—— Leihbibliothetr deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oktmann in Gießen, 5 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — 3 2 .. 3 6 eih- und Jeſebedingungen. 32* 1. Offensein der, Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines 6 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. ¹ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegenna me eines Buches, eine dem Werthe deſſel ſ 408 9 ¹ geliehenen Buches wird von U. — e von mir zurückerſtattet ll. 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:. 4. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Biicher: —————— — auf 3 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Dr. 50 Pf. 2 Mk.— Ff. „ 3 in Werthe ben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgab kich wird. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſ endung 1 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefa 4 e„ hr ſelbſt zu ſorgen. 4 5 6. 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Sich ihr nahend, ſank der Juͤngling ehrerbietig vor ihr auf ein Knie und äͤbergab ihr folgendes Brieflein:„Der Ueber⸗ bringer dieſer Zeilen, deſſen Name Eduard iſt, wuͤnſcht um meinet willen freundlich von euch aufgenommen zu werden. Fuͤr ſeine Treue „und Ergebenheit kann ich ſtehen, und da er „außerdem einige kleine Talente beſitzt, gelingt nes ihm vielleicht, euch zuweilen die Langeweile der Reiſe zu vertreiben. 1 m. 2 2 2 „Moͤgen alle Heilige des Himmels waͤhrend „der Fahrt uͤber dich wachen, du Liebennwündig⸗ ſte der Frauen! Sigismund. 44 Nachdem Angelica dieſe Worte geleſen hatte, ſchlug ſie die Augen auf, um den Juͤngling zu betrachten, und ward durch ſein Aeußeres gleich ſehr zu ſeinem Vortheil eingenommen, da er in der Geſtalt und im Ausdrucke viel Aehnlichkeit mit Sigismund zu haben ſchien; nur war ſeine Geſichtsfarbe dunkel olivenbraun. Auf ſeiner Herrin Frage: woher er ſtamme? antwortete er, daß er von Geburt ein Neger ſei, aber ſchon in ſeiner fruͤhen Kindheit nebſt ſeiner Mutter ge⸗ fangen genommen und nach Frankreich gebracht worden waͤre, wo er endlich, nach vielen uͤber⸗ ſtandenen Schickſalen, eine Freiſtatt in dem Hauſe von Sigismunds verſtorbenem Pflegevater gefun⸗ den habe, woher ſich auch ſeine Bekanntſchaft mit Erſterem ſtamme.— Dieſem, fuͤgte Eduard hinzu, verdanke ich unendlich viel und kann ihm nicht beſſer lohnen, als, indem ich die ſchoͤne Lady Angelica beſchuͤtze, derem Dienſte ich mich von nun an gaͤnzlich weihe. —— 3 Angelica laͤchelte anmuthig uͤber den Eifer, den der junge Menſch fuͤr ſie zeigte; nachdem ſie noch ein Weilchen mit ihm geſprochen hatte, ſchickte ſie ihn zur Ruhe, und begab ſich ſelbſt auch auf ihr Lager, wo ihre Traͤume ſie freund⸗ lich mit Sigismunds Bilde umgaukelten. Fruͤh am andern Morgen ward ſie aber ſchon durch den Laͤrmen der Matroſen aus dieſem ſuͤßen Schlum⸗ mer erweckt. Der Wind war guͤnſtig; man lichtete die Anker, und alles ſchien zur Abfahrt bercit. Sie ging auf das Verdeck, wo das Geſchrei der Seeleute die Luͤfte erfuͤllte; freudig verließ man den fremden Hafen, um ins Vater⸗ land heimzukehren; nur Angelica's Herz war zu ſchwer, den Jubel um ſie herum theilen zu koͤnnen. Zwar ſollte auch ſie in ihr Vaterland zuruͤckkehren, durfte ſie aber hoffen, dort Freunde zu finden, die ſie mit offenen Armen empfangen wuͤrden? Ach, ſie wußte ja nicht, ob der armen Vertriebenen noch ein Freund geblieben war. In Gedanken verloren, ſuchten ihre be⸗ thraͤnten Augen noch einmal die lieblichen Kuͤſten des provenzaliſchen Landes, wo doch ein Weſen lebte, das an ihrem Schickſale Antheil nahm, 1*△ 4 und als jene immer mehr ihrem Blicke entſchwan⸗ den, faltete ſie ihre ſchoͤnen Haͤnde und rief: fahre wohl geliebtes Land! nie werde ich viel⸗ leicht dich, noch den, der mir dich theuer gemacht hat, wiederſehen; aber moͤge aller Segen des Himmels auf dir ruhen, mein Sigismund! Sie ſchwieg, und indem ſie ſich umwandte, ward ſie den jungen Edelknaben gewahr, der in ſo tiefen Traͤumen verloren hinter ihr ſtand, daß er ihre Bewegung nicht bemerkte. Bei dem Gedanken, daß er aber doch vielleicht ihr Selbſtgeſpraͤch gehoͤrt haben koͤnne, uͤberzog eine hohe Gluth ihre Wange, und ſchnell ging ſie in die Cajuͤte, wohin jedoch Eduard ihr bald mit einem Korbe voll Fruͤchten und einigen Eiern folgte. Herr Sigismund ſendet ſie euch, ſagte er, und ich hoffe, Ew. Gnaden werden etwas davon genießen, da ihm dieß gewiß die groͤßte Freude machen wuͤrde. Mit Thraͤnen im Auge nahm ſie einiges davon und begab ſich, nach⸗ dem ſie es verzehrt hatte, wieder auf das Ver⸗ deck, wo Eduard ſich zu ihr ſetzte, und ſie eine Weile mit Vorleſen unterhielt. Bei einer Stelle, wo der Verfaſſer des Buches die Qualen einer 5 hoffnungsloſen Liebe ſchildert, wurde des Juͤng⸗ lings Stimme ſo weich, daß Angelica den Ge⸗ danken, er ſei kein Fremdling dieſer Gefuͤhle, nicht unterdruͤcken konnte. In dieſer Meinung ward ſie noch mehr beſtaͤrkt, als ſie ihn am Abend bat, ſeine Laute zu nehmen, und er fol⸗ gendes Lied dazu ſang:. Weib, auf deinen Buſen rollt Gott Amor ſeiner Locken Gold; Sein Feuer hellt dein blaues Aug', Sein Hauch wuͤrzt deinen Balſamhauch; Sein Roth, entbluͤht auf deinen Wangen, Vertilgt der ſchoͤnſten Roſe Prangen. Er herrſcht in deiner Reize Pracht, Doch ach! dein Herz hoͤhnt feine Macht. O welch ein andres Loos iſt meins! Es nennt ihn Koͤnig meines Seyns; Da ſteht ſein Thron nun ewiglich, Da herrſchet er, und nur fuͤr dich. Deer zaͤrtliche Ausdruck, den Eduard in dieſe Strophen legte, erweckte ein ſympathetiſches Gefuͤhl in Angelica's Seele, obgleich ſie mit ſuͤßer Stimme es verſuchte, ihn uͤber den Gegen⸗ ſtand ſeiner Klagen zu necken. Eduard ſeufzte, und ward ſo bewegt, daß ſie es beſſer fand, 6 dem Geſpraͤch eine andere Richtung zu geben, wor⸗ in es ihm aber unmoͤglich ſchien, einzugehen. Mehrere Tage vergingen, ohne daß etwas Erhebliches vorfiel; jede Stunde aber diente dazu, Angelica mehr fuͤr ihren jungen Begleiter einzunehmen, durch deſſen Betragen und Unter⸗ haltung ſie unaufhoͤrlich an Sigismund erinnert ward, bei welchem ihre Gedanken ohnehin faſt immer weilten. Wachend und ſchlafend um⸗ ſchwebte ſie ſein Bild, und ihre groͤßte Freude war, uͤber ihn mit ſeinem Freunde zu ſpre— chen, und ihm zu ſagen, wie viel Dank ſie je⸗ nem ſchuldig ſei. Doch war ſie weit entfernt, zu ahnen, was ihr junges Herz fuͤr ihn empfinde; ſie ſah ihn als den Erretter ihrer Ehre und ih⸗ res Lebens an; er hatte ihr die uneigennutzigſte Freundſchaft bewieſen, und denſelben ſuͤßen, gefaͤhrlichen Namen lieh ſie auch den Gefuͤhlen, die ſie aus Dankbarkeit zu ihm zogen, und uͤber⸗ ließ ſich ihnen mit vollem, trugloſen Herzen. So heiter das Wetter am Anfange der Reiſe geweſen war, ſo ſtuͤrmiſch ward es waͤhrend der letzten Tage der Fahrt; als ſie endlich durch den Canal waren, aͤußerten die Seeleute ihre 9 Furcht, daß es unmoͤglich ſeyn wuͤrde, mit dem ſo ſehr beſchaͤdigten Schiffe bis zu dem beſtimmten Hafen zu gelangen. Doch gluͤckte es ihnen, noch eine ziemliche Strecke weiter zu kommen, und noch einmal belebte jetzt die Hoffnung ihre Bruſt⸗ ſicher das Land zu erreichen. Bald aber ſchwand dieſe Hoffnung wieder, da ſich im Angeſicht der weſtlichen Kuͤſte Englands ein ſehr heftiger Sturm erhob, welcher ihrem Schiffe voͤllig den Untergang drohete. Da man keine Ausſicht zur Rettung ſah, wurden die Boͤte ausgeſetzt, und alles ſprang nun hinein, um ſich auf dieſen unſichern Brettern den ſchaͤumenden Wogen anzuvertrauen. Auch Angelica ward, mehr todt als lebendig, von Eduard in eins dieſer Fahrzeuge getragen; aber kaum waren ſie hinein, als es, durch die Menge der Menſchen uͤberladen, un⸗ terging. Leicht und behende arbeitete ſich Eduard aus den Wellen wieder empor, ergriff die ſchon ſinkende Angelica, und verſuchte ſchwimmend, mit ihr die noch eine Meile weit entfernte Kuͤſte zu erreichen. Mit verzweiflungsvollen Kraͤften be⸗ kaͤmpfte er mit einem Arm die ſich thuͤrmenden Wogen, waͤhrend der andere die lebloſe Geſtalt * 3 ſeiner Herrin feſt umklammert hielt. Bald tief in den Abgrund gezogen, bald hoch empor gewor⸗ fen, ſchien eine uͤbernatuͤrliche Macht ihn in der Erhaltung des Weſens beizuſtehen, dem er ſo oft gelobt hatte, bis zum letzten Augenblicke ſeines Lebens treu zu dienen. Schon wurde ſein Bemuͤhen mit Erfolg gekroͤnt, denn es gelang ihm endlich, die Kuͤſte mit ſeiner theuren Buͤrde zu erreichen; aber nun waren die Kraͤfte der Natur erſchoͤpft, und kaum hatte ſein Fuß Angelica's vaterlaͤndiſchen Strand beruͤhrt, als er bewußtlos an der Seite derjenigen niederfiel, die er aus den Meeres⸗ fluthen gerettet hatte. Da er nach einiger Zeit wieder zur Beſin⸗ nung kam, ſah er einen alten, ehrwuͤrdigen Mann, eifrig beſchaͤftigt, ihn ins Leben zuruͤck⸗ zurufen. Der erſte Gegenſtand aber, den ſeine matten Augen ſuchten, war Angelica, die er nirgends fand; kaum vermochten noch ſeine Lip⸗ pen ihren Namen auszuſprechen, als der freund⸗ liche Mann neben ihm, ihm die troͤſtliche Verſiche⸗ rung gab, daß ſie gerettet, und in eine, dem Strande nahe gelegene Huͤtte gebracht worden ſei. 1. 9 Beruhigt begleitete nun Eduard ſeinen Fuͤhrer in eine kleine reinliche Wohnung, wo der Ton von Angelica's Stimme, der ihm aus einem innern Gemache entgegen ſchallte, ihn voͤllig von ihrem Leben uͤberzeugte. Mit Entzuͤcken wollte er zu ihr fliegen; aber der Wirth hielt ihn zuruͤck, indem er ihm vorſtellte, daß der Dame, in ihrem erſchoͤpften Zuſtande, Ruhe durchaus nothwendig ſei; uͤberdieß, ſetzte er freundlich hinzu, ſeid ihr ſelbſt ſo ermattet, daß ihr eurerſeits auch Ruhe und Erfriſchung beduͤrft; leget euch alſo zu Bette, und morgen, hoffe ich, werdet ſo⸗ wohl ihr, als die junge Dame gaͤnzlich wieder hergeſtellt ſeyn. Endlich gewann der alte Ber⸗ tram es uͤber ſeinen Gaſt, ſich in ſeinen Willen zu fuͤgen. Er legte ſich auf ein leichtes Stroh⸗ lager und fiel bald in einen tiefen, erquickenden Schlaf. 1 Am folgenden Morgen fruͤh ſtand er neu belebt auf, und da es noch zu zeitig war, um zu Angelica zu gehen, begab er ſich an den Strand, wo er ſeinen Wirth ſchon emſig mit ſeinem Fiſchergewerbe beſchaͤftigt fand. Als er Eduard gewahr ward, erkundigte er ſich ſehr ————V ——y —y—y—ÿ—ÿ—⏑ℳÿℳÿ—ÿ—/ↄQ————' 10 theilnehmend nach ſeiner Geſundheit, und bald kamen beide weiter miteinander ins Geſpraͤch. Eduard fragte, ob er ihm keine Nachricht von dem Schickſale des ungluͤcklichen Schiffes geben koͤnne, welches ſie nach England gebracht habe? Traurig erwiderte Bertram: ach, lieber Herr, ich fuͤrchte, von dem iſt wenig uͤbrig geblieben, ſenſt haͤtten wir es wohl dieſen Morgen erblickt. Einige der Mannſchaft ſind, wie ich hoͤre, an einem benachbarten Dorfe gelandet, und ihrer Meinung nach, iſt das Schiff in der letzten Nacht, mit allem, was noch darauf war, voͤllig zu Grunde gegangen. Eduard ſeufzte tief uͤber das Loos der ungluͤcklichen Gefaͤhrten, waͤhrend ſeine Seele ſich in Dank uͤber ſeine und Angelica's wundervolle Rettung zum Himmel erhob. Er bat den alten Mann, ihm nun noch zu ſagen, auf welche Weiſe er ſie geſtern Abend am Strande entdeckt habe. Ich kam gerade mit meinem juͤngſten Sohn vom naͤchſten Dorfe zuruͤck, ant⸗ wortete der Alte, als wir an der Kuͤſte einige Nothſchuͤſſe hoͤrten, und waͤhrend wir noch dar⸗ auf lauſchten, ſah Walter in einiger Entfernung etwas am Strande liegen. Wir naheten uns, 11 und da wir es fuͤr den Leichnam eines Frauen⸗ zimmers hielten, entſchloſen wir uns, ihn in die Huͤtte zu tragen, aus welcher meine Frau uns entgegen kam, die mit uns uͤber den Tod der ſchoͤnen, jungen Dame klagte. Waͤhrend wir aber noch ſo jammerten, gab dieſe auf einmal deutliche Zeichen des Lebens von ſich, und bat uns mit ſchwachem Tone, gleich zum Strande zuruͤckzueilen, um ihren Gefaͤhrten zu ſuchen, von deſſen Bemuͤhungen um ſie, ſie nur eine ſchwache Erinnerung zu haben ſchien. Ich that gleich nach ihrem Begehren, und hatte die Freude, euch zu finden; aber ſo leid es mir auch that, der uͤbrigen Mannſchaft nicht zu Huͤlfe kommen zu koͤnnen, war doch jeder Verſuch, ein Boot zu ihrer Rettung auszuſetzen, unmoͤglich. Indem der Juͤngling noch dem Alten ſeinen warmen Dank fuͤr ſeine und Angelica's Erret⸗ tung bezeigt hatte, kamen ſie wieder bei der Huͤtte an. Sobald das Fraͤulein aufgeſtanden war, ward Eduard zu ihr, in ein kleines, rein⸗ liches Zimmer gefuͤhrt, wo er ſie in einem Arm⸗ ſtuhl ſitzend, antraf. In ihren blaſſen, verſtoͤr⸗ ten Zuͤgen waren noch deutlich die Folgen des 12 Schreckens zu leſen. Bei ſeinem Eintritte ſtreckte ſie ihm die matte Hand entgegen, die er ergriff, und feurig an ſeine Lippen zog. Etzige? lugen⸗ blicke waren beide zu bewegt, um ein Wort her⸗ vorbringen zu koͤnnen, endlich ſagte Angelica mit zitternder Stimme: Mein Erretter, wie ſoll ich euch je meine Erkenntlichkeit fuͤr euren Dienſt hinlaͤnglich beweiſen! gehoͤrt es denn zu meinem Geſchicke, immer ſo uͤberſchwengliche Wohlthaten zu empfangen und ſie einzig nur mit den Gefuͤhlen eines dankerfuͤllten Herzens lohnen zu koͤnnen? Thraͤnen verhinderten ſie, mehr zu ſager als Eduard zu ihren Fuͤßen fallend, ausrief: Hoͤret auf, theuerſte Lady Angelica, mich durch eure Guͤte zu beſchaͤmen. Ich hatte mich eurem Dienſte gaͤnzlich geweiht, und nur zu gluͤcklich waͤre ich geweſen, haͤtte ich auch mit meinem eigenen Leben das eurige erkaufen ſollen! Glaubt nur, Eduard, fuhr Angelica weinend fort, ihr habt eure Treue und Anhaͤnglichkeit nicht an eine Undankbare verſchwendet, und es iſt mein groͤßter Kummer, mich in jeder Hin⸗ ſicht ſo beſchraͤnkt zu fuͤhlen; aber jetzt darf ich 13 euch nicht laͤnger um meinetwillen von euren Freunden entfernt ſehen; ihr habt euer Verſpre⸗ chen gegen Sigismund geloͤſt, mich ſicher nach England zu bringen. Morgen werde ich meine Reiſe nach Glanalvon beginnen; kehrt alſo in das Land zuruͤck, das euer zweites Vaterland geworden iſt, und nehmt meinen waͤrmſten Dank und meine Achtung mit euch. Tief bewegt, war es Eduard einige Augen⸗ blicke unmoͤglich, ein Wort zu erwidern, end⸗ lich ſagte er: Vergebt mir, theure Lady Ange⸗ lica, wenn ich es wage, eurem Willen zu wi⸗ derſprechen; aber ich kann euch unmoͤglich ſo freund⸗ und ſchutzlos zuruͤcklaſſen. Habe ich durch Wort oder That euren Unwillen erregt, ſo befehlt mir, mich von euch zu entfernen, und ich will ohne Murren gehorchen; wenn das aber nicht der Fall iſt, wenn ich, wie ihr ſagt, eure Ach⸗ tung verdiene, ſo erlaubt mir, euch nach North⸗ humberland zu begleiten, damit ich bei meiner Nuͤckkunft in Frankreich im Stande ſei, mit dem Bewußtſeyn vor meinen Freund zu treten, voͤllig ſeinen Auftrag vollzogen, und euch in ſicherer, ehrenvoller Obhut zuruͤckgelaſſen zu ha⸗ 14 ben. O, ſchlagt mir dieſe Bitte nicht ab/ damit ich nicht mit der niederſchlagenden Ueber⸗ zeugung von euch ſcheide, eurer Gunſt unwerth zu ſeyn. Koͤnnt ihr denn glauben, fiel Angelica ein, daß ich ſo undankbar gegen den ſeyn koͤnnte, dem ich mein Leben verdanke?— Nein Eduard, euer Betragen gegen mich iſt immer von der Art geweſen, daß ſelbſt der liebenswuͤrdigſte der Maͤnner euch nie ſeinen Beifall wuͤrde verſagt haben, und wenn meine Begleitung nach North⸗ humberland euch oder euxem Freunde einige Beruhigung gewaͤhrt, ſo werde ich mich gluͤck⸗ lich fuͤhlen, ſie anzunehmen. Mit hohem Ent⸗ zuͤcken zog Eduard dankbar die Hand ſeiner Herrin an ſeine Lippen, und die uͤbrigen Maß⸗ regeln zur Reiſe wurden ſchnell genommen. Der Schiffbruch hatte Angelica aller andern Beſitz⸗ thuͤmer beraubt, außer ihrer Juwelen und der Papiere, welche ſie in St. Cuthberts Thurm gefunden hatte, und die ſie immer bei ſich trug. Erſtere waren nun ihr einziger Reichthum, und ſie uͤbergab Eduarden einen Theil davon, mit der Bitte, ſie aufs Vortheilhafteſte zu veraͤu⸗ 15 ßern. Am Abende uͤberlieferte er ihr eine Boͤrſe mit 100 Pfund, die er daraus geloͤſt hatte, und nachdem einige noͤthige Ankaͤufe dafuͤr gemacht waren, gab ſie ihm das Uebrige wieder, um die Reiſekoſten zu beſtreiten. Das Element fuͤrchtend, welches ſich eben ſo feindlich gegen ſie gezeigt hatte, beſchloß man, den Weg zu Lande zuruͤckzulegen, und ſchon am folgenden Morgen befand ſich unſere Heldin zu Pferde, gefolgt von ihrem treuen Knappen, um die lang verlaſſene Heimath wieder zu ſuchen. Die Reiſe ging gluͤcklich von ſtatten, und nach wenigen Tagen ſah Angelica Glanalvons hohe Thuͤrme aus dem dunkeln Schatten der Waͤlder hervor⸗ ragen.— Nicht als die rechtmaͤßige Erbin der Grafen und Herren von Glanalvon, ſondern als eine verlaſſene, ſchutzloſe Fremde, ſuchte ſie bei den Vaſallen ihrer zu Grunde gerichteten Familie, ein Obdach, welches ſie vormals jedem Reiſenden mit Freuden gewaͤhrt haben wuͤrde.— Wie wenig dachteſt du wohl, mein edler Vater, ſagte ſie zu ſich ſelbſt, daß dein Kind jemals Schutz und Zuflucht bei denen ſuchen wuͤrde, die deine Großmuth erhielt,— daß ausgeſtoßen —,—— 5 aus der Wohnung ihrer Ahnen, deine Ange⸗ lica———— Thraͤnen verhinderten ſie fortzufahren, und mit traurigem Blicke weilte ſie auf dem Schau⸗ platze ihrer vormaligen Freuden. Die Tage ihrer Kindheit, da die Hoffnung ſie noch im Zaubergewande umſchwebt hatte, ſtellten ſich vor ihre Einbildungskraft, ſchwer fiel die rauhe Gegenwart auf ihr armes, beklommenes Herz⸗ dem ein Strom von Thraͤnen endlich Luft machte. Eduard, der ihren Schmerz bemerkte, ver⸗ ſuchte vergebens, ihn hinweg zu ſcheuchen. An⸗ gelica ſchien taub gegen die Simme des zarte⸗ ſten Mitgefuͤhls; nur der Gedanke an ihren verſtorbenen Vater, ihren verlornen Oscar, be⸗ maͤchtigte ſich ihres Gemuͤths, und im Schwei⸗ gen ihren Schmerz ehrend, ritt Eduard endlich Kihäi neben ihr her. Als ſie ſich der Burg naheten, ſchauete Angelica nach allen Seiten umher, um irgend eine Spur zu entdecken, daß ſie bewohnt ſei; aber alles erſchien finſter und oͤde, und endlich aͤberzeugt, daß ſie voͤllig verlaſſen ſei/ richteten ie ihre Schritte nach dem Dorfe, und beſchloſ⸗ 4 29 ſen, das Haus aufzuſuchen, wo vormals An⸗ gelica's alte Waͤrterin, Alice, lebte. Eduard ſchwang ſich vom Roſſe und klopfte an die Thuͤre, welche von einer Fremden ge⸗ oͤffnet ward, die ihnen auf die eingezogenen Er⸗ kundigungen muͤrriſch berichtete: daß Alire lange von hier weggezogen, und in einer kleinen Huͤtte nahe am Walde wohne. Zuruͤckgeſchreckt durch das rauhe Betkagen der Fremden, wagte Angelica keine naͤhere Frage, ließ ſich nur noch den Ort genauer bezeich⸗ nen und irrte dann weiter. Nach vielen Schwierigkeiten entdeckte man endlich eine kleine, zwiſchen hohen Baͤumen verſteckte Huͤtte, und durch die engen Fenſter erblickte Angelica ihre alte Amme, gebuͤckt uͤber dem Heerde ſtehen, auf dem ſie bemuͤht ſchien, einige gluͤhende Aſche wieder anzublaſen. Schnell ſprang ſie von ih⸗ rem Pferde und ſtellte ſich vor die Alte, die ein lautes Geſchrei ausſtieß und davon laufen wollte, weil ſie einen Geiſt zu ſehen glaubte. Erſchrick nicht, liebe Amme, rief Angelica, kein Geſpenſt ſteht vor dir, ſondern die Tochter des Grafen von Glanalvon, die dich um den II. 2 18 Zufluchtsort bittet, den ſie in beſſern Tagen hoffte, dir einſt geben zu koͤnnen. Ja, Alice, die arme, verbannte Angelica hat nirgends ein Obdach, das ſie aufnimmt, und wuͤrde es dir ſehr danken, wenn du ſie und ihren treuen Gefaͤhrten eine Nacht beherhergen wollteſt:—⸗ Waͤhrend dieſer Worte hatte die alte Frau ſe unverwandt angeſehen und endlich uͤberzeugt, daß die lebende Angelica vor ihr ſtehe, fiel ſie zu ihren Fuͤßen und badete ihre weißen Haͤnde mit Thraͤnen. Ach! theure Lady, rief ſie end⸗ lich aus, warum muß ich den Tag erleben, da das Kind meines lieben, großmuͤthigen Herrn gezwungen iſt/ ein Obdach bei ihrer armen Magd zu ſuchen. Doch, Gott ſei gelobt! nun ich euch wieder geſehen habe, will ich mein graues Hanzt mit Freuden in die Grube legen!— Alſo wirſt du mir meine Bitte nicht ab, chl agen, treue Alice? ſagte Angel ica Aächeind unter Thraͤnen. Abſchlagen?— Lady Angelica wie töunt ihr das nur denken! alles was ich habe, gehoͤrt euer; obgleich leider! 2 Dank ſei es meinen Fein⸗ den, ich nur wenig anzubieten habe. 19 Bei dieſen Worten der Alten ſahe Angelica ſich in der kleinen Wohnung um, und bemerkte wie aͤrmlich alles darin beſchaffen war. Der wenige Hausrath war zum Theil zerbrochen, und die Huͤtte ſelbſt ſchien kaum ihrer alten Bewohnerin hinlaͤnglich Schutz gegen Regen und Wind gewaͤhren zu koͤnnen. Dieſe Veraͤnderung in Alice Umſtaͤnden ruͤhrte Angelica tief; zau⸗ dernd fragte ſie nach der Urſache derſelben. Ach! theures Fraͤulein, erwiderte die Alte, ihr habt kaum einen Begriff, was ich und der uͤbrige Theil euer treuen Dienerſchaft, ſeit eurer Abreiſe vom Schloſſe, haben ausſtehen muͤſſen. Alle wurden, ohne Gehalt zur Thuͤre hinausgee worfen; ich hielt mich damals fuͤr gluͤcklicher als die Uebrigen, in dem Gedanken, daß man mir meine kleine Huͤtte nicht nehmen wuͤrde; aber wie ſehr irrte ich mich, denn bald darauf bot einer mei⸗ ner Nachbarn, den Verwaltern einen hohen Miethzins dafuͤr an, und ich erhielt den Befehl mein Eigenthum augenblicklich zu verlaſſen. Ach! mein altes Herz brach bald vor Jammer; aber da war keine Rettung. Nun gaben ſie mir denn dieſe armſelige Wohnung, die niemand an⸗ 82 X 20 ders gebrauchen konnte, und hier habe ich ſeit⸗ dem gelebt; aber da ich alt und ſchwach, und zur Arbeit unfaͤhig war, ſtieg die Noth mit jedem Tage, und ich wuͤrde wohl ſchon vor Hunger geſtorben ſeyn, wenn nicht eine unbekannte Wohl⸗ thaͤterin mir von Zeit zu Zeit etwas Unterſtuͤt⸗ zung geſandt haͤtte. en om u Angelica weinte bikterlich waͤhrend dieſer Erzaͤhlung, nicht allein uͤber Alicen's Ungluͤck, ſondern auch uͤber ihre eigene beſchraͤnkte Lage, die ihr es nicht erlaubte, jene nach Wunſch zu unterſtuͤtzen. Endlich brachte Eduard die Amme zum Stillſchweigen, und bat das Fraͤulein, ſich jetzt der Ruhe zu ergeben, die ihr ſo ſehr nöthig ſei. Nachdem ſeine Bitten Behoͤr gefun⸗ den, nahm ſie einige wenige, von Alice bereitete Exfriſchungen zu ſich; waͤhrend dieſes ſpaͤrlichen Mahles erkundigte die Amme ſich nun ſehr an⸗ gelegentlich nach Oscar/ und als Angelica er⸗ widerte, ſie haͤtte gehofft, ihn hier zu finden, oder doch wenigſtens einige Nachricht von ihm zu hoͤren, verſetzte jene: niemand habe ihn ſeit ſeiner letzten Entfernung von Glanalvon wieder geſehen. Dieſe Verſicherung vermehrte noch um 31 7 vieles die Traurigkeit der armen Schweſter/ tief gebeugt und niedergeſchlagen legte ſie ſich auf ihr zemliches kager. ,wo endlich doch die Ermuͤdung des Koͤrpers uͤber die Leiden der Seele ſiegte, und ſie wenigſtens waͤhrend eini⸗ ger Stunden, Vexgeſſ enheit in den Armen des Schlaſes fand.—— 6 Siebenzehntes Kapitel. Angelicu's erfte Sorgs am folgenden Tage war, den Zuſtand der alten Amme zu verbeſ⸗ ſern, und bald gelang es ihrer, und Eduards Bemuͤhung, einen hoͤheren Grad von Gemaͤchlich⸗ keit in der kleinen Wohnung hervorzubringen. Einiger neuer Hausrath und andere Kleinigkeiten wurden aus einer benachbarten Stadt herbeige⸗ ſchafft, und ſo beſchraͤnkt als auch Angelica's uUmſtaͤnde im gegenwaͤrtigen Augenblicke waren, beſchloß ſie doch, alles mit der guten Alten zu theilen, deren Dankbarkeit fuͤr ihr theures Friu⸗ lein keine Grenzen kannte. 22 Aufs Neue ſah Angelica ſich hier wieder in ihrer ſchoͤnſten Hoffnung getaͤuſcht. Oscar fand ſie nicht; die Freunde, welche vormals aus Neigung oder Intereſſe ihrer Familie erge⸗ ben geweſen, hatten zum Theil ihren Aufent⸗ halt veraͤndert, theils ſcheueten ſie ſich, eine Verbindung mit irgend einem Gliede einer un⸗ gluͤcklich gewordenen Familie wieder anzuknuͤ⸗ pfen. So ſtand ſie alſo an ihrem Geburtsorte, mitten in den Beſitzthuͤmern, die ſie mit Recht die ihrigen nennen konnte, allein und verlaſſen; da ſie indeß noch immer die ſtille Hoffnung hegte, hier von ihrem geliebten Bruder zu hoͤ⸗ ren, entſchloß ſie ſich, fuͤrs erſte in der Huͤtte zu bleiben, und der Amme in allen kleinen Ar⸗ beiten zur Hand zu gehen. Eduards Bitten, mit ihm nach Frankreich urdzusehnen ſchus ſee ſtandhaft aus. Nein, theurer Freund, errn derte ſie auf jede Vorſtellung dieſer Art, ich habe den weni⸗ gen Menſchen, die wirklich Antheil an mir neh⸗ men, ſchon zu viel Angſt und Sorge gemacht. Es iſt endlich Zeit, daß ich mich in mein Schick⸗ ſal ergeben lerne; das Brod, welches wir mit 25 der Arbeit unſerer Haͤnde verdienen, iſt ſuͤß, wenn wir es ohne innere Vorwuͤrfe genießen koͤnnen, und ich werde nicht uͤber ein Loos er⸗ roͤthen, daß ich mir weder durch Schuld noch Unbeſonnenheit zugezogen habe. Was euch be⸗ trifft, Eduard, fuͤgte ſie ſanft hinzu, muß ich euch nun bitten, in das Land zuruͤckzukehren, von dem ich euch nur zu lange entfernt gehalten habe. Ja liebenswuͤrdiger/ großmathiger Freund, wir muͤſſen uns trennen; mein Dank und meine Achtung werden euch folgen; aber ich darf euch nicht erlauben, laͤnger hier zu verweilen. ady Angelica, erwiderte Eduard, ich muß zwar euren Befehlen gehorchen; aber ſuͤßer waͤre es mir, wenn ihr es mir geſtatten wolltet, euer Geſchick zu theilen. Dann ſollten meine Haͤnde fuͤr euch arbeiten, und ihr wuͤrdet im⸗ mer einen aufrichtigen, treuen Freund in mir finden. Nein, edler Juͤngling, rief Angelica be⸗ wegt, ich wuͤrde mich eurer uneigennuͤtzigen Freundſchaft nicht werth halten, wenn ich euer Anerbieten annaͤhme. Kehret zuruͤck zu euren Freunden, und ſollte je das Gluͤck mir wieder 4% laͤcheln, ſo werdet ißr nich nicht Andadtbar finden. unfaͤhig ſich ihrem Willen ferner zu wider⸗ ſetzen/ begab Eduard ſich ehrerbietig, aber ſchnell hinweg um ſeine Gefuͤhle zu verbergen. Der folgende Morgen wurde zu ſeiner Abreiſe be⸗ ſtimmt, und ſchon fruͤh ſah Angelica ihn vor ihrem Fenſter auf⸗ und niedergehen„ und trau⸗ rig zu ihr hineinblicken. Auch ſie fuͤhlte ſei⸗ nen Verluſt tief, hielt es aber Un recht, ihn fer⸗ ner an ihr widriges Geſchick zu feſſern. Mehrere Stunden noch verzoͤgerte Eduard ſeine Abreiſe; es ſchien ihm unmoͤglich, von ihr zu ſcheiden; endlich raffte er alle ſeine Kraͤfte zuſammen, um ihr ein Lebewohl zu ſagen. Zitternd nahete er ſich, warf ſich zu ihren Fuͤßen, und ergriff ihre Hand, die er in ſtummer Bewegung an ſeine Bruſt und Lippen zog. Lebe wohl, theurer Freund, fluͤſterte leis Angelica; des Himmels Segen ſey mit dir, und als ein Zeichen von Angelica's Achtung und Dankbarkeit, nimm dieß aus meinen Haͤnden.— Bei dieſen Worten knuͤpfte ſie einen Roſenkranz 25 von Perlen von ihrer Bruſt, und hing iha um den Hals des Juͤnglings. duard kuͤßte die theure Gabe und rief, in⸗ dem er ſich vom Boden erhob: Tauſend, tauſend Dank, geliebte Lady Angelica, fuͤr dieß un⸗ ſchaͤtꝛbare Geſchenk! immer werde ich es auf meinem Herzen tragen, und nur mit dem Leben ſoll es von mir genommen werden.— So lebet denn wohl, liebenswuͤrdiges Weſen, fuͤgte er traurig hinzu, und noch einmal ihre Hand druͤ⸗ ckend, wandte er ſich ſchnell von ihr hinweg. Kaum aber hatte er ſich einige Schritte entfernt, ſo kehrte er haſtig um, und ſagte mit bewegter Stimme: Noch ein Wort Lady Angelica, und dann nichts mehr.— Habt ihr keinen Auftrag, kein Zeichen der Erinne⸗ rung, mir fuͤr Sigismund mitzugeben?—— Er ſchwieg und blickte ſie mit unverwandten Augen an. Angelica ſenkte den Blick, ihre Wangen faͤrbte ein hoͤheres Roth; und leiſe erwiderte ſie: ſagt ihm, daß ich ſeiner ewig gedenken werde, und wenn wir uns in dieſem Leben nicht 26 wieder ſehen ſollten, ſo wuͤrde mein letztes Ge bet noch fuͤr ihn ſeyn.—« n Eduard verbeugte ſich ſtinſchweigend. legte die Hand aufs Herz, ſchwang ſich auf ſein Roß, und nachdem er die geliebte Herrin noch einmal angeblickt hatte, eilte er in vollem Galopp davon. Die Abreiſe eines Freundes, den ſie bwaßt um ſein ſelbſt, als um Sigismunds Willen ſchaͤtzte, verſetzte Angelica in tiefe Trau⸗ rigkeit, uͤber die ſie mehrere Tage hindurch nicht Meiſter werden konnte. Aber das Gefuͤhl, recht gehandelt zu haben, half ihr endlich uͤberwinden, und ſie ward wieder ruhig, wenn auch nicht gluͤcklich. In der Eingezogenheit ihres gegen⸗ waͤrtigen Lebens lernte ſie manche Dinge ken⸗ nen, die ihr bisher fremd geweſen waren, und in der einfachen Tracht einer Schaͤferin geklei⸗ det erkannte niemand die Erbin von Glanalvon. Bei den Bewohnern des Dorfes galt ſie fuͤr die lange abweſend geweſene Tochter der Alice, ge⸗ gen welche ſie ſich in jeder Hinſicht kindlich be⸗ trug. Ihre zarten, weißen Haͤnde ſcheueten ſich nicht, jede laͤndliche Beſchaͤftigung mit ihr zu theilen, und wenn der Abend ſie beim Feuer 27 des Heerdes verſammelte, erheiterte ſie die Ar⸗ beiten der Alten durch die klaren Toͤne der lieb⸗ lichen Lieder, durch welche ſie ſie ſchon einſt in ihrer Kindheit erfreut hatte. Mit derſelben edlen Waͤrde, die ihr in den Tagen ihres Gluͤckes eigen geweſen war, ertrug ſie auch jetzt ihr nie⸗ dres Loos, und obgleich die Exinnerung fruͤhe⸗ rer Jahre oft ihr Herz mit Wehmuth erfuͤllte, ſtrebte ſie doch, ihr Geſchick ohne Murren zu er⸗ tragen. Nur fuͤr Oscar litt ſie unaufhoͤrlich, und als eine Woche nach der andern verging, ohne ihr Nachricht von ihm zu bringen, ver⸗ wandelte ſich ihre Unruhe in ſtete Furcht um ihn. Auch bei Sigismund weilten ihre Gedan⸗ ken oft, als bei dem Bilde eines theuren Abge⸗ ſchiedenen, den ſie in dieſem Leben nicht wieder erblicken wuͤrde, und waͤhrend ſeine aufopfernde Freundſchaft und alle ſeine Vollkommenheiten vor ihre Seele traten, weinte ſie uͤber die Dren⸗ nung von ihm, ohne jedoch ſich der eigentlichen Gefuͤhle, welche ihr Herz fuͤr ihn bewegten⸗ deutlich bewußt zu ſeyn. Langſam und traurig ſchwanden die langan Winterabende dahin; aber auch die Ruͤckkehr des 8 allbelebenden Fruͤhlings vermochte nicht Angelica zu erheitern, die im Wiedererwachen der ganzen Natur, nur einen noch grellern Abſtand mit der Stimmung ihres Innern empfand. Das ſchoͤne Wetter lockte ſie zwar oͤfterer aus der einſamen Huͤtte, und ſie brachte manche Stunde an den Orten zu, wo ſie fruͤher ſo gern mit Oscar verweilte; aber alles mahnte ſie auch hier an das, was ſie verloren hatte. Eines Margens, als ſie ihren Betrachtun⸗ gen auf einer, ihrer Wohnung nahgelegenen Raſenbank nachhing, ward ſie durch ein Ge⸗ raͤuſch aufgeſchreckt; die Augen aufſchlagend, ſah ſie eine Dame und einen Herrn zu Pferde vor ſich, deren Kleidung ſie als Perſonen von Stande ankuͤndigte. Sie hielten nah an ihrem Sitze ſtill, und der Herr bat hoͤflich um einen Trunk Milch fuͤr ſeine Gefaͤhrtin, die vom Rei⸗ ten ſehr erhitzt geworden ſei. Angelica ſprang auf, um welche herbeizuholen; allein Allice durch den Ton der Stimmen an die Thuͤr ge⸗ zogen, noͤthigte die Fremden, es ſich in ihrer ſchlechten Huͤtte einen Augenblick gefallen zu laſſen. Man nahm die Bitte an, und kaum hatte jedes ſeinen Platz genommen, als die Alte, nachdem ſie ihre Gaͤſte genauer angeſehen hatte, freudig ausrief: alles muͤßte mich truͤgen, ſchoͤne Dame, oder ich ſehe in euch die unbekannte Wohlthaͤterin vor mir, deren Gute mich ſo oft aus der groͤßten Noth gerettet hat. Eine augenblickliche Noͤthe uͤberzog die blaf⸗ ſen Wangen der ſchoͤnen Fremden, indem ſie antwortete: ich bitte euch, liebe Frau, des kleinen Dienſtes, den ich im Stande war, euch zu leiſten, nicht weiter zu gedenken; ich wuͤnſchte nur, daß es in meiner Macht geweſen würe mehr fuͤr euch zu thun. Alice Antwort ward durch Angelica's Her⸗ eintreten verhindert, welche Milch und einiges Obſt brachte, und es der Fremden ſo anmuthig darreichte, daß dieſe, ſowohl durch die Schoͤn⸗ heit, als den edlen Anſtand der jungen Schaͤfe⸗ rin zu ſehr angezogen ward, um ihre Bewun⸗ derung zuruͤckhalten zu koͤnnen. Sobald aber Angelica bemerkte, daß ſie die Aufmerkſamkeit der Gaͤſte auf ſich zog, nahm ſie die erſte Ge⸗ legenheit wahr, aus der Stube zu ſchluͤpfen, und kaum war ſie hinaus, ſo fragte man auch, 30 wer ſie ſei, worauf Alice zwar die gewohnte Antwort, aber mit ſtorternder Stimme gab, da ihr Herz ſich bei dem Gedanken empoͤrte, die Tochter ihres edlen Herrn, durch ſo niedere Abkunft zu entehren. 132 Beim Himmel, rief der junge Herr, der ſeit An⸗ gelica's Eintritt kein Wort geſprochen hatte, wenn dieß liebenswuͤrdige Geſchoͤpf auch eine Baͤuerin iſt, ſo uͤbertrifft ſie alle vornehme Damen, die ich jemals geſehen haben, weit an Schoͤnheit und Anmuth; und es iſt ein Verbrechen, Reize wie dieſe, die jeden Thron ſchmuͤcken würden, in der Verborgenheit zu laſſen. Ihr beliebt mit eurer Dienerin zu ſcherzen, erwiderte Alice ſeufzend; meine Dochter fuͤhlt kein Verlangen, den niedern Stand zu verlaſ⸗ ſen, der ſie vor den Gefahren der großen Welt ſicher ſtellt. Der junge Fremde antwortete nur durch noch ſtaͤrkere Ausrufungen der Bewunderung dieſer ſo ſeltenen Schoͤnheit; worauf ſie bald nachher beide die Huͤtte verließen, nachdem ſie der Alten ein anſehnliches Geſchenk fuͤr ihre Gaſtfreiheit hinterlaſſen hatten. 341 Sobald ſie fort waren, trat Angelica leiſe wieder herein, und fragte aͤngſtlich nach dem Namen und Stand der Fremden Wahrlich, My Lady, erwiderte Alice, ich kann euch dieſe Frage nicht beantworten. Den Herrn habe ich nie zuvor geſehen; aber vor eini⸗ gen Monaten, als ich einmal ſo recht traurig vor der Thuͤr ſaß, kam dieſelbe junge Dame daher geritten, nur von einigen Dienern beglei⸗ tet. Da es gerade anfing fuͤrchterlich zu reg⸗ nen, nahm ſie ihre Zuflucht in meine Huͤtte, und war ſehr herablaſſend und freundlich. Auf ihre Frage, warum ich ſo traurig ausſaͤhe, er⸗ zaͤhlte ich ihr ſowohl meine ganze ungluͤckliche Geſchichte, als die der edlen Familie, in derem Dienſt ich geweſen war, woruͤber ſie ſo geruͤhrt ward, daß ſie bitterlich weinte. Im Fortgehen gab ſie mir ihre Boͤrſe, und ſeit der Zeit hat ſie oft einen Diener mit Geld oder Lebensmitteln zu mir geſandt; aber ihren Namen konnte ich nie erfahren, noch habe ich ſie ſelbſt ſeit jenem Morgen wieder geſehen. So lieb mir ihr An⸗ blick aber auch heute war, wuͤnſchte ich doch, ſie haͤtten meine theure Lady Angelica nicht getroffen. 