Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uyr offen. 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— auf 1 Monat: 1 Tcr.— Sf. 1 Mk. 55 Pf. 2 Nk. f. 93— „ 1„ 7„ 1.—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zexriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer jun Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgejetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 Peregretta. Ein Roman Hans Hopfen. Berlin 1864. Wilhelm Hert. (Beſſerſche Buchhandlung.) C—ÿ;—— — . 4 Emannel Geibel, dem Herausgeber des Münchner Dichterbuchs, in Freundſchaft der Verfaſſer. Es mag wohl einſt eine Zeit kommen, da ſelbſt die Geprüfteſten unter den Sterblichen nicht mehr zu ſagen wiſſen, was ein Stellwagen iſt. Auf Millionen dampfgetriebener Maſchinen rollen wir dieſer ſchönen Zeit immer näher und näher; wie weit wir aber bei 4 alledem noch von ihr entfernt ſind, habe ich nie pein⸗ licher empfunden als an einem herrlichen Frühſommer⸗ nachmittag, da ich die Eiſenbahnſtation Grimmelsdorf verließ, um mich von dem verwerflichſten aller Geſell⸗ ſchaftskäſten drei Meilen landeinwärts rädern zu laſſen, nach einem kleinen, ſelten genannten Landſtädtchen, 4 wo ferne von dem polternden Treiben der großen Welt mir ein Univerſitätsfreund wohnte, ein treuer . Genoſſe meiner lebensfrohen Jugend. Gegenüber einer von ihrer Herrſchaft wegen Sub⸗ ordinationsfehler wider den hochwohlgeborenen Zög⸗ ling verabſchiedeten Gouvernante, eingeklemmt zwiſchen zwei rivaliſirenden Roßtäuſchern, die mein armes Haupt in eine dichte Wolke verabſcheuungswürdigen 1* Knaſters einhüllten und meine unſchuldigen Hoſen mit ihrem Schnupftabak beſtreuten, erlöſte mich end⸗ lich ein hochwillkommener Schlummer, der ſich weder durch die himmliſche Sonne, die auf das niedere Wagendach herabfeuerte, noch durch die heftigen Stöße beirren ließ, welche das Ueberbleibſel einer noch Vor⸗ turn⸗ und taris'ſchen Beförderungsmethode in genialer Unregelmäßigkeit erduldete. Als ich endlich erwachte, lagen bereits lange Schatten auf der Landſtraße. Die Pferde hielten vor einer Tränke, der Wagen war, einen in der jenſeiti⸗ gen Ecke ſchlummernden Handwerksburſchen und mich ſelbſt ausgenommen, leer geworden. Auch ich verließ nun den Verſchlag, um meine Glieder zu ſtrecken und mir die Gegend zu betrach⸗ ten, in der wir uns befanden. Ich ließ meine Au⸗ gen rund um mich gehen, und ein ſeltſames, meinet⸗ halben ein thörichtes Gefühl überkam mich, in Folge deſſen ich dem Kutſcher meine ſieben Sachen befahl, und die letzten Fünfviertelſtunden zu Fuße zurückzu⸗ legen beſchloß. Ich erinnere mich, einmal von einem Manne ge⸗ hört zu haben, der, nachdem er ſeine erſte Geliebte durch den Tod verloren, nochmals auf's Freien aus⸗ ging. Er lernte zwei Schweſtern kennen, die eine von tadelloſer Schönheit und nicht zu trübender Lie⸗ 4 benswürdigkeit, die andere etwas verſtimmteren Ge⸗ müths, mit einem von merklichen Pockennarben ent⸗ ſtellten Geſicht. Und er führte bald die Letztere zum Altar, denn auch jene Frühverlorene war ein wenig ppockennarbig geweſen. Er genoß eine glückliche Ehe, und die Liebe zu ſeiner Gattin lebte noch in dem al⸗ ten Mann, den ſeine Enkel umſpielten. Alles, was uns an die Geliebte denken heißt, er⸗ füllt unſer Herz mit wehmüthig wohlthuender Zunei⸗ gung. Und ſo war auch auf dieſem Wege ge⸗ ſchehen. Die ſanftanſchwellenden, grünen Hügelzüge, ſie erinnerten mich an eine ſchweſterähnliche Gegend 11 im fernen Frau kenland. Genau ſo ſchlängelte ſich d der gewundene Pfad zwiſchen den Obſtbäumen nach der Höhe, alſo hingen zur Rechten in der Ferne hinter bunten Feldern kleine Dorfſchaften an den Bergen, alſo rauſchten zur Linken im Thale die Mühlen. Das Glück in Haupt und Herzen bin ich oft jenes Wegs gewandert; denn wenn man droben war, konnte man ſchon durch die Fruchtzweige die erſten Häuſer des alten Reichsſtädtleins winken ſehen, und im allererſten Hauſe wohnte ja ſie, die ich geliebt ſo manches Jahr. All' das war damals auch ſchon lange her; aber die Aehnlichkeit der mich umgebenden Natur hatte alte Zeit und altes Glück vor meine Seele gerufen, und wie ich ſo thalaufwärts ſtieg, bedachte ich mir's 8— . ausführlich, wie denn das Alles ſo gekommen, und warum es ſo, und nicht wie ich mir gedacht, hat ſein müſſen. Und ich hielt lautlos eine lange Rede über Mädchenlaunen und Weibertreue, über hendes, pflicht und Nächſtenliebe, und am Ende war ich wie⸗ der bei der alten Frage: Ob es nicht beſſer ſei, das Weib, welches beſtimmt iſt, die höchſte Leidenſ ſchaft in uns zu entflammen, niemals im Leben mit Augen zu ſchauen? ob auch das höchſte Glück die Leiden aufwöge, mit denen zuletzt die enaſghein Es gibt verſchiedene kurze und weitſchweifige Ant⸗ worten auf dieſe Frage. Wem die Freude ſeines Le⸗ bens, die er feſt und unentreißbar zu halten wähnte, zwiſchen ſeinen Händen in Aſche zerf darüber wohl anders, als wer noch im Beſitze ſchwelget. Wie mochte der darüber denken, den ich eben aufzuſuchen unterwegs war, der im Vollbehagen ſei⸗ ner jungen Häuslichkeit die Welt vergaß und ein Gleiches von der Welt hegehaie Ich konnte mir's denken. 4 iel, er meint immer ein gutes Stück Enthuſiaſt gewe⸗ ßel, aber es war ihm Bedürfniß, Gedichte zu erle⸗ 8 ——ꝛnͤn — ben. Er war der unglückſeligſte Menſch, wenn ein Tag ausſah wie der andere, wenn zwei Wochen hin⸗ gegangen, ohne daß ein Unglück geſchehen oder eine . Dummheit begangen worden. Er machte fortwäh⸗ rend Jagd nach abſonderlichen Situationen, wobei es ihm ziemlich einerlei war, ob er oder andere eine peinliche Rolle dabei ſpielten, und auch die gewöhn⸗ lichſten Lebensvorkommniſſe liebte er mit dem Scheine des Außerordentlichen verzierend zu umkleiden. So mußten ſtets friſche Blumen auf ſeinen Tiſchen und Käſten ſtehen, ſeine gewöhnlichen Trinkgeſchirre hat⸗ ten die Form einer antiken Schaale oder eines alt⸗ deutſchen Stiefels, je nachdem er Wein oder⸗Bier genoß; als Waſchbecken diente ihm eine ungeheuer⸗ liche Seemuſchel. Aus dem Fenſter ſeiner Schlaf⸗ kammer hatte er die landesübliche farbloſe Durchſich⸗ tigkeit aushängen, und dafür ein aus runden, bunten Glasſcheiben zuſammengebautes Kunſtwerk an die Stelle ſetzen laſſen, welchem links das Wappen ſei⸗ ner Familie, rechts das unſerer Univerſitätsſtadt ein⸗ gefügt war. Im Studierzimmer ſahen kleine Gyps⸗ nachbildungen des borgheſiſchen Fechters, der Venus † von Melos, des Apollo von Belvedere aus dunkel⸗ rothen Niſchen auf ein ſtaubiges Durcheinander von Folianten, Zeitungen, Miniaturausgaben, Küchen⸗ geſchirren, Schreibmaterialien, Fechtapparaten und Notenheften herab, welches bei Strafe ſeines höch⸗ ſten Zornes keine ordnende Hand berühren durfte. Seine Lampe konnte nicht auf den Tiſch g geſtellt wer⸗ den, ſondern ſchwebte in einer zierlichen Vorrichtung von der Decke herab über ſeinem Pulte. Auch hatte er genau genommen keinen ordnungsmäßigen Stuhl, wohl aber ein kleines lederüberzogenes Schraubböck⸗ chen, eine breite Ottomane, einen aus verſchiedenen Querhölzern zuſammengefügten Waſchſeſſel, zwei tür⸗ kiſche Polſter mit etwas verbrauchten Teppichen, einen amerikaniſchen Fauteuil, der ſtatt auf vier Füße auf zwei Wiegenhölzer geſtellt war, eine kleine Staffelei, die man in der Mitte zuſammenklappen und ſie dann zum Sitzen benützen konnte, und endlich einen ehr⸗ würdigen Urgroßvaterlehnſtuhl, auf den er beſonders große Stücke hielt, obwohl oder vielmehr weil ihm ſein Roßhaar und Seegras zu allen Ecken und Ohren herausguckte. Die reguläre Höflichkeit häuslicher Theegeſellſchaf⸗ ten vermied er bis zur Ungezogenheit, es wäre denn da der Faden einer Intrigue dnzübzäden geweſen. Dagegen liebte er rauſchende Feſte, Bälle, Schlitten⸗ fahrten, Maskeraden und jede Gelegenheit, wo es hoch und laut herging. Er ſchwärmte für alle neun Muſen, beſonders für Thalia, Melpomene und Ter⸗ pſychore, und war ihren beſſeren Prieſterinnen mit —— 5 — 9— einer rührenden Verehrung zugethan. Auch dem un⸗ künſtleriſchen Theile des ſchöneren Geſchlechts war er 1 nie abhold geweſen, er kannte das Schöne und wußte 8 es zu ſchätzen, obwohl er es lieber in den beweg— licheren Schichten der Geſellſchaft im näheren und nächſten ungebundenen Verkehr aufſuchte, als daß er in den höheren Regionen, jenſeits des Kleinbürger⸗ thums und der Griſettenwelt, fernabſeufzender Be⸗ wunderung oblag. Indeſſen erinnerte ich mich keiner ernſteren Herzensneigung aus jener Zeit; er hatte es bei keiner lang ausgehalten, wie er denn überhaupt auf die Dauer lieber mit Männern als mit Frauen⸗ zimmern verkehrte. Er war ein verläſſiger Kamerad, ein ſtets opfer⸗ bereiter Freund, und verlangte ſogar im Kreiſe ſei⸗ ner engeren Bekanntſchaft die gegenſeitige Beobach⸗ tung einer Art liebenswürdigen Zeremoniells, das auch er ſeinerſeits auf's Gewiſſenhafteſte befolgte. So hielt er auf Rechts und Links beim Spazierengehen, — — Q— erwartete, daß bei abendlichen Zuſammenkünften ihm jeder wenigſtens Einmal einen guten Zug vortrank; er kannte keinerlei Indiskretion auch nicht im Scherz 9 oder Rauſch, und alle Freundesangelegenheiten hat⸗ ten für ihn einen familiär⸗korporativen Charakter. Er konnte ausgelaſſen luſtig ſein, blieb aber der unausſtehlichſte Kumpan von der Welt, ſo lange ———— —— 10— nichts Abſonderliches aufzutreiben war. Alsdann mochte es noch geſchehen, daß er Winters mit der Straßenpolizei anband, um auf der Wachtſtube zu überſitzen, oder daß er Sommers noch in der Nacht über Land lief, um in einem Kahne zu ſchlafen oder doch einem Sonnenaufgang entgegenzuwandern. Am liebſten ſah er ſich zu Pferd und— bei Tiſche. Mitt ſeinem Kunſtſinn und ſeiner Abenteuerſucht ging Hand in Hand eine zur Virtuoſität ausgebildete Feinſchmeckerei; ja es ſchien nicht ſelten, als ſei dieſe gar die ſtärkſte ſeiner Leidenſchaften. Den langwei⸗ ligſten, eintönigſten Regentag konnte eine gutbeſetzte Tafel in's Roſigſte und Kurzweiligſte verzaubern. Zwiſchen die Wahl geſtellt, ein üppiges Souper oder die Aufführung einer mozart'ſchen Oper zu verſäu⸗ men, entſchied er ſich, wenn ſchon immerhin nach reiflichem Erwägen, jedesmal zu Gunſten des ga⸗ ſtronomiſchen Genuſſes. Auch er war„malgré sa poésie gourmand et gourmet“. Neigung und Verſtändniß dehnten ſich in gleicher Weiſe auf den Keller aus. Ich erinnere mich aus jener ſchönen Zeit, wo man eine göttliche Berechti⸗ gung hat über den Durſt zu trinken, an manchen übermüthigen Streich. Wenn ihm der Wein die Zunge zu löſen begann, liebte er es, einen Kranz von Epheu, von Rebenlaub, oder wenn ſonſt nichts —— — 11— Beſſeres zur Hand war, ein grünes Weidengeflecht auf's muntere Haupt zu ſetzen und lateiniſche Verſe zu deklamiren, was er mit meiſterhaftem Ausdruck verſtand. 3 Bei all' dieſen abſonderlichen Gewohnheiten und Neigungen würde man irren, falls man glauben wollte, ſein äußeres Thun und Laſſen hätte ein ge⸗ nialitätſüchtiges, verrücktes Anſehen gehabt. Im Gegentheil gehörte Heinrich, was ſein perſönliches Auftreten vor der Welt anlangte, zu den gehobeltſten, ſchlichteſten Männern der Geſellſchaft. Seine Kleidung zeigte von Geſchmack und Einfachheit, ſeine Manieren von gewandter Weltläufigkeit, ſein Geſpräch von um⸗ faſſender, eindringlicher Bildung. Er haßte alles Prunken und Prahlen auf offenem Markt, alles ge⸗ fliſſentliche Veranſtalten, um geſehen zu werden; auch hielt er ſich niemals für außerordentlich begabt oder zu abſonderlichen Unternehmungen berufen. Er war empfänglich und mittheilſam, anerkennend bis zur Bewunderung, bewundernd bis zum Enthuſias⸗ mus. Die kleinen Narrheiten ſeines intimen Lebens drängten ſich nie vor die Augen der Geſammtheit; wer ihn nicht innerhalb ſeiner vier Pfähle oder im Freundeskreiſe kannte, mochte ihn für einen ganz ge⸗ wöhnlichen, erfahrungsmäßigen Menſchen halten, der für ſein gutes Geld ſich gute Tage einzukaufen wiſſe, 2 und zwiſchen Studium und Jugendgenuß ein Leben hinterbringe wie Andere mehr. Die Aeußerungen ſeiner Abſonderlichkeit, ſeine Neigung nach Ungewöhnlichem, nach Neuem, nach Auffälligem entſprang aus dem erhöhten Bedürfniß, täglich und ſtündlich ſich ſeines Daſeins froh be⸗ wußt zu werden; Lebenskraft und Lebensmuth war die Quelle ſeiner Lebensweiſe. Er hielt ein ausführ⸗ liches Tagebuch, und jeder Tag, den nicht ein be⸗ merkenswerthes Ereigniß auszeichnete, den nicht Freud oder Leid mit einem vollen Strahl berührt, galt ihm ein verlorener und wurde nicht verzeichnet. Dennoch fehlten in ſeinem Kalender jedes Jahr nur ſehr wenige Tage. Er war damals ein glücklicher Menſch. Seit ich ihn zum letzten Male geſehen, ihm zum letzten Mal die treue Hand gedrückt, waren viele Jahre über's Land gegangen. Das war auf dem Bahnhofe zu P., wohin wir dem bemooſten Haupte das Geleite gegeben. Er ſprang raſch in den Wagen, und als der Zug von dannen fuhr, winkte er uns noch lange mit einem Schnupftuch zu, das die Farben unſerer landsmannſchaft⸗ lichen Abzeichen trug, während wir Zurückgebliebenen ihm ein donnerndes Hurrah nachſandten. Wir haben Hurrah geſchrieen, ſehr lautgeſchrieen, und das in einem öffentlichen, wohlgezimmerten Bahnhof germaniſcher Nation— das mußte lange, recht lange her ſein. 4 Der Strom des Lebens hatte uns weit aus ein⸗ ander verſchlagen, nnd ich habe von meinem guten Heintz die Jahre nichts mehr gehört, einmal, daß er die Staatsdienſtcearrière verlaſſen und ſich verlobt, ein andermal, daß er geheirathet und ſich auf's Land Aϑ gezogen habe. Durch den eigenthümlichen Gang meiner Geſchäfte einmal in dieſe Provinz gerufen, trieb mich das Herz nach dem braven Kauz umzuſehen; ich ſchrieb einen Brief an den muthmaßlichen Ort ſeines Aufenthalts, eine kurze, freudige Antwort erweckte mich ſchon am Morgen des zweiten Tages, und nun war ich daher⸗ gekommen über Schienen und Straßen. Ich mußte mich, wie ich ſo in Rückerinnerungen vertieft dahinwanderte, beſinnen, daß ich ſeit ſeiner Verlobung auch den Namen der erwählten Braut gehört, und daß ich vor etwa vier oder fünf Wintern das Fräulein Natalie von Püren in der Reſidenz perſönlich kennen gelernt hatte. Ein hübſches, liebens⸗ würdiges Kind von etwa ſechzehn Jahren, welches eben aus der Penſion zurückgekommen war, und auf alle Fragen, ſo ihr von einer exemplariſchen Frau Mama geſtellt wurden, ein beſcheidenes, halblautes Ja hauchte. Mein erſter Beſuch unterbrach ſie in einem bereits ſechsthalb Seiten langen Brief an eine Inſtitutsfreundin,„die ſie über Alles liebte“, wie ſie — 5— 14— mir verſicherte. Sofort nach den üblichen Begrüßungs⸗ fragen ward ſie von der Mutter an den Flügel kom⸗ mandirt, deſſen ſie ſich ohne Weigern im nächſten Moment bereits bemächtigt hatte. Sie ſpielte mir ohne abzuſetzen fünf Mendelsſohn'ſche„Lieder ohne Worte“ vor mit eigenthümlich ungebundener Rhyth⸗ miſirung, und mit betäubender Vorliebe für die Be⸗ gleitung im Allgemeinen und das Pedal insbeſondere. Ich bat unter geſellſchaftgeläufigen Ausdrücken um Gnade, worauf ſich Mama mir zu erzählen beeilte, daß Natalchen eben unter ihrer höchſteigenen Leitung Paul et Virginie in's Deutſche, und dann aus ihrem Deutſch in's Franzöfiſche zurück, und endlich aus ihrem Franzöſiſchen auch in's Engliſche überſetze, eine Arbeit, die ungemein bildend ſei. Ich ſtaunte und ſchwieg, und Frau von Püren ſandte ihren„Augapfel“(wie ſie ihre Tochter fort⸗ während titulirte) mit Adjutantenaufträgen, die von den pomphaften Kunſtausdrücken des galliſchen Speiſe⸗ zettels ſtrotzten, nach der Küche, um ohne Aufregung jungfräulicher Eitelkeit an mich eine vertrauliche Ge⸗ ſchäftsfrage zu ſtellen. Sie beabſichtigte nämlich, die eben erwähnten Paul et Virginie-Ueberſetzungen in der Trippelallianz ihrer Sprachverſchiedenheit zum Gebrauch für höhere Töchterſchulen und adelige Fräu⸗ leininſtitute im Buchhandel erſcheinen zu laſſen, und 15— bat mich, da ich ja doch vom Fach wäre, ihrem ge⸗ bildeten Kinde ein zartverhüllendes, wohlklingendes Pſeudonym für das Titelblatt ſuchen zu helfen. Ich entſchuldigte mich damit, daß ich weder fran⸗ zöſiſch, noch engliſch, noch ordentlich deutſch verſtünde, daß ich, in Folge der einſeitigen Vertiefung in meine neueſten Studien, mich nur mehr das Mittelhoch⸗ deutſche und Anglonormanniſche orthographiſch zu „ ſchreiben getraute, daß meine ſämmtlichen Gedichte, Novellen und Kritiken aus den hinterlaſſenen Papieren meines ſeligen Urgroßvaters mütterlicher Seits her⸗ ſtammten, welcher, Gott habe ihn ſelig, noch vor . Anfang des Jahrhunderts zu Verona Todes verblichen wäre, daß ich meine juriſtiſche Bildung nur der Aehn⸗ lichkeit mit einem im zarten Knabenalter verſtorbenen Bruder verdankte, und eigentlich und genau genommen kein Aeſthetiker, ſondern meines Zeichens ein Schwimm⸗ lehrer wäre. Die gnädige Frau warf noch einen zweideutigen Blick nach meinen tadelloſen hechtgrauen Handſchuhen, und wir trennten uns für alle Zeit. Auf der Stiege kam mir das Stubenmädchen derer von Püren entgegen, welches eine rieſige, im babyloniſchen Thurmbauſtyl aufgewundene Torte die 8 Stufen hinan ſchleppte. Als ich letztere Begegnung den Freunden mit⸗ 8——————— — 16— theilte, welche mich den genannten Damen vorgeſtellt verſicherte jeder, daß auch an ihm auf der Treppe jenes Hauſes ein hnlicht R Konfekthügel vorüberge⸗ tragen worden ſei. Wir ſchloſſen daraus, daß die ſorgſame Mutter auf dieſe Veiſe jedem heirathsfähigen Manne die ſchmackhafte Behäbigkeit des Püren’ſchen Familienlebens ſymboliſch zu verſtehen gebe. Sollte es wirklich die gaſtronomiſche Seite ge⸗ weſen ſein, auf welcher mein Freund Heinrich ſich vom Hausgeiſte ſeiner Schwiegermama hatte beſiegen laſſen? Sollte die Luſt zum Eheſtand auf dem Um⸗ weg durch die Küche ihn überrumpelt haben? Ich konnt' es doch nicht glauben. Er pflegte, wenn man über Weiber und Mädchen zu reden kam, zu wieder⸗ holen, ein Weſen, das ihn dauernd feſſeln ſolle, dürfe nothwendigerweiſe zweier Eigenthümlichkeiten nicht entbehren, ſie müſſe von feſtem, ſicherem Charakter und ſeelenwarmer Leidenſchaftlichkeit ſein. Charaktergröße, Leidenſchaft— und jene blaß⸗ blonde Mendelsſohnſchlägerin aus dem löblichen Fräuleinpenſionate der Madame Marie Antoinette Carafon, nach einem zierlichen Pſeudonym blätternd, das reimte ſich nicht. Ich wußte nicht, ſollt' ich meinen Freund bedauern, ſollt' ich nicht. Als ver⸗ nünftiger Menſch beſchloß ich zu warten, und dachte nur abwechſelnd: Liebe thut Wunder und Liebeiſt blind. — 17— Unter ſolchen Selbſtgeſprächen hatte ich längſt den aufſteigenden Weg zurückgelegt und ſchritt ge⸗ mächlich auf der ebenen Straße dahin. Es war brauner Abend und ſchwarze Nacht geworden, und ich hatte es kaum gemerkt. Jetzt hatte ich den Ort meiner Beſtimmung erreicht und befand mich zwiſchen den erſten Häuſern des weitausgelegten, ſtattlichen Fleckens. Heinrich's Wohnſitz war ſchwer zu verfehlen. Der ortskundige Kutſcher hatte mich an das erſte Ge⸗ höfte rechter Hand gewieſen. Es lag etwas ſeitab von der Landſtraße. In einem großen, mit vielen Bäumen bepflanzten Garten ſtand ein einſtöckiges Haus aus rothem, polirtem Sandſtein erbaut. Zu den Fenſtern des Erdgeſchoßes in der Vorderfronte führte eine mit Orangenbäumen reichlich beſtellte Eſtrade von grauem Marmor, vor welcher drei kleine Springbrunnen geſchwätzig emporſprudelten. Zwei entferntere Hintergebäude ſchienen Ställe und Diener⸗ wohnungen zu enthalten. Das Ganze war nach der Straße zu vorne von einem zierlichen Eiſengitter, auf den drei anderen Seiten von einer etwa ſechs Fuß hohen Mauer umgeben, aus welcher zur rechten Hand eine Thür in's freie Feld führen konnte. Es giebt Menſchen, die, wenn ihnen der Brief⸗ träger einen Brief gebracht, auf deſſen Couvert ſie 2 —— 18— die Züge einer lieben Hand erkennen, denſelben uner⸗ brochen mitten auf ihren Schreibtiſch legen, und erſt⸗ indem ſie noch eine häusliche Verrichtung vornehmen, ehe ſie das Siegel löſen, ſich ſo die behagliche Unruhe einer ſicher zu befriedigenden Erwartung anthun. Ein ähnliches Gefühl verhielt auch mich vor der Thüre meines alten Freundes. Ich ging um das ganze Anweſen herum, ich zählte die Schornſteine, die Fenſter, die Blitzableiter, ich horchte auf die ver⸗ ſchiedenen unartikulirten Laute der zahmen Hausthiere, die ſich zuweilen vernehmen ließen, ich ſah den Wind über die Bäume des befreundeten Eigenthums biegen, ich ſtierte in die Rauchwölkchen, die aus dem Innern dieſer Häuslichkeit geradeauf in den geſtirnten Nacht⸗ himmel zogen, und bei alledem ſpielte ich mit dem Gedanken, wie's wohl drinnen ausſehen möchte. Die Thüre im Eiſengitter war noch unverſchloſ⸗ ſen. Ich trat behutſamen Schrittes über den Kies des Vorderplatzes und in's dichte, blühende Flieder⸗ gebüſch mit dem fürwitzigen Wunſche, wo möglich noch ungeſehen einen Augenblick in das famiktäre Treiben meines Jugendkumpans zu werfen. Aus zwei Fenſtern an der linken Seite des Erdgeſchoßes fiel ein gedämpftes Licht in den Garten, die Flügel des einen waren geöffnet, lagen jedoch für ein geräuſchloſes Erreichen zu hoch. Ich ſchlich ſachte heran, blieb aber bald verwundert ſtehen und horchte. Eine tiefklingende, volle Frauenſtimme, welche durch das offene Fenſter ſich vernehmen ließ, ſprach mit tadelloſem Pathos langſam und ſcharf die Worte des Dichters: Wie? wär' es Gift, das mir mit ſchlauer Kunſt Der Mönch bereitet, mir den Tod zu bringen, Auf daß ihn dieſe Heirath nicht entehre, Weil er zuvor mich Romeo'n vermählt? So, fürcht' ich, iſt's, doch dünkt mich kann's nicht ſein Denn er ward ſtets ein frommer Mann erfunden. Ich will nicht Raum ſo böſem Argwohn geben.— Wie aber, wenn ich in die Gruft gelegt, Erwache vor der Zeit, da Romev Mich zu erlöſen kommt? Und ſo ging's weiter im göttlichen Text. Ich weiß nicht mehr recht, war es in der That bloß die Wirkung des Vortrags, oder that die Aufregung, in die ich mich gebracht hatte, das Ihrige dazu? Aber mich dünkte damals, ich hätte Shakſpere mein Tag nicht treffender zur Geltung kommen hören. Mir ſchien's, als hielt die Nacht ihren Athem an, um dem Wohllaut dieſer Stimme zu lauſchen; kein Lüftchen war zu ſpüren, kein Fliederglöckchen be⸗ wegte ſich, auch die Springbrunnen hört' ich nicht mehr, und ohne einen Hauch zu verlieren, wogten wie flüſſiges, klingendes Silber die Worte der un⸗ 2 * —— — 20— ſterblichen Liebe Capulet's in die duftſchweren Lüfte des dunklen Gartens. An einem Schatten, welcher am Ende der Zimmer⸗ decke und der oberen Wand zu ſehen war, mußte ich bald abmerken, daß keineswegs im Sitzen geſprochen oder gar vorgeleſen wurde. Die Veränderungen des ſchwarzen Streifens ließen bald auf ſchlaffe, bald auf heftige Bewegungen einer ſtehenden Perſon ſchließen. MNun war ſie zu den Worten gekommen: O ſeht! mich dünkt ich ſehe Tybalt's Geiſt! Er ſpäht nach Romeo, der ſeinen Leib Auf einen Degen ſpießte.— Weile, Tybalt! Das klang, als wäre es mit höchſter Anſtrengung, mit todesängſtlicher Steigerung durch einen von un⸗ ſichtbarer Rieſenfauſt gewürgten Hals hervorgeſtoßen. Dann ward Alles ſtill. Dem Schatten nach zu ſchlie⸗ ßen, wankte die Geſtalt, wie um Athem zu ſchöpfen, dem offenen Fenſter zu, und aber nach einer kleinen Pauſe erſt erklang es wie Orgeltönen, mit einer Stimme, die von Luſt und Liebe bebte: Ich komme, Romeo! Dies trink' ich Dir! Ich ertappte mich gerade noch zur rechten Zeit, wie ich ſchon unwillkürlich einen Freudenſchrei der Bewunderung hervorſtoßen wollte, eines jener ſeltenen naturnothwendigen„brava!“ die zuweilen ſelbſt von den feſten Lippen geſchworener Schweiger aufbrechen, als ſich drinnen eine andere, eine männliche Stimme vernehmen ließ. Ich kannte ſie wohl, dieſe Stimme, und ſie ſprach in einer Miſchung von gemüthlichem Hausvaterton und lautwerdendem Lehrerernſt: „Mein liebes Mäuschen, Du biſt noch immer nicht ganz dialektfrei. Es klang das zweite Mal mehr wie ‚Leuchentuch' als wie ‚„Leichentuch.“ Ueber⸗ haupt nimmſt Du zuweilen die Klangfarbe zu tief, und man glaubt alsdann ‚Göbeint ſtatt ‚Gebein“ zu hören. Auch meint' ich, Du ſollteſt, wenn Du den Schlaftrunk genommen, nicht gleich zuſammenſtürzen, ſondern ruhig, wie in einer monumentalen Stellung, das Fallen des Vorhangs erwarten. Ich kann das viele Umpurzeln auf der Bühne nicht ausſtehen.“ Was zum Teufel, dacht' ich bei mir, richtet der Heinrich in ländlicher Zurückgezogenheit Bühnentalente zu, oder bereitet er für ein Familienfeſt ein Liebha⸗ bertheater vor? Indeſſen ſchien's, als ſchickte ſich die ſchöne Stimme an, den Monolog von Vorne anzu⸗ fangen, und ich ſchwor in meinem entzückten Herzen, ſo lange dieſe Wohlthat währen wollte, nicht von der Stelle zu weichen, und müßt' ich die ganze Nacht im Freien bleiben. Da packte mich plötzlich Einer von Rückwärts am Rockkragen und am rechten Arm, und inquirirte mich quoad personalia. Ich konnte den Biedermann raſch befriedigen, — 22— erklärte ſchließlich, die Thüre nicht haben finden zu können, und hier von dem herrlichen Deklamiren wi⸗ der Willen im Grünen feſtgehalten worden zu ſein. „Ach ja,“ erwiederte ganz in Höflichkeit getaucht der wackere Dienſtmann;„ach, unſere gnädige Frau, ſie kann ſo reden, daß einem das Herz im Leibe weint, und lacht, und wiederum weint, gerade wie ſie will.“ Was, ſprach ich zu mir, ſeine gnädige Frau? Julia von Püren? Natalie Capulet? Aber der Andere ließ mir nicht Zeit zum Ver⸗ wundern. „Ich bitte Sie doch, kommen Sie nur recht raſch herein. Der Herr und die Gnädige haben Sie zwar erſt morgen Mittag erwartet— ich weiß das, weil er auf Früh fünf Uhr den Wagen beſtellt hat, um Sie in Grimmelsdorf von der Eiſenbahn zu holen. — Aber mein! ich ſag' Ihnen, die ganzen zwei Tage erzählt er der gnädigen Frau ſchon von Ihnen, und von der alten Zeit, und der alten Freundſchaft. Ich bitte, hier um die Ecke und belieben jetzt nach Links u. ſ. w.“ Ich trat in ein kühles, geräumiges Gemach, deſ⸗ ſen fenſterfreie Hauptwand ganz mit dichtem Epheu überzogen war, und ſonſt keinen Schmuck hatte als ein großes, viereckiges Spiegelglas in breitem Gold⸗ rahmen. An der gegenüberſtehenden Seite zwiſchen — 23— den Fenſtern hing eine gelungene Kopie des rem⸗ brandt'ſchen Ganymed. Hüben wie drüben befanden ſich kleine, bequeme Sophas, und vor jedem ein Mar⸗ mortiſch, auf den von der Decke eine Bronzelampe herabhing. In den Ecken ſtanden Wandſchränke mit hohen Aufſätzen, welche mit verſchiedenen Nutz⸗ und Ziergeräthen beſtellt waren; in der Mitte des Zim⸗ mers, wahrſcheinlich von wegen der Juliaßzene, zwei verlaſſene Stühle. Der Tiſch zur Linken trug ein noch unberührtes Abendmahl; vor dem anderen, dem Spiegel gegen⸗ über, ſaß Heinrich auf einem Sopha, in ein Buch vertieft, darin er nach einer beſtimmten Stelle zu ſuchen ſchien. Ein Weib, das der T Thüre den Rücken kehrte, ſtand vor ihm. Die beiden Arme auf die Steinplatte geſtützt, ſchien ſie auf das Ergebniß ſeiner Nachforſchung zu harren. Sie trug ein weißes, fal⸗ tenreiches Nachtkleid; über der einen Schulter hing eine lange, dunkelbraune Flechte in irren Ringeln herab, welche unter einem himmelblauen Bande los⸗ geworden war, das den Kopf umſchlang. Auf den Lärm, den der Diener anhub, warf Heinrich das Buch weg und fiel mir um den Hals. Das Weib hob das Buch allſogleich auf, legte es unter den gekreuzten Arm, und ſah ſonder Gruß und Zeichen wie eine Forſchende den lauten Freudenbe⸗ zeugungen zu, mit welchen ihr Gatte den Gaſt über⸗ häufte. Ihr Geſicht war nicht gerade ſchön zu nennen; aber große, graublaue Augen, ſchwellende, breitge⸗ ſchweifte Lippen und eine feingezeichnete, ſtarke Naſe verliehen ihm einen ſo lebensfriſchen, beſtimmten Ausdruck, daß man nach dem erſten raſchen Anblick ſofort hätte die Wimpern ſchließen können, ohne ſei⸗ nes genauen Abbildes in der inneren Vorſtellung los zu werden. Während der erſte Begrüßungsſturm in durch⸗ einandergeworfenen Fragen und Antworten, in häus⸗ lichen Anordnungen und bunten Projekten für die nächſten Tage allmälig vertobte, ſetzten wir uns an die Mahlzeit. Heinrich ſprach in einem Athem fort, während ſeine Frau bald mich, bald ihren Gatten ihrer ſchweigenden Beobachtung unterzog, und mir ſelbſt in Mitten dieſer befreundeten Häuslichkeit nicht recht ſicher und behaglich werden wollte. „Aber, Grettchen,“ fuhr auf einmal Heinrich ſich ſelbſt unterbrechend fort,„Du ſchweigſt und thuſt, als hätteſt Du einen wildfremden Menſchen vor Dir. Sei gut, und reiche meinem Alten über dem Ver⸗— brechen ſeiner nächtlichen Ueberraſchung die hausmüt⸗ terliche Rechte.“ Ihre bisher ſo ſtarren Züge nahmen plötzlich ei⸗ . — 25— nen Ausdruck lächelnden Wohlwollens an, und ſie gab mir eine kleine, weiche, weiße Hand, deren durch⸗ ſichtige Glätte das bläuliche Aderngeflecht durchſchim⸗ merte. „Ich war bloß ſprachlos vor Verwunderung über meinen Mann,“ ſagte ſie,„vor Verwunderung über die Meiſterſchaft, mit welcher er innige Gefühle Jahre lang zu verbergen, oder, wenn ſie ſo lange geſchla⸗ fen haben, auf Einen Schlag in's volle Leben zurück⸗ zuzaubern vermag. Thut er nicht mit Ihnen wie eine Thekla Wallenſtein, die ihren zertretenen Picco⸗ lomini nach der Auferſtehung des Fleiſches geſund und ganz im Jenſeits wiederfindet? Und glauben Sie mir: in den drei Jahren unſerer Ehe hat er Ihrer nicht ein einziges Mal erwähnt. Ich habe Ihren Namen ehegeſtern zum erſten Mal vernommen. Seit⸗ dem ſprach er auch von nichts Anderem mehr. Aber ſo ſeid ihr Männer, veränderlich wie Wetter und Wind.“ Wir legten Beide einmüthig Verwahrung ein ge⸗ gen dieſe unterſchiedsloſe Verdammung unſeres Ge⸗ ſchlechts, und raſch war jede ſtörende Feſſel des Ver⸗ kehrs entfernt; bald ernſt, bald ſcherzend floß die Wechſelrede durch Vergangenheit und Gegenwart da⸗ hin. Heinrich's Gattin nahm zwar noch immer wenig Theil am Geſpräch. Da fügte es ſich, daß unſere —— 26— Unterhaltung gelegentlich meines Aufenthalts in Dres⸗ den auf die Riſtori und ſo auf Theater und Bühnen⸗ weſen gerieth. Kaum daß ich das erſte Wort geſpro⸗ chen, legte meine Nachbarin Meſſer und Gabel hin, und nun war des Fragens und Ausforſchens kein Ende mehr. Sie ließ ſich die ſzeniſche Anordnung der ihr un⸗ bekannten italieniſchen Stücke erzählen, verlangte mir nach und nach eine nach allen Seiten hinleuchtende Charakteriſtik der Künſtlerin ab, und intereſſirte ſich beſonders für die Darſtellung der Maria Stuarda mit einer ſo ſehr in's Einzelnſte gehenden Genauig⸗ keit, daß mir, der ich weder alle Nüancirungen des Spiels, noch die Fineſſen der dadurch erzielten Büh⸗ nenwirkſamkeiten, noch endlich gar Schnitt und Farbe der Koſtüme behalten hatte, in dämmernder Ferne alte Erxaminationsfieberreminiſcenzen aufſtiegen. Mein Freund mochte endlich mit mir fühlen und bemühte ſich mehrmals, dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben; ſeine Gattin ließ ſich jedoch nicht leicht abbringen. Auf eine verſtändliche Anmahnung erwiederte ſie: „Weiß ich doch aus dem biographiſchen Bruchſtück eurer ſelbander verbrachten Jugendzeit, wie ſehr ſich unſer Freund damals für die Bühne intereſſirte. Alſo ſpricht er auch wohl gerne davon mit mir, die ich ſo ———yj ä———— — 27— lang, ſo lang jene Bretter nicht mehr geſehen habe, welche die Welt bedeuten. Wie, oder ſollte auch dieſe Neigung wieder verflogen ſein? Dann nehmen Sie meine Neugier als Strafe für Ihren leichten Sinn. Indeſſen ſei's geſagt, daß ich in die Erzäh⸗ lungen meines verehrten Eheherrn gerechten Zweifel zu ſetzen anfange; denn offen geſtanden, nach jenen habe ich Sie mir ganz anders vorgeſtellt, als ich Sie nun vor mir ſehe.“ Ich lachte und äußerte, daß auch ich mir die Frau meines Freundes ganz anders eingebildet habe, und nun im Herzen vergnügt ſei, daß ich es nicht ſo gefunden, als ich habe denken müſſen. „Die Beſtien in der Reſidenz,“ brummte Hein⸗ rich,„heraus damit, was ſie Dir wieder aufgebunden haben!“ 1 „Gar nichts,“ erwiederte ich;„da ich aber Dank unſeres längſt in Treuloſigkeit entſchlafenen Brief⸗ wechſels ſeit Langem nichts von Deinem Leben er⸗ fahren habe, als Deine vor Jahren bekannt gewor⸗ dene Verlobung, und ſpäter eine irre Kunde, daß Du nunmehr verheirathet ſeiſt, wie konnte ich An⸗ deres gewärtigen, als in Deiner Gattin eine alte Bekanntſchaft zu erneuern, die der wohledlen Natalie aus dem Hauſe Püren!“ Ich hatte dies Letztere lachend und arglos über's —— 28— Weinglas weggeredet und bemerkte erſt jetzt, daß der Eindruck meiner Rede gar kein heiterer war. Die Geſichtszüge der ſchöneu Frau hatten ein hartes, ſtolzes Anſehen angenommen, und ihre Augen haf⸗ teten wie forſchend auf meinen Lippen. Heinrich ſchien das nicht zu bemerken, trank ſeine Neige und ſprach:„Dann weißt Du noch gar nichts, und ich bin Dir ein ganzes Kapitel zu erzählen ſchul⸗ dig. Aber wir haben keinen Wein mehr, und ich will ſelbſt gehen und Dir einen gaſtlichen Ehrentrunk heraufholen.“ 3 Er ſtand auf und nahm aus einem der Wand⸗ ſchränke einen krausbärtigen Schlüſſel mit viereckiger, zierlicher Handhabe, den er wohlgefällig betrachtend über den Fingern wog. Seine Frau hatte ſich gleich⸗ falls erhoben. Sie gab mir die Hand und eine gute Nacht, und verließ am Arme des Gatten das Ge⸗ mach. 8 Ich blieb nur kurze Zeit allein, um den Eindruck in mir zurecht zu rücken, den dieſes außergewöhn⸗ liche Weſen auf mich ausübte, da kam mein Freund mit vollen Flaſchen zurück, eine kleine, dunkelrothe Mappe unter dem Arm, aus der da und dort Pa⸗ pierſtücke, getrocknete Kräuter, rothe Läuber u. dgl. hervorguckten. Er fing an, mir des Weitläufigeren die Gele⸗ — 29— genheit zu rühmen, welche es ihm möglich mache, ſeinen haut Sauterne direkt von echten Quellen zu beziehen, doch ich drängte ihn zu ſeinem Verſprechen nach der Geſchichte ſeiner Verlobung und Verhei⸗ rathung zurück. Mit vorſchmeckendem Behagen erhob er blinzelnd die weite, flache, gläſerne Schale auf dem ſchlanken Stengel und ließ die goldene Flüſſigkeit, die ſich in zähen Tropfen, ölgleich, an die Ränder klebte, im Licht ſeiner Lampe ſchimmern. Dann that er einen guten Schluck und hub an zu erzählen wie folgt. Ich bin in meinem Leben nicht immer gar ſon⸗ — derlich auf der Hut geweſen. Ich habe manches ge⸗ than wie im Traum, und Vieles geſchehen laſſen wie im Schlaf, das aber weiß ich gewiß und genau, daß ich Natalien ſehr lieb gehabt, und daß ich mir die vernünftigſten Gründe wie die wohlthätigſten Folgen dieſer Liebe viel hundert Mal vorgerechnet und ein⸗ geprägt habe. Als Du ſie geſehen war ſie noch ein halbes Kind, was aus dieſem ſich für ein ganzes Mäd⸗ chen entfaltet, haſt Du nie gekannt. Gerade die Ver⸗ ſchiedenheit unſerer Charaktere war es, von der ich mir weiſſagte. Wenn ich einſah, daß ihre alltägliche Art zu leben und zu denken auch nicht im Entfernteſten ſich nach jenen romantiſchen Erſchütterungen ſehnte, welche mir nothwendiges Bedürfniß geworden waren, ſo ſagt' ich mir, deine proſaiſche Gattin wird die ver⸗ nünftige Ergänzung deines einſeitigen Weſens ſein, ſie wird dich hindern, zu viele dumme Streiche zu machen, auch iſt es einmal Zeit, daß du ein geſetzter Bürger wirſt. Selbſt die an's Gedankenloſe ſtreifende Unterordnung unter die einfältigſten Capricen ihrer 85* Mutter rührte mich; denn ich ſagte mir, du wirſt eine exemplariſche Hausfrau, ein Muſter von Hinge⸗ bung und Treue heimführen. Daß ſie gegen mich kühl und zurückhaltend war und das Maß erlaubter Vertraulichkeit ängſtlich nach der Zeitdauer unſeres Verhältniſſes abwog, reizte mich nur mehr. Und ſo mußt' es denn kommen, daß ich eines lauen Frühlingsabends mein Reſtchen Verſtand an die Wand warf, und mich nach Erfüllung ſämmtlicher im Familiencoder derer von Püren feſtgeſetzten Förmlichkeiten feſt und feierlich verlobte und ver⸗ ſprach. „Wie ich nun ſo als ein fertiger Bräutigam vor dem Herrn auf die kühle Straße herabkomme und mir ein ſcharfes Lüftchen um das Haupt geht, ſo konnt' ich nicht anders, als mir nochmals alle die ba⸗ rocken Förmlichkeiten und ſteifen Komplimente zu Gemüthe zu ziehen, mit welchen man mir den Weg zu meiner Herzliebſten verlegt hatte. „Wie ſie da ſaßen, rund herum wie die heilige Vehme, und dann die Alte eine einſtudirte Rede hielt von der göttlichen Einſetzung der Ehe, und von ihres Kindes Vortrefflichkeit, und von den Baumwoll⸗ ſpinnereien meines ſeligen Herrn Vaters, und wie da⸗ gegen einer ihrer Stiefonkel mütterlicher Seits bei Wagram geblieben ſei u. ſ. w., bis zu den Fragen und Antworten beiderlei Geſchlechts, und dem Segen des Himmels! „Es war doch gar zu albern, zu komödienhaft. Ich ſtieß einmal meine Verlobte unter dem Tiſch leiſe an das Füßchen, da ich meinte, auch ſie könne das Lachen nur mit Mühe verbeißen. Als ich aber einen flüchtigen Seitenblick nach ihr ſchickte, ſah ich zwei dicke Thränen der Andacht langſam über ihre Wangen perlen. „Im Weitergehen geſtand ich mir, daß Natalie heute nicht ihren guten Tag gehabt, die hellen Far⸗ ben ſtehen ihr aber auch gar nicht zu Geſicht. Wa⸗ rum trug ſie auch nicht Eine Blume, obwohl ſie weiß, daß ich Blumen ſo liebe? Sie thut mir doch eigentlich Nichts zu Gefallen. Und das bloß, weil ihr die Alte angemerkt, daß rothe Roſen nicht zu ihrer Haarfarbe paſſen. In der That war mir mein Schatz noch nie ſo unverſchämt blond vorgekommen, als heute am Verlobungstage. „Während dieſer ſündhaften Meditationen war ich unvermerkt an einen Straßengraben gekommen, ich that einen falſchen Schritt und verzog mir eine Sehne am Bein. „Die verwünſchte Verlobungszerſtreutheit! fluchte ich unwillkürlich auf, und ſchlenderte, ein wenig hin⸗ kend, langſam an der Wand eines kleinen Seiten⸗ gäßchens dahin. Es war Sonntag, der erſte Sonn⸗ tag bei vollem, unzweideutigem Frühlingswetter, und luſtiges Volk jubilirte und mufizirte aus allen Schen⸗ ken und Kellern heraus. „Ich merkte nun erſt, daß ich eigentlich ernſtlich durſtig ſei. Die Frau Schwiegermama war bei der feier⸗ lichen Gelegenheit etwas knickerich mit der heidniſchen Gottesgabe des Weins umgegangen. Ekliche Perſon! dacht' ich bei mir und hinkte in den Thorweg einer braunen Vorſtadtſchenke, an deren Thüren ich dann fol⸗ genden Anſchlagzettel in roſenfarbenen Exemplaren, verſchiedene Male, einige auch verkehrt, angeklebt, fand: Hier iſt zu ſehen und zu hören für kleines Geld der große neapolitaniſche Königstenor Petrucchio Chorago Dentifice und die unnachahmliche, niedageweſene Primadonna Peregretta von der großen Oper zu Madrid. „Eine Komödie um die andere; ſei's drum! brummt' ich, ſetzte mich in der geräumigen Zechſtube an einen einſamen Tiſch, ſtreckte mein ſchmerzendes, Bein auf einen Stuhl, und labte mein ärgerliches, brauſendes Bräutigamsweſen an kühlen Bieren. „Ich wurde allmählig ruhiger und ſah mich im Zimmer um. Die ganze Umgebung verrieth wenig 3 —— — 34— Würde, aber viel Gemüth. Um den nächſten, größten Tiſch ſaß eine laute Geſellſchaft, welche zum größeren Theil aus Herrſchaftskutſchern zu beſtehen ſchien; ſie erging ſich über Werth und Alter einer von Hand zu Hand wandernden ausländiſchen Silbermünze in fabelhaften Hypotheſen. Mir gegenüber zechten zwei Maurer im Sonntagskoſtüm mit ihren Schätzen. Neben mir ſchlief, das Geſicht in ſeinen rechten Arm auf die Platte gelegt, ein junger Menſch, der einen Arbeits⸗ kittel und dazu Artillerieuniformshoſen trug. Sein Hut lag auf der Erde, ſein Glas war unberührt. Ueber ſeinem Haupte baumelte in einem mit blauen und rothen Bändern verzierteun Glaskaſten das Zunft⸗ zeichen eines mir räthſelhaften Handwerks von der Decke herab. In der Ecke hing ein hölzernes Kruzifix mit Oelfarbe beſtrichen; die Bilder an den Wän⸗ den zeigten ſonderbare Begebenheiten aus der ſtaatlichen und geſellſchaftlichen Entwicklungsgeſchichte Kräh⸗ winkels. „Es ſchien eben eine Vorſtellung beendigt zu ſein, denn es war von den Sängern nichts zu vermerken. Erſt ſpäter machte mich eine im Winkel ruhende Harfe auf eine Gruppe aufmerkſam, die mitten unter den anderen Gäſten ſaß. Ein altes Weib in grauen Haaren hatte einen etwa ſiebenjährigen Jungen auf dem Knie hocken, das ſie in raſcher Bewegung auf⸗ und abgehen ließ, worüber der auf ſeinem Sitz in die Höhe geſchüttelte Knabe ein laut auflachendes Vergnügen empfand. Daneben ſah ich einen Mann, der bald aufſtand, bald ſich niederſetzte und dabei mit der linken Hand ein Notenblatt nach dem andern, das er leiſe ſummend überflogen, bei Seite legte, während die rechte fortwährend an der Kehle herum⸗ fingerte oder am Zäpfchen drückte. Seinem Ausſehen nach ſchien er ein Fünfziger, ſein Haar und Schnurr⸗ bart waren ſchwarz gefärbt und zeigten an weniger gelungenen Stellen jenen bläulichen Schimmer, in welchen nach etlichen Tagen dieſes Friſeurkunſtſtück auszuarten pflegt. Von dem vierten Mitgliede der Geſellſchaft ſah ich nichts als etwas ſchwarzſeidenes Kleid, zwei Hände, einen an den Fingern abgeſtutzten Handſchuh und einen umfangreichen Strohhut, wie man ihn in Sommerfriſchen zu tragen pflegt. Sein breiter Rand verhüllte das von ihm bedachte Weſen bis an die Bruſt. Daſſelbe Weſen war eifrigſt in den zinnernen Deckel ſeines Bierglaſes vertieft, auf welchem es mit einer glasköpfigen Haarnadel eine Unzahl von Buchſtaben und Arabasken einzugraviren befliſſen war. Vor ihm in einem ſchellenreichen Tam⸗ bourin lag ein Haufe bläulichrothen Flieders und etliche Zweiglein Jasmin. Von dem letzteren führte es ab und zu einige Blumen unter den Hut, als ob es 3* ſich damit ein wenig von dem moraliſchen Geruch ſeiner Umgebung erholen wollte. „Ich rückte neugierig meinen Stuhl etwas zur Seite, aber das half nichts. Ich beugte mich über meinen ſchnarchenden Nachbar, der nun ſeinerſeits mit einer Bewegung aus dem Schlummer ſein Tiſch⸗ lein umwarf, daß die Glasſcherben über's Eſtrich raſſelten, und mir das Bier an Hals und Hoſen ſpritzte. „Die Maurer und Kutſcher hatten deß wenig Acht, während ſich der arme Teufel, der, um ein paar Sechſer zu gewinnen, einen weiten Weg über Land ſchweres Gewicht getragen hatte und nun von Müdigkeit und Schlaf übermannt worden war, in tauſend Entſchuldigungen quälte. Nachdem ich ihn beruhigt und mich getrocknet, ſah ich nach dem Stroh⸗ hut. Er zeigte mir ein blühendes Mädchengeſicht auf dem ſchönſten Halſe, den ich je geſehen, große Augen und volle Lippen, um welche eine kurze Weile die muthwilligſte Schadenfreude ſpielte. Dann errö⸗ thete ſie bis unter die ſchwarzen Zöpfe hinein, die ihre Stirne kränzten, und der breite Hutrand ſenkte ſich verhüllend nieder bis auf die Schellen des flieder⸗ gefüllten Tambourins. „Auch ich ſah vor mich hin auf den Boden; da lag zwiſchen den Glasſcherben meines Nachbarſchoppens das Röslein, welches mir heute Abend meine Braut in's Knopfloch geſteckt zum ewigen Gedächtniß dieſer ſchönſten Stunde. Es war bei der Ueberraſchung des Tiſchumſchlagens zur Erde gefallen, und ich ließ es auf der Erde liegen. Ich dachte an meine Braut und an die ſchöne Harfeniſtin, deren raſcher Anblick mir wie ein Blitz durch die Seele gefahren, und ich dachte, daß es was unvergleichlich Koſtbares ſei um einen freien Junggeſellen. „Unterdeſſen klingelte Maeſtro Petrucchio Chorago Dentifice di Milano mit einem ſchrillen Glöcklein und begann zur Guitare ein Sololied, welches die Alte mit der Harfe begleitete, während der Junge auf dem Boden ſaß und an den Falten ihres Kleides zupfte. Das Lied war jedoch ebenſowenig, wie der Mann, der es ſang, ein geborener Neapolitaner, ſondern ein wiener Vollblutgaſſenhauer mit vieldeu⸗ tigem Refrain, welchen der Alte mit etlichem Stimm⸗ aufwand und in korrekter Dialektausſprache ſchmunzelnd und Geſichter ſcheidend zum Beſten gab. „Ich hörte nicht viel davon; denn meine ganze Aufmerkſamkeit war auf den Hut geſpannt, und mir ſchlug das Herz vor Freude, weil ſie bei all' dem Geklatſch und Gelächter nicht Einmal aufſah, ſondern um ſo emſiger mit der Nadel kritzelte. „Nachdem der Alte unter Beifallsbezeigungen —— 38— geendet, verneigte er ſich mit komiſcher Befliſſenheit, und ſprach im Ton eines Marktſchreiers: Sofort werden wir die Ehre haben, das luſtige Liebesduett aus der berühmten Oper:„Die Hochzeit des Sara⸗ zeners' oder, der blinde Scheerenſchleifere, vorzutragen. Wir erbitten nur vorher noch eine kleine, freundliche Pauſe. „Er griff nach einem meſſingenen Tellerchen und ſtellte daſſelbe unter leiſen Aufforderungen vor das Mädchen. Dieſe aber ſchüttelte ſachte den Kopf und ſchien in kurzen, beſtimmten Sätzen die Zumu⸗ thungen entſchieden abzulehnen, welche ihr auch die Alte auf's Eiligſte zuflüſterte. Der Mann reeſolvirte ſich endlich, und gab mit einem halbverſchluckten bestia maledetta! dem Knaben das blanke Schüſſel⸗ chen in die Hand, der dann von Tiſch zu Tiſche kleine Münze einzubetteln ging. „Dies zu Ende gebracht, begann das Duett, ein unbekanntes, unbedeutendes Muſikſtück, in deſſen krauſem Text ein liebebedürftiger Alter eine ſpröde Schöne um Erhörung fleht, und endlich die Sträu⸗ bende durch reiche Verſprechungen zur ehelichen Ein⸗ willigung bewegt; dieſelbe wird ihm unter höhniſcher Verſicherung ſeines häuslichen Friedens gewährt. „Das Mädchen hatte ſich mit einer raſchen Bewe⸗ gung erhoben, den breiten Hut vom Haupte gelöſt, und — 39— war, den Trotz erzwungener Gleichgültigkeit in ſtarren Zügen feſthaltend, ihre dunklen Flechten hinter's Ohr ſtreichend, mit dem Alten auf einen niederen Antritt am Fenſter geſtiegen. „Primadonna Peregretta ſang zwar mit gepreßter Stimme und mit gänzlicher Unbekümmertheit um falſch oder richtig, aber die gegenſeitig ſchmollende Einleitung wurde lebhaft und luſtig abgeſpielt. Im Verlaufe der Ausſöhnung ſchien ſich Meiſter Petrucchio wegen der vorhergegangenen Weigerungsfatalitäten an der ſpröden Schönen dadurch rächen zu wollen, daß er die ſeiner Rolle vorgeſchriebenen Zärtlichkeiten und Zudringlichkeiten in einer obſcönen Weiſe über⸗ trieb, welche wohl bei dem verehrlichen Publikum ſteigenden Beifall erntete, aus Peregretta's Augen aber das Feuer zürnender Verachtung blitzen ließ. Sie ergriff das Tamburin, welches bisher zu ihren Füßen gelegen war, und ſchlug damit, den Freiwerber abwehrend, auf die lüſternen Hände. „Soweit ſah die Geſchichte noch recht munter aus, denn man konnte Angriff und Abwehr auf Koſten eines ſehr lebendigen Spieles ſetzen. Als aber nun der durch die klſeinen Mißhandlungen nur zu größerer Bosheit Gereizte, ſeiner ſelbſt vergeſſend, das bebende Geſchöpf um die Hüften packte und mit Gewalt auf den Mund küſſen wollte, faßte die Umklammerte das 5— 40— Tambourin mit beiden Fäuſten und ſchlug ihr Inſtru⸗ ment mit ſolcher Wucht auf den Kopf des Unver⸗ ſchämten, daß das Trommelfell knallend entzweibarſt, und das überraſchte Spitzbubengeſicht wie aus einer weiten Halskrauſe aus dem klingelnden Rahmen in die Welt guckte. Im nächſten Augenblick ſauſte das raſche Mädchen ſchon an mir vorbei und zur Thüre hinaus. „Petrucchio Dentifice, da er die Gewaltſame verſchwinden ſah, war raſch von ſeiner Beſtürzung erholt und ſtürmte mit dem'ganzen übrigen Menſchen⸗ inhalt der Schenke fluchend, ſchimpfend, und dabei unwillkürlich mit den Schellen ſeines neuen Halsbands läutend, in die Nacht hinaus, das flüchtige Mädchen und die Freude des Abends wieder einzufangen. „Ich ſelbſt befand mich mitten im Strome. Draußen lief jedoch bloß der Impreſario weit, die Andern blieben am Thor ſtehen und gafften aus der Entfernung zu. Da indeſſen jener die Richtung, welche die Fliehende genommen, nicht kannte, ſo kehrte er wie ein Hund, der die Fährte nicht finden kann, immer wieder um. Nun erſah er zwei Gen⸗ darmen, welche durch den Lärmen auf der nächtigen Straße herbeigelockt waren, im Schein der Gaslaternen um die unterſte Häuſerecke biegen, und war ſchon im Begriffe, ſich auf dieſe mit Nachfragen und An⸗ — 11— ſuchen zu werfen, als ich zu ihm trat und ihm, den Arm gefaßt, zuraunte: „Ich will Euch den Schaden, welcher durch das Unterbrechen Eurer Vorſtellung verurſacht, erſetzen, unter der Bedingung, daß Ihr heute Nacht gar nicht mehr und auch hernach nur ohne polizeiliche Hülfe nach der Entſprungenen ſuchen wollt. Was verlangt Ihr für den Schaden? „Der Schaden iſt unerſetzlich,“ rief er, ‚und die Schande nicht zu bezahlen, aber⸗— fügte er leiſer hinzu— ‚wenn Ihr mir fünf Gulden gebt, ſo will ich die Närrin aus Reſpekt vor Euer Excellenz Nachtruhe für heute laufen laſſen.: „Ich gab ihm das Geld, über dem er lachend ſeine Hoſentaſche zuknöpfte und ſich zum Gehen an⸗ ſchickte. ‚Dummkopf, der ich bin, grinſte er, ‚die Polizei! ha ha! und wozu auch die ganze Mette? wozu? Wenn wir heimkommen, finden wir ſie doch auf unſerem Strohſack, oi, oi! Soferne Ihr aber, mein freigebiger Herr, meint, mit Euren lumpigen Guldenſtücklein bei der windigen Teufelei ein paar Steine im Brett zu haben, ſo irrt Ihr Euch auf's Allermerkwürdigſte. Uebermorgen Nacht ſind wir auch weit davon und gut vorm Schuß⸗ und ſomit gute Nacht, mein Prinz.