——=————,,— ————— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und eieſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen⸗ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen⸗Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 4— für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pi 2 Mk.— Pf. 3 Ausw ärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Vücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Der alte Jäg Siebentes Capitel. Das Fre ſaſege e Achtes Capitel. Da Neuntes Capitel. D Zehntes Capitel. Der Heimgang Eilftes Capitel. Der Ta g des Ge richts Zwölftes Capitel. Die Sühne. Teſt s Teſtament. e r nächtliche Beſuch Seite — — ̈— — = 8σ + SM= 1 S P 2 S — S= Der Freiſchulze. Wir ſtreuen in die Bruſt die böſe Saat, Aber dem Menſchen gehört die That. (Heren in Macbeth.) Das Recht der Ueberſetzung wird vorbehalten. Irſtes Capitel. Das Nichtergut. Eines ſo genau mit der Angabe des Kalenders über⸗ einſtimmenden Frühjahres, als das war, in welchem dieſe Erzählung beginnt, konnten ſich die älteſten Leute in Stadt und Land nicht erinnern. Pünktlich mit dem zwanzigſten März breiteten ſich die Blätter an dem Weißdorn aus, die Schneeglocken und Himmelsſchlüſſel ſtanden friſch und keck im jungfräulichen Grün des triebluſtigen Wieſenangers, als wollten ſie ſagen: Da ſind wir! Die Stachelbeer⸗ ſträucher hatten aber nicht einmal den zwanzigſten erwarten mögen, ſondern ihre Blätterknospen bereits eine Woche früher geöffnet, ſo daß die Büſche ſchon vollſtändig begrünt in den Gärten ſtanden; eine Frühlingsherrlichkeit, welche, da ſogar der ſonſt launenhafte April den ſonnigen, von ſeinem Vorgänger überkommenen Himmel mit unfreund⸗ Moriz Horn; Der Freiſchulze. 1 lichen Wolken verſchonte, ſchon zu Anfang des Maien den vollen Blütenſchleier trug. In dieſer wonnigen Jahreszeit, in welcher unſer Herz ſo recht innig⸗froh empfindet, daß es in der ſchönen Gottes⸗ welt ſchlagen darf, kommen uns die Städte und Dörfer auch ſchöner, ſchimmernder vor, es bedünkt uns, als be⸗ mühe ſich jedes von der vortheilhafteſten Seite zu erſchei⸗ nen. Die Heiterkeit der blühenden Monate verklärt das unbedeutendſte Bäumchen, das auf einer verfallenen Mauer oder in den zerborſtenen Quadern eines Thurmes heraus⸗ gewachſen iſt und auch ſeinen Freudenantheil an der Lenz⸗ zeit genießen will. Welcher Unterſchied zwiſchen dieſen Tagen und denen, wo die Melancholie des todten Herbſtes das Flurbild, wie das der Städte und Dörfer mit dem düſteren Rahmen umſtellt!*— Von dem Dorfe Tannengrün konnte man ſagen, daß es buchſtäblich ein Lenzangeſicht trage. Seine Gehöfte und Häuſer liegen meiſtentheils zwi⸗ ſchen Gärten und Kirſchplantagen, deren gedeihliches Aus⸗ ſehen von der ſorglichen Vorliebe Zeugniß giebt, die ſie hegt und pflegt. Jetzt nun laſſen die rothen Ziegel und die gelben Schaubendächer ganz anmuthig zu den blühen⸗ den Bäumen, zu dem friſch⸗ſaftgrünen Laub. Die letzten Häuſer ſcheinen an der Lehne der Berge, welche zwar keine beſondere Höhe haben, indeſſen mit 3 der Krone flatternder Laubhölzer auf den abgeplatteten Gipfelflächen ein anmuthiges Bild geben, förmlich zu hän⸗ gen, man fürchtet jeden Augenblick ihren Herabſturz, allein er iſt bis heute nicht erfolgt, obſchon in ihnen manche Ge⸗ neration der Bewohner dieſer unſcheinbaren, aber durch ihre Sauberkeit ſich auszeichnenden Holzbauten gewech⸗ ſelt hat. Ihre Beſitzer ſind meiſtens Bleichknechte, die nach vollbrachtem Tagwerk oder auch nur an Sonn⸗ und Feier⸗ tagen„häuslich“ ſind, wogegen die zu den Factoren des Ortes oder der benachbarten Dorfſchaften arbeitenden Frauen und erwachſenen Töchter die heimiſche Schwelle nur ſelten verlaſſen. Wenden wir unſern Blick rechts vom Dorfe nach den grünen Plänen auf der Anhöhe, ſo bemerken wir jene Arbeiter, wie ſie, in jeder Hand die Gießkanne, zwiſchen dem aufgelegten Garn gehen, oder mit Holzſchippen aus den Gräben, welche den Plan durchſchneiden, den bleichen⸗ den Waſſerſtrahl werfen. Wir befinden uns jetzt am Ausgang des Dorfes und ſehen, etwa zehn Minuten entfernt, iſolirt gelegen, einen ſtattlichen, ja den ſtattlichſten Häuſercompler des ganzen Ortes. Eigenthümlich nimmt ſich darunter ein alterthüm⸗ liches, großes Gebäude aus, dem man die Vorzeit, in wel⸗ cher es entſtanden iſt, ſchon von fern anſieht. 1* 4 Da der Hauptſchauplatz unſerer Erzählung dort ſein wird, müſſen wir es von Außen und Innen kennen lernen, auch der Umgebung kürzlich gedenken. Wir begeben uns alſo dahin und ſtehen jetzt an dem breiten Hofthor. Die beiden mächtigen Linden davor, aus deren Kronen uns ein: Willkommen! entgegenrauſcht, ſind keine Jüng⸗ linge mehr, ſie mögen wohl manchen Bewohner des Rich⸗ tergutes— ſo heißt der Gebäudecomplex, den wir vor uns ſehen, erhaben hinaustragen geſehen haben zu dem Kirchhofe, deſſen Kreuze und Steine da drüben auf der Anhöhe luſtig im Morgengolde der Sonne ſchimmern und ganz vergeſſen zu haben ſcheinen, daß ſie, als Denkmale der Trauer, die Freude nicht kennen ſollen. Der Hofthür mit den beiden ehrwürdigen Linden zur Seite über das Gehöfte hinüber, ſehen wir das alterthüm⸗ liche Wohn⸗ und Familienhaus. Jetzt fällt uns auf, was wir von Weitem nicht bemerken konnten, daß das Haus alter und neuer Zeit angehört; urſprünglich darauf weiſen viele Umſtände hin— iſt es nur ein Holzbau mit Lehm⸗ wänden geweſen, mit der Zeit ſchadhaft gewordene Theile hat man nicht wieder aus demſelben Material gebaut, ſon⸗ dern den maſſivern Reparaturbau gewählt, vielleicht auch den Landesgeſetzen gemäß wählen müſſen. Maſſiv ſind alle den Hof umgebende Seitengebäude, die Ställe und die Scheuern. Nahmen wir vorhin an, das Haupt⸗, und ſo zu ſagen 5 Stammgebäude ſei vor langer Zeit entſtanden, ſo irrten wir uns nicht, denn an der weſtlichen Giebelſeite leſen wir die Zahl 1648, alſo das Schlußjahr jenes unheilvollen Krieges, welcher dreißig Jahre lang die Welt verwüſtete. Auffallend iſt, daß der hinter dem Hauſe unmittelbar gelegene Steinbruch, deſſen Verfallenſein die Menge Brom⸗ beerſträucher anzeigen, welche ihr Rankennetz über Geröll und Schutt ausgeſponnen haben, nicht ausgefüllt wor⸗ den iſt. Wir erklären das uns wohl am beſten dadurch, daß jener Bruch vor Zeiten den Wohlſtand der Familie begründet haben mag. Ein ſich daher ſchreibendes Pietätsgefühl hat die Ausfüllung des Keſſels fort und fort verſchoben, ein Beſitzer nach dem andern an das Vorhandenſein des Bru⸗ ches ſich gewöhnt, und da außerdem das Gut Areal in Hülle und Fülle beſitzt, iſt keine Nöthigung vorhanden ge⸗ weſen, durch Ausſchütten der Tiefe Bodenfläche zu gewin⸗ nen. Im Uebrigen gewahrt man die Stelle nur dann, wenn der Herbſt den dichten Ginſterzaun des Gartens, der um den Felſenbruch herumliegt, entblättert hat. Dieſe Gartenflur in ihrem geſegneten Gedeihen contraſtirt ſelt⸗ ſam genug mit dem öden Steingeklüfte. An jene, in der wir ein kleines Nußbaumgehölz, mit Ruhebänken und Gängen verſehen, nicht übergehen wollen, weil die Beſitzer des Gutes dieſen Platz zu ihrem Liebling auserſehen haben, ſtoßen unmittelbar die lang hinauslie⸗ 6 genden Saatgeſilde und ganz im Hintergrunde, wie ein be⸗ friedigender Abſchluß des Ganzen, erhebt ſich der zum Rich⸗ tergute gehörige Wald„die rothe Föhre“ genannt, ver⸗ muthlich weil die Kiefer den Hauptbeſtandtheil der Wal⸗ dung bildet. Hat man die Mitte derſelben erreicht, ſo ſieht man durch die Bäume einen großen Waſſerſpiegel glänzen, den in der Gegend mit dem ominöſen Namen belegten: Hexen⸗ teich. Die um ihn herum ausgereutete Waldblöße, aus der nur eine Blutbuche ſich erhebt, hat allerdings etwas Unheimliches, ja Geiſterhaftes, namentlich wenn der Mond am herbſtlichen Himmel ſteht und ſein Licht von vorüber⸗ eilenden Wolken bald mehr bald weniger gedämpft über die Fläche des Waſſerſpiegels hingleitet. Wir kehren zu dem Gute zurück, betrachten im Vor⸗ übergehen die Scheuern, Ställe, die Wirthſchaftsräume und beſuchen mit der gewonnenen Anſicht, daß wir in Allem eine Muſtereinrichtung gefunden haben, das Hauptgebäude ſelbſt. Die Hausflur iſt geräumig, mit einem Gewölbe, das neuerdings wenigſtens zugleich mit dem ſteinernen Parterre eingebaut worden iſt; die beiden Steintreppen in den oberen Stock ſcheint älteren Urſprungs. Rechts in der Flur iſt die Stube des Geſindes, ein einziger Blick in dieſer genügt, um uns auch hier von der wohlthuenden Ordnung und Sauberkeit, die wir überall gefunden, zu überzeugen; 7 am meiſten erfreuen die frohen Geſichter des in rühriger Geſchäftigkeit angetroffenen Geſindes, denn aus ihren Mie⸗ nen iſt deutlich zu leſen, mit welcher Freudigkeit ſie ihren Dienſt beſchicken. Links der Flur betreten wir ein Zimmer, das nach ſeiner Einrichtung zu ſchließen die Familienſtube iſt, verſe⸗ hen mit jenem einfachen, keineswegs luxuriöſen, aber man verſtatte uns die Bezeichnung, kernigen Meublement, zu dem der gewaltige Stubenofen paßt. Man ſieht es dieſem Ka⸗ chelbau an, daß er in den Wintermonaten ſeine Schuldigkeit in befriedigender Weiſe thut. Aus der Stube führt eine Thür in eine kleinere, deren ganzes Arrangement ſie als die eigentliche„richterliche“ bezeichnet. Wir finden hier die Schöppenbücher von dem erſten an mit ſchadhafter vom Holzwurm zernagten Holzdecke bis auf das neueſte im geſchonten Lederbande; wir ſehen eine gewichtige Lade in der Ecke mit ſonderbaren, man möchte ſagen, einer über Menſchengedenken hinausgehenden Ver⸗ gangenheit angehörigen Blumenſchnörkeleien mit faſt un⸗ lesbaren Sprüchen dazwiſchen. In dieſem Behältniß mö⸗ gen wohl einzelne, das Gemeindeweſen von Tannengrün betreffende Schriften und Papiere liegen, die alte Sitte, Herkommen und Rechte verbucht und verſiegelt enthalten. Ein anderes Regal mit verſchließbaren Thüren und Fä⸗ chern enthält die Wirthſchaftsbücher, Rechnungen, kurz alle ſchriftliche Notizen und Aufzeichnungen, die das Gut ſelbſt betreffen. Eine ſogenannte Rollkommode aus Eichen⸗ holz wird vom Freiſchulzen Chriſtian Andreas Hebart als Schreibſecretair benutzt.. Daß dieſer auch ein Freund des edlen Waidwerkes iſt, verräth der kleine Glasſchrank mit Gewehren und kün⸗ det eine Reihe ausgeſtopfter Vögel an; wollten wir auch der Anſicht ſein, die über das Geweih eines Rehbockes nahe bei der Thür aufgehangene Jagdtaſche diene anderen Zwecken.—— Wir begeben uns nun in den erſten Stock hinauf. Rechts führt ein langer Gang, zu deſſen beiden Seiten Kammern, zuwirthſchaftlichen Zwecken dienend, ſich aneinan⸗ der reihen; in die Giebelſtube gen Oſten; das eine Fenſter be⸗ findet ſich noch in der Seite des Gebäudes, an welcher jener oben erwähnte, verfallene Steinbruchliegt. Wirwerdenſpäter Gelegenheit haben, dieſes Zimmer kennen zu lernen, wen⸗ den uns alſo nach der linken Seite und finden hier die Stube der Frau Freiſchulze und ein daran ſtoßendes Zim⸗ mer über dem unteren, von uns„richterliches“ bezeichneten. Der nicht eben auffällige doch bemerkbare Spalt an der durch Schablonen bemalten Hinterwand ſcheint kein Mauerſprung zu ſein, ſondern auf irgend ein geheimes Cabinet ſchließen zu laſſen, wohinein in„gefährlichen Zeitläufen“ Koſtbar⸗ keiten des Hauſes gebracht worden ſein mögen. 9 In der zuerſt genannten Stube treffen wir geſchonte Meubel und große Truhen an. Wir möchten uns der Ver⸗ muthung hingeben, daß jene Leinwandvorräthe enthalten und denken unwillkührlich daran, wie an ſtillen Sonntags⸗ nachmittagen die Hausfrau mit einer gewiſſen Befriedi⸗ gung über das blendende Lein Muſterung hält. Wenn wir den Leſer bitten, uns auch noch auf den Bo⸗ denraum zu folgen, ſo kann dies ſelbſtverſtändlich nicht ge⸗ ſchehen, um dieſen ihm zu zeigen, zumal jetzt im Frühjahr der Getraidevorrath, welcher im Herbſte hier eingeheimſt wird, nicht vorhanden iſt, nein, wir betreten eine kleine Eckkam⸗ mer. Was finden wir hier in der friedlichen Wohnung eines Landwirths zu unſerem nicht geringen Erſtaunen? Kriegs⸗ waffen und zwar aus den Zeiten jenes unſeligen dreißig⸗ jährigen Religionsſtreites— einen Bruſtpanzer, eine Pickel⸗ haube und ein mächtiges Schwert. Einer aus der Familie des Freiſchulzen— ſo ſagt die Tradition— trug einſt dieſe Wehr; ſie mag ihm gedient haben, Haus und Herd, die Häupter ſeiner Lieben damit vor der Unbill des Krieges zu ſchirmen. Im Gute iſt man nicht wenig ſtolz auf dieſe Fami⸗ lienſtücke, die von dem Muth und der Entſchloſſenheit eines ehrwürdigen Altvordern Kunde auf das jüngſte Geſchlecht gebracht haben. Bei Kirmesfeſten kommt das Geſpräch gern auf jene Zeit zurück und das ritterliche, wenn auch 10 damals nur von einemſchlichten Landmann geführte Schwert wird dann regelmäßig aus der Kammer heruntergebracht und den Gäſten gezeigt, die beim Anblick dieſes kriege⸗ riſchen Geräthes„Fried' und Friedenszeiten“ ſegnen. Zweites Capitel. Die Bewohner. Chriſtian Andreas Hebart ſtammt aus einem alten Geſchlechte ab. Das älteſte Schöppenbuch, deſſen bereits Erwähnung geſchah, beweiſ't, daß bereits zehn Jahre nach Schluß des weſtphäliſchen Friedens ein Chriſtian Simon Hebart das Gut beſeſſen habe, zu dem ein„erklecklicher Steinbruch“ gehört, ja es fand ſich eine Randbemerkung, nach der Handſchrift zu urtheilen vom Paſtor oder Küſter beigefügt, die berichtete, daß die Kirche von den Steinen, die der„ehrenwerthe Herr mit ſeltenem Gemüth“ aus ſei⸗ nem Bruche„ſpendiret“, aufgebaut worden ſei. Vermuthlich erfuhr auch das Dorf Tannengrün die Zügelloſigkeit jenes Weltkampfes und das Gotteshaus wurde entweder ganz oder doch zum größten Theil ver⸗ nichtet. Weitere Nachweiſe über den Stammbaum der Familie 12 waren, wie ſehr man ſich auch von je im Freiſchulzengute be⸗ müht, die Geſchlechtstafel bis auf den Begründer zurück⸗ zuführen, nicht zu erlangen. Die Wahrnehmung, daß auf dem Knauf des bereits erwähnten alten Reiterſchwertes, allerdings nur mit Hülfe einer Lupe, der Name: Hebart zu leſen war, genügte, um in der Familie den Glauben feſt⸗ zuhalten, daß ein Hebart für die Religionsfreiheit mitge⸗ ſtritten habe. Als ein ſonderbares Spiel des Schickſals iſt der Um⸗ ſtand zu erwähnen, daß dem jedesmaligen Beſitzer des Freiſchulzengutes zu Tannengrün nur ein Sohn geboren wurde, der nach des Vaters Tode in jenes ſuccedirte. So war auch unſer Chriſtian Andreas das einzige Kind ſeiner Eltern geblieben. Der Vater war ein Mann von ſtattlicher Geſtalt mit einem ernſten, feſten Geſicht, über deſſen Züge ſehr ſelten und auch dann nur ein halb⸗ unterdrücktes Lächeln glitt. Sein Wille galt im Hauſe als unumſtößliches Geſetz, das aber um ſo freudiger befolgt wurde, je weniger man Urſache hatte, über deſſen Härte oder Strenge ſich zu beklagen. Pünktlichkeit und das zur Stunde Beſtimmte auch zur Stundezu erfüllen ging ihm über Alles; er theilte die Geſchäfte des Tages zu jeder Jahreszeit ein, ohne jedoch die Muße zur Erholung zu beſchränken. Im Dorfe galt ſein Ausſpruch wie ein Urtheil. Wer eines Rathes bedurfte, erlaubte ſich bei dem Freiſchulzen vorzuſprechen und ſein Anliegen vorzutragen. Fand Jener — 13 die Sache ſeines Clienten nicht„lauter und rein,“ ſo brauchte dieſer nur auf des Schulzen Stirn zu ſehen; die beiden ſtarren Falten, die ſich dort in ſolchen Fällen zeig⸗ ten, genügten ſtatt der Antwort, und„Gott befohlen“ galt als Entlaſſungsformel. Eben ſo hatte Der, welcher ein Mal ſeinen des Freiſchulzen Rath nicht befolgt, nicht von Nöthen, in einer zweiten Angelegenheit vor ihm ſich einzu⸗ finden, wollte er nicht eines ſehr unliebſamen Empfanges gewärtig ſein. Beſondere Thätigkeit des Geſindes pflegte er in der Stille zu belohnen, konnte es jedoch nicht leiden, wenn man ihm eine große Dankſagung abſtatten wollte. Seine Kennt⸗ niß im Landbaue waren zum Sprichwort geworden und der Zuſtand ſeiner Felder gab den ſchlagendſten Beweis davon. An Einrichtungen, deren Nützlichkeit er nicht ſelbſt erprobt hatte, glaubte er nicht, mochten ſie noch ſo großer Anpreiſungen ſich erfreuen. Exiſtirten auch zu ſeiner Zeit keine gewerblichen und landwirtthſchaftlichen Zeitſchriften, wenigſtens nicht in jetziger Weiſe, ſo fanden ſich doch hie und da, namentlich in den Kalendern ſogenannte Bauern⸗ regeln nebſt anderen kurzen Andeutungen. Seiner Gewohn⸗ heit nach hatte der Schulze dieſe mehrere Jahre hindurch geprüft und nicht bewährt gefunden. Seit er zu dieſem Reſul⸗ tate gelangt war, litt er keine ſolchen„Lügengeiſter“, wie er ſie nannte, ſondern ſtrich in den Kalendern die betreffenden. Stellen ſo dick durch, daß kein Buchſtabe kenntlich blieb. 14 In der Kirche hatte der Schulze einen beſonderen Glasſtuhl, in dem man ihn mit der Frau und ſpäter dem Sohne, unſerm Chriſtian Andreas, keinen Sonntag vermißte. Sein Eheweib ſtammte aus der Verwandtſchaft. Frau Si⸗ bylle war das Gegentheil ihres Mannes, eine frohe, heitere Natur, die faſt ſtets bei Ausübung ihres Hausregimentes ein Liedchen auf den Lippen hatte. Konnte Jemand dem ſtren⸗ gen Ehewirth ein Lächeln abgewinnen, ſo war ſie es, wenn er die kleine, rührig⸗lebendige Frau unbemerkt beobachten konnte. Sibylle hatte allerdings in ihren Mädchenzeiten wohl von einer andern Zukunft geträumt, und mehr dem Willen der Eltern als ihrer Neigung folgend dem ernſten Bewer⸗ ber ihre Hand gereicht. War ſonach auch das rechte Bin⸗ demittel, die im Manne der Wahl aufgehende Liebe des Weibes nicht vorhanden, die Achtung vor ſeinen Vorzügen und die Bindemittel des Verſtandes und Herzens traten an die Stelle jener; als aber ihr Andreas geboren wurde, ſchloß ſich das weibliche Gemüth innig an das Kind, und in dieſem auch inniger als je an den Vater. So finden wir denn im Richtergute ein ſtill einfa⸗ ches Leben, das ohne von Stürmen beunruhigt und be⸗ wegt zu werden, in wohlthuender, die Luſt am Daſein för⸗ dernder Ruhe dahinfloß.— Andreas hatte das zwanzigſte Jahr erreicht, als der erſte Sturm über den jungen Baum dahinfuhr. Im Dorfe 15 brach ein heftiges Fieber aus, dem an einem Tage beide Eltern erlagen. Wer ein Liebes nur verlor, wird den Schmerz ermeſſen, der das junge Herz beinahe erdrückte. Da ſtand nun der junge Freiſchulze allein in den weiten Räumen und konnte an ſei⸗ nen Verluſt nicht glauben; jedes leiſe Geräuſch im Hauſe, jedes Kniſtern der Dielen— meinte er— bringe ihm die Heimgegangenen wieder.— Es war gegen das Ende des Winters hin, als ſich der ſchmerzliche Todesfall ereignete. In dieſen Tagen der Lei⸗ den hatte der ſchwer geprüfte Sohn keinen treueren Freund und keine troſtreichere Stütze als den Pfarrer des Ortes, einen Mann, im Ausgange der Siebenzig ſtehend, einen ſilberhaarigen Greis, deſſen Religioſität nicht in einer Sammlung bibliſcher Sprüche und wohlklingender Phra⸗ ſen beſtand. „Mein junger Freund,“ ſagte er bei einem ſeiner Beſuche,„wer wie ich an dem Ausgange des Lebens ſteht, hat in ſeinen ſtillen Stunden innerer Beſchauung andere Anſicht von jener Welt da drüben, als Ihr haben könnt, dem ſich, ſo Gott will, noch ein langes, geſegnetes und glückliches Leben eröffnen ſoll.“ Wir, in unſerer Kurzſichtigkeit, beklagen die Heimge⸗ gangenen und meinen; ſie entbehren, weil ſie die Güter und die Genüſſe dieſer Erde verlaſſen haben; wir wiſſen aber nicht und können es auch mit unſerer, durch ihren Körper un⸗ 16 freien Seele nicht erfaſſen, daß die ewige Weisheit und Liebe uns nichts nimmt und nehmen kann, ohne uns zwie⸗ und mehrfachen Erſatz dafür zu geben. Habt Ihr dieſen Glauben in Euch zu der Ueberzeugung erhoben, wie ich ſie habe, dann werdet Ihr mir folgen.— Erinnert Euch, wie ſehr Euer guter Vater, mein in Gott entſchlafener vieljäh⸗ riger Freund und muſterhaftes Beichtkind, dieſes Gut liebte gleich ſeinem Augapfel, wie es ſein Stolz war, einer Fa⸗ milie anzugehören, in welcher dieſe Beſitzung vom Vater auf den Sohn von grauer Vorzeit her, ein recht theures Erbſtück, überging, und ſagt mir dann, ob wir das An⸗ denken an den Heimgegangenen nur durch Thränen und ſchmerzliches Hingeben ehren oder ob nicht beſſer dadurch, daß wir ſein Liebſtes, was er zurückließ, ſein Gut, ſein Haus nach allen Seiten hin ſo erhalten, wie es bei ſeinem Tode war. Ja, mein liebſter Andreas, wäre es auch nur ein kind⸗ licher Glaube, daß die Heimgegangenen mit uns noch in einer gewiſſen Beziehung ſtehen, Kenntniſſe haben von unſerem Treiben und Thun hienieden, ſo bereiten wir ihnen eine Freude, wenn wir mit treuer Anhänglichkeit die Bahnen, die ſie gingen, fortgehn. Zudem giebt uns ein Blick durch dieſes Fenſter eine Lehre, die wir befolgen müſſen. Laßt mich, ehe ich weiter davon ſpreche, noch Eins erwähnen. Wir Menſchen erle⸗ ben von Kindesbeinen an ſo oft den Wechſel der Jahres⸗ zeiten, daß wir, weil„die Gewohnheit unſere Amme iſt,“ * 17 an ihrer Bruſt jener ganz vergeſſen, wie ein Kind, das an dem Buſen der Mutter ſein Leben auch nicht kennt. Aber von hoher Bedeutung iſt dieſer Wechſel und eine recht ſicht⸗ bare Schrift von der Hand des Herrn, die uns von hier nach dem Dort weiſ't. Betrachtet im Winter die erſtorbene Fläche, die ſtarrenden Bäche, dieſe kahlen, ſaftloſen Bäume! Wer von uns würde es wohl glauben, wenn er es nicht eben, wie ich vorhin ſagte, von Kindesbeinen an wüßte, daß dieſe Flächen mit den grünenden Saaten unſere Augen erfreuen, jene ſtarren Bäche wieder zwiſchen blumigem Ra⸗ ſen und belaubten Haſelſtauden murmeln, daß dort die Bäume lieblichen Schatten ſtreuen und Früchte bringen werden? Gewiß Niemand. Vergleiche ich nun die Zeit, da Schmerz und Leid unſere Lebensgefilde erſtarrt, ſeine Blüthen zerſtört mit der Strenge des Winters,— ſo ſteht doch hinter dieſer Zeit auch der Frühling bereit, mit ſei⸗ nen Blüthenketten und Blumenkronen unſer Daſein zu ſchmücken. Nun komme ich auf meine obigen Worte zurück. Der Blick durch dieſes Fenſter zeigt uns, daß eine junge Kraft den Schooß der Erde ſchwellt, ſchon weicht der ſtarre Froſt, ſchon treibt die des überläſtigen Zwanges müde Welle die Eisſchollen fort, ſchon zeigt das kleinſte Reis, das wir von dem erſten beſten Strauch brechen, daß es nicht erſtorben iſt, vielmehr Alles daran ſetzt grün zu werden und zu blühen. Moriz Horn; Der Freiſchulze. 2 18 „Alſo, liebſter Andreas, dem ahmet nach und ſcheidet ab von der Winterzeit Eurer Schmerzen.“ Zehn Jahre ſind ſeit der Zeit, da dieſes Geſpräch ſich zutrug, vergangen. Andreas hat die Lehre des Pfarrherrn, deſſen Hülle in der Gruft an der Altarſeite des Gottes⸗ hauſes längſt beigeſetzt iſt, befolgt,— er iſt redlich beſtrebt geweſen, dem Richtergute den Glanz und das Anſehen zu erhalten. Aus dem Jüngling iſt ein Mann geworden. Wir be⸗ gegnen jetzt einer kräftigen Figur mit ziemlich gebräuntem Angeſicht, das nicht die Strenge des Vaters zeigt, ſondern eine gewiſſe Heiterkeit von der Mutter geerbt zu haben ſcheint. Sonſt iſt er das leibhaftige Abbild ſeines Vaters, die dieſem eigen geweſene Pünktlichkeit, der prüfende Ver⸗ ſtand, das ſichere Urtheil in ſelbſt nicht gewöhnlicher Ver⸗ kettung der Umſtände, die Bereitwilligkeit zum Glück ſei⸗ ner Nebenmenſchen mit Rath und That bei der Hand zu ſein, alle dieſe Eigenſchaften ſind auch die ſeinen geworden, eben ſo aber auch das unwandelbare Feſthalten an dem, was er ein Mal für gut erkannt. Kurz nach dem letzten Geſpräch mit dem Pfarrer hat er recht ianig in den Stunden, in denen er nach vollbrach⸗ ter Arbeit allein in dem Cabinet ſeines Vaters auf⸗ und niederzuſchreiten pflegte, die Sehnſucht nach einem Weſen 19 empfunden, mit dem er ſich über den Segen und das Glück eines ſchönen und ruhig vollbrachten Tagewerkes freuen möge. Wieder war der Sonntag des Erntefeſtes gekommen. Andreas erinnerte ſich, aus der Kirche heimgekehrt, recht lebhaft an die Zeit, wo in der großen Familienſtube ſeiner Eltern frohe Gäſte ſich verſammelt hatten; heute war er al⸗ lein in dem weiten Raume, Alles ruhig und ſtill, nur die alte Wanduhr, an deren Ziffern er das Zählen gelernt hatte, be⸗ wegte ſehr bedächtig— als ſei in der langen Zeit, ſeit welcher ſie an derſelben Stelle hängt, nicht das Geringſte vorgekommen, nicht ſchneller, nicht langſamer wie ſonſt den Pendel im Gehäuſe. Durch das offene Fenſter ſpielte der Wind mit dem breiten Blatt der Rebe, der warme, weiche Sonnenſchein warf die Schatten der Balſaminen⸗ und Geraniumſtöcke,— die Lieblinge der ſeligen Mutter— als wankende Silhouetten auf die blanken Dielen, über welche hin eine leichte Schicht feinen weißen Staubes bei feſtlichen Ge⸗ legenheiten ausgeſtreut zu werden pflegte. Andreas erinnerte ſich der ſtattlichen Kirmestafel, die das mit blauem Rande gezierte Geſchirr ſchmückte. Dies ſtand nun ſchon lange oben im Schranke des Zimmers, in dem die Truhen ſich befanden, Niemand hatte ſeit dem Tode der Eltern es hervorgenommen,— er erinnerte ſich, wie die Mägde, welche die Gäſte bedienten, weiße Latzſchür⸗ zen getragen und wie ſeine Eltern in dem feſtlichen Staate ihm wie eingeladene Gäſte vorgekommen ſeien— Ich halte 2* 20 es hier nicht aus; Fried! ſattle mir den Schweißfuchs!“ rief er durchs Fenſter. Daß das ſtattliche Reitpferd und zwar mit dem be⸗ ſten Lederzeug belegt, in kurzer Zeit vor der Thür ſtand, verſteht ſich von ſelbſt, denn Fried kannte, ſo wie Alle, des Herrn Pünktlichkeit. Begleiten wir unſeren Freiſchulzen. Will er wie jene Ritter der Ballade nur„ſich Ruh erreiten,“ der Einſam⸗ keit entfliehen, oder beabſichtigt er einen Gaſtfreund zu be⸗ ſuchen? Er weiß es, als er das Pferd beſteigt, eben ſo wenig als wir es wiſſen, er befindet ſich vielmehr in jener Stimmung, in der eine Menge Gedanken in uns aufſteigen und immer wieder verſchwinden, um anderen Platz zu ma⸗ chen, ohne daß ſich ein einziger feſthalten läßt, von dem aus wir zu einem Entſchluß gelangen können.— Der Schweißfuchs war von ſeinem Herrn gewöhnt, im raſchen Gange dahin zu traben, mochte ſich daher nicht wenig wundern, daß ſein Reiter heute einen mäßigen Schritt vorzuziehen und es gar nicht zu bemerken ſchien, daß ſie über die Gemarkung von Tannengrün gekommen, und ſchon die erſten Häuſer des Nachbarortes Holzhauſen vorüber waren. „Was ſoll mir das heißen, Herr Schulze?“— rief jetzt eine Stimme,„vorüberreiten, nicht ein Mal einen Blick in's Fenſter eines alten Bekannten werfen, der Euch ſchon lange von Weitem beobachtet hatte und der da ge⸗ 8* 21 meint hat, entweder Euer Thier oder Ihr ſeid krank, denn ſo einen langſamen Trott iſt man von Euch nicht gewöhnt.“ Der dieſe Worte dem aus ſeinem Hinbrüten aufge⸗ weckten Schulzen zurief, war Niemand anders als der Thierarzt Seeber aus Holzhauſen, ein Mann, der bereits zu Vaters Zeiten im Richtergute verkehrte und dort wegen ſeiner ungewöhnlichen Kenntniſſe des Thierlebens und ſei⸗ ner Kuren halber in großes Anſehen ſich geſetzt hatte. „Macht, was Ihr wollt, Herr Andreas“— der Roß⸗ arzt pflegte den Freiſchulzen, den er als Kind gekannt und auf den Armen„manch liebes Mal“ getragen hatte, da⸗ mals nur beim Vornamen zu nennen, jetzt aber, da er das nicht mehr für ſchicklich hielt, Herr davor zu ſetzen— vor⸗ bei kommt Ihr nicht, Ihr ſeid mein Gaſt.“ Andreas fühlte ſich durch die herzliche Anrede des alten Mannes freudig berührt, es war ihm, als könne er bei die⸗ ſem Hauſe nicht vorbeireiten, auch ſein Roß bog den glän⸗ zenden Hals herum und ſein braunes Auge ſchien zu ſagen: ich dächte, wir blieben hier. „Was feiert Ihr denn für ein Feſt?“ fragte er. „Erbrichter, Schulze Andreas“, rief der Thierarzt, der ſchon lange neben dem Reiter ſtand, und dem Pferde ein Stück Zucker mit herausgebracht hatte, deſſen Größe auch auf häusliche Feſtivität ſchließen ließ, an welcher die Hausfrau das gewöhnliche, durch weiſe Sparſamkeit ge⸗ botene Volumen überſchreiten zu müſſen glaubte,—„Erb⸗ 22 richter, jetzt bei ſothaner Frage glaube ich wirklich und wahrhaftig, Ihr und nicht Euer Gaul ſeid krank; Erbrich⸗ er von Tannengrün ſein und nicht einmal wiſſen, daß Holzhauſen zum Kirchſpiel gehört und daß, wenn man dort Kirmes hält, es hier bei uns auch heißt:„Tiſchchen decke dich! Nein, nein, wir Holzhaufner bleiben nicht zurück; alſo abgeſtiegen und eingetreten.“ Der Freiſchulze war aber ſchon längſt abgeſtiegen und trat jetzt Arm in Arm mit dem Thierarzte in deſſen Zimmer. „Ei, wie freundlich iſt es hier! hätte—“ „Das nicht gedacht, wollt Ihr doch hoffentlich nicht ſagen?“ „Nein; hätte Euch ſchon längſt ein Mal beſuchen ſol⸗ len, wollte ich ſagen.“ „Da habt Ihr vollkommen recht; es iſt ein großes, oder vielmehr das erſte Zeichen der Beſſerung am Men⸗ ſchen, wenn er ſeinen Fehler einſieht und zur Erkenntniß kommt. Wenn Ihr Euch gefälligſt erinnern wollt, obſchon das heute Euch nicht recht von Statten zu gehen ſcheint, ſo habe ich Euch je zuweilen eingeladen; da Ihr aber nicht kam't, meinte ich, dem wohledlen Freiſchulzen von Tannen⸗ grün ſei das Haus des Thierarztes Seeber zu Holzhaufen zu ſchlecht und unterließ fein, meine Einladung zu wieder⸗ holen.. „Seeber, wie könnt Ihr nur ſo von mir denken, ich“— „Erbrichter, laßts gut ſein,'s war nur eine Wort⸗ 8 23 neckerei, Ihr wißt ja, der alte Seeber iſt eine ganz beſon⸗ dere Species der Menſchen,— obſchon hier, im Herzen, kerngeſund. Das Geſpräch wurde durch den Eintritt einer Per⸗ ſon unterbrochen, bei deren Anblick, man geſtatte uns den Ausdruck, dem Erbrichter das Herz im Leibe hüpfte. Wer aber war dieſe glückliche Perſon? Niemand anders als das achtzehnjährige Töchterlein des Thierarztes, Marie Mag⸗ dalene.— Sie grüßte erröthend den fremden Gaſt, von dem wohl ihr Vater oft geſprochen, den ſie aber nur zuweilen flüchtig in der Kirche anzuſehen gewagt hatte. Mit dem dem weiblichen Geſchlechte eigenen Scharf⸗ blick hatte ſie die Erſcheinung überflogen und gefunden, daß es ein ſtattlicher und mehr als das, ein ſehr hübſcher Mann ſei, den der Vater in's Haus eingeladen habe. Dieſem entging der Eindruck nicht, den Beide auf einander gemacht hatten; mit der dem Vater einer hüb⸗ ſchen Tochter ſehr verzeihlichen allgemeinen Idee, für dieſe einen wohlhabenden Schwiegerſohn zu finden, verband ſich im porliegenden Falle die ſpecielle, der Freiſchulze möge dieſer ſein.— Nach und nach erſchienen die geladenen Gäſte, meiſt aus der Sippe und einigen Kunden beſtehend. Der Freiſchulze erhielt, ob durch Zufall oder Abſicht ſeinen Platz zunächſt neben Magdalenen, welche die längſt verſtorbene Hausfrau repräſentirend, als Wirthin zu oben der Tafel präſidirte. Eine ungezwungene Heiterkeit belebte die einfache, wenn ſchon reich beſetzte Tafel, vielfache Geſundheiten wurden ausgebracht und auf baldige Ehebündniſſe mit den unverheiratheten Gäſten angeſtoßen. „Zunächſt“, ſagte Seeber, ſein Glas mit dem des Freiſchulzen anklingend,„müßt Ihr mit einem guten Bei⸗ ſpiel vorangehen, Herr Andreas, kann mir gar nicht den⸗ ken, daß Ihr Euch daheim gehörig wohl befindet, und denke mir das Gut viel zu groß für Eine Perſon,— muß lebendig dort werden.“ „Ei, liebſter Freund und Kirmesvater,“ erwiederte der Angeredete,„was ſein ſoll, ſchickt ſich, und unverhofft kommt oft. Meint Ihr nicht auch, Jungfer Magdalene?“ Nach dieſen Worten ſtieß er mit ſeiner Nachbarin an. Sie erröthete, aber ſchwieg. Erſt ſpät am Abende trennte man ſich, und der Letzte, der ſein Pferd beſtieg, war der Freiſchulze. Er hatte ſchon den Fuß im Bügel, als er zum Thierarzt ſagte: „Hört, alter Freund, wenn Ihr künftige Woche ein⸗ mal einen freien Tag habt, ſo thut mir den Gefallen und ſeht mir nach meinen Ställen, ich habe zwar nichts Un⸗ ebnes an meinem Viehſtande bemerkt, allein man kann doch nicht wiſſen.“ —,— G —,— 25⁵ „Werde nicht ermangeln förderſamſt mich einzu⸗ finden.“ „Halt! noch eins! wenn Eure Tochter vom Hauſe abkommen kann, natürlich nur dann, bringt ſie doch mit, ich möchte gern einen Theil der mir heute gewordenen Gaſtlichkeit abtragen.“ „Na, na!“ rief Seeber dem im Galopp davon ſpren⸗ genden Freiſchulzen nach,„warum ſind jetzt Roß und Rei⸗ ter recht munter geworden?“ Es war eine wundervolle Nacht des Spätſommers, in deren Vollmondſchein Herbart den Weg nach Tannen⸗ grün zurücklegte. Wie innerlich froh und befriedigt fühlte er ſich, die drückende Stimmung, die ihn heute Vormittag nicht verlaſſen wollte, war verſchwunden, ihm ſelbſt zu Muthe, als hätten gütige Feenhände auf ſeinem Haupte geruht. „Mein alter Freund in Holzhauſen hat Recht,“ ſagte er zu ſich, als er ſein ſtattliches Gut im Mondenlichte liegend ſah, es iſt für mich einzelnen Menſchen zu groß, und es muß lebendig werden.“ Dieſes Thema mochte ihn anhaltend noch beſchäftigen, denn lange ſchien das Licht der Lampe durch die Fenſter ſeines Schlafgemaches. Im Laufe der nächſten Woche ließ ſich eines Tages vor dem geſchloſſenen Hofthor des Freiſchulzengutes ſehr vernehmlich das Knallen einer Peitſche hören. Es war 26 früh in der neunten Stunde etwa; Herr Andreas— wie wir ihn in der Sprechweiſe Seebers zuweilen nennen wol⸗ len— eben im Begriff, nach der rothen Föhre zu reiten, wo er einen neuen Schlag hatte eröffnen laſſen. Der uns bekannte Fried vernahm nicht ſobald den Ruf ſeiner Herr⸗ ſchaft, das Thor zu öffnen, als dieſes ſchon aufſtand und das Fuhrwerk in's Gehöfte fahren ließ. „Vieltauſendmal willkommen, beſter Seeber! wie die Freude! und auch Ihr, liebe Jungfer, ſeid mitgekommen, das heiße ich wacker Wort halten.“ „Ja,“ ſagte ausſteigend der Thierarzt aus Holz⸗ hauſen,„wenn in einem ſo großen Gute, als das Eurige iſt, irgend eine verſteckte Krankheit unter dem Viehbeſtand vermuthet wird, dann kann man nicht ſchnell genug ſich auf die Beine machen. Mein Erſcheinen iſt ſonach mehr Pflicht zu nennen; daß ich die“— er zeigte auf ſeine Tochter, welche Andreas aus dem Wagen mehr hob als ſteigen ließ—„mitgebracht habe, geſchieht blos, um Eurer Einladung von neulichſt nicht wehe zu thun. Jetzt gebt dem Mädel das Geleit in Euer Haus, dann kommt zu mir, ich will doch zunächſt die Ställe von wegen des mög⸗ licher Weiſe kranken Viehes beſuchen.“ Es dauerte ziemliche Zeit, ehe der Erbrichter hier ſich einfand; die beiden in der Stube drinnen hatten eine Menge Fragen auszutauſchen, daß man gar kein Ende ab⸗ ſehen mochte, und der„Holzhauſer Doctor,“ wie ihn die F 12 27 Leute im Freiſchulzengut nannten, vielmals zur Stallthür herausſehen konnte, ehe Herr Andreas zu ihm trat. „Finde, lieber Erbrichter, kein ‚Untädele an Euerem Vieh; ſtrotzt voll Geſundheit, daß es eine wahre Luſt iſt, die ſchmucken Wiederkäuer eines nach dem andern zu mu⸗ ſtern; man weiß in der That nicht, welches Prachtſtück dem andern vorzuziehen iſt.“ „Ihr erleichtert mir wirklich das Herz, man hat manchmal ſeine Ahnungen—“ „Hat ſie, hat ſie,“ nickte der Thierarzt und folgte dem Schulzen in das Zimmer. Dieſer benutzte den Nachmittag— daß eine reiche Tafel ſeine Gäſte er⸗ freute, ſei obenhin erwähnt— dazu, auf ſeinen Be⸗ ſitzungen den lieben Beſuch herumzuführen, ja der Spazier⸗ gang erſtreckte ſich bis in die rothe Föhre und bis an den Hexenteich, bei dem nicht zu verweilen Magdalena bat, weil ſie meinte, es ſei gefährlich an Orten ſich lange aufzu⸗ halten, wo Kobolde und Hexen ihr Weſen trieben.— Spät rollte das Wägelchen mit Vater und Tochter wieder zum Hofthor hinaus. Dieſen Abend wiederholte ſich in des Mädchens Schlafkammer dasſelbe, was ſich damals in der des Frei⸗ ſchulzen zutrug, als er von dem Kirchweihfeſt aus Holz⸗ hauſen zurückgekehrt war— der Schein der Lampe er⸗ hellte noch lange das Fenſter, ein untrügliches Zeichen, wie 28 ſie gewiſſe Ereigniſſe des Tages noch zu lebhaft beſchäftig⸗ ten, als daß ſie zur Ruhe geneigt ſich fühlen mochte. Seit jenem Tage, an welchem Magdalena mit dem Vater das Freiſchulzengut beſucht hatte, mußte Fried oft zu recht ungewöhnlicher Zeit, wie er dem Mitgeſinde zu⸗ verſichern pflegte, ſeinem Herrn den Schweißfuchs ſatteln; und möchte er nur in aller Welt wiſſen, was der Herr Schulze ſo„Prefſirliches“ draußen herumzureiten habe. Nun war aber wohl Fried der Einzige, der das nicht wußte, denn es war gar kein Hehl, daß der Ritt ſtets nach Holz⸗ hauſen ging und daß dem jungen Herrn und Jungfer Magdalenen die Zeit ganz und gar nicht lang wurde, wenn auch Papa Seeber in Geſchäften ſeines Amtes nicht daheim war. Es überraſchte alſo weder Holzhauſen, noch Tannen⸗ grün, denn ſelbſt Fried wollte jetzt auf ein Mal was gemerkt haben, als bekannt wurde, der Freiſchulze Herr Chriſtian Andreas Hebart werde Jungfrau Marie Magdalene, ndas eheleibliche,“ einzige Kind des Thierarztes Seeber zu Holzhauſen als ſein eheliches Geſpons heimführen. Im Gute ſelbſt war darüber eine herzliche Freude, namentlich bei dem alten Geſinde, das noch von des ſeli⸗ gen Herrn Zeiten her diente; die Beſchließerin und Wirth⸗ ſchafterin meinte, es ſei recht„vorm Thorſchluß“ geſchehen, daß eine Hausmutter einziehe. Mit dem Thorſchluß meinte ſie ihre vorgerückten Jahre und ihre abnehmenden Kräfte. 4 29 Endlich erſchien der lang erſehnte Hochzeitstag. Oben wurde angemerkt, daß Holzhauſen mit Tannen⸗ grün einen Kirchſprengel bildete. Hier iſt nachzutragen, daß der erſtere Ort nichts deſtoweniger eine eigene Kirche beſaß, in welcher der Pfarrer aus Tannengrün abwech⸗ ſelnd Gottesdienſt zu halten hatte. Die Trauung des Paares fand daher in dieſem Filialkirchlein ſtatt. Wer in Tannengrün hatte abkommen können, war hinüber„zur Trau“ gezogen, das halbe Dorf aber auf den Beinen, als des Nachmittags der Einzug erwartet wurde. Damals gehörte ein Brautwagen zu jeder Hoch⸗ zeitsfeier, und wäre ſie die des Reichſten geweſen, gegen⸗ wärtig ſieht man ſelten einen ſolchen, und doch giebt er ein liebes, erfreuliches Bild vom Anfang einer neuen Haus⸗ haltung. Eine Stunde mochte vergangen ſein, wenn nicht länger, daß die verſammelte Menge erwartungsvoll den Weg nach Holzhauſen hinausſpähte. Die Straße machte eine Biegung nach dem Dorfe zu. Endlich erſchien der Zug. Der mit Kränzen, Guirlanden und Blumenbogen wirklich überreich geſchmückte, mit einem nußbraunen An⸗ ſtrich glänzend überzogene Wagen wurde von vier Pferden gezogen, die der größte Gutsbeſitzer, Magdalenens Pathe, ſeinem lieben Kinde am Ehren⸗ und Freudentage geſtellt hatte. Die vier rabenſchwarzen Roſſe, gleich gezeich⸗ 5 30 net mit weißem Stern auf der Stirn und weißen Füßen, ſchienen die Ehre, die ihnen geworden, ganz wohl zu ver⸗ ſpüren, denn ſie tanzten mehr als ſie gingen; und ließen, die Köpfe auf und nieder werfend, die blanken wie aus „eitlem Golde“ glänzenden Meſſingteller, womit Zaum ſo wie das ganze neue Geſchirr beſetzt war, hell erklingen. Das Riemenzeug war außerdem noch mit jener kleinen Muſchel— as Otterköpfchen genannt— reich beſetzt. Die beiden Lenker des muthigen Viergeſpannes trugen ſchwarze Mancheſterjacken mitweißen Perlmutterknöpfen und breite, von der Achſel flatternde Bänder, im oberſten Knopfloch aber eingeknöpft ein buntſeidenes Tuch, Geſchenk der Jungfer Braut. Auf dem Wagen ſtand das Staats⸗ meublement; quer vor das Sopha, auf welchem zwiſchen ihren beiden Brautjungfern das blühende Brautkind, aller⸗ dings zu ſchauen wie eine Maienroſe, thronte. Zur Seite fehlte das Topfbord nicht mit allerhand Blech⸗ und Kupfer⸗ geräthe, anzudeuten, daß zu den Pflichten der jungen Hausfrau die Beſchickung der Küche vornehmlich ge⸗ hören wolle. Hinter dem Wagen wurde Magdalenens Lieblingskuh geführt, welche eine mit rothen Bändern be⸗ feſtigte Decke trug. Ihr folgte der mit dem eigentlichen Hausgeräth— das hochzeitliche Bett mit eingeſchloſſen— hochbepackte Wagen, und den Schluß bildete des Thier⸗ arztes einſpänniges Wägelchen, das wir von dem Beſuche im Freiſchulzengute her kennen; in ihm„kutſchirte“ der 6 A 31 Braut⸗ und Hochzeitsvater ſelbſt. Der Bräutigam be⸗ gleitete zu Pferde den Einzug, und diesmal hatte der Schweißfuchs keinen Grund, ſich über die Ruhe ſeines Herrn zu beklagen, eher über zu vieles Feuer. Am Thor des Gutes— die rothe Föhre hatte gern von ihrem grünen Reichthum zur Ausſchmückung beige⸗ ſteuert, empfing das ſonntäglich geſchmückte Geſinde, die greiſe Beſchließerin an der Spitze, die neue Herrin. Als der alte Seeber am Schluß des feſtlichen Tages allein in ſeinem Wägelchen nach der Heimath fuhr, war es recht einſam und beklommen ihm um's Herz, während zwei Andere das Gelübde am Altar ſich wiederholten, einander recht zu lieben für ein recht langes beglücktes und beglückendes Leben. Den erſten Schatten in die ſonnigen Tage der jungen Ehegatten warf der Tod des Thierarztes. Man war im Freiſchulzengute ſo ſehr an die Erſcheinung des kleinen Wagens gewöhnt, der den lieben Beſuch brachte, daß man ſich gar nicht in den Gedanken einleben konnte, das Wä⸗ gelchen ſtehe jetzt wirklich im Wagenſchuppen und der alte Hans erhalte im Stalle ſein Gnadenbrot für ſeine guten Dienſte. Das Haus des Schwiegervaters aber war Herrn Andreas um keinen Preis feil. „Sieh, lieb' Weib,“ hatte er geſagt, wenn er einen 32 Kaufluſtigen nach dem andern verabſchiedete,„das Haus des guten Vaters behalten wir; ſind wir des Schaffens und Rührens müde, dann ziehen wir dort hinüber, und beſchließen das Daſein in den Räumen, die mir heilig ſind; denn in dieſen wurdeſt Du geboren, die das Glück meines Lebens ausmacht.