6 32 Und warum? fragte dieſe.— Weil es euch vielleicht mehr Unruhe machen kann, als ihr denket. Der junge Herr war ſo unerſchoͤpflich im Lobe eurer Schoͤnheit, daß ich fuͤrchte, er iſt verliebt geworden, und da er euch nur fuͤr ein Bauermaͤdchen haͤlt, kann euch das viel Kummer verurſachen, denn dieſe jun⸗ gen adelichen Herrn ſind gewoͤhnlich ſo zudring⸗ lich und laſterhaft, daß ich fuͤr euch zittere. Ich hoffe, liebe Alice, deine Furcht ſoll ungegruͤndet ſeyn. Dieſe Fremden werden bald vergeſſen, daß ſie mich geſehen haben, und waͤre dieß auch nicht der Fall, ſo iſt An⸗ gelica auch in dieſer Tracht, noch immer die Tochter des Grafen von Glanalvon, und weiß, wie ſie Zudringlichkeiten von ſich abtehnen muß. Wenige Tage waren hinreichend, der Alten Furcht, in Hinſicht des Eindrucks, den Angelica auf den Fremden gemacht hatte, zu rechtferti⸗ gen... Nur von dem treuen Haushuude der Amme begleitet, begab ſich unſere Heldin einſt an einen Brunnen, um Waſſer zu ſchoͤpfen. Der Tag war heiß, und nachdem ſie ihre Arbeit —— 5 55 vollendet hatte, ſetzte ſie ſich einige Augenblicke unter den Schatten einer großen Buche, um ſich abzukuͤhlen. Bald war ſie in ihre gewoͤhnlichen Traͤumereien gefallen, als ſie durch das Bellen ihres Hundes aufgeſchreckt, in die Hoͤhe ſah, und den Fremden, in Jaͤgerkleidung, an einen gegenuͤberſtehenden Baum gelehnt, ganz in Betrachtung ihrer verloren, gewahr ward. Be⸗ ſtuͤrzt ſprang ſie auf, um ſich ſchnell heimwaͤrts zu begeben; aber der Fremdling trat ihr in den Weg, und wuͤnſchte ihr in einem treuherzigen Tone, guten Morgen. Angelica verneigte ſich, und wollte ihm ausweichen, er aber faßte ihre Hand und ſagte: Warum, ſchoͤnes Maͤdchen, eilſt du ſo an dem voruͤber, den deine Reize gefeſſelt haben. Schenke mir doch einige Augenblicke, damit ich Zeit gewinne, dir zu ſagen, wie groß die Be⸗ wunderung iſt, die du mir eingefloͤßt haſt. Fremdling, erwiderte Angelica, mit Anſtand und Wuͤrde; es ſchickt ſich fuͤr mich nicht, auf ſolche Reden zu hoͤren, noch ſolltet ihr ſie gegen ein Maͤdchen meines Standes fuͤhren. Suchet euch lieber eine vornehme Dame, die euch ihr TI. 3 34 Ohr leihen darf, und entehret euren Rang nicht durch die Unterhaltung mit einer armen Schaͤ⸗ ferin. Wenn du eine Schaͤferin biſt, rief der Fremde, ſo hat irgend ein Engel dieſe Huͤlle angenommen, denn dieſe Reize ſind eben ſo wenig irrdiſch, als dein Anſtand und deine Sprache, ein gewoͤhnliches Landmaͤdchen verra⸗ then. Sage mir alſo, ich beſchwoͤre dich dar⸗ um, wer du biſt— damit, wenn eine Heilige ich dich anbeten, wenn aber dieſe Vollkommen⸗ heiten einer Sterblichen angehoͤren, ich nicht um⸗ ſonſt ſchmachten darf. Ihr irrt euch, mein Herr, erwiderte An⸗ gelica; ich bin nichts anders, als was ich ſcheine; warum erſtaunt ihr uͤber einfache Gaben der Natur? Tugend und Unſchuld ſind eben ſo nothwendig in einer Huͤtte, als in einem Pallaſte, und obgleich mein Loos niedrig iſt, moͤchte ich es nicht mit Schein oder Prunk, der nur zu oft dem Laſter gehoͤrt, tauſchen. Gott befohlen, mein Herr, denkt nicht weiter an die arme An⸗ gelica. Bleib, bezauberndes Geſchoͤpf, Well noch 35 einen Augenblick, rief der erſtaunte Fremde; aber ſie hoͤrte nicht weiter auf ihn, ſondern huͤpfte ſchnell uͤber den behaueten Raſen dahin und war bald ſeinem Blicke entſchwunden. Als ſie in der Huͤtte ankam, erzaͤhlte ſie der Alten ihr Abentheuer, die nicht aufhoͤren konnte, die Gabe ihrer Weiſſagung zu ruͤhmen, und den Zufall zu beklagen, der ihren Liebling dem Fremden in den Weg gefuͤhrt hatte. Auch Angelica war nicht wenig beunruhigt, uͤber einen Vorfall, der ſchlimme Folgen nach ſich ziehen koͤnne, und beſchloß im Fall, ihr un⸗ bekannter Bewunderer ihr ferner nachſtellen ſollte, den Ort ihres Aufenthalts zu veraͤndern. Achtzehntes Kapitel. Einige Tage nach dem Zuſammentreffen mit dem Fremden, ſaß eben Angelica allein in ihrer Stube, als Alice mit der Nachricht zu ihr ein⸗ trat, daß die junge Dame wieder unten ſei, und ſie zu ſehen begehre.— Obgleich etwas erſtaunt 2 3* 36 uber dieſe Aufforderung, folgte ſie doch der Al⸗ ten, welche, nachdem ſie ſie in ein Zimmer ge⸗ fuͤhrt hatte, ſich gleich wieder entfernte. Bei Angelica's Eintritt uͤberzog eine leichte Roͤthe die Wangen der ſchoͤnen Fremden; ſie bat ſie an ihrer Seite Platz zu nehmen, und ſagte mit ſuͤßer Freundlichkeit: da ich euch voͤllig unbe⸗ kannt bin, ſollte ich mich billig entſchuldigen, euch ſo zu mir einzuladen; aber alles, was ich von euch ſehe und hoͤre, erregt mein Erſtaunen und meine Bewunderung. Was mein Bruder mir uͤber ſein neuliches Zuſammentreffen mit euch erzaͤhlt hat, uͤberzeugt mich, daß ihr keine Baͤurin ſeid, und Alicens verworrene und zwei⸗ deutige Antworten auf alle meine Fragen, be⸗ ſtaͤrken mich immer mehr in dem Glauben, daß ihr nicht ihre Tochter ſeyn koͤnnt. Glaubt ihr denn, my Lady erwiderte An⸗ gelica etwas verwirrt, daß die Natur nur den Großen der Erde, koͤrperliche oder geiſtige Voll⸗ kommenheiten ſchenken koͤnne, und daß ich durchaus von vornehmer Herkunft ſeyn muͤſſe, weil ihr mir die Ehre erzeigt, einige zufaͤllige Vorzuͤge an mir zu bemerken? 37* Verzeiht, verſetzte die Fremde, ich bin weit entfernt, dießzu glauben; aber die Anmuth und Wauͤrde, welche ihr beſitzt, ſind nicht zufaͤllige Ga⸗ ben der Natur, ſondern Folge einer hoͤheren Erzie⸗ hung und eines gebildeten Umgangs. Ich will aber nicht in ein Geheimniß dringen, welches ihr vielleicht zu verbergen wuͤnſcht, noch ſind meine Fragen nur durch Neugierde hervorge⸗ bracht; mein Wunſch iſt, euch aus einer eurer un⸗ wuͤrdigen Lage zu ziehen, und es genuͤgt mir, wenn ihr nur meine Freundſchaft annehmen wollt, auch ohne mir euer Vertrauen zu ſchenken.— Euer Name, eure Familie und jeder andere Umſtand, ſo außerordentlich er auch ſeyn mag, bleibe, wenn es euer Wille iſt, mir verborgen, nur ſchlagt mir die Freude nicht ab, euch auf ir⸗ gend eine Weiſe nuͤtzlich zu ſeyn. 4 Durch eine ſo erhabene und ungewoͤhnliche Großmuth bewegt, war Angelica nicht laͤnger im Stande, ihre Thraͤnen zuruͤckzuhalten. Ed⸗ les Weſen, rief ſie aus, umſonſt wuͤrde ich es verſuchen, meine Dankbarkeit fuͤr dieſe Guͤte gegen eine verlaſſene Fremde auszudruͤcken. 53 Eure Großmuth verdient volles Vertrauen; ja, ich bin nicht, was ich ſcheine; aber Vergeſſen⸗ heit und Verborgenheit ſind die einzigen Huͤlfs⸗ mittel fuͤr den ungluͤcklichen Abkoͤmmling eines zu Grunde gerichteten Hauſes, und daher wuͤn⸗ ſche ich, den noch uͤbrigen Theil meines Lebens in der groͤßten Zuruͤckgezogenheit hinzubringen.— Thraͤnen verhinderten hier Angelica weiter fortzufahren, und die ſchoͤne Fremde, nicht weniger bewegt, ſagte geruͤhrt: Vergebt mir, liebens⸗ wuͤrdige und ungluͤckliche Angelica, euch durch das erneute Andenken an eure Leiden, ſo betruͤbt zu haben; ich will nicht weiter mit Fragen in euch dringen, aber ſeid uͤberzeugt, daß euch in Iſabelle v. Morven ſtets eine Freundin bleibt. Iſabelle v. Morven, wiederholte Angelica kaum hoͤrbar; Gott! iſt es moͤglich!— und uͤber⸗ waͤltigt durch die Erinnerungen, welche ſich ihres Gemuͤths bemaͤchtigten, ſank ſie leblos zu Boden. Als ſie ihre Beſinnung wieder erhielt, fand ſie ſich in Iſabellens Armen, die blaß und ge⸗ ruͤhrt, ſie wieder ins Leben zuruͤckzurufen bemuͤht war. Unwillkuͤhrlich ſchlug ſie die Arme um die ihr ſo nahverwandte Geſtalt, und verbarg 39 ihr Geſicht ſchluchzend an ihren Buſen. Auch aus Iſabellens Augen floſſen haͤufige Thraͤnen, und kaum vermochte ſie, die Worte hervorzubrin⸗ gen: Taͤuſchen mich nicht alle meine Hoffnungen, ſo halte ich Oscars theure, beklagenswerthe Schweſter an meinem Herzen? Ja, Iſabelle, erwiederte Angelica endlich, es iſt die ungluͤckliche Tochter des Grafen von Glanalvon, die hier Zuflucht ſucht, in der Huͤtte einer der Untergebenen ihres Vaters; es iſt die Schweſter des edlen, tapfern Oscars, die ohne Heimath und Schutz, in dieſer Verkleidung Si⸗ cherheit zu finden hofft.——— Nie, nie, ſoll dir eins von beiden meßr fehlen, rief Iſabelle, indem ſie unſere Heldin noch naͤher an ihr Herz zog; die Schweſter meines verlornen Oscars, ſoll nie ein Obdach ſuchen, ſo lange Iſabelle noch eins mit ihr zu theilen hat. Vergeßt ihr denn, antwortete Angeliea, die ungluͤckliche Feindſchaft unſerer Haͤuſer? Mein Vater, ſiel Iſabelle ſchnell ein, wird nicht argwoͤhnen, daß Lady Angelica Glanalvon, die Freundin ſeiner Tochter iſt, und mein Bru⸗ der wird leicht jedes Vorgeben glaubwuͤrdig ſin⸗ 6 4* 2 8 5 9* 40 den, unter welchem ich die, von ihm ſo bewun⸗ derte Schaͤferin bei uns einfuͤhre. Euer Bruder, rief die erſtaunte Angelica!— ich glaubte—— forſchend ruheten ihre Augen auf dem Geſicht ihrer Freundin.— Iſabelle erwiederte endlich ſeufzend:— theure Angelica, dieſe Erzaͤhlung iſt zu lang, als daß ich ſie dir jetzt mit Muße geben koͤnnte.— Sage mir erſt das Schickſal des theuren Opfers meiner Unbe⸗ ſonnenheit und ſeiner eigenen Heftigkeit.— Lebt er noch? Ich hoffe es, verſetzte Angelica weinend; aber es ſind nun viele, viele Wochen, daß ich nichts von ihm weiß, und der Hauptgrund mei⸗ ner Ruͤckkehr nach England war die Hoffnung, ihn hier zu finden. Nun fuhr ſie fort, in we— nig Worten Jſabellen alle ihre Begebenheiten zu ſchildern, von dem Augenblicke an, da ſie das Schloß zu Glanalvon verlaſſen hatten, und verſchwieg ihr auch nicht den Vorfall, der ſie aus dem Schutze ihres Bruders geriſſen hatte. Iſabelle beweinte mit ihr das Schickſal desjeni⸗ gen, den ſie nie aufgehoͤrt hatte zu lieben und nachdem ſie ſich beide wieder ein wenig geſam⸗ 4¹ melt hatten, drang ſie unaufhoͤrlich in ſie, eine Wohnung bei ihr, auf dem Schloſſe v. Morven anzunehmen. Anfangs empoͤrte ſich Angelica's Stolz bei dem Gedanken, dem Erbfeind ihres Vaters irgend eine Verbindlichkeit ſchuldig zu ſeyn; aber Iſabellens Bitten und das Anden⸗ ken an die Zaͤrtlichkeit, welche Oscar fuͤr dieſe hege, uͤberwanden endlich ihren Widerwillen, und ſie verſprach, in die Wuͤnſche ihrer Freundin zu willigen. Der Plan ward nun entworfen, Angelica ſollte als eine Franzoͤſin, welche durch Ungluͤck genoͤthigt worden ſei, ihr Vaterland zu verlaſ⸗ ſen, auf dem Schloſſe eingefuͤhrt werden, und Iſabelle zweifelte nicht, daß ihr Vater, der im hohen Grade die Gaſtfreiheit des Zeitalters beſaß, ſie als einen Fluͤchtling bereitwillig auf⸗ nehmen wuͤrde. Auch wußte ſie, daß ſeine Zaͤrtlichkeit fuͤr ſie, ihren Willen in allem freies Spiel ließe, ſobald dieſer nur nicht ſeinen eige⸗ nen Plaͤnen und Vorurtheilen entgegen trat. Nachdem alles hinlaͤnglich verabredet war, verließ Iſabelle ihre Freundin mit dem Verſpre⸗ chen, bald wieder bei ihr zu ſeyn, und gab ihr ſcheidend, mit ſo vieler Freundlichkeit eine Boͤrſe voll Gold, daß es Angelica unmoͤglich war, ſie durch die Nichtannahme derſelben zu kraͤnken. Leicht beſtieg jene nun ihr wartendes Roß und flog, nach wiederholtem, zaͤrtlichen Lebewohl, von ihrem Diener gefolgt, ſchnell davon. Die Empfindungen, welche in dem Herzen unſerer Heldin, durch die Begebenheit dieſes Morgens erregt waren, laſſen ſich leichter fuͤh⸗ len als beſchreiben. Obgleich ſie ſich noch nicht ganz mit dem Gedanken befreunden konnte, auf dem Schloſſe Morven zu leben, empfand ſie doch das laͤſtige ihrer gegenwaͤrtigen Lage, und hoffte durch den Schutz des Freihern und ſeiner Fa⸗ milie, wenigſtens fuͤr den Augenblick, einen ſchick⸗ lichen Aufenthalt zu erhalten. In dieſer Hin⸗ ſicht beſtrebte ſie ſich, die Gefuͤhle des verwun⸗ deten Stolzes zu bekaͤmpfen, die ſich ihr oft noch aufdrangen, wenn ſie daran dachte, ab⸗ haͤngig von den Feinden ihres Hauſes leben zu ſollen. Die Zeit, welche ihr noch bis zu der Ver⸗ aͤnderung ihres Aufenthalts blieb, brachte ſie theils mit den noͤthigen Vorbereitungen darauf 43 zu, theils bemuͤhete ſie ſich/ die alte Amme uͤber den Verluſt ihrer Geſellſchaft zu troͤſten, die ſich anfangs nicht darin finden konnte, wieder von ihrem geliebten Fraͤulein getrennt zu werden, und ſich nur durch das Verſprechen oͤfterer Be⸗ ſuche erheitern ließ. Am Ende der Woche erſchien ein Diener des Freiherrn, mit folgendem Briefe der Lady Iſabelle: „Mein Vater, theure Angelica, hat in mei⸗ „nen Wunſch euch nach Morven einzuladen, gewil⸗ „ligt, und ſieht wie ich, eurer baldigen Ankunft „mit Verlangen entgegen. Ich hofſe alſo, daß „Ihr euch auf das Pferd ſetzen werdet, welches der „Ueberbringer dieſer Zeilen, zu dieſem Entzwecke „mitgebracht hat, und zaͤhle jede Minute, bis „ich die Freude haben werde, euch an mein „Herz zu druͤcken.“— Iſabelle. Ohne Zoͤgern eilte Angelica, dem Aufruf ihrer Freundin zu folgen, und nach einem zaͤrt⸗ lichen Abſchiede von der Alten, die noch reich⸗ lich von ihr mit Geld verſehen ward, beſtieg ſie das Pferd, und begab ſich, von dem Diener gefolgt, auf den Weg nach Morven. 44 Als Angelica ſich zum erſten Male dem Aufenthalte des Erbfeindes ihrer Familie na⸗ hete, ward ihr Herz krampfhaft zuſammengezo⸗ gen; blaß und zitternd ſtieg ſie an dem Haupt⸗ eingange ab, und ward nun in ein Zimmer ge⸗ fuͤhrt, wo Iſabelle ihrer ſchon harrete. Mit offnen Armen flog dieſe ihr entgegen, und da ſie ihre innere Bewegung bemerkte, fuͤhrte ſie ſie auf ein naheſtehendes Sopha und klingelte, um Beiſtand zu erhalten. Eine ihrer Kammer⸗ frauen erſchien alſobald mit verſchiedenen Erfri⸗ ſchungen, und auf Iſabellens Bitten nahm An⸗ gelica einige Tropfen Wein zu ſich, die ſie wie⸗ der etwas belebten, und nun verſuchte ſie, alle ihre Kraͤfte auf den Anblick des ſo gefuͤrchteten Freiherrn v. Morven zu ſammeln. Iſabelle, die ſich fortwaͤhrend beſtrebte, ihre Freundin zu beruhi⸗ gen, ſchickte ihre Kammerfrau wieder hinaus, und fragte zaͤrtlich nach der Urſache ihres Kummers. Vergebt mir, theure Lady Jſabelle, er⸗ widerte Angelica, indem ſie ſich vergebens be⸗ muͤhete, ihre Thraͤnen zuruͤckzuhalten, ich fuͤhle meine Schwaͤche; aber die Lage, in welcher ich mich befinde, iſt herzzerreißend fuͤr mich. 45 Unter einem fremden Namen trete ich hier zu⸗ erſt in die Wohnung eines nahen, aber nie geſe⸗ henen Verwandten, und ungeachtet aller eurer Guͤte gegen mich, kann ich mich des Gedankens nicht erwehren, daß etwas unwuͤrdiges, ja nie⸗ dres in dem Verfahren liegt; es ſcheint mir, als wenn die Geiſter meiner Ahnen mir Vor⸗ wuͤrfe machten, und was wuͤrde mein geſiebter Oscar ſagen, wuͤßte er, daß ſeine Schweſter ſich unter deſſen Schutz begiebt, der ihn aus ſeinem Vaterlande verbannt, und gleich einem heimathloſen Wanderer auf der weiten Erde herumgetrieben hat! Ein Strom von Thraͤnen hemmte ihre Re⸗ de.— Jſabelle beweinte theilnehmend, nicht allein der Freundin Geſchick, ſondern auch das ungluͤckliche Loos ihres noch immer heißgeliebten Oscars; doch verſuchte ſie jene nach und nach zu beruhigen, und bat ſie, ihre Frenndſchaft als einen kleinen Erſatz fuͤr das Bittere ihrer Lage anzuſehen. Angelica fuͤhlte den Werth ei⸗ ner ſolchen Freundſchaft ganz, und es gelang ihr endlich, Herr ihrer Gefuͤhle zu werden, um Iſabellens zartes Herz nicht mehr zu verwunden. 46 Nun war nur noch die Frage, unter welchem Namen ſie im Hauſe auftreten ſollte, und ſie waͤhlte endlich den der Familie Aubiné, die in mancher Hinſicht Aehnlichkeit mit ihr im Geſchick gehabt hatte, und fuͤr die ſie eine enthuſtaſtiſche Anhaͤnglichkeit hegte. Kaum war dieſer Punct beſtimmt, als auch ſchon ein Diener hereintrat, die Ankunft des Freiherrn im Schloſſe zu mel⸗ den, der die Damen zu ſehen wuͤnſche. Iſabelle ſchlang ihren Arm um die Freun⸗ din und fuͤhrte ſie in die Bibliothek, wo der Vater ihrer wartete. Hoͤrbar ſchlug Angelica's Herz, indem ſie ſich der Thuͤr naheten, und ihre Farbe wech⸗ ſelte ſo ſichtlich, daß Iſabelle einen Augenblick ſtille ſtand, um ihr Zeit zur Erholung zu geben. Als ſie endlich hineintraten, lag der Freiherr halbſchlummernd auf einem Sopha, von welchem er ſich erſt erhob, nachdem Iſabelle ihm das Fraͤulein von Aubins vorſtellte. Er nahete ſich ihr; aber kaum hatte er ihr ins Geſicht geſe⸗ hen, als er mit auffallender Bewegung zuruͤcktrat, ſie mehrere Augenblicke aufmerkſam und ſchmerzlich betrachtete, dann wie aus einem Traume er⸗ ——— 47 wachend, wieder auf ſie zutrat, und ſie mit leutſeligem Laͤcheln auf der Burg v. Morven willkommen hieß. Mit einer Furcht, die ſie vergebens zu be⸗ kaͤmpfen ſtrebte, zog Angelica die ihr dargebo⸗ tene Hand des Freiherrn an ihre Lippen, und verſuchte, den Dank fuͤr ſeine Guͤte zu ſtammeln; aber die Stimme verſagte ihr, und ſie wuͤrde zur Erde geſunken ſeyn, wenn Iſabelle ſie nicht gehalten, und ſie unter aufrichtenden Worten auf einen Seſſel gefuͤhrt haͤtte. Der Freiherr ſetzte ſich ihr gegenuͤber und fuhr fort, ſie mit Blicken des Erſtaunens und der Unruhe zu be⸗ trachten. Als er ſie etwas beruhigt ſah, fing er an, ſie nach den Verhaͤltniſſen ihrer Familie und der Urſache, warum ſie ihr Vaterland habe ver⸗ laſſen muͤſſen, zu fragen. Meine Familie, erwiderte Angelica mit Wuͤr⸗ de, iſt edel, und obgleich es ſich nicht fuͤr mich ſchickt, mich meiner Ahnen zu ruͤhmen, ſo be⸗ duͤrfen ſie auch meines Lobes zu ihrem Ruhme nicht. Meine Eltern leben nicht mehr, und 48 eine Ehrenſache noͤthigte meinen Bruder, ſein Vaterland zu verlaſſen. Doch hatte mein Ungluͤck noch nicht ſeinen Gipfel erreicht. Die Bosheit eines unverſoͤhnlichen Feindes beraubte uns unſe⸗ res Vermoͤgens und unſerer Guͤter, und da ich ungluͤcklicher Weiſe die Aufmerkſamkeit eines jun⸗ gen Mannes von Stande auf mich gezogen hatte, riß ſein Vater, um unſerer Verbindung zuvor⸗ zukommen, mich gewaltſamer Weiſe aus dem Schutze meines einzigen Freundes, und hielt mich einige Zeit auf einem ſeiner Guͤter, in en⸗ gem Verwahrſam, aus welchem mich endlich ein edelmuͤthiger Fremdling befreiete. Ich beſchloß nun, nach England zu fliehen, weil ich hoͤrte, mein Bruder ſei dort; aber noch verfolgte mein Unſtern mich. Das Schiff, auf welchem ich heruͤber ſegelte, ging unter, und kaum mit dem Leben davon gekommen, ſuchte ich ein Obdach in der Huͤtte einer armen Baͤurin, wo eure edle, großmuͤthige Tochter mich fand, uͤber mein Schickſal geruͤhrt ward und mir den Zufluchts⸗ ort verſchaffte, den eure Guͤte, my Lord, mir Dank daruͤber hinlaͤnglich ausſprechen; aber un⸗ verſtatten wird. Nie kann ich euch meinen —— 9 aufhoͤrlich werde ich bemuͤhet ſeyn, mich ihrer wuͤrdig zu beweiſen. Waͤhrend Angelica ſprach, ſchien der Frei⸗ herr bei mancher Stelle tief getroffen, und ſeine Augen waren im ernſten Forſchen auf die, durch die Waͤrme ihrer Gefuͤhle hingeriſſene, mehr als gewoͤhnlich ſchoͤne Geſtalt geheftet. Aber ſie wich nicht ſeinem Blicke aus; ſie ſprach von dem ihrer Familie erwieſenen Unrecht, von ihrem unverſchuldeten Ungluͤcke; der Gegenſtand be⸗ lebte ihre Kraͤfte, und erweckte allen Enthu⸗ ſiasmus ihrer Seele. Frei und ruhig ſtand ſie vor dem Urheber aller dieſer Ungluͤcksfaͤlle, waͤh⸗ rend ſein Gewiſſen bei der Erzaͤhlung erwachte, und nur halbverſtaͤndliche, geheimnißvolle Aus⸗ rufungen ſeinen Lippen entſchluͤpften. Ein langes Stillſchweigen folgte, als end⸗ lich der Eintritt des jungen Morven, dieſer, allen peinlichen Scene ein Ende machte. Jaabelle ſtellte ihren Bruder Angelica'n, unter dem Na⸗ men Lionel vor, der, indem er die Veraͤnde⸗ rung ſeiner liebenswuͤrdigen Schaͤferin bemerkte, kaum im Stande war, ſein Erſtaunen zu ver⸗ bergen. II. 34 5⁰0 Angelica's Schoͤnheit und Anmuth, die auch durch das niedere Gewand nicht verborgen ward, ſchien jetzt in der zwar einfachen, aber geſchmack⸗ vollen Kleidung einen doppelten Reiz zu erhalten, und je laͤnger Lionel ſie betrachtete, je mehr ward er in dem Gedanken beſtaͤrkt, daß die Natur nie ein vollkommneres Geſchoͤpf hervorgebracht habe. Sie aber bemerkte den Eindruck nicht, den ihre Geſtalt in ihm erregte; der Name Lionel hatte tauſend ſchmerzliche Gefuͤhle in ihrer Bruſt erweckt, und ſie konnte den wahren Zuſammenhang der Dinge nicht faſſen, da ſein Tod die Urſache ihrer und Oscars Verbannung geweſen war. Begierig, hieruͤber einigen Aufſchluß zu er⸗ halten, ergriff ſie die erſte Gelegenheit des Al⸗ leinſeyns mit Iſabellen, und bat ſie um Auf⸗ klaͤrung. 2 Nach einigem Zoͤgern erwiderte dieſe: Dein Erſtaunen, liebe Angelica, jemand noch am Le⸗ ben zu finden, deſſen vermeintlicher Tod die erſte Veranlaſſung deines Ungluͤcks geweſen iſt, nimmt mich nicht Wunder; allein ob dieß gleich als eine Urſache angegeben wird, wuͤrde es doch 5 7 5¹1 nicht hinreichend geweſen ſeyn, den beklagens⸗ werthen Oscar zu Grunde zu richten, haͤtte nicht ſein eigener Ungeſtuͤm ſeinem Feinde die Mittel in die Haͤnde geliefert, uͤber ihn zu triumphiren. Es wuͤrde unnoͤthig ſeyn, alles bis zu dem ungluͤcklichen Zuſammentreffen mei⸗ nes und deines Bruders zu wiederholen, da du ohne Zweifel davon unterrichtet biſt; auch wol⸗ len wir nicht bei den Gefuͤhlen weilen, die mein Herz nach der Trennung von dem mir ſo theu⸗ ren Gegenſtande zerriſſen. Ich fand mich allein bei dem ſcheinbar todten Koͤrper eines Bruders, den ich immer mit der groͤßten Zaͤrtlichkeit geliebt hatte. Meine Natur ſchien nicht ſtark genug, dieſe Qualen zu ertragen, und eine gluͤck⸗ liche Bewußtloſigkeit warf, wenigſtens fuͤr Au⸗ genblicke, einen Schleier uͤber die Schreckniſſe, von denen ich umgeben war. In dieſem Zu⸗ ſtande ward ich von einigen meiner Frauen ge⸗ funden, die, beunruhigt uͤber mein langes Au⸗ ßenbleiben, mich auſſuchten. Obgleich es ihnen gelang, mich wieder ins Leben zu rufen, ſchien alle Beſinnung von mir gewichen zu ſeyn, und der ſieberhafte Wahnſinn, in welchem ich mich 4* 3 5 mehrere Tage hindurch befand, machte alle fuͤr mein Leben zittern. Was ich aber litt, als die Vernunft mir zuruͤckkehrte, vermag ich dir nicht zu ſchildern. Gluͤcklicher Weiſe ſollte des Bruders Tod meine Qualen nicht vermehren; Lionel war durch den Stoß nur betaͤubt geworden, und erholte ſich bald hinlaͤnglich, um den gan⸗ zen Vorfall meinem Vater zu erzaͤhlen, deſſen Wuth ſo grenzenlos war, daß er mich wahr⸗ ſcheinlich ſeiner RNache geopfert haben wuͤrde, waͤre er nicht durch meinen Bruder zuruͤckgehalten worden. Nun aber ergoß ſich ſein voller Zorn auf den ungluͤcklichen Urheber meines Ungehor⸗ ſams, dem er die ſchrecklichſte Rache ſchwur. Oscars ſchnelles Verſchwinden vom Schloſſe Glanalvon bot ihm die beſten Mittel dar, ſei⸗ ne ſchwarzen Plaͤne auszufuͤhren; nachdem er — meinen Bruder heimlich von Morven entfernt hatte, ſandte er einen Bericht von der Art ſei⸗ nes Todes, bei ſeinen Freunden herum, und erſchien ſelbſt bei Hofe, um Genugthuung fuͤr dieſen Mord zu fodern. Oscars Abweſen⸗ heit, von deſſen Flucht nach Frankreich man Nachricht erhalten hatte, beguͤnſtigte das Anlie⸗ 53 gen meines Vaters, und obgleich er von Seiten der Koͤnigin und des Prinzen von Wales einen maͤchtigen Widerſtand zu bekaͤmpfen hatte, drang er doch endlich durch, und der fuͤrchterliche Spruch der Verbannung ward uͤber ſeinen ed⸗ len, ungluͤcklichen Feind ausgeſprochen.— Ach Angelica, erlaß es mir, von den Gefuͤhlen zu ſorechen, die mich bei dieſer Nachricht ergriffen. Ich hatte nicht allein den Verluſt meines Ge⸗ liebten zu beweinen, ich hatte die Qual, ihn verbannt und ſein edles Haus zu Grunde ge⸗ richtet zu ſehen!— Mein Schmerz war ſo groß, daß er meine Geſundheit ſichtlich untergrub; ſelbſt mein Vater, der dieſe Veraͤnderung be⸗ merkte, war erſchrocken, und fuͤrchtend, daß er zu weit gegangen ſei, ſuchte er nun durch ver⸗ doppelte Zaͤrtlichkeit gegen mich, ſeine vorige Haͤrte wieder gut zu machen; aber die Zeit, obgleich ſie die Schmerzen lindert, war unfaͤhig⸗ meinen Kummer zu verſcheuchen. Nur in dem Gedanken an Oscar fand ich einigen Troſt; ſein Bild begleitete mich unaufhoͤrlich, und mein Heerz, treu ſeiner erſten und einzigen Neigung, wird nie einen andern, als ihn, lieben koͤnnen.— 54 Sobald Lionels Wunde es zuließ, ward er fort⸗ geſchickt, und erſt ſeit einigen Wochen iſt er nach England zuruͤckgekehrt, weil mein Vater ſeine Abweſenheit nicht laͤnger ertragen konnte. Seit ſeiner Ruͤckkehr iſt nichts Bedeutendes vor⸗ gefallen, bis zu dem Augenblicke, der mir auf eine ſo unerwartete Weiſe das Gluͤck verſchaffte, Dich zur Freundin und Gefaͤhrtin zu erhalten, und dieſer Augenblick oͤffnet mir die Ausſicht auf eine Seligkeit, die meinem armen Herzen lange fremd geweſen iſt. Neunzehntes Kapitel. Nach wenigen Tagen war Angelica ziemlich in ihrer neuen Behauſung eingewohnt. Ihre Ju- gend, ihr Ungluͤck und der Muth, mit welchem ſte dieſes ertrug, nahm jedes Herz fuͤr ſie ein, und den Freiherrn ausgenommen, gab es bald keinen Be⸗ wohner des Schloſſes mehr, der ſich nicht beſtrebte, der ſchoͤnen Waiſe Achtung und Liebe zu bezeigen. ——— 55 Nur er allein ſchien gefuͤhllos gegen alle dieſe Vollkommenheiten, und begegnete ihr mit einer hochmuͤthigen Kaͤlte, die ihre bezau⸗ bernde Anmuth nicht zu beſtegen vermochte. Jede Stunde aber, welche Angelica in ſeiner Geſellſchaft verlebte, diente dazu, ihren, gegen ihn gefaßten Widerwillen zu vermehren. Stolz, rachſuͤchtig und unverſoͤhnlich im Allgemeinen, betrug er ſich uͤbermuͤthig gegen ſeine Unterge⸗ benen, und hochmuͤthig gegen ſeines Gleichen. Gefuͤrchtet und gehaßt von denen, die von ihm abhingen, ſchien ſeine muͤrriſche und finſtre Ge⸗ muͤthsſtimmung jedes haͤusliche Gluͤck aus dem Schloſſe von Morven zu verbannen, und ſein, ſeit einiger Zeit ſchwacher Geſundheitszuſtand vermehrte die Bitterkeit ſeiner Laune ſo ſehr, daß Angelica oft bei den Ausbruͤchen ſeiner Wuth zitterte; ſogar Iſabelle war nicht immer ſo gluͤck⸗ lich, ſeinem Zorne zu entgehen. Oft, wenn ein ſolches haͤusliches Gewitter im Anzuge war, fluͤch⸗ tete Angelica auf ihr Zimmer, wo ſie dann im Stillen, bei der Erinnerung an die friedlichen, gluͤcklichen Tage, weinte, da Scenen dieſer Art ihr voͤllig fremd geweſen waren. Die auffal⸗ 356 lende Aehnlichkeit, welche ſie mit ihrer verſtor, benen Mutter hatte, entging dem Freiherrn nicht; ja, oft ſpielte er ſogar auf eine kraͤnkende und beunruhigende Weiſe darauf an, und je mehr ſie ſich alſo als einen Gegenſtand des Ver⸗ dachts betrachtete, je ſorgfaͤltiger ſuchte ſie die Gegenwart des hochmuͤthigen Morven zu ver⸗ meiden, gegen den ſie eine unuͤberwindliche Abnei⸗ gung in ihrem Innern empfand. Reichlich ſtreb⸗ ten Iſabelle und Lionel, ſie fuͤr dieſe unfreundliche Behandlung zu entſchaͤdigen. Von der erſtern ſah ſie ſich mit wahrhaft ſchweſterlicher Liebe behandelt, und bald ward durch die Ueberein⸗ ſtimmung der Geſinnungen das feſteſte Band der Freundſchaft zwiſchen dieſen beiden liebens⸗ wuͤrdigen Maͤdchen geknuͤpft. 4— Obgleich nicht ganz vorurtheilsfrei gegen Lionel, fuͤhlte ſie doch nach kurzer Zeit des Beiſammensſeyns mit ihm, daß er ihrer Achtung werth ſei. Zwar war er, gleich Oscar, heftig und auffahrend; aber der angeerbte Stolz der Morvens wurde in ihm durch ein fuͤhlendes Herz gemildert, und er beſaß in nicht geringem Grade auch den edlen, ritterlichen Geiſt, wo⸗ —N 7 Or durch der tapfere Glanalvon ſich auszeichnete. Durch dieſe Bemerkungen ward bald das fruͤher gefaßte Vorurtheil gegen Lionel in der Bruſt unſerer Heldin beſiegt, und fuͤhlte ſie auch nicht die zaͤrtliche Achtung fuͤr ihn, die ſie fuͤr Eduard und den ihr noch theureren Sigismund empfand, war er ihr doch als ein liebenswuͤrdiger Freund und als Bruder ihrer Iſabelle, ſehr werth. Weit tiefer aber war das Gefuͤhl, welches ſie in der Bruſt des feurigen Lionel erweckt hatte. In der ſchoͤnen Schaͤferin hatte er nur die Reize eines bezaubernden Geſchoͤpfes geliebt; aber Angelica, in ihrem natuͤrlichen Charakter, geſchmuͤckt mit jeder Anmuth, jeder Tugend und Vollkommenheit, die das Herz ruͤhren, und die Einbildungskraft entzuͤcken, erſchien ihm als das dhoͤchſte aller geſchaffenen Weſen, und ohne Wi⸗ derſtand gab er einer Leidenſchaft Naum, die um ſo ſtaͤrker war, da er nie eine aͤhnliche em⸗ pfunden hatte. Sich der Macht ihrer Reize wenig bewußt, ahnete Angelica nicht die Gefuͤhle, welche ſie in Lionels Herzen erregt hatte, und lange zuvor, ehe ſie ſelbſt damit bekannt wurde, war die 9 ſchoͤnen Fremden ſchon ein Gegenſtand des Geſpraͤchs im ganzen Schloſſe. Von Iſabel⸗ len erfuhr ſie zuerſt das Geheimniß ſeiner Neigung zu ihr; denn ſchuͤchtern, wie wahre Liebe gewoͤhnlich iſt, wagte er nicht, ihr dieſe ſelbſt zu geſtehen, ſondern bat Iſabellen, ſeine Fuͤrſprecherin bei ihrer Freundin zu werden. Willig uͤbernahm die Schweſter den Auftrag, begab ſich auf das Zimmer unſerer Heldin und fragte, nach einigen leichten Wendungen des Geſpraͤchs laͤchelnd: ob ſie noch ein Herz zu vergeben habe?. Eine unbeſchreibliche Bewegung ergriff die ſchoͤne Waiſe bei dieſen unerwarteten Worten, rin hohes Roth uͤberzog ihre Wangen, und mit ſichtbarer Verwirrung forſchte ſie nach dem Grund dieſer Frage. Weil, erwiderte Jſabelle ſorglos, wenn dein Herz nicht ſchon verſchenkt iſt, ich dieſen Morgen eine Bittſchrift von einem unterthaͤni⸗ gen Diener erhalten habe, der es ſein zu nen⸗ nen wuͤnſcht, da deine Reize ihn gefeſſelt haben⸗— Mein Bruder naͤmlich, fuhr ſie auf Angelica's Liebe des jungen Erben von Morven zu der 59 Stillſchweigen fort, iſt der arme Sklave⸗ deſſen Herz bisher der Liebe voͤllig unzu⸗ gaͤnglich, nun in den Feſſeln der ſchoͤnen Ange⸗ lica ſchmachtet. Nicht kuͤhn genug, dir ſeine Liebe ſelbſt zu geſtehen, hat er mich gebeten, ſeine Sache zu fuͤhren, und glaube mir, wenn es moͤglich iſt, meine Zaͤrtlichkeit fuͤr dich noch zu erhoͤhen, ſo wuͤrde es in dem Augenblicke ſeyn, da ich dir den ſuͤßen, doppelten Schweſter⸗ Namen geben duͤrfte. Lionel iſt ſchoͤn, liebens⸗ wuͤrdig, und liebt dich wahrhaft; vermoͤgen alſo meine Wuͤnſche etwas uͤber deine Neigung, ſo moͤchte ich dich bitten: verwirf den Bruder nicht!— Iiaabelle ſchwieg, und auch Angelica, zu ſehr erſchuͤttert, vermochte nicht gleich zu antworten. Ach, Jſabelle, rief ſie endlich aus, theure Freundin, du kannſt nicht an meinem Willen zweifeln, dir jeden Wunſch zu gewaͤhren; aber haſt du auch alle Umſtaͤnde reiflich erwogen? Nur unter einem fremden Namen bin ich freundlich von den Deinen aufgenommen worden, und wuͤrde nicht wahrſcheinlich die Parteilichkeit, welche dein Bruder der vermeintlichen Angelica von Aubiné 8 60 zeigt, ſich in Abneigung wandeln, wenn er erfuͤhre, daß er ſie der Erbin des verhaßten Hauſes von Glanalvon beweiſt?— Darf ich ſo ungroßmuͤthig ſeyn, einen Vortheil aus ſeiner Unwiſſenheit zu ziehen, und eine Neigung in ihm Raum gewinnen laſſen, welche kaͤltere Vernunft mißbilligen wuͤrde?— Nein, Jſabelle, tief erniedrigt wie ich bin, habe ich doch die eigene Achtung nicht verloren, und kann eines ſo unwuͤrdigen Be⸗ tragens nicht ſchuldig ſeyn! Aber theure Freundin, fiel Iſabelle ein, du weißt, daß Lionel mit allen dieſen Umſtaͤn⸗ den unbekannt iſt, welchen Grund ſoll ich ihm dann fuͤr deine abſchlaͤgige Antwort angeben? Den wahren, erwiderte Angelica beſtimmt; dein Bruder iſt edel und großmuͤthig; ich kann den Gedanken nicht ertragen, ihn in einem ſo entſcheidenden Puncte zu hintergehen. Hier⸗ durch gebe ich ihm den groͤßten Beweis meines Vertrauens, und was auch der Erfolg ſeyn moͤge, werde ich mir alsdann keine Vorwuͤrfe zu machen haben, ſelbſt wenn dieß Geſtaͤndniß mich aus deiner Naͤhe, aus deinem Schutze verbannen ſollte, meine Jſabelle! 6¹1 Noch eine Frage erlaube mir, erwiderte Iſabelle, und dann nichts weiter. Geſetzt nun, daß die Entdeckung deiner Geburt und deiner Familie keine Veraͤnderung in den Geſinnungen meines Bruders hervorbraͤchte, darf er dann hoffen?— Du ſchweigſt/ Angelica?— Vergieb mir, ich will nicht in irgend ein Geheimniß dringen, das du zu verbergen wuͤnſcheſt; aber antworte mir aufrichtig; beſitzt vielleicht ein Anderer ſchon das Herz, nach welchem Lionel vergebens ſeufzt? Angelica erwiderte nichts; aber ihre Thraͤ⸗ nen und ihr Erroͤthen verriethen nur zu ſehr ihr Geheimniß, und uͤberzeugten Iſabellen, daß ihr Bruder nicht viel zu hoffen habe. Sie wagte es indeſſen nicht, weiter in die Freundin zu dringen, und begab ſich zu dem aͤngſtlich harren⸗ den Lionel. Viel Troſtreiches vermochte ſie ihm zwar nicht zu ſagen, ſondern rieth ihm, ſich mit ſeiner Frage an Angelica ſelbſt zu wenden. Lionel eilte bald zu der Geliebten, und bat ſie um einen Morgenſpaziergang in den Park, worein ſie mit ſichtbarer Verwirrung willigte. Stumm gingen ſie eine Zeit lang neben einan⸗ 62 der her, als endlich Morven beſcheiden fragte: ob Iſabelle ihr die Wuͤnſche ſeines Herzens mitgetheilt habe, und ob er hoffen duͤrfe? Angelica nahm nun alle ihre Kraͤfte zußam⸗ men, um ihm mit Ruhe das Geheimniß ihrer Geburt und ihres wahren Namens zu entdecken. Wie vom Blitze geruͤhrt, ſtand der junge Mann einige Augenblicke bewegungslos an ihrer Seite. Wache ich, rief er endlich aus, oder iſt es ein Traum, der meine Sinne umnebelt?