⸗ „Er kicherte und trat in die Wirthſchaft zurück, ——— — — — ———— —— 42— aus der ſich gar bald ein ſchallendes Gelächter ver⸗ nehmen ließ. Wahrſcheinlich auf meine Rechnung. Ich beruhigte die Gendarmen, welche mittlerweile herangekommen waren, und nachdem ich einen Theil der Nacht auf den Straßen verſchlendert hatte, ging ich heim. „Am andern Morgen ſpät erwacht, beſann ich mich des ganzen Vorfalls erſt nur wie eines wirren Traums, dann ſchmerzte mich mein Fußgelenk und ich blieb im Bette liegen, obwohl mir einfiel, daß ich auf die Stunde, die eben ſchlug, meine Braut zum erſten Mal am Arme durch die Straßen führen und ein halb Dutzend Staatsviſiten verſuchen ſollte. „Meine entſchuldigende Abſage kam um ein Merkliches zu ſpät; auch wollte mein Bediente wenig Gnade gefunden haben. Ich beſchied mich in Gottes Namen. „Des Nachmittags kamen mehrere Freunde, durch ein Gerücht herbeigehetzt, welches bereits die Runde durch die Reſidenz machte. Sie wollten die wilde Schönheit ſehen, welche ich geſtern einem Zigeuner um ſchwere Summen abgehandelt habe. Ich ſann frucht⸗ los darüber hin und her, auf welchem Weg mein Abenteuer, und dazu noch in dieſer grauſamen Ent⸗ ſtellung, an die große Glocke gewandert ſein konnte, bis mir die Herrſchaftskutſcher am nachbarlichen Tiſche — 43— einfielen, von denen mich der Eine und Andere erkannt, und die Geſchichte, um ſeinem Gebieter eine annehm⸗ lichen Frühſtücksplauderei zu gewähren, mit zierlichen Uebertreibungen brühwarm aufgetiſcht haben mochte. „Ich eilte zu meiner Braut; ‚man war nicht zu Hauſe. Ich wiederholte den Verſnch und‚ man’ war für den Abend ausgebeten, aber ‚man’ wußte nicht zu ſagen zu wem. Ich ging ziellos auf den Straßen umher bis zur Nacht und ſah jedem Köpfchen unter den Hut. Aber die Züge jenes armen Mädchens, das zum Mindeſten meine ganze Neugier erregt hatte, konnt' ich unter keinem Rand entdecken. Ich ſperrte mich auf meiner Stube ein, lief wieder fort, beſuchte alle Kneipen in der Vorſtadt der Reihe nach— Alles umſonſt. Im Wirthshauſe von geſtern wußte kein Menſch zu ſagen, woher, wohin die vier Menſchen gekommen waren. Ich gedachte der von Petrucchio erwähnten Abreiſe. Peregretta's Spur ſchien im Ge⸗ wühl des Lebens auf immer für mich verloren. „Am folgenden Nachmittage kommt der Bruder meiner Braut an, ein dunkler Ehrenmann vom zweiten Artillerieregiment, der mir im Namen der Seinigen kund und zu wiſſen thut, daß ſelbe ſämmtlicher Be⸗ ziehungen zu einem Menſchen meiner Gattung los und ledig ſein wollen; die Familie ſei durch mich auf's Abſcheulichſte kompromittirt, der ich mich an ——— —ÿõ— ——— — —— — 1—— —— ———— ——— — — — ———————‧ſſſ ——ÿ—— 3— 41— ein und demſelben Tage meiner feierlichen, öffent⸗ lichen Verlobung in einer Pfennigſchenke mit einem Harfeniſten um ſeine Dirne gerauft hätte. „Sechsunddreißig Stunden ſpäter ſtand ich ihm auf Mannslänge gegenüber. Da ich mir im Widerpart keinen ſonderlichen Fechter wußte, war ich ziemlich leichtſinnig, ich möchte ſagen, zerſtreut, wäh⸗ rend mein Feind von allen Rachegeiſtern ſeines edlen Hauſes angeblaſen wurde. So kam's, daß mir zu meinem größten Aerger gleich in der zweiten Minute ein ſchwerer Hieb den Biceps in ſo grauſamer Weiſe verletzte, daß ich ſofort kampfunfähig war. Die Aerzte ſchnitten bedenkliche Geſichter, und ſo lag ich denn wieder daheim hinter meinen Bettvorhängen und zählte die Blätter in dem Deſſin meiner Wandtapete. Um ein wildfremdes Mädchengeſicht, das ich keine fünf Minuten lang geſehen, hatte ich den langer⸗ ſtrebten Beſitz einer vielumfreiten Braut, den Gebrauch meines rechten Arms und meinen feuerfeſten Humor verloren; die liebe Reſidenzſtadt mißhandelte meinen guten Namen in allen großen und kleinen Cirkeln, in Theekränzchen und Bierhäuſern mit den verwunder⸗ lichſten Entſtellungen eines unſchuldigen Erlebniſſes. „Was mir meinen Zuſtand ganz unerträglich machte, war der Aerger, nun an's Krankenlager ge⸗ feſſelt zu ſein, nun, da ich alle Winkel und Ecken nach der verlorenen Urheberin meiner aufhabenden Kalamitäten zu durchſtöbern Willens war. „Konnte ich mich an die Fremdenbureaus, an die Hausknechte der Vorſtadtgaſthöfe wenden? Sollte ich meine Freunde in's Vertrauen ziehen? ihnen fruchtloſe Späheaufträge geben und mich noch mehr lächerlich machen? Ich war rathlos. „Da tritt am dritten Morgen in aller Frühe mein Diener an das Bett und ſieht mich mit einer Miene an, in der Verlegenheit und Fürwitz um den Preis ringen. Endlich ſagt er aus, ein Mädchen ſei vor der Thüre, es laſſe ſich nicht abweiſen und wolle mit dem Herrn ſelbſt reden. Er habe es für eine Bettelei gehalten und um ſeine Zudringlichkeit derb angelaſſen, worauf die Kleine nichts weniger als von ihrem Verlangen abgeſtanden ſei, ſondern ſich auf die Treppenſtufen geſetzt und da ſitzen bleiben zu wollen erklärt habe, bis er vernünftig geworden ſein würde. „Nach kurzer Weile trat Peregretta in mein Zimmer. Ich ſah durch meine Bettvorhänge, wie ſie einen Augenblick zögernd an der Thüre ſtehen blieb, als bereue ſie nunmehr, dieſen Schritt gethan zu haben. Aber ihr Bedenken war kurz, und da lag ſie vor meinem Lager auf den Knieen und barg ihr gluthübergoſſenes Angeſicht, dem die Feuerfarbe — 16— bis in die kleinen Ohren geſtiegen war, lautſchluch⸗ zend in die Federdecke meines Krankenbetts. „Ich hatte Mühe, ſie zu beruhigen; dennoch ſchlug ſie nur ſelten die Wimpern auf, nur zuweilen warf ſie einen ſcheuen Blick, ſchnell wie der Blitz, nach mir; aber ich ſagte im Stillen: ſo hat dich dein Lebtag noch kein Weib angeſehen. „Das Stadtgeſpräch war bis in den Winkel ihres Verſtecks gedrungen; ſie hatte gehört, daß man mir den rechten Arm abnehmen müſſe, und daß ich eine Heirath verſcherzt, die das Glück meines Lebens begründen ſollte, und das Alles um einer ſchlechten Dirne willen. Nun habe ſie's nicht länger verwinden können, mich zu ſehen, um mir zu danken, daß ich ihr von der Gemeinſchaft jener abſcheulichen Menſchen geholfen habe, an die ſie ſich in einem Augenblicke kindiſchen Leichtſinns gekettet, und um mich auf den Knieen um Vergebung zu bitten für all' das Leid und alle Schmerzen, die ſie mir wider Wiſſen und Willen verurſacht— und endlich auch, um mir zu ſagen, daß ſie nicht das ſei, wofür ſie die böſen Mäuler in der Stadt ausgäben, daß ſie keine Ver⸗ worfene, keine Verabſcheuungswürdige, ſondern eines ehrlichen Mannes ehrliche Tochter. Sie habe es nicht ertragen wollen, daß ich ſie nicht nur verwünſche, daß ich ſie auch verachte. — 47— „Sie ſah mich mit ungläubigen Augen an, als ich ihr verſicherte, daß es in keiner Weiſe ſo ſchlimm um mich ſtünde, als man ihr vorgeſagt, und daß ich niemalen Böſes von ihr habe glauben wollen und können. Ich bat ſie, noch etwas bei mir zu bleiben und mir Einiges von ihrem bisherigen Leben zu erzählen; dabei fuhr ich ihr ſachte mit der linken Hand über die ſtolze Stirne und das ſorgſam ge⸗ flochtene Haar; ſie ſchien es gerne zu leiden. Da verfärbte ſie ſich mit einem Male, alles Blut war aus ihrem Angeſicht gewichen, ſie erhob ſich und wollte nach der Thüre hin, ließ ſich aber ganz erſchöpft in einen zunächſtſtehenden Lehnſeſſel nieder. Sie hielt die Hände vor's Geſicht und ſchluchzte bitterlich, wie Jemand, der mit einem heftigen Verlangen kämpft und ſich ſeiner Schwäche ſchämt. Dann ſah ſie ſich im Zimmer um, bis ihre Augen auf meinem Bett⸗ tiſchchen haften blieben. Dort lagen einige Apfel⸗ ſinen, die ich mir geſtern Abend ausgebeten hatte. „Schenken Sie mir die ſchöne Frucht,“ ſagte ſie halblaut, ich habe einen ganz abſcheulichen Hunger heut' in aller Früh.“ Dabei verſuchte ſie zu lachen und es gelang ihr. Ohne meine Antwort abzuwarten, hatte ſie die Pomeranze ergriffen und mit zierlicher Haſt abgeſchält. Ihren mühſam abgedrungenen Ant⸗ worten entnahm ich, daß ſie ſich nach ihrem Ent⸗ — —— — 418— laufen von Meiſter Petrucchio zu einer Herbergsmutter geflüchtet habe, welche weibliche Dienſtboten an Läden und Wirthſchaften zu verdingen pflege. Ein auf⸗ wartendes Mädchen in dem Gaſthauſe, wo die Harfeniſten Quartier genommen, hatte vor ihr zufälli⸗ ger Weiſe die Wohnnng jener Frau genannt. Dort vernahm ſie auch meine Schickſale und meinen Namen. Sobald ſie nun ohne Geld, und weil ſie auch nicht im Stande war, einen Paß oder eine andere Legiti⸗ mation ihrer Perſon beizubringen, ſo wollte ſie die alte Frau nicht länger beherbergen und verköſtigen, und da ihr mein Schickfal ohnehin keine Ruhe mehr gönnte, ſo ließ ſie ſich ganz gerne austreiben. So hatte ſie wahrſcheinlich weder am vergangenen Tag einen Biſſen gegeſſen, noch die vergangene Nacht ein Auge zugethan. „Du kannteſt meine ſchöne Junggeſellengewohn⸗ heit, in meinem gothiſchen Wandkäſtchen jederzeit die Materialien zu einem improviſirten Frühſtück oder einem kalten Abendeſſen verſteckt zu halten. Ich zeigte ihr den von euch ſo oft mißhandelten Gothen und bat ſie, mir zu einem Morgenimbiß behülflich zu ſein. Sie braute den Thee, bereitete mir das Tiſchchen, und ich ſah ihr mit ſtiller Freude zu, wie ſie in hausfräulicher Geſchäftigkeit zwiſchen meinen vier Wänden herumwirthſchaftete. Alsdann ſetzte ſie ſich — 49— nach mehrmaliger Aufforderung an mein Bett, und wir ſpeiſten zuſammen wie zwei Leute, die es ſeit Langem nicht anders gewohnt find. „Ich vergaß meine Schmerzen, und ſie ihren Kummer und die Hülfloſigkeit ihrer Lage; ſie wurde munter und ſchwatzhaft, und während ſie ſich mit meinem Armverbande zu ſchaffen machte, erzählte ſie mir, daß ſie aus der kleinen Reſidenzſtadt eines herzog⸗ lichen Nachbarſtaates und eines armen Wäſchers Kind ſei. Derſelbe habe auch viel für's herzogliche Theater gewaſchen, und ſo ſei es gekommen, daß ſie bereits als vierjähriges Kind auf die Bretter getreten. Der Vater wollte ſich glücklich ſchätzen, ſeine Tochter beim Ballet verſorgt zu wiſſen, und die kleine Ratte ſpielte Amoretten und Meerkatzen, Pagen und Kriegsvölker im Hintergrund, bis ſie größer ward, und dem eigent⸗ lichen corpo di ballo einverleibtwerden konnte. Später wollte man auch Talent zum Schauſpiel und ein kräftiges, biegſames Organ in ihr entdeckt haben, und ließ ſie darum in kleineren Rollen auftreten, T Verſuche, die von unterſchiedlichem Erfolge begleitet waren. Das Theater war die Welt, die all' ihre Ideen in ſich ſchloß, die all' ihre Wünſche in ſich ſ ſog; hinter und vor den Couliſſen hatte ſie ſeit dem zarteſten Alter ihre Tage und die Hälfte der Nächte verbracht; was ſie wußte und konnte, verdankte ſie dem Theater 4 — 50— und wie ſie mir ſo alle ihre Rollen aufzählte und auseinanderſetzte, leuchteten ihre Blicke und bewegten fich Arme und Hände, daß man es ihr leicht anmerken konnte, wie ſie dem Komödienteufel mit Leib und Seele hingegeben ſei. „Ich aber merkte damals gar nichts mehr, als wie ſchön ſie war, und wie mächtig ihre Augen und wie zauberiſch ihre Stimme, wie anmuthig und ge⸗ meſſen jede ihrer Bewegungen. „Sie erzählte, wie der Vater geſtorben vor kaum Jahresfriſt, und wie die Stiefmutter, ein bitterböſes Weib, ihr immer Vorwürfe gemacht, weil ſie ihr nicht genug Geld zu verdienen verſtanden. Da habe eines Tages ein Lieutenant von der Garde zu ihrer Mutter eine ſchändliche Vettel geſchickt, die ſie über⸗ reden ſollte, dem jungen Herrchen zu Willen zu ſein. Selbe zeigte eine runde Summe, die ſie alsdann der Mutter einhändigen würde, und meinte, ihr eigener Schaden wär's eben auch nicht. „„Angſt und Wuth,“ fuhr ſie fort,„bedrängten mich auf's Fürchterlichſte, als ich erfuhr, daß die Mutter ohne Bedenken und Zaudern ſofort in den Sündenhandel eingewilligt hatte. Sie ſchalt mich unnütz und hochfahrend, und ſchlug mich ſogar, weil ich zu nichts gut als zum Eſſen und Schlafen, und nur zu ihrem Verderb erſchaffen wäre. — 51— „„Der blonde Junge mit ſeinem unſchuldigen Ge⸗ ſichtchen wie Milch und Blut, er hatte mir, offen geſtanden, gar wohl gefallen, wenn er ſo ſiebenmal des Tages an meinem kleinem Fenſter vorbeitrabte in der goldbetreßten Uniform auf den ſtolzen Pferden, oder wenn er während der Vorſtellung nicht das Opernglas von mir abwenden konnte. Ich ſpielte mit dem Gedanken an ihn wie ein Kind mit einem verfluchten Meſſer, und wäre er gekommen und hätte mir die dummen Ohren vollgeflüſtert, ich hätt's ihm am Ende glauben mögen. So aber, da ich hinter all' dem Flitter und Schimmer ein elendes, früh verderbtes Herz erſah, das mich wie ein bemalter Todtenſchädel unter einem Blumenkranz angrinſte, faßte mich Ekel und Abſcheu. Die Mutter ſetzte mir mit Flüchen und Peinigungen zu, und ſo ward ich zu einem verzweifelten Entſchluſſe gebracht, den mir ein Anderer aufdrängte. „„Ein alter Choriſt, der immer meinte, in ihm ſtecke, verkannt, ein bedeutender Sänger, welchen man nicht aufkommen laſſen wolle, war in Folge von Dienſtweigerung entlaſſen worden. Er kam zur. Stief⸗ mutter, um ſie wegen einer kleinen Schuld zu ver⸗ tröſten, die er ihr auch jetzt noch nicht bereinigen konnte, und ſah da eine jener abſcheulichen Szenen mit an, in welchen mir meines Vaters Frau den 4* — 52— (wie ſie ihn nannte) romantiſch⸗komödiantiſch vertrackten Kopf zurechtſetzen wollte. Da er offen mir das Wort redete, gewann ich Vertrauen zu dem Alten und ließ mich bereden, als er am letzten Abend ſeines Auf⸗ enthalts mich hinter ein Verſetzſtück zog und ſprach: „„Peregrettchen, ich gehe morgen mit meiner Mutter und meinem Rangen nach F., dort wird das Perſonal des ſtädtiſchen Theaters vergrößert, und ich weiß, daß ſie mich und Dich wohl brauchen können, und ſozuſagen um uns froh ſein müſſen. Hier ver⸗ ſauerſt Du doch mit Deinem ſchönen Talent, und wirſt dem blaſſen Neid zu liebe ohne Ruhm und Geld ein altes Weib, wie ich ein armer alter Mann geworden bin, wenn Du nicht gar, wie Deine ſaubere Frau Mama verlangt, etwas Schlimmeres werden willſt. Geh' mit mir, ich lege Dir gerne die Reiſe⸗ koſten aus, dafür verſprichſt Du mir, Dich nicht ohne mich anſtellen zu laſſen, und zahlſt mir's zurück, wenn Du im Korn ſitzeſt.“ „Mir war, als ob ein Engel vom Himmel ge⸗ kommen; am andern Morgen, ehe der Tag noch graute, ſtahl ich mich aus dem Hauſe, und wir fuhren in die Welt. Allein unterwegs in einem Flecken angekommen, wo eben Markttag war, ſetzte er uns auseinander, daß man hier ein gut Stück Geld mitnehmen könne, was er nicht auf der Straße liegen zu laſſen gedenke. ——õxxxöxöxöx————ö—— „Und er that ſich etliche bunte Lappen an, ſtellte ſich Abends auf einen Tiſch und machte den Bauern ſeine Lazzi vor, wofür er dann wirklich mehrere Gulden einſtrich und zechfrei gehalten wurde für ihrer Dreie. Damals war auch nicht die leiſeſte Zumuthung an mich ergangen. Es ſchien aber bald, daß ihn dieſe Art des Erwerbs nach ähnlichen Gelegenheiten lüſtern gemacht hatte, und als wir hier angelangt waren, erklärte er uns hoch herab, daß er mit ſeinem bischen Geld zu Ende und genöthigt ſei, auch meinen guten Willen in Anſpruch zu nehmen. Ich konnte mir wohl denken, daß das rein erlogen ſei, und weigerte mich deß⸗ halb mit hartnäckiger Entrüſtung; er aber beſtand dar⸗ auf, daß dann kein rother Heller übrig bliebe, um einen Biſſen Eſſen zu kaufen, ja kaum um das Schlafgeld und die noch übrigen Reiſekoſten für den letzten Tag zu beſtreiten. Dann ging er ſtillſchweigend aus dem Zimmer. Die alte Mutter bat mich mit Thränen und Händeringen, der Knabe ſchrie nach Brod, und ſo gab ich endlich nach. Ich fügte mich, indem ich es als Strafe für mein leichtſinniges Entlaufen hinnehmen wollte; aber wie's zu Ende ging, ſahen Sie an jenem „ Abend in der Vorſtadt ſelbſt mit an.“ „Sie ſchwieg und ſenkte die Wimpern nieder, und ich frug, was ſie denn nun zu beginnen vor⸗ habe, und was aus ihr werden ſolle. 4 5, „Das iſt ſehr einfach,“ erwiederte ſie; ‚wie Sie wiſſen, iſt der Ort, den wir erreichen wollten, und der wirklich vortheilhafte Bedingungen bietet, keine neun Meilen weit, ich bin gut zu Fuß, und an ſchönen Maientagen wandert ſich's leicht und luſtig. So muß ich am zweiten Tage die Stadt erreichen. Für den Mundvorrath auf den Weg ſorgt wohl Ihr Käſtchen; ich werde Ihnen nicht viel forttragen, denn ich bin genügſamer Gewohnheit.⸗ „Umſonſt ſtellt' ich vor, wie leicht ſie ſich auf der Fußreiſe Unannehmlichkeiten ausſetzen, wie ſchwer ſie dagegen bei einem fremden Theater ſofortige Unterkunft finden möchte; es war ihr weder Furcht beizubringen, noch die Zuverſicht ihrer künſtleriſchen Ausſichten zu benehmen. Endlich erſuchte ich ſie, die Reiſekoſten auf der Eiſenbahn beſtreiten und ſie wenigſtens für die erſten Wochen mit Geld verſehen zu dürfen. Aber ich bereute meine Rede, noch ehe ich das letzte Wort entlaſſen. Sie bat mich mit einem Blick, der mich in Verwirrung ſetzte, ihr keinen ſolchen Antrag mehr zu machen; daran wolle ſie erkennen, ob ich ihr die Unbilden ver⸗ geben hätte, die ſie über mich gebracht, und ob ich fie wirklich achtete. „Es gibt gewiſſe Kranke, die kurz vor ihrem Tode erſt recht volle Geneſungshoffnung zu fühlen meinen. Aehnlich ſchien es auch mir klar zu wer⸗ den, daß ich dieſer mir über Nacht angeflogenen Neigung zu Peregretten Herr werden könnte, Herr werden müßte, und daß das beſte Heilmittel in einer genaueren Bekanntſchaft dieſes ſonderbaren Ge⸗ ſchöpfes zu finden wäre. Nach etlichen Tagen per⸗ ſönlichen Verkehrs würde ich erkennen, daß auch ſie nur ein Mädchen wie andere mehr, und wie ſo oft in meinem tollen Leben der Zauber, den das Außer⸗ ordentliche und Ungewöhnliche mit überraſchender Ge⸗ walt auf mich ausübte, bei längerer Betrachtung ſeine Macht verlieren und verſchwinden. „Peregretta, ſagt' ich zu ihr, weißt Du was? Wir wollen einen Vertrag mit einander abſchließen. Ich kenne den Teig, aus dem mein unruhig Stück Menſch geknetet iſt, und weiß, daß, wenn Du heut oder morgen nach F. gingeſt, ich nicht einmal meine völlige Geneſung abwarten würde, um Dir nachzu⸗ reiſen. Das wäre wohl daahaen für uns Beide. Wenn Du nun wirklich in der Meinung biſt, daß die paar Mißlichkeiten, de Strafen dafür, daß ich Dein Geſicht geſehen, Dich zu einem bischen Dank verpflichten, ſo willige drein, meine Krankheit zu pflegen und Dich nicht eher von hier zu entfernen, bis ich wieder Herr meiner Hände und Füße bin, und kann hingehen wohin und halten was mir be⸗ ———““———————— — 56— liebt. Wenn die Neugier ſchwindet, kehrt wohl auch die geſunde Vernunft wieder heim, und für Deinen Samariterdienſt verſpreche ich Dir, Dich ziehen zu laſſen ſo unbeirrt und unangefochten wie die Schwal⸗ ben unterm Himmel. „Ich hielt ihr die Hand hin und ſie legte, ſchweigend zu Boden blickend, ihre fünf Fingerſpitzen darauf. Von der Stunde an pflegte ſie mich wie eine barmherzige Schweſter; dabei erfreuten ſich meine Augen, wenn ſie das zierliche Geſchöpf um mich ſchalten ſahen, und mein Herz, das ihren Scherzen, Erinnerungen und Einfällen lauſchte. Die Beſuche des Arztes ausgenommen, während welcher ſie in meinem zweiten Gelaß, wo ſie auch ſchlief, verharrte, ſtörte Niemand unſer häusliches Beiſammenſein, denn mein Diener hatte ſtrenge Weiſung, keinem Erdge⸗ borenen Zutritt zu geſtatten, ſelbſt den gewohnten Freunden nicht. „Ich dachte mir damals oft, es iſt gar nicht ſchön, krank zu liegen, aber alſo gepflegt zu werden iſt faſt eine Krankheit werth. „Ich konnte keinen Wunſch hegen, den ſie mir nicht an den Augen abſah; wenn mich ein Bedenken beſchlich, ſo ſchien es, als ſei ſie im gleichen Mo⸗ mente von demſelben Zweifel erfaßt, und leicht und wie ſpielend traf ſie Ausweg und Abhülfe. In ihrer — — 57— Natur ſchien eine elementare Kraft zu brennen, ſie that ſtets das Richtige, und that es ohne es zu wollen und zu wiſſen, weil ſie eben nicht anders konnte. Keine ihrer Bewegungen war unſchön, oder verrieth im Geringſten Ziererei oder Abſicht. Wie ſie in die Thüre trat, wie ſie einen Teller anfaßte, wie ſie meinen Verband umlegte, kurz, wie ſie ging und ſtand, war ſie ein Vorwurf für einen Künſtler, und mir wollte ſcheinen, als legten ſich ſelbſt Falten des Gewandes maleriſcher um dieſen ſchönen Leib, als ſie ſonſt von den Hüften ſterblicher Wei⸗ ber fließen. „Dabei war ihre Anmuth von einer Lebendig⸗ keit, ihre Beweglichkeit von einer Energie, und ihr ganzes Weſen ſo raſtloſer Art, daß ich, ſie ſtill be⸗ trachtend, vor jenem Dämon freudig zuſammen⸗ ſchauerte, der in ihr gefangen ſchien. Sie bewegte ſich ſelbſt im Sitzen; ſie ſprang oder hüpfte mehr als ſie ging; wenn ſie ſprach, ſprach Alles an ihr mit, von den Fingern bis zu den Fußſpitzen, Augen⸗ wimpern und Naſenflügel, der Hals und ſelbſt das Haar, das den Regungen ihres Hauptes gehorchte; und wenn ich in der Nacht erwachte, konnte ich ſie trotz der verſchloſſenen Thüre laut reden hören im Schlaf. „Ihre Weltanſchauung war das Produkt einer — 58— eigenthümlichen Bildung, die ſie ſich aus allen jenen Dichtern der verſchiedenſten Nationen und des ver⸗ ſchiedenſten Werthes zuſammengehorcht hatte, welche im regelmäßigen Neben⸗ und Durcheinander das Re⸗ pertoire ihres Theaters lieferten. Von dem ſtaat⸗ lichen Beſtande, von der geographiſchen Ausdehnung des deutſchen Vaterlandes hatte ſie eben ſo wenig eine nur irgend richtige oder gar klare Vorſtellung, als es für ſie zwiſchen geſchichtlich geſicherten That⸗ ſachen und den Erfindungen der dichtenden Phantaſie eine unterſcheidliche Grenze geben wollte. Sie hätte ſich den Grabſtein des Erbförſters von Otto Ludwig mit gleicher Rührung zeigen laſſen wie die Karthauſe zu Gitſchin, und als ich ihr einſt klar zu machen verſuchte, wie ſo anders der goethe'ſche Jugendheld und der Egmont der geprüften Geſchichte ſich aus⸗ nähmen, da weinte ſie bittere Thränen des zum erſten Mal auf erbebendem Grunde ſich fühlenden Gemüthes, Thränen, wie ſie die gebildete Tochter gebildeter Eltern weint, wenn ihr der hartbedrängte Bräutigam zum erſten Mal zu erklären verſucht hat, warum er trotz ihrer liebenswürdigen Beſchwörungen weder zum Abendmahl gehen wird noch zur Beichte. „Ihre religiöſen Vorſtellungen befanden ſich in einem ähnlichen Durcheinander von korrektem Kirchen⸗ glauben und poetiſchen Zugaben. Ich geſtehe, daß ich noch heutigen Tages nicht ſicher habe ermitteln können, ob ſie von katholiſchen oder proteſtantiſchen Prieſtern getauft worden ſei. Die übriggebliebenen Umriſſe eines dürftigen katechetiſchen Unterrichts hatte die eindringliche Moral der Poeten mit brennenden 3 Farben überzogen. Sie ging des Sonntags gerne zur Kirche, ſie ſprach von heiligen Dingen mit kind⸗ licher Verehrung. Aber durch die wolkengetragenen Kreiſe katholiſcher Märtyrer, welche in ihrem Vor⸗ ſtellungsvermögen den Thron des dreieinigen Gottes umflogen, ſpukten nicht ſelten wie irre, lächelnde Schatten mit nur leiſe ſchwankender Berechtigung die Götter, zu welchen die ſeſtiſche Hero, oder Sappho, oder Klytemneſtra ihre ſüßtönenden Gebete ſandten. So ähnelte ihre Religion in der Aeußerung etwa der des Chors der Braut von Meſſina, in welcher ſich chriſtliche und heidniſche Götter friedfertig neben einander vertragen uwrüſſen. Indeſſen ſprach ſie dar⸗ über nur ſehr ſelten, da die Nöthigung hiezu ja gleichfalls eine ſeltene war, und ihre Geiſter mochten ſich, geſtört durch meine Aufmerkſamkeit, verlegener und ungleichmäßiger zeigen, als ſie ſie ſonſt im Innern fühlen konnte. Für ſie hatte jedes einzelne Verhältniß, jeder liebgewordene Gegenſtand, jede Situation einen Gott, einen Götzen, einen Heiligen, einen Dämon, je nachdem ſie eines ſolchen oder — 60— eines anderen bedurften; ſonſt ſchlummerten in ihrer Seele friedlichſt die Bilder jener Gegenſätze neben einander, deren für und wider die Geiſter der⸗Men⸗ ſchen entflammt, erbittert und verſöhnt hatten. Ihre Religion war die Religion, die ihre Dichter ſie ge⸗ lehrt, und die Religion der wahren Poeten iſt keine ſchlimme. Sie that das Gute, weil ſie das Böſe verabſcheuen mußte, ſie that es ſchön, weil ihrer Natur das Häßliche inſtinktmäßig zuwider war; ſie betete wie ein Kind, ſie ſegnete wie ein Dichter, ſie fürchtete wie ein Heide, ſie hoffte wie ein Chriſt. Und wenn ſie ſo, durch meine Fragen in's Reden gebracht, in krauſem, liebenswürdigem Geſchwätz aus dem bunten Reichthum ihrer Vorſtellungen Mythen und Geſchichten, Dogmen und Dichtungen durch— einanderwarf, glich ſie einem ſündeloſen Kinde, das die koſtbaren Kügelchen eines Perlen⸗, eines Korallen⸗ und eines Granatenhalsbandes arglos von ihren Schnüren geriſſen, und nun in ſeiner Herzensfreude den glitzernden, glänzenden, ſchimmernden Reichthum ſpielend durch die Hände gleiten läßt. „Stunden lang, ganze Abende horcht' ich dem lieben Geplauder zu, und mein ganzes Weſen tauchte ſich verjüngt in die Zauberfluth dieſer reinen Seele, die alle Dinge unentſtellt wiederſpiegelte, nur mit den Regenbogenfarben ihres eigenen Glanzes um⸗ — 61— kleidet. Mir war, als ſei ſein ganzes früheres Daſein grau, öd und langweilig geweſen, als hätt' ich nur gelebt und mich gebildet, um nun in der Blüthe meiner Tage dieſem reichen Geſchöpf würdig entgegen⸗ kommen zu können, nur um es im Lichte ſeiner un⸗ gebrochenen Natürlichkeit zu begreifen, zu bewundern. Wenn ſie vor mir ſaß und ihre Augen leuchteten, und ſie lachend das dunkle Haar in den Nacken zu⸗ rückſchüttelte, dann ſchien mir's, als ſei auch ihr eine neue Welt aufgegangen innerhalb meiner engen Wände. Ich war der erſte Mann in ihrem Leben, der ihr uneigennützig und abſichtslos eine hülfreiche Hand geboten, ich lachte nicht über ihre Tollheiten, ich ſchalt ſie nicht ob ihres Muthwillens, ich zeigte ihrem Unglück ein redlich⸗mitfühlendes Herz, und hatte für ihre Uuwiſſenheit keinen Vorwurf, ſondern freundliche Belehrung. Sie ſah zu mir auf wie zu einem Welt⸗ weiſen und Propheten, ſie frug um tauſend Dinge, ſich zu belehren. ‚„Ich glaube ſagte ſie einmal, von Ihnen könnt' ich noch orthographiſch ſchreiben lernen.: Offen lag ihr ganzes Herz vor mir, das Herz eines guten Kindes. „Auch die behäbige Unordnung meiner Jungge⸗ ſellenwirthſchaft erfüllte ſie bei jedem kleinen Geſchäft mit einer Freude, die ihr ſichtlich aus den Augen ſprach. Ein ſorgenfreies Stillleben, wie das meinige, hatte ſie in ihrem gedrückten, ärmlichen Leben, das nur die eigene Kümmerlichkeit und den Eintagsjubel unterhaltener Theaterprinzeſſinnen geſehen, nimmerdar gekannt. Sie lebte wie in ein fremdes, beſſeres Land entrückt, und nie kam ein Schatten von Traurigkeit, auch nicht im Fluge nur, über ihre lächelnden Züge. „So waren uns acht Tage vergangen; mein Arzt erklärte mich außer aller Gefahr und für voll⸗ kommen hergeſtellt, nur ſollte ich mich ſchonen und mußte den Arm in einer Schlinge tragen. Ich hätte auch ſchon achtundvierzig Stunden früher das Bett verlaſſen können; allein ich fürchtete, Peregretten zu verlieren, ſobald durch meine Geneſung die Bedingung unſeres Vertrags aufgehoben ſein würde. Nun war aber die Lage der Sache nicht mehr zu verheimlichen. Denn nicht nur, daß ſich der eigene Körper gegen dieſen Zwang auflehnte, es hatte auch mein Arzt heute früh meine ſämmtlichen, mühſam zuſammen⸗ 1 gelogenen Bedenklichkeiten mit ſo ſchallend proteſti⸗ rendem Gelächter zurückgewieſen, daß es meine an der Zimmerthür auf ſeinen Abgang lauernde Wärterin, ſelbſt wenn ſie nicht gehorcht hätte, vernommen haben mußte. „Nun war es gar anders gekommen, als ich mir in meiner kurzſichtigen Pſychologie und Selbſtkenntniß vorgeſchwindelt hatte. Statt meine Neugier mit der — —2 — 63— alltäglichen Entdeckung einer gewöhnlichen Weiberſeele ſchlafen gehen zu heißen, brannt' es in mir lichterloh, und alle meine Seelenkräfte dienten in der Pflicht des holden Wunders, das mich umſchwebte. Mir war zu Muthe wie Einem, der nur die erſten Seiten eines herrlichen Buches geleſen hat, und es nun in eine fremde Hand hingeben ſoll auf Nimmerwieder⸗ ſehen. Ein langes Menſchenleben däuchte mir nicht unwerth, dieſes reizende Werk zu Ende zu leſen, ja ſelbſt mit vollenden zu dürfen. Denn wenn es die ſchönſte Aufgabe eines liebenden Mannes iſt, die fügſame Seele eines reinen Mädchens zu bilden, welch' eine von Göttern und Menſchen zu ſegnende Pflicht bot ſich für mich an Peregrettens Geiſt und Gemüthe dar. „Ich hatte mich wohl gehütet, den ganzen Tag über ein Wort von Scheiden oder von Geneſung zu verlieren, im Gegentheile huſtete ich aus Leibeskräften, ſtellte mich ſo leidend und ſchwach als es angehen wollte, und that im Uebrigen, als lebten wir bereits am Vorabende unſerer ſilbernen Hochzeit. Auch ſie war in Nichts verändert, ſie lachte und ſchwatzte, ſang und ſprang um mich herum wie Tags zuvor, und ſchien arglos und guter Dinge voll. „Gegen Abend ward ſie ſtiller, ſtand noch öfter als ſonſt von ihrem Sitz auf, und ſchaute, was gegen ——— — — 64— ihre Gewohnheit war, zuweilen zum Fenſter hinaus, als wolle ſie mir ihr Geſicht verbergen. Dann aber kehrte ſie jedesmal mit einer Miene zurück, die ſo arglos vergnügt ausſah, daß ich meine Bedenken auf Rechnung eigener Einbildung ſetzen zu müſſen glaubte. Wir ſaßen in der Nähe der offenen Balkonthüre, durch welche die duftige Lenzesabendkühle herein⸗ ſtrömte. Es dämmerte bereits, und Peregretta war eben daran, ein Kranzgewinde zu vollenden, für welches ich ihr Blätter und Frühlingsblüthen ge⸗ ſchnitten hatte. Wenn ich ihr ſo nach ihren Wünſchen bald dieß bald das hinreichte, und ihre kühlen Finger⸗ ſpitzen die meinigen berührten, meinte ich immer, nun müßte ich ihr Alles ſagen, was ſie mir in der Seele gethan, und ihr von Bleiben und Lieben ſprechen. Wenn ich ſie aber dann ſchwatzen und lachen hörte und ihrer Munterkeit zuſah, wollt' ich kein Wort verlauten laſſen, welches ſie an Scheiden hätte gemahnen können. Deſſen ſchien ſie gänzlich vergeſſen zu haben. 3 „Als der Kranz nun fertig war, bat ich ſie, ihn auch aufzuſetzen. Sie that's ohne einen Blick in den Spiegel und ſtellte ſich vor mich hin, als wollte ſie mir's in den Augen abſehen, ob ſie mir nun beſſer gefalle. „Peregretta“, ſagt' ich, ‚Du könnteſt mir wohl zur Feier meiner Geneſung einen Kuß gebene. ——— — 65— „Sie hatte mir ſeit unſerem Zuſammenleben noch niemals die geringſte Vertraulichkeit geſtattet, und jede über die gewöhnliche Verkehrsordnung hinaus⸗ gehende, an Zärtlichkeit ſtreifende Aeußerung oder Bewegung mit lachender Sicherheit oder mit einer entſchiedenen Wendung des Geſprächs ſofort abge⸗ wieſen. Nun ſagte ſie klug und gut: „„Heut' kann's ja ſein.' „Dann nahm ſie mich ſachte mit der rechten Hand am Kinn, ſtrich mit der linken das Haar aus der Stirne und ſah mich lange an, als wollte ſie meine Züge ihrer Erinnerung einprägen. Keine Linie ver⸗ änderte ſich in ihrem Geſichte, nur die Blicke brann⸗ ten, als ſähe mich daraus der ganze Inhalt ihres Lebens an. Dann küßte ſie mich im Flug erſt auf beide Augenlider, dann auf den Mund. Es war ein Kuß wie ein Hauch, ihre Lippen berührten die meinen nicht ſchwerer denn ein Flaumfederchen im Flug. „Ich wollte das nicht gelten laſſen und ſprang auf, ſie zu faſſen; aber ſchon war ſie im Schlaf⸗ kämmerlein, und Riegel und Schlüſſel knarrten in ihren Eiſen. „„Peregretta, rief ich und ſchlug mit der freien Fauſt und dem Knie gegen die feſten Thürplatten, Peregretta, Du willſt mich verlaſſen und von mir gehen in die Welt, die Du nicht kennſt. Ich aber 5 kann Dich nun und nimmer verlieren, und ich will und mag Dich nicht ziehen laſſen, denn ich habe Dich ſo lieb wie nichts auf Erden und im Himmel, und ich ſtürbe vor raſender Sehnſucht, wenn Du nicht bei mir bliebeſt Dein Leben lange. „Kein Laut verrieth, daß ein lebendes Weſen mich hörte.. „Peregretta, ſchrie ich, ich ſprenge das Zimmer mit Gewalt auf, wenn Du nichtgutwillig öffneſt!“ Ich rüttelte wie toll an der Klinke und warf mich mit der ganzen Wucht meines Leibes gegen die Thüre, aber Holz und Schloß und Angeln ſpotteten meiner Bedrängniß. Meine Wunde fing an zu brennen und zu ſchmerzen, ich ſank auf der Schwelle zuſammen und weinte bittere Thränen. Da ſagt' ich: „Peregretta, vergib, vergib mir, ich habe Dich gekränkt durch meine Rohheit, aber ſiehe, ich weiß nicht mehr was ich thue, ſo haſt Du mir den Kopf verrückt. Schau', hier lieg' ich an der Erde und bitte Dich, mach' auf; ich will Dich nicht mehr kränken, nicht mit einem Finger berühren, nur ſehen will ich Dich. Und wenn Du um keinen Preis öffnen magſt, ſo ſprich doch ein Wort. Sag' mir, daß Du mich lieb haſt, und daß Du mich nicht verlaſſen willſt, Peregretta, Peregretta!“ „So wogte der Sturm meiner Leidenſchaft auf . — 67— und ab. Ich weinte und fluchte, flehte und befahl bald leiſe, bald laut, wohl über eine Stunde; aber es half mir nichts, die Thüre blieb verſchloſſen, und kein Wort, ja kein vernehmbarer Athemzug antwortete dem Drängen meiner Liebe. Nun fühlte ich mich ſo erſchöpft, daß mir's im Kopf zu ſchwindeln be⸗ gann. Die Wände ſchienen ſich über mich zu beugen, das Eſtrich begann zu ſchaukeln, und meine des Ge⸗ hens entwöhnten Füße verſagten mir den Dienſt. Da ſchleppt' ich mich mit der letzten Anſtrengung, deren mein Wille noch fähig war, an die entgegen⸗ geſetzte Thüre meines Zimmers, von welcher ein Vorplatz nach der Treppe führte. Dieſelbe ſchloß ich zweimal ab, ließ mich auf mein Lager ſinken und vergrub den Schlüſſel unter meine Kiſſen. Mir ver⸗ gingen die Sinne.— „Ich mochte an zwölf Stunden ſo gelegen ſein. Als ich erwachte, ſtand die Sonne ſchon hoch. Draußen an der Thüre meiner Wohnung hämmerte ein Schloſſer; dann kam mein Diener, der außer dem Hauſe ſchlief, in ängſtlicher Beſtürzung herein; er hatte heute früh nicht zu öffnen vermocht, weil ein abgedrehter Bart im Schloſſe geſteckt, und da ich auf Rufen und Schellen nicht erwacht ſei, habe er auf ein Unglück rathen müſſen. „Die Thüre zu Peregrettens Kammer ſtand weit 5* 5— 68— offen, ich ſuchte unter meinen Kiſſen nach dem ver⸗ ſteckten Schlüſſel, er war hinweggenommen. Auf meinem Nachttiſchchen lag ein Brief mit meinem eigenen Petſchaft verſiegelt, darinnen fand ich ein goldenes Kreuzlein und folgende Worte: „Lieber Heinrich! „Ich habe Dir Deinen Willen nicht erfüllen, die Thüre nicht öffnen können, und Du weißt wohl ſelber warum, und wenn nicht, ſo kann ich's Dir nicht ſagen. Wenn Du aber von mir wiſſen willſt, ob ich Dich liebe, ſo glaube mir's, daß ich Dich lieb habe wie keinen Andern auf der weiten Welt und daß ich keinen Andern noch lieb gehabt habe und Keinen mehr lieb haben werde. Das ſchwöre ich Dir, und möchten mich alle Himmels⸗ und Erden⸗ ſtrafen treffen, wenn ich je dieſem Schwur abtrünnig zu werden gedächte. O Du Guter, ich liebe Dich noch weit mehr als Du mich, denn Dein Wohlge⸗ fallen und Dein Verlangen ſie kommen von flüchtiger Luſt, und Du wirſt ſie ausſchlafen wie einen quälenden Traum, und wirſt mich vergeſſen wie's Recht iſt. Ich aber weiß, daß ich Dich ewig lieb haben muß, und an Dich denken werde alle Tage und alle Nächte und immer und allezeit, wie's auch werden mag in meinem Leben. Trotzdem können und dürfen wir nicht beiſammen bleiben; denn ich will nicht an Dich denken müſſen als an einen Verführer, der mich in's Elend gebracht, und Dein ehrliches Weib kann und darf ich nicht werden. „„Die Leute würden mit Fingern auf Dich weiſen, wenn Du das Komödiantenkind an Deinem Arm führen würdeſt, das Du von der Straße aufgeleſen haſt. Aus Deinem Hauſe würden die lieben Gäſte wegbleiben, weil ſie in der Bettlerin nicht Deine Hausfrau ehren wollten, und ſelbſt die Schmarotzer und Schmeichler, die mir um Deinetwillen Ehre erweiſen möchten, ſie würden mich hinter dem Rücken verhöhnen und den Nachbarn meine Ungeſchicklich⸗ keiten hintertragen. Eines Tages müßteſt Du Dich neben einer ſolchen Frau einſam und elend fühlen, und es würde Dir wie Schuppen von den Augen fallen, und Du nichts in mir mehr erkennen als eine ſchlaue Dirne, die Dich zu betrügen gewußt, um ſich in Dein Haus und Eigen einzuſchleichen. Dann ſäh'ſt Du, daß Du das Unglück und die Schande gefreit, und Du würdeſt mich verachten. Das aber könnt' ich nicht ertragen und würde böſe werden in meinem Jammer. „Drum muß es geſchieden ſein, Heinrich, und Du darfſt mir nicht folgen. Weil Du mich aber am Tage nicht frei laſſen würdeſt, ſo gehe ich jetzt in der ſtillen Nacht. Wenn Du aus dem Schlaf auf⸗ ſtehſt, bin ich ſchon weit, weit, und Du kannſt mich nicht mehr einholen, denn Deine Müdigkeit und Dein Siechthum halten Dich zurück; auch werd' ich Dein Thürſchloß ruiniren, damit Du nicht aus der Stube kannſt, wenn Du vor Tag erwacheſt. Und dann rath' ich Dir, nachzuzählen, wie viele Schreibfehler ich in jedes Wort gemacht; das wird Dich abkühlen. Du wirſt Dich drein finden, daß Du mich verloren wie einen Vogel, den Du zufällig gefangen, und der Dir nun wieder unverſehens aus der Hand entſchlüpft. „Du haſt mir vor acht Tagen das handliche Verſprechen gegeben, daß Du mir nicht nachfolgen und mich nicht aufſuchen wollteſt. Du wirſt als Mann Dein Wort halten. Sorg' auch nicht um mich. Ich weiß, daß ich meine Unterkunft finden werde. Und hab' ich nur erſt wieder die Bühne unter den Füßen, ſo wird mir auch die Kunſt helfen, daß ich nicht in meiner Sehnſucht nach Dir vergehe. Wenn Du dann einmal in den Zeitungen lieſeſt, daß ich eine tüchtige Schauſpielerin geworden bin und mir die Leute Beifall zurufen, ſo denk' an die armen Staare, die da auch erſt recht ſchön fingen, wenn ſie der Luſt ihrer Augen beraubt ſind, und ihr Leben in der Finſterniß verweinen bis an's Ende. „Klage Dich darum ja nicht an, Heinrich, ich weiß, ſo mußt' es kommen, denn ich bin ein Unglücks⸗ kind von Anfang an, und das wußt' ich auch und ſagt' es mir, als Du mir den Vorſchlag machteſt Deine Krankenwärterin zu ſein. Da ſprach ich zu mir: Siehe da, der liebe Gott will, daß es Dir Ein⸗ mal recht wohl werde im Leben. Er ſchenkt Dir eine ganze Woche reinen Glücks, die willſt du hinnehmen, ohne vor⸗ oder rückwärts zu ſchauen, gerade ſo als gäb' es keine Zeit mehr rundherum, und als wäreſt du zur Freude geboren wie die Anderen. Du willſt weilen und genießen hier, und dich ſtärken zum großen Gang in die Wüſte; wenn aber die ſchöne Zeit dahingegangen, ſo willſt du dich ſchürzen und ſputen, und dem Ende, das gekommen, den Rücken kehren, dann wirſt du die lachende Frucht aus deinen Händen legen, damit ſie ſich nicht in Staub ver⸗ wandle und Etel deine Seele faſſe, wenn du ihrer gedächteſt. „So hab' ich mir's gelobt bei Gott, und ſo will ich's und werd' ich's auch halten, und bräche mir darüber auch das Herz in Stücken. Es ſchlägt und hämmert und thut mir ſo weh, das arme Herz, denn es möchte, was es nicht darf, und mir iſt ſo ſchwer, ſo ſchwer, daß ich merke, es iſt Gehenszeit. „Leb' wohl, leb' wohl, Du Einziggeliebter, leb' wohl für heut' und allezeit! Sei glücklich und vergiß Peregretta. „Nachſchrift. „Lieber, Du ſchläfſt ſo feſt, daß ich's nicht laſ⸗ ſen wollte, Dich noch einmal zu küſſen. Hab' ich Dir's ſo recht gemacht? Auch hab' ich Dir ein Zöpf⸗ chen Haar abgeſchnitten. Ich laſſe Dir dafür mein Kreuzlein, das Einzige, was ich außer dem Leben von meinem ſeligen Vater beſitze. Ich laſſ' es Dir, nicht damit Du an mich denken, ſondern daß Du viſſen ſollſt, wie lieb Du mir biſt. Beim Nacht⸗ gebet pflegt' ich es immer in Händen zu halten; wenn ich es nun nicht mehr habe, ſo denk' ich an den dem ich's gegeben, und dann träum' ich wohl die Nacht von Dir. Leb' wohl, Herz. Am liebſten wäre mir's, mich träfe auf der Landſtraße der Schlag, und ich ſtürbe am Wege ehe der Tag graut und die Vögel zu ſingen anheben. Leb' wohl! es muß Alles ein Ende haben.“ Lebe wohl!