“ Am fünfunddreißigſten Geburtstag des Freiſchulzen, der am Tage Epiphanias gefeiert wurde, erfreute Frau Magdalena ihren Mann mit der frohen Nachricht, wie man einem dritten Bewohner eine Stätte bereiten müſſe. Hatte man in früheren Jahren den Erbrichter zu⸗ weilen gedankenſchwer durch die geſegneten Gefilde wan⸗ deln, und die Hand durch die Aehren gleiten ſehen, und wußte man ſich ſolche„Schwermüthigkeit“ gar nicht recht zu erklären; denn, ſagten die Leute, welcher Kummer könnte einen Menſchen drücken, auf deſſen Schaffen, Wirken und Walten ſichtbar des Himmels Segen ruhe, ſo hatte man im Herbſte dieſes Jahres, gegen das Ende des Auguſt hin, ein ganz anderes Bild vor ſich; jetzt ſagten die Mie⸗ nen des auf ſeinem Beſitzthum Umhergehenden:„Nun erfüllt ſich bald mein Wunſch.“ Bei einem ſolchen Spaziergange kam er an der Wohnung des Meiſters Schreiner vorüber, der mit Aus⸗ ſuchen von Nutzholz beſchäftigt war. „Tauſend!“ redete ihn der Schulze an,„dort habt Ihr ja ein wahres Kernſtück weißbuchen Holz, möchte mir 33 daraus etwas anfertigen laſſen; werde in Eure Stube kommen.“ Hier beſtellte Herr Andreas allerdings ein Haus⸗ geräth, und zwar eine— Wiege. „Zeigt, daß Ihr etwas gelernt habt, Meiſter,“ ſagte der Erbrichter beim Abſchied, und Jener verſicherte, der Herr Erb⸗ und Freiſchulze ſollten ihr Wohlgefallen an der Arbeit haben. Damit hatte es allerdings ſeine Richtigkeit, denn Herr Andreas war des Lobes voll, als die Wiege abge⸗ liefert wurde. Meiſter Schreiner, der als Wanderburſche „mit dem Stab in der Hand“ offenen Auges durch die Welt gezogen war, hatte nicht nur zierliches Schnitzwerk, ſondern auch an allen vier Ecken wohlgelungene Engels⸗ köpfe mit Flügeln angebracht. Dieſe mit ſo viel Sorgfalt ausgeſchmückte Wohnung bezog am 9. September ein Knabe, indem er, wie es in dem alten Rechtsbuche: der„Sachſenſpiegel“ zu leſen ſteht,„die vier Wände beſchrie.“ Als dem der Stunde der Entſcheidung ängſtlich har⸗ renden Vater die Kunde von der Geburt eines Sohnes wurde, beſchenkte er die Ueberbringerin der frohen Nach⸗ richt mit einem Kronenthaler, den dieſe— wir vermuthen ganz richtig, daß es die alte Wirthſchafterin war— nicht ohne Stolz auf jedem Kirchgange bis„zum Thoresſchluß“ trug. Moriz Horn: Der Freiſchulze. 3 34 Daß am erſten Familienfeſte, dem Tauftag des künftigen Erbrichters, das Freiſchulzengut„ſich ſehen ließ,“ bedarf eben ſo wenig der Erwähnung, als der Umſtand, daß das Ahnenſchwert ganz beſonders heute die Runde um die Tafel machte, vielfach Gelegenheit gebend, der Vergan⸗ genheit ſich zu erinnern und daran Trinkſpruche auf das Wachſen und Blühen des Hauſes, ſeines erſten Spröß⸗ lings und künftigen Stammhalters des Geſchlechtes an⸗ zuknüpfen. Der neue Erdengaſt erhielt an jenem Tage den in der Familie forterbenden Vornamen: Chriſtian. Drittes Capitel. Die beiden Brüder. Erwähnt wurde oben als ein ſonderbares Spiel des Schickſals der Umſtand, daß dem jedesmaligen Beſitzer des Freiſchulzengutes zu Tannengrün nur ein Sohn ge⸗ boren worden ſei. In der Familie Chriſtian Andreas He⸗ barts ſchien dieſe Geſchlechtsregel eine Ausnahme machen zu wollen, denn im dritten Jahr nach Chriſtians Geburt genas und zwar am Faſtnachtsdienſtage Frau Magdalene wie man ſie im Dorfe nannte, eines zweiten Knaben, welche in der Taufe den Namen Georg erhielt. Es giebt Leute, welche Unheil weisſagen wollen, wenn in die Gegenwart ein von den Vorkommniſſen der Ver⸗ gangenheit abweichendes Ereigniß eintritt. So ſahen einige alte, bedenkliche Leute in der Geburt zweier Knaben— einer an ſich gewöhnlichen Sache— eine 3 36 beſorgliche Zukunft vorbereitet, ja man fragte ſich ſchon jetzt, wie nun wohl die N Lachfolge i im Freiſchulzengut ſich geſtalten und wie etwa der Erbrichter die Sache ausgleichen ſneide das nahe liegende: Chriſtian müſſe der Nachfolger ſein, da die Geburt des zweiten Sohnes auf die Rechte der Erſtgeburt gar keinen Einfluß äußern könne, ſchien man merkwürdiger Weiſe zu überſehen. Als Georg das Licht der Welt erblickte, hatte Chriſtian bereits ein Leid der Erde erfahren. Das im erſten Jahre ſeines Lebens blühende Kind begann zu kränkeln, die Fülle ſeines Körpers verſchwand, die von nah und fern um Rath gefragten Aerzte zuckten die Achſeln, und die betrübten Eltern gewöhnten ſich an den ſchmerzlichen Gedanken, den Knaben verlieren zu müſſen. Da, in einer der bald von der Mutter, bald vom Vater ängſtlich durchwachten Nächte — die Aerzte hatten den Eintritt der Kriſis in dieſer Nacht vorausgeſagt— ſiegte zwar die Natur, aber eine Hautkrankheit blieb zurück, welche hauptſächlich in den Gelenkpartien ſich feſtſetzend, deren natürlichen und ſchmerz⸗ loſen Gebrauch hinderte. Anfangs begrüßte man dieſe Erſcheinung als eine glückbringende, da man ſie mit Recht als Urſache zur Ge⸗ neſung des Kindes betrachtete, an der Hoffnung feſthaltend, daß mit der Zeit des Uebel ſchwinden werde. Dieſe Hoff⸗ nung aber hatte ſich, als Gerhe geboren wurde, nh immer nicht erfüllt; wohl war das durch die Krankheit lange Zeit 37 entſtellte Geſicht frei geworden, allein von dem übrigen Körper wollte das hartnäckige Uebel nicht weichen.— Es gewann in der That den Anſchein, als hätte die Natur ſich vorgenommen, in den beiden Brüdern ein paar Gegenſätze hinzuſtellen. Von keiner jener Krankheiten heimgeſucht, die das kindliche Alter zu befallen pflegen, wuchs Georg auf, das leibhaftige Bild der Kraft und Fülle. Wer den Knaben jetzt in ſeinem zehnten Jahre ſah, freute ſich von ganzem Herzen über die Friſche der Geſtalt und das in roſiger Geſundheit prangende Geſicht mit den blitzenden Augen. Georg kannte kein größeres Vergnügen, als den Vater auf ſeinen Gängen durch Feld und Wald zu begleiten. Aufmerkſam betrachtete er Alles, was ihn umgab, ſo daß der Vater nicht fertig wurde auf die Fragen des lebens⸗ luſtigen Kindes zu antworten. Aber er that es gern, kam ihm doch in Begleitung des Sohnes, deſſen Naturell dem der Mutter glich, die ganze Natur freundlicher, ſeine Fel⸗ der und Wälder grüner und beſſer beſtanden vor. Je zuweilen tauchte in der Seele des Vaters der Gedanke auf, ob die Natur nicht ſelbſt gebiete, von der alten Familienſatzung abzuweichen und dem zweiten Sohne das Freiſchulzengut dereinſt zu übergeben. Es iſt eine begründete Wahrheit, daß irgend eine Idee, die uns einmal lebhaft beſchäftigt hat, iſt ſie auch 38 verſchwunden und wie wir meinen vergeſſen, immer und immer wiederkehrt, immer mehr an Kraft gewinnt und endlich uns ſo einnimmt und beſitzt, daß wir unſer ganzes Thun und Treiben ihr anpaſſen. 8* Werfen wir jetzt einen Blick auf die Kindheit des älteren Bruders. Sein Leiden verhinderte ihn, an den Spielen, den Vergnügungen der Knabenzeit theilzunehmen. Mit ſich ſelbſt beſchäftigt, zeigte ſich eine in dieſen Jahren ſeltene Neigung zu leſen, überhaupt geiſtig thätig zu ſein. Erweckt wurde dieſes Beſtreben wohl zuerſt durch die Mutter. So⸗ bald ſie von ihrem Hausweſen abkommen konnte, beſuchte ſie das kranke Kind, dem ſie die Stube im oberen Stocke neben ihrem Zimmer— wir entſinnen uns der Localitäten — eingeräumt hatte, erzählte ihm allerhand Märchen und Geſchichten, oder ſang ihm ein artiges Volksliedchen aus ihrer Mädchenzeit vor. Wir machen die Erfahrung, daß die Phantaſie und Einbildungskraft drjenthen Kinder, deren körperliches Lei⸗ den ſie hindert, ſei der Ausdruck erlaubt, ſich auszutollen, reicher wird, daß ſie ſich eine eigene Welt bilden, in der ſie glücklich ſind. Chriſtians Seele hatte ſich eine ſolche Welt gebildet; den Grund dazu hatten wohl die Erzählungen der Mutter gelegt. Im Uebrigen trug die ganze Einrich⸗ tung des Zimmers zu einer inneren Beſchaulichkeit bei. Die Empfindlichkeit, ja Reizbarkeit der Augen Chri⸗ 2 5 39 ſtians vor den Einwirkungen des Sonnenlichtes, hatte ge⸗ boten, die Fenſter mit grünen Vorhängen abzuſchließen, die blühende und grünende Natur da draußen blieb daher für den kränkelnden Knaben„ein Buch mit ſieben Siegeln,“ und nur die Blumentöpfe, welche die Mutter an die Fenſter und auf ein Tiſchchen ſtellte, wobei ſie die abgeblühten durch neue erſetzte, erinnerten an die größere Fülle der Blumen⸗ herlichkeit da draußen. Dieſe blühende Töpfe und Aeſche und das auf dem Sopha mehr liegende als ſitzende kranke Kind! träumeriſch vor ſich hinblickend. Auf den Vorhängen waren verſchiedene Vögel, aller⸗ hand Arabesken und phantaſtiſche Figuren in einander ge⸗ malt. Aus dieſen Geſtalten bildete ſich Chriſtians Phan⸗ taſie Märchen, und als die Mutter, welcher er einſtmals ein ſolches erzählte, fragte, woher? deutete er nach den Vorhängen und ſagte: dort ſtehts! Da Chriſtian die Schule des Ortes nicht beſuchen konnte, ertheilte ihm der Lehrer, ein liebreicher Mann, Haus⸗ unterricht. Entbehrte auch in dieſer Hinſicht der Knabe nichts, ſo doch viel in anderer. Mit dem Umgange anderer Kinder beginnt für uns der erſte Abſchnitt des Lebens, die engen Gränzen des väter⸗ lichen und elterlichen Hauſes erweitern ſich, es ſchließen ſich gleichgeſinnte Kinderſeelen an einander und knüpfen eine Art Freundſchaftsbündniß, das in nicht ſeltenen Fällen für alle folgenden Lebenstage beſteht. In dem gegenſeitigen 40 Beſtreben, einander allerhand kleine Gefälligkeiten, Gunſt⸗ bezeugungen und Liebesdienſte zu erweiſen, bildet ſich die Welt der Herzen, der Trieb zur Geſelligkeit, ohne den jede wahre Bildung des Menſchen unmöglich iſt, weil an ihre Stelle eine unfruchtbare, nicht zu entfernende Einſei⸗ tigkeit mit ihren Auswüchſen tritt, empfängt ſeine erſte Nah⸗ rung, die geiſtige Kraft ſtählt ſich im Ringen nach Aus⸗ zeichnung; Bevorzugung, Lob, das unſern oder fremden Arbeiten geſpendet wird, ſpornt zu neuer Anſtrengung. Alles das mußte Chriſtian, der Leidende, auf ſein Zimmer Gebannte, entbehren. Er ſchloß keine Freund⸗ ſchaft und hatte Niemand, dem er eine Liebe erzeigen durfte, und nur eine treue Geſpielin— ſeine Phantaſie. Zwar empfing er ſtets Lob ſeines Lehrers, aber das hörte Niemand als er. Die einfachen Erzählungen der Mutter konnten ihm ſpäter natürlich nicht mehr genügen; er war ihr zwar dankbar für die Stunde, in welcher ſie ihm ihre Gegen⸗ wart ſchenkte, aber er mußte jetzt über das, was er früher mit ungewöhnlicher Spannung angehört hatte, lächeln. So kam es denn, daß die Unterhaltung zwiſchen Mutter und Sohn ſeltener wurde. Sie meinte ihn in ſeinen Stu⸗ dien zu ſtören. Der Vater kam nur zuweilen auf Chriſtians Zimmer. Wie mögen wir das uns erklären? Seine Natur ſcheute vor Allem, was das Leben 2 —— 41 nicht freudig berührte, zurück, er hörte nie von unglückli⸗ chen Ereigniſſen reden; er machte, wenn er konnte, zu Fuß oder zu Pferd einen Umweg, ſah er eine verkrüppelte Fi⸗ gur des Weges daher kommen. Zu Krankenbeſuchen mußte er ſich förmlich zwingen. War nun auch Chriſtians Er⸗ ſcheinung keine abſchreckende, ſo zählte er doch nicht zu den vollkommen Geſunden und ſo gehörte denn für den Vater immer eine Art Selbſtbeherrſchung und Ueberwindung dazu, ſeinen älteren Sohn einige Zeit zu beſuchen. Man kann nicht behaupten, daß der Freiſchulze an den Arbeiten Chriſtians keinen Antheil genommen hätten, allein dieſe Theilnahme entbehrte der Wärme, ſie erſchien gemacht, nicht gefühlt. Dazu kam, daß der Vater, ſobald ſich der geringſte Anhalt bot, von dem Bruder Georg zu ſprechen begann, und ohne daß er wollte, durchblicken ließ, welche Freude ihm der Sohn mache. Hätte er ahnen können, welchen gefährlichen Feind er dadurch in Chriſtians Her⸗ zen weckte und nährte, er würde es nicht gethan haben. Dieſer gefährliche Feind war das Gefühl der Zurück⸗ ſetzung, das anfangs durch Thränen ſich Erleichterung zu verſchaffen bemühte, mit den Jahren aber in Mißtrauen, in menſchenſcheues Weſen, im Mannesalter aber in Trotz ausartete. Wer weiß, ob Chriſtians Zukunft ſich ſo geſtal⸗ tet hätte, wie wir erfahren werden, wenn ein redlicher Freund ihm zur Seite geſtanden, mit dem ernſtlichen Willen, jede Mißſtimmung zu bekämpfen. 42 Welches Verhältniß aber beſtand zwiſchen den beiden Brüdern? Dem lebensluſtigen Georg waren durch die Schulzeit eine Menge Spielcameraden zugeführt worden, welche den Bruder vergeſſen ließen, eben ſo fand dieſer ver⸗ möge ſeiner abgeſchloſſenen, in ſich aufgehenden Natur kein Verlangen nach dem Umgange mit Jenen. Die Intereſſen Beider hatten kein Bindemittel.—— Ohne daß im Lebensgange der Familie eine weſent⸗ liche Veränderung eintrat, erreichten die Brüder die Jüng⸗ lingsjahre, Chriſtian ſtand im ſiebzehnten, Georg im fünf⸗ zehnten. Die Frage, welche ſich Eltern um dieſe Zeit vorzulegen pflegen, behandelt die Wahl eines Berufes. Für welchen ſich Georg entſcheiden werde, lag dem Freiſchulzen nicht fern. „Ich werde,“ hatte Jener geäußert,„die Pundwirih ſchaft ſtudiren.“ Eine angenehmere Nachricht konnte der Vater gar nicht erhalten, das ging aus der Eile hervor, mit welcher er ſofort Veranſtaltung traf, den Wunſch des Sohnes zu erfüllen. Früh war ihm die Mittheilung geworden, Nachmittags ritt er ſchon hinüber nach Holzhauſen. Das dortige Ritter⸗ gut hatte ein Freund des Schulzen gepachtet und dieſer ſchien ihm der geeignete Mann, der ſeinen Sohn„was Rechtes“ lehren könne. Die Unterhandlung wurde ſchnell zur allſeitigen Zu⸗ 43 friedenheit Beider geendet, und ſchon in der dritten Woche darauf zog der junge Georg Hebart als Eleve der Land⸗ wirthſchaft auf den Rittergutshof ein. In dem Lebensgange des älteren Bruders war eben⸗ falls eine Veränderung eingetreten. Die Krankheit, welche allen Mitteln hartnäckig bis jetzt getrotzt hatte, war urplötz⸗ lich verſchwunden, nur eine gewiſſe Schwäche und Neigung zum Ermüden blieb anfangs in den Gliedern zurück. Gleich als müſſe er das Langentbehrte und Verſäumte nachholen, ſah man den ernſten jungen Mann mit dem bleichen Geſicht durch die Felder ſeines Vaters langſam dahinwandeln. Auf einer dieſer Wanderungen, die, je mehr er die Zunahme ſeiner Kräfte verſpürte, weiter ausgedehnt wur⸗ den, kam er in die bereits erwähnte Waldung: Die rothe Föhre. Wer hätte nicht in ſeinem Leben die Wonne des Wal⸗ des empfunden? es iſt uns da geweſen, als walle und wandele dort ein Geheimnißvolles und wir würden ſanft hindurchgetragen,— die Ruhe und Stille, nur unterbro⸗ chen, wenn der Wind die Gipfel aneinander weht, durch das Rauſchen in den Spitzen, durch den Ruf eines Vogels — erfüllt uns mit einem Gefühl eines durch und durch bis in jede Faſer dringenden Wohlbefindens, wofür wir vergebens nach Worten ſuchen. Alle dieſe Empfindungen und Eindrücke waren für 44 Chriſtians Seele um ſo mächtiger, je neuer ſie waren, es kam ihm vor, als ſöge er mit dem würzigen Harzdufte der Bäume eine unverwüſtliche Kraft ein. Fort und fort zog es ihn weiter, immer tiefer in die ſonnendurchzitterte Wal⸗ dung hinein. Jetzt auf ein Mal wurde es zwiſchen den Stämmen lichter, die Bäume ſtanden in größerer Entfernung von ein⸗ ander und Chriſtian trat auf die uns aus dem Früheren bekannte Waldblöße, auf welcher die Blutbuche ſtand und der Hexenteich lag vor ihm. Der Sonnenſchein flimmerte in hüpfenden Funken auf dem Waſſerſpiegel und der Wind kräuſelte die Wellen, die, wenn ſie an das Ufer anſpülten, ein leiſes Geräuſch verurſachten. Chriſtian lehnte an der Blutbuche und ließ ſich von dem Geflüſter im Laube und dem der Wellen im Waldträume wiegen. Schritte weckten ihn. Als er aufſah, ging ihn grüßend ein Mann von vorgerückten Jahren in Jägerkleidung vorüber. Wir werden dieſen bald näher kennen lernen, und begleiten jetzt Chriſtian in das Freiſchulzengut zurück. Hier erfuhr er, daß der Cantor, ſein früherer Lehrer, ſchon einige Male nach ihm gefragt habe. Chriſtian hing an den Erzieher ſeiner Jugend mit zu inniger Liebe, um ihm nicht jeden Wunſch zu erfüllen. Er machte ſich daher 45 ſofort nach dem Schulhauſe auf und traf den Geſuchten auf⸗ und abgehend im Baumgarten. „Ihr habt nach mir begehrt, Lieber, ſagt, was ſoll's, womit kann ich dienen?“ „s betrifft nicht mich; Euch, Herr Chriſtian, geht es vielmehr an und iſt ein Wunſch Eures Vaters.“ „Den er mich durch Euch wiſſen läßt?“ „Iſt Euch das unangenehm?“ „Nein, ich habe aber geglaubt, der Vater bedürfe keines Dritten, und wäre dieſer der beſte Freund des Hau⸗ ſes, um ſeinem Kinde einen Wunſch blicken zu laſſen.“ „Je nun, im Allgemeinen mögt Ihr wohl recht haben, je dennoch können Verhältniſſe auch eine Ausnahme von der Regel bedingen.“ „Ich weiß, Cantor, was Ihr damit ſagen wollt, es iſt zwiſchen mir und den Eltern kein ſo recht inniges Anſchlie⸗ ßen möglich geworden; ich bin meiſt auf mich angewieſen geweſen— ich mache auch Niemandem einen Vorwurf. Nun, da ich von dem Feinde, der meine Knaben⸗ und die erſte Zeit des Jünglingsalters mich nicht hat genießen laſſen, frei bin, möchte ich auch meinen eigenen Weg gehen.“ „Wie meint Ihr das?“ „Seht, liebſter Freund, es iſt ſonderbar, wie ſich der Menſch ändert, ſo zu ſagen neu geſtaltet, wenn er über einen geſunden, wenigſtens nicht ſo kranken Körper, daß er an das Zimmer gebannt bleibt, gebieten kann. So 46 habe ich, ſeit ich durch die Beſitzungen des Vaters wan⸗ deln kann, zum erſten Mal daran gedacht, daß ich dereinſt Freiſchulze von Tannengrün werden ſoll, und dabei iſt mir denn Allerlei eingefallen.“ „Laßt hören, liebſter Chriſtian.“ „Zunächſt, meine ich, iſt es nicht nöthig, die Land⸗ wirthſchaft zu verſtehen.“ „Je nun—“ „Laßt mich ausreden. Ich meine hier in dem vorlie⸗ genden Falle. Mein Vater hat einen zweiten Sohn, der, wie ich höre, ein ausgezeichneter Mann für die wirth⸗ ſchaftlichen Intereſſen meines künftigen Gutes ſein wird. Dieſem— warum ſollte ich den Bruder nicht einem Päch⸗ ter vorziehen— würde ich daher die Bewirthſchaftung überlaſſen, mir eine gewiſſe Oberaufſicht vorbehaltend. Mein Zweck als Freiſchulze würde nur der ſein, in die Fußtritte meines Großvaters tretend, mehr noch wie er dem Orte als eine Art Gerichtshalter vorzuſtehen. Und dieſer Punkt iſt es, worüber Euren Rath zu vernehmen ich lange ſchon beſchloſſen habe; doch wir ſind von dem unſche meines Vaters abgekommen.“ „Oder unerwartet dahin zurückgekehrt. Herr Chri⸗ ſtian, Euer Vater wünſcht, daß Ihr Euch für irgend eine Lebensſtellung entſcheiden möchtet; nun ſcheint mir, aus Eurer Rede zu ſchließen, Euch Aehnliches zu beſchäftigen.“ „Ihr habt nicht fehlgerathen, wenn ich ſchon glauben 47 mag, daß der Wunſch meines Vaters nicht ganz erfüllt werden wird. Meine Abſicht geht dahin, einige Zeit auf der Expedition unſeres alten Gerichtshalters mich um⸗ ſehen zu dürfen, dabei aber iſt es keineswegs mein Wille, etwa die Rechte zu ſtudiren, denn eine Wiſſenſchaft zu betreiben, die mir künftig das Brod verdienen ſoll, halte ich, dem dieſes Gut das zum Leben Nöthige geben ſoll, für unnütz, nur, wie ich ſagte, umſehen will ich mich ein wenig in den Acten und Schriften, um vielleicht dar⸗ aus zu lernen, wie man Recht nicht ſprechen ſoll. Doch laßt mich hören, was etwa der Vater mit mir vor hat.“ „So weit ich ihn verſtanden, meint er, Euch werde wohl künftig die Stellung eines Freiſchulzen nicht ge⸗ nügen, überhaupt kein Dorf Euch anſtehen, nach der Stadt werde Euch verlangen, denn es vertrage ſich mit Eurer Neigung—“ „Wir wollen hier abbrechen, liebſter Freund, ich bin heute etwas weit herumſpaziert und fühle mich an⸗ gegriffen und ermüdet.“ Chriſtian verließ ſeinen Lehrer und Freund, der über das ſchnelle Ende der Unterredung nicht wenig er⸗ ſtaunt war— und ſagte, in ſeine Wohnung zurückge⸗ kehrt: Chriſtian, es wird gut ſein, wenn Du die Au⸗ gen offen hältſt. 48 Das Haus, in welchem die Gerichtstage, jeden Mo⸗ nat gewöhnlich einer, abgehalten wurden, war das al⸗ terthümlichſte Gebäude in Tannengrün und unter dem Namen:„Das graue Haus“ bekannt. Man konnte ſein Aeußeres mürriſch nennen. Die Fenſter waren klein, der Thorweg mit dickem Eiſen beſchlagen, über ihm eine Ta⸗ fel mit unleſerlicher Schrift. An der rechten Seite des Eingangs, in Manneshöhe von der Erde, hatte ſich ein breites Halseiſen erhalten, das tief in die Mauer ein⸗ gelaſſen war. Am Boden lag ein viereckiger Steinwür⸗ fel. Hier pflegte man vor Zeiten die Strafe des Pran⸗ gers zu vollziehen. Kein Vorhang oder ſonſtige Fenſterverzierung machte die Stätte der Juſtiz freundlich, vielmehr trugen die vergitterten Fenſter der Hinterfronte nur dazu bei, den unheimlichen Eindruck zu erhöhen. Ein einziges im Erd⸗ geſchoß, mit Blumen beſetzt und weißem Vorhange hin⸗ ter den Scheiben konnte einigermaßen verſöhnend wirken. In dieſer Stube wohnte der Beſchließer, Gerichtsdiener und Caſtellan in einer Perſon, ein alter, aber bei allem Ernſte nicht unfreundliche Mann.— Es iſt gegen Abend, die Sonne wirft auch in die öden tiefliegenden Fenſter des grauen Hauſes ihre ſchei⸗ denden Strahlen, läßt ſie weit hinaus glänzen wie feu⸗ rige Schilder und gießt über das alternde Gebäude gol⸗ digen Schein; der Caſtellan ſieht von ſeinem alten Lehn⸗ r —, 49 ſtuhl hinein in den ſcheidenden Tag und ſagt bei ſich: wohl vielmal wirſt Du den Sonnenuntergang nicht mehr ſehen. Da vernimmt er das Tönen der Hausglocke, welche in dem hohen Spitzbogengewölbe der Flur doppelt ſtark wiederhallt. „Ei, Herr Chriſtian, Ihr ſeid es, nun tretet ge⸗ fälligſt ein, war ſolchen Beſuches nicht wohl vermuthend, bitte aber geziemenden Reſpectes um den Grund Eures Hierſeins.“ „Den erſeht Ihr aus dieſem hier, Alter,“ antwor⸗ tete Chriſtian, ein großes verſiegeltes Schreiben über⸗ reichend. „Ah, von unſerem Herrn Gerichtshalter, werde mich von ſeinem Wollen allſogleich informiren.“ Der Caſtellan ſetzte die Brille auf, erbrach das Siegel und las, nach Art älterer Leute, halblaut und langſam, mit dem Zeigefinger die Zeilen verfolgend: Wie es ſein, des Gerichtshalters Willen und Begehr ſei, Herrn Chriſtian Hebart auf Verlangen die Gerichts⸗ ſtube aufzuſchließen und demſelben zu geſtatten, in denen Acten, ſo abgethan und nicht currentem Proceßverfahren mehr dienlich ſeien, nach ſonderlichem Herzgelüſte ſich um⸗ zuſehen. „Hm, Hm! iſt wohl das erſte Mal, daß mir ſolches anbefohlen worden, iſt aber meines hochweiſen Herrn Ge⸗ richtshalters Willen und Meinung und ſoll darnach ge⸗ Moriz Horn; Der Freiſchulze. 4 50 ſchehen. Kommt alſo, ſo oft Ihr wollt, es ſoll an meinem Dienſte und geziemenden Beiſtand nicht fehlen.“ „ Schon am dritten Tage zu früher Zeit tönte die Hausglocke wieder, und der Caſtellan begleitete Chriſtian in das Gerichtszimmer hinauf. „Alter Freund und vieljähriger Bewohner des grauen Hauſes,“ ſagte Chriſtian, als er an einem Ecktiſch am Fen⸗ ſter auf einem ſchwerfälligen Lehnſtuhl Platz genommen hatte, Ihr wißt ja wohl, welche intereſſante Rechtsſtreitig⸗ keiten hier verhandelt worden ſind, ich würde Euch großen Dank wiſſen, wenn Ihr mir eines oder das andere vor⸗ legen wolltet.“ Wie wohl ſich der alte Mann unter ſeinen Acten be⸗ fand, zeigte die Rührigkeit, mit welcher er in den verrauch⸗ ten Räumen umhertrippelte und bald die kleine, bald die große Treppe an die Repoſituren rückte. Nicht lange dauerte es, ſo hatte vor Chriſtian eine recht anſehnliche Maſſe von Acten ſich aufgeſchichtet. Sehr gern hätte der Caſtellan fragen mögen, was für ein Wohlgefallen Chriſtian an dieſen Dingen finde, allein er beſchied ſich, daß ſolche Frage eine unbeſcheidene Neugier an den Tag legen und ihm gar einen Verweis eintragen könne. Der Freiſchulze, dem der Cantor das Geſpräch mit Chriſtian und deſſen Entſchluß mitgetheilt hatte, ging lange, ſeiner Gewohnheit nach die Hände über dem Rücken * 51 gekreuzt hin und wieder, endlich blieb er vor Jenem ſtehen, legte ihm beide Hände auf die Schultern und ſagte: „Alter Freund, Ihr könnt nichts für die Botſchaft, die Ihr mir ſo eben gebracht habet, aber, offen und ehrlich geſagt, ſie erfreut mich nicht; das, womit Chriſtian ſich beſchäftigen will, iſt nichts Halbes und nichts Ganzes; der Menſch muß ein beſtimmtes Ziel haben, auf das er ſchnur⸗ ſtracks losgehen ſoll, denn nur dann fühlt er die innere Befriedigung, welche zum Wohlbefinden nöthig iſt, wie dem Fiſche das Waſſer. Indeſſen ich muß ihn eben gewäh⸗ ren laſſen. Gebe Gott ein gutes Ende!“ „Amen!“ ſagte der Cantor und man hörte es dem Ton, mit dem das Wort geſprochen wurde, an, wie innig der Wunſch war: es möge Alles zum Beſten ausſchlagen. Chriſtian ſelbſt war im Hauſe kaum zu bemerken. Er verließ ſein Zimmer nur, um die Lieblingsplätze, das graue Haus oder den Hexenteich aufzuſuchen; anfangs er⸗ ſchien es zwar am Mittagstiſch, ohne viel zu ſprechen, dann verſäumte er öfters die Zeit und fand dann ſeine Mahl⸗ zeit auf dem Zimmer. Der Vater, zwar unzufrieden mit der Art und Weiſe, nach der Chriſtian zu leben entſchloſſen ſchien, vermied doch irgendwie davon zu reden, die Mutter meinte, es ſei nicht des Weibes Amt, in den Ernſt der Männer ſich zu miſchen, ſie bot daher, befand ſich Chriſtian unter ihnen, ihren gan⸗ zen Humor auf, ein freundlich belebendes Geſpräch zu ver⸗ 1 mitteln, wenn ſie ſchon ſich ſelbſt ſagen mußte, daß ſie ein inniges Anſchließen zwiſchen Vater und Sohn nicht bewir⸗ ken könne. Nach und nach hatte auch Chriſtian die Schöppen⸗ bücher des Dorfs, die im Originale das Archiv des grauen Hauſes aufbewahrte, während im Schulzengute nur Ab⸗ ſchriften ſich befanden— ſo wie andere auf die Vorzeit Tannengrün'’s bezügliche Documente und Chroniken ſtu⸗ dirt, in denen er auch den Nachweis über den Namen Hexenteich erfuhr. In jener unſeligen Zeit, als man dem finſteren Wahn huldigte, es verſtänden Perſonen die „ſchwarze Kunſt,“ diente jener Teich dazu, dieſe unglück⸗ ſeligen Weſen in ſeinen Fluten zu ertränken. Bin ich Erbrichter, ſagte Chriſtian, das Buch, wel⸗ ches jene Erklärung enthielt, von ſich ſchleudernd, ſo wird der unheimliche Teich ausgetrocknet und eine freundliche Holzſaat decke dieſe öde Blöße, ich will auf meinem Grund und Boden durch nichts an die Verirrungen der Menſchen erinnert werden... Eben ſo fand er in einer alten beſtaubten Urkunde die Notiz verzeichnet, wie vor Zeiten die jedesmaligen „Freiſchulzner“ ſelbſt zu Gericht geſeſſen und durch ihre weiſen Ausſprüche„ſonderliches Erſtaunen in der Gemeinde erreget.“ Was war, kann wieder werden, meinte Chriſtian, die Urkunden in ſeine Schreibcommode einſchließend. 53 Durch dieſe Entdeckung wurde er in ſeiner Vorliebe beſtärkt, jene alten Urkunden und Pergamentrollen durch⸗ zuſtudiren, die den Stammbaum der Familie weit in die graue Vorzeit zurückführten; das uns nicht fremde alte Reiterſchwert ſammt Panzerhemd und Pickelhaube hatten jetzt eine Stelle in Chriſtians Stube gefunden, ſie ſchim⸗ merten und glänzten blank geputzt von der Wand wie die Infignien eines Ahnenwappens zur großen Freude Jenes, der zur Verwunderung des alten Caſtellans das graue Ge⸗ richtshaus jetzt weniger oft heimſuchte und an dem Stu⸗ dium der Acten des Archivs weniger Gefallen zu finden ſchien. Dem war in der That ſo, Chriſtians Neigung hatte der Geſchichte des dreißigjährigen Krieges ſich zuge⸗ wendet, ſeitdem er wußte, daß die Kriegsgeräthſchaften von dorther in das Freiſchulzengut übergeſiedelt waren... Der Gerichtshalter erſchien um dieſe Zeit nach lan⸗ ger Unterbrechung im Orte einmal wieder, um den üblichen Gerichtstag abzuhalten. Die wenigen Eingaben an das Gericht hatten das Ausſetzen der„Hegegerichte“ genüglich gerechtfertigt. Es gehörte zu den Oblaſten des Freiſchulzengutes, den Gerichtshalter aus der nahen Stadt herauszuholen und ihm den Aufenthalt im Gute während der Anweſen⸗ heit im Orte zu geſtatten. Er ſtieg gewöhnlich in jene Stube des Freiſchulzen ab, die wir oben mit dem Namen die richterliche bezeichnen zu können glaubten. 54 Der Gerichtshalter, oder wie er in Tannengrün ge⸗ nannt wurde, der„alte Herr“, war grau geworden im Dienſte der Gerechtigkeit, den er nie anders als„uner⸗ quicklich“ nannte. Mit dem Ernſte der Geſchäfte aber mußte er jene liebevolle Freundlichkeit zu verbinden, die ihm alle Herzen im Dorfe erworben hatte, vor Allem die im Freiſchulzengute. Frau Magdalene ließ es ſich nie nehmen, auf das Seitentiſchchen in der richterlichen Stube ihres Eheherrn ein Frühſtück aufzuſetzen und der Gerichtshalter ſchlug es dem freundlichen Weibe niemals ab, zuzulangen. So hatte er auch heute in dem bequemen Lehnſtuhl zur Seite des kleinen Tiſches Platz genommen und ſich vorlegen laſſen. Häusliche Geſchäfte riefen die Frau aus der Stube. Der Gerichtshalter hatte das Glas an den Mund geſetzt und trank dazwiſchen, hm, hm einſchaltend, lang⸗ ſam Schluck um Schluck. „Schmeckt Ihnen der Wein nicht, vieledler Herr Juſtitiarius?“ „Der Wein iſt rein, aber Euere Stirn nicht, Frei⸗ ſchulze. Da ſitzt etwas, was iſt's? Ich meine, Euer Haus iſt vor vielen andern geſegnet. Ihr habt ein herrliches Eigen, wie kein zweites im Orte, eine liebe Frau, und ein Paar treffliche Söhne, was wollt Ihr mehr?“ „Darf ich offen reden, wie es mir um's Herz iſt, Herr Gerichtsverwalter?“ „— 2 „† „p— 5⁵ „Ei, welche Frage!“ ſchicke ich nicht jeder Abhörung die Anermahnung voraus, die Wahrheit zu ſagen. Ich will annehmen, ich ſäße hier in dem allerliebſten Zimmer, das allerdings von meiner Amtsſtube da drüben gewaltig abſticht, zu Gericht und Ihr hättet mir über etwas Aus⸗ kunft zu geben. Alſo friſch, das Herz frei und ledig ge⸗ ſprochen, was iſt's, was betrifft's?“ „Meinen älteſten Sohn.“ „Chriſtian?“ „So iſt's, ich bin mit ihm gar nicht zufrieden.“ „Wie ſo?“ „Er zieht ſich von uns zurück, kurz es iſt nicht ſo, wie es zwiſchen Eltern und Kindern ſein ſoll.“ Der Gerichtshalter ſetzte das Glas, das er bis jetzt, aufmerkſam auf die Rede, in der Hand gehalten hatte, auf den Tiſch und ſagte: Miebſter Erbrichter, wir kennen uns ſchon lange, und ſind alte Freunde geworden. Vermöge des Rechtes, das ein ſo vieljähriger freundſchaftlicher Umgang giebt, ant⸗ worte ich Euch.“ Chriſtian iſt wegen ſeiner langen Krankheit leider ein Gefangener ſeines Zimmers geblieben, die Spiele der Kind⸗ heit ſind weit an ihm vorübergegangen, er hat ſehnſüchtig die Hände darnach ausgeſtreckt, ſie aber nicht erreicht. Wir wiſſen uns nicht mehr an die kleinen Leiden unſerer Kinder⸗ zeit zu erinnern, die größeren der ſpäteren Jahre und die 56 Aufgabe unſeres Lebens überhaupt läßt jene uns vergeſſen, daß Euer Sohn aber— das kranke Kind— oft recht bit⸗ tere Thränen vergeſſen hat, das glaubt mir, Erbrichter, dem Manne, der die Lebenshöhe ſchon längſt überſtieg und dahin gekommen iſt, wo wir Alle wieder etwas Kindliches annehmen. Die gütige Natur kann nie ungerecht ſein, ſo hat ſie denn des Knaben Seele eher erſchloſſen und ſie reicher be⸗ dacht. Wir kennen den geheimnißvollen Gang nicht, wir ſehen nur die Folgen. Ihr, mein lieber Freund, von Ju⸗ gend auf gewöhnt, im freien Reiche der Natur herumzu⸗ wandeln, habt Euch, ohne es zu wiſſen und zu wollen, mehr mit Eurem zweiten Sohne beſchäftigt, der Euch ähnli⸗ cher nachgeartet iſt, als Chriſtian. Um dieſen habt Ihr Euch zu wenig gekümmert, und, irre ich nicht, dadurch den Grund zu dem Gedanken ihm gegeben, er ſei, obſchon der Aeltere, doch der weniger Bevorzugte. So hat denn Chriſtia in ſeiner Einſamkeit, mit ſich beſchäftigt, eine ganz eigene Lebensanſchauung ſich gebildet, daran aber dürfen wir nach meiner Erfahrung, nicht rütteln, ſondern haben es der Zeit und den Umſtänden zu überlaſſen, zu ändern, zu berichti⸗ gen, wohl ganz umzugeſtalten; was mich anbelangt, ſo bin ich weit entfernt etwaigen Wünſchen dieſes Eures Soh⸗ nes entgegenzutreten, und ein ſolcher Wunſch iſt es, den ich in ſeinem Namen Euch vorzutragen habe, vorausgeſetzt, b 57 daß Ihr in Eurer Stimmung noch geneigt ſein möchtet, mich anzuhören. Der Freiſchulze nickte und jener fuhr fort: „Ich will Euch gar nicht verhehlen, daß mich Chri⸗ ſtians Bitte damals, ich möge ihm geſtatten, Acten auf meiner Gerichtsſtube zu ſtudiren, befremdete und erfreute; befremdete, weil die Vorliebe für ſolche Zerſtreuung und Beſchäftigung eine ſeltene iſt,— erfreute, weil ich das Erwachen des Triebes bemerke, irgendwie eine Arbeit zu haben, eine Art Beruf.— Es iſt ſonderbar, welch richtiges Urtheil Euer Chri⸗ ſtian in den Dingen der Juſtiz hat,— ſo ſeltſam das viel⸗ leicht Euch und Andern klingen mag— ich lebe der feſten Ueberzeugung, er wird künftig ſeine Kenntniſſe, die er ſich geſammelt, zum Nutzen der Tannengrüner anwenden. „Nun komme ich auf ſeinen Wunſch zurück. Er will als Vicerichter in Pflicht genommen ſein.“ „So?“— fragte der Freiſchulze ſichtlich betroffen. „Mir iſt es recht,“ ſetzte der Gerichtshalter das Geſpräch fort,„denn Euch, liebſter Freund, findet man namentlich in den Zeiten, wo Feld und Wald Euch vom Hauſe entfernt, nur nach langem Suchen, beſonders in repentiven Fällen, während mir Euer Chriſtian ſtets zur Hand iſt; zudem, nehmt mir's nicht übel, ſehe ich Euch, wenn mein Gerichtstag etwas lange dauert, mit Be⸗ kümmerniß auf dem Richterſtuhle hin⸗ und herrücken, 58 denn Ihr habt, wie man zu ſagen pflegt,„kein Sitz⸗ fleiſch.“ Gebt daher im Gottes Namen Eure Einwilli⸗ gung, Chriſtian rückt ja einſt in Eure Stelle.“ „Der Menſch denkt, Gott lenkt,“ ſagte Andreas, „ich aber will ſeinem Wunſche nicht entgegen ſein. Damit war das Geſpräch beendet. Die erſte Amtshandlung, die heute in der Gerichts⸗ ſtube des grauen Hauſes durch den Juſtitiar vorgenom⸗ men wurde, war die Verpflichtung Herrn Chriſtian He⸗ bart's zum Vicerichter von Tannengrün,— ein Ereig⸗ niß, welches im ganzen Orte kein geringes Aufſehen er⸗ regte; noch mehr aber ſteigerte ſich das Erſtaunen, als der Gerichtsverweſer bei Gelegenheit des nächſtfolgenden Gerichtstages an die Thüren des grauen Hauſes einen Anſchlag des Inhaltes machen ließ, wie es ſein Wille ſei, betreffende Schriften und Anbringen künftig bei dem Vicerichter zum Vortrage an ihn, den Gerichtshalter, einzureichen. Die Auszeichnung Chriſtians,— die eine Ernen⸗ nung zum Vicerichter in damaliger Zeit war— hätte in der Familie eine Annäherung herbeiführen können, wenn nicht Chriſtian's Aeußerung; es werde nun Vieles anders werden, den Vater unangenehm berührt hätte.—— Um Oſtern des heurigen Jahres erhielt der Frei⸗ ſchulze von ſeinem Freunde aus Holzhauſen, Georg's Lehr⸗ 59 herrn, einen Brief, der ihn mit ganz beſonderer Freude erfüllte. Sein Inhalt lautete: „Dein Georg, beſter Hebart, den Du mit recht guten landwirthſchaftlichen Kenntniſſen bereits ausgeſtattet vor zwei Jahren mir übergabſt, hat bei der unendlichen Liebe zu unſerem Stande,— und ich kenne keinen ſchöneren als dieſen, denn wir vollbringen das Tagewerk unter Gottes Aufſicht— bei unermüdlichem Fleiße ſo große Fortſchritte in Allem gemacht, daß ich zu den Pfingſttagen Dir Dei⸗ nen Sohn zurückſchicken kann. Ich habe über keinen mei⸗ ner Zöglinge ſo große Freude gehabt, als über Deinen prächtigen Jungen und gratulire Dir zu dieſer Vater⸗ freude von ganzem Herzen.“ „Mutter,“ rief der Freiſchulze, der über ſeine Achſel gelehnten aufhorchenden Frau zu,„Mutter, den Freuden⸗ tag müſſen wir hoch feiern. Wir holen ihn ab.“ Chriſtian, ganz ſeinen gewohnten Beſchäftigungen und dem neuen Amte mit einem gewiſſen Stolze lebend, hörte zufällig von der bevorſtehenden Feierlichkeit und der beabſichtigten Einholung ſeines Bruders. Am dazu beſtimmten Tage ging er in den Nachmit⸗ tagsſtunden hinaus nach der rothen Föhre. Das Thor am Gutsgehöfte war mit grünem Reiſig umwunden, Blumen⸗ kränze und Guirlanden bewegte der Wind. „Für mich würde keine Hand ſich in Bewegung ge⸗ ſetzt haben“, ſagte er und ein bitteres Lächeln zuckte um die 60 Mundwinkel. In der rothen Föhre war es heute herrlich zu wandeln; für die Jahreszeit ungewöhnlich heiß glühte der Tag über die Fluren, aber im Schooße der Waldung war es kühl, eine Luftſtrömung ſorgte dafür. Langſam ging Chriſtian über das weiche, ſchwellende Moos des duftigen Bodens und ſtand jetzt in der Nähe des Hexenteiches an die Blutbuche gelehnt. Ein leiſes Huſten veranlaßte ihn umzublicken. Jene Perſönlichkeit, die ſchon ein Mal grüßend an ihm vorübergegangen war, ſtand hinter ihm. „Wer ſeid ihr?“ „Ich bin der Jäger und Forſtaufſeher Eures Vaters, Herr Vicerichter. „Ihr? ich habe eben nie den Vater über Euch reden hören.“ „Das glaube ich,“ ſagte der Jäger,„man ſpricht nicht gern von mir.“ „Wie ſo?“ „Davon ein anderes Mal, Herr Vicerichter. Kann ich Euch heute“— er betonte dieſes Wort—„ſonſt wo⸗ mit dienen?“ „Daß ich nicht wüßte, doch halt— was meint Ihr“— „Ich heiße Wenzel,“ Herr Vieerichter,“ unterbrach ihn der Gefragte, als hätte er Jenes Gedanken errathen— nhier in der Gegend aber: Der alte Jäger.“ 61 „Was meint Ihr, Wenzel, zu der Idee? Ich will die⸗ ſen Teich hier austrocknen und die Blöße anpflanzen laſſen.“ „Die Idee iſt ganz vortrefflich, das melancholiſche Gewäſſer dient nur Fröſchen zum Aufenthalt, da man heut zu Tage von dem Erſäufen der Hexen zurückgekommen iſt.“ „Eben der Name des Teiches iſt mir ein Schandfleck für die Gegend, und ich will an die Dummheit eines fin⸗ ſteren Zeitalters nicht mehr erinnert ſein.“ „Ja, das iſt ganz gut, ich weiß nur nicht, ob Euer Vater“— „Wozu bin ich Vicerichter geworden, Wenzel? was ich für gut finde, ſoll geſchehen, darauf verlaßt Euch, ich rede meinem Vater auch nicht in ſeine Wirthſchaft, laſſe er mir meinen Willen. Wir ſprechen nächſtens weiter darüber. Für heute Gott befohlen.“ 3 Chriſtian war bereits einige Schritte gegangen, als er ſeinen Namen rufen hörte.. Der alte Jäger war ihm nachgefolgt und ſagte: „Ich weiß nicht, wann Ihr etwa mich wieder ſprechen wollt. Ich krieche überall herum und bin— ein ordent⸗ liches Waldgeſpenſt— bald hier, bald da, ſomit nirgends. Ich könnte mich vielleicht nicht finden laſſen. Da nehmt, der Ton der Pfeife bringt mich, das Ding iſt aus dem linken Flügelknochen eines Habichts gemacht.“ Wenzel war verſchwunden, Chriſtian hielt in der Hand eine kleine Pfeife. Vierles Capitel. Das Bäschen. Es war Abend geworden; mattgoldene Lichter irrten durch die Stämme und huſchten über die ruhige Fläche des Hexenteiches hin. War es die Umgebung des Ortes, wo ſich Chriſtian befand, die Stille der Natur, oder überhaupt nur eine jener Nervenverſtimmungen, welche uns zuweilen überkommen, ohne daß wir uns des Grundes klar bewußt werden, genug, Chriſtian fühlte ſich ſo einſam und verlaſſen, wie noch nie in ſeinem Leben und lange zurückgehaltene Thränen behaup⸗ teten ihre Rechte. Wer in ſeinem Leben hätte nicht ſchon Troſt und Er⸗ leichterung durch ſie in gepreßten Stunden erhalten? So auch Chriſtian. Er trat beruhigter den Heimweg an. Jetzt hatte er den Wald hinter ſich, vor ſich das Dorf, übergoſſen 63 von dem Goldglanze der ſcheidenden Sonne, die von rothem Gewölk umgeben dem Tage freundliches Lebewohl ſagte. Die Spitzen der Bäume ſchienen in Gold getaucht und in den Wieſen begann der Thau ſchon hier und da demantene Funken auszuſpenden. Müde Vögel zogen ihrem Ruhe⸗ orte zu und die Lerche ließ ſich, leiſe und leiſer ſingend, in das Saatfeld nieder. Am Hofthor des väterlichen Gutes flatterten und weh⸗ ten noch die bunten Bänder in den Kränzen, die zur Feier der Rückkehr Georgs aufgehangen worden waren. Chriſtian hörte auf der Familienſtube fröhliche Stimmen und herz⸗ liches Gelächter, untermiſcht mit Gläſerklirren. „Mich vermißt man nicht,“ ſagte er, als er an der Thür vorüber durch die Hausflur auf ſein Zimmer ging. Beim Entkleiden fiel die kleine Pfeife, die er ganz ver⸗ geſſen hatte, auf die Erde. „Sonderbar,“ ſagte er, das kleine Inſtrument in's Fenſter legend,„ich kann mich einer ſeltſamen Ahnung nicht erwehren, als ſei das Ding ein Schlüſſel, den ich nicht benutzen ſollte, um das Geheimniß meiner Zukunft aufzuſchließen. Und will ich denn das?— Hinweg mit dieſen Gedanken, ſie ſind doch nur Nachzügler jener Stimmung, die mich an dem ominöſen Waſſer über⸗ kommen; ſuche die Ruhe, ſie iſt der beſte Arzt, wenn unſer Gemüth krank ſich fühlt.“ Mit Georg's Rückkehr in das väterliche Gut ſchien dieſes ſelbſt eine Umwandlung erfahren zu haben; ſeine Räume, ſeine Gebäude, ſeine Umgebungen waren, konnte man ſagen, heiterer geworden. Den Freiſchulzen hatte man nie fröhlicher geſehen als jetzt. Wenn er mit Georg durch das Dorf ging, ſagte das ganze Weſen ſeiner Er⸗ ſcheinung:„Seht, das iſt mein Junge.