2* Ednard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 1. Oftensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 .2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe Pinterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:.. 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: „—————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 15 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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E in R oman nach dem Engliſchen der Miß Hougheon, 8 3 5.* Ff 4 Heſtse Theil. 4 —-— * Jena, bei Auguſt Schmid und Compagnie 3 18 17 Erſtes Kapitel. — In dem wildeſten und romantiſchſten Theil⸗ Northumberlands lag an einer erhabenen Klip⸗ pen⸗Reihe, von hohen, theils nackten, theils ſchoͤn bewachſenen Felsmaſſen umgeben, die Burg der Herren von Glanalvon und ſchien von dort aus die ganze uͤbrige Gegend beherrſchen zu wollen. Unter ihr bluͤhete ein ſchmales, aber fruchtbares Thal und in den cryſtallenen Fluthen des wald⸗ umkraͤnzten Sees ſpiegelten ſich die dunkeln Schatten von oben und die lachenden Doͤrfchen, welche an ſeinen Ufern erbaut waren. Die Burg ſelbſt war alt und geraͤumig, und ihre erha⸗ benen Thuͤrme und mit Moos und Epheu bewach⸗ ſenen Zinnen ſchienen gleichmaͤßig den Stuͤrmen des Krieges und der Zeit Trotz zu bieten. — ——————— . 8 4 5 —-——————— Graf von Glanalvon, ſtammte von edlem Angel⸗ ſaͤchſiſchen Geſchlecht, welches ſich nicht allein durch den Adel der Geburt, ſondern noch durch hoͤhere Vorzuͤge ausgezeichnet und beides auf ſeine wuͤrdigen Nachkommen vererbt hatte. Im Gepraͤnge und Geraͤuſch des Hofes und Feldes waren Glanalvon's erſten Jahre verfloſſen, wo ſeine Anmuth und Talente die Bewunderung oder den Neid aller derer erregten, die ihn kannten; aber nur zu ſehr hatte er erfahren, daß die ver⸗ einten Gaben der Natur und des Gluͤcks nicht immer beſeligen; tief verwundet war des Gra⸗ fen Herz durch den Verluſt eines liebenswuͤrdigen und angebeteten Weibes, der mit ſo ſchauder⸗ haften Umſtaͤnden verbunden war, daß ein Zug von Schwermuth ſich ſeiner fuͤr die Folge des Le⸗ bens bemaͤchtigte, den nichts ganz zu verſcheu⸗ chen vermochte. 1. In einer kleinen Entfernung von Glanalvons Burg, erhoben ſich die ſtolzen Thuͤrme der Lords von Morven, deren Beſitzungen an die des Gra⸗ fen grenzten. Ein unausloͤſchlicher Haß, der Der Beſitzer dieſer alten Behauſung, der ſich einſt in einem Streite auf einem Turnier an⸗ — 3 geſponnen, hatte ſchon ſeit alter Zeit beide Ge⸗ ſchlechter entzweit und war vielleicht der einzige dunkle Flecken in Glanalvons Charakter, da er ihm von ſeinen Vorfahren mit angeerbt zu ſeyn ſchien; doch nur zu bald lehrte ihn die Liebe dieſe Feind⸗ ſchaft verwuͤnſchen, die ſeine ſchoͤnſten Hoffnun⸗ gen zu zerſtoͤren drohete. Die erſte ſuͤße Neigung ſeiner jugendlichen Bruſt war Conſtance; unwiſ⸗ ſend wer ſie ſei, uͤbergab er ſich blindlings dieſer allgewaltigen Leidenſchaft, und als er erfuhr, daß er die einzige Tochter ſeines Erb⸗Feindes in ihr liebte, vermochte nichts mehr dieſe Neigung zu un⸗ terdruͤcken. Auch feufzte er nicht vergebens; Con⸗ ſtance war zu weiblich und edel, um an dem Fami⸗ lienhaſſe Theil zu nehmen, und die Anmuth und Tugenden des Grafen lehrten ſie zuerſt ein Ge⸗ fuͤhl kennen/ welches ſie ſich kaum zu geſtehen, noch weniger zu hegen wagte, wohluͤberzeugt, daß keine Vorſtellungen den Freiherrn von Morven bewe⸗ gen wuͤrden, jemals in eine Verbindung mit dem Hauſe Glanalvons zu willigen.— Gleichfalls von der Nichtigkeit jedes Verſuchs einer guͤtli⸗ chen Ausgleichung mit ihren Verwandten uͤber⸗ zeugt/ verſuchte der Graf, der durch den Tod ſei⸗ 4 nes Vaters unumſchraͤnkter Gebieter geworden war, durch Bitten die junge, ſanfte Conſtance da⸗ hin zu bringen, in eine heimliche Heirath mit ihm zu willigen und ſo ſchwer auch der Streit zwi⸗ ſchen Pflicht und Liebe in ihrem Buſen war, ſo ſiegte doch endlich die Furcht, den Geliebten auf immer zu verlieren, uͤber alle Vernunft⸗Gruͤnde. Mit ſcheuen zitternden Lippen ſprach ſie ihr Ja! der entzuͤckte Juͤngling bereitete alles zu einer ei⸗ ligen Flucht und ſchon der folgende Morgen be⸗ gruͤßte Conſtance als Glanalvons Gattin. Unmoͤglich iſt es, den Zorn des Freiherrn zu beſchreiben, als er erfuhr, mit wem ſeine Tochter entflohen ſei. Im erſten Anfalle ſeiner Wuth beſchloß er, die Fluͤchtlinge zu verfolgen und die Schuldige mit Gewalt aus den Armen ihres Gat⸗ ten zu reißen. Bald aber uͤberzeugte ihn ein reiflicheres Nachdenken, daß dieſer Schritt ihm zu nichts helfen wuͤrde, da er die Heirath nicht unguͤltig machen konnte; er ſtieß die bitterſten Verwuͤnſchungen uͤber ſein Kind aus, welches er ſchwur nie wieder zu ſehen. Doch wuͤrden viel⸗ leicht Zeit und die zaͤrtliche Neigung, welche er vormals fuͤr ſie gefuͤhlt, ſeinen Groll gemildert —= 8 5 haben, waͤre dieſer nicht auf das argliſtigſte durch ſeinen aͤlteſten Sohn genaͤhrt worden, der neben dem Familien⸗Haß noch eine beſondere Feindſchaft gegen den Grafen empfand. Mit einander hatten ſie die Bahn des Lebens begon⸗ nen, und uͤberall hatten die ausgezeichneten Talen⸗ te des Grafen ihm einen Ruhm erworben, nach welchem ſein Nebenbuhler vergebens ſtrebte. So ſah Morven ihn als einen Stern an, deſ⸗ ſen hoͤherer Glanz ſeine geringeren Strahlen ver⸗ dunkelte, ein boͤslicher Neid und Haß bemaͤch⸗ tigte ſich immer mehr ſeines Gemuͤths, und leicht kann man ſich nun ſeine Gefuͤhle denken, als die⸗ ſer Gegenſtand ſeines Abſcheus der Gemahl ſeiner Schweſter ward! Ihn des Lebens berauben zu koͤn⸗ nen, wuͤrde ſeine ſchwarze Seele mit Luſt erfuͤllt haben; aber er ſcheute ſich, nach den Geſetzen der Ehre den Feind zu fodern, deſſen Ueberlegenheit er fuͤrchtete, und jeder andern Art der Rache be⸗ raubt, beſchloß er, auf alle nur erdenkliche Weiſe des Grafen Gluͤckſeligkeit im Stillen zu untergra⸗ ben und des Vaters Zorn gegen Conſtancen im⸗ mer aufs Neue zu beleben, feſt uͤberzeugt, daß ſeine Vergebung zum Frieden der zaͤrten, weibe 6 lichen Seele nothwendig ſei. Vergebens war jeder Verſuch der jungen Graͤfin zur Ausſoͤhnung mit ihrem Vater; ihre Beſuche wurden abgewie⸗ ſen, ihre Briefe unerbrochen zuruͤckgeſchickt und die Unterwerfung Glanalvons, obgleich ſie dem Stoolz des Freiherrn ſchmeichelte, ward mit Ver⸗ achtung erwiedert. Dieſer immer fortgeſetzte Un⸗ wille des Vaters, der ſchwere Fluch, den er uͤber ſie ausgeſprochen hatte, ließ einen tiefen Stachel in dem gefuͤhlvollen Herzen Conſtancens, den ſelbſt die Gluͤckſeligkeit, welche ſie in den Armen ihres Gemahls genoß, nie ganz daraus verſcheu⸗ chen konnte. In Augenblicken glaubte ſie wohl, die gluͤcklichſte Gattin und Mutter zu ſeyn; aber ungewiß wie die Dauer alles irdiſchen Gluͤckes iſt, ſchien es auch hier den hoͤchſten Punct er⸗ reicht zu haben und dem Sinken nahe zu ſeyn. Zum zweiten Male fuͤhlte ſich Conſtance Mutter, als der Freiherr von Morven in eine gefaͤhrliche Krankheit verfiel, von welcher die Aerzte keine Geneſung hofften. So lange es nur moͤglich war, ſuchte Glanal⸗ vons Zaͤrtlichkeit dieſe Nachricht vor ihr zu ver⸗ bergen; aber ſeine Vorſicht blieb fruchtlos, da — .. 2 Conſtance es einſt zufaͤllig durch einen Diener er⸗ fuhr. Sie ertrug den Gedanken nicht, daß der Vater den uͤber ſie ausgeſprochenen Fluch mit ins Grab nehmen ſollte, und beſchloß, noch einen Verſuch zu wagen, um in dieſem Leben ſeine Ver⸗ zeihung und ſeinen Segen zu erlangen. Ihres Gemahls Einwilligung zu dieſem Schritte bezweis felnd, benutzte ſie ſeine Abweſenheit bei einer Jagd, begab ſich allein und in Pilgerkleidern nach dem Schloſſe ihrer Ahnen und bat um Zutritt bei dem Freiherrn in Angelegenheiten von der groͤßten Wichtigkeit. Die Achtung, welche man in jenem Zeitalter den Pilgerinnen erzeigte, war ſo allgemein, daß ſelbſt das Todbette, auf wel⸗ chem ſich der Herr der Burg befand, keinen hin⸗ laͤnglichen Grund zur Abweiſung gewaͤhrte; ſo ward ſie angemeldet und bald darauf in das Krankenzimmer gefuͤhrt. Blaß und zitternd nahete Conſtance ſich dem Lager, worauf ihr Va⸗ ter lag, deſſen Anſehen beim Schein der Lampe, durch welche das Gemach erhellet war, ſchon et⸗ was Geiſterartiges hatte. An der einen Seite des Bettes ſaß ihr aͤlteſter Bruder, an der an⸗ dern eine liebenswuͤrdige junge Frau, die ſie fuͤr 8 ſeine Gemahlin hielt.— Bei Conſtancens Eintritte erhoben ſie ſich und der Freiherr fragte mit ſchwa⸗ cher, kaum hoͤrbarer Stimme nach ihrem Begehren. — Sie nahete wankenden Schrittes und indem ſie vor ihm niederkniete, rief ſie: Vater, vergieb und ſegne dein Kind! 3 Ruͤhrung und Erſtaunen wirkten zu nachtig bei dieſer unerwarteten Anrede auf den Koͤrper des Freiherrn; ohnmaͤchtig ſank er auf ſeine Kiſſen zuruͤck. Der junge Morven aber ſprang zor⸗ nig auf ſie zu und rief: ausgeartetes Weib! wie kannſt du es wagen, hier zu erſcheinen, nach⸗ dem du die edle Familie, aus deren Blute du entſproſſen biſt, ſo niedrig entehrt haſt? Entfer⸗ ne dich augenblicklich und ſegne die Gnade, welche uns zuruͤck haͤlt, dein Besbtechen nach Verdienſt zu beſtrafen!— Nie, nie, erwiderte Conſtance athemlos,„ werde ich dieſen Platz verlaſſen, bis ich meinen Vater geſprochen habe; o, aus Mitleid gewaͤhrt mir dieſe einzige, letzte Bitte und ewig will ich den Segen des Himmels fuͤr euch erflehen! Ein tiefer Seufzer des Freiherrn kuͤndete ſeine Ruͤckkehr ins Leben an und die ungluͤckliche —— Conſtance verſuchte aufs Neue, ſich ihm zu nahen; aber ihr unmenſchlicher Bruder, ungeruͤhrt von ihren Thraͤnen und Bitten, bemaͤchtigte ſich ih⸗ rer, zog ſie mit Gewalt in ein anſtoßendes Zim⸗ mer, ſtieß die ſchoͤne Leidende, welche ihn auf ih⸗ ren Knien beſchwor, ſie noch einmal vor ihren Vater zu laſſen, unſanft von ſich, eilte aus dem Zim⸗ mer, verſchloß die Thuͤr hinter ſich und ließ Conſtance ohne Bewußtſein dort liegen. Als ſie nach einiger Zeit wieder zur Beſinnung kam, fand ſie ſich auf einem Ruhebette liegend; neben ihr ſaß Lady Morven, auf das zaͤrtlichſte mit ihr beſchaͤftigt und ſie mit ſanfter Stimme bittend, ſich zu beruhigen. Noch ehe Conſtance antworten konnte, trat ihr Bruder wild in das Zimmer und rief ſeiner Frau zu: nun iſt die Criſis da und der Arzt erklaͤrt, daß mein Vater kei⸗ ne Stunde mehr leben kann. Gott, mein Vater im Todeskampf, fuhr Conſtance auf, indem ſie krampfhaft die Haͤnde zuſammen ſchlug, und noch iſt mir keine Verge⸗ bung geworden!— Malcolm, fuhr ſie fort, ſich zum Bruder wendend, wenn je Mitleid dein 10 Herz ruͤhrte, ſo zeige es nun und laß nach jhn noch einmal ſehen!— In tiefe Traͤumereien verſunken blieb Mor⸗ veu einige Augenblicke ſtumm; ploͤtzlich ſchien es, als wenn ein neuer Gedanke ſich ſeiner bemaͤch⸗ tigte und er erwiderte: nun, es ſey; weil du es ſo ernſtlich wuͤnſcheſt, gehe ich, den Frei⸗ herrn auf dieſe Zuſammenkunft vorzubereiten, und ich bitte dich, waͤhrend dieſer Zeit hier bei La⸗ dy Morven zu verweilen.— Ohne eine Ant⸗ wort zu erwarten, verließ er das Zimmer; Con⸗ ſtance hoͤrte ihn ſich des Vaters Bette nahen, und ernſtlich, aber ſo leiſe zu ihm reden, daß ſie den Inhalt nicht verſtehen konnte; endlich kehrte er eäte und winkte ihr mit der Hand, ihm zu folgen. angſam und wankend nahete ſie ſich dem Bette, warf ſich noch einmal auf ihre Knie und rief mit der groͤßten Anſtrengung: Vater, vergieb mir! ich wage nicht, um deinen Segen zu flehen; aber um des Allerbarmers willen, nimm nur den Fluch von deinem ungluͤcklichen Kinde! Der Freiherr ſchwieg; Morven aber fiel raſch ein: nun, Sir, welche Anwort haben ſie fuͤr Glanal⸗ vons Weib?— — — 11 Glanalvons Weib! erwiderte der Kranke in einem Anfalle von Wuth, glaubſt du, daß ich je die anerkennen werde, welche dieſen verhaß⸗ ten Namen fuͤhrt? Nein, nie, niemals!— gehe mir aus den Augen und nimm den Fluch mit dir, den dein Ungehorſam verdient hat!— Vater, rief Conſtance noch einmal im Tone der hoͤchſten Verzweiflung, nimm ſie zuruͤck, dieſe ſchrecklichen Worte und vergieb mir, deinem Kinde, deiner ſonſt ſo zaͤrtlich geliebten Con⸗ ſtance! bei dem Andenken meiner verſtorbenen Mutter beſchwoͤre ich dich darum, vergieb ihrer Tochter und ihr verklaͤrter Geiſt wird dich ſegnen, wenn du ihn in jenem Leben wieder erblickſt.— Der Ton mit dem die Tochter dieſe Worte geſprochen hatte, das Andenken an die Verſtor⸗ bene, der er bald vereint zu ſeyn hoffte, ſchie⸗ nen das harte Herz des Freiherrn zu erweichen; er winkte ihr, naͤher zu treten; ehe er aber noch eine Antwort geben konnte, befiel ihn ein krampf⸗ 4 haftes Zucken. Morven, fuͤrchtend, daß ein Augen⸗ blick der Beſinnung die Worte der Vergebung fuͤr die Schweſter ausſprechen moͤchte, ergriff ſie hartherzig beim Arm und ſchleppte ſie zum Zim⸗ 12 mer hinaus, wohin ſeine Frau ihm folgte, de⸗ ren gefuͤhlvolles Herz gerne der Leidenden jeden Troſt gewaͤhren wollte.— Verzweiflungsvoll und die Haͤnde ringend warf Conſtance ſich im angrenzenden Gemach auf das Sopha, als einige Augenblicke darauf ein Diener hereintrat und den Tod des Freiherrn meldete. Mit einem lauten Schrei des Schmerzes riß die ungluͤckliche Tochter ſich aus den Armen der weinenden Lady Morven, um wenigſtens noch einmal die Leiche des Vaters zu ſehen; aber ehe ſie das Zimmer erreichen konnte, kam der Bruder ihr entgegen, fuͤhrte ſie an ih⸗ ren Platz zuruͤck und wandte ſich kalt zu einem Diener mit dem Befehl, einen Wagen anſpannen zu laſſen, um die Dame nach ihrem Schloſſe zuruͤck⸗ zubringen. Genießet nun die Fruͤchte eurer That, fuͤgte er hinzu, ſich zu ihr wendend, euer Ungehorſam hat den beſten der Vaͤter getoͤdtet und nie ſoll in Zukunft eure Gegenwart das Andenken eurer wuͤrdigen Ahnen ſchaͤnden.— Unmenſch! rief Conſtance aus, endlich wird deine Bosheit befriedigt werden; ich fuͤhle, die⸗ ſer Stoß iſt toͤdtlich! oh, mein Gemahl, meine Bae 13 ungluͤcklichen Kinder, was wird aus euch wer⸗ den!— Der Wagen ward Boegtfaßren halb beſin⸗ nungslos warf ſie ſich hinein, und als ſie auf ih⸗ rem Schloſſe ankam, empfing der Graf ſie mit offnen Armen; er war ſchon ſeit langer Zeit zu⸗ ruͤck und uͤber ihre ungewoͤhnliche Abweſenheit in Angſt und Sorge geweſen. Als er nun von ihr den ganzen traurigen Vorfall hoͤrte, ſchmaͤhl⸗ te er ſie zwar liebevoll, dieſen Schritt ohne ſein Wiſſen gethan zu haben, verſuchte aber alles, ſie durch die zaͤrtlichſte Theilnahme zu beruhigen und zutroͤſten, waͤhrend ſein Grimm uͤber das bos⸗ hafte, hartherzige Verfahren des Bruders keine Grenzen kannte.— Mit Engels⸗Freundlichkeit hoͤrte Conſtance auf ſeine Troſtgruͤnde und ver⸗ ſprach, ruhig zu ſeyn; allein es war zu ſpaͤt, die Hand des Todes war uͤber ſie gekommen! Ihr zarter Koͤrper erlag den Schmerzen einer zu fruͤ⸗ hen Niederkunft und ſchon am folgenden Tage hatte die liebenswuͤrdige, ungluͤckliche Conſtance aufgehoͤrt, fuͤr dieſe Welt zu ſeyn.— Wir werfen einen Schleier uͤber Glanalvons Kummer, der in ihr die zaͤrtlichſte Gattin und 14 Mutter beweinte.— Wenn aber auch anfangs dieſer Schmerz ihn zu verzehren drohete, ſo lehr⸗ te ihn doch bald die Religion, daß er ſich ihm nicht unbedingt hingeben duͤrfe, und er beſchloß aus Liebe zu ſeinen beiden Kindern, mit Erge⸗ bung und Muth ein Leben ferner zu ertragen, das fuͤr ihn freilich den ſchoͤnſten Reiz verloren hatte. Dieſe Kinder ſah er nun als ſeinen hoͤchſten Troſt an, auf ſie wandte er die zaͤrtlichſte, vaͤter⸗ liche Sorgfalt; auch fuͤhlte er ſich nicht getaͤuſcht in ſeinen Erwartungen, denn reichlich belohnten ſie ihn durch ihre Liebe und die gluͤcklichen Anla⸗ gen, welche ſich ſchon ſeit fruͤher Rindſhehen bei ih⸗ nen entwickelten.— In dem Augenblicke da unſere Geſchichte ei⸗ gentlich beginnt, hatte Oscar, der aͤlteſte Sohn, gerade ſein zwanzigſtes Jahr zuruͤckge⸗ legt.— Auf den erſten Blick ſah man, daß eine ſchoͤne Seele den ſchoͤnen, maͤnnlichen Koͤrper be⸗ lebe; der Ausdruck ſeiner feurigen, dunkeln Au⸗ gen ward durch den jugendlichen Glanz ſeiner ge⸗ ſunden Geſichtsfarbe erhoͤht.— Lebhaft fuͤr alles Große und Gute eingenommen, gab er ſich nur zu oft einer augenblicklichen Leidenſchaft hin, und ——— 15 ſeine Gefuͤhle wurden zerſtoͤrend fuͤr ſeine Ruhe. Doch ungeachtet dieſes kleinen Fehlers in ihm, war es unmoglich, ihn zu kennen, ohne Liebe und Achtung fuͤr ihn zu empfinden, und wer ſich ihm nahete, wollte dem edlen, houhheien Jüng⸗ ling wohl. Angelica, vier Jahre juͤnger als ihr Bruder, glich in der aͤußern Geſtalt voͤllig ihrer verſtor⸗ benen Mutter.— Die Grazien ſchienen bei ih⸗ rer Geburt zugegen geweſen zu ſeyn, und holde Anmuth verbreitete ſich uͤber ihr ganzes We⸗ ſen.— Wenn ihre blauen/ ſchmachtenden Au⸗ gen, ſo rein und ſchuldlos aus dem Engelsköpf⸗ chen, von blonden, natuͤrlichen Locken umwallt, herausblickten, glaubte man, ein liebes Heiligen⸗ bild zu betrachten. Anſpruchlos aber ſtand ſie ſelbſt da, einfach in allem Thun und Walten, verbreitete ſie Freude um ſich her und war ſich nur der reinſten Liebe bewußt. Oft weilte der Vater mit Entzuͤcken auf ihrem Anblick, ſie war ſein Liebling, in ihr ulutt⸗ er die ge⸗ liebte, verlorne Gattin aufs Neue verjuͤngt vor ſich zu erblicken, und oft taͤuſchte ihn ſeine Ein⸗ bildungskraft ſo ſehr, das er 3. wuirt ich in 4 16 ihr zu umarmen waͤhnte.— Weit entfernt, uͤber dieſe Parteilichkeit des Vaters eiferſüchtig zu ſeyn, lebte Oscar auch nur fuͤr die geliebte Schweſter. Mit einander erzogen, waren ihre Beſtrebungen und ihre Freuden eins geworden und wenn Angelica den Bruder als ihren Be⸗ ſchüͤtzer anſah, betrachtete ſie ihn zugleich als ih⸗ ren theuerſten Freund, und nach ihrem Vater war er der erſte Gegenſtand ihrer Zaͤrtlichkeit. Von fruͤheſter Kindheit an, war er ihr einziger Gefaͤhrte geweſen, der Theilnehmer ihrer un⸗ ſchuldigen Freuden, und oft, wenn ſie vom Spiel ermuͤdet ſich auf einem ſchoͤnen Raſen zum Schlaf hinlegte, bedeckte Oscar ſie mit Blumen und Blaͤttern und ſtand ritterlich an ihrer Seite Schildwache, damit nichts ihren Engelsſchlum⸗ mer ſtoͤren moͤge. Jahre verbanden ſie nur inni⸗ ger miteinander. Nach dem Gebrauche des Zeit⸗ alters war Angelica oft die Begleiterin des Bru⸗ ders bei den Vergnuͤgungen, von welchen jetzt das zartere Geſchlecht ausgeſchloſſen iſt. Er lehrte ſie den Bogen ſpannen, das unbaͤndige Roß zaͤhmen; und leicht und gewandt als das Reh in ihren va⸗ terlaͤndiſchen Gebirgen, brachte ſie oft ganze Ta⸗ — 8 17 ge auf der Jagd mit ihm zu.—. In hoͤheren Wiſſenſchaften war er gleichfalls ihr Lehrer, und ſchnell begriff ſie alles unter ſeiner Leitung. So floſſen die gluͤcklichen Stunden der Kindheit und Jugend ihnen dahin, von keiner Sorge getruͤbt; froͤhlich und thaͤtig begruͤßten ſie die Strahlen der aufgehenden Sonne, und der Abendhimmel lud ſie freundlich zum ſanften Schlummer der Unſchuld ein. Doch nicht immer ſollte dieſe reine Gluͤckſeligkeit dauern, und nahe ſchon war der Augenblick, wo eine unerwartete Trennung die erſten truͤben Wolken uͤber ihr Geſchick herbei⸗ fuͤhrte. Die Anſpruͤche des tapfern, aber ehrſuͤch⸗ tigen Evuard III. an Frankreichs Krone, hatten ſchon ſeit mehreren Jahren die beiden be⸗ nachbarten Nationen in alles Elend des Kriegs verwickelt und den Grund zu jenem unausloͤſchli⸗ chen Groll gelegt, welcher ſeitdem immer zwi⸗ ſchen ihnen geherrſcht hat. Gern ergriff Eduard die erſte Gelegenheit, den im Jahre 1348 durch paͤbſtliche Vermittlung geſchloſſenen Waffenſtillſtand wieder zu brechen und den Krieg aufs Neue zu beginnen. Hie⸗ zu hoten ihm die Streitigkeiten, welche ſich nach J. 2 — 18 Philipps Tode zwiſchen deſſem Nachfolge: Johann und Carl, dem Koͤnige von Navarra, erhoben, eine willige Gelegenheit dar, da der letztere ſich um Beiſtand an Eduard gewandt hatte. Zu⸗ frieden, daß die verſchiedenen Factionen in Frank⸗ reich ihm dort einige Anhaͤnger verſchafft hatten, welche er durch ſeine Anſpruͤche an die Krone ſich nie hatte erwerben konnen, bereitete ſich der ehr⸗ ſuͤchtige Monarch, ſeinen Feind von zwei Seiten anzugreifen und die eine Abtheilung ſeines Heers, welches ſich nach Guienne wenden ſollte, unter den Oberbefehl des Prinzen von Wales zu ſtellen, waͤhrend er, von Calais aus, den Angriff in ei⸗ gener Perſon anfuͤhren wollte.. Schnell war das Geruͤcht dieſes neuen Feld⸗ zuges in ganz Britannien verbreitet und erweckte in dem leidenſchaftlichen Gemuͤth des jungen Os⸗ car den heftigſten Wunſch nach Ruhm und Ehre. — Soll mein Leben in nutzloſer Ruhe dahinfie⸗ ßen, rief er wiederholt aus, waͤhrend die jun⸗ gen Edelleute mir an Rang und Alter gleich, ſich unſterbliche Lorbeern im Felde der Ehre erkaͤm⸗ pfen. Dafuͤr behuͤte uns der Geiſt unſerer erha⸗ benen Ahnen, welche uͤber den Ruhm des Hau⸗ 19 ſes der Glanalvons wachen; denn groß wuͤrde der Triumph ihrer Feinde ſeyn, wenn ſie hoͤrten, daß der Erbe dieſes Hauſes ſich entfernt hielte von einem ſo glorreichen Feldzuge! So ſchwer es dem Vater auch ward, einen einzigen, geliebten Sohn den Gefahren eines ſol⸗ chen Krieges preis zu geben, ſo beſtimmte ihn doch endlich das eigene, hohe Gefuͤhl der Ehre, Oscars wiederholten Bitten nachzugeben, und die Zubereitungen zur Abreiſe wurden, dem Range und Stolz des vaͤterlichen Hauſes gemaͤß, gemacht. Wenn ſchon der Graf nur ungerne nachgab, was mußte Angelica beim Abſchiede des Bruders fuͤhlen, die, in ihrer gluͤcklichen Einſamkeit erwachſen, nur wenig Sinn fuͤr den ritterlichen Geiſt des Zeit⸗ alters in ſich gehegt hatte und hier nur Gefahr und Tod fuͤr den Gegenſtand ihrer zaͤrtlichen Nei⸗ gung ſah; doch aber war ihre Liebe fuͤr ihn zu wahrhaft, um ſeinen Geiſt durch Klagen niederzu⸗ ſchlagen, ſie gewann es uͤber ſich, ihren Schmerz zu verbergen, ja ſie theilte ſogar ſcheinbar die Hoffnungen des jugendlichen Kampfgeuoſſen.— Endlich kam der ſo lange gefuͤrchtete Tag von Oscars Abreiſe, und ſchon bei den erſten Strah⸗ *ℳ 29 len der Morgenſonne ward Angelica durch die lauten Freudenrufe der Lehnsleute geweckt, wel⸗ che ſich im Schloßhofe verſammelt hatten, und eilend begab ſie ſich zum Vater und Bruder, welche ihrer im Saale harreten. Schweigend ward das Fruͤhſtuͤck verzehrt, denn jeder der Theilnehmer fuͤhlte ſich zu beklommen, um eine Unterhaltung anzuknuͤpfen; Oscar endlich, wel⸗ cher wuͤnſchte, dieſer peinlichen Scene ein Ende zu machen, ſprang von ſeinem Sitze auf, und in⸗ dem er ſich ehrerbietig dem Vater nahete, bat er kniend um ſeinen Abſchiedsſegen. Der Graf erhob ſich, zog ihn zaͤrtlich in ſeine Arme und rief: Lebe wohl, geliebter Sohn, deines Vaters Segen begleite dich; ſey ſtets eingedenk, daß die Ehre deines Hauſes in deinen Haͤnden ruhet; laß deine Handlungen dich des hohen Namens, den du fuͤhrſt, werth zeigen und wenn mein Sohn fal⸗ len muß, laß mir den Troſt, zu hoͤren, daß er wuͤrdig fiel.— Fuͤrchtet nichts, theurer Vater, entgegnete Oscar geruͤhrt, nahete ſich dann der weinenden Angelica, ſchloß ſie an ſeine Bruſt, ſammelte ein Lebewohl und eilte ſchnell aus dem Gemach. Auf den Ton ſeines muthigen Jaͤger⸗ 21 horns verſammelte ſich ſein Gefolge rings um ihn herum, und Segenswuͤnſche erfuͤllten die Luft, waͤhrend er ſich leicht auf ſeinen ſchneeweißen Renner ſchwang. Glanalvons Herz ſchlug im vaͤterlichen Entzuͤcken, als er den ſchoͤnen Juͤngling von oben betrachtete, der noch mit der Hand alle anmuthig gruͤßend, leicht wie ein Blitz dahin flog. So lange ihre Blicke ihm fol⸗ gen konnten, blieben der Graf und Angelica am Fenſter ſtehen; als aber der glaͤnzende Schein ſeiner Ruͤſtung ſich in den Baͤumen des Waldes verlor, kehrten auch ſie ſich traurig ab und je⸗ der ſuchte die Einſamkeit, um ſeinen Gefuͤhlen freien Lauf laſſen zu koͤnnen. Zweites Kapitel. Nachdem Oscar die vaͤterliche Burg ver⸗ laſſen hatte, richtete er ſeinen Weg gerade nach London, wohin der Graf ihm Briefe an einen ſeiner beſten Freunde, den Lord Fitzowen, mit⸗ gegeben hatte, in welchen er dieſen dringend 22 — bat, ſeinem Sohn mit Rath und That waͤhrend ſeines Aufenthaltes in der Hauptſtadt beizuſtehen, und ſowohl Oscars Erſcheinung als die anmu⸗ thige Art ſeines Betragens, wirkten ſo guͤnſtig auf den Lord, daß er ihn einlud, ſein Haus, ſo lange es ihm geſiele, als das vaͤterliche zu betrachten, welches der Juͤngling mit Freuden annahm. Gleich den Tag nach ſeiner Ankunft, begleitete Lord Fitzowen ſeinen jungen Freund in den Pallaſt des Koͤnigs, um ihn Eduard und ſeiner erhabe⸗ nen Gemahlin Philippa, vorzuſtellen, von denen er mit der ehrenvollſten Auszeichnung aufgenom⸗ men und dem tapfern und liebenswuͤrdigen Prin⸗ zen von Wales vorgeſtellt ward, der ſich in Eng⸗ lands Geſchichte unter dem Namen: der ſchwarze Prinz, nicht allein durch perſoͤnli⸗ che Schoͤnheit, ſondern in jeder maͤnnlichen und ritterlichen Tugend des haͤuslichen wie des oͤffent⸗ lichen Lebens, damals ruͤhmlichſt vor allen Zeit⸗ genoſſen ſeines Ranges auszeichnete. Ihn er⸗ waͤhlte ſich Oscar zum Vorbilde; durch ein ſo edles Streben geleitet, ſuchte er begierig jede Gelegenheit auf, dem von ihm bewunderten Cha⸗ rakter naͤher zu ſtehen, ſeine Liebe zu erwerben, 23 und ſeine Wuͤnſche wurden uͤber alle Erwartung befriedigt, Schon beim erſten Anblick hatte Os⸗ car einen vortheilhaften Eindruck auf den Prin⸗ zen gemacht, der bei naͤherer Bekanntſchaft noch um vieles erhoͤhet ward; das ganze Weſen Gla⸗ nalvons, die Wahrheit und Aufrichtigkeit, wel⸗ che in allen ſeinen Gefuͤhlen vorherrſchend waren, ſeine edle Freimuͤthigkeit, ja ſogar das ungeſtuͤ⸗ me Feuer, welches oft ſtrahlend aus ihm hervor⸗ blitzte, zogen Eduard unwiderſtehlich zu dem Juͤngling hin, der nur wenige Jahre juͤnger als er, ihm oft ein Ebenbild ſeines eigenen Ich's zu ſeyn ſchien. Bald zeichnete er ihn durch die ſchmeichelhafteſten Beweiſe ſeiner Aufmerkſam⸗ keit aus, und in Kurzem ſah Oscar ſich im Beſi⸗ tze des Vertrauens und der Freundſchaft des Mannes, fuͤr den er die waͤrmſte Bewunderung und Achtung fuͤhlte. Ein Umſtand, der ſich bald nachher zutrug, diente dazu, beide noch inniger miteinander zu verbinden. Als eines Tages der Prinz, von ſeinem Ge⸗ folge begleitet, ſich auf die Jagd begab fuͤhrte ihn die Heftigkeit, mit welcher er ein Wild verfolgte, bald von allen uͤbrigen Begleitern ab, und indem 24 er ſich im D dickigt des Waldes verlor, fuhr ploͤtz⸗ lich ein wilder Eber auf ihn ein. Der Prinz ver⸗ wundete beim erſten? Angriffe das Thier mit ſeinem Jagdſpieß; voll Schmerz und Wuth wagte es aber einen neuen Sprung auf ſeinen Gegner, verfehl⸗ te ihn ſelbſt zwar, ſetzte aber ſeinen grimmigen Hauer ſo tief in die Seite des Pferdes, daß es zu Boden fiel. Allein und unbewaffnet wuͤrde der Prinz ſchwerlich ferner der Wuth des Thieres haben widerſtehen koͤnnen; ſein Leben ſchien in der augenſcheinlichſten Gefahr, als auf einmal ein lautes Geſchrei durch den Wald toͤnte und ein Speer aus unbekannter Hand geworfen, tief in das Herz der ſchaͤumenden Beſtie drang, welche blutend und todt zur Erde ſtuͤrzte. Faſt an der Wirklichkeit der Begebenheit zweifelnd, ſah Eduard ſich nach ſeinem Befreier um und ward Oscar gewahr, der, ſich aus dem Dickigt her⸗ vorarbeitend, ſchnell auf den Prinzen zueilte, um ſich von ſeinem Leben zu uͤberzeugen. Ueber⸗ waͤltigt von Erſtaunen und Dankbarkeit, ſchloß Eduard ſeinen Erretter an die Bruſt, indem er ausrief: Oscar, wie ſoll ich dir jemals meine Er⸗ kenntlichkeit hinlaͤnglich beweiſen; nur dein Arm 24 pettete mich, ſonſt waͤre ich, nicht auf dem Felde der Ehre, ſondern durch die Wuth dieſer wilden Beſtie gefallen, die nun ſo kraftvoll durch dich erlegt, zu meinen Fuͤßen liegt. Mein Prinz, er⸗ wiederte Oscar, zu hoch ſchlagt ihr dieſen klei⸗ nen Dienſt an, den mein Gluͤck mir in die Haͤn⸗ de ſpielte; glaubt, daß ich in jedem Augenblick willig ſei, mein Leben fuͤr den zu opfern, auf dem des Reiches Wohlfahrt beruhet. Aber ihr blutet, ſetzte er in einem Tone des Schreckens hinzu, guͤtiger Himmel, Prinz, ihr ſeid verwundet! Es iſt nichts, verſetzte der Prinz, als eine leichte Streifwunde, vom Zahn des Ebers hervor⸗ gebracht; indem band er ſeine Schaͤrpe ab und bat Oscar ſie ihm um den Arm zu legen, ſetzte dann ſein Horn an den Mund und in wenigen Minuten war ſein Gefolge um ihn verſammelt, dem er Oscar als den Erretter ſeines Lebens vorſtellte. Nie hatte wohl Oscars Herz hoͤher vor ſtolzem Entzuͤcken geſchlagen, als in dieſem Augenblicke, denn dieſe Worte ſchienen ihn mehr zu erheben, als alle aͤußere Ehre der Welt es ver⸗ mochte. Der Vorfall hatte der Jagd ein Ende ge⸗ 26 macht; Eduard beſtieg das Roß eines ſeiner Be⸗ gleiter und kehrte nach London zuruͤck, wo das Geruͤcht die Neuigkeit ſchon verbreitet hatte, und eine zahlloſe Menge Volks ihnen entgegen kam, um den tapfern Erretter ihres geliebten Prin⸗ zen zu ſehen. Betaͤubt durch Freudejauchzen und Lob, freute ſich Oscar, als ſie ſich endlich dem Pallaſt naheten, und glaubte nun ſich der Menge entziehen zu koͤnnen; aber neuer Dank wartete hier ſeiner von Eduards koͤniglichen Eltern, welche wechſelſeitig ihn als den Er⸗ retter ihres Sohnes prieſen und umarmten. Als einen kleinen Beweis ſeiner Erkenntlichkeit ſchlug der Koͤnig auf der Stelle den Juͤngling zum Ritter; die unverſtellte Beſcheidenheit, mit welcher unſer junge Held dieſe Auszeichnung empfing, machte ihn ſeinem koͤniglichen Freun⸗ de nur noch theurer, und uͤberzeugt, daß Oscar ſeines Wohlwollens werth ſei, ſuchte er von nun an bei allen Gelegenheiten ihn vorzuziehen und die Welt zu uͤberzeugen, daß er es terech fer Weiſe verdiene. Waͤhrend dieſer Zeit waren die Zubereitun⸗ gen zu der vorhabenden großen Unternehmung 4 1 beendet und durch die ganze Stadt ſah man nur Eile und Beſtreben, zum Ziele zu ge⸗ langen. Jeder Tag brachte aus den entfernte⸗ ren Theilen des Koͤnigreichs neue Verſtaͤrkungen herbei, und ganz London ſchien beſeelt von ei⸗ nem kriegeriſchen Verlangen. Die Gaſſen wa⸗ ren mit gewappneten Maͤnnern angefuͤllt, wel⸗ che in ihre Standquartiere ruͤckten; der Koͤnig und der Prinz hielten Heerſchau uͤber die ver⸗ ſammelten Truppen, und allenthalben wurden die noͤthigen Befehle zu ihrer Verpflegung ver⸗ theilt.. Endlich erſchien der erſehnte Tag ihres Ab⸗ zuges, und ehe der Morgen angebrochen war, weckte ſchon das vereinte Freude⸗Jauchzen der wehrhaften Maͤnner und der allbelebende Ton der kriegeriſchen Muſik, die uͤbrigen Einwohner aus ihrem ruhigen Schlummer und alles ſtroͤmte herbei, um ihnen ein Lebewohl und dem koͤnig⸗ lichen Heerfuͤhrer Heil und Segen nachzu⸗ rufen. Oscar war nicht der letzte, den die Strahlen der Morgenſonne vom Lager getrieben hatten. Eilig ſchnallte er ſeine ſchoͤne Ruͤſtung an und 28 er chien dann in Eduards Gemaͤchern, der be⸗ reits gewappnet da ſtand. Arm in Arm gin⸗ gen unſere Helden, um von der Koͤnigin Ab⸗ ſchied zu nehmen, welche ſie ſchon von ihren Da⸗ men umgeben fanden; ein Strahl der Freude be⸗ ſeelte ihr geiſtvolles Auge beim Eintritt ihres tap⸗ feren Sohnes, der ſich ihr ehrerbietig nahend, auf ein Knie ſank und um ihren Segen bat. Lebe wohl, mein Eduard, Stolz unſeres koͤ⸗ niglichen Hauſes, erwiederte die edle Philippa, indem ſie ihn aufhob und an ihre Bruſt ſchloß. Ich bitte dich nicht, tapfer zu ſeyn, denn der Sieger von Creſſy bedarf nicht dieſer Ermah⸗ nung; aber erinnere dich deiner Mutter und laß Klugheit deinen Muth leiten.— Dann ſich zu Oscar wendend, der ſich gleichfalls vor ihr auf ein Knie niedergelaſſen hatte, fuͤgte ſie hinzu: Lebet auch ihr wohl, Sir Oscar, meine beſten Wuͤnſche begleiten euch in euren er⸗ ſten Feldzug und als eine Aufmunterung zu ritterlichen Thaten, nehmt dieß aus der Hand eurer Koͤnigin. Bei dieſen Worten nahm ſie eins ihrer Armbaͤnder ab und be⸗ feſtigte es um den Arm des jungen Ritters, 29 welcher ihr ſchwur, es nur mit dem Leben hin⸗ zugeben. Nach einigen Augenblicken mahnte der Prinz Oscarn an die Nothwendigkeit ihres Abſchie⸗ des, und nachdem ſie ſich noch einmal herzlich und kurz von der Koͤnigin beurlaubt hatten, beſtiegen ſie ihre wiehernden Roſſe und. erſchie⸗ nen vor den Reihen der Krieger. Bei Edu⸗ ards Annaͤherung erſcholl ein allgemeiner Freu⸗ de⸗Ruf, und von allen Seiten draͤngte das Voll ſich an ihn heran. Mit der ihm ſo natuͤrlichen Leutſeligkeit gruͤßte der Prinz, ſeinen Helm vielfaͤltig in die Luͤfte ſchwingend, die Menge, und nun erſcholl ein allgemeines Rufen: Lang lebe der Koͤnig und unſer geliebter Prinz von Wales!— Noch eine Strecke außerhalb der Stadt zog das Volk dem Heere jauchzend nach und kehrte dann wieder in ſeine friedlichen Wohnungen zuruͤck, Gott und die heilige Jung⸗ frau anflehend, das Unternehmen zu ſegnen. Begleitet von den Edelſten der brittiſchen Ritterſchaft, kam Eduard mit einer Flotte von 3oo Segeln an den Ufern der Garonne an, und als die Gasconier zu ihm geſtoßen waren, ruͤckte er ohne Zoͤgern ins Feld. Verwirrung herrſchte uͤberall im Lande; ſo ward es ihm leicht, ſeine Verheerungen, der damaligen Sitte des Krieges gemaͤß, ungeſtraft fortzuſetzen, und nach einem Streifzuge von 6 Wochen kehrte er, reich mit Beute beladen und mit vielen Gefan⸗ genen nach Guienne zuruͤck, wo er ſeine Win⸗ ter⸗Quartiere aufſchlug. Waͤhrend dieſer Zeit war ſein koͤniglicher Vater in Calais gelandet, hatte den Krieg dort auf die naͤmliche Weiſe und mit demſelben Erfolge gefuͤhrt und bei ſeiner Ruͤckkehr nach England, wohin er wegen eines aufruͤhreriſchen Unternehmens der Schot⸗ ten genoͤthigt war, zuruͤck zu gehen, uͤberließ er er es dem Prinzen von Wales, die errungenen Vortheile zu behaupten. Angefeuert durch den gluͤcklichen Erfolg ſei⸗ nes erſten Zuges, zog Eduard aufs Neue mit einem Heere von nicht einmal 12000 Mann ins Feld; mit dieſer kleinen Anzahl wagte er es, bis in das Innere Frankreichs vorzudringen, verheerte mehrere Provinzen und faßte endlich den kuͤhnen Entſchluß, ſeinen Heereshaufen mit der Armee in der Normandie zu vereinigen, 31 welche vom Herzoge von Lancaſter angefuͤhrt ward; aber dieſe Verwegenheit kam ihm theuer zu ſtehen, denn ein Heereshaufe von 68600 Mann, unter der Anfuͤhrung des Koͤnigs von Frankreich, nahete ſich ihm in Eil⸗Maͤrſchen. Eduard, jetzt auf ſeinen Ruͤckzug bedacht, ver⸗ lor einige Tage bei der Belagerung des fe⸗ ſten Schloſſes von Remorantin und gab dem Feinde dadurch Zeit, ihn zu ereilen und zu um⸗ zingeln. In dem Dorfe Maupertuis, ohn⸗ fern von Poitiers, ſtießen beide Heere auf einander, und da jeder Ruͤckzug abgeſchnitten war, bereitete der Prinz ſich nun mit allem Muthe des Helden und aller Klugheit des aͤl⸗ teſten und erfahrenſten Anfuͤhrers, zur Schlacht. Derſelbe Geiſt, der ihn beſeelte, ſchien ſich im ganzen brittiſchen Heere zu verbreiten, und vor⸗ zuͤglich Oscar, welcher es lange ſehnlich ge⸗ wuͤnſcht hatte, ſich durch eine große That aus⸗ zeichnen zu koͤnnen, ſah mit Entzuͤcken der bal⸗ digen Gewaͤhrung ſeines Wunſches entgegen. Wir wollen uns der genauern Schilderung einer Schlacht enthalten, welche jeder Wißbe⸗ gierige in der Geſchichte Englands leſen kann. — Genug, beide Heere ſchienen von gleichem Eifer und Muth beſeelt gegen einander uͤber zu ſtehen, der auf der einen Seite durch die Ge⸗ wißheit des gluͤcklichen Erfolgs, auf der andern durch die gefahrvolle Lage, aus welcher ſie nichts als die außerordentlichſten Anſtrengungen reißen konnte, hervorgebracht war. Der Auf⸗ ſchub, welcher durch die Dazwiſchenkunft des Cardinals Perigard veranlaßt war, der ſich vergebens bemuͤhte, eine Vermittelung zwiſchen den beiden Fuͤrſten zu Stande zu bringen, gab Eduard Gelegenheit, noch in der Eile einige noͤ⸗ thige Vorbereitungen zu treffen; damit war die Nacht vergangen und ſein Heer, nach Sieg durſtend, ſah mit unbeſchreiblicher Freude die erſten Strahlen des Tages anbrechen, der auf ewig unſterblich in den Jahrbuͤchern der britti⸗ ſchen Geſchichte bleiben wird. Die von Eduard getroffene Veranſtaltung, zoo bewaffnete Maͤnner und eben ſo viel Bogenſchuͤtzen in einen Hinterhalt zu verbergen, gewaͤhrte ihm einen groͤßeren Vortheil, als ei⸗ ne Verſtaͤrkung von einem zweimal ſo großen Haufen Krieger hervorgebracht haben wuͤrde. 33 So wie der Feind ſich nahete, ſchoſſen ſie ihre ſicher treffenden Pfeile auf ihn ab und richte⸗ ten eine fuͤrchterliche Niederlage an, waͤhrend ſie im ſichern Hinterhalte ſtanden. Dieſer un⸗ gleiche Streit machte gleich anfangs die fran⸗ zoͤſiſchen Krieger muthlos, ſie zogen ſich zuruͤck und alles gerieth in Verwirrung; hierdurch ge⸗ wann der Prinz von Wales Zeit und Gele⸗ genheit, den Theil des Heeres anzugreifen, wel⸗ chen der Koͤnig Johann in eigener Perſon an⸗ fuͤhrte. Oscar wich nicht anders von der Seite des Prinzen, als um die noͤthigen Befehle zu geben, und theilte jede Gefahr und jeden Ruhm mit ſeinem Feldherrn. Dreimal vernichtete ſein ein⸗ zelner Arm die Angriffe, welche auf Eduards Perſon gemacht wurden, und nur beſorgt um deſſen Leben, ſah er ſein eigenes als nichts an. Enblich war der Ruhm des Tages glorreich von den Englaͤndern erfochten; die Feinde flohen nach allen Seiten; das Feld war mit den Leichen der Edelſten des Landes bedeckt und der Koͤnig ſelbſt, nebſt ſeinem juͤngeren Sohne Philipp, waren zu Gefangenen gemacht. Aber ſo groß 1. 