—— ——= u — H 3————————— 3 7 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 5. Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. hesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. C(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 4. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſenei, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 8 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Roman in drei Bänden von Karl von Holtei. Dritter Band. 8 Zweite Auflage. Dreslau, Verlag von Eduard Trewendt. 1857. Die Vagabunden. Dritter Band. Kiterarische Anzeige. In demſelben Verlage ſind ferner erſchienen: Holtei, Karl von, Schleſiſche Gedichte. 2. Auflage. 8. 22½ Sgr. Eleg. in engl. Leinw. geb. mit Goldſchnitt..... 14 Rthlr. Holtei, Karl von, Stimmen des Waldes. 2. Min. Ausg. 14 Rthlr. Eleg. in engl. Leinw. geb. mit Goldſchnitt..... 13⁄ Rthlr. Holtei, Karl von, Ehriſtian Lammfell. Roman in 5 Bänden. 8. 6 Rthlr. Holtei, Karl von, Ein Schneider. Roman inz Bänden. 8. 34Rthlr. Holtei, Karl von, der Obernigter Bote. Geſammelte Aufſätze und Erzählungen in 3 Bänden. 8......... 33 Rthlr. Holtei, Karl von, Portrait und Facſimile. Gezeichnet v. Fr. Keil. 3 Halbfolio.....*... 224 Sgr. Vernhard, Auguſte, ein Erbverirng. Roman. 8... 1 Rthlr. Büringfeid I dan Eſther. Novellen⸗Roman in 2 Bänden. 8............ 22 Rthlr. Freiherr von Eutengpirgel oder Lebensbilder aus der Neuzeit. 2 Bände. 8.............. 3 Rthlr. Pohl, A., Humoriſtiſche Ernälungen und Skizzen. 8.. 224 Sgr. Ving, Mar, die Genfer. Trauerſpiel....... 22 ½ Sgr. Schlönbach, Arnold, Deihitdie Genrebilder aus der Wirklichkeit. 2 Bände. 8....„.......... 2 Rthlr. Einundſechzigſtes Kapitel. Anton erreichte nach mehrtägigem Wandern eine Stadt von größerer Ausdehnung. Vor dem Thore an⸗ gelangt, fragte er, ob es nicht einen Weg gäbe, der ihn hinter ſelbiger herumführte? Denn er fühlte nicht die geringſte Luſt, ſich in ſeinem Reiſe⸗Aufzuge zwiſchen all' die geputzten Leute zu drängen, welche den ſchönen, win⸗ terhellen Neujahrstag des Jahres 182* auf der Straße feierten, indem ſie ſich und ihre neuen Kleider ſpazieren führten. Der Thorwärter verſicherte ihn, der Weg um die Stadtmauer herum ſei vom geſtrigen Schneeſturm dermaßen verweht, daß er verſinken müſſe bis über die Hüften, wenn er ſich beikommen laſſe, ihn einzuſchlagen. Es blieb keine Wahl. Er mußte in die kleine Reſidenz eintreten. Mit dem Bewußtſein, noch einige Goldſtücke in der Taſche zu führen, tröſtete er ſich über den Gegen⸗ ſatz, den ſeine Kleidung zu den Weihnacht⸗beſchenkten Einwohnern, zu ihren Pelz⸗verbrämten Mänteln und Röcken bildete. Er fragte nach dem beſten Gaſthauſe. Man bezeichnete mehrere. Den Elephanten erwählte der Holtei, Vagabunden. III.. 1 ehemalige Thierführer. Ein Bär, ſprach er, wäre mir noch lieber geweſen, ſollte es auch ein blauer ſein; dagegen wohn ich von nun an nicht mehr in einem Hirſch, und wenn's ein goldener wäre. Der Elephant ſah unſeren Freund anfänglich ein Bißchen über die Achſel an; das ſchlechteſte Stübchen, ſo unter ſeines Rüſſels Scepter lag, öffnete ſich für Anton. Ihm, der ſeit ſechs Tagen durch Schnee und Feld, von Dorf zu Dorf ſich herumgeſchlagen, dünkte dies armſelige Gemach mit ſeinem eiſernen Oeſchen ein Prunkzimmer, ſehr geeignet, einige Tage der Ruhe, der Ueberlegung zu widmen und von dort Entſchlüſſe für ferneren Lebens⸗ wandel mitzunehmen. Wie uneigentlich, ſagte er, nach⸗ dem er trocknes Holz in den glühenden Ofen nach⸗ gelegt und ſich behaglich auf das dreibeinige Kanapee geſtreckt, wie uneigentlich redet man doch von dem Lebens⸗ wandell der meiſten Menſchen, die da unwandelbar an ihrer Scholle kleben, in ihren Läden feilſchen, in ihrem Amte regieren, neben ihrer Eltern Grabe modern. Wandeln ſie durch's Leben? O nein, das Leben wandelt durch ſie, und ſie ſpüren's manchmal kaum. Ich dagegen, ſeitdem ich Liebenau verlaſſen, darf mich wirklich rühmen, einen Lebenswandel geführt zu haben, und obenein nach gewöhnlichen Begriffen, einen ſchlechten. Aber wenn ich mich ehrlich frage, ob ich ſchlecht dabei geworden bin, darf ich ebenſo ehrlich antworten: noch nicht! Doch will ich auch nicht ableugnen, daß es die höchſte Zeit wäre, dem Dinge ein Ende zu machen; ſonſt ſteh' ich für Nichts. Mir iſt um's Herz, als wäre nun der Wendepunkt erreicht: nur — 3— noch ein Jahr bis zur Volljährigkeit!? Dann ſoll der ganze Mann da ſtehen! Ach, und ich komme mir ſo oft noch wie ein Junge vor! Und wenn ich an Adelheid denke, wie ein recht dummer Junge! „Wau wau!“ machte jetzt im anſtoßenden Neben⸗ zimmer eine derbe Hundeſtimme, wie wenn ſie den dummen Jungen beſtätigen wollte. Dann folgten weib⸗ liche Schmeicheltöne, die wieder mit allerlei Drohworten abwechſelten; hernach ließ eine heiſere Männerſtimme 6 ſich vernehmen, die abſcheuliche Schmähungen gegen Gott und Menſchen ausſtieß; dazwiſchen erklang die Weiberſtimme, zornig, im höchſten Affect und rief:„Pack ihn, greif ihn, mein Thierchen; ſo ſchön! An der Bruſt! Beſſer! Schüttle ihn! Wirf ihn zu Boden, den nieder⸗ trächtigen Mörder, zerreiße ihm den Rock!“— Hier ſprang Anton vom dreibeinigen Kanapee auf, nahm ſeinen Reiſeſtock zur Hand und wollte ſchon durch kräfti⸗ gen Fußtritt jene Thüre ſprengen, welche ihn vom Schau⸗ platz eines blutigen Verbrechens trennte, als ein freund⸗ liches:„Bravo, mein Hundchen!“ ertönte, ſodann harmoniſches Geklapper von Tellern und Löffeln erklang und,— wie es ſchien— Hund, Dame, Mörder ſich fröhlich und guter Dinge zum Speiſen begaben. „Heute hat er's vortrefflich gemacht; heute ſoll er ein großes Stück Fleiſch haben!“ Dieſe verſöhnlichen Worte entquollen— zwiſchen jedem ein Löffel voll Suppe als Gedankenſtrich— dem heiſeren Munde des Mörders. In Anton ging das Bewußtſein auf, abermals mit „Seinesgleichen“ in Berührung zu gerathen. Er wendete 1* 8 · ——— & 8— 41— ſich fragend an die Dienſtboten des Hauſes und erfuhr, daß ſein Nachbar niemand anderes ſei, als der auf Kunſt⸗ reiſen begriffene, berühmte Hund des Aubri de Mont⸗ didier, der die renommirteſten, auf Gaſtrollen umher⸗ reiſenden Schauſpieler in vielen Dingen übertreffe, vor⸗ züglich aber in dem Triumphe, welchen ſeine Kunſt über die verwöhnte, veränderungsſüchtige Maſſe des ſchau⸗ luſtigen Publicums davon getragen. Dieſes, bei anderen Schauſpielern auf häufigen Wechſel, neue Stücke, ver⸗ ſchiedenartige Charaktere erpicht, habe für die Leiſtungen dieſes Schafpudels eine ſo kindliche Pietät, daß es nicht müde werde, ihn ſtets nur in einer und derſelben Rolle zu bewundern; daß es ihm zu Gefallen ſogar den menſchlichen Appendix von heiſerem Mörder und edler Mutter ſich gefallen laſſe, weil es in letzteren die zwei⸗ beinigen Pflege⸗Eltern des vierbeinigen Meiſters verehre. Kann es etwas Unbegreiflicheres auf Erden geben, als dies ſogenannte Publicum? „Und dann,“— ſo fügte der geſprächige Hausknecht des Gaſthofes zum Elephanten hinzu,—„dann müſſen Sie auch bedenken, was für Krabalen der Hund auszu⸗ ſtehen gehabt, bis er auf unſerm Hoſtheater ſpielen durfte! Das war erſchrecklich! Der Director hat ſich mit Händen und Füßen dagegen geſtemmt. Durchaus wollt er's dem armen Vieh nicht vergönnen. Aber die Schau⸗ ſpieler, die mit dem Hunde reiſen, haben ſich hinter die Madame J. geſteckt, die iſt gut mit unſerm Gnädigſten, und die hat es glücklich durchgeſetzt. Nu' hat der Hunde⸗ feind die Direction niedergelegt! Als ob das ein Unglück wäre! Es wird ohne ihn auch gehen, und wir haben doch den Hund gehabt, ſo gut wie jede andere Reſidenz, und brauchen uns nicht mehr zu ſchämen, daß wir zurückgeblieben ſind!“ Iſt der abgegangene Director auch ein Schauſpieler? fragte Anton, ziemlich gleichgültig. Goit behüte, erwiederte der Hausknecht; der iſt ein Dichter: der—— Und jetzt hörte unſer Freund einen Namen, an deſſen Klang ſich für ihn der zwiefache Zauber: jugendlicher Liebesträume und erſter poetiſcher Eindrücke knüpfte; einen Namen, in deſſen Gefolge eine Welt von Liedern wach wurde, die nur im Gedächtniß ſchlummernd eines Wortes bedurften, um friſch aufzu⸗ leben; einen Namen, den Anton tauſend⸗ und aber tauſendmal gedacht, ausgeſprochen, ſeitdem er ihn kannte, ohne daran zu denken, daß er einem Lebenden gehöre; daß Derfenige, der ihn trug, überhaupt jemals gleich anderen Menſchen auf Erden gelebt habe! Wenn Anton Nauf dem Titelblatt eines gedruckten Buches dieſen Namen geleſen, war ihm ſtets unmöglich geweſen, den⸗ ſelben in ſeiner Phantaſie mit irgend einer Perſönlichkeit in Verbindung zu bringen; dieſer Geiſt, gerade weil derſelbe das Rein⸗Menſchliche in allen Tiefen und Höhen durchdrungen, ſchien ihm ſo wenig an eine körperliche Form gebunden, daß Anton's Einbildungskraft ſich kein Individuum dabei vorſtellte. Ihm war es die Dichtkunſt ſelbſt, die zu ihm redete durch den lebensreichſten deutſchen Dichter. Und jetzt ſollt er vernehmen, daß in dieſer kleinen Stadt, wohin ſein Wanderſpiel ihn geworfen, dieſer noch als Menſch unter gewöhnlichen Menſchen lebende Poet die armſeligen Plackereien und Qualen anderer Geſchöpfe mit erdulde; daß Er es nicht ver⸗ ſchmäht habe, dem leichtſinnigen Treiben der Bretterwelt Führer zu ſein! daß ein Hund Ihn verdrängt habe!— Anton hätte den Hausknecht umarmen mögen! Steht es alſo um die Götter dieſer Erde, rief er aus; ſind auch ſie dem Elend unterworfen, Staubgebor'ne zu heißen? Nun, dann wär'es ja Zeit, zu lächeln bei eigenem Jammer und von Allem, was ſich mit uns begiebt, nur die luſtige Seite herauszukehren. Das will ich von nun an,— aber ſehen will ich Ihn, bevor ich meinen Stah weiter ſetze! Und er ſah ihn; ſah ihn des anderen Morgens am Fenſter ſtehen, es öffnen, einen Athemzug aus reiner Winterluft ſchöpfen, ſein Auge zum hellen kalten Neu⸗ jahrshimmel hinauf heben!— und nachdem Anton dies geſehen, fragte er ſich: was hätt' ich noch im Elephanten zu ſchaffen? Er verließ die Stadt. Da er die nicht entfernte Grenze ſeines Vaterlandes überſchritt und ſich den üblichen und beliebten Ceremo⸗ nieen des Viſitirens unterwerfen mußte, machte er durch ſein Erſcheinen den Grenzwächtern Mancherlei zu denken. Sie konnten ſich's nicht erklären, wie ein junger Burſch, den man ſeinem Aeußeren nach für einen wohlconditio⸗ nirten Handwerksgeſellen halten mußte, zu einem Pariſer Legations⸗Paß von ſo umunſchränkter Dauer gekommen ſei? Ein Controleur richtete an ihn die halb neugierige, wendick, linke Hinterfuße nit nackßleppe; Sie geb' nit Acktung, Sie chagrinir' alte hundertjährick Mirabel, daß muß ſterb' in Blüt' von ſein' Jahr!“ Das war der Text, den Anton melodramatiſch zu begleiten hatte. 3 Unter den verſchiedenen Gruppen hübſcher und häß⸗ licher, grazieuſer wie plumper Jungfräulein, die ſich in verſchiedenen Häuſern zu verſchiedenen Stunden und Tagen vereinigten, befand ſich eine, in dem Hauſe einer Majorswittwe, die ſich vor allen übrigen auszeichnete, weil dort wohlerzogene, beſcheidene, niedliche Kinder, mit ihren Müttern, von dieſen überwacht, erſchienen. Sie bildeten eine Quadrille von vier Paaren. Doch waren nur ſieben Mütter bei dem Unterrichte zugegen. Das achte Mädchen, das ſchönſte, reifſte, beſcheidenſte von allen, hatte keine Mutter mehr, ſie kam unbegleitet und allein. Sie wurde Hedwig genannt. Wer und was ihr Vater ſei, blieb Anton unbekannt. Zu fragen, überhaupt von ihr zu ſprechen blieb ihm unterſagt. Mit wem hätte er von dieſem Mädchen ſprechen ſollen? Mit dem alten, prahlenden, lügenden Schwätzer, dem er diente? O nein, das wäre eine Entweihung geweſen. Er begnügte ſich, ſie ſchweben zu ſehen,— denn ſie ſchwebte, wo die An⸗ deren ſprangen oder gingen. Er begnügte ſich, bisweilen eine Sylbe von ihren Lippen zu vernehmen, wenn ſie wortkarg und ſanft den luſtigen geſprächigen Mitſchüle⸗ rinnen eine Antwort ertheilte. Er fühlte, was er noch keinem weiblichen Weſen gegenüber gefühlt: ein beglük⸗ —.12— · kendes Bewußtſein ihrer Nähe, ohne die geringſte Bei⸗ miſchung irdiſcher, eitler oder kecker Wünſche. Die Ent⸗ fernung von ſeiner im Schmutze des Lebens befleckten Perſönlichkeit bis zu ihr, die ihm ein Vorbild kindlicher Unſchuld und Reinheit erſchien, dünkte ihn ſo weit, daß ein Gedanke an Annäherung nicht in ihm aufſteigen konnte. Wenn ſie ihn anſah, was allerdings bisweilen geſchehen mochte, ſchlug er beſchämt die Augen zu Boden, — aber auch dann empfand er den beſeligenden Zauber der ihrigen, bis tief in die innerſte Seele. Dann zitter⸗ ten die Töne ſeines Inſtrumentes wunderbar, und er legte in die leichten, tauſendmal geſpielten Tanzweiſen einen Ausdruck, wie noch kein Muſtkant gethan, der je vor ihm aufgeſpielt hat. Wenn man ſich mit allen Kräften, Erwartungen, mit aller Sehnſucht auf eine beſtimmte Stunde richtet, die wöchentlich nur zweimal ſchlägt; wenn man in dieſe ſechzig Minuten eine ganze Welt von Bewunderung, Verehrung, Begeiſterung, Entzückung und— Entſa⸗ gung zu drängen weiß; wenn man die übrigen Tage der Woche nur als Ergebniß leerer Stunden und Minuten betrachtet, die lediglich zu verrinnen haben, damit jene eine Stunde bald wieder erſcheine..... dann ſollte Jeder glauben, der etwas Aehnliches noch nicht durchgemacht, müſſe dem ungeduldig Harrenden die Zeit fürchterlich lang werden!? Merkwürdig, dem iſt nicht ſo. Niemals verfliegen die Tage raſcher, als in ſolchem Zuſtande. Es iſt, wie wenn auch die Zeit, vom Fieber des Patienten angeſteckt, ihren Pulsſchlag mit dem ſeinen verdoppelte, — 13— um nur bald wieder zu der Stunde der Weihe zu gelangen. Was Wunder, wenn drei Monde ſo geſchwind für Anton wechſelten, daß er, als ſie dahin waren, nur vier⸗ undzwanzig Stunden durchlebt zu haben wähnte! Denn vierundzwanzig Stunden hatte Herr Mirabel den jun⸗ gen Mädchen im Hauſe der Majorswittwe ertheilt; vier⸗ undzwanzigmal hatte Anton ſeinen Bogen daſelbſt ge⸗ führt; vierundzwanzigmal hat er Hedwig geſehen. Und nun ſchlägt die letzte dieſer ſeligen Stunden, und drei Monate ſcheinen ein einziger Tag geweſen zu ſein! Sagt mir, was ihr wollt und könnt, ihr Vertreter des wirklichen, genießenden Lebens; die höchſte Wonne unſeres Daſeins liegt doch in Dem, was wir lieben, weil es ſchön iſt, weil wir es lieben müſſen, ohne Hoffnung, ohne Wunſch des Beſitzes. Sehnſucht ohne Abſicht— das iſt Liebe. Alles Andere iſt— etwas Anderes. Als die letzte Lection beendet war, überreichten die jungen Damen ihrem alten, wunderlichen Lehrer ein außerordentliches Geſchenk, welches mit dem ſtipulirten, höchſt mäßigen Stundengelde Nichts gemein haben und dem dürftigen Manne eine unverhoffte Freude machen ſollte. Nachdem ſie ſich dieſer angenehmen Pflicht mit den regelrechteſten Knixen, wie Mirabel ihnen dieſelben ſcheltend beigebracht, zierlich entlediget, ſteckten ſie alle acht die Köpfe zuſammen, debattirten, näherten ſich dann den ſieben Müttern, flüſterten abermals, wobei man immer nur die Worte:„nein, ich nicht; durchaus nicht!“ vernahm, bis ſich dieſe einzelnen Verneinungen plötzlich zu einer allgemeinen Bejahung geſtalteten, welche laut und deutlich ertönte:„ja, ja, Hedwig!“ Anton hatte ſchon die Thüre in der Hand, ſich zu empfehlen. Da holten ihn die Mädchen zurück. Sie⸗ ben Hände faßten ſeine Arme, ſeinen Rock, mit jugend⸗ licher Luſtigkeit, und ſie geleiteten ihn, wie in einem erzwungenen Triumphe, zum Halbkreiſe der ſieben Müt⸗ ter, vor welchem Hedwig, ein in Papier gehülltes Packet⸗ chen in zitternden Händen haltend, ſehr verlegen und ängſtlich ſtand.. „Wir wollen Ihnen danken— für Ihre Mühe,... und wir wünſchen, daß dieſe Uhr Ihnen unterhaltendere Stunden zeigen möge, als unſere Tanzſtunden Ihnen gegeben.“ Mit dieſer furchtſam⸗geſtotterten Anrede übergab ſie ihm das Päckchen und zog ſich eiligſt zurück. Anton vermochte gar Nichts zu erwiedern, verbeugte ſich ſtumm, verließ das Haus, welches jemals wieder zu betreten er keine Ausſicht hatte, rannte nach ſeinem Stüb⸗ chen, ſchob die hübſche Uhr gleichgültig fort und prüfte nur die, in ein zweites Papier gehüllte, ſeidene Schnur, die, kunſtreich geſchlungen, ohne Zweifel von den zarten Fingern einer dieſer Schülerinnen herrührte. „Wenn ich wüßte, ob Hedwig—— 2 Er ergriff noch einmal das Blatt. An der äußerſten Ecke deſſelben, kaum lesbar, in kleinſten Schriftzügen, ſtand ein H... Anton küßte das Blatt, legte es in ſeine Brieftaſche, hing die Schnur um ſeinen Hals, ſteckte die Uhr, daran — — . 3 wefeſtiget, in die Weſtentaſche, ging einige Male heftig aauf und ab und ſagte dann: Jetzt iſt es Zeit, aufzu⸗ brechen und dieſe Stadt zu verlaſſen. Zweiundſechzigſtes Kapitel. Mirabel kam Antons Wünſchen zuvor. Der Früh⸗ ling trieb ihn ohnehin aus der Stadt, auf ländliche Weide. Sie ſchloſſen einen neuen Vertrag, erneuerten vielmehr den alten und ſagten dem lieben E. Valet. Von ihrem Leben auf den Landſchlöſſern, in den Beamtenhäuſern, die Beide nun wechſelnd bezogen und nach vierwöchentlichem Aufenthalte wieder verließen, iſt wenig zu berichten, was unſern Anton angeht. Immer die alte Leier: gedankenloſes Hergeigen der alten Tanz⸗ melodieen; dann aber, ſobald dieſes überſtanden: Ein⸗ ſamkeit im Feld, im Freien, im Grünen. Da lebte der junge Mann recht eigentlich ſeiner männlichen Entwicke⸗ lung; da lernte er denken, indem er verglich, erwog und ſinnend an ſich bildete. Was ihn umgab, ließ ihn gleichgültig. Was er durchlebt hatte, galt ihm nur inſofern noch für wichtig, als er die Eindrücke zu erforſchen ſtrebte, welche Vergan⸗ genheit ihm bleibend hinterlaſſen. Was er noch durch⸗ leben werde, glaubte er mit Faſſung erwarten zu dürfen. Es iſt gleichviel, meinte er, was mir begegnet; nur darauf kommt Alles an, wie ich dem Unvermeidlichen begegne, wie es mich findet! 8 — 16— Es gelang ihm, jener einförmigen, leeren Exih mit welcher, um des lieben Broterwerbs Willen, d ſchöne Jahreszeit gleichſam vergiftet wurde, eine heit're Stirn entgegenzuſtellen; ſeine Verpflichtungen gegen Mirabel und deſſen Schülerwelt zu erfüllen, wie wenn er ſie noch ſo gern erfüllte; und Niemand durch trübe Mienen oder mürriſches Weſen entgelten zu laſſen, daß er nicht mehr in Hedwigs Nähe lebte. Wenn jemals ein junger Mann den Beinamen„der Liebenswürdige“ verdiente, ſo war dies unſer Freund, jetzt, nachdem er im Feuer der Leidenſchaften, des Grames, der Entſagung dreifach geläutert, jene männlich⸗heit're Ruhe gewonnen, die durch milden Ernſt ſo wohl thut, die uns an erfahrenen Weltmännern bezaubert, die aber bei Jünglingen, welche erſt im Begriff ſtehen, Männer zuwerden, unter die ſeltenſten Vorkommenheiten gehört,— und zwar aus einfachen, natürlichen Gründen! Schade nur, daß Antons gegenwärtige Stellung ſo wenig Gelegenheit darbot, dieſe ſeine Liebenswürdigkeit in ihr volles Licht zu ſetzen: Diejenigen aus den ländlichen Umgebungen, mit denen ſein Verhältniß ihn in Verkehr brachte, wußten das nicht zu würdigen, was an ihm außerordentlich war; und Diejenigen, die befähigt geweſen wären, ihn zu erkennen, kamen mit dem Geiger des Herrn Mirabel durchaus nicht in Berührung; ſie begnügten ſich, zu ſagen:„Aus welchem Waſſer muß doch eine ſo lächerliche Perſonage, wie unſer alter Tanzmeiſter, dieſen Muſtkanten gefiſcht haben? Der junge Menſch ſieht manchmal d'rein, als ob er Jemand wäre!“ So rückten die Hundstage heran mit ihrer drückenden Hitze. 3. Jean Paul, in, ich weiß nicht, welchem ſeiner humo⸗ riſtiſchen Stillleben, ſegnet das Andenken des braven Mannes, der die Schulferien dieſer glühenden Tage erfand, und möchte ſeinen Schädel küſſen. Wir ſelbſt wiſſen uns auf den Werth derſelben gar wohl zu beſin⸗ nen, und wenn wir ſie, als Schüler, uns vergönnten, ſo vergönnen wir ſie, in reiferen Jahren, zwiefach den armen, gepeinigten Lehrern. Mirabel ſollte ſie nicht genießen. Im Gegentheil, für ihn wurden ſie Tage dop⸗ pelter Anſtrengung. Denn aus den geſchloſſenen ſtädti⸗ ſchen Schulen ergoſſen ſich freigelaſſene Schüler in Strömen nach allen Richtungen ihrer ländlichen Heimath; und war es den wilden Knaben zu heiß geweſen, im engen Raume des Gymnaſtums über alten Autoren zu ſitzen, ſo konnte die glühendſte Sonne doch keine Temperatur zu Stande bringen, welche das beweg⸗ liche Völkchen verhindert hätte, ſich mit Mühmchen, Baſen und Schweſtern herumzuſchwenken. Die Tanz⸗ lectionen kamen nun erſt recht in Gang. Monſieur Mirabel hatte alle Hände und Füße voll zu thun. Dieſen gewaltſamen Anſtrengungen war der alte Herr nicht mehr gewachſen. In einer Nachmittagsſtunde, wo der Thermometer nach Reaumur einundzwanzig Grad über Null im Schatten declarirte, rührte den Unermüdlichen der Schlag. Der Dorfbader ließ das Blut des wohl⸗ beleibten Greiſes zwar ſchonungslos fließen,— doch ver⸗ gebens. Herr Lemonier-Mirabel de la Garde, de la Holtei, Vagabunden. III. 2 4 Tour d'Auvergne verhauchte ſein hundertjähriges Lebe im Kreiſe ſtaunender Schuljungen, die ihn mit feuchte Augen umſtanden, denn ſie hatten den alten Narren ger gehabt. Die letzten Worte des Sterbenden waren :main gauchel les cavaliers en avant!— „main droite ſec et vive TEmpere.. Sie ließen ihn begraben.. Aber die Welt hat es an ſich, daß ſte auch auf Grä bern tanzt. Und es ward an Anton die Frage gerichtet ob er nicht zu den künftigen Tanzſtunden weiter auf ſpielen wolle? Man werde verſuchen, ſich ohne Lehrer zu üben. Anton, als Knabe in Liebenau ſchon für einen guten Tänzer bekannt; Anton, von Laura's zärtliche Aufmerkſamkeit gebildet; Anton, mit Mirabels ganze Schulweisheit bis in die kleinſten Flüche hinein vertraut warf ſich ohne Weiteres zum Erben des Verblichenen auf. Da konnten Eltern, Knaben und Mädchen ſich nicht genugſam verwundern und konnten es nicht genügend loben, wie der unbewegliche Geiger, der bishen Nichts gerührt als Arm und Bogen, jetzt mit Einem Male Leben gewann, Lebendigkeit, Ausdruckund Sprache Wie ſo ganz anders, denn Herr Mirabel, er dem Tanze Sinn und Bedeutung verlieh; wie die Grazien auf ſeinen Ruf erſchienen, der tobenden Schaar Ordnung und Mäßigkeit beizubringen. Anton war wieder ein Antoine geworden, allen früher gefaßten Vorſätzen zuwider; und hätte nicht Hedwigs Schnur auf ſeinem Herzen gelegen, ſich ſanſt an die Bruſt ſchmiegend, wer weiß, ob —.— — 19— Antoine ſich unter den Schülerinnen nicht eine Laura herausgefunden?. Anton fand keine, weil er keine ſuchte. Dagegen ergötzte ihn die Beobachtung, wie in dem jungen heran⸗ wachſenden Völkchen ſich Alles zeigte,— wenn auch in verkleinertem Maßſtabe,— Alles, was dieſe Erde und ihre Bewohner in Haß und Liebe, in Edelmuth und Neid bewegt. Er wurde, ohne danach zu ſtreben, der Vertraute jener halb ſchon verderbten, halb noch ſchuld⸗ loſen Neigungen, die das Mädchen zum Knaben zogen, die den Knaben in Feindſchaft gegen einen kleinen Nebenbuhler entbrennen ließen. Ein Tanzlehrer— man lächle nicht!— iſt für die ſich entwickelnde Jugend vielleicht der wichtigſte von allen Lehrern. Nicht, daß er auf edle Gefühle großen und nützlichen Einfluß üben könnte! Wohl aber, indem er, leichter wie jeder andere Lehrer, durch Wort, Beiſpiel und That die ſchädlichſte Einwirkung auf ſeine Schüler, wie Schülerinnen geltend zu machen Gelegenheit findet. Deshalb, ſag' ich, iſt er wichtig; das heißt: es iſt für Eltern und Erzieher wichtig, zu wiſſen, wem ſie ihre Pflegebefohlenen anvertrauen, wenn es auch ſonſt, nach Vieler Anſicht, höchſt unwichtig ſcheinen möchte, ob das Tanzen überhaupt gelehrt werde oder nicht? Anton hatte dieſe Bemerkung ſchon gemacht, während er nur Orcheſter war, und hatte deshalb das Benehmen der ſieben Mütter in E., welche ſtets als Obſervationscorps zugegen gewe⸗ ſen, höchlichſt billigen müſſen. Deſto mehr glaubt' er 5 2* — 20— ſich wundern zu dürfen, jetzt auf dem Lande in recht vornehmen und vornehm thuenden Familien, wie auch in minder anſpruchsvollen Häuſern, eine bis an Leicht⸗ ſinn grenzende Gleichgültigkeit zu finden. Man überließ die junge Welt ſich ſelbſt und ihm bei den Lectionen. Wie gut, daß er Hedwig's Schnur auf dem Her⸗ zen trug!. Es befanden ſich unter den Schülerinnen einige Mädchen, die ſchon erwachſen und bei all ihrem adeligen Hochmuth herablaſſend genug waren, den zum Tanzlehrer beförderten Violinſpieler auf eine faſt zudringliche Weiſe auszuzeichnen. Anton that hier zum erſten Male in ſeinem Leben Blicke in die wirkliche„vornehme Welt,“— denn was ihm zu Bärbels Zeiten davon vor Augen gekommen, konnte nicht dafür gelten. Da man ihn mit den Hausofficianten ſpeiſen ließ, war auch dafür geſorgt, daß er über Alles, was er geſe⸗ hen, und was ihm etwa noch dunkel geblieben wäre, weil ſeine angeborene Ergebenheit ihn verhinderte, das Schlimmſte zu glauben, die unumwundenſten Ausle⸗ gungen empfing.. 3.; Nun, ſagte er manchmal des Abends, wenn er von Stundengeben und Muſikmachen ermüdet ſein Lager ſuchte, mag es ſonſt ſein, wie es will, in der hohen Ge⸗ ſellſchaft, Eins ſteht feſt: bei Guillaume's ging es in gewiſſen Punkten kaum ſo toll zu. Und was die ſtolzen Damen hier herum betrifft, ſind unſere Reiterinnen im Vergleich mit ihnen wahre Tugendſpiegel geweſen,— der armen Adele gar nicht zu gedenken. — 21— Es war ſchon ſpät im Herbſte, da er, nach Beendigung aller vom ſeligen Mirabel abgeſchloſſenen und auf ihn übergegangenen Engagements in dieſer Gegend, einige Meilen weiter auf eine große Beſitzung verſchrieben ward, wohin man ihn, mehr ſeiner angenehmen Erſcheinung und ſeines entſprechenden Betragens halber, als wegen ſeiner Talente für den Tanz, beſtens empfohlen. Er dankte dem guten Glücke, aus all' den Schlingen, die Alt und Jung, von der Gnädigſten bis zur Kammerkatze herab, ihm legen wollen, mit heiler Haut und unausge⸗ kratzten Augen entkommen zu ſein, und begab ſich nach dem Orte ſeiner neuen Beſtimmung, wo er im October anlangte. Hier wehete ihm ein anderer Geiſt enkgegen. Von Frivolität, wie er ſie kürzlich kennen gelernt, ſchien hier keine Spur zu entdecken; vielmehr waltete eine faſt herrn⸗ hutiſche Neigung zu frömmelnder Strenge vor, in welcher aber durchaus keine Heuchelei zu bemerken war. Der ernſte Ton des Hauſes reichte bis auf die Dienſtboten, die ſämmtlich ein wenig erſtaunt d'rein blickten, einen Jünger ſündlicher Tanzluſt aufnehmen zu müſſen. Das Räthſel löſete ſich doch bald. Die mittlere Tochter des Gutsherrn(Anton fand ſich durch die Dreizahl der Töchter an Liebenau erinnert, wiewohl ſonſt nicht die geringſte Aehnlichkeit der Verhältniſſe auffiel) ſollte Braut werden; der Bräutigam wurde, wie die Dienſtboten ſich ausdrückten, auf Brautſchau erwartet. Und da dieſe Verbindung, des unſeligen Geldes wegen, erwünſcht,— ja nothwendig erſchien, ſo hatten ſich die frommen Eltern 2— entſchloſſen, von ihren religiöſen Anſichten einmal abzu⸗ gehen und den Töchtern in aller Eil einen Anhauch von weltlichem Firniß zukommen zu laſſen. Binnen drei Wochen— denn nach Ablauf dieſer Friſt wurde„Graf Louis“ erwartet— verlangte man, daß Antoine Wunder gewirkt und den Schweſtern, hauptſächlich der zum Opfer auserwählten, beigebracht haben ſolle, was bis auf dieſen Augenblick wie unnütze, vielleicht ſträfliche Tändelei gar nicht geübt worden war. Er ſelbſt nannte die Unter⸗ richtsſtunden, die er— natürlich in Gegenwart von Mutter und unterſchiedlichen alten Tanten— den linkiſchen, verlegenen, bgeichſüchtigen Mädchen täglich dreimal zu ertheilen hatte, eine Pferde⸗Arbeit. Und er mußte ſich häufig über dem ſündlichen Wunſche ertappen, daß es ihm vergönnt ſein möge, nur ein Bißchen von den frivolen Anlagen ſeiner kürzlich verlaſſenen Schülerinnen auf die unbewegliche, lebloſe Kälte der jetzigen zaubern zu können,— ſollt' es auch mit Gefahr für der Letzteren Sittſamkeit geſchehen!. „Hedwig war doch gewiß ein Muſterbild von jung⸗ fräulicher, züchtiger Tugend. Aber wie gewandt war ſie dabei, wie graciös,— die beſte Tänzerin von allen achten! Dieſe Drei tanzen wie bleierne Vögel. Gott verzeih' mir's, ich glaube, ſie haben krumme Beine, weil ſie ſo viel auf den Knieen beten müſſen!“. Durch dergleichen Betrachtungen verſuchte ſein Un⸗ muth ſich Luft zu machen. Doch die Erleichterung blieb nur gering, und er ſehnte ſich ſehr ungeduldig nach der baldigen Ankunft des verheißenen Brautwerbers, die ihn ſeiner Lehrerwürde entbinden und ihm geſtatten würde, nach E. zurückzukehren, wo er ebenfalls verſuchen wollte, die Erbſchaft Mirabels zu übernehmen. Denn in E. lebte Hedwig, und wenn er auch auf ſie nicht mehr als Schülerin rechnen durfte, war es doch ſchon ein Glück, in einer Stadt mit ihr zu weilen,— ihr vielleicht bisweilen zu begegnen,— ihr vielleicht gar zeigen zu können, daß die ſchwarze Schnur.....„Wenn nur der junge Graf ſchon in's Schloß führel ſtöhnte er von einer Tanz⸗ lection zur andern. Und wie wenn ſein Stöhnen das Geſchick erweicht hätte, der Erſehnte traf wirklich um eine Woche früher ein, als man darauf gerechnet; kam ſo unerwartet und überraſchend, daß er zum Schrecken der Mutter, zum Schauder beider Tanten mitten in eine Tanzſtunde platzte. „Bitte, ſich nicht ſtören zu laſſen, meine Schönen—“ hier hielt er inne. Es iſt ſchwer zu entſcheiden, ob er den Faden dieſer etwas nach Billardzimmer und Reitſtall ſchmeckenden Anrede abriß, weil er die Schönen nicht ſchön fand, oder ob er verſtummte, weil er einen fern⸗ geglaubten, tödtlich⸗gehaßten Gegner in Anton vor ſich erblickte? Anton erkannte ſeinerſeits auf den erſten Blick das einſt in B. mit Adelen's Fahnenſtock gezüchtigte Gräf⸗ lein. Er begriff ſogleich, daß hier ſeines Bleibens nicht ſei, benützte den günſtigen Vorwand der unterbrochenen Tanzlection, um ſich zurückzuziehen, und hatte nichts Eiligeres zu thun, als ein Schreiben an den Herrn des Hauſes außzuſetzen, worin er ſich entſchuldigte, daß er — 24— genöthiget ſei, plötzlich abzureiſen und ſo den Unterricht abzukürzen. Als er dies Briefchen einem alten Diener übergab, konnte er nicht umhin, an denſelben noch eine Frage zu richten, ob denn wirklich dieſer kindiſch aus⸗ ſehende, wüſte Jüngling als künftiger Bräutigam erſchie⸗ nen ſei? Der Alte, eingeweiht in die Familien⸗Verhält⸗ niſſe, beſtätigte es und gab Gründe dafür an: Von Sei⸗ ten ſeiner Herrſchaft die ſchon erwähnte Nothwendigkeit, Geldrückſichten zu nehmen; von Seiten der Eltern Louis' die Hoffnung, daß ihr leichtſinniger Sohn in ſo ernſten und ſtrengen Umgebungen auf die Bahn der Frömmig⸗ keit und Tugend zurückgeführt werden ſolle! Anton konnte ſich kaum ſo weit beherrſchen, daß er ein lautes Hohngelächter unterdrückte; er verließ den treuherzigen Betbruder in Livree und begab ſich nach dem Dorfe, wo er ein Fuhrwerk miethete, welches ihn und ſeinen Kram noch an dieſem Nachmittage fortſchaffen ſollte; er beſtellte daſſelbe, um kein Aufſehn zu machen, an eine Hinterthür des Gartens, ſchlich ſich dann auf ſein Zimmer, wo er zuſammenpackte, rief einen Hausknecht zu Hilfe und machte ſich mit dieſem und ſeinem Gepäck auf den Weg, um den beſtellten Wagen unbemerkt zu erreichen. Leider mußten ſie hinter einem Bosquet vorüber, in welchem Louis mit den Damen, welche die letzten Strahlen einer matten Herbſtſonne genießen wollten, beim Theetiſch ſaß. Der alte Diener hatte kurz vorher Anton's Scheidebrief überreicht; es wurde darüber geredet. Anton hörte ſei⸗ nen Namen, winkte dem Hausknecht weiter zu gehen und blieb einen Moment lauſchend ſtehen. Er hörte, wie Mutter und Töchter, ihn lobend und ſeinen raſchen Ent⸗ ſchluß bedauernd, keine Urſache dafür zu finden wußten. Graf Louis, in übermüthiger Laune, in welche er durch die Entfernung eines Feindes verſetzt war, der, wenn er hier blieb und redete, ihm ſehr ſchädlich werden konnte, meinte ſich berufen, eine Urſache anzugeben, und wähnte dieſe Gelegenheit zur Herabſetzung des Abweſenden und zur Erhebung ſeiner eigenen Tapferkeit benützen zu dür⸗ fen. Er gab alſobald ein Märchen zum Beſten, welches ihn als glorreichen Sieger über Anton darſtellte, den er mit dem Beinamen eines Vagabunden, lüderlichen Herumtreibers, durchgeprügelten Händelmacher's reich⸗ lich beſchenkte. Anton vergaß ſeine guten Vorſätze, ſich durchaus nicht zwiſchen dieſe Perſonen ſtellen zu wollen; von verzeihlichem Zorne übermannt, trat er vor und führte, ohne Schonung gegen einen prahleriſchen Lüg⸗ ner, die Vertheidigung ſeiner Ehre, indem er die reine Wahrheit erzählte. Dieſer gegenüber blieb Graf Louis ſtumm; ſein Schweigen wurde zum Ankläger und Rich⸗ ter für ihn in der Meinung der Damen. Welche Folgen dieſe Scene gehabt und künftig noch haben ſollte, werden wir im weiteren Verlauf unſerer Erzählung erfahren. Für jetzt genügt uns, Anton's nächſte Schickſale zu verfolgen, und wir geleiten ihn nur bis zu ſeinem ländlichen Stuhlwagen, in welchem er ohne Weiteres die Reiſe nach E. antrat. Dreiuiundſechzigſtes Kapitel. Mit der feſten Abſicht, ſich um eine Erlaubniß für Tanz ⸗Unterricht bei der Behörde zu melden, traf Anton in der Stadt ein, aus welcher vor einem halben Jahre Hedwig's Bild und Andenken ihn begleitet. Zuerſt aber fand er es angemeſſen, jener Majorswittwe, in deren Hauſe er ſo ſchöne Stunden— in Anſchauen und fromme 5 Bewunderung verſenkt— durchlebt, ſeinen Beſuch zu machen, ihr ſeinen Plan mitzutheilen und um ihren guten Rath zu bitten. Daß die Hoffnung, über Hedwig Etwas zu erfahren, im Grunde des Herzens ſchlum⸗ mernd, ihn hauptſächlich zu dieſem Beſuche antrieb, ent⸗ deckte er ſelbſt erſt, als von ihr die Rede war. Doch welch' ein Gefühl durchdrang ihn, da er vernehmen mußte, der alte Hauptmann, ihr Vater, in Folge ſchwe⸗ rer Wunden zum ferneren Dienſte völlig untauglich, ſei verabſchiedet worden, habe E. verlaſſen und habe ſich in eine andere kleine Stadt— man wußte nicht, welche?— begeben, um ſich einzuſchränken und ſparſamer hauszu⸗ halten.— Hedwig war fort. Er ſollte ſie nicht mehr ſehen. Seine Pläne löſeten ſich in Rauch auf. Er ent⸗ deckte nun gar nicht erſt ſeiner Gönnerin, daß er im Sinne gehabt, den Winter über als Tanzlehrer in E. zu verleben; er empfahl ſich ihr und ſchied für immer. Meinte auch E. an ſelbigem Tage zu verlaſſen! Doch mit nichten. Er ging, nur an Hedwigs Abreiſe denkend, nieder⸗ geſchlagen und entmuthigt durch die Gaſſen— da fiel —— ſein Blick auf den an der Ecke eines Hauſes klebenden Anſchlagezettel, welcher die Darſtellung einer„Genovefa, Pfalzgräfin in Trier“ verkündigte. Dieſer Anblick brachte das Gefühl in ihm hervor, wie wenn man bei'm Auf⸗ räumen in irgend einem alten Kaſten irgend ein altes Spielwerk aus der Kinderzeit findet und dadurch an un⸗ zählige Begebenheiten erinnert wird, die, längſt vergeſſen und begraben, mit wehmüthigem Lächeln wieder aufſte⸗ hen, uns geiſterhaft zu begrüßen. Bei näherer Betrach⸗ tung ſah er, daß die Vorſtellung der Genovefa geſtern ſtatt gefunden. Auch war es ein Puppentheater. An der nächſten Straßenecke fand er den heutigen Zettel. Dieſer verkündigte das Schauſpiel:„Der verlorene Sohn.“ Obwohl er ſich von einem Puppenſpiele nicht viel verſprach, beſchloß er dennoch, den verlorenen Sohn zu hören. Waltete doch ein Geſchick über ihm, worin auch ſo Etwas vom verlorenen Sohne ſich entdecken ließ, wenn gleich ſehr verſchieden von dem bibliſchen Vagabun⸗ den. Bei meiner Heimkehr, ſprach er betrübt, würde Niemand ein fettes Kalb ſchlachten; Niemand in Liebenau; ſogar Tieletunke nicht. Je geringer die Anſprüche geweſen, die Anton in das Marionetten⸗Theater des Herrn Dreher mitgebracht, deſto größer war ſein Erſtaunen, dieſelben in jeder Art übertroffen zu ſehen; nicht zu reden von dem überraſchen⸗ den Mechanismus der meiſterlich geführten Figuren, von der zierlichen Ausſtattung der kleinen Bühne, wirkte hauptſächlich die Dichtu ng ſelbſt ſo gewaltig auf unſern 1 Freund, daß ſein poetiſches Gemüth völlig davon bezaubert wurde. In reizend⸗naiver Einfalt hat das alte Volksſchau⸗ ſpiel jenen ewigen Stoff aufgefaßt und behandelt. Was ein Dichter von modernem Zuſchnitt wie allegoriſche An⸗ deutung genommen haben würde, das tritt hier mit kind⸗ licher Treuherzigkeit als wirklich und wahr vor die Sinne. Wenn der verlorene Sohn in Folge ſeiner wilden Aus⸗ ſchweifungen ſo tief geſunken iſt, daß er als Schweinehirt in wüſter Gegend Mangel dulden muß, da verwandelt ſich das Brot, womit er ſeinen Hunger ſtillen möchte, unter den zitternden Händen in harten Stein; da grinzen ihm ſtatt jener Aepfel, die er vom Baume zu pflücken trachtet, kleine Todtenköpfe entgegen; da rinnt aus dem Felſenquell, der ihn laben ſoll, ſobald er ſich dürſtend nahet, flüſſiges Feuer hervor;— alles dies, weil der Fluch gekränkter Eltern ihm folgt. Und wie er nun matt und kraftlos zur Erde taumelt, in einen Schlaf, der Ohnmacht ſcheint, zu verfallen, da naht ihm ein Unge⸗ thüm, welches aus dem Boden ſteigt, hält ihm die Reihe ſeiner Vergehungen vor und raunt ihm krächzend in's Ohr:„ich bin die Verzweiflung!“ Dann windet ſich der Elende, erwacht aus Traumes Qualen, fleht den Him⸗ mel reuig um Gnade an,— und alſobald verſchwindet die ſchwarze Verzweiflung, die Erde ſchlingt ſie ein, und von Roſengewölk getragen ſchwebt ein freundlicher Engel herab, der lispelt liebevoll:„ich bin die Hoffnung!“ Und kaum hat der verlorene Sohn dieſe tröſtende Stimme vernommen, fühlt er Kraft, ſich zu erheben, den Heimweg anzutreten und zu den Füßen der Eltern Vergebung zu ſuchen. Wie in allen Puppenſpielen, iſt der ernſthaft gemein⸗ ten Hauptfigur auch in dieſem Stücke Kasperle als Be⸗ gleiter beigegeben; der Chorus der Romantik, der mit derben, treffenden, ironiſchen Witzworten gleichſam die Moral der Fabel explicirt. Er iſt der treue Diener; macht alle dumme Streiche des Herrn mit, obgleich er ſich und ihn verſpottend warnt; beſucht mit ihm willige Dirnen; bleibt nicht zurück, wo der Spieltiſch lockt; läßt ſich bei'm Schenken den Becher füllen und klagt nur, daß es ein ſchlechtes Haus ſei, weil man ihnen„beſoffenen Wein“ gereicht; hält ſich aber, Dank ſei es ſeiner humoriſtiſchen und dabei kerngeſunden Hannswurſten⸗Natur, ſtets über Waſſer und bewahrt auch im größten Unglück, wie er's mit dem ſcharfgetadelten, dennoch geliebten Gebieter theilt, heit're Laune genug, aus allem Jammer das Luſtige herauszufinden. Ja, Kasperle iſt es zuletzt, der den heim⸗ kehrenden, in Lumpen gehüllten Bettler bei den Eltern anmeldet, dieſe ſchonend vorbereitet und ihnen ſogar den tiefſten Grad vergangenen Elendes ſchalkhaft beſchreibt, indem er ihnen vertraut, ihr Herr Sohn ſei„auf der Inſel Sumpfus König einer wilden Völkerſchaft geweſen, die in niederen Hütten gewohnt habe und höchſt wahr⸗ ſcheinlich aus Frankreich abſtamme, weil ſämmtliche Unter⸗ thanen, wenn das Horn des Herrſchers zur Weide rief, ſtets mit oui! oui! geantwortet.“ War nun im Wiedergeben der tragiſchen Perſonen Manches mangelhaft, weil es, bei nur zwei hinter den Gardinen redenden Darſtellern, an Stimmenwechſel fehlte, ſo wurde doch der Kasperle mit einer Vollkommen⸗ heit geſprochen, und der unſichtbare Sprecher wußte zu⸗ gleich der ſichtbaren, beweglichen, poſſierlichen Puppe ſo entſprechende Leitung dabei angedeihen zu laſſen, daß Anton einen glücklichen Abend zubrachte. Er vergaß Hedwig und ſeine fromme Sehnſucht nach ihr. Er ver⸗ ſenkte ſich mit Seele und Leib in die Action der Puppen; er glaubte an ſie. Ja ſelbſt den falſchen Pathos, den Herr Dreher ſeinem zärtlichen Vater, ſeinem ruchloſen Sohne angedeihen ließ, mußte der begeiſterte Bewunderer dieſer ihm neuen Kunſtgattung preiſen; er fand das nothwendig für ein Marionettenſpiel. Dagegen durch⸗ rieſelte ahnungsvoller Schauer ſein Herz, wenn die Weiberſtimme eintrat. Die Klage der Mutter um den verlorenen Sohn erſchütterte ihn, wie Nichts ihn erſchüt⸗ tert, ſeitdem er Ludwig Deorients Schewa vernommen; er zürnte mit ſeinen Nachbarn, die dumm lachten, wo ihm Thränen in's Auge traten. Bei den Worten:„ich bin die Hoffnung!“ überkam ihn eine Rührung, die er kaum bemeiſtern konnte, und die ſeine nächſten Umgebun⸗ gen bei einem Marionettenſpiel komiſch fanden, die aber auf ihn ſelbſt ſo nachdauernd wirkte, daß er ſich nicht von E. trennen mochte, ohne wenigſtens noch einer Vorſtel⸗ lung im Puppentheater beigewohnt zu haben.„Ich bin ein wunderlicher Menſch,“ geſtand er ſich ehrlich ein: Spontini's große Oper mit aller Macht und Pracht hat mich kalt gelaſſen, wiewohl ich auch ein Stückchen Muſteus bin;— und dieſe Beluſtigung, Dienſtmägden —— — 31— und kleinen Kindern zunächſt gewidmet, regt mich auf, wie wenn es eine Tragödie wäre. Einen guten Theil zu ſolcher Exaltation trägt freilich auch die weibliche Stimme bei, die da mit hinein redet; ſie klingt, als ob ſie einer alternden Frau angehöre, und doch iſt mir noch keines ſchönen Mädchens oder Weibes Stimme ſo innig zu Herzen gedrungen;—(Hedwig's immer aus⸗ genommen, wie ſich von ſelbſt verſteht.) Ich muß dieſe Stimme wieder hören und muß die Frau kennen lernen, die mit wenig ſchlichten Tönen ſo viel Wirkung auf mich hervorbringt. Wahrſcheinlich wird es Madame Dreher ſein.“ 1 Zu rechter Zeit beſann er ſich, daß Puppenſpieler doch unbezweifelt zu den Vagabunden gehören, und daß es ihm frei ſtehe, ſein Recht als ſolcher benützend, das Handwerk zu begrüßen. Herrn Dreher fand er nicht zu Hauſe; der Mann, deſſen Dialekt ſchon den Altbaiern verrieth,— beſonders wenn er ſeinen Kasperle ſprach— zeigte ſich auch inſoweit der Heimath getreu, daß er fleißig „zu Biere“ ging, obgleich er keinen Krug leerte, ohne jammervoll⸗ſehnſüchtige Klagelieder zu ſtöhnen; denn das „bairiſche Bier“ war dazumal noch nicht in's Ausland gedrungen; der„Fortſchritt“ war noch nicht ſo weit gediehen. Er klagte alſo, er ſehnte ſich,— aber er trank... und blieb nicht beim Biere ſtehen. Madame Dreher ſaß am Nähtiſch, ein Purpurgewand mit goldenen Borten zu ſchmücken, für ihren zwei Schuh langen Kriegs⸗Obriſten, den weltberühmten Herrn Holo⸗ fernes; es ſollte die„Belagerung von Bethulia“ aufge⸗ — 32— führt werden. Wie Anton eintrat, ſprang ſie auf, als ob ſie gewaltig vor ihm erſchrocken ſei; ihre bleichen Wangen wurden noch bleicher; ihre dunklen großen Augen erglüh⸗ ten in unheimlichem Feuer; ſie betrachtete den Eintreten⸗ den mit peinlich⸗ſcharfen Blicken, als wollte ſie, nachdem ſie nun erſt überzeugt, daß er es wirklich ſei, ſich auch verſichern, ob er nicht augenblicklich wieder verſchwinden werde. Theils dieſe krankhafte Aufmerkſamkeit auf jede ſeiner Bewegungen, theils eine unbeſtimmte Erinnerung, die kranke, elend ausſehende Frau ſchon einmal irgendwo begegnet zu haben, ohne doch im Entfernteſten zu ahnen: wie? wo? und wann? dies machte Anton ſo verlegen, daß er dringend nach Herrn Dreher fragte, als wenn er dieſem die wichtigſten Mittheilungen zu bringen hätte. „Mein Mann kommt erſt eine Stunde vor Beginn der Vorſtellung heim; wenn Sie ſich ſo lange gedulden könnten?...“ Und bei dieſen Worten zitterte die Frau vor Erwar⸗ tung, was er darauf erwiedern werde. Sie ſcheinen ſich ſehr übel zu befinden, ſprach er; vielleicht iſt es Ihnen angenehmer, wenn ich mich jetzt entferne, um ſpäter nachzufragen? Ich habe durchaus kein Geſchäft mit Ihrem Manne. Mich führte Nichts hierher, als die Freude, die ich geſtern beim Anhören des verlorenen Sohnes empfunden, und der Trieb, dieſe Freude dem Schöpfer derſelben mitzutheilen. „Vielleicht würde mein Mann nicht verſtehen, was Sie damit ſagen wollen. Ja, er würde vielleicht arg⸗ wöhnen, es verberge ſich Spott hinter Ihrer Theilnahme. ——— — 33— Für den Mechanismus ſeiner kleinen Figuren iſt er, gelobt zu werden, gewöhnt. Die Stücke, die wir auf⸗ führen, hält er ſelbſt für albernes Zeug und würde ſich, fürcht ich, wundern, wenn man käme, ihm das Gegentheil zu ſagen.“ Nicht möglich! Wie iſt er dann im Stande, ſo vor⸗ trefflich zu reden und namentlich dem Kasperle einen ſolchen Grad von Vollkommenheit einzuhauchen? „Mit dem Kasperle iſt es ein Anderes; der geht ihm von Herzen: das iſt der eigentliche Ausdruck ſeiner eigen⸗ thümlichen, vaterländiſchen Derbheit und Schelmerei. Wie Sie ihn den Kasperle ſprechen hörten, höre ich ihn ſelbſt ſtündlich mit mir ſprechen. Dagegen ſind ihm die ernſten Perſonen unſerer Schauſtücke zur Laſt; was er mit Helden, Königen, Vätern und Liebhabern eigentlich anfangen ſoll, weiß er niemals. Früher hat er einen Gefährten gehabt, einen verunglückten Schauſpieler, der dieſe Partieen übernommen und durchgeführt. Dieſer Mann jedoch iſt ihm entlaufen, hat ihn böslich verlaſſen und ſeine erſte Frau bei Nacht und Nebel mit ſich genom⸗ men. An die Stelle der Letzteren bin ich getreten;— der Platz des tragiſchen Schauſpielers iſt noch nicht aus⸗ gefüllt. Ich wünſchte ſehr, daß ſich Jemand dafür fände; wir wollten ihn gut bezahlen. Mein armer Mann muß ſich ſchwer anſtrengen: die Führung und Lenkung der Puppen iſt keine Kleinigkeit; ſie nimmt alle Körperkräfte in Anſpruch, und daneben ſo viel zu reden, greift furchtbar an. Für einen Mann von beinahe ſiebenzig Jahren iſt das zu viel. Ich bin ſo leidend und Holtei, Vagabunden III. 3 ſchleiche ſo matt und hinfällig einher, daß ich wenig thun kann, ſeine Mühen zu erleichtern. Gerade heute bin ich beſorgt, wie es geh'n wird; ich befand mich ſchon den Tag über ſchlechter, als bisher, und dann iſt noch—— noch ein unerwartetes Ereigniß dazu gekommen, welches mich ſehr ergriffen hat. Nun ſoll ich, weil in dem heutigen Stück verſchiedene Figuren zugleich erſcheinen, meinem Manne die Leitung der Judith abnehmen, was ich gar nicht verſtehe, und was er leicht ohne Beihilfe abmachen könnte, wenn nicht ſeine Aufmerkſamkeit zugleich auf die vielen Nebenperſonen, die er ſprechen laſſen muß, in Anſpruch genommen wäre.“ Anton, der ſich anfänglich vor den großen, ſtarren, auf ihn gehefteten Augen ein wenig entſetzt, wurde nach und nach durch die heiſere, umſchleierte, vielleicht eben deshalb ſo tief in ſein Herz dringende Stimme der kranken Frau für ſie gewonnen. Jene Wehmuth, die ihn geſtern Abend berührt, da ſie im Namen der figurirenden Puppen geredet, ſtellte ſich jetzt wieder bei ihm ein, wo ſie in ihrem eigenen Namen zu ihm ſprach. Er bot ſich freundlich dar zu der gewünſchten Aushilfe und erklärte ſich bereit, einige Rollen zu übernehmen, möchten es nun belagerte Iſraeliten, möchten es Kriegeshelden ſein, aus der Truppe des Holofernes, ſo man ſeinem geringen Dar⸗ ſtellungstalente anvertranen wolle. Die Frau lächelte ihn durch Thränen an. „Deuten Sie auf einen Scherz, den Sie ſich heute mit ſich— und mit uns machen wollen? Oder verbirgt ſich hinter Ihrem Anerbieten eine Abſicht für die Zukunft? —IIIII Sie müſſen dieſe letztere Frage nicht übel nehmen; weiß ich doch ſogar nicht, wen ich die Ehre habe, bei mir zu ſehen, und inwiefern Ihre Verhältniſſe dieſe meine unbe⸗ ſcheidene Auslegung Ihres vielleicht unüberlegten Aner⸗ bietens geſtatten? Wär' es möglich, daß Sie—“ Hier ſtockte ihre Stimme, von Thränen bedrängt. Zugleich ſtrahlte ihr abgemagertes, in Gram und Leid verfallenes Geſicht in freudiger Verklärung, ſo daß Anton auf's Neue in Schrecken gerieth und, die voreilige Aeuße⸗ rung faſt bereuend, ſchon wieder an ſchnellen Rückzug dachte. Da trat, im rechten Augenblick, Herr Dreher ein. Gegenſeitig fanden Erörterungen Statt; das Geſpräch wurde fortgeſetzt, nur auf andere Weiſe, indem es aus dem Gebiete des Ueberſchwenglichen auf irdiſchen Grund und Boden gelangte. Anton machte kein Geheimniß daraus, daß er ohne Ziel und Zweck ſei; daß er die Tanzmeiſterei, die ihn anwidere, aufgegeben habe, nach⸗ dem die einzige Veranlaſſung, die er dafür gehabt, nicht mehr vorhanden. Er geſtand ehrlich, daß er bei ſeinem Beſuche noch nicht an die Möglichkeit gedacht, hier als dritter Mann eintreten zu können; daß aber jetzt, wo er einen Blick hinter den Vorhang gethan, alte, verklungene Träume von poetiſcher Theaterluſt in ihm erwachten; daß er es um ſo leichter fände, ſie— wenn auch nur verſuchs⸗ weiſe— zu erfüllen, weil er als Puppenſpieler nicht mit ſeiner eigenen Perſon bezahlen, weil er nicht befürchten dürfe, ſich ungeſchickt oder unbegabt, wie einen ſchlechten Darſteller, Preis zu geben. 3* Laſſen Sie mich, rief er aus, gleich heute mein Probeſtück ablegen: vertrauen Sie mir einige Röllchen an. Wo iſt das Buch, aus welchem Sie ſpielen? Ich will's eiligſt überleſen, und dann mögen Sie entſchelden, ob Sie mich gebrauchen können. „Ein Buch?“ antwortete Herr Dreher;„ein Buch, mein Lieber, giebt es nicht; weder die Belagerung von Bethulia, noch irgend ein ander Stuckiſt aufgeſchrieben. Wir Puppenſpieler ſind eine alte Zunft, ein Ueberbleibſel aus„die finſtre Zeiten!