“ In der That konnte man auch kaum einen zweiten im Dorfe, ja der Umgegend finden, den man Georg an die Seite hätte ſtellen mögen. Das Ebenmaß ſeines Körperbaues, das dunkle, ein wenig an den Spitzen ſich kräuſelnde Haupthaar, die munteren braunen Augen, der volltönende, dabei aber weich anſprechende Klang der Stimme, waren Vorzüge, welche Dem, der von Gott damit begnadet iſt, die all⸗ gemeine Zuneigung, die Liebe aller Derjenigen, die mit ihm in Berührung kommen, im Augenblick erwerben. Un⸗ willkürlich fühlt man ſich zu ſolchen Menſchen hingezogen, ſie erſcheinen uns wie alte Bekannte, vor denen man kein Geheimniß haben will. Wie es zu geſchehen pflegt, vergingen die erſten Tage nach des jüngeren Sohnes Heimkehr mit Einrichtungen im Hausweſen. Auch für ihn mußte jetzt ein Zimmer be⸗ ſchafft werden. Frau Magdalene hatte alle Hände voll zu thun, dieſe Wohnung recht behaglich zu machen. Bei dieſer Gelegenheit hegte ſie oft den ſtillen Wunſch im Herzen, es möchte dem Himmel gefallen haben, ihre Ehe 65 auch mit einer Tochter zu ſegnen, die nun erwachſen der Mutter zur Hand gehen könnte. „Es liegt doch Alles auf mir,“ ungefähr ſo lauteten derartige Selbſtgeſpräche,„die Männer glauben gar nicht, wie viel anſcheinend kleine unbedeutende Dinge eine Haus⸗ frau im Kopfe haben muß, um Alles in jener Ordnung zu erhalten, die unſere lieben Eheherren in ihren vier Pfählen nicht vermiſſen wollen. Wenn ſie heimkommen, ſoll auch der Tiſch gedeckt, Speiſe und Trank parat ſein; wenn ſie ausgehen, muß die Wäſche ſauber geplättet auf dem Stuhl liegen. Das aber will Alles gedacht, gemacht und herbeigebracht ſein. Wer hilft mir? Nun ja, die Mägde, wird man ſagen. Du lieber Gott, dieſe Art Leute haben eine ganz beſondere Art Köpfe, die nicht den⸗ ken; hinten und vorn muß man ſein, ſonſt wird Alles verkehrt und verdreht. Eine Tochter wäre gegenwärtig für mich ein wahrer Schatz; zudem kommt man auch ſo nach und nach in die Jahre; ein Schritt, den man früher wie im Hopſen machte, wird für die Beine ſchon eine Art Arbeit.“ Ein ſolches Selbſtgeſpräch hielt Frau Magdalene jetzt, als ſie auf einem Stuhl in Georg's Zimmer ſitzend das Werk ihrer Hände muſterte, freilich nicht lange ſitzen blieb, weil ſie hie und da noch zu beſſern, zu ändern ſah; bald mußte ſie die Falten in den Vorhängen tiefer ausſtreichen, bald die Decke über dem Tiſche glätten und die Franſen auskämmen, bald die den Blumenſtöcken— wir erinnern Moriz Horn; Der Freiſchulze. 5 66 angewieſene Stelle ändern, weil ſie meinte, ſo laſſe das Ganze beſſer, weil das Einzelne von ſeinem Platze aus eine angenehmere Wirkung mache; bald wieder fuhr ſie mit der abgebundenen Schürze, die ſie in der Hand hielt, über das Glas des bereits ſauber geputzten Spiegels. „Haſt Deine Sache gut gemacht,“ ſagte der Frei⸗ ſchulze, der ſie bei der Arbeit überraſchte;„das Zimmer ſchaut wahrhaftig wie ein Putzladen aus. Hier iſt auch ſchon die Belohnung.“ Er nahm nach dieſen Worten die Hände vom Rücken und präſentirte der Ehehälfte eine neue Modehaube, welche er aus der Stadt durch die ver⸗ ſchwiegene Botenfrau hatte mitbringen laſſen. Ddie ſo unverhofft Beſchenkte war erſtaunt, behielt aber noch ſo viel Freiheit ihres Willens, daß ſie vor dem Spiegel— wie gut, daß ſie ihn vorhin noch einmal ſäu⸗ bernd übergangen war— die Haube ſofort aufprobirte; ein Manöver, das dem Gatten ein herzliches Lachen ab⸗ nöthigte, wenn er ſchon dabei wieder ganz ernſthaft ver⸗ ſicherte, ſein„Mütterchen“ ſehe in dieſem Kopfſchmuck zum „Anbeißen“ aus. Dieſes Zimmernun bezog Georg in den nächſten Tagen. Fand man in dem des älteren Bruders Bücher, alte Pergamentrollen u. dgl. m., von dem kriegeriſchen Ge⸗ räthe zu geſchweigen, welches, wie uns bekannt, als Schmuck einer Wand diente, die, dem Willen des In⸗ uns, wie lieb ihr blühende Gewächſe von jeher waren— 67 habers gemäß, mit grauer, faſt düſterer Farbe überſtrichen war, ſo gaben die von Georg bewohnten Räume ein ganz anderes Bild. Hier zierte ein heiterer, wieſengrüner Grund, auf dem weiße Blumenbouquets— freilich nur durch Scha⸗ blonen hergeſtellt— die Wände, behangen mit Abbildun⸗ gen beſonders ſchöner Thierexemplare von Pferden, Zucht⸗ ſtieren u. ſ. w. Auf dem Arbeitstiſche lagen eine Menge beſchriebener Hefte, eine Art Tage⸗ und Notizenbücher über die Zeiten, Art und Weiſe der landwirthſchaftlichen Beſchäftigungen, Bemerkungen zugleich enthaltend, die auf Verbeſſerungen in der Feldeultur, auf Veredlung des Viehſtandes Bezug nahmen; außerdem gewahrte man Bücher über Forſtwirthſchaft und Waldnutzung, kurz es war das Zimmer eines Landwirthes. Der Freiſchulze hatte es nicht über's Herz bringen können, in des Sohnes Abweſenheit dort ſich nicht umzuſehen. Daß dieſe Umſchau zur größten Befriedigung ausfiel, verſteht ſich von ſelbſt; er hielt auch damit gegen Georg nicht hinter dem Berge, und machte dieſem mit der Belobung deſſen, was er geſehen, eine große Freude. „Vater,“ ſagte dieſer,„was Du geſehen, ſteht nur auf dem Papier, ich möchte nun auch Gelegenheit haben, draußen zu zeigen, was ich etwa verſtehe, denn—“ „Die Wieſen und Felder,“ unterbrach ihn jener, „kommen nicht zu uns herein, ſondern wir müſſen zu ihnen hinaus. Ich habe einen Plan, den Du ſogleich erfahren 5* 68 ſollſt, und der mich gewiſſermaßen entſchuldigen mag, wenn auf meinem Gute Manches noch nicht geſchehen iſt, was von Rechtswegen um dieſe Zeit gethan ſein müßte. Ich trenne mein Eigen in zwei Hälften; Du erhältſt die eine an Feld, Wieſe und Wald u. ſ. w. zur ſelbſtſtändigen Bewirthſchaftung, gleicherweiſe theile ich den Viehſtand, das Geräthe u. ſ. w. zwiſchen uns Beide, und nun, Junge, fangen wir eine Art landwirthſchaftlichen Wettſtreit an; ich gehe nach meiner Art und Weiſe vor, Du haſt Deinen Willen auf Deinem Stück. Weil ich mich nun mit dieſem Plane ſchon früher trug und damit Du recht nach Deinen ‚Herzgelüſten“ hantieren magſt, habe ich Deinen Theil im Ganzen etwas vernachläſſigt. Nehmen wir an, Du hüätteſt als Pachter, als Verwalter das Grundſtück im heruntergekommenen Zu⸗ ſtande erhalten und es wäre Deine Aufgabe, es nach Kräften in die Höhe zu bringen.“ „Vater, Du machſt mich überglücklich,“ rief Georg und fiel ihm um den Hals. Mit dieſer Theilung, welche bald in's Werk geſetzt wurde, weil eine ſolche der Gutscomplex ſeiner arrondirten Lage und ſonſtigen Beſchaffenheit nach ohne erhebliche Schwierigkeiten zuließ, machte Herr Hebart Frau Magda⸗ lenen bekannt. „Es ſoll mich wundern, was nun Georg beginnen wird; ſo neugierig, das muß ich ohne Umſchweif einge⸗ ſtehen, war ich bis auf dieſe Stunde noch nie.“ 69 „Na,“ ſagte die Frau, mit ihrem gutmüthigen Lä⸗ cheln die Rede begleitend,„wenn Du nur von Georg nicht etwa ausgeſtochen wirſt; Dich dann auszulachen ſei meine Sache.“ Es mochten ſeitdem etwa vier Wochen vergangen ſein, als der Freiſchulze ſeine Frau im Küchengarten auf⸗ ſuchte, in dem ſie beſchäftigt war, junges Gemüſe aus der Erde zu heben. „Ich glaube, Du haſt Recht, liebes Weib,“ begann er. „Womit?“ fragte die Angeredete und ſah, an dem Boden kniend, zu ihm auf. „Nun, mit dem Auslachen.“ Jetzt lachte die Frau wirklich aus Herzensgrunde. „Wenn Du fertig biſt,“ ließ ſich der Mann vernehmen, „dann ſag's; ich will mich unterdeſſen auf die Bank ſetzen.“ „Bin ſchon fertig; alſo der Georg macht ſeine Sache—“ „Ausgezeichnet, Frau; da hat der Wetterjunge auf einem Stück Boden eine Hopfenpflanzung angelegt und mir auseinandergeſetzt— was ich eigentlich auch hätte wiſſen können— daß kaum ein beſſerer Grund und Boden dazu ſich finden ließe. Er trägt ſich, wie er ſagt, mit einem Plane, den er aber noch geheim hält. Wenn Du übrigens mit Deinem Kram hier fertig biſt, ſo komm' auf meine Stube, Du ſollſt dort etwas ſehen, was Dich über⸗ raſchen wird— diesmal aber iſt es keine Haube.“ Damit verließ der Freiſchulze den Garten. Er hatte ſich kaum entfernt, als die Frau ſagte:„Ich bin doch be⸗ gierig zu ſehen, was für eine Ueberraſchung mein Alter⸗ chen für mich in Bereitſchaft hat. Rieke!“ rief ſie einer über den Hof gehenden Magd zu,„beſorge hier die Arbeit.“ Sie ſtöberte die an Kleid und Schürze hängen ge⸗ bliebenen Stiele und Blätter ab, und trat zu ihrem Mann in's Zimmer. „Hier bin ich ſchon, was ſoll ich ſehen oder hören?“ „Das hier.“ Mit dieſen Worten entfaltete Hebart eine große Papierrolle und zeigte der allerdings nicht wenig erſtaunten Frau einen ſorgfältig aufgenommenen Plan des ganzen Gutes. „Nein!“ rief ſie, die Hände voll Verwunderung zu⸗ ſammenfaltend,„das iſt ja wunderhübſch, und das hat Georg gemacht?“ „Eigenhändig; hat's drüben gelernt auf dem Meier⸗ hof in Holzhauſen.“ „Ja, ja,“ ſchaltete Frau Magdalene ein,„in Holz⸗ hauſen haben mein Lebtag geſcheidte Leute gewohnt.“ „Von denen Du keine der letzten biſt, natürlich,“ ſetzte der Freiſchulze hinzu, der es ſich zum Vergnügen machte, ſeine Ehehälfte auf der Karte ſpazieren zu führen. Mit Meßtiſch und Kette zu arbeiten hatte allerdings Georg drüben in Holzhauſen gelernt, damit hatte es ſeine Richtigkeit. Der jetzige Pächter des Rittergutes war früher bei der damals ſtattgefundenen Landesvermeſſung ange⸗ ſtellt geweſen, und erachtete es für einen Landwirth als einen großen Gewinn, ſein Eigenthum ſelbſt ausmeſſen und auszeichnen zu können. „Man hatss in der Stube, wenn man's vor ſich lie⸗ gen ſieht, und kann ganz bequem operiren, ohne die ſchwe⸗ ren Waſſerſtiefel an den Füßen herumſchleppen zu müſſen,“ pflegte er zu ſagen. Georg, in ſolchen Dingen von der Natur mit un⸗ gewöhnlichen Anlagen verſehen, erlernte unter eben ſo nachſichtiger als liebevoller Leitung gar bald dieſe Art des Zeichnens und Aufnehmens. Er hatte bei Entwerfung der topographiſchen Karte, welche ſein Lehrherr auf Wunſch des Majoratsherrn im Ritterſitz über das dazu gehörige Areal ſo wie über die Waldungen aufzunehmen veranlaßt war, mitgearbeitet und ſchon damals den Entſchluß gefaßt, auch das väterliche Grundſtück, theils des Vergnügens wegen, das ihm ſolche Arbeiten gewährten, theils um durch Uebung das Gelernte zu befeſtigen und zu erweitern, auf⸗ zunehmen. Sofort nach ſeiner Rückkehr dahin machte er ſich an die Arbeit, welche bei der gehabten Uebung und dem angeborenen Geſchick ſehr ſchnell von Statten ging. Die rothe Linie, welche die beiden Hälften markirte, fehlte natürlich nicht. Hebart, der erfreute Vater, ließ die Karte auf Lein⸗ 72 wand ziehen, mit ſchwarz lackirten Rollſtäben verſehen und in ſeiner Stube aufhängen. Daß er Nachbaren und guten Freunden, und auch dem Gerichtshalter dieſes Document von der Geſchicklichkeit ſeines Sohnes zeigte, kann man ſeiner Freude ſchon nachſehen. Kurze Zeit nach der Rückkehr in die heimathliche Stätte hatte Georg den Bruder Chriſtian beſucht. Nicht undeutlich ließ dieſer durchblicken, wie er als Vicerichter allerdings mit wichtigeren Dingen, als der Bruder beſchäf⸗ tigt ſei, die vor der Ausführung ſattſam durchdacht ſein wollten. Die kurze Unterordnung erregte in Georg den Wunſch allerdings nicht, öfterer mit Chriſtian zu verkeh⸗ ren, wie denn dieſe überhaupt im Dorfe wie im Hauſe nach und nach als eine Reſpectsperſon angeſehen und behandelt wurde, zumal ſeit jenem Tage, an welchem der Gerichts⸗ halter plötzlich von einem Unwohlſein befallen, ihm die Be⸗ endigung des Gerichtstages überlaſſen hatte und über ſei⸗ nes Stellvertreters Geſchicklichkeit und ſeltenen Tact ſpä⸗ terhin in einer Art und Weiſe belobend ſich ausgeſprochen hatte, die um ſo größeren Werth für Chriſtian haben mußte, je weniger freigebig der Juſtitiar mit ſeinem Lobe zu ſein pflegte. Die Beſchäftigung, ſich mit dem Gemeindeweſen des Ortes bekannt zu machen, hatte den Vicerichter veranlaßt, eine Art Statiſtik des Dorfes auszuarbeiten, welche der Gerichtshalter einem Bericht zu Grund legte, den er erſtat⸗ 73 ten mußte, als Tannengrün zum Reparaturbau des Kirch⸗ thurmes um eine Beihilfe aus Staatskoſten die Regierung gebeten hatte. Das auf den gutachtlichen Vortrag einge⸗ gangene Reſcript publicirte der Gerichtsverweſer der Ge⸗ meinde und unterließ nicht das Lob vorzuleſen, womit man höheren Ortes des Vicerichters gründliche Arbeit ausge⸗ zeichnet.„Er iſt wie ein Studirter, nicht wie unſer eins,“ hieß es von Stund an im Dorfe. Chriſtian vernahm von der Gutstheilung, die zwi⸗ ſchen Vater und Bruder ſtattgefunden erſt lange nachher. Anfangs lächelte er darüber, nach und nach aber beſchlich ihn eine Art Neid, zumal er, wie es nicht anders kommen konnte, hören mußte, wie das ganze Dorf Georgs Thun und Treiben lobend beſprach; er genoß eine allgemeine An⸗ erkennung; er, Chriſtian, wirkte in ganz anderer Weiſe und ſein Wirkungskreis umſchloß ein Feld, auf dem der Land⸗ mann weder heimiſch iſt, noch heimiſch ſein will. Jenes in Chriſtians Bruſt erwachte Gefühl wurde Veranlaſſung zu einem Schritt, den er nunmehr zu thun an der Zeit hielt. Wir entſinnen uns ſeiner Abſicht, jenen ominöſen Teich austrocknen laſſen zu wollen. Dieſe Abſicht trug er dem Vater jetzt vor. „Ich glaube“, lautete ſeine Rede, daß ich wohl auch an das Grundſtück, welches alten Rechten und Familien⸗ brauche gemäß auf mich verfällt, einiges Recht habe, daß auch mir Verbeſſerungen oder will man ſie ſo nicht 74 nennen, Veränderungen geſtattet ſind und ſein müſſen. Der Bruder hat, wie ich weiß, bereits eine eigene Wirth⸗ ſchaft in der Wirthſchaft erhalten, auf der er ſelbſtſtändig zu Werke geht; ich habe zur Zeit keinen Einſpruch erhoben und glaube daher um ſo berechtigter zu ſein, auch eine Ar⸗ beit vornehmen zu dürfen. Der Hexenteich in der rothen Föhre bringt keinen Nutzen, wohl aber verſumpft er die Waldblöße, auf welcher er liegt, ein trauriger Spiegel al⸗ ter Zeittyrannei, ein bleibender Vorwurf für unſere Familie, denn, wie in alten Schriften gefunden, ſaßen die Frei⸗ ſchulzen mit zu Gericht und waren bei den Executionen zuge⸗ gen. Ich will dieſen Teich in Waldboden umwandeln laſſen.“ „Auf den Vorwurf antworte ich Dir nicht, Du al⸗ lein biſt im Stande, den Staub unſerer Todten unehrer⸗ bietig zu behandeln; was die Austrocknung des Teiches anlangt, ſo kann ſie erſt dann geſchehen, wenn ich meine Ein⸗ willigung dazu werde gegeben und zuvörderſt mit Georg über die Sache geſprochen haben werde.“ Chriſtian erwiederte kein Wort, bleich ſtand er und durch ſeinen Körper ſchien ein elektriſcher lähmender Schlag gegangen zu ſein. Der Vater fuhr fort: „Du haſt dir Deine Lebensbeſchäftigung gewählt, ich habe Dich davon nicht abgehalten oder geſtört, das Beſitz⸗ thum des Freiſchulzen ernährt auch einen unbeſoldeten Vice⸗ richter jetzt, und ſoll ihn, ſo Gott will, nach meinem Ab⸗ ſcheiden auch noch ernähren.“ 75 — Chriſtian war noch bleicher geworden.— „Eins aber laſſe Dir geſagt ſein: Aus dem Wirkungs⸗ kreis, den der Menſch um ſich gezogen hat, ſoll derſelbe nie heraustreten, thut er es dennoch, hört er auf die War⸗ nung nicht, die ſich bei ſolchem Beginnen in ihm vernehmen läßt, ſo geſchieht es zu ſeinem Nachtheil und zum Schaden Anderer. So gern ich an Deine Kenntniſſe und Deine Brauchbarkeit glaube,— denn unſer würdiger Herr Ge⸗ richtshalter hat es mir mehr als ein Mal verſichert, und er muß darüber ſein Urtheil haben— ſo ſehr ich mich ſcheue irgend eine Meinung zu äußern, das könnteſt Du ſo machen und das ſo, bin ich doch auch aus der Routine ge⸗ kommen, ſeit Du Vicerichter geworden biſt, ſo ſehr aber muß ich Dich in die Schranken zurückweiſen, wenn Du, wie du vorhin gethan, Miene machſt auszuſchreiten. Was in der Bewirthſchaftung dieſes Guts, das zur Zeit weder auf Georg noch auf Dich verfallen iſt, ſondern mir bis auf die kleinſte Erdſcholle gehört, zu thun und zu laſſen iſt, verſtehe ich und Dein Bruder, letzterer vielleicht noch mehr wie ich; wir Beide alſo wollen uns zuſammen beſprechen. Allein es ſoll nicht etwa heißen, der Freiſchulze oder ſein Georg hat den alten Hexenteich, der nun ſchon ſeit Urzeiten da draußen liegt, austrocknen laſſen, behüte, es ſoll als Dein Werk angeſehen werden. Und ſomit Gott befohlen, mich ruft ein Geſchäft.“— Als zwei Tage darauf der Vater Chriſtian ſagen 76 ließ, er habe nichts gegen das Austrocknen des Teiches ein⸗ zuwenden, wenn ſchon kein Nutzen zu erwarten ſei, bekam er durch den Boten die Rückantwort, wie er Chriſtian auch das Geſchäft Georg überlaſſen wolle, weiteres für künftige Zeiten ſich vorbehaltend.—— Der Freiſchulze liebte es früh den Kaffee in dem Gar⸗ ten zu trinken, ſobald die mildere Jahreszeit es geſtattete. Dieſe Gewohnheit, nach der Verheirathung eingeführt, war ihm nun, da auch der blühende Sohn mit am Tiſche in der Laube ſitzen konnte, doppelt lieb geworden. „Was meint Ihr wohl, Kinder,“ ſagte er heute,„ob die Laube wohl für noch Jemand groß genug iſt?“ Mutter und Sohn ſahen erſt den Sprechenden, dann ſich gegenſeitig an, als wollten ſie ſich fragen: ſollte der Vater Chriſtian meinen? obſchon eine ſolche Annahme kaum glaubhaft ſchien, denn ſeit Chriſtian dem Vater jene Ant⸗ wort bezüglich des Teiches hatte ſagen laſſen, war eine förm⸗ liche Spaltung zwiſchen Beiden eingetreten, insbeſondere hielt der Freiſchulze den Zuſatz: weiteres für künftige Zei⸗ ten ſich vorbehaltend, geradehin für eine Beleidigung. „Iſt's doch wahrhaftig, als hätte er ein Reſcriptum aus ſeiner Gerichtsſtube an uns erlaſſen und wir darauf nur zu ſagen: wie Ew. Geſtrengen befehlen. Oho, ſo weit iſt es noch nicht, wir, ich, der Freiſchulze Chriſtian Andreas Hebart, wir werden uns das Weitere für künftige Zeiten vorbehalten.“ 77 So hatte er damals geſagt, und wer da wußte, wie ſtreng er ſein Wort hielt, der war beſorglich wegen Chri⸗ ſtians Zukunft, ſo weit dieſe nicht von ihm allein abhing. Der Freiſchulze ſchien ſich an der Verlegenheit der Beiden zu erfreuen; nach einigen Secunden fragte er: „Nun wie ſtehts, ich glaube faſt, Ihr wißt nicht, wo ich hinaus will?“ „Sag's nur rund heraus, wir kommen nicht da⸗ hinter.“ „So hört.“ Hebart brachte bei dieſen Worten einen Brief aus der Taſche und las: Mein beſter Vormund! Wenn'ss nicht ſein müßte, die Hand auf's Herz, ich ſchriebe nicht, aber ich muß, denn die Muhme, bei der ich durch Deine Güte Unterkommen gefunden, quält mich bis auf's Blut; ich ſchweige, trage ſtill in Geduld, ohne zu murren, das ſcheint ſie aber noch mehr zu grim⸗ men, denn ſie nennt mich ein verſtocktes Geſchöpf, das Gottes Zuchtruthe gewiß und wahrhaftig nicht entlau⸗ fen werde. Du lieber Himmel, ich— und verſtockt, ich bin ſo gutherzig, daß ich allen Leuten recht viel, viel Freude, und mir am wenigſten machen möchte. Da habe ich mich denn entſchloſſen, mein Bündel zu ſchnü⸗ ren und einen Dienſt zu ſuchen, aber ich wollte Dir's 78 doch erſt ſchreiben, damit ich nicht wie eine ehr⸗ und pflicht⸗ vergeſſene Perſon erſcheine, die bei Nacht und Nebel davongelaufen iſt. Schreibe mir ja bald, ich bitte, denn ich halt's hier nicht mehr ab. Deine Dich liebende Gertrud Willig. „Du Mutter kennſt ſie nicht,“ ſagte Hebart, den Brief zuſammenſchlagend,„Georg natürlich weit weniger, ich aber verſichere, es iſt ein gutes Kind, dieſe unſere weitläu⸗ fige Verwandte, und ich möchte, daß ſie recht glücklich werde, denn ſie verdient es; da iſt mir nun durch den Brief eine Idee gekommen, die ich mit der Mutter allein beſpre⸗ chen will, weshalb ich Dich, Georg, bitte, uns allein zu laſſen.“ Georg ging und der Vater fuhr fort: „Obſchon Gertrud, wie ich vorhin ſagte, nur eine weitläufige Verwandte unſerer Familie iſt, ſo will ich doch nicht, daß ſie ihr Brot unter fremden Leuten mit ihrer Hände Arbeit ſuche; ich habe daher die Abſicht, das Mäd⸗ chen— ſie muß achtzehn Jahre zählen— zu uns zu nehmen; nun ſprich, was meinſt Du zu dieſem Vorhaben?“ „Ja lieber Himmel, der Menſch denkt und Gott lenkt.“ „Beſtes Weib, das iſt ein ſehr guter Spruch; der Menſch hat das Seinige redlich gethan, wenn er mit ſeinem 79 Verſtand gedacht und außerdem ſein Herz geſagt hat: ſo iſt es recht. Alſo denke und bedenke: Was Der da oben über uns verfügt, das iſt wohlgethan und müſſen wir in chriſtlicher Demuth hinnehmen.“ „Ich,“ verſetzte die Frau Freiſchulze,„ſtehe ſo zu ſagen zwiſchen Angel und Thür; leugnen will ich Dir gar nicht, wie willkommen mir eine weibliche Beihilfe jetzt iſt, wo meine Kräfte nicht mehr die jüngſten ſind; außerdem hat ein Weib auch Manches auf und im Herzen, das es nur in eine befreundete weibliche Bruſt niederlegen kann. In dieſer Beziehung iſt mir Dein Vorſchlag viel willkom⸗ men, aber auf der anderen Seite iſt doch auch zu bedenken—“ „Nun? daß ich nicht wüßte—“ „Georg iſt ein junger Mann, Gertrud ein junges Mädchen. Ob's gut thut, wenn Beide unter einem Dache weilen?“ „Ei, Frau, Du machſt Deinem Sohn ein ſchlechtes Compliment; da habe ich beſſeres Vertrauen zu ihm. Un⸗ edel handelt Georg nicht, dafür iſt er meines und Deines Blutes; wollen ſich ſchließlich die jungen Leute heirathen— nun, in Gottes Namen. Ich übergebe ihm das Gut, und wir ziehen in unſer Auszugshäuschen hinüber nach Holz⸗ hauſen. Das junge Volk mag ſich kümmern, wir wollen des gethanen Tagwerkes uns freuen. Ich dächte alſo: ſie mag kommen.“ „In Gottes Namen, meinetwegen.“ 80 Noch an demſelben Morgen ſchrieb der Freiſchulze eine ſehr liebreiche Einladung an Gertrud, zu ihm zu kommen, und eine ſehr energiſche Epiſtel an die Frau Muhme. Acht Tage nachher fuhr des ſeligen Thierarztes Seeber uns be⸗ kannter kleiner Wagen, der in hohen Ehren gehalten, und nur bei feſtlichen Gelegenheiten benutzt wurde, mit Georg aus dem Hofthor, um Bäschen Gertrud einzuholen nach Tannengrün. Es war ein herrlicher Morgen, als Georg durch das Dorf nach der Straße das Geſpann der munteren Apfel⸗ ſchimmel lenkte; die Lerche trillerte unter dem blauen Him⸗ mel, der Finke wiederholte ſeine einzelne Geſangspaſſage im grünen Laub der Bäume; Feld und Au und Wieſen⸗ anger prangten in erquickender Friſche, denn das Gewitter der vergangenen Nacht hatte die Schwüle, die ſeit mehreren Tagen verzehrend über das Gefild ſich gelagert, gekühlt; des⸗ halb entſtrömte auch der Erde, namentlich den Wieſen ein er⸗ quicklich⸗ſtärkendes Aroma. Georg erſchien die ganze Natur ſchöner, er ſelbſt fühlte ſich ſo leicht, daß es ihm dünkte, er müſſe dem Vogel gleich fliegen können. Dieſe Empfindung überkommtuns, wenn wir, innerlich harmoniſch geſtimmt, an Geiſt und Körper geſund, an einem prangenden Sommer⸗ morgen ausgehen, um ein angenehmes Geſchäft zu vollbrin⸗ gen. Kann es aber für einen jungen Mann einen angenehmeren Auftrag geben, als ein hübſches Mädchen heimzuführen, neben 81 und mit ihr eine gute Strecke Weges zu fahren, und während dieſer Zeit ihr zum Schutz und Schirm beigegeben zu ſein? Gewiß nicht. Georg fühlte dies lebhaft; zugleich geſellte ſich zu ſeinem Ideengang ein anmuthiges Bild häuslichen Stilllebens für die Tage des Winters, die uns auf den Ka⸗ min anweiſen und die engen Schranken des Zimmers. In der Famillie des Freiſchulzen herrſchte die Sitte, die langen Abendſtunden jener Jahreszeit durch Vorleſen guter Volksſchriften zu verkürzen. Während Georgs Ab⸗ weſenheit auf dem Rittergute Holzhauſen hatte Hebart, der Vater, das Amt eines Vorleſers verſehen, dasſelbe aber, weil ſeine Augen, gewöhnt in das Weite zu ſehen, bei Lampenſchein Schrift, zumal etwas kleine, nicht ohne Anſtrengung erkennen konnten, nur ungenügend verwaltet, ſo daß Frau Magdalene, obſchon ſie es liebte, während der eintönigen und leicht ermüdenden Arbeit des Strumpf⸗ ſtrickens oder Wäſcheausbeſſerns angenehm unterhalten zu werden, ihren Gatten allmälig dispenſirt hatte. Georg erinnerte ſich jetzt an den Brauch im Vaterhauſe und fühlte ſich durch den Gedanken im Voraus geſchmeichelt, daß künftigen Winter auch Bäschen Gertrud ſeine Zuhörerin ſein werde. So befand er ſich in der behaglichſten Stimmung und erſtaunte, als er ſchon jetzt— wohin war der Weg gekommen?— das Ziel ſeiner Fahrt, das Städtchen vor ſich liegen ſah. Dieſes gehörte unter die Zahl jener, in Moriz Horn: Der Freiſchulze. 6 denen ſo zu ſagen ein ſpießbürgerlicher Ordnungsſinn alle Häuſer mit einem ſo bunten Farbenüberſtrich überziehen läßt, daß im Gefühl ein beſſeres Kleid zu tragen, als der Nachbar, eins vor dem andern ſich vordrängen zu wollen ſcheint. Zwei kleine mit Laubholz bewachſene Anhöhe, zu deren Füßen die Häuſer gruppirt lagen, gaben dem Gan⸗ zen einen gefälligen Rahmen. Georg fuhr in das Thor. Eine jetzt ganz ausge⸗ ſtorbene Figur jener Zeit, in welche dieſe Erzählung fällt, forderte den Pflaſter⸗Geleitsgroſchen ab und gab hierauf mit dem kurzen Wort:„Paſſirt,“ die Erlaubniß durchzu⸗ fahren in das Herz der Stadt. Die Sauberkeit, die Georg auf der Straße vor den Häuſern antraf, er⸗ freute den an Ordnung gewöhnten Landwirth ungemein, eben ſo machten auf ihn die Blumenbeete einen angenehmen Eindruck, deren mehr als eines faſt jedes Haus zählte. Zwiſchen den Stöcken— ſelbſt ziemlich hoch gewachſener Taxus und Epheu fehlte nicht— hing hier und da ein Gebäude von ſchimmerndem Draht mit einem gefiederten Sänger, meiſt aus der Familie jener, die von den cana⸗ riſchen Inſeln ſtammend, ihr ſüdliches Vaterland vergeſſen haben, und vielwillkommene Bürger unſeres Nordens ge⸗ worden ſind. 8 Auf dem Marktplatz war ein reges Leben. Zufällig traf Georg an dem Tag in der Stadt ein, an welchem der Getreidehandel hier ſtattfand. Eine Menge Wagen 83 mit Säcken voll Hafer, Gerſte, Weizen und Korn war in Reihe und Glied aufgefahren. Mit dem lebendigen Ver⸗ kehr contraſtirte ſeltſam der Choral, den alten Herkom⸗ mens gemäß der Stadtmuſikus mit ſeinen Leuten vom Thurme blies. Georg dachte bei ſich, wie recht zur Zeit die Erinnerung von da oben ſei, bei Handel und Wandel fromm und gut zu bleiben. Das Gaſthaus, in welches er einkehrte, hatte in der Gaſtſtube eine Menge Käufer und Verkäufer verſammelt; an einem Tiſche in der Ecke nur erhielt er noch einen Platz. Hier ſaßen einige ältere Oekonomen, mit denen der junge Hebart ſehr bald und um ſo ſchneller in eine Unterhaltung kam, je beſcheidener er ſeine Meinung während des Ge⸗ ſpräches äußerte. Man berührte unter Anderem auch den Hopfenbau und der eine ältere Herr bemerkte, wie gerade dieſer in hieſiger Gegend vernachläſſigte Zweig der land⸗ wirthſchaftlichen Thätigkeit noch eine reiche Fundgrube ſei, und wie nur dann die Bierbräuerei ſich werde heben laſſen, die anderen Ländern gegenüber hier noch ſehr im Argen liege. Georg gedachte an ſeine daheim herrlich gedeihende Hopfenanpflanzung und ſeine Augen funkelten in geheimer Freude, daß er ohne Anlaß von Außen auf dieſe ſo eben belobte Idee gekommen ſei. Seine Einladung, ihn recht bald in Tannengrün zu beſuchen und ſich von ſeinem Hopfenſtück ſelbſt zu überzeugen, nahm man auf herzliche eiſe an. 6* 84 Die begonnene Unterhaltung wurde während des Mittagstiſches fortgeſetzt und durch den Genuß eines guten Weines angeregter, ſo daß Georg länger an der Tafel ver⸗ weilte, als es urſprünglich ſeine Abſicht war, denn erſt am ſpäten Nachmittag ſuchte er die Muhme auf, welche in einem der engſten Gäßchen der Stadt in einem eigenen Hauſe wohnte. Blumenborde zierten hier kein einziges Fenſter, eine Bemerkung, die Georg unter Kopfſchütteln machte. „In dieſem Kerker“, ſagte er,„möchte ich keine Seeunde exiſtiren; ſchon der Anblick dieſes garſtigen Ge⸗ mäuers beengt die Bruſt und erſchwert das Athemholen.“ Ein Brief des Vaters ermächtigte Georg, die Baſe abzuholen. Die Muhme, eine Frau, auf deren Geſicht vollſtän⸗ dig der mürriſche, menſchenhaſſende Charakter eingeätzt war, empfing Georg kalt und führte ihn nach einem, auf dem Gange über den Hof hin liegendes Zimmer. „Hier wohnt Gertrud;“ damit wendete ſie ſich und ließ Georg an der Thür ſtehen. „Ich bin doch,“ ſagte dieſer leiſe vor ſich hin,„eben nicht furchtſam, aber, weiß Gott, jetzt zittere ich förmlich.“ Er nahm ſeinen Hut in die Hand, ſtrich das Haar ſorgſam aus der Stirn und klopfte leiſe an. Eine melodiſche Stimme rief:„Herein!“ und Georg ſtand vor dem Mädchen. 8⁵ „Ich bin Georg Hebart aus Tannengrün und ſoll unſer Bäschen dahin holen.“ „Ihr Vater hat mir ſchon vor acht Tagen Ihre An⸗ kunft auf heute gemeldet, und um Sie in keinem Falle war⸗ ten zu laſſen, ſehen Sie den Koffer gepackt und mich ſelbſt reiſefertig; nur einige Kleinigkeiten habe ich hier in der Taſche mitzunehmen.“ Mit dieſen Worten trat ſie an ein Tiſchchen und be⸗ gann das Geſchäft. „Mirerlauben Sie, die Rieme des Koffers zu ſchnüren.“ „Ach ja, wenn Sie ſo gut ſein wollten!“ Georg hatte damit beſchäftigt Zeit, die Erſcheinung zu betrachten. Einfach gekleidet war das Mädchen; dieſe Einfachheit aber diente nur dazu, die Geſtalt in das vor⸗ theilhafteſte Licht vortreten zu laſſen. Ein blondes Haar in dicken Flechten und nur über die Stirn geringelt, um⸗ gab das fein gebaute Haupt; das Geſicht, ohne durch blen⸗ dende Schönheit zu beſtechen, hatte jene Züge, die uns ſagen: Zu beglücken iſt meines Herzens Wunſch, daher auch im Blick des reinen Auges die gutmüthige Heiterkeit, die gewiſſermaßen den Anſpruch der Mienen beſtätigt und be⸗ glaubigt. Das Gewand diente nicht nach der Unſitte jetzi⸗ ger Mode dazu, ſchleppenartig im Staub des Weges nachgezogen zu werden, ſondern ließ den kleinen, mit blan⸗ kem Lederſtiefelchen artig und knapp bekleideten Fuß und darüber einen ſchmalen Ring des weißen Strumpfes ſehen. 86 Gertrud ſetzte jetzt den breiten Sommerhut mit rothem flatternden Band auf, und meinte: „Nun, Herr Hebart, Ihre ergebenſte Dienerin iſt be⸗ reit. Ah!“— hielt ſie plötzlich inne und das allerliebſte heitere Geſichtchen überlief ein Ernſt, der, mit Furcht gepaart, etwas Komiſches hatte,—„da habe ich doch etwas ver⸗ geſſen.“ „Darf ich fragen was?“ „Jemand zu beſtellen, der den Koffer trägt.“ „Meinen Sie? laſſen Sie mich dieſer Jemand ſein.“ Gertrud hatte ſchon die Worte auf der Zunge: er iſt ſchwer, ſprach ſie aber nicht aus, als ſie ſah, wie Georg be⸗ reits mit einem Ruck den Koffer auf die Achſel gehoben hatte. Zugleich verbat er ſich, wolle ſie ihn nicht ernſtlich böſe machen, alle weiteren Redensarten von Beläſtigen und dgl. mehr. „Wir, liebes Bäschen, haben bei uns in Tannengrün keine ſtädtiſchen Complimentirbücher eingeführt, wir reden wie es uns ums Herz iſt und ich finde das unſerer würdiger, als anders reden und anders meinen. Sehen Sie, in Tan⸗ nengrün macht Niemand ein Aufheben, wenn ein ſolcher Burſche, wie ich bin, einem Mädchen den Koffer trägt, ja, man würde ein ganz eigenes Urtheil fällen, thäte er es nicht. Sie wohnen nun auch bald, will's Gott, recht lange in unſerem friedlichen Dorfe und da wollen wir uns ganz 87 in Allem nach dortiger Sitte richten. Nun aber kommen Sie, in einer halben Stunde ſind wir auf dem Wege.“ So geſchah es; Punct vier Uhr rollte der Wagen Georgs um eine Perſon und zwar eine recht anmuthige reicher, durch das Hofthor des Gaſthofes; Gertrud's Koffer war auf dem Vorderſitz feſtgebunden. „Teufel!“ meinte der Hausknecht und ſchob die ge⸗ ſtreifte Zipfelmütze ein Stück nach dem Hinterkopfe, als hindere ſie ihn außerdem am Sehen,„kann der fahren?“ als Georg die Pferde in ſchärfſtem Trabe einen Halbkreis über den Markt beſchreiben ließ, um ſodann in die hinaus⸗ führende Straße einzubiegen. Diesmal verbreitete ſich über das Thorſchreibers Ge⸗ ſicht ein ſchmunzelndes Lächeln, als der Wagen an ſeinem Guckefenſter vorüber fuhr! Was nicht ein hübſches Mäd⸗ chengeſicht thut! gleich dem Frühling iſt es; ſchaut er ſich ſeine Welt an, ſo giebt ſich wahrhaftig auch der älteſte Baum Mühe, ſeine Freude über die Erſcheinung des Lenz⸗ blickes auszudrücken und wären es nur einige grüne Blätt⸗ chen, die er treibt.—— Der Wagen war nicht eben geräumig, und ſo kam es, daß das Paar ziemlich nahe beiſammen ſaß. Georg hatte ſeinen Platz rechts genommen und dies mit der Noth⸗ wendigkeit entſchuldigt, Hand und Arm beim Fahren auf der rechten Seite frei haben zu müſſen. Unverdorbene Naturen verſchiedenen Geſchlechtes wer⸗ 88 den ſchnell mit einander bekannt, weil ſie ſich den Eindrük⸗ ken, welche ſie auf einander machen, harmlos überlaſſen. So auch die Beiden. Gertrud erzählte von ihrem bisherigen Leben, Georg von dem ſeinigen. 8 „Es wird Ihnen“, ſagte dieſer,„da draußen bei uns wie einem lieben Vöglein zu Muthe fein, das aus dem engen Käfig entflohen iſt, und nach Herzensluſt durch Strauch und Buſch ſchlüpfen kann. Ich wäre in Ihrer engen Gaſſe geſtorben.“ „Man gewöhnt ſich, muß ſich wohl gewöhnen,“ ent⸗ gegnete das Mädchen,„wer weiß, welch' noch drückende⸗ res Loos meiner geharrt hätte, wenn Ihr Vater, mein lieber guter Vormund, ſich meiner nicht ſo freundlich angenom⸗ men hätte, wofür ich ihn aber auch recht lieben will.“ Georg meinte im Stillen, er hätte durchaus nichts einzuwenden, wenn auch ihn die Baſe recht lieb haben möchte. Ein Wort gab das andere; in kurzer Zeit waren Beide ſo bekannt, als führen ſie bereits ſeit Jahren ſelb⸗ ander durch die Welt. Sie genirten ſich auch nicht mehr, einander geradezu anzuſehen, was Anfangs nur verſtoh⸗ len geſchehen war. Daß Georg die muthigen Pferde fort und fort vom raſchen Gange zurückhielt, erklären wir wohl am beſten mit dem Wunſche, ſo lange als möglich neben dem hüh⸗ 4 89 ſchen Bäschen ſitzen zu können, ein Glück, welches ihm wohl ſo bald nicht wieder zu Theil werden durfte. Ungeachtet dieſes Manövers tauchte doch immer noch zu früh, die Tannengrüner Kirchthurmſpitze aus der Ebene auf. „Was liegt denn dort für ein Dorf, wovon ich den Thurm ſchon ſehe?“ fragte Gertrud. „Ei, Bäschen, das iſt ja unſer liebes Tannengrün.“ „Ach, wie ſchön!“ Sie war vom Sitze aufgeſtan⸗ den und hielt ſich mit der einen Hand auf Georg's Schulter geſtützt, während dieſer mit der Linken die zier⸗ liche Geſtalt umſchlungen hielt, und ein ähnliches Gefühl empfand wie damals, als er, ein Knabe noch, von der Kraft der Elektricität einen Beweis erhielt. „Wem gehört,“ fragte die Baſe weiter,„dort das große Gut, ich meine das dort faſt am Ende des Dorfes?“ „Das iſt das unſrige.“ „Dort muß es herrlich ſein!“ rief das heitere Kind aus, und klatſchte laut in die kleinen Hände. Nahmen die Pferde dieſen Laut als ein Zeichen an, ſich eines ſchnelleren Laufes zu befleißigen, oder erſchracken ſie? kurz ſie ſetzten auf ein Mal ſo ſchnell an, daß das Bäschen ziemlich unſanft auf den Sitz fiel und dabei einen Schrei ausſtieß, welcher die Thiere verwirrte. „Seien Sie ganz ruhig, liebes Trudchen, ich bin ſchuldig, ich habe nicht aufgepaßt, aber, wie geſagt nur 90 ganz ohne Furcht, ich werde den Tollköpfen gleich ſagen, wie ſie ſich zu benehmen haben, wenn ſie eine ſo liebe Paſſagierin zu ziehen haben.“ Er riß die Peitſche aus der Kapſel am Kutſcherſitz und mit den Worten: „Ich will Euch Zucht lehren und Anſtand, erhielten beide einige nachdrückliche Hiebe.— „So, nun lauft!“ Pfeilgeſchwind flog der Wagen dahin. Gertrud, welche die Augen geſchloſſen, als wolle ſie das Unglück gar nicht ſehen, mit beiden Armen Georg um den Leib gefaßt hatte, wagte doch nach und nach wieder einen Blick; ſie wurde ruhiger, als ſie bemerkte, mit welcher Sicherheit ihr Begleiter die beiden muthigen Roſſe lenkte. Nichts am Manne empfiehlt dieſen dem Weibe mehr, als ſicheres Beherrſchen der Umſtände. Die Wahrheit die⸗ ſes Satzes beſtätigte Gertrud, welche jetzt, obſchon ſie die Gefahr hinter ſich wußte, doch nur langſam die Arme von Georg löſte und ihn mit einem Blicke betrachtete, welche ſagte: Das iſt ein Mann, dem man vertrauen kann.— Der Abend begann in ſonniger Röthe aufzuglühen. Aus den friſch gemähten Schwaden der Wieſen ſtieg ein würziger Duft, die Schaar der Mähder zog langſam am Stein hin nach der erſehnten Hütte und unter dem Abend⸗ geläute, das wie der Gruß des Willkommens klang, brachte der glückliche Georg die Baſe heim in das väterliche Gut. x 91 Wie verſchieden erſcheint das Bild des Winters, jener Jahreszeit, in welcher die Natur weich gebettet unter ſeinem Schnee den Oſterruf des Frühlings erwartet, je nachdem wir es in der Stadt ſehen oder auf dem Lande betrachten dürfen, je nachdem wir ein Zimmer dort, oder eine Stube hier bewohnen. Die Stadt ſcheint an den Palmenblättern und Far⸗ renkräutern, womit der Winterfroſt die Scheiben ziert, keinen Gefallen mehr zu haben, denn ſie erſtand die Dop⸗ pelfenſter; dieſe aber mit ſeiner Zierde zu verſehen ver⸗ ſchmäht der Winter, das beweiſet die unſcheinbare, dünne Kruſte, mit welcher er jene, ſeinen Namen führende Fenſter überzieht, iſt die geringe Kraft, die er dieſem Hauch ver⸗ leiht, ſo daß ſchon der ſchwächſte Sonnenſtrahl im Stande iſt, jenen Ueberzug in rinnende Tropfen zu löſen. Die Stadt hat für den Winter, dem ſie mit Schellen⸗ geläute, mit geſchmückten Roſſen und Schlitten entgegen⸗ fährt, um ihn wie einen lang erwarteten, gar erſehnten Beſuch förmlich einzuholen, eine Menge Feſtivitäten in Bereitſchaft, den bunten Carneval nicht gerechnet, ſie opfert ihm die Nächte, während ſie die des Sommers verſchläft, die Kronen, die Candelaber an den Decken, die Wand⸗ leuchter vor den Spiegeln, in Sälen und Privatzimmern ſind jeden Abend beſchäftigt, blendende Helle zu verbrei⸗ ten; kurz für die Stadt iſt der Winter die Zeit der Ruhe nicht. 92 Betrachten wir das Bild, das er auf dem Lande aufſtellt. Eingehüllt in die Schneedaunen liegt das Dorf. Ruhe in ihm, wie in der Natur. Selten wandelt ein Bewohner des Weges, denn er ſcheut ſich, wenn er nicht muß, die tiefe Schneedecke zu beſchreiten, ihm ſind die Stube, der heimiſche Herd viel liebe Räume und der Ton des Spinn⸗ rades, das um die Wette mit dem ſchwerfälligen Gange der alten Schwarzwälderin ſchnurrt— eine gar gefällige Muſik, bei der ſich allerhand denken und träumen läßt. In den Scheiben der niederen Stubenfenſter iſt die gefrorne Pflanzenwelt in allen Spielarten zu bemerken; ein trau⸗ liches Dämmerlicht beherrſcht die Stube. Abends flimmert es durch— das iſt der Schein einer beſcheidenen Lampe, die von der Docke herabhängt. Feſtlich erleuchtete Säle kennt das Land nicht, für dieſes iſt das erleuchtete Chriſt⸗ fenſter im Pfarrhauſe um die hochherrliche Weihnachtszeit ein Gegenſtand der Bewunderung und nur ihm der Luxus ſo vieler Lichter geziemend.—— Im Freiſchulzengut hatte man einen ſo angenehmen Winter noch nicht verlebt. Gertrud war das Lenzbild, das erheiternd erregend im Kreiſe der Familie wirkte und waltete. Ach ja, es iſt wohl eine Wahrheit, daß die Töchter die Zierde des Hauſes ſind, ja daß ſie das haltende, bin⸗ dende Band bleiben, und für die Mutter ein wahrer Schatz genannt zu werden verdienen. Die Söhne müſſen früh der 93 väterlichen Stätte den Rücken wenden, für ſie, raſtlos in's Getriebe des Lebens verflochten, mit der Gründung des eigenen Herdes emſig bemüht, ſteht im fernſten Hinter⸗ grunde im matten Schein der Vergangenheit das väterliche Haus mit den dort zurückgelaſſenen Lieben,— in einſamen Stunden ſchreitet zwar das Bild ein Stück heraus aus ſei⸗ ner Umſchattung, aber ſo wie einſt ſtrahlt das Krönchen auf ſeinem Haupte nicht mehr und nicht wieder. Kommt der Sohn von Zeit zu Zeit zurück in die Heimath, ſo iſt er nun ein Gaſt mit fremden Ideen, fremden Anſchauun⸗ gen, der das bemerkt, wie das Vaterhaus mit der Zeit nicht Schritt gehalten hat, ein Gaſt, der die Stätte ſei⸗ ner Kindheit und erſten Jugend nur wie eine verehrungs⸗ würdige Reliquie betrachtet, ohne Wunſch ſie zu beſitzen, vom Triebe beſeelt nach der Ferne, in die Weite. Anders die Töchter! Sie ſind beſtimmt von Familie zu Familie zu gehen, ihnen, wenn ſie Jungfrauen gewor⸗ den, wird das Haus die Lehre und Bildungsanſtalt, in der ſie die Pflichten und den ſchönen Beruf des Weibes lernen: Vorſteherinnen der eigenen Familie zu werden— dort ſollen ſie erkennen,— haben ſie doch das heilige Vor⸗ bild der Mutter— daß ſo eng der Kreis der Häuslichkeit iſt, demungeachtet in ihm ſo viele Keime des Glückes ruhen, und daß der Himmel der weiblichen Hand ſich dazu bedie⸗ nen will, dieſe zu wecken und umzuwandeln in immer neu blühende Blumen. Zwei Perſonen in der Familie, freilich nur in ganz verſchiedener Weiſe, empfanden ganz beſonders das Glück, das mit dem Bäschen eingeführt war, die Mutter, Frau Magdalena, und Georg. Die erſtere hatte nun, was ſie wünſchte, eine Tochter, über deren Wirken und Schaffen ſie um ſo größere Freude genießen konnte, je mehr ſie aus Allem, was Gertrud that, die genaueſte Befolgung und Anwendung ihrer Lehren herausfand, ihr eigenes ſegensreiches Wirken, ſo zu ſagen von einem Spiegel zurückgeworfen ſah. Außerdem war ihr nunmehr ein weibliches Weſen an die Seite gegeben worden, dem ſie ſo manches vertrauen, mit dem ſie man⸗ cherlei beſprechen konnte, was außerdem und bis dahin in ihrer Bruſt verſchloſſen geblieben war. Georg? ja, es iſt ſchwer ein paſſendes Wort für den Zuſtand ſeines Inneren zu finden. Er wußte zu Zeiten mit ſich ſelber nicht einig zu werden und konnte es ſich nicht erklären, wie er damals auf dem Wege von der Stadt bis hieher nach Tannengrün viel unbefangener mit dem Bäschen geplaudert, als jetzt, wo er täglich und länger, als die kurze Zeit der Reiſe um das Mädchen ſein konnte, das freilich auch täglich mehr erblühte; ſie glich einer Blume, die zwar vermöge der inwohnenden Kraft auch im ungünſtigen Boden zum Leben aufgeſtanden war, jetzt aber von ſorglichen Gärtnerhänden liebend gepflegt, die ganze Fülle und Herrlichkeit entfaltete. 