3 34 auch der Sieges⸗Ruhm war, groͤßer erſchien Eduard noch in dem Edelmuthe, welchen er nach der gewonnenen Schlacht bewies; /denn,!“ ſagt ein beruͤhmter Geſchichtſchreiber,„Siege ſind Kleinigkeiten im Vergleich mit der edlen Maͤ⸗ ßigung, welche dieſer noch nicht 27jaͤhrige Prinz zeigte, nachdem er kaum abgekuͤhlt von der Wuth des Kampfes und uͤber alles erhoben und geprieſen war wegen des außerordentlich⸗ ſten und unerwartetſten Erfolges, der jemals die Waffen eines Feldherrn gekroͤnt haben kann. 0 In dieſer Hinſicht wird auch das Betragen Eduards die Bewunderung aller folgenden Jahr⸗ hunderte auf ſich ziehen, und wenn etwas im Stande ſeyn konnte, den gefangenen Monarchen in ſeinem Ungluͤcke Troſt zu geben, mußte er ihn darin finden, in die Haͤnde eines ſo tapfern und großmuͤthigen Feindes gefallen zu ſeyn. Auf Eduards Befehl ward ein praͤchtiges Mahl fuͤr ſeine Gefangenen in ſeinem Zelte bereitet, und der junge Held bediente den koͤniglichen Gaſt mit derſelben Ehrfurcht und Aufmerkſam⸗ keit, als wenn er zu ſeiner Dienerſchaft haͤtte; auch konnte kein Bitten des Ko 33 bewegen, ſich mit an die Tafel zu ſetzen.„Ich bin ein Unterthan, erwiederte er, und zu wohl mit dem Unterſchiede bekannt, der zwiſchen mei⸗ nem Range und dem Ew. Majeſtaͤt iſt, um mir eine ſolche Freiheit zu erlauben.— Aller Herzen wurden aufs Neue durch dieß Betragen fuͤr Eduard eingenommen und Thraͤnen der Freude und Bewunderung ſielen aus den Au⸗ gen aller derer, die er in dieſem Augenblick mehr durch den wahrhaften Adel ſeiner Geſin⸗ nungen, als durch das Gluͤck der Waffen be⸗ ſiegt hatte. Nachdem er ſo ſeiner Pflicht gegen ſeine Ge⸗ fangenen Genuͤge geleiſtet hatte, war ſein Haupt⸗Augenmerk auf die Genoſſen ſeiner Ge⸗ fahren und ſeines Sieges gerichtet, und ſeine erſte Frage war, wo Oscar ſei, den er nach der Schlacht noch nicht wieder erblickt hatte; aber niemand wußte ihm von dieſem Auskunft zu geben. Auf das Aeußerſte beunruhiget uͤber das Schickſal ſeines Lieblings, verließ Eduard das Zelt und nur von einem Begleiter gefolgt, begab er ſich auf das Schlachtfeld, hoffend, ihn vielleicht dort noch unter den Verwundeten 2* ₰ 36 zu finden. Er gedachte des Muthes des jun⸗ gen Ritters und zitterte fuͤr ſein Schickſal. Langſam und gedankenvoll ſchritt Eduard uͤber den Platz, wo er vor kurzem ſo viel Ruhm ge⸗ erndtet, und als er die Koͤrper der Erſchlagenen und Verwundeten um ſich her liegen ſah, draͤng⸗ ten ſich ihm mannigfaltige Betrachtungen des Elends auf, welches der Krieg verbreitet, und Thraͤnen, nicht unwerth eines Helden, fielen aus ſeinen Augen auf den mit Blut geduͤng⸗ ten Raſen. Einige Zeit war ſein Suchen voͤllig frucht⸗ los, als auf einmal ſein Fuß, beim Fortſchrei⸗ ten, an etwas ſtieß und er Oscars wohlbekann⸗ tes Schwerdt gewahrte, welches er ſelbſt, vor nicht langer Zeit dem jungen Helden gegeben hatte. Feſt glaubend, ſein Freund koͤnne nicht fern von der treuen Waffe liegen, rief er den ihm folgenden Krieger und befahl ihm einen Haufen Leichname genauer zu unterſuchen, wel⸗ che nicht weit davon lagen. Endlich gelang es ihnen, unter dieſer Maſſe, den lebloſen Oscar hervorzuziehen. Man kann ſich leicht die Ge⸗ fuͤhle des Prinzen bei dieſem Anblicke denken; 5 87 aber noch wollte, noch konnte er nicht alle ſei⸗ ne, wiewohl ſchwachen Hoffnungen aufgeben, und rief einigen Soldaten zu, den Koͤrper in ſein Zelt zu tragen. Die Erſchuͤtterung rief unſern jungen Helden wieder ins Leben, und bei ſeiner Ankunft im Zelte, ſchlug er ſchwach die Augen in die Hoͤhe, ſeinen Freund ſuchend; aber noch war dieſer nicht da, und vergebens verſuchten die faſt erſtorbenen Lippen den ge⸗ liebten Namen auszuſprechen.— Als der Prinz, welcher den Soldaten von ferne gefolgt war, nun hereintrat und den lebenden Oscar ſah, wer malt ſein Entzuͤcken, mit dem er auf ihn zueilte; aber zu ſchwach zum Reden, konnte der Juͤngling nur die ihm dargereichte Hand Eduards an den Mund druͤcken.— Die Wund⸗ aͤrzte kamen, erklaͤrten des jungen Helden Wun⸗ den fuͤr ſehr gefaͤhrlich, wenn nicht toͤdtlich/ und verſicherten, daß, wenn er nur noch wenige Augenblicke laͤnger in dem Zuſtande auf dem Schlachtfelde geblieben waͤre, keine Rettung moͤglich geweſenz ſeyn wuͤrde.— Ein beredter Blick Oscars ſagte Eduard Dank fuͤr ſeine Ret⸗ tung. Als die Wunden verbunden waren, „ mußte ſich alles zuruͤckziehen, nur der Prinz blieb bei ihm und keine Bitten konnten ihn be⸗ wegen, dieſe Stelle zu verlaſſen; er warf ſich auf eine Matratze an Oscars Seite, pflegte treu⸗ lic ſein und harrete ſeiner Geneſung. In wenigen Tagen war unſer Held ſo weit, dem Prinzen erzaͤhlen zu koͤnnen, auf welche Weiſe er verwundet worden ſei. Hingeriſſen von dem Verlangen den franzoͤſiſchen Monar⸗ chen gefangen zu nehmen, hatte er ſich tollkuͤhn in den dickſten Haufen gewagt, war durch die Streit⸗Axt einer der Edelleute, welche die Perſon des Koͤnigs umgaben, zu Boden geſtreckt, und hatte in dieſem Zuſtande gefuͤhllos dage⸗ legen, bis er durch Eduard aus dem Haufen der uͤber ihn Gefallenen herausgezogen wurde, dem er alſo ſein Leben dankte; aber der edle Eduard, jeden Dank von ſich lehnend, behaup⸗ tete, er habe nichts als ſeine Schuldigkeit fuͤr den Erreter ſeines eigenen Lebens gethan. Als der Prinz nun mit ſeinem Heere und ſei⸗ nen koͤniglichen Gefangenen nach Bordeaux zog⸗ ward auch Oscar dahin gebracht, der, nachdem er Eduards Erlaubniß zu ſeiner Ruͤckkehr ins 39 Vaterland erhalten, bald am Bord eines klei⸗ nen Schiffes nach England ſegelte. Nicht ohne Schmerz war die Trennung beider Freunde, und ſcheidend noch gaben ſie ſich die Verſicherung einer ewig dauernden Freundſchaft. — Drittes Kapitel. Waͤhrend Oscar im Kampf mit den Feinden ſeines Landes neue Lorbeeren fuͤr die Ehre ſei⸗ nes Stammhauſes erfocht, verlebte Angelica ihre Tage in Kummer und Trauer, ſtets die Geſellſchaft ihres lieben Jugendgefaͤhrten ver⸗ miſſend, den ihre lebhafte Phantaſie ſich un⸗ aufhoͤrlich von tauſend Gefahren umringt vor⸗ ſtellte. Seiner Naͤhe beraubt, ſchienen alle, vormals mit ihm genoſſene Freuden jetzt farb⸗ los vor ihr da zu liegen und ihr Lieblings⸗Auf⸗ enthalt war einer der ſuͤdlichen Thuͤrme des Schloſſes, von dem ſie, in die Ferne ſchauend, immer durch einen Boten Kunde von dem ge⸗ liebten Bruder zu bekommen hoffte. 40 Obgleich der Graf ungern ſah, daß ſie ſich einem uͤbertriebenen Gefuͤhl hingab, ſchien er ees anfangs abſichtlich nicht zu bemerken, in der Hoffnung, daß, wenn der erſte Schmerz voruͤ⸗ ber ſei, ſie auch bald ihre jugendliche Heiter⸗ keit wieder gewinnen wuͤrde. Doch da ihr Kummer durch die Zeit eher vermehrt, als ver⸗ mindert wurde, beſchloß er, den Augenblick wahrzunehmen, ihr einige Lehren der Selbſt⸗ beherrſchung zu geben, welche ihr fuͤrs ganze Leben erſprießlich ſeyn koͤnnten, und in dieſer Abſicht folgte er ihr einſt in den Thurm. Hier fand er ſie in ſo tiefen Gedanken verloren an das Fenſter gelehnt, daß ſie nicht einmal ſeine Ankunft zu vernehmen ſchien; ſich ihr freund⸗ lich nahend, ſah er ſie erſchrocken zuſammen⸗ fahren, indem ein hohes Roth ihre Wangen faͤrbte.„Mein theures Kind, ſagte er mit lie⸗ bevollem Ernſte, es thut mir weh, daß du dich fortwaͤhrend einer unnuͤtzen Traurigkeit hingiebſt, die eben ſo verderblich fuͤr dich, als ſchmerzlich fuͤr mich iſt. Glaube mir, daß ich gewiß die eiebe zu ſchaͤtzen weiß, welche du fuͤr deinen Bruder fuͤhlſt; aber Kind, jede Tugend, im 4¹ Uebermaaß getrieben, kann zur Schwaͤche ausar⸗ ten. Meine Zaͤrtlichkeit fuͤr Oscar iſt gewiß nicht geringer, als die deine, doch laß ich den Kummer uͤber ſeine Abweſenheit nicht die Ober⸗ hand uͤber mich gewinnen; im Gegentheil, ob⸗ gleich ich die hoͤchſte vaͤterliche Liebe fuͤr ihn empfinde, freue ich mich doch uͤber die Gelegen⸗ heit, welche ihm wird, ſich in den Augen ſei⸗ nes Prinzen und ſeines Volks auszuzeichnen, und mein Herz ſchlaͤgt ſtolzer bei den Zeugniſ⸗ ſen, die ich ſchon von ſeinem ritterlichen Betra⸗ gen empfangen habe. Koͤnnte dann meine An⸗ gelica wuͤnſchen, ihren Bruder dieſer Vortheile zu berauben, um ihn bei ſich, unter dem Schat⸗ ten unſerer alten Baͤume, in ruhmloſer Unthaͤ⸗ tigkeit zuruͤckzuhalten?— Nein, gewiß, ſo kleinlich kann mein liebes Maͤdchen nicht den⸗ ken, und ich bin uͤberzeugt, daß die Ehre dei⸗ nes Namens und die Gluͤckſeligkeit deines Va⸗ ters dich fuͤr die Zukunft ſtaͤrker gegen deinen Schmerz machen werden. Dieſer liebevolle und zarte Verweis drang tief in Angelica's Herz. Sich ſanft an den Vater ſchmiegend, druͤckte ge ſeine Hand an ihre Lippen und verſprach, 42 ferner nie mehr denen Kummer zu machen, die ihr die Liebſten auf Erden waͤren; auch gewann ſie es uͤber ſich, von dieſem Tage an ihre vorige Heiterkeit wieder hervorzuzaubern, und wenn auch ein Seufzer den oft beklemmten Buſen hob, unterdruͤckte ſie ihn und ſuchte durch raſt⸗ loſe Thaͤtigkeit den boͤſen Daͤmon zu beſchwoͤren, der ihr oft in grauſen Bildern den blutenden Bruder vor die Seele fuͤhrte. So waren mehrere Wochen ohne Nachricht von Oscar verſtrichen, als eines Morgens ein Eilbote, deſſen Roß mit Schaum und Staub bedeckt war, vor Glanalvons Burg ankam und verlangte, ſogleich vor den Grafen gelaſſen zu wer⸗ den. Auf dieſe Botſchaft ward Angelica lei⸗ chenblaß, und der Ausdruck in des Grafen Ge⸗ ſicht vermehrte ihre Beſtuͤrzung. Zitternd er⸗ wartete ſie den Eintretenden, der, ſich dem Grafen ehrerbietig nahend, ihm einen Brief uͤbergab und ſich ſchon wieder zuruͤckziehen woll⸗ te, als Angelica ihn aufhaltend, mit faſt un⸗ vernehmbarer Stimme den Namen ihres Bru⸗ ders ausſprach, Lord Oscar lebt, erwiederte der 4³ Mann, aber——— Aber?— rief Ange⸗ lica. Er iſt gefaͤhrlich verwundet, ſetzte er hinzu, und genoͤthigt, das Heer auf einige Zeit zu ver⸗ laſſen. Beruhige dich, mein Kind, ſagte der Graf im zaͤrtlichſten Tone, und ſie in ein Fenſter fuͤhrend, theilte er ihr den Inhalt des erhalte⸗ nen Briefes mit.— Aldo, Oscars Edelkna⸗ be, hatte ihn geſchrieben. Der Brief enthielt die genaueſten Nachrichten uͤber die ganze glor⸗ reiche Schlacht bei Poitiers, worin ſein Herr verwundet war, der nun gegenwaͤrtig fuͤr fer⸗ neren Dienſt untauglich, vom Prinzen die Er⸗ laubniß erhalten habe, nach England zuruͤckzu⸗ kehren. Gott ſei gelobt, rief Angelica, indem ſie die Thraͤnen von ihren ſchoͤnen Wangen trock⸗ nete, und ſich zum Eilboten wandte: wann duͤr⸗ fen wir ihn erwarten? Se. Herrlichkeit kann in einigen Tagen hier ſeyn, erwiederte er, denn er iſt bereits gelandet und ward, als ich ihn verließ, ſo ſchnell vor⸗ waͤrts geſchafft, als es die Umſtaͤnde erlaubten. 44 Genug, genug, fiel Glanalvon ein, in⸗ dem er ihm eine Boͤrſe gab, nimm dieß als eine Belohnung deiner Eile, und nun geh und genieße die gehoͤrige Ruhe und Erfriſchung, wel⸗ che du ſo ſehr bedarfſt. Dankend verließ der Bote das Zimmer, gefolgt von Angelica'n, welcher der Vater die Sorge fuͤr ſeine Bewir⸗ thung aufgetragen hatte. 1 Obgleich etwas niedergeſchlagen, fuͤhlte un⸗ ſere Heldin ſich doch grenzenlos gluͤcklich in dem Gedanken, den geliebten Bruder wiederzuſehen, und ungeduldig zaͤhlte ſie die Stunden bis zu ſeiner Ankunft. Begierig, ihn zuerſt zu erbli⸗ cken, nahm ſie ihren Platz im ſuͤdlichen Thurme wieder ein, wo der Vater, deſſen unruhige Er⸗ wartung nicht geringer war, ihr oft Geſellſchaft leiſtete. Am Abend des vierten Tages ſah man eine Menge Menſchen ſich durchs Thal herauf winden, und bald verkuͤndete der Schall der Trommeten und anderer kriegeriſcher Inſtrumene te, die Annaͤherung Oscars und ſeines treuen Gefolges. Mit unbeſchreiblicher Bewegung be⸗ gaben ſich Angelica und ihr Vater in die große Halle, von wo aus ſie den Zug nach dem Schloſ⸗ 45 ſe weiter beobachten konnten, und weit aus den Fenſtern hinausgelehnt, ſahen ſie mit klop⸗ fendem Herzen die Waffen der ſich naͤhernden Krieger in den Strahlen der Abendſonne glaͤn⸗ zen.— Als der Zug nun naͤher und immer naͤher heranwogte, gewahrten ſie in der Mitte deſſelben eine Saͤnfte mit ſcharlachrothem Tuch behangen, und ahneten wohl, daß hier ihr theu⸗ rer Oscar ruhe. Augenblicklich bleichten bei dieſem Gedanken die kurz zuvor noch vor Freu⸗ de gluͤhenden Wangen Angelica's; ihre in Thraͤ⸗ nen ſchwimmenden Augen wandten ſich fort von dieſem Schauſpiel zum Vater, in deſſen Bli⸗ cken ſie Mitgefuͤhl las, und der die weinende Tochter feſt an die bewegte Bruſt ſchloß. Ein lautes Freudengeſchrei von der Diener⸗ ſchaft des Grafen, hallte wieder durch dieſen ſtummen Schmerz. Alles hatte ſich verſammelt, den jungen, geliebten Herrn zu begruͤßen, und ſelbſt von den Daͤchern herunter ſcholl es laut: lange lebe das Haus der Grafen v. Glanal⸗ von! lange lebe der edle Lord Oscar!— Auf einmal oͤffneten ſich die Thuͤren der Halle und der jugendliche Stammhalter erſchien, von 46 einigen ſeiner Krieger unterſtuͤtzt; aber es war nicht mehr der bluͤhende Osear, der ſie vor wenigen Monden verlaſſen hatte. Die Farbe der Geſundheit war von den blaſſen Wangen gewichen, und ſchwach und abgezehrt konnte et kaum auf den Begleitern geſtuͤtzt, ſeine zitternden Glieder bis zu dem Orte tragen, wo der Va⸗ ter und Angelica, als ſtumme, bange Zuſchauer ſtanden. Beim Anblicke dieſer theuren Gegen⸗ ſtaͤnde, ſtrahlte ein liebliches Laͤcheln uͤber ſeine bleichen Zuͤge; er wollte ſich dem Vater zu Fuͦ⸗ ßen werfen; aber die Ermuͤdung der Reiſe, verbunden mit der Gemuͤthsbewegung, die er fuͤhlte, uͤberwaͤltigten ihn, und er ſank beſin⸗ nungslos in ihre ihm entgegen gebreiteten Arme. Man brachte ihn in ein anſtoßendes Ge⸗ mach; im tiefſten Schmerz warf ſich Angelica uͤber den geliebten Bruder, deſſen bleiches Ant⸗ litz ſie mit ihren Thraͤnen badete. Nach und nach wich der Todes⸗Engel, und die vereinten Zaͤrtlichkeiten des Vaters und der Schweſter ſchienen neues Leben in den entſeelten Koͤrper zu hauchen; tauſend Fragen ſchwebten auf al⸗ ler Lippen; aber die Aerzte geboten aufs —— 47 ſtrengſte Ruhe, und auf ihren Befehl ward Oscar in ein entlegenes Zimmer gebracht, wo niemanden als ſeinem Bedienten und dem Wund⸗ arzt der Zutritt erlaubt war. Aber weder Bit⸗ ten noch Drohungen vermochten Angelica, von ſei⸗ nem Lager fern zu halten, wo ſie ihren Platz be⸗ hauptete und durch jede liebliche Aufmerkſamkeit es verſuchte, den Schmerz der Krankheit zu lin⸗ dern. Vergebens beſchwor Oscar ſie, die ihr noͤthige Ruhe zu ſuchen; ihre einzige Antwort war: ſie ſei nicht ermuͤdet, und wenn ſie einmal auf Augenblicke dem Gotte des Schlummers nicht widerſtehen konnte, lehnte ſie ihr ſchoͤnes Haupt an Oscars Kiſſen und fand in dieſer Lage die noͤthige Erquickung zu fernern Anſtrengungen. Endlich ſiegte Angelica's zaͤrtliche Sorgfalt, die Kunſt der Aerzte und Oscars eigene, kraͤftige Natur uͤber die Gewalt der Krankheit und er war den Geliebten wiedergeſchenkt, welche ge⸗ fuͤrchtet hatten, ihn fuͤr dieß Erdenleben zu ver⸗ lieren.— Nur ein Angeliea'’n verwandtes Herz kann ganz das Entzuͤcken faſſen, welches ſie empfand, als ihr Bruder ſie wieder an die kieh⸗ lings⸗Plaͤtze in den vaterlaͤndiſchen Bergen be⸗ 48 4 gleiten konnte, deren reine Luft nicht wenig dazu beitrug, ſeine noch ſchwachen Lebensgeiſter zu ſtaͤrken, und bald hatte ſie die Freude, ſeine Wan⸗ ge wieder eben ſo bluͤhend, ſein Auge eben ſo lebhaft ſtrahlend wie zuvor, zu ſehen. Durch einen Waffenſtillſtand, der zwiſchen beiden feindſeligen Maͤchten geſchloſſen war, ſah Oscar ſich der Nothwendigkeit uͤberhoben, gleich jetzt zum Heere zuruͤckzukehren, und ſo durf⸗ te er ſich im Schooße ſeiner geliebten Familie ganz den Freuden der Ruhe uͤberlaſſen, welche ihm doppelt fuͤß nach der Erinnerung uͤberſtande⸗ ner Gefahren erſchienen, Noch enger ſchien die Trennung beide Geſchwiſter mit einander verbun⸗ den zu haben, und manche unterhaltende Begeben⸗ heit aus Oscars kriegeriſchen Tagen verſchoͤnte ih⸗ en jetzt die Gegenwart.— Erzaͤhlte er ihr von ſei⸗ nen uͤberſtandenen Gefahren und Leiden, ſo be⸗ zeugten die Thraͤnen der liebenswuͤrdigen Hoͤ⸗ rerin den hohen Antheil, den ſie daran nahm. Umgeben von zwei Weſen, die ſie auf das zaͤrt⸗ lichſte liebte, und von denen ſie nicht weniger innig wieder geliebt ward, fuͤhlte ſich Angelica grenzen⸗ los gluͤcklich; ſie kannte kein groͤßeres Erdengluͤck 49 und ungetruͤbt flohen die Tage an ihr voruͤber. — Bald aber ſollte der ruhig Sorgloſen ein Streich von der Hand des Schickſals bereitet werden, gegen den alle ihre bisher erlebten Schmerzen nichtsbedeutend erſchienen. Der Herbſt war herangekommen und die Waͤl⸗ der um Glanalvons Burg warfen ſchon tiefere Schatten, waͤhrend haͤufige Windſtoͤße in den al⸗ ten Thuͤrmen wiederhallten. Aber dieſe Vorbo⸗ ten des nahenden Winters glitten unbemerkt an den Bewohnern des Schloſſes voruͤber, welchen, in und durch ſich ſelbſt begluͤckt, jede Jahreszeit gleichguͤltig erſchien. Froͤhlichen Herzens ſahen ſie auf die engeren, haͤuslichen Freuden, die der Winter jedesmal fuͤr ſie herbeifuͤhrte und unter denen er ihnen ſchnell voruͤberfloh. Eines Morgens, als der Graf zum Fruͤhſtuͤck herunterkam, benachrichtigte er ſeine Kinder, wie er gedaͤchte, dieſen Tag bei einem Edelmanne in der Nachbarſchaft zuzubringen, dem er einen Beſuch ſchuldig ſei, bevor der Winter und die anſchwellenden Stroͤme das Reiſen unangenehm, ja oft in dieſer Gegend unmoͤglich machten.— Einen unerklaͤrbaren Widerwillen gegen dieſe I. 4 50 Tagereiſe des Vaters empfindend, verſuchte An⸗ gelica alles, ihn zu bewegen, wenigſtens ihren Bruder und ſie mitzunehmen; aber Glanalvon widerſetzte ſich dieſem Wunſche und begab ſich bald darauf, von drei Dienern begleitet, auf den Weg. Der Abend des Tages ward naß und ſtuͤr⸗ miſch; naͤher ruͤckten Oscar und Angelica dem 1 hellkniſternden Kaminfeuer und ſuchten in trauli⸗ chen Geſpraͤchen die außen tobenden Stuͤrme zu vergeſſen. Bald aber ward das Toben aͤrger, der Donner rollte, Blitze fuhren vom Himmel und erfuͤllten die hohen, gewoͤlbten Gemaͤcher mit einem hellleuchtenden Schimmer.— Angelica blaß und erſchrocken, hing ſich an ihren Bruder, indem ſie ausrief:„Oscar, was wird aus unſerm Vater werden, wenn er in dieſer fuͤrchterlichen Nacht unterweges iſt! Beunruhige dich nicht, Liebe, erwiederte er ſanft; gewiß hat der Vater die ſchweren Wolken am Horizonte heraufziehen ſehen und wird ohne Zweifel die Nacht unter Freundes Dach zubrin⸗ gen. Erheitere dich, Angelica, und laß mich den ehrwuͤrdigen Harold rufen, deſſen Geſang 51 und Saitenſpiel die boͤſen Ahnungen verſcheuchen und die Wolken von deiner Stirn treiben wird. Gern willigte Angelica in des Bruders Vor⸗ ſchlag; der Minneſaͤnger ward gerufen, und die geiſtvollen Accorde der Harfe ſchienen ihr einige Heiterkeit wiederzubringen.— Der Sturm legte ſich und um Mitternacht begaben ſich die Bewoh⸗ ner der Burg zur Ruhe, uͤberzeugt, daß der Graf uͤber Nacht nicht heimkehren wuͤrde. Nur An⸗ gelica's Schlaf ward oft durch ſchreckhafte Traͤu⸗ me unterbrochen, in welchen ſie bald den Vater gegen die Gewalt des anſchwellenden Stromes kaͤmpfen, oder von einem Blitz getroffen zur Er⸗ de ſinken ſah. Aengſtlich beklommen erwachte ſie und waͤhrend des folgenden Tages ward Glanal⸗ vons Ruͤckkehr ſtuͤndlich erwartet; aber die Nacht brach wieder herein, er kam nicht, und laͤnger konnte Angelica ihre fuͤrchterliche Angſt nitht be⸗ kaͤmpfen. Vergebens ſtellte Oscar ihr vor, daß manche unvorhergeſehene, zufaͤllige Umſtaͤnde leicht ſeine Ruͤckkunft verzoͤgert haben koͤnnten; Angelica kannte ihn zu gut, um zu glauben, daß er ohne bedeutende Urſache ſo lange vom Hauſe 4* 52 entfernt bleiben wuͤrde, und ihre gewiſſe Ueberzeu⸗ gung, daß irgend ein widriger Zufall ihm begeg⸗ net ſei, bewegte endlich Oscar zu dem Verſprechen, am folgenden Morgen nach Raymonds Schloſſe, wo der Graf zum Beſuche war, zu gehen, um ſich nach der Urſache ſeiner laͤngeren Abweſenheit zu erkundigen. Wenigſtens in etwas durch dieſe Verſicherung beruhigt, begab ſich Angelica zu Bette, und die Anſtrengung und Angſt, in wel⸗ cher ſie den ganzen vergangenen Tag zugebracht hatte, wiegten ſie endlich in einen tiefen Schlummer, wodurch ihr Koͤrper wieder etwas geſtaͤrkt ward. Beim Anbruche des naͤchſten Tages, begab ſich Oscar von einem zahlreichen Gefolge beglei⸗ tet, nach Raymonds Schloſſe, wo er aber zu ſei⸗ nem unbeſchreiblichen Erſtaunen erfuhr, daß ſein Vater es ſchon geſtern fruͤh verlaſſen habe. An⸗ gelica's ſchreckliche Ahnungen bemaͤchtigten ſich jetzt auch ſeiner Bruſt und ohne Aufenthalt eilte er nach Glanalvon zuruͤck, wohin ihn Lord Ray⸗ mond, mit herzlichem Antheil an den Kummer und die Unruhe ſeines jungen Freundes, beglei⸗ tete. Der Weg fuͤhrte ſie durch einen großen 53 Wald, der oft Raͤubern zum Aufenthalte diente, und es fiel Oscarn mit einmal ſchwer aufs Herz, daß ſein Vater vielleicht bei ſeiner Ruͤckkehr uͤberfallen worden ſeyn koͤnne. Lord Raymond fand dieſe Vermuthung nicht unwahrſcheinlich, und in dieſer Hinſicht gaben ſie ihren wohlbe⸗ waffneten Dienern den Befehl, auf verſchiedenen Wegen den Wald zu durchſtreifen, waͤhrend ſie beide ſich nach einer entgegengeſetzten Richtung wandten. Nachdem ſie eine Weile fortgeritten waren, drang das Geheule eines Hundes zu ihren Oh⸗ ren; ſchnell naheten ſie ſich dem Orte, woher es zu kommen ſchien und ſahen einige todte Leichna⸗ me auf dem Boden liegen und bei einem derſel⸗ ben das Thier ſitzen, deſſen Heulen ſie herbeige⸗ zogen hatte. Krampfhaft ward Oscars Herz zuſammengepreßt, als er den Lieblings⸗Hund ſeines Vaters an dieſer Stelle erkannte, der die⸗ ſen am Morgen der Abreiſe begleitet hatte und der nun, von ſeinem Platze fort, auf ihn zu⸗ ſprang, ſelne Haͤnde leckte und unter immerwaͤh⸗ rendem Heulen ihn mit ſich fortzuziehen ſtrebte. — Von ſeinem Pferde ſpringend, nahete Oscar 54 ſich dem Koͤrper, der faſt aller Kleidungsſtuͤcke beraubt, mit dem Geſicht gegen die Erde lag und wer malt ſeinen Schmerz als er in der ver⸗ ſtuͤmmelten Form, die Geſtalt ſeines geliebten Vaters erkannte!— Beſinnungslos fiel er in die Arme des ihm folgenden Lords; der, in ſein Jagdhorn ſtoßend, ſchnell das uͤbrige Gefolge zum Beiſtand um ſich verſammelte. Weinend und wehklagend ſtanden nun des Grafen Leute um ihn herum, als ſie auf der ein nen Seite ihren geliebten Herrn ermordet dalie⸗ gen ſahen und an der andern die lebloſe Ge⸗ ſtalt Oscars erblickten, der endlich, durch aller Bemuͤhen wieder zu ſich kam und hingeſtreckt uͤber den theuren Leichnam, ſeinem Schmerze Raum gab, indem er ſich durch Thraͤnen erleich⸗ terte. Da jeder Troſt hier am unrechten Orte zu ſeyn ſchien, verſuchte Lord Raymond es nicht, fuͤr den Augenblick den kindlichen Schmerz ſeines Freundes zu unterbrechen, ſondern begab ſich mit einigen Dienern von dieſer Stelle fort, um die an⸗ dern, in der Naͤhe liegenden, Leichname genauer zu unterſuchen. Einer derſelben, in dem er einen 5⁵ Diener ſeines Freundes erkannte, ſchien noch nicht ganz todt; man unterſuchte und verband die Wunden, und nach einigen herzſtaͤrkenden Mit⸗ teln, gab er wirklich wieder Zeichen des Lebens von ſich. Zwei Bahren wurden nun von Zweigen zu⸗ ſammengebunden, auf welche die Koͤrper des Grafen und ſeines Begleiters gelegt wurden und der Trauerzug ſetzte ſich in Bewegung nach Gla⸗ nalvons Burg, gefolgt von dem trauernden Os⸗ car. Lord Raymond war vorangeritten, um die Bewohner des Schloſſes wenigſtens in etwas vorzubereiten. In dem Zwiſchen⸗Raume von Oscars Ab⸗ weſenheit, hatte Angelica Stunden der ſchmerz⸗ lichſten Unruhe verlebt, und Furcht und Beſorg⸗ niß ſtiegen, als Lord Raymond bei ihr an⸗ gemeldet ward. Nur zu bald las ſie in ſei⸗ nem Geſicht, daß er der Bote einer Trauer⸗Zei⸗ tung ſei, und wenige Worte waren hinreichend, ſie von allem zu benachrichtigen. Ihre Sin⸗ ne verließen ſie und in dieſem Zuſtande ward ſie in ihr Gemach gebracht, um ihr den Schmerz des Anblicks zu erſparen, ihren ermordeten Vater 56 hereinbringen zu ſehen.— Bald hatte. die Schreckenspoſt ſich auch außerhalb des Schloſſes verbreitet; alles eilte herbei, und ein dumpfes Schluchzen umgab die Bahre, auf welcher man die Leiche in die große Halle trug. Auf zweien ſeiner Begleiter geſtuͤtzt, folgte der bleiche Oscar, deſſen Anblick jedes Herz zum Mitleid bewegte. Man legte den Leichnam des edlen Grafen auf ein Ruhebette, und als nun die Unterthanen ſich um dieſes herumverſammelten und weinend und jammernd den Tod des allgemein geliebten Herrn beklagten, erfuͤllte mit einem Male ein lauter, durchdringender Schrei die Halle; eine weibliche Geſtalt draͤngte ſich durch die Menge und warf ſich uͤber den entſeelten Koͤrper. Es war Angelica, welche die Abweſenheit ihrer weiblichen Bedienung benutzt, ſich aus ihrem Zimmer bege⸗ ben hatte und nun durch die Klagetoͤne in die Halle gezogen ward, wo ſie ſich im hoͤchſten Schmerz uͤber die lebloſe Geſtalt ihres Vaters warf und ſeinen theuren Namen im Tone der tiefſten Verzweiflung ausrief. Keiner der Umſte⸗ henden wagte ſie zu unterbrechen, aller Thraͤnen floſſen mit den ihrigen, als Oscar, deſſen Kraft 57 durch die leidende Schweſter wieder erwacht zu ſeyn ſchien, ſich ihr nahete und mit den liebevoll⸗ ſten Bitten es verſuchke, ſie von dem Entſeelten zu ziehen, und ſie beſchwor, ruhiger zu werden. Bei dem Ton ſeiner Stimme kam ſie erſt wieder zu voller Beſinnung; ſie wollte den Blick und die Arme zu ihm heben; aber die Natur ſchien erſchoͤpft, und Oscar trug ſie hewußtlos aus der Halle. Nach einigen Tagen war Erich, der ſchwer verwundete Begleiter des ermordeten⸗Grafen, ſo weit wieder hergeſtellt, daß er folgende Schilde⸗ rung der Umſtaͤnde von ſeines Herrn Tode geben konnte. Glanalvon hatte fruͤh am Tage das Haus ſeines Freundes verlaſſen und war, ſobald er im Walde angekommen, von einer Bande bewaffne⸗ ter Maͤnner angegriffen worden, die ſchon im Hinterhalte auf ihn gelauert zu haben ſchienen. Einige Zeit vertheidigte er ſein Leben mit ver⸗ zweiflungsvollem Muthe; ward aber zuletzt durch die Menge uͤberwaͤltigt, und als er es unmoͤglich fand, einen ſo ungleichen Kampf laͤnger zu beſte⸗ hen, und ſich durch die Flucht retten wollte, ſtuͤrz⸗ 38 te ihn ein Schlag mit der Streit⸗Apt zu Boden, und im ſelben Augenblicke bedeckten ihn unzaͤh⸗ lige Wunden. Zwei ſeiner Gefaͤhrten theilten das Schickſal ihres Herrn, und nachdem man die Koͤrper ihrer Kleidungsſtuͤcke und aller Sachen von Werth beraubt hatte, ritten die Naͤuber im Gallopp mit ihrer Beute davon, den Erzaͤhler, welcher im Anfang des Kampfes gefallen war, in der Lage zuruͤcklaſſend, in welcher ihn Oscar fand. 4 Dieſe Erzaͤhlung aus Erichs Munde, weit davon entfernt, irgend einen Aufſchluß uͤber die Begebenheit zu gewaͤhren, beſtaͤrkte nur alle in der Meinung, daß es eine Naͤuberbande geweſen ſei, welche von des Grafen Reiſe benachrichtiget, ihm aufgelauert habe, um reiche Beute zu machen. Aber ſo glaubwuͤrdig als dieß auch allen uͤbrigen erſchien, entſtand in Oscars Seele ein tiefer, un⸗ ausloͤſchlicher Verdacht, daß des Freiherrn v. Morvens Hand bei dieſem Morde mit im Spiele geweſen ſei.— Doch war es jetzt nichts als Verdacht, und es zeigte ſich ihm unter dieſen Um⸗ ſtaͤnden keine Möglichkeit, die Rache an ihm zu 59 vollziehen, nach welcher ſeine ganze Seele dur⸗ ſtete. 82 Gefolgt von den troſtloſen Kindern, Unter⸗ thanen und Freunden, die alle dem Andenken des Abgeſchiedenen die letzte Ehre erweiſen woll⸗ ten, ward des Grafen Leiche nach wenigen Tagen in der Abtei von St. Clair beigeſetzt. Die Hand der alles lindernden Zeit milderte auch Oscars und Angelicas Kummer, und der Schmerz uͤber den Verluſt des Vaters ging in eine wehmuͤthig zaͤrt⸗ liche Erinnerung ſeiner Tugenden und ſeiner Lie⸗ be uͤber, deven Andenken ſie kindlich feierten. Nur Oscars Gemuͤth ward oft durch die Umſtaͤnde ſeines Todes ſtuͤrmiſch bewegt und fand nur Troſt in der Hoffnung, noch einſt mehr Wahrſcheinlich⸗ keit uͤber ſeine Vermuchungen an das kicht zu bringen. Seiner Schweſter verbarg er ſorgfaͤltig jede Art dieſes Verdachts, um ihren Kummer nicht noch zu vermehren, und durch eine ſolche Mittheilung die wiederkehrende Heiterkeit aufs Neue von ihrem lieben Antlitz zu ſcheuchen. Viertes Kapitel. Ruhig war einige Zeit nach Glanalvons Tode dahin gefloſſen; die Burg, noch vor kurzem der Aufenthalt der Trauer und des Schmerzes, ſah jetzt ſchon wieder heiterere Geſichter in ihrer Mitte, und haͤusliche Gluͤckſeligkeit kehrte in ihre Mauern zuruͤck. Oscar, als gegenwaͤrtiger Graf von Glanalvon, beſtrebte ſich, gleich ſeinem Vater, alle, die von ihm abhingen, zu begluͤcken, und die Liebe der Unterthanen ſchien auf ihn fortgeerbt zu ſeyn. Obgleich er den Adel ſei⸗ ner Geburt fuͤhlte, beſaß er durchaus nicht den Hochmuth kleinlicher Gemuͤther; zutraulich durfte auch der Geringſte ſeiner Untergebenen ſich ihm nahen, und nur wenn ſeines Gleichen oder Hd⸗ here irgend eine Beleidigung gegen ihn wagten, erwachte ſein alter Ungeſtuͤm und ſtrahlte bli⸗ zend aus ſeinem feurigen Auge. Die Todesart ſeines Vaters hatte einen un⸗ gewoͤhnlichen Ernſt uͤber ſein ganzes Weſen ver⸗ 4 V V breitet. Er liebte die Einſamkeit und ſchien ſich ein⸗ 61 zig in ihr zu gefallen; ſo brachte er oft mehrere Stunden allein auf Spatziergaͤngen zu, von denen er manchmal erſt ſpaͤt in der Nacht zuruͤckkehrte. Auf einem dieſer Spatziergaͤnge richtete Oscar einſt unwillkuͤhrlich ſeine Schritte nach Morvens Beſitzungen. Im Zwielicht des Abends gaben die Baͤumt ſchon laͤngere Schatten und ein herbſt⸗ licher Wind, der in den Zweigen rauſchte, warf eine Menge gelblicher Blaͤtter auf den Boden. — Tief verloren in Betrachtungen verfolgte Glanalvon ſeinen Weg, bis er an die Pforten ei⸗ nes eiſernen Gitters kam, welches in einen gro⸗ ßen Park zu fuͤhren ſchien. Die Thuͤre war offen, und da er ſo ſpaͤt am Abend nicht glaubte, von ir⸗ gend jemand geſtoͤrt zu werden, ging er hinein und ſah bald die ſtattlichen Thuͤrme von Morvens Burg ſich aus dem Dunkel des Waldes erheben. — Widerlich erſchien ihm auf einmal der Gedan⸗ ke, ſo nahe dem Schloſſe, doch vielleicht von ir⸗ gend einem Bewohner deſſelben beobachtet zu werden, und ſchnell wandte er ſich auf einen an⸗ dern Weg, der ihn in einen entlegenen Theil des Parks fuͤhrte.— Der weiche, ebene Raſen war hier mit einer Fuͤlle ſchoͤner Blumen und 62 Pflanzen eingehegt und am ufer eines klaren Stroms erhob ſich ein kleiner Huͤgel mit Fichten und Cypreſſen bepflanzt, unter welchem ein Monu⸗ ment von weißem Marmor mit einer Urne ſtand.— Durch unwiderſtehliche Neugierde getrieben, naͤ⸗ herte ſich Oscar dieſer Stelle, als er eine weib⸗ liche Figur an der andern Seite den Huͤgel hin⸗ aufſteigen ſah. Klar war eben jetzt der Mond am Horizont heraufgekommen und gewaͤhrte ihm den vollen Anblick der Geſtalt vor ihm, welche, von einem weißen Gewand umhuͤllt, an dem einen Arm einen Korb trug. Als ſie ſich dem Monu⸗ ment nahete, umwand ſie es mit Kraͤnzen von Mirthen und duftenden Blumen und warf ſich dann, andaͤchtig betend, auf den Raſen nieder. Verborgen hinter dichtem Geſtraͤuch, ſtand Oscar im Anſchauen verloren da; endlich erhob ſich die Geſtalt wieder, richtete den Blick noch einmal gen Himmel, ſchwebte dann leiſe wie⸗ der den Abhang hinunter und verlor ſich in dem Geholz. Kaum war ſie berſchwunden⸗ ſo naherte Os:⸗ car ſich der von ihr verlaſſenen Stelle und las 63 folgende Worte, welche mit goldenen Buchſtaben auf die Urne geſchrieben waren: 5 Dem Andenken der Freiherrin Mathilde v. Morven, geſtorben d. 14. Der. 1344, ſetzte dieſes Denkmahl die trauernde Tochter J ſa b e l I... Vor Erſtaunen und Ruͤhrung ſtand Oscar ei⸗ ne Weile ſprachlos da, und brach dann auf ein⸗ mal, wie aus einem tiefen Traume erwachend, in die Worte aus: iſt es denn moͤglich, daß dieſes engelſchoͤne Weſen, welches der zaͤrtlichſten Ge⸗ fuͤhle empfaͤnglich ſcheint, eine Tochter des ſtol⸗ zen, unverſoͤhnlichen Morvens ſeyn kann!— Kaum ſeinen Sinnen trauend, las er wie⸗ derholt die Inſchrift, und als er die Wahrheit nicht laͤnger bezweifeln konnte, entfuhr ein un⸗ willkuͤhrlicher Seufzer ſeiner Bruſt, und eiligſt ſich von dem Monumente entfernend, wandte er lang⸗ ſam und gedankenvoll ſeine Schritte heimwaͤrts, wo er den uͤbrigen Theil der Nacht faſt ſchlaſtos binbrachte. An den folgenden Abenden zog ihn ein unwi⸗ derſtehlicher Trieb nach Morvens Beſitzungen, wo er die ſchoͤne Geſtalt, welche einen ſo tiefen Eindruck auf ſeine Phantaſie gemacht hatte, meh⸗ rere Male wiederſah. Jedesmal erſchien ſie ihm reizender und tauſendmal ſchon war er im Be⸗ griff geweſen, ſich ihr zu nahen und ſeine Bewun⸗ derung zu geſtehen; doch hielt ihn die Furcht zu⸗ ruͤck, ſie dann vielleicht nie wieder zu erblicken, und er begnuͤgte ſich, ihr von weiten, zu folgen und ſich ſtumm an ihrem Anblicke zu weiden. Eines Abends, als Oscar auch, wie gewoͤhn⸗ lich, an einem Baume gelehnt die Ankunft der ſchoͤnen Iſabella mit Sehnſucht erwartete, drang ein lauter Schrei in ſein Ohr und er ſah die ge⸗ liebte Geſtalt von dem Gipfel der Anhoͤhe hinun⸗ ter in den vorbeifließenden Strom fallen. Schnell wie der Blitz flog er aus ſeinem Hinterhalte her⸗ vor, ſtuͤrzte ſich in das Waſſer, trug die lebloſe Iſabella in ſeinen Armen heraus und legte ſie ſanft auf eine naheſtehende Bank. Ein bisher niegefuͤhlter, freudiger Schauer durchzuckte ſein ganzes Weſen, als er das holde Maͤdchen an ſei⸗ nen Buſen druͤckte, deren Reize ihm ſogar in 65 dieſer todtenaͤhnlichen Geſtalt, unwiderſtehlich zu ſeyn ſchienen. Das lange, blonde Haar floß aufgeloͤſt um ihre Schultern, und ihr Geſicht, obgleich aller Roſen beraubt, ſchien an Weiße die Farbe der Lilien zu uͤbertreffen. Nach und nach verbreitete ein zartes Roth ſcch wieder uͤber die blaſſen Wangen, und indem ſie die ſchoͤnen, blauen Augen langſam in die Hoͤhe ſchlug und mit leiſer Stimme fragte, wo ſie waͤre, uͤberzog eine neue Blaͤſſe ihr Antlitz beim Anblicke des Fremden, aus deſſen Armen ſie, ſich mit unbeſchreiblich ſuͤßer, nͤdchanhaſtes Scheu, loszumachen ſtrebte. Beruhigt euch, Lady Jſabella, ſprach Oscar, indem er ſie ehrerbietig aus ſeinen Armen ließ, ihr ſeid in Sicherheit und habt nichts von dem zu fuͤrchten, der ſo gluͤcklich war, euch aus dem Waſſer zu retten. Hierauf benachrichtigte er ſie von dem Vor⸗ gefallenen, und Jſabella, nicht laͤnger erſchro⸗ ccken, verſuchte, ihm in den ſuͤßeſten Ausdruͤcken ihren Dank zu ſagen, als Oscar ſchnell einfiel: u hoch ſtellt ihr den geringen Dienſt, und viel⸗ leicht wird ſich euer Dank in Vorwurf wandeln, 1 5 66 wenn ihr vernehmt, wie oft ich ſchon eure Schrit⸗ te belauſchte und ein ſtiller Zeuge eurer kindli⸗ chen Zaͤrtlichkeit am Grabe der verſtorbenen Mut⸗ ter war; doch ſegne ich meine Vermeſſenheit, da ſie mir die Mittel gab, euch aus der Gefahr zu befreien. E Da ihr denn keinen Dank von mir annehmen wollt, muß ich mich wol darein fuͤgen, entgeg⸗ nete Iſabella; nur geſtattet mir wenigſtens, euch zu meinem Vater zu fuͤhren, damit er die Freude habe, den Erretter ſeiner Tochter kennen zu ler⸗ nen.