““ „Das Erſte, was ich that, war, daß ich meinen Burſchen zu einem gegenüberwohnenden Stallmeiſter ſchickte, mir ein Pferd ſatteln zu laſſen. Der Diener ſchlug die Hände über dem Kopf zuſammen, daß ich nach ſo ſchwerem Darniederliegen gleich einen Ritt wagen wollte; allein ich fühlte mich nach dem lan⸗ gen Schlafe ſtark und friſch, und, wär' ich auch todt⸗ krank geweſen, nicht ihrer Zehne hätten mich jetzt daheim halten können. „Es war ein Morgen, wie ſie dem lieben Herr⸗ gott nur im Monat Mai gelingen, mild und ſonnig, voller Blüthenduft und Sonnenſchein. „Die langen Schatten der Pappeln legten ſich quer über die Landſtraße, die von wenig Fußgängern und noch weniger Fuhrwerken benützt wurde. Ich regierte das mir bekannte Pferd leicht mit der einen Hand, und wie ich ſo dahinſtürmte, weiß ich nicht mehr zu ſagen, war die Freude größer, meines Glücks bewußt zu ſein, oder die Angſt, ich möchte es denn doch verlieren. Mein Herz pochte mit dem Galopp⸗ ſchlag des Braunen um die Wette. „Ich mochte leicht ſchon mehr denn drei Stun⸗ — 1— den zu u Pferde ſitzen, da wurde die Angſt Herr über die Freude. Peregretta konnte unmöglich einen grö⸗ ßeren Vorſprung haben. Jeder Meilenſtein, jeder verkommene Baumſtumpf, Alles, was mir aus der Ferne wie Menſchengeſtalt ausgeſehen hatte, war mir ſchon Gegenſtand einer Täuſchung geweſen. Ich ſchlug an die Thüren der wenigen Einzelhöfe, die an der Chauſſée ſtanden, ob ſich meine Liebe nicht in ihrer einem einquartirt hätte. Ich frug alle Bäuer⸗ leins, die mir entgegen kamen, alle Wegmacher, die die Kieſelſteine zerklopften, ob ſie kein Mädchen ge⸗ ſehen hätten, wie ich ihnen Peregretten beſchrieb; Niemand wollte eines ſolchen anſichtig geworden ſein. Trübſal kam in mein Herz und dumpfes Brüten über meine Sinne. Tauſend marternde Gedanken flogen in meinem Kopfe aus und ein. Wie nun, mußt' ich mir denken, wie nun, wenn du ſie trotz aller Auf⸗ merkſamkeit in der Haſt des Rittes überſehen? Wenn ſie ſich, durch den nahenden Hufſchlug vor deiner Ankunft gewarnt, jenſeits der Straße in den Graben geduckt, bis du vorüber warſt? Wenn ſie ſich in eine Scheune verſteckt, oder mit dem Beſitzer des Einöd⸗ hofes, darin ſie Zuflucht genommen, ſich verabredet hätte, daß er dich auf dein Ausfragen täuſchte? Vielleicht iſt ſie einen von der großen Straße ſeitab⸗ liegenden Feldweg gegangen, und wer ſagt dir denn, daß ſie überhaupt nach A. unterwegs iſt, und daß ſie nicht das Ziel ihres Reiſeplans, um ihre Spur vor dir zu verbergen, ganz verändert hat. „Der Gedanke faßte mich ſo peinlich an, daß ich, rathlos, mein Pferd ſich ſelbſt überließ, welches nun langſam Schritt für Schritt machte und Gras zu freſſen begann. Ich wußte nicht, was ich thun, wohin ich reiten ſollte, vorwärts oder rückwärts? Ein dumpfer Druck brannte mir über der Stirne, und ich beneidete das Thier, wie es ſchmerzlos und in der Natur vergnügt durch die blühende Flur ſchlich, zu⸗ weilen laut aufwiehernd und mit dem langen Schweif die Schenkel ſchlagend. Wie elend war dieſem gra⸗ ſenden Vierfüßler gegenüber das bischen König der Schöpfung, den es mit ſeinem Gram und den Trüm⸗ mern ſeiner Freude durch dieſelbe Luft hintrug, die ſeine ſchnobernden Nüſtern vor Freude ſchwellte. Ich dachte daran, ob es nicht gleich klüger wäre, ſich an den nächſten Baum zu hängen und dieſem traurigen Daſein den Hals zuzuſchnüren. Doch damit nahm mein Grübeln eine andere dendung War ſie denn nicht noch trübſeliger, hoff⸗ nungsloſer daran als ich? ſie, das bettelarme, gott⸗ verlaſſene, ſchwache Mädchen mit dem blutenden, brechenden Herzen, das durch Nacht und Nebel vor dem Manne ihrer Sehnſucht hinwegfloh, weil ſie — 76— ſich für eine Sklavin hielt, deren Gemeinſchaft den Mann entehren müßte, welcher den Vorurtheilen der guten Geſellſchaft pflichtet. Wenn ſie in der ſtern⸗ loſen Finſterniß, die über der nächtigen Erde wie über ihrer ringenden Seele brütete, vom höhniſchen Dämon ihrer troſtloſen Leidenſchaft verführt, wenn ſie ſich ein Leides zugefügt! Vielleicht liegt ſie dort drüben in der Ackerfurche, mit einer Nadel die Schläfe durchſtochen, vielleicht treibt der Bach, der hier von der Straße überbrückt wird, ihren kalten Leichnam ſchon in ferner Weite ſeinem Fluſſe zu. „Ich mußte meinem gepreßten Herzen durch einen lauten Schrei Luft machen, und unwillkürlich gab ich meinem Pferde die Sporen, daß es Funken aus dem Kies ſchlug. Einen Augenblick ſpäter ge⸗ wahrte ich, wie etwa dreihundert Schritte weit von mir eine Menſchengeſtalt ſich erhebt, die am Weges⸗ rand ermüdet ausgeruht haben mochte, und nun aus Leibeskräften querfeldein zu laufen beginnt. Ich ſprenge in voller Haſt drauf los; ich erkenne: das was fliehend dort vor mir enteilt, iſt ein Weib, iſt Peregretta, mein ſüßes Lieb. „Einige zwanzig Sätze noch und ich hatte ſie erreicht. Da mochte auch ſie das Eitle ihrer Flucht erkennen; die Kräfte verſagten ihr, ſie ſetzte ſich an einen Steinblock, der als Grenzſcheide zwiſchen zwei 4 Feldern lag, und weinte bitterlich, das Geſicht mit beiden Händen verhüllend. „Ich ſprang vom Roß und eilte zu ihren Füßen hin. Ich küßte das Kleid auf ihren Knieen, die Hände vor ihrem Antlitz; ich hüllte die zitternde Geſtalt in meine beiden Arme und drückte ſie feſt an mich, als wollt' ich ſie an meinem Leibe er⸗ wärmen. Da that ſie plötzlich die Arme auf und ſah mich mit Augen voll Thränen und Freuden an; ſie ſtrickte ſich feſt um meinen Hals, und wir küßten uns hundertmal, tauſendmal; die Schwalben auf dem Felde, die uns zwitſchernd umkreisten, mögen's wohl gezählt haben. „Was ich ſprach, weiß ich nimmer, ich wußt' es wohl auch nicht, als ich es ſprach; was ſie zur Antwort gab, ich hab's vergeſſen, aber ich weiß, es war ſo wunderſchön, daß alle Dichter der Welt nie was Schöneres ſagen können. Wenn Einer in den Himmel geſchaut und die Engel hätte ſingen hören, er könnte ſich auf Erden nicht mehr erinnern, was er gehört; aber die Schönheit dieſes Augenblicks wirft einen hellen, volltönenden Strahl durch ſein ganzes ſpäteres Leben bis an den allerletzten Tag, und er kann nimmerdar ganz unſelig werden. Die höchſte Wonne des Menſchen iſt da, wo ſein Be⸗ wußtſein in's Verlieren hinüberdämmert, und wir — 78— aufhören uns vom Andern als ein unterſchiedenes Weſen zu wiſſen. „— Es war lang über Mittag, da ſaßen wir noch immer an jenem Steinblock, der zwei grasüber⸗ wachſene Aecker grenzte, und ich ſagte zu meinem Lieb: „Komm,, laß uns aufſtehen und ſehen, wo wir was zu eſſen und zu trinken kriegen.“ „O bleib' noch ein wenig,“entgegnete ſie; ‚ich meine, ich dürfte den lieben Platz, wo ich Dich und Du mich gefunden, nicht verlaſſen, ſo lange noch die Sonne ſcheint. O könnt' ich den Tag feſthalten, die Stunde, ich gäb' ein langes Leben darum. Aber die Zeit läßt ſich nicht faſſen, und ich komme mir vor wie Einer, der in den Fluß greift und feſte Fäuſte macht; das Waſſer läuft doch davon. Du haſt Recht, komm', laß uns gehen. „Sie umſchlang mich feſt mit der Rechten und hielt meine Linke in der ihren; ſo ſchritten wir lang⸗ ſam einem Dorfe zu, das in der Nähe aus ſeinen Bäumen herüberwinkte; mein Roß graste gemüthlich hinter uns drein. „Unterwegs ſprach ich zu ihr, ‚„das Pferd, mit dem Du haſt in die Wette laufen wollen, das werd ich mir kaufen, und koſte es was es wolle. Es ſoll uns auch zur Kirche fahren, wenn wir Hochzeit machen.“ — 79— „Sie ſchüttelte das Haupt und blieb ſtehen, küßte mich und ſprach: ‚Heinrich, Du biſt gut, aber ich kann Deine Gattin nicht werden. Ich würde Dich unglücklich und das mich elend machen. Und warum denn auch? Ich darf Deine Hausfrau nicht ſein, aber ich bin Deine Geliebte. Dir gehör' ich mit Leib und Seele, mach' mit mir, was Du magſt, behalte mich, ſo lange Du willſſt, jage mich fort, wenn Du meiner überdrüſſig geworden. In Gottes Namen erſt gelebt und dann geſtorben! Laß mich Deine Magd ſein und liebe mich, aber nimmer Deinen Namen führen und Deiner Liebe entbehren müſſen.“ „„Was,“ rief ich, ‚um eines erbärmlichen, ver⸗ ſchwindenden Vorurtheils willen, das nur mehr einen kurzen Schatten in die Geſellſchaft fallen läßt, die es hat verbannen müſſen; um des näſelnden Thee⸗ gewäſches etlicher alten Weiber willen ſoll ich Dich erniedrigen, die Du mir das Höchſte biſt, das Beſte und Heiligſte, was mir im Leben geworden! Mich quält keine Sorge, daß das Leben an Deiner Seite ſich jemals trüben könne durch Deine Schuld, durch meine Reue; aber ich würde keine Nacht mehr ruhig chlafen können, gäb' es noch ein Bindemittel auf 8 den, mit dem ich Deinen Leib und Deine Seele nicht unauflöslich an mein Leben gekettet hätte. Da⸗ — 80— rum laß von den Weigerungen einer falſchen Furcht. Hier unterm ewigen Himmel ſchwör' ich Dir's, in acht Tagen biſt Du mein Weib und ich Dein Mann, und müßt' ich alle Sitte der Welt unter die Füße treten, und Dich ſelbſt Widerſpänſtige auf dieſen Armen vor den Altar tragen.“ „Wir ſaßen im Garten des Dorfwirths in einer einſamen Laube und ſahen die Sonne unſeres Ver⸗ lobungstages langſam am Horizont hinabtauchen. Als es anfing dunkel zu werden, fuhren wir in einem Wägelchen des Gaſthauſes, dem der Braune hinten angehängt wurde, nach Hauſe. Am folgenden Abend verließen wir die Reſidenz; in K. machten wir Hochzeit. Ein halbes Jahr lang reisten wir in Italien und Deutſchland herum, alsdann ließ ich mich hier nieder, und hier ſitz' ich denn, und hier haſt Du mich gefunden, und hier trink' ich mein Glas auf die ſchöne Zeit und auf das Weib meiner Liebe.“ Er leerte ſein Glas auf Einen Zug und Thränen ſtanden in ſeinem Blick. Ich reichte ihm die Hand und ſprach: „So hat denn Dein alter Vater doch Recht gehabt, der da nicht wollte, daß Du ein Handelsmann werdeſt wie er, wenn er ſagte: ‚Ich habe geſcharrt und geſchwitzt von Kleinauf wie ein Thier, das unter Laſten geht, und was ich erworben und erſpart, es iſt wohl genug für Zweie und für Viere auch; aber ich habe ſelten Zeit gehabt, wenn ich verdiente, mich zu beſinnen, daß es einen Menſchen auf der Welt gäbe meines Namens, der auch ein Recht habe, ſich ſeines Daſeins zu freuen. Hinter meinen Rechnungs⸗ büchern ſchloß ſich der Kreis meiner Wünſche, wie die Scheiben meines Comptoirs nach der Straße zu mit weißer Farbe verſtrichen waren. Und trat auch einmal die Freude in meine Rechenſtube, ſo hatte ſfie ein Geſicht aus lauter Zahlen. Selbſt mein Weib war mir nicht mehr als eine Erholung vom Rechnen und Erwerben, etwa ein wenig beſſer als der Schlaf. Wofür hab' ich mich geplagt, wenn nicht für meinen Jungen; es iſt genug geſchachert, er ſoll 6 —&— gebrauchen, was ich erſpart. Ich will ihn erziehen und erziehen laſſen, daß er lerne, wie er genieße, und wie man die Zeit vertreibe, ohne ſich zu lang⸗ weilen, und alsdann will ich doch ſehen, ob mein graues Leben nicht ein lachendes geſchaffen, und ob ich nicht wenigſtens Einen Glücklichen machen kann unter der Sonne.— So hat Dein Vater oft ge⸗ ſprochen, und ſiehe, nun biſt Du der Glückliche unter der Sonne und er hat recht geſagt. Dies Glas ſeinem Gedächtniß!“ Heinrich that Beſcheid und ſchwieg. Er mußte ſich ein Stücklein Kork aus dem friſch gefüllten Kelche herausfiſchen. Dann ſagte er: „Es iſt doch ſo ein eigen Ding mit dem Glück, und man kann es nicht machen, weil man will, und man kann es nicht halten, ſo lange es einem beliebt. Es kommt, wann es mag, und wir können's nicht zwingen, und es iſt dahin über Nacht, wir wiſſen kaum zu ſagen wie? Selbſt die am Höchſten Be⸗ günſtigten, vor welchen die Menſchen in Neid und Verehrung ſich beugen, ſelbſt Diejenigen, welche vor dem eigenen Bewußtſein bekennen, daß ſie beſſere, ſchönere, dauerndere Güter erhalten und dieſe länger zu bewahren gewußt haben, denn alle anderen Sterb⸗ lichen, die ſie umwohnen und umreiſen, ſelbſt dieſe kennen den Schatten, den das Licht wirft, und den Biß der Schlange, die unter den Roſen ſchläft. Wir ſind und können nicht ſein ohne Sorgen. Wir ſind nicht Kinder des Friedens, ſondern des Streites; nicht in paradieſiſchem Behagen iſt die Heimat un⸗ ſeres Daſeins, ſondern im Ringen und Verlieren und Wiederaufdringen, bis der allerletzte Schlag uns niederſchmettert. Spricht nicht die höchſte Wonne in Thränen und Schmerzenslauten? Iſt Liebesluſt nicht Kampf? Iſt nicht das treueſte Zuſammenleben hin⸗ gegebener Seelen ein Krieg, in dem wir lauernd zu Felde liegen und alle Kräfte aufbieten, den Dämon in uns und ihr zu beſiegen, auf daß er das Feuer, das wir ewig und klar wollen, nicht trübe, nicht verſtöre, und wir es raſch ſelbſt noch im Verlöſchen neu entfachen mögen? Wir ſtreben nach Beſitz, und doch iſt der Beſitz eine Laſt und das Streben ermüdet, und dennoch ſchaudern wir vor dem Verluſt! Was iſt qualenreicher, denn Verlieren, was iſt ſorgen⸗ ſchwerer, denn Beſitzen, welcher Feind iſt liſtiger, iſt grauſamer, denn die Liebe!“ „Wohl uns, daß dem ſo iſt,“ war meine Er⸗ wiederung.„Ich neide keinen Gott in ſeinem wolken⸗ loſen Himmel. Allmacht und Allwiſſenheit ſind Ge⸗ danken ſo widerwärtig wie die Ewigkeit. Kinder des Streites wollen wir ſein. Ohne Widerpart keine Freude, ohne Mühſal kein Genuß, das Licht muß 6* — e ——— —⸗———ÿõõʒ ʒ———õ——õnnnsͤſͤſͤſſ⁄⁄—⁄— — 834— ſeinen Schatten werfen; und jenſeits des Reichs der Gegenſätze gähnet todtbringend allem Erdenklichen, unermeßlich, grenzenlos, das ſumpfende Meer der Langweile.“ „Ich weiß, ich weiß,“ ſagte Heinreich, und ſchnitt ein Geſicht wie ‚die Welt als Wille und Vorſtellunge; „und doch frage ich mich zuweilen, ob nicht mein Vater, der nie die Leidenſchaft gekannt zwiſchen ſei⸗ nem Soll und Haben, denn doch glücklicher war als ich, dem heißes Lebensblut durch die Adern pocht, deſſen Blick in eine Welt von Wiſſen ausſieht, deſſen Hände ſein Liebſtes lebend an die hochſchlagende Bruſt drücken?“ „Heinrich,“ lachte ich,„Du biſt krank.“ „Nicht ich,“ ſprach er leiſe und rückte näher an meine Seite,„nicht ich, aber ſie iſt's. Oder ich bin's doch, bin zu ſchwach, mich zu ihrer Größe zu erheben. Oder auch wir ſind's Beide, ſind Beide ſterbliche Menſchen.“ Er hatte noch den Scheidebrief Peregrettens, den er mir vorgeleſen, ausgebreitet vor ſich liegen. Er fuhr mit der Handfläche über das Papier und ſagte: „Es iſt was, iſt was Wahres in ihren Worten, 1 es iſt Grund unter dieſen Aengſten.— Mißhöre mich nicht, mein Freund. Glaube nicht, daß ich — o— thörichte Vorurtheile mir im Hirn oder gar im Hauſe ſpuken ließe. Peregretta dürfte eines Fürſten Weib ſein und wäre ebenbürtig vom Scheitel bis zur Sohle. Sie iſt die reizendſte Geliebte, die tugendhafteſte Gattin, die ſorgfältigſte Hausfrau, aber fie iſt das Alles nur aus Liebe zu mir; denn ſie iſt noch mehr als Geliebte, Gattin, Hausfrau, und in ihrem Weſen. wohnt ach noch eine andere Liebe als die zu mir Dieſe eine Leidenſchaft kämpft mit der anderen einen fortwährenden Kampf; ich ſtehe wie ein Schachſpieler, der um ſein Leben und ſeine Seligkeit ſpielt, über ihrer Seele, und will und muß dem Dämon mir gegenüber die Partie abgewinnen. Dieſer Dämon iſt das Kind eurer Dichter, er iſt ein Dämon des trügeriſchen Scheines und der höchſten Wahrheit, des äußeren Glanzes und der Herzenstiefe, es iſt der Dämon der Schaubühne, die Kunſt. Peregretta iſt eine geborene Schauſpielerin, mit allen Leibes⸗ und Geiſteskräften wurzelt ſie in der Kunſt und ſtrebt nach ihr. Wenn Gott ſo vernehmlich Ja ſagt, darf der Menſch es wagen zu verneinen! „Schon wenige Wochen nach unſerer Hochzeit auf der Reiſe konnt' ich mich der Bemerkung nicht erwehren, wie ſie Alles, was ſie in der Welt zu ſehen und zu hören bekam, zur Bühne in Beziehung ſetzte. Arglos, wie ich war, gab ich ihrem Wunſche, 4— 86— in jeder Stadt allabendlich das Theater zu beſuchen, gerne nach. Wie bald aber fühlte ich, daß von den Brettern herab eine dunkle Macht die Hände nach ihrer Seele ausſtreckte, eine dunkle Macht, die ihren Raub nicht losließ, bis der herabrauſchende Vorhang wieder die lockende Welt des Scheines und die Welt der Wirklichkeit in zwei getrennte Hälften zerſchnitt. Wenn ſie dann an meinem Arme ſo ganz in Freude ſchwebend nach unſerem Gaſthofe ging, und mir in traulichem Geplauder Lob und Tadel auskramte, wenn ſie mir, daheim angelangt, vordeklamirte, wie ſie das machen würde, ſo ſtahl ſich in all' meine junge Glückſeligkeit ein trüber Klang herein, denn ich wußte, es gäbe eine Zeit, die Zeit der Vorſtellung, wo ich für ſie gar nicht in der Welt war. So lange die Szene offen blieb, nahm der ſchlechteſte Komödiant ihre hingebende Aufmerkſamkeit mehr in Anſpruch, als der ihr zur Seite ſitzende Gatte. Ja, als ich es in meinem Verdruß einige Male wagte, ſie durch kleine, gut gemeinte Störungen aufmerkſam zu machen, daß ich auch noch in natura rerum exiſtirte, war ihre Antwort ein kurzer Ausruf erkennbaren Miß⸗ behagens. „Damals ſchon faßte mich im Stillen eine wahre Eiferſucht auf jenen herriſchen Geiſt, der ſich mit mir in den Beſitz des geliebten Weibes theilte, ſo — 87— daß ich auf Mittel zu ſinnen begann, ihm ſein Theil abzujagen. „Indeſſen war ich damals bei alledem doch ſo ganz bis über die Ohren glücklich, daß ich mit dem Nachſinnen nicht weit kam. Auch war mein Weib, ſo lange ſie nicht vor den Lampen ſaß, ſo ganz Liebe und Freude, daß ich mich für die geſtohlenen Stunden vollauf entſchädigt hielt. Ich beſchränkte nur die Theaterbeſuche, und ſie wendete nichts hiegegen ein. Als vernünftiger Mann legt' ich mir ihre Neigung pſychologiſch zurecht. Ich ſtellte mir's vor die Be⸗ trachtung, wie ſchon die erſten Gedanken des Kindes ſich in jener verführeriſchen Welt bewegt hätten; wie ihr ganzes bisheriges Daſein mehr von den Couliſſen⸗ lampen als von Gottes lieber Sonne beleuchtet ge⸗ weſen wäre; wie ſie ohne Erzieher, ja ſo gut wie elternlos, ihre Heimat im Theater gefunden, das ihr Kinderſpiel und Schule hatte erſetzen müſſen. Ich ſagte mir, daß ja kein Menſch ſich von den Erinnerungen ſeiner Jugend mit Einem Streich los⸗ löſen könne, und daß mit der Zeit auch jener Zauber, welcher jetzt noch der Seele meiner Frau Gewalt that, in der Entfernung und gekreuzt von den Sorgen einer lieben Häuslichkeit ſeine Macht werde verlieren müſſen. „Dieſe Rückſicht, nicht etwa die Abſicht, das 4——— ——— 4 5 —— 88— Weib meiner Wahl vor den kritiſirenden Blicken der großen Welt zu verſtecken, hat mich bewogen, dies kleine Städtchen in ſeiner ländlich abgeſchiedenen Ein⸗ fachheit zum Aufenthaltsorte zu wählen. Vor wan⸗ dernden Truppen, wie ſie zuweilen auf Meſſen und Märkten herumziehen, hegt Peregretta einen ariſtokra⸗ tiſchen Widerwillen, und außer derartigen Muſen⸗ kindern zweifelhafter Berechtigung hat dieſe Hügel⸗ gründe noch nie ein memorirender Schauſpieler mit ſeiner Rolle in der Hand durchwandelt. Niemals— als bis ich hier meinen Wohnſitz aufſchlug. „Die erſte Zeit unſeres Hierſeins, welche von den Freuden des Herbſtes und den Geſchäften unſerer ausführlichen Einrichtung in Anſpruch genommen war, ging Alles wider Erwarten vortrefflich. Schon trium⸗ phirte meine Beobachtung im Stillen, und ſo lange die Raketen der Weinleſe aus den Wingerten auf⸗ ſtiegen, flog meine Seele luſtig mit gegen Himmel, denn mein tiefer Wunſch ſchien erfüllt zu ſein, meine Gattin ſchien Komödie und Komödianten auf immer vergeſſen zu haben. „Da wurden die Abende kühler und länger, und wir ſaßen am Kamin zu Zweien und plauder⸗ ten in die Flammen, und erinnerten uns an unſere Reiſeabenteuer, und kritiſirten unſere Küche. Das war Alles recht hübſch, aber es hielt denn doch nicht . —— — 89— lange vor, und ich ſtieg hinauf in mein Bibliothek⸗ zimmer und brachte ein dickes Buch an den Kamin. Und wir laſen einen Band um den andern, Ge⸗ ſchichtswerke, Romane, Gedichte, nur keine Schau⸗ ſpiele. Wir nahmen uns das jeweilige Buch eifrig aus den Händen, im Vorleſen abwechſelnd, wo bald Eins das Andere an Deutlichkeit und Korrektheit überbieten wollte, und ich freute mich aus vollem Herzen über die glückliche Auffaſſungskraft, die willige Geſchicklichkeit, das treffliche Gedächtniß meiner viel⸗ geliebten Schülerin. „Ein kurzes Wochenbett unterbrach unſere emſi⸗ gen Studien, meine Frau genas eines Mädchens, aber nach kurzen Stunden ſchon war das Kind eine Leiche. Dieſer traurige Fall erſchütterte das Gemüth Peregretta's auf's Tiefſte. Sie klagte wenig, ſelbſt mir nicht; aber es ſchien, als hielte ein ſich ſelbſt⸗ gegebenes, ſchwermüthiges Gelöbniß, ja eine mir unerklärliche Angſt ihre Lippen verſchloſſen. Sie ſuchte die Einſamkeit und ſaß oft lange Stunden am Fenſter, ſchwärmeriſch in die Wolken ſchauend. „Nun war es wieder Frühling geworden, und auch das Eis um Peregrettens leidende Seele ſchien hinwegzuthauen. Mit einer leidenſchaftlichen Zärt⸗ lichkeit, die alle frühere Hingebung noch überbot, feſſelte ſie meine Liebe noch inniger an ſich. Aber — —— 90— neben dieſen glücklichen Stunden hatte ſie andere Zeiten, in denen ſie weder mir noch ſich ſelbſt mehr anzugehören ſchien. In Grübeleien oder Träumereien ging ſie dann wie eine Nachtwandlerin umher, mit Bäumen und Quellen ſprechend, oder ſaß auf der Fläche meines Daches und ſah hinaus weit über's Land, als zöge ein ſtillnagendes Heimweh ihr Herz in unbekannte Fernen. „Da überraſchte ich ſie einmal im Garten in ein Buch vertieft. Sie verbarg es keineswegs, doch ſchien ſie unangenehm betroffen, und als wünſchte ſie, ich hätte ſie nicht entdeckt. Es war Grillparzer's Medea, die ſie in der Haud hielt; ich hatte des Stückes am verwichenen Abend ſelbſt Erwähnung gethan, und ſo wahrlich, ohne zu wollen, ihre Neu⸗ gier geſtachelt. „Mit Einem Schlag waren alle Geiſter meiner quälenden Sorgen aus ihren ſo ſchön überblühten Gräbern höhniſcher und rachſüchtiger denn je wieder auferſtanden. Der Vorgang in meiner Bruſt mochte ſich in meinen Geſichtszügen ausdrücken, Peregretta ließ das Buch aus den Händen gleiten, fiel mir um den Hals und weinte lange bitterlich. „Da erkannte ich, daß mein Sieg über den herrſchgierigen Dämon eitel Wahn geweſen, daß er heute noch mächtiger als zuvor in ſchlimmer Nach⸗ — — 91— barſchaft hart an meinem Recht in ihrem Herzen wohne. Mein Gemüth übernahm tiefe Traurigkeit, aber in der Trübſal kam mir ein ſtolzer Gedanke. Ich verwarf mein bisheriges Kampfverfahren. Da ich eingeſehen, daß der Gewaltige Stirn gegen Stirne nicht zu werfen war, ſo beſchloß ich, durch Klugheit ſeiner Herr zu werden, indem ich ihn in Pflicht zu nehmen ſuchte, wenn ich mich ſcheinbar in ſeinen Dienſt begab. Ich veränderte den Gegenſtand unſerer abendlichen Lektüre; Sophokles, Shakſpeare, Schiller, mit einem Gefolge von erläuternden und erklärenden Hülfsbüchern, wanderten in meinen Speiſeſaal ein, und ein ſyſtematiſcher Unterricht begann. Dabei hielt ich meine Frau nicht nur zum Deklamiren und Me⸗ moriren an, ſondern ließ ſie im vollen Zug, als ſtünde ſie vor dem Publikum, nach allen Seiten hin ihre Kräfte eutfaltend. Ja, wo's Noth war, ſpielte ich ſelbſt zur Aushülfe mit. Ich beſprach mit ihr jedes Wort, jede Gebärde in einer Rolle, ich er⸗ weiterte ihren geiſtigen Geſichtskreis ‚ich ließ ſie in die ganze Tiefe ihres reichen Gemüthes ſchauen, und indem ich ſo dem Dämon meine Hände bot, ſtrebte ich ihn an mich zu faſſen und zu halten. Fortan, wenn Peregrettens Geiſt ſich in das innerſte Heilig⸗ thum ihrer Kunſt verſenkte, ſtand mein Gedächtniß nicht als unreiner Fremdling vor der Pforte; ich ſſn ———— — 92— war ihr Prieſter und Meiſter geworden, mir hatte ſie die letzten Weihen zu verdanken, und wenn nun ihre Seele von den Geſtalten der Bühne gefangen gehalten wurde, war meine Geſtalt mit jenen ver⸗ bunden; nun mußte ſie meiner denken, ſo oft und viel ſie der Kunſt denken mochte, denn ich habe ſie zur Künſtlerin gemacht. „So treibe ich's denn eine Woche wie die an⸗ dere dritthalb Jahre lang; meine Frau hat ein Re⸗ pertoire, ſo groß und bedeutend wie irgend eine Künſtlerin von Ruf, und ob ſie meines Lobes werth iſt, haſt du heute, als Du im Garten gelauſcht, mit eigenen Ohren erproben können. Aber Du haſt ſie nur gehört, Du mußt ſie auch ſehen, wie jedes Glied im Geiſte ihrer Rolle ſpricht, und ohne jegliche Ueber⸗ treibung, ohne die ſtörend hervorſtechende Abſichtlich⸗ keit gelehrter Schauſpieler. Ihre Stimme iſt tönen⸗ des Feuer, ihre Geſtalt ſichtbar gewordene Seele. Und hier ſitze ich oft mit gefalteten Händen und ſtaune ſie an mit feuchten Augen, und bewu reichen Schatz, den ich in meinen vier Wänden halte, deſſen alleiniger Herr ich bin. Die Könige der Erde würden ihn mit Gold umhüllen, und das Volk ſich vor ſeinen Triumphwagen ſpannen, die Mächtigen des Geiſtes würden ſich glücklich ſchätzen, wenn der Hauch ſolchen Mundes die Segel ihres Ruhmes ſchwellen machte. — 93— „Dieſes Bewußtſein erfüllt mich mit Stolz und kann mich übermüthig machen; aber es währt nicht lange, ſo muß ich mir ſagen: Biſt du nicht ein elen⸗ der Verbrecher an der Majeſtät des Menſchengeiſtes, daß du fortfährſt, der Kunſt ihr Eigenthum, der Welt ihre Freude vorzuenthalten, daß du den Hauch der Gottheit, der aus deines Weibes Munde geht, miß⸗ brauchſt, um nur die Flamme deines verborgenen Herdes zu nähren. Würdeſt du den Menſchen nicht verachten, der ein köſtliches Gemälde Raphael's in ſeiner Schlafkammer aufſtellte und davor einen un⸗ durchſichtigen Vorhang zöge, damit kein Auge außer dem des beneidenswerthen Beſitzers dieſen Schatz genieße?— Und mein Geyiſſen fügt hinzu: Siehſt du nicht, Räuber, wie ſich die Seele deines edlen Weibes Zwang anthut, wie ſie nur des Nachts aufblüht zu voller Schöne, und am Tag trübſelig, in Sehnen verſunken, das Haupt neigt. Ein Dichter kann glücklich ſein und ſterben, ohne daß nur Einer ſeiner Mitlebenden Eine Zeile von ihm gekannt hat; felbſt ein Maler ein Bildhauer kann in der Einſam⸗ keit ſeiner vier Pfähle ſein Bildwerk ſchaffen und es dann der ſtaunenden Geſellſchaft überlaſſen, der er für immer den Rücken gekehrt hat; aber der Künſt⸗ ler der Bühne, deſſen Werk nicht Fleiſch gewinnt und keinen Halt hat vor den Sinnen, er bedarf der dicht⸗ geſchaarten Menge, die ihm die Nachwelt erſetzen muß, er bedarf des angekündigten Pompes und des augenfälligen Schmucks, er bedarf der Schminke wie der Lampen, er bedarf des Klatſchens im Parket und des Jubels der Gallerieen, der niederflatternden Kränze und der Tauſend geſchliffener Gläſer, die nach ſeinem Haupte zielen. Er bedarf der Bewunderung und der Liebe der Lebenden, denn ſeine Ernte iſt flüchtig, und ſein Ruhm verflutet mit den Wellen in der Luft, welche der Hauch ſeiner Stimme erſchüttert. Darum ſpendet ihm die Welt den Beifall tauſendfach auf Einmal, den andere Künſtler bleibender Schöpfungen nur zerſtreut ernten und erſt in der Folge der Jahr⸗ hunderte. Gehe hin und werde gerecht! „Aber wie, werf' ich ein, ſind denn die Weiber erſchaffen worden, um Komödie zu ſpielen, oder iſt des Weibes Beſtimmung nicht vielmehr die, ihren Gatten zu beglücken. Und das weiß ich, mein Glück und alles Glück unſerer Liebe wäre dahin, wenn ich Peregretten einer Bühne überließe. Ich kenne den jetzigen Geſchmack der Menge nicht, aber ich kenne die Vorurtheile, die Schwierigkeiten, die kleinlichen Erbärmlichkeiten alle, über welche hinweg ſelbſt ein großes Talent ſeine erſten Schritte auf den Brettern wagen muß. Setze einen mißlichen Erfolg, ein voll⸗ ſtändiges Fiasco, ich könnte die Folgen nicht ertragen, Peregretta würde mir lächerlich, ich mir ſelbſt als ein Narr erſcheinen, während ſie, die einmal wieder Blut geleckt, am ungeſtillten Durſt verkommen müßte. Und macht ſie Glück und jubeln ihr die Alten und die Jungen zu, ſo iſt mein Elend erſt recht ent⸗ ſchieden, denn dann iſt der Dämon wieder Herr, und wird ſie mehr und mehr in ſeinen Dienſt zu feſſeln wiſſen und mehr und mehr ſie mir entfremden. Ich aber will ihr Herz mit Niemandem theilen, auch mit einem Gott nicht. Doch es iſt gar ſchwer, mit Dä⸗ monen zu ringen, denn ſie behalten immer Recht, und ſo Du meinſt, Du hältſt ſie ſicher, darfſt Du nur genau hinſehen, um zu merken, daß denn doch nur Du der Bethörte biſt. „So weit iſt es mit mir gekommen, daß mich ſelbſt in den Augenblicken der tiefſten Rührung, der rückhaltloſen Bewunderung ihres Talents, ja ſogar in ihren Armen plötzlich der abſcheulichſte Zweifel über⸗ ſchauert und ich mich ſelbſt in meinem Wahn ver⸗ liere. Denn wenn ich ſtaunend ihrer Macht mich hingegeben fühle, mit der ſie die fremdeſten Gefühle, nie gekannte Gemüthsſtürme in der Sprache unver⸗ fälſchter Wahrheit wiederzugeben weiß, wie ſie den Blick des Irrſinns in ihre Augen, die Lähmung des Todeskampfes über ihre Glieder legt, wie ſie ſelbſt das Gelächter des Leichtſfinns, den Hohn der Frivo⸗ — 96— lität auf ihre Lippen nimmt, als wäre es die Alltags⸗ koſt ihrer Seele, da frage ich mich in qualvollen Nächten, wo iſt die Grenze dieſes Truges? Wenn ihr Gefühl für Wahrheit wie für Lüge die gleichen Töne hat, die aus des Herzens tiefſter Tiefe zu klin⸗ gen ſcheinen, wer bürgt mir dann, daß es nicht Lüge war, was ſie einſt mir mit Sirenenſtimme zugeflü⸗ ſtert; wenn ihr ein Schickſal von Papier und todten Buchſtaben Thränen aus den Augen zwingt und ihren Buſen höher ſchlagen läßt, war es denn dann auch die Wahrheit, die dieſen Buſen hob, als ich ihn fle⸗ hend an den meinen zog? war's nicht das Gift der Lüge, das ich einſt mit ſeligtrunkenen Lippen in ihren Thränen von den bebenden Wimpern küßte? „Dann greife ich rückwärts in die alte, herrliche Zeit, und nehme mir die ſchönſten Augenblicke mei⸗ nes Lebens vor die zerſetzende Grübelei meines eifer⸗ ſüchtigen Argwohns, und betaſte und befühle ſie, und kehre ſie ſo lange um und um, bis ſie mich glanz⸗ entledigt angrinſen, wie einſtudirte Kunſteffekte einer ſchlauen Betrügerin. Dann frage ich mich: Konnte der Vorfall in der Vorſtadtſchenke nicht ein mit dem biederen Petrucchio abgekarteter Streich geweſen ſein, um meine Aufmerkſamkeit in abſonderlich wirkſamer Weiſe anzuregen? War es mädchenhaft und abſichts⸗ los, daß ſie mich in meinem Krankenzimmer auf⸗ — — 97— ſuchte, mich, der nie noch ein lebendiges Wort zu ihr geſprochen? Wie ſchnell und ſicher bedacht ging ſie nicht auf meinen Vorſchlag ein, bei mir zu blei⸗ ben und mich zu pflegen! Daß ſie mir keinerlei Vertraulichkeit geſtattete, das iſt ein alter Kniff, um einen nur um ſo dauerhafter einzuſpinnen. Daß ſie nach dem erſten Kuß entſprang, mußte mein Gelüſten zur gebieteriſchen Begierde ſteigern, den ſüßen Trank, von dem ich nur erſt genippt, in vollen Zügen zu ſchlürfen. Wenn ſie endlich ſich von dannen machte, ſo wußte ſie, daß ich ihr nachrennen würde, und die hartnäckige Weigerung, mein ehelich Weib zu werden, war nur die wirkſamſte Entkleidung des ernſtlichen Verlangens nach kirchlicher Einſegnung. 8b „Was iſt mir Welt und Leben, was Zeit und Ewigkeit ohne ſie! Da liegt der ſtolze Bau meines 3 Glücks, und auf dem verpeſteten Trümmerhaufen hockt kein häßliches, von Würmern durchkrochenes Gerippe, hohnlachend den Zerſtörerhammer im grellen Licht einer unbarmherzigen Sonne ſchwingend— mein eigener Zweifel. „Doch wenn die Grübelei meine auf die grau⸗ ſamſte Folter geſpannte Seele mit jenen Fragen in⸗ quirirt, dann ſchüren Eiferſucht und Eigenſinn noch ein brennendes Feuer unter ihr an, und meine Höl⸗ lenſchmerzen machen ſich in ſchlimmen Ausrufungen 6 — 98— Luft. In ſolchen Aug enblicken hab' ich abſcheuliche Worte, Worte des Mißtrauens und der Verdächti⸗ gung ausgeſprochen gegen den duldenden Engel, der mein Weib zu ſein ſich herabgewürdigt hat. Und wenn ich auch dann wie Einer, der im Weintaumel ſein Liebſtes auf den Tod getroffen, plötzlich ernüch⸗ tert zu ihren Füßen ſtürze und die zitternden Kniee der ſchuldlos Gekränkten umfaſſe, dann möcht' ich mir den Schädel auf dem Eſtrich einſchlagen, denn ich fühl' es, daß ſie mir nie vergeben und vergeſſen kann. Sie aber duldet wie eine Heilige, und liebt mich noch, das weiß ich, und erſt wenn ich ſtunden⸗ lang mein brennendes Haupt in ihren kleinen Hän⸗ den fühle, dann kommt auch der Friede wieder, und ich ſehe es an ihrem wieder aufdämmernden Lächeln, daß ich ſie noch nicht verloren habe, daß ihre Seele, die ſich ſchon von mir abgewandt, ſtillgeſtanden auf dem Wege und wieder heimgekehrt iſt zu mir—“ Heinrich wollte noch weiter ſprechen, aber ſeine Stimme ging unter in Thränen und Schluchzen, und er ſchwieg. Er griff nach der Kryſtallſchale und wollte ſie zum Munde führen; allein, die Lippen ſchon dem Rande genaht, überkam es ihn ſchüttelnd wie Ekel, und er ſchob das Glas ſammt ſeinem In⸗ halt verächtlich vom Tiſch herab. Er ſtand auf, packte den Brief in ſeine zierliche Mappe ein, knüpfte die Bänder mehr als fünfmal darüber zu, und verſperrte das Ganze in einen der Speiſeſchränke, den er zweimal verſchloß, um endlich den Schlüſſel oben drauf zu legen. Alsdann ergriff er eine Kerze und ließ ſich's nicht nehmen, mir zu Bette zu leuchten. Es war eine überflüſſige Mühe, denn der Morgen fing bereits zu grauen an. Wenn ſchon dem letzten Theile ſeiner Erzählung, die er mit ſteigender Aufregung in Ton und Ausdruck und vielfach unterbrochen vorgebracht hatte, nur mühſam zu folgen geweſen war, ſo blieben ſeine nunmehr ausgeſprochenen Worte vollends unverſtändlich. Alſo ging er ſchwankend und brummend vor mir her und leuchtete die Treppe hinan. Vor meiner Thüre fiel 4. —— 100— er mir nochmals um den Hals und ſchluchzte etwas wie Lebewohl, dann ging er in das mir bereitete Zimmer und legte ſich in mein Bett, während ich mir's auf dem behaglichen Sopha ſchlafgerecht machte. Man muß die Welt eben nehmen, wie ſie ein⸗ mal iſt, ſagt' ich am anderen Tag zu mir ſelbſt, als ich nach meinem Erwachen Mühe hatte, mir den zwieſpältigen Inhalt der geſtrigen Erzählung, und dieſen in ſeines eigenen Gaſtes Bett Schlummernden zu jenem Heinrich von früher in ein vernünftiges Verhältniß zu ſetzen. Aus dem Enthuſiaſten war ein Hypochonder geworden, welcher ſich und Andern das Leben ſauer machte, und das in Verhältniſſen, die jeder Andere glücklich preiſen mußte. Es fehlte ihm, wie ſo Manchem, an einer Eigenſchaft, die ich Mannhaftigkeit des Herzens nennen möchte. Jedes Ding hat zwei Seiten. Wer im Schatten ſitzen will, darf nicht mit dem Brennglas hantieren wollen. Die Guten aber, ſo da glauben, daß ein Ding, wel⸗ ches einmal ihre Zuneigung gewonnen hat, aus lau⸗ terer ſchattenloſer Vollkommenheit beſtehen müſſe, ſie finden ſich bitter in's Leben hinein gekränkt, wenn ſie eines Tags endlich auch für die nothwendigen Un⸗ vollkommenheiten Augen bekommen. Das menſchliche Geſchlecht iſt nun einmal ſo wie es iſt, und da es nun einmal ſo iſt und nicht anders, ſo muß man eben aus gutem Willen verſuchen, mit dieſem liebenswür⸗ digen Geſindel, dem wir doch am Ende immer ſelbſt auch anzugehören das leibhaftige Vergnügen haben, auszukommen ſo gut es gehen will. Darum ſoll man ſich auch in die Fehler ſeiner Geliebten verlieben, und wenn man nun das nicht im Stande iſt, brechen aber nicht zu biegen verſuchen. Auch ſoll man nicht glau⸗ ben, Alles, was einem im Leben paſſirt, ſofort unter ein Syſtem bringen zu wollen. Am Ende führt je⸗ der Weg nach Rom; Diejenigen aber, die ſich bei jedem Straßenkreuz hinſetzen und ihr ſchönes Herz aus der Taſche holen, um es in dieſer ſchwebenden Frage ſchlagen zu ſehen, und ſtatt entweder nach Rechts oder Links auszuſchreiten, ihrem Verſtande was zum Spielen geben, kommen jedenfalls zu ſpät an. Wir mögen uns ſtellen wie wir wollen, wir mögen reflektiren ſo viel wir können, unſere beſten Entſchlüſſe ſind doch Kinder des Augenblicks. Eine friſchgewagte Dummheit iſt am Ende immer noch leichter zu verbeſſern, als eine nach gründlicher Ueber⸗ legung ausgeführte. So ſchwankte mein Freund in der marternden Schaukel ſeiner eigenen Reflexion, er wollte das Eine thun und das Andere nicht unter⸗ laſſen. Er wollte nicht die Künſtlerin in der Haus⸗ frau untergehen laſſen, und auch nicht der Kunſt zu Liebe ſeiner Häuslichkeit Abbruch thun, und ſo mit ſeinem Vermitteln, Grübeln und Nachgeben bald hier, bald dort, zerſtörte er den Frieden ſeines Hauſes, ohne der Kunſt gegeben zu haben, was der Kunſt gebührte. Doch ich unterbrach meinen Morgenmonolog, indem ich mir ſagte, daß in heiler Haut über Ge⸗ ſchundene gut reden iſt, und während mein Freund noch feſt im Schlaf der Ungerechten ſchnarchte, ſtieg ich, meinen Gedanken nachhängend, in den Garten hin⸗ ab, der, in mannigfaltige Grün gekleidet, dem von Freundesleid Bewegten mit friedlichen Schatten winkte. Vielgewundene Wege führten zu traulichen Plätzen. Hier ſtand eine Steinbank zwiſchen blü⸗ henden Beeten am Ufer eines kleinen Baches, welchen am Ende der Mauer ein rundüberwölbtes Badehaus aufnahm. Dort auf dem Hügel unter einer alten Linde zierliche Tiſche für eine Mahlzeit im Grünen. Da eine träumeriſche, blütenumrankte Laube. Drüben unter breitem Chineſenſchirm ein Siehdichum in's Weite. Am Ende des Gartens, an der Mauer ſich auf⸗ richtend, fand ſich ein kleiner Hügel angelehnt, deſſen unterer Theil aus wuchtigem Tropfſtein aufgeſchichtet war, über welchem ſich in breiter Lagerung eine moosumwachſene Erdſchichte pyramidenförmig erhob. Unter üppigen Schlinggewächſen blühten darauf alle Blumen des Lenzes, und aus ihrem buntfarbigen Gewühl erkannte man erſt ſpäter eine kleine Urne von theils erdgebräuntem, theils grünlich ſchimmerndem Glanze, von welcher ich bei näherem Hinzutreten folgende Inſchrift ablas:. „Dein Leben war ein einz'ger Mutterkuß, Ein kurz Erwachen aus den erſten Träumen, Nun ſchläfſt Du weiter unter dieſen Bäumen Und weißt es nicht, wie bitter weinen muß, Wer eine lange, bange Lebensnacht Schlaflos bis an ihr ſpätes End' verwacht.“ Ich beſah mir noch einmal das Grab des früh verlornen Kindes und ſchüttelte den Kopf über die ſchläfrige Weltanſchauung, die jene nächtige Inſchrift diktirt hatte. Als ich mich zum Gehen wandte, be⸗ merkte ich hinter den Cypreſſen der rechten Mitte des Hügels eine Frauengeſtalt, welche, vom Grabmal abgekehrt, auf einer Schattenbank ſaß und ſo ſehr in ein Buch vertieft ſchien, daß ſie meiner Nähe gar nicht gewahr wurde. Ich trat möglichſt hörbar im Sande auf, um ſie aus ihrer Lektüre zu erwecken. Sie wandte ſich, und ich ſah in ein Antlitz, deſſen Augen von Weinen geröthet waren; aber es war nicht der zehrende Gram der Erinnerung, der dieſe Züge zerquälte, dieſe Blicke flammten und die Lippen zuckten zornig unter der Gewalt einer neu erfahrenen Kränkung. — Beſtürzt über dieſen Anſchein, nahte ich mich der Gattin meines Freundes, und bemerkte nun erſt, daß, was ſie eben aus der Hand legte, kein Buch war, ſondern genau der kleinen Mappe von braunem Saffian ähnlich ſah, in welcher Heinrich ſeine ver⸗ witterten und verblichenen Liebeszeichen zuſammen⸗ gepackt hielt, dieſelbe Mappe, aus der er geſtern Peregrettens Brief genommen und die er dann in den Speiſeſchrank verſperrt. Ich that, als ſetze ich ihre Thränen auf Koſten der Erinnerungen, die dieſer Platz in ihr erregen müſſe, und ſie ließ mich reden wie ein Weib, das zu ſtolz, um einen Fremdling der Urſachen ihres Weinens werth zu halten. Ihre ganze Antwort war:„Ich habe mit dem Eintagsleben, das unter dieſen Steinen hier vermodert iſt, mehr verloren als Jemand denken und fühlen mag.“ Dann blieb ſie wieder ſtumm. In der Verlegenheit ſprach ich über die Einzel⸗ ſchönheiten des Grabmals und fragte auch endlich nach dem Verfaſſer des Epitaphs. Sie nannte mir einen obſkuren Poeten und fügte hinzu: „Es ſcheint, dieſe Grabſchrift hat nicht ganz Ihren Beifall. Mich will bedünken, auch ich hätte eine beſſere, kürzere, begeichnenderd gehabt.“ „Und welche, gnädige Frau?“ „Dieſe: Hier liegt die Liebe meines Gat⸗ — 106— ten!“ Schluchzend ſank ſie auf die Bank zurück und preßte die Hände vor ihre ſtrömenden Augen. „Wie können Sie denken,“ rief ich,„daß Ihr Gatte Sie nicht mehr liebt! es iſt wahr, ich halte Heinrich nach Allem, was ich geſtern gehört und geſehen, für leidend, für krank, wenn Sie ſo ſagen wollen. Aber er iſt krank aus großer Liebe zu Ihnen, und Sie haben Mittel und Macht, ihn der Geneſung und Freude wiederzugeben.“. „Der Freude?“ fragte ſie mit langgezogenem Ton, mich befremdet anſehend.„In dieſem Hauſe iſt nur Ein Weſen traurig; dieß Weſen bin ich. Mein Mann iſt fröhlich und iſt geſund. Er leidet nur an etwas Langweile und Ueberdruß. Er ſehnt ſich in die große Welt zurück, weil ich ihm nicht genüge, weil er ſich meiner vor der Welt ſchämt, weil er mich nicht mehr liebt. Er liebt nur, was er nicht haben kann, nur das Außergewöhnliche, das Abſonderliche. Hat er es aber erlangt und eine gute Weile beſeſſen, das mühſam Erſtrebte, iſt das Außerordentliche mit der Zeit nur einmal gewöhnlich geworden, ſo reizt es ihn nicht mehr, und er miß⸗ handelt es wie Kinder ihr altes Spielzeug zerbrechen. Erſt wenn er es verloren hat, dann lockt es wieder und gewinnt mit verſtärkter Macht den erſchlafften Zauber alter Anziehungskraft auf's Neue. Wäre ich — 107— weit von ihm, und er müßte fürchten, mich zu ver⸗ lieren, er würde mir in Sehnſuchtsqualen durch aller Herren Länder nachforſchen; läg' ich hier unten bei mei⸗ nem Kinde, er würde den kalten Leichnam aus der Gruft ſcharren, um ihn noch einmal zu küſſen; dann, ja dann würde er mich wieder lieben mit der alten Liebe.“ „Sie freveln, Peregretta,“ ſprach ich,„Ihr Mann liebt Sie treu und innig, ohne einen Schatten jener ſchwächlichen Gefühle zu empfinden, die Sie ihm vorwerfen, und Ihr Verluſt würde ihn in troſtloſes Elend ſtürzen.“ „Troſtlos?“ wiederholte ſie mit ſpöttiſch ge⸗ ſchürzten Lippen.„Es gibt ſo viel gute Tröſtungs⸗ mittel für einen zurückbleibenden Gatten: gute Ge⸗ ſellſchaft und vor Allem eine gute Küche, und zuletzt— ein neues Weib. Nicht wahr?“ Ich wollte entgegnen, aber ſie unterbrach mich, als zöge ſie vor, das Geſpräch von dieſem Gegenſtand abzulenken; ſie trocknete ihre Augen und fragte mit erzwungener Ruhe:„Kannten ſie das Fräulein Natalie von Püren?“. Ich gab ihr eine kurze Schilderung meiner flüch⸗ tigen Begegnung mit der genannten Dame, der ſie mit großer Spannung zuzuhören ſchien. „Heinrich muß ihr leidenſchaftlich ergeben ge⸗ weſen ſein?“ fragte ſie weiter. —— 108— Ich verſicherte, daß ich meinen Freund bis zum geſtrigen Abend ſeit Jahren nicht geſehen, das Fräu⸗ lein von Püren nur vor ihrer Verlobung gekannt hätte, und mir aus der Zeit unſeres Zuſammenlebens überhaupt keiner einzigen ernſtlichen Neigung ihres Gatten bewußt ſei. Dieſe Antwort wollte ſie, als eine Ausflucht, nicht gelten laſſen.„Iſt doch Einer wie der Andere,“ ſprach ſie mit einem Blick, der wie Verachtung aus⸗ ſah;„ſie dünken ſich was Größeres, dieſe Herren der Schöpfung, wenn ſie zu Schutz und Trutz zu⸗ ſammenhalten, um ein kurzſichtig Weib zu hinter⸗ dehen 9 Mit dieſen Worten ließ ſie mich ſtehen und ſchritt ſtolzgehobenen Hauptes ihrem Hauſe zu. Ich beſchloß bei mir, noch einen ernſtlichen Ver⸗ ſuch zu machen, dieſe M ißverſtändniſſe zu löſen, in welchen befangen zwei gute Menſchen ihr Lebensglück zu zerſtören Willens ſchienen. Da kam der Diener von geſtern zu mir und bat mich im Namen ſeiner Herrin, dieſelbe auf ihrem Zimmer zur M ittagstafel abholen zu wollen. Ich fand ſie in einem geſchmackvoll eingerichteten Boudoir, zu welchem mir der Hausgeiſt den Weg ge⸗ wieſen. Als ich eintrat, reichte ſie mir die Hand ent⸗ gegen und ſprach mit ruhig gefaßten, ja heiteren Zügen: — 109— „ „Sie haben mich nach dem Ueberfall einer über⸗ wältigend mich beſtürmenden Stimmung geſehen, Sie haben mich in einem großen Schmerze überraſcht; vergeben Sie mir, wenn ich gegen Sie, wenn ich gegen meinen lieben Gatten Worte hervorgeſtoßen, die Ihnen nur die plötzliche Aufwallung einer leicht erregbaren Künſtlernatur entſchuldigen kann. Sie⸗ſind der Freund meines Heinrich, ſomit ſind Sie auch der meine. Ich will glauben, was Sie mir verſichert, ich will jeden Argwohn fahren laſſen, ich will noch einmal aus allen Kräften meiner Seele verſuchen, ſein ganzes Herz zu mir zurückzuführen. Einem liebenden Weibe muß es ja gelingen, nicht wahr? Ich will ihm auch meine Thränen, meine Aufregung verbergen, um ihn nicht zu kränken, und Sie werden mich nicht verrathen.