95⁵ Georg erfuhr an ſich die Wahrheit jenes Ausſpruches: „Ein räthſelhaftes, unerklärliches Etwas waltet wohl mit ewig verborgenem Geheimniſſe über unſeren Verbindun⸗ gen. Die Minute entſcheidet, der erſte Blick, wie oft für die ganze Lebenszeit. Ein unſichtbares, aus Sympathien gewobenes Band ſcheint hier Perſonen bei ihrem erſten Be⸗ gegnen zu umſchlingen, während dort wie von feindſeligen in der Atmoſphäre ſchwimmenden Atomen bedingt ein pro⸗ phetiſches Unbehagen jeder Annäherung in den Weg tritt, ein Unbehagen, bald dem Drucke ſchwüler Gewitterluft, bald einem unheimlichen Fröſteln vergleichbar.“ Ein ſolches ſympathetiſches Band fühlte Georg, denn an die Stelle der Unruhe, die ihn umhertrieb, trat ein un⸗ beſchreibliches Wohlſein, eine ſtille Seligkeit, wenn er im Gertrud's Geſellſchaft ſein konnte; die Sonntage waren ihm wahre Feſttage. Den erſten, ſeit die Baſe im Hauſe war, hat er wohl nie vergeſſen, nie den Eindruck, den das blühende Kind machte, als ſie während des Glockenläutens in die Stube trat, das Geſangbuch in der Hand, um mit der Familie die Kirche zu beſuchen. Dieſes Sonntagsge⸗ fühl kam ihm vor wie eine Jacobsleiter, auf deren Sproſſen er aus dem Erdendunkel zum Himmelslicht emporſteige; und doch würde er ohne Gertrud mit der Seligkeit der Engel kaum zufrieden geweſen ſein; ſo gewaltig hatte das Mädchen auf ſeine äußern und innern Sinne gewirkt, wie man von dem Smaragd behauptet, daß er nicht nur durch ſeine prächtige Farbe wohlthuend, ſondern durch eine ihm innewohnende magiſche Kraft ſelbſt heilend auf das Auge einwirke. Die Nachmittage des Sonntags vergingen zum gro⸗ ßen Theil für Gertrud mit Anordnungen, Einträgen der Wochenausgaben in das Hauswirthſchaftsbuch von kleinen Zetteln und Notizſtreifen ab, auf welche ſie flüchtig die Summen hinwarf und anmerkte. Die von ihr geführten Bücher waren ein Muſter von Sauberkeit und Accurateſſe, wie denn Alles von ihr mit ſtrengſter Pünktlichkeit geſchah, dabei beſaß ſie die ſeltene Gabe, ihre Anordnungen nur als Wunſch erſcheinen zu laſſen, ſo daß die ihr Untergebe⸗ nen ſich beeiferten, dieſem Wunſche kaum ausgeſprochen nachzukommen und es als eine kränkende Zurechtweiſung anſahen, wenn Gertrud etwa ſofort ſelbſt Hand anlegte, weil ſie nicht ſchnell genug geweſen waren. Frau Magdalena pflegte des Nachmittags mehrere Stündchen in ihrem Lehnſtuhl zu ruhen, und der Frei⸗ ſchulze dieſe Zeit zu einigen Beſuchen in der Nachbar⸗ ſchaft zu benutzen. Während der Sieſta mußte die äußerſte Ruhe in der nächſten Umgebung der Schlafenden ge⸗ halten werden und nichts konnte Gertrud mehr erzürnen, als ein Verſtoß hingegen, ſie ſelbſt hatte den Pendel der Uhr anfänglich feſtbinden wollen, weil ſie meinte: „die liebe Mama“ werde geſtört, allein ſie unterließ es, als jene verſicherte, das„Tick⸗Tack“ der gemüthlichen Uhr mache ihr eine ordentliche Schlafmuſik. War dieſer Nachmittagsſchlummer beendet, ſo be⸗ ſchäftigte ſich die Erbſchulzin mit ihren Blumen, deren große Freundin ſie war, wie wir deſſen aus dem Vorher⸗ gehenden uns erinnern wollen. Eine wirkliche Augenweide gewährten die Fenſter, wenn die ſorgfältig verwahrten und verpflegten Zwiebeln als Tulpen und Hyacinthen mitten im Winter von dem Frühlingsmärchen erzählten. Gertrud hatte der Blumenfreundin auch in dieſer Beziehung eine Freude zu bereiten gewußt. Sie hatte in früherer Zeit es verſtanden, in buntes Papier verſchiedene Figuren auszu⸗ ſchneiden, lange aber dieſe Fertigkeit nicht geübt. Jetzt nun nahm ſie die Arbeit wieder in die Hand, probirte an nicht mehr brauchbaren, bei Seite gelegten Stückchen Muſter und verfertigte, als die alte Geſchicklichkeit zurück⸗ gekehrt war, Hülſen, in welche ſie die Blumenäſchen ſetzte. Eines Tages, als die Frau Freiſchulze, die liebe Mama erwachte, meinte ſie zu träumen, weil ihre Blu⸗ menſtöcke dieſes ſonntägliche Gewand trugen. Gertrud hatte wie ein Schatten durch die Stube ſchwebend, wäh⸗ rend jene ſchlief, die Ueberraſchung bereitet, des Werkes ſelbſt froh, denn auf dieſe Weiſe waren die aus gewöhn⸗ lichem Thon gefertigten Töpfe umkleidet und gewährten einen recht anmuthigen Anblick, zumal Gertrud, die das Unſchöne beſeitigte, wo ſie es bemerkte, mit dem ihr eigen⸗ Moriz Horn; Der Freiſchulze. 7 98 thümlichen Tacte eine gewiſſe Harmonie der Farben in dieſer bunten Umhüllung herbeigeführt hatte. Auf Niemand wirkte der Ordnungsſinn, die Sauberkeit und Accurateſſe dieſes Haushaltes ohne geräuſchvolles Commando mehr als auf Georg, der an dieſe Eigenſchaf⸗ ten als geübter Zeichner und Meſſer gewöhnt worden und deſſen Zimmer ein Muſterbild davon war, wie Alles ſeine beſtimmte Stelle haben kann, ohne daß das Ganze den unangenehmen Eindruck einer pedantiſchen Einrichtung macht. Georg beſchäftigte ſich an den Sonntagsnachmittagen auf ſeiner Stube nicht wie ſonſt, ehe er das Bäschen heimgeholt hatte, mit dem ihm liebgewonnenen Zeichnen, ſondern las in dem Buche, aus dem er am Abend den Familienkreis unterhalten ſollte, die betreffenden Abſchnitte zuvor durch, denn unter den Zuhörern befand ſich ja auch Gertrud. Ein ſolcher anſpruchsloſer Familientiſch hatte, wollen wir's ſo nennen, ſeine liebe Hauspoeſie. Als Leſender ſaß Georg oben an, ihm gegenüber der Vater, aus dem Meerſchaumkopf, einen ſogenannten Schwa⸗ nenhals, einem ſtark mit Silber beſchlagenen Erbſtück rau⸗ chend, zur Rechten die Mutter und zur Linken Gertrud, erſtere gewöhnlich mit gefalteten Händen, wie ſie, wollte ſie aufmerkſam ſein, in dieſer Zeit ſich gewöhnt hatte, letztere, die ſtets thätig ſein mußte, mit einer jener weib⸗ 99 lichen Arbeiten beſchäftigt, welche die Hand, wie eine dar⸗ auf geübte und eingerichtete Maſchine von ſelbſt verrichtet, ohne den Geiſt in ſeiner Aufmerkſamkeit auf etwas Ande⸗ res zu behindern. Haben wir in Vorſtehendem verſucht, die Wirkungen kürzlich zu ſchildern, welche das Mädchen auf ſeine Umge⸗ bung machte, ſo liegt uns jetzt die Frage nicht fern, welche Eindrücke dieſe auf Gertrud zurückgelaſſen. Der Erbſchulze in ſeiner Feſtigkeit und Willenskraft, verbunden mit der größten Herzensgüte, war für ſie das Muſter eines Mannes, wie die Frau Erbſchulze in ihrer Rührigkeit, ihrer Kenntniß des Hausweſens und ihrer Liebe zu den Blumen das Vorbild eines Weibes und einer Haus⸗ frau; Georg, das jugendliche Abbild des Vaters,— das Ziel ihres Herzens. Das wurde ihr erſt klar, als Jener einige Wochen im Auftrage des Vaters, um Geſchäfte ab⸗ zuwickeln, verreiſen mußte, denn jetzt— vermißte ſie ihn, und das eigene Gefühl im Buſen, was war es Anderes als die Sehnſucht der Liebe? Die Freudigkeit, mit der ſie, ſo lange er im Hauſe war, die Geſchäfte beſchickte, fehlte ihr; des Abends ſaß ſie ſtill neben den Eltern und als an einem ſolchen ein unge⸗ wöhnliches Geräuſch, deſſen natürliche Urſachen nicht ſofort zu ergründen waren, ſich vernehmen ließ, brach ſie in hef⸗ tiges Weinen aus, weil ſie fürchtete, Georg ſei ein Unheil zugeſtoßen. Sie bat dringend, ihm ſchreiben zu dürfen 7* 100 und wurde erſt ruhig, als ein ſehr liebevoller Brief von ihm das beſte Wohlbefinden ihr verkündete. Sie las ihn freudeſtrahlenden Auges vor, ließ aber die Nachſchrift weg, die Georg, Frauen nachahmend, welche bekanntlich ohne Poſtſeriptum keinen Brief zu ſchreiben vermögen, beigefügt hatte, um dieſe viele Male auf ihrem Kämmerlein zu leſen, denn in den nachträglich beigefügten Zeilen war ja genau ihr eigenes Gefühl als das ſeinige geſchildert, er auch alſo empfand die Sehnſucht. Gertrud las aber noch viel mehr zwiſchen den Zeilen, die ſie dafür mit einem Kuſſe der Dankbarkeit belohnte. Der Kuß, den ſie von Georg, als er endlich heimge⸗ kehrt, erhielt und erwiederte, war wohl mehr als der Re⸗ präſentant der Dankbarkeit, zumal er, wenn beide ohne Zeugen ſich befanden, wiederholt wurde, außerdem aber nur durch einen langen, warmen Händedruck ſich ver⸗ treten ließ... In der Stube der Hebart'ſchen Familie ſtand eines jener unſcheinbaren Claviere, die jetzt immer ſeltener wer⸗ den. Nur ein ſchwacher Ton iſt dem ſchwachen Bezug möglich, die unteren Taſten ſind ſchwarz, die oberen weiß, — die äußere Hülle eines ſolchen Inſtrumentes kann nicht einfacher ſein, der ſchwache, niedere Kaſten wird von ſchwa⸗ chen, kunſtlos gearbeiteten Beinen getragen. Dieſes Clavier war nach dem Tode Seebers, des Thierarztes, aus Holzhauſen nach Tannengrün übergeſie⸗ 101 vortragen zu laſſen. Gegenwärtig diente das alte Clavier als Tiſch, Gertrud ſollte es ſeiner Beſtimmung zurück⸗ geben. Sie hatte nämlich eines Tages beim Säubern der Möbel alle Effecten, die auf jenes gelegt worden waren, an eine andere Stelle geräumt. Die Frau Erbſchulze überraſchte das Mädchen, wie es den Deckel des Inſtru⸗ mentes zurückgeſchlagen hatte, und mit Federwiſch wedelnd, mit dem Munde blaſend, den ſeßhaft gewordenen Staub daraus zu vertreiben ſuchte. „Es iſt recht ſchade, daß es ſo verſtimmt iſt,“ meinte ſie. „Das wäre wohl nicht der Fall,“ erwiederte die Mut⸗ ter, wenn Jemand in der Familie zu ſpielen verſtände und Luſt dazu hätte; kannſt Du vielleicht ſpielen? „Ja, liebe Mama, ein klein wenig.“ „Dann ſoll es morgen geſtimmt ſein, und nächſten Sonntag giebſt Du uns etwas zum Beſten.“ Tags darauf erſchien auch wirklich der alte Cantor. Obſchon ein Mann von Fach, hatte er doch ſeines unſiche⸗ ren Gehörs wegen Mühe mit dem Ausſtimmen, brauchte deshalb viele Stunden, ehe die lange geſtörte Harmonie in die Saiten zurückkehrte. 102 Am nächſten Sonntag⸗Abend trug Gertrud etwas ihrer Kunſtfertigkeit vor. In unſeren Tagen, welche vom Muſikvortrag aller⸗ hand Kunſtſtückchen verlangen, um dem Zeitgeſchmack piquant und genießbar zu werden, würde man über die einfache Compoſition, welche Gertrud„zum Beſten gab,“ gelächelt haben, das kleine, zufriedene Auditorium aber, das die Spielerin hörte, wurde ergriffen und gerührt, Ge⸗ fühle, die ſich ſteigerten, als das Bäschen ein kleines Lied⸗ chen innig und mit Seele vortrug; es war ein Liebeslied, und wenn wir annehmen, daß Gertrud etwas von ihrem Liebesvorrath im Herzen dem Geſange mitgab, ſo dürften wir kaum irren. Georg war außer ſich vor Freuden, und ließ ſich dies Mal auch durch die Gegenwart der Eltern nicht abhalten, die Sängerin recht herzlich zu küſſen. „Es iſt eigentlich für zwei Stimmen geſchrieben,“ ſagte ſie, liebſter Georg, hier iſt die Stimme des Schäfers, die eine Octave tiefer geſungen werden muß, und hier die der Schäferin, es wäre hübſch, wenn Du mütſingen könnteſt.“ Den letzten Satz ſprach ſie nur für Georg hörbar, indem ſie die Melodie auf dem Clavier mit der linken Hand in der tiefen Lage wiederholte, anſcheinend, um Georg das Geſagte anſchaulich zu machen, in Wahrheit aber, um jene Worte ihm zuzuflüſtern. 103 Sie hatten eine nachhaltigere Wirkung, als Gertrud denken konnte. Zunächſt raubten ſie Georg den Schlaf der Nacht, denn jener mit den ſonderbarſten Träumen aus⸗ geſtrttete Zuſtand, in welchem er ihren Geſang fort und fort vernahm, während die Sängerin in immer wechſeln⸗ der Geſtalten, ein Bild lieblicher als das andere, vor ſeine Seele trat, war kein Schlaf zu nennen. „Es wäre hübſch, wenn Du mitſingen könnteſt,“ härte er wie einen lieblichen Morgengruß im Geiſte wie⸗ deklingen, als der ſpäte Tag die winterliche Sonne her⸗ aufführte. „Gertrud ſollte einen Wunſch haben und Du ihn nich erfüllen? 4 Je öfters Georg den Gedanken durchdachte, deſto mehr nahm er an Peinlichkeit zu. „Ich hab's!“ rief er endlich mit jener Freudigkeit aus, die uns überkommt, wenn wir nach langer Zeit des Umherirrens auf dem Meere der Zweifel das Feſtland des Entſchluſſes betreten. Um Nachmittag erſchien Georg in der Wohnung des alten Cantors. „Ich habe eine recht große, große Bitte, beſter Herr Cantor!“ Auf deſſen Frage, worin denn ſolche beſtehe, antwor⸗ tete Georg mit einer dergleichen: ob er nicht ſingen lernen könne, und zwar nur ein einfaches„Liedel.“ 104 Der Cantor erkundigte ſich nach dem Titel dieſer Compoſition und bemerkte, als er ihn vernommen, daß er 1 1 7 t 4 dieſes alte, gute Lied auch beſitze. „Mein Sohn, wir wollen einen Verſuch machen, aber ſo leicht, wie Du Dir das zu denken ſcheinſt, iſt es nicht, mir kommt auch keineswegs in den Sinn, Dir dicees Lied einzutrichtern, daß Du es wie ein gelehriger Staar⸗ matz oder Gimpel abſingſt. Nein, dazu iſt die Kunſt niht da, erſt hübſch Noten lernen! mein junger Freund. Wam Du fleißig biſt,— im Winter habt Ihr Landwirthe Zeit und Muße— und recht oft herüber kommſt, werden vir in Kurzem ſehen, was wir zu hoffen haben.“ „Ob ich fleißig ſein werde?“ ſagte Georg, als er froh der Auskunft nach dem Gute heim ging,„der gute Alte hätte mich gewiß nicht gefragt, wenn er wüßte, daß ich ihr eine Freude machen kann.“— Die Singſtunden begannen; zur Freude des alten Cantors erlernte Georg die Noten ſehr ſchnell, ſeine Stimme keine Virtuoſin, aber eine ſonore, wohlklingende, bildete ſich zum Erſtaunen des Lehrers aus,— ja die Liebe iſt allmächtig— und ſo geſchah es denn, daß gegen das Ende des Winters hin Georg, als zärtlicher Schäfer in dem Liebesduett debutiren konnte. Diesmal war aller⸗ dings das Duett eines der Herzen, nicht blos der Noten, und der Blick, der aus Gertruds Auge dem ſeinen mehr 105 als ein Mal begegnete, ſchon eine bejahende Antwort auf eine noch nicht gethane aber geahnte Frage. Daß dieſe Frage Georg an Gertrud richtete, dazu gab Chriſtian Veranlaſſung, über den das nächſte Capitel Einiges nachzuholen hat. Fünftes Capilel. Chriſtian. Zu gleicher Zeit mit Gertrudens Brief an den Frei⸗ ſchulzen langte ein zweiter für Chriſtian an, er war von dem Gerichtshalter aus der Stadt und lautete: Mein lieber Hebart! Mich hat das Chiragra arg gepackt, ſo daß ich keinen Finger rühren kann, und dennoch unendliche Schmerzen habe. Meine Geſchäfte zu verrichten iſt mir unmöglich, wenn ich ſchon den Gang derſelben zu überwachen im Stande bin. In dieſer Calamität ſeid Ihr mir eingefallen als derjenige, welcher mit allen meinen Einrichtungen bekannt und vertraut iſt. D'rum habe ich an Euch dieſe Zeilen direct und wollte Euch gebeten haben, je eher deſto beſſer hier einzutreffen, 3 107 vorausgeſetzt, daß Ihr von Tannengrün abkommen könnt, und dort nichts Euch zurückhält. Wohnung, ſo wie Alles, was zur Leibesnahrung und Nothdurft ge⸗ hört, findet Ihr in meinem Hauſe. Euer wohlaffectionirter Elias Schichtmann. Ich möchte wiſſen, was mich hier zurückhalten ſoll; ſagte Chriſtian nicht ohne bitteres Lächeln, indem er den Brief zuſammenſchlug; ich kann abkommen, ja ich be⸗ grüße die Gelegenheit freudig, die mich auf einige Zeit anderen Verhältniſſen und Umgebungen zuführen ſoll. An demſelben Morgen ließ er den Caſtellan aus dem „grauen Hauſe“ zu ſich beſcheiden, beauftragte dieſen, die auf dem Zimmer befindlichen Acten, Bücher und Urkun⸗ den in das Archiv zurückzubringen und packte ſeine Schrif⸗ ten und Habſeligkeiten in den Reiſekoffer, nur etwas Wä⸗ ſche und einige Kleider blieben in Schrank und Commode zurück.„Es ſieht wirklich ſo aus, als ſollte ich nicht wie⸗ der hieher kommen“, ſagte er, als das Geſchäft been⸗ digt war. Noch an demſelben Tage unterrichtete er die El⸗ tern von dem Brief und ſeinem Entſchluſſe und bat auf morgen um den Wagen nach der Stadt. Es war eine eigenthümliche Scene des Abſchiedes zwiſchen Sohn und Eltern. Chriſtian, in bitterer Erinnerung an das letzte mit dem Vater gehaltene Geſpräch über das Trockenlegen des Hexenteiches, war kalt und förmlich, jene, der die Worte des Sohnes: weiteres für künftige Zeiten ſich vorbehal⸗ tend, nicht aus der Seele verbannen konnte, bezwang ſeinen Unmuth, ohne daß es ihm völlig gelingen wollte. Die Mutter mit ihrem weichen Herzen war die einzige, auf welche die bevorſtehende Trennung von dem Sohne einen tiefen Eindruck machte, und zwar nur deshalb, weil ſie in dieſem Momente wohl inne wurde, wie we⸗ nig Liebe und Theilnahme ihr älterer Sohn im Hauſe genoſſen habe, und daß, wenn er auch die meiſte Schuld daran trage, es doch dahin geſtellt bleibe, ob nicht ſie gerade am meiſten verpflichtet geweſen ſei, dem ſchroffen einſamen Menſchen Liebe entgegenzubringen. Gleich als wollte ſie einigermaßen das Verſäumte nachholen, eilte ſie im Augenblick, da Chriſtian das Schloß der Thür gefaßt hatte, dieſem nach und ſchloß ihn mit den Worten:„Lebe wohl, mein lieber Chriſtian!“ an's Herz. Dieſer hielt den treugemeinten Wunſch, den ſo zu ſagen concentrirten Ausdruck einer lang verhaltenen Liebe nicht für einen ſolchen. „Es iſt,“ ſagte er zu ſich, im Wagen ſitzend,„nur eine Redensart, wenn nicht gar der Ausdruck der Freude, daß ich Haus und Hof verlaſſe. 109 Ein offenes, heiteres Gemüth, ein dem Schönen und Guten im Leben freudig ſich hingebendes Herz, das ſelbſt in trüben, umwölkten Tagen nicht verzagt, kann ſich den Zuſtand nicht denken, in den ein Menſch geräth, der mißtrauiſch, argwöhniſch an keine Freude mehr glaubt und in ſeiner unſeligen Verirrung behauptet: die Welt ſei nur für Narren und Kinder geſchaffen. So Chriſtian; die mütterliche Liebe fand keine Stätte der Einkehr in ſeinem Herzen.—— Wir erinnern uns der Fahrt Georgs, um die Baſe nach Tannengrün in's Freiſchulzengut zu holen. Seine Reiſe war von dem prächtigſten Wetter begünſtigt. Ein anderes Angeſicht trug die Natur, als Chriſtian nach der Stadt fuhr; zwar war es auch ein Sommertag, aber dichte Wolken regenſchwer und regenbereit lagerten in bleigrauen Maſſen über den Himmel und verſchloſſen ſelbſt die nächſte Ausſicht in die Ferne, die ganze Ge⸗ gend theilte die Verſtimmung des Himmels, das Grün der Bäume, das Gold der reifenden Saaten erſchien nicht ſo ſchimmernd, die Hecken und Zäune am Wege waren noch überdies vom Staube der Landſtraße, auf der hin und wieder Wirbelwinde tanzten, überweht; ſelbſt die fleißigen Lerchen mußten auf die Freude verzichten, auf⸗ zuſteigen an ihren Liedern in die Lüfte des Himmels. Chriſtian lag in einer Ecke des Wagens gedrückt und verbitterte ſich die Stimmung, in welcher er das elterliche Haus verlaſſen hatte, ſelbſtquäleriſch dadurch, eine Behaglichkeit auszumalen, die nun nach ſeiner Ent⸗ fernung im Gute von Allen werde empfunden werden, an die aber in Wirklichkeit Niemand dort dachte. Na⸗ türlich verknüpfte ein Gedanke ſich mit und in den andern, ſo auch der, daß Georg doch unverkennbar beſ⸗ ſer im Gute geſtellt ſei, daß man ſein Wirken und Thun anerkenne, während man ihm die Anerkennung nicht zu Theil werden laſſe. Kurz es war ihm, als er die Stadt gegen Mittag erreichte, vollkommen gelungen, die Welt durch das ſchwärzeſte Glas anzuſehen. Am Nachmittag ſuchte er das Haus des Gerichts⸗ halters auf, klein, nur einſtöckig lag es an einer Straße, welche allem Anſchein nach vor nicht langer Zeit erſt gebaut worden, um die Vorſtadt mit der inneren zu verbinden. Das Haus war verſchloſſen, mit dem Glockenzug aber eine Vorrichtung verbunden, welche, ſo bald der Ton der Glocke gehört wurde, die Flur öffnete. Ein junger Menſch, der aus der Parterreſtube trat, an deren Thür das Wort: Expedition angeſchlagen war, fragte nach Namen und Begehr des Angekommenen und wies dieſen hierauf in das Stockwerk, woſelbſt er den Herrn Juſtitiar finden werde.— Der Kranke ſaß in einem jener Stühle, die man früherhin Großvaterſtühle zu benennen pflegte, und den 111 Göthe ſo ſchön bezeichnend„einen Väterthron“ heißt,„an dem wie oft ſchon eine Schaar von Kindern rings ge⸗ hangen.“ „Seid mir willkommen, lieber Chriſtian, eine Hand kann ich Euch nicht reichen, denn beide, wie Ihr ſeht, ſind in Fauſthandſchuh aus Fuchspelz vergraben, nehmt nur dort Platz und richtet Euch überhaupt ein, als wäret Ihr zu Hauſe. Sagt, wie geht es denn dort? ich habe mich recht oft nach dem lieben Tannengrün und in das mir ſo werthe Freiſchulzengut geſehnt. Glaubt mir, lieber Chriſtian, das Kleinſte, was man in geſunden Tagen kaum beachtet, das wird begehrenswerth, wenn man gefeſſelt wie ich, es ent⸗ behrt. Wir ſind undankbar und es iſt recht dienlich für den innern Menſchen, wenn der äußere leidet.“ Doch, fuhr er lächelnd fort,„habe ich Euch nicht kommen laſſen, um meine Philoſophie anzuhören, brechen wir ab. Was macht die gute Mutter; ſie hat für mich jetzt lange keinen Frühſtückstiſch herzurichten gehabt; wie gehtes dem Bruder Georg?“ „So viel mir bekannt, befinden ſich die Meinigen wohl. Sie wiſſen, Hochedeln, daß ich wenig von dem er⸗ fahre, was im Hauſe vorgeht, die Verhältniſſe haben nun ein Mal dort ſo ſich geſtaltet, daß ich ſo zu ſagen außer⸗ halb des Kreiſes der Familie ſtehe, daß ich—“ „Weiß, weiß!“ unterbrach ihn der Gerichtshalter, „leider habt Ihr Alle Euch die Verhältniſſe über den Kopf wachſen laſſen; anſtatt, daß Ihr ſie regiert und lenkt, ſind ſie Euer Herr geworden. Ich habe mich, während ich hier ſitze, vielfach mit dieſer Sache beſchäftigt, aber keinen Ausweg finden mögen, iſt mir gegangen, wie mit einem ſchlimmen Proceß, hoffen wir auf ein günſtiges Endurtheil. Nun kommt mit mir, ich werde Euch in Euere Beſchäfti⸗ gung einweiſen. Zu führen braucht Ihr mich nicht, die Füße, Gott ſei Dank, haben das garſtige Beiſpiel der Hände nicht nachgeahmt und mir Ihren Dienſt noch nicht aufge⸗ kündigt.“ Chriſtian folgte dem Gerichtshalter in das Expeditions⸗ zimmer und erhielt die nöthige Anweiſung zu den Geſchäften, die er zu beſorgen hatte; ſie waren ihm zum Theil nicht mehr fremd. Größere Arbeiten, welche tiefere juriſtiſche Kenntniſſe erforderten, dictirte der Juſtitiar ihm in die Fe⸗ der. So verging ein Tag wie der andere, einförmig.— Etwa vierzehn Tage nach Gertrud's Ankunft im Frei⸗ ſchulzengut erhielt Chriſtian von dorther einen Brief; die Handſchrift der Adreſſe kannte er nicht; um ſo erwartungs⸗ pooller erbrach er das Couvert und fand die Unterzeichnung: Gertrud Willig. „Gertrud Willig,“ wiederholte er für ſich; dieſen Namen leſe ich heute zum erſten Mal. Soll mich verlangen zu erfahren, womit ich ihr dienen kann. Er las: 113 „Herr Vicerichter! Sie werden ſich wundern, daß Sie plötzlich zu einer Baſe kommen und vielleicht noch mehr, wenn Sie er⸗ fahren, daß ich dieſe Baſe bin, ganz gewißlich aber erſtaunen, wenn dieſe Ihnen nur erſt dem Namen nach bekannte Baſe Sie ſchon mit einer Bitte angeht. Ich würd's aber auch ganz gewißlich nicht gethan ha⸗ ben, wenn mir die gute Mutter nicht zugeredet und geſagt hätte: thu's nur Bäschen— ſo zärtlich nennt man mich hier!— mein Chriſtian iſt vom Herzen gut und wird es Dir nicht abſchlagen. Doch ich werde Sie böſe machen mit der langen Litanei, d'rum zur Sache. Ihr guter Bruder Georg hat mir ſein allerliebſtes Zimmer abgetreten und begnügt ſich, denken Sie nur, mir zu Liebe, mit einer kleinen Stube. Das quält und ängſtet mich in meinem Wohlbefinden; da Sie nun, wie ich erfahren, längere Zeit vielleicht in der Stadt bleiben werden, ſo wollte ich bitten, Georg zu ge⸗ ſtatten, daß er Ihr Zimmer einſtweilen bewohnen möge. Aber ſchreiben Sie das nicht ihm, ſondern machen Sie mir die Freude Georg davon zu benachrichtigen, ich möchte ihm gar zu gern auch eine Gegenliebe erzeigen. Ihre dienſtwillige Gertrud Willig.“ Moriz Horn: Der Freiſchulze. 8 Mit einem eigenthümlichen Lächeln legte Chriſtian den Brief bei Seite und ging einige Male im Zimmer auf und nieder. „Hm! alſo eine Baſe haben ſie im Freiſchulzengute und Georg bezieht meine Stube.'s iſt nichts als ein eigenes Zuſammentreffen, aber ſonderbar, daß er mich aus dem Zimmer vertreiben muß, das heißt, wenn ich will, und ich muß wollen, denn es wäre unartig, einem Mädchen, einer Verwandten, die erſte Bitte abzuſchlagen. Man ſoll mir das nicht vorwerfen, hat doch zudem die Mutter mit ihrem Urtheile über mein Herz die Nichterfüllung der Bitte ganz und gar unmöglich gemacht.“ Er ſetzte ſich und ſchrieb. Die Unterhaltung mit einem Mädchen, von dem ſeine Phantaſie ein ganz anmuthiges Bild ſich entwarf, gewährte ihm offenbar ein beſonderes Vergnügen, denn der Brief wurde ſehr freundlich und ſehr lang. Ein Expreſſer überbrachte ihn am andern Tage der Baſe in Tannengrün, die hocherfreut dem Boten ein Dankſchreiben an Chriſtian mitgab, das dieſer mit ganz beſonderem Vergnügen wiederholt durchlas. Miit der Nachricht von des Bruders Einwilligung durch Gertrud überraſcht, bezog Georg deſſen Stube. Wir haben bereits verſucht, das Leben während der Winterzeit im Freiſchulzengute zu ſchildern. Ein von dieſem ganz verſchiedenes führte Chriſtian.— 115 Die meiſte Zeit verbrachte er auf der Expedition ſeines Patrons, Abends las er ihm vor, und in dieſer Be⸗ ziehung fand eine gewiſſe Gleichheit hier wie dort Statt. Von Zeit zu Zeit ſchrieb er an die Baſe, und dieſe Briefe athmeten eine große Herzlichkeit. Gertrud antwortete zwar, allein ihre Gegenbriefe nahmen, je herzlicher Chriſtian's wurden, mehr und mehr an Förmlichkeit zu. Chriſtian fühlte ſich dadurch verletzt und unterließ die Correſpondenz endlich ganz, an welche er ſtets mit einem gewiſſen Wohl⸗ behagen gegangen war. Gegen das Ende des Winters hin wurde der bejahrte Gerichtshalter kränker, der Gichtſtoff in den Händen la⸗ gerte ſich auch in den Füßen ab. Er hoffte Heilung von dem nahenden Frühjahr, von den milden Tagen des Maien; ſie brachten für ihn den Tag der Heimkehr. Zum erſten Mal ſtand Chriſtian an dem Lager eines Dahingeſchiedenen. Mit tiefem Schmerz betrachtete er das Geſicht, über deſſen Züge eine freundliche Ruhe gebreitet lag. Es war ihm, als habe ſein einziger Freund ihn ver⸗ laſſen, und einſam ſtehe er und allein. Nachdem er den geſchäftlichen Nachlaß, ſo weit ihm möglich, geordnet und dem Nachfolger des Verſtorbenen, einem jungen Manne, erfüllt von unerträglichem Beamten⸗ ſtolz, übergeben hatte, meldete er nach Tannengrün, daß er mit Ablauf dieſer Woche dort eintreffen werde, man möge ihm ein anderes Zimmer in Bereitſchaft halten, weil 8* 116 er den Bruder aus dem Beſitz nicht vertreiben werde, um der Baſe ein Leid zu erſparen, das ſie doch überkommen werde, wenn um ſeinetwillen Georg das Zimmer räumen müſſe. „Wie gut er iſt!“ rief Gertrud aus, als ſie von dem Inhalt des Briefes Nachricht erhalten,„wir müſſen ihm eine Freude machen; meinem Gefühl wenigſtens thut es wohl, durch eine bekränzte Thür heimzukehren, überdies haben wir um ſo mehr nöthig, Chriſtian die Pforte zu ſchmücken, da wir ihm ſeine alte Wohnung genommen und eine neue angewieſen haben, in welcher er Anfangs wenig⸗ ſtens ſich fremd fühlen muß.“ Sie ließ ſich auch nicht ab⸗ halten, emſig Kränze und Guirlanden zu binden und zu winden, und eigenhändig den Maienſchmuck des jungen aufblühenden Jahres um die Thür und in dem für Chri⸗ ſtian beſtimmten Zimmer aufzuhängen. Am Tage, mit welchem Jener eintreffen wollte, ſagte ſie zu Georg: „Liebſter Vetter, dieſen Nachmittag gehen wir dem Bruder entgegen.“ Und ſo geſchah es. Den runden Strohhut mit rothem, weithin flattern⸗ dem Bande auf dem quellenden, ſchwellenden Haar, mit einem weißen Corſett und bunten Rocke bekleidet, erſchien ſie zur Stunde vor Georg. Arm in Arm wandelten Beide durch das Dorf der Landſtraße zu. Hie und da ſchielte Jemand durch das Fenſter und mochte ſich ſagen:„Das iſt ein allerliebſtes Paar, wie 117 für einander geſchaffen.“ Etwas Aehnliches dachten die Beiden wohl auch, ohne es ſich zu geſtehen; wenigſtens dürfte das enge Anſchmiegen an einander, der freundlich gegenſeitig gewechſelte Blick der leuchtenden Augen, der leiſe ſich wiederholende Druck der verſchlungenen Arme die Behauptung rechtfertigen. Nach einer Viertelſtunde, d die ſie im langſamen Schritt gegangen, zeigte ſich in der Ferne ein zurückgeſchlagener Reiſewagen. 3„Der Bruder kommt,“ bejahte Georg Gertrud's Frage. Auch Chriſtian hatte die Beiden bemerkt; er ließ das Geſpann, als er das Paar erreicht hatte, halten und ſtieg aus. „Das iſt Gertrud, unſere liebe Baſe!“ „Mit welcher ich bereits einige Zeit im Briefwechſel geſtanden,“ unterbrach Chriſtian den Bruder. „Und die Ihnen, Herr Vetter, noch mündlich für die große Güte und Bereitwilligkeit zu danken hat, mit der Sie damals Ihre Bitte erfüllten,“ ſetzte Gertrud hinzu. „Laſſen Sie die Kleinigkeit unerwähnt,“ verſetzte Chriſtian,„Sie haben durch die mir heute bereitete Freude Alles ausgeglichen und mich zugleich zu Ihrem Schuldner gemacht. Wie ich von Weitem ſah, hatte mein Bruder das Glück, Sie mir entgegenführen zu dürfen; überlaſſen 118 Sie jetzt ſich meiner Leitung, ich verſpreche Ihnen, ſie ſoll nicht minder ſorgſam ſein, als die des Bruders.“ Er nahm nach dieſen Worten Gertrud's Arm und legte ihn in den ſeinigen; ſie ließ es geſchehen. Auf Chriſtian hatte die Erſcheinung des Mädchens in ſeiner kleidſamen Tracht jenen eben ſo plötzlichen, als tiefen Eindruck gemacht, den jeder junge Mann in der Nähe eines weiblichen Weſens empfindet, welchem die Jugend und Anmuth noch ſchimmernde Kränze flicht. Un⸗ willkürlich regte ſich der Wunſch in ihm, auch er möge ſeiner Begleiterin einiges Intereſſe einflößen. Seine Un⸗ terhaltung war deshalb lebhaft. Gertrud fühlte nach und nach die Befangenheit, die im Anfang ihr die Bruſt be⸗ engte, ſchwinden, ihr offenes, heiteres Naturell kehrte zu⸗ rück; ſie erzählte von dem Glück, das ſie im Hauſe des Freiſchulzen gefunden, von den herrlich verlebten Winter⸗ abenden, und wie ſie ſo innig ſich freue jetzt, da Alles grüne und blühe, weil da die Welt ihr noch einmal ſo ſchön vorkomme, und man alle Menſchen ſo recht eigentlich lieb haben möge. Je mehr ſie in ihrer harmloſen Naivetät plauderte, deſto mehr entzückte ſie Chriſtian; es war ihm, als ver⸗ liere er bei jedem ihrer Worte einen Stein von der Bruſt, und dafür ſetze das Herz eine Knoſpe der Freude um die andere an. Georg nahm wenig Theil an dem Geſpräch; er em⸗ 119 pfand ein Gefühl, für das er keinen Namen finden konnte. Obſchon er ſich ſelbſt zugeſtehen mußte, kein Recht an das Mädchen zu haben, wurde ihm doch in dieſem Augenblicke die Gewißheit klar, daß er ſie ſein nennen müſſe, ſolle das Leben für ihn noch Werth und Reiz behalten. Von tauſend Entſchlüſſen und Vorſätzen geplagt, folgte er dem Paar, verließ es aber am Hofthor, um, wie er vorgab, einen nöthigen Gang im Dorfe zu beſorgen, in Wirklichkeit aber, um in Freien, am Herzen der Natur, ſich ſammeln zukönnen. Die Wahrheit der Worte, welche Gertrud über Chri⸗ ſtian äußerte, wie ſie ſo innig ſich freue, wenn Alles grüne und blühe, weil alsdann die Welt ihr noch einmal ſo ſchön vorkomme und man alle Menſchen ſo recht eigentlich lieb haben möge, empfanden die Menſchenherzen im Mai von jeher, denn ſie gaben ihm den Namen: Monat der Wonne, und welcher ſeiner Vorgänger oder Nachfolger verdient ihn mehr? Wonne überall, wohin wir den Blick wenden, ob wir ihn ruhen laſſen auf dem ſanften jungfräulichen Grün der Wieſe, auf dem Plan, der ſich mit Blumen ſchmückt, oder ihn erheben zu dem zarten, ſchüchternen Laub des Buchengehölzes, zu den Frühlingskerzen, welche der Nadel⸗ wald auf ſeine Tannen ſteckt, oder ob wir das Auge die Blüthenſchleier verfolgen laſſen, die von den Fruchtbäumen unſerer Gärten wehen. Ueber all' dieſer Erdenherrlichkeit ruht der Himmel wie eine blaue Rieſenblume, im aufge⸗ ſprungenen Kelch die goldſtrahlende Sonne. Brachte der Mai allen Bewohnern des Freiſchulzen⸗ gutes Wonne? Der Herr des Hauſes freute ſich über den Segen ſeiner Felder und Auen, die Mutter über ihr blühendes Hausgärtchen mit der halbentknospeten Lindenlaube, freute ſich vor ihren Zimmerblumen, die mit ihren jungen Zweigen an das Glas klopften, als wollten ſie ſagen: „Macht auf, auch wir wollen hinauslangen in die Schale des Frühlings;“ Chriſtian war entzückt über die Mai⸗ königin des Hauſes: Gertrud; nur zwei Herzen bedrückte Kummer: Gertrud's und Georg's, und zwar um ſo ſchwerer, je tiefer ſie das Gefühl, was ſie beſeligte, zurück⸗ hielten. Die Liebe verſteht ſich ohne Worte, aber ſoll Zweifel ſchwinden, frei von allem Schatten der Edelſtein ſchim⸗ mern, muß das Wort:„Ich liebe Dich,“ einmal geſprochen werden, wie ein den Bann löſendes. Wie oft rief es in Gertrud's Herzen, Georg möchte das Wort ſprechen, wenn ſie allein in ihrer Kammer ſtand und hinaus ſah hin die Nacht. Da draußen war Ruhe, aber nicht in ihrem Buſen, denn eine Entdeckung erfüllte ſie mit Angſt. Es war ihr nicht entgangen, daß Chriſtian ſie liebe, denn jede Gelegenheit um ſie zu ſein, erfaßte er, jeden leiſe nicht ausgeſprochenen, nur angedeuteten Wunſch erfüllte er, ſo daß ſie kaum mehr eine Aeußerung der Art in ſeiner Gegenwart zu thun wagte. Chriſtian war ihr Zuhörer, wenn ſie, wie in der Winterzeit, auch jetzt noch zuweilen an Sonntagen ſang und ſpielte, ja er ließ nicht ab, ſie um die Gefälligkeit zu bitten, wenn ſie zögerte ſich an das Clavier zu ſetzen. Welches Frauenherz wüßte nicht, daß ſolche Aufmerkſamkeiten eines Mannes einen tiefen Grund haben? Gertrud's Angſt ſteigerte ſich, als ſie wahrnahm, Georg ſuche ihre Nähe nicht mehr wie früher, verbringe ſelbſt die Sonntage außer dem Hauſe. Dieſe Umwandlung ſchien von einer an ſich unbedeutenden Veranlaſſung ſich herzuſchreiben. Als nämlich eines Sonntags Georg und Gertrud das uns bekannte Duett ſangen, trat Chriſtian mit ziem⸗ lich finſterer Miene an das Notenpult, nahm das Heft weg und meinte, er wünſche nicht, daß Gertrud derartiges mit dem Bruder ſinge. Dieſer warf einen Blick auf Gertrud, dann auf Chriſtian und verließ das Zimmer; das Mädchen hätte ausrufen mögen:„Georg, nimm mich mit Dir!“ So zwiſchen Hoffen und Zweifel vergingen ein Tag, eine Woche um die andere, die Roſen im Garten blühten, die auf Gertrud's Wangen verblaßten, Georg's heiterer Sinn trübte ſich. Fragte die Mutter das Bäschen, ob ſie krank ſei, ſo verſicherte dieſe das Gegentheil; erkundigte 122 ſich der Vater, warum Georg ſein ganzes Weſen ver⸗ wandelt habe und in einen bedenklichen Trübſinn verfallen ſei, ſo erhielt er die wenig tröſtliche Antwort, es werde ſich ſchon ändern und ein Tag der Entſcheidung kommen. Von allen dieſen Vorgängen in der Familie ſchien Chriſtian nicht die geringſte Notiz zu nehmen; ſeine Hei⸗ terkeit ſteigerte ſich, ſein ganzes Weſen hatte jene Spann⸗ kraft angenommen, welche einem Entſchluß, einer That vorausgeht. Das Feſt der Pfingſten fiel dieſes Jahr in die letzte Hälfte des Monats Mai. Der Freiſchulze und Frau waren nach Holzhauſen, auf Einladung des Rittergutspächters, des ehemaligen Lehrer Georgs gefahren, dieſer nach der rothen Föhre gegangen, um, wie er ſagte, die im Laufe der vergangenen Woche fertig gewordene Anpflanzung zu beſehen; Chriſtian hatte bereits früh das Gut verlaſſen, ohne zu ſagen, wohin er gehe; Gertrud ſaß des Nach⸗ mittags, nachdem ſie das Hausweſen beſchickt, auf ihrem Zimmer, in dem eine Maie von dem Feſte kündete, die Fenſterflügel ſtanden offen und die Blätter an dem Bäum⸗ chen flatterten ſo luſtig wie draußen in den Birken. Das Mädchen warf einen langen Blick auf das Spiel. „Wie glücklich,“ ſeufzte ſie,„biſt Du, ſchimmernde Maie; Du weißt nicht, daß Du den Tod im Herzen haſt, nach einigen Tagen ein dürres, unſcheinbares Reis ſein 123 wirſt, von dem ſich das Auge wendet; ich aber weiß, daß Georg für mich—“ Weiter ließ die Wehmuth ſie nicht ſprechen, die Thrä⸗ nen ſtürzten aus ihren Augen. Plötzlich ſprang ſie auf: „Herr Gott, wer kommt?“ rief ſie. Sie lauſchte mit angehaltenem Athem; was ſie zu dem Ausruf bewogen, war keine Täuſchung geweſen, das Klopfen, das ſie ſchon einmal gehört, wiederholte ſich, und als ſie die Thür öffnete, trat Chriſtian ein. „Ich habe,“ begann er,„Sie oft gebeten, mich mit dem freundlichen Du anzureden, Sie haben es eben ſo oft verweigert, obſchon Georg ſich dieſer Gunſt erfreut. Warum er vor dem älteren Bruder und eben ſo nah Verwandten den Vorzug hat, weiß ich nicht. Weil ich nun nicht gern zurückſtehe, ſo iſt mir ein Mittel eingefallen, wodurch ich mit dem traulich klingenden Du zugleich noch einen Wunſch, und zwar den größten meines Lebens erreiche. Laſſen Sie uns freundliche Zwieſprache pflegen. Sie kennen mich erſt ſeit dem Tage meiner Rückkehr hieher, ich nahm es als eine gute Vorbedeutung, als Sie mir entgegenkamen. Wollte Ihnen Jemand ein Bild von mir aus der vergangenen Zeit entwerfen, ſo würden Sie an die Wahrheit dieſer Abſchilderung nicht glauben, glaube ich doch kaum ſelbſt an meine Aenderung, ja manchmal be⸗ ſchleicht mich die Furcht, ich könne mich wieder verlieren; das Schiff meines Lebens, das jetzt an ein blumiges Ei⸗ 124 land angetrieben iſt, könnte losgeriſſen werden, hinaus wieder in das Meer und ſeine Stürme. Ein Anker kann es halten, wenn Du, Gertrud, mein Weib wirſt; ich bin den ganzen Tag in Gottes Natur umhergewan⸗ delt und aus Blumen, aus den Bäumen rief es mir zu, führe ſie heim und das Glück iſt dein. Da bin ich nun, Gertrud, ein Mann, der bis er Dich ſah, einſam dahin lebte, dazu verurtheilt durch ſeltſame Fügung des Him⸗ mels, abgetrennt von ſeiner Familie; hilf Du ihm die eigene begründen und reiche ihm die Hand; hier iſt die meine.“ Gertrud war bleich wie Wachs geworden, dann glühte ſie wieder, ſie fühlte mehr als an allen den vor⸗ hergegangenen Tagen jetzt in dem Augenblick, wo ſie den Antrag eines Anderen empfing, wie ſehr ſie Georg liebe, wie ſie nur dieſes und keines anderen Mannes Weib ſein könne; ſie ſchwankte, ob ſie dem Bruder die⸗ ſes Geſtändniß thuen ſollte, ſie fühlte den tiefen Schmerz, den er empfinden müſſe, wenn ſie ſeine Hand ausſchlage, ſie ſuchte nach möglichſt ſchonenden Worten, in die ſie ihre Antwort kleiden möchte, und ſo entſtand eine für Beide peinliche Pauſe. Chriſtian unterbrach ſie zuerſt. „Ich ſehe, zur glücklichen Stunde bin ich nicht ge⸗ kommen, mein alter Unſtern drängt ſich wieder aus den Wolken und wirft ſein leichenfahles Licht über meine Le⸗ 125⁵ benspfade, während ich meinte, er ſei erloſchen und ein neues ſchönes Geſtirn an ſeine Stelle getreten.“ Gertrud wollte antworten. „Laß gut ſein, ich weiß genug, um nicht mehr zu verlangen. Leb' wohl!“ Er ging.— Welch' eine Nacht verlebte Gertrud. Beängſtigende Träume verſcheuchten den kaum gefundenen Schlummer, und nur erſt als der Morgen ſeine Röthe durch das Fenſter der Kammer warf, faßte ſie neuen Muth. Das iſt die Kraft des Tages, ſein Licht der ſiegende Strahl, den die nur in der Dunkelheit übermüthigen Zweifel fliehen. Was wir für unüberwindlich hielten, wenn wir in der lautloſen Nacht gefoltert auf dem Lager hin und her uns werfen, da er⸗ ſcheint am Morgen keine Schranke, die unſer Wille nicht durchbrechen könnte, um an das Ziel zu gelangen, die Perſpective des Glückes wird frei und an ihrem Ende ſteht es ſelbſt blumengekränzt wie eine hochzeitliche Braut. „Ich muß Georg ſprechen, darf ihm das geſtern Ge⸗ ſchehene nicht verſchweigen,“ rief Gertrud, begrüßte froh dieſes Entſchluſſes die Eltern in der Familienſtube und ließ ſich von den geſtern in Holzhauſen verlebten ange⸗ nehmen Stunden erzählen. „Ich habe,“ ſagte der Freiſchulze,„mich wirklich ge⸗ freut, von meinem Freunde da drüben zu hören, mit wel⸗ chem Vergnügen er noch an die Zeit zurückdenkt, da Georg 126 ſein Schüler war und recht bedauert, daß der Junge die Einladung, mitzukommen, ausſchlug. Da wir einmal ſei⸗ ner gedacht haben, ſo mag ich meine ernſtlichen Beſorgniſſe ſeinetwegen nicht unterdrücken, er iſt ganz und gar ver⸗ wandelt, man meint, die beiden Brüder hätten ihre Na⸗ turen vertauſcht, Chriſtian iſt ſeit ſeiner Rückkehr aus der Stadt hieher zu ſeinem Vortheil, Georg ſeit der Zeit zu ſeinem Nachtheil ein Anderer geworden. Was mag der Grund von Beidem ſein?“ „Was Georg anlangt,“ nahm die Mutter das Wort, nſo kann ich mir ſein Weſen nicht erklären, Chriſtian hat vielleicht in der Stadt ein Herz gefunden, das ſeine Liebe erwiedert!“ „Frau! auf welchen Gedanken bringſt Du mich! wenn Georg liebte und nicht geliebt würde?“ — Gertrud dachte bei ſich, er liebt und wird wieder geliebt und zwar treu und wahr.— „Ich muß klar ſehen,“ fuhr Jener fort,„noch heute werde ich ihn aufſuchen, und darauf beſtehen, daß er mir die Urſache ſeiner Stimmung offen bekennt, oder, wie wäre es, wenn Du, Gertrud— Ihr ſeid ja ein Paar Vertraute — das Amt übernähmſt? Ueberlege es, ſo eben läuten ſie zum zweiten Male, die Mutter und ich werden die Pre⸗ digt hören— und ſage mir das Reſultat, wenn wir aus der Kirche zurückgekehrt ſind.“— Was hätte für ſie erwünſchter kommen können, als ———— dieſer Auftrag, der ihr die Ausführung des gefaßten Ent⸗ ſchluſſes, Georg aufzuſuchen, wo er auch ſei, um mit ihm zu reden, erleichterte und gewiſſermaßen zur Pflicht machte?— Wenn man den Weg nach der rothen Föhre ein⸗ ſchlug, ſah man zur Seite, kaum 5 Minuten von dem Gute entfernt, ein Birkenhölzchen liegen; der Freiſchulze hatte es am Tage nach ſeiner Verheirathung angepflanzt. Auf einer kleinen Anhöhe gelegen, genoß man von der unter den Bäumen errichteten Bank eine hübſche Aus⸗ ſicht. Die noch jungen, blendend weißen Stämme mit den grünen Laubkronen konnte ein phantaſtiſches Gemüth mit weißgekleideten Brautjungfern, grüne Kränze auf dem Haupte vergleichen. Hieher war Georg gegangen, als er Chriſtian und die Baſe damals am Hofthor verließ, um Ruhe zu fin⸗ den und Sammlung; er hatte ſie bis heute nicht gefunden, aber ein Gefühl der Vorahnung, als ob auf dieſer Stelle im irgend etwas begegnen müſſe, zog ihn fort und fort ahin. „Der Menſch macht unmittelbar den Anſpruch, in der Natur das zu haben, was ihm entweder innerlich noch nicht aufgegangen oder deſſen Klarheit ihm durch die Wen⸗ dung der Erlebniſſe getrübt wurde, nämlich die Innigkeit als Grund und Energie des individuellen Lebens.