— Angelica, die von mir ſo heiß geliebte Angelira, waͤre wirklich die Tochter des Erbfeindes unſe⸗ res Hauſes, und ſie ſelbſt geſtaͤnde mir dieſe ſchreckliche Wahrheit? Ja, Sir Lionel, erwiderte Angelica unter Thraͤnen, Ihr ſeht in mir den ungluͤcklichen Abkoͤmmling des zu Grunde gerichteten Hauſes der Grafen von Glanalvon, die, indem ſie den geliebten Bruder aufſuchte, in einer aͤrmlichen Huͤtte Schutz fand. Hier lernte ich Eure Schwe⸗ ſter kennen, und ihre Bitten entlockten mir das Geheimniß meiner Geburt und vermochten mich, unter einem geborgten Namen, eine Zuflucht in Eurer Familie zu ſuchen. Glaubt aber, daß ich — 63 nie aufgehoͤrt habe, mir dieſen Schritt als mei⸗ ner unwuͤrdig vorzuwerfen; auch ſchmerzt es mich jetzt doppelt, da ich unter dem geborgten Namen Eure beſondere Aufmerkſamkeit auf mich gezogen, die Ihr Angelica von Glanalvon ver⸗ ſagt haben wuͤrdet; aber mein Verbrechen war unwillkuͤhrlich, und fern von dem Schutz, deſſen ich nun genieße, wird doch ein ſuͤßer Troſt fuͤr mich in dem Gedanken liegen, daß zum wenig⸗ ſten einer dieſes verhaßten Namens ſich der Freundſchaft eines Morvens ruͤhmen kann. Ver⸗ gebt mir alſo, fuhr ſie fort, indem ſie ihre weinenden Augen zu Lionel erhob, und aus Liebe zu mir tadelt Iſabelle nicht, daß ſie ſich eines armen, von der ganzen Welt verlaſſenen Weſens angenommen hat. Hier hielt ſie inne, und auch Lionel blieb mehrere Augenblicke in tiefen Gedanken ver⸗ loren, ſprachlos vor ihr ſtehen. Endlich rief er, ſich zu ihren Fuͤßen werfend: Du haſt geſiegt, himmliſches Weſen! das Gefuͤhl, was bei deinem erſten Anblicke in meiner Bruſt erweckt ward, kann nie erloͤſchen! hier an dieſer Stelle ſchwoͤre ich jeden Haß gegen dein Haus ab, und wenn 64 du meinen Bitten Gehoͤr giebſt, werden in Zu⸗ kunft die Namen der Glanalvon und Morven im ſchoͤnen Freundesbunde glaͤnzen, und das Be⸗ muͤhen meines ganzen Lebens wird darin beſte⸗ hen, das deiner Familie erwieſene Unrecht aus⸗ zugleichen. Indem Angelica ihn bat, aufzuſtehen, ver⸗ ſuchte ſie durch Worte auszudruͤcken, wie tief ſie ſein edles, großmuͤthiges Betragen empfinde, wie ſie aber eben ſo wenig im Stande ſei, ihn durch Veeſtellung zu hintergehen. Endlich ſtam⸗ melten ihre Lippen das Geſtaͤndniß, daß ihr Herz nicht mehr frei ſei. Thraͤnen verhinderten ſie, mehr zu ſagen, waͤhrend Lionel in ſtummer Verzweiſtung den Blick feſt auf ſie geheftet hielt. Ungluͤcklicher Glanalvon, rief er, du biſt geraͤcht! alle Qualen, die ich dir bereitet habe, fallen jetzt zwiefach auf mein Herz zuruͤck. An⸗ gelica, fuͤgte er ſanft bittend hinzu, ich unter⸗ werfe mich meinem Schickſal; aber ſage mir, wer iſt der gluͤckliche Sterbliche, der deine Liebe beſitzt? Einer, erwiderte Angelica mit zitternder Stimme, der ſein Gluͤck nicht kennt, und auch 65 nie wiſſen darf, wie theuer er mir iſt. Un⸗ ter dem Namen der Dankbarkeit und Freund⸗ ſchaft, ſtahl ſich unbemerkt ein hoͤheres, ſuͤßeres Gefuͤhl fuͤr ihn, in mein Herz und obgleich durch eine unuͤberſteigbare Kluft von ihm ge⸗ trennt, werden weder Zeit noch Umſtaͤnde dieß Gefuͤhl je erloͤſchen. Da ich nun nie einem Manne meine Hand ohne mein Herz geben wer⸗ de, ſcheint mein Geſchick uͤber mich zu beſtim— men, daß ich unverheirathet bleibe. Indem ich euch dieſe innerſten Gedanken meiner Seele mit⸗ theile, die ich noch keinem andern Menſchen ver⸗ traut habe, beweiſe ich, wie ſehr ich euch mei— ner Freundſchaft werth achte.— Mehr kann ich euch nicht geben, auch moͤchte ich eurer groß⸗ muͤthigen Neigung kein getheiltes Herz anbieten, das nur Dankbarkeit und Achtung fuͤr euch em⸗ pfinden koͤnnte. Ihre Ankunft im Schloſſe machte der Un⸗ terhaltung ein Ende, und obgleich Lionel nie⸗ dergeſchlagen von Angelica ſchied, hegte er doch noch einen ſchwachen Strahl der Hoffnung in ſeinem Herzen, daß Beſtaͤndigkeit von ſeiner Seite, vielleicht mit der Zeit eine Leidenſchaft II. 2 66 in ihrer Bruſt bekaͤmpfen wuͤrde, die ſie ſelbſt fuͤr hoffnungslos erklaͤrt hatte. Erfuͤllt von die⸗ ſem Gedanken, zeigte er ſich nie mehr als feu⸗ riger Liebhaber, ſuchte aber durch jede feine Aufmerkſamkeit, ihre Dankbarkeit und ihr Ver⸗ trauen zu erhalten. Seine Bemuͤhungen blieben nicht ohne Erfolg, da Angelica, um das Bit⸗ *tere ſeiner getaͤuſchten Hoffnungen zu mildern, ihm mit der groͤßten Freundlichkeit begegnete. Ihm vertraute ſie alle Geheimniſſe ihres Her⸗ zens, er war ihr Freund und Troͤſter, und in⸗ dem jeder neue Beweis ihres Vertrauens ihn von der Schwierigkeit ſeines Unternehmens uͤber⸗ zeugte, vermehrte er zugleich in ſeiner Bruſt die Leidenſchaft fuͤr das unſchuldige, liebenswuͤrdige Weſen, welches ſich ihm ſo wahr und kunſtlos hingab. Mehrere Wochen waren wieder ruhig da⸗ hingefloſſen, und Angelica, die ſich ſchon ſchmeichelte, daß Lionel ſeine Liebe zu ihr be⸗ kaͤmpft habe, fing wieder an, einen groͤßeren Grad der Gluͤckſeligkeit zu ſchmecken, als ſie ſeit langer Zeit gekannt hatte, obgleich ihr Herz keineswegs ruhig war. Das ungewiſſe Schick⸗ 67 ſal ihres Bruders beſchaͤftigte ſie unaufhoͤrlich, und ihre Sehnſucht, Nachricht von ihm zu er⸗ langen, war groͤßer als je. Es ſchien ihr klar, daß durch Lionels Leben, der Hauptgrund von Oscars Verbannung aus dem Wege ge⸗ raͤumt ſei; ihre Hoffnung, ihn durch eine Bitt⸗ ſchrift an den Koͤnig, wieder in den Beſitz ſei⸗ nes Ranges und ſeiner Guͤter eingeſetzt zu ſe⸗ hen, erwachte in ihr, und ſchon ſann ſie auf Mittel zur Ausfuͤhrung dieſes Plans, als ein unerwarteter Vorfall ihrem Schickſal aufs Neue eine andre Wendung gab. Das Betragen des Freiherrn gegen Ange⸗ lica war ſeit einiger Zeit noch entſchiedener und auffallender geworden, und verſetzte ſie oft in nicht geringe Unruhe und Verlegenheit. Seine immer zuruͤckhaltende und finſtere Stimmung artete jetzt in einen ſolchen Grad der Rohheit aus, daß ſie bei den verdachtvollen Blicken, die er bei jeder Gelegenheit auf ſie warf, zitterte, und ſich in die aͤrmliche Huͤtte ihrer Amme zu⸗ ruͤckwuͤnſchte. Oft glaubte ſie ſogar aus ſeinen Aeußerungen ſchließen zu muͤſſen, daß er ihren woahren Namen entdeckt habe, und doppelt zitterte 5 ½ 68 ſie dann, nicht allein fuͤr ſich, ſondern auch fuͤr die großmuͤthigen Theilhaber ihres Geheimniſſes. Dieſe Gedanken, durch einen Zufall grade mehr wie gewoͤhnlich in ihr aufgeregt, beſchaͤftigten einſt noch ſpaͤt am Abend ihre Seele, und un⸗ faͤhig, ſich in dieſer Stimmung zu Bette zu le⸗ gen, beſchloß ſie, ein Buch aus der Bibliothek zu holen, um im Leſen ihr Gemuͤth etwas zu beruhigen. Alle Bewohner des Schloſſes hatten ſich ſchon in ihre Zimmer begeben; leiſe ſchlich ſie die Treppe hinunter, kam in die Bibliothek, ſetzte ihr Licht auf einen Tiſch, ſuchte nach ei⸗ nem ihr gefaͤlligen Gegenſtande, fand ihn bald und war ſchon im Begriffe, ſich wieder aus dem Zim⸗ mer zu entfernen, als ſie ſich jemand der Thuͤre nahen hoͤrte, und deutlich die Stimme des Frei⸗ herrn erkannte. Von einer unbeſchreiblichen Furcht ergriffen, hatte ſie keinen andern Gedan⸗ ken als ſeiner Gegenwart zu entfliehen, und ſchluͤpfte in dieſer Abſicht in ein anſtoßendes Kabinett, wo ſie blaß und zitternd auf ein, dem Eingange naheſtehendes Ruhebette ſank. Kaum war ſie dort, als ſie auch ſchon den Freiherrn zur Bibliothek hereintreten hoͤrte; ihm folgte 4 69 ſein vertrauter Kammerdiener Otto, welcher Angelica faſt eben ſo viel Abſcheu einfloͤßte, als ſein Herr, da ſie nie ſeinen wilden, finſtern Blicken begegnen konnte, ohne ihn aller Greuel⸗ thaten faͤhig zu halten. Eine Zeitlang ſprachen beide zu leiſe, als daß ſie den Inhalt des Ge⸗ ſpraͤchs verſtehen konnte, nur ihr eigener Name, der mehrere Male laut von dem Freiherrn ge⸗ nannt ward, erregte ihre Neugierde und ver⸗ mehrte die Unruhe ihres Gemuͤths.— Schuͤch⸗ tern nahete ſie ſich der halb offenen Thuͤr, um deutlicher hoͤren zu koͤnnen. Ich ſage es dir Otto, ſprach der Freiherr, das Maͤdchen iſt mir zuwider, ſie iſt die Qual meines Lebens! jeder ihrer Blicke ſcheint mir meine verborgenſten Verbrechen vorzuwerfen und ich kann ſie nie ohne Grauſen anſehen. Wenn dem ſo iſt, Mylord, erwiderte Ot⸗ to, warum ſtoßt ihr ſie nicht aus dem Schloſſe? der Freiherr von Morven wird ſich doch nicht ſeine Ruhe durch einen ſo unbedeutenden Fluͤcht⸗ ling ſtoͤren laſſen, der nur von ſeiner Gnade lebt? 3 Du haſt Recht, Otto; aber welchen Vor: den? 70 wand kann ich finden, ihr meinen Schutz zu entziehen? Ihre verfuͤhreriſchen Reize haben die Herzen aller Bewohner des Schloſſes fuͤr ſie ge⸗ wonnen; meine Tochter liebt, mein Sohn be⸗ wundert ſie, und ich ſelbſt, der ich ſie haſſe, muß dennoch geſtehen, daß ihre Auffuͤhrung hier un⸗ radelhaft iſt. Wie kann ich ihrer dann los wer⸗ Euer Verdacht allein berechtigt euch ſchon dazu, Mylord, erwiderte Otto. Freilich, ſagte der Freiherr, wenn ich nur erſt mehr Licht in der Sache haͤtte! Daran kann doch wohl kein Zweifel mehr ſeyn, fiel Otto ſchnell ein. Die Aehnlichkeit, welche dieß Fraͤulein von Aubiné, als ſie ſich zu nennen beliebt, mit Ew. Herrlichkeit verſtor⸗ benen Schweſter, Lady Conſtance hat, iſt zu auffallend, als daß es bloß zufallig ſeyn ſollte, und ihr koͤnnt euch darauf verlaſſen, es iſt die gedemuͤthigte Tochter des Graſfen von Gla⸗ nalvon, die unter einem angenommenen Na⸗ men bei euch Zuflucht findet.. Koͤnnte ich mich nur gewiß davon üͤberzeu⸗ gen, rief der Freiherr, ſo ſollte endlich meine Rache geſaͤktiget werden! deinem Nathe, braver Otto, verdanke ich es ſchon, daß der Graf bei ſeinen Vaͤtern ſchlaͤft. Sein Sohn, mit Schande gebrandmarkt hat ſein Vaterland verlaſſen muͤſ⸗ ſen; nur dieſe Angelica bleibt noch meiner Nache uͤbrig— doch, fuhr er nach einem Au⸗ genblicke fort, obgleich ich ſie als einen Zweig des verhaßten Hauſes verabſcheue, ſo weiß ich doch nicht, wie ich ſie dem Untergange weihen ſoll.— Ihre Engelsmiene, ihre bezaubernde Sanft⸗ muth, erheben ſich im Bilde eines heiligen Maͤr⸗ tirers vor meinen Augen, und es ſcheint mir, als wuͤrde in dem Augenblicke, da ich meine Hand zu ihrer Vernichtung erhoͤbe, Conſtancens Geiſt twiſchen uns treten und jede Ausfuͤhrung der That laͤhmen. Bah, bah, Mylord, rief Otto ungeduldig, ihr waret doch nicht ſo gewiſſenhaft, als ihr unter der Maske eines Raͤubers, den Grafen im Walde anfielet und ihn mit eurer Streit⸗ axt zu Boden ſtrecktet.— Warum denn nun dieſe Gewiſſensbiſſe, da es nur darauf ankommt, ein unbedeutendes Maͤdchen aus der Welt zu ſchaffen? Wenn ich nur erſt uͤberzeugt bin⸗ 72 daß Angelica wirklich Glanalvons Tochter iſt, erwiderte der Freiherr, ſo werde ich auch leich⸗ ter alle andern Schwierigkeiten uͤberwinden; aber wer buͤrgt mir dafuͤr? Ottos Antwort war zu leiſe, als daß ſie gehort werden konnte, uͤberhaupt ward das Geſpraͤch nun nur unverſtaͤndlich fortgeſetzt, waͤhrend Angelica, in der hoͤchſten Angſt, noch immer bewegungslos an derſelben Stelle, wie angewurzelt ſtand und kaum wagte zu athmen.— Auf einmal aber ward ſie durch naͤher kommende Fußtritte aus dieſer Betaͤubung geriſſen. Unbeſchreiblich war ihr Schrecken, als ſie uͤberzeugt ward, es ſei der Freiherr, der noch einige Worte zu dem hinaus⸗ gehenden Otto ſagte. Vergebens ſuchte ſie in allen Ecken nach einer andern Thuͤr, um ſeiner Wuth zu entkommen; nirgends bot ſich ihrem Auge ein Ausgang dar; mehr einem Geiſte, als einem menſchlichen Weſen gleich, ſtand das arme Naͤdchen, todtenbleich und zitternd da, als der Freiherr hereintrat und bei ihrem Anblicke zu⸗ ruͤckſchauderte. Angelica ſeine Verwirrung be⸗ nutzend, verſuchte bei ihm vorbeizuſchluͤpfen; in⸗ dem aber die Strahlen des Lichtes, welches er 24 73 in der Hand hielt, auf ſie fielen, erkannte er ihre Geſtalt, ergriff ſie beim Arme und rief mit furchtbarer Stimme! Verraͤtherin! habe ich dich ertappt, belauſcheſt du ſo meine Schritte? Aber zittre vor meiner Rache. Bei dieſen Worten riß er einen Dolch aus dem Buſen und zuckte ihn auf das bebende Maͤdchen. Mit der Kraft der Verzweiflung, hielt ſie ihn zuruͤck, zog ſeine beiden Haͤnde in die ihrigen und flehete, indem ſie vor ihm auf die Knie ſank, um Schonung, da ſie einzig in der Abſicht hierher gekommen ſei, einige Buͤcher zu holen.— Ihre Blicke, ihre Worte, ſchienen ein unwillkuͤhrliches Mit⸗ leid in der Bruſt des rachſuͤchtigen Morven zu erregen; fuͤrchtend jedoch, ſie moͤchte ſein Ge⸗ ſpraͤch mit Otto gehoͤrt haben, befragte er ſie auf eine ſo ſchlaue Weiſe darum, daß ſie kaum durch die Verſicherung: der Schrecken habe ſie aller ihrer Sinne beraubt, ſeinem Spaͤherblick auszuweichen vermogte. Zweifelhaft ergriff der Freiherr ſie noch einmal beim Arme und ſchwur ihre augenblickliche Vernichtung, wenn ſie nicht auf der Stelle einen Eid ablegte, nie ein Wort von dem zu enthuͤllen, was ſie vielleicht gehdrt * 74 haben koͤnne. Willige in mein Verlangen, fuͤgte er mit fuͤrchterlich blitzenden Augen hinzu, oder dieſer Dolch macht deinem Leben ſogleich ein Ende. Als Angelica, ſich ihrer kaum bewußt, den verlangten, furchtbaren Eid geleiſtet hatte, hob der Freiherr ſie vom Boden auf, fuͤhrte ſie bis an die Thuͤr der Bibliothek, wiederholte noch einmal ſeine Vorſchriften in Anſehung ihres ge⸗ gebenen Verſprechens und wuͤnſchte ihr dann eine gute Nacht.— Kaum aber vermochte ſte, ihr Zimmer zu erreichen, als ihre Kraͤfte ſie voͤllig verließen und ſie beſinnungslos niederfiel. Beim Erwachen ſtanden die Bilder des vorigen Abends in fuͤrchterlichen Schreckgeſtalten vor ih⸗ rer Erinnerung; Ottos Worte uͤber die Todes⸗ art des geliebten Vaters, hallten noch in ihren Ohren und gaben ihr ein ſchreckliches Licht. Als den Moͤrder ihres Vaters, konnte ſie ſich kaum uͤberwinden, den Freiherrn je wieder anzublicken, und doch vernichtete das ihr abgedrungene Ge⸗ 6 luͤbde jede Hoffnung, dieſe Greuelthat an den Tag zu bringen. Schon ſchienen die Strahlen des M Rorgens durch die Aenſie er ihres Gemachs, 4. H 5* 9 als ſie noch weinend das ungluͤckliche Geſchick beklagte, welches ihr die Lippen verſiegelt und ihr die Macht genommen hatte, vor dem Throne die Gerechtigkeit gegen den ſchuldigen Freiherrn anzurufen. Sorgfaͤltiger als je vermied ſie ſeine Ge⸗ genwart, aber ſo oft ſie ihn gezwungen war zu ſehen, aͤngſtigten ſeine grimmigen, feſt auf ſie gehefteten Blicke ſie aus Neue. Unfaͤhig, den Aufenthalt im Schloſſe laͤnger zu ertragen, war ſie ſchon entſchloſſen, einen andern Zufluchtsort zu ſuchen, als eine abermalige Entdeckung von des Freiherrn mordluſtigen Auſchlaͤgen, die Aus⸗ fuͤhrung ihres Entſchluſſes noch beſchleunigte. Das furchtbare Geheimniß, welches auf Angelica's Gemuͤth laſtete, ſtoͤrte ihre Ruhe un⸗ aufhoͤrlich. Einige Abende nach jenem ſchreckli⸗ chen Vorfalle in der Bibliothek, ſtand ſie um die Mitternachtſtunde an ihrem einſamen Fenſter und ſchaueke mit unbeſchreiblicher Sehnſucht nach den, im Mondlicht ſilbern glaͤnzenden Waͤl⸗ dern und Thuͤrmen Glanalvons hinuͤber, die aus weiter Entfernung ihr zu winken ſchienen. Die Nacht war ſtill und friedlich; in Bildern fruͤhe⸗ -h 76 rer Tage verloren, ſchweiften ihre Gedanken auch jenſeits des Meeres, an den Kuͤſten des pro⸗ venzaliſchen Landes umher, und mit weinendem Blick gedachte ſie des Freundes, den ſie dort verlaſſen hatte. Auf einmal erweckte ſie der Ton rauher Stimmen, nicht weit von ihrem Fenſter entfernt, aus dieſen ſuͤßen Traͤumereien. Sie zog ſich zuruͤck, um nicht geſehen zu wer⸗ den, hoͤrte aber deutlich eine Stimme, in der ſie Otto erkannte, die Worte ſagen: Du verſtehſt mich; es iſt der Wille meines Herren, jenes Maͤdchen an die Seite zu brin⸗ gen, die zu tief in ſeine Geheimniſſe geſchaut hat, und wenn du den Auftrag uͤbernehmen willſt, ſie in eine andere Welt zu befoͤrdern, wird dein Lohn dem Dienſte angemeſſen ſeyn. Hat der Lord etwas uͤber die Art ihres Todes beſtimmt? erwiederte eine unbekannte Stimme. 1 Ich habe ſchon daruͤber entſchieden, entgeg⸗ nete Otto; aber wir muͤſſen vorſichtig und ge⸗ heimnißvoll dabei zu Werke gehen, denn ſie hat viele Freunde auf dem Schloſſe, die uns leicht auf die Spur kommen koͤnnten. Jeden Abend, 7 in der Daͤmmerung wandelt das Fraͤulein in dem Schloßgarten umher und ihr Lieblingsplatz iſt die Grotte am See. Gewoͤhnlich iſt ſie allein und du mußt dich in dem langen Gange, der dahin fuͤhrt, verborgen halten, und ſchlau die Gelegenheit wahrnehmen, wenn ſie an dir vor⸗ uͤbergeht. Die Aufgabe iſt nicht ſchwer, und ich will ſchon bei der Hand ſeyn, um den Leich⸗ nam ſogleich mit dir auf die Seite zu bringen. Aber wenn wir ſie verfehlten, oder geſetzt, ſie waͤre morgen Abend nicht im Garten?— verſetzte der Moͤrder. Nun, dann giebt es andere Tage und an⸗ dere Mittel zum Zwecke zu gelangen, fiel Otto ungeduldig ein.— Sage mir kurz, ob du dich dazu verſtehen willſt, oder nicht, ſonſt ſuche ich mir einen andern Gehuͤlfen. Du kannſt meines Beiſtands verſichert ſeyn, antwortete die andere Stimme, wenn dein Lohn der That wuͤrdig iſt. Fuͤrchte nichts, murmelte Otto, und folge mir nun zum Freiherrn, damit wir uns die naͤheren Verhaltungsbefehle holen. Als ſich die beiden Boͤſewichter nach dieſen K 73 Worten entfernten, blieb Angelica noch einige Augenblicke ſtarr vor Schrecken an derſelben Stelle ſtehen; endlich rief ein tiefer Seufzer ihre fliehenden Lebensgeiſter zuruͤck und ein Strom von Thraͤnen machte ihrem gepreßten Herzen Luft. Weinend warf ſie ſich auf ein Ruhebette und uͤberlegte, was nun zu thun ſei⸗ Daß der Freiherr ihren Untergang geſchworen habe, war keinem Zweifel mehr unterworfen, und das einzige Mittel ihrer Rettung ſchien nur in der Flucht zu beſtehen. Jeder Augen⸗ blick drohete Gefahr, alſo war keine Zeit zu ver⸗ lieren, und Angelica beſchloß, auf der Stelle einen Auſenthalt zu verlaſſen, wo ſie zugleich die groͤß⸗ ten Beweiſe der liebevollſten Guͤte und der grau⸗ ſamften Verfolgung erfahren hatte. Der⸗Ge⸗ danke, ſich von Iſabellen und ihrem Bruder zu trennen, dhne ihnen wenigſtens ein herzliches Lebewohl zu ſagen, ſchmerzte ſie tief; aber es gab keine Wahl fuͤr ſie. Endlich beſchloß ſie, der Erſteren in wenigen Zeilen die Urſache ihrer Flucht zu melden, in ſo weit ihr dieß erlaubt war, ohne den fuͤrchterlichen Eid zu brechen⸗ Sie endete mit den Verſicherungen des aufrich⸗ . 79 tigſten Danks und der waͤrmſten Liebe gegen ihre beiden Freunde, und bat ſie, auch ihrer nicht zu vergeſſen. Um dieſes, unter tauſend Thraͤnen geſchrie⸗ bene Brieflein ſicher zu uͤberliefern, ſah ſie kein anderes Mittel, als es ſelbſt in Iſabellens Schlafgemach zu tragen. Als ſie leiſe hinein⸗ trat, fand ſie dieſe ſchon in tiefem Schlummer; eine halb erloſchene Lampe warf nur ſchwache Strahlen auf ihr liebliches Antlitz, das unter ſuͤßen Traͤumen zu laͤcheln ſchien, und als An⸗ gelica ſich dem Bette nahete, ſchwebte leiſe der Name Oscar uͤber die ſchoͤnen Lippen. In ſtummem Schmerz verloren, kuͤßte Angelica die gluͤhende Wange des Maͤdchens, legte den Brief auf ihr Kiſſen und begab ſich dann wieder hinweg. Mitternacht war voruͤber. Nachdem ſie noch ſchnell ihre kleinen Habſeligkeiten von Werth zuſammengepackt hatte, zog ſie den Man⸗ tel dicht um ſich zuſammen und ging mit be⸗ benden Schritten die Stiegen hinunter und durch die Thuͤre, welche in den Garten fuͤhrte. Alles lag in tiefem Schlafe, niemand ſtoͤrte ihren ein⸗ 8⁰ ſamen Pfad; ſo erreichte ſie ungehindert den Hauptausgang und befand ſich bald außer⸗ halb der Mauern des Schloſſes von Mor⸗ ven. Schon glaͤnzte das Fruͤhroth an den fernen Bergen, als ſie mit ſchnellen Schritten den Park durcheilte; keine Ruhe geſtattete ſie ſich, bis ſie den Wald erreicht hatte, der die Beſitzungen der Herren von Morven und Glanalvon ſchied, dann aber fiel ſie matt und erſchoͤpft auf einen umgehauenen Baum nieder, und verſuchte, ihre verſtoͤrten Lebensgeiſter zu ſammeln, um uͤber die zweckmaͤßigſten Mittel zu ihrer kuͤnftigen Sicherheit nachzudenken. Die voͤllig verlaſſene Lage, in welcher ſie ſich abermals befand, war wenig geeignet, ihr Gemuͤth zu erheitern; wohin ſie auch blickte, ſah ſie ſich von Gefahren umringt, auch kannte ſie kein menſchliches Weſen, bei dem ſie Zuflucht ſuchen konnte. Nach Alicens Huͤtte zuruͤckzu⸗ kehren, ſchien ihr nicht raͤthlich, da der Frei⸗ herr ſicher dort nach ihr forſchen wuͤrde; von allen Freunden, die ſie vormals beſeſſen hatte, durfte ſie ſich nicht ſchmeicheln, guͤnſtig aufge⸗ nommen zu werden; wohin alſo nun den fluͤch⸗ 8¹ tigen Schritt lenken?— Dieſer Gedanke, in der weiten Welt ſo allein, ſo verlaſſen zu ſeyn, fiel mit ſolcher Gewalt auf ihr armes Herz, daß ſie lange in der bitterſten Verzweiflung weinte. End⸗ lich, als ſie den bethraͤnten Blick zum klaren Ge⸗ woͤlbe des Himmels erhob, leuchtete ein Strahl des Lichts in ihr Gemuͤth, der ihr zu verkuͤnden ſchien, daß, wenn auch alles irdiſchen Schutzes be⸗ raubt, eine hoͤhere Macht ſich ihrer erbarmen wer⸗ Hoffnung kehrte nun in ihre Bruſt zuruͤck! inbruͤnſtig die weißen Haͤnde faltend, kniete ſie auf den friſch bethaueten Raſen nieder und betete um Rettung und Schutz zu dem Weſen aller Weſen. Muthvoll erhob ſie ſich wieder, und ſetzte ihren Weg bis zu einer, im Dickigt des Waldes gelegenen Huͤtte eines Weidmanns fort, aus welcher der Bewohner derſelben hervortrat, um ſein Tagewerk zu beginnen. Angelica fiel vor ihm nieder, und flehete ihn an, ſein Mit⸗ leid einer ungluͤcklichen Fremden nicht zu verſa⸗ gen, die, ihrem grauſamen Verfolger entfliehend, ſich hier im Walde verirrt hahe, und Zuflucht bei ihm ſuche. In jenem ritterlichen Beltalter war die Bitte II. 6 3 3² eines ſo huͤlfloſen Weſens hinreichend, den, an welchen ſie gerichtet ward, zum Beiſtande zu vermögen. Der Bauer hob Angelica ehrer⸗ bietig vom Boden auf, verſicherte ſie jeder Huͤl⸗ fe, die in ſeiner Macht ſtuͤnde, und uͤbergab ſte, indem er ſie in die Huͤtte fuͤhrte, der Sorgfalt ſeiner Frau. Vergebens verſuchte Angelica, ihren Dank auszudruͤcken; der Wirth eilte ſeinem Geſchaͤfte nach und die Frau beeiferte ſich, alle moͤgliche Erfriſchungen, die ihr kleines Haus enthielt, herbeizuſchaffen. Waͤhrend des Fruͤhſtuͤcks theilte indeß Ange⸗ lica ſo viel von ihrem Schickſal mit, als ſie fuͤr rathſam hielt. Die Jugend und Schoͤn⸗ heit der jungen Fremden ſchien der Alten großen Antheil an ihrer Lage einzufloͤßen; ſie verſicherte ſie wiederholt ihres Beiſtandes, bat ſie aber, ſich fuͤrs erſte nur durch einige Stun⸗ den Schlaf zu erquicken. Willig gab ſie den Bitten Gehoͤr, ward in ein reinliches Kaͤmmer⸗ lein gefuͤhrt, wo ſie ſich erſchoͤpft auf die Ruhe⸗ ſtaͤte warf und bald in den Armen des Schlum⸗ mers die Erinnerung der letzten ſchreckhaften Stunden verlor. 83 Zwanzigſtes Kapitel. — Geſtaͤrkt und erquickt erwachte Angelica wieder und befand ſich nun im Stande, mit mehrerer Nuhe ihre ganze Lage zu uͤberſehen und die beſten Mittel fuͤr ihre kuͤnftige Sicher⸗ heit zu erwaͤhlen. Der Rachſucht des Freiherrn ſo weit als moͤglich zu entfliehen, ſchien ihr das Zweckmaͤßigſte; ſie beſchloß alſo nach reifli⸗ cher Ueberlegung, noch einmal einen Zufluchts⸗ ort in Frankreich zu ſuchen und, im Falle es ihr dort nicht gelaͤnge, Nachricht von ihrem Bruder zu erhalten, ſich in ein Kloſter zu be⸗ geben, wo ſie den noch uͤbrigen Theil ihrer Tage wenigſtens in ungeſtoͤrter Abgeſchiedenheit von der Welt zubringen koͤnne.—. Da ihr Entſchluß einmal gefaßt war, ſäum⸗ te ſie nicht, ihn ſchnell auszufuͤhren; um ſicherer fortzukommen, legte ſie ihre weibliche Kleidung ab und verſchaffte ſich, mit Huͤlfe ihrer freund⸗ lichen Wirthe, eine Moͤnchskutte, worin ſie, 6 X 84 getroſten Muthes ihre weite Wanderung an⸗ trat. Ohne Unfall gelangte ſie gluͤcklich bis zu einem kleinen Seehafen, an der Kuͤſte North⸗ humberlands und ſeegelte mit einem dort be⸗ reitliegenden Schiffe nach Marſeille, welches ſie erſt 6 Monate vorher verlaſſen hatte. Voll ſchmerzlicher und freudiger Gefuͤhle ſah Angelica ſich nun wieder in Sigismunds Vaterland verſetzt, in das Land, wo ſie hoffte, auch den geliebten, lang entbehrten Bruder zu ſinden, und indem ihre Augen auf den ſchoͤnen Kuͤſten der Provence weilten, kehrte ein Strahl fuͤßer Hoffnung und Freude in ihr tiefbeweg⸗ tes Herz zuruͤck. Peters Huͤtte war das erſte Ziel ihrer Reiſe, weil ſie dort am ſicherſten einige Nach⸗ richt von Oscar erwartete, und ſchon beim Anbruche des folgenden Morgens, begann ſie ihre Wanderung nach Rochemond. Jeder Schritt, den ſie zuruͤcklegte, brachte Sigismunds An⸗ denken und jene Zeit vor ihre Seele, wo er ſie auf dieſem Wege begleitet hatte; oft ſtand ſie ſtille und betrachtete einen bekannten Gegen⸗ ſtand wieder ,der vormals ihre Aufmerkſamkeit 1 85⁵ erregt hatte, waͤhrend ſuͤße Thraͤnen ſich bei der Erinnerung aus ihrem Auge ſtahlen. Schon huͤllten die Schatten der Daͤmmerung alles um ſie herum in ein nebligtes Dunkel, als ſie bei der Huͤtte im wohlbekannten Thale ankam, leiſe durch den kleinen Garten ſchlich und an die T Thuͤre pochte. Keine freundliche Stimme ſchallte ihr aus derſelben entgegen; alles erſchien oͤde und fin⸗ ſter und brachte ſie auf die Vermuthung, daß die Bewohner derſelben abweſend ſeyn muͤßten. Indem ſie noch uͤberlegte, wohin ſie nun ihren Stab wenden ſollte, ging ein Bauer voruͤber, der den Moͤnch mit ſichtlichem Erſtaunen be⸗ trachtete.— Frennd, ſagte Angelica, koͤnnt ihr mir nicht Kunde geben, ob der gute Peter und ſeine Frau noch dieſe Huͤtte bewohnen? Ehrwuͤrdiger Vater, erwiederte der Mann, ihr ſeid gewiß ein Fremdling in dieſer Gegend, da ihr nicht. wißt, daß ſie nach Paris zum Marquis von Montrieul gegangen ſind. Zum Marquis von Montrieul, rief die erſtaunte Angelica, und um welcher Urſache willen? 86 Ja, ehrwuͤrdiger Herr, antwortete der Bauer, weil des Marquis Haushofmeiſter hier auf einmal erſchien, um Verbeſſerungen im Schloſſe anzubringen, und Petern befahl, die Huͤtte zu verlaſſen, da das Grundſtuͤck ihm zur Verſchoͤnerung des Gartens nothwendig ſei.— Peter ſuchte ihn zwar von dieſem Vorhaben ab⸗ zubringen; aber da er ſah, daß alle Vorſtel⸗ lungen fruchtlos blieben, iſt er nach Paris ge⸗ gangen, um ſeine Sache ſelbſt beim Marquis zu fuͤhren. Da ihr, ehrwuͤrdiger Vater, ihn alſo nun nicht zu Hauſe ſindet, werdet ihr mir in meiner Huͤtte uͤber Nacht herzlich willkom⸗ men ſeyn, wenn ihr mit dem Wenigen, was ſie enthaͤlt, fuͤrlieb nehmen wollt. Dankbar ergriff Angelica das Anerbieten des gaſtfreien Landmanns und folgte ihm, in Gedanken verloren, bis an das entgegengeſetzte Ende des Thales, wo ſie eine kleine Huͤtte ſah, die er als ſeinen Wohnort zeigte. Heiter ka⸗ men ihm beim Eingange eine Frau und zwei Kinder entgegen, denen er ſeinen ehrwuͤrdigen Gaſt vorſtellte und ihnen befahl, fuͤr ſeine Be⸗ wirthung zu ſorgen.— Schon ſtand das 87 Abendeſſen bereit, freundliche Kinder tanzten und ſangen um den Fremdling herum, alles beeifer⸗ te ſich, ſeine auffallende Schwermuth zu ver⸗ ſcheuchen, welches ihnen endlich auch gelang, da Angelica in dieſem Kreiſe gutmuͤthiger Men⸗ ſchen allmaͤhlig ihre Sorgen vergaß und nach eingenommenem Mahle und gemeinſchaftlich ver⸗ richtetem Abendgebet/ ſich ruhig auf ihr wohl bereitetes Lager legte. Fruͤh am andern Morgen verließ ſie ge⸗ ſtaͤrkt die gluͤcklichen Bewohner dieſer kleinen Huͤt⸗ te. Ein unwiderſtehliches Verlangen leitete ihre Schritte nun vorwaͤrts nach Jacobinens Woh⸗ nung und ein hoͤheres Gefuͤhl der Hoffnung er⸗ wachte in ihrem Herzen, je naͤher ſie dem Auf⸗ enthalte des geliebten Freundes kam. Doch bemerkte ihr Auge in dieſen ſo ſchoͤnen Gegen⸗ den ſichtliche Spuren des Krieges und der Verwuͤſtung; Haufen bewaffneter Naͤnner dran⸗ gen aus den Waͤldern hervor und oft ward ihr naͤchtlicher Pfad durch entfernte Wachtfeuer er⸗ leuchtet. Aus dieſen Umſtaͤnden mußte Angelica ſchließen, daß Frankreich aufs Neue der Tum⸗ melplatz des Krieges geworden ſei; auch irrte 2 3 38 ſie ſich nicht in ihren Vermuthungen. Der, nach der Schlacht bei Poitiers, mit England abgeſchloſſene Waffenſtillſtand von 2 Jahren, war abgelaufen und der ehrſuͤchtige Eduard ließ abermals ein Heer an Frankreichs Kuͤſten landen, um ſcheinbar die Anſpruͤche des Koͤnigs von Navarra zu unterſtuͤtzen, eigentlich aber, um ſeine eigenen Abſichten auf die Krone die⸗ ſes Landes zu foͤrdern. Sein Heer, in verſchie⸗ denen Provinzen verſtreut, verbreitete Schrecken und Verwuͤſtung, wohin es kam, und einige dieſer Streifparteien begegneten auch Angeli⸗ ca auf ihrer Wanderung; gluͤcklicher Weiſe aber ſchuͤtzte ſie das Kleid, welches ſie trug, vor aller Beleidigung und half ihr ruhig dunch die Mitte der ſtreitbaren Maͤnner. 2 Nach mancher Gefahr und Ermuͤdung, er⸗ reichte ſie endlich Jacobinens Huͤtte; hefti⸗ ger pochte ihr Herz, als ſie die weißen Mauern derſelben in der Ferne erblickte. Es war Abend; der letzte ſchwache Strahl der unterge⸗ gangenen Sonne zitterte noch am weſtlichen Horizonte; mit eintoͤnigem, traurigem Klange ſchlugen die Wellen des Meeres an die nahen 4 99 Felſen; alles in der Natur ſchien ſich zu verei⸗ nigen, Angelicas Gemuͤth truͤber zu ſtimmen. Bebend nahete ſie ſich der Huͤtte und es be⸗ durfte erſt einiger Augenblicke, ehe ſie ſich ent⸗ ſchließen konnte, an die Thuͤre zu klopfen, welche von Jacobinen geoͤffnet ward. Als dieſe die Geſtalt in der heiligen Ordens⸗ kleidung vor ſich erblickte, fragte ſie ehrerbie⸗ tig nach dem Begehren.— Bin ich denn gaͤnzlich vergeſſen, rief An⸗ gelica, indem ſie die Moͤnchskappe zuruͤckſchlug und uͤberwaͤltigt von ihren Gefuͤhlen ohnmaͤch⸗ tig zu Jacobinens Fuͤßen ſank. Erſchrocken trug die Alte ſie in die Huͤtte, und als ſie die liebliche Geſtalt von dem ſie umhuͤllenden Ge⸗ wande befreit hatte, entdeckte ſie in dem ver⸗ meinten Moͤnch, das junge, liebenswuͤrdige Ge⸗ ſchdpf, das ſtets ihrer Erinnerung nahe geweſen war. Bald gelang es ihrer zaͤrtlichen Sorgfalt, ſie wieder ins Leben zuruͤckzurufen. Mit einem Strom von Thraͤnen ſchlang Angelica die Arme um den Hals der Alten und verbarg das wei⸗ nende Antlitz an ihrem Buſen. Nachdem ſie etwas ruhiger geworden war, fragte Jacobine 90 theilnehmend, welcher Zufall ſie zu ihr zuruͤckge⸗ bracht habe? Angel ica berichtete ſie umſtaͤndlich von allem, was ſie ſeit ihrer Abreiſe aus Frankreich betroffen, und fuͤgte die Bitte hinzu, einige Tage in ihrer Huͤtte bleiben zu duͤrfen. Kaum ver⸗ mochte die Alte, vor Freuden eine ordentliche Ant⸗ wort hervorzubringen und lief geſchaͤftig hinaus, einige Erfriſchungen fuͤr den lieben Gaſt her⸗ beizuholen, waͤhrend Angelicas Augen aͤngſtlich harrend auf die Thuͤre geheftet blieben, hof⸗ fend, daß noch ein Anderer, den ſie ſich zu be⸗ gruͤßen ſehnte, endlich hereintreten wuͤrde. Bei jedem Geraͤuſch ſchlug ihr Herz hoͤher, uͤberzog eine neue Gluth ihre Wange; aber es erſchien niemand, und die Hoffnung, welche noch ſo eben ihre Bruſt belebt hatte, wandelte ſich in Kleinmuth, als Jacobine wieder allein zur Stube hereinkam. Laͤnger vermochte ſie die Qualen der Ungewißheit nicht zu ertragen, und in nur halb verſtaͤndlichen Toͤnen ſtammelte ſie eine leiſe Erkundigung nach Sigismund hervor. Traurig ließ die Alte bei dieſen Worten das Meſſer aus der Hand fallen. Ach Gott! 91 Fraͤulein, erwiderte ſie, mein Sohn iſt nicht mehr hier;— der hat mich verlaſſen! Sigismund nicht hier?— fragte Ange⸗ lica— und wo, wo iſt er? Weinend antwortete Jacobine: er iſt dem Heere gefolgt, das gegen die Englaͤnder zieht, und ich habe ſo lange nichts von ihm gehoͤrt, daß ich nicht einmal weiß ob er noch lebt.— Thraͤnen verhinderten Angelica, gleich zu antworten.— Guͤtiger Himmel, rief ſie end⸗ lich, iſt es moͤg lich! und was kann Sigismund bewogen haben, in das Feld zu ziehen; iſt hier irgend etwas vorgefallen, ihn zu dieſem Ent⸗ ſchluſſe zu beſtimmen? Die Alte ſchuͤttelte den Kopf und erwiderte traurig: Gott weiß, was ihm fehlt, Fraͤulein; aber ſeit ihr die Provence verlaſſen habt, iſt eine gewaltige Veraͤnderung mit ihm vorgegangen. Erſt viele Wochen nach eurer Abreiſe von hier, kehrte er ſo bleich und ſchwermuͤthig heim, daß ich ihn kaum wieder erkannte. Er war freilich im⸗ mer zuruͤckhaltend und gerne fuͤr ſich allein gewe⸗ ſen; aber nun floh er voͤllig jedes menſchliche Weſen und brachte ſeine Tage und Naͤchte mit 92 Wanderungen an der Sce⸗Kuͤſte hin. Oft ha⸗ be ich ihn da am Felſen, nahe bei dem Thurm, ſo lange ſitzen geſehen, daß meine Augen muͤde wurden, den Anblick laͤnger zu verfolgen. Bei dieſen Worten zeigte die Alte auf die Stelle, welche eben hell vom Mondlicht be⸗ leuchtet war. Es war die naͤmliche, von wel⸗ cher vormals oft die ſuͤßen Toͤne ſeiner Laute in Angelicas einſames Gefaͤngniß gedrungen waren und von wo aus man den ganzen Ueber⸗ blick des Thurmes hatte. Die Gedanken⸗Reihe mancher Stunden erwachte in ihr, und weinend verbarg ſie das Antlitz in ihrem Tuche. Jaco⸗ bine fuhr fort: So alſo, theures Fraͤulein, ward es immer ſchlimmer mit meinem Sohne, und endlich ſagte er mir ſeinen Entſchluß, dem Heere zu folgen, das ſich in unſerer Naͤhe zu⸗ ſammenzog. Ich weinte und verſuchte alles, ihn von dieſem Vorſatze abzubringen; aber es war vergebens und mit brechendem Herzen mußte ich ihn die Huͤtte verlaſſen ſehen, in welche er vielleicht nie zuruͤckkehren wird.— Ach, es war das erſte Mal, wo der gute Sohn nicht auf mein Bitten hoͤrte, und es ſchmerzte mich 93 mehr, als ich es ſagen kann!— aber liebſtes Fraͤulein, ihr eßt ja nicht, waͤhrend ich ſchwatze; kommt, genießt ein wenig Milch und nehmt einige von dieſen reifen Erdbeeren. Ich kann ſie euch empfehlen, Sigismund hat ſie ſelbſt gezogen.— 6 Um die gute Frau nicht durch ihre Wei⸗ gerung zu kraͤnken, verſuchte Angelica, etwas zu ſich zu nehmen; aber bald gab ſie vor, ſehr ermuͤdet zu ſeyn, und aͤußerte den Wunſch, ſich zur Ruhe zu begeben, um in der Einſamkeit ih⸗ ren Gedanken ungeſtoͤrt nachhaͤngen zu koͤnnen. Sie ward in das naͤmliche Zimmer gefuͤhrt, wo ſie vormals gewohnt hatte, und nachdem Jaco⸗ bine ihr freundlich gute Nacht gewuͤnſcht hatte, ſetzte ſie die Lampe bei ihr nieder und begab ſich hinweg. Mit zaͤrtlicher Sehnſucht weilten Ange⸗ licas Blicke auf den Gegenſtaͤnden, die Sigis⸗ mund angehoͤrten. Seine Buͤcher und ſeine Laute waren zwar nicht mehr dort; aber auf dem Tiſche lagen mehrere beſchriebene und halb zerriſſene Papiere. Eins davon zog beſonders ihre Aufmerkſamkeit auf ſich; es enthielt die. 4 94 Klagen einer ungluͤcklichen, hoffnungsloſen Lie⸗ be, die ſich dem Tode weiht.— Mehrere Male uͤberlas Angelica dieſe ruͤhrenden Zeilen und Thraͤnen der innigſten Theilnahme benetzten das Blatt. Schon ſchlug die Glocke des Dorſes 2 uhr, als ſie ſich endlich von dieſen ſuͤßen Traͤume⸗ reien losriß um ihre Lagerſtaͤte zu ſuchen. Mehrere Tage vergingen in dieſer liebli⸗ chen, ſchwermuͤthigen Hingebung des Gefuͤhls. Sie fand ihr einziges Vergnuͤgen darin, jede Stelle wieder aufzuſuchen, die ihr durch die Erinnerung theuer geworden war; ja es ſchien ihr die ſuͤßeſte Ausſicht, ihr ganzes Leben da zubringen zu koͤnnen, wo ſie den Freund ihres Herzens zuerſt geſehen hatte.