“ Ich gab ihr meinen Arm und führte ſie die Treppe hinab in den Speiſeſaal, wo Heinrich bereits unſer harrte. Wenn ich mir vorher einige Bedenk⸗ lichkeiten gemacht, in welcher lendemain⸗Stimmung ich meinen Freund nach den Geſtändniſſen dieſer Nacht wohl wiederfinden möchte, ſo konnte ich jetzt nur billig erſtaunen. Den ich unter der Laſt ſeines unglücklichen Bewußtſeins, im männlich zurückge⸗ preßten Schmerze friſch aufgeriſſener Wunden zu ſehen gedacht, da ſaß er vergnüglichen Angeſichts, —— 110— Rock⸗ und Hemdärmel über die Handknöchel zurück⸗ gekrämpelt, und fiſchte ſich mit behender Gabel und lachenden Augen bald dort bald da eine von den ſüß⸗ und ſauereingemachten Früchten, die, des Rind⸗ fleiſches gewärtig, auf zierlichen Porzellanſchalen um den Rieſenfliederſtrauch in der Mitte der Tafel gruppirt waren. Nicht minder war ich erſtaunt, als ich nun auch Peregretten auf ihn zuſpringen ſah, die ihm die kleinen Ungezogenheiten ſeiner Ungeduld verwies mit ſchmerzhaften Vorwürfen über ſeinen guten Appetit und die dadurch veranlaßte Zerſtörung der ſymmetriſch aufgethürmten Weichſel⸗, Nuß⸗ und anderen Einmach⸗ Pyramiden. Sie neckten ſich wie Kinder, ſie ſpielten wie Verlobte, ſie küßten ſich wie Verliebte. Kein Wort, kein Blick, keine Gebärde gab von den Kümmer⸗ niſſen Kunde, unter deren Laſt ich dieſe beiden Herzen zerdrückt zu wiſſen glaubte. Unſer nächtliches, thränen⸗ gewürztes Gelage ward mit keiner Sylbe erwähnt, außer daß Heinrich einmal ſeine Frau beim kleinen Finger faſſend ausrief:. „O mein liebes Peregrettchen, das war ein ſchlimmer Dienſt, daß Du Dich geſtern ſo früh in Deine Betten zurückgezogen haſt. Uns ſelbſt und unſerer zuſammengewöhnten Laſterhaftigkeit überlaſſen, haben wir gebechert bis an den grauenden Tag.“ Es war keine Spur von Frivolität oder auf⸗ — 111— dämmernder, bitterer Erinnerung im Ton ſeiner Stimme, der ganze Mann leuchtete von Behagen und Zutrauen, und ſeine Frau ließ an zuvorkommender Liebenswürdigkeit nichts zu wünſchen übrig, wenn er ſie auch in ſeinem Muthwillen weit überbot. Ich ſah dem Allen ſo zu wie das fünfte Rad vom Wagen, und fragte meine Seele, ob ich denn heute Nacht betrunken geweſen, ob ich heute Morgen im Garten eingeſchlafen und in Träumereien verſunken wäre, und ich kam mir plötzlich mit meiner mir heilig auf⸗ erlegten Vermittlerrolle ungeheuer lächerlich vor. Wie ich Heinrich's erſchütternder Beichte gedachte, da fiel mir auf einmal eine andere Figur aus unſeren Jugend⸗ jahren zu Sinne. Ats wir Beide eben unſer Univer⸗ ſitätsleben angetreten hatten, und mühſam die jung⸗ fräulichen Augen an den beizenden Tabacksqualm der engen Wirthsſtuben, die unerfahrenen Gurgeln an's Vertilgen größerer Quantitäten gewöhnten, da hockte ſich oft ein Spaßvogel von den Aelteſten unter die Neulinge. Wenn uns nun einmal die Köpfe zu wirbeln begannen, erzählte Meff eine Menge von trübſeligen Abenteuern braver Kerle, und fuhr ſo lange fort, uns die Plagen und Verfolgungen eines fabuloſen Muſenſohnes auseinder zu ſetzen, bis uns vor Mitleid die hellen Thränen über die Backen liefen. Heinrich hatte geſtern in ſeiner Weinlaune — 112— an ſich ſelbſt und mir den alten Peter Meff geſpielt, und wir waren dem plauderhaften Gott des Weines Beide in's Garn gegangen. Was die Szene im Garten anlangt, ſo wollte es mir nun klar werden, daß meine aufgeregten Sinne das bischen Aerger und Leidenſchaftlichkeit ganz falſch beurtheilt hatten, welche ein Weib von Peregretten's leicht entzündbarer Art über die Frei⸗ müthigkeit ihres Gatten empfinden mußte. Hatte der nicht einem Menſchen, welcher ſie nur Einmal in ihrem Leben geſehen, alle Geheimniſſe ihrer Lebens⸗ geſchichte ausgeplaudert, ja ſogar, wie ſie das auf⸗ gefundene Portefeuille überzeugt haben mußte, vor ſeinen profanen Augen einen unorthographiſchen Liebes⸗ brief ausgebreitet! Gibt es denn einen Mann in der Welt, den allerbeſten nicht ausgenommen, der dem Weibe ſeiner Liebe noch niemals grundloſe Thränen gekoſtet hätte? Gibt es ein Weib, und ſuchte man ſie aus den Herrlichſten ihres Geſchlechts, um deſſenwillen nie⸗ malen dem nächtlicher Weile zechenden Gatten ein bitterer Tropfen eitelſorgender Eiferſucht in den Wein gefallen wäre? Wo ich helllodernd Unglück und klaffende Herzensnoth geſehen, war nichts vorhanden als ein bischen Salz der Ehe, ein familiäres Zwiſtchen, das ſich in zwei kleinen Gewittern, ein ſtärkeres in — 113— der Nacht, ein leichteres am Morgen, ſchadlos über dem glücklichen Dache meines Freundes vergrollte. Ich ſah's ein, daß ich ein einfältiger Junggeſelle ſei, der von dem, was ſo um den häuslichen Herd herum der Brauch iſt, nichts verſteht. Meine Pſycho⸗ logie war wieder einmal allzurührig geweſen, und ich kam mir zwiſchen den Liebkoſungen dieſer Beiden ſo albern vor, daß ich meinte, die Penaten des Hauſes zu hören, wie ſie ſich kichernd in die Seite ſtießen und unter Verhöhnungen auf mich mit den Fingern deuteten. So ſchlich ein unheimliches Gefühl von Ueber⸗ flüſſigkeit über mich, wie es etwa eine Gardedame oder Tugendwächterin dreißig Stunden vor der Hoch⸗ zeitsreiſe ihrer Schutzbefohlenen empfinden mag; ich wußte mich unbehaglich und beſchloß, baldmöglichſt Urlaub zu nehmen. Gleich nach Tiſche eröffnete ich dem Paar meine durch Geſchäfte und Zeitbeſchränkung begründete Abſicht, Morgen nach dem Frühſtück wieder das Weite ſuchen zu wollen, wozu ich nach einer langen Debatte endlich die Einwilligung Beider er⸗ rang. Der Abend ward zu einem größeren Spazier⸗ gang benutzt, von dem wir erſt gegen Mitternacht nach Hauſe zurückkehrten. Am anderen Morgen brachte mich mein Freund auf eigenem Gefährte nach Grimmelsdorf; ſeine Frau hatte es ſich nicht nehmen laſſen, mit bei der Partie zu ſein. ———— — 114— Unter Freundſchaftsverſicherungen und Segens⸗ wünſchen nahm ich von dem lieben Paar Abſchied, und als der raſſelnde Bahnzug davonzurollen begann, ſah ich ſie mit verſchlungenen Armen auf einem Hügel ſtehen, von dem ſie mir mit grüßenden Händen nach⸗ winkten in's Weite. — — Es mochte wohl über ein Halbjahr ſeitdem ver⸗ gangen ſein, und ich hatte nichts mehr von meinem Freunde und ſeiner ſchönen Hausfrau vernommen. Der Winter hatte bereits ſtrengen Einzug gehalten, und ich ſaß am Feuer mit dem Gluthhaken in der Hand in Erinnerungen verloren, wie einem das ſo zu geſchehen pflegt, wenn die Dunkelheit fühlbar zunimmt und wir wieder anfangen müſſen, den Ofen, den wir mondenlang ganz vergeſſen, als wichtigſtes Möbel in der Stube zu behandeln. Ich gebe nichts auf Ahnungen, aber ich bilde mir ein, eine beſondere Naſe zu haben, welche etliche Stunden im Voraus wittert, daß ihr ein Brief von freundſchaftlichem Intereſſe unterbreitet werden ſoll. Ein Anfall dieſer Einbildung, vereint mit den Schauern eines jungkräftigen Schneeſturms, hatte mich heute ſchneller nach Hauſe getrieben, und nun wunderte ich mich in der That, bei meinem Nachfragen keine fremde Handſchrift vorgefunden zu haben. Da — 118— dachte ich denn an ſo mancherlei Aberglauben, an das Nägelſchneiden am Freitag, an ein altes vier⸗ blätteriges Kleeblatt in meinem griechiſchen Lexikon, an Kartenſchlagen und Bleigießen, an den Kölner Dombau und an die friedfertige Entwickelung der deutſchen Nation. Ich verwarf all' die frommen Schnörkel, von denen ein hoffendes Gemüth über⸗ wuchert zu werden liebt und wollte eben aufſtehen, um mich einen Narren zu heißen, da ſchellt es draußen ganz mächtig; der Briefträger ſtampft herein, und läßt mir etliche Schneeklümpchen auf dem Fußteppich und auf dem Schreibtiſch einen dicken Brief zurück. Ich erkannte die Züge der Aufſchrift nicht ſofort, die Blätter des Inhalts waren verſchieden von Fär⸗ bung, die einen blank und glänzend trugen das Datum von jüngſt verwichenen Tagen, die anderen ſchrieben ſich aus einem mittleren Jahre des letzten Dezenniums her. Dieſe waren von verſchiedener Form, ein wenig vergilbt und verblaßt und ſo zerknittert, als hätte ſie ein Backfiſch von dazumal längere Zeit im Schürzen⸗ ſäckchen mit ſich herumgetragen, um ſie zu wieder⸗ holten Malen leſen zu können, wenn's eben Niemand ſieht. Die Unterſchrift ſämmtlicher Briefſchaften lautete Heinrich, das Poſtzeichen auf dem Umſchlag erinnerte mich an jenes liebliche Städtchen drei Meilen hinter Grimmelsdorf. Ich nahm das erſte der Blätter, — 119— welches das jüngſte Datum aufwies, und fing an zu leſen was da folgt: 3 Theurer Freund! Du biſt an meiner Seite gegangen in den Blüten⸗ jahren des Jugendmuthes, Du haſt mir ſegnend die Rechte gedrückt, als Du ein Augenzeuge wardſt des reifen Glücks, mit welchem die Vorſehung den Mann beſchenkte. Die Züge des Jünglings und des Mannes leben treu in Deiner Erinnerung. So Du aber nun dem Dringen meiner Wünſche, wie ich in der Zuver⸗ ſicht des Darniedergebeugten hoffe, nachgeben willſt, ſo wirſt Du bei unſerem Wiederbegegnen fragen: Wer iſt der Mann? Und alsdann wird Dir zu Muthe werden wie einem, der die Saat in üppiger Blüte geſehen, und nun vor hagelzerdroſchenen Feldern, vor blitzverſengten Bäumen ſteht; wie einem, der, aus der Fremde heimkehrend, die Stadt ſeiner Geburt, den Stolz ſeiner Väter mit vom Feind geſchleiften Mauern wiederfindet, die Häuſer in Aſche, fortgezogen die Männer, Weiber und Kinder obd achlos und hülfebar. Mein Haar iſt grau, meine Wangen fahl und ſtier meine Blicke, der Schlummer iſt gewichen von meinen Nächten, und meine Tage ſind Trübſal und Verzweiflung; ich habe mein Weib verloren. Mein guter Vater wollte mit Gewalt einen Glücklichen aus mir machen, ich danke es ihm damit, — 120— daß ich der Armſeligſte der Menſchen geworden bin und die Stunde verfluche, die mich gezeugt. Wer mir geſagt hätte, wie's kommen würde, wer mir's für möglich, denkbar vorgehalten, dem wäre ich an die Gurgel gefahren und hätte ihm die Seele im Leibe geknetet, bis er geſtanden, daß er eitel Trug und Lüge gefaſelt. Und nun iſt es doch ſo, und ich ſitze allein in meiner winterumſtürmten Wohnung, und gehe von einem Zimmer in's andere, und von dem öden Haus in den verſchneiten Garten, aber ich finde ſie nirgends mehr; ich werfe des Nachts ihren Namen in den wehenden Wind, aber ſie kommt nicht mehr. Ihre Spur iſt verflogen, verweht, und ſeit ſechs Monden mühe ich mich ab, ſie zu finden; ich bin über dem Suchen krank und alt und verrückt geworden. Aber es hilft nichts, ſie hat mich ver⸗ laſſen und kehrt nicht zurück. Ich will Dir ohne Hehl und Falſch berichten wie's gekommen. Ob ich klar, ob ich in der Ordnung erzählen werde, weiß ich nicht, denn ich ſehe um mich wie ein Schwindelnder, Gegenwart und Ver⸗ gangenheit kreiſen um meine getrübten Blicke. Aber ich will Dir's erzählen, wie ich's meinem Gewiſſen erzähle. Ich thue das aus eigenem Bedürfniß, denn mir iſt im Wirrſal meines Geſchicks das richtige Maß der Dinge verloren gegangen; ich bin ein hülf⸗ und rathloſer Mann, doch indem ich ſuche, mich Dir verſtändlich zu machen, hoffe ich, auch ſelbſt klarer zu erkennen, was ich ſoll, was ich darf. Ich mußte ſchon am Tage Deiner Abreiſe eine erhöhte Reizbarkeit in Peregrettens ganzem Weſen bemerken. Zwiſchen die liebevollſte Zärtlichkeit drängte ſich ſtets ein händelſüchtiges, argwöhniſches Schmollen. Jedes ernſte Wort rührte ſie zu Thränen, jede Gleich⸗ gültigkeit zum Zorn auf. Durch die heftige Erzählung, welche ich Dir zwei Abende vorher gegeben, war auch ich nicht in der argloſeſten Verfaſſung. So gab ein Wort das andere, ich wurde heftig und kränkte ſie über Gebühr. Ich erkannte mein Unrecht und wollte es dadurch wieder gut machen, daß ich ſie ausforſchte, wie ich ihr eine Freude bereiten möchte. Sie kam dieſer meiner Abſicht mit dem Wunſch ent⸗ gegen: ich ſolle mit ihr die Desdemona im Othello einſtudiren, und obwohl mir nachgerade das fort⸗ währende Doziren und Komödienſpielen etwas zuwider geworden war, gab ich doch ſofort nach, und wir vertieften uns mit einer wahren Wuth in Shakeſpeares wunderreiches Seelengemälde. Wir waren ſo eifrig, daß wir etliche Tage lang ſelbſt des Nad und Mittags nicht von unſerer Arbeit abließen, und bald kam es ſo weit, daß Peregretta im Glück ihres neu⸗ erworbenen geiſtigen Schatzes aller der kleinlichen K — 122— Sorgen ihrer, ich wußte damals noch nicht woher, eingegebenen Eiferſucht vergaß, und wie in einer andern Welt, in der Welt des ſhakeſpeariſchen Genius zu leben und zu weben ſchien. War es in ihrer natürlichen Anlage begründet, war es, daß. dieſes Gedicht ihrer gereizten Gemüthsſtimmung mit ſeinem Reichthum von Ideen und Situationen wie aus⸗ helfend und ergänzend entgegenkam, gewiß iſt, daß noch keine bisher bewältigte Tragödie Peregretten ſo ganz und gar gefangen genommen hatte wie dieſe. In der Darſtellung der Arglofigkeit, des Schmerzes, der Todesahnung und Todesangſt Desdemona's über⸗ traf ſie alle ihre bisherigen Leiſtungen, ſogar die der Julia, von der Du ſelbſt ein Bruchſtück gehört. Dann aber wollte ſie ſich nicht mit jener Rolle allein begnügen, ſondern gab nicht nach, bis ſie ſich auch die der Emilia, ja ſogar auch die des Jago, und endlich die Partie des Othello ſelber mit gleicher Genialität und Sorgfalt zu eigen gemacht hatte. Die nothwendigen Studien zur ausführlichen ein⸗ dringenden Erklärung des großen Werkes, zur rich⸗ tigen zufriedenſtellenden Beantwortung der tauſend Fragen, die mein Weib über dieſe und jene Einzeln⸗ heiten an mich ſtellte, nahmen auch meinen Geiſt und meine Zeit ſo in Anſpruch, daß ich wenig oder nichts um Fernerliegendes beſorgt war. 4 3 — 123,— So waren uns ein Paar Wochen kaum ver⸗ merkt vorübergeflogen, wir ſtudirten und repetirten noch immer fort, als eines Morgens ganz unverhofft ein Brief von meines Vaters Bruder eintraf, der mich und mein Weib ſofort nach der Kreishauptſtadt entbot. Mein Onkel war ſeit dreizehn Jahren nicht mehr in Deutſchland geweſen; er hatte bereits vor meines Vaters Tode ſich entſchloſſen, ſein Glück jen⸗ ſeits des Ozeans zu ſuchen. Kühnheit, Ausdauer und günſtige Zufälle hatten aus ihm, wenn auch gerade keinen reichen, doch einen ſehr wohlhabenden Mann gemacht. Und nun ein Todesfall in der Familie ſeiner Frau und die daraus entſpringenden Erbſchaftsanſprüche ſeiner Kinder in ihm den Wunſch zur Ausführung gereift hatten, nochmals den Boden ſeiner erſten Heimat zu betreten, ſo wollte er, ein⸗ mal in unſerem Lande, auch den Sohn ſeines Bruders und deſſen junge Gattin umarmen. Wir fuhren früh morgens von Hauſe weg, um noch vor Mittag am Ort unſerer Abſicht eintreffen zu können. Ich hätte meine Frau, die ſtill und in ſich gekehrt an meiner Seite ſaß, gerne auf die Eigen⸗ thümlichkeiten des alten Herrn aufmerkſam gemacht, wenn ich ſie nur ſelber des Genaueren gekannt hätte. Es ſind dermalen noch fünf lebendige Brüder meines Vaters in der Welt zu finden, von welchen jeder ſein —— — 124— Glück auf eigene Fauſt geſucht und früher oder ſpäter auch gefunden hat; ich hatte aber mit Ausnahme eines einzigen, der in Mailand etablirt iſt, ſeit den Jahren meiner Knabenzeit keinen mehr mit Augen geſehen, noch Anderes von ihnen vernommen, als die runden Summen ihrer Vermögensumſtände. So kam es, daß ich in meinen Erinnerungen mehrfach den Einen mit dem Andern verwechſelte und endlich davon ganz abſtand, meiner Frau ein Bild von ihrem ſie erwartenden Schwiegeronkel zu entwerfen. Auch hätte das Original meine Bemühungen jedenfalls zu Schanden gemacht. Der Mann, welcher uns im bezeichneten Zimmer des bezeichneten Gaſthofs mit allem Aufwand pflichtgemäßer Herzlichkeit empfing, war eine Spielart jener deutſch⸗engliſch⸗amerikaniſchen Miſchmenſchen, in denen ſich die angeborene Gemüth⸗ lichkeit und anerzogene Spießbürgerlichkeit ihrer ger⸗ maniſchen Natur mit den fremden Zügen transat⸗ lantiſcher Renommiſterei und puritaniſcher Steifheit wunderſam vermählt haben. Er kümmerte ſich we⸗ niger darum, nach unſeren Verhältniſſen zu fragen, als uns die ſeinigen auf's Ausführlichſte zu ſchildern. Alles wurde mit dem knappen Maßſtab des praktiſch Nützlichen, des klingend Verwerthbaren gemeſſen; eine andere Welt als die des Handels, andere Ge⸗ ſetze und Rechte für Thun und Leiden, als die des — 125— merkantiliſchen Syſtems gab's nicht. Alles Beſtehende, ſo lange es nicht durch eine merklich einträglichere Neuerung zu erſetzen war, galt als heilig und un⸗ antaſtbar. Nachdem er uns eine geraume Weile mit ſeinen ſchwebenden Projekten unterhalten hatte, ſetzten wir uns zu Tiſch. Er ſtellte ſich einige Augenblicke ſteif, mit herabhängenden Händen vor ſeinen Seſſel und ſprach, wenn auch ohne hörbare Worte, mit regungsloſer Oſtentation ſein kurzes Tiſchgebet; dann wurde zu durchgängiger Herabwürdigung alles konti⸗ nentalen Herkommens ſofort ein weitläufiges Geſpräch eingeleitet, welches nach jeder Platte die Verherr⸗ lichung einer anderen amerikaniſchen Sitte einſchlagen ließ. Die Speiſen waren auf ſeine Anordnung ſämmtlich nach jenſeitiger Methode zubereitet, Cham⸗ pagner wurde baldmöglichſt auf den Tiſch geſtellt, und dabei hatte der freie Bürger der Union ſeinen Scherz davon, daß ihn die Kellner abwechſelnd Herr Baron und Herr Graf titulirten. Ich war bald davon überzeugt, daß mein guter Oheim mehr ein praktiſch gewandter, durch das Le⸗ ben gewürfelter Geſchäftsmann, als ein Menſch von merkenswerthem Verſtande und weltmänniſcher Bil⸗ dung, und jedenfalls von einer Natur ſei, welche der meiner Gattin geradezu entgegenſtand. Indeſſen be⸗ rührten ſich dieſe Gegenſätze vor der Hand nur, um — 126 ſich einander zu ſchmeicheln. Peregretta war etwas ſchweigſam, dabei aber, was dem Alten weit lieber ſein mußte, voll horchender Geduld für ſeine Reden. Deßhalb intereſſirte er ſich auch offenbar weit mehr für ſie als für mich, richtete ſeine Expektorationen meiſt an ſie und war ſogar nicht ohne galante Auf⸗ merkſamkeiten, nur daß er ihr nach meinem Geſchmack etwas zu viel von den glücklichen Vermögens⸗ und Erbſchaftsverhältniſſen ſeiner eigenen Frau vorrech⸗ nete(die eine geborene von der Stollen war), und daß er nicht abließ, mich hinwiederum nach den Ver⸗ wandtſchafts⸗ und Geldumſtänden meiner nunmehri⸗ gen Ehehälfte zu quäſtioniren. Es hatte mir wie frevelhafte Entweihung ge⸗ ſchienen, dieſem Alltagsmenſchen und gar ſo en pas- sant die Geſchichte unſerer Leidenſchaften begreiflich zu machen; ſo log ich ihm denn auf gut Glück etliche kurze Data zuſammen, wie ſie mir für ihn die meiſte Glaubwürdigkeit zu haben ſchienen. Ich machte mein Weib zur Tochter eines Kleinbürgers ohne gerade bemerkenswerthe Mitgift, wobei ich mit einigen gut⸗ gemeinten Verſpottungen über meine raſche Jugend davon kam. Da ich an's Lügen nicht gewöhnt bin, ſo ſagte ich dieſe Fakta ſo vor mich hinſehend zwi⸗ ſchen Meſſer und Gabel hinein; ich wollte dabei den Augen meiner Frau nicht begegnen, allein mein bö⸗ — 127— ſes Gewiſſen meinte es zu fühlen, wie ihre vorwurfs⸗ vollen Blicke ſtrafend auf meine geſenkten Wimpern brannten. Ich bereute meinen Mißgriff, allein der plaudernde Oheim brachte das Geſpräch bald auf ferne Dinge, und als die Tafel aufgehoben war, befahl er den Wagen, um in die Stadt zu fahren Auf dem Wege fiel es ihm plötzlich ein, daß wir heute Abend in die Komödie gehen müßten, denn heute ſei ein Stück von einem Engländer, darin ein Mohr vorkomme, den er einmal von einem wirklichen Mohren habe geben ſehen, das Stück heiße auch„der Mohr von Venedig“ und ſei von William Shakſpeare, den ich als Narr der Aeſthetik ja doch auch kennen müßte. Meine Frau, die bisher immer ſtiller und ern⸗ ſter geworden war, ſtimmte jubilirend in dieſen Vor⸗ ſchlag ein; mein Widerſtand war vernichtet, ehe ich ihn erhoben hatte, und ſo ſaßen wir denn eine Stunde ſpäter wieder einmal nach Jahren vor dem Vorhang einer wirklichen Schaubühne. Ohne mir klar darüber bewußt zu werden, hatte mich ſchon mit dem Betreten dieſer niederen Räume ein unheimliches Gefühl überkommen, deſſen mich die mittelmäßigen Schauſpieler trotz Shakſpeare und Schlegel nicht zu entledigen vermochten. Um jedoch — 128— meiner Frau den langentbehrten Genuß ſo wenig als möglich zu verkümmern, wohl auch, um dem Oheim eine überraſchende Zurückweiſung ihrerſeits zu erſpa⸗ ren, nahm ich den Letzteren mit all' ſeinem Lob und Tadel ganz für mich in Anſpruch. Während er mir nun die bedeutendſten Kaufleute unter der anweſen⸗ den Zuhörerſchaft aufwies und ihre Verhältniſſe vor⸗ wog, während er mir gelegentlich auffallender Szenen begreiflich zu machen ſuchte, wie und warum das Alles auf Engliſch viel ſchöner ſein müßte, muſterte ich aus Mißmuth und Langweile Parterre und Logen des reichbeſuchten, prunkvoll ausgeſchmückten Stadt⸗ theaters. Der dritte Akt hatte bereits begonnen, als ſich gerade der unſrigen gegenüber eine Loge, welche bis⸗ her leer geſtanden war, mit einer glänzenden Geſell⸗ ſchaft füllte. Eine ältliche Frau von etwas gebrech⸗ lichem Ausſehen und ſchwerfälligem Gange wurde von einem Offizier des in der Stadt liegenden Re⸗ gimentes an den vorderſten Platz geführt, eine ſtatt⸗ liche junge Dame folgte; drei bis vier Herren, theils in Uniform, theils im ſchwarzen Frack, waren dienſt⸗ eifrig um ſie geſchäftig. Ich merkte anfangs weniger darauf, denn der Onkel ſchlief und die Andacht mei⸗ ner Frau hatte auch mich ein wenig angeſteckt. Fähn⸗ drich Jago ſchnalzte ſoeben ſein —.— 129 „Mohnſaft nicht, noch Mandragora...“ Janz leidlich unter die Suffiten. Indeſſen mußte ich bemerken, daß ich von den Gläſern der jenſeitigen Loge ſcharf auf's Korn ge⸗ nommen wurde. Ich erwiederte die Salve und Stau⸗ nen überkam meine Augen; der Mann, der nun die Uniform des im Orte garniſonirenden Regiments trug, er war mir einſt ein ſchätzbarer Freund gewe⸗ ſen; dieſe alte Frau hatte ich ſchon einmal Schwie⸗ germama, dieſe blondgelockte Schöne meine ſüße Braut genannt. Aber das war nicht mehr das halbgewach⸗ ſene Fräulein friſch aus der Penſion der Madame Marie Antoinette Corafon, das war ein volles, gan⸗ zes Weib, ſtrahlend in der bewußten Macht ihrer Schönheit, eine Königin der Geſellſchaft. In zwei ſchweren Ringen fiel das goldene Haar anmuthig auf den vollen, leiſewallenden Buſen, den ein licht⸗ ſchimmerndes Gewand umſchloß. Das emſige Ge⸗ plauder ihrer Kavaliere flog unbeachtet um die ſtolzen Schultern, und wenn jene ſich zum Lachen zwangen, vergrub ſie ihr Geſicht in einen vollen Strauß friſch aufgeblühter Roſen. Ihr Auge haftete auf mir, als ſähe ſie einen Geiſt vergangener Tage, um ihre Lip⸗ pen ſpielte ein grauſamer Gedanke. Auch ich verlor mich mehr und mehr in die verführeriſche Vorſtel⸗ lung: Wie wäre es nun wohl, wenn jene triumphi⸗ 9 5— 130— rende Schönheit an Deinem Arm in die Loge ge⸗ rauſcht käme, daß ſich aller Blicke nach euch richteten, ſie aber Augen und Ohren nur für dich hätte, für dich, ihren alleinigen Herrn. Wie wär's, wenn Na⸗ talie damals dein Weib geworden wäre, ſie, die dich damals geliebt, wenn auch mit einer jungen, beſchei⸗ denen Liebe, deren Flügel ſich noch dem hohen Flug deiner Leidenſchaſt nicht zu folgen getrauten? Wie wär's, wenn du dann heimgekommen, dieß ringelnde Haar durchwühlen und den Stolz von dieſen ſtren⸗ gen Lippen mit deinen Küſſen hinwegſcheuchen dürfteſt? Wie wär's, wenn jene Verlobung, wie ſie, wie du ſelber auch es wollteſt, ſich damals wirklich vollzogen?— wie wär's, wenn du Peregretten nie geſehen? Ich erſchrak vor dem Reiſeziel meiner Gedanken und ſah nach dem Weib an meiner Seite, im Ge⸗ wiſſen beängſtigt, als hätte ich laut gedacht. Sie aber ſaß da, abgewandt von meinem Treiben, als wäre die Welt um ſie verſchwunden und ich ſagte zu mir: ihre Seele kämpft den Kampf Othello's, nur Caſſio'n gilt ihre Eiferſucht. Als ich den Blick von meinem Weibe losmachte, war die Loge drüben wieder leer geworden; der Vor⸗ hang rauſchte herab und mein Oheim erwachte. Er verſicherte mir ſofort, ſo etwas könne man nur in Amerika oder England ſehen, und mein Kopf — benickte ihm gläubigſt Alles, was er wollte, mein Geiſt aber war weit ab und trug die Schleppe am weißen Kleide der Königin Natalie. Ob ſie verheirathet iſt? mußte ich ein über's andere Mal im Stillen fragen; es ſah nicht aus, als wenn eine dieſer Gliederpuppen ihr Eheherr wäre. Was ging das aber mich an? Warum erfüllte mich dieſer Gedanke mit Unbehagen, mit Unruhe? Wie ſie mich angeſehen, das war kein Blick der Vergeſ⸗ enheit, der Gleichgültigkeit; ſo blickt der Vorwurf eines gekränkten Glücks, ſo blickt das Wiederſehen der alten Liebe. Wie hätte ſie auch vergeſſen kön⸗ nen, was ſie mir dereinſt geweſen! Ob ſie mein Weib wohl ſchön gefunden? Ach, Peregretta hatte das Glas nicht von den Augen gethan, ſo war ihr Schönſtes verborgen und, hingegeben jener Zauber⸗ welt der Klänge, dachte ihr weiblich Theil nicht da⸗ ran, daß ſie im Augenblick auch gefallen ſolle, daß mehr denn Eine Betrachtung jetzt den Vergleich ziehe zwiſchen ihr und jener Dame aus der großen Welt. Desdemona war erdroſſelt, Othello erſtochen, Jago gefangen und Caſſio Gouverneur von Cypern; es war Alles wie es ſein ſollte, was kümmerte ſie, daß neben ihr ein Gatte ſaß, der ihren Werth abwog mit dem eines ſchon einmal vergeſſenen Mädchens. Thor, der ich war! 9- — 132— Als ſie ſich erhob, ſtrengen Ernſt in unbeweg⸗ lichen Zügen, ſah ſie aus wie die tragiſche Muſe ſelbſt, die ſchaudernd hier zu Gericht geſeſſen. Geiſt ſprühte aus ihren Augen, auf ihren Lippen umarm⸗ ten ſich ſchweigend die Verſe des großen Britten, und ich war ſtolz, dieſes Weib an meinem Arm zu führen, das mir nun wieder als die Herrlichſte däuchte von den Töchtern der Erde, an deren Seelengröße ſelbſt der Eiferſucht kleinliche Sorgen nicht zu rühren vermochten. Thor, der ich war! Peregrettens Füße hatten kaum das Straßen⸗ pflaſter berührt, ſo kam in der kühlen Nachtluft ein Fröſteln über ihre Glieder, als fahre beim Verlaſſen der geweihten Hallen der Geiſt der Dichtung von ihr aus. Sie hielt ſich feſter an meinem Arm, ſie plau⸗ derte auf's Gutmüthigſte mit dem Onkel, und ehe ich mich's verſah, liſpelte ſie mir die Frage in's Ohr, wer denn das ſchöne Fräulein geweſen, das einen Akt lang meine ganze Aufmerkſamkeit und nach ſeinem Verſchwinden mein ganzes Nachdenken in Anſpruch genommen habe? Es kam mir über's Herz, wie ich heute ſchon einmal vor meinem Weibe als ein Lügner erfunden worden war, ich hätte ihr in dieſem Augenblick die Wahrheit nicht verleugnen können und nannte ihr den Namen Nataliens. Dieß ſchien weiter keinen Eindruck auf ſie zu machen; munter plaudernd mit dem Oheim ging ſie dahin, bis wir unſern Gaſthof erreicht hatten. Dorthin hatte der Alte eine kleine Geſellſchaft aus der Stadt zum Abendeſſen gebeten, einige we⸗ nige ältere Herren vom Handelsſtande mit ihren wür⸗ digen Frauen. Auch zwei oder drei jüngere Männer fehlten nicht. Es währte nicht lange, daß das Geſpräch auf die heutige Vorſtellung kam, und Peregretta gerieth beſonders mit den jüngeren Herren der Geſellſchaft in eine lebhafte Debatte, in welcher es ihr nicht ſchwer wurde den Sieg davon zu tragen. Da meinten denn die überwundenen Diſputatoren: was ſie theoretiſch da anführte, das wäre wohl alles ganz ſchön und auch ſchwerlich zu widerlegen, allein auf der Bühne ließe ſich's doch nicht wiedergeben, und man müſſe ſchon zufrieden ſein, wenn man nicht ſchlechter be⸗ dient würde, als man's eben heute Abend genoſſen. „Ei, das wäre!“ rief Peregrettchen lachend und ſchüttelte das Haar.„Ich will's verſuchen, ob ich Sie nicht auch praktiſch zu meiner Anſicht zu bekeh⸗ ren im Stande bin.“ Nicht nur ich, auch der Onkel hatte bisher mit ſtillem Wohlgefallen auf die gebildete Weisheit ſeiner beredten Nichte gelauſcht. Als ich aber nun die Red⸗ — 134— nerin ſich vom Stuhl erheben und auf zwei Pfeiler⸗ tiſchchen etliche Lichter in ähnlicher Weiſe aufſtellen ſah, wie wir ſie daheim als die zweckmäßigſte erprobt hatten, da wurde mir denn doch etwas heiß, während die Andern noch nicht recht wußten, was geſchehen ſolle. 3 „Sie erinnern ſich der zweiten Szene im vier⸗ ten Akte,“ ſagte Peregretta nun,„der Mohr, bethört durch die von Jago abgeliſteten, ſcheinbar über Des⸗ demona ausgelaſſenen Frivolitäten Caſſio's, hat ſein argloſes Weib in Gegenwart des heimatlichen Ge⸗ ſandten geſcholten, ja geſchlagen, und nun will er die Kammerfrau derſelben ausholen.“ Peregretta deklamirte und ſpielte zuerſt das kurze Zwiegeſpräch Othello's mit Emilien, dann die hef⸗ tige Eiferſuchtsſzene jenes mit Desdemonen bis zu dem Punkt, wo der Mohr in ſchäumender Leiden⸗ ſchaft nach dem Wiedereintritt der Zofe mit den Wor⸗ ten abſtürzt: „Wir ſind zu Ende: nimm! Da iſt Dein Geld! Nun ſchließ' die Thür' und halte reinen Mund!“ Sie ſprach alle Rollen, ſpielte aber mit beſon⸗ derer Ausführlichkeit die des Othello. Als ſie geen⸗ det, brach der männliche Theil der Geſellſchaft in ſchallendes Beifallsrufen und Klatſchen aus, nur zwei ſchwiegen ſtill, der Onkel und ich. Jener thronte zwiſchen einem Paar ehrwürdiger Matronen, welche in dieſem Momente für eine recht augenfällige Scham⸗ röthe auf den Wangen ihre koſtbarſte Brüſſelerſpitzen⸗ haube gegeben haben würden; ſie hatten die Hände auf dem Tiſchtuch gefaltet und dachten ſicher nichts als: Mein Gott, ich danke Dir, daß ich nicht bin und niemalen war wie jene, und daß die ſämmtlichen Mütter unſerer zahlreichen Enkelkinder noch heutigen Tages nicht auswendig wiſſen, was der Mohr von Venedig zu ſeinem chriſtlichen Weibe geſprochen. Der Onkel ſaß da im unbehaglichen Schooße der Verlegenheit, und machte gedankenledig die ſilberne Klinge ſeines Deſſertmeſſers über die Rippen des gläſernen Tellerchens hüpfen. In mir ſelbſt ließ die Bewunderung das Mißvergnügen, das Mißvergnügen die Bewunderung nicht recht aufkommen. So ſehr mich die Kunſt dieſes außerordentlich begabten Wei⸗ bes unter's Joch der Anerkennung zwang, ich redete mir doch ein, daß dieſe Art vor einer Geſſellſchaft, die man zum erſten Mal im Leben ſieht, ſo ungenirt zu ſchreien und zu raſen, etwas Unweibliches, ja Un⸗ ſchickliches wäre, und ein peinliches Gefühl preßte mir den Mund zuſammen. Peregretta mußte von alledem keine Ahnung haben; es ſchien ihr im Augenblick ſo wohl zu ſein, wie's nur Einem wird, der im Vollgefühl ſeiner Be⸗ — 136— rechtigung eben thut, was er nicht laſſen kann. Das Blut war ihr in die Wangen geſtiegen, und mit leuchtenden Augen nahm ſie das Lob hin, welches jeder Einzelne ihr reichlich ſpendete. Man drang in ſie, noch eine andere Probe ihres ungeahnten Talents abzulegen und bat ſie von allen Seiten, irgend einen Monolog oder was ſie ſonſt wolle zum Beſten zu geben. Sie war ſofort damit einverſtanden, aber ich erhob mich proteſtirend dagegen und mein Oheim platzte heraus: „Nicht doch, liebes Kind, nicht doch, das iſt des Landes nicht der Brauch, auch bei uns nicht, in den Vereinigten Staaten nicht. Man ſpricht doch ein für allemal nicht von den Sommerfliegen auf der Fleiſchbank und derlei Dingen, zuvörderſt nicht in den Cirkeln faſhionabler, wohlhabender Leute!“ „Peregretta wechſelte bei dieſen Aeußerungen ver⸗ legener Rohheit die Farben und ſuchte nach mir mit den Augen. Ich gab ihr den Arm und verſetzte meinem Oheim mit barſcher Stimme, daß meine Frau reden könnte, wovon es ihr ſelbſt wohlanſtändig und gut dünke, und daß ich mir ſämmtliche Zurecht⸗ weiſungen von Seiten eines Dritten und beſonders in meiner Gegenwart verbäte. Der amerikaniſirte Bruder meines Vater wollte mir nun die Rechte ſeines Salons und ſeine Anſich⸗ 137 ten von häuslicher Sitte begreiflich machen. Um einem Skandal auszubeugen, empfahl ich mich. Der Onkel entließ uns mit fürnehmem Lächeln, die Her⸗ ren zuckten die Achſeln, die Weiber grinsten und ſcharrten vor hochchriſtlicher Freude, ich fluchte in den Bart und brachte meine ſchluchzende Frau nach un⸗ ſerem Gaſthof. Während des Auskleidens erhub ſich Peregretta plötzlich und ſtellte ſich gerade vor mich hin, flehentlich meine Hände faſſend „Heinrich,“ ſagte ſie,„ich habe eine Bitte auf dem Herzen, die Du mir nicht abſchlagen darfſt und kannſt. Ich trage ſie ſchon lange, lange mit mir herum, doch ich konnte den Muth nicht finden, ſie Dir laut auszuſprechen. Jetzt muß es aber geſagt ſein, denn mir drückt es das Herz ab, wenn ich noch länger ſchweige. Heinrich, ich kann den Hohn dieſer rohen, einfältigen Krämerſeelen, ich kann die krän⸗ kende, widerwillige Herablaſſung dieſer alten Damen, ich kann Deinen eigenen ſtillſchweigenden Vorwurf, den ich Dir von den ſchmollenden Lippen abſehe, nicht länger ertragen. Laß mich Dir und allen den Anderen zeigen, daß ich würdig war, wenn auch als arme und verlaſſene Waiſe Dein ehelich Weib zu werden. Siehe, es iſt ein kleines, was ich von Dir ver⸗ lange, ich ſage, was ich von Dir erflehen will. Laß mich drei ſhakſpeare'ſche und drei deutſche Stücke vorleſen, — ſolche, die ſeltener oder gar nicht auf die Bühne kommen, wie die‚Braut von Meſſinat, den ‚Taſſot, die, Penthe⸗ ſilea“. Erſt ladeſt Du Dir einen kleinen Kreis von Ge⸗ bildeten ein, und wenn ich dieſe von meinem Werth über⸗ zeugt habe, dann erlaubſt Du mir vor einem größeren Publikum ſechs Abende laut zu leſen und ſo in jedem Winter nur ſechsmal. Dann wirſt Du's nicht mehr noth⸗ wendig haben, wenn Dich Deine Onkel aus Amerika und Deine Baſen im lieben deutſchen Reich nach Deiner Frauen Haus und Herkunft fragen, mich zu eines Seifenſieders Tochter herauszulügen und Dich vor den Erſtaunten fein zimperlich zu entſchuldigen, daß ich Dir„nur eine geringe Mitgift“ in's Haus gebracht hätte. Und daß ich Dir's nur ſage, wenn mich Deine Ahnen und Vorahnen, Deine Vettern und Tanten, ſoviel ihrer noch da ſein mögen, aus⸗ nahmslos auf den Händen trügen und ihr liebes, gutes Peregrettchen hießen, ich hielt's doch nicht län⸗ ger ſo aus. Denn nicht nur, daß ich es ihnen nicht glaubte; in mir lebt etwas wie ein Feuer, das in die Höhe leckt und zum Dach hinaus ſchlagen will, und das ich auf die Dauer nicht mehr bändigen kann. Es iſt mir nur wohl, wenn mich die vollen Klänge des Inſtruments, das Gott mir in die Bruſt gelegt, laut und freitönend umwallen; nur von dem Wohl⸗ klang meiner eigenen Stimme umfloſſen, athme ich — 139— die ächte Lebensluſt. Dieß konverſationsgemäße Wis⸗ pern und Liſpeln iſt mir zuwider, und ich ſage mir jedesmal, daß Gott mir meine Sprachwerkzeuge gar nicht zu dieſem gewöhnlichen Zwecke verliehen habe. Heinrich, Heinrich, wenn Du nur noch einen Funken alter Liebe zu mir, alter Liebe und zu mir, ſage ich, im Herzen fühlſt, ſo gib nach und mache mich nicht unglücklich.“ Statt nun mit gelaſſener Eindringlichkeit ihr dieſen Vorſatz aus dem Kopfe zu reden, ließ ich mei⸗ ner durch dieſe beſtürzende Zumuthung noch ſchlim⸗ mer verſtimmten Laune die Zügel ſchießen, und befahl ihr nur ein für allemal von dieſem verrückten Vorſatz abzuſtehen, der mir ſo zuwider ſei, daß ich nie von ihm wieder hören wolle. Nur ſo nebenher bemerkte ich auch die Schwierigkeiten, welche ſich einem in die⸗ ſer Stadt ſo unerhörten Unternehmen entgegenſtellen müßten; wie leicht ſie dadurch ſich und mich lächer⸗ lich machen könnte, und wie ſie ſelbſt wohl ihre Na⸗ tur gut genug kennen müßte, um zu wiſſen, daß ihr Leſen und dabei Stilleſitzen ganz und gar zuwider und unmöglich ſeien. Welch eine erbauliche Szene möchte es geben, wenn die Frau Vorleſerin urplötz⸗ lich in Mitte des Saales ſpränge, und wie ein dramatiſcher Nimmerſatt alle Rollen auf einmal ſpie⸗ len und agiren wollte, etwa wie ſie's heute Abend — 140— beim Onkel angerichtet. So verbot ich ihr in zor⸗ niger Heftigkeit, mir noch einmal mit einem ſolchen Projekte nahe zu kommen. Sie ſtaunte mich aus großen thränenfeuchten Augen an, dann ging ſie zu Bett, und ich hörte ſie noch lange leiſe ſchluchzen und murren, bis mir der Schlaf die Sinne nahm. Ich träumte viel ſonderbares Zeug zuſammen. Ich ſtand wieder auf der Treppe des Püren'ſchen Hauſes und wollte hinaufſteigen, um mich mit Na⸗ talien zu verloben, und ich konnte doch nicht vom Fleck, denn Maeſtro Petruechio mühte ſich fortwäh⸗ rend ab, mir die Stiefel blank zu putzen und kam mit ſeiner Arbeit nicht zu Ende. Dabei demonſtrirte er mir fortwährend, wie nothwendig heute gerade meine Galla, denn droben ſei gar feine Geſellſchaft verſammelt, um meine Frau eine große Tragödie vor⸗ leſen zu hören. Und ich horchte und erkannte die Stimme Peregretten's hoch oben in der Ferne, ſie tönte ganz vernehmlich an mein Ohr, es waren lange, hochtrabende Verſe, die ſie las, deren Sinn aber an meinem Gedächtniß nicht haften blieb. Da mühte ich mich aufwärts, und ſtieg und ſtieg immer höher und höher daß mir der Angſtſchweiß auf die Stirne trat. Dabei begegnete ich alle zehn Stufen einem Dienſtboten, welcher einen ungeheuren Kuchen trug und mir ſagte:„Gehen Sie nach Hauſe, Frau von Püren iſt nicht zu ſprechen.“ Endlich war ich oben und trat ein. Es war das alte Auditorium des Be⸗ nediktinerſeminars, wo wir Sophokles traktirt hatten. Meine Frau ſtand auf dem Katheder im Koſtüm einer Figurantin, und erklärte den ſchönen Chor aus dem Ajas, der die Sehnſucht nach der ſalaminiſchen Heimat ſingt. Dabei tanzte ſie einen Tanz mit großen Sprüngen, daß Arme und Beine in der Luft herumflogen. Mein Onkel, der zur Linken neben mir ſtand, erklärte mir, das ſei Alles gar nichts, das müſſe man auf Engliſch und in Amerika hören und ſehen. Zu meiner Rechten aber ſaß Natalie, ſie ſah mich mit liebevollen Blicken an und forderte mich auf, dem Harfeniſtenjungen, der da mit dem Blech⸗ ſchüſſelchen wie damals kleine Münze ſammelnd durch die Bänke ging, etwas Nennenswerthes zu ſchenken. Sie ſagte mir über zärtlichem Händedrücken, daß ſie mich ſehr liebe, obſchon ihr der raſende Ajax doch weit lieber ſei, und daß ſie ſterben müſſe vor Sehn⸗ ſucht, wenn ſie die wogenumſtrandete Bucht von Sa⸗ lamis nicht bald mit den Augen grüßen dürfe. Da ſah ich ſie genauer an und da war's gar nicht mehr Natalie, ſondern Peregretta, die mich umhalste und küßte. Natalie aber ſaß auf dem Katheder oben und ſah nach unſeren Küſſen mit ihrem großen Opern⸗ gucker, während das ganze Auditorium die kritzelnden Federn ſeufzen ließ und mein Oheim laut jammerte, denn dieß mein Betragen wie mein Ehebündniß ge⸗ reiche der Familie zur Schande. Ich ward wüthend und packte den Kerl an der Schulter und ſchüttelte ihn und— erwachte. Es war früher Morgen. Mein Weib ſtand an⸗ gekleidet vor meinem Bett und küßte mich auf den Mund. „Heinrich,“ ſagte ſie kleinlaut,„ich habe Dich geſtern gekränkt und geärgert, und ich bitte Dich, daß Du mir vergeben mögeſt. Du hatteſt ganz Recht, mir das Vorleſen zu widerreden. Ich habe mir Al⸗ les, was Du mir eingewandt, heute Nacht wohl überlegt und es gerechtfertigt gefunden. Insbeſondere muß ich Dir beipflichten, daß ich das Stilleſitzen beim Sprechen nicht aushalten könnte. Auch ſeh' ich ein, daß das Bischen Anerkennung, welches mir dieß Vor⸗ leſen eintrüge, noch zu keinem Namen verhülfe, deſ⸗ ſen guter Klang die trübe Kunde meiner Herkunft übertönte und vergeſſen machte. Drum habe ich mein thörichtes Verlangen aufgegeben, nachdem ich heute Nacht viel darüber geweint. Aber ſolches war gerechte Strafe für ein zaghaftes Herz, das es nicht über ſich gewinnen konnte, Dir gerade heraus zu ge⸗ ſtehen, wie es in ihm ausſieht, und ſich in einem — 143— halben Entſchluß einem ganzen Willen Genüge thun zu können vermaß. „Ja, mein Heinrich, es giebt nur Einen Weg, mir die Achtung Deiner Familie zu erwerben, mir Deine ſchwindende Neigung in voller Kraft zu er⸗ halten. Das iſt der Weg, auf den der Geiſt in meinem Weſen mich mit magnetiſcher Gewalt hin— treibt, und dieſen Weg muß ich gehen, und wär' er mit Abgründen gepflaſtert. Nicht eine Vorleſerin, eine Schauſpielerin will ich werden. Sol nun iſt es geſagt, und Gott ſei's gedankt, daß ich's vermochte! Heinrich, mein Heinrich, nun erbarme Dich meiner und gib mir Deinen Willen.“ Da lag ſie wieder vor meinem Bette auf den Knieen und barg ihr weinendes Angeſicht in meinen Kiſſen, wie damals am ſchönen Tage unſeres erſten Wiederſehens. Ich aber war außer mir vor Wuth und Ueberraſchung, ich bat, ich fluchte, ich drohte, ich ſchalt; ich weiß nicht mehr, was ich ſagte, was ich that. Ich erinnere mich nur, daß ich ſpäter wie ein Verrückter im Schloßgarten auf⸗ und ablief, bis mich die aufziehende Wachparade an die Tageszeit ge⸗ mahnte. Munter ſchmetterten die marſchgerechten Weiſen des klingenden Spiels unter den rauſchenden Bäumen, die Gewehre funkelten in der Sonne, das ſchmucke Ausſehen der Mannſchaft, der energiſche —yyy—— 3— 144— Schritt auf dem knarrenden Kies— es war Alles ſo ordentlich, ſo kräftig anzuſchauen, als predigte es mir, dem klagenden Schleicher, daß die Luft unter'm Himmel mit luſtigem Klang zu erfüllen, der Grund der Erde mit feſtem, keckem Schritt zu treten ſei, und daß ich Unrecht thue an Anderen, wie an mir ſelber. Nun ſchritt der Zug an mir vorüber; der Offi⸗ zier, der ihn führte, grüßte mich mit geſenkter Klinge. Ich erkannte das Geſicht aus der Loge von geſtern, ich erkannte auch die Fauſt, die mir einſt den Arm gelähmt.— Ich war ausgegangen, um Fahrkarten und einen Wagen zur Abreiſe zu beſtellen, und kam heim mit Theaterbillets für die heutige Oper. Ich fand Peregretten nicht in unſern Zimmern, ſondern im großen Salon des Gaſthofs, wo ſie ſich in der ſorgfältigſten Morgentoilette mit drei anderen Gäſten unterhielt, die ihr auf's Angeſtrengteſte den Hof machten. Meine Frau ſchien ſich trotz der vor⸗ hergegangenen Szenen vor und nach dem letzten Schlummer in dieſer Situation ganz behaglich zu fühlen. Sie lachte und war geiſtreich, ſie tändelte mit dem Fächer und lag im Fauteuil, als wäre ſie ſeit Jahren eine Heldin der Salons, und ich erſtaunte über die kleinen Künſte einer ſicherſpielenden Coquet⸗ — 145— terie, die ich noch niemalen an meinem Weibe be⸗ merkt hatte. So war ich ordentlich froh, am ſchönen Wetter, an der friſchen Luft, am feiertäglichen Getriebe auf den ſonnigen Straßen Gründe genug zu finden, mei⸗ nen Schatz aus dieſem überluſtigen Quartett in's Freie zu entführen. Ich hütete mich, ein Wort des Vorwurfs ver⸗ lauten zu laſſen, ſondern ſchlug ihr vor, den heuti⸗ gen Feſttag noch hier in der größeren Stadt zu ver⸗ bringen und erſt Morgen früh abzureiſen. Für den Nachmittag wollt' ich einen beliebten Vergnügungs⸗ ort, Abends das Theater mit ihr beſuchen. Peregretta verehrte die Meyerbeer'ſchen Opern nicht ſonderlich, und ſagte anſcheinend arglos: „Du führſt mich heute in's Theater? Heinrich, Du willſt mich doch nicht— und auch Dich homöo⸗ patiſch behandeln. Ich fürchte ſehr, die Kur miß⸗ lingt bei beiden.