gefahr. Ich ließ meinen Thraͤnen freien Lauf. Ihn hatte ſeine ju⸗ gendliche Phantaſie ſchon ganz zum Helden umgeſchaffen. Und Auguſte? fragte ich endlich, laͤchelnd unter mei⸗ nem Schmerze, um ſein heroiſches Geſchwaͤtz zu un⸗ terbrechen.— Auguſte! rief er, hielt inne; Thraͤ⸗ nen drangen aus ſeinen Augen, er beugte ſich uͤber meine Hand: O meine Mutter, indem ich freudig meine Laufbahn antrete, fuͤhle ich nur den Schmerz, Sie zu verlaſſen; gegen dieſen iſt alles Andere Thorheit, Poſſe! Meine Lorbern lege ich einſt meiner Mutter zu Fuͤßen, oder— falle ich in dem 191 Kampfe, ſo werden dieſe guͤtigen Augen allein um mich weinen. „Und ſo war es auch! „Der liebenswuͤrdige Thor eilte nach Breſt. Ehe der Krieg beendigt war, erhielt ich dieſen Brief in fran⸗ zoͤſiſcher Sprache von einer unbekannten Hand: „Am 17. Auguſt 1782 fruͤh um acht Uhr ruͤck⸗ ten unſere Truppen aus. Der Kampf war hitzig, der Sieg blieb unſer; unter vielen tapfern Maͤnnern fiel der Chevalier de***, der acht Tage vorher von un⸗ ſerm braven General auf dem Schlachtfelde zum Capi⸗ tain ernannt worden war. Er ſtarb zwei Stunden nach dem Gefechte. Vor ſeinem Tode befahl er mir, den obi⸗ gen Zeilen, die er mit ſchon ſtarrer Hand geſchrieben hatte, dieſe Nachricht hinzuzuſetzen.— Labourdaie, Feldchirurgus.“ „Oben ſtand von des Chevaliers Hand, faſt un⸗ leſerlich: 3 „Adieu, meine geliebteſte Mutter. Ihr Louis. „Er hatte mehr ſchreiben wollen— ſtirbt, ver⸗ muthlich, wie ein noch angefangener Buchſtabe zeigte. „Ihr werdet nun begreifen, warum ich nicht mehr muͤndlich erzaͤhlen wollte. Nach dem dreißigſten Jahre ſind die Leidenſchaften nicht mehr Spiel, nicht mehr Sommergewitter, nach welchem der Himmel ſchoͤner lacht. Sie ſind Orkane im Spaͤtjahre, ſchuͤtteln ge⸗ waltig die letzten Blaͤtter von den Zweigen, zerſchlagen die letzten Blumen, und die gebleichte Sonne kaͤmpft fortan vergebens, der erſtarrenden Natur aufzuhelfen. 192 „Wie Sie zuruͤckkamen, mein guter Karl, beweinte ich meine Jugend, mein unnuͤtz verfloſſenes Leben, mei⸗ nen Gatten, dem ich vielleicht Alles war, was er ver⸗ langte, bedurfte, ohne daß ich es fuͤhlte, ohne daß es mich befriedigte, der mich ſo wenig verſtanden hatte, mir ſo wenig ſein wollte oder konnte; nur die ſterbende Hand jenes guten, heroiſchen Schwaͤrmers hatte mir das einzige Zeugniß hinterlaſſen, daß mein Daſein nicht ganz ohne Werth fuͤr Andere geweſen war. „War es Plan bei Ihnen, mich nach und nach in das thaͤtige Leben zu ziehen? Verdankte ich die theil⸗ nehmende Guͤte, mit der Sie mich aufzuheitern ſuchten, die beſcheidene Achtung, mit welcher Sie meinen Rath und Beiſtand verlangten, nur dem Mitleiden, das Ih⸗ nen meine gehaltloſe Erxiſtenz einfloͤßte? „Mit Sehnſucht hatte ich in Ihnen einem Weſen entgegengeſehen, an dem ich meine Schuld gegen Na⸗ tur und Gefuͤhl, die beide mein leeres, egoiſtiſches Le⸗ ben verdammten, abtragen koͤnnte, ohne mein ewig ſei⸗ ner Jahre vergeſſendes Herz von Neuem in Gefahr zu bringen. Aber auch mit reuiger Scham hatte ich Sie empfangen: ich fuͤhlte, Karl, daß ich es war, die Sie in zarter Jugend in die Welt hinausgetrieben, daß um meinetwillen nicht vaͤterliche Sorgfalt, nicht muͤt⸗ terliche Liebe Sie erzogen hatten, ſondern„die Zeit und das ewige Schickſal.“ „Wie Sie nun kamen! Wie ich, da Sie mich zum erſten Male als Mutter begruͤßten, zum erſten Male ohne ſchwankende Bitterkeit daran dachte, daß die Jahre der Jugend dahinwaͤren; wie Jeder, der Sie 193 ſah, mir zu ſolch einem Sohne Gluͤck wuͤnſchte; wie ich bald mich zu jung fuͤhlte, weil ich, Ihre wahre Mutter zu ſein, nicht alt genug war, und Sie mir jedes naͤhere Band des Herzens theuer machten; wie Sie Ihre Gertrude liebten und ich Ihre Vertraute ward— „Mein Sohn, da lernte ich meine Beſtimmung er⸗ kennen. Das gefaͤhrliche Spiel des Gefuͤhls, als der arme, ſchwaͤrmende Chevalier mich Mutter nannte, und das ſanfte Bewußtſein, womit ich von Ihnen dieſe liebe Benennung empfing— oft ſtellte ich dieſe beiden Em⸗ pfindungen zuſammen; Schamroͤthe und Dank gegen Sie wechſelten bei mir ab: aber je mehr ich Sie ſah, je mehr ich erkannte, daß ich Ihnen werth, nuͤtzlich war, deſto heiterer blickte ich in die Zukunft, und die Wolken meiner Vergangenheit klaͤrten ſich mir auf. Noch mehr ward ihr finſterer Eindruck verwiſcht, als Feldberg zuruͤckkam; ſeine Empfindung fuͤr mich ſchien in der langen Reihe von Jahren nur entwickelt, gereift worden zu ſein, ſeine Freundſchaft knuͤpfte den Zeit⸗ punkt meiner ſorgloſen Jugend an meine jetzige, nun nicht mehr verlorne Exiſtenz——“ Karl las noch, als Frau von Helm ploͤtzlich neben ihm ſtand; ſie hielt ihren Enkel auf dem Arme, haſchte ihrem Sohne die Blaͤtter aus der Hand und rief mit heiterer Ruͤhrung:„Genug, und ſchon mehr als genug! Ich wollte Eures und meines Gefuͤhles ſchonen, indem ich Euch V. 13 194 meine Leiden und Irrthuͤmer in dieſen Blaͤttern erzaͤhlte; mein Gluͤck, nuͤtzlich zu ſein, wo ich es darf und muß, leſet Ihr in meinen Augen, hoͤrt es von meinem Munde—— Karl war aufgeſprungen und hielt ſeiner Mutter Hand in der ſeinen; Gertrude umfaßte ſie mit inniger Zaͤrtlichkeit— Feldberg, auf deſſen Geſicht waͤhrend des Leſens Ernſt, Ruͤhrung, Nachdenken abgewechſelt hatten, unterbrach jetzt Amalien—„Amalie,“ rief er „knuͤpfte ich die Tage Ihrer erſten Jugend an den ge⸗ genwaͤrtigen Zeitpunkt— o ſo laſſen Sie uns den Irrthum des Schickſals, das in dem truͤben Zwiſchen⸗ raume uns trennte, wieder gut machen! Einſt, Ama⸗ lie, hoffte ich, Ihnen das Gluͤck meiner fruͤheren Jahre verdanken zu duͤrfen— ſchenken Sie meinem Alter die Seligkeit, die mir ein Leben noch wuͤnſchenswerth ma⸗ chen kann, das noch nie durch Gegenliebe verſchoͤnt wurde—“ 3 Er hatte bittend ihre Hand ergriffen.„Feldberg,“ ſagte ſie,—„wollen Sie mich wieder aus dem Hafen treiben, wo dies Herz allein Ruhe findet? Kommen Sie in dieſen Kreis“— ſie zog ihn zu ſich, vereinigte ihres Sohnes Hand mit der ſeinen, druͤckte Beide an ihre Bruſt, ſchlang ihren einen Arm um Gertruden und ihr Kind, und unter Thraͤnen der freudigſten Ruͤhrung fuhr ſie fort—„So— Freund, Bruder, Sohn!— ſo in Eurer Mitte, kann dies weiche, liebende, unweiſe Herz ohne Furcht das Alter herannahen laſſen— die Jahre werden mein Haar bleichen, aber Eure Liebe gibt mir eine beſſere, eine ewige Jugend zuruͤck. IV. Heidenbekehrung. Kaiſer Julianus war im Perſerkriege gefallen; das roͤmiſche Heer zog ſich nach ſchimpflichen Vertraͤgen nach Kleinaſien zuruͤck, Jovian gebrauchte das Scepter, um das Kreuz zu erhoͤhen, und die Roͤmer betrauerten nicht nur die Schmach ihres Kriegsruhmes, ſondern auch den Sturz ihrer Altaͤre. Mutius Sextilius, aus einer der edelſten Familien in Ravenna, hatte unter dem Kaiſer Julian in Gallien gedient, er hatte ſeine Liebe, er hatte ſein Vertrauen beſeſſen; in ihm hatte ein langes Leben die traurige Überzeugung entwickelt, daß der Einſturz des Alten herbeiſchreite. Aber es ſtand noch ſo erhaben da in ſeinem Ruin, daß nicht die Feinde Roms ihn beſorgt machten, ſondern die Aus⸗ artung der Roͤmer. Selbſt an des großen Konſtantin's Hofe hatte er nie glauben koͤnnen, daß die Prieſter der finſtern Lehre aus Syrien es waͤren, die das Schick⸗ ſal berufen haͤtte, den heitern Dienſt der olympiſchen Goͤtter zu vertilgen. Auch auf dem Zuge nach dem Orient blieb Mutius an des Kaiſers Seite, und indeß dieſer in Antiochien weilte, begab er ſich auf ein kleines Gut, das Julius Sextilius, ſein Sohn, in den Thaͤ⸗ 198 lern des tauriſchen Gebirges bewohnte. Julius hatte ſchon als zarter Juͤngling unter Conſtantius in Klein⸗ aſien gefochten; eine ſchwere Wunde hielt ihn zufaͤllig in dieſer Gegend zuruͤck. Der Gutsherr, der ihn zur Pflege aufgenommen hatte, gab ihm ſeine einzige Toch⸗ ter zum Weibe, und durch ſeinen Tod zum Beſitze ſei⸗ ner Guͤter gelangt, lebte er ſeit einigen Jahren als friedlicher Landmann. Mutius rief ihn auf, ſeinem Kaiſer zu folgen; von roͤmiſchem Geiſte belebt, ſah ſein Weib ihn dahinziehen und wiederholte ihren Soͤhnen ſeine Abſchiedsworte: werdet des Roͤmernamens werth. Mit finſterer Ahnung im Buſen folgte Mutius dem Kaiſer in die Ebenen von Kteſiphon nach. Oft wenn die Sonne die hohen Adler mit ihrem letzten Strale vergoldete, und die Cohorten, muͤde vom Tageswege, in gebrochenen Reihen ſtillſchweigend daherzogen, daͤuchte ihm, als wandle ein unermeßliches Todtengepraͤnge dem dunkelnden Orient zu. Und ſeine Ahnung traf ein. Furchtbar hallten am Tage der Schlacht die Worte der großen Huldigung, mit denen der Kaiſer dahinſank, in ſein Ohr. Den Nazaraͤer kannte Mutius nicht, aber⸗ mit einem großen Theile des roͤmiſchen Heeres gab er ſeinen Anhaͤngern die That ſchuld. Wie nun aber auch Julius, ſein Sohn, den blutenden Kaiſer aus der Schlacht tragend, von einem Pfeile erreicht ward, fuͤhlte er zum Fechten keine Kraft mehr, nur zum Haſſen, und eilte von Julian's Grabmal, bis wohin er ſeinen Heerhaufen begleitet, dem einſamen Landgute ſeiner Sohnestochter zu. Dein Gatte iſt als ein Roͤmer ge⸗ fallen, war Alles, was er der Hinterlaſſenen ſagte; euer 199 Vater iſt als ein Roͤmer gefallen, wiederholte er ſeinen Enkeln— und dieſe Worte mußten Kraft haben, denn die Witwe gebot ihren Thraͤnen, und die Knaben er⸗ ſtickten ihr Jammergeſchrei, ihre lockigen Haͤupter in feſter Umarmung Einer an des Andern Buſen verber⸗ gend. Jovian ſtarb unwuͤrdig, wie er gelebt; ſein Nach⸗ folger hielt Roms Verderben nicht auf, und Mutius ward vergeſſen in den Stuͤrmen der Zeit. Abadea, das Landgut, das er mit ſeinen Enkeln bewohnte, lag in einem entlegenen Theile des tauriſchen Gebirges. Von einem klaren Strome durchfloſſen, gegen Norden von Bergen geſchuͤtzt, von oͤſtlichen Luͤften gekuͤhlt, ſchenkte es alle Beduͤrfniſſe des Lebens im Schooſe der ſchoͤnſten Natur, und deſſen Üppigkeit zu entfernen war Mutius ernſtlich bemuͤht. In allen Zeiten waren Gebirge die Zuflucht des Alten, und in der Entfernung vom Herr⸗ ſcherſitze verfließen die Wogen der Willkuͤr in unmerk⸗ lichen Wellen So kam es denn, daß die kleine Roͤmer⸗ pflanzſtadt von Abadea der Nachbarſchaft wenig bedurfte, und bald mußte ſie ganz derſelben entbehren, denn von den Ufern des Kalykadnus bis zu denen des Cydnus wuͤtheten Verfolgung und Greuel. Nicht Feinde, nicht Barbaren brachten ſie dahin, ſondern die Chriſten, ſo ſich nach Arrianus nannten, die Kaiſer Valens zur Herrſchaft erhob, drangen den andern Chriſten, die ſich die Älteren nannten, ihre Wahrheiten mit dem Schwerte auf. Abadea entging in ſeinem Felſenthale der Bekeh⸗ rung, aber Mutius ſagte zu ſeinen Enkeln mit grimmi⸗ ger Kaͤlte: das ſind Rachopfer fuͤr die Manen eures 200 Vaters. Eines Tages durften Primus und Prosperus mit ihrem Großvater auf die Jagd gehen; der Alte fuͤhrte ſie durch verſchlungene Felspfade zu ſanftern Huͤ⸗ geln des Vorgebirges, wo ſie im lichtern Gehoͤlze Ge⸗ legenheit fanden, ihre leichten Bogen am kleinen Wilde zu uͤben. Ein treuer Sklave blieb ihr Gefaͤhrte, indeß Mutius, auf einer vorragenden Klippe ruhend, das Haupt auf den Jagdſpeer geſtuͤtzt, truͤben Blickes hin⸗ abſah in die verwuͤſtete Ebene. Er gedachte der Zu⸗ kunft ſeiner Enkel, fuͤr die das Thal von Abadea zu klein war, und fuͤr die er in der ganzen roͤmiſchen Welt keinen Fleck mehr kannte, in dem nicht Verderb⸗ niß ohne Groͤße und Grauſamkeit ohne Muth die Oberhand hielt. Da drang eine Stimme zu ihm, die aͤngſtlich rief: Anna! Theodorus! gen Weſten! gen Weſten! und ploͤtzlich trat ein Greis um den Felſen⸗ vorſprung, der bei ſeinem Anblicke erſchrocken zuruͤckfuhr, dann aber, gefaßter herantretend, ſeine Knie vor ihm beugte und ſprach: Herr! ich und meine Kinder ſind in Deiner Hand; ich bin eins der entflohenen Opfer von den Ufern des Kalykadnus. Schon vierzig Tage⸗ lang verberge ich mich mit meinen Enkeln in den Waͤl⸗ dern des Taurus, Hungertod droht uns, bei Dir fin⸗ den wir vielleicht Schutz, wenn Du ein menſchliches Herz haſt. Mutius ſprach: meine Laren werden Dich ſchuͤtzen, wenn Du Dich in Frieden ihnen nahſt. Wo ſind Deine Enkel?— Ach, ſie gingen Beeren und Wur⸗ zeln zu ſuchen; die Angſt um ſie, die nicht wiederkehrten, trieb mich aus dem Dickicht, und meine Stimme iſt zum Rufen zu ſchwach.— Kinder, gen Weſten! rief —— 201 Mutius mit ehernem Tone, und bald hoͤrte er Primus Stimme, die, gen Weſten! zuruͤckrief. Und bald ſah er ſeine Enkel, die einige zur Bahre verſchlungene Aſte tragen halfen, ſie Beide zu Fuͤßen, der Sklave, ihr Begleiter, zum Haupte, und darauf lag ein Maͤgdlein in Kinderjahren, eine Engelgeſtalt, vom Elend verklaͤrt, und ein fremder Knabe, aͤlter als Primus, aber blaß und abgezehrt, ging, der Schweſter Hand haltend, ne⸗ ben der Bahre einher. Jetzt erblickte er den Greis und leitete ihr erloſchnes Auge auf den troͤſtenden Anblick, wie eben Mutius dem Alten einen Becher mit Wein bot. Unendliche Wehmuth ſprach aus dem Antlitze des Greiſes; er ergriff haſtig den Becher und eilte den na⸗ henden Kindern entgegen. O, gib dieſem Engel den Labetrunk, damit mir ihn Gott noch laſſe hienieden! Der Wein rief das Maͤgdlein auch ins Leben zuruͤck, und bald ſaß es mit dem Knaben auf dem Grasboden beim Mahle, und die beiden Alten ihnen gegenuͤber in ihrem Anſchauen vertieft. Mutius' Blick folgte finſter gluͤhend den Bewegungen der Kinder, der Greis aber faltete ſeine Haͤnde; ſein Auge, das bald auf ihnen ruhte, bald emporſchweifte zum Himmelsgezelt, lehrte, daß er ſein Liebſtes auf Erden mit etwas uͤber den Wolken verbaͤnde. Anna ſaß matt an einen Baum ge⸗ lehnt, und der zehnjaͤhrige Prosperus brachte ihr Speiſe und Blumen, bot ihr ſeinen Becher und woͤlbte die Zweige des Oleanders an ihrer Seite, um ſie vor der Sonne zu ſchuͤtzen. Primus blickte wehmuͤthig in Theo⸗ dorus' blaſſes Geſicht, hielt ſeine Hand, vergaß zu eſſen und reichte nur, ſowie der neugefundene Gefaͤhrte eine 202 Bewegung machte, ihm Alles, was ſeine Wuͤnſche be⸗ friedigen konnte, dar. Ahnherr, rief er ploͤtzlich und hob Theodorus' Rechte mit ſeinen beiden Handen wie zu einem Bundesſchwur empor, ich habe noch nie einen Freund gehabt— dann fehlten ihm die Worte, und wie der fremde Knabe jetzt an ſeine Bruſt ſank, ſprang er erſchrocken auf, zog ihn mit empor und blieb, ihn feſt umſchlingend, ſtehen. Jetzt, nun der Fremde der Speiſe genoſſen und ſich mit Trank erquickt hatte, er⸗ hob Mutius die Stimme und fragte: Wo fandet ihr die Kinder unſers Gaſtfreundes? Ahnherr, antwortete Primus und trat, Arm in Arm geſchlungen, mit dem fremden Knaben vor die Alten; Ahnherr, wir hatten ungeſchickt auf die fuͤchtigen Rehe geſchoſſen, und weit abgelockt von dieſen Klippen, ergriff uns der Durſt. Da hoͤrten wir eine Quelle im Gebuͤſche rauſchen, ſchli⸗ chen ihr nach, und wie wir auf den kleinen Plan kamen, den ſie benetzte, fanden wir dieſen Knaben neben ſeiner Schweſter, die unter Hunger und Schwaͤche erlag. Pri⸗ mus' Stimme ward lauter, weil ſein Herz von Mit⸗ leiden brach; Theodorus aber zog den Arm von ſeines⸗ Freundes Nacken zuruͤck, bedeckte mit beiden Haͤnden ſein Geſicht, und ein leiſes Achzen bewies ſeinen Schmerz. Annens Angeſicht ward noch blaͤſſer bei der Erzaͤhlung ihres Elends, ſodaß Prosperus mit bittenden Worten ihre Wange ſtreichelte und aͤngſtlich ſich umſah, ob der Bruder nicht ſchwiege. Der aber hielt ſeine Wehmuth zuruͤck und ſprach weiter: des Maͤgdleins Haupt lag in dem hohen Graſe wie ein zertruͤmmertes Goͤtterbild, und der Arme beugte ſich uͤber die Quelle und wollte Waſſer 203 ſchoͤpſen, der Verſchmachtenden Lippen zu netzen, aber das Waſſer lief durch die magern Finger ſeiner zittern⸗ den Hand, und ſie brachte keine Labung ihr zu.— Hier verſtummte er, von ſeiner eignen Erzaͤhlung uͤber⸗ waͤltigt. Der fremde Greis, der ſtill zugehoͤrt hatte, kaum athmend, damit er vor Jammer nicht aufſchrie, und mit niedergeſenkten Augen, deren Thraͤnen der graue Bart eintrank, rief nun aus der Tiefe ſeines Herzens: Und da ſendete der Allmaͤchtige ſeinen Engel, um ſeine Kinder zu retten. Gebenedeit ſei ſein Name und unſer Herz ihm geweiht.— Fort jetzt zur Heimath! rief Mu⸗ tius mit zornigem Antlitz. Der Greis aber betete ſtill, und die Kinder ſahen ſich liebend an, wie die Engel, die ſie zu einander gefuͤhrt hatten. Die Sklaven mußten die Äſte der Tragbahre, auf welche Anna gelegt ward, auf das bequemſte ver⸗ binden, und Prosperus ging den ganzen Heimweg ihr voraus, zeigte den Traͤgern jede Stelle, die ſie vermei⸗ den ſollten, und wenn ein Hinderniß eintrat, faßte er Annens Hand und blickte ſie kuͤhn und laͤchelnd an, um ihre Furcht zu zerſtreuen. Joſephus war ein Landmann von den Ufern des Kalykadnus, da wo er, die noͤrdlichen Gebirge verlaſſend, der Ebene zuſtroͤmt. Die rauhe Gegend dort, von Hir⸗ ten und Fiſchern bewohnt, hatte von dem Pomp der heidniſchen Tempel wenig gewußt; fromm ahneten ſie bei den Erſtlingsopfern ihrer Herden, bei den Reinigun⸗ gen in den Wellen ihres Fluſſes ein hoͤheres Weſen, das die Erde, die ſie naͤhrte, und ihr Herz, das ihm dankte, erſchaffen haͤtte. Und wenn der Jahreswechſel, 204 ſtets wiederkehrend, Leben aus Tod ſchuf, und das Saatkorn, das ſie huͤlflos dem Boden anvertrauten, immer wieder ihre Hoffnungen erfuͤllte, verſtanden ſie die dunkeln Bilder ihrer einfaͤltigen Prieſter aus dem Beiſpiel der Natur. Da ward in dem erſten Men⸗ ſchenalter nach dem Tode des Gottmenſchen ein Lehrer der ſyriſchen Chriſten, der von Tarſus nach Tyana zu wandern auf dem Wege war, an den Ufern des Fluſ⸗ ſes von Raͤubern gemishandelt; eines Hirten Hund ſpuͤrte ſeinem Blute nach; der Hirt, der ihn aufſuchte, fand ihn und verband ſeine Wunden. Der Lehrer genas und lehrte lieber den Hirten am Kalykadnus, als den Buͤr— gern von Tyana. Seine Lehre aber war einfach, wie Chriſtus ſelbſt ſie gelehrt, und da kein Anderer nach ihm das entlegene Thal beſuchte, wußte auch nach drei⸗ hundert Jahren ſeine einſame Herde nichts von der Spal⸗ tung der Kirche. Wie nun Valens' Kriegsknechte aus der in Truͤmmern rauchenden Ebene zu ihnen herandran⸗ gen und ihnen die Natur der heiligen Drei durch den Brand ihrer Huͤtten, durch den Mord ihrer Bruͤder verkuͤndigen wollten, meinten ſie, die Heiden haͤtten im tollen Irrwahn ihren Gott des Verderbens mit dem Namen des Boten des Friedens benannt. Joſephus ſah ſeine Soͤhne bluten und ſeine Toͤchter, der Luſt des Kriegers zu entgehen, ſich in die Wellen des Stroms begraben und entfloh mit ſeinen Enkeln ins Gebirge. Nach vierzig Tagen des Elendes fand ihn Mutius, fuͤhrte ihn nach Abadea und ward ſein Wohlthaͤter. Eine Huͤtte gab er ihm und ein Feld, das er durch ſeine Sklaven ihm bebauen half. Theodorus fand bald 205 wieder Kraͤfte und Geſundheit, und trotz ſeiner jungen Jahre legte er Hand an die Arbeit, mit einem Muthe und einer Ausdauer, die Mutius mit Befremden er⸗ fuͤllte, denn er hatte den ſtillen Knaben fuͤr weibiſch gehalten. Aber ſeinen Enkeln war des Fremden Fleiß nicht zum Vorwurf, ſondern zum Sporn. Er und Primus wandelten immer beiſammen, wie das Zwil⸗ lingsgeſtirn; nur ſchien der Letztere feuriger zu blitzen, wie im Dunſte der Erdnaͤhe, indeß jener ſtill ſtralte wie am wolkenloſen Zenith. Nicht ſo wohlthaͤtig war Mutius' gaſtfreie Aufnahme fuͤr Anna, das Maͤgdelein. Ihre zarte Bluͤte war vom Elende der Flucht zerknickt; wohl freute ſie ſich der Sonne, der Blumen, der Liebe von Allen, die ſie umgab; wenn aber Theodorus und Primus Abends vom Felde kamen und erzaͤhlten, wie die Saat ihren Auen entkeimte, blickte ſie ſehnſuchtsvoll empor, und dem Sternenheer, wie es dem Himmel entſproßte, ſchien ſie naͤher als jeder irdiſchen Saat. Prosperus ging nicht mit den Gefaͤhrten aufs Feld; er entſchluͤpfte dem Sklaven, der ihn beſchaͤftigen ſollte, um bei Anna zu ſein. Dann half er Joſephus bei den leichtern Arbeiten des Gartens⸗ Anna ſaß daneben im Schatten der Baͤume, und er brachte ihr jedes bunte Steinchen, das ſein Grabſcheit hervorwuͤhlte, jede zier⸗ liche Pflanze, die er fand. Und wenn ſie zu matt zum Spiel und zum Danke ihm ihre heißen Haͤnde ließ, die er fragend gefaßt hatte, ſtieg Angſt und Unruhe in ſeinem Geſicht auf, er ließ ihre Haͤnde fahren, eilte in das Gebuͤſch, auf die Felder und drang wol in kindi⸗ ſcher Heftigkeit verwuͤſtend durchs Saatfeld. Wenn dann 206 Mutins ihn bei ſeiner Heimkehr mit harter Strafe em⸗ pfing, ſchien er aus einem Traume zu erwachen und umfing weinend die Knie des Ahnherrn. Nur fruͤh beim Erwachen war er ſanft, dann ging er vor den andern Genoſſen des Hauſes, um Weihrauch zu ſtreuen, an den Altar der guten Goͤttin, der zunaͤchſt ſtand an der Pforte. Da ſah ihn oft Mutius verſtohlen knien und nahm daran wahr, daß der Chriſt ſeinem Knaben ſeine Goͤtter nicht aufdrang. Maͤchtig mußten ſie ſein, dieſe Goͤtter, denn ſie hatten ſeinen Muth erhalten bei dem Morde ſeiner Kinder und hielten ihn aufrecht bei dem Dahinwelken des Maͤgdleins, bei deſſen Verſchmachten ſein eignes Herz brach. Eines Abends ſah er Prospe⸗ rus von Joſephus' Huͤtte herſchleichen, große Blumen⸗ gewinde im Arm und in die breiten Blaͤtter der Althaͤa gewickelt eine Scheibe des reinſten Honigs. Er nahte ſich der guten Goͤttin Altar, ſchmuͤckte ihn mit den Kraͤnzen, legte die Gabe darauf, ſprengte ſie mit dem lautern Waſſer des Quells drei Mal gegen Aufgang und ein Mal gegen Niedergang und betete nach der Vor⸗ ſchrift des Bittopfers. Da trat Mutius zu ihm und fragte: Wem gilt dieſes Gebet?— Anna, die ich bat mir die Kraͤnze zu flechten.— Was erwartet ſie von den Goͤttern, die ihr Vater verwirft?— Ihr Vater laͤchelte mit Thraͤnen, als er ſie ſah dieſe Kraͤnze flech⸗ ten, und er ſagte: bete nur, Prosperus, fuͤr Anna's Leben; der Allmaͤchtige, der es in ſeiner Hand haͤlt, hoͤrt Dich, auch an der guten Goͤttin Altar.— Da war es, als wenn Mutius' ſtarker Bruſt ein Seufzer entſtiege. Und wie die Nachtgleiche des Herbſtes heran⸗ 207 kam, gluͤhten jeden Abend Anna's Wangen mit dem Himmel der ſinkenden Sonne und jeden Morgen lag ſie erſtarrt in Schwaͤche wie die ſchlummernde Flur. Wie nun Mutins ſie eines Tages nicht mehr ſah im Schatten der Feigenbaͤume, ging er zu der Huͤtte, die er dem Fremdlinge erbaut hatte. Da lag ſie tief ath⸗ mend vor Schwaͤche auf dem reinlichen Lager; ihr Antlitz, weiß wie die Lilie der Baͤche, ward von der gluͤhenden Abendſonne gefaͤrbt, und ihr Auge, das ſich fuͤr die Erde ſchon verdunkelte, blickte ohne Zucken in den blenden⸗ den Stral. Prosperus kniete neben ihr und weinte unendlich. Joſephus ſtand ihr zu Fuͤßen mit feſtgefal⸗ teten Haͤnden und bewachte das Kind. Da ſpielte ein leichtes Laͤcheln um ihre Lippen, ſie reichte Prosperus eine Hand hin, ihre Augen glaͤnzten wie die ſcheidende Sonne, und dann ſanken ſie zu. Sie ſchlaͤft, ſagte der Knabe getroͤſtet und nahm ſeine Stellung behutſam, die Hand nicht zu erſchuͤttern. Sie ging zu Gott, ſprach Joſephus und hob ſein Antlitz gen Himmel. Die naͤchſte Nacht gab Mutius' bewegter Seele keine Ruhe. Er verließ vor Tage ſein Lager, und wie er an einem kleinen Gekluͤft, von Cypreſſen umſchattet, vorbei⸗ ging, fand er Joſephus, der fuͤr Anna ein Grab grub. Mann, was ſtaͤhlte ſo furchtbar Dein Herz? fragte der roͤmiſche Feldherr.— Daß ſie dort meiner wartet, wo nichts mehr uns ſcheidet, ſie und die Erſchlagnen an den Ufern des Kalykadnus.— Haſt Du denn einen Lehrer gehabt, weiſer als der goͤttliche Plato, daß Du uͤberzeugt biſt von Dem, was unſrer Weiſen hoͤchſtes Wiſſen nur ahnt?— Beſcheiden blickte der Greis zu ihm auf: Uns iſt keine Weisheit gelehrt; wir glauben von Kindheit an, daß dieſer Zeit Leiden zur Herrlich⸗ keit fuͤhren, und die genießt Anna nun vor dem Throne des Hoͤchſten.— Nur die Leiden, ſklaviſch geſinnter Greis? nicht Vaterlandsliebe und Muth?— Joſephus beſann ſich: Auch die Vaterlandsliebe und der Muth und alle Tugend, die wir uͤben.— Und warum uͤbteſt Du ſie nicht, um Deine Kinder zu raͤchen?— Die Rache iſt mein, ſpricht der Herr, und ich will vergelten, und die Strafe gehoͤrt dem Geſetz. Dann ſchwieg er, hob langſam eine Schaufel voll Erde, und wie Mutius, ſeinen wunderbaren Worten nachſinnend, ſah, wie die Thraͤnen ſeiner alten Augen den trocknen Boden befeuch⸗ teten, ging er mit Selbſtvorwurf hinweg. Bei Prosperus aber ſchien es, als habe die Herbſt⸗ ſonne, die Anna's Lebensbaum abſtreifte, ſein Gemuͤth gereift. Er trauerte nicht nach Knabenart heftig und kurz, er ward thaͤtig und ſchaffte verſtaͤndig, gleich als ſei ſeines ganzen Tages Geſchaͤft ein Auftrag, den ſeine Geſpielin ihm hinterlaſſen. Er ging mit den beiden andern Knaben an die Arbeit, und wenn auch der Schwaͤchſte, war er nicht der Unfleißigſte von ihnen. Den Altar der guten Goͤttin kraͤnzte er nicht mehr, wohl aber die Cypreſſen, die Anna's Grabhuͤgel beſchatteten. Wie einſt rauhe Bergwinde den Alten im Hauſe hiel⸗ ten, und die Knaben, durchnaͤßt von der Jagd kehrend, am Herde ſich waͤrmten, ward er, der daneben in ei⸗ nem großen Pergamente die Geſchichten der Vergangen⸗ heit las, durch die Stille der jungen Leute geſtoͤrt; denn aus ihrem lauten Geſchwaͤtz war ein leiſes einzelnes Re⸗ 209 den geworden. Er ſah uͤber ſein Buch hinweg, wie Primus und Theodorus Arm in Arm an dem Feuer ſtanden, Prosperus aber, auf dem Herd ſitzend, in die Flamme der hellauflodernden Weinreben wies. Sieh, wie die Flamme vom Irdiſchen aufſteigt! hoͤrte er Theo⸗ dorus, ſeinem Deuten folgend, ausrufen.— So ſtieg Anna's Geiſt in den Äther, ſagte Prosperus und blickte zuverſichtlich empor.— Wo ſieheſt Du nicht Anna's Geiſt! rief ſein Bruder. In den ſchwellenden Knospen des Cytiſus, in den Saatkeimen des Feldes, in dem aufſteigenden Hesperus ſiehſt Du Anna's neues Leben verbuͤrgt.— Und Du nicht des großen Kaiſers, fuͤr den der Vater gefallen? und nicht des Vaters, der uns befahl Roͤmer zu ſein?— Beim Jupiter, ja das thu' ich! rief Primus, auf Theodorus blickend, als habe er eine große Entdeckung gemacht. Nicht wahr, Gefaͤhrte, in Deines Lehrers Elyſium wandeln dieſe auch?— Guter Primus, erwiderte dieſer, das fragſt Du ſo oft. Des Einigen Gottes Arm umfaͤngt uns ja Alle, hier und dort.— Prosperus war aufgeſtanden vom Herd, hatte dieſe Beiden jetzt mit ſeinen Armen umfaßt und rief wie das Echo der ſtillen Abendluft:— Alle! und ſie ſchwiegen in innerm Anſchaun, und die Flamme des Herdes ſtieg hoch in die Luͤfte empor. So gingen die Jahre hin, und wie die Juͤnglinge ſtark wurden, erwachte in ihnen der Wunſch, ihre Kraͤfte an Gefaͤhrlicherm zu uͤben als den Thieren des Waldes und den Schollen der Erde. Mutius ſprach zu ihnen: Ihr ſeid Roͤmer, dieſer Name fodert Euch auf, fuͤr ſeine Verherrlichung zu kaͤmpfen, und waͤrt Ihr V. 14 210 die Letzten, vor denen die Barbaren entfloͤhen. Zieht nach Antiochien; dort lebt noch Einer meiner Kampf⸗ genoſſen, der wird es Euch ſagen, wo das Heer ſich verſammelt, das Theodoſius, der jetzige Kaiſer, die Gothen zu bekriegen, zuſammenzieht. Ehrt die Goͤtter und ſchont die Menſchen. Da ſprang Theodorus leb⸗ haft empor und rief zu dem alten Joſephus: Vater, laß mich mitziehen! Meiner Gefaͤhrten Feinde ſind auch die meinen, und Ihr Herd, den die Barbaren bedrohen, war unſere Zuflucht. Gehe mit Gott, glaube an Gott und Unſterblichkeit und erbarme Dich Deiner Bruͤder! ſagte der Greis und legte ihm ſegnend die Hand auf. Das befremdete Mutius ſehr. Er hatte gemeint, der Chriſt verwerfe den Krieg. Alſo zogen ſie Dreie zuſam⸗ men und ſuchten den Feind. Ehe die Juͤnglinge aber wiederkehrten, vollendete das Jahr drei Mal ſeine Laufbahn, und dieſe drei Jahre, in denen ſie im Kriegsgetuͤmmel zu Maͤnnern erſtarkten, haͤuften den Reif des Alters auf den Haͤuptern ihrer Ahnherren. Ihr Lebenspfad ging abwaͤrts, und da dun⸗ kelt die Erde, wie auch der Abendhimmel ergluͤht. Da ſie aber Beide durch gleiches Opfer verarmt waren, tru⸗ gen ſie ihre Einſamkeit zuſammen und warteten vereint ihrer Kinder. Doch anders zaͤhlte Mutius die vielen einſamen Tage, und anders der chriſtliche Greis. Je⸗ ner brachte taͤglich Opfer am Altare ſeiner Goͤtter; da er aber nicht befahl, daß ſeine Sklaven ihm folgten, ſtand er allein an dem verlaſſenen Stein. Dieſer pflanzte ſeinen Garten, pflegte ſeine Bienen und dazwiſchen rich⸗ tete er ſein Antlitz voll betender Wehmuth oft nach der r — 211 Gegend des Himmels, wo die Juͤnglinge die Ufer des Iſters gegen das Andringen der Barbaren vertheidigten. Einſt war Mutius von einem den Kriegern Ungluͤck weiſſagenden Traume erſchreckt, er verdoppelte ſeine Opfer und kam wieder mit ungeſtaͤrktem Herzen von den Altaͤren zuruͤck; da fand er ſeinen alten Gefaͤhrten an der Thuͤr ſeiner Huͤtte mit ſtiller Andacht im betenden Antlitz, und mit ſeinen freudig ausgebreiteten Haͤnden ſah er aus, als empfing' er ſchon im Geiſte die Er⸗ hoͤrung. O thoͤrichter Greis, rief Mutius ihm zu, in⸗ deß Du da beteſt, zerſtampft ihn ein Gothenroß in der Schlacht.— Der aller Sternen Heeren gebietet und die Haare auf unſerm Haupte gezaͤhlt, wird unſere Soͤhne erhalten, antwortete Joſeppus.— Das Wort traf des Alten Herz; er blickte in ſeine Augen, es war ihm als habe er auch gebetet, und er ſagte: Erzaͤhle mir von dem Gotte, der auch meine Knaben bewacht.— Herr, was ſoll ich erzaͤhlen von Dem, den ich nicht zu denken verſtehe. Wie er unter uns lebte und uns liebte, will ich Dich leſen laſſen in einer alten Schrift, die unſere Lehrer uns gaben. Wie der Feind meine Huͤtte zer⸗ ſtoͤrte, war ſie der einzige Schatz, den ich in meinem Buſen verbarg. Du wirſt ſie aber nicht achten; denn es ſteht nichts darin von großen Menſchen, wie Deine Roͤmer ſie loben.— Mutius hoͤrte nicht auf ihn, ſon⸗ dern folgte ihm ungeduldig in die Huͤtte, wo aus einem kleinen Schrein, von Rinden geflochten, der Greis eine Schriftrolle hervorzog. Es war die Botſchaft des hei⸗ ligen Johannes, wie die Lehrer die erſten Kirche ſie geſchrieben. Mutius griff eifrig danach; denn ihm war's 14* 4 212 wie einem Kranken, der wahrnimmt, daß ſein Arzt ihn nicht zu heilen vermoͤge, und der nun haſtig ſeine Hand ausſtreckt nach dem Mittel, das einem Andern, waͤr“ es auch dem ärmſten, ſein Leben gerettet. Darauf nahm er die Schrift mit in ſein Haus, und ſie lag neben ſei⸗ nem Plato und den roͤmiſchen Geſchichten; jedes Mal wenn er in ihr geleſen, trat er heiter zu ſeinem Haus⸗ genoſſen, wie ein Sieger am Abend des Streites; wenn er aber von der Groͤße Roms geleſen, ſaß er ſtill und ſtumm, wie an dem Aſchenkrug eines Todten. Nun fragte er den Greis nicht mehr nach der Natur ſeines Gottes; aber er ſorgte freundlicher fuͤr ihn als ſonſt, freute ſich des Gedeihens ſeines Gartens, und wenn er von ihm ſchied, ſagte er zu ihm: bete zu dem Vater unſer Aller, daß er unſere Kinder erhalte. Und er erhielt ſie. Theodoſius baͤndigte die nordi⸗ ſchen Barbaren, und die Juͤnglinge kamen in ihre Hei⸗ math zuruͤck. Gram hatte Joſephus ertragen, und Sorge hatte er bekaͤmpft; denn vor dieſen Feinden fluͤchtete er in das ewige Sein; fuͤr die Freude aber war er zu ſchwach, denn ſie band ihn an die Erde. Darum ſank ſeine Kraft von dem Tage an, da die Freude uͤber die Wiederkehr der jungen Krieger in Abadea erſcholl. Aber ſein Dahinſterben war ſuͤß durch der Juͤnglinge Liebe und Mutius' freundlichen Zuſpruch. Wie endlich ſein Auge zu dunkeln begann, rief er ſeinen Enkel an und ſagte:„Sohn, Du haſt im Angeſicht des Todes die Hoffnung des ewigen Lebens empfunden, Du haſt dem beſiegten Feinde Barmherzigkeit erzeigt, alſo biſt Du ein Chriſt. Werde nun noch nach unſerer Vaͤter Sitte 6 213 der Weihe theilhaft, die Dich abzeichnet als Genoſſen des großen himmliſchen Reichs. Darauf befahl er ihm, reine Gewande zu bereiten, um beim Anbruch des naͤch⸗ ſten Morgens an den Ufern des Waldſtroms die heiligen Gebraͤuche zu begehen. Wie die Sonne emporſtieg, bot Theodorus, in weiße Gewande gekleidet, dem Greis den ſtuͤtzenden Arm und leitete ihn in den Hain, den der Waldbach durchſtroͤmte. Doch wie nach ſtillen Ge⸗ beten der Taͤufling den Fuß in die reinen Fluten zu ſetzen gedachte, trat Mutius mit ſeinen Enkeln aus dem Schatten des Waldes hervor; die Juͤnglinge eilten mit freudeſtralendem Geſicht an die Seite ihres Gefaͤhrten; der Alte ſchritt ernſt heran, legte ſeine Hand auf die zum Gebet ausgebreitete Rechte des Greiſes und ſprach wie Einer, der das Schweigen wol vorzoͤge:„Dieſe Bei⸗ den glaubten auch im Angeſichte des Todes an ein Le⸗ ben im Lichte, ſie ſchonten auch des uͤberwundenen Bar⸗ baren, und ich habe ihnen befohlen, den Unſinnigen zu verzeihen, deren Pfeile Kaiſer und Vater ihnen morde⸗ ten. Schenke ihnen auch die Weihe, die Dir Frieden ins Herz gab.“ Da wurden Joſephus' Augen klar in himmliſcher Freude; er fragte nicht nach dem Wiſſen der Knaben, denn ihnen leuchtete Liebe und Glauben auf dem Angeſichte. Drei Mal netzte die reine Flut die Scheitel der Juͤnglinge in des drei Mal Heiligen Namen, und dann bat ſie der Greis, reines Herzens zu ſein bis an das Ende. Jetzt war Joſephus' Geſchaͤft auf Erden vollendet. Bei ſeiner Heimkehr reichte er Mutius die Hand und ſagte, zuverſichtlich wie beim Abendgruße der ſcheidende 1 214 Hausfreund: Wir ſehen uns wieder, und ehe der Mor⸗ gen anbrach, war er hinuͤbergeſchlummert zum ewigen Tage. Es war als haͤtte die Welle, die der Juͤnglinge Scheitel benetzte, aus Mutius' Buſen allen Unmuth geſpuͤlt. Ernſt, aber heiter lebte er unter der neuen Chri⸗ ſtengemeinde, die in Abadea entſtand. Die Juͤnglinge hatten ſich unter den Bewohnern der naͤchſten Thaͤler chriſtliche Maͤdchen zu Gattinnen geſucht, und die Skla⸗ ven des Hauſes beteten mit ihnen den lebendigen Gott an. Wie die letzte Stunde des alten Roͤmers heran⸗ kam, ſaß er, die nahenden Schritte des Todes ruhig erwartend, unter ſeinen klagenden Kindern. Klaget nicht! rief er, ploͤtzlich ſeine Stimme erhebend; denn jetzt oͤffnen ſich mir die Pforten des Lichts— und ſein Geiſt ſtieg empor zur Erkenntniß der Wahrheit. Lange Menſchenalter lebten die Seinen auf dem vaͤ⸗ terlichen Boden in Einfalt und Liebe, und uͤberall, wo der Geiſt ihrer Lehre unverfaͤſcht blieb, erkannte der weiſere Heide, daß ſie dem Menſchenherzen zuſicherte, was des Menſchen Scharfſinn vergebens zu erweiſen ſich bemuͤht. V.* Der Wille bestimmt die Bedeu⸗ tung der That. Im Anfange der ſiebziger Jahre des vorigen Jahrhun⸗ derts kam in einer kleinen deutſchen Fuͤrſtenſtadt ein Fremder an. Nach ſeiner Ausſprache zu urtheilen, war er ein Lieflaͤnder, ſagte aber nie mehr von ſeinem eig⸗ nen Schickſale, als daß ihm fruͤhe Ungluͤcksfaͤlle ſein Vaterland verleidet und ihn zu langen Reiſen in die mehrſten Laͤnder Europas, ja ſogar in die Levante gefuͤhrt haͤtten. Seine Paͤſſe waren von dem ruſſiſchen Geſandten in Wien ausgefertigt und nannten ihn Herr von Frobig; außerdem verzehrte er im Gaſthofe ſo vie⸗ les Geld, als noͤthig war, ihn bei den Gaͤſten und bei dem Wirth an ſeine rechte Stelle zu ſetzen. Dem An⸗ ſehen nach war er kaum dreißig Jahre alt, zein ſchoͤner geſunder, ernſter Mann; denn ſelbſt wenn er in ſcherz⸗ haften Ton gerieth, bildete ſich ein ſchmerzhafter Zug um ſeinen Mund, und ſein Blick hatte eine ſonderbare milde Trauer, wenn er ihn auf ein lachendes Angeſicht heftete. Dennoch war er gern unter froͤhlichen Men⸗ ſchen, und inniges Lachen liebte er ſo ſehr, daß man ihn oft ſeine Schritte beſchleunigen ſah, um einen Kin⸗ derhaufen zu erreichen, deſſen froͤhliches Gelaͤchter von 218 Weitem ertoͤnte. Nach einigen Wochen, in denen er ſeinen taͤglichen Tiſchgeſellſchaftern ſehr werth geworden war, durchreiſende Fremde aber, die der Zufall an den Tiſch fuͤhrte, abſichtlich mied, bezog er eine artige Woh⸗ nung, die er ſich von einem wackern alten Finanzrathe, ſeinem Tiſchgenoſſen, waͤhlen ließ, einem ehrenfeſten Junggeſellen, der ſchon mehr als zwanzig Jahre in die⸗ ſem Gaſthofe ſpeiſte. Frobig nahm einen Invaliden als Bedienten an, der ſeinem Herrn vom ſiebenjaͤhrigen Kriege, der ganzen Stadt aber von ſeines Herrn Guͤte, Fleiß und Rechtlichkeit erzaͤhlte. Der alte Finanzrath Muͤller, welcher viel ſolide Kenntniſſe in des Fremden Geſpraͤche kennen gelernt hatte, fuͤhrte ihn bei eintretendem Fruͤhlinge in einen Garten ein, der einer geſchloſſenen, nur aus reifen Maͤnnern beſtehenden Geſellſchaft gehoͤrte, wo literari⸗ ſche Gegenſtaͤnde und allgemeine Angelegenheiten den Inhalt des Geſpraͤches bildeten. Herr von Frobig aus Wien war der Name, unter dem Muͤller ihn vorſtellte; weſſen Neugierde genauere Fragen an ihn that, dem erzaͤhlte er ſo viele intereſſante Dinge, daß er meiſtens die Befriedigung ſeiner Neugier vergaß. Die Menge gab Anfangs wohl auf den Fremdling Acht, beurtheilte die Wahrſcheinlichkeit ſeiner, nie von ihm ſelbſt erzaͤhl⸗ ten Geſchichte, erzaͤhlte ſie aber auf zehnerlei Weiſe an ſeiner Stelle. Endlich kam ſie uͤberein, ihn fuͤr einen heimlichen Jeſuiten zu halten, oder fuͤr einen entflohe⸗ nen Ordensmann, oder fuͤr einen geſtuͤrzten Guͤnſtling; doch das Alles wurde, wie es immer mit Stadtgeſchwaͤ⸗ tzen geht, nach ein paar Jahren uͤber dem tadelloſen 219 Wandel des wackern Fremden dergeſtalt vergeſſen, daß man ihn unbemerkt wie einen Mitbuͤrger behandelte. Und das mit einigem Recht, denn er unterſtuͤtzte jedes nuͤtzliche Unternehmen, trug zu jeder wohlthaͤtigen An⸗ ſtalt bei, ſo reichlich und ſo beſcheiden, daß ihm das Gemeinweſen Dank wußte, ohne daß die Eitelkeit des Einzelnen davon gekraͤnkt ward. Einſtens, als er durch ſein perſoͤnliches Verdienſt alſo faſt eingebuͤrgert war, erzaͤhlte ihm ſein Freund Muͤller, daß der juͤngſte Finanzrath, ein Mann von er⸗ wieſenem Verdienſte, vom langſamen Zehrfieber auf⸗ gerieben, dem Tode nahe ſei. Nach einigen Umſchwei⸗ fen entdeckte er alsdann ſeinen Wunſch, Frobig moͤchte ſich zu dieſer Stelle melden, da ſie eines geſchickten Mannes beduͤrften, der Praͤſident ihn von einer vor⸗ theilhaften Seite kenne, und der Fuͤrſt mehre Urſachen habe, einen Auslaͤnder zu waͤhlen. Frobig gerieth bei dieſem Vorſchlage in eine merkliche Beſtuͤrzung, ſuchte ſich aber maͤnnlich zu faſſen und ſtellte dem eifrigen Alten ſeine jetzige gluͤckliche Unabhaͤngigkeit und Willkuͤr der Beſchaͤftigungsweiſe vor. Muͤller, dem es wie al⸗ len ergrauten Geſchaͤftsmaͤnnern ging, die jeden Bach, der nicht in dem Muͤhlgraben gefangen die Raͤder treibt, fuͤr wildes Waſſer, und jedes Talent, deſſen übung nicht eines Beamtentitels Firma fuͤhrt, fuͤr Con⸗ trebande halten, bewies dem jungen Manne bis zum Zornigwerden, daß er ſeine Gaben und Kenntniſſe der Geſellſchaft ſchuldig ſei und zunaͤchſt dem Staate.— Muͤller hatte nicht bemerkt, daß Frobig gar nicht zugehoͤrt, ſondern waͤhrend ſeiner langen Rede, die 220 er dramatiſirend in Frag' und Antwort getheilt hatte, mit dem Ausdrucke heftiger Seelenunruhe vor ihm ſte⸗ hen geblieben war. Muͤller unterbrach ſich jetzt ſelbſt und wiederholte: Dem Staate, das will ſagen, dem Lande, wohin ihn die Vorſehung leitete; denn, mein werther Herr von Frobig, ich nehme es fuͤr wohlbegruͤn⸗ det an, daß Sie Ihrem eigentlichen Vaterlande Ihre ſchoͤnen Gaben nicht widmen.— Bei dem Na⸗ men: Vaterland, erwachte Frobig's Aufmerkſamkeit, er faßte Muͤller's Rechte und blickte ihn feſt, aber mit Augen an, die zu des Alten Überraſchung von Thraͤ⸗ nen voll waren. Guter, ehrwuͤrdiger Freund! rief er, Sie haben in Allem, was Sie mir ſagen, aus mei⸗ nem Herzen geſprochen; meine perſoͤnliche Lage fodert aber noch andere Ruͤckſichten. Laſſen Sie mir vier⸗ undzwanzig Stunden Zeit zur Überlegung!