— Eines Abends, als ſie auf einer ihrer ge⸗ woͤhnlichen Wanderungen an der Seekuͤſte begrif⸗ fen war, fand die Daͤmmerung ſie noch auf ei⸗ nem Felsſtuͤcke ſitzend, von wo aus ſie die Aus⸗ ſicht aufs Meer und das gegenuͤberliegende Vorgebirge genoß. Nachdenkend auf ihren Arm geſtuͤtzt, betrachtete ſie die, noch von den Strahlen der Sonne geroͤtheten Spitzen der 95. Berge, waͤhrend ein duftiger Rebel ſchon uͤber Meer und Thal verbreitet lag. Die ganze Na⸗ tur ſchien die Ruhe des Abends zu feiern, und nur mit leiſem Gemurmel rauſchten die Wellen leicht an ihren Fuͤßen voruͤber.— Auf einmal ward ſie durch den Anblick einer Geſtalt, die ſich langſam auf ſie zu bewegte, aus ihren ſuͤßen Traͤumereien geweckt; erſchrocken ſprang ſie auf, und indem ſie ſich hinter einen Vorſprung des Felſens verbarg, ſah ſie den Bewegungen des Fremdlings zu, der ſich mit bedaͤchtlichen Schritten nahete. Eben ſtieg der Mond zwi⸗ ſchen den Klippen hervor und zeigte ihr die Geſtalt deutlicher, die ihr nicht unbekannt zu ſeyn ſchien, obgleich die Kleidung eines Krie⸗ gers ſie umhuͤllte.— Wer beſchreibt den freu⸗ digen Schrecken, als ſie, indem er an ihr vor⸗ uͤber ſchritt, noch einen Blick auf ihn wagte und deutlich unter dem Helme Sigismunds Zuͤge erkannte; mit einem Schrei ſprang ſie aus ihrem Hinterhalte hervor und fiel be⸗ ſinnungslos zu den Fuͤßen des erſtaunten Juͤng⸗ lings, der, die lebloſe Form huͤlfreich vom Boden erhebend, bald unter dem halb zuruͤcke 95 geſchlagenen Schleier gewahr ward, wen er in ſeinen Armen hielt. Doch ſchien es ihm noch Blendwerk der Sinne, und in ſtummem Entzuͤcken uͤber ſie gebeugt, erwartete er mit Sehnſucht den Augenblick ihres Erwachens.— Nach und nach roͤthete ſich die ſchoͤne Wange wieder, und indem ſie das blaue Auge noch zweifelhaft zu Sigismund empor hob, wand ſie ſich zitternd aus ſeinen Armen und verbarg ihr Geſicht weinend in ihren Haͤnden. Woher dieſe Traurigkeit, theure Lady An⸗ gelica, rief Sigismund, ſich zu ihren Fuͤßen werfend; ſchmerzt es euch, den wiederzuſehen, den ihr vormals euren Freund nanntet? Schmerzen ſollte es mich?— koͤnnt ihr das von mir denken?— erwiderte Angelica gefaßter.— Nein glaubt, dieß unerwartete Wiederſehen macht mich ſehr gluͤcklich; aber es war zu viel fuͤr mich, um es ruhig ertragen zu koͤnnen. Mit Entzuͤcken kuͤßte Sigismund die ihm bei dieſen Worten dargereichte Hand und fragte nun, welchem außerordentlichen Zufalle er dieß gluͤckliche Zuſammentreffen verdanke? 97 Angelica bat ihn, die voͤllige Beantwor⸗ tung dieſer Frage, bis auf einen ruhigern Au⸗ genblick zu verſchieben, und ſagte ihm nur kurz, daß daſſelbe widrige Geſchick, welches ſie einſt aus ihrem Vaterlande getrieben, ſie aufs Neue genoͤthigt habe, den Verfolgungen des Freiherrn von Morven zu entfliehen, und fuͤrs erſte eine Zuflucht in Jacobinens Huͤtte zu ſuchen. Ein Strahl der Freude glaͤnzte aus den ſchoͤnen dunklen Augen des Juͤnglings, bei die⸗ ſen Worten; aber ſeine Lippen blieben ſtumm, und Angelica fuhr fort ihn zu fragen, ob er die gute Mutter ſeit ſeiner Ruͤckkehr ſchon ge⸗ ſehen habe? Noch nicht, verſetzte Sigismund; in die⸗ ſem Augenblicke komme ich erſt aus dem Lager, welches ungefaͤhr zwei Stunden vom Dorfe ent⸗ fernt iſt. Die Schoͤnheit des Abends lockte mich dieſen Weg zu verfolgen, ehe ich zur Huͤtte ging; aber es wird ſpaͤt, fuͤgte er ſchnell hinzu, und meine Mutter koͤnnte leicht uͤber eure Ab⸗ weſenheit in Unruhe gerathen. Erlaubt) mir, euch zuruͤck zu begleiten. Willig legte Angelica ihren Arm in den II. 4 7 93 ſeinigen, und erkundigte ſich im Gehen, hni nehmend nach Eduard. Er iſt wohl, erwiderte Sigismund, und euch noch eben ſo ergeben, wie vormals: aber ſagt mir, waret ihr auch oöollig zufrieden mit ſeinem Benehmen, waͤhrend er das Gluͤck hatte, euer Begleiter zu ſeyn? Vollkommen, verſetzte Angelica, die nun kaum fertig werden konnte, mit beredter Zunge, ſeine ihr geleiſteten Dienſte zu ruͤhmen. Dieß alles, fuͤgte ſie laͤchelnd hinzu, verdanke ich ſei⸗ ner Freundſchaft zu euch.— Die Ankunft bei der Huͤtte, machte end⸗ lich den Lobeserhebungen ein Ende, welche Si⸗ gismund indeſſen mit Entzuͤcken gehoͤrt zu ha⸗ ben ſchien.— Angelica rief die Alte herbei⸗ und bald lag dieſe, ſprachlos vor Freuden, in den Armen des geliebten Sohnes. 4 99 Einundzwanzigſtes Capitel. Nachdem die erſte Freude des Wiederſehens voruͤber war, bemerkte Angelica mit unbeſchreib⸗ lichem Kummer, wie ſehr Sigismund ſich ſeit ihrer Trennung veraͤndert habe. Die Roͤthe, welche ſich bei ihrem unerwarteten Zuſammen⸗ treffen, uͤber ſeine Wangen verbreitet hatte, war wieder verſchwunden, das Feuer ſeines Auges erloſchen; ſein ganzes Weſen ſchien uͤberhaupt nur ein Schatten von dem, wie ſie es vormals gekannt hatte. Schweigend, und in ſich ver⸗ ſunken, ſaß er vor ihr, den trauernden Blick feſt auf ſie geheftet; und um dem Ganzen eine andere Wendung zu geben, begann Angelica, die Vorfaͤlle zu erzaͤhlen, welche ſie ſeit ihrer Ab⸗ reiſe von Marſeille betroffen hatten. Unter dieſen Geſpraͤchen war die Nacht herangekom⸗ men; jedes begab ſich endlich in ſein Schlaf⸗ zimmer, doch war die Stimmung der Gemuͤ⸗ ther wenig geeignet, Ruhe zu finden. Lange 100 war es Angelica's ſehnlichſter Wunſch geweſen, Sigismund wiederzuſehen; dieſer Wunſch war nun erfuͤllt; aber, anſtatt ſie gluͤcklicher zu ma⸗ chen, gereichte es ihr zur Qual, den, fuͤr den ſie gerne ihr Leben geopfert haͤtte, durch heim⸗ lichen Kummer ſo niedergebeugt zu finden.— Der Schlaf floh ihre Lagerſtaͤte, und ſchon beim erſten Strahl der Sonne, verließ ſie ihre Kammer, um im Freien Erholung zu ſuchen. Bald kam auch Sigismund zu ihr, deſſen An⸗ ſehen nur zu deutlich verkuͤndigte, daß auch er keine Ruhe genoſſen habe. Als, nach dem erſten freundlichen Morgengruße, wieder Beide eine * Weile, ſtumm neben einander hergegangen wa⸗ *m ren, fragte Angelica zoͤgernd, wie lange er bei ihnen bleiben wuͤrde?— Mein Urlaub, erwiderte Sigismund ſeuf⸗ * zend, erſtreckt ſich nur bis auf dieſen Abend, und, ſo wie die Dinge gegenwaͤrtig ſtehen, moͤchte ich ihn um keinen Preis in der Welt, verlaͤngern. Verzeiht, verſetts Angelica, nach einem augenblicklichen Stillſchweigen, wenn ich euch frage, was euch eigentlich bewogen hat, die 10¹1 friedliche Ruhe, mit dem Geraͤuſch und den Ge⸗ fahren, eines kriegeriſchen Lebens zu vertauſchen? Viele Gruͤnde, haben mich dahin gebracht, erwiderte er; aber der hauptſaͤchlichſte iſt, daß ich des dunklen, unruͤhmlichen Lebens muͤde bin, wohinein mich das Geſchick geworfen hat.— Meine Seele ſtrebt nach einem hoͤheren Ziele, un ich bin feſt entſchloſſen, mir auf dem Felde der Ehre, den Vorzug der Nitterwuͤrde zu erkaͤm⸗ pfen, oder, ein ruͤhmliches Grab mit denen;3u theilen, die, fechtend fuͤr die Sache des Vater⸗ landes, als unbekannte Vertheidiger deſſelben, fallen. r Alſo Ehrgeiz treibt euch, ſagte Angelica geruͤhrt. Ach, glaubt mir, ihr kennt das Elend und die Sorgen des Ranges nicht, nach dem ihr trachtet. Ich habe ſie kennen gelernt, und wuͤnſche oft, daß das Geſchick mich zu dem niedern, aber zufriedenen Stande einer Baͤurin, beſtimmt haͤtte; wie gluͤcklich wuͤrde ich dann ſeyn!— Sie hielt inne, und jungfraͤulich erroͤthend, ſchlug ſie die ſchoͤnen Augen nieder, fuͤrchtend, ihr Gefuͤhl zu ſehr verrathen zu haben. Sigis⸗ loa mund aber glaubte, in den verſchaͤmten Blicken, neues Leben fuͤr ſeine Hoffnungen zu leſen, und hielt nur mit der groͤßten Anſtrengung, das Geſtaͤndniß ſeiner Liebe zuruͤck. Schweigend kehrten ſie heim; doch war Sigismund waͤhrend des ganzen Tages ungewoͤhnlich heiter, und ſprach mit Entzuͤcken von ſeinen kuͤnftigen Hoff⸗ nungen und Ausſichten. Angelica hoͤrte erſtaunt zu, die Alte ſtarrte ihn an, ſchuͤttelte den Kopf ſeufzte, und richtete oft bedeutende Blicke auf unſere Heldin. So wie aber die Zeit ſeiner Abreiſe mehr herannahete, ward er wieder trau⸗ riger, und ſchon roͤtheten die letzten Strahlen der Sonne, die fernen Huͤgel, ehe er ſich los⸗ zureißen vermochte. Nachdem er einen herzli⸗ chen Abſchied von der weinenden Mutter genom⸗ men hatte, ſuchte er Angelica auf, die er end⸗ lich in einer von ihm errichteten Laube von Mir⸗ then und Jasmin, fand. Nachlaͤſſig auf einer Raſenbank gelehnt, und in Gedanken verloren, bemerkte ſie ſeinen Eintritt nicht, bis ſie ſich bei ihrem Namen rufen hoͤrte, und den jungen Krieger zu ihren Fuͤßen erblickte. Lady Ange⸗ lica, ſagte er, ich komme um Abſchied zu neh⸗ * 8 903 men; darf ich hoffen, daß ihr meiner in eurem Gebete gedenken werdet? Indem Angelica die ſchoͤnen Augen, in welchen eine Thraͤne glaͤnzte, liebevoll auf ihn richtete, antwortete ſie leiſe: Koͤnnt ihr daran zweifeln, theurer Sigismund? Wollte Gott daß ich euch einen Schutzengel in den Stunden der Gefahr, ſenden koͤnnte!— aber, obgleich ent⸗ fernt von dir, fuͤgte ſie mit kraͤftigerem Tone hinzu, wird Angelicas Geiſt in jeder Ge⸗ fahr dir dennoch zur Seite ſtehen, und ſchei⸗ dend bittet ſie dich, laß die Stimme des Ruh⸗ mes, nicht das An enken n deine Frennd erloͤſchen! Ghrde, h ſch nKae Dich vergeſſen? rie 1 von Leidenſchaft hingeriſſene Juͤngling; nie, nie!— Du wirſt als Schutzgeiſt uͤber mir ſchweben, und der Ge⸗ danke an dich ſoll mich auf dem Wege zur Ehre geleiten. Ja, Angelica, dein Freund wird ſich deiner werth zeigen, und entweder zuruͤckkehren, um das hoͤchſte Gluͤck des Lebens von dir zu erflehen, oder einen ruhmvolten Tod auf dem Schlachtfelde finden. Lebe wohl, fuͤgte er hin⸗ zu, theures, geliebtes Weſen!— und, Pachdem .K 10a5a5 er noch einmal ihre Hand an ſeine Lippen ge⸗ druͤckt hatte, ſtuͤrzte er ſchnell aus der Laube, in welcher Angelica noch lange ſinnend ſeinen Worten nachdachte. In den folgenden Tagen bemaͤchtigte ſich ihrer eine unbeſchreibliche Angſt; das Geruͤcht einer Schlacht, zwiſchen beiden feindlichen Hee⸗ ren, verbreitete ſich, und keine Kunde kam von Sigismund. Von hHuͤtte zu Huͤtte wanderte die troſtloſe Mutter, um Nachricht einzuziehen, das Geruͤcht beſtaͤtigte ſich; aber nirgends hoͤrte ſie von dem geliebten Sohne. Mit jeder Stunde ſtieg ihre Unruhe, und Angelica, unfaͤhig dieſe fuͤrchterliche Ungewißheit laͤnger zu ertragen, be⸗ ſchloß, einen entſcheidenden Schritt zu thun, um ſich Kunde von dem theuren Freunde zu ver⸗ ſchaffen. Das Mittel war allerdings gewagt; aber ein Gedanke riß ſie unaufhoͤrlich fort, und ließ ihr nirgends Ruhe. Ohne Jacobinen ihren Entſchluß mitzutheilen, verließ ſie eines Abends, gegen Sonnenuntergang die Huͤtte, und wandte ihre Schritte zu einem, einige Stunden entle⸗ genen Dorfe, in deſſen Naͤhe das Gefecht vor⸗ gefallen ſeyn ſollte. Eingehuͤllt in einen ſchwar⸗ 4 105 zen Mantel, ſetzte ſie ihren Weg ununterbrochen fort, an keine Gefahr denkend. Bald ſah ſie deutliche Spuren, daß das Land um ſie herum ſchon in der Gewalt des Feindes ſei; niederge⸗ brannte Huͤtten, zertretene Kornfelder, zeigten ſich ihr an allen Seiten; Liebe und Furcht be⸗ fluͤgelten ihre Schritte. Endlich erreichte ſie das Dorf; aber es war gaͤnzlich von den Einwoh⸗ nern verlaſſen, und nur rauchende Schutthau⸗ fen boten ſich ihrem Auge dar. Da hier keine Nachricht zu erlangen war, beſchloß ſie, noch eine Strecke weiter zu gehen, in der Hoffnung, doch vielleicht irgend einem menſchlichen Weſen zu begegnen, das ihr Rede ſtehen koͤnne. Die Nacht war fuͤrchterlich dunkel, und da ſie einige Lichter in der Entfernung zu ſehen glaubte, rich⸗ tete ſie ihren Weg dahin; kaum aber war ſie naͤher, ſo bemerkte ſie zu ihrem Schrecken, daß ſie ſich vor einem Lager befand. Die Furcht, in Feindeshand zu gerathen, bemaͤchtigte ſich ihrer; ſchnell wollte ſie einen andern Weg ein⸗ ſchlagen; aber es war zu ſpaͤt. Schon von den Schildwachen bemerkt, ſah ſie ſich auf einmal voon mehreren Kriegsmaͤnnern umgeben, welche 106 „* mit rauher Stimme fragten: wer ſie ſei und was ſie hier zu thun habe? Knieend bat ſie um Gnade; aber alle ihre Bitten wurden durch das Geſchrei: ein weiblicher Spion! ein Spion! übertoͤnt; ſie fuͤhlte ſich ergriffen von den rau⸗ hen Kriegern, und Angſt und Schrecken raubten ihr das Bewußtſein. Als Angelica wieder zur Veſtanung kam, fand ſie ſich auf einem Nuhebette, unter einem praͤchtigen Zelte liegend; mehrere Perſonen ſchie⸗ nen angelegentlich mit ihr beſchaͤftigt. Scheu richtete ſie die Augen auf ihre Umgebung, und da ſie ſich von lauter Kriegern umringt ſah, ſank ſie bleich und zitternd auf die Kiſſen zuruͤck. Einer aber unter den Maͤnnern winkte den andern mit der Hand, ſich zuruͤckzuziehen, und indem er ſich dem zitternden Maͤdchen allein nahete, bat er ſie in Franzoͤſiſcher Sprache, ſich zu beruhigen, da ihr kein Leid widerfahren werde. — Thraͤnen waren ihre einzige Antwort. End⸗ lich uͤberredete er ſie, ein Glas Wein zu ihrer Erquickung zu nehmen, und verließ dann das Zelt. Aengſtlich blickte Angelica nach allen Sei⸗ ten herum; aber nicht lange blieb ſie ihrer Ein⸗ 107 ſamkeit uͤberlaſſen.— Die Vorhaͤnge des Zeltes wurden aufs Neue geoͤffnet, und hereintrat ein Krieger, der ſich ſowohl durch ſeinen edlen An⸗ ſtand, als durch die ihm erzeigte Huldigung der uͤbrigen, als einer der Hauptanfuͤhrer ver⸗ kuͤndete. Er trug eine ſchwarze Ruͤſtung; der hohe Federbuſch des Helmes, war mit einer Agraffe von koͤſtlichen Edelgeſteinen geziert. Ein reich geſtickter Mantel hing von ſeinen Schul⸗ tern herab, und auf der purpurrothen Leibbinde befand ſich ein in Gold gewirktes Wappen mit der Ueberſchrift: Ich dien. Anmuthig nahete er ſich Angelica'n, welche ſich zu ſeinen Fuͤßen warf, und mit bittendem Tone um ſeinen Schutz flehete. Fuͤrchtet nichts, ſchoͤne Unbekannte, erwi⸗ derte der Krieger, indem er ſie freundlich vom Boden hob, der Erbe von Englands Krone, fuͤhrt keinen Krieg gegen das wehrloſe Geſchlecht. — Meine Leute berichten mir, fuͤgte er hinzu, daß ihr als Spion ertappt worden ſeid; aber euer Anblick floͤßt mir ein guͤnſtigeres Urtheil uͤber euch ein. Vertraut mir alſo, was euch in dieſe, ſo ſonderbar ſcheinende Lage, gebracht hat, und — . 108 ſeid verſichert, in Eduard einen Freund und Beſchuͤtzer zu finden. Guͤtiger Himmel, rief die hocherfreute An⸗ gelica, habe ich recht gehoͤrt? Hat mich das Kriegesgluͤck in die Haͤnde des tapfern, groß⸗ muͤthigen Prinzen von Wales geliefert?— Nun klage ich nicht laͤnger mein Geſchick an, da es mich endlich zu dem gefuͤhrt hat, den Angelica mit Recht um Schutz anrufen darf. Ich bin in der That der Prinz von Wales, erwiderte der erſtaunte Heerfuͤhrer; doch weiß ich nicht, welch ein anderes Recht ihr auf mei⸗ nen Schutz habt, als was im Allgemeinen die Ritterlichkeit gegen jede Dame heiſcht. Verzeiht, gnaͤdigſter Herr, die ſcheinbare Vermeſſenheit, deren ich mich ſchuldig gemacht habe. Ueberzeugt, daß ich ſchon als eine unbe⸗ kannte Fremde, mich eures Schutzes erfreuen wuͤrde, um wie viel mehr darf ich als Englaͤn⸗ derin, als die verlaſſene Schweſter des einſt von euch geachteten Grafen von Gianalvon, dar⸗ auf bauen. Glanalvon, wiederholte der prinz.— om —————C——ͦ—᷑—ÿ—ꝛ—ꝛ—ÿB·:Q⸗O·—ñ————— 1⁰9 habe ich zwar Oscar einer Schweſter erwaͤhnen gehoͤrt; aber iſt es moͤglich, daß ihr es ſeid? Ja, mein Prinz, erwiderte Angelica in Thraͤnen ausbrechend; es iſt die vertriebene Er⸗ bin des zu Grunde gerichteten Hauſes der Gla⸗ nalvons, die, ausgeſtoßen aus ihrem Vaterlande, verlaſſen von ihren Freunden, um Schutz bei Ew. koͤniglichen Hoheit fleht.— Jeder Hoffnung beraubt, und abhaͤngig von fremder Guͤte, bin ich lange von einem Lande ins andere gewan⸗ dert, und die Angſt um das Schickſal eines Freundes, dem ich viel verdanke, ließ mich die Gefahr nicht ſcheuen, welche mich in eure Ge⸗ walt gebracht hat. Nun fuhr Angelica fort, ißre und ihres Bruders Schickſale zu erzaͤhlen, und vergaß nicht, Sigismunds Freundſchaft gegen ſie mit den be⸗ redeſten Worten eines von Dank erfuͤllten Her zens zu ſchildern. Voll Mitleid und Berwunderung horchte Eduard auf die Schilderung, welche ſeine rei⸗ zende Gefangene mit dem Gepraͤge der groͤßten Wahrhaftigkeit machte. Haͤufiger floſſen ihre Thraͤnen, als ſie von ihrer gaͤnzlichen Unwiſſen⸗ 110 heit uͤber die gegenwaͤrtige Lage ihres geliebten Bruders ſprach, der vielleicht im Ungluͤcke ſchmachte. Armer Oscar, rief der Prinz, wie wenig ahneſt du die Freude die deiner wartet!— Angelica, ſetzte er hinzu, euer Bruder iſt hier, und— Noch ehe er ſeine Rede vollenden konnte, lag das entzuͤckte Maͤdchen zu ſeinen Fuͤßen, und beſchwor ihn, im Tone der hoͤchſten Freude, ſie zu Oscar zu fuͤhren.— Der Prinz befahl einem ſeiner Ritter, das Fraͤulein nach dem Zelte des Sir Oscar Willoughby zu geleiten, druͤckte freundlich beim Scheiden ihre Hand, bat ſie dem Bruder ſeinen Freundesgruß zu bringen, und ihm zu ſagen, daß Eduard ihn dieſen Abend zu ſehen wuͤnſche. 5 Eilig begab ſich Angelica hinweg; keiner der ſo neuen Gegenſtaͤnde um ſie herum, zog ihre Aufmerkſamkeit auf ſich; nur ein Gedanke beſchaͤftigte ſie. Schweigend ging ſie am Arm des ſte fuͤhrenden Kriegers, bis er auf ein kleines, vor ihnen liegendes Zelt, mit dem Be⸗ deuten zeigte, daß es Sir Oscarn gehoͤre. Heftig riß ſie ſich bei dieſen Worten von ſeinen 1114 Arme los, ſtuͤrzte in das Zelt, und fiel mit dem Ausruf: Bruder, mein geliebter Bruder! vor Glanalvon nieder, der eben mit einigen andern Kampfgenoſſen, um einen Tiſch ſaß. Bei dem Ton ihrer Stimme, ſprang er von ſeinem Sitze auf, zog ſie an ſeine Bruſt, und hielt ſie einige Augenblicke in ſtummem Entzuͤcken, in ſeinen Armen. Als Angelica wieder zur Beſinnung kam, befand ſie ſich noch in den Armen des Bruders, waͤhrend ein anderer Krieger, in wel⸗ chem ſie den geliebten Freund ihres Herzens zu erkennen glaubte, in theilnehmender Stellung uͤber ſie gebeugt ſtand, und eine ihrer Haͤnde in der ſeinigen hielt. Kaum wagte ſie, ihren Sinnen zu trauen, wild rollten ihre Blicke um⸗ her, bis ſie endlich, beide Arme um Oscars Hals ſchlagend, laut weinend ihr Geſicht an ſeinem Buſen verbarg. Die ſanften Worte des Bruders beruhigten nach und nach ihre aufge⸗ regten Lebensgeiſter. Sigismund ergriff aufs Neue eine ihrer kalten, zitternden Haͤnde, und ſagte leiſe: iſt es moͤglich, Lady Angelica? Vergebt es mir, mein theurer Freund, rief ſie, den Blick liebevoll zu ihm erhebend; die Freude 112 dieſes Augenblicks hat mich faſt der Erinnerung beraubt.— Noch einmal ſchlang ſie die Arme um den Bruder, deſſen Blicke verriethen, daß er nach einer Erklaͤrung verlange. Fuͤrchtend, ſeine Gegenwart moͤge den Geſchwiſtern vielleicht ei⸗ nigen Zwang auflegen, begab Sigismund ſich hinaus, und nun kam Angelica endlich, auf Oscars wiederholtes Bitten, zu einer genauern Mittheilung aller Umſtaͤnde, die ſich ſeit jenem Abende zugetragen, da ſie von ſeiner Seite ge⸗ riſſen war, bis zu dem Augenblicke, wo die Unruhe um den einzigen Freund, den ihr d das Schickſal gelaſſen hatte, ſie in das Engliſche La⸗ ger, und wieder zu ihrem geliebten Bruder ge⸗ bracht hatte. Bei der Erzaͤhlung der Schweſter, kaͤmpf⸗ ten Liebe, Mitleid, Unwille und Dankbarkeit, abwechſelnd in Oscars Seele. Mit der zaͤrt⸗ lichſten Bruderliebe druͤckte er ſie an ſeine Bruſt, und Thraͤnen, nicht unwerth eines Kriegers, fielen aus ſeinen Augen auf ihr liebliches Ant⸗ litz. Angelica, rief er endlich aus, welchen Leiden biſt du ausgeſetzt geweſen, waͤhrend dein Bruder nicht zu deiner Huͤlfe eilen konnte! Tau⸗ 123 ſendmal ſei Sigismund fuͤr ſeine kreue, aufop⸗ fernde Freundſchaft gegen dich geſegnet. Schon hat er ſich ein Recht auf meine Achtung erwor⸗ ben; aber von dieſem Augenblicke an, wird er meinem Herzen faſt ſo theuer ſeyn, als du ſelbſt es mir biſt.— Ein ſuͤßes Laͤcheln, beredter als Worte, war die einzige Antwort der Schweſter. Bald mahnte ſie ihren Bruder, ihr nun auch ſeiner⸗ ſeits ſeine Abentheuer zu erzaͤhlen; er aber bat ſie, ihre Ungeduld bis morgen zu verſchie⸗ ben, da er genoͤthiget ſei, jetzt zum Prinzen zu gehen.— Obgleich ungern, mußte ſich Angelica darein fuͤgen. Scheidend verſprach er ihr noch, Sigismund hereinzuſchicken, damit ihr die Zeit in ſeiner Abweſenheit ſchneller vergehen moͤge. Sigismunds Erſcheinen brachte Angelica erſt in einige Verlegenheit; vergebens ſuchte ſie nach den rechten Worten der Begruͤßung.— Nach einigem Stillſchweigen aber ſetzte er ſich zu ihr, ergriff ihre Hand und ſagte mit be⸗ wegter Stimme: Weiß ich doch wahrlich nicht, theure Lady Angelica, ob ich mir zu dieſem une erwarteten Wiederſehen Gluͤck wuͤnſchen darf, II. 8 11 denn faſt fürchte ich, in dem Wiederfinden des Bruders und Beſchuͤtzers den Untergang unſe⸗ rer Freundſchaft zu ſehen! ich darf mir nicht ſchmeicheln, daß Lady Angelica Glanalvon mich ferner mit dem Namen eines Freundes beehren wird.— Womit habe ich dieſen Verdacht verdient? erwiderte Angelica.— Koͤnnt ihr wirklich ſo klein von mir denken, daß irgend eine Zufaͤllig⸗ keit des Ranges oder Gluͤcks im Stande ſeyn koͤnnte, in meine Geſi üumungen gegen euch zu aͤn⸗ dern?— Roch mehr als dieſe Worte geſagt hatten, druͤckte ihr Blick aus, den ſie mit lieblichem Vorwurf feſt auf Sigismund richtete.— Er ſah eine ſchoͤne Thraͤne in dem Auge’ glaͤnzen⸗ das ihm den Himmel verkuͤndigte.— Angelica, rief er heftig, vergieb meiner Ungerechtigkeit; aber ſo theuer biſt du meinem Herzen, daß ich ſelbſt den entfernten Gedanken, einen Theil deiner Freundſchaft zu verlieren, nicht ertragen kann! Und warum fuͤrchtet ihr das? fragte An⸗ gelica gaͤrtlich; glaubt ihr, daß ich jemals ver⸗ geſſen kann, was ich euch ſchuldig bin?— Nein, 113 nie, niemals Sigismund, und was auch mein kuͤnftiges Schickſal ſeyn moͤge, ewig werde ich den Augenblick ſegnen, der euch ein Recht auf meine im⸗ merwaͤhrende Achtung und Dankbarkeit gab!— Aber euer Bruder!— fiel Sigismund trau⸗ rig ein.— Mein Bruder riun, was wir euch ſchul⸗ dig ſind, und ſtellt euch in ſeinem Herzen ſehr hoch.— Verbannt alſo jedes Mißtrauen und verbittern wir uns nicht die gegenwaͤrtigen, ſchoͤnen Stunden durch kleinliche Furcht, ſon⸗ dern trauen wie ferner feſt der Vorſehung und unſeren eigenen Herzen. Mit ſuͤßem Laͤcheln reichte Angelica ihrem Freun⸗ de zum Zeichen der Verſoͤhnung, die Hand, die er ſchweigend an ſeine Lippen druͤckte.— Bei Oscars Eintritt, der dieß Stillſchweigen unterbrach, wollte Sigismund ſich ehrerbietig entfernen, ward aber freundlich von jenem daran gehindert.— War⸗ um fortgehen, rief Glanalvon, da ich komme?— Von dieſem Augenblicke an, ſeid ihr mir kein Fremdling und Feind mehr, den das Krieges⸗ gluͤck in meine Haͤnde geliefert hat.— Euer ed⸗ les, uneigennuͤtziges Betragen gegen dieß theure, 8828 116 ſchutzloſe Maͤdchen, beſtaͤtigt den Glauben, den mir ſchon euer erſter Anblick eingefloͤßt hat.— Ihr ſeid nicht laͤnger mein Gefangener, ſondern mein Freund, und wenn ihr mich dieſes Na⸗ mens werth haltet, werde ich ſtreben, eure Freundſchaft zu verdienen.— Laß denn, von heut an, dieß ſchoͤne Band uns vereinen, und Angelica ſei Zeuge unſeres Bundes. Indem Thraͤnen der reinſten Freude in ih⸗ ren Augen glaͤnzten, legte Angelica die zoͤgernde Hand ihres ſchuͤchternen Freundes in die darge⸗ botene Rechte des Bruders, druͤckte beider Haͤnde an ihr Herz, und flehete den Segen des Himmels uͤber ſie herab. Eine innige Umarmung beſiegelte den ſchoͤnen Bund. Nun ſetzte man ſich traulich neben einander, unſere Heldin in die Mitte beider Freunde, und unter frohen, heiteren Geſpraͤchen, ſchwanden die noch uͤbrigen Stunden des Abends.— Schon war Mitternacht lange voruͤber, ehe ſie daran dach⸗ ten, ſich zur Ruhe zu begeben; als endlich Os⸗ car ſeine Schweſter bat, ſich ein paar Stunden niederzulegen, um ſich von den mannigfaltigen Begebenheiten, welche an dieſem Tage auf ihr 117 Gemuͤth eingeſtuͤrmt waren, zu erholen.— Zwar mußt du dich mit einem Soldatenlager begnuͤ⸗ gen, ſetzte er laͤchelnd hinzu; aber in meinem Schweſterchen iſt auch Heldenſinn genug, um dieß nicht zu ſcheuen. Bei dieſen Worten fuͤhrte er ſei in das Innere des Zeltes, und nachdem Angelica noch freundlich den Beiden eine gute Nacht zugeru⸗ fen hatte, warf ſie ſich auf das einfache Feld⸗ Bette, und ſchlief bald unter den ſeligſten Ge⸗ fuͤhlen ein. Zweiundzwanzigſtes Kapitel.— Als am folgenden Morgen Angelica ihren Bruder noch einmal bat, ihr ſeine erlebten Aben⸗ theuer mitzutheilen, begann er folgendermaßen ſeine Erzaͤhlung. Erlaube mir, theure Schweſter, uͤber die Gefuͤhle zu ſchweigen, die mein Herz bei deinem 118 geheimnißvollen Verſchwinden vom Schloſſe Ro⸗ chemond, zerriſſen. Mein Verdacht konnte damals auf niemand anders, als auf den Chevalier Val⸗ court fallen, und voͤllig von dieſem Gedanken ergriffen, reiſte ich mit dem Vorſatze nach Pa⸗ ris, dich aus ſeinen Haͤnden zu befreien. Bei meiner Ankunft ward ich ſogleich vor den Che⸗ valier gelaſſen, der in meinen verſtoͤrten Geſichts⸗ zuͤgen die Unruhe leſen mochte, welche meine Seele bewegte, und ſich ſogleich nach der Ur⸗ ſache derſelben erkundigte. Mit aller der Faſſung, die ich moͤglicher Weiſe nur uͤber mich gewinnen konnte, machte ich ihn mit deinem Verſchwin⸗ den vom Schloſſe bekannt, und fragte ihn, ob er Theil daran haͤtte. Das ungeheuchelte Erſtau⸗ nen, und die Verzweiflung des Chavaliers, bei dieſer Nachricht, buͤrgten mir fuͤr ſeine Unſchuld, machten mir aber die ganze Sache noch undurch⸗ dringlicher.— Wir gaben uns das Wort, vereint den Urheber auszuſpaͤhen, nahmen uns vor, auf verſchiedenen Wegen nachzuforſchen, und uns gegenſeitig von dem Erfolge unſeres Unterneh⸗ mens Bericht abzuſtatten. So kehrte ich trau⸗ rig nach Rochemond zuruͤck; alle meine Bemuͤ⸗ 1¹19 hungen, dich wieder aufzufinden, blieben frucht⸗ los, und endlich, dieſes einſamen, unthaͤti⸗ gen Lebens uͤberdruͤſſig, beſchloß ich, in den Dienſt irgend eines fremden Fuͤrſten zu gehen, da meine Lage es mir verbot, eine Anſtellung bei unſerem eigenen Heere zu ſuchen. In dieſer Abſicht verließ ich das Schloß, und kam nach einer langen und beſchwerlichen Reiſe in Deutſch⸗ land an, wo ich mich, als Freiwilliger, im kaiſerlichen Heere anſtellen ließ. Einige Zeit hindurch drehete ich mich nun im gewoͤhnlichen Gange des Soldaten⸗Lebens herum; mein Ge⸗ muͤth kaͤmpfte mit unaufhoͤrlicher Angſt um dich und fand nirgends Ruhe. Wochen und Mon⸗ den vergingen, bis endlich der neue Ausbruch des Krieges zwiſchen Frankreich und England den Wunſch wieder in mir rege machte, das Schwert fuͤr die Sache des Vaterlandes zu fuͤh⸗ ren. Der von Eduard erlaßne Aufruf an die Fremden jedes Standes, ſeinem Banner zu fol⸗ gen, gab mir Gelegenheit, meine Wuͤnſche aus⸗ zufuͤhren; ich kehrte nach Frankreich zuruͤck, wo die Englaͤnder ſchon gelandet waren. Spaͤt am Abend kam ich ins engliſche Lager und ward vor 120 den Prinzen von Wales gefuͤhrt, der mich leut⸗ ſelig nach meinem Namen und Vaterlande frag⸗ te; ich bat ihn um eine Unterredung unter vier Augen, da ich ihm eine Sache von großer Wich⸗ tichkeit zu entdecken habe. Der Prinz, obgleich etwas erſtaunt uͤber meine Forderung, befahl dennoch ſeinen Begleitern, ſich hinweg zu bege— ben, und als ich nun mein Viſier zuruͤck ſchlug, und mich zu ſeinen Fuͤßen warf, erkannte er, auch in den durch Zeit und Kummer veraͤnder⸗ ten Geſichtszuͤgen, ſeinen Freund wieder, druͤck⸗ te mich mit Innigkeit an ſeine Bruſt, und bat mich, ihm zu ſagen, auf welche Weiſe ich hieher kaͤme. Ich benachrichtigte ihn umſtaͤndlich von jedem Vorfalle, der mich betroffen hatte. Eduard ward tief bewegt, und erneuerte ſeine Freund⸗ ſchaftsverſicherungen gegen mich. Zugleich ka⸗ men wir uͤberein, daß ich unter dem Namen Willoughby bei ihm Dienſte nehmen ſollte, um nicht vielleicht unter meinem wahren Namen die Aufmerkſamkeit einiger im Heere zu erregen. Von dieſem Augenblicke an, habe ich an dem Gluͤcke und den Beſchwerden meines koͤniglichen Freundes den genauſten Antheil genommen, und 121 manche Beweiſe ſeiner ausgezeichneten Achtung empfangen; ja ich wuͤrde mich gluͤcklich ge⸗ prieſen haben, haͤtte nicht die Erinnerung fru⸗ herer Tage, und die Unruhe um meine geliebte Schweſter, ſtets auf meinem Gemuͤthe gelaſtet. — In dem letzten Treffen, ſpielte das Gluͤck mir den edlen Juͤngling in die Haͤnde, welchem wir beide ſo unendlich viel danken. Gleich beim Beginnen der Schlacht ward meine Aufmerkſam⸗ keit, durch ſeinen außerordentlichen Muth, ſo ſehr angezogen, daß ich ihn mir beſonders zum Geg⸗ ner auserkohr; nach einem langen, verzweiflungs⸗ vollen Kampfe, ergab er ſich mir, und trium⸗ phirend fuͤhrte ich ihn in mein Zelt. Seine Tap⸗ ferkeit, die Anmuth ſeines Weſens, uͤber wel⸗ chem eine gewiſſe anziehende Schwermuth ver⸗ breitet war, alles trug dazu bei, mich fuͤr ihn einzunehmen, und mein Antheil an ihm ward groͤßer, je mehr ſich, bei einer genauern Bekannt⸗ ſchaft, die liebenswuͤrdigen Eigenſchaften ſeines Charakters entwickelten, die man beim erſten Anblicke nicht gleich entdecken kann. Von freundlichen Geſinnungen fuͤr ihn durchdrungen, ſuchte ich, ſo viel es in meiner Macht ſtand, 1½6 das Unangenehme ſeiner Lage zu erleichtern, und ich durfte mir ſchon ſchmeicheln, ein kleines Recht auf ſeine Achtung und Dankbarkeit erlangt zu haben, als das gluͤckliche Wiederfinden mei⸗ ner Angelica mir ihn noch um vieles theurer mach⸗ te, und den Grund zu einer Freundſchaft legte, die hoffentlich bis ans Ende unſeres Lebens dauern wird. Wie wenig dachte ich am geſtrigen Morgen, daß der Abend des naͤmlichen Tages mir die ge⸗ liebte Schweſter wieder in die Arme fuͤhren wuͤr⸗ de, uͤber deren ungewiſſes Schickſal ich oft die bitterſten Thraͤnen vergoſſen habe; aber da du mir nun wieder gegeben biſt, will ich nicht laͤnger ei⸗ ne Trennung bejammern, die von den geſegnet⸗ ſten Folgen fuͤr uns beide ſeyn kann. Ja Ange⸗ lica, die Gewißheit von Morvens Leben loͤſcht den Schandflecken aus, der vor den Augen der Welt auf meinem Namen ruhete, und ich darf nun mit Recht hoffen, daß die Zeit nicht mehr fern iſt, wo ich meinem Vaterlande und meinen Beſitzungen wiedergegeben, einen rei⸗ chen Lohn fuͤr vergangene Leiden erndten werde! Wie ſehr wird mein Gluͤck noch durch den Ge⸗ danken erhoͤht ſeyn, daß ich es groͤßtentheils der heldenmuͤthigen Entſchloſſenheit meiner Angelica danke, die„ aus Liebe zum Bruder, es nicht ſcheuete, allein in ihr Vaterland zuruͤckzukehren. Zaͤrtlich zog Oscar bei dieſen Worten die Schweſter an ſeine Bruſt, welche vielleicht nie in ihrem Leben ein reineres Gluͤck genoſſen hatte, als in dieſem Augenblicke, da ihr Herz ihr ſelbſt das Zeugniß gab, in jedem Sinne der bruͤderli⸗ chen Liebe werth zu ſeyn. Mehrere Tage floſſen ſorglos dahin, und unſere Heldin genoß einer lang entbehrten, voll⸗ kommenen Heiterkeit. In der Geſellſchaft ih⸗ res Bruders und Sigismunds, in der ausge⸗ zeichneten Achtung des Prinzen, ſchien ihr nichts zu wuͤnſchen uͤbrig zu bleiben, und alle vorige Sorgen und Leiden waren aus ihrem Gehäͤcht⸗ niſſe verwiſcht. In den Stunden, wo der Dienſt Oscarn von ihrer Seite rief, blieb der Freund bei ihr; unter traulichem Geſpraͤch und Saitenſpiel, floſ⸗ ſen die Augenblicke ſchnell voruͤber, und Angeli⸗ ca glaubte, nie gluͤcklicher werden zu koͤnnen. Immer heftiger aber ward die Leidenſchaft in Sigismunds Herzen; jede Stunde, ſo traulich —* in ihrer Naͤhe verlebt, naͤhrte die Flamme, wel⸗ che ihn verzehrte, und vermehrte die Bitterkeit des Gedankens in ihm, nie die Schweſter des Grafen von Glanalvon ſein nennen zu duͤrfen. In unaufhoͤrlichem Kampf zwiſchen Liebe und Ehre begriffen, vermochte nichts, die Schwer⸗ muth aus ſeiner Seele zu verſcheuchen. Auch Angelica's ungetruͤbtes Gluͤck ſollte nicht lange mehr dauern. Der Zuſtand der Din⸗ ge in Frankreich forderte eine Veraͤnderung von Eduards gegenwaͤrtiger Stellung, und da Oscar ſeine Schweſter nicht den Gefahren eines kriegeriſchen Lebens Preis geben mochte, ſchlug er ihr vor, ſie bis zum Ausgange des Feldzugs, in ein Kloſter zu bringen, wo ſie in jeder Hin— ſicht geſichert ſeyn wuͤrde. Traurig gab Angelica ihre Einwilligung, und das Kloſter der heiligen Agnes ward zu ihrem einſtweiligen Aufenthalte be⸗ ſtimmt. Alles ward mit der Aebtiſſin ver⸗ abredet, und ſchon am naͤchſten Morgen ſollte unſere Heldin das engliſche Lager verlaſſen, wel⸗ che, obwohl ſie die Gefuͤhle des Schmerzes vor ihrem Bruder und Sigismund zu verbergen ſuchte, doch manche bittre Thraͤne uͤber die 125 ſo kurze Dauer alles menſchlichen Erdengluͤcks in der Stille weinte. Der Abend war bereits hereingebrochen; gedankenvoll ging Angelica, waͤhrend der Ab⸗ weſenheit ihres Bruders, im Zelte auf und ab, als ſie auf einmal jemand hinter ſich tief ſeufzen hoͤrte. Sie wandte ſich ſchnell um und ward Sigismund gewahr, der ohne daß ſie es bemerk⸗ te, hereingekommen war, ſich aufs Sopha de⸗ woorfen hatte, und nun ſtarr und ſchwermuͤthig ſeinen Blick auf ſie geheftet hielt. Beſchaͤmt ſuchte Angelica die Thraͤnen zu verbergen, ſetzte ſich an ſeine Seite, und fragte mit erkuͤnſteltem Laͤcheln, wo er ſo lange geweilt habe? Bei eurem Bruder, antwortete er, der von .— mir zum Prinzen gegangen iſt und mich bat, euch bis zu ſeiner Heimkehr Geſellſchaft zu leiſten; viel⸗ leicht iſt es heute der letzte Abend, an dem ich jemals dieß Gluͤck genießen werde, fuͤgte er traurig hinzu. Hoffentlich nicht, erwiderte Angelica, indem ſie ihre ſchmachtenden Augen mit unbeſchreiblicher Freundlichkeit zu Sigismund erhob; gewiß wer⸗ den wir noch manche ſchoͤne Stunde mit einan⸗ der genießen. 4. Moͤchteſt du wahr ſagen, geliebte Freundin, entgegnete Sigismund ſeufzend; ich weiß nicht, wie mir iſt, eine wehmuͤthige Ahnung beklemmt mir die Bruſt und ruft mir zu, daß unſere Trennung vielleicht auf immer ſeyn wird.— Ach Angelica, wirſt du deines Freundes auch abwe⸗ ſend gedenken, wirſt du dich der ſuͤßen Augenbli⸗ cke erinnern, die wir in dieſen Tagen mitein⸗ ander verlebten? 