“ Bei uns erbt ſich's von Vater auf Sohn, Einer lernt vom Andern auswendig, und hernach trägt man die ganze Geſchichte im Kopf mit ſich herum. Jeder von uns hat müſſen einen Schwur able⸗ gen, daß er niemals eine Zeile niederſchreiben will, damit's nicht in unrechte Hände kommt, die uns das Brot wegnehmen. Jetzund leben unſerer vielleicht noch vier, oder drei, von der Nürnberger Schule. Wenn wir ausgeſtorben ſind, ſterben unſere Komödien mit uns aus. Denn das Gelübde müſſen wir halten. Bei mir findet ſich nach meinem Tode auch nicht eine Sylbe vor, nicht gedruckt, nicht geſchrieben. In Berlin freilich haben ſie einen Collegen von mir garſtig betrogen. Da ſind die Gelehrten hinterd'rein geweſen und haben ſich den Doctor Fauſt ſo oft vorſpielen laſſen, daß ſie endlich das ganze Stück mit Bleifedern während der Aufführung auf Papier gebracht, und Einer— Horn, glaub' ich, war ſein Name— hat's gar drucken laſſen. Das nenn' ich geſtohlen. Uebrigens hat auch ein gewiſſer Goethe einen Fauſt gemacht, aber das iſt gar dummes Zeug: reim' — 37— Dich, oder ich freß Dich; lauter unverſtändlicher Bom⸗ baſt; und nicht einmal der Kasperle kommt in ſelbigem Goethe vor. Der iſt aber da am allernöthigſten; denn wann ich keinen Kasperl nicht hab', wer ſoll mir dann die Teufel necken, ihnen Seſſel und Tiſch in's Geſicht ſchleudern, ſte auf die Schwänz'’ treten, wenn er's nicht thut? Das ſind meine allerſchönſte Scenen! Aber was ich ſagen wollt wegen Ihnen, Herr Hahn, ſeh'n Sie, das müſſen wir uns reiflich überlegen. Hinter meine Gardinen, in mein kleines Laboratorium darf kein Frem⸗ der einen Blick thun; das iſt wider unſere Zunftgeſetze. Wollen Sie ſich ganz und gar zum Puppenſpieler machen; wollen Sie einen Eid ablegen, ſich in alle Regeln zu fügen,— na, wir werden ſehen. Einen Sohn hab' ich nicht.... wie geſagt, wir werden ſehen. Morgen reden wir mehr davon; heute ſchauen Sie wieder zu.... und Du, Nettel, mach' Dich zurecht und geh' an die Kaſſe, es iſt Zeit, daß wir uns richten!“— Die„Belagerung von Bethulia“ machte bei Weitem keinen ſo großen Eindruck auf Anton, als der verlorene Sohn geſtern gethan, denn das elegiſch⸗ſentimentale Element fehlte gänzlich. Das Ding ſchien ironiſch gemeint, von Anfang bis zu Ende. Doch floß es von prächtigen Späßen über, und wenn Kasperl das Nacht⸗ lager des„Herrn Ochſofernes,“ nachdem Judith dieſem das Haupt abgeſäbelt, vom Blute triefend erblickt und die Anſicht hegt:„der Alte habe zu viel rothe Wein g'ſoffen!“ ſo mußte Anton, er mochte wollen oder nicht, in das jauchzende Gelächter der Vergnüglinge vom drit⸗ — ten Platze einſtimmen. Judith bewegte durch ihre Töne wohl auch wieder ſein Herz, doch wollte, ſeitdem er die vom Tode ſchon gezeichnete Trauergeſtalt der Sprecherin geſehen, deren heroiſcher Kraftauſwand ihm weniger zuſagen. Mit einem Wort: er drang heute tiefer in die Mängel des Ganzen ein, vielleicht auch, weil man ihn aufmerkſam auf dieſelben gemacht, und dachte ſich, wäh⸗ rend er ſah, hörte, beobachtete, mehrmals an den Platz hinter den Decorationen, feſt überzeugt, es werde ihm gelingen, viele dieſer Mängel zu beſeitigen, wenn er mit⸗ wirken dürfe. Aus dieſer Zuverſicht entwickelte ſich allmäh⸗ lich der Wunſch, in Drehers Zunft aufgenommen zu werden. Mit dieſem Wunſche ging er ſchlafen, wie mit einem Spielwerk, welches dem Kinde mit in's Bett gege⸗ ben wird, und über Nacht war dem großen Kinde der Wunſch an und in das Herz gewachſen. Als Anton erwachte, mußte er ſich verwundern über ſeinen innern Zuſtand; er vermochte nicht, ſich Rechenſchaft darüber zu geben; aber ebenſo wenig vermochte er ihn zu ändern. Ihn zog das Puppenſpiel mit ſeinen poetiſch⸗räthſel⸗ haften, wie kindiſch⸗albernen Myſterien mächtig an; ihm war zu Sinne, als winke ihm, dem Heimathloſen, im Halbdunkel jener buntbemalten Leinwandſtreifen eine Heimath; als wären die kleinen, an Drähten ſchweben⸗ den Zerrgebilde lebendige Geſchöpfe, die ihm entgegen⸗ riefen: komm', Bruder, ſpiele mit uns, wir ſind Deine Geſchwiſter; leih' uns Wort und Hand, wir führen Dich zur Mutter nach Hauſe! ——u Unerforſchlicher Zauber der Phantaſie, wenn kaum verſtandene, dunkle Ahnungen aus dem Herzen auf⸗ ſteigen, den zweifelnden Verſtand irre zu machen, daß er ſich endlich gefangen giebt und glauben lernt an— er weiß ſelbſt nicht, was!? So glaubte Anton, es würde eine angeſtrengte Beſchäftigung als Puppenſpieler die Leere ausfüllen können, die ihn quälte. In ſeiner Vor⸗ liebe für dieſe Idee überſchätzte er auch den literariſchen und äſthetiſchen Werth jener alten Dichtungen, die ihm wie Geſänge des Homer dünkten, weil ſie nur durch lebendige Tradition von Munde zu Munde forterbten. In dem fleißigen Erlernen dieſer Dramen, in der Förde⸗ rung mechaniſcher Geſchicklichkeit, die er zu ſeines neuen Meiſters Unterſtützung erwerben wollte, in dem Umgange mit der kranken, ihm ſo rührend zu Gemüth redenden Frau, welche auch für ihn ungewöhnliche Theilnahme an den Tag legte; endlich aber: in trotziger Verbiſſenheit gegen Weltlauf und Erden⸗Geſchick, zurückgezogen hinter den Tummelplatz der Puppen, geſchützt und verdeckt gegen den Anblick Neugieriger, ſpottend, ſcheltend, den Menſchen derbe Wahrheiten zu ſagen in Anderer Namen— in all' dieſen Ausſichten und Erwartungen erblickte der Wanderer ſein Heil, träumte ſich ſo tief in das bevorſtehende Glück, daß er feſt entſchloſſen wurde, Dreher's Gegeneinwendungen zu beſiegen, möchten ſie noch ſo gründlich ſein. Er fand eine treue, wirkſame Bundesgenoſſin an der Frau. Für ſie ſchien Anton's Eintritt in das Geſchäft, — 40— mithin auch in die Zunft, ein unerläßliches Bedürfniß, wenn ſie weiter leben, wenn man von ihr verlangen wolle, daß ſie fernerhin dafür arbeiten ſolle. Sie erklärte geradezu, daß ſie von der unbedingten Aufnahme des jungen Mannes, von ſeinem Zuſammen⸗ leben und Sein mit ihnen ihre eigene weitere Theil⸗ nahme abhängig mache, wobei denn, obgleich nur andeutungsweiſe, zur Sprache gelangte, daß Frau Dreher keinesweges die Gattin des Herrn Dreher ſei. Letzterer wußte zu wohl, was er und ſeine Puppen an der armen ſanften Dulderin beſaßen. Sie bekleidete ſeine Könige und Bettler mit Geſchmack und Fleiß; ſie hielt die Lampen in Ordnung; ſie ſorgte für's Haus⸗ weſen, und ſie ſprach ſämmtliche Frauen⸗ und Mädchen⸗ Rollen mit jenem rührenden, zitternden, verſchleierten Tone, der jedes Hörers Herz bewegte. Ihr, die keine Freude mehr hatte, noch ſuchte; die keine Forderung machte, Herrn Dreher ſonſt in Allem gewähren ließ,— ihr konnte die einzige, erſte an ihn gerichtete Bitte nicht verweigert werden. Anton wurde, nachdem er den üblichen Eid abgelegt und unverbrüch⸗ liches Schweigen beſchworen, in die altlöbliche Zunft deutſcher Puppenſpieler als Lehrjunge aufgenommen. Sieben Wochen darauf vollendete er, indem er ſeinen fünfundzwanzigſten Geburtstag beging, ſein vierund⸗ zwanzigſtes Lebensjahr. Ein volljähriger Lehrling! An dieſem Tage, als am heiligen Abende, ſpielte das Puppentheater nicht. Herr Dreher hatte ſich nicht abhalten laſſen, auch das Chriſtfeſt im Bierhauſe zu feiern. Anton ſaß bei der„kranken Frau,“—(nicht anders redet er von ihr in ſeinen Tagebüchern)— und ſie ging mit ihm einige Rol⸗ len aus dem Gedächtniß durch, die er in dem Schau⸗ ſpiele„Don Juan, der ſteinerne Gaſt“ übernehmen ſollte, welches auf den erſten Feiertag angeſetzt war. Das Ge⸗ dächtniß des Lernenden gab jenem der Lehrenden wenig nach. Sie hatte in der kurzen Friſt von etwa zehn Monaten, die ſie mit Dreher verlebte, ſein ganzes Reper⸗ toir vollſtändig erlernt; Anton behielt jede Tirade, wenn er dieſelbe aus ihrem Munde zweimal vernom⸗ men, wörtlich in der Erinnerung, ſo daß ihm keine Sylbe fehlte. Die Vorbereitungen für Don Juan be⸗ durften alſo wenig Zeit. Dann, bei Einbruch der Dun⸗ kelſtunde begannen die vertraulichen Mittheilungen, die Antons Vergangenheit betrafen, zu welchen die kranke Frau ſeit ſeinem Eintritt in's Puppenſpiel den jungen Mann auf unwiderſtehliche Weiſe veranlaßt hatte. Sie wurde nicht müde, ihn um die kleinſten, ſcheinbar nichtig⸗ ſten Ereigniſſe ſeines Lebens zu befragen, ihn auszufor⸗ ſchen bis auf den Grund ſeiner Seele. Und ſie that dies mit ſo theilnehmender Lebhaftigkeit, mit ſo beſcheidener Freundſchaft, mit ſo liebevoller Würde, daß jede Falte in unſeres Freundes Herzen ſich vor dieſer innigen Milde öffnete, daß er die geheimſten Regungen und Gedanken offenbarte. Wenn von ſeiner Mutter die Rede kam,— und nur dann— machte der Zuhörerin Benehmen einen unangenehmen Eindruck auf den Erzähler. Denn während die kranke Frau Mitleid, Nachſicht, billige Ver⸗ zeihung und chriſtliche Theilnahme allen Perſönlichkeiten angedeihen ließ, die Antons Lebensweg durchkreuzt haben, gegen ſeine arme Mutter kannte ſie kein Erbar⸗ men; für ihr unmütterliches Betragen zeigte ſie weder Schonung, noch Rechtfertigung. Sie ſagte. das Härteſte von ihr; mit deſto ſchärferer Zunge, je lebhafter Anton die Vertheidigung der Verſtorbenen übernahm, ſo daß es ihm bisweilen vorkam, als vermehre ſie die Anklagen nur, um den Vertheidiger immer wärmer zu machen. Wenn er aber dann ſich ſelbſt tadelte und die Anklagen gegen ſich richtete, daß er denn doch nicht energiſch genug verfahren ſei, um den Aufenthalt der Carina zu erkunden und jene Spuren zu verfolgen, auf denen er etwas Nähe⸗ res von ſeiner Mutter und ihrem Ende vielleicht erfah⸗ ren haben würde;— dann bedeutete man ihn alles Ernſtes, dieſer Vorwürfe und Selbſtquälereien ſich zu entſchlagen, da es keinem Zweifel unterliege, daß die übel zuſammengeworfene Sängergeſellſchaft, mit welcher die Carina ihr letztes Heil verſuchte, gleich nach ihrer Ankunft in Deutſchland aufgelöst und verſprengt wor⸗ den, die Carina jedoch elend zu Grunde gegangen ſei. Dies, verſicherte die kranke Frau, wiſſe ſie mit unumſtöß⸗ licher Gewißheit, durch glaubwürdige Zeugen; er möge ihrem an heiliger Eidesſtatt gegebenen Worte vertrauen: jede Bemühung, die Geſuchte anderswo aufzufinden, müſſe fruchtlos bleiben. An dem Abende, den wir zunächſt ſchüdern, war Anton, von ſeiner Zuhörerin geleitet, wieder in die erſten Tage ſeines Lebens, bis zu ſeiner Geburt zurückge⸗ gangen. Was er aus den Mittheilungen der Mutter Golſch erfahren, das erzählte er nun, ohne daran zu denken, daß heute wiederum heiliger Abend ſei. Die Dunkelſtunde trat ein. Die Fenſter in der ſchmalen Gaſſe glänzten im Wiederſchein unzähliger Lichter auf grünen Bäumen und Pyramiden. Anton kam in ſeiner Erzählung auf die Stelle, wo die gute Frau Hahn den Angſtſchrei ihrer Tochter herab dröhnen hören, wo ſie den ehrlichen Cantor bei ſeinem Weihnachts⸗Aufbau im unteren Zimmer allein gelaſſen, wo ſie ſich in Todes⸗ angſt zu ihrer Tochter hinauf begeben,— und wo ſie ihn gefunden, den kleinen, kleinen Anton: das Kind der Liebe, des Grames, der Verzweiflung! Heute vor vierundzwanzig Jahren! ſagte die kranke Frau. Ein eiſiger Froſt ging bei dieſen Worten durch Antons Glieder. „Es iſt kalt im Zimmer, ſoll ich Holz nachlegen?“ fragte er. Nein, Anton, erwiederte ſie. Ich friere, weil mein Leben langſam erliſcht, der warme Ofen kann mir nicht helfen. Laſſen Sie mich frieren und ſterben. Aber gehen Sie, ſuchen Sie Ihr Kämmerlein. Ich habe Ihnen Abendbrot und Wein hinüber geſtellt und eine kleine Gabe von uns zum Chriſtfeſt. Sie haben mir den gan⸗ zen Tag geſchenkt; verderben Sie ſich nicht auch den heutigen Abend mit mir. Schreiben Sie drüben, leſen Sie; unterhalten Sie ſich, wie es Ihrem Geiſte ange⸗ meſſen iſt, den ich würdige und erkenne,— wenngleich = 44— meine Bitten Theil daran gehabt, Sie in dieſe geringe Umgebung zu verlocken. Glauben Sie mir's, lieber Anton, ich hätte das nicht gethan, wenn ich nicht wüßte, daß es nicht lange dauern würde. Mein Tod iſt nahe, der alte Dreher kann ohne mich nicht mehr weiter. Es geht zu Ende mit dieſem Leben— und mit dieſem Pup⸗ penſpiel, die ſich beide ſehr äͤhneln. Daß ich Sie an mich zu feſſeln ſuchte, geſchah nicht allein aus Eigennutz, der von Ihrem Umgange Troft, letzte Lebensfreude hoffte und empfing. Es geſchah nicht allein für mich— es geſchah auch für Sie: für Ihre Zukunft! Für Ihr Glück! Für Ihrer Seele Frieden! Das klingt Ihnen jetzt noch wie Faſeleien einer Fieberkranken?— Mag ſein! Wenn mein Auge geſchloſſen, wenn dieſer Mund ſtumm iſt, wird Ihnen deutlich werden, was heute Wahnſinn ſcheint. O mein guter Anton, Sie ſchreiben nicht allein Memoiren; die kranke Frau ſchreibt auch welche. Ja, lachen Sie nur. Dieſe Kritzelei wird Ihr Erbtheil von mir ſein. Und Sie werden, wenn Sie darin blättern, mehr wie einmal ausrufen: Nun iſt mir's doch lieb, daß ich der Aermſten den Abend ihres düſtern Lebens freund⸗ lich erleuchtet habe.— Gute Nacht, lieber Anton. — Vierundſechzigſtes Kapitel. Der Aufenthalt in E. ging mit den Weihnachtsfeier⸗ tagen zu Ende. Anton verließ ſehr gleichgültig eine Stadt, in der Hedwig längſt nicht mehr weilte. Sie ſchlugen ihr Theater jetzt abwechſelnd in verſchie⸗ denen kleineren Orten auf. Der alte Herr nahm zuſe⸗ hend ab; es war, als ob mit dem täglichen Erlöſchen von ſeiner Frau Lebenskräften auch die ſeinigen dahin⸗ ſchwänden. Er ließ Anton ſtündlich mehr gewähren; bald lenkte dieſer die Fäden des ganzen Puppenſpieles, ſprach die meiſten ernſthaften Rollen,— nur ſeinen Kasperle ließ ſich der graue Meiſter nicht nehmen, und dieſen hätte auch Anton ihm ſtreitig zu machen nimmer gewagt. Aber wie nutzbar der neue Zunftgenoſſe ſich zeigte, wie umfaſſend ſeine Kenntniß des mechaniſchen und geiſtigen Apparates in wenig Monden geworden, dennoch gab es zwiſchen ihm und dem Lehrherrn häufig Streitigkeiten, ſobald der Jüngling den Meiſter meiſtern, Aenderungen machen oder Neuerungen einſchwärzen wollte. Ihm war unter Anderen auch die Beſorgung der Anſchlagezettel anvertraut, die er natürlich auf Grund der alten, ſchon vorhandenen drucken ließ. Auf einem derſelben befand ſich im Perſonenverzeichniß ein Prieſter aufgeführt, mit der Bezeichnung:„Mufti, Ober⸗ bramine in Rom!“ Dieſe Zuſammenſtellung dreier höchſt getrennter Kirchen in Eine ſchien dem Schüler des wohl⸗ würdigen Paſtors von Liebenau denn doch gar zu kühn, aber als er ſich Einwendungen dagegen erlaubte, wurde — 46— Heerr Dreher ſehr ungehalten: ſo hat es bei meinem Vater geheißen, rief er zornig aus, und ich bin nicht ſiebenzig alt geworden, um mich von meinem Lehrbuben corri⸗ giren zu laſſen! Dergleichen Zwiſtigkeiten, die ſtets durch weibliche Vermittelung ausgeglichen wurden, abgerechnet, ging Alles friedlich und ſtill ſeinen Weg fort. Die kranke Frau, wie ſie von Tage zu Tage an Körperkraft und Geſundheit verlor, gewann ebenſo von Tage zu Tage in Antons Meinung und Anhänglichkeit. Je genauer und vertrauter ſein Verkehr mit ihr wurde, deſto aufrichtiger lernte er ihr Gemüth, ihren Verſtand, ihr Wiſſen verehren. Lieb freilich wäre es ihm geweſen, hätte ſie ſich offenherziger gegen ihn erweiſen, hätte ſie ihm, der ja doch ſein ganzes Leben ehrlich und rückſichts⸗ los vor ihr entfaltete, aus bisweilen einen Blick in ihre Vergangenheit gönnen wollen. Eine Vergangenheit, die gewiß höchſt intereſſant und von bedeutenden Erleb⸗ niſſen, Erfahrungen, Schickſalen voll war. Doch darin blieb ſie unerbittlich: ſie wich jeder Mittheilung darüber aus und verwies den Fragenden ſtets auf ihren baldigen Tod. Dann, pflegte ſie zu ſagen, wenn ich auf der Bahre liege, wird mein Leben klar vor Antons Blicken liegen; eher nicht, lieber junger Freund! Sie ſollen mir gut ſein und bleiben, ſolange ich noch athme. Wer weiß, ob dies der Fall wäre, wenn Sie mein Daſein genau durchſchauten! Gönnen Sie der Kranken den Schleier, der ihre traurigen Geheimniſſe birgt. Bin ich erlöſet von 1 — 47— der Laſt meines gebrechlichen Leibes, bin ich todt, ſo wer⸗ den Sie, das weiß, das hoff ich, mir und meinem An⸗ denken eine Thräne des Mitgefühls widmen, und dieſe Thräne wird jene ſchwarzen Flecken verlöſchen, welche meine Schriftzüge enthüllen ſollen. Bis dahin halten Sie mich für eine Bedauernswürdige, die viel gefehlt hat, die ſchwer büßen mußte, die Ihnen aber treu, mütterlich zugethan bleibt bis zum Grabe und über's Grab! Darauf ließ ſich Nichts mehr ſagen; ſowohl Bitten, als Forderungen mußten da verſtummen. Anton be⸗ gnügte ſich, ſeiner lebensſatten Freundin die Verſicherung zu wiederholen, daß er um jenen von ihr geſtellten Preis niemals etwas Näheres von ihrer Vergangenheit erfah⸗ ren möge. O dennoch, dennoch! rief ſie aus. Sollten Sie Ihre Jugend in den Thorheiten verderben, denen Sie jetzt obliegen? Das wäre ja fürchterlich für Sie und noch fürchterlicher für mich, die den größten Theil der Schuld trägt, daß Sie bei uns blieben. Nein, Anton, Ihnen winkt eine beſſere Zukunft. Wie ich Sie kennen und erkennen gelernt, ſind Sie der Mann, ſich Bahn zu bre⸗ chen, wohin ich Ihnen durch meine Handſchrift den Weg zeigen darf. Es ſoll mein Teſtament ſein! „Mit Teſtamenten,“ äußerte Anton ſehr kleinlaut, „hab' ich kein Glück, wie Sie wiſſen. Möchten Sie lange leben!“ Leben— flüſterte die kranke Frau. Ja, leben! Wenn man lebte!? Nennen Sie das Leben, was ich führe? 4 t — 418— Darauf blieb er die Antwort ſchuldig. Und er begab ſich hinter die Bühne, ſie ſetzte ſich an den Kaſſentiſch. Das neue Jahr hatte übel begonnen für Drehers Kaſſe. Im Städtchen, wo ſie nach E. zuerſt ihr Glück verſuchen wollen, war es gar nicht gegangen; im nächſten, wo ſie jetzt weilten, ging es ſchwach; der Zuſpruch blieb ſehr gering. Eines Abends ſtand Anton, der hinter der Scene bereits alle Utenſilien zurecht gelegt und alſo bis zum Beginn des Schauſpiels noch eine müßige Viertel⸗ ſtunde hatte, am Eingange des Saales, die ſparſam erſcheinenden Ankömmlinge muſternd. Ein Offizier, an einem Krückenſtock mühſam forthinkend, kam langſam die Treppe herauf:; ihn führte ſorgfältig ein junges Mädchen. Die Beleuchtung war ſo ſchwach, daß unter dem engen Winterhute die Züge der Dame nicht zu erkennen waren. Aber ihr Wuchs, ihre Geſtalt, ihre Bewegung,— Alles erinnerte Anton an Hedwig. Er ſagte ſich:„ſte iſt es nicht! Sie kann es nicht ſein! Wie käme ſie hierher? Wenn ſie im Städtchen wohnte, würde ich es längſt wiſſen: nein, ſie iſt es nicht!“ 3 Dennoch zitterte er, als ſie, die ihm teinen Blick zuwendete, weil ſie nur für den verſtümmelten Vater Augen zu haben ſchien, mit dieſem und dieſen unter⸗ ſtützend, an ihm vorbeiging. Madame Dreher rief von der Kaſſe zu ihm hinauf, er möge Sorge tragen, daß der Herr Hauptmann in der erſten Reihe gute Plätze finde. Dies geſchah in franzö⸗ — 49— ſiſcher Sprache, die ſie immer anwendeten, wenn ſie vor Fremden Etwas mit einander zu ſprechen hatten. Anton erwiederte, es ſei kein Platz mehr leer, doch wolle er eiligſt Stühle herbeiſchaffen, und bat den Hauptmann, ſich ſo lange zu gedulden. Als er nun die Stühle brachte, und als der ehrwürdige Invalide ſich niedergelaſſen und ihm Das nicht, ſagte Anton, aber ich bin viel mit Fran⸗ zoſen umgegangen,— habe auch einige Zeit in Paris verlebt, ſetzte er ſeufzend hinzu. Da ſprach der Offizier:„Sie könnten einem alten, armen Haudegen große Freude machen, junger Mann, wenn Sie ihn morgen beſuchen wollten. Ich habe eine Anton erklärte ſich gern bereit, bat ſich des Haupt⸗ manns Adreſſe aus,— da ertönte Herrn Drehers Glocke hinter dem Vorhang, als Anfangsſignal für's Orcheſter, und der Gehilfe fand eben nur noch Zeit, zu verſprechen, daß er ſich morgen gegen Mittag einfinden werde. Er mußte auf ſeinen Poſten eilen, ohne entdeckt zu haben, welch' niedliches Geſicht hinter dem häßlichen Winterhute verborgen ſein möchte. Die Vorſtellung dieſes Abends wurde mehrmals unterbrochen und nur kümmerlich zu Ende gebracht, weil die kranke Frau völlig zuſammenſank. Man kann denken, mit welchem Herzen ſie und der alte Dreher die Scherze Holtei, Vagabunden. III. 4 — 50— vorbrachten, welche der aufzuführenden Poſſe gehörten. Auch Anton war vom herzlichſten Mitleid für ſeine lei⸗ dende Freundin bewegt und rannte noch bei Nacht, einen Arzt herbeizuholen, der nach langem vielfältigem Aus⸗ fragen, Pulsfühlen und Bedenken mit bedenklichem Kopfſchütteln davon ging, ohne ſich beſtimmt auszu⸗ ſprechen. So viel ſtand am nächſten Morgen feſt, auch ohne eines Arztes Ausſpruch, daß die Kranke, die ſich ſo lange Gewalt angethan und ſich mühſelig herumge⸗ ſchleppt, nun außer Stande ſei, ferner dergleichen zu verſuchen; daß ſie darnieder liegen und daß für's Erſte jede Hoffnung aufgegeben werden müſſe, die Puppen⸗ Darſtellungen fortzuſetzen. Anton ging, die für dieſen Tag ſchon fertigen Zettel aus der Druckerei zurückzuholen. Dann rüſtete er ſich zu dem Beſuche, den er geſtern Abend zugeſagt;— Herr Dreher begab ſich in's Bier⸗ haus, um ſeinen Kummer zu ertränken. Die kranke Frau blieb allein mit einer Magd. Der ſogenannte Hauptmann, eigentlich ein Ritt⸗ meiſter, erwartete ſchon geſtiefelt und geſpornt⸗Antons Ankunft und ging ihm, ſo rüſtig als die zuſammenge⸗ ſchoſſenen und gehauenen Gliedmaßen geſtatten wollten, entgegen. Ohne lange Vorrede kam er auf den Zweck dieſes Geſpräches:„Sehen Sie, mein Lieber, ich bin als Rittmeiſter verabſchiedet, ſtehe jedoch auf halbem Lieu⸗ tenants⸗Sold, denn weiter hat mich's der Feind nicht bringen laſſen; und daß ich als ſolcher kein Vermögen zurückgelegt habe, werden Sie begreifen. Nun hab' ich ein einziges Kind, eine Tochter, dieſelbe, die mich geſtern begleitete; die iſt ſo arm, wie ihr Vater, und wenn ich ſterbe, iſt ſie noch ärmer. Da ſind wir denn einig gewor⸗ den, ſie und ich, ſie ſoll verſuchen, eine vortheilhafte Stelle als Gouvernante in einem großen, guten Hauſe zu erhalten. Dafür hat ſie ſich ausgebildet. Bei ihrem Fleiße, ihrer Umſicht, ihren Anlagen wird ihr das leicht. Sie weiß auch Franzöſiſch, ſo gründlich, wie man's nur aus Büchern erlernen kann, und beim Schreiben wird ſie gewiß keinen Fehler machen. Aber mit dem Sprechen,— da ſitzt's! Hier, in dem verfluchten kleinen Neſte, wo ich der Erſparung wegen zu leben gezwungen bin, verſteht kein Teufel Etwas davon, und der einzige Sprachlehrer, der hier herum läuft, hat eine Ausſprache, wie eine ſpaniſche Kuh. Ich ſelbſt, obgleich ich lange genug in Frankreich umhergeworfen wurde, habe mehr mit dem Säbel geredet, als mit der Zunge, und gerade nur ſo viel gelernt, um zu hören, ob Einer gut oder ſchlecht aus⸗ ſpricht. Die Ausſprache aber iſt für eine Gouvernante die Hauptſache. Mag es mit Rechtſchreibung und Grammatik noch ſo ſchwach beſtellt ſein, wenn ſie nur den„Pariſer Accent“ hat, ſo ſteht ſte gleich hoch in Ehren. Sie reden, das hab' ich geſtern vernommen, wie ich jemals an Ort und Stelle habe reden hören; das kann ich Sie verſichern. Ich hätte Sie, als Sie Ihrer Madame an der Kaſſe zuriefen, Sie wollten Stühle für uns beſorgen, gleich am liebſten hinter die Ohren geſchla⸗ gen, ſo vortrefflich redeten Sie, und ſo feſt war ich für den Augenblick in der Täuſchung befangen, ich befände mich in Paris und Sie wären Einer von unſeren Feinden. 4* Nun, ſehen Sie, geht mein Wunſch dahin, Sie möchten, ſolange Sie ſich in dieſem Neſte aufhalten, meiner Tochter täglich einige Parlirſtunden ertheilen, mit ihr ſchwatzen und ſie ſchwatzen machen und ihr dabei ſagen, wo ſie fehlt. Fordern Sie dafür, was Sie wollen; ich werd' es erſchwingen: die Sache iſt mir zu wichtig, und eine ſolche Gelegenheit findet ſich nicht wieder.“ Herr Rittmeiſter, ſagte Anton, meine Forderung kann gar nicht in Betracht kommen; ich bin reichlich bezahlt durch Ihr Vertrauen und bin gern bereit, ihm zu ent⸗ ſprechen. Auf einen langen Aufenthalt in dieſem kleinen Städtchen hatten wir freilich nicht gerechnet. Seit geſtern Abend jedoch ſcheint er ſich unerwartet verlängern zu wollen. Die Frau meines Principals iſt gefährlich erkrankt, an Weiterreiſen iſt nicht zu denken. Wer weiß, wie weit ſich das hinauszieht. Ich werde folglich hier ohne Beſchäftigung ſein und ſtehe immer zu Dienſten. „Es thut mir leid um Ihre Principalin, doch da ich ihr nicht helfen kann, ſo iſt mir's herzlich lieb, daß ſte hier krank wurde, ſtatt in einem anderen Neſte. Das iſt ein wahres Glück für uns. Komm' heraus, Hedwig, Du kannſt Deine Uebungen ſogleich beginnen.“ Bei dem Namen Hedwig ſprang Anton vom Stuhle auf, den der Rittmeiſter ihm dargeboten. Der Vater hätte in des jungen Mannes Geſicht leſen können und müſſen, was in ihm vorging, wenn er nicht gerade, nach der Thür des Nebenzimmers gewendet, die Tochter wiederholt gerufen hätte. Hedwig war in der Küche beſchäſtigt, deshalb erſchien ſie nicht auf den erſten Ruf. Unterdeſſen fand Anton Zeit, ſich zu ſammeln. Er beſchloß, ſein Verhalten von dem der jungen Dame abhängig zu machen und nur dann ihrer früheren Be⸗ kanntſchaft zu denken, wenn ſie es thue. Aber gleich bei ihrem Eintritt überzeugte er ſich von zwei Umſtänden. Erſtens, daß ſie, dem Vater gegenüber, die Tanzſtunden in E. oder vielmehr den Gehilfen des ſeligen Mirabel ignoriren wolle. Zweitens, daß ſie ihn erwartet, ihn geſtern ſchon erkannt, ihn wahrſcheinlich ſchon ſeit ſeiner Ankunft bemerkt und vielleicht nur deshalb den Vater veranlaßt hätte, das Puppenſpiel zu beſuchen, worauf der gute Herr ſonſt wohl nicht gerathen ſein würde. Wäre ſie nun dem neuen Sprachlehrer wie einem alten Bekannten entgegengetreten; hätte ſie unbefangen ausgerufen:„ei, Monsieur Antoine, finden wir uns hier wieder?“ dann dürfte er des heimlich empfangenen Uhr⸗ bandes nur wie einer mädchenhaft⸗kindiſchen Gabe ge⸗ dacht und keine ferneren Folgen daran geknüpft haben. Weil ſie ihn aber wie einen Fremden empfing, durfte Anton ſich zugeſtehen, daß er ihrem Herzen kein Fremder geblieben ſei. Sie berechtigte ihn, ein Geheimniß mit ihr vorihrem Vater zu hegen; ſie liebte ihn!! Welch' ein reizendes Leben nun für unſeren Helden begann, das wag' ich nicht beſchreiben zu wollen. Man müßte jung ſein und all' der ſüßen Thorheiten noch fähig, die da getrieben wurden. Der Rittmeiſter in ſeinem Lehn⸗ ſtuhl, mehr liegend als ſitzend, gab ſich bei'm Beginn jeder Sprechſtunde das Anſehn eines aufmerkſamen Zu⸗ hörers; eines Kritikers nicht allein, auch eines Cenſor's, — 52— der prüfen wollte, was für Gegenſtände die jungen Leute mit einander abhandelten? Dieſe, ſolange er die Augen offen hielt, trugen beſtens und ſchlau genug—(denn auch das reinſte, ſittſamſte Mädchen wird in ſolchen Fällen liſtig und ſchlau!)— dafür Sorge, ihn vollkom⸗ men ſicher zu machen. In ſolchem Gefühle der Sicher⸗ beit, kläglich gelangweilt von ihren faden Discurſen, ſchlief der tapfere Krieger regelmäßig ein, und wenn ſie ihn ſchnarchen hörten, wenn ſeinem Halſe die unharmo⸗ niſchen Töne entquollen, die ihr Flüſtern überboten,— welche Melodie, welcher Nachtigallengeſang wäre ihnen dann anmuthiger erſchienen? Dann tauſchten ſie Erinne⸗ rungen, Gedanken, Gefühle gegenſeitig aus. Dann zog Anton zehnmal in einer Minute ſeine Uhr hervor, ohne ſte anzublicken, nur um die ſchwarze Schnur an ſeine Lippen zu preſſen. Dann erzählte Hedwig unzählige Male, und immer wieder auf's Neue von ihm dazu auf⸗ gefordert, wie ſie ihn gleich am erſten Tage ſeiner Ankunft durch ihre Gaſſe ſchreiten ſah; wie ſie nicht Ruhe gefun⸗ den, bis ſie erfahren, wo und warum er hier weile. Ach, ſie dachten nicht der Gegenwart, nicht des Betruges, den ſie an einem angebeteten Vater übten; ſie gedachten nicht der Zukunft, die ihnen, menſchlichen Anſichten und Er⸗ wartungen gemäß, nur Gram verhieß; ſie lebten beide nur in der Vergangenheit, in der unſchuldigen Sehn⸗ ſucht, die ſie ſich aus der Ferne bewahrt, die aber Nichts an ihrer Unſchuld eingebüßt, ſeitdem ſie ſich täglich gegen⸗ über ſaßen. Wenn ſodann der Vater aufwachte, zuerſt mit fragen⸗ — 55— den, weitaufgeriſſenen Augen umherſtarrte, als wollte er den Terrain recognosciren; wenn er dann fragte:„hab' ich geſchlafen?“ und die Tochter lächelnd erwiederte:„ein Wenig, lieber Vater!“ wenn Anton ſich ehrerbietig em⸗ pfahl, dringend aufgefordert, ſich morgen Nachmittag wieder einzufinden!... eine Aufforderung, die wahrlich unnütz war!... wenn er nun hochbeglückt heimging und einen Himmel im Herzen vor das Lager der kranken Frau trat!... Welch' ein Gegenſatz! Und dennoch weilte der in Liebe glühende Anton auch gern bei ihr, wo der Tod aus jedem Zuge des ſchon ent⸗ ſtellten Angeſichtes redete. Dennoch hörte die Sterbende mit regem Antheil ſeine Geſtändniſſe, begleitete jedes Wort, welches ihr über Hedwig geſagt wurde, mit auf⸗ merkſamer Empfänglichkeit. Es war, wie wenn ſie, ſcheidend von dieſer Erde, einen Bund ſegnen wollte, den ſie nicht mehr mit leiblichen Augen ſehen, deſſen ſie ſich vielleicht in einer andern Welt geiſtig freuen dürfte. Sie war es, die mit ſieberheißen Lippen Anton Troſt und Hoffnung zuſprach, wenn er hoffnungslos andeutete, daß er kein beglückendes Ende für ſeine Liebe erwarten könne, weil er ein Ausgeſtoßener, ein heimathloſer Baſtard, ein armer Vagabund ſei. Geduld, Geduld! rief ſie dann bisweilen, und Anton wußte nicht, ob dieſer Zuruf ihm und ſeiner Liebe, ob er der armen Leidenden gelten ſolle, die ihn an ſich ſelbſt richte. Er hielt treulich bei ihr aus, pflegte ſie liebevoll und heiter, ſo daß ſie oft mit ihren brennenden Händen die — 56 ſeinigen ergriff, dankbar zum Munde führte und mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck zu ihm ſagte:„Was Du mir gethan, haſt Du Dir ſelbſt gethan! Dieſe Nächte, Anton, werden Sie, wenn ich todt bin, um alle Schätze der Welt nicht verkaufen wollen.“ Er aber dachte bei ſich: ſie phantaſirt! So getheilt zwiſchen Krankheit und friſche Jugend, zwiſchen Tod und Liebe, brachte Anton einige Monate zu. Der arme Dreher, ohne Einnahme von ſeinem Er⸗ ſparten zehrend; den Verluſt der Frau, die ihm für ſein Geſchäft, in welches ſie ſich ſo raſch eingerichtet, unent⸗ behrlich war, vorausſehend; ſelbſt von Alter und Schwäche gebeugt, gab ſich der unglücklichen Leidenſchaft des Trunkes nun zwiefach hin, um in ſchwerem Rauſche ſein Elend minder zu ſpüren; er lag von früh bis zur ſpäten Nacht in den Schenkſtuben. Für ihn zeigte die Kranke wenig Mitleid. Laßt ihn, ſprach ſie, wenn Anton ſeine Verirrungen bedauerte, laßt ihn gewähren; auf dieſe Weiſe beſchleuniget er ſeinen Tod, und daran thut er wohl; denn ohne mich kann er ja doch Nichts mehr anfangen. Laßt ihn trinken und ſterben! Schon konnte man im Monat März Vorboten des Frühlings wahrnehmen; ſchon plauderten Hedwig und Anton von Schneeglöckchen, Veilchen und Aurikeln; da fingen die Narben des Rittmeiſters auch zu mahnen an, daß der Winter ſich zum Abzuge rüſte. Das war, wie er verſicherte, ſeit acht Jahren um dieſe Zeit immer geſchehen, doch niemals noch ſo heftig als heuer. Gichtiſche Anfälle geſellten ſich den gewöhnlichen Leiden bei. Bald war er nicht mehr fähig, ſein Schlafgemach zu verlaſſen, und die franzöſiſchen Sprechübungen der jungen Leute gingen von nun an ohne Gegenwart eines Zeugen vor ſich. Dieſes Alleinſein hätte nichts Gefährliches gehabt, wären beide ſchon beim Beginn ihrer Zuſammenkünfte ſich ſelbſt überlaſſen geweſen. In einem unbedingten Vertrauen, welches der Vater ihm gegönnt, würde Anton die heilige Verpflichtung gefunden und erkannt haben, niemals, auch nur mit einer Sylbe aus den Grenzen verehrender Reſig⸗ nation heraus zu gehen. Doch weil der Rittmeiſter ſich als Wachtpoſten aufgeſtellt hatte, weil Anton ſich bearg⸗ wohnt ſah,— was Wunder, daß er wie Hedwig den Schlaf des Wächters benützten und ſich Dinge ſagten, die(beide vielleicht) in deutſcher Sprache zu ſagen nicht Muth gehabt hätten, die aber jetzt, wo ſie„als Uebung im Reden“ galten, immer weiter führten und eine Ver⸗ traulichkeit erzeugten, vor der Anton ſelbſt erſchrak, da er zum erſten Male ganz allein mit Hedwig war. Und Hedwig iſt auch nicht mehr das reine Kind, wie wir es im einundſechzigſten Kapitel angedeutet. Schon damals, wo ſie einen ſo kühnen Schritt wagte, dem namenloſen Geiger ihres Tanzmeiſters heimlich ein Ge⸗ ſchenk von eigener Hände Arbeit zuzuſtecken, hatte ſie mit dieſem Schritte einen bedenklichen Uebergang aus der Unſchuld ätheriſcher Träume in die Gefahr der Wirklich⸗ keit gethan. Länger als ein halbes Jahr hatte ſie Zeit gehabt, die freudloſen Tage, die ihr an der Seite eines vereinſamten, lebensmüden Vaters dahinſchlichen, mit Anton's Bilde auszufüllen. Nun war er ſelbſt gekommen, — 58— und Alles war gekommen, wie wir's geleſen haben;— dürfen wir uns wundern, wenn wir den vierundzwanzig⸗ jährigen Lehrer zu den Füßen ſeiner ſechzehnjährigen Schülerin knieend finden, ihr geſtehend, daß er durch ſie erſt wahre Liebe kennen lernte; daß er nur ſie im Herzen trage, ſeitdem er ſie geſehen; daß er ohne ſie nicht weiter leben wolle; und wie denn all jene ſtets wiederkehrende Verſicherungen lauten, die der Dumme dumm, der Kluge manchmal noch dümmer, der Liebenswürdige mit An⸗ muth, der Plumpe tölpelhaft, der Gute ehrlich, der Hinterliſtige ſchlau, jeder auf ſeine Weiſe vorbringt, ohne daß ein beſonderer Unterſchied bei Einem oder dem An⸗ dern zu bemerken wäre. Der erſte Kniefall wurde mit gebührendem Entſetzen ab⸗ und zurückgewieſen. Eine ſtumme Geberde deutete mit beredter Drohung nach des Vaters Krankenzimmer und legte dem Sprachluſtigen Schweigen auf. Man trennte ſich kalt, verſtimmt. 4 Der zweite Kniefall war von ſtummen Handküſſen begleitet. Er brachte ſchon nicht mehr die abſchreckende Wirkung von geſtern hervor. Der dritte ging in eine umarmung über, die urſprüng⸗ lich beſtimmt geweſen war, ein trotziges Loßreißen, Auf⸗ ſpringen, Entfliehen zu werden, die aber den armen Kindern unter den Händen umſchlug. Nun war es aus! Vorbei mit Anton's Beſcheiden⸗ heit, vorbei mit Hedwig's Zurückhaltung. Sie kam vom Schmerzenslager des Vaters, er vom Sterbebett der kranken Frau: beide gerührt, ergriffen, erregt durch den Anblick des bitterſten Leidens, beide aus düſtern Krankengemächern in ein kleines, freundliches Stübchen, wo ſie aufathmeten, Herz an Herz! Ach, ſie fragten nicht mehr, was aus ihnen und ihrer Liebe werden ſolle? Sie behielten nur Sinn für das, was ſie ſich waren. Ihre Liebe blühte aus den trauri⸗ gen bedrückenden Umgebungen ihres Daſeins empor, wie eine weiße, ſtrahlende Waſſerlilie auf trübem Sumpfe. Und wenn die franzöſiſche Zunge dienlich geweſen, ihnen fortzuhelfen über die peinliche Verlegenheit der erſten Geſtändniſſe, ſo konnte ſie doch nicht mehr ausreichen für das Bedürfniß der Seelen, die ſich ſehnten, in einander aufzugehen, eine Seele zu werden. Nein, ſie ſprachen Deutſch mit einander. Die Laute der theuren Mutter⸗ ſprache mußten ihnen verkünden, was Eines für das Andere fühlte.„Ich liebe Dich!“ hieß ihr Loſungswort. Und an dieſes knüpfte ſich eine Fülle anderer Worte, reich an Wohllaut und Kraft, wie nur die Liebe ſie erfin⸗ det, die aber arm und kalt klingen, wenn eine Feder ſie nachſchreiben will. „Sie ſtirbt; weiß Gott, ſie ſtirbt! Sie will ihn noch einmal ſehen; iſt er hier?“ Dieſer furchtbare Ausruf ſchreckte eines Tages die Glücklichen auseinander. Mit wahnſinnigen Blicken eines aus ſeinem Taumel auf⸗ geſtörten Trunkenboldes polterte der greiſe Puppenſpieler durch die eine Thür in's Zimmer. Anton, Hedwig in ſeinen Armen haltend, fuhr auf und ſah jetzt erſt, daß auch die andere Thür offen ſtand. In ſeinen Soldaten⸗ Mantel gehüllt, einen Säbel in der Rechten, ſchwankte — 60— der Rittmeiſter herein. Er hatte unbemerkt das Geſpräch der Liebenden belauſcht. „Elender,“ ſchrie er, den Säbel zückend, nach Anton gewendet:„Verräther, Verführer! Du verdienteſt den Tod; doch verdienſt Du nicht von der Hand eines Braven zu ſterben. Und Du Hedwig, wähle: Du ziehſt mit ihm und haſt keinen Vater mehr! Oder Du folgſt mir, kehrſt ihm den Rücken, und er betritt nimmer dieſe Schwelle!“ Hedwig wand ſich ſchweigend aus Anton's Armen und neigte ſich demüthig vor ihrem Vater. Anton folgte dem Puppenſpieler. Fünfundſechzigſtes Kapitel. Es war, wie Dreher geſagt: die kranke Frau lag im Sterben. Sie ſtreckte ſehnſüchtig beide Hände ihm ent⸗ gegen, da er eintrat.„Zürne mir nicht, daß die kalte Hand des Todes Dich abruft aus dem Arm der Liebe, guter Anton! von ihr geſegnet, wirſt Du glücklicher in jenen zurückkehren.“ Nie mehr, erwiederte Anton. Er wollte Nichts weiter ſagen, doch drang die Leidende in ihn, wörtlich zu erzählen, was vorgefallen ſei. Ich werde, ſprach ſie, den Tod ſo lange noch zurückdrängen; ich will ſo lange leben. Rede! Nachdem Anton den letzten Auftritt zwiſchen ihm — 61— und Hedwig's Vater in wenig Worten geſchildert, richtete ſich die Sterbende empor: „Verzweifle dennoch nicht! Bleib' ihr treu und hoffe! Rath und Hilfe zeigt Dir mein Teſtament. Und nun, keinen Abſchied, keine Schwäche mehr; ich will ſtark ſein im Tode; ſei Du's im Leben! Wenn ich kalt bin, ſtreife dieſen Ring von meinem Finger und trag' ihn, bis Du Dich mit Hedwig verbindeſt. Dann mag ſie ihn tragen. Denn ſie wird Deine Gattin, Anton! obgleich Du Dich von dieſem Ort entfernen mußt, ſobald ich begraben bin,— ich, und Jener da, der mir bald folgen wird. Sieh'ſt Du, wie ſtumpf und verloren er vor ſich hinbrütet? Gönn' ihm für ſeine letzten Stunden mit⸗ leidige Fürſorge; um meinetwillen!! Was ich für Dich niedergeſchrieben... liegt in einem hölzernen Koffer,... noch andere Papiere dabei, die für Dich von Wichtigkeit ſind... gieb mir die Hand.... ich danke Dir! Ich ſegne Dich! Fluche nicht Deiner....“ Sie ſchwieg. Anton beugte ſich zu ihrem Munde, um weiter zu hören. Sie redete Nichts mehr. Immer feſter umſchloß ſie mit ihren zuckenden Fingern ſeine Hand;— immer ſchwächer wurden ihre Athemzüge;... noch ein tiefer, wehklagender Seufzer... Und er löſete ſeine Finger aus denen des Leichnams, mit denen ſie ſich verſchlungen hatten, trat von der Seite zu Füßen des Lagers, blickte das verfallene Angeſicht theilnehmend an.... und wie ein Zauber ſchien ihm jetzt erſt aus den Zügen, welche der letzte Augenblick um⸗ gewandelt, die Erinnerung aufzudämmern, daß er dieſe —x Frau gekannt habe, früher ſchon, ehe noch er den Puppen⸗ ſpieler aufgeſucht! Dieſes Antlitz mahnte ihn an Paris! Nur daß die Krankheit mit ihren Qualen es bis zur Unkenntlichkeit entſtellt, nur daß der Tod mit ſeiner Ver⸗ ſöhnung es wieder kenntlich gemacht: ja, die Geſuchte, Erwartete, Verheißene lag vor ihm; es war die Carinal Sogleich ſtürmte er, Hedwig's Vater, ſogar Hedwig und die Trennung von ihr vergeſſend, mit Fragen in den armen Greis, der, von Gram und Trunk gebeugt, gleich⸗ gültig auf die Hülle der Gefährtin ſtierte. Dieſer ſchüt⸗ telte nur das graue Haupt und brummte:„Sie iſt hin; todt iſt todt! kein Kasperle mehr!“ Weiter war Nichts herauszubringen. Erſt wollte Anton zornig werden über die thieriſche Stumpfheit des alten Menſchen. Bald jedoch dachte er wieder an der Dahingeſchiedenen Bitte, für die letzten Stunden dem Hilfloſen mitleidige Fürſorge zu gönnen; er bezwang ſeinen Widerwillen und brachte den Puppen⸗ ſpieler zu Bette. 4 Dann rief er Leute aus dem Hauſe herbei und traf Anſtalten, wie ſie in ein Todtenzimmer gehören. Unter⸗ deſſen war die Leiche kalt geworden. Er legte ſeine Hand auf ihre Stirn....„Desdemona!“ ſprach er, jenes Abends gedenkend, wo Theodor grauſam genug die Feindſeligkeiten wider eine gemißhandelte Sängerin neu hervorgerufen.„Desdemona, jetzt können ſie Dir keine Schmach mehr zufügen; und er, Dein Gegner, iſt auch dieſer Welt der Feindſchaft entrückt. Werden Eure Seelen ſich begegnen in der Welt des ewigen Friedens?“ — 63— Er blieb nachdenklich bei der Leiche ſtehen,— nun fiel ihm wieder ein, daß er ihren Ring an ſich nehmen ſolle,„wenn ſie kalt ſei;“— mit leichter Mühe ſtreift' er ihn vom abgemagerten Finger. Es war ein ſchwerer, doch einfacher goldner Reif, ohne jede Verzierung, außer einem Plättchen, welches ſich öffnen ließ. Inwendig waren Lettern eingegraben. Anton hielt ihn an das Licht. Er las:„Eva.“ Einige Minuten hindurch blieb Anton unter dem Gewicht dieſes Namens in dieſem Ringe gleichſam erdrückt, ohne zu denken; ohne denken zu können. Erſt allmählich, eines um das andere, ſtiegen einzelne Bilder, Menſchen, Erinnerungen, Worte in ihm auf, die ſich an einander reiheten und ihn zurückführten auf den Abend, wo Großmutter Gokſch ihm zum erſten Male die Ge⸗ ſchichte ſeiner Mutter mitgetheilt. Der Ring, den der Cantor Hahn ſeiner geliebten Tochter geſchenkt, zum Andenken, zum Lohn für ihren Geſang im Oratorium!! „Eva“— hatte er hineingraben laſſen! „Und dieſe Carina, durch welche mir Kunde verſpro⸗ chen ward von meiner Mutter? Dieſe kranke Frau, zu der ich von unerklärlicher Gewalt mich hingezogen fühlte; die mir immer ſagte, nach ihrem Tode würd' ich mein Glück preiſen, ſie gepflegt zu haben? Was zögr ich noch? Ihre Papiere! Ihr Teſtament!“ Mit zitternden Händen erbrach er den Koffer, ergriff die bezeichneten Papiere und las die Beſtätigung deſſen, was der Ring ihn ahnen laſſen. — 64— Sechsundſechzigſtes Kapitel. „Der unbarmherzige Brief, den Deines Vaters Mut⸗ ter, die ſtolze Gräfin, mir geſendet, hatte meinen tiefen, demüthigen Schmerz in wilden Zorn verwandelt. Mein gerechter Stolz erhob ſich gegen die unwürdige Anklage, die mich hinſtellte, als hätte Eigennutz mich Deinem Vater in die Arme geführt. Ich eilte zu den Bildhauer⸗ leuten, um bei dieſen meinem Herzen Luft zu machen und zu erforſchen, in wie weit ſie meine Liebe für den jungen Grafen benutzt und ihn auf meine Rechnung und in meinem Namen betrogen haben könnten. Die Leute ſtaunten nicht wenig, da ſie mich bei dem nächtlichen Unwetter eintreten ſahen, und die Chriſtine ſagte mit fre⸗ chem Lachen zu ihrer Mutter:„jjetzt wird der Graf auch nicht weit ſein!“ Ich aber rief: vom Grafen iſt jetzt nicht die Rede, lediglich von mir und Euch, und welchen Han⸗ del Ihr mit mir und ihm vorgehabt. Iſt es wahr, was mir ſeine alte ſtolze Mutter ſchreibt? Und nun hielt ich ihnen vor, daß ſie von Guido Geld und Geſchenke ge⸗ nommen, die für mich erbeten und beſtimmt geweſen wären, fragte ſie, ob ſie dieſe Frechheit wirklich begangen hätten? Sie leugneten gar nicht. Die Bildhauerin meinte: wofür denn ſonſt hätt' ich kuppeln ſollen, wenn ich's nicht für's Geld gethan; und weil meine Chriſtel Dir den Junker ließ, ſo durfte ſie wohl die Geſchenke ſtatt Deiner nehmen. Etwas mußte ſie doch haben! Gut, ſagt' ich, wenn Ihr denn ſchaamlos genug ſeid, Eure eigene Schlechtigkeit zu geſtehen, ſo verhehlt die Wahrheit nicht vor der alten Gräfin; gebt mir eine Schrift, worin Ihr erklärt, daß Nichts von Allem, was durch Eure Hände ging, jemals in die meinigen kam; beſtätigt mir, daß ich auch nicht die geringſte Gabe, nicht das kleinſte Geſchenk vom Grafen Guido erhielt. Da müßten wir ſehr dumm ſein, nahm nun der Bildhauer das Wort, wenn wir eine ſolche Schrift ausſtellen woll⸗ ten; die könnte uns ſchlecht bekommen; was geſchenkt iſt, iſt einmal geſchenkt, und kein Wort mehr davon! Zugleich wies er mir die Thür. Chriſtine bat, ſie möchten mich bei dem furchtbaren Regenguſſe nicht fortſchicken. Jedoch ich ging; eh' ich das Zimmer verließ, wendete ich mich noch einmal nach den drei Leuten um und ſchrie mit dem Jammertone mei⸗ ner Verzweiflung; Seid verflucht, vor Gott und Men⸗ ſchen, Ihr ſchlechtes Volk! Sonach taumelte ich hinaus, ſtieg die ſteile Ufertreppe empor und wie ich auf der Brücke angelangt war und vernahm das Rauſchen der ſteigenden Fluth, hörte die Wogen anſchlagen gegen die ſteinernen Pfeiler, und rings umher herrſchte tiefe Nacht, ſo überfiel mich eine rechte Sehnſucht, Ende zu machen mit dieſem Leben voll Kummer und Schmach. Dich, mein Anton, wußt ich geborgen, in den Händen Deiner Großmutter. Und die Wellen, je höher ſie anſchwollen und ſtiegen, deſto lauter ſchienen ſie mir zuzurufen: finde Ruhe in unſerem Schooß! Nur die großen Eisſchollen, die krachend an wankenden Holzböcken ſich brachen, entſetzten mich, daß ich nicht gleich zu ſpringen wagte. Man hörte Nichts, Holtei, Vagabunden. III. 5 als das Brauſen des Fluſſes, das Rauſchen des Regens, der in Strömen goß. Kein menſchliches Weſen ließ in den öden Gaſſen ſich ſpüren; in den Häuſern verlöſchten Feuer und Lichter; außer wo ſie tiefer unten am Ufer wohnten, hielten ſich Leute wach, aus Beſorgniß wegen der Fluth. Nur da, wo ſie es am nöthigſten gehabt hät⸗ teu, auf der Wache zu ſein, weil ſie am tiefſten gelegen waren, bei'm Bildhauer, machten ſie Nacht; ich ſah den letzten Schimmer an ihren Fenſtern verlöſchen und rief ihnen noch einmal meine Verwünſchungen als Schlaflied von der Brücke hinab! Der Gedanke, daß ſie, die mich ſo elend gemacht, ruhig ſchlafen mochten, gab mir neuen Grimm gegen mich und mein Schickſal. Ich ſchwang mich auf das Brückengeländer hinauf, gerade neben dem katholiſchen Steinbilde, welches den heiligen Nepomuck darſtellt. Ich umfaßte den naßkalten Johannes und ſchrie in ihn hinein, wie ich es oftmals aus Chriſtinen's heuchleriſchem Munde vernommen,„heiliger Johannes von Nepomuck, bitte für mich!“ Dies ausgerufen, nahm ich einen Anſatz und wollte mich in den Tod ſtürzen... da erſcholl der Klang eines Poſthorn's, die Gaſſe entlang, die zur Brücke führt. Ich wußte, daß um dieſe Stunde kein Poſtwagen abging; dennoch hörte ich deutlich das Raſſeln der Räder durch den betäubenden Lärm des Waſſers. Ein Poſthorn, bei der Nacht ertönend, hatte für mich von Kindheit auf immer etwas Verlockendes: der Trieb zu reiſen, andere Länder zu ſehen, verband ſich dabei mit einer unbeſchreiblichen Wehmuth. Es war mir, wie wenn dieſer alte, liebe Ton mich zurückhielte„ — 67— Leben, wie wenn er mir zuriefe: ſuche den Tod noch nicht, du biſt noch zu jung! Der Poſtillon kam heran; es war der alte Chriſtian, ſeit länger als dreißig Jahren im Dienſte beim Poſthalter. Ich rief ihm zu: Chriſtian, wohin fahrt Ihr? Mein Gott, rief er, ſteht ein menſch⸗ liches Weſen auf der Brückenmauer bei dem Wetter, oder iſt es ein Geiſt? Ich bin es, ſagt ich, des Cantors Nettel, und wohin fahrt Ihr? Nicht fahren, ſprach er, ich bin eine reitende Staffette, aber weil mein Brauner auf dem Rücken wund gedrückt iſt, hat der Poſthalter verlaubt, daß ich in die Briefkarre einſpanne; ich muß ſchnell fah⸗ ren— reiten wollt' ich ſagen— denn ich ſoll raſcher in G. ſein, wie das große Waſſer, weil ich's ihnen unten anmelden ſoll, daß es kommt, und im Briefe von Herrn Landrath ſteht's auch geſchrieben, daß ſie's weiter hinun⸗ ter melden laſſen, in's flache Land hinein. Aber Nettel, was wollen Sie bei'm heiligen Nepomuck? Sie haben gewiß ſchlechte Gedanken! „Ja, Chriſtian, die hab“ ich; rette mich, nimm mich mit Dir!“ Und ich ſprang zu ihm auf ſeine Karre, der Braune griff aus, wir flogen in die Nacht, in den Thauſturm und die Regengüſſe hinein. Mir war eingefallen, daß über G. der Weg nach Erlenſtein führt, wo Guido's Eltern hauſeten. Zu denen trieb mich mein beleidigtes Ehrgefühl. Seiner Mutter wollt' ich die Antwort auf ihre ſchriftlichen Anklagen und Verleumdungen mündlich bringen; dann erſt wollt' ich ſterben. 5* — 68— Als wir vor dem Thore von G. anlangten, ließ der alte Chriſtian mich abſteigen. Ich war ſo durchnäßt und meine Kleidung ſo feucht und ſchwer, daß ſie mich faſt darniederzog. Chriſtian verſprach, der Mutter Nachricht von mir zu geben, ihr zu ſagen, wohin ich gegangen, und daß ich bei Zeiten heimkehren wolle. Er hat ſein Verſprechen nicht erfüllen können; denn auf dem Rück⸗ wege nach N. iſt er an einer tiefen Stelle der Straße, die ſchon unter Waſſer ſtand, als wir kamen, ſammt ſeinem Braunen ertrunken. Die Kunde von dieſem Unglücksfall gelangte nach G., bevor ich es verließ. Ich hatte daſelbſt ein Unterkommen für die Nacht gefunden, wo ich mich wärmen und Wäſche wie Kleider trocknen durfte; es war in der Vorſtadt bei einem Gerber Namens Karich. Er und ſeine Frau hatten Mitleid und Erbarmen für mich, obgleich ſie nur Einiges von meinem traurigen Schickſal durch mich erfuhren. Sie nahmen Theil an einer Familie, die durch ihr Kind Kummer erlebte, da ihr Sohn ihnen auch Kummer machte; er war vor einigen Jahren ent⸗ laufen, und die armen Eltern hatten Nichts mehr von ihm vernommen. Der Vater beklagte faſt noch mehr, als den Verluſt des Sohnes, die Schande, die derſelbe über ſeinen Namen gebracht.„Meinen Bruder, den Herrn Paſtor,“ rief er weinend aus,„den trifft es gar zu hart!“ Er meinte Niemand anders, als den guten Prediger in Liebenau, welcher Dir, mein Anton, ſpäterhin Unterricht ertheilte.