** Vergebt mir, ſchoͤne Iſabella, fiel Oscar ein, weenn ich auch hierin euren Wuͤnſchen nicht Folge leiſten kann; mein Geſchick, dem ich nicht zu wi⸗ derſtreben vermag, verſagt mir auf immer den „Eingang in eure vaͤterliche Burg, auch darf der Freiherr den Namen desjenigen nicht erfah⸗ ren, der nur wuͤnſcht, in dem Andenken ſeiner Tochter einen Platz zu behaupten. Deine Worte ſind geheimnißvoll, Fremdling, entgegnete Iſabella, doch will ich nicht an deiner Ehre zweifeln. Du haſt mich dem Tode entriſſen, und wer du auch ſeyn magſt, mein Dank gebuͤhrt 67 dir; indeß wuͤrde es mir Freude machen, den Namen meines Erretters zu hoͤren, damit ich wuͤßte, fuͤr wen mein Gebet Segen vom Him⸗ mel erflehte. Nennt mich Oscar, erwiederte der junge Graf bewegt, einen andern Namen darf ich euch jetzt nicht geſtehen. Vielleicht kommt die Zeit einſt, wo ihr mich beſſer werdet kennen ler⸗ nen, und bis dahin bitte ich euch, mich nach meinem gegenwaͤrtigen Betragen, guͤnſtig zu beurtheilen, welches, wie ich mir ſchmeichle, eu⸗ rer Freundſchaft nicht unwerth iſt. Genug, Sir, ſagte Iſabella, ich traue eurem Wort; aber es wird ſpaͤt, und mein Vater koͤnn⸗ te uͤber meine lange Abweſenheit unruhig wer⸗ den; erlaubt mir alſo, nach dem Schloſſe zuruͤck⸗ zukehren. Bei dieſen Worten erhob ſie ſich von der Bank, und indem ſie Oscars Arm nahm, lenkte ſie ſchnell ihre Schritte nach der Burg. Beim Haupt⸗Eingange derſelben ſtand ſie ſtill, reichte dem Grafen noch ihre Hand zum Abſchie⸗ de und fluͤſterte ein leiſes Lebewohl! Einen Augenblick hielt Oscar die ihm dar⸗ gereichte, ſchoͤne Hand feſt in der ſeinigen, dann * ließ er ſie endlich, und rief aus: Lebe wohl, ge⸗ liebtes Maͤdchen! Darf der, den du ſo huld⸗ reich anlaͤchelſt dich wol noch um eine Gunſt be⸗ ſchwoͤren? 45 Sprich, Fremdling/ erwiderte das hocher⸗ rothende Fraͤulein, und wenn ich dir deine Bitle gewaͤhren kann, ſo verlaſſe dich auf Iſabellens dankbares Herz. 4 Erlaubt mir, euch wiederzuſehen, rief Oscar eilig— das Geraͤuſch herannahender Fußtritte verhinderten Iſabellens Antwort, welche ihm nur noch ein Zeichen mit der Hand gab, ſich ſchnell zu entfernen. Schwer gehorchte er ihr, und als auch der letzte Schein ihres weißen Gewandes ſich im Dunkel verloren hatte, lenkte er ſei⸗ ne Schritte langſam und traurig heimwaͤrts. Nicht mehr wie ſonſt, ſchlug das Herz frei und gluͤcklich in ſeiner Bruſt; unwiderſtehliche Bande feſſelten ihn, und er beweinte das Geſchick, wel⸗ ches ihn, wahrſcheinlich auf immer, von dem Gee genſtande ſeiner Liebe entfernt halten wuͤrde. Ueberzeugt von ſeiner hoffnungsloſen Nei⸗ gung, verſuchte er waͤhrend einiger Zeit alles, um ſie maͤnnlich in ſeiner Bruſt zu bekaͤmpfen, 69 und beſuchte auch den Ort nicht wieder, wo er Iſabella ſehen konnte; endlich aber gewann die Leidenſchaft voch den Sieg uͤber die Vernunft, und eine leiſe Stimme fluͤſterte ihm zu, daß, ob⸗ wohl Stolz und Haß ſich ihm jetzt entgegen⸗ ſtellten, die Liebe doch hoͤher ſei als jene, und vielleicht einſt noch den Sieg davon tragen koͤnne, und ſo entſchloß er ſich, den geliebten Gegenſtand noch einmal wieder zu ſehen.— Er harrete, je⸗ doch umſonſt, an der Stelle, wo er ihr zuerſt begegnet war, und fuͤrchtend, daß er ſie vielleicht durch ſeine letzte Bitte beleidigt hatte, kehrte er niedergeſchlagen nach ſeiner Burg zuruͤck. Meh⸗ rere Abende hatte Oscar vergebens denſelben Weg zuruͤckgelegt, und endlich an Iſabellens Wiederſehen verzweifelnd, entſchloß er ſich, ſeine Schritte dem Schloſſe naͤher zu lenken, in der Hoffnung, die Geliebte doch wenigſtens irgendwo in der Ferne zu erblicken. Als er ſich Morvens Burg nahete, ſchlug ſein Herz heftiger, und ein Gefuͤhl des beleidigten Stolzes durchdrang ihn bei dem Gedanken, ſich heimlicher Weiſe in die Beſitzung ſeines Erb⸗ feindes zu ſtehlen; aber die Liebe trug wieder⸗ 70 um den Sieg davon, und leichteren Schrittes ging er vorwaͤrts, bis er an eine Nebenthuͤr ge⸗ langte, welche in das innere des Gartens fuͤhrte. Auch durch dieſe drang er ohne Zoͤgern, und durch einen Lichtſtrahl geleitet, der aus dem Ge⸗ baͤude zu kommen ſchien, befand er ſich bald un⸗ ter den Mauern der Burg. Hier ſtand er einen 5 Augenblick ſtille, um ſeine Sinne wieder zu ſam⸗ meln, bemerkte aber bald, als er den Kopf in die Hoͤhe hob, ein offenes Fenſter, aus welchem der ihn leitende Lichtſtrahl gekommen war. Die ſanften Toͤne einer Laute, begleitet von einer zarten, weiblichen Stimme, die leiſe einige Verſe einer ihm wohlbekannten alten Ballade ſang, be⸗ ruͤhrten ſein Ohr. Noch unentſchieden„was er thun ſollte, ging er einige Schritte zuruͤck, und ſah nun beim Schein einer Ampel, eine weib⸗ liche Figur in einiger Entfernung des Fenſters ſitzen, die eine Laute in der Hand hielt. Das Licht, welches auf ihr Antlitz fiel, zeigte ihm, daß es Iſabella ſei, und Oscar, an keine Ge⸗ fahr mehr denkend, nahete ſich dem Fenſter und wiederholte mit hoͤrbarer Stimme die letzten Strophen, welche ſie eben geſungen hatte. Er⸗ 71 ſchrocken fuhr das Fraͤulein auf und fragte, wer da ſei. Fuͤrchtet euch nicht, Lady Iſabella, ant⸗ wortete Oscar, es iſt kein Feind, der im Schat⸗ ten der Nacht ſich in eure Wohnung ſtiehlt, ſon⸗ dern es iſt der, deſſen Andenken ihr verſpra⸗ chet zu bewahren. Verzeiht, daß er es wagt, euch hier zu nahen; aber vergebens habe ich euch an einer andern Stelle geſucht, und fuͤrchtete nun, euch unwillkuͤhrlich beleidigt zu haben. Beleidigt bin ich nicht, erwiederte Iſabella, denn ihr habt mir keine Urſache dazu gegeben; aber euer Benehmen und eure Worte ſind ſon⸗ derbar geheimnißvoll und.... Ich verſtehe euch, fiel Oscar mit gluͤhen⸗ der Wange ein; aber entfernt allen kleinli⸗ chen Verdacht; was auch daraus entſtehen mag, meine ganze Seele verabſcheut es, ein Gegen⸗ ſtand eures Verdachts zu ſeyn. Vernehmt denn, Iſabella, daß euer Erretter kein anderer iſt, als der Erbfeind eures Hauſes, der verhaßte Graf v. Glanalvon. Ein Zufall fuͤhrte mich zu⸗ erſt zu euch, und bezaubert von eurer Schoͤnheit und kindlichen Liebe, zog mich ein unwiderſtehli⸗ ches Etwas wieder an dieſelbe Stelle, wo ich 7² ſo gluͤcklich war, euch aus den Fluthen zu retten. Ueberzeugt, daß man euch ſchon fruͤhe gelehrt hatte, den Namen Glanalvon zu verabſcheuen, verbarg ich ihn euch, um nicht den guͤnſtigen vielleicht uͤber euch erworben hatte. Dieß iſt mein Verbrechen, und wenn mein Geſtaͤndniß mich mein Troſt in dem ſtolzen Bewußtſein liegen, mir ſoͤhnlichen Feindin erworben zu haben. Still blieb Iſabella einige Augenblicke nach dieſen Worten, dann erwiderte ſie tief be⸗ wegt: AS ALergebt mir, Mylord, wenn ich euch durch mein ſcheinbares Mißtrauen beleidigt habe, wel⸗ ches nie geſchehen ſeyn wuͤrde, haͤtte ich gleich euern wahren Namen gekannt; denn Iſabella kann nie anders, als mit Dank und Achtung an den Erretter ihres Lebens denken!— Leider, bin ich freilich nur zu wohl von dem unverſoͤhnli⸗ chen Haſſe meines Hauſes gegen euch unterrich⸗ tet, um fuͤr eure Sicherheit zu zittern, falls man euch hier entdecken ſollte, und deßhalb beſchwoͤre Eindruck zu vernichten, den ein Fremdling ſich nun auf immer aus eurer Naͤhe bannt, ſo wird dennoch ein Recht auf den Dank meiner unver⸗ ich dich, Oscar, fliehe dieſen Aufenthalt, und nimm meinen Dank und Segen mit dir. und ſoll euch nie wiederſehen? fragte Oscar traurig. G Ach, es darf, es kann nicht ſeyn, er⸗ widerte ſie mit zaͤrtlichem Tone. Lebet wohl, ed⸗ ler, großmuͤthiger Glanalvon, und nehmt dieß kleine Zeichen der Erinnerung von mir mit euch. — Sie band eine Schaͤrpe von ihren Schultern, und warf ſie Oscarn hinunter, der, dieß theure Band an ſeine Lippen druͤckend, um Erlaubniß bat, ſich dadurch auf ewig zu ihrem Ritter wei⸗ hen zu duͤrfen; erroͤthend ſtammelte Iſabella eine nur halb verſtaͤndliche Antwort, und verſchloß dann ſchnell das Fenſter. Einige Zeit noch wartete Oscar unter demſelben, ob ſich nicht vielleicht die geliebte Geſtalt noch einmal zeigen wuͤrde; aber vergebens, und als alles ſtumm und finſter blieb, verließ er das Schloß, ganz in dem Gedanken an ſeine liebensürdige Her⸗ rin verloren. Mehrere Tage hindurch erhielt er es uͤber ſich, die Gegend des Schloſſes nicht wieder zu beſu⸗ chen, endlich aber ward die Neigung in ihm doch 74 ſo maͤchtig, daß er ihr nicht laͤnger widerſtehen zu koͤnnen glaubte. Der Winter war herangekom⸗ men, mit tiefem Schnee lagen die Wege bedeckt; aber Oscar achtete nicht die Strenge der Jah⸗ reszeit, und eingehuͤllt in ſeinen Mantel, begab er ſich nach Morvens Burg, die vormals ein Ge⸗ genſtand ſeiner Abneigung, jetzt das Ziel aller ſeiner Wuͤnſche und Hoffnungen geworden war. Vorſichtigen Schrittes nahete er ſich dem Schloſſe, fand aber alles finſter, kein freundli⸗ cher Strahl leuchtete ihm entgegen; nachdem er nun vergebens eine Stunde geharrt hatte, und ſchon im Begriffe war, umzukehren, ſah er auf einmal ein Licht aus einem kleinen Gebaͤude her⸗ vorſchimmern. Er ging darauf zu, ſah durch eins der gothiſchen Fenſter deſſelben, und ward Iſabellen gewahr, welche vor einem Altare knie⸗ end, ganz in Andacht verſunken zu ſeyn ſchien; der zuruͤckgeſchlagene Schleier zeigte Oscarn ganz die ſchoͤne, betende Geſtalt; kaum wagte er, zu athmen, um ſie nicht zu ſtͤren. Endlich er⸗ hob ſie ſich und wollte die Kapelle verlaſſen, als Oscar ſich ihr nahete, knieend ihre Hand ergriff und ſie mit Kuͤſſen bedeckte. Erſchrocken ſuchte ſe 75 ſich loszumachen; da hoͤrte ſie Oscars Stimme, ihr Schrecken ſchien verſchwunden, und ſie fragte nur mit leiſem Tone, was ihn hierher gebracht habe? Der Graf ſtammelte Vergebung, bat ſie, ihn nur einen Augenblick anzuhoͤren, und fuͤhrte ſie zuruͤck in die Kapelle, wohin ſie ihm faſt unbe⸗ wußt zu folgen ſchien, und als wiederum eine Frage auf ihren Lippen ſchwebte, warf er ſich zu ihren Fuͤßen, geſtand ſeine Liebe, und beſchwor ſie, ihn nicht der Verzweiflung zu uͤbergeben. Ein Strom von Thraͤnen war anfangs Iſabellens ganze Antwort; als aber Oscar noch mehr in ſie drang, antwortete ſie tief bewegt: Was verlangſt du, Oscar, vergißt du den unausloͤſchlichen Haß unſerer Haͤuſer? Tau⸗ ſendmal habe ich meinen Vater den Namen Gla⸗ nalvon verwuͤnſchen hoͤren, und glaubſt du, daß er je in die Verbindung ſeiner Tochter mit ei⸗ nem dieſes Namens willigen wird? Sogar mein Bruder, ſonſt gut und edel, theilt dieſen Haß, und dein Leben ſchwebt hier in ſteter Ge⸗ fahr. Verlaß mich alſo, uͤberwinde die ungluͤck⸗ liche Neigung, welche dich zu mir zieht, und moͤ⸗ geſt du bald in den Armen eines andern gelieb⸗ ten Weibes die Gluͤckſeligkeit finden, welche Iſabella dir nie gewaͤhren darf. Nie, nie, rief Oscar, will ich die ſuͤße Hoff⸗ nung aufgeben, dich mein zu nennen! Sollte denn unſer hoͤchſtes Erdengluͤck nur an die Einwilli⸗ gung hartherziger Seelen haͤngen? Verlaß dich auf die Ehre deſſen, der dich unausſprechlich liebt; ein heimliches Band ſegne unſeren Bund! Die Thuͤrme meiner Burg werden dir Heil ent⸗ gegen rufen, und ein Weſen, edel und lieblich wie du ſelbſt, wird dich mit offenen Schweſter⸗ Armen empfangen, und die Erwaͤhlte ihres Bru⸗ ders liebevoll bewillkommnen. Heftiger floſſen Iſabellens Thraͤnen bei die⸗ ſen Worten, und unfaͤhig zu antworten, lehnte ſie ſanft das Haupt an Oscars Schulter, der fortfuhr, ſie mit aller Beredſamkeit der leiden⸗ ſchaftlichſten Liebe zu beſchwoͤren, ſeinen Vitten Gehoͤr zu geben; als ſie ploͤtzlich Fußtritte in ih⸗ rer Naͤhe vernahmen, und eine hohe, maͤnnliche Geſtalt vor ihnen ſtand. Bei dieſem Anblicke gtieß Iſabella einen lauten Schrei aus, und fiel bewußtlos zu Boden. Die Geſtalt aber, ſich 4 77 Glanalvon nahend, rief ihm wuͤthend zu, ſich zu vertheidigen. Wer ſeid ihr, Sir, erwiderte Oscar ſtolz, mich ſo ohne Bedenken herauszufodern? Noch nie hat ſich der Graf v. Glanalvon mit einem ihm untergeordneten Feinde geſchlagen! Ihr findet in Lionel v. Morven einen euch ebenbuͤrtigen, verſetzte der Fremde.— Ich war Zeuge eurer Unterredung mit meiner Schweſter, und klage euch nun des Verraths an, weil ihr euch, gleich einem mitternaͤchtlichen Raͤuber, in eine Wohnung ſtahlt, der ihr nicht oͤffentlich na⸗ hen duͤrft.— Ich verachte eure Anklage, rief Oscar mit immer ſteigender Heftigkeit. Gla⸗ nalvons Seele verabſcheut jede entehrende Hand⸗ lung, und iſt bereit, dieſe Wahrheit gegen die Scheingruͤnde eurer Vorwuͤrfe zu beweiſen.— Die Heiligkeit dieſes Ortes ſchickt ſich uͤbel zu unſerm Vorhaben, fuͤgte er hinzu; laßt uns ihn verlaſſen; an jeder andern Stelle werde ich euch Rede ſtehen. Nach Rache durſtend und brennend von Haß, ſtellten die beiden jungen Edelleute ſich auf ei⸗ nem neben dem Gebaͤude befindlichen Raſen ——õ:— —:::n-Aᷓ —— 78 einander gegenuͤber und fochten einige Zeit mit gleichem Muthe und gleichem Vortheil, bis end⸗ lich Lionels Kraft der groͤßeren Ueberlegenheit ſeines Gegners wich, der ſchon in der Schulter verwundet, mit ſeiner Streit⸗Axt den jungen Morven zu Boden ſtreckte. Beim Anblick des fallenden Feindes, erloſch auf einmal Gla nalvons Wuth, und die ungluͤckliche Waffe weit von ſich ſchleudernd, floh er zu ſeinem Bei⸗ ſtande; aber kein Zeichen des Lebens zeigte ſich, und im ſtillen Abſcheu der That, war er noch aͤber ihn gelehnt, als Iſabella, mit einer bren⸗ nenden Kerze in der Hand, aus der Kapelle zu ihnen trat. Das Getoſe der klirrenden Waffen hatte ſie zur Beſinnung gebracht; blaß und zit⸗ ternd nahete ſie ſich dem Platze, woher das Ge⸗ raͤuſch zu kommen ſchien, und wo ſie nun Oscar in ſtummer Verzweiflung uͤber dem Leichnam ihres Bruders liegen ſah. Ich bin ſein Moͤrder! ſcholl es ihr entgegen, und muß euren Anblick nun auf immer meiden. — Lebet wohl auf ewig! verbannt aus meinem Vaterlande und von euch, werde ich einen Theil meines Verbrechens abzubuͤßen ſuchen; nur ge⸗ 79 waͤhrt mir meine letzte Bitte und vergebt dem ungluͤcklichen Oscar. Er iſt todt! ſagte Iſabella im Tone des hoͤch⸗ ſten Grauſens.— Fliehet Glanalvon, wenn ihr mir nicht noch den neuen Schmerz bereiten wollt, euch vor meinen Augen getoͤdtet, oder der oͤffentlichen Gerechtigkeit preis gegeben zu ſehen. Oh, entfernt euch ſchnell, ſchnell! und— der Himmel vergebe es mir, Oscar; aber fluchen kann ich dir nicht. Geſegnet ſeiſt du, Engel der Guͤte, rief Glanalvon in wilder Verzweiflung; umarme mich noch vor dem letzten Scheiden! Aber nein, wie duͤrft' ich dir nahen mit Haͤnden, die vom Blute des Bruders triefen? Lebe wohl auf ewig, auf ewig! fuͤgte er halb ſinnlos hinzu, und ver⸗ ließ die ungluͤckſelige Staͤte in einem Gemuͤths⸗ zuſtande, den keine Worte beſchreiben koͤnnen. Fuͤnftes Kapitel. In ſchmerzlicher Unruhe hatte Angelica die Stunden verlebt, waͤhrend welcher alles dieſes in der Naͤhe von Morvens Burg vorgefallen war. Die ungewoͤhnliche Verwirrung im Gemuͤthe ihres Bruders war nicht unbemerkt an ihr voruͤbergegangen, und obgleich der Mangel an Vertrauen ſie in etwas beleidigte, verbot ihr ein gewiſſes Zartgefuͤhl, nicht durch Fragen in ein Geheimniß zu dringen, welches er ihr verbergen zu wollen ſchien. Gerade an dieſem Abend hat⸗ te ſie, bei ſeinem Abſchiede von ihr, eine beſon⸗ dere Unruhe in ihm bemerkt, und wagte es nicht, ſich vor ſeiner Ruͤckkunft zu Bette zu legen. Die⸗ ſem Vorſatze getreu/ ſchickte ſie ihre Frauen zur gewoͤhnlichen Stunde fort, ſetzte ſich naͤher zum Kaminfeuer, und nahm einen Band alter Balla⸗ den zur Hand, um die langſam ſchleichende Zeit dadurch zu befluͤgeln. Die Glocke des Schloß⸗ thurms ſchlug Mitternacht; Angelica's Untuhe 1* vergroͤßerte ſich, als auf einmal die Thuͤre des ——ʒ:—— — 3 4 81 Gemachs auffiog und Oscar todtenbleich und mit Blut bedeckt, vor ſie trat. Bei dieſem An⸗ blicke fiel Angelica blaß und ſprachlos in ihren Seſſel zuruͤck; Oscar aber nahete ſich ihr ſchnell, nahm ihre kalte Hand in die Seinige und rief: Angelica! geliebte, ungluͤckliche Schweſter! ich komme, dir ein Lebewohl zu ſagen, ehe ich dich vielleicht auf immer verlaſſe. Mich verlaſſen? rief die aufs hoͤchſte erſchro⸗ ckene Angelica. Gerechter Himmel, was ſoll das heißen? Warum biſt du ſo bewegt, ſo blaß und blutig? 2 Oscar, um Gottes willen ſage mir, was iſt vorgefallen? Ich bin ein Moͤrder, ſtammelte Osear im dumpfen Tone der Verzweiflung, und um der Rache der Familie des von mir Ermordeten zu entgehen, muß ich meinem Vaterlande und dir auf ewig Lebewohl ſagen. Todtenbleich und faſt ohne Bewegung, ſaß Angelica da; kein Wort kam uͤber ihre Lippen, keine Thraͤne erleichterte das beklemmte Herz. Starr waren ihre Augen auf Oscar gerichtet, der ſie endlich ſchmerzlich und tief geruͤhrt in ſeine Arme ſchloß und ſie beſchwor, ſich zu faſſen. J. 32 auf d den Ton ſeiner Stimme, richtete ſie den Kopf in die Hoͤhe, verbarg ihr Geſicht an ſei⸗ ner Bruſt und weinte. Der Bruder vereinte ſeine Thraͤnen mit den ihrigen, und hierdurch auf einige Weiſe erleichtert, ward es ihm moͤg⸗ lich, ihr das an dieſem Abend Vorgefallene ge⸗ nauer zu erzaͤhlen; doch ſchloß er mit den Wor⸗ ten, daß er unverzuͤglich abreiſen muͤſſe. Glaubſt du denn, erwiderte Angelica muth⸗ voll, ich werde zugeben, daß du dieſe Burg oh⸗ ne mich verlaͤſſeſt? Nein, theurer Oscar, was auch dein Geſchick ſeyn moͤge, laß mich es mit dir theilen. Schweſterliche Liebe wird dich auf allen deinen Wegen begleiten, deine Sorgen verſuͤßen, deinen Gram zu lindern ſuchen, und nie ſollſt du irgend eine Klage von mir hoͤren. Ich bin jung, fuͤgte ſie in Thraͤnen holdlaͤchelnd hinzu, und kann Muͤhſeligkeiten und Beſchwerden ertragen. Schlage mir alſo meine Bitte nicht ab, und ſei verſichert, daß nichts ſo hart fuͤr mich ſeyn kann, als die Trennung von dir. Lange konnte Oscar ſich nicht entſchließen, ihr edelmuͤthiges Anerbieten anzunehmen; er ſtellte ihr die Gefahren vor, denen er entgegen 4 * 83 ginge, und wie wenig ihr Geſchlecht und ihre Jugend ſich eigneten, dieſe zu beſtehen; er bat ſie, auf der vaͤterlichen Burg, umgeben von treu⸗ en Dienern und Freunden, zu bleiben, bis ein guͤnſtigerer Zeitpunct ihm vielleicht einſt zuruͤckzu⸗ kehren erlaube. Haſt du es denn vergeſſen, ſagte Angelica, ſich inniger an ihn ſchmiegend, wie unzertrenn⸗ lich wir bisher geweſen ſind? Von Kindheit an theilten wir Freuden und Sorgen mit einan⸗ der, und ſeit dem Tode des geliebten Vaters biſt du mein einziger Freund und Beſchuͤtzer; und nun ſollte ich dich verlaſſen, da du ungluͤck⸗ lich biſt, und ich dir meine Liebe beweiſen kann? Nein, nie wuͤrde ich den heiligen Schweſter⸗Na⸗ men ſo entehren! du kannſt mir verbieten, dich zu begleiten; aber nichts auf der Welt ſoll mich abhalten, dir zu folgen. Endlich konnte Oscar ihren Bitten und Thra⸗ nen nicht laͤnger widerſtehen; ſanft zog er ſie an ſeine Bruſt, und nachdem er ihr noch einmal alle Schwierigkeiten einer ſolchen Reiſe vorgeſtellt hatte, und ſie feſt auf ihrem Entſchluß beharre⸗ te, willigte er in ihre Wuͤnſche. Es ward be⸗ 28 5. 84 ſchloſſen, gleich die noͤthigen Vorbereitungen zu treffen, und waͤhrend Oscar den alten, wuͤrdi⸗ gen Hauscaplan rufen ließ, verſprach Angelica fuͤr alles Weitere zu ſorgen. Schnell eilte ſie auf ihr Zimmer, packte ihre Juwelen und an⸗ dere Koſtbarkeiten, nebſt ein wenig Waͤſche zu⸗ fammen, warf ihren Mantel um, und ſtand dann ganz reiſefertig vor dem Bruder, wo ſie den Pater Owen noch antraf. Ein tiefer Kummer war auf dem Geſichte des ehrwuͤrdigen Mannes verbreitet, der von Jugend an in dieſer Burg gelebt und mit jedem Gliede der Familie Gla⸗ nalvon befreundet war. Er naͤherte ſich Ange⸗ 4 lica'n, um ihr Troſt einzuſprechen; aber die Wor⸗ te erſtarben auf ſeinen Lippen, und ſchnell wand⸗ te er das Haupt weg, um eine Thraͤne zu verber⸗ gen. Angelica bemerkte es, und ſagte hold: ſeid nicht ſo traurig, ehrwuͤrdiger Vater, ich beſchwoͤre euch darum; es werden gluͤcklichere Ta⸗ ge kommen, wo wir uns wiederſehen, und in der Zwiſchenzeit betet fuͤr unſere Erhaltung und unſer Gluͤck. 1 Mein Gebet wird dich begleiten, geliebte Tochter, erwiderte der Moͤnch, und moͤge es Se⸗ 8 5 ³ 8⁵ gen üͤber dich verbreiten; aber gewiß, der Him⸗ mel wird dich ſegnen um deiner Tugend und der liebe willen, die du fuͤr dieſen ungluͤcklichen Juͤngling hegſt. Hier ſah er ſich nach Oscarn 3* der waͤhrend dieſer Zeit mit unruhit gen Schritten im Gemache auf und ab ging. Bald erſchien Erich, der nachgebliebene Die⸗ ner des verſtorbenen Grafen, mit der Nach⸗ richt, daß die Pferde bereit ſtaͤnden, und nun ergriff Oscar auf einmal heftig des Kaplans Hand, druͤckte ſie feſt an ſein Herz und ſtuͤrzte zum Zimmer hinaus; geſtuͤtzt auf den Arm des Geiſtlichen, folgte Angelica. Nur eine einzige Fa⸗ ckel, welche Erich hielt, leuchtete ihnen durch die finſtern Gaͤnge der Burg und uͤber den Schloß⸗ hof, wo ſie ſtillſchweigend ihre Pferde beſtiegen; noch einmal winkte Oscar dem Kaplan, naͤher zu⸗ treten, beugte ſich dann nieder und ſagte mit leiſer Stimme: Gehabt euch wohl, ehrwuͤrdiger Vater! vergeßt meine Bitte nicht, und wenn in der Burg Veraͤnderungen vorfallen ſollten, ſo ſuchet ein Obdach beim Abte von St. Clair, deſ⸗ ſen Freundſchaft fuͤr unſere Familie euch gewiß eine Freiſtatt bereiten wird. 86 Lebt wohl, meine geliebten Kinder, erwiderte der Greis, lebt wohl! Gottes und der heligen Jungfrau Segen ſei mit euch! 4 Gott befohlen! ſchallte es noch aus Oscars und Angelica's Munde, waͤhrend ſie ſchon in voller Eile davon ritten, gefolgt von dem treuen Erich, der es ſich als eine Eenſf⸗ erbeten hatte ihr Geſchick zu theilen. Des Grafen Vorſatz war, eine Zuflucht in Frankreich zu ſuchen, wo ſeiner Meinung nach, Morvens Rache und Bosheit ihn nicht erreichen wuͤrde, und in dieſer Abſicht lenkten ſie ihre Roſſe nach der naͤchſten See⸗Kuͤſte. Ungewoͤhn⸗ lich finſter war die Nacht, und der Wind, durch die entlaubten Zweige von Glanalvons Waͤldern heulend, ſchien in furchtbaren Klagetoͤnen die Abreiſe der ungluͤcklichen Beſitzer zu bejammern, welche verbannt von Haus und Vaterland, gleich Verbrechern von dem Beſitzthum flohen, wo ihre Gegenwart bisher nur Freude verbreitet hatte. Als ihr Weg ſie durch den Theil des Wal⸗ des fuͤhrte, wo der alte Graf ermordet war, nundee nage den Blick nach der Richtung, wo, ihrer Meinung nach, ihre Burg ſtehen muͤſ⸗ 87 ſe; bald gewahrte ſie ein Licht in einem der obern Thuͤrmchen, und da ſie glaubte, daß es vom Pa⸗ ter Owen komme, erfuͤllten eine Menge ſuͤßer und ſchwermuͤthiger Erinnerungen ihr Gemuͤth, und reichlich floſſen die erſten Thraͤnen nach ihrer Ab⸗ reiſe hier im Dunkel der Nacht, wo niemand ſie bemerkte. Nach und nach fuͤhlte ſie ſich erleich⸗ tert, ihre Heirerkeit kehrte wieder, und mit neu⸗ em Frohſinn ſetzte ſie ihre Reiſe fort. Endlich begruͤßten die erſten Morgenſtrahlen unſere Rei⸗ ſenden; ermuͤdet kehrten ſie bei einem elenden Gaſthofe an, wo ſie ſich jedoch nur wenige Stun⸗ den aufhielten und dann ihre Reiſe den ganzen Tag ununterbrochen fortſetzten.— Schon war es ſpaͤt am Abend, als ſie in eine ſumpfige Niederung kamen, die ſich weit vor ſie hin er⸗ ſtreckte. Durch ſo mannigfaltige Anſtrengungen, waren Angelica's Kraͤfte jetzt voͤllig erſchoͤpft, und der Zuſtand ihres Bruders war eben nicht geeig⸗ net, ſie wieder aufzurichten. Gegen Krankheit und Schmerz ſeiner Wunde kaͤmpfehd, die nicht einmal ordentlich verbunden war, fuͤhlte Oscar ſich voͤllig außer Stande, ſeiner Schweſter den no⸗ thigen Beiſtand zu geben, und in eigenen, ſchwer⸗ 88 muͤthigen Gedanken vertieft, ritt er ſchweigend neben ihr her.. Die zunehmende Dunkelheit machte ihren Weg immer zweifelhafter; eben hatten ſie die Mitte der Niederung erreicht, als ſich ein Sturm erhob und eine Wolke von Schnee und Hagel ihnen gerade entgegen kam. Ihre letzten Kraͤfte anſtrengend, ſuchten ſie muthvoll gegen dieß Unwetter anzukaͤmpfen; kaum aber hatte es ſich etwas gelegt, als ſie mit Schrecken entdeck⸗ ten, daß ſie vom rechten Wege abgekommen wa⸗ ren, und nicht wußten, wohin ſie ſich wenden ſoll⸗ ten. Nach vielen vergeblichen Verſuchen, den hetretenen Pfad wieder zu erreichen, gaben ſie endlich alle Hoffnung dazu bis zum kommenden Morgen auf, und beſchloſſen, irgend ein Obdach fuͤr die Nacht zu ſuchen. Doch auch hierzu ſchien ſich ihnen, an einem ſo wilden und verlaſſenen Orte, nur wenig Ausſicht zu zeigen. Indem ſie nun langſam vorwaͤrts ritten, ward Angelica unwillkuͤhrlich von dem Gedan⸗ ken an die haͤuslichen Bequemlichkeiten ergriffen, deren ſie ſonſt genoſſen hatte. Das Bild jener gluͤcklichen Tage, wo ſie, in den Armen eines 89 geliebten Vaters, Sorge und Kummer nur dem Namen nach gekannt hatte, ſtand ſo lebhaft vor ih⸗ rer Seele, daß die Kehrſeite der rauhen Gegen⸗ wart nur zu hart auf ſie eindringen mußte, und überwaͤltigt von dieſem Gefuͤhle, ſank ſie er⸗ ſchoͤpft durch Kaͤlte und Anſtrengung, wie leblos von ihrem Pferde. Erſchrocken eilte Oscar zu ihrem Beiſtande; es gelang ihm endlich, ſie wie⸗ der ins Leben zu rufen; aber mit erſchoͤpfter Stimme verſicherte ſie, daß es ihr unmoͤglich ſei, weiter zu reiten. Oscar bat ſie mit den aͤrtlichſten Worten, den Muth nicht ſo ſinken zu laſſen, ſtellte ihr alle Gefahren ihrer gegenwaͤrti⸗ gen Lage und die Hoffnung vor, nach einigen Stunden wenigſtens ein ertraͤgliches Obdach zu finden, und endlich gelang es ihm, ſie zu dem Entſchluſſe zu bringen, ſich wieder aufs Pferd he⸗ ben zu laſſen, als der ſpaͤhende Erich mit der Freudenpoſt heraneilte, in einiger Entfernung ein Licht entdeckt zu haben. Dahin wandten nun unſere ermuͤdeten Wanderer ihre Schritte und ſahen bald, daß der Schein aus einer am Rande der Niederung liegenden Schaͤferhuͤtte kam.— Die Bewohner derſelben waren noch nicht zur 90 Nuhe und geſtatteten willig Oscarn und ſeinen Gefaͤhrten das verlangte Obdach; jedoch be⸗ trachteten ſie die Reiſenden mit Erſtaunen, vor⸗ zͤglich Angelica'n, deren au gerordentliche Schoͤn⸗ heit und vornehmer Anſtand ihnen ſchlecht zu der gegenwaͤrtigen Lage zu paſſen ſchien. Nachdem ſie ſich durch einfache, aber erqui⸗ ckende Speiſe geſtaͤrkt fuͤhlte, begab ſich Angelica in das einzige Bett, welches dieſe Huͤtte enthielt, waͤhrend ihr Bruder und Erich ſich auf eine am Heerde ſtehende Bank niederlegten. Der letztere fiel bald in einen tiefen Schlaf; aber der un⸗ gluͤckliche Glanalvon, dem auch dieſe Erquickung verſagt ward, brachte die ganze Nacht in quaͤlen⸗ der Unruhe uͤber ſeinen eigenen Zuſtand und das Geſchick des geliebten Weſens zu, welches er mit in ſein Ungluͤck gezogen hatte. Kaum ſielen die erſten Strahlen der Morgenroͤthe in die en⸗ ge Wohnung, ſo raffte er ſich ſchon vom La⸗ ger auf, und eilte, ſeine Gefaͤhrten zu we⸗ cken. Bald ſtanden ſie alle bereit, und nach einem ſchnell verzehrten Fruͤhſtuͤcke von Milch und Haferbrod, ſetzten ſie ihre Reiſe fort, indem ſie Pron freundlichen Wirthen herzlich fuͤr das 91 Obdach dankten und ſie tauſendfaͤltig fuͤr ihre Gaſtlichkeit lohnten. Am Nachmittage ward die Luſ e gluͤcklich erreicht, und Oscar, ſeine Schwe⸗ ſter unter Erichs Obhut laſſend, begab ſich an den Strand, wo er nach einigen Schwierig⸗ keiten den Capitain eines Fahrzeugs dazu 3 beredete, ihn nach Frankreich zu bringen. Schnell ward alles zu ihrer Abkeiſe bereitet, und ſchon am naͤmlichen Abende ſagten unſere Reiſen⸗ den ihrem Vaterlande das letzte Lebewohl. Auf dem Verdecke ſitzend, hingen noch lange ihre Blicke an den ſchwindenden Klippen, welche die roſigen Strahlen der untergehenden Sonne be⸗ leuchteten, und als das Zwielicht ſie endlich voͤl⸗ lig ihren Augen entruͤckte, konnte Angelica ihre Thraͤnen nicht laͤnger zuruͤck halten und ging einſam weinend hinunter in die Cajuͤte. Bald aber riefen andere Sorgen ſie zur Thaͤtigkeit zu⸗ ruͤck. Schon vor dem Morgen lag Oscar in ei⸗ nem heftigen Fieber⸗Anfalle, in welchem Iſa⸗ bellens und des ermordeten Morvens Name un⸗ 2 aufhoͤrlich in fuͤrchterlichen Phantaſien uͤber ſeine 4 eippen ſchwebten. Die Gefahr, in welcher er ſich befand, konnte Angelica'n nicht lange ver⸗ 92 borgen bleiben, und zu der Angſt um den gelieb⸗ ten Bruder geſellte ſich die Ausſicht auf ihre ei⸗ gene ſchreckliche Lage, wenn der Tod ſie ihrer einzigen Stuͤtze berauben ſollte. Aber obgleich das Herz unſerer Heldin tief jeden Schmerz fuͤhlte/ gehoͤrte ſie doch nicht zu den Schwaͤcheren, ſich ganz dem Gefuͤhle hingebenden ihres Ge⸗ ſchlechts; da wo es Noth that, fehlte es ihr nicht an Muth, und ſie ſuchte, verlaſſen von aller aͤu⸗ ßern Huͤlfe, auch hier Troſt und Ergebung von Oben, und fand ſie bald in der eigenen Erhe⸗ bung ihres Gemuͤths, welche ſie faͤhig machte, die ſchrecklichen Stunden der Gegenwart ruhiger zu ertragen. Nach einer guͤnſtigen Reiſe landeten ſie gluͤck⸗ lich an den Kuͤſten der Normandie, und auf die Empfehlung des Capitains, der herzlichen An⸗ theil an Angelicas Lage genommen hatte, bega⸗ ben ſie ſich in eine, nicht weit vom Strande lie⸗ gende, reinliche Pachterwohnung, die beſſer zu ihrem gegenwaͤrtigen Aufenthalte geeignet zu ſeyn ſchien, als ein Gaſthof, wo es ihnen vielleicht an noͤthiger Nuhe gefehlt haben wuͤrde. In dieſer Abgeſchiedenheit nun wandte Angelica, unter⸗ *f 93 ſtuͤtzt von dem treuen Erich, alle ihre Sorgfalt auf die Pflege des geliebten Bruders, und ihrem vereinten Streben gelang es endlich, ihn dem Grabe zu entreißen. Schon nach 6 Wochen be⸗ fand er ſich im Stande, die Stube wieder zu verlaſſen, und bald ſchien ſein Koͤrper voͤllig her⸗ geſtellt; aber ſeine Seele litt ununterbrochen. Verbannt aus dem Vaterlande, ſeiner Beſitzun⸗ gen und Ehre beraubt, mit dem Namen eines Moͤrders gebrandmarkt, ſchien ihm ſein Leben weiter keinen Werth zu haben, und nur die Liebe zu Angelica'n hielt ihn ab, nicht nach England zuruͤckzukehren und ſich den Haͤnden der Gerech⸗ tigkeit zu uͤberliefern. Sobald Oscar hinlaͤnglich hergeſtellt war, machte er die Schweſter mit ſeinem Vorſatze be⸗ kannt, weiter ins Innre des Koͤnigreichs zu ge⸗ hen, wo er ſich ſicherer glaubte, als hier in der 2 Normandie. Um dieſen Entſchluß auszufuͤhren, ward nur noch ein Brief vom Pater Owen erwar⸗ tet, der einige Dage darauf ankam, und deſſen Inhalt Glanalvon nur noch elender machte. Wuͤthend uͤber den Tod ſeines Sohnes, hat⸗ te der Freiherr v. Morven ſich an den Koͤnig ge⸗ 94 wandt, um Rache fuͤr ſeigen Moͤrder zu erflehen. Nachdem der Koͤnig ſeine Bitte gerecht gefunden und ſeine Forderungen genehmigt hatte, waren des Grafen Guͤter eingezogen, ſeine Perſon ge⸗ aͤchtet, und ſcharfe Befehle ertheilt, ihn uͤberall zu verfolgen und vor ſein Landes⸗Gericht auszu⸗ liefern. Sogar des Prinzen Bitten, deſſen An⸗ haͤnglichkeit fuͤr Oscar dieſelbe blieb waren nicht im Stande, dieſen Urtheil⸗Spruch zu mildern, und hohnlachend kehrte Morven nach Northum⸗ berland zuruͤck, nachdem es ihm gelungen war, die ihm verhaßte Familie endlich zu Grunde ge⸗ richtet zu haben. „Die Burg, fuhr der Kaplan in ſeinem „Schreiben fort, iſt ſeit der Zeit von Soͤld⸗ „ nern der Krone beſetzt; das Hausgeſinde iſt „verabſchiedet und keiner der vormaligen Be⸗ „wohner geblieben, als der alte Verwalter und „ſeine Frau, denen die Sorge fuͤr das Innre „des Gebaͤudes uͤbertragen iſt. Eurem Auftrage „zufolge, Mylord, habe ich indeß die noch „uͤbrig gebliebenen Koſtbarkeiten gerettet, welche „jich euch, nebſt den Kleidungsſtuͤcken fuͤreuch und „Lady Angelica mit dieſem Briefe ſende. Euch — 95 „unſern Kummer zu beſchreiben, wuͤrde nur den „eurigen vermehren, alſo ſchweige ich davon. „ Verzweifelt nicht! in Gottes Macht ſteht es, „die Nache eurer Feinde zu vereiteln, und daß er dieß thun moͤge und euch wieder in die Rechte eu⸗ nrer Herrſchaft einſetze, iſt das beſtaͤndige Gebet geures aufrichtigen und treuen Dieners Owen.“ Leicht mag man ſich den Eindruck denken, den dieſer Brief auf Glanalvons Gemuͤth mach⸗ te; oft war ſein Schmerz ſo heftig, daß man fuͤrchtete, er wuͤrde den Verſtand verlieren; nur Angelica gelang es durch ihre zaͤrtlichen Troſt⸗ gruͤnde, ihn weicher zu ſtimmen, und an ihrer treuen Bruſt erleichterte er ſich durch Thraͤnen. Als ſie ihn nun etwas beruhigt ſah, ſeellte ſie ihm die Nothwendigkeit vor, die Normandie zu verlaſſen, und ſchon der folgende Morgen ward zur Fortſetzung ihrer Reiſe beſtimmt. Der Fruͤhling war herangekommen, und ſo wie ſie weiter ſuͤdlich gingen, erweckten die romantiſchen Schoͤnheiten der Gegenden, durch welche ſie ka⸗ men, neue Freude in Angelica's jugendlichem Her⸗ zen. In dieſer Jahreszeit erſcheint die Natur in ihrem froͤhlichſten Schmucke, und obgleich wol 96 an einigen Orten des Landes noch Spuren des Krieges ſichtbar waren, ſo blieben doch noch tau⸗ ſend Reize, wofuͤr ſelbſt Oscar, in ſchwermuͤthi⸗ gen Traͤumereien verloren, nicht unempfindlich geweſen ſeyn wuͤrde, haͤtte nicht fuͤr ihn noch ein eigenes, ſchmerzhaftes Intereſſe darin gelegen, die Gegenden ,wo vormals ſein Ruhm erſchollen war, in ſeiner gegenwaͤrtigen Lage wieder zu be⸗ treten; damals der Held des Tages, ſah er ſich nun durch eine einzige That aller Lorbeeren be⸗ raubt, verbannt und geaͤchtet, in demſelben Lan⸗ de, das er als Sieger verlaſſen hatte. Mehrere Tage waren unſere Reiſenden ohne weitere Abentheuer fortgezogen, als die Nacht ſie einſt in den Fluren der Provence uͤberraſchte; ganz verloren in dem Anblick der ſchoͤnen Anſich⸗ ten rings um ſie herum, hatten ſie wenig Acht darauf gegeben, nicht in der Naͤhe irgend einer Stadt zu ſeyn, als Angelita endlich ihrem Bru⸗ der die Gefahr vorſtellte, hier in den Bergen und Waͤldern von Naͤubern uͤberfallen zu werden, und ihn beſchwor, zu eilen, damit ſie noch vor dem gaͤnzlichen Einbruche der Nacht ein Obdach eereichten. Auf ihr Bitten ſpornte man die Roſſe —.— 97 ritt die Anhoͤhe hinunter, auf welcher man ſo lange geweilt hatte und kam nun in einen, mit Felſen ſo nahe umgebenen Hohlweg, daß der Durchgang an einigen Stellen unmoͤglich ſchien. Obgleich etwas erſchrocken uͤber die Finſterniß/ wel⸗ che ſie hier mit einemmale umgab, ſuchte Angelica doch ihre Furcht zu bekaͤmpfen, und Oscar, um ſie zu zerſtreuen, rief die lachenden Gegenden, welche ſie am Tage geſehen hatten, vor ihre See⸗ le zuruͤck. Endlich gelang es ihnen, aus der Hohle herauszukommen, und vor ſich ſahen ſie nun ein reizendes, waldbekraͤnztes Thal, wel⸗ ches ſich nur an der einen Seite öͤffnete und ih⸗ nen die weite Ausſicht auf die blauen Fluthen des mittellaͤndiſchen Meeres gewaͤhrte. Huͤtten eines benachbarten Dorfes lagen am Ufer eines klaren Stromes, der durch das Thal lief, und ſie beſchloſſen, hier ein Unterkommen fuͤr die Nacht zu ſuchen. Je weiter ſte ritten, je reizender ward die Gegend, nun von den ſanften Strah⸗ len des Mondes beleuchtet. Oscars Aufmerk⸗ ſamkeit ſiel auf eine, vom uͤbrigen Dorf in eini⸗ ger Entfernung liegende Huͤtte, die, in dem ſchonen Schatten der Nacht, ihm ein Bild der 1. 4 7 Ruhe zu gewaͤhren ſchien.