“ Ich ſchwieg, denn ich fühlte das Paradoxe mei⸗ ner Handlungsweiſe, dann ſuchte ich ein anderes Ge⸗ ſpräch und bald darauf die Wirthstafel. Die Mahlzeit war gut und die Geſellſchaft noch beſſer; wie es mir oft zu gehen pflegt, heiterte mich Eſſen und Trinken wieder auf, und ich war wieder in ganz freudebereiter Stimmung, als ich meine Frau, 10 — 146— welche ſich etwas früher zurückgezogen hatte, auf un⸗ ſerem Zimmer abholte. Sie verſtändigte ſich eben mit einer Modewaarenhändlerin, die ſie hatte kommen laſſen, um ihr einige Aufträge zu geben. Da zum größeren Spaziergange die Zeit durch das lange Ta⸗ feln verringert worden war, wandten wir uns nach kurzem Umweg dem Theater zu, wo wir ziemliche Zeit vor Beginn der Darſtellung ankamen. Wie ſchon geſagt, mag Peregretta die Opern Meyerbeer's nicht leiden, dennoch erinnere ich mich kaum, daß ihr die Bühne, die ſonſt auch bei gerin⸗ geren Aufführungen ihre Seele zu feſſeln wußte, ſo wenig Aufmerkſamkeit abgerungen hätte wie dießmal. Ihre Augen ſchienen die Irrfahrten meines Opern⸗ glaſes zu begleiten, welches ſich vergebens abmühte, in der Fülle der die Räume des Hauſes bevölkern⸗ den Geſtalten Nataliens langvergeſſene Schönheit wieder zu entdecken. Ich ward ärgerlich und ſchimpfte auf Orcheſter und Dekorationsmaler; ein kaltes, bitteres Lächeln irrte flüchtig über die ſtolzen Lippen meiner Gefährtin. Da ächzte leiſe die Thüre in der Loge nebenan, welcher ich den Rücken zugewandt hatte. Ich hörte das Rauſchen ſeidener Gewänder, das Rutſchen der Stühle, ich fühlte, wie ſich eine Geſtalt, deren Man⸗ tille meine Schulter berührte, dicht neben mir nie⸗ — 147— derließ, ich ſah meine Frau bis in die Lippen er⸗ blaſſen. Mich zur Seite wendend ſchaut' ich in Nataliens glutüberzogenes Antlitz. Sie ſenkte die Augenwim⸗ pern und nickte einen leiſen Gruß, den ich, ohne je⸗ doch mehr als gewöhnliche Höflichkeitsworte zu wech⸗ ſeln, erwiederte. Ein ungerechter Vorwurf mußte in dieſem Augen⸗ blick das Gemüth Peregrettens kränken, ich hatte wahrlich bei der Wahl der Plätze, wenn auch ein Wiederſehen, doch kein ſolches Nebeneinanderſitzen beabſichtigt, und dieſe Szenerie war entweder von der Laune des Zufalls oder von der Liſt derer von Püren bewerkſtelligt worden. Indeſſen hielt ich mich gefliſſentlich von einer Aufklärung zurück, denn ver⸗ blendet durch eine falſche Auffaſſung ihres Charak⸗ ters, mag ſein auch verblendet durch den freventlichen Humor, welchen Nataliens Erſcheinung in mir ange⸗ facht hatte, bildete ich mir ein, das beſte, am ſicher⸗ ſten wirkende Mittel, meiner Frau die Komödianten⸗ grillen zu vertreiben und ihre Neigung feſter und in⸗ niger wieder an mich zu ketten, ſei die Eiferſucht. In dieſem Glauben that ich nicht nur nichts, jenen Verdacht, der ihr nothwendiger Weiſe aufgeſtiegen war, zu zerſtreuen, ſondern im Gegentheil dieß und jenes, um ihn zu beſtärken, und bemerkte mit der 10* — 148— Freude eines Aberwitzigen, der laut auflachend vor Luſt den Brand ſeines Hauſes ſchürt, wie aller Schmerz der aufgeſtürmten Leidenſchaft in Peregret⸗ tens Auge glühte. War es lediglich die Eitelkeit des Weibes, war es wirklich ein Widerſchein der Neigung vergangener Tage, daß es Natalie offenbar darauf abgeſehen hatte, Eindruck auf mich zu machen? ich weiß es nicht. Jetzt erſt bemerkte ich indeſſen, daß nicht nur jene ihre Schönheit und deren dienſtbaren Künſte aufgebo⸗ ten, um zu gefallen, ſondern daß auch Peregretta in Haltung und Bewegung, in Kleidung, Schmuck und Haartracht ſo viel Sorgfalt und Geſchmack ange⸗ wandt hatte, daß klar zu erkennen war, ſie ſei ihrer Nebenbuhlerin in bewußtem Kampf gegenübergetre⸗ ten. So war ich unwillkürlich zur Vergleichung bei⸗ der gedrängt. Sie mußten etwa in einem und dem⸗ ſelben Alter ſtehen. Nataliens Züge waren reiner und edler, der Ausdruck ihrer Mienen ruhiger und ſtolzer als die meines Weibes, während das Angeſicht der Letzteren bei allen einzelnen Unregelmäßigkeiten in den Zauber unwiderſtehlicher Anmuth getaucht war, ein Antlitz, auf das die Genialität des Geiſtes, die Glut der Leidenſchaft, die Stärke eines willens⸗ mächtigen Charakters ihre ſchönſten, ſchärfſten Siegel gedrückt hatten. Ihre Bewegungen wurden durch — 149— jene Sicherheit getragen, mit welcher ein verheira⸗ thetes Weib auch dem Mädchen gleichen Alters ge⸗ genüber ungezwungener erſcheint. Da jubelten meine Augen, als alle Vergleichung zu hohen Gunſten meiner Hausfrau ausfielen, und während ich mir äußerlich Zwang anthat, ihre Nei⸗ gung durch erlogene Aufmerkſamkeiten zu reizen, die ich ihrer Feindin zu erweiſen ſchien, lag ich im Geiſte huldigend zu Peregrettens Füßen. Nachdem der Vorhang hinter dem dritten Akt gefallen, verließen die von Püren ihre Plätze, ſei's um von der Schwüle, die im Hauſe herrſchte, etwas Luft zu ſchöpfen, ſei's um einen Beſuch in einer an⸗ deren Loge abzuſtatten. Mäntel, Gläſer, Fächer, Al⸗ les blieb an Ort und Stelle liegen; mir ganz zu⸗ nächſt, in verführeriſcher Abſichtlichkeit ein reiches Roſenbouquet Nataliens, wie es nunmehr, gegen ihre frühere Laune als Braut, zu den Hauptſtücken ihrer gewöhnlichen Toilette zu gehören ſchien. Mich plagte der Satan meiner falſchreflektiren⸗ den Pſychologie, und ſobald ich merkte, daß Pere⸗ grettens Aufmerkſamkeit auf mir ruhe, nahm ich das verlaſſene Bouquet zur Hand und legte es erſt dann wieder an ſeinen alten Platz zurück, nachdem ich es einer ſeiner ſchönſten Roſen beraubt, die ich mir in's Knopfloch ſteckte. — 150— Ein nur halb unterdrücktes Ah! entfuhr den Lippen meiner Frau, die, von Schamröthe übergoſ⸗ ſen, mich mit thränenfeuchten Blicken anſtarrte. „Heinrich, Heinrich!“ war Alles, was ſie in fle⸗ hendem Tone vor ſich hin lispelte, worauf ich mit frivolem Lachen erwiederte: „Ei nun, was iſt's denn auch: herba flori fa! Alte Liebe roſtet eben nicht! Was findeſt Du daran ſo Abſonderliches und Erſtaunliches, mein guter Schatz?“ Mittlerweile war Natalie mit ihrem Gefolge wieder eingetreten. Still in die Blumen und Knos— pen ihres Straußes lächelnd, ſchien ſie ſich raſch von dem geſchehenen Verluſte überzeugt zu haben; dann begrub ſie wieder wie geſtern das Geſicht bis an die Augen in ihren Roſen. Peregretta ſah das Alles und ſchwieg; dann wandte ſie ihr Haupt der Bühne zu, und war weder durch Schweigen, noch durch gele⸗ gentliche Bemerkungen, nicht einmal durch eine kleine, halblaute Konverſation, die ich mit der Eigenthüme⸗ rin der geraubten Roſe in dieſer Abſicht anhub, zu bewegen, ihr Antlitz noch einmal mir oder Natalien zuzukehren. So konnt' ich nur mit verhüllter Ungeduld das Ende des vierten Aktes abwarten. Sobald der Vor⸗ hang niederrauſchte, bat ich meine Gattin, Kopf⸗ —— ſchmerz und Hitze vorgebend, mit mir den Heimweg anzutreten. Sie willigte ſofort ein und zeigte, ſich umwendend, mir und den Püren's und der ganzen Welt ein gefaßtes, ſchönes Antlitz voll der ruhigen Klarheit eines ernſten Entſchluſſes. Auf dem Heimwege erhielt ſie ſich mühſam die erzwungene Sammlung und verlangte, im Gaſthofe angekommen, gleich zu Bette, da ſie von der Schlaf⸗ loſigkeit der verwichenen Nacht erſchöpft ſei. Sie richtete keine Frage an mich, als die Eine, ob es bei der auf Morgen früh angeſetzten Reiſe denn auch ſicher ſein Bewenden habe? was ich ihr mit fröhli⸗ chen Lippen bejahte. Während mein Weib oben in unſerer Schlafkam⸗ mer zur Ruhe ging und den alleserlöſenden langent⸗ behrten Schlummer bat, die brennenden Thränen der Eiferſucht zu trocknen, ließ ich mir ein ſchönge⸗ ſchliffenes Kryſtallglas vom echten Teneriffa vollfül⸗ len, denn ich meinte ein Außerordentliches mühſam verdient zu haben. Jeder Schluck, den ich nahm, war Freude und Zufriedenheit; alle Geſellſchaft ſchloß ich von meinem einſamen Zechtiſchchen ab und ſchwelgte in ſeliger Betrachtung meines eingebildeten Glücks. Nun, meint' ich, war ſie mir gerettet, nun war der Dämon geſchlagen, ſie liebte mich, deſſen Liebe ſie gefährdet glaubte, über Alles. Mir war zu Muthe — 152— wie einem Arzte, der durch ſeine Kunſt und Weis⸗ heit die toddrohende Kriſis einer gefährlichen Krank⸗ heit glücklich gebrochen hat; mir war zu Muthe wie einem triumphirenden Feldherrn, der den übermächtig gewordenen Reichsfeind in der großen Schlacht der Entſcheidung auf's Haupt geſchlagen. Und mit ſeg⸗ nenden Lippen ſog ich langſam die Neige meines Weins in dankbarer Andacht jenen freundlich geſinn⸗ ten Mächten zu, welche die in der Irre ſtrebenden Geiſter der Sterblichen aus der Trübſal hinausleiten an das heitere Licht, die ſelbſt der läſſiger ſchlagenden Liebe im Sporn der Eiferſucht einen Stachel gegeben, den der Weiſergewordene heilſam verwerthen mag zu ſei⸗ nen eigenen wie zum Heile ſeiner Theuern, ſo daß die Götter des Herdes lächeln, wenn die Hausfrau weint. Unſere Heimreiſe begleitete ein erfriſchender Ge⸗ witterregen mit fernabziehenden Donnern und Blitzen, welche wohlthuend die drückende Schwüle des Som⸗ merhimmels kühlten. Als wir am Mittag, den hel⸗ len Aether über den Häuptern, durch unſer Städt⸗ chen einfuhren, ſtand hinter meinem Hauſe auf ſin⸗ kenden Regenwolken der ſiebenfarbige Lichtbogen. Ich grüßte ihn als heilig wahrſagendes Zeichen, daß der Bund mit meinem Weibe, nun die Gewitter, die ihn um⸗ ſchwärmten, im Vertoſen ſeien, auf's Neue gegründet und beſchloſſen ſtehe in lichtreicher Hut des Ewigen. Auch meiner Gattin ſchien die Natur ihre Zei⸗ chen verſtändlich gegeben zu haben. Sie ſah lang und unverwandt auf das farbenglitzernde Strahlen⸗ band und ſagte ſtill vor ſich hin mit leiſem Nicken des Hauptes:„ja ſo iſt es!“—— Auch die Liebe hat ihre Launen, und wir thäten gut, dieſe Launen zu beherrſchen, wie die anderen, wenn wir unter Menſchen auskommen wollen. Al⸗ lein manch ein Ding hat, ehe es vergriffen wird, ein gar ſo unſchuldig Geſicht, daß wir uns keines Args verſehen mögen. Wer hat nicht ſchon nach einer Reihe ſorgſam überlegter, glücklich ineinandergreifen⸗ der Handlungen das Endziel doch um eine Gering⸗ fügigkeit verſpielt, um eine Albernheit, um ein Körn⸗ chen Nichts, das dennoch ſchwer genug war, das ſchwankende Zünglein der Waage links ab zu ſenken! Wie ich mich nach zweitägiger Abweſenheit wie⸗ der auf meinem Zimmer zurecht richtete, ſpielten meine Gedanken noch ein wenig mit dem Bilde Na⸗ taliens. Da kommt mir der Einfall, mir die Leiden⸗ ſchaft von dazumal wieder einmal etwas in der Nähe zu beſehen. Ich hatte nämlich ſeiner Zeit etliche Briefe an meine weiland Liebſte und Braut geſchrie⸗ ben, welche mir nach Bruch des Verhältniſſes gegen Austauſch der von ihr empfangenen zurückgeſtellt worden waren. Dieſe wollt' ich nun wieder einmal — 154— leſen, um mir aus ihnen ungefähr zu vergegen⸗ wärtigen, wie ich damals gedacht und gefühlt. Ich hatte ſie ſtets gar ſorgfältig aufbewahrt. Du erinnerſt Dich wohl jener kleinen Mappe in dunklem Saffian, aus der ich an jenem Abende, da ich Dir die Geſchichte meiner Heirath erzählte, Peregrettens Brief genommen. Ich pflegte dieſe Mappe meinen Liebeskeller zu heißen, denn in ihr verwahrte ich all' den Wuſt von Pfändern und Zeichen, Bildchen und Briefen, den ganzen verblichenen Kram von Gras und Seide, von Haar und Papier, welchen die klei⸗ nen und die großen Paſſionen eines abenteuerlichen Lebens in meinen Händen zurückgelaſſen haben, nach⸗ dem ſie, bis auf Eine, aus meinem Herzen ver⸗ ſchwunden ſind. Strumpfbänder und Photographieen, Locken und Zöpfchen, getrocknete Blumenſträuße und beſchriebene Epheublätter lagen hier neben den Epi⸗ ſteln an meine geweſene Verlobte, neben dem Briefe Peregrettens, dem einzigen, welchen ich von ihrer Hand erhalten hatte. 3 Ich ſuchte die Mappe an der gewohnten Stelle in meinem Sekretär, konnte ſie aber nicht finden. Ich war bis zu dieſer Stunde des feſten Glaubens geweſen, ich hätte ſie nach jenem Abend wieder in derſelben Lade verſchloſſen, wo ich ſie ſeit Jahren zu verſchließen pflegte; nun erſt fiel mir ein, daß ich ſie damals im Nebeldunſt des Weines verlegt oder gar verloren haben müſſe, und großer Aerger überkam mein Gemüth. Ich ſtürzte meinen Schreibtiſch, ich kehrte in meinem Zimmer das Oberſte zu Un⸗ terſt, ich durchſuchte unſere Zechſtube in allen Win⸗ keln, ich ſtöberte durch das ganze Haus und fing endlich an, die Dienſtboten auf das Schärfſte zu in⸗ quiriren. Meine Frau, die über dem Lärmen aufmerkſam geworden war, ſetzte ſich boshaft lächelnd bei Seite und ſprach im Tone der Parodie zu mir: „Gewiß ein Zauber ſteckt in jenem Buch: Ein wahres Unglück, daß Du es verlorſt.“ „— Du hüteſt es Mit zarter Liebe gleich dem Augenſtern. Verlörſt Du's, oder gäbſt es fort, es wäre Ein Unheil ohne Maß.“ 3 „Das wär' es auch,“ erwiederte ich heftig,„dieſe Mappe enthält Dinge, die nicht für Jedermann, und beſonders Briefe, die mir von höchſtem Werthe ſind. „Vom höchſten Werth,“ wiederholte Peregretta leiſe, doch in einem Ton, der aus Hohn und Gram gemiſcht war.. Ich ſchämte mich nun ein wenig im Stillen über die erſte Veranlaſſung dieſer Hausſuchung und be⸗ ſchloß, die Sache bis zu einem anderen Tag ruhen zu laſſen. — 156— Draußen hatte die Sommerhitze die Regenkühle ſchon wieder halb aufgeſogen; an Zweigen und Blät⸗ tern hingen noch einzelne Tropfen, die wie Deman⸗ ten in der funkelnden Abendſonne glitzerten, die Vö⸗ gel ſangen heller, und würziger kamen nach der Er⸗ friſchung des Regens von Bäumen und Sträuchern und Gründen die Wohlgerüche des Gartens durch das offene Fenſter gefloſſen. Ich ſetzte mich zu meiner Frau, die mir eine Taſſe Thee voll ſchenkte, und ſah ihr in's Geſicht, und ich fühlte bald wieder nichts mehr als die Her⸗ zensfreude über die vermeintlich gelungene Rettung. „Weißt Du, daß Du heute recht ſchön biſt?“ ſagt' ich, und rückte näher zu ihrem Sitz. „Freut mich für heute,“ war ihre kurze, trockene Antwort. Ich ſchlug ihr vor, unſere Shakſpeareſtudien gleich wieder aufzunehmen; ſie nickte, ging und holte die Bücher. Dann ſetzte ſie ſich abſeits von mir auf einem Stuhl zurecht. Ich ließ das nicht gelten und 3 zwang ſie auf ihren alten Platz zurück. Wir laſen wohl eine Zeit lang, aber wir kamen nicht recht weit und wußten noch weniger, was wir eigentlich geleſen hatten. Auf einmal wurde mir's doch zu mühſelig, ich nahm Peregretten das Buch ſanft aus den Händen und warf es in die Ecke des Sophas. „Liebes Herz,“ ſagte ich,„ich glaub', es geht heute nicht recht mit der Leſerei. Laß uns lieber eins in's Abendroth plaudern.“ Indem ich ihre Schultern umſchlang, zog ich ſie zärtlich an meine Bruſt und küßte ſie. Sie ließ ſich küſſen wie ein Bild und gab auf meine Fragen, was ihr fehle, warum ſie ſo einſylbig und trübſinnig ſei, keine Antwort. „Peregrettchen,“ rief ich endlich,„ich küſſe Dich ſo lang, bis Dir der Athem ausbleibt, wenn Du nicht ſprichſt, Du böſes, ſchmollendes Kind, Du.“ Sie ſah mich eine kurze Weile wie fragend an; noch Einmal ſchienen ſich alle Entſchlüſſe in ihrem Herzen in's Ungewiſſe zu drehen. Dann traten plötz⸗ lich Thränen in ihre Augen, ſie fiel mir um den Hals, und indem ſie ihre heißen Wangen an die meinigen preßte, lispelte ſie halblaut und mehrmals von Schluchzen unterbrochen in mein Ohr: „Wenn Du mir verſprichſt, nie mehr nach Dei⸗ ner dummen Mappe zu fragen— und wenn Du mir die garſtige Roſe ſchenkſt, die Du geſtern Dei⸗ nem coquetten alten Schatz geſtohlen haſt.“ „Ha,“ rief ich mit ſcherzhaftem Pathos,„alſo hat der Dieb ein diebiſches Weib; ich ſtahl die Roſe und Du meine Leebepfinderſammlung⸗ Warte, ich will Dich die Geſetze reſpektiren lehren.“ —— 3 —ͤ·——“ — ———— — 158— „Ich habe ſie nicht geſtohlen,“ erwiederte ſie, nun ſelbſt lächelnd unter Thränen,„ich fand ſie dort drinnen im kleinen Speiſekäſtchen, als ich den Mor⸗ gen nach dem Trinkgelage mit Deinem Gaſte das Aufräumen und das Frühſtück beſorgte. Aber nun nichts mehr davon, wenn Du mich nur noch ein klein Bischen lieb haſt. Du mußt Deine Mappe vergeſ⸗ ſen, und mußt die Roſe vergeſſen, und mußt die Püren vergeſſen, vergeſſen, vergeſſen ganz und gar, mit Allem was drum und dran iſt.“ „Oho,“ rief ich lautlachend: „Wie könnt' ich ſie vergeſſen, Weißt Du, was ſie mir war?“ „Eben weil ich weiß, was ſie Dir war, was ſie Dir noch iſt und ſein muß,“ lautete ihre Antwort, „eben darum muß ſie vergeſſen ſein. Heinrich, ich bitte Dich! Ich will Dir Deinen Firlefanzkram wieder geben, aber ſchenke mir die verwünſchte Blume.“ Sie küßte mich leidenſchaftlich, ſie hielt meine Hände bittend zwiſchen den ihrigen, ich aber ſagte: „Kind, Kind, Du ahnſt gar nicht, wie ſo Gro⸗ ßes Du von mir verlangſt, jene Roſe iſt ein mäch⸗ tiger Talisman, eine Wunderblume ſeltener Art, die ich gerade noch zur rechten Zeit erkannt und bloß Dir zu liebe entwendet habe. Ihre Röthe iſt es, die heute Deine Wangen ſo zauberhaft überglüht, ihr — 159— Duft iſt es, der heute in Deinen ſchönſten Küſſen athmet.“ Peregretta konnte dieſen Liebestieffinn unmög⸗ lich recht verſtehen, ich aber dünkte mir ſehr weiſe geſprochen und gethan zu haben, und umſchlang mein Weib mit verlangenden Armen. Allein ſie wehrte ſich mit zorniger Kraft und wand ſich aus meiner Umarmung los. Ehe ich's ver⸗ ſah, hatte ſie die Flügel hinter ſich zugeſchlagen und eilte die Treppe hinan. Ich war raſch hinterdrein, doch ſie hatte gerade bedeutenden Vorſprung genug, um mir die Thüre ihres Zimmers vor der Naſe zu⸗ zuriegeln. Bevor ſie aber auch den anderen Eingang verſperren konnte, welcher aus meinen Gemächern in die ihrigen führte, hatte ich ſie ſchon um die Hüften und der Schlüſſel entfiel ihrer Hand. „Ich fürchte mich vor Dir,“ ſagte ich lachend; „wenn ich nicht bei Dir bleibe, ſo wirſt Du mir über Nacht zu einem weißen Othello, um eines ro⸗ then Rösleins willen.“ „Ich will kein weißer Mohr ſein, aber ich wollte, ich wäre Desdemona, ich wollte, Du hätteſt mich ſo lieb, wie Othello ſein Weib lieb hatte, und ob Du mich auch darüber erwürgteſt. Was läge daran! O es muß ſüß und ſelig ſein, ſterben zu müſſen, weil wir über die Maßen geliebt ſind, und im Sterben ———— — 160— zu wiſſen, daß wir ſo geliebt ſind. Desdemonens Loos war ein glückliches!“— Als ich am andern Morgen erwachte, lag ich allein; es war noch früh am Tage. Mühſam drang ein naſeweiſer Sonnenſtrahl durch die Fugen der ge⸗ ſchloſſenen Fenſterläden, er umdämmerte die lächelnde Unordnung im Zimmer und ſpielte mit dem blanken Meſſing eines auf dem Eſtrich liegenden umgeſtürz⸗ ten Leuchters. Im ganzen Hauſe rührte ſich noch keine Menſchenſeele, ich öffnete das Fenſter in den Garten und rief nach Peregretten; es antwortete Nie⸗ mand. Ich ſtieg hinab, ſuchte auf allen Lieblings⸗ plätzen, durchſtöberte die Lauben, und trat endlich in's Badehaus. Nirgends war ſie zu finden. „Sie wird über Feld ſpazieren gegangen ſein,“ dachte ich und erquickte meinen Leib in der morgen⸗ kühlen Flut des dahinrauſchenden Bächleins. Ich blieb wohl eine Viertelſtunde im Bade und ging, da noch immer alles ſtill und ſchlafend war, in mein Zimmer um zu arbeiten. Mitten auf meinen Schreibtiſch gelegt, finde ich da die vermißte Mappe und darauf mit einer Nadel feſtgeſteckt einen Zettel folgenden Inhalts, von Pere⸗ grettens zitternder Hand beſchrieben: „Einziggeliebter! Wenn Du dieſe Zeilen findeſt, ſo lies den Brief nach, den ich Dir vor Jahren in meiner Herzensnoth geſchrieben. Nun iſt Alles gekommen, wie ich es gefürchtet und vorhergeſagt habe. Du ſchämſt Dich Deiner Wahl und Deine Liebe zu mir liegt im Ster⸗ ben, liegt in den letzten Zügen, ſeit Du jene wieder⸗ geſehen, die Dir einſt Alles war, ſie, die ein böſer Zufall und ein armes, unwiſſendes Mädchen von Deinem Herzen getrennt haben. Ich habe es nie gewußt, wie ſehr Du an ihr gehangen; aus jenen Briefen, die ich in Deiner Mappe gefunden, habe ich es unter den bitterſten Thränen meines ganzen Lebens erkennen müſſen und mir geſagt, wenn er ſie jemals wiederſieht, iſt er für dich verloren. Du haſt ſie wiedergeſehen, und ich habe Dich verloren. Nur der Abglanz ihres Roſenlichtes iſt es mehr, der mich Dir noch liebewerth erſcheinen läßt. Der Schein ſoll fliehen, ich gebe Dich dem heiteren Zau⸗ ber der Wirklichkeit zurück und ziehe heim zu jenen dunklen Mächten, die ſelbſt bis in den Schooß des reinſten Glückes gebieteriſch winkend ihre zürnenden Arme nach mir ausſtreckten, nach mir, die ihnen ver⸗ fallen iſt von Anbeginn. Folge mir nicht nach im erſten Taumel der Ueberraſchung; Du wirſt mich nicht mehr auf der 11 —— 162— Landſtraße wiederfinden, wie dazumal: meine Flucht iſt vorbedacht und vorbereitet. Sie war es ſchon nach jenem Abend in der Oper. Auch wirſt Du Dich tröſten über meinen Verluſt, ich weiß es, denn Du haſt Dich auch über ihren Verluſt getröſtet und haſt ſie doch ſo ſehr geliebt. Wenn Du mich aber mehr geliebt haſt als jene, und Du nicht zu ihr zurückkehrſt und Dich nicht tröſten kannſt über mein Verſchwinden, ſo denke, daß ich wiederkehren kann und daß ich, wo immer ich ſein mag, Dein treues Weib bleiben werde bis in den Tod. Es iſt eine einzige Hoffnung, die ich noch hege auf Deine Liebe, aber in dieſer Hoffnung iſt die Le⸗ bensluft, die mich allein noch athmen läßt. Nur Ein Mittel gibt's, Dich mir zu erhalten, das iſt: Dich zu fliehen. Ich ergreife dieß Mittel mit den unerbittlichen Händen eines Arztes, der das Aeußerſte verſucht. Vielleicht, wenn Du mich vermiſſeſt, lernſt Du's, Dich nach mir zu ſehnen. Und ſo leb' wohl, leb' wohl, es muß geſchieden ſein. Ich darf nicht anders, zwar Ich muß weinen, Doch ſind's grauſame Thränen; dieſer Schmerz Iſt wie des Himmels ſtrafend, wo er liebt. Noch einmal bitte ich Dich, verſuche es nicht, meine Spur zu verfolgen, Du wirſt ſie nicht finden, und fändeſt Du ſie auch, ich ließe mich nicht faſſen und halten, ehe nicht mein Ziel erreicht iſt, ehe ich nicht freiwillig zurückkehren darf, ehe Du nicht ſtolz vor der Welt und den Deinen mich zeigen kannſt und willſt als das Weib Deiner einzigen Liebe.“ 11*½ 4 Die Buchſtaben tanzten mir vor den Augen, ich las noch einmal, was mir unverſtändlich, was mir unmöglich däuchte. Ich rief das Geſinde aus dem Scchlaf und ſie kamen alle herbei, aber Niemand wußte eine Sylbe von dem Verſchwinden Peregret⸗ tens, Niemand bis auf Einen, und der ſtand auch nicht vor mir, der Kutſcher. Auch die Pferde und der Wagen waren davon. Gegen Mittag indeſſen kam der gute Burſche mit ſeinen Roſſen arglos nach Hauſe, und als ich ihn wie ein Raſender anfiel, war er ganz verblüfft. Erſt nach und nach konnte ich dem vor Erſtaunen Starrenden die Antworten auf meine wiederholten Fragen abnöthigen. Als er nach Mit⸗ ternacht aus dem Wirthshauſe heimgekommen, habe ihn ſeine Herrin mit der Weiſung empfangen, ſofort anzuſpannen. Denn ich ſei bereits mit Lohnpferden vorausgefahren, um in Grimmelsdorf die dringend⸗ ſten Geſchäfte für eine kleine Reiſe zu beſorgen, zu welcher wir uns Beide raſch und plötzlich entſchloſ⸗ ſen hätten. Dort angekommen, hieß ſie ihn ſofort umkehren, denn es ſei beſſer, dem Herrn, der wahr⸗ ſcheinlich ſchon lange auf ihn wartete, nicht in ſeinem — 165— Zorne zu begegnen. Dieß habe er denn auch ſich nicht zweimal ſagen laſſen, unterwegs aber ſich um ſo mehr Zeit gegönnt, da er Niemanden von der Herrſchaft daheim zu finden denken konnte. Von der Richtung, welche meine Gattin eingeſchlagen, hatte er keine Ahnung.—— Frage mich nicht, was ich nach dieſer Erkennt⸗ niß meiner Lage alles angab und aufbot. Obwohl ein umfahrendes Suchen kaum mehr Erfolg ver⸗ ſprechen mochte, als ein ergeben zuwartendes Da⸗ heimbleiben, bis etwa da oder dort eine mehr oder weniger verläſſige Spur auftauchte, ſo duldete doch meine martervolle Verlaſſenheit kein Stilleſitzen und Zuſehen. Noch am ſelbigen Tage verabſchiedete ich meine Dienerſchaft bis auf zwei alte, erprobte Leute, denen ich mein Haus anvertraute, und dann reiſte ich, der ich weder links noch rechts wußte, auf's Ge⸗ rathewohl in die weite Welt hinein, um nach dem Schatten des Weibes zu fahnden, das mich in ſo unſeliger Verblendung verlaſſen. Meine erſten Nach⸗ forſchungen ſtellte ich in jener Kreishauptſtadt an, welche wir jüngſt mit einander beſucht. Es war nichts zu entdecken. Und ſo fuhr ich denn Land aus Land ein, die Kreuz und Quer durch's liebe heilige Reich und machte Halt in jeder Stadt, in jedem Dorf, überall, wo nur, in Paläſten oder Scheunen von ————y“ — 166— Brettern, die die Welt bedeuten ſollten, ein deutſches Wort auf deutſcher Zunge klang. Ich inquirirte alle Bühnenvorſtände, ich beſtach alle Theateragenten, ich holte alle Reiſenden aus, ich beſchrieb die Erſchei⸗ nung Peregrettens allen Kellnern in den Gaſthäuſern, ſowie den Lohnbedienten und Fremdenführern. Ich beſuchte alle Kirchen und öffentlichen Plätze, und dann packte ich wieder plötzlich auf, weil mich ein vages Gerücht, irgend eine trügeriſche Nachricht, ja eine leiſe Ahnung nur ſofort nach der entgegenge⸗ ſetzten Himmelsgegend trieb, um dort von Neuem meine heilloſen, alles Anhalts entbehrenden Nachfor⸗ ſchungen anzuſtellen. Es iſt eine kleinliche Spielerei, eine lange, beſchwerliche Reiſe zu unternehmen, die doch ihr feſtes Ziel und Ende hat, gegen über dieſem Fliehen nach allen Linien der Windroſe hin. Ich hätte ebenſogut ausziehen können, um eine Nadel auf der Landſtraße zu finden, eine Welle im Welt⸗ meer wieder zu erkennen. So oft ich in einen Wagen ſtieg, redete ich mir vor: während dich dein Wahn juſt nach Weſten zieht, ſpricht ſie vielleicht in dem fernſten Städtchen des deutſchen Oſtens zum verſammelten Volke. Die pein⸗ lichſten Stunden waren immer die Abendſtunden, wo ich mir ſagen mußte: jetzt ſteht ſie auf einer Bühne, von tauſend Augen geſehen, von tauſend Ohren gehört, während ſich deine Sinne vergebens abmühen, in der Fülle der Begegnenden ihre Stimme zu vernehmen, ihre Geſtalt zu entdecken. Dann malte ich mir— o wie viel Tauſend⸗ und Tauſend⸗ mal! die Szene des plötzlichen Wiederſehens und Wiederfindens aus, bald wild und ſtürmiſch und zwingend, bald überlegt, zurückhaltend und damit zufrieden, ſie nur endlich gefunden zu haben. Wie oft ſchwor ich bei mir, ich wolle ſie mit keinem Blick, mit keinem böſen Wörtchen kränken, wenn ich ſie nur erſt wieder mit meinen Händen hielte; und dann weinte ich wieder die bittern Thränen der Entrüſtung über dieſe ſinnlos ſündige Flucht. Mit dem alten Diener in meinem Hauſe blieb ich in fortwährendem, wenn auch ſehr einſylbigem brieflichen Verkehr. Er war ſtets von meinem Reiſe⸗ ziel, wenigſtens von den größeren Orten, in Kennt⸗ niß geſetzt und hatte die Weiſung, mir allwöchentlich wenigſtens zweimal zu melden, ob die Verſchwundene kein Zeichen von ſich gegeben habe. Das war noch mein beſter, mein tröſtlichſter Gedanke, daß wenn ich mich halb todt geſucht und gerade recht weit von der Heimat wäre, daß dann ein haſtiger Brief meines alten Klaus mich eiligſt nach Hauſe riefe, denn Pe⸗ regretta habe alsdann doch Wort gehalten und ſei endlich wieder heimgekehrt, von Reue getrieben oder — 168— Sehnſucht, oder weil ihr die Welt nur ungaſtliche Mienen geboten, oder weil ſie vernommen, wie ich raſtlos, friedelos nach ihr die Länder durchſtreife. Aber dieſer Strahl der Hoffnung hatte nie dauernde Kraft, alsbald löste dieſe friedlicheren Gedanken die quälendſte Eiferſucht ab, welcher eine erfinderiſche Phantaſie mit fluchenswerthem Fleiße dienſtbar war. In fieberhafter Aufregung malte meine Einbildungs⸗ kraft mir täglich tauſend Möglichkeiten vor, eine pei⸗ nigender denn die andere, Möglichkeiten, wie ſie Pe⸗ regretten auf dem gefahrvollen Wege begegnen muß⸗ ten oder mochten, den ſie ohne Führer und Freund, bloß ihrer eigenen Seelenkraft vertrauend, beſchritten hatte. Bald war's die Noth oder der Mangel an Anerkennung, die mir die reinen Züge meines Weibes im Hohlſpiegel meiner Phantaſie verzerrt erſcheinen ließen; bald waren es Leichtſinn, Ruhmſucht, Eitel⸗ keit und Gefallſucht, die in irrendem Kreiſel um ihr ſcherzendes Ebenbild ſich drehten. Dann ſagte ich mir, ſie hat dich, der ſie gequält, der ſie der lichten Sphäre, welcher ihre Geiſter angehörten, freventlich vorenthielt, ſie hat dich, den Narren, den ſie geliebt, vergeſſen, nie kehrt dieſe freie Lerchenſeele wieder in den engen Käfig deiner grotesk verzierten Häuslich⸗ keit zurück— du wirſt ſie niemals wiederſehen. In dieſem ſchwarzen Gedanken bettete ich meine Nächte, wie ſich der Trappiſt in ſeinem Sarge ſchla⸗ fen legt. Jedoch der asketiſche Mönch zwingt wohl mit dem Zauber der Gewöhnung auch Schlaf und Traum auf die harte Liegerſtatt des Todes, wie auf ein Bett von Eider und Flaum; wenn aber ich ſo ſchweigend, in den Wagenwinkel gedrückt, dahinfuhr durch die ſchwülbrütende Sommernacht, wenn ich in die wehende Funkenſaat ſtierte, die mit Gewittereile an den kleinen Fenſtern vorüberſprühte, und die Sta⸗ tionen zählte, die wir in der Nacht zurücklegten, und nichts hörte als das eintönige Klappern der Maſchi⸗ nen, oder hie und da den Ruf eines Wächters, oder das Bellen eines Hundes, welchen der raſſelnde Zug über die Schienen aus ſeiner Ruhe geweckt, und nichts fühlte als den dumpfen Schmerz in Haupt und Her⸗ zen und die ewig wiederholten gleichmäßig ſchaukeln⸗ den Bewegungen, in welchen ſich der Wagen auf dem ehernen Geleiſe fortrollte— da kam kein Schlaf über meine müden Sinne, und nur zuweilen löste ein erquickungsloſes Verſchwinden des Bewußtſeins oder eine die Bilder des Tages in abſcheulichſte Fratzen verzerrende, traumartige Nervenerregung das finſtere Brüten meiner nächtigen Seele ab. In jedem Train, der an dem unſeren vorüberbrauſte, meinte ich dann beim Schein der Laternen eine Geſtalt wie die ihrige erkannt zu haben, jede Frauenſtimme, die aus dem Gewühl beim Aus⸗ und Einſteigen Nächtens an mein Ohr klang, ſchien mir, nur gefliſſentlich entſtellt, die ihrige. In ſolchen Nächten, wenn ich mit brennen⸗ den Augen in's formloſe Dunkel ſtarrte, und mit verhaltenen Wehrufen leiſe meine Hände rang, da, meine ich, ſehnte ich mich zuweilen eben ſo ſehr nach des Schlummers Erholung, wie nach dem Wieder⸗ ſehen Peregrettens. Es fiel mir öfters ein, einmal gehört zu haben, daß auch die Fiſche und etliches andere Gethier einer ſchlummerloſen Nachtruhe pflegten; aber der Menſch iſt nicht wie das ſtumme Waſſerweſen, und welkt dahin und verkommt, wenn nicht ein ſüßes Hinüber⸗ dämmern in’'s Nichts das aufzehrende Bewußtſein des Daſeins zuweilen von ſeiner Seele nimmt. Wenn ich dann die langen Fahrten auf den Eiſenbahnen mit dem Aufenthalt in Städten oder Flecken vertauſchte, war mein Zuſtand um nichts beſ⸗ ſer, die Aufregung des wieder und wieder enttäuſch⸗ ten Suchens und Stöberns ſteigerte meine Ruhelo⸗ ſigkeit nur immer mehr. Wenn ich des Tages durch die Straßen ging, meinte ich noch immer das Sto⸗ ßen und Klappern der dampfgehetzten Räder in den Ohren zu hören, und wenn ich Nachts, nachdem ich ein oder auch mehrere Theater beſucht, todmüde mich auf meinem Lager hin und her wandte, wiederholten meine zerquälten Sinne noch fortwährend das Ge⸗ ſchrei der Schanialere das Stimmen und Muſiziren des Orcheſters, das Beifallgeklatſche der Zuhörer, Al⸗ les in wüſtem Durcheinander. Die Kräfte meiner Sehnen ſchwanden, die Haare fielen mir von den Schläfen, und über meiner Stirne lagerte ſich ein dumpfes Schmerzen, welches mich nicht mehr verlaſſen wollte. Dennoch hielt die Maſchinerie meines Leibes, von der treibenden Haſt des Einen Willens gejagt, nach all' den Leiden und Störungen über Erwarten zäh aus. Dagegen gewahrte ich das Veröden und Erſchlaffen meiner Seelenkräfte. Mein Geiſt, der immerdar nur auf den Einen Punkt ſtarrte und in ſeinen Planen, ihn zu erreichen, immer mit derſelben grauſamen Gleichmäßigkeit gekreuzt wurde, begann alle Aufmerkſamkeit, alles Intereſſe für die Dinge der ihn umkreiſenden Welt zu verlieren und nur mit dem Einen Wunſch in ſtumpffſinniger Be⸗ harrlichkeit zu verkehren. Ich ließ ihm keinerlei Er⸗ holung und führte ihm auch von Außen keine bil⸗ dende oder aufheiternde Nahrung mehr zu. Denn ich las nichts mehr als die Anzeigen über Reiſende und Verunglückte, und dann ſämmtliche in Deutſch⸗ land erſcheinende Theaterjournale, dieſe, den erbärm⸗ lichſten Theil der Tagesliteratur, freilich mit ängſtlich wiederholender Genauigkeit. — 172— Solch' ein Leben— wenn es anders noch ein Leben zu nennen iſt— hatte ich nun ſchon zwei Monate geführt; da finde ich in irgend einem Ko⸗ mödienblättlein einen ausführlichen Bericht über die erſtaunliche Erſcheinung einer neuen Schauſpielerin, welche durch Talent und Bildung ungewöhnliche Er⸗ folge erringe. Das ganze Signalement, auch die Auswahl ihrer Rollen entſprachen vollkommen der Vermuthung, die da ſofort in mir aufſtieg. Nur der Name klang fremd und theatraliſch, aber was konnte das auf ſich haben? Wie oft hatte ich in den letz⸗ ten Wochen ſchon Anzeigen von weit geringerer Wahrſcheinlichkeit zu Liebe weite Tagereiſen unter⸗ nommen. Ich griff ſofort nach anderen Journalen annähernden Datums und fand in ihnen einige No⸗ tizen, bald größere, bald kleinere, welche jedoch ſämmt⸗ lich meine Vermuthung zu beſtätigen ſchienen. So⸗ fort machte ich mich zum Aufbruch fertig. Der Ort, wo ich die bezeichneten Nachrichten geſchöpft hatte, war ein Kaffeehaus in Zürich, wohin ich der zur neuanhebenden Saiſon ankommenden Schauſpieler wegen von Karlsruhe gereist war; das Theater, auf welchem ich mein Weib wiederzufinden hoffen durfte, gehörte einer vielgenannten Provinzial⸗ hauptſtadt mitten im deutſchen Norden. Ich fuhr Tag und Nacht, ich konnte nicht mehr eſſen und kaum mehr ſtille ſitzen; ich ſah immer zum Wagen hinaus und mein Herz ſchlug manchen Schlag über die Sekundenzahl. Ein Gefühl, das ich hätte Freude nennen mögen, ließ mich alles das weniger empfinden. Als ich am Bahnhof meiner Abſicht ankomme, iſt's bereits finſtere Nacht; ich aber gebe mein Ge⸗ päck einem Wärter und laſſe mich vom erſten beſten Menſchen, der mir in die Hände läuft, an's Theater weiſen. Das Komödienhaus lag inmitten der Stadt, an zwanzig Minuten vom Bahnhof weg, und keine Kutſche war mehr zu gewinnen. Als ich mit mei⸗ nem Begleiter ſo hinſchritt unter den Gaslaternen, und den gutwilligen fremden Mann, den meine Theaterwuth zu unterhalten ſchien, zu ſchleunigerem Vorgehen antrieb, ſtellte ich in aller Haſt Fragen über Aeußeres, Schickſale und Verhaltungsweiſe des neuen Gaſtes, deſſen er wie die ganze Stadt alles Lobes voll war. Um den Namen des heute aufge⸗ führten Stückes hatte er ſich nicht gekümmert. Da hielt er auf einem großen Platz und zeigte mir ein hohes, ſäulengeſchmücktes Gebäude, welches, von einzelnen Gasflammen beleuchtet, ſtolz in die dunkle Nacht hinaufragte. Ich ließ meinen Füh⸗ rer ſtehen und eilte mit fliegenden Füßen dem Hauſe zu. Auf den ausgehängten Zetteln ſtand mit gro⸗ 1 V 3 ßen Lettern„Othello“. Die Kaſſe war bereits ge⸗ ſchloſſen. Ich rannte von einem Logendiener zum andern, mir gegen gutes Trinkgeld irgend Eintritt zu gewin⸗ nen; ſie bedauerten alle auf's Lebhafteſte, daß ſämmt⸗ liche Plätze überfüllt wären, und ſie bei Strafe der Entlaſſung keinem lebenden Weſen ohne legitime Entréekarte eine Logenthüre öffnen dürften. Während all' dieſer Verhandlungen erſcholl nach kürzeren oder längeren Pauſen wohlvernehmliches Beifallsſtürmen aus dem Innern des Hauſes. Ich ſtieg immer wie⸗ der einen Stock höher, da faßte mich auf der vor⸗ letzten Treppe ein hochaufgeſchoſſener, ſchmieriger, krausköpfiger Junge, welcher eine große runde Platte voll ſüßer Eßwaaren trug. Er mußte meinen Preis⸗ anerbietungen zugehorcht haben und erwartete mich im Schatten der Wendelſtiege, um mit mir ein Ge⸗ ſchäft abzuſchließen. Ich gab dem Menſchen, was er verlangte. Dann ſchob er mich mit einer kurzen Mahnung zur Dreiſtigkeit in eine Loge, deren Befitzer ſo ſehr von der Vorſtellung in Anſpruch genommen waren, daß ſie des Neuangekommenen gar nicht Acht hatten. Lautloſe Stille herrſchte im Hauſe; ich trat hinter zwei beſetzte Stühle und ſtreckte mich, um die Bühne mit den Augen zu erreichen. Es durchfuhr mein ganzes Weſen wie ein elek⸗ triſcher Schlag, den ich von den Schläfen bis in die Kniee ſpürte. Das war wirklich mein Weib Pere⸗ gretta, das ſich dort unten vor Zofe Emilien auf den Stuhl ſetzte, und nun leiſe mit den Fingern durch die losgeſteckte Flechte furchend, wie aus freiem Sin⸗ nen und Ahnen zu ſingen anhub: „Ein Mädchen ſaß ſeufzend am Weidenbaum früh, Singt Weide, grüne Weide! Die Hand auf dem Buſen, das Haupt auf dem Knie, Singt Weide, Weide, Weide!“ Ueber meine Wangen liefen die hellen Thränen, ich hörte und ſah nichts mehr als mein Weib, mein ſchönes, großartiges, herrliches Weib. Alle meine Schmerzen waren ihr vergeben. Ich fühlte nichts mehr, ich wußte nichts mehr als das Eine:„Das iſt ſie.“ Erſt als mit dem herabrauſchenden Vorhang ein donnernder Jubel in allen Räumen des dichtge⸗ füllten Hauſes losbrach, erweckte mich der Lärm aus meiner Verzauberung, und ich beſann mich auf mich ſelbſt zurück und auf Vergangenheit und Gegenwart und auf den Zweck meines Hierſeins. Während ſich der Lärm des Hervorrufens mehr⸗ mals wiederholte, ſtürzte ich hinab auf die Straße und lief um das Theater herum, bis ich die Thüre zu den nach hinten gelegenen Räumen fand, welche — 176— die Zugänge zur Bühne und die Garderoben ent⸗ halten mußten. Ein ſtämmiger, übellauniger Portier trat mir alsbald entgegen und wies auf's Gröblichſte alle meine Anträge zurück, die ich nicht nur mit Geld⸗ Anerbietungen, ſondern auch, thöricht genug, mit Be⸗ tonung meines guten Rechts, meine Frau wiederſehen zu wollen, unterſtützte. So lange die Vorſtellung währte, hieß es, dürfte ein⸗ für allemal Niemand, wer nicht eben mit der Vorſtellung zu ſchaffen hätte, hinter die Couliſſen oder gar in die Ankleidezimmer gelaſſen werden. Wenn ich auf die Darſtellerin der Desdemona Anſprüche hätte, ſo ſollte ich dieſelben in ihrer Wohnung geltend zu machen verſuchen, und mich jetzt bei Vermeidung polizeilicher Intervention ſofort zum Teufel packen. Ich meinte nichts Beſſeres thun zu können, als ſo ſchleunig wie möglich auf meinen uſurpirten Platz zurück zu kehren. Da ich die Loge nicht ſogleich fand, ging ich geradewegs in die nächſte beſte andere. Der Entreakt dauerte ſehr lange. Als ich nicht die Miene des Verirrten und keine Anſtalten die Loge zu verlaſſen machte, außerdem wohl auch erhitzt und aufgeregt genug ausſah, um aufzufallen, ſo richteten ſich bald die Blicke der Nachbarn auf mich. Ich fühlte dieß, und in der Beſorgniß, hinausgebeten zu werden, wandte ich mich an einen Nebenmann als ein Fremder, der ſeinen Platz nicht habe wiederfinden können und um eine kurze Gaſtfreundſchaft bitte. Was er zur Antwort gab, weiß ich nicht, denn ſchon hob ſich der Vorhang. Ein Regiſſeur im ſchwarzen Frack trat mit dem Geſichtsausdruck eines Verlegenen vor das ſtaunende Publikum und bedauerte die unliebe Verzögerung, welche die Vorſtellung erleiden müſſe. Die Darſtel⸗ lerin der Desdemona ſei plötzlich von einem heftigen Unwohlſein ergriffen worden, ſo daß ihre Mitwirkung im fünften Akte eine baare Unmöglichkeit. Frau ſo und ſo, die wahrſcheinlich für gewöhnlich die un⸗ glückliche Venetianerin zu agiren pflegte, habe ſich bereit erklärt, dem lieben Publikum zu Liebe den fünften Akt zu übernehmen. Man bitte um Nach⸗ ſicht und Geduld. Murren, Klatſchen, Geziſch und Gelächter ließen ſich nun in dumpfem Durcheinander hören; ich aber eilte die Treppen hinab in's Freie. Der Portier hatte mir zwar Straße und Haus⸗ nummer angegeben, aber ich hatte letztere überhört oder vergeſſen. Dennoch wollte ich nicht umkehren, da mir Zeitverluſt das Gefährlichſte dünkte. Ich frug nach der Richtung und ward ſofort von einem der Vielen, welche das Theater nun vor dem fünften Akt verließen, in eine ziemlich nahe gelegene Gaſſe 12 —“ — 16— beſchieden. Einzelne Gaslaternen brannten; nichts Lebendiges war in ihr zu begegnen, nur zuweilen bewegte ſich ein Schatten flüchtig über die Gardine eines hellerleuchteten Fenſters da und dort, und von fernher aus größeren Straßen tönte das Raſſeln vorübereilender Wagen. Ich ging muſternd an den Häuſern entlang, als könnte ich es dem betreffenden ſchon von außen an⸗ ſehen, daß es meine Frau verberge. Da ſtieß ich unverſehens auf einen kleinen Jockey, der geſtiefelt und geſpornt unter einer Laterne auf einem Stein ſaß und, den Mützenſchild über einem Ohr, eine kalte Cigarre zwiſchen den Zähnen, das Haupt an die Wand lehnte und ſchlief. Ich weckte den Jungen auf und frug ihn, ob er mir nicht ſagen könne, in welchem dieſer Häuſer die dermalen ſo gefeierte Schauſpielerin wohne, und dabei nannt' ich ihm den angenommenen Namen meiner Frau. Der Burſche ſtreckte ſich, drehte ſeine Cigarre in der Hand um und ſagte mit affektirtem Lakonismus: „Bitte, haben Sie Feuer, mein Herr?“ „Nein,“ rief ich mit einem Fluche der Ungeduld, meine vorige Frage wiederholend. „Eklige Nächte das!“ war die Erwiederung der lakirten Pigmäe,„fortwährend genirt; keine Ruh bei — 179— Tag und Nacht, reiner Leporello auf Ehre!“ Nach⸗ dem er herzhaft gegähnt hatte, fuhr er fort:„Nach der neuen Schauſpielerin haben Sie gefragt? Famoſe Perſon, was? Die Blume der Kunſt; der ganze Adel ſchwärmt um ſie. Wo ſie wohnt, wollen Sie wiſſen? Ah ſo! hier!“ Damit wies er mit dem rechten Bein auf die Pforte des gegenüberliegenden Hauſes.„Nummer neunzehn, erſte Etage rechts. Können ſich darauf verlaſſen. Selbſt dort geweſen. Bouquets vom Klubb hingetragen; preiswürdige Bou⸗ quets, ſag' ich Ihnen, Camellie zu drei Thaler. Fa⸗ belhaft!“ Ich hatte mich ſchon zum Gehen gewandt, da ſtieg ein ſchändlicher Verdacht in mir auf. „Was treiben Sie denn eigentlich hier?“ frug ich den Junkeraffen. „Warten!“ ſagte er. „Auf wen warten Sie denn?“ ſagt' ich. „Auf meinen Herrn, wenn Sie nichts dagegen haben!“ verſetzte die kleine Unverſchämtheit. „Und wo iſt denn Ihr Herr zur Stunde?“ „Mein Herr?“ entgegnete der Gefragte,„bei der Schauſpielerin.“ „Was?“ rief ich, und faßte ihn am betreßten Kragen,„hier? bei ihr?“ „Den Teufel auch!“ ſagte er abwehrend.„Was 12- — 180— ſchreien Sie denn ſo nachtwächtermäßig? Herr Graf find hier drin, dos-à-dos. Kleine Salomanowska, hilfsbedürftiges Talent. Was denken Sie, Fremd⸗ ling! jenſeitiges Ufer bei Nachtzeit nicht zu erreichen, ſelbſt am Tage nur mit Hinderniſſen. Große Künſt⸗ lerin, aber gar keine Künſtlernatur, Mangel an Hu⸗ mor und Geſchmack. Immer in Trauerkleidern, Gatte geſtorben, alſo Wittwe, Biederweib überhaupt, Aus⸗ nahme von der Regel. Teufel à la glace. Schade um die ſchöne Perſon, verlaſſen ſich darauf!“ Ich ließ ihn ſchwatzen und verſuchte die Haus⸗ thüre zu öffnen. Dann taſtete ich im dunklen Flur, bis ich die Treppe fand, die ich raſch beſchritt. Ich klingelte an der Thüre des erſten Stockwerks; eine ältliche Frau, in dunkle Gewande gekleidet, mit einem Tuche die thränenden Augen trocknend, öffnete mir. Sie frug mich nach meinem Begehren. Als ich ſagte, daß ich ihre Herrin zu ſprechen wünſche, nannte ſie mich ſofort bei meinem Namen und führte mich in ein geräumiges Zimmer, in dem eine kleine Lampe brannte.. Es waren nur wenige Kleidungsſtücke und zwei bis drei Bücher, welche auf den beſcheidenen Möbeln umherlagen, ſonſt war keine Spur des Bewohnt⸗ werdens zu entdecken. „Ihre Frau iſt ſo eben abgereist,“ ſprach die Alte,„Sie werden ſie vergebens in dieſen Zimmern oder ſonſt wo in der Stadt ſuchen.“ Ich brach in einem Stuhl zuſammen. Dann fuhr ich auf, packte das Weib, das mich vom Schei⸗ tel bis zu den Füßen betrachtend, vor mir ſtand, an den Armen und drohte ihr, ſie durch alle Mittel zum Reden bringen zu wollen. „Des Drohens bedarf's nicht,“ war ihre Ant⸗ wort,„was ich weiß, will ich Ihnen gerne geſtehen, um ſo mehr, da mir kein Schweigen geboten iſt.“ Nun erzählte ſie unter einem Kreuzfeuer unge⸗ ſtümer Fragen, wie ſie erſt ſeit ſechs Wochen in Dienſten meiner Frau geſtanden habe, heute aber wieder von ihr entlaſſen worden ſei. Sie wußte viel Rühmens zu ſagen von Peregrettens künſtleriſchen Erfolgen, die dieſe ſeit ihrem Beiſammenſein im nördlichen Deutſchland geerntet habe. Obwohl man ihr ſchon glänzende Anerbietungen gemacht, wollte ſie ſich dennoch nirgends binden laſſen, ſondern reiste in Gaſtſpielen von einem Theater zum andern. Hier hatte ſie zuerſt einen ganzen Monat zu bleiben die Abſicht, dieſelbe ſei aber durch mein Dazwiſchentre⸗ ten vereitelt worden. Gleich nachdem ſie im Ankleide⸗ zimmer durch die Portiersfrau mein Andringen gegen deren Gatten erfahren, habe ſie ſie, die Erzählerin, welche auf ein möglicher Weiſe ſehr jähliches Ende 182— ihrer Dienſtzeit immer vorbereitet war, verabſchiedet. Da die Koffer ſtets gepackt blieben und nur immer das Nöthigſte für den Tag ausgekramt wurde, ſo hatte ſie nichts weiter mehr zu thun, als die Effekten Peregrettens ſofort an die Poſt zu ſchaffen. Jene ſelbſt war gar nicht mehr nach Hauſe gekehrt, ſondern aus dem Theaterwagen in ein Eiſenbahncoupé ge⸗ ſtiegen und jetzt wohl länger denn eine halbe Stunde ſchon auf den Schienen. 