— Wie doch die verworrenen Fäden irdiſcher Schickſale ſo häufig von einem Vereinigungspunkte aus⸗ gehen, ohne daß wir ſelbſt es wiſſen! und wie ſie, nach — 69— langer Sonderung, ſich dann wieder zuſammenfinden, ohne daß wir es ahnen. Du ſollſt weiter leſen. Der niedergebeugte Mann hatte bei ſeinem eigenen Gram immer noch Theilnahme für den Gram Anderer. Deshalb hielt er mich in ſeinem Hauſe feſt, bis das Un⸗ wetter einigermaßen ausgetobt; ſeine Frau verſorgte mich mit reiner Wäſche, und er geleitete mich dann am dritten Tage ſelbſt auf den Weg nach Schloß Erlenſtein. Unterwegs vernahmen wir ſchon die Zerſtörungen, die das raſende Waſſer in N. angerichtet; ein reiſender Bilderhändler, der Heilige und Roſenkränze verkaufte, erzählte mir, wie das Bildhauer⸗Häuschen von Fluthen und Eisſchollen zerſtört worden ſei, wie die Bewohner umgekommen wären und ſammt ihnen die Tochter des ehemaligen lutheriſchen Cantors, die ſolche Strafe des Herrn für ihre Ketzerei auf die unſchuldigen Bildhauer⸗ leute herabgerufen. Du kannſt denken, was Deine Mutter dabei empfand. Nachdem der arme Gerber Karich einige Meilen mit mir gegangen war, übergab er mich der Fürſorge eines hauſirenden Glaſers, der von Ort zu Ort zog, um zer⸗ brochene Fenſterſcheiben herzuſtellen, den er als ehrlichen Mann kannte, uud den ſein Weg in die Nähe des Schloſſes führte. Neben dieſem wandelte ich, voll Dank im Herzen für den ehrlichen Karich, ſchweigend und ernſt dahin. Er keuchte unter der Laſt ſeines ſchweren Kaſtens mit Glasplatten; mich bedrückte die Laſt, die auf meiner Seele lag. Gegen Abend wies der Glaſer mit ſeinem Stabe in einen langen offenen Waldweg, der aus dem dunklen Grün der Nadelhölzer in's Freie führte, und ſprach: dort liegt das Schloß! Man ſah Lichter aus der Ferne herüberſchimmern. Er ging gerade aus,— ich bog in den Seitenweg ein. Je näher ich dem pracht⸗ vollen Gebäude kam, deſto verzagter wurden meine Schritte; endlich blieb ich gar ſtehen. Ich überlegte mir noch einmal recht genau, was ich ſagen wollte, und weil ich dabei die ganze Geſchichte meines Jammers in der Erinnerung durchmachen mußte bis auf den kürzlich em⸗ pfangenen Brief der alten Gräfin, fand ich meinen ge⸗ rechten Zorn, mit dieſem auch meinen Muth wieder. Ich gelangte durch zerſtreute Gärten und Häuſer, in denen gräfliche Beamte zu wohnen ſchienen, bis in eine Art von Vorhof, deſſen eiſerne Gitter noch offen ſtanden. Große Hunde ſprangen mir entgegen, aber ehe ich noch Zeit ge⸗ wann, meine entſetzliche Furcht vor dieſen ungeheuren Thieren durch einen Angſtſchrei kund zu geben, ſchmiegten ſie ſich ſchon an mich und zeigten ſich ſo zärtlich, daß mir alle Angſt verging. Sie führten mich gleichſam, während ſie bald voranliefen, bald wieder zurückkehrten und an mir emporſprangen, wodurch ſie mich faſt zu Boden ge⸗ worfen hätten, bis an eine mit Säulen umgebene freie Marmortreppe, deren breite Stufen zum Haupteingang zu führen ſchienen. Oben an der offenen Hausthür ſtand ein Diener in Livree. Ich zögerte, weiter zu gehen. Ein ſchwarz gekleideter Mann mit gepudertem Haar trat zu dem Diener und fragte: was giebt's? Eine Betllerin, Herr Haushofmeiſter, war die Antwort. Dieſer Irrthum regte mich auf. Nein, keine Bettlerin, ſagte ich; wenn auch eine Bittende. Gleichviel, erwiederte der Haushofmeiſter, kommen Sie nur herauf! Ich folgte dieſer freundlichen Aufforderung, wurde gemeldet und ohne Aufſchub in ein Vorzimmer gerufen, wo der Haushofmeiſter mich warten hieß, bis die Frau Gräfin erſcheinen würde. Es brannte helles Feuer in einem hohen Kamin, wodurch das große Gemach in ſo weit erleuchtet ward, daß man die Züge des Geſichtes nothdürftig unterſchied; mehr nicht. Der alte Mann warf mir forſchende Blicke zu, ſchien aber doch nicht recht klar zu ſehen, denn er zeigte ſich ungeduldig, bis ein Lakai mit etlichen Armleuchtern eintrat. Darauf wurde ich von oben bis unten betrachtet, und ich merkte dem Beobachter ab, daß er für ſein Leben gern mich über den Zweck meines Hierſeins ausgefragt hätte, was er aber nicht wagte, weil es ihm, wie allen andern Dienern des gräflichen Hauſes ſtreng unterſagt war.(Das erfuhr ich ſpäter, beim Gärtner.) Faſt entſchloſſen, ſeiner Neugier zuvorzukommen, wollt ich mich ihm entdecken, da kam der Lakai zurück, öffnete raſch die zwei Flügel einer Sei⸗ tenthür und rief dem Haushofmeiſter zu: die Excellenz⸗ Frau. Und nun erblickt' ich ſie, die Mutter Deines Va⸗ ters, Anton! Die gefürchtete, ſtolze, herzloſe Frau, die ich zu finden erwartet hatte, wie ihr Brief ſie mir im Geiſte gezeigt: majeſtätiſch, kalt, vornehm, in ſeidenen Gewän⸗ dern einherrauſchend, unzugänglich für den Armen, unerbittlich! Doch was erblickten meine Augen? Eine etwas gebückte, mehr kleine, als große, freundliche Dame von etwa fünfzig Jahren, einfach und ſchlicht gekleidet, in ein graues Gewand, um Kopf und Schultern einen ſchwarzen Spitzenſchleier hangend, wie man es häufig auf alten Bildern ſieht.„Was willſt Du, mein armes Kind?“ ſagte ſie, nachdem ſie mich mit einem Winke der Hand begrüßt. Dieſe im ſanfteſten Tone an mich gerich⸗ tete Frage, der Gedanke, daß es Guido's Mutter ſei, die mich„mein Kind“ anredete,.... ich ſank zu ihren Füßen und ergriff ihre Hand, ſie zu küſſen. Dieſe ent⸗ zog ſie mir heftig und murmelte dabei:„nicht knieen, hübſch aufſtehen und ruhig mit mir reden; ich liebe ſolche Scenen nicht, ſie erwecken mir Argwohn, als ob ich's mit Comödianten zu thun hätte. Dein ehrliches, blaſſes und verkümmertes Geſicht wird beſſer zu meinem Herzen ſpre⸗ chen, wie Fußfälle und ſolche Albernheiten. Sage mir, was Du bei mir ſuchſt?“ Gerechtigkeit, erwiederte ich. Die Gräfin trat einen Schritt zurück, gleichſam ahnend, wer ich ſein könne. Sie mußte ſich erſt faſſen, bevor ſie wieder zu reden vermochte. Dann fragte ſie weiter:„Bei mir? und gegen wen?“ Gegen die Mutter des Grafen Guido, ſprach ich beſcheiden, doch feſt; gegen ihre grauſamen Vorwürfe, die ich nicht verdiene. „So iſt Sie die Cantors⸗Tochter!?" ſagte die Gräfin. Und der Haushofmeiſter, näher zutretend, ſprach: ich habe mir's gedacht, Excellenz. Der Lakai war nicht mehr im Zimmer. „Sie muß überaus frech ſein,“ hub die Gräſin wie⸗ der an,„oder Sie muß ein ſehr gutes Gewiſſen haben, daß Sie ſich bis zu mir wagt. Rede Sie, ich will Sie hören!“ Nun machte ich Gebrauch von dieſer Erlaubniß, im weiteſten Sinne des Wortes. Von dem erſten Blicke, den Dein Vater mit mir gewechſelt, wo ich im Orato⸗ rium geſungen, bis zu meinem nächtlichen Beſuche im Bildhauerhäuschen, wo ich die ſchlechte kuppleriſche Sippſchaft verflucht und Gottes Strafe über ſie herab⸗ gerufen, ſtellte ich der Gräfin das aufrichtigſte Bild mei⸗ nes Lebens dar. Als ich an die Kunde kam, wie fürch⸗ terlich raſch mein Fluch in Erfüllung gegangen, und wie die Familie unter den Trümmern des Hauſes, welches meine Schande auferbaute, durch die Fluth umgekom⸗ men ſei, bebte die Dame und verbarg ihr Geſicht in beide Hände. Wir ſchwiegen lange Zeit. Ich hörte den alten Haushofmeiſter leiſe ſchluchzen. Erſt als ich dieſen Aus⸗ bruch gerührten Mitgefühls vernahm, fand auch ich eine Thräne. Die Gräfin weinte nicht. Sie ergriff wieder das Wort:„Du lügſt nicht, Antoinette; das iſt gewiß. Sage mir jetzt offen und ehrlich: hat er Dir die Ehe ver⸗ ſprochen, bevor er Dich verführte?“ Ich antwortete: vorher und nachher, Euer Excellenz, ſo wahr ein Gott lebt. Abermals bedeckte ſie ihr Geſicht mit ihren Händen, und jetzt weinte ſie auch.„Ich habe Dir Unrecht gethan, Mädchen, ich bitte Dich um Verzeihung. Leider trag! ich keine Schuld. Leider! Ich möchte ſie lieber auf mich nehmen, anſtatt Dir ſagen zu müſſen, daß Graf Guido mich getäuſcht hat. Mein Schreiben an Dich war nur die Folge ſeiner falſchen, entſtellenden Erzählungen. Die Mutter kann jetzt Nichts mehr thun: Deine Sache gehört vor die Männer. Du magſt entſcheiden, ob ich meinen Gemahl zum Richter aufrufen ſoll. Ich will Dir nicht ver⸗ ſchweigen, daß er krank, ſehr krank iſt; daß die Aerzte für ſein Leben fürchten. Er iſt aber auch heftig und ſtreng; er iſt gerecht und im Punkte der Ehre unerſchütterlich. Hat unſer Sohn Dir ſein Wort gegeben, ſo wird der Vater ihn nicht davon entbinden. Das ſchwör ich Dir! Es wird meines Gatten Tod ſein,— doch das kann auch mich nicht hindern, Dir Dein Recht werden zu laſſen. Höchſtens kann ich mit ihm ſterben, und das will ich gern. Beſtimme Du, was geſchehen muß!“ Ich ſagte Nichts weiter, als: Graf Guido hat zu beſtimmen, nicht ich! „Ruft meinen Sohn, Haushofmeiſter; oder nein,— laßt ihn rufen. Ihr bleibt hier und ſeid Zeuge von jeder Sylbe, die zwiſchen ihr und mir gewechſelt wird.“ Der Haushofmeiſter zog eine Glocke, ein Diener trat ein. Die Gräfin befahl, ihren Sohn aus ſeinen Gemächern herabzurufen. Während wir ihn erwarteten, ging ſie mit verſchränk⸗ 7 — 0— ten Armen raſchen Schrittes in dem großen Gemache auf und ab. ... Ich ſollte ihn ſehen!... Wie ich ſeine Sporen klirren hörte, fing ich an zu zittern; ich meinte, ich müſſe umſinken. Der Haushof⸗ meiſter wollte mich ſtützen, doch die Gräfin wies ihn von mir, faßte meinen Arm, führte mich dem Eingange zu, und als Dein Vater eintrat, rief ſie ihm entgegen: „Guido, wer hat mich betrogen, Du, oder dieſes Mädchen?“ Dein Vater, mich an ſeiner Mutter Seite erblickend, ſchien einen Augenblick zweifeln zu wollen, ob Wirklich⸗ keit ſei, was er ſah. Doch die Gräfin wiederholte ihre Frage, noch eindringlicher und drohender, wie zuvor: „Ich will wiſſen, wer gelogen? Sie oder Du?“ Ich, meine Mutter, erwiederte Dein Vater mit nieder⸗ geſchlagenen Augen. „Dann hab ich für's Erſte nicht mitzuſprechen, und Ihr Beide müßt Eure Sache mit einander abmachen.“ Wie ſie dies geſagt, ließ ſie ſich vom Haushofmeiſter einen Seſſel zuſchieben, und in dieſem Platz nehmend, wendete ſie ſich an mich, indem ſie auf den grauköpfigen Mann deutete:„vor ihm haben wir kein Geheimniß, er gehört zum Hauſe, hat ſchon meinem ſeligen Vater gedient.“ Guido's Niedergeſchlagenheit war ſo traurig anzu⸗ ſehen, daß ich dabei faſt meines eigenen Elendes vergaß und nur Mitleid empfand für ihn. Ich machte ihm alſo gar keine Vorwürfe, ſondern fragte nur, warum er mich bei ſeinen Eltern in ein falſches Licht geſtellt und die Reinheit meiner Liebe für ihn durch unbegründeten Argwohn niedrigen Eigennutzes befleckt habe? Das war niederträchtig von mir, gab er zur Antwort, und ich ſchäme mich meiner feigen Lüge. Rechtfertigen kann ich mich nicht, aber ich will jetzt wenigſtens die Wahrheit eingeſtehen. Seitdem ich mich von Dir getrennt, habe ich erfahren, daß meine Empfindung für Dich nichts Anderes geweſen iſt, als jugendliche Täuſchung der Sinne; ich habe jetzt erſt die wahre Liebe in ihrem ganzen Umfange kennen gelernt. Die junge Dame, welche ich mit Bewilligung ihrer und meiner Eltern Braut nennen darf, wäre niemals die Meinige gewor⸗ den, wenn mein Vater geahnet hätte, daß frühere Ver⸗ ſprechungen und Gelübde auf mir laſten. So adelſtolz mein würdiger Vater immer ſein mag, ſtehen doch ſein Gerechtigkeitsſinn und ſein Ehrgefühl über ſeinem Stolze. Er würde mir, wenn er gewußt, wie niederträchtig und falſch ich an Dir handelte, Antoinette, nur freigeſtellt haben, mir eine Kugel durch den Kopf zu ſchießen oder Dich zum Altare zu führen. Meine Liebe für Comteſſe Iulie iſt ſo rein, ſo innig, ſo unbeſieglich, daß ich, nach⸗ dem einer Deiner Briefe in meines Vaters Hände fiel, mir keinen andern Rath wußte, als dies Verhältniß zu Dir wie eine flüchtige leichterkaufte Liebelei darzuſtellen, für welche man geneigt war, mir Verzeihung zu gönnen. Das konnte nicht geſchehen, ohne Dich ſchmählich zu verleumden; das habe ich gethan.— Du kommſt, Dich * 77— zu rächen? Thu' es. In Deiner Macht liegt es, meines Lebens und meiner Liebe Glück zu vernichten. Folge Deinem gerechten Zorn. An meinem Leben liegt mir Nichts, ohne Julie; meine Liebe zu dieſer kann nur mit meinem Leben erlöſchen. So ſprach Dein Vater. Sobald ich erſt wußte, daß ich nicht geliebt ſei, fand ich mich ſelbſt wieder. Ich war, für den Moment wenig⸗ ſtens, vollkommen ruhig. Hätten Sie, Herr Graf, ſagte ich, ſich die Mühe geben wollen, mir dies Bekenntniß ſchriftlich abzulegen, ſo würden Sie mir einen beſchwerli⸗ chen Weg, Ihrer Excellenz eine ſchlimme Stunde und ſich ſelbſt eine große Beſchämung erſpart haben. Ich kam durch Sturm, Regenſtröme und Nacht hierher, weil ich wähnte, Ihr Herz gehöre mir, und es werde Ihrem Herzen wohlthun, die Geliebte wider kränkenden Arg⸗ wohn gerechtfertigt zu erblicken. Da Sie mein Ankläger waren,— gegen wen möcht ich mich jetzt noch rechtferti⸗ gen? Sie wollen mich los ſein? Ihr Wunſch iſt erfüllt. Da Sie mich nicht lieben, ſind Sie frei! Ich wende Ihnen auf ewig den Rücken, und verflucht ſei.... Hier fuhr die alte Gräfin ſchreiend von ihrem Seſſel auf. Sie gedachte meiner vor wenig Minuten vernom⸗ menen Erzählung, wie mein Fluch an den Bildhauer⸗ leuten in Erfüllung gegangen. Mit gefalteten Händen beſchwur ſie mich, inne zu halten. Ich ſagte zu ihr: fürchten Sie Nichts, Frau Gräfin; nicht Ihrem Herrn Sohne, nicht Ihrem Hauſe ſollte es gelten. Verflucht ſei, wollte ich ausrufen, die Stunde, wo Sie mir geſagt, daß Sie mich liebten; verflucht die Stunde, wo ich eitel genug war, an Ihre Liebe zu glauben, an Ihr Herz, an Ihr Wort! Das wollt ich Ihrem Sohne zurufen. Aber der⸗Fluch ſollte auf mich, auf mein eigenes Haupt zurückfallen. Und mit dieſem Fluche belaſtet, verlaß' ich das Schloß, nicht, um in unſere Hütte, in unſere Heimath zurückzukehren. Ich ſehe die Meinigen nicht mehr wirder, mein Kind nicht wieder— „Dies Kind, ſein Kind, es ſoll das meinige ſein,“ ſprach die Gräfin;„ich will Sorge tragen“— Das werden Sie nicht, unterbrach ich ſie feſt; Sie werden Nichts für dieſes Kind thun. Aus Ihren Hän⸗ den wird ihm keine Gabe zugewendet werden. Ich, ich, ſeine Mutter, unterſage das. Ehe ich dulde, daß Sie ſich des armen Geſchöpfes annehmen, eher ſtirbt es durch mich! Schaudernd wendete ſich die Gräfin ab. Dein Vater warf ſich zu ihren Füßen... Ich ging; ich ging, kräftig durch meinen Zorn, mit hochaufgerichtetem Haupte aus dieſem Gemach, aus der Vorhalle des Schloſſes. Draußen begrüßten mich wieder die großen Hunde; ſie geleiteten mich freundlich bis an das eiſerne Gitter. Dort kehrten ſie um, und ich war allein. Ich ſtarrte lange in die fliegenden, zerriſſenen Wolken, die der Abendwind vor ſich her trieb; ſtarrte hinein, ohne zu denken. Mein erſter Gedanke war, da mir wieder Gedanken kamen, an Dich, Anton! Ach, und daß ich es Dir eingeſtehen muß, ich fühlte Haß gegen Dich! Das Bild Deines Vaters vermiſchte ſich in meiner kranken Seele mit dem Deinigen. Verzeihe mir, Anton! Was ich wollte? Was ich beginnen ſollte? Ich wußt' es ſelbſt nicht. Ich wußte nur, daß ich entſchloſſen ſei, nie mehr heimzukehren, nie mehr meine Eltern, nie mehr mein Kind zu ſehen. Ich ſchämte mich, eingeſtehen zu müſſen, daß er mich verrathen, verlaſſen habe; daß ſein freier Wille, nicht ſeiner Verhältniſſe Zwang, ihn von mir geſchieden. Ich hatte keinen Willen ſonſt, keine Abſicht, keinen Wunſch, keine Hoffnung,.... nur ein Bedürfniß empfand ich, ein unabweisliches: die junge Gräfin, ſeine Braut, zu ſehen, die er Julie nannte, die ihn belehrt, was wahre Liebe ſei! Warum? Warum ich ſee ſehen wollte? Um, einem wilden Thiere ähnlich, wüthend in ihr Antlitz mich zu ſtürzen und ihr die Augen auszureißen, die meinem Ver⸗ derben geleuchtet!— Oder, um ihre Kniee zu umfaſſen, mich im Staube vor ihr zu winden?? Faſt galt Beides mir gleich, wenn ich ſie nur ſah! Während ich noch ſtand, kam ein kleiner, freundlicher Mann auf mich zu, ging einige Male um mich herum und flüſterte mir dann zu: Sie ſind's ja doch, Mam⸗ ſellchen, die ich ſuche; der Herr Haushofmeiſter ſchickt mich, daß ich nach Ihnen ſehen ſoll und Sie in mein Häuschen führen; wir kriegen noch ſchlecht Wetter auf die Nacht. Ich bin der Gärtner. Er faßte meine Hand, und ich ließ mich ohne Widerſtand 4 4 — 80— von ihm nach ſeiner Wohnung führen, wo eine kleine Frau, noch viel kleiner als er, uns empfing und auf ein leiſe geſprochenes Wort von ihm mir ſogleich ein Kämmerchen neben ihrem niedern, von altem Geräthe überfüllten Wohnſtübchen anwies. Es wurde mir ein Lager zurecht gemacht, ſie brachten mir eine warme Wein⸗ ſuppe, und nachdem die kleine Frau mich auch mit Wäſche verſehen, zog ſie ſich eiligſt zurück in ihr Gemach, wo ich ſie mit ihrem Manne lange noch eintönig plaudern und murmeln hörte. Aus dem mir angewieſenen Kämmerchen führte noch eine andere Thüre als jene, durch welche wir vom Wohnzimmer hrein gekommen waren: eine Glas⸗ thüre. Ich blickte durch die Scheiben und ſah in ein großes, unermeßlich langes Orangen⸗Haus mit einem hoch zur Decke grünenden Wald von Citronen⸗ und Pomeranzen⸗Bäumen. Draußen kämpfte der bleiche Mond mit wilden Regenſchaueru und ſtreifenden Schnee⸗ wolken,— da drinn war es ſo ſtill, ſo heimlich, ſo blüthen⸗ duftig. Es zog mich hinein, wie in ein gelobtes Land. Das iſt Italien, rief ich aus und wandelte unter den herrlichen Bäumen. Der Mond ſchimmerte bisweilen durch's dunkelgrüne Laub. Ich habe mir vorgeſetzt, Dir, meinem Sohne, eine Beichte abzulegen in dieſen Zeilen, Dir Nichts zu ver⸗ ſchweigen, Anton! Deshalb muß ich auch hier die Wahrheit geſtehen. Sie wird Dir unglaublich ſcheinen. Kannſt Du es faſſen, daß in meine Verzweiflung, in die Vernichtung, die vor einer Stunde über mich herein⸗ gebrochen, jetzt ſchon neue Lebensluſt mit niegeahneten 4 — 81— Hoffnungen und Regungen blickte,— dem Monde gleich, durch zerriſſenes Gewölk. Ja, indem ich verſtoßen, elend, heimathlos, ein irrender Flüchtling umherſchwankte; vom Geliebten verleugnet, von den Eltern geſchieden durch meinen trotzigen Entſchluß, von meinem Kinde unmütter⸗ lich getrennt, durch ſträflichen Ingrimm; indem ich nur Mangel, Gefahr, Tod vor mir ſah, weh'te mich aus den Düften dieſes Prachthauſes eine üppig⸗verlockende Luft mit Zauberhauche an, rief mir eine lüſterne Stimme zu: Auch Du wirſt noch leben und lieben! Das iſt der entzückende Leichtſinn der Jugendkraft, der mich damals durchſtrömte; den ich heute, wo ich, ein ſterbendes Weib, dieſe Zeilen mühſelig zu Papiere bringe, ſelbſt nicht mehr begreife. Doch ſeiner zu erinnern ver⸗ mag ich mich noch; vermag ich mich noch ſo deutlich, daß ich ſagen möchte: dieſe fürchterlichſte Nacht meines Lebens war zugleich die göttlichſte. Das klingt wahn⸗ ſinnig, Anton, und dennoch iſt es wahr. Erſt als ich vor Ermattung, im ſtrengſten Sinne des Wortes, nicht mehr ſtehen konnte, ſucht' ich mein Lager und verſank ſogleich in todähnlichen Schlaf. Und als ich aus dieſem ſpät am Tage aufwachte, war die nächtliche Bezauberung verſchwunden; ich erwachte zum ganzen, unverhüllten Jammer der Wirklichkeit. Die Gärtnerleute ſchienen beauftragt, mir allerlei Anerbietungen zu machen. Ich wußte ihnen auszu⸗ weichen und wies jede Annäherung, inſofern ſie goldene Entſchädigungen betraf, ſo ſtolz von mir ab, daß ich beide gänzlich einſchüchterte. Dagegen wurd' es mir Holtei, Vagabunden. III. 6 — 82— leicht, den ehrlichen gutmüthigen Menſchen abzufragen, wo Deines Vaters Braut lebe. Es war nicht weit von Erlenſtein; kaum drei Meilen entfernt. Nun wußte ich genug, und ich machte mich auf den Weg, verwildert und wüſt, wie ich ausſah, eine rechte Landläuferin. Der kleine Gärtner und ſeine Frau wagten nicht, mir Wider⸗ ſtand zu leiſten. Sie entließen mich mit Achſelzucken und Thränen, als wollten ſie ſagen: ſie rennt in ihr Verder⸗ ben, ſie iſt verrückt! Ich langte in Sophienthal wieder mit der Abend⸗ dämmerung an. Das Dorf beſteht aus einer langen Gaſſe, in deren Mitte die Kirche liegt. Das herrſchaft⸗ liche Schloß, mitten in einem waldartigen Park befindlich, war nicht zu erblicken. Vor einem hübſchen Hauſe, der Kirche gegenüber, ſtand eine junge Frau, welche, da ſie mich erblickte, mir ſchon von Weitem entgegenrief: „Sind Sie es, Gräfin Julie?“ Ich gab keine Antwort. Als ich mich näherte, wich ſie erſchrocken zurück. Ich glaubte in ihr die Gattin des Predigers zu erkennen, weil ſie das ſtattlichſte Haus und ſo nahe der Kirche bewohnte; deshalb redete ich ſte an: Frau Paſtorin, fliehen Sie nicht vor mir; es iſt keine zudringliche Bettlerin, die vor ihnen ſteht. Gönnen Sie mir nur zwei Worte. Augenblicklich faßte ſie wieder Muth, ſowie ſie meine Stimme vernommen. Sie betrachtete mich erſtaunt und fragte, womit ſie mir dienen könne? 8 Mein Wunſch mag Ihnen albern erſcheinen, wie mein Erſcheinen verdächtig. Dennoch wag' ich Sie zu bitten. Wer ich bin, was mich hierher führt,— und ſo, und jetzt?— das ſind Fragen, die nur mich berühren, die Ihnen durchaus gleichgültig ſein können. Ich habe nur ein Ziel: dieſes iſt, jene junge Dame von Angeſicht zu ſehen, welche ſie zu erwarten ſcheinen. Geſtatten Sie mir, bei Ihnen zu verweilen, bis Gräfin Julie kommt? Verſprechen Sie mir, mich als eine Verwandte, die Ihnen unerwartet auf kurzen Beſuch von irgendwo in's Haus kam, vorzuſtellen? Geben Sie mir Gelegenheit, die Comteſſe reden zu hören? Sie erweiſen mir dadurch eine große Wohlthat, eine Wohlthat, von deren Bedeu⸗ tung Sie keinen Begriff haben können! Mir, und viel⸗ leicht der jungen Gräfin auch.(Ja, blicken Sie mich nur forſchend an.) Sie ſind eine Freundin Juliens? — Die Paſtorin ſprach angſtvoll:„ich liebe ſie wie eine Schweſter, verehre ſie wie eine Mutter! Droht ihr Gefahr?“ Vielleicht, erwiederte ich raſch. Vielleicht hängt ihr Schickſal an dieſem Augenblick. Vielleicht bin ich es, wie arm und bemitleidenswerth ich Ihnen erſcheine, die über die Zukunft dieſer jungen, reichen Erbin zu entſchei⸗ den hat. Alles hängt von dem Eindruck ab, den ihre Perſönlichkeit auf mich macht. Iſt es ein abſtoßender, verletzender, ſpricht aus ihren Zügen kein Herz, aus ihren Worten keine Seele, dann ſteh' ich für Nichts; ebenſo wenig, wenn ich ſie nicht kennen lerne; denn ich haſſe ſie, aus guten Gründen, ohne ſie zu kennen. Sie müßte mich erſt zwingen, ſie zu lieben, damit ich liebend ihr weiche!— Die Paſtorin ahnete vielleicht, welch' ein Dämon 6* — 84— mich treibe? Sie hatte wohl gar Kunde von meinem Daſein? Das weiß ich nicht. Aber ſo gewiß war ſie ihrer Sache, daß ſie augenblicklich auf meinen Vorſchlag ein⸗ ging.„Treten Sie ein,“ ſagte ſie;„mein Mann iſt glücklicherweiſe verreiſet; Comteſſe Julie will, wenn ſie mit einigen Krankenbeſuchen im Dorfe fertig iſt, auf ein Stündchen zu mir kommen. Ich erwarte ſie hier. Sie mögen uns im Wohnzimmer erwarten. Ordnen Sie Ihr Haar, nehmen Sie mein Mäntelchen am, welches auf dem Bette liegt, ſetzen Sie ſich mit meiner Strickerei an's Fenſter. Sie ſind meines Oheims Tochter, Louiſe; ſind ein ſchüchternes Mädchen, verlegen, ohne viele Worte; beſuchen mich auf einen Tag— für das Uebrige wird der liebe Gott ſorgen.“— Ich ſchlüpfte in's Haus und that, wie mir geboten. Kaum ſaß ich, den Strickſtrumpf in der Hand, auf dem mir angewieſenen Stuhl am Fenſter, ſo ging die Thür auf, und die Paſtorin trat ein mit der Erwarteten,— Gefürchteten. Wahrſcheinlich haite mich die Beſchrei⸗ bung, welche von„Muhme Luiſe“ ſchon draußen im Hausflur gemacht worden, jeder Annäherung Seitens der jungen Gräfin überhoben. Sie nahm Platz neben ihrer Freundin auf dem Sopha, nachdem ſie mich freund⸗ lich begrüßt und weiter nicht beachtet hatte. Ohne ſich durch meine Anweſenheit ſtören zu laſſen, ſetzte ſie das Geſpräch mit der Paſtorin fort, welches nur Armen⸗An⸗ gelegenheiten des Dorfes betraf. Sie ſagte unter Ande⸗ rem: ich kann Ihnen das Alles nicht erſparen, lieb Auguſte, und Sie müſſen mich geduldig anhören; viel⸗ leicht iſt die Zeit nicht fern—(hier bebte die ſonſt ſo feſte, klare Stimme ein Wenig!)— wo ich mein liebes Sophienthal verlaſſe. Wer weiß, wie oft oder wie ſelten es mir vergönnt ſein wird, aus den neuen, größeren Kreiſen, in welchen ich mich künftig bewegen ſoll, hierher zu entfliehen! Aber meine Schützlinge, wenn ſie mich auch bisweilen vermiſſen werden, wie ich hoffe, ſollen darum doch Nichts entbehren, und Sie, gute Auguſte, haben mir nun einmal verſprochen, für mich einzutreten. Folglich darf ich Ihnen kein Detail erlaſſen.— Und nun ging ſie mit bewundernswürdiger Kenntniß aller kleinen häuslichen Bedürfniſſe auf die Zuſtände der armen und kranken Familien ein, denen ſie ihre Fürſorge geweiht. Ich kann Dir nicht mit Worten ausdrücken, Anton, welche Macht in dem Klange ihrer Stimme lag. Ich lauſchte jeder Sylbe mit Entzücken und vergaß völ⸗ lig, daß es meine beneidete, zwiefach beglückte Nebenbuh⸗ lerin ſei, die ſolches Entzücken in mir hervorbrachte. Zweimal wollte die Paſtorin aufſtehen, um Licht zu holen; die Gräfin unterſagte dies und lobte die Anmuth der traulichen Dunkelſtunde. Schon befürchtete ich, ſie würde aufbrechen, ohne daß ich ein deutliches Bild von ihr mit mir nehmen könnte. Aber da brachte glücklicher⸗ weiſe eine Magd, mit der Meldung, daß ein Diener vom Schloſſe„auf die gnädige Comteſſe“ warte, zwei dicke, brennende Kerzen, die ſie auf den Tiſch vor dem Sopha ſtellte. Nun hatte ich den ganzen Anblick einer — 8— Schönheit, wie ich ſie auf Erden nicht für möglich gehal⸗ ten. Ich kann ſie nicht anders bezeichnen, als durch: Verklärung! Wenn es jemals ein weibliches Weſen gab, dem nur zwei Seraphs⸗Fittige fehlten, um ein reiner ſtrahlender Engel zu heißen, ſo war es dieſe Julia. Sie ſehen und im Innerſten empfinden, daß dieſem Weſen gegenüber jede eitle Eiferſucht Verbrechen ſei,— das war Eins. Ich hatte nur ein Gefühl: wenn Guido vielleicht eine beſſere, klügere, mehr gebildete Gattin verdiente, als ich ihm werden können, ſo verdiente dieſes Mädchen einen anderen Gatten; Ihrer war er nicht würdig, das mußt' ich mir eingeſtehen, wie heiß ich ihn auch geliebt. Ich habe niemals ein ſolches Weib geſehen, und als ich ſie nun ſprechen ſah'!— Als dem ſeelenvollen Tone, der mich während der Dunkelſtunde ſchon begeiſtert, jetzt auch die lieblichen Züge entſprachen, des Auges mildes Feuer, des zartgeformten Mundes Lächeln, da mußt ich wohl an mich halten, daß ich nicht wirklich anbetend vor ihr niederſank, ihre Kniee zu umfaſſen. Sie wünſchte mir mit holdſeliger Güte glückliche Reiſe und ging am Arme der Paſtorin. Welch' ein Gang! So gehen irdiſche Menſchen nicht!— Wie die Hausfrau zu mir wiederkehrte, fand ſie mich in heißen Thränen. Sie hatte zarten Sinn genug, zu ſchweigen und mich weinen zu laſſen. Dann bot ſie mir ein Nachtlager. Das nahm ich an und bat um Feder und Papier, welches die Magd mir brachte. Ich ſchrieb folgende Zeilen: „Graf Guido! Gräfin Julia hab' ich geſehen;— Sie ſind gerecht⸗ fertiget. Ich begreife, daß mich nicht mehr lieben kann, wer eine Luft mit ihr geathmet. Sie haben mein Lebensglück zerſtört; Gott ver⸗ zeihe Ihnen! Ich vermag es nur dann, wenn Sie von nun an keinen andern Gedanken hegen, als Die⸗ jenige glücklich zu machen, die ſich Ihnen geben will. Darf ich dies glauben, ſo ſterb' ich verſöhnt mit Ihnen. Antoinette.“ Dieſes Blatt gab ich am nächſten Morgen der Paſtorin, nachdem ſie es erſt geleſen und ich es hernach verſtegelt, zur Beſorgung an den Grafen Guido von Erlenſtein. Wollen Sie ſich umbringen? fragte mich, bleich vor Schreck und Angſt, die zitternde Frau. Ich will weder in einen Fluß ſpringen, entgegnete ich ihr, noch ein Meſſer in meine Bruſt bohren, noch dies Tüchlein um meinen Hals ſchnüren, noch ſonſt gewalt⸗ ſam meinem erbärmlichen Leben ein Ende machen; das darf ich Ihnen geloben. Nicht weil mir die Luſt dazu fehlt,— nein, nur der Muth. Aber ich will weiter ziehen und mich ſterben laſſen,— ſei's, wo es ſei. Fragen Sie nicht, wohin ich mich wende! Ich weiß es nicht. Die Erde iſt groß, und überall, wo ein Sterblicher endet, findet ſich ein Grab. Gott ſegne Sie— und er ſegne— Julien! — 88— Die Paſtorin küßte mich auf die Stirn, und ich ver⸗ ließ ihr Haus. Ich bin bis hierher ſehr ausführlich geweſen in meinen Bekenntniſſen. Theils weil ich Dir deutlich dar⸗ ſtellen wollte, mein theurer Anton, wie es geſchah, daß der Entſchluß, für todt zu gelten, ſo feſte Wurzel in mir faſſen konnte; theils weil ich Dich hinweiſen wollte auf jenes himmliſche Weſen, welches Deinem Vater Gattin wurde, und durch deſſen Vermittelung,— das iſt's, was mich auf meinem Sterbelager mit tröſtender Zuverſicht erfüllt,— Du Dich mit ihm vereinigen kannſt. Von nun an werde ich eilen müſſen, will ich an's Ende dieſer Schilderung gelangen, bevor mein Ende mich erreicht. Von jenem auflodernden Lebensmuthe, der in der duftigen Nacht des blühenden Glashauſes ſich regen wollen, war Nichts mehr übrig geblieben. Meine Eitel⸗ keit, mein Selbſtvertrauen hatten, Gräfin Julie gegen⸗ über, einer troſtloſen Entſagung weichen müſſen. Mit ihr verglichen kam ich mir niedrig, unerzogen, gemein vor. Fragſt Du, ob ich in Wahrheit die Abſicht gehegt, „mich ſterben zu laſſen?“ ſo kann ich heute keine beſtimmte Antwort mehr darauf ertheilen. Ich fürchtete den Tod, dennoch wär' er mir willkommen geweſen. Ich haßte das Leben, dennoch knüpfte ich von Stunde zu Stunde wieder unklare Hoffnungen an ſeine Fortdauer. Für's Erſte eilt ich nur, heftigen Schrittes, aus dem Bereiche jener Orte zu gelangen, deren Bewohnern ich für eine — 89 Abgeſchiedene gelten wollte; das war mein nächſter Wunſch. Ich hatte ein unbeſtimmtes Vorgefühl, daß es anderer Gegenden bedürfe, ſollt' ich ein neues Daſein beginnen, fremden Himmels, fremder Sitten, eines fremden Namens für mich. Die Cantorstochter, die Geliebte des Grafen Guido, die Mutter des kleinen Anton—(o ich bedauernswerthes Weib!)— mußte wirklich geſtorben ſein, Allen, die von ihr wußten, wenn dasjenige, was in mir noch lebendig waltete und ſtrebte, ſich auf irgend eine Art geltend machen wollte. Mittlerweile war ich der Landesgrenze immer näher gekommen. Von der Nothwendigkeit eines ſchriftlichen Ausweiſes über meine Perſon hatte ich ebenſo wenig Kenntniß, als Du mein Sohn gehabt, da Du bei der Simonelli anlangteſt, wie ich aus Deinen eigenen Erzählungen weiß. Du konnteſt, wenn Du mir von Deinem Leben berichteteſt, wohl nicht ahnen, mit welch, eigenthümlichen Empfindungen die Mutter allen Momen⸗ ten lauſchte, wo das Schickſal des Sohnes Aehnlichkeit mit dem ihrigen zeigte. Mir wurd' es nicht ſo gut, den Paß einer Entwiche⸗ nen zu erben, wie Du jenen des nach Rußland überge⸗ tretenen Antoine. Ich hatte noch ſchwer zu leiden, bevor ich dieſe kleinliche Noth überwunden. Ich machte auf der Landſtraße die Bekanntſchaft zweier böhmiſchen Harfenmädchen, die, von einem jungen Menſchen begleitet, durch's Land zogen. Sie redeten mich an, wie ihres Gleichen, und in meiner völligen Rathloſigkeit nahm ich ihre Anerbietungen an, mit ihnen zu gehen. — 90— Sie machten mich in einem Dorfwirthshauſe, wo ſie anhielten, ſingen, nachdem ich ihnen entdeckt, daß ich in Muſik und Geſang aufgewachſen ſei. Ihre Freude über meine Stimme und Vortrag war unverſtellt, wenn auch nicht uneigennützig, denn ſie ſetzten mir dringend zu, mit ihnen in Gemeinſchaft zu treten. Zu dieſem Zweck ſuchten ſie aus ihren Reiſebündeln allerlei hervor, wodurch meine Tracht der ihrigen möglichſt ähnlich wurde, begrüßten mich ſodann als Cameradin und zwangen mich,— wenn Bitten und Verſprechungen Zwang genannt werden dürfen,— ſie ferner zu begleiten. Unter ihrem Schutze kam ich freilich ohne Schwierigkeit von einem Ort zum andern, weil ſte überall bekannt und ver⸗ traut, gar nirgend angehalten oder befragt wurden. Doch mußt ich dieſen Schutz theuer genug erkaufen, da Männer jedes Alters und Standes gegen mich denſelben freien Ton annehmen wollten, an den ſie bei meinen Gefährtinnen gewöhnt waren. Dieſen letzteren ſchien es ſehr zu gefallen, daß ich jede Zudringlichkeit mit Ernſt und mürriſchem Stolze abwies, nur meine Lieder ſang, übrigens aber ſchwieg und mich in gar Nichts miſchte. Sie geſtanden mir nebſt meinem Uebergewichte als Sän⸗ gerin auch dasjenige eines ſittlichen anſtändigen Beneh⸗ mens zu, weil es mit ihrem gewöhnlichen Treiben ſich ſo am beſten vertrug. Die beiden Schweſtern, denn dies waren ſie, hielten ſich zurück, wenn rohe Frechheit das Aeußerſte von ihnen begehren wollte; bis dahin jedoch erduldeten ſie ſo ziemlich Alles und von Jedem, und zwar mit dem ſchamloſen Eingeſtändniß, für jeden — 91— heuchleriſchen Blick, für jeden geſtohlenen Händedruck ein Geſchenk zu erwarten. Ihr Begleiter galt zugleich für ihren erklärten und begünſtigten Liebhaber; merkwürdig und unbegreiflich, für den Liebhaber beider Schweſtern, die beide, während ſie ihm nicht geſtatteten, mit andern Mädchen ein Wort zu wechſeln, gegenſeitig keine Eifer⸗ ſucht auf einander zeigten. Nepomuck— ſo hieß der junge Menſch— durfte ſchön genannt werden; eine wilde, ſonnenverbrannte, ſchwarzlockige Schönheit, die jedem Frauenzimmer von zarterem Gefühl Angſt und Grauen einjagen mußte. Er trug, gleichwie er ohne Murren und mit eiſerner Körperkraft die ſchwere Laſt eines Reiſeſackes neben der Harfe ſchleppte, ſchweigend, ohne Lächeln, düſteren Blickes,— ſo auch die Liebes⸗ Tyrannei der beiden Schweſtern. Sie behandelten ihn wie einen Sklaven; er duldete dies ohne Vorwurf, ohne Klage; dennoch entging mir nicht, daß er zuletzt der Herr und Gebieter ſei, dem die frivolen Mädchen ſklaviſch untergeben waren. Das Verhältniß, in ſeiner uner⸗ hörten Seltſamkeit, wäre für den beobachtenden Men⸗ ſchenkenner höchſt lehrreich geworden; mir konnt' es natürlich nur Schauder abgewinnen. Aber ich mußte mich für's Erſte fügen. Auch wurd' ich gut und rückſichts⸗ voll behandelt, ſo daß ich keine Urſache zu klagen fand. Mucki— oder Muzi, wie Nepomuck abwechſelnd von den Schweſtern gerufen ward— ſchien ſich am Wenigſten um mich zu bekümmen und trug eine kalte Gleichgültigkeit gegen mich zur Schau, die ich bisweilen, gerade ihrer Abſichtlichkeit wegen, für erkünſtelt zu halten geneigt war. Mein Vorgefühl hatte mich auch nicht getäuſcht. Wir befanden uns ſchon weit in Böhmen auf dem Wege nach Prag, da geſchah es, daß eines Abends ein heftiger Zank zwiſchen ihm und den beiden Mädchen ausbrach, deſſen Veranlaſſung mir verſchwiegen blieb, weil er in ihrer Sprache geführt wurde, von der ich nur wenige, einzelne Worte verſtand. Wie gewöhnlich ſuchten die Drei ihr Nachtlager auf einem Heuboden, mir ein Kämmerlein im Hauſe überlaſſend, und ich war doppelt froh, nicht in ihrer Nähe weilen und nicht Zeugin ihres Unfriedens bleiben zu müſſen. Es mochte eine halbe Stunde vor Sonnen⸗Aufgang ſein, als Mucki bei mir eindrang, mich zu erwecken, mir zu melden, daß die Schweſtern in Folge des mit ihm gehabten Zwiſtes ihn, während er ſchlief, verlaſſen hätten, daß er ſeine Heftigkeit bereue, daß er entſchloſſen ſei, ſie wieder einzuholen, daß wir ihnen nacheilen wollten, und daß ich mich rüſten ſolle, mit ihm zu gehen. Ich folgte ihm.. Es fiel mir nicht auf, daß er Wagen und Pferde im nächſten Orte für uns miethete; vielmehr fand ich begreif⸗ lich, daß er die Flüchtigen ſo raſch wie möglich zu erreichen wünſchte. Was mich aber bald befremdete, war ſein Benehmen auf der Landſtraße: er blickte weder rechts, noch links: er ſah nach denen, die er zu ſuchen vorgab, ſich nicht um; er ließ an keinem Wirthshauſe ſtill halten, um nach ihnen zu forſchen; er fragte keinen Begegnenden, 3 „ ob man ſie geſehen? Er ſaß unbeweglich, mir gegenüber, und wie wenn er nachholen wolle, was er bisher, von den Schweſtern beobachtet, verſäumen müſſen, ſtarrte er mich auf eine Weiſe an, die mir bald keinen Zweifel mehr ließ über ſeine wahren Abſichten: Es waren nicht die beiden Mädchen, die ihm entlaufen waren; er ſelbſt war es, der ihnen entfloh und mich entführte. So war ich alſo in eines ungebildeten, leidenſchaftlichen Menſchen Gewalt gegeben. Doch glücklicherweiſe mißbrauchte er dieſelbe nicht. Er gab mir deutlich zu verſtehen, daß er gar wohl den Unterſchied anerkenne, welcher zwiſchen mir und den Verlaſſenen ſtattfinde; daß er ſich von Jenen getrennt habe, mehr aus Rückſicht für mich und um mich ihrer Gemeinſchaft zu entziehen; daß er mich ebenſo verehre, wie er die Schweſtern geringſchätze; daß ich mich niemals über ſeine Zudringlichkeit beklagen ſolle, und daß er es einzig und allein in meinen freien Willen ſtelle, ob ich ihm jemals nähere Rechte auf mich einräumen würde oder nicht? Für's Erſte begnügte er ſich, mein Diener zu ſein, nicht mein Begleiter. Sobald ich erſt, darüber beruhiget, mich vor ſeiner Zärtlichkeit nicht zu fürchten brauchte, fand ich mich ſehr zufrieden, des Umgangs mit übermüthigen Weibern enthoben zu ſein. Ich ließ mir genügen an der augenblicklichen Verbeſſerung meiner Lage, ohne der Folgen zu gedenken, welche doch über kurz oder lang nicht ausbleiben konnten. An reichen Gaben, die meiner Erſcheinung wie meinem Geſange gern geſpendet wurden, fehlte es nirgend. Wo ich mich, von ——— 1 „ — 294— Nepomucks Harfe begleitet, hören ließ, gab man zu erkennen, daß eine ähnliche Harfeniſtin noch nie gehört worden ſei. Wir erreichten das Karlsbad, wo es, trotz drohender Kriegestroublen von Badegäſten wimmelte. Das furore, welches ich dort hervorbrachte, war unerhört. Und wenn ich unterweges oftmals gewünſcht, ich möchte Nepomuck's Geſellſchaft mit Ehren überhoben ſein, ſo lernte ich ſie hier um deſto dankbarer ſchätzen, weil ſie mich vor den allzukecken Anerbietungen reicher und vornehmer Herren doch einigermaßen ſicherſtellte. Es befanden ſich vielerlei Muſikanten und ander⸗ weitige Vagabunden in dem angefüllten Bade⸗Orte. Unter letzteren zeichnete ſich eine Venetianerin aus, die in der Kunſt des Glasblaſens den höchſten Grad der Fertig⸗ keit erreicht hatte und die artigſten Spielereien in buntem Farbenſpiel an ihrem kleinen Blaſebalg im Nu hervor⸗ zubringen verſtand. Ihr Gatte ließ ſie nicht allein Geld erwerben; auch er verſchaffte ſich hübſche Einnahmen, indem er ſogenannte Panoramen vorwies, die auf Deutſch geſagt in nichts Anderem beſtanden, als in einem großen Guckkaſten mit verſchiedenen Gläſern. Sein Schauplatz war von jenem der Glasſpinnerin abgeſondert, in einem anderen Hauſe befindlich. Immer erſt am Feierabende fanden ſich die den Tag über getrenn⸗ ten Eheleute zuſammen, um ſich und ihre Kaſſen zu ver⸗ einigen. Mein Schickſal wollte, daß Nepomuck mich einige Male in dem Speiſeſaale des Gaſthauſes ſingen ließ, wo die Venetianer zu Abend ſpeiſeten. Beide — 95— wurden aufmerkſam auf meinen Geſang; ſie ſuchten ſich mir zu nähern, doch meines Begleiters Unfreundlichkeit ſchreckte ſie zurück. Dieſe ſeine Bärbeißigkeit war mir, wie bereits erwähnt, ſehr willkommen, wenn ſie mich von faden Galanterieen befreite; hier verwünſchte ich ihn, denn mein Gefühl ſagte mir, daß die Italiener etwas Gutes mit mir im Sinne hatten. Vielleicht würde die Abhängigkeit von meinem Führer, worein ich nothwendigerweiſe gerathen mußte, mich über kurz oder lang doch in ſeine Arme gezogen haben, wäre nicht die Stunde der Rettung von ſo ſchmählichen Ban⸗ den unerwartet gewaltſam hereingebrochen. Die um meinetwillen verlaſſenen Schweſtern, durch Nepomuck ihrer ſchriftlichen Ausweiſe beraubt, waren in Prag, bis wohin ſie unſere Spur vergeblich geſucht, feſtgenommen worden. Ihre Ausſagen hatten eine Art von Steckbrief zur Folge, welcher zwar Nepomuck zunächſt, mich aber, als ſeine Gefährtin, mit berührte. Er wurde gefänglich eingezogen. Mich würde daſſelbe Loos betroffen, und man würde mich, als Ausländerin, in meine Heimath zurückgeliefert haben, wenn nicht bereits mein Talent mir als Fürſprecher gegolten. Unter Denen, die an meinen Liedern Freude gefunden, war der im Bade⸗Orte ange⸗ ſtellte Polizeibeamte einer der Wohlmeinendſten. Er ſprach mit mir, wie nur ein gütiger Vater ſprechen kann, und ohne in meine traurigen Geheimniſſe dringen zu wollen, gab er mir doch Muth und Vertrauen, daß ich ihm ſo viel erzählen konnte, als genügte, meinen Abſcheu gegen erzwungene Heimkehr geltend zu machen. Viel⸗ — 96— leicht würde dennoch ſeine Beamtenpflicht über ſein Mit⸗ gefühl geſiegt haben, wäre nicht die Glasbläſerin mit ihrem Gatten vermittelnd dazwiſchen getreten. Dieſe beiden Leute, die ſich auf langen Reiſen ſchon ein genü⸗ gendes Vermögen geſammelt, ſtanden im Begriff, nach Venedig zurück zu kehren; ſie erboten ſich, mich mit ſich zu nehmen und mir auf ihre Koſten diejenige künſtleriſche Ausbildung ertheilen zu laſſen, die mich befähigen würde, eine Laufbahn als dramatiſche Sängerin anzutreten. Da ſie ſelbſt keine Kinder beſaßen, ſo konnte dies Anerbieten für eine Erklärung gelten, mich zur Tochter annehmen zu wollen. So auch betrachtete der gutmüthige Beamtete dieſe Sache und ertheilte ſeine Einwilligung. Von hier an, mein geliebter Sohn, beginnt Deine Mutter das Leben einer Opernſängerin, mit ſeinen Eitel⸗ keiten, Siegen, Triumphen und Verirrungen. Du weißt genug von der Welt, um Dir denken zu können, welch⸗ ein Daſein ich führte. Ein Jahr des Unterrichtes von einem trefflichen Singemeiſter, wie man ſie für ähnliche Zwecke wohl nur in Italien findet, hatte vollkommen hingereicht, mich bis zu demjenigen Grade der Vollendung auszubilden, deſſen meine natürlichen Anlagen überhaupt fähig waren. Ich debütirte bei kleineren Unternehmun⸗ gen in Städten dritten Ranges mit Glück. Man prophe⸗ zeite mir günſtige Erfolge. Die guten Pflegeeltern ſtatte⸗ ten mich gehörig aus, mit Allem, was mir nöthig war, und entließen mich als ſelbſtſtändige Künſtlerin. Du wirſt mir das Bekenntniß meiner Irrthümer im Einzelnen erlaſſen. Es kann Dir keine Freude machen, — 97„— die Anklagen Deiner ſtrafbaren Mutter, von ihrer eigenen Hand niedergeſchrieben, zu leſen. Erlaube mir alſo über dieſe Jahre meines ſogenannten Glückes flüchtig andeu⸗ tend hinzugleiten. Nur was für Dich von Wichtigkeit iſt, weil es ſich auf meine Empfindungen für Dich bezieht, werd' ich noch umſtändlich enthüllen, ohne Schonung gegen mich. Von den Verhältniſſen, die ich dem Leichtſinn, der im Couliſſentreiben vorherrſcht, angemeſſen mit jungen Männern knüpfte, um ſie bei Anknüpfung eines neuen Engagements gedankenlos wieder aufzugeben, nenne ich nur eines; theils, weil dieſes in ſeinen Folgen bis an das Ende meiner Laufbahn nachwirkte; theils, weil es in un⸗ mittelbarer Beziehung auf Dich, mein Sohn, ſteht. Ein Muſiker, der ſich den Namen Carino beigelegt, der jedoch ebenſo wenig ſeine deutſche Herkunft verleugnete, als „Signora Antonia“ die ihre vor ihm geheim halten wollte, ſuchte meine nähere Bekanntſchaft, die zu machen ihm deſto leichter wurde, weil er ſich bald als Landsmann kund gab; weil ich nach kurzer Unterhaltung in unſerer Mutterſprache den Sohn des ehrlichen Karich in ihm er⸗ kannte, des armen Gerbermeiſters, der mich bei meiner Flucht ſo väterlich aufgenommen. Es machte auf dieſen leidenſchaftlichen jungen Mann tiefen Eindruck, aus meinem Munde zu vernehmen, welch' bittern Schmerz ſein Entweichen den armen Eltern verurſache! Leider durft' ich ihm keine Vorwürfe machen; hatte leider kein Recht mehr, ihn zu tadeln, der ſeine Eltern betrübte, während ich das Bewußtſein in meinem Buſen trug, Holtei, Vagabunden. III. 7 — 1. 3 6 4 — 98— nicht blos, gleich ihm, ein undankbares Kind, ſondern auch eine ſchlechte Mutter zu heißen; wobei ich doch ängſtlich und vorſichtig Sorge trug, weder meinen Ge⸗ burtsort, noch den Namen meiner Eltern, oder ſonſt irgend Etwas zu nennen, was Andere compromittiren könne. Gleiche Schuld, gleiches Leid, gleiche Reue,— immer wieder durch die Macht des Augenblicks überwäl⸗ tiget!— gleiche Liebe für die Tonkunſt, und daß ich's nur geſtehe: gleicher Hang zum Leichtſinn führte uns Beide in's vertrauteſte Beiſammenleben. Ich galt für ſein Weib und nannte mich bald nach ihm„Carina,“ als welche ich in der Sängerwelt meinen Ruf erwarb. Verbindungen, die keinen andern Halt in und außer ſich tragen, als nur den freien, ungebundenen Willen Derer, welche ſie ſchloſſen, dauern entweder bis zum Tode, oder ſie löſen ſich gewöhnlich bald mit Zwiſt und Unfrie⸗ den. Das letztere geſchah bei mir und Carino. Wir ge⸗ riethen ſtreitend auseinander, wir trennten uns. Zufall oder Abſicht brachten uns wieder zuſammen, und es wurde eine Verſöhnung geſchloſſen, um ſie nach Verlauf einiger Wochen wieder zu brechen. Unſer Leben beſtand aus Liebe, Eiferſucht, Zank, Scheidung, Trennung, Wiederſehen, Vereinigung und Unglück. Giebt es doch ſolche Ehen, auch mit dem Segen der Kirche!— Unterdeſſen, mein Sohn, warſt Du zum Knaben herangewachſen, zum Jüngling, ohne daß Deine liebloſe Mutter von Dir wußte; ohne daß ſie Deiner gedachte. Sie hielt Euch alle für todt, und dieſer Irrthum be⸗ — 99— ruhigte ſie, verhärtete ſie vielmehr gegen die häufig wach werdenden Regungen ihres Gewiſſens. Nach ſo vielfältig wiederholten Trennungen war es zwiſchen Carino und mir endlich zu einem entſchiedenen Bruche gekommen, der länger dauerte, als alle vorherge⸗ gangenen und nicht mehr heilen zu ſollen ſchien. Daß er nach ſeiner Heimath reiſen, ſeine alten Eltern noch ein⸗ mal ſehen, ſich mit ihnen verſöhnen wolle, erfuhr ich folg⸗ lich nicht. Ich würde, wär' es mir vorher kund gewor⸗ den, mein ſtarres Schweigen über meine heimathlichen Zuſtände wahrſcheinlich gebrochen und den Carino be⸗ auftragt haben, ſich nach allen Einzelheiten zu erkundi⸗ gen. So hörte ich nur von ſeiner gänzlichen Ueberſtede⸗ lung nach Deutſchland, von einer Stelle, die er am Hofe eines kleinen Fürſten angenommen, und wovon er eini⸗ gen ſeiner künſtleriſchen Freunde Wunderdinge ſchrieb. Ich gönnte ihm ſein Glück und fand mich leicht in den Gedanken, ihn niemals wiederzuſehen. Doch bevor noch die Herbſtvögel ihre Flüge und Züge begannen, war er ſchon wieder in Italien, war er ſchon wieder bei mir und trat ein mit ſeinem gewöhnlichen Wahlſpruch, den er für dieſen Fall einem verwunderlichen Schauſpiele von Goethe—(ſeinem Liebling unter allen Dichtern)— zu entlehnen pflegte:„Rinaldo wieder in den alten Ketten.“ Diesmal galt meine Freude über die Rückkehr des Freun⸗ des mehr, als ſeiner Perſon, wahrlich ſeinen Erzählun⸗ gen. Indem ich zunächſt nach ſeinen Eltern fragte, wozu ich ja zwiefach berechtigt und verpflichtet war; indem er 7„. — 100— mir mit aufrichtigen Thränen ſchilderte, wie er nur ihre Gräber beſuchen können, führte ihn der Fortgang ſeiner Reiſeberichte auch nach Liebenau zum Oheim, dem alten Paſtor Karich. Mit der ihm eigenen Lebendigkeit, mit ſeinem Talent, dem Hörer Menſchen und Umgebungen anſchaulich zu machen, beſchrieb er mir ſeinen Oheim, die Neffen, das Schloß, den Gutsherrn, deſſen drei Töchter, die Wälder um's Dorf, den langen Spaziergang, die Weinlaube, den lauen Sommer⸗Abend bei kühlem Trunke, den ſchönen Korbmacherjungen, der ihn durch den Vortrag einer alten Melodie auf der Geige gerührt habe.... Schon wie er von der Großmutter dieſes jungen Burſchen geſprochen, an deren Häuschen ſie, das Dorf entlang vorbeizogen, und wo die Fräulein beſtellten: „Anton“ ſolle auf's Schloß kommen, ſobald er aus dem Walde heimkehre;— ſchon wie er mir die alte Frau mit Worten malte, meinte ich in dieſem Bilde meine Mutter zu erkennen. Später, da er auf Dich kam, blieb mir faſt kein Zweifel mehr, daß dieſer Anton mein Anton, derſelbe ſei, den ich mit der Melodie von den drei Reitern ſo oft in Schlaf geſungen! Ja, er war es, er mußte es ſein.„Mein Vater iſt geſtorben, und die Mut⸗ ter ſammt dem Kinde iſt nach Liebenau gezogen; ſie iſt es; mein Kind iſt es, welche Carino geſehen.“ Von dieſem Gedanken wurd' ich erfüllt. Ich gönnte den wei⸗ teren Berichten des unermüdlichen, wenn auch liebens⸗ würdigen Schwätzers nur noch wenig Gehör, trachtete einzig danach, ihn bald los zu werden und allein zu blei⸗ — 101— ben mit den Empfindungen, die ich mir ſo lange fern ge⸗ halten, die aber nun, ſich an mir rächend, mehr ſchmerz⸗ lich, als wohlthätig auf mich einſtürmten. Meine wür⸗ dige Mutter lebte noch! Mir lebte ein Sohn; ein hoff⸗ nungsvoller, begabter Sohn! Und ich———— Damals war es, wo ich mich entſchloß, Deiner Groß⸗ mutter zu ſchreiben, ihre Verzeihung anzuflehen. Wäre mir huldvolle Antwort auf jenes Schreiben zu Theil ge⸗ worden, ſo hätte ich— dies war mein Vorſatz— den Flitterkram und Prunk, der mich zu dieſer Zeit noch umgab, zu Gelde gemacht und wäre heimgekehrt, in Eurer Hütte mit Euch zu leben, Euch zu dienen, Eure Magd zu ſein; nicht ihre Tochter, nicht Deine Mutter. Ich hatte mit Thränen geſchrieben, mit blutigen Thrä⸗ nen; ſo krümmt und windet ſich der Wurm unter des Vogels Krallen, wie ich mich demuthsvoll flehend unter meines Schmerzes, unter meiner Reue Geſtändniſſen wand; wie ich um ein Wort der Liebe bat.— Es blieb aus,— ich ſah mich verſtoßen, verflucht; und auf's Neue ſiegten Trotz und Leichtſinn über mein beſſeres Gefühl. Bisweilen fand ich mich geneigt, ein zweites Mal zu ſchreiben, mein Glück ein zweites Mal zu verſuchen, weil ja doch der erſte Brief verloren ſein könnte; denn ich hatte ihn nach N., unſerm ehemaligen Aufenthalts⸗Orte, richten müſſen, da Carino über die Bezeichnung des Dorfes Liebenau, deſſen Name mehrfach vorkommt, nichts Näheres geſagt. Ja, ich begann verſchiedene neue Briefe, zerriß aber immer wieder den halb beſchriebenen Bogen, weil der Groll, unerhört geblieben zu ſein bei — 102— der erſten Bitte, mit jeder Zeile auflebte.„Sie hat doch wohl Deinen Brief erhalten, ſie will Nichts von Dir wiſſen; dränge Dich nicht auf!