— Er ſtieg vom Pfer⸗ de, ging durch den kleinen Garten und klopfte an eine Thuͤr, welche ein alter Mann oͤffnete, den er freundlich um Nachtherberge fuͤr ſich und ſeine Gefaͤhrten bat. Gern ſei euch die Bitte gewaͤhrt, erwiderte der Landmann mit hoͤflichem Tone. Meine Thuͤr iſt ſtets dem Fremdling offen, und wenn ihr fuͤrlieb nehmen wollt, ſollt ihr uns herzlich will⸗ kommen ſeyn. Artig half er Angelica’n vom Pferde herun⸗ ter, rief einen Knaben, die Thiere in den Stall zu ziehen, und folgte dann ſeinen Gaͤſten in die Huͤtte. Bald kam eine altliche, wohlgeſtaltete Frau auf ſie zu, welche ſie eben ſo freundlich be⸗ willkommte als der Mann, und ſie in ein kleines, aber artig eingerichtetes Zimmer fuͤhrte, wo Toͤp⸗ fe mit Roſen und Mirthen im Fenſter ſtan⸗ den. Angelica ſah ihren Bruder ſtillſchwei⸗ gend an, als Peter ſeine Frau hoͤflich er⸗ ſuchte, einige Erfriſchungen fuͤr die Gaͤſte her⸗ beizubringen, und ich, ſetzte er hinzu, will eine Flaſche meines beſten Weins zum Labetrunk ho⸗ len, denn ihr ſcheint ermuͤdet, und nichts wird —————— 99 euch ſo gut ſtaͤrken, als ein Glas aͤchter Bur⸗ gunder. Alſobald ward ein Diſch gedeckt, kaltes Ge⸗ fluͤgel und dergleichen darauf geſetzt; Peter brach⸗ te ſeine Flaſche Wein und noͤthigte die Gaͤſte, Platz zu nehmen, welches ſie aber nur unter der Bedingung thaten, daß er und ſeine Frau das Mahl mit ihnen theilten. Nach einigen Wei⸗ gerungen ſetzte ſich das gute, alte Paar zu ihnen, und Angelica behauptete, wenn ſie auch oͤfterer an reichlicher beſetzten Tafeln geſpeiſt, ſie doch nie ein ſchmackhafteres, froͤhlicheres Mahl genoſſen habe. In dem Betragen der beiden Landleute ſchien etwas feineres zu liegen, als man gewoͤhnlich bei dieſer Klaſſe des Volks antrifft, und dieß reizte die Geſchwiſter, den alten Mann, als er durch ein Glas Wein waͤrmer geworden war, zu fragen: wie lange er ſchon hier gelebt habe? Es ſind nun 20 Jahre, mein Herr, erwi⸗ derte Peter. Ein Graf v. Aubine ſchenkte dieſe Huͤtte einem meiner Vorfahren, fuͤr die Dienſte, welche er ihm waͤhrend der Kreuzzuͤge geleiſtet hatte, und ſeit dem Tode meines letzten gelieb⸗ 7* ten Herrn, des Grafen Valentin, lebe ich hier mit meiner Frau Genoveva; wir haben nur ei⸗ nen Sohn, der verheirathet iſt und dort unten im Dorfe wohnt. ie i n Und wo hauſte der Graf? fragte Oscar, dem der ſchmerzliche Ton auffiel, mit welchem der Alte ſeines verſtorbenen Herrn gedachte. Seht ihr dort jene Thuͤrme aus dem dunkeln Walde, ſo ſchön von den Strahlen des Mondes beleuchtet/ hervorragen? ſagte Peter, indem er Oscar an ein Fenſter zog, welches die Ausſicht auf die entgengeſetzte Seite des Thals hatte. Das ſind die Thuͤrme des Schloſſes von Roche⸗ mond, des vormaligen Familien⸗Sitzes der Edeln vom Stamme Aubiné; aber nun iſt es un⸗ bewohnt und verfallen. Wem gehoͤrt es jetzt? ſagte Oscar, nachdem er einen Augenblick ernſt und traurig die Ueber⸗ reſte angeblickt hatte. Dem Marquis lv. Mon⸗ trieul, erwiderte Peter; aber lobgleich es ihm ſchon ſeit 20 Jahren zugefallen iſt, hat er doch nur waͤhrend der ganzen Zeit einmal dort ge⸗ wohnt und war nicht im Stande, lange darin auszudauern; nachher uͤberließ er es der Aufſicht —— —— 101 einiger ſeiner Diener; aber ſie konnten es auch nicht aushalten, dort zu hauſen; kurz, mein Herr, niemand kann da leben. Warum denn nicht? fragte Oscar wieder, geſpannt uͤber das Geheimnißvolle, welches in Peters Worten zu liegen ſchien. Je nun— weil es noch immer von ſeinen vormaligen Beſitzern heimgeſucht wird, und ihr wißt wohl, daß niemand gerne in der Geſellſchaft von Geiſtern lebt. und aus welcher Urſache glaubt man, daß die vormaligen Beſitzer dort umgehen? verſetzte Oscar.— Aus vielen, mein Herr; die Erzaͤhlung iſt lang und ihr ſeid vielleicht jetzt zu ermuͤdet, um ſie anhoͤren zu moͤgen; indeß, wenn ihr es wuͤnſcht, will ich euch gerne alles mittheilen, was mir da⸗ von bekannt iſt, und ihr werdet geſtehen, daß es eine wunderbare und geheimnißvolle Bege⸗ benheit iſt. Als Glanalvon und Angelica beide ihr Ver⸗ langen bezeigt hatten, die Erzaͤhlung zu hoͤren, und man ſich dem Alten naͤher geruͤckt hatte, um kein Wort zu verlieren, nahm Peter ſein Glas, — fuͤllte es noch einmal und begann dann folgender⸗ maßen: Mein Vater war Verwalter beim Grafen Aubiné, und da ich nur wenige Jahre aͤlter als der junge Graf Valentin war, nahm man mich fruͤhzeitig aufs Schloß, um dieſem zum Spielge⸗ faͤhrten zu dienen. Bald ward ich der erklaͤrte Liebling meines jungen Herrn, der mich mehr als einen Freund, denn als einen Diener behandelte, und ich mußte ſowohl ſeine Lehrſtunden als ſeine Beluſtigungen theilen. Der Graf, welcher keen anderes Kind hatte, liebte dieſen einzigen Sohn auf das zaͤrtlichſte, der ſich auch in der That eben ſo ſehr durch Schoͤnheit, als Geiſtesgaben und Herzensguͤte auszeichnete. Von allen Die⸗ nern ward er angebetet, und nie werde ich ſeine Freundlichkeit gegen mich vergeſſen. Der alte Graf, wie ich euch vorher ſchon ſagte, hatte nur dieß einzige Kind; aber aus ſeiner erſten Ehe, denn er war zweimal verheirathet geweſen, war ihm ein Stiefſohn, der Chevalier St. Omer, hin⸗ terlaſſen, den er angenommen hatte und mit ſei⸗ nem eigenen Sohne gleichmaͤßig erziehen ließ. Des Chevalier Aeußeres ſowohl als Inneres, war ——n— 103 ſehr verſchieden vom jungen Grafen; ihre Nei⸗ gungen waren einander entgegengeſetzt; aber durch Heuchelei und Verſtellung wußte er den al⸗ ten Grafen fuͤr ſich einzunehmen und durch den Schein jener Tugenden zu taͤuſchen, die er wirk⸗ lich nie beſaß. Ihr werdet euch nicht wundern, daß ich im Stande war, dieſe Bemerkungen zu machen, wenn ihr bedenkt, daß ich mich immer in beider Geſellſchaft befand, und die beſte Gelegenheit hat⸗ te, alle Scheinheiligkeit St. Omers zu ſehen. Ich ſah es nur zu wohl, daß er unter der Maske von Freundſchaft und Zuneigung, einen unausloͤſch⸗ lichen Haß gegen ſeinen liebenswuͤrdigen und argloſen Bruder hegte, den er eben ſo ſehr we⸗ gen ſeiner uͤberlegenen Talente, als wegen des Vorzugs an Ehre und Reichthum beneidete, den er, wenn jener aus dem Wege geſchafft ſei, hoffen konnte, ſein zu nennen. Aber bald kam noch ein ſtaͤrkerer Beweggrund hinzu, um dieſe lang verhaltene Flamme des Haſſes in ſeinem Buſen aufs Neue zu beleben. Der Graf von Aubiné war Vormund des Fraͤuleins Marianne d' Orvel, der Tochter ſeines vertrauteſten Freun⸗ des, welche nach dem Tode ihres Vaters bei 4 104 ihm auf dem Schloſſe wohnte, wo ſie als ein eigenes Kind gehalten ward. Die außerordent⸗ liche Schoͤnheit des jungen Fraͤuleins floͤßte beiden Bruͤvern eine Leidenſchaft fuͤr ſie ein; aber Valentin erhielt den Vorzug ihrer Gunſt, und da der Vater dieſe Wahl von Herzen bil⸗ ligte, ward er bald Mariannens erklaͤrter Lieb⸗ haber. Der Chevalier ertrug den Vorzug des Bruders mit ſcheinbarer Gleichguͤltigkeit, und reiſte bald darauf nach England ab, wo er bis nach der Hochzeit blieb und erſt zuruͤck kam, als ihn die Nachricht vom Tode des Vaters dazu noͤthigte.— Valentin empfing ihn nicht allein freundlich, ſondern ſetzte ihm, da er fand, daß der Vater nur ſpaͤrlich fuͤr ihn geſorgt hatte, noch ein betraͤchtliches Jahrgehalt aus, mit der Bitte, das Schloß von Rochemond ſo lange als das ſeinige anzuſehen, bis es ihm ſelbſt gefal⸗ len wuͤrde, einen andern Aufenthalt zu waͤhlen. Mit ſcheinbarer Dankbarkeit nahm St. Omer das Anerbieten ſeines Bruders an, und wohn⸗ te faſt immer auf dem Schloſſe, wo ſowohl der Graf, als die Graͤfin ſich bemuͤheten, ihn auf alle Weiſe zufrieden zu ſtellen. Seine fruͤhere ——— 105 Neigung fuͤr die Letztere ſchien gaͤnzlich erlo⸗ ſchen, und ſein Betragen gegen ſie uͤberſchritt nie die Grenzen der Chies ieundg und des in⸗ ſtandes. ih 4 l So vergingen einige Monate, ais die Ge⸗ burt eines Sohnes noch die Gluͤckſeligkeit des Grafen und der Graͤfin vermehrte; aber alles irdiſche Gluͤck iſt wandelbar, und kaum) war die Graͤfin aus dem Kindbette geneſen, als ihr Gemahl den Befehl erhielt, ſich unverzuͤglich unter des Koͤnigs Fahnen zu ſtellen, der gegen die Englaͤnder ruͤcken wollte, welche in einem Theile ſeines Koͤnigreichs gelandet waren.— Dieß war ein fuͤrchterlicher Schlag fuͤr uns alle und beſonders fuͤr die Graͤfin, welche ihren Ge⸗ mahl zaͤrtlich liebte und den Gedanken einer ſo gefahrvollen Trennung kaum ertragen konnte. Des Grafen Gefuͤhl der Ehre aber ſiegte, und nachdem er ſeine Getreuen um ſich verſammelt hatte, ſtellte er ſich an ihre Spitze und eilte dem Heeresrufe zu folgen. Seine Gemahlin ließ er waͤhrend der Zeit unter dem Schutze des Che⸗ valiers, der als Befehlshaber im Schloſ⸗ ſe zuruͤckbleiben ſollte. So lange ich lebe, wer⸗ de ich den Abſchied meines Herrn und der Graͤ⸗ fin nicht vergeſſen! Eine gemeinſchaftliche Ah⸗ nung, daß ſie ſich in dieſem Leben nicht wieder⸗ ſehen wuͤrden, ſchien ſie beide niederzubeugen, und als Lady Marianne bewußtlos ins Schloß zuruͤckgebracht ward, rkonnte auch der Graf ſei⸗ ne CThraͤnen nicht laͤnger zuruͤckhalten. e Erlaßt mir, mein Herr, fuhr Peter nach einer Weile fort, die Erwaͤhnung aller kleinli⸗ chen Umſtände, welche waͤhrend dieſes Feldzugs vorfielen und die zu lang fuͤr euch werden wuͤrden. Einige Zeit nach ſeiner Abreiſe erhielt mein Herr die zaͤrtlichſten Briefe von ſeiner Gemahlin, welche ihn ihrer und des Kindes Geſundheit verſicherten; als auf einmal ein Brief vom Chevalier kam, der ihm meldete, daß ſie an einem boͤsartigen Fieber danieder lie⸗ ge und nur wenig Hoffnung zu ihrer Geneſung ſei. Der Graf, außer ſich vor Schmerz, erbat ſich vom Koͤnige auf kurze Zeit Urlaub und war eben im Begriffe nach ſeinem Schloſſe ab⸗ zugehen, als ſich den Abend vor ſeiner Abreiſe ein Fremder in ſeinem Zelte anmelden ließ. Beim Anblicke St. Omers glaubte er alle ſeine 107 1 5 ſchrecklichen Ahnungen beſtaͤtigt und ſank mit den Worten: ſie iſt nicht mehr! bewußtlos zu Boden. Als er wieder zur Beſinnung kam, ſchickte er alle Umſtehenden, den Chevalier ausgenommen, hinaus, und verlangte nun die naͤheren Umſtaͤnde des Todes ſeiner angebete⸗ ten Marianne zu hoͤren.— Er erfuhr, daß ſie zwei Tage nach dem abgeſandten Briefe geſtorben und daß ihr letzter Hauch Segen fuͤr ihren Gemahl und ihr Kind erfleht habe! Keinem Andern, ſetzte St. Omer hinzu, wollte ich es uͤberlaſſen, euch dieſe Trauerpoſt zu melden, und ſo begab ich mich ſelbſt unver⸗ zuͤglich auf die Reiſe. Ich uͤbergehe die Beſchreibung von dem Schmerze des Grafen, deſſen Andenken noch jetzt fuͤr mich ſelbſt herzzerreißend iſt.— Wir kehrten ſogleich zum Schloſſe zuruͤck, wo die Gebeine der Graͤfin ſchon beſtattet waren. Der Graf drang darauf, den Sarg geoͤffnet zu ha⸗ ben, um wenigſtens noch einmal die geliebte Geſtalt zu ſehen; aber faſt mit Gewalt hielt St. Omer ihn davon ab, unter dem Vorwan⸗ de zder Gefahr fuͤr alle, da ſie an einer anſte⸗ ckenden Krankheit geſtorben ſei. 2 Nach dem Tode ſeiner Gemahlin aberließ ich der Graf einer verzehrenden Schwermuth; ſein einziger Troſt beſtand in dem Anblick ſei⸗ nes Soͤhnleins Richard, der ganz das Eben⸗ bild der verſtorbenen Mutter war.— Dieſer war ungefaͤhr 2 Jahre alt, als Genoveva, die ſeine Amme war, ihn einſt, wie gewoͤhnlich, zu Bette brachte, und dannhinunter ging, um mit dem uͤbrigen Hausgeſinde zu Nacht zu eſſen.* Bei ihrer Ruͤckkunft fand ſie das Kind nicht mehr in ſeinem Bettchen und die Kleider, wel⸗ che es am Tage getragen hatte, gleichfalls von dem Platze weggenommen, wohin ſie ſie gelegt hatte. Ihr Geſchrei verſammelte bald die ganze Dienerſchaft; der Vorfall ward dem Grafen berichtet, deſſen Gefuͤhle man ſich leicht denken 5 zaun. Ueberall ward geſucht, kein Mittel un- angewandt gelaſſen, um zu entdecken, auf wel⸗ che Weiſe das Kind fortgebracht worden ſei, aber obgleich ungeheure Belohnungen auf die Entdeckung geſetzt wurden, iſt nie jemand ir⸗ gend eine Spur davon zu Ohren gekommen. 109 und wo befand ſich der Chevalier waͤhrend dieſes Vorfalls? unterbrach Oscar den Erzaͤh⸗ Im Schloſſe, mein Herr, ernſtlich in den Nachſuchungen ſeines Neffen beſchaͤftigt, denn der Graf war ſo vom Schmerz daniederge⸗ beugt, daß er ſelbſt faſt unfaͤhig zu allem war.. Und glaubet ihr, daß er in der Geſchichte verwickelt war? fuhr Oscar fort. Der Himmel allein weiß es, entgegnete Peter. Ich hegte allerdings Verdacht und he⸗ ge ihn noch, bin aber nicht im Stande, ihn zu beweiſen, und die Reihe der Jahre, welche ſeit⸗ dem verfloſſen ſind, haben die ganze Begeben⸗ heit faſt zur Vergeſſenheit gebracht. Nach dem Tode ſeines Sohnes, nahm des Grafen Geſund⸗ heit taͤglich ab, und nach ſechs Monaten ſtarb er, indem er ſein ganzes Vermoͤgen dem Chevalier hinterließ, jedoch mit der ausdruͤcklichen Bedin⸗ gung, ſeine Nachforſchungen in Hinſicht ſeines Neffen nicht aufzugeben, und im Falle, daß die⸗ aufgefunden wuͤrde, ihn wieder in ſeine hte und ſein Vermoͤgen einzuſetzen, Zugleich 110 war er aber als Vormund des jungen Grafen Richard beſtaͤtigt und genoß auf dieſe Weiſe die Zinſen des Capitals bis zu deſſen Volljaͤh⸗ rigkeit. Bald nach dem Tode meines Herrn, heirathete ich Genoveva und zog mit einem klei⸗ nen Jahrgehalt, den mir der Graf ausgeſetzt hatte, und der von ſeinem Nachfolger fortge⸗ ſetzt wird, in dieſe Huͤtte. Einige Zeit wohnte der Chevalier noch auf dem Schloſſe Roche⸗ mond; aber ſonderbare Geruͤchte verbreiteten ſich unter dem Hausgeſinde, daß der verſtor⸗ bene Graf und deſſen Gemahlin ſich verſchie⸗ dentlich um Mitternacht ſehen ließen und ſo⸗ gar dem Chevalier mehrere Male erſchienen waͤ⸗ ren. Wie dem auch ſeyn mag, er verließ das Schloß bald darauf und hat ſeitdem immer in Pa⸗ ris gewohnt, wo er ſich die Gunſt des Monarchen erworben und von ihm zum Marquis v. Mon⸗ trieul erhoben und mit vielen Ehrenbezeugungen uͤberhaͤuft iſt. Die Leute, welche im Schloſſe zuruͤck gelaſſen waren, verließen es auch bald, ſo wie andere, die nach ihnen hingeſchickt wur⸗ den, und nun ſchon ſeit mehreren Jahren ſteht das ſchoͤne Gebaͤude verlaſſen da und wi un⸗ 111 bemerkt in Truͤmmer zerfallen. Durch die gan⸗ ze umliegende Gegend hat der Aberglaube ſich verbreitet, daß Geiſter dort umgehen, und es giebt keinen Bauer in der Nachbarſchaft, der es wagen wuͤrde, nach Sonnenuntergang die ſonſt ſo gaſtliche Wohnung des Schloſſes von Roche⸗ mond zu betreten. Hier ſchloß Peter ſeine Erzaͤhlung, und nachdem unſere Reiſenden ihm herzlich fuͤr die Mittheilung gedankt hatten, begab ein jeder ſich zur Ruhe. Gla⸗ nalvon blieb noch eine Zeitlang einſam in ſchwer⸗ muͤthigen Betrachtungen verloren; die Erzaͤh⸗ lung vom Schloſſe Rochemond hatte ihm das Andenken an die Burg ſeiner Vaͤter vor die Seele gerufen, und unwillkuͤhrlich rief er aus: — Nur wenige Jahre, und die Burg von Gla⸗ nalvon wird vielleicht verlaſſen und zerfallen ſeyn, gleich dem Gebaͤude, welches ich hier vor mir ſehe, und der Name ihrer ſonſt ſo beruͤhm⸗ ten Beſitzer mit den Truͤmmern in Vergeſſen⸗ heit gerathen! Ach, moͤge doch ich in Frieden ſchlafen, ehe dieſer Tag erſcheint, damit nie der verlorne Ruhm meiner Vaͤter mein Ohr mehr erreichen koͤnne! un neberwaͤltigt von dieſem Gedanken, be⸗ gab Oscar ſich ſchnell von dei Fenſter hin⸗ weg, ſeine Lagerſtaͤte ſuchend; aber auch hier fand er nicht die erwuͤnſchte Ruhes im An⸗ denken ſeiner eigenen Begebenheiten und des Uugluͤcks der Familie Aubiné, brachte er den groͤßten Theil der Nacht ſchlaflos zu. Gegen Morgen beſchaͤftigte ihn der Gedanke, daß die verlaſſenen Mauern dieſes Schloſſes vielleicht jetzt ihm ſelbſt und ſeiner Schweſter eine Zu⸗ flucht gewaͤhren koͤnnten, im Falle Angelica ſich entſchließen koͤnne, dort zu wohnen; doch hierin ſetzte er wenig Zweifel und nahm ſich vor, gleich am folgenden Tage mit ihr daruͤber zu berathſchlagen.— Etwas beruhigt durch dieſe Ausſicht, fiel er zuletzt in einen ſuͤßen Schlum⸗ mer, aus dem er erſt ſpaͤt am naͤchſten Morgen erwachte⸗ — Sechstes Kapitel. — Oscars Erwartung gemaͤß, willigte Ange⸗ lica leicht in ſeinen Plan, einige Zeit in dem — 113 Schloſſe von Rochemond zu wohnen. Des laͤn⸗ gern unſtaͤten Herumziehens muͤde, ſehnte ſich ihr Herz nach Ruhe, und da ſie keiner aber⸗ glaͤubiſchen Furcht Raum gab, ſchien ihr gera⸗ de dieſer einſame Aufenthalt der wuͤnſchenswer⸗ theſte in ihrer gegenwaͤrtigen Lage. Glanalvon eilte nun, Petern ſein Vorhaben mitzutheilen, deſſen Mitwirkung noͤthig war, es zur Ausfuͤhrung zu bringen. Er ſagte ihm, daß, da widrige Schickſale ihn aus ſeinem Vaterlande getrieben, er ſich entſchloſſen habe, fuͤrs erſte in Frankreich zu bleiben, und gerade dieß Schloß entſpraͤche ſeinen Wuͤnſchen fuͤr ei⸗ nen einſtweiligen Aufenthalt, wenn er dazu die Einwilligung des Marquis von Montrieul erhalten koͤnne. Ach, erwiderte Peter, hierzu bedarf es deſ⸗ ſen Einwilligung nicht, denn der Marquis be⸗ kuͤmmert ſich weiter nicht darum; aber erlaubt mir, mein Herr, euch zu erinnern, daß der Ent⸗ ſchluß dort zu wohnen, von eurer Seite etwas raſch gefaßt iſt. 1 Und warum? fragte Oscar. I.— 114 Wieil es dort oben nicht geheuer iſt und wie ich euch ſchon vorhin geſagt habe, niemand im Stande geweſen iſt, da zu bleiben, ſeit mei⸗ nes Herrn Tode. In jedem Falle habe ich Luſt es zu verſu⸗ chen, verſetzte Oscar; nicht die Todten, ſondern die Lebendigen fuͤrchte ich. Nie habe ich einen vom Hauſe Aubiné beleidigt, und wenn die Gei⸗ ſter der abgeſchiedenen Beſitzer noch in dem Auf⸗ enthalte ihrer vormaligen Groͤße umgehen, hoſſe ich, ſie werden ſich nicht dadurch beleidigt fuͤhlen, daß ihre nun verlaſſenen Mauern mir einen Zufluchts⸗Ort gewaͤhren, der—(edel und un⸗ gluͤcklich gleich ihnen iſt) war er im Begriffe hin⸗ zuzuſetzen, hielt aber ploͤtzlich inne und ſuchte das Geſpraͤch auf andere Gegenſtaͤnde zu lenken, in⸗ dem er Peter bat, ihn und Angelica nach dem Schloſſe zu begleiten. Nachdem der Alte freund⸗ lich in ſein Begehren gewilligt und die Schluͤſſel geholt hatte, traten ſie, auch von Genoveven be⸗ gleitet, ihre Wanderung an. as Ein ſchmaler, durch den Wald laufender Fußpfad brachte ſie bald der alten Burg nahe; deren Thuͤrme, im roſigen Glanze eines Mai⸗ 115 Morgens, einen Theil ihres duͤſtern Anſehens zu verlieren ſchienen. Der untere Theil des Ge⸗ baͤudes war von dunkeln Schatten umgeben; di⸗ cke Zweige von Lerchen⸗ und Cypreſſen⸗Holz wanden ſich um die Saͤulen der Vorhalle und ſpielten durch die zerbrochenen Fenſter. Als ſie durch die mit Epheu bewachſenen Thore die Stiegen hinauf ſchritten, flog eine Menge wil⸗ der Tauben, durch das Geraͤuſch aufgeſcheucht, ihnen entgegen, welches Genoveva in nicht ge⸗ ringen Schrecken ſetzte, die es als ein Zeichen anſah, nicht weiter zu gehen. Nicht ohne Muͤ⸗ he zwang man die verroſteten Angeln der Thuͤ⸗ ren zu weichen, und gelangte nun endlich in die große Halle, die von einer gothiſchen Saͤu⸗ len⸗Reihe von ſchwarzem Granit getragen ward und mit ſchwarz und weißem Marmor gepfla⸗ ſtert war. Die erhabenen, ſtattlichen Fen⸗ ſter waren mit den Wappen und Deviſen der Familie Aubiné bemalt, und an der getaͤfelten Decke hingen die Fahnen dieſes altadelichen Hauſes, welche durch den Zug der geoͤffneten Thuͤren hin und her weheten und die heiligen Schauer des Anblicks noch vermehrten. 8 Glanalvon ſtand einen Augenblick ſtille; ſein Herz ſchlug heftig; und unfaͤhig, laͤnger die Gedanken zu ertragen, die ſich ſeinem Gemuthe aufdraͤngten, ſchritt er ſchnell durch die Halle und kam in eine Reihe daranſtoßen⸗ der Gemaͤcher, welche geraͤumig und hoch, alle ganz nach dem Gebrauche des Zeitalters, verziert waren. Mit buntem Schnitzwerk wa⸗ ren die Decken verſehen, und in den an den Waͤnden herunterhaͤngenden Tapetenſtuͤcken, ſah man die Wappenſchilder der vormaligen Grafen von Aubiné gewirkt. An der andern Seite der Halle befand ſich eine Capelle mit den Famili⸗ en⸗Grabmaͤlern des Hauſes, und Peter zeigte ſeinen Begleitern das Denkmal, unter welchem der Graf Valentin und ſeine Gemahlin ruhe⸗ ten. 4 Nachdem man den untern Theil des Ge⸗ baͤudes durchwandert war, ſchritt man die Stiege hinauf und gelangte in eine geraͤumige Gallerie, mit Gemaͤlden behangen, die aber durch Zeit und Staub ſo ſehr gelitten hatten, daß ſie faſt unkenntlich waren; am Ende je⸗ doch befanden ſich zwei, die beſſer erhalten zu — —— 117 ſeyn ſchienen, worauf Peter ſie aufmerkſam machte, da ſie den letztverſtorbenen Grafen und ſeine Gemahlin vorſtellten. Durch eine ſchmerzvolle Empfindung ange⸗ zogen, wehete Oscar mit ſeinem Taſchentuche den Staub von dieſen beiden Gemaͤlden hin⸗ weg und bat Genoveven, eine anſtoßende Thuͤr zu oͤffnen, damit das Licht darauf falle und man ſie beſſer betrachten konne. Der Graf war in voller Ruͤſtung, mit zuruͤckgeſchlagenem Viſir, gemalt; das Ganze zeigte eine ſchoͤne, maͤnnliche Geſtalt. Das Geſicht der Graͤfin erſchien uͤber alle Beſchreibung lieblich; die ſanften, blauen Augen waren von glaͤnzend dunklen Wimpern umgeben, und ein zarter Farbenſchmelz lag uͤber dem Antlitz verbreitet. Nachdem Oscar und Angelica eine Weile im ſtillen Anſchauen vor den Bildern geſtan⸗ den hatten, gingen ſie, die uͤbrigen Gemaͤcher zu betrachten, welche gleich den fruͤher geſehe⸗ nen, alle durch die Zeit gelitten hatten. In einigen hingen die Tapeten nur noch ſtuͤck⸗ weiſe an den Waͤnden, und das uͤbrig geblie⸗ bene Hausgeraͤth war mit Staub und Moder 118 bedeckt. Da aber indeß manches noch ziemlich erhalten war, zweifelte Oscar nicht daran, daß ſich mit dem Beſſeren einige wenige Zimmer reinlich und anſtaͤndig wuͤrden verſehen laſ⸗ ſen. Der obere Theil des Schloſſes, weniger von Baͤumen umgeben, gewaͤhrte eine reizende Ausſicht ins Thal, und am fernen Horizont er⸗ blickte man die blauen Wogen des mittellaͤndi⸗ ſchen Meeres. Angelica'n gefiel vorzuͤglich ein Zimmer im ſuͤdlichen Thurme, aus welchem man die ganze Gegend uͤberſchauen konnte, und ſie beſchloß, dieß fuͤr ſich einzurichten. Als man wieder hinunter gegangen war, ward der Garten beſehen, der freilich einer Wuͤſtenei glich; da man ſich aber einen Weg durch das uͤppige Strauchwerk gebahnt hatten ward Angelica's Blick durch eine kleine, von Mirthen und Pomeranzen⸗Baͤumen umgebene Einſiedelei vorzuͤglich angezogen; Genoveva ſagte ihr: daß dieß der Lieblings⸗Aufenthalt der Graͤfn geweſen ſei; Angelica ſeufzte tief uͤber den Verfall des Ruheplatzes und beſchloß, wenn ſie erſt in der Burg wohnten, ihn wie⸗ der voͤllig herzuſtellen und dadurch das Anden⸗ 119 ken der vormaligen Beſitzerin im Stillen zu ehren. Nachdem nun unſere Abentheurer alles ge⸗ hoͤrig in Augenſchein genommen hatten, gingen ſie nach der Huͤtte zuruͤck. Oscar machte ſei⸗ nen freundlichen Wirthen ſeinen Entſchluß be⸗ kannt, ſchon am folgenden Tage auf die Burg zu ziehen, und bat ſie, ſich nach irgend einer tauglichen Perſon umzuſehen, die ihrem kuͤnf⸗ tigen Hausſtande vorſtehen koͤnne. Das war nun freilich, bei dem Aberglauben der benach⸗ barten Landleute, eine ſchwierige Aufgabe; vergebens hatte Mutter Genoveva eine Zeit⸗ lang hin⸗ und hergeſonnen, als ihr endlich eine alte Frau einfiel, die erſt kuͤrzlich mit ihrer Tochter in das Dorf gezogen und wahrſchein⸗ lich noch keine Kunde von den Begebenheiten auf dem Schloſſe erhalten hatte.— Sie hatte ſich nicht in ihrer Vermuthung geirrt, und die Frau war daher, bei den großmuͤthigen Aner⸗ bietungen Oscars, leicht zu bewegen den Dienſt anzunehmnen. Am naͤchſten Abende begaben ſich Oscar ud Angelica in die neue Wohnung, welche 120 die letztere viel weniger traurig fand, als ſie ſich gedacht hatte. Die Zimmer waren in Ord⸗ nung, und durch ein freundlich loderndes Ka⸗ minfeuer erheitert. Nach dem Abendeſſen fuͤhrte Oscar ſeine Schweſter in das fuͤr ſie beſtimmte Gemach, und indem er ihr liebevoll gute Nacht wuͤnſchte, bat er ſie laͤchelnd, wenn der Burg⸗ Geiſt ſie in der Ruhe ſtoͤren ſollte, ihn nur zu Huͤlfe zu rufen, da er im anſtoßenden Zimmer ſchlafe. Angelica verſicherte, daß ſie keine Furcht habe, und begab ſich bald darauf zu Bette, wo ſie weder von geiſtigen noch koͤrper⸗ lichen Weſen geſtoͤrt, eines ununterbrochenen ſanften Schlummers genoß. In wenigen Tagen war das Geſchwiſter⸗ paar voͤllig eingerichtet in der neuen Wohnung, und Angelica fing an, einen Grad von Gluͤckſe⸗ ligkeit zu ſchmecken, der ihr lange fremd ge⸗ weſen war. Das Schloß und die ſchoͤne umlie⸗ gende Gegend gewaͤhrten ihr eine Quelle un⸗ beſchreiblichen Vergnuͤgens; einen Theil ihrer Zeit brachte ſie im Durchſtreifen der Waͤlder ze und glaubte dann oft, wieder in ihr gelieb⸗ tes Glanalvon zuruͤckverſetzt zu ſeyn. Unter 121 den Truͤmmern einer vormals ſehr guten Buͤ⸗ cherſammlung, fand ſie noch hie und da man⸗ ches Leſenswerthe, und verkuͤrzte ſich damit an⸗ genehm die Zeit, wenn das ſchlechte Wetter ſie an ihren Spaziergaͤngen hinderte. Freundlich ging Oscar in ihre Lieblings⸗Beſchaͤftigungen ein, und ſah mit Entzuͤcken das Wiedererwa⸗ chen des jugendlichen Frohſinns, welcher ihr ſonſt immer zu Theil geweſen war. Freilich hatte ſie viel weniger zu beklagen als er; nicht am aͤußern Schein und Reichthum hangend, lebte ſie in einfacher, laͤndlicher Ruhe nun zu⸗ frieden, vereint mit dem Weſen, welches ſie am zaͤrtlichſten liebte. Er hingegen, konnte ſich von dem Schlage nicht wieder erholen, der ſeine Ehre und ſeinen Namen getroffen hatte, und zu dieſem allen geſellten ſich noch die Qualen einer ungluͤcklichen Liebe. Daß Iſabella jetzt auf immer fuͤr ihn verloren ſei, daran konnte er nicht zweifeln, und der Gedanke, daß er viel⸗ leicht ſogar ein Gegenſtand ihres Abſcheues ge⸗ worden war, erfuͤllte ihn mit neuem Schmerz. So ward ſein Gemuͤth beſtaͤndig auf vielfaͤleige Art zerriſſen, und wenn es ihm auch manch⸗ 122 mal in Angelica's Gegenwart gelang, die ſchwarzen Wolken von ſeiner Stirn zu ſcheu⸗ chen und eine Heiterkeit zu erzwingen, um ihre Liebe zu lohnen, ſo verfiel er doch jedesmal bald wieder in die alte Schwermuth, die, ſeit er England verlaſſen hatte, nicht von ihm wei⸗ chen wollte. Einige Wochen vergingen, ohne daß ſich ir⸗ gend etwas Merkwuͤrdiges zutrug oder etwas ereignete, das den allgemeinen Aberglauben in Hinſicht der Burg beſtätigte. Weil man ſah, daß die gegenwaͤrtigen Bewohner ſo ungeſtoͤrt dort lebten, ſchwand die Furcht der benachbar⸗ ten Landleute einigermaßen, ja die Beherzte⸗ ſten unter ihnen wagten ſich ſogar ſchon von Zeit zu Zeit mit Obſt, oder andern Sachen zum Verkauf ins Schloß. Peter und ſeine Frau ſtatteten gleichfalls haͤufige Beſuche da⸗ ſelbſt ab, und Angelica horchte mit Entzuͤcken auf die langen Erzaͤhlungen, welche letztere ihr von den vormaligen Beſitzern mittheilte. Das gute Muͤtterchen, noch immer herzlich an ihre vorige Herrſchaft hangend, fuͤhlte ſich ſehr ge⸗ ehrt durch die Aufmerkſamkeit des ſhbnen 5 8 123 Fraͤuleins, und dieß trug nicht wenig bei, die Zaͤrtlichkeit zu vermehren, welche ſie gleich an⸗ fangs fuͤr ſie gefaßt hatte. In der Abgeſchiedenheit des Schloſſes von Rochemond, aller Geſellſchaft beraubt, woran ſie ſonſt gewoͤhnt waren, nur von guten, aber ungebildeten Landleuten umgeben, floſſen ihnen die Tage heiter, aber einfoͤrmig dahin, als ſich ein Umſtand ereignete, der ihrem Leben eine andere Geſtalt gab. Angelica, gewohnt zeitig aufzuſtehen und noch vor dem Fruͤhſtuͤcke ſpatzieren zu gehen, manchmal mit Oscar, manchmal ganz allein, nur mit einem Buche oder ihrer Laute, durch deren Toͤne ſie oft das Echo des Waldes weck⸗ te, fuͤhlte ſich einſt bei der Ruͤckkehr von einer dieſer Morgen⸗Wanderungen, ungewoͤhnlich er⸗ muͤdet und ſetzte ſich in den Schatten eines hohen Platanus, unter welchem ſie die Ausſicht uͤber das Thal genoß. Der Morgen war außeror⸗ dentlich ſchoͤn; jede noch friſch bethauete Blume hauchte tauſend Wohlgeruͤche aus und die Luft hallte wieder vom muntern Geſange der gefieder⸗ ten Bewohner des Waldes. Dieß ganze Bild 124 rief die Tage der fruͤheren Jugend vor Angeli⸗ ca's Seele, wo ſie ſo oft in der naͤmlichen Stun⸗ de die vaterlaͤndiſchen Berge in Geſellſchaft des Bruders erklimmt hatte, und von ſuͤßen Erin⸗ nerungen beſeelt, griff ſie in die Saiten ihrer Laute und ſang ein Lied, welches ſie in jenen gluͤcklichen Zeiten vielfaͤltig geſungen hatte. Bezaubernde Toͤne, rief eine Stimme hinter ihr, und als ſie aufblickte, gewahrte ſie einen ſtattlichen Mann in Reiſekleidern, der die Zuͤgel ſeines Pferdes in der Hand haltend, ſie aufmerk⸗ ſam betrachtete. Nie war Angelica vielleicht ſchoͤner geweſen als in dieſem Augenblicke, wo die natuͤrliche An⸗ muth ihrer ganzen Haltung ihre uͤbrigen Rei⸗ ze noch erhoͤhete. Nur von einem einfachen, weißen Gewande bekleidet, floſſen die ſchoͤ⸗ nen, blonden Locken um Hals und Schul⸗ tern; ein feiner Strohhut, wie ihn die Land⸗ maͤdchen der Provence tragen, lag neben ihr auf dem Raſen; die friſche Farbe der Geſundheit ſtrahlte von ihren Wangen, die ſich jedoch beim Anblicke des Fremden mit noch hoͤherem Roth überzogen.— Schnell wollte ſie ſich wegbegeben 5 4 — 125 aber ihr Kleid, welches ſich beim Aufſtehen in einen wilden Roſenbuſch verwickelte, gab dem Fremdling Gelegenheit, ſich zu nahen, indem er mit ein⸗ ſchmeichelndem Tone um Vergebung bat und ſie fragte: ob ſie ihm nicht den Weg nach dem Schloſ ſe von Rochemond zeigen koͤnne. Angelica neigte bejahend das liepliche Koͤpf⸗ chen und fuͤgte hinzu, daß ſie ſelbſt dort wohne. Etwas betroffen ſagte der Fremde: ich hoͤr⸗ te, daß es ſeit vielen Jahren unbewohnt ſei, we⸗ nigſtens behauptete es mein Vater, der Marquis von Montrieul jedesmal, daß ich mich nach dem Schloſſe erkundigte.. Der Marquis von Montrieul, meinte ich, ſei unverheirathet, erwiderte Angelica mit ih⸗ rer gewoͤhnlichen Unbefangenheit. Das iſt er auch, verſetzte der Fremdling, jedoch habe ich die Ehre, fuͤr ſeinen Sohn zu gel⸗ ten, und komme als ſolcher, hierher um den Zu⸗ ſtand des Schloſſes in Augenſchein zu nehmen. Waͤhrend der Fremdling ſprach, ſchlug An⸗ gelica hoch erroͤthend die ſchoͤnen Augen zur Erde, um ſeinen gluͤhenden Blicken zu entgehen.— Noch einmal bat er ſie, ihm den Weg zu zei⸗ 126 gen, ſie machte ſich bereit, erfuhr nun von ihm, daß er der Chevalier Valcourt ſei, und machte ihn ihrerſeits waͤhrend des Gehens, mit den Haupt⸗Umſtaͤnden bekannt, weßhalb ſie das Schloß zu ihrem gegenwaͤrtigen Aufenthalte ge⸗ waͤhlt haͤtten, indem ſie eine Entſchuldigung hin⸗ zufuͤgte, dieß ohne die Einwilligung des Marquis gethan zu haben, wovon nur Peter ihren Bruder durch die Verſicherung, daß es unndehig ſei abgehalten habe. Verlieret kein Wort weiter daruͤber, mein Fraͤulein, fiel der Chevalier ein; ich fuͤhle mich unausſprechlich gluͤcklich, daß Rochemond dieſes Vorzugs gewuͤrdigt iſt, und ich bin der Zufrie⸗ denheit meines Vaters gewiß, wenn er die naͤ⸗ heren Umſtaͤnde erfaͤhrt. Als ſie am Schloſſe ankamen, ſah Angelica ihren Bruder vor dem Eingange, ihrer harrend, ſtehen, und ein Blick des Erſtaunens und der Verwunderung fiel auf den neben ihr gehenden Fremden. Angelica eilte ihm entgegen und er⸗ zaͤhlte in wenig Worten die Begebenheit des Morgens. Oscar nahete ſich nun dem Chevalier, gruͤßte ihn mit Anſtand und Wuͤrde und lud ihn 127 ein, das Fruͤhſtuͤck mit ihnen einzunehmen) woꝛ rein dieſer mit Vergnuͤgen willigte. Als ſie bei⸗ ſammen am Diſche ſaßen, erneuerte jener die ſchon fruͤher von Angelica'n gemachten Entſchul⸗ digungen; der Chevalier verſicherte aber wieder⸗ holt: daß es ihm unbeſchreibliche Freude mache, ſolche Bewohner an einem Orte zu finden, den er ſich wuͤſt und oͤde gedacht haͤtte. Mein Va⸗ ter, fuͤgte er hinzu, aͤußerte einmal den Vorſatz, dieß Schloß zu meiner Wohnung in Stand ſetzen zu laſſen, und da ich wuͤnſchte, meinen kuͤnftigen Aufenthalt vorher kennen zu lernen erhielt ich ſeine Einwilligung, eine Reiſe von einigen Wo⸗ chen in die Provence zu machen, um die noͤthigen Vorbereitungen zum Ausbauen ſelbſt treffen zu koͤnnen. 4 3 Nach dem Fruͤhſtuͤck fuͤhrte Glanalvon den Chevalier im Schloſſe herum, der entzuͤckt uͤber die Lage war und ſein Erſtaunen ausdruͤckte, daß ſein Vater es ſo haͤtte vernachlaͤſſigen koͤnnen. Als alles beſehen war, kehrten beide ins Sprach⸗Zimmer zuruͤck, und brachten den uͤbri⸗ gen Theil des Morgens in der Unterhaltung uͤber verſchiedene Gegenſtaͤnde zu. Valcvurts Beneh⸗ 128. men war fein und einſchmeichelnd, ſein Geſpraͤch angenehm und belehrend, und Glanalvon, der lange allen gebildeten Umgang entbehrt hatte, freute ſich des neuen Geſellſchafters. Als den eigentlichen Beſitzer des Schloſſes. hielt er es fuͤr ſeine Schuldigkeit, ihn auf die ganze Zeit zu ſich einzuladen, die er in dieſer Gegend zubrin⸗ gen wuͤrde. Valcourt, dem ſeine Bekanntſchaft ungemein geſiel, willigte mit Vergnuͤgen ein; es ward ſogleich ein Zimmer fuͤr ihn eingerichtet, und Angelica, welcher der Gaſt zwar weniger behagte, deſſen kuͤhne, durchdringende Blicke oft ihr maͤdchenhaftes Gefuͤhl beleidigten, freute ſich jedoch, daß ihr Bruder einen Gefaͤhrten gefunden habe, der vielleicht durch ſeine Geſellſchaft im Stande ſei, die immerwaͤhrende Schwermuth von ihm zu verſcheuchen. 4—. Siebentes Kapitel. Der Chevalier Valcourt, den wir eben in unſerer Geſchichte haben auftreten laſſen, war, der „ 129 allgemeinen Meinung nach, ein unehelicher Sohn des Marquis von Montrieul; jedoch hing ein ge⸗ heimnißvoller Schleier uͤber ſeiner Geburt, den noch niemand hatte aufheben koͤnnen, und der Chevalier ſelbſt war eben ſo unwiſſend uͤber die⸗ ſen Punet, als der uͤbrige Theil des Publicums. Oft hatte er freilich den Marquis uͤber dieſen Ge⸗ genſtand auszuforſchen geſucht; aber ſeine Ant⸗ worten wanen immer doppelſinnig geweſen und hatten ihm keine weitere Aufklaͤrung gegeben, als daß er die Frucht einer ungluͤcklichen Verbindung ſei, die er wuͤnſche aus ſeinem Andenken verban⸗ nen zu koͤnnen. In Anſehung der perſönlichen Vorzuͤge, hatte die Natur ſich ſehr freigebig gegen Val⸗ court bewieſen, der mit dem Vorthril einer an⸗ genehmen Bildung ein gewiſſes einnehmendes Weſen verband und fruͤh in allem Geiſtreichen und Schoͤnen der damaligen Zeit unterrichtet war, Der Marquis, welcher dieſen Sohn auf eine faſt abgoͤttiſche Weiſe liebte, hatte nichts verſaͤumt, ſeine gluͤcklichen Anlagen glaͤnzend auszubilden. Auch beſaß er in der That man⸗ che liebenswuͤrdige Eigenſchaften; aber ein uͤber⸗ I. 0 13⁰ K triebener Hang zum Vergnuͤgen verdunkelte ſei⸗ ne Tugenden und vernichtete bald den guͤnſtigen Eindruck wieder, welchen ſeine oberflaͤchliche Be⸗ kanntſchaft einzufloͤßen pflegte. Die unbegrenzte Nachſicht des Vaters war anfangs an vielen La⸗ ſtern des Sohnes Schuld geweſen, der, von Kindheit an gewohnt, immer ſeinen Neigungen zu folgen, ſpaͤter nicht mehr durch vaͤterliche Ge⸗ walt von den ſtraͤflichſten Ausſchweifungen zu⸗ ruͤckzuhalten war, wobei jedes Gefuͤhl der Ehre und Menſchlichkeit mit Fuͤßen getreten ward, wenn er nur dadurch Gelegenheit fand 3 keine Begierden froͤhnen zu koͤnnen. So war der Mann beſchaffen, den ein Un⸗ ſtern unſern Geſchwiſtern zufuͤhrte, und der nun durch jede Kunſt der Schmeichelei verſuchte, ſich die Gunſt ſeiner neuen Bekannten zu erwerben. — Von Glanalvons offnem und edlem Charakter war aller Verdacht an die Scheinheiligkeit eines Andern weit entfernt; das Betragen und die Unterhaltung des Chevaliers gefielen ihm, und willig raͤumte er ihm in ſeinem Herzen die Ach⸗ tung und Freundſchaft ein, deren er ihn wuͤrdig glaubte. In ſeiner Geſellſchaft fuͤhlte er eine 9. 131 Erleichterung von den Qualen der Erinnerung, und obgleich die Klugheit ihm verbot ihn gleich mit ſeiner ganzen Lage bekannt zu machen, war er doch ſchon uͤberzeugt, daß der neue Freund, bei naͤherer Bekanntſchaft„auch dieß Vertrauen ver⸗ dienen wuͤrde. Dem reinen und verdachtloſen Weſen Ange⸗ lica's widerſtand vom Anfange an, ein gewiſſes Etwas in dem Betragen ihres Gaſtes, das ſie ſich ſelbſt zwar nicht zu erklaͤren wußte; aber ein Schauder uͤberfiel ſie oft, wenn er ſie ſo kuͤhn und leidenſchaftlich anblickte. Vom erſten Au⸗ genblicke an, hatte das junge, ſchoͤne Geſchoͤpf einen tiefen Eindruck auf Valcourt gemacht, und jede Minute in ihrer Naͤhe verlebt, vermehrte in ihm den Wunſch, ſie zu beſitzen. Die natuͤrliche Anmuth ihres Betragens, das Edle ihrer Geſtalt und ihre ungewoͤhnlichen Talente, floͤßten ihm Bewunderung und Achtung ein, und zum erſten Male in ſeinem Leben fuͤhlte er die Macht einer wahren und heftigen Leidenſchaft. Aber waͤh⸗ rend ſein Herz dieſe Verdienſte Angelica's aner⸗ kannte und ſie ihm als die ſchoͤnſte Gefaͤhrtin ſei⸗ nes Lebens zeigte, verwarf ſein Stolz und Ehr⸗ 9* 13² geiz jeden Gedanken an eine rechtmaͤßige Verbin⸗ dung mit ihr.— Unbekannt mit ihrem wahren Range, hielt er ſie ſowohl als den Bruder fuͤr Abentheurer, die Schuld oder Nothwendigkeit aus ihrem Vaterlande vertrieben habe, und an denen die Natur reichlich die Gaben verſchwen⸗ det hatte, welche ihnen vom Gluͤcke verſagt wa⸗ ren.— Waͤre dieß aber auch nicht der Fall ge⸗ weſen, ſo war Valcourt ſeit einigen Monaten an eine vornehme, reiche Erbin verſprochen, welche der Marquis fuͤr ihn ausgeſucht hatte, und dieſer Umſtand allein war ſchon hinreichend, jeden Gedanken an eine ehrenvolle Verbindung mit Angelica'n zu verſcheuchen. Doch ſchien es ihm unmöglich) ſie aufzugeben, und da er keine Ausſicht ſah, ſie auf eine andere Weiſe zu beſitzen ſo beſchloß er ohne Mitleid, die Verfuͤhrung des jungen, unſchuldigen Weſens, von deſſen Reizen ſeine Sinne bezaubert waren.