“ Auf wen ließe ſich dieſer Ausſpruch beſſer anwenden 128 als auf Georg in ſeinem jetzigen Zuſtande? Die Klarheit des Innern war durch die Zweifel ſeines Herzens getrübt, jene ſelige im Umgange mit Gertrud bis zum Erſcheinen des Bruders genoſſene Freude verdrängt, zwiſchen den Wänden des Zimmers war es ihm zu eng, aber hier auf dem Plätzchen, das ja ſein Daſein einem frohen Ereigniß, einem Hochzeitstage— harrte er nicht ſehnlichſt auf den ſeinigen?— zu verdanken hatte, fühlte er ſich froher; aus dem ſpielenden Laub wehten Traumbilder nieder, die Blät⸗ ter redeten eine troſtreiche Sprache und riefen ihm zu: „Am beſten geſchäh dir, Du legteſt dich nieder, Erquickteſt im Thaue Ermüdete Glieder, Genöſſeſt die immer Dich meidende Ruh’, Wir flüſtern, wir ſäuſeln, Wir rieſeln dir zu.“ Als heute, am zweiten Pfingſttage Georg nach dem Gehölz über die daran gränzende Wieſe ging, pflückte er eine der dort ſtehenden Sternenblumen und begann durch Ausrupfen der Blätter jenes bekannte alte Frageſpiel denn: „wie ſeine Vergangenheit und ſeine Gegenwart will ſogar ſeine Zukunft das ahnende Herz dem Pflanzenleben und ſeinen Regungen ablauſchen.“ Welche Seligkeit, als das letzte Blättchen bei dem Worte fiel, ſie liebt Dich!— War es jene unerklärliche 129 Sympathie, welche die Menſchen ſich finden läßt, daß Ger⸗ trud als Gewißheit annahm, ſie müſſe den Herzensfreund unter den Birken finden, und dahin ſich eilend auf⸗ machte? Nach der anderen Seite gewendet ſah Georg die Baſe nicht kommen. Erſt bei ihren Worten: Dich ſuche ich, ſprang er auf und ſein Geſicht leuchtete, als ſei aus der Nebelgewandung eines ſchönen Träumens ſchimmernd die Wirklichkeit getreten. „Du ſuchſt mich, liebe Gertrud?“ fragte er und zog ſie neben ſich,„und weshalb?“ „Ich habe Dir etwas zu ſagen, im Zimmer könnte ich es nicht, aber hier iſt die Bruſt frei,— vernimm denn, Dein Bruder hat geſtern um meine Hand ge⸗ beten.“ Und Du haſt ihm das Jawort gegeben?“ „Georg, Du kannſt ſo mich fragen?“ „Nein, verzeihe, theures Mädchen, Du haſt es nicht gegeben, denn Du weißt, daß ich Dich liebe, daß alle meine Trauer in der Furcht lag, ich könnte Dich verlieren. Nun iſt alles Leid verſchwunden. Wie der aus einem langſam dahinſiechenden Leib befreite Geiſt die Seligkeiten der Himmel grüßt, ſo grüße ich die herrliche Gotteswelt, denn als mein trautes Bräutchen ſchließe ich Dich an mein Herz.“ Wem könnte es gelingen, das, was die Liebe ſich Moriz Horn: Der Freiſchulze. 9 130 erzählt, nachzuerzählen, denn ſie ſpricht nicht durch Worte, ſondern durch Küſſe, eine Sprache, die ſich eben ſo wenig wiedergeben, als Muſtik ſich beſchreiben läßt; auch ſie ruht nur in Zeichen, wie jener wunderbare Klang in der räthſelhaften Menmonsſäule, den nur die aufge⸗ hende Sonne weckte. Mitten in die Liebesſeligkeit des Paares tönte jetzt das Geläute der Glocken, wie ein Weihegruß des Him⸗ mels,— ſie verkündeten dem Dorfe das Ende des Got⸗ tesdienſtes. „Willſt Du mir, mein lieber Bräutigam, eine Freude machen?“ fragte Gertrud. Wie ſüß klang das Wort aus dem Munde des anmuthigen Kindes! Freudig antwortete er:„Mein ganzes Leben ſoll dieſe Aufgabe ſich ſtellen.“ „So thue das, um was ich Dich bitten werde, wenn wir heimgekommen. Und jetzt laß uns gehen, wir müſſen im Gute ſein, ehe die Eltern dort anlangen.“ „Kannſt Du Dich erinnern,“ fragte Georg unterwegs, daß wir ſchon ein Mal ſo nebeneinander gegangen ſind?“ „Ja,“ antwortete ſie,„aber ich glaube, wir ſind heute glücklicher.“— Das Paar war kaum in das Gut zurückgekehrt, als unter den Kirchgängern die Eltern erſchienen. „Nun?“ fragte der Freiſchulze, noch auf der Schwelle 131 des Zimmers ſtehend,„Trudchen, wie iſt's, haſt Du Georg gefunden, kennſt Du den Grund ſeines Uebels?“ „Gewiß kennt ſie ihn,“ fiel ſchnell die Frau dem Manne ins Wort,„ſieh ſie nur an, ſo freudig glänzt nur das Geſicht eines Menſchen, dem ein recht großes Glück im Herzen ſitzt.“ „Ja, Mutter,“ rief Gertrud, an ihren Hals flie⸗ gend,„ja, Mutter, ich bin glücklich, ſo glücklich, wie nur ein Mädchen ſein kann, denn ich habe Georg geheilt, er iſt kerngeſund, da ſeht ſelbſt.“ Sie eilte in das Nebenzimmer und führte den bis jetzt dort Verborgenen den Eltern mit den Worten zu: „Er will mich zur Frau.“ „Junge!“ rief der Vater,„komm an mein Herz, eine größere Pfingſtfreude hätte mir der Himmel nicht beſcheeren können, ſei bedankt; hier, Mutter, haſt Du ihn auch, küſſe ihn für den geſcheidten Einfall und gieb ihn dann an das Mädchen zurück, denn unſer iſt er nun nicht mehr von Gottes⸗ und Rechtswegen.“ Was in der Stube geſchehen, wurde bald im Dorfe bekannt, denn der Bote, durch den der Freiſchulze einige Freunde, darunter den alten Cantor zu Tiſche bitten ließ, hatte nicht ſchweigen können. Chriſtian war nirgends zu finden. Als er die Nachricht vernahm, ſtieg es aus dem Boden zu ſeinen Füßen wie ein finſterer Geiſt auf. „Ich komme immer zu ſpät,“ lachte er auf,„es 9* wundert mich nur, daß ich nicht der zweite Sohn mei⸗ nes Vaters geworden bin.“— Wie anders ſchloß dieſen Tag, mit welcher Selig⸗ keit trat heute Abend die beglückte Gertrud, das bräut⸗ liche Mädchen an das Fenſter und ſah hinaus; ſternen⸗ klar war der Himmel über ihr, nur am Horizonte ſtand eine Wolkenwand, in ihr leuchteten die Blitze eines fer⸗ nen Gewitters; Düfte ſandte der Garten herüber. Ihr volles Herz mußte für ſein Glück danken und andächtig ſank ſie zum Gebet in's Knie. Wir wüßten keine ſchönere Schilderung dieſes Mäd⸗ chenbildes im ſtillen Kämmerlein zu geben, als die des Dichters, wenn er ſagt: „Voll auf die Stelle ſchien der Lampe Licht, Und warf auf ihre ſchöne Bruſt Ein warmes Roth, wie ſie voll Andacht kniete; Wie Amethyſt erglänzt ihr Silberkreuz, Im roſ'gem Licht die Hände, fromm gefaltet, Und goldner Heil'genſchein umfloß ihr Haar. Sie ſchien, es fehlten Flügel nur, ein Engel Gekleidet in des Himmels leichte Tracht. Und jetzt lebt auf ihr Herz; geiprochen hat Sie ihr Gebet. Von Band und Nadeln Befreit ſie ihre Locken, löſ't allmälig Den warmgewordnen Schmuck von Arm und Hals, Schnürt auf ihr duftig Mieder; langſam rauſcht Die weiße Kleidung nieder zu den Knien, Und halb verhüllt noch, wie im Tanz die Meermaid, Steht ſie in waches Träumen ſtill verſenkt.“ 133 Lange noch als ſie ſchon das Lager aufgenommen hatte, träumte ſie im Wachen fort, bis ſie lächelnd ent⸗ ſchlummerte; die Stimme des fernen Gewitters hörte ihr Ohr nicht, und nicht den fallenden Regen. Glückliches Brautkind! Sechsles Capitel. Der alte Jäger. Mehr als im Dorfe traf das Wetter in der rothen Föhre an, zwar zog das Gewitter in der Ferne vorüber, aber die Blitze leuchteten greller durch die Waldnacht, das Waſſer im Hexenteich ſchwoll auf, es klagte und ſtöhnte in den Wellen, als ſtiegen die Geiſter der ſchuldlos von einem finſteren Wahn Ertränkten aus den Fluten und riefen: Rache für uns und unſer frevelhaft zerſtörtes Glück an Allen, die nach uns glücklich geworden ſind, damit die Sün⸗ den der Väter heimgeſucht werden an allen kommenden Geſchlechtern. Wer damals Gelegenheit gehabt, den Himmel zu be⸗ trachten, hätte eine ſeltene Wahrnehmung machen können. Ueber dem Freiſchulzengut ſtand in heller Klarheit der Mond, wie ein getreuer Hüter und zertheilte bald die 13⁵ dünne Wolkenſchicht, aus welcher es regnete; ſchwarze Nacht dagegen lagerte über der rothen Föhre und dort ſtrömte der Regen, zuckten blendende Blitze. Im Freiſchulzengut ruhten die glücklichen Menſchen, in dem Walde irrte ein zerriſſenes Gemüth— Chriſtian. Er wickelte ſich dichter in ſeinen Regenmantel und berührte zufällig jene klſeine vom Jäger Wenzel ihm ge⸗ ſchenkte Pfeife, welche er an einer Schnur auf der Bruſt trug. „Aha, du biſt's, kleines Ding! nannte ich dich an je⸗ nem Abend, als ich dich erhielt, nicht einen Schlüſſel, der das Geheimniß meiner Zukunft aufſchließen könnte? Wäre doch neugierig zu erfahren, woran man mit dir iſt, ob man mit dir beſſer fährt, als mit den Menſchen.“ Er ſetzte das Inſtrument an den Mund, ein gellender Pfiff kreiſchte, wie der Wehſchrei eines zum Tod getroffenen Lämmergeiers durch den Wald, daß Chriſtianſelbſt ein unheimlicher Schauer durchdrang. Feſtgebannt ſtand er wie von unſichtbarer Macht, die der Ton heraufbeſchworen aus dem finſteren Reich, obſchon es in ſeinem Innern mit der bittenden Stimme eines Kindes rief: Kehr um! Nach wenigen Minuten antwortete ein gleicher Ton in der Ferne. Chriſtian hatte ſich geſammelt. „Der Anfang iſt viel verſprechend, die Blitze über, der aufbrauſende Teich neben mir und dieſer Ruf der Die⸗ bespfeifen; es gewinnt wahrhaftig den Anſchein, als ob V G — —— 136 das Schickſal dieſe Nacht auserſehen, mich zum Dieb und Räuber zu ſtempeln.“ Der Regen ließ allgemach nach, ein Wind erhob ſich und vertrieb die blitzgefüllten Wolken; nach und nach blinkte hier, dann dort ein Stern heraus, das Mondlicht huſchte durch den Wald, die Flut im Teiche legte ſich und wurde zum trüben Spiegel; nur von den Aeſten der Bäume fielen die angeſammelten Regentropfen. Chriſtians ſcharfes Ohr unterſchied jetzt in der Ferne Schritte. Sie kamen näher und vor ihm ſtand Wenzel; bei ſeinem Anblick dachte Chriſtian unwillkürlich an die Sage vom wilden Jäger. Ein ſpitzer Hut mit einer ſtarren Rabenfeder bedeckte das Haupt, ein langer Mantel die Geſtalt. „Ei, ei, Herr Vicerichter, war Eures Zeichens um dieſe Zeit nicht gewärtig, indeſſen freut es mich doch, daß gerade bei ſehr ſchlechtem Wetter Ihr meiner gedacht habt. Ich bitte Euch, mir zu folgen, wir werden bald unter Dach und Fach ſein.“ Schweigend traten Beide den Weg an. Nach einer kleinen Viertelſtunde zeigte ſich eine Schlucht tief und von großem Umfange. „Wir ſind am Ziel,“ ſagte Wenzel,„da unten liegt mein Haus, nun gebt mir Eure Hand und ſteigt behutſam nach; die Treppen in der Steinwand ſind von dem Scheuer⸗ feſte, das heute der Himmel abgehalten hat, etwas naß —— 137 und ſchlüpfrig geworden, und wer ſteht, der ſehe zu, daß er nicht falle, heißt ein gar guter Spruch.“ Chriſtian that, wie ihm geheißen und gelangte mit ſeinem Führer glücklich auf dem Platze vor dem Hauſe an. Nur aus Holz zuſammengefügt und mit Stroh ge⸗ deckt— über das Dach waren hie und da Moos und Flechten gewachſen, machte es doch keinen unfreundlichen Eindruck, während die ſtarren, nackten Felſenwände, naß vom Regen, im Scheine des Mondes das Gegentheil be⸗ wirkten. Neben dem Hauſe ſtand eine mächtige Kiefer, ein ſicheres Zeichen, daß dieſer Felſenkeſſel vor langer Zeit ſchon vorhanden geweſen. „Seid mir willkommen, mein werther ſpäter Gaſt, geduldet Euch hier ein wenig, mein Wächter im Hauſe iſt ein griesgrämiger Alter, der Euch nicht kennt, ich werde ihn erſt beſeitigen.“ Wenzel öffnete die Thür nur ſo weit, um durch die entſtandene Spalte ſich hindurchdrängen zu können, Chri⸗ ſtian vernahm ein Knurren, dann Kettengeraſſel, dazwi⸗ ſchen die beſchwichtigende Stimme ſeines Führers, endlich wurde es ſtill, die Hausthür that ſich völlig auf, ein mächtiger Kienſpahn beleuchtete die Flur; bei ſeinem Schein gewahrte Chriſtian in einer Ecke an einer ſtarken Kette die Geſtalt eines großen Wolfshundes, deſſen glänzende Zähne ohne Kette keinen gaſtlichen Empfang verbürgt hätten. 138 „Nun tretet ein, ich werde die Stube ſogleich be⸗ leuchten.“— Wenzel ergriff den Kienſpahn, brannte damit eine an der Decke hängende Lampe an und warf ihn dann in den Ofen, in dem gleiches Material bereit liegen mußte, denn praſſelnd ſtieg hinter den Kacheln ſogleich ein luſtiges Feuer empor. „Ihr ſeid die naſſen Kleider nicht ſo gewohnt wie wir, Herr Vicerichter, darum hängt Euren Mantel dort über den Stuhl am Ofen, der Geſellſchaft wegen werde ich ein Gleiches thun. Ehe wir uns dann weiter unterhalten, werde ich eine Stärkung bereiten, iſt zwar keine Vesperzeit, indeſſen wenn man nicht ſchläft, kann man ſchon eſſen und trinken; will man das verkehrte Wirthſchaft nennen, mei⸗ netwegen, die Welt treibt dergleichen genug.“ Während der Alte einen Wandſchrank öffnete, Speiſe und Trank vorſetzte, hatte Chriſtian Zeit das Zimmer zu muſtern. Aeußerſt ſauber waren ſeine Holzwände, die im wahren Sinne des Wortes von allerhand Hirſch⸗ und Rehgeweihen, vom größten herab bis zu den Stangen des Spießers ſtrotzten. Büchſen, Hirſchfänger, ein kurzer Stutz hingen daran ſammt Waidtaſche, Pulverhorn, Kugel⸗ und Schrotbeutel. Auf einem alten Schrank ſtand ein ausge⸗ ſtopfter Aar mit ausgebreiteten Fittigen, vor dem Canape lag eine Rehhaut, auf einem Tiſche in der Ecke befanden ſich Bücher und ein Globus! 139 So freundlichen Eindruck das Zimmer machte, um ſo unheimlicher erſchien ſein Bewohner. Dieſer hatte Mantel und Hut abgelegt. Das Haupt war faſt kahl, die Stirne hoch, die Naſe ſtark gebogen, nicht unähnlich dem Schnabel eines Geiers, in den Mundwinkeln zuckte Hohn, in den Augen von hellgrüner, faſt in's Graue ſpielender Farbe leuchtete ein ſonderbares Feuer. Die Geſtalt, obſchon im Verhältniß ihrer Länge hager zu nennen, war doch feſt und kernig, der kurze Jagdrocl und die Juchtenſtiefel, verſehen mit Aufſchlägen aus wilder Schweinshaut, ſo wie der Leibgurt mit dem Jagdmeſſer in der Scheide, kleideten ſie nicht übel. „Nun Herr Vicerichter, das Mahl wäre fertig, rückt Euch dort den weichen Seſſel an den Tiſch und thut Be⸗ ſcheid, der Wein iſt unverfälſcht und das Wildpret mürbe und zart, ich denke der Imbiß wird Euch munden, alſo langt zu und laßt Euch nicht nöthigen, ich möchte das auch nicht thun, denn als ein Mann der Geſetze wißt Ihr, daß auf Nöthigung Strafe ſteht.“ „Was den Zweck Eures Kommens betrifft,“ fuhr er fort, Chriſtians leeres Glas wieder füllend,“ ſo kann ich mir den wohl denken, wenn ich mich auf unſere erſte Be⸗ gegnung beſinne, Ihr wollt ausführlicher meinen Rath hören wegen des Austrocknens jenes Teiches.“ „Wenzel!“ fuhr Chriſtian empor und ſchlug mit der Fauſt auf den Tiſch, daß das Geſchirr darauf dröhnend an 140 einander prallte,„Wenzel! keinen Spott, ich vertrage den von Keinem, wißt's!“. „Ei, ei,“ verſetzte jener,„man ſieht, daß Ihr noch jung ſeid, an Eurer Hitze und Aufbrauſen, ſucht Euch das abzugewöhnen, wenn Ihr, was man ſagt, glücklich werden wollt. Die Hitze iſt ein gefährlicher Feind, er verbindet uns die Augen und läßt uns Blindekuh ſpielen, wobei wir in der Regel ſehr ſchlecht fahren. Jetzt ſetzt Euch nieder, und ſagt mir ruhig, warum Euch meine unſchuldige Anſicht ſo in Harniſch gebracht hat.“ Chriſtian erzählte nun ſeinen Lebensgang, ſchilderte ſeine Stellung im Hauſe und zum Bruder, Dinge, mit denen uns bereits der Verlauf der Erzählung bekannt ge⸗ macht hat. „Alſo Georg iſt Euch überall am Wege?“ fragte der Alte. „Ueberall, auch das Mädchen, das ich liebe, hat er an ſich zu kirren gewußt; es ſoll mich gar nicht wundern, wenn er— „Dereinſt Freiſchulze wird;“ vollendete Wenzel den Satz. „Wenzel, ſo lange ich Auge zum Sehen und Hände zum Vollbringen habe, wird er es nicht.“ „Kann’s Euch nicht verdenken, denn erſtens iſt das Gut ein ſtattliches, und zweitens beſteht ein uralt Herkom⸗ men, daß der älteſte Sohn dem Vater folgt. Indeſſen im 141 Leben geſchieht gewöhnlich das nicht, was wir voll Zuver⸗ ſicht erwarten, einzutreffen aber pflegt das Unwahrſchein⸗ lichſte. In der Welt iſt Alles wandelbar, die Dinge wie der Menſch mit dem geprieſenen freien Willen. Wo ein Sterbebett ſtand, vor dem die Frau um den Mann weint, ſteht kurze Zeit darauf ein Ehebett, das glückliche Weib denkt nicht an das Loos Ihrer Vorgängerin. Ich ſage Euch, Herr Chriſtian,— Ihr erlaubt wohl, daß ich den Vice⸗ richter bei Seite lege— ich befinde mich hier in meiner unterirdiſchen Einſamkeit erſtaunlich wohl. Komme ich zu⸗ fällig ein Mal unter Menſchen, die ſich über den Beſitz eines ſchönen Weibes, ſchönen Kindes oder Gott weiß über ſonſt welche Spielerei freuen....“ „Wenzel,“ unterbrach ihn Chriſtian,„Ihr begeht Frevel mit ſolchen Namen, was hat der Menſch Heiligeres, Beſſeres und Höheres im Leben als Weib und Kind?“ „Chriſtian!“ ſagte Jener,„wenn ich frevle, ſo werde ich die Folgen tragen, nicht Ihr, behagt Euch meine Nähe nicht, ich halte Euch eben ſo wenig, als ich Euch geſucht habe. Im Uebrigen dächte ich, wäre Euch der Verſuch, in den Beſitz der geprieſenen Kleinodien zu gelangen, nicht gut bekommen. Alſo ein für allemal, verſucht an mir keine Be⸗ kehrung. Genug ich fahre in dem Satze fort, in dem Ihr mich unterbrochen,— oder Gott weiß über ſonſt welche Spielerei freuen, ſo muß ich über dieſe Thorheit lächeln, das ſind lauter geliehene Sachen; gewöhnlich in dem Au⸗ 142 genblick, wo ſie Ihres Beſitzes recht ſicher ſich glauben, nimmt ſie der Geber ihnen vor der Naſe weg und dann er⸗ hebt die Welt ein entſetzliches Klaggeſchrei. Wie geſagt, ich zeige mich äußerſt ſelten, man ſieht mich auch lieber gehen als erſcheinen, ja ſonderbar iſt es auch mit mir, wie ein Modergeruch zieht mir's nach, und immer geſchieht etwas Unglückliches, wo ich mich gezeigt habe; es ſcheint das Schickſal mich mit ÜUnglücksſtoff angefüllt zu haben, wie man mittelſt der Maſchine Elektricität in eine Perſon leiten kann, die ſelbſt den Stich nicht fühlet, den ein Anderer empfängt, der jenen berührt. Doch wieder auf den Zweck Eures Beſuches zurückzukommen, darf ich ihn wohl wiſſen, da ich vorhin falſch gerathen?“ „Ich hatte gar keinen Zweck, als ich Euch durch den Ton der Pfeife rief; ich fühlte mich aber in jenem Augen⸗ blicke ſo verlaſſen, ſo einſam wie noch nie; daheim, wo glückliche Menſchen ſind, litt es mich nicht, ich mußte Je⸗ mand ſehen, der wie ich allein ſteht, um Muth zu erlan⸗ gen, auch allein zu ſtehen, und da fiel ich auf Euch. Laßt mich hier nur ein wenig verweilen. Wenn wir auch nicht zuſammen ſprechen, ich ſehe Euch doch und habe mich, ſo unheimlich Ihr mir Anfangs vorkamt, ſchon an Euch etwas gewöhnt, denn manchmal kommt ein Blick aus Euren Augen, der recht wohlthuen kann.“ Wenzel ſah vor ſich nieder, als hätte er gerade jetzt 143 Urſache, in die Augen ſich nicht blicken zu laſſen, dann ſagte er: „Chriſtian, Ihr dauert mich, Ihr ſeid einer der Vielen, die glücklich zu ſein verdienten und es nicht werden. Wenn ich einen Baum ſehe in ſeiner vollen Blüthenpracht, da überkommt mich der Gedanke, wie wenige dieſer Blüthen zur Frucht reifen, wie viele abfallen und mit Füßen ge⸗ treten werden, obſchon ſie dasſelbe Recht haben, wie die am Zweige ſitzen gebliebenen. Gerade ſo iſt es mit dem Baume des Lebens; wir Beide ſind ein Paar taube Blü⸗ then, nur habe ich mich mit Füßen nicht treten laſſen; wie Ihr es halten werdet, weiß ich nicht. Die Philoſophen würden mir vorhalten, die Sache ſei eine Nothwendigkeit; ich aber nenne ſie ein grauſames Geſetz.“ „Ihr ſtellt mir da eine beneidenswerthe Zukunft in Ausſicht; trifft das, was Ihr mir prophezeiht ein, ſo wäre beſſer, nicht geboren zu ſein.“ „Mein lieber Freund, das iſt eben das Spaßhafte bei der Sache, daß wir eben ſo wenig gefragt werden, ob wir in die Welt ein⸗ oder aus ſolcher austreten wollen, wir ſtehen eben unter dem Naturgeſetz.“ Chriſtian ſah tief bekümmert vor ſich hin. „Ich möchte Euch helfen,“ nahm Wenzel wieder das Wort. „Mir iſt nicht zu helfen,“ erwiederte tonlos Chriſtian. 144 „In Eurem Sinne nicht; in dem meinigen— viel⸗ leicht.“. „Wie meint Ihr das?“ „Seht, Chriſtian, mich wie einen Spiegel an, hinter deſſen Glas ein Stück Menſchenleben porübergeht; ich be⸗ grüßte die Welt einſtmals wie ein Paradies, ſie war eine tückiſche See, ſie täuſchte mich mit ihren Wellen, die im Golde der Sonne zu ſchlafen ſchienen, betrog mich mit der Fata⸗Morgana ihrer blumigen Eilande; die prächtigen Frauen, die auf ihr in buntbewimpelten Kähnen fuhren, waren Ungeheuer; hinter den ſchönen Brüſten, welche zur Luſt einladeten, ſchlug kein Herz, ſondern nur ein verzehren⸗ des Feuer empor.“ „Doch ich werde warm, und das darf nicht ſein; Ihr ſeht, Alles in mir iſt noch nicht verſteinert; die Herzſpitze, wo der eigentliche Lebensfunke zittert, iſt noch weich geblie⸗ ben, das Stückchen weiß die Erinnerung recht gut zu treffen, daß es ſtets mich ſchmerzt, aber— Chriſtian— die Her⸗ zenskammern hat das Leben gepfändet, was ich mir da zum Schmuck und zur Freude hineingeſtellt, das iſt fort und kein Termin zur Einlöſung mehr geblieben.— Doch ſtill— es iſt vorüber, ich ſpreche weiter.“ „In glänzenden Verhältniſſen geboren, genoß ich eine ausgezeichnete Erziehung. Ohne von irgend einem Leide der Erde heimgeſucht zu werden, trat ich in die Jüng⸗ lingsjahre, jene ſchöne Zeit, da wir Alles in roſenfarbigem 1 145 Lichte ſehen und vermöge der in uns fort und fort ſich entwickelnden Lebenskraft und des Lebensſtoffes von Thaten ſchwärmen, die wir für unſer Glück und das unſerer Ne⸗ benmenſchen auszuführen gedenken, von Ruhm und Aus⸗ zeichnung träumen, die uns nicht entgehen können.“ „Eben meine Verhältniſſe nöthigten mich nicht, irgend eine Fachwiſſenſchaft zu ſtudiren, das ganze große Reich des Wiſſens ſtand mir offen, und ich benutzte meine Muße gewiſſenhaft, ſo viel mir anzueignen, als ich konnte, ja ich hatte nicht übel Luſt, nur den Wiſſenſchaften zu leben und ſie Anderen zu lehren; zur Forſtwiſſenſchaft zog mich eine gewiſſe Vorliebe, begründet ſeit meiner Knabenzeit, wo die väterliche Waldung mit dem wie ſie grün ſchim⸗ mernden Forſthaus mein Lieblingsaufenthalt war. Mitten unter Entſchlüſſen, Hoffnungen und den freundlichſten Ausſichten in meine Zukunft erfuhr ich das erſte Leid dieſer Erde; meine beiden Eltern ſtarben, und wie ſie Eines ohne das Andere im Leben nicht glücklich waren, folgten ſie auch im Tode einander im Zwiſchenraume weniger Tage. Zu ihrer Hinterlaſſenſchaft gehörte eine herrliche Beſitzung, an liegenden Gründen der Eures Vaters gleich, an ſtatt⸗ lichen Gebäuden ſie weit übertreffend.“ „Die traurige Liebespflicht war erfüllt, die ſterblichen Ueberreſte der Heimgegangenen barg die Familiengruft, erbaut am Ende des Parkes, von Ulmen und Ahorn überſchattet. Moriz Horn: Der Freiſchulze. 10 . 146 Das Gut wurde mir von dem Verwalter meines ver⸗ ſtorbenen Vaters im beſten Zuſtand übergeben; aus den muſterhaft geführten Büchern, die ich einſah, den Vor⸗ räthen, die ich in Augenſchein nahm, der Baarſchaft, welche ich vorfand, gewann ich ſehr bald das erfreuliche Reſultat, daß ich in ausgedehnteſter Weiſe meinen Neigungen fort⸗ hin leben könne.“ „Chriſtian! welche glückliche Zeit brach für mich an! Im Genuſſe dieſes herrlichen Landſitzes, reich an Kennt⸗ niſſen, geſund an Leib und Seele verlebte ich goldene Tage. Die Nähe einer Stadt gewährte mir im Winter Zerſtreuung und Vergnügen; mein raſches Geſpann brachte mich ſchnell dahin.“ Wenzel machte eine Pauſe; die goldenen Tage ſchie⸗ nen als Schattenbilder an ſeiner Seele vorüberzuziehen. „Wieder warein Jahr abgeblüht,“ fuhr er weiter fort; „der Herbſt nahm den letzten Aſternkranz vom Haupte, ſeine Blätter fielen, der erſte Schnee ſpielte durch die Luft und bald kam der Winter hinterdrein gezogen.“ „Die Geſellſchaft in der Stadt, deren Mitglied ich war, beſchloß die Saiſon diesmal beſonders glänzend zu eröffnen, weil in dieſes Jahr das Jubiläum ihrer Stiftung fiel. Zahlreich waren die Einladungen an die Gutsbeſitzer der Umgegend ergangen, kurz, wer von der Feier des Tages Kenntniß erhalten, freute ſich auf das bevorſtehende Vergnügen.“ 147 „Ich hatte noch einige Einkäufe in der Stadt zu machen, gab daher Befehl, meinen Schlitten ſchon um drei Uhr vorfahren zu laſſen. Als ich einſtieg, ſcheuten meine ſonſt ruhigen Thieren, das Geſpann drehte ſchnell um, ich wurde herausgeſchleudert und von der einen Kufe am Fuß getroffen. So unbedeutend die Verletzung war, ſie hinderte mich doch ſicherlich am Tanz, nichts deſto we⸗ niger blieb ich meinem Entſchluß, den Ball zu beſuchen, getreu.“ „Andere Pferde wurden vorgeſpannt. Eben wollte ich mein Zimmer verlaſſen, als der alte Hausmeiſter, ein Erbſtück der Familie, hereintrat und mit aufgehobenen Händen flehentlich mich bat, daheim zu bleiben, es lauere gewiß irgend ein größeres Unglück auf mich, der kleinere Unfall ſei nur der warnende Vorläufer geweſen.“ „Martin,“ ſagte ich zu ihm,„Du phantaſirſt, haſt Du nicht bemerkt, daß andere Pferde vorgeſpannt wor⸗ den ſind?“ Er bat nochmals, ich aber fuhr aus dem Hof. Unter den blendenden Kronleuchtern des Ballſaales, im Kreiſe der diesmal verſammelten ſchönen Damen, an der reichbeſetzten Tafel vergaß ich bald den Vorfall. Bei Tiſche ſaß mir gegenüber ein junges Mädchen, eine Geſtalt, die ſich vor Allen auszeichnete, mit dunklen Augen und noch dunklerem Haar, aus deſſen Nacht eine 10 148 rothe Camelie als einziger Schmuck leuchtete. Ihre Toi⸗ lette, ſo reich ſie war, beleidigte den guten Geſchmack nicht. Die Unterhaltung, die ſich zwiſchen uns anknüpfte, war lebendig, meine Nachbarin entwickelte eine nicht ge⸗ wöhnliche Gewandtheit und vielſeitige Bildung. Ungeachtet meines leidenden Fußes tanzte ich mit ihr und kam vom Glück berauſcht erſt ſpät am Morgen auf mein Gut zurück; mußte jedoch hier das Vergnügen, mit ihr auf den Wellen der Muſik durch den Saal getra⸗ gen worden zu ſein, mit vielen ſchmerzvollen Wochen bezah⸗ len, die Entzündung des Fußes hatte einen bedenklicheren Charakter angenommen und wich nur langſam der Kunſt unſeres geſchickten Dorfchirurgus. Das Krankenlager wurde mir aber keineswegs ſo lä⸗ ſtig, als das zu geſchehen pflegt, ich hatte Zeit an ſie zu denken, mich faſt ausſchließend mit ihr zu beſchäftigen und mein Herrenhaus zu einem Feenſchloß in meinen Träumen umzubauen. Wer ſie war und wie ſie hieß, hatte ich na⸗ türlich bereits auf dem Balle erfahren. Sobald mir der Arzt geſtattete, das Zimmer zu ver⸗ laſſen, fuhr ich nach der Stadt, eilte in ihre Wohnung und entſchuldigte mich wegen des verſpäteten Beſuches. Was ſoll ich Euch ermüden durch langes Aufzählen der Einzelnheiten, welche wie Ringe in einandergreifen, bis ſie jene Kette bilden, die zwei Menſchen als Mann und Weib verbinden ſoll— und wenn ich auch es wollte, ich 149 vermöchte es eben ſo wenig, als Euch die Liebesſtunden zu ſchildern, die uns beglückten, denkt an Enre Seligkeit in der Nähe Gertrud's.“ Chriſtian zuckte zuſammen, ein ſtrafender Blick er⸗ zürnter Augen traf Wenzel. „Die Tage des Frühjahrs,“ ſprach dieſer weiter, begrüßten uns als verlobtes Paar. Mein Glück war ohne Gränzen, Tag und Nacht ſann ich nach, wie ich bald mit dieſem, bald mit jenem ſie überraſchen könnte und ſchwelgte, wenn ſie unter Küſſen an meiner Bruſt ruhend, mir dankte, und der leuchtende Blick ihres feurigen Auges mir ſagte: Als Weib werde ich Deine Liebe belohnen.“ So kam der ſehnlichſt erwartete Hochzeitstag heran, meine Braut war bereits am Tage vorher auf dem Gute eingetroffen, um in den Gemächern des Hauſes noch anzu⸗ ordnen, einzurichten und zu leiten. Ich war ausgeritten, um einen meiner nächſten Ver⸗ wandten, deſſen Beſitzung auf dem Wege nach der Stadt nur eine Stunde von dem meinigen lag, ſelbſt noch münd⸗ lich einzuladen. Er war nicht heim, ſondern wie man mir ſagte, in die Stadt geritten und ſpäter als Begleiter neben dem Wagen meiner Braut geſehen worden, als dieſe nach meinem Gute gefahren. Dieſer Umſtand war an und für ſich durchaus keine Ver⸗ anlaſſung, die auf mich ſo einwirkte, als ſie es that; mir ge⸗ ſchah, als falle vor mein Glück ein ſchwarzer Vorhang nie⸗ 150 der; ich wehrte mich mannhaft gegen die ſonderbaren Ge⸗ fühle, die wie ſchattenhaftes Nachtgevögel mich umſchwirr⸗ ten, ich dachte an den myrthengekränzte Morgen, an die höchſte Seligkeit, die meiner harrte, dachte an die Hoch⸗ zeitsreiſe, welche ich mit meiner jungen Frau machen wollte und auf welche ſie, die die Welt noch nicht geſehen, un⸗ endlich ſich freute, kurz ich malte mir ein Bild des Genuſ⸗ ſes mit den glänzendſten Farben, aber all' mein Bemühen war umſonſt; je näher ich meinem Landſitz kam, deſto mehr erbleichten die Tinten meines Gemäldes; mit neuer Macht erhoben jene ſonderbaren Gefühle, die ich niedergehalten, ihr Haupt und flüſterten mir zu, nicht in das Gehöfte zu reiten, ſondern mein Pferd einſtweilen in die Schmiede einzuſtellen, die nicht weit vom Gute lag und in früheren Zeiten dazu gehört hatte. Ein Vorwand war leicht gefun⸗ den. Zu Fuß ſchlug ich einen Seitenpfad ein, der hinter das Wohnhaus leitete. Dort befand ſich ein Pförtchen, welches mein Hauptſchlüſſel, den ich ſtets bei mir trug, öffnete. Durch die kleine Pforte trat man in einen Gang, von dem aus eine ſchmale Wendeltreppe nach dem Erker⸗ zimmer führte. Hier befand ſich eine Tapetenthür, von de⸗ ren Exiſtenz der im Zimmer Weilende keine Ahnung haben konnte, ja ſie nicht einmal finden konnte, wenn er das Zei⸗ chen nicht wußte. Welchen Zweck man bei Anlegung dieſer Heimlichkei⸗ ten im Auge gehabt haben mochte, weiß ich nicht, gut und 151 ſchlimm, daß ſie damals exiſtirten und daß ich derjenige war, der vom unſichtbaren Verhältniß bis an jene Tape⸗ tenthür getrieben wurde, hinter welcher ich Stimmen hörte. Deutlich unterſchied ich die meiner Braut und meines Verwandten, den ich zur Hochzeit einzuladen ausgeritten war. „Chriſtian, ich bedauere heute noch, daß ich in jenem Augenblick ohne Waffen war, denn das Zwiegeſpräch, das ich hörte, die Situation Beider, die ich durch den kleinen Spalt der leis geöffneten Thür ſah, war allerdings geeig⸗ net, blutige Sühne zu verlangen. Das Geſpräch hat der Schmerz meiner Seele eingebrannt, ich weiß es noch. „Alſo war Deine Liebe,“ hörte ich meinen Vetter ſagen, „deren Du mich ſo oft verſichert, nicht wahr? mit ihm, den ich haſſe, trittſt du morgen zum Altar und jagſt mich, einen Unglücklichen durch die Welt.“ „Haſt Du, mein ſüßer Freund,“ vernahm ich als Ant⸗ wort,„unſer Abkommen vergeſſen? Reiche ich nicht Jenem nur auf Befehl meines Vaters die Hand, weil ſeinen Reichthum unſere Familie nöthig hat, habe ich Dir nicht verſprochen, Dir mehr zu gehören als ihm, bedarf die Liebe die Ehe, um glücklich zu ſein, iſt nicht der mit Gefahr ge⸗ raubte Augenblick ſüßer als der des ſicheren Beſitzes? Alſo mein Freund, hoffe und ſei klug, ich meine Beweiſe meiner Gunſt Dir gegeben zu haben. Und nun, mein Freund, auf Wiederſehen als—“ Das letzte Wort konnte ich nicht hören, es wurde nur 152 geflüſtert. Wie eine Schlange, die einen Gegenſtand ſucht, den überfüllten Giftzahn zu leeren, glitt ich die Treppe hinunter durch das Pförtchen hinaus. In der Schmiede ſtieg ich wieder auf mein Pferd und ritt langſam nach dem Gut. Von dorther kam mir mein ſauberer Herr Vetter nach kurzer Zeit entgegen. „Ich war ſo eben bei Dir,“ redete ich ihn mit einer Ruhe an, von deren Eiskälte mein kochendes Blut nichts wußte, um Dich zu erſuchen, morgen früh ſo zeitig wie möglich zu mir zu kommen, ich möchte ſo gern mir Dir Ei⸗ niges beſprechen. Fürchte nichts Unangenehmes, fuhr ich fort, als ſein böſes Gewiſſen leichenblaß in's Geſicht trat, es be⸗ trifft einige Puncte wegen unſerer Hochzeitsreiſe; ich habe die Abſicht, Dich während meiner Abweſenheit in alle meine Rechte, ich betonte dieſe Worte, eintreten zu laſſen. Alſo ich bitte. Was er mir antwortete oder vielmehr hervorſtot⸗ terte, habe ich nicht gehört, ich gab meinem Pferde die Sporen und flog davon. Daheim angekommen, ließ ich mich bei meiner Braut entſchuldigen, Unwohlſein vorſchützend, kurz darauf ſah ich, hinter dem Vorhange meines Zimmers lauſchend, ſie wohlgemuth, heiter mit ihrer Kammerfrau plaudernd, das Gut verlaſſen. 1 Wie langſam verſtrich mir dieſer Tag, wie qual⸗ voll die Nacht, manchmal glaubte ich das nicht gehört 153 zu haben, was ich gehört. Unter ſolchen Leiden erſchien denn mein Hochzeitsmorgen, wie anders als ich ihn er⸗ hofft. Seht Ihr, Chriſtian, das Unwahrſcheinlichſte, wie ich Euch ſchon ſagte, pflegt eben zu geſchehen. Ich ſtand an dem geöffneten Flügel meines Fen⸗ ſters und ſah hinaus in die Gegend. Ueber dieſelbe, wie über mein Inneres lagerte graue Dämmerung, aber für jene ſtand hinter dem Schleier ſchon das Licht der Sonne, es blitzte durch; meine Sonne kam nicht herauf. Die Vögel begannen ihren Geſang, das ferne Laubholz durchzog des Kukuk's eintöniger Ruf, vom Dorfthurme klangen die Frühglocken, der Tag war erwacht und be⸗ gann ſeine Thätigkeit. Wie wird er enden? fragte ich mich. Unſere Trauung ſollte in der Kirche meines Ortes erfolgen, meine Braut mit ihren Verwandten, ſo war es beſtimmt, früh die Stadt verlaſſen, um zeitig hier einzutreffen. Vor ihr langte mein Vetter an. Die friſche Ge⸗ ſichtsfarbe ſchien noch nicht zurückgekehrt zu ſein, ſein Ausſehen verrieth die Abſpannung einer, wenn nicht ganz, doch zum größten Theil durchwachten Nacht. Ich begrüßte ihn in meinem Empfangszimmer, dankte ihm für die prompte Erfüllung meines Wunſches und bat ihn Platz zu nehmen. „Mein lieber Holberg,“ redete ich ihn an,„meine 154 Hochzeitsreiſe wird nicht zu Stande kommen, indeſſen haſt Du vielleicht Luſt eine ſolche zu machen.“ „Ich? mit wem? beſinne Dich, daß ich keine Fran nehme.“ „Das heißt, Du begnügſt Dich mit der eines An⸗ deren.“ Holberg's Körper überlief ein Fieberſchauer, er zitterte und mußte ſich anſtrengen, die Frage an mich zu richten, was ich damit ſagen wolle. „Nichts, als daß ich geſtern zufälliger Zeuge Eures ſauberen Geſprächs war,“ ſagte ich. Mein Vetter verſuchte Entſchuldigungen, ich, kalt wie Eis, ließ ihn ausreden, dann erwiederte ich: „Um Alles auszugleichen wirſt Du auch am Altar meine Stelle einnehmen; machſt Du Einwendungen, ſo ſieh hier—“ Ich trat an den Tiſch und ſchlug den Deckel eines Käſtchens von Ebenholz zurück, zwei Piſtolenläufe blitzten aus dem rothen Sammetfutter heraus. Wir ſchießen uns für den Fall, daß Du nicht heira⸗ theſt und Du weißt, daß ich einen in die Luft geworfenen Pflaumenkern treffe.“ Ehe er noch weiter etwas ſagen konnte, öffnete ich die Thür des Saales, in welchem die Braut mit dem Hoch⸗ zeitsgefolge harrte. 4* „Meine werthen Gäſte,“ redete ich die Verſammlung 15⁵ an, glücklicher Weiſe verdanke ich dem Zufall eine Ent⸗ deckung, die nach der Trauung gemacht einige Verwirrung hätte anrichten können. Meine Braut liebt meinen Vetter; er hat bereits ältere Rechte auf ſie, er wird daher an mei⸗ ner Statt das heilige Werk an ſich vollziehen laſſen. Ich bitte dem Paar zur Kirche zu folgen.“ Eine größere Beſtürzung kann man ſich kaum denken, Niemand wagte ein Wort zu ſprechen, der Blick meines rol⸗ lenden Auges mußte in dieſem Augenblick die bannende Zau⸗ berkraft der Klapperſchlange beſeſſen haben; meine Braut hatte vollkommen verſtanden, was ich mit dem Zufall gemeint, kurz die Trauung fand Statt und ich ging auf Reiſen. Sonderbares Räthſel das Menſchen Herz, obgleich ich eine Unwürdige geliebt, trauerte ich doch um den Verluſt. Chriſtian, zu welcher Erkenntniß der Menſchen bin ich auf meinen Reiſen gekommen! Einſehen habe ich ge⸗ lernt, daß man ihren Händedruck vermeiden muß, daß nur der ſich wohl befindet, der es verſteht, mit den glatten, mudh und weiß bemalten Puppengeſichtern zufrieden zu ein.“ 5„Aber,“ warf Chriſtian ein,„warum wähltet Ihr nicht“— „Fahrt nicht weiter fort,“ unterbrach ihn Wenzel,„ich weiß, was Ihr ſagen wollt und frage Euch zunächſt: Warum 156 trefft ihr nicht eine andere Wahl? Seht Ihr bleibt mir die Antwort ſchuldig; ich konnte nicht mehr wählen, denn meine Braut hatte ſich an mir furchtbar gerächt; durch ſie war ich mißtrauiſch geworden. Wäre mein Weib die Tu⸗ gend ſelbſt geweſen, ich würde fort und fort vom Arg⸗ wohn geplagt geweſen ſein, wie ein Mann, der immer⸗ während in Angſt lebt, ſeinen Reichthum zu verlieren und deshalb Nachts die Schlöſſer und Riegel probirt; nein, nein, zum Leben gehört Leichtſinn, um Gotteswillen kein Nachdenken, kein Um⸗ und kein Inſichſchauen.“ Da es mir mit der Liebe nicht geglückt, hoffte ich bei der älteren Schweſter, der Freundſchaft, mehr Beſtändigkeit, ja, Heilung, Erleichterung meiner Leiden wenigſtens zu finden, aber hier erfuhr ich der bitteren Täuſchungen noch viel mehr; was ich verlangte, treue Hingebung, inniges Aneinanderhalten, gegenſeitiges Ertragen der Eigenheiten, hielt man für ein ungerechtfertigtes Verlangen, nannte mich launenhaft und zog ſich endlich, froh mich abgeſchüt⸗ telt zu haben, zurück. Nach Jahren kehrte ich in mein Gut heim; es grüßte mich mit ſeinen ſtattlichen Wirthſchaftsgebäuden ſchon von Weitem, als wollte es ſagen; wir haben unterdeſſen ge⸗ arbeitet und für Dich Schätze geſammelt; nur das Herren⸗ haus mit ſeinen heruntergelaſſenen Vorhängen glich einer tief verſchleierten Wittwe. Ich hatte meine Rückkehr nicht vorausgemeldet, deshalb waren die Zimmer noch nicht in 157 Bereitſchaft geſetzt. Die Luft in den Räumen, in denen jener Auftritt ſich zugetragen, war ſchwül, als ſei die Ban⸗ gigkeit, die damals die Herzen drückte, hier zurückgeblieben. Ich bezog meine alten Zimmer, ein lebensmüder Mann, der Schiffbruch gelitten, da er an die Küſte einlaufen wollte. Mein Doctor in der Stadt meinte, ich leide an der Hypochondrie.“ „Alter Freund, antwortete ich ihm auf ſeinen Rath, eine Badekur gegen mein Unterleibsübel zu gebrauchen, wenn die Alten mit ihrer Behauptung Recht haben, der Sitz der Seele ſei das Zwerchfell, ſo haſt auch Du recht, meine Seele leidet. Nach und nach ging es mir wie den Kröten, die in einer Höhle ſitzend, von dem giftigen Dunſt der Erde ſich ſchwängern laſſen, ich haßte die Welt, ich beſchloß ihr feindlich entgegen zu treten, wie ſie es mir gethan. Ach, mein Freund, ehe man dahin gelangt! Tiefen Haß erzeugt nicht der Augenblick, die Zeit trägt dieſe Frucht ihres Leibes länger aus als die menſchliche Mutter das Kind ihres Schoßes, und jeder tiefe Schmerz ſucht die Einſamkeit. Da fiel mir ein, wie ſchon in alten Zeiten ſich die⸗ jenigen in Wäldern und Gebirgen angeſiedelt, denen wie mir die Welt nicht Wort gehalten, ich beſchloß dasſelbe zu thun. Die Tochter meines Verwalters heirathete, ich ſchenkte 158 ihr zur Ausſteuer mein Gut, mir eine Leibrente darauf ſichernd.. Auf meiner Entdeckungsreiſe, die ich zu Fuß antrat, kam ich eines Tages hieher in die Waldung Eures Vaters. Der einſame, tiefe Felſenkeſſel behagte mir, ich wurde mit dem Freiſchulzen einig und baute mir das Haus. Etwas muß aber der Menſch, auch der verlaſſene ein⸗ ſame thun, und ſo nahm ich mein einſtiges Forſtſtudium wieder vor und wurde Aufſeher und hüte die rothe Föhre. Meinen Frack mit den goldbekleiſterten Engelsflügeln der Liebe, den modiſch geſchnittenen Gehrock, den Glanzſtiefel habe ich mit dem Gutsbeſitzer ausgezogen; auf meinem Hut ſtarrt die dunkle Feder des Raben und ein langer Mantel kennzeichnet den alten Jäger, wie ich hier heiße. Da habt Ihr ein Bruchſtück meiner Tage, viele habe ich überſchlagen, wie die Blätter eines langweiligen Buches. Ich glaube, Ihr habt an meiner Erzählung viel auszuſetzen, wie am Ende viele Andere, wenn ſie mich gehört. Gott weiß, was Alles man mir einhalten würde, allein was hilft alle Philoſophie einer Thatſache gegenüber! Ich würde jedem Einwande mit dem einfachen Satze begegnen, daß unſere äußere wie unſere innere Geſtalt von den Händen der Verhältniſſe zurechtgeknetet werde, wie der Modelleur den Thon zu ſeinen Figuren zurechtknetet; wir ſind wie das genannte Material willenlos. Ob die Figur eine Augen⸗ 159 weide oder ein Popanz wird, was kann er dafür, der arme Thon? Doch ſiehe, da oben über meinen Felskeſſel herein guckt ſchon Frau Sonne mit ihrem goldenen thaufeuchten Haar, der junge Morgen reitet auf flüchtigen Winden an den zum Gruß ſich neigenden Tannen vorüber, lebt für heute wohl, Herr Chriſtian, und beherzigt die Worte, die ich ein Mal geleſen habe. Und hänge dich an nichts, an keinen Menſchen und an keine Sache, dann kannſt Du fliegen.“ Chriſtian verließ das Haus im Keſſel, der letzte Reſt von Hoffnung auf eine Erdenfreude war dort zurückge⸗ blieben.