1 Ob ich das werde? ſagte Angelica geruͤhrt, waͤh⸗ rend Thraͤnen uͤber ihre lieblichen Wangen floſſen. Beim Himmel rief Sigismund auffahrend, indem er mit heftigen Schritten im Zelte umherging, dieß iſt nicht laͤnger zu ertragen! Erſchreckt von der Wildheit ſeiner Blicke, na⸗ hete Angelica ſich ihm, legte ſanft die Hand auf ſeinen Arm und fragte: was kann euch in dieſem Grade beunruhigen; ſollte ich euch durch irgend ein Wort beleidigt haben? Schweigend ſah er ſie eine Weile mit dem fuͤrch⸗ terlichſten Kampfe in ſeinem Innern an, dann warf er ſich zu ihren Fuͤßen und rief mit halb erſtickter Stimme: vergieb mir, himmliſches Maͤdchen; aber es iſt mir unmoͤglich, mich laͤn⸗ 8 127 ger zu verſtellen; moͤge denn dieſer Augenblick uͤber mich entſcheiden! ich liebe dich, Angeltca! von dem erſten Augenblicke an, da wir uns ſa⸗ hen, gehoͤrte mein Herz dir. Der Unterſchied un⸗ ſeres Standes aber legte mir ein unverbruͤchliches Stillſchweigen auf, und ſo unendlichen Kampf es mir auch koſtete, verbarg ich dieſe Leidenſchaft in meiner Bruſt, und verſuchte, meinen Gefuͤh⸗ len fuͤr dich den kaͤlteren Namen der Freund⸗ ſchaft zu leihen. Manche Gefahr habe ich beſtan⸗ den, lange habe ich gerungen; aber dieſe Stun⸗ de, wo ich fuͤrchte, dich auf immer zu verlieren, findet mich zu ſchwach.— Angelica, verwirf mich nicht ganz; laß mich ein Wort von deinen Lippen hoͤren, daß ich dein Mitleid, deine Freundſchaft nicht gaͤnzlich verloren habe.— Es gab Augenblicke, in denen ich ſo ſtolz war, ein hoͤheres Gluͤck zu traͤumen! Chraͤnen waren Angelica's einzige Antwort, aber ihr Erroͤthen, ihre liebliche Verwirrung, zeigten nur zu deutlich, daß ſeine Gefuͤhle erwie⸗ dert wurden.— Nach einer Pauſe fuhr er ru⸗ higer fort: vergieb den Sturm der Leidenſc haft, der mich zu dieſem Geſtaͤndniß brachte; nur zu 128 gut weiß ich, daß ich jetzt noch auf keine Er⸗ wiederung deiner Liebe hoffen darf; ich kenne meine Pflicht gegen dich und deinen edlen Bruder; aber gieb mir nur ſcheidend die Hoffnung, daß, wenn irgend ein gluͤcklicher Zufall mir einſt ein Recht leihet, deine Hand fordern zu duͤrfen, du mich alsdann nicht verwerfen willſt. Dieſes ein⸗ zige Wort koͤnnte mich uͤber unſere Trennung troͤſten. Verſage mir es nicht, Geliebte; dein armer Freund wird dadurch der gluͤcklichſte aller Sterblichen werden! Geruͤhrt ſtammelte Angelica in faſt unver⸗ ſtaͤndlichen Worten ihre Einwilligung, und kaum hatte ſie den feurigen Dank des entzuͤckten Juͤng⸗ lings empfangen, als Oscars Eintritt der fer⸗ nern Unterhaltung ein Ende machte, und ſie eilig den erſten Vorwand ergriff, ſich zu entfer⸗ nen, um in der Einſamkeit den ſchmerzlich ſuͤßen Qualen ihrer Seele ungeſtoͤrt nachhaͤngen zu koͤnnen. Als ſie ſich etwas beruhigter fuͤhlte, kehrte ſie wieder zu ihrem Bruder und Sigismund zuruͤck; man verlebte den noch uͤbrigen Theil des Abends mit einander; aber da die Ausſicht der nahen 129 Trennung, ſchwer auf aller Herzen lag, konnte keins eine Heiterkejt hervor zaubern, und fruͤh⸗ zeitig begab ſich jeder auf ſeine he Lager⸗ ſtaͤte. e Beim Zuſammenkommen am naͤchſten Mor⸗ gen, las man auf aller Geſichter den Schmerz des bevorſtehenden Scheidens. Liebevoll zog Oscar ſeine Schweſter, nach eingenommenen Fruͤh⸗ ſtuͤcke, auf ſeinen Schoß, druͤckte ſie zaͤrtlich an ſeine Bruſt, und bat ſie nicht ſo traurig zu ſeyn, da gewiß bald wieder gluͤcklichere Stunden ſie vereinen wuͤrden. Der Augenblick der Trennung war da; weinend ſchlang Angelica einen Arm um Oscars Hals, waͤhrend ſie die andere, zit⸗ ternde Hand Sigismund reichte, der ſie bewegt an ſeine Lippen zog.— Schweigend fuͤhrten beide Freunde ſie an den Wagen, welcher ſie nach dem Kloſter det heiligeng Asnes bringen ſollte.— Noch ein herzliches Lebewohl und ſie war ihren Blicken entruͤckt.— In tiefem Kum⸗ mer eerhr Pefs Angelica einige Zeit in die eine Ecke des Wagens gedruͤckt, und gab ihren Thraͤnen freien Lauf.— Endlich aber ermannte ſie ſich und faßte den feſten Entſchluß, ihren 88 II. 9 Schmerz zu bekaͤmpfen, und dem Geſchick zu vertrauen. Es war Abend, als ſie beim Klo⸗ ſter ankam, welchesin einem romantiſch⸗wilden Thale, nicht weit von der Kuͤſte des mittellaͤn⸗ diſchen Meeres lag. Aus einem Hain von Ler⸗ chen⸗ und(ipreſſenbaͤumen, ragte das alte Ge⸗ baͤude ernſt und feierlich hervor, und ſchien ei⸗ nen auffallenden Widerſpruch mit den lachenden Fluren zu machen, die es von allen Seiten um⸗ gaben. Die Strahlen der untergehenden Sonne vergoldeten noch die Thurmſpitzen, und beleuch⸗ teten magiſch die buntbemalten Fenſter des Seree—. Der Wagen hielt ſtill, lund unſere durch die Schweſter Pfoͤrtnerin in das Lanie e idunt gefuͤhrt, wo die Asbtifſin nebſt mehreren Nonnen ſie tempfingen.— Mit ſo ſanftem, freundlichem Weſen, nahete dier Er⸗ ſtere ſich Angelican, daß ihr Widerwille gegen dieſen Aufenthalt immer mehr ſchwand, und ſie Oscars Wahl pries, ihr dieſen Zufluchtsort be⸗ reitet zu haben. Die wenigen Stunden des Abends vergingen unter angenehmen Geſerſchen, bis Angelica endlich durch einender Seemrſtern, in ihrs einſame Zelle gefuͤhrt ward, die, 9 wohl ſee klein war, d ge der Rri und Ordnung trug. ee Alle Wenige Tage waren hinreichend, ſie voͤllig mit ihrem neuen Aufenthalte auszuſoͤhnen, wo jeder ihr Achtung und Wohlwollen bewies, und dir Arbtiffin ihr, mit wahrhaft mtterlicher Neigung entgegen kam. Immer mehr ward ſie uͤberzeugt, daß grade die Eingezogenheit, in welcher ſie hier lebte, zu der gegenwaͤrtigen Stimmung ihrer Seele paßte.— Stets mit dem Gedanken an den geliebten Bruder und den Freund ihres Herzens beſchaͤftigt, erhob ſich ihr Gemuͤth wieder im inbruͤnſtigen Gebet, das ſie fuͤr ihre Erhaltung zum Himmel ſchickte. Schnell vergingen in dieſen frommen, ſtillen Beſchaͤfti⸗ gungen, mehrere Wochen, und Angelica wuͤrde ſich vollkommen befriedigt gefuͤhlt haben, haͤtte ihr nicht eins Vertrautergefehlt, in deren treuenn⸗ Buſen, ſie die Qualen ausſchuͤtten konnte, Ml 85 che oft ihr armes, von hoffnungsloſer 3 ſchaft bewegtes Herz, zerriſſen.— Doch auch dieſem Mangel, ſollte durch einen unerwarteten Vorfall abgeholfen werden.— Anter den Schweſtemm des Kloſters befand 9* 432 ſich eine, die ſchon beim ziſten Anblicke einen tiefen Eindruck auf ⸗Angelica gemacht hatte; jede Stunde in ihrer Naͤhe verlebt, zog ſie noch unwiderſtehlicher zu ihr hin. Schweſter Roſa, dieſen Namen fuͤhrte ſie hier, war dem Anſcheine nach kaum vierzig Jahre, und in ihrer ganzen Geſtalt, ſah man noch die Spuren, einer einſt blendenden Schoͤnheit. Zwar war durch Sorgen und Zeit, die bluͤhende Farbe ihrer Wangen er⸗ loſchen; aber die Zuͤge ihres Geſichts waren re⸗ gelmaͤßig, und leuchteten hell unter dem Schleier der Schwermuth hervor, der uͤber ihnen ver⸗ breitet lag.— Die ſchoͤnen blauen Augen, hat⸗ ten ihren vormaligen Glanz verloren; deſto tie⸗ fer ſprach aber aus ihnen ein unbeſchreiblich ſchmachtender, ſanfter Ausdruck, und der in ihrem ganzen Weſen vorherrſchende Zug des Grams, verkuͤndete nur zu deutſich, daß ein innrer, tiefer Kummer, ſchon fruͤh ihre Bluͤthe erſtoͤrt hatte.— Natuͤrlich war es, daß ein ſolches Weſen Angelican anzog; aber durch ein Gefuͤhl geleitet, welches ſie ſich ſelbſt nicht er⸗ klaͤren konnte, ſuchte ſie auf alle Weiſe, eine naͤhere Bekanntſchaft mit Roſa'n anzuknuͤpfen; 133 doch war dieß kein leichtes Unternehmen, da die ſchwermuͤthige Schweſter, nur beim allgemeinen Gottesdienſt, und im Speiſezimmer in der Ge⸗ ſellſchaft der uͤbrigen Nonnen erſchien, ſonſt aber beſtaͤndig in ihrer engen Zelle eingeſchloſſen war. Zuweilen ſah Angelica freilich ihre kaum ſchwe⸗ bende Geſtalt, ſich bei der Abenddaͤmmerung, in den dickſten Schatten der Baͤume des Gartens verlieren; aber fuͤrchtend, dann ihre Einſamkeit zu ſtoͤren, wagte ſie es nicht, ſich ihr zu nahen. In den Stunden aber, wo ſie ſich in der Ge⸗ ſellſchaft der uͤbrigen Nonnen befand, ſuchte An⸗ gelica durch das zarteſte Zuvorkommen, wenig⸗ ſtens ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen, und endlich gelang es ihr in ſo fern, daß Roſa ſich oft freundlich zu ihr wandte, wenn der Zufall ſie zuſammenfuͤhrte. Die Feinheit ihres Ausdrucks, die Reinheit ihrer Geſinnungen und der gebildete Verſtand, den ſie bei dieſen Gele⸗ genheiten zeigte, erhoͤheten noch um vieles An⸗ gelica's Bewunderung, und ihr Verlangen, zu erfahren, wer ſie ſei, brachte ſie endlich dahin, ſich mit ihren Erkundigungen an die immer guͤ⸗ tige Aebtiſſin zu wenden.— Aber auch dieſe 13 6 konnte ihr keine naͤhere Auskunft geben, als daß die Schweſter Roſa aus einem anderm Kloſter hierhergebracht, und niemand von ihrem wahren Namen und Stande unterrichtet ſei, da ſie ſich immer in der groͤßten Zuruͤckgezogenheit gehal⸗ ten habe.— So war alſo Anschts Wunſch noch im⸗ mer unbefriedigt, als ein leichtes, anſteckendes Fieber im Kloſter ausbrach, von dem Roſa's zarter Koͤrperbau auf eine ſo gewaltſame Art angegriffen ward, daß man fuͤr ihr Leben fuͤrch⸗ tete. Angelica bat es ſich aus, ihr zur Kran⸗ kenwaͤrterin zu dienen, war Tag und Nacht um ſie beſchaͤftigt; ihre ſuͤße Stimme floͤßte oft der Leidenden Troſt ein, und Roſa verdankte ihre Geneſung groͤßtentheils dieſer liebenswuͤrdi⸗ gen Pflegerin. Als endlich die Gefahr vor⸗ uͤber war, und Angelica, weinend vor Freu⸗ den, bei ihrem Bette ſtand, ergriff ſie die Hand des liebenswuͤrdigen Maͤdchens, druͤckte ſie in die ihrige, und bat ſie, ruhig zu ſeyn. Eure Sorgfalt und Zaͤrtlichkeit haben ein Leben verſaͤngert, fuͤgte ſie ſeufzend hinzu, daß kein Gluͤck mehr kennt; aber meine Dankbarkeit iſt 135 deßhalb Jicht geringer gegen 613, und die Zeit wird euch uͤberzeugen/ wie tief ich dieß fuͤhle. Redet nicht von Dankbarkeit, erwiderte Angelica, indem ſie ehrerbietig die Hand der bleichen Nonne kuͤßte; ich fuͤhle mich nur zu gluͤcklich, in dieſen kleinen Beweiſen meiner Liebe zu euch. Suͤßes Maͤdchen, rief Roſa, du ahneſt nicht, wie wohl dieſe zarte Freundſchaft meinem blutenden Herzen thut.— Moͤge eigene Erfah⸗ rung, dich nie davon uͤberzeugen!— bei dieſen Worten fielen heftige Thraͤnen auf die Hand/ welche ſie noch immer feſt in der ihrigen hielt, und Angelica, die Folgen einer ſolchen Gemuͤths⸗ bewegung fuͤrchtend, ergriff die erſte Gelegen⸗ heit, ſich aus ihrer Celle zu entfernen. Bald war Roſa voͤllig geneſen; ihre Dank⸗ barkeit gegen die treue Pflegerin kannte keine Grenzen; ſie waren jetzt faſt unzertrennlich, und jede mit einander verlebte Stunde vermehrte ihre gegenſeitige Anhaͤnglichkeit. Jedoch blieb Roſa's Verſchloſſenheit, in Hinſicht auf ihre vormalige Lage, dieſelbe, und Angelica's natuͤr⸗ liche Schuͤchternheit hielt auch ſie von der frei⸗ 7 136 1 willigen mittheilung ihrer eigenen Schickſale zuruͤck. Eines Abends aber, gingen beide in den Schatten der Cypreſſengaͤnge auf und ab, und ſetzten ſich endlich ermuͤdet, auf eine Bank nieder. Der Abend war heiter; mit majeſtaͤti⸗ ſcher Klarheit leuchtete der Mond, durch die vom ſanften Abendwind, leicht bewegten Zweige. Wie ruhig iſt alles um uns her, ſagte An⸗ gelica, wie ganz geeignet, jede Sorge der be⸗ wegten Bruſt zu ſtillen.— Gewiß ,erwiderte die Nonne ſeufzend, ſo wie uͤberhaupt in der kloͤſterlichen Eingezogenheit und Abgeſchiedenheit von der uͤbrigen Welt ſo manches liegt, was dem tiefgekraͤnkten Herzen Beruhigung ſchafft; daher nimmt es mich nicht Wunder, wenn eine Ungluͤckliche dieſen Zufluchts⸗ ort ſucht; was indeß die bluͤhende, ſchoͤne An⸗ gelica bewogen haben kann, ſich in dieſen Mauern zu begraben, iſt mir ein Naͤthſel. Mein Aufenthalt hier, wird auch wahr⸗ ſcheinlich nicht von langer Dauer ſeyn, antwor⸗ tete Angelica; wenn ihr jedoch wuͤnſcht, mit den Umſtaͤnden bekannt zu werden, die mich hier⸗ herbrachten, ſo will ich ſie euch gerne mittheilen. 137 Roſa bat ihre junge Freundin darum, und Angelica fing ungeſaͤumt ihre Erzaͤhlung an. Als ſie aber im Laufe ihrer Geſchichte den Na⸗ men Aubine nannte, ſtutzte die Nonne, und eine nur halb verſtaͤndliche Ausrufung entfuhr ihren Lippen. Doch glaubte Angelica zu bemer⸗ ken, daß ſie ihr Erſtaunen zu unterdruͤcken wuͤnſchte, und fuhr alſo ununterbrochen in ihrer Rede fort. Schweſter Roſa's Bewegung ſchien ſich mit jedem Augenblicke zu vermehren; ihre Thraͤnen und Seufzer zeigten einen mehr als gewoͤhnlichen Antheil. So wie aber unſere Hel⸗ din bis zu der wichtigen Mittheilung der Ent⸗ deckung in St. Cuthbertsthurm kam, und das Gemaͤlde des Grafen von Aubiné aus ihrem Buſen zog, fiel die Nonne mit einem heftigen Schrei beſinnungslos zu Boden. Vergebens verſuchte Angelica alles, ihre Lebensgeiſter wieder zuruͤck zu rufen, und ſah ſich endlich genoͤthigt, in das Kloſter nach Huͤlfe zu eilen. In dieſem Zuſtande ward Roſa, von den herbeikommenden Nonnen, in die Celle getragen, und ihre erſte Bitte 138 Anch Angelica glaubte fuͤr den Augen⸗ blick ſich zuruͤckziehen zu muͤſſen, am folgenden Morgen aber erſchien ſie ſchon fruͤh bei ihrer Freundin, und fand ſie, obwohl ſehr angegrif⸗ fen, doch nicht krank. Bei Angelica's Anblicke erhob ſie ſich von ihrem Kiſſen, winkte ihr mit der Hand, ſich neben ſie zu ſetzen, und ſammelte bald hinlaͤng⸗ lich Kraͤfte, um ihr mit zitterndem Tone ſagen zu koͤnnen; Ohne Zweifel muß euch der unge⸗ 3 woͤhnliche Eindruck, den eure Erzaͤhlung auf mich machte, in Erſtaunen geſetzt haben, theures Fraͤulein, und ihr duͤrft wuͤnſchen, mit der Ur⸗ ſache bekannt zu werden, die ihn hervorbrachte; nur war ich geſtern zu ſchwach dazu. Euer ed⸗ les Vertrauen verdient das meine ohne Ruͤck⸗ halt, und ich lege nun in euren Buſen ein Ge⸗ heimniß nieder, das ich noch keinem andern ver⸗ traut habe. Seht dann in mir die ungluͤckliche Graͤfin von Aubiné.— Auf das aͤußerſte erſchuͤttert, fiel Angelica bei dieſen Worten vor dem Bette der Nonne auf ihre Knie nieder, und war einige Augen⸗ blicke unfaͤhig, ein Wort hervorzubringen. 139 Sanft hob Roſa ſie vom Boden auf, ſchlang die Arme um ſie, und druͤckte ſe ſchweigend an ihr Herz. Theure, tief gekraͤnkte Frau, zief endlich An⸗ gelica, wie wenig konnte ich vermuthen, in der ver⸗ meinten Roſa, die Graͤfin Marianne zu finden, uͤber deren ungluͤckliches Geſchick, ich ſo manche Thraͤne geweint habe. Eben ſo wenig konnte ich ahnen, daß das junge ſchoͤne Weſen, dem ich ſchon ſo viel Danß ſchuldig bin, ſo genau mit meinem Schickſal be⸗ kannt ſei.— Aber komm, Angelica, ſetzte ſie heiterer hinzu, du biſt mir noch das Ende dei⸗ ner Erzaͤhlung ſchuldig, und dann will ich dir treu die Vorfaͤlle berichten, die mich ſeit meiner Entfernung aus St. Cuthbertsthurm, trafen. Willig begann Angelica den Faden ihrer Geſchichte wieder anzuknuͤpfen und weilte, ohne Ruͤckhalt, bei jedem Umſtande ihrer Bekanntſchaft mit Sigismund, von dem ſie mit der groͤßten Zaͤrtlichkeit ſprach. Ein Laͤcheln, welches ſich uͤber Roſa's Geſicht verbreitete, zeigte, wie ſehr ſie ihre junge Freundin verſtand. 5 Als Angelica geendet hatte, dankte ſie ihr 146o herzlich fuͤr ihr Vertrauen, und nahm nun ihrer⸗ ſeits auch das Wort.— Die Papiere, ſagte ſie⸗ welche ihr im Gefaͤngniſſe von St. Enthberts⸗ thurm fandet, waren am Abend vor meiner Ab⸗ reiſe geſchloſſen, und nebſt dem andern Inhalte des Kaͤſtchens, ſorgfaͤltig von mir* verborgen worden. Am folgenden Morzen trat ich meine trau⸗ rige Reiſe an, begleitet von meinem Kinde und und einem Diener, den mir St. Omer geſchickt hatte. Ich wußte nicht wohin wir fuhren, und ſah nur daß wir am Ende des vierten Tages, vor einem Kloſter ankamen, welches in einem duͤſtern Thale lag, und rings herum von him⸗ melhohen Bergen umgeben war.— Der finſtre Anblick dieſes Ortes, ſchien mit den Gefühlen, die meine Seele zerriſſen, uͤbereinzuſtimmen, und der Gedanke that mir wohl, hier in dieſer ab⸗ geſchloſſenen Einſamkeit, meinem Gram unge⸗ ſtoͤrt nachhaͤngen zu koͤnnen. Die Aebtiſſin des Kloſters der heiligen Benedickta, war bei weitem nicht ſo liebenswuͤrdig als die Unſrige; ihr ſtren⸗ ges, untheilnehmendes Weſen, konnte nicht die Qualen eines traurenden Herzens lindern.— In 141 dieſem duͤſtern Aufenthalte brachte ich mehrere Wochen ohne irgend einen Troſt, als die Gegen⸗ wart meines kleinen Lieblings, zu, deſſen Anblick zu gleicher Zeit meinen Kummer naͤhrte, und ihn auch wieder verſuͤßte, indem er die ſeligen Stunden vor meine Erinnerung rief, die mir auf immer entflohen waren. Aber auch dieſer letzte Troſt ward mir durch jenen Unmenſchen genommen, der mein ganzes irdiſches Gluͤck zer⸗ ſtoͤrte. Ein Befehl unſerer Trennung kam, und mein Kind, mein lieblich laͤchelnder, kleiner Ri⸗ chard, ward aus den Armen ſeiner verzweiflungs⸗ vollen Mutter geriſſen, und bis dieſen Augenblick bin ich unwiſſend uͤber ſein weiteres Schickſal. Dieſer Schmerz zog mir ein ſo heftiges Fie⸗ ber zu, daß man mehrere Tage um mein Leben beſorgt war; aber noch ſollte ich neuen Pruͤfun⸗ gen aufbehalten bleiben. Kaum war ich geneſen, als ich zu meiner groͤßten Beſtuͤrzung fuͤhlte, daß ich wieder Mutter werden wuͤrde. Der Gedan⸗ ke,, ein Kind von der ſo ungluͤcklichen Verbin⸗ dung mit St. Omer, unter dem Herzen zu tra⸗ gen, erfuͤllte mich mit Entſetzen; halb wahnſin⸗ nig brachte ich mehrere Monate zu, und erſt 142 kurz vor meiner Entbindung kehrte mein voͤlli⸗ ges Bewußtſein zuruͤck. Ich gebahr einen Sohn der Theodor genannt ward; aber jedes zartere Gefuͤhl der Natur, ward durch die Erinnerung zuruͤckgedraͤngt, welchen ſchrecklichen Begebenhei⸗ ten, er ſein Daſein verdankte, und ich ſchauder⸗ te mit Abſcheu vor dem Anblicke des unſchuldigen Weſens zuruͤck. Endlich aber hatten Zeit und Pflichtgefuͤhl meinen Widerwillen gegen das ar⸗ me Geſchoͤpf gemaͤßigt, als auch er von mir geriſſen ward, und ſein Verluſt ſchmerzte mich mehr, als ich es geglaubt hatte. Von dieſem Zeitpunkte an vergingen meh⸗ rere Jahre, ohne einen bedeutenden Vorfall fuͤr mich; ſchon fing meine Seele an, ſich mit from⸗ mer Ergebung in ihr Schickſal zu fuͤgen, als ich wieder einen Brief von St. Omer empfing, worin er mir befahl den Schleier anzunehmen. Mich ſeinem Willen zu widerſetzen, wuͤrde nur noch groͤßeres Mißgeſchick uͤber mich gebracht haben, und in dieſer Hinſicht zog ich das Ge⸗ luͤbte, welches mich auf ewig von der Welt ſchied, dem Greuel vor, mit dem Manne, den ich verabſcheuete, als Frau zu leben. In ſei⸗ 8 143 nen Beſehl willigend, bat ich ihn nur, mir zu erlauben, in einem andern Kloſter, wo die Re⸗ geln weniger ſtrenge waͤren, den Schleier neh⸗ men zu duͤrfen. Sei es nun, daß meine langen Leiden endlich das Herz des Tyrannen erweicht hatten, oder daß ihm der Ort meiner Gefangen⸗ ſchaft gleichguͤltig ſeyn mochte, ſobald ich ihm nur nicht ſchaden konnte; genug ich ward kurz darauf hierher gebracht, wo ich meine Probezeit begann, und ſchon nach Verlauf von ſechs Mo⸗ naten, auf mein eignes Bitten, den ſchwarzen Schleier nahm. Von dem Augenblicke an, theure Angelica, iſt mein Leben ruhig und ungeſtoͤrt, dahingefloſ⸗ ſen, und ich habe das ſuͤße Bewußtſein, die Ach⸗ tung der uͤbrigen Schweſtern zu verdienen, ſeit ich unter ihnen lebe. Jede beeifert ſich, mir mit freundſchaftlicher Aufmerkſamkeit entgegen zu kommen, und waͤre etwas im Stande den na⸗ genden Wurm des Kummers aus meinem Her⸗ zen zu ziehen, ſo wuͤrde es dieſen wuͤrdigen Non⸗ nen gelungen ſeyn, mich davon zu befreien.— Aber dieſer Schmerz iſt unheilbar, und in ſteter Trauer uͤber den Tod eines geliebten Mannes, 144 und den Raub eines theuren Kindes, finde ich nur Troſt in dem Gedanken, bald mit ihnen in beſſeren Regionen vereint zu ſeyn. Hier ſchloß Roſa ihre Geſchichte, welche Angelica mit der groͤßten Theilnahme angehoͤrt hatte; da ſie nun aber die Ermuͤdung der Nonne bemerkte, begab ſie ſich bald hinweg, und ſtahl ſich in den Garten, um dort ihren Gedanken ungeſtoͤrt nachhaͤngen zu koͤnnen; der Antheil, den ſie ſeit langer Zeit an der ſchwermuͤthigen Schweſter genommen hatte, war jetzt noch um ein Großes vermehrt, da ſie wußte, wen ſie in der vermeinten Roſa liebte. Sie ſegnete den Augenblick, der ſie in dieß Kloſter gebracht, da er ihr Gelegenheit gegeben hatte, die ungluͤck⸗ liche Graͤfin von Aubiné wieder aufzufinden. 145 Dreiundzwanzigſtes Capitel. Da nach dieſer gegenſeitigen Mittheilung kein Geheimniß mehr unter den beiden Freun⸗ dinnen Statt fand, ſuchte Angelica auf jede Weiſe Roſa's Sorgen zu lindern, die auch bald in dem Umgange ihrer liebenswuͤrdigen Ge⸗ faͤhrtin, einen Theil ihrer Schwermuth zu ver⸗ lieren ſchien. Schon waren einige Wochen ver⸗ gangen, ſeit ſie ſich einander naͤher gekommen waren, als eines Morgens eine der Laienſchwe⸗ ſtern mit der Nachricht zu ihnen eintrat, daß Angelica's Gegenwart im Sprachzimmer ver⸗ langt werde.— Dieſe folgte ungeſaͤumt dem Rufe, und fand zu ihrem groͤßten Erſtaunen ih⸗ ren Bruder und Sigismund dort.— Nach den freundlichſten Bewillkommnungen, ſagte Oscar ſeiner Schweſter, daß, da das Lager wieder in die Nachbarſchaft des Kloſters verlegt worden ſei, er dem Verlangen nicht habe widerſtehen II. 16 146 konnen, ſich durch ſeine eigenen Augen zu uͤber⸗ zeugen, ob ſie ſich in ihrem gegenwaͤrtigen Auf⸗ enthalte gluͤcklich fuͤhle. Angelica verſicherte ihn ihrer voͤlligen Zu⸗ friedenheit/ eilte aber, die Aebtiſſin herbeizuho⸗ len, welche lange den Wunſch geaͤußert hatt⸗ ſeine Bekanntſchaft zu machen. Dieſe erſchien bald, bewillkommte ihre Gaͤſte auf das hoͤflichſte, bat ſie, die herbeigebrachten Erfriſchungen zu ſich zu nehmen, und entfernte ſich dann wieder, um den Geſchwiſtern keinen Zwang durch ihre Naͤhe aufzulegen. In der nun folgenden Unterhaltung ſchil⸗ derte Angelica mit Entzuͤcken die zuvorkommende Aufmerkſamkeit, welche ihr von den Bewohne⸗ rinnen des Kloſters zu Theil ward, und. ent⸗ warf vorzuͤglich ein ſo anziehendes Gemaͤlde von ihrer neuen Freundin, ohne jedoch etwas wei⸗ teres von ihr zu entdecken, daß Oscar den Wunſch nicht zuruͤckhalten konnte, dieſe ſo in⸗ tereſ ante Fremde kennen zu lernen.— Angelica unternahm es, ihre Freundin dazu zu uͤberreden, und es gelang ihr, ſie aus dem Garten, worin ſie eben auf und ab wandelte, in das Sprach⸗ 147 zimmer zu fuͤhren, wo ihre Ankunft von den beiden Kriegern mit Sehnſucht erwartet ward. So geſpannt aber dieſe Erwartung auch war, fanden ſie ſie doch noch weit uͤbertroffen, als Schweſter Roſa hereintrat; kaum glaubten ſie, in der aͤtheriſchen Geſtalt eine wirkliche Be⸗ wohnerin dieſer Welt vor ſich zu ſehen; eine leichte Roͤthe, die ſich uͤber ihr Antlitz verbrei⸗ teer hatte, gab ihr den Ausdruck einer uͤberir⸗ ddiſchen Schoͤnheit, und erhoͤhete die Anmuth ihres Weſens. Mit Verehrung naheten Oscar und Sigis⸗ mund ſich ihr, kaum aber hefteten ſich Roſa's Augen auf den letzteren, als ſie ploͤtzlich zuruͤck⸗ wich, todtenbleich ward und krampfhaft zitternd zu Boden fiel. Nachdem man⸗ihr vergebens alle nur moͤgliche Huͤlfe geleiſtet, ward ſie in ihre Celle gebracht, von welcher Angelica, nach⸗ dem ſie ſie dem Beiſtande ihrer Gefaͤhrtinnen auͤberlaſſen hatte, ſo bald als moͤglich zu ihrem Bruder und Sigismund zuruͤckeilte, die ſie in der aͤußerſten Beſtuͤrzung gelaſſen hatte. Sie beruhigte ſie durch die Verſicherung, daß, da die Geſundheit der Nonne ſo ſchwach ſei, ver⸗ 2* 148 muthlich der Eindruck, den ein paar fremde Geſtalten auf ſie gemacht haͤtten, zu erſchuͤtternd fuͤr ihre zarten Lebensgeiſter geweſen waͤre; aber weiter keine Folgen haben wuͤrde. Das Geſpraͤch wandte ſich ſchon wieder auf andere Gegenſtaͤnde, als eine Botſchaft von der Schweſter Roſa erſchien, die Angelica dringend einlud, gleich in ihrer Celle zu erſcheinen.— Glanalvon erhob ſich bei dieſer Nachricht von ſeinem Sitze, und hielt es beſſer, ſeine Schwe⸗ ſter in dieſem Augenblicke zu verlaſſen; doch ſchied er nicht ohne das Verſprechen, binnen ein paar Tagen wieder zu kommen. Angelica eilte nun zu ihrer Freundin, die bei ihrem Eintritte die uͤbrigen Schweſtern bat, ſich hinwegzubegeben. Sobald ſie ſich mit einander allein befanden, richtete ſie ſich in ih⸗ rem Bette auf, ergriff des Fraͤuleins Hand, und ſagte mit einem bedeutenden Tone: Angelica, ich weiß, dein edles Herz wird die Schwaͤche deiner ungluͤcklichen Freundin ver⸗ zeihen, wenn ich dir geſtehe, daß ein Traum⸗ bild meiner zerruͤtteten Einbildungskraft mich auf einmal ſo heftig ergriff. Sage, theure Ange⸗ 149 lica, war es wirklich nur ein Traumbild, oder hat irgend eine ſcheinbare Aehnlichkeit mit einem Weſen, das ſich lange nicht mehr auf dieſer Erde beſindet, meine Sinne verwirrt?— Es war mir, indem ich in das Sprachzimmer trat, als ſtehe die Geſtalt meines Valentins, jugend⸗ lich bluͤhend, ſo wie ich ihn in den erſten Ta— gen unſerer gluͤcklichen Liebe kannte, in der Klei⸗ dung eines Kriegers vor mir. Er laͤchelte, als er mich ſah, und wollte mir entgegentreten; aber ehe ich noch die geliebte Geſtalt umfaſſen konnte, fiel ein Schleier vor meine Augen, und ich verlor das Bewußtſein bis zu dem Augen⸗ blicke, da ich, wie aus einem Traume erwa⸗ chend, mich hier auf meinem Lager, umgeben von der uͤbrigen Schweſterſchaft, befand. Theure Freundin, erwiderte Angelica, ge⸗ wiß habt ihr euch getaͤuſcht.— Kein anderer Menſch, außer meinem Bruder und Sigismund, befand ſich im Sprachzimmer, als wir hinein⸗ traten, und das Ganze war alſo wohl nur das Gebilde einer erhitzten Einbildungskraft, viel⸗ leicht erregt durch Gedanken, die euch kurz vor⸗ her beſchaͤftigt hatten.. 7 150 Es mag ſeyn; aber das Bild war zu voll⸗ kommen fuͤr eine bloße Erſcheinung; ſelbſt in dieſem Augenblicke, koͤnnte ich die Geſtalt noch malen, welche vor mir ſtand. Anſehen, Klei⸗ dung und Ausdruck ſtehen bis auf die geringſte Kleinigkeit noch lebhaft vor meiner Seele, ſogar die reichgeſtickte, purpurfarbene Schaͤrpe, welche von ſeinen Schultern herunterhing. Angelica ſtutzte.— Ich erinnere mich, daß Sigismund eine ſolche Schaͤrpe trug, wel⸗ che ich ihm ſelbſt gegeben habe; doch kann ich mir nicht erklaͤren, woher ſeine Aehnlichkeit mit dem Grafen von Aubiné kommen ſollte. Die Nonne erwiderte nichts; ihre Seele ſchien in tiefen Gedanken verloren.— Nach ei⸗ nem langen Stillſchweigen fragte ſie endlich: wann ſie Sigismund wieder erwarte? Mein Bruder verſprach, in wenigen Tagen mit ihm wieder zu kommen, antwortete ſie. Dann, mein theures Maͤdchen, werde ich dich bitten, ihn zu mir zu fuͤhren, erwiderte Roſa.— Meine Seele beginnt einen Gedanken zu naͤhren, der, wenn er erfuͤllt wuͤrde, einen Strahl der Freude uͤber mein Leben verbreiten 131 koͤnnte.— Aber ſelbſt dir will ich meine Ver⸗ muthungen verſchweigen, bis ich von ihrer Wahr⸗ heit oder Falſchheit naͤher uͤberzeugt bin.— Ich muß dich jetzt ſogar bitten, mich allein zu laſſen, da meine voͤllig erſchoͤpften Lebensgeiſter der Nuhe beduͤrfen. Schweigend kuͤßte Angelica die Hand ihrer Freundin, und entfernte ſich, noch lange uͤber den geheimnißvollen Sinn ihrer Worte nach⸗ denkend, faſt fuͤrchtend, daß eine Art von Wahn⸗ ſinn darin liegen koͤnne, der durch die tiefen Sorgen, von denen ihr Gemuͤth fortwaͤhrend ge⸗ quaͤlt war, hervorgebracht worden waͤre. Nach wenigen Tagen erhielt ſie wieder einen Beſuch von den beiden Fremden, und als dieſe ſich angelegentlich nach dem Befinden der Schwe⸗ ſter Roſa erkundigten, machte Angelica ſie mit dem Wunſche derſelben, ſie wiederzuſehen, be⸗ kannt, indem ſie hinzufuͤgte, welch einen tiefen Eindruck Sigismund auf die Nonne gemacht habe.— Kurze Zeit darauf erſchien ſie mit ihrer bleichen, zitternden Freundin wieder bei ihnen.— So wie dieſe Sigismund gewahr ward, nahm ihre Bewegung ſichtlich zu, und „ 152 nur mit der hoͤchſten Anſtrengung konnte ſie den anmuthigen Gruß des Juͤnglings erwiedern. Verzeiht dieſe Bewegung, junger Fremd⸗ ling, ich beſchwoͤre euch darum, ſagte Roſa mit bebender Stimme. Sie wird durch eine wun⸗ dervolle Aehnlichkeit hervorgebracht, die ihr mit einem habt, der mir uͤber alles theuer war. Eine ſo vollkommene Gleichheit unter Fremden, iſt etwas ungewoͤhnliches, und erweckt zugleich Erſtaunen und Vermurgungen in mir. Saget mir alſo, wer ihr ſeid, und endet eine Ungewiß⸗ heit, die ich nicht laͤnger ertragen kann. Mein Name, ehrwuͤrdige Frau, erwiderte der junge Krieger, iſt Sigismund. Meine Ge⸗ burt iſt niedrig; die Natur hatte mich zum Bauernſtande beſtimmt; aber meine Wuͤnſche ſtrebten nach hoͤheren Dingen, und ich ſuchte auf dem Felde der Ehre, Nang und Gluͤck. Nein, es kann nicht ſeyn, rief Roſa aus; eure Sprache, eure Sitten, euer ganzes We⸗ ſen, beweiſen, daß ihr zu etwas hoͤherem gebo⸗ ren ſeid. Saget mir, waltete kein Geheimniß bei eurer Geburt ob, das im Stande waͤre, dieß Raͤthſel zu loͤſen? 153 Nicht daß ich wuͤßte, erwiderte Sigismund; bis zu dieſem Augenblicke habe ich nie irgend einen Zweifel gehabt, daß meine Abkunft nicht ſo waͤre, wie ich es euch eben geſagt habe; aber ihr erweckt auch in meiner Seele einen Gedanken, den ich fruͤher nie gewagt habe zu naͤhren, und nur zu gern moͤchte ich glauben, daß der niedere Sigismund ein lacht haͤtte zu hoͤheren Anſpruͤchen. Glaubt mir, fuhr die Nonne fore, meine Fragen entſtehen nicht aus Neugierde, um in ein Geheimniß zu dringen, das ihr verborgen halten moͤchtet; ein ſonderbares Zuſammentref⸗ fen von Umſtaͤnden fuͤhrt mich dahin, die Hoffnung zu naͤhren, in euch einen geliebten Gegenſtand wiederzufinden, uͤber deſſen Verluſt mein Herz ſich lange in ſtillem Grame verzehrt hat. Ich war einmal ſo gluͤcklich, den geheilig⸗ ten Mutternamen zu fuͤhren; aber das zarte Kind ward durch raͤuberiſche Gewaltthaͤtigkeit aus meinen Armen geriſſen, und deine auffal⸗ lende Aehnlichkeit mit meinem Gatten bringt mich auf den Gedanken, daß du dieß huͤlfloſe lang beweinte Kind biſt. 154 Roſa ſchwieg.— Die gluͤhende Wange und das blitzende Auge des Juͤnglings verriethen den Eindruck, d den ihre Worte auf ihn gemacht hatten. Gott! rief er endlich aus, was wil dieſe ſonderbare, geheimnißvolle Sprache ſagen? War⸗ um Hoffnungen in mir erwecken, die nie in Erfuͤllung gehen werden? Und doch koͤnnen ſie es, verſetzte die Nonne ſchnell.— Mein Sohn hatte an dem einen Arme, unter dem Ellenbogen, ein Mahl in Geſtalt ei⸗ nes Pfeiles.— Habt ihr ein ſolches Mahl? Ich habe es, antwortete Sigismund kaum hoͤrbar, und indem er den Aermel in die Hoͤhe ſtreifte, zeigte er dieß unbeſtreitbare Zeichen ſei⸗ ner Blutsverwandtſchaft der tief erſchuͤtterten Roſa, welche, ſobald ſie nur einen Blick darauf geworfen hatte, mit dem Ausrufe: mein Kind, mein Sohn! beſinnungslos niederfiel. Sigismund wankte, und warf ſich bewegt an die Bruſt des neben ihm ſtehenden Freun⸗ des, waͤhrend Angelica, beſtuͤrzt uͤber den Auf⸗ tritt, von dem ſie eben Zeugin geweſen, mit aͤngſtlicher Theilnahme um Roſa beſchaͤftigt war. 1 155 Endlich kehrte die Farbe des Lebens auf die bleichen Wangen der Nonne zuruͤck, und indem ſie die Augen in die Hoͤhe ſchlug, und die ju⸗ gendliche Freundin erblickte, fragte ſie mit be⸗ bender Stimme: war es ein Traum, oder habe ich wirklich den lange verlornen Sohn wieder⸗ gefunden? Mutter! rief Sigismund, ſich aus den Ar⸗ men ſeines Freundes reißend, und zu ihren Fuͤ⸗ ßen ſtuͤrzend, erlaubt mir, euch dieſen heiligen Namen zu geben; aber ſagt mir, warum wir einander ſo lange fremd geweſen ſind, und ob ich noch hiernieden die ſuͤße Umarmung eines Vaters zu hoffen habe? Bei dieſer Frage wechſelte Roſa ſchtüch die Farbe und antwortete traurig: Nie, mein Sohn, wird dir auf dieſer Welt dieß Gluͤck zu Theil werden; aber du darfſt nicht erroͤthen uͤber deine Mutter, denn du danumſ aus edlem Blute. Oh, ſo ſagt mir, wer war mein Vater? rief Sigismund. 3* Haſt du jemals den Namen des ruͤhmlichen Geſchlechts der Aubiné nennen gehoͤrt? antwor⸗ * 156 tete Roſa wuͤrdevoll; du biſt der letzte dieſes edlen Stammes, den die guͤtige Vorſehung ge⸗ gen die Raͤnke eines boshaften vrindes erhaſ ten hat. Die Empfirdung, welche Sigismund bei dieſem Namen ergriff, der kauſend Erinnerungen in ſeinem Innern erweckte, war ſo ſtark, daß Glanalvon den laut ſchluchzenden Juͤngling kaum in ſeinen Armen aufrecht erhalten konnte. Zaͤrt⸗ lich lehnte die Mutter ſich uͤber ihn, und be⸗ deckte den wiedergefundenen Liebling ihrer Seele mit tauſend Liebkoſungen, waͤhrend Angelica weinend an ihrer Seite kniete, und mit theil⸗ nehmendem Auge, den Geliebten betrachtete. Erſt nach einiger Zeit, als alle Gemuͤther ruhiger geworden waren, konnte Roſa einzelne Zuͤge aus ihrem vergangenen Leben erzaͤhlen. Auf Sigismunds Antlitz malten ſich ab⸗ wechſelnd, Mitleid, Abſcheu und Zorn, als er die Leiden der Mutter aus ihrem eigenen Munde erfuhr; ein ungewoͤhnlicher Stolz flammte aus ſeinen ſchoͤnen Augen, und als Roſa endlich am Ende ihrer Schilderung war, rief er heftig: Unmenſch! hoͤlliſcher Teufel! theuer ſollſt du die 7 457 3 Reihe deiner Schandthaten buͤßen! der Sohn deßjenigen, den du ſo niedrig 4 wird als Naͤcher deiner Verbrechen vor dir ſtehen.— Mutter, geliebte Mutter, fuͤgte er in milderem Tone hinzu, trockne deine Thraͤnen! dein Sohn wird auch dich raͤchen, und wenn die kindlichſte Liebe im Stande ſeyn kann, die Erinnerung deiner vergangenen Qualen zu lindern, ſo wirſt du ſie in deinem Sigismund ſinden. Schweigend zog ſie den Sohn noch einmal an ihren muͤtterlichen Buſen, und druͤckte ihn feſt an ihr hochſchlagendes Herz, als die Aeb⸗ tiſſin hereintrat, und ſtaunend die gluͤckliche Gruppe vor ſich betrachtete.— Roſa zog ſich aus der Umarmung ihres Sohnes, ging auf ſie zu, und machte ſie mit dem ganzen Vorfalle bekannt.— Die guͤtige Frau nahm den innig⸗ ſten Antheil an dieſer ſo gluͤcklichen Wendung des widrigen Geſchickes der Nonne, und rieth, nachdem ſie den Verlauf der Erzaͤhlung gehoͤrt hatte, ſogleich einen Boten an Jacobine zu ſchicken, der ſie baͤte, ſich im Kloſter einzufin⸗ den, damit man von dieſer guten Alten erfuͤhre, auf welche Weiſe Sigismund ihren Haͤnden uͤber⸗ liefert worden ſei, da ihr Zeugniß, bei den fer⸗ neren Anſpruͤchen auf ſeinen Namen und ſeine Rechte, durchaus nothwendig waͤre.