— Eine kurze Bekanntſchaft war aber ſchon hinreichend, ihm zu zeigen, daß der Sieg dießmal nicht leicht ſeyn wuͤrde, denn weit entfernt irgend einen Eindruck auf Angelica gemacht zu haben, bemerkte er nur zu deutlich, daß ſie ihn zum wenigſten ſehr 13³ gleichguͤltig, wenn nicht mit Widerwillen behan⸗ delte, und obgleich dieß ihn ſchmerzte, ward er nicht dadurch von feinem Vorhaben abgebracht. — Jedoch wagte er es nicht, ſie durch eine offene Erklaͤrung ſeiner Geſinnungen zu beleidigen. Tau⸗ ſendmal ſchon hatte das Geſtaͤndniß auf ſeinen Lippen geſchwebt; aber ihr kunſtloſes Vertrauen, ihr anſtaͤndiges, wuͤrdevolles Betragen, fuͤhrten ihn immer wieder in die Grenzen der Ehrfurcht und des Schweigens zuruͤck. Eines Abends, als er von einem Spatzier⸗ Ritte, den er mit Glanalvon in eine benachbarte Stadt gemacht hatte, zuruͤckkehrte und auf ſein Zimmer gehen wollte, hoͤrte er im Vorbeieilen Toͤne von Angelica's Stimme, aus dem ſuͤdlichen Thurme, zu ihm heruͤberſchallen. Die Laute be⸗ gleitete den Geſang, und horchend vernahm er die Worte eines lieblich, ſchwermuͤthigen Abend⸗ Liedes. Der Geſang hoͤrte auf; aber noch durch⸗ bebten die melodiſchen Toͤne Valcourts Ohr, der ſich der Thuͤre naͤhernd, ſie unverſchloſſen fand und zu Angelica'n hineinging, die eben ihre Laute an die Seite gelegt in einer nachden⸗ kenden Stellung, den Kopf auf die Hand geſtuͤtzt, 134 im Fenſter ſaß, durch welches die goldnen Strah⸗ len der Abendſonne fielen und einen roſigen Schim⸗ mer uͤber das Gewand der ſchoͤnen Jungfrau warfen. Bei Valcourts Eintritte ſtand ſie auf, um ſich wegzubegeben; aber der Chevalier ergriff ihre Hand, fuͤhrte ſie zu ihrem Sitze zuruͤck und bat ſie mit ſchmeichelnden Worten, das Lied noch einmal zu ſingen. Angelica that es, und nachdem ſie geendigt hatte, fragte ſie, ob ihr Bruder mit ihm zuruͤck⸗ gekehrt ſei? Er ritt bis ans Dorf mit mir, erwiderte der Chevalier, wo ich ihn bei Petern verließ und vorauseilte, um ſeine Ankunft zu melden; aber warum, theure Angelica, ſehnt ihr euch ſo nach ſeiner Ruͤckkehr; mißgoͤnnt ihr mir vielleicht ſchon das ſo ſeltne Gluͤck, mit euch allein zu ſeyn?— Als Angelica ihn waͤhrend dieſer Worte an⸗ ſah und bemerkte, daß ſein Geſicht ſo hochgluͤhend ward, uͤberfiel ſie eine, ihr bisher unbekannte au um dieſe zu verbergen, nahm ſie ih⸗ aute wieder in die Hand und ſpielte einige fache Lieblings⸗Lieder ihrer Kindheit. 135 Goͤttliche Angelica! rief er auf einmal aus, indem er einen Arm um ihre Schultern ſchlang und ſie an ſich druͤcken wollte; Angelica aber ſtieß ihn beleidigt zuruͤck und ſagte mit einem ſtolzen Tone: was er mit dieſer Auffuͤhrung andeuten wolle? Keiner Beherrſchung ſeiner ſelbſt mehr maͤchtig, warf ſich der Chevalier jetzt zu ihren Fuͤßen und geſtand ſeine Liebe, ſeine Hoffnungen und ſeine kuͤhnen Wuͤnſche. Bei dieſer unwuͤrdigen Erklaͤ⸗ rung gluͤhete der hoͤchſte Unwille beleidigter Un⸗ ſchuld auf den Wangen unſerer Heldin, und Thraͤnen der Schaam ſtahlen ſich aus ihren Au⸗ gen, als ſie ihn fragte: womit ſie eine ſolche Be⸗ leidigung verdient habe? Entſchuldigungen folgten nun, daß es nicht an ihm laͤge, ſie nicht rechtmaͤßig ſein nennen zu duͤrfen; er klagte den Himmel und ſeinen Vater an, der grauſam ſeine Hand verſprochen habe, ohne ſein Herz zu Rathe zu ziehen; bat ſie, die kleinlichen Vorurtheile der Welt zu uͤberwinden, ſein zu werden, im ſchoͤnſten Sinne des Worts, wenn auch kein Prieſter⸗Segen ſie vereinen koͤn⸗ ne, nur den Geſetzen der Liebe und der Natur 136 zu leben und ſchnell mit ihm einen Aufenthalt zu verlaſſen, der es nicht werth ſei, ſo viele Reize in der dunkeln Nacht der Verborgenheit zu halten. Waͤhrend dieſer langen, in der groͤßten Heftig⸗ keit ausgeſprochenen Rede, hatte Angelica Zeit gehabt, ſich wieder zu ſammeln. Mit wuͤrdevol⸗ lem Stolz zeigte ſie ihm die ganze Nichtigkeit ſei⸗ ner eigennuͤtzigen Scheingruͤnde und die Verach⸗ tung, die ſie gegen einen Mann fuͤhle, der ſolche Geſinnungen hege. Ihr habt mich vielleicht zu einfaͤltig gehalten, um dieß im wahren Lichte er⸗ blicken zu koͤnnen, fuͤgte ſie hinzu; aber ſo un⸗ wiſſend ich auch in den Kuͤnſten der Betruͤgerei und Verſtellung bin, ſo weiß ich doch die einfa⸗ chen Grundſaͤtze der Tugend von den Scheingruͤn⸗ den des Laſters zu unterſcheiden, und vergebens ſucht ihr mich zu uͤberreden, daß Gluͤckſeligkeit aus der Schuld hervorgehen koͤnne. In doppelt gehaͤſſigem Lichte erſcheint euer niedriges Betra⸗ gen gegen die Schweſter eines Mannes, den ihr euren Freund nennt; oder glaubt ihr vielleicht, daß die Verbindlichkeit, welche ihr uns aufgelegt habt, weil wir in eurem Schloſſe einen Zufluchts⸗ ort gefunden haben, euch zu dieſem Betragen 137 berechtige? Ein edeldenkender Mann wuͤrde un⸗ ſer Ungluͤck geehrt und es nicht noch durch ſolche niedrige Beleidigungen vergroͤßert haben. Thraͤnen verhinderten Angelica'n, in dieſem Augenblicke weiter zu reden; ſie wandte ſich ab, um ſie vor Valcourts Augen zu verbergen, der ſchweigend und verwirrt vor ihr ſtand und kein Wort zu ſeiner Rechtfertigung vorbringen konnte. Verlaßt mich, fuhr Angelica nach einer klei⸗ nen Pauſe fort; nach dem was hier vorgefallen iſt, kann euer Bleiben fuͤr uns beide nur pein⸗ lich ſeyn. Valcourt erhob ſich; ſeine erhoͤhete Geſichts⸗ farbe und ſein zerſtreutes Anſehen, verriethen die Bewegungen ſeines Gemuͤths, kaͤmpfend mit Stolz und Liebe, ſchien er ſelbſt nicht zu wiſ⸗ ſen, ob er ſich noch einmal zu ihren Fuͤßen werfen und ſie um Verzeihung bitten, oder ſich unter ihrem Zorn hinwegbegeben ſollte. Endlich aber behielt der beleidigte Stolz die Oberhand, und ſchnell, ohne die Augen wieder zu ihr emporzuheben, entfernte er ſich aus dem Gemache. Eiinige Zeit blieb Angelica in tiefen Gedan⸗ ken verſunken; obgleich des Chevaliers Betragen 138 ihr oft mißfallen hatte, ſo hatte ſie ihn ſolcher Verdorbenheit nie faͤhig geglaubt, und ihr gan⸗ zes Zartgefuͤhl empoͤrte ſich bei dem Gedanken der von ihm empfangenen Beleidigung. Ihr erſter Vorſatz war, ihrem Bruder den ganzen Vorfall zu berichten; aber reifere Ueberlegung hielt ſie von dieſem Entſchluſſe ab. Nur zu wohl kannte ſie Glanalvons ſtrenge Grundſaͤtze im Puncte der Ehre, um nicht fuͤrchten zu muͤſſen, daß er die ihr erwieſene Schmach auf das blutigſte raͤchen wuͤr⸗ de, und welche ſchreckliche Folgen mußte dieſer Kampf in jedem Fall haben? Sie beſchloß da⸗ her, des Vergangenen auf keine andere Art zu ge⸗ denken, als durch ein noch zuruͤckhaltenderes, ſtrengeres Betragen gegen Valcourt, und glaub⸗ te auf dieſe Weiſe, ſicher jeder Erneuerung ſeiner beleidigenden Antraͤge zu entgehen. Unter dem Vorwande eines heftigen Kopf⸗ wehs, ließ ſich der Chevalier entſchuldigen, nicht beim Abend? Eſſen zu erſcheinen, und Angelica, glaubend, daß er ihre Blicke vermeiden wollte, freute ſich, dieß Gefuͤhl der Schaam noch in ihm zu finden. Auch hatte ſie ſich in ihrer Vermu⸗ thung nicht geirrt; ihre ſtrengen, aber ruhigen —— 139 Vorwuͤrfe waren tief in Valcourts Seele gedrun⸗ gen; in der Einſamkeit ſeines Zimmers, fuͤhlte er die Unwuͤrdigkeit ſeines Betragens und ver⸗ wuͤnſchte den Augenblick, der ihn zu einer ſolchen Erklaͤrung gebracht hatte. Zum erſten Male von der Tugend eines Weibes uͤberzeugt, ſehnte er ſich, ihre Vergebung zu erlangen und ſich im All⸗ gemeinen wieder auf die Schwaͤche des weiblichen Geſchlechtes verlaſſend, hoffte er, daß dieß ihm nicht ſchwer werden wuͤrde. Aber jeder Verſuch, ſie ohne Zeugen zu ſehen, mißlang; nie traf er ſie anders als in Geſellſchaft ihres Bruders, und die kalte, gezwungene Hoͤflichkeit, mit welcher ſte ihn behandelte, durchbohrte ſein Herz mit un⸗ beſchreiblichem Kummer. Liebe und Groll wech⸗ ſelten in ſeiner Bruſt; oft beſchloß er, ſie auf immer zu fliehen und ſie zu bitten, ihn wenig⸗ ſtens ihrer Freundſchaft werth zu halten; aber ſein ſtets durch Leidenſchaft aufgeregtes Gemuͤth war keines feſten Entſchluſſes faͤhig, und er blieb in dieſem Zuſtande der Unbeſtimmtheit, bis ein Brief des Marquis kam, der ihn augenblick⸗ lich nach Paris zuruͤckrief. Ein ſo unerwarteter, ſeine ſööuſten Hoffnungen zerſtoͤrender Befehl 140 traf ihn gleich einem Donnerſchlage; aber er kannte den Vater zu gut, um einzuſehen, daß er folgen muͤſſe, und nachdem er ſich etwas von der erſten Beſtuͤrzung erholt hatte, eilte er zu Os⸗ carn und ſeiner Schweſter, um ſie mit ſeiner Ab⸗ reiſe bekannt zu machen. Der erſteré empfing die Nachricht mit Zeichen des Kummers; Angelica aber, zu aufrichtig, um irgend ein Gefuͤhl zu heucheln, ſchwieg ſtille, und Valcourt las nur zu deutlich in ihrem Geſichte, was in ihrer Seele vor⸗ ging; voll Verzweiflung beſchloß er, es koſte was es wolle, ſich noch eine Zuſammenkunft unter vier Augen mit ihr zu verſchaffen, ehe er das Schloß verlaſſen muͤſſe. Wiſſend, daß Angelica gewoͤhn⸗ lich die letzte Stunde vor dem Schlafengehen im Zimmer des ſuͤdlichen Thurmes zubringe, hatte er ſich den Schluͤſſel zu dieſem Gemache durch Beſtechung verſchafft, und beſchloß, noch den naͤm⸗ lichen Abend ſeinen Vorſatz zur Ausfuͤhrung zu bringen. Zur gewohnten Stunde befand ſich Angelica in ihrem Gemache, und ſobald nur alles im Schloſſe ruhig war, ſchlich Valcourt ſich in den gaͤdlichen Thurm. Mit zitternder Hand oͤffnete —õ-n 141 er die Thuͤr und fand Angelica'n ſo vertieft beim Leſen, daß ſie ſein Hereintreten erſt bemerkte, als er ſich ihr ſchon einige Schritte genaͤhert hatte; dann aber fuhr ſie ploͤtzlich von ihrem Sitze auf und fragte in einem verdrießlichen Tone nach der Urſache ſeines Kommens. Hoͤret mich nur einen Augenblick an, Angelica, ich beſchwoͤre euch darum, rief der Chevalier aus; ſie aber eilte bei ihm vorbei und war ſchon im Begriff, das Zimmer zu verlaſſen, als er haſtig hinzuſprang, die Thuͤre verſchloß, ſie bei beiden Haͤnden ergriff und ſie faſt gewalt⸗ ſam auf ihren Sitz zuruͤckfuͤhrte. Angelica ſtieß ein lautes Geſchrei aus und ſuchte ſich aus ſei⸗ ner Gewalt zu befreien. Als er ſie nun ſo blaß und zitternd vor ſich erblickte, bat er ſie, ruhig zu werden, da es keineswegs ſeine Abſicht ſeil, ſie zu beleidigen; nur ſei ihm kein anderes Mittel geblieben, als dieſen Weg zu waͤhlen, um ſich ihre Verzeihung wegen ſeines neulichen Be⸗ tragens zu erbitten, ohne welche er unndslich d das Schloß verlaſſen koͤnne. Und ihr glaubt, erwiderte Angelica, auf dieſe Weiſe meine Vergebung zu erzwingen? 14² Nein, Chevalier, ſeid uͤberzeugt, daß ihr ſehr un⸗ rechte Mittel dazu erwaͤhlt habt. Angelica! rief Valcourt nach einem augen⸗ blicklichen Stillſchweigen aus, bringt mich nicht voͤllig zur Verzweiflung. Zum Beweiſe, daß ich nicht in ſchlechter Abſicht hierher kam, gebe ich den Schluͤſſel eures Zimmers in eure Haͤnde zu⸗ ruͤck. Geht nun, wenn ihr grauſam genug ſeid, mich in dieſem Zuſtande zu verlaſſen. Stillſchwei⸗ gend nahm Angelica den Schluͤſſel und nahete ſich der Thuͤr, als Valcourt aufs Neue leiden⸗ ſchaftlich ausrief: um Gotteswillen, erbarmt euch und verlaßt mich nicht ſo! Beim Anbruche des Tages entferne ich mich aus dem Schloſſe, und ehe wir vielleicht auf immer von einander ſchei⸗ den, Iſprecht das einzige Wort: Vergebung! aus. Ich fuͤhle, daß ich eure Verachtung verdient habe; aber kann denn keine Reue euer Mitleid erwecken? Thraͤnen unterbrachen hier ſeine Stimme, der gute Engel ſchien wenigſtens auf Augen⸗ blicke, den Sieg uͤber den boͤſen errungen zu haben, und auch Angelica fuͤhlte ſich bei ſeinem zerknirſchten Anblicke erweichter und antwortete: —.‚,— 143 Behuͤte der Himmel, daß ich einem reuigen Suͤn⸗ der meine Vergebung verſagen ſollte; willig ver⸗ ſpreche ich, das Vergangene zu vergeſſen, unter der Bedingung, daß euer kuͤnftiges Betragen ei⸗ nen Beweis von der Aufrichtigkeit eurer Reue gebe. In einem Ausbruche des Entzuͤckens druͤckte Valcourt die ihm dargebotene Hand der Ver⸗ ſoͤhnung an ſeine Lippen und ſchwur, nie wieder ſo geringſchaͤtzig von der weiblichen Tugend zu denken.— Es war, als koͤnne er ſich nicht los⸗ reißen von Angelica's Naͤhe; noch tauſendmal dankte er ihr fuͤr das ſuͤße Wort der Vergebung, und verſicherte, wenn etwas im Stande ſei, ihn auf den Weg der Tugend zuruͤckzufuͤhren, ſo ſei es das Bild, welches er von ihr mit in ſeiner See⸗ le hinwegnehme. Warum hat mir nicht fruͤher ein ſolcher Engel zur Seite geſtanden, rief er aus, und warum iſt es mir auf ewig verboten, dieſen Engel mein zu nennen? Dann druͤckte er noch einmal ihre Hand an ſein Herz, bat ſie, ſeiner wenigſtens nicht mit Verachtung zu gedenken, und verließ in tiefſter Bewegung das Zimmer. 144 Es gehoͤrte erſt einige Zeit dazu, ehe Ange⸗ lica ſich voͤllig uͤber die ſuͤrmiſche Scene des Abends beruhigt in ihr Schlafgemach begeben konnte, wo ein ſanfter Schlummer ſie aber dann ald in die Vergeſſenheit der Bilder des Tages wiegte.. * Achtes Kapitel Roch ehe die Morgenſtrahlen am Horizonte emporſtiegen, verließ Valeourt ſein ruheloſes La⸗ ger, nahm zaͤrtlich von Oscar Abſchied, den er dringend bat, ihn doch einmal in Paris zu beſu⸗ chen, und entfernte ſich dann von dem Schloſſe. Ungern ſah Oscar ihn ſcheiden; ſeine aufrichti⸗ gen Freundſchafts⸗ Verſicherungen waren gleich Dolchſtichen in des Chevaliers Herzen, der ſich nur zu gut bewußt war, ſie nicht zu verdienen Schmerzliche Erinnerungen verfolgten ihn waͤh⸗ rend des ganzen Weges, und er verwuͤnſchte faſt den erſten Gedanken an dieſe Reiſe, die in ihren Folgen nur Ungluͤck fuͤr ihn zu verſprechen ſchien. 145 Bei ſeiner Ankunft in Paris, entdeckte er nur zu bald, daß die einzige Urſache, warum man ihn ſo ſchnell zuruͤckgerufen habe, die Beſchleunigung ſeiner Vermaͤhlung mit dem Fraͤulein Honoria Florigni ſei, deren kraͤnkelnder Vater die Hei⸗ rath noch vor ſeinem Tode vollzogen ſehen wollte. Obgleich er dieſen Grund geahnet hatte, fuͤhlte er ſich jetzt, da er an der Wahrheit nicht laͤnger zweifeln konnte, unbeſchreiblich ungluͤcklich; ſei⸗ ne Leidenſchaft fuͤr Angelica erwachte aufs Neue ſo lebhaft in ſeiner Seele, daß er ſich genoͤthigt ſah, die Gegenwart des Marquis zu vermeiden, um ihm ſeinen Schmerz nicht zu verrathen. Bei der naͤchſten Zuſammenkunft mit ſeiner Verlob⸗ ten, konnte er ſich nicht enthalten, Vergleichungen zwiſchen ihr und Angelica'n anzuſtellen, die ſo ſehr zum Nachtheil der Erſteren ausfielen daß jeder Tag die Abneigung gegen dieſe Heirath in ihm vermehrte. Lebhaft fuͤhlte er, daß der Be⸗ ſitz dieſes himmliſchen Weſens unumgaͤnglich noth⸗ wendig zu ſeinem Gluͤcke ſei, und da ihm alle Hoffnung genommen war, ſie auf eine unrecht⸗ maͤßige Weiſe zu beſitzen, faßte er den Entſchluß, ihr ſei 7 J. Hand foͤrmlich anzutragen. Freilich 10 146 ſchienen unzaͤhlige Hinderniſſe ſeinem Vorhaben entgegen zu ſtehen; aber Valcvurt war zu ſehr an die Erreichung ſeiner Wuͤnſche gewoͤhnt, um ſich leicht abſchrecken zu laſſen, und um den erſten Schritt zum Ziele zu thun, beſchloß er, ſogleich alle Verbindungen mit dem Fraͤulein Honoria abzubrechen. In dieſer Abſicht begab er ſich zu ſeinem Vater, theilte ihm alles mit, was auf dem Schloſſe Rochemond vorgefallen war, und ſchloß ſeine Erzaͤhlung mit der Verſicherung, nie einer anderen als Angelica'n, ſeine Hand zu ge⸗ ben. Der Marquis blieb nach dieſer Erklaͤrung ei⸗ nige Minuten ſtumm, weil es ihm an Wöͤrten zu fehlen ſchien, ſeinen Zorn gehoͤrig auszudruͤcken. Unverſchaͤmter Bube! fuhr er endlich heraus, wie magſt du es wagen, mich durch das Geſtaͤndniß deiner ehrloſen Abſichten zu beleidigen? Glaubſt du, daß ich dir jemals meine Einwilligung zum Bruche deiner Verbindung mit Fraͤulein Honorien ertheilen werde? Nein niemals! mein Wort iſt unverbruͤchlich gegeben; huͤte dich alſo, mir unge⸗ horſam ſeyn zu wollen. ———— 147 Mein Vater, erwiderte Valcourt, wenn ich nichts anders empfaͤnde, als die gewoͤhnliche Gleichguͤltigkeit fuͤr das Fraͤulein, ſo wuͤrde ich euer Wort ehren; aber mein Herz gehoͤrt unwi⸗ derruſlich einer andern, und nach dieſem Geſtaͤnd⸗ niſſe hoffe ich, werdet ihr mich ſelbſt nicht zwin⸗ gen, die Tochter eures Freundes zu heirathen. Aber bedenkſt du denn nicht, verſetzte der Marquis in einem etwas ruhigeren Tone, die uͤb⸗ len Folgen dieſes Schrittes, die Schande, wel⸗ che er auf deinen Namen bringen wuͤrde? Ich habe alles bedacht, rief der bethoͤrte junge Mann, und nichts iſt dem Verluſte Ange⸗ lica's gleich zu achten. Schmeichelſt du dir denn„ entgegnete der Marquis, daß ich jemals meine Einwilligung zu deiner Verbindung mit einer unbekannten Aben⸗ theurerin, ohne Rang und Mitgift geben werde? Nein, beim Himmel, ſo theuer du meinem Her⸗ zen biſt, will ich dich lieber todt zu meinen Fu⸗ ßen, als durch eine ſolche Verbindung entehrt ſehen! Valcourt erwiderte nichts, und der Mar⸗ quis fuhr fort: ich brauche dir nicht zu ſagen, daß, ohgleich du bisher den aͤrtlichſten Vater in . 10* . 148 mir gehabt, du doch keine guͤltige Anſpruͤche an mich haſt, und du alſo, ſobald es ir gefaͤllt meine Hand von dir abzuziehen, groͤßte Duͤrftigkeit und Abhaͤngigkeit geraͤt ſt. Ueberle⸗ ge nun reiflich, ehe du meinen Zorn reizeſt, und bedenke, daß, obgleich dir bisher meine ganze Liebe geworden iſt, du vielleicht nach deinem Un⸗ gehorſam in eben dem Maße meinen Haß ſchme⸗ cken koͤnnteſt!. Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ der Marquis nach dieſen Worten das Zimmer und uͤberließ Valcourt ſeinem eigenen Nachdenken, das in der That nicht angenehm fuͤr ihn war; aber jede andere Betrachtung ward durch die Stimme der Leidenſchaft niedergeſchlagen; er beſchloß, in die Provence zuruͤckzukehren, um Angelica'n ſeine Hand anzutragen. Kein Zweifel drang ſich ihm auf, daß ſie ſie nicht an⸗ nehmen wuͤrde, und da er bisher ſo große Be⸗ weiſe von des Marquis Liebe gegen ihn empfan⸗ gen hatte, hoffte er, wenn das Band nur erſt unaufloͤslich geknuͤpft ſei; auch deſſen Vergebung mit der Zeit wieder zu erlangen. Unter dem Vorwande, einen Freun zu be⸗ 149 ſuchen, begab ſich der Chevalier am folgenden Morgen auf die Reiſe, nur von einem Bedien⸗ ten begleitet, und kam nach einigen Tagen in der Provence an. Als er ſich Rochemond naͤherte, wurden ſeine Gefuͤhle ſo heftig bewegt, daß er kaum mit hoͤrbarer Stimme den ihm im Schloſſe entgegenkommenden Bedienten nach ſeiner Herrin fragen konnte. Ohne ſich anmelden zu laſſen, ging er unverzuͤglich ins Wohnzimmer, wo er un⸗ ſere Heldin allein fand, die bei ſeinem unerwar⸗ teten Eintritte ihr Erſtaunen nicht verbergen konn⸗ te und ihn um die Urſache ſeines Kommens fragte. Ohne weiteres Zoͤgern, ſagte er ihr alles, und bot ihr nun unter den zaͤrtlichſten Worten ſeine Hand und ſein Vermoͤgen an, wenn ſie einwilli⸗ gen koͤnne, die Seinige zu werden. 1 Chevalier, erwiderte Angelica, nach einem Augenblick des Stillſchweigens„obgleich ich euch fuͤr euren ehrenvollen Antrag Dank weiß, muß ich doch bemerken, daß, wenn auch meiner⸗ ſeits keine andere Schwierigkeiten Statt faͤn⸗ den, ihn anzunehmen, ihr, wie ihr damals ſag⸗ 150 tet, mit einer andern verſprochen ſeid und eure Hand alſo nicht mehr frei iſt. Ich geſtehe, verſetzte Valcourt, etwas ver⸗ legen, daß dieß freilich damals der Fall war; aber, ſobald ich nach Paris zuruͤckkam, habe ich alles abgebrochen. Und geſchah dieß mit eures Vaters und der Dame Einwilligung, fuhr Angelica fort, oder verleitete euch wieder blinde Leidenſchaft, je⸗ des Gefuͤhl der Ehre zu unterdruͤcken und Bande zu zerreißen, die ihr haͤttet heilig halten ſollen? Eure Blicke verrathen mir, daß meine Vermu⸗ thung nur zu gegruͤndet iſt; um euch aber auf immer jede Hoffnung an meine Einwilligung zu benehmen, erklaͤre ich euch, daß, wenn ihr auch voͤllig frei waͤret, mich nichts in der Welt vermo⸗ gen koͤnnte, die Hand eines Mannes anzuneh⸗ men, der mir fruͤher ſo entehrende Antraͤge ge⸗ macht hat. Nein, waͤre er mir auch theurer als mein eigenes Leben geweſen, ſo wuͤrde ich von dem Augenblicke an ſein Bild aus meinem Herzen verbannt haben. Angelica’s Gemahl muß ihrer Achtung werth ſeyn, und der, welcher ſich ſo weit vergeſſen konnte, ſie auf eine ſo 4 135 rung hatte ihn gelehrt, wie elend eine ungluͤckliche Leidenſchaft macht, und ſo beurtheilte er Val⸗ courts Gefuͤhle nach ſeinen eigenen; doch konnte er Angelica nicht tadeln, daß ſie ſtandhaft ſeine Hand ausſchlug, da Ehre und Zartgefuͤhl durch dieſe Verbindung verletzt werden mußten; ihm blieb alſo nichts uͤbrig, als der Verſuch, durch ſeine Ueberredungen den Chevalier dahin zu bringen, dieſe Neigung zu bekaͤmpfen und ſich als gehorſa⸗ mer Sohn zu ſeinem Vater zurückzubegeben. Waͤhrend ſich dieſe Dinge im Schloſſe von Rochemond zutrugen, begann der Marquis von Montrieul, uͤber die Abweſenheit ſeines Sohnes unruhig zu werden, ſandte einen Boten nach dem Hauſe des Freundes, wohin er vorgegeben hatte zu gehen, und hoͤrte zu ſeinem Erſtaunen, daß er gar nicht da geweſen ſei. Er zweifelte nun nicht laͤnger, daß er ſeinen Weg in die Provence ge⸗ nommen habe, und beſchloß, ihm dahin zu fol⸗ gen, indem er ihm und dem unſchuldigen Gegen⸗ ſtande, der ihn zum Ungehorſam verleitet hatte, die ſchrecklichſte Rache ſchwur. Als eines Morgens Glanalvon und der Che⸗ valier ihren gewoͤhnlichen Morgenritt machten, 136 und Angelica mit der Pflege ihrer Blumen be⸗ ſchaͤftigt war, welche der Bruder in die Naͤhe der Einſiedelei(ihrem Lieblings⸗Aufenthalte) ge⸗ pflanzt hatte, ward ſie durch einen Bedienten ab⸗ gerufen, weil man ihrer im Schloſſe wartete. In der Meinung, es ſei einer ihrer laͤndlichen Nachbaren, mit denen ſie immer bekannter und vertrauter wurde, folgte Angelica ohne wei⸗ tere Nachfrage. Als ſie in das Sprachzimmer trat, ſah ſie einen aͤltlichen Herrn von vorneh⸗ mem Anſehen, mit dem Ruͤcken zu ihr gewandt, in einem der Fenſter ſtehen; bei ſeinem Anblicke brach ſie unwillkuͤhrlich in eine Ausrufung aus, warf einen Zweig bluͤhender Noſen, den ſie in der Hand hielt, von ſich, worauf der Frémde, ſich umwendend, ſie nun mehrere Augenblicke ſtumm und forſchend anſtarrte. Sobald ſie ſich etwas von ihrer Verlegenheit und ihrem Erſtau⸗ nen erholt hatte, erkundigte ſie ſich ſcheu nach der Urſache des Beſuchs; der Marquis aber, ohne weitere Antwort, fragte in vornehmem Tone: ob ihr Name Glanalvon ſei? welches Angelica dunch eine Verbeugung bejahete. Dann betrifft mein Geſchaͤft hier, fuhr er 157 fort, meinen Sohn, den Chevalier Valcourt. Iſt er im Schloſſe?— Ihr werdet roth, ver⸗ ſtehet alſo wahrſcheinlich, warum ich frage. Iſt der Chevalier hier? Ja, er iſt hier, gnaͤdiger Herr, erwiderte Angelica ruhig. Mein Bruder und er ſind auf einem Morgenritte begriffen; aber ich erwarte ſie jeden Augenblick zuruͤck. So erlaubt mir denn, Juͤngferchen, eine andere Fragelhinzuzufuͤgen: womit koͤnnt ihr es entſchuldigen, meinen Sohn hier bei euch zuruͤck⸗ zuhalten, da meine ausdruͤcklichen Befehle und ſeine eigene Pflicht ihn nach Paris rufen? Mein Herr, verſetzte Angelica, ihr koͤnnt. aͤberzeugt ſeyn, daß der Aufenthalt des Cheva⸗ liers in dieſem Schloſſe ganz gegen meine und meines Bruders Neigung iſt, und daß wir ver⸗ gebens alle unſere Ueberredungskunſt angewandt haben, ihn dahin zu vermoͤgen, einen Ort zu ver⸗ laſſen, aus welchem wir kein Recht haben, ihn zu vertreiben. Doch wißt ihr wohl nur zu gut die Urſache, welche ihn hier gefeſſelt haͤlt; aber nehmt euch in Acht, Frauenzimmerchen heuch nicht mit dem 138 kuͤhnen Gedanken zu ſchmeicheln, jemals ſeine Frau zu werden, denn nie wird dieß mit mei⸗ ner Einwilligung geſchehen. Noch iſt das je mein Wunſch geweſen, fiel Angelica lebhaft ein. Nichts auf der Welt koͤnnte mich dahin bringen, die Hand eines Mannes an⸗ zunehmen, von dem ich eine ſolche unverdiente Beleidigung empfangen habe, als von dem Che⸗ valier, und er weiß meinen Entſchluß. Angelica fuhr nun fort, den Marquis von jedem Umſtande ihrer Bekanntſchaft mit ſeinem Sohne zu benachrichtigen, von dem erſten Be⸗ gegnen im Thale an, bis zu ſeiner Ruͤckkehr ins Schloß, und hatte grade ihre Erzaͤhlung geen⸗ det, als Glanalvon und der Chevalier ins Zim⸗ mer traten. Man kann ſich leicht des letztern Beſtuͤrzung beim Anblicke ſeines Vaters denken; unfaͤhig, etwas zu ſeiner Rechtfertigung vorzu⸗ bringen, ſank er ſtumm auf einen Seſſel nieder. So, mein Herr, fuhr der Marquis ihm entgegen, finde ich euch hier, ungeachtet meines ausdruͤcklichen Verbots? Ohne Zweifel bildetet ihr euch ein, eine feine Ausflucht erſonnen zu ha⸗ ben, um meinem Verdacht zu entgehen; aber ſo 159 ſchlau, wie ihr auch waͤhnt zu ſeyn, giebt es doch welche, die euch in den Kuͤnſten der Betruͤge⸗ rei gewachſen ſind. Etwas geſammelt, erwiderte Valcourt: ich wuͤnſche nicht, euch laͤnger zu taͤuſchen, da ihr mich hier trefft, und erklaͤre nun, daß nichts mich bewegen kann, meine Meinung gegen dieſe Dame zu aͤndern,(indem er auf Angelica zeigte) oder meine vorigen Verbindungen mit dem Fraͤulein Honoria wieder anzuknuͤpfen. So⸗ wohl in Paris als auf dem Schloſſe von Roche⸗ mond, werden meine Entſchluͤſſe die naͤmli⸗ chen bleiben, und es kann alſo Ew. Gnaden ſehr gleichguͤltig ſeyn, wo ich kuͤnftig mich auf⸗ halten werde. 1 Herr Marquis, rief Oscar aus, der bis hieher ſtummer Beobachter geblieben war, es thut mir leid, daß die Perſonen, denen ihr auf eurem Schloſſe bisher eine Zuflucht geſtattet habt, die Urſache einer Uneinigkeit in eurer Familie ſind. Doch iſt es unſrerſeits unverſchuldet, und weit entfernt, den Chevalier zu der Nichthefolgung eurer paͤterlichen Befehle aufzumuntern, hat mei⸗ 160 ne Schweſter ſeine wiederholten Antraͤge durch⸗ aus abgewieſen. Wenn das der Fall iſt, ſagte der Marquis, ſich zu ſeinem Sohne wendend,/ welchen Beweggrund koͤnnt ihr denn angeben, ſo hartnaͤckig auf eurem Ungehorſam zu beharren? Die Hoffnung, noch einſt ſo gluͤcklich zu ſeyn, den Entſchluß des Fraͤuleins Angelica wankend zu machen und ihre Abneigung zu uͤberwinden, welche ſich auf uͤbertriebenes Zartgefuͤhl gruͤndet, was aber, wie ich hoffe, durch meine Beharr⸗ lichkeit am Ende beſiegt werden wird. Nie, niemals, Chevalier, rief Oscar heftig; und wenn jeder andere Umſtand der Erfuͤlluna eurer Wuͤnſche guͤnſtig waͤre, ſo ſoll Angelica nie die Frau eines Mannes werden, deſſen Familie eine Verbindung mit ihr unter ihrer Wuͤrde be⸗ trachtet. Er hielt inne; ſein Herz ſchlug hoch bei dem Bewußtſeyn ſeines Werthes und dem Andenken an ſeine Vorfahren, und unfaͤhig ſei⸗ ne Bewegung laͤnger zu verbergen/ ging er ſchnell hinaus. Nach einem augenblicklichen Stillſchweigen, wandte ſich der Marquis noch einmal an ſeinen 161 Sohn und begehrte, daß er ſich ſchnell zur Ab⸗ reiſe vom Schloſſe bereite. Valcourt wankte, ob er gehorchen ſollte, oder nicht; als er aber den Ausdruck des Zorns auf dem Geſicht des Vaters ſah, und fuͤrchtete, doch ſchon zu weit gegangen zu ſeyn, hielt er es fuͤr dießmal am rathſamſten, ſeinen Befehlen zu folgen. Oscars Bitte an den Marquis, einige Tage von den Unbequemlichkei⸗ ten der Reiſe auf dem Schloſſe auszuruhen, ward kalt abgelehnt, und er verließ bald darauf die Geſchwiſter, indem er ſie kaum eines hoͤfli⸗ chen Lebewohls wuͤrdigte. Valcourt hingegen, erneuerte beim Abſchiede von Angelica'n die Ge⸗ luͤbde ſeiner ewigen Liebe, die aber ſehr kalt auf⸗ genommen wurden. Man freute ſich, die Gaͤſte abfahren zu ſehen, welche waͤhrend ihrer Anwe⸗ ſenheit nicht wenig den haͤuslichen Frieden unſe⸗ rer Schloßbewohner geſtoͤrt hatten. 162 Neuntes Kapitel. Einige Tage nach der Abreiſe des Mar⸗ quis und ſeines Sohnes, floſſen ruhig und ungetruͤbt dahin. Glanalvon und Angelica be⸗ gannen wieder ihr voriges, einfoͤrmiges Leben, welches die Gewohnheit ihnen nun ſchon lieb ge⸗ macht hatte. Oscars Herz aber war tief gekraͤnkt durch das herabwuͤrdigende Betragen des hoch⸗ muͤthigen Marquis, und ſein noch nicht durch Ungluͤck gebeugter Stolz empoͤrte ſich bei dem Gedanken, ihm eine Verbindlichkeit ſchuldig zu ſeyn. Entſchloſſen, ſich von dieſer ihn druͤcken⸗ den Abhaͤngigkeit zu befreien, wollte er das Schloß von Rochemond verlaſſen, und da ihm uͤberhaupt ein unthaͤtiges Leben zuwider war, faßte er den Gedanken, in die Dienſte eines fremden Fuͤrſten zu gehen, damit es ihm durch irgend eine ausgezeichnete That vielleicht gelin⸗ gen koͤnne, den Rang in der Geſellſchaft wieder zu erlangen, von dem er in ſeinem Vaterlande auf immer ausgeſchloſſen war. Das Einzige, 163 was ſich dieſem Entſchluſſe noch in den Weg ſtellte, war ſeine Liebe zu Angelica, deren unbeſchuͤtzte, verlaſſene Lage ſein Herz mit Kummer erfuͤllte. Doch hoffte er, ein Kloſter wuͤrde ihr den ſchicklichſten Zufluchtsort gewaͤh⸗ ren, bis irgend eine gluͤckliche Veraͤnderung ſei⸗ ner Umſtaͤnde ihm geſtattete, ſich ihrer wieder bruͤderlich anzunehmen. Je mehr Glanalvon uͤber dieſen Plan nachdachte, je groͤßer ward in ihm die Begierde, ihn in Ausfuͤhrung zu bringen, und nur die Furcht, Angelica zu betruͤben, hielt ihn ab, ihn ihr mitzutheilen, als ſich ploͤtzlich ein Vorfall ereignete, der alle ſeine Erswäree zer⸗ ſtoͤrte. Unſere Heldin brachte manche Stunde in Pe⸗ ters Huͤtte zu, wo ihr Geſpraͤch dann immer auf die Familie Aubiné fiel, und jede Erzaͤhlung, die ſie von den vormaligen, ungluͤcklichen Abkoͤmm⸗ lingen des Stammhauſes hoͤrte, vergroͤgerte ihr Mißfallen an den gegenwaͤrtigen Beſitzern. Eines Abends, als die Mutter Genoveva lang uͤber manche Begebenheit im Beſondern geſpro⸗ chen hatte, waͤhrend Glanalvon und Peter ſich ab⸗ weſend befanden, und es daruͤber. ſehr ſpaͤt ge⸗ 164 worden war, ſah ſich Angelica genothigt, allein nach dem Schloſſe zuruͤckzugehen. Das Muͤtter⸗ chen zwar erbot ſich ſehr freundlich, ſie zu beglei⸗ ten; ſie aber lehnte es ab, da ſie keine Furcht hatte, und trat ihren Weg getroſt an. Der Abend war ungemein ſchoͤn, und Angelica genoß mit heiterer Seele die herrliche Gegend um ſich herum, welche magiſch von den Strahlen des aufgehenden Mondes beleuchtet ward. Wie ſie ſo in Gedanken verloren durch ein kleines Waͤld⸗ chen ſchlenderte, das nach dem Schloſſe fuͤhrte, ſtuͤrzten auf einmal mehrere Maͤnner hinter dem Geſtraͤuch hervor, umtingten ſie und ſchleppten ſie eine Strecke Weges fort, bis zu einem, nicht weit davon ſtehenden Wagen. Von dem Augen⸗ blick an, da ſie ſich in den Haͤnden der vermeint⸗ lichen Raͤuber befand, hatte ſie das Bewußtſeyn verloren; beſinnungslos ward ſie in den Wagen gebracht, zwei der Maͤnner ſetzten ſich neben ſie, gaben dem Poſtillon ein Zeichen, vorwaͤrts zu fah⸗ ren, und nun ging es in vollem Galopp da⸗ von. Als endlich die Bewegung des Fahrens An⸗ gelica wieder zu ſich gebracht hatte, bat ſie ihre 165 Fuͤhrer in den ſuͤßeſten Toͤnen, ihr zu ſagen, wo⸗ hin man ſie bringen werde? In dumpfem Schwei⸗ gen aber beharreten beide an ihrer Seite, und als ſie ſah, daß weder Bitten noch Thraͤnen ſie zu einer Antwort vermochten, uͤberließ ſie ſich end⸗ lich in ſtiller Verzweiflung ihrem Schickſale. Je laͤnger ſie uͤber den wahrſcheinlichen Urheber die⸗ ſes Bubenſtuͤcks nachdachte, je mehr ſiel ihr Ver⸗ dacht auf Valcourt; ſie zitterte bei dem Gedan⸗ ken, ſich den Haͤnden dieſes Wuͤſtlings uͤberliefert zu ſehen. Still weinend erhob ſich ihr unſchuldiges Herz zum Gebet zu Gott, ſich ihrer in dieſer ſchreckli⸗ chen Lage anzunehmen, und ſo verging die Nacht, eine der laͤngſten, die Angelica je erlebt hatte. Als die Morgenſtrahlen durch die kleinen Oeffnungen der Kutſchenfenſter ſchienen und ſie die beiden ſcheuslichen, verlarvten Geſtalten, in lange ſchwarze Maͤntel gehuͤllt, neben ſich erblickte, ward ihre Furcht nur noch vermehrt; ſchnell wandte ſie ihre Augen von dieſem widerlichen Anblicke hinweg und verſuchte, durch das Fen⸗ ſter zu ſehen, ob ihr nicht vielleicht die Gegend bekannt ſei, in welcher ſie ſich befand. Alles um ſie herum war wild und furchtbar oͤde; hohe, hier 166 und da ſpaͤrlich mit Foͤhren bewachſene Felſen erhoben ihre kahlen Spitzen an beiden Seiten des Weges; jeder Gegenſtand ſchien ihr voͤllig fremd, und ſie ward immer mehr davon uͤber⸗ zeugt, daß die Reiſe durch einen Theil des Lan⸗ des ginge, den ſie bisher nie geſehen hatte. Ver⸗ gebens war jeder Verſuch, zu erforſchen, wohin man ſie bringen wuͤrde, und um endlich ihren traurigen Betrachtungen zu entfliehen, richtete ſie ihre Blicke auf die am Horizont immer hoͤher geigende Sonne, welche die Gipfel der Felſen mit einem roſigen Hauche uͤberzog. Waͤhrend ih⸗ re Phantaſie dieſen Bildern folgte, bog der Wa⸗ gen in ein enges Thal, worin einzelne Huͤtten verſtreut lagen, die ein kleines Dorf auszumachen ſchlenen. An einer derſelben hielten unſeve Rei⸗ fenden an, und Angelica, von ihren Begleitern zur Kutſche herausgehoben, ward in eine enge Stube gefuͤhrt, wo das Fruͤhſtuͤck ſchon fuͤr ſie be⸗ teit ſand. Einer der Maͤnner brach nun end⸗ lich das Stillſchweigen, indem er Angelica'n bat, einige Erfriſchungen zu ſich zu nehmen. Durch Ermuͤdung und langes Faſten erſchöpft, entſchloß ſee ſich, von den ihr dargebotenen Speiſen zu eſſen; 167 aber ihre Augen waren waͤhrend des Mahls ſtets auf die Thuͤre gerichtet, in der Hoffnung, irgend ei⸗ nen Bewohner der Huͤtte zu erblicken, der ſich viel⸗ leicht durch— ihr bei ihrer Flucht behuͤlflich zu ſeyn. Kein Troͤſter erſchien. — Nach einem ſchnell eingenommenen Fruͤhſtuͤ⸗ cke, ward ſie in den Wagen zuruͤckgefuͤhrt, und unaufhaltſam ging es nun wieder vorwaͤrts. Den ganzen Tag hindurch ward kein weite⸗ rer Aufenthalt gemacht; Angelica bemerkte, daß man ſich der See⸗Kuͤſte naͤhere; die Gegend ſchien einen lieblichern Charakter anzunehmen, und Spuren einer uͤppigen Vegetation zeigten ſich von Zeit zu Zeit. Dunkle Maſſen von Tan⸗ nen⸗ und Lerchenbaͤumen umſchatteten die hohen Felſen; unter dem Abhange der Berge bluͤheten ſchon in weiß und roͤthlichen Farben, Myrthe und Oleander. Jaͤgerhuͤtten lagen an einigen Stellen des Waldes zerſtreut; oͤfterer ragten die Spitzen der Thuͤrme eines Kloſters uͤber dem Ge⸗ hoͤlz hervor, und jede Oeffnung der Felſen ge⸗ waͤhrte eine Ausſicht auf die, von den Strahlen der Sonne glaͤnzende, Oberflaͤche des mittellaͤndi⸗ ſchen Meeres. — 168 Als nun aber allmaͤhlich die Sonne tiefer ſank, und ſich in das Meer zu tauchen ſchien, endlich nur noch ein ſchoͤnes Roth ſich am entfern⸗ teſten Luftkreiſe zeigte, und die naͤheren Gegen⸗ ſaͤnde vom Zwielicht des Abends beſchattet wur⸗ den, lenkten unſere Reiſenden vom Felswege ab und kamen an eine ebene, ſandige Kuͤſte, welche ſich hart an der andern Seite der Felſenwand wegzuwinden ſchien. Nicht lange dauerte es, ſo ward Angeli⸗ ca auf einem hohen, uͤber dem Meer haͤngen⸗ den Vorgebirge, ein Gebaͤude gewahr, das ſeiner Lage nach ein Wachthurm zu ſeyn ſchien. Dahin lenkten ſie ihren Lauf, und nach⸗ dem ſie durch ein, am Fuße deſſelben liegendes, kleines Gehoͤlz gekommen waren, fuhren ſie einen rauhen Klippenpfad hinan, der ſie bald bis zur Spitze des Vorgebirges brachte. Eine unbe⸗ ſchreibliche Angſt befiel Angelica’n, als ſie ſich dem Wachthurm naheten; ſie warf einen aͤngſtli⸗ chen Blick auf das Gebaͤude, welches ihr, wie ſie nicht laͤnger zweifeln konnte, fortan zum Ge⸗ faͤngniſſe beſtimmt ſei; aber die zunehmende Dun⸗ kelheit verhinderte ſie, die Gegenſtaͤnde deutlicher 169 zu unterſcheiden. Der Wagen hielt unter einem halbzerfallenen Thorwege, einer ihrer Begleiter ſprang heraus, und zog heftig an einer, am Eingange haͤngenden Glocke. Nach einigen Mi⸗ nuten erſchien ein Mann mit einer brennenden Fackel, deren ſchwache Strahlen das zitternde Maͤdchen durch einen geraͤumigen, mit Unkraut bewachſenen Hof fuͤhrten. Ueberall ſtieß ihr Fuß an große Steinmaſſen, die von den ihn umge⸗ benden Mauern heruntergefallen zu ſeyn ſchienen. Eine zerfallene Wendelſtiege fuͤhrte ſie in das Gebaͤude; in einer großen, ſteinernen Halle, die nur durch eine einzige Lampe erleuchtet war, ward jetzt Angelica von ihren Begleitern verlaſſen, die vorher genau unterſucht hatten, ob auch alle Ausgaͤnge wohl befeſtigt waͤren. Als nun auch der letzte Ton ihrer ſchwindenden Fußtritte ver⸗ hallte, ſie ſich allein ſah in ihrem weiten, ſchreck⸗ lichen Kerker, fiel erſt ihre ganze verlaſſene Lage mit Zentnerſchwere auf ihr armes Herz, und heftig weinend ſank ſie auf eine ſteinerne Bank nieder. Neues Geraͤuſch ſtoͤrte ſie aus. dieſem ſtillen Jam⸗ mer auf. 2 17 Eine alte Frau, welche in der einen Hand eine Lampe, in der andern einen Korb trug, na⸗ hete ſich ihr, betrachtete erſt beim Schein der Lam⸗ pe ihre Geſtalt waͤhrend einiger Minuten ſtill⸗ ſchweigend, ſetzte dann den Korb auf den Tiſch, nahm einige Holzſcheite aus der Ecke, legte ſie auf den Heerd und machte ein Feuer an. Hierauf ſetzte ſie einige Lebensmittel auf den Tiſch, und lud dann die weinende Ange⸗ lica in einem rauhen Tone ein, das Mahl zu verzehren. Matt und erſchoͤpft verſuchte dieſe ihr zu willfahren, und that, was nur in ihren Kraͤften war, das Mitleid der Alten waͤhrend der Mahl⸗ zeit zu gewinnen; aber Beatrix blieb unerſchuͤt⸗ terlich, und weder Bitten noch Verſprechungen konnten ſie dahin bringen, Angelica'in zur Flucht behuͤlflich ſeyn zu wollen; ſie behauptete hartnaͤ⸗ ckig: dieß ſei unmoͤglich, da der einzige Eingang zum Thurm, von der Landſeite her, immer auf das genaueſte bewacht werde. Auch auf die Frage: in weſſen Dienſten ſie ſtehe, wollte ſie keine Antwort geben; Angelica mußte endlich fuͤr dieſen Abend alle Hoffnung aufgeben, etwas naͤheres zu erfah⸗ ren, und ſich mit der Bitte begnuͤgen, ihr einen Ort 171 zum Nachtlager anzuzeigen. Beatrix nahm die Lampe; zitternd folgte Angelica. Man ging ei⸗ ne andere ſchmale Wendel⸗Stiege hinauf, kam durch eine hochgewoͤlbte Thuͤr, welche die Alte oͤffnete, in ein weites, oͤdes Gemach, das halb verfallen war und ſichtliche Spuren der Verwuͤ⸗ ſtung zeigte. Ein Bette mit alten, dunklen Vorhaͤngen, ein Diſch und ein paar Stuͤhle, wa⸗ ven alles Geraͤthe, was man darin erblickte; die Tapeten hingen zerriſſen an den Waͤnden herun⸗ ter, alles war kalt und ſchauerlich, und Angeli⸗ ea empfand ein unbeſchreibliches Grauſen, als ſie ſich von dieſen Gegenſtaͤnden umgeben ſah. Hier iſt Licht, Fraͤulein, ſagte Beatrix, in⸗ dem ſie die Lampe auf den Tiſch ſetzte, loͤſchet as ja aus, bevor ihr euch zur Ruhe begebt. Das Bett iſt wohl ausgeluͤftet, und ihr braucht euch nicht zu fuͤrchten, darin zu ſchlafen. Nach dieſen Worten wuͤnſchte ſie ihr eine gute Nacht, ging aus dem Zimmer und verſchloß die Thuͤr. Schau⸗ dern ſah Angelica um ſich herum, fiel dann auf einen Stuhl nieder und blieb einige Augenblicke ein Raub der fuͤrchterlichſten Angſt. Ihre leb⸗ hafte Phantaſie malte ihr das Duͤſtre dieſes Ge⸗ 8 172 machs und jeder Sache um ſie herum, auf eine fuͤrchterliche Weiſe aus; ſie glaubte ſchreck⸗ hafte Geſtalten aus allen Winkeln hervorgehen zu ſehen. Lange konnte ſie ſich nicht entſchließen, die dunkeln Vorhaͤnge des Bettes außeinander zu ziehen, immer fuͤrchtend, dort einen verbor⸗ genen Feind zu finden. Endlich gewann ſie es uͤber ſich, und nachdem ſie ſich Kberzeugt hatte, daß es leer ſei, betete ſie inbruͤnſtig zu Gott, ſie zu ſchuͤtzen und ihr beizuſtehen, warf ſich dann mit ihren Kleidern auf die Lagerſtaͤte, wo ein ſanfter Schlummer die ſchauderhaften Bilder des Tages von ihr entruͤckte, ſo daß ſie erſt ſpaͤt am andern Morgen erwachte. Ihr erſter Gang war ans Fenſter, um in die Gegend zu ſchauen. Der Wachthurm lag auf Der⸗a ßerſten Spitze des Vorgebirges und hatte “ lusſicht aufs Meer, welches, nach allen Rich⸗ in ſich bis ins Unendliche zu⸗ erſtrecken ſchien it freundlichem Glanze ſtrahlte die Sonne auf die tanzenden Wogen und vergoldete die flatternden Segel. Ein froͤhliches Getoͤſe erhob ſich uͤberall; die ganze Oberflaͤche des Waſ⸗ ſers war mit kleinen Schiffen und Fiſcherkaͤhnen 2* 173 bedeckt, welche emſig beſchaͤftigt ſchienen, ihrem Geſchaͤfte zu folgen, ſelbſt die See⸗Vögel ſtimmten der allgemeinen Freude und Thaͤtigkeit bei, indem ſie von Fels zu Fels fliegend und ſich dann wieder den Wogen naͤhernd, ihr Gefieder froͤhlich in die ſalzige Fluth tauchten.