— Wenn wir nur bedenken wollten, wie vielen Einfluß eine Schilderung auf das ganze Leben eines Anderen haben kann, erhebend bald und bald vernichtend, wenn wir uns nur hüten möchten, Jemand, den eine Verkettung der Um⸗ ſtände zur Mißſtimmung gebracht haben, noch mehr zu ver⸗ ſtimmen, indem wir ihm ein Nachtbild vorhalten, ſtatt ein ſonniges Gemälde, auf dem die Schatten nur dem Lichte dienen, und ihn dann troſtlos, dem tiefſten Schmerze hin⸗ gegeben, ſtehen laſſen. Mißſtimmungen erzeugen Verir⸗ rungen, und dieſe ſind fleißige Bebauer des Bodens, aus dem das Verbrechen wuchernde Schößlinge treibt. Hiebentes Capitel Das Freiſchießen. Brautzeit! Abglanz aus jenen Tagen des Paradieſes, als das erſte Menſchenpaar ohne Sünd und Fehle im Schooß der herrlichſten Natur, beglückt durch die Liebe lebte, Brautzeit, wenn du das Herz des Weibes berührt, dann gleicht dieſes einer vom Frühling aufgeküßten Blume; tief ſieht man hinein in den wunderbaren Kelch und ſieht ſich nicht ſatt. Die Nähe eines ſolchen glücklichen Weſens wirkt er⸗ heiternd, wie der blaue, ſonnige Himmel, welcher auch nicht duldet, daß unter ihm trauernde Menſchen wandeln. Er zieht uns hinan, und wenn wir nur den Blick von der düſte⸗ ren Erde heben wollen, aus der unſere Sorgen kommen, hinein in die liebliche Bläue, dann fallen jene von uns ab, wie unſer nicht würdig und die Bruſt hebt ſich getränkt 161 von dem herrlichen Lebensſtrom. Jene Zeit ruft uns zu: ſchenkt doch ja einander ſo viel Liebe, als nur immer in Eu⸗ rem Herzen iſt, am kommenden Tag mehr als am voraus⸗ gegangenen, verkümmert Euch keine Stunde, denn ſchnell iſt die Zeit, bald kommt unſer letzter Tag, an dem wir nicht nachholen können, was wir verſäumten. Liebe verſchönet den Menſchen, die Augen glänzen, das Angeſicht umgiebt eine Art Verklärung, der Gang wird frei, leicht und graziös, die ganze Geſtalt ſpiegelt das Glück wieder, das ſie beſeelt. An Gertrud und Georg bewährte ſich das hier Ge⸗ ſagte, ihr Glück in ſeiner Fülle überſtrömte die Umgebung und ſchönere Tage verlebte wohl nie das Freiſchulzengut als jene ihres Brautſtandes; insbeſondere war über die Frau Freiſchulze eine ſtille Seligkeit gekommen, wie denn Frauen das Glück einer jungen Braut viel mehr mitempfinden und nachfühlen, als die feſtere Natur des Mannes; Frauen durchleben noch ein Mal jene vergangenen Tage ihrer Brautſeligkeit, und je glücklicher ſie ſelbſt waren, um ſo mehr ſuchen ſie dem Weſen, welchem die goldene Pforte aufgeſprungen iſt, das Glück zu erhöhen. Daher ſchreibt ſich die Wahrnehmung, welche wir noch an Matronen ma⸗ chen, die wenig Theil mehr an ihrer Umgebung nehmen, daß ſie die Kunde von der Brautzeit ihrer Enkelin wie mit einem neuen Lebensſtrom beſchenkt; das Lächeln, welches über dieſe verfallenen Züge gleitet, hat etwas Rührendes. Moriz Horn: Der Freiſchulze. 11 162 Frau Magdalena treffen wir in dieſen Tagen, an de⸗ nen für ihr geliebtes Trudchen die Liebesroſen in Hülle und Fülle prangten, mehr wie jemals in der Stube, in welche ſich die große Truhe befand. Dieſe barg einen rei⸗ chen Vorrath an Leinwand, Tiſchzeug u. dgl. m. Auf den Beſitz dieſer Dinge iſt bekanntlich die Hausfrau ſtolz. Einſt war das Behältniß dergeſtalt gefüllt geweſen, daß man Mühe gehabt, den Deckel zu ſchließen, gegenwärtig war der Fülle weniger geworden, allein immer noch ausreichend, um für Gertrud eine reiche Ausſtattung zu gewähren. Dieſe auszuſuchen und auszuwählen war für die Freiſchul⸗ zin ein um ſo ſchwierigeres Geſchäft, je peinlicher ſie dabei zu Werke ging, bald prüfend zwei Stücke neben einander hielt, bald das herausgeſuchte mit einem andern vertauſchte, um ſchon in den nächſten Tagen dem bei Seite gelegten den Vorzug wieder zu geben. Es war für ſie wirklich gut, als endlich der Hochzeitstag von ihrem Manne definitiv beſtimmt und auf den Ausgang des Sommers angeſetzt wurde; jetzt ſtand eine gebietende Nöthigung ihr im Rücken. Schenken wir den Glücklichen ſelbſt ein paar Blicke der Betrachtung. Georg genoß die herrliche Gewißheit, bald für ein ge⸗ liebtes Weib ſorgen zu dürfen, deshalb ſehen wir ihn jetzt noch weit thätiger als früher, zudem trägt er ſich mit einem Plane, den wir bald erfahren werden. Vom frühen Morgen an beſchäftigt freute er ſich in jeder Minute auf den Abend, 163 an dem er mit ſeinem„Herzkind“ koſen, und dieſe Freude hinnehmen darf wie eine Belohnung nach vollbrachtem Tagewerk. Eben ſo emſiglich wirkt und ſchafft Gertrud an ihrer Ausſtattung, ſie hat bei dieſer Beſchäftigung mehr Zeit als Georg, ihren Gedanken nachzuhängen, was ſie nur zu gern thut, denn dieſe Gedanken ſind ja ſo lieblich und anmuthig, und ihr Zimmer iſt ſo ganz darnach angethan, ihnen Zutritt zu geſtatten. Ein Apfelbaum ſieht durch das Fenſter ihrer Arbeit zu, eine Menge Blumen in farbigen Töpfen erheitern die Stube, das Fenſter, hinter welchem das Mädchen arbeitete, iſt wie ein Märchenbild anzu⸗ ſchauen. Aus einem die Fenſterbreite einnehmenden grün⸗ gefirnißten Kaſten laufen weiße Stäbe bis in die Höhe des Fenſters, aufgeſchoſſene Kreſſenblumen und bunte Winden, untermiſcht mit dem grünen Laub und Blätter⸗ werf bilden einen Schirm voll Duft und anmuthigem Farbenſpiel. Die Krone des Zimmers aber iſt ein gewalti⸗ ger Myrthenbaum; er iſt ein Geſchenk der Freiſchulzin, aber nicht im Gute groß geworden. Seine Heimath iſt Holzhau⸗ fen und der Baum hat ſeine eigene Geſchichte. Magdalene, noch Mädchen, bekleidete einſt bei der Hochzeit einer Freundin das Amt einer Kranzeljungfer.“ Nach der in Holzhauſen ſtattfindenden Sitte beſchenkte die Braut die Brautführerinnen, wenn ſie früh erſchienen, mit einem Sträußchen, in deren jeden ſie einen Zweig aus ihrem Kranze gab und dabei ein Sprüchlein herſagte, 11* 164 das den Wunſch enthielt: Ergehe es Euch recht bald wie mir! 3 Magdalene ſtellte, als ſie von der Hochzeitsfeier zu⸗ rückkehrte, ihr Sträußchen in ein Glas mit Waſſer und dieſes zwiſchen das Fenſter. Ein Unwohlſein, wenn ſchon leichterer Art, nöthigte doch Magdalene das Bett zu hüten; Niemand während der Zeit dachte an den Strauß, er blieb ſich ſelbſt überlaſſen. Als jene geneſen war und darnach ſchaute, bemerkte ſie an dem Myrthenſtengel des Strauches die Spitze eines Blattes, das als ein neugewachſenes durch die zarte Farbe ſich ankündigte. Nach einer Zeit verpflanzte Magdalene dieſen Spröß⸗ ling in die Erde; jetzt war er zum ſtattlichen Baum ge⸗ worden, der es ſich ausgebeten, daß man aus ſeinen Zwei⸗ gen für Gertrud den Brautkranz annehme, weil er ganz richtig meinte, er, der aus dem Zweige einer Mädchenkrone entſtanden ſei, habe die erſte Anwartſchaft, daß man ſich bei ſolchen Familienfeſten mit dem Bedarf an ihn wende. Je näher der feſtgeſetzte Hochzeitstag herankam, deſto mehr häuften ſich die Geſchäfte; auch der Freiſchulze, der bis hieher das Schalten und Walten der Frauen mit ſtiller Behaglichkeit betrachtet hatte und mehr in ſich hinein glück⸗ lich geweſen war, ſchickte ſich jetzt auch zur Thätigkeit an. Er ritt oder ging häufiger aus, es kamen Leute, die er mit Beſtellungen betraute, der alte Cantor hatte für ihn 165 viel Briefe zu ſchreiben, denn der Freiſchulze beabſichtigte am Hochzeitstage der jungen Leute ein Freiſchießen zu geben; das war damals in Tannengrün ein Feſt, an dem Theil nehmen zu dürfen Alt und Jung ſich freute. Am Tage vor der Hochzeit finden wir die beiden Brautleute auf der Bank in dem uns bekannten Birken⸗ hölzchen. Es ſind bereits die ſonnigen Abendſtunden eingetre⸗ ten, in denen am Himmel das Wechſelſpiel der vielfar⸗ bigen Tinten beginnt. Auf der Wieſe vor dem Birkenbuſche iſt für den morgenden Schießtag Alles geordnet, Tiſche und Bänke ſind auf eingerammten Pfählen hergeſtellt, und von dem Brautzelt ſchlägt ſchon eine Fahne ihre luſtigen Wellen durch die Luft, den Schmuck der Kränze aber wird es erſt morgen tragen. „Mein liebes Herz,“ ſagt Georg, das Mädchen an ſich ziehend,,ich habe Dich gebeten, die Abendſtunden hier mit mir zu verbringen, wir ſind es dieſem Orte ſchuldig, denn von hier aus begann ja der Weg unſerer Erdenſeligkeit, dieſe flatternden Birken waren die einzigen Zeugen unſeres Gelöbniſſes. Widmen wir deshalb den letzten Abend dem ſtillen Platze.“ „Wie glücklich Du mich gemacht haſt, indem Du mir verſprochen, mein Weib werden zu wollen, habe ich Dir ſchon oft geſagt, allein immer und immer drängt es mich, es zu wiederholen; erſt wenn ich's gethan, iſt mir's leichter 166 ums Herz. Deshalb ſage ich es Dir auch jetzt wieder und danke Dir für das Geſchenk Deiner Liebe. „Sieh, mein liebes Mädchen, ich kann mich nicht rühmen, daß mein Geiſt bevorzugter ſei vor Anderen, ich bin am Herzen der Natur aufgewachſen, ein ſchlichter Landwirth, der aber eben in der Natur Schönheiten genug beobachtet hat, um keiner ſein Auge zu verſchließen. Wenn ich früher ſo Manches im Leben ſah, was zu ändern war, ſah, wie unzufrieden die Menſchen ſich gebehrdeten, wie undenlor ſie gegen ſich und Andere ſein können, und dann wieder auf meinem friedfertigen, ſaatfleißigen Felde arbei⸗ tend umherſchaute und überall der Herrlichkeit Hülle und Fülle erblickte, da nahm ich mir vor zu leben wie die Na⸗ tur, dem Gärtner nachzuahmen, welcher ſeinen Blumen zu Liebe ſich tauſendmal bückt, um das Unkraut, das ſich da⸗ zwiſchen hineindrängen will, zu entfernen So, liebſte Ger⸗ trud, wollen wir es machen, das Leben gewährt mehr Freu⸗ den als Leid, jene ſind die Blumen, dieſes das Unkraut; wir wollen dafür ſorgen, daß es unſere Blumen nicht über⸗ wuchert; kommt aber ein ſchweres Leid, gegen das unſere Kraft nicht ausreicht, dann ſchließen wir uns feſt aneinander und ſagen zum blauen Himmel hinauf: Sieh, wir können nicht weiter, unſer kleines ſorglich gepflegtes Lebensgärtchen droht der Verwüſtung anheim zu fallen, wenn Du nicht hilfſt;— da wird er ſchon helfen.“—— Mit jenem nicht zu beſchreibenden Liebesblick, den 167 nur ein weibliches Auge beſitzt, ſah Gertrud zu Georg, während er ſprach, empor; jetzt, da er geendet, um⸗ ſchlang ſie ihn mit beiden Armen und unter Küſſen und Thränen lispelte ſie:— ein Frauenmund ſpricht das Geſtändniß der Liebe nie in lauten Worten aus.— „Freund meines Herzens, ich kann Dir nichts er⸗ wiedern als mit treuer Liebe Dir zu gehören bis in den Tod, das wirſt Du mir glauben, denn Du fühlſt mein Herz an dem Deinen ſelig ſchlagen.“— Die Sterne mit ihrem blauen, rothen und golde⸗ nen Lichtſchein leuchteten das Paar in das Haus zurück, um durch Schlaf und Traum hinüberzugehen in den Morgen des hochzeitlichen Tages.— Und ſiehe, da ſtieg er herauf, geſchmückt wie ein Bräutigam im rothen Gewand der Frühe, mit wehenden feuerfarbenen Bändern geziert, und leuchtete ſo ſchön wie noch nie! Hatte ihm ſeine Mutter, die geheimnißvolle Nacht, von dem Traum der jungen Braut etwa erzählt? Garten und Wieſe funkelte im Thau, als ob ein gewaltiger Demantſtein in tauſend Stückchen zerſprun⸗ gen ſei; das Chor der Vögel ſaß auf den Bäumen vor Gertruds Fenſtern und ſang die Schläferin wach. Die kleine weiße Haube auf dem quellenden Haar ſchlüpfte ſie in das Zimmer, dem Glaſe des Spiegels ausweichend, der das friſche Bild des lieblichen Mäd⸗ chens rückſtrahlte. Wie brautgeſtimmt war das Zimmer! 168 Ueber die Lehne eines Stuhles hing das Kleid bau⸗ ſchig, voll Sehnſucht die Herrin zu bekleiden; es war ein ſcharlachrother Rock mit ſchwarzen Sammtſtreifen beſetzt, wozu ein feines Mieder gehörte; auf dem Fußbänkchen lauſchten niedliche Stiefelchen und weiße Strümpfe, auf dem Sopha lag das„Fürtuch,“ weiß wie Schnee mit waſſerblauen Franſen beſetzt. An dem im Fenſter ſtehen⸗ den Roſenſtock hatten zwei junge Knospen die grüne Hülſe zerſprengt und boten als junge Roſen ihr Braut⸗ geleit an, im Myrthenbaume ſaß ein Pfauenauge, das ſchon geſtern Quartier genommen haben mußte, und ſchlug, vom Sonnenſchein geſchmeichelt, die ſchillernden Flügel auf uns zu, Alles aber umrahmte das Morgenlicht mit ſeinem Zauber. Auf dem Lande, jetzt nur noch hie und da, hat ſich die Sitte des Brautzuges erhalten. In Tannengrün hielt man zur Zeit dieſer Erzählung feſt an dem Ge⸗ brauch, und mit Recht, denn ein ſolcher Zug hat ſeine Poe⸗ ſie, deren eine Auffahrt mit Wagen in den Städten ſich nicht rühmen mag; hier iſt es ein Schauſpiel für die neu⸗ gierige Menge, welche die Stufen zur Kirche belagert, während jene eine Feierlichkeit genannt werden kann, wel⸗ cher Nachbaren und Freunde, auch ohne geladene Gäſte zu ſein, ihre ſtille Theilnahme nicht verſagen. War in dem Freiſchulzengute bis zur Stunde vor der Trauung eine gewiſſe ſonntägliche Ruhe bemerkbar, ſo 169 änderte jetzt ſich das Tableau, Georgs Freunde, ehemalige Schulgenoſſen erſchienen, die prangenden Sträuße auf den Hüten und Blumen im Knopfloch der Jacke; Glückwünſche, fröhliches Lachen erfüllte die Räume. Im Freiſchulzengute war Alles beſchäftigt, ſich hoch⸗ zeitlich anzuthun, nächſt der Braut brauchte Frau Magda⸗ lene zu ihrer Toilette die meiſte Zeit, ſo daß der Freiſchulze ungeduldig zum dritten Male an die Thür klopfte und fragte: „Mutter, noch nicht fertig?“ „Eile mit Weile,“ antwortete dieſe, das Zimmer öffnend. „Ei, tauſend, das nenne ich ſich herausputzen, man möchte meinen, Dir gälte der Tag und traun, nur der Kranz fehlt zur Braut. „Ja, mein geſtrenger Eheherr und glücklicher Hoch⸗ zeiter, mir gilt auch der Tag und ich freue mich, ihn zu er⸗ leben, man wird an ſolchem Liebesfeſt wieder jung und hat ſeine Erinnerungen lieb. So habe ich heute Morgen an eine Zeit gedacht, die längſt dahin iſt, an die Stunde, in welcher ſie mich Dir entgegenführten,— Du haſt es doch nicht bereut, mit mir bis hieher gegangen zu ſein, nicht wahr?“ „Liebes, gutes Herzensweib! ſei tauſendmal bedankt für Deine Liebe und Treue. Haſt manches mit mir ertra⸗ gen müſſen, aber Du haſt es redlich gethan und biſt nicht 170 müde geworden, mich zu erfreuen. Komm an das alte aber immer noch friſche Herz und gefällt es Gott, ſo laſſe er uns noch ein Weilchen zuſammen.“ „Mein lieber Andreas, mag Gertrud mit unſerem Georg ſo glücklich werden und bleiben, wie ich es mit Dir bin.“ „ Das gebe Gott,“ ſchloß den Wunſch der Freiſchulze. „Nun aber,“ erinnerte er,„laß uns hinuntergehen, die Gäſte verſammelten ſich, wir dürfen nicht zu den Letzten zählen; auch höre ich ſchon das Brautlied der Kranzeljung⸗ fern vor Gertruds Thür.“ Dem war auch ſo, denn kurz darauf trat Gertrud von den Freundinnen geleitet in das Familienzimmer, von welchem aus der Brautzug unter dem Geläute der Glocken nach der Kirche ſich in Bewegung ſetzte. Chriſtian fehlte im Zug; er war, wie er ſeit jener Nacht häufiger zu thun pflegte, bereits heute früh um die Dämmerung hinausgegangen. Seine Abweſenheit befrem⸗ dete weniger, man hatte ſich an ſein Zurückziehen von der Familie, von den Feſten des Dorfes bereits gewöhnt. Was war der Zweck dieſer häufigen Ausgänge?— Er hielt mit Wenzel Schießübungen.„Mein Vater,“ hatte er bei dem erſten Beſuch nach jener Nacht geſagt,„feiert die Hochzeit ſeines zweiten Sohnes mit der Baſe durch ein Freiſchießen. Ich habe mir ſeit jener Stunde, in der ich damals Euch verließ, gelobt, die Augen offen zu halten 171 und mein dereinſtiges Recht als Freiſchulze von Tannen⸗ grün zu wahren, wie und wo es ſei. Ich werde keine Ge⸗ legenheit unbenutzt laſſen, deshalb auch das Freiſchießen nicht verabſäumen, aber müſſig will ich nicht zuſehen, ſon⸗ dern mich zu den Schützen halten.“ Während Georg und Gertrud am Altare ihr Ge⸗ lübde erneuten, that Chriſtian auf der Blöße beim Hexen⸗ teich den letzten Probeſchuß. „Das muß man Euch laſſen, Chriſtian,“ ſagte Wen⸗ zel,„Ihr habt eine Sicherheit erlangt, die mich in Erſtau⸗ nen ſetzt, möchte nicht von Euch auf's Korn genommen werden. Doch nun genug der Arbeit, wir wollen dort unter dem Schatten des alten, einſiedleriſchen Baumes der Ruhe pflegen und auf Euere Bitte zurückkommen, die Ihr ausſpracht, als Ihr heute früh zu mir gekommen.“ 1„Ich wiederhole ſie,“ ſagte Chriſtian,„Ihr geht mit mir zum Freiſchießen.“ „Wenn ich es thue, geſchieht es nur Euch zu Lieb', mich, wie Ihr wißt, gelüſtet es durchaus nicht nach Geſell⸗ ſchaft und Umgang, dazu kommt, daß ich eigentlich die Verpflichtung habe, mich fern zu halten, weil mein Erſchei⸗ nenſtets etwas nicht Erwünſchtes für Den oder Jenen nach ſich zieht. Allein wie geſagt, Euch zu Gefallen will ich es thun und mir zu Gefallen.“ „Wenzel, wie ſoll ich das verſtehen, nehmt mir's 172 nicht übel, in dem Satze, den Ihr da ſo eben geſprochen habt, finde ich wenig Logik.“ 3 Der Alte lachte laut auf. „Wo in der Welt findet Ihr die überhaupt? Soll ich eine Ausnahme machen? Die Worte: mir zu Gefallen erregen Euere Miß⸗ billigung, hier habt Ihr die Erklärung:„Ich will mir die Braut beſehen, die Euch um Georgs Willen ausgeſchlagen hat, dieſe Perſon iſt mir intereſſant.“— Chriſtian biß ſich in die Lippe. „Alſo, hier meine Hand, ich gehe mit Euch. Wann beginnt das Schießen?“ „Drei Uhr.“ „Noch viel Zeit. Wie wäre es, wenn Ihr bis dahin es Euch bei mir gefallen ließet? Der Tag iſt wunderſchön, zieht Ihr es vor, im Freien zu bleiben, ſo kennt Ihr die Raſenbank an der Kiefer, dicht unter den Fenſtern meines Hauſes, es iſt ein Platz zu einſamem Nachdenken wie ge⸗ ſchaffen. Ich würde Euch nicht ſtören.“ Statt zu antworten erhob ſich Chriſtian und ſchlug die Richtung nach Wenzels Wohnung ein, dieſer folgte. Dies Mal war die Umgebung des Hauſes, der Fel⸗ ſenkeſſel freundlicher anzuſehen. Der Sommer hatte ſeine Macht auch bis in dieſe Einöde ausgebreitet. Als wir damals mit Chriſtian das Haus des alten Jägers beſuchten, träufelte der Regen eines frühzeitigen Ge⸗ 173 witters von den Felſen, jetzt glänzten ſie wenigſtens hell an den höchſten Spitzen im Sonnenſchein, Brombeergeſtaude mit ſchon ſich färbenden Früchten grünte und wilde Roſen leuchteten an dem kleinen Strauchwerk, das aus den Spitzen ſich hervorgedrängt hatte; auf den Vorſprüngen ſchwellte Moos ſeine grünen Kiſſen. Mit reichem Raſen war die Bank bedeckt, deren Wen⸗ zel Erwähnung gethan hatte, und allerdings ein beſchau⸗ liches Plätzchen; hoch über ihr ſchwankte der Wipfel der ſchlanken Föhre und ihr Grün bildete einen anmuthigen Gegenſatz zu der Bläue des Himmels. Chriſtian lagerte ſich auf die Bank und ſah in das Spiel der grünen Aeſte, Wenzel trat in's Haus und öffnete das Fenſter, das nicht hoch über jener ſich befand. „Falls Euch die Luſt beikommen ſollte zu plaudern, Herr Chriſtian,“ rief er heraus,„ſo dürft Ihr nur den Kopf ein wenig heben und ich bin zu Dienſten.“ „Jetzt ziehe ich das Schweigen vor.“ „Ganz nach Belieben, ich werde mich auch ſchweigend beſchäftigen.“ Nach dieſen wenigen Worten verging wohl länger als eine Virtteiſtunde; von ungefähr ſah jetzt Chriſtian auf in das offene Fenſter, Wenzel bemerkte es nicht, oder gab ſich nur den Anſchein, denn er ſchrieb ruhig weiter. „Womit beſchäftigt Ihr Euch, Wenzel?“ fragte Chriſtian. 174 „Ich copire“, antwortete dieſer. „Ihr copirt, und was, wenn man fragen darf?“ „Seid ſo gut und bemüht Euch herein.“— Chriſtian erhob ſich, um nach der Hausthür zu gehen. „Ei,“ rief Wenzel von der Stube aus,„wozu der Umweg; iſt auch der gerade Weg nicht immer der beſte, ſo iſt der durch's Fenſter doch der nächſte, ich rücke den Tiſch zurück; ſo nun ſteigt herein; man muß ſich in allen Dingen eine gewiſſe Uebung verſchaffen, oft zeigt das ſcheinbar Leichteſte in der Ausführung doch Schwierigkeiten für den Anfänger.“ Mit einem Satze ſprang Chriſtian in's Zimmer. „Bravo, das zeigt von Geſchmeidigkeit der Gelenke, welche ich in Euch nicht geſucht hätte. Nun tretet näher und ſchaut Euch die beiden Handſchriften hier auf dem Tiſche an, ſind ſie nicht einander ähnlich, wie ein Ei dem anderen?“ „In der That, nur durch die naſſe Tinte kennzeichnet ſich dieſe hier als die neuere. Aber ſagt mir, Wenzel, wozu treibt Ihr dieſe Nachmalerei?“ „Wie jeder Menſch die Kinderſchuhe behält und ſein Steckenpferd reitet, das je nach den Verhältniſſen ſo theuer ſein kann, als ein Roß von Fleiſch und Blut, ſo auch ich; ich hatte früher ungeheure Neigung zum Zeichnen, ſpäter ſchwächte ſich dieſe ab, bis ſie auf ein Mal durch eine Lec⸗ ture wieder erwachte. Gott weiß wie gerieth mir eines 175 Tages eine Art Criminalgeſchichte in die Hände, ich glaube, ſie handelte von einem nachgemachten Teſtamente. Die Richter, ſagte ich damals zu mir, müſſen mit Blindheit ge⸗ ſchlagen ſein, wenn ſie das Echte von dem Falſchen nicht haben unterſcheiden können. Ich muß hinzufügen, daß ſie eine Probeſchrift zum Vergleichen vor ſich hatten. Die Geſchichte konnte ich aus dem Gedächtniß nicht wieder los werden, und wie man in der Einſamkeit auf Mancherlei vorfällt, kam ich auf die Idee zu verſuchen, ob ſich wirklich eine fremde Schrift bis zur Gleichheit nachahmen laſſe. Ich malte und malte und bin endlich zu dem gar nicht üblen Reſultate gekommen, das Ihr vor Euch ſeht, wahr und leibhaftig.“ „Dazu braucht Ihr wohl viel Zeit?“ „Uebung,“ mein lieber Chriſtian, macht auch hier wie überall den Meiſter. Jetzt geht es mir von der Hand. Schreibt z. B. Euren Namen auf dies Blatt. „Ihr ſchreibt ja faſt wie Euer Vater.“ „Man will es ſagen.“ „So, nun geduldet Euch nur ein weuig, ſeht— hier ſteht ſchon der Zwillingsbruder.“ Chriſtian erſchrak über dieſe Aehnlichkeit. „Wenzel, dieſe Kunſt lehrten Euch gute freundliche Mächte nicht.“ „Wem ſoll ich damit ſchaden? ich bin weder ein 5 176 Advocat noch ein Richter, noch habe ich ein ungünſtiges Teſtament zu erwarten.“. Er ſah bei den Worten Chriſtian an, der ſich entfärbt hatte. „Lebt wohl,“ ſagte dieſer,„ich muß friſche Luft athmen,“ und verließ das Zimmer. „Ihr holt mich nachher wohl ab?“ rief ihm Wen⸗ zel nach. Jener nickte mit dem Kopfe und ſtieg die Stufen aus dem Felſenkeſſel hinan. „Sollte ich ihm, wie man ſo ſagt, eine Art Floh in's Ohr geſetzt haben? meinte Wenzel und ſchnitt ſeinem Wolfshunde die Mittagsmahlzeit in die Schüſſel. Während das Erzählte in der rothen Föhre ſich zu⸗ trug, war die Trauung Georgs mit Gertrud erfolgt, die Klänge der Orgel verſtummten, der Zug verließ die Kirche. Welche Gegenſätze! dort in der dunklen Waldung ein einſamer, freudenloſer Wanderer, vom Zweifel geplagt und zerriſſen, hier unter dem lachenden Himmel ein bunter Hochzeitszug, der zwei der glücklichſten Menſchen, verbun⸗ den unter theilnehmenden Gebeten und Geſängen zur Stätte hingeleitete, welche forthin die Zeugin ſeliger Tage werden ſollte. Die Mehrzahl der Begleiter nahm vor dem Hauſe des Freiſchulzengutes Abſchied„auf baldiges Wiederſehen,“ um zu dem Freiſchießen des Nachmittags noch Zurüſtungen zu machen und Vorbereitungen zu treffen, nur einige nähere Verwandte folgten in die Familienſtube. Hier war die mit Blumen geſchmückte Feſttafel aufgeſtellt; jenes uns bekannte blaugeränderte Geſchirr, welches zur Zeit der Eltern des Freiſchulzen an den Tagen der Kirmeß aus dem Schranke entnommen zu werden pflegte, prangte heute und zwar ſo neuglänzig, als käme es ſo eben erſt aus den Händen ſei⸗ ner Verfertiger. Frau Magdalena hatte Stück um Stück eigenhändig geſäubert, wie ſie denn auch alles Andere zu dem feſtlichen Mahle angeorduet und eingeleitet hatte, weil ſie, und wohl nicht ganz mit Unrecht, der Anſicht geweſen war, Gertrud, zu ſehr in den Gedanken vertieft, bald junge Frau zu ſein, möchte es nicht„fertig kriegen.“— „Der Wein erfreut des Menſchen Herz,“ rief der Frei⸗ ſchulze,„ſo wollen wir in der Freude der unſrigen meinem Georg und ſeiner lieben Gertrud den erſten Glückwunſch bringen, möge ihr ganzes Leben ſein wie dieſer Hochzeits⸗ tag, der ſchönſte, der ſo nur ein Mal kommt im Menſchen⸗ leben.“ „ Ja, das möge ſein!“ wiederholten die Gäſte unter Gläſertlirren. „Seid bedankt!“ ſagte Georg,„liebe Freunde über Verwandte, nun, da ſie mein Weib geworden, geht und Moriz Horn: Der Freiſchulze. 12 178 mein Glück nichts und Höheres kann es gar nicht geben, weder im Himmel noch auf Erden.“. „Um Gotteswillen,“ warf Gertrud ein,„ſprich nicht ſo, es dünkt mich wie ein Frevel und ich bekomme Furcht, irgend ein böſes Schickſal ſtehe hinter uns und werde uns ſchaden, ſo bald es könne.“ „Mein liebes Beichtkind,“ nahm der Paſtor das Wort, der natürlich an der Tafel eben ſo wenig fehlte, wie der alte Cantor, Georgs greiſer Lehrer,„ſei ohne Furcht, denn Georg hat Recht, Höheres giebt es nicht im Himmel und auf Erden, als die Liebe, ja ihre Heimath iſt das uns un⸗ bekannte Jenſeits, von dort wurde ſie uns geſendet, um auf unſerer irdiſchen Wallfahrt uns zu begleiten wie ein ſchützender Engel des Lichtes.“ Auf einige Augenblicke trat eine ernſtere Stimmung ein,— aber wie vermöchte eine ſolche auf längere Zeit die Herrſchaft an einer Hochzeitstafel zu bewahren, Angeſichts der myrthengekrönten Braut, Angeſichts der Blumen auf dem Tiſch und der Kränze in dem Zimmer?— Zu dem heutigen Schießfeſt hatte der Freiſchulz auch den Nachfolger des verſtorbenen Gerichtshalters eingeladen; gegen das Ende des hochzeitlichen Mahles rollte ſeine Equipage in das Gehöfte und ſein Erſcheinen gab das Zeichen die Tafel aufzuheben. 5 Eine halbe Stunde nach ſeinem Eintreffen wurde es auf dem Hofe lebendig, ſchon von weitem hatten fröhliche 179 Klänge den Aufzug der Theilnehmer am Schießen ange⸗ kündigt. Ummittelbar hinter dem Muſikchor, von jungen Leu⸗ ten aus Tannengrün gebildet, trug ein breitſchultriger Ge⸗ hilfe des alten Schreiners, in deſſen Werkſtatt einſt der Freiſchulze für Chriſtian die Wiege beſtellt hatte, über dem Rücken einen mächtigen, aus Holz geſchnittenen Vogel, deſſen Farbenſchmuck etwas phantaſtiſcher Art, und mit den Gebilden der Natur nicht wohl in Einklang zu brin⸗ gen war. Dem Träger dieſes Schießzieles folgte der Meiſter Schreiner ſelbſt; aus der freundlichen Miene ſeines Ge⸗ ſichtes zu ſchließen, nicht unzufrieden mit ſeinem Werke, das er vor Augen hatte. Junge Burſchen reihten ſich an, die mit einem lebhaften Hurrah, begleitet von dem Schwen⸗ ken der Hüte, Georg und Gertrud begrüßten, als ſie ge⸗ folgt von Eltern und Gäſten— nur die beiden geiſtlichen Herren, der Paſtor und Cantor, hatten ſich fernhalten zu müſſen geglaubt— aus dem Hauſe und unmittelbar hin⸗ ten das Muſikchor eintraten. Eilen wir den vom Freiſchulzen⸗Hofe Abziehenden voraus auf die Wieſe, wo das Schießen gehalten wer⸗ den ſoll. Welch buntes Bild finden wir hier! Eine Menge Dorfbewohner im beſten Sonntags⸗ ſtaate haben ſich als Zuſchauer eingefunden, in den Zel⸗ 12 180 ten ſind aus fern und nah ebenbürtige Schießgäſte ver⸗ ſammelt; das Brautzelt vermag bereits kaum die Laſt ſei⸗ ner Kränze und Blumenverzierungen, unter denen die bei⸗ den eng verſchlungenen G nicht die letzte Stelle einnehmen, zu tragen und immer noch ſind Hände geſchäftig, die duf⸗ tige Laſt zu vermehren. Mitten in der Wieſe ſteht aufgerichtet die Stange, auch mit Guirlanden umwunden, der große, zu ihren Füßen liegende Blumenſtrauß iſt jedenfalls für den Schnabel des Vogels beſtimmt. Im Sonnenſchein liegt der kleine Birkenwald, den wir kennen gelernt haben; luſtig bewegt er das flatternde Laub, er meinte, ohne mich wäre heute das Feſt da drüben nicht, und was ich gehört habe, kommt zu keines Menſchen Ohr wieder. „Sie kommen, ſie kommen!“ rief es durcheinander, als der Zug der Wieſe ſich nahte und ſein Auftreten neues Leben und neue Bewegungen in die Menge brachte. Bald iſt das Schießen mitten im Gange; der Ge⸗ richtshalter, als der vornehmſte Gaſt, Georg mit der Braut, den Eltern, nächſte Freundſchaft und Verwandten ſitzen im Brautzelt. Unter den Geladenen befindet ſich ein Brau⸗ meiſter, ein jovialer, heiterer Mann, deſſen ganze äußere Erſcheinung das Schild ſeines Gewerbes genannt werden kann. Er hat das Bier zu dem Feſte geſpendet, für das Brautzelt aber ein echtes Mutterfäßchen zurückgeſtellt, 181 Dieſes iſt angeſtochen worden. Jetzt hebt er den großen blanken Zinnkrug mit allerhand eingravirten Trink⸗ und Reimſprüchen verſehen, empor, klopft mit dem Deckel und bittet um geneigtes Gehör. „Meine werthen Freunde, unſer Hochzeiter, der wohledle Freiſchulze von Tannengrün brachte heute bei ſeinem Hoch auf das Brautpaar die Worte mit vor: der Wein erfreut des Menſchen Herz, und das iſt wahr und richtig geſprochen, die Rebe mit ihren Trauben und Blät⸗ tern iſt ein gar herrliches Gewächs und wir müſſen dem Erzvater Noah noch heute danken, daß er den Weinſtock in die Arche mitzunehmen nicht vergaß, aber es giebt noch ein Gewächs mit ſchönen, grünen Büſcheln und gar anmuthig gezackten Blättern, das zu einem Getränk eben ſo nöthig i*ſt, als die Zunge zum Trinken, das iſt der Hopfen, der das Bier erſt zum Biere macht. „D'rum, wenn ich ſage: das Bier erfreut des Men⸗ ſchen Herz, ſo thut Ihr mir wohl den Gefallen und ſtoßt an mit den ſtattlichen Krügen, die ſchon unſere Altvordern liebten und gar handlich zu führen verſtanden.“ Als der Jubel, welcher dieſer wohlgeſetzten Rede folgte, ſich gelegt hatte, ſtand Georg auf und ſagte: „Was unſer viellieber Gaſt ſo eben behauptet hat, iſt ganz richtig; von derſelben Anſicht durchdrungen habe ich ſchon längſt eine Hopfenpflanzung angelegt, aber ich gehe mit noch einem Plane um, den Niemand, ſelbſt mein Vater 182 nicht erfahren hat; heut aber will ich damit nicht länger zurückhalten, weil ich zugleich eine Bitte auszuſprechen habe, die am Hochzeitstag der Vater nicht abſchlagen kann.“ „Seht nur den argen Schalk!“ warf der Frei⸗ ſchulze ein. „Ich will nemlich eine Brauerei anlegen, dazu brauche ich ein Stück Land, welches jetzt noch unterm Pflug geht, wenn mir nur der Vater ſolches zur Ausſteuer geben möchte, ſoll die Brauerei bald da ſtehen.“ „Freilich muß er das Stück Land hergeben,“ riefen Stimmen hier, am vornehmlichſten die des Braumeiſters; „es lebe die erſte Bierbrauerei in Tannengrün!“ ſchallte es von anderer Seite; ja einige Gäſte ließen Georg als künftigen Freiſchulzen leben. Da ſchlug eine Hand den Vorhang des Zeltes zurück und eintrat Chriſtian, das Gewehr in der Hand, von dem alten Jäger Wenzel begleitet. „Wer wird Freiſchulze?“ fragte er erhitzt, und ſtampfte mit dem Gewehr auf die Diele des Zeltes, daß es dröhnte. Eine Todtenſtille folgte, während Wenzel Gertrud firirte. „Nun! ich will Antwort!“ herrſchte Chriſtian und ſchlug das Gewehr an. Wenzel riß es ihm aus der Hand mit den Worten:„Seid Ihr toll?“ Der Gerichtshalter ſprang von ſeinem Sitz auf, ein— mißfälliges Murmeln ließ ſich hören. 183 „Still, Freunde!“ ſprach der Freiſchulze mit lauter Stimme. „Daß Du, Chriſtian, unſere Freunde zu ſtören ſuchſt, wo Du kannſt, iſt leider eine Gewißheit; ich hielt bis heute dieſe unſelige Neigung für eine Verſtimmung der Seele, hervorgegangen aus kranken Nerven des Körpers. Daß Du aber Gertruds und Georgs Hochzeitstag nicht ſchonſt, das zeigt von einem böſen Herzen und das Geſ ſchent ver⸗ dankſt Du dem hinter Dir ſtehenden Manne. Uageitiges Mitleid mit ihm und ſeinem verfehlten Leben machte mich einſt ſeiner Bitte geneigt, ſich eine Heimath in der rothen Föhre zu ſuchen. Ich hoffte, der ſtille Frieden des Waldes und unſer gemüthreiches Zuſammenleben im Gute, unſer mit Freuden beſchicktes Tagewerk würde auch ſeinem Her⸗ e den Frieden wiedergeben und den finſtereu Menſchen⸗ haß daraus vertreiben; es iſt aber mein Hoffen ein eitles geweſen. Du haſt gewußt, daß man ihn nicht gern kommen ſieht, weil faſt ſtets ein Unfall ſeinem Erſcheinen folgt, ſo ſehr hat ihn der Himmel gezeichnet; nun gut, Dich denn defe ler Unfall der auf heute folgt, D Dich allein, uns be⸗ hüte der Himmel. Jetzt aber, daß Du es von mir hörſt, jetzt ſtoße ich mit Georg an und ſage: Es lebe der künftige Freiſchulze von Tannengrün!“ „Vater!“ knirrſchte Chriſtian undtrat einen Schritt vor. „Was ſolls?“ fragte dieſer. „Ruhe! Chriſtian,“ flüſterte Wenzel dieſem in's Ohr; 184 ich habe in aller Stille eine Entdeckung gemacht, doch da⸗ von ſpäter, jetzt kommt! 3 Inmittelſt hatte der Gerichtshalter ſich zu Chriſtian gewendet. „Euer Benehmen gegen Vater, Bruder und Braut in meiner Gegenwart iſt von der Art, daß ich Euch hiemit vom Amte eines Vicerichters entſetze. Was ſoll der Ort für Achtung haben vor Einem, der ein ſolches Beiſpiel gege⸗ ben? Dankt es übrigens meiner Nachſicht, daß ich nicht ernſtlicher gegen Euch einſchreite.“ Chriſtian fuhr mit der Hand an's Herz; dieſe Ent⸗ ſetzung vom Amte in Gegenwart des ganzen Dorfes war ein Schnitt, der tief ging; der Sprache beraubt ließ er willenlos von Wenzel ſich am Arm faſſen und aus dem Zelte fortziehen. Die vor demſelben dicht geſchaarte Menge prallte aus einander, als fürchte ſie von Wenzels Kleid geſtreift zu werden; durch die gebildete Gaſſe verſchwanden Beide. 1 Wie ſehr man auch nach ihrem Weggange von allen Seiten bemüht war, die frohe Stimmung dem Feſte wie⸗ derzugeben, ſie kehrte nicht zurück und jenes endigte zeiti⸗ ger, als es ohne den Auftritt geſchehen ſein würde.—— Als am Abend die neuen Gatten das ſtille heimliche traute Brautgemach betreten hatten, ſagte Gertrud: „Liebſter Georg, willſt Du Deinem jungen Weibe die erſte Bitte erfüllen?“ 185 „Theures Herz, ſprich ſie aus!“ „Wir wollen den Bruder mit uns und den Eltern verſöhne n. 2¹ „Ja, meine ſüße Gertrud, wir wollen es, gebe Gott, daß es gelingt!“ „Was gelänge der Liebe nicht!“ rief ſie aus und ſchmiegte ſich inniger an den geliebten M ann ihres Herzens. Im nahen Buſchwerk ſang eine Nachtigall dem Paar das Brautlied und f eundliche Sterne zogen auf über dem Harff. Achtes Capitel. Das Teſtament. Wie es dem Menſchen allenthalben im Leben be⸗— gegnet, daß er einen Beſitz nach ſeinem ganzen Werth erſt dann recht ſchätzen lernt, wenn er ihn verloren hat, ſo er⸗ geht es uns auch mit den Jahreszeiten. Wir ſind an das blühende Daſein der Blumen und Bäume, der reifenden Saaten und wachſenden Früchte ſo gewöhnt, daß wir, ob⸗ ſchon wir von Kindesbeinen an eines Andern belehrt wur⸗ den, doch meinen, dieſe ſtrotzende Fülle der Naturherrlichkeiten werde ſich nicht ändern. Da ſehen wir einem Male, etwa auf einem unſerer abendlichen Spaziergänge, einen Mann am Wege ſitzen, der ſeine Senſe hämmert. Der Ton kommt uns unheimlich vor, weshalb? Wurde dieſes In⸗ ſtrument nicht ſchon oft gebraucht, um das Gras zu mähen, den Klee zu ſchneiden? Ganz recht; aber das Gerüſte, 187 welches auf der Senſe ſitzt, das macht uns bänglich und bedenklich; das war früher nicht darauf, das brauchte man nicht zum Grasmähen, nicht zum Kleeſchneiden. Wir ſehen uns um und erblicken jetzt das Getreide⸗ feld, das von ſeinem Goldglanz verloren hat; es iſt weißer, bleicher geworden; mit einem Male wiſſen wir, daß jenes Senſenhämmern dem Felde gilt. Gras wuchs wieder, Klee keimte nach, es war kein Stillſtand, kein Verluſt zu bemerken, aber wenn das ſtatt⸗ liche Roggenfeld hier, jenes Hafergefilde dort hingeſtreckt liegt, das ſteht dieſes Jahr nicht wieder auf, und alle die Cyanen und Raden mit ihrem blauen und rothen Sommer⸗ kleide werden mit umgeſchnitten und kommen auch nicht wieder. Der Wind weht über die Stoppeln, die Lerchen, aus ihrer Heimath vertrieben, ſteigen nicht mehr zum Himmel, ihre Lieder ſind verklungen, ſie fahren in haſti⸗ gem Fluge dicht über den Boden dahin, und die abge⸗ brochenen Töne klingen wie unterdrückte Seufzer über den bevorſtehenden Abſchied von den Orten, wo ſie ihren Haus⸗ ſtand begründeten, ihre Kinder großgezogen; noch immer aber iſt das Laub grün, die Wieſen ſtehen nicht ohne Blumen. Wir halten uns an die letzten Herrlichkeiten des ſcheidenden Sommers und unterdrücken die Gefühle der Wehmuth, wenn ſie in uns lebendig werden wollen; ja, wir erfreuen uns an dem rothen Laub, das plötzlich zwiſchen 188 dem Grün emporbrennt, und denken nicht daran, daß dieſes Roth den Tod bedeutet; hierin dem Bruſtleidenden. glei⸗ chend, der auch die blühende Röthe auf ſeinen Wangen mißdeutet. Jetzt aber fallen die Blätter; die violetten Wolken⸗ kenſchleier, hinter welche die Sonne ihr ſcheidendes An⸗ geſicht jeden Tag früher als am vorhergegangenen birgt, haben eine Melancholie angenommen, die uns bang macht; aus Allem, was um uns vorgeht, tritt uns das Bild des Vergänglichen entgegen, und die weißen Fäden, welche die kahlen Felder und ergrauenden Wiefen überziehen, um⸗ ſpinnen auch unſere Herzensfreudigkeit; die Wehmuth läßt ihr Recht länger ſich nicht ſtreitig machen, und begleitet vom todten Herbſte, tritt ſie uns gebieteriſch an. Die Verheirathung Georg's mit Gertrud änderte Vieles im Freiſchulzengute. Die jungen Leute bewohnten die Räume, welche ſeither die Eltern inne gehabt; Chri⸗ ſtian war auf ſein altes Zimmer zurückgekehrt und ſeit jenem Auftritt im Brautzelte am Tage ſelten zu ſehen. Der Verſuch des Bruders und der lieblichen Gertrud, die Ausſöhnung zu bewirken, ſcheiterte ſowohl an dem Vater, als auch an Chriſtian; dieſer wies die Bittenden ohne Weiteres von ſeiner Thür, jener hatte zu den Beiden ge⸗ äußert: 189 „Ihr ſeid mir, wenn dies überhaupt möglich wäre, durch dieſes Zeichen Eurer vortrefflichen Herzen noch lieber geworden; aber laßt es ſein und bleiben zwiſchen mir und Jenem, wie er es gewollt hat; ein zerriſſen Band, würde es, auch nur dem ſchärfſten Auge ſichtbar, künſtlich zu⸗ ſammengenäht, iſt kein ganzes mehr, jeder Gebrauch nimmt ihm den Halt, und ein einziges ungeſchicktes Anfaſſen zer⸗ reißt es wieder. Ich verlaſſe dieſes Gut; verzeih mir's Gott, es kommt mir nicht mehr ſo wie früher vor, und ziehe mit der Mutter hinüber nach Holzhauſen in unſer Auszugshaus. Bewirthſchafte Du das Gut, baue Deine Brauerei auf; kurz ſchalte und walte wie es Dir gefällt, deun Du kannſt die Beſitzung ſchon jetzt wie die Deinige betrachten.“ „Aber Vater! Chriſtian hat doch—“ „Haſt Du mich lieb, Georg,“ unterbrach der Frei⸗ ſchulze ſeinen Sohn,„ſo nennſt Du weder den Bruder fürder, noch ſprichſt Du von einer Sache, welche Dir jetzt auf der Zunge ſitzt und die ich nicht hören will. Im Ue⸗ brigen,“ fuhr er in dem vorigen ruhigen Tone fort,„liegt Holzhauſen keine Ewigkeit von Tannengrün; haſt Du Dein Tagwerk beendigt, ſo nimmſt Du Deine kleine roth⸗ wangige Frau am Arm, und Ihr kommt zu uns Alten nach Holzhauſen; treibt uns die Sehnſucht, weil Ihr etwa ein paar Tage ausgeblieben ſeid, ſo nehme ich meine Mut⸗ 190 ter an der Hand und ſage: wollen wir nach den Kin⸗ dern ſehen?“— Obſchon Georg ſeines Vaters feſten Willen kannte, obſchon er wußte, daß er von dem einmal gefaßten Ent⸗ ſchluſſe nicht abließ, ſo glaubte er doch in dieſem Falle nicht an den Ernſt der Worte und meinte, eine momen⸗ tane Mißſtimmung ſei die Veranlaſſung, und je mehr der Auftritt mit dem Bruder der Vergangenheit angehören werde, deſto weniger werde der Vater an die Ausführung ſeines V Vorhabens denken. 06 iſt,“ ſagte er eines Abends 57 als er mit ſeiner Frau, die ihm entgegen gekommen war, den Rain herunter ging,„jetzt an uns, den lieben Eltern den Aufenthalt in ihrem Gute ſo angenehm zu machen, als nur immer möglich iſt, damit wir wie mit Ketten daran gebunden ſind. Morgen laſſe ich mit dem Baue meiner Brauerei beginnen.“ „Und dadurch, meinſt Du,“ nahm Gertrud das Wort, „den Eltern einen Gefallen zu thun? Wird nicht der Tumult eher das Gegentheil bewirken? wirſt Du nicht ſelbſt durch allerhand Dinge, die einem Bauherrn durch den Kopf gehen ſollen, wie ich gehört habe, mehr als je in Anſpruch genommen ſein, ſo daß Dir keine Zeit übrig bleiben wird, dem Vater Dich zu widmen? Die Mutter würde ich ſchon auf mich nehmen.“ „Erlaube mir,“ verſetzte Georg,„dagegen einige 191 Bemerkungen. Der Bauplatz liegt nicht in unmittelbarer Nähe, das Geräuſch der Arbeit beläſtigt uns daher nicht ſo ſehr, als Du fürchteſt; zweitens habe ich den ganzen Bau einem jungen, aber geſchickten Architekten in Accord gegeben, deſſen Bekanntſchaft ich damals in der Stadt machte, als ich Dich von dort holte. Ich trug mich zu jener Zeit ſchon mit dem Plan und ließ mir Riß und Anſchlag aufertigen, ich werde alſo wenig oder gar nicht um den Bau mich bekümmern. Endlich glaube ich, iſt gerade dieſe Störung, wenn Du ſo ſagen willſt, geeignet, den Vater zu zerſtreuen und ihn jenen unſeligen Beweggrund, der ihn von uns forttreibt, vergeſſen zu laſſen.“ In der Frühe des nächſten Tages fand ſich denn die Schaar der Arbeiter ein, und das geräuſchvolle Thun und Treiben begann, das mit Begründung eines neuen Ge⸗ bäudes verbunden iſt. Es ſchien in der That, als habe ſich Georg in ſeiner Berechnung nicht getäuſcht. Der alte Freiſchulze betrat jeden Tag den Bauplatz, hatte den jungen Architekten lieb gewonnen und ſprach gern über den Zeitpunkt, wo man Tannengrüner Bier trinken werde. So verging eine Woche um die andere, die Brauerei ſtieg, da viele Kräfte mit einem Male angelegt worden waren, ſchnell in die Höh und der ſogenannte Hebeſchmaus wurde ausgerichtet. Zu nicht geringer Ueberraſchung theilte der Freiſchulze 192 ſeinem Georg am Morgen darauf mit, wie er in den näch⸗ ſten Tagen nach Holzhauſen überſiedeln werde. Sei es bis Dato nicht geſchehen, ſo habe das ſeinen Grund darin gehabt, daß er von dem verſtändigen Baumeiſter in dem Hauſe drüben einige Verbeſſerungen habe ausführen laſſen, dieſe ſeien nun vollendet und ſo ſtehe dem Umzug nichts mehr entgegen. „Wie läßt man ſich ſo gern täuſchen, wenn man an etwas nicht glauben will; die Unterhaltungen des Vaters mit dem Architekten hielt ich für ein gutes Zeichen, und knüpfte Hoffnungen daran. Wo ſind ſie hin?“ dachte Georg bei ſich, der Vater fuhr fort: „Von dem Inventar hier werde ich mir nur ein Stück ausbitten und zwar das kleine Wägelchen meines guten Schwiegervaters; und anſtatt des alten Roſſes, das längſt das letzte Gnadenbrot erhalten hat, giebſt Du mir eins Deiner ſelbſt gezüchteten Pferde.