1 Ueber das Reiſeziel, welchem Peregretta nun⸗ mehr zuſtrebe, verſchwor ſie ſich hoch und theuer, gänzlich in Unkenntniß zu ſein. Ich frug ſie dann auf ihr Gewiſſen um das perſönliche Verhalten mei⸗ ner Frau, und ſie berichtete mir bei ihrer Seele Se⸗ ligkeit(wie ſich die Alte ausdrückte), Peregretta habe ſehr ruhig und ſchweigſam vor ſich hin gelebt, und niemalen gelacht, es wäre denn auf der Bühne. Im Ganzen ſei ſie ſehr liebevoll, freundlich und leicht zu bedienen geweſen, nicht ſelten aber von arger Hef⸗ tigkeit befallen worden, wo ſie alsdann intZorn und Aerger oft nahe an ungerechte Härte geſtreift. Um je weder Zumuthung zu Beſuchen und allem übrigen perſönlichen Auftreten in der Welt von Vornherein abweiſend entgegenzukommen, habe ſie ſtets Trauer⸗ kleider getragen, und ſich auch ihr gegenüber als eine junge Wittwe gegeben. Sie habe es oft ſelbſt ge⸗ — 183— ſehen, wie ſie über den Verluſt ihres Gatten Thrä⸗ nen vergoſſen. Huldigungen habe ſie nie unfreund⸗ lich abgewieſen, aber in einer Art angenommen, als gebühre ihr nichts Geringeres. Mißliebiges, Feind⸗ ſeliges wurde von ihr ſo wenig als möglich beachtet, und wo dieſem nicht auszuweichen war, mit ſtolzer Geduld getragen. Ich bat die alte Frau, die über den Verluſt ihrer Herrin ſehr in Trauer verſunken ſchien, ob ſie mir nicht einen Schluck Wein oder ſonſt eine Er⸗ friſchung beſorgen könne, da ich mich ſehr ſchwach fühlte; und ſie verſprach es. Während ſie fort war, muſterte ich das Zimmer auf und ab und ſpähte nach dem, was von Effekten meines Weibes etwa in der Haſt des Abziehens zurückgelaſſen worden. Ich fand nicht viel, ein Sacktuch, ein Nachthäubchen, ein Paar Pantoffeln und Aehnliches. Ich ſtellte Alles auf dem Tiſch zuſammen und ſpielte damit wie ein Kind. Nachdem ich ein wenig Wein zu mir genommen, ſetzte ich mich an's geöffnete Fenſter und bat die Dienerin nochmals, mir zu erzählen, was ſie nur wiſſe. Wie wir ſo vor einander da ſaßen im Halb⸗ dunkel der verlaſſenen Wohnung und leiſe mit ein⸗ ander von der Entflohenen plauderten, da kam's un⸗ ten immer näher die Straße herauf mit ſanft erklin⸗ — 184— genden Flöten⸗ und Waldhorntönen, mit Fackelſchein und Menſchengewühl. Unfern vor dem Fenſter, an welchem ich ruhte, hielt der Zug, und die Frau be⸗ lehrte mich, es ſei ein Ständchen, welches einige Of⸗ fiziere der Garniſon nach der wiederholten Auffüh⸗ rung des Othello mit ihren Regimentsbanden bringen zu dürfen ſich ehrerbietigſt ausgebeten hatten. Ich erſuchte die Alte, mich zu verlaſſen und ſie that es. Ich fühlte, wie nach und nach meine See⸗ lenkräfte nachließen und das Bewußtſein zu ſchwinden begann; ſtier und faſt gefühllos ſtarrte ich auf die im Fackelſcheine ſich regenden Geſtalten, horchte ich auf die melancholiſchen, gezogenen Töne des Ständ⸗ chens hinab und Müdigkeit ergriff meine Seele. Die Muſik verklang, die Fackeln entfernten ſich. Ich meinte, ich hörte den Tod, der leiſe tretend durch mein Zimmer geſchlichen käme; da wankte ich nach dem Bette meiner Frau und verſank alsbald in einen tiefen Schlaf, den erſten erquickenden, anhaltenden Schlaf, der mir ſeit Monden gegönnt war. Aber ich ſchlief nicht hinüber, wie ich gewähnt, ja wie ich gewünſcht hatte. Ich erwachte im alten Leben und in den alten quälenden Sorgen; ja dieß⸗ mal mit einem Gefühl verbitternden Zornes. Pere⸗ grettens Flucht war nun nicht mehr die übereilte That blinder Eiferſucht, nicht bloß das widerſtands⸗ — 185— loſe Gehorchen dem gebieteriſchen Drange der Kunſt; es war der liebloſe Eigenſinn eines eiteln, ſchaden⸗ frohen, pflichtvergeſſenen Weibes. Ich war in mei⸗ nen Rechten als Gatte gekränkt, ich war mit den zahl⸗ loſen Leiden meiner alle Lande durchwandernden, herz⸗ und hirnzernagenden Sehnſucht verſpottet und verachtet. Und nun wollt' ich nicht nachgeben von meinem Rechte, und mich nicht gefühllos und hoch⸗ müthig verhöhnen laſſen in meinem Elend. Ich lief Treppen auf Treppen ab, und klopfte an alle Thüren, von denen ich hoffen konnte, daß ſie Aufſchluß über die Pläne meiner Frau entdecken könn⸗ ten. Man kam mir meiſtentheils mit bedauernder Förmlichkeit und bereiten Ausflüchten entgegen. Das Wahrſcheinlichkeisreſultat der verſchiedenen Ergebniſſe meiner, mit der ängſtlichen Genauigkeit tiefgekränkten Selbſtgefühls angeſtellten Forſchungen ging darauf hinaus, daß die Verſchwundene wahrſcheinlich einem Rufe an das dermalem zu St. Petersburg beſtehende deutſche Theater gefolgt ſei, der in der jüngſten Zeit und unter ſehr glänzenden Bedingungen an ſie er⸗ gangen war. Mein Entſchluß ſtand alsbald feſt, allein um ihn in's Werk zu ſetzen, war es nothwendig, vorher noch geſchäftliche Anordnungen und Ausgleichungen zu beſeitigen, welche ſich der Ausſührung des Vor⸗ — 186— habens gebieteriſch in den Weg ſtellten. Durch die fortgeſetzten koſtſpieligen Kreuz⸗ und Querzüge, die ich durch Deutſchland nun ſeit mehr denn neun Wo⸗ chen gemacht, durch den theuren Aufenthalt in Gaſt⸗ höfen, durch das Ausgeben großer Summen an Thea⸗ teragenten, Winkelredakteure und ähnliches Gelichter, fand ich die Menge meines verwendbaren Geldes zu einem Häuflein zuſammengeſchmolzen, von dem ich zwar immerhin bis zum Erfluß der nächſtfälligen Zinſen ein gemächliches und wohlanſtändiges Leben hätte führen können; zu einer C Entdeckungsfahrt aber in's heilige Ruſſenreich, die ſich weiß Gott wie lange gusdehnen und nach Art des höheren oder höchſten „Schutzes,“ deſſen Peregretta möglicher Weiſe dort genoß, zu außerordentlichem Aufwand außerordent⸗ licher Mittel nöthigen konnte, ſchien dieſes Reſtchen viel zu gering Da packt' ich denn ſofort wieder auf und reiste Nacht und Tag, bis ich wieder in unſerer Kreishaupt⸗ ſtadt angelangt war. Der empfindliche Zuſtand, in welchem ſich meine zerrütteten Nerven befanden, ein Zuſtand, welcher mein Haupt mit einem glühenden Reif umzog und mich nicht lange feſt in den Knieen ſtehen ließ, ſollte mich weder von meinem Wander⸗ plan noch von der Beſeitigung der obwaltenden Hin⸗ derniſſe auch nur eine Stunde abhalten. Ohne den — 2..———— AEA 2—— ————————ͤſ—P Reiſeſtaub von meinen Schuhen zu ſchütteln, trat ich, wie ich angekommen war, in die Wechſelſtube des Bankiers, eines alten erprobten Freundes meines ſe⸗ ligen Vaters, der meine ſämmtlichen Geldangelegen⸗ heiten ſeit deſſen Tode mit einer Sorgfalt, Treue und Geſchäftskenntniß verwaltet, die ich nicht genug loben kann. „Herr meines Lebens,“ rief der alte Mann aus, als er mich erkannte, und die Feder fiel ihm von der Hand,„guter Gott, wie ſehen Sie aus und wo kom⸗ men Sie her?“ Der beſorgte Greis meinte nichts anders, da er den raſch gealterten, entſtellten Klienten in ſeiner verkommenen Touriſtentracht anſtierte, als ich käme von Wiesbaden oder Homburg vor der Höhe, wo ſie mich rein ausgeplündert hätten. Da mich das ganze Zwiegeſpräch, ſo nothwen⸗ dig es ſein mochte, doch ungemein peinlich berührte, ſo war ich Willens, die Geſchichte ſo kurz und bün⸗ dig als möglich abzumachen. In der Rückſichtsloſig⸗ keit, welche dem Unglück eigen iſt, ſah ich von Förm⸗ lichkeiten, von der nothwendigen logiſchen Begründung meines Begehrens ganz ab, und erklärte dem ſtau⸗ nenden Greiſe mit barſchen, raſch hervorgeſtoßenen Worten, daß meine Bedürfniſſe von dem Betrage der mir zuſtehenden Zinſen im Stich gelaſſen wären, und — 188— ich aus dieſem Grunde meinen Vermögensſtock ſelbſt anzugreifen beſchloſſen hätte. Ich wäre deßhalb ge⸗ kommen um ihn zu bitten, einen großen Theil deſ⸗ ſelben in landläufige Münzſorten umgeſetzt zu mei⸗ ner Verfügung zu ſtellen. 4 Der Bankier fuhr ſich mit den welken Fingern ein paarmal durch die wenigen durchſichtigen Löck⸗ chen, welche ſein blankes Haupt ſchmückten, und meinte, ich müſſe ja doch noch ein niedliches Sümm⸗ chen zum Verleben haben, bis auf's Weitere. Ich nannte ihm den Betrag, den ich zu Handen hatte, erklärte ihm aber zugleich, daß ich Unterneh⸗ mungen beabſichtigte, deren Koſten größere Gelder beanſpruchten. Der Alte ſchlug die Hände zwiſchen ſeinen Knieen zuſammen und wollte Heftiges erwiedern, beſann ſich aber, und indem er mich mißtrauiſch ängſtlich anſah, ſchob er mir ein Glas Waſſer zu und ſagte gutmüthig: „Lieber Heinrich, Sie ſind ſo heiſer; das Spre⸗ chen thut Ihnen wehe. Trinken Sie doch ein wenig und überlegen Sie ſich nochmals, was Sie zu thun Willens find.“ „Ich trinke kein Waſſer,“ ſagte ich, da mir aber Stirn und Schläfe wie in Fieberſchmerzen tobten, ſteckte ich die zehn Finger in das dargereichte Glas und beſtrich mir damit das Geſicht und die Schläfe. — 189— Er ſah mir mit geſpannten Augen zu und hub dann an: „Fern ſei es von mir, Sie um die koſtſpieligen Pläne auszufragen, welche Sie einen, wie mir ſcheint ebenſo unnöthigen wie unüberlegten Schritt zu thun reizen; aber das will ich Ihnen zu überlegen geben, daß Sie das Glück Ihres Lebens, die von dem Drückendſten, den Nahrungsſorgen befreite Stellung, das Glück Niemandes Diener oder Herr ſein zu müſ⸗ ſen, keiner von ungefähr angeflogenen Laune, nicht dem Schwindelprojekte eines gewiſſenloſen Spekulan⸗ ten, oder gar der eitlen Befriedigung einer Raſerei, wie das Spiel, zum Opfer bringen dürfen. Beden⸗ ken Sie doch, daß Sie ein liebes Weib haben, daß Sie—“ „Eben weil ich ein Weib habe,“ ſchrie ich ihm in's Geſicht und ſtieß ein beinernes Falzmeſſer, wel⸗ ches ich in meiner Verlegenheit ergriffen hatte, ſo zornig auf den Schreibtiſch, daß es in Stücke brach und der Alte erſchrocken von ſeinem Stuhl auffuhr. Ich war in den letzten Tagen ſo aufgeregt, daß ich oft ohne nähere Veranlaſſung in lautes Schluchzen ausbrach; wenn meines Weibes erwähnt wurde, konnte ich mich deſſen gar nie erwehren, und ſo liefen mir auch jetzt die hellen Thränen über die vor Wuth und Aerger zitternden Backen. 2— 190— „Sie wiſſen nicht, was Sie thun, nicht was Sie reden, Heinrich. Ich habe Sie mein Tage nicht ſo geſehen,“ ſagte der Alte nicht ohne Erzürnen. Ich aber fuhr auf und rief: „Wohl weiß ich, was ich rede und was ich will, und ich kann reden und kann verfügen wie ich will über meine Gelder, verſtehen Sie mich, denn ich bin der Herr meines Vermögens!“ „Sie ſind Herr Ihres Vermögens,“ klang ruhig ſeine Antwort,„wie Sie auch Herr Ihrer Leibes⸗ gliedmaßen ſind, und trotzdem würd' ich Sie ebenſo⸗ ſicher, ſo lange ich es im Stande wäre, gewaltſam abhalten, ſich die beiden Daumen an ihren Händen oder die großen Zehen an den Füßen abzuſchneiden, als ich es jetzt verhindern werde, daß Sie um irgend einer aberwitzigen Laune, oder wohl gar um des elenden Rouletteſpieles willen das Erbe Ihrer Kin⸗ der, die ſauererworbenen Erſparniſſe Ihres edlen Vaters auch nur um ein paar Tauſender verſtümmeln.“ „Was zum Teufel,“ ächzte ich ihn an, denn das Sprechen war mir trotz der Aufregung ſchon ſehr peinlich,„ſind Sie mir ein Vormund oder Pfleger, oder ſind Sie nur der Bankier, den ich für ſeine Geldgeſchäfte bezahle?“ „Ich bin Ihr Bankier,“ erwiederte ſtolz der Alte,„und bin nicht Ihr Vormund, aber wiſſen Sie, —— — 191— was ich außerdem war, und bin und bleiben werde? Der treue Freund Ihres ſeligen Vaters, und daß Sie's nur verſtehen, auch der Freund ſeines Sohnes. Und dieſer Sohn, den ich ſozuſagen ſchon kannte, ehe er geboren war, der ein Ehrenmann iſt, wie ſein Vater es war, der wird mir morgen danken, wenn er ſeinen Projektenſchwindel oder ſeine Spielwuth ausgeſchlafen hat, daß ich nicht, wie er heute gewollt, mit ihm in's helle Feuer geſprungen bin.“ Es war ein eigenthümlicher Gedankengang, der ſich jetzt mit eigenſinniger Gewalt meines Vorſtel⸗ lungsvermögens bemächtigte, während ich dem grei⸗ ſen Redner auf die ſchmalen, blaſſen, zitternden Lip⸗ pen ſah, „Merkſt Du,“ ſagte ich im Stillen zu mir ſelbſt, „merkſt Du, wie ſehr er ſich ereifert, der alte Knabe, der doch ſonſt ein ſo herzensguter, ſtiller, gelaſſener Rechenmeiſter iſt. Aber er hat Dein Geld in großen Spekulationen ſtecken, an denen ſeine zähe Greiſen⸗ ſeele mit allen Gedanken und Gefühlen hängt, und nun fürchtet er: wer den Finger nimmt, der will bald die ganze Hand; geb' ich dem Heinrich jetzt die ver— langte Summe, ſo kommt er nächſtens und entzieht mir die Verwaltung ſeines ganzen Ein⸗ und Aus⸗ kommens. So denkt er, der Zahlengauner, und ſieh nur, ſieh', in welche Aufregung er ſich hineingeſtiku⸗ — 192— lirt und wie er von ſeiner Freundſchaft Wunder pre⸗ digt, und wie ſeine Augen rollen und wie ſeine Backenknochen wackeln. Solche Aufregung iſt einem alten Mann gar ungeſund und Du, ſollteſt ihn be⸗ ruhigen, und wenn er ſofort ſich in ſeine Hitze hin⸗ einredet, ſo trifft ihn am Ende gar der Schlag, und dann mußt Du ſtill hier in der Stadt bleiben und Jedermann Auskunft geben, weil Du dabei geweſen, und wenn Du nach Rußland reiſen wollteſt, ſo würde Dich die Polizei faſſen, dieweil Du als Flüchtiger in dem Verdacht liefeſt, daß Du's ihm angethan. Drum mußt Du ihn beſänftigen und beruhigen und ab⸗ kühlen.“ Während dieſes Raiſonnements, deſſen ich mich noch gar wohl erinnere, ſahen wir uns unverwandt in die Augen. Der Mann ſchwieg ſchon eine Weile, und ich ſtreckte abermals beide Hände in das vor mir ſtehende Glas und beſpritzte das Geſicht des Al⸗ ten aus allen zehn Fingern mit dem kalten Waſſer, in der guten Meinung, ſeine Hitze abkühlen zu müſſen. Der überraſchte Greis ſuchte ſich mit peinlichem Ausdruck in den Zügen die läſtigen Tropfen abzu⸗ wiſchen. Dabei fiel mir nun plötzlich ein, daß ich ihm gethan hätte wie ein katholiſcher Pfaffe, der einem mit Weihwaſſerbeſprengen den leibhaftigen Teufel — 193— austreiben will. Ueber dieſer Vorſtellung und über den poſſierlichen Geſichtern, die die geplagte Haut des Alten ſchnitt, mußte ich helllaut auflachen, da ich noch kurz vordem ohne Grund geweint hatte. Alles Beſinnen auf den Zweck meines Hierſeins war mir völlig entſchwunden. Von dieſem Augen⸗ blick erinnere ich mich nicht mehr genau, was nach⸗ her geſagt und gethan wurde, aber ich meine, daß ich auf einmal wieder heftig auftrat und mit den Gerichten drohte, und den Alten einen Spitzbuben ſchalt, der mir mein gutes Geld nicht aushändigen möge. Vor der Thüre des Comptoirs ſtürzte ich zuſammen. Der mißhandelte Kaufmann ließ mich in eine Stube ſeines Hauſes und zu Bett bringen. Ich ward ſchwer krank, alle Gedanken des Stehen⸗ und Gehenwollens waren mir von Grund aus vergangen; ees währte nicht lange, ſo verging mir auch das Be⸗ wußtſein. In lichten Augenblicken mein' ich den Bankier und meinen Onkel aus Amerika öfters mit beſorgten Mienen an meinem Lager ſtehen geſehen zu haben. Zuweilen waren meine Hände an's Bett gebunden, glaub' ich, auch ſchmerzten mich die Gelenke und die Ellenbogen die übrige Zeit, wenn auf Augen⸗ blicke mich das Gefühl meiner ſelbſt beſuchte.—— Es mochten viele Wochen vergangen ſein, als ich mir wieder ein Menſch dünkte, wie andere Men⸗ ſchen. Nun ich aber da um mich ſah, und die Dinge und die Leute, welche mich umgaben, zu betrachten, zu unterſcheiden anfing, da fand ich mich nicht mehr in der Krankenſtube meines Bankiers, ſondern an einem fremden, nie geſehenen Orte, einem Ort voll Frieden, voll Behagen, voll Vertrauen erweckender Stille. Ich wohnte in einem hohen, lichterfüllten Ge⸗ mach, deſſen Möbel mit friſchen blanken Linnen über⸗ zogen waren; Blumen des Spätſommers ſtanden auf meinem Tiſch, daneben aus der glatten Wand plät⸗ ſcherte leiſe und traulich aus einer zierlichen Brun⸗ nenröhre friſches Waſſer. Ich wandelte durch lange Gänge eines in Kreuz⸗ form aufgeführten Gebäudes. Hohe Bogenfenſter wieſen auf ein im Sonnenſchein lachendes ſich herbſt⸗ lich verfärbendes Hügelland. Auch hier ſprangen kleine Brunnen aus der Wand in graue Marmor⸗ becken. An mir vorüber gingen plaudernde Paare, die mich wie einen alten Bekannten grüßten. Und ich grüßte ſie wieder wie aus Gewohnheit und ich meinte, ich thäte damit wie ſchon manchen Tag vor⸗ her. Auch dieſe Gänge war ich ſchon gewandelt, und auch den großen beleibten Mann mit den llugon ——,— Augen hinter der Brille hatte ich ſchon öfters ge⸗ ſprochen, und wie er mir heute treuherzig freundlich die Hand ſchüttelte, ſo hatte er ja ſchon geſtern ge⸗ than und ehegeſtern auch. Da kam auch der Sohn des Mannes, der muntere krausköpfige Junge, und frug mich, ob wir nicht miteinander einen Gang machen wollten.„Fechten?“ ſagt' ich zu mir ſelber und fühlte an meinen Arm. Er war von greifbarer Muskulatur und ich beſann mich, daß ich mich geſtern über die gelungene tiefe Quart meines ſechzehnjähri⸗ gen Schülers gefreut hatte. Heute aber hatt' ich keine Luſt zu den Rappieren, ich bat ihn, mit mir ſeine Familie zu beſuchen. Wir gingen durch eine Thüre, an der ich oft ſchon angeklopft zu haben wußte. Darinnen ſaß eine freundliche ältliche Dame, die ſich nach meinem Be⸗ finden erkundigte; dann kamen zwei blühende Töch⸗ ter heran und reichten mir zum Gruße die Hände. Auch noch Andere waren zum Beſuche da, und dort drüben am Klavier ſtand der junge Compoſiteur aus der Stadt, den ich neulich einmal geärgert hatte. Die jüngere Tochter unterhielt ſich lieb und lange mit mir und dann ſagte ſie: „Warten Sie nur, wir wollen Ihnen eine Freude machen.“ Sie holte eine Geige aus ihrem Kaſten, der * 13 — 196— Krauskopf nahm ſein Violoncell, und ſie ſetzten ſich um das Klavier zurecht, vor welchem die ältere Schweſter zur dreifachen Begleitung mit lieblicher Sopranſtimme einen Geſang anhub, den ſie mein Lieblingslied nannten. „O wann kehrſt Du zurück, Mein treuer Johnie; O wann kehrſt Du zurück? Wenn das Korn iſt eingebracht, Und verwelkt der Blätter Pracht, Dann kehr' ich zurück, Mein ſüßes Liebchen. Dann kehr' ich zurück!“ begann es, ein ſchottiſch Lied von Beethoven. Ich dankte gerührt und mußte mich verabſchie⸗ den, denn auf meinem Herzen lagen Thränen, und ich ſehnte mich hinaus in's Freie, in's Grüne. Da ging ich hinab in den geräumigen Garten, wo auch viele Andere waren und wandelten oder ſpielten. Aber ich hielt mich ferner von der Menge und ſetzte mich dort unter die zwei Buchen am grü⸗ nen Tiſchchen, denn das war ja mein Lieblingsplatz, und meine beiden gewöhnlichen Geſellſchafter war⸗ teten bereits auf mich, in heftigem Geſpräche begrif⸗ fen.— Der eine war ein alter Bekannter, der kleine Herr von Woltershauſen; Du erinnerſt Dich wohl —— — 197— ſeiner, der immer ſo unmenſchlich ſoff, und den wir auf der Univerſität wegen ſeiner geſpreizten Manieren nicht ausſtehen konnten. Er kam mir ſeitdem ſehr gebeſſert vor und ich hatte einen guten Genoſſen an ihm. Der Andere trug das dunkele Kleid eines Seel⸗ ſorgers; ich beſann mich nicht, ihn früher gekannt zu haben, nun aber that er mit mir und ich mit ihm wie Bruder und Kamerad, und wir ſprachen alle drei ein Geſpräch, als ſetzten wir da von Neuem an, wo wir geſtern abgebrochen. „Ich verſichere Sie, Hochwürden,“ ſagte der Woltershauſen zu dem Prieſter gewendet,„das iſt ein Kanuff, wie die Erde keinen zweiten trägt. Was geht denn das ihn an, wenn ich nun einmal des Sonntags meiner guten Laune nachhängen und mich um drei Uhr des Nachmittags zu Bette legen will? Und das ſag' ich Ihnen, wenn es ſo fort geht, daß er mir die zwei weiteren Krüge Abendbiers verſagt, bleibe ich keine vierzehn Tage mehr länger hier, und wenn Sie mir zwei Schildwachen vor die Thüre ſetzen, wie ſie vor meines Onkels, des Generals, Hauſe im Sonnenſchein auf- und abbummeln. Was glaubt denn der Herr, daß ich mich hier eingeſtiftet habe, um vor Durſt umzukommen, wie ein Karpfen auf dem Sand? Der verfluchte Kerl der!“ 3— 198— „Wer?“ fragte ich den Redner, der ärgerlich an dem ſorgfältig geknüpften Halstuch und den kleinen zierlichen Vatermördern neſtelte und zupfte. „Ach wer? Er!“ war die breitmäulige Antwort, und der Geiſtliche fiel kopfnickend ein: „Ja wohl, Sie haben ganz Recht, Herr Baron. Glauben Sie, daß ich ihn durch all' mein inſtändiges Bitten hätte erweichen können, mir einen neuen Fie⸗ delbogen zu kaufen? Keineswegs, und Sie wiſſen ja,“ fuhr er zu mir gewendet fort,„wie bitterlich nothwendig ich eines ſolchen bedürfte. Ich bin ein armer Seelenhirt, und kann mir dieß Begehren nicht aus meinem eigenen ſchwindſüchtigen Seckel beſtrei⸗ ten. Er aber drückt mein Talent abſichtlich, denn er iſt ganz für den jungen Notenquäler aus der Stadt eingenommen, der lauter langweiliges Zeug zuſam⸗ menjodelt. Ja, nur um den nicht aus dem Licht zu ſchieben, läßt er mich mit meinen herzerfreuenden, bergwaldfriſchen Weiſen nicht aufkommen.“ „Wer?“ fragt' ich abermals. Und der Pfarrer erwiederte, mit den Händen unwillig geſtikulirend: „Na wer kann ſo was im Stande ſein, wenn nicht Er, der Direktor! Aber wiſſen Sie was, laſ⸗ ſen wir ihn, der die Macht in Händen hat; alleweil geht's doch nicht an, das Licht zu verhängen, und — 199— kommen wird auch der Tag, wo ich hintreten darf vor die Menſchheit und ſagen: hier bin ich. Mittler⸗ weile lade ich Sie ein, lieber Heinrich, mit auf mein Zimmer zu kommen, um die Früchte meiner Morgen⸗ ſtunden beurtheilen zu wollen. Den Baron laſſen wir wie gewöhnlich, denn er hat keinen Geſchmack für unſer Treiben. Ich ſage Ihnen ganze ſechſe, ganze ſechſe, und was für welche, Sie werden ſtau⸗ nen.“ Wir ließen den Woltershauſen, der gemächlich ſeine Füße auf die Bank zog, und die Hand an der Stirne ſchritt ich dem plaudernden Pfarrer nach. Ich hatte eine Lieblingsmelodie, ich hatte ein Lieblings⸗ plätzchen, ich hatte einen Direktor, und alles das ſchon ziemliche Zeit, und doch wußt' ich nichts davon und hatte keine Ahnung, wie ſo und woher ich an dieſen Ort gekommen war— und wo war ich denn eigentlich? Solcherlei Fragen beſtürmten mich heftig auf dem kurzen Wege nach des Pfarrers Stube. Es war eine Zelle ganz wie die meinige, nur daß an den Wänden ein ſechs bis ſieben neue Fiedelbogen aufgehängt waren und in einer Ecke zwei mächtige Stöße beſchriebenen Notenpapiers aufgeſchichtet lagen, auf deren höchſtem eine Violine thronte, die mit dem Hals in den Winkel gelehnt war. — 200— Der Geiſtliche ſuchte hinter ſeinem Nachttiſchchen und holte da noch einen anderen Fiedelbogen hervor, der aber alt, abgegriffen und krauſen Haares war. „Sehen Sie,“ ſagte er, indem er an dem Lieb⸗ ling mit einem mächtigen Stück Colophonium auf⸗ und abfuhr,„da hängen ſie herum, die nichtsnutzigen Dinger, die funkelnagelneuen, die doch zu nichts zu gebrauchen ſind als zum Rockausklopfen. Was ich mir beim Einkaufen auch Mühe gegeben habe, ich konnte doch keines habhaft werden, welcher nicht ver⸗ pfuſcht und gar nicht in der Hand zu führen geweſen wäre. Dieß hier iſt doch mein einziger und allei⸗ niger, wenn ihm auch die Haare vom Leibe weg⸗ hängen. Mein Zauberſtab, unter dem mir die Quelle der Erfindung ſo reichlich fließet, wie einſt dem Sohne Jochebeths das Waſſer, da er den Stein der Wüſte mit ſeinem Stecken ſchlug. Nun ſetzen Sie ſich und hören Sie meine neueſten Kompoſitionen.“ „Was,“ ſagte ich,„Hochwürden komponiren auch?“ „Aber um aller Heiligen willen,“ entgegnete er weinerlich,„wenn Sie nur nicht jeden Tag, den Gott vom Himmel gibt, dieſelbe leidige Frage ſtell⸗ ten. Das iſt denn doch unfreundlich!“ Darauf trat er mit ausgebreiteten Armen vor die zwei hochgeſchichteten Papierſtöße und rief: „Wie oft hab' ich Ihnen geſagt, daß hier in — 201— dieſem Winkel der Zweck und die Freuden meines Daſeins aufgeſtappelt liegen, daß dieſe Blätter lauter Kompoſitionen enthalten, die ich auf meiner lieben Violine erfunden, daß dieſe Kompoſitionen lauter Gebirgsländler ſind, ſechstauſend dreihundert ſieben⸗ undfünfzig Ländler! Ach, ich ſagt' es Ihnen erſt ge⸗ ſtern und Sie haben's heute ſchon wieder vergeſſen.“ Damit fing er an, ſeiner Geige die rechte Stim⸗ mung zu geben, indem er mehrmals laut vor ſich hin ſprach: „Sechstauſend dreihundert ſiebenundfünfzig und heute früh ſechs ganz neue, macht Sechstauſend drei hundert dreiundſechzig.“ Er kratzte eifrig auf den Saiten herum; ob es ſchön oder häßlich klang, vermag ich nicht zu ſagen, denn meinen Ohren fehlte noch die Ruhe der Auf⸗ faſſung, geſchweige denn die der Unterſcheidung. Ich ſah nur den Mann im langen Kittel an, der vor mir mit fliegenden Haaren im Schweiße ſeines An⸗ geſichts Muſik machte, ich ſah nur auf die neuen Fiedelbögen an den Wänden und auf den Papier⸗ berg in der Ecke und ſagte ſtaunend zu mir ſelber: „Was? ein Compoſiteur von ſechstauſend drei⸗ hundert dreiundſechzig Ländlern? Der Kerl iſt ja ein Narr.“ Da erſchrak ich vor meinem eigenen Gedanken, 3— 202— Thränen ſtürzten aus meinen Augen und ich verbarg mich eiligſt in mein Gelaß. Denn nun wußte ich, wo ich war, und Mitleid mit mir ſelber überkam meine ſchaudernde Seele.— Als ich etliche Wochen ſpäter die Kreisirrenan⸗ ſtalt zu E. verlaſſen durfte, zählte man vom Datum meines Eintritts an gerade ein Vierteljahr. Ich reiste langſam, wie es mir vorgeſchrieben war, hier⸗ her zurück, und bewohne nun mit jenem alten Die⸗ ner und einer erprobten Köchin dieß Haus, das freude⸗ los und öde geworden. Seit einem Monat bin ich nun wieder da, und dieß Schreiben, an dem ich nun ſchon manchen Mor⸗ gen geſchrieben, iſt außer den nothwendigen Briefen geſchäftlichen Inhalts das Erſte, welches ich in die Welt hinausſende. Von Peregretten weiß ich nichts. Während der Zeit meiner Rekonvalescenz habe ich mich an einen Freund gewendet, welcher in der Nähe von St. Petersburg eine chemiſche Fabrik beſitzt, und denſelben gebeten, unter dem Perſonal des deutſchen Theaters Nachforſchungen zu halten. Die Antwort, welche ich von ihm erhielt, verſicherte mich, daß er die Mitglieder der beſagten Bühne ſämmtlich per⸗ ſönlich kenne, daß indeſſen dermalen keine Dame dort zu finden ſei, in welcher er die Hausfrau eines. ſeiner Freunde zu erkennen im Stande wäre. 1 ——— — 203— Ich weiß nicht, ob dieſer Brief die reine Wahr⸗ heit enthielt, und ob nicht gleichzeitig mit meiner Anfrage auch eine freundliche Weiſung unſeres um ſeine Patienten treubeſorgten Direktors an meinen Adreſſaten ergangen war, welche ſeine korreſpon⸗ dirende Freundſchaft wohl beeinfluſſen mochte. Sei dem nun wie ihm wolle! Wenn ich auch in Stunden der verzweifelnden Erinnerung ſchon manchesmal meine Koffer auf's Neue zu packen be⸗ gonnen habe, die Ernüchterung kommt von Groll und Angſt herbeigeführt immer noch raſch genug, um mein Vorhaben wieder ſofort zu beſeitigen. Ja, wenn ich auch wüßte, wo ſie zur Stunde wäre, und wenn mir das wunde Herz darüber vergehen ſollte, ich würde ſie nicht mehr zu binden und zu halten ſuchen. Meine ganze Seele hängt noch an dem Weibe wie dazumal, als ich ſie zum erſten die meine nannte; aber mein Wille iſt müde geworden, todtmüde. Und wär' ich's auch im Stande, meine kriechende Energie zur alten Höhe aufzurichten, es könnte nicht lange währen, ſo würde ſie an der Betrachtung all' des Leides, welches jene Irrfahrt über mich gebracht, als⸗ bald wieder in ſich zuſammenſinken. Nein, nein, ich habe des laſtenden Elends die Fülle, und will es tragen wie ein Mann, aber ich will, ich will nicht 4— 204 wieder wie ein zweibeiniges Thier mit geweſenen Menſchen zuſammengeſperrt werden, um in jenen kühldurchwehten Gängen ſtumpf an allen edleren Sinnen die Brunnen des Vergeſſens rauſchen zu hören, und nach den Ländlern thorſinniger Seelſor⸗ ger zu tanzen. Ich will nicht! Nun könnt' ich zu Dir ſagen:„komm' zu mir, und hilf mir in Einſamkeit und Betrübniß mich wieder an das Leben gewöhnen!“ und meinen lan⸗ gen Brief ſchließen. Aber die Geſchichte iſt noch nicht zu Ende und ſoll auch nicht zu Ende ſein, da⸗ rum vernimm noch dieß Wenige. Ein Menſch, der aus einer Irrenanſtalt wieder in die Welt entlaſſen wird, hat unter der Geſellſchaft eine ähnliche Stellung, wie ein Zuchthäusler nach überſtandener Strafzeit. Auf der Gaſſe ſchon weiſen einem die kleinen Buben mit Fingern nach; tritt man wo in ein Zimmer, ſo ſtoßen ſich die Leute mit den Ellbogen, und zupfen ſich an den Falten und behandeln uns mit ängſtlicher Zuvorkommenheit und Beſorgniß, indem ſie recht theilnehmende einfältige Fragen ſtellen, auf die ſich die Antworten von ſelbſt verſtehen, oder indem ſie alles Werthvolle und Zer⸗ brechliche aus der Nähe unſerer Hände räumen in der Furcht, wir möchten dieſe Koſtbarkeiten unver⸗ ſehens durch die geſchloſſenen Fenſterſcheiben werfen. — 205— Wenn man dann fort iſt, geht das Geplauder wie ein Gebirgsbach aus aufgeriſſenen Schleuſen.„Er hat von jeher etwas Verrücktes an ſich gehabt,“ heißt es da,„und der Vetter, der mit ihm auf der Schule geweſen war, ſagte ſchon vor anderthalb Jahren, der Menſch ſei ein wahrer Narr; dann kamen die vielen Weiber und die ſchweren ausländiſchen Weine, bis die Geſchichte erſt recht umſchlug, und wer einmal ſo 'nen Hieb im Hirn ſitzen hat, an dem bleibt auch immer etwas mehr oder weniger haften, da macht man uns nichts weiß; ſehen Sie nur ſeine ſonder⸗ baren Manieren, ſeine ſteifen Haare, ſeinen ſtieren Blick. Ach der arme junge Menſch!“ Da ſind es nun gar wenige Leute, die's über ihr Herz bringen mit einem fortzuleben wie vordem, und als hätten der geſunde Sinn und die gute Freund⸗ ſchaft niemalen eine Unterbrechung erlitten. Aber wie ſehr man dieſe Wenigen zu ſchätzen ſich gezwun⸗ gen fühlt, wie gern in Dankbarkeit alle Gedanken bei dieſen lieben Menſchen einkehren, das weiß nur der, welcher ſo manchen alten Kameraden einen Um⸗ weg einſchlagen ſah, ſobald ihn dieſer aus der Ferne erblickt hatte. Ich hab' es bei meinem kurzen, durch geſchäft⸗ liche Liquidationen bedingten Aufenthalt in der Pro⸗ vinzialhauptſtadt, ich hab' es ſeit meinem noch ſo — — 206— ſehr zurückgezogenen Aufenthalt dahier oft genug bit⸗ ter empfinden müſſen, was es Trauriges an ſich hat: ein Narr geweſen zu ſein. Während ſich erprobte Freunde zurückzogen, während ſelbſt Diener und ſolche, die mir durch Wohlthaten zu großem Dank verpflichtet, ſich vor meiner Berührung ſcheuten, wer waren die Erſten, faſt möchte ich ſagen die einzigen, die mir hier wohl⸗ thuend, liebevoll entgegenkamen? Diejenigen, von welchen ich Schadenfreude oder doch kalte Härte erwarten mußte, Diejenigen, welche ich, wenn auch mehr aus Zufall oder Leichtſinn, als mit böſem Willen, gekränkt und durch öffentliches Aergerniß des Empfindlichſten beleidigt hatte. Auf die Kunde meiner bevorſtehenden Entlaſſung aus der Kreisirrenanſtalt war die Familie Püren hierher ge⸗ reist, und hatte trotz der vorgeſchrittenen Jahreszeit ein Haus gemiethet, um hier in dieſem kleinen ver⸗ gnügungsarmen Landſtädtlein ihren Winteraufenthalt zu nehmen. Gleich bei meiner Ankunft empfingen ſie mich mit ſo viel achtungsvoller Theilnahme, mit ſo edel zurückhaltender Herzlichkeit, daß ſie ein tiefgefühltes Bedürfniß meiner geknickten Seele auf's Schönſte befriedigten. Seitdem, wenn ich meine armgewordenen vier . Wände verlaſſe, geht mein Weg über die Straße nach dem Hauſe Püren. Wieder ſitz' ich heimliche Stunden lang bei Natalien und ihrer Mutter, und wir ſprechen von dieſem und jenem, von Politik und Landwirthſchaft, von alten Freunden und neuen Be⸗ kannten, und mir wird wohl dabei und ich fürchte den Schlag der Uhr, der mich wieder heimſchickt in die trübe Einſamkeit, 1 welche nur die quälend en Geiſter meiner Erinnerungen bevölkern. Dort aber bei Nata⸗ lien wird des vergangenen Verhältniſſes, dort wird des Bruchs, dort wird meiner Leiden keine Erwähnung gethan; den Namen Peregretta's hab' ich dort noch nie⸗ malen vernommen. Dann wird mir oft zu Muthe, als könnte gar Vieles wieder gut werden, ja zuweilen, als ſei ſchon Alles wieder ſo wie damals, da ich dieſe wei⸗ ßen, ſchmalen Finger küßte und die Frage der Ent⸗ ſcheidung in die geküßten Hände legte. Nur etwas älter ſind wir geworden, Natalie um drei bis vier Jahre etwa, ich um's Vierfache dieſer Zeit, die Mut⸗ ter ich weiß nicht um wieviel. Die gute Frau ſcheint mir etwas ſchwach ge⸗ worden zu ſein, ſie hat die alte aufdringliche Schwatz⸗ haftigkeit, die lebensſüchtige Munterkeit, ja ein gut Theil ihrer wohlerzogenen Steifheit verloren. Die Zügel des ganzen Hauſes führt Natalie mit autokra⸗ tiſchem Willen. Manchmal kommt der Bruder aus — 5 es — 208— der Garniſonsſtadt zum Beſuch, bringt auch etliche Kameraden oder alte Freunde ſeiner Familie mit. Sie Alle erweiſen mir die Ehren ungetrübter Ach⸗ tung und ritterlicher Gegenſeitigkeit, und in ihrem Kreiſe wiederfuhr mir's, daß ich lachen und munter ſein konnte, war's auch nur auf eine kurze Weile. Ein paarmal ſchon hat ſich's gefügt, daß ich ſtundenlang mit Natalien allein gelaſſen wurde. Dann gab' ein ſonderbares Geſpräch von gleichgül⸗ tigen Dingen, das oft unverſehens eine ernſte Wen⸗ dung nahm, und dann wieder plötzlich ſtockte, bis ein gleichgültiger Einfall, ein Quidproquo von geſtern den Bann löste, dem unſere Lippen, die ſich dereinſt in Liebe berührt, alsbald wieder verfielen. Wenn ich dann ſo da ſaß vor der ſchweigenden Jungfrau, die mit den Fingern der Rechten träume⸗ riſch über die Taſten des großen Flügels irrte, wäh⸗ rend ſie die Linke manchmal in meinen Händen ver⸗ gaß, oder es trübe lächelnd duldete, daß ich mit den langen, breiten Ringen ihres goldenen Haares ſpielte, dann ſagte ich zu mir ſelber:„Das Weib Deiner Leidenſchaft, dem Du Dein ganzes Leben geweiht, zu deſſen Füßen Du gebreitet hatteſt Dich ſelbſt und Alles, was Dein eigen war, das Weib, welches Dein Herz und Deine Liebe gekannt, wie keine Menſchen⸗ feele mehr, das hat Dich böswillig verlaſſen, um dem — 209 Dämon des Ruhmes nachzujagen, und weil ſie die Unruhe ihres dunkeln Herzens nicht an Deiner Seite ließ. Und als Du ihr nachſuchteſt Land auf, Land ab, wie der treue Hund, der ſeinen Herrn verloren, floh ſie vor Dir, wie vor einem Peiniger, einem Aus⸗ ſätzigen. Das herzloſe Beifallsgeräuſch einer täu⸗ ſchungsluſtigen Menge war ihr vollauf Erſatz. Sie lächelte ein vor dem Spiegel wohleinſtudirtes Lächeln, als Du mit den Qualen tiefſter, wahrſter Empfin⸗ dung rangſt. Sie hat Dich krank und grau und elend und wahnwitzig gemacht, und da die Schwere der Krankheit und der Hohn der Menſchen auf Dir laſtete, iſt ſie nicht heimgekehrt, um Dein Stab, Deine Stütze, Dein Troſt, Deine Erquickung zu ſein. Fern, unerreichbar ferne blieb ſie, ſich im lich⸗ ten Glanze ihres Künſtlerruhmes ſonnend, und ließ Dich im düſteren Schatten Deines verwaisten Her⸗ des allein. „Dieß Mädchen, dem Du Liebe geſchworen und nicht gehalten haſt, deſſen Herz Du zuerſt erweckt aus dem argloſen Schlafe der Kinderſpielzeit, und dann verlaſſen, gekränkt, beſchämt haſt; dem Du ein anderes Weib vorgezogen, welches Du auf der Straße gefunden hatteſt; dieß Mädchen, um das Du Dich nicht mehr gekümmert Jahre lang, und wäre es nur mit eines Auges Blick, dieß hat Dich geliebt durch 14 — 210— Trennung und Verlaſſenheit, dieß hing an Dir in den ſtolzen Jahren ihrer vielumfreiten Blüte, und, nun Dich Alles umgeht und Dich die Beſten fliehen, läßt es die Stadt und die gewohnten Freuden eines glänzenden, rauſchenden Winters, deſſen Feſtkönigin ſie ſein würde, um Dir, dem armen Kranken, die Hand zu reichen, um von Deiner Stirne die Run⸗ zeln der Trübſal zu ſcheuchen und die Furchen des Wahnſinns, dem Du um jener Andern willen ver⸗ fallen biſt.“ Schon war ich nahe daran, dieß ſchöne Weſen zu fragen, ob ſie's noch einmal mit mir wagen wollte, ob ihr der Mann meiner Schickſale noch ihrer Lieb' und Treue werth ſchiene; aber ich brachte das ent⸗ ſcheidende Wort nicht über die Zähne. Dieß reut mich faſt und ich laſſe vielleicht die nächſte Gelegen⸗ heit nicht abermals ungenützt dahinziehen. Ich weiß und kann mich täglich neuerdings überzeugen, daß Natalie nur auf mein erſtes Wort wartet, um mir an die Bruſt zu ſinken; die gerichtliche Löſung von meinem treuloſen Weibe kann bei vorliegender böslicher Verlaſſung keiner Beanſtandung unterliegen, und warum, warum ſoll ich mein Leben vertrauern in Einſamkeit wie ein Sünder, den die Marter ſeines Gewiſſens in ein Kloſter hetzt? Warum? weil mich ein Weib verlaſſen? Warum? da mir noch einmal das Leben und die Liebe winkt und ich noch einmal glücklich werden könnte? Aber mein Freund, es gibt Stunden, wo mich jede Falte eines Vorhangs, jedes Stäubchen auf dem Teppich, die Fußſtapfen im Schnee des Gartens, die leiſen Töne des eiſernen Windhahns auf dem Dache, das Klirren der Teller, das Kniſtern des Feuers, kurz Alles und Alles um mich her an die erinnert, die ich verlor. Dann ſteig' ich Nachts auf das flache Dach meines Hauſes, dann ſperr' ich mich tagelang in ihr Schlafzimmer ein, und ſage mir's vor: wie wenn ſie doch wiederkäme! Wohl mein' ich's dann zu fühlen, daß die alte Liebe nicht todt ſei, und daß ich Niemandem zu eigen bin als Peregretten. In ſolcher Stimmung habe ich auch dieſen Brief begonnen. Nun aber die Schuld, der Jammer und die Schickſale, welche ſeit ſechs Monden mich ver⸗ wandeln mußten, in Einer Folge an meinem Be⸗ wußtſein vorübergezogen ſind, nun denk' ich anders. Ich ſehe es Alles vor mir, was ich um des Weibes willen gelitten, und das ſchwere Theil meines eigenen Verſchuldens fliegt vor dieſer Laſt pfeilſchnell in die Höhe. Ich nenne den Reſt von Sehnſucht, der mir noch im Kern meines Herzens ſitzt, eitle Schwäche, Feigheit des Entſchluſſes. Ich will aufräumen da⸗ mit, ich will mich entſchließen. 14* Du aber haſt nun gehört, nun ſollſt Du kom⸗ men und ſehen, Du ſollſt wägen und prüfen, und dann ſagen, ob mein hinkender Verſtand noch den rechten Weg läuft, oder ob er abirrt vom Pfade des Erlaubten und Guten.— Zur Ergänzung der Geſchichte von Peregrettens Enteilen, wie auch damit Du wiſſeſt, was Natalie mir früher geweſen, leg' ich Dir einige von jenen Briefen im Original bei, welche ich vor meinem Ver⸗ lobungstag an die Püren geſchrieben, von jenen Brie⸗ fen, welche meine Frau am Tage nach unſerem nächt⸗ lichen Gelage in meiner Mappe gefunden. Eile Dich, ſpute Dich, Du biſt mir von Nöthen und ich harre Dein mit Schmerzen.“ —y— —4—— Als ich das letzte dieſer Blätter aus der Hand legte, waren die Kohlen in meinem Ofen verglüht, die Lampe herabgebrannt, und auf meiner Uhr ſchlug es ein Viertel nach Mitternacht. Es war ſehr kalt geworden in meiner Stube, und es fröſtelte mich an Leib und Seele. Zuerſt dachte ich daran, dem armen Freunde zu ſchreiben, was ich über ſeine Lage urthei⸗ len und rathen müßte; wenn mir aber dann die plötzliche Hinneigung zu Natalien in den Sinn kam, ſo entſchloß ich mich wieder anders. Entweder mußte Heinrich von dieſer ihn neuerdings ankränkelnden Neigung, die ich für keine lebensfähige, herzkräftige Leidenſchaft halten mochte, von Grund aus geheilt werden, oder ich mußte mich überzeugen, daß eine Heirath mit jener erſten Geliebten wirklich das ein⸗ zige Mittel ſei, dieß tiefgebeugte Menſchenherz noch einmal mit der Welt und ihrer ſittlichen Ord⸗ nung dauernd zu verſöhnen. Dieſe Natalie mußte ſich ſehr zu ihren Gunſten und noch mehr wider mein Erwarten entwickelt ha⸗ ben, wenn ſie das wirklich war, was die ſchmerzge⸗ trübten Augen meines Freundes in ihr erkennen zu müſſen meinten. Vielleicht auch waren die meinigen nicht ſo unparteiiſch als ich glaubte, und mehr von der reizvollen Erſcheinung Peregretten's beſtochen als ich ſelber wußte. Ich konnte lange keine Ruhe finden, und meine ſpäteren Träume zeigten mir die Zellen und den Garten der Kreisirrenanſtalt zu E. Als ich aber erwachte, ſtand der Entſchluß in meiner Seele feſt, den Bitten des Freundes nachzugeben, und ſein Ur⸗ theil durch augenſcheinliche Ueberzeugung zu bekräf⸗ etigen oder zu bewegen. Nach kurzen Stunden hatte ich Alles zu meiner Abreiſe vorbereitet, die dringen⸗ den Briefe und den Koffer beſorgt, und das nöthige Material zu den Arbeiten, in welchen ich gerade be⸗ ſchäftigt war, beigepackt. Eine geraume Zeit ſchon fuhr ich auf dem neuen Schienengeleiſe dahin; meine Gedanken flogen mit den Dampfwolken des wandernden Schlotes weit über's Land hin, der armen Seele entgegen, welche die Stunden zählte bis zu meiner Ankunft. Da fiel mir's ein, daß ich noch gar die beigelegten Briefe nicht geleſen hätte, welche Heinrich vor drei und vier Jahren oder etwas darüber an Natalien geſchrieben. Ich nahm einen nach dem andern aus meiner — 2170— 1 Brieftaſche und bat dieſe Geiſter entſchwundener Tage, mir auf der langen Fahrt die Zeit zu vertreiben. Beſonders die erſte Epiſtel ſchien an's Geleſen⸗ werden ſehr gewohnt zu ſein. Sie ſah aus wie die Fahne eines tapferen Regiments, das zu öfteren Ma⸗ len im Feuer geweſen. Das arme Papier war ge⸗ faltet, geknetet und ſo zerdrückt, als wär' es wieder⸗ holt ſo raſch als möglich in einer kleinen hohlen Hand verborgen worden; von der einen Seite ging ein Riß in die Schrift, der zu ſagen ſchien, daß ſchon einmal auch eine unbefugte Hand habſüchtig und neugierig nach ihm gegriffen. Der erſte Brief Heinrich's an Natalien. Am 30. Dezember 185.. „Es iſt früh am Morgen; kaum daß man zum Schreiben genug ſieht. Sie ſind wohl eben aufge⸗ ſtanden, und lachen aus Ihrem Nachthäubchen über irgend einen ſchlechten Witz Ihres jungen Brüderleins, das ſich auf ſein Frühſtück nur ſo ungezogen als möglich gedulden kann. Vielleicht auch ſtecken Sie Ihr halbverſchlafenes Köpflein aus dem vielumſchli⸗ chenen Fenſter Ihres Stübchens in die kalte Morgen⸗ luft, und denken an dieß und das, was Sie des Ta⸗ ges über anfangen wollen und was Sie des Nachts geträumt haben, an die Toilette für den Neujahrstag — 218— oder an die Lebkuchen vom letzten Weihnachtsbaum, an ein Kapitel aus Paul und Virginie, an Ihre Freundin Wilhelmine oder an Gott weiß wen oder was. Ich nun meinestheils ich denke an Sie, und vielleicht kommt Ihnen von ungefähr auch das in den Sinn. Wo ich aber an Sie denke, davon können Sie keine Idee haben, denn ich wüßte nicht, wie Sie darauf kommen wollten, daß man den verrück⸗ teſten Ihrer Verehrer in den Rathsthurm geſperrt hat.— „Nächtliche Laune, gute Geſellſchaft, mein ſchö⸗ nes, volltönendes Organ, der Schlaf meiner Mit⸗ bürger und die Entrüſtung einer hohen Obrigkeit, all' das hat ſo durch und aufeinander gewirkt, daß man mir eröffnet hat, mich zur Ausbildung meiner juriſtiſchen Gefühle viermal vierundzwanzig Stunden lang das pennſylvaniſche Syſtem koſten zu laſſen. „So ſitz' ich denn hier oben mit einem Paar mächtig dicker Bücher, und habe nebenbei Zeit genug, darüber nachzudenken, wie ſchön Sie ſind. In mei⸗ nem Grübeln und Träumen werd' ich durch Nieman⸗ den geſtört; denn um mich her iſt nichts Lebendiges außer einer kleinen Spinne, die ſich auf meiner Lek⸗ türe recht behaglich zu befinden ſcheint. Damit es in meinem ſchmuckloſen Aufenthaltsort heimlicher ſei, hab' ich ſo hoch als möglich an die kahle weiße Wand — — 219— mit meinem Rothſtift das Zauberwort Natalie ge⸗ ſchrieben, und ſodann aus der Schieblade meines Tiſches, in welcher außer Namen nichts enthalten war, ſämmtliche Züge und Arabesken ausgemerzt, um an ihrer Stelle eine einzige Hieroglyphe einzukerben. Meine Ausſicht geht weit hinaus über die ſchnee⸗ bedeckte Kugelhaide gegen Wellenburg zu, in weiter Ferne ſchließen die grauen, nebelnden Bäume einer Chauſſee meinen Horizont. Auf den Gaſſen vor mir regt ſich noch immer nicht viel, als höchſtens ein paar frühgeſchäftige Mägde und einige alte ſacht raſſelnde Fuhrmannskarren. Da ſieh!! Da ſteht ein Soldat bei ſeinem Schatz: ſie wünſchen ſich wohl guten Morgen. Jetzt küſſen ſie ſich gar; einmal— zwei⸗ mal— dreimal— viermal— noch einmal; ſie wähnen ſich unbelauſcht, denn ſie ahnen nicht, daß da oben am hohen Kerkerfenſter ein luſtiger einge⸗ ſperrter Vogel lehnt, der all' das verliebte Zeug mit anſieht und ſeine Freude daran hat. Was es das Volk gut hat! Weiß Gott, wenn ich Sie wieder⸗ ſeh'? Freilich iſt das eine viel andere Sache; die da drunten haben ſich beide lieb, wen aber Sie lieb haben, weiß ich nicht, werd' es auch ſchwerlich ſo bald erfahren; und wenn die da unten glücklich ſind, ſo iſt dabei gar keine Nothwendigkeit vorhanden, daß auch andere Menſchen es ſein müſſen; denn zwiſchen — 220— einem Korporal, der ſeinem Mädel den guten Mor⸗ gen wegküßt, und einem verliebten Staatsdiener, den man bald nach Beginn ſeiner Carrière in den Raths⸗ thurm geſteckt hat, iſt ein großer Unterſchied.— Jetzt geh'n die zwei dort unten auseinander; er bleibt an der Straßenecke wie gebannt, während ſie in ra⸗ ſchen Sätzen von dannen ſpringt, dazwiſchen aber immer wieder inne hält, um ihrem Schatz noch einen Gruß zuzunicken und noch einen. Nun iſt ſie um die letzte Ecke. Doch das iſt eine alte Geſchichte: „Keine Roſe, keine Nelke Kann blühen ſo ſchön, Als wenn zwei verliebte Herzen Bei einander thun ſtehn!