— Aber ſogar dieſer herrliche Anblick der belebten Natur war nicht im Stande, Angelica's Herz zu erhei⸗ tern, die nur dadurch an gluͤcklichere Tage er⸗ innert, ſtill weinend ihre traurige einſame Ge⸗ genwart beklagte. Sie gedachte ihres geliebten Bruders und des Schmerzes, den er uͤber ihr Verſchwinden empfinden wuͤrde, kein ſuͤßer Strahl der Hoffnung ging ihr auf, daß es in ſeiner Macht ſeyn wuͤrde, ſie aus den Haͤn⸗ den ihres unbekannten Feindes zu befreien; ja es ſchien ihr eine Unmoͤglichkeit, daß er je den Ort ihres Aufenthaltes ausfinden koͤnne. Aus dieſen traurigen Betrachtungen ward Angelica durch Beatrix geſtoͤrt, welche das Fruͤh⸗ ſtuͤck brachte und ſich mit forſchendem Tone erkun⸗ digte, wie ſie die Nacht zugebracht habe? Ange⸗ lica verſicherte, ſie habe ruhig geſchlafen, und waͤhrend ſie ihr einfaches Fruͤhſtuͤck verzehrte, 3 a fragte ſie ſie, ob es ihr nicht erlaubt ſeyn wuͤrde ſich aus dieſem Zimmer mehr ins Freie zu be⸗ geben? In dieſer Hinſicht habe ic, keinen beſtime⸗ ten Befehl erhalten, erwiderte die Alte, und es ſteht euch alſo frei, im Thurm herumzugehen, welcher indeſſen nicht von großem Umfange iſt. Die unbeſchreibliche Anmuth, mit welcher An⸗ gelica fuͤr dieſe Erlaubniß dankte, ruͤhrte ſogar das gefuͤhlloſe Herz der Alten, die in milderem Tone hinzuſetzte: daß ſich in einem anſtoßenden Kabinette auch noch einige alte Buͤcher befaͤnden, deren ſie ſich bedienen koͤnne, auch glaube ich, fuhr ſie fort, muß noch irgendwo im Thurme eine Laute ſeyn, die ich euch bringen werde, wenn es euch Vergnuͤgen macht. Sobald Beatrix hinaus war, ſah Angelica gleich nach den Buͤchern, die aus einigen Theilen alter provenzialiſcher Balla⸗ den und Romanzen beſtanden, auf deren Um⸗ ſchlage man abſichtlich den Namen des Eigners verloͤſcht zu haben ſchien. Bald brachte Beatrix auch die Laute herbei, und ſo beſchaͤftigt, ſchwan⸗ den ihr die langen Stunden etwas leichter da⸗ hin. 175 Mehrere Tage vergingen auf die naͤmliche Weiſe; bald las ſie, bald lockte ſie ſchwermuthi⸗ ge Toͤne aus ihrer Laute und beſuchte dann wie⸗ der jeden Theil ih er neuen Wohnung, wodurch ſie immer mehr it ihrer erſten Vermuthung be⸗ ſtarkt wurde, daß dieß Gebaͤude urſpruͤnglich zu einem Wachthurm errichtet worden ſei. Das Ganze des Innern beſtand aus ſechs Gemaͤchern, von denen drei nur nothduͤrftig mit Hausgeraͤth verſehen waren. Die uͤbrigen befanden ſich voͤl⸗ lig leer und dienten den Eulen, Fledermaͤuſen und andern Thieren der Art, zum Aufent⸗ halte. Um das Dach des Thurmes lief eine Art von offener Gallerie, welche wol fruͤher zum Beob⸗ achtungs⸗Platz beſtimmt geweſen war, und hier brachte Angelica den groͤßten Theil ihrer Zeit zu, nicht allein um friſche Luft zu ſchoͤpfen, ſondern weil ſie von hieraus die Ausſicht auf die Berge er Provence hatte, wohin alle ihre Gedanken und Wuͤnſche gerichtet waren. In dieſem Anblicke verloren, ſchien ihr ſogar das Elend ihrer Gefan⸗ genſchaft weniger furchtbar. . 476 Bei ihrer erſten Unterſuchung des Thurms, hatte ſie noch immer die ſtille Hoffnung genaͤhrt, irgend ein Mittel zur Flucht auszufinden; aber nur zu bald uͤberzeugte ſie ſich von der Wahrheit der Behauptung Beatrix, daß dieß unmoͤglich ſei. Das Gebaͤude war nur nach der See⸗Seite bewohnt, und die Kuͤſten⸗Seite war durch Na⸗ tur und Kunſt ſo ſtark verwahrt, daß jeder Ver⸗ ſuch, es ohne Huͤlfe von außen zu verlaſſen, un⸗ moͤglich ſchien. Nun auch dieſer einzigen, ſchwa⸗ chen Hoffnung beraubt, mußte ſich Angelica ſtill in ihr Schickſal ergeben, welches ihr, weil ſie den Urheber ihrer Qual nicht herausbringen konn⸗ te, noch beunruhigender und widerlicher ward. Valcourts Abweſenheit vom Thurme ließ ſie kei⸗ nen weitern Verdacht in ſeine Theilnahme an dem Verbrechen ſetzen, und ſich keines andern Feindes bewußt, konnte ſie den Grund ihrer Ge⸗ fangennehmung nicht begreifen. Alle Verſuche, von Beatrix daruͤber einige Auskunft zu erhalten, blieben fruchtlos; nur den Namen ihres gegen⸗ waͤrtigen Aufenthalts lernte ſie einmal zufaͤllig kennen; man nannte ihn St. Cuthbert s⸗Thurm, 4 und die Alte ſowohl, als ihr Mann, waren durch 177 einen Edelmann, auf deſſen Grund und Boden das Gebaͤude lag, als Aufſeher hierhergeſetzt. Wie dieſer Edelmann aber hieß, konnte Angelica nicht erfahren; uͤberhaupt herrſchte oft in den Reden der Alten ſo viel Geheimnißvolles, daß gewiß einmal irgend eine außerordentliche Bege⸗ benheit in dieſem Thurme vorgefallen ſeyn mußte, bei welcher Beatrix die Hand mit im Spiele ge⸗ habt hatte; aber aus den Winken, die Angelica oͤfterer daruͤber vernahm, ſah ſie wohl, daß die damit verknuͤpften Umſtaͤnde zu ſchauderhaft waͤ⸗ ren, um jemals enthuͤllt werden zu koͤnnen. — 44 s Zehntes Kapitel. Beinahe eine volle Woche hatte Angelica ſchon in dieſem einſamen Gefaͤngniſſe zugebracht, als ſie eines Morgens bei offner Thuͤr in ihrem Zimmer ſaß, und auf einmal einen Herrn her⸗ eintreten ſah, in welchem ſie ſogleich den Mar⸗ quis von Montrieul erkannte. Unfaͤhig, vor Schre⸗ cken und Erſtaunen ein Wort hervorzubringen, 1. 12 178 erwartete ſie zitternd das Naͤhertreten des Mar⸗ quis, der, indem er ſich auf einen ihr gegenuͤ⸗ ber ſtehenden Stuhl warf, einige Augenblicke mit ernſtem Blick ihre liebliche, obgleich blaſſe Geſtalt betrachtete. Mein Fraͤulein, rief er end⸗ lich aus, ihr werdet ohne Zweifel erſtaunen, wenn ihr hoͤret, daß ich es bin, auf deſſen Be⸗ fehl ihr hier in Verwahrſam gebracht worden ſeid; ich will es auch nicht verſuchen, einen Schritt zu entſchuldigen, den nur die aͤußerſte Nothwendigkeit rechtfertiget; aber nur von euch haͤngt es ab, dieſe Gefangenſchaft zu beendi⸗ gen, denn, ſobald ihr in meine Vorſchlaͤge wil⸗ ligt, ſeid ihr frei. 8 Da Angelica keine Silbe erwiderte, fuhr der Marquis fort: Es wuͤrde unndthig ſeyn, irgend ein Wort weiter uͤber die Heftigkeit der Leidenſchaft zu verlieren, welche mein Sohn fuͤr euch fuͤhlt, da ihr nur zu wohl mit ihr be⸗ kannt ſeid. Es mag genug ſeyn, wenn ich euch ſage, daß ich jetzt voͤllig uͤberzeugt bin, es ſei nicht, wie ich fruͤher dachte, nur das Aufbrau⸗ ſen einer jugendlichen Einbildung in ihm, ſondern eine feſt gewurzelte Neigung ſeines Herzens, 179 welche die verzweiflungsvollſten Mittel heiſcht, um ſie aus demſelben zu vertilgen. Da ich nun nimmer, auch wenn Valcourts Hand frei waͤre, meine Einwilligung zu einer Verbindung unter ſeinem Stande geben wuͤrde, ſo verlangt im gegenwaͤrtigen Falle ſowohl mein eigenes Intereſſe, als meine Ehre, daß ſeine Bekannt⸗ ſchaft mit euch gaͤnzlich abgebrochen werde. Dieß zu bewirken, werde ich kein Mittel, ſelbſt nicht das ſcheinbar ungerechteſte, ſcheuen, und es bleibt alſo nun euch uͤberlaſſen, meinen Entſchluß zu beſtimmen, der ſich voͤllig nach eu⸗ rem Betragen richten wird. Verzeiht, wenn ich euch unterbreche, gnaͤ⸗ diger Herr, fiel Angelica ein; aber es ſcheint mir noͤthig, euch daran zu mahnen, daß des Chevaliers Antraͤge nie meinen Beifall erhiel⸗ ten, ſondern gaͤnzlich von mir verworfen wor⸗ den ſind. Wenn dem auch ſo iſt, erwiderte der Mar⸗ quis mit einem zweifelhaften Tone, gehoͤrt das doch jetzt nicht zur Sache; was auch immer eu⸗ re Geſinnungen ſeyn moͤgen, ſo iſt die Nei⸗ gung meines Sohnes einmal hartnaͤckig auf euch 12* 180 gerichtet, und nichts als die vollkommne Ueber⸗ zeugung, daß ihr durchaus fuͤr ihn verloren ſeid, kann ihn dazu vermoͤgen, dieſe ungluͤckli⸗ che Leidenſchaft aufzugeben und der Gemahl ei⸗ ner andern zu werden. Er hat mir erklaͤrt, daß ſelbſt nicht der entfernteſte Himmelsſtrich ihn von euch trennen koͤnne, und es giebt nur ein Mittel, ihn aller Hoffnung zu berauben, in welches ihr willig eingehen, oder euch be⸗ quemen muͤßt, den Reſt eurer Tage in dieſen Mauern eingekerkert zu bleiben. Und welches Mittel waͤre dieß? fragte die zitternde Angelica. Euch augenblicklich in ein Kloſter zu bege⸗ ben, und durch die Annehmung des Schlei⸗ ers euch auf immer unwiderruflich von Valcourt zu trennen. Mein Vermoͤgen und meine Fuͤrſprache werden euch eine guͤnſtige Aufnahme in einem der vornehmſten Kloͤſter ſichern, und ſobald ihr das Geluͤbde abgelegt habt, will ich meinen Einfluß geltend machen, alle nur moͤgliche Ehre dieſes Standes fuͤr euch zu erhalten. Auch wird meine Freundſchaft es hierbei noch nicht bewenden laſſen; euer Bru⸗ 181 der, den ich mit eurer Lage bekannt machen werde, ſoll ſich gleichfalls meiner Gunſt erfreu⸗ en, und mein Rang und Anſehen werden hin⸗ reichend ſeyn, ihm in unſerm Lande eine Stelle zu verſchaffen, die ſeinen Wuͤnſchen angemeſſen iſt. Dieß, fuhr der Marquis fort, ſind meine Vorſchlaͤge; eure Einwilligung wird nun euer eigenes und das Gluͤck eines geliebten Bruders ſichern; im entgegengeſetzten Falle aber, bleibt ihr auf ewig in dieſen Mauern eingeſchloſſen, wo keine andere Huͤlfe moͤglich iſt, da niemand eure Anweſenheit hier ahnet. Gerechter Himmel, rief Angelica aus, wo⸗ mit habe ich dieß ſchwere Schickſal verdient? Gnaͤdiger Herr, fuͤgte ſie hinzu, ſich vor dem Marquis auf die Knie werfend, habt Mitlei⸗ den mit mir, und beſteht nicht auf eine ſo ſchreckliche Wahl. Vergoͤnnt mir, wieder zu meinem Bruder zu gehen, und wir wollen mit⸗ einander in den entlegenſten Welttheil fliehen, wo unſere Namen nie wieder euer Ohr errei⸗ chen werden; aber beraubt mich nicht der Frei⸗ heit, die das geringſte Thier genießt, und ohne welche das Leben keinen Reiz hat. 1 182 Nicht weiter, Angelica, unterbrach ſie der Marquis, alle eure Bitten ſind fruchtlos, und nichts kann meinen Entſchluß erſchuͤttern; noch einmal, euer Schickſal ſteht in euren eigenen Haͤnden! morgen verlaſſe ich den Thurm wie⸗ der, und waͤhrend der Zeit koͤnnt ihr meinen Vorſchlag in Erwaͤgung ziehen; nur huͤtet euch, den nicht zu eurem Feinde zu machen, der ger⸗ ne euch freundlich geſinnt werden moͤchte, und deſſen Mittel zur Rache ihr noch kaum ahnet. Ohne eine weitere Antwort zu erwarten, be⸗ gab der Marquis ſich ſchnell hinweg, und verließ Angelica in dem ſchrecklichſten Gemuͤthszuſtande. Das Furchtbare ihrer gegenwaͤrtigen Lage breitete ſich vor ihrem Blicke aus, und mit Grauſen nur konnte ſie an die traurige Wahl denken.— Da ſtellte ſich die Hoffnung, zwar nur als ſchwaches, entferntes Bild, aber doch als Troͤſterin vor ihre Seele, zeigte ihr die Moͤglichkeit, einſt vielleicht aus dieſen Mauern entweichen zu koͤnnen, und ſie beſchloß, eher alles zu wagen, als ſich durch Annehmung der Vorſchlaͤge des Marquis, auf immer in ein Kloſter zu begraben. Nachdem ſie dieſen Entſchluß gefaßt hatte, kehr⸗ te die Ruhe allmaͤhlich mehr in ihr Gemuͤth zu⸗ ruͤck, und ſie brachte den folgenden Theil des Tages damit zu, ſich mit der Feſtigkeit zu ruͤ⸗ ſten, die ihr zu den ihrer noch harrenden Pruͤ⸗ fungen nothwendig ſchien. Am naͤchſten Morgen trat der Marquis zu ihr ins Zimmer, und fragte mit ſtolzem Tone, was ſie beſchloſſen habe? Nie einen Vorſchlag anzunehmen, erwi⸗ derte ſie feſt, der mich auf immer aller Hoff⸗ nung der Freiheit beraubt. Unbeſonnenes Maͤdchen, rief der Marquis veraͤchtlich, und du zitterſt nicht, meine Rache durch deinen Eigenſinn zu reizen? Ich fuͤrchte nichts, verſetzte Angelica; eure Rache kann nur mein Leben bedrohen, und ein Leben, in ewigem Zwange dahin geſchmachtet, fern von denen die wir lieben, iſt kaum der Er⸗ haltung werth. Ich bitte nicht um eure Gunſt; nur die Freiheit verlange ich von euch zuruͤck, deren ihr mich ungerechter Weiſe beraubt habt, und obgleich ihr, indem ihr ſie mir wieder 3 ſchenkt, nur eure Pflicht thut, will ich es ewig — 184 dankbar von euch erkennen. Gnaͤdiger Herr, fuhr ſte in einem ſanfteren Tone fort, ſchlagt mir meine Bitte nicht ab! es iſt grauſam und unmaͤnnlich, ein huͤlfloſes, unbeſchuͤtztes Weſen ſo zu verfolgen. Gebt mir Freiheit und Freun⸗ de wieder, und nie werdet ihr Urſache haben, eure Großmuth zu bereuen. Verſchwendet nicht weiter die Beredſamkeit eurer Zunge, ſagte der unerbittliche Marquis; ich kenne zu gut die Treuloſigkeit eures Ge⸗ ſchlechts, um den Verſicherungen eines Weibes zu trauen, und es giebt hier nur zwei Faͤlle; ihr williget entweder in meine Vorſchlaͤge, oder tragt die Folgen eures Eigenſinns. Mein Entſchluß ſteht feſt, erwiderte Ange⸗ lica, und bin ich denn beſtimmt, den noch ubrigen Theil meines Lebens in dieſen ſchreck⸗ lichen Mauern zuzubringen, ſo moͤge der Him⸗ mel mir Kraft geben, mein trauriges Schickſal mit Ergebung zu tragen. Thoͤrigtes Maͤdchen, rief der Marquis aus, zu ſpaͤt wirſt du deine Hartnaͤckigkeit bereuen! und ohne weitere Antwort zu erwarten, eilte er aus dem Gemache, indem er im Fortgehen noch 185 Verwuͤnſchungen gegen ſein ſchuldloſes Opfer ausſtieß, das ſich im ſtolzen Bewußtſeyn freute, von dem unwillkommenen Gaſte befreiet zu wer⸗ den. Nur zu bald aber hatte ſie Gelegenheit, die Hand ihres Feindes zu fuͤhlen. Strenger als je ward ſie bewacht; der kleine Reſt der vorher genoſſenen Freiheit ward ihr entzogen, und voͤllig auf ihr Zimmer beſchraͤnkt, brachte ſie die Stunden in ſchwermuͤthiger Einſamkeit hin. Beatrix erſchien nie, als wenn ſie ihr das Eſ⸗ ſen auftrug, und die Furcht vor ihrem Gebieter ſchien ſie von aller Aeußerung des Mitleids zu⸗ ruͤckzuhalten, welches ſie fuͤr Angelica fuͤhlte. Des Genuſſes der freien Luft und der Bewe⸗ gung beraubt, immerwaͤhrendem Kummer hinge⸗ geben, bleichten die Roſen der Jugend und Geſundheit auf den Wangen unſerer Heldin, ja es ſchien, als wenn der Wurm, der in ihrem Innern nagte, bald ihren zarten Koͤrperbau zer⸗ ſtoͤren und ihren Sorgen ein Ende machen wuͤr⸗ de. Nur zu wohl bemerkte Beatrix die Ver⸗ aͤnderung, welche in ihrer ſchoͤnen Gefangenen vorging, und eines Morgens, nachdem ſie ſie — 186 lange forſchend betrachtet hatte, fragte ſie: ob ſie krank ſei? 4 Ich kann uͤber kein beſtimmtes Uebel klagen, er⸗ widerte Angelica ſanft; aber ich fuͤhle mich ſchwach und hinfaͤllig, welches vermuthlich aus der Ein⸗ geſchloſſenheit kommt, in welcher ich leben muß. Beatrix ſchwieg einige Minuten ſtille, als ſtrebe ſie, die Bewegungen ihres Gemuͤths zu unterdruͤcken; endlich ſagte ſie: weiß ich doch wahrhaftig ſelbſt nicht, woher es kommt, Fraͤulein; aber ich nehme ſolch einen Antheil an euch, wie ich noch nie an dem Schickſal irgend eines Weſens genommen habe, und es wuͤrde mir unbeſchreibliches Vergnuͤgen machen, euch dienen zu koͤnnen; aber waͤre es auch moͤglich, euch zur Flucht behuͤlflich zu ſeyn, ſo koͤnnte dieß doch nicht ohne das Mitwiſſen meines Mannes geſchehen, der dem Marquis ſo ſehr ergeben iſt daß er allen ſeinen Befehlen blindlings gehorcht. Doch moͤchte ich ſo gerne etwas zur Erleichterung eurer gegenwaͤrtigen La⸗ ge beitragen, und da ich wohl begreife, wie widrig euch der enge Gewahrſam ſeyn muß, in dem ihr jetzt gehalten werdet, ſo uͤbergebe ich euch ———— ʒ;— —— — 187 hier den Schluͤſſel zu eurer Stube, der euch in den Stand ſetzet, ſie nach Gefallen zu verlaſ⸗ ſen; aber ihr muͤßt mir verſprechen, dieß nie vor Anbruch der Nacht zu thun, denn wenn mein Mann erfaͤhrt, was ich gethan habe, moͤchte ich nicht fuͤr die Folgen ſtehen. „Mit Thraͤnen der Freude und Ausdruͤcken des waͤrmſten Dankes, nahm Angelica den Schluͤſſel an, und der Gedanke, von nun an wieder einen hoͤheren Grad von Freiheit zu genie⸗ ßen, ſchien neues Leben uͤber ihre abgehaͤrmte Ge⸗ ſtalt zu verbreiten. Sobald nun Rufus zu Bette war, ſchlich ſie ſich leiſe aus ihrem Gemache und be⸗ gab ſich nach ihrem Lieblings⸗Aufenthalte, oben auf dem Thurm; vorſichtig hatte ſie aber eine „Lampe in einem der verlaſſenen Zimmer ſtehen laſſen. Der Abend war kalt und duͤſter; der von Wolken umhuͤllte Mond warf nur zuweilen matte Lichter auf die vom Winde bewegten Wo⸗ gen, welche in traurigem, eintoͤnigem Klange ge⸗ gen die Felſen ſchlugen. Mit einer Art von Freu⸗ de betrachtete Angelica dieß Schauſpiel der Na⸗ tur vor ſich, welches voͤllig mit ihren Gefuͤhlen 1— 188 uͤbereinzuſtimmen ſchien, und den Schleier feſter um ſich zuſammenziehend, ſetzte ſie ihren Spa⸗ tziergang auf der Gallerie fort. Waͤhrend nun ihre Gedanken bald im geliebten Vaterlande, bald bei Oscar weilten und Thraͤnen ſuͤßen Kum⸗ mers bei dieſen theuren Erinnerungen aus ihren Augen fielen, glaubte ſie, in kurzen Zwiſchenraͤu⸗ men, in denen der Wind weniger brauſte, den Ton einer Saite zu vernehmen, der durch die Luͤfte zu ihr heruͤberſchallte und dann wieder all⸗ maͤlig dahin ſchwand. Glaubend, daß eine lieb⸗ liche Taͤuſchung ſie umgebe, nahete ſie ſich dem Gelaͤnder, lehnte ſich hinuͤber und horchte mit aͤngſtlicher Erwartung dem wiederkehrenden To⸗ ne; nach einer kurzen Pauſe hoͤrte ſie den Klang wieder ſo deutlich, daß ſie uͤberzeugt ward, es ſei kein Spiel ihrer Phantaſie. Tief und ſchwer⸗ muͤthig, als Grab⸗Gelaͤute toͤnte es zu ihr heruͤ⸗ ber, und hingeriſſen von der Begeiſterung ihrer Gefuͤhle, waͤhnte ſie etwas Ueberirdiſches zu ver⸗ nehmen; ja, rief ſie aus, indem ſie das bethraͤn⸗ te Auge zum Himmel hob, dieſe heiligen Toͤne kommen von guten Geiſtern, um die Sorgen in der Bruſt eines irdiſchen Weſens zu ſtillen, das — 189 allein und verlaſſen, alles Erden⸗Troſtes be⸗ raubt, daſteht. Wohl ſoll es den abgeſchiedenen Freunden zuweilen vergoͤnnt ſeyn, uns Kunde von unſerm bevorſtehenden Schickſale anzudeuten, und vielleicht rufen meine theuren Eltern durch dieſe Sphaͤren⸗Toͤne ihrem verlaſſenen Kinde zu, daß es bald Theil haben werde an der Verklaͤrung, die ſie umgiebt. So ſchwermuͤthig dieſer Gedanke auch war, ſo verbreitete er doch Seligkeit uͤber Angeli⸗ ca'’s Seele, und als der Ton ſchon lange ver⸗ hallt war, ſtand ſie noch eine Weile bewegungs⸗ los da, bis ſie ſich endlich ſchnell von der Stelle losriß, gedankenvoll in ihre Stube zuruͤckkehrte und ſich auf das Bett warf, wo noch in ſuͤßen Traͤumen die Bilder der letzten Stunden in leb⸗ haften Farben vor ihrer Phantaſie ſchwebten. Als am folgenden Morgen Beatrix das Fruͤh⸗ ſtuͤck auftrug, erzaͤhlte Angelica ihr den Vorfall. Heilige Jungfrau, rief die Alte aus, indem Tod⸗ ten⸗Blaͤſſe ihr Geſicht uͤberzog, ſollte es moͤglich ſeyn! Durch dieſe Worte in Erſtaunen geſetzt, ſuch⸗ te Angelica Aufſchluß daruͤber zu erhalten., Ach⸗ 190 Fraͤulein, erwiderte jene, der naͤmliche Klang, deſſen ihr erwaͤhnt, iſt ſchon vor einigen Jah⸗ ren gehoͤrt worden, und wir alle wiſſen gar wohl, woher er kommt. Nie werde ich den Au⸗ genblick vergeſſen, da ich ihn zum erſten Mal hoͤrte; aber das iſt nun vorbei, und die Zeit hat mich ſo daran gewoͤhnt, daß ich nichts mehr dabei denke. Welcher Menſch koͤnnte ſich aber einen ſo venlcſſenen Ort als St. Cuthberts⸗Thurm waͤh⸗ len, um ſeine Kunſt zu uͤben? fragte Angelica weiter. Nein, ein Menſch iſt das auch nicht ver⸗ ſetzte die Alte, ſondern der Geiſt einer ſehr un⸗ gluͤcklichen Dame, der im Thurme umgeht und oft in dieſe Toͤne ausbricht, wovon ihr ſo bezau⸗ bert ſied. Was haſt du fuͤr Urſache, das zu denken, Muͤtterchen? Gar viele.— Asber um Gotteswillen bringt nicht weiter in mich, denn ich darf auf dieſe Fragen nicht antworten— und um in keine weitere Verſuchung zu gerathen, ſchluͤpfte die Alte nach dieſen Worten ſchnell 191 zur Thuͤr hinaus und uͤberließ Angelica'n ih⸗ rem eigenen, weiteren Nachdenken. Obgleich ſie nun freilich Beatrix Meinung nicht blind⸗ lings annahm, beſtaͤrkte ſie doch alles in der Vermuthung, daß irgend eine Greuelthat ein⸗ mal im Thurme vorgegangen ſeyn mußte, und ſie ſchauderte bei dem bloßen Gedanken daran. Eine gewiſſe Art von Furcht hielt ſie auch waͤhrend einiger Abende ab, die Gallerie wieder zu beſuchen; aber endlich ſiegte die Begierde nach Bewegung und freier Luft, und ſie kehrte doch wieder nach dem Platze zuruͤck, wo ſie dieſe al⸗ lein genießen konnte. Kaum war ſie kurze Zeit dageweſen, als ihr Ohr aufs Neue von den bekannten Toͤnen beruͤhrt ward. Schon wollte ſie fliehen; aber der Gedanke, daß dieß geiſterartige Weſen ihr nichts Nachtheiliges wollen koͤnne, hielt ſie zu⸗ ruͤck. Sie nahete ſich wieder der Baluſtrade und ſetzte ſich auf einen Vorſprung der Mau⸗ er. Die Toͤne erhoben ſich aufs Neue, und ſchienen ihr dießmal eher von irgend einem Menſchen, als von Geiſtern herzuruͤhren. In dieſer Vermuthung ward Angelica bei jedem neu⸗ en Beſuche der Gallerie beſtaͤrkt, und bald ver⸗ lor ſich alle vormalige Furcht ſo ſehr, daß ſie ſehnlich die Stunde herbeiwuͤnſchte, in der es ihr vergoͤnnt war, dem mitternäͤhtlichan Saͤn⸗ ger zuzuhoͤren. Eilftes Kapitel. Langſam ſchlichen Angelica's Tage in der traurigen Einſamkeit von St. Cuthberts⸗ Thurm dahin, und ſo wie nach und nach in ihrer Bruſt die Hoffnung zum Entkommen ſchwand, ergab ſich ihr Gemuͤth immer mehr dem Kleinmuth. Unaufhoͤrlich weilten ihre Ge⸗ danken bei dem Schmerz, den Oscar uͤber ih⸗ ren Verluſt empfinden wuͤrde; ja oft war al⸗ le ihre Kraft kaum hinreichend, ſie, bei der ſchrecklichen Ausſicht einer immerwaͤhrenden Ge⸗ fangenſchaft, aufrecht zu erhalten. Eines Abends war ihr Gemuͤth vorzuͤglich niedergeſchlagen; ſchwermuͤthige Lieder eines italiaͤniſchen Dichters, den ſie las, vermehrten dieſe Stimmung noch in ihr. Die Nacht war 193 wieder finſter und ſtuͤrmiſch, herbſtliche Win⸗ de, welche durch den verlaſſenen Thurm heul⸗ ten, ſchienen uͤber das ungluͤckliche Geſchick der Gefangenen zu wehklagen. Ganz uͤber⸗ waͤltigt von Schmerz, warf ſie endlich das Buch an die Seite, brach in Thraͤnen aus, und ging mit heftigen Schritten im Zimmer auf und nieder, als ſie jemand die Treppe beraufſteigen hoͤrte. Ein, zu der Stunde ſo ungewoͤhnlicher Umſtand(denn es war nach Mitternacht) beunruhigte Angelica, die, mir den Augen auf die Thuͤr geheftet, in aͤngſtii⸗ cher Erwartung daſtand, als dieſe leiſe geoff⸗ net ward und der Chevalier Valczurt herein⸗ trat. Erſchrocken ſank Angelica auf den naͤch⸗ ſten Stuhl, waͤhrend Valcourt ſich zu ihren Fuͤ⸗ ßen warf und mit der lebhafteſten Freude aus⸗ rief: e re. Angebetete Angelica! habe ich dich endlich wiedergefunden? Auf den Ton ſeiner Stimme, hob ſie das Haupt wieder in die Hoͤhe; ſeit langer Zeir gänzlich den ſuͤßen Worten der Freundſchaft und des Mitleids entwoͤhnt, unterlag ihr ſchwa⸗ I. 13 194 cher Geiſt dieſem lieblichen Klange; wei⸗ nend ſank ſie auf Valcourts Schulter. Doch nur wenige Minuten bedurfte es, ſie wieder zur Beſinnung zu bringen, und ſich ſchnell ſeiner Umarmung entwindend, fragte ſie: welcher Zufall ihn an den Ort ihrer Verbannung gge⸗ bracht habe? Ach, Angelica, rief Valcourt, du ahneſt nicht, was ich ſeit deinem Verſchwinden von Rochemond gelitten habe! meine Naͤchte ſind unter Thraͤnen, und meine Tage in fruchtloſen Nachforſchungen verfloſſen, bis endlich die Lie⸗ be ſich meiner Qualen erbarmte und meine wan⸗ dernden Schritte nach St. Cuthberts⸗Thurm lei⸗ tete, um meine theure Angelica aus der Macht ihres fuͤhlloſen Tyrannen zu befreien. Aber mein Bruder, rief Angelica, Val⸗ courts Worte unterbrechend, um Gotteswillen, Chevalier, ſagt mir, was iſt aus meinem ge⸗ liebten Oscar geworden? Er iſt wohl, erwiderte jener ſchnell, ob⸗ gleich untroͤſtlich uͤber eure Abweſenheit; aber ſo theuer er auch eurem Herzen ſeyn mag, iſt dieß doch kein Augenblick, ſich mit Fragen auf⸗ 195 zuhalten; ich bin gekommen euch zu befreien, und ehe es tagt, muͤſſen wir ferne von dieſem ſchrecklichen Orte ſeyn. Waͤhrend einiger Augenblicke waren Thraͤ⸗ nen Angelica's einzige Antwort; ſie warf ſich zu des Chevaliers Fuͤßen und verſuchte, in unzu⸗ ſammenhaͤngenden Worten ihren Dank auszu⸗ druͤcken. Valcourt hob ſie auf und erwiderte mit ſichtlicher Verwirrung: ihr ſchlagt den klei⸗ nen Dienſt zu hoch an, Angelica; aber es iſt nicht mein Wille, euch zu taͤuſchen. Freilich kam ich hierher in der Abſicht, euch zu befreien, doch leugne ich nicht, daß eine Bedingung damit ver⸗ bunden iſt: gebt mir euer feierliches Verſprechen, in dem Augenblicke da wir außerhalb dieſer Mau⸗ ern ſind, die Meinige zu werden, und ihr ſeid in wenigen Minuten frei. Bise Wenn ich nur um dieſen Preis meine Frei⸗ heit erkaufen kann, ſo entſage ich ihr auf ewig, verſetzte Angelica; weder Zeit noch Schickſal ha⸗ ben im geringſten meine Geſinnungen veraͤndert, und ſo furchtbar mir die Ausſicht einer immer⸗ waͤhrenden Gefangenſchaft auch iſt, ziehe ich ſie doch der Verbindung mit einem Manne vor, den 13* 196 ich weder lieben noch achten kann. Als mein Be⸗ freier wuͤrdet ihr euch ein dauerndes Recht an meine Freundſchaft und Dankbarkeit erwerben, in jeder andern Beziehung aber ſeid ihr mir voͤl⸗ lig gleichguͤltig. 3 Angelica, rief Valcourt heftig aus, bringe mich nicht durch deine Unerbittlichkeit zur Ver⸗ zweiflung! iſt es moͤglich, daß du ſo bethoͤrt, ſo blind gegen dein eigenes Gluͤck ſeyn kannſt, ein ſo elendes Leben der Verbindung mit einem Man⸗ ne vorzuziehen, der dich uͤber alles liebt?— Nein, Angelica, zu dieſer unerſchuͤtterlichen Feſtigkeit iſt kein Weib faͤhig, wenn es nicht durch einen noch ſtaͤrkern Beweggrund dazu gebracht wird⸗ Du liebſt!— und um eines Geliebteren wil⸗ len, biſt du allein im Stande, Freiheit, Gluͤck und vielleicht ſogar dein Leben zu verſchleudern! Ihr irrt, Chevalier, erwiderte Angelica, in⸗ dem eine hohe Roͤthe des beleidigten weiblichen Gefuͤhls ſich uͤber ihre blaſſe Wange verbreitete; nicht dieſes Beweggrundes bedarf es bei mir, ſtandhaft auf mein Nein zu beharren. Nie wird Angelica ihre Hand ohne ihr Herz verſchen⸗ ken, und nie kann ſie das heilige Ja dem Man⸗ 197 ne ausſprechen, der ſie einſt durch die entehrend⸗ ſten Vorſchlaͤge herabwuͤrdigte. Vergebens drang Valcourt nach dieſen Wor⸗ ten noch weiter in ſie; vergebens beſchwor er ſie, ſeine Liebe fuͤr wahrhaft anzuerkennen, das Ver⸗ gangene zu vergeſſen und die Opfer zu wuͤrdigen, die er entſchloſſen waͤre, ihres Beſitzes halber zu bringen; ſie beharrte bei ihrer Bitte, wenn er nicht im Stande ſei, ſich ihrer großmuͤthig und uneigennuͤ⸗ tzig als Freund anzunehmen, alle andere Gedan⸗ ken an ſie aufzugeben und ihrer ganz zu vergeſſen. Der Chevalier dadurch aufs aͤußerſte zur Ver⸗ zweiflung gebracht, erwiderte einen Augenblick nichts, dann ſtand er ploͤtzlich von ſeinem Sitze auf, ging mit haſtigen Schritten im Zimmer auf und nieder, waͤhrend ſchwere Seufzer aus ſei⸗ nem Buſen drangen, und ſeine wilden, unſtaͤten Blicke auf Angelica gerichtet waren, die blaß und weinend ſeine Bewegungen mit ſteigender Angſt anſah. Ploͤtzlich rief er aus: Angelica, ich kann den Gedanken, euch zu beſitzen, nicht aufgeben, und hier ſchwoͤre ich beim Himmel, wenn ihr ferner noch euer Weigern hartnaͤckig fortſetzt, ſo 198 ſoll dieſer Augenblick unſer beider Leben ein En⸗ de machen! Waͤhrend dieſer Worte hatte er einen Dolch aus dem Buſen gezogen und hielt ihn drohend uͤber die zitternde Angelica, welche ſich auf die Knie werfend, bat, ihrer zu ſchonen. Nur auf eine Bedingung, rief er im ſchau⸗ derhafteſten Tone; verſprich, fuͤr mich zu leben, oder wir ſterben miteinander! und noch einmal zuckte er den Dolch auf ſein huͤlfloſes Opfer, als ploͤtzlich der Klang der mitternaͤchtlichen Muſik ſich hoͤrbar vernehmen ließ und das ganze Zim⸗ mer mit klaren, ſankten Accorden zu fuͤllen ſchien. Horcht! rief Angelica dem erſtaunten Cheva⸗ lier zu, vernehmt ihr nicht dieſe Toͤne? ſie rufen mich fort, fort— indem raffte ſie ſich auf, ſtuͤrzte aus dem Zimmer und eilte mit ſolcher Schnelligkeit nach der Gallerie, daß ſie dort bewußtlos zu Bo⸗ den ſank. Jedoch brachte die Friſche der Abend⸗ luft ſie bald wieder ins Leben zuruͤck; als ſie die matten Augenlieder in die Hoͤhe hob, ſahe ſie ſich nach Valcourt um, deſſen Bild, gleich einer ſchrecklichen Erſcheinung, noch immer 199 vor ihren aufgeregten Sinnen ſtand; aber nichts erblickte ſie, als die von den Strahlen des Mondes ſchwach beleuchteten Waͤnde des Thurms, und nur das Rauſchen der entfernten Wellen drang durch die tiefe Stille der Nacht. Vergebens horchte ſie aͤngſtlich auf, ob ſich ihr auch Fußtritte naheten, und endlich uͤberzeugt, daß der Chevalier nicht den Ort entdeckt haͤtte, wohin ſie geflohen ſei, hielt ſie es fuͤr das rath⸗ ſamſte, den noch uͤbrigen Theil der Nacht hier zu bleiben. Dichter zog ſie den Schleier um ſich zuſammen, und brachte nun die Stun⸗ den bis zum Morgen unter freiem Himmel zu; als aber die Strahlen des Lichtes den oͤſtlichen Horizont vergoldeten, wagte ſie es, wieder in ihr Zimmer zuruͤckzukehren. Sie fand es leer, und nachdem ſie die Thuͤre feſt verſchloſſen hat⸗ te, warf ſie ſich auf das Bett und fiel, gaͤnz⸗ lich erſchoͤpft, in einen tiefen Schlaf, aus dem ſie erſt ſpaͤt am Tage wieder erwachte; doch fuͤhlte ſie ſich nicht erquickt; der Kopf brannte und Fieberſchauer durchzuckten ihren ganzen Koͤrper. Kaum faͤhig ſich aufrecht zu erhalten, wollte ſie eben verſuchen, von dem Fruͤhſtuͤck et⸗ A 200 was zu genießen, welches Beatrix ihr herein; brachte; als die Thaͤre ſich offnete und Val⸗ court vor ihr ſtand.— Laut aufſchreiend bei ſeinem Anblicke, ergriff ſie Beatrixens Arm und klammerte ſich feſt an dieſe, welcher aber der O Che⸗ valier befahl, das Zimmer zu verlaſſen. Um Gotteswillen, verlaßt mich nicht, rief die zitternde Angelica ihr zu; aber Valcourt wiederholte mit gebieteriſcher Stimme ſeinen Befehl, und die Alte gehorchte. Nun warf er ſich zu ihren Fuͤßen, bat ſie, ihm zu verzeihen, klagte ſich der Tollheit an, verſicherte aber, daß nur die Liebe zu ihr und ein ganz anderer Empfang, wie er ſich ihn ih⸗ rerſeits gedacht haͤtte, ihn bis zu dem Grad der Naſevei habe bringen koͤnnen. Endlich erwiderte Angelica mit kaum hoͤr⸗ barer Stimme: ich vergebe euch, Valcourt; aber nur unter der Bedingung, daß ihr mich augenblicklich verlaßt, denn ich fuͤhle mich ſehr krank, und wenn ihr irgend eines Erbarmens faͤhig ſeid, ſo hoͤrt auf, mich zu verfolgen. Als Valcourt ſie bei dieſen Worten an⸗ blickte, und die Wahrheit ihrer Behauptung 201 auf ihrem Geſichte verbreitet ſah, ſchwieg jedes andere Gefuͤhl bei dem Gedanken, ſie in Ge⸗ fahr zu wiſſen, und ernſtlich bat er ſie, irgend einen aͤrztlichen Rath zu ſuchen, welches aber Angelica hartnaͤckig verweigerte. Sobald der Chevalier hinaus war, legte ſie ſich auf ihr Bett, ſah ſich aber bald nachher durch den Eintritt eines Arztes uͤberraſcht, welcher ihre Krankheit fuͤr ein heftiges Fieber erklaͤrte. Wirklich ſchwebte ſie waͤhrend einiger Tage in großer Gefahr; aber ihre Jugend uͤberwand die Gewalt des Uebels, und ſo ſchnell, wie das Stei⸗ gen ihrer Krankheit geweſen, waren auch die Fortſchritte zur Beſſerung. Valcourt hatte die ganze Zeit in der ſchmerzlichſen Unruhe im Thurme zugebracht, indem er ſich nicht verhehlte, der Urheber ihres Uebels zu ſeyn, und er ge⸗ lobte ſich ſelbſt, wenn ſie dem Leben wieder ge⸗ ſchenkt wuͤrde, ſie nie weiter zu verfolgen; aber dieſer Entſchluß, der nur durch die Angſt hervorgebracht war, ward wieder vergeſſen, ſo⸗ bald dieſe aufhoͤrte, und kaum war Angelica geneſen, ſo beſtuͤrmte er ſie mehr als je mit Bitten, die Seinige zu werden. Alle ſeine Ver⸗ 202 ſuche blieben fruchtlos und dienten nur dazu, die Gleichguͤltigkeit, welche ſie bisher fuͤr ihn empfunden hatte, in Widerwillen und Abſcheu gegen ihn zu verwandeln. Endlich nun aller Hoffnung beraubt, ſie mit Guͤte, wie er es nannte, fuͤr ihn zu bewegen, beſchloß er, ſie durch Gewalt zu beſiegen, und kein Gefuͤhl der Ehre und Menſchlichkeit vermochte, ihn von die⸗ ſem Hoͤllenplan zuruͤckzubringen. Am folgenden Abende begab ſich Angelica, nach einem der taͤglichen, heftigen Wortwechſel uͤber dieſen Gegenſtand, ungewoͤhnlich nieder⸗ geſchlagen und ungluͤcklich zu Bette; unfaͤhig zu ſchlafen, dachte ſie uͤber die traurigen Vor⸗ faͤlle ihres Lebens nach, als die Glocke, in dumpfen Toͤnen, Mitternacht ſchlug und ſie zu gleicher Zeit ein leiſes Geraͤuſch herannahender Fußtritte zu bemerken glaubte. Erſchrocken, rich⸗ tete ſie ſich auf, und ſah in dem, durch die Lampe ſchwach erhellten Zimmer, nach gllen Seiten herum; da indeß nichts ſie in ihrer Furcht zu beſtärken ſchien, hielt ſie das Ganze far ein Spiel ihrer aufgeregten Phantaſie, leg⸗ te ſich wieder auf ihr Kiſſen zuruͤck, und fiel in 203 einen leichten Schlummer. Bald aber fuͤhlte ſie, daß etwas ihre Hand beruͤhrte, fuhr in die Hoͤhe, und ſah eine Geſtalt in einen weißen Mantel gehuͤllt, vor ſich ſtehen. Als ſie Val⸗ court erkannte, ſtieß ſie einen lauten Schrei aus und verſuchte, zum Bette hinaus zu ſpringen; er aber hielt ſie zuruͤck, verſicherte, aller Widerſtand ſei jetzt unnuͤtz; denn da alle ſeine Bitten es nicht dahin gebracht haͤtten, ſie auf eine rechtmaͤßige Art die Seinige nennen zu duͤrfen, wuͤrde er nun fer⸗ ner kein Mittel der Gewalt ſcheuen. Bei dieſen Worten verſuchte er es, ſie in ſeine Arme zu ſchließen; aber Verzweiflung gab ihr ungewoͤhnli⸗ che Kraͤfte: ſie ſtieß ihn zuruͤck, ſprang aus dem Bette, und indem ſie ſich knieend vor ihn hin⸗ warf, beſchwor ſie ihn, ihrer zu ſchonen. Waͤh⸗ rend ſie ſo in flehender Stellung, unbeſchreiblich ſchoͤn, vor ihm lag, bittend die Haͤnde zu ihm er⸗ hoben, und ſeine Augen brennend auf der En⸗ gels⸗Geſtalt weilten, erhob ſich ein augenblickliches Gefuͤhl des Mitleids fuͤr ſie in ſeiner Bruſt; aber ihre Reize, die ihm noch nie ſo unbeſchreiblich geſchienen hatten, erſtickten jede andere Stimme, und aufs Neue beſchloß er ſeinen Raub. Sie 8 204 aber wand ſich wieder aus ſeiner Umarmung, faßte ſeine beiden Haͤnde, und indem ſie ſie mit Thraͤnen gebadet an ihre Lippen zog, rief ſie im hoͤchſten Schmerz: Valcourt! bei allem was hei⸗ lig iſt, beſchwoͤre ich euch, ſteht von eurem ſchaͤnd⸗ lichen Vorhaben ab! ich hin allein, unbeſchuͤtzt! ieht keinen ungroßmuͤthigen Vortheil aus meiner Lage, ſondern ſeid mein Freund, mein Beſchuͤ⸗ ter, und ſterbend werde ich euch noch dafuͤr ſegnen. Horcht! fuͤgte ſie wildaufgeſchreckt hinzu, der Himmel ſelbſt erklaͤrt ſich wider euch! hoͤrt ihr nicht den uͤber uns rollenden Donner, als ein warnendes Zeichen, eure ſtrafbaren Abſich⸗ ten nicht zu vollfuͤhren?