— Muͤl⸗ ler war ein weicher Menſch, den das maͤnnliche Auge voll Thraͤnen bei dieſer Anerkennung ſeiner Grundſaͤtze tief geruͤhrt hatte; er raͤumte die verlangte Friſt freund⸗ lich ein und uͤberließ Frobig ſeinen Betrachtungen. Den folgenden Morgen begegnete der alte Andres. Frobig's dienſthabender Invalide, Muͤller's Berend, ei⸗ ner ebenſo treuen alten Seele, an der Straßenecke. Kame⸗ rad, ſagte Andres, indem er das Knie auf einen Eck⸗ ſtein ſtuͤtzte und einen ſchweren Geldſack, den er ſoeben fuͤr ſeinen Herrn von der Poſt geholt hatte, darauf ruhen ließ; Kamerad, der Herr Finanzrath ſollte mei⸗ nem Herrn heute fruͤh einen freundſchaftlichen Beſuch machen. Ich fuͤrchte, daß er krank wird; denn Sorgen druͤcken ihn nicht, wie Figura zeigt— dabei 221 legte er die Hand auf den Geldſack.— Er hat geſtern den ganzen Abend ſowie die ganze Nacht in einer Un⸗ ruhe zugebracht, die ein heftiges Fieber anzeigt und vor⸗ bedeutet. Gott behuͤte ihn und mich armen Kruͤppel vor Ungluͤck!— Mit dieſen Worten huckte er den Mammon wieder auf und ſetzte ſeinen Weg fort. Berend berichtete ſeinem Herrn, der mit theilneh⸗ mendem Brummen mehrmals wiederholte: Wird ſich ſchon zeigen, wohin die Unruhe deutet.— Aber gegen ſeine zwanzigjaͤhrige Gewohnheit ging er heute eine Viertelſtunde fruͤher ins Speiſehaus, von der Ungeduld, Frobig's Entſchluß zu vernehmen, geſpannt. Der Er⸗ wartete kam ein wenig ſpaͤt und ward um des Wartens willen etwas graͤmlich empfangen; aber das waͤhrte nur, bis er ihm in ſein offenes ernſtes Geſicht ſah, auf dem die Spuren einer durchwachten Nacht und wol auch eines bekaͤmpften Schmerzes ſichtbar waren. Nach Tiſche, auf einem einſamen Spaziergange ſagte ihm Frobig ohne weitlaͤufige Eroͤrterung, daß er den ihm angedeuteten Weg mit voller Zuſtimmung ſei⸗ ner Vernunft einſchlagen wolle; da er aber keine Pro⸗ tection habe und Alles von ſeinem eignen Werthe erwarte, muͤſſe er auf eine genaue und ſtrenge Pruͤ⸗ fung ſeiner Kenntniſſe beſtehen. Muͤller verſprach das mit freundlichem Laͤcheln, behandelte es auch gar nicht als einen Scherz, ſondern ſetzte, nach ſehr ernſthafter Vorbereitung, nebſt den dazu ernannten Examinatoren, ſeinem jungen Freunde ſo ernſthaft zu, daß vielleicht manches angeſehene Mitglied manches maͤchtigen Colle⸗ 222 giums ſehr zerzauſt aus einer ſolchen Pruͤfung heraus⸗ gekommen waͤre; Frobig beſtand ſie aber ſo ſiegreich, daß ihn Muͤller endlich mit weit ausgebreiteten Armen ſehr behutſam umarmte und als ſeinen wuͤrdigen Herrn Collegen begruͤßte. Der Plan zu ſeiner Anſtellung ward nun befolgt und gelang ſo vollkommen, daß Fro⸗ big nach kurzer Zeit, unbeneidet von ſeinen Collegen und ausgezeichnet von ſeinem Praͤſidenten, als juͤngſter Finanzrath arbeitete. Bei dem naͤhern collegialiſchen Verhaͤltniſſe erſtaunte Frobig uͤber den ſtillen Werth und den Umfang wohl⸗ thaͤtiger Wirkſamkeit des alten Muͤller. Die unablaͤſ⸗ ſige Beharrlichkeit, mit der er in einer vierzigjaͤhrigen Amtsfuͤhrung unter allem Dunkel veralteter und allem Schutt verfallener Geſetze, unter allen Hinderniſſen, welche Perſoͤnlichkeit und Gunſt ihm in den Weg leg⸗ ten, dennoch, ſo weit es an ihm hing, Recht und Ge⸗ rechtigkeit verherrlicht hatte, durchdrang ihn mit Ver⸗ ehrung. Der Alte ſchien dagegen einen Sohn in ihm gefunden zu haben, ſo offen theilte er ihm ſeine Erfah⸗ rungen mit, ſo eifrig war er behuͤlflich, ihm ſeinen Anfang zu erleichtern. Frobig's geſellſchaftliche Verhaͤlt⸗ niſſe blieben ſich gleich; er beſuchte keine oͤffentlichen Ver⸗ ſammlungen, gab ſich aber in Familienkreiſen und be⸗ kannten Geſellſchaften ſeiner geiſtreichen Heiterkeit hin. Der Praͤſident des Collegiums, in welchem Frobig ſaß, hatte eine einzige Tochter, die er, da ſeine Frau bei ihrer Geburt ſtarb, bei ſeinem ehemaligen Hofmei⸗ ſter, einem Pfarrer im Waadtlande, erziehen ließ. Sie kam nun als erwachſenes Maͤdchen zuruͤck, um dem 223 Vater, der nicht wieder geheirathet hatte, das Haus⸗ weſen zu fuͤhren. Frobig hatte bisher jedes naͤhere Verhaͤltniß mit dem andern Geſchlechte gefliſſentlich ge⸗ mieden. Anna ſchien ſeine Gleichguͤltigkeit oder Klug⸗ heit zu beſiegen, und Muͤller erfuhr durch das dienſt⸗ fertige Stadtgeſpraͤch, der junge Finanzrath ſchiene end⸗ lich doch auch der Macht weiblicher Liebenswuͤrdigkeit zu huldigen. Eines Abends kam Frobig zu ihm und bat ihn ſehr dringend, Alles anzuwenden, damit er als zweiter Commiſſarius zu der nach** berg beſtimmten Unterſuchung ernannt werden moͤchte. Muͤller machte große Augen.„Aber, Herr College,“ ſagte er endlich zoͤ⸗ gernd,„da kann Ihnen ja indeſſen hier Jemand den Weg vertreten.“— Ich muß mir ihn durch verdoppel⸗ ten Berufseifer bei meiner Ruͤckkehr wieder zu eroͤffnen ſuchen, antwortete Frobig.—„Aber, Herr College, das Maͤdchen, das Frauenzimmer, das Fraͤulein, welches Sie zu erkieſen weislich geſchienen haben—“ Beſter Freund, daran iſt gar nicht zu denken! unterbrach ihn Frobig mit hochgluͤhendem Geſichte.—„Hm! thut mir leid, ſehr leid!“ wiederholte der Alte.„Sehe es auch bei meinem hohen Alter mit einiger Sorge, daß der Herr College auf eine ſo lange Zeit von mir ſcheiden will.“— Das uͤberwaͤltigte Frobig; er beugte ſich uͤber Muͤller's Haͤnde, der in der ungewohnten Außerung ſei⸗ nes weichen Gefuͤhls dieſe Sohnesliebkoſung mit Scharr⸗ fuͤßen deprecirte und mit einer Thraͤne in ſeinen grauen Wimpern erwiderte. Doch Frobig ſetzte ſeine Abſicht durch; er bekam die Commiſſion, die ihn uͤber achtzehn Monate in** berg aufhielt. * 224 Bei ſeiner Ruͤckkehr war der Tod ſeines Praͤſidenten, der wenige Tage vorher unerwartet ſtattgefunden hatte, der erſte Gegenſtand ſeines Geſpraͤches mit ſeinem alten Freunde. Dieſer ließ ſich mit vieler Lebhaftigkeit uͤber ſeinen Nachfolger aus, deſſen Charakter ſeiner Hoffnung fuͤrs allgemeine Beſte guͤnſtig ſchien. Zu ſeiner Befrem⸗ dung unterbrach ihn Frobig zu wiederholten Malen mit Fragen nach der Familie des Verſtorbenen und der Lage, in der er ſeine Tochter hinterließ. Unter ſteter Ruͤck⸗ kehr auf die Geſchaͤftsanſicht beſtaͤtigte ihm Muͤller, was das Publicum ungefaͤhr auch geſagt hatte: daß der Praͤſident ein Schleſier geweſen ſei, daß er hier zu Lande gar keine Verwandten gehabt, daß er ſeine Ge⸗ mahlin zum groͤßten Misfallen der heirathsfaͤhigen Fraͤu⸗ lein der Reſidenz aus dem Auslande geholt und den Eigenſinn beſeſſen habe, nie ein Grundſtuͤck zu kaufen, ſondern ſeine ſehr maͤßigen Erſparniſſe jaͤhrlich bei der Landſchaft zu verzinſen, glaubend, daß alſo das Publi⸗ cum am beſten zum Aufſeher uͤber ſeine Redlichkeit ge⸗ ſetzt ſei. Auf die Frage nach ſeiner hinterlaſſenen Toch⸗ ter berichtete er: ſie habe den Fuͤrſten gebeten, da ihr von vaͤterlicher und muͤtterlicher Seite alle nahe Ver⸗ wandten fehlten, zu ihrem Erzieher ins Waadtland zu⸗ ruͤckkehren zu duͤrfen, was ihr aber bis jetzt noch nicht gewaͤhrt ſei. Frobig hoͤrte dieſen Bericht mit der groͤß⸗ ten Theilnahme und uͤberraſchte Muͤller'n nicht wenig, als er ihn nach einigen Gaͤngen durchs Zimmer um ſeinen vaͤterlichen Segen bei der Abſicht bat, um die⸗ ſes Frauenzimmer zu werben.„Aber, Herr College,“ be⸗ antwortete er dieſe Eroͤffnung,„warum haben Sie denn 225 dieſen loͤblichen Entſchluß nicht vor zwei Jahren, da ich demſelben mit einigen Alluſionen zuvorkam“— Theu⸗ rer Freund, unterbrach ihn Frobig, damals hatte ich Gruͤnde.—„Haͤtten aber einen Herrn Schwiegerpapa erworben, der ſeinen Stolz darein geſetzt haͤtte“— Er waͤre nun auch todt!—„Wer weiß! wer weiß! ein frohes Jahr ſpinnt ein zweites, und einer Tochter frohe Ehe“— Erfreut den guten Vater auch im Himmel.— „Amen,“ ſagte Muͤller und zog ſein ſammetnes Kaͤppchen abz„freilich iſt die Hand eines Ehrenmannes einer Waiſe eine von Gott geſchenkte Stuͤtze.“— Nun verabredete er dieſen neuen Plan zu Frobig's Wohl und dem Be⸗ ſten ſeines Fuͤrſten, dem er in dieſem faͤhigen und ge⸗ wiſſenhaften Staatsdiener die beſte Erbſchaft zu hinter⸗ laſſen vermeinte. Anna hatte keine Familie, die ſich ihrer annahm; der Fuͤrſt hatte ihr Vormuͤnder ernannt, und an ihn verwieſen dieſe Frobig's Geſuch um ihre Hand. Er war theilnehmend genug, um Annens Nei⸗ gung zu befragen; ſie antwortete ihm mit edler Offen⸗ herzigkeit, daß ſie Frobig ſchon lange gewogen ſei und ſeit ſeiner Ruͤckkehr nach der Reſidenz in dem zaͤrtlich⸗ ſten Einverſtaͤndniß mit ihm ſtehe. Nun gab der Fuͤrſt ohne Bedenken ſeine Einwilligung zu dieſer Ehe und ehrte das Andenken ſeines treuen Dieners durch ein glaͤnzendes Hochzeitsgeſchenk. Die Heirath ward alſo und ſo proſaiſch geſchloſſen, daß kein Thee⸗, Kaffee⸗ noch Punſchtiſch etwas daran auszuſetzen wußte. Die Poetik dieſer Ehe und alſo ihr inneres Heiligthum blieb jenen Gerichtshoͤfen immer gluͤcklich verborgen. Man ſah Frobig und ſeine Frau V. 15 226 nur, wenn es der Anſtand erfoderte, in den groͤßern Zir⸗ keln ſeines Standes, und dort war er ſichtbar bemuͤht, ſich aus dem Gedraͤnge hinweg ſo bald als moͤglich an die alle Individualitaͤt aufhebende Freiſtatt des Spiel⸗ tiſches zu retten. Sobald er aber dieſen Anfoderungen des Anſtandes entgehen konnte, zierten die Genuͤſſe ge⸗ bildeter Menſchen, Kunſt und Wiſſenſchaft ſeinen en⸗ gen haͤuslichen Zirkel, in den er neue Mitglieder nur nach langer Pruͤfung aufzunehmen fuͤr gut fand. Muͤller hatte, ſeit er vor mehren funfzig Jah⸗ ren aus der ſtreng buͤrgerlichen Zucht ſeines Vaterhauſes nach Schulpforta gekommen war, nie mehr Familien⸗ leben gekannt; ſein ungeuͤbtes Gemuͤth ſchien bei den vie⸗ len neuen Eindruͤcken, die in Frobig's Hauſe auf ihn zudrangen, Anfangs wie unter einer Art Geſpenſterſcheu zu leiden; aber ſein gefuͤhlvolles Herz machte ihn bald mit den neuen Erſcheinungen befreundet, dergeſtalt, daß es wieder als heiterer Spiegel die Bilder des Lebens zuruͤckſtralte. Wie nun erſt ein paar liebe Kinder um Frobig und ſeine Frau herumſpielten, verſicherte er oft mit der Foͤrmlichkeit, zu der er jederzeit ſeine Zuflucht nahm, wenn er nicht mehr Herr ſeiner Ruͤhrung zu ſein Gefahr lief: Gott habe ihm durch Frobig's gluͤck⸗ liche Ehe ſeinen treu beobachteten Junggeſellenſtand mit wahren Großvaterfreuden belohnt. Das reine haͤusliche Gluͤck mußte doch irdiſchem Wechſel unterliegen. Der Tod von Anna's Sohn war die erſte Wolke, die es umdunkelte. Muͤller hatte Frobig bis jetzt nur gluͤcklich geſehen. Ein Zug in ſeinem Weſen, der, wie erheiternd das geſellſchaftliche 227 Leben mit ihm war, dennoch auf einen ſehr ernſten Hin⸗ tergrund in ſeiner Seele muthmaßen ließ, hatte den alten Freund oft beſorgt gemacht, daß Ungluͤck ihn ſehr ſchaͤblich erſchuͤttern moͤchte. Den Abend, wie er des kleinen Heinrichs Tod erfuhr, eilte er daher, obſchon eine kleine Unpaͤßlichkeit ihn ſeit einigen Tagen auf ſein Zimmer bannte, zu dem gebeugten Alternpaar und hatte ſich aͤngſtlich auf die Standhaftigkeit geruͤſtet, die er ihrem Schmerz entgegenſetzen wollte. Er ward ſon⸗ derbar uͤberraſcht, wie ihm Frobig gefaßt entgegentrat und nur, gegen ſeine Gewohnheit, ſtatt ſeine Hand zu ſchuͤtteln, ihn feſt ans Herz druͤckte.„Kommen Sie, lieber Vater,“ ſagte er„dann, ſprechen Sie mit meiner Anna von dem Engel, der uns vom Himmel herab zuſieht.“ Annens Thraͤnen floſſen ſanft bei des Alten Eintritt; aber ſie ging ſchnell vom Tode des Kindes zu ſeinem Leben jenſeits uͤber und klagte nicht. Dieſes Be⸗ nehmen ergriff Muͤller's weiches Herz ſo lebhaft, daß auch ſeine Phantaſie ihre Fluͤgel entfaltete, und er, le⸗ bendiger als ſeine Freunde je von ihm gehoͤrt hatten, ſeine frohen Hoffnungen fuͤr die Zukunft ausſprach. Seine Rede ward endlich ein Lobgeſang am nahen Ziel, und geruͤhrt ſahen ihn die beiden Gatten an, wie er, jedem eine Hand reichend, beim Abſchied ſagte: Jal ſo freu⸗ dig, meine Freunde, reiche ich Ihnen auch einſt zum letzten Abſchiede die Hand, denn morgen ſehen wir uns wieder! Anna verhuͤllte ihr weinendes Geſicht; Fro⸗ big nahm dem Diener das Licht aus der Hand, um den Freund ſelbſt bis an die Thuͤr zu begleiten, als die⸗ ſer ſich mit glaͤnzenden, aber irren Augen nach ihm um⸗ 15* 228 ſah.— Frobig ſah ihn wanken, faßte ihn in ſeine Arme, und der Redliche ſank, ſanft ins hoͤhere Leben abgerufen, an ſeine Bruſt. Muͤller's Tod war der groͤßte Verluſt, den man hatte Frobig ertragen ſehen. Er verhehlte nicht, wie tief er gebeugt ſei, und Anna geſtand, daß ſie jetzt erſt den Werth erkenne, den ihr Gatte ihr beilegte, da er bei ihr Troſt ſuchte fuͤr den Verluſt des beſten, weiſeſten Freundes. Muͤller hatte Frobig zu ſeinem Teſtaments⸗ verweſer ernannt und ihm beſonders empfohlen, der Vor⸗ mund ſeines alten Berend zu ſein, dem er, da keiner ſeiner natuͤrlichen Erben in der Reſidenz anſaͤßig war, ſein kleines Haͤuschen vermacht hatte. Es war eine reinliche helle Wohnnng, deren beſte Zimmer in einen großen Garten gingen, deſſen Anſaat und Pflege Muͤl⸗ ler's jaͤhrlich verjuͤngende Lebensfreude war. Frobig ſchrieb es zu Berend's Vortheil zur Miethe aus, und es wurde von einer jungen Witwe bezogen, die, aus der Fremde hergekommen, waͤhrend des letzten Sommers mit ihrem zehnjaͤhrigen Sohn ein einſames Gartenhaus bewohnt hatte. Frau von Ahlen hatte ſeit ihres Mannes Tode in einer kleinen Stadt am Genferſee gelebt. Viel⸗ leicht haͤtte Frobig dieſen Umſtand nie erfahren und bei ſeiner Abneigung, Fremde kennen zu lernen, nie einige Verhaͤltniſſe mit ihr angeknuͤpft, wenn ihn nicht der Zufall in dem Augenblick in dieſes Haus gefuͤhrt haͤtte, wo ſeine neue Bewohnerin vom Lande her darin an⸗ kam. Seine Urbanitaͤt erlaubte ihm nicht, ſie ohne ei⸗ nen wohlwollenden Gruß eintreten zu laſſen. Indem er ihr ſeine Theilnahme an dem Miethsgeſchaͤft erklaͤrte, war ihr Knabe ans Fenſter geeilt und rief jetzt, mit glaͤnzenden Augen zur Mutter gewendet:„O ſieh, ſieh! die Berge dort ſehen aus wie der Jura.“ Eine ſanfte Roͤthe verbreitete ſich uͤber die ſchoͤnen ſchwermuͤthigen Zuͤge der Fremden; ſie druͤckte den Knaben, doch ohne ihn zu kuͤſſen, an die Bruſt und ſagte leiſe, aber mit ſichtbarer Ruͤhrung: Nun, ſo wird es uns hier wieder ſo gut gehen als da, wo wir ihn immer erblickten. Der Knabe richtete den Kopf von der Mutter Buſen auf, ſah ſie mit großen thraͤnenſchweren Augen an und ging kopfſchuͤttelnd, ſchweigend zum Fenſter zuruͤck. Frobig bemerkte theilnehmend, daß dieſes weiche Ge⸗ fuͤhl fuͤr einen Knaben, der beſtimmt ſei, als Mann zu ertragen und zu wirken, ein ſchoͤnes, aber gefaͤhrli⸗ ches Geſchenk ſei. Frau von Ahlen geſtand das ein und ſetzte hinzu, daß dieſe Weichheit wol ſtets die Folge blos muͤtterlicher Erziehung ſein muͤßte.„Ich fuͤhlte deren Gefahr,“ fuhr ſie fort,„und da ich meinen Sohn in Rolle nicht ohne große Nachtheile fuͤr ſeinen Unter⸗ richt Maͤnnern anvertrauen konnte, verließ ich dieſen geliebten Aufenthalt, um ihn hier der gruͤndlichen deut⸗ ſchen Schule zu uͤbergeben. Dieſer Anfang zog Frobig von der Befolgung ſeines Grundſatzes ab, keine neue Bekanntſchaft zu ſuchen. Er beſuchte die Fremde noch ein paar Mal, dann fuͤhrte er ſie bei ſeiner Frau ein, und bald war ſie die Theil⸗ nehmerin jeder frohen wie jeder truͤben Stunde in ſei⸗ nem haͤuslichen Kreiſe. Frau von Ahlen, die von ih⸗ ren Freunden bei ihrem Taufnamen Juliane genannt wurde, war fuͤr die Mutter eines zehnjaͤhrigen Knaben 230 noch ſehr jung, aber ernſt und entſchieden in ihrem Betragen. Ihr ſehr lebhaftes Gefuͤhl wußte ſie nach ſehr ſtrengen Grundſaͤtzen zu regeln, und beide ſtrebte ſie durch Geiſtesbildung zu laͤutern. Ihrem Sohn zu Liebe hatte ſie ſeit ſeinen erſten Jahren Geſchichte und claſſiſche Literatur zu ihrer Beſchaͤftigung gemacht und dabei ihr Hausweſen in der groͤßten Einzelnheit ſelbſt beſorgt.„Ich konnte,“ ſagte ſie ſchon im Anfange ih⸗ rer Verbindung mit Frobig's Familie,„der falſchen An⸗ ſicht, die mein Sohn von meinem Geſchlechte faſſen mußte, indem ein Weib ihm Maͤnnertugend und Hel⸗ dengroͤße lehrte, nur dadurch zuvorkommen, daß ich mich ihm taͤglich in ſeiner eigenthuͤmlichſten Wirkſamkeit dar⸗ ſtellte. In dem lieben Lande, worin ich ihn bisher auf⸗ erzog, bot mir Sitteneinfalt und evangeliſche Wohlthaͤ⸗ tigkeit neben der groͤßten geſellſchaftlichen Liebenswuͤrdigkeit die Hand dazu.“ Dieſe eigenthuͤmliche Bildung ſah man auch dem Sohne an. Es war ein ſchoͤner Knabe, deſ⸗ ſen Geſicht aber keine Spur der AÄhnlichkeit mit ſeiner Mutter hatte. Er war zwar auch braungelockt wie ſie; aber ſtatt des faſt griechiſchen Ebenmaßes ihrer Zuͤge glaubte man eine der lebhaften, ſtark ausgedruͤckten roͤmiſchen Phyſiognomien zu ſehen. Seine Stimme allein hatte er von ſeiner Mutter geerbt. Sie war ein ſo viel beſaitetes Inſtrument, daß Frobig oft dachte: wie wird man ihr widerſtehen, wenn das Erz der Manneskraft in ſie hineintoͤnt? Der Knabe traͤumte nur von Buͤr⸗ gertugend und Vaterland; aber es war weſenloſer Traum, der ihn in die Vorzeit verſetzte, denn nie knuͤpfte er dieſe erhabenen Gedanken an Faͤden des Lebensgewebes 231 an. Seine Wirklichkeit war einzig von der Liebe zu ſeiner Mutter angefuͤllt, und ohne einen zergliederten Be⸗ griff damit zu verbinden, war die Abſicht, einſt ihre Stuͤtze zu werden, ſein Ziel. Daher kannte er auch weder Sehnſucht noch Schranken; nur taͤgliches Stre⸗ ben nach dem taͤglichen Endzweck und heiteres Hingeben an die taͤgliche Freude, ihn zu erlangen. Als ſechsjaͤhri⸗ ges Kind hatte er, ſeinen Dorfkameraden nacheifernd, ſeiner Mutter Tannenzapfen zum Feueranzuͤnden in den Waͤldern geſucht; nun ſie ihm in ſeinem zehnten Jahre ſagte, er muͤſſe von jetzt an alle ſeine Zeit dem Latein⸗ und Griechiſchlernen opfern, um einſt als Mann von Kenntniſſen ihr Ehre zu machen, ſtieg er auf die hoͤchſte Staffel ſeiner Buͤcherleiter, um ſeinen deutſchen Plutarch und Xenophon vor ſich ſelbſt zu verſtecken, damit er in ſeinem Eifer, ſie in der Urſprache zu leſen, nicht erkalte. Frobig hatte ſeine Abneigung, ſich mit Fremden zu verbinden, von Juliane beſiegen laſſen; bald ward auch ſeine ausſchließliche Beſchaͤftigung mit Amtsarbeit und Buͤchern von Alphons unterbrochen. Der Knabe hatte bei der feurigſten Zaͤrtlichkeit fuͤr ſeine Mutter eine ent⸗ ſchiedene Abneigung, mit Weſen weiblichen Geſchlechts, am mehrſten mit kleinen Maͤdchen zu verkehren, da er gegen ſein eignes Geſchlecht mit zutraulicher Offenheit handelte, die ein feines Gefuͤhl fuͤrs Schickliche ſchattirte. Gegen die altvaͤteriſchen Lehrer ſeines Gymnaſiums zeigte er eine ehrerbietige Buͤndigkeit, gegen ſeine Kameraden heitere, etwas vornehme Spielluſt; gegen Frobig aber eine durch kindliche Beſcheidenheit gezuͤgelte Innigkeit, die ſeiner Mutter Eiferſucht je zuweilen zu reizen im 27 232 Begriff ſtand, bis ſie bald mit ihrer Vernunft einig ward: daß die Natur fuͤr die Entwickelung des maͤnn⸗ lichen Gemuͤths den Zeitpunkt feſtgeſetzt habe, wo es ſeinem Geſchlechte ſich anſchließen muͤſſe. Dieſes An⸗ erkennen entgeht oft der Mutter, der Gattin und gibt ihren Anfoderungen an den Sohn, den geliebten, die Unbilligkeit, welche die zaͤrtlichſten Bande durch Wei⸗ gerung zerreißt oder durch Nachgiebigkeit entwuͤrdigt. Der Punkt, wo das Weib ſich eingeſteht, den Knaben, auch den, deſſen ſchoͤneres Selbſt ihrer Liebe Schoͤpfung war, nicht mehr zu verſtehen, ihm nicht mehr zu ge⸗ nuͤgen, deutet ſchmerzvoll auf die Trennung der beiden Haͤlften und winkt ſehnſuchtſtillend in jene Welt, wo es keine Trennung mehr gibt. Julianens klarer Verſtand hatte dieſe Naturnothwendigkeit anerkannt; ſie ordnete alſo bald ihre Gefuͤhle und empfand nur eine fuͤr den Zeugen nicht ganz zu erklaͤrende Wehmuth: den Mann Vaterguͤte gegen ihren Sohn bezeigen zu ſehen, den ihr das Schickſal erſt ſeit ſo Kurzem zum verſtaͤn⸗ digen Freund zugefuͤhrt hatte. Indeß Juliane und Anna ſich mit dieſem letzten ein⸗ zig uͤbriggebliebenen Kinde, der fuͤnfjaͤhrigen Emma, be⸗ fchaͤftigten, ſchenkte Frobig alle ſeine ſeltenen Feierſtun⸗ den Alphons, um ihn, ſeinem Schulgang nachhelfend, ſchnell wieder zu dem Genuß ſeiner verwieſenen Freunde auf dem obern Buͤchernbrete zu verhelfen. Hatte Fro⸗ big aber auch nicht Zeit, ihn zu unterrichten, ſo fand Alphons ſeine Gluͤckſeligkeit darin, an einem ihm einge⸗ raͤumten Tiſch in ſeinem Studirzimmer ſeine Ausarbei⸗ tungen zu machen. Nebſt den Geſchichten der Vorzeit 233 zogen ihn die Beſchreibungen ferner Laͤnder am meiſten an, und in der Folgezeit hatte er es ſich als das liebſte Gluͤck gedacht, mit Frobig's Familie und ſeiner Mut⸗ ter eine Colonie in Virginien zu ſtiften. Die Auswanderungen waren damals aus den vom ſiebenjaͤhrigen Kriege noch immer zerruͤtteten Laͤndern nichts Ungewoͤhnliches; ſogar einige junge Maͤnner aus der umliegenden Gegend von Bildung und Vermoͤgen hatten ſich dorthin gewendet und waren mit ihrem Looſe zufrieden. Alphonſens Phantaſie war ſo fortwaͤhrend mit dieſem Plane beſchaͤftigt, daß er in allen, zu einer ſol⸗ chen Niederlaſſung noͤthigen Kenntniſſen nach einer Art von Fertigkeit ſtrebte. Die Flora der Ufer des Fluva⸗ nas war ihm voͤllig bekannt; die Handelsartikel, Er⸗ zeugniſſe und Bevoͤlkerung am Roanoc waren der Ge⸗ genſtand ſeiner Neugier; er ſuchte in allen engliſchen Zeitungen zuerſt Nachrichten aus jener Provinz. Auch die beſondern Erfoderniſſe einer Niederlaſſung wurden be⸗ dacht; er machte in ſeinem vierzehnten Jahre das Mo⸗ dell eines Landhauſes nach dortiger Sitte, entwarf den Plan eines Parks und die Eintheilung von Feldern und erwarb ſo viel Kenntniſſe des Ackerbaues, als ſeine ſtren⸗ gen Schulſtudien nur immer erlaubten. Frobig, deſſen Grundſaͤtze uͤber den Gang des buͤrgerlichen Lebens eine ſehr ſtrenge Einfachheit hatten, die allen traͤumeriſchen Planen, allen befremdlichen Mitteln, allen weitabſchwei⸗ fenden Wegen zu dem naheliegenden, in die Augen fal⸗ lenden Zweck, ein nuͤtzlicher Buͤrger zu werden, abge⸗ neigt war, befoͤrderte dieſe Traͤume nie, in welche die dichteriſche Phantaſie der beiden Muͤtter mit mehr Ge⸗ 234 faͤlligkeit einſtimmte; als aber Alphons im funfzehnten Jahre war, fing er an, ſie durch einiges ſanfte Hin⸗ weiſen auf ſeinen naͤchſten Zweck zu beſchraͤnken.„Du mußt,“ ſagte er einſt zu ihm, da er ihn wieder mit einer Zeichnung von der Anſicht von Richmond am Flu⸗ vana beſchaͤftigt fand;„Du mußt Deine Phantaſie nicht zu muthwillig von dem Punkt entfernen, auf den Dich das Schickſal zunaͤchſt angewieſen hat. Du mußt einſt mein Mitarbeiter zu dem Beſten dieſes gu⸗ ten Laͤndchens werden, das mir eine Heimath gab. Über⸗ laß Du Virginien ſich ſelbſt, und faſſe Du im Vater⸗ lande Wurzel.“ Vaterland? wiederholte der Knabe und heftete ſeinen leuchtenden Blick auf Frobig, mir iſt die⸗ ſes Laͤndchen nicht mehr Vaterland, als Virginien es iſt. —„über den Begriff Vaterland,“ nahm Frobig wieder das Wort,„brauchen wir nicht zu ſtreiten; aber ſo, wie die Sachen ſtehen, Du lieber Schwaͤrmer, ar⸗ beiteſt Du fuͤr das Stuͤckchen deutſchen Bodens zuerſt, das Deinen Keaͤften ein angemeſſenes Feld darbietet. Das werden ich und Dein Verdienſt Dir einſt hoffent⸗ lich hier in** verſchaffen.“— Der Knabe hatte ſich abgewendet und klopfte, ohne zu antworten, mit merklicher Unruhe auf das Geſimſe des Fenſters, an dem er ſtand. Als Frobig, den die⸗ ſes Betragen befremdete, ſich nach ihm umſah, nahm er wahr, daß er mit Anſtrengung die heftigſte Weh⸗ muth bekaͤmpfte.„Alphons, iſt das die Wirkung un⸗ ſers Geſpraͤchs, oder mußt Du mir ein Ungluͤck ver⸗ ſchweigen?“ fragte er ihn betroffen und ſuchte ihn zu ſich zu ziehen. Alphons widerſtrebte Anfangs, dann fiel 235 er ihm aber mit Ungeſtuͤm um den Hals und weinte mit einer Heftigkeit, welcher der beſonnene Mann nichts entgegenſetzen mochte als die Ermahnung, ſeinen Schmerz ungeſcheut vor ihm zu ergießen. Der Knabe ſuchte ſei⸗ ner Herr zu werden und im Kampfe druͤckten ſeine Be⸗ wegungen ſeinen Dank gegen ſeinen vaͤterlichen Freund aus. Endlich hatte er wieder Kraft zur Rede erlangt und ſchien ſie mit rechter Faſſung gebrauchen zu wollen. Seit ich heranwachſe, ſprach er, werde ich immer frem⸗ der in dieſem Lande, in dem mir Alles von Ältern und Urahnen her eine Beſtaͤndigkeit von Formen, eine Be⸗ rechnung des Vergangenen und Zukuͤnftigen aufdringt, die mir mein„Fremder ſein“ wie ein Zeichen ein⸗ graͤbt; deshalb hoͤre ich den Namen Vaterland mit Schmerz, denn er erinnert mich an den Namen, mit dem ich nie einen Sterblichen anſprechen konnte. Ich moͤchte nach Virginien, weil die Menſchen ſich dort nicht wundern wuͤrden, daß ich keinen Menſchen Va⸗ ter nennen kann! Hier mußte er ſchweigen, um nicht wieder zu ſchluch⸗ zen; auch Frobig konnte nicht ſogleich antworten, er mußte ſeiner Stimme auch erſt wieder Feſtigkeit geben. „Alphons,“ ſagte er endlich,„in Deiner Jugend war ich ganz in derſelben Vereinzelung, die Dein Gemuͤth jetzt niederdruͤckt.“— Sie hatten auch keinen Vater? rief Alphons lebhaft.— Frobig ward heftig bewegt; er legte, unfaͤhig zu ſprechen, ſeine Hand unter des Knaben Kinn und ſah ihm lange in das erwartungsvolle Geſicht.„Doch, Alphons, ich hatte einen Vater,“ ſagte er dann mit ſanftem Schmerz;„aber ich waͤre gluͤcklicher geweſen, kei⸗ 236 nen zu haben, denn ich mußte mich ſeiner ſchaͤmen. Sei getroſt, mein wackerer Knabe, Du wirſt nicht ver⸗ ſinken, ſowie ich auch nicht verſank. Aber hoͤre mich!“ fuhr er gefaßter fort;„mir iſt die Geſchichte Deiner Mutter unbekannt; es ſcheint, ſie iſt Dir's auch. Ich will Dich jetzt wie einen Mann behandeln, damit Du Muth haſt, einer zu werden. Ich fodere alſo von Dir, daß Du dieſe Geſchichte nie in Beziehung mit Deinem Lebensgang bringſt. Wie ſie auch ſein moͤge, ſie bringt Deiner Mutter Ehre; denn nur aus einer wuͤrdigen Vergangenheit kann die wuͤrdige Gegenwart ent⸗ ſtanden ſein. Dagegen verſpreche ich Dir, ehe Du nach der hohen Schule abgehſt, Dich zum Vertrauten meiner Schickſale zu machen, damit Du das volle Bewußtſein mit hinwegnimmſt, nicht nur die beſte Mutter zu beſi⸗ tzen, ſondern auch von mir als Sohn behandelt worden zu ſein. Nun richte Dich aber auch auf,“ fuhr er fort, indem er den Juͤngling aufmunterte,„waffne Dich ge⸗ gen phantaſtiſche Traͤume und ſchicke Dich an, durch beſtimmtere Selbſtherrſchaft jeden Tag Deines Lebens zur Stufe moraliſcher Freiheit zu machen.“— Der genialiſche Seckendorf erzaͤhlte uns in dem von Wieland herausgegebenen Oſchiniſtan ein Maͤrchen, wie durch eine Geiſtererſcheinung ein Maͤdchen in den Kinderjahren in einer Nacht zu einer wunderſam ern⸗ ſten Jungfrau ſei herangezaubert worden. Faſt ſo wirkte das Geſpraͤch auf den ſchwaͤrmeriſchen Kna⸗ ben. Umſtaͤnde, die er ſelbſt nicht anzugeben faͤhig geweſen waͤre, eine Entwickelung ſeiner Begriffe, der er ſelbſt ſich nicht recht bewußt war, hatte das 237 Gefuͤhl von Verwaiſtſein, vielleicht von Verſtoßenſein, in ihm hervorgebracht. Weich und ſtolz, hatte er es in ſeiner Bruſt verſchloſſen; es geſellte ſich aber zu allen Vorſtellungen von ſeiner Zukunft; von dem Augenblicke an, da Frobig ihm eine Sprache gab, war es aufge⸗ loͤſt, und die wenigen Worte, die ihm Frobig von ſei⸗ nem Schickſale anvertraut hatte, ergriffen ihn durch die überzeugung, daß es fuͤr einen Sohn ein noch weit traurigeres Schickſal geben koͤnnte, als keinen Vater zu beſitzen, und Frobig, der unter dieſem Schickſal zum Mann geworden war, hob ſeinen Muth zu dem feſten Entſchluß, auch das ſeine zu beſiegen. Juliane nahm wol dieſe Veraͤnderung in dem Juͤng⸗ linge wahr; ſie erhielt auf ihre Fragen von Frobig nur den heitern Beſcheid, daß ſie ſich allmaͤlig daran ge⸗ woͤhnen muͤßte, in dem entkeimenden Manne auf Ge⸗ heimniſſe zu ſtoßen. Hatte ſie ſich nun gleich dieſe Wahr⸗ heit ſchon ſelbſt abſtrahirt, ſo war ſie doch nach weib⸗ licher Art uͤber dieſe Antwort ein bischen beunruhigt; doch wie ſie wahrnahm, daß ihr Sohn in dieſer neuen Stimmung viel heiterer fortſchritt, viel zuverſichtlicher in das Leben hineinblickte, ſo dankte ſie nur fuͤr ſein Gluͤck, ohne ihre Wuͤnſche mehr zu berechnen. Auch Anna genoß bei dieſer Veraͤnderung. Alphonſens Erge⸗ benheit fuͤr Frobig hatte auf eine ihr ſelbſt nicht erklaͤr⸗ liche Weiſe ihr haͤusliches Gluͤck vermehrt. Es ſchien, als fuͤhle ihr Gatte den Werth ſeiner ausgeuͤbten Tu⸗ genden mit heiterm Bewußtſein, ſeit er ſie ſeinem Zoͤg⸗ ling als Lehren ans Herz legte. Er war im geſell⸗ ſchaftlichen Leben mittheilender, waͤrmer; ohne Freund⸗ 238 ſchaften zu ſchließen, ging er in fremde Verhaͤltniſſe ein und gewann jetzt die Herzlichkeit der Menſchen, die ſchon ſeit ſo vielen Jahren ihm ihre Achtung gezollt hatten. Bei dieſen gluͤcklichen Verhaͤltniſſen ſtieg doch eine Erſcheinung auf, die weniger klaren, vernunftgemaͤßen Menſchen gefaͤhrlich haͤtte werden koͤnnen. Der Alters⸗ unterſchied zwiſchen Alphons und Emma betrug vier Jahre, ſodaß der zehnjaͤhrige Knabe und das ſechsjaͤh⸗ rige Maͤdchen, bei dem Verhaͤltniſſe der Entwickelung der beiden Geſchlechter, beim Anfange ihrer Bekanntſchaft ſehr fuͤglich haͤtten Geſpielen ſein koͤnnen. Die Denkart der beiden Muͤtter begegnete ſich aber auch hier; denn beide hielten es fuͤr ihr Kind beſſer, das Kind andern Geſchlechts ihm nicht zum Geſpielen zu geben. Alphons ſchien auch nicht das geringſte Verlangen darnach zu haben, ſondern wies die zufaͤlligen Annaͤherungen des muthwilligen Maͤdchens mit verlegener Kaͤlte zuruͤck. Als beide heranwuchſen, wurden ſie bei manchen Spaziergaͤngen und kleinen Landreiſen nothwendig verge⸗ ſellſchaftet, und da zeigte ſich immer deutlicher eine gegenſeitige Neigung, ſich zu tadeln, die oft die Har⸗ monie des Ganzen ſtoͤrte. Bisher hatte Frobig uͤber die Bemerkung der Frauen gelacht und der Kinder Nei⸗ gung weder fuͤr noch gegen einander gelenkt. Bei dem auffahrenden Weſen, was ſich Alphons gegen Emma erlaubte, und bei einem ſchadenfrohen Spott, den Emma gegen den Juͤngling uͤbte, ward er aufmerkſam und ſuchte die Gelegenheit zum Anſtoß zu entfernen. Er nahm in ſeinen Geſpraͤchen mit Alphons jetzt manchen Gegenſtand auf, zu dem ihn ſeine kraͤftige Entwickelung 239 geſchickt machte, und lehrte ihn vom funfzehnten bis ins achtzehnte Jahr ſein eignes Herz beſſer kennen, als ohne eine weiſe Anleitung oft lange und theuer erkaufte Erfahrung thut. Unter den Begriffen, die ſie oft in ihren Geſpraͤ⸗ chen entwickelten, waren die uͤber Ehre und Liebe un⸗ ter den wichtigſten. Alphons hatte durch ſeine Schul⸗ verhaͤltniſſe mit Knaben ſeines Standes den convention⸗ nellen Begriff von Ehre ſehr ſcharf aufgefaßt, und in der damaligen tief friedlichen Zeit, jeder Laufbahn der Gefahr und Tapferkeit entfremdet, gefiel ſich ſein jun⸗ ger Knabenmuth in dem Spiegelgefecht von Tod und Sieg, das eine Ehrenſache etwa darſtellen kann. Wenn man um die vierzig Jahre zuruͤckgeht bis zu dem Zeit⸗ punkt, wo dieſe Menſchen lebten, wird man ſich nicht wundern, wenn Frobig ſeine Anſichten uͤber dieſen Ge⸗ genſtand auf die Epiſode in Richardſon's„Grandiſon“ gruͤndete, die ihn ſo großherzig eroͤrtert. Unſere Tages⸗ helden werden dieſe altvaͤteriſchen Begriffe vielleicht be⸗ laͤcheln, noch wahrſcheinlicher aber die Wenigſten wiſſen, wovon die Rede iſt; denn jenem Zeitalter beſonnener Empfindung, pflichtgehorchender Leidenſchaft, die Ri⸗ chardſon darſtellt, ſind wir entwachſen. Alphons, in ſeiner veriaͤhrten Beſchraͤnkung, gluͤhte von dem edeln Entſchluß, alle die Anfoderungen an ſeine Kraͤfte zu machen, die ſein Vorbild ihm gebot; er ſtand ſinnend vor dem Bild des milden Britten; doch ploͤtzlich ſchien er eine neue Seite des Gegenſtandes zu faſſen und rief heftig: Doch einen Fall hat Ihr Britte vergeſſen, und in dem gilt ſeine Seelengroͤße nicht. Jeden Angriff 240 auf mich kann ich durch meinen anerkannten Charakter entkraͤften; wenn es Anderer Ehre betrifft, wenn es Einer wagte, Sie, meine Mutter zu verletzen— dann kann ich nur eine Pflicht auf mir haben, und der falle mein Leben und meine Seelenruhe zum Opfer. Frobig gerieth bei dieſen Worten in eine ſo heftige Gemuͤthsbewegung, daß er, unfaͤhig zu ſprechen, den gluͤhenden Juͤngling in ſeinen Armen empfing; denn mit ſeinen letzten Worten hatte er ſich um ſeinen Hals geſchlungen, als wollte er ſeinen ſelbſt hervorgerufenen Schreckbildern entgehn. Doch ſuchte er ſich zu faſſen und ſagte erheitert:„Glaube mir, Juͤngling, auch der rohſte Menſch haͤtte ſich gehuͤtet, der Ältern Grandiſon's in ſeiner Gegenwart in Unehren zu gedenken. Das iſt die Natur des Vortrefflichen, daß es nicht allein in ſich alſo iſt, ſondern ſich rund umher die ihm angemeſſene Bahn reinigt. Gott wird Dein kindliches Herz vor ſo ſchrecklicher Pruͤfung behuͤten.“ Wie haͤtte ein mit ſolchen Seelenbanden gefeſſelter Schuͤler die Lehren eines ſolchen Freundes ſich nicht zu eigen machen ſollen?— Wenn ihm Frobig die Ver⸗ haͤltniſſe zu dem andern Geſchlecht von einer Seite dar⸗ ſtellte, die dem Ton der damaligen Zeit ebenſo wenig entſprachen als Grandiſon's Begriffe vom Zweikampf dem der unſrigen, ſo fand er in Alphons einen ebenſo aufmerkſamen Zuhoͤrer. Die deutſche Jugend ging da⸗ mals von dem ehrbaren Kuß der arkadiſchen Amarxyllis und der unzerſtoͤrbaren Liebestreue der Seladone zu dem Lieben und Liebeln uͤber, das, nachdem es die aͤußer⸗ ſten Grenzen des Sturms und Drangs erreicht und 241 ſich im Mondſcheine und auf Kirchhoͤfen ausgetobt hatte, nach und nach zur Abweſenheit alles Zartgefuͤhls oder philoſophiſch ſittlicher Unnatur herabſank, nun aber end⸗ lich auf den Zwiefalterfluͤgeln des Myſticismus zur ſehr natuͤrlichen Natur ſich verirrt, oder unter der Mummerei des deutſchen Mittelalters Scham und Zucht durch Kuͤnſtlerfloskeln verdraͤngt. Frobig ließ die Geckerei aller Zeiten dahingeſtellt ſein und ſuchte den Juͤngling dahin zu ſtimmen, die Liebe als unzertrenn⸗ lich von der Abſicht zur Ehe anzuſehen, die Ehe aber in ein ſo ernſtes, heiliges Licht zu ſtellen, haß der Knabe nur Hohn verdiente, der, Namens, Standes und Ver⸗ dienſtes baar, ſeine Wuͤnſche bis zu dieſer hoͤchſten Stufe maͤnnlicher Wuͤrde erhoͤbe. Er ſagte ihm die harten Worte:„Der Juͤngling, der ſeiner Sinne nicht Herr bleibt, erniedrigt ſich zum Thiere; denn auf dem Punkte intellectueller Bildung, auf dem Menſchen wie wir ſtehen, muß die Gattenwuͤrde erſt die Liebe zum geiſtigen Genuß erheben. Der Juͤngling aber, welcher ſeiner Leidenſchaft nicht Herr bleibt und eines Maͤdchens Freiheit feſſelt, ehe er ihr die Wuͤrde ſeiner Frau zu⸗ ſichern kann, iſt ein kraftloſer Wagehals. Er ſtreift den Bluͤtenſtaub von dem Kranze ihrer Jugend, und das Beſte, was ihm endlich gelingen kann, iſt, daß er aus ſeinen entfaͤrbten Blumen ihren Hochzeitkranz zuſammenlieſt.“ Alphons hoͤrte erroͤthend zu und ſagte aus tiefath⸗ mender Bruſt, was ungetruͤbte Wahrheit war, daß die wenigen Winke, die ihm ſeine Mutter uͤber dieſen Gegenſtand gegeben, voͤllig mit ſeiner Anſicht uͤberein⸗ V. 16 242 ſtimmten, daß er ſich aber viel zu jung und ungeſchickt glaube, um das Gehoͤrte zu pruͤfen. Bis jetzt, ſetzte er hinzu, kann ich mir's gar nicht denken, daß ich ein weibliches Weſen anders, oder mehr als meine Mut⸗ ter lieben kann, und wuͤrde dasjenige haſſen, was ih⸗ ren Platz wollte einnehmen.„Das iſt auch jetzt das Rechte,“ ſagte Frobig beſchließend,„das übrige erwarte von der Zeit und beſchließe durch Deinen Willen.“ Auch Anna lehrte ebenſo ernſt ihre Tochter ihre kuͤnftige Beſtimmung anſehen. Damals waren die Er⸗ zieher mehr darauf bedacht, jedem Lebensalter beſtimmte Grenzen zu geben, und vernuͤnftigen Altern fiel es nicht ein, von dem neunten bis ins funfzehnte Jahr Genuͤſſe anzubieten, welche vom funfzehnten bis ins zwanzigſte die Jugend zu erfreuen beſtimmt ſind. Zu der Zeit war Emma noch in dem gluͤckſeligen Alter, wo jeder Trieb in dem Streben nach dem Ziele ſeinen Genuß findet und am Ziele mehr auf neu⸗ es Streben bedacht iſt als auf Genuß. Theilnahme an dem Intereſſe ihres vaͤterlichen Hauſes, die Freude, in ihrer Puppenwelt die beſchraͤnkte Welt ihrer Erfah⸗ rungen darzuſtellen, das war die Beſchaͤftigung ih⸗ res ſorgloſen Gemuͤths, und nur wenn ſie zum Haus⸗ geſchaͤfte noch zu ſchwach war, wenn ihre Puppen ſich in ihre Lebensſcenen nicht ſchicken wollten, erwachte eine ungeduldige Sehnſucht nach Geſpielen, beſonders nach Geſchwiſtern in ihr. Bei einem ſolchen Wunſche ver⸗ ſprach ihr endlich die Mutter, ihr, wenn ſie thaͤtig und geſchickt waͤre, in ihrem funfzehnten Jahre ein kleines Maͤdchen zu geben, fuͤr das ſie dann ganz allein ſorgen 243 ſollte, das ſie ſich zur Geſellſchafterin und Freundin erziehen duͤrfe, ſowie ſie es ihrer Mutter ſein wuͤrde. Von da an brachte Emma alle ihre Beſchaͤftigungen mit jenem Zeitpunkte in Verbindung. Juliane gab ih⸗ nen eine beſtimmte, ſehr wohlthaͤtige Richtung. Bei zunehmend vertraulichem Umgange konnte ſie der Freun⸗ din nicht verbergen, daß die groben Arbeiten, die ſie oft auf ihrem Naͤhtiſche fand, fuͤr Armenkleidung be⸗ ſtimmt ſeien. Sie ſetzte ihr mit einer Beredſamkeit, die durch fromme Scham, ſich im Wohlthun entdeckt zu ſehen, erhoͤht ward, den weitumfaſſenden Einfluß auseinander, den ein reinliches, rechtliches Kleidungs⸗ ſtuͤck auf den Zuſtand eines Armen habe. Anna er⸗ kannte in dieſer Beſchaͤftigung die edeln Sitten des freundlichen Schweizerlandes, in dem ſie ihre Jugend verlebt hatte. Sie erroͤthete, zwiſchen den Scheidewaͤn⸗ den der kleinen Reſidenz dieſes thaͤtigen Einwirkens zu fremdem Wohle nie gedacht zu haben, und fuͤhrte von der Zeit Emma an, ihren Fleiß darauf zu verwenden. Dieſe Betriebſamkeit blieb ein liebes Geheimniß zwiſchen den drei guten weiblichen Seelen, und indem es ſie feſter verband, durchgluͤhte es des jungen Maͤd⸗ chens Gemuͤth mit dem Bewußtſein von Selbſtthaͤtig⸗ keit und ungeruͤhmter, alſo wirklicher Tugend. Emmas Betragen gegen Alphons ward von Anna aber nicht ſo ſanft, nicht ſo im Allgemeinen behandelt, wie Frobig des jungen Menſchen wunderliche Laune gegen Emma behandelt hatte. Sie ſtellte es als einen Mangel an weiblicher Liebenswuͤrdigkeit in Abſicht auf ſie ſelbſt, und an edlerer Menſchenliebe in Abſicht auf 16* 244 den Juͤngling dar.„Spott,“ ſagte ſie,„kann nur das Kind liebevollen Muthwillens oder liebloſer Gehaͤſ⸗ ſigkeit ſein; aus gleichguͤltigem Gemuͤthe hervorgehend, iſt er ein Beweis kalter Selbſtſucht. Das Erſte, Em⸗ ma, iſt Dein Spott gegen Alphons keinesweges; denn da Verwandtſchaftsbande Euch fremd ſind, und eines Knaben Beſtimmung ihn nothwendig zu ſeinem Ge⸗ ſchlechte ziehen muß, ſeid Ihr Euch immer fremd ge⸗ blieben. Von Gehaͤſſigkeit kann doch wol gar nicht die Rede ſein. Was iſt alſo Dein Spoͤtteln gegen den Jugendgenoſſen? Iſt Dir denn wohl, wenn Du ihm ſein Floͤtenſpiel verleideſte wenn Du die Blumen, die er fuͤr ſeine Mutter pflegt, herabſetzeſte“— Nein, wahrlich nicht wohl, unterbrach Emma und ihre Wan⸗ gen flammten; aber auch nicht, wenn er mit ſeinem pedantiſchen Hochmuthe bei meiner Freude an den Blumen von„einem hoͤhern Zwecke der Natur als meine Kraͤnze auszuſtaffiren“ ſpricht und von den Taͤnzen, die ich ihn zu ſpielen bitte, behauptet, daß ſie uͤble Pfiffe enthiel⸗ ten. Das iſt wol keine Selbſtſucht und keine Freu⸗ denſtoͤrerei?