“ das waren meine unkindlichen, ſchändlichen Gegeneinwendungen. Du haſt mir in Deinen traulichen und vertrauten Selbſtbekenntniſſen, mein geliebter Sohn, auch erzählt, daß mein Schreiben richtig in Deiner Großmutter Hände gelangt iſt, und welche Wirkung es gehabt. Du haſt der „kranken Frau“ das Ende, das ſelige Ende Deiner Groß⸗ mutter beſchrieben, nicht ahnend, was die Sterbende dabei empfunden. Ach Anton, ich zitt're, Sie wiederzu⸗ finden, die uns Beiden Mutter geweſen. Wird ſie ihr undankbares, treuloſes Kind nicht anklagen als ihre Mörderin vor Gottes Thron? Was hätt' ich nun weiter noch von mir zu ſagen; daß ich mich feſter an Carino ſchloß denn jemals, weil die erneuerte Mahnung an Mutter und Sohn, welche Beide mein Frevel mir geraubt, mich das Bedürfniß, einem Weſen auf Erden anzugehören, furchtbar ernſt empfinden ließ. Er war zu gutmüthig, mich von ſich zu ſtoßen, mich deutlich merken zu laſſen, daß ich ihm eine Laſt ſei; doch konnt' ich es ahnen. Meine geprieſene Schönheit ſchwand mit der Jugend; meine Stimme nahm ab; nur höchſtes Aufgebot der Kunſtfertigkeit hielt mich noch. Italiens große Städte, die mich in meiner Blüthe bewundert, hatten kaum noch Nachſicht für die alternde Künſtlerin; ich errang mir mit Noth und Mühe hier und da, was man einen succès d'estime nennt. Carino ſchlug vor, man möge es mit Paris verſuchen, — 103— wo er als Virtuoſe zu glänzen wähnte. Ich fand unzäh⸗ lige Schwierigkeiten und Kabalen, die meine Debuts in's Unendliche hinausſchoben. Er drang gar nicht durch neben Lafont, Boucher und Anderen, und ſein brillante⸗ ſter Erfolg iſt, fürchte ich, jener geweſen, den er auf dem Boulevard mit des Bettlers Geige errang. Du weißt, mein Sohn, wie wir uns dort begegneten; wie ich, beim erſten Anblick von Deiner Erſcheinung ergriffen, in Dir den Liebenauer Korbmacher, in dieſem ein mir angehöri⸗ ges Weſen ahnete. Du verſchwandeſt mir ſo zu ſagen unter den Augen. Alle Mühe, Dich wieder zu entdecken, blieb vergebens. Endlich kam ich auf die halbverrückte Idee, Du ſeiſt um jene Stunde, Gott weiß wo, geſtorben und mir als Geiſt, als anklagendes Geſpenſt erſchienen! Meine Geſundheit ging ſchon ſehr bergab. Ich litt viel. Der Gram um Dich trug dazu bei; nicht minder Carino's Ausſchweifungen, die durch das Mißlingen ſeiner Pläne immer wilder wurden. Ich ſah das niedrigſte Elend vor uns. Ich klagte und jammerte; das Schlimmſte, was ein Weib in meiner Lage einem ſolchen Manne gegenüber thun kann. Er mied meine Nähe und gerieth immer tiefer in’s Verderben. Wie mein durch tauſend ſchwere Opfer erkaufter öffentlicher Auftritt ablief, haſt Du mit angeſehen. Die Schmach, die nie erlebte, bohrte ſich tief in mein eitles Herz, wo ſie ſo lange bohrte, einem giftigen Thiere ähn⸗ lich an meinem Leben fraß, bis ich von Deinen Lippen vernahm, daß eben jene Schmach dazu beigetragen, Dich aus entehrenden Banden zu befreien, Dir Rettung zu „— 104— bringen. Auf meinem Sterbelager hab'ich ſie gebenedeiet, habe Gott dafür geprieſen, weil ſie meinem Sohne zu Gute kam. Carino, der auf meinen Debut die letzte ſeiner Hoff⸗ nungen gebaut, gerieth nun außer ſich. Seine Gut⸗ müthigkeit unterlag der Wuth; er verlor ſich ſelbſt: er drohte mir mit Mißhandlungen. Ich mußte ihm ent⸗ weichen. Rath⸗ und hilflos wandte ich mich nach Turin zurück. Auch dort war meine Sonne untergegangen. Meine Zeit lag hinter mir. Du weißt, daß es ein armſeliger Speculant verſuchen wollte, mit einer italieniſchen Oper Deutſchland zu durch⸗ ziehen. Da es ihm an Mitteln fehlte, Talente zu engagi⸗ ren, ſo begnügte er ſich mit Stümpern und mit einem Namen; dieſen letzteren ſollte ich hergeben. Er fand auch jenſeits den Klang nicht wieder, den er dieſſeits der Grenzen ſchon eingebüßt. Die reiſende Unternehmung quälte ſich mühſam von Ort zu Ort, um bald gänzlich zu zerfallen. Der Im⸗ preſſario entfloh bei Nacht und Nebel; ich blieb mit meinen leeren Anſprüchen zurück, ohne Geld, ohne Aus⸗ ſicht, ohne Stütze, krank; ach, ſchon krank zum Tode. Da traf ſich's, daß der greiſe Puppenſpieler durch ſeines Gehilfen Perfidie um Weib und Beiſtand gebracht wurde. Er hauſete in demſelben traurigen Gaſthofe, den ich bewohnte. Seine Verlegenheit, meine Noth fanden ſich. Mir blieb die Wahl, aus dem unbezahlten Boden⸗ ſtübchen geworfen, zu verhungern oder ſeinen Vorſchlag — 105— anzunehmen. Ich erwählte das Letztere und geſtattete ihm, daß er mich ſeine Frau nenne, vor den Leuten; gelobte ihm, die Stelle der Entlaufenen bei den Mario⸗ netten zu übernehmen; dagegen mußte er mir geloben, keiner Seele zu verrathen, daß ich eine herabgekommene italieniſche Prima Donna ſei. Er hat ſein Wort gehal⸗ ten, ich hielt das meinige. Und da erſchienſt Du! Ob ich dich erkannte, ob ich gleich bei Deinem erſten Anblick wußte, wer Du ſei'ſt? Magſt Du es glauben oder nicht: Deine Mutter begrüßte Dich als ihren Sohn! Und ſie legte in feierlicher Mitternacht vor ſich ſelbſt wie vor Gott einen heiligen Schwur ab, Du dür⸗ feſt ſte erſt erkennen, wenn ſie ein Leichnam geworden. Ja, das ſoll meine Buße ſein. Im Augenblick des Ver⸗ ſcheidens noch will ich ſie feſthalten. Ich will hinüber gehen, ohne aus Deinem Munde das Wort:„meine Mutter!“ vernommen zu haben. Aber Anton, wenn ich nun wirklich todt bin, wenn ich regungslos auf meinem Sterbebette liege, wenn Du dieſe Blätter lieſeſt und bis an dieſe von meinen Zähren verwiſchten Zeilen kommſt... nicht wahr, dann halten Grauſen und Ekel Dich nicht zurück? Dann ſenkſt Du Dein ſchönes Haupt auf meinen Todtenkopf hernieder und giebſt den blauen, kalten Lippen einen kindlichen Verſöhnungskuß? Ich werde ihn empfinden, dieſen Kuß! Siebenundſechzigſtes Kapitel. Erſt nachdem die entſeelten Ueberreſte der„kranken Frau“ in die Erde verſcharrt waren, bekümmerte ſich Anton wieder um andere Dinge. Der alte Dreher kam eigentlich nicht mehr zu ſich. Von ſeinem letzten Rauſche erwacht, gab er den Vorſatz zu erkennen, daß er von nun an blos Waſſer trinken wolle, und führte mit einer halb wahnſinnigen Conſequenz dieſen Vorſatz durch, obgleich der Arzt ihm ſagte, daß er auf dieſe Weiſe ſeinen Tod beſchleunige, weil ſeine Natur allzuſehr an ſtarke Getränke gewöhnt ſei, um die gänzliche Entbehrung derſelben überdauern zu können. Darauf brummte er nur:„wenn ich ſoff, behaupteten ſie, ich beſchleunige meinen Tod; nun ich nicht mehr ſaufen will, ſagen ſie daſſelbe. Sie ſoollen mich in Ruhe laſſen.“ 8 Darauf vernichtete er mit dumpfer, ſtumpfer Gleich⸗ gültigkeit den künſtlichen Mechanismus ſeiner Figuren, die er völlig zerſtörte und unbrauchbar machte. Doch geſchah dieſer barbariſche Kindermord erſt dann, als Anton auf wiederholtes Befragen die wiederholte, aus⸗ drückliche Erklärung abgelegt hatte, er ſei unwiderruflich feſt entſchloſſen, das Gewerbe eines Puppenſpielers nicht weiter fortzuſetzen.— „Ein Anderer ſoll ſie nicht haben!“ murmelte der Greis und arbeitete mit größerem Eifer an der Ver⸗ nichtung ſeiner Lieblinge, der Marionetten, und ſeines Stolzes: der Maſchinerien, als er jemals Eifer und Fleiß auf deren Conſtruction gewendet haben konnte. Nur — 107— mit dem Unterſchiede, daß Stunden hinreichten, zu zer⸗ ſtören, was lange Jahre mühſam geſchaffen. 3 Merkwürdig und zugleich erſchütternd für den Zu⸗ ſchauer wurde der Kampf, den der alte, halbverwirrte Mechaniker mit ſeinem Liebling, ſeinem Schooßkinde, ſeinem verzogenen, übermüthigen Kasperle kinging. Nicht allein in meiſterhafter Durchführung des vor⸗ trefflich gehaltenen komiſchen Charakters hatte ſich des Meiſters Vorliebe für dieſe Figur immer kund gege en. Auch der Bau der Figur ſelbſt war ungleich künſtr icher, complicirter, wie alle übrigen. Die Puype Kasborl, lenkſam, gewandt und kräftig, bewegte ſich, von ihrem Schöpfer geleitet, wie ein lebendiger Menſch. 3 und dieſe künſtlich ineinander gefügten Glieder nun, deren luſtige Schwenkungen ſo häufig jubelnden Beifall erregt hatten; dieſes altkluge Zwergengeſicht mit dem beweglichen Munde, den rollenden Augen; dieſer ganze kleine Kerl ſollte nun zerſtört werden. Es ſchien eine Art von Menſchenmord. Dreher ging an dieſen ſeinen Kasperle erſt ganz zu⸗ letzt, erſt nachdem rings umher ſchon aufgeräumt war. und als er das lebloſe Ding, dem er ſo oft Leben, Geiſt, Humor eingehaucht, jetzt auf den Tiſch warf, ſchrie er laut auf: komm her, Bruder Kasperle, ich muß dich ſeciren! Dann wieder küßte der Greis das Puppenantlitz, laut ſchluchzend: mein Kasperle, mein Brüderl muß ſter⸗ ben; legt's mich zu ihm in's Grab; was wird aus mir ohne meinen Kasperle? ——— 3 — 108— Nach gethaner Arbeit verkaufte er, oder ließ er durch Anton verkaufen, was er an brauchbarem und unbrauch⸗ barem Geräth, Kleidungsſtücken der Verſtorbenen u. ſ. w. noch beſaß, raffte den beſcheidenen Ertrag zuſammen und kaufte ſich in ein am Orte befindliches Altes⸗Männer⸗ Hospital mit dieſem Sümmchen ein, wo man ihn gern aufnahm, in der Vorausſicht, daß er nicht mehr lange den erkauften Platz in Anſpruch nehmen werde. Sein Abſchied von Anton war herzlich; es flackerte, da er ihm Lebewohl ſagte, noch einmal der Humor des Alten auf, und ein geiſtiges Verſtändniß deſſen, was die Verſtorbene ihm und ſeinem Geſchäft, was Anton der Verſtorbenen geweſen, ſchien noch einmal das umnebelte Haupt für etliche Minuten zu erhellen. Dieſen lichten Moment gab er mit freundlichen Worten dem Scheidenden kund. Gleich darauf ſank er wieder in Apathie. Anton hatte ſeiner Mutter Handſchrift und ander⸗ weitige Papiere bis nach dem Begräbniß unberührt gelaſſen. Jetzt müſſen wir Einiges daraus und darüber nachtragen. Zuerſt den Schluß des Manuſcriptes: „Du findeſt, mein geliebter Sohn, in dem Packet, welches dieſen Blättern beiliegt, die wenigen Briefe, die Dein Vater mir geſendet, da er noch wähnte, mich zu lieben; auch Dein Taufzeugniß liegt eingeſchloſſen dabei. Der Gewohnheit, dieſe Briefe immer bei mir zu tragen, verdanke ich, daß ſie bei meiner Flucht nicht in N. zurück⸗ blieben. Dieſe Briefe ſowohl, als auch das Zeugniß ſammt einem andern Blatte von der Hand unſeres alten Nachmittags⸗Predigers zu N., können Dir wichtig und — 109— nützlich werden, wenn Du, woran ich nicht zweifle, den letzten Willen Deiner Mutter befolgſt. Er beſteht darin: Du verläſſeſt, ſobald meine irdiſchen Ueberreſte beerdiget und Deine Verpflichtungen gegen den alten Mann er⸗ füllt ſind, der Dir Gelegenheit gönnte, Deiner Mutter die letzten Liebesdienſte zu erweiſen, dieſes Städtchen; verläſſeſt es, ohne Dich vorher noch einmal bei Hedwig oder deren Vater zu zeigen. Wie Du mir den adel⸗ und ſoldatenſtolzen Rittmeiſter geſchildert, würde für jetzt jeder Schritt nutzlos bleiben und das arme Mädchen nur noch unglücklicher, ihr den Kampf zwiſchen Liebe und Pflicht nur noch heißer machen. Begieb Dich alſogleich auf die Reiſe! Der blaue Papierumſchlag, der ebenfalls beige⸗ legt iſt, enthält außer einigen in Banknoten umgeſetzten, redlich für Dich erſparten Thalern(zu Deiner Ausſtaffi⸗ rung) ein verſiegeltes Schreiben an die Gräfin Julie Erlenſtein. Dieſes bringe ihr ſelbſt; trage Sorge, daß man Dich bei ihr vorläßt; frage nicht nach Deinem Va⸗ ter, frage nur nach der Gräfin. Ich weiß, daß ſie noch lebt. Ihr, nur ihr allein übergieb den Brief,— und laſſe Gott walten.“ Jetzt hab' ich Nichts mehr zu ſchreiben und könnte es auch nicht, denn ich fühle mich ſterben. Ich hoffe noch Kräfte zu erſchwingen, um dies Packet zuſammen zu bin⸗ den und es in meinen Koffer zu legen. Dann ſoll Dreher Dich bei Hedwig abrufen. Der Himmel gebe, daß es nicht zu ſpät ſei, für Dich — wie für mich! Gehorche— Anton! den Bitten Deiner unglück⸗ — 110— lichen Mutter. Sie liebt Dich! Sie liebt Dich und fleht um Verzeihung!“ Wenn ſie, ſprach Anton, mir gebot, nicht mehr vor Hedwig oder deren Vater zu erſcheinen, ehe ſie noch er⸗ fahren, welch ernſte, traurige Wendung die Dinge dort genömmen,— um wie viel mehr hab' ich jetzt nicht Ur⸗ ſach, dieſem Gebote Gehorſam zu leiſten, wo ich die furchtbaren Worte gehört, die des erzürnten Rittmeiſters Drohung zwiſchen mich und die Geliebte warfen. Ja, arme Mutter, Anton erfüllt Deinen letzten Willen: er ſcheidet von ſeiner Liebe; er iſt bereit, den ſchweren Gang anzutreten, deſſen Ziel Du ihm vorgeſchrieben! Er will ein guter Sohn ſein und will Hedwig, das edle Mäd⸗ chen, nicht hindern, ſich als gute Tochter zu zeigen. Du haſt Recht, Mutter; der liebe Gott mag walten! Achtundſechzigſtes Kapitel. Wie oft, mein gütiger Leſer, haben wir in dieſem Büchlein unſeren Helden ſchon beobachtet, wenn er wie der zu wandern begann. Ich wage nicht zu behaupten, aber ich wünſche, daß es mir gelungen wäre, deutlich darzuſtellen, wie er von Jahr zu Jahr an Einſicht und Verſtande reifer, aus vielen Prüfungen immer beſſer, aus mancherlei unſauberen Verhältniſſen und Umgebun⸗ gen immer gereinigter hervorging. So wollt' ich ihn an Dir, mein Leſer, vorüberführen; doch wie geſagt, ich weiß nicht, ob ich es vermocht habe? — 111— Mag mir aber bisher Vieles in meiner Schilderung mißrathen, das Beſte mitunter in der ſchwachen Feder ſitzen geblieben ſein; Eines wirſt Du mir bei'm ſtrengſten Tadel zugeſtehen müſſen: daß Anton durch die letzten Ereigniſſe einen großen Schritt in reife, männliche Selbſtbeherrſchung gethan, daß er nun ſchon Rechte er⸗ worben habe, ſich Mann zu nennen. So geleiten wir den jungen Mann mit der Theilnahme, die wir ſeinen Irrwegen bisher widmeten, auf dem letzten, den er in dieſer Weiſe antritt; der ihn, will's Gott, zum Ziele füh⸗ ren ſoll, wenn die Hinderniſſe beſtegt ſind, die ſich ihm noch entgegenſtellen werden. Geht er doch eigentlich zum erſten Male, ſeitdem er wandert, einem beſtimmten Ziele entgegen. Weiß er doch eigentlich zum erſten Male, ſeitdem wir ihn kennen, wo⸗ hin er will. Und zwei Genien umſchweben ihn; zwei ſanfte Frauenbilder begrüßen ihn täglich. Wenn die Frühlings⸗ ſonne den Morgen heraufbringt, ſieht er Hedwig im Geiſte vor ſich, hört aus blühenden Gebüſchen ihre Stimme ihm zurufen: hoffe nur! Wenn der Abend in grüner Ferne dämmert, iſt es der Mutter bleiches Ange⸗ ſicht, aus Wolken lächelnd, welches ihm wiederholt: ja, hoffe! Warum ſollt' er nicht hoffen? Auch wachten mit jeder Meile, die er weiter in's Land, in den Frühling hinein that, jugendliche Heiterkeit, angeborner Frohſinn, dankbare Lebensluſt in Anton'’s Herzen mehr und mehr auf. Krankenlager, Todtenbahre ————————P— 4 21 4 1 — mit all' ihren ſchwarzen Trauerflören blieben bei jedem Schritte ſeines Weges undeutlicher hinter ihm zurück; die zürnenden Worte, die Hedwigs Vater gegen ihn ausge⸗ ſtoßen, verhallten wie ferner Donner. Er vernahm nur der Tochter Liebesſchwüre, hörte nur der Mutter ſeg⸗ nende Verheißungen, empfand nur Hoffnung und Zu⸗ verſicht. Wenn ſeine Seele im vergangenen Winter, zwiſchen ahnungsvollem Antheil für eine kranke Frau und zwi⸗ ſchen ſchwärmeriſcher Liebe für ein vorwurfsfreies Mäd⸗ chen getheilt, einen höheren Schwung genommen, ſich ſo zu ſagen der irdiſchen Sinnenwelt enthoben hatte, ſo kehrte ſie jetzt, aus ſolchem ſeltſam bedrängenden Wider⸗ ſpruche befreit, zu ihren früheren weltlichen Anforderun⸗ gen zurück, freute ſich des jungen, kräftigen Körpers, den ſte beherrſchte, und ſtrebte, von ihm getragen, behaglichem Daſein entgegen. Das alte Wort, daß einer ſchönen Seele am wohlſten ſei in einem ſchönen Leibe, durfte an unſerem Freunde ſeine ganze Wahrheit bewähren. Wer ihn ſo rüſtig daher wandeln ſah, konnte ihn für einen Halbgott halten. Für etwas dergleichen ihn anſehen zu wollen, ſchie⸗ nen denn auch die Weiber und Mädchen, die ihn will⸗ kommen hießen, wenn er nach rüſtiger Wanderung die Herberge ſuchte. Die freundlichſten Worte wurden vor allen Gäſten ihm gegönnt, das Beſte ihm gebracht, das reinſte Lager ihm bereitet. Schon regte ſich wieder des Vagabunden Uebermuth in ihm, nur daß der Gedanke an eine ſchwere Stunde ſich laſtend darauf legte und ihn — 113— niederdrückte. Dieſe Stunde, wo er der Frau Gräfin ſeiner verſtorbenen Mutter Brief in eigene Hände zu übergeben gelobt hatte, war der ſchwarze Fleck in freier Wandertage Sonne; vor dieſer Stunde fürchtete ſich Anton. Doch die Furcht war ihm dienlich; ſie hielt ihn in Maaß und Gewicht; ſie verlieh ihm den milden Ernſt, welcher einen jungen Mann ſo trefflich kleidet. Daß er aber nicht ohne Abenteuer bleibe, daß der Gegenwart ein buntes Zeichen wildbewegter Vergangen⸗ heit nicht fehle; auch dafür ſorgte das Schickſal.— Er hatte des eigentlichen Vaterlandes Grenzen bereits überſchritten und berechnete ſchon mit bangem Vorgefühl den Tag, wo er die Stadt erreichen würde, die er ſich auserſehen, um, ſeiner Mutter Anweiſung gemäß, die Kunſt eines Schneiders in Anſpruch zu nehmen, der ihn bekleide, wie er geziemend vor der Gräfin erſcheinen ſolle. Die Hauptſtadt wollte er durchaus nicht berühren, aus Beſorgniß, ſich dort unnütz aufzuhalten und dadurch die gefürchtete ſchwere Stunde noch weiter hinauszuſchieben, die ihm jetzt ſchon ſo ſchwarz drohte, daß er ſie nicht raſch genug herbeiwünſchen konnte, damit ſie nur üherſtanden werde;— gut, oder übel! Er ließ alſo das alte Br. mit ſeinen Thürmen zur Seite und ſchlug einen Feldpfad ein, der ihn in gerader Linie auf die Straße brächte, die zu ſeinem Ziele führte. Es war gegen Abend, doch immer noch heller Tag. Ein Sonntag. Auf den Feldern lag feierliche Stille, nur von der Lerche Vesperlied belebt; kein Menſch zu ſehen, ſo weit das Auge reichte. Anton Holtei, Vagabunden. III. ſpuürte ſchon die weiche, wehmüthige Stimmung über ſich 8 — 114— kommen, die gegen Abend ſich bei ſo vielen Menſchen anmeldet und zwar, im Verkehre der Geſelligkeit über⸗ ſchrieen, in ungeſtörter Einſamkeit deſto mächtiger zu werden pflegt. Sein Blick verfolgte eine hochaufſteigende Lerche, ſo weit, daß ſie ihm beinahe ſchon entſchwand, als er über ihr einen größeren Gegenſtand im blauen Raume wahrnahm, den er für einen Raubvogel hielt. Doch zeigte die Lerche Nichts von ängſtlicher Beſorgniß, wirbelte vielmehr ihren Hymnus muthig fort. Erſt als ſie ſatt von Singen war, ließ ſie ſich zu ihrem Neſte nie⸗ der. Der Gegenſtand in der Höhe nahm immer zu an Umfang— das war kein Raubvogel... er ſenkte ſich... ſeine Formen traten deutlicher hervor... Anton erkannte einen Luftball. Nach und nach ſonderte ſich das Schiff, welches dieſer Ball trug, vor ſeinen Blicken deutlich ab .. Fahnen flatterten,... eine menſchliche Geſtalt bewegte die Fahnen... das Geſicht wurde kenntlich... es war ein Frauenzimmer! Eine Luftſchifferin! rief er aus; eine Luftſchifferin, die aus der zweiten Reſidenz des Landes in die Wolken emporſtieg und ſich nun zu mir herabläßt; zu mir ganz allein! Denn ſo viel ich ſehen kann, iſt außer mir Nie⸗ mand hier zu ſehen. Wie raſch ſie ſinkt!— Ja, das iſt nicht anders; mit dem Steigen geht es nicht ſo ge ſchwind.— Jetzt bin ich ſchon im Stande, ihre Züge zu unterſcheiden;— ſie iſt hübſch— nun wirft ſie einen Anker aus,— er greift nicht ein,— ſchnell ihr zu Hilfe! Anton hing ſich an den herabgeworfenen Strick. Der Ballon machte Miene, ſich noch einmal zu heben, trug —-—;— auch die neu hinzugekommene Laſt wirklich ein paar Schritte über den Boden hin; doch Anton ließ nicht los, und bald hatte ſich die letzte Spur von Widerſetzlichkeit ver⸗ loren. Die Gondel wurde an einen Feldbirnbaum befeſtiget, die ſchöne Luftſchifferin erreichte, über Antons Kopf, Schultern, Rücken kletternd, unverſehrt den Erdboden. Das war Hilfe in der Noth! rief ſie aus; wäret Ihr, guter Freund, nicht herbeigekommen, wer weiß, ob der Oſtwind mich nicht bis nach jenem Gehölz getrieben und mir den Ballon in den Baumzweigen beſchädigt hätte. Nun aber ſetzt Eurem guten Werke die Krone auf und rennt nach dem nächſten Dorfe, mir einen Bauerwagen und einige Arbeitsleute herbeizurufen, damit wir vor Nacht in's Reine kommen. Ich werde Euch für⸗Eure Mühe anſtändig bezahlen. „Womit?“ fragte Anton. Womit? die Frage klingt verzweifelt naiv; womit bezahlt man ſonſt, als mit Gelde? Oder herrſcht hier zu Lande ein anderer Brauch? „Es kommt darauf an, Madame, wen man bezahlt,“ und wer bezahlen ſoll.“ Seht doch! Ihr ſpitzt Eure Redensarten gewaltig zu. Seid Ihr ein Schneider? „Ihr meint, weil ich mein Ränzel auf dem Buckel trage, müßt' ich ein Handwerksburſche ſein? Aber ſo gut iſt's nicht mit mir beſtellt. Ich bin nur ein Landſtreicher von Profeſſion und gegenwärtig ohne Gewerbe.“ Und was für Länder habt Ihr neuerlich durchſtrichen? Von wannen kommt Ihr? wohin geht Ihr? 8* 1 hat, wer von ihr angeblickt wurde, wie ich Unwürdiger, — 116— „Nicht alle Leute ſind ſo glücklich, auf derlei Fragen erwiedern zu können: vom Himmel auf die Erde! wie eine gewiſſe Dame. Ich muß geſtehen, daß ich von Paris über Turin und Nizza geraden Weges hierher ſtiefelte, Euch an dieſem Platze die Hand zu bieten.“ So habt Ihr mich erwartet? Nicht übel. Ihr ſcheint beſſer unterrichtet vom Strom der Lüfte, als ich, die ihm Folge leiſten muß. Sollt' es mich doch nicht wundern, wenn Ihr mir einreden wolltet, wir wären alte Bekannte? „Und das ſind wir, in der That. Ich glaube, Euren Namen zu kennen,— und Euch.“ Leicht möglich: Ihr habt in irgend einem Nacht⸗ quartier ein Zeitungsblatt erwiſcht, welches meine heutige Luftfahrt verkündet. 1 „Mit nichten. Davon hab' ich Nichts gehört, noch geleſen. Auch bin ich nicht im Stande, Euch zu ſagen, wie Euer jetziger Name lautet; denn ich ſehe einen Trau⸗ ring an Eurer Hand, und ſo vermuth' ich, daß Ihr nach Eurem Gatten heißet. Doch in der Taufe empfingt Ihr den Namen Roſalia und nach Eurem Vater wurdet Ihr Sanchez genannt. Wer Roſalie Sanchez einmal geſehen der kann ſie unmöglich vergeſſen; der müßte ſie wieder kennen, und wenn ſie auf einem feurigen Drachen ange⸗ ritten käme, mit einer Suite von Allem, was die liebe Hölle an niedlichen Teufelchen beſitzt.“ Wenn's noch lange ſo fortgeht, holdſeliger Land⸗ ſtreicher, bin ich geneigt, Dich ſelbſt für einen Teufel zu halten. Das iſt die originellſte Entrevue, das ſonder⸗ barſte Rendezvous, deſſen ich mich aus meiner Praxis erinnere. Aber Deiner, mein Unerklärlicher, kann ich mich wahrhaftig nicht erinnern. Hätten wir uns näher gekannt,— ich will nicht nein ſagen, denn ich bin meiner Sache nicht gewiß,— ſo wird ſich das ſpäter finden. Für jetzt wiederhol ich meine Bitte; der Tag geht zu Ende. „Ich eile zu gehorchen. Bald ſehen Sie mich wieder mit Wagen, Pferden, Eſeln und andern Menſchen. Bewahren und bewachen Sie ſo lange, wenn ich auch eine Bitte wagen darf, die Laſt meiner Schultern. Dort rauchen Schornſteine; das halbe Meilchen iſt bald zurück⸗ gelegt.“ Anton warf ſein Felleiſen zu Roſaliens Füßen und flog querfeldein dem fernen Dörflein zu. Wie er auch ſeine Schritte fördern mochte, doch war die Dunkelheit ſchon eingebrochen, bis er mit den nur mühſam aus der Schenke zu holenden Bauern ange⸗ fahren kam. Roſalie, die ſich aus ſeinem Felleiſen ein Kopfkiſſen gemacht, ſchlief ruhig unter dem alten Birn⸗ baum, deſſen Blüthen wie Schnee im reinen Oſtwinde auf ſie herabſäuſelten. Das Wiehern der luſtigen Pferde, das Raſſeln des Leiterwagens, das Geſchrei, womit die ſtaunenden Landleute den noch immer in der Luft ſchwankenden, wenn auch ſchon höchſt abgemagerten Ballon begrüßten, erweckte ſie nicht. Erſt als Anton ihr einen herzhaften Kuß auf die im Schlafe lächelnden Lippen drückte, ermunterte ſie ſich. Ihre erſte That nach — 118— dem Erwachen war dieſe, daß ſie dem Küſſenden eine derbe Ohrſeige gab; dann ſagte ſie freundlich: nun, Landſtreicher, ſeid Ihr wieder da? Unter ihrer Leitung, und indem ſie thätig half, wurde der Luftball bei Sternenſchein völlig entleert, zuſammen⸗ gepackt, aufgeladen; die ganze Geſellſchaft nahm auf Strohbündeln Platz; dann ging es guter Dinge dem Dorfwirthshauſe entgegen, wo eine Schaar müſſiger Sonntagsgaffer des ungewöhnlichen Beſuches harrte. Sie warf das Geld mit vollen Händen aus, handelte nicht mit den Leuten, entließ Alle, die ihr Beiſtand geleiſtet, zufrieden und dankbar. Wie ſteht es aber jetzt mit meinem Landſtreicher? fragte ſie; in welcher Münze ſoll ich dieſen befriedigen? „Ich habe Euch,“ erwiederte Anton,„eine Probe des Münzfußes, der in meinen Staaten gilt, auf die Lippen geprägt; in dieſer Gattung mögt Ihr weiter zahlen.“ Nicht doch, mein Lieber; das wäre Falſchmünzerei und mein Gemahl— „O der— der iſt nicht hier!“ Freilich nicht. Und Euch die Wahrheit zu geſtehen, er iſt überhaupt nicht mehr vorhanden. „Ihr ſeid Wittwe?“ 3 Seit einem Jahre. Mein armer Mann hat den Hals gebrochen, indem er aus derſelben Gondel herab⸗ ſtürzte, die mich heute teng. „Und Ihr wagt.. Thorheiten! Seid Ihr ein recht chaffener Vagabund, ein tapferer Landſtreicher, und wollt nach ſolchen Kleinig⸗ —— keiten fragen? Schweigen wir davon. Fahrt lieber in Euren Erzählungen fort, die Ihr auf dem Leiterwagen ſo heiter begonnen. Wir ſtanden eben bei Laura, die Euch neidiſch in die Seite ſtieß, als ich Euch einige unſchuldige Oeilladen lancirte. Was iſt aus dem ſchönen Weibe geworden? Habt Ihr Euch wieder geſehen? „Das ſind lange Geſchichten, reizende Roſalie; lange, langweilige, traurige Geſchichten, zu denen dieſe Nacht nicht ausreichen dürfte. Und morgen müſſen wir uns trennen; Ihr kehrt in die Hauptſtadt zurück,— ich habe ein ernſtes, ſchweres Geſchäft zu beſtellen, von deſſen Erfolg meine ganze Zukunft abhängt. Dann hat der Spaß ein Ende. Laßt mich dieſe Stunden noch heiter verbringen; erzählt mir von Euch, von Euren Trium⸗ phen, Liebſchaften, Eurer Ehe; wie Ihr vom Seil in die Gondel geſtiegen ſeid; wo Euer Vater, Eure Schweſtern geblieben ſind? Setzt Eure Lippen in Bewe⸗ gung. Dieſe müſſen mich nun einmal bezahlen, und darfs nicht mit Küſſen ſein, laßt es mit Worten geſchehen.“ 4 Roſalie ſchwieg einige Minuten, während welchen ſie Anton betrachtete. Dann hub ſie in ernſthafterem Tone, wie bisher, an: Ich weiß nicht, warum es mir unmöglich iſt, die Verſtellung, ja die Lüge, worein ich mich vor allen Men⸗ ſchen hülle, die ich auch Ihnen entgegentrug, jetzt länger fortzuſetzen?. Eine Empfindung eigener Art— weiß ich doch kaum, ob ich ſie Mitleid nennen ſoll?— drängt mich, gegen Sie aufrichtig zu ſein. Vielleicht entſpringt ſie aus einer Ahnung, daß die Frivolität, die Sie zu zei⸗ gen erſtreben, nicht minder erheuchelt ſei, als jene, mit welcher ich prahle; daß auch Ihr Herz von heißen Schmerzen zerriſſen iſt, daß auch über Ihr junges Haupt Jammer, Noth, Elend und Verzweiflung ſchon ihre glü⸗ henden Schalen ausgegoſſen haben, wie über das meine. Fort mit der Lüge! Fort mit erquälter Luſtigkeit, mit frechen Witzen. Sehen Sie mich, wie ich bin, und wenn es Ihnen weh' thut, in einen ſolchen Abgrund des Gra⸗ mes zu ſchauen, dann um ſo beſſer für Sie. Mir iſt nicht mehr zu helfen. Ihnen kann ich vielleicht nützen, wär' es auch nur dadurch, daß, mit meinem Unglück verglichen, das Ihrige Ihnen wie Glück erſcheinen wird. 3 Als Sie mich in D. ſahen, kann ich beinahe vierzehn Jahre alt geweſen ſein. Das Jahr zuvor hatte mein Vater mich an einen reichen Ruſſen verkauft. In dieſen wenigen Worten iſt die Geſchichte meiner Jugend ent⸗ halten. Ich fuhr fort, zu fündigen, nicht, weil mich Lei⸗ denſchaft oder Neigung trieb, ſondern nur aus Eitelkeit, aus Luſt am Schlechten, Gemeinen, Niedrigen. Es fehlte nicht an Verehrern, die ich, Einen wie Alle, ver⸗ höhnte, denen ich Geſchenke abſchwatzte, und über die ich mich, je vornehmer und reicher ſie waren, deſto lieber und ausgelaſſener luſtig machte in vertrautem Umgange irgend eines kecken Schulknaben, eines Lehrjungen, eines Jokei's. Mit ſechzehn Jahren ſtand ich auf einer ſo nie⸗ drigen Stufe der Verderbtheit, daß ich kaum noch tiefer hätte ſinken können. Dabei wurd' ich immer ſchöner. 4—— —— g — 121— Es ſcheint Naturen zu geben, die im Laſter äußerlich ge⸗ deihen und ſich nur kräftiger blühend daraus entfalten, wie manche üppige Frucht am goldenſten und duftigſten aus Miſt emporwächſt. Ich ward angeſtaunt wie ein Wunder von Schönheit, Gewandtheit, Körperkraft, Bravour auf dem Seile und Corruption. Mehr als die vorhergehenden Eigenſchaften brachte die letzte mich en vogue. Es gab einen förmlichen Wetiſtreit unter den Männern von Ton, jungen wie alten, wer zuerſt und zumeiſt erproben ſolle, wie weit meine Frechheit reiche. Mitten in dieſe Nacht und Finſterniß eines ver⸗ worfenen Daſeins fiel ein Strahl des Lichtes und der Liebe; ein Engel, der Mitleid und Erbarmen gefühlt, weil ſo viel Schönheit und Geiſt—(das klingt Ihnen ſehr anmaßend, nicht wahr? dennoch hab' ich ein Recht, es zu ſagen)— im Koth untergehen ſolle, führte mir ein Herz entgegen: ein Herz! Das Einzige, was mir noch Niemand geſchenkt, Niemand nur gezeigt hatte. Rohe, ſelbſtfüchtige Begierde hatte mir Gold über Gold gebo⸗ ten, welches ich verachtete, nahm, verſchwendete, um ver⸗ achtet zu werden. Hier forderte beſcheidene Liebe ein Herz für das ihre,— und mit Schauder mußte ich ent⸗ decken, daß ich des Tauſches unwürdig ſei. Der junge Mann, deſſen Bekanntſchaft ich in einer belgiſchen Stadt machte, war von Geburt und Bildung ein Deutſcher, nach ſeiner Eltern Tode von einer hier verheiratheten, kinderloſen Tante aufgenommen worden und ſtand im Begriff, ſeine Studien als Phyſiker, Che⸗ miker, Techniker zu vollenden, wonach er eine Stellung in Brüſſel oder gar Paris zu finden dachte. Er ſah mich und faßte für mich jene glühende Paſſion, die mit ver⸗ derblicher Gewalt ſich bisweilen eines jungen Mannes um ſo furchtbarer bemächtigt, wenn er ſelbſt noch ganz unverdorben iſt. Da er keinen Begriff haben konnte von meiner Schlechtigkeit, weil er überhaupt nicht zu ahnen vermochte, daß es Teufel meiner Gattung in dieſer Ge⸗ ſtalt und in ſo zarter Jugend auf Erden gebe, ließ er kein Mittel unverſucht, ſich mir zu nähern. Ich, ſeine Schüchternheit durchſchauend, kam ihm ſittſam entgegen, war ſchlau genug, ihn über mich und meine Eigen⸗ ſchaften zu täuſchen, ſpielte die Vorwurfsfreie, die nur aus Liebe für ihn ſich ſchwach zeige, und ſchloß auf dieſe Art ein Bündniß, welches ihn beglückte, welches er für ein unauflösliches betrachtete. Dies that ich, weil ein ſolches Spiel mir neu war; anfänglich ohne tiefere Empfindung. Ja, ich verſpottete ſeine Leichtgläubigkeit, indem ich ihm Treue ſchwur. Aber das dauerte nicht lange. Der wahren, aufrichtigen Feuergluth heißer Liebe widerſteht fühlloſe Härte zuletzt doch auch nicht. Wäh⸗ rend ich noch wähnte, dies Verhältniß zu beherrſchen und ihn von mir zu ſtoßen, ſobald es mir nöthig ſcheinen würde, war Reinhard ſchon der Herr meines Willens geworden. Ich ging ernſtlich mit mir zu Rathe, und ich entdeckte, daß ich für ihn empfand, was ich noch nie empfunden. Zuerſt erſchrak ich vor mir und meinen Ge⸗ fühlen: ſah ich doch meine wilde Freiheit gefährdet! Ich wollte mich losreißen; ich verſuchte, ihm untreu zu wer⸗ den. Vergebliche Mühe! Die Wahrheit brach durch, das — 123— Reich der Lüge war zerſtört, die Sünde lag bloß und nackt in ihrem Schlamme zu meinen Füßen— ich ge⸗ hörte ihm! Doch zugleich begriff ich, daß ich ſeiner Ach⸗ tung, ſeiner Treue, daß ich Seiner nicht würdig ſei! Und dies durft' ich ihm nicht verſchweigen. Der Arme! Wie bleich und erſchüttert ſtand er vor mir, als ich meine Bekenntniſſe ihm ablegte, als ich ihm enthüllte, wen er Geliebte nenne!? Nein, ich ſchonte mich nicht. Tritt mich in den Koth, aus dem Du mich erhoben haſt, rief ich ihm zu; wirf mich zurück in den Pfuhl, dem ich ent⸗ ſtiegen bin, Deine reine Seele durch den Hauch dieſes Athems zu beflecken; tödte mich,— aber verzeihe mir! Und er hob mich auf und ſagte nur:„Was Du warſt, bevor Du mich kannteſt, darf ich nicht richten, noch ver⸗ dammen; die Frage iſt nur, was Du warſt, ſeitdem ich Dich liebe, was Du wurdeſt, ſeitdem Du mich liebſt; was Du ſein wirſt und willſt, ſo lange wir uns lieben werden? Und deshalb frag' ich Dich: biſt Du mir treu geweſen von der Stunde an, wo Du mein warſt? Willſt Du mir treu ſein und bleiben, aus frohem Herzen und freiem Willen, bis zum Tode? Und kannſt Du dieſe Frage mit einem entſchiedenen Ja beantworten, jetzt, zu dieſer Stunde, ſo werd' ich um ſo ſicherer an Dich glau⸗ ben, je ungeheurer Deine freiwilligen Geſtändniſſe ſind; werde um ſo feſter an Dir halten, je höher Du Dich zu erheben vermochteſt durch Deine und meine Liebe. Tren⸗ nen von Dir kann ich mich nicht mehr. Erwiederſt Du Nein, dann ſprichſt Du mein Todesurtheil, doch ſter⸗ bend will ich Dich noch ſegnen, daß Du Wahrheit geſprochen. Kannſt Du Ja ſagen, dann iſt es unſer beider Leben.“ 3 — Ich ſagte Ja! Ich durfte es ſagen, mit gutem Gewiſſen.— G Mein Vater ſah die Liebſchaft, die ſeine„einträg⸗ lichſte“ Tochter mit einem unbemittelten Studenten unterhielt, nicht günſtig an. Noch ungünſtiger mußte eine Geliebte, die ſich allabendlich auf dem Seile ſchwang und ihre Reize unweiblich zur Schau trug, Reinhards religiöſen, bürgerlichen Verwandten erſcheinen. Gedrückt, geſcholten, geſtört von beiden Seiten, entſchloſſen wir uns zur Flucht. Reinhard hatte ſchon früher mancherlei Verſuche gemacht, ſich gewagten Theorieen hingegeben, die Luftſchifffahrt betreffend. Einem Charakter von ſeiner Energie war das Bücher⸗Leben ſtets läſtig geweſen. Ihn trieb es, zu wagen, zu gewinnen! Ein beſtimmter Zweck nur hatte ihm gefehlt, nach außen zu ſtreben. Dieſer zeigte ſich nun. Er brach ſeine Ketten, ich die meinen, wir entwichen miteinander. Was wir an Geld und Geldeswerth beſeſſen, wurde verwendet, ſeine Pläne aus⸗ zuführen. In einer franzöſiſchen Grenzſtadt, wo wir einen ſtillen Zufluchtsort gefunden, begann und vollen⸗ dete der in allen mechaniſchen Geſchicklichkeiten geübte Reinhard ſeinen großen Luftballon, mit vielfältigen neuen Verbeſſerungen ausgeſtattet, die er ſelbſt erſonnen. Seine erſte Probefahrt unternahm er, ohne ſie vorher öffentlich anzukündigen. Da ſie über alles Erwarten günſtig ausfiel, ließ er ihr bald eine zweite folgen, welche ein anſehnliches Publikum verſammelte und uns eine — 125— gute Einnahme brachte. Von nun ſchien uns Alles ge⸗ lingen zu wollen. Wir durchreiſeten ganz Frankreich, England, und in allen Städten erndtete Reinhard Geld und Ruhm. Die Beſorgniſſe, die ich anfänglich gehegt, wenn ich ihn ſein Leben einem ſo gebrechlichen, dünnen Fahrzeuge anvertrauen ſah, ſchwand gänzlich durch die Macht der Gewohnheit. Wie zu einem Spaziergange durch Feld und Flur ſah ich ihn zu jeder neuen Luftfahrt ſich rüſten, winkt ich ihm lächelnd:„viel Vergnügen“ nach, wenn er von muthiger Freude ſtrahlend emporſtieg. Ich liebte ihn mit einer Innigkeit, die ſich durch Worte nicht beſchreiben läßt; ich lebte nur in ihm, nur in mei⸗ ner Anhänglichkeit für ihn. Seine Sanftmuth legte meinen üblen Gewohnheiten den mildeſten Zwang auf: ich beſſerte mich, ich wurde gut, weil es mich glücklich machte, ihm zu gehorchen, ihm nachzuſtreben. Ich glaube nicht, daß auf dieſer Erde noch zwei Menſchen leben, die ſo glücklich mit einander ſind, wie ich mit ihm war. Wir waren nie getrennt, auch nicht auf Viertelſtunden, außer wenn er in die Luft ſtieg. Und daß ich, während er die blauen Räume durchflog, auf der Erde weilen mußte, ohne ihn, blieb die einzige Einwendung, die ich gegen ſeine Wagniſſe vorzubringen wußte. Ich beneidete die Wolken, durch welche er drang, ich fühlte Eiferſucht ge⸗ gen die Adler, die ſich ihm nähern durften. Da ſchlug er mir vor, ihn zu begleiten, halb ſcherzend, und war nicht wenig erſtaunt, als ich ſeinen Vorſchlag feurig er⸗ griff. Er durfte ſein Anerbieten nicht mehr zurückneh⸗ men, ich ließ ihm keine Ruhe. Wir gingen ohne Auf⸗ ſchub an die Arbeit, einen zweiten größeren Ballon zu bauen; ſchon der nächſte Sommer fand uns bereit, die gemeinſchaftliche Reiſe anzutreten. Ich zählte vor Unge⸗ duld Stunden und Minuten: der Gedanke, mit ihm vor Aller Blicken mich erheben, mir ſagen zu dürfen, er iſt Dein, Du biſt ſein, und ſo ſchwebt ihr, ein ſeliges Paar, zu den Sternen hinauf, machte mich ſchon im Voraus raſend vor Entzücken. Wenn ich dabei, wider Willen, an Gefahr denken mußte, ſo dacht' ich Nichts als meinen — unſern Tod. Und Tod mit ihm! Was konnte das Anderes ſein, als Leben? Ich fürchtete nicht den Tod an Reinhards Seite; ich forderte ihn höhniſch heraus,... und er übte die furchtbarſte Rache. Wir ſtiegen vor einer unermeßlichen Schaar von Gaffern, die dem jugendlich⸗ſchönen Paare laute Be⸗ wunderung zollten. Im Augenblicke, wo man die Stricke losließ und der umfangreiche Luftball ſich mächtig hob, umſchlang ich mit dem linken Arm den Geliebten, mit dem rechten ſchwenkt' ich über den Rand der Gondel hinaus eine Fahne, wie triumphirend über unſer Glück. Obwohl wir mit ungemeiner Schnelligkeit empor⸗ flogen, regte ſich doch in mir nicht eine Spur von Be⸗ ſorgniß; je höher wir drangen, deſto wohler fühlt' ich mich, und in dieſem Gefühle überſah ich, daß Reinhard unruhig, ja ängſtlich wurde. Endlich aber konnte mir, trotz meiner übermüthigen Stimmung, nicht länger ent⸗ gehen, wie er ſich vergebens bemühte, das Ventil, welches hoch oben am Ballon angebracht iſt, zu öffnen. Auf meine Frage, wozu, erklärte er mir, der Ballon ſei zu — 127— ſtark gefüllt, es habe ein Verſehen ſtattgefunden, und nun könne er die Klappe, durch welche der Ueberfluß an Gas ausſtrömen ſolle, nicht öffnen, weil die Schnüre ſich ver⸗ wickelt hätten. Was kann uns geſchehen? fragt' ich, ohne mit der Stimme zu beben. „Wir fliegen immer höher,“ ſprach er, und indem er ſich zu trübſeligem Lächeln zwang, fuhr er fort:„mög⸗ licherweiſe gelangen wir in die Sonne!“ Laß' uns im Monde bleiben, rief ich ihm zu, der Mond iſt der Stern der Liebe!— doch kaum hatt ich dieſe Worte geſprochen, als auch ſchon unſer Flug gehemmt ſchien und wir, zuerſt langſam, dann immer ſchneller, ſanken. Ich ſah Rein⸗ hard forſchend an. Er wies nach oben— der Ballon war geborſten, durch einen großen Riß entleerte er ſich unglaublich ſchnell. Wir ſchwebten über einer öden, menſchenleeren Wald⸗ ſtrecke. Um dieſe zu vermeiden und wo möglich eine freie Fläche zu gewinnen, bevor wir den Boden erreichten, wurde aller Ballaſt ausgeworfen; doch vergebens: die Erleichterung der Laſt ſtand in keinem Verhältniß zur Abnahme der tragenden Kraft; dieſe wurde von Augen⸗ blick zu Augenblick geringer; unſer Fallen glich beinah! einem Sturze; mir vergingen faſt die Sinne, Reinhard behielt vollkommene Faſſung. Er band ſich das Ende eines Strickes, nachdem er das entgegengeſetzte an die Gondel befeſtiget, um den Leib, erſah den Moment, wo wir eine Lücke im Walde unter uns hatten, ſprang toll⸗ kühn hinab, erreichte mit ſeinen Füßen glücklich den Erd⸗ boden und wendete jetzt alle Kräfte an, den Ballon bis zum nächſten Baume zu zerren, an deſſen Stamm er ſich klammern und ſodann den Strick befeſtigen wollte. Doch er hatte nicht berechnet, daß von dem Gewicht ſeiner 4 eigenen Schwere befreit, das zerriſſene Gewebe ſich noch einmal erheben könne. Dies geſchah, und mit ſo tückiſcher Gewalt, daß der Unglückliche in fruchtloſem Widerſtreben vom Boden aufgezogen wurde. Ich ſtreifte über die Wipfel der hohen Bäume hin und zerrte den gemißhan⸗ delten Leib meines Geliebten hinter mir her; ehe ich noch mit blutenden Fingern den Knoten gelöſet, den er in ſeiner Todesangſt für mich doppelt feſt um die Gondel geſchlungen, war ſein Haupt ſchon zerſchellt an den Aeſten der ſtarren fühlloſen Bäume. Die Gondel blieb in Zweigen hängen. Ich kletterte hinab. Ich band den Leichnam los. Ich warf mich über ihn... Das Uebrige ergiebt ſich von ſelbſt. Ich brauche Ihnen nicht zu erklären, hoff' ich, warum ich die Luft⸗ ſchifferei fortſetze. Die Leute wähnen, weil es ein einträg⸗ liches Gewerbe ſei für eine ſo junge, ſchöne Wittwe. Was kümmern mich die Leute? Sie haben geſehen, wie gering ich das Geld achte. Ich wage mein Leben in der Erinnerung an den, der auf dieſe Weiſe das ſeinige ver⸗ lor; ich wünſche zu ſterben, gleich ihm. Ich denke nur Seiner, wenn ich abgeſchieden von dieſem Erdgewühl, hoch über Eurem Jammer in Lüften hauſe. Dann glaube ich, ſeine Nähe zu fühlen, und eines Tages, mein' ich, wird er kommen, mich zu ſich zu rufen. Vor den Menſchen zeig' ich mich luſtig, keck, vielleicht frech! Warum ſoll ich mich dem Geſindel zeigen, wie ich bin? „— 129— Sie verſtehen mich nicht; ich habe als Kind ſchon gelernt, Jung und Alt zu verachten. Daß ich Ihnen mein Herz geöffnet.... kaum weiß ich ſelbſt, warum. Vielleicht verdienen Sie's nicht? Doch es iſt geſcheh'n! Und nun leben Sie wohl. Ich danke Ihnen noch einmal für Ihren Beiſtand; er war mir willkommen. Denn, ſuch ich ſchon den Tod, ſiegt doch in ſolchen Augenblicken immer wieder des Lebens eingeborener Trieb. Auch will ich nicht unten, nicht auf dem ſchlechten Erdboden enden. Mein Reich iſt die freie Luft. Hört Gott mein Gebet, dann ſendet er mir einen ſeiner Blitze, der mich in 1 Feuer hüllt, wenn um mich her die ſchwarzen Wolken krachen.— Viel Glück, Vagabund, auf die Reiſe! Jetzt geh' ich ſchlafen. Reunundſechzigſtes Kapitel. Anton ſtand vor den eiſernen Gittern des Schloſſes Erlenſtein. Gewiß waren es die Urenkel jener großen Hunde, von denen ſeiner Mutter Handſchrift berichtet, die ihn heute ſchmeichelnd begrüßten, wie deren menſchen⸗ freundliche Vorfahren dereinſt die arme Antoinette begrüßt hatten. Auch das Geſchlecht der Beſitzer hat ſeitdem gewech⸗ ſelt, und wenn es nicht Urenkel ſind, denen er entgegen⸗ treten ſoll, iſt es doch der Sohn jener ſtrengen, edlen Gräfin, welchem er nun(als Sohn) Vaterliebe abgewin⸗ nen will. Holtei, Bagabunden. III. 9 — 130—„ Den Wanderburſchen hat er im Gaſthauſe gelaſſen. In ſchwarzem Kleide, wie man zum Feſte geht, mit der Haltung eines ſein gebildeten Mannes, nähert er ſich den Stufen, vor denen damals ſeine Mutter um Einlaß bat. Er fragt zunächſt nach der Gräfin, für die das Schreiben der Verſtorbenen beſtimmt iſt. Ein Kammer⸗ diener— nicht mehr der graue, treue Diener und Ver⸗ traute der Familie, denn er iſt längſt geſchieden, ſeiner alten Herrſchaft zu folgen,— giebt ihm kund, daß die Gräfin abweſend ſei, auf einem Ausflug nach ihrem lieben Sophienthal begriffen. Der Graf ſei zu Hauſe, und er könne gemeldet werden, obwohl Seine gräflichen Gnaden leidend wäre. Anton ſchwankt. Seine zuckenden Fingerſpitzen halten das Schreiben, welches er ſchon wie eine vorzuzeigende Beglaubigung in Bereitſchaft hat; der Kammerdiener ſieht es, erbietet ſich, es dem Grafen einzuhändigen. Anton zögert; er dürfe es nur in die Hände der Gräfin legen, ſagt er. Dem Diener kommt ſein Benehmen befremdlich vor; ehe noch ein beſtimmter Entſchluß aus⸗ geſprochen wurde, erfährt Anton, daß er angemeldet ſei⸗ 4 und daß der Graf ihn erwarte. In einem großen Eckzimmer des oberen Stockwerkes, mit offener Ausſicht nach einem friſch⸗grünenden Park, den Krankenſtuhl an's Fenſter geſchoben, von Hunden umlagert, ſitzt, liegt vielmehr Graf Guido von Erlenſtein, ein Mann von etlichen und vierzig Jahren, und begrüßt den von ſtreitenden Empfindungen faſt betäubten Anton mehr erſtaunt, als unfreundlich, obgleich die Züge des — 131— männlich⸗ſchönen, durch einen überlangen Reiterbart abgetheilten Angeſichtes deutlich zeigen, daß gerade in dieſer Stunde die Fußgicht einen heftigen Anfall auf des Leidenden gute Laune unternimmt. Was dem Kammer⸗ diener gleich bei Antons Erſcheinen auffiel, verfehlt jetzt auch nicht, ſichtbare Wirkung auf den Gebieter zu machen: es iſt die Aehnlichkeit zwiſchen Vater und Sohn. Der letztere, deſſen unſtäter Blick in einen großen Wand⸗ ſpiegel fällt und ſich darin neben dem Grafen erblickt, fährt erſchrocken zurück, ohne paſſende Worte für eine Anrede zu finden. So ſchauen ſich Beide ſchweigend an, bis der Kammerdiener ſich zurückgezogen und die Thüre hinter ſich geſchloſſen hat. Sie haben, wie ich höre, einen Brief für meine Gemahlin? Von wem kommt er? Und was will er? „Es iſt ein Brief, den meine Mutter kurz vor ihrem Tode ſchrieb, den ich perſönlich überreichen ſoll, nach ihrem letzten Willen.“ Hieß Ihre Mutter Antoinette? Antoinette Hahn? „Ja, Herr Graf!“ So biſt Du mein Sohn! Bei dieſen, nicht ohne Rührung ausgerufenen Wor⸗ ten hielt der Graf dem jungen Manne die Hand ent⸗ gegen, wie wenn er ſie ihm reichen wollte. Anton trat einen Schritt vor, ergriff die Hand und führte ſie ehrer⸗ bietig an ſeine Lippen. Graf Guido betrachtete ihn lange, als ob er ihn im Geiſte mit einem Abweſenden vergleichen wollte, dann ſchüttelte er wehmüthig den Kopf, ſtieß einen tiefen 9* 3 — 132— Seufzer aus und verſank in trauriges Nachſinnen, woraus er ſich mit unverkennbarer Mühe aufraffte. Ich habe kein Geheimniß vor meiner Frau, Anton; Gräfin Julie weiß Alles, was ich von Dir und Deiner Mutter ihr zu ſagen wußte. Du begehſt alſo keine Ver⸗ letzung gegen den Wunſch der Verſtorbenen, wenn Du mir das Schreiben mittheilſt, welches ſie Dir hinterließ. Ich will es leſen, ehe wir weiter mit einander ver⸗ handeln. Anton überreichte den Brief ſeinem Vater. Als die⸗ ſer die Aufſchrift erblickte, ſchien er ſich der Handſchrift zu erinnern, die ihm dereinſt ſo theuer geweſen. Er ſagte leiſe: armes Mädchen! Dann las er: „Gräfin Julia! Wenn Ihre Freundin, die Frau des Paſtors in Sophienthal, noch am Leben iſt, wie ich hoffe, mag ſie Ihnen beſtätigen, daß nicht lange Zeit vor Ihrer Vermählung ein verlorenes Mädchen im Paſtorhauſe übernachtete und von dort aus ein Briefchen an den Grafen Guido, Ihren damaligen Bräutigam, richtete. Dieſes Mädchen, welches Ihnen als eine arme Ver⸗ wandte der Paſtorin vorgeſtellt ward, bin ich. Nach Sophienthal war ich gekommen, um Sie zu ſehen; um zu erfahren, ob die beglückte Nebenbuhlerin, der ich wei⸗ cchen müſſen, meinen Haß verdiene! ob meine Liebe! Ich hörte Sie, Gräfin, ich ſah Sie,— und ich entſagte. Voll von Ihrem Bilde, desgleichen ich zu jener Zeit noch nicht geſehen hatte, desgleichen mir auch im Laufe meines elenden Lebens nicht weiter begegnet iſt, ſchrieb ich Ihrem künftigen Gatten und gab ihm ſeine Schwüre zurück, 8 — eo—· ſeine Freiheit, mit dem einzigen Vorbehalte, daß er ſich beſtrebe, Ihrer würdig zu werden. Ich zweifle nicht, daß er dieſe meine Bedingung red⸗ lich erfüllt hat; an Ihrer Seite konnte er ja nicht anders. Und da eine glückliche Ehe volles Vertrauen bedingt, ſo wird Guido Ihnen unfehlbar von den Verirrungen ſei⸗ ner Jugend, wird Ihnen auch von mir erzählt haben. Deshalb darf ich nicht fürchten, Zwietracht zu erregen, wenn ich jetzt von meinem Sterbebette zu Ihnen rede; wenn ich Ihnen meinen Sohn— den Sohn Ihres Gat⸗ ten— empfehle! Ich habe in unweiblichem Hochmuth, in eitlem Zorn Eltern und Kind verlaſſen; habe das Daſein einer liebloſen Mutter, einer undankbaren Toch⸗ ter, unter gold'nen Flittern und glänzendem Elend, im Widerſtreit mit meines Herzens beſſerer Stimme geführt, bis zuletzt Krankheit und Lebensüberdruß, an der Hand des Mangels, mich dem offenen Grabe überlieferten. An ſeinem Rande ſtehend, wurde mir noch ein Zeichen ewiger Gnade und Erbarmung zu Theil: Gott ſandte mir mei⸗ nen Sohn, daß er die letzten Tage der Sterbenden durch ſeine Nähe, durch ſein Mitleid verkläre. Gott ſandte ihn mir, ich ſende ihn der Gräfin Julia! Er hat in unſtäten Wanderungen, in Thorheiten und Irrthümern ein reines Herz bewahrt. Er iſt würdig, durch Gräfin Julia ſei⸗ nem Vater au's Herz gelegt zu werden. Gott hat es alſo gefügt. Sie verkennen dieſe Fügung nicht; deſſen bin ich gewiß, und ſo ſterb' ich ruhig und gern. Der Segen einer armen Sünderin dringe aus dürftiger Todtenſtube in Ihres Schloſſes Hallen. Antoinette.“ Guido hatte dieſen Brief laut vorgeleſen, mit feſter Stimme, gleichſam um ſich den Inhalt und die Bedeu⸗ tung deſſelben recht in's Gemüth zu führen. Er ſagte dann zu Anton: Es war nicht unſere Schuld, daß von unſerer Seite Nichts für Dich geſchehen konnte; weder meine Schuld, noch meiner ſeligen Mutter, am allerwenigſten meiner guten Frau, die, nachdem ſie durch mich von Deiner Exiſtenz erfuhr, tief bekümmert war, nicht für Dich ſor⸗ gen zu dürfen. Deine Mutter hatte es alſo gewollt: die furchtbarſte Drohung ward durch ſie an jeden Verſuch geknüpft, den wir gewagt hätten, Dir hilfreich zu ſein⸗ Auch wähnte ich Dich, mit ihr, in weiter Ferne. Jetzt biſt Du hier, und ich freue mich deſſen. Daß Julia Dir Mutter werde, bedarf es der dringenden Mahnung die⸗ ſes Briefes nicht. Du ſelbſt ſollſt beſtimmen, was wir für Dich thun, in welche Formen wir unſere Pflichten für Dich kleiden dürfen. Für's Erſte bleibe einige Tage hier, daß ich Dich, daß ich Deine Vergangenheit kennen lerne. Unterdeſſen kehrt die Gräfin aus Sophienthal heim, und dann. Dieſe Rede ward unterbrochen durch das Geräuſch eines am Schloſſe vorfahrenden Wagens, dem der Graf aufmerkſames Gehör zuwendete, wobei der Ausdruck ängſtlicher Beſorgniß ſeine bisher freundlichen Mienen verdüſterte. Er hieß Anton nach dem Vorzimmer gehen und einen Diener herbeirufen; als dieſer kam, fragte er haſtig: wer war's? und als der Diener entgegnete: der junge Graf! warf ſich Guido halb zornig, halb nieder⸗ geſchlagen in ſeinen Lehnſtuhl zurück, laut ausrufend: Den führt ein böͤſer Geiſt um dieſe Stunde nach Hauſe! Anton begriff, daß er in einem Sohne ſeines Vaters, den eine ſolche Aeußerung empfing, keinen Bruder zu er⸗ warten habe, und fragte beſcheiden, ob er ſich entfernen ſolle? Graf Guido winkte ihm, zu bleiben. „Geſchehen muß es doch, erfahren muß er doch, daß Du lebſt und Anſprüche haſt, zu leben. Beſſer heut, als ſpäter! Vielleicht kommen wir mit einem Sturme durch! Anton, Du wirſt in dieſem Hauſe Etwas erblicken, was ſelten iſt: einen Sohn, den ſeine eigene Mutter(gegen alle Welt nur Huld und Güte) geringſchätzt, meidet, haßt, ſo weit ſie haſſen kann! einen Sohn, den ſein Vater ab⸗ göttiſch liebte, verzog, ſich über den Kopf wachſen ließ, und den er nun fürchtet, wie man nur einen grauſamen Tyrannen fürchten kann, weil die Affenliebe für ihn noch nicht beſiegt iſt; einen Sohn endlich, der, die Selbſtſucht in Perſon, für keinen Menſchen ein Herz hat, für ſeine Eltern am wenigſten; der in Müßiggang und Wildheit die Zeit verſchwendet und ſich hier nur blicken läßt, wenn er Geld braucht. Ich hatte nur noch eine Hoffnung für ihn; er ſollte die Tochter aus einer Familie heirathen, mit der ich verwandt bin; einer Familie, wo ſtrenge Sitte und frommer Ernſt vorherrſchen. Dort ſollte er die weit⸗ läuftigen, etwas derangirten Beſitzthümer übernehmen, mit meinem Gelde nachhelfen, durch Thätigkeit und Fleiß, unter ſeiner Schwiegereltern Obhut auf eine an⸗ dere Bahn geleitet werden; wir hofften, das würde ihn ermannen und zu ſich ſelbſt bringen; ihn ſchien es auch anzulächeln, daß er dadurch ſein eigener Herr, Herr eines Hauſes und einiger großer Landgüter werden könne. Doch Alles zeigte ſich als kurzer Traum, aus welchem ſeine plötzliche Rückkehr, verbunden mit der determinirten Erklärung, die Braut gefalle ihm nicht, uns erweckte. Seitdem treibt er es ärger als je.