— Weder Himmel noch Holle ſoll mich in meinem Entſchluſſe wankend ma⸗ chen, rief Valcourt, indem er ſie in ſeine Arme nahm; als er ſie aber forttragen wollte, bemerk⸗ te er, daß das Leben aus ihr gewichen war und er eine ſcheinbar todte Geſtalt umſchlungen hielt, die aus ſeinen kraftloſen Armen in heftigen Ver⸗ zuckungen auf den Boden fiel. Die Raſerei ſei⸗ ner Leidenſchaft ſchien durch dieſen Anblick we⸗ nigßens etwas gehaͤndigt; alle ſeine ſchnell an⸗ 205 gewandten Verſuche ihr zu helfen, waren verge⸗ bens; mit jedem Augenblicke ſtieg die Gewalt des Uebels, und nie hatte Valcourt ſich noch in einer ſo ſchrecklichen Lage befunden. Der Gegenſtand ſeiner zwar hoffnungsloſen, aber unbeſtegbaren Leidenſchaft lag in den ſchreck⸗ lichſten Kraͤmpfen ſterbend zu ſeinen Fuͤßen, und die aufgeregten Elemente trugen dazu bei, das Furchtbare dieſes Anblicks noch zu erhoͤhen. Der Sturm tobte, feuerrothe Blitze erhellten das Ge⸗ mach, und der krachende Donner erſchuͤtterte den alten Thurm in ſeinen Grundveſten. Auf das Aeußerſte gebracht, riß Valcourt ſich endlich von ſeinem jetzt ganz kalten, ſtarren Opfer los, und flog zu Beatrix, der eer befahl, ſich gleich zu dem Fraͤulein zu begeben, waͤhrend er ſelbſt außerhalb des Thurmes nach aͤrztlicher Huͤlfe rannte.— Einige Stunden blieb Ange⸗ lica's Schickſal unentſchieden, endlich aber ſieg⸗ te die Kunſt des Arztes. Die Kraͤmpfe ließen nach und ein wohlthuender Schlaftrunk gewaͤhr⸗ te ihr eine ununterbrochene Nuhe von 24 Stun⸗ den. Gaͤnzlich geneſen, ohne alle andere Spu⸗ ren der Krankheit, als eine große Mattigkeit, er⸗ 206 wachte ſie aus dieſem wohlthaͤtigen Schlummer. Als ſie zur voͤlligen Beſinnung kam und die Er⸗ innerung der vergangenen Nacht vor ihre Seele trat, erhob ihr Herz ſich dankend zu der Macht, die ſie ſo wunderbar errettet hatte; je mehr ſie die Gefahr bedachte, in welcher ſie geſchwebt hat⸗ te, je weniger konnte ſie die Gewißheit ihrer Er⸗ rettung begreifen. Waͤhrend des ganzen Tages ward ihre Einſamkeit nur durch Beatrix und den Arzt unterbrochen; gegen Abend aber, als ſie ru⸗ hig vor dem Kaminfeuer ſaß, kam erſtere mit der Bitte des Chevaliers zu ihr, ſie einige Augendli⸗ cke ſprechen zu duͤrfen. Schaudernd erwiderte Angelica, daß es ihr durchaus unmoͤglich ſei ihn zu ſehen. Liebes, gutes Fraͤulein, ſagte die Alte, ſchlagt dem Chevalier die Bitte nicht ab; mor⸗ gen, mit Anbruch des Tages, will er fort und wahrlich, er ſcheint ſo ungluͤcklich, daß es ei⸗ ne Grauſamkeit waͤre, ihn nicht vor euch zu laſſen. Seid ihr ganz gewiß, daß er morgen den Thurm verlaſſen wird? fragte Angelica. 207 Ganz gewiß, Fraͤulein; er hat ſchon alles zu ſeiner Abreiſe beſtellt, und ich werde mich ſehr freuen, wenn er fort iſt, denn wir wuͤrden nicht wenig auszuſtehen haben, ſollte der Marquis ſei⸗ nen Aufenthalt erfahren. Warum ließet ihr ihn denn uͤberall herein? verſetzte Angelica. Daran hat einzig mein Mann ſchuld, erwi⸗ derte Beatrix, der, wie ich euch ſchon geſagt habe, immer nur ſeiner eigenen Willuͤhr folgt. Aber, Fraͤulein, welche Botſchaft darf ich dem Chevalier bringen, der ſchon ſehr ungeduldig auf mich warten wird? Sagt ihm, daß ich ihn ſehen will, antwor⸗ tete Angelica; aber von euch, Beatrix, verlange ich, daß ihr in der Naͤhe bleibt. Die Alte verſprach dieß und begab ſich eil⸗ fertig hinweg, indem Angelica verſuchte, ſich waͤhrend dieſer Augenblicke auf die bevorſtehende Zuſammenkunft zu ſtaͤhlen. Mit krampfhafter Bewegung ſchlug ihr Herz jedoch bei ſeinem Ein⸗ tritte; tiefe Roͤthe und todtenaͤhnliche Blaͤſſe wechſelten auf ihrem Geſichte, und kaum vermoch⸗ te ſie es, die Augen aufzuſchlagen, der Geſtalt 208 gegenuͤber, die blaß und niedergeſchlagen vor ihr ſtand. Ohne es zu wagen, den Blicken der be⸗ leidigten Angelica zu begegnen, ſetzte er ſich ſtumm neben ſie auf einen Stuhl. Endlich brach ſie das Stillſchweigen, indem ſie ihn nach der Veranlaſſung ſeines Beſuchs fragte. Kaum weiß ich, erwiderte Valcourt mit leiſer Stimme, ob ich die Bitte wagen darf; aber da ich mor⸗ gen dieſen Ort verlaſſe, wuͤnſchte ic———— Und was? Chevalier, unterbrach ihn Ange⸗ lica ſchnell. Eure Vergebung uͤber das in jener Nacht Vorgefallene zu erflehen, antwortete er in ei⸗ nem kaum hoͤrbaren Tone.— Ehe ich auf eure Bitte antworte, ſagte Angeli⸗ ca mit aller nur moͤglichen Ruhe, muͤßt ihr ſelbſt urtheilen, ob ihr die verlangte Vergebung ver⸗ dient. Oft habe ich euch ſchon die belsidigend⸗ ſte Auffuͤhrung gegen mich vergeben, und ſelbſt als eure Hand gegen mein Leben bewaffnet war, verzieh ich euch; aber alle meine Nachſicht hat euch nur zu neuem Frevel gebracht. Ich geſtehe es, erwiderte der Chevalier; auch will ich meine Auffuͤhrung gegen euch nicht ent⸗ 209 ſchuldigen, nur kann ich, da wir uns bald viel⸗ leicht auf immer trennen, den Gedanken nicht ertragen, mit eurem Fluche gebrandmarkt hin⸗ wegzugehen. Ich fluche euch nicht, verſetzte ſie, denn wir ſollen ja gegen unſere aͤrgſten Feinde keinen Haß naͤhren, wenn wir wahrhaft Chriſten ſeyn wollen; aber vergeſſen kann ich es noch nicht, daß der Che⸗ valier Valcourt die Vernichtung eines verlaſſenen und huͤlfloſen Weſens beſchloſſen hatte, das er, der allgemeinen Menſchenpflicht gemaͤß, haͤtte bemitleiden und ſchuͤtzen ſollen. Leider ſind dieſe Vorwuͤrfe nur zu gerecht, antwortete Valcourt tief ſeufzend. Leidenſchaft verblendete mich in ſo hohem Grade, daß ich je⸗ des Gefuͤhl der Ehre und Menſchlichkeit meinen Wuͤnſchen opferte. Die Verblendung iſt voruͤ⸗ ber, und ich erndte nun den Lohn meiner Thaten in dem Haſſe des Weſens, das ich ewig anbeten werde. Lebe wohl, Angelica, fuhr er fort, in⸗ dem er zu ihren Fuͤßen ſank. Ich eile, dich von meinem widrigen Anblicke zu befreien; nie wer⸗ den wir uns wiederſehen; aber indem ich auf deinen Beſitz Verzicht leiſte, entſage ich jedem J. 14 210 Erdengluͤck, und wie ſchwer auch meine Verge⸗ hungen ſeyn moͤgen, ſo ſind ſie dadurch hart be⸗ ſtraft. Vergiß mich, Angelica, oder wenn das nicht moͤglich iſt, ſo denke an mich, als an einen Gegenſtand, der deiner Liebe werth geweſen ſeyn koͤnnte, wenn nicht ungluͤckſelige Nachſicht bei fruͤheren Laſtern ihn unfaͤhig gemacht haͤtte, ein ſo reines, unſchuldiges Herz, als das deine, zu verdienen. Angelica erwiderke nichts und Valcourt fuhr fort: Du antworteſt nicht?— Bin ich dir denn ſo verabſcheuungswuͤrdig, daß du mir nicht einmal ein kaltes Lebewohl ſagſt, um meinen unbe⸗ ſchreiblichen Kummer wenigſtens etwas zu lindern? Er hatte bei dieſen Worten Angelica’'s Hand mit dem Ausdruck des tiefſten Schmerzes ergrif⸗ fen, und ſah ſie mit einem ſo ruͤhrenden Blicke an, daß es ihr unmoͤglich war, ihm ihr Mitleid zu verſagen. Lebet wohl, Valcourt, rief ſie in⸗ nig bewegt, ich vergebe euch! Noch einen Augenblick hielt Valcourt die theure Hand feſt in der ſeinigen, und als er ſie endlich mit einem tiefen Seufzer losließ, bliebend ſeine thraͤnenvollen Blicke noch lange mit zagen⸗ 211 dem Schmerz auf ihrem Antlitze geheftet. End⸗ lich rief er in wilder Verzweiflung aus: Lebe wohl, du Engel in weiblicher Geſtalt! ſtuͤrzte dann aus dem Gemache und uͤberließ Angelica'n ihren eigenen, ſchmerzlichen Gefuͤhlen. Zwoͤlftes Kapitel. Valcourts Abreiſe verſetzte die Heldin unſe⸗ rer Geſchichte zwar wieder in ihre gaͤnzlich ein⸗ ſame Lage; aber verglichen mit den Tagen der Qual und des Schreckens, die ſie in der letzten Zeit verlebt hatte, ſchien es ihr ein Zuſtand der Seligkeit. Zeit und kindliche Ergebung in den Willen des Hoͤchſten, lehrten ſie nach und nach ihr Schickſal mit Standhaftigkeit ertragen, auch gelang es ihr immer mehr, in ſich ſelbſt eine ſichere Zuflucht gegen die kangemeille der Shaſon⸗ keit zu finden. Zwar war Angelica wenig enandene in den ſchoͤnen Kuͤnſten, da es in ihrem Zeitalter nicht Gebrauch war, das weibliche Geſchlecht, ſo wie 14* 212 zu unſern Zeiten, darin zu unterrichten; aber die Natur hatte in ihre Seele die heißeſte Liebe zur Dichtkunſt und zum Geſange gelegt, und von ihrem innren Genius getrieben, war es ihr ge⸗ lungen, manche Schwierigkeit in dieſer Hinſicht zu uͤberwinden. Was das Gefuͤhl ihr eingab, toͤnte aus den Saiten ihrer Leier wieder, und in ihren einfachen und kunſtloſen Liedern herrſchte die reine Sprache eines tief empfindenden Her⸗ zens. In dieſen, ihr theuer gewordenen Be⸗ ſchaͤftigungen fand Angelica jetzt die einzige Quelle ihres Troſtes; beſaͤnftigt durch den erhe⸗ benden Einfluß derſelben, erlangte ihr Gemuͤth ſeine Heiterkeit wieder, und ſo genoß, innerhalb der Mauern von St. Cuthberts⸗Thurm, das ſchuldloſe Opfer ungerechter Unterdruͤckung ei⸗ nes ſanften Friedens, von dem ihre Unterdruͤ⸗ cker in aller weltlichen Herrlichkeit weit entfernt waren. Einfach waren ſchon viele ihrer Tage wieder dahingefloſſen, als eines Abends, nach einem ih⸗ rer gewoͤhnlichen Gaͤnge auf der Gallerie, ein unwiderſtehlicher Hang ſie in eins der leeren Zim⸗ mer zog. Der wenige Hausrath, welcher es vor⸗ 213 mals anfuͤllte, war jetzt voͤllig herausgenommen, und indem ſie nun baͤnglich im veroͤdeten Gema⸗ che herumblickte, ward ihre Aufmerkſamkeit auf ein Stuͤck herunterhaͤngender Tapete gerichtet, welches ſich, durch den Luftzug der geoͤffneten Thuͤr, hin und her bewegte. Eine finſtere Vertiefung, die ſich hinter derſelben befand, erregte ihre Neu⸗ gierde; ſie ging naͤher und die Lampe in die Hoͤ⸗ he haltend, ward ſie gewahr, daß die Tapete nur dazu gedient habe, den Eintritt in einen langen Gang zu verdecken. Noch einmal erfuͤllte die Hoffnung der Freiheit Angelica's Herz; vielleicht fuͤhrt dieſer Gang auf irgend eine Weiſe aus dem Thurm hinaus, dachte ſie, und ohne Zoͤgern wag⸗ te ſie es, hineinzutreten; doch nach wenigen Augen⸗ blicken ſtuͤrzte ſie in eine betraͤchtliche Tiefe hinab, und ſiel mit Heftigkeit gegen etwas, welches ei⸗ ne Thuͤr zu ſeyn ſchien. Betaͤubt lag ſie einige Zeit da, und als ſie erwachte, konnte ſie ſich an⸗ fangs der Urſache dieſes Zufalls nicht erinnern. Endlich aber voͤllig wieder zur Beſinnung gekom⸗ men, raffte ſie ſich vom Boden auf, und da die Lampe im Fallen verloſchen war, verſuchte ſie vorſichtig, den Ruͤckweg im Finſtern zu finden, 214 Mit großer Muͤhe kroch ſie einige zerbrochene Stie⸗ gen hinauf, welche ſie vorher uͤberſehen hatte, und kehrte mit der feſten Abſicht in ihre Stube zuruͤck, am naͤchſten Abende ihre Unterſuchung weiter fortzuſetzen. Waͤhrend des ganzen folgenden Tages war ihr Gemuͤth nur mit dieſem Gedanken beſchaͤftigt; ſo⸗ bald alſo die andern Bewohner des Thurmes zur Ruhe waren, begab ſie ſich wieder auf ihre Wande⸗ rung und entdeckte am Ende der Stiegen eine Thuͤr mit einigen ſtarken Riegeln verſehen. Nachdem ſie ihre Lampe niedergeſetzt hatte, gelang es ihr, nach vielen wiederholten, muͤhſamen Verſuchen, jene hinwegzuſchieben, und nun ſah ſie ein gro⸗ großes, viereckiges, in einen Felſen gehauenes Gewoͤlbe vor ſich, welches vermuthlich einſt zu einem Gefaͤngniſſe gedient hatte. Die Waͤnde und das Dach waren mit gruͤnem Schimmel be⸗ deckt und die feuchte, langverhaltene Luft, wel⸗ che ihr entgegenhauchte, loͤſchte faſt die in ihrer Hand befindliche Lampe aus, ſo daß ſie ſich erſt nach einigen Minuten hineinwagen konnte. Das einzige in dieſer Celle befindliche Geraͤthe beſtand in einem Stuhl, einem Diſche und einer 215 Matratze; wenige weibliche Kleidungsſtuͤcke, halb durch die Zeit verzehrt, lagen am Boden herum, und einige Schreibmaterialien befanden ſich auf dem Tiſche. Mit unbeſchreiblicher Be⸗ wegung blickte Angelica nach allen Seiten um⸗ her, und die Winke, welche Beatrix mehrere Nale uͤber eine ungluͤckliche Dame im Thurme gegeben hatte, traten vor ihre Erinnerung. Hier hauchte ſie vielleicht ihr elendes Leben aus, ſagte ſie leiſe, und ſchauderte dann uͤber den Klang ih⸗ rer eigenen Worte. Ganz uͤberwaͤltigt von die⸗ ſen Vorſtellungen ſank ſie auf die zu ihren Fuͤ⸗ ßen liegende Matratze nieder; doch bald erholte ſie ſich und beſchloß, einen ſo ſchrecklichen Ort zu verlaſſen, als ihre Hand, indem ſie ſich in die Hoͤhe richtete, an etwas Hartes ſtieß/ welches ſich zwiſchen der Matratze und der Mauer befand. Ihrer aufgeregten Neugierde folgend, unterſuch⸗ te ſie, was es ſei, und fand ein kleines, ſorgfaͤltig verſtecktes Kaͤſtchen. Im Beſitze dieſes Schatzes, hielt ſie ſich nun nicht laͤnger in dieſer Hoͤhle auf/ von der ſie ſchon uͤberzeugt war, daß ſie keinen andern Ausgang habe, und obgleich getaͤuſcht in ihrer Hoffnung des Entkommens, doch hoch er⸗ 216. freut uͤber die gemachte Entdeckung, welche, wie ſie ſich ſchmeichelte, ihr naͤheres Licht uͤber die vormaligen Begebenheiten in dieſem Thurme ge⸗ ben ſollte, begab ſie ſich ſchleunig hinweg. Sobald ſie ihre Stube wieder erreicht hatte, unterſuchte ſie das Kaͤſtchen. Es war unverſchloſ⸗ ſen, und enthielt ein Taſchenbuch, ein Gemaͤlde und mehrere Blaͤtter beſchriebenen Papiers, wel⸗ che mit einem ſchwarzen Bande zuſammengebunden waren. Die wenigen, im erſtern mit Bleifeder angedeuteten Notizen waren halb erloſchen; außer dieſen waren noch mehrere Haarlocken da⸗ rin verwahrt. Im Gemaͤlde bemerkte ſie eine auffallende Aehnlichkeit mit dem Bilde des Gra⸗ fen v. Aubiné, welches ſie im Schloſſe Roche⸗ mond geſehen hatte; zwar war die Kleidung nicht die naͤmliche; aber der Ausdruck, die Zuͤge, gli⸗ chen voͤllig demſelben, und hierdurch nur noch mehr angeſpornt, entwickelte Angelica eilfertig die Rolle Papier. Es war eng geſchrieben, doch leuchtete der Name Valentinoft und deutlich hervor und beſeitigte jeden Zweifel, daß die un⸗ gluͤckliche Schreiberin nicht zu dieſer Familie ge⸗ hoͤrt hatte. 217 Es war Mitternacht; ſicher, jetzt nicht geſtoͤrt zu werden, zog Angelica ihren Stuhl naͤ⸗ her zu dem noch brennenden Feuer, und begann, beim Schein der Lampe den Inhalt der Papiere zu leſen, welcher folgender war: „Fremdling, wer du auch ſeyn magſt, den dein Geſchick zur Kenntniß von Mariannens Lei⸗ den fuͤhrt, bereite dich, eine ſchreckenvolle Erzaͤh⸗ lung zu hoͤren, und wenn es in deiner Macht ſteht, das, dem Hauſe Aubiné angethane Unrecht zu raͤchen, ſo ſei dieſe Rache in deine Haͤnde ge⸗ legt! Bald wird der kalte Todtesſchweiß meine Stirn bedecken, und mein armes Herz aufhoͤren zu ſchlagen; aber es lebt noch Einer, der ein Recht auf den Namen und die Ehre des Hauſes hat, welches ein anderer ſchaͤndlich an ſich brachte, und nur zu deinem Beſten, mein Sohn, beginne ich die mir ſo ſchwere Erzaͤhlung. Ich war das einzige Kind des edlen Marquis v. Orval, und kaum begann die Bluͤthe meiner Jugend ſich zu entfalten, als ein hartes Geſchick mich meiner theuren muͤtterlichen Feundin be⸗ raubte. Dieſem Verluſt folgte in weniger Zeit ein eben ſo herber, und ſo ſah ich mich ſchon im 4 218 Alter von 17 Jahren als Waiſe, ohne nahe Ver⸗ wandte, oder Freunde. Doch nein, laß mich nicht ungerecht ſeyn; in dem Grafen v. Aubiné, dem Jugendfreund meines Vaters, fand ich die Liebe der verlornen Eltern wieder. Als Vormund nahm er mich in ſeinen Schutz, fuͤhrte mich auf ſein Schloß Rochemond„ wo ich als Gebieterin empfangen und von ihm mit aller baͤterlichen Zaͤrtlichkeit behandelt ward. Mit Dank und Neigung erwiderte ich die Großmuth des Grafen; bald aber ſollten noch engere Bande mich mit ſeinem Hauſe verknuͤpfen. Der einzige Sohn des Grafen, der edle junge Valentin, erweckte in meinem Herzen das erſte Gefuͤhl einer lebhaften Leidenſchaft; ſein Herz fuͤhlte daſſelbe fuͤr mich und die vaͤterliche Einwilligung oͤffnete ans die Ausſicht in das ſeligſte Leben, als ein Teufel in menſchlicher Geſtalt erſchien, um unſer Gluͤck zu ſtoͤren. Der Chevalier St. Omer, ein Stiefſohn des Grafen, faßte ungluͤcklicher Weiſe gleichfalls eine heftige Neigung fuͤr mich; doch waren alle ſeine Bemuͤhungen vergeblich, denn mein Herz gehoͤrte ungetheilt dem Bruder. Als er ſah, daß nichts 219 meine Geſinnung aͤndern konnte, ſchiffte er ſich nach England ein. Waͤhrend ſeiner Abweſenheit ward ich mit dem Grafen verbunden und eine der gluͤck⸗ lichſten Frauen. Der Tod des Vaters meines Ge⸗ mahls rief St. Omer nach Frankreich zuruͤck, und durch Valentins Großmuth theilte jener nicht allein ſein Vermoͤgen mit ihm, ſondern blieb auch als Gaſt im Schloſſe bei uns. Geuͤbt in jeder Kunſt der Verſtellung, ver⸗ ſtand es St. Omer ſo wohl, ſeine wahren Ge⸗ fuͤhle zu verbergen, daß ich ihn voͤllig von der vormaligen Neigung zu mir geheilt glaubte, und wir genoſſen einige Monate eines ruhigen, haͤus⸗ lichen Gluͤckes. Kaum war ein Jahr verfloſſen, als der füße Muttername dieſes Gluͤck noch erhö⸗ hete und der Becher meiner Seligkeit voll zu ſeyn ſchien; ach, ich dachte nicht, wie nahe ich das mals dem Abgrunde ſtand! Eben war ich aus dem Kindbette geneſen, als mein Gemahl den Ruf erhielt, den Fahnen ſeines Koͤnigs gegen einen Einfall der Englaͤn⸗ der in unſer Land zu folgen. Mit bangem Her⸗ zen ſah ich ihn vom Schloſſe ziehen, wo ich waͤh⸗ rend der Zeit unter St. Omers Schutz zuruͤck⸗ 220 bleiben ſollte, und die Angſt, welche damals mei⸗ nen Buſen erfuͤllte, ſchien eine Ahnung der ſchreck⸗ lichen Ereigniſſe, die mich bald betreffen ſoll⸗ ten.. Mein kleiner, unſchuldiger Richard war der einzige Troſt meiner truͤben Stunden. In ihm glaubte ich ſchon jetzt Spuren der Aehnlichkeit mit ſeinem Vater nicht verkennen zu koͤnnen, und mit Entzuͤcken ſah ich dem Augenblicke entgegen, da ich ihn wieder in die vaͤterlichen Arme legen wuͤrde.— Anfangs blieb ſich des Chevaliers Betragen gegen mich gleich; bald aber veraͤnderte es ſich ſehr. Er wagte es, ſeiner vorigen Lei⸗ denſchaft fuͤr mich zu gedenken, und ging ſogar ſo weit, von mir die Erwiderung derſelben zu fo⸗ dern. Ich zeigte ihm alle die Verachtung, welche ein folcher Antrag verdiente, und verſicherte, mei⸗ nem Gemahl von ſeiner Dreuloſigkeit gegen ihn Nachricht zu geben. Vielleicht durch die Folgen beunruhiget, verſuchte St. Omer, meinen Zorn zu beſaͤnftigen und mir das Verſprechen abzudrin⸗ gen, das Vergangene zu vergeſſen, wenn er es nie wieder wagte, mich ferner durch ſolche ſchaͤnd⸗ liche Antraͤge zu beleidigen. 221 Jedoch konnte mein Gemuͤth ſich hierbei nicht beruhigen; ich ſchrieb an Valentin alles Vor⸗ gefallene, mit der Bitte, St. Omer unter irgend einem Vorwande vom Schloſſe zu entfernen, und mir, waͤhrend ſeiner Abweſenheit, einen andern Beſchuͤtzer zu geben.— Wenige Tage, nachdem ich dieſen Brief ſortgeſchickt hatte, hielt eine kleine Unpaͤßlichkeit mich in meiner Stube eingeſchloſſen, doch fand ich ſie ſo unbedeutend, daß es mir nicht der Mihe werth ſchien, irgend ein Mittel dage⸗ gen zu gebrauchen; auch hatte es ſich wirklich be⸗ reits gebeſſert, als ich mich eines Abends von einer ſo ungewoͤhnlichen Muͤdigkeit befallen fuͤhlte, daß ich ſchon in einen tiefen Schlummer gerieth, waͤh⸗ rend mein lieblicher Knabe noch in meinen Ar⸗ men lag. Beim Erwachen blickte ich nach den gewohn⸗ ten Gegenſtaͤnden um mich herum; aber alles ſchien mir fremd und unbekannt; wer malt mein Entſetzen, als ich, indem ich aus dem Bette ſprang und ans Fenſter eilte, gewahr ward, daß ich mich, anſtatt auf meinem Zimmer, in der Ca⸗ juͤte eines Schiffes beſand. Mein Geſchrei zog verſchiedene Leute herbei; aber durch ihre Ant⸗ * 222 worten auf alle meine Fragen, ward ich nur immer mehr von den Verrath uͤberzeugt, der mit mir vor⸗ gegangen war. Ein fuͤrchterliches Fieber bemaͤch⸗ tigte ſich meiner; mehrere Tage lag ich ohne Be⸗ wußtſeyn; aber das Schickſal, welches mich noch zu groͤßeren Pruͤfungen aufbewahren wollte, ver⸗ ſagte mir die Wohlthat des Todes, und als ich end⸗ lich wieder voͤllig zur Beſinnung kam, befand ich mich in den Mauern von St. Cuthberts⸗Thurm, der Aufſicht eines Viſchess und ſeiner Frau anver⸗ traut. Kaum war ich wieder hergeſtellt, als ich ei⸗ nen Beſuch vom Chevalier St. Omer, dem Ur⸗ heber dieſes Bubenſtuͤcks, empfing. Mit ſchein⸗ barer Gleichguͤltigkeit ſah er meine Verzweiflung, und hoͤrte meine Vorwuͤrfe, auf die er nur erwi⸗ derte: daß es unnutz ſei, mich ſo zu ereifern und den zu beleidigen, in deſſen Hand mein kuͤnfti⸗ ges Schickſal laͤge. Euer Gemahl ſowohl, wie jeder, der euch gekannt hat, ſind von eurem To⸗ de uͤberzeugt, fuͤgte er hinzu, alſo habt ihr wei⸗ ter auf keine Huͤlfe zu rechnen, und nur ich bin jetzt Herr eures Geſchicks. Fuͤget euch meinen Wuͤnſchen, und Gluͤck und Freude wird euch an meiner Hand in einen entfernten Himmelsſtrich begleiten. Als er mich auf alle ſeine Vorſchlaͤge taub fand, und nur meine Verwuͤnſchungen ihn un⸗ aufhoͤrlich verfolgten, verließ er endlich den Thurm, nachdem er mich vorher vorſichtig aus dem Zim⸗ mer, welches ich anfangs bewohnte, in dieſes unterirdiſche Gefaͤngniß bringen ließ, wo dem Licht des Tages entzogen und der Verzweiflung preis gegeben, ich mir tauſendmal den Tod, als den Erloͤſer meiner Qualen, wuͤnſchte.———— —-——————— Die Tage ſchwinden dahin; aber mir bringen ſie keinen Troſt. Der Sonne erwaͤrmende Strahlen drin⸗ gen nicht in meinen finſtern Kerker, und lange, lange ſchon hat kein belebender Hauch der Luft mich angeweht!— Oh Valentin, Geliebter meiner Seele, waͤhrend du vielleicht in dieſem Augenblicke den Tod deiner Marianne beweinſt, iſt ſie weit hoͤheren Qualen hingegeben. Endlich habe ich meine Aufſeherin durch Bitten bewegt, mir Mittel zum Schreiben zu geben, damit ich doch wenigſtens des Troſtes genießen kann, hier in meinem einſamen Gefaͤngniſſe, beim ſchwachen 224 Schein der Lampe, die traurige Geſchichte mei⸗ ner Leiden zu Papier bringen zu koͤnnen. Moͤge der raͤchende Himmel ſie einſt den Haͤnden mei⸗ nes Valentins uͤberliefern!—————— Ge⸗ rechter Gott! was ſoll ich noch alles erleben! mein geliebter Aubiné iſt nicht mehr, und mein Kind, mein Richard, in der Gewalt des Tyrannen! Als ich am vorigen Morgen aus meinem kraurigen Schlummer erwachte, ſah ich St. Omer neben meinem Bette ſitzen. Bei ſeinem Anblicke wollte ichvon meinem Lager aufſpringen und verſu⸗ chen, ihm zu entfliehen. Bleibt Marianne, ſprach er und hoͤrt mich mit Ruhe an; wenn euer eigenes Schickſal euch nicht zur Nachgiebigkeit bewegen kann, ſo zittert jetzt fuͤr ein Leben, das euch theu⸗ rer iſt, als das eurige. Hierauf fuhr er fort, mich von Valentins Tode zu benachrichtigen, der aus Kummer uͤber meinen Verluſt geſtorben ſei, und wie nun das Schickſal meines Kindes, welches in ſeinen Haͤnden ſei, gaͤnzlich von mir abhinge. Das einzige Hinderniß, welches unſerer Verbin⸗ dung im Wege ſtand, iſt nicht mehr, fuhr er fort. Willigt nun darein, meine Gemahlin zu wer⸗ 225 den, oder das Leben eures Kindes wird der Preis eurer Halsſtarrigkeit ſeyn. Obgleich außer mir vor Schmerz, wollte ich doch der Nachricht vom Tode meines Gemahls noch nicht glauben, als St. Omer mir mehrere Briefe zeigte, die Zeugniſſe davon enthielten, und mich der Einſamkeit uͤberließ, um ſie mit Muße durchzugehen. Auf die ſchrecklichſte Weiſe uͤber⸗ zeugt, daß Valentin wirklich nicht mehr lebe, war mein Schmerz ohne Grenzen, und ich brach⸗ te den uͤbrigen Theil des Tages unter heißen Thraͤnen und Klagen hin. Um Mitternacht ward mein Kummer durch den Eintritt meines Tyran⸗ nen geſtoͤrt, der mir entgegen rief: Nun, Ma⸗ rianne, ich bin gekommen, euren Willen zu ver⸗ nehmen; wollt ihr euch entſchließen, die Meinige zu werden?— Wo nicht, ſo bereitet euch, eu⸗ ren Sohn vor euren Augen, als Opfer eurer Hartnaͤckigkeit, fallen zu ſehen.. Unmenſch! rief ich aus, glaube nicht, mich durch deine Drohungen zu bethoͤren! nimmer wirſt du es wagen, deine Haͤnde mit dem Blut des unſchuldigen Kindes zu beflecken, und ehe ich das Weib desjenigen werde, den ich in tiefſter J. 13 3 226 Seele verabſcheue, will ich lieber den Dolch in das Herz meines Lieblings ſtoßen ſehen. So bewaͤhrt denn eure prahleriſche Staͤrke, rief der aufs hoͤchſte erbitterte Chevalier, und indem er mit dem Fuße auf den Boden ſtampfte, oͤffnete ſich die Thuͤr meines Kerkers; ich ſah mein Kind, meinen Richard, in den Armen eines Moͤrders, der einen nackten Dolch auf ſeine zar⸗ te Bruſt zuckte. Bei dem Anblicke dieſes lange entbehrten kleinen Engels, verlor ſich jedes andere Gefuͤhl in krampfhaftes Entzuͤcken; mit einem lauten Schrei ſprang ich vorwaͤrts, um ihn an mein Herz zu reißen, der grauſame St. Omer aber hin⸗ derte mich daran, und ſagte: nur auf eine Be⸗ dingung iſt er dein, Marianne; der Augenblick, in welchem du mir verſprichſt, meine Gemahlin zu werden, giebt ihn deinen Armen wieder; dei⸗ ne Weigerung aber giebt ihm den Tod. Gieb mir meinen Sohn, rief ich in halber Raſerei, indem ich es noch einmal verſuchte, mich dem ſich ſtraͤubenden Kleinen zu nahen, welcher beide Haͤndchen nach mir ausſtreckte, als wenn er Schutz bei mir finden wollte; aber der Cheva⸗ 227 lier trat zwiſchen uns und rief mit donnernder Stimme: genug, Marianne, des Kindes Schick⸗ ſal iſt entſchieden; werde die Meine, oder es ſtirbt! Nie, niemals, erwiderte ich kaum athmend. Menſch, fuhr er fort, ſich zu dem gedunge⸗ nen Moͤrder wendend, thue deine Schuldigkeit — und wieder ſah ich den blanken Stahl auf die, Bruſt meines Lieblings gezuͤckt. Das war mehr, als die Natur ertragen konnte. In voller Ver⸗ zweiflung ſchleuderte ich die moͤrderiſche Waffe aus der Hand des Boͤſewichts, und zu des Cheva⸗ liers Fuͤßen ſinkend, rief ich aus: ſchone mein Kind und ich will d ein ſeyn! . Richard lag in meinen Armen, und kaum hatte ich ihn an mein hochſchlagendes Herz ge⸗ druͤckt, als ich das Bewußtſeyn aller andern Din⸗ ge um mich herum verlor.————— —— Es iſt vorbei— ich bin die Frau— Gott gebe mir Kraft; aber die Hoͤlle liegt in dem Na⸗ men! waͤhrend 3 Tage hatte ein heftiges Fieber ſich meiner bemaͤchtigt und mir eine ſelige Vergeſ⸗ ſenheit der Gegenwart gewaͤhrt. Die zuruͤck⸗ kehrende Vernunft aber zeigt mir mein Angſic 8 15* ¹ * 228 in ſeiner vollen Schwere. Doch ich habe ja mein, Valentins Kind gerettet! Allerbarmer, laß mich dieß dankbar erkennen und in ſeiner Er⸗ rettung Troſt fuͤr meinen Schmerz ſinden!— ach, Valentin, welch ein Opfer hat es mich ge⸗ koſtet, das Pfand deiner Liebe zu erhalten!—— St. Omer hat mich verlaſſen und mehrere Wochen ſind mir in dieſer Einoͤde verfloſſen; doch iſt meine Lage etwas erleichtert; ich genieße meh⸗ rerer Freiheit und mein Kind iſt bei mir.— Wie wenig ahneſt du, kleines, unſchuldiges Weſen, das Schickſal deiner Mutter, oder deine ei⸗ gene Zukunft, die vielleicht in immerwaͤhrender Gefangenſchaft beſtehen wird.—————— Welchen neuen Qualen fuͤhrt man mich ent⸗ gegen? Ein Befehl des Chevaliers an mich iſt gekommen, augenblicklich den Thurm zu verlaſ⸗ ſen; aber vergebens habe ich nach dem neuen DLrte meines Aufenthaltes geforſcht. Vor meiner Abreiſe will ich jedoch noch dieſe Papiere in Sicher⸗ heit bringen, die einſt vielleicht das mir erwie⸗ ſene Unrecht raͤchen koͤnnen.— Doch nicht fuͤr mich flehe ich; moͤge nur mein Sohn wieder durch ſie in ſeine Rechte eingeſetzt werden!“*——— 4 229 Hier ward die Schrift ſo unleſerlich, daß An⸗ gelica ſich vergebens bemuͤhete, ſie zu entziffern. Voll Bedauern und Abſcheu legte ſie das Ta⸗ gebuch der ungluͤcklichen Graͤfin von Aubiné nie⸗ der, uͤber welches ſie die zaͤrtlichſten Thraͤnen der Theilnahme vergoſſen hatte. Die erſten Mor⸗ genſtrahlen ſchienen bereits in ihre Fenſter; nachdem ſie den koſtbaren Schatz in ſichere Ver⸗ wahrung gebracht hatte, warf ſie ſich aufs Bette und dachte noch uͤber die traurige Geſchichte nach, als Beatrix mit dem Fruͤhſtuͤck zu ihr ins Zimmer trat. —19 Dreizehntes Kapitel. Wir wollen uns nicht weiter bei den Betrach⸗ tungen aufhalten, die ſich Angelica's Gemuͤth nach der Durchſicht dieſer Blaͤtter aufdrangen, da jeder fuͤhlende Leſer ſie ohne Worte empfin, den kann. Zwar war ſie nicht weiter von dem Schickſal Mariannens und ihres Sohnes unter⸗ richtet, aber nach dem Charakter ihres Verfol⸗ 230 gers zu urtheilen, mußte ſie ſchließen, daß es hoͤchſt beklagenswerth geworden ſei, und in der Behandlung dieſer beiden ungluͤcklichen Opfer des Marquis von Montrieul las ſie ihr eigenes, trauri⸗ ges Geſchick, wenn ſie fortfuhr, ſeine Anerbietungen zu verwerfen. Gaͤnzlich verſchwunden ſchien ihr alle Hoffnung einer moͤglichen Flucht aus dem Thurme, und ſo war ſie wieder dem Kleinmuth hingegeben, als ein unvorhergeſehenes Ereigniß ihr Herz mit einem Schimmer der Hoffnung erfreute und alle Kraͤfte ihres Gemuͤths aufs Neue in Bewegung ſetzte. Obgleich die Jahreszeit ſchon herbſtlich ward, gehoͤrte es doch zu Angelica's Lieblingsbeſchaͤfti⸗ gungen, noch an jedem Abende die Gallerie zu beſuchen, und auf einem dieſer Spatziergaͤnge, wo ſie ſich durch die Schauer der Geiſter⸗Stunde und dem Anblick der fliehenden Freuden des Som⸗ mers, beſonders ſchwermuͤthig geſtimmt fuͤhlte, zog ſie ein Blatt Papier hervor und ſchrieb, uͤber die Baluſtrade gelehnt, folgend Sonett nieder: 8 S' iſt Mitternacht! dort ob des Ufers Hoͤhn Erhebt der blaſſe Mond ſein Silberhorn, Indeß ohn' Unterlaß der Wellen Zorn, Dumpf wie der Geiſter klagendes Getöͤn, Den oͤden Thurm umrauſcht mit wildem Drang. Und horch! ſo wie der Lufte Hauch verſchwimmt, Erwacht die holde Melodie und ſtimmt In meinen Schmerz mit ſuͤßem Trauerklang. Iſt es ein Meerweib, das zur Laute ſingt Ein Sterbelied, dem fliehnden Hauch geweiht, Daß mir die Seele ſuͤßer Gram durchdringt, Zuruͤck mir zaubernd, ach! die goldne Zeit, Da mein jung Herz, von Lieb und Hoffnung warm, Sich freut' an ihrer Luftgeſtalten Schwarm? Kaum hatte ſie dieſe Zeilen beendet, als ein leiſer Zephir das Blatt hinwegfuͤhrte, und nur wenige Minuten darauf, flog ein von unten her⸗ aufgeſchoſſener Pfeil durch die Luͤfte und ſiel ei⸗ nige Schritte von ihr, auf den Boden nieder. Erſchrocken wandte ſie ſich um, ward aber ein, an die Spitze des Pfeils befeſtigtes Papier ge⸗ wahr, welches ſie ſchnell herauszog und tolgende Worte darauf las: 232 „Verzeiht, Dame, die Vermeſſenheit eines „ Fremdlings, der es wagt euch ſeine Huͤlfe an⸗ zubieten, und deſſen Arm zu eurer Rettung bereit iſt, wenn unrechtmaͤßige Gewalt euch in den „ſinſtern Mauern von St. Cuthberts⸗Thurm ein⸗ „geſchloſſen haͤlt. So beſchraͤnkt auch meine Kraͤf⸗ „ite ſind, koͤnnen ſie nie beſſer, als zur Befrei⸗ „ung der unterdruͤckten Unſchuld angewandt „werden. „Morgen Nacht, um dieſelbe Stunde werde ich eure Antwort unten erwarten, und ſolltet „ihr in meinen Wunſch, euch nuͤtzlich zu ſeyn, „willigen, ſo verſichere ich euch im voraus meiner „Treue und Entſchloſſenheit.“. Mehrere Male uͤberlas Angelica dieſe Zei⸗ len, und bei jeder Wiederholung derſelben be⸗ wegten tauſend verworrene Gedanken ihr aufge⸗ regtes Gemuͤth. Endlich machte ein Strom von Thraͤnen ihrem beklommenen Herzen Luft, und dadurch etwas erleichtert, ward es ihr moͤglich, mit einiger Ruhe der Sache nachzudenken. Die aufs Neue erwachte Hoffnung der Freiheit rieth ihr, den Dienſt des Fremdlings anzunehmen; der Gedanke aber, durch Verrath vielleicht in 233 Valcourts Haͤnde geliefert zu werden, machte ſie zitternd und ſchwankend. Noch einmal uͤberlas ſie den Zettel, und da ſie den ganzen Inhalt deſ⸗ ſelben beſcheiden und ehrerbietig fand, wankte ſie abermals in ihrem Entſchluſſe. Endlich rief ſie traurig aus: auf keine Wei⸗ ſe kann meine Lage gefahrvoller werden, als ſi jetzt iſt; warum ſollte ich denn noch wanken, da) im ſchlimmſten Falle ich doch nur in die Gewalt des⸗ jenigen kommen kann, vor dem ich auch hier nicht ſicher bin. Laß mich alſo jede Furcht u uͤberwinden, feſt auf die Huͤlfe der Vorſehung bauen und muth⸗ voll meinem Geſchick entgegen gehen. Als ſie einmal dieſen Entſchluß uͤber ſich gewonnen hat⸗ te, ſchrieb ſie folgende Antwort: „ Fremdling, wer ihr auch ſeyn moͤgt, dank⸗ „ bar und vertrauend nehme ich euer Anerbieten „an. In Gottes und eure Haͤnde lege ich die „Hoffnung meiner Errettung und hoffe, daß ihr „mein Vertrauen verdienen werdet. Mit diefen Zeilen begab ſie ſich am naͤchſten Abende wieder auf die Gallerie, und nachdem ſie ſie an den Pfeil befeſtigt hatte, ſchwang ſie 234 ihn uͤber die Baluſtrade. Nach kurzer Zeit kam er zuruͤck, und ſie fand folgende Antwort: „Tauſend Dank, ſchoͤne Dame, fuͤr das Ver⸗ „trauen, welches ihr in mich ſetzt! moͤge der „Himmel mir ſo gewiß guͤnſtig ſeyn, als ich mich „eurem Dienſte treu erweiſen werde! „Die morgende Nacht ſoll euch aus dieſen „Mauern befreien, und nicht eher werde ich mei⸗ „Ine heilige Pflicht erfuͤllt glauben, bis ich euch „dem Schutz eurer Freunde uͤbergeben habe. Hoͤrt „nun die Mittel, welche ich zu eurer Flucht am ithunlichſten finde. Die Fenſter an der einen „Seite des Thurmes gehen auf die See; hier „will ich mit einem Boote um Mitternacht waͤrten, „in welches ihr einen kuͤhnen Sprung wagen muͤßt, da dieß die einzig moͤgliche Art iſt, aus dem „Thurm zu entkommen, der an jeder andern Seite „zu ſtreng bewacht iſt, um irgend einen Verſuch „unternehmbar zu machen. Zwar fuͤhle ich, „wie gewagt auch dieß Mittel iſt; aber der bele⸗ „bende Gedanke der Freiheit, die es euch wieder⸗ „verſchaffen ſoll, wird euch Kraft dazu geben, „und der Himmel wird euch ſeinen Schutz nicht „verſagen. 235 „Faſſet alſo Muth, holde Dame, die „morgende Nacht wird euch Freiheit und Gluͤck „wiedergeben. Seid ſtark, ſeid entſchloſſen und „verlaßt euch auf die Treue Sigismund's.