“ Auf die Stelle aber, wo die zwei beiden geſtanden, ſetzt jetzt ein Holzhauer ſeine Säge und orgelt mit ihr in abſcheulichen Tönen, daß ich das Fenſter ſchließe und wieder zurückkehre zu meinen Thorheiten. Und iſt es nicht eine große Thorheit, Ihnen all' das tolle Zeug da zu ſchreiben? iſt es nicht noch eine viel größere Thorheit, einen langen Brief an Sie zu ſchreiben, den Sie doch niemals leſen dürfen? Aber da ich Sie nicht ſehen und ſprechen kann, ſo iſt mir's ein wohlthuendes Gefühl in meiner Einſamkeit, we⸗ nigſtens ſchriftlich ſo behaglich mit Ihnen zu plau⸗ dern. Und wenn Sie dieß Geſchreibſel auch nie zu „ ſ — — 221— Geſicht bekommen werden, ſo iſt mir doch jetzt, als hörten Sie allem dem zu, was mir einfällt, und lachten im Augenblick über den thörichten Menſchen, der ich bin. Wer weiß, vielleicht plagt ſie gerade der Hetſcher, oder es klingt Ihnen ſeit einigen Vier⸗ telſtunden ſchon in den kleinen Ohren. Sie ärgern ſich ſchrecklich, denn Sie haben ſchon die ganze Reihe Ihrer Polkamazurkatänzer durchgedacht, und das Klin⸗ gen hört nicht auf— da endlich beſinnen Sie ſich auf mich, alles Singen und Summen hat ein Ende, und nun ärgern Sie ſich erſt recht, daß eben kein Geſcheidterer an Sie ſo unverſchämt gedacht hat! Je nun! Vielleicht ſind Sie auch gerade bei guter Laune und laſſen es ſich lächelnd gefallen.— Wenn ich ſo in guten Stunden vergnügten Herzens bei Ihnen ſaß, meine verrückten Einfälle auskramend, und Sie mich anſahen mit Ihren klugen, lieben Augen, da dacht' ich mir oft im Stillen, Sie wären mir gut, und mein einfältiges Herz jubelte bei die⸗ ſem Gedanken. Wenn ich Sie ein andermal nach ausgerastem Tanze zu Ihrer Mutter zurückgebracht, die uns mit ſcherzenden Vorwürfen über unſere Aus⸗ gelaſſenheit empfangen; oder wenn ich Sie nach einer langen Oper, von Ihrer aufmerkſamen Köchin ge⸗ folgt, nach Hauſe geleitet hatte, dann träumt' ich wohl ſo Manches von einer ſchönen Zukunft und baute — 222— ragende Schlöſſer in die windige Luft. Und ſo geht's mir auch jetzt; hinausſchauend in das weite, ſchnee⸗ überlagerte Gefilde, denk' ich wie die Zeit vergeht. Noch ein paarmal wird der Frühling den Schnee ſchmelzen und hinterdrein wieder der Winter ſeine kalte Decke über's Land ausbreiten; dann ſeh' ich fernehin einen wohlgepackten Reiſeſchlitten fahren; die Peitſche knallt, die Schellen klingeln, und drinnen ſitzen, eng aneinander gedrückt, ein Männlein und ſein Weiblein. Der Wind pfeift luſtig vor ihnen her, und gute Geiſter folgen ſegnend ihrem Geleiſe. Nach langer Fahrt hält das Geſpann vor einem klei⸗ nen, traulichen Gehöfte, das glücklichen Frieden in ſich ſchließt. Und der Mann ſchwingt ſeine ſchöne Genoſſin aus dem Schlitten und führt ſie mit koſen⸗ den Armen in ſein beſcheidenes Haus.———— u Trotz ſeines ſelbſtausgeſprochenen Bedünkens ſcheint dieſer Brief, wie die Folge lehret, denn doch in die ſchönen Hände gelangt zu ſein, auf welche während des Schreibens in gutem oder böſem Glau⸗ ben verzichtet worden. War's Zufall, war's Abſicht, wer weiß es und was thut es auch zur Sache. Zwi⸗ ſchen dieſem erſten und dem folgenden Briefe, der ein weit ſpäteres Datum trägt und eine andere Sprache ſpricht, mag ein ganzer Frühlingsſturm von Worten und Küſſen, Blicken und Seufzern über zwei jungen Seelen ausgeſchmollt und ausgegrollt haben. Er ſcheint nach einer jener verzweifelnden Kaffeeviſiten geſchrieben zu ſein, welche Dank den unvergleichlichen Phariſäerſitten des neunzehnten Jahrhunderts ein nicht offizieller Liebhaber zuweilen zu machen genö⸗ thigt iſt, wenn er nach langem Harren und Hoffen endlich einmal„aus Zufall“ Diejenige von Angeſicht zu Angeſicht eine gute Stunde lang betrachten und beſchwatzen will, die ihm, gäb's keinen Zufall, keinen Kaffee und keine alten Weiber, viel lieber um den Hals fallen würde. Doch das iſt der Lauf der Welt und hier folgt 4 1 — 224— Ein zweiter Zrief Heinrich's an Uatalien. 13. Mai 185. Abends 9 Uhr. „Wenn's nicht ſo ärgerlich wäre, ſo könnte man darüber lachen, wie einer einen lieben Nachmittag lang in Gottes Namen dergleichen thut, als unter— hielte es ſich auf's Köſtlichſte mit einer guten, aber höchſt langweiligen Frau Mama, mit einem ditto Fräulein Tochter, mit einem Paar koquetter alter Jungfern und einem polternden friſchgemachten Herrn Lieutenant Sohn— alles um endlich, endlich auf dem Heimweg ein kurzes Viertelſtündchen mit ſeinem herzigen Schatz plaudern zu dürfen— und dann kommt ein ſehr ehrenwerther Herr Vormund„in den beſten Jahren“ daher, der bei ſeinem Sonntags⸗ kränzchen⸗Diner im chineſiſchen Hof zu viel„grand vin royal“ genoſſen hat, und nachdem der alte Junggeſelle ſämmtlichen Unſinn, den er über Tiſch nicht hat loswerden können, uns geduldigen Kindern vorgeſchwatzt hat, nimmt er meine Natalie unter den väterlich befreundeten Schutz und Schirm und ich habe das einſame Nachſehen durch Regen. Und gerade heute hätten wir uns ſo viel zu. ſagen und zu fragen gehabt, wenigſtens ich zu Dir. So weiß ich nun Nichts, als was Du mir flüchtig zuraunen konnteſt, daß Du wieder einmal um meinet⸗ willen haſt weinen müſſen. Jedes Thränlein, das — 225— um meinetwillen aus Deinen ſchönen Augen geht, es fällt mir heiß und quälend in die Seele, obſchon ich weiß, daß es ohne Leid nun einmal nicht abgeht, wenn ſich zwei ſo recht von Herzen lieb haben auf dieſer Erde. Laß ihnen ihre Art, ſie können's doch nicht än⸗ dern, und tröſte Dich, liebes Herz. Schau' um Dich, wie jetzt Alles rund herum grünt und blühet in der ſchönen Herrgottswelt, und denke Der, welcher den Frühling ſchickt, er hütet auch unſer junges Glück und wird es blühen und grünen laſſen, wenn ſein Frühling gekommen. Hör' ich jetzt Morgens die Vögel ſingen, dann denk' ich immer: nun treibt auch jener alte Baum in der Lindenauer Schießſtätte wieder, darunter Du mir zum erſten Mal geſagt, daß Du mich lieb haſt. Weißt Du's noch?— Gott ſegne den Baum und jene Beiden, die einſt ſo bis in die Seelen vergnügt unter ſeinen rauſchenden Zweigen geſeſſen. Gib' wohl Acht, daß ich Dich bald wiederſeh'. Und nun gute, gute Nacht, mein Lieb'. Ich will ausgehen und noch eins auf Deine Geſundheit trin⸗ ken, damit Du beſſer ſchläfſt heute Nacht. Du ſollſt nicht weinen, Natalie, ich bitte Dich, und wenn Du dieß lieſeſt, ſo denk, ich küſſe Dir die treuen Augen.“ 1⁵ ———— geſagt, daß er längere Zeit vor der proſaiſchen Ge— wöhnlichkeit einer förmlichen Verlobung ſo entſchie⸗ denen Widerwillen gehegt habe, daß er ſich trotz der Bitten ſeiner Verehrten nicht dazu entſchließen mochte. Da ihn nun deren Familie, um ſo mehr, als Hein⸗ rich in ganz unabhängigen Verhältniſſen lebte, für einen Allerweltscourmacher ohne ehrliche Abſichten halten mochte, ſo werden die Thränen, deren der Brief Erwähnung thut, von jenen Tiſch⸗ und Bett⸗ reden ausgepreßt worden ſein, durch welche Frau von Püren mit Hülfe einer rath⸗ und beiſtandſchenkenden Vettern⸗ und Baſenſchaft ihr gehorſames Töchterlein von dem Manne ihres Wohlgefallens loszulöſen ver⸗ ſuchte. Der dritte Brief, welcher mir mitgetheilt wurde, folgte raſch auf den zweiten, raſch auf ihn folgte Heinrich's endgültiger Entſchluß, in aller Form Rechtens um Nataliens Hand anzuhalten. Wie wir bereits aus dem Vorhererzählten wiſſen, erwies jene Abneigung, welche Heinrich inſtinktiv vor allem her⸗ gebrachten Formenweſen für Liebesſachen abhielt, ihre nachgehende Berechtigung in dem raſchen Umſchwung, Wie ich mich erinnere, hatte mir mein Freund⸗ auf welchen, mißſtimmt von den kleinen Lächerlich⸗ keiten der Alltäglichkeit, Herz und Seele meines Freundes ſich begaben. Ein dritter Zrief Heinrichs an Natalien. „30. Mai. „Wär' ich anders, als ich nun einmal bin, ich würde wohl heut' aus Herzenskräften mit Dir ſchmol⸗ len und mich mit dem Gedanken quälen: Sie hat Dich belogen und betrogen; ſie hat Dich nie geliebt, wenn ſie Dir's auch hundertmal mit Worten und Blicken glauben gemacht, und Du warſt ein Narr und das ein recht verblendeter, blinder, wenn Du Dir einbilden konnteſt, die Natalie wäre ein anderes Stück Mädel denn die übrigen u. ſ. w.— Ich aber denke von Dieſem und Aehnlichem gar nichts; ja, ich will Dir nur geſtehen,— was Du kaum erwar⸗ ten wirſt— daß ich geſtern an der Betrübniß un⸗ ſerer Unterhaltung eben ſo viel ſchuld war, als Du, ja noch etwas ſchuldiger. Mein ganzer Kopf ſteckt ſeit etlichen Wochen in Ausgleichungen und Geſchäft⸗ lichkeiten, die mir ihrer ganzen Art nach wie im Einzelnen von Grund auf zuwider ſind, und dennoch ihrer Nothwendigkeit halber meine ganze Vorſtellungs⸗ kraft beherrſchen. So kommt's, daß ich des Abends nicht immer jene Ruhe des Geiſtes bewahrt habe, 15 ͤſͤſſſſſſ— — 228— mit der man eine an und für ſich unſchuldige Laune auslachen ſoll, wie Deine geſtrige war. Freilich wäre es beſſer, wenn die Menſchen, die man ſö ſehr lieb hat, gar keine Launen beſäßen— aber ich weiß, daß wir nun einmal alleſammt nicht ohne Fehler ſind; ich weiß, daß Kinder Launen haben, und mein ſchö⸗ nes Kind hat eben deren auch zuweilen, wenn auch Gottlob nur ſelten! Ein altes Sprichwort ſagt: „Was ſich liebt, das neckt ſich,“ und Du haft dem— ſelben jüngſt alle Ehren angedeihen laſſen. Aber offen geſtanden, ich halte die gar zu genaue Befol⸗ gung dieſer Regel für falſch. Ich glaube feſt, daß es gar nicht nothwendig iſt, daß ſich die Leute ihre Liebe dadurch beweiſen, daß ſie ſich bei Tage die gute Laune mit dem geſunden Appetit und zu Nacht den Schlaf verderben; ja ich weiß, ich weiß es ganz genau, daß man ſich aus tiefſtem Herzen lieb haben kann und doch nichts zu thun braucht, was den An⸗ dern ſchmerzt, nichts zu unterlaſſen, was ihm wahre Freude macht. Liebe Natalie, unſer Leben auf Erden iſt ſo gar viel zu kurz gemeſſen, als daß zwei Lie⸗ bende Zeit genug hätten, auch nur Ein Viertelſtünd⸗ lein mit Schmollen oder Zanken zu verderben, zu vergeuden. Nein, nein, ſie ſollen ſich lieb haben aus allen ihren Herzenskräften, und feſt aneinander halten im Bewußtſein ihres gegenſeitigen Werthes, ſo lange — ů ſie ſich nur halten können. Es kommt ein Tag über kurz oder lang, da ſitzt der Eine auf dem friſchgrü⸗ nenden Hügel, die Augen ſind ihm verweint und die Stimme gar heiſer vor Schluchzen, und er fährt mit fühlenden Fingern die Buchſtaben des geliebten Na⸗ mens nach, die ein Meißel von vorgeſtern in den harten Marmelſtein gefurcht. Er hört die Grillen zirpen im hohen Kirchhofgras, und er möchte gern wiſſen, ob die Grillen auch unſterblich ſind, und ob ſie ſich wiederfinden werden, wenn ſie der nächſte Winter erſt verſchneit hat, wiederfinden werden in einem Sommer ohne Ende, im vierblättrigen Klee einer andern Welt, den ein duftiger Thau benetzt, darin ſie dann alle die Freuden nachzirpen können, welche ſie heuer verſäumten zwiſchen irdiſchem Gras und Kraut. Er glaubt es nicht, daß die Grillen unſterblich ſind, und wieder fängt er an bitterlich zu weinen und beklagt ſich um jedes Tröpflein guter Zeit, das er im eitlen Zorn vergeudet, das hinaus geronnen ohne Liebesglück. Ja ſelbſt die Ewigkeit, kann ſie einen verlorenen Augenblick wiedergeben? Wir nun, gute Natalie, die wir zwei kluge Leute ſind, wir wollen unſere Zeit gut anwenden und uns ehrlich lieb haben alle Tage und Stunden und Mi⸗ nuten, die uns gegönnt ſind; zwiſchen unſeren See⸗ len ſoll nichts ſein, worüber wir mit einander ver⸗ — 230— drießlich thun möchten, und käme ja einmal derglei⸗ chen uns an: weg damit im Augenblick! Du und ich und ich und Du, und ſonſt Niemand mehr auf der Welt! Laſſe mir die Tanten und die Muhmen aus dem Spiele; ſie haben Dir,ſo lange an den blonden Zöpfchen geflochten, bis ſie Dir den Kopf verdreht, und nun weißt Du ſelber nicht mehr, was Du thun und laſſen willſt, und thuſt am Ende, was Dich bald und bitterlich gereut. Ich habe es ſelber in letzter Zeit mehr denn einmal verſucht und habe einen Anlauf genommen, von Dir zu laſſen. Allein wenn ich nur erſt einmal das Geſicht abgewandt hatte, die Füße machten bald wieder Kehrt. Ich glaube, wenn ich drei Jahre im Grabe gelegen wäre, und es weckte mich einer wieder auf, ich hätte wohl vergeſſen, wie Vater und Mutter geheißen, nicht aber die Liebe zu Dir. Wär' ich ein Soldat und der Feind trüge Dein Bildniß auf ſeinen Fahnen, ich würde ſie alle erbeuten oder von der meinigen flüchtig werden. Ich hab's erprobt, daß ich nicht ohne Dich leben kann, und ſo mag ich's auch gar nicht länger verſuchen und will in den ſauren Brei beißen, der um das Schlaraffenland meiner Liebe aufgemauert iſt. Ich meine, ich will einen ſchwarzen Frack und gelbe Glacéhandſchuhe anziehen, ich will Bücklinge machen und Geſichter ſchneiden, ich will Deine Mut⸗ — 231— ter um das auf's Unterthänigſte bitten, was Du mir ſelbſt ſchon längſt gewährt haſt, ich will Deine On⸗ kels und Baſen demüthigſt anflehen, mir ihren Bei⸗ ſtand um Gotteswillen in einer Sache nicht zu ver⸗ ſagen, die ſie ſo wenig angeht wie meines ſeligen Urgroßvaters Schnupfen. Mit Einem Wort, ich will um Dich anhalten und die Bedenklichkeiten dagegen anhören, würdigen und überlegen, und Dein Ver⸗ lobter und Bräutigam werden, damit ich in fünf Monaten Dein Mann und Du mein Weib ſein kannſt. Offen geſtanden, ich zöge es lieber vor, Deine Onkel und Vettern zu prügeln, und Deinen Muh⸗ men und Tanten Salz in den Kaffee zu ſtreuen, als ihnen um den Bart zu gehen, ihren Tabak zu loben und ihre Schooßhunde hinter den Ohren zu krauen. Allein es muß ſein; ſo ſei es denn. Der iſt ein Thor, der die Sippſchaft ſeiner Liebſten ärgert, und ich kannte einen ſolchen, mir ein Beiſpiel dran zu nehmen. Ich will nicht handeln als ein Thörichter, ich will ſie ſtreicheln, wenn ſie mich ſchimpfen, und mich in ſie verlieben, wenn ſie die Naſen rümpfen. Da⸗ rum trockne Deine Augen, in acht Tagen kann Deine Mama die lithographirten Verlobungsanzeigen cachet⸗ tiren, und Alles iſt in Ordnung und nach Herkom⸗ men und Sitte. — 232— Der Mond geht auf gegenüber meinem Fenſter, er ſchaut mich an und bewundert einen Entſchloſſe⸗ nen.„Junggeſelle geweſen!“ ſei's drum! Schlaf' wohl, Natalie, alle meine Gedanken ſind bei Dir.“ — 233— Dieß waren die Briefe, welche dem Schreiben meines Freundes beigelegt waren. Ihr Inhalt hatte mich überraſcht, denn nimmer hatte ich gedacht, daß Heinrich's Beziehungen zu Natalien ſo inniger, ver⸗ trauter Art geweſen wären. Als ich bei Heinrich's Hof endlich eine Stunde vor Mitternacht anlangte, bellten mir zwei rieſige Köter entgegen, welche beim Herannahen eines jeden Fremden ihre laute Entrüſtung vernehmen ließen. Der alte Diener kam an's Gitter, welcher mich vor etwa ſieben Monaten im Garten ertappt hatte, wie ich entzückt auf die Stimme ſeiner Herrin gehorcht. Er erkannte mich ſofort und bat mich einzutreten, der Herr ſei nicht zu Hauſe, ſondern ausgebeten, habe aber Befehl gegeben ihn heimzuholen, wenn ich er⸗ ſchiene. Ich machte mir's bequem auf meiner Stube und ließ mich dann in's Speiſezimmer hinabführen. Es ſah Alles aus wie dazumal, nur daß die Fenſter dicht verſchloſſen waren, und in einem mächtigen Kamin ein knatterndes Feuer loderte. Durch den Epheu an der Wand ſchien hie und da im Wiederſpiel der — 234— Flamme ein leiſes Bewegen zu gehen. Die beiden Lampen brannten, Spiegel und Bild ſahen ſich ein⸗ ander an wie früher; auf dem einen Tiſch ſtand eine Abendmahlzeit bereit, auf dem andern waren Bücher aufgeſtellt und aufgeſchlagen vom ſelben Einband, wie ich ſie vordem geſehen. Ich las an ihren Rücken die Namen Leſſing, Schlegel, Viſcher, Gervinus, Ul⸗ rici, Devrient, Dingelſtedt u. A. In der Ecke des Sophas lag ein offenes Buch mit vielen Merkzeichen beſteckt und mit Papier durchſchoſſen. Dichter Staub lag auf ſeinen Blättern; doch erkannte ich es als ein Exemplar des Othello. Es währte nicht lange, ſo trat Heinrich haſtig in's Zimmer und ſtreckte mir zitternd vor Schmerz und Freude beide Hände entgegen. Er drückte ſein Geſicht auf meine Achſel, während er mir mit der flachen Hand leiſe die Schulter klopfte; ſo blieb er ſchweigſam eine kleine Weile, bis er ſich aufraffte und mich neben ſich auf das Sopha bat. Jetzt erſt konnte ich beim Scheine der Lampe ſeine Züge genauer be⸗ trachten. Ich fand ihn wirklich ſehr verändert. Ueber ſeine Wangen wie um die Mundwinkel liefen kleine, ſcharfe, tiefe Züge, die ich vorher nie an ihm bemerkt zu haben mich entſann. Seine Augen hatten unſtä⸗ ten Gang, und das braune Haar war an den Schlä⸗ fen merklich mit grauem und weißem untermiſcht. V — 235— „Es iſt mir recht ſchlimm ergangen, lieber Al⸗ ter,“ ſagte er, indem er eine Flaſche entkorkte,„recht ſchlimm, ſeit wir uns das letzte Mal geſehen. Wer hätt' es damals gedacht!“ Darauf brach er ab und erging ſich in einem ſachverſtändigen Geſpräch über die jahreszeitgemäßen Eßwaaren und den Mangel an gelegentlichen Bei⸗ ſchaffungsmitteln. Er ſprach richtig und verſtändlich, aber ohne die leuchtende Freude des Feinſchmeckers, die einſt ſeine Züge ſo munter belebt hatte. Er ſprach, wie ein Blinder ſpricht, was man ihn von den Farben gelehrt hat, und es ſchien mir, als habe er abſichtlich dieſes Geſpräch mit Mühe herbeigezo⸗ gen, um nicht gleich am erſten Abend der Geduld eines Freundes ein Opfer abzudringen. Nur einmal und kurz vor Schlafenszeit befiel ihn die Erinnerung der Vergangenheit. Er war meinen Augen gefolgt, die auf dem Bilde über dem Sopha, der genannten Kopie Rembrandt's, haften geblieben waren. „Ja, ja,“ ſagte er, mit dem Haupte nickend, nich habe es gar lange nicht begriffen, was der Ma⸗ ler dargeſtellt mit ſeinem ſchreienden Neſtquak, der die Früchte dieſer Erde krampfhaft in den Fingern preßt, und nicht laſſen will von ſeinem vertrauten Naſchwerk und ſeinen alltäglichen Spielen, und den — 236— Umarmungen ſeiner Lieben und den übrigen Gewohn⸗ heiten des Daſeins. Weinen und bittere Angſt, Sträuben mit Händen und Füßen, aber es hilft nichts, der gewaltige Aar des begehrenden Zeus, der ihn überſchattet, hält ihn in unwiderſtehlichen Fän⸗ gen gepackt, er iſt unerbittlich, unbeſtechlich. Er muß aufwärts, es hilft kein Widerſtreben. Wen der Gott des Donners und der Blitze zu ſeinem Liebling er⸗ koren hat und zum Genoſſen heiſcht, des irdiſch Theil mag ſich wehren wie es will; ſeine Heimat iſt jen⸗ ſeits der Wolken, er muß hinauf, die ſcharfklauigen Griffe des Adlers ſorgen dafür. Bei Nektar und Ambroſia kann er ſeiner Kirſchen ſich entwöhnen.“ „So ſchaudert der Gottbegabte, der Liebling der Unſterblichen, er möchte ein Menſch bleiben zu an⸗ 3 deren Menſchen, und Menſchen lieben und von ihnen geliebt werden wie andere; er möchte thun und trei⸗ ben und ſpielen und ſich nähren wie ſeinesgleichen. Aber er hat nicht ſeinesgleichen, und ob ſein irdiſch Theil ſich ſträubt mit Händen und Füßen, mit Heu⸗ len und Zähneklappern, er kann dem übermächtigen Raubvogel nicht widerſtehen, der ihn von dannen hebt über die Häupter geſellig wohnender Menſchen, 4 hinan, hinan zu den Füßen des Olympiers. Mächtig tief ſchlagen ſeine Krallen— die nagende Sehnſucht des ſchöpfungsbrünſtigen Geiſtes; die Luft unſeres — 237— Athmens erſchütternd, ſinnebetäubend, himmelhoch⸗ tragend rauſchen ſeine Rieſenfittige— die adlerdun⸗ keln Schwingen der Phantaſie. Auch ſie hat ſie empfinden müſſen, empfinden müſſen tief und ſchmerzlich die Uebergewalt des Götteraars; o gewiß ſie wäre gerne geblieben, mir den Lieblingswein zu ſchenken an der traulichen Flamme des Herdes, und meine Küſſe zu vergelten mit treuer Hingebung; ich weiß, ſie hat ſich gewehrt aus allen Leibeskräften, und geklagt und gejammert wie ein geſtohlenes Kind. Aber es war keine Rettung, da die oberen Mächte mit eherner Stimme befahlen, und ich ſtand weinend und rufend auf dem Erdboden, die verlangenden Hände ausſtreckend in die räuberiſche Luft, und ich ſah ſie verſchwinden in den Wolken über meinem Haupte; doch ſah ich immer, immer ihr nach, bis ich nichts mehr ſah, und meine überſpannten Augen die Kraft der Unterſcheidung verloren, und für das richtige Maß der Dinge um ſie her erblindeten.“ „Es iſt eine grauſame Allegorie das, aber ſie taugt nicht zum Nachtiſch und am wenigſten, wenn man einen Tag lang auf Eiſenbahnen und Poſtkut⸗ ſchen geſchaukelt worden iſt. Ich kenne dieſe Annehm⸗ lichkeiten, drum laß' uns für heute das Geſpräch un⸗ terbrechen und uns ſchlafen legen bis auf den andern Tag.“ Damit drängte er zu Bett. Am anderen Tag aber ſchien der ergebene Geiſt, welcher ihm geſtern die allegoriſche Deutung ſeines Ganymed eingeflüſtert hatte, weit von ihm gewichen. Er ſchlug ſeine Käſten auf und zu, muſterte ſeine Koffer und ſchüttelte ſeine Pelze. Dabei fluchte er und verſchwor ſich, wie er dieß und das thun wollte, wenn er Peregretten ereilt haben würde. Es war offenbar, daß er ſich alles Ernſtes mit Reiſeplänen trug. Während des Mittageſſens gingen aber auch dieſe dahin; er verſank in elegiſche Wehmuth, klagte das Schickſal ſeines Lebens an, und erzählte mir mit vielen Abſchweifungen die Geſchichte der letzten ſieben Monate noch einmal. Mit dem Ende derſelben wa⸗ ren ſeine Gedanken auch wieder bei Natalien ange⸗ langt und er fand mit ſichtlichem Vergnügen, daß die gewohnte Stunde ſeines tagtäglichen Veſuches gekommen ſei. Er bat mich ihn zu begleiten, wozu ich mich ſofort verſtand. Bald darauf ſaß ich zwiſchen Nata⸗ lien und ihrer Mutter, und unterhielt mich auf's Eingehendſte und Sachverſtändigſte über dieß und jenes, über die Manufakturen der Umgegend, über die verſchiedenen Eigenſchaften von Surinam und Mokka, über deutſche Sprüchwörter und engliſches Pflaſter. — — 239— Das Haus, welches die Familie von Püren ge⸗ miethet hatte, lag dem Gehöfte meines Freundes ſchräge gegenüber, von der Eingangsthüre aus, die auf die große Fahrſtraße ging, konnte man Heinrich's Dach wohl noch mit einem kräftigen Steinwurf er⸗ reichen. Die Zimmer ſtanden ſehr einfach aber ge⸗ ſchmackvoll ausgerüſtet, insbeſondere war die Geſell⸗ ſchaftsſtube ſo recht heimlich beſtellt und mit einem unvergleichlichen Schmollwinkel ausgeſtattet, von deſ⸗ ſen engen Sophas aus man den ſchönſten Theil der jetzt verſchneiten Gegend, auch die Wohnung meines Freundes, ohne nur den Kopf recken zu müſſen, mit den Augen beſtreichen konnte. Die alte von Püren, der das Sprechen auf die Dauer nicht wohl bekam, hatte wirklich die Zügel der Hausregierung in ihrer Tochter ſchöne Hände gelegt, und dieſe führte die⸗ ſelben mit der Anmuth und der Würde einer gebo⸗ renen Hausfrau. In der That mußte ich bald Heinrich's Urtheil über Natalien zu dem meinigen machen. Ja, ich darf geſtehen, daß es in manchen Stücken noch zu gering gelautet hatte. So war ihr Geſicht entſchie⸗ den ſchöner als das Peregrettens, deren unregelmä⸗ ßige etwas breite Züge mehr durch jenen zauberiſchen Glanz des alle Poren durchſchimmernden Geiſtes, durch ihre leuchtende Lebendigkeit, durch die Schärfe — 240 der Charakteriſtik, als durch die reine Anmuth der Linien entzückten. Jene aber zeigte ein Profil von ſeltenem Adel, eine ungemein zarte, mit leiſer Roſen⸗ röthe überhauchte Haut, und ihre blonden Haare, die ſie nach Art der engliſchen Schönheiten in wenigen, langen, dichten Ringlocken herabfallen ließ, hatten den dunkelgoldigen Glanz, welchen wir auf den Bil⸗ dern der Venetianer bewundern. Ihr Auge war nicht groß, und ihre Blicke langſam und meiſt nie⸗ derwärts geſenkt. Von dem verlegen vorlauten We⸗ ſen ihrer grünen Mädchenzeit hatte ſie kein Wort und keine Bewegung erhalten. All' ihr Thun und Laſſen ſchien von einem einzigen ſtillverſchwiegenen Wollen diktirt. Wahrlich nimmerdar hätt' ich, ohne es zu wiſſen, in dieſer ſchönen Entfaltung die farb⸗ und duftarme Knospe wieder erkannt, welche vor vier oder fünf Jahren in der Pflege mütterlicher Obhut zu blühen beginnen durfte. So hoch ich Peregretten ſchätzen gelernt hatte, ſo brauchte ich doch nur das frühgealterte Geſicht, nur die von der Laſt ſeiner Erfahrung gedrückte Ge⸗ ſtalt meines einſt ſo ſtattlichen, ja auf ſeine äußere Erſcheinung nicht wenig eitlen Freundes zu betrach⸗ ten, um ihr Gedächtniß mit einer großen Schuld zu verfinſtern. Die gerichtliche Scheidung bei vorwal⸗ tenden Umſtänden in's Werk ſetzen und durchführen ————————— — 241— zu laſſen, konnte keinen Schwierigkeiten obliegen. Natalie ſchien die würdigſte Frau für einen braven Mann, und mit dem beſten Willen auch alle Fähig⸗ keiten zu beſitzen, glücklich machen und glücklich ſein zu können. Trotzdem that ich Alles, um einen end⸗ gültigen Entſchluß meines Freundes noch zu verzö⸗ gern. Denn nicht nur, daß ich ihn vor einer Ueber⸗ eilung zu bewahren ſuchen mußte, es ſchien mir auch, als ſei eine Verbindung mit Heinrich für Na⸗ talien eine gewagte Sache. Noch wußte ich immer nicht, war ihr offenbares Bemühen, ſ ſeine Hand zu gewinnen, wirklich von wahrer, ver⸗ langender Seelenhingebung oder doch mehr von jenem Eigenſinn weiblicher Eitelkeit eingegeben, der einen einmal ſchon Verlorenen neuerdings in Pflicht zu feſſeln willens iſt. Zuweilen ſchien mir's auch, als ſei Heinrich's Neigung zu ihr nicht die wiedererwachte Liebe aus vergangener Zeit, ſondern ein krampfhaftes Erfaſſen ſeines zermarterten Weſens. Wie ein von den Wellen Getriebener den nächſten Baum, der ihm ſeine Zweige in die eilende Flut hülfreich entgegen⸗ ſtreckt, erhaſcht und ihn nicht laſſen will, bis er an's Land gerettet iſt, oder auch jenen entwurzelt und mit ſich in's Verderben geriſſen hat, ſo ſchien ſich Hein⸗ rich mit Gewalt an Natalien zu klammern, damit der Kummer ſeines Herzens und die Angſt ſeines 16 ein Herz und — 242— Hauptes ihn nicht dahinriſſen in Trübſinn und Ver⸗ zweiflung. Sein Herz hatte, ſeit es von Peregretten verwöhnt war, das Bedürfniß zu lieben, Peregretta aber durfte ihm ſeiner Liebe nicht mehr würdig däu⸗ chen, während ſelbſt ein mäkelnder Forſcher in Nah und Ferne kein liebenswertheres Weſen entdecken konnte, als Natalie war. So verſuchte denn Hein⸗ rich ſich in dieſe Neigung zu ſtürzen wie in einen Rauſch, wie Andere in toſende Vergnügungen, in aufreibende Arbeiten ſich werfen, um zu ver⸗ geſſen, was vordem geweſen. Er beſchäftigte ſich mit Natalien, um nicht an Peregretten zu denken, und merkte dabei nicht, daß er nichts Anderes im Schilde führte, als gerade dieſer Verlorenen und der nimmerſatten Leidenſchaft zu ihr jene Wiedergefundene zum Opfer zu bringen. Denn konnte Heinrich ver⸗ geſſen, was die letzten drei Jahre mit tauſend und abertauſend unaustilgbaren Zügen ſeinem Herzen ein⸗ gegraben hatten? Natalie war ein Muſter von Häus⸗ lichkeit und dabei eine Meiſterin in der Kunſt zu ge⸗ fallen; wer aber bürgte dafür, daß dieſer Mann mit demſelben Herzen in den düſtern Stunden, die da kommen mußten, auch ein Auge haben werde, das da bemerken wollte, was gefallen ſollte? Wußte ſie, wo das Kräutlein Vergeſſenheit wächst, um ihrem Tiſchgenoſſen das Mahl zu würzen, wenn es der ¹ — 243— Nachgeſchmack verwichener Freuden zu verbittern drohte? War dieß der Gatte für dieß Weib? Wochen waren ſo vergangen, und mein noth⸗ wendiger Wunſch, einmal mich mit Natalien unter vier Augen zu beſprechen, hatte ſich nicht erfüllen laſſen. Da geſchah's eines Tags, daß Heinrich in Wirthſchafts⸗- und Rechnungsangelegenheiten über Gewohnheit lange daheim gehalten wurde, und er deßhalb in meinen Vorſchlag, allein vorauszugehen und ſeine Verzögerung bei Pürens zu entſchuldigen, einwilligte. Ich fand die beiden Damen über einem friſch angekommenen Briefe. Um dieſen mit wenigen kur⸗ zen Zeilen zu beantworten, bat die gnädige Frau für eine kleine Weile ihre Abweſenheit zu entſchuldigen. Natalie ergriff das Wort und ſprach: „Mein Bruder benachrichtigt uns eben, daß er für die nächſten ſechs Wochen Urlaub erhalten hat und denſelben in unſerer Häuslichkeit verbringen wird.“ „Sie ſcheinen nicht ſehr erfreut darüber,“ erlaubte ich mir zu bemerken. „O doch!“ war ihre Antwort.„Es iſt nur chlimme Ge⸗ Schade, daß mein guter Bruder die ſ wohnheit beſitzt, nie allein zu uns herauszufinden. Es hat den Anſchein, daß er ſich auf dem ein⸗ 16* — 244— ſamen Ritt all' zu ſehr zu langweilen fürchtet, ſo kommt's denn, daß, wenn wir das Vergnügen ſeiner Anweſenheit genießen, unſer friedliches Haus immer mehr einer kleinen Kaſerne gleicht. Dießmal iſt's zwar lediglich ein einziger Kamerad, der ihm das Geleite gibt, aber ich kann Sie verſichern, daß mir eben der Eine ungelegener kommt, als müßten wir den ganzen Stab ſeiner Garniſon in Koſt und Pflege nehmen.“ „Macht denn dieſer Begleiter gar ſo große An⸗ ſprüche?“ fragte ich. „Wie man's eben nimmt,“ fuhr ſie fort.„Es iſt ein ganz beſcheidenes, zuvorkommendes, ja liebens⸗ würdiges Ungethüm, und um wenig ſchlimmer oder zahmer als ſeine Kameradſchaft. Offen geſtanden, ich ſehe ihn anderswo gar nicht ungern in meiner Nähe, und ſeine Unterhaltung iſt die eines vernünf⸗ tigen Menſchen! Aber eben deßwegen! Ich will ſagen, ich habe mir in den letzten Wintern ſeine rit⸗ terlichen Huldigungen mit halbem Ohr gefallen laſ⸗ ſen, und ihn heute weniger, morgen wieder auffal⸗ lend ſchlechter behandelt als ſeine Mikbefliſſenen in meinem Deenſte, ſo daß er gar nicht anders kann, als ſich für den Bevorzugten zu halten, und nun kommt er hier heraus, wahrſcheinlich um mich, welche die Geſellſchaft meidet, in der Einſamkeit des länd⸗ — 245— lichen Winters an alte Rechte und daraus möglicher⸗ weiſe folgende Anſprüche zu gemahnen, die er jen⸗ ſeits dieſes verſchneiten Waldes auf wachsüberzogenen Parkets im Glanze ſchwebender Girandolen ſich er⸗ worben zu haben vermeint. Wenn ich ſchon nicht ſo gottlos bin, um ihm oder ſeinem Schimmel das Hals⸗ oder Beinbrechen unterwegs anzuwünſchen, ſo wollt' ich doch, er verlöre vor dem erſten Dorf alle vier Eiſen, und es wären allen Schmieden die Huf⸗ nägel ausgegangen auf ein Vierteljahr.“ „Ich begreife nicht,“ warf ich ein,„warum Ihnen denn hier und gerade jetzt das Erſcheinen eines frommen Anbeters aus der Garniſon gar ſo zuwider ſein kann?“— „Was?“ ſagte ſie raſch,„das begreifen Sie nicht; nun dann begreife ich Sie nicht.“— „Natalie,“ ſprach ich und rückte näher,„ich muß denken, daß Ihre Frau Mama jede Minute dieſe einzige Beſprechung unter vier Augen aufheben wird. Beantworten Sie mir, dem Freund des Freundes, eine Frage, die mich und vielleicht auch noch Andere ſeit Wochen quält. Sie kennen Heinrich, kennen ihn ſeit Jahren, nun ſagen Sie mir offen und ehrlich: Getrauen Sie ſich mit ihm glücklich zu werden?“ „Das fragen Sie mich, fragen Sie mich, nach⸗ dem Sie einen langen Monat mich und ihn beob⸗ , — 246— achtet haben!“ rief ſie mit lautem Erſtaunen und erhob ſich raſch von ihrem Sitze. Sie wandte mir das Geſicht ab, als wollte ſie mir eine Thräne ver⸗ bergen, oder als erregte mein Anblick ihren Wider⸗ willen. Eine Zeit lang blieb ſie ſo am Fenſter ſte⸗ hen, die Stirn an die kalten Scheiben drückend, und ich hörte ihren ſchweren Athem gehen. Auf einmal kehrte ſie ſich raſch um, trat vor mich hin und ſprach mit thränenerregter Stimme: „Muß ich es Ihnen denn ſagen, daß Heinrich mein verlobter Bräutigam war vor Jahren, daß ich mich nur weinend, und weil es nicht anders ſein durfte, von ſeinem Beſitze losgeriſſen, daß ich aber auch dann nie an einen anderen Mann gedacht, als an den Einen, dem ich vor Sippen und Zeugen mein treues Jawort gegeben! Und o, gerade als er mir am fernſten war, ich wußt' es doch, daß er wieder⸗ kehren werde zu ſeiner rechtmäßigen Braut, und daß es auf einmal ein Ende haben werde mit der Land⸗ ſtreicherin, die ihn mir abwendig gemacht. Als ſeine Gattin hab' ich dieſes Weſen nie erkannt, daß ſie eine Zeit lang ſeine Geliebte geweſen— es hat mich wahrlich nicht gefreut, allein bei euch Männern muß man ſich in ſo etwas in Gottes Namen fügen. Ich aber bin ſeine Braut und werde es bleiben, bis ich ſein Weib werde. Als ich ihn wiederſah, als ich — 247— ſpäter von ſeiner Verlaſſenheit, ſeiner Krankheit hörte, da war mit Einemmale alle Zagheit des unmündigen Mädchens von mir wie weggeblaſen; ich fühlte, ich wußte, wem ich angehörte, was ich ſollte, was ich mußte. Ich ſprach es aus und wußte es durchzuſetzen trotz der Einrede meines Bruders, trotz der Abwehr meiner Mutter. Ich habe ihm Opfer gebracht, ich habe ihn gepflegt, ich habe ihm meine Liebe viel hundertmal gezeigt, wie nur die Verlobte dem Ver⸗ lobten. Daß er es nicht ſah, nicht zu ſehen ſchien, ich ſetzte es bis zum heutigen Tage auf Rechnung ſeines alten Leidens, ſeines getrübten Seelenzuſtan⸗ des. Daß aber auch Sie, der Sie aus geſunden Augen ſchauen, deſſen Ueberlegungskraft keine krei⸗ ſchenden Erinnerungen betäuben, daß auch Sie eine Frage ſtellen können, deren Berechtigung längſt ihre Zeit verloren, das nimmt mir den letzten Glauben an Sie. Mag es Sie kränken, immerhin! mich zwingt es, einem oft verdrängten Argwohn Worte zu geben: ich wäre ſchon ſeit Wochen Heinrich's vermählte Gattin, wären Sie nicht hier erſchienen, der ihm das Zögern und Bedenken und Abwarten in die Seele flüſtert, die arme Seele, die nur in raſchem Entſchluß, nur mit dem gänzlichen Bruch ihrer Vergangenheit ge⸗ rettet werden kann.“ Es war ein Strahl jener verwichenen mütter⸗ 1 — 248— lichen Schlagfertigkeit und Einſicht, der mit dieſen Worten auf ihrer Zungenſpitze ſpielte, ein Strahl jener entſetzlichen Beredſamkeit des ſich ſelbſt ver⸗ zehrenden und immer wieder neugebärenden Miß⸗ trauens, die nimmerdar zur Freude des Männerge⸗ ſchlechts Allmutter Eva dieſſeits des Paradieſes er⸗ funden und ausgebildet hat. Das Wiedererſcheinen der Frau von Püren, welche am Arme meines Freundes in das Zimmer geſchlichen kam, überhob mich einer unangenehmen Antwort. Sobald es die Schicklichkeit geſtattete, empfahl ich mich und ließ meinen Freund in ihren Händen. Es nachtete bereits, da ich auf die Straße kam, und ſchon aus der Ferne hört' ich die Hofhunde Heinrich's die breite Mauer des Gehöfts entlang ein lautes Gebell erheben. Erſt bei meinem Eintritt wurden ſie wieder ruhig, und ich ſchalt den Hofknecht wegen der Ungezogenheit dieſer halbwilden Thiere, obwohl ich eben die Menſchen nicht viel zahmer erfunden hatte. Als mein Freund zum Abendeſſen kam, eröffnete „ ihm meinen Entſchluß wieder abzureiſen. Er aber wollte das nicht zugeben, denn gerade heute ſei er unſchlüſſiger denn jemals. Derweil kam die Luſt zum Entſchließen mit dem andern Tag. Der Bruder Nataliens, welcher ſammt ſeinem Kameraden, einem hübſchen jungen Manne von Fi⸗ gur und Haltung, noch vor Mittag eintraf, ſäumte nicht, auch uns aufzuſuchen. Der Erſtere war ein Muſterexemplar jener Art von Brüdern, welche bei Lauheit oder nach dem Tode des Vaters die Gewalt des Familienoberhaup⸗ tes mit beiden Händen zu ergreifen und feſtzuhalten wiſſen. Er befahl ſelten, dann aber unerbittlich, un⸗ abänderlich. Wenn auch getrennt von den Seinigen lebend, ſeine Sorgfalt wandte ihr Auge niemals von dem Vortheil ſeiner Familie, von dem, was er die Zukunft ſeiner heirathsfähigen Schweſter nennen mochte. Auch zu dieſer ſelbzweit unternommenen Beſuchs⸗ reiſe hatte unſeren Mann nichts Geringerrs bewogen als die Abſicht, das Schickſal etwas zu korrigiren. Die Zurückgezogenheit in die ländliche Winterſtille erfreute ſich zwar von der ökonomiſchen Seite ſeines vollen Beifalls, auch lebte der Herr Kapitän„ohne Familie“ in der Garniſonsſtadt viel ungenirter; allein die Unſchlüſſigkeit Heinrich's währte ihm denn doch nachgerade um vieles zu lange. Auf der andern Seite ſah er ſeinen Kameraden, der ihm, falls jener verſagte, auch gar keine üble Partie däuchte. Er hatte es verſtanden, ſtets zur rechten Zeit in die — 250— Flamme des Premierlieutenants zu blaſen, ſo daß ſie nie erloſch, ſondern von der Abweſenheit des ver⸗ ehrten Gegenſtandes nur noch mehr genährt wurde. Allen bisherigen Verſuchen ſeines Freundes, einmal ſeinen Ritt zur Mutter begleiten zu dürfen, war er bisher wohlweislich ausgewichen, um die Luſt dazu nicht vor der Zeit abzukühlen. Nun aber wollte er endlich einmal der Sorge um die Schweſter los wer⸗ den. Die Freier ſchienen ihm beide reif, und darum unternahm er es, beide einander unter die Augen zu poſtiren, um ſo die Luſt des Einen mit der des An⸗ dern zu hetzen und umgekehrt. Dieß Manöver war ganz richtig berechnet, und erwarb durch ſeinen Erfolg der Strategik und der Taktik des Herrn Hauptmann verdiente Anerkennung. Eiferſucht, Ehrgeiz und wie ſie alle heißen mögen die männlichen Dämonen des Wetteifers, ſie hatten in kurzen Tagen die beiden Männer ſo in Athem verſetzt, daß ſie ſich gegenſeitig in ritterlichen Galan⸗ terieen gegen Natalien und in kleinen Malicen gegen einander mit verſchiedenem Glück aber gleichem Fleiß und Eifer überboten. Zuweilen ſchien's, als ſchwebte jedem von ihnen die Bitte des Werbers ſchon zwi⸗ ſchen den Zähnen, und warteten ſie nur auf die erſte ſchickliche Gelegenheit, um dieſelbe ihrer Geliebten zu Füßen fallen zu laſſen. War auch Heinrich, wie es offenbar den Anſchein hatte, der Begünſtigtere vor Nataliens Augen, ſo hatte doch der Lieutenant den Vorzug, daß er als Kamerad des Bruders auf deſſen im Familienrath ſo ſchwer wiegende Stimme mit ſicherer Wahrſcheinlichkeit zählen konnte, ſowie den andern, meinen Freund ſehr beunruhigenden Vortheil, daß er als Gaſt des Pürenſchen Hauſes mehr Gele⸗ genheit finden mußte, mit der Angebeteten allein zu ſein. Der Kapitän lief dabei fortwährend mit dem Blaſebalg ſeiner Einflüſterungen zwiſchen den Beiden herum und ſorgte aus beſonderer Geſchicklichkeit da⸗ für, daß ſie einander ſo viel als möglich unter den Augen behielten, und ſo Einer den Andern nicht zur Ruhe kommen ließ. Ein zu dieſem Behufe am glücklichſten von ihm eingeführtes und ausgebeutetes Mittel waren nach⸗ mittägliche Spaziergänge in der Umgegend, welche auch zur ſchneeverhüllenden Winterszeit gar reich an Reizen war, und verſchiedene der ſchönſten Zielpunkte für kurzweilige Ausflüge darbot. Auf dem Hügellande, welches ſich ſüdlich von der Stadt erhob, lagen in einer Entfernung von einer bis anderthalb Stunden mehrere Einödhöfe von freundlichen, wohlhabenden Landwirthen bewohnt. Jeder derſelben bot eine andere Anſicht des maleriſch gelegenen Ortes und ſeiner abwechslungsreichen Um⸗ — 252— gebungen, und der Weg zu keinem war ſelbſt in die⸗ ſer rauheren Jahreszeit beſchwerlich, da ſie ſämmtlich nahe an den beiden Heerſtraßen lagen, und des flei⸗ ßigen Verkehrs halber die Pfade dahin leicht wandel⸗ bar erhalten wurden. Nördlich in der Thalſenkung, etwa dreiviertel Stunden von unſerer Wohnung ent⸗ fernt, ſtreckte ein großes Herrenſchloß ſeine Thürme gegen den Himmel, deſſen weitläufiger Renaiſſance⸗ bau zwar nur von einem Verwalter und deſſen Fa⸗ milie und den Landwirthsknechten bewohnt wurde, den Beſucher aber durch eine kleine Bildergallerie und eine prächtige Eisbahn auf dem weitgedehnten Teich im Garten herbeilockte. Der, weil der nächſte, belieb⸗ teſte Spaziergang der Geſellſchaft führte auf ebenem windgeſchützten Wege öſtlich zu einem vielgliedri⸗ gen Fabrikgebäude, welches vor ſeinem Umbau ein Kloſter geweſen. Selbſt die alte Frau von Püren unternahm es ein paarmal, dieſe Partie mit ihrer Gegenwart zu beehren; ſie ließ ſich alle Räder und Schrauben der ſauſenden Maſchinen auf's Ausführ⸗ lichſte erklären, und horchte aufmerkſam der ſachver⸗ ſtändigen Berechnung von Koſten wie Gewinn. Zu den übrigen Spaziergängen ließ ſie ſich nicht bewe⸗ gen, da es bei der Kürze des Dezembertages kaum möglich war, vor einbrechender Dunkelheit zurück zu ſein. Eine Fackel, ein Windlicht oder eine Laterne — 253— leuchtete uns alsdann auf dem Heimweg. Natalie ſchritt munter und rüſtig am Arm des Bruders über die harte Bahn, die unter dem entſchiedenen Tritt ihrer zierlichen Sohlen knarrte; ein vergnügtes Ge⸗ ſicht voll friſcher Farben blickte aus ſchwarzem Sam⸗ met und dunkelhaarigem Pelzwerk, der langerſehn⸗ ten Entſcheidung ſicher, in die weiße Nacht hinaus. Die beiden Nebenbuhler quälten ſich fortwährend, einander den nächſten Weg an der Geliebten Seite abzuliſten, ich als der Unparteiiſche, als der aller Ab— ſicht ledige, ich unterhielt mich— Natalien etwa aus⸗ genommen— wohl am beſten von Allen. So waren uns zehn raſche Tage verſtrichen; am folgenden— es war der Morgen vor Weihnachten — ſchlug der Lieutenant vor, auch einmal einen Spaziergang nach der Lerchenmühle zu machen, von deren Ausſicht er bereits ſo viel Rühmens gehört hatte. Mein Freund und der Hauptmann wandten gegen dieſen Vorſchlag ein, daß der Weg etwas weit und wegen fortwährender Ungleichheit des Terrains nicht ohne Beſchwerlichkeiten ſei. Allein Frau von Püren, welche den Chriſtbaum zu ſchmücken über⸗ nommen hatte, wünſchte ausdrücklich, daß wir ſie nicht zu frühe überraſchen möchten, und der Wille Nataliens gab die Entſcheidung im Sinne des Vor⸗ ſchlags. Wir hatten herrliches Wetter, als wir uns bald nach Tiſche auf den Weg machten. Der Schnee war feſt, kein hartes Wehen durchſchnitt die Luft, und die Sonnenſtrahlen brachen ſich freie Bahn durch den winterlichen Himmel. Wie beim erſten Ahnen des kommenden Frühlings glänzten und glitzerten die kahlen, weiß überzogenen Baumzweige, und ließen bei unſerm Vorüberſchreiten einzelne Flöckchen auf den Boden fallen. Hinter uns in der Niederung brauten die Nebel, aber rechts und links, und vor uns blitzten mit goldenen und ſilbernen Lichtern ſtechend die dichtverſchneiten Hügel. Wohin man das Auge wenden mochte, ſah man von verborgenen Hö⸗ fen oder Mühlen oder Schmieden hinter den Höhen⸗ zügen dichte Rauchwolken in die rauhen Lüfte ſteigen. Die Lerchenmühle lag wohl eine gute Stunde ſüdlich von dem Städtchen auf einer ſanft anſteigen⸗ den Anhöhe, von der aus man an klaren Tagen weit in's Land bhuaneſehen, konnte. Aber ſelbſt bei trüber Luft beherrſchte das Auge von da aus die Haupt⸗ ſtraße, welche die kleine Häuſermenge zu Füßen des Berges von zwei Seiten her durchſchnitt. Auch von dem ſeitab gelegenen Gehöfte Heinrich's ſah man noch das Dach und das letzte Fenſter des oberen Stockwerks. An der öſtlichen Seite der Mühle fiel das Hügelland in zackiges Felsgeſchiefer ab, durch — 255— welches ein rauſchender Gießbach unter den ächzen⸗ den, breitſchaufeligen Rädern hinweg über Klippen⸗ treppen und ragende Eiszapfen ſchäumend, weitum ſeine kalten Tropfen verſprengend, in die Tiefen ſchoß. Da wir von Kälte wenig oder nichts zu leiden hatten, ſo ward der Weg mit aller Gemächlichkeit und unter vielen Verzögerungen zurückgelegt. Es fiel alsbald Heinrich wie mir auf, daß die andern drei von der Geſellſchaft ſich etwas außergewöhnlich anließen. Während der Hauptmann ſich einer faſt ausgelaſſenen Luſtigkeit erfreute, und ſeinen ſchwar⸗ zen Zottelhund ein um's andere mal in dem tiefen Schnee herumzujagen abſchickte, ſchien Natalien's Züge eine läſtige Heimlichkeit zu quälen, eine beängſtigende Ungewißheit, die ſie nicht froh werden ließ, und ihr ſelbſt bei den gelungenſten Sprüngen des vierbeini⸗ gen„Ralph“ und bei den ſchlechteſten Witzen unſeres Geſprächs nur ein halbes fernabdenkendes Lächeln erlaubte. Der muntere, unternehmungsluſtige Lieu⸗ tenant ſchien völlig umgewechſelt. Er machte ein langes, ſehr ernſtes Geſicht, ſchien mehr in ſich hinein als aus ſich heraus zu hören, ſprach nur, wenn er gefragt wurde, und auch alsdann nicht viel Erbau⸗ liches; was aber als das Auffälligſte gelten mußte, war die höfliche Bereitwilligkeit, mit welcher er ſich von unſerer Winterkönigin verdrängen ließ, ſobald — — 256— einer von uns nur entfernt die Miene machte, das Wort an ſie richten zu wollen. Heinrich benützte dieſe Gelegenheit reichlich. Auf einmal aber merkt' ich, daß auch er ſich in Haltung und Ton auffallend veränderte. Ein kleiner Junge trug uns in einem Korbe etwas Trinkbares und einige kurze Eßwaaren auf die Mühle nach, welche eben nicht in dem Rufe auf— dringlicher Gaſtfreundſchaft ſtand. Als nun mein Freund, wie abſichtlich, ſtille ſtand, um ſich den An⸗ ſchein zu geben, wie wenn er unſerm kleinen Diener noch einige Aufträge ertheilen wollte, geſellt' ich mich zu ihm mit der Frage, was ihn denn ſo plötzlich überkommen ſei. Statt aller Antwort wies er mir zwiſchen den Fingern der rechten Hand ein kurzes, zuſammenge⸗ knittertes Papier, welches ihm Natalie im Nebenein⸗ andergehen zugeſchoben haben mußte, deſſen Inhalt ihm aber noch unbekannt zu ſein ſchien. Um ihm Gelegenheit zu geben, unbeachtet von den Uebrigen ſein Zettelchen genießen zu können, ſtellt' ich einen rüſtigen Holzknecht, der, die Art über der Schulter, ſein kurzes Thonpfeifchen ſchmauchend, mit wuchtigen Schritten den Hügelpfad herab und uns entgegen kam. Heinrich, der den Hauer ſchon von früher her kannte, gab ſich gleichen Anſchein, kehrte den Vor⸗ — 257— ausgegangenen den Rücken zu und las die Botſchaft ſeiner Neigung, während ich den Rüſtigen um Weite der Entfernung, Beſchaffenheit des Weges, Ausdauer der Witterung und Orts⸗ und Häuſernamen ausfragte. „Kann ſein, daß es heute noch mit der guten Luft aushält,“ ſagte der Gefragte,„kann ſein auch nicht. Mir ſcheint alleweil, es drehe ſich der Wind, und es riecht in der Luft wie Schnee. Die Mülle⸗ rin hab' ich in der Früh' an meinem Häuſel vorbei geh'n ſehen; ſie wollte zum Herrn Pfarrer nach Sie⸗ benſee. Ihr kennt ſie ja, Herr— damit wandte er ſich zu Heinrich, der ein Geſicht zeigte wie der Schnee ſo weiß— Ihr kennt ja die alte Müllerskathrein, ſeit ihr Mann ſich über'm Rad erfallen hat, iſt ſie gar fromm und gottesfürchtig geworden. Nu es ſchad't ihr eben auch nicht viel! Zum Fehlen iſt der Weg nicht; nur alles gerade fort der Naſ' nach, und dann links um's Kreuz am Artſtein. Adjes und auf Wiederſeh'n, ich komm' bald des Wegs wieder retour.