—„Mir daͤucht, Emma,“ nahm die Mut⸗ ter ernſthaft wieder das Wort,„ich haͤtte Alphons we⸗ der angeklagt noch entſchuldigt, ſondern Dir nur ge⸗ rathen, um Deiner ſelbſt willen liebenswuͤrdiger zu ſein und um Deines Gewiſſens willen milder. So lange Du neben Alphons aufwaͤchſeſt, haſt Du noch keines der evangeliſchen Hauptliebeswerke an ihm thun koͤnnen, und wenn es darauf ankaͤme, Einer den Andern aus dem Waſſer, dem Gefaͤngniſſe, vom Tode zu retten, moͤchte Alphons der zum Helfen Faͤhigſte ſein. Ich rathe 4 4 8 245 Dir daher, in Erwartung jener Extreme dem Sohne unſerer Freundin und Deinem Naͤchſten die ein⸗ zige Wohlthat zu erzeigen, die vielleicht auf immer in Deiner Hand ſteht— ihn mild und ungehaͤſſig zu behandeln. So ſtreng war Emma noch nie von ihrer Mutter getadelt worden. Sie fuͤhlte ihr Unrecht; aber der Gegenſtand, der ſie dazu verleitet hatte, konnte ihr nicht lieber werden. Sie vermied Alphons, wo ſie konnte, und war im unvermeidlichen Falle aͤngſtlich hoͤflich ge⸗ gen ihn. Alphons kam ihr in dieſem Betragen entge⸗ gen; aber in demſelben unvermeidlichen Falle behandelte er ſie wie ein unbequemes Kind, deſſen Willen man ſchnell befriedigt, damit man es los wird. Ganz an⸗ ders entwickelte ſich ſein Gefuͤhl gegen Emmas Mutter. Seit Frobig ihm durch ſeine vertrauliche Behandlung Zuverſicht eingefloͤßt hatte, druͤckte er gegen dieſe ein angelegentliches Verlangen aus, ihr Ehrerbietung zu beweiſen, Liebe abzugewinnen; er betrug ſich wie ein pflichtbefliſſener Sohn. Seine Mutter allein ſchien fuͤr ihn eines andern Geſchlechts, ſchien fuͤr ihn ein Weib zu ſein; er druͤckte faſt Leidenſchaft fuͤr ſie aus. Sorge, Unruhe, Vorbereitung zu uͤberraſchenden Freuden, Ab⸗ wenden des geringſten Wehes beſchaͤftigten ihn fuͤr ſie. Nie druͤckte er Anna mehr Herzlichkeit aus, als wenn er ſie bei ſeiner Mutter fand; wenn er wahrnahm, daß ihre Geſellſchaft deren oft ſchwermuͤthigen Sinn zerſtreut hatte. Er konnte in ſolchen Augenblicken mit uͤberſtroͤ⸗ mender Dankbarkeit in ſeinen Blicken ihre Haͤnde faſ⸗ ſen, und die wenigen Minuten, die ihm ſeine Stu⸗ 246 dien erlaubten, in ihrer Geſellſchaft zubringen, mit ei⸗ ner Leichtigkeit, einer gefaͤlligen Heiterkeit an ihren Ge⸗ ſpraͤchen theilnehmen, die ſonſt Ihnglingen dieſes Alters ganz fremd ſind. ͤ Dieſes Misverhaͤltniß der beiden Kinder gegen ein⸗ ander brachte anfaͤnglich einige beiden Frauen hervor. Jede glaubte ihr Kind von der andern zu ſtreng beurtheilt und war uͤber ſeine Ungebuͤhr doch ſelbſt am tiefſten gekraͤnkt. Bei irgend einer Veranlaſſung kam es endlich zu einer Eroͤrterung. Ju⸗ liane ſagte zu Frobig: ich fuͤrchte doch, daß der junge Menſch durch ſeine ſchwaͤrmeriſchen Begriffe von Maͤn⸗ nerernſt und Maͤnnerwuͤrde uͤberſpannt wird. Sie ge⸗ ben ihm eine pedantiſche Strenge, die zu ſeinem Alter gar nicht paßt, und die Emma wirklich zu unweib⸗ lichem Übermuthe reizt. Anna erroͤthete vor doppeltem Unwillen; ſie war ſich ihrer Tochter Unrecht bewußt und ſah Julianens Be⸗ merkung uͤber Alphons als einen Tadel von Frobig's Paͤdagogik an. Liebe Juliane, nahm ſie das Wort, ich wuͤrde ebenſo gut fuͤrchten, daß wir Emma zu lange haben Kind ſein laſſen und nun den Muthwillen in ihren Außerungen, dem wir ſonſt unter dem Namen von Unbefangenheit Beifall gaben, vorlaut und rauh nennen.„Dann waͤr' ich allein ſchuldig, meine Freun⸗ din,“ erwiderte Frau von Ahlen;„denn ich habe auf dieſe lange Kindheit gedrungen. Vielleicht hatte ich Un⸗ recht; allein was jetzt vorfaͤllt, kann mich unmoͤg⸗ lich davon uͤberzeugen.“ Beide ſchwiegen nun mit un⸗ angenehm bewegtem Gemuͤthe. 4 9 247 Frobig, der bisher ſtillſchweigend zugehoͤrt hatte, ſagte nun mit ſchmeichelndem Tone: Meines Erachtens, meine Lieben, beweiſt die jetzige Verſtimmung der bei⸗ den Kinder mehr als Alles die Naturgemaͤßheit unſrer bisherigen Erziehung. Ein paar Gaͤrtner koͤnnten ſich ebenſo gut beklagen, wenn die Zeit kaͤme, wo der Ro⸗ ſenſtock des Einen anfaͤngt, ſich mit Dornen zu beſetzen, und der Mandelbaum des Andern, eine harte Rinde zu bekommen. Wie wollt Ihr's denn anders haben, gute Muͤtter? Er ſah beide an und ſchwieg lange genug, um ihnen Zeit zur Antwort zu laſſen; nahm aber, da ſie ſich nur verlegen, aber beſaͤnftigt anſahen, wieder das Wort z Moͤchten Sie denn, liebe Juliane, daß Emma, nun ſie nicht mehr mit Alphons toben und laͤrmen kann, ſich wie ein zierliches Fraͤulein betruͤge, vom Mondſchein und Saitenſpiel mit ihm ſpraͤche? Da moͤchte Ihnen doch wol fuͤr ihre Naturlichkeit ſehr bang werden. Oder Du, liebe Anna, moͤchteſt Du, daß der Krauskopf mit Deiner Emma einen Roman aus der Unſchuldswelt ſpielte und die Herzenskraft, die in ſechs, acht Jahren ſeine Leidenſchaften bezwingen ſoll, jetzt im Zwitterkitzel zwiſchen fruͤhreifer Sinnlich⸗ keit und dunkeln Empfindungen vergeudete? Beide Frauen blickten erroͤthend auf ihr Naͤhzeug. Mir daͤucht, fuhr Frobig nach einer Pauſe wieder fort, beide Kinder ſtehen an ihrem rechten Platze. Die Er⸗ kenntniß entkeimt in ihrer Bruſt; da ſie aber nur da⸗ hin gediehen iſt, wo ſie den Unterſchied der beiden Ge⸗ ſchlechter ahnt, ohne ſich nach einer Vereinigung irgend einer Art zu ſehnen, ſtoͤßt ſie ab; Jeder ſtrebt unabhaͤn⸗ 248 gig von dem Andern zu bleiben und wird ihm feind⸗ lich. Laßt die Erkenntniß reifen, dann werden ſie ſich Gerechtigkeit widerfahren laſſen, deren Art wir gedul⸗ dig abwarten muͤſſen. Eine ſolche Periode wie die jetzige muß in der Entwickelungsgeſchichte des jungen Menſchen ihren Platz finden; ſie erſcheint nur greller in unſern geſellſchaftlichen Verhaͤltniſſen, weil ſie gegen die Natur, die in den Kindern ihren Gang fortgeht, ſtreiten. Die guten Frauen wußten nichts Erhebliches gegen Frobig's Erklaͤrung einzuwenden; Juliane dankte ihm mit glaͤnzendem Auge, in dem aber doch ein Ausdruck von Fehlſchlagung lag. Anna ſagte neckend:„Biſt Du nach dieſer gelehrten Deduction nicht etwa uͤberzeugt, wir beiden Frauen muͤßten uns wegen der naturgemaͤßen Unvertraͤglichkeit unſerer Kinder nur um ſo mehr lie⸗ ben? Und ſie waͤre nur eine Wohlthat mehr? Das ſaͤhe doch Deinem Optimismus ſehr aͤhnlich.“ Frobig war nach ſeiner Rede ſinnend auf⸗ und abgegangen, jetzt blieb er vor Anna ſtehen, hob ihre Hand an ſeinen Mund und ſagte mit einer NRuͤhrung, die ihre Worte ſchwerlich hervorgebracht haben konnten: Du haͤltſt mich alſo fuͤr einen Optimiſten, mein gutes Weib? O, moͤchteſt Du mir das alle Tage meines Lebens ſagen koͤnnen! Das bewaͤhrte die vollendetſte Entwickeluug Deines Freundes. Dieſes Geſpraͤch hatte alle Mistoͤne uͤber die Ver⸗ kehrtheit der beiden Kinder aufgeloͤſt. Vertrauensvoll uͤberließen die beiden Frauen Alphons der Fuͤhrung ih⸗ res Freundes und blieben mit Emmas Ausbildung ge⸗ 249 meinſchaftlich beſchaͤftigt. Die Jahre eilten ohne beſon⸗ dere Vorfaͤlle voruͤber, ſodaß Alphonſens Abreiſe zur Univerſitaͤt herankam, ohne daß der Erzaͤhler etwas An⸗ deres von ihnen ſagen kann. Alphons ſah ſeiner Abreiſe mit ſehr gemiſchter Em⸗ pfindung entgegen. Die Trennung von ſeiner Mutter konnte er nur durch eine ſtoiſche Unterwerfung unter die Nothwendigkeit ertragen; aber die Ausſicht der wich⸗ tigen Jahre, die ſeine ganze Zukunft beſtimmen ſollten, uͤberwaͤltigte ihn durch die zahlloſen Bilder, die ſeine Phantaſie in ſie hineindraͤngte. Wiſſenſchaft, Umgang mit Menſchen, Ausbildung ſeiner Kraͤfte zur Unabhaͤn⸗ gigkeit vom Schickſale— er wußte, daß dieſes, ſeit er denken konnte, ſeine Aufgabe geweſen war; aber bisher hatte Alles, was ihn umgab, ihm liebend ſtre⸗ ben und gut ſein helfen; forthin, fern von allen ſeinen Lieben, fuͤhrte er allein die Waffen, drang er allein zum Ziele. Er ſah dann auch wieder ſeine Abreiſe wie den Eintritt in einen geheimen Orden an; oft war es ihm, als wuͤrde ihn ſein Genius ſchon leiten, oft war⸗ tete er auch auf die Erfuͤllung von Frobig's Verſprechen, als enthielte ſie die Weihe dieſes Ordens. Die Zeit nahte nun heran, in der Frobig verſpro⸗ chen hatte, ihm die Geſchichte ſeines Lebens zu erzaͤh⸗ len. Seine Einbildungskraft beſchaͤftigte ſich ſeit drei Jahren mit dieſer Erwartung, und ſeit er wußte, daß ein Geheimniß in Frobig's Schickſal war, hatte er es bei hundert Gelegenheiten in ernſtern und vertraulichen AÄußerungen ſeines Lehrers zu ahnen geglaubt. Schmerz⸗ voll mußte es ſein; denn die Weichheit in Frobig's 250 Charakter, die er von gleichguͤltigen Menſchen wol Weichlichkeit nennen hoͤrte, die Vorſicht im Umgange, die wie Wunderlichkeit ausſah, zeigten ſich nie in ihm, ohne daß ſie eine ſichtbare Unruhe aufregten, in die ſeine Seele verſank, nach kurzem Kampfe aber heiterer und Freude um ſich zu verbreiten noch bemuͤhter her⸗ auskam.. Nur noch wenige Tage blieben bis zum Abſchied uͤbrig, als Frobig ſeinen Schuͤler einlud, einen einſa⸗ men Spaziergang mit ihm zu machen, um einer lieben, oft beſuchten Gegend Lebewohl zu ſagen. Hier mochte er wol ſein Verſprechen erfuͤllt haben.. Etwas Wichtiges mußte mit Alphons vorgegangen ſein, denn er kam in einer Faſſung zuruͤck, der er, un⸗ geachtet der Muͤhe, die er anwendete, keine Ruhe zu geben vermochte; Frobig ſelbſt ſchien erſchuͤttert und um den Juͤngling beſorgt. Dieſer druͤckte in Allem, was er gegen Frobig, gegen deſſen Frau, gegen Emma that, eine zaͤrtliche, ſchuͤchterne Unterwuͤrfigkeit aus, als habe er Unrecht gut zu machen, Ungluͤck zu verhehlen, Ver⸗ luſt zu erſetzen. Er betrug ſich wie ein zaͤrtlicher Sohn, der nach langer Abweſenheit in die Heimath zuruͤckkehrt und die lange aufgeſparte Liebe verſchwenderiſch und durch die lange Entwoͤhnung dennoch ſchuͤchtern ver⸗ theilt. Selbſt Emma erſtaunte uͤber die Bemuͤhung, jedem ihrer Wuͤnſche zu begegnen, und meinte, wenn er immer ſo geweſen waͤre, wuͤrde ihr ſeine Abreiſe ſehr weh thun. Frobig ſuchte ihn die naͤchſten Tage zu zer⸗ ſtreuen; er war aber ſelbſt veraͤndert, es war ein tiefe⸗ rer Ernſt in ſein Weſen gekommen, es ſchien, als wenn 251 auch er ſeit jenem Spaziergange mit Alphons die Ei⸗ telkeit menſchlicher Weisheit, die Fluͤchtigkeit menſchli⸗ chen Gluͤckes von Neuem ins Auge gefaßt haͤtte und daruͤber erſchrocken ſei. Juliane aͤngſtigte ſich um die Stimmung ihres Sohnes, ſie ſagte ſchonend zu ihm: Es ſcheint, Dein vaͤterlicher Freund laͤßt Dir keine ſchmei⸗ chelhafte Taͤuſchung fuͤr die Zukunft uͤbrig; Du gehſt ihr ernſt entgegen, mein Sohn. Vielleicht zu ernſt fuͤr ein Herz, das Glaube und Hoffnung belebt.— Glaube und Hoffnung und Liebe ſind unerſchuͤttert in mir, Her⸗ zensmutter, antwortete der Juͤngling;z und wenn die Lehren meines Freundes Taͤuſchung zerſtreuen, ſo ent⸗ zuͤnden ſie dagegen ein Licht in meinem Innern, das die Taͤuſchung erſetzt. Was in mir arbeitet, iſt der Durſt nach Tugend neben der immer heller werdenden überzeugung, daß Tugend heutzutage nur in einem Kampfe beſteht, der die ſchoͤnſten Kraͤfte verzehrt. So jung, wie ich bin, iſt es bitter, der Erlangung des hoͤch⸗ ſten Erdengluͤcks zu entſagen.— Juliane ſagte mit ſtil⸗ lem Weinen: Wenn wir ehedem von Cato laſen und Phocion und Brutus, da gluͤhteſt Du und verſicherteſt mir, alſo fuͤr das Gute zu ſterben, ſei ſeliger als das genußvollſte Leben.— Alphons laͤchelte ſchwermuͤthig: So zu ſterhben! Ich war ein gluͤcklicher Knabe, meine Mut⸗ ter; Sie hatten mich zu einem gluͤcklichen Knaben er⸗ zogen, da ich das damals ſo lebhaft empfand; und weil das Gefuͤhl noch ſo lebendig in mir iſt wie da⸗ mals, bin ich ſo ernſt. Ich lerne immer mehr, daß es nicht mehr um einen großen Tod gilt, ſondern nur 252 um ein verkuͤmmertes Leben. Wie ſagt doch Shak⸗ ſpeare von ihm? 8 to bear the whips and scorns of time, th' oppressors wrong, the proud man's contumely —— the spurns that patient merit of the unworthy takes—— Das iſt es!— und freilich, dazu haben mich Frobig's Geſpraͤche beſſer vorbereitet, als ſchaͤdliche Erfahrungen es gekonnt haͤtten.— Aber der Glaube, mein Alphons, ſchließt auch Glauben an die Menſchen mit ein, und Du weißt, daß nach der alten Sage der Altvater um zehn Redlicher willen eine ganze Stadt gerettet haben wollte. Wie der Juͤngling nun endlich abgereiſt war, ſchien die Luͤcke, die er in Frobig's Hauſe gelaſſen hatte, viel merklicher als die Leere, die ſeine Mutter empfand. Julianens ganzes Leben war viel mehr einer verſchwiege⸗ nen Vergangenheit und einer bang erwarteten Zukunft, als dem gegenwaͤrtigen Augenblicke gewidmet. Der er⸗ ſten gehoͤrte ihre ſelten unterbrochene Einſamkeit; der andern, die ſie einzig auf das Wohl ihres Sohnes gruͤndete, brachte ſie jedes Opfer, das ihre helle Ver⸗ nunft fuͤr noͤthig erkannt hatte. Anna war eine fein⸗ fuͤhlende, geiſtvolle Frau; bei dieſer iſt Neugier keine waltende Schwaͤche und bei Frobig haͤtte auch eine Neugierige das Fragen verlernt, indem er uͤber ſich und ſeine Schickſale nie Neugierde erregte noch befrie⸗ digte. Dennoch hatte ihr Julianens gaͤnzliche Verein⸗ zelung die Bemuͤhung eingefloͤßt, zu errathen, zu fol⸗ ——————— 2⁵3 gern; aber ihr Verhaͤltniß nahm bald den Charakter wahrer Freundſchaft an, die reiner Liebe auch darin aͤhnelt, daß ſie auf Glauben gebaut iſt und ſich in Erkenntniß entwickelt. Anna hoͤrte auf, neugierig zu ſein, je mehr ſie erkannte, daß Juliane ein reines Herz erhalten habe. Auf welchen Wegen ſie das Schick⸗ ſal gefuͤhrt hatte, that ihr zu wiſſen nicht mehr noth. Dornig mußten ſie geweſen ſein, das nahm ſie an den ſchmerzlichen Erinnerungen wahr, die ſie oft bekaͤmpfte, und an der Heftigkeit, mit der ſie gewiſſe ſittliche Be⸗ griffe wie eine davongetragne Beute vertheidigte. Oft ſah ſie dieſelbe bei dem Schickſale der Witwen im tief⸗ ſten Schmerze verſinken und wunderte ſich nicht, da ſie gewiß war, daß ſie ihres Gatten Tod beweint hatte; allein der Schmerz galt nicht ſeinem Tode. Hingeriſ⸗ ſen ſagte ſie einſt bei einem ſolchen Schickfale: Heil dem Weibe, das ſeinen Gatten beweinen darf! und warf dadurch bei Anna einen Verdacht auf das Anden⸗ ken des ihren. Anna bemerkte von dem erſten Jahre ihrer Bekanntſchaft, daß ſie an einem beſtimmten Tage des Jahres nicht ausging, jeden Beſuch verbat und den ganzen Zeitpunkt uͤber ſehr bewegt ſchien. Einſt ging Anna den auf ihre geheime Feier folgenden Tag zu ihr und fand ſie, ſichtbar angegriffen, mit einer Menge Papiere beſchaͤftigt, die ſie, wie immer wenn man ſie am Schreibtiſche fand, ſorgfaͤltig verbarg. An⸗ na machte ihr liebevolle Vorwuͤrfe uͤber die Spannung, die der geſtrige Tag ihr gekoſtet zu haben ſchien. Ju⸗ liane verſicherte mit Heiterkeit, er ſei ſanft verfloſſen. Ich will, ſetzte ſie erroͤthend hinzu, Ihnen einen Be⸗ 254 weis davon geben. Er deute Ihnen zugleich die Feier des geſtrigen Tages an, von dem ich Ihnen nie mehr als dieſes ſagen kann. Wer ſeine Worte in ein Syll⸗ benmaß bringen kann, wie fehlerhaft es auch ſei, der hat die Gewalt des Schmerzes bezwungen. Dabei zog ſie ein fluͤchtig geſchriebenes Papier aus dem Schreib⸗ tiſche; Anna las Folgendes: Pſyche's muͤder Fittig ſinket 1 In dem Kampfe mit dem ſchweren Leben. Ganz gefeſſelt, beugte ſie den Nacken freudig, Denn die Schweſterpſyche ihr zur Seite Laͤchelte ihr Liebe zu. Ach, des Vaterlandes waren ſie vergeſſend Und vergeſſend ihrer Knechtſchaft; Schoͤne Traͤume, hohe, ihres Urſprungs wuͤrdig, Trogen dreimal ſelig die Getaͤuſchten; Und wenn das unfaßliche Entzuͤcken Sie an ihre Bande mahnte, Schwebten ſie zum Äther aufwaͤrts in noch ſchoͤnern Traͤu⸗ men. Da kam ſtill der Knabe mit geſenkter Fackel, 8 Loͤſete der einen Pſyche Bande, Ohne auf der Schweſter Fittige zu achten. Der Befreiten Fluͤgel ſpielte ſieben Farben, und entfaltet hob er ſie zum Äther. O du mit dem leiſen Finger, Der ſo ſchnell die Bande loͤſet, Ach, du ſahſt ſie nicht verſchlungen Mit den Fittigen der Schweſter! Um die Eine zu befreien, haſt die Andre du gelaͤhmt. 2⁵⁵ Schmerzvoll flattert nun die Arme, Wunden Fittigs ſchlaͤgt ſie ihres Kerkers Waͤnde, Strebt umſonſt der Schweſter nach. Sag mir, ſende einen Boten, Ob die Freie ſich nicht ſehnet nach der Knechtin? Ob aus Lethe's Flut ſie wollte trinken, Oder irrt am ſtygiſchen Geſtade? O du ſchwerer Bande Loͤſer, Sei mir Bote, mir Befreier! Brich des Fittigs ſchwere Feſſel, Den du grauſam mir gelaͤhmt. Nach dem Leſen dieſer Zeilen mußte alle Neugier verſchwinden. Sie war in dieſem Augenblicke in Weh⸗ muth und fuͤr die ganze Zukunft in behutſame Scho⸗ nung verwandelt. Unter den zuweilen gewagten Grundſaͤtzen, welche Juliane vertheidigte, war einer, den Frobig ebenfalls mit einer Art Haͤrte und Leidenſchaft behauptete, die ihm ſonſt fremd war. Er betraf die Zudringlichkeit des innern Bewußtſeins, um ſich uͤber das Urtheil der Welt und die Folge der Handlungen zu beruhigen. Aus ihrem Geſichtspunkte war Reue ein dem edeln Menſchen unanſtaͤndiges Gefuͤhl, das nach Frobig's Ausdruck den Suͤnder ſtempelte. Der edle Menſch kenne nur Erkenntniß des Irrthums und Entſchluß zur Beſſerung. Anna fand dieſe Anſicht ſehr gefaͤhrlich und ließ ſich nur halb und halb durch den gleich neben ſie hingeſtell⸗ ten Grundſatz von Streben nach Selbſterkenntniß und Selbſtbeherrſchung beruhigen. Zu Julianen ſagte ſie 256 halb vorwerfend:„Ich begreife nicht, wie Sie Ihre zarte Weiblichkeit, Ihre faſt aͤngſtliche Sorge, auch je⸗ den Schein zu vermeiden, bei dieſen Grundſaͤtzen haben bewahren koͤnnen.“— Liebe Freundin, erwiderte dieſe, weil das Bewußtſein auch der Reinheit bedarf, die in Vermeidung des aͤußern Scheines beſteht; es ſei denn, daß eine hoͤhere Pflicht ihn aufzuopfern gebietet.— „Aber eben dieſe Unterſcheidung, Juliane? Wie kann ein von Leidenſchaft ſo leicht bewegtes Weſen als der Menſch, wie kann er ſich ſtets die noͤthige Klarheit des Verſtandes zutrauen zu dieſer wichtigen Unterſcheidung.“ — Julianens Geſicht ward bei dieſer Frage mit Blut uͤbergoſſen, ſodaß Frobig dem Geſpraͤche ſchnell eine andere Wendung zu geben bemuͤht war. Dieſe Juliane, wehmuͤthig und doch feſt, gefaßt und doch ſo leicht ergriffen, ertrug Alphonſens Abweſen⸗ heit leichter als Frobig. Sie klagte nicht; denn ihr Sohn war auf dem Wege, den ſein Wohl ihm vor⸗ ſchriebz aber ſie ſah aus wie eine ſtandhafte Kranke, die in langen Winternaͤchten die Ruͤckkehr des Tages erwartet.— Frobig klagte, daß er ſich alt werden fuͤhlte, ſeit Alphons' junger Geiſt den ſeinen nicht mehr an ſeine eigne Jugend erinnere, und ſuchte Zerſtreuung. Emma bot ſich ihm dar, und mehr weil ſein Schuͤler ihm fehlte, als weil er ein Maͤdchen deſſen beduͤrftig hielt, fing er an, ſie zu unterrichten. Er benutzte die in je⸗ ner Zeit auflebende Bemuͤhung unſrer Landsleute, die Schaͤtze der Alten in unſre Sprache zu uͤbertragen. Bei dem oberflaͤchlichen Unterrichte nach franzoͤſiſchen 257 Leſebuͤchern, den Emma bis jetzt von ihrer Mutter er⸗ halten hatte, trat ſie an ihres Vaters Hand in eine neue Welt, wie er ihr die griechiſche Mythe und die Geſchichte der großen Maͤnner des Alterthums kennen lehrte. Lange Zeit konnte ſie nicht glauben, daß der Orpheus, von dem ihr Vater ihr erzaͤhlte, daß die Goͤttermutter und die Feier ihrer Feſte eben die Weſen ſeien, von denen Lady Spirituelle der Mademoiſelle Bonne ihre Lectionen aufſagte. Noch befremdeter ward ſie, da ſie Frobig Stuͤcke aus dem Herodot leſen ließ und ſie nun die hohen Geſtalten alle in ihrer natuͤrli⸗ chen Einfachheit ſah. Sonderbarer Weiſe ſtellte ſich von nun an neben jeden Helden des Alterthums das Bild des misfaͤlligen Alphons. Frobig hatte dem Alphons haͤufig, beſonders in fruͤ⸗ hern Jahren ſeine Lehrſtunden in Annens Cabinet ge⸗ geben und ſpaͤter war, zu beider Muͤtter großer Zufrie⸗ denheit, die Theezeit unterrichtendem Geſpraͤche und der Durchſicht mancher Ausarbeitung des Juͤnglings gewid⸗ met geweſen. Emma hatte daneben mit ihrer Puppe geſpielt, ſpaͤter auch, oft ſchmollend uͤber die ernſthafte Unterhaltung, an ihrem Reißbret geſeſſen. Jetzt war's, als haͤtten alle die alten Namen in einem Winkel ihres Kopfes geſchlafen, und traͤten nun, durch des Vaters Unterricht erweckt, in ihr Bewußtſein hervor. Aber ſie kamen nicht allein, ſondern zu ihrer großen Beſchaͤmung ſtand Alphonſens Name neben einem Jeden und erinnerte ſie, wie ſie um manch eines willen ihn verſpottet oder erzuͤrnt hatte. Oft zerſtreute ſie eine ſolche Erinnerung V. 47⸗ 258 ſo maͤchtig, daß es der Vater bemerkte und ſie be⸗ fremdet anſah, wie ſie erroͤthend antwortete: Alphons habe dieſe Geſchichte auch gelernt. In Emmas Alter— ſie mochte damals ſechzehn Jahre alt ſein— kennt das Gefuͤhl in Leid und Freude weder Raum noch Zeit. Gern waͤre ſie bis nach Goͤt⸗ tingen gepilgert, um ihre Schuld zu buͤßen; da das nun aber nicht thunlich war, verſoͤhnte ſie Alphons durch ſtete Erinnerung an jeden aͤhnlichen Vorfall, an Alles, was ſie ihm Leids gethan, an Alles, was ihm Freude gewaͤhrt hatte, machte das Letzte alles zu Ge⸗ genſtaͤnden ihres Wohlgefallens und vertilgte die Re⸗ gung, die ſie zu dem Andern verleitet hatte. Die Altern erſtaunten uͤber die Veraͤnderung in dem ſonſt ſo kindiſchen, oft den Anſchein nach untheilnehmen⸗ den, ja ſelbſtſuͤchtigen Maͤdchen. Anna hatte oft fuͤr ſie gefuͤrchtet, weil ſie ſelbſt ihre Wohlthaͤtigkeit mehr aus Liebe zur Wirkſamkeit als aus Wohlwollen zu uͤben ſchien. Jetzt ward eine herzliche Weichheit ihre gewoͤhnliche Stimmung, und neben dem unterricht ih⸗ res Vaters ſuchte ſie nur tragiſche, ernſte Dichtkunſt zu ihrer Lecture auf. Die beiden Muͤtter lebten ihre— Jugend noch einmal durch in ſolchen Erſcheinungen die⸗ ſes lieben, ſich ſelbſt noch ſo raͤthſelhaften Gemuͤths. Jede ſchien die Entwickelung dieſes Raͤthſels zu errathen, zu wuͤnſchen; aber wie durch ein hoͤheres Geſetz geleitet ſprachen ſie ſie nie aus; im Gegentheil beſchloſſen ſie, wie durch Einverſtaͤndniß bewogen, der ſchwankenden Em⸗ pfindung des jungen Maͤdchens einen wirklichen Gegen⸗ ſtand zu geben. 259 Emma hatte einer WMoͤchnerin Kleidung fuͤr ihren Saͤugling gemacht. Die alte Magd, welche ihre Al⸗ moſen vertheilte, ſprach mit Bewunderung von der Schoͤnheit des Kindes und mit Unwillen von der Ge⸗ wißheit, daß es aus Mangel an Sorgfalt dennoch zu ſterben beſtimmt ſei. Emma legte der Alten die ſchoͤn⸗ ſten Ermahnungen in den Mund, die ſie der Mutter, ſo oft ſie ihr Suppe braͤchte, wiederholen ſollte, und beſtand auf der Unmoͤglichkeit, daß eine Mutter ihr Kind moͤchte ſterben ſehen, wie muͤhſelig ſeine Pflege ihr auch wuͤrde. Nach vierzehn Tagen begegnete ſie auf dem Vorhaus einem Weibe, das ein bluͤhend ſchoͤnes Kind auf den Armen trug, das, aͤrmlich, aber ſehr reinlich gekleidet, durch ſeine zarte Haut und edeln Aus⸗ druck ihr auffiel. Die Frau redete Emma mit der Nachricht an: daß Gott die Gnade gehabt haͤtte, ihr Kind wieder zu ſich zu nehmen, und ſie nun komme, fuͤr die empfangenen Wohlthaten zu danken. Emma nahm daraus ab, daß ihre alte Almoſen⸗ pflegerin der Wahrheit gemaͤß prophezeit hatte. Mit empoͤrtem Gemuͤthe wendete ſie ſich ab und ermahnte ſie trocken, das uͤberlebende Kind nicht auch ſterben zu laſſen. Die Frau druͤckte es lebhaft an ſich und rief: Das verhuͤte der Herr Gott! Wenn es gleich nicht mein Kind iſt, moͤcht' ich's um des Lebens willen nicht entbehren.— Dieſe Worte bewogen Emma zu einigen Fragen, durch die ſie erfuhr, daß dieſes ſchoͤne Kind die Nichte der Frau, eine vater⸗ und mutterloſe Waiſe ſei, die ſie einzig mit ihrer Haͤnde Arbeit ernaͤhre. Dieſe Entdeckung beſchaͤmte Emma, die ihr im Herzen ſchon 478 260 alles Menſchengefuͤhl abgeſprochen hatte; ſie verwirrte aber auch alle ihre Anſichten von der Moralitaͤt dieſer Frau. Emma wußte noch nicht, welche Widerſpruͤche Beduͤrfniß und natuͤrliche Guͤte, Leidenſchaft und Er⸗ kenntniß im Menſchen hervorbringen; wie die ungebil⸗ dete Claſſe durch die erſten roh, wie die gebildete durch die zweiten ſelbſtſuͤchtig wird. Das ſchoͤne Kind hatte auf den Boden verlangt und ſpielte an dem Treppengelaͤnder, indeß ſeine Pfle⸗ gemutter Annen, die dazugekommen war, ihre druͤckende Lage erzaͤhlte. Hoͤrt mich an, ſagte dieſe nach einigem Nachdenken, ich weiß, daß der Vater Eures verſtorbenen Kindes Euch heirathen wuͤrde, koͤnntet Ihr durch ein kleines Kapital Euerm Anweſen aufhelfen. Überlaßt mir das Kind; ich will es erziehen und verſorgen; dagegen gebe ich Euch hundert Thaler als Geſchenk und leihe Euch andere hundert Thaler auf Eures Braͤutigams Grundſtuͤck, das mir, wie ich weiß, Sicherheit gibt. Das Kind geht Euch dann aber nichts mehr an; Ihr duͤrft es auch nicht mehr beſuchen; es hat aber auch keine Anſpruͤche auf Euer Vermoͤgen, wenn es je Euer Erbe werden koͤnnte. Emma hatte hochaufgehorcht und gluͤhte vor Erwartung. Die Frau bat um Erlaubniß, ſich mit ihrem Braͤutigam zu berathen, und mußte Anna verſprechen, die Meinung ihres Beichtvaters einzuholen. Nach acht Tagen war Alles in Ordnung, und Emma hatte zum erſten Mal Friedchens Bettchen neben ihrem Lager ſtehen. Gewiß war dieſe Beſchaͤftigung eine ſehr heilſame Miſchung zu den erwachenden Gefuͤhlen in ih⸗ rer Bruſt. Schwaͤcher ward ihre Bewunderung fuͤr 261 ihre Alterthumshelden oder ihre ſpaͤte Reue gegen Al⸗ phons nicht; die Liebe fuͤr Friedchen kam nur noch hinzu; aber dieſe beſtand in lauter Wirklichkeit, diente alſo jenen Traͤumen zu einem ſehr heilſamen Gegenge⸗ wicht. Anfangs ward es Anna ſchwer, ihrer Tochter den Geſichtspunkt zu beſtimmen, aus dem ſie ihre, fuͤr Friedchen uͤbernommene Verbindlichkeit anſehen ſollte. Das junge Maͤdchen haͤtte das Kind gern be⸗ handelt, wie phantaſtiſche Muͤtter ihre Kinder zu be⸗ handeln pflegen. Sie haͤtte es gern zu ihrer Puppe gemacht, ſo lange es ihr Idol geweſen waͤre, um es nachher der Muͤhe Anderer zu uͤberlaſſen. Emma ſtraͤubte ſich, ihren Pflegling zu einem Dienſtboten beſ⸗ ſerer Art, hoͤchſtens zu einer Geſellſchafterin zu erzie⸗ hen, und wie Friedchens Liebenswuͤrdigkeit und herr⸗ liche Anlagen nach einigen Jahren ſie ganz an die Stelle einer Verwandtin geſetzt hatten, deren Mangel an Vermoͤgen man durch eine doppelt reiche Ausſteuer an Geſchicklichkeit und Tugend erſetzen will, ſchien Emmas Ausdruck gegen ſie noch oft zu ſagen: Verzeih der Noth⸗ wendigkeit! Indeß ſich in Frobig's Familie unter anſcheinender Gleichfoͤrmigkeit ſo manche Erſcheinung des Lebens ent⸗ wickelte, gingen deren nicht weniger an Alphonſens Seele voruͤber. Frobig's Einfluß auf ſeine Erziehung war hoͤchſt guͤnſtiger Weiſe fuͤr ihn gerade in dem Au⸗ genblicke eingetreten, wo die ungetheilte Fuͤhrung ſeiner Mutter ihn weichlich und uͤberſpannt gemacht haͤtte. Eine Folge, welche, wie Juliane ſelbſt es fruͤher ſchon bemerkte, die ernſteſte Mutter nicht vermeiden kann; 262 denn die maͤnnlichen Geſinnungen, welche ſie ihm lehrt, treten ſie aus dem Leben. und der leichte Anſtrich von Poeſie, der ihm von ſeiner 3 Entſchloſſenheit zu uͤberſehen. werden in ihrem Munde poetiſch und uͤberſpannt. Sie kommen bei ihr aus der Phantaſie; bei dem Manne Eben dieſe Farbe nimmt auch der Unterricht an: ſie knuͤpft ihn uͤberall an das Gefuͤhl; der Mann ſoll ihn an die Vernunft knuͤpfen. Einzeln und abgeſchieden ſoll weder der eine noch der andere Einfluß herrſchen. Gluͤcklich der Juͤngling, der ſeiner Mutter Liebe genießt, indeß Maͤnner ihn leiten. Dieſes Gluͤck hatte Alphons ſeit acht Jahren genoſſen, Mutter anhing, gab ſeinem leidenſchaftlichen Weſen grade die Eigenſchaft, die es vor jedem gemeinen Aus⸗ bruch ſchuͤtzte. Im Fortgange der Zeit war es viel⸗ V leicht dieſe Eigenſchaft, die es ihm erleichterte, ſeine beſondern Verhaͤltniſſe mit Leichtigkeit und angemeſſener Alphonſens Briefe, die ſehr haͤufig ankamen wa⸗ ren immer ein Feſt fuͤr die Familie. Oft ein wehmuͤ⸗ thiges, denn eine ſchwermuͤthige Stimmung war in ih⸗ nen nicht zu verkennen; aber mit ihr nahm auch. der Ausdruck ſeiner Liebe fuͤr die Entfernten zu. Juliane ſah dieſe Stimmung als ein Erbtheil an, dem er nicht entgehen koͤnnte; Anna blickte ſorglich fragend auf ihren Mann. Dieſer bemerkte mit Ruhe, daß ein tief und lebhaft fuͤhlender Juͤngling unſerer Zeit dieſen Zeitpunkt durchleben muͤſſe.„Wie die Verhaͤltniſſe noch einfacher waren,“ ſagte er,„ging der Juͤngling in dieſem Alter der Gefahr entgegen, auf der Jagd, zur See, gegen den Feind. Die Seele, ſtarker Gefuͤhle beduͤrftig und 263 die Sinnenherrſchaft verachtend, ſucht den Kampf auf dem Felde der Phantaſie, da ihr ein anderer Tummel⸗ platz gebricht. Gott behuͤte unſern Alphons vor Her⸗ zensungluͤck, bis er einen beſtimmten Wirkungskreis fuͤr ſeine Thaͤtigkeit hat, ſo wird er einſt ein kraͤftiger, ſelbſt⸗ ſtaͤndiger Mann.“ Emma konnte der Ältern Sorge und Troſt nicht begreifen, ſondern aͤußerte ſogar mit Wor⸗ ten, daß ſie Alphons gar nicht ſo zarter Gefuͤhle faͤhig gehalten haͤtte, als jetzt ſeine Briefe bewieſen. Nun wurden ſeit einiger Zeit dieſe Briefe ſeltener und kuͤrzer; dann entdeckte er ſeiner Mutter, verſchaͤmt und doch mit freudigem Stolz, daß er einen Freund gefunden habe, daß ſeine Schuͤchternheit, ob ſeine Neigung von ſeiner Vernunft wuͤrde gerechtfertigt werden, ihn bisher zum Stillſchweigen vermocht habe, daß er die Zeit habe wollen bewaͤhren laſſen: ob die Sympathie, die ſie Beide angezogen, mehr als Geſelligkeit ihres Alters ſei. „Nach mehren Monaten,“ fuhr er fort,„darf ich glau⸗ ben, daß meine Wahl von meiner Vernunft gerechtfer⸗ tigt iſt; habe ich einſt die Freude, Ihnen meinen Nor⸗ berg zuzufuͤhren“— Norberg? rief Frobig auffahrend, indem er die Hand uͤber den Brief, den ihm Juliane vorlas, ausbreitete, um zur Berichtigung Zeit zu er⸗ zwingen. Die Frauen ſahen ihn verwundert an, Ju⸗ liane wiederholte aber fortleſend:„Norberg zuzufuͤhren, werden Sie Den, den ich als Bruder liebe, auch als Sohn aufnehmen. Ich danke dieſe Vollendung meines Daſeins— denn nun erſt ſcheint mir mein Leben ohne Luͤcke— Frobig, dem ich ſo Vieles verdanke; denn ihm verdanke ich die Grundſaͤtze, deren Übereinſtimmung mit 264 den ſeinen uns endlich verband. Ehe ich mit Norberg perſoͤnlich bekannt war, hoͤrte ich, daß er Jena eines Zweikampfes wegen habe verlaſſen muͤſſen, indem er mit ungemeinem Muth einen ſehr geſchickten Gegner uͤberwunden und treuloſe Secundanten beſtraft hatte. Er lebte hier ſehr einſam; die wenigen Poofeſſoren, welche Studirende in ihren Haͤuſern aufnehmen, hatten des Vorgangs in Jena wegen ein Vorurtheil gegen ihn. Ich fand ihn von meiner Ankunft an auf der Biblio⸗ thek, wo ich in oͤffentlichen Stunden zu leſen pflege, und nahm wahr, daß er wie ich das hiſtoriſche Fach benutzte. Sein edles Geſicht und ſeine gebildete Hoͤf⸗ lichkeit ſtimmten mit dem Rufe eines Raufers ſo ſchlecht zuſammen, daß ich ihn in meinem Herzen von aller Schuld freiſprach. Es erfreute mich ſehr, wie ich ihn zu Anfang dieſes halben Jahres unter meinen Mitſchuͤ⸗ lern zur Archaͤologie erblickte. Bald nahm ich wahr, daß der wuͤrdige Heyne ihn nicht mit Gleichguͤltigkeit behandelte. Es war Aufmerken und Aufmuntern in ſeiner Seele, die, ganz Wahrheit und Lebendigkeit, ſich in ſeinem Benehmen ſo leicht verrieth. Ich bemerkte, daß Norberg ihm naͤher zu treten ſuchte; er benahm ſich dabei beſcheiden, aber mit anſtaͤndigem Selbſtgefuͤhl. Die Wiſſenſchaft, die Heyne uns vortraͤgt, hat das Eigne, die Individualitaͤt des Zuhoͤrers unmittelbar zu Außerungen zu veranlaſſen. Norberg hat viel mehr Kenntniſſe als ich, er hat viel mehr geſehen, wirklich am mehrſten unter den jetzt um Heynen verſammelten Juͤnglingen. Er ſah manches Kunſtwerk, das Heyne nur aus Beſchreibungen kennt, und ſagte mir ſchon bei 265 mehren Gelegenheiten, daß das reiche Gemuͤth dieſes Mannes allein ſeiner Wiſſenſchaft, die groͤßtentheils in Anſchauung beſtaͤnde, das Leben gegeben habe, welches ihn faͤhig mache, die Schoͤnheiten eines Kunſtwerks ſo zu durchdringen; daß ſeine Bemerkungen erſt die Em⸗ pfindung des Beſchauens durch die Beiſtimmung ſeines Verſtandes erhoͤhen. Seine Außerungen gegen Heyne zogen mich an durch ihren poetiſchen Schwung und ein einfaches, gegen den geehrten Lehrer beſcheiden ausge⸗ druͤcktes Gefuͤhl. Hier auf dieſer heiligen Staͤtte fan⸗ den wir uns. Vor den Augen eines edeln Mannes, bei dem Studien der Schoͤnen. Lange blieb Wiſſenſchaft allein der Gegenſtand unſers Geſpraͤchs bei zufaͤlligem Zuſammentreffen und Zuſammengehen, bis wir uns auf dem Lande in einem Gaſthofe fanden, wo ein Gewit⸗ terregen uns mit einigen andern jungen Leuten eine Stunde lang einſchloß. Eine gemeine Klatſcherei fuͤhrte auf die Eroͤrterung der Frage, wie weit die Meinung Anderer unſere Handlungen beſtimmen duͤrfte. Außer Norberg und mir hielten alle die Meinung im gemein⸗ ſten Studentenſinn fuͤr die Richterin unſerer Handlun⸗ gen und beteten mit Paradoxen oder alltaͤglichen Saͤtzen alle die Urſachen dafuͤr herunter.“ „Norberg ſuchte mit heiterer Überlegenheit den Satz begreiflich zu machen, daß unſer Gewiſſen der vornehmſte Richter unſers Beginnens ſein muͤſſe, der aber ſtets Sitte und Meinung als Beiſitzer anhoͤren ſolle. Ein hoͤchſt widriger Menſch, der auch in Jena ſtudirt hatte, behauptete ſeine Meinung am laͤrmendſten und ſagte endlich zu Norberg: er ſei doch nicht immer ſo gleich⸗ 7 266 gultig wie heute gegen die Meinung geweſen, wie ſeine Begebenheit in Jena gezeigt habe. Ich ſah, wie Nor⸗ berg das Feuer ins Geſicht ſtieg. Er richtete ſich auf und ſagte mit feſtem Tone: daß ich die Sitte ehre, be⸗ wies ich damals und habe es ſo nachdruͤcklich bewieſen, daß man meine Achtung fuͤr ſie nie mehr bezweifeln kann. Die ganze Geſellſchaft, welche von Norberg's Weſen gewonnen war, ſuchte durch ablenkende Reden des Unbeſcheidenen Verlegenheit zu Huͤlfe zu kommen; mir aber war ſo unheimlich unter dem Haufen, daß ich, noch ehe die Wetterwolke ganz zerſtreut war, da⸗ vonritt. Ich ſah an dem Zuge der Wolken, daß der Abend ſchoͤn werden wollte; die Luft, die Lichter auf den Huͤgeln mahnten mich an Frobig's Garten, von dem man auch ſo die fliehenden Schatten auf den Saa⸗ ten, das dunkle Gruͤn der Hoͤhen ſieht. Mir war mein Pferd laͤſtig, weil es mich hinderte, einen mir bekannten Fußpfad uͤber Thal und Huͤgel zu nehmen, als ich den kleinen Mann neben mir vorbeireiten ſah, der mir meine Hausdienſte verrichtet. Lachend fragte ich ihn, ſeit wann er ein Reiter geworden.— Das ſei er noch nicht, antwortete er, ſondern er habe bei einem Geſchaͤft in Großenlaͤngen Herrn von Norberg angetroffen, der lieber zu Fuße gehen gewollt und ihm ſein Pferd nach Hauſe zu reiten gegeben haͤtte. Un⸗ verzuͤglich ſaß auch ich ab, vertraute mein Pferd dem Alten und eilte meinem Fußpfade zu. Norberg hatte mich die ganze Zeit durch beſchaͤftigt. Seine Schlaͤ⸗ gerei hatte mich nie gegen ihn eingenommen; aber die Art, wie er jetzt ſich uͤber ſie geaͤußert, hatte etwas 267 Achtunggebietendes. Das zufaͤllige Zuſammentreffen unſerer Neigungen, da wir Beide, um die Natur zu genießen, das Zufußgehen vorzogen, erwaͤrmte meine Sehnſucht, den Juͤngling zu lieben— und dann, ohne dem Zuſammenhange nachfolgen zu koͤnnen, befand ich mich zu Vater Frobig verſetzt und vernahm, wie er mich einen Schwaͤrmer nannte; mir war aber, als duͤrfte ich dieſem Vorwurf nur Norberg's edeln Ausdruck, als er von ſeinem Zweikampf ſprach, entgegenſetzen, um ihn zu entkraͤften. Dieſe Phantaſien, die Luft, die mich umgab, das feuchtduftende Thal unter mir, der wuͤrz⸗ hafte Hauch des Waldes, an deſſen Rande ich wan⸗ delte, erregten eine unausſprechliche Wehmuth in mei⸗ ner Bruſt. In dem Augenblick machte ſich Jemand den Huͤgel herab durch das dichte Gebuͤſch Bahn, und ploͤtzlich ſprang Norberg vor mir auf den Weg herab. Sein Auge ſuchte die Sonne, die faſt am Eingange des Thales zwiſchen waldigen Huͤgeln aus dunkeln Wol⸗ ken her ihre letzten Stralen verſandte. Er erblickte mich, und eine ſo liebe Freude glaͤnzte neben dem Ernſte, der es fuͤllte, daß ich ihm unwillkuͤrlich die Hand reichte, und ſo blieben wir ſtehen und ſahen die Sonne verſchwin⸗ den. Nach einer langen Weile ließ er mit einem ſanf⸗ ten Druck meine Hand los, faßte meinen Arm und ſetzte langſam den Weg mit mir fort. Da bekam un⸗ ſer Wohlgefallen Sprache, und unſre Geiſter ſchloſſen einen Bund; ohne Verſprechungen, ohne Betheuerun⸗ gen, ohne überſpannung, ich war nur immer ſcheu, daß meine Worte ſo klingen moͤchten. Und wie er mir guͤtig wie ein weiſerer Bruder ſagte, daß meine Zuſtim⸗ 268 mung zu ſeinen Anſichten bei dem Geſpraͤch im Wirths⸗ hauſe ihm gefallen haͤtte, erroͤthete ich wie ehemals, wenn ich das Gluͤck hatte, Vater Frobig zu gefallen. „Wie iſt's doch ſo ſonderbar, meine liebe Mutter, daß Liebe ſo kindlich macht und ſo ſtolz zugleich?— Nor⸗ berg ging in ſeinem Geſpraͤch aber ſchnell daruͤber hin⸗ weg zu andern Gegenſtaͤnden, daß ich mich uͤberraſcht fuͤhlte, als ich wahrnahm, daß ich von Ihnen ſprach und von Frobig mit dem Fremden, da ich noch Keinen in der Fremde gefunden hatte, gegen den ich dieſe theuern Namen aus vollem Herzen haͤtte nennen moͤgen. Er hoͤrte mit einer Theilnahme zu, wie nur der reifere Menſch ſie bezeigt. Das iſt er auch, liebe Mut⸗ ter, er iſt drei Jahre aͤlter als ich und ſonderbar beſtimmt und beſonnen. Seitdem ſehen wir uns taͤglich, aber nur nach vollendeten Geſchaͤften. Er hat etwas Stren⸗ ges in ſeiner Selbſtbehandlung, dem ich nachzuſtreben ſuche. Die jungen Leute nennen ihn deshalb einen Stoiker und ſind ſchlaff genug, um damit einen Spott verbinden zu wollen. Seit dieſem Tage war mir ſtets das Herz voll von ihm; aber weil ich mir bewußt war, daß das Gluͤck mich berauſchte, wollte ich Euch nicht davon ſchreiben, nicht Ihnen, nicht Vater Frobig. Meine Briefe plagten mich, denn ich verſchwieg darin, was ich am mehrſten dachte. Nun fuͤhle ich mich aber kuͤhl und wiederhole Ihnen: ich habe einen Freund gefunden, und ich bin reich in ihm, in ſo einer Mut⸗ ter, in einem vaͤterlichen Fuͤhrer, wie Frobig mir iſt./ Frobig war, nachdem er Julianen ſo heftig unter⸗ brochen, ſichtbar zerſtreut geblieben; nur allmaͤlig ſchien 269 er wieder auf das Leſen zu hoͤren, und auch noch nach⸗ her blieb er in ſich verſunken. Juliane fragte ihn be⸗ ſorgt, ob er Alphonſens neue Verbindung tadle.— Aber daruͤber beruhigte er ſie mit Zuverſicht und ver⸗ ſicherte ſie vielmehr ſeiner Zufriedenheit, daß der Juͤng⸗ ling einen Gefaͤhrten gefunden; er meinte, nur ſein Verhaͤltniß zu ihm, der ihm ſtets mehr Freund als Lehrer geweſen ſei, koͤnne es erklaͤren, daß ein ſo em— pfaͤngliches Gemuͤth noch keinen Freundſchaftsbund ge⸗ ſchloſſen habe. So beſtimmt er nun uͤber Alphonſens neue Verbin⸗ dung ſprach, ſo ſichtbar blieb es, daß ſein Brief einen dauernden, den beiden Freundinnen unerklaͤrlichen Ein⸗ druck auf ihn gemacht hatte. Sein Widerwille gegen alle neue Beruͤhrungspunkte mit den Menſchen ſchien wieder erwacht, ſo daß er ſogar die Bitte ſeines Fuͤr⸗ ſten, dem nun erwachſenen Erbprinzen Unterricht uͤber die diplomatiſchen Verhaͤltniſſe Europa's zu geben— ein Fach, das Frobig zu ſeinem Lieblingsſtudien gemacht hatte—, eigenſinnig verweigerte. Anna betruͤbte ſich daruͤber, da in des jungen Prinzen Charakter ein Zug war, der wol lange aufbewahrtes Misfallen an ſo ei⸗ ner Ungefaͤlligkeit drohte. Auf ſein haͤusliches Betragen und den kleinen Zirkel ſeiner alten Freunde hatte dieſe Stimmung gar keinen Einfluß, er druͤckte im Gegen⸗ theil ein noch weicheres, herzlicheres Verlangen aus, ſie alle zu befriedigen. Juliane ward durch jeden nachfolgenden Brief ihres Sohnes noch mehr uͤberzeugt, daß Frobig ihn richtig beurtheilt hatte. Er ſchien ſeine Jugend jetzt an ſeines 270 Freundes Hand erſt recht zu genießen; ſeine Briefe be⸗ zeugten, daß fortſchreitende Geiſtesentwickelung der Grund ſeines heitern Sinnes war. Nur der Zweikampf, von dem Juliane durchaus Sittenrohheit und Leichtſinn nicht ſcheiden konnte, lag der ſorgſamen Mutter im Kopf. Sie mußte wol ihrem Sohne dieſe Bedenklichkeit ge⸗ aͤußert haben, denn in einem ſeiner Briefe ſchrieb er alſo. „über Norberg's Zweikampf haͤtte ich Sie ſchon laͤngſt beruhigen koͤnnen, wenn ich geglaubt haͤtte, Ih⸗ nen bliebe noch ein Zweifel an ſeiner Rechtfertigung uͤbrig. Norberg's Schickſal ward allein durch die Schlech⸗ tigkeit ſeines Vaters beſtimmt; denn wie vorſichtig er auch jedes harte Wort vermeidet, nehme ich doch aus Allem wahr, daß er ihn verabſcheuen muß. Einer ſei⸗ ner Landsleute beging in Jena die Ungebuͤhr, dieſes Mannes gegen ſeinen Sohn geringſchaͤtzend zu erwaͤh⸗ nen; dafuͤr zuͤchtigte ihn mein Freund. Und wahrlich, meine Mutter, der Sohn, der das ertragen haͤtte, waͤre mein Freund nicht geworden. Den Schmerz, den Norberg bei dem Namen ſeines Vaters empfindet, kann ich nie erfahren; wehe aber, wenn es je Einer wagte in meiner Gegenwart Sie, oder Frobig, oder wen ich ehre wie Euch, mit einem Schatten von Tadel zu nennen! u. ſ. w.“ Juliane las dieſen Brief wie gewoͤhnlich ihren Freun⸗ den vor, das geſchah faſt nie ohne lebhafte Ruͤhrung; aber dieſes Mal ſchien ſie doch ſo lebhaft ergriffen, daß Anna im Begriff war, ihr eine weibiſche Sorglichkeit uͤber die Sicherheit ihres Sohnes ſchuld zu geben, als 271 ſie ihren Mann ebenſo heftig bewegt ſah, und ploͤtzlich der Gedanke in ihr aufſtieg, daß Norberg's Schickſal eine beſondere Beziehung auf ihn haben muͤſſe. In die⸗ ſer Meinung ward ſie noch beſtaͤrkt, wie er Julianen dringend auftrug, ihrem Sohn ans Herz legen, daß die Schonung gegen ſeinen Freund ihn auffodere, der traurigen Verhaͤltniſſe mit ſeinem Vater nie zu erwaͤh⸗ nen, weil ein ſolcher Kummer, ausgeſprochen und mit⸗ getheilt, das Herz mit unleidlicher Schaͤrfe zernage. Spaͤter ſchrieb er ihm ſelbſt: wie er ſeine ehemaligen Lehren ihm nochmals wiederhole und ihn bitte, zwi⸗ ſchen ſich und ſeinem Freunde die gemeine Schwachheit der Jugend nicht einzufuͤhren, die ſich darin gefiele, ſich uͤber ihre Empfindungen zu unterhalten; es ſei eine weit maͤnnlichere Behandlung ſeiner ſelbſt, wenn man ſeine Empfindungen, betraͤfen ſie Freude oder Schmerz, erkenne und ordne, um die ſchmerzlichen zu beſiegen, die begluͤckenden zu maͤßigen; das geſchehe aber beſſer im ſtillen Verkehr mit dem Genius in unſerer eignen Bruſt; das laute Wort, der theilnehmende Blick des Freundes, naͤhme uns dabei oft die Ruhe, die der Sterbliche beduͤrfe da, wo er dem Schickſal ſtill halten muͤſſe. Die zu Alphonſens Univerſitaͤtsſtudien beſtimmten Jahre waren nun verfloſſen; Juliane erlaubte ihm, noch Berlin und Dresden zu beſuchen, ehe er nach**† zuruͤckkehrte, und dieſes Vierteljahr vielfaches Auffaſſens von Menſchen und Gegenſtaͤnden jeder Art nach der Entwickelung des Gemuͤths durch Einfoͤrmigkeit und Regel, bei dem Genuß einiger Freundſchaft, welche er 27 272 in Goͤttingen erlangte, hatte auf das vortheilhafteſte auf den Juͤngling gewirkt. Geſund an Koͤrper und Geiſt erſchien er vor ſeinen Freunden. Juliane ſchien von ſeinem Anblick uͤberwaͤltigt; aber die Erinnerung mußte mehr Theil haben an ihrer Ruͤhrung als die Gegenwart; denn wenn die Freude gleich ihre Thraͤ⸗ nen hat, ſo loͤſen ſie ſich doch in Heiterkeit auf; Ju⸗ lianens Thraͤnen aber beim Wiederſehen ihres Sohnes verſiegten in ſtaunendem Schmerz. Frobig's Freude dagegen war das Entzuͤcken des Kuͤnſtlers, der ſeinen Guß, von der Form befreit, als vollendetes Werk zum erſten Mal ins Auge faßt. Sie ſiegte ſogar uͤber ſeine Menſchenſcheu, und er gerieth, um ſeinen Pflegeſohn bei ſeinem Fuͤrſten und mehren angeſehenen Maͤnnern einzufuͤhren, in einen Geſellſchaftskreis, den er ſeit ſei⸗ ner Heirath vermieden hatte. Man ehrte Frobig als einen vortrefflichen Geſchaͤftsmann; da er aber ſeit vie⸗ len Jahren aus der geſellſchaftsluſtigen Welt entfernt war, erſtaunte dieſe, in dem ſtoͤrriſchen Eremiten, wo⸗ fuͤr ſie ihn gehalten hatte, einen Mann zu finden, der zwar der Spaͤschen, Epigraͤmmchen und Stichwoͤrtchen des Tages nicht kundig war, aber ſich unter den eleganteſten Leutchen ausnahm wie eine antike Urne unter moder⸗ nen Vaſen: die Schauluſtigen draͤngen ſich zu ihr und ſuchen dem neuen Stoff durch ihre edlern For⸗ men erſt Anmuth zu geben. Gewann ihm ſein per⸗ ſoͤnliches Verdienſt einen angenehmen Platz in der Ge⸗ ſellſchaft, ſo verſchaffte ihm die Liebenswuͤrdigkeit ſeines bluͤhenden Pflegeſohnes bei Muͤttern und Toͤchtern nicht minder große Gunſt. Ploͤtzlich war die Lebensgeſchichte 273 ſeiner, ſeit zehn Jahren von der ſchoͤnen Welt vergeſ⸗ ſenen Mutter der Gegenſtand des Geſpraͤchs. Man wußte, daß Frau von Ahlen lange in Italien gelebt hatte, daß ſie alle ihre Gelder von einem venetianiſchen Hauſe beziehe, und ſetzte liſtig winkend hinzu, daß ihr Sohn ein echt roͤmiſches Geſicht habe. Nun erinnerte ſich jeder der ergrauten Hoͤflinge, die vor dreißig Jah⸗ ren ihren Fuͤrſten nach Italien begleiteten, daß er ir⸗ gend einem Principe oder gar einem Kardinal aͤhnlich ſaͤhe, und die alte Oberhofmeiſterin, die Ninon des Ho⸗ fes, verſicherte mit Kuͤnſtlerzuverſicht, in Rom nur ſaͤhe man dieſes kuͤhne Profil, dieſe gluͤhenden Augen, dieſes kraͤftige KNinn. Tauſend Mal ſah ich ſie dort, ſetzte ſie hinzu, an den ſeligmuͤßigen Burſchen, welche die Springbrunnen umlagern oder im Schatten der Pinien tanzen. Dieſem jungen Mann fehlt nur die kraͤftige Muskulatur, durch welche jene Menſchen zu wahren Heroengeſtalten gepraͤgt werden. Indeß der Muͤßiggang auf der einen, die Planma⸗ cherei auf der andern Seite ſich mit Alphons, ſeiner Abſtammung und ſeinen guͤnſtigen Ausſichten beſchaͤftig⸗ ten, verlebte Frobig's Familie, in der wir Juliane und ihren Sohn immer miteinbegreifen, gluͤckliche Tage. Nach kurzer Zeit hatte Alphons die erſten Schritte zu ſeiner buͤrgerlichen Verſorgung gethan und durfte hof⸗ fen, durch ſeine Kenntniſſe unter Frobig's Anleitung ei⸗ nen ruͤhmlichen Weg zuruͤckzulegen. Die aͤußern Ver⸗ haͤltniſſe waren demnach alle geebnet; nicht alſo ſtand es mit den Verhaͤltniſſen ſeines Herzens. Sehnſucht iſt das Loos der Jugend; ihre unbeſchaͤftigte Kraft bedarf V. 3 18 274 Widerſtand, ſich daran zu uͤben; fehlt er ihr durch wirkliche Fehlſchlagung und Ungluͤck, ſo ſucht ſie ihn in dem geordnetſten Entwickelungsgange ihres Schickſals, um nur Nahrung fuͤr ihr Beduͤrfniß nach lebhaften Empfindungen zu finden. Wie ſonderbar nach Alphon⸗ ſens Abreiſe Emmas Misfallen an ihm ſich in Reue verwandelt, haben wir erzaͤhlt. Sie hatte ſich nach dem Augenblick geſehnt, in dem ſie ihr begangenes Unrecht gegen ihren Jugendgefaͤhrten wieder gutma⸗ chen koͤnnte. Alphons hatte von dem Tage an, da wir vermuthen, daß ihn Frobig zum Vertrauten ſeiner Lebensgeſchichte machte, faſt eine aͤhnliche Empfindung uͤber ſeine Knabenunarten gehabt; er erneuerte vor ſich ſelbſt das Geluͤbde, das mit ihm gleichſam aufgewach⸗ ſen war, ſtets ihr Bruder und Beſchuͤtzer zu ſein. Bei der Stimmung, in welcher die beiden jungen Leute gegen einander gelebt hatten, war's natuͤrlich, daß er ſich Emma, wenn es die Gelegenheit mit ſich brachte, waͤhrend der Jahre ſeiner Abweſenheit auch nicht an⸗ ders dachte, als in der Geſtalt, in der ſie ihm bei ſeiner Abreiſe erſchienen war. Bei der Ausſicht auf ihr Wiederſehn naͤhm er ſich feſt vor, ihren anmaßenden Launen, wie ſehr ſie auch durch die Anſpruͤche des Maͤd⸗ chenalters waͤren vermehrt worden, mit bruͤderlicher Nach⸗ ſicht zu begegnen. Beide empfanden bei ihrem erſten Anblick, daß ſie ſich in ihrem Vorſatze betrogen. Der Alphons, den Emma um Verzeihung bitten wollte, war nicht der milde, ſchwaͤrmeriſch blickende Mann, der ſie erroͤthend und mit einer Stimme anſprach, die eine ganze Welt von Empfindung verkuͤndigte. Und dieſe 275 Jungfrau mit tiefathmender Bruſt, mit reiner, ſtolzer Stirn, war auch nicht die Emma, deren Spott ihn ehemals verwundete; dieſe Augen unter langen Wim⸗ pern, aus welchen große Tropfen rollten, waren jene nicht, die ihn ſo oft mit kalten Blicken misfielen. Ihre Thraͤnen beſiegten Erſtaunen und Schuͤchternheit; er rief: Emma, erlauben Sie mir Ihr Bruder zu ſein, da ich hier ſo ganz Vaterguͤte genieße! Indem er hier ſeine Hand Frobig und Anna darbot, hatte er das Maͤdchen umſchlungen und druͤckte ſie ehrerbietig an ſeine Bruſt, ohne mit ſeinem Mund ihre gluͤhenden Wangen zu beruͤhren. Keiner in dem kleinen Kreiſe hatte dieſen Auftritt erwartet; Jeder war beſtuͤrzt uͤber die Folgen, die er haben ſollte, und Alle verlegen, wie ſie gar keine daraus hervorgehen ſahen. Emma hatte gehofft, recht unbefangen und ſchweſterlich mit Alphons zu leben, und ſie empfand eine Schuͤchternheit, die ihr gegen jeden andern Mann fremd war. Alphons fuͤhlte bei ihrem erſten Anblick die Macht einer Empfindung, die er bis⸗ her nur bei fluͤchtigen Eindruͤcken zu bekaͤmpfen gehabt hatte; aber vom Augenblick dieſer Entdeckung an nahm er ſich vor, ſein Herz nie laut werden zu laſſen, bis ſeine buͤrgerliche Lage ihn berechtigte, Hausvater zu werden. Wenn der Erzieher einen Zoͤgling vor ſich hat, der des Einfluſſes ſeiner Perſoͤnlichkeit ſehr em⸗ pfaͤnglich iſt, wenn dieſer Lehrer zugleich der Gegenſtand ſeiner lebhaften Theilnahme iſt, und alſo ſeine Lehren durch ihren Sinn und ſeinen Einfluß das junge Gemuͤth durchdringen, ſo entſteht eine Entaͤußerung ſeiner ſelbſt, die in ihrer ruͤhrenden Staͤrke den Erziehern und Bild⸗ 7 18* 276 nern der Jugend oft entgeht oder nicht von ihnen an⸗ erkannt wird. Dieſe Entaͤußerung ſeiner ſelbſt wirkte jetzt in Frobig's Schuͤler; er gedachte der Worte, die er einſt zu ihm geſagt hatte:„Wer das Herz eines Maͤd⸗ chens feſſelt, eh er weiß, ob er ſie als Weib ernaͤhren kann, iſt ein Weichling“— und ſie machten ihn faͤhig, eine Herrſchaft uͤber ſich zu uͤben, die Jahre lang ein Gefuͤhl verſchwieg, das bald zur Leidenſchaft anwuchs. Die Zeit tiefeinſchneidender und meiſtens ſo eitler Qualen begann nun fuͤr das jugendliche Paar. Die öltern ſahen es wohl, aber ſchwiegen Eines dem An⸗ dern nachahmend, ohne Verabredung und Beſchluß. Beide wußten ſich daruͤber einig, daß die Sorgen un⸗ bekannter Liebe ein maͤchtiger Sporn ſind, des geliebten Gegenſtandes wuͤrdig zu werden. Misverſtand, Eiferſucht, Erklaͤrung und Verſoͤhnung, alle Stuͤrme aus jener Bluͤtezeit des Lebens fanden in dieſem Zeitraume zwi⸗ ſchen den beiden Liebenden ſtatt, aber unter den un⸗ erklaͤrten Symbolen, die das Geheimniß vor ihnen ſelbſt verbarg. Ihr Verhaͤltniß glich dem Beiſammenſein von Bruͤdern eines Ordens, die ſich in allen Zeichen erken⸗ nen, aber durch ein ſtrenges Verbot ihrer Obern in die Unmoͤglichkeit verſetzt ſind, ſich uͤber ihren Bund zu verſtehen. In der Geſellſchaft war Alphonſens Lage unleidlich; denn da er keine Rechte anſprechen durfte, mußte er jedem Gecken ſo viel bei Emma einraͤumen, als die Sitte geſtattete, und da gewann es Jeder uͤber ihn, denn Jeder draͤngte ſich hinzu, indeß er, im Bewußt⸗ ſein ſeiner Liebesſchuld, ob ſie ihm ihren Blick beim 277 Eintritt in den Saal, ihre Hand beim Tanze, ihre Be⸗ dienung beim Theetiſch vergoͤnnte, bald trotzig bald verzagt ihrer Huld uͤberließ. Zu Hauſe war er gluͤckli⸗ cher, aber gequaͤlter als zuvor. Emma in der Ver⸗ ſammlung der ſchoͤnen Welt war reizend, aber Emma in Ausuͤbung haͤuslicher Pflichten uͤberwaͤltigte ſein Herz; dort durfte er nur beſcheidener Geſellſchafter ſein, hier berechtigte ihn Alles zum bruͤderlichen Verkehr, und der wird ſo gern zur Mummerei der zaͤrtlichſten Liebe. Bald fanden aber Beide einen Zwiſchentraͤger, Deuter und Hehler ihrer Empfindungen. Friedchen, die nun heranwuchs und bei den guͤnſtigſten Geiſtesanlagen Un⸗ terricht bedurfte, ward ihnen Allen unbewußt ihre Ver⸗ traute. bin 2 Maid uanbne Anfangs ſuchte Emma ihr liebes Lehramt bei der Kleinen vor Alphons zu verbergen; die vielfaͤltigen Sce⸗ nen des haͤuslichen Lebens, denen er beiwohnte, mach⸗ ten das aber auf die Laͤnge unmoͤglich, und nun beant⸗ wortete ſie die Fragen der Kleinen mit der Unbefan⸗ genheit, die alle ihre Handlungen bezeichnete. Bei einer ſolchen Gelegenheit, wo herzliche Froͤh⸗ lichkeit Emma unbedachtſam machte, ſagte ſie ihm: Waͤ⸗ ren Sie gegen die kleine Emma ſo artig wie gegen Fried⸗ chen geweſen!— Schnell nahm ſie ihre übereilung wahr; aber ſchon hatte ſie genug geſagt, um Alphons zu einer groͤßern zu verleiten. Er unterbrach ſie mit blitzenden Augen: O, ich war ein Unſinniger! rief er; koͤnnte ich die Jahre zuruͤckrufen; aber jetzt, Emma, — verſuchen Sie Ihre Herrſchaft noch ein Mal— Er ſprach ſchuͤchtern und leiſe, denn er fuͤhlte, daß 278 es ihm nicht gebuͤhre, ſo viel zu ſagen; aber Emma noͤthigte ihn zum Schweigen. Maͤdchen haben eine eigne Gabe, ihrer Schwaͤche durch Grazie Waffen zu verleihen; ſo durchdrungen ſie war, nahm ſie ſchnell einen muthwilligen Herrſcherton an und befahl ihm, demzu⸗ folge der ungeduldigen Kleinen eine hohe Grasnelke am andern Ende der Wieſe zu holen. Alphons ging traͤu⸗ mend hin, er brachte traͤumend die Blume; als ihm aber das Kind dankte, riß ihm ſein Gefuͤhl hin, er nahm es ſo heftig in ſeine Arme, daß es ihn erſchro⸗ cken mit ſeinen Haͤndchen abwehrte. Dieſer Auftritt beſchaͤmte den Juͤngling, und fort⸗ an wachte er uͤber ſein Betragen; denn uͤber ſeine Em⸗ pfindung zu wachen, hielt er nicht fuͤr Pflicht. Emma's Beſitz war das Ziel ſeines Beſtrebens, und er hoffte mit Zuverſicht von ſeiner Mutter, von ihren Ältern kein Hinderniß zu erfahren. Freilich war von nun an ſeine ganze Lebensanſicht veraͤndert. Aus Pflicht gegen ſeine Mutter, die ſeine Anſtellung im Staatsdienſt bei ihrer Vereinzelung zur Stuͤtze bedurfte, hatte er immer die Abſicht gehabt, ſich gleich nach ſeiner Ruͤckkehr von der Univerſitaͤt um ein Amt zu bewerben. Bisher war dieſer Entſchluß ein Opfer geweſen; denn ſein Durſt nach Wiſſen und ſein jugendliches Misfallen an Dem, was er von der Welt kannte, trieb ihn hinaus in ferne Zonen, wo der Juͤngling ſo gern im Unbekannten das Beſſere hofft. Seit aber das Heil ſeiner Liebe mit ſei⸗ ner Mutter Wuͤnſchen zuſammentraf, war Norden und Suͤden ihm gleichguͤltiz; und wenn er ſich aus dem Lande, dem er ſeine Kraͤfte widmen ſollte, hinwegſehnte, 279 ſo war es nur, um Emma aus einem Kreiſe zu entfuͤh⸗ ren, wo noch ein Jeder ſie ihm entreißen konnte, der kuͤhner war oder gluͤcklicher als er. Zwei Mal im Laufe dieſes Zeitabſchnittes ward ſeine Faſſung auf grauſame Proben geſetzt. Er nahm einſt wahr, daß ein Mann von Verdienſt und Anſehen, deſe ſen Verhaͤltniſſe bei Frobig's Geſchaͤftskreis ſehr vor⸗ theilhaft geweſen waͤren, Emma mit beſonderm Wohl⸗ gefallen betrachtete; bald erfuhr er, daß dieſer Mann, der bisher in keinen geſellſchaftlichen Verhaͤltniſſen mit ihren Ältern geweſen war, einen Beſuch bei Frobig ge⸗ macht hatte. Er ſah darauf Emma einige Tage lang unruhig und bewegt, er bemerkte in ihrer ältern Be⸗ nehmen eine ungewoͤhnliche Weichheit gegen ſie. Sein Ungluͤck ſchien ihm beſchloſſen, und bald haͤtte Frobig die letzte Kraft ſeiner Selbſtbeherrſchung ſelbſt zerſtoͤrt, in⸗ dem er ihn, wahrſcheinlich durch ſein leidenſchaftliches Weſen geruͤhrt, mit ganz beſonderer Guͤte behandelte und mit Auftraͤgen beſchaͤftigte, die ihm bewieſen, daß er ſeinem Gemuͤth durch Beſchaͤftigung zu Huͤlfe kom⸗ men wollte. Doch nach wenigen Tagen war Emma's Heiterkeit wiederhergeſtellt, ihre Ältern ſchienen ihre gewoͤhnliche Stimmung wieder zu haben; er glaubte ſchon von einem Schreckbilde ſeiner Phantaſie gequaͤlt worden zu ſein, als er beobachtete, daß Emma jenen Mann zwar nicht aufſuchte, nicht vorzog, aber, wo der Zufall ihn in ihre Naͤhe brachte, ihm mit einer ach⸗ tungsvollen Aufmerkſamkeit begegnete wie einem wuͤr⸗ digen Verwandten. Die Zeit gewoͤhnte ihn an dieſe Erſcheinung, ohne ſie ihm zu erklaͤren; denn er begriff 280 nicht, daß ein ſittlich gebildetes Maͤdchen gegen einen wuͤrdigen Mann, den ſie als Gattin ausſchlaͤgt, Dank⸗ barkeit empfindet und bezeigt, weil ſie die Wuͤrde zu ſchaͤtzen weiß, die ſie aus ſeiner Hand nicht zu empfan⸗ gen Urſache hatte. Einige Zeit darauf machte ein Frem⸗ der, der Wohlgeſtalt, Reichthum und Stand beſaß, ihre Bekanntſchaft. Ihre Liebenswuͤrdigkeit feſſelte den Nie⸗ beſiegten, der er ſich zu ſein ruͤhmte, und er ließ es ſich nicht einfallen, daß Herzensleere, vergeudete und auf ſich geladene Schuld in Betracht kommen koͤnnten, wenn Graf Aurau ſich herabließ, ſich als Freier zu melden. Rath Holm's Bewerbung hatte Alphons als Liebenden um ſein ganzes Gluͤck bedroht; waͤr' er aber Emma's Bruder geweſen, ſo haͤtte er ihm Beifall ge⸗ ben muͤſſen; Graf Aurau's Anſpruͤche hingegen empoͤr⸗ ten in ihm nicht nur den Liebhaber, ſondern auch den fuͤhlenden Mann, der berufen iſt, das ſchwaͤchere Ge⸗ ſchlecht zu beſchuͤtzen. Er war uͤberzeugt, daß dieſer in dem Fall, wo ein Wuͤſtling die Unſchuld bedroht, ſei es mit Verfuͤhrung oder mit Ehe, das übel von ihr zu wenden befugt ſei. Vor Rath Holm hatte er ſich verzweifelnd zuruͤckge⸗ zogen; neben Graf Aurau fuͤhlte er ſich berufen, den Platz eines Verwandten zu behaupten. Er gewann wenig damit; ſein zuverſichtlicher Nebenbuhler behan⸗ delte ſein Verhaͤltniß zu der Tochter ſeines Pflegevaters wie ein anerkanntes Recht und ſchien nicht ungeneigt, ihn als unſchaͤdlichen Vertrauten ſeiner Liebe anſehen zu wollen. Alphons bedurfte aller Gruͤnde, die ihm Achtung fuͤr Frobig, fuͤr Emma's Zartgefuͤhl, fuͤr ſei⸗ 281 ner Mutter Ruhe aufdrangen, um ſo einen Fehlgriff nicht blutig zu beſtrafen. Daß Emma den Grafen mit kalter Hoͤflichkeit behandelte, erhielt ſeiner Vernunft die Herrſchaft. Wenn er mit maͤnnlichem Willen ſich zur Arbeit geſammelt und eine Reihe Stunden, ſeinem Berufe gewidmet, ſeine Phantaſie beruhigt hatten, war es ihm deutlich, daß Emma durch ihre innere Wuͤrde vor dieſem Menſchen geſchuͤtzt ſei. Wie er einſt nach ſolchen Stunden aus ſeinem Archiv zuruͤckkam, fand er ſeine Mutter in einer großen Bewegung des Gemuͤths. Sie ſuchte ihm auszuweichen; aber ſie war ergriffen, um ſeiner Lebhaftigkeit zu widerſtehen, und entdeckte ihm, daß Graf Aurau ſich Emma zum Gemahl ange⸗ tragen habe; Anna wolle den Wuͤſtling mit Verach⸗ tung verwerfen, Frobig aber habe mit unbegreiflicher Geiſtesunruhe um Bedenkzeit gebeten, wobei er ſich ausbedungen, daß Emma uͤber den Antrag vor der Hand noch in Unwiſſenheit bleibe. Der ſtumme Schmerz, mit dem Alphons dieſe Nachricht empfing, haͤtte Ju⸗ liane faſt verleitet, ihm das Geſtaͤndniß ſeiner Liebe zu entreißen, da ſie bisher jede Veranlaſſung dazu mit un⸗ verbruͤchlicher Beharrlichkeit abgewieſen hatte. Troſtlos bei ſeinem Schweigen, das ihr den Aufruhr ſeines In⸗ nern bewies, rief ſie endlich: Hat denn der finſtere Zau⸗ ber, der Frobig's Zunge bindet, auch Dich ergriffen? — Ich fuͤrchte, er hat, antwortete er hinwegeilend, und Emma wird deſſen Opfer. Nach mancher Stunde, die er mit ſich ſelbſt kaͤm⸗ pfend verfließen ließ, ſchien er einen guten Entſchluß ge⸗ faßt zu haben; denn er trat mit ernſtem aber offenem 7 282 Blick in Frobig's Haus. Sonſt war ſein erſter Gang zu Anna's Zimmer, heute ging er haſtig in Frobig's Cabinet, wie Einer, der ſchnell das Schwerſte vollen⸗ den will. Nach einer Stunde kamen ſie Hand in Hand zu Anna, heiter wie nach einer gelungenen That, aber weich wie nach einem gebrachten Opfer. Frobig druͤckte Anna's Haͤnde an ſeine Bruſt und ſagte:„Deine Emma bleibt bei uns.“ Die gute Mutter, die ihn mit ſchmerz⸗ licher Spannung hatte hereintreten ſehen, fiel ihm, Gott dankend, um den Hals. In dieſem Augenblick kam Emma, Friedchen an der Hand, in das Zimmer und rief bei dem Anblick ihrer Ältern mit unbefangenem Scherz: Wir muͤſſen auch ein bischen liebgehabt ſein! raffte das Kind auf und draͤngte ſich an die in Thraͤ⸗ nen laͤchelnde Mutter. Friedchen erblickte Alphons, der ſchweigend dem Schauſpiele zuſah, und rief, ihre Arme nach ihm ausſtreckend: Komm, Du mußt auch liebge⸗ habt ſein! Indem er ſanft das Kind an ſeine Bruſt zog, ward Emma's Aufmerkſamkeit auf ihn gerichtet; ſie ward von dem Ausdruck ſeines Geſichts betroffen und auch jetzt erſt auf die Ruͤhrung ihrer Ältern auf⸗ merkſam. Frobig, Friedchens freundlichen Zuruf hoͤrend, reichte dem Juͤngling die Hand und ſagte mit Herzlich⸗ keit: Friedchen ſpricht die Wahrheit. Meine Anna, Alphons muß auch liebgehabt ſein. Die Lebhaftigkeit, mit der dieſe wuͤrdige Frau Alphons an ihren Buſen druͤckte, bewies, daß ſie Frobig's Worten einen beſtimm⸗ ten Sinn gab; aber ſie verrieth ihn nicht, und Keiner aus dem geruͤhrten kleinen Haͤufchen verrieth ihn, ob⸗ gleich ſie daſtanden, als haͤtten ſie Alle eine ſchoͤne Er⸗ 283 ſcheinung geſehen. So traf ſie Juliane, die eben ins Zimmer trat und ſich ſtill als Theilhaberin des Geheim⸗ niſſes zur Seligkeit dieſes Abends geſellte. Emma, die wegen einer kleinen Unpaͤßlichkeit ihrer Mutter einige Zeit nicht in der Geſellſchaft erſchien, ſah Graf Aurau nicht wieder, denn er verließ bald die Re⸗ ſidenz, ohne daß ſein Schickſal uns weiter intereſſirt. Frobig's Familie mußte bald eine Schickung erleiden, die aus ſehr entfernten Urſachen die gaͤnzliche Veraͤn⸗ derung ihres Lebenswegs herbeizog. Wir haben geſehen, wie der Fuͤrſt vor mehren Jah⸗ ren Frobig vergeblich auffoderte, ſeinem Erbprinzen Un⸗ terricht zu ertheilen; jetzt waͤhlte er den jungen, als Archivar angeſtellten Ahlen, um ihn bei einer Reiſe zu begleiten, die er zur Vollendung ſeiner Bildung un⸗ ternehmen ſollte. Der Oberſte Krome, ein wuͤrdiger Alter, der unter Friedrich's Heeren gedient hatte, war zu ſeinem Fuͤhrer ernannt, und dieſer hatte ſich Alphon⸗ ſens Geſellſchaft fuͤr ſeinen Zoͤgling ausbedungen. Die⸗ ſer Vorſchlag erfuͤllte unerwartet Alphonſens fruͤhern Wunſch, Welt und Menſchen zu ſehen; er verſprach ihm auch durch eine naͤhere Verbindung mit dem Erb⸗ prinzen Vortheile, die nach ſeiner Ruͤckkehr den Wuͤn⸗ ſchen ſeiner Liebe Gelingen zuſicherten. Allein der Cha⸗ rakter des Erbprinzen gab wenig froͤhliche Ausſichten. Ein leichtſinniger Kopf und ein leidenſchaftliches Herz machten ihn zum Werkzeug ſeiner Umgebungen, und die Mehrzahl dieſer zieht jedes Fuͤrſtenkind lieber zur Schlechtigkeit hin. Krome wußte dies Alles, hoffte auch nicht auf eine Wiedergeburt unter ſeinen Haͤnden; aber 284 er kannte den Werth auch des geringſten Guten, das Fuͤrſten angebildet wird, und fand es wol der Muͤhe werth, dieſem geringſten ſeine Kraͤfte zu widmen. Alphons hatte von Krome's Vorſchlag nicht die ge⸗ ringſte Ahnung gehabt. Der Oberſt hatte ihn auf das ſorgfaͤltigſte verſchwiegen, um alle Mitwerber zu ent⸗ fernen, ſodaß auch Frobigs, zu denen er, da er ſeine Mutter dort wußte, ſogleich hineilte, aufs aͤußerſte uͤberraſcht wurden. Mit ſichtbarem Ernſt hoͤrten ſie die Nachricht, die ihnen mit heftiger Gemuͤthsbewegung uͤberbracht wurde. Emma hatte ſie kaum vernommen, als ſie Friedchen bei der Hand nahm und zum Zimmer hinauseilte; doch nicht ſo ſchnell, daß nicht Alphons haͤtte wahrnehmen ſollen, daß Thraͤnen ihren Augen entſtuͤtzten. Nach langem Schweigen ſagte Anna, zu Frobig gewendet: Wir ſind ſo gluͤcklich; wollen wir Gott verſuchen und es aͤndern?— Juliane aber rief in Thraͤnen ausbrechend: O, mein ahnendes Herz ſehnte ſich nach einem kleinen Schmerz, der das Schickſal fuͤr unſere frohen Tage verſoͤhne. Nun iſt er ja da, Vor⸗ bote vielleicht unendlichen Wehes.— Alphons fuͤhlte ſich zwiſchen Emmas begluͤckenden Thraͤnen und ſeiner Mutter hoffnungsloſem Schmerz ſo zerriſſen, daß die Noth ihn hart machte. Er ſagte zu Frobig: Nicht meiner Mutter unſelige Ahnung, nicht— Sein Blick ſuchte Emma's Bild auf dem Fleck, wo er ſie wei⸗ nen geſehen hatte; er legte ſchnell ſeine Hand aufs Herz, als wollte er dort die Erinnerung verſchließen, und wiederholte: Nicht meine gepreßte Bruſt ſoll ent⸗ ſcheiden; Sie allein, mein Lehrer, Sie im Namen 285 der Vernunft. Soll ich jetzt den Weg zu meinem Gluͤck verlaſſen, um ſpaͤter, aber beguͤnſtigter darauf fortzu⸗ ſchreiten? Frobig ſchien heftig in ſeinem Innern bewegt, reichte aber nach einigem Nachdenken dem jungen Mann ſeine Hand— ſich oder ihn damit aufzurichten, weiß ich nicht— und ſagte entſchloſſen: Befolgen Sie den Ruf; wirken Sie ſo viel Gutes als moͤglich, und nach Ihrer Ruͤckkehr— trennen wir uns nicht mehr. Bei dieſen letzten Worten ſah Frobig Anna an, als beduͤrften ſie ihrer Beſtaͤtigung. Julianens Blicke be⸗ gegneten ihnen, und ein Freudenſtral brach durch die duͤſtere Ergebung, die ſie ausdruͤckten. Bei ſo einfa⸗ cher Sicherheit der Herzen gewinnt der Geiſt bald wie⸗ der Klarheit; daher begann auch im naͤchſten Moment ein Geſpraͤch uͤber den Plan zu des Erbprinzen Reiſe. Alphons bemerkte mit Entzuͤcken, daß er Norberg in ſeinem Vaterland aufſuchen werde. Frobig war dem Neiſewege mit zunehmender Unruhe gefolgt; bei dem Namen von Norberg's Vaterland fuhr er zuſammen, ſo⸗ daß Alphons beſorgt auf ihn zutrat. Er legte ihm die Hand auf die Schulter und ſagte bewegt: Moͤchtet Ihr Euch wiederfinden, wie Ihr Euch verließt! Doch, ſetzte er zoͤgernd hinzu, vermeide jedes Verhaͤltniß mit ſeinem Vater. So wie er ihn ſchildert, kann er Euch nim⸗ mermehr verſtehen. Emma mußte nicht mit in dem Geheimniß ſein, deſſen Andenken unter ihre Geliebten ſo ſchnell hatte Entſchloſſenheit und Faſſung verbreitet. Alle die fol⸗ gende Zeit bis zu des Erbprinzen Abreiſe blieb ihr Auge truͤbe und mochte oft mehr als truͤbe ſein; denn wie 286 Friedchen ſie einſt bat, ihr etwas and ihrer Arbeit zu zeigen, ſah ſie ihr wehmuͤthig in die Augen, legte dann ihr Haͤndchen darauf und ſagte: Aber thu' es nicht, wenn Deine armen Augen ſchmerzen. Emma gluͤhte wie die Morgenroͤthe; die Mutter warf einen ſorgenvollen Blick auf ſie und dann auf Alphons, und dieſer Blick bannte den Sturm von Empfindung, den dieſer neue Beweis, geliebt zu ſein, in ihm aufregte, in Demuth und Ehrfurcht in ſein Inneres. Alphons reiſte ab. Seine Lieben gewoͤhnten ſich, wie es dem armen Sterblichen vergoͤnnt iſt, ein Jeder ſeine Art Schmerz uͤber ſeine Abweſenheit durch die Hoffnung ſeiner frohen Nuͤckkehr zu erleichtern. Frobig allein ſchien mit dem Fortſchritte der Reiſe mehr Un⸗ ruhe zu empfinden und verbarg es nur ſchlecht unter der Zufriedenheit, die er gegen die beiden Freundinnen uͤber die Reife und den Reichthum des Geiſtes aus⸗ druͤckte, die ihres Lieblings Briefe bezeugten. Endlich kam ſein erſter Brief aus M.— Alphons ſchrieb voll Freude, daß er in Norberg ganz den Alten gefunden, und wie die gegenſeitige Wahrnehmung Beider, die Zeit ihrer Trennung fuͤr Geiſt und Herz nicht vergeb⸗ lich gelebt zu haben, ſie begluͤcke. Er erzaͤhlte, daß ſein Freund, ganz von ſeinem Vater getrennt, ohne Staats⸗ und Hofdienſt, ſich allein mit der Verwaltung ſeiner großen, von ſeiner Mutter geerbten, Guͤter be⸗ ſchaͤftge, und ihm zu gefallen, ſeit ſeiner Ruͤckkehr von Goͤttingen zum erſten Mal in die Reſidenz zuruͤckgekehrt ſei. Oberſt Krome gab dem Freundſchaftsbunde der beiden jungen Maͤnner ſeinen ſo herzlichen Beifall, daß 287 er Alphons oft von der Obliegenheit, ſeinen Prinzen an den Hof zu begleiten, befreite, um ihn die Geſellſchaft ſeines Freundes genießen zu laſſen.„Dennoch,“ ſetzte Al⸗ phons hinzu,„habe ich dem Verkehr mit Norberg's Va⸗ ter nicht entgehen koͤnnen. Er lebt hier am Hofe und beſchraͤnkt auf ihn ſein ganzes werthloſes Wirken. Seine Naͤhe floͤßt mir eine dunkle Unbehaglichkeit ein, wie man der Sage nach an dem Orte empfinden ſoll, wohin ein boͤſer Geiſt iſt gebannt worden. Er lebt in einer kalten, durchbohrenden Spaßmacherei, die darauf ausgeht, jedes ſeelenvolle Gefuͤhl als ſinnlichen Kitzel zu verketzern. Er kommt mir vor wie ein Anatom, der mit dem Scalpell in der Hand an einem ekeln Leich⸗ nam das Gehirnnervchen nachweiſt, demzufolge, nach ſeiner Anſicht, die griechiſchen Juͤnglinge ſich ins Joch ſpannten, um ihre Mutter zum Tempel der Göoͤtter⸗ mutter zu fahren, oder durch den Arria ausrufen konnte: „Es ſchmerzt nicht!“ Leider gefaͤllt dieſe Art von Verſtand unſerm Prinzen und um ihres Geſchlechtes willen noch viel mehr; leider ſcheint ſie auch der Prin⸗ zeſſin Agathe, der aͤlteſten Tochter des Herzogs, zu ge⸗ fallen. Wenn ich an einem Geſpraͤche dieſer Art An⸗ theil nehmen muß, fuͤhl' ich meinen Beruf als eine unwuͤrdige Sklaverei, und Krome, der mich wie einen Freund und Gefaͤhrten behandelt, hat mir doch aufge⸗ tragen, beſonders um dieſes unwuͤrdigen Misbrauchs der Vernunft willen den haͤufigen Witzesuͤbungen die⸗ ſer Art beizuwohnen, die gewoͤhnlich waͤhrend des Spiels zwiſchen dem engern Zirkel der Prinzeſſin am Theetiſche ſtattfinden. Er glaubt mich dadurch mit unſerm Prin⸗ 288 zen auf den Fuß von Vertraulichkeit zu ſetzen, der mir Mittel gebe, in guͤnſtigen Momenten auf ihn zu wirken. So weit hatte die liebende Verſammlung des Ab⸗ weſenden Erzaͤhlung geleſen, als ein Diener die Nach⸗ richt brachte, ein Geruͤcht verkuͤndige den Tod des alten Fuͤrſten, der bei der Heimkehr von der Jagd vom Pferde geſunken und vom Schlage getroffen ſei. Ehe der folgende Tag anbrach, beweinte das Land einen guten Fuͤrſten, ſahen treue Diener mit Furcht das Regiment eines unerfahrnen Nachfolgers beginnen. Eilboten rie⸗ fen den abweſenden Thronerben zuruͤck und brachten mit ihrer Antwort das Stadtgeruͤcht aus M. zuruͤck, daß er die Prinzeſſin Agathe als Gemahlin nach Hauſe zu bringen geſonnen ſei. Der Hof und die Stadt hielten es fuͤr unmoͤglich. Man kannte die Abſichten des ver⸗ ſtorbenen Fuͤrſten wegen einer Verbindung ſeines Soh⸗ nes, der treue Staatsrath kannte das Beduͤrfniß ſeines Landes; er hatte die weite Reiſe nach Norden ſchon gemisbilligt; Krome hatte aber bei ſeinem Reiſeplan die Abſicht gehabt, ſeinem fuͤrſtlichen Zoͤgling, ſo weit es innerhalb der Grenzen des deutſchen Vaterlandes geſche⸗ hen koͤnnte, Verſchiedenheit von Volk und Regierung kennen zu lehren. Vor dieſem an ſich guten Plane mußten die altvaͤteriſchen Begriffe der guten alten Staats⸗ diener ſchweigen. Statt die Ruͤckreiſe nach ſeinem an⸗ geerbten Staat unverzuͤglich anzutreten, meldete der Prinz die Nothwendigkeit, ſie zu verſchieben, Geld her⸗ beizuſchaffen, Maßregeln zur Einrichtung eines Hofſtaa⸗ tes fuͤr die Fuͤrſtin zu treffen, indem er die aͤlteſte Toch⸗ ter des Herzogs von*** als Landesmutter zuruͤckzu⸗ 289 bringen gedaͤchte. Die alten Miniſter wagten Vorſtellun⸗ Mn. gen und erhielten Befehle; ſie ſeufzten und gehorchten, und der Hofmarſchall ordnete Triumphbogen und Volks⸗ freuden zum Empfange des fuͤrſtlichen Paares. Mit der Nachricht von dieſer ungewuͤnſchten Ver⸗ bindung ſchien ſich eine Wolke uͤber das heitere**, aber am dunkelſten uͤber Frobig's Haupt gelagert zu haben. Seit Alphonſens Brief, den die Nachricht von des al⸗ ten Fuͤrſten ploͤtzlichem Tod unterbrochen, ſtoͤrte eine unerklaͤrliche Unruhe ſeinen gefaßten Sinn. Jedermann wußte, daß er ſeinen Herrn herzlich geliebt hatte; aber um ſeine Stimmung zu erklaͤren, fuͤrchtete man, daß er beſondere Urſachen habe, von ſeines Nachfolgers Cha⸗ rakter drohende Dinge zu erwarten. Die Fragen ſeiner Amtsgenoſſen, die Beſorgniß ſeiner Familie legten ihm bald die Nothwendigkeit auf, ſich Zwang zu gebieten; aber es blieb nur Zwang, und die Nachricht von der Wahl des jungen Fuͤrſten ſchien die befremdliche Ver⸗ aͤnderung in ſeinem Innern zu vollenden. Der bis da⸗ hin ſo geſetzte, heitere Mann war nicht klagend, nicht muthlos geworden; aber er ſchien zu ſeiner Faſſung eine voͤllige Trennung von allen aͤußern Beruͤhrun⸗ gen zu beduͤrfen. Er vermied ſogar ſeine Frau und das ganze Kleeblatt liebender weiblicher Seelen. Anna wartete mit Muth auf die Loͤſung dieſes Raͤth⸗ ſels. Ihr Vertrauen in ihres Mannes Redlichkeit war felſenfeſt; ſomit glaubte ſie jedes Schickſal ertragen zu koͤnnen. Juliane ſagte faſt mit den Worten, in wel⸗ chen Thekla zu unſerer Zeit ihre Ahnungen ausdruͤckt: Ein drohender Daͤmon ſchwebt uͤber unſerm Haupt. Dem V. 3 19 290 Lande gilt dieſe prophetiſche Angſt nicht. Uns gilt ſie, uns! O, es kann nicht Strafe ſein, Vater der Menſchen! ſetzte ſie hinzu, indem ſie, ihre Arme auf der Bruſt gekreuzt, wie eine glaͤubige Buͤßerin aufblickte. — Hier Thraͤnen und uͤberall Angſt zur Zeit, wenn wir Alphons wiederſehen ſollen? ſagte Emma und dachte nur an dieſe einzige Ausſicht. Das fuͤrſtliche Ehepaar, das Aufwand hatte ver⸗ meiden wollen, traf unerwartet in**F ein. Alphons flog in die Arme ſeiner Mutter, die er ſo gluͤcklich war da aufſuchen zu muͤſſen, wohin er ſo ſehnſuchtsvoll zu eilen begehrte. Die Freude des Wiederſehens ward ſehr getruͤbt, denn er fand Frobig an Leib und Seele ſicht⸗ bar erkrankt. Aber begluͤckender ward ſie doch durch die⸗ ſen Schmerz; denn Emma ſtimmte in ſeine Vergeſſen⸗ heit ein, zu der ihn der Anblick ſeiner Heimath und ihrer geliebten Bewohner hinriß, und warf ſich mit dem Ausruf in ſeine Arme: O wie ſehnlich hoffen wir auf Sie! Sie werden den Vater wieder froh machen. Wirklich ſchien Frobig beim Wiederſehen ſeines jungen Freundes ſeinen Truͤbſinn zu vergeſſen, bis die⸗ ſer ihm mit Efer erzaͤhlte, daß ihm ſeine liebſte Er⸗ wartung doch fehlgeſchlagen ſei. Mein Norberg, ſagte er, wollte ſich an das Gefolge der Fuͤrſtin anſchließen, um mich mit hierher zu begleiten; ſein Geſuch ward mit ſichtbarer Zufriedenheit bewilligt, als wenige Tage vor unſrer Abreiſe ſein widerwaͤrtiger Vater zum Rei⸗ ſemarſchall ernannt ward, worauf mein Freund ſeinen Plan ſogleich aufgab. Alphons konnte ſeine Rede kaum vollenden; denn er nahm wahr, daß Frobig mit einem 291 unbeſchreiblich ſchnellen jibergange zum finſterſten Ernſt aufſtand und mit verſchlungenen Armen im Zimmer umherſchritt. Emma winkte Alphons, der beſorgt zu ihm eilen wollte, ihn nicht zu ſtoͤren; leiſe und mit Thraͤnen ſagte ſie zu ihm: Ach, ſo iſt er oft, oft! Die guten Seelen wollten ſich das Anſehen geben, un⸗ geſtoͤrt fortzuſchwatzenz aber das war das erſte Mal, daß Alphons ſie etwas wollen ſah, was ihrem Herzen fremd war. Das Geſpraͤch ſtockte, oder die Stimmen, die erſonnene Reden fuͤhrten, ſprachen nicht im gewohn⸗ ten Tone. Ploͤtzlich trat Frobig unter ſie, faßte Annens Hand und ſprach:„Nun wir hier beiſammenſind, wie ich gewuͤnſcht hatte, mein Lebelang uns beiſammen zu ſe⸗ hen, trage ich Dir einen Entſchluß vor, den die Um⸗ ſtaͤnde erzwungen haben, den ich aber nur mit Deinem Wohlgefallen als geſegnet anſehen kann. Ich will mei⸗ nen Dienſt niederlegen und ein kleines Gut in der ſuͤdlichen Schweiz oder noch weiter gegen Suͤden kau⸗ fen, wo wir unabhaͤngig leben koͤnnen. Die neue Form unſers Hofes gefaͤllt mir nicht! Der Eindruck, den Frobig's unerwartete Rede machte, iſt nicht zu beſchreiben. Es war, als wenn ſich jeder der Zuhoͤrer ploͤtziich bewußt ſei, ein furchtbares Geheim⸗ niß zu wiſſen, das durch jede Eroͤrterung kund werden koͤnnte, wegen deſſen es beſſer ſei, nun uͤberhaupt nicht mehr zu ſprechen, damit auch kein Wort zum Verrath werde. Anna blickte gefaßt zu ihrem Manne auf und ſchien ein lang erwartetes Ungluͤck ſtandhaft zu ertra⸗ gen. Juliane ſchauderte, ſchlug ihre Haͤnde bittend zu⸗ 3 19* 292 ſammen und blickte auf ihren Sohn, als blickte ſie auf ſein Grab. Alphons war bei Frobig's Rede heftig auf⸗ geſtanden, wie Einer, der ploͤtzlich etwas Ungeheueres erkennt, aber, ſeinem Schrecken gebietend, deſſen ganze Geſtalt betrachten will, eh' er ſich zur Wehr ſetzt. Emma's junge Seele allein ſchien von dem drohen⸗ den Ungluͤcke keinen Begriff zu haben; ſie wartete lange, ob die grauenvolle Stille nicht aufhoͤren wollte, dann beugte ſie ihr Geſicht auf die Haͤnde ihrer Altern, die ſich noch gefaßt hielten, und ſagte mit bebender Stimme: Wenn der Vater wieder froh iſt, ſo iſt's ja eins, wo wir leben. Ja, ſo iſt's, ſprach Anna matt und ergeben; thue, was Dir gut daͤucht. Und die Stille, die von Neuem herrſchte, war nur durch den ungleichen Schritt, mit dem Frobig wieder umherging, und durch Emma's leiſes Schluchzen unterbrochen. Das Feſt des Wiederſehens war dahin, eine kalte Geiſterhand hatte die Zungen gebunden, jagte undeutliche Schreckbilder durch den Sinn; nur Alphons glaubte deutliche Geſtal⸗ ten zu ſehen, aber ihm war es am ſtrengſten geboten, ſeine Einſicht zu verſchweigen. Schon am folgenden Tage reichte Frobig ſein Ge⸗ ſuch um Dienſtentlaſſung ein. Der Augenblick war dem ſchnellen Geſchaͤftsgang nicht guͤnſtig, es blieb ei⸗ nige Tage liegen, waͤhrend welcher er ſchon Anſtalten zur Abreiſe traf. Die Hoffeierlichkeiten wegen der Ruͤck⸗ kehr des fuͤrſtlichen Paares noͤthigten Alphons, ſeine bisherigen Verhaͤltniſſe gegen den Fuͤrſten noch beizube⸗ halten, und ließen ihm wenig Zeit, ſeiner Freunde Haus zu beſuchen. Und da gingen die ſonſt ſo gluͤcklichen 7 293 Bewohner wie arme Verbrecher umher, die ſich einan⸗ der ſcheuen und doch nur vereint ihr Bewußtſein ertra⸗ gen, ohne Raſt ſich fliehen und, ſowie Einer fehlt, ihn doch aͤngſtlich wieder aufſuchen. Anna, Juliane, Emma ſaßen ſtumm und weinend bei ihrer gewoͤhnlichen Arbeit, oder beſorgten die Zube⸗ reitung zum Einpacken und Verkauf ihres Hausrathes, auch wieder weinend und ſtumm. Nach einigen Tagen ließ der Fuͤrſt Frobig zu ſich kommen. Er ging, ſicht⸗ bar geſpannt, und ſagte zu ſeiner Frau, daß er zu glei⸗ cher Zeit Abſchied von ihm zu nehmen gedenke. Als Emma ihm nachſah, ſagte ſie froͤhlich zu dem in fin⸗ ſteres Nachſinnen verſunkenen Alphons: Ach, viel⸗ leicht laͤßt er ihn nicht fort und wir bleiben beiſam⸗ men. Alphons ergriff in begluͤckender Überraſchung ihre Hand; aber ploͤtzlich ſchien eine Erſcheinung zwiſchen den Beiden aufzuſteigen; er ließ die geliebte Hand los und verbarg ſein Geſicht. Nach einer halben Stunde kam Frobig zuruͤck. Seine Spannung war voruͤber; er ſah jetzt wie ein Schiffbruͤchiger aus, der matt vom Kampfe gegen die Wellen ſich in ſein morſches Boot ſtreckt und ergeben es den Wogen uͤberlaͤßt. Er ſagte, daß er ſeinen Ab⸗ ſchied morgen erhalten werde, aber, wie er fuͤrchten muͤſſe, von des Fuͤrſten Unwillen begleitet. Er habe muͤſſen undankbar ausſehen; aber es gibt nur dieſen Weg, Euern Frieden zu retten, ſetzte er matt hinzu und ging auf ſein Zimmer. Frobig erwartete am andern Morgen mit Sehn⸗ ſucht ſein Abſchiedsderret. Es kam nicht. Der Tag 294 ward peinlich lang, und laͤnger durch gleichguͤltige Be⸗ ſuche von Herren und Damen, die mit Erſtaunen, ſuͤß⸗ lichem Bedauern und politiſch geſtellten Fragen den ge⸗ aͤngſtigten Menſchen kaltes Stillſchweigen zur Pflicht machten. Gegen Abend trat Alphons mit zerſtoͤrtem Antlitz in das Zimmer, wo er Frobig bei den Frauen zu finden gewohnt war. Emma, oon ſeiner hefti⸗ gen Frage nach ihrem Vater aufgeſchreckt, ging ihm raſch entgegen, als er ſie in ſeine Arme ſchloß und au⸗ ßer ſich rief: Das Schickſal ruft! Ich ſoll Dein Raͤ⸗ cher ſein!— und ſie loslaſſend eilte er nach Frobig's Zimmer. Die Frauen blickten fragend Eine auf die Andre; Keiner ſchien das Ungereimteſte befremdend, das Schreck⸗ lichſte unerwartet zu ſein, und in dieſem Augenblicke ſchien ſogar in Alphonſens gewagter Handlung ein Ausdruck zu liegen, der ihre Dumpfheit verminderte, denn Emma ſank in Julianens Arme und rief, einen Schimmer von Hoffnung im Auge: Wenn er uns raͤ⸗ chen will, ſo ſind wir ja ſein!— Noch war Alphons in Frobig's Cabinet, als ein Hofwagen vor-dem Hauſe hielt und der befragte Die⸗ ner berichtete, daß der Oberſte Krome zu Frobig gegan⸗ gen ſei. Alphons hatte ihnen fuͤr dieſen Mann ſo viel Achtung und Vertrauen eingefloͤßt, daß ſie ſich von ſeiner Gegenwart nur Gutes verſprachen. Es dauerte nicht lange, ſo fuͤhrte ihn Frobig herein und bat Al⸗ phons, der ihn begleitete, ſeinen wuͤrdigen Freund ih⸗ nen vorzuſtellen. Frobig ſchien tief bewegt, aber ent⸗ ſchloſſen; Krome zitterte, da er Annens Hand, nicht 295 der Sitte gemaͤß, ſondern als Ausdruck der ihn bele⸗ benden Achtung an ſeinen Mund fuͤhrte. Emma ſuchte er zu fixiren; als er aber fuͤhlte, daß ſich Thraͤnen in ſeinen Augen ſammelten, ſchlug er ſie nieder, und Je⸗ der nahm ſtumm ſeinen Platz. Nach einigen Secun⸗ den ſtand Frobig auf, trat vor ſeine Frau und ſagte mit einer Stimme, die Anfangs von innerm Kampfe bebte, nachmals aber feſt ward: Mein edles Weib, Du biſt in Dem, was ich jetzt erzaͤhlen werde, die erſte Beleidigte. Ich dachte mir in den vielen Jahren unſe⸗ rer Ehe dieſen ſchrecklichen Augenblick immer als moͤg⸗ lich und rechnete immer feſt auf Deine Verzeihung; nun er da iſt, ſchien ich mir ſelbſt ihrer unwuͤrdig. Laß es Dich nicht befremden, wenn ich ein Ge⸗ heimniß, das ich Dir nie entdeckte, jetzt vor dieſem Manne vortrage, den Du zum erſten Male ſiehſt. Er iſt hier im Namen unſers Fuͤrſten, und er ſoll unter⸗ richtet werden, wie ich Dich unterrichte, Dich und Euch, meine einzig Geliebten— er blickte auf Emma und Juliane, die in aͤngſtlicher Erwartung zuhoͤrten—; denn Alphons, fuhr er fort, trug ſchon ſeit Jahren die Buͤrde meines Geheimniſſes; ich wollte ihn durch dieſes Vertrauen fruͤh zur Maͤnnlichkeit aufrufen und erwarte von ihm, daß er meine Handelsweiſe rechtfer⸗ tigen wird.— Nun ſetzte er ſich an Annens Seite und fuhr fort: 1* Ich bin Norberg's Landsmann; mein Vater war General in***† Dienſten. Das Schickſal hatte mir den Schmerz auferlegt, ihn nie achten zu koͤnnen. Seine ſchoͤne Geſtalt hatte ſein Gluͤck gemacht, ſeine 296 Dreiſtigkeit erhielt ihn in einem Anſehen, das kein wirkliches Verdienſt rechtfertigte; ſie verſchaffte ihm auch die Hand meiner vortrefflichen Mutter, die, durch ihrer Ältern Überredung faſt noch als Kind in den Eheſtand getreten, in mir ihr einziges Lebensgluͤck fand und der ich alle meine moraliſchen Anlagen verdanke. Meine Denkart mußte der meines Vaters widerſtreben, und deshalb, und um meiner Mutter die Stuͤtze zu rau⸗ ben, die ſie in mir gefunden hatte, ſchickte er mich ſchon in meinem ſechszehnten Jahre nach**, um un⸗ ter dem***† Heere die fuͤnf letzten Feldzuͤge des ſieben⸗ jaͤhrigen Krieges zu machen. Bei einem zufaͤlligen Auf⸗ enthalte in Wien traf ich mit Norberg zuſammen. Sein kalter, ſelbſtſuͤchtiger Charakter hatte uns ſchon auf der Ritterakademie entzweit, obſchon er als viel aͤl⸗ terer Schuͤler keine andere Beruͤhrung als die der Lands⸗ mannſchaft mit mir hatte. Als ich ihn in Wien wie⸗ derfand, wendete er ſeine Muße auf die Befolgung ei⸗ nes ſyſtematiſchen Planes, der die Verfuͤhrung einer ſehr jungen, unerfahrnen Frau zum Endzwecke hatte. Ich ward an ihm zum Don Quixote und kann es noch nicht bereuen. Ich entfernte ſie von Norberg, gab ih⸗ rem Manne einige Winke und hatte das Gluͤck, viele Jahre nachher einen wuͤrdigen Sohn dieſer, ſeitdem vollkommen gluͤcklichen Ehe kennen zu lernen. Norberg befand ſich durch ſeine Schuld in dem Falle, ſich nicht mit mir ſchlagen zu koͤnnen, und mein Ruf als Menſch und Soldat war begruͤndet genug, um mich des Schla⸗ gens zu uͤberheben; ich verlor Norberg aus den Augen, er bewahrte mein Andenken mit Feindſchaft und Furcht. 297 Der Frieden ward geſchloſſen; ich ging nach M. zu⸗ ruͤck und traf dort mit meinem Vater und Norberg zu⸗ ſammen. Norberg hatte einen viel aͤltern Bruder, der in dem Verpflegungsweſen deſſelben Heeres, unter dem mein Vater diente, einen ſehr wichtigen Poſten beglei⸗ tete. Er fand Mittel, dieſen Bruder, einen rohen, heftigen Mann, mit meinem Vater zu entzweien und dann zu vermoͤgen, aus Feindſchaft Dinge gegen mei⸗ nen Vater zu bezeugen, die er bis dahin als Mitſchul⸗ diger verſchwiegen hatte. Die Anklagepunkte waren ins Reine gebracht, die Beweiſe geſammelt, die Schrift zur Übergabe bereit, als die Ausſicht auf nahe Rache ihren Urheber zur Unvorſichtigkeit verleitete, ſich im Ge⸗ ſpraͤche gegen mich, in Gegenwart meiner Mutter, an einem oͤffentlichen Orte, eine beleidigende Bemerkung uͤber meinen Vater zu erlauben. Ich foderte ihn und ward ſein Moͤrder. Ein Schrei des Schreckens wollte aus Anna's und Emma's Munde dringen; ſie beherrſchten ihn, daß er in einem bangen Seufzer verhallte. Juliane ſaß mit gefalteten, vor ſich hin auf den Schoos ausgeſtreckten Haͤnden, nicht wie Eine, die unerwartetes Ungluͤck hoͤrt, ſondern mit nachdenkendem, feſtem Blicke auf den Er⸗ zaͤhler horchend, als wolle ſie achtgeben, ob es auch das Erſchreckliche ſei, das ſie vermuthe. Alphons ſchien nur auf das Leiden der beiden Frauen zu achten; bei dem Achzen, das jetzt Emma's Bruſt entſtieg, war er nicht mehr faͤhig, auf ſeiner Stelle zu bleiben, ſondern ſtellte ſich, als wuͤrde er ſie beſſer ſchuͤtzen koͤnnen, ne⸗ ben ihren Stuhl. 7 298 Ich ward Norberg's Moͤrder, fing Frobig wieder an; aber ich hatte nicht aus übereilung gehandelt. Ich wußte nichts von den Beweiſen von meines Vaters Schuld, nichts von dem ſchon vollendeten Plane, ihn zu verderben. So, wie ich ſeine Lage beurtheilte, war ich uͤberzeugt, ſeine buͤrgerliche Ehre retten zu koͤnnen, wenn ich ſie kuͤhn vertheidigte. Ich wollte meinen Gegner ſchonen, wollte ihn entwaffnen,— ich durfte mich damals zu ſo einer Abſicht fuͤr geſchickt genug halten—; ja, ich wollte mich endlich hinopfern, weil ich meinem Gefuͤhle nach den Verluſt von meines Vaters Ehre nicht uͤberleben konnte; ſie war ja das einzige Band, das mich an ihn hielt. Meines Gegners Kopfloſigkeit machte alle meine Berechnungen zu Schanden; er fiel, und ich floh, um meine Mutter vor Verzweiflung zu bewahren. Meines Vaters Sache ward noch viel ſchlimmer. Sein Ange⸗ ber haͤtte ihn um ſein ſelbſt willen geſchont; Norberg, ſein Bruder, trat an ſeine Stelle und bezahlte mir nun durch mein und meines Vaters Verderben die Kuͤhn⸗ heit, mit der ich ihm in Wien bei einem Bubenſtuͤck in den Weg trak. Zu dem Beweiſe von Veruntreu⸗ ung in Angelegenheiten des Regimentes rief man noch Beweiſe von Verletzung militairiſcher Ehre auf. O mein armes Weib! kannſt Du nun begreifen, warum der Tod unſers Sohnes mich weniger ſchmerzte als Deiner Toͤchter Hinſcheiden? Ich mußte ihm den Na⸗ men verſchweigen, den ſein Vater einſt fuͤhrte. Der meine ward caſſirt, eingeſperrt; ich ward als Moͤrder verurtheilt, mein Bildniß an den Galgen geſchlagen 299 — Frobig's Worte erſtickten im Kampfe mit ſeinem Schmerze. Emma war aufgeſprungen, unfaͤhig weiter zu hoͤren; ſie hatte ſich ihrer Mutter zu Fuͤßen gewor⸗ fen, umfaßte ſie heftig und weinte in ihrem Schooſe. Frobig ſprach weiter, langſam, gepreßt und ſich im Re⸗ den von den Seinen entfernend, als habe das Erzaͤhlte ſie von ihm geſchieden. In der Schweiz, unter meinem angenommenen jetzigen Namen erfuhr ich die Vollziehung der Urtheile, erfuhr auch, daß die Menſchen meiner Vaterſtadt guͤtig von mir daͤchten und mir um meines unbeſcholtenen Lebens willen verziehen; daß der Herzog ſelbſt mich nachſichtiger behandelt haͤtte, wenn Norberg nicht durch alle Raͤnke die Strenge des Geſetzes gegen mich aufge⸗ reizt haͤtte. Dieſe Stimmung verſchaffte auch meiner guten Mutter Mittel, ihr reiches Heirathsgut, das bei der Einziehung von meines Vaters Guͤtern ihr zuruͤck⸗ gegeben wurde, in Geld umzuſetzen und mir zu uͤber⸗ machen. Kaum hatte ſie mir ſo den letzten Beweis ihrer Liebe gegeben, ſo ſank ſie ins Grab. Mein un⸗ gluͤcklicher Vater ſtarb bald auf der Feſtung; der alte Herzog uͤberlebte ihn nicht lange; das Geheimniß mei⸗ nes Lebens blieb verwahrt, und ich ſelbſt ward bald vergeſſen. Norberg machte Anfangs einige Verſuche, mich zu entdecken, ward aber durch einen Zufall von meinem Tode uͤberzeugt und vergaß mich vielleicht auch; denn geſtern, als er mich bei der Fuͤrſtin erkannte, ſchien die Freude, ſein Opfer in ſeinen Haͤnden zu ſehen, vor dem Erſtaunen bei meinem Anblick zu verſchwinden. Den Fluch der Gewiſſensangſt rief mir mein blu⸗ 300 tiger Gegner nicht zu; denn ich hatte nach Pflichtbe⸗ griffen gehandelt, die, wenn ſie ſtrafwuͤrdig ſind, ſo feſt mit den zarteſten Faͤden unſrer Moralitaͤt verwebt ſind, daß der Geſetzgeber noch gefunden werden muß, der ſie nicht beide zuſammen zerſtoͤrt. Aber eine tiefe Herzens⸗ wunde nahm ich mit mir fort, die keine Zeit, keine Tugend, die nicht einmal Eure Liebe geheilt hat. Niicht daß ein Mord auf mir laſtete— dafuͤr war ja mein ganzes Schickſal die Strafe mit allen Folgen der That;— aber die Unnatur, die in meine Verhaͤltniſſe getreten war, die zu Allem, was ich that, eine ſchuͤch⸗ terne Berechnung erfoderte, die laͤhmte meinen angebor⸗ nen Frohſinn. Ich zwang mich zu einer Lebensart, die allein meine Zukunft ſicherte; ſie ward durch die nie vernichtete Moͤglichkeit, entdeckt und als doppelt buͤrgerlich Entehrter erkannt zu werden, geregelt. Ich beſchied mich, dem Gluͤck eines eignen Herdes, dem Gluͤck der Liebe, der Ehe zu entſagen. Mein allmaͤlig wiederkehrender froher Sinn, mein redliches Bemuͤhen, durch gute Thaten mein Ungluͤck zu verſoͤhnen, meine Freude an den Wiſſenſchaften erleichterten mir meinen Zuſtand. Mein Geheimniß ward mir ertraͤglicher, je mehr ich es allein trug; nach dem Tode der wenigen Menſchen, die mein Daſein wußten, gewoͤhnte ich mich an eine gewiſſe Sicherheit. Ich fand uͤberall ſo viele gute Menſchen, ich haͤtte ſo leicht Freunde an mich feſſeln koͤnnen, und das koſtete mir die ſchwerſte Über⸗ windung, in ſo vieler theilnehmender Menſchen Augen als ein vereinzelter Selbſtſuͤchtler zu erſcheinen, wenn ich nie eine Verbindung die Innigkeit gewinnen ließ, 301 1 die dem Freunde Anſpruͤche an unſere Vergangenheit zugeſteht. So hatte ich zehn Jahre gelebt, als der Zufall mich hierherfuͤhrte. Die Gewohnheit hatte mich nach und nach vor der Gefahr, erkannt zu werden, eingeſchlaͤfert; die Zeit oder die Altersreife hatte eine religioͤſe Anſicht meines Schickſals in mir entwickelt, die mir Ruhe, Kraft und doch auch Aberglauben gab. Ich ſah meinen Zweikampf nicht mehr ſo billigend an wie vor zehn Jahren, allein mein Gewiſſen blieb eben ſo ruhig dabei wie damals. Ich fuͤhlte die Opfer, die er mir gekoſtet hatte, bitterer als damals; denn das Alter, wo der Menſch der Ernte ſeiner Muͤhen entge⸗ genſieht, ruͤckte herbei. Ich hatte zehn Jahre lang fuͤr meine That gebuͤßt, meine Vernunft konnte ſich eine Folgereihe dieſer That bis uͤber das Grab hinaus denken; aber keine Anſicht, weder meiner noch der Gott⸗ heit, die ich verehrte, machte es nothwendig, darum an Gluͤck zu verzweifeln, mich dem Gluͤcke zu verſchlie⸗ ßen. Dieſe beiden Anſichten meines Schickſals brachten ein Schwanken in meinem Weſen hervor, das nicht Wankelmuth, nicht Schwaͤche zu heißen verdient. Ich horchte auf das Schickſal, oder wie ich es lieber nenne, auf die Winke der Vorſehung, um ihnen zu folgen; daß mich bei ihrem Verſtehen mein Herz mehr leitete als mein Verſtand, iſt wohl wahr; aber nicht weil der Verſtand vom Herzen beſeitigt ward, ſondern weil der Menſch Gottes Wege leichter empfindet als einſieht. Hier, in dieſer guten Stadt ward mein Gemuͤth be⸗ fremdlich angeregt. Ich hatte mich zehn Jahre lang in großen Staͤdten herumgetrieben, wo die Bilder er⸗ 302 reichbaren haͤuslichen Gluͤcks dem beſcheidenen Frem⸗ den ſelten geſtattet werden; ich hatte Laͤnder durchirrt, in denen die Cultur ſo weit unter meinen geiſtigen Be⸗ duͤrfniſſen ſtand, daß mich ihre Einwohner nur hier und da idylliſch, meiſtens barbariſch, ſelten heroiſch, nie zu einem bleibenden Aufenthalte einluden. Hier erwar⸗ tete mich der Anblick buͤrgerlicher Haͤuslichkeit, gluͤckli⸗ cher Beſchraͤnktheit, dauerhaften Wohls. Mein guter Muͤller umſpann mich mit einer Menge localen Inter⸗ eſſes, und ſo, muͤde und bei dem Anblicke der Ruhe um mich her nach und nach glaubend, mir waͤre auch Ruhe beſchieden, uͤberraſchte mich Muͤller mit ſeinem Vorſchlage, hier Dienſte zu ſuchen. Ich dachte noch ein Mal meine Lage durch. Das Ärgſte, was mich treffen konnte, traf mich ja allein— und ich ſuchte das Amt. Ich war wirkſam, ich that Gutes; wenn nach einem Jahre, wenn nach zehn das Schandmal auf meiner, durch kein boͤſes Gewiſſen beſudelten Stirn entdeckt ward, nun, ſo war ich wieder buͤrgerlich todt, und der Weg im Leben und aus dem Leben ſtand mir wieder offen wie heut. Dabei haͤtte ich ſtehen blei⸗ ben ſollen; aber ich lernte mein Weib kennen— mit dieſen Worten wendete er ſich zu dem Oberſten, als wenn erſt jetzt die Anklagepunkte begannen—; ſie weiß, daß ich meiner Neigung mit Ernſt widerſtand, daß ich mit Entfernung und Zeit meiner Vernunft zu Huͤlfe kam; aber ihr Vater ſtarb; die Umſtaͤnde ſchie⸗ nen meine Wuͤnſche zu beguͤnſtigen; es trat der Fall ein, daß ſie Fingerzeige der Vorſehung ſchienen; ich fing an, zu uͤberlegen, und nun ſiegte mein Herz. Ich 303 beging die zweite That in meinem Leben, die ein Ver⸗ brechen war, die ich ſo wenig wie die erſte zu bereuen vermochte, die ich aber fuͤr viel ſtrafbarer halte.— Hier ſprang Anna auf, machte ſich von Emma, die erſchrocken ihre Knie umſchlang, los und ſchloß ihren Gatten an ihr Herz.„War es ein Verbrechen,“ rief ſie,„o ſo haſt Du es gebuͤßt, indem das Geheimniß dem reinen wuͤrdigen Gluͤcke unſre Ehe fuͤr Dich eine Bitterkeit beimiſchte, die mir niemals entging. Oft quaͤlte deſſen Ahnung auch mich; aber Deine Tngend ließ keinen Zweifel in mir aufkom⸗ men. Durch dieſes Geſtaͤndniß biſt Du ja nun entſuͤhnt. Gatte! Vater! was haſt Du von Geſetz und Men⸗ ſchen zu fuͤrchten? Weib und Kind theilen Dein Schick⸗ ſal, und wir wollen durch unſer Leben beweiſen, daß Dein Bild am Schandpfahl eine Buͤrgerkrone verdient.“ Dieſe Rede ſchien alle Herzen des Schmerzes ent⸗ bunden zu haben; Alphons ſelbſt ſchien ſein Gluͤck fuͤr begruͤndet zu halten, er kam entzuͤckt des wackern Ober⸗ ſten Bewegung entgegen, der, die Ruͤhrung der drei vereinigten Menſchen mit Stille ehrend, von Theilnahme uͤbermannt ſeine Hand ſchuͤttelte, gleicham um als Menſch dem Menſchen Gluͤck zu wuͤnſchen uͤber die Wuͤrde ſeines Geſchlechts. Nur Juliane blieb unbeweg⸗ lich in ihrer vorigen Stellung und ſchien bei den Ver⸗ aͤnderungen des Gemaͤldes, das ſie betrachtete, nur aͤngſtlich zu ſchaudern. Vom Geſetze hat ihr Gatte nichts zu fuͤrchten, edle verehrte Frau! nahm jetzt Krome das Wort, weil Fro⸗ big, ſich von Annens Umarmung aufrichtend, ihn durch ſeinen Blick zum Reden aufzufodern ſchien. Der Fuͤrſt 7 3 304 hat alle Maßregeln befohlen, um die Folgen dieſer trau⸗ 3 rigen Entdeckung zu vernichten. Sein Abſchied, den ich ihm jetzt uͤberbrachte, iſt ſo weit zuruͤckdatirt, ſo ehrenvoll abgefaßt, daß das ganze Collegium das Auf⸗ ſehen, was Norberg durch die unwuͤrdige Bekanntma⸗ chung von Frobig's fruͤhern Schickſalen zu verurſachen vermeinte, nicht in Verbindung mit ſeiner Amtsentſa⸗ gung bringen kann. Aber— ſo vereinten Herzen wie den Ihrigen iſt es ja einerlei, unter welchem Him⸗ melsſtriche ſie ſchlagen. Mein wuͤrdiger Freund, ich fuͤrchte, die junge Fuͤrſtin nimmt Theil an der bittern Demuͤthigung, die ſich Norberg durch ſeine Rache an Ihnen von unſerm Herrn zugezogen hat. Vermeiden Sie ihr Vorurtheil und ſeine Bosheit.— Der redliche Mann ſchien mit Unruhe auf Alphons zu merken, der ſich ungeſtum von Frobig's Hand, der die ſeine gefaßt hatte, loszuwinden ſuchte und mit erſtickten Worten ſei⸗ nen Zorn uͤber Norberg ausdruͤckte. Frobig hielt Al⸗ phons feſter, gleichſam um ſein Gemuͤth durch das übergewicht ſeiner phyſiſchen Kraft zu bemeiſtern; er unterbrach Krome's zoͤgernde Rede und ſagte: Ich gehe mit Weib und Kind nach Virginien, wo ich ſchon lange Guͤter beſitze, die ich fuͤr den ſchrecklichen Fall, der nun eingetreten iſt, deſſen Moͤglichkeit ich immer vorausſetzte, zu meiner Freiſtaͤtte beſtimmte. Hier ſchien ploͤtzlich ein Lichtſtral uͤber Julianens Zuͤge zu leuchten, ſie ſtand auf und hoͤrte mit Hoffnung im Blicke zu, wie Alphons, ſich von Frobig losreißend, beide Haͤnde zuſammenſchlug und in uͤberraſchendem Entzuͤcken ausrief: O der ſelige Traum meiner Kind⸗ 30⁵ heit!— Eine Bewegung, die er dabei auf Emma's Seite machte, deutete Frobig an, daß er im Begriffe ſtand, der Entſcheidung, die er auszuſprechen Willens war, vorzugreifen. Er trat abwehrend zwiſchen Emma und ihn und ſprach zum Oberſten gerichtet: Meine An⸗ gelegenheiten hier werden ſchnell beendigt ſein. Die Liebe zu meinem Fuͤrſten und ſeinem Lande begleitet mich in die neue Welt und wird mich bis zu meiner letzten Stunde beſchaͤftigen. Dieſe Liebe laͤßt Ihnen ein reiches, ſchoͤnes Vermaͤchtniß, das ich Ihnen, Herr Oberſt, als Freund und fuͤr die naͤchſte Zeit als vaͤ⸗ terlichen Fuͤhrer uͤbergebe. Mein Pflegeſohn uͤbernimmt die Pflichten meiner Dankbarkeit gegen meinen Herrn, ſein reines junges Leben muß mit mir nichts mehr ge⸗ mein haben; aber ſein Verdienſt werde mein Denkmal in dieſem Lande. G Frobig's Stimme zitterte unter der Anſtrengung, um ſo deutlicher zu ſein, da Alphons zu ſprechen be⸗ muͤht war. Emma verhuͤllte ihr Geſicht; Anna blickte troſtſuchend von ihrem Kinde zu dem Juͤnglinge, in dem ſie jetzt einen Sohn zu verlieren bedroht war. Und in dieſem Kampfe ſchmerzlicher Gefuͤhle wurden Julianens Zuͤge von einer ſchoͤnen Begeiſterung umſtralt, mit der Zuverſicht der Weiſſagung legte ſie eine ihrer Haͤnde, Stillſchweigen gebietend, auf Alphonſens Mund und ſprach feierlich: Entſcheidet Nichts; zerreißt keine Herzen; ſeid nicht weiſer als Gottes Schickung. Fro⸗ big, gebieten Sie dieſem Juͤnglinge, Ihren Feind ſei⸗ nem ſtrafenden Gewiſſen zu uͤberlaſſen. Er begreife, daß das Schickſal Sie auf eine Hoͤhe geſtellt habe, vor V.. 20 306 der der Ehrbegriff des dumpfen Geſellſchaftslebens ver⸗ ſchwindet. Bei unſrer Kinder Wohl beſchwoͤre ich Sie, die kleine Zeit, bis ich wiederkomme, nichts zu be⸗ ſchließen. Sie eilte mit eben dem ſichern Weſen, das ihre Rede ausgedruͤckt hatte, aus dem Zimmer und ließ ei⸗ nen ſo zauberiſchen Eindruck zuruͤck, daß Jeder der Zu⸗ ruͤckgebliebenen einverſtanden war, ihren Willen zu be⸗ folgen. Der Oberſt, ohne den ganzen Umfang von Julianens Einfluß zu kennen, ſah die Nothwendigkeit ein, ſich auf einige Stunden ſeines jungen Freundes ganz zu bemaͤchtigen. Er that das auf eine Art, die des jungen Mannes aufgeregte Leidenſchaft zum Nach⸗ geben zwang, und fuͤhrte ihn mit dem Verſprechen mit ſich fort, ihn nicht von der Seite zu laſſen und ihn am Abend ſelbſt ſeinen beſorgten Freunden wiederzu⸗ zufuͤhren. Wer koͤnnte die nun folgende Stunde beſchreiben, die erſte, in der Frobig ganz wahr und enthuͤllt vor ſeiner Gattin und ſeiner Tochter erſchien? Das Gefuͤhl von Schuld und Tugend, von Ungluͤck und Liebe be⸗ ſtuͤrmte ihre Herzen; aber die Liebe ſiegte, denn ſie war auf die Achtung gegruͤndet, die ein vereint verfloſ⸗ jenes Leben rechtfertigte. Kaum waren ſie zu einer hin⸗ laͤnglich ruhigen Stimmung gelangt, um Frobig Zeit zu Ausfuͤllung mancher Luͤcke in ſeiner heutigen Erzaͤh⸗ lung zu laſſen, als Juliane zuruͤckkam. Ihre begei⸗ ſterte Zuverſicht war in eine haſtige Spannung verwan⸗ delt; mit zitternder Hand reichte ſie Frobig ein geſchrie⸗ benes Heft und ſagte: Hier iſt die Geſchichte meiner 307 Vergangenheit, ſie entſcheidet meines Sohnes Schickſal. Leſen Sie mit Anna allein. Ich bleibe indeß bei Emma, ich muß nahe ſein, um ſchnell mein Urtheil zu erfahren. So befremdend dieſes Zumuthen ſchien, ſo war Julianens Wohl doch zu innig mit dem der beiden Gatten verbunden, um ihre Geſchichte jetzt als etwas Unzeitiges zu betrachten. Sie begaben ſich in Frobig's Zimmer und laſen folgende Zeilen. „Meine Freunde, was Sie jetzt leſen werden, muß, wie mir daͤucht, meinem Sohn bei meinen Lebzeiten verborgen werden. Ich ſah mein Schickſal ſtets ohne Aberglauben an und ward nicht zum Gegentheil veran⸗ laßt, denn alles Gute, was einem zerſtoͤrten Leben ge⸗ ſchenkt werden kann, ward mir von der guͤtigen Gott⸗ heit verliehen: Kraft, um einem unheilbaren Schmerz nicht zu erliegen; Vernunft, um nie mein Ungluͤck mit einem beſchmuzten Bewußtſein zu verwechſeln; Euere Freundſchaft und Alphonſens Werth. Allein das furchtbare Verhaͤngniß, was mich traf, iſt mehr dazu gemacht von meinem Sohn an meinem Grabe beweint zu werden, als ihn zum Verſtaͤndniß der Thraͤnen zu verhelfen, die er, ſo weit ſeine Erinnerung reicht, mich vergießen ſah.“ „Bis jetzt ſchwieg ich gegen Sie, bald mit ſtiller Wehmuth mich des Augenblicks jenſeits freuend, wo Aller Herzen ſollen offenbar werden; bald mit ſchuͤchter⸗ nem Zweifel, ob Sie, die Gluͤcklichen, die Schuld des Ungluͤcks verzeihen koͤnnten? Alphons ward neben Emma erzogen. Sie wiſſen, was ich that, um durch unſere 20* 308 Behandlung jeder kindiſchen Gewohnheit vorzubauen, die fruͤh die Empfindung haͤtte erwecken und beſchaͤftigen koͤnnen. Meine Redlichkeit lehrte mich, daß ich die Liebe Ihrer Tochter fuͤr den Erben des Ungluͤcks nicht aufregen durfte. Sie boten allen meinen Bemuͤhungen die Hand, ſo willfaͤhrig, daß ich mich oft von Ihnen errathen glaubte, bis eine Ahnung in mir aufſtieg, auch in Frobig's Bruſt liege eine furchtbare Vergangen⸗ heit begraben.“ „Die unbedingte Strenge, mit der er in meinen Grundſat uͤber die Unabhaͤngigkeit unſers Werthes von dem Urtheile der Welt einſtimmte, kam mir wie ein heimliches Einverſtaͤndniß mit meinem Schickſale vor; und mochte er ſchuldig ſein oder meine Schuld nur er⸗ rathen, ſo glaubte ich, daß er es verweigern wuͤrde, unſrer Kinder Schickſal zu verbinden. Alphons verließ uns. Emma's Liebe wandte ſich ihm zu, und ich ſah mit Schrecken, daß die Geſchichte ihres Herzens ſich in dem meines Sohnes wiederſpiegeln muͤſſe, ſobald er ſie erblicke. Sie ſahen, was ich wahrnahm, und blieben ruhig. Alphons kam zuruͤck; die Neigung der beiden Kinder ward unverkennbar, und Sie thaten Alles, was mich uͤberzeugen mußte, Sie haben Alphons zum Sohne erwaͤhlt.“ „Jetzt war die ſtille Ergebung dahin, mit der ich bisher, meinen Begriffen getreu, meinen Wuͤnſchen ent⸗ ſagte. Durfte ich Sie laͤnger durch Verſchwiegenheit betruͤgen? Durfte ich meinem Sohne ein Gluͤck entrei⸗ ßen, das ich nicht herbeigefuͤhrt, nicht herbeigebetet hatte; denn ich verbot meinem Herzen zu beten, ſo 309 oft ſich Emma's Name in mein Gebet fuͤr meinen Sohn eindraͤngen wollte. Ich habe bitter gelitten, faſt uͤber die Kraͤfte meines durch lange Verſchloſſenheit ab⸗ gematteten Geiſtes.“ „Wenn all mein Sinnen, dieſe Widerſpruͤche zu einen, vergeblich war, genoß ich wol oft langer Zwi⸗ ſchenraͤume, wo ich hoffte, Gott werde den Knaͤuel mei⸗ ner Schickſale entwirren. Er hat es gethan. Sie wa⸗ ren heute im Begriff, Alphonſens Herz mit der Erklaͤ⸗ rung zu durchbohren, daß die Tochter eines geaͤchteten Vaters ſeine Gatten nicht ſein duͤrfe; und ich, Fro⸗ big, ich werbe um Emma fuͤr den Sohn einer Ungluͤck⸗ lichen, die zwar keinem Geſetzesausſpruch unterlag, aber, an Sitten und Geſetz zur Verbrecherin geworden, von Ihnen verworfen werden muß, wenn Sie nicht das Ungluͤck eine hoͤhrre Moral lehrte als die des buͤrger⸗ lichen Vereins, und keinen feſtern Glauben in des Men⸗ ſchen reinen Willen als an das finſtere Verhaͤngniß, das, Boͤſes aus Boͤſem entſpinnend, vom Irthum zum Verbrechen dahinreißt.“ Das Folgende ſchien ſchon vor laͤngerer Zeit geſchrie⸗ ben und war mit einem eignen Umſchlag an Frobig verſehen.: „Mein Vater war Kanzleidirector des Fuͤrſten von ing. Er war fruͤher ſein Begleiter auf Reiſen gewe⸗ ſen und hatte ſich lange mit ihm in Italien verweilt, von woher er auch ſeine Gattin mit ſich zuruͤckbrachte. Sie war eine ſchoͤne, edel ausſehende Frau, deren im⸗ merwaͤhrende Schwermuth man einem gebrochenen Klo⸗ ſtergeluͤbde beimaß. Deutſchland blieb ihr immer fremd, 7 310 und ſie ergab ſich nach wenigen Jahren einer ſchwaͤr⸗ meriſchen Froͤmmigkeit, durch die ſie fuͤr ihr Hauswe⸗ ſen und die Welt ganz untuͤchtig ward. Erſt ſpaͤt er⸗ fuhr ich, daß die traurige Anerkennung, zur Erfuͤllung ihrer Mutterpflichten unfaͤhig zu ſein, der Bewegungs⸗ grund war, warum ſie mich von fruͤher Kindheit in einem elſaſſer Kloſter erziehen ließ. In meinem ſechs⸗ zehnten Jahre holte mich mein Vater zuruͤck in ſein Haus. Kaum hatte ich Zeit, meine erſte Scheu gegen ihn zu bemeiſtern, ſo folgte er dem Fuͤrſten, deſſen Liebling er war, nach den Hieren, deren milde Luft die Ärzte fuͤr das einzige Mittel hielten, ſeine erſchoͤpfte Lebenskraft zu ergaͤnzen. „Meine Mutter empfing mich mit inniger Liebe; ſie wollte ſich um meinetwillen der Welt wiedergeben; mit ruͤhrender Aufopferung verließ ſie ihre Heiligenbilder und ihre Einſamkeit, um mir die Freuden der Jugend zu ſchenken; aber ihr freudeloſer Geiſt ſo wenig als ihr geſchwaͤchter Koͤrper geſtattete ihr dieſe Bemuͤhung. Ein verſtaͤrkter Widerwille ergriff ſie in dem bunten Geraͤuſch; mit kraͤnkerer Seele eilte ſie in ihre Verein⸗ zelung zuruͤck und vertraute die Aufſicht uͤber mein Be⸗ tragen einer Schweſter meines Vaters, einer Frau, de⸗ ren uͤberſpannte Einbildungskraft und charakterloſe Be⸗ weglichkeit des Geiſtes ſie ohne Bosheit zur Schein⸗ heiligen machte. Unter ihrem Schutze erſchien ich in der Geſellſchaft.“ „Unſer Erbprinz ſah und liebte mich. Er war von einem vortrefflichen Manne erzogen, der aber einen Fehlgriff gethan hatte; um ihn vor der Zuͤgelloſigkeit 311 ſeines Standes zu huͤten, hatte er eine ſchwaͤrmeriſche Sehnſucht nach haͤuslichem Gluͤck in ihm erweckt, und um ihn gegen die Widerſetzlichkeit ſeines eignen Herzens zu ſchuͤtzen, hatte er ihm den Grundſatz beigebracht, daß eine Fuͤrſtenehe eine Maßregel der Klugheit und Pflicht gegen das Volk ſei, bei der keine Neigung zu Rathe gezogen wuͤrde. Seit er mich liebte, entſtand Ekel ge⸗ gen ſeinen Beruf aus ſeinem Irrthum. Eben damals ſtarb ſein Erzieher. Er haͤtte vielleicht unſer Ungluͤck verhuͤtet, er kannte vielleicht ſeinen ſchrecklichen Umfang, denn er ſuchte des Prinzen Annaͤherung zu mir vom erſten Augenblick an zu verhindern und muͤhte ſich ihm auf ſeinem ploͤtzlichen Todtenbett mit ſchon gelaͤhmter Zunge etwas zu ſagen, das dieſer fuͤr eine Warnung hielt, nicht um ſeiner Liebe willen ſeine Beſtimmung zu vergeſſen.“ „Wir waren ſchon viel inniger verbunden, als der wuͤrdige Mann es vermeinte. Der Prinz verſprach ihm dieſe Bitte mit aufrichtiger Geſinnung und weigerte ſich nicht, die ihm gleich darauf angetragene Verbin⸗ dung mit der Prinzeſſin von**la, die ſein Vater von Hieres aus betrieb, zu beſchließen. Er glaubte der Pflicht zu genuͤgen, wenn er ſich den Geſetzen ſeines Standes nicht entzoͤge, wenn er ſeiner Gemahlin gaͤbe, was ſeine Fuͤrſtenpflicht heiſchte, und bei der Geliebten ſeines Herzens die Gluͤckſeligkeit ſuchte, nach der die beſſern Gefuͤhle ſich ſehnen. „Wir hielten den Zwang, mit dem wir unſer Le⸗ ben beluden, das Geheimniß, unter dem wir ſeufzten, fuͤr eine hinreichende Buße fuͤr das Unrecht unſers Ver⸗ 312 haͤltniſes. Nicht Verachtung von Zucht und Geſetz, ſo urtheilten wir, die rauhe Nothwendigkeit drang es uns auf. Der Prinz verfuͤhrte mich nicht; ich vergaß mich nicht; wir hatten uns eine Welt von Irrthum geſchaffen, innerhalb welcher wir tadellos lebten. In ihr waren wir gluͤcklich, und ſie machte uns taͤglich beſſer; denn die innere Stimme, welche uns unſer Unrecht vor⸗ warf, wies uns an jede Tugend, um es zu verſoͤhnen.“ „Meine Tante war unſere einzige Vertraute, aber nicht unſere Mitgenoſſin. Ihr verſchrobener Sinn machte ſie unſerer Seligkeit fremd. Alphons war kaum geboren, als der alte Fuͤrſt wiederkam und mein Va⸗ ter mit ihm. Meine arme Mutter hatte in ihrem truͤ⸗ ben Sinn mich mit keiner Frage, keinem Blicke beun⸗ ruhigt. Sie war der Außenwelt ſo abgeſtorben, daß ich ihr keine Luͤge zu ſagen bedurft hatte. Kaum aber war mein Vater ein paar Tage zuruͤck, als ſein haͤ⸗ miſch laͤchelnder, dreiſt forſchender Blick mich entſetzte. Es war mir, als entgoͤttere er meine Liebe, indem er ihre Unſchuld mit Erkenntniß bedrohte.“ „Ich entdeckte dem Prinzen meine Unruhe. Er ge⸗ ſtand mir, daß auch ihn meines Vaters Gegenwart druͤcke. In dieſem Zeitpunkte ging meiner Mutter lan⸗ ges Leiden in ſchnelle Aufloͤſung uͤber. Ihr Ringen nach Annaͤherung zu Gott, ihr Verzweifeln, Beten und Beichten ſchreckten mich im Gefuͤhl meines gequaͤlten Gewiſſens; ich verglich es mit meiner Empfindung bei meines Vaters forſchenden Blicken, und meine Un⸗ ruhe ſtieg bis zur Angſt. Endlich— ihr Ende ſchien nahe— beichtete meine Mutter noch ein Mal. Wie 313 der wuͤrdige Prieſter, der ihre Geſtaͤndniſſe empfangen hatte, ihr Zimmer verließ, eilte ich zu ihr; er hielt mich aber auf und ſagte freudig und geruͤhrt: Jetzt iſt Ihre gute Mutter beruhigt. Helfen Sie ihr nun mit Muth die wenigen Schritte ans Ziel vollenden, und beduͤrfen Sie eines Freundes, der alle Ihre Leiden kennt, ſo kommen Sie zu mir.“ „Ich war zu befangen, um auf dieſe Rede zu ach⸗ ten; nur mit dem nahen Ende meiner Mutter beſchaͤf⸗ tigt, eilte ich an ihr Bett. Ihr Auge glaͤnzte, ihre Zuͤge waren von himmliſcher Ruhe umfloſſen; ſie ſtreckte mir ihre matten Arme entgegen und ſagte: Haͤtte ich fruͤher Gottes Guͤte kindlich vertraut, ſo haͤtte ich ein gequaͤltes Leben vermieden. Gott wird aber die thaten⸗ loſe Buße, die ich mir in meinem Unverſtande auflegte, auch nicht verſchmaͤhen. Noch ein Geſtaͤndniß legt mir mein troͤſtender Fuͤhrer auf. Die Reue einer ſterbenden Mutter, ſagt er, heilige das Leben ihrer Tochter.“ „Doch genug. Sie entdeckte mir, daß ich die Tochter des Fuͤrſten ſei. Ich begriff, daß die Natur das Band zwiſchen mir und dem Prinzen zerriß; daß unſere Liebe, die ſchon die Geſetze beleidigte, auch vor der Natur ein Graͤuel ſei. Nein, ich begriff das nicht. Mein Verſtand war ganz unthaͤtig, meine Überzeugung allein rief mir mit Donnerſtimme zu: du mußt deiner Liebe entſagen!— und ich ſank leblos neben dem Lager meiner Mutter zu Boden. Ich weiß nicht, was mit mir, was mit ihr nun geſchah; ich mag es nicht wiſſen.“ „Als ich erwachte, hielt eine Kammerfrau mein Haupt, und jenſeits im Zimmer ſah ich alle andere Ge⸗ 314 ſtalten auf den Knien; ich ſah das Bild des Gekreu⸗ zigten emporhalten; ich hoͤrte leiſes Gebet und leiſes Stoͤhnen, ich ſprang auf und beugte meine Knie, als eben der ſich aufrichtende Prieſter feierlich ſagte: Be⸗ tet fuͤr die Glaͤubige, die in dem Herrn iſt entſchlafen.“ „Dieſer Prieſter ward mein rettender Engel. Er fuͤhrte mich zu der Erkenntniß des einzigen Weges, auf dem mein Leben nach ſo furchtbarem Irrthum veredelt werden konnte; auf dem ich, auf Selbſtachtung geſtuͤtzt, meine Vergangenheit mit der Zukunft in Verbindung zu bringen im Stande war. Ich weiß nicht, wie Vie⸗ les er wußte, wie Vieles ich ihm vertraute; das bin ich mir bewußt, daß ich ihn auffoderte, meinem Bru⸗ der unſere Trennung zu verkuͤndigen. Ich ſah ihn nie wieder; er vermochte nicht den Schmerz zu uͤberleben; und ich liebte doch wie er; denn ehe ich alle Gruͤnde erkannt hatte, dem Tode zu entſagen, widerſtand ich meiner heißen Sehnſucht nach ihm, um ſein Elend nicht zu erſchweren. Ich ertrug auch das. Mein geiſtlicher Vater belehrte mich, daß Glauben, Reue und Tugend auch dieſe Schuld zu buͤßen im Stande ſeien. Der Mann, den die Welt fuͤr meinen Vater gehalten, der mir nie Liebe bezeigt, der nie meine Achtung erworben hatte, waͤre mir ganz fremb geworden, haͤtte ihn nicht das Ungluͤck heimgeſucht, das ihm, der nur ſinnliche Befriedigung erkannte, am unertraͤglichſten fallen mußte. Er ward einer Treuloſigkeit in politiſchen Unterhandlun⸗ gen beſchuldigt und bei der ſtrengſten Behandlung zu lebenslaͤnglicher Feſtungsſtrafe verurtheilt. Es zeigte ſich, daß der Aufwand ſeines Hauſes allein aus dem Ver⸗ 315 moͤgen meiner Mutter beſtritten ward. Der Fuͤrſt ließ es mir ungeſchmaͤlert uͤberantworten; aber weiter that er auch keinen Schritt, der die Stimme der Natur ge⸗ gen mich ausſprach.“ „Auf meinen Zweifel, ob ich ein Vermoͤgen anneh⸗ men ſollte, das meine ungluͤckliche Mutter mit ihrer Schande erkauft hatte, bewies mir mein geiſtlicher Freund, daß der Vater ſeinem Kinde, wenn ihn auch die Geſetze ſein Erbe nicht zuſpraͤchen, eine Verſorgung ſchuldig ſei, deren Umfang von ſeinen Verhaͤltniſſen abgemeſſen wuͤrde. Eben ſo machte er es mir zur Pflicht, eine Summe anzunehmen, die der Prinz vor ſeinem Tode meinem Sohn zugeſichert hatte. Sie war die kleine Erſparniß ſeines jaͤhrlichen Einkommens; denn ſeine Be⸗ harrlichkeit, in unſerm Verhaͤltniß ganz als buͤrgerlicher Hausvater zu leben, hatte ihm verboten, zum Beſten ſeines Kindes Schulden zu machen. Dieſe Umſtaͤnde ſetz⸗ ten mich in den Stand, dem Gatten meiner Mutter ſeine Gefangenſchaft zu erleichtern. Ich that es mit Freude; denn die Gewohnheit, ihn als Vater zu betrachten, machte meine Verachtung gegen ihn zu einem peinlichen Gefuͤhl.“ „Sobald meine Vermoͤgensangelegenheiten in Ord⸗ nung waren, verließ ich meinen bisherigen Wohnort. Mein geiſtlicher Vater hatte mich mit der Guͤte eines Heiligen, mit dem Geiſt eines Weiſen behandelt. Meine Seele, die wol laͤnger, als ich es mir bewußt bin, zwi⸗ ſchen Überſpannung und Dumpfheit umhergeriſſen ward, befand ſich endlich wieder in einer ſo ruhigen Faſſung, daß er mich fuͤr faͤhig hielt, einen Plan auszufuͤhren, an den, wie er wohl einſah, die Ruhe meiner Zukunft 316 geknuͤpft war. Bis jetzt hatte ich meinen Sohn nur verſtohlen geſehen. Ich weiß nicht, ob der große Haufe mein Ungluͤck erfuhr. Ich ſorgte nicht fuͤr das Kleine, da das Große zu tragen meine Kraͤfte kaum reichten.“ „Jetzt reiſte ich mit meinem Sohne und einer aͤlt⸗ lichen Begleiterin nach der Provence. Meine Geſund⸗ heit foderte dieſen freundlichen Himmelsſtrich. Von dort ſchickte ich die Begleiterin zuruͤck und ging unter dem Namen, den ich noch fuͤhre, nach Paris, wo ich ei⸗ nige Jahre in der tiefſten Abgeſchiedenheit zubrachte. Ich lebte in dem Hauſe eines alten Privatmannes, deſ⸗ ſen Frau ich in Marſeille, ihrer Vaterſtadt, kennen gelernt hatte. Ohne ſie in meine Verhaͤltniſſe einzu⸗ weihen, vertraute ich ihnen mein Beduͤrfniß, von der Welt vergeſſen zu werden. Sie und ihr Mann waren mir dazu behuͤlflich, ohne ſich um mein Geheimniß zu bekuͤmmern. Die Achtung, die ſie mir bezeigten, be⸗ wies mir, daß ſie es nach meinem Lebenswandel, deſ⸗ ſen Wuͤrde und Unſchuld ihnen vor Augen lag, beur⸗ theilten. Von ihnen lernte ich viel: haͤusliche Beſchraͤn⸗ kung, die ich noch nicht gekannt hatte, und ihre Aus⸗ ſchmuͤckung durch Wiſſenſchaft, Zierlichkeit, begnuͤgſa⸗ men Genuß. Ich lernte von dem vielgepruͤften Manne, der Soldat war, dann koͤniglicher Beamter in den Co⸗ lonien und nun von einer kleinen Rente, der Frucht ſeiner Muͤhen, lebte, ruhige Zergliederung der menſchli⸗ chen Schickſale und den Muth, ein jedes nach ſeinem Werthe zu ſchaͤtzen. Ihm half dabei der Verſtand; ſei⸗ ner Frau half ein frommes Gemuͤth. Sie hatte fuͤnf Kinder und zwei geliebte Schwiegerſoͤhne theils in den 317 Wellen, theils bei einem Aufſtand der Neger umkom⸗ men ſehen, und ſie hatte ſie uͤberlebt.— Von da ging ich an den Genferſee. Dort beſuchte mich mein geiſtlicher Vater. Er hatte, ſobald ich muͤndig gewor⸗ den war, mein ganzes Vermoͤgen ins Ausland uͤbertra⸗ gen, Niemand in meinem ehemaligen Wohnort hatte mehr mit meinen Geſchaͤften zu thun, und ſo ward ich bald vergeſſen. Jetzt wuͤrde es ſchwer ſein, eine Spur zu entdecken, die von dort zu mir leitete; denn mein geiſtlicher Vater ging auch ſchon zum beſſern Daſein hinuͤber.“ Hier endete der Aufſatz und Juliane ſchrieb fort: „Dieſe Zeilen ſchrieb ich kurz nach meiner Bekannt⸗ ſchaft mit Ihnen. Mein Entſchluß, ihn meinem Sohn nach meinem Tode zu hinterlaſſen, war nie ganz ent⸗ ſchieden. Ich fuͤrchtete mich vor der Wirkung, die der Begriff der Nemeſis herbeifuͤhren koͤnnte. Der edle Menſch furchtet nie ihre Rache, aber er erkennt die Nothwendigkeit ihres unaufhaltſamen Gangs, und in Augenblicken der Schwaͤche, denen kein Menſch ent⸗ gehen kann, glaubt er als Frucht fruͤher Thaten zu leiden, was vielleicht dienen ſollte, Keim kuͤnftigen Gluͤcks zu ſein. Verließ ich beim Hintritt aus dieſem Leben Alphons als einen gluͤcklichen Menſchen, ſo konnte ſein froher Muth von der Kenntniß meines Schickſals erkranken; ſah ich ihn von Leiden gedruͤckt neben mei⸗ nem Sterbebette ſtehen, ſo konnte es ihm den Muth, ſeines Leidens Herr zu werden, benehmen. Aber mein Stillſchweigen uͤber ſein Vaterland, ſeinen Ur⸗ ſprung, hatte denn das nicht auf ſeine Bildung ge⸗ 318 wirkt? Hatte mein Herz nicht tauſend Mal geblutet, wenn der ſinnende Knabe, wenn der zartfuͤhlende Juͤng⸗ ling, jedes Mal wenn ſeine Vorſtellungen dieſe Begrifſe beruͤhrten, mit einer bangen Scheu zuruͤckwich und in verdoppelter Zaͤrtlichkeit von mir Verarmter fuͤr das unbekannte Gut einen Erſatz zu finden meinte? War das weniger Walten der ewig nahen Vergeltung? Seit ich mit Ihnen verbunden bin, beſchaͤftigte mich oft der Entſchluß, Ihnen dieſe Schrift zu hinterlaſſen; zum Theil, um wahr zu ſein gegen Sie, zum Theil, um ihren Gebrauch fuͤr Alphons von Ihnen abhaͤngig zu machen. Was heute vorging, warf mich anbetend nieder vor den Thron meines Gottes. Indem Sie erzaͤhlten, ſchien ſich das Chaos von Schuld und Un⸗ gluͤck vor mir zu entwirren; ich ward mir bewußt, daß wir— frei wie wir einſt waren, Sie, Ihren Un⸗ willen gegen Norberg zu bezaͤhmen, ich, meine Liebe zu fliehen— nun frei ſind unſere Kinder zu bwggluͤcken. Nicht Schuld gattet ſich hier mit Schuld, ſondern die Tugenden unſerer Kinder ſind das Pfand unſerer geret⸗ teten moraliſchen Wuͤrde, und ihr Gluͤck, das Gott in unſere Haͤnde gelegt, iſt das Pfand ſeiner Guͤte.“ Frobig und Anna fuͤhlten die ganze Wichtigkeit des Entſchluſſes, zu dem Juliane ſie aufrief. Ein Meer von Zweifeln drohte ſie zu verſchlingen, ſobald ſie einer andern Empfindung Raum gaben als dem Glauben an die Kraft ihres Willens, der es allein vermochte die Folgen ihrer Thaten zum Segen zu wenden. Frobig war von dem Ungluͤck, das er uͤber die Seinen gebracht hatte, zu tief erſchuͤttert, um ſeiner Gattin in dieſem 319 Augenblick das Beiſpiel dieſes Glaubens geben zu duͤr⸗ fen. Er ſchwieg mit einem Ausdruck, der ihre Ent⸗ ſcheidung aufzufodern ſchien. Annens reine Zuͤge ſpra⸗ chen tiefe Wehmuth aus. Noch nie hatte ſie Beſchaͤ⸗ mung und Zweifel in dem Manne geſehen, in dem ſie ſeit zwanzig Jahren ihr Vorbild, ihre Stuͤtze verehrt hatte. Doch bald ging dieſe Wehmuth in ſiegende Hei⸗ terkeit uͤber.„Sind wir denn nicht frei,“ ſagte ſie,„die⸗ ſes Ungluͤck zum Segen zu wenden, wie Juliane es ſagt? Hier oder an den Ufern des Fluvana heiligt die Tugend unſer Leben, und wir wollen im Vertrauen auf ſie den Bund unſerer Kinder beſchließen.“ Frobig war im Herbſte der Jahre; wenn er jetzt in die Umarmung ſeiner Gattin ſank, war es nicht das Entzuͤcken des Verliebten, es war die Bewunderung der vollendeten weiblichen Guͤte, die dieſe Huldigung gebot. Schnell eilten ſie nun zu ihren Lieben zuruͤck, in eben dem Momente, als der Oberſt mit Alphons zu ihnen eintrat. Auf Julianens Geſicht war jeder andere Ausdruck in reine Ergebung verſchmolzen. Sie hatte Emma zu troͤſten geſucht; die Gruͤnde, welche dieſe welterfahrne, an Ungluͤck gewoͤhnte Frau hervorſuchen mußte, um das kindliche Herz dieſes Maͤdchens zu ſtaͤr⸗ ken, die das Gluͤck ihres jungen Lebens auf dem Spiele ſah, hatte ihr die Nichtigkeit jedes andern Troſtes als den freudiger Ergebung gelehrt. Sie hatte beweiſen wollen und hatte gebetet. Fuͤr dieſen Troſt hatte auch Emma's Herz ſich geoͤffnet, doch Alphonſens Anblick entriß ihrer Froͤmmigkeit den ſchwer erkaͤmpften Sieg. 7 320 Sie verhuͤllte ihr Geſicht und nahm nicht wahr, wie ihr Vater, ohne eine andere Erklaͤrung, als die in ſei⸗ nen erheiterten Blicken lag, ſeinen Pflegeſohn ihr zu⸗ fuͤhrte; nur als ſie ſeine Hand in der ihrigen fuͤhlte, hob ſie in aͤngſtlich ſuͤßem Schrecken ihr Haupt auf und hoͤrte die Worte: Alphons, Deine Mutter berech⸗ tigte mich, Dich Sohn zu nennen. Willſt Du eines ſo ungluͤcklichen Vaters Tochter als Weib ehren? Die weitern Schickſale dieſer Menſchen in dem fernen Lande, das ſie nun ſchon viele Jahre als Buͤr⸗ ger bewohnen, wird uns vielleicht einer der Landsleute erzaͤhlen, die dort eine Heimath zu ſuchen im Begriffe ſind. Wir ſchließen dieſe Darſtellung mit der vorlaͤu⸗ figen Nachricht, daß in den Fluren von Virginien ihr Wohl, auf Wahrheit und Liebe gegruͤndet, keinen Wan⸗ del erfuhr. Der Vorwurfsfreie vermeide ihre Schuld; der Schuldige beſiege ihre Folgen, ſowie ſie ſie beſiegten. VI. — — — — 2 — — 2 — 22 .— 2 — — 21 JIo habe doch recht, liebe gute Tante, ſagte Julchen ſchmeichelnd zu ihrer Erzieherin, Agnes Montjoi, der ſie ſeit ihrer Kindheit den Schmeichelnamen Tante bei⸗ legte; ich habe doch Recht, daß Sie tiefſinnig und un⸗ ruhig ſind, ſeit meines Eduards letzte Briefe unſere Vereinigung außer Zweifel geſetzt haben. Das thut mir weh! Ich kann ein Gluͤck nicht rein genießen, das meiner Agnes keine Theilnahme einfloͤßt.— Wenn der Grad meiner Theilnahme Dein Gluͤck beſtimmen ſoll, erwiderte Agnes, meine Julie, ſo muß es unbe⸗ dingt, unermeßlich ſein. Laß mir dieſen Ausdruck, meine Liebe! Du haſt mich in der Freude wol ſchon oft ſtill geſehen.— Still? ja, Agnes, weil Sie in ihr ver⸗ loren waren; aber bei meiner Freude ſind Sie zer⸗ ſtreut. Lachen Sie Ihr unerfahrnes Kind nicht aus, aber ich empfinde Ihre Stimmung als eine Vor⸗ bedeutung fuͤr mein Schickſal. Ich denke, Sie ahnen die Fluͤchtigkeit meines Gluͤcks.— Nicht doch, liebe Schwaͤrmerin! Was mich neben meiner Freude uͤber Dich beſchaͤftigt, iſt eine geringfuͤgige Selbſtheit. Die Ankuͤndigung, daß Eduards Onkel uns beſuchen ſollte, 3 21* 324 weckte ſchmerzliche Erinnerungen in mir auf, die ich freilich muthiger beſeitigen ſollte.— Der Beſuch dieſes Onkels? dieſes beſten, gutmuͤthigſten der Menſchen? — Nicht um ſeiner Individualitaͤt willen, liebe Julie, ſondern aus zufaͤlligen Urſachen. Ich erinnerte mich an Zeiten, die er laͤngſt vergeſſen haben wird. Ich glaube dieſen Onkel in meiner Ältern Hauſe gekannt zu haben.— Julchen horchte hoch auf; ſo innig ſie mit Agnes vertraut war(denn ihre Mutter ſtarb in ihrer fruͤheſten Kindheit, und Agnes hatte ſeitdem ihre Stelle vertreten), ſo wenig wußte ſie von ihrer Jugend⸗ geſchichte. Ohne geheimnißvoll zu ſein, wußte ſich Ag⸗ nes das Recht, unbekannt zu bleiben, zu verſchaffen, und Julchens Vater, der ſeit mehren Jahren ſeiner Gattin nachgefolgt war, hatte ihr nur ſo viel geſagt, daß herbe Ungluͤcksfaͤlle ſie genoͤthigt haͤtten, außer ih⸗ rem Vaterlande eine Verſorgung zu ſuchen. Julchen ging es alſo mit ihrer Freundin Schickſal, wie es mit manchen Dingen im Leben geht; wir ſind ſo fruͤhzeitig gewohnt, ſie nicht zu begreifen, daß wir nicht eher uͤber ſie nachdenken, als bis Begriffe in uns wach wer⸗ den, in denen wir Analogie mit dem Unbegriffnen ah⸗ nen. Als Agnes ihrer fruͤhern Bekanntſchaft mit dem Onkel ihres Geliebten erwaͤhnte, fiel es Julchen ploͤt⸗ lich auf, daß ihr jene ſo viele Menſchenſchickſale er⸗ zaͤhlt, aber das ihrige nie im Zuſammenhange entdeckt hatte. Agnes war ein Weſen, deſſen ſtille Klarheit Denen, die ſie liebten, immer das Gefuͤhl gab, bis tief in ihre Seele zu blicken, wie in die Tiefe eines kryſtall⸗ hellen Waſſerbeckens; ob man aber in dieſer Tiefe den Grund ſieht, vergißt man in der Freude an dem ſtillen reinen Spiegel, in dem alle Gegenſtaͤnde ſchoͤner zuruͤck— ſtralen. Agnes, Sie muͤſſen mir das NRaͤthſel erklaͤren! Seit wann haben Sie entdeckt, daß Sie den Onkel kennen? Wie wiſſen Sie, daß er Sie nicht kennt? Raͤthſel ſind hier nicht im Spiel, liebe Seele. Eine lange Gewohnheit, von mir ſelbſt zu ſchweigen, hat mir das Sprechen ſehr ſchwer gemacht. Was ich Dir verſchwieg, Anfangs, weil Du ein Kind warſt, ſoaͤter, weil es ſich durch die Zeit tief in meine Seele verſchloſſen hatte, iſt auch ſehr geringfuͤgig und hat gar keinen Werth mehr. In zwoͤlf Jahren waͤchſt uͤber Vieles Gras! uͤber Graͤber und wunde Her— zen!— Julchen umarmte geruͤhrt die ſanfte ernſte Freun⸗ din, die mit dem Ausdrucke lange und ſtumm ertragener Leiden geſprochen hatte. — Daß der Onkel mich bis jetzt aus Eduards Erwaͤh⸗ nung nicht erkannt hat, begann Agnes von Neuem, liegt in der zufaͤlligen Veraͤnderung meines Namens. Ich heiße Frohberg. Deine gute Mutter wollte durch⸗ aus eine Franzoͤſin zur Erzieherin ihres Kindes haben. In Nancy erzogen, mit der Sprache und Literatur dieſes Landes ganz ſo wie mit der Deutſchen bekannt, durfte ich mich fuͤr ebenſo geſchickt halten, ihren Wuͤn⸗ ſchen zu entſprechen, als eine geborne Franzoͤſin; ich uͤberſetzte meinen Namen, wie es meines Vaters fran⸗ zoͤſiſche Correſpondenten oft gethan hatten, und ward als Fraͤulein Montjoi Deine Erzieherin, ohne daß 326 Deiner Mutter meine niederlaͤndiſche Geburtsſtadt wei⸗ ter auffiel. Und der Onkel, liebe Tante? Agnes laͤchelte ſchmerzlich. Kleine Fragerin, ich werde Dir endlich eine ordentliche Lebensbeſchreibung machen muͤſſen, wie in den alten Ritterromanen. Da, da kommt der Thee; ſetze den Tiſch an's Kamin, der Vormund kommt erſt nach dem Schauſpiele nach Hauſe; wir wollen uns einbilden, wir ſaͤßen, ſtatt neben dem Theekeſſel, an einer rauſchenden Quelle, und der Ka⸗ minſchirm kann ein Roſengebuͤſch vorſtellen, welches uns vor den Stralen der Sonne ſchuͤtzt. Ich bin alſo ein bedraͤngtes Fraͤulein, welches auf Deiner Burg eine Freiſtaͤtte fand, und beginne meine Geſchichte. Julchen erwartete Wunderdinge und hing an den Lippen ihrer Freundin, ohne auf den ſpoͤttiſchen Zug, der um ihre Wangen ſpielte, zu achten. Daß mein Vater ein Niederlaͤnder war, weißt Du. Er war Beſitzer einer der großen Tuchfabriken in ***. Der gute Kaiſer Joſeph gab ihm den Adel, und ſeine Induſtrie verſchaffte ihm Reichthum. Ich ward bis ins zehnte Jahr in meines Vaters Hauſe er⸗ zogen, oder nicht erzogen, wie man's nennen will, und dann nach Nancy in ein Kwoſter geſchickt, wo viele und nur reiche und vornehme Koſtgaͤngerinnen waren. Die Erziehung war wirklich gut, ihre Beſchraͤnkung war Klarheit, in ihrer Andaͤchtigkeit Herzlichkeit, in dem Unterrichte von Kunſtfertigkeiten Geſchmack. Ich war kindlich froh bei meinen lieben Nonnen; aber mehr als ſie trug die Verbindung mit ein paar jungen Deut⸗ 327 ſchen bei, die mit uns erzogen wurden. Beide waren um zwei Jahre aͤlter als ich, die Eine Tochter eines ſchwaͤ⸗ biſchen Reichsgrafen, die Andere, vom Buͤrgerſtande, wie ſie mir ſagte, die Tochter eines verſtorbenen Freundes vom Grafen, der ſie mit ſeinem Kinde und ganz wie ſeine Schweſter erziehen ließ. Die groͤßte Ähnlichkeit ihrer Zuͤge mit dem Grafen und die gleiche, herzliche Liebe, die er beiden erwies, als er einmal zum Beſuche da war, machte glauben, daß Nina ſeine natuͤrliche Tochter war. Doch das iſt jetzt gleichguͤltig, und damals dachte ich nicht daran. Genug, daß dieſe beiden Maͤdchen mir meine froheſten Tage verſchoͤnerten. Ein gutes Schickſal hatte ihre Seelen vor jedem nachtheiligen Einfluſſe bewahrt, ſie waren ganz Guͤte, ganz dem Be⸗ duͤrfniſſe hingegeben, ihr Gluͤck zu begruͤnden. Unſere Kindheit floh auf leichtem Fittige voruͤber, und Arm in Arm verſchlungen, traten wir in das Jugendleben, als ich in meinem funfzehnten Jahre durch meinen er⸗ ſten Schmerz, und den heftigſten, der mich treffen konnte, zu einer erſten Entwickelung meines Gemuͤths vorbereitet werden ſollte. Eine gefaͤhrliche Maſernſeuche ſahtet die ganze Ge⸗ gend heim; meine Walburga ward davon angeſteckt. Da ich die Krankheit uͤberſtanden hatte, gab man ihren und meinen dringenden Bitten nach: ich durfte den groͤßten Theil des Tages in ihrem Krankenzimmer zu⸗ bringen, und Nina, uͤber welche die Abtiſſin ebenfalls die Verſicherung erhalten hatte, daß ſie keiner Anſteckung mehr unterworfen ſei, verließ ihre geliebte Schweſter nicht. Walburgens Zuſtand ward gefaͤhrlich. Noch iſt 328 mir das Entzuͤcken gegenwaͤrtig, in welches Glauben und Schmerz zuſammenfloſſen, wenn ich am Fuße der Altaͤre lag; noch empfinde ich das Kindesvertrauen, welches mich erhob, meine Schritte befluͤgelte, die Luft, die ich athmete, leicht machte wie Fruͤhlingswehen, wenn ich eine Meſſe fuͤr die theuere Kranke beſtellt hatte. Wie ſie zuſehends ſchlechter ward, ſtellte ich mich mehre Tage Mittags vor die Pforte des Kloſters, uͤbernahm die Austheilung der Suppe an die Armen, und indem ich jeder Portion ein Almoſen hinzufuͤgte, mit der Bitte, fuͤr Walburga zu beten, fuͤhlte ich eine Demuth des Herzens und Geiſtes, welche dieſe gering⸗ fuͤgige Handlung zum Gottesdienſte machte. Aber Walburga erlag dem Übel. Nina und ich fanden in dem Kinderglauben, in welchem wir gebetet hatten, auch Troſt daruͤber, daß wir nicht erhoͤrt waren. Mein junges Herz ſollte aber noch geuͤbter werden im Bit⸗ ten und Glauben. Die Perſonen, welche Ninas Si⸗ cherheit vor Anſteckung bezeugt hatten, mußten ſich ge⸗ irrt haben; wenige Tage nach Walburgens Tode brach dieſelbe Krankheit bei ihr aus; ihr durch Kummer uͤber unſerer Freundin Tod angegriffener Koͤrper widerſtand ihr nicht lange, und ich beweinte die liebſten, einzigen vertrauten Freundinnen meiner Jugend. Damals lernte ich die Wolluſt meines Schmerzes rein kennen. Ich glaube, daß ich Momente an ihrem Grabe zuge⸗ bracht habe, wo mein Geiſt einen Grad von Lebendig⸗ keit empfand, die unabhaͤngig von den Kraͤften meines Koͤrpers war. Wenn ich wieder aus dieſer Vernichtung in Gebet und Weinen zuruͤckkam, war ich mir bewußt, 329 vergeſſen zu haben, was ich, waͤhrend ſie dauerte, empfand; aber die Sehnſucht, die mich erfuͤllte, ſie zu erneuern, uͤberzeugt mich, daß mir unausſprechlich wohl war. Mein Koͤrper erlag aber dieſer Spannung, ich brachte ein Jahr ſehr kraͤnkelnd zu, waͤhrend dem ich die Ruͤckreiſe nach dem vaͤterlichen Hauſe nicht unter⸗ nehmen durfte, und verließ am Schluſſe meines ſechs⸗ zehnten Jahres mein geliebtes Kloſter und die Graͤber meiner holden Geſpielinnen. Zu derſelben Zeit, als ich aus der Penſion zuruͤck⸗ kehrte, hatte mein einziger Bruder, der um ſechs Jahre aͤlter war als ich, ſeine Studien vollendet. Er war zum Handel beſtimmt; ein unverheiratheter Bruder meines Vaters, der als Gelehrter einen bedeutenden Namen hatte, machte es aber zur Bedingung ſeiner Erbſchaft, daß ſein Neffe eine wiſſenſchaftliche Ausbil⸗ dung erhalten ſolle; auf dieſe Weiſe beſuchte er ſogar eine norddeutſche Univerſitaͤt, machte eine Reiſe durch Deutſchland und Italien und, Dank ſeinem Fuͤhrer, kam als ein liebenswuͤrdiger, ſehr gebildeter Juͤngling zuruͤck. Dieſer Hofmeiſter iſt Eduards Oheim. Obſchon mein guter Vater alle Wiſſenſchaften nur in ſofern ſchaͤtzte, als ſie zum Flore des Handels und Fabrikweſens beitrugen, ließ er doch Herrn Schoͤnfeld alle Gerechtigkeit widerfahren. Der Mann hatte eine Menge Commercialkenntniſſe und war ein vortrefflicher Chemiker. Beides konnte mein Vater benutzen; mit großer Bereit⸗ willigkeit ging er alſo meines Bruders Vorſchlag ein, ihn als Mitglied der Familie aufzunehmen. Agnes hielt hier zerſtreut inne. Julchen wartete 330 lange und fragte dann mit dringender Theilnahme: Nun? und war der Onkel damals ſchon ſo lieb? Wie lange blieb er? denn Eduard mußte doch damals ſchon ein großer Junge ſein, und er hat ihn fruͤh un⸗ ter die Haͤnde genommen. Agnes ſah ihr, wie es ſchien, mit ihren Ideen ſehr beſchaͤftigt, in die hellen, fragenden Augen und fuhr dann, wie eine Perſon, welche ihren Bericht gern ſchnell beendigen will, fort: Die Bildung, welche mein Bru⸗ der ihm zu danken hatte, ſpricht ſchon zu ſeinem Vor⸗ theile; ihn richtig zu beurtheilen, war ich zu jung. Bald brachen auch die unruhigen Zeiten der Revolution aus; Herr Schoͤnfeld ging nach Deutſchland zuruͤck; unſer Handelshaus ward geſtuͤrzt; meinem Vater er⸗ ſparte der Tod den Schmerz, das traurige Schickſal ſeiner Kinder zu beweinen, mein Bruder fiel in der fraͤnkiſchen Armee; eine Freundin meiner Mutter, die mir kurz nach meiner Ruͤckkehr der Tod raubte, gab mir, als ich, ohne Schutz und Obdach, vergeblich durch meiner Haͤnde Arbeit mein Brot zu gewinnen ſuchte, in Duͤſſeldorf eine Zuflucht; von dort ward ich Deiner Mutter empfohlen.— Du ſiehſt, mein Julchen, wie wenig dieſe Geſchichte Deine Neugier lohnen konnte. Julchen ſah verlegen aus. Liebe Agnes, was Sie mir erzaͤhlt haben, iſt freilich weniger, als ich erwar⸗ tete; nicht weil es Ihnen an Begebenheiten fehlte, aber weil ich noch nicht begreife, wie Sie ſo wenig von ſich zu ſagen haben, da der Reichthum Ihres Her⸗ zens ſo deutlich beweiſt, wie viel Sie empfunden und beobachtet haben. 331 Von mir zu erzaͤhlen? Liebes Kind, iſt eine ganze Vergangenheit, welche das Grab verſchlang, eine kahle Erzaͤhlung? Kann ein Geiſt uͤber Todtenhuͤgeln und Truͤmmern nicht reifen? Verwandte, Vaterland, Wohlſtand, bis zu dem Namen meiner Familie— O meine Agnes, ich bin ein leichtſinniges, unbe⸗ ſonnenes Geſchoͤpf! Aus Theilnahme an Ihren Leiden reiße ich Ihre Wunden auf. So rief Julie und weinte an ihrer Freundin Halſe, die ſie aber bald wieder in ein heiteres Geſpraͤch gezogen hatte. Julchen erwartete ihren Geliebten und ſeinen Onkel erſt in ein paar Monaten, und dieſe Zeit fuͤllte die muͤtterliche Freundin nach althergebrachtem Gebrauche mit Verfertigung der Ausſteuer aus. Julchens Vor⸗ mund, in deſſen Hauſe ſie lebte, ein alter Witwer, war ſehr froh, das Rechnungsweſen ausgenommen, alle weltlichen Angelegenheiten ſeiner Muͤndel in die Haͤnde der ſorgſamen Agnes zu legen. Indeß dieſe Leinwand zerſchnitt, Bett⸗ und Tiſchzeug naͤhen ließ, beſorgte Julchen mit frohem Muthe Brautſtaat und Hausklei⸗ der, und bei dem Einen und dem Andern beſeelte ſie der Gedanke, daß ſie durch dieſen Anzug ihrem Eduard gefallen ſollte. Mitten in dieſen feſtlichen Zubereitungen kam ein großes Pack an, welches, wie ein Brief von Eduard verkuͤndet hatte, ſeine und des Onkels Brautgeſchenke enthielt. Mit tumultuariſcher Neugier packte Julchen die Schaͤtze aus. Stuͤcke des feinſten Linon, Levanti⸗ nen, niederlaͤndiſche Spitzen, verbotene engliſche Zeuche von der ausgeſuchteſten Gattung. Noch blieb eine kleine 332 Schachtel zu unterſuchen uͤbrig. Ach, das iſt vom Onkel, rief Julchen, zog einen Brief unter dem Bind⸗ faden hervor und band ihn auf. Eine Uhr! Sie iſt ſchoͤn, aber recht altmodiſch; ſehen Sie, eine Stahl⸗ kette! Berlocken! Email!— und hier ein Medail⸗ lon!— O, wie es meine Mutter an ihrer Hochzeit trug— aber ein ſchoͤnes Basrelief! Amor und Pſyche! Der gute, wunderliche Onkel!— Ha, da kommt das Beſte! Herrliche Perlen, eins, zwei, zwoͤlf Schnuͤre! Das iſt fuͤr Hals und Arme und Haar! Aber der Brief—. Agnes war bei dem Anblicke der Uhr blaß gewor⸗ den und heftete ihren Blick auf ſie und das Medaillon, welches ihr Beides Julchen nachlaͤſſig in die Haͤnde ge⸗ geben hatte, und waͤhrend Julchen ſchwatzte, rollten helle, ſtille Thraͤnen aus ihrem Auge. Julie beobach⸗ tete ſie nicht, ſondern las ihr des Onkels Brief vor: „Meine theure Tochter!“ „Nur der hoͤchſte Begriff von ehelichem Gluͤck hat mich ſo lange zaudern gemacht, eh' ich Eduards Wuͤn⸗ ſchen meine Zuſtimmung gab. Euer Wohl muß die Sonne meiner ſpaͤten Tage ſein, denn Euer Ungluͤck wuͤrde mich in das Grab fuͤhren. Bald ſehe ich das liebe Geſicht mit eignen Augen, welches alle die Kind⸗ lichkeit, den Eifer fuͤr's Edle und Schoͤne ausdruͤcken ſoll, die ich auch in Ihren Briefen leſe. Bis dahin, meine Tochter, ſei Ihnen beiliegendes Geſchenk ein Beweis, daß ich Ihrer Freude Alles, auch mein Lieb⸗ ſtes hingebe. Dieſe Uhr, dieſes Medaillon mit dem 333 ſinnvollen Bilde war einſt Pfand meines Erdengluͤckes. Es ward zerſtoͤrt dieſes Gluͤck, aber ſein Andenken blieb in mir und ward ein Pfand jener ſeligen Ewigkeit, wo ich mit Der wuͤrde vereint ſein, welcher dieſes Pfand beſtimmt war. In dieſem Sinne hob ich es auf und wollte es aufheben bis an meinen Tod. Nun widme ich es Eduards Braut. Amor und Pſyche ſei das Symbol Eurer Verbindung, und die Ehrfurcht, mit der ich dieſe Dinge aufbewahrte, und die Wehmuth, mit der ich ſie in Ihre Haͤnde gebe, meine junge Toch⸗ ter, ſei Vorbild Eurer Treue. Neben dieſen Schaͤtzen darf ich der Perlenſchnuͤre nicht erwaͤhnen.“ Julchens Stimme zitterte, Thraͤnen entfielen ihr, ehe ſie geendigt hatte, und die Perlen hinwerfend griff ſie nach der Uhr, die ſie an ihren Mund druͤckte, und nach dem Medalllon, das ſie ſogleich an ihrem Buſen verbarg. Ein tiefer Seufzer, der aus Agnes' Bruſt ſtieg, als ſie haſtig nach dem Medaillon griff, machte ſie aufmerkſam; ſie heftete einen forſchenden Blick auf ihre Freundin, die angefangene Rede ſtockte in ihrem Mund. Agnes, Sie haben mir nicht Alles von Ihrer Geſchichte erzaͤhlt! rief ſie wie von prophetiſchem Geiſte ergriffen und ſchlang ihren Arm um Agnes' Hand. 3 Nein, ich verſchwieg Dir, was ich vertilgt glaubte durch den Lauf der Jahre, und was in meinem Her⸗ zen noch zu lebendig ſtand, um wie das Übrige, Ver⸗ gangene erzaͤhlt zu werden. Dieſe Uhr, dieſe Pſyche — ich erhielt ſie von ihm— ich war ſeine Braut. Nicht ſogleich fand Agnes Ruhe genug zum Er⸗ 6 8 6 8 14 1 334 zaͤhlen, noch Julchen zum Anhoͤren. Wir wollen ihre Geſchichte hier geben, wie ſie uns bekannt wurde. Bis zu der Aufnahme des Herrn Schoͤnfeld in des Herrn von Frohberg's Hauſe hatte Agnes Jener ihre Begebenheiten erzaͤhlt; allein weder Julie noch wir hat⸗ ten weder ſie noch ihre Familie daraus kennen gelernt. Es iſt nothwendig, dieſe Luͤcken zu ergaͤnzen. In jenen Gegenden hatte ſich bis zu dieſer Zeit in den alten echt deutſchen Familien ſelbſt neben einem anſehnlichen Reichthume ein auffallender Grad von deutſcher Zucht und Sitte erhalten. Der taͤgliche Gang des Lebens war maͤßig und arbeitſam die Feſttage des Calenders waren auch Feſttage fuͤr die Hausgenoſſen; die Vormittage feierte alsdann die Predigt, die Mittage eine ſtattliche Mahlzeit und die Abende eine zierliche Kaffegeſellſchaft fuͤr die Hausfrau und ein ehrbarer Weinhausbeſuch von Seiten des Eheherrn und der an⸗ dern maͤnnlichen Bewohner des Hauſes nach Stand und Wuͤrden. Die Maͤdchen blieben in der Kinder⸗ ſtube, bis ſie in die Kloſterkoſt kamen, und, wann ſie zuruͤckkehrten, an der Seite der Mutter, bis man ſie einem Gatten zu uͤberantworten Gelegenheit fand. Reiſen machten nur die Maͤnner, und wenn Fremde kamen, erzeigte man ihnen zwar eine ſplendide Gaſt⸗ freundſchaft, die Hausfrau blieb aber in ihrem gewoͤhn⸗ lichen Kreiſe, die vermehrten Geſchaͤfte abgerechnet, welche ihr der Beſuchende gab. Die Gaſtzimmer muß⸗ ten geluͤftet werden, das himmelhohe damaſtne Vor⸗ hangbett mit feinem Leinzeug belegt, ein damascirtes, fuͤnf Ellen langes Handtuch, welches in einen Zirkel 33⁵ gebunden war, an eine Rolle neben dem Waſchtiſch aufgehangen, und von den funfzigerlei Porzellanfigu⸗ ren, die auf der Spiegelcommode ſtanden, ſorgfaͤltig der Staub geputzt werden. Gaͤſte, die man ſo em— pfaͤngt, werden nie Gaſtfreunde, ſie laſſen keine Spur zuruͤck und nehmen keine mit ſich fort, und fuͤr Men⸗ ſchen, welche Gaſtfreundſchaft ſo behandeln, iſt die Zeitung dann das einzige Band, das ſie mit der Mitwelt verknuͤpft. Von Ältern, die ihre Tage ſo ruhig abſpannen, ward Agnes geboren. Das Ungefaͤhr, das aus ihres Vaters Bruder einen Gelehrten werden ließ, wirkte nicht nur auf ihren Bruder, den es zum Studiren vermochte, ſon⸗ dern mittelbarer auch auf ſie. Der gelehrte Onkel war auch ein reicher Onkel, und dieſes gab ſeinem gelehr⸗ ten Rufe bei dem Herrn von Frohberg ein ſo anſehnli⸗ ches Gewicht, daß ſein ganzes Hausweſen bei aller hergebrachten Ordnung um ein Merkliches aus dem alltaͤglichen Kreiſe kam. Mehr als einmal hatte ihm der gelehrte Bruder von Loͤwen, wo er lebte, gelehrte Reiſende empfohlen. Das obenerwaͤhnte hohe Himmels⸗ bett empfing ſie in ſeiner zartflaͤchſenen Huͤlle, und der redliche Herr von Frohberg fuͤhlte ſich geſchmeichelt, als ihm ſein Bruder ein paar Mal in gedruckten Buͤchern die Stelle bezeichnete, in welchen beruͤhmte deutſche Gelehrte, oder doch wißbegierige Juͤnglinge dieſer Na⸗ tion ſeiner Tuchfabrik das hoͤchſte Lob ertheilten und mit dem ernſten gruͤndlichen Geiſte, der dieſer Nation eigen iſt, alles Eigenthuͤmliche ſeiner Anſtalten, bis auf das damascirte Handtuch, im endloſen Kreiſe aufgeknuͤpft, erwaͤhnten. Das Adelsdiplom des guten Kaiſers kam 336 noch hinzu, und Agnes ward nun nicht nach Tongern, St. Tron oder Tirlemont geſchickt, wie es die Kauf⸗ mannsfamilien jener Gegend gewohnt waren, ſondern in das Viſitandinenkloſter in Nancy, wo nur eine ſehr anſehnliche Penſion Eingang verſchaffte. Aus dem lie⸗ benden Zirkel der zahlreichen Geſpielen, aus dem leb⸗ haften Umgange der ganz franzoͤſiſchen Nancyer, aus dem gebildeten Tone der ſehr wohlgezogenen Nonnen, welche durch dieſen ihre Koſtſchule in Anſehen erhalten mußten, kehrte Agnes nach mehren Jahren nun wie⸗ der in das vaͤterliche Haus zuruͤck. Sie war in dem Alter, wo jedes erwachende Gefuͤhl ein Lichtſtral fuͤr unſere Vernunft wird, und die Eindruͤcke, welche Freund⸗ ſchaft und Schmerz ihr in dem Kloſter gaben, hatten ihre Seele noch beduͤrftiger und empfaͤnglicher gemacht. Ihr junges Herz hatte ſich von dem Wiederſehen ihrer Altern, ihrer Kindheitsumgebungen unendlich viel Freude verſprochen; ſie fand ſolche in der erſten Umarmung des Vaters, in dem Empfange der Mutter; aber mit je⸗ dem Tage mehr fuͤhlte ſie eine lange Leere, fuͤr die ſie keine Urſache wußte. In ihrer Kindheit war ja Alles ſo, und ſie war gluͤcklich; um ſie war alſo nichts veraͤn⸗ dert, in ihr mußte es anders geworden ſein. Dieſe Veraͤnderung konnte nur Eine Urſache haben, und dieſe lag in Waldburgens, in Ninas Grabe. Nun hatte ſie einen Namen fuͤr ihren Gram. Der Vater ward nichts von der Stimmung ſeiner Tochter gewahr; ſo lange Niemand beim Eſſen oder im Kirchſtuhl fehlte, hielt er ſeine Heerde fuͤr wohlbewacht; die Mutter, welche ſehr fromm war, hielt Agnes' Schwermuth fuͤr 337 einen Hang zum Kloſterleben, und haͤtte gern eine Hei⸗ lige in ihrer Familie gehabt; allein der Schwager in Loͤwen hatte dieſen Gedanken von jeher nicht in ſeines Bruders Hauſe aufkommen laſſen. Die Ruͤckkehr des Sohnes von ſeinem akademiſchen Aufenthalte, von Rei⸗ ſen und Schoͤnfelds Anweſenheit brachten allmaͤlig eine Veraͤnderung in Agnes' Stimmung hervor. Schoͤnfeld war von guter buͤrgerlicher Familie aus Norddeutſchland, ſein Vater war ein Geiſtlicher, er ſollte ſich dem Pre⸗ digerſtande beſtimmen; ein unwiderſtehliches Beduͤrfniß, den Menſchen und die Erde kennen zu lernen, trieb ihn, Alterthuͤmer und Naturgeſchichte mit inniger Liebe zu ſtudiren. Sein weiches Herz, ſein ruhiger, klarer Geiſt, lehrte ihn bei der Beſchraͤnktheit ſeiner Mittel eine Genuͤgſamkeit, bei der ihm der Beſitz des Noth⸗ wendigen Genuß, und jeder kleiner überfluß ein Feſt ward, das nur durch Theilnahme aller ihn Umgebenden gefeiert werden konnte. Wie er auf Univerſitaͤten war, ſchickte ihm ſeine Mutter von der nicht ſehr entfernten Pfarre nie einen Leckerbiſſen oder einen noͤthigen Vor⸗ rath, ohne daß ſein Stubenkamerad an dem erſten und ein paar Hausarme an dem letzten Theil nehmen mußten; wenn er bei ſeinen botaniſchen Wanderungen neue Schaͤtze nach Hauſe brachte, hatte er gewiß zu⸗ gleich einen Straus wohlriechender Blumen gepfluͤckt, mit welchem er ſein Zimmer verzierte, wofuͤr der Stubenkamerad, welchem der Wohlgeruch lieb war, dann wieder die Geduld hatte, ſeine kindliche Freude uͤber die wunderſchoͤne Bildung eines Graͤschens anzu⸗ hoͤren. Die beſte Geſellſchaft zog ihn an ſich; er V. 3 22 338 glaͤnzte nicht in ihr, aber er war ein mildes Licht, das alle Die anzog, welche Helle des Kopfs und Waͤrme des Herzens in ihrer Unterhaltung bedurften. Er wartete ſchon ein paar Jahre, welche er mit paͤdagogiſchen Ar⸗ beiten ausfuͤllte, auf einen kleinen Kirchendienſt, als eine Anfrage an einen der Profeſſoren der Univerſitaͤt ihm den Beruf verſchaffte, den jungen Frohberg waͤh⸗ rend ſeiner Studien und nachher auf Reiſen als Men⸗ tor zu begleiten. Und wirklich erfuͤllte er ſeinen Beruf ſo heilig, als beſeele auch ihn Minervens Geiſt. Zoͤg⸗ ling und Fuͤhrer waren gleich gluͤcklich dabei. Frohberg ſollte ſich, ſeiner Lage angemeſſen, gerade mit den Wiſſenſchaften beſchaͤftigen, fuͤr welche Schoͤnfeld bis jetzt die Zeit mit Aufopferung ſeiner naͤchtlichen Ruhe entwandt hatte. Chemie und Handelsgeſchichte waren dem Fabrikanten, Kunſtgeſchichte und Literaturkenntniß be⸗ ſonders dem Manne von Vermoͤgen nothwendig. Mit Schoͤnfeld's Kinderherzen hatte noch kein Menſch in Zwie⸗ tracht leben koͤnnen; der junge Frohberg, ein lebenslu⸗ ſtiger Juͤngling, deſſen niederlaͤndiſche Derbheit mit ei⸗ nem Bischen franzoͤſiſcher Regbarkeit vermiſcht war, ſchloß ſich ihm herzlich an. Noch ehe er ſeinen Mentor in ſein vaͤterliches Haus einfuͤhrte, hatte er ſchon den feſten Ent⸗ ſchluß gefaßt, den bewaͤhrten Freund nie von ſich zu laſſen, ſodaß er mit frohem Muthwillen lachte, als ihm der bedaͤchtige Vater ſeiner chemiſchen Kenntniſſe wegen eine Stelle in ſeinem Hauſe vergoͤnnte. Dieſe Stelle fuͤllte er keineswegs muͤßig aus. Seine Ver⸗ ſuche wurden fuͤr die Bereitung der Farben und die Be⸗ handlung der Wolle ſehr wichtig, und der alte Froh⸗ 339 berg bot ihm nach einem Jahre freiwillig einen anſehn⸗ lichen Gehalt an. Schoͤnfeld's Wirkungskreis beſchraͤnkte ſich aber nicht auf die Farbenſtoffe allein; Agnes war ihm von ihrem Bruder als Schuͤlerin anvertraut, und er fand ſie in einem Alter, in einer Stimmung, wo ein junges Maͤdchen, wenn ſie gern lernt, ſehr ſchnelle Fortſchritte macht. Ein ſechzehnjaͤhriges Gemuͤth, das bis dahin alle ſeine Nahrung vor den heiligen Altaͤren und im Arme der Kindheitsgeſpielinnen fand, muß hoch aufflammen, wenn ihm die Schaͤtze der Kunſt und der Natur gezeigt werden. Schoͤnfeld's zarter Sinn, der ſelbſt frei von der Natur gebildet ward, lehrte ſie die⸗ ſen Schmuck des menſchlichen Lebens und ſein Vorbild zugleich auf eine Art kennen, welche ihrer Einfachheit, ihrer maͤdchenhaften Stille nichts benahm. Ihr Gefuͤhl, das ſonſt mit unbeſtimmter Sehnſucht umherſchweifte, heftete ſich nun an das Schoͤne und Große, und mit der Offenbarung der Wahrheit in ihrem Innern, die in dem reinen weiblichen Buſen in ſo leicht leſerlichen Buchſtaben eingegraben iſt, fuͤgte ſich ihr haͤuslicher Be⸗ ruf mit dem Genuſſe ihres Geiſtes zu einem gefaͤlligen Ganzen. Konnte aber das zartfuͤhlende Maͤdchen fuͤr den Mann gleichguͤltig bleiben, welcher ihrer ſchmerzenvollen Sehnſucht ein ſo ſchoͤnes Ziel gezeigt hatte?— Agnes hing kindlich— denn das reine Weib liebt ſtets kind⸗ lich, wenn es Gluͤck empfaͤngt, und muͤtterlich, wenn es Gluͤck ertheilt— an dem geehrten Lehrer, und der Lehrer hatte in ihr das Weib gefunden, das erſte und letzte, welches ihr ganzes Geſchlecht ihm darſtellte und 4 22* 340 allein ihm dieſes Geſchlecht verſinnlichen konnte. Aber dieſe Geſinnungen haͤtten die Lage der beiden Liebenden gegen einander nie veraͤndert. Agnes ſuchte keine andere Gruͤnde fuͤr ihre Gefuͤhle als den Genuß, den ihr ih⸗ res Freundes Unterricht gab, und Schoͤnfeld beſchied ſich vom erſten Augenblicke, wo er ſeine Neigung fuͤr die junge, reiche Agnes empfand, zur heitern Entſagung. Dieſer großmuͤthige Plan ward aber von Agnes' Bruder vereitelt. Joſeph, dem ein mannigfaltiger Lebensgenuß ein bischen Menſchenkunde und ſeine warme Freund⸗ ſchaft fuͤr ſeinen Schoͤnfeld Aufmerkſamkeit gab, nahm die Neigung der beiden ſich unbewußt Liebenden bald wahr und dachte daruͤber ſehr verſchieden von ſeinem Freunde. Die Hinderniſſe, die Stand und Vermoͤgen ihrer Vereinigung entgegenſetzten, fuͤhlte er ſich ſehr ge⸗ neigt aus dem Wege zu raͤumen. Dankhbarkeit und hohe Achtung fuͤr Schoͤnfeld foderte ihn dazu auf, und er fand eine noch maͤchtigere Triebfeder dazu in ſeiner Denkungsart. Der Geiſt der Zeit, der jene ungeheuern Veraͤnderungen herbeifuͤhrte, von deren Folgen Europa nun ſo viele Jahre erſchuͤttert wird, hatte ſich dem jun⸗ gen Manne mitgetheilt und machte Schoͤnfeld's Gluͤck zur Sache ſeiner Partie, die ſich damals in den Nie⸗ derlanden ſo laut ausſprach, wie nachmals bei ſeinen Nachbarn. Durch ſeine Verdienſte und Frohberg's Han⸗ delsgeſchaͤfte erhielt aber Schoͤnfeld um dieſe Zeit ein Gewicht, das kaum noch anderer Gruͤnde bedurfte, um ihn zu einem ſehr erwuͤnſchten Brautwerber fuͤr die lie⸗ benswuͤrdige Agnes zu machen. Der Fabrik hatte es noch immer an einem Handgriffe bei der Miſchung der 341 ſcharlachrothen Farbe gefehlt, um ihr Tuch mit dem engliſchen meſſen zu koͤnnen. Schoͤnfeld, welcher die ganze Wichtigkeit dieſes Umſtandes kannte, bot ſich an, einige Zeit in einer engliſchen Fabrik zuzubringen, um das Geheimniß zu errathen, wenn es eins ſei, oder den Vortheil abzulernen, wenn es nur Aufmerkſamkeit beduͤrfe. Die letztere, mit beſtaͤndig fortgeſetzten chemi⸗ ſchen Verſuchen, ſetzte ihn in Stand, die Tuͤcher der Frohberg'ſchen Fabrik um ein Drittel im Werth und Preis zu erhoͤhen. Ohne an die Wichtigkeit zu denken, die er dadurch fuͤr den alten Frohberg erhielt, trieb ihn ſeine Beſcheidenheit an, bis zu oͤfterer Bewaͤhrung ſeine Methode noch geheimhalten zu wollen; Joſeph, der eben mit dem Gluͤcke ſeines Freundes beſchaͤftigt war, wußte dieſen Umſtand beſſer zu benutzen. Er uͤbernahm es nach einigem Kampfe mit dem einfachen Manne, der die Fruͤchte ſeines Bemuͤhens durchaus als ein Gemein⸗ gut angeſehen wiſſen wollte, ſeinen Vater dahin zu vermoͤgen, daß Schoͤnfeld gegen ſeine Entdeckung als Theilhaber an der Fabrik angeſehen wuͤrde und Agnes' Hand erhalten ſolle. Schoͤnfeld litt bei dieſem Vorſchlage, weil er ihn ſtatt der ſtillen Entſagung, die jeden Genuß des Augenblicks kindlich annimmt, zu der Ungewißheit verurtheilte, ob ihm dieſer Augenblick bliebe? denn wenn ſich ihm der alte Frohberg nicht fuͤgte, wenn er lieber dem Vortheile ſeines Handels entſagte als dem armen Gelehrten ſeine Tochter gaͤbe—, ſo konnte keines der gegenwaͤrtigen Verhaͤltniſſe bleiben, und er war auf ewig von Agnes getrennt. Er hatte Joſeph gebeten, bis zur Entſcheidung, und 342 wenn dieſe unguͤnſtig ausfiele, niemals Agnes von ſei⸗ ner Liebe etwas zu entdecken. Es ward eben Fruͤhling; Agnes hatte ſich mit ihrem Lehrer ſchon das vorige Jahr mit der Pflanzenlehre beſchaͤftigt; oft hatte ſie waͤhrend dem Laufe des Winters ſich auf die Zeit gefreut, wo ſie wieder Pflanzen ſammeln, wo ſie ihre Kenntniſſe in der neubelebten Natur erweitern koͤnnte. Nun ſchweifte ſie oft allein, oft an ihres Lehrers Arm durch Feld und Gehoͤlze, um jedes Fruͤhlingskind zu erſpaͤhen; aber bei allen Blumen, die ſie fand, bei allen Kraͤutern, die ſie ſuchte, vergaß ſie einer Blume nicht, nach der ſie ſchon mehre Jahre vergeblich geforſcht hatte. Der heiligen Jung⸗ frau Kerze hieß man ſie in dem Kloſter von Nancy; oft hatte ſie dieſe Blume der erſten Fruͤhlingsſonne mit ih⸗ rer Walburg, ihrer Nina gepfluͤckt und, wie Nina im Sarge lag, dieſe Blume in den Kranz geflochten, den ſie mit Thraͤnen benetzt auf ihren Sarg legte. Hundert Mal ſchon hatte ſie dieſe Blume ihrem Freunde beſchrieben; er konnte nicht beſtimmt errathen, was fuͤr eine Blume ſie meinte, half ihr aber ſchon den drit⸗ ten Fruͤhling im Suchen, denn Nina war zur Zeit der Maiblumen ins Grab gelegt, Maiblumen und Jungfraukerzen hatte Agnes in den Kranz gefloch⸗ ten, der auf ihrem Sarge lag. In jeder Lage iſt es wol eine ſehr gefaͤhrliche Unternehmung fuͤr einen Mann, mit einem jungen, ſchoͤnen Maͤdchen in der Fuͤlle des Fruͤhlings Blumen zu ſuchen und die Liebes⸗ und Lebens⸗ feier der Pflanzenwelt zu ſtudiren. Schoͤnfeld aber, mit dem einfachen maͤnnlichen Geiſte, der Entſchluß und That aufeinanderfolgen ließ, mit dem unerſchlafften, 343 reinen, innigen Gefuͤhle, das im reifen Mannesalter die allmaͤchtigſte Empfindung des Juͤnglings zum erſten Mal hegte— wie ſchwer ward es Schoͤnfeld, ſich allein an ſeinen Linné zu halten, um zu erklaͤren, allein an den Schoͤpfer aller der Herrlichkeiten um ſich her, um anzubeten. Die Kerze der heiligen Jungfrau fanden die beiden Liebenden nicht; aber ſich ſelbſt fan⸗ den ſie in der ganzen bluͤhenden Natur: Agnes uͤberall froher Genuß im Vereine mit einer belebenden Kraft; Schoͤnfeld uͤberall Vollendung in der Vermaͤhlung der Kraft mit der anſchmiegenden Anmuth. Der edle Menſch haͤtte deſſenungeachtet den Sieg uͤber ſein Herz davon⸗ getragen, aber dieſes Mal war das Schickſal mit der Pruͤfung zufrieden. Joſeph hatte ſeinen Vater gewon⸗ nen, ſei es durch Berechnen der Vortheile, welche Schoͤn⸗ feld's Vervollkommnung der Scharlachfarbe der Fabrik braͤchte, ſei es durch weniger eigennuͤtzige Gruͤnde; ge⸗ nug, daß er ſeinem Freunde die Nachricht brachte, welche den Brauttag der Erde auch zu dem ſeinigen machen ſollte. Agnes hoͤrte mit frohem Erroͤthen, was ſie nie bezweifelt hatte, daß Schoͤnfeld ſie liebe, und entdeckte es ſich mit Entzuͤcken, was ſie vorher noch nie unterſucht hatte, daß ſie ihn ſchon laͤngſt liebte. Nun der Bund geſchloſſen war, herrſchte ein noch hoͤherer Friede in Schoͤnfeld's friedlichem Herzen. Das klare Element ſei⸗ nes Gemuͤths hatte das mit ſeinem Geſchwiſterelement, dem Waſſer, auch außer der Klarheit gemein, daß es, ſo⸗ bald es ſich ſelbſt uͤberlaſſen war, ein voͤlliges Gleich⸗ gewicht wieder annahm. Er ging nun ſeiner frohen Zukunft mit ruhigem, leichtem Schritte entgegen; in 344 ſeinem Verhaͤltniſſe zu Agnes aͤnderte ſich faſt nichts, und ſeine Innigkeit gegen ſie druͤckte ſich mehr in dem eindringenden Rathe, den er ihr gab, in dem Eifer aus, mit welchem er an ihrer Bildung arbeitete, als durch liebkoſendes Schmeicheln. Ehe ſeine erwuͤnſchte Verbindung ſtatthatte und ihn auf immer in*** feſſelte, wollte er ſein Vaterland nochmals beſuchen und ſich mit ſeinem Bruder— Vater und Mutter waren indeß geſtorben— uͤber ſeine kleine Erbſchaft abfinden. Haͤtte der gute Schoͤnfeld dieſe althergebrachte Ordnungsliebe doch verſaͤumt! Zwei kurze Monate, die er abweſend war, zerſtoͤrten ſein Gluͤck. Frohberg's Ein⸗ willigung in Agnes' Verbindung mit Schoͤnfeld war die Wirkung des Eigennutzes geweſen, nicht der Wunſch, wichtige Dienſte zu lohnen. Der Fremde, der arme Gelehrte, der Ketzer war ihm ſtets ein Gegenſtand der Abneigung geblieben, und je mehr und mehr miſchte ſich dieſem Widerwillen der Geiſt unſeliger politiſcher Meinungen bei. Joſeph hatte ſeinem Vater ſchon laͤngſt durch ſeine Befreiung von Vorurtheilen— denn ſo nannte es die brauſende Jugend— misfallen, im Herzen hatte er ſtets Schoͤnfeld angeklagt, ihm falſche Grundſatze eingefloͤt zu haben; nun die Parteien lauter wurden, ward es auch ſeine Klage. Das Alles haͤtte den Mann, der auf Ehre zu halten gewohnt war, wol noch nicht verfuͤhrt; aber zufaͤllige Umſtaͤnde machten es ihm noch ſchwerer, das Rechte zu behaup⸗ ten. ffentliche Vorgaͤnge hatten dem Abſatze der Fa⸗ brik eben Eintrag gethan, ein befreundetes Haus hatte durch ſeinen Sturz einen betraͤchtlichen Verluſt fuͤr Froh⸗ 345 berg nach ſich gezogen, und gerade in dieſem Zuſammen⸗ treffen von Umſtaͤnden kuͤndigte ſich ihm ein reicher Brabanter an, welcher ihm anbot, ein ſehr großes Capital in ſeinen Handel zu legen, und zur Vereinigung ihrer beiden Vortheile um Agnes' Hand bat. Der Fremde wußte nichts von Agnes' Verhaͤltniſſen zu Schoͤn⸗ feld, das ſchoͤne Maͤdchen hatte ihn gefeſſelt, und er verband, nach alltaͤglicher Berechnung im alltaͤglichen Lebensgange, ſeine Liebe mit ſeinen Handelsſpeculationen. Frohberg ſah den ganzen Vortheil dieſer Heirath ein, Schoͤnfeld's freundliche Gegenwart beſchwor nicht den Geiſt ſchnoͤder Gewinnſucht, wie ſie es oft gethan hatte, und er gab dem Brabanter ſo viel Hoffnung, als noͤ⸗ thig war, um ihn ſo lange hinzuhalten, bis ſich ein Weg faͤnde, mit Schoͤnfeld zu brechen. Der Argwohnloſe hatte indeß ſeine Geſchaͤfte vollen⸗ det. Nach dem Rathe ſeines Bruders, der durch eine reiche Frau und ſeine Kenntniſſe ein wohlhabender Han⸗ delsmann Norddeutſchlands geworden war, wandte er einen großen Theil ſeiner kleinen Erbſchaft auf den An⸗ kauf eines Brautgeſchenks, welches dem Wohlſtande ſeiner Braut angemeſſen ſei. In der Wahl der Geſchenke ließ er ſich gewiſſenhaft von der damaligen Landesſitte leiten, nur ihre Bedeutung behielt er ſich vor; ſo er— hielt die Uhr den bunten Schmetterling auf blauem Grunde, und der Halsſchmuck die Geſtalten von Amor und Pſyche. Es waren dieſelben Kleinode, die Agnes bei Julchen wiedererkannte. Wie ein froher Schiffer in den wirthbaren Hafen der Heimath, eilte er nun mit ſtiller Heiterkeit zu ſeiner Braut zuruͤck. Mit der Freude, 346 am Ziele zu ſtehen, reichte er ihr ſeine ſinnvollen Ge⸗ ſchenke, mit banger Ahnung nahm ſie Agnes an und zeigte ſie dem Vater, deſſen zweideutiges Betragen der Armen ſchon lange Unheil zu drohen ſchien. Wie waͤre es moͤglich, die Wege zu ſchildern, auf welchen ein ſelbſtiſcher Weltmenſch, vom Eigennutze geleitet, den argloſen Charakter eines Mannes uͤberliſtete, der mehr in der Vorzeit gelebt hatte als unter ſeinen Zeitge⸗ noſſen, der unter ſeinen Zeitgenoſſen mit einem Herzen gelebt hatte, das die Tugenden der Vorzeit bildeten und in ewiger Jugend erhielten, indeß die Jagd nach Reichthum, die Gier nach Genuß die Herzen um ihn verſchrumpfte? Zuerſt ſchob man Schoͤnfeld's Verbin⸗ dung unter wichtigen Vorwaͤnden auf; dann ſuchte man ſeine politiſche Denkart zu reizen; man warf ihm einige Unvorſichtigkeiten vor, deren ſich Joſeph ſchuldig machte; man vergroͤßerte die unangenehme Lage, in welcher ſich die Handlung fuͤr einen Augenblick befunden hatte; man theilte ihm das Anerbieten des Brabanters mit; endlich ſprach man mit Geringſchaͤtzung von Gluͤcksjaͤgern, die reiche Maͤdchen erhaſchten. Schoͤnfeld's Herz ſchwoll auf voll edeln Stolzes. Gern haͤtte er ſeinen Freund und Bruder, ſeinen Joſeph, zum Zeugen aufgerufen, daß er nie nach Agnes' Hand geſtrebt habe. Aber Jo⸗ ſeph war auf lange Zeit abweſend, und Agnes konnte in dieſer Zartheit ſeiner Liebe einen Mangel an ihrer Kraft waͤhnen. Nein, lieber wollte er ihr ganz unbe⸗ dingt entſagen, als ſie von dem empoͤrenden Verdacht umlagert beſitzen, daß Geldſucht der Unterhaͤndler ſeiner Liebe geweſen ſei. Lieber wollte er ſein Herz zerreißen, 347 als es in die Sklavenfeſſeln des Verhaͤltniſſes zwingen, in welchem er mit ſeinem Schwiegervater geſtanden haͤtte. Wie ein Mann— aber mit der Entſchloſſenheit, mit welcher ein Mann in den Tod geht, wenn das Leben die Arme ſoeben bruͤnſtig nach ihm ausſtreckte— kuͤndigte Schoͤnfeld ſeiner Geliebten die Gruͤnde ſeiner Entſagung an. Agnes war ſeine Schuͤlerin, ſie fuͤhlte die Unmoͤglichkeit, daß Liebe, wahre Liebe in dem Her⸗ zen eines Mannes neben dem Gefuͤhle fortwaͤhrend ver⸗ letzter Ehre beſtehen könnte; ſie hoffte von der Zukunft und von ihres Vaters Herzen. Ach, dieſes Herz hatte ſich in ſeinem eignen Unrechte verhaͤrtet. Dieſen Aus⸗ gang hatte Frohberg nicht erwartet; er hatte einen Zwiſt herbeifuͤhren wollen und ſah ſich nun durch des Mannes ſtolzen Zuruͤcktritt als ein Ungerechter, Undank⸗ barer gezeichnet. Nur neue Unbilligkeit konnte die alte rechtfertigen; Agnes' Thraͤnen wurden mit Haͤrte zu⸗ ruͤckgewieſen; Briefe, Geſchenke, fuͤr die Liebenden nur Symbole ihrer Zaͤrtlichkeit, mußten auf den Befehl ih⸗ res erbitterten Vaters als Zeugniſſe von genommener Verbindlichkeit zuruͤckgegeben werden, und Agnes ward von ihrem Freunde geſchieden. Der weitere Verfolg ihrer Geſchichte wuͤrde Zeit⸗ umſtaͤnde zuruͤckrufen, mit deren ſchreckenvollem Dunkel wir unſere kleine Erzaͤhlung nicht truͤben wollen. Vor der Heirath mit dem Brabanter ward die traurige Ag⸗ nes durch dieſe Zeitgeſchichte ſelbſt geſchuͤtzt; das Übrige theilte ſie ihrer Julie im Anfange dieſer Erzaͤhlung in we⸗ nigen Worten mit. Schoͤnfeld's Lebensgang war nicht ſo ſtuͤrmiſch. Das Schickſal, das ſeine Liebe traf, ent⸗ — — 348 ſchied uͤber ſein Beſtreben nach Gluͤckſeligkeit auf Erden. Durch Erziehung und Landesſitte an Formen gewoͤhnt, hatte dieſer Mann ſein weiches liebendes Herz gelehrt, Bedeutung und Heiligkeit in ſie zu legen. Und ſo gluͤhte unter der ſtillen Außenſeite ein tiefer bleibender Schmerz. Die Kraft der Seele, welche er bedurfte, um von Ag⸗ nes zu ſcheiden, weil es ſein Maͤnnerſtolz befahl, haͤtte ein Andrer aufgewendet, um Agnes zu erlangen. Die Beſtaͤndigkeit, wit welcher er fortwaͤhrend ihr An⸗ denken ehrte, haͤtte eines andern Mannes Leben verzehrt. Sein treues Herz kannte keine zweite Liebe, ſelbſt dann nicht, als ihm falſche Geruͤchte verſicherten, Agnes ſei nach ihres Vaters Tode einem Gatten nach Frankreich gefolgt. Er trauerte um ſie, um ihr und der Ihren Schickſal, und ſein Lebensgenuß entbluͤhte ihm nur aus der Freude, die ihm aus Anderer Blicken entgegen⸗ ſtralte. Aber dieſe nahm ſeine reine Seele auch auf, wie ein ſtiller See den Stral des Tages. Schoͤnfeld hatte nach ſeiner überzeugung gehandelt, er hatte Frohberg unzuberechnende Vortheile verſchafft, und, jede Entſchaͤdigung abweiſend, ging er arm, wie er gekommen war, in ſein Vaterland zuruͤck. Sein Aufenthalt in den Niederlanden hatte ihn Geſchmack an Fabrikunternehmungen finden laſſen; er ſchlug ſei⸗ nem Bruder, dem Kaufmanne, die Errichtung einer Manufactur vor; die Umſtaͤnde beguͤnſtigten ſie, die Regierung that ihnen Vorſchub, und indem er ſei⸗ nen Bruder zum reichen Manne machte, verſchaffte er ſich die Mittel, ſeinen Lieblingsbeſchaͤftigungen zu fol⸗ gen. Die Bildung der Jugend war ſeine erſte Beſtim⸗ mung geweſen, und mit reifern Kenntniſſen nahm er dieſes Geſchaͤft jetzt wieder vor. Von froͤhlichen Juͤng⸗ lingen umſchwaͤrmt, ſtand er ernſt und ſinnend und hei⸗ ter unter ihnen wie ihr guter Schutzgeiſt, und die jun⸗ gen Leute ſchienen ſich der Luſt ſorgloſer hinzugeben, wiſſend, daß ſeine Gegenwart ſie heilige. Seinem Vaterſinne hatte auch ſein einziger Neffe, Julchens Eduard, ſeine Bildung zu danken, und die innigſte Liebe verband den jungen Mann mit ſeinem ehrwuͤrdi⸗ gen Verwandten, der nach ſeines Vaters Tode auch ſein Vormund geworden war. Daß Schoͤnfeld bei dem Ideale, welches er in ſeinem Herzen aufbewahrte von weiblichem Liebreiz und maͤnnlicher Treue, bei ſeines Neffen Verbindung mit Vorſicht zu Werke ging, iſt leicht zu erklaͤren. Er wollte der leidenſchaftlichen Be⸗ ſchreibung des jungen Menſchen nicht trauen, er wollte die Zeit uͤber ſeine Liebe urtheilen laſſen. Eduard beſtand aber die Probe und ſah ſich am Ziele ſeiner Wuͤnſche. Zwiſchen Agnes und Julchen war nun die große Frage, ob man den Onkel Schoͤnfeld vorbereiten ſollte, welche Entdeckung ihm bevorſtand, oder ob man den Zufall wollte walten laſſen. Agnes' einfache, ſtarke Seele entſchied fuͤr das Letzte. Aber er liebt Sie noch, rief Julie widerſtrebend.