— So⸗ gleich ward Jemand mit dem Bedeuten an Ja⸗ cobinen geſandt, daß Lady Angelica Glanalvon ſie, ſobald als moͤglich, im Kloſter der E beiligen Agnes zu ſehen wuͤnſche. Schwer trennte ſich Roſa jetzt von dem ge⸗ liebten Sohne,(dem, nebſt ſeinem Freunde, auf Befehl der Aebtiſſin, Zimmer in einem be⸗ nachbarten Gebaͤude angewieſen wurden, welches zur Aufnahme der Pilger und Fremdlinge dien⸗ te) um am Fuße des Altars, ihren Dank der Vorſehung abzuſtatten, die ſie ſo wunderbar ge⸗ fuͤhrt hatte. Nachdem ihr Gemuͤth ſich im Ge⸗ bet erhoben und geſtaͤrkt hatte, kehrte ſie zu der Aebtiſſin und Angelica zuruͤck, um mit ih⸗ nen den noch uͤbrigen Theil des Tages zuzubrin⸗ gen. Schon hatte das Geruͤcht der wundervol⸗ len Begebenheit ſich im ganzen Kloſter verbrei⸗ tet, und es gab kein Herz, welches nicht an ihrer Freude Antheil genommen haͤtte. Amn folgenden Morgen erſchien Sigismund fruͤhzeitig im Sprachzimmer, und kaum hatte er 159 den muͤtterlichen Segen empfangen, als ſchon eine Laienſchweſter Jacobinens Ankunft ankuͤn⸗ digte, die bald darauf mit der Aebtiſſin und Angelica hereinkam.— Bei Sigismunds An⸗ blicke ſprang ſie mit freudigem Jauchzen auf, ihn zu/ umarmte ihn, und nannte ihn mit tau⸗ ſend zaͤrtlichen Namen. Als das erſte Entzuͤcken des Widerſchens voruͤber war, wandte die Aebtiſſin ſich mit guͤ⸗ tigem Tone an Jacobine. Ohne Zweifel ſeid ihr, liebe Frau, uͤber die unerwartete Auffor⸗ derung erſtaunt, hier im Kloſter zu erſcheinen; aber euer Beiſein iſt von groͤßerer Wichtigkeit, als ihr vielleicht ahnet. Ich fordere, im Na⸗ men der Perſonen, welche ihr hier verſammelt ſeht, das Geſtaͤndniß von euch, ob dieſer junge Mann, der euch bis hieher als ſeine Mutter be⸗ trachtet hat, wirklich euer Sohn iſt? Jacobine ward blaß, und indem ſie der Aebtiſſin zu Fuͤßen fiel, rief ſie: oh, ehrwuͤrdige Frau, ich bin unſchuldig! um des Himmels willen, habt Erbarmen mit mir! Seid nicht erſchrocken, gute Alte, erwiderte die Aebtiſſin, euch ſoll kein Leids geſchehen, nur Wahrheit fodere ich von euch; iſt dieſer Juͤng⸗ ling euer Sohn? Er iſt es nicht, entgegnete Jacobine, ſo wahr mir Gott und die heilige Jungfrau hel⸗ fen moͤgen! Gott ſei gelobt, nun iſt mein Gluͤck gewiß! rief Roſa, ihr weinendes Geſicht an Augeliess Buſen verbergend. Die Aebtiſſin hob die noch immer in de⸗ muͤthiger Stellung vor ihr liegende Jacobine vom Boden auf, und bat ſie nun, ſich zu ſam⸗ meln, um im Zuſammenhange erzaͤhlen zu koͤnnen, auf welche Art Sigismund ihren Haͤnden uͤber⸗ liefert worden ſei. Ihr koͤnnt eure Liebe zu eurem Pflegeſohne auf keine Weiſe beſſer beweiſen, fuͤgte ſie hinzu, und uͤberdieß koͤnnt ihr ſeiner Dankbarkeit fuͤr euer ganzes Leben verſichert ſeyn, wenn ihr uns wahrhaft die Umſtaͤnde mittheilt, die ihn zu euch gebracht haben. Gott weiß, erwiderte die Alte weinend, daß er mir immer eben ſo theuer geweſen iſt, als wenn ich ihn ſelbſt gebohren haͤtte, und meine groͤßte Seligkeit wuͤrde darin beſtehen, ihn zu ei⸗ nem vornehmen Herrn erhoben zu ſehen.— Moͤge 161 der liebe Junge ſelbſt die Wahrheit meiner Be⸗ hauptung beſtaͤtigen.— Theure gute Mutter, rief Sigismund, ſie herzlich umarmend, wie koͤnnte ich wohl an eu⸗ rer Liebe zweifeln? glaubt mir, was auch mein ferneres Geſchick ſeyn moͤge, ihr werdet immer ei⸗ nen dankbaren, zaͤrtlichen Sohn an mir haben. Aufgemuntert durch dieſe liebevollen Worte, begann die zaghafte Alte endlich ihre Erzaͤhlung/ wie die Leſer ſie im folgenden Kapitel erfahren werden. Vierundzwanzigſtes Kapitel. — Es ſind nun zwei und zwanzig Jahre, ſagte Jacobine, ſeit ich mit meinem Manne in der Huͤtte bei St. Cuthbertsthurm lebte. Wir hat⸗ ten nur zwei Kinder, die beide fruͤh ſtarben; und nicht lange nach dem Verluſte meines juͤng⸗ ſten Knaben, als ich eines Abends traurig da ſaß, kam mein Mann, mit einem Buͤndel in II. 11 162 ſeinen Armen, heim. Sieh da, Jacobinchen, rief er mir freudig entgegen, hier bringe ich dir et⸗ was, das ich dieſen Abend gefunden habe, und indem er das Tuch auseinander ſchlug, zeigte er mir ein ſchoͤnes, reichgekleidetes Kind, in einen ſcharlachrothen Mantel gehuͤllt, welches ungefaͤhr gegen zwei Jahre alt ſeyn mochte.— Heilige Jungfrau! rief ich aus, wo haſt du das de⸗ funden, Stephen?. Als ich von der Arbeit zuritkehrte„ und durch den Wald ging, erwiderte er, ſah ich bei dem hellen, ſchoͤnen Mondlicht unten am Waſ⸗ ſer, das an der einen Seite die Klippen beſpuͤlt, deutlich etwas im Schilfe liegen. Ich brach einen Aſt ab, kletterte mit Huͤlfe deſſelben hin⸗ unter, unterſuchte es naͤher, und endlich gslang es mir, es gluͤcklich ans Land zu bringen; indem ich nun aber den Buͤndel aufband, fand ich dieß Kind hier darin. Der arme Wurm ſchrie, und ſah ſo bejammernswerth aus, daß ich es nicht uͤber mein Herz bringen konnte, ihn liegen zu laſſen; ſo magſt du ihn denn hinnehmen, Jacobine, fuͤr den Kleinen, den du eben verloren haſt.— Sieh, wie ſtattlich das Kind ausgeruͤſtet iſt; gewiß ſtammt 163 es von vornehmen Eltern, und wer weiß, ob es nicht noch eines Tages unſer Gluͤck macht! Mir war es ganz recht, fuhr Jacobine fort, daß mein Mann ſich des armen Wurmes anneh⸗ men wollte, deſſen verlaſſene Lage mir zu Her⸗ zen ging; und willig verſprach ich, das Meinige fuͤr ihn zu thun.— Wir theilten den ganzen Vorfall dem Herrn Pfarrer mit, der uns wegen unſerer chriſtlichen Geſinnungen lobte; auf ſei⸗ nen Wunſch nannten wir das Kind Sigismund, welches von dem Augenblicke an ganz wie un⸗ ſer eigenes betrachtet ward; und nie haben wohl Eltern einen zaͤrtlichern, folgſameren Sohn ge⸗ habt, als er es gegen uns geweſen iſt.— Schon fruͤhzeitig gab er manche Beweiſe ſeiner vornehmen Geburt, und oft hat mein ſeliger Mann von der Freude geſprochen, die wir beide empfinden wuͤr⸗ den, wenn er ſeine rechtmaͤßigen Verwandten vielleicht einſt wieder auffinden ſollte; aber es gefiel Gott nicht, meinem Stephen dieſe Freude zu geſtatten; denn er wurde von dieſer Welt gerufen, als Sigismund noch ein Kind war, und nun kann ich mich leider! nur allein uͤber meines lieben Jungen Gluͤck erfreuen. 11* 164 Dieß, ehrwuͤrdige Frau iſt die wahrhafte Erzaͤhlung der ganzen Begebenheit, die ich, wenn es verlangt wird, bereit bin, ſogar vor dem Throne zu beſchwoͤren. Als die gute Alte geendet hatte, nahers Noſa ſich ihr, ergriff freundlich ihre Hand und ſagte: Habt Dank, liebe Frau, fuͤr eure treue Schilderung; vergebens aber wuͤrde ich es ver⸗ ſuchen, euch mit Worten meine Erkenntlichkeit fuͤr die muͤtterliche Liebe und Sorgfalt auszudruͤcken, die ihr meinem Sohne erwieſen habt. Ja, Ja⸗ cobine, in mir ſeht ihr die leibliche Mutter eu⸗ res Pflegekindes; und ſollte der geſegnete Au⸗. genblick je kommen, da er in ſeine lang verlor⸗ nen Rechte wieder eingeſetzt wuͤrde, ſo ſollt ihr gewiß nicht Urſache haben, das Mitleid zu be⸗ reuen, welches ihr dem verlaſſenen Knaben er⸗ wieſen habt. Sigismund uͤberlaſſe ich es, euch mit der umſtaͤndlichen Geſchichte ſeiner Geburt bekannt zu machen, fuͤgte ſie hinzu, indem ſie ſich mit der Aebtiſſin und Angelica hinwegbegab, um mit der erſteren noch uͤber die zweckmaͤßig⸗ ſten Mittel zu berathſchlagen, wie man ihrem Sohn wieder zu den Rechten ſeiner Vorfahren verhelfen koͤnne. 165 Als nun Sigismund, waͤhrend der Zeit, ſeiner erſtaunten Pflegemutter alles genau erzaͤhlte, was zur Entdeckung ſeiner Geburt geholfen hatte, lachte und weinte ſie abwechſelnd, druͤckte ihn an ihre Bruſt, und flehete tauſend Segnungen uͤber die liebenswuͤrdige Lady Angelica herab, der man doch eigentlich hauptſaͤchlich die ganze gluͤckliche Entwickelung zu danken habe, da, ohne ihre Bekanntſchaft mit Roſa, dieſe ihn ſchwerlich je wuͤrde wiedergefunden haben.— Hiervon war Sigismund gewiß nicht weniger durchdrungen, als die Alte, und innig ſehnte er ſich nach dem Augenblicke, da es ihm vergoͤnnt ſeyn wuͤrde, zu den Fuͤßen ſeiner angebeteten Angelica, die Dankbarkeit und Zaͤrtlichkeit auszuſprechen, wel⸗ che ſeine Seele fuͤr ſie empfand. Mehrere Tage hindurch war Noſa nur von dem Gedanken erfuͤllt, wie ihres Sohnes Gluͤck am beſten zu begruͤnden ſei; die Aebtiſſin und Pa⸗ ter Leonardo, der Beichtiger des Kloſters, ſtanden ihr redlich bei, und endlich ward, nach vielen reif⸗ lichen Erwaͤgungen, ausgemacht, daß ſie mit ih⸗ rem Sohne, ſich ſelbſt zum Marquis von Montri⸗ eul begeben ſollte, um ihn ſeiner Verbrechen zu 166 zeihen, und Genugthuung zu fordern; im Falle er ſich aber dennoch weigern wuͤrde, ſollte die ganze Sache den Gang des oͤffentlichen Rechts gehen.— Durch die Vermittelung der Aebtiſſin, ward bald die biſchoͤfliche Erlaubniß fuͤr Roſa ausgewirkt, das Kloſter auf unbeſtimmte Zeit ver⸗ laſſen zu duͤrfen; und wenige Tage darauf, be⸗ gab ſie ſich, begleitet von Sigismund, Angelica und dem guten Pater Leonardo, auf den Weg nach Paris. Glanalvons Lage machte eine laͤn⸗ gere Entfernung unmoͤglich; Jacobine aber ward, noͤthigen Falls, als Zeugin mitgenommen. Mit unbeſchreiblichen Empfindungen ſah Roſa ſich noch einmal auf dem Punct, in das Gewir⸗ re der Welt wieder einzutreten, der ſie auf im⸗ mer entſagt zu haben glaubte; Mutterpflicht⸗aber forderte dieß Opfer von ihr, und ſie rief alle Kraft ihrer Seele auf, um die Probe wuͤrdig zu beſtehen. Waͤhrend der Reiſe hatte Sigismund oͤf⸗ tere Gelegenheiten, Angelica ohne Zeugen zu ſehen, und er benutzte die koſtbaren Augen⸗ blicke, um ihr von ſeiner Liebe zu ſprechen, und um ihre Gegenliebe zu bitten, deren er ſich nun nicht mehr unwerth glaubte. 167 Angelica aber bat ihn, davon zu ſchweigen, bis das gegenwaͤrtige, ſo wichtige Geſchaͤft be⸗ endigt ſei, und es ihm geſtattet ſeyn wuͤrde, ſich gerade an ſeine Mutter und Oscar zu wenden. Sigismund fuͤhlte die Zartheit dieſer Bitte; An⸗ gelica laͤchelte ihm freundlich, wie zuvor, und er unterdruͤckte jeden andern Wunſch, bis er die Pflicht des Sohnes gegen die theure Mutter voͤllig erfuͤllt haben, und ſich in ſeine Rechte eingeſetzt ſehen wuͤrde. Endlich kamen unſere R deiſendeni in Paris an, und begaben ſich nach einigen noͤthigen Vorbe⸗ reitungen, ſogleich in das Haus des Marquis. Auf ihr Verlangen, vor ihn gelaſſen zu werden, benachrichtigte man ſie, daß traurige Familien⸗ verhaͤltniſſe ihn hinderten, Fremde zu ſehen. Wir ſind dem Marquis nicht fremd, erwi⸗ derte Pater Leonardo, obgleich Zeit und Abwe⸗ ſenheit vielleicht das Andenken alter Bekannten aus ſeinem Gedaͤchtniſſe verloͤſcht haben moͤgen. Unſer Geſchaͤft mit ihm iſt von der groͤßten Wichtigkeit, und im Namen meines heiligen Be⸗ rufs, muß ich darauf beſtehen, daß wir unver⸗ zuͤglich zu ihm gefuͤhrt werden. 163 Ich will Ew. Hochwuͤrden Auftrag meinem Herrn hinterbringen, verſetzte der Diener, und eilte aus dem Zimmer; ſchon nach wenigen Mi⸗ nuten aber kam er zuruͤck und bat den Abt, ihm zu folgen, den er nebſt den uͤbrigen Gaͤſten in die Bibliothek fuͤhrte, wo der Marquis verſpro⸗ chen hatte, bald bei ihnen zu ſeyn. Schon als ſie durch die langen Hallen der Wohnung gingen, hatten unſere Reiſenden auf den Geſichtern aller ihnen begegnenden Die⸗ ner Beſtuͤrzung und Traurigkeit zu leſen ge⸗ glaubt, was ſie auf die Vermuthung fuͤhrte, daß den Bewohnern des Hauſes irgend ein Ungluͤck zugeſtoßen ſei; mit aͤngſtlicher Erwartung harre⸗ ten ſie nun der weitern Aufklaͤrung, als die Thuͤre der Bibliothek geoͤffnet ward, und der Marquis von Montrieul hereintrat. Bei dem Anblicke des Mannes, der das Ungluͤck ihres ganzen vergangenen Lebens gegruͤndet hatte, ſank die Graͤfin von Aubiné blaß und zitternd in die Arme ihres Sohnes.— Aber nicht der vor⸗ mals ſo uͤbermuͤthige St. Omer ſtand vor ihr; Spuren des Kummers und der Sorge lagen auf ſeinem Geſichte verbreitet, und die ſonſt ſo — 169 hohe, ſtolze Geſtalt ſchien nicht allein durch die Hand der Zeit, ſondern durch tiefen Schmerz zur Erde gebeugt.. Indem er die Graͤfin gewahr ward, ſtutzte er, ſeine Farbe wechſelte ſichtbar, und nicht im Stande, ein Wort uͤber die Lippen zu bringen, ſank er auf einen naheſtehenden Seſſel, als Pa⸗ ter Leonardo ſich im feierlichen Tone an ihn wandte: DOhne Zweifel, Marquis, ſeid ihr erſtaunt, hier ein Weſen zu erblicken, deſſen Daſein ihr vielleicht ſchon gaͤnzlich vergeſſen habt; aber wenn gleich kein menſchliches Ohr ihre Klagen vernahm, drangen ſie dennoch zu dem Throne des Allmaͤchtigen, der ein gerechtes Gericht uͤber eure Verbrechen beſchloſſen hatte.— Eure ver⸗ borgenen Schandthaten ſind ans Licht gebracht, und hier ſteht das, durch die Vorſehung geret⸗ tete Opfer eurer moͤrderiſchen Anſchlaͤge vor euch, um gegen euch zu zeugen. Obgleich die Worte des Abtes kraͤftig in das Herz des ſchuldbewußten Marquis drangen, welches ſeine faſt krampfhaft zitternde Geſtalt be⸗ 170 wies, verſuchte er doch, ſeine innere Bewegung zu verbergen, und erwiderte ſtolz: Ehrwuͤrdiger Vater was bedeuten dieſe kuͤh⸗ nen und beleidigenden Worte in dem Munde eines Mannes, der es beſſer verſtehen ſollte, wie es ſich gebuͤhrt, einen Hoͤheren anzureden? Darf ein grauer Pfaffe mich ungeſtraft, in mei⸗ nem eigenen Hauſe beleidigen? Gnaͤdiger Herr, verſetzte der Moͤnch, ich will eure ungeziemenden Reden nicht ahnden, obgleich das heilige Ordenskleid, welches ich trage, mehr Achtung heiſchte; auch laſſe ich mich dadurch nicht von meinem Zwecke abbrin⸗ gen. Was aber meine Worte bedeuten, ſollt ihr alſobald erfahren. Seht hier dieſen Juͤngling an, fuhr er fort, indem er Sigismund vor ihn fuͤhrte, betrachtet ihn wohl, und ſaget, ob ihr ſeine Geſichtszuͤge nicht erkennt? Kaum hatte der Marquis ſeine Augen auf Sigismund gerichtet, als er heftiger an zu zit⸗ tern fing, und Schreck und Beſtuͤrzung ſich deutlich auf ſeinem Geſichte malten.— Dem Moͤnch entging dieſe Bewegung nicht, in wel⸗ 17* cher er das Bewußtſein ſeiner Schuld zu leſen glaubte. Ihr werdet verlegen, Marquis, rief er, und wohl moͤgt ihr es ſeyn, denn hier ſteht der Sohn eures tief gekraͤnkten Bruders vor euch, der durch die Hand der Vorſehung vor dem fruͤhen Tode bewahrt ward, zu dem ihn eure Habſucht und Grauſamkeit beſtimmt hatten. Dieſelbe Vorſehung, welche ihn aus dem Waſſer errettete, floͤßte Mitleid fuͤr ſeine huͤlfloſe Lage in die Herzen fremder Menſchen, und leitete ihn endlich, durch die Bekanntſchaft mit dieſem edlen Fraͤulein, zu der Entdeckung ſeiner wah⸗ ren Geburt. Bei dieſen Worten zeigte der Abt auf die im Hintergrunde bei der Graͤfin ſtehende An⸗ gelica. Als der Marquis ſie erblickte, rief er: auch Angelica lebt! zu welchen neuen Wundern bin ich noch aufbewahrt! Ja, erwiderte Leonardo, auch ſie iſt eurer tyranniſchen Gewalt entgangen, und iſt eine der vorzuͤglichſten Zeuginnen gegen euch, in dieſem Augenblicke.— Wenn ihr aber Zweifel in meine Worte ſetzt, ſo kann ich noch andere Zeu⸗ 172 gen fuͤr die Guͤltigkeit der Geburt dieſes jungen Mannes bringen, die vor Gericht gegen euch auftreten, und euch der oͤffentlichen Strafe und Schande, die ihr verdient, Preis geben werden; aber ſo tief ihr auch die Graͤfin von Aubiné ge⸗ kraͤnkt habt, ſo iſt ihr edles Herz doch keines unverſoͤhnlichen Haſſes faͤhig, und ſie iſt ent⸗ ſchloſſen, unter der unerlaͤßlichen Bedingung, daß ihr ihren Sohn wieder in alle ſeine Rechte einſetzet, die ihr ſelbſt erwieſenen Beleidigungen zu vergeſſen.— Falls ihr aber dieſe gerechte Foderung verweigert, ſo habt ihr die vollkom⸗ menſte Rache der Geſetze fuͤr eure Verbrechen zu erwarten, und ich brauche euch wohl nicht zu erinnern, daß jene fuͤr einen Moͤrder keint Sichonnng Palen werden. 2 Hier ſchwieg der Moͤnch.— Mehrere Au⸗ genblicke blieb der Marquis ſtumm; ſein Ge⸗ muͤth ſchien von tauſend ſtreitenden Leidenſchaf⸗ ten zerriſſen. Schuld, Furcht und Scham druͤckten ſich abwechſelnd auf ſeinem Geſichte aus.— Endlich, nach einem langen Kampfe zwiſchen Stolz und Beſorgniß, ſiegte die letztere, 4 173 3 1 und mit einem weit anderen Tone, als das Rerſte Mal, wandte er ſich jetzt wieder zum Abt: Es wuͤrde vergeblich ſeyn, rief er aus, laͤn⸗ ger ein Verbrechen zu laͤugnen, von dem ihr nur zu deutliche Beweiſe habt. Ich geſtehe meine Schuld, und ſchon iſt eine ſchwere Ver⸗ geltung uͤber mich gekommen. Ja, ehrwuͤrdiger Herr, ihr ſehet in mir den ungluͤcklichſten aller Vaͤter! mein Sohn, der Liebling meines Her⸗ zens, er, in welchem ich die Stuͤtze meines Al⸗ ters zu ſehen hoffte, ſtirbt vor meinen Augen als Opfer ſeiner zuͤgelloſen Leidenſchaften, und ich fuͤhle nun alle die Qualen, die ich fruͤher, ohne Gewiſſensbiſſe, uͤber meinen frommen Bru⸗ der und ſeine tief gekraͤnkte Marianne ver⸗ haͤngt habe. 2 Die Thraͤnen des Marquis, welche, waͤh⸗ rend er ſprach, uͤber ſeine Wangen floſſen, be⸗. ſtaͤigten die Wahrheit ſeiner Worte. Die Graͤ⸗ fin und Angelica waren nicht weniger geruͤhrt. Barmherziger Himmel, rief die letztere endlich aus, iſt der Chevalier Valcourt ſterbend? Ihr beklagt ihn, Angelica? erwiderte der Marquis; ach, glaubt mir, er verdient auch 174 euer Mitleid; denn wenn aufrichtige, unverſtellt 4 Reue die Vergebung des Himmels erlangen kann, ſo darf mein Theodor auf Erbarmen hoffen! Bei dieſem Namen erhob die Graͤfin das Haupt von der Schulter ihrer jungen Freun⸗ din; hohe Roͤthe bedeckte ihre eben noch todten⸗ bleichen Wangen.— Theodor! rief ſie ſchwach, taͤuſchen meine Sinne mich nicht? Sagt Mar⸗ quis, iſt der beklagenswerthe Juͤngling, deſſen ihr erwaͤhnt, die Frucht unſerer ungluͤckſeligen Verbindung? Ja Marianne, er iſt es, verſette der Mar⸗ quis, und nur meiner uͤbertriebenen Zaͤrtlichkeit gegen ihn, verdankt er dieſen fruͤhen Tod. Meine ungluͤckliche Nachſicht naͤhrte ſeine, von Natur heftigen Leidenſchaften, und bereitete ihm die Bahn zu allen den Irrwegen, die ihn ins Ver⸗ derben gefuͤhrt haben. Sichh hierauf zu Angelica wendend, ſagte er ihr, daß nach ihrem Verſchwinden von St. Cuthbertsthurm, die Aufſeher deſſelben ihn be⸗ nachrichtiget haͤtten, ſie habe ſich in einem An⸗ fall von Verzweiflung, zum Fenſter hinausge⸗ 175 e ſtuͤrzt, und ſei in den Wellen umgekommen. Ddieſe Nachricht hatte ſo gewaltſam auf Valcourt gewirkt, daß er mehrere Tage faſt wahnſinnig geweſen war.— Um endlich ſein Gemuͤth von dieſem einzigen, zerſtoͤrenden Gedanken abzu⸗ wenden, ſtuͤrzte er ſich aufs neue in alle Zer⸗ ſtreuungen; doch verfolgte ihn uͤberall das Bild der liebenswuͤrdigen, von ihm beleidigten An⸗ gelica, und nirgends fand er Ruhe.— Er be⸗ ſuchte nun ſogar oͤffentliche Trinkgelage, um we⸗ nigſtens im Rauſche des Augenblicks, den na⸗ genden Gewiſſensbiſſen zu entgehen, und als er an einem Abende in einem dieſer Haͤuſer, halb berauſcht, ſich mit einigen andern zum Spiele niederſetzte, erſchien ihm die zufaͤllige Bemerkung eines neben ihm ſtehenden Fremden, als die groͤßte Beleidigung gegen ſeine Perſon; er ant⸗ wortete in den heftigſten Ausdruͤcken, und eine Herausfoderung war die Folge des Streites. Schwer verwundet, faſt ohne einige Spur des Lebens, ward der Chevalier in das Haus des Vaters zuruͤckgebracht. Keine Worte koͤnnen den Schmerz des Marquis beſchreiben, als die Wundaͤrzte ſeine Geneſung fuͤr unmoͤglich erklaͤr⸗ 176 ten; in wilder Verzweiflung warf er ſich uͤber den ſterbenden Sohn; alle Fehler waren vergeſ⸗ ſen, nur ſich ſelbſt klagte er an. Endlich war man gendͤthigt, ihn mit Gewalt aus dem Zim⸗ mer zu bringen; denn obgleich keine Rertung moͤglich war, mußte man doch alles verſuchen, das Leben des Chevaliers noch hinzuhalten, der ſich voͤllig ſeines Zuſtandes bewußt, mit Erge⸗ bung den Tod erwartete. Die Ruhe und die Leiden des Krankenbettes hatten ihn zum Nach⸗ denken gebracht, und die Ueberſicht ſeines ver⸗ gangenen Lebens erweckte in ſeinem Gemuͤth die aufrichtigſte Zerknirſchung und Reue uͤber ſeine vorigen Vergehungen. Er war in der That ein wahrhaft Buͤßender, und jede Stunde, die ihn dem Grabe naͤher brachte, bereitete ihn beſſer auf die Ewigkeit vor Dieſe, vom Marquis entworfene Schilde⸗ rung preßte lebhafte Thraͤnen der Theilnahme aus den Augen der Graͤfin und ihrer jungen Freundin. Mein Sohn hat nur wenige Tage mehr zu leben, fuhr der gebeugte Vater fort, und wenn ich es wagen duͤrfte, an Euch, Maxianne, die 277 ich ſo ſchwer beleidigt habe, eine Bitte zu rich⸗ ten, ſo waͤre es die, dem armen Sohn in ſei⸗ nen letzten Augenblicken als Mutter zur Seite zu ſtehen. 5 Auf eure Guͤte darf ich rechnen, liebens⸗ wuͤrdige Angelica, denn die Theilnahme, welche aus euren ſchoͤnen Augen leuchtet, ſagt mir, daß euer Herz keines Grolles gegen den armen Buͤßenden faͤhig iſt. Marquis, rief die Graͤfin, indem ſie ihm ihre Hand gab, wir ſind bereit, euch zu folgen; ſchon wollte man das Zimmer verlaſſen, als Pater Leonardo ſie aufmerkſam machte, daß es beſſer ſeyn wuͤrde, den Kranken erſt gehoͤrig vorzubereiten, da er vorzuͤglich von Angelica's Anblicke, die er fuͤr todt hielt, auf einmal zu heftig erſchuͤttert werden koͤnne. Dieſem Rathe gemaͤß, begab ſich der Mar⸗ quis alſo erſt allein zu ſeinem Sohne, kam nach einiger Zeit zuruͤck, und fuͤhrte dann die zit⸗ ternde Graͤfin und die bewegte Angelica in das nur ſchwach beleuchtete Gemach des Chevaliers. Kaum wollte Angelica ihren Augen trauen, daß dieſe bleiche, geiſteraͤhnliche Geſtalt vor ihr, II. 12 3 178 die nur mit Nah e von einem Diener im Bette aufrecht gehalten ward, derſelbe lebensluſtige, ſchoͤne Valcourt ſeyn koͤnne, den ſie vormals gekannt hatte. Bei ihrem Eintritte leuchtete ein Strahl von Freude aus ſeinem erloſchenen Auge; ſeine Hand ihr entgegenreichend, verſuchte er zu ſprechen; aber die Worte erſtarben auf ſeinen Lippen, und voͤllig erſchoͤpft fiel er auf die Kiſſen zuruͤck.— Die Graͤfin, welche glaub⸗ te, daß dieß ſchon ſein letzter Augenblick ſei, lehnte ſich weinend uͤber ihn, und fluͤſterte mit leiſer Stimme: Mein Sohn, mein Theodor, ſchlage nur noch einmal die Augen auf um deine Mutter zu ſehen! Dieſe Worte ſchienen ihn aus der Betaͤu⸗ bung zu wecken; er fuhr ploͤtzlich in die Hoͤhe, und fiel in die Arme der Graͤfin, welche ihn ſchluchzend an ihr Herz druͤckte, waͤhrend der Marquis und Angelica an der Seite des Bettes knieten. Mutter! rief endlich Valcourt, welch eine Zuſammenkunft! ſoll ich dich, nachdem ich dir uͤber 22 Jahre entriſſen war, jetzt zum erſten Male ſehen, da ich nur wenige Stunden mehr — — 179 zu leben habe? Doch werden meine letzten Au genblicke noch durch deinen theuren Segen ge⸗ heiligt werden; ach, haͤtte ich dich fruͤher ge⸗ kannt, vielleicht wuͤrde ich dieſes Segens wuͤr⸗ diger ſeyn!— Rede nicht ſo beſtimmt von deinem Tode, mein theurer Theodor, erwiderte die Graͤfin mit halb erſtickter Stimme. Ich hoffe, daß es ſich noch mit dir beſſern kann, und du zur Freude deiner Eltern leben wirſt. Nein Mutter, ſagte Theodor mit einem himmliſchen Laͤcheln; auch wuͤnſche ich es jetzt nicht. Ich bin, Dank ſei dem Himmel, voll⸗ kommen mit meinem Geſchicke verſoͤhnt, und werde nun ruhig ſterben, da es mir vergoͤnnt war, euch noch zu ſehen, und ich die Ueberzeu⸗ gung habe, mein Daſein einem edlen weiblichen Weſen zu danken. Seine Kraͤfte waren erſchoͤpft, er hielt inne, und lag einige Minuten ſtumm an die Bruſt ſeiner Mutter gelehnt; endlich aber hob er das Haupt wieder empor, und ſchien aͤngſtlich mit den Augen etwas zu ſuchen.— War es mir doch vor kurzem, ſagte er, als ſchwebe eine Ge⸗ 142* 180 ſtalt vor mir, die ich nie vergeſſen kann. Taͤuſch⸗ ten mich meine Sinne, oder kam Angelica mit euch zu mir herein? Die Graͤfin winkte unſ ſerer Heldin, die ſich jetzt dem Chevalier nahete, und ihm ihre Hand entgegen reichte. Schwach druͤckte er ſie in die Seinige, bat ſie durch Zeichen, ſich neben ſei⸗ nem Bette zu ſetzen, waͤhrend ſeine Blicke einige Zeit feſt auf fie gerichtet blieben.— Ach An⸗ gelica, rief er endlich, ich glaubte nicht, dich noch dießſeits des Grabes wiederzuſehen!— wie unwuͤrdig habe ich mich gegen dich betragen, und wie gerechter Weiſe mußteſt du mich bei unſerer letzten Trennung verachten und verab⸗ ſcheuen. Aber nun ſiehſt du in mir das Opfer der zuͤgelloſen Leidenſchaften, die mich fortriſ⸗ ſen.— Haͤtte ich dich fruͤher kennen gelernt, vielleicht waͤre ich deiner wuͤrdig geworden.— Leiden haben die einſt ſo ſtrafbare Flamme, die mich fuͤr dich verzehrte, gereinigt und gelaͤutert, und ich ſehe dich nun mit einer heiligen, ewigen Liebe an, die deiner fleckenloſen Tugend nicht unwerth iſt. 3 33 Thraͤnen verhinderten Angelica, zu antwor⸗ ten.. 1 Du weinſt, fuhr Valcourt nach einer Pauſe fort; ſuͤße Angelica, laß mich dieſe Thraͤnen als eine Verſicherung deiner Vergebung deuten.— Sage mir, darf ich deine Verzeihung hoffen? So ganz, ſo voͤllig, wie ich fuͤr mich ſelbſt auf die Gnade des Allerbarmers rechne, erwi⸗ derte Angelica. Dann bin ich gluͤcklich, rief Valcourt aus, indem er ihre Hand an ſeine Lippen zog.— Tau⸗ ſend Dank fuͤr deine himmliſche Guͤte; ſie wird mir den ernſten Augenblick des Scheidens aus dieſem Leben erleichtern, und ich werde nun meine Augen mit der ſuͤßen Ueberzeugung ſchlie⸗ en, kein Gegenſtand deines Widerwillens zu ſeyn. Das Feuer, mit dem er dieſe Worte ge⸗ ſprochen hatte, ſchien ſeine Kraͤfte voͤllig ver⸗ zehrt zu haben. Erſchopft ſank er fuͤr einige Zeit auf ſeine Kiſſen zuruͤck; als er ſich aber ein wenig wieder erholt hatte, bat er Angeli⸗ ca, ihm zu berichten, auf welche Weiſe ſie aus St. Cuthbertsthurm entkommen ſei.— Gern 182 willigte ſie darein, und erzaͤhlte alles, was ihr von dem Augenblicke ihrer Entweichung bis zu ihrer Ankunft in Paris begegnet war, indeß vermied ſie ſorgfaͤltig jedes, was auf ihre Nei⸗ gung zu Richard, wie wir ihn jetzo nennen werden, Bezug hatte, aus Furcht, den ſterben⸗ den Theodor durch die Ueberzeugung zu kraͤn⸗ ken, daß ein Anderer ihr Herz gewonnen habe. Doch iſt das Auge des Liebenden ſcharfſichtig, und Theodor las in ihren Blicken, was ſie ſich Muͤhe gab, nicht auszuſprechen. Eine Qual, aͤrger wie der Tod ſelbſt, bemaͤchtigte ſich ſei⸗ ner, als er den erſten Gedanken davon faßte; aber einige Augenblicke des ſtillen Nachdenkens machten ihn faͤhig, die Eiferſucht, welche in ſei⸗ nem Innern aufloderte, zu uͤberwinden,“ und edleren Geſinnungen Raum zu geben. Er aͤu⸗ ßerte den Wunſch, den jungen Aubiné kennen zu lernen, welcher ſogleich gerufen ward.— Als Theodor den ſchoͤnen jungen Mann erblickte, konnte er wenigſtens heimlich Angelicas Wahl nicht mißbilligen.— So wie Richard ſich ihm nahete, reichte er ihm die Hand entgegen und ſagte:. Obgleich wir einander bisher fremd gewe⸗ ſen ſind, hoffe ich, daß die heiligen. Bande, welche uns verbinden, euch vermoͤgen werden, in mir den lang verlornen Bruder zu erkennen, der ſehnlich wuͤnſcht, euch vor ſeinem Ende noch zu umarmen. Wir verdanken beide unſer Daſein einer ſehr edlen Mutter, und obgleich ſie wohl Urſache hatte, die Stunde meiner Geburt zu verwuͤnſchen, ſo hat ſie doch jetzt ihren ſterben⸗ den Sohn mit muͤtterlicher Liebe anerkannt.— Laß ihr Beiſpiel auch dich zu dieſem erſten und letzten Beweiſe deiner bruͤderlichen Neigung leiten. Theurer Bruder, rief Richard, indem er den Chevalier innig mit beiden Armen um⸗ ſchlang, wie koͤnnteſt du nur an meiner Liebe zweifeln! Lange hielten beide Bruͤder ſich ſtumm um⸗ fangen, da aber der Marquis fuͤrchtete, daß dieſe Scene zu angreifend fuͤr Theodors Zuſtand ſei, bat er, ihm jetzt einige Ruhe zu geſtatten. Bald entfernten ſich alle aus dem Zimmer; nur die Graͤfin wich nicht vom Bette ihres Sohnes. Im Verlauf des Tages ward Valcourt zu⸗ ſehends ſchlimmer, und die Zeichen des nahen 184 Endes zeigten ſich immer merklicher. Beklommnen Herzens wanderte der ungluͤckliche Vater aus einem Zimmer in das andere, und weder An⸗ gelica's theilnehmende Thraͤnen, noch Aubine's maͤnnliche Troſtgruͤnde vermochten, ihn zu beru⸗ higen. Gegen die Nacht ſchien der Zuſtand des Kranken ſich etwas zu beſſern; die Graͤfin noͤ⸗ thigte endlich die Uebrigen, ſich einige Stunden niederzulegen, doch verſprach ſie, ſie rufen zu laſſen, ſobald ſich wieder Gefahr zeigen wuͤrde. Kaum war Angelica ein wenig auf ihrem Lager eingeſchlummert, als ſie ſchon durch die Nachricht, daß der Chevalier im Sterben ſei, wieder erweckt ward. Erſchrocken ſprang ſie auf und eilte in das Krankenzimmer, wo Theodor, in den Armen ſeines Vaters die letzten Seufzer auszuhauchen ſchien; mit ruhiger Ergebung kniete die Mutter an der Seite des Bettes, die Hand des ſterbenden Sohnes feſt in der ihrigen hal⸗ tend. Nicht weit von ihr ſtanden Richard und der Pater Leonardo, ſtumm, in ernſten Betrach⸗ tungen verloren.— Der Anblick des Sterbenden wirkte ſo gewaltſam auf Angelica, daß ſie zu Boden geſunken ſeyn wuͤrde, haͤtte Aubins ſie 385 nicht in ſeinen Armen argefang gen. Ein Strom von Thraͤnen machte ihrem gepreßten Herzen Luft.— Angelica, rief Valcourt mit matter Stimme, weine nicht ſo ſehr; ich kann dich nicht ſo traurig ſehen; aber ſterben konnte ich nicht, ohne noch einmal deines Anblicks genoſſen zu haben. Glaube mir, ich bin gluͤcklich; auch moͤchte ich um aller irdiſchen Guͤter willen, nicht wieder inszLeben zuruͤckkehren, denn hiernieden koͤnnte ich es nicht ertragen, dich mit einem andern vereint zu ſehen; aber in den Regionen einer beſſern Welt, wird dieſer Gedanke zicht mein Gluͤck ſtoren. Verſprich mir dann, geliebte Angelica, meiner nicht zu vergeſſen, meiner mit Mitleid, mit Wohlwollen zu gedenken, und al⸗ les aus deiner Erinnerung zu verbannen, was meinem Andenken ungaͤnſtig ſeyn koͤnnte. Angelica konnte nur mit Thraͤnen antwor⸗ ten; als Valcourt wieder etwas Kraft geſam⸗ melt hatte, fuhr er fort: ruder, komm zu mir. Du liebſt Angelica und ſie iſt nicht unempfindlich fuͤr deine Liebe; lebend wuͤrde ich ſie nie einem Andern uͤberlaſ⸗ ſen haben; aber jetzt, an den Pforten der Ewig⸗ d v 18 keit uͤbergebe i ch ſie dir, als den groͤßte n Schatz, der je einem Manne geworden is. Moͤge der Himmel euren? Bund ſegnen, und moͤchtet ihr in eurem Gluͤcke mein Andeulen nicht verban⸗ nen. Bei dieſen Worten legte Valeourt Aubiné* und Angelica's Haͤnde in einander, und indem er ſie an ſein Herz druͤckte, ſiel eine Thraͤne auf Angelica'’s Hand, die er ſchnell hinwegkuͤßte. — Völlig erſchoͤpft, ſank er nun zuruͤck. Je⸗ doch brachte die Anwendung einiger ſtaͤrkenden Mittel, ihn noch einmal wieder ins Leben; matt wandte er das Haupt zu der an ſeiner Seite weinenden Graͤfiun.— NMutter, es iſt vorbei, fluͤſterte er leiſe; hoͤre nur noch die letzte Bitte deines ſterbenden Sohnes, der dich beſchwoͤrt, dem Vater das dir erwieſene Unrecht zu ver⸗ geben. Auch du, lebe wohl, theurer, zu zaͤrtlicher Vater! vergieb deinem undankbaren Sohne; und zum Suͤhnopfer fuͤr meine Vergehungen, gieb dieſem ſchwergekraͤnkten Juͤnglinge jeden, nur möoͤglichen Erſatz. O, mein Sohn, mein Sohn, eef der Mar⸗ — 187 quis, im hoͤchſten Seelenſchmerz ſich uͤber ihn beugend; kann ich den Todesengel nicht noch wenige Augenblicke zuruͤckhalten?— Unmoͤglich, Vater, ſagte Valcourt kaum hoͤrbar, er iſt nahe.— Lebet wohl, theure El⸗ tern.— Sei gluͤcklich, Bruder— und wo, wo iſt Angelica, die ſchon eine Wolke vor meinen Augen zu verhuͤllen ſcheint.— Verſage mir die letzte Umarmung nicht, ehe wir auf im⸗ mer ſcheiden. Aubineé legte die faſt bewußtloſe Angelica in die Arme des ſterbenden Bruders, der mit brechender Stimme ſtammelte: Angelica, Ge⸗ liebte, ſo ſterbe ich gluͤcklich.— Noch einmal wollte er ſie an ſich ziehen; aber ſein Haupt fiel auf ihre Bruſt.— Das Leben war ge⸗ wichen. 188 Fuͤnfundzwanzigſtes Kapitel. Der Schmerz des Marquis, als ihm die Ueberzeugung von Theodors Tode ward, war ſo groß, daß er eine Zeitlang fuͤr alle Troſt⸗ gruͤnde unempfaͤnglich blieb. Er ging ſogar ſo weit, ſich laut als den Moͤrder ſeines Sohnes anzuklagen, den der Himmel wegen der Verbre⸗ chen des Vaters geſtraft habe. Mariannens Trauer war ergeben und ruhig; ſie fand den ſuͤßeſten Troſt in Aubine's und Angelica's Cheil⸗ nahme; und indem ſie einen Sohn beweinte, blickte ſie mit ſuͤßer Hoffnung auf den andern, der ihr noch fuͤr dieſe Welt geblieben war. Nach wenigen Tagen wurden die Ueberreſte des Chevaliers in die Gruft ſeiner Vorfahren beigeſetzt; manches von Thraͤnen feuchte Auge folgte ſeinem Leichenzuge, ſeine vorigen Verge⸗ hungen ſchienen verloͤſcht, und auch Angelicas 189 Andenken weilte mit ſtiller Wehmuth bei ſeinen Grabe. Der Tod des Ljeblings hatte das Herz des Marquis von Montrieul ſo heftig erſchuͤttert, daß er auf ſein eignes vergangenes Leben mit Reue und Abſcheu zuruͤckblickte, und ernſtlich beſchloß, alles wieder gut zu machen, was in dieſer Welt noch in ſeinen Kraͤften ſtand. Seine Wuͤnſche in dieſer Hinſicht wurden durch den klugen Rath des Paters Leonardo un⸗ terſtuͤtzt, der ſogar das fruͤhere Verſchwinden des jungen Aubiné auf eine ſo ſchonende Weiſe offentlich vorzuſtellen wußte, daß dadurch kein Schandflecken auf den Charakter des Marquis fiel, und bald hatte man die Genugthuung, den Erben des Grafen Valentin in ſeine Beſitzthuͤ⸗ mer und Wuͤrden eingeſetzt, und laut als recht⸗ maͤßigen Grafen von Aubins erklaͤrt zu ſehen. Da nun der Zweck der Reiſe ſo gluͤcklich erreicht war, bezeigte Marianne eine große Sehnſucht, bald wieder in die ſtillen, kloͤſterli⸗ chen Mauern zuruͤckzukehren, und ſchlug vor, gleich nach Rochemond abzugehen, wo die Nach⸗ richt vom Leben des jungen Grafen ſchon all⸗ 19⁰ gemein verbreitet war.— In ihrer Ordensklei⸗ dung, und unter dem Namen der Schweſter Roſa, brauchte ſie nicht zu fuͤrchten, dort von irgend einem Menſchen wieder erkannt zu wer⸗ den; und um ſo leichter konnte ſie alſo dem Wunſche ihres Sohnes Genuͤge leiſten, mit ihm die Wohnung ihrer Vorfahren zu beſuchen. Die Abreiſe ward beſtimmt, und vor rher heimlich ein Brief an Glanalvon abgeſandt, in welchem ihm alle Vorfaͤlle genau berichtet, und er gebeten ward, wenn es ihm moͤglich ſei, ſich in Roche⸗ mond einzufinden. Mit vielem Kummer ſah der Marquis die zur 2 Abreiſe noͤthigen Vorbereitungen machen; vorzuͤglich ungern aber trennte er ſich von An⸗ gelica'n, die ihm nach dem Tode ſeines Sohnes unbeſchreiblich theuer geworden war.— Beim Abſchiede wandte er ſich mit dem erneuten Be⸗ kenntniſſe ſeiner Reue an die Graͤfin, bat ihr noch einmal das ihr erwieſene Unrecht ab, und beſchwor ſie, ihm ihre Vergebung zu ertheilen. Sie iſt euch ſchon geworden, erwiderte Marianne mit Wuͤrde; mein Groll gegen euch iſt mit unſerm Sohne zir Grabe getragen. 