“ Anton hatte ſchon im Sinn, nach dem Taufnamen des ungerathenen Söhnchen zu fragen, weil er ſich Ge⸗ wißheit ſchaffen wollte, ob eine düſtre Ahnung, die ihm bei dieſer Schilderung durch's Gedächtniß zog, wahr werden könne. Doch wurde ihm dieſe unangenehme Mühe erſpart, denn Graf Louis trat haſtig ein. Was will dieſer Menſch? rief er, mit der Reitgerte auf Anton deutend, eh' er noch einen Gruß für ſeinen Vater gefunden. Der Vater entgegnete mit faſt erkünſtel⸗ ter Heftigkeit: Dieſer Menſch iſt Dein Bruder! „War Graf Erlenſtein ſchon einmal verheirathet, eh” er meiner Mutter die Hand reichte? Wie?“ Graf Guido verſtummte vor Gram und Zorn. Einen Baſtard ſoll ich doch nicht etwa Bruder nen⸗ nen? Ich begreife nicht, mein Vater, wie Sie mir eine Zumuthung dieſer Art machen mögen! Noch weniger aber kann ich begreifen, wie Sie einem Burſchen ſeiner Art hier Eintritt geſtatten? Ein Herumtreiber und Gauk⸗ ler, ein Knecht und Menagerie⸗Wärter; ein Vagabund, der ſchlechter Streiche halber vor der Polizei aus einer Stadt in die and're fliehen muß, der ſich in vornehme Häuſer ſtiehlt, als Muſikant, als Tanzmeiſter, und dann — 137— entweicht, wenn er ſich erkannt ſieht?! Schicken Sie ihn fort, mein Vater, ſonſt laſſ' ich ihn binden, und unſere Amtsdiener bringen ihn nach der Kreisſtadt.“. Graf Guido warf ſeine Augen von Louis auf Anton, von Anton auf Louis, als wenn er Beide fragen wollte, ob und woher ſie ſich kennten. Louis ſchäumte vor Wuth. Anton fand Kraft, ſich zu beherrſchen, zu ſchweigen; doch war er noch nicht ſo weit Herr über ſich, ruhig zu ſagen, was ſagen zu wollen, er ſich bereits entſchloſſen fühlte. Der Vater hatte unterdeſſen Antoinettens Brief zu⸗ ſammengefaltet und denſelben, um ihn den Blicken ſeines „rechtmäßigen“ Sohnes und Erben zu entziehen, unter anderen Papieren verborgen. Noch einmal hob Louis an: wird der Landſtreicher nun bald ſeiner Wege gehen? Noch einmal wendete Guido einen bittenden Blick auf Anton, der ſo viel ſagen ſollte, als: Rechtfer⸗ tige Dich!.. Dieſer nahm das Wort: 3 Herr Graf, ich habe nur die Befehle meiner ſterben⸗ den Mutter ausgeführt, da ich hier mit innerlichem Widerſtreben eindrang. Sie haben mich liebevoll aufge⸗ nommen, ich danke Ihnen für die väterlichedlen Abſichten, die Sie mir kund gethan; ich nehme, ſcheidend, Achtung und kindliche Verehrung für Sie in meinem Herzen mit mir fort; aber ich muß ſcheiden. Ich kann und darf mich zwiſchen Sie und Ihren Sohn nicht drängen. Die Theilnahme, die Sie mir, nah oder fern, gönnen woll⸗ ten, müßte ewigen Zwieſpalt herbeiführen. Von Verſöh⸗ nung zwiſchen ihm und mir kann niemals die Rede ſein. Er haßt mich auf Leben und Tod; er weiß, warum er es thut; er hat Recht mich zu haſſen. Ich geb' es ihm von ganzer Seele zurück. Doch er iſt Ihr Sohn, er iſt der Sohn der Gräfin Julia, und ich weiche ihm. Leben Sie wohl mein— mein Herr Graf! „Anton, bleibe, bleibe bei mir! Er liebt uns nicht. Du hätteſt mich geliebt und ich Dich. Reinige Dich von den Anklagen, die er gegen Dich vorgebracht und bleibe bei uns!“ Ich kann ihn nicht Lügen ſtrafen. Es iſt wahr, daß ich eines Vagabunden Leben führte; es iſt wahr, daß ich mir als Knecht und Gaukler mein Daſein friſtete. Wenn ich dennoch mehr werth bin, als er, wenn ich meine Ehre dennoch beſſer bewahrte, als er, ſo ſind meine Ehre und mein Werth zu hoch über ihm, um mich auf einen Wortſtreit mit ihm einzulaſſen. Einen andern jedoch darf ich in dieſen Räumen mit ihm nicht beginnen, denn er iſt der Sohn des Hauſes. Iſt es ihm an jedem andern Orte gefällig... er weiß, wie ich meine Sachen aus⸗ fechte, auch ohne Waffen. Gewiſſen Helden gegenüber genügt der Stock. Noch einmal, Herr Graf, leben Sie wohl., und ſein Sie gewiß, daß ich Ihnen in Liebe und dankbarer Anhänglichkeit ergeben bleibe.— 3 Anton hörte noch im Vorzimmer den Grafen mit ſchmerzhafter Anſtrengung„Anton, Anton!“ rufen. Aber er kehrte nicht mehr zu ſeinem Vater zurück und verließ das Schloß. — 139— — Siebenzigſtes Kapitel. Anton brachte eine ſchlafloſe Nacht im Dorf⸗Gaſt⸗ hauſe zu. Doch erhob er ſich, nachdem er ſein ganzes Geſchick ernſt und ruhig durchgedacht, mit vollkommner Reſignation vom ſchlechten Lager und ſchaute gefaßten Muthes in den göttlichen Frühlingsmorgen hinaus. Was iſt's weiter, ſprach er zu ſich ſelbſt, eine getäuſchte „Hoffnung mehr! Und hab' ich nicht dennoch dabei ge⸗ wonnen? Meiner armen Mutter letzten Willen hab' ich erfüllt, ſo gut ich vermochte;— denn daß Gräfin Julie abweſend, iſt nicht meine Schuld;— und einen Mann, der mir das Leben gab, den ich beinahe haßte, vor dem ich mich fürchtete, hab' ich nun kindlich lieb; trage ſein Andenken mit mir, wie das eines gutmüthigen, gefühl⸗ vollen Menſchen, den ſeine Schwäche unglücklich macht, den ich mehr bemitleiden, als anklagen darf. Ich kann meinen Vater lieben, ich kann meine Mutter ſelig preiſen, weil ſie's überſtanden hat, folglich bin ich reicher, als ich jemals war;— und für das Uebrige wird der Vormund weeiter ſorgen, dem ich mich anvertraute, da ich Liebenau verließ.— Aber Hedwig? Der Weg, den ich jetzt wieder einſchlagen muß, führt mich nicht zu ihr. Diesmal hat der Blick einer Sterbenden nicht den Schleier der Zu⸗ kunft zu durchdringen vermocht; Deine Prophezeiung, Du arme Mutter, geht keineswegs in Erfüllung, und Deines unſtäten Sohnes Erbtheil bleibt der alte Fluch, welcher ſtärker wirkt, als Dein Segen, als meines Vaters guter Wille. — 140— Mit ähnlichen Gedanken ging Anton munter durch die Waldungen, ohne recht zu wiſſen wohin. War es ihm doch gleichgültig. Lag ihm doch nur daran, ſo ſchnell wie möglich aus dem Gebiete der gräflichen Beſitzungen ſich zu entfernen. Er fragte einige Holzleute, die ihm einzeln begegneten, wie weit er noch habe? Sie bezeichneten ihm die Grenze, die er binnen einer Viertel⸗ ſtunde erreichen werde, wenn er mäßig fortſchreite. Je näher ſie rückte, deſto dringender wurde ſeine Beſorgniß; eine Angſt, die er ſich gar nicht zu erklären wußte, ſchnürte ihm die Bruſt zuſammen; eine Ahnung, als drohe ihm etwas Furchtbares. Er athmete leichter auf, als er am Grenzpfahle ſtand, der die gräflichen Farben und obenauf eine Tafel trug mit den Worten: Herrſchaft Erlenſtein. Unter dieſem Pfahle machte der Wanderer Halt, ließ die Laſt von ſeinen Schultern gleiten und wollte eben am Rande eines grünbewachſenen Grabens ſich zur Ruhe niederlaſſen, als er, etwa dreißig Schritt von ſich, hinter einem Wachholdergeſträuch das Geſicht des Grafen Louis hervorblicken ſah. Zwiſchen den Zweigen, von der Frühlingsſonne beſchienen, flimmerte der Lauf einer Kugelbüchſe.. Anton's erſter Gedanke war, ſich hinter den Grenz⸗ pfahl zu flüchten, doch augenblicklich verwarf er ihn. Vor einem ſolchen Gegner flieh ich nicht, war der nächſte Gedanke. Nach jenem Geſträuch gewendet, bot er gleichſam die Bruſt dar, auf welche ſchon der Büchſen⸗ lauf ſich richtete. — 141— „Hund, jetzt will ich Dir zeigen, wie ich meine Händel ausfechte!“ Dieſe Worte vernahm Anton noch,.... ein Blitz vom Schießgewehre.... ein heftiger Schmerz in der Nähe des Herzens.... Nacht um ihn.... und er lag blutend am Boden. „Du verſprachſt mir Ruhe, Mutter; Gottlob, nun find' ich ſie.“ Nachdem er es gemurmelt, verlor er die Beſinnung. Als er wieder zu ſich kam, ſtand die Sonne ſchon ziemlich hoch. Seine Wunde blutete, er fühlte ſich unend⸗ lich matt, aber dabei fühlte er auch, daß er nicht daran ſterben dürfe, wenn ihm Hilfe zu Theil werde, eh es zu ſpät ſei. Doch woher ſollte hier die Hilfe kommen? Kein lebendiges Weſen zeigte ſich, außer den kleinen Wald⸗ vögelein, die neugierig um ihn herflatterten und ſanfte Klagetöne ausſtießen, wie wenn ſie Mitleid mit ihm hätten. Der Schmerz, den die Wunde ihm verurſachte, wurde mit jeder Minute heftiger, ſchien aber gering, gegen den Schmerz verglichen, den ſeine Seele fühlte über des feigen Mörders That.. Jeder Verſuch, ſich aufzurichten, mißlang. Ein Tuch, gegen die Wunde gepreßt, ſaugte ſich an und hemmte die Blutung. So lag er nun und ergab ſich in's Unvermeidliche. Ohne bewußtlos zu ſein, verſiel er in jene Apathie der Entſagung, wo jedes Beſtreben endet, wo jeder Wunſch 142 erliſcht, wo fröſtelndes Fieber mit halb wollüſtigem Schauer durch alle Glieder rieſelt, wo die Außenwelt ver⸗ ſchwindet und im Uebergang vom Wachen zum Traume unſere Einbildungskraft thun kann, was ihr beliebt. Dieſe nun führte an ſeinem innern Auge alle Perſonen vorüber, mit denen er in Berührung geſtanden, zeigte ihm Freund und Feind; erweckte ihm Abneigung oder Wehmuth, je nachdem die Erſcheinungen waren. Sein alter Arzt fand ſich, der ihn nach ſeinem Sturze gepflegt, und unterſuchte die Wunde; Adele verband ſie mit kunſt⸗ fertigen Händen; Käthchen labte ihn durch einen Schluck friſchen Waſſers, wonach ſeine Zunge lechzte; Amelot trieb Laura mit Schlägen von des Verwundeten Seite; Antoinette, an des Grafen Guido Arm, beugte ſich müt⸗ terlich über ihn; Adelheid lief vorüber und lachte; Bärbel zeigte ihm jammervoll ihre blutigen Arme, der ſchwarze Wolfgang riß ſie fort; Hedwig blickte hinter jenem Geſträuche hervor, aus welchem Louis nach ihm ge⸗ ſchoſſen, und neben ihr ſtand eine ſchöne Frau in tiefer Trauer, die Anton nie geſehen, die er aber ſogleich für Gräfin Julie erkannte; Theodor ſteckte das erdfahle Todtenantlitz aus einem Grabhügel und rief ihm zu: Liebenau iſt Dein! Die kleinen Vögel um ihn her ver⸗ wandelten ſich in große Krähen, die ihn verfolgten, weil ſie ihn für Koko hielten; der indianiſche Bär brach aus dem Dickicht hervor, ſeinen Freund zu ſchützen, doch der wilde Tiger zerriß den Bären; ſchon hob er eine Tatze, um auch in Anton's verwundete Bruſt die ſcharfen Kral⸗ len zu ſchlagen, da erſchien mit einer Keule bewaffnet der — 143— Rieſe Schkramprl, ſchmetterte den Tiger zu Boden, kniete neben Anton hin und rief ſo laut, daß alle krächzenden Krähen entflogen:„Bei den zwei Köpfen meines hoff⸗ nungsvollen Sohnes, hier liegt Freund Antoine!“ Anton öffnete die Augen, alle Bilder ſeiner Fieber⸗ phantaſie verſchwanden; nur Schkramprl blieb in Werk⸗ lichkeit neben ihm, denn er war es. Mein langer Gönner, von wannen komme Ihr, mich ſterben zu ſehen? fragte der Verwundete mit vcheln⸗ dem Geflüſter. „Hier handelt ſich's nicht darum, woher ich komme, ſondern einzig wie wir Euch fortbringen. Woh 12 das weiß ich ſchon. Heilige Barmherzigkeit, liegt de ſchönſte Reiter hier in ſeinem Blute wie ein wildes Schn in, und wenn ich nicht vorüber kam, war's vielleicht geſch den um ihn! Allons, Peterl, mach lange Beine, reiß a 3, und ſchnurſtracks zurück zum Herrn Förſter; ich 5 ihn beſchwören bei den Geiſtern aller Ratzen und Mä e, die ich in ſeinem Hofe getödtet, er ſoll Knecht und Ma mit einer großen Miſttrage herausſchicken; und lege Stroh darauf und ſtiehl ihm ein Paar Federkiſſen aus ſeinem Bett! Lauf, Peterl, was Du kannſt; der Herr iſt mein beſter Freund!— Seht Ihr, wie der Junge fliegt? Die fürſtliche Förſterei liegt ganz in der Nähe. Und das Pferdeglück: der Pflaſterkaſten vom Schützenbataillon, des Förſters leiblicher Bruder, iſt auf Beſuch dort. Es konnte ſich gar nicht ſchöner zuſammenpaſſen. O, Schkramprl ſt ein großer Mann, er trifft zu rechter Zeit ein, Tod und zeben liegt in ſeiner Hand. Gift für die Verbrecher, Balſam für die Tugendhaften. Blickt auf dieſen Ran⸗ zen, Antoine: Arſenik, um eine ganze Räuberbande an Bauchgrimmen verrecken zu laſſen. Soll er ſchlucken, ſoll er zappeln, Euer Mörder! Sagt mir, wer Euch angeſchoſſen! Ich finde ihn, und wenn er im tieiſten, Mauſeloche ſteckte!“ Ich kenn' ihn nicht, ich weiß nicht, wer es war!— Dieſe Lüge ſtieß Anton mit heftiger Anſtrengung aus. Danc' ließ er ſein Haupt in Schkramprl's Schooß zurück⸗ ſinken, wo er ruhig lag, bis der aus dem Förſterhauſe zerbeter e Beiſtand anlangte. Der Förſter und deſſen Bruder, der Bataillonsarzt, begleiteten die Träger. Unter ihrer Aufſicht wurden die beſten Anſtalten getroffen, die Wunde jedoch vorher ſorgſam beſichtigt, ehe man den Leidenden in eine andere Lage brachte. Der Bataillons⸗ arzt, mit jenem ſcharfen Blick, den eine auf Schlacht⸗ feldern angeübte Sicherheit gewährt, rief luſtig aus: das nenn' ich mir doch eine Kugel, die Lebensart verſteht; dringt in der Nähe des Herzens ein(wo ſie allerdings einen tüchtigen Preller gegeben und zurück empfangen haben mag), ſchleicht ſich dann zwiſchen Rippen und Haut beſcheiden durch, und als ob ſie wüßte, daß ſie inwendig Nichts zu ſuchen hat, nauhf ſie ſich gleich wieder einen Ausweg ins Freie.. Alſo keine Lebensgefahr, Bruder⸗ fragte der Förſter. Keine, war die Antwort. Sechs Wochen, oder ſo etwas, unter guter Pflege, das iſt Alles. Und Anton's Wunden wurden nach allen Regeln der — 145— Kunſt verbunden. Dann ſetzte ſich der Zug langſam in Bewegung. Schkramprl drang mit flehentlichen Bitten in den Förſter, er möge ihm geſtatten, als Krankenpfleger ſo lange im Forſthauſ ſe zu weilen, bis Herr Antoine wieder auf den Beinen ſei. Dabei pries er Antoine's Talente und Vorzüge, ſtellte ſeine Liebenswürdigkeit in das hellſte Licht und wurde nicht müde, von jenen Zeiten zu erzäh⸗ len, wo ſie Beide, Antoine und Schkramprl als Sterne reinſten Lichtes am Himmel der reiſenden„Künſtlerwelt“ glänzten. Der Förſter, ein braver, ſchlichter Waldmenſch, der bei all' ſeiner praktiſchen Tüchtigkeit und inmitten eines abgeſchloſſenen Lebens, heitern Sinn und fröhliche Friſche bewahrte, nahm des närriſchen Schwätzers gut⸗ müthige Uebertreibungen freundlich auf. Er hatte ſich ſchon geſtern, wo der wandernde Kammerjäger— denn bis zu dieſem„ſoliden Beruf“ war unſer Rieſe erniedri⸗ get worden— ihm ſeine Dienſte angeboten, nicht wenig an ihm erluſtiget; hatte auch einen Vertrag mit ihm abgeſchloſſen, vermöge deſſen Herr Schkramprl den vol⸗ len Preis für ſeine„totale Vertikgung ſämmtlichen hoch⸗ fürſtlichen Ungeziefers“ im Forſthofe erſt dann empfan⸗ gen ſolle, wenn nach Ablauf einiger Monate die Proce⸗ dur ihre unzweifelhafte Nachwirkung bewährt habe. Zu dieſem Endzweck hätte Schkramprl ja doch bisweilen wieder einſprechen und zum Rechten ſchauen müſſen. Auf einen Eſſer mehr kommt es in einer großen Land⸗ tt ohnedies nicht an, und der bleiche, männlich agabunden. III. 10 ———yõyõnnn — 146— duldende, freundlich leidende Anton hatte durch ſein ſtoiſches Verhalten beim Unterſuchen der Wunde, wie durch ſeine beſcheidenen, dankbaren Worte den Förſter ſchon für ſich gewonnen. Es wurden alſo gar keine Schwierigkeiten gemacht. Anton's Lager bereitete man in einem Dachſtübchen, neben jenem, welches die Jäger⸗ burſchen bewohnten; Schkramprl erhielt ein Bett bei Anton; Peter wurde ausgeſendet, um in der ganzen Nachbarſchaft umherzuſpüren, wo Mäuſe und Ratten zu vertilgen ſeien, und empfing den Auftrag, Berichte dar⸗ über an ſeinen Herren abzuſtatten, der ſein Amt als menſchenfreundlicher Krankenwärter mit ſeinem Geſchäft als mauſefeindlicher Zauberer zu vereinen hoffte; des Förſters Bruder unterwies ihn auf das Genaueſte in allen Hilfeleiſtungen, die beim Reinigen und Verbinden der Wunde nöthig waren, und verſprach außerdem, einen Tag um den andern aus ſeiner Garniſon einen Spazierritt zum Forſthauſe zu machen, ſolange es nöthig ſei. Der Förſter aber ſetzte ſogleich einen Bericht an die Behörde auf, den er ſeinem Bruder, dem Arzte, zur bal⸗ digen Beſorgung mitgab. Gegen Abend ſtellte ſich das heftigſte, als unvermeid⸗ lich vorherverkündigte Wundfieber ein, gegen welches der ſcheidende Arzt alle zweckmäßigen Vorkehrungen und Milderungsmittel angeordnet hatte, welches alſo Nie⸗ mand erſchreckte. Anton phantaſirte heftig und mengte wunderliche Dinge durcheinander, behielt aber dennoch, ſogar im exaltirteſten Zuſtande, Willenskraft übrig, keine Sylbe ſich entſchlüpfen zu laſſen, die ſein Verhältniß zu der gräflichen Familie auf Erlenſtein andeuten konnte. Dagegen ergingen ſich ſeine lebhaften Träume, gleichſam luſtwandelnd, in allen Richtungen des verfloſſenen Lebens, von Luſt und Gram, von Glück zu Leiden über⸗ ſpringend. Dadurch regte er, weil er die Namen von Perſonen und Orten im bunteſten Wechſel durcheinander warf, den redeluſtigen Schkramprl auf, mit hineinzu⸗ ſchwatzen, ſeine eigenen Abenteuer mit den Phantaſieen des Kranken zu vermiſchen, ihn an Tollheit zu überbie⸗ ten. Die Jägerburſchen, nur durch eine dünne Wand von ihnen getrennt, wußten zuletzt nicht, wer größeren Unſinn ſchwatzte, ob der Kranke im Fieber, ob der Wär⸗ ter, der dem Kranken Lüge über Lüge erzählte. Gegen Morgen ſtellte ſich Ruhe ein, mit ihr, durch ſie der Schlaf. Und als die Gerichtsperſonen, durch des Förſters Rapport entboten, in den Hof einfuhren, er⸗ wachte unſer Freund zu neuem, klarem Leben. Jede Gefahr ſchien beſeitiget. 3 In dem Verhöre, welches man mit ihm anſtellte, blieb er dabei, daß der Menſch, der nach ihm geſchoſſen, den er nur undeutlich durch's Gebüſch geſehen, ihm fremd ſei; daß er ihn durchaus nicht beſchreiben oder bezeichnen könne; daß er keine Ahnung habe, welche Abſicht dieſer That zum Grunde gelegen; und daß von ſeinen Hab⸗ ſeligkeiten, die er unberührt beim Erwachen neben ſich gefunden, Nichts fehle. Der Richter, deſſen Schreiber, der Förſter ſchüttelten die Köpfe und beruhigten ſich end⸗ lich bei der Anſicht, es könne wohl ein Raubanfall beab⸗ ſichtiget, die Ausführung deſſelben aber durch Dazwi⸗ 10* — 148— ſchenkunft des Zeugen Schkramprl verhindert worden ſein, welche den Raubmörder veranlaßt habe, die Flucht zu ergreifen. Dieſe Meinung fand um ſo mehr Beifall, da Anton ſich wohl hütete, beizubringen, welch' eine Friſt zwiſchen Louis' Schuß und Schkramprl' Erſcheinen ge⸗ 9 legen. Das Reſultat der Unterſuchung lautete auf einen in dieſen Gegenden umherſchweifenden, höchſt gefähr⸗ lichen, gänzlich unbekannten Böſewicht, für deſſen Hab⸗ haftwerdung die Forſtbeamten außergewöhnliche Mittel anzuwenden, auch ſich deshalb mit dem gräflich Erlen⸗ ſtein'ſchen Wirthſchafts⸗Amt in's Einvernehmen zu ſetzen haben würden.. 3 Welchen Erfolg dieſe„außergewöhnlichen Mittel“ ſammt ihren Patrouillen, Streifereien, nächtlichem Auf⸗ gebot umliegender Gemeinden und ähnlichen Unterneh⸗ mungen erzielten, brauchen wir, als Eingeweihte, nicht erſt anzudeuten. Der Thäter blieb unendeckt, wurde bald vergeſſen, und es redete ſchon Niemand mehr von ihm, als Anton's Wunde lange noch nicht geſchloſſen war. 5 Schkramprl ging ab und zu, verfolgte meilenweit in die Runde Alles, was Maus und Ratte heißt, kehrte treulich zu Anton zurück, benahm ſich als Gehilfe des Wundarztes ſo vorſichtig, exact und pünktlich, daß dieſer, wenn er Zeit fand, ſelbſt zu kommen, dem Rieſen alle 4 möglichen Lobſprüche ertheilte, ihm ſogar einen Platz im 3 Lazareth anbot, welches Anerbieten jedoch ſchnöde zurück⸗ gewieſen wurde, weil eine ſolche Stelle mit der„perſön⸗ lichen Freiheit“ nicht vereinbar ſei.„Als Vagabund bin ich geboren, hab' ich gelebt, will ich ſterben; auf einem — —— — 149— Flecke verbleiben, iſt meinen Anlagen und Fähigkeiten zuwider; ich würde ſogar hier, wo Freundſchaft und Ca⸗ meraderie mich feſſeln, nicht aushalten, wenn ich nicht zwiſchendurch Erlaubniß hätte, meine alten Beine in Bewegung zu ſetzen und umherzuſchnüffeln!“ Dies Letztere that Schkramprl wirklich, und zwar nicht nur um Ratten, ſondern auch um Neuigkeiten aus⸗ zuſpüren. Anton iſt ſelbſt nicht klar darüber geworden, ob es eigene Neugier geweſen, die den Rieſen dazu an⸗ getrieben, oder ob das Bedürfniß bei ihm vorwaltete, Neuigkeiten und Klatſchereien zu erzählen? Er ſelbſt be⸗ hauptete das Letztere, indem er verſicherte, ihm ſei es durchaus gleichgültig, zu wiſſen oder nicht zu wiſſen, was die Bewohner umliegender Dörfer und Schlöſſer thäten. Ihm liege lediglich daran, bei ſeiner Heimkehr den Patienten durch lebhaftes Geſpräch zu amuſtren; der eigene Lebenslauf und eines Rieſen Schickſale wären ausgepreßt wie eine Citrone, deshalb müßten nun an⸗ dere Menſchen und andere Schickſale an die Reihe! Anton hörte ihm häufig zu, ohne auf ihn zu hören; während Schkramprl's Geſchwätz waren Anton's Ge⸗ danken gewöhnlich bei Hedwig. Der Erzähler, der die Tugend beſaß, mit Leib und Seele bei der Sache zu bleiben, achtete nicht darauf, ob man ihn hörte, wenn er nur ununterbrochen reden durfte. Damit war beiden Theilen geholfen. Anders jedoch geſtalteten ſich die Dinge, als der „Kammerjäger“ von Schloß Erlenſtein wiederkehrte, wo⸗ hin ihm ſein in der Nachbarſchaft verbreitetes Renommé — 150— eine durch Peterl überbrachte Aufforderung zugezogen. Ohne zu ahnen, wie tief ſein Zuhörer dadurch berührt werde, machte er eine traurige Schilderung der dortigen Verhältniſſe, mit welchen er durch Dienſtboten und Landleute bekannt worden war. Zwiſchen Vater und Sohn ſollten ſchreckliche Auftritte vorgefallen ſein, deren Schuld von ſämmtlichen Dorfbewohnern auf den Sohn geworfen und dem Vater nur inſofern zugeſchoben wurde, als er viel zu nachgiebig und gut gegen den böſen Buben wäre. Einzig und allein die Autorität der Gräfin, von welcher Alle und Jeder wie von einem Weſen höherer Gattung redeten, wende bis jetzt noch das Aeußerſte ab; wozu es jedoch beinahe ſchon gekommen ſein ſollte, nachdem ein fremder junger Herr während ihrer Abweſenheit auf dem Schloſſe beim Grafen war und mit dem Sohne in heftigen Wortwechſel gerieth. Seitdem darf der junge Graf des Vaters Zimmer nicht mehr betreten; er treibt ſich fluchend und laut läſternd bei⸗ den Beamten herum; der Vater iſt kränker geworden, ſo daß man für ſein Leben beſorgt ſein muß; die Mutter, mit himmliſcher Sanftmuth und Würde, ſucht zwiſchen beiden zu vermitteln; das ganze Hausperſonale iſt in verſchiedene Parteien zerſpalten, die ſich wechſelſeitig auch anfeinden; die Wirthſchaft geht d'rüber und d'runter; die Hunde ſchleichen mit geſenkten Ohren knurrend vor der Schloßtreppe auf und ab; und die Ratzen ſind ſo frech geworden, daß ſie in vorvoriger Nacht einem im Stalle ſchlafenden Roßwärter die große Zehe des rechten Fußes angefreſſen haben. Für die Ratten, fügte * Schkramprl hinzu, hab' ich Rath geſchafft und ihnen das Beißen einſtweilen vertrieben; aber für die Herr⸗ ſchaften weiß ich keinen. Das beſte Mittel wäre freilich, wie der Kammerdiener meinte, wenn man dem jungen Herren auch ein Rattenpülverchen in den Wein rührte? Doch, wer mag ſo etwas riskiren? Es iſt unterſagt, wie ich gehört habe. Sonſt wär's ſo übel nicht, denn der Patron iſt von einer herausfordernden Unverſchämtheit. Nannte er mich doch„Er!“ Solch' ein Bürſchchen! Mich, den Rieſen Schkramprl!— Ich hab' es ihm aber wieder gegeben. Monsieur le Comte, ſagt' ich— und was für Augen machte der hohläugige, ausgemergelte Jüngling, weil ein Rattenfänger, ein Kammerjäger ihn franzöſiſch haranguirte,— ich bin weder Ihr Stiefel⸗ putzer, noch Ihr Hausknecht; ich bin ein freier Künſtler, den Seine gräflichen Gnaden, Dero Herr Vater auf Sein Schloß entbieten laſſen, weil man es daſelbſt vor Ungeziefer nicht mehr aushalten konnte. Ich vermag nicht allein Ratten und Mäuſe zu vertreiben; ich bin auch Meiſter einiger anderer Geheimniſſe, und wo man mich unwürdig behandelt, verſteh' ich Rache zu üben. Ehrlich geſagt, ich dachte mir bei dieſer ſüperben Phraſe weiter gar Nichts, als ihm einen Schreck einzujagen, in⸗ dem ich auf die alte Fabel anſpielte, daß die Kammer⸗ jäger Gewalt beſitzen ſollen, Mäuſe und Ratten wie eine egyptiſche Landplage zu vermehren. Der junge Herr Graf muß es aber anders ausgelegt haben, denn er ver⸗ färbte ſich ſtebenmal in einer Minute und ging ſeiner Wege, ohne mir zu antworten, woraus ich zu ſchließen. ——jj — 152— geneigt bin, er habe irgend eine Niederträchtigkeit verübt, deren Entdeckung er fürchtet, und von welcher ſein ſchlechtes Gewiſſen ihn glauben läßt, ich ſei zufällig dahinter gekommen! 8 „Freund Schkramprl,“ ſprach Anton, der dieſen Vor⸗ trag ſeines geſprächigen Pflegers mit beſonderer Auf⸗ merkſamkeit verfolgt hatte,„ich bin Euch unendlichen Dank ſchuldig geworden, für die liebevolle Sorgfalt, ſo Ihr an mich wendet; wollt Ihr aber Eurem Werke die Krone aufſetzen, dann verſprecht und gelobt mir, Euch um die Verhältniſſe in Schloß Erlenſtein weiter nicht zu bekümmern, vorzüglich inſofern dieſelben jenen jungen Grafen Louis betreffen. Ich,— nun ja, ich will's nicht leugnen, ich kenne ihn; er und ich hatten einſtmals in B. eine unſanfte Begegnung miteinander; ich habe gegen ihn gefehlt, und es liegt mir, aus wichtigen Gründen⸗ ſehr viel daran, daß er von mir Nichts erfahre; wie ich Euch denn auch erſuche, mir von ihm Nichts weiter mit⸗ zutheilen. Glaubt mir, es iſt um ſo beſſer für mich, und ich bitte Euch herzlich, mir dieſe Gefälligkeit zu erweiſen.“. Schkramprl verſprach augenblicklich, was von ihm verlangt wurde. Kaum jedoch hatte er Anton's Lager verlaſſen und wieder das Freie erreicht, als er ausrief: ſo will ich doch ein Schurke ſein und gehängt werden, wie ein räudiger Hund, wenn ich dies Verſprechen halte! Dahinter ſteckt mehr, als auf den erſten Blick ſcheint. Sie kennen ſich.... ſte waren Feinde..... Antoine — 153— kam aus der Richtung von Erlenſtein, als ich ihn im Graben fand.... Schkramprl, nimm Dich zuſammen! Einundſiebenzigſtes Kapitel. Anton's Geneſung machte ſichtbare Fortſchritte. Soweit es ihm die ſehr erſchöpften Kräfte geſtatten wollten, durfte er das Krankenzimmer verlaſſen und im Schatten des kleinen Baumgartens ſich laben an war⸗ mer, freier Luft. Auch bezeichnete des Förſters Bruder ſchon die nahe Friſt, wo er, gänzlich geheilt, ſeine Wande⸗ rung fortſetzen dürfe. Den Förſter ſelbſt anlangend, bekümmerten weder er, noch ſeine Burſchen ſich um den übrigens mit wahrer Gaſtfreundſchaft behandelten Frem⸗ den. Sie hatten keine Zeit dazu. Bei'm Gehen und Kommen reichte der bied're alte Graubart ſeinem Gaſte die Hand, mit einem ſtets gleichen, wohlwollenden: wie geht's? und zeigte ſich nur verdrüßlich, wenn Anton der Beſchwerden Erwähnung that, die er in's Forſthaus gebracht. Dann ſuchte Förſter Wolff ſeine furchtbarſten Waidmannsflüche hervor und gebot ihm Ruhe. Ich habe drei Söhne, pflegte er zu äußern, die ſich durch die Welt ſchlagen müſſen; jeder von ihnen kann ehrlicher Leute Beiſtand gebrauchen; und was müßte unſer Herr⸗ gott in ſeinem himmelblauen Waldrevier von mir halten, wenn ich einem armen Teufel verweigern wollte, was ich im Falle der Noth für meine Jungen von ihm erbitte? ——“ — 154— Haltet Euer. Maul, und thut es nur auf, wenn Ihr Hunger habt, der ſich hoffentlich bald wieder bei Euch einſtellen wird.— Schkramprl befolgte die ihm gegebene Weiſung ſchein⸗ bar ſehr gehorſam. Er nannte den Namen Erlenſtein nicht mehr und gab ſich das Anſehn, wie wenn jeder Verkehr zwiſchen ihm und den Schloß⸗Ratten abgebro⸗ chen wäre. Auch zeigte er ſich ernſter, dabei ergebener, theilnehmender, als anfänglich. Er ſchwatzte nicht mehr ſo viel verworrenes Zeug untereinander, gedachte der Vergangenheit nur, wenn Anton das Geſpräch darauf lenkte, bemühte ſich dagegen, ſo oft wie möglich von der Zukunft zu reden, und Anton gewiſſermaßen auszu⸗ forſchen: auf was? und wohin ſeine Gedanken gerichtet wären? Was meint Ihr wohl, Antoine, fragte er unter Anderem, was möchtet Ihr Euch wohl wünſchen, wenn ein Zauberer, oder um im Laufe der natürlichen Begeben⸗ heiten zu bleiben, ein Kaiſer, König, Herzog— was es nun wäre— Euch unbedingte Erfüllung jedes recht, herzhaften Wunſches im Voraus zuſagte? Was würdet Ihr dann verlangen? Thut mir die Liebe und ſagt mir das. Nur, daß die Zeit vergeht, die hier im Forſthauſe, ohne Schmeichelei geſagt, niederträchtig langſam vom Flecke kommt. Sagt mir's. Ich baue gern Luftſchlöſſer. Ihr nicht? „Ich auch,“ erwiederte Anton.„Und früher liebt ich, ſie aufzurichten bis an die Wolken. Jetzt würd' ich mich mit kleineren Wünſchen begnügen; freilich immer noch zu groß, immer noch viel zu hoch und ſtolz für die Stellung, V — 155— die mir auf Erden angewieſen bleibt. Ich würde,— wenn wir denn doch nun einmal wie die Kinder ſpielen, ſo mag es ſein,— würde mir wünſchen, daß Liebenau, jenes heimliche, traute Dorf, wo ich meine Knabenjahre verlebte, mit ſeinen Feldern und ach, ſeinen Wäldern, mein wäre; mein wirkliches Eigenthum. Daß ich dort einzöge, als ſchuldenfreier, wohlhabender Beſitzer. Dann würde ich(ziemlich weit von hier, doch, wenn man Geld hat, kann man ſchnell reiſen) einen Beſuch abſtatten bei einem würdigen, rechtlichen, wenn auch ſtrengen Manne und dieſen um die Hand ſeiner Tochter bitten. Und wenn er Ja ſagte,— die Tochter ſagt nicht Nein— würd' ich ſie heimholen, nach Liebenau, und würde mich mit ihr trauen laſſen in der kleinen Dorf⸗ kirche; und würde ſie lieb haben; würde, mit ihr vereint, die Armen beſchenken, ihnen im Winter Holz geben und Brot, und warme Röcke; würde ſchöne Bäume anpflan⸗ zen; würde ein ſchlichter Landmann ſein, beglückt und zufrieden. Würde meiner alten Großmutter Grab—“ Na, ſeid ſo gefällig, und fangt zu heulen an, daß ich etwa auch weinen muß, was ſich für einen in Ruheſtand getretenen Rieſen durchaus nicht ſchickt! Deshalb fragt' ich nicht nach Euren Wünſchen, um auf den Friedhof zu gerathen. Die Ausſicht auf Hochzeit und Ehebett könnte mir ſchon beſſer gefallen. Alſo, das wären Eure Wünſche? Na ſchön, nun weiß man's doch und kann ſich bei Gelegenheit danach richten.—. „Ja, Schkramprl, das wären meine Wünſche, wenn ich noch dächte, wie ich vor einigen Monaten,— wie ich ſeit Piſa gedacht habe. Jetzt iſt das hin und todt. Doch dem theuren Liebenau werd' ich deshalb nicht ungetreu. Ein dummer, eitler, unerfahrener Korbmacherjunge lief ich davon; ein gedemüthigter, entſagender junger Mann kehr' ich zurück. Es iſt beſchloſſen, die alberne falſche Schaam iſt beſtegt. Während ich hier darniederlag, hab' ich es durchdacht und erwogen nach allen Seiten,... es iſt das Beſte, was ich thun kann. Großjährig bin ich jetzt; die Beweiſe vom Tode meiner Mutter, mein Taufzeugniß, Alles hab' ich, ſchwarz auf weiß. Meiner Großmutter Erbſchaft anzutreten, werden die Gerichte mich nicht mehr hindern; des Curators bin ich ledig; das kleine Häuschen, wo ich Körbe flocht, iſt mein; das Gärtchen dabei. Dort will ich fleißig arbeiten, ruhig leben, wie ein armer Kerl, der ich bin. Mögen ſie mich ein wenig auslachen! Mögen ſie mich hohnnecken und verſpotten, daß ich von meiner Reiſe um die Welt wie ein Bettelmann wieder⸗ kehre; mögen ſie mich Vagabund ſchelten und was ſie wollen,— wenn ſie ſehen, daß ich friedlich meinen Weg gehe, Niemand beläſtige, werden ſie mich wieder lieb haben, wie ſie damals den ehrlichen Anton lieb hatten. Ich will ja Nichts als Frieden, Ruhe, Einſamkeit. Die Welt iſt todt für mich. Ich habe genug von der Welt. Und wenn ich in Liebenau ſterbe, unbeachtet, vielleicht unbeweint,— komm'ich doch wenigſtens neben Diejenige zu liegen, die mir——“ ſeſſen auf Gräber. Ich habe Nichts gegen Euren Plan; Himmel ſackerment, Antoine, Ihr ſeid ja wie ver⸗ im Gegentheil, ich lobe ihn; ich find' es charmant, daß Ihr Eure Villa in Beſitz nehmen wollt, und lade mich im Voraus bei Euch ein, auf ein Gläschen Dünnbier; doch bleibt mir mit den Gräbern vom Halſe! In Eurem Grabe könnt ich Euch bei'm beſten Willen nicht beſuchen, weil ich nicht Platz darin fände; für mich muß es eine halbe Elle länger ſein, als für Euch, kleine Zwerge.... Dabei fällt mir mein Huſar ein. Beſinnt Ihr Euch noch auf ihn und ſeine beiden Weiber? „Auf Alles, Schkramprl, auf Alles. Jetzt aber gönnt mir Ruhe. Der Bau des Luftſchloſſes hat mich ange⸗ griffen. Ich will zu ſchlafen verſuchen, will verſuchen zu träumen— zu träumen, wie ſchön es ſein wird, wenn ich wieder einziehe in meine Hütte!“ Kaum ſah er ſeinen jungen Liebling im feſten Schlummer, als der Rieſe mit Rieſenſchritten davon eilte.„Das wird Ihr willkommen ſein!“ rief er aus und verlor ſich im Walde. 1 Zweiundſiebenzigſtes Kapitel. Zweimal ſchon im Laufe dieſer Erzählung haben wir Anton, unſern Helden, vom Krankenlager ſich erheben ſehen und ihn mit unſern guten Wünſchen in's neue Streben und Leben begleitet. Heute, wo er zum dritten Male vom Tode erſteht, nimmt er ſelbſt ſo geringe Hoff⸗ nungen, ſo anſpruchsloſe Erwartungen auf ſeine kleine Reiſe mit, daß wir uns bedenklich fragen müſſen: läuft es darauf hinaus? Iſt der arme Junge darum ſo unſanft hin und hergeworfen worden, hat er darum ſo viel erlebt, geirrt, gelitten, daß er am Ende aller Enden ſich glücklich ſchätzen muß, nur wieder einkriechen zu dür⸗ fen, von wo er ausging? Sollen die Erfahrungen, die er gemacht, die Bildung, die er gewonnen, die Kenntniſſe, die er ſich erwarb,— ſoll das Alles nur vorhanden ſein, damit er in ſeiner Großmutter niederer Hütte Körbe flechte? Eine Beſchäftigung, die ihm vor ſechs Jahren, wo er in voller Uebung war, unzweifelhaͤft beſſer gelang, als ſie ihm jetzt gelingen wird?. Und doch, wir müſſen es eingeſtehen, was bleibt ihm übrig? Thut er nicht am Beſten, ſich in ſtille Vergeſſen⸗ heit zu flüchten, dem Leben zu entweichen und dem Lärm des Lebens? Scheint er nicht vom Schickſal dazu be⸗ ſtimmt, jeder Hoffnung entſagen zu müſſen? Verfolgt ihn das Unglück nicht bei jedem Schritte, den er, vom Glücke gelockt und getäuſcht, zu unternehmen wagte? Immer beſſer, daß er auf der kleinen Erdſcholle, die er ſein nennt, das langſam hinwelkende, lebloſe Leben einer verkümmernden Pflanze durchmache, als daß er, aufs Neue in gefährliche Conflicte gebracht, ihnen unterliege und ein ſchmachvolles Ende nehme. Ja, ich verſtehe ſeine Sehnſucht nach Liebenau, nach ſeinem Häuschen, nach Einſamkeit! Ich begreife ſeinen Ueberdruß an Allem, was Menſchen heißt und Welt und Leben! Ich höre deutlich den Widerhall eines Liedchens, welches er ſummte und ſang, während er, noch matt und — —- — — 159— ſchwach, ſein Bündel ſchnürte, und deſſen lebte Zeile ſich immer wiederholte: „Bin müde, bin müde, laßt ſchlafen mich geh'n!“ Schkramprl hatte ihm bereits Lebewohl geſagt, und er hatte nur flüchtigen Abſchied genommen, unter dem Vorwande, daß unzählige Beſtellungen und Einladun⸗ gen ihn riefen, daß Milliarden von Ratten und Mäuſen, dem Verderben geweiht, ſeiner myſtiſt ſchen Todesurtheile harreten. Anton aber war der Meinung, daß dieſer Vorwand eben nur ein Vorwand ſei, durch welchen der gutmüthige Rieſe ferneren Dankſagungen, vorzüglich jedoch der ihm zugedachten Entſchädigung oder Beloh⸗ nung habe entgehen wollen.„Ein zartfühlender, groß⸗ müthiger Rattenfänger! Vielleicht kann ich's ihm doch dereinſt vergelten, was er für mich gethan? Vielleicht ſucht er mein Häuschen auf, um darin zu ſterben!“ Der Förſter und ſeine Burſchen begleiteten Anton bis an ihres Waldes Grenzen. Seit den letzten Tagen 8 wollt' es ihn bedünken, wie wenn ſein Gaſtfreund ein anderes Weſen gegen ihn angenommen hätte, als der⸗ ſelbe während der verfloſſenen zwei Monate an den Tag gelegt. Und jetzt, auf dem Wege durch den Wald, trat dieſe Veränderung unverkennbar hervor. Die derbe, treuherzige Freundlichkeit eines von eigener Amtswürde überzeugten Beamten war verſchwunden, an ihre Stelle eine faſt verlegene Artigkeit getreten, die ſich, bei wieder⸗ holten Ausbrüchen von Anton's Dankgefühl, nicht mehr an grobe Zurückweiſung deſſelben wagte, ſondern ein verbindlich⸗ablehnendes Schweigen entgegenſtellte: Auf 3 — 160— ſein dringendes Befragen, ob man ihm zürne, wurden dunkle, unverſtändliche Andeutungen erwiedert, die von „wunderbaren Verhältniſſen“ ſprachen und zuletzt be⸗ fürchten ließen, ſein Beſuch beim Grafen von Erlenſtein könne den Bewohnern des Forſthauſes kund geworden ſein. Deshalb gab er ferneres Befragen auf, ſtattete nochmals den innigſten Dank für alle Wohlthaten ab und ſchied von dem wackeren Förſter, der ſich ſcheidend „ſeiner Gunſt“ empfahl. 1 3 „Meiner Gunſt?— Entweder mein guter alter Gönner hat heute früh zu tief in ſein Fläſchchen geguckt, — oder Schkramprl, der Schelm, hat einen ſeiner ſchlech⸗ ten Späße gemacht und den leichtgläubigen Waldmän⸗ nern aufgebunden, ſie beherbergten einen Prinzen, der incognito reiſen will. So Etwas ſieht ihm ähnlich, dem langen Ungethüm!“ Und er wandelte rüſtig fort in den blühenden Som⸗ mer hinein. Er vergaß, daß er ſo lange Bett und Zim⸗ mer gehütet, daß er nur kleine Gänge zur Probe unter⸗ nommen hatte. Ihn trieb die Ungeduld nach Liebenau, trieb ihn zurück in die alten, halbvergeſſenen, eben des⸗ halb mit jungem Lebensdufte in ſeiner Seele aufblühen⸗ den Tage der Kindheit, wie wenn es in ſeiner Macht ſtände, wieder ein Kind zu werden, die Anſprüche, die er an ſich, an ſeine Umgebungen ſtellen gelernt, aufzugeben, an den Nagel zu hängen, wo ſein Knabenjäckchen hing, und wo nun ſein Reiſeranzen hängen ſoll. Armer Anton! Weißt Du denn nicht, daß Du Räumen entwachſen biſt; entwachſen auf jede W ——— — 161— Deinem männlich⸗ausgebildeten, ſchlanken Körper wird der Großmutter Stübchen ein Kerker ſein, und Deine Seele, die jetzt nur Ruhe träumt, wird ſich an dieſes Ker⸗ kers Wänden ſchwer verletzen, ſobald ſte wieder ſich zu regen beginnt, dem bunten Schmetterlinge ähn⸗ lich, der mit ängſtlichem Geflatter an eines Fenſters Glasſcheiben den feinen Farbenduft von ſeinen Fittigen ſtreift! Warum eilſt Du ſo ſehr Deinem Grabe entgegen? Dem Grabe Deiner Jugend, Deiner noch lange nicht beſtegten Lebensluſt? Und er wanderte rüſtig fort, bis er dieſer unzeitigen Anſtrengung unterlag. Nur mit dem letzten Aufgebot ſeiner ganz erſchöpften Kräfte erreichte er noch das kleine Städtchen St., etwa zwei und eine halbe Meile von Liebenau entfernt, nach ſeiner Berechnung. Dort mußte er liegen bleiben; nicht etwa, wie ſeine Abſicht geweſen, über Nacht, um des andern Tages ſein Ziel zu erreichen, ſondern wirklich, wie ein Kranker unterweges liegen bleibt, eines Arztes bedürftig. Er nahm ein kühles Zim⸗ mer im ſchlichten Gaſthofe, machte ſich bequem und war gerade im Begriff, nach einem Diener zu rufen, der ihm den„Herrn Doctor“ herbeiſchaffen möge, als die Stuben⸗ thür ſich langſam öffnete und Schkramprl's kleiner Peterl mit liſtigen Augen hereinſchielte. So hab' ich mich doch nicht getäuſcht, da ich unter⸗ weges Dich einige Male vor und neben mir zu er⸗ blicken glaubte! rief Anton aus; zum Teufel, Junge, wo kommſt Du her? „Mein Herr hat in der Gegend zu thun, und weil Holtei, Vagabunden. III. 11 wir im Forſthauſe, wo er Euch noch einmal zu ſprechen wünſchte, erfuhren, daß Ihr ſchon aufgebrochen ſeid, und weil er ſelbſt keine Zeit mehr hatte, hieß er mich Euch nachlaufen und mich erkundigen, wie's mit der Geſund⸗ heit ſteht? Aber Ihr habt ſo lange Schritte gemacht, daß ich mit meinen kurzen, dicken Beinen kaum folgen konnte. Nun bin ich da und ſoll nur fragen, ob Ihr was bedürft?" Dein Herr iſt ein großer Narr, Peterl, aber daneben der uneigennützigſte, treu'ſte Freund, den Gott belohnen möge; und Du biſt ein braver Burſch. Geh', mein Sohn, forſche nach dem beſten Arzt im Städtchen, und ſollt es nur Einen beſitzen, ſo iſt dieſer gewiß der beſte; den bringe mir. Denn mir iſt gar nicht gut, und ich möchte doch friſch und geſund in meiner Heimath eintreffen. „Das hat der Herr gleich geſagt, daß Ihr Euch über⸗ nehmen werdet; deshalb hat er mich auf die Lauer geſchickt. Habt keine Sorge; ich beſtelle den Arzt, und dann folg' ich dem Herrn und bring ihm Nachricht.“ Damit verſchwand Peterl, der wohlgenährte. Bald erſchien ein Arzt, der, verſtändig genug, des Kranken Uebelbefinden für das anerkannte, was es war; ihm ein laues Fußbad verordnete, einfache niederſchla⸗ gende Mittel verſchrieb, für einige Tage Ruhe anempfahl und baldigen Wiederbeſuch verſprach; dies Alles in einer Weiſe, wie wenn er den Patienten kenne und ihn, im Voraus ſchon von ſeiner Ankunft unterrichtet, erwartet habe. — 163— Gott mag wiſſen, was das wieder bedeutet! ſagte Anton, während er ſein Nachtlager beſtieg; bald werd' ich mir vorkommen, wie die Hauptperſon eines recht un⸗ natürlichen Romanes, die überall beobachtet, verfolgt, begleitet, überwacht, als Mittel für unbekannte Zwecke benützt wird, ohne jemals zu erfahren, was mit ihr ge⸗ ſchieht. Es giebt ſolche Romane, und wenn ich vom Ge⸗ ſchick auserſehen war, einen ſolchen mit mir ſpielen zu laſſen, bedaure ich nur, daß der Beginn ſich bis jetzt ver⸗ ſpätet hat, wo ich auf dem nächſten Wege nach Hauſe mich befinde. Romantik wäre mir dienlich und lieb ge⸗ weſen, da mir der Verſucher vom Eichberg herab die Schätze des Landes zeigte; von nun an muß ich mir die Romantik vom Halſe halten und die Romane.— Aber was zerbrech' ich mir den ſchwachen Kopf mit Muth⸗ maßungen, wenn ich die Löſung zur Hand habe? Schkramprl hat ſich wieder ein Späßchen gemacht; ſein Bote war es ja, der den Arzt herbeirief. Ja, ja, Schkramprl iſt ein ſeltener Freund,— aber ein großer Narr! Dieſe Wahrheit wiegte unſern ermatteten Freund in Schlaf. Doch ſchon mit dem frühen Morgen wurd' er aufge⸗ weckt durch ſeltſame Töne im benachbarten Zimmer, von denen er, noch ſchlaftrunken, anfänglich kaum zu entſchei⸗ den vermochte, welchem Gebiete der Thierkunde jenes Weſen angehören dürfte, dem ſie entſtiegen. Es war da⸗ bei im Spiele das Geſchnatter des Staares, das Ge⸗ krächz des Raben, das Geblök des Eſels, das Meckern 11* — — 164— des Ziegenbocks, das Geſtöhn' der Unke und das Gebell des Hundes. Erſt nachdem der Halberwachte hin und wieder einzelne Worte, dann ſogar ganze Zeilen verſtand, die alten Freunden gleich ſein Gedächtniß mahnten, fing er zu begreifen an, daß er ſich eines Nachbars erfreue. welcher mit allen Modulationen des umfaſſendſten Sprechorganes declamatoriſche Morgenübungen anſtelle. Schiller ward nicht geſchont, Tiedge heftig gemißhan⸗ delt, Koſegarten mußte mit einigen Naturſchilderungen herhalten, A. W. Schlegels Arion lieferte einen groß⸗ müthigen Delphin, durch welchen Anton an Herrn Zara's Robbe errinnert wurde; ſogar die Braut von Korinth ſtieg aus ihrem Grabe und wollte nicht weichen, bis das Geklapper des Kaffeegeſchirres ſie vertrieb, wo ſie verſtummte vor der Dienſtmagd des Gaſthauſes. Letztere ſtellte ſich denn auch bald bei Anton ein, nach ſeinen Bedürfniſſen zu forſchen; auf ſein Befragen ver⸗ nahm dieſer aus ihrem Munde, daß ſein Nachbar ein ſogenannter„Theeclamater“ ſei, der heute allhier in St. eine„Sauaree“ veranſtalten werde, zu welcher ſich ſämmtliche Honoratioren einfinden, auch viele Guts⸗ beſitzerfamilien aus der Nachbarſchaft erſcheinen würden. Wieder eine Sorte von Vagabunden, die mir noch nicht begegnet iſt, ſagte Anton. Ein reiſender Declama⸗ tor: Nach dem Pröͤbchen zu urtheilen, wie es durch die Wände zu mir drang, muß er ein gewaltiger Künſtler ſein, denn von Natur war Nichts zu ſpüren, während er ſich übte. Aber ich will ihn hören, heute Abend. An Weitergehen iſt bei meiner Mattigkeit noch nicht zu denken; ſo mag dies die letzte öffentliche Schauſtellung ſein, der ich noch beiwohne, bevor ich mich wieder hinter meine Körbe verſchanze. Gewiß, ich will ihn hören,— und ſein Publikum ſehen. 1 Der Arzt, der, wo möglich, noch artiger auftrat, als geſtern, billigte Anton's Vorſatz, mindeſtens noch einen Tag der gemächlichſten Ruhe zu widmen, und fragte ihn, was für einer Gelegenheit er ſich ſpäter bedienen wolle, um weiter zu reiſen? Dieſer hier, antwortete Anton, indem er auf ſeine Füße zeigte. Der Arzt lächelte pfiffig vor ſich hin und meinte, der Poſthalter beſitze eine ſehr bequeme gelbe Chaiſe, in guten Federn. Kann ſein, entgegnete Anton, aber ich habe nicht ſo viel Geld übrig, um mit Extrapoſt zu fahren. „Erwarten vielleicht eigene Gelegenheit?“ Habe ſie ſchon, Herr Doctor, wie geſagt; habe ſie ſchon in dieſen Beinen. „Belieben zu ſcherzen!“ Herr, was wollen Sie mit Ihren Andeutungen? Mit dieſen verſteckten Winken? Halten Sie mich für etwas Anderes, als ich bin, das heißt, für etwas Anderes, als einen armen, hergelaufenen Burſchen, der, jeder Eitelkeit und jedem Anſpruch entfliehend, die nied're Hütte ſeiner Heimath aufſucht, ſo ſind Sie im Irrthum. Ich bin ein Korbflechter, der Arbeit braucht, und wenn Sie in Ihrer Wirthſchaft zerbrochene Körbe haben, die ich aus⸗ beſſern kann, dann laſſen Sie mich Ihr Honorar für — 166— ärztliche Bemühungen abarbeiten; Sie ſollen ſehen, wie ich es ernſtlich meine. Der Arzt wurde ſtutzig. Die innerſte Ueberzeugung in Anton's Worten fing an, ihn irre zu machen. Schon ſtand er im Begriff, ſich auf Erklärungen einzulaſſen, da ging die Stubenthür auf, eine abenteuerlich aufgetakelte Frauenperſon trat ein; ſie begann mit feierlich⸗tremuli⸗. render Stimme: „Der Ruf Ihrer Huld, gnädiger Herr, dringt, roſen⸗ duftigen Zephyren gleich, in die Laubengewinde der Kunſt, deren Prieſter mit wonnereicher Zuverſicht erla⸗ bend; ſo drang er auch zu uns, und von ihm ermuthiget, ſendet mein Gatte, der, angegriffen von den erſchüttern⸗ den Morgenſtudien, einer nothwendigen Schlummer⸗ ſtunde ſich hingiebt, mich, die liebende Gattin, mit dieſem Programme zu Ihnen, um Sie einzuladen, daß Sie ihm heute Abend Ihrer Gegenwart Ehre gönnen mögen. Obwohl parteiiſch für ihn— und wehe der Gattin, die es nicht wäre für den Gefährten ihres Lebens,— darf ich doch ohne Parteilichkeit behaupten, daß er das Ueber⸗ ſchwängliche leiſtet als deutſcher Kunſtredner, als Ver⸗ edler heiligſter Gefühle, als Verbreiter poetiſcher Schön⸗ heiten. Leider noch ſind die Behörden, deren Sorgfalt öffentliche Geſchmacksbildung anvertraut wurde, tief im Dunkeln über die Verdienſte meines Gatten; lleider noch muß er als Begünſtigung von einzelnen Schulvorſtehern erbitten, daß ſie ihm erlauben, die junge Welt durch ſeiner Donnertöne Gewalt zu erſchüttern, wofür jeder Zuhörer die geringe Summe von zwei Groſchen ent⸗ 4 487— richtet, während alle Bierfiedler beſſer bezahlt werden. Aber lange kann das nicht mehr dauern. Wir reiſen jetzt nach der Reſidenz; dringende Empfehlungen werden bewirken, daß mein Gatte, mein Mortimer, bei Hofe declamire und dann,— o nein,— lang lebe der König, es freue ſich, was oben athmet im roſigten Licht,— nein, dann kann es nicht fehlen, daß ihm Auszeichnung, Belohnung und Rang zu Theil werden; er wird, ich zweifle nicht,— feſt gemauert in der Erden ſteht mein Glaube— eine Anſtellung erhalten als königlicher Kunſtredner und wirklicher Ober⸗Gefühls⸗Veredler für Gymnaſien und Bürger⸗Schulen. Um Dies erreichen, um in der ſtolzen Reſidenz unſerer würdig auftreten zu können, machen wir gegenwärtige Kunſtreiſe und rechnen auf Mäcene, die Ihnen ähnlich, gnädiger Herr—...“ Madame, unterbrach ſie Anton, es war ohnedies mein Wille, das Declamatorium dieſes Abends zu beſuchen; und ich hoffe, ich werde dies dürfen, ohne die Titel zu führen, mit denen Ihre freigebige Einbildungs⸗ kraft mich ſchmückt. Gewiß werd' ich mich einſtellen und mein Scherflein zu Ihrer glorreichen Ausſtattung für die Reſidenz um ſo ſicherer beitragen, als wir alte Bekannte ſind. „Wär' es möglich? Hätten die Schlangenwindun⸗ gen meiner Laufbahn die Ihrige ſchon einmal durch⸗ kreuzt?“ ee Ich glaube nicht zu irren, wenn ich mir die Freiheit nehme, Sie an einen jungen Burſchen zu errinnern, deſſen Wäſche Ihrer beſonderen Sorgfalt ſich erfreuen durfte, während er als Diener in einer Menagerie ange⸗ ſtellt war. Oder ſollte die alte, berühmte Stadt D. nicht das Glück haben, Ihre Vaterſtadt zu ſein? Madame wurde feuerroth, ſtammelte ſehr verlegen die Verſicherung heraus, daß ſie niemals in D. geweſen ſei, daß es täuſchende Aehnlichkeiten gebe, daß ihr Gemahl ſte erwarte u. ſ. w. Dann warf ſie noch einen prüfenden Blick auf den„gnädigen Herrn,“ ſchien ſich des ehemali⸗ gen Antoine bei Madame Simonelli wirklich zu erinnern, und eilte beſchämt in die Arme ihres Mortimer's. Der Arzt, offenbar ſtutzig gemacht in ſeinen zuver⸗ ſichtlichen Vorausſetzungen, wußte doch nicht recht, wie er einen Menageriewärter, der die an einen gefühlsver⸗ edelnden Kunſtredner verehelichte Wäſcherin aus D. kannte und von ihr erkannt wurde, mit dem geheimniße vollen Kranken in Eines verflechten ſolle, dem er Ehr⸗ furcht gezollt, und zog ſich, nachdem er ſeine Rathſchläge beſtens wiederholt und ein Honorar empfangen hatte, ebenfalls vom Schauplatze fort. Doch ſo gut war es nicht gemeint, daß Anton deshalb ſich ungeſtört erſehnter Einſamkeit, ernſtem Nachſinnen hätte hingeben dürfen. Bald meldete ſich ein reiſender Portraitmaler, der ebenfalls auf den„gnädigen Herrn Baron“ ſpeculirte, über deſſen Anrede ſich aber der An⸗ geredete nicht mehr ärgerte, weil er nun außer Zweifel war, daß Peterl, um wie ein würdiger Schüler Schkramprl's auf⸗ und abzutreten, ihn geadelt habe. Der Maler kündigte ſich mit eigenem Munde als ein „lüderliches Genie“ an. Ich weiß, ſo äußerte er ſich — 169— gleich bei ſeinem Eintritt, es muß übles Vorurtheil erwecken, wenn der Künſtler ſich in den Kneipen kleiner Städte Durchreiſenden anbietet; der Fremde iſt berechti⸗ get, einen Kleckſer zu erwarten, einen talentloſen Pfuſcher, unfähig, an größeren Orten mit Ehren zu beſtehen. Ich bin eine Ausnahme. Ich meide große Städte, nicht weil ich den Vergleich mit anderen Portraitmalern fürchten müßte, ſondern lediglich deshalb, weil es mich anekelt, mit ihren Anmaßungen und Prahlereien in die Schranken zu treten. Dieſe geleckten und geſchleckten Pinſel, die vierundzwanzig Sitzungen brauchen für ein langweiliges Oelbild, welches ſie gut gemalt nennen, in welchem aber ſogar der eigene Hund ſeinen Gebieter nicht wieder erkennt, es vielmehr anbellt wie den Mann im Monde, wohnen in ſchönen möblirten Zimmern, haben Ateliers, ſeidene Schlafröcke, geben vor, Hiſtorien⸗ maler zu ſein, laſſen ſich mitunter Profeſſoren ſchimpfen, bilden Schüler und heißen Akademiker. Mir ſind dieſe Charlatanerieen zuwider.