— Er hat mein Andenken be⸗ wahrt, das heißt nicht, er liebt nach 18 Jahren noch dieſelbe Agnes, die ehemals ſeine Braut war. Laßt zwei gute Menſchen ihrem Herzen folgen! Sind die Ausſichten denn nicht ehrend und einfach? Der allge⸗ mein geſchaͤtzte Oheim Deines Eduard lernt die geliebte Erzieherin ſeiner Nichte kennen. Du, Du biſt meine —— 350 Buͤrgerkarte fuͤr die Welt der Geiſter, Du, meine Julie, zeugſt mir, daß ich mich verdient gemacht habe um die Menſchheit. Die Stunde der Ankunft erſchien. Das junge Braut⸗ paar genoß ihren ſeligen Rauſch, der guͤtige Oheim theilte ihn, in dem Anſchauen der liebenswuͤrdigen Nichte verloren. Doch nun kam der entſcheidende Augenblick. Meine Agnes, rief Julchen, entwand ſich Eduards Armen und fuͤhrte ihre Freundin dem Oheim zu; meine Agnes Montjoi!— Sonſt Frohberg, ſagte Agnes mit gezwungener Faſſung. Frohberg! Frohberg aus*** fragte der Onkel beſtuͤrzt.— Agnes Frohberg, Ihre ehemalige Schuͤlerin, die ſich freut, ihren geſchaͤtzten Lehrer wiederzuſehen. Sie ſehen, daß mir ſeit unſerer Trennung ein ſchoͤnes Werk gelungen iſt, ich vertrat Mutterſtelle bei dieſer Lieben.— Agnes druͤckte hier Julien mit einem Arme an ſich und beruͤhrte ihre Stirn mit ihren Lippen. Dem guten Schoͤnfeld fehlte die Leichtigkeit, ſeine Betroffenheit zu verbergen und ſei⸗ nem Gefuͤhle einen Gegenſtand unterzuſchieben, aber Agnes half ihm. Eduard war nicht in dem Geheim⸗ niſſe— denn ſo hatte Agnes es gewollt—; alſo er⸗ ſchwerte er es nicht, und ſo ward bald die Freude wie⸗ derhergeſtellt, die dem Augenblicke gebuͤhrte. Julchen hatte den Auftrag, dem Oheim die Schick⸗ ſale ihrer Freundin ſeit ihrer Trennung zu erzaͤhlen; ſie waren von der Art, daß die gewoͤhnliche Schonung ge⸗ bot, ihrer gegen die lange vom Schickſal Verfolgte nicht zu erwaͤhnen. Aber die Haltung des kindlichen Oheims und der tieffuͤhlenden Agnes war in den folgenden Ta⸗ 351 gen ſehr verfaͤnglich. Sie ſahen eigentlich Beide aus, als wenn ſie Raͤthſel erriethen, ſo beſchaͤftigt und ſo ge⸗ dankenleer, ſo zerſtreut und ſo geſammelt. Fuͤr Agnes war die Lage viel guͤnſtiger, aber auch verraͤtheriſcher zugleich; ſie hatte, da ſie Mutterſtelle bei Julchen ver⸗ trat, in ihrer Thaͤtigkeit einen Beruf. Allein bei hun⸗ dert Veranlaſſungen war es bemerklich, wie ihr ganzes Weſen eine Schoͤpfung von Schoͤnfeld's Sorgfalt warz ſie liebte, was er liebte, ſie kannte, was er kannte, ihre Bildung war ſein Ideal. Schoͤnfeld ſchien je laͤn⸗ ger je mehr ſein Raͤthſel zu errathen, es war ungehoff⸗ tes Gluͤck, das er annahm, wie ein lang in Kerker Geſperrter die neue Lebensluft in der freien Natur; ſie iſt nicht die Freiheit, nicht das Gluͤck, aber ſie iſt die Bedingung der leichten Exiſtenz, iſt Leben. Nach wenigen Tagen begab man ſich aufs Land, wo Julchens Verbindung gefeiert werden ſollte. Es war Fruͤhling, dir ganze Natur war ein Bluͤtenkleid. Schoͤn⸗ feld ging mit glaͤnzenden Blicken neben dem gluͤcklichen Brautpaar. Agnes ſah mit Wehmuth die neugeſchmuͤckte Erde in ewiger Jugend ergluͤhen. Man irrte aus dem Gar⸗ ten auf eine kleine Wieſe, die vom Walde umkraͤnzt war; das Brautpaar ſetzte ſich auf eine Bank unter ei⸗ nen bluͤhenden ſpaniſchen Flieder, Agnes wandelte mit zur Erde geſenktem Blicke an dem Saume des Gehoͤl⸗ zes. Schoͤnfeld hatte ſich, wie es ſchien im eifrigen Suchen nach Pflanzen, auf eine kleine Weite entfernt. Ploͤtzlich buͤckte ſich Agnes nahe bei Julchen, pfluͤckte eine Blume und hob ſie mit einem unwilluͤrlichen Ausruf der Freude hoch empor; mit pfeilſchnellen Schrit⸗ 352 ten eilte Schoͤnfeld herbei. Die Kerze der heiligen Jung frau! rief er und faßte Agnes' Haͤnde mit ſeinen bei⸗ den Haͤnden, indem er die, welche die Blume hielt, emporhob. Nun ruhten ihre Augen auf einander, und indem uͤber Agnes' Wangen ſtille Thraͤnen rannen, fun⸗ kelte des redlichen Schoͤnfeld's klarer Blick, als habe er jetzt das Raͤthſel geloͤſt. Laͤnger konnte Julchen und Eduard ſich nicht halten. Eduard ergriff die vereinigten Haͤnde der beiden treuen Liebenden. Mein Oheim! mein Vater! rief er bewegt; ſchenken Sie uns ein un⸗ verbruͤchliches Recht, dieſe Theure Mutter zu nennen. — Agnes, meine Angnes, begluͤcke den Mann, der Deiner allein wuͤrdig iſt! ſtammelte Julchen mit ſtroͤ⸗ menden Augen, und Agnes legte ihren Kopf an Schoͤn⸗ feld's Buſen, der, ſie an ſich druͤckend, mit danken⸗ dem Blicke gen Himmel ſah wie ein Vater in den Armen ſeiner wiedergefundenen Tochter. Die Blume, welche das Kind Agnes auf das Grab ihres Kindergluͤcks legte, war die Loſung geworden zu dem Gluͤcke ihrer reifern Tage. Schoͤnfeld und Agnes bewieſen, daß wahre Liebe, ſiegreich uͤber Jahre und Zeit in der ewigen Jugend des Herzens beſtehend, der Schmuck und der Preis jedes Lebensalters bleibt. VII. Die Hässliche. Acphons ſtudirte in G., ausgezeichnet als fleißiger Schuͤler und liebenswuͤrdiger Menſch. Bei mehren Ge⸗ legenheiten warfen ihm ſeine froͤhlichen Gefaͤhrten den Weiberhaß vor, der in ihm um ſo wunderlicher ſchien, da er bei oͤffentlichen Gelegenheiten den Verkehr mit artigen Frauen aufſuchte, ſich dann ſehr ritterlich gegen ſie betrug, aber nie zu Beſuchen in haͤuslichem Zirkel zu bewegen war. Asmund, ſein vertrauteſter Geſellſchaf⸗ ter, der Sohn eines... ſchen Edelmannes, drang ei⸗ nes Tages aufs Neue in ihn, die Einladung auf ein benachbartes Schloß anzunehmen, deſſen Beſitzerinnen ſie bei einem Balle hatten kennen lernen. Ungeduldig uͤber Alphonſens nichtsbedeutende Ausfluͤchte, aͤußerte der Freund endlich ein ernſthaftes Misfallen an dieſem Widerwillen gegen haͤuslichen Umgang. Alphons ſuchte das Geſpraͤch abzubrechen; als er aber den Ernſt ſeines Freundes wahrnahm, gab er ihm folgende Erklaͤrung. Mein Vater heirathete gegen meines Großvaters Willen die Tochter eines dieſem verhaßten Mannes ohne Vermoͤgen. Ich erinnere mich nur ein Mal dieſen Großvater geſehen zu haben. Ich mochte fuͤnf oder . 3 23 † — 356 ſechs Jahre alt ſein, als meine Mutter einen Verſuch machen wollte, ihn zu verſoͤhnen; ſie war, wie alle Muͤtter, von meiner Liebenswuͤrdigkeit uͤberzeugt und trug mir auf, in einem zierlichen Matroſenkleidchen meinem Großvater einen Kranz zu ſeinem Geburtstag zu uͤberreichen. Gefuͤhlvolle Verſe, die ich zu declami⸗ ren hatte, ſollten den Eindruck vollenden. Der alte Mann war ſchaudervoll haͤßlich! Ich habe nie vollkomm⸗ nere Todtenkopfzuͤge geſehen! Dabei hatte er eine ab⸗ ſcheuliche Gewohnheit, mit den Zaͤhnen zu klappen, wie die nordiſche Phantaſie den Senſenmann thun laͤßt. Ich konnte vor Angſt bei ſeinem Anblick meine Verſe nicht ſagen, ich wendete mich ab, wie er mitleidig mich an ſich ziehen wollte, kurzum, der Anſchlag mislang. Meine Mutter ließ ſich, wie ich fuͤrchte, einigen Man⸗ gel an Gefaͤlligkeit ſchuld geben, und mein Großvater, um ſich zu raͤchen, heirathete ein ganz junges, ſehr ar⸗ mes Maͤdchen, gab ſeine ſehr glaͤnzenden Geſchaͤfte auf und zog ſich auf ein ſchoͤnes Gut im Rheingau zuruͤck. Nach einem Jahre gab ihm ſeine junge Frau eine Tochter; dieſer zu Gunſten machte er ein Teſtament, welches meinen Vater gaͤnzlich enterbte, und ſtarb bald darauf. Der Mann hatte ſein Vermoͤgen durch ſeine gluͤcklichen Speculationen erworben, er konnte damit machen was er wollte; mein Vater mußte ſich mit dem Pflichttheile begnuͤgen;z doch auch dieſes war damals eine Wohlthat fuͤr ihn, denn erſt viel ſpaͤter erhielt er in Manheim einen Dienſt, mit deſſen maͤßiger Beſol⸗ dung er mich aufzog. 4 Viele Jahre lang hoͤrten wir nichts von der Stief⸗ 357 mutter. Ihr Andenken war meinen Altern zu ſchmerz⸗ haft, um kaltbluͤtig, ſie waren zu fromm, um haſſend nach ihr zu fragen. Ploͤtzlich erhielt mein Vater, wie ich von hier aus die Ferien bei ihm zubrachte, einen Brief von ihr, in dem ſie ihm den Vorſchlag that, durch ihrer Tochter Heirath mit mir das Vermoͤgen meines Großvaters nach Billigkeit zu theilen. Sie habe ſich, ſagte ſie, in Ruͤckſicht dieſer Erbſchaft keinen Vorwurf zu machen, allein ſie fuͤhle, wie tief mein Vater gekraͤnkt ſein muͤſſe. Bei dem langen Leiden eines zeh— renden Übels beſchaͤftige ſie dieſer Gedanke unaufhoͤrlich, und ſie ſei uͤberzeugt, ihrem Gatten jenſeits eine frohe Nachricht hinuͤberzubringen, wenn ſie durch die Vereini⸗ gung ſeiner beiden Kinder ſeine Strenge wieder gut⸗ mache. Eine Menge enthuſiaſtiſche Lobeserhebungen ih⸗ rer Tochter bewieſen, daß ſie nicht meinte, Geld allein ſolle mir ihren Vorſchlag annehmlich machen. Mein Vater zog meine Neigung gar nicht zu Rath; lange Beſchraͤnkung nach der Gewohnheit des überfluſſes, in dem ſeine Jugend aufwuchs, hatte Wohlſtand zu dem hoͤchſten Ziel ſeines Verlangens gemacht. Er ſagte mir nur, daß ich fortan den doppelten Betrag meiner Wech⸗ ſel auf der Univerſitaͤt beziehen wuͤrde, da er, in ſeines Vaters Erbe wieder eingeſetzt, ſich nicht ferner mit mit Sparen zu plagen brauche. Aufrichtig geſagt, dachte ich daruͤber auch nicht nach. Ich ſchaͤmte mich vor dem dummen Gedanken, zu heirathen; aber das lag fern, die groͤßern Wechſel nah, ſo ließ ich meinen Vater den Kauf mit der Stiefmutter abſchließen. Nach ſechs Mo⸗ naten war das Verlangen in mir entſtanden, meine 8₰ 358 Verlobte zu ſehen; um ſo mehr, da ihre Mutter kurze Zeit nach dieſer Verabredung geſtorben und Alwina zu meinen Ältern gezogen war. Dieſe ſchrieben mir das Ruͤhmlichſte von ihrem Geiſte, ihrem Herzen; zu meinem großen Verdruß befahl mir aber mein Vater eine Reiſe nach Hamburg, in den naͤchſten Ferien eine Reiſe nach Berlin, und ſo bin ich nun zwei Jahre lang Braͤutigam, ohne meine Verlobte zu kennen. Ihre Briefe ſind ſo geiſtvoll wie moͤglich, aber ſelten, denn ich erhielt deren erſt drei. Dieſes Verhaͤltniß iſt ſchuld, daß ich naͤhere Beziehungen zu den Frauenzimmern meide. Im Salon, beim Ball ſind ſie mir nicht gefaͤhrlich; aber bei der albernen Gewohnheit, mich ſchon als naͤchſtangehenden Hausvater zu denken, koͤnnte das haͤusliche Beiſammenſein mit irgend einem lieben Maͤdchen mir drohend werden. Ob ich gluͤcklich ſein werde, weiß ich nicht; gewiſſenhaft ſein will ich aber mit feſtem Sinn. Der Freund war nun befriedigt und beklagte Alphon⸗ ſens unnatuͤrliche Lage.„Das iſt ein Bleigewicht auf der Laufbahn eines jungen Mannes,“ ſagte er,„ſo eine Speculationsbraut. Und auch das arme Maͤdchen! ſie muß ja wiſſen, daß ſie Dich gekauft hat, und waͤre ſie eine Hebe und eine Minerva. Soll ſie denn huͤbſch ſein?“— Frag' mich nun lieber nicht weiter, erwi⸗ derte Alphons und wechſelte die Farbe; wie ſie iſt, will ſie mich zum gediegenen Manne machen, und ſie kann nicht ſo haͤßlich ſein, daß ſie nicht der Geiſt, der in ihren Briefen athmet, angenehm mache. Dieſes Geſpraͤch fiel gegen Weihnachten vor, und 359 noch vor Neujahr erhielt Alphons einen Eilboten, der ihn ploͤtzlich nach Hauſe rief, um ſeine Mutter, bei welcher ſich eine zerſtoͤrende Bruſtkrankheit entwickelt hatte, noch einmal zu ſehen. Alphons eilte nach Man⸗ heim; er kam an einem ſtuͤrmiſchen Decemberabend in ſeines Vaters Hauſe an und fand ſeine Mutter ohne Hoffnung der Geneſung, aber voll Freude, ihn noch ein Mal zu ſehen. Kaum hatte er ſich an ihrem Bette niedergelaſſen, ſo winkte ſie eine ſchlanke Geſtalt herbei, die im Dunkel des Krankenzimmers, halb vom Bett⸗ vorhang verſteckt, unbeweglich geſtanden hatte.„Marie!“ ſagte die Kranke, die Hand ausſtreckend,„ſieh hier Deinen Braͤutigam! Du wirſt mir die Beruhigung goͤn⸗ nen, ihn noch vor meinem Ende feierlich als Verlobten anzuerkennen.“ Alphons ſprang auf und ſtrebte die Zuͤge der Geſtalt zu unterſcheiden. Bei der Dunkelheit des Krankenzimmers war es unmoͤglich; er nahm wahr, daß die breite Spitze einer weißen Haube ſie ganz ver⸗ huͤlle. Jetzt ſchloß er ſie in ſeine Arme, er erlaubte ſich einen Kuß, den ſie, heftig zitternd, nicht erwiderte, ihn aber mit leiſer Stimme bat:„übereilen Sie nichts! Ich hoffe, unſere Mutter behaͤlt Zeit, uns noch oft zu ſegnen.“ Die Kranke vernahm es und klagte wei⸗ nend uͤber den Eigenſinn der Jugend, die freilich in ihrer Lebensfuͤlle noch an keinen Tod glaube. Alwine hoͤrte ſanft ſchluchzend, aber bewegungslos zu, bis ein heftiger Huſten die Kranke ergriff. Ploͤtzlich ſchien die ſtarre Geſtalt ſich aͤtheriſch zu bewegen. Sie leiſtete der Leidenden jeden Dienſt mit anmuthiger und zweck⸗ maͤßiger Geſchicklichkeit, und ſobald die Arme wieder ¹ ———õ—— — 360 zu athmen vermochte, bat ſie zaͤrtlich, ihr den Wider⸗ ſpruch zu verzeihen. Die Ruhe ſtellte ſich her, die Kranke bat, noch an ihrem Bette zu verweilen, und Alphons fragte jetzt mit Neugier, warum man ſeine Braut nicht mehr bei ihrem gewohnten Namen Alwine nenne?— Der Vater bedeutete ihn, daß es. ein Eigenſinn des jungen Frauenzimmers ſei, das ſich ge⸗ gen dieſen phantaſtiſchen Namen erklaͤrt und den ein⸗ fachen, ihr ebenfalls in der Taufe zugelegten ihrer Groß⸗ mutter vorgezogen habe. Alphons ſagte ihr etwas Schmei⸗ chelhaftes, worauf ſie ſchnell und kalt erwiderte:„Man ſollte ſorgfaͤltig vermeiden, die Anſpruͤche der Kinder mit ihren Mitteln in Gegenſatz zu bringen, waͤr's auch nur durch den Namen, den man ihnen gibt; ich habe das fruͤh gefuͤhlt und einen Namen abgelegt, der, wenn man ihn kennt, an poetiſche Ideale erinnert.“ Dieſer paͤdagogiſche Satz fuͤhrte zu einem Geſpraͤch, in welchem Alphons den Geiſt ſeiner Verlobten bewunderte; ihr feines Gefuͤhl zog ihn an, allein eine gemeſſene Kaͤlte in ihrem ganzen Weſen ſtieß ihn zuruͤck; ihre uͤberaus ſchlanken Glieder waren dabei in einer auffallenden Ab⸗ wechſelung ſtatuenmaͤßiger Ruhe oder geiſtermaͤßig leich⸗ ter, ſchneller Beweglichkeit, die beide nichts Unbefan⸗ genes, ſondern abgemeſſen Bedachtes ausdruͤckten. Die Familie begab ſich zum Abendeſſen von der Kranken hinweg, Alwina verließ ſie aber nicht. Alphons hatte ſich ausgebeten, dieſe Nacht bei ſeiner Mutter wachen zu duͤrfen, und fand, wie alle Andere zur Ruhe ge⸗ gangen waren, Alwina bereit, dieſes Geſchaͤft mit ihm zu theilen.„Seit vier Wochen verlaͤßt ſie mich keine 361 Nacht,“ ſagte die Mutter dankbar, wie Leidende dan⸗ ken;„wenige Tagesſtunden reichen ihr zur Erquickung hin. Ach! ohne ſie wuͤrden dieſe langen Schmerzens⸗ naͤchte mich zur Verzweiflung gebracht haben!“— Al⸗ phons bezeigte Alwinen ſeinen innigſten Dank. Und die Art, wie dieſe die Kranke bediente, hatte noch mehr Werth, als der Dienſt ſelbſt. Eine ſchwankende Un⸗ ruhe ſchien dieſe noch mehr als die Schmerzen zu quaͤ⸗ len, und in dieſen Augenblicken war es, als ob nur das ſinnliche Gefuͤhl, ihrer beiden Kinder Haͤnde vereint zu faſſen, ihr Linderung gab. Mitten in der unbegrenz⸗ ten Hingabe der Krankenwaͤrterin bemerkte Alphons, wie dieſe von unbefangener Ruhe ſo fern ſei. So oft der Mutter groͤßere Leiden ihre Huͤlfe erfoderten, ſchien Milde, Grazie und Herzlichkeit ihre Stimme und jede ihrer Bewegung zu beleben; ſobald dieſer Anlaß voruͤber war, trat ſie wieder in ihr kaltes, ſchneidendes Weſen zuruͤck. Doch als die lange Winternacht, am Bette der Kranken durchwacht, voruͤber war, hoffte er, daß nur das Befremdliche ihres Verhaͤltniſſes dieſe Gegenſaͤtze her⸗ vorriefe, denn in Momenten vereinten Bemuͤhens um die Mutter hatte ſie mit zuͤchtiger Vertraulichkeit in Stimme und Betragen ſeine Naͤhe geduldet. Seine Ungeduld, ſie endlich von Angeſicht zu ſehen, ſtieg mit jedem Augenblick; allein ehe der Morgen graute, ward ſie von neuem betrogen, denn die Mutter befahl ihr mit mehr Strenge als Zaͤrtlichkeit, ſich zur Ruhe zu begeben. Alphons ſelbſt bedurfte Erholung. Zwei Naͤchte in der Poſtchaiſe, eine an dem Krankenbette durchwacht, bewogen ihn, ſein Lager zu ſuchen, und unbegreiflicher⸗ 362 weiſe mußte es ſich alſo fuͤgen, daß er, vermoͤge der verkehrten Schlaf⸗ und Wachensſtunden in der finſter⸗ ſten Jahreszeit, ſeine Verlobte die beiden folgenden Tage nur in dem dunkeln Schein des Krankenzimmers ſah. Die beiden letzten Naͤchte brachte er wie die erſte nach ſeiner Ankunft mit Alwinen bei der Kranken zu, die Umſtaͤnde waren dazu gemacht, ſeine Werthſchaͤtzung ihrer zu ſteigern; denn je naͤher der Tod ſchritt, je mehr Vortrefflichkeit entwickelte ſie. Mit unbeſchreibli⸗ cher Sanftheit ertrug ſie die Ungeduld der Leidenden, mit holdſeliger Leichtigkeit gab ſie ihrer Angſt oft durch einen wehmuͤthigen Scherz eine heitere Wendung, mit frommer Innigkeit betete ſie ihr Troſt und endlich Zu⸗ verſicht in das brechende Herz, mit feſter Unerſchrocken⸗ heit ließ ſie die Sterbende in dem langen, gewaltſamen Todeskampf nicht aus ihren Armen. In einem der letz⸗ ten hellen Augenblicke faßte die Ringende die Haͤnde der beiden jungen Leute, legte ſie muͤhſam in einander und ſprach mit einer Anſtrengung in ihrer Stimme, die ihr einen furchtbaren Ton gab, zu ihrem Sohne: „Achte nicht auf Schoͤnheit, und Du empfaͤngſt Deinen groͤßten Segen in ihr.“ Furchtbar zog ſich ihre Hand um die jener beiden zuſammen, Todesſchweiß netzte ſie. Alphons, von unnennbarem Schrecken ergriffen, ſah in blaͤulicher Helle auf der Sterbenden Geſicht ein Streben, noch etwas ſprechen zu wollen; er blickte zu Marien auf, um ihre Aufmerkſamkeit zu Huͤlfe zu rufen, da erhellte daſſelbe blaͤuliche Licht auch ſie, und er erkannte mit unendlichem Schauder Zuͤge, die ihn ſchon ſonſt wo erſchreckt; aber in einem Nu war die Helle ver⸗ 363 ſchwunden, die Sterbende ſank an Mariens Buſen und verſchied. Die Huͤlle der Nacht mußte nun von dem Umgang dieſes Brautpaars verſchwinden, und mit ihr wich der Frieden aus Alphonſens Gemuͤth. In Alwinens Seele war er ſchon lange erſtorben. Durch ein geheimes Wir⸗ ken der Natur hatten ihre Zuͤge von dem Eindruck ge⸗ litten, welchen ihres Vaters ungemeine Haͤßlichkeit auf ihre Mutter gemacht haben mochten. Jung, arm, un⸗ erfahren, hatte dieſe die Heirath mit Alphonſens Groß⸗ vater als eine Verſorgung angeſehen, und die kurze Dauer ihrer Ehe ließ ihr nicht Zeit, deren ganzes Mis⸗ verhaͤltniß zu empfinden. Alwina war ſeit ſeinem Tode der Mittelpunkt ihres ganzen Daſeins. Herrin auf ihrem anſehnlichen Gute, das ſie einſam bewohnte, widerſprach Niemand ihrer Üüberzeugung von der Schoͤnheit ihres Kindes, und wo ſie außer ihrer Herrſchaft erſchien, ver⸗ ſchaffte ihr Geld Schmeichler, oder kalte Hoͤflichkeit ließ ihre Taͤuſchung beſtehen. Bei einem Wuchs, der ſich zjedes Jahr guͤnſtiger entwickelte, bei den ſchoͤnſten An⸗ lagen des Geiſtes und des Herzens, hatte Alwina eine unſelige und mit jedem Jahre zunehmende Ähnlichkeit mit ihrem Vater, ſodaß es, wie ihre Geſtalt in die Fuͤlle der Jugend uͤberzugehen begann, einen furchtbaren Eindruck machte, auf einem ſchoͤnen Koͤrper einen Tod⸗ tenkopf zu ſehen. Die Mutter ſchien keine Ahnung dieſer grauſamen Naturtreue zu haben. Wenn ihr Gatte einen Jupiterskopf gehabt, haͤtte ſie nicht zufriedner mit der Ähnlichkeit ihrer Tochter ſein koͤnnen. Mit redlicher Treue ſuchte ſie ihre Erziehung zu leiten. An Unterricht —ͤ — “„ —— 364 ſparte ſie nichts, und ihr Beiſpiel lehrte ſie Fleiß, Guͤte und Froͤmmigkeit. Sorglos wuchs Alwina heran, ein⸗ fach in laͤndlicher Umgebung, oder einzig mit ihren Lectionen beſchaͤftigt in Coblenz, wo die Mutter um ih⸗ res Unterrichts willen den Winter, ſeit Alwina die erſte Kindheit zuruͤckgelegt hatte, zubrachte. Sehr fruͤh entwickelte ſich in ihr ein großes Talent fuͤr Landſchafts⸗ zeichnung, und eine wunderliche Schickung gab ihr einen eigenſinnigen, alten Lehrer, der dieſen Zweig der Kunſt mit Verachtung jedes andern betrieb. Durch ſolche zuſammentreffende Umſtaͤnde war es moͤglich, Alwina in gaͤnzlicher Unwiſſenheit uͤber ihre nachtheilige Geſichts⸗ bildung zu erhalten. Ihre taͤglichen Umgebungen waren durch Gewohnheit unempfindlicher dagegen geworden, oder durch ihr liebes Weſen gewonnen, fremdere Be⸗ kannte waren hoͤflich und hofften auch, die Jugendbluͤte ſollte ihre Haͤßlichkeit mindern; ihre Jugend entbluͤhte, aber nur um ſie zu vermehren. Sie mochte funfzehn Jahre alt ſein, als ein reicher Muͤller der Gegend ein anſehn⸗ liches Legat zur Verſchoͤnerung der Kirche ſeines Dorfes hinterließ. Man berief einen Maler aus Frankfurt, ein paar Heiligenbilder darin aufzufriſchen, und die Nachbarſchaft wallfahrtete, die neue Herrlichkeit entſte⸗ hen zu ſehen. Der Kuͤnſtler gehoͤrte zu der damals ſchon verlautenden Schule der neuen Altdeutſchen, hatte Sternbald geleſen und verſchwieg ſeine Bekanntſchaft mit dem wahrheitsduͤrſtenden Kloſterbruder, um ſeine Ge⸗ danken und Redensarten um ſo unbemerkter zu benu⸗ ten. Da man ihm Alwinens Mutter als eine reiche Gutsbeſitzerin ankuͤndigte, bemuͤhte er ſich, ihr mit vie⸗ 365 lem Wortſchwall ſeine Verbeſſerungen bemerklich zu ma⸗ chen, und wie Alwina einige Fragen an ihn that, die von Kunſtliebe und Gefuͤhl zeugten, beſeitigte er den Eindruck, den ihre Haͤßlichkeit machte, und erklaͤrte ihr, „das liebliche Oval“ und„die reine jungfraͤuliche Stirn, die Wellenlinie des Mundes und die Harmonie des Ganzen,“ durch welches Alles er in dem jungen Maͤdchen ploͤtzlich einen beſtimmten Begriff von den Erfoderniſſen zur Schoͤnheit und den Maͤngeln ihrer eignen Geſtalt erweckte. Nachdenkend ging ſie nach Hauſe; ihre erſte Bewegung fuͤhrte ſie zum Spiegel, allein eine geheime Macht hielt ſie zuruͤck, ihr eignes Bild mit den Regeln, welche ihr der Kuͤnſtler aufgeſtellt hatte, zu vergleichen. Sie ſchloß ſich in ihr Zimmer und erinnerte ſich aller Geſichter, welche des Kuͤnſtlers Madonnen irgend glei⸗ chen konnten, und vermißte ziemlich jeden Zug, der ei⸗ nem der ihren glich, ja ſie ward ſich immer mehrer Momente bewußt, wo Andere das bemerkt, gefuͤhlt, ge⸗ aͤußert hatten, ohne daß ſie es bisher verſtand. Dieſe Entdeckung machte ſie unendlich betruͤbt; aber wunderlich knuͤpfte ſich der Schmerz immer an das Bild der Ma⸗ donna, von der er ausging, und die Gewohnheit, mit dieſem Bild Gebet zu verknuͤpfen, gab dieſem Schmerz eine religioͤſe Ergebung. Nur nennen konnte ſie ihn nie. Weil nun Mutter und Freunde die Traurige noch lie⸗ bevoller behandelten, ward ſie nicht bitter, ſondern ſanf⸗ ter und gewinnender durch ihn. Seit der ſchmerzvollen Entdeckung ihrer Haͤßlichkeit hatte Alwina eine leidenſchaftliche Liebe zum Zeichnen der menſchlichen Geſtalt bekommen. Sie bewog ihre —————————— ſſſſſ — — ͦ— 366 Mutter, ihr bei ihrem naͤchſten Aufenthalte in Coblenz Unterricht darin geben zu laſſen, und ſtudirte den Be— — griff von Schoͤnheit in jedem Geſicht, in jedem Gegen⸗ ſtand. Schoͤnheit war fuͤr ſie Predigt und Lehre, der ſie mit wehmuͤthiger Freudigkeit horchte, mochte ſie ſich ihr in einem Blumenſtrauß oder in einem Menſchen⸗ antlitz offenbaren. Doch dieſe Empfindung verbarg ſie in ihrem Innern; ihre Außenſeite nahm gerade einen widerſprechenden Ausdruck an. Bei der Beraubung aller Mittel, ihre Empfindung ſchoͤn auszudruͤcken, nahm ſie eine Kaͤlte, einen Ernſt, eine Strenge an, die ſtets mit der Waͤrme dieſer Empfindung zunahm. Aus Furcht, irgend etwas zu thun, wie ein huͤbſches Maͤdchen es thut, war eine ſtete Spannung in ihrem Weſen ſicht⸗ bar, und ihr unbewußt gewann ihr Geiſt den gruͤbeln⸗ den, ſondernden, oft ſchneidenden Charakter, der mit der Jugend im offenen Widerſpruch ſteht. Der Vor⸗ ſchlag ihrer Mutter, durch die Heirath mit ihrem Stief⸗ neffen ihres Vaters unbilliges Teſtament wiedergutzu⸗ machen, erregte nicht den Kampf in ihr, den wir uns etwa vorſtellen moͤchten. Alwina lebte ganz in ihrer Ideenwelt, ihre Haͤßlichkeit war gleichſam ihr Geheim⸗ niß, geliebt zu werden ihre Gewohnheit und einziges Beduͤrfniß. Die Mutter ſtellte ihr den Vetter als arm vor, bevortheilt, in ſeiner Laufbahn beſchraͤnkt; ſie ſah ſich im Beſitz der Mittel, ihn reich zu machen, ihm Un⸗ recht zu verguͤten, ſie liebte im Voraus das Weſen, deſſen Gluͤck ſie machen ſollte, und es entging ihr ganz, daß eine ungeheuere Kluft zwiſchen Dank und Liebe iſt; es entging ihr ganz, daß ſelbſt die Liebe, welche Dankbar⸗ 8* 367 keit zur Zugabe hat, von Seiten des Mannes ein zweifel⸗ haftes Ehegluͤck gewaͤhrt. Sie beantwortete den auf Befehl der Ältern geſchriebenen Brief des Vetter Braͤutigam mit ſo viel Geiſt, Innigkeit und Anſtand, daß Alphons wol et⸗ was Befremdliches darin wahrnahm, dieſes aber dem Zart⸗ gefuͤhl zuſchrieb, zum erſten Male mit dem enterbten Ver⸗ wandten unter den vorliegenden Verhaͤltniſſen zu verkehren. Bald darauf ſtarb ihre Mutter; Alphonſens Alltern nahmen ſie auf, und das Ende der wohlthaͤtigen Taͤu⸗ ſchung eilte herbei. In Manheim nahm Niemand Theil an ihr; dort war ſie nicht Gutsfraͤulein, die Verwandte eines gleichguͤltigen buͤrgerlichen Hauſes noͤ⸗ thigte Niemand zur Schmeichelei, nicht einmal zum Entgegenkommen. Sie ſah ſich ſchonungslos angegafft, ſie hoͤrte Winke, welche der Unbarmherzigkeit gleichguͤl⸗ tiger Menſchen entſchluͤpften. Alphonſens Mutter, die durch muͤhſelige Beſchraͤnktheit den Werth des Neich⸗ thums hatte uͤberſchaͤtzen lernen, haͤtte um des Reich⸗ thums willen eine noch haͤßlichere Schwiegertochter ge⸗ waͤhlt; allein dieſer wußte ſie deſſen keinen Dank, ſie ſah ihn nur als einen rechtlichen Erſatz, nicht als eine Gabe an. Alwina ſah ſich nun zum erſten Male an Liebe und Gluͤck verkuͤmmert. Nun war ſie ungluͤcklich. Der Mutter Teſtament ließ ihr kein Mittel, Alphons an ihrem Ver⸗ moͤgen Theil nehmen zu laſſen, als dieſe Heirath; ſonſt haͤtte ſie gern ihre Freiheit mit der Haͤlfte ihres Ver⸗ moͤgens erkauft. Sie nahm bald wahr, daß ihre kuͤnf⸗ tigen Schwiegeraͤltern ihren Verlobten abſichtlich hin⸗ derten, ſie perſoͤnlich kennen zu lernen, und nun er⸗ ſchien ihr der Zeitpunkt, wo dieſes nicht mehr zu ver⸗ 4A 27 —. — — 368 meiden ſein wuͤrde, wie der Augenblick ihres Verder⸗ bens. Aber auch dieſe lange, ſchmerzvolle Zeit verging nicht als baares Ungluͤck. Ihre Vortrefflichkeit beſiegte ihrer kuͤnftigen Schwiegeraͤltern Vorurtheil, gewann ihre Liebe, erweckte Gutes in ihnen, das im langen, beſchraͤnkten Hausſtande eingedorrt war; und wenn Al⸗ phonſens Mutter ihren Sohn bei den erſten Ferien aus bloßer Politik entfernt hielt, ſo geſchah es fortan immer mehr aus herzlicher Sorge, er moͤchte aus Au⸗ genluſt einen Schatz von ſich weiſen, deſſen Werth ſie mehr fuͤhlte als begriff, der ihr aber nun faſt ſo herr⸗ lich vorkam als das Geld. Alwinens Herzensſieg brachte viel Linderung in ihren Kummer, und er nahm zu, als langes Koͤrperleiden die Mutter ergriff. Hier erſchien Alwina ganz als wohlthaͤtiger Engel; die Mutter vergaß die Vergangenheit und ſehnte ſich nach dem Augenblicke, der ihre gleich lieben Kinder verbin⸗ den ſollte. So trat endlich jener Zeitpunkt ein, da die Mutter ihren Sohn an ihr Sterbelager beſchied. Al⸗ wina hatte ſich indeſſen einen Plan entworfen, vermoͤge deſſen ſie ihrer Mutter Teſtament zu umgehen gedachte. Sie wollte ihrem Verlobten gleich nach ſeiner Ankunft erklaͤren, daß ſie die Kirchenceremonie zu vollziehen ge⸗ neigt ſei, allein ſobald dieſe ihm die Theilnahme an ihrem Vermoͤgen geſichert, ſeine Freiheit wie die ihre, ſo weit Ehre und Gewiſſen es zuließ, unbeſchraͤnkt blei⸗ ben ſollte. Sie hoffte auf ihrem Gute im Rheingau leben zu koͤnnen. Die Kranke vernichtete dieſen Plan. Sobald ſie der Ankunft ihres Sohnes entgegenſehen konnte, bat ſie Alwina mit unendlicher Eindringlichkeit, 369 ſie Alles ſo einrichten zu laſſen, daß ihr Sohn einige Stunden Zeit gewoͤnne, ſie kennen zu lernen, ehe ihn ihr Anblick uͤberraſche; dann muͤſſe er ſie ſchon zu herz⸗ lich lieben, als daß ihr Geſicht ihn befremden koͤnne. Dieſer Anſchlag mußte die Frucht langen Nachſinnens waͤhrend ihrer Leidensnaͤchte ſein; denn ſie hatte ſich Alles ausgedacht, Alles aus Wahrheit und Trug wun⸗ derlich geſponnen. Alwina wachte jede Nacht bei ihr; der Sohn ſollte ſie nur bei Lampenſchein, nur mit verhuͤlltem Geſichte ſehen. Alwina konnte einer ſterben⸗ den Mutter nicht widerſprechen, ſie konnte auch in dem Augenblicke ihre tiefgekraͤnkte Eigenliebe nicht von ihrem Wahrheitstrotze unterſcheiden, ſie glaubte die Sache dennoch in ihrer Hand zu behalten und gab den dringenden Bitten Gehoͤr. Nun kam Alphons an. Der Mutter Plan gelang nur unvollkommen, aber der Alwinens ſcheiterte ganz.— Ach! ſie hatte nicht be⸗ dacht, ob ſie denn immer freien Herzens uͤber die Um⸗ ſtaͤnde walten koͤnnte. Alphons erregte Leidenſchaft in ihrem Buſen, und nun waren ihrer Vernunft die Zuͤ⸗ gel ihres Schickſals entriſſen.— Der letzte Athem war nun entflohen; Alwina legte ſanft das Haupt der Todten auf das Kiſſen; eine lange Stille erfolgte; dann umfaßte Alphons ſeinen Vater und fuͤhrte ihn aus dem Zimmer. Man oͤffnete die Fenſter dem Tageslichte, das mit hellem Wintermorgen⸗ ſtral hereinbrach; man raͤumte die Unordnung hinweg, welche die Huͤlfsleiſtung einer Kranken hervorbringt; Marie ſchuf Ordnung und Reinlichkeit um die Tief⸗ ſchlafende her. Eben war ſie beſchaͤftigt, ſie ſorgfaͤltiger V. 4 24 370 mit warmen Decken zu umhuͤllen, als Alphons herein⸗ trat, nach der Todten zu ſehen. Nun war das Dun⸗ kel gehoben. Haͤtte nicht jene Lichterſcheinung bei dem krampfhaften Haͤndedrucke der Sterbenden ihm Mariens armes Geſicht gezeigt, ſo wuͤrde er vielleicht jetzt nicht ſo davon uͤberwaͤltigt worden ſein; er hatte aber jenes Hellſehen fuͤr eine Wirkung ſeiner uͤberſpannten Nerven gehalten: wie er nun aber zu ihr trat und unter der umhuͤllenden Haube, bei der hellen Winterſonne, die auf ſie ſtralte, wirklich jene graͤßlichen Todtenkopfszuͤge erblickte, welche ihn ſchon als Kind von ſeinem Groß⸗ vater zuruͤckſcheuchten, entriß ihm die Überraſchung einen Ausruf, den die Ungluͤckliche nur zu deutlich vernahm. Ploͤtzlich in ihre ſteife Kaͤlte uͤbergehend, ſagte ſie mit anſcheinender Ruhe:„Dieſe Staͤtte, Vetter, iſt zu heilig fuͤr unſere kindiſchen Sorgen. Sobald meine Pflicht gegen dieſe Schlafende es erlaubt, wollen wir von unſerm Lebenstraume reden.“ Zugleich machte ſie eine Bewegung, die ans Fortgehen mahnte, und der zu gehorchen ſich Alphons genoͤthigt ſah. Das Furchtbarſte, was Alwina zugemuthet werden konnte, war, die verſprochene Erklaͤrung ihrem Verlob⸗ ten muͤndlich zu thun. Aber einem ſtarken, doch zer⸗ riſſenen Herzen wird das Gewaltſamſte am leichteſten. Nach einigen Stunden ſuchte ſie ihren Vetter auf und eroͤffnete ihm, ohne eine Urſache anzugeben, ihren Plan. Sie nannte der Ältern Verabredung einen un⸗ erlaubten Handel, der Mutter Teſtament einen Beweis unſerer fehlerhaften Geſetze und foderte die Einwilligung in ihren Vorſchlag als ein Recht ihrer perſoͤnlichen 371 Freiheit. Nun war Alphons irregemacht. Haͤtte Al⸗ winens Bildung nur nichts Schreckliches gehabt, ſo wuͤrde er ſie haben lieben muͤſſen; ja, es ſchwebte ihm eine Moͤglichkeit vor, ſie dennoch lieben zu koͤnnen, denn er hatte ſie ja erwartet, gekannt und ſie doch zu Momenten vergeſſen. Daß ſie ihm entſagen wollte, kraͤnkte ſeine Eitelkeit, kraͤnkte ſein Herz; bewilligte er ihren Vorſchlag, ſo beleidigte er ein Maͤdchen, deren moraliſcher Werth ihn mit Achtung erfuͤllt hatte; be⸗ harrte er auf ihrer Verbindung, ſo erſchien er geldſuͤch⸗ tig und legte ſich Feſſeln an, gegen deren Druck er ſeiner dauernden Kraft ſich nicht klar bewußt war. Bei dem Ende ihres Vortrags war er um ſo weniger faͤhig, dieſe zu ſchaͤtzen, da Edelmuth und Gefuͤhl Alwina aus ihrer kuͤnſtlichen Steifheit fortgeriſſen und dadurch einen Zauber uͤber ſie verbreitet hatten, dem der junge Mann nicht unzugaͤnglich geblieben war. Willig uͤber⸗ ließ er ſich ihm, er ſteigerte deſſen Wirkung durch den Widerſpruch ſelbſt, den ſeine Vernunft dagegen erhob, und wies Alwinens Vorſchlaͤge mit Beharrlichkeit von ſich.„Entſagen muͤſſe er, wenn ſie es geboͤte, aber einen Vergleich einzugehen, waͤr' ſie ihm zu werth, und waͤr' er zu ſtolz.“ Alwinens Herz ward von die⸗ ſem Gaukelſpiele der Liebe ergriffen; doch noch einmal ſiegte die Vernunft, ſie brach eine Unterhandlung ab, deren Erfolge ſie mistraute. Ein vertrauter Freund des Hauſes noͤthigte Alphon⸗ ſens Vater, den Begraͤbnißtag bei ihm zuzubringen, um allzu ſchmerzlichen Eindruͤcken zu entgehen. Bei Alphons und Alwina, welche dem Grabgepraͤng', als 24* 372 Kinder der Verſtorbenen vorſtanden, ging jedes dis⸗ harmoniſche Gefuͤhl bei der Feierlichkeit der Handlung unter. Als Alwina, in einen langen Schleier gehuͤllt, am Grabe ſtand und bei den Worten des frommen Geſanges:„Und nicht mehr weinen, dort wo der Kum⸗ mer ſchweigt,“ in uͤberwaͤltigender Wehmuth ſchwankte, faßte ſie Alphons in ſeine Arme auf und empfand mit begluͤckender Innigkeit, daß er ſeine kuͤnftige Gattin unterſtuͤtz. Nach der Nuͤckkehr vom Begraͤbniſſe be⸗ gaben ſie ſich ebenfalls zu dem Hausfreunde; die wohl⸗ meinenden Gluͤckwuͤnſche einiger dort verſammelten Be⸗ kannten an das Brautpaar, der abgelegte Schleier uͤberfiel Alphonſens Empfindung, und er ſetzte ſich in peinlicher Zerſtreuung zu den Maͤnnern. Alwina nahm es wahr, errieth ihn, und mistoͤnend ſtuͤrmte es in ihrem Gemuͤthe. Ein zufaͤlliges Geſpraͤch uͤber die Ge⸗ fahr des Lebendigbegrabenwerdens, verleitete ſie zu pa⸗ radoxen Außerungen. Mit ihrer Todtenkaͤlte behauptete ſie, daß uns mancher Traum im Leben ein ſchreckliche⸗ res Erwachen bereite als das Erwachen im Sarge. Alphons ſchauderte; ihm war's, als ſpraͤch' ein Ge⸗ ſpenſt dieſe troſtloſen Worte, und als ſolle ſein junges Leben, an dieſes Geſpenſt geſchmiedet, vergehen muͤſſen. Spaͤterhin, als er ſie mit den Frauen beſchaͤftigt glaubte, ging er uͤber das Vorhaus und hoͤrte die Kin⸗ der des Hauſes im anſtoßenden Zimmer ihr Gelaͤchter treiben. Er oͤffnete die Thuͤr und erblickte, ohne be⸗ merkt zu werden, eine Gruppe von mehren Kindern, unter denen Alwina auf einem kleinen Seſſel ſaß und ihnen Maͤrchen erzaͤhlte. Zwei kleine Waiſen, Kinder 373 einer verſtorbenen Stieftochter des Hausherrn, die er vor Kurzem erſt zu ſich genommen, hielt ſie in ihren Armen; er nahm wahr, wie dieſe mit beſonderer In⸗ nigkeit an ihr hingen, vorzuͤglich ein Knabe, der ihre eine Hand an ſeine Bruſt druͤckte und mit unbeſchreib⸗ lichem Vertrauen in ihr Auge blickte. Dieſes unmuͤn⸗ dige Kind ſchien durch dieſe entſtellte Huͤlle hindurch die ſchoͤne Seele zu erkennen, die vergeblich nach Freiheit flatterte in ihrem grauſamen Kerker. Alwina erzaͤhlte mit lieblicher Stimme und im kindlichſten Sinne ein kleines Maͤrchen, in welchem ſie durch die heiterſten Bilder zu der ruͤhrendſten Moral uͤberging, ſodaß die Kleinen nach oft widerholtem, froͤhlichem Gelaͤchter endlich am Schluß mehr oder weniger geruͤhrt die Er⸗ zaͤhlerin umdraͤngten und liebkoſend ihr dankten. Sehr bewegt verließ Alphons, ohne ſich zu zeigen, ſeinen Platz und bot Alwinen, als die Geſellſchaft nach wenig Minuten aufbrach, mit aufs Neue geſtaͤrkter Empfin⸗ dung ſeinen Arm. Eine Ahnung des Zuſammenhanges zwiſchen den doppelten Weſen, die er in ſeiner Verlob⸗ ten ſtreiten ſah, war in ihm aufgeſtiegen, er hatte die Wahrſcheinlichkeit erblickt, daß die Überzeugung, geliebt zu ſein, eine Harmonie uͤber ſie verbreiten koͤnnte, die ihn bald mit ihrer Bildung verſoͤhnen wuͤrde. Der Winterabend war beſonders milde und heiter. Die Juͤngern aus der Geſellſchaft ſchlugen einen Umweg durch den Schloßgarten vor, um die Sterne ſich im Rheine ſpiegeln zu ſehen, und Alwina willigte in Al⸗ phonſens Bitte, ſie zu begleiten. Sie war jetzt ruhig und zwanglos; die Kinder hatten ſie geliebt, ſie hatte 374 ſie ſo gluͤcklich gemacht; jetzt, im Dunkel der Nacht, in ihren Schleier gehuͤllt, fuͤhlte ſie ſich freier, und Alphons kam ihr mit beſonderer Herzlichkeit entgegen; er bat ſie jetzt wieder von dem Vorſchlage ſprechen zu duͤrfen, den ſie ihm am Sterbemorgen ſeiner Mutter gemacht hatte.