“ Ich ließ den Holzhauer für ſeine bereitwilligen Auskünfte einen tüchtigen Mannsſchluck aus unſerer Rumflaſche ziehen, und während ich dieſelbe wieder in den Korb zurecht ſtellte, nahm ich raſch das Pa⸗ pier, welches mir Heinrich zum Leſen anbot. Mit flüchtigem Bleiſtift beſchrieben enthielt es die wenigen Worte: 17 „Heute nach Tiſche hat der Lieutenant in aller Form um meine Hand angehalten. Mutter und Bruder drängen mich. Ich habe mir Bedenkzeit aus⸗ gebeten bis zum Abend Sylveſter. Ich weiß nicht ‚mehr, was ich Dir noch bin, und zwiſchen dem heu⸗ tigen und dem letzten Tag im Jahre liegen nur noch ſechsmal vierundzwanzig Stunden. Was ſoll alsdann aus mir geworden ſein? ſeine oder Deine Natalie? ———44— — 259— Des Holzhauers Bedenken hatten ſich bald be⸗ währt. Noch ehe wir die Höhe ganz erreichten, war auch alle Erinnerung an einen nackten Sonnenſtrahl aus der Gegend gewichen, von oben herab flog wir⸗ belnder Schnee über die Straße weg, und ſchwer und laſtend ballten ſich nebelgegürtete Wolken über unſern ſorglich nach allen Seiten ſpähenden Häup⸗ tern. „Das gibt eine muntere Heimfahrt,“ lachte der Hauptmann rückwärts gewandt, und ein Blick aus tiefſter Seele drang fragend aus Nataliens betrübten Augen zu dem Freund an meiner Seite. Wir bogen um das ſcharfe Eck am„Artſtein“ — es war dieß ein Felsblock von ſonderbarer Ge⸗ ſtalt, deſſen verſchneites Ende wie das Eiſen einer Haue vom Stiel ſeitab ragte— da ſahen wir nur mehr ein paar Schritte weit über uns die Mühle liegen. Der Gießbach rauſchte unfern uns zur Linken. „Müllers Kathrein! Hollah hoh! Müllers Ka⸗ threin!“ rief der Hauptmann in die ſauſende Luft einem Weibe zu, das hart an der Radſchnelle ſtand und in die Sturzflut ſchaute. Sie trug ein dunkles Gewand und hatte über Haupt und Schultern einen 17* ———— V‧‧‧*— — 260— braunen Shawl geſchlagen. Als ſie, durch das Ru⸗ fen aufmerkſam gemacht, in den Weg hinabgeſehen und unſere Geſellſchaft bemerkt hatte, wandte ſie ſich ruhig ab und ſchritt langſamen Ganges in die Mühle hinein. „Ei, Herr Hauptmann,“ lachte nun Heinrich, die kennt Ihr noch nicht; die iſt gar eine ſpröde Schönheit, kurz und unfreundlich, und hält nicht viel Gutes vom Mannsvolk, nicht einmal vom Militair.“ „Ihr eigener Schaden!“ erwiederte der Haupt⸗ mann, indem er ſeiner Schweſter behülflich war, über etliche verſchneite Steinblöcke hinweg zu ſteigen. Während wir auf dem weißen Plan vor der Mühle die letzte Strecke zurücklegten, gab ich Hein⸗ rich ſeinen Zettel wieder und ſah ihn fragend an. „Ich bin entſchloſſen,“ war ſeine ganze Antwort, und wir geſellten uns zu den Uebrigen. — 261— Es war ein hohes mit Brettern ausgeſchlagenes Gemach, in das wir traten. Die urſprüngliche Holz⸗ farbe war einem graulichen Ton gewichen, welchen Alter und Feuchtigkeit mit ungleichen Schattirungen ausgebildet hatten. An den Wänden hingen in ſchwarzen Rahmen etliche Kupferſtiche, welche Szenen aus den Geſchichten der Heiligen darſtellten. In der Mitte der Stube ſtand ein mächtiger viereckiger Tiſch von Eichenholz; darauf fanden ſich ein Waſſerkrug, eine aufgeſchlagene Bibel, ein blauwollener Strick⸗ ſtrumpf und eine meſſingene Naſenbrille in friedlichem Stillleben neben einander. Ein koloſſaler Kachelofen, den zu drei Seiten hölzerne Bänke umſchloſſen, nahm ein Viertheil des ganzen Raumes für ſich ein. Eine mehr als behagliche Wärme ſtrömte von ihm aus. Nebenan polterte das Geräuſch der Mühle und das Toſen des Sturzbachs. Der Sturmwind, der heftig und heftiger zu wehen anhub, fuhr pfeifend an die klirrenden Scheiben, durch welche man den wehenden Schnee vorüberfliegen ſah. Dabei hörte man von draußen das Aechzen einer im Winde gehenden Thüre, die von der Zugluft bald auf bald zugeſchlagen wurde. Zuweilen ſchien's, als zittere das Haus in — 262— allen ſeinen Gebälken, dann ward's wieder ganz ſtille, man hörte nur das Brodeln eines im Ofen⸗ feuer ſiedenden Keſſelwaſſers, und über unſern Häup⸗ tern Tritte von Gehenden, auch ein leiſes Hin⸗ und Herraſcheln wie von aufgeſcheuchten Mäuſen. In der Stube fand ſich nichts Lebendiges, als ein kleines Mädchen von etwa neun Jahren, welches an dem Fenſter gen Weſten auf einem Stuhle ſtand, und ängſtlich verlegen zu den eintretenden Fremden hinüberblickte. V Heinrich, der das Kind kannte, wußte es zutrau⸗ licher zu machen, es kam raſch in's Plaudern und berichtete, die Mutter ſei nicht zu Hauſe, ſondern in den Forſt gegangen, um ihm ein Tannenreis abzu⸗ ſchneiden, daran das heilige Chriſtkindlein über Nacht ſeine goldenen Nüſſe aufhängen könne. Nun ſei ſie aber ſchon an dreiviertel Stunden aus, drum werde ſie wohl bald wieder kommen. So war es auch; während wir unſern Korb auskramten und es uns um den großen Tiſch bequem machten, trat die Müllerin mit einem kurzen Gruß herein. Sie war von ſtämmigem Wuchs, und hatte nach Art der Hirten ein Schaffell über den Schultern hängen; in dieſes war ein Loch geſchnitten, dadurch man den Kopf ſteckte. Ein rothes Tuch umhüllte Haupt, Ohren und Schläfe. Unter buſchigen, grau⸗ — 263— gemiſchten Brauen blitzten zwei Augen voll Klugheit und Willenskraft. In den Händen hielt ſie ein ſchneetriefendes Tannenreis, das ſie behutſam nun in einen Winkel ſtellte. Nachdem ſie uns durchgemuſtert, packte ſie ihren Strumpf und ihre Bibel zuſammen und ging auf Heinrich zu, ihm die gebräunte Rechte bietend. „Es freut mich,“ ſagte ſie zu ihm,„daß der Herr die alte Müllerskathrein nicht auch vergeſſen hat, und den Weg noch gefunden hat an den Ler⸗ chenbach.'s iſt lange her, daß ich nicht mehr auf Ihren Hof gekommen bin. Aber unſer einer hat halt ſo ſeine Mucken. Nichts für ungut, und machen Sie ſich's nur recht bequem, meine Herrſchaften. Für den Heimweg brauchen Sie Kräfte, denn wir kriegen wüſt Wetter und argen Schneefall, und wenn ſich die Geſellſchaft nicht tüchtig zu erkälten vorhat, ſo rath' ich ihr, ſich bald auf die Sohlen zu machen, denn die Nacht wird herb und finſter, und bei uns oben weht der Wind gar ſcharf und ſchneidig.“ Heinrich ſchien von dieſer derben Beredſamkeit unſerer Wirthin nicht ſehr erbaut, er machte zornige Augen, und das Wiederſehen dieſes Weibes ſchien düſtere Schatten zu werfen in ſeine Seele. Der Hauptmann dagegen ließ das Stillſchweigen nicht andauern, er bat ſich aus, daß ihn die Müllerin an — 264— die„Sturzklaus“ führen ſolle,— eine Waſſerſchnelle hinter der Mühle, etwa eine kurze Viertelſtunde berg⸗ einwärts— um deren romantiſche Waſſerſchauer zu beſichtigen der Spaziergang eigentlich unternommen worden ſei. Kathrein gab ihnen das Mühſame des kurzen Wegs zu bedenken, der jetzt, da wieder friſcher Schnee falle, für die der Bahn Ungewohnten leicht läſtige Unannehmlichkeiten herbeiführen könne. Allein der Hauptmann proteſtirte dagegen, er und ſein Ka⸗ merad müßten als Soldaten an Widerwärtigkeiten, und gar ſo geringer Art, wohl gewöhnt ſein. Für Natalie wäre dieß freilich keine Partie mehr, darum bäte er die beiden Herren vom Civil, die ja die Ge⸗ gend ohnehin ſchon kennten, bei ſeiner Schweſter Schildwache zu ſtehen, bis ſie von ihrem Zuge zurück⸗ gekommen ſein würden Das konnte nicht lange währen. Der Hauptmann hatte offenbar keine andere Ab⸗ ſicht, als Heinrich und Natalien Gelegenheit zu ge⸗ ben, ungeſtört und ohne Zeugen ihre Herzen vor ein⸗ ander auszuſchütten, und ſo die ſchwebenden Verhält⸗ niſſe der gewünſchten Kataſtrophe näher zu bringen. Als die beiden Offiziere mit der Müllerin und ihrem Töchterlein aus der Stube waren, zog ich ein breitſpaltiges Zeitungsblatt aus meiner Rocktaſche hervor und ſetzte mich auf die Bank hinter dem Ofen, wo ich für das verliebte Paar ſo gut wie verſchwun⸗ den war. Es dunkelte ſchon gar mächtig, auf dem Tiſche brannte ein einſames Licht. Mein Horizont war in meiner Stellung ein ſehr beſchränkter. Rechts dehnte ſich die lange, ſchwarze L Ofenwand; wo ſie zu Ende ging, ſah ich einen Theil der Thüre mit der Klinke, darüber ein Stück Rahmen und darin Kopf und Arme eines gekreuzigten Petrus, zu meiner Linken hing die vom Ofenſchatten überſchlagene Wand voll Kochgeſchirr; mir gegenüber war auf einem Stabe, der wagrecht von der Decke ſchwebte, ein Stück fein⸗ gewaſchenes Linnen zum Trocknen aufgehangen, auf deſſen rechten Zipfeln noch die ſchwachen Strahlen des Lichtflämmchens herüberſpielten. So konnt' ich die Beiden nicht ſehen, aber was ſie ſprachen hörte ich wohl beſſer, als ſie ſich ſelber. Es waren krauſe Reden, unzuſammenhängend und unzweckmäßig, die ſie da führten. Bald mach⸗ ten ſie ſich herbe Vorwürfe, bald ſchwärmten ſie von ihrer Sehnſucht; ſie klagten auf's Bitterſte, daß es doch nie mehr ſo werden könne, wie es einſtmals geweſen; dann gaben ſie ſich plötzlich die tröſtliche Verſicherung, daß gebrochen und gekittet oft beſſer zuſammenhalte, als was noch nie auseinandergeſprun⸗ gen ſei. Sie erkannten Beide in dem Lieutenant, — 266— der Natalien Herz und Hand angeboten, einen muſter⸗ haften Mann, und ſchwuren in der nächſten Sekunde, das wahre, das beſte Glück ſei's doch allein, ſo lang als Gott das Leben dulde, an der erſten Liebe zu hängen. Das Alles wurde bald auf Du, bald auf Sie verhandelt. Abgeriſſene Sätze, halbe Worte gingen dazwiſchen hinüber und herüber. Zuweilen ſtockte das Geſpräch einen Augenblick ganz und gar, und wenn mich mein gutes Ohr und der Inſtinkt meines Herzens nicht täuſchten, ſo küßten ſie ſich auf die Lippen das ein⸗ oder anderemal. Ueber dem Küſſen ſchien meinem Freunde der geſunde Menſchenverſtand wiedergekommen zu ſein, denn er ſprach auf einmal: „Ich kann Dich keinem Andern gönnen, Natalie, und wär's der Beſte unter der Sonne, keinem, das fühl' ich, keinem. Sag' mir, daß Du's auf meine kranke Seele hin wagen willſt, und dann weiß ich, es wird wieder werden, wie es damals war, und noch viel ſchöner und traulicher. Ja, Du, Du ver⸗ magſt es; Du kannſt das blaſſe Geſpennſt aus mei⸗ nen Nächten verſcheuchen, das wie ein herzblutdür⸗ ſtiger Vampyr mein Lager umſchleicht. Du wirſt den Schatten des Wahnſinns von meiner Stirne, Du wirſt die Thränen der Erinnerung von meinen Wimpern, Du wirſt die Klagen um das Verlorene — 267— von meinem Munde küſſen. Ich will Vergeſſen ſchö⸗ pfen aus Deinen treuen Augen, ich will und werde wieder glücklich ſein. Drum laß uns heim zu Dei⸗ ner Mutter; ich muß ihr ſagen, daß ich ein freier Mann bin, ich muß ihr ſagen, daß ich Dich heute noch ſo lieb habe wie vor Jahren, und daß ich Dich zum Weibe begehre, und daß Du mir eine gute Hausfrau ſein willſt alle Tage meines Lebens bis an's letzte End.“ Ich erhob mich von meiner Ofenbank und wollte vortreten, um meinen Glückwunſch dreinzugeben, da ging die Thür auf, und eintrat ſtampfend und ſchüt⸗ telnd, ſchneeüberdeckt und mit gerötheten Wangen der Holzknecht, welchem wir eine Stunde vorher unter⸗ wegs begegnet hatten. Er ſtellte ſein Beil in den Winkel und da er gewahr wurde, daß er nicht allein war, zog er ehr⸗ erbietig den Spitzhut und ſprach ſeinen Gruß: „Gelobt ſei Jeſus Chriſtus!“ „In Ewigkeit Amen!“ antwortete eine tiefe Frauenſtimme von der entgegengeſetzten Seite des Gemaches. Eine Thüre flog auf und klappte wieder iws Schloß zurück. Wir ſtanden alle wie von einem Donnerſchlag gerührt, nur Heinrich war flugs an der Stelle und taſtete auf der Wand herum, um den verſteckten Drücker des bisher nicht bemerkten Pfört⸗ — ——— ——ꝛ—— —— — 268— chens zu entdecken, das ohne aufzufallen in's Gebälk der Wand eingefügt war. Im Nu befand er ſich im Freien, wir Anderen folgten. Rings um unſere Häupter her brütete das tief⸗ graue Zwielicht, aber das Land zu unſeren Füßen ſchimmerte geheimnißvoll und leuchtete in ſeiner wei⸗ ten weißen Decke, die von Minute zu Minute höher wuchs; es ſchneite große Flocken. Ueber das Schnee⸗ feld öſtlich abwärts eilte in mühevollen Sätzen ein Weib dem ziſchenden Gießbach zu. Ihre Flechten hingen aufgelöst und triefend an ihren Schultern⸗ ihr ſchwarzes Gewand blähte der ſauſende Wind, man ſah, daß ſie ſchwanger war. Sie hatte einen großen Vorſprung vor Hein⸗ rich, der wie raſend hinter ihr drein eilte. Aber ſie ſchien den Pfad beſſer zu kennen, denn man konnte deutlich ſehen, wie Heinrich in der Haſt auf der lüg⸗ neriſchen Schneedecke, welche das Ungleiche wie eine ebene Wieſe überflachte, bei jedem anderen Satz einen einen ſchmerzhaften Fehltritt that. Dennoch hätte dieſer die Fliehende bald erreicht, welche nur mühſam und mit aller Anſtrengung ſich bewegte, aber ſie war dem Ufer ſchon ſo nahe, daß die ſpritzenden Staubwolken des über ſeine Felszacken hinabſtürmenden Gewäſſers ſie überregneten. Drei — 269— Sprünge, und die Wucht der Bergſtrömung wälzte zerſchmetternd ſie und das neue Leben unter ihrem Herzen rettungslos zu Thal. „Peregretta!“ ſchrie Heiürich mit dem Vollklang der Verzweiflung und ſtreckte ſeine Hände nach ihr aus, ſie aber ſchüttelte das Haupt und eilte vorwärts, den Klippenarmen des eiſigen Todes zu. Da meint' ich ſchon, ſeine Finger rührten an die wehenden Falten ihres Gewandes, als plötzlich Pe⸗ regretta's Geſtalt in den Schnee brach, und gleichwie wenn ſich die Erde aufgethan hätte, um ſie zu ver⸗ ſchlingen, ſpurlos vor Heinrich's Füßen ver ſchwand. Ein Schrei des Entſetzens entfuhr uns Allen, und Grauſen feſſelte uns an den tückiſchen Boden. Nur der Holzknecht war im Nu bei Heinrich, riß ihn mit kräftigen Fäuſten zurück, und drückte den Wider⸗ ſtrebenden, der ſich mit Händen und Füßen wehrte, zu Boden. „Halten Sie den Herrn feſt,“ rief er mir zu, „denn eins iſt leichter zu retten, als zwei. Ich kenne den Fleck. Wir nennen's die Grabengabel, und fällt das Sommers Niemanden ein, über die zwei ſteilen Blockwände gehen zu wollen. Aber im Winter ſchneit's und weht's das breite Loch zu, daß man meint es wär' ebener Grund. Es iſt aber freilich nicht an dem. Wenn ſie der Schrecken nicht jählings getöd⸗ ——— — —— — — — 270— tet hat, ſo bringen wir die Verunglückte wohl noch bei Zeiten an die Luft, ehe ſie der Schnee hat er⸗ ſticken können. Wenn ſie nur um Gotteswillen nicht gegen die Waſſerſchnelle zugeſtürzt iſt. Es rutſcht ſich gar tückiſch im Schnee hier oben.“ Das Meiſte dieſer Worte rief mir der Wackere ſchon mehr aus der Tiefe zu. Er war an's Klip⸗ penufer hinabgeſprungen, hatte ſeine Beine ſtämmig in den Schnee gebohrt, und warf mit einer breiten Holzſchaufel große weiße Laſten hinter ſich in das polternde Sturzwaſſer. Wir Anderen mühten uns ihm treulich zur Seite und wie er uns anwies. Es währte keine zwei Minuten— mir däucht' es eine ſchweißtriefende Ewigkeit in glühendem Froſt — da ſtach eine Hand aus dem unterſchiedloſen Weiß. Wir gruben mit den Händen Haupt und Schultern“ frei, und hoben alsbald, über die Zacken gebeugt, den zitternden Körper aus ſeinem blinkenden Grabe. Ich habe nie ein Aehnliches geſehen wie damals. Gleich dem Mörder auf ſein Opfer, gleich der Löwin auf ihr wiedergefundenes Junge, ſtürzte Heinrich auf die bewußtloſe Peregretta zu, und warf Alles zur Seite, was ſich ihr nahen wollte. Selbſt für den braven Knecht, den Lebensretter ſeines Weibes, hatte er in dieſem Augenblick kein Wort, keinen Blick des Dankes. Nur dumpfe Töne, dem Knurren eines — 271— Thiers vergleichbar, kamen aus ſeinem Munde. Er trocknete ihr Geſicht mit den Händen, er befühlte ihr Herz und Schläfe und Gelenke. Sie ſchlug die Augen auf und die Hände um ſeinen Hals, da nahm er ſie auf die Schulter, und trug ſie langſam und ſorgfältig durch die ſchneewehende Nacht in die Mühle zurück. Die Müllerin war unterdeſſen mit den beiden Offizieren wieder heim gekommen; ſie empfing ſchrei⸗ end und weinend den ſonderbaren Zug, welcher ſich eben zu ihrer Pforte bewegte. Von der Müllerin duldete Heinrich, daß ſie ſich um ſein Weib zu ſchaffen machte, und daß ſie ihm hülfreich zur Seite ging. Nachdem ſie die Arme zu Bette gebracht und alle Vorſorge getroffen hatte, welche in der Eile möglich war, kam Heinrich zu uns heraus, und ſuchte mit thränenden Augen und heftigen Worten nach dem Retter ſeiner Gattin. Ich ſagte ihm, daß ich den wackeren Holzknecht, als den rüſtigſten, wegekundigſten, gebeten hätte, den Arzt aus dem Städtchen auf die Mühle zu bringen, und daß der brave Mann ſich ſofort angeſchickt, ihm auch dieſen Liebesdienſt zu erweiſen. Er verſchwor ſich, den Mann nie mehr von ſei⸗ ner Seite zu laſſen, und ging wieder zu ſeinem Weibe hinein. 12 F „ 1 4 —— — 272— Es währte nicht lange, ſo ſchickte er auch die Müllers Kathrein vom Bette ſeiner Frau hinweg; er bat ſie, ihn mit ihr allein zu laſſen und derwei⸗ len mich um's Hierbleiben zu bitten, ſo lange we⸗ nigſtens, bis der Arzt gekommen ſein würde. Da drangen wir Anderen in die Alte, daß ſie uns kund gebe, wie Peregretta zu ihr gelangt ſei und wie lange ſie ſchon auf der Mühle verweile. Sie war dazu gerne bereit und hub an, des Ausführlicheren zu erzählen, wie ſie die gnädige Frau ſchon ſeit Jahren kenne, wie jene immer gar gerne auf die Lerchenmühle ſpazieren gegangen ſei, und ſie hinwiederum oftmals in Heinrich's Gehöfte habe ein⸗ kehren dürfen. Nachdem ſie dann das Unglück ge⸗ habt, daß ihr Mann in den Mühlbach geſtürzt, und darin elendiglich an den Felſen zerſchellt und zer⸗ ſchmettert worden ſei, da hätten ſie die Leute in der Stadt und Umgegend alle ein böſes Weib, und ihren armen Mann einen Trunkenbold und Thunichtgut, ja gar einen Selbſtmörder geſcholten, der, um nur ſeinem keifenden Geſpons zu entrinnen, lieber in die Sturzflut des Mühlbachs geſprungen wäre, und Frauen und Männer ſeien von ihr verachtend und ſpöttelnd ſeitab geſchritten. Nur Heinrich's Weib habe ſich ihrer angenommen, und habe ihr gepredigt und in's Herz geredet, wie's kein Pfarrer vermocht hätte fünf Meilen in der Umgegend. Die habe ſie auch wieder beten gelehrt und ſie ausgeſöhnt mit ihrem harten Schickſal, wie mit den kränkenden Gewohn⸗ heiten der Nachbarn, die's wohl auch im Gemüthe weniger arg meinten, als ſie äußerlich bezeugten. Denn wie die Leute geſehen hätten, daß ſie nach wie vor in Heinrich's Hauſe aus⸗ und eingehen durfte, und gar erſt, daß Frau Peregretta am hellen Sonn⸗ tag vor aller Welt Augen die Verſcholtene an der Hand in die Kirche führte und neben ſie in den Bet⸗ ſtuhl zu knieen bat, da wären auch die Anderen bald gekommen, voraus die Männer, und hätten ihr die Hände gegeben und ſie eine arme Perſon genannt, ſtatt wie vordem eine belvernde Vettel, die ihren Eheherrn ins Unglück gehetzt, und ſie ſei angeſehener geweſen und ſei beſſer gelitten worden von allen Leuten aus der Stadt, denn jemalen in früherer Zeit. „Seitdem,“ fuhr ſie fort,„ſeitdem war mir auch die Gnädige feſt in die Seele gewachſen, und wenn ſie mir ſagte: ‚Kathrein, Du ſollſt das und das thun,“ ſo war mir's immer, als hätte mich mein Schutzengel ſputen und haſten heißen.“ „Wie ſie dann weg war mit einem Mal, und der Herr redete, ſie wäre verreist, und ihr dann nach⸗ fuhr in die weite Welt, und das liebe Haus dort unten ſo trübſelig drein ſah mit ſeinen verſchloſſenen . 18 — 274— Läden, da mocht' ich mir wohl denken, daß nicht Alles ſei, wie ihm ſein ſolle. Als ich aber hörte, daß aus dem Herrn ein ganzer Narr geworden und der Kranke in der Kreisirrenanſtalt zu E. unterge⸗ bracht ſei, da trauerte ich über das unſelige Geſchick der beiden Menſchen, doch ich glaubte nicht, was die Leute Abſcheuliches über meine Frau zuſammenvitzel⸗ ten, denn ich kannte ſie ja gar wohl und wußte, wie lieb ſie den Herrn im Herzen habe, und daß ſie kei⸗ ner Schlechtigkeit fähig ſei, denn ihre Seele war rein wie die einer Heiligen, und ihr Wille feſter als Stahl und Eiſen. „So waren's wohl über ſechs Monate, daß ich Frau Peregretta nicht mehr geſehen hatte, und ich ſitze eines Abends hier oben— ja vor ſechs Wochen etwa, ſo Mitte Novembers— und denke an meinen ſeligen Mann und an mein jüngſtes Kind, hier die Anna Marei, und an den armen Herrn da drinnen, den ſie unlang vorher als einen von der Narretei völlig Kurirten wieder unter die anderen Menſchen entlaſſen hatten, und der wieder die Laden aufge⸗ ſchloſſen hatte an ſeinem verödeten Hauſe. „Da klopft es auf einmal an mein Fenſter und draußen ſteht die Frau Peregretta. Ich traute meinen Augen kaum. Vor Freuden ſchlug ich die Hände zu⸗ ſammen und bat ſie mit Thränen unter mein armes Dach zu kommen. Wie ſie dann eintrat und ſich's be⸗ quem machte, merkte ich erſt, daß ſie guter Hoffnung wäre. Auch ſah ſie ſo ernſt und abgehärmt aus, ſo daß ich ſie gar nicht fragen wollte, wie es ihr denn ergangen ſei draußen in der weiten böſen Welt. Ihre Wan⸗ gen trugen die Züge bitteren Herzeleids, aber ihre Augen leuchteten, ihre Lippen lachten, und ſie hielt meine Hände gar feſt, Alles aus Freuden, weil ſie wieder daheim ſei und zu ihrem lieben Herrn könne. Da ward des Fragens nach ihm kein Ende. Ich meinte Anfangs, ſie habe wohl Wiſſenſchaft von der Geiſteskrankheit ihres Gemahls, nun aber merkte ich bald, daß ihr Alles das unbekannt geblieben ſei, und da ich nun einmal die Hauptſache durch ein unbe⸗ dacht Wort bereits ſo gut wie verrathen hatte, ſo ſagt' ich ihr denn in Gottes Namen auch Alles, was ich von der Sache wußte. Sie verlangte es auch ſo. „Wie bald war da die Fröhlichkeit aus ihrem Geſichte verſchwunden und das Feuer in ihren Augen erloſchen. Sie warf ſich auf den harten Fußboden, und raufte ihr ſchönes Haar und wollte nicht auf⸗ hören zu weinen. „Drauf erzählt' ich ihr denn auch, wie um ſie zu beruhigen, all' das Arge, was ihr die Menſchen aus Dummheit und Bosheit nachgeſchwatzt hatten, aber das rührte ſie nicht in ihrem Jammer. Erſt 18* — 276— als ich anfing zu berichten, daß am gleichen Tage faſt mit der Wiederkunft ihres Eheherrn eine reiche, vornehme Familie aus der Stadt hier angezogen wäre, die das Haus an der Straße, gegenüber dem ihrigen, gemiethet hätte, und daß allgemein das Ge⸗ rede ginge, der Herr wollte ſich zum zweiten Male verheirathen mit dem ſchönen Fräulein, welches Na⸗ talie von Püren heiße; und wie ſie nun gerade glück⸗ lich gekommen ſei, um Unglück, ja Verbrechen zu verhüten, da ſchlug ſie die Augen vom Boden auf und horchte und horchte und horchte, und dann nannte ſie den lieben Herrgott einen gerechten Richter und Vergelter und verſchwor ſich, ihm nicht in's Werk greifen zu wollen. Mir aber nahm ſie einen ſchwe⸗ ren Eid ab, bei der Seligkeit meines in Sünden verunglückten Mannes, daß ich nimmerder und keiner Menſchenſeele ihre Anweſenheit durch Wort oder Wink oder Schweigen vermelden oder bekennen wolle, ehe ſie ſich ſelber verrathen. „Ich hab' es ſeitdem jeden Tag wohl hundert⸗ mal bereut, dieß Jurament geleiſtet zu haben; aber wie ſie über mich Gewalt hat, ſo durfte ſie wohl noch Aergeres und Grauſameres von mir verlangen, und ich verſprach' es unweigerlich in ihre Hände. „Noch am ſelbigen Abende ging ſie hinab in der Dunkelheit und hieß mich ihrer hier oben warten. — 277— Als ſie wieder herauf kam, ſo gegen Mitternacht, war ſie halb erfroren und ganz ein Bild des Jam⸗ mers und der Verzweiflung. Sie wollte mir nicht Rede ſtehen, ſie konnte es auch wohl kaum, denn die Stimme verſagte ihr, und ich hörte ſie ſchluchzen und ſtöhnen die lange liebe Nacht hindurch. „Später erzählte ſie mir dann wohl ausführlich, wie ſie die Eiferſucht und eine zehrende Leidenſchaft zu der Schauſpielkunſt in die Welt verführt hätten. Wenn ſie Ruhm und Ehre erworben haben würde, dann, habe ſie gehofft, würde ihres Mannes wankel⸗ müthig Herz ſich nimmer von ihr wenden, und ſtatt ſich ihres Herkommens vor ſeinen Verwandten ſchä⸗ 5 men zu müſſen, werde er ſtolz vor aller Welt mit ihr durch's Leben geh'n. Zu Anfang habe ſie wohl Hartes ausſtehen und hinnehmen müſſen, aber ſie ſetzte ſich mit eiſernem Willen drüber hinaus, und mit einem Male habe ſich's gewendet. Und als nun die Anerkennung und der Ruhm ihr reichlich zuſtröm⸗ ten, als ſie von den Bevölkerungen großer Städte mit Jubel gefeiert, und von den klügſten und bedeu⸗ tendſten Männern, die ihr nahe kamen, als eine un⸗ 6* vergleichliche Künſtlerin geprieſen wurde, da habe ſie der Geiſt des Stolzes und der Ehrſucht ganz und gar verlaſſen, und nur die Freude, ihren Gatten nun feſter an ſich binden zu müſſen, füllte ihr die Seele. — 278— Allein die Freude wich gar bald der Angſt und Be⸗ ſorgniß, ihr gekränkter Herr möchte vor Zorn die nicht mehr kennen wollen, welche ihm einſt aus dem ehe⸗ lichen Hauſe gewichen ſei. Sobald ſie aber ſein Kind unter dem Herzen fühlte, ſeien alle Bedenken von ihr gewichen, als hätte ſie Bürgſchaft für unver⸗ brüchliche, für die alte Lieb und Treue. Den Zeit⸗ punkt, da ſie ihr leibliches Befinden verhindern würde das Theater zu betreten, betrachtete ſie als das von Oben bezeichnete Ende ihrer Weltfahrt, und nahm ſich daraufhin die Heimkehr vor. Dieſen Entſchluß und die Geſchichte ihres Künſtlerlebens hat ſie zwei⸗ mal brieflich ihrem Gatten mitgetheilt, derſelbe jedoch nie geantwortet, und ſie glaubt wohl, daß die Briefe auf der Weite des Wegs von Rußland heraus ver⸗ loren oder auch im Narrenhauſe dem Kranken vor⸗ enthalten worden. Trotzdem iſt ſie gutes Muths abgereist und angelangt. Da ſie aber ſchon die Hand an der Klinke der Gartenthür gehabt, iſt ihr's plötz⸗ lich gekommen wie Todesangſt, und vor ſtarkem Herz⸗ klopfen hat ſie nicht weiter gekonnt. Nun ſind die großen Hunde, die der Herr ſeit ſeiner Wiederkunft im Hofe hält, wie wüthend auf ſie losgefahren; es hat ſie wie Schuld gemahnt, als die treuen Wächter des eigenen Hauſes ihr, der Fremdgewordenen, den Eingang nicht geſtatten wollten, und drum iſt ſie — 279— vorſorglich zu mir heraufgeſtiegen, um zu erfahren, wie's denn eigentlich dort unten ſtände, und ob ſie auch eine Wohlwillkommene ſein würde an ihres Herrn Tiſch. „Sie bat mich, nun die Sachen ſich alſo getrof⸗ fen hätten, ſie bei ſich zu behalten, bis ſich ihr Ge⸗ ſchick entſchieden haben würde. Als eine Strafe des Himmels wolle ſie's hinnehmen und ohne Dazwiſchen⸗ treten abwarten, ob ihr Gatte ſich ein anderes Weib nehmen werde. Schon einmal ſei ſie wie eine ſtö⸗ rende Macht zwiſchen ihn und ſein beſtimmtes Le⸗ bensglück getreten, ohne ihm ganz erſetzen zu können, um was ſie ihn gebracht. Nun, da ſich Alles für ihn wieder zum alten Guten zu wenden ſcheine, nun dürfe ſie, die ſchwer und unverzeihlich an ihrem Gat⸗ ten geſündigt, nicht mit dem kalten Rechte der von ihr entweihten Pflichten vor ihn hintreten und ſich, der Unwürdigen, nicht zum zweiten und letzten Mal das unerſetzliche Opfer ſeiner Lebensfreude heiſchen. Drum wolle ſie dulden, was Gott über ihr Geſchick verhängen würde; erfahre alsdann der Gekränkte, was ſie um ihn in dieſer Prüfungszeit gelitten, dann ſei wohl auch geſühnt und vergeſſen, was ſie ihm ſchweren Leids verurſacht in der Vermeſſenheit ihres Beginnens. „Wenn Heinrich ſich vermählt haben würde, ſo — 280— wolle ſie wieder weiter ziehen in die weite Welt, dahin, woher ſie gekommen, und zuſehen, wie lange ſie's noch aushalten müſſe in dieſem verarmten Le⸗ ben. Das Kind aber, das ſie hier oben gebären würde, ſollte ich hernach ihrem Gatten bringen als das Vermächtniß ihrer Liebe und ihres Lebens, und ihm ſein Glück und ſeine Erziehung auf die Seele binden, ſammt dem innigen Flehen um Vergebung für die arme Mutter. Sie glaube nicht, daß ſie das überleben würde; aber wenn ſchon doch, und es triebe ſie die Sehnſucht nach dem Kinde zurück mit Allge⸗ walt, ſo habe ſich doch das Geſchick und die Strafe vollzogen, ihr Herr ſei einer Andern Gemahl und für ſie für alle Zeit verloren. „So ward's beſchloſſen. Schon damals, als ich den grauſamen Pakt einging, und auch ſpäter noch, meint' ich immer, die Niederkunft werde früher ein⸗ treten, als die neue Verlobung oder gar Vermählung des Herrn, und dann konnt' ich wohl getroſt hoffen, die Liebe zum Kinde würde ſtärker ſein als alle die Buße und Reue, die ſie ſich auferlegt. Auch betete ich zum guten Gott recht inbrünſtig, er möge es de⸗ nen drunten eingeben, daß ſie einmal zu uns auf die Lerchenmühle geſtiegen kämen und das liebe Weib ſähen und erkennten ohne mein Zuthun. Es kam aber Niemand zu uns als der Holzhauer, der dort hinten im Walde ſein Häuslein hat, und wenn die Mühlknechte zu Thal gefahren waren, ſo ſprach wohl keiner ein Wort von meiner Gaſtin. Denn da ſie, ſo gut es ihre Umſtände erlaubten, überall im Hauſe hülfreich und arbeitſam bei der Hand war, ſo galt ſie bei den fremd hergekommenen Knechten als was ſie ſich ausgab, als meiner Schweſter Kind; auch hatte ſie's wohl Allen angethan, daß ſie ſchweigen mußten, ſelbſt wenn ſie nicht gewollt hätten. „Mir aber, wenn ich ihre ſchlimm verhehlte Herzensnoth gewahren mußte, mir brannte der Eid in der Seele und das Geheimniß auf den Lippen und da lief ich ein⸗ über's anderemal zum Herrn Pfarrer nach Siebenſee, zu dem ich mein Vertrauen habe, und klagte und frug ihn, ob es denn kein Nittel gäbe, von einem ſo ſchweren Eide zu entbin⸗ den. Er aber ließ ſich nicht erweichen und ſagte, wenn es nicht gerade gegen Glauben und Gewiſſen wäre, deſſen ich mich verſchworen, ſo müßte ich es halten trotz Herzeleid und Anfechtung. Der liebe Gott werde es am Ende doch machen. Da ſchwieg ich denn und behielt's für mich, was ich leider allein wußte, denn ich getraute mir's nicht vorzuſtellen, daß ſie etwas von mir habe verlangen können, was wider Glauben oder Gewiſſen verſtoße, auch dacht' ich an meinen armen Mann, der ohne Seelſorg und Bei⸗ — 282— ſtand in Sünden hinübergefahren iſt, und fürchtete ihn zu ſchädigen an ſeiner ewigen Seligkeit, wenn ich meinen Eid bräche. „Sie aber lebte einen Tag wie den andern, und wenn's anfing dunkel zu werden, ſtieg ſie hinab und ſchlich um das Herrenhaus, und betete hinter der Mauer am Grab ihres verſtorbenen Kindes und lauerte auf ihres Gatten Heimkunft und auf das Licht in ſeinem Zimmer, bis ſie ihn in der Dunkelheit über die Straße kommen oder ſeinen Schatten über die Fenſterſcheiben fallen ſah, oder bis ſie die garſtigen Hunde vertrieben, wenn ſie ihr gar zu laut und un⸗ geſtüm auf der Witterung waren. „Da kam ſie eines Abends in der Dämmerung auf mich zu, und gab mir die Hand und ſprach: „„Du gute Kathrein, wenn ich heut' Nacht nicht heim komme, ſo ſuch' mich morgen auf in meines Mannes Haus; denn ich habe mir's zurecht gelegt im Denken, daß ich viel geduldet und gelitten, und daß es gut und recht iſt, wenn ich ſein Kind in ſei⸗ nem Hauſe gebäre. Ich kann vor Sehnſucht nach ihm kaum mehr athmen, und oft, wenn ich im Gra⸗ ben an ſeiner Mauer paſſe, vergehen mir die Sinne. Das war geſtern, da finde ich Licht in meines Herrn Zimmer, und wie ich ſo mich auf den Zehen ſtrecke und die Augen aufreiße, geht das Fenſter auf und — — p, — — 283— mein Mann ſieht in die Nacht hinaus. Er lehnt den Kopf an den Pfoſten, und auf einmal hör' ich, wie er leiſe meinen Namen nennt. Ich ſank bewußt⸗ los in den Schnee, die Kräfte des Leibes verſagten ihren Dienſt, und als mich das Schnobern und Bel⸗ len der Hunde, welche hinter ihrem Zaun umher⸗ ſprangen und gern auf mich losgefahren wären, aus meiner Betäubung wieder zu mir ſelber brachte, war das Fenſter meines Heinrich ſtill und dunkel, kein Hauch und kein Licht ging aus dem Hauſe, und es wollte mich ankommen, als hätte ich nur geträumt. Ich weiß aber wohl, daß es Wahrheit und Wirklich⸗ keit geweſen iſt, und ich begreife nicht, was für thö⸗ richte Bedenken mich abgehalten, ſofort die Leut' aus dem Schlafe zu rufen und Einlaß zu begehren. Dennoch bracht' ich's nicht über mich. Heut' aber tret' ich ihn an, wenn er nach Hauſe geht, und wenn mir auch die Angſt und das Gewiſſen das Herz zer⸗ drücken. Es iſt genug gelitten, und er hat meinen Namen gerufen in die Nacht. „Ich gab ihr tauſend Segen mit auf den Weg. „Als es aber an die anderthalb Stunden nach Mitternacht war, hörte ich, daß ſie ſich in ihrer Schlafkammer rührte. Da ging ich zu ihr und fand ſie elender denn je. „Sie erzählte mir, wie ſie die Hunde nunmehr ——— — 284 auch hinter ihres Kindes Grab witterten, und ſobald ſie ſich nur auf fünf Schritte dem Gehöfte nahe mache, Lärm ſchlügen. Als ſie dadurch verſcheucht zur Seite geflohen, da wäre der Freund ihres Man⸗ nes, der eben bei ihm wohnte, allein aus dem Hauſe der Püren gekommen, was ſonſt nicht gewöhnlich war. Dieſer hätte etwas wie„verdammte Wirth⸗ ſchaft“ gebrummt, als er an ihrem Verſteck vorüber⸗ kam, und wäre dann über die Hunde her, die noch immer wie toll hinter ihren Zaungittern auf und ab ſprangen, und ihr nach bellten über die verſchneite Wieſe. Da hätte ſie ſich im Herzen gefreut, daß ſie ihren Mann nun ganz allein und ungeſtört auf der Straße treffen werde, und wäre hinübergegangen an das Haus, wo ihr Gemahl zu Gaſte zu ſein pflegte. „Nach zweiſtündigem Warten ging die Thüre und ihr Mann kam heraus. Im oberen Stockwerk aber ging zu gleicher Zeit ein Fenſter, und das blonde Haupt eines Fräuleins ſah hernieder in die Nacht, und der Herr ſah hinan und ſie nickten ſich ſtumm zu und winkten ſich liebevoll mit grüßenden Händen. Dann flog etwas, wie ein kleiner Knäuel— was es war, konnte ſie in der Dunkelheit nicht erkennen— in den Schnee herab zu ihres Herrn Füßen. Er hob es auf und drückte es an ſeine Lippen. Dann ſchloß ſich das Fenſter leiſe und der Mann ging b —— — 285— heim. Es ſtörte ihn Niemand auf dem Heimweg, denn die arme Peregretta lag drüben an der ver⸗ ſchneiten Straße, und drückte ihr weinendes Haupt an einen Baum. „Sie meinte nun wohl, jetzt ſei Alles vorbei; ich aber beſchwor ſie heftig und zudringlich, die un⸗ nützen Gänge in der Nachtzeit zu laſſen; ich ſtellte ihr vor, daß, wenn ihr ſchon an ihrer eigenen Per⸗ ſon nichts mehr gelegen ſei, ſie doch das ungeborene Leben nicht ſo gottvergeſſen auf's Spiel ſetzen dürfe. Darauf ſah ſie mich an wie ein gutes Kind, das zur Erkenntniß eines Fehltritts gebracht wird, und ſie gelobte mir's hoch und feierlich, ſich nicht mehr alſo der Anſtrengung und dem Froſt auszuſetzen. Doch glaub' ich immer, ſie hätt' ihr Verſprechen mir doch nicht gehalten, wenn ihre Kräfte und ihr ganzer Lei⸗ beszuſtand es noch geſtattet hätten dawider zu han⸗ deln. Allein der Weg ward ihr gemach zu ſteil und das Gehen zu beſchwerlich, und da ſaß ſie, wie oft des Tages weiß ich nicht, und ſo lang es eben Wetter und Kälte leiden mochten, drüben auf dem Stein neben den ſpritzenden Radſchaufeln, von wo aus man hinunterſieht auf die Dächer der Stadt, und oft ging ſie noch des Nachts dahin, um nach dem Licht zu ſpähen, das in ihres Liebſten Stube brannte. An dem Stein mögt' Ihr ſie wohl er⸗ — 286— blickt haben von der Ferne, als Ihr heute herauf⸗ geſtiegen kamt.“ „Ich bin ein altes Weib und habe viel Kummer geſehen in meinen Tagen. Doch hat mir nichts alſo tief in's Leben geſchnitten, wie das ſtille Weinen und die nach Erlöſung ſchmachtende Verzweiflung, die ich in jüngſter Zeit habe mit anſchauen müſſen. Wenn man genau darauf achtet, für wie viel Schuld ſie das Alles gelitten, und wie den beiden Menſchen gar wohl zu helfen geweſen wäre und dann wieder auch nicht, ſo möchte man den Kopf ſchütteln, ſo oft einer in Nachdenken verfallen wollte über das, was ein Menſchenſchickſal macht. Wie ich's ſo erzähle und wie Ihr's ſo hört, da kann ich's ſelber kaum begrei⸗ fen, daß ſie's ertragen, das arme Geſchöpf, wie ſie's ausgehalten hat, ohne daran zu verkommen. Aber die Kinder Gottes ſind doch aus gar zähem Thon geknetet, und es hat viel und groß Leiden Platz in einem kleinen Menſchenherzen.“ 441 V V V — 2872— Die Müllers Kathrein ſchwieg und ſtützte ihr Haupt in beide Hände, auch wir Anderen verhielten uns ſtille, nur Natalie ſchluchzte laut und verhüllte ihr ſchönes Geſicht. Auf einmal erhob ſie ſich, ſah mich mit rothgeweinten Augen aber gefaßten Blickes an, und reichte mir wie zum ewigen Abſchied die Hand. Dann bat ſie ihren Bruder und den Lieu⸗ tenant ſie nach Hauſe zu begleiten. Die Müllerin ließ ſie durch einen kundigen Knecht auf den Weg bringen und bald waren wir geſchieden. Kurz darauf kam der wackere Holzhauer mit dem Arzte an. Dieſer erklärte nach längerem Beſuch und auf tauſend beſorgte Fragen Heinrich's, daß Peregretta mit dem Schrecken davon kommen werde, daß aber für das Leben des Kindes wohl zu fürchten ſein möchte. Am andern Morgen hatte ſich die Gegend wie⸗ der gelichtet; der Himmel war klar, der Schnee machte zwar auf dem wenig betretenen Pfade etwas zu ſchaffen, aber unſer Holzhauer führte uns über be⸗ queme Pfade. Heinrich hatte gegen das Herabſtei⸗ gen Bedenken erhoben, allein Peregretta drang darauf, in ihre Wohnung heimzukehren. So machten wir ihr den Weg ſo annehmlich als möglich, führten und ſtützten ſie, und trugen ſie an ſteileren un un⸗ ebeneren Stellen auf den Armen. Auch die Müllers Kathrein, die Heinrich nach ſeinem Hauſe gebeten hatte, folgte dem Zuge. Der Holzknecht, welchen der wiederbeglückte Gatte reichlich beſchenkte, hatte mit ihm einen Pakt geſchloſſen, auf Lebensdauer in ſeinem Dienſte zu verbleiben. Der alte Diener, den die Kunde von Peregrettens Wiederfinden in erſter Frühe erreicht hatte, kam uns auf halbem Wege entgegen; er mochte nicht aufhören ihre Hände zu küſſen. Da Heinrich ſich von der Hoffnung auf ſeines Weibes Heimkehr nie hatte entwöhnen können, ſo waren auf ſeinen Befehl auch ihre Zimmer in derar⸗ tigem Stand gehalten worden, als erwartete man ihre Ankunft jeden anderen Tag. Sie fand kein Stäubchen auf ihren Tiſchen und Käſten; auf ihrem Pult lag das Buch noch, mit dem Zeichen da, wo ſie vor acht Monaten aufgehört hatte zu leſen. An ihrem Arbeitstiſch ruhte, unter einem Tuche verhüllt, die Nähterei, von der ſie ſich getrennt, und Nadel, Garn und Bleiſtift eben da, wo ſie ſie damals hin⸗ gelegt hatte. Ihr Lager war ſtets friſch überzogen und die Nachtkleider in Bereitſchaft. Schweigende Glückſeligkeit ſtrahlte aus den Augen — 280— der Wiedergefundenen, und wie ſie ſo da lag in den blendenden Kiſſen, auf denen das dunkele Haar ſich ringelte; die Blicke nicht von ihrem Gatten wendend, als wollte ſie auf einmal nachholen, was ſie mon⸗ denlang ſchmerzenreich entbehrt hatte; die mageren Wangen leicht geröthet vom noch einmal aufleuchten⸗ den Wiederſchein eines untergehenden Glückes; die ſchmalen weißen Hände regungslos geduldig ausge⸗ ſtreckt auf der dunklen Seide ihrer Decke— da meinte man den leidenden Engel der Weiblichkeit zu ſehen, und wer einen Kummer hatte in ſeinem Herzen, der hörte auf daran zu glauben, wenn er den Glanz erkannte, der von dem Angeſicht dieſer glücklichen Dulderin ſchimmerte. Allein hier in ihren Gemächern verſchwand Pe⸗ regretta ſo gut wie gänzlich für uns. Heinrich ſaß den langen Tag vor ihr, er hielt ihre Hände, er ſtrich ihr das Haar aus der Stirne, er ſprach leiſe mit ihr und ließ ſich von ihr ebenſo erzählen. Jeder Tritt einer Sohle im Nebenzimmer war ihm eine unlieb⸗ ſame Störung; jedes Wort, jeder Blick, die wir an ſein Weib richteten, galt ihm ein Raub an ſeiner Liebe. Er wollte ſie allein haben und wir mußten ihm dieß billig gewähren; ſelbſt die Wehmutter und die Müllerin, welche der Kranken wartete, beſchränk⸗ ten ſich auf die nothwendige Hülfe, die anderen Haus⸗ 19 —— 290— genoſſen ſprachen nur ein⸗ oder zweimal des Tages vor und dann nur auf kurze Minuten. Am Abend des dreißigſten Dezember änderte ſich das. Heftige Wehen ſtellten ſich ein, der Arzt verließ das Haus nur ſelten, und Diener und Wär⸗ terinnen rannten mit beſorgten Mienen durcheinander. Die Nacht war leidenreich und ſorgenvoll. Am Morgen des einunddreißigſten Dezember, früh nach ſieben Uhr, gebar ſie einen geſunden Kna⸗ ben, der ſofort die vier Wände beſchrie. Bei der Wöchnerin aber ſtellten ſich bald darauf beunruhi⸗ gende Zuſtände ein. Als ich einige Zeit ſpäter wie⸗ der in's Zimmer trat, ſchlief ſie; Heinrich hatte das Haupt auf ihr Lager gedrückt und ſchien gleichfalls der Ermüdung einen kleinen Zoll zu bezahlen. Die Frauen grüßten mit ſchweigendem Nicken, ich ſetzte mich leiſe in einen Stuhl und betrachtete das ſchöne wachsbleiche Geſicht der Schlummernden. Heinrich hob die Stirne und ſeine Augen haf⸗ teten wieder unverwandt auf den geſchloſſenen Wim⸗ pern ſeines Weibes. Sie erwachte und ein Blick voll Innigkeit fiel auf die beſorgten Mienen des Mannes. Dann frug ſie mit leiſer aber ruhiger Stimme nach dem Kinde. Man beruhigte ſie und willfahrte ihren Wünſchen. Wieder hielten ſich die Beiden Hand in Hand, —— auch ſprachen ſie zuweilen leiſe und zärtlich. Dann trat eine lange Pauſe ein, Peregrettens Züge verrie⸗ then gewaltſam zurückgepreßte Weherufe, ihre Lippen klemmten ſich aneinander und das Sprechen ſchien ihr verſagt. Es ging vorüber, ſie lächelte wieder und zog Heinrich zu ſich herab, auf daß er ſie küßte. Von draußen hörte man ein kurzes, fernes Geläute. Das ſchien einen ſchmerzlichen Gedanken in ihr zu erre⸗ gen, ſie wand langſam ihre Hände aus denen Hein⸗ rich's los, griff mit der linken nach dem Goldfinger der rechten und ſtreifte den Ehering herab, den ſie wie bittend Heinrich entgegenhielt, auf daß er ihn zurücknehme. Der aber ſchluchzte laut auf und indem er haſtig den goldenen Reif an ſeinen alten Platz ſteckte, rief er mit thränenerſtickter Stimme: „Nie, niemals! Du und nur Du für alle Zeit und Ewigkeit!“ Er beugte ſich ſanft über ſie. Ich verließ trauernd dieſes Gemach der Schmerzen. Als ich es wieder betrat war es ſpät in der Nacht, das Schreien und Weinen der Mägde rief mich die Treppe hinauf. Peregretta war verſchieden. Da lag ſie regungslos, odemlos in ihren Kiſſen, die Augen geſchloſſen, die Hände gefaltet. Im Zim⸗ 19* mer brannte nur eine Lampe, deren Strahlen fielen gerade auf die ſchönen Züge der Todten und ſpielten mit magiſchen Lichtern über die blaſſen Lippen, über die langen Wimpern. Als ich eintrat, ſtürzte Heinrich ſchreiend an meinen Hals. Nach geraumer Weile bat er mich, ihn zu verlaſſen und um ſein Kind mich umzuthun. Dann ſetzte er ſich wieder an das Bett ſeiner ent⸗ ſeelten Liebe. Ich ging hinab und ſah nach dem Knäblein. Es zappelte und ſchrie, und die Mägde meinten, das gäbe einen geſunden Jungen. Peregretta hatte ihr Kind ſelbſt ſtillen wollen, dennoch hatte man ſich zur Vorſorge nach einer Amme umgeſehen. Dieſelbe wohnte mitten in der Stadt, und ich beſchloß, ſie ſogleich herbeizuſchaffen. Als ich über der Wieſe war und die Straße betrat, hörte ich noch das Schreien des jungen Welt⸗ bürgers, der mit Thränen und Weheklagen ſeinen Eintritt in's Daſein bejammerte; vor der Thüre des Hauſes von Püren ſtand ein wohlbepackter Reiſe⸗ wagen, im oberen Stockwerk waren alle Fenſter hell erleuchtet, und deutlich ſchollen zum emſigen Klirren der Champagnerkelche die Freudenrufe in die Nacht hinaus:„Es lebe die Braut! Es lebe der Bräuti⸗ gam! Hoch! Hoch!“ 21 Von den Thürmen der Stadt ſchlug's eben Zwölf, aus meilenweiter Ferne drang der langgezo⸗ gene Pfiff einer Lokomotive durch die Windſtille, und hoch über den Häuptern des Erdenwallens grüßten durch zerriſſenes Wintergewölk die Sterne der Ewig⸗ keit ein neues Jahr. —.— Berlin, Druck von Gebr. Unger, Königl. Hofbuchdrucker. —ö — ———