19¹ Mit dankerfuͤlltem Herzen zog der Mar⸗ quis die ihm bei dieſen Worten dargereichte Hand der Graͤfin an ſeine Lippen, und richtete ſeine Bitten, um Vergeſſenheit des Vergangenen, nun auch an Aubiné und Anzelica, die ihm gleichfalls ein freundliches Lebewohl ſagten. Gluͤcklich kam man nach wenigen Tagen in Rochemond an.— Unmsglich wuͤrde es ſeyn, die Nuͤhrung zu beſchreiben, mit welcher Marianne ſich dem Auſenthalte nahete, von welchem ſie vor vierundzwanzig Jahren, auf eine ſo grauſame Weiſe entfernt worden war. Jeder Gegenſtand erneute das Andenken der Vergangenheit in ihr, und ſtill in die Ecke des Wagens zuruͤckgelehnt, gab ſie ihren Thraͤnen freien Lauf. Stumm ſa⸗ ßen auch ihre Gefaͤhrten neben ihr, ihren Schmerz zu ſehr ehrend, um ihn unterbrechen zu moͤgen. Als Richard aber die Thuͤrme von Rochemond eine Weile vor ſich geſehen hatte, ergriff er An⸗ gelica's Hand, und druͤckte ſie mit einem Blicke an ſein Herz, der beredter war, als alle Worte. — In Angelica's Auge glaͤnzte eine helle Thraͤ⸗ ne, als ſie den Blick ihres Geliebten erwiderte. — Schweigend fuhr man in den Schloßhof ein. * 192 — An der Lhuͤre ſtand Oscar, ſie herzlich bewill⸗ kommend; und waͤhrend eine Menge der Einwohner ſich zum feierlichen Empfange ihres jungen Grafen um ſie verſammelte, mußte die zu ſehr erſchuͤtterte Marianne faſt leblos in eins der Zimmer getragen werden. Doch als ihre Kraͤfte einigermaßen zuruͤckgekehrt waren, ſchlang ſie die Arme um den geliebten Sohn, ertheilte ihm hier, im Erb⸗ theile ſeiner Vaͤter, den muͤtterlichen Segen, und bat ihn dann, ſie auf einige Augenblicke der Einſamkeit zu uͤberlaſſen, und ſich dem Freude⸗ jauchzen ſeiner Unterthanen nicht laͤnger zu entziehen.. Man kehrte in die Halle zuruͤck, wo der junge Graf ſich mit wenigen, kunſtloſen, aber herzlich gemeinten Worten an ſeine Vaſallen wandte.— Ein allgemeiner Freuderuf war die einſtimmige Antwort, und unter wiederholtem Jauchzen: lange lebe das Haus der Aubiné's, lange lebe der Erbe unſeres geliebten Grafen Valentin, zog man ſich endlich aus der frohen Menge zuruͤck. Sobald der jubelnde Haufe ſich einigerma⸗ ßen verloren hatte, ließ Richard, auf ſeiner Mut⸗ ter Geheiß, Petern und ſeine Frau vor ſich kom⸗ men, die er unter dem Siegel der Verſchwie⸗ genheit, mit jedem Umſtande ſeiner Geſchichte und den Leiden der Graͤfin Marianne bekannt machte, und ihnen endlich ſagte, daß dieſe, ſo lange von ihnen beklagte Frau im Schloſſe ſey, und ſie zu ſehen wuͤnſche. Das freudige Erſtaunen des alten Paares war unbeſchreiblich groß; lange dauerte es, ehe ſie Worte finden konnten, ihre Empfindungen auszudruͤcken. Endlich fuͤhrte Aubins ſie in ein anſtoßendes Kabinett, wo die Graͤfin, ohne von ihnen geſehen zu werden, Zeugin ihrer ungeheu⸗ chelten Liebe fuͤr ſie geweſen war.— Kaum wuͤrden ſie freilich in dieſer blaſſen, abgezehrten Geſtalt, und im Nonnen⸗Schleier, die vormals ſo ſchoͤ⸗ ne, bluͤhende Marianne wieder erkannt haben; aber die Holdſeligkeit ihres ganzen Weſens, die Freundlichkeit, mit welcher ſie die vor ihr Knien⸗ den erhob, ſagte ihnen doch, daß es wahr⸗ lich ihre angebetete Graͤfin ſei, und mit Thraͤ⸗ nen in den Augen rief Peter, indem er ſeine Haͤn⸗ de, wie zum Gebete faltete: Gott ſey geprieſen, nun werde ich zufrieden ſterben, da ich die Frau II. 13 194 Graͤfin auf dieſer Welt noch erblickt, und ihren edlen Sohn in ſeine Rechte wieder eingeſetzt ge⸗ ſehen habe! —Empfangt den aufrichtigen Dank Mhes Heerzens fuͤr eure Liebe zu unſerem Hauſe, ver⸗ ſetzte Aubiné. Indeß hoffe ich, daß ihr noch manches Jahr leben werdet, um Zeuge meines Gluͤckes zu ſeyn, und der Stelle eines Verwal⸗ ters auf meinen Guͤtern vorzuſtehen, welche ich euch hiermit uͤbertrage.— Ich euer Verwalter, Herr Graf! rief der entzuͤckte Peter. Nein, in der That, das iſt zu viel, zu viel! Helle Freudenthraͤnen rollten uͤber ſeine Wangen, und die ehrliche Genoveva, nicht weniger geruͤhrt, weinte gleichfalls.— Ihr theuren Freunde, ſagte Richard, indem er beider Haͤnde ergriff, dankt nicht fuͤr etwas, das nur gerechter Lohn eurer Verdienſte iſt; um mir aber den erſten Beweis eurer neuen Amtsfuͤh⸗ rung zu geben, muß ich euch bitten, gleich auf Morgen ein kleines Feſt zu bereiten, welches ich meinen unterthanen zu geben wuͤnſche; auch 2 uͤbertrage ich euch gleichfalls die Einrichtung meines neuen Hausſtandes, und zweifle nicht/ & daß ich in jeder Hinſicht mit euren Anordnun⸗ gen zufrieden ſeyn werde. Unter tauſend Dankſagungen ging das treue Ehepaar nun an ſeine neuen Geſchaͤfte.— So⸗ bald ſie fort waren, aͤußerte die Graͤfin den Wunſch, in der Begleitung ihrer Freunde das Schloß zu beſehen, welches theils durch den Mar⸗ quis von Montrieul, theils durch Oscars Sorg⸗ falt, auf das zweckmaͤßigſte zum Empfange ſei⸗ nes neuen Beſitzers eingerichtet war. Der Ein⸗ tritt in das Kabinett im ſuͤdlichen Thurm, brach⸗ te das Andenken des ungluͤcklichen Chevaliers lebhaft vor Angelica's Seele; leiſe ſtahlen eini⸗ nige Thraͤnen ſich uͤber ihre Wangen. Aubiné, der die Urſache dieſer Bewegung leicht errieth, druͤckte zaͤrtlich theilnehmend ihre Hand, welche vertrauenvoll in der leuungen ru⸗ hete.„ Endlich kehrte man in den großen Saal zu, rüͤck, und der noch uͤbrige Theil des Abends wurde im engen Kreiſe der Freunde ruhig und heiter verlebt. Schon fruͤh am folgenden Morgen erweckte ein frͤhliches Gelaͤute der Dorfglocken die Be⸗ 43* — .. 195. wohner des Schloſſes; gleich nach dem Fruͤh⸗ ſtuͤcke begab man ſich in den Park, wo die Un⸗ terthanen des Grafen verſammelt waren, und in einem wohlgeordneten Zuge ihren neuen Herrn begruͤßten.— Junge Baͤuerinnen an der Spitze uͤberreichten zierliche Blumengewinde unter dem lauten Schalle laͤndlicher Muſtk.— Der ganze Zug begab ſich nun in eine Grotte, wo ein reichliches Mahl bereitet war, bei welchem Peter und Genoveva die oberſten Plaͤtze einnah⸗ men.— Laͤndliche Spiele folgten; als aber die Baͤume begannen laͤngere Schatten zu werfen, und die Strahlen der Sonne weniger brannten, reichte der Graf Angelica'n freundlich die Hand im Tanze, und alles miſchte ſich froͤhlich in den Retgen des ſchoͤnen jungen Paares.— Nitten aus dem Gewuͤhl der Freude fuͤhr⸗ te endlich Richard die Erwaͤhlte ſeines Herzens Iin die einameren Gaͤnge des Parks. Schon war die Sonne am Horizonte verſchwunden, und ein ſchoͤner, rothlicher Glanz zeigte nur noch die Stelle, wo man ſie zuletzt erl Jedes Luͤftchen hauchte Kuͤhlung ng gewoͤhnlich heißen Tage; tiefe Ruͤhe lag uͤber — 197 die ganze Natur verbreitet, und nur in den Wipfeln der Baͤume vernahm man noch ein lei⸗ ſes Rauſchen. Arm in Arm wandelten unſere Liebenden eine Weile ſtumm neben einander her; vor ihnen oͤffnete ſich der Wald, und majeſtaͤ⸗ tiſch ſtieg jetzt der Vollmond uͤber den oͤſtlichen Huͤgeln hervor.— Manches Bild vergangener Stunden erhob ſich mit ihm vor ihrer Erinne⸗ rung, und durch leiſes Fluͤſtern inniger Liebe beredter gemacht, entlockte hier endlich der gluͤck⸗ liche Richard das volle Geſtaͤndniß ihrer Liebe den Lippen Angelica's. Es blieb ihm nicht ver⸗ vorgen, wie damals die Trennung von ihm an dem Hafen von Marſeille ſie ergriffen, wie ſein Bild ſie uͤberall begleitet habe; alle Schmerzen, alle Freuden, welche ſeit ſeiner erſten Bekannt⸗ ſchaft ihr Herz fuͤr ihn bewegt hatten, geſtand das erroͤthende Maͤdchen dem entzuͤckten Juͤng⸗ linge, dem nun erſt der Himmel ſich zu oͤffnen ſchien. Mit unendlicher Wonne druͤckte er die Geliebte an ſeine Bruſt, keine Kluft war mehr zwiſchen ihnen, frei durfte er Oscarn ſeine Liebe geſtehen, und ihm ſchien der Tag nicht mehr fern, wo er es wuͤrde wagen duͤrfen, dieß We⸗ ſen ganz ſein zu nennen; ein Gluͤck, das Jahre lang als unerreichbar vor ihm geſchwebt hatte. Als ſte endlich zu der froͤhlichen Menge zu⸗ ruͤckkamen, ſchien niemand ihr langes Außenblei⸗ ben bemerkt zu haben.— Heiter miſchten ſie ſich wie⸗ der in die Taͤnze der jubelnden Landleute, und erſt ſpaͤt kehrte die Herrſchaft, begleitet von dem Freuderuf der gluͤcklichen Huͤttenbewohner, aufs Schloß zuruͤck. Gleich am andern Morgen begab Aubiné ſich zu Oscar, und wollte eben anfangen, ihn auf eine umſtaͤndliche Art vorzubereiten, wie er Angelica lange geliebt, und nur der vermeint⸗ liche Unterſchied ihres Standes ſeine Lippen von einem Geſtaͤndniſſe zuruͤckgehalten habe, als Os⸗ car ihm lachend in die Rede fiel und ihn bat, keine weiteren Umſchweiſe uͤber eine Sache zu machen, die ihm laͤngſt klar geweſen ſei. Glau⸗ be mir, ſetzte er treuherzig hinzu, daß ich kei⸗ nem Manne auf der Welt das Gluͤck meiner Schweſter lieber anvertraue, als dir; ſie iſt alſo dein, lieber Bruder, und moͤgeſt du immer den Augenblick ſegnen, der dich mit ihr verband.— Mit dankbarem Herzen druͤckte Richard den 199 theuren Bruder an ſeine Bruſt, und eilte nun 3 zur Mutter, an deren Einwilligung er E nict zweifelte. Waͤhrend der Zeit ging Oscar zu ſeiner Schweſter; als er ihr ſagte, daß Richard ihn eben verlaſſen habe, warf ſie ſich erroͤthend an ſeinen Hals, und geſtand ihm unverhohlen, wie ſehr ſie den Juͤngling in jeder Lage ſeines Le⸗ bens geliebt habe. So werde denn ſo gluͤcklich mit dem Ge⸗ genſtande deiner Neigung, als das zaͤrtlichſte Bruderherz es dir wuͤnſchen kann, rief Oscar, indem er ſie zaͤrtlich liebkoſete. Das Hereintreten der Graͤfin und ihres Sohnes unterbrach die Unterhaltung des Ge⸗ ſchwiſterpaares. Mariane zog Angelica liebevoll in ihre Arme; theures Maͤdchen, ſagte ſie ge⸗ ruͤhrt, laß mich dir danken fuͤr das Gluͤck, wel⸗ ches du meinem Sohne bereiten willſt; glaube mir, wenn etwas meine Liebe zu dir noch erho⸗ hen kann, ſo iſt es der Gedanke, dich bald mit dem ſuͤßen Namen: Tochter! nennen zu duͤrfen! Bewegt ſanken Angelica und Richard vor der Mutter auf die Knie, die ihre beiden Haͤn⸗ 200 de in einander legend, den Segen des Himnels fuͤr ſie erflehete. Dann druͤckte ſie beide Kinder an ihren muͤtterlichen Buſen. Eine lange Pauſe folgte; endlich nahm Oscar heiter das Wort: nun, lie⸗ bes Maͤdchen, ſagte er, ſich zu ſeiner Schweſter wendend, da alle Praͤliminarien dieſer hoͤchſt wich⸗ tigen Unterhandlung ſo gluͤcklich beendet ſind, ſo bleibt uns nichts weiter uͤbrig, als den Termin zur Ausfuͤhrung beſtimmt feſtzuſetzen.— Hier hielt er einen Augenblick inne.— Lieber Bru⸗ der: fluͤſterte Angelica mit zitternder Stimme, indem ſie die ſchoͤnen Augen zur Erde ſchlug — liebe Schweſter, fiel er laͤchelnd ein, ich verbitte alle Wenn und Aber; hoͤre mich erſt ruhig an. Mein Urlaub iſt kurz, und du wirſt mir es doch nicht verſagen wollen, ein Zeuge deines Gluͤcks zu ſeyn, ehe wir uns aufs neue trennen muͤſſen? Mit deiner Erlaubniß alſo werde ich den erſten Tag in der folgenden Woche zu deinem Hochzeittage beſtimmen; es iſt der Tag, an dem deine Eltern einſt verbunden wurden, und er wird Segen uͤber deine Ehe bringen. 201 Ein beredter Blick Aubine's ſagte Oscar, wie ſehr er ihm fuͤr ſeine bruͤderliche Verwen⸗ dungen Dank wiſſe; die Graͤfin vereinte ihre Bitten mit denen der Uebrigen, und Angelica verſprach endlich, an dem vorgeſchlagenen Tage Aubiné's Gattin zu werden. Bald verbreitete ſich die froͤhliche Nachricht im Schloſſe, alles ju⸗ belte; niemand nahm aber wohl innigern Antheil, als die ehrliche Jacobine, die ihnen nach Ro⸗ chemond gefolgt war, und jetzt ihren Aufent⸗ halt in der Huͤtte hatte, welche Peter vormals bewohnte.— Gefiel es ihr, ihre Einſamkeit zu verlaſſen, ſo wurde ſie jedesmal von den Be⸗ wohnern des Schloſſes auf das freundlichſte willkommen geheißen, und mit ſtolzem Entzuͤ⸗ cken erzaͤhlte ſie nun der Dienerſchaft die aben⸗ theuerliche Geſchichte ihres Herrn, und die Be⸗ gebenheiten ſeiner fruͤheren Jahre, bis zu dem Seitpunkte, in welchem er durch die liebenswuͤr⸗ dige Dame, mit der er ſich bald verbinden wuͤrde, zu der Entdeckung ſeiner wahren Geburt gefuͤhrt, und in die Rechte ſeiner Vorfahren wieder eingeſetzt worden ſei. Mit theilnehmender Aufmerkſamkeit hatten alle auf die Erzaͤhlung 202 gehorcht, und kaum bemerkte man, daß Mitter⸗ nacht laͤngſt voruͤber ſe⸗ als Jacobine endlich damit zu Ende war. Schnell flogen den eiebenden die Stun⸗ den bis zum Hochzeittage dahin. Vor demſel⸗ ben Traualtar, vor dem Valentin und Marianne ihre Haͤnde in einander gelegt hatten, ward auch Aubine's und Angelica's Verbindung durch den ehrwuͤrdigen Pater Leonardo vollzogen; Ma⸗ riannens Thraͤnen fleheten Segen uͤber das junge Paar herab, und inbruͤnſtig betete ſie, daß dieſer Bund gluͤcklicher ſeyn moͤge, als der ih⸗ rige es geweſen war.— Freunde und Nachbaren empfingen die Neuvermaͤhlten bei ihrer Ruͤck⸗ kunft aus der Capelle; jeder, der Angelica ſah, wuͤnſchte Aubiné Gluͤck, einen ſolchen Schatz ſein nennen zu duͤrfen.— Ihre Anmuth und Schoͤn⸗ heit gewannen ihr aller Herzen, und oft verbrei⸗ tete ſich, durch die allgemeine Bewunderung, die ihr von jeder Seite entgegen ſchallte, ein ho⸗ heres Roth der lieblichen Verlegenheit uͤber ihre Wangen, das ihren Reiz noch erhoͤhte. Einige Augenblicke vor dem Mittagseſſen, als ſie ſich zufaͤllig mit ihrem Gatten und Oscarn 205 allein befand, bemerkte der letztere ſcherzend, daß doch noch ein Weſen uͤbrig ſei, deſſen Gegenwart eigentlich nothwendig waͤre, um ihre Gluͤckſelig keit an dieſem Tage vollkommen zu machen.— 1 Und wer koͤnnte das ſeyn, lieber Bruder, erwiederte Angelica erſtaunt. Billig duͤrfte ich dich des Undanks eihem heute ſogar nicht des jungen Edelknaben zu ge⸗ denken, dem du doch ſo viel ſchuldig biſt, ver⸗ ſetzte Oscar laͤchelnd. Dieſe Beſchuldigung trifft mich nicht, fiel Angelica ſchnell ein; weder Zeit noch Abweſen⸗ heit werden jemals die Verbindlichkeiten aus meinem Gedaͤchtniſſe verloͤſchen, die ich ihm habe, und in der That wuͤrde es meine Gluͤckſeligkeit noch erhoͤhen, wenn ich ihn hier bei uns in Ro⸗ chemond ſehen koͤnnte. So ſieh ihn denn, geliebte Angelica, ref Richard, indem er ſich zu ihren Fuͤßen warf; ich bin der Eduard, deſſen du ſo freundlich ge⸗ denkſt, und der gluͤcklich genug war, ein Leben. zu retten, das ihm tauſendmal werther iſt, als ſein eigenes.— 4 Was meinſt du mit dieſen Worten? fragte die erſtaunte Angelica— Eduard war ja ein Neger von Geburt, und du———. Ich bin dieſer vermeintliche Neger, ſiel der Graf ein. Dein ſtrenger Befehl, dir nicht zu fol⸗ gen, verleitete mich zu einem kleinen Betruge, den die Umſtaͤnde entſchuldigen moͤgen. Durch ein unſchuldiges Mittel, welches mir bekannt war, gelang es mir, in der braunen Farbe eines Afri⸗ kaners vor dir zu erſcheinen, und unter dieſer Verſtellung zu erreichen, was du Sigismunden verſagt hatteſt.— Nie werde ich das Gluͤck ver⸗ geſſen, was dieſer kleine Betrug mir verſchaffte. — Die Beweiſe deiner verdachtloſen, mir ſo werthen Dankbarkeit, erhoͤheten noch meine Liebe zu dir, und das theure Geſchenk deiner Achtung und Freundſchaft, welches du mir beim Scheiden reichteſt, habe ich von der Stunde an, gleich einer heiligen Reliquie, auf meinem Herzen ge⸗ tragen.— Bei dieſen Worten nahm er den Roſenkranz von Perlen von ſeinem Halſe, und legte ihn in Angelica's Haͤnde, die innig bewegt uͤber den neuen Beweis ſeiner Liebe, ſprachlos in ſeine Arme ſank. 2⁰05 Zaͤrtlich zog Aubins ſie an ſein Herz, und nur die Stimme des Bruders, der die Lieben⸗ den mahnte, die Geſellſchaft nicht zu lange allein zu laſſen, konnte den gluͤcklichen Gatten von die⸗ ſer Stelle vertreiben.— Der noch uͤbrige Theil des Tages ward in feſtlicher Freude beſchloſſen. Die gaſtliche Frei⸗ gebigkeit des jungen Beſitzers von Rochemond, erſtreckte ſich bis zu jedem Bewohner ſeiner Guͤter und im weiten Umkreiſe des Schloſſes, war ge⸗ wiß niemand, der ſich nicht mit dankbarem Her⸗ zen der Hochzeitfeier Aubine's und Angelica's erinnert haͤtte. Kaum war eine Woche nach dieſem gluͤckli⸗ chen Tage verfloſſen, als die Graͤfin Marianne ihre Kinder mit ihrem Entſchluſſe bekannt machte, nun wieder in die Einſamkeit der Mauern des Kloſters der heiligen Agnes zuruͤckzukehren. Kei⸗ ne Bitten vermochten, ſie von dieſem Vorſatze abzubringen. Gott hat meine Wuͤnſche und mein Gebet erhoͤrt, ſagte ſie, unter welchen ich das Kloſter verließ; der heißeſte Wunſch meines Herzens hienieden iſt mir gewaͤhrt; jetzt laßt mich in den Aufenthalt zuruͤckgehen, der 206 ſich mehr zu meiner innern Stimmung eignet, als alle Freuden der Welt.— Ihr, meine Kin⸗ der, duͤrft dieſen nicht entſagen; mein Gebet fuͤr euer Gluͤck wird taͤglich zum Himmel ſteigen; auch werdet ihr mir die Freude eures Beſuchs in dieſen Mauern nicht verſagen, und geſtaͤrkt und erhoben, werden wir uns jedesmal nach dem Wiederſehen trennen, jedes aufs Neue beſſer zu ſeinem Berufe bereitet.— Hier koͤnnte ich nicht laͤnger als Schweſter Roſa bei euch leben, und die Graͤfin von Aubiné muß vergeſſen wer⸗ den.— Das Verſprechen, welches ich meinem ſter⸗ benden Theodor gab, nie die Vergehungen ſeines Vaters vor den Augen der Welt zu enthuͤllen, iſt mir heilig. Pater Leonardo hat die Nachricht er⸗ halten, daß der Marquis von Montrieul in ein Kloſter zu Paris gegangen iſt, wo er ſogleich das Geluͤbde abgelegt hat. Sollte ich dann, bis zu dieſem heiligen Ort, noch Schande uͤber ſein Haupt bringen? Nein, das ſei ferne!— Auch ich werde meine noch uͤbrigen Tage, unerkannt von der Welt, unter dem Namen der Schweſter Roſa, ungeſtoͤrt dem Himmel weihen. Obgleich innerlich von der Wahrheit dieſer 2⁰7 Gruͤnde durchdrungen, koſtete der Gedanke, ſich von der geliebten Mutter trennen zu ſollen, den Kindern manche Thraͤne. Sie beſchloſſen, ſie we⸗ nigſtens ſelbſt zum Kloſter zuruͤck zu begleiten, wel⸗ ches Angelica um ſo lebhafter wuͤnſchte, da ſie die fromme Aebtiſſin ſeit ihrer letzten Trennung nicht wiedergeſehen hatte und ſich ſehnte, ihr den Dank eines erkenntlichen Herzens, fuͤr alle die von ihr genoſſene Liebe, ſelbſt zu bringen. Schon am folgenden Morgen nahm Marian⸗ ne auf ewig von Rochemond Abſchied, und ob⸗ gleich dieß nicht ohne innere Bewegung geſchah, reuete ihr Entſchluß ſie dennoch nicht.— Haͤufiger floſſen ihre Thraͤnen, als Rochemonds Thuͤrme vor ihrem Blicke ſchwanden; aber ihre Traurig⸗ keit war voruͤbergehend, und nachdem ſie noch einmal dem theuren Aufenthalte ihres vormali⸗ gen Gluͤcksz ein inniges Lebewohl geſagt hatte, kehrte ihre Ruhe zuruͤck, und ihr Geſicht leuch⸗ tete, obwohl ernſt, doch heiter, wieder unter dem ſchwarzen Schleier hervor.— Ohne Unfall erreichten die Reiſenden am Abend des folgenden Tages, das Kloſter der heiligen Agnes, wo man ihre Ankunft ſehnlich 9⁰8 erwartet hatte. Die aufrichtig freundlichen Be⸗ willkommnungen, mit denen Roſa von der ganzen Schweſterſchaft empfangen ward, uͤberzeugten ihre Freunde aufs neue, wie theuer ſie hier allen ſei.— Die Freude der Aebtiſſin, das gluͤckliche Paar vor ſich zu ſehen, war nicht weniger leb⸗ haft; auf ihr ernſtliches Begehren mußten Aubiné und Angelica im Kloſter uͤbernachten, und ſchnell verging der Abend in der Mittheilung der Din⸗ ge, die ſich ſeit ihrer letzten Drennung zugetra⸗ gen hatten. Als man am folgenden Morgen das Fruͤh⸗ ſtuͤck gemeinſchaftlich eingenommen hatte, bat Aubiné die Aebtiſſin, eine betraͤchtliche Summe, zum Beſten des Kloſters, von ihm anzunehmen; dann empfahl er ſeine Mutter noch ihrem be⸗ ſonderen Wohlwollen, und richtete nun liebevoll ſeinen Blick auf Angelica, ſie zum Scheiden zu mahnen.— Nach einigen Minuten des Still⸗ ſchweigens/ druͤckte Marianne die Tochter zaͤrt⸗ lich an ihr Herz, und forderte ſie auf, jetzt ih⸗ rem Gemahle freudig zu ſolgen.— Eine Thraͤne glaͤnzte in Angelicas ſchoͤnem Auge, als ſie dem Gatten die Hand Ieichte und ſich aus der muͤt: 209 terlichen Umarmung zog. Lebt wohl, meine ge⸗ liebten Kinder! rief Marianne, deiner Sorgfalt Richard, ſey dieß liebe Weſen empfohlen; be⸗ gluͤcke ſie, wie ſte es verdient!— Theure An⸗ gelica, ſei der Stolz deines Gemahls!— Der Mutter Segen und Liebe begleiten euch! Nach dieſen Worten wand ſie ſich aus den Armen ihrer Kinder, die ſie aufs Neue umſchlun⸗ gen hielten, und raſch trug Aubiné ſein weinen⸗ des Weib in den Wagen.— Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Bei ihrer Ruͤckkunft auf dem Schloſſe wur⸗ den ſie durch Oscars Anblick uͤberraſcht, der ih⸗ nen die Nachricht mittheilte, daß der Friede mit Frankreich unterzeichnet ſei, und das Heer ſich zum Ruͤckmarſch bereite. Morgen alſo, ſetzte er hinzu, muß ich euch, ihr Theuren, verlaſſen; ich gehe nach Calais, um mich dort mit dem II. 14 3 210 Prinzen einzuſchiffen. Der Abſchied von dir, ge⸗ liebte Angelica, wird mir ſchwer werden; aber die Ueberzeugung, dich unter der Obhut eines treuen, zaͤrtlichen Gatten zu laſſen, erleichtert mir die Trennung um vieles. Ich kehre mit der ſuͤßen Hoffnung in mein Vaterland zuruͤck, uͤber die Bosheit unſeres Erbfeindes zu ſiegen, und die Ehre unſeres Hauſes wieder herzuſtellen; immer aber werde ich mein wiedererlangtes Gluͤck als dein Werk betrachten, theure Schweſter, und nie vergeſſen, was ich dir ſchuldig bin. Angelica warf ſich weinend in die Arme ih⸗ res Bruders; ein Blick aber auf ihren, um ſie beſorgten Gatten gab ihr Kraft, die Gefuͤhle ih⸗ res Schmerzes zu uͤberwinden.— Beider Haͤnde an ihre Bruſt druͤckend, rief ſie: vergebt mir dieſe Schwaͤche, ihr Geliebten, und glaubt nicht, daß Angelica's Herz ſo eigennuͤtzig ſei, nur an ihr eignes Gluͤck zu denken.— Obgleich es mir wohl erlaubt iſt, bei der Trennung von einem ſo theuren Bruder zu trauern, wuͤrde ich ſeiner Liebe nicht werth ſeyn, wenn ich nur einen Au⸗ genblick wuͤnſchen koͤnnte, ihn hier bei mir, in dem fremden Lande, als einen Verbannten zu —, 9211 behalten, da ihm die Hoffnung bluͤht, wieder zu dem rechtmaͤßigen Beſitze der Guͤter zu gelan⸗ gen, deren ihn die Bosheit beraubt hat.— Nein Oscar, kehre in die Schatten unſerer heimath⸗ lichen Waͤlder zuruͤck, und werde wieder der wuͤrdige Stellvertreter deiner edlen Vorfahren! Auch durch das Meer von einander getrennt, wird unſere Liebe ſich gleich bleiben, und die Gewißheit deines Gluͤckes wird das meinige erhoͤhen. Dieſe Sprache iſt der Tochter der Grafen von Glanalvon wuͤrdig, erwiderte Oscar, in⸗ dem er die Schweſter feſter an ſein Herz ſchloß. Ja, Angelica, wir werden gluͤcklich ſeyn in unſerer gegenſeitigen Liebe, und obgleich das Schickſal es uns nicht vergoͤnnt hat, in einem Lande zu leben, ſo werden wir uns doch von Zeit zu Zeit wiederſehen, und oft Kunde von einander haben— und ſollten die heißeſten Wuͤn⸗ ſche meines Herzens erhoͤrt werden, ſollte ich einſt Iſabelle mein nennen duͤrfen, ſo wird die⸗ ſelbe Liebe, welche uns verband, auch auf un⸗ ſere Kinder forterben, und wir werden, wenn 14* 212 auch dem Raume nach getrennt, doch nur eine Familie ausmachen. Nach dieſen Worten verließ Glanalvon ſchnell das Zimmer, um die noͤthigen Vorberei⸗ tungen zu ſeiner Reiſe zu treffen.— Angelica bekaͤmpfte ihren Schmerz, blieb heiter, und trug ihrem Bruder noch im Verlauf des Tages, tau⸗ ſend Gruͤße an Iſabelle und Lionel auf, mit der Verſicherung, daß ſie ihre Freundſchaft nie vergeſſen werde. Fruͤh am andern Morgen ſuchte ſie Oscar im Garten auf, und unterhielt ihn von der Freude, die er haben wuͤrde, die Plaͤtze wieder⸗ zuſehen, wo ſie als Kinder mit einander geſpielt hatten.— Vor allen aber befahl ſie ihre gute Alice ſeiner beſonderen Obhut, und ſuchte uͤber⸗ haupt durch tauſend liebliche Bilder den Gedan⸗ ken an den nahen Abſchied zu verſcheuchen.— Als aber endlich der Augenblick der Trennung kam, als Oscar die geliebte Schweſter an ſeine Bruſt zog, und ſie noch einmal Aubinés Sorg⸗ falt empfahl, dann noch einen heißen Kuß auf ihre Lippen druͤckte, und ſich nun ſchnell von ihr losrißz da fiel ſie, uͤberwaͤltigt von den Gefuͤh⸗ 1213 len ihres Schmerzes, lautweinend in die Arme ihres Mannes, der ihr nun alles erſetzen ſollte. Sein ſtarker Arm hielt ſie aufrecht, ſeine lieben⸗ den Wovte waren Balſam fuͤr ihr wundes Herz. — Auch ergab ſie ſich dem Kummer nicht; ſie fuͤhlte, was ſie dem Gatten ſchuldig ſei/ und fand ihren hoͤchſten Stolz darin, ſeiner werth zu ſeyn.— Unveraͤndert blieb ſeine Liebe zu ihr, in ihr ſah er ſein ſchoͤnſtes Gluͤck, in ihrem Um⸗ gange fand er die edelſten, reinſten Freuden ſei⸗ ner Seele, und mit derſelben zarten Achtung, die er ihr fruͤher bewieſen hatte, behandelte er ſie fortwaͤhrend. Alles Erdengluͤck ſchien in dem Bezirke des Schloſſes von Rochemond vereint zu ſeyn, und ſo beſeligt in und durch einander, koͤnnen wir getroſt dieß liebende Paar verlaſſen, um Oscarn auf ſeiner Reiſe weiter zu folgen. Als dieſer Calais erreichte? fand ers den Prinzen ſeiner ſchon ungeduldig harrend, da be⸗ reits der groͤßte Theil des Heeres eingeſchifft war. Ein guͤnſtiger Wind trieb ſie bald an die brittiſchen Kuͤſten, und nachdem Oscar ſich von ſeinem koͤniglichen Freunde beur⸗ laubt, und verſprochen hatte, ihn bald wie⸗ 214 der in London zu begruͤßen, begab er ſich unver⸗ zuͤglich auf die Reiſen nach Northumberland. Mit einem Gemiſche von Freude und Schmerz nahete er ſich der Wohnung ſeiner Vorfahren, und als endlich die alten Thuͤrme der verlaſſenen Glanalvons⸗Burg, geroͤthet von den Strahlen der untergehenden Sonne, vor ihm lagen, konnte ſich ſein maͤnnliches Auge der Thraͤnen nicht enthalten.— Schwermuͤthig ſtieg er von ſeinem Pferde, uͤbergab es der Sorgfalt des Dieners, mit dem Befehl, nach der Abtei St. Clair zu reiten, und dem Pater Philipp einen Brief zu uͤberreichen, der dieſen von ſeiner Ankunft be⸗ nachrichtigen ſollte, waͤhrend er im tiefen Schat⸗ ten der Waͤlder von Glanalvon den Gefuͤhlen nachhing, die ſein Gemuͤth bewegten. Jeder Schritt erweckte die Erinnerung fruͤherer Jahre; mahnte ihn an die gluͤcklichen Zeiten der Kind⸗ heit und erſten Jugend, wo er ſo manche Stun⸗ den mit der geliebten Schweſter unter dieſen Baͤumen zugebracht hatte, und das Andenken an die mannigfaltigen Leiden, welche er ſeit die⸗ ſem Zwiſchenraume erlitten hatte, uͤberwaͤltig⸗ ten ſeine Seele ſo ſehr, daß die einbrechende 915 Nacht ihn erſt auf ſeinen Nuͤckweg bedacht mach⸗ te.— Schnell wandte er ſich nun auf einen Fußſteig, der ihn ſeiner Meinung nach ins Dorf zuruͤckfuͤhren wuͤrde, als er ſich mit einem Male nahe vor den Beſitzungen des Freiherrn von Morven befand.— Die Ueberzeugung hiervon brachte ihn wieder zu ſich ſelbſt; er ſtutzte, wollte umkehren; aber eine unwiderſtehliche Gewalt zog ihn vorwaͤrts, und unwillkuͤrlich lenkte er ſeine Schritte nach der Stelle, wo er Iſabellen zuerſt geſehen hatte. 3 Der Abend war ruhig und ſchoͤn. Wolken⸗ los ſtand der Mond uͤber ihm, und beleuchtete mit mildem Glanze die alten Thuͤrme der nahe vor ihm liegenden Burg. Durch ſeine Silber⸗ ſtrahlen nur noch immer mehr angezogen, ging Oscar mit pochendem Herzen den Huͤgel hinan, auf welchem ſich das wohlbekannte Monument befand. Die friſchen Blumenkraͤnze, von denen die Urne geziert war, uͤberzeugten ihn, daß Iſa⸗ belle dieſen Platz noch, wie vormals, beſuche. — Als er aber, in ſuͤßen, ſchwermuͤthigen Ge⸗ danken verloren, die zarten Gewinde, von der Geliebten Hand bereitet, an ſeine Lippen zog, 216 weckte ihn ein lauter Schrei aus ſeinen Traͤu⸗ mereien, und indem er ſich ploͤtzlich in die Hoͤhe richtete, ward er eine weibliche Geſtalt gewahr, die ſich mit ſchnellen Schritten von der Anhoͤhe entfernte.— Ueberzeugt, daß es Jſabelle ſei, folgte er ihr raſch in den Park; kaum aber hatte er ſie erreicht, als ſie ohnmaͤchtig vor ihm zu Boden ſank. 1 Mitt unbeſchreiblichem Entzuͤcken fing Oscar die theure Geſtalt in ſeinen Armen auf, und ſuchte ſie durch die zaͤrtlichſten Worte ins Leben zuruͤckzurufen.— Als ſie endlich die Augen auf⸗ ſchlug, und ſich uͤberzeugte, daß kein Schatten⸗ bild, ſondern der lebende Geliebte ſie umſchloſ⸗ ſen hielt, vergingen mehrere Augenblicke, in de⸗ nen es keinem von Beiden moͤglich war, mehr als den Namen des Andern zu fluͤſtern. Nach⸗ dem das erſte freudige Erſtaunen des Wiederſe⸗ hens voruͤber war, fragte ſie ihn nach der Ur⸗ ſache ſeiner unerwarteten Erſcheinung, und er verſuchte, ihr eine kurze Schilderung aller um⸗ ſtaͤnde zu geben, die ihn ſeit ihrer Trennung be⸗ troffen hatten.— Als er aber der Verheirathung ſeiner Schweſter gedachte, rief Iſabelle ſeufzend: 217 armer Lionel, was wirſt du bei dieſer Nachricht leiden! Oscar konnte zwar dem Juͤnglinge ſein Mitleid nicht verſagen, doch war er uͤberzeugt, daß Angelica ſein Herz nicht mit falſchen Hoff⸗ nungen genaͤhrt habe; auch verſprach er ſich von den milderen Geſinnungen des Bruders viel fuͤr ſeine eigene Zukunft.— Der Liebe ſeiner Iſa⸗ belle nun gewiß, wagte er es zu hoffen, ſie einſt ſein nennen zu duͤrfen.— Noch tauſchten beide, in uͤßem Einklange der Seelen, Gedanken und Worte uͤber die kuͤnftigen Ausſichten zu ihrem Gluͤcke, gegen einander aus; da mahnte endlich der Schlag der nahen Schloßuhr das Fraͤulein, daß es Zeit ſei heimzukehren, wenn ihre Abwe⸗ ſenheit nicht Verdacht erwecken ſollte, und Os⸗ car, jede Gefahr fuͤr die Geliebte ſcheuend, wagte es nicht, ſie laͤnger zuruͤckzuhalten.— Noch ein Scheidekuß, und ſie ſchwand vor ſeinen Blicken. — Der Zauber war entflohen; er fuͤhlte, wie weit er noch vom Ziele ſeiner Wuͤnſche ſei, und ſchlug gedankenvoll den Weg zur Abtei ein. Hier harrten der Abt und der ehrwuͤrdige Pater Philipp ſeiner ſchon mit Ungeduld.— 218 Mit aufrichtigen Freudenthraͤnen druͤckte der Letztere den geliebten Zoͤgling an ſein Herz, und hieß ihn willkommen auf aaterſändiſchem Boden. 1n f Als die erſten Begeufungen vorübor waren, erzaͤhlte Oscar ihnen alle Begebenheiten umſtaͤnd⸗ lich, die ihn und ſeine Schweſter waͤhrend ih⸗ rer langen Abweſenheit betrafen, und machte ſie zugleich mit den Hoffnungen bekannt, die ihn wieder in ſein Vaterland gefuͤhrt hatten. Gott ſei geprieſen, mein Sohn, rief der ehrwuͤrdige Philipp aus, mein Gebet iſt erhoͤrt, und ich darf es hoffen, den Tag noch zu erle⸗ ben, an dem du den Sieg uͤber den unverſoͤhn⸗ 8 lichen Erbfeind deines Hauſes davon tragen wirſt.— Dann habe ich lange genug gelebt, und will freudig dem Rufe in eine beſſere Welt folgen, wohin dein unvergeßlicher Vater mir vorangegangen iſt. Ich hoffe, daß es Gottes Wille iſt, euch noch laͤnger bei uns zu laſſen, ehrwuͤrdiger Va⸗ ter, erwiderte Oscar, damit ihr durch Beiſpiel und Lehre, auch noch den ferneren Abkommlingen unſeres Hauſes, zum Vorbild dient, und den 219 Kindern werdet, was ihr den Eltern ewveſen ſeid.— Bis tief in die Nacht hinein, ſprach man noch uͤber manche Gegenſtaͤnde, die dem alten Philipp tiefe Blicke in das Herz ſeines Zoͤglings gewaͤhrten. Am folgenden Morgen, als Oscar fruͤh ſeine Lagerſtaͤte verließ, und innerhalb der Mau⸗ ren des Gartens der Abtei herumwandelte, um von dort aus die Zinnen der Burg ſeiner Vaͤter zu betrachten, geſellte Philipp ſich bald zu ihm, und ſie lenkten ihre Schritte nun, unter trau⸗ lichem Geſpraͤch, weiter von da, in den Wald hinein.— Bald aber ward ihre Aufmerkſam⸗ keit durch ein lautes, wiederholtes Aechzen an⸗ gezogen, welches aus dem Dickigt, in nicht gro⸗ ßer Entfernung von ihnen, zu kommen ſchien. Stets zur Huͤlfe ſeines Naͤchſten bereit, ſprang Oscar ſchnell in das Gebuͤſch, und entdeckte dort einen Mann, auf einem Buͤndel Stroh liegend, der mit dem Tode zu ringen ſchien.— Bei Oscars Annaͤherung verſuchte der Elende, durch eine ſchwache Bewegung, ſich in die Hoͤhe zu richten, kaum aber erblickte er den jungen 220 Grafen, als er einen Schrei des Entſetzens aus⸗ ſtieß, und leblos zuruͤckfiel.— Jedoch gelang es Oscarn und dem Pater, ihn nach einiger Zeit wieder zu ſich zu bringen; ſo wie er aber die matten Augen oͤffnete, und ſie ſcheu zum Gra⸗ fen aufſchlug, verbreitete ſich aufs Neue Schre⸗ cken uͤber alle ſeine Geſichtszuͤge, und ſich muͤh⸗ voll aus den ihn haltenden Armen windend, rief er: rettet, rettet mich, vor dem fuͤrchter⸗ lichen Geſpenſt!— Welches Geſpenſt? fragte Philipp. Du re⸗ deſt irre, mein Sohn, hier iſt niemand außer uns zweien, die wir dir zu Huͤlfe geeilt ſind. Was, erwiderte der Elende, ſiehſt du nicht dort den Geiſt des ermordeten Grafen von Gla⸗ nalvon? Hier ſteht er mir zur Seite, und haͤlt mich ſchon wieder mit ſeinen Armen umklam⸗ mert.—. Hierunter ſcheint ein Geheimniß verborgen, ſagte Philipp, ſich zu Oscar wendend, welches uns vielleicht uͤber wichtige Dinge Aufſchluß geben koͤnnte; gehe alſo ſchnell zur Abtei zu⸗ ruͤck, um Huͤlfe fuͤr dieſen Ungluͤcklichen zu holen, waͤhrend ich hier bei ihm bleiben werde. — Glanalvon, zu ſehr beſtuͤrzt, um ein Wort zu erwidern, gehorchte ſtillſchweigend.— Sobald er fort war, nahete der Pater ſich dem Manne und fragte im theilnehmendſten Tone, was ihn in dieſe ungluͤckliche Lage gebracht habe; er er⸗ fuhr, daß er unter dem Heere Eduards gedient, nun grade auf ſeiner Ruͤckkehr begriffen geweſen und auf dem Wege zu ſeinen Verwandten, von Naͤubern angefallen ſei, welche ihn, nachdem ſie ihn aller ſeiner Baarſchaft beraubt, ſchwer ver⸗ wundet hier an dieſer Stelle hatten liegen laſſen. Kaum hatte er dieſe Worte muͤhſam her⸗ vorgebracht, als Oscar ſchon mit mehreren Laien⸗ bruͤdern, welche eine Bahre trugen, zuruͤckkam. Bei ſeinem Anblicke fingen die Raſereien des Verwundeten aufs Neue an; zu wiederholten Malen rief er den Namen Glanalvon aus, und ſeine Ruhe kehrte erſt wieder, als man ihn in eine Celle der Abtei gebracht, und Oscar von ihm entfernt hatte.— Ein Wundarzt ward ge⸗ rufen; dieſer erklaͤrte ſeine Wunden zwar nicht fuͤr toͤdtlich, rieth aber die aͤußerſte Behutſam⸗ keit in ſeiner Behandlung an. 222 Oscars lang gehegter Verdacht, in Anſe⸗ hung der Todesart ſeines Vaters, war durch den Vorfall am Morgen beſtaͤtigt, und das Verlangen, dieſen Mord zu raͤchen, aufs Neue in ihm entbrannt.— Nachdem er mit ſeinen Freunden daruͤber geſprochen, ward beſchloſſen, daß der Abt den Kranken beſuchen ſollte, ſobald dieſer aus dem tiefen Schlummer, worin er ſich nach einer ihm gegebenen Arzenei befinde, er⸗ wacht ſeyn wuͤrde, um, wenn es moͤglich waͤre, tiefer in den Grund ſeiner geheimnißvollen Re⸗ den einzudringen.