“ „Alle, wenn Du willſt, nur bleibe bei uns.“ „Ei, ei, mein lieber Georg, alle? was ſoll denn aus der Landwirthſchaft, aus dem Gute werden, wenn Du alle weggeben willſt! beides, Wirthſchaft wie Gut halte mir hoch in Ehren, ich werde fleißig nachſehen. Was Deine Bitte betrifft, ſo haſt Du darüber meine Meinung gehört.“ „Wohl habe ich das, aber, ich weiß nicht, mir fällt chon der Gedanke an Trennung aufs Herz, um wie viel ſchwerer wird die wirkliche Trennung es belaſten. Wenn 193 ich nach Hauſe kommen werde, ſehe ich weder Dich auf Deinem Stuhle, noch die Mutter hinter Blumen ſitzen, und das—“ „Dafür kommt Dir Dein Weib entgegen und mit der Zeit kommen noch andere Dir liebe Weſen, das iſt der Lauf der Welt, und darinnen liegt meinem ſchlichten Ver⸗ ſtande und meinen Anſichten über die göttlichen Einrich⸗ tungen auf dieſer irdiſchen Erde nach die Würze des Le⸗ bens. Doch genug, dieſe Sache ſei ein für alle Mal zwi⸗ ſchen uns abgeſprochen, ich liebe es nicht auf das Unver⸗ meidliche fort und fort zurückzukommen, was ſein muß, ge⸗ ſchehe, ſo habe ich es von jeher gehalten und bin wohl dabei gefahren, befolge auch Du die Methode.“ Einen ähnlichen Verſuch wie Georg mit dem Vater machte Gertrud mit der Freiſchulze. „Gutes Kind,“ hatte dieſe in ihrer liebreichen Art geſagt,„wir Frauen haben immer zu bedenken, was die Bibel ſagt: und er ſoll Dein Herr ſein. Deine Worte ſind daher vergebens; denn wenn der Vater will, ſo iſt dagegen nichts zu thun; im Uebrigen finde ich ſein Vorhaben ganz löblich, wir ſind alt geworden und ſehnen uns nach Ruhe, zudem wird man in unſeren Jahren verdrießlich, launen⸗ haft, die neue Zeis wirthſchaftet anders; Du haſt ein Bei⸗ ſpiel an der Brauerei; wo ſonſt das bewegliche Korn wogte, ſteht unbeweglich das ſteinerne Haus. Noch vieles An⸗ dere wird Dein guter Georg einrichten, denn er muß mit Moriz Horn; Der Freiſchulze. 13 194 der Zeit fortgehen, ſonſt geht ihm die Zeit allein fort. Du ſelbſt willſt in Deinem Hausweſen allein regieren, wir Schwiegermütter, wären wir auch die beſten, haben unſere Eigenheiten, hängen an unſeren Gewohnheiten und wollen nicht gern das Hausſcepter in andere Hände geben, und wenn ſie ſo geſchickt ſind, wie die Deinigen. Zudem, ich geſtehe es Dir offen, ſehne ich mich, die letzten Tage in dem Hauſe zu beſchließen, in dem mein erſter begann. Ich denke oft, das alte Haus, welches bisher ſo einſam und verlaſſen mitten unter den andern von frohen Menſchen bewohnten ſtand, wird ſich freuen, wenn wir wiederkom⸗ men und gaſtlich ſeine Thüren öffnen.“ Der Tag des Umzugs kam; die Habſeligkeiten waren vorausgeſendet worden, darunter auch das alte Clavier. „Ihr ſollt ein neues aus der Stadt haben,“ hatte der Freiſchulze geſagt, als das Inſtrument zu oberſt auf den Wagen gebunden wurde. Das kleine Erbwägel, welches die Eltern nach Holz⸗ hauſen bringen ſollte, ſtand, mit dem ſchönſten Pferde aus Georgs Ställen beſpannt, vor der Thür. So ſtandhaft die vier von einander ſcheidenden Men⸗ ſchen auch ſein wollten, die Rührung übermannte ſie doch, und Thränen traten an die Stelle der Worte. Mit welchem Namen möchte man das Gefühl be⸗ zeichnen, welches die beiden alten Leute überkam, als ſie in Holzhauſen die Seeber'ſche Beſitzung bezogen? 2195 Die Freiſchulze ſah die roſige Mädchenzeit auferſtehen und die einſt ſo glücklich genoſſenen Jahre an ſich vorüber⸗ ziehen; der Freiſchulze ſuchte ſich in der Stille jenes Plätz⸗ chen auf, wo er Magdalenens Jawort erhalten. Nach und nach ebbete die Fluth der Gefühle, jener Zuſtand trat ein, in deſſen Geleite die Behaglichkeit eines ausruhenden Lebens iſt. Wie ſonſt der Thierarzt Seeber, pflegte der Freiſchulze des Abends in das alte Canape ſich zu ſetzen und Mag⸗ dalene verſuchte, freilich mit etwas unbeholfenen Fingern, wie ehedem die Stückchen auf dem Clavier, die ſie einſt dem Vater vorgeſpielt hatte. Daß die liebe Erinnerung anfangs ihren Tribut an ſtillen Thränen verlangte, wer wollte es nicht glauben? Wie man verabredet hatte, erfolgten die Beſuche zwi⸗ ſchen Tannengrün und Holzhauſen regelmäßig und hie wie dort freute man ſich auf die Stunde der Ankunft lieber Menſchen. Der Freiſchulze mit ſeiner Frau und umgekehrt Georg mit Gertrud pflegten die Kommenden ſchon an der Gemarkung der beiden Ortſchaften zu erwarten. Die Unterhaltung war lange nicht erſchöpft, wenn die Uhr in Tannengrün oder in Holzhauſen zur Heimkehr mahnte und ſo beſtand denn ungeachtet der Entfernung und Trennung der beiden Familien das alte Familienleben fort. Für Chriſtian ſchien der Vorfall am Tage des Frei⸗ ſchießens eine völlige Theilnahmloſigkeit herbeigeführt zu 13 196 haben; von dem Umzug der Eltern ſchien er kaum gehört zu haben, eben ſo wenig für ihn das Brauhaus entſtanden zu ſein; den ganzen Tag pflegte er im Freien zu verbrin⸗ gen und den Augenblick abzupaſſen, unbemerkt auf ſein Zimmer zurückkehren zu können. Er dankte nicht, wenn man ihn grüßte, er hörte nicht, wenn man ihn anſprach, was Wunder, daß erſt in der Stille, dann ungeſcheut das Gerücht ſich verbreitete, ſein Geiſt habe ſeit dem Auftritt mit dem Vater und haupt⸗ ſächlich durch die Abſetzung vom Amte gelitten. Das Haus Wenzels hatte er von jenem Tage an nicht wieder betreten.— Als Georg mit ſeiner Gertrud einſt den gewöhnlichen Beſuch zu den Eltern unternahm,— es war einer jener melancholiſchen Tage im todten Herbſte, welchen wir in den das Capitel einleitenden Worten zu ſchildern verſuchten, wo die Wehmuth herrſcht und die Ahnung des Todes über das dürre raſchelnde Laub uns nachſchleicht— trafen ſie die Mutter allein an der Gränzſcheide der nachbarlichen Orte. „Wie gut, meine lieben Kinder, daß Ihr kommt, ſchon ſtand ich im Begriff einen Boten zu ſchicken.“ Hatte die jungen Leute es ſchon befremdet, nur die Mutter begrüßen zu dürfen, ſo mehrte deren Anrede ihre Beſorgniß nicht wenig. „Was iſt geſchehen?“ fragten Beide gleichzeitig. 197 „Ach,“ fuhr jene fort,„ich habe eine rechte Angſt⸗ ſtunde verleben müſſen, den guten Vater erfaßte plötzlich ein Schwindel, woran er niemals gelitten; jetzt iſt ihm zwar wohler und er lächelt über meine Angſt, aber gewiß nur, um mich zu beruhigen, ausdrücklich bat er mich, Euch entgegen zu gehen. Ich habe unter Herzklopfen mit zittern⸗ den Beinen den Weg bis hieher zurückgelegt, nun aber wollen wir ſchnell gehen, ich werde nicht eher ruhig, als bis ich wieder bei ihm daheim bin.“ „Die Mutter hat in ihrer liebenden Aengſtlichkeit übertrieben,“ antwortete der Freiſchulze, als die Kinder beſorglich nach ſeinem Befinden fragten,„der kleine An⸗ fall iſt eine Folge des Alters und hat nichts zu bedeuten.“ Beim Abſchied bat er Georg, ohne daß es die Frauen hören konnten, er möge doch dem alten Cantor ſagen, daß er morgen im Laufe des Tages zu ihm herüber komme. „Geſtatten ihm ſeine Jahre den Weg zu Fuß nicht,“ fügte er hinzu,„ſo haſt Du ja Pferde genug im Stall.“ Am Vormittag des nächſten Tages bei Zeiten brachte Georgs ſchnelles Gefährt den alten Freund nach Holz⸗ hauſen. Der Freiſchulze war ungemein ernſt, er ging nach⸗ denklich mit großen Schritten auf und ab und blieb endlich vor einem Schrank ſtehen, aus deſſen Fächern einem er ein Papier nahm. „Mein alter, in Leid und Freud treu befundener 198 Freund, nicht geſtern erſt, nein ſchon früher haben mich Anfälle heimgeſucht, die mir wie eine Mahnung vorkommen, mich bereit zu halten zur Reiſe in die Heimath; deshalb bin ich mit mir zu Rathe gegangen und habe meinen letzten Willen aufgeſetzt. Es liegt mir daran, damit ſpäter ein Zeuge vorhandeu ſei, Dir zu ſagen, wie ich der Mutter es bereits geſagt, daß ich Georg zu meinem Erben ein⸗, dagegen meinem erſten Sohne eine anſtändige Leibrente ausgeſetzt habe.“ „Mein lieber Freund,“ nahm der Cantor das Wort, „iſt es mir ver gunm⸗ meine Meinung auszuſprechen?“ „Ich bitte darum.“ „Ich ſo gut, wie Jedermann in unſerem Dorfe weiß, daß, ſo danſe Tannengrün ſteht, und es dort einen Frei⸗ ſchulzen gegeben hat, ſtets der erſte Suhn dem Vater in dieſer Würde folgte, wende mir nicht ein, daß es nie anders habe geſchehen können, weil der ſedsnalſgs Freiſchulze nur einen Sohn gehabt habe, gleichſam als ob der Himmel den jetzt vorliegenden Fall ſo weit als möglich habe verſchieben wollen. Es iſt alſo dieſe Folge in Gut und Würde ein Jahrhunderte hindurch ſanctionirter Gebrauch. Zudem iſt Chriſtian, zum großen Theil wohl durch ſeine Schuld, d geworden, welcher er leider iſt. Willſt Du ihm den Scharerz zufügen, daß ſein jüngerer Bruder Freiſchulze wird? ich meine, das thue iht i und dShner es viell leicht bringe die Zukunft.“. 199 „Cantor,“ erwiederte der Freiſchulze,„was Du mir da ſagſt, hat einen Schein der Wahrheit und iſt bereits von mir in manchen ſchlafloſen Nächten hin und wieder erwogen worden, allein wie ich jetzt zu Dir ſpreche, habe ich zu mir Folgendes geſagt: Es war der Stolz der Freiſchulzen von Tannengrün, wie wir in allen alten Urkunden finden, ſo weit ſie hinauf in die graue Vorzeit reichen, daß ihre Beſitzung als eine Muſter⸗ wirthſchaft für das ganze Dorf daſtand, eben ſo ihr Stolz, ſelbſt ſammt Weib und Kind ein Vorbild dem Orte zu ſein, untadelig war ihr Ruf, und hochgeehrt ſaßen ſie zu Gericht in allen Zeitläufen; unbeugſam waren ſie in ihrem Willen, wenn es galt das Gute zu fördern, und die Sünde, des Menſchen Erbfeind, zu bekämpfen. Eine Muſterwirthſchaft habe ich geführt, ein Vorbild bin ich geweſen. Georg iſt in meine Fußtapfen getreten, Chriſtian dagegen— ich habe nichts dawider gehabt, daß er nie mit ſich ernſtlich ſich berathen hat, welches Lebensziel für ihn erreichbar ſei— wende mir nicht ein, daß ihm ſeine Verhältniſſe in Wege geſtanden; man nimmt fremde Hilfe gern in Anſpruch, reicht eigene Kraft nicht aus— Chri⸗ ſtian iſt Angeſichts des Dorfes beſchimpft worden. Sieh, Cantor, hätte ich keinen Sohn weiter, jetzt träte der Fall ein, daß das Freiſchulzengut von dem alten Stamme He⸗ bart ſich lostrennte und in fremde Hände käme. Alſo keine 200 Einwendung mehr, es bleibt bei dem Entſchluſſe, ſo wahr mich der Herr einſt zu ſeiner Rechten ſtellen möge.“— Als am drittfolgenden Tage in Tannengrün die üb⸗ liche monatliche Gerichtsſitzung gehalten wurde, ſah man den Freiſchulzen feierlich gekleidet— er meinte, bei wich⸗ tigen Dingen, die den inneren Menſchen angingen, müſſe auch der äußere anders erſcheinen, und was ſei wichtiger, als die Hinterlegung ſeines letzten Willens?— von Holzhauſen hinüber nach Tannengrün ſchreiten, das Teſta⸗ ment in der Taſche. Unterwegs begegnete ihm Wenzel. „Eine üble Begegnung,“ ſagte der Freiſchulze bei ſich, Jenes Grüßen erwiedernd. Wenzel aber blieb ſtehen, ſah ihm nach und mur⸗ melte vor ſich hin: Ich müßte mich ſehr täuſchen, aber die Taſche des geſtrengen Herrn verbirgt etwas, was den abgeſetzten Vice⸗ richter ſehr nahe angeht und gewiſſermaßen auch mich. Ich werde meine Maßregeln darnach nehmen.“ Um elf Uhr desſelben Vormittags legte der Gerichts⸗ halter das übergebene Teſtament des Freiſchulzen Chri⸗ ſtian Andreas Hebart in das Archiv nieder. Neuntes Capitel. Der nächtliche Beſuch. „Nur ein ſchwacher Menſch kann aus einem ernſten Conflicte hervorgehen, ohne Schmerzen zu bereiten und zu empfangen.“ Chriſtian's Natur vermochte das nicht; er hatte Schmerzen bereitet, aber diejenigen, welche er ſelbſt erlitt, waren größer, mächtiger als jene, die durch ihn die Eltern, der Bruder empfangen hatten. Die Eltern überblickten auf ihrem Ruheſitz in Holz⸗ hauſen, dem ſtillen Aſyl ihres Alters, auf einen langen, ſegensreichen Weg zuruͤck; in dem belebenden Gedanken, getreu gewirkt, redlich das Ihrige gethan zu haben, be⸗ trauerten ſie den Irrgang ihres älteren Sohnes und wünſch⸗ ten ſeine Umkehr, dem Himmel die Leitung des Einſamen anheimgebend; Georg, glücklich im Beſitz ſeines Weibes, 202 hielt mit dieſem an der Hoffnung feſt, ihrer fortgeſetzten Liebe und Freundlichkeit werde der Sieg über die böſen Geiſter, in deren Schlingen der Bruder ſchmachte, doch noch gelingen, es gälte nur die Augen offen zu halten, um keinen, wenn auch kleinen Anlaß zu überſehen, der den Weg an und in das verſchloſſene Herz Chriſtians bahne.— Wen aber hatte dieſer zur Seite? Liebe nicht, nicht Hoff⸗ nung, keinen Freund im Wirrſal ſich gegenſeitig bekäm⸗ pfender Gedanken, der ihm heilſame Arzenei reichte gegen das um ſich freſſende Uebel in der Bruſt— gegen den Haß. Dann und wann nur erſchien ein ſonniges Streif⸗ licht durch das nächtige Gewölke hin, es war die Erinne⸗ rung an ſeine Kindheit, wo ſein Geiſt in das Leben einer bunten Märchenwelt verſenkt, glücklich war, dann hatte das brennende Auge noch Thränen. Ach wären Georg und Gertrud mit ihrer Liebe in ſolchen Augenblicken erſchienen, anders wohl hätte ſich Chri⸗ ſtians Zukunft geſtaltet, denn beherrſcht von der Macht jener Erinnerungen zog es ihn nach der Thür, ſeine Hand luac dem Griff, es rief ihm zu: mache Dich auf zu Denen, die Dich lieben, wirf Dich an Ihre Bruſt, laß Dich von Ihren Armen umſchlingen und trinke den erquickenden Strahl ihrer frenndlichen Augen! Da plötzlich grollte es wie unter ſeinen F Füßen, d der Boden ſpaltete ſich, und vor ihm herauf ſtes eine finſtere verhüllte Geſtalt, die ihm das Wort:„Abgeſetzt!“ entgegenrief; die lieblichen Genien 203 des Lebens flohen vor der Nachterſcheinung, tief, irdiſchen Händen nicht mehr erreichbar, verſank der Traum an glück⸗ liche Tage der Zukunft. Ein an ſich kleines Ereigniß jüngſter Zeit ſollte bei⸗ tragen, Chriſtians Mißtrauen zu mehren. Wir erinnern uns ſeiner Gänge nach der rothen Föhre und wie er es liebte, unter dem einſiedleriſchen Baume auf der Blöße nahe am Hexenteich zu verweilen. Eines Morgens, es war der letzte ſchimmernde im Spätſommer geweſen, lag Chriſtian hingeſtreckt unter dem Lieblingsbaume, neben ſich ein einfaches Frühſtück, hinter ſich eine kleine Flinte, die er auf ſeinen Streifereien durch Wald und Feld ſtets mit ſich führte. Aus den Träumen, denen er nachhing, ſtörte ihn ein Raſcheln in den Wachholdergeſträuchen, die nicht allzufern ſeiner La⸗ gerſtätte ſtanden. Er griff nach dem Gewehr und lauſchte in knieender Stellung. Das Geräuſch ließ ſich näher hören, Chriſtian ſchlug an, ſetzte aber eben ſo ſchnell ab, denn aus dem Geſtrüpp trat ein kleiner Hund hervor, abgezehrt und mager, eine Geſtalt zum Erbarmen. Sobald er einen Menſchen wahr⸗ nahm, ſetzte er ſich auf die Hinterbeine und bewegte wie bittend die vordern auf und ab. „Komm näher, armer Freund!“ Wedelnd gehorchte das Thier und ſaß jetzt wieder aufwartend da. 204 „Laß nur deine Künſte, du haſt Hunger, da ſtille ihn.“ Gierig verſchlang das arme Thier das ihm gereichte Brod, dann, als wollte er ſeinen Dank bezeigen, gab er abwechſelnd die Pfoten und tanzte zuletzt vor Chriſtian herum. Ddieſer zog den Hund liebkoſend zu ſich ins Gras. „Schön biſt du nicht, und das mag der Grund ſein, warum man dich hinausgeſtoßen hat in die Wildniß, preisgegeben dem Hunger und dem Elend. Ja, darüber darfſt du dich nicht beklagen, das pflegt in der Welt ſo zu geſchehen; wer nicht verſteht ſich einzuſchmeicheln, der bleibt unbeachtet, wenn nicht verachtet. Es wundert mich, daß du mich gefunden haſt. Wir bleiben zuſammen.“ Es war als ob das kluge Thier den Sinn der zu ihm geſprochenen Worte verſtanden hätte; anfangs ſah es traurig vor ſich hin, am Schluſſe aber ſprang es auf, und umkreiſte Chriſtian mit freudigem Bellen. Dieſer Hund, ſeit jenem Tage der unzertrennliche Begleiter ſeines Wohlthäters, war heute gegen Abend, — vierzehn Tage etwa ſind ſeit der Hinterlegung des Teſtamentes vergangen— durch einen unglücklichen Zufall auf dem Wirthſchaftshof tödtlich verwundet worden und zu Chriſtians Füßen mit einem Blick geſtorben, der ſagen wollte: ich danke Dir, daß Du Dich meiner ſo treu an⸗ genommen haſt. 205 Die kleine Leiche lag auf einem Stuhl und Chriſtian ſaß das Haupt in die Hand geſtützt an dem Tiſche. „Ich Thor, wie konnte ich nur denken, eine Freude lange zu haben! auch dieſe Freude, ein verſtoßener Hund war mir nicht beſchieden!“ Unbeweglich blieb Chriſtian ſitzen, ſeinen Geiſt be⸗ ſtürmten unſelige Gedanken, das ganze Leben in dieſem Gute ſtieg vor ihm auf, emſig ſammelte erdie kleinſten Vor⸗ fälle, um ſeinem finſteren Brüten neue Nahrung zu geben; jedes freundliche Entgegenkommen hielt er für Falſchheit, jede That der Liebe für Verſtellung. Das Glück des Bruders, der Auftritt im Brautzelt, ſeine ſchimpfliche Ent⸗ laſſung, ſeine ganze Stellung im Hauſe wie im Dorfe, Alles trug dazu bei, ſeine Seele zu verfinſtern. „Und warum,“ rief er aus,„ſehe ich denn ruhig zu? warum ertrage ich länger die Zurückſetzung, warum lege ich müſſig die Hände in den Schooß, ſtatt ſie zu gebrauchen, wozu ſie geſchaffen ſind, zum Handeln? Steht dem Vater überhaupt zu, auf den jüngeren Sohn die Rechte des älteren zu übertragen, darf Jener willkürlich Feld veräußern, um ſeinem Steckenpferd einen Stall, die Brauerei zu erbauen, ſteht dem Allen nicht das uralte Herkommen dieſes Freiſchulzengutes, wie ich es in alten Pergamenten geleſen habe, entgegen? Ich werde morgen einen Anwalt mir ſuchen, man ſoll ſehen, 266 daß ich anfange mich zu regen. Müſſiggang i aller Laſter Aufang. 5 In dem Schluſſe ſeines Sel lbſtgeſpräches ln ein wilder Holhn und das Mant: Laſter, erhielt eine unge⸗ wöhnliche Betonung. Das Feuer, welches des kühlen Abends wegen im Ofen angezündet worden war, kniſterte wie im Erlöſchen, das Innere erleuchtete der Mond, der wie immer freundlich durch die Fenſter ſchien, ein orüiberſunſend er Wind klirrte mit einer im Rahmen locker gewordenen Scheibe und manchmal flog ein aufgewirbeltes dürres Blatt raſchelnd an das Glas. „War das nicht ein bekannter Ton?“ fuhr Ehriſtian fragend von ſeinem Stuhl auf, als ſich unter ſeinem Fenſter ein leiſes Pfeifen hören ließ. Er öffnete den Flügel und ſah hinunter. Eine Geſtalt im Mantel bewegte ſich auf dem ſchmalen Nand des uns bekannten Steinbruchs. „Ihr ſeid's, Wenzel?“ „Gewiß, doch redet leiſe, Mauern und Wände haben ſprichwörtlich Ohren, ich komme hinan, paßt auf und fangt.“ Im Augenblicke flog der niennengewictet Knäuel einer Strickleiter empor, Chriſtian fing die Endtheile und befeſtigte ſie am Fenſterkreuz. Mit der Behendigkeit einer Katze ſtieg der alte Jäger ein. „Was ſucht Ihr bei mir? Hier iſt nichts zu holen, 207 Ihr müßtet denn mich ſelbſt holen wollen,“ redete ihn Chriſtian an. „Wer kann das wiſſen, mein lieber Herr Vicerichter; zuvörderſt aber einen guten Abend. Die Strickleiter werden wir einſtweilen heraufziehen.“ Es geſchah, Wenzel fuhr fort. „Es ſcheint, Ihr habt Euch jetzt auf's Sparſyſtem eingerichtet, keine Lampe leuchtet, und hätte nicht der Mond die Gefälligkeit, Eure Stube zu erhellen, ſo genöſſe man eine Art egyptiſcher Finſterniß; thut mir den Gefallen, und brennt den Docht an, oder laßt mich's thun.“ Ehe Chriſtian etwas erwiedern konnte, hatte Wenzel die Flamme entzündet, zufällig ſtieß er dabei an den Stuhe, auf dem der todte Hund lag, der Körper fiel auf die Diele. „Was iſt denn das? Chriſtian, Euer Hund— hat ſich auch, wie es ſcheint, aus dem Staube dieſer Erde ge⸗ macht, oder wird dieſen in kurzer Zeit vielmehr vergrößern. Warum habt Ihr den Cadaver hier behalten? wollt Ihr etwa Anatomie ſtudiren, um wohlbeſtallter Thierarzt zu werden, wie Euer Großvater ſeliger, mütterlicher Seits, der ehrſame Seeber drüben in Holzhauſen, da es mit dem Vicerichter rund und nett aus iſt? Hel wollt Ihr?“ „Wenzel!“ rief zähneknirrſchend Chriſtian, indem er das alte Reiterſchwert von der Wand riß, nich habe Euch ſchon ein Mal geſagt, daß ich keinen Spott verſtehe, hütet Euch, daß ich Euch damit den Schädel nicht einſchlage.“ 208 „Beſter Mann, legt nur das Ding da ruhig bei Seite, dergleichen iſt für unſere Generation zu ſchwer, auch kenne ich Furcht eben ſo wenig, als ich Euch beſuchen will, um hier ein ſeliges Ende von Euerer gewaltigen Hand zu finden, alſo hängt das roſtige Ahnenſchwert nur wieder an ſeinen Nagel und erlaubt, daß ich Euch den Zweck meines Kommens auseinanderſetze, recht überſichtlich, wie ein pe⸗ dantiſcher Kirchvater die Belege der Rechnung vor dem noch pedantiſcheren Patron vorblättert.“ Zunächſt gebe ich Euch den Grund an, warum ich den ungewöhnlichen Weg genommen. Anfangs war ich entſchloſſen, wie jeder ehrliche Chriſtenmenſch durch das Thor über den Hof zu Euch zu gehen, bald aber gab ich dieſen Gedanken als unpractiſch auf, weil ich nicht ſicher war, Euerem Herrn Bruder zu begegnen, was durchaus nicht geſchehen darf. Ich reiſte alſo vermittelſt der Strick⸗ leiter incognito durch dieſes Fenſter, ſo bin ich gewiß, daß mich Niemand bemerkt hat, welches von Nöthen iſt. Nun zum Zweiten, ehe ich weiter ſpreche, eine Frage. Warum habt Ihr Euch ſo lange nicht bei mir ſehen laſſen? Nach jenem Hochzeitsfeſte lauerte ich alle Tage auf Euch, Herr Chriſtian. Seid wohl durch die Aeußerung Eueres Herrn Vaters, der in ſeiner Weisheit an mir Himmelszeichen geſehen haben will, oder durch ſeinen chriſtlichen Wunſch, Euch möge mein Erſcheinen Unglück bringen, irre geworden?“ 209 „Ich habe keinen Grund anzugeben,“ antwortete finſter Chriſtian. „Das iſt etwas Anderes. Launen ohne jede Unterlage gehen als Mißſtimmungen des Nervengeflechtes bald vor⸗ über. Es iſt mir eben recht angenehm zu hören, daß keine tiefere Urſache Eueres Außenbleibens von meinem Hauſe verließ, weil mich der Weg ſicher dann nicht reut, oder iſt Euch mein Erſcheinen in Eueren vier Pfählen dennoch unangenehm! ſagt's, und ich gehe.“ Chriſtian verneinte. „Das iſt mir lieb. Ich bin auch wirklich der feſten Ueberzeugung, daß es ganz gut iſt, wenn wir einmüthiglich handeln.“ „Ich ſagte Euch,“ fuhr Wenzel fort, und rückte ſei⸗ nen Stuhl näher an Chriſtians Sitz,„an jenem unvergeß⸗ lichen Schieß⸗ und Brautfeſt, daß ich eine Entdeckung ge⸗ macht. Ihr hattet wohl meine Mittheilung vergeſſen?“ „Nein, aber ich war nicht begierig darnach,“ ent⸗ gegnete Chriſtian. 3 „Gewiſſermaßen,“ verſetzte Jener,„hat Euch ein richtiger Inſtinct geleitet, die Entdeckung war auch mehr für mich von Intereſſe. Wißt Ihr, wer Gertrud iſt?“ „Meines Bruders Weib.“ „Ganz recht, ich frage, ob Ihr wißt, woher ſie ſtammt?“ „Nein, ſie iſt, wie ich gehört zu haben mich erinnere, Moriz Horn; Der Freiſchulze. 14 210 eine weitläufige Verwandte von uns, wie? das weiß ich nicht, habe auch nie darüber Erkundigung eingezogen, weil es mir ganz gleichgültig iſt.“ „Wißt Ihr, mein werther Herr Vicerichter—“ „Wenzel, ich unterſage Euch den ferneren Gebrauch dieſes Titels, ich bin nicht mehr Vicerichter.“ „Verzeiht, man gewöhnt ſich ſchwer an die Ab⸗ ſetzung.“ „Wenzel? geht Ihr darauf aus, mich zu erzürnen?“ „Bei Leibe nein. Laßt mich fortfahren. Wißt Ihr, daß wir durch die Heirath des Herrn Georg mit Gertrud Verwandte geworden ſind?“ „Wir?“ „Ja Chriſtian, wir Beide, denn Gertrud iſt die Tochter jenes treuloſen Weibes, deſſen Verrath mein Blut vergiftet hat.“ „Was ſagt Ihr da?“ „Die Wahrheit.“ „Und womit wollt Ihr Euere Behauptung beweiſen?“ „Meine Augen ſind ſcharf wie die des Falken, Chri⸗ ſtian, und ſchnell beweglich wie die eines Raubvogels. Gertrud trägt das Kreuz auf der Bruſt, das ich ihrer Mutter einſt geſchenkt. Unter Tauſenden fände ich dieſen kleinen Schmuckgegenſtand heraus, den ich einſt unter ſüßen Küſſen um ihren Nacken hing. Wie ſchön war er, dieſer Nacken. 211 7 Wenzel ſah vor ſich nieder, ein reizendes Bild aus der Vergangenheit tauchte vor ſeiner Seele auf und er⸗ füllte ſie noch einmal mit der ſeligen Freude einer Liebes⸗ Erinnerung. „Hinweg!“ rief er,„hinweg mit dieſen Tändeleien. Genug am Kreuze erkannte ich ſie wieder. Nun habe ich auch den Schlüſſel, warum Euer Vater an mich ſeine Zu⸗ neigung eben nicht verſchwendet; ihm iſt zweifelsohne meine ganze Liebesgeſchichte bekannt und meine Art zu handeln erſcheint in ſeinen Augen ſtrafbar. Es freut mich aber, ich muß es wiederholen, unge⸗ mein, daß ſich der Zufall, ſeiner Gewohnheit nach, wieder einmal ganz unberufen in menſchliche Verhältniſſe gemengt hat und mich gewiſſermaßen verpflichtet, an den Schickſa⸗ len Euerer Familie, vorzugsweiſe an Euerem Theil zu nehmen. Nun habe ich aber auch außer jener Entdeckung noch eine zweite gemacht, die Euch ſchon näher angeht.“ „Mich! Wenzel?“ „Ja, auch. Euer Vater hat ſein Teſtament bei Ge⸗ richt niedergelegt.“ „Mein Vater? ſein Teſtament? Woher wißt Ihr das?“ Wenzel erzählte nun, wie er vor ungefähr vierzehn Tagen dem Freiſchulzen in feierlicher Kleidung begegnet ſei und fuhr fort: 14* 212 „Das Papier, deſſen Rand aus der Taſche ſeines Rockes guckte, das, Chriſtian, war das Teſtament, und daß Ihr nicht als Erbe und Nachfolger des Freiſchulzen eingeſetzt ſeid, das zu behaupten bedarf es eben keines großen Scharfſinnes, wenn man ſich der Worte Euers Vaters von damals erinnert. Es wird alſo— Euer Va⸗ ter ſteht in den Jahren, in denen ſich leicht etwas ereignen kann,— Georg als Freiſchulze proclamirt werden. Ihr erhaltet wahrſcheinlich einen ſtattlichen Auszug und könnt auch Butter, Obſt und dergleichen aus dem Hauſe und ein Kännchen Bier aus der Brauerei holen. Einer Vorge⸗ ſchmack dieſer ruhigen Zeit habt Ihr jetzt ſchon, dünkt mich.“ „Wenzel! das ertrage ich nicht. Ich muß Freiſchulze werden und heißen, auf mich muß das Gut forterben oder ich „Nun? warum ſtockt der Anlauf Eurer ſchwunghaft begonnenen Rede? „Meine Rede ſtockt nicht, Ihr habt ſie unterbrochen, oder ich bin im Stande ein Verbrechen zu begehen.“ „Ei, ei, mein liebſter Freund, wo denkt Ihr hin, nein, nein, dahin braucht es nicht zu kommen. Jetzt vor allen Dingen lebt der gute Papa noch und ſein letzter Wille iſt eben keiner, ſo lange der Tod ihn nicht zur Geltung bringt. Den Zeitpunkt wollen wir abwarten, ich aber meine, es wird gut ſein, wenn ich mein Steckenpferdchen aus der Ecke vorhole, Ihr kennt es ja, indeß ſind mir meine Vor⸗ 213 ſchriften zum Copiren langweilig geworden, der Menſch muß fort und fort Abwechſelung ſich bereiten, habt Ihr nicht Etwas zum Nachmalen mit der Feder? ſeid Ihr nicht im Beſitz einer Handſchrift, irgend welcher, vielleicht Eures Vaters?“ „Nein.“ „Wäre denn im ganzen Hauſe kein Pröbchen aufzu⸗ treiben?“ „O ja, aber es iſt ſpät.“ „Die Stunde iſt gleichgültig, die Hauptfrage bleibt, ob wir unvermerkt, ohne Aufſehen zu erregen, in den Beſitz des Gewünſchten gelangen können. Wenn mich mein Ohr nicht trügt, liegt das ganze Haus im Schlaf, und bin ich recht berichtet, unter Eurer Stube die ehemals ſogenannte richterliche. Dort, ſollte ich meinen, finden wir, was wir brauchen. Können wir dahin nicht, ohne Aufſehen zu erre⸗ gen, gelangen?“ „Gewiß, die Tapetenthüre dort führt dahin, und in dem Zimmer unter mir, hängt noch eine Art landwirth⸗ ſchaftliches Tagebuch, welches der Vater geführt hat.“ „Charmant, ſo laßt uns eilen.“ „Ich hole das Buch nicht,“ ſagte Chriſtian. „Dann gehe ich allein, gebt mir an, wo es hängt.“ „Hinter dem Schrank.“ „Dann ſeid ſo gut und leuchtet mir von der Thür aus die Treppe hinunter, ſie iſt von Holz und ein ſtolpern⸗ 214 der Schritt, namentlich zur Nachtzeit, macht einen unan⸗ genehmen Lärm und den muß man im Leben vermeiden; es kommt Alles darauf an, daß man ſicher aber leiſe auf⸗ tritt. Unten im Zimmer brauche ich den wohlmeinenden Schein der gutmüthigen Hauslampe nicht, dorthin ſcheint der Mond. Nun aber leuchtet!“ Chriſtian trat mit dem Licht in die Tapetenthür wie ein Schatten, kaum hörbar glitt Wenzel die Stiege hin⸗ unter, eben ſo leiſe gehend erſchien er nach kurzer Zeit wieder. „Iſt's das rechte?“ fragte er Chriſtian, das Heft zeigend. „Es iſt's,“ antwortete dieſer ſich ſchüttelnd, als legte der Schatten ſeines Vaters die Hand auf ſeine Schulter und ſagte:„Nicht weiter!“ Wenzel entging die Erregung nicht. „Habt Ihr einFieber?“ fragte er,„ſo geht eiligſt zu Bett, ich bin auch müde und will Euch nicht länger in⸗ commodiren, gute Nacht.“. Der alte Jäger ſtieg die Strickleiter hinunter und Chriſtian warf ſie ihm nach. „Ich bin,“ ſagte Wenzel, den Weg nach ſeinem Hauſe einſchlagend,„doch recht zufrieden mit meinem nächtlichen Beſuch.“ Zehntes Capitel. Der Heimgang. Die letzten Blätter hatte der ſcharfe Nordwind, der Vorläufer der winterlichen Zeit, von den Bäumen geweht nur die rothen Fruchtbüſchel des Vogelbeerbaumes luden die wandernde Droſſel zur kurzen Raſt und zur Mahlzeit ein. Reif lag früh über den Wieſen, und was etwa noch Luſt zeigen wollte zu blühen, erſtickte dieſer kalte Schleier. Des Jahres Heimgang war gekommen. Eines Morgens,— ein leichter Schnee flatterte durch die Luft,— der erſte des Jahres— hielt ein rei⸗ tender Bote vor dem Wohnhaus des Freiſchulzengutes ſprach mit Georg flüchtige Worte und jagte durchs Thor hinaus nach der Stadt. Kurz darauf fuhr Georg mit ſeinem Weibe im ſchar⸗ ſten Trabe hinüber nach Holzhauſen, während Boten nach 216 Chriſtian ausgeſendet wurden, der ſeine Gewohnheit, im Freien umherzugehen, ſelbſt in dieſen weniger freundlichen Tagen beibehalten hatte.. Auch dort, in Holzhauſen, bereitete ſich ein Heim⸗ gang vor. Der Freiſchulze ſaß in Lehnſtuhl, zur einen Seite ſtand der Cantor, zur anderen Frau Magdalene. „Um Gotteswillen, Vater, was iſt Dir?“ riefen Georg und Gertrud, und ſanken, ſeine Hände mit Küſſen und Thränen bedeckend, vor ihm auf's Knie. „Steht auf!“ ſagte der Erkrankte, ich will es ha⸗ ben, ſeid meine guten und verſtändigen Kinder und ver⸗ bittert mir nicht den ſchönen Heimgang durch Klagen, ſeht den Cantor und Euere Mutter an, ſie ſind gefaßt. Ich feiere heut' meinen Geburtstag, ſo ſollte man ſagen und nicht anders, wenn dem Menſchen die letzte Stunde kommt. Früher noch als das heimgehende Jahr ſtehe ich wieder auf. Wenige Augenblicke auf Erden, ich fühl' es, ſind nur noch mein und dieſe will ich benutzen, Euch, Ihr treuen guten Menſchen, für Euere Liebe zu danken; Gott ſchenke Euch Beiden, Dir, mein Sohn und Dir, meine liebe Ger⸗ trud, ein ſo langes und ſchönes Leben, als er mir gegeben. Du aber, alter Freund und Gevatter, beſter Cantor, folge mir bald nach und bringe mir meine Magdalene mit. Wie es nach meinem Tode gehalten werden ſoll, das wird Euch, liebe Kinder, mein letzter Wille kund thun, den ich unſerem Gerichtshalter übergeben habe. 217 Wenig nur habe ich noch zu beſtimmen, was ich in mein Teſtament nicht aufgenommen. Wie mein verſtorbener Vater wünſche auch ich in das alte Erbbegräbniß nicht beigeſetzt zu werden; ich will unter des Friedhofs grünen Matten ruhen, die das freundliche Jahr mit ſeinen Blu⸗ men ſchmückt. Der junge Morgen ſoll den Hügel beglänzen, in dem, was an mir irdiſch war, zur Erde wird; die milde Nacht ſoll ihn bethauen und der friedliche Sternenſchein ſoll darüber flimmern. So, mitten unter Nachbaren und guten Freunden, die vor mir den Weg gegangen, will ich ruhen, bis uns der Ruf weckt: Geht ein zu Eueres Herrn Freude! Dann kann ich die Hand meines Nachbars erlangen und ſo erſcheinen wir vor dem, der zu Gericht ſitzt und beten: Herr ſei uns gnädig und barmherzig! Nun rück meinen Stuhl an das Fenſter, damit ich noch ein Mal in die Auen hinausſchaue, durch die ich ſo oft gewandelt bin. Ach ſeht hin, da flimmern die erſten Schnee⸗ flöckchen in der Luft, wie ſich das kreuzt und haſcht. Jetzt werden ſie weniger, das Gewölk verzieht ſich, da ſeht, ſeht, wie goldig die Sonne auf mein Haupt ſchaut. Leb wohl, du ſchönes, herrliches Himmelslicht! Drüben ſehe ich Dich wieder! Lebt wohl, Alle, Alle!“ Es waren die letzten Worte, die Seele war heimge⸗ kehrt; friedliche Ruhe lag in der blaſſen Zügen des Ge⸗ ſichts. Der Cantor ſtand, die Hände gefaltet vor dem ge⸗ 218 ſchiedenen Freund und ſeine Lippen bewegten ſich, ohne daß ein Wort gehört wurde, die Uebrigen knieten weinend vor dem Entſchlafenen.— Als Chriſtian von des Vaters Heimgang die Nach⸗ richt empfing, überwältigte ihn der Schmerz; aber nur einen Augenblick, denn der Gedanke: ihn habe man nicht noch ein Mal ſehen wollen, war mächtiger als jener. Ver⸗ gebens verſicherte Georg, der ihm die Kunde von dem To⸗ desfall ſelbſt überbrachte, bei dem Andenken des theuren Verſtorbenen, daß er überallhin Boten nach dem Bruder ausgeſendet, Chriſtian hielt auch dieſe Verſicherung für eine falſche und meinte, es habe wohl ganz in ſeinem, Georgs, Sinn gelegen, als einziger Sohn am Sterbebett figuriren zu können. „Die Zeit,“ ſchloß er ſeine Rede,„wird's wohl leh⸗ ren, daß ich Recht gehabt, jetzt will ich allein ſein.“ Tief bekümmert, ohne alle Hoffnung, den einſamen finſteren Bruder der Familie wieder zu gewinnen, verließ ihn Georg, um Gertrud das Geſchehene zu berichten. „Mein liebes Weib,“ ſagte er, ich habe gethan, was ich konnte, leider ohne Erfolg. Chriſtian wird ſich uns nicht nähern, eher, ich fürchte es, mehr noch von uns entfernen; nur zu deutlich hat er mir den Vorwurf gemacht, als habe ich abſichtlich ihn nicht zum Vater rufen laſſen, weil ſeine Gegenwart mir unbequem geweſen.“— „Was will er damit ſagen?“ 219 „Daß ich mir ein Erbe vom Vater erſchleichen wollen.“ „Gott iſt unſer Zeuge, keine unedle Abſicht, kein Ge⸗ danke an irdiſchen Beſitz hat in der Sterbeſtunde des guten Vaters unſer Herz entehrt. Das Bewußtſein hebt uns über alle Vorwürfe und Verdächtigungen hinaus und giebt uns Muth, Alles zu tragen, was die Zukunft bringen kann.“ Die Aufregung, welche Chriſtian bei der Nachricht vom Tode des Vaters überkam, gepaart mit dem Gedanken, daß nunmehr der bei Gericht niedergelegte letzte Wille Kraft und Bedeutung erhalten werde, daß in kürzeſter Friſt ſein Zukunft ſich erfüllen müſſe, und daß jetzt ein erfolg⸗ reicher Abſchnitt ſeines Lebens gekommen ſei, dies Alles führte zwar keine eigentliche Krankheit, aber einen nervöſen Zuſtand herbei: welcher Chriſtian auf das Zimmer und an das Lager feſſelte, ſo daß er dem Begräbniß nicht beiwoh⸗ nen konnte.— Hat je ein Leichenzug Zeugniß abgelegt, mit welcher Liebe man an einen Verſtorbenen gehangen, ſo war es der des ſeligen Freiſchulzen. Und wie hätte es anders ſein können? Wer hatte nicht ſeinen Rath, ſeine thatſächliche Beihülfe erfahren, wer im Dorfe erinnerte ſich trüb und traurig verlebter Stunden und nicht zugleich des Frei⸗ ſchulzen, der als tröſtender von ganzem Herzen theilneh⸗ mender Freund erſchienen? Das war denn auch das Thema, welches der Pfarrer, der den Namen eines 220 Hirten in Wirklichkeit verdiente, zur Leichenpredigt wählte. Auch er hatte in einer bedrängten Zeit die Liebe und Freundlichkeit des Verſtorbenen im reichſten Maße erfah⸗ ren und ſein Herz fühlte das Bedürfniß, dies öffentlich zu bekennen.—— Die Jahreszeit, in welche dieſer Todesfall ſich ereig⸗ nete, bringt für den Landwirth Muße, Georg konnte daher die gute Mutter in Holzhauſen öfter beſuchen und länger bei ihr verweilen; Gertrud pflegte, ſobald ſie das Hausweſen anordnend beſchickt hatte, nachzukommen. So ſaßen denn die drei Verlaſſenen an den nun immer länger werdenden Abenden zuſammen und erzählten ſich von dem Heimgegangenen in liebender, dankbarer Erin⸗ nerung. Ich darf Dir, mein guter Georg,“ ſagte eines Abends die Mutter,„da in acht Tagen das Teſtament meines ſeli⸗ gen Mannes auf dem Gericht eröffnet werden ſoll, ſchon jetzt ſagen, daß der Vater Dich zu ſeinem Nachfolger einge⸗ ſetzt hat, Du wirſt alſo künftig Freiſchulze ſein und heißen; der Herr laſſe Dich ſo werden, wie er war, auf daß der alte Ruhm dem Freiſchulzengut zu Tannengrün verbleibt. Ja, ja, mein liebe Gertrud, ich war ſtolz, als Hebart vor allen reicheren und ſchöneren Mädchen mich zu ſeinem Weibe auswählte.“ „Auch ich,“ erwiederte Gertrud an den Gatten ſich ſchmiegend,„bin auf meinen Beſttz ſtolz.“ 221 „Und haſt Urſache, mein Kind,“ fügte jene hinzu. „Aber was iſt Dir, Georg, geſchehn?“ fragteſie,„Du ſtarrſt vor Dich hin und hörſt kaum unſere Rede? biſt Du krank? dann laß uns ſchnell nach dem Arzte ſchicken.“ „Nein, Mutter, ich bin nicht krank, aber, offen laß es mich bekennen, was Du mir bezüglich des Teſtamentes anvertraut haſt, bekümmert mich. War je noch eine Hoffnung vorhanden, Chriſtian unswieder zu gewinnen, ihn mit der Welt auszuſöhnen, ſo war es die, daß er als Freiſchulze von Tannengrün den jetzigen Lebensweg verlaſſen und einen andern einſchlagen würde.“ „Aber, Georg, bedenke die Wirthſchaft!“ „Nun dieſe hätte ich mit meiner Gertrud beſchickt; ich habe mir manchmal in Stunden ſtillen Nachdenkens ein ſolches Leben für möglich gedacht.“ „Was der Vater für gut hielt, führte er aus, mein Sohn, deſſen wollen wir uns erinnern und ſeinen letzten Willen ehren, denn wir ehren uns zugleich ſelbſt mit.“ Noch zwei Tage lagen zwiſchen dem Termin, an dem die Eröffnung des Hebart'ſchen Teſtamentes ſtattfinden ſollte und dem heutigen, dem Abend ſich zuneigenden Tag. Chriſtian hatte ſeit Anfang der Woche das Bett ver⸗ laſſen können, er ſaß jetzt in Lehnſtuhl am Ofen; auf dem 4 * Tiſche brannte die Lampe; vor ihr lag die Vorladung des Gerichtshalters zur Teſtamentspublication. 1 „Dieſe werde ich noch abwarten,“ ſagte er, ehe ich mir, wie mein feſtbeſchloſſener Vorſatz iſt, einen Anwalt ſuche, der meine ſchmählich mit Füßen getretenen Rechte ſchützen ſoll, denn, glaube ich auch mit Wenzel, daß ich nicht zum Nachfolger im Freiſchulzengut, allem Herkom⸗ men und Brauch zuwider eingeſetzt worden bin, ſo ſteht doch dieſe Thatſache noch nicht feſt.“ Im Augenblick klopfte es an die Thür und Wenzel trat ein. „Guten Abend, mein lieber Chriſtian, ich komme heute, wie Ihr ſeht, nicht durch's Fenſter, ſondern durch die Thür und habe den Weg bei einem Wetter gemacht, in dem man, wie das Sprüchwort ſagt, keinen Hund gern hinausjagt. Ja, ja, was thut man nicht für einen Ver⸗ wandten, namentlich wenn dieſer Verwandte ſich nicht rührt, ſondern ſtill hält, obgleich man ihm die Haut über die Ohren zieht und den Fuß hebt, um ihn in den Staub zu treten. Sagt mir, Chriſtian, warum gabt Ihr mir keine Nachricht von wegen der auf übermorgen feſtgeſetzten Te⸗ ſtamentseröffnung?“ „Ich will ſie abwarten, ehe ich entſcheidende Schritte thue.“ „Chriſtian, ſeid Ihr ein Kind? Habt Ihr, während Ihr Vicerichter waret und in jener Zeit, wo Ihr auf der 223 Canzlei des alten Gerichtshalters geſeſſen, mehr nicht ge⸗ lernt? was wolltet Ihr nach der Teſtamentseröffnung für entſcheidende Schritte thun? Wenn Ihr auf den Pflihhtheil ehrbar eingeſetzt ſeid, ſo könnt Ihr und Euer Advocat, der nichts Beſſeres thun kann und wird, als jenen Pflichttheil etwas verringern, Schritte machen, ſo lang Ihr wollt, Ihr richtet nichts aus. Und daß Ihr nicht Freiſchulze werdet, darauf leiſte ich jeden Eid; man müßte doch wahrhaftig kein Auge im Kopf und keinen Gedanken im Hirn gehabt haben, um nicht zu wiſſen, daß Ihr eigentlich ſchon lange nicht mehr zur Familie gehört.“ „Leider habt Ihr recht, Wenzel.“ „Mit Klagen und Seufzen iſt nichts ausgerichtet, die Zeit will die That ſehen.“ „Wie meint Ihr das?“ „Ich werde ſogleich deutlicher werden, zuvor aber will ich Euch noch ſagen, daß ich das, was ich für Euch gethan habe und noch thun will, ohne allen Eigennutz ausführe; eher könnte man mir Schuld geben, ein klein we⸗ nig Haß laufe dabei mit unter, ich erinnere Euch an Ger⸗ trud, das leibhaftige Ebenbild ihrer Mutter, möchte ihr gern etwas zurückzahlen. Doch nun zur Sache; kurz und bündig, das Teſtament Eures geſtrengen Vaters muß aus dem Archiv verſchwinden, und Ihr müßt mir dabei helfen.“ „So? was wird dann, wenn man es nicht findet?“ 224 „Freilich findet man einen letzten Willen und zwar dieſen hier.“ Wenzel nahm aus ſeiner Jagdtaſche ein ſorgfältig eingeſchlagenes Papier und entfaltete es vor Chriſtian. Dieſer trat entſetzt zurück, denn täuſchend war des Vaters Handſchrift nachgeahmt. „Nicht wahr,“ fuhr Wenzel fort,„ich habe die Zeit, ingleichen das geliehene Modell, das ich hiermit zurückgebe, gut benutzt und ein Teſtament errichtet, womit Ihr zu⸗ frieden ſein könnt?“ ℳ Chriſtian überlief ein eiſiger Schauer. „Nein!“ rief er aus,„nein, ich will meine Hand hier nicht im Spiel haben.“ „So! nun, wenn Ihr zum Geſpött des Dorfes herum⸗ laufen wollt, meinetwegen, denkt aber an jene Schmach am Hochzeitstage Eures Bruders!“ „Teufel, woran erinnert Ihr mich!“ „Weiter bedenkt,“ fuhr Wenzel mit kalter Ruhe fort, „daß Ihr als Freiſchulze das Recht habt, entweder den Richterdienſt ſelbſt zu verwalten— und darauf würde ich beſtehen, um dem Herrn Gerichtshalter den Schimpf zurück⸗ zugeben— oder einen Richter zu beſtellen; wollt Ihr auch hierin Eurem Brudernachſtehen? Im Uebrigen wiſſen wir ja noch nicht mit mathematiſcher Gewißheit, ob Ihr wirklich im Teſtament übergangen ſeid; iſt das nicht der Fall, nun, ſo ſchadet meine Arbeit nichts.“* 225⁵ „Er Freiſchulze! Gertrud Freiſchulzin! und ich ent⸗ weder auf den Auszug geſetzt wie ein alter gebrechlicher Mann, der das Gnadenbrod erhält, oder mit Geld abge⸗ funden!“ murmelte Chriſtian vor ſich hin.