— Beide betrogen einander und ſich ſelbſt, denn als ſie das Haus erreichten, hatte Alwina verſprochen, die Wuͤnſche der Verſtorbenen unbedingt zu erfuͤllen. Dieſes war der einzig gluͤckliche Abend in Alwinens Leben; ja, er war der gluͤcklichſte fuͤr ihren Freund. Als ſich die Familie beim Nachhauſekommen trennte, glaubten ſich Kinder und Vater auf dem Wege des haͤuslichen Gluͤcks. 4 Wenn irgend ein treuer, uͤberlegener Menſch Alwi⸗ nen begreiflich gemacht haͤtte, es ſei nicht ihre Haͤßlich⸗ keit, ſondern ihre Unnatuͤrlichkeit, welche Alphons im⸗ mer von Neuem zuruͤckſtieß, ſo haͤtte die begluͤckende Innigkeit dieſes Abends das Vorbild ihrer Zukunft ſein koͤnnen. An Haͤßlichkeit gewoͤhnt ſich das Auge, denn ſie iſt ſtets dieſelbe; aber Unnatuͤrlichkeit, welche ſich ſtets wandelbar aͤußert, verletzt immer von Neuem. Aber die⸗ ſer uͤberlegene Menſch, der es wagt, durch eine bittere Stunde ein Leben vor Gram zu retten, fehlte Alwi⸗ nen, und ihre Verkehrtheit ſteigerte ſich durch die Wir⸗ kung, die ſie hervorbrachte. Alphons mußte nach wenigen Tagen Manheim verlaſſen. Er ſollte in Goͤttingen die Doctorwuͤrde an⸗ nehmen und dann im naͤchſten Sommer, einem vom Landesherrn erhaltenen Verſprechen gemaͤß, ſeines Va⸗ ters Amt uͤbernehmen. Dieſer wollte ſich auf eines 375 der Guͤter zuruͤckziehen, welches Alwina der Famillie zuruͤckgab. Der Briefwechſel der beiden Verlobten war nicht wohlthaͤtiger als ihr Beiſammenſein, und band ihre Herzen doch feſter aneinander. Sobald Alphons Alwi⸗ nens Seelenkrankheit erkannt hatte, wollte er auf ſie wirken, uͤberſoah aber, daß die Ermahnungen Deſſen, der von unſern Fehlern leidet, ſtets wie Vorwuͤrfe aus⸗ ſehen. Vorwuͤrfe aber ſchwaͤchen den Eindruck der Liebe, und anſtatt Alwina vom Joch ihres„an ſich ſelbſt Ver⸗ zweifelns“ zu befreien, beſtaͤrkten ſie ſie in der Überzeu⸗ gung, nie Wohlgefallen erregen zu koͤnnen. So oft Al⸗ phonſens Briefe dieſe Seite nicht beruͤhrten, vereinigten ſich ihre Herzen immer mehr in gleichen Anſichten, in Mittheilung und Belehrung von Seiten des Freundes, in klarem Abſpiegeln des Aufgefaßten und richtiger An⸗ wendung deſſelben aufs wirkliche Leben von Seiten des Maͤdchens. Der Zeitpunkt kam, wo ein unaufloͤsliches Band zwei nie zuſammenſtimmende Menſchen verbinden ſollte. Der Vater hatte Alphons in den Rheingau beſchieden, die Hochzeit auf dem Gute, wo Alwina erzogen worden war, zu feiern. Dieſe bezeigte eine ungefaͤllige Gleich⸗ gultigkeit bei den Einrichtungen, welche eine alte Ver⸗ wandte, vom Vater beauftragt, zu dem kuͤnftigen Haus⸗ halte machen mußte. In ihrem Innern wogten Gefuͤhle, welche dieſer Gleichguͤltigkeit ſehr widerſprachen. Sie hatte in der Nachbarſchaft des Gutes eine Jugend⸗ freundin wiedergefunden, die ſchon vor ihrer Verpflan⸗ zung nach Manheim in eine Erziehungsanſtalt gekom⸗ men war. Sie hatten ſich als Kinder verlaſſen, ſie 376 trafen ſich als ausgebildete Jungfrauen wieder an. Sara war eine der reizendſten Blondinen; auch ſie war Braut und erwartete ihren Geliebten zur gleichen Zeit, wo Alphonſens Ankunft feſtgeſetzt war. Alwina, deren ed⸗ les Herz keines Neides faͤhig war, huldigte mit kuͤnſt⸗ leriſchem Wohlgefallen Sara's Schoͤnheit; ſie zeichnete ſie als Hebe, ſie ſchmuͤckte ſie mit weißen Roſen als Iphigenia, ſie drappirte ſie als Madenna, ſetzte ihr ein Officierscasket auf und rief alle Hausgenoſſen her⸗ bei, um ſie als Johanne d'Arc zu bewundern. Endlich kam Alphons an. Konnte es anders ſein, als daß die alte Verkehrtheit Alwinen in Sara's Gegenwart verdop⸗ pelt uͤberfiel? Ihr ſtetes Bemuͤhen ging dahin, nichts zu thun, wodurch nur der Gedanke entſtehen koͤnnte, daß ſie dieſem reizenden Maͤdchen zu gleichen verſuchte. Alphons wollte ſie durch die überzeugung, daß ſie ihm voͤllgg genuͤge, ihres Zwanges entheben; aber dadurch verirrte er ſich ſelbſt von der Natur; er zwang ſich zu einer Befliſſenheit, zu einem Ausdruck von Zaͤrtlichkeit, der in dieſen Umſtaͤnden nicht paſſend war; Alwina er⸗ rieth ihn, und er fuͤhlte ſich durch die Kaͤlte, die ſie ihm entgegenſetzte, laͤcherlich gemacht. Sara, weit ent⸗ fernt die feindſeligen Gefuͤhle, die in ihrer Freunde Buſen nagten, begreifen zu koͤnnen, uͤberließ ſich ih⸗ rem holdſeligen Leichtſinn, um ſie zu zerſtreuen und die Zeit zu befluͤgeln. Eines Abends, wo Alwina mit ſelbſtquaͤlender Aufmerkſamkeit jeden ſchoͤnen Zug in Sa⸗ ra's Geſtalt betrachtet hatte, wie ſie lachte, carikirte, Attituden machte und Alphons in ihren Schwindel mit fortzog, ergriff— nicht Eiferſucht— aber Verzweif⸗ 377 lung an Gluͤck der Armen Gemuͤth, ſodaß ſie eilig den Salon verließ und in die entlegenſte Gartenlaube floh. Alphons war nicht ſo bethoͤrt geweſen, daß ihm der Kampf entgangen waͤre; uͤber ihren beſſern Genius trau⸗ ernd, hoffte er, ſeine Unbefangenheit ſollte ihr ſiegen helfen. Betroffen und reuig ſuchte er ſie nach kurzer Zeit auf. Er war, waͤhrend Sara ihre kleinen Kuͤnſte uͤbte, ſich lebhaft bewußt geweſen, wie viel mehr ſiche⸗ res Lebensgluͤck ihm Alwinens gebildeter Geiſt als die⸗ ſer fluͤchtige Zauber verſpraͤche. Mit dieſem Gedanken, zu dem ſich Sorge geſellte, beſchaͤftigt, fand er ſeine Freundin im Dunkel des Abendhimmels und des dich⸗ ten Laubgewoͤlbes, wie ſie, vor einer Raſenbank kniend, ſchluchzend zu beten ſchien. Alphons ward von Mit⸗ leid hingeriſſen, ihr Ungluͤck und auch das ſeine ergriff ihn, er faßte ſie heftig in ſeine Arme, er wollte ſie troͤſten, uͤberzeugen, ſie ging von dem Schmerze der Verzweiflung zu dem Glauben, geliebt zu ſein, uͤber, Beide glaubten in dem Taumel, der aus dieſen Gegen⸗ ſaͤten entſtehen mußte, ein Pfand ihrer Errettung zu halten, und ihr Buͤndniß war nun vor ihren eignen Augen unaufloͤslich geknuͤpft. Bebend, aber gluͤcklich kehrten ſie Arm in Arm zu⸗ ruͤck. Kaum im Gartenſaale eingetreten, hatten ſie Sara gegruͤßt, als die Thuͤre aufging, und ein ſchoͤner jun⸗ ger Mann in Uniform hereintrat. Sara flog aufrufend ihrem Eduard entgegen. Nach der erſten ſtuͤrmiſchen Bewillkommnung fuͤhrte ſie ihren Geliebten ihrer Freun⸗ din zu, und es war nicht moͤglich, ein ſchoͤneres Paar zu erblicken. Sie waren, einander mit einem Arme 378 umſchlingend, ihre Haͤnde ineinandergelegt, das Bild der Jugend und der Freude. Alphons, ſeinen einen Arm um Alwinens Mieder gelegt, ſtand ihnen gegen⸗ uͤber. Alwina war liebevoll in dem Anblick jener Bei⸗ den verſunken, als ihr Blick, durch unſichtbare Macht geleitet, einen ihr zur Seite haͤngenden großen Spiegel beruͤhrte; Alphonſens Auge folgte dem ihren, und dort ſtand ihre unſelige Geſtalt neben dem bluͤhenden Paare. Alphons ſchauderte innerlich zuſammen, ſie fuͤhlte es an dem Zucken ſeines Armes— und ihr Entſchluß war gefaßt. Gleichguͤltig wie der Bloͤdſinn ließ ſie die naͤchſten beiden Tage, die letzten vor der Hochzeit, vor⸗ uͤbergehen. Alphons getraute ſich nicht, ſie anzuregen, er fuͤrchtete ſelbſt dieſe ſchwuͤle Stille zu unterbrechen. Die Hausgenoſſen nahmen wahr, daß der Beſuch des Geiſtlichen, welcher den Abend vor der Hochzeit bei der jungen Gutsherrſchaft einſprach, ſie ungewoͤhnlich er⸗ ſchuͤtterte; ſie bat Alphons, der einen Troſt darin fand, ſie aufzuſuchen, um ſie zu ſein, ſie dieſen Abend der Einſamkeit, die ihr Gemuͤth beduͤrfe, zu uͤberlaſſen; ihre Kammerfrau ſah ſie ſchreiben, Papiere verſiegeln und bemerkte, daß ihr der alte Verwalter viel baares Geld brachte. Die Trauung ging den folgenden Tag ohne Ceremonie, nur im Beiſein weniger Freunde vor ſich. Sara war Brautfuͤhrerin und hatte ſich wie eine Roſengoͤttin geſchmuͤckt; Alwina war von Kopf bis zu Fuͤßen verſchleiert. Das zarte Gewebe verhuͤllte ſie vor den neugierigen Blicken der Zuſchauer in der Dorfkirche, aber es wehrte ihr nicht, Alphonſens Todtenblaͤſſe zu ſehen und ſeine Hand zittern zu fuͤhlen, als er das 379 entſcheidende Ja ſprach. Sie war ungezwungen, ſehr weich und unverhohlen einzig mit ihrem Freunde be⸗ ſchaͤftigt. Die Geſellſchaft trennte ſich fruͤh, ohne treu⸗ herzigen Scherz, nach der Vaͤter Sitte, ohne geiſtreiche Bemuͤhung um Zeitvertreib, nach neuer Weiſe geuͤbt. Alwina ſagte ihrem Gatten unerwartet gute Nacht, in⸗ dem ſie, ſich ploͤtziich in ihre ſchreckliche Todtenkaͤlte verhuͤllend, verſicherte, daß ihre Geſundheit der Ruhe beduͤrfe. Den folgenden Morgen erwartete man geraume Zeit ihr Erwachen, eine unheimliche Stille lagerte ſich um die verſammelten Hausgenoſſen, Jeder dachte das Schrecklichſte; Alphons verbot es ſeinem ermatteten Geiſte und ging zu einer ſpaͤten Stunde, ihr Zimmer zu eroͤffnen. Dieſes war leer, ſo auch ihr Bett; aber auf deſſen Hauptkiſſen lag folgender Brief, an„ihren Gatten“ uͤberſchrieben: „Nun iſt das Opfer von beiden Seiten großmuͤthig gebracht. Sie haben mit feſtem Sinne unternommen, mir ihr Leben zu weihen; ich habe den Muth, Ihnen das meine zu widmen. Doch nicht, indem ich, ein Gegenſtand ihres Mitleids, gegen die Verſuchung an⸗ kaͤmpfe, mit der Vorſehung zu rechten, die mich mit dieſer druͤckenden Gabe abſpeiſte, indeß ſie unendlichen Durſt nach freier, edler, huldigender Liebe in meine Seele pflanzte. Der Wille meiner Mutter iſt erfuͤllt; Sie ſind Herr meines Vermoͤgens, von dem mir ſo viel zu geben, als meine maͤßigen Beduͤrfniſſe erfodern, ich Sie heute bitte und von Zeit zu Zeit bitten werde. Ich gehe nun dahin, wo ich weinen und beten kann, ohne Ihren Frieden zu ſtoͤren. Wie Du mich auch 380 ſucheſt, Du findeſt mich nicht. Die Zeit, wo die Ge⸗ ſetze Dich von einer boͤslich entwichenen Gattin trennen moͤgen, iſt nicht fern; Du wirſt Deine Freiheit fruͤher als die Heilung Deines Herzens erlangen, denn ich weiß, daß dieſes tief verwundet ſein wird— und Du haſt Recht dazu; denn der Schmerz, Dich zu verlaſſen, kann nur der, um Dich zu leben, uͤbertreffen, und das empfindeſt Du auch.“ Dieſer Brief war als Frau unterſchrieben. Alphons ſammelte alle Wahrſcheinlichkeiten, alle Moͤg⸗ lichkeiten, um den Weg aufzuſpuͤren, den ſie genommen hatte; eine entſchiedene Vorliebe fuͤr den ſuͤdlichen Him⸗ mel, mehre Außerungen, die ſie bei dem Leſen einer Reiſebeſchreibung nach Languedoc und Bayonne gemacht, ihre Fertigkeit in der franzoͤſiſchen Sprache floͤßten ihm die überzeugung ein, daß ſie ihren Weg nach Frankreich genommen habe. Er eilte nach Koblenz. Da ſie keine Wechſel gehabt, ſondern ſich mit baarem Geld hatte beladen muͤſſen, vermuthete er, daß ſie hier bei irgend einem Bankier angeſprochen habe, um derglei⸗ chen zu kaufen. Wirklich fand er auch ein anſehnliches uͤdiſches Haus, das ihm in ſeinen Buͤchern zeigte, wie vor 24 Stunden eine junge verſchleierte Dame, die ſich Beſitzerin von Ellerbach bei Ellfeld im Rheingau unterſchrieben, ſehr große Wechſel, fuͤr Lyon zahlbar, eingehandelt habe. Alphons laͤchelte wehmuͤthig uͤber die Unvorſichtigkeit ſeiner armen Freundin und eilte ihr nach Lyon nach. Obſchon ſie nur 24 Stunden Vor⸗ ſprung hatte, fand er nirgend von ihr eine Spur; auch der Lyoner Bankier hatte nichts von den bezeichneten 381 Wechſeln geſehen. Alphons ſuchte ſie auf dem ganzen Wege jener Reiſebeſchreibung, die er zum Leitfaden ih⸗ rer Flucht annahm; er ſchweifte bis Bayonne, aber keine fluͤchtige Anzeige ließ ihre Gegenwart ahnen. Es war ſchon ſpaͤter Herbſt, als er zuruͤckkehrte. Sein Herz blutete fuͤr das ungluͤckliche Maͤdchen, die er hatte des Friedens beraubt, die er hatte aus der Heimath vertrieben. Sein Gefuͤhl empoͤrte ſich uͤber die ruhige Umſicht, mit welcher ſein Vater zwar Nachforſchungen angeſtellt hatte, aber am befliſſenſten war, ihm ſeine Rechte uͤber ihr Vermoͤgen zu ſichern. Der Landesherr mußte in dieſem entſcheidenden Jahre, wie alle deut⸗ ſche Fuͤrſten, ſeine Kinder den Napoleoniſchen Heeren nach, gen Norden ſenden. Unmuth und Schmerz er⸗ regten in Alphonſens Gemuͤth die Sehnſucht nach et⸗ was Groͤßerm als ſein perſoͤnliches Schickſal; er ſchloß ſich an die ausziehenden Krieger an. Er theilte das Schickſal der Tauſende, die ſiegten und unterlagen, er kaͤmpfte in jenen Wogen des menſchlichen Elends und ergriff mit einem kleinen Haufen der Seinen ein Bret, auf dem er dem Ufer zuzutreiben ſtrebte. Ein Zufall fuͤhrte ihn und ſeine Gefaͤhrten nach vielen Ta⸗ gen der allgemeinen ſchrecklichen Flucht, von der Rich⸗ tung der ganzen Maſſe ab, mehr nordwaͤrts. Sie ſchweiften in den lithauiſchen Marſchlaͤndern umher und naͤherten ſich, von Angſt und Gefahr getrieben, ohne ihre Vereinzelung vom großen Haufen zu begreifen, ohne Nachricht einziehen zu koͤnnen, der kurlaͤndiſchen Grenze. In einer Nacht, wo die Furcht vor ruſſiſchen Streifcorps ſie abhielt, wie ſie in dieſem oͤden Lande 7 382 oft gewagt hatten, in der Naͤhe von Menſchen Unter⸗ kommen zu ſuchen, war Alphons der eifrigſte, Schnee aufzuthuͤrmen, um einen ſeiner ungluͤcklichen Gefaͤhrten, den der Fieberfroſt ſchuͤttelte, vor dem andringenden Nordoſtwind zu ſchuͤtzen, der feuchte Nebel herantrieb. Er ſelbſt war erſchoͤpft. Vom Schweiße der Anſtren⸗ gung bei der Arbeit durchnaͤßt, legte er ſich dicht neben den Fieberkranken nieder, ſein Haupt auf deſſen bebende Bruſt, um ihn nothduͤrftig zu waͤrmen. Der Kranke entſchliff den Qualen des Lebens, denn dieſer Froſt war ſein letztes Weh. Alphons erwachte bei dem Ge⸗ raͤuſch ſeiner Gefaͤhrten, die der Anbruch des Tages wie geſcheuchtes Wild zur Flucht trieb; ſchmerzvoll hob er ſein ſchweres Haupt von der ſtarren Bruſt des Tod⸗ ten und ermahnte die Seinen, doch in dieſem durchſchnit⸗ tenen Lande den Weg nicht im Dunkel der Nacht zu beginnen. Seine Leidensbruͤder deuteten nach Oſten, wo eine gluͤhende Morgenroͤthe durch die blaͤulichen Ne⸗ bel drang.— Ach! Alphons ſah keine Morgenroͤthe mehr. Die Kaͤlte der Nacht und des Todten, auf dem er geruht, hatte ſeine Augen geſchlagen, ſie ſahen kein Licht mehr. Er wollte bleiben und ſterben; denn um ein Leben des Elends, wie nun vor ihm lag, zu bangen, ſchien ihm Flucht ein zu theurer Preis; allein eben der Anblick ſeines Ungluͤcks belebte die Kraft ſeiner Gefaͤhrten; ſie uͤberwaͤltigten den ſich zur Wehr ſetzen⸗ den Blinden, ſie fuͤhrten ihn fort, ſie pflegten ihn, und er erwarb ihnen Barmherzigkeit, wo ſie ſich Menſchen zu nahen wagten, und ſo ſchleppten ſie ihr troſtloſes Daſein bis nach Mitau. Dieſer Ort hat zu viel von 383 der Willkuͤr der Gewalt gelitten, als daß er mit blin⸗ der Wuth den Triumph haͤtte theilen moͤgen, den die Elemente uͤber das feindliche Heer davongetragen hat⸗ ten. Von jeher war Gaſtfreiheit eine der Hausgoͤttin⸗ nen dieſer Stadt. Die Einwohner hatten die ſparſam bis zu ihnen abirrenden Fluͤchtlinge mitleidig verpflegt; auch Alphons ward einem wohlhabenden Hauſe zur Ver⸗ ſorgung uͤbergeben. Zwei ſeiner Gefaͤhrten fuͤhrten ihn dahin. Er fuͤhlte an dem Fußboden des Zimmers, wohin er trat, an der Helle, fuͤr die ſeine Augen noch einige Empfaͤnglichkeit hatten, daß er ſich in einem ſehr anſehn⸗ lichen Hauſe befand; er hoͤrte Frauenſtimmen und ſah nach der Seite zu, wo ſie fluͤſterten, farbige Schimmer in dem Duntkel, das ihn umhuͤllte. Seine beiden Ge⸗ faͤhrten begannen dem fragenden Hausherrn ſein Ungluͤck zu erzaͤhlen; denn ſeit jener Nacht, die ſeine Augen er⸗ blindete, war auch ſeine Faͤhigkeit zu ſprechen zu undeut⸗ lichen Toͤnen erſtarrt. Da hoͤrte er einen Schrei von der Seite der Frauen, und ſeine Gefaͤhrten ſagten ihm, die eine der Damen ſei ohnmaͤchtig geworden. Alphons begriff, daß der Anblick halbnackter Ungluͤcklicher, daß ſein Anblick, der des Ebenbildes Gottes in ſeinem entſtellten Antlitz beraubt war, Schauder erregen mußte. Mit Freu⸗ den ließ er ſich in das ihm bereitete einfache Zimmer fuͤh⸗ ren. Hier empfing ihn ein Bett, hier ſank er, ſeit vielen Wochen zum erſten Mal, ohne Todesgefahr in die Arme des Schlummers, hier erwachte er zum erſten Mal, ohne dem Verderben entfliehen zu muͤſſen. Die thieriſche Na⸗ tur behauptete jetzt auf eine wohlthaͤtige Art die Herr⸗ ſchaft: ſie wies auf einige Tage die Vernunft zur Ruhe, 384 und Erinnerung und Phantaſie mußten ſchweigen. Al⸗ phons ſchlief und aß und freute ſich ſeiner reinen Waͤſche, und tappte nach der Hand, die ihn mit eini⸗ gen Tropfen wohlriechenden Waſſers beſprengte, ergriff ſie, liebkoſte ſie wie ein unmuͤndiges Kind und lallte ihr Dank und beſann ſich vergeblich auf den Zuſam⸗ menhang, wie ſie die Perſon, die er hielt, laut ſchluch⸗ zend zuruͤckzog. Beſtuͤrzt fragte er, ob er gefehlt. Furcht vor Unrecht war die einzige Spur moraliſchen Gefuͤhls, die in dieſen Tagen in ihm wach blieb; ſie erhielt aber den Stempel des gebildeten Menſchen in ihm unverſehrt; er that nichts, wovor der beſſere Menſch erroͤthet waͤre, er that aber Alles ſo, daß ſein Anblick das Herz zerriß. Die erſten Mittel, welche ſein Arzt anwendete, um ſeine gelaͤhmten Geſichtsmuskeln zu hei⸗ len, waren Umſchlaͤge, die ihm jeden Verſuch zu ſpre⸗ chen verwehrten. Sobald die genoſſene Ruhe ſeinen Ge⸗ danken mehr Klarheit gab, benutzte er die Zeit eines Verbandes, um ſeine guͤtige Waͤrterin, die man ihm Friedlef zu nennen geſagt, um das Schreiben eines Briefes zu bitten, in welchem er ſeinem Vater ſein Schick⸗ ſal und auch ſein Gluͤck ſchrieb, unter der Pflege der wohl⸗ thaͤtigſten Menſchen zu ſein. Friedlef uͤbernahm es ſelbſt und las ihm bald darauf einen Brief, in welchem ſie einfach und ruͤhrend ſeine Abſicht erreicht hatte. Alphons ſchien einige Minuten mit ſich ſelbſt zu kaͤm⸗ pfen, dann loͤſte er die Bande ſeines Geſichts und ſprach: Friedlef ſetzen Sie noch hinzu: Wuͤßte man irgend etwas von Alwinen, ſo wuͤrde es mein Elend erleichtern, und mein Leben bekaͤme vielleicht wieder einen V 385 Werth. Friedlef ſchrieb dies ſchweigend in den Brief. Alphons fuͤrchtete, die Muͤhe ſei ihr laͤſtig, er ſuchte ihre ſchreibende Hand, faltete ſeine beiden um ſie her und wandte ſein armes verhuͤlltes Geſicht in der Stel⸗ lung eines Flehenden zu ihr hin. Ploͤtzlich hoͤrte er ſie zu ſeinen Fuͤßen ſtuͤrzen, ſie druͤckte ſeine Hand an ihre Lippen, an ihre Bruſt, und ihr Weinen trotzte dem Bemuͤhen, es zu verhehlen. Alphons war beſtuͤrzt, daß eine Fremde ſo lebhaft fuͤr ſein Leiden empfand. Doch meinte er, daß ein ſo energiſcher Ausdruck des Gefuͤhls den Kurlaͤndern vielleicht von ihren Nachbarn, den Polen, uͤberkommen ſei, deren dramatiſcher Aus⸗ druck den Fremden oft auffaͤllt. Dankbar fuͤr ihre Theilnahme, und jedes andern Mittels, ſich auszudruͤcken, beraubt, ſtreichelte er ihre Wange, und ohne ſich deſ⸗ ſen bewußt zu ſein, erweckte ſein Taſtſinn in ihm die überzeugung, Friedlef ſei auch leidend und krank, denn er hatte ſeine Hand an eingefallene Wangen gelegt. Wunderbar machte er ſich nun von Friedlef ein Bild, das Alwinens Zuͤgen glich, und die Unfaͤhigkeit, durch Worte ſeine Ideen mitzutheilen und dadurch zu zer⸗ ſtreuen, zugleich mit der Schwaͤche ſeines Kopfes, ließ dieſe dunkle Vorſtellung ſo feſte Wurzel ſchlagen, daß ſie ſich bei ſeiner Geneſung in ihm vorfand und nicht mehr verloſch. Friedlef hatte alle Eigenſchaften, ſie zu naͤhren. Wie ein Schutzgeiſt umgab ſie ihn, er⸗ ſparte ihm das Gefuͤhl ſeiner Huͤlfloſigkeit durch das ſinnreichſte Zuvorkommen ſeiner Wuͤnſche, hob durch heitre Geſpraͤche, durch ſeelenerhebende Vorſtellungen ſeinen ermatteten Geiſt, und ſobald er einiger Anſtren⸗ V. 25 386 gung faͤhig war, ſtaͤrkte ſie ihn durch das Vorleſen ſol⸗ cher Schriften, welche den Menſchen veredeln, indem ſie ihn an ſeinen Zuſammenhang mit dem Weltall erin⸗ nern. Er war ſehr fruͤh von dem Irrthum, eine ge⸗ meine Dienerin vor ſich zu haben, zuruͤckgekommen; ſobald ihm aber ſein Zuſtand Theilnahme am Geſpraͤch geſtattete, erfuhr er von ſeiner guͤtigen Wirthin, daß Friedlef eine Freundin ſei, die ein frommer Sinn ver⸗ moͤchte, ſich der Krankenpflege zu weihen. Wohl, mit Geluͤbdestreue erfuͤllte ſie an Alphons dieſen frommen Beruf, doch nur ſpaͤrlich ward ihre Muͤhe belohnt. Seine Augen waren unwiederbringlich erblindet, und uͤber den Ausdruck ſeiner Geſichtszuͤge erhielt die Seele keine Gewalt mehr. Auch ſeine Sprachfertigkeit kehrte zuruͤck, wenngleich auf immer ſeine Stimme Kraft und Klarheit verlor. Die ihn nie gekannt hatten, blickten 4 wehmuͤthig in ſein entſtelltes Geſicht; denen dieſe wuͤ⸗ ſten Augenſterne einſt Wohlwollen, dieſe ſtarren Wan⸗ gen Freude laͤchelten, die haͤtten wol in Schmerz ver⸗ gehen moͤgen bei dieſem Anblick. Auf die Briefe, welche Friedlef an Alphonſens Va⸗ ter hatte ſchreiben muͤſſen, kam Antwort, doch von Alwinen brachten ſie keine Kunde. Traurig und ſchwei⸗ gend hoͤrte der arme Geneſende zu, wie Friedlef ſie ihm vorlas. Er war noch ſo ſchwach, daß er den Eindruck der Fehlſchlagung nicht zu beſiegen vermochte. Seine ſtarren Wangen fuͤhlten die Thraͤnen nicht, die ſeinen Augen entquollen, aber brennend fielen ſie auf Friedleſ's Herz— denn Friedlef war ja die Alwina, um die ſie floſſen. Nach allen Seelenſtuͤrmen, welche ihren Brautſtand — 387 erſchuͤttert hatten, war ihr in jenem unſeligen Moment, wo ſie ihre Geſtalt neben der Gruppe von Sara und ihrem Geliebten im Spiegel erblickte, die Unmoͤglichkeit, in ihrer Lage zu verharren, unwiderleglich vor Augen getreten. Mit einer Heftigkeit, bei der ſie ihre Ver⸗ nunft nicht mehr zu Rathe ziehen wollte, ergriff ſie die Mittel zur Flucht und fuͤhrte ſie mit dem guͤnſtig⸗ ſten Gluͤck aus. Ein armer Handelsjude, dem ſie oft Wohlthaten erzeugt hatte, kam, wie ſie uͤber ihrem Anſchlag nachſann, ihr Waaren zu bieten. Schnell war ihr Entſchluß gefaßt. Sie befahl ihm, ſie den Abend nach der Trauung beim Ausgange eines Luſthoͤlz⸗ chens zu erwarten. Die Gaffer und Muͤßiggaͤnger wa⸗ ren um das Wirthshaus verſammelt, wo Alwina wohl bedacht allen Dorfbewohnern, zu Ehren ihrer Hochzeit, Speiſe und Tanzmuſik hatte bereiten laſſen. Sie gab dem Juden einen Pack mit Kleidungsſtuͤcken zu tragen, den ſie abſichtlich groß gemacht hatte, um das darin verpackte Geld zu verbergen. Sie ſelbſt trug ein klei⸗ neres mit ihrem Schmuck. Bis Geißenheim ging ſie zu Fuß, dort nahm ſie einen Kahn und befahl dem Juden, dem Schiffer zu ſagen, er eile mit ſeiner Schweſter, ſeine ſterbende Mutter in Coblenz zu ſehen, und werde ihm vieles Geld geben, wenn er ihn fruͤh genug hinunterbraͤchte, um ſie noch zu einem Teſtament zu bereden. Der Schiffer kannte den Handelsjuden, ſeine Eile und das Verſprechen einer großen Belohnung war natuͤrlich, auch Alwinens Verhuͤllung befremdete ihn nicht. Er hatte oft gehoͤrt, daß die Juͤdinnen bei großer Trauer ihr Antlitz bedeckten. Er ſtach mit ſei⸗ 4 25* 388 nem leichten Kahn in das Fahrwaſſer, der Strom ging ſtark, und auf dieſe Weiſe kam Alwina nach Coblenz, ehe man ihre Entfernung von dem Gute nur wahrnahm. Die Abſicht, ihre Familie uͤber ihren Weg irre zu fuͤhren, gelang; ſie ging mit ihren auf Lyon ausgeſtellten Wechſeln uͤber den Rhein und gab ſich, ihre deutſche Abkunft verleugnend, fuͤr eine fran⸗ ooͤſiſche Officiersfrau aus, die ihrem Manne nachzurei⸗ ſen gedaͤchte. So half ſie ſich ſehr gewandt bis Mar⸗ burg, wo ſie in dem Gaſthofe die Frau eines franzoͤ⸗ ſiſchen Majors fand. Dieſe lag gefaͤhrlich krank, und die rohen Wirthsleute aͤußerten ihren Entſchluß, eine von allen Huͤlfsmitteln entbloͤßte Fremde nicht laͤnger zu beherbergen. Alwina faßte gleich den Vortheil, den ſie hier finden koͤnnte. Sie ging zu dieſer Frau, be⸗ ſchenkte ſie reichlich und bot ihr eine anſehnliche Summe an, wenn ſie ihr wollte ihre Paͤſſe verkaufen. Die Franzoͤſin ging den Vorſchlag freudig ein. Um in ihre Heimath zuruͤckzukehren, hatte ſie kein Hinderniß zu ſcheuen, und die Reiſe nach Rußland machte ihre Ge⸗ ſundheit fuͤr dieſen Herbſt unmoͤglich. So ſah ſich Al⸗ wina im Beſiz der guͤlkigſten Papiere, um ſich bei al⸗ len fremden Behoͤrden bis nach dem aͤußerſten Norden zu legitimiren. Sie hatte in den vergangenen Jahren in Wiesbaden eine Familie aus Mitau kennen lernen, mit deren einer Tochter ſie ſich freundſchaftlich verbun⸗ den. Nach neuern Nachrichten war ſie auf das gluͤck⸗ lichſte mit einem wohlhabenden Manne verheirathet und aͤußerte in jedem Briefe den Wunſch, Alwina zur Zeugin ihres Gluͤckes zu haben. Zu dieſer Freundin —— —.— 389 ihre Zuflucht zu nehmen, war ihr Plan bei ihrer Ent⸗ weichung geweſen, und die Erlangung der franzoͤſiſchen Paͤſſe erleichterte ihr deſſen Ausfuͤhrung. Sie hatte in Kaſſel einen verſtuͤmmelten franzoͤſiſchen Soldaten als Bedienten angenommen, der in den vielfaͤltigen deut⸗ ſchen Feldzuͤgen die Sprache hinlaͤnglich gelernt hatte, um ihr allen Verkehr auf der Reiſe zu erſparen, und ungeachtet ihm nur ein Arm zum Gebrauche geblieben war, verſah er ſeinen Dienſt mit Eifer und Geſchick. Oft mußte Alwina, die ihre Rolle als Franzoͤſin, um jeder Entdeckung zuvorzukommen, beharrlich fortſetzte, wehmuͤthig laͤcheln, wenn Florentin den rohen Spott mancher Poſthalter oder Wirthe uͤber die„haͤßliche Fran⸗ zoͤſin“ mit dem ritterthuͤmlichen Weſen ſeiner Nation, dem Stolze des alten Kriegers und dem Zorne ſeines rechtlichen Gemuͤths zuruͤckwies. Oft that Alwina, als wenn ſie die Beziehung ſeines Streites nicht verſtaͤnde; als ſie aber endlich einmal fragte, warum er ſich in Haͤndel einließ, ſagte er mit heftigem Unwillen: Gnaͤ⸗ dige Frau, das ſind Barbaren, die weder Sinn fuͤr Ehre noch Achtung fuͤr Ungluͤck haben.— Aber wenn ſie Euch mishandelten, koͤnnte ich ja verlaſſen zuruͤckbleiben. Bei Gott, gnaͤdige Frau, ich denke, ſie wuͤrden Ihnen Ehrerbietung erzeigen, wenn ſie ſaͤhen, daß ich mein Blut fuͤr ſie vergoſſen haͤtte.— Alwina laͤchelte und ſetzte mit ihrem verſtuͤmmelten Begleiter ihren Weg fort. In Mitau fand ſie ihre Freundin ganz ſo liebevoll, wie ſie ſich in fruͤhern Zeiten geaͤußert, ganz ſo gluͤck⸗ lich, wie ſie ſich ſelbſt geſchildert hatte. Sie fand in ihrem Gattin einen Mann von edelm, feſtem Sinne; 390 ihnen vertraute ſie ſich an, und ſie halfen ihr die Rolle einer franzoͤſiſchen Officiersfrau ſo gluͤcklich ausfuͤhren, daß ihr Mann in einem der naͤchſten Gefechte fiel, und ſie als Witwe in Mitau zuruͤckblieb. Nur ein kleiner Umſtand ward gleich bei ihrer Ankunft geaͤndert: ſie ward wieder eine Deutſche, die aber einen franzoͤſiſchen Krieger geheirathet hatte, und Florentin, den einzigen Zeugen ihres Franzoſenthums, ſendete man vor dieſer Verwandlung reich beſchenkt auf den Weg nach ſeinem Vaterlande zuruͤck. Alwina hatte ſich in Brand's Hauſe— ſo hieß der Gatte ihrer Freundin— bald einen Kreis huͤlfreicher Thaͤtigkeit geſchaffe. Das bald nach ihrer Ankunft erfolgende Kindbett der jungen Gattin gab ihr die guͤn⸗ ſtigſte Gelegenheit dazu, und in den vertraulichen Ge⸗ ſpraͤchen, welche in dieſer Zeit gluͤcklicher Einſamkeit fuͤr junge Gatten mit der Freundin gepflogen wurden, bil⸗ dete ſie den Plan aus, ihrem kuͤnftigen Leben durch ein Erziehungsgeſchaͤft Werth und Zweck zu geben. Mit Bang⸗ igkeit dachte Alwina, daß ſie auch hier das Vorurtheil zu bekaͤmpfen haben wuͤrde, das ihre Geſichtsbildung ihr allenthalben erregte, allein ſie war jetzt von falſchen Anſpruͤchen geheilt und hoffte zuverſichtlich, dieſes Vor⸗ urtheil allein zu uͤberwinden. Ihr Glaube betrog ſie nicht. Sie hatte wenige Monate bei ihrer Freundin gelebt, als der Kreis ihrer Familie und Bekannten ihr zugethan war, und was ſie behutſam einzuleiten wuͤnſchte, ward ihr dringend vorgeſchlagen— manche wackere Mutter bat ſie, ihre Talente zum Unterrichte ihrer Toch⸗ ter zu verwenden. Alwina waͤre nun mit ihrem Schick⸗ ——— 391 ſale verſoͤhnt geweſen, denn wer zu entſagen weiß, der findet auch zu genießen; nur die gaͤnzliche Ungewißheit, in der ſie uͤber Alphons lebte, druͤckte ſie nieder. Mit der Ruhe in ihrem Herzen nahm ihre Liebe fuͤr ihn an Innigkeit zu. Sie hatte fuͤr Alles, was ihr das Schickſal verſagte, fuͤr Alles, was ſie ſelbſt ihm geop⸗ fert hatte, ſich nichts vorbehalten als dieſe Liebe, und mit vollem Rechte gab ſie ihr neben ihrem Gott ihren Platz. Der Kriegsſturm vereitelte alle Mittel, die ſie ausgeſonnen hatte, unentdeckt Nachricht von ihm zu er⸗ halten, und ſie, die fuͤr das Groͤßte Muth gehabt hatte, erlag faſt der Unruhe, von Dem, welchen ſie auf im⸗ mer vermeiden wollte, kein Lebenszeichen zu hoͤren. Das Gluͤck wich in dieſer Zeit von Napoleons Hee⸗ ren; der Strom, welcher ſie auf ihrem Ruͤckzuge dahin⸗ riß, beruͤhrte Mitau nur mit ſeinen aͤußerſten Wogen, aber ſchon was dieſe herbeitrieben, war genug, um ein edles Gemuͤth von jedem Bruͤten uͤber eignes Ungluͤck abzuziehen. Brand widmete ſeinen Einfluß, ſeine Thaͤtigkeit, ſeine Mittel der Erleichterung der ungluͤck⸗ lichen Fluͤchtlinge; ſeine Gattin und Alwina waren wie die frommen Frauen des erſten Chriſtenthums vor den Thoren des Hauſes, die elenden Fremdlinge zu empfan⸗ gen. An einem Tage, wo die erſte Kaͤlte die Frauen ins Zimmer gebannt hatte, ward Alphons mit ſeinen Gefaͤhrten ihnen von der Behoͤrde zugeſchickt. Auf Brand's Fragen an die Halbverhungerten nach ihrer Heimath antwortete einer von ihnen, daß ſie Badener ſeien, und nannte Alphons als ihren Officier. Bei dem Namen des deutſchen Landes, das ihr ſo werth 392 war, blickte Alwina dem graͤßlichen Fremden ins Ge⸗ ſicht und erkannte trotz der erblindeten Augen und der erſtarrten Zuͤge ihren ungluͤcklichen Freund. Der erſte Eindruck dieſes herzzerreißenden Anblicks traf nur ihre Sinne— ſie fiel in Ohnmacht. Wollte in ſo einem Augenblicke der Gedanke herrſchen, ſo ent⸗ ſtuͤnde Verruͤcktheit, daher ſchenkte uns die Natur die Wohlthat der Ohnmacht oder gewaltſamer Klagen. Waͤhrend der langſamen Ruͤckkehr des Bewußtſeins bil⸗ dete ſich ſchon in Alwinens frommem Geiſte eine dun— kle Ahnung von Gottes wunderbarer Schickung, und nach ſchwerem, aber entſchiedenem Kampfe mit ihrem armen Herzen, das mehr, als ſie es verſtand, an Al⸗ phonſens ſeelenvollen Zuͤgen gehangen hatte, dankte ſie Gott, der ihn jetzt mit ihr unaufloͤslich verband. Sie ſann nicht daruͤber nach, ob und wie lange ſie von ihm unerkannt bleiben wollte; nur ihn pflegen wollte ſie, ihn heilen, und daher keine Üüberraſchung, keine Ent⸗ deckung, keine Erſchuͤtterung ſeines leidenvollen Gemuͤths. Als ſie wahrnahm, daß er ſie gar nicht erkannte, und dennoch ihr Andenken in ihm lebte, ward es ihr ſchwer, einen Übergang zur Entdeckung zu finden. Die Sicher⸗ heit, von ihm aufgeſucht worden zu ſein, jetzt von ihm beweint zu werden, war ihr ſo ſuͤß, machte ſie aber auch ſo beſorgt, den jetzigen Zuſtand zu ſtoͤren, zu veraͤndern. Ihre Freunde, die des Kranken gefaͤhrliche Lage uͤber⸗ ſahen, baten ſie, die Wiedererkennung den Umſtaͤnden zu uͤberlaſſen, da ihr das Schickſal die Mittel, ſich dem geliebten Manne unentbehrlich zu machen, ſo wunder⸗ bar in die Hand gegeben hatte. So verging die Zeit — †—— 393 waͤhrend Alphonſens Heilung, und jeder Tag machte die Entdeckung ſchwerer. Alphons vertraute ſeiner lie⸗ bevollen Pflegerin im Verfolg ihres langen Beiſam⸗ menſeins die Geſchichte ſeiner ungluͤcklichen Heirath und hielt ſich mit der heitern Einſicht, welche ein lan⸗ ges Siechthum einem ſtarken Gemuͤthe gibt, bei der Betrachtung auf, daß ihm das Schickſal nun aufgetra⸗ gen habe, Alwinens ſchmerzliche Gefuͤhle vervielfaͤltigt zu leiden. Denn, ſagte er, in den Momenten, wo ihr ſchoͤnes Gemuͤth frei waltete uͤber ihre Zuͤge, ver⸗ gaß man ihre Haͤßlichkeit, da hingegen mein erſtorbenes Antlitz keine Regung meiner Seele mehr ausſpricht. Alwinens heftige Wehmuth bei ſolchen Geſpraͤchen be⸗ fremdete ihn nicht, er fuͤhlte ſein eignes Weh noch zu ſcharf, um den wahrſcheinlichen Grad fremder Theil⸗ nahme zu ermeſſen. Bald entſtand auch eine Art Un⸗ redlichkeit in ſeinem Herzen; Friedlef ward ihm Alles, was unter dieſen Umſtaͤnden Alwina ihm haͤtte ſein koͤnnen; die Furcht, uͤber dieſe Untreue klar zu ſehen, entfernte ihn von jeder ſcharfen Unterſuchung ihrer und ſeiner Empfindung. Alwina las bald in ſeinem Her⸗ zen; ſie laͤchelte uͤber das Schickſal, welches ſie beſtimmt hatte, die Liebe ihres Gatten durch ſeine Untreue zu erlangen, aber der Moment, ihm ſeinen Irrthum zu benehmen, war nun entflohen; die Entdeckung konnte ihn jetzt nur demuͤthigen und ihr eine Großmuth uͤber⸗ laſſen, die ſein Zartgefuͤhl verletzen mußte. Doch dieſe Verwickelung aͤngſtigte ſie; denn was ihr die Zukunft auch aufbewahren mochte, ihre Pflicht, den Huͤlfsbe⸗ duͤrftigen nie mehr zu verlaſſen, war ihr klar; ſich ihm 394 immer wohlthaͤtiger und unentbehrlicher zu machen, war der Stolz und der Zweck ihres Bemuͤhens. Die Nachricht des Arztes, daß der Geneſene nun ſeine Ruͤckreiſe anzutreten im Stande ſei, war fuͤr beide Gatten eine Schreckensbotſchaft, ſo ſicher beide Theile ihr entgegengeſehen und beide ſie gewuͤnſcht hatten. Alwina zitterte, daß Alphons ſich entſchließen wuͤrde, Friedlef zu verlaſſen, und fuͤrchtete eben ſo ſehr, daß eine Erklaͤrung von ſeiner Seite ſie noͤthigen wuͤrde, ſich ihm zu erkennen zu geben. Schweigend und ſin⸗ nend ſaßen die beiden wunderlichen Freunde nach des Arztes Fortgehen beiſammen, als Brand zu ihnen ein⸗ trat und ihnen lebhaft zurief: Der Arzt iſt ein wun⸗ derlicher Kauz, der begreift nicht, wie Sie die ſaubere Nachricht von Ihrem Laufpaß nicht mit tauſend Freu⸗ den aufnehmen. Wahrhaftig, mir machte ſie ein Gal⸗ lenfieber, wenn ich an Das daͤchte, was wir dabei ver⸗ lieren. Ich habe aber lange nur an Sie, lieben Freunde, gedacht und die Sache berichtigt. Sie, liebe Fried⸗ lef, duͤrfen unſer kaltes Klima nicht noch einen Win⸗ ter bewohnen; Ihre Verwandte erwarten Sie; nun voll⸗ enden Sie Ihr Liebeswerk an unſerm Freund und ſor⸗ gen fuͤr ſeine ſichere Ruͤckkehr in die Heimath.— Al⸗ wina gluͤhte vor Freude uͤber den Ausweg, den Brand gefunden, ihre Reiſe mit Alphons herbeizufuͤhren, ohne eine vorhergehende Erklaͤrung noͤthig zu machen. Die⸗ ſer ſuchte ſeiner Freundin Haͤnde, und ſie an ſeine Bruſt druͤckend bat er ſchuͤchtern, daß ſie ſich den Himmel ganz moͤchte verdienen, daß ſie ihn dahin moͤchte leiten, wo er nie ihre Geſellſchaft, ihre Pflege wuͤrde erſetzt 4 4 395 finden;„aber,“ ſetzt' er ſchmerzvoll hinzu,„doch Men⸗ ſchen, die mit Dank und Ehrfurcht zuhoͤren werden, wenn ich von Ihnen erzaͤhle.“ So war nun dieſer Punkt auch gewonnen. Alwina blieb des Armen ſchuͤtzender Engel bis an die Ufer des Rheins. Hatte nun die Stille des Krankenzimmers und der kleine Kreis von Brand's Hausfreunden dieſen beiden Menſchen Gelegenheit gegeben, ſich innig zu ver⸗ binden, ſo war die lange Reiſe noch geſchickter dazu. Alle Dienſte, die treuſte Liebe leiſten konnte, wurden durch die ſchuͤchterne Zartheit, mit welcher ſie Friedlef dem Freunde erwies, nur noch anziehender fuͤr Den, der ſie empfing, wie fuͤr Die, welche ſie leiſtete. Al⸗ wina ſah nun ſchon dem Ende ihrer Reiſe entgegen, und da ihre ſchuͤchterne Zaͤrtlichkeit ſo wenig zwiſchen der Oſtſee und dem Main als in Brand's gaſtfreiem Hauſe Mittel gefunden hatte, Alphonſens Verblen⸗ dung uͤber ihre Rechte und Pflichten zu vernichten, ſo nahm ſie, wie es der Schuͤchternheit ſo oft geſchieht, den muthigen Entſchluß, in dem letzten Nachtlager vor Manheim ihre peinliche Lage durch eine offene Erklaͤ⸗ rung zu beenden. Ängſtlich vor dem Ausgang dieſer Entdeckung legte ſie den Weg gegen Wuͤrzburg zuruͤck. Alphons war als lebensfroher Juͤngling in dieſer reichen Gegend geweſen, er fuͤhlte ſich deshalb gedruͤckter als gewoͤhnlich von ſeinem jetzigen Zuſtande und ſaß, ſein Haupt ſtuͤtzend, in dem Hintergrunde eines Zimmers, deſſen Fenſter auf den lebendig ſtroͤmenden Main gin⸗ gen. Alwina ſah aus ihnen die ſinkende Sonne die Rebhuͤgel vergolden, den raſchen Strom mit zitternden 396 Flammen uͤberſaͤen. Ein froher Ausruf verrieth, wie dieſer Anblick ihre Sorgen verdraͤngt hatte. Alphons ward dadurch aus ſeinem Tiefſinn geweckt, er ſtand auf und Alwina eilte, ihn zu leiten. Er fragte nach dem Gegenſtand ihrer Freude und hoͤrte wehmuͤthig und theilnehmend der einfachen, innigen Schilderung zu, die ſie ihm von der Abendlandſchaft entwarf. Wie ſie nun, in unbedachter Freude, dem Geburtslande wieder nahe zu ſein, hinzuſetzte: O wie iſt dieſes Ufer ſo ſchoͤn, und wie viel ſchoͤner wird noch der Rhein ſein!— legte Alphons ſeine Hand auf die ihre, die ihn fuͤhrte, und ſagte:„Und nicht hier und nicht dort werden ſie meine Augen mehr ſehen!— und Friedlef, was mir den Anblick des Lichts und der Erde erſetzte, ſoll ich verlieren—“ Alwina fuhr erſchrocken zu⸗ ſammen; wenn er jetzt ſeiner Gattin entſagte, ſo war ihr Verhaͤltniß auf immer getruͤbt, und ſie trug die Schuld erſt ihrer Empfindlichkeit und jetzt ihrer zoͤgern⸗ den Schwaͤche. Zitternd ſchwieg ſie, indem er zoͤgernd fortfuhr: Friedlef, mein Kopf war lange ſo krank, daß ich ein traͤumendes Leben gefuͤhrt. Verzeihen Sie mir darum eine Schwaͤche, die nicht in meinem Charakter lag, bevor dieſes Elend mich traf. In dieſem Traum⸗ zuſtande glaubte ich oft in Ihnen meine Alwina zu ſe⸗ hen, und ſelbſt wo ich meiner bewußt war, begluͤckte mich die Ahnlichkeit, welche Ihr Geiſt und Ihre Guͤte mit ihr hatten. Ich haͤtte gewuͤnſcht, ihr, deren grau⸗ ſames Schickſal mich noch ſchwerer druͤckt als die Nacht meiner Augen, ihr alle die tauſendfachen Wohl⸗ thaten zu danken, die ich von Ihnen empfing, und 397 indem ich Ihnen dankte, liebte ich Alwina, und indem ich Alwina liebte— o Friedlef! verzeihen Sie, liebte ich auch Sie! Meine Hoffnung, mein armes Weib wiederzufinden, iſt nun dahin— Hier entzog Alwina ihren Arm der Hand ihres Freundes, und noͤthigte ihn dadurch, ſich auf das nahe Fenſter zu ſtuͤtzen. Sie fuͤrchtete jetzt das Entſcheidende zu hoͤren und ſtand mit gefalteten Haͤn⸗ den, als bete ſie um Schonung.— Alphons fuhr fort: Aber nie kann meine Hand einer Andern gehoͤren, auch wenn ich kein huͤlfloſer Kruͤppel waͤre— die Liebe, deren jetzt mein Herz noch faͤhig iſt, kann keiner Gattin ge⸗ nuͤgen; doch Ihre Freundſchaft, Friedlef, Ihr Umgang ſchenkten mir die Staͤrkung, welche mich vor den Schreck⸗ niſſen des geiſtigen Abſterbens behuͤten kann, alſo das einzige noch moͤgliche Wohl, was mir das Schickſal vergoͤnnte. Sie ſcheinen einſam, Friedlef; ich bin verlaſſen. Hier vergaß Alwina Vorſicht und Schonung, ſie ſchloß Alphons mit beiden Armen an ihre Bruſt und rief in Thraͤnen erſtickt: Alphons, das warſt Du nie— nie! Alwina war bei Dir!— Sie hatte ihres armen Freundes Zuſtand vergeſſen; ſolch eine überra⸗ ſchung ertrugen ſeine Kraͤfte nicht; ohne ihre Umarmung zu erwidern, lag er leblos an ihrer Bruſt. Der her⸗ beigerufene Arzt ſchien beſtuͤrzt, er fragte dringend nach den Umſtaͤnden, welche dieſen Zufall veranlaßten, er bat mit ernſter Theilnahme, ihm anzuvertrauen, ob dem Kranken bei ſeinem Erwachen Kummer bevorſtehe.— Ach! Alwina war zu ſchuͤchtern, zu zartfuͤhlend, um dieſes mit Beſtimmtheit zu verneinen. Sie ſaß in der fuͤrchterlichſten Angſt neben dem, fortwaͤhrend in Er⸗ V. 26 398 ſtarrung liegenden Geliebten, denn der Arzt hatte ihr die furchtbaren Folgen, welche dieſe Gemuͤthsbewegung auf ſeinen durch die Vorgaͤnge des Feldzugs ſo grau⸗ ſam gereizten Kopf haben konnte, geſtanden. Nach vielen furchtbar langen Stunden rief Alphons den Na⸗ men Alwina. Seine Freundin, uͤberzeugt, aus ſeinem Munde nun uͤber ihres Lebens Wohl und Weh ab⸗ ſprechen zu hoͤren, beugte ſich uͤber ihn und bat in der Angſt ihres Herzens: Verzeihe ihr den Betrug!— Die freudige Innigkeit, mit welcher er ſie in ſeine Arme ſchloß, das Dankgebet, welches ſeinen Lippen entſtroͤnte, waren das Pfand ihres Gluͤcks. Die Na⸗ tur hatte im heiligen Geheimniß des todtaͤhnlichen Zu⸗ ſtandes, in welchen Alphons verfallen war, ſeine Kraͤfte geſtaͤrkt und ſeinem Geiſt Freiheit erhalten, die Vorgaͤnge zu uͤberſehen. Freudig umfing er jetzt die Gattin, mit welcher der Altern Eigennutz ihn verbun⸗ den und von der ſelbſtſuͤchtige Reizbarkeit ihn getrennt hatte. Die Art ihres Wiederfindens blieb das Geheim⸗ niß ihres Herzens. Sie kamen nach wenigen Tagen im Rheingau an und erzaͤhlten dem Vater Alphonſens nur, wo, aber nicht wie ſie das Schickſal zuſammenge⸗ fuͤhrt. Die Freuden der Jugendliebe waren dieſem Ehepaar auf immer verſagt, aber die ewigen Bluͤten der Geiſterliebe wurden ihr Antheil. Alwinens klarer Verſtand erſetzte Alphonſen das Licht ſeiner Augen, und ſie fand in der Faͤhigkeit, ſein Schickſal zu erleich⸗ tern, Erſatz fuͤr alles Weh, was ihre Jugend erlitt. Ein bluͤhendes Kind leitet jetzt den blinden Vater durch die Obſtgaͤnge ſeines Gartens im fruchtbaren Rheingau, und wenn er es auf ſeinen Knien ſchaukelt, lispelt ihm Alwina ins Ohr: Alphons, das ſieht dem Manne aͤhnlich, dem ich ſo troſtlos entfloh. ———ᷓ́ᷓᷓü(döNynnn—— iſſſſ duutaaaaaöäuu Lunuuxtaauunuan TMuaunn 9 11 12 13 14 15 16 17 18 19