— Nach einigen Stunden 3 wa d8 der Abt in das Zimmer gerufen, wo der Kranke, g geſtaͤrkt und neu belebt, durch den Schlaf, ihn mit Dank uͤberhaͤufte, fuͤr das viele Gute, welches ihm hier geworden ſei. Mein Freund, erwiderte der ehrwuͤrdige Vater, ihr ſeid die Erhaltung eures Lebens ei⸗ gentlich nicht mir, ſondern einem wuͤrdigen Klo⸗ ſterbruder und einem jungen Fremdlinge ſchul⸗ dig, der ſich gegenwaͤrtig in unſern Mauern be⸗ findet; dieſe beiden haben euch dem nahen Tode entriſſen. So geſtattet mir denn, ihnen meinen Dank 323 zu fagen, ehrwuͤrdiger Vater, ſiel der Kranke ein, und der Abt ſandte alſobald hinab, um beide rufen zu laſſen. Bei ihrem Eintritt wandelte ſich des Krie⸗ gers Anſehen merklich, und er rief mit verſtoͤr⸗ ten Geſichtszuͤgen: Barmherziger Gott, da ſteht es ja ſchon wieder! ſoll mich denn dieſes ſchreck⸗ liche Geſpenſt unaufhoͤrlich verfolgen?— Ach, ſcheucht es hinweg, vertreibt es, und ich will alles geſtehen!— Was meinſt du, mein Soßn, erwiderte der Abt; von welchem Geſpenſt redeſt du? Da, da ſteht es, verſetzte der geaͤngſtete Fremde, indem er auf Osear zeigte, der iu den Fuͤßen ſeines Lagers ſtand. Du irrſt dich, antwortete der Abt, dieſer junge Mann iſt der Sohn des verſtorbenen Gra⸗ fen von Glanalvon.— Glanalvon! wiederholte der Verwundete, indem er ſich in die Hoͤhe richtete; dann moͤge der Himmel ſich meiner erbarmen, denn ich war ſein Moͤrder! bei dieſen Worten ſank er in hef⸗ tigen Verzuckungen auf ſein Lager zuruͤck.— Man eilte, ſchnell Huͤlfe herbeizuſchaffen, „ 224 und alle, außer dem Abte, Pater Philipp und dem Wundarzte, verließen das Zimmer. End⸗ lich kehrte das Bewußtſein des Kranken zuruͤck, und als er ſich hinlaͤnglich erholt hatte, nahete der Abt ſich dem Bette, und beſchwor den zer⸗ knirſchten Suͤnder, in einem feierlichen Tone, ſeine Verbrechen zu geſtehen, und ſich vor ewi⸗ ger Verdammniß zu bewahren. Sein nahes Ende fuͤrchtend, legte der Krieger dem Abte folgendes Bekenntniß in der Beichte ab, deſſen Haupt⸗ inhalt ſogleich vom Pater Philipp ziedergeſchrie ben ward. „Da der unverſoͤhnliche Haß des Feriherrn von Morven gegen ſeinen Schwager, nur durch den Tod des letztern befriedigt werden konnte, beſchloß er endlich ſeinen Untergang, doch ſo daß er ſelbſt ſich vor jedem Verdachte ſicher ſtellte.— Auf Ottos Rath, der auch damals ſein Vertrauter war, wurde ein Haufen Maͤn⸗ ner zu dieſem Morde gedungen, unter welchen auch der Erzaͤhler, Namens Caspar, ſich befand. — Nachdem man ſich Nachricht von der bevorſte⸗ henden Reiſe des Grafen nach dem Schloſſe ſei⸗ nes Freundes zu verſchaffen gewußt hatte, ver⸗ 225 bargen die Maͤnner ſich im Walde, begleitet vom Freiherrn und Otto, die Zeugen der Aus⸗ fuͤhrung ihres teufliſchen Plans ſeyn wollten. Der Leſer iſt bereits mit dem Erfolge be⸗ kannt, und weiß, daß der edle Graf den letzten Todesſtreich von der Hand ſeines Slhuͤhers empfing. Obgleich nun easpas eine reichliche Velo⸗ nung fuͤr den, dem Freiherrn erzeigten Dienſt empfangen hatte, wollte der Friede, von dem Augenblicke an, nicht wieder in ſeine Seele keh⸗ ren.— Die Qualen ſeines Gewiſſens machten ihn ſo elend, daß er endlich beſchloß, ein Land zu verlaſſen, wo alles ihn an die veruͤbte Greuel⸗ that erinnerte, und ſich dem Heere zugeſellte, welches eben nach Frankreich eingeſchifft werden ſollte.— Das Getoͤſe der Waffen betaͤubte eine Zeitlang ſein Gewiſſen; aber der zufaͤllige An⸗ blick Oscars, den er nicht naͤher kannte, brachte ſeine Schuld aufs Neue vor die geaͤngſtigte Seele; er verfluchte ſein Leben, und ſuchte den Tod im dichteſten Getuͤmmel der Schlacht. Der Himmel aber ſchonte ſeiner, waͤhrend hunderte der Krieger um ihn herum fielen, und das Ende II. 15 226 des Feldzuges rief den ungluͤcklichen Caspar wie⸗ der in ſein Vaterland zuruͤck.— Er befand ſich auf einer Reiſe zu ſeinen Verwandten, als er von Raͤubern uͤberfallen, und von Glanalvon und dem ehrwuͤrdigen Vater gefunden ward. Ddieſes Bekenntniß ſeines Verbrechens er⸗ bot Caspar ſich, vor jedem Richterſtuhl zu be⸗ ſchwoͤren, und endete damit, den Abt zu bitten, duße ſich fuͤr ihn bei dem Sohne des ermor⸗ der en Grafen verwenden moͤge.— Der Abt erſprach ihm in Glanalvons Namen die groͤßte Schonung und Milde, im Falle er ſeine Huͤlfe nicht verſagte, um das Verbrechen des Freiherrn ans Licht zu foͤrdern; als er freudig darein wil⸗ ligte, ertheilte ihm jener die Abſolution und begab ſich dann zu Oscar, um ihm den Inhalt der Unterredung mitzutheilen.— Obgleich Glanalvon ſchon gewiſſermaßen auf die Nachricht vorbereitet war, ſchmerzte ihn doch die Ueberzeugung tief, daß der Vater ſeiner angebeteten Iſabelle der Moͤrder ſeines Vaters ſei; endlich aber wich jedes andere Gefuͤhl dem der kindlichen Zaͤrtlichkeit, und ſein ganzes Herz brannte vor Begierde, gerechte Rache an dem 227 ſchuldigen Freiherrn zu nehmen.— Auf den Rath des Abts beſchloß er, den Ausgang von Caspars Krankheit abzuwarten, und im Falle, daß dieſer geneſe, mit ihm nach London zu ge⸗ hen, um dort, am Fuße des Thrones, oͤffent⸗ lich Genugthuung zu verlangen. Schon nach wenigen Wochen war der Kranke hinlaͤnglich hergeſtellt, und durch Oscars Be⸗ tragen gegen ihn beruhigt, fuͤhlte er ſich ent⸗ ſchloſſen, mit ihm die Reiſe anzutreten. Die noͤthigen Vorbereitungen wurden ſchnell gemacht; unter dem Segen der frommen Bruͤder verließ der junge Graf bald darauf das Kloſter, beglei⸗ tet von Casparn und zweien treuen Dienern. 1 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Nach einigen Tagen langte man gluͤcklich in der Hauptſtadt an nachdem Oscar Sorge getragen hatte, ſein Gefolge unterzubringen, 25* 26 — besgab er ſich ſelbſt, ohne Zoͤgern, in den koͤnig⸗ lichen Palaſt, und erſuchte, unter dem Namen des Sir Oscar Willoughby, um eine geheime Unterredung mit dem Prinzen von Wales. Sein Geſuch ward ſogleich gewaͤhrt; er fand Eduard allein, der ihn mit alter Freund⸗ ſchaft empfing, ihm aber zugleich Vorwuͤrfe machte, ſein Verſprechen ihn wieder zu ſehen, ſo lange verſchoben zu haben.— Hat vielleicht der alte Freiherr endlich ſeine Einwilligung zu eurer Verbindung mit der reizenden Iſabelle ge⸗ geben? fuͤgte der Prinz ſcherzend hinzu, und hat dieſer Zauber euch von dem Freunde ent⸗ fernt gehalten, oder ſeid ihr vielleicht ſchon ver⸗ heirathet, und kommt jetzt/ es mir anzukuͤn⸗ digen?—— Nein, mein Prinz, erwiderte Glanalvon ſeufzend, dieß gluͤckliche Loos iſt mir noch nicht beſchieden, und es wird noch einen ſchweren Kampf koſten, ehe ich es mein nennen darf.— Dießmal ruft mich eine heiligere Pflicht hierher; die Stimme der Liebe muß ſchweigen. Ich komme, mich vor dem Throne niederzuwerfen, —— und von meinen Herrſchern Gerechtigkeit gegen einen Moͤrder zu erſtehen!—. Als der Prinz den tiefen Ernſt in Glanal⸗ vons Antlitze las, unterbrach er ihn nicht fer⸗ ner, ſondern hoͤrte aufmerkſam ſeiner Erzaͤhlung zu.— Nachdem dieſer geendet hatte, uͤbergab er Eduarden eine Schrift, welche er uͤber den ganzen Vorfall aufgeſetzt hatte, und bat ihn, ſie ſeinem koͤniglichen Vater zu uͤberreichen. Mit aller Waͤrme der Freundſchaft bezeugte der edle Prinz ſeine Theilnahme, indem er ver⸗ ſprach, ſich der ganzen Sache anzunehmen, als ſei ſie ſeine eigne.— Mein Vater iſt zu gerecht, ſetzte er hinzu, um nicht das euch erwieſene Unrecht einzuſehen, und euch volle Genugthuung zu ge⸗ ben, und mir wird die Freude werden, meinen tief gekraͤnkten Freund in alle ſeine Rechte wie⸗ der eingeſetzt, und ihn glaͤnzen zu ſehen unter den Erſten, die Englands Krone umgeben. So wie Glanalvon ſich beurlaubt hatte, eilte der Prinz zu ſeinem koͤniglichen Vater, und bat um eine Unterredung ohne Zeugen.— Nicht fuͤr mich, ſondern fuͤr einen mir theuern Freund, erflehe ich heute Ew. Majeſtaͤt Gerechtigkeit und 939 Gnade, ſagte der Prinz, als alles ſich entkermt hatte. Und wer iſt dieſer Freund, mein Sohn, erwiderte der Koͤnig, deſſen Wohl euch ſo nahe am Herzen zu liegen ſcheint? Der edle, ungluͤckliche Graf von Glanalvon, erwiderte Eduard, den die Bosheit ſeiner Feinde aus ſeinem Vaterlande verbannt und eurer koͤ⸗ niglichen Huld beraubt hat. Mit unwilligem Blicke verſetzte der Koͤnig: habt ihr vergeſſen, daß ich den Namen dieſes Verraͤthers nicht in meiner Gegenwart genannt haben will?— Kein Wort weiter von ihm, wenn wir Freunde bleiben wollen. Ich wage es auf meines Koͤnigs Zke denn ich kenne ſeine Gerech keit, rief der Prinz. Glanalvon iſt kein Verraͤther, ſondern ein ſchwer gekraͤnkter Unterthan Ew. Majeſtaͤt; wenig Au⸗ genblicke ruhiger Ueberlegung werden euch da⸗ von uͤberzeugen. Seht dieſe Schrift an, Siee, fuhr er tfort, als er bemerkte, daß der Koͤnig ſich unwillig von ihm wenden wollte, und ihr werdet finden/ daß nicht die Bitte des Sohnes, ſondern die 4 4* 4 23* Stimme der Gerechtigkeit euch auffodert, er⸗ littenes Unrecht wieder gut zu machen, und die Bosheit zu ſtrafen!— Er fuhr nun fort, mit aller Beredſamkeit die ſchwarze That des Frei⸗ herrn von Morven zu ſchildern, und drang dar⸗ auf, daß der Koͤnig Oscars ſchriftliche Beweiſe leſen mußte. Des Monarchen Geſichtszuͤge veraͤnderten ſich merklich waͤhrend des Leſens.— Sollte der Freiherr von Morven wirklich einer ſolchen Greuelthat faͤhig ſeyn koͤnnen? ſagte er fuͤr ſich, indem ſeine Augen ſich nicht von den Schrift⸗ zuͤgen wandten.— Zwar war bis hieher das Haus der Grafen von Glanalvon immer ſeinen Herrſchern treu und ergeben, und gehoͤrte zu den edelſten Geſchlechtern des Landes— fuhr er nach einer Weile fort. Und ſo ſteht es noch da, ſiel der Prinz eif⸗ rig ein.— Glaubt mir, Sire, ich kenne Oscar Glanalvon, und wenn mein Mund bisher ſchwei⸗ gen mußte, ſo hoͤrt es jetzt, daß, obgleich aus ſeinem Vaterlande verbannt, von euch ſeiner Ehre und ſeiner Guͤter beraubt, er doch noch fuͤr dieß Vaterland ſein Leben wagte. Er focht 222 ——58 auch in dem letzten Feldzuge unter einem ange⸗ nommenen Namen, glorreich und mit Nuhm be⸗ deckt an meiner Seite.— Dieſer letzte Beweis der Anhaͤnglichkeit Os⸗ cars an das koͤnigliche Haus, ruͤhrte des Mo⸗ narchen Seele, und die Beredſamkeit des Prin⸗ zen, die keine Grenzen fand, ſah ſich endlich mit dem ſchoͤnſten Erfolge gekroͤnt. Das Verban⸗ nungs⸗Urtheil gegen den Grafen von Glanalvon ward auf der Stelle zuruͤckgenommen, und ein Befehl gegeben, den Freiherrn von Morven, als des Verraths und Mordes angeklagt, zu ver⸗ haften. Nicht eher wich Eduard von ſeinem Vater, bis er ihm die Erlaubniß ertheilt hatte, ſeinen Freund zu ihm fuͤhren zu duͤrfen, und nun eilte er auf den Fluͤgeln der Freundſchaft zu Oscarn, um ihn mit dem Erfolge der Dinge bekannt zu machen. Dieſer hatte waͤhrend der Abweſenheit des Prinzen, die Zeit in aͤngſtlich geſpannter Erwartung zugebracht, und krampfhaft ward ſein Herz bei deſſen Annaͤherung zuſammenge⸗ preßt.— 1 Gluͤck auf, Gluͤck auf! mein theurer Fre und, 235 rief Eduard ihm ſchon von Ferne entgegen, und eilte nun, ihm mit kurzen Worten von alleln Bericht abzuſtatten.—— Entzuͤckt wollte Oscar ſich zu den Fuͤßen ſeines jungen Herrſchers werfen, um ihm ſeinen Dank zu ſtammeln; Eduard aber verhinderte ihn daran, zog ihn freundlich an ſeine Bruſt, und rief: kein Wort des Dankes, mein Freund, wenn du mich wahrhaft liebſt. Bin ich denn nicht ſchon hinlaͤnglich durch die Hoffnung be⸗ lohnt, zu deiner Gluͤckſeligkeit etwas beigetragen zu haben? Und iſt alles, was ich im Stande bin, fuͤr dich zu thun, doch weiter nichts als eine armſelige Vergeltung gegen den, der mir mehrere Male mein Leben erhalten hat.— Aber komm, ſetzte er ſchnell hinzu, mein Vater er⸗ wartet dich, und wir duͤrfen ihn nicht lange hat⸗ ren laſſen. Sie begaben ſich nun in den Audienzſaal, wo der Monarch Englands in aller koͤniglichen 8 Pracht, umgeben von den Großen ſeiner Krone, den jungen Erben von Glanalvon erwartete.— Mit edlem Stolz ſtellte der Prinz ihn ſeinem Vater vor, der dem vor dem Throne niedet⸗ enieenden Grafen huldreich die Hand bot, zum Zeichen, daß er aufſtehen ſolle.— Seid mir aufs Neue willkommen auf va⸗ terlaͤndiſchem Boden, Sir Oscar, ſagte er; der Ruf hat mir eure tapfern Thaten ſchon verkuͤn⸗ det, und mit Vergnuͤgen erblicke ich den Sohn des ſtets von mir geachteten, tugendhaften Gra⸗ fen von Glanalvon wieder.— Mylords, fuhr er fort, indem er ſich zu den ihn umgebenden Hoͤflingen wandte, erlaubt mir, euch dieſen ed⸗ len jungen Mann vorzuſtellen, den wir, durch einen ungluͤckſeligen Irrthum verleitet, mit un⸗ gerechter Strenge behandelt haben; aber unvor⸗ hergeſehene, wundervolle Umſtaͤnde haben uns von unſerm uUnrecht uͤberzeugt, das wir nun aus allen unſern Kraͤften wieder gut zu machen ſtreben werden. Geruͤhrt warf Oscar ſich noch einmal zu ſeines Koͤnigs Fuͤßen. Ich beſchwoͤre Ew. Ma⸗ jeſtaͤt, rief er, mich nicht durch ſo unverdiente Zeichen eurer Huld zu Boden zu deuͤcken! Ob⸗ gleich ich gelitten habe, darf ich mich nicht uͤber Unrecht beſchweren, weil euer Zorn, Sire, nur eine gerechte Folge meiner ſcheinbaren Schuld war. 235 Genug, Mylord, erwiderte der Monarch; laßt uns das Vergangene vergeſſen, und rech⸗ net fuͤr die Zukunft auf meine koͤnigliche Freund⸗ ſchaft, die es ſich wird angelegen ſeyn laſſen, eure Verdienſte nach Wuͤrden zu belohnen. Mit einem Gefuͤhle von Achtung und Dank⸗ barkeit, kuͤßte Glanalvon die ihm dargereichte Hand des Koͤnigs, und als bald darauf die Verſammlung aus einander ging, begleitete er den Prinzen von Wales zu der Koͤnigin. Auch von der edlen Philippa ward er mit ausgezeichneter Huld empfangen.— Heiter ver⸗ ging ihm der noch uͤbrige Theil des Tages in der Geſellſchaft des koͤniglichen Paares und ihres liebenswuͤrdigen Sohnes, die es ſich alle ange⸗ legen ſeyn ließen, jede widrige Erinnerung aus dem Gemuͤthe ihres jungen Gaſtes zu ver⸗ ſcheuchen. Der koͤnigliche Befehl zur Verhaftnehmung des Freiherrn, ward alſobald ausgefuͤhrt; ein paar Abgeordnete begaben ſich nach ſeiner Burg, um ihn nach London abzufuͤhren, wo er einige Ta⸗ ge darauf, begleitet von Otto, ankam.— Lionels kindliche Zaͤrtlichkeit hatke es nicht uͤber ſich er⸗ 7 236 halten koͤnnen, den Vater in der gegenwaͤrtigen ungluͤcklichen Lage allein zu laſſen; freiwillig theilte er die Gefangenſchaft im Tower mit ihm. Obgleich von den naͤheren Umſtaͤnden noch nicht unterrichtet, ließen die Gewiſſensbiſſe des Freiherrn ihn doch nicht ruhig bei dieſer Ver⸗ haftnehmung bleiben, und ſeine Furcht ward noch vermehrt, als er den Befehl erhielt, am folgenden Tage ſich vor Gericht zu ſtellen. Im Innern von ſeiner Schuld uͤberzeugt, folgte er dem Rufe. Sobald er ſich vor den Schranken befand, erſchien ein Herold, der mit lauter, vernehmlicher Stimme folgende Anklage gegen ihn ablas: Malcolm, Freiherr von Morven, wir ru⸗ fen euch vor die Schranken dieſer richterlichen Verſammlung, weil ihr des Mordes angeklagt ſeid, den ihr freiwilliger Weiſe gegen euren ed⸗ len Anverwandten, den vormaligen Grafen von Glanalvon veruͤbt haben ſollt.— Tretet vor, und beantwortet die Anklage. Auf meine Ehre, ich bin nicht ſchuldig, erwiderte der Freiherr mit ſtammelnder Stimme, ..— 2 indem er die Hand auf ſeine Bruſt legte, waͤh⸗ — ͤͤͤͤſſͤſ — —— 257 rend Lionel, todtenbleich und beſtuͤrzt, ſch kaum aufrecht erhalten konnte.— Und wer iſt mein Anklaͤger, fuhr der Feei herr nach einer Weile fort; er erſcheine und be⸗ gruͤnde ſeine Beſchuldigung. Osear, Graf von Glanalvon, rief der He⸗ rold, tretet vor, um die Anklage gegen den Freiherrn von Morven, euren Vater ermordet zu haben, hier vor den verſammelten Richtern und Zeugen, hinlaͤnglich zu beweiſen!— Ein allgemeines Stillſchweigen herrſchte; jedes Auge war mit aͤngſtlicher Erwartung auf die Thuͤr gerichtet, die ſich endlich oͤffnete. Ge⸗ ſtuͤtzt auf den Arm des ehrwuͤrdigen Pater Phi⸗ lipp's, trat Oscar vor die Schranken.— Als der Herold ihn aufs Neue auffoderte, ſeine Anklage zu beginnen, verbeugte er ſich mit ed⸗ lem Anſtande, und erzaͤhlte mit ruhigem, aus⸗ drucksvollem Tone, die wunderbare Entdeckung, welche er vor einiger Zeit gemacht habe.— Als er den Namen Caspar nannte, ſtutzte der Frei⸗ herr und aͤnderte die Farbe; aber er verſuchte ſogleich, ſeine Bewegung zu verbergen, und be⸗ — harrte bei der Behauptung ſeiner Unſchuld.— 238 Da nun aber Oscars Zeuge herbeigerufen ward und Caspar wirklich hereintrat, begleitet von den zwei Wundaͤrzten, die ſeine Ausſage in der Abtei von St. Clair mit angehoͤrt hatten, uͤberzog Todtenblaͤſſe des Freiherrn Geſicht, den Theilnehmer ſeines Verbrechens vor ſich zu ſe⸗ hen, der auf die ihm feierlich vorgelegte Frage, was er von der Ermordung des Grafen wiſſe, ſein ganzes, ſchon im Kloſter gegebenes Be⸗ kenntniß wiederholte, welches von den beiden Wundaͤrzten als das naͤmliche bezeugt ward, das ſie fruͤher von ihm gehoͤrt hatten. Ihr hoͤrt, Mylord, rief einer der Richter, indem er ſich an den Freiherrn wandte, weſſen euch dieſer Mann beſchuldigt. Habt ihr etwas zu eurer Vertheidigung anzufuͤhren?—. Es iſt alles Verlaͤumdung, erwiderte der Freiherr heftig, boͤslich von meinem Erbfeinde ausgebruͤtet, um meinen guten Namen in den Augen der Welt zu ſchaden.— Doch zweiſle ich keinesweges, ſeine boshaften Beſchuldigungen zu nichte machen zu koͤnnen, nur muß ich Ew. Herrlichkeiten bitten, mir bis Morgen Zeit dazu zu goͤnnen, wo ich einen Zeugen meiner un⸗ ſchuld vor Gericht ſtellen werde, der egennüzes tig abweſend iſt. Nach einigen Berathſchlagungen ward die Bitte des Freiherrn gewaͤhrt und das Gericht bis zum folgenden Tage aufgehoben.— Der Gefangene ward. ein den Tower zuruͤckgefuͤhrt, wohin ihn Lionel wieder begleitete, deſſen Ge⸗ fuͤhle uͤber das, was er am Morgen gehoͤrt hat⸗ te, nicht zu beſchreiben waren. Schon ſah er, in banger Ahnung, den Schimpf ſeines Hauſes voraus, wenn der Vater ſeines Verbrechens wuͤrde uͤberfuͤhrt ſeyn, woran er ſich kaum noch einen Zweifel erlaubte. Obgleich von der Schuld des Freiherrn ge⸗ wiß, waren Glanalvon und ſeine Freunde doch begierig zu erfahren, was er zu ſeiner Verthei⸗ digung ſagen wuͤrde, und erwarteten ungedul⸗ dig den morgenden Tag.— Fruͤh ſchon war der Gerichtshof mit Zuſchauern angefuͤllt, welche geſpannt den Ausgang des Verhoͤrs erwarteten. Glanalvon hatie ſich bereits vor die Schranken geſtellt, und nur der Beklagte fehlte noch, als ein Diener der Gerechtigkeit, der geſandt war, ihn abzuholen, erſchien, und mit erſchrockenem * 240 Blicke verkuͤndigte, daß der Freiherr von Mor⸗ ven nicht mehr ſei.— Bei dieſer Nachricht er⸗ hob ſich ein allgemeiner Tumult unter der Menge, und es dauerte geraume Zeit, ehe die Richter die naͤheren Umſtaͤnde erfahren konnten.— End⸗ lich gebot man Stille, und der AAsdeſändte hub folgendermaßan an: Als ich im Tower ankam und mich, wie gewoͤhnlich, in die Gemaͤcher des Freiherrn bege⸗ en wollte, trat mir der Gouverneur mit einem verſtoͤrten Anſehen entgegen, und auf meine Frage, ob dem Gefangenen etwas von Erheb⸗ lichkeit begegnet ſei, benachrichtigte er mich, daß er dieſen Morgen durch Gift, was er heimlich bei ſich gefuͤhrt hatte, ſeinem Leben ein Ende gemacht habe. Ein Papier, das in ſeinem Zim⸗ mer gefunden war, enthielt ein vollſtaͤndiges Bekenntniß ſeines Verbrechens; ein Brief an den Grafen von Glanalvon, den ich mitgebracht habe, lag in dieſem Papiere.— Nachdem ich dieſe Nachricht empfangen hatte, lte ich in des Freiherrn Zimmer, und ſah ihn dort todt auf ſeinem Lager liegen. Seine Geſichtszuͤge waren durch die Wirkung des Giftes ſo ſehr 4 241 entſtellt, daß man ihn kaum erkennen konnte. Sein Sohn befand ſich bei ihm, beſtaͤtigte die Ausſage des Gouverneurs, und nachdem ich die vorhinerwaͤhnten Papiere in Sicherheit gebracht hatte, eilte ich, Ew. Herrlichkeiten von dem Verlaufe dieſer Sache Bericht abzuſtatten. Der Brief an Glanalvon ward dieſem nun ſogleich uͤbergeben, der ihn ſchnell oͤffnete und folgenden Inhalt las: Glanalvon! ihr ſeid geraͤcht! der gute Ge⸗ nius eures Hauſes hat geſiegt, und euer Erb⸗ feind liegt in den Staub getreten da. Doch glaubt nicht, daß ich die Entdeckung meines Verbrechens uͤberleben werde; nein, lieber will ich allen Schreckniſſen der kuͤnftigen Welt durch ein ſelbſtgewaͤhltes Ende Trotz bieten, als der Rache meines Feindes, durch einen ſchimpflichen Tod von der Hand des Henkers, Genuͤge lei⸗ ſten.— Bis zu dem letzten Augenblicke meines erde ich den Haß gegen dein Haus naͤhren, und ich habe keinen r als den, meinen Vorſatz, jeden rhaßten Familie auszurotten, rt zu ſehen.— 16 242 242 Mit Schauder las Oscar dieſe Zeilen der Verſammlung vor, diß ihren Abſcheu gleich⸗ falls durch laute Ausrufungen der Verachtung und des Widerwillens zu erkennen gab. Der Tod des Freiherrn von Morven hatte alle wei⸗ teren Verhandlungen unnoͤthig gemacht, das Gericht ward aufgehoben, und keiner verließ es, ohne den Eindruck tief zu empfinden, den dieſer Vorfall allgemein hervorgebracht hatte. Oscar aber, vor allen, war innig ergriffen; zu edel, um uͤber das Schickſal des gefallenen Feindes zu frohlocken, fuͤhlte er mit theilnehmendem Herzen die Schmerzen, welche Iſabelle und Lionel uͤber den Tod ihres ungluͤcklichen Vaters empfinden mußten.— Gleich am folgenden Tage ſandte er einen Brief an den jungen Morven, in wel⸗ chem er, in den aufrichtigſten Ausdruͤcken, die Folgen beklagte, die der lang gehegte Haß ihrer beiden Familien hervorgebracht habe, und leb⸗ haft den Wunſch aͤußerte, von nun an alles Vergangene in ewige Verge Nachdem er dem jungen Lord noo Dank fuͤr die, ſeiner Schweſt erwieſene Freundſchaft waͤhrend ihr 243 tes auf dem Schloſſe von Morven, bezeugt hatte, ſchloß er mit der Bitte, dieſen Dank muͤndlich gegen ihn wiederholen zu duͤrfen. Das Herz des jungen Freiherrn, durch den letzten gewaltigen Schmerz noch weicher geſtimmt, ergriff gern die ihm dargebotene Hand der Ver⸗ ſoͤhnung.— Als Glanalvon Tages darauf bei ihm erſchien, waren beide im erſten Augenblicke zu bewegt, um ein Wort hervorbringen zu koͤn⸗ nen.— Unſer letztes Zuſammentreffen, ſagte endlich Oscar, indem er dem Freiherrn freund⸗ lich die Hand reichte, war unter ganz andern Gefuͤhlen und Umſtaͤnden, als das gegenwaͤrtige. Ihr ſahet mich damals, als den Feind eures Hauſes, mit Mißtrauen und Widerwillen an; auch waren meine Geſinnungen gegen euch nicht guͤnſtiger. Zeit und Leiden aber haben mich das Thoͤrichte eines Haſſes einſehen gelehrt, den kein Geſetz der Ehre zu rechtfertigen vermag, und ich wuͤnſche von ganzem Herzen zu vergeſſen, daß unſere Vaͤter Feinde waren. Eure Guͤte gegen meine Schweſter, als ihre ſchutzloſe Lage ſie da⸗ hin brachte, in eurem Hauſe eine Zuflucht zu ſuchen, haben cuich ein ewiges Recht auf meine 16* 2 44 Achtung und Dankbarkeit erworben, und ſo werde ich es in Zukunft als das groͤßte Gluͤck meines Lebens anſehen, euch unter die Zahl meiner Freunde rechnen zu duͤrfen. Genug Glanalvon, ſiel Lionel geruͤhrt ein, Angelicas Bruder iſt ſchon lange nicht mehr ein Gegenſtand meines Grolls geweſen, und mich ver⸗ langt nicht minder darnach, als euch, unſere vor⸗ malige Feindſchaft zu vergeſſen.— Schon zu viel habt ihr durch das Haus der Morven gelitten, und es wird mein ernſtlichſtes Beſtreben ſeyn, durch mein kuͤnftiges Betragen die Erinneruug vergangener Beleidigungen aus eurem Gedaͤcht⸗ niſſe zu loͤſchen. Nach dieſen Worten druͤckte Lionel die Hand Oscars an ſein Herz, und in einer innigen Um⸗ armung ſchworen beide ſich dauernde Freund⸗ ſchaßt. In der hierauf folgenden Ueterredong, be⸗ kannte Lionel frei ſeine Leidenſchaft fuͤr Angelica, und fuͤgte ſeufzend hinzu, daß ihr Verluſt ihn beſtimmen wuͤrde, ſein Leben ehelos hinzubringen. Erſt nach einigen Stunden trennten ſich die bei⸗ den jungen Naͤnner, zufrieden uͤber ihre gegen⸗ 245 ſeitige Mittheilung.— Oscar durfte es jetzt wagen, den Gedanken einer Verbindung mit ſeiner geliebten Iſabelle wieder zu faſſen; we⸗ nigſtens fuͤrchtete er keine Einwuͤrfe von Seiten des Bruders, der aufrichtig fuͤr ihn gewonnen ſchien. Wenige Tage darauf ward die Leiche des ungluͤcklichen Freiherrsn von Morven aus dem Tower nach Northumberland gebracht, um dort in den Graͤbern der Vorfahren beigeſetzt zu wer⸗ den; der trauernde Sohn und wenige Diener, die ihm nach London gefolgt waren, begleiteten den Zug. Schon war die Kunde vom Tode des Va⸗ ters zu Iſabellen gelangt, deren Gefuͤhle man ſich leicht vorſtellen kann.— Einſam ſaß ſie in ihrem Gemache, als die Leiche vor der Burg ankam und Lionel zu der Schweſter hineintrat, und ſich an ihre Bruſt warf.— Die Verbrechen des Freiherrn waren vergeſſen, mit kindlichen Thraͤ⸗ nen beweinten Beide den Verluſt des Vaters, haͤrter noch gebeugt durch das ungluͤckliche En⸗ de, das er genommen hatte. 4 5 Waͤhrend tiefe Trauer in der Vurg von 246 Morven herrſchte, war Glanalvon mit den noͤ⸗ thigen Vorbereitungen beſchaͤftigt, um nach North⸗ humberland als der rechtmaͤßige Herr der Beſitz⸗ thuͤmer ſeiner Vaͤter zuruͤckzukehren, aus denen er ſo lange verbannt geweſen war. Schon war er feierlich vom Koͤnige aufs Neue belehnt, der es ſich angelegen ſeyn ließ, durch jede Auszeichnung die fruͤhere Ungerechtigkeit wieder gut zu machen, und bald ward der junge Graf von Glanalvon allgemein als Guͤnſtling des Monarchen aner⸗ kannt.— Eduards Betragen gegen ſeinen Freund blieb unwandelbar daſſelbe, nur ſchien er ihn jetzt mit noch hoͤherem Stolz den Seinigen zu nennen. Nachdem unſer Held noch einige Tage mit der koͤniglichen Familie verlebt hatte, verließ er London, und kehrte noch einmal in den geliebten Aufenthalt ſeiner Kindheit zuruͤck, wo die Nach⸗ richt ſeiner nahen Ankunft ſchon durch den ehr⸗ wuͤrdigen Pater Philipp verbreitet war, der ſich auf die Burg begeben hatte, um alles zu ſeinem Empfange gehoͤrig in den Stand zu ſetzen. Die Nuͤckkehr Glanalvons in die Wohnung ſeiner Vorfahren, war ein Feſt fuͤr die ganze 247 Nachbarſchaft auf viele Meilen in der Runde. — Die Burg ward aufs Neue ein Schauplatz mannichfaltiger Freuden, wuͤrdig des edlen Be⸗ ſitzers, den ſie in ihren alten Mauern aufnahm. — In den lange veroͤdeten Hallen toͤnte es von den Saiten der Harfe:„Das Mahl iſt bereitet, ſtolz erhebt ſich wieder der ſtattliche Eichbaum“, waͤhrend die gaſtliche Freigebigkeit, und das Wohlwollen des jugendlichen Herrſchers, Entzuͤcken uͤber die verbreitete, welche durch den Sturz ſeines Hauſes gelitten hatten.— Mit der edelſten Dankbarkeit ſuchte er alle auf, die ſich in ihrer Anhaͤnglichkeit bewaͤhrt hat⸗ ten; keiner ward ver eſſen, niemand ging uner⸗ freut von ihm; vor allen aber empfing die treue Alice eine reichliche Belohnung ihrer Dienſte, in⸗ dem ſie als Ausgeberin im Schloſſe angeſtellt ward.— Auch der ungluͤckliche Caspar ward nicht uͤberſehen; durch des Grafen Vermittelung erhielt er eine Stelle in der Abtei von St. Clair, wo ſein, noch immer durch Gewiſſensbiſſe geaͤngſte⸗ tes Gemuͤth durch den ſanften Troſt der Reli⸗ gion beruhigt ward, ſo daß er durch ſtete koͤr⸗ 248 4 perliche Schmerzen gepeinigt und gelaͤutert, endlich heiter der Stunde ſeiner Aufloͤſung entgegen ſah. Kurze Zeit nach der Ankunft des Grafen auf ſeiner Burg erhielt er die Nachricht, daß Otto, der Mitſchuldige des Freiherrn von Mor⸗ ven, oͤffentlich fuͤr ſein Verbrechen hingerichtet ſei, und noch in den letzten Augenblicken ſeines Lebens, durch ſeine Ausſage, die Schuld ſeines Herrn beſtaͤtigt habe.— Das Schickſal dieſes Elenden war zu wohl verdient, um irgend ein Mitleid in Oscars Bruſt zu erregen; wohl aber ſorgte er fuͤr eine bejahrte Mutter und Schwe⸗ ſter des Bsſewichts, die ſein Tod in die groͤßte Huͤlfloſigkeit gebracht hatte; er ſuchte ſie in der Verborgenheit auf, wohin ſie ſich voll Scham und Verzweiflung den Augen der Welt entzogen hatten, und ſeine Freigebigkeit verſetzte ſie in 1 einen ertraͤglicheren Zuſtand. Da Glanalvon jetzt glaubte, den heiligen Pflichten ſeines neuen Berufs Genuͤge geleiſtet —— zu haben, erlaubte er ſich nun auch an ſein eig⸗ nes Gluͤck zu denken; ſein Herz, treu der erſten Regung ſeiner Liebe, ſuchte in Iſabellen das Heil, was er glaubte, nur durch ſie erlangen zu koͤnnen. Zartgefuͤhl hatte ihn bisher zuruͤckgehalten, dem jungen Freiherrn von Morven und ſeiner Schweſter waͤhrend der erſten Trauer uͤber den Tod ihres Vaters, beſchwerlich zu fallen; da er aber jetzt hoffte, daß die Zeit die Heftigkeit des Schmerzes gelindert haben wuͤrde, wollte er ei⸗ nen Beſuch nicht laͤnger aufſchieben, den ihm ſchon die aͤußere Sitte, mehr aber noch ſein eignes Herz gebot.— Am folgenden Morgen begab er ſich alſo nach Morvens Burg, wo er ſogleich vorgelaſſen ward, und Lionel mit ſeiner Schweſter allein fand. Bei Oscars Eintritt uͤberzog ein hohes Roth Iſabellens blaſſe Wangen; ſie wollte es verſuchen, ſich von dem Ruhebette zu erheben, auf welchem ſie angelehnt lag, ſank aber durch innere Bewegung uͤberwaͤltigt, wieder zurkck. — Lionel ſprang ſchnell von ſeinem Sitze ihm entgegen, und rief, ihm freundlich die Hand rei⸗ chend: Habt Dank, edler Graf, fuͤr die Freude, welche ihr uns durch eure Gegenwart ſchenkt, 250 ich dachte wahrlich ſchon, daß ihr eure Freunde auf der Morvensburg vergeſſen haͤttet.— Gewiß nicht, erwiderte Oscar; nur die Furcht, euch oder Lady Jſabelle laͤſtig zu fallen, konnte mich ſo lange zuruͤckhalten. Das waͤre nie der Fall geweſen, ſagte Lio⸗ nel, im Gegentheil haben wir eure Gegenwart oft herbeigewuͤnſcht; aber kommt, theurer Freund, fuhr er fort, wir duͤrfen nicht vergeſſen, daß es hier noch jemand giebt, der ein fruͤheres Recht auf eure freundliche Begruͤßung hat. Bei dieſen Worten fuͤhrte er den jungen Grafen naͤher zu Iſabellen, welche wehmuͤthig laͤchelnd ihm die Hand entgegen reichte, die er feſt an ſeine Lippen druͤckte. Zum erſten Male wagte ſie, ſeit ſeinem Eintritte, die ſchoͤnen Augen wieder zu ihm empor zu heben; ſein Blick weilte auf ihr, und mit Bekuͤmmerniß bemerkte er die Veraͤnderung, welche in allen ihren Zuͤgen herrſch⸗ te.— Die bleiche Wange, die abgehaͤrmte Ge⸗ ſtalt, ſchienen ihm zu ſagen, wie viel ſie in der letzten Zeit gelitten habe, und ſein Herz blutete bei dem Gedanken, daß er, wiewohl unſchuldig, doch die Urſache dieſer Leiden ſei⸗ Nach einigen gleichguͤltigen Geſpraͤchen ver⸗ ließ der Freiherr das Zimmer, und nun wagte Glanalvon die Frage: ob ihr Herz ihm noch gehoͤre? Oscar, erwiderte das hocherroͤthende Maͤd⸗ chen, ihr wißt es lange, daß ich mich nicht ver⸗ ſtellen kann, und kennt meine Neigung zu euch; auch ſchaͤme ich mich nicht, euch dieſe Liebe zu geſtehen.— Eure Zaͤrtlichkeit und die Leiden, die ihr meinethalben erduldet habt, verdienen jeden Erſatz, den ich gewaͤhren kann, und wenn 6 es euch Freude macht, zu hoͤren, daß mein Herz euch noch immer einzig angehoͤrt, ſo nehmt die treue Verſicherung aus meinem Munde.— An meines Bruders Einwilligung zweifle ich nicht, da er euern Werth zu ſchaͤtzen weiß; aber Pflicht und Liebe gebieten mir, ihn zu Rathe zu ziehen, 3 und ſeiner Entſcheidung ſei unſer Gluͤck anheim geſtellt. Voll Entzuͤcken warf Glanalvon ſich zu Iſa⸗ bellens Fuͤßen, um ihr ſeinen Dank zu ſtammeln, als die Thuͤre ſich offnete/ und der Freiherr ſchnell ins Zimmer trat.— Erſchrocken ſprang Oscar auf; ein tiefes Roth jungfraͤulicher Scham uͤber: ——— 252 zog Iſabellens Wangen, waͤßrend Lionel, ſich einen Augenblick an beider Verwirrung weidend, endlich lachend ausrief: 3 Ei, Freunde, was hat denn das alles ei⸗ gentlich zu bedeuten?— Jlabelte feuerroth, der tapfre Ritter da verlegen?— Ich begreife nicht, Kinder, was euch ſo beſchaͤmt machen kaun! Ihr liebt einander und habt es euch wahrſchein⸗ lich eben geſtanden, und das iſt die ganze, wich⸗ e Sache.— Mylord, erwiderte Oscar, deſſen Faſſung wiedergekehrt war, es war nicht meine Abſicht, euch meine Liebe zu eurer Schweſter zu verheh⸗ len, von der ihr ohnedieß ſchon hinlaͤnglich uͤber⸗ zeugt ſeyn muͤßt. Von eurer Einwilligung haͤngt das Gluͤck oder Ungluͤck meines kuͤnftigen Lebens ab; in eurer Hand ſteht es alſo mich zum gluͤck⸗ lichſten Menſchen zu machen, oder——— Bewahre der Himmel, fiel Lionel raſch ein, daß ich da nur einen Augenblick wanken ſollte! Glanalvon, meine Schweſter iſt euer; ihr ſeid der einzige Mann, der Iſabellens Hand werth iſt, und moͤgt ihr alle die Seligkeit in der Vereinigung mit der Geliebten eures Her⸗ ſte allein.— zens finden, die euer armer Freund leider ent⸗ behren muß! Nur Thraͤnen und eine innige Umarmung waren die Antwort, welche die Liebenden im erſten Augenblicke dem großmuͤthigen Bruder geben konnten, und als ſie ruhiger geworden, ihm auch durch Worte ihre Gefuͤhle ausdruͤcken wollten, entzog er ſich ihrem Dank und ließ Als der erklaͤrte Liebhaber der ſungen, rei⸗ zenden Erbin von Morven, war Glanalvon von nun an ein ſteter Gaſt im Schloſſe; ihre Ver⸗ bindung aber ſollte erſt nach Verlauf der Trauer gefeiert werden. Im ſtillen Genuß der reinen Freuden der Liebe, ſchwand auch dieſe Zeit ſchnell dahin, und der Tag, der ſie unaufloͤslich anein⸗ ander knuͤpfen ſollte, erſchien. Fruͤh am Morgen empfingen die beiden jugend⸗ lichen Haͤupter der nun wieder ſo eng befreun⸗ deten Staͤmme eine zahlreiche Menge von Gaͤ⸗ ſten in der Capelle der Abtei, wo der hochent⸗ zuͤckte Glanalvon ſeine geliebte Iſabelle aus der Hand des Bruders erhielt. Als treuer Freund fehlte auch der edle Eduard nicht an dieſem Tage, 27. 254 um durch ſeine Gegenwart das Gluͤck des jun⸗ gen Paares noch zu erhoͤhen. Sobald die feierliche Handlung vollzogen war, kehrte man auf die Burg zuruͤck, und der noch uͤbrige Theil des Tages ward in Feſtlich⸗ keiten und Spielen, dem ritterlichen Geiſte des Zeit⸗Alters gemaͤß, hingebracht. Dem pracht⸗ vollen Turniere folgte ein nicht minder pracht⸗ volles Mahl, und die alten Hallen der Glanal⸗ vonsburg toͤnten wieder von begeiſternden Liedern der Minneſaͤnger. Opscars edle Thaten, Oscars edles Geſchlecht feietten die Saͤnger der Lieder, und ſegneten den Tag, der die beiden feindlichen Haͤuſer der Glanalvon und Morven aufs Neue verband. Ende. — — ——C—y —