„Nein, nein! Wenzel, ich will Euch folgen. Was ſoll ich, oder ſollen wir thuen?“ „Ich wußte, daß Ihr Euch beſinnen würdet. Hört mich weiter. Das Teſtament müſſen wir an die Stelle des ungünſtigen legen; und hier bedarf ich Eurer Hilfe, wäh⸗ rend ich mir alles Nebrige vorbehalte. Sagt mir, wie iſt die Localität im grauen Hauſe beſchaffen? Ihr ſeid ja dort von früher her bekannt; iſt die Thür vom Archiv ſchwer zu öffnen? und wo liegen derartige„Willen,“ die man die letzten nennt?“ „Die Thür iſt ohne Schlüſſel durch ein anderes In⸗ ſtrument nur mit Geräuſch zu öffnen; das aber würde den Caſtellan aufmerkſam machen. Auf die zweite Frage habe ich Euch zu erwiedern, daß in einem Schranke in der Ab⸗ theilung rechts nach dem vergitterten Fenſter zu die alten wie die neuen Documente verwahrt werden; auch hierzu gehört ein Schlüſſel. Im Uebrigen werdet Ihr ſelbſt ein⸗ ſehen, daß Verletzungen, ſei es wo und wie, vermieden werden müſſen.“ „Hm!“ verſetzte Wenzel,„ſonderbar, daran hatte ich nicht gedacht.“ „Wie nun?“ fragte Chriſtian. Moriz Horn: Der Freiſchulze. 15 226 „Könnte man der Schlüſſel aus der Stube des Ca⸗ ſtellans nicht habhaft werden? ſagt, habt Ihr nicht einen ähnlichen? Halt!“ rief er plötzlich aus und ſeine Augen glänzten,„Chriſtian, Ihr wart Vicerichter, ich weiß, daß Ihr Euch oft im Archiv aufgehalten, daß Ihr dort an den alten Urkunden Wohlgefallen hattet, von denen Ihr ſagt, daß ſie der Schrank enthält, Ihr wurdet plötzlich entlaſſen—“ „Wenzel! ich will davon nichts hören!“ unterbrach ihn Chriſtian mit dem Fuße ſtampfend, daß das alte Ahnenſchwert an die Wand klirrend nafans „Chriſtian, ich hatte keine böſe Abſicht, laßt mich ausreden und antwortet mir: hattet Ihr nicht damals den Schlüſſel zum Archiv und zum Schrank?“ „Ja.“ „Habt Ihr ſie abgegeben?“ „Nein.“ „Nein!“ wiederholte Wenzel mit einem freudigen Aufſchrei,„wo ſind ſie, gebt ſie mir!“ 3 „Nehmt ſie, dort an der Wand hängen Beide.“ Wie ein Raubthier auf ſeine Beute losfährt, ſprang Wenzel nach dem bezeichneten Orte und faßte zitternd vor Haß die Schlüſſel. „Nun haben wir gewonnen. Jetzt hört mich weiter. Der alte Caſtellan, das habt Ihr mir früher einmal ver⸗ traut, ſpielt leidenſchaftlich gern auf dem Damebrett, Ihr 227 ſeid früher oft dort geweſen und habt Euch die Abende verkürzt. Ihr ſpielt heute wieder mit ihm und während der Zeit ziehe ich in meinem Archive für Euch einen Stein in's Brett. Alle Umſtände vereinigen ſich, um uns zu die⸗ nen; wir wären arge Thoren, wollten wir ſie nicht benuz⸗ zen, und nun noch eins, gewiſſermaßen zu Eurer Beruhi⸗ gung. Hat Euch Euer Vater übergangen, ſo hat er Un⸗ recht gethan, hat gefehlt gegen klare Satzung, wie Ihr ſie in den uralten Documenten geleſen, gegen durch Jahrhun⸗ derte hindurch foſtgeſetztes Familienherkommen. Wir ma⸗ chen das gut, von dem er vielleicht ſchon jetzt da drüben Rechenſchaft geben muß. Aber nun kommt, eher es zu ſpät wird und der Caſtellan zu Bett geht, die Schlüſſel habe ich.“ Chriſtian hatte bereits den Drücker der Thür in der Hand, als ihn Wenzel am Arme faßte. „Beſitzt Ihr,“ fragte er,„nicht ein kleines ſchmales Meſſer? Laßt mich auf Eurem Tiſche dort ſuchen.— Hier iſt eins, wie ich es brauche, viel beſſer als jenes, welches ich vom Hauſe mitgenommen. Nun aber, laßt uns eilen?“—— War der ganze Tag ein ſtürmiſcher geweſen, ſo war es noch mehr der Abend, ein förmlicher Schneeſturm ſuchte das Dorf heim, Finſterniß lagerte über dem verwehten Weg und nur ein mit der Oertlichkeit Vertrauter fand ſich zurecht. Endlich ſah man einen ſchwachen Lichtſchein. Er fiel aus dem Fenſter des Caſtellans im grauen Hauſe, das Chriſtian und Wenzel jetzt erreichten. 15* 228 „Wie kommt Ihr unvermerkt mit mir in's Haus? die Thür iſt verſchloſſen, beim Oeffnen müßte der Caſtellan Euch gewahren.“ 3 „Ihr geht allein, Chriſtian, ſchiebt aber den Riegel wie⸗ der auf, für das Andere laßt mich ſorgen. Nunzieht die Glocke! Dumpf und hohl ließ ſich der Ton vernehmen; man hörte das Oeffnen einer Thür, langſame Tritte kamen näher und eine Stimme von innen fragte, wer Einlaß begehre. „Ich bin's, Alter, daheim wird mir die Zeit lang, wir wollen eine Partie Dame ziehen.“ „Jawohl, Herr Chriſtian, jawohl, ich komme gleich.“ Wenzel trat in's Dunkel zurück, als der alte Be⸗ ſchließer das Haus öffnete und ein Lichtſchein auf Chri⸗ ſtian fiel. Wie ihm Wenzel geheißen, zog er den Riegel, ohne daß der Caſtellan es bemerkte, wieder zurück. In der kleinen Stube des alten Hausmeiſters verbrei⸗ tete ein ſtattlicher Ofen behagliche Wärme, aber Chriſtian empfand dieſes Behagen nicht, ſein Inneres arbeitete hef⸗ tig, ſein Ohr lauſchte, ſeine Hand zitterte. „Ei, ei, Herr Chriſtian, Ihr ſpielt heute recht zerſtreut, auf dieſe Weiſe macht Ihr mir es leicht zu gewinnen.“ „Ich bin zu ſchnell gegangen, die Anſtrengung durch den tiefen Schnee,— ich werde ſchon ruhiger werden. Spielen wir weiter.“—— 229 Während dieſes im Zimmer ſich begab, öffnete Wenzel leiſe die Hausthür, ſchlich leiſe, die kleine Blendlaterne in der Hand, unter dem Mantel nach dem Hintergrunde und leuchtete umher.— „Richtig,“ ſagte er bei ſich,„da ſteht es ja ganz leſer⸗ lich geſchrieben: Archiv! wir gingen recht.“ Den Schlüſſel leiſe im Schloß drehend trat er ein. „Hu, wie kalt und feucht iſt's in dieſem Gewölbe! unheimlich wie in einer Todtengruft. Ein ängſtlich Gemüth könnte ſich fürchten. Was mögen alle die erfahren, gelitten, welchen Kum⸗ mer, was für Sorge gehabt haben, über deren Angelegen⸗ heiten jener Haufen Acten geſchrieben worden iſt, der bis an die Decke reicht. Unter dem ſchönen Titel: von Rechts⸗ wegen iſt dasſelbe geſchehen, was ich zu thun im Begriff ſtehe, und ich habe nichts davon, keinen Vortheil, handle aus Menſchenliebe, nur um Unterdrückten zu helfen. Wen⸗ zelchen, ich ertappe Dich auf einer Lüge, ein bischen Haß iſt ſchon dabei und zwar gegen Gertrud von wegen ihrer Abſtammung. Doch zur Sache. Dort ſteht der Schrank. Nun wollen wir ſehen. In der Abtheilung rechts nach dem vergitterten Fenſter zu ſoll das Geſuchte liegen. Ich finde es nicht,— doch halt, hier iſt's, da auf dem Couvert ſteht deutlich: Hierin iſt mein letzter Wille, Chriſtian Andreas Hebart, Freiſchulze von Tannengrün. Charmant, mein beſter Herr Freiſchulze, Revanche 230 für die Kennzeichen, die vom Himmel herrührend Ihr an mir dereinſt bemerktet. 4 Das Couvert und das Siegel muß erhalten werden; mit dem kleinen Meſſer hebe ich das Siegel ab, das geht ſchnell, zumal wenn es ſo dick aufgetragen iſt, wie hier. Wie geſagt, ſo geſchehen. Bald darauf befand ſich das falſche Teſtament im Couvert und mit Lack befeſtigte Wenzel das abgehobene Siegel ſo darauf, daß man keine Spur der Veränderung wahrnehmen konnte, zumal wie der alte Jäger richtig geſchloſſen hatte, bei der Eröffnung das Couvert mit dem Siegel nur flüchtig vorgezeigt werden und Niemand einfallen würde, eine genauere Unterſuchung anzuſtellen, wozu durchaus für Andere, als ihn und Chriſtian, keine Veranlaſſung gegeben war. Das echte Teſtament ſteckte Wenzel zu ſich, verſchloß den Schrank und ſchlich über die Flur nach der Stuben⸗ thür. Dort legte er lauſchend das Ohr an. „Sie ſpielen noch,“ ſagte er,„ich glaube aber Chriſtian ſitzt wie auf Kohlen, werde ihn nun erlöſen müſſen.“ Wenzel trat aus dem Haus. Draußen vor dem Fen⸗ ſter ließ er den Ton der Pfeife gedämpft hören, nur Chri⸗ ſtian ſollte ihn vernehmen, und er nur vernahm ihn. So leiſe er war, ſo mächtig klang er in jenem wieder, wie der er⸗ ſchütternde Ton der Poſaune, der zum Gerichte ruft. 231 Chriſtian ſprang empor, ſo heftig, daß der alte Mann erſchrack.— „Um Gotteswillen,“ rief er aus, was geht mit Euch vor, Ihr ſtarrt vor Euch hin, als ſähet Ihr ein Geſpenſt. Ich bitt' Euch, ſagt, was habt Ihr vor? „Nichts, Nichts, hörtet Ihr nicht etwas?“ „Nein.“ „Es klang wie ein Pfeifen! wenn man einbrechen wollte, eingebrochen wäre in's Archiv, wenn dort wichtige Papiere geſtohlen werden! Ich muß nachſehen.“ Haſtig eilte er voraus. „Nun, ſeht Ihr etwas?“ fragte der Caſtellan Chri⸗ 5 ſtian, der durch die geöffnete Hausthür hinausblickte. „Nein, es iſt Alles ruhig, auch der Sturm hat ſich gelegt. Vergebt, daß ich Euch Schrecken verur⸗ ſacht habe, gute Nacht Alter, riegelt Euer Haus feſt zu und ſchlaft wohl.“ „Ich danke Euch, Herr Chriſtian, möge Euch der Schreck nicht ſchaden und eine geruhſame Nacht Euere Aufregung beſänftigen.“ Der Riegel ſchloß das graue Haus hinter Chriſtian. Wenzel trat zu ihm. „Es iſt Alles gut gegangen, Ihr könnt dem Publi⸗ cationstermin mit Zuverſicht entgegenſehen.“ „Wenzel, ich wollte es wäre vorüber.“ 232 „Es wird geſchehen,“ antwortete dieſer, denn Alles in der Welt iſt nur ein Uebergang. Gute Nacht!“ Wenzel verſchwand nach der Richtung des Waldes, Chriſtian kehrte in einem Zuſtand auf ſein Zimmer zurück, der ſich nicht beſchreiben läßt. 1 Am andern Morgen trat Chriſtians Aufwärterin eiligſt in die Wohnſtube Georg's und konnte kaum die Worte hervorbringen: „Ach Gott! Herr Chriſtian iſt dieſe Nacht wahn⸗ ſinnig geworden.“ Silftes Capitel. Der Tag des Gerichts. Am Tag der Teſtamenteseröffnung hatte die Krank⸗ heit Chriſtians, der zwar nicht wahnſinnig geworden, aber einem hitzigen Fieber heimgefallen war, deſſen Phantaſien ihn mit Angſt erfüllten, ihren Höhepunkt erreicht. DerKranke, der bis Früh gegen 10 Uhr regungslos mit ſtarren Blicken da⸗ gelegen, ſprang auf ein Mal empor, ſo daß die Wächter alle Kräfte anzuwenden hatten, ihn im Bett zu erhalten, ſagte, er müſſe vor der Publication noch in's Archiv, man ſolle ihm ſeine Kleider geben und das Ahnenſchwert, er müſſe es heute tragen, denn es ſtehe die Ehre der Familie auf dem Spiel; vorher wolle er mit dem Vater reden, der nicht todt ſei, ſondern ſich nur mit dem Papier vergriffen habe; überhaupt mit einem Wort möge man einzig und 234 allein ihn handeln laſſen, dann werde Alles zum Guten ſich wenden.—— Mit den Gerichtstagen in Tannengrün waren her⸗ kömmlich ſogenannte Hegerügengerichte verbunden, d. h. es konnte jedes ſelbſtändige Gemeindemitglied unaufge⸗ fordert erſcheinen und ſeine Beſchwerde anbringen oder „rügen;“ ließ es die Beſchaffenheit der Sache zu, ſo wurde ſie ſofort geordnet und die Angelegenheit gewöhnlich been⸗ det. Heute aber war die Menge nicht erſchienen, um zu „rügen,“ ſondern um der Eröffnung des Teſtaments ihres einſtigen geehrten und geliebten Freiſchulzen beizuwohnen. Es hatten ſich, wie das zu geſchehen pflegt, über den Inhalt desſelben die verſchiedenſten Gerüchte verbreitet und Jeder⸗ mann war begierig hinter die Wahrheit zu kommen. Mit der Stunde der Vorladung pünktlich trat die Wittwe, von Georg und dem greiſen Cantor geführt, in die Gerichtsſtube. Den letzteren vielbewährten Freund der Familie als Beiſtand mitbringen zu dürfen, hatte die Frau Freiſchulze vom Gerichtshalter ſich erbeten. Dieſer zeigte jetzt den Erben, indem er kürzlich den Grund erwähnte, welcher den älteren Sohn vom Erſchei⸗ nen abhalte, das verſiegelte Couvert vor, und fragte, ob ſie die Aufſchrift und das Siegel als vom Teſtator her⸗ rührend anerkennen müßten. Die Frage wurde bejaht und das Teſtament vom Gerichtshalter eröffnet und vorgeleſen. Eine tiefe Stille trat ein, als er geendet hatte. „Herr Juſtitiar,“ nahm die Wittwe zuerſt das Wort nach einer Pauſe, in der es ſchien, als müſſe die alte Frau auf etwas erſt wieder ſich beſinnen,„habe ich denn recht gehört, oder war es eine Täuſchung? in dem Teſtament iſt Chriſtian zum Nachfolger meines ſeligen Mannes ernannt.“ „So ſteht es hier deutlich zu leſen.“ „Und Georg ſoll vom Gute ziehen?“. „Auch dieſe Beſtimmung enthält ein Paragraph.“ „Dann iſt das Teſtament untergeſchoben, das echte meines Mannes geſtohlen.“ „Aber beſte Frau, wie iſt das möglich?“ „Das weiß ich nicht, aber es iſt geſchehen.“ „Warum bleibt Ihr bei dieſer Behauptung ſo zuver⸗ ſichtlich ſtehen?“ „Mein lieber Mann vertraute mir, daß er Georg zum Nachfolger im Freiſchulzengute beſtimmt habe, weil nur er im Standeſein werde, dasſelbe bei dem alten Ruhm zu erhalten.“ „Ich muß das beſtätigen,“ erlaubte ſich der Cantor zu bemerken,„denn auch mich ehrte der ſelige Herr Hebart mit ſeinem Vertrauen.“ „Bin ich,“ nahm der Gerichtshalter das Wort,„auch weit entfernt, den geringſten Zweifel an der Wahrheit des 236 mir ſoeben Mitgetheilten zu hegen, ſo bleibt doch immer die Möglichkeit nicht ausgeſchloſſen, daß Hebart ſeinen letzten Willen geändert und wer kann die Gründe wiſſen, auch davon nichts mitgetheilt hat. Indeſſen wollen wir Schritte zur Beruhigung thun. Wenn Niemand unter den Anweſen⸗ den etwas zum heutigen Hegerügengericht vorzubringen hat, wie es ſcheint, ſo ſeid Ihr entlaſſen, lieben Leute.“ Die Menge verließ die Gerichtsſtube. „Und nun,“ wandte er ſich zu den Erben,„folgt mir, um mit eigenen Augen zu ſehen, daß am Schrank, in dem das Document ſich befand, nicht die geringſte Spur einer verübten Gewalt wahrzunehmen iſt, das aber müßte ſein, wenn das Behältniß mit einem fremdartigen Inſtrument geöffnet worden wäre. Indeſſen wollen wir auch das Gut⸗ achten eines Sachverſtändigen einholen. Irre ich nicht, ſo wohnt hier in der Nähe ein Schloſſer; iſt's nicht ſo, Caſtellan?“ fragte er dieſen, welcher, einen Bund Schlüſ⸗ ſel, darunter der zum Archiv ſich befand, haltend, in ge⸗ ziemender Entfernung ſtand. „Ganz recht, Wohledler, es iſt das dritte Haus von hier.“ „So eilt, und laßt ihn ſogleich herkommen.“ Während der Zeit ließen Georg und der Cantor die Blicke überall ſuchend umherſchweifen. „Was ſchimmert denn dort hinter dem Fuße des Schrankes vor?“ fragte der Cantor. * Georg bückte ſich, den entdeckten Gegenſtand aufzu⸗ heben— es war das kleine Meſſer, womit Wenzel das Siegel abgehoben, und deſſen Verluſt er nicht bemerkt hatte— er wurde leichenblaß. „Was fehlt Euch, Georg, warum erſchreckt Ihr über dies Meſſer?“ fragte der Gerichtshalter. „Es gehört meiner Frau!“ „Wie?“ riefen die Uebrigen faſt zu gleicher Zeit, und ein plötzlicher Schrecken ſchien für den Augenblick Alle ſtumm gemacht zu machen. Der Gerichtshalter faßte ſich zuerſt. „Aber Georg beſinnt Euch! täuſcht Ihr Euch nicht? Wie ſollte Gertrud's Meſſer hieher kommen? „Ich kenne das kleine Präſent ſehr gut; ich kaufte das Trennmeſſerchen für ſie in der Stadt, als ich ſie dort abholte; hier iſt noch das Silberplättchen mit dem ein⸗ gravirten G.“ „Hm! ſonderbar!“ verſetzte der Juſtitiar, auffällig iſt, wer wollte das leugnen, das Vorfinden dieſes Meſſers an dieſem Orte und unter dieſen Umſtänden. Wollt Ihr zur Entdeckung des frechen Diebſtahls und der Fälſchung, Verbrechen, an die ich nun glaube, beitragen?“ „Gewiß, wir wollen es,“ war die a llgemeine Ant⸗ wort. „So beginne ich mit einer Bitte an Georg. Ich werde Euch heute beſuchen, um mit Gertrud unter vier 2 238 Augen zu ſprechen; bis dahin gelobt mir Verſchwiegenheit über das, was hier geſchehen iſt.“ Georg hatte kaum die Zuſicherung gegeben, als der Caſtellan mit dem Schloſſer zurückkehrte. „Hört, Meiſter Jentſch,“ redete ihn der Gerichtshalter an,„unterſucht hier das Schloß am Schranke und ſagt mir, ob Ihr irgend etwas Beſonderes, Auffälliges darau ſeht.“ „Wollen mir Euer Geſtrengen den Schlüſſel geben?“ „Hier.“ Der Schloſſer brachte den Schlüſſel in das Schloß, ſchnappte den Riegel vor und zurück, beſah das Schloß und ſagte: „Ich finde nichts daran; es würde auch Niemand mit einem anderen Inſtrument als dem dazu gefertigten Schlüſſel dieſe Art Schloß öffnen können.“ „Sol ich danke Euch für jetzt— Eure Bemühungen ſollt Ihr ſpäter bezahlt bekommen!“ Als der Mann ſich entfernt hatte, wandte der Ge⸗ richtshalter ſich an den Caſtellan. „Wißt Ihr,“ fragte er dieſen,„ob zum Archiv und zu dem Schranke noch Schlüſſel vorhanden ſind außer dem, den Ihr zum Archiv habt und ich zum Schranke beſitze?“ „Nein! Doch halt, ja! daß ich nicht lüge. Ihr ſeliger Herr Vorgänger hatte Herrn Chriſtian Hebart, als er * 239 Vicerichter geworden war, geſtattet, ſich einen Schlüſſel zum Schrank und zum Archiv machen zu laſſen, damit er recht ungenirt in den alten Urkunden und Pergamenten ſtudiren könne. Ja, der verſtorbene Herr hatte Herrn Chriſtian zu lieb, als daß er dem hätte eine Bitte abſchla⸗ gen ſollen, die er ſonſt gewiß Jedem verſagt haben würde. Machte er doch damals Herrn Chriſtian zum Vicerichter, obgleich derſelbe erſt neunzehn Jahre alt war.“ „Und wo ſind die Schlüſſel jetzt?“ „Vermuthlich noch in Herrn Chriſtian's Händen, wenn er ſie nicht zurückgegeben hat. „Ich habe ſie weder zurückerhalten, noch zurückge⸗ fordert; wußte ich doch von ihrer Exiſtenz kein Wort.“ Die Wittwe wechſelte mit dem Cantor einen Blick, der ſagen wollte, in uns erhebt ſich eine Ahnung, die ſich nicht in Wahrheit umwandeln möge; der Gerichtshalter aber ging nachdenkend auf und nieder, indem er leiſe vor ſich hinſprach: „Sonderbar, ein Meſſer, welches der Frau Georg's gehört, findet ſich im Archiv, Chriſtian iſt noch im Beſitz von Schlüſſeln, das echte Teſtament verſchwunden, der Schrank unverletzt. Wer hat ein Intereſſe gehabt, daß der vom Vater errichtete letzte Wille abhanden kam? Georg? Gertrud? Nein! aber Chriſtian?“ „Wann ſaht Ihr,“ fragte er ſchnell den Caſtellan, „Chriſtian zum letzten Mal und wo?“ „Hier bei mir.“ „Bei Euch?“ „„Sa.“¹ „Und wann war das?“ „Geſtern— vorgeſtern— nein, am Abend zuvor, wo wir das ungeſtüme Schneewetter hatten— richtig— er kam ſpät, und wir ſpielten zuſammen auf dem Dame⸗ brett. Kann mich nun auf Alles ganz genau beſinnen; er war ſo aufgeregt, daß er, der ſonſt weit beſſer ſpielt als ich, eine Partie nach der anderen verlor.“ „Hat er irgend einmal Eure Stube verlaſſen?“ „Mit keinem Fuße! Wir hatten eben die Steine zur letzten Partie in's Brett gezogen, als er auf ein Mal durch ein Geräuſch, das ich aber nicht gehört habe— ich höre überhaupt nicht gut— aufſprang und— meinte:— ich mußte, ſo ſehr ich Anfangs erſchrack, doch hinterdrein lachen— es könnten wichtige Papiere aus dem Archive geſtohlen werden. War ja nicht möglich; meine Schlüſſel hingen ruhig an der Wand. Es war auch Niemand im Hauſe und vor der Thür zu ſehen, als Herr Chriſtian hin⸗ ausſchaute; überhaupt—“ „Nun, warum ſprecht Ihr nicht weiter?” „Darf ich meine unmaßgebliche. Meinung äußern?“ fuhr der alte Caſtellan fort,„ſo behaupte ich Folgendes: das Teſtament, welches heut publicirt worden iſt, muß echt ſein, denn in das Archiv iſt Niemand gekommen, das kann ich beſchwören. Verzeihen der Herr Juſtitiar, das iſt meine unmaßgebliche Anſicht.“ Dieſer abermochte ſich fragen:„Sollte der alte Mann, der am Rande des Grabes ſteht, mich belügen? ſollte er hier die Hände mit im Spiel gehabt, die Schlüſſel ſelbſt hergegeben haben?“ „Ich bedarf jetzt,“ ſagte er zu den Umſtehenden, „einige Stunden zur ruhigen Erwägung der Umſtände und bitte Euch, mich zu verlafſen; möge es uns gelingen, die Schuldigen zu entdecken und der verdienten Strafe zu übergeben.“ Am Nachmittag, wie er verſprochen, erſchien der Ge⸗ richtshalter in der Behauſung Georg'’s und ließ Gertrud bitten, ihm einige Worte unter vier Augen zu geſtatten. „Liebe Frau,“ leitete er das Geſpräch ein,„Ihr wißt, daß ich heute das Teſtament des ſeligen Herrn He⸗ bart den Erben publicirt habe.“ „Ja, aber nur das weiß ich und muß annehmen, es iſt etwas ganz Beſonderes vorgefallen, denn mein guter Mann und meine liebe Mama ſind ſo wortkarg und traurig heimgekommen, wie ich ſie noch nicht geſehen habe. Meine Bitten, mir ihren Kummer zu eröffnen, haben nichts gefruchtet; ach, ich bin recht unglücklich!“ Bei dieſen Worten füllten ſich die ſonſt ſo hellen, freundlichen Augen mit Thränen. „Beruhigt Euch,“ fuhr Jener fort,„und hört mir Moriz Horn: Der Freiſchulze. 16 242 aufmerkſam zu. Etwas Sonderbares iſt allerdings ge⸗ ſchehen; erſtlich iſt nicht Euer Mann, wie der ſelige He⸗ bart beſtimmt haben ſoll, zum Nachfolger des Vaters im Freiſchulzengut und Amt ernannt, ſondern Chriſtian; zwei⸗ tens haben wir im Archiv einen Gegenſtand gefunden, über den Ihr vielleicht Aufſchluß geben werdet. Iſt Euch dies hier bekannt?“ „Meein lang entbehrtes Trennmeſſerchen, ein Geſchenk meines lieben Georg. Er kaufte es mir in der Stadt, als er mich von dort hierher abholte; ich weiß das, als ob es heute geſchehen, denn ich erinnere mich, daß ich mich ſchämte, ein Geſchenk von Jemand anzunehmen, den man zum er⸗ ſtenmale ſieht; allein Georg bat mich ſo innig, und ich nahm es an, aber erſt dann in Gebrauch, als es anfing unter dem Mieder heftiger zu klopfen, wenn ich ihn ſah.“ „Auf welche Weiſe aber kommt dieſes Meſſer in's Archiv?“ „Das weiß ich eben ſo wenig, als Sie, Herr Ju⸗ ſtitiar.“ „Wann kam es Euch weg?“ „Soll ich Ihnen das auch ſagen?“ „Ich bitte darum.“ „Nun ſo wiſſen Sie, daß Herr Chriſtian ſich um meine Liebe bewarb. Einſt, als ich bei einer Arbeit das kleine Meſſer gebrauchte, ſaß er neben mir. Ich weiß nicht wie, kam die Rede auf dasſelbe und ich erzählte ihm, wie 243 lieb es mir, denn es ſei Georg's Geſchenk. Ich wünſchte dieſe Worte nicht geſagt zu haben, denn kaum hatte ſie Chriſtian vernommen, als er wie umgewandelt erſchien, ſeine Augen rollten und er bat mich um das Meſſer; es ſei für mich nicht gut genug, er wolle mir ein beſſeres, werth⸗ volleres verſchaffen. Wohl wiſſend, daß dieſe Aeußerung ſeiner Eiferſucht entſprang, habe ich ihn nie mehr daran erinnert, ja meinen Mann, der ſich einſt darnach erkundigte, zum erſtenmal belogen, indem ich vorgab es verloren zu haben. Wie freue ich mich es wieder zu beſitzen.“ „Für jetzt,“ erwiederte der Gerichtshalter,„muß ich um Rückgabe bitten, allein das Geſchenk bleibt wohl⸗ verwahrt. Wie befindet ſich denn Herr Chriſtian? „Heute ſehr unwohl, die eine Wartefrau kam vorhin zu mir und meinte, es ſei dieſen Morgen kaum zu ertragen geweſen, die Männer hätten Mühe gehabt, ihn im Bette zu erhalten, dabei habe der Kranke ſonderbare Reden geführt.“ „So? könnt Ihr Euch vielleicht darauf beſinnen?“ „Einige Aeußerungen habe ich noch im Gedächtniß. Unter Anderen hat er gemeint, er müſſe in's Archiv; der Vater ſei gar nicht geſtorben, er habe ſich aber mit einem Papiere vergriffen. Sie ſehen, was Jemand im hitzigen Fieber ſchwatzt und worauf nicht viel zu geben iſt.“ „Doch,“ dachte der Gerichtshalter bei ſich,„doch iſt darauf zu geben, denn in derartigen Fieberparorysmen 16* 244 verräth der Menſch ſeine Gedanken, ſeine Thaten, wie oft der Berauſchte Bekenntniſſe ablegt, die er außerdem Nie⸗ mandes Ohr vertrauen würde.“ 3 „Das,“ ſetzte er das Geſpräch fort,„iſt Euch wohl bekannt, daß Chriſtian fleißig das Archiv des grauen Hau⸗ ſes beſuchte?“ „Ja, es war ſeine Lieblingsbeſchäftigung, dort zu verweilen; ſehr oft kam er mit Papieren und Acten nach Hauſe. Auch damals, als die Sache mit dem Meſſer ſich zutrug, war er mit einem Stoß Acten von dort zurück⸗ gekehrt, er legte ſie hin auf das Tiſchchen und oben darauf zwei zuſammengebundene Schlüſſel.“ „So? Wo befinden ſich dieſe?“ „Vermuthlich hängen ſie noch an der alten Stelle.“ „Könntet Ihr mich nicht in den Beſitz dieſer Schlüſſel etzen, aber ſo, daß Chriſtian es nicht bemerkt, es möchte eine Krankheit verſchlimmern.“. „Wenn ſie noch dort ſich befinden, wo ich ſie oft ge⸗ ſehen habe, wenn mich zu jener Zeit eine Verrichtung in ſein Zimmer führte, werde ich ſie ſogleich bringen.“ Gertrud ging und kehrte mit den beiden Schlüſſeln, einem großen und einem kleinen, bald zurück. „Es ſind die richtigen. Für heute nehmt meinen Dank, liebe Frau Hebart, und ſeid mir nicht böſe, daß ich Euch ſo lange Euren häuslichen Pflichten und Verrich⸗ tungen entfremdete, Ihr habt mir einen großen Dienſt erwieſen.“ In die Stadt zurückgekehrt, ließ der Juſtitiar am an⸗ deren Morgen einen bei den dortigen Gerichten in Pflicht ſtehenden Schriftenvergleicher zu ſich beſcheiden und legte ihm die Schrift des Couvertes und des Teſtamentes zur Begutachtung vor. Hierzu erbat ſich der Sachverſtändige die Friſt von einigen Wochen, ſo wie mehrere Handſchriften des verſtorbenen Freiſchulzen, imgleichen Georg's und Chriſtian's. Nach vier Wochen lag das fleißig gearbeitete um⸗ fängliche Gutachten auf dem Arbeitstiſch des Gerichts⸗ halters und lautete d dahin, daß die Aufſchrift des Umſchlages zwar von der Hand des Teſtators herrühre, nicht aber die Schrift im Contexte der Urkunde und die Unterſchrift des Namens, vielmehr fei dieſe, wenn ſchon meiſterlich, ge⸗ fälſcht. Dürfe ſich der Sachverſtändige, ſo ſchloß das Expoſé, ein unmaßgebliches Urtheil Vrlauden ſo ſei zwiſchen Herrn Chriſtian's Handſchrift und der im Teſtamente eine nicht zu verkennende Aehnlichkeit ſchon mit bloßem Auge, noch mehr aber durch die Lupe wahrnehmbar. Während dieſer Zeit war die Gewalt des Fiebers, welches Chriſtian heimgeſucht, gebrochen worden und die Geneſung erfolgte in einer Weiſe, welche die Aerzte für ein Räthſel erklärten. Der Juſtitiar hatte während der Zeit jeden Tag — 246 durch den Caſtellan des grauen Hauſes ſich nach dem Be⸗ finden Chriſtians erkundigen laſſen und jetzt, nachdem er von der völligen Geneſung Nachricht erhalten, jenen vor ſich auf die Gerichtsſtube beſchieden. Niemand außer den Beiden war zugegen. 3 „Nehmt mir gegenüber,“ begann der Gerichtshalter, „Platz, Herr Chriſtian Hebart; die überſtandene Krankheit hinderte Euch an dem Tage zu erſcheinen, den ich zur Er⸗ öffnung des Teſtamentes, das Euer Vater hier niederlegte, anberaumt hatte, ich habe daher heute Euch zur Anhörung⸗ 3 dieſes letzten Willens herbeſcheiden laſſen.“ Es erfolgte die Verleſung; dem Juſtitiar entging 4. nicht, daß Chriſtian bei den Worten, die ihn zum Frei⸗ ſchulzen ernannten, zuſammenzuckte. „Darf ich mich entfernen?“ fragte er, als der Ge⸗ richtshalter das Teſtament zuſammenlegte. „Es thut mir leid,“ entgegnete Jener,„daß Um⸗ F ſtände eingetreten ſind, die mich nöthigen, gegen Euch die Unterſuchung einzuleiten; es liegen gewichtige Verdachts⸗ gründe vor, daß Ihr ein falſches Teſtament untergeſcho⸗ 4 ben habt.“ Chriſtian verfärbte ſich, war aber keines Wortes fähig.—— Es kann nicht unſere Abſicht ſein, die Unterſuchung, die über Chriſtian verhangen wurde, in ihrem ſpeciellen Gange zu verfolgen, es genügt des Endurtheils zu geden⸗ —— 2 47 ken, das Chriſtian nach der dortigen Gerichtsverfaſſung einen Reinigungs⸗Eid dahin zuerkannte, zu beſchwören, daß er weder ſelbſt das Teſtament untergeſchoben, noch darum wiſſe oder irgend welchen Beiſtand geleiſtet habe. Nach der Publication dieſes Urtheils mußte Chri⸗ ſtian ohnmächtig aus der Gerichtsſtube getragen werden. Kaum hatte er ſich erholt— eine gewaltſame Auf⸗ regung verdrängte die Folgen der Ohnmacht— als er fort nach der Waldung eilte. Laut gellte der Ton der Pfeife, laut antwortete eine zweite und aus den Bäumen trat Wenzel. „Ei, ei, Herr Chriſtian, nach dem Schall zu urthei⸗ len, habt Ihr es eilig. Sprecht, was iſt's? wollt Ihr mir die frohe Kunde Eurer Freiſprechung bringen. Die war vorauszuſehen, und es freut mich, daß Ihr dies Mal ohne meine Hülfe durchgekommen ſeid, ich hätte frei⸗ lich erwartet, daß Ihr Euch in dem langen Zeitraum, in dem wir uns nicht geſehen haben, ein ganzer Winter iſt darüber vergangen, und wir ſtehen ſchon im erſten Vor⸗ frühjahr,— nach mir geſehnt, indeſſen erſt hat Euch die Krankheit, dann die Unterſuchung bei mir entſchuldigt.“ „Hätte ich,“ herrſchte ihn Chriſtian an,„wiſſen können, daß Ihr das mitgenommene Meſſer verlieren könntet, dann—“ „Teufel! das iſt nicht möglich,“ unterbrach ihn Wen⸗ zel erſchrocken. 248 „Es iſt geſchehen, und dieſes Meſſer liefert uns Beide an das Meſſer, wenn ich mich durch den Eid von dem* Verdachte nicht reinige, den jenes unbedeutende Ding hauptſächlich gegen mich erregt hat.“ „Ein Eid iſt Euch zuerkannt? Dann haben wir ge⸗ wonnen.“ So meint Ihr, ich werde ihn ſchwören? Wenn ich es thue, geſchieht es nicht, um Euch zu retten, ſondern nur, weil ich mir ſelbſt einſt an jenem unſeligen Hochzeits⸗ tage, wo mein Vater mich öffentlich beſchimpfte, geſchwo⸗ ren habe, um jeden Preis Freiſchulze von Tannengrün zu werden, deshalb auch ließ ich die Unterſchiebung der fal⸗ ſchen Urkunde zu. Auf wie lange Zeit ich es bleiben will, und was nachher thuen, iſt mein Geheimniß, das aber ſchwöre ich Euch hier auf dieſer Stelle: Wenzel, ich bezahle Euch für Euere Unvorſichtigkeit oder Falſchheit, denn wer bürgt mir dafür, daß Ihr das Meſſer nicht abſichtlich habt fallen laſſen, ſo, daß Ihr mit der Summe zufrieden ſein ſollt, darauf verlaßt Euch und nun kommt mir nicht wieder vor die Augen, bis ich Euch zur Auszahlung des Euch be⸗ ſtimmten Capitals fordern laſſe als Freiſchulze von Tan⸗ nengrün.“ Chriſtian ging. Wenzel fah ihm lange nach. „Was?“ ſprach er bei ſich,„iſt aus dieſem geworden. Was will er thun? den Eid leiſten und ſich dann ankla⸗ gen. So würde nur ein Verrückter handeln, indeſſen habe 249 ich nicht Luſt, irgendwie unter Zwang und Aufficht meine Tage zu beſchließen, ich werde alſo den aufmerkſamen Beobachter ſpielen.—— Der Tag der Eidesableiſtung war erſchienen; ſie ſollte vor offenen Gerichtsthüren erfolgen. Erinnern wir uns der Menge, die zur Teſtaments⸗ Publication ſich eingefunden hatte, ſo glauben wir gern der Verſicherung, daß die Zahl der heut Herzuſtrömenden bedeutend größer war. Für die Mutter, Georg und den alten Cantor waren Stühle, dem Gerichtshalter zur Linken geſtellt, einſam und allein ſaß Chriſtian gegenüber. Wenzel befand ſich unter der Menge und lehnte am Thürſtock des Zimmers. Die Frage des Juſtitiars an Chriſtian, ob er bereit ſei den Eid zu leiſten, wurde bejaht. Umſonſt bat flehent⸗ lich die Mutter, abzuſtehen, vergebens baten Georg und 3 der beinahe 82jährige Cantor, Chriſtian leiſtete den Eid mit lauter, kräftiger Stimme, da erhob ſich die Mutter. „Chriſtian, als ich die frohe Gewißheit erhielt, das 4 erſte Kind unter dem Herzen zu tragen, betete ich zu Gott: Herr, laß uns Freude an ihm erleben. Beantworte Dir jetzt ſelbſt die Frage, ob es geſchehen iſt. Tiefgebeugt ſtehe ich hier Angeſichts deſſen, der unſere Obrigkeit iſt, Ange⸗ ſichts meiner Lieben, meiner Freunde und ehemaligen Nach⸗ barn. Ich frage nicht, warum ich am Ausgang meiner Tage noch ſo hart geprüft werden ſollte, aber ich zittere, b 250 wenn ich droben meinen guten Andreas wieder finde und ihm ſagen muß: Unſeren Chriſtian werden wir hier am Tage des Gerichts umſonſt ſuchen. Kommt, führt mich heim, ich fühle mich ſo angegriffen. Meinen Fluch, Chriſtian, den Du verdient, will ich Dir nicht geben, aber meinen Segen verlange nicht.“ So ſchloß ein Gerichtstag in Tannengrün, wie, ihn erlebt zu haben die älteſten Leute ſich nicht erinnerten; eine Stunde nach ſeinem Schluß verſchied im väterlichen Hauſe auf derſelben Stelle, wo einſt ihre Wiege geſtan⸗ den, Frau Magdalene in Gertruds und Georgs Armen. ¹ b 4— Zwölftes Capitel. Die Sühne. Frühlingsglück, Frühlingsglanz überall. Die herrliche Zeit, in der Blumen auferſtehen, und Menſchen Herzen entlaſtet-werden von Sorgen und Kummer, war in ihrem regelmäßigen Laufe wieder gekehrt. Georg und Gertrud hatten das Beſitzthum der verſtorbener Eltern in Holzhau⸗ ſen bezogen. Mit der Summe, die dem Teſtamente des Vaters gemäß, das nach Leiſtung des Eides, nunmehr als ein echtes zu gelten hatte, an Georg ausgezahlt wurde, kaufte er ein Stück benachbarter Länderei, das zufällig feil⸗ geboten wurde. Ruhloſe Thätigkeit und unendlicher Fleiß bewirkten bald, daß dieſes neue Beſitzthum die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Um dieſelbe Zeit vertraute ihm Gertrud eine ge⸗ heime, ſüße Botſ ſchaft. 252 Hier in der Wirthſchaft zu Holzhauſen ſonach überall Glück und Segen, drüben in dem Freiſchulzengute zu Tannengrün die aufgegangene Saat des von der Mutter nicht ausgeſprochenen Fluches. Wie verändert das einſt ſo ſchöne Gut! Die Hand des von Chriſtian eingeſetzten, nur auf ſeinen Vortheil be⸗ dachten Pachters ließ es verkümmern und verkommen, zum Schmerz des ganzen Dorfes, das Chriſtian vermied, wenn er ſich ſehen ließ. Freilich ſelten genug geſchah es. Für ge⸗ wöhnlich lag er im Zimmer, die Fenſter von ſchweren Vor⸗ hängen geſchloſſen, auf dem Sopha, gequält von einem Bruſthuſten, der kurz nach jenem Gerichtstag ſich gezeigt hat; ſein Seelenzuſtand iſt peinigend. Faſt dem Wahnfinne nah ſehnt er den Tod herbei und fürchtet ihn doch. Kränker als jemals finden wir ihn heut. Ein herr⸗ licher Frühlingstag nimmt von Dorf und Flur ſonnigen Abſchied, die noch ſchmetternden Lerchen verſichern aber die Wiederkehr eines gleichen auf morgen, blüthenreihe Aeſte wiegen ſich im Winde und ein blumengekränzte Frieden wandelt durch die Thäler, die ſich zum Schlummer an⸗ ſchicken. Chriſtian wird durch ein ſtarkes Klopfen an die Thür aus ſeinem Brüten geſchreckt; Wenzel ſteht vor ihm. „Verzeiht, wenn ich Euch ſtöre, Ihr hattet die Güte, vor nun langer Zeit mir ein Capital auszuſetzen, und ſtelltet mir in Ausſicht, mich rufen zu laſſen. Ich habe lang gewartet, da aber keine Nachricht zu mir kam, ſo machte . 253 ich mich auf und kam zu Euch. Ich bin entſchloſſen mich zu verändern, will auswandern in die neue Welt, man bekommt das Alte ſatt, und ſtumpft durch die Gewohnheit an Leib und Seele ab, zudem gefällt es mir nicht länger hier, die Luft riecht nach Gewitter. Zur Reiſe brauche ch Geld, meine Leibrente, ich erzählte Euch früher davon, langt nicht und würde mir auch ſchwerlich nach Amerika aus⸗ gezahlt werden. Ich erlaube mir daher, Euch an das Ver⸗ ſprechen zu erinnern.“ „Geht mir aus den Augen und nehmt meinen Fluch mit!“ „Ihr ſeid nicht bei Laune, ich ſpreche zur gelegenen Zeit noch ein Mal vor und möchte Euch dann um einen beſſeren Empfang bitten, ſollte es nicht ſein, ſo werde ich Jemand mitbringen, auf deſſen Zureden Ihr gewiß hören werdet. Für jetzt wünſche ich gute Beſſerung, gehabt Euch wohl!“——. Am anderen Tag um die Mittagszeit kehrte Georg aus der Stadt zurück und ſchlug den ſchmalen ſchattigen Fußpfad ein, der am Waldſaum der rothen Föhre vorbei nach Holzhauſen führte. Das in der Stadt beabſichtigte Geſchäft war ihm über Erwarten geglückt; er freute ſich auf ſein Heimweſen, auf den Kuß ſeines traut⸗lieben Weibes, nur die Erinnerung an Chriſtian, an das täglich mehr ver⸗ fallende Gut des Vaters, das er mit blutendem Herzen jetzt von Weitem liegen ſah, warf einen dunklen Schatten 254 in der Sonnenſchein ſeines Glückes; plötzlich fiel nicht fern ein Schuß. „Warum erſchrecke ich,“ fragte ſich ſelbſt Georg und ſeine Stimme zitterte,„über dieſen Schuß; hauſt nicht Wenzel, der alte Jäger, in dieſen Gründen? Warum aber zieht mich unerklärlich ein Etwas nach der Gegend, wo der Schuß gefallen?“ Mitten durch das Gehölz brach er ſich Bahn und kam in einer anderen Richtung als der gewöhnlichen, auf die uns bekannte Holzblöße mit dem Herenteich. „Was iſt dort für ein ſchwarzer Gegenſtand? liegt nicht Jemand im Graſe? Gott meine Ahnung! wenn mein unglücklicher Bruder—“ So ſchnell ſeine Füße, an die der Schreck bleiern ſich gekettet, es geſtatteten, eilte Georg nach der Stelle; dort lag Wenzel, eine Schußwunde durch die Bruſt, im letzten Todeskampfe. „Wenzel! warum habt Ihr das gethan? ſprecht, redet!“ Der Sterbende ſtarrte ihn an, zuckte mit der Hand nach der Bruſt, brachte ein mit Blut getränktes Papier aus dem Kleid, erhob ſich, um es Georg zu geben, brach aber leblos zuſammen. „Friede Deiner Seele, armer Mann, ich ahne, was Dich zum Selbſtmord getrieben, aber, richtet nicht, ſo werdet Ihr auch nicht gerichtet. Das verſiegelte Papier ohne Auf⸗ —— 4.— ſchrift ſcheint Dich in Deiner Sterbeſtunde geängſtigt zu haben, ich werde es morgen dem Gericht übergeben, viel⸗ leicht iſt es Dein letzter Wille, den Du, ehe Du die That begingſt, zu Dir nahmſt.“ Heimgekehrt erzählte er Gertrud vorſichtig, um ſie in ihrem Zuſtande nicht zu erſchrecken, das Erlebte, traf Vorkehrung zur Beerdigung der Leiche Wenzels, welche an Ort und Stelle erfolgte, und machte ſich dann auf nach dem Freiſchulzengut. Zum erſten Mal ſeit dem Tage, an welchem er mit ſeiner Gertrud daraus fortgezogen, betrat er den Hof wieder. Er mußte kämpfen, die Thränen zu⸗ rückzudrängen, die beim Anblick der Verwüſtung ſeine Augen füllten; er mußte vor der Thür zum Zimmer ſeines Bruders Athem ſchöpfen und ſich ſammeln, ehe er eintrat. „Du biſt es? Georg,“ ſagte der Kranke mit einer ſo weichen Stimme, daß Georg, von Rührung übermannt, dem Bruder laut weinend an die Bruſt ſank. „Laß das, Georg, es führt zu nichts, ſage mir, was Dich herführt?“ Er erzählte nun, was er erlebt und übergab Chriſtian das blutige Papier. „Es war,“ ſagte er,„zu Vaters Zeiten Brauch und Sitte, daß man zum Freiſchulzen ging und ſich Rathes erholte; Du biſt ſein Nachfolger und ich komme deshalb zu Dir und frage, was ich mit dem Papier aufangen ſoll.“ 256 Chriſtian zuckte zuſammen.„Brich es auf,“ ſagte er haſtig,„und lies!“. Georg gehorchte, wurde bleich und mußte ſich an einem Tiſche halten. „Es iſt,“ ſtammelte er,„das Teſtament unſeres Vaters.“ Wie ein Baum, den ein Blitzſtrahl getroffen, zu⸗ ſammenknickt, brach Chriſtian an die Erde nieder, der Huſten drohte ihn zu erſticken und nur den Bemühungen Georg's, der über den Unfall des Bruders die eigene Schwäche vergaß, und der herbeigerufenen Leute gelang es nach einer Stunde, Chriſtian zum Bewußtſein zurück⸗ zubringen. Als er ſo weit ſich erholt hatte, um ſprechen zu können, bat er die Leute, ihn mit dem Bruder allein zu laſſen. „Das Papier behalte ich hier, Dich aber bitte ich, unſerem Juſtitiar, der morgen zum gewöhnlichen Gerichts⸗ tag erſcheint, zu ſagen, daß ich vor ihm mich einfinden würde, er möge das im Dorfe bekannt machen laſſen; Du bringſt Deine Gertrud mit. Nun verlaß mich, ich bedarf Ruhe und Erholung zu meinem Vorhaben?“ „Was muß denn vorgehen ſollen,“ fragte Einer den Andern, als man am Gerichtstag früh nach dem grauen Hauſe ging. 257 Von dem Bruder und Gertrud geführt trat der Frei⸗ ſchulze von Tannengrün ein. Angegriffen wie er war, mußte er ſich in einen Stuhl niederlaſſen; zufällig war es der nämliche, auf dem er am Tage der Eidesleiſtung ge⸗ ſeſſen hatte. Kein Laut ſtörte die Todtenſtille, die in dem Raume herrſchte; jede Bruſt war beengt und wagte erſt dann frei zu athmen, als Chriſtian ſich erhob und, geſtützt auf die Lehne, ſprach: „Jede Uebelthat, die der Menſch in der Welt voll⸗ bracht, wird geſühnt, ob ſpäter, ob früher, ob durch den Thäter aus freiem Antriebe, oder durch die unſichtbaren Gewalten, denen er durch die That heimfiel, getrieben. Die ewige Weisheit hat es ſo geordnet; vor ihr beuge auch ich mich; aber nicht Umſtände, nicht unſichtbare Gewalten ſollen an mir die Sühne vollbringen, dazu bin ich, Euer Freiſchulze, zu ſtolz; ich ſelbſt klage mich an. Hier iſt das echte Teſtament, das Wenzel behalten, als er das falſche unterſchob. Mit ſeinem Blute iſt es getränkt; er fiel von meiner, von der Hand eines Meineidigen. Ihn getödtet zu haben bereue ich nicht, aber daß ich Urſache am Tode meiner guten Mutter bin, kann mir nur ihr ſeliger Geiſt einſt vergeben.“ „Dies Bekenntniß hatte der Freiſchulze vor Euch ab⸗ zulegen; das Weitere, wie die That geſchehen, gehört vor Moriz Horn: Der Freiſchulze. 17 den unterſuchenden Richter; ich bin Ihr Gefangener, Herr Gerichtshalter!“ Das Erſtaunen der Verſammlung, das Weh Ger⸗ trud's und Georg's zu ſchildern, ſei uns erlaſſen. Ein ſchönes Zeichen der Theilnahme und innigſten Mitleidens des Dorfes war es, daß, als Chriſtian nach der Strafanſtalt durch Tannengrün fuhr, Niemand an die Fenſter trat. Was Georg und Gertrud und mit ihnen fühlende Herzen gewünſcht, erfüllte ſich; Chriſtian verſchied ſchon nach einem Monat. Lange Zeit wohnte Trauer um ein verfehltes Leben in der Bruſt Derer, die ihn am meiſten geliebt; nur als Georg's Kind, ein Knabe, das Licht der Welt begrüßte, wurde es hell und ſonnig am bewölkten Himmel des Freiſchulzengutes, das unter der waltenden Hand Georg's bald ſeinen alten Ruhm, das erſte zu ſein, wieder erlangte. Allen Denen, die von Generation zu Generation im Gute und Amte folgten, wie es uralter Brauch geweſen, wurde, wie Georg, nur ein Sohn geboren; gleich als hätte die Natur ſich hüten wollen, die Geſchichte zweier Söhne des Freiſchulzen zu Tannengrün zu wiederholen. Das Haus im Keſſel des Steinbruches, in dem Wenzel gewohnt, von wo aus das Unheil über Chriſtian gekommen, iſt abgetragen, der Bruch ſelbſt iſt in neuen 259 Angriff genommen, der Hexenteich ausgetrocknet, die ge⸗ wonnene Fläche mit Buchen beſtanden. Fröhliche, fleißige Menſchen arbeiten, und die Vögel ſingen zu ihrer Arbeit; nichts erinnert mehr an das, was ſich einſt dort zugetragen; nur im Archiv des grauen Hauſes enthält eine alte Urkunde, welche dieſer Erzählung zu Grunde gelegt wurde, die Geſchichte von dem Freiſchulzen. 7 —————.— ſſffſfffffſff ſif ffſſffffffffft fffffffffnnnnnſſſſfſſſſſſffffſffiſſfffſſſſſſſſſſſſſ 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 1 f 8 —