“ Mit Thraͤnen der Freude und Dankbarkeit, benetzte Angelica das Papier, welches ihr die Verſicherung, ihre langverlorne Freiheit wieder zu erhalten, gab. Jede Furcht vor Gefahr ward durch die ſeligen Bilder, die ihre Einbildungs⸗ kraft umgaukelten, unterdruͤckt, und der Gedan⸗ ke, ihren Oscar wieder zu ſehen, vertrieb alle Angſt aus ihrer berauſchten Seele. Mit Se⸗ genswuͤnſchen fuͤr ihren Erretter, begab ſie ſich, wie ſie hoffte, zum letztenmal, auf ihr trauriges Lager in St. Cuthberts⸗Thurm; aber Freude, gleich dem Kummer, iſt ein Stoͤrer der Ruhe, und ſchon tagte es, ehe ſie einſchlummern konnte. Den ganzen Tag hindurch war Angelica un⸗ aufhoͤrlich beſchaͤftiget, die noͤthigen Zuruͤſtungen zur Flucht zu bereiten, und nachdem ſie ein eng anſchließendes Kleid angelegt, die Brieftaſche und die Papiere in ihrem Buſen verborgen und das Gemaͤlde um ihren Hals befeſtigt hatte, harrete 236 ſie in aͤngſtlicher Erwartung des verſprochenen Zei⸗ chens Sigismund's. Endlich ward es gegeben; ſie nahete ſich dem Fenſter, ſah ein Boot unter dem⸗ ſelben, in welchem ſich zwei Menſchen befanden, die ein großes Segeltuch ausgebreitet hatten, um ſie aufzufangen und ihr winkten, den Sprung zu wagen. Einen Augenblick ſtand ſie ſchaudernd vor dem tiefen Abgrunde unter ihr; als aber ih⸗ re Blicke noch einmal im oͤden Gemache herumirr⸗ ten und alles Elend immerwaͤhrender Gefangen⸗ ſchaft ſich ihr darſtellte, da belebte ſich ihr Muth aufs Neue, und ſich inbruͤnſtig dem Schutze des Himmels befehlend, ſchloß ſie ihre Augen und ſprang in das Boot, welches augenblicklich mit ſeiner ſchoͤnen Beute davon ſegelte. Als ſie ihre Beſinnung wieder erhielt, fand ſie ſich in den Armen eines der Maͤnner, welcher mit Blicken voll zaͤrtlicher Beſorgniß um ſie be⸗ ſchaͤftigt ſchien. Voll des innigſten Dankes uͤber ihre Exrettung, fiel ſie zu den Fuͤßen ihres Be⸗ freiers, und ihre ſchoͤnen, in Thraͤnen ſchwim⸗ menden Augen ſagten ihm mehr, als Worte auszudruͤcken vermochten. 287 Laßt das, ſchoͤne Dame, rief Sigismund, ich verdiene wahrlich ſo viel Dank nicht, fuͤr den geringen Dienſt, den ich euch zu leiſten im Stande war; im Gegentheil betrachte ich mich als euern Schuldner fuͤr das Vertrauen, deſſen ihr mich ge⸗ wuͤrdigt habt, und bis zum letzten Augenblicke mei⸗ nes Lebens, ſoll mein Arm eurem Dienſte geweiht ſeyn. Erlaubt mir nun nur die Frage, wohin ich euch fuͤhren ſoll? Als ich dem Schutze eines geliebten Bru⸗ ders, des einzigen Verwandten, den ich hier beſitze, entriſſen ward, erwiderte Angeliea, war mein Aufenthalt im Schloſſe zu Rochemond, in der Provence; dahin wuͤnſchte ich zuruͤckzukehren, und wenn ihr mich ſicher dahin geleiten wolltet, wuͤrde es meine Verbindlichkeiten noch um ein Großes gegen euch vermehren. Mit Freuden will ich dieß unternehmen, fiel Sigismund ein; doch, ehe ihr eine ſo weite Rei⸗ ſe beginnt, ſcheint es mir noͤthig, einige Vorſich⸗ tigkeits⸗Maßregeln gegen eure Verfolgung zu treffen, und mit eurer Erlaubniß bringe ich euch erſt an einen ſichern Ort, wo ihr die noͤthige 238 Huͤlfe fuͤr den weiteren Weg bereit finden wer⸗ det. Angelica verſicherte, daß ſie ſich gaͤnzlich ſei⸗ ner Leitung vertraue, und noch einmal dankte ihr Sigismund fuͤr dieß Zutrauen. Als ſie nach ei⸗ niger Zeit bemerkte, daß man ſich der Kuͤſte na⸗ hete, fragte ſie: ab ſie landen wuͤrden? Ihr Fuͤhrer bejahete es, und bald darauf ward das Boot in eine ſchmale Bucht geſteuert, in deren Naͤhe, halb in Felſen und Baͤumen verſteckt, eine Huͤtte lag, welche Sigismund ihr als das einſt⸗ weilige Ziel ihrer Reiſe zeigte. Nachdem ſie gelandet waren, fuͤhrte er ſie bis an die Thuͤr der kleinen Wohnung, aus wel⸗ cher ihnen eine ehrwuͤrdige alte Frau entgegen kam, die, indem ſie Sigismunds ſchoͤne Gefaͤhr⸗ tin gewahr ward, eine unwillkuͤhrliche Ausrufung des Erſtaunens nicht unterdruͤcken konnte. Ein freundlich bittender, beſcheidener Blick der letz⸗ tern aber brachte ſie zum Stillſchweigen; ſie fuͤhrte ſie nun in ein kleines, reinliches Zim⸗ mer, worin ein helles Caminfeuer loderte und ein einfaches Mahl zu ihrem Empfange bereit ſtand. 239 Kommt, Fraͤulein, ſagte die Alte, ſetzt euch und nehmt etwas zu eurer Staͤrkung zu euch, denn ihr ſeht ſo blaß und angegriffen aus. Mein Sohn iſt nur hinausgegangen, den Ruderknecht zu befriedigen, und wird in einem Augenblicke zu⸗ ruͤck ſeyn. Euer Sohn? fragte Angelica, iſt mein bra⸗ ver, großmuͤthiger Befreier, euer Sohn? Ja wohl, Fraͤulein, erwiderte Jacobine, und es giebt gewiß keinen wackerern, huͤbſchern Burſchen im ganzen Dorfe. Dabei iſt er ſo ſanft und edel, ſo anmuthig und großherzig, daß jeder Menſch ihn liebt. Ach, er iſt der Troſt und die Stuͤtze meines Alters!—F Ehe Jacobine noch ihre Lobeserhebungen vollenden konnte, kam der Gegenſtand derſelben wieder herein„ und un⸗ willkuͤhrlich weilten Angelica's Blicke einige Au⸗ genblicke auf ſeinem Angeſichte, mit einer Art von Neugierde, die ſie fruͤher nie gekannt hatte; auch ſchien es ihr, als wenn der Alten Lob eben nicht uͤbertrieben geweſen ſei. Obgleich nur in einfacher provenzialiſcher Bauern⸗Kleidung, hats te ſeine ganze Figur etwas beſonders Edles, und ſein Geſicht ſchien der Spiegel einer ſchoͤnen See⸗ 240 le. Waͤhrend ſie noch ſo in dieſer Betrachtung verloren war, fuhr ploͤtzlich der Gedanke durch ihre Seele, daß ihr dieſe Zuͤge ſchon bekannt waͤ⸗ ren, daß ſie ſie ſchon irgend einmal geſehen haͤt⸗ te; aber die Erinnerung davon war zu verwor⸗ ren, um deutlich anzugeben, wo, und jede fernere Unterſuchung ward durch einen feurigen Blick Sigismunds unterbrochen, in welchem der Ein⸗ druck, den ihre Reize auf ihn gemacht hatten, nicht zu verkennen war. Sobald er aber bemerkte, daß Angelica verlegen die Augen niederſchlug, ſetzte er ſich beſcheiden zu ihr und verſuchte, ſie in ein Geſpraͤch zu ziehen, wobei die aufmerkſame Zuhoͤrerin nicht genug die Anmuth und den Reich⸗ thum ſeiner Unterhaltung bewundern konnte, die von einem, mehr als gewoͤhnlich, unterrichteten Geiſte zeugten. Auch war ihr Erſtaunen nicht geringer, als ſie bemerkte, wie ſehr ſein ganzes Benehmen ſich vor den Sitten der Landleute aus⸗ zeichnete, und ſie ſeufzte unwillkuͤhrlich bei dem Gedanken, daß ein Weſen, ſo geeignet, dem vor⸗ nehmſten Stande Ehre zu machen, zum Bauer beſtimmt ſei. A 241 Aus dieſen Traͤumereien ward ſie durch Si⸗ gismunds Stimme erweckt, der ſeine Mutter bat, das Fraͤulein in ihr Zimmer zu fuͤhren. Angelica erhob ſich von ihrem Sitze und nach⸗ dem ſie ihm eine gute Nacht gewuͤnſcht hatte, folgte ſie ihrer Wirthin in eine Stube, welche, obwohl klein, aufs gemuͤthlichſte eingerichtet war. Als ſie um ſich herum blickte, erſtaunte ſie aufs Neue, eine Laute an der Wand hangend und mehrere Buͤcher auf dem Tiſche liegend zu ſehen. — Sie konnte ſogar ihre Verwunderung daruͤber nicht gegen Jacobine zuruͤckhalten, welche erwi⸗ derte: 1:56 Euer Befremden, Fraͤulein, daß ein Bau⸗ er im Beſitz ſolcher Dinge iſt, nimmt mich nicht Wunder; aber ich muß es euch nur ſagen, daß, da mein Sohn von Kindheit an ungewoͤhnliche Anlagen zeigte, der Herr Pfarrer es fuͤr eine Suͤnde hielt, ihn in der Unwiſſenheit ſeines Standes zu laſſen. Er nahm ihn in ſein Haus und unterrichtete ihn in allem ſelbſt, und ich darf es wohl ſagen, daß Sigismund den unterricht gut benutzt hat; gewiß es weiß kein junger Menſch in der ganzen Provinz mehr als er, und dann ſingt 4, 16 242 und ſpielt er ſo meiſterhaft, daß es euch recht zu Herzen gehen wuͤrde, wenn ihr ihn hoͤrtet. Oft nimmt er ſeine Laute an die Kuͤſte des Meeres und weilt dort manchmal die ganze Nacht; denn es iſt nun einmal ſeine Liebhaberei, ſo allein im Mondenſchein herumzuwandern, oder dem Heulen des Sturmwindes und dem Toben der Wellen zuzuhorchen; ja er iſt oft mit ſeinen Gedanken ſo abweſend, daß die Nachbarsleute ihn ſchon mehre⸗ male fuͤr verſtoͤrt gehalten haben. Waͤhrend Jacobine ſo von Sigismunds lei⸗ denſchaftlicher Liebe zur Muſik geſchwatzt hatte, ſtieg in Angelica der Gedanke auf, daß er vielleicht der mitternaͤchtliche Saͤnger geweſen ſei, deſſen ſaͤße Klagetoͤne ſo oft die Sorgen in ihrer Bruſt gemildert hatten, und ſie beſchloß, die erſte Gelegen⸗ heit wahrzunehmen, um eine Erklaͤrung daruͤber zu erhalten. Nachdem die Alte ſich nun noch ein langes und breites uͤber Sigismunds Vollkommenheiten ausgelaſſen hatte, ließ ſie endlich Angelica allein, die bald, nach allen uͤberſtandenen Muͤhſeligkei⸗ ten und Gefahren des Tages, in einen ſuͤßen, ruhigen Schlummer fiel. 243 Waͤhrend der beiden Tage, die Ange⸗ lica noch in der Huͤtte blieb, hatte ſie Ge⸗ legenheit genug, ihren jungen Beſchuͤtzer mit forſchender Aufmerkſamkeit zu beobachten, und jeder Augenblick erhoͤhete ihre Bewunderung fuͤr ihn, ja ſie fand bald, daß er alles Lob, welches Jacobine ihm in ihrer Einfalt ertheilt hatte, noch weit uͤbertraf.— Als das Geſpraͤch auch einſt auf die naͤchtlichen Toͤne kam, welche Angelica wiederholt in ihrer Gefangenſchaft vernommen hatte, geſtand Sigismund, daß er ſich oft unten an dem Vorgebirge aufgehalten, auf welchem St. Cuthberts⸗Thurm erbaut ſei, und dort man⸗ che Nacht, in ſeinen Lieblingsbeſchaͤftigungen ver⸗ loren, zugebracht habe. So weheten, auch an einem dieſer Abende jene gefuͤhlvollen Zeilen zu mir herab, fuͤgte er hinzu, welche mich ver⸗ anlaßten, euch meine Huͤlfe zur Flucht anzubie⸗ ten, weil ich richtig ſchloß, daß ſie von einer im Thurme Gefangenen kommen mußten. Die Ueberzeugung, daß er der mitternaͤchtliche Saͤnger geweſen ſei, erhoͤhete noch Angelica's Dankbarkeit fuͤr ihn, denn ſeine Toͤne hatten nicht allein die Sorgen ihrer Bruſt gemildert, 16* 244 jondern hatten ſie auch in jener grauſenvollen Nacht, als Valcourt ihrem Leben ein Ende ma⸗ chen wollte, aus deſſen Haͤnden befreit. So viele und große Verbindlichkeiten ruͤhrten ihr ge⸗ fuͤhlvolles Herz, und da ſie den jungen Mann ihres vollen Zutrauens werth hielt, erzaͤhlte ſie ihm jeden Umſtand ihres vergangenen Lebens, und machte ihn ſowohl mit ihrem eigentlichen Range und wahren Namen, als auch mit dem Vorfalle bekannt, der die Veranlaſſung zur Ver⸗ bannung aus ihrem Vaterlande geweſen war. Die naͤheren Umſtaͤnde dieſer Erzaͤhlung erſchuͤt⸗ terten Sigismund ſo ſehr, daß er ſich wegwand⸗ te, um dieſe Bewegung vor Angelica zu verbergen, die, als ſie ſein Erblaſſen bemerkte, ihn aͤngſtlich fragte: ob ihm etwas fehle? Er verneinte es zwar, verließ ſie aber, ſobald er konnte, unter dem Vorwande, die noͤthigen Anſtalten zu ihrer morgenden Abreiſe treffen zu muͤſſen. Beim Anbruche des folgenden Morgens, trat Jacobine zu Angelica ins Zimmer um ſie zu be⸗ nachrichtigen, daß der Reiſewagen vor der Thuͤre halte. Leicht ſprang dieſe von ihrem Lager auf, und nachdem ſie, um allen Nachforſchungen ſiche⸗ * 245 rer zu entgehen, die Tracht einer Baͤurin ange⸗ legt hatte, begab ſie ſich in das Wohnzimmer, wo Sigismund ihrer ſchon harrete. Das einfa⸗ che Fruͤhſtuͤck war bald verzehrt; von tau⸗ ſend Segenswuͤnſchen der Alten begleitet, ſtieg unſere Heldin nun mit ihrem jungen Gefaͤhrten in den Wagen, der ſo ſchnell davon fuhr, daß man bald jede Spur der kleinen, gaſtfreien Häst⸗ aus den Augen verlor. . 7./ A eueeh ℳ 7* 8— 246 Vierzehntes Kapitel. Durch kein Abentheuer wurden die erſten Tage dieſer Reiſe unterbrochen; jedoch diente jede Stunde dazu, Angelica's Achtung und Be⸗ wunderung fuͤr ihren edlen Befreier zu erhoͤhen, welcher durch die feinſten Aufmerkſamkeiten alle nur moͤgliche Annehmlichkeit fuͤr ſie herbeizufuͤhren ſtrebte, und durch ſeine anmuthige Unterhaltung ſchnell die Zeit hinwegzuzaubern verſtand. Frei⸗ lich konnte man oft einen Schatten des Kummers auf ſeiner ſchoͤnen Stirne nicht verkennen,-wenn ſeine dunkeln Augen mehrere Augenblicke mit dem Ausdrucke des zaͤrtlichſten Schmerzes auf Angeli⸗ ca ruheten, von dem ſie freilich die Urſache nicht ahnete. Ihr ſelber noch unbewußt, hatte ſie zuerſt ein Gefuͤhl in ſeiner Bruſt geweckt, das ihm bisher fremd geweſen war. In laͤndlicher Einfachheit erzogen, waren die erſten Jahre ſei⸗ nes Lebens nur durch die Freuden und Beſchaͤfti⸗ gungen bezeichnet geweſen, welche dieſem Stan⸗ de eigen ſind; aber fruͤh ſchon ſchien Sigismunds 247 innrer Genius ihn uͤber ſein Geſchick zu erheben, und ſeine mehr als gewoͤhnlichen Anlagen zogen die Aufmerkſamkeit des Pfarrers an, der es groß⸗ muͤthig unternahm, die Faͤhigkeiten zu entwickeln, welche ihm fuͤr eine hoͤhere Sphaͤre beſtimmt zu ſeyn ſchienen. Dieß menſchlich ſchoͤne Unter⸗ nehmen ward reichlich belohnt, da der Zoͤgling ſogar die kuͤhnſten Wuͤnſche ſeines Lehrers uͤber⸗ traf. Im zwanzigſten Jahre aber raubte der Tod Sigismund dieſen einzigen Freund, und ob⸗ gleich der Pfarrer ſeinem Lieblinge ein kleines Vermoͤgen vermacht hatte, wodurch er in den Stand geſetzt ward, ſeinen einmal begonnenen Lebensweg fortzuſetzen, ſchmerzte dieſer Verluſt ihn doch ſo tief, daß mehrere Monate erfordert wurden, ehe er einen Theil ſeiner vorigen Hei⸗ terkeit wieder erlangen konnte. Durch den hoͤheren Grad ſeiner Bildung nun nicht mehr geſtimmt, Vergnuͤgen an dem Umgang mit ſeines Gleichen zu finden, und durch ſeinen Stand von der Geſellſchaft mit Vornehmeren aus⸗ geſchloſſen, floſſen Sigismunds Tage groͤßten⸗ theils einſam dahin; ſein Gemuͤth, eines gleichgeſtimmten Weſens beraubt, mußte nur 248 in und durch ſich ſelbſt Freuden eines hoͤheren Genuſſes ſuchen. Hierduech entſtand jener Grad von ſchwermuͤthiger Schwaͤrmerei in dem jungen Bauern, der die Aufmerkſamkeit ſeiner laͤndli⸗ chen Nachbaren auf ſich zog, welche nicht faͤhig waren, die Urſache davon zu verſtehen, um ſich aber ihren neckenden Bemerkungen zu entziehen, ward Sigismund verſchloſſener als je. Die Na⸗ tur war ſeine einzige Freundin, und oft, wenn er mit ſeiner Laute in ihrer tiefſten Einſamkeit herumwandelte, beklagte er ein Geſchick, welches ihn zu einem duͤſtern, freudeleeren Leben be⸗ ſtimmt zu haben ſchien. Angelica war es aufbe⸗ halten, ihm das Herbe ſeiner Lage noch empfind⸗ licher zu machen. Bisher nur an den Anblick der Baͤuerinnen gewoͤhnt, deren Bildung und Sit⸗ ten ihrem Stande entſprachen, erſchien ihm jene anfangs als eine Gottheit; aber bald reifte ſeine Bewunderung zu einer Leidenſchaft, die eben ſo feurig und enthuſiaſtiſch war, als das Gemuͤth, worin ſie genaͤhrt ward. Indem er nun erfuhr, wie weit ſie an Range uͤber ihn erhaben ſei, war zwar alle Hoffnung ihres Beſitzes in ihm vernich⸗ tet; aber jeder Tag, der ihm ihre Vollkommen⸗ 279 heiten mehr entwickelte, machte es ihm unmoͤgli⸗ cher, die heiße Neigung, welche in ſeiner Bruſt fuͤr ſie entſtanden war, zu uͤberwinden, und dem romantiſchen Geiſte des Zeitalters gemaͤß, beſchloß er, ſein ganzes Leben dem Dienſte der Geliebten zu weihen, ohne auf Gegenliebe hoffen zu duͤr⸗ fen.— Nie kann Angelica die Meine werden, rief er oft in ſeinem Innern, auch ſoll ſie nie er⸗ fahren, wie heiß mein Herz fuͤr ſie ſchlaͤgt. In meiner Lage wuͤrde es Unſinn ſeyn, die Erwide⸗ rung einer Leidenſchaft zu ſuchen, welche ſie in den Augen der Welt entehren wuͤrde. Nein, theure Angelica, moͤge dein Herz ſeine ungetruͤb⸗ te Ruhe behalten, die nicht durch die Qualen, welche meine Bruſt zerreißen, geſtoͤrt werden ſoll!—. Treu dem einmal gefaßten Entſchluſſe, kam nie ein Wort ſeiner Leidenſchaft uͤber ſeine Lip⸗ pen; aber unwillkuͤhrlich verriethen oft ſeine Bli⸗ cke und der Ton ſeiner Stimme, die Bewegung ſeines Herzens. Angelioa aber, ſich wenig der Macht ihrer Reize bewußt, war weit entfernt, das Gefuͤhl zu ahnen, welches ſie in der Bruſt ihres Befreiers entzuͤndet hatte, und ihre kunſt⸗ 2 ————ͤͤͤſͤͤͤſͤſſ11 250 loſen Beweiſe der Achtung und Dankbarkeit, dien⸗ ten nur dazu, die Flamme in ſeinem Innern zu ver⸗ mehren.— Obgleich ſie ſich freute, den geliebten Bruder wieder zu ſehen, daͤuchte ihr der Weg bis dahin in Sigismunds Geſellſchaft nicht lang. Als ſie ſich aber dem Orte nahete, von dem man ſie damals mit Gewalt entfuͤhrt hatte, fuͤhlte ſie ſich auf einmal von ſo mannichfaltiger Hoffnung und Furcht fuͤr ihren Oscar ergriffen, daß ſogan al⸗ le Bemuͤhungen ihres Begleiters, ſie ruhiger in dieſer Hinſicht zu machen, vergeblich waren. Ei⸗ ne unbeſchreibliche Sehnſucht bemaͤchtigte ſich ih⸗ rer, beim Anblicke des Schloſſes; ſie ſchlug es vor, auszuſteigen und den letzten Theil des⸗We⸗ ges zu Fuße zu machen, um den theuren Bruder noch mehr zu uͤberraſchen, und waͤhrend ſie ihre Gefuͤhle fuͤr dieſen mit den lebhafteſten Farben ſchilderte, ging Sigismund ſtill ſeufzend an ih⸗ arer Seite durch den Garten, ganz von dem Ge⸗ danken erfuͤllt, daß ihm nie das Gluͤck werden wuͤrde, die Liebe dieſes ſchoͤnen Herzens zu thei⸗ len. Nahe lag nun das Schloß vor ihnen; aber alles war dunkel, und Angelica konnte ſich einer ungluͤcklichen Ahnung nicht erwehren, ſo ſehr ſich Sigismund auch bemuͤhete ſie zu beruhigen. Nach⸗ dem er ſeine liebenswuͤrdige Gefaͤhrtin bis an den Haupt⸗Eingang gefuͤhrt hatte, ſprang er ſchnell die Stufen hinauf, um an der Glocke zu ziehen; niemand erſchien, und nach verſchiedenen Verſu⸗ chen, die Bewohner des Hauſes herbeizurufen, die aber alle fruchtlos blieben, ſtieg Angeli⸗ ca's Angſt mit jeder Minute, die ſie vergeb⸗ lich warteten. Endlich rief ſie weinend aus: Gerechter Himmel, was iſt hier vorgefallen; ent⸗ weder iſt Oscar todt, oder er iſt gezwungen wor⸗ den, Rochemond zu verlaſſen! Beruhigt euch, theures Fraͤulein, erwiderte Sigismund; ich hoffe, eure Furcht iſt ungegruͤn⸗ det; laßt uns in jedem Falle verſuchen, in das Schloß hineinzukommen, um urtheilen zu koͤnnen, ob der Graf es wirklich gaͤnzlich verlaſſen hat, oder nur vielleicht auf kurze Zeit abweſend iſt. Bei dieſen Worten ſtrengte er alle ſeine Kraͤfte an, die Thuͤre zu oͤffnen, welches ihm auch end⸗ lich gelang. Sie gingen durch die lange Halle in die untern Zimmer; aber kein Menſch ließ ſich blicken, und die Ueberzeugung, daß Oscar 252 nicht mehr im Schloſſe ſei, ergriff Angelita mit ſolcher Gewalt, daß ſie ohnmaͤchtig zu Boden ge⸗ funken ſeyn wuͤrde, wenn ihr Begleiter ſie nicht in ſeinen Armen aufgefangen und ſie im naͤchſten Zimmer auf ein Ruhebette gelegt haͤtte, wo ſie erſt nach einiger Zeit wieder zur Beſinnung kam. Mit den theilnehmendſten Ausdruͤcken ſuchte er ſie nun zu troͤſten, und alle Furcht aus ihrer See⸗ le zu verbannen. Endlich beruhigte ſie ſich ſo weit wieder, um den Vorſatz zu faſſen, nach Pe⸗ ters Huͤtte zu gehen und dort naͤhere Erkundigun⸗ gen uͤber Oscar einzuziehen. Als ſie dort ankamen, waren die Bewohner derſelben noch nicht zu Bette, und fragken, beim Eintritte Angelica's und ihres Begleiters, hoͤflich nach der Urſache, die ſie ſo ſpaͤt herfuͤhre. Kennt ihr mich denn nicht mehr, Mutter Genoveva? ſagte Angelica, indem ſie den Hut abnahm, der ihr liebliches Geſicht zur Saſſe⸗ ver⸗ deckt hafte.. Heilige Jungfrau, rief die Alte aus, ſeid ihr es, Fraͤulein Angelica! und nun zog ſie das zitternde, weinende Maͤdchen an ihre Bruſt und uͤberhaͤufte ſie mit muͤtterlichen Liebkoſungen. 233 Endlich ließ ſie ſie wieder aus ihren Armen mit tauſend Entſchuldigungen uͤber die Freiheit, welche ſie ſich genommen habe, und hoͤrte nicht auf mit Fra⸗ gen, wegen der Urſache ihres ſchnellen Veuſchwin dens vom Schloſſe Rochemond. Muͤtterchen, erwiderte Angelica, mit ihxer na⸗ tuͤrlichen Anmuth, ich will deine Neugierde hinloͤng⸗ lich befriedigen durch meine Erzaͤhlungen; aber erſt habe Mitleid mit der Angſt einer Schweſter uͤber das Schickſal ihres geliebten Bruders; ſage mir, wo mein Oscar iſt und warum ich ihn nicht mehr im Schloſſe antreffe? Ach Fraͤulein, ſagte Genoveva, wir haben traurige Dinge erlebt, ſeit eurem Verſchwin⸗ den. Angelica zitterte, und indem ſie auf einen Stuhl ſank, rief ſie aus: um Gotteswillen, ver⸗ laͤngert meine Qual nicht, ſondern ſagt es mir mit einem Worte: iſt Oscar todt, oder ungluͤck⸗ lich? Liebes, gutes Fraͤulein, fuhr die Alte fort, erſchreckt doch nicht ſo gewaltſam. Euer Herr Bruder war ganz wohl, als er das Schloß ver⸗ ließ. 254 Und woy wo iſt er? Die Alte ſchuͤttelte den Kopf und erzählte nun ungefaͤhr folgendermaßen im Zuſammenhan⸗ ge: daß bei Angelica's Verſchwinden vom Schloſ⸗ ſe, Glanalvons Verdacht auf den Chevalier Val⸗ court, als den Urheber ihrer Flucht, gefallen, und er gleich nach Paris gegangen ſei, um ihn deßhalb zur Rede zu ſtellen; doch ſei er durch deſſen Schreck und Erſtaunen bald uͤberzeugt ge⸗ worden, daß dieſer keinen Theil an dem Buben⸗ ſtuͤcke habe, und beide waͤren uͤbereingekommen, kein Mittel unverſucht zu laſſen, Angelica wieder aufzufinden. Jedoch blieben alle Bemuͤhungen Oscars vergeblich, und ſo wie er immer mehr die Hoffnung verlor, den Aufenthalt der geliebten Schweſter zu entdecken, wurde ihm das Leben im Schloſſe zu Rochemond zuletzt unertraͤglich, wo al⸗ les ihn taͤglich an ſeinen Verluſt erinnerte; endlich beſchloß er, es zu verlaſſen. Wohin er aber ge⸗ gangen iſt, ſetzte die Alte hinzu, kann ich euch nicht beſtimmt ſagen. Manchmal redete er da⸗ von, nach England zuruͤckzukehren; dann wieder ſchien er nach Deutſchland gehen und im Heere des Kaiſers fechten zu wollen; aber ich glaube, — 255 er wußte ſelbſt nicht, was er wollte, denn er ſchien manchmal vor Schmerz ſeiner Sinne nicht recht maͤchtig zu ſeyn. Endlich aber ging er fort, und ich weinte bei ſeinem Abſchiede, als wenn er mein eigener Sohn geweſen waͤre, und werde nicht aufhoͤren, fuͤr ihn zu beten, ſo lange noch ein Blutstropfen in meinen Adern rinnt. Nun iſt er ſchon beinahe 2 Monate fort, und wir ha⸗ ben noch kein Woͤrtchen von ihm gehoͤrt, und wiſ⸗ ſen nicht, ob er todt oder lebendig iſt. Oh mein Bruder, mein geliebter Oscar, rief Angelica weinend aus, in welchem entlegenen Winkel der Erde fuͤhrſt du vielleicht ein elendes, freudenloſes Leben, fern von allem Troſte, den die ſchweſterliche Liebe dir gewaͤhren koͤnnte!— und bin ich denn nur nach ſo langen Qualen der Ge⸗ fangenſchaft zuruͤckgekehrt, um dich auf immer von mir geriſſen zu ſehen, und allein, ohne Troſt, ohne Freund dazuſtehen? Nein, Lady Angelica, fiel Sigismund mit leiſer Stimme ein, ihr habt einen Freund, der euch bis zum letzten Augenblicke ſeines Lebens ſchuͤtzen wird, und ich hoffe, ihr ſeid nicht ſo grauſam, mir dieſen Dienſt zu verſagen. 256 Vergebt mir, erwiderte Angelien, die in Sigisnunds Augen einen leiſen Vorwurf zu leſen glaubte, ich weiß gewiß das Gluͤck zu ſchatzen, einen ſolchen 3 keund zu beſitzen — und indem ſie hold durch tuie Thraͤnen laͤchel⸗ te, reichte ſie ihrem Beſchuͤtzer die Hand, der es zum erſten Male wagte, ſie an ſeine Lippen zu druͤcken; aber kaum hatte er es gethan, ſo mach⸗ te er ſich ſchon einen heinlichen Vorwurf, dieſen Vorzug aus Angelica's verlaͤſſener Lage gezogen zu haben, und ein hoͤheres Roth, das ſeine Wangen färhs, Kernithfa as. in ſeinem Innen vorging. Rs ue Gansvebens intritt mit dem Abendeſfen zog ihn aus ſeiner Verlegenheit; nach einem ein⸗ fachen Mahle ward jedem der Gaͤſte ſeine Ruhe⸗ ſtaͤte angewieſen; aber kein Schlummer erquickte ſie. Der Gedanke einer immer ſteigenden, hoff⸗ nungsloſen Leidenſchaft verſcheuchte die Nuhe von Sigismunds Lager, und Angelica, zaͤrtlich beſorgt um den geliebten Bkuder, und unruhig uͤber ihr eigenes Geſchick, brachte ebenfalls die ganze Nacht in Sorgen hin. Jedes andern Schutzes, als des eines jungen Mannes, der durch keine u——— 257 naͤhere Bande mit ihr vereint war, beraubt, ſah ſie die Nothwendigkeit ein, einen andern Zu⸗ fluchtsort ſuchen zu muͤſſen.— Aber an wen konnte ſie ſich wenden? Ihre Mittel reichten nicht hin, ihr eine guͤnſtige Aufnahme in irgend einem Kloſter zu verſchaffen; Peters Huͤtte ſchien ihr kein ſicherer Aufenthalt fuͤr ſie, da die Naͤhe des Schloſſes Rochemond ſie leicht wieder in die Haͤnde des Marquis liefern konnte. So durch⸗ kreuzten tauſend Plaͤne ihr geaͤngſtetes Gemuͤth, bis ſie es endlich als das Beſte anſah, nach Eng⸗ land zu gehen, wo ſie ihren Bruder zu finden boffte, und ſollte ihr auch das nicht gelingen, doch auf Schutz von den zahlreichen Freunden rechnen konnte, die vormals ihrer Familie erge⸗ ben geweſen waren. Nach dieſem gefaßten Ent⸗ ſchluſſe ward ihr Gemuͤth endlich ruhiger, und ſie entſchlief mit dem Vorſatze, am morgenden Tage Sigismunden ihren Plan mitzutheilen. 258 Funfzehntes Kapitel. Kaum roͤtheten die erſten Morgenſtrahlen den oͤſtlichen Horizont, als Sigismund ſchon ſein La⸗ ger verließ, um in Rochemonds Waͤldern ſeinen ſchwermuͤthigen Gedanken nachzuhaͤngen. Nach langem Umherirren, war er endlich im Begriffe, ſich wieder zur Huͤtte zu begeben, als ihm, da er ins Thal bog, Angelica, leicht wie eine Sylphe, uͤber den bethaueten Raſen, entgegenſchwebte. Mit dem kindlichen Ausdruck reiner, unſchuldi⸗ ger Freude, nahete ſie ſich ihm, und ihm die ſchoͤne Hand freundlich reichend, rief ſie aus: Wohin ſeid ihr denn ſo fruͤhzeitig gewandert, mein Freund? Schon ſeit mehr als einer Stun⸗ de habe ich euch uͤberall im Thale geſucht. Und welcher Urſache verdanke ich dieß Gluͤck, erwiderte Sigismund, indem er ſich ehrerbietig uͤber die dargereichte Hand beugte. Ich wuͤnſchte, antwortete Angelica, zalch mit euch uͤber einen Gegenſtand zu unterhalten, der aͤußerſt wichtig fuͤr meine Zukunft iſt, und 259 dieſe heitere, fruͤhe Morgenſtunde ſchien mir da⸗ zu am paſſendſten.— Nun fuhr ſie fort, dem Freunde ihre Abſicht mitzutheilen, in ihr Vater⸗ land zuruͤckzukehren, wo ſie am erſten hoffe, Nach⸗ richt von dem Schickſale ihres Bruders zu erhal⸗ ten. Er, fuͤgte ſie hinzu, iſt das einzige Weſen, von dem ich mit Recht Schutz fodern kann, und ſollte es mir auch ungluͤcklicher Weiſe nicht gelingen, ihn wiederzufinden, ſo hoffe ich doch, einen ſichern Zufluchtsort bei den zahlreichen Freunden und Bekannten zu erhalten, welche ich vormals dort beſaß, und ſo wuͤnſchte ich euren freundlichen Rathzu hoͤren uͤber die beſten Mittel, dieſen Plan in Ausfuͤhrung zu bringen. Waͤhrend Angelica noch ſprach, ward Si⸗ gismunds Herz tief bewegt. Nicht wenig Ueber⸗ windung koſtete es ihn, einen Vorſchlag zu befoͤr⸗ dern, der ſie wahrſcheinlich auf immer trennen wuͤrde; doch verbot Vernunft und Zartgefuͤhl ihm, ſich zu widerſetzen, und mit zitternder Stim⸗ me erklaͤrte er endlich ſeine Einwilligung in jeden ihrer Wuͤnſche. 17* 260 Aber glaubt ihr wirklich auch, verſetzte An⸗ gelica aͤngſtlich, daß meine Wuͤnſche zweckmaͤßig ſind, oder willigt ihr nur aus Hoͤflichkeit ein? Verzeiht, theure Lady Angelica, erwiderte Sigismund bewegt, wenn ich mich weigere, hier⸗ auf eine beſtimmte Antwort zu geben. Ich darf mir kein Recht anmaßen, uͤber eure Plaͤne zu entſcheiden, und kann euch nur meiner Einwilli⸗ gung in alle eure Wuͤnſche verſichern, da ich uͤberzeugt bin, daß eure eigene Vernunft und richtige Urtheilskraft nur das Beſſere waͤhlen werden.— Alſo denkt ihr, fragte Angelica, daß es recht von mir waͤre, nach England zuruͤckzukeh⸗ ren? Gewiß, entgegnete Sigismund leiſe, ſobald ihr es wuͤnſchet. In dieſem Falle nun verlaſſe ich mich gaͤnz⸗ lich auf eure Freundſchaft, die beſten Maaßregeln zu meiner Reiſe zu beſtimmen, fuhr Angelica fort. Hier iſt meine Boͤrſe ordnet alles, wie es euch gut duͤnkt; nur laßt es ſo ſchnell als moͤg⸗ 32 8 261 lich von Statten gehen, da ich mich unbeſchreib⸗ lich nach dem Schutze meines geliebten Bruders ſehne.. Mit kaum hoͤrbaren Worten verſprach Si⸗ gismund, ihr in allem behuͤlflich zu ſeyn, und eil⸗ te, ſobald ſie bei der Huͤtte angekommen waren, aus ihrer Gegenwart hinweg, um der innern Be⸗ wegung, die er nicht laͤnger unterdruͤcken konnte, Raum zu geben. Nach dem Fruͤhſtuͤck erzaͤhlte Angelica, auf die Bitte ihrer freundlichen Wirthe, die Bege⸗ benheiten, welche ſie, waͤhrend ihrer Abweſenheit erlebt hatte; indeß verſchwieg ſie ſorgfaͤltig alle Umſtaͤnde, die auf die Familie Aubiné Bezug hat⸗ ten, aus Furcht, daß eine zu fruͤhe Entdeckung vielleicht das alte Ehepaar auf irgend eine Weiſe in Ungelegenheit bringen koͤnne. Die Erzaͤhlung ward mit dem groͤßten An⸗ theil angehoͤrt, und ſowohl Peter als Genove⸗ va waren unerſchoͤpflich in Lobeserhebungen des Befreiers ihres lieben Fraͤuleins. Der Himmel ſegne ihn dafuͤr, rief die Al⸗ te aus; ach, wie ſehr wuͤnſchte ich, daß er kein 262 Bauer waͤre, denn dann haͤtte ich die Hoffnung, ihn nach Wuͤrden belohnt zu ſehen. Und welche Belohnung vurſcheet hr fuͤr ihn? fragte Angelica. Ach Fraͤulein, erwiderte Genoveva, wenn ein Ritter ſo gluͤcklich iſt, einer jungen, ſchoͤnen Dame, die noch ein Herz zu verſchenken hat, irgend einen wichtigen Dienſt zu leiſten, ſo giebt es doch wol nur eine Belohnung, die er wuͤnſchen kann. Angelica's Wangen wurden bei dieſer Be⸗ merkung von ſchoͤnerem Roth uͤberzogen, und eine noch nie gefuͤhlte Bewegung bemaͤchtigte ſich ihres Herzens. Doch verſuchte ſie, ihre Ver⸗ wirrung zu verbergen, indem ſie erwiderte: Alſo rietheſt du mir wol gar, liebe Genoveva, mich in einen Bauer zu verlieben? Bewahre der Himmel, gnaͤdiges Fraͤulein! das meine ich nicht; aber es will mir noch nicht ſo recht in den Kopf, daß dieſer junge Menſch wirklich ein Bauer iſt. Er hat einen ſo vor⸗ nehmen Gang, und ſein Benehmen und ſeine Ausdruͤcke ſind ſo verſchieden von dem, wie es 8 263 in unſerem Stande gebraͤuchlich iſt, daß ich dar⸗ auf wetten moͤchte, er ſei irgend ein verkleide⸗ ter Prinz oder Lobd, der nur eure Liebe auf die Probe ſetzen will. Angelica verſuchte, unwillkuͤhrlich ſeufzend, die Alte von der Albernheit ihrer Behauptung zu uͤberzeugen; aber dieſe ließ ſich nicht irre machen, und auch Peter ſtimmte ihrer Meinung mit bedeutendem Kopfnicken bei. Noch waren ſie uͤber dieſen Punct mit ihrem Gaſte in freund⸗ lichem Streit begriffen, als der Gegenſtand deſ⸗ ſelben in die Thuͤr trat. Er war waͤhrend des ganzen Morgens abweſend geweſen, um die noͤthi⸗ gen Vorbereitungen zur Reiſe zu treffen, und brach⸗ te die Nachricht, daß in wenigen Tagen ein engli⸗ ſches Schiff von Marſeille zuruͤckſegeln wuͤrde, wohin er ihr rieth am folgenden Morgen zu gehen, in welcher Ahſicht er auch ſchon einen Reifen Magen gole yabe. Angelica bezeugte ihm ihren Dank fuͤr die gehabte Muͤhe, in ei⸗ nem ſo ſchwermuͤthigen Tone, daß Sigismund den Schmerz nicht verkennen konnte, den ſie uͤber ihre nahe Trennung von ihm empfand, und dieſer Gedanke linderte wenigſtens etwas 264 die Qualen ſeines Herzens. Sie ging bald darauf hinaus, um noch manches zu ord⸗ en, wobei ihr Genoveva behuͤlflich war, der Oscar die Kleidungsſtuͤcke ſeiner Schweſter, nebſt ihren Juwelen und einer Summe Geld fuͤr ſie uͤbergeben hatte, im Falle ſie waͤhrend ſeiner Ab⸗ weſenheit nach Rochemond zuruͤckkehren ſollte. Dieß war in dieſem Augenblicke ein wahrer Schatz fuͤr Angelica, die wenig. weiter beſaß, als was ihre kleine Boͤrſe/enthielt. Als am folgenden Morgen der Wagen be⸗ reit ſtand, fuhr unſere Heldin, begleitet von Sigismund, ſchnell davon. Die herzlichſten Se⸗ genswuͤnſche des alten Paares folgten ihr. Lange noch ſtanden beide vor der Thuͤr und ſa⸗ hen den Reiſenden nach, und als zum letzten Male das weiße Tuch des Fraͤuleins ihnen zum Abſchied winkte, ſie ſie nun voͤllig aus den Au⸗ gen verloren hatten, kehrten ſie trauteg in ihre Huͤtte zuruͤck, und Genoveva erbat es noch ein⸗ mal recht flehentlich vom Himmel, daß der jun⸗ ge, huͤbſche Menſch doch wenigſtens ein Lord ſeyn und ſo beide noch recht gluͤcklich werden moͤchten. — Waͤhrend des Weges nach Marſeille, drang Sigismund mit den ernſtlichſten Bitten in ſeine ſchoͤne Gefaͤhrtin, ihm die Erlaubniß zu erthei⸗: len, ſie wenigſtens bis Falmouth, wohin das Schiff beſtimmt ſei, begleiten zu duͤrfen; aber Angelica, eines Theils fuͤr ſeine eigene Sicher⸗ heit beſorgt, hielt es auch Unrecht, ihn ſo lan⸗ ge von ſeiner alten Mutter zu entfernen, und lehnte beſtimmt ſeine Begleitung ab. Aus Furcht, ſie zu beleidigen, wagte er es nicht, wei⸗ ter in ſie zu dringen, ſchauderte aber bei dem Gedanken der Gefahren, die ihr auf einer ſo langen Reiſe, begegnen koͤnnten, und beſchloß/ auf irgend eine Weiſe ihr den in ihrer Lage erforderlichen Schutz zu verſchaffen. In Marſeille legte Angelica die bis hie⸗ her getragenen Bauern⸗Kleider ab, und Si⸗ gismund, um ſeiner Dame keine Schande zu machen, that ein Gleiches. Das nach England beſtimmte Schiff ſollte ſchon am folgenden Abend abſegeln, und unſere Reiſenden brachten die ihnen noch uͤbrige Zeit damit zu, die Stadt und die umliegende Gegend zu beſehen, welche 266 Sigismund ſehr gut kannte, da er fruͤher, mit ſeinem verſtorbenen Pflegevater an dieſem Orte geweſen war und ſich alſo im Stande befand, Angelica auf jede Merkwuͤrdigkeit aus der aͤl⸗ teren und neueven Zeit aufmerkſam zu machen, die oft uͤber die Kenntniſſe, die er auf eine hoͤchſt unterhaltende Weiſe dabei zeigte, in Er⸗ ſtaunen geſetzt ward. Als ſich der Augenblick nahete, der ſie vielleicht auf immer trennen ſollte, verlor ſich Beider Heiterkeit ſehr merklich. Sigismund war nicht laͤnger faͤhig, die Gefuͤhle ſeines Her⸗ zens zu verbergen, welche ihn bei dem nahen Abſchiede uͤberwaͤltigten, und Angelica ſchien ſeine Traurigkeit zu theilen, unbewußt, ob ſie nur an fremdem Schmerz Theil naͤhme oder ei⸗ genen in ihrer Bruſt empfinde.— Endlich kam der lang gefuͤrchtete Augenblick, und nach⸗ dem ſie das Gepaͤck an Vord geſandt hatten, gingen ſie ſchweigend an den Hafen, um die Ankunft des Boots zu erwarten, welches Ange⸗ lica an das Schiff bringen ſollte. Obgleich ſchon am Ende des November⸗Monats, war der Abend doch milde und heiter; die Strahlen des nunumwoͤlkten Mondes verſilberten in voller Pracht die flatternden Segel und tanzten auf den nur leicht bewegten Wogen. Dieſer Anblick, die ſpaͤte Stunde und die Gedanken, welche Angeli⸗ ca's Einbildungskraft beſchaͤftigten, verbreite⸗ ten eine ſuͤße Schwermuth uͤber ihr ganzes We⸗ ſen. Stumm hing ſie am Arme ihres Fuͤhrers und ihre mit Thraͤnen gefuͤllten Augen wand⸗ ten ſich oft vom ſchoͤnen Himmels⸗-Koͤrper uͤber ihr auf ihn, der in tiefem Schmerz verloren an ihrer Seite ſtand; endlich fingen ihre Thraͤ⸗ nen heftiger an zu fließen. Sigismund, es bemerkend, druͤckte leiſe die Hand, welche auf ſeinem Arm ruhete an ſich, und ſagte mit bewegter Stimme: da ihr mir das Gluͤck ver⸗ ſagt, euch ſelbſt nach England zu begleiten, wollet ihr mir eine Gunſt, zum Erſatze dafuͤr, gewaͤhren?— Als Angelica ſtillſchweigend ih⸗ re Einwilligung gab, fuhr er fort: Der Ge⸗ danke, daß ihr eine ſo gefahrvolle Reiſe ohne Begleiter ugternehmet, macht mich unbeſchreib⸗ lich ungluͤcklich, und da ihr mich nun einmal nicht dazu haben wollt, bitte ich euch, den Dienſt eines jungen Edelknaben anzunehmen, den ich in dieſer Abſicht nach Marſeille gerufen habe, und auf deſſen Treue ihr ſicher bauen koͤnnt. Wenn ihr in meine Wuͤnſche willigt, werde ich ihn noch dieſen Abend zu euch an Bord ſchicken, und ihr koͤnnt uͤberzeugt ſeyn, daß die Gewaͤhrung dieſer Bitte mich ſo gluͤck⸗ lich machen wird, als ich es in dieſem Augen⸗ blicke im Stande bin zu werden. unfaͤhig, das Herz ihres Freundes durch ei⸗ ne Weigerung zu kraͤnken, winkte ſie ihm ihre Einwilligung, und kaum hatte ſie ſeinen bered⸗ ten Dank dafuͤr empfangen, als ein Matroſe ſich mit der Nachricht nahete, daß das Boot bereit ſei.— Schweigend folgten ſie ihm; nachdem Sigismund Angelica's Erlaubniß er⸗ halten hatte, ſetzte er ſich neben ſie und ſchnell ruderten die Bootsleute davon. Es befanden ſich mehrere Reiſende im Fahrzeuge; ſo ward der kurze Weg ſtillſchweigend zuruͤckgelegt, da Si⸗ gismund in Gedanken verloren, und. Angelica zu ſehr in ihren eigenen Gefuͤhlen vertieft war, um in irgend ein Geſpraͤch eingehen zu moͤgen. 269 Als ſie am Bord des Schiffes angekommen wa⸗ ren, uͤbergab Sigismund ſeine Gefaͤhrtin dem beſonderen Schutze des Capitains, welcher ver⸗ ſprach, alle nur moͤgliche Sorge fuͤr ſie zu tva⸗ gen. Bald aber mahnte ein Matroſe unſern Freund, daß es Zeit zur Ruͤckkehr ſei. Mit dem Ausdrucke des tiefſten Schmerzes nahete er ſich Angelira, druͤckte ſie, ſich ſeiner kaum bewußt, an die hochſchlagende Bruſt und rief: Lebe wohl, theuerſte Angelica! Der Schutz des Himmels begleite dich, und moͤgeſt du zuweilen im Gebete meiner gedenken! — 3 Lehe wohl, mein Freund, fluͤſterte kaum hoͤr⸗ bar die weinende Angelica, indem ſie ſeine Haͤnde zaͤrtlich an ihr Herz zog. Nie, nie wer⸗ de ich vergeſen————. Die Worte ſtarben auf ihren Lippen, ehe ſie vollenden konnte; Sigismund, unfaͤhig dieſe Scene laͤn⸗ ger zu ertragen, riß ſich von ihr los und ſprang in das Boot, welches in wenigen Minuten die Kuͤſte erreichte. So lange ſie ihn mit den Augen verfolgen konnte, ſtand ſie auf dem Verdecke, mit ihrem Tuche ihm noch ein Lebewohl uͤber die 270 Wogen hinuͤber wehend; als er aber gaͤnzlich vor ihrem Blicke ſchwand, wandte ſie ſich ſchnell und traurig hinweg und ging in die einſame Kazuͤte, um da ungeſtoͤrt dem Schhes lhrar Gefuͤhle 3 un nßängen. Ende des erſten Theils. 4 * 4 8— ere, aäe km e u]— ap,d nt,, ffffffffff 16 17 18 19