— Ich halte— da nun einmal die großen Meiſter Todes verblichen, um nicht wieder au zuſtehen,— keinen von uns Lebendigen für würdig, Bilder zu malen mit der Anmaßung auf lange Dauer; halte kein Geſicht, wie ſie jetzt herumlaufen, für würdig, mit dem Anſpruch auf Verewigung contrefeit zu werden, bin vielmehr der Meinung, unſere miſerable Gegenwart ſolle ſich mit der Gegenwart begnügen, dem Augenblick ſein Recht thun und damit Baſta! Deshalb mal' ich in Waſſerfarben, friſch, bunt, keck, aber raſch, in fünfund⸗ vierzig Minuten; dabei treff' ich wie aus dem Spiegel geſtohlen. Wenn ein jugendliches Antlitz, wie das Ihrige, ſich auf meinem Bildchen erblickt, freut es ſich über ſich ſelbſt, verſchenkt ſich mit Luſt und hat den Troſt, nach einigen Jahren, wo dem Original die Jugend und Schönheit zu entweichen beginnt, keine niederſchlagenden Vergleiche mehr zu fürchten, denn bis dahin iſt meine Malerei längſt an Luft und Sonne verblichen, verlöſcht, unkenntlich geworden. Folglich triumphirt das Original über die Copie. Wie gefällt Ihnen das? Drei Thaler zahlt der Plebs, Standes⸗Perſonen zahlen nach Belie⸗ ben. Nehmen Sie Platz, ſetzen wir uns; Sie bleiben, auch ſitzend, in meinen Augen eine Standes⸗Perſon. „Ich bin noch niemals portraitirt worden,“ antwor⸗ tete Anton,„und wenn auch meine Kaſſe ungleich mehr der dünnen Börſe des fußwandernden Handwerksbur⸗ ſchen, als der eiſernen Chatouille einer reiſenden Stan⸗ des⸗Perſon ähnelt, möcht' ich doch, pour la rareté du fait, Ihren Pinſel in Anſpruch nehmen. Legen Sie, bitt' ich, das Bildchen ſo klein als möglich an, damit es...“ In Briefform verſendet werden könne? Verſtehe! Ein Wort genügt. Nur bitt' ich um fünfzehn Minuten mehr, als accordirt war. In einer Stunde ſind Sie erlöſet. — So, dies Blatt wird paſſend ſein. Unten eines Fin⸗ gers Breite leerer Raum, damit etliche Worte darunter geſchrieben werden können, nicht wahr? O ich kenne mein Handwerk. Sie waren krank, will mich bedünken. Angenehme, ſchmachtende Bläſſe, ſehnſüchtige Hinge⸗ bung! Ich ſpare an theurer rother Geſichtsfarbe. Die 1 Augen ſind die Hauptſache bei Ihnen. Wiſſen Sie, daß Sie wunderbar ſchöne Augen führen, Herr Baron? Viel zu tief, viel zu geiſtreich für einen Baron. „Der Teufel iſt ein Baron, Herr!“ Ich weiß, ich weiß, ich kenne meinen Goethe ſo gut wie mein Handwerk. Der Teufel iſt Baron:„ſieh her, das Wappen, das ich führe;“ es ſteht feſt, jeder Teufel von einiger Bedeutung muß Baron ſein, ſonſt wär' er nicht hoffähig in der Hölle; aber nicht jeder Baron iſt umgekehrt ein Teufel, wie der Augenſchein lehrt. „Sie könnten mir einen Dienſt erweiſen, Beſter, wenn Sie mir ehrlich ſagen wollten, wer Ihnen geſagt hat, daß es ein Barons⸗Angeſicht ſei, dem Sie gegenwärtig Aufmerkſamkeit widmen.“ Wer? Je nun, er; Ihr Diener, Ihr Heiduck, Ihr Leib⸗Rieſe; der alte Mann mit der jugendlichen Quäk⸗ ſtimme: er ſandte mich zu Ihnen. „Schkramprl! der Kerl iſt toll.“ Doch wohl nur bei Nordnordweſt? Wenn der Wind ſüdlich iſt, kann er einen vornehmen Herrn von einem Vagabunden unterſcheiden. „Sie ſind mir zu gelehrt, Herr Maler.“ Shakeſpeare— Hamlet! „Schon recht. Schkramprl iſt ein Schlingel, der ſich ſchlechte Späße mit mir erlaubt, und ſeinem Pagen Peterl will ich die Ohren abreißen, wenn er mir noch einmal in die Hände geräth.“ Welche Jammertöne in Ihrer Nachbarſchaft! „Ein reiſender Declamator, der ſich für heut' Abend übt. Kennen Sie ſeine Gemahlin?“ Ihn und ſie! Das edle Paar wirkte jenſeit des Waſ⸗ ſers— ich meine auf der polniſchen Seite— bei einer reiſenden Schauſpielertruppe mit, wo ich ſie mehrmals bewundert habe. Die Truppe hat ſich aufgelöſet, in Folge innerlicher Zerſetzung. Herr Mortimer treibt ſein Weſen ſelbſtſtändig fort. Hören Sie nur, wie er's treibt!2 „Und die Gattin? Giebt ſie den Hörern Nichts zum Beſten?“ Sie ſitzt an der Kaſſe.— Mein Himmel, lieber Baron,— bitte, die Augen ein Wenig nach oben!— wir wollen Alle leben; der Eine gut, der Andire ſchlecht. Sie begreifen das nicht. Aber ich.... wahrhaftig, mir iſt ſogar ein ſolcher Declamator begreiflich. Das heißt: von ſeiner Seite. Weniger von der Seite Derer, die ſich einſtellen, ihn zu hören. „Und giebt es Deren?“ Es giebt Deren. Glauben Sie mir, bei der Mehr⸗ zahl jener zweibeinigen Geſchöpfe, die ſich das Recht an⸗ maßen, Menſchen genannt zu werden, kommt es nur darauf an, ſie einzuſchüchtern, ihnen frech entgegenzutre⸗ ten, ſie in Grund und Boden zu ſprechen. Geſchmack, eigenen, ſelbſtſtändigen Geſchmack beſitzen und üben die Wenigſten; ſogar unter denen, die ſich für gebildete Leute halten, iſt er ſelten. Das kommt einem rohen, unver⸗ ſchämten Lümmel von Ihres Nachbars Gattung zu Gute. Er redet ihnen ein, daß er ein Kunſtredner ſei, und Niemand fragt, ob es wahr iſt. Die Zeit wird ihnen freilich fürchterlich lang während ſolchen Declamato⸗ — 173— riums, aber ich fürchte, ſie würde ihnen noch länger wer⸗ den, wenn der Mann wirklich gut, einfach und natürlich vortrüge, während er jetzt gerade das Gegentheil thut. Ich habe gefunden, daß verhältnißmäßig alles Niedere, Schlechte, Gemeine auf Erden die beſte Aufnahme findet. „Das iſt aber eine traurige Anſicht von der Welt; und gar für einen Künſtler.“— Die Welt iſt auch nicht luſtig, Herr Baron; ich finde ſie ſehr traurig für einen Künſtler: warum ſoll ich ſie nicht traurig anſeh'n? Daß heißt: warum ſoll ich nicht eine traurige Anſicht von ihr hegen, vorausgeſetzt, daß dieſe Anſicht meiner Fröhlichkeit keinen Eintrag thut? Und das thut ſie nicht; denn ich bin immer guter Dinge, ſogar dann, wenn ich kein Geld habe. Das will viel ſa⸗ gen, wie? Doch das kennen Sie nicht. Anton brach in ein ſo herzliches Lachen über dieſe Behauptung aus, daß der Maler ihn dringend erſuchen mußte, ſeinen Bewegungen Einhalt zu thun. Es wird ohnedies bald überſtanden ſein, ſetzte er hinzu. Auch war die erbetene Stunde kaum verſtrichen, als ein handgroßes, heit'res Bildchen vollendet war, dem nur ein Blinder den Vorzug lebendigſter Aehnlichkeit hätte abſprechen können. Natürlich war es nur ſkizzirt, aber ſo ſicher und feſt ſtand es da.... man konnte nichts Vollendeteres in dieſer hingeworfenen Manier denken. „Wie leid thut es mir,“ ſagte Anton,„daß ich nicht bin, wofür mich zu halten Ihnen beliebte. Ich würde dies reizende Spiel Ihrer geſchickten Hand mit Goldſtük⸗ — 174— ken bedecken, um Sie würdig zu bezahlen. Aber wahr⸗ lich, wenn ich Ihnen entrichte, was Sie vorhin Ihren feſtſtehenden Preis nannten, ſo empfangen Sie gerade die Hälfte meines Capitals.“ Und bin damit zufrieden,— ohne jedoch der Groß⸗ muth Hinderniſſe in den Weg werfen zu wollen. Laſſen Sie uns einen Vertrag ſchließen. Heute über ein Jahr, oder ſpäter, wie mich der Wind treibt, beſuch' ich Sie auf Ihrer— Beſitzung und hole mir die Summe nach⸗ träglich ab, deren Sie mein flüchtiges Talent heute würdig fanden. Sind Sie damit einverſtanden? Ja? So empfehl' ich mich und wandle fürbaß, denn ich habe noch einige heimliche Bürgertöchterangeſichter zu liefern. Alſo, auf Wiederſehen in Liebenau! Dreiundſiebenzigſtes Kapitel. Ich erlaſſe meinen Leſern großmüthig das unvermeid⸗ liche Declamatorium. Hat ſich Anton doch auch die grö⸗ ßere Hälfte deſſelben geſchenkt und noch vor Tagesan⸗ bruch, mit neugeſtärkten Kräften, aber nichtsdeſtoweniger vorſichtig und langſam gehend, ſeine letzte Tagereiſe nach der Heimath angetreten. Er berührte jetzt, bei der Wiederkehr, die Grenzen des Liebenauer Forſtes nicht von der Seite des Fuchs⸗ winkels, wo er ausgegangen; vielmehr bog er in jenen Fußpfad ein, der mit der Straße zur Hauptſtadt in Ver⸗ bindung ſteht. Dort hatte Onkel Naſus ein Jahr vor Antons Flucht kleine Birken anpflanzen laſſen. Die jungen Stämmchen, die man zeitig abgeſchnitten, waren bereits in dicke Geſträuche umgewandelt, welche voll belaubt, den großen Hau mit lächelndem Grün bedeckten. Unzählige Finken ſangen dort ihr Morgenlied. Ueber die Schonung hinaus drehte bei ſanftem Winde die alte wohlbekannte Mühle ihre breiten Flügel. Der Müller ſteckte den weißbeſtaubten Kopf zum kleinen Guckloche heraus. Von dem Flecke, wo Anton Dies ſah, iſt noch ein halbes Stündchen bis an's Dorf. Es war ihm unmöglich, dieſes kurze Stück Weges jetzt gleich zurück⸗ zulegen. Seine innere Bewegung überwältigte ihn. Er ſetzte ſich an den Rand des Grabens, welcher die Birken⸗ ſchonung von einem Stück Brachfeld trennte. Ueber dieſes kamen Schaafe gezogen, hinter ihnen Schäfer und Hunde. Der Schäferknecht mit ſeinem langen, blaſſen Geſicht und den weißlich⸗blonden Locken konnte kein anderer ſein, als des alten Schäfers jüngſter Sohn, Gottlieb, einſt Gottliebel genannt, ein Geſpiele aus der Kinderzeit. Er grüßte Anton wie einen Fremden und ging vorüber; die Hunde knurrten, und Gottlieb mußte ſie beſchwichtigen. Es wird mich Niemand mehr erkennen, im ganzen Dorfe nicht, ſeufzte Anton, ſo wenig wie Schäfers Gott⸗ liebel. Meine Großmutter, die würde mich erkennen, aber die iſt begraben. Es iſt auch freilich bald ſieben Jahre her, daß ich fortlief,— ſieben Jahre!— Mir kommt's vor, als wenn es ſiebenzig wären, ſo Vielerlei iſt mir begegnet, daß ich es gar nicht durchdenken kann, —-y———ÿ—— — 176— ohne ſchwindlig zu werden; wenigſtens heute nicht. Und dann wieder, wenn ich nach dem Dorfe ſchaue, nach dem Kirchthurm, da iſt mir wieder, als wären's kaum ſieben Tage, daß ich abweſend war. Zuletzt läuft Alles auf Eines hinaus, und wenn der Menſch erſt todt iſt, machen ſiebenzig Jahre nicht mehr aus, wie ſiebenzig Minuten, ſechzig auf die Stunde gerechnet. Wie geſagt, zuletzt läuft Alles auf Eins hinaus und iſt Alles nur Einbildung: Frreeude und Schmerz, Glück und Elend, Trennung und Wiederſehen. Die ganze Geſchichte iſt nicht werth, daß man ſich plagt, abängſtiget, betrübt. Was war's nun, daß ich mir damals einbildete, hier könnt' ich's nicht länger aushalten, ich müßte die Welt, müßte das Leben kennen lernen. Was war's anders, als Einbildung? Jetzt hab' ich die Welt geſehen, Menſchen und Leben geſehen, und bin ich nun glücklicher? Da ſitz' ich wieder, von wo ich ausging, um Nichts klüger... ei ja, klüger doch Wohl, wohl, um Vieles klüger. Oder iſt es nicht ſchon ein Zeichen zunehmender Klugheit, daß in dem⸗ ſelben Augenblicke, wo ich„die Birken“ betrat, eine Stimme in meinem Herzen wach wurde, die mir meiner ſeligen Großmutter Worte in's Gedächtniß rief: „auf daß Du friedlich lebeſt und dereinſt in Frieden ſterbeſt. Alles Andere iſt dummes Zeug.“ Dieſe Worte, an denen ich zweifelte, deren Sinn ich nicht zu begreifen vermochte, wenn die alte Frau ſie mir predigte, tönen mir heute, an dieſer Stelle, wie ein Evangelium der Huld, des Troſtes. Ich verſtehe jetzt, was ſie damit meinte. Und dies Verſtändniß hab' ich mir draußen erſt errungen, folglich bin ich klüger geworden, es iſt keine Frage; folglich wär ich nicht ver⸗ gebens gewandert; folglich werd' ich und muß ich jetzt aushalten in der beſchränkten niedrigen Zukunft, die vor mir liegt. Und darum denn nicht lange getrödelt! Auf, Anton! dort hinein, wo ſich das Dorf wie in einen Zipfel nach dem Walde zu verliert; dort hinüber, am Ziegelofen vorbei, liegt dein Erbtheil, dein Häuschen, dein Garten, deine Welt. Vorwärts, und ohne Murren! Er hob ſich, den letzten, ſchweren Gang zu thun. Da er ſich dem Gartenzaun näherte, war es ihm, als ſchlüpfte Jemand, vor ihm ſich verbergend, durch die Stachelbeerſträuche des Nachbars, und er glaubte Peterl zu erkennen, welchem er die Ohren hatte abreißen wollen, was er aber jetzt vergaß und den Jungen laufen ließ. Er ſtand vor ſeiner Großmutter Haus, vor der offe⸗ nen Hinterthür, die nach dem ſauber gehaltenen Gärt⸗ chen führte. In dieſem hatte ſich gar Nichts verändert, außer daß die jüngeren Bäume mächtig gewachſen waren. Er trat in den kleinen Hausflur, wo er jeden Nagel, jedes Brett wieder erkannte. Alles war ſtill. Er ſchritt bis an die Stubenthür, er klopfte ſchüchtern an... es durchrieſelte ihn ſo Etwas, wie eine Erinnerung, daß die braune Bärbel erzählt hätte, Fräulein Ottilie be⸗ wohne ſein Haus, als Mietherin. Nun lauſchte er auf ihr„Herein!“; doch ließ ſich Nichts vernehmen. Er öffnete in Gottes Namen. Da war keine Seele im Zim⸗ mer. Vett, Schränke, Stühle, Geſchirr ſtanden wie bei der Großmutter Tode. Er wagte ſich bis in ſeine Kam⸗ „ Vagabunden. III. 12 1 — — 178— mer. Sein Handwerkszeug lag in ſchönſter Ordnung, der letzte Korb, den er begonnen, ſtand unvollendet, wie er ihn gelaſſen. Auf einem kleinen Tiſchchen unterm Fenſter ſtand der Käfig, den er für ſeine Turtel⸗ taube geflochten, worin er das zahme Thierchen auf's Schloß getragen. Die Taube ſaß darin. Er öffnete den Käfig, um ſie zu ſtreicheln, ſie war leblos, war todt, aus⸗ geſtopft, auf ihre Stange feſtgenagelt. Oben am Käſig, von einem blauen Bändchen umſchlungen, hing das Blatt mit ſeinen Abſchiedsverſen. Kein Zweifel, Ottilie be⸗ wohnte noch dieſes Haus. Sie war ihm und ſeinem Andenken treu geblieben; dieſe Ueberzeugung ſprach ihn aus jedem Winkelchen der niedern Räume an. Aber er ... hatte er wohl ſeit Lauras erſtem Blicke ihrer nur gedacht? Kaum; und wenn es geſchah, mit täglich zunehmen⸗ der Gleichgültigkeit. Und heute ſollte er ſie wiederſehen! Und wenn ſie ihn fragte: wie iſt es, Anton, bringſt Du mir die kindlichen Gefühle Deines reinen Herzens rein und herzlich wieder mit? Iſt Tieletunke noch die ſte Dir war? Was konnte er dann erwiedern: Namenloſe Angſt bemächtigte ſich ſeiner. Eiligſt will er das Haus verlaſſen.... an der Vorderthür tritt ſie ihm entgegen. Kaum erkennt er ſie, ſo auffallend hat ſie gealtert. Groß, mager, bleich, wie ein Geſpenſt ſteht ſie vor ihm. Sein Anblick überfliegt ihr Antlitz mit einem Purpurſchein der Freude; ſie verjüngt ſich, wie durch — 179— Zauber. Doch verräth ſonſt kein Ausruf, keine übereilte Bewegung, was in ihr vorgeht. Lächelnd reicht ſie ihm nur die Hand, und wie wenn ſie ſich geſtern getrennt hät⸗ ten, ſpricht ſie freundlich: Nun, Anton Hahn, ſeid Ihr wieder in Liebenau: „Fräulein Ottilie— gnädige Baroneſſe— ich bin ſo erfreut. und Sie in dieſem Häuschen? Dieſes Glück für mich. Schwatzt keinen Unſinn, Anton. Es war ein Glück für mich, in dieſem Hauſe wohnen zu können; ich hab' es gemiethet, es iſt paſſend für eine alte Jungfer. Nun kehrt Ihr zurück, wollt Euer Eigenthum in Beſchlag nehmen,— und ich werd' es räumen. Darauf bin ich ſchon vorbereitet, denn ich dachte mir's, Ihr würdet über kurz oder lang wieder heimkehren. Laßt mir Zeit bis morgen. Ich zieh' aus Liebenau fort. Meine Anſtal⸗ ten ſind getroffen. „Ich ſoll Sie vertreiben Fräulein Ottilie? Nimmer⸗ mehr.“ Närriſcher Menſch, kann es denn anders ſein? Euer Häuschen ſteht leer, der Gerichtshalter will es vermie⸗ then, ich ziehe ein. Ihr kommt wieder,— ich ziehe aus und mache dem Beſitzer Platz. Reden wir nicht weiter davon. Heute geht in's Wirthshaus, ſchlaft auf friſchem Heu... und morgen nehmt Eure Sachen in Empfang. „Ach, wenn ich nur nicht ſo arm wieder käme, ärmer, als ich auszog,— und wenn ich mir's nur getraute... ich möchte wohl... aber, Fräulein Tieletunke... ich weiß halt nicht.. — 180— Anton, gieb mir die Hand! Du biſt ein gutes, ehr⸗ liches Herz. Damit genug! Geh' Deiner Wege, bis morgen. Suche den Herrn Curator auf. Dein Vor⸗ mund iſt begraben. Morgen räum' ich Dein Haus! Kein Wort weiter. Geh'! Sie hat mich verſtanden, murmelte Anton im Gehen. Und ich verſtand ſie auch. Sie weiſet meinen Antrag zurück, im Häuschen zu bleiben und mich wieder ziehen zu laſſen; ſie will dies Opfer von mir nicht annehmen; ihr Stolz hat ſie noch nicht verlaſſen, auch in ihrer Armuth nicht. Da bleibt für jetzt Nichts übrig, als das Wirthshaus.'s war auch albern von mir, zu glauben, ich würde das Neſt leer finden und mich nur gleich ſo hineinſetzen können.'s war eine indirecte Beleidigung 1 gegen den Curator meiner minorennen Erbſchafts⸗Maſſe. Nein, ſolche Hôtels läßt man nicht unbeſetzt. Ha ha, ich muß lachen, da ſteht Anton Hahn mitten in der Hauptgaſſe, in den Linden, dem Graben, den Boule⸗ vards von Liebenau, vor ſeinem eigenen Palaſte, und kein Hahn kräht nach Herrn Hahn, kein Hund begrüßt ihn, kein Menſch kennt ihn mehr! Kämpfte nicht Weh⸗ muth mit mir wie mit einem ſchwachen Mädchen und trieb mir heiße Thränen in's Auge, da ich die lange Dorfgaſſe betrat? Und jetzt iſt's wie weggeblaſen, das ſüße, weiche Gefühl der Heimkehr; jetzt kommt die Wirk⸗ lichkeit und ſchickt mich in's Wirthshaus, wo die Flegel bei Bier und Schnaps ſitzen, Karten ſpielen; wo ſie mich anſtarren werden, wie die Kuh das neue Thor... und — 181— gute Nacht: ſüße Wehmuth, ſanfter Thränenthau, Wonne des Schmerzes; gute Nacht Alles, was Poeſie heißt. Ich bin überzeugt, wend' ich mich nach dem Kirch⸗ hofe, um meiner Alten Grab zu ſehen und auf dieſem die wohlthätige Simmung wiederzufinden, die ich brauche und wünſche, dann haben die Schuljungen das Gitter⸗ thor aufgelaſſen, und ein Schwein liegt am Grabe und wühlt den Hügel mit ſchmutzigem Rüſſel auf.— Da macht Tieletunke den Fenſterflügel zu; ich bin ihr mit meinem Anblick zur Laſt, wie es ſcheint? Wohlan, ich kann auch anderswo dieſe auferbaulichen Selbſtgeſpräche fortſetzen. Und darum will ich, um nur gleich das Schlimmſte hinter mir zu haben, das Dorf entlang zum Herrn Curator gehen, mich bei ihm anmelden, wie ſich gebührt. Bei dieſer Gelegenheit werf' ich im Vorüber⸗ gehen auch ein Blickchen nach dem alten, lieben Schloß.— Wer mag darin hauſen? Hätte doch Fräulein Ottilie befragen ſollen.— Und Anton ging langſam durch's Dorf, voll Erwar⸗ tung, wer von alten Bekannten ihm begegnen, wer der Erſte ſein werde, der ihn erkenne, der ſich ſeiner erinnern möge. Doch wie er ſeine Augen forſchend rechts und links, hinüber und herüber nach Häuſern und Hütten ſendete,.... nirgend kam ihm ein menſchliches Weſen in den Wurf. Alles wie ausgeſtorben. Endlich überholte er den völlig zuſammengekrümm⸗ ten, uralten Tiſchler Fiebig, denſelben, der damals den Sarg für den ſchwarzen Wolfgang geliefert; der Greis — 182— ſchlich am Stabe ſo langſam fort, daß er ſich kaum vom Flecke zu bewegen ſchien. Dabei war er faſt erblindet. Anton ſprach ihn an: wohin des Weges, Väterchen? „Auf's Schloß, Landsmann; auf's Schloß.“ Und ſo allein, ohne Führer; „Sind alle vorauf; konnten's nicht erwarten.“ Was denn? Giebt's was zu ſeh'n? „Die neue Herrſchaft, halt!“— Die neue Gutsherrſchaft hält ihren Einzug? Alſo iſt Liebenau wieder verkauft worden? „Der Herr van der Helfft iſt verſtorben, Landsmann, draußen, weit weg. Hat viel Proceſſe hinterlaſſen! Sie haben Acten geſchrieben, multum; multum viel, Lands⸗ mann. Vor acht Tägen war Verkaufs⸗Termin. Hoch fortgegangen: Hundert fufzig Tauſend. Viel Geld das, aber gleich deponirt, pure Pfandbriefe. Reicher Kerl, der Käufer!“— 1- Wie heißt er denn? „Weiß nicht! Weiß Niemand nicht. Hat ſich nicht benamſet. Sein Affenkate iſt mit Vollmacht gekommen: General⸗Spezial⸗Vollmacht. Heute wird er ſich zeigen. Neugierig; Alle neugierig im ganzen Dorfe. Sagen, s wär' ein Fremder, einer aus der neuen Welt. Curios, ob er ein ſchwarzes Geſicht hat? He? Wollt Ihr mit⸗ kommen, Landsmann?“ Meinetwegen; ich will Euch unterſtützen, Väterchen, dann geht's raſcher.— 3 Sie eilten, ſo geſchwind wie Anton's Beihilfe den Urgroßvater Tiſchler fortſchieben konnte, auf's Schloß. — 183— Am Einfahrtsthore des Hofes, und diesmal vollkommen deutlich und ſicher, daß er ſich nicht täuſche, erblickte Anton wiederum Schkramprl's Peterl, der, ſobald er ihn erblickte, wie ein Pfeil in den Hofraum hineinſchoß. Der alte Fiebig hatte die Wahrheit geſagt: die ganze Gemeinde ſchien verſammelt. Dicht zuſammengedrängt ſtanden Jung und Alt, daß die wohlbekannte Wilde⸗ Weinlaube, die als grünender Bogengang zum Schloſſe führt, Kopf an Kopf bedeckte. Die beiden Flügel der großen Haus⸗Pforte ſtanden weit auf. In derſelben— damit alle Leute ihn ſehen ſollten— ſaß der Gerichts⸗ halter an einer mit Teppichen behangenen Tafel, worauf vielerlei Actenſtücke, Documente und die Grund⸗ wie Hypothekenbücher des Dorfes Liebenau lagen. Rechts vom Gerichtshalter ſaß eine ſchöne, ernſte Dame, von etwa vierzig Jahren, in tiefer Trauer. Links von ihm ſaßen zwei Advocaten, deren einer die Verwaltung der van der Helfft'ſchen Concurs⸗Maſſe, der Andere die Rechte des neuen Käufers zu vertreten hatte, welcher Letztere noch nicht angelangt und auf deſſen Ankunft jedermänniglich erwartungsvoll geſpannt war. Einen Schritt tiefer, doch immer noch hoch genug, um überall geſehen zu werden, befanden ſich auf den zur Pforte führenden Stufen die Beamten des Gutes, Verwalter, Förſter, auch Schulz und Gerichtsmänner, an ihrer Spitze der Herr Paſtor, in welchem Anton ſogleich ſei⸗ nen Jugendgeſpielen, den ſogenannten„Paſtor⸗Puſchel,“ erkannte. Hoch über dieſe Köpfe ragte der graue Kopf des Rieſen Schkramprl hervor. Und gleichwie ein grau⸗ — 184— bemooſter Kirchthurm, höher als die höchſten Dächer neben ihm, aus ſeinem Glockenhaupte ein Zeichen ertönen läßt, wenn eine längſterſehnte Perſon ihren Einzug hält, ſo gab Schkramprl jetzt ein Zeichen, da er Anton am Eingang der Bogenlaube erſcheinen ſah. Er nickte jener Dame in Trauerkleidern ehrfurchtsvoll bejahend zu. Alſobald gab dieſe dem neben ihr ſitzenden Gerichtshalter einen Wink. Dieſer erhob ſich, und augenblicks ſchwieg das Geſumme und Geplauder unter den Dorfbewohnern. Aller Augen richteten ſich nach dem„Juſtitiarius,“ den ſie lieb hatten, weil er ſie ſtets freundlich behandelte und gar manchen entſtehenden Prozeß durch vermittelnde Rath⸗ ſchläge im Keime tödtete. Dieſer hob an: Ihr wißt ſchon, Ihr guten Leute, daß Liebenau ver⸗ kauft iſt. Die Sequeſtration hat ein Ende. In dieſem alten Hauſe wird wieder ein Beſitzer wohnen und, wie zu hoffen ſteht, Einer, der ſein Geld nicht auf Reiſen und in großen Städten vergeuden, ſondern hier bleiben, auf ſeinem Eigenthum leben, die Wirthſchaft verbeſſern, die Waldungen ſchonen, in Eurer Mitte weilen, Euch ein freundlich⸗geſinnter Herr, in Tagen der Noth ein Tröſter und Helfer ſein will. Er iſt zwar ein reicher Mann, denn er hat, wie die vor uns liegenden Papiere nachweiſen, die bedeutende Kaufſumme durch ſeinen Herrn Bevoll⸗ mächtigten baar und richtig bei den Behörden depo⸗ niret. Doch iſt er zugleich ein Mann, der weder ver⸗ wöhnt, noch hochmüthig, keinesweges in Pracht und Ueberfluß aufgewachſen, vielmehr vom Schickſale geprüft, das Leben kennen lernte. Er weiß, was Armuth und — 185— Elend ſind. Er wird es nicht vergeſſen, jetzt, wo er reich und glücklich iſt. Er wird ein Herz für Euch haben. Er war ein guter Junge, das weiß ich. Er wird ein guter Mann ſein, das hoff' ich. Ich kannte ihn vor beinahe ſieben Jahren. Ihr kanntet ihn auch und hattet ihn lieb. Möge er Eurer Liebe würdig bleiben. Die hieſige Gemeinde macht eine Ausnahme von den meiſten in der Nachbarſchaft. Unter Euch hat ſich noch am reinſten der ländlich⸗fromme Sinn, die ſchlichte Einfalt und anhängliche Treue unſerer Vorfahren aufrecht erhalten. Mög' er Euch vertrauen, damit Ihr ihm vertrauen könnt. Und ſomit übergebe ich ihm, aus Auftrag ſeiner edlen Wohlthäterin, die Eures Herren Mutter heißen und ſein will, das Dominium Liebenau, nebſt den dazu gehörigen Vorwerken, Höfen und geſammtem Inven⸗ tarium. Er trete vor und zeige ſich der verſammelten Gemeinde.“ Tiefes Schweigen— ahnungsvolle Erwartung unter allen Anweſenden. Anton hörte, ohne zu faſſen; er wußte, was um ihn her ſich begab; er vernahm den Aufruf, der nur ihm gelten konnte; aber er regte ſich nicht. Plötzlich lief ein Geflüſter durch die Reihen. Die Zunächſtſtehenden waren durch Peterl aufmerkſam gemacht worden, auf den jungen Mann, der den alten Fiebig hierher geleitet, den einzigen Fremden in der ganzen Ver⸗ ſammlung. Sie ſtießen ihre Nachbarn mit den Ellbogen an und deuteten auf ihn. Bald waren Aller Augen nach ihm gerichtet. Einige Frauen erinnerten ſich dunkel — 186— ſeiner Züge. Hier und da klang ein:„Anton! Anton, der Korbmacherjunge! Der Enkel der Mutter Gokſch!“ aus dem Gedränge. Ohne daß es ihnen geboten ward, drückten ſie ſich dichter zuſammen und bildeten eine freie Gaſſe, vom Eingang der Bogenlaube, wo Anton ſtand, bis zum Eingang in's Schloß. Anton blieb regungslos. Da erhob ſich die Dame in Trauerkleidern, ſtieg die Stufen hinab und ſchritt, wie eine Ueberirdiſche, ſo ſtolz, ſo ſanſt, ſo weiblich bis dahin, wo Anton ſtand. Freundlich löſete ſie ſeine Hand vom Arme des alten Tiſchlers Fiebig und führte ihn dann zurück, bis an die Gerichtstafel. Anton fühlte, wie die Frau zitterte. Doch als ſie die Stufen neben ihm hinanſtieg, hatte ſie ſich bereits ermannt. Mit feſter Stimme ſprach ſie, und laut, daß auch die Fernſtehenden es deutlich vernahmen: 3 Der Gemeinde von Liebenau ſtell' ich meinen Pflege⸗ ſohn Anton Hahn vor, als ihren neuen Gutsherrn. Gott ſegne ſeinen Einzug! „Gräfin Julia!“ rief Anton. Deines Vaters Wittwel erwiederte ſie. Die Dorfleute ſchrieen fröhlich erſtaunt durcheinander. Die Kinder jauchzten. Der Rieſe Schkramprl weinte und jauchzte wie ein kleines Kind. Dann ſtieg er auf einen Stuhl, zeigte ſich — 187— dem verſammelten Volk, und indem er auf ſeine Bruſt mit beiden Fäuſten ſchlug, brüllte er unaufhörlich: ipse feci!. Vierundſiebenzigſtes Kapitel. Der Sommertag iſt hinabgeſunken hinter die dunkel⸗ blauen Waldſtreifen. Anton ſitzt im Zimmer, wo Onkel Naſus ſtarb. Dämmerung um ihn her und ernſte Ein⸗ ſamkeit, die er aufgeſucht, um die er flehentlich gebeten. Er will, er muß allein bleiben. Draußen hat er wohl Geräuſch vernommen, hat Gehen und Kommen hören, Wagen rollen, Diener laufen,— er achtet auf Nichts; von Geſchäften durfte Niemand mit ihm reden. Von ſeinen Beamten, vom Gerichtshalter, von allen Leuten erbat er mit aufgehobenen Händen, wie der Bettelknabe um einen Pfennig, nur Ruhe; nur Einſamkeit! Doch war er nicht allein. Und wer, ſo fragen wir, wer von Allen, denen wir, mit ihm, in dieſem Buche begegnet ſind, die wir, mit ihm, kennen, vielleicht lieben, vielleicht haſſen lernten, wer war denn jetzt bei ihm während dieſer heiligen Dämmer⸗ ſtunde? Ach, wer denn ſonſt, als ſeine Großmutter! Sie, ſie allein. Ja, ſie lebte vor ihm, er ſah ſie, ſie ſprach mit ihm, ſie ſtand vor ſeinem Seſſel, legte die dürre, zitternde Hand auf ſeine Locken, und er ſchaute ſie weinend an — 188— und lispelte traurig: Zürnſt Du mir nicht? Liebſt Du noch Deinen böſen, wilden, leichtſinnigen Anton? Ja, Großmutter, es iſt wahr, ich habe Dich vergeſſen, habe Dein Angedenken in meiner Seele verbleichen laſſen, wie die Unſchuld meiner Kinderzeit. Ich bin ſchlecht geweſen, undankbar, und wenn Du kamſt, mich zu mahnen an Deine Abſchiedsſtunde, hab' ich Dir nicht Rede geſtanden. Es iſt wahr. Doch liebſt Du mich noch, und ich liebe Dich auch; niemals hab' ich aufgehört, Dich zu lieben, das fühl' ich heute, fühl' ich jetzt mehr, als je. Alles dank ich Dir, Dir allein: Deiner Muttertreue, Deiner Sorgfalt, Deinem Beiſpiel, Deinem Segen. Ja, Deinem Segen. Wie ſagte der gute Paſtor damals an Deinem Grabe zu mir:„Deiner Großmutter Segen wird Dich begleiten durch's Leben; welche Verſuchungen, Leiden, Prüfungen Dir vorbehalten ſind, zuletzt wirſt Du über Alle ſiegen und glücklich ſein, ſo gewiß die Sercle ſelig iſt, deren Leichnam hier begraben liegt.“ Ja, ſo ſprach er,.... und ich habe Dein Grab noch nicht beſucht? Zürne mir nicht, Großmutter; ich komme in dieſer Nacht, wenn ſie Alle ſchlafen, daß mich Niemand ſieht. Leider hab ich's oft verſäumt, im Elend, im tiefſten 4 Grame, meine Zuflucht zu Dir zu nehmen, Troſt zu uchen bei Dir;— jetzt aber, im Glücke, welches über mich kommt, wie wenn es mich erſticken wollte, jetzt mußt Du mich aufrecht erhalten; das Andenken an Dich! Das Andenken meiner Kindheit! 3 So redete, ſo träumte Anton in die Abenddämmerung — 189— hinein, mit einer Lebhaftigkeit, als ob wirklich die alte Mutter Gokſch vor ihm ſtände. 3 Unterdeſſen war die Stubenthür unbemerkt aufgegan⸗ gen, der Rieſe Schkramprl hatte ſich leiſe hereingeſchlichen und fragte nun in den dünnſten Tönen ſeiner abge⸗ nützten Fiſtelſtimme: mit wem kann der Herr reden? er iſt allein? Jeden andere Störer dieſer heiligen und hoch⸗ geweihten Abendfeierſtunde würde der neue Gutsherr hart angelaſſen und wahrſcheinlich zum erſten Male in ſeinem Leben gegen ihn verſucht haben, den Herren geltend zu machen. Gegen Schkramprl war es ein Anderes. Blieb ihm auch noch immer der eigentliche Gang, den die wunderbare und zauberhaft raſche Ent⸗ wickelung ſeiner Schickſale genommen, räthſelhaft und in ihrer letzten Wendung unergründlich, ſo konnte doch über den Vermittler dieſer ganzen Angelegenheit kein Zweifel obwalten. Nur Schkramprl konnte die Gräfin über ihn, ſeine Verwundung, ſeine Wünſche, ſeine Anhänglichkeit an Liebenau, ſeine Geneſung unterrichtet, nur er konnte durch getreue Botſchaften, durch aufmerk⸗ ſame(von Peterl unterſtützte) Beobachtungen jeden ſeiner Schritte verfolgt, gelenkt und dadurch den ergreifenden Auftritt herbeigeführt haben, der im Angeſicht einer feſt⸗ lich verſammelten Gemeinde dem neuen Beſitzer ſein „Eigenthum ſicherte. Anton fühlte folglich das Bedürf⸗ niß, gegen den Mann, der einen ſo mächtigen Einfluß auf ſein Leben geübt, ſich dankbar, erkenntlich zu erweiſen — 190— und ſich mit ihm über alle näheren Umſtände auszu⸗ ſprechen, wobei er auf die oft erprobte Redſeligkeit des rieſigen Kammerjägers rechnete. Wider alles Erwar⸗ ten fand er ſich diesmal getäuſcht. Zuvörderſt wies Schkramprl jede Belohnung zurück. Ich habe zu leben, ſprach er. Seitdem ich die phantaſtiſchen Grillen von Rieſenthum, Zwergen, wilden Männern, zahmen Thieren aufgegeben und mich aus der Poeſte des Vagabunden⸗ weſens in die Realität der Proſa begeben habe; ſeitdem ich in Giften wirke und ein ſolider Staatsbürger gewor⸗ den bin, der ſeine Conceſſion und ſeinen Gewerbſchein bezahlt, find' ich mein Auskommen, erhalte aus jeder Apotheke Arſenik à discrétion und nähre mich redlich, brauche alſo keine Unterſtützung und wäre ein gemeiner Kerl, wenn ich mich vom„gnädigen Herrn von Liebenau“ beſchenken ließe. Worauf Hochdieſelben hindeuten, mir auf Ihrer Herrſchaft das Gnadenbrot zu geben und mich gleichſam zu Tode füttern zu wollen, erkenn' ich zwar Dero Geſinnung dankerfüllt an, bedau're jedoch, für jetzt keinen Gebrauch davon machen zu können, ſintemalen ich weder Sitzefleiſch genug habe, um an einem Orte zu bleiben, vielmehr des Wanderns ſehr bedürftig bin; noch Luſt verſpüre, bald zu ſterben, vielmehr leben und unzählige Ratten vergiften möchte. Kann demnach die mir zugedachten Gnadenbezeugungen durchaus nicht annehmen, bitte, dafür an deren Statt mir drei andere zu bewilligen, wie folgt: Erſtens, daß mein ehemaliger Camerad Antoine, jetzt Herr von, auf, in, zu Liebenau, den kleinen muntern Burſchen Peterl, der ſo zu ſagen — 191— mein Sklave war, in Dero Dienſte nehmen und ſelbigen durch Güte, Milde, Sanftmuth, Liebe, nebſt dazu gehö⸗ riger, wohl⸗applicirter Reitpeitſche, aus einem kecken, nichtsnützigen Tagedieb, als welcher er in meinem Umgang wurde, zu einem braven Reitknecht und dermal⸗ einſt tüchtigen Kutſcher auszubilden, als wozu beſagter Schlingel Neigung und Luſt verräth. Zweitens, daß der Herr von Liebenau mir geſtattet, alljährlich mindeſtens einmal auf dem Schloſſe einzu⸗ ſprechen und zu verfolgen, zu vernichten, zu tödten, mit Stumpf und Stiel, mit Rumpf und Schwanz auszutil⸗ gen, was da heißet Ratten, Mäuſe, Wanzen, Läuſe, Schaben, Schwaben und Grillen mit meinen Zauber⸗ Pillen! wobei ich mir ausdrücklich bedinge, ein für mich eigens erbautes Bettgeſtell vorzufinden, in welchem ſich ein Rieſe behaglich ausſtrecken, und in welchem derſelbige, wenn es zum Ende mit ihm kommt, den Tod fein ge⸗ mächlich erwarten, freundliche Pflege hoffen und einen Blick anhänglicher Liebe, wohlwollender Geſinnung geben und empfangen kann, ehe denn er die Geſichtsfen⸗ ſterlein pour toujours zuſchleußt; was ich bei Ratten, vulgo Ratzen, krepiren nenne,— bei unſer Einem: ſter⸗ ben. Nur der Ausdruck iſt verſchieden, die Sache bleibt ſich gleich. Drittens, endlich, begehre und verlange ich, als Entſchädigung für die Stiefelſohlen, ſo ich mir auf meinen Märſchen zwiſchen Schloß Erlenſtein und jenem Forſthauſe abgelaufen, das wohlgetroffene Portrait eines gewiſſen ehemaligen Antoine, jetzt gnädigen Herrn auf Liebenau; denn ich habe den reiſenden Portrait⸗Maler nur deshalb in den Gaſthof nach St. geſchickt, weil ich dies Bildchen für mich haben will, um es ſtets bei mir zu tragen und durch ſeinen Anblick an den einzigen klu⸗ gen Streich, den ich in meinem langen Leben vollführte, erinnert zu werden; auf daß es mir möglich ſei, mit eini⸗ ger Achtung vor mir ſelbſt noch ſo lange weiter zu leben, bis der angekündigte letzte Beſuch in Liebenau durchaus nöthig wird. Dieſe drei Bitten wünſchte ich jetzt gleich durch Wort, Handſchlag und That erfüllt zu ſehen, wo⸗ nach ich mich augenblicklich zurückziehen möchte, indem eine göttliche Dame mit Euch zu reden wünſcht. — So weit Schkramprl. . Und Anton lachte nicht. Wär es nicht ſchon dunkel geweſen, der Rieſe hätte Thränen geſehen in den großen Augen ſeines jungen Freundes. Anton ſuchte das Bild hervor, reichte es ihm, gab ihm die Hand und ſagte:„Wort, Handſchlag und That!“ 2 Dann trennten ſie ſich. 3 Ein Diener der Gräfin Julie brachte Leuchter mit Wachskerzen. Gleich darauf kam die Gräfin, ſichtbar zur nächtlichen Abreiſe gekleidet. Der lange ſchwarze Trauerſchleier umhüllte die hohe Geſtalt. Draußen hörte man vor ihrem Reiſewagen die Roſſe wiehern.. Anton gedachte der Beſchreibung, die ſeine arme Mutter von Gräfin Julia gemacht. Er fand Alles be⸗ ſtätiget, nur daß mit den Jahren anmuthige Jugend Huld ſich in würdevollen Ernſt umgewandelt. 2* — 193— Die herrliche Frau nahm einen Lehnſtuhl ein und winkte Anton, ſich ihr gegenüber zu ſetzen. „Junger Mann, ich darf Dich Sohn nennen; ich hab' ein Recht dazu, denn mein Sohn iſt todt,— mein Gemahl iſt todt— ich ſtehe allein. Du biſt des Ver⸗ ſtorbenen Kind, biſt das Kind eines unglücklichen Wei⸗ bes, welches ſterbend Dich an mein Herz legte: Du biſt mein Sohn. Als ſolcher mußt Du wiſſen, was geſchehen iſt, ſeitdem Du Deinen Vater zum erſten Male— zum letzten Male geſehen; mußt wiſſen, welches furchtbare Geſchick über uns hereingebrochen; mußt Deinen Theil des Unglücks auf Dich nehmen und tragen, wie er Dir gebührt; mußt erfahren, warum ich, der Welt und ihrem Geräuſch entſagend, mich in tiefe Zurückgezogenheit be⸗ geben und dort nur Gott, mir und guten Werken leben will. Als Du Deinen Vater verlaſſen, brach zwi⸗ ſchen ihm und ſeinem ehelichen,— meinem Sohne ein gräßlicher, unkindlicher Zwiſt aus. Graf Louis war ein ungerathener, ein herzloſer Sohn. Ich, ſeine Mutter, ſage das. Indem ich es Dir ſage, bricht mein Herz. Aber ich verſchweige Nichts, denn zwiſchen uns darf kein Geheimniß walten, Anton! Seines Vaters Nachſicht hatte ihn verdorben, ihn zum früh⸗gereiften, früh⸗verlo⸗ renen Knaben werden laſſen. Meine Gegenwirkungen blieben ohne Kraft, ohne Erfolg. Doch wär' es unmög⸗ lich, daß irregeleitete väterliche Liebe und Schwäche einen ſolchen Böſewicht heranziehen konnten, wenn nicht ſchon in des Kindes innerſtem Weſen der Grund dazu gelegen hätte. Woher dieſe Keime der Verworfenheit meinem Soltei, Vagabunden. III. 13 „ 4 —— — — 194— Sohne kamen? Welche finſtere Macht meinem einzigen Kinde ſie eingepflanzt? Nun, der Himmel weiß, daß ich es nicht weiß. Dir, Anton, iſt bekannt, weß Geiſtes Dein Halbbruder geweſen. Die Abſicht, Dich zu ermorden, hat das Siegel auf ſeine Unthaten gedrückt. Von Sophienthal zurückkehrend, fand ich Deiner Mutter erſchütterndes Schreiben, fand ich den Grafen, meinen Gemahl, ſterbend. Was zwiſchen ihm und Dir, was zwiſchen ihm und Louis vorgefallen, that er mir ſcheidend kund, empfahl Dich meiner Obhut,— ver⸗ fluchte unſern Sohn... und ſtarb. Als Louis ſeines Vaters Tod erfuhr, als der Arzt, gerechten Unwillens voll, ihm rückſichtslos erklärte, er ſei es, der den Vater umgebracht, ſeinen raſchen Tod herbei⸗ geführt, da ſchien in ihm, dem Liebloſen, eine Umwand⸗ lung vorzugehen. Er warf ſich zu meinen Füßen und begann, dies verſtockte Herz zu öffnen. Frevel auf Frevel floß über ſeine zuckenden Lippen; ich ſchauderte vor ihm; — aber es war mein Sohn. Ich ſuchte den wilden Erguß fruchtloſer Reue zu mildern, ſein Vertrauen zu befeſtigen, ihm zu ſagen, daß der Mutter Segen des Vaters Fluch löſen könne; und weil, ſagte ich ihm, wahre Reue ſich darin kund gebe, daß man durch ſie und in ihr gut zu machen ſuche, was ſich noch auf Erden gut machen laſſe, ſo möge er damit beginnen, Dich, den Ausgeſtoßenen, durch ihn Vertriebenen, aufzuſuchen, zu verſöhnen, ſich Dir brüderlich⸗liebend zuwenden un ſeines Vaters Ehrenſchuld am Sohne ſeines Vaters ausgleichen. Da ſprang er auf, ein grauenhaftes Bild ver⸗ zweifelnder Raſerei. Es iſt zu ſpät, rief er aus, ich hab' ihn ermordet!—. Ich bin keine Dame nach der Mode, Anton, die zu ihrem Riechfläſchchen greift, wenn ein ausſätziger Bettler die Hand nach ihr ausſtreckt; ich falle nicht in Ohnmacht, wenn ich Blut fließen ſehe; ich habe nicht gejammert und gewinſelt über häusliche Leiden, an denen mein Eheſtand reich war; ich kann körperliche Schmerzen ertragen, und ich konnte oftmals lächeln, wenn Schmerzen der Seele in mir brannten; ich leide nicht an ſchwachen Nerven und bin, wenn ſchon als Gräfin geboren und im Glanze aufgewachſen, ein ſtarkes Weib. Aber weißt Du, Anton, ſeinen einzigen Sohn bekennen zu hören, daß er ein Brudermörder ſei, iſt auch einem ſtarken Weibe zu viel. Ich wills nicht leugnen, Anton, mir vergingen die Sinne. Als ich wieder zu mir kam, ſpürt' ich ſo Etwas von Blutgeruch; ſah ich, wie durch grauen Morgennebel, ein hölzernes Gerüſt, auf welchem ein großer Mann ſtand, der ein glänzendes Beil ſchwingt— und dann ein dumpfer Schlag auf hölzernen Block,— und ein blaſſes Haupt, welches fällt,— und man erkennt die Züge dieſes Hauptes,— dieſe ſtarren Augen haben Dich angelächelt als dieſe Lippen an der Mutter Bruſt lagen,— mit eeiinem Worte: es iſt Dein Sohn, den ſie als Mörder aauf einem Schaffotte hinrichten mußten:— Du begreifſt, 1 Anton, mein Erwachen war nicht ſüß! 8 13* — 196— Da mußt'ich es denn als Gnade Gottes preiſen, wie ſie mir Nachricht brachten, Graf Louis habe ſich mit ſeines ſeligen Vaters Kugelbüchſe,... mit jenem Gewehre, welches Deine Bruſt bedrohte,... mit dem habe er ſich, männlich und feſt, ſein eigenes Herz durch⸗ ſchoſſen, und ſei gefunden worden im Schloßgarten auf einer Bank, auf der ich zu ſitzen liebte. Sie hieß die Roſenbank. Dort lag er noch. Dort fand ich ihn.... Verzeihe mir, Anton, die Klage um ihn, der Dich ermorden wollte. Er war mein Sohn. Von Dir erfuhr ich nun durch den ſeltſamen Menſchen, den Du weißt, der zwiſchen Dir und mir mit unermüdlicher Gutmüthigkeit lief, horchte, forſchte, berichtete. Erfuhr, daß Du lebſt, ruhig leideſt,— daß Du den Thäter nicht kenneſt! O, Anton, als ich dies erfuhr, da wurdeſt Du mein Sohn! Du wollteſt, Du konnteſt entſagen, verſchweigen, ſchonen! Und ſo lebt außer Dir und mir kein Menſch, dem es bekannt wäre, daß Louis dem Scharfrichter zuvor kam. Der größere Theil von Deines Vaters Beſitzthümern iſt Fidei⸗Commiß und fällt, nach ſeines einzigen Erben Tode, einer jüngeren Linie anheim. Zur Erbin ſeines Allodial⸗Vermögens macht mich ſein Teſtament; es könnte bedeutend ſein, wenn Louis nicht wie ein Wahn⸗ ſinniger gewirthſchaftet hätte. Jetzt reicht es kaum zum Ankauf Deines Gutes hin, doch hab' ich von meinem mütterlichen Erbtheil das Fehlende ergänzt, und Lieben iſt Dein, Dein eigen, ſchuldenfrei, wenn auch nicht im beſten Zuſtande. Aber Du biſt jung und wirſt herſtellen, was ſeit Jahren vernachläßigt wurde und verfiel. Mir bleibt Sophienthal, das freundliche, ſtillabgele⸗ gene Dorf, in welchem ich geboren ward, wo meine Eltern begraben liegen, woran kein Fluch haftet, kein Blutfleck, kein übler Gedanke, ja nicht der Hauch einer ſchlechten Nachrede. Dort, wo Deine arme Mutter mich vor meiner Vermählung ſah, wo ſie Vertrauen in mich ſetzen lernte; dort werd' ich leben, einfach, fleißig, nur im Umgange mit meiner lieben Freundin, der Frau des Paſtors. Fern von geräuſchvollen Freuden, werde ich, wie es der Wittwe, wie es der verwaiſeten Mutter eines — Selbſtmörders gebührt, Troſt und Freude darin ſuchen und frnden, daß ich für Anderer Glück wirken darf. Dort auch hoffe ich von meinem lieben Pflegeſohne und durch dieſen zu vernehmen, daß er, gereiniget von den Flecken einer wirren, nicht tadelloſen Vergangenheit, ſich zu vorwurfsfreiem Wandel, zu ehrenhafter Führung ſeiner Angelegenheiten erhebt. Wie feſt ich immer ent⸗ ſchloſſen bin, meine Thüre zu ſchließen vor allen Ein⸗ dringlingen, welche meinen Frieden ſtören könnten, Dir, Anton, wird ſie offen ſein. Wenn Du Rath einer mütterlichen Freundin, wenn Du in Schmerz oder Freude ein Herz ſuchſt, dem Du das Deine ausſchütten könneſt, ſo komm und ſuche mich auf. Und nun begieb Dich zur Ruhe. Die Begebenheiten ddieſes Tages haben Dich, den erſt Geneſenden, heftig aangegriffen. Segne Gott Deine erſte Nacht in dieſem — 198— Hauſe mit ſanftem, erquickendem Schlummer! Ich reiſe ab. Mein Tagewerk hier iſt gethan. Denke in Liebe Deines verſtorbenen Vaters, bete für— meinen Sohn und vertraue auf Deiner Pflegemutter Freundſchaft.“ Anton, als die Gräfin nun vom Seſſel aufgeſtanden. war, näherte ſich ihr, beugte ſich über ihre Hände und küßte ſie. Sie umſchlang ihn mit beiden Armen, drückte einen heißen Kuß auf ſeine Stirn und ſagte nur noch:„Abel, bete für Kain!“ Dann ging ſie raſchen Trittes hinaus, wo ihre Diener auf dem Flure harrten. 3 Anton geleitete ſie bis zur Kutſche. Der Mond ging eben leuchtend auf. Der neue Gutsherr von Liebenau entſchlummerte unter ſanften Thränen, wie er ſie nicht mehr geweint hatte, ſeitdem Mutter Gokſch geſtorben war. Fünfundſiebenzigſtes Kapitel. Der Morgen des erſten Tages, welchen der Beſitzer von Liebenau als ſolcher daſelbſt zubrachte, war dem Empfange ſeiner Geſpielen gewidmet. Paſtor Julius. Karich und Verwalter Robert Karich, ſammt ihren Ehe⸗ hälften„Miez und Linz,“ ſtellten ſich dienſtbefliſſen und ergebenſt ein. Anton zitterte vor dieſer erſten Be⸗ ſprechung; es war ihm ebenſo peinlich, als es ihm noch immer unbegreiflich blieb, daß er, der Korbmacherjunge, 6 ¹ — 199— die Töchter des gefürchteten Onkel Naſus in ſeinem Schloſſe als ſchlichte Bürgerfrauen bei ſich ſehen ſollte. Er ging ihnen bebend entgegen, voll Furcht, ſeiner unverſtellten Herzlichkeit könne Bitterkeit oder Hohn das Wort im Munde erſticken. Doch Nichts dergleichen. Die niedrige Geſinnung beider Frauen that ſich in demüthiger Artigkeit kund; es fehlte nicht viel, ſo leckten ſie dem „gnädigen Herren“ die Hände. Puſchel und Rubs ſtellten ſich dagegen ſehr zu ihrem Vortheil verändert dar. Die Männlichkeit ihres Weſens kleidete ſie wohl, und es war über Beide, beſonders aber über den jungen Pre⸗ diger, eine milde, theilnehmende Freude verbreitet, die in ihrer wortkargen Innigkeit lebhaft an den verſtorbenen Vater, Antons unvergeßlichen Lehrer, erinnerte. Er ließ ein ſchnellbereitetes Mahl auftragen, wozu er ſie als Gäſte einlud. Kaum hatten die erſten Gläſer das Geſpräch belebt, als auch ſchon„Ticletunkes“ Name von den Schweſtern genannt wurde, offenbar in der Abſicht, zu erfahren, was „der Herr“ für ſeine Jugendliebe noch fühle oder nicht mehr fühle. Dabei verhehlten Beide durchaus nicht, daß ſie mit Ottilien auf feindſeligem Fuße lebten, ſeitdem dieſe ſich ihrer Verheirathung offen entgegengeſtellt, auch nachher den Umgang mit ihnen förmlich abgebrochen. Sie geſtanden ihrerſeits Abneigung gegen die„ſtolze Perſon“ ein, und es bedurfte nur geringer Kenntniß des menſchlichen, vorzugsweiſe des weiblichen Herzens, um zu durchſchauen, daß ein Schwager, wie Anton jetzt war, ihren Neid erregen werde; daß ſie den Gutsherrn der — 200— „alten Jungfer,“ wie ſie Ottilien ein für allemal nannten, nicht gönnten. Durch dieſe Richtung des Geſpräches verſchwand die Heiterkeit der kleinen Tiſchgeſellſchaft, der Paſtor wie der Verwalter eilten, dies empfindend, zu ihren Berufsgeſchäften und nahmen natürlich die Frauen mit... Anton blieb wieder allein, den Nachklängen dieſer peinlichen Unterhaltung anheim gegeben. Er ging länger als eine Stunde auf und ab, die großen Räume mit großen Schritten durchmeſſend; bald ſprach er laut, bald verſank er in Sinnen, dann riß er die Fenſter auf und ſtarrte in's Grüne; endlich lief er hinaus in die Wilde⸗Wein⸗Laube, ſtellte ſich auf den Fleck, wo er vor Carino gegeigt, blickte nach der Hausthür, hinter welcher ſie ſtand, als ſie ihm die Kußhand nachſchickte; ſodann begab er ſich wieder in ſein Wohnzimmer, warf ſich in einen Lehnſtuhl, bedeckte ſein Geſicht mit den Händen und ſeufzte laut: ach, daß doch Gräſin Julia hier wäre, daß ich mit ihr ſprechen, daß ich ihre Meinung hören könnte! Die Schweſtern erwarten's. Sie erwarten's mit grollendem Neide, aber gerade, daß ſie dieſen nicht ver⸗ bergen konnten, daß ſie mir ihn zeigten, zeigt mir auch meine Pflicht. Ich habe ſie geliebt; ſie liebt mich noch. Sie lebt ja nur dieſer Liebe. In meinem Hauſe wohnt ſie, verkehrt mit keiner Seele, die ausgeſtopfte Turteltaube iſt ihr Umgang, der Käfig, den ich geflochten, ihr Altar, meine kindiſchen Verſe ihr Evangelium; ſie treibt Abgöt⸗ terei mit ihrer Jugend⸗Liebe. Und dieſe hat ſie dem armen Knaben treu bewahrt, von welchem der Stolz ſie — 201— doch trennte und fern hielt. Der arme Knabe iſt ein reicher Mann geworden; er hat ſie vergeſſen, verrathen, während ſie ihm treu blieb;— was kann er jetzt anders thun, als hingehen, um ihre Hand zu werben! Die Schweſtern erwarten's,.... um wie viel mehr muß ſie's erwarten. Sie hält mich für edel; hielt ſie mich doch dafür, wie ich Körbe flocht, um's Geld. Ich habe zu bewähren, daß ich es blieb, trotz allem Wechſel der Zeit und der Umſtände.— Und ich liebe ſie auch noch. O, keine Frage, ich liebe ſie noch. Wie ſang doch jener franzöſiſche Sänger in der Pariſer komiſchen Oper: mais on revient toujours à ses prémières amours! Freilich, freilich, on revient toujours. Ich bin wieder heim gekommen und hab' auch meine erſte Liebe wieder gefunden. Und ſie iſt auch noch recht hübſch. Recht hübſch! daß ſie ein wenig älter geworden ſeitdem, dafür kann ſie nicht; wir werden alle älter. Und daß Hedwig jünger iſt und ſchöner als ſie, iſt auch nicht Ottiliens Schuld. Wer heißt mich denn überhaupt an Hedwig denken? An Hedwig,— wo ich an Ottilien denken ſoll? Zwiſchen mir und ihm hieß der alte Rittmeiſter ſie wäh⸗ len, und ſie wählte den Vater. Sie that Recht! Ich will auch Recht thun. Ich gehe zu Tieletunke und werbe um ihre Hand. Die Tochter des Onkel Naſus hat die erſte und vornehmſte Anwartſchaft darauf, Gebieterin zu werden in dieſem Schloſſe! Anton ahnete wohl, wie nothwendig es ſei, dieſen CEintſchluß raſch auszuführen, wenn die Ausführung — 202— nicht an wiederkehrender unſchlüſſigkeit zu Schanden wer⸗ den, wenn ſich Hedwig's Lockenkopf nicht noch einmal zwiſchen ihn und die Braut ſeiner Pflicht drängen ſollte. Er machte Anſtalt zum Gehen, da meldete man ihm den alten Korbmacher, ſeinen Feind, ſeinen Brodneider; den gefürchteten Curator, den er im Taumel der Begeben⸗ heiten ſchon ganz vergeſſen. Dieſer ſtellte ſich ein, Rechnung zu legen. In der Linken hielt er ein leinenes Säckchen mit großen und kleinen Geldſtücken angefüllt; in der Rechten ein Packet Rechnungen; ſeinen Hut hatte er demüthig auf der Thürſchwelle in eine Ecke geſchoben. Er holte Athem, zu einer langen, winſelnden Anrede. Anton unterbrach ihn und ſchnitt ihm das Wort ab. Mein beſter Herr Curator, ſagte er zu ihm, der Gerichts⸗ halter hat mir bereits mitgetheilt, daß Alles in Ordnung iſt. Ich quittire, in beſter Form, über Eure Rechnungen. Was die Mühwaltung betrifft, die mein kleines Eigen⸗ thum Euch gemacht, ſo nehmt als Bezahlung dafür den Ertrag der vergangenen Jahre an. Behaltet den Ueber⸗ ſchuß, den Ihr mir einhändigen wolltet; Ihr könnt ihn gebrauchen; denn ich weiß am beſten, wie wenig ein Korbmacher in Liebenau erwirbt, und ich glaube nicht, daß jetzt beſſer und prompter gezahlt wird, als vor ſieben Jahren. Damit entließ er den Neidhart, der nun auf einmal der größte Verehrer und Lobredner wurde. Ich hab' es immer vorhergeſagt, äußerte der alte Eſel dann im „Kretſcham,“ daß in dem Korbmacherjungen etwas mehr — 203— ſteckte; ſchon wie er fortlief, ſprach ich, Ihr ſollt ſehen, der kommt wieder,— und wie!? Gegen Abend pochte Anton bei Tieletunke leiſe an. Mit feſter Stimme rief ſie„herein!“„Ich hab' Euch erwartet, Anton Hahn!“ Erwartet, Fräulein Ottilie? „Erwartet. Setzt Euch und ſagt mir, was Ihr zu ſagen kommt. Ich bin begierig, es zu hören.“ Hier, in dieſem Zimmer, gnädiges Fräulein, iſt meine Großmutter geſtorben. Kurz vor ihrem Tode ſind Sie gekommen, die alte Frau zu beſuchen, ihr ein Labſal zu bringen, Abſchied von ihr zu nehmen. Bei'm Weggehen hat es ſich gefügt, daß Sie meine Turteltaube lobten, das Thierchen zu beſitzen wünſchten, dann wieder hat es ſich ſo gefügt, daß Ihr Herr Vater, der Baron, und meine Großmutter, die Cantorswittwe, in einer und derſelben Stunde zur Ruhe beſtattet wurden. Am Grabe meiner Wohlthäterin haben Sie mir Lebewohl geſagt. Seitdem haben wir uns nicht wieder geſehen. Wie ich Liebenau verlaſſen mußte, trug ich Ihnen die Taube auf' Schloß mit ein paar gereim⸗ ten Zeilen— dann lief ich fort. Da ſind denn Jahre vergangen, ich hab' vielerlei erlebt, Gutes und Schlim⸗ mes; hab' vielerlei gethan,— leider mehr Schlim⸗ mes, als Gutes... aber im Herzen bin ich eigentlich unverändert geblieben; bin immer noch der Anton von damals. Alſo hat mich's denn auch wieder hierher ge⸗ trieben, nach meiner Heimath, wo mir der Friede blühte; wo meine Kinderträume wandeln; wo meiner Jugend — 204— erſte Liebe aus jedem Strauche guckt. Hierher! Und da treff ich nun ein, matt und müde,— ach, Fräulein Ottilie, ſo müde!... und das Erſte, was mein Auge ſteht, in jener Kammer d'rin, wo ich ſo oft um Sie geweint, das iſt meine Taube, mein Käſig, meine Reime. Nehmen Sie mir's weiter nicht ungnädig; wie ich das erblickte, dacht ich bei mir: ſie hat Dich lieb gehabt ... und ſie hat dich noch lieb! Doch ich war der arme Vagabund, der zu Ihnen von ſolchen Dingen nicht reden durfte; dem Sie den Mund verſiegelt hatten, mit Ihrem Abſchiedskuſſe auf der Mutter Grabe... Folglich that ich wie Unverſtand und ging wieder. Nun ſchüttet der Himmel ein ganzes Füllhorn reicher Gaben über mich aus, daß ich verdutzt um mich her ſchaue; und Gräfin Julia führt mich in Onkel Naſus altes Schloß, ſpricht zu mir: ich bin Deine Mutter, und dies Schloß iſt Dein!— Fräulein Ottilie, da war's, wie wenn die Turteltaube noch einmal auflebte und gurrte:„Tiele⸗ tunke!“— So bin ich alſo hierher gekommen, zu fragen, ob ich mich nicht getäuſcht habe? zu fragen, ob— die Taube Recht hat? Und ob Ottilie Liebenau für ihr Eigenthum, und ſeinen gegenwärtigen Beſitzer mit in den Kauf annehmen will? 1 „Ich habe Sie erwartet, Anton. Auch dieſen Antrag hab' ich erwartet. Wie ich vernommen, was geſtern auf dem Schloſſe geſchehen, wußte ich, daß Anton Hahn kommen würde, mir ſeine Hand zu bieten. Ich würde mich auch betrübt haben,— um ſeinetwillen, wenn er es nicht gethan. Denn es iſt ſeines guten, edlen Herzens — würdig; iſt des Antons würdig, den ich liebte ſeit meinen Kinderjahren, den ich heute noch liebe, unverändert, wie ich ihn lieben werde bis zum letzten Lebenshauche. Mein Gott, wie ſollt' ich's anfangen, Dich nicht zu lieben, Anton; Dich, Du Wonne und Schmerz meines ganzen traurigen Lebens? Ja, ja, ſo wahr ich lebe, ich liebe Dich! Aber, ſo wahr ich lebe, Du liebſt mich nicht. Ich war Deiner Knabenzeit Morgentraum,... der Mann hat ausgeträumt. Du haſt gelebt draußen, und geliebt, und vergeſſen und wieder geliebt... wie könnt' es anders ſein? Ich mußte Dir gleichgültig werden. Nun kommſt Du heim, da regen ſich die begrabenen Erinnerungen im Schooße der Erde; ſäuſeln herauf durch's Gras, daß die dünnen Halme zittern und kleine Angerblümchen weinen. Die ſanfte Abendmelodie rührt Dich— Du nimmſt Vergangenheit für Gegenwart?... Aber Du liebſt mich nicht. Was auch ſollteſt Du an mir lieben? Die ſtolze Tochter des Barons, die Dich von ſich wies? Die, mit ihrer heißen Leidenſchaft für den armen Korb⸗ flechter in der Bruſt, ſich kalt und vornehm von der Welt zurückzog, von den Ihrigen und hier in Deiner Hütte verkümmerte, verblich, alt und häßlich wurde vor der Zeit? Mitleid konnteſt Du für ſie haben, Mitleid, Theil⸗ nahme, Großmuth, aber keine Liebe! Da biſt Du, guter Junge, und willſt das dürre, verkommene Bettelfräulein heimholen, auf ihrer Väter Schloß, damit ſte an Dir und Deiner Jugend und Deinen Lebensfreuden hänge, wie ein Todtengeripp? Wo haſt Du Deine fünf Sinne, daß Du nur eine Sekunde lang wähnen mochteſt, Deine 1 „kleine Tieletunke“ werde ſich ſo ſehr verleugnen? Werde ein Ehebündniß eingehen, zu welchem Rechtlichkeitsge⸗ fühl, kindliche Anhänglichkeit Dich leiten? Ich habe Dich zu lieb, Anton, um Deine Frau zu werden! Und ehrlich geſagt, ich bin zu ſtolz, um Dich jetzt zum Manne zu nehmen, wo Du ein reicher junger Herr biſt, ich eine verblühte, arme Jungfrau. Stolz, und immer Stolz! wirſt Du ausrufen. Mag ſein. Der Stolz iſt mein Erbtheil, und in meiner Armuth iſt er mein Reichthum! Ich danke Dir, Freund aus der Kindheit, Jugendge⸗ ſpiele, lieber, lieber Anton! Ich danke Dir für Deinen redlichen Willen, Deinen treuen Sinn. Damit Du ſiehſt, daß die arme Tieletunke nicht hochmüthig iſt, bei ihrem Stolze, will ſie eine Bitte an Dich richten. Du biſt der einzige Menſch auf Erden, den ich jemals um Etwas bat.— Ich bitte Dich, mir Deiner Großmutter Häuschen zu ſchenken,— vielmehr, es mir zu laſſen, da⸗ mit ich es bewohne, bis ich ſterbe! Geſtern hätt' ich dieſe Bitte nicht gewagt, denn geſtern noch hatteſt Du ſelbſt nicht, wo Du Dein Haupt hinlegen konnteſt. Heute hat ſich das geändert. Du bewohnſt die Mauern, in denen ich aufwuchs;— laſſe mich dagegen die kleinen Räume bewohnen, die Deine ſchönſten Jahre umſchloſſen.— Nein, Anton, das Glück der Kindheit kehrt uns nie mehr wieder! Und wenn'’s dem Herrn von Liebenau danach zu Muthe iſt, mag er ſeinen Weg manchmal nehmen nach dem Hauſe der Mutter Gokſch. Eine liebende Groß⸗ mutter wohnt nicht mehr darin, aber eine treue, auf⸗ — 207— richtige, uneigennützige Freundin wird er hier finden, ſolange die alte Jungfer lebt. Ja, auch dann darf er mich beſuchen, wenn er verheirathet iſt. Ach, mein Spiegel ſagt mir wohl, daß eine junge ſchöne Frau auf mich nicht eiferſüchtig werden wird, wir können's ihr dreiſt geſtehen, daß ihr Herr Gemahl mein Liebhaber, daß ich ſein Bräutchen war, als er noch keine Strümpfe trug und Stiefeln für Luxus hielt. Ja, er wird kommen, ſie wird kommen, mein kleines Nonnenkloſter mit ihren fröhlichen Geſichtern zu ſchmücken; und ihre Kinder wer⸗ den ſie mir bringen; die werden mich Tante Tieletunke naennen, werden alle Blumen im Gärtchen abreißen, alle Früchte von Strauch und Zweig ſchütteln, werden das ganze Haus umkehren, und ich werde ſie niemals aus⸗ zanken, denn es ſind Anton's Kinder. Und wenn ein Mädchen darunter iſt, heißt es Ottilie, denn ich hab' es über die Taufe gehalten, hab' es mit meinen Thränen noch einmal getauft,— doch es ſind Freudenthränen. und Ihr alle werdet mich lieb haben und ich Euch! Niicht wahr, Freund Anton? Es wäre Alles vorhanden, was wir brauchen zum häuslichen Glücke... wo iſt die junge Frau?“ Anton ſchlug die Augen nieder. „Er liebt!“ rief Ottilie aus, indem ſie rreudig ihre Hände zuſammenſchlug;„er liebt! ich ſeh' es an dieſem verſchämten Schweigen. Er liebt eine And're, und er kam, ſeine Hand mir anzubieten! Da iſt die Luft nicht rein; da hängen graue Wolken! Geſchwind, Anton, heraus mit der Sprache; öffne mir Dein Herz. Sieh, — 208— guter Freund, der Herbſt iſt vor der Thür, der Winter folgt ihm, und die arme Tieletunke braucht einen Kuppel⸗ pelz. Ich möcht' ihn mir verdienen;— ſoll ich? Muth, Anton, Muth und Vertrauen! Denk, ich wär die alte Mutter Gokſch; rede mit mir, wie Du mit ihr reden würdeſt, wenn ſie an meiner Stelle ſäße. Entdecke mir, was Dich bekümmert. Wozu hat man denn ſonſt ſeine Freunde? Und thuſt Duss nicht, ſo denk ich, Du willſt mir die Freundſchaft aufkündigen.“ In dieſem Augenblicke läuteten ſie auf dem Kirch⸗ thurme die Abendglocke. Dieſe Töne drangen mit ihrem alten Zauber in Antons Herz. Eine unwiderſtehliche Rührung bemächtigte ſich ſeiner. Faſt willenlos ſprach er Hedwigs Namen aus. „Hedwig heißt ſie?“ entgegnete Ottilie;„das iſt recht ſchön, doch mir nicht genug. Ich will mehr wiſſen.“ Und Anton fing an zu erzählen............. Es war tief in der Nacht, als er auf's Schloß zurück⸗ kehrte. Was Fräulein Ottilie über dieſen zarten Gegenſtand weiter mit ihm verhandelt und beſprochen? Ich weiß es nicht. Im Tagebuche findet ſich darüber nichts Näheres verzeichnet. Ich weiß nur, daß Anton am andern Mor⸗ gen ſogleich Peterl herbeirufen ließ, welcher kleine Pferde⸗ freund ſich nach Schkramprls Abmarſch im Stalle heimiſch zu machen gewußt. Peterl, fragte er ihn, weißt Du Schloß Erlenſtein? — 209— „Bin ich doch oft genug dort geweſen!“ Trau'ſt Du Dich, den Weg zu finden? „Bei Nacht!“ Peterl, trau'ſt Du Dich, den Weg von Erlenſtein nach Sophienthal zu finden? „War auch in Sophienthal!“ Du biſt ein Engel. Peterl, trau'ſt Du Dich, durch Nacht und Nebel nach Erlenſtein zu reiten und von dort, wenn die Frau Gräfin nicht mehr daſelbſt weilte, nach Sophienthal? Ohne Aufenthalt? „Ich trau' mich's!“ Kannſt Du reiten, Vetetle „Jal“ Haſt Du ſchon geritten? „Nein!“ So wirſt Du vom Pferde fallen. „So ſteig' ich wieder hinauf!“ Und wenn's Dir wegläuft? „Ich halt's feſt!“ Wir wollen verſuchen. „Meinetwegen!“ Anton begab ſich mit Peterl in den Hof und ließ ein gutes Pferd ſatteln. Unterdeſſen hatte Peterl ſich reiſe⸗ fertig gemacht und bat um Geld zur Zehrung für ſich und das Pferd. Dann ſchwang er ſich hinauf, wie ein Affe ſo raſch, machte einige Volten im beſten Reiter⸗ ſtyl, ſprengte dann in kurzem Galopp vor den Herrn und fragte: „Wird's gehen?“ Holtei, Vagabunden. III. 14 — 210— Schlingel, Du haſt ſchon geritten! „Herr Schkramprl hat mich von den Reitern genom⸗ men.“ Warum lügſt Du? „Ich wollte dem gnädigen Herrn eine Ueberraſchung machen.“ Du biſt ein braver Kerl, Peterl. Hier iſt Reiſegeld; hier in dieſem ledernen Täſchchen iſt ein Brief an Gräfin Julia Erlenſtein in Erlenſtein, oder in Sophienthal. Auf dieſen bringſt Du mir eigenhändige Antwort der Gräfin! Und bis wann? „Darf ich das Pferd zu Schanden reiten?“ Pfui, Peterl; wenn wir gute Freunde bleiben ſollen, darfſt Du mir ſolche Fragen nicht thun. In meinem Dienſte ſoll niemals ein Pferd zu Schanden gejagt werden. Jetzt iſt's acht Uhr:— heute— morgen— übermorgen Abend um dieſe Zeit! He, heppla, heidone! Die Stallleute und Pferdeknechte ſchlugen ein lautes Gelächter auf über den kleinen Peterl, der da auf dem großen Roſſe zum Thore hinausflog. Anton kehrte nachdenklich in ſein Schloß zurück und wiederholte mehr als zwanzig Male: Ich bin ſehr neu⸗ gierig, was Gräfin Julia mir antworten wird! „Deſto beſſer; ſo ſchon' ich meine Sitzgelegenheit— — — 211— Sechsundſiebenzigſtes Kapitel. Durch Hedwigs kindliche Aufopferung, ſorgfältige Pflege hatte ſich der Rittmeiſter nach und nach wieder ſoweit erholt, daß er, von ihr und ſeiner Krücke unter⸗ ſtützt, alltäglich einen kleinen Spaziergang machen konnte. Wer die beiden Leute miteinander gehen ſah, mußte die liebliche Tochter für ein hochbeglücktes Mäd⸗ chen, den Invaliden aber für einen Verbrecher halten, dem ſein böſes Gewiſſen nicht eine heitere Stunde, nicht eine fröhliche Minute gönnte. Sie lächelte, ſchwatzte, war unermüdlich in kleinen Aufmerkſamkeiten für ihn, nickte jedem Vorübergehenden freundlich zu, kurz, gab ſich förmliche Mühe, öffentlich darzuthun und ihrem Vater zu zeigen, wie zufrieden ſie ſich fühle. Er dagegen, indem er jede ihrer Bewegungen ängſtlich beobachtete, keinen Blick von ihr verwendete, benahm ſich nicht anders, wie wenn ſie die Kranke, Gebrechliche, er ihr Führer und Arzt ſei, der nur aufzumerken habe, ob nicht vielleicht ein heftiger Ausbruch des lauernden Uebels bevorſtehe. Dabei ſtöhnte der alte Mann, fuhr ſich häufig mit der Hand über die feuchten Augen, ſeufzte wieder, drückte der Tochter zärtlich den Arm, ſtreichelte ihre Locken und fragte unzählige Male im Laufe eines Tages: haſt Du den lahmen Krüppel, den grauſamen Vater, den barbari⸗ ſchen Kerkermeiſter wirklich noch ein Bißchen lieb, Hedwig? Es war rührend mit anzuſchauen, wie ſie ſich bemühte, ihn zu täuſchen, die Sehnſucht ihres Herzens 14* — 212— vor ihm zu verbergen und frohen Muthes zu ſcheinen, wo doch die arme Seele im Grame ſchier verging. Doch er ließ ſich nicht täuſchen; er wußte nur zu gut, woran er glauben ſollte; wußte nur zu gut, daß mit Anton ſeines ſanften Mädchens Freude für immer ent⸗ wichen ſei! Ach, wie oft ſchon, ſeit jener ſchwarzen Stunde, wo er, von heftigen Schmerzen gequält, das halbverroſtete Schwert gegen ihn zückte, und ſie zwiſchen ihm und ſich wählen hieß;... wie oft ſeitdem hat er es bitter bereut, ſo gewaltſam gehandelt, ſo rückſichtslos jeden Vorſchlag zur Güte abgewieſen, jede Ausgleichung unmöglich gemacht zu haben! Dabei vermied er, des Verwieſenen Namen auszuſprechen. Er behandelte Hedwig wie eine Kranke, und dabei pflegte ſie ihn, führte ihn, die gute Tochter, wie eine Mutter ihr ſchwächliches Kind. Solange er, durch ſeine Schmerzen mürriſch gemacht, ſie mit übler Laune marterte, war ihr beſſer, fügte ſie ſich leichter in die Trennung von Anton. Seit⸗ dem er ſanft, dankbar, gütig die freundlichſte Theilnahme, ja Reue zeigte, fand ſie kaum mehr Kraſt, ſich neben ihm aufrecht zu erhalten. Die Weichheit des ſonſt ſo ſtrengen Mannes löſete ſie völlig auf. Sie gingen, ſie wankten vielmehr aus, des lauen Abendes froh zu werden. Beide, Vater wie Tochter, lieb⸗ ten jene Wege nicht, wo die Kleinſtädter zu luſtwandeln pflegten, weil er ſeine krummen Glieder, ſie ihren Gram nicht gern zur Schau trugen. Sie hielten ſich deshalb gewöhnlich nach einem kleinem Wäldchen hin, zu welchem kein Gaſthaus mit Bier und Spiel die ehrſame Ein⸗ — 213— wohnerſchaft lockte. Dort hinaus ging's beim„Armen⸗ Spittel“ vorüber, wo Dreher ſich eingekauft. Weiter hinaus noch lag das ehemalige Hochgericht, jetzt eine Ruine, und dieſem gegenüber ein ſchlechtverwahrter Begräbniß⸗Platz, zunächſt für die Hoſpitaliter, daneben auch für Fremde beſtimmt, die auf dem ſchönen, Garten⸗ ähnlichen Friedhofe der Bürgerſchaft nicht Platz finden konnten. Dort auch lag Antoinette begraben, was Hedwig nicht wußte, weil ſie in jenen Tagen Nichts geſehen und gehört, als ihres Vaters Leiden. Sie gingen alſo langſam ihren Abendgang. Da ſie ſich dem Männer⸗Hoſpital näherten, brachten zwei Armen⸗Diener einen ſchlechten Sarg auf einer ſchmutzi⸗ gen Trage heraus und ſchwatzten dabei roh und pöbel⸗ haft. Dann ſetzten ſie ſich in Bewegung nach dem Begräbnißplatz, was aber ſehr langſam von Statten ging, da die Laſt ſchwer und ſie alte kraftloſe Männer wmaren. Der Rittmeiſter und Hedwig folgten der Leiche, ohne daß ſie es wollten. Sie mußten, da ſie nicht voran⸗ eilen konnten, hinter den keuchenden Trägern herziehen. Hm, ſagte der Rittmeiſter, wenn's Dir ſonſt recht iſt, Hedwig, geh'n wir vollends mit bis auf den Kirchhof. Der arme Teufel hat keine Seele gehabt, die ihm die letzte Ehre erwieſe. Wollen wir's thun. „Gern, lieber Vater,“ antwortete Hedwig. Wen begraben wir denn hier? fragte der Rittmeiſter die Träger. „Den Puppencomödianten, Herr Obriſtwachtmeiſter, das verſoffene Schwein, Gott hab' ihn ſelig!“ — 214— Hedwig zuckte unwillkürlich mit der Hand, die des Vaters Arm ſtützte; dieſer erwiederte den Druck, ohne eine Sylbe zu reden. 3. Sie gelangten durch die verfallene Umzäunung bis an das offene Grab, wo der Todtengräber, ſeine Schnaps⸗ flaſche zur Hand, den Trägern entgegenrief:„Wie lange ſchleppt Ihr denn an dem alten Bierfaſſe?“ Die Träger ſetzten ihre Laſt weg und baten den Todtengräber um einen Schluck aus ſeiner Flaſche. Dann warfen ſie den Sarg in die Erde und machten ſich auf den Rückweg. 1 Während der Todtengräber die Oeffnung wieder zuſchaufelte, wobei der Rittmeiſter ihn andächtig, ſeiner eigenen Gebrechlichkeit gedenkend, beobachtete, war Hedwigs Aufmerkſamkeit auf ein Kreuz des benachbarten Grabes gerichtet. Auf dieſem ſtand in ſchwarzen Lettern zu leſen:— Antoinette. Wer liegt hier daneben, Todtengräber? fragte ſie. „Des Comödianten ſein Weib!“ Die kranke Frau!? flüſterte Hedwig. Und der Rittmeiſter ſprach: wir wollen nach Hauſe gehen. Zu Hauſe ſaßen ſie lange ſtumm und betrübt. Hedwig, hob der Alte an, ich habe ſeinen Namen nicht genannt, ſeitdem ich mit dem Schwerte zwiſchen Euch getreten bin, wie der Straf⸗Engel, der die erſten Menſchen aus ihrem Paradieſe vertrieb. Ich habe Dich aus dem Deinigen vertrieben. Und Du klagſt nicht! Du ſchweigſt und ſchluckſt Gram und Thränen hinab. Mir wäre beſſer, ich läge beim Puppenſpieler und der Antoinette, als daß ich den ſprachloſen Jammer mit anſehen muß. Sprich nur, weine nur, mache mir nur Vorwürfe, ich bitte Dich um Gotteswillen! Tadle meine Grauſamkeit, meinen Hochmuth, meine Härte mit harten Worten, damit ich Worte finde, mich gegen Deine Ankla⸗ gen zu vertheidigen! Wenn Du ſo ſchweigend duldeſt, werd' ich an mir ſelbſt irre und komme mir vor, wie ein Böſewicht. Hab' ich denn wirklich ſo Unrecht gethan? „Du haſt Recht gethan, mein Vater, und alles Unrecht iſt auf meiner Seite. Deshalb ſchweig' ich. Wie ſollt' ich mich auch vertheidigen? Hab' ich nicht, von meiner Jugend und Unerfahrenheit irre geführt, einem jungen Manne Gehör gegeben, der es unmöglich gut meinen konnte? Der mein kindiſches Vertrauen miß⸗ brauchen wollte für ſeine herzloſen Zwecke? Ja, ich liebte ihn. Liebte ihn ſchon damals, da er unſern alten Tanz⸗ lehrer begleitete; liebte ihn, wie vielleicht nur ein Kind— denn was bin ich anders geweſen— lieben kann: ſo rein, ſo innig, ſo wahr! In der Erinnerung an ihn lebte ich, von ihm getrennt. In meiner heiligen Liebe lebte ich, als Du ihn in's Haus brachteſt. Ich bedachte nicht, daß er ein heimathloſer Abenteurer ſei! Ich ſah in ihm nur den beſcheidenen, wohlerzogenen, anmuthigen Freund. Von den Gefahren, die mir drohten, hab' ich keine Ahnung gehabt. Und wollte in den letzten Tagen meines Zuſammenlebens mit ihm eine ſolche Ahnung aufkommen, — 216— ſo wurde ſie immer wieder zurückgedrängt durch die unbe⸗ ſchreiblichen Gefühle, die ſeine Gegenwart in mir erreg⸗ ten. Warum ſoll ich's Dir verſchweigen,— Dein Zorn gegen uns machte mich ſehr unglücklich, und wäreſt Du damals nicht auf den Tod krank geweſen, hätteſt Du nicht Deiner Tochter Pflege bedurft; hätt' ich Dich ver⸗ laßen dürfen, ohne Dich zu morden,— wer weiß, was ich in jenem ſchauderhaften Momente gethan, wo Du mir die Wahl ließeſt? Ja, damals klagt ich Dich an!— Ach, die Zeit hat mich belehrt, daß Du keine Klage ver⸗ dienſt, nur Dank! Denn, ſprich ſelbſt, würde der Menſch, den ich liebte, von dem ich mich geliebt wähnte, ſo lange geſchwiegen haben, wenn ſein Herz des meinigen ſich würdig hielte? Würde er, deſſen Namen ich nicht mehr ausſprechen will, der vor einer Drohung entfloh, wie ein Feiger, ebenſo feig geweſen ſein, wenn ſein redlicher Wille, ſeine gute Abſicht, ſeine treue Geſinnung für mich ihm Waffen, gute, gerechte Waffen dargeboten hätte? Sein Verſtummen klagt ihn an und rechtfertiget Dich! Mag mein Herz bluten, mag meine Seele ſich grämen,— für Dich hab' ich nur Verehrung, Liebe, Gehorſam; für Dich, mein Vater, hab' ich nur kindliche Hingebung. Dieſe Dir zu beweiſen, gönne mir. Begehre nicht ferner, daß wir zwei uns trennen ſollen, daß ich einen Platz, ſei es der glänzendſte, in einem großen Hauſe aufſuche! Laß' mich bei Dir. Nur bei Dir iſt Troſt für verrathene Liebe; nur an des Vaters Bruſt wohnt Friede für meine Bruſt; nur indem ich Dich hüte, mich in Dir vergeſſe, kann ich — 217— vergeſſen lernen, wie ſehr ich ihn liebte,— wie ich ihn immer noch liebe.“ Der Rittmeiſter lüftete den grünen Schirm, der ſeine kranken, einſt von einer Granate geblendeten Augen ver⸗ deckte, um ſich die Thränen beſſer trocknen zu können. „Weine nicht!“ rief Hedwig,„es iſt Dir ſchädlich, Deine armen Augen ſind immer entzündet.“ Weine nicht! entgegnete der Vater; weine nicht! Wie oft müßt' ich Dir das zurufen! Du weinſt ſo viel. Meinſt Du, ich höre das nicht? Laß mir auch die Freude; ſolche Thränen ſind Freudethränen; ſie gelten der beſten Toch⸗ ter, die ich Unwürdiger gar nicht verdiene; und wenn ſie den Augen weh' thun, ſo hole der Teufel die Augen; dem Herzen thun ſie wohl. Oder glaubſt Du, ich hätte kein Herz?. „Horch, Vater, ein Poſthorn!— Ein Reiſewagen! Vier Pferde vor. Sie halten bei der Poſt!“ Es wird der Diviſtonsgeneral ſein; er geht zur Truppenübung.— Na, da mußt Du mir wohl die gute Uniform herausſuchen; da heißt's morgen früh ſeine Auf⸗ wartung machen. Ja, der Herr General! War Fähndrich, da ich ſchon Lieutenant war! Jetzt iſt er General, und ich bin ein alter, armer Krüppel. Aber, weißt Du was, Hedwig? Seine Tochter iſt eine kalte, hochnaſige Dame! Ich tauſche nicht mit Ihnen, lieber General. Behalten Sie Ihre Würde und laßt mir meine Hedwig! Daß Duss nur weißt: in ſein Haus, zu ſeinen Enkelchen ſollteſt Du kommen, als Gouvernante. Er iſt ein braver Camerad, hatte mir's verſprochen, wollte mir den Vor⸗ zug gönnen. Jetzt, Nichts da; jetzt bleiben wir beiſam⸗ men, und morgen ſag' ich's ihm. „Dann will ich Dir die Uniform herzlich gern her⸗ vorſuchen, Vater, will ſie ausklopfen und bürſten, als ob der König hier wäre; denn ſobald ich bei Dir bleiben darf, iſt mein liebſter, mein einziger Wunſch erfüllt; ja, mein einziger: ich habe jetzt keinen anderen mehr.“ Der Rittmeiſter holte wieder einen von den tiefen Seufzern aus der Bruſt heraus, mit denen er ſeit einigen Monaten ſehr freigebig war, und ſetzte hinzu: wollte Gott, Du dürfteſt noch andere Wünſche hegen, wärmere, Deiner Jugend und Schönheit mehr angemeſſene! Wollte Gott, Du dürfteſt ſie hegen,— und ich könnte ſie erfüllen!. Kaum hatte er dieſe Worte ausgeſprochen, als man weibliches Geflüſter und das Geräuſch eines Männer⸗ trittes auf dem Flur vernahm; bald nachher wurde angepocht. Hedwig ging, zu öffnen. Ein Stubenmäd⸗ chen aus dem Gaſthofe ſtand vor der Thür, und indem ſie einen Lioreediener mit den Worten: hier iſt's! vor⸗ ſchob, lief ſie verlegen und eilig davon. 1 Der Diener fragte nach dem Rittmeiſter. Hedwig ließ ihn eintreten. Er meldete„ſeinen Herrn“ an, der um eine Unterredung mit dem Herrn Rittmeiſter bitte, in einer für beide Theile wichtigen Angelegenheit. Das muß ein Irrthum ſein, ſagte der Rittmeiſter, ich wüßte wahrlich keinen Menſchen, für welchen eine Unter⸗ — 219— redung mit mir von Wichtigkeit ſein könnte. Wie heißt Ihr Herr? 6. „Hahn.“ Und ſein Stand? „Gutsbeſitzer.“ Und er kommt? „Von Liebenau.“ Wenn Sie ſicher ſind, daß er mich wirklich aufſucht, ſo ſagen Sie ihm, es wird mir eine Ehre ſein, ihn zu empfangen.— Keine Idee, Hedwig, wer dieſer Mann, was er ſein mag, was er von mir will? Hahn von Liebenau!? Haſt Du dergleichen jemals gehört? „Niemals, lieber Vater!“ So iſt er's am Ende geweſen, der da mit Extrapoſt anlangte, nicht unſer General. Vier Pferde, ſagteſt Du? Hm, Hahn von Liebenau ſcheint hoch zu fliegen, ſcheint ein reicher Hahn zu ſein!? Aber was ſucht dieſer Hahn in meinem Korbe? Bei einem zuſammengehauenen Ritt⸗ meiſter auf Halb⸗Lieutenants⸗Sold? Unerklärlich.— Ich glaub', ich hör ihn ſchon? Geh', Hedwig, laß uns allein; ich fürchte, der Hahn kräht mir ſchlechtes Wetter oder ſonſt was Schlimmes. Mir iſt ſo unruhig zu Muthe wie vor meiner erſten Schlacht. Geh', Hedwig, laß mich mit ihm allein. 3 Hedwig gehorchte. Und im Gehen ſagte ſie: ich weiß nicht, Vater, was Du haſt? Mir iſt nun gerade zu Muthe, als ob dieſer Hahn gutes Wetter prophezei'te? Sie hatte kaum das Zimmer verlaſſen, um ſich nach — 220— der Küche zu begeben, da trat Anton durch die Thür vom Flure herein. Der Rittmeiſter machte Miene, ſich zu erheben; Anton bat ihn dringend, ſitzen zu bleiben. Ihre Stimme klingt mit ſehr bekannt, doch halb blind, wie ich bin, ſeh' ich Sie nicht deutlich und weiß wahrlich nicht, ob ich Sie ſchon früher ſah und kannte! „Sie kannten mich, Herr Rittmeiſter. Da wir uns ſahen, verwünſchten Sie mich und wieſen mir, als einem Unwürdigen, Ihre Thür.“ Menſch— Sie— Anton— „Anton, derſelbe Anton, den Sie zu ſich beriefen, damit Ihre Tochter mit ihm franzöſiſch rede; derſelbe, den Sie als Verführer fortſchickten, damit er niemals wiederkehre! Derſelbe und dennoch ein Anderer. Daß ich mich vor Ihnenzu zeigen wage, mag Ihnen Bürgſchaft ſein, ich komme mitehrlichen Abſichten, mit gutem Willen. Nicht als ob es dem armen Anton daran gefehlt hätte, ſo lang' er noch der arme Anton war. Ach nein, der Wille war immer gut, die Liebe immer aufrichtig und rein;— doch wodurch konnt' ich das beweiſen in meiner Stellung, ein Land⸗ ſtreicher ohne Mittel, ohne Ausſichten! Sie trieben mich hinaus in die weite Welt, und ich gehorchte, ich ging; ich bemühte mich, zu vergeſſen. Da wendet ſich mein Schickſal: was ich ſeit ſieben Jahren für einen unerfüll⸗ baren Traum gehalten, was ich in nebelhafter Ferne wie Thorheit betrachtet, ſenkt ſich auf einmal als Wahrheit, als Wirklichkeit zu mir herab. Ich finde einen Vater,— eine Mutter öffnet mir die Arme,— ich werde ein wohl⸗ — 221— habender Mann,— ich bin ſelbſtſtändig, frei, Herr meiner Zukunft. Und der erſte Gebrauch, den ich von dieſer Freiheit, dieſer Selbſtſtändigkeit des Beſitzes mache, iſt der, daß ich zu Ihnen eile; daß ich Ihre Hand ergreife, Verzeihung erflehend für den Leichtſinn, aus dem Ihr Zorn, Ihre gerechte Entrüſtung mich aufſchreckte; daß ich komme, Sie zu fragen, ob Ihre Tochter für mich empfindet, wie ſonſt? daß ich den Vater bitte, bei Hedwig mein Freiwerber zu werden.“ Der Rittmeiſter hielt die dargebotene Hand mit der Rechten feſt, mit ſeiner Linken ſtreichelte er ſie und zitterte dabei ſo heftig, daß Anton ihn ängſtlich befragte, ob er einen Fieberanfall befürchte. Der alte Soldat jedoch fand keine zuſammenhängenden Worte: Ueberraſchung, — grauſamer Vater geweſen,— Ehre,— guter Ruf,— gehorſame Tochter,— Thränen,— Liebe— kann's nicht glauben,— zu großes Glück,— arme Hedwig— Herr Graf, Herr Graf!— Dann fing er laut zu ſchluch⸗ zen an wie ein kleines Kind und ſank mit krankhaftem Zucken dem erſchrockenen Anton in die Arme. Dieſer ſchrie ängſtlich nach Hedwig.. Als Hedwig aus der Küche herbeiſtürzte, fand ſie den geliebten Vater am Herzen ihres Geliebten. Reiſen wir geraden Weges nach Liebenau? fragte am andern Morgen der Rittmeiſter, der wie neu geboren durch ſeines Kindes Glück überglücklich ſchien. „Geraden Weges,“ ſagte Anton. „„Und es iſt wahr,““ fragte wieder Hedwig, indem 3 4 — 222— ſie von den großen Koffern weglief, welche die Leute aus dem Gaſthauſe von Antons Reiſe⸗Kutſche abgeſchraubt, und die jetzt eiligſt gepackt werden ſollten,—„niſt es wahr, daß Sie geſtern Abend noch zwei Eſtafetten fort⸗ geſchickt haben, Anton?““ „Vollkommen wahr: die eine direct nach Liebenau, die andere nach Sophienthal.“ „„An die Gräfin?““ „An Gräfin Julia.“ Hedwig ſah ihn an, als wollte ſie ſagen: ich kann mir ſchon denken, warum dieſe Stafetten geſendet wur⸗ den; es iſt wegen der Voranſtalten für.... aber eh ihre Gedanken noch Worte wurden, ſtand ſie ſchon wie⸗ der zwiſchen Vache und Koffer, ihte und des Vaters Wäſche zu ordnen. Was für eine Geborene iſt Ihre Pflegemutter, mein theurer Graf? „Beſter Vater, Sie nennen mich immer Graf— Graf, oder Anton, oder lieber Sohn, wie ſich's grade fügt. Warum ſollt' ich Sie nicht Graf nennen? „Weil ich's nicht bin.“ Ja, ſind Sie denn nicht wirklich adoptirt? „Nein, durchaus nicht. Mein Vater iſt geſtorben, ehe noch die Vermittelung ſeiner Gemahlin—“ Freund, Sie führen doch ſeinen Namen? „Seinen Namen? Ich heiße Hahn.“ Ganz richtig. Und hieß denn Ihr Herr Vater anders. „Sie verlangen doch nicht, daß mein Vater Hahn geheißen haben ſoll?“ Allerdings, Anton, wie denn ſonſt? Hab' ich ihn doch ſelbſt gekannt, den guten, wunderlichen Grafen, der ein königliches Vermögen, ein ungeheures Beſitzthum in ſei⸗ ner Leidenſchaft für's Theater durchgebracht hat. Ja, lieber Sohn, ich hab' ihn gekannt: zuerſt, wie er als Ca⸗ valier aus dem Mecklenburgiſchen nach der Reſidenz kam, die berühmteſten Mitglieder des Hoftheaters zu ſich einzuladen, daß ſie bei ihm Gaſtrollen geben und ſich mit Gold überſchütten laſſen mußten; dann, ſpäterhin, wie die Millionen bereits verſchwunden waren, und er, um ſeine Theaterwuth zu ſtillen, mit reiſenden Truppen das Land durchzog, gleich einem gewöhnlichen Theaterprinci⸗ pal, dabei immer generös, liebenswürdig, immer Cava⸗ lier... „Beſter Vater, mir ſchwindelt der Kopf, von wem ſprechen Sie?“ Beſter Schwiegerſohn, von Ihrem Vater, von dem weltbekannten Grafen Hahn. 5 „Nun, dann bin ich nicht von dieſer Welt, denn mir iſt er wirklich nicht bekannt.“ Sie ſind nicht der Sohn des Grafen Hahn aus Mecklenburg, oder Holſtein, oder ich weiß nicht, wo ſeine Herrſchaften lagen und liegen? Genug, meines alten Hahnes, Sie junger Hahn? „Mein natürlicher Vater hieß Graf Erlenſtein.“ Alſo meine Combinationen, die plauſtbelſten, die man machen kann, wären falſch geweſen? Er iſt nicht der junge Hahn— Hedwig, höre doch, er iſt nicht der Sohn des Grafen— — Hedwig, einen Pack Wäſche auf dem Arme, rief aus dem Nebenzimmer hinein:„„mir iſt völlig gleich, weſſen Sohn er iſt, lieber Vater, wenn er nur iſt, wie er iſt.““ Nein, ich kann mich nicht zu Gute geben, ſolch' eine logiſche Folgerung fallen zu laſſen. Ich habe Sie, mein theurer Anton, als einen jugendlichen Vagabunden, noch obenein als theatraliſchen— denn Puppenkomödie ge⸗ hört auch zum Theater— kennen gelernt. Als dieſen hab' ich Sie ſo zu ſagen aus dem Hauſe gejagt, nach⸗ dem ich Sie mühſam hereinberufen. Nun kehren Sie mir zurück, als Gutsbeſitzer, als natürlicher Sohn eines Grafen, als reicher Erbe, als Pflegeſohn einer Gräfin, als ein Hahn... ja, wer hätte da nicht einen Fahneneid ſchwören mögen, daß ſie kein anderer ſein könnten, als der von ſeines Vaters freiwilligem Vagabundenthume unfreiwillig angeſteckte Sohn? 6 „Es thut mir leid, Vater, Ihre Hedwig nicht zur Gräfin machen zu können. Das heißt, um Ihretwillen thut es mir leid, wofern Ihnen dieſer Titel angenehm geweſen wäre. Ich bin nur capabel, eine Madame Hahn vom Altare zu führen.— Doch dieſes Geſpräch führt mich auf einen Wunſch zurück, den ich gern erfüllt ſähe, bevor wir aufbrechen: daß Sie Hedwig erlauben möchten, mich auf den kleinen Begräbnißplatz zu be⸗ gleiten.. Wo Ihr alter Puppenſpieler liegt? Ja, wir haben ihn geſtern begleitet. Geht in Gottes Namen, mir ſchenkt Ihr wohl den Marſch? Hedwig ging an Anton's Arme den Weg, den ſie geſtern an ihres Vaters Seite gemacht. Heute ging ſie raſcher und mit anderen Empfindungen. Da ſie draußen angekommen waren, ſprach Hedwig, auf den friſchaufgeworfenen Grabhügel deutend: Hier liegt Dein Puppenſpieler. 3 8 „Und hier,“ ſagte Anton, mit dem Finger die Auf⸗ ſchrift„Antoinette“ berührend,„hier unter dieſem Kreuze liegt meine arme Mutter.“ Der Paſtor Julius Karich in Liebenau hielt ſeine Sonntags⸗Predigt. Die„andächtigen Zuhörer“ ver⸗ dienten heute dieſen Namen weniger, als ſonſt. Denn auf heute war Erntekranz angeſagt. Knechte und Mägde dachten an nichts Anderes. Vergebens mühte ſich der Prediger, ihre Aufmerkſamkeit zu feſſeln, ſie waren im Herzen ſchon beim Feſte, und ſogar die älteren Dorfbe⸗ wohner fragten ſich bedenklich: was ſoll das werden? Heute iſt Erntekranz, und der neue Gutsherr iſt von ſei⸗ ner Reiſe noch nicht heim? Die ganze fromme Verſamm⸗ lung war weltlich zerſtreut. Dieſe weltliche Zerſtreuung nahm mächtig zu, da man während der Predigt verſchie⸗ dene Equipagen bei der Kirche vorbeirollen hörte. Der Herr kommt, murmelten die jungen Burſche. Und er bringt Gäſte mit, flüſterten die Mädchen. Der Paſtor ſagte: Amen!. Während er die üblichen Kirchengebete verlas, kam der Schullehrer Kickelier ſammt ſeinem Sohne und Ge⸗ hilfen Gottfried Kickelier, und ſie breiteten einen wunder⸗ prächtigen Teppich, wie noch niemals ein Liebenauer ge⸗ Soltei, Vagabunden. III. 15 — 226— ſehen, über die Stufen des Altars. Auch Herbſtblumen aller Art und Gattung wurden ausgeſtreut. „Iſt Hochzeit?“ fragten ſich die Weiber in den Bän⸗ ken und Kirchſtühlen. „Wer macht denn Hochzeit?“ fragte die Frau Ver⸗ walterin, ihre Schweſter, die Frau Paſtorin, mit dem Ellbogen ſtoßend.. Er hat mir Nichts geſagt, antwortete die Paſtorin, ihrem Gatten einen zornigen Blick auf die Kanzel ſen⸗ dend, trotz ſeines Amts⸗Ornates. Als der Prediger Karich in den vorgeſchriebenen Ge⸗ beten an die Stelle gelangte, wo des Gutsherrn gedacht wird, fügte er hinzu: und ſeine Braut. Ein Gemurmel des Erſtaunens ging durch die Kirche. Der Prediger fuhr fort:„Als Verlobte empfehlen ſich der Gnade Gottes und der Fürbitte dieſer chriſtlichen Ge⸗ meinde und werden hiermit aufgeboten zum erſten, zwei⸗ ten und durch Dispenſation des Hohen Conſiſtorii zu⸗ gleich zum dritten Male: Herr Anton Hahn, Herr auf und zu Liebenau, mit Fräulein Hedwig von Lubenski, einziger Tochter des königl. Rittmeiſters von der Armee, Herrn Friedrich von Lubenski. Sollte Jemand wider dieſe Verbindung noch Etwas einzuwenden haben, der melde ſich bei Zeiten und am gehörigen Orte, ſchweige aber nachher. Der Himmel gebe den Verlobten ſeinen Segen.“ 3 Es wäre einem Jeden, der wider dieſe Ehe erhebliche Einwendungen auf dem Herzen gehabt hätte, wirklich ſchwer geworden, dieſelben an gehörigem Orte vorzu⸗ 4 1 bringen, denn ſchon öffneten ſich die Flügelthüren der Kirche, und das Brautpaar wurde ſichtbar. Glücklicherweiſe war Niemand zugegen, der Luſt oder Beruf gehabt, ſich aufzulehnen. Miez wie Linz hatten zwar, bevor der Name der Braut ertönte, einige unſchwe⸗ ſterlich⸗neidiſche Beſorgniſſe gehegt, doch, da es nur nicht Ottilie war, ſich ſogleich wieder beruhiget. Gräfin Julia, den durch ſeine ehrenvollen Wunden geſchmückten Brautvater ſorgſam führend, machte in ihrer tiefen Trauer einen gewaltigen und erſchütternden Eindruck, den jedoch Hedwig's heit're bräutliche Erſchei⸗ nung ſogleich in einen fröhlichen umwandelte. Ottilie ging, als Brautjungfer, neben ihr. Stolz und ernſt wie immer, ſtrahlte doch ihr bleiches, mageres Angeſicht von theilnehmendem Glücke. „Paſtor⸗Puſchel“ übertraf alle Erwartungen, die Anton auf ihn geſetzt. Er ſprach einfach, natürlich und wahr. Er rief der ganzen Gemeinde das Bild des Korb⸗ macherjungen Anton in's Gedächtniß; erinnerte die Leute daran, daß dieſer junge freundliche Mann, der jetzt als Gutsherr, als Bräutigam einer liebenswürdigen Jung⸗ frau vor dieſem Altar ſtehe, dereinſt, wie er ein armer Junge, ein verwaiſeter Fremdling hieß, der Liebling des Dorfes geweſen ſei. Und warum, ſagte er, ſollte er dies nicht bleiben, jetzt, wo ihm Gelegenheit ward, Eure Liebe von damals zu vergelten? Und dann führte der junge Geiſtliche, mit ungeheu⸗ chelter Rührung, mit einer von innerſter Bewegung be⸗ benden Stimme, zwei Namen vor, die unvergeſſen in 15* 228 aller Herzen lebten: die alte Mutter Gokſch, des Bräu⸗ tigams Großmutter,— und ſeinen eigenen Vater, den guten Paſtor Karich. Sie beide, ſprach er, haben unſerm Herrn und Freunde ſcheidend ihren Segen hinterlaſſen; an ſeiner Großmutter Grabe verkündete mein Vater dem? weinenden Jüngling eine glückliche Zukunft, und heute ſteht der Sohn vor dieſem Altare, um emporzurufen: Vater, Deine Verheißungen ſind Wahrheit geworden. Die Dorfleute weinten recht nach Herzensluſt. Als die Ringe gewechſelt wurden, ſteckte der Paſtor an Hedwig's Finger denſelben Ring, den Anton ſeiner verſtorbenen Mutter auf ihr Geheiß von der Hand ge⸗ ſtreift. Denn ſo hatte ſie es gewollt. und die Sonne ſtand hoch und klar am blauen, rei⸗ nen Himmel, da der lange Zug aus der Kirche ſich nach dem Schloſſe hin bewegte. um vier Uhr Rachmittags brachten ſie den eaee kranz. 3 Bis in die Laube hinaus wogte die Menge der Dörfner. Die Muſtkanten blieſen den„Polniſchen.“ Gräfin Julia ſprach: meine Trauerkleider unterſagen mir, den 1 Tanz zu eröffnen; Hedwig ſoll mich vertreten, und den Vortänzer werd' ich ihr zuführen. Dies geſagt, machte ſie ſich Bahn durch das Gewühl, welches ehrfurchtsvoll vor ihr ſich öffnete. Ueber alle Köpfe ragte ein grauer Kopf hervor, dem Rieſen Schkramprl gehörig. Dieſen — 229— holte ſie herbei, daß er mit Hedwig tanze! Ohne ihn, ſagte die Gräfin zu Hedwig, wären wir heute nicht hier. —-— Der Rittmeiſter hinkte neben Ottilien her, die zu An⸗ ton hinüber rief: Seit ſieben Jahren mein erſter Tanz. Alſogleich ſprang Anton unter die Muſtkanten, ergriff eine Geige und ſpielte zum Tanze auf, wie vor ſieben Jahren. Ottilie trocknete die Thränen aus lächeln⸗ den Augen. Schkramprl ſagte zu Hedwig: der Teufel ſoll mich holen, Madame, wenn ich eine ſo ſelige Stunde im Leben gehabt habe, ſeitdem mein Sohn mit zwei Köpfen auf die Welt kam. Aber weinen und tanzen zugleich iſt wirk⸗ lich eine Rieſenarbeit! Der Ball dauerte nicht gar lange. Die Mägde zogen ſammt ihren Tänzern nach dem Wirthshauſe..— Im Schloſſe wurde zeitig Nacht. Die Bewohner lagen um zehn Uhr ſchon alle in ihren Betten. Die Neuvermählten auch. Siebenundſiebenzigſtes Kapitel. Es iſt mir bei der Anſchauung von Dramen und bei der Leſung von Romanen ſtets auffällig geweſen, mit der Vermählung des Helden oder erſten Liebhabers die Dich⸗ tung enden zu ſehen; als ob nun damit Alles erſchöpft, als ob mit dem Jawort, welches die endlich an's Ziel ge⸗ ———— —— — 230— langten Liebenden vor dem Altare ausſprechen, nun auch ſchon jede weitere Negation beſiegt, jedes Ziel erreicht wäre? Seltſamer Brauch, den die Verfaſſer faſt immer befolgen, der alſo doch in den befriedigten Anſprüchen der Leſewelt wurzeln muß! Was mich betrifft, ſo bin ich entgegengeſetzter Mei⸗ nung, ich kann mir nicht helfen. Ich möchte, wenn ich mich mit einem Menſchen und ſeinem Schickſale im Buche durch Dick und Dünn geſchlagen und ihn nun endlich bis zu ſeiner Verheirathung mit einer Geliebten begleitet habe, für mein Leben gern wiſſen, wie es ihm und ihr ſpäterhin wohl erging? Wie ſie mit einander gelebt? Und ob die Ehe, auf welche ſte beide und ich mit ihnen drei Bände lang warten mußten, denn eine glück⸗ liche geworden iſt? Durch wen aber ſoll ich das erfahren, wenn mir's der Autor nicht ſagt? An die betreffenden Perſonen zu ſchreiben will ſich ſelten ziemen, auch wenn man ihre Adreſſen wüßte; denn Fragen dieſer Art ſind ſchwierig zu ſtellen und oft noch ſchwieriger zu beant⸗ worten. Da es mich nun jedesmal verdrüßlich macht, meine Neugier in ähnlichen Fällen unbefriedigt zu ſehen, ſo denk ich, es könnte unter meinen Leſern manche geben, die meinen Geſchmack theilen? Und da ferner das alte Sprichwort: Was Du nicht willt, daß Dir geſchicht, Das thu. auch keinem Andern nicht, mir von Kindheit auf eingeprägt worden iſt, ſo halt' ich es für meine Schuldigkeit, die Feder des Biographen —— — 231— nicht ſogleich nach der Hochzeit hinzulegen, vielmehr ſel⸗ bige noch einmal friſch zu ſchneiden und unſer ſchönes jüngſt vermähltes Paar zu verfolgen in ſeine Flitter⸗ wochen; ſogar darüber hinaus. Sie waren ſehr ſchön, dieſe Flitterwochen. Man denke nur: ſanfter Herbſt, ländliches Still⸗ leben, kurze, herrliche Tage, lange, traute Abende! Und als nun der Winter kam; als der Schnee ſo reinlich und weiß die Fluren deckte; als die grünen Tannenwälder rauſchten; als Anton den kleinen Rennſchlitten lenkte und von der neben ihm ſitzenden, in einen unermeßlichen Bärenpelz vermummten Hedwig kaum ein Drittel des Geſichtes übrig blieb, womit ſie dem Geliebten zulächelte; als Peterl's Beine faſt zu kurz waren, auf den Kuffen des ſchmalen Schlittens Fuß zu faſſen, er aber dennoch fürchterlich mit der großen Peitſche knallte, daß alle alten Weiber des Dorfes durch die kleinen Fenſterlein guckten; als Anton vor ſeiner Mutter Häuschen anhielt und Hedwig aus dem Fell des brummigen Bären mit Nach⸗ tigallenſtimme Ottilien einlud, ſie möchte zum Thee auf's Schloß kommen; als Anton ſodann, heimgekehrt, die rothbäckig⸗gefrorene Frau an der Hand, in Rittmeiſters Zimmer ging und ſie ſchon auf dem Gange den Vater lachen hörten über Schkramprl, der vor ſeinem Ruhebette ſaß und log, was das Zeug hielt. Als Schkramprl bei Hedwigs Eintritt aufſprang, ihr die Hand zu küſſen, und eiligſt in den Stall lief, um einige verſpätete Ratzen nachträglich aus ſeinen Fallen zu nehmen, die er dann für Peterl braten wollte, von dem er ſchwur, der Junge — 232— freſſe Ratzen, wie ein Chineſe. Als Anton ſich in ſein Arbeitszimmer begab, einige nothwendige Briefe zu ſchreiben. Als Hedwig von ihm Abſchied nahm, wie wenn er nach Auſtralien zöge. Als Ottilie eintraf. Als der Theetiſch vor Rittmeiſters Sopha geſchoben wurde und die Frauenzimmer ihre Arbeit zur Hand nahmen. Als Anton die ſeinige vollendet hatte und nun flehentlich um einen Löffel Arac in den Thee bat, den ihm Hedwig durchaus nicht geben wollte, weil ſie meinte, Thee mit Arac ſei nicht geſund. Als der Rittmeiſter ihr Recht gab und verſicherte, Arac mit Thee ſei freilich geſünder. Als der Stadtbote, beſchneit und bereift, wie wenn er mit Zucker beſtreut wäre, die Zeitungen brachte und einen Brief von Gräfin Julia, worin dieſe„ihre kleine Hedwig“ küßte und Ottilien ihre Freundin nannte, und den Ritt⸗ meiſter ihren würdigen Freund und Anton ihren lieben Sohn!— O welche Flitterwochen waren dies! Hedwig liebte Anton wie ihre erſte, ihre täglich zu⸗ nehmende, ihre letzte Liebe; wie nur ein junges Weib lieben kann, dem das Glück zu Theil wurde, den Inbe⸗ griff ihrer unſchuldigſten, jungfräulichſten Neigung und Sehnſucht im Gatten umarmen zu dürfen. Wenn ſolche Liebe, ſolche Anhänglichkeit überhaupt jemals erlöſchen kann, ſo darf man beinahe mit Gewißheit annehmen, der Gemahl habe ſie durch ſeine Schuld erſtickt. Was aber Anton hätte anwenden müſſen, um Hedwig's Herz, Gemüth und Seele von ſich abzuwenden, das weiß ich wirklich gar nicht; meine Phantaſie iſt zu dürftig, Möglichkeiten dafür auszuſinnen. Dennoch zweifelte der in ſeinen Anſprüchen unerſättliche Honig⸗Mond⸗ ſüchtige bisweilen an der begehrten Ausſchließlichkeit die⸗ ſes Beſitzes, weil die Geliebte ſich durch keine Gewalt ehelicher Liebe von Erfüllung kindlicher Pflichten abhal⸗ ten ließ. Aus dieſen Zweifeln ging eine kleine Eiferſucht hervor; eine ganz kleine, junge, niedliche, mit welcher Hedwig ſpielend fertig wurde, weil ein Wort von ihr, ein Blick genügten, das Scheuſälchen in die Flucht zu ſchla⸗ gen, in den Winkel zu treiben, wo es ſich verbergen mußte, und eben nur ſo viel Macht behielt, der glühend⸗ ſten Zärtlichkeit gleichſam einen Sporn einzudrücken, der ſie nur um deſto mehr belebte. Denn Anton achtete und liebte ſeinen Schwiegervater auch, und er ſelbſt würde endlich Hedwig getadelt haben, wenn ſie neben ihm und um ſeinetwillen im Stande geweſen wäre, den Rittmeiſter zu vernachläſſigen. Was für ihn der Vater ſeiner Frau, das war für dieſe Ottilie. Hedwig liebte Ottilien als eine Freundin, achtete ſie als einen großmüthigen Cha⸗ rakter, als ein geiſtreiches Mädchen,— aber ſie konnte ihr doch niemals ganz vergeſſen, daß ſie einſt Anton's „Tieletunke“ war. Es genügte, dieſen kindiſchen Bei⸗ namen nur auszuſprechen, damit Hedwig, ſei es auch blos auf einen Moment, unruhig werde. Sie hatte die⸗ ſer Empfindung, die ſie ſelbſt eine höchſt alberne nannte, niemals Hehl: ſie meldete ſich ſelbſt, die ehrliche Seele, jedesmal, wenn's ihr geſchah. Du, ſagte ſie dann, Du, Ottilie, es iſt kaum fünf Minuten her, da bildete ich mir ein, ich könnte eiferſüchtig auf Dich ſein? Worauf Ottilie zu entgegnen pflegte: warum das — 234— nicht? die Eiferſucht hat ſchon Uügere Leute dumm gemacht. Dann lachte Hedwig und fragte: bin ich dumm? Und Ottilie antwortete: geh', Du biſt nicht klug. Und dann lachten ſie beide. Und Anton kam dazu und küßte Hedwig. Ottilie aber ſprach: den Kuß müßt er mir nun geben, wenn ich nicht Verſtand gehabt hätte, für ihn— und für mich. Anton küßte Ottiliens Hand. Ottilie rief: ſieh'ſt Du, wie danlbar er mir i⸗ daß ich ihn nicht feſthielt? Dann hinkte der Rittmeiſter herein, und feind Tochter umſchlang ihn mit beiden Armen und ſagte: Du biſt mein guter, treuer Vater, Du machſt mir niemals Aerger. „Außer wenn ich Deine Anbeter mit dem Säbel in die Flucht ſchlage!“ Und Hedwig machte ſich vom Vater los, neigte ſich zu Anton, fuhr ihm in die Locken, ſchüttelte ihn und flüſterte: hab' ich ihn doch! So verging der Winter. Und der Frühling kam wieder; der böſe Frühling! Wie er lächelnd, mit Blüthen umkränzt, ſeinen Einzug hält, Leben verheißend und Luſt, doch im Herzen birgt er den Tod, der Heuchler! Sie hatten einen Gang in's friſche Grün gemacht. Die Maiſonne brannte wie im Auguſt. Die Luft war ſchwül und ſchwer. Sie ſuchten den Schatten des nahen Buchenwäldchens. 11 — 235— Anton und Hedwig gingen voran und plauderten von ihren Hoffnungen. Hedwig wollte wiſſen, ob ihr Kind, wenn es zur Welt käme, ihr oder ſeinem Vater ähnlich ſehen werde? Oder Beiden? Ob es blaue Augen haben werde, oder braune? Ob es ein Anton ſein werde, oder eine Julia—“ denn nach unſerer guten Gräfin muß es heißen. Ja, gewiß. Und iſt's ein Junge, muß er Julius heißen, nicht Anton. Es iſt auch beſſer, daß er nicht nach dem Vater genannt werde, ſchon der Verwechs⸗ lungen wegen. Nehmen wir an, ich ſagte eines Morgens zu Ottilien:„ich habe wenig geſchlafen, mein Anton hat die ganze Nacht geſchrieen,— was müßte ſie von Dir denken? Ottilie, den Rittmeiſter führend, folgte ihnen. Ein ängſtlicher Ausruf aus ihrem Munde ſtörte Hedwig's zärtliches Geplauder. Sie wendeten ſich: Hedwig's Vater lag am Boden, Ottilie knieete neben ihm.— Ein Gewitter zog in der Ferne herauf.— Der alte Soldat ſchien todt. Hedwig's herzdurchſchneidendes Jammer⸗ geſchrei weckte ihn noch einmal aus ſeiner Betäubung. Er verſuchte die Augen zu öffnen, die ihn Umgebenden zu erkennen, reichte Anton und Ottilien die zitternden Hände und zog dann Hedwigs Kopf an ſeine Bruſt: „Im Freien! Im Frühling! Im Mail! Kanonen⸗ donner! Letzte Schlacht! Mein Kind,— mein Sohn,— habt Euch lieb!“ Nach drei Tagen wurde der Rittmeiſter begraben, wo Ottiliens Eltern ruhen, Anton's Großmutter, der gute Paſtor Karich und auch der ſchwarze Wolfgang. Am Abende des Weritnizutat gebar Hedwig ei ein todtes Kind. Achtundſiebenzigſtes Kapitel. Sie erholte ſich, Dank ſei es ihrer Ingendkraft, bewundernswürdig ſchnell. Als ſie zum erſten Male des Vaters Grab beſuchte, ſagte ſie zu Anton: nun hab' ich Dich allein! Wende Dich niemals von mir! Dieſes Wort, aus der tiefſten Fülle eines ſchmerzlich⸗ verwundeten, doch innig⸗liebenden Herzens geſprochen, geſtaltete ſich, auf eigenthümliche Weiſe, zu einem Fluche um, der ſich gegen Anton's Glück und Zufriedenheit richtete. Anton hatte ſchon beim Erwachen des Frühjahrs die Ahnung einer ihm unklaren Bangigkeit gehabt, einer Unruhe, die ihn fortwährend hinaustrieb, auch ohne beſtimmten Zweck, ſein Gebiet nach allen Richtungen zu durchſtreifen. Zu Wagen, zu Pferde, wie zu Fuße! Es fehlte ihm Etwas; er konnte nicht ausfinden, was es ſein möge. Der plötzliche Tod ſeines Schwiegervaters, die Krankheit Hedwig's, der Schmerz über den Verluſt eines ſchon vor der Geburt geſtorbenen Kindes,— dies Alles hatte ſeinen Gedanken eine andere Richtung gegeben. Hedwig's weiblich Rittmeiſters brachte Grübelei, in die er vo t verſenkt geweſen. Was kann mir den len, fragte er ſich, mir, den das Glück mi Gaben überhäuft? Daß mein Schwieger⸗ vater ſterben, bald ſterben würde, wußt' ich, als ich Hedwig heimführte; Gott hat ihm das letzte Lebensjahr nur noch geſchenkt, damit er ſich freuen dürfe, ſeine Toch⸗ ter verſorgt zu ſehen. Nicht daß er uns verließ, darf ich beklagen; nur zu danken haben wir, daß er uns noch ſo lange geliehen ward! Daß mein Kind das Licht dieſer Sonne nicht erblickte, iſt die natürliche Folge von Hedwigs kindlicher Liebe; ſie befindet ſich wieder wohl und wird künftig auch eine beglückte Mutter ſein. Ich bin reich, unabhängig, jung, kann Gutes ſchaffen in meinem Wirkungskreiſe; die Bewohner von Liebenau haben mich gern; ich liebe meine Frau, meine Frau liebt mich.... was kann mir denn fehlen?— Wie, wenn es die Frei⸗ heit wäre?„Nun hab' ich Dich allein! Wende Dich niemals von mir!“ Gewiß, ſie hat Recht ſie iſt mein ſchönes, gutes, treues Weib; ſie hat Recht, von mir Treue zu fordern, bis über's Grab!— Und doch, wie wenn es der Gedanke wäre, ſo unauflöslich gefeſſelt zu ſein, der mich beunruhigte? Es wäre ſchrecklich, dennoch iſt es nicht unmöglich. Ich war elend, das iſt richtig; ein armſeliger, umhergeworfener Vagabund! Ich ſehnte mich nach Ruhe, nach einer Heimath. Nun hab' ich Beides, hab' es in überreichlichem, jeden Wunſch über⸗ ſteigendem Maaße;.... und nun entbehr' ich, was mich 8 au damals quälte, jene Freiheit der Armuth, deren Heimath die ganze große Erde heißt!? Vie errante, est chose enivrante! ſingt der franzöſiſche Chanſonnier, deſſen Lie⸗ der ich in Paris kennen lernte. Wohl wahr! In dieſem Rauſche ſind mir ſieben Jahre verflogen, ſieben Jahre voll Noth und Luſt. Die Noth iſt vergeſſen, die Luſt wirkt nach. Sie überfällt mich bisweilen, daß ich nur gleich aufſpringen und davon laufen möchte, über alle Berge hinaus! Ich weiß ſehr gut, ich würde nicht lange laufen; ich würde bald wieder heimkehren nach meinem lieben Liebenau;— aber ich hätte die Luſt doch gebüßt; ich hätte doch wieder einmal vom Schaume der vollen Jugendfreiheit genippt.— Für einen Gatten ſchickt ſich das nicht. Ich ſoll ein Mann ſein; ein ernſter, würdi⸗ ger Gutsbeſitzer; darf meine Gemahlin nicht verlaſſen; muß nach der Wirthſchaft ſehen; die Beamten controli⸗ ren; muß im Geſchirr des ſoliden Lebens ziehen; darf nicht über den Strang ſchlagen; bin glebae adscriptus; bin Sklave meines Reichthums,— Sklave meiner Liebe!— und gute Nacht perſönliche Freiheit!—— Gerathe nur erſt Einer auf derlei bedenkliche Fragen: er wird ſich bald in eine recht gut⸗organiſirte, rebelliſche Widerſetzlichkeit hineingefragt haben. Und gar erſt, wenn er die entſtehende Mißſtimmung— ſei es auch in der edelſten Abſicht— vor Derjenigen verheimlicht, welche die unſchuldige Urſache derſelben iſt. Wer vor ſeiner Frau ein Geheimniß hegt(ich rede begreiflicher Weiſe nur von ſolchen Geheimniſſen, die auf das eheliche Ver⸗ hältniß Bezug haben), der erzieht eine Schlange an ſei⸗ — 239— ner Bruſt, welche ihm über kurz oder lang das Herz anfreſſen kann. Anton beging dieſen Wahnſinn. Er verbarg vor Hedwig jene Unruhe, die ein geſpenſtiges Phantom, Freiheit genannt, ihm erregte; er zwang ſich, heiter und unbefangen zu erſcheinen; er erkünſtelte fröhlichſte Laune; er verdoppelte ſeine zärtlichſten Aufmerkſamkeiten für ſie: „damit ſie nur Nichts merke!“ Der Thor!! Es wäre beſſer geweſen, ihr Alles zu ſagen, die volle, reine Wahr⸗ heit. Die Wahrheit iſt immer das beſte, auch wenn ſie das ſchlimmſte iſt. Hätt' er ſich die Skrupel von der Seele geredet, ein ganzes verdorbenes Jahr hätt er ſich erſparen können. Doch er ſchwieg, log, litt. Und es währte nicht lange, ſo empfand Hedwig, daß er ſie täuſche. Doch ſchwieg auch ſie. Und auch ſie litt. 1 So gingen ſie lächelnd, liebend und leidend neben einander her. Ottilie aber ſchüttelte den Kopf und agte: mit mei⸗ nen Leutchen im Schloſſe iſt nicht Alles in Ordnung. Seit des Vaters Tode gefallen ſte mir nicht. Das muß der Gräfin berichtet werden. — 240— Neunundſiebenzigſtes Kapitel. Die Erndte hatte begonnen. Anton ritt von einem Vorwerk, von einem Felde zum andern, ſeine Arbeiter zu begrüßen und ſich von den Mägden der„Hofegärtner binden“ zu laſſen; der alten guten Sitte getreu, nach welcher, bei Eröffnung der Erndtezeit der Gutsherr, ſo⸗ bald er ſich draußen zum erſten Male blicken ließ, mit bunten Bändern um den Arm geſchmückt wurde; wofür er natürlich ein reichliches Geſchenk zu ſpenden nicht ver⸗ ſäumen durfte. Die„Hofegärtner“ von Liebenau und den dazu gehörigen Wirthſchaftshöfen wollten von der ihnen frei⸗ geſtellten Ablöſung der ſogenannten Robotpflichtigkeit durchaus keinen Gebrauch machen. Sie fanden es ihrem Vortheile angemeſſener, des Gutsherrn Fruchtfel⸗ der zu mähen, die Garben zu binden im Schweiße ihres Angeſichtes und dafür„den Zehnten,“ den ihnen gebüh⸗ renden Arbeitslohn, in Empfang zu nehmen, als nach⸗ zuahmen, was viele Gemeinden in der Nachbarſchaft bereits gethan hatten. Der alte Vormäher vom Ober⸗ hofe ließ ſich darüber etwa ſo aus: „Iſt's nicht geſcheidter, wir tragen Glück und Unglück, gute Jahre und Mißwachs zu gleichen Theilen mit dem Dominium, ſtatt daß wir Tagelöhner vorſtellen und uns in Gelde bezahlen laſſen? Jetzt kommt der Herr, oder meinetwegen der Verwalter, und fragen, was meint Ihr, Leute, wollen wir hauen, oder warten wir noch? Oder wo fangen wir heuer an? Oder was meint — 241— Ihr vom Wetter? Wird's heimlich bleiben? Nu ja, warum ſollen ſie uns nicht fragen;'s iſt ja unſer eige⸗ ner Vortheil, wenn's gut geht und wir bringen das Biſſel Gottesſegen trocken unter Dach. Ich arbeite doch lieber, wenn ich für mich mit arbeite. So'n Tagelöhner fragt den Gukuk danach, was verdirbt, oder nicht. Und ſeinen Lohn verſauft er, und im Winter hat er Nichts zu freſſen.“ 4 Deshalb hatten ſich die Liebenauer noch nicht von ihren Hofedienſten abgelöſet und bewahrten auf dieſe Weiſe noch ein letztes Reſtchen patriarchaliſcher Ueber⸗ lieferung in ihren Hütten, auf ihren Feldern, in ihren Herzen. Anton plauderte mit ihnen, herzlich und vertraulich. Der Eine nannte ihn Herr Gokſch, der Andere Hahn, ein Dritter Musje Anton und ein altes Gärtner*)⸗Weib redete ihn gar: geſtrenger Herr Korbmacher von Ober⸗ Liebenau! an, worüber er ſo heftig lachte, daß alle Mädel mit zu lachen anfingen und fünf Minuten lang keine Hand anlegten, bis der Vormäher fragte:„Habt Ihr nu bald ausgekichert, Ihr dummen Frauvölker?“ — Anton ſah einen Seitenweg, längs dem friſchge⸗ mäh'ten Stoppelfelde, den man, ſolange die Frucht ſtand, nicht bemerkt hatte, und fragte, wohin dieſer führe? „Ueber die Wieſen, auf die Landſtraße nach Polen!“ lautete die Antwort. *) Gärtner wurden in jenen Gegenden alle ländlichen Hausbe⸗ 4 ſitzer genannt, die nicht wirkliche Bauern waren, und wurden in Frei⸗ und Hofegärtner getheilt, Holtei, Vagabunden. III. 16 ——————— — 242— Behüt Euch Gott, Ihr Leute, rief er aus, trieb ſein Pferd an und flog dieſen Weg entlang. In einer halben Stunde war der Graben erreicht, den er einſt überſprin⸗ gen mußte, als er den Fußpfad vom Eichberg herab die große Straße ſuchte, um bei ſchlechtem Novemberwetter auf Reiſen zu gehen. Heute, am ſchönſten Erndtetage, quälten ihn nur Hitze und Staub, den ſeines Roſſes Galopp aufjagte. Doch das hinderte ihn nicht, dem Wirthshauſe zuzuſprengen, in welchem er damals ſeine erſte Raſt gehalten. Eine krankhafte Ungeduld bemäch⸗ tigte ſich ſeiner, noch einmal auf der Bank am Ofen zu ſitzen, auf welcher ihm der Milchkaffee ſo gut behagt, den er mit Koko theilte; die Wirthin wieder zu ſehen, die ihm verſtohlen ſeine Locken geſtreichelt; ſich in den Anblick jenes Gaſtzimmers zu verſenken, welches in ſeiner Erinnerung von Roſenſchimmer ſüßeſter Jugend⸗Poeſie ſtrahlte. Er vergaß in ſieberhafter, kindlicher Freude, daß ſie zu Hauſe mit dem Eſſen auf ihn warten, daß Hedwig in Beſorgniß gerathen, Alles im Schloſſe unruhig wer⸗ den könne. Er jagte wie raſend durch Mittagshitze und Staubwolken dem Ziele ſeiner Phantaſie entgegen. Da iſt das Dorf erreicht. Dort liegt das erſehnte Haus. Er muß mit voller Gewalt ſein Pferd zurückhal⸗ ten, um die halbnackten Kinder nicht zu überreiten, die vor der Thüre, dicht an der Straße, ein Luft⸗ und Sand⸗ Bad genießen. Dem Hausknecht, der ſoeben die Pferde vor einem Frachtwagen tränkte, wirft er ſeines Thieres Zügel zu, ſchärft ihm ein, es langſam auf und ab zu — 243— führen, damit es ſich gehörig abkühle, und eilt dann in die Schenke.. Das große, düſt're Gemach iſt leer und ſtill. Nur Millionen von Fliegen ſummen ihr eintöniges Kla⸗ gelied.. Anton wirft ſich auf die Bank hinterm Ofen, eine Wehmuth kommt über ihn, die ihm unerklärlich iſt, die er dennoch nicht bewältigen kann, und kaum vermag er die Thränen zurückzuhalten, die ihm das Herz ſchwellen. Die Wirthin tritt ein. O, wie iſt ſie alt geworden, wie häßlich; wie nachläſſig in ihrer Kleidung. Es ſind ihre ſechs Kinder, die draußen im Staube des Weges ſpielen. Sie hat vom Hausknecht gehört, daß ein frem⸗ der Herr zu Pferde gekommen, bei ihr eingekehrt ſei. Sie fragt, womit ſie ihm dienen könne? Anton bittet ſich einen Kaffee aus. Die Wirthin ſtutzt: ſie entſchuldiget ſich, daß es langſam damit gehen werde, weil das Mit⸗ tagsmahl längſt vorüber und kein Feuer auf dem Herde brennt. Anton erklärt, er wolle gern warten und hier weilen. Die Frau ſieht ihn mehrmals fragend an und geht ſinnend hinaus, dreht ſich aber in der Thür noch einmal nach ihrem räthſelhaften Gaſte um. Wie ſie in ihrer Vorrathskammer Kaffee und Zucker zuſammenſucht, erblickt ſie durch's Fenſter einen wandern⸗ den Scheerenſchleifer, der, von Schweiße triefend, auf ſeiner Karre ſitzend mit dem Hausknecht Worte wechſelt über das Pferd, velches dieſer herumführt, und ſie höre deutlich wie der Schleifer ſagt: dem gnädigen Herrn von 1 6* — 244— Liebenau, drüben; ich hab' ihn vorgeſtern ſelbſt darauf reiten ſeh'n.— 5 „Hm, wie kommt der uns? Da muß ich ſchon ein Loth Kaffee mehr nehmen, daß er ſtark wird!“ Anton iſt bereits aus Wehmuth in unruhige Aufre⸗ im Kampfe mit ſeinen widerſtrebenden, ſich ſelbſt wider⸗ ſprechenden Empfindungen. Zum erſten Male, ſeitdem er Hedwig Gattin nennt, will ſich ein Zweifel bei ihm geltend machen, ob er Recht gethan, ſich zu verheirathen? Ob ſein ganzes Weſen überhaupt für den nothwendigen Ruhe verdorben ſei; ebenſo unfähig, dabei auszuharren, wie der Rieſe Schkramprl, der unmittelbar nach des Rittmeiſters Tode wieder den Ranzen auf den Rücken nahm? Und der Anblick dieſer Schenkſtube führt ihn der Vergangenheit zu, die er jetzt noch in ſeinem Gedächtniß mit ſo lebhaften Farben erblickt, als ob ſie Gegenwart wäre. Er beſteigt noch einmal den Wagen des Fleiſch⸗ hauers, er tritt in die Menagerie der Simonelli, er ſteht Laura, er liebt ſie;... er ſucht neue Abenteuer; als wohlhabender Reiſender, nicht mehr als armer Vaga⸗ bund, zieht er jetzt durch die Welt, knüpft andere Be⸗ kanntſchaften, genießt jetzt erſt ſein Leben!... Er vergißt, welch' heilige, welch' ſüße Bande ihn an ſeine Heimath feſſeln; er verräth in dieſem Augenblicke ſchon ſeine Frau, indem er ihrer nicht gedenkt.— Die Wirthin bringt den beſtellten Kaffee. Der gnä⸗ — 245— dige Herr ſoll verzeihen, daß es ſo lange dauerte, bis er bedient wurde! Kennt Ihr mich, gute Frau? e „Ei freilich; Sie ſind der gnädige Herr von Lie⸗ benau.“ Und wo habt Ihr mich kennen ernen? „Der Schleifer hat's dem Hausknecht geſagt, ſonſt wüßt ich's nicht.“ Und Ihr ſelbſt habt mich niemals geſehen? „Bin mein Leben nicht nach Liebenau gekommen.“ Beſinnt Euch nicht auf mich? „Es iſt mir wohl ſo,— gleich, wie ich den Herrn hinter'm Ofen ſitzen ſeh'n, hatt' ich einen Gedanken,— es könnte Einer ſein— unmöglich!“ Was für Einer?. „Nu, halt Einer, der vor vielen Jahren einmal hier durchwanderte. Ein hübſches, junges Blut. Hab' oft an ihn gedacht.“. 1 Mit einem Papagei auf dem Rücken? „Weiß Gott, der Herr weiß es! Sollte doch... ja, meiner Seele, es iſt nämliche Perſon—— ſo ſeid Ihr nicht der Herr von Liebenau? So ſeid Ihr mein armer, hübſcher Wanderburſch, an den ich ſo oft gedacht hab'!? Nein, was doch Alles auf Erden vorgeht, iſt entſetz⸗ lich! Muß ich Euch noch wiederſehen? Freilich, dazumal war ich eine leidliche Frau, noch nicht lange unter der Haube. Jetzt bin ich ein altes Weib geworden, das machen die vielen Kinder, die ſchwere Arbeit. Aber Ihr ſeid deſto ſchöner, nur ein Biſſel blaß im Angeſicht, aber ——— — 246— das läßt vornehm. Und zu Pferde ſeid Ihr gar! Treibt Ihr Euch noch immer ſo herum?“ Nein, nicht mehr, das hat ein Ende: ich bin verhei⸗ rathet. „O weh, da habt Ihr alſo Euer Kreuz auch ſchon auf dem Rücken. Da heißt's: gute Nacht, Freiheit! Und noch ſo jung... Na, Gott genade der armen Frau!“ Anton ſagte ein Lebewohl und wollte fort. Zu rech⸗ ter Zeit fiel ihm ein, daß er den Kaffee nicht bezahlt habe. Er kehrte um. 1 „Ihr habt ihn ja nicht einmal gekoſtet.“ Gleichviel; hab' ich ihn doch beſtellt und Euch die Mühe gemacht; wir müſſen rechnen! „Ja, Herr, das müſſen wir! Wartet nur.“ Die Wirthin entfernte ſich. Anton verwünſchte, daß er ſich zu erkennen gegeben und dadurch ein Geſpräch herbeigeführt habe, welches den Sturm ſeines Innern vermehrte. Er wollte um jeden Preis die unheimliche Schenkſtube verlaſſen und der Wirthin, ohne ihre langweilige Berechnung abzu⸗ warten, ein paar Thaler auf den Tiſch werfen!— Siehe da, ſeine Taſchen fanden ſich leer, die Feldarbeiter hatten Alles empfangen, was er bei ſich getragen. So muß ich mich mit meiner Uhr auslöſen, rief er und begab ſich hinaus, die Wirthin aufzuſuchen; dieſe trat im Hausflur ihm entgegen und reichte ihm ein ſchwe⸗ res Lederſäckchen hin. Auf den erſten Blick erkannte er die kleine Reiſekaſſe, die er aus ſeiner Großmutter Ver⸗ laſſenſchaft zuſammengeſtellt und hier vergeſſen hatte; — 247— deren Verluſt ihn zum Diener in einer Menagerie ge⸗ macht, folglich ſeinem ganzen Lebenslauf die erſte, ent⸗ ſcheidende Richtung gegeben.— „Wir haben die Münzſorten auseinander geklaubt, gezählt und berechnet, Gold wie Silber, mein Mann und ich. Es iſt Alles aufgeſchrieben auf dem Zettelchen, wie oiel d'rin ſteckt und macht neununddreißig Thaler, dreizehn Groſchen. Ihr werdet's finden, bei Heller und Pfennig. Es war wohl eine harte Verſuchung, denn manchmal geht's hier ſchmal zu, wenn keine Einkehr iſt und kein Verdienſt; vollends jetzt, ſeitdem ſie drüben eine Chauſſee gebaut haben und alles Fuhrwerk drüben geht. Aher ich bin ſtandhaft geblieben, und hier habt Ihr Euer Eigenthum.“ Anton beſtieg ſein Pferd. Dann gab er dem alten, gebeugten Hausknecht, der es gebalten, einen harten Tha⸗ ler. Den ledernen Beutel aber, ſammt ſeinem übrigen Inhalt, warf er den ſpielenden Kindern zu. Kauft Eurer Mutter einen Jahrmarkt, ſprach er. „Herr, Herr, was thut Ihr?“—— Er war längſt hinter einer Staubwolke verſchwunden. Achtzigſtes Kapitel. Das Leben im Schloſſe zu Liebenau geſtaltete ſich von einem Tage zum andern immer unfreundlicher und kälter. Frühzeitiger regnichter Winter trug bei, es zu verdüſtern. Anton machte in der Angſt ſeines Herzens⸗ — 248— einige Male den Vorſchlag, ſie möchten einige Monate in der großen Stadt zubringen. Dagegen erklärte ſich Hedwig entſchieden. Mir, in meinen Umſtänden, ſagte ſie, iſt häusliche Ruhe nöthig, die ich in der Stadt ent⸗ behren müßte. Bis Ende Mai oder Anfang Juni erwart' ich meine Entbindung; nach der Krankheit des vergan⸗ genen Frühjahrs bin ich es mir und dem Kinde ſchuldig, mich zu ſchonen. Die Vergnügungen der Stadt locken mich nicht, und ſogar wenn ſie es thäten, müßte ich ſie unter den jetzigen Verhältniſſen meiden. Was ſoll ich in jenem Geräuſch, wenn es mir keine Freude macht? Ottilie, gewöhnlich Zeugin dieſer Geſpräche, hätte gern gehört, daß Hedwig ihren Weigerungen noch ein Wort der Aufforderung für Anton beigefügt und ihm vorgeſchlägen hätte, er, ſeinerſeits, möge allein gehen und Zerſtreuungen aufſuchen. Sie war begierig, wie er ſol⸗ chen Vorſchlag aufgenommen hätte. Doch daran dachte Hedwig nicht. Sie, in ihrer Unſchuld, vermochte nicht zu ahnen, daß es außerhalb ſeines Hauſes Freuden für Denjenigen geben könne, ohne welchen es für ſie keine Freude gab. Nicht ſelbſtſüchtige Mißgunſt, nur Uner⸗ fahrenheit ließ ſie darüber ſchweigen. Ottilie jedoch, die aus Antons Miene las und verſtand, was ſeine Lippen zurückhielten, ſuchte Hedwigs Weigerung noch von einer andern Seite zu unterſtützen. Sie erklärte ſich unum⸗ wunden gegen die Gewohnheit vieler Gutsbeſitzer, den Winter über ihrer ländlichen Einſamkeit zu entfliehen; ſie leitete, mit ſehr verſtändig entwickelten Gründen, aus dieſem Gebrauch eine lange Reihe von Mißbräuchen und — 249— Uebeln her, die nicht wenig dazu beitrügen, die Angelegen⸗ heiten im Kleineren wie im Größeren zu verwirren. Das Auge des Herrn, des Beſitzers, ſagte ſie, ſoll auch im Winter ſehen, forſchen, prüfen nnd walten; auch im Winter giebt es eine Menge ländlicher Beſchäftigungen, die Niemand beſſer leiten und regeln mag, als er ſelbſt. Seine Beamten, die Bewohner des Dorfes, Schäfer, Pferdeknechte, Kuhmägde und Ochſenjungen, Alle, bis auf den Geringſten, ſollen wiſſen, daß er da iſt; daß er dem Schlage der Holzaxt, daß er dem hellen Klange der Dreſchflegel, daß er dem Schnurren des Spinnrades lauſcht; ſie ſollen wiſſen, daß in jenem Stübchen, wo der Lichtſchein hinter den Vorhängen ſchimmert, ihr Brod⸗ herr bei ſeiner Frau ſitzt und den langen Winterabend nach vollbrachter Arbeit traulich verplaudert. Sie ſollen wiſſen, daß die alte frierende Frau aus dem Dorfe ſich dort oben eine Karre voll Holz, daß die hungernden Bet⸗ telleute ein tüchtig Stück Brot, daß der kranke Greis eine Flaſche Wein erbitten kann, bei der Herrſchaft. Mein verſtorbener Vater hatte wohl viele Fehler, und ich bin die letzte, ihn zu vertheidigen, dennoch war er, trotz ſeiner Härte und Heftigkeit, beliebt bei den Leuten im Dorfe. Warum? Weil er dreißig Jahre lang mit ihnen, unter ihnen, bei ihnen lebte; weil er Nichts weiter ſein wollte, wie ein Landmann, gleich ihnen; weil er, mit all ſeinem Fluchen und Schreien, nicht hindern konnte, daß drei Töchter in ſeinem Namen, wenn auch ohne ſein Geheiß, kleine Gaben mit eigenen Händen reichten und auch durch tiefen Schnee die Häuſer aufſuchten, wo Krankheit und Noth ſich nach Hilfe ſehnte. Sein Nachfolger(Ihr Vorgänger, Anton) warf das Geld mit vollen Händen unter die Armen des Dorfes, ohne daß er ſich dadurch bei ihnen beliebt gemacht hätte; fragen Sie heute nach Theo⸗ dor van der Helfft, ſo wird kein Menſch in Liebenau ihn anders bezeichnen, als: der vorige Herr, der immer auf Reiſen war und auch auf Reiſen ſtarb. Hedwig hat nur allzu Recht, wenn ſie entſchloſſen iſt, auch über Winter hier zu bleiben; dieſen Winter, wie immer. Nachdem Ottilie einige Male in dieſem Sinne gere⸗ det, ſtand bei Anton die Ueberzeugung feſt, die beiden Frauenzimmer hätten ſich heimlich miteinander gegen ihn verbündet. Er ſchwieg und dachte nur: o, meine Frei⸗ heit!— Vielleicht wäre dieſer Gedanke, an ſich ſchon gefähr⸗ lich genug, zu einem unheilbringenden geworden, wenn nicht Anton's Gutmüthigkeit und liebevolle Geſinnung für Hedwig in der Sanftmuth dieſer mild⸗weiblichen Natur immer wieder neue Nahrung gefunden und da⸗ durch jeden möglichen Ausbruch von Ungeduld oder Hef⸗ tigkeit verhindert hätte. Sie gingen, er und ſie, neben einander her, ſo vorſichtig, ſo ſchonend, ſo rückſichtsvoll, — ſie, als ob ſie ahnete, daß in Anton's Herzen ein wun⸗ der Fleck verborgen ſei; er, als ob er verhüten wolle, daß die Frau entdecke, wo und warum er leide. Ottilie ſuchte freilich zu vermitteln und that es mit Geiſt, Gemüth und gutem Willen. Da machte ſich's denn erträglich; aber auch nur erträglich. — — 251— Während dieſes Winters ordnete Anton ſeine Tage⸗ bücher. Wenn Hedwig ihn in ſeine Wirthſchaftsrech⸗ nungen, Monatsſchlüſſe und Forſt⸗Ausweiſe vergraben wähnte, erging er ſich— bei Froſt und Schnee im war⸗ men Gemache weilend— in der Zeit des Vagabunden⸗ lebens. Man ſollte meinen, die erneuerte Erinnerung an all' das überſtandene Elend müſſe ihm ſein gegen⸗ wärtiges Glück erſt im hellſten Lichte vor die Augen ge⸗ ſtellt haben. Im Gegentheil: was ihn, da er es wan⸗ dernd ertrug, wie eine ſchwere Laſt bedrückt, das dünkte ihm jetzt ein verlorenes Glück; aus den Blättern, die er überlas, wehete ein frühlingslauer Zauberhauch, und immer und immer wiederholte ſich der leiſe Ausruf: ich liebe Hedwig, und ich bin glücklich, daß ſie mein Weib iſt; aber es war doch ſchön, als ich frei war! Ohne daß er es wollte, ja ſogar, indem er es zu ver⸗ meiden ſuchte, trug ſich eine Färbung davon in die Briefe über, die er an Gräfin Julia nach Sophienthal zu rich⸗ ten niemals unterließ. Dieſe aber ſchien abſichtlich keine Kenntniß davon nehmen zu wollen. Aus ihren Ant⸗ worten, welche Hedwig wie Ottilie laſen, ging immer nur hervor, welchen Antheil ſie an dem häuslichen Glücke ihrer theuren Liebenauer nehme. Ottilien dagegen ſchrieb ſie nur, man könne jetzt Nichts thun, als ſchweigen und hoffen; zur Entbindung werde ſie ſich perſönlich einſtel⸗ len, und erſt nach dieſer, wenn Alles glücklich vorüber, ſei es an der Zeit, zu reden und zu handeln. Gott gebe, ſeufzte Ottilie, daß ſie meinem alten Anton den Koöpf zurecht ſetzt; wenn die Gräfin es nicht vermag, dann iſt Alles vergebens. Wir ſprachen ſoeben von ſeinen Tagebüchern, und daß er dieſelben, in zerſtreuten Heften und Blättern, wie⸗ der ordnend, durchleſe. Bei dieſer Gelegenheit dürfen wir auch einige kurze Auszüge geben von den Bemerkun⸗ gen dieſes Winters; denn Anton ſetzte ſein Journal fort. Wir wählen aus jedem Monate immer nur ein Blättchen. Liebenau vom 13. November. „Voriges Jahr freu'te ich mich über den herannahen⸗ den Winter; das trübe Novemberwetter mit ſeinem grauen Himmel, ſeinen kurzen Tagen entzückte mich; meinetwegen hätten die Abende noch länger ſein dürfen; ich konnt' es gar nicht erwarten, daß Licht und Lampe brannten; daß ich bei Hedwig ſaß und mich unſerer Ab⸗ geſchloſſenheit und Ruhe freu'te. Unſerer Trennung von dem Geräuſch der Welt, in welche Niemand ſich hinein wagte, als etwa nur Ottilie, die man mit ihren geiſter⸗ haft⸗leiſen Tritten und Bewegungen kaum hört. Heuer iſt das anders, und ich ärg're mich über mich ſelbſt. Aber kann ich dafür? O, meine alte Großmutter hatte Recht: Gar Vieles— das Beſte vielleicht, wie das Schlimmſte— ward uns eingeboren. Wir können's bekämpfen, manchmal beſiegen, aber ausrotten? Nie⸗ mals!“ 3 Vom 24. December. „Dem Himmel ſei Dank, daß die Glückwünſche des heutigen Tages überſtanden ſind; die Glückwünſche und — 253— die Dankſagungen. Denn ich befinde mich in der ſelt⸗ ſamen Lage, Vormittags Gratulationen und Gaben für mich in Empfang zu nehmen, weil ich meinen Geburts⸗ tag begehe; Nachmittags dagegen liegt mir, als Familien⸗ haupt, die Sorge ob, Andere zu begaben, weil wir den heiligen Chriſt⸗Abend feiern. Voriges Jahr gewährte es mir eitles Vergnügen, meine Beamten vor mir auf⸗ marſchiren zu ſehen und mich von ihnen anwünſchen zu laſſen. O vanitas vanitatum! Diesmal hätt' ich ſie lieber hinausgeworfen, Alle,— den guten Paſtor⸗Puſchel ausgenommen, den ich liebe, weil er ein täuſchendes Ab⸗ und Nachbild ſeines Vaters wird. Nachhaltiger wirkte die Luſt am Beſchenken der ärmeren Dorfleute. Ottilie und Hedwig hatten das prächtig hergerichtet und aufge⸗ baut. Meine Frau benimmt ſich dabei wie ein Engel, den man anbeten möchte.. Mitten in dem Jubel und im Schimmer der unzäh⸗ ligen Lichter ſiel mir ein, daß ich vor zwei Jahren aus Käſtners Haus im Gebirge wie ein begoſſener Pudel fortlief und wandernd, heimathlos, aufgegeben, den Chriſt⸗Abend im tiefen Walde zubringen mußte. Und ſpürt ich nicht heute, umgeben von Ueberfluß, Liebe, Glück und Dank, eine Sehnſucht in mir nach jenem ein⸗ ſamen Elend? Es iſt keine Frage: ich bin ein Narr! Aber Schkramprl hat wohl Recht, daß er ſich nicht firiren, daß er umherlaufen will, ſolange ſeine langen Beine ihn tragen. Man iſt nicht umſonſt Vagabund geweſen.“ 84 Vom 18. Janugr. „Heute hat es ein Aergerniß mit meinem Herrn För⸗ ſter gegeben, und das hat mir gut gethan: es hat mich aus dem Reich meiner haltloſen Träume zur unangeneh⸗ men Wirklichkeit herabgezwungen. Zum erſten Male, ſeitdem ich im Beſitz ſtehe, hab' ich den Herrn gezeigt. Der Menſch iſt entlaſſen, und da ſeine Vernachläſſigun⸗ gen, vielleicht Betrügereien, auch nicht einen Tag fort⸗ dauern dürfen, ſchon des Beiſpiels wegen, ſo hab' ich ihm ſein Quartal auszahlen und die Amtswohnung heute noch räumen laſſen. Seinen Dienſt werd' ich, bis ein Anderer eintritt, ſelbſt verſehen. Vielleicht gefällt mir die winterliche Abendſtille in unſeren Räumen beſſer, wenn ich ſie mir durch einen Tag im tiefen Schnee des Waldes errungen habe. Vielleicht hören meine Gedan⸗ ken auf, in der Welt umherzuſchweifen, wenn ich ſie beim Klang der Vesperglocke mit den Holzfäll en heimgeleite.“ 3 Vom 12. Februgr. „Das trifft ſich glücklich. Da kommt Freund Schkramprl wieder einmal, um, wie er ſich huldreich ausdrückt, nach uns und unſern Stallratten zu ſehen, und bringt mir ein Bittſchreiben meines alten Wohlthä⸗ ters, des k. Förſters Wolff. Der ehrliche Iſegrim geht mich an, ſeinem älteſten Sohne, der ſeine Zeit im Jäger⸗ corps ausgedient hat und nun, als Oberjäger entlaſſen, keine Stelle findet, unterbringen zu helfen. Gewiß, er ſoll die Förſterei in Liebenau haben. Seine Zeugniſſe ſind vortrefflich, und er iſt der Sohn ſeines Vaters, des — 255— braven Mannes, der mich bei ſich aufnahm, da ich ein „angeſchoſſenes Stück“ in ſeinen Wald„wechſelte.“ Fiat! Morgen des Tages erhält er das Anſtellungs⸗ Decret. Schkramprl wird es ihm hintragen, und es wird Freude ſein im alten Forſthaus!. Schkramprl fragt mich, wie ich es aushalte auf einem Flecke? Ich erwiederte ihm: willſt Du ſchweigen, ver⸗ dammter Heide! Hab'ich nicht ſchon böſes Blut genug in den Adern? Willſt Du auch noch beitragen, mir es wilder durcheinander zu jagen? Trolle Dich von dannen und gieb mir Frieden!“ Vom 15. März. „Heute kam ein Gaſt in unſere Fluren, der mich mit ſeinem Lächeln aus der Faſſung brachte. Offenbar hat er ſich verlaufen, iſt zu früh eingetroffen und wird nicht weilen; die Seinigen werden ihn zurückrufen. Für's Erſte hat er ſich in's Buchwäldchen ſchlafen gelegt und ſchien höchlich erſtaunt, daß die Bäume noch ſo dürr ſind. Auch ſuchte er vergeblich nach Veilchen. Thor, wenn Du ſie nicht mitbrachteſt, wir haben noch keine! Er ſchläft im Buchwäldchen; mir aber hat dieſer erſte Frühlingstag den Schlaf geraubt. Ich werde die ganze Nacht hindurch an ihn denken, an ſeine Wander⸗ luſt;— und wenn ich morgen früh hinkomme, ihn auf⸗ zuwecken und ihn ein Stück Weges zu begleiten, wird er längſt auf und davon ſein. Deſto beſſer. Ich wollte, wir hätten morgen das fürchterlichſte Schneegeſtöber, welches mich wieder ein — 256—. w. erduckte! Was ſollen mir die Boten der Frei⸗ heit? ich bin nicht mehr frei.“ . Vom 20. April. „Gräfin Julia meldet, ſie wolle mit Anfang Mai ihren Einzug in Schloß Liebenau halten und habe ſich ſo eingerichtet, daß ſie bei uns weilen könne„bis zur Taufe!“ Die edle, liebenswärdige Frau! Wie freu' ich mich, ſie wieder zu ſehen— und zu hören! Wahrlich, die Beſchreibung meiner ſeligen Mutter paßt noch immer auf ſte, obgleich ſeitdem mehr als ein Vierteljahrhundert vergangen iſt.“ Vom 15. Mai. „Die Gegenwart der Gräfin ſollte, wie ich gehofft, beruhigend, wohlthätig auf mich einwirken. Leider iſt dem nicht ſo. Ich fühle mich noch ungeduldiger, als ehe ſie ankam. Wenn ſie ihr geiſtvolles Auge, wie fragend, auf mir weilen läßt, wird mir zu Muthe, als läſe ſie in meinem Innern! Als erriethe ſie, welch' eine Thorheit mich martert! Und das ängſtiget mich; ich ſchäme mich vor ihr. Nein, ſie darf nicht entdecken, daß der Vagabund in mir ſein Weſen treibt! Was würde ſte dazu ſagen, deren Großmuth mich ſo königlich beſchenkte? Sie, der wir Alles verdanken! Sie darf nicht wiſſen, daß ich meines Glückes unwürdig bin. Sie würde mir zürnen. Oder ſie würde,— nicht höhniſch, denn das vermag ſie nicht,— ſie würde mitleidig⸗lächelnd die Achſel zucken; und ich müßte vor Beſchämung in den Erdboden ſinken. Nein, ſie darf's nicht entdecken!“ 1 Vom IJ. Juni. „Welch' ein Gefühl! Ich bin Vater!! Ein Kind iſt da, welches lebt, athmet, die Augen öffnet! Und dies iſt mein, iſt Hedwig's Kind! Noch bin ich nicht im Stande, mir über meine Empfindungen Rechenſchaft zu geben. Auch weiß ich nicht, was meine Freude ſtört! Ich vermag mich meiner ahnungsſchweren Beſorgniß um Hedwig kaum zu entſchlagen.“ Vom 2. Juni. „Ich muß zu dieſen Blättern meine Zuflucht nehmen. So manchen heißen Gram hab ich in einſamen Stunden dem Papiere anvertraut. Mag ſich auch jetzt die ſchwerſte Bangigkeit meiner Seele ſchreibend Luft machen. Hedwig iſt ſehr krank; ihre Mattigkeit nimmt mit jeder Stunde zu; ſchon lächelt ſie nicht mehr, wenn man ihr das Kind zeigt; ſchon erwiederte ſie kaum mehr den Druck meiner Hand. Die Gräfin und Ottilie ſitzen mit ernſtem Schweigen vor ihrem Bette,— mich ſehen Sie bedauernd von der Seite an. Der Arzt ſpricht von Hoffnung, die man nie ganz aufgeben dürfe, von unerwarteten Wun⸗ dern, die eine gute Natur bewirkt! O, man kennt dieſe Sprache. Sie iſt die Einleitung in das große Trauer⸗ ſpiel! Alſo dieſe Strafe wäre mir zuerkannt? Sie iſt furchtbar ſtreng; doch wehe mir, ich darf nicht leugnen, daß ſie gerecht iſt! Auch unterliegend, muß ich's beken⸗ Holtei, Vagabunden. III. 17 nen: ich habe ſie verdient. Ja, ich habe ſie verdient, da ich wahnſinnig gemurrt und geklagt, daß ich meine Frei⸗ heit einbüßte; daß ich nicht mehr, wie früher, ohne Pflicht, ohne Beruf planlos umherſchleudern und jeder Lockung des Augenblicks, ſei es immerhin die nichtigſte, frivolſte, nachgeben dürfe; daß ich meiner Jugend durch den Ehe⸗ ſtand beraubt ſei. Undankbar gegen Gott und Menſchen bin ich geweſen; ruchlos verkannt und geringgeſchätzt hab' ich die Fülle von Segnungen, die mir Unwürdigem zu Theil ward: und die zürnenden Mächte hab' ich auf⸗ geſtört durch leichtſinnigen Frevel! Treue Liebe und Hingebung ſtanden mir zur Seite,— ich ſehnte mich nach Freiheit! das heißt: ich wünſchte mir die Tage zurück, wo ich kein Herz, keine Seele mein nennen dürfen? Da wirſt Du nun bald empfinden, was es heißt, wieder allein ſteh'n. Da wirſt Du nun bald wieder frei ſein, Elender, und wirſt nicht wiſſen, was Du anfangen ſollſt mit Dir und Deiner Freiheit! Blutige Thränen wirſt Du weinen, Thränen fruchtloſer Reue, vernichtenden Jammers, wenn ſie die bleiche Geſtalt hinaustragen, die Dein liebendes Weib war, als Leben und Blut durch ihre Adern ſtrömte. Hedwig, Hedwig, nicht mehr leben? Todt, begraben ſein, die ſanfte, gute, ſchöne Hedwig!? Ich zitt're, wenn eine Thüre geht, daß ſie kommen, mich zu holen, mir zu künden, ſie habe vollendet. Ich zitt're, wie der arme Sünder, wenn ſeine letzte Nacht vor dem letzten Morgen entflieht. Sie ſchlief, da ich ſie verließ. — 259— Dieſer Schlaf kann der Tod ſein, der ſie nie mehr erwachen läßt! Aber es kann auch der Engel ſein, der ihr Geneſung bringt! 1 Ach, wenn es wäre! Wenn morgen mit Tages Anbruch der Arzt ausriefe: ſie iſt gerettet!— Höre mich, Du Ewiger, den wir Gott nennen, an den auch der Gottesleugner glaubt in ſeiner hochmüthi⸗ gen Beſchränkung, in ſeiner ſpitzfindigen Dummheit. Höre mich, unerforſchliche Macht! Hier ſteht es in feſten, deutlichen Schriftzügen, ein Zeichen meines unerſchütter⸗ lichen Willens, meiner innigſten Ueberzeugung. Nicht Angſt und Pein des Augenblickes, nicht wandelbare Zer⸗ knirſchung, die vor Gefahren kriecht und im Staube ſich windet, nach überſtandener Gefahr aber neu zu trotzen wagt! Nein, klares Wollen, aufrichtige Selbſterkenntniß, männliche Beſonnenheit führt meine Feder, und ich gelobe es mir,— und Dir, Unſichtbarer!— wenn Hedwig wieder auferſteht vom Grabe, wenn ſie noch einmal lebt und liebt,— nie mehr wird ein kindiſcher Wunſch, ein eitles Trachten, eine bange Regung ſo viel Einfluß über mich gewinnen, daß ich ihnen das Recht einräumte, ſich zwiſchen mich und meinen Frieden zu ſtellen. Welche Träume im Herzen mir auftauchen mögen, das kann ich heute nicht wiſſen; aber daß ich ihrer Herr werde, daß ich als Sieger aus jedem Kampfe mit ihnen hervorgehe, das ſchwör' ich mit heiligem Eidſchwur, bei der qualvollen Prüfung dieſer Stunde. So gewiß, wie ich jetzt die . 17* — 260— Kraft fand, meine glühendſten Zähren zurückzuhalten, mit hellem Blick und ſicherer Hand dieſe Worte zu ſchreiben,— ſo gewiß will ich durchführen, was ich hier beſchworen!“ Einundachtzigſtes Kapitel. Drei Wochen ſind vergangen. Hedwig hat mit Be⸗ willigung des Arztes ſich heute vom Lager weg auf einen großen, wundervollen Lehnſtuhl, ein Geſchenk der Gräfin Julia, begeben. Dieſe, noch immer in Liebenau anwe⸗ ſend, weil ſie der Taufe beiwohnen will, hat im Verein mit Ottilie jeden Hauch der Leidenden bewacht, iſt ihr in jenen bangen Nächten mütterlich treu zur Seite geſtan⸗ den, hat aber auch ſehr genau und ſcharf beobachtet, welchen Eindruck der drohende Verluſt ſeiner Frau auf Anton geübt, mit welcher Stimmung dieſer aus den Todesängſten hervorging. Sie theilte ihre Meinungen darüber der treuen Ottilie mit, und Beide ſagen:„Gott ſei Dank! Er liebt ſie mehr als je!“ Heute findet die Taufe ſtatt. Paſtor⸗Puſchel erbot ſich, dieſe Handlung im Schloſſe vorzunehmen, doch Gräfin Julia war dagegen und beſtand darauf, daß es in der Kirche vor ſich gehe. Wenn wir Winter hätten und harte Kälte, ſo würd' ich den Paſtor ſelbſt erſuchen, das Kind im Zimmer zu taufen, hatte ſie geäußert; aber jetzt, beim ſchönſten Sommer, warum ſollen wir nicht ebenſo gut in die Kirche gehen, wie alle Leute aus dem Dorfe? —— — — 261— Die Hebamme trägt das Kind. Gräfin Julia und Ottilie folgen ihm. Anton bleibt bei Hedwig zurück. Hedwig ſitzt, liegt vielmehr in ihrem Lehnſtuhl, der an’s off ne Fenſter geſchoben ward, ſo daß ſie dem kleinen Zuge, der ihr Kind in die Kirche begleitet, mit den Augen folgen kann. Nun wendet ſie ſich zu Anton: Mein theurer Freund, wir haben ein herzlich Wort mit einander zu ſprechen, vielmehr ich habe zu ſprechen, Du magſt mich gütig hören. Doch eh' ich beginne, bitt' ich flehentlich, Du wolleſt nicht glauben, daß in dem, was ich Dir zu ſagen habe, irgend ein Vorwurf, eine Anklage gegen Dich enthalten ſei. Im Gegentheil! Ich bemerke ſchon ſeit... o, ſchon ſeit meines Vaters Tode, daß Dir Etwas fehlt. Anfänglich machte mich dieſe Entdeckung ſehr unglücklich, denn ich fürchtete einige Tage hindurch, Du könnteſt bereuen, mich zur Frau genommen zu haben, und dann wäre mir wohl Nichts übrig geblieben, als meinem Vater zu folgen. Doch Dein ganzes Benehmen überzeugte mich bald, daß Du mich liebſt, achteſt, daß ich(der Himmel ſei geprieſen!) Dir nicht zur Laſt bin; nein, daß es Dir nur der Ehe⸗ ſtand im Allgemeinen iſt; daß der Gedanke Dich peiniget, gebunden, feſtgehalten, an Haus und Hof und Weib ge⸗ kettet zu ſein, während Du doch gewöhnt wareſt, umher⸗ zuziehen, wie Wind und Wetter Dich trieben, Du mein lieber, geliebter Zigeuner. Mir iſt nicht entgangen, mein armer Anton, welche Mühe Du Dir gabſt, Dich zu be⸗ herrſchen, mich zu täuſchen. Aber das Auge der Liebe — 262— läſſet ſich nicht täuſchen. Ich empfand Deine Leiden, wie Du; ich machte Deine Kämpfe in meinem Herzen mit. Dennoch unterſagt' ich mir den Troſt, darüber mit Dir zu ſprechen. Ich dachte ſo: Entweder auch diefes Kind, welches ich jetzt am Herzen trage, iſt dem Tode geweiht, nun, dann bin ich es auch; dann iſt er ohnedies wieder frei!! Oder das Kind lebt, und ich lebe mit ihm—(denn ich wußte, Gott würde mich nicht von dieſem Kinde tren⸗ nen!) nun, dann iſt immer noch Zeit, mein Herz ihm zu öffnen; dann wird ſich der paſſende Moment ſchon fin⸗ den. Dieſer Moment iſt eingetreten. 3 3 Bald bringt man mir mein kleines Mädchen zurück, es hat einen Namen, es iſt ein menſchliches Weſen, es wächſt heran in meiner Sorge und Pflege, ich bin die glücklichſte Mutter, die reichſte Frau auf Erden. Wär' es nicht ſchändliche Selbſtſucht von mir, ſträfliche Ungenüg⸗ ſamkeit, wollt' ich zu all' meinen Schätzen auch noch die Herrſchaft über Dich fügen? Wollt' ich, auf Deine Liebe, Deine Redlichkeit trotzend, dich eigenſinnig feſthalten; Dich hindern, die Flügel zu regen, die das Bedürfniß fühlen, ſich zu entfalten? Sieh', das mußt' ich Dir ſagen; es kommt mir aus der Seele! Sei frei! Sei, wie wenn Du kein Weib hätteſt! Zieh' hinaus und reiſe! Treibe Dich in der weiten Welt umher! Durchſtreife Länder und Meere! Mache, was Du willſt, Anton; unternimm, wozu die Neigung Dich auffordert! Ich werde nicht kla⸗ gen, nicht weinen, nicht grollen. Ich werde mit meiner Tochter hier bleiben, eine treue Hausfrau, eine gute Wirthin ſein, und wenn Du wieder einmal heimkehrſt, — 263— werd' ich Dich ebenſo freundlich, ebenſo unbefangen be⸗ grüßen, wie ich geſtern that, als Du aus unſerem Walde heimkehrteſt. Denn daß Du manchmal kommen wirſt, nach Deiner Hedwig zu ſchauen, Dein Kind zu küſſen, das weiß ich. Und fürchte keine Eiferſüchteleien, Anton. Du biſt frei! vollkommen frei! Ich weiß, was ich ſage. Dir Zwang anlegen? Das wäre noch ſchöner! Damit Du bei Dir ſelbſt denken lernteſt: hab' ich deshalb das kleine Ding abgeholt aus ihrem Hunger und Kummer, daß ſie mir anhänge wie eine Klette, die man nicht mehr abſchütteln kann? Das wäre noch ſchöner! Ich kenne nur Dich, ich habe nur Dich! Ich liebe nur mein Kind und Dich in ihm; für mich giebt es ſonſt keine Welt und ſoll keine geben. Dir aber ſoll die Welt offen ſteh'n mit Allem, was an Freuden darinnen für Dich blüht; wenn Du nur nicht vergeſſen willſt, daß Liebenau auch in der Welt iſt, daß dort auch Freuden für Dich blühen: die kleinen, frommen Freuden beſcheidener Häuslichkeit. Und das wirſt Du nicht vergeſſen! Alſo: ſei wieder frei!“———. „Ottilie heißt Euer Mädchen,“ ſagte die Gräfin, da ſie das neugetaufte Kind der Mutter in die Arme legte. Nicht Julia? fragte Hedwig. „Ottilie,“ wiederholte die Gräfin.„Ich habe darum gebeten.— Aber was hat Anton?“— Anton ſtand hoch aufgerichtet neben Hedwig's Lehn⸗ ſtuhl; ſein Antlitz leuchtete, wie in hehrer Begeiſterung; zwei große Thränen liefen langſam über ſeine Backen. Er legte die Hand auf Hedwig's Haupt und ſprach: daß ich eine gute, ſchöne, gebildete Frau habe, wußt ich ſchon. Daß Hedwig aber auch die klügſte aller Frauen ſei, hat ſte mir heute bewieſen. Ottilie warf der Gräfin einen bedeutungsvollen Blick zu. Die Gräfin lächelte: „Wir ſind nicht mehr nöthig mit unſerer Einmiſchung. Die Leutchen haben ſich ſelbſt verſtändiget.“ Ich hab' ihm nur geſagt, was mein Gefühl mir ein⸗ gab. Was er von meiner Klugheit redet, verſteh' ich nicht, rief Hedwig. „Eben deshalb, mein Kind! Aus dem reinen Herzen einer ed'len Frau kann nur das Beſte kommen; wahre, uneigennützige Liebe iſt die rechte Weisheit.“ Die Thüre ging auf; Schkramprl ſteckte den Kopf herein: Ich ſoll den Maler melden, fragte der Rieſe, darf er kommen? und der junge, umherziehende Künſtler, den wir bei Anton im Gaſthausſtübchen kennen gelernt, erſchien. Sie verſprachen mir, hub er an, ein Portrait, in wel⸗ chem ich Sie wiederzugeben trachtete, wenn auch in klein⸗ ſten Dimenſionen, mit Goldſtücken zu bedecken, ſobald ich Sie auf„Ihrer Beſitzung“ heimſuchen würde; hier bin ich! Erkennen Sie mich noch? Gedenken Sie noch Ihres Verſprechens? Ehrlich geſagt, ich brauche Geld; ich will eine Reiſe nach Italien machen. Der Liebenauer — 265— Zuſchuß geht mir gerade noch ab. Doch bin ich bereit, Etwas dafür zu thun: Ihre Gemahlin hält ein ſchlafen⸗ des Kind; Sie ſteh'n an den Seſſel gelehnt. Das giebt ein reizendes Bildchen.... Und ich will es beſitzen, ſagte die Gräfin.— Der Maler ſchlug ſein fliegendes Atelier auf. Es ging ihm wunderſchnell von der Hand. Die kleine Ottilie ſchlief ſanft. Hedwig ſchmiegte ihren Kopf an Anton's Arm. Die große Ottilie und Gräfin Julia nahmen auf dem Sopha Platz und ſahen mit freudiger Rührung auf die Gruppe.— Durch's offene Fenſter herein drang von den Kronen der alten Bäume das Summen unzähliger Bienen, denn— und darum ſchließe dieſe Erzählung, wie ſte begann,— denn: 4 Die Linden ſtanden in voller Blüthe. Anhang. Enthält: 1) Eine Nachſchrift des Verfaſſers. 2) Ein Sendſchreiben des Herrn A. Hahn. Nachſchrift des Verfaſſers. Es mag im Winter 1841/42 geweſen ſein, als zu Wien ein Herr Faber das Wunderbarſte, was ich jemals geſehen und gehört, öffentlich zur Schau ſtellte: eine Sprachmaſchine, welche, durch Taſten, wie bei'm Klaviere, in Bewegung geſetzt, einzelne Laute von ſich gab, aus denen ſich ganze, deutlich geſprochene Worte bildeten. Von Allem, was des Menſchen kunſtfertige Hand hervorgebracht, ſchien mir dieſe Maſchine, als Re⸗ ſultat unbegreiflicher Combinationen, das Unbegreif⸗ lichſte. Wer ſein Leben damit zugebracht hat, ſprechen. zu lernen, den muß ein ſolcher Einblick in die geheimniß⸗ volle Werkſtatt des Göttlichſten, was der Menſch hat, wodurch er ſich von ſämmtlichen Geſchöpfen auszeichnet, mit ehrfurchtsvollen Schaudern durchdringen. Ich hatte ffrüher ſchon ähnliche Verſuche geſehen, die mehr oder minder höchſt unvollkommen, mangelhaft oder gar auf Charlatanerie und Täuſchung begründet waren. Hier zeigte ſich nur ehrliche, redliche, bewundernswürdige * — 269— Künſtlerſchaft, die ſich von jeder Oſtentation fern hielt und vielleicht eben deshalb die Theilnahme der großen Menge nicht gewann. Herr Faber zählte ſo wenig Be⸗ ſucher ſeiner über alles Lob und über jede Beſchreibung erhabenen Erfindung, daß er gerechte Urſache zur Klage hatte. Die große Stadt wußte eigentlich gar Nichts von dem Wunder, welches in ihren Mauern geſchah. Ich ſelbſt würde Nichts davon erfahren haben, wäre ich nicht aufmerkſam gemacht worden durch Grillparzer. Die⸗ ſer große Dichter, der bisweilen wie ein Träumender durch's Leben geht und dem Geräuſch des Marktes oft⸗ mals gänzlich entrückt ſcheint, bewahrt doch and'’rerſeits ſo viel reine Kindlichkeit in ſeiner edlen Bruſt, daß er ſich über Alles, was ſchön, groß, erhaben, bedeutend iſt, zu freuen vermag, wie ein Kind. Er war es, der mir be⸗ fahl, zu Herrn Faber zu gehen; der mich dazu zwin⸗ gen mußte, weil ich, Robertſon's(des Luftſchiffers, ich meine des Vaters) Sprechmaſchine im Gedächtniß, kein Vertrauen dazu hatte. Und wie dankt' ich meinem„Mei⸗ ſter Franz“, daß er mich gezwungen. Eines Tages ſtand ich wiederum vor dem kleinen, unſcheinbaren Kaſten, aus welchem wirkliche, geſprochene Worte hervorklangen, wie aus der Bruſt eines denkenden, redenden Weſens, Menſch geheißen, und verſank in auf⸗ richtige Betrübniß über die Undankbarkeit der Welt, die den Erfinder einer ſo merkwürdigen Sache Mangel leiden und verkümmern läßt, während ſie für tauſend Albern⸗ heiten Geld, Zeit und Lobſprüche zu erübrigen weiß,— — 270— da traten ein Herr und eine Dame ein, außer mir die einzigen Zuſchauer. Ohne Zweifel waren es Mann und Frau. Er, ein wohl conſervirter Vierziger, oder d'rüber; die Frau, obwohl ſichtbar über die Dreißig hinaus, doch ſo jugendlich, mädchenhaft, ſchlank und zart, daß man kein anmuthigeres Weib denken konnte. Auch ſie wen⸗ deten ihren lebhafteſten Antheil dem bewundernswürdigen Werke des Herrn Faber zu. Als ich erſt entdeckt hatte, weß Geiſtes Kind dies ſchmucke Ehepaar ſei, ließ ich meinen Klagen über die Indolenz des Publicums freien Lauf. Wie ich ſprach, ſahen Beide, die ſich bisher wenig um mich bekümmert hatten, erſt ſich, dann mich fragend an, und nachdem ſie flüſternd einige Worte gewechſelt, ſagte der Mann: Gewiß, für Sie muß dieſe Sprachmaſchine doppelten Werth haben. Der Accent, in welchem er dies ſagte, verrieth meinen Landsmann. Ich fragte, ob ich die Ehre hätte, von ihm gekannt zu ſein? Wir haben Sie vor zwei Jahren in Berlin leſen hören, erwiederte er, und darauf bezog ſich meine Vorausſetzung, daß Alles, was in's Gebiet der Articulation, der Sprach⸗ und Sprechausbildung gehört, Sie beſonders intereſſiren müſſe. Uebrigens bin ich erſtaunt, Sie hier zu finden! Es iſt kaum einige Wochen her, daß ich von Ihrem Aufenthalte in einem Gebirgsdorfe las! Mein Gott, ſagte ich, ſolch' ein alter Vagabund von meiner Gattung iſt bald hier, bald dort. Die ſchöne Frau lachte und ſtieß ihren Mann mit dem Arme. Er lachte auch. Das Wort„Vagabund“ ſchien ſie zu amuſiren. 1 — 271— Dann wechſelten wir noch einige verbindliche Redens⸗ arten hin und her und trennten uns. Einige Jahre ſpäter fand ich dieſe Wiener Bekannt⸗ ſchaft in B. wieder. Es war im Cirkus der Kunſtreiter⸗ Geſellſchaft von Cuzent und Léjars, wo wir zuſammen⸗ trafen. Der Enthuſtasmus, in welchen ich durch den Anblick jener Reiterfamilie mich verſetzt fühlte, war zu heftig, um in meiner Bruſt Raum zu finden; ich mußte meine Entzückung mittheilen und ergoß mich in lebhafte⸗ ſten Ausdrücken gegen die Bekannten aus Wien, die ebenfalls einſtimmten und über die Anmuth der Madame Léjars, wie über die Bravour der Demoiſelle Pauline Cuzent nicht genug des Lobes finden konnten. Als der Bruder dieſer Damen, Paul, ſein wohldirigirtes Orcheſter verließ, den Tactſtab des Compoſiteurs mit der Peitſche des Stallmeiſters zu vertauſchen und, ſeine fünf Schimmel bändigend, die Bahn durchtobte, fragte meine holde Nachbarin ihren Gatten: meinſt Du, daß Monſteur Antoine es ſo weit gebracht hätte? „Sprich mir nicht von dem armen Teufel, Hedwig, mit ſeinem langweiligen Violin⸗Solo. Von dergleichen hatten wir zu meiner Zeit keine Ahnung. Da glaubte man, das Aeußerſte ſei erreicht, wenn Furioſo auf zwei Pferden ſeinen Ritt machte!“ Er ſagte dies ſo laut, daß ich jede Sylbe verſtand. Mein Erſtaunen wahrnehmend, fuhr er fort: „Es muß Sie nicht Wunder nehmen, wenn ich mir — 272— das Anſeh'n eines Kenners gebe; das Recht dazu und meine Anſprüche auf Kennerſchaft ſind theuer genug erkauft. Ich habe auch einmal mitgemacht!— Ja, ja; ſtarren Sie mich immer an, Herr von Holtei, ich war ſelbſt Kunſtreiter. Es iſt hier nicht der Ort, romantiſche Selbſtbekenntniſſe zu liefern, auch kneift mein ſanftes Weibchen mich unſanft in den Arm, damit ich ſchweigen ſoll. Alſo nur noch einen Vorſchlag in aller Eil', denn dort ſeh' ich ſchon den mächtigen Schecken der himm⸗ liſchen Léjars—(kneife nicht, Hedwig!)— Sie müſſen mich in Liebenau beſuchen. Und das bald. Ich habe einige kürzlich erſchienene Bände Ihrer Memoiren geleſen, deren Offenheit, natürliche Plauderei, wenn ich ſo ſagen darf, mich auf den Gedanken gebracht hat, Ihnen eine literariſche Arbeit anzutragen, wozu Sie das Material aus meinen Händen empfangen würden. Sie können, wenn Sie erſt mit Ihrem Leben fertig ſind, an die Schil⸗ derung des meinigen gehen, welches nicht arm an allerlei Schickſalen iſt. Doch darüber iſt lange und viel zu plau⸗ dern. Alſo beſuchen Sie mich in meinen Wäldern. Vielleicht erwacht noch einmal in Ihnen die Luſt am Vogelfang! Wir ſind ja ohnedies ſchon Brüder und Freunde in Shakeſpeare, deſſen Glorie Sie von Stadt zu Stadt predigen. Verſchmähen Sie, alter Dörfner, unſer Dorf nicht. Mein Weib iſt nicht ſo böſe, wie ſie ſcheint, und wenn ſie mich auch jetzt furchtbar gezwickt hat,— Ihnen wird ſie das freundlichſte Geſicht machen, um in der Biographie gut wegzukommen. Dafür iſt ſie ein Frauenzimmer.“ — 223— Ich empfing die Adreſſe meines neuen Freundes und gelobte, auch von ſeiner Hedwig gütig aufgefordert, mich einzuſtellen, ſobald es ſich ſchicken wolle. Erſter Tag in Liebenau. Es giebt Octobertage, deren Schönheit einen ganzen, naßkalten Sommer aufwiegt. An einem ſolchen erreichte ich Liebenau, nicht ohne Mühe; denn mein Lohnkutſcher, nachdem wir einmal die Landſtraße verlaſſen, fuhr wenigſtens zehnmal irre. Mich erfüllten dieſe Irrfahrten mit Seligkeit. Gott ſei Dank, dachte ich, endlich einmal ein Ort, zu welchem keine Chauſſee, keine Eiſenbahn führt. Ein Ort, den man ſuchen muß! der von Wal⸗ dungen umgeben liegt, in denen wirkliche natürliche Bäume ſtehen, und mit denen man reden kann, wie mit Bäumen von Alter und Erfahrung. Da liegt das Dorf! Ein Dorf, damals für mich ohne große Bedeutung; ein Dorf, von welchem ich Nichts wußte, als daß mein gütiger Herr Anton Hahn daſelbſt hauſe, mit einer nicht mehr jungen, aber allerliebſten, liebenswürdigen Hedwig. Ich ſtieg am Schloſſe aus; er kam mir entgegen. Mein Biograph!? O vortrefflich: Sie kommen mir wie gerufen. Ich bin ganz allein, was man Strohwitt⸗ wer nennt. Meine Frau kehrt erſt übermorgen mit den Kindern zurück. Sie iſt im Lande umhergereiſet. Erſt war ſie bei unſerer älteſten Tochter, die ſeit einigen Holtei, Vagabunden. III. 18 — 274— Monaten an einen Gutsbeſitzer in Sachſen verheirathet iſt; dann iſt ſie zu meiner Pflegemültter nach Sophien⸗ thal, welche ſie uns hoffentlich mitbringt. Da werden Sie eine herrliche alte Frau kennen lernen. Heute und morgen leben wir als Junggeſellen. Um Ein Uhr wurde die Suppe aufgetragen. Nach einem ebenſo ſchmackhaft⸗bereiteten, als ländlich⸗einfachen. Mahle forderte Anton mich auf, mit ihm eine Spazier⸗ fahrt zu machen, Ein off'ner Jagdwagen fuhr vor die Wilde⸗Wein⸗ laube. Der Kutſcher, ein kleiner, dicker Kerl, der ſeine vier Braunen vom Bock aus tüchtig zuſammenhielt, fragte: wohin fahren wir? „Wohin Du willſ, Peterl! Nur weit! Ich habe mit meinem Gaſte zu reden!“ Was Anton mir während unſerer Spazierfahrt erzählt, brauch' ich dem Leſer nicht wiederzuerzählen. Es war nur eine Einleitung zu ſeinem Tagebuche, und deſſen Inhalt kennt Jeder, dem es gefallen hat, dieſes Buch bis hierher durchzublättern. Wir langten mit dem erſten Tone des Abendgeläutes im Schloſſe wieder an. Anton zog ſich in ſein Arbeitszimmer zurück, noth⸗ wendige Geſchäfte zu beſorgen, weil in den nächſten Aben⸗ den, wenn erſt Weiber und Kinder eingetroffen wären, auf ungeſtörte Ruhe nicht zu rechnen ſei. Mir gab er ſeine Journalhefte und Notizen auf meine Gaſtſtube mit. Begierig durch ſeine während der Fahrt empfangenen —. 275— Andeutungen, ging ich eifrig über die bunten Blätter. Ich las die ganze Nacht hindurch. Zweiter Tag. Mit wie anderen Augen ſah ich, als dieſer angebro⸗ chen war, Alles an, was mich umgab: Schloß, Garten, Laube, Hofraum, Kirchthurm, Alles! Peterl ſtand vor dem ſogenannten„Kutſchenſtalle“ und ſchalt einen Pferdejungen aus. Ich lief hinab zu ihm. Peterl, unterbrach ich ihn, wo iſt jetzt der Rieſe Schkramprl? „Dort, Herr!“ ſagte Peterl und zeigte nach dem Friedhof bei der Kirche.— Dann fuhr er fort, dem Jun⸗ gen ſeine„Untuchten“ vorzuhalten. Es that mir ſehr leid, daß ich Schkramprl nicht mehr am Leben fand. Als ich zu Anton an den Frühſtückstiſch gerufen wurde, betrat ich zum erſten Male ſein Arbeitszimmer, wo ein Blick auf Tafeln, Schränke, Stühle genügte, um den Bewohner als fleißigen Leſer und zwar als einen mit der Literatur gleichen Schritt haltenden zu erkennen. Da er augenblicklich noch mit einem ſeiner Beamten beſchäf⸗ tigt war und mich für eine Minute um Geduld erſuchte, bis ſein Geſpräch beendet ſei, ſo ergriff ich zwei Bücher, die auf der Chiffonniere bei ſeinem Sopha lagen: „Judith“ und„Genovefa“ von Fr. Hebbel. In beiden fand ich mehrere Stellen mit Strichen und Notabene“ 8, offenbar durch Antons Bleiſtift verſehen. 18* Wie nun der Beamte uns verlaſſen—(ich glaube, es war Freund„Rubs“ 2)— und der Herr des Hauſes mich eingeladen hatte, den Kaffee mit ihm zu nehmen, ergriff er ſogleich das Wort in Beziehung auf jene Bücher: 1 Nicht allein, weil Hebbel mich als ſelbſtſtändiger, ori⸗ gineller Poet intereſſirt, finden Sie dieſe beiden Dramen in meiner nächſten Nähe; es iſt auch der Stoff an und für ſich, der mich hier feſſelt. Sie haben vielleicht ſchon einen Blick in meine Tagebücher geworfen— „Von A bis Z hab' ich durchleſen, was Sie mir geſtern anvertrauten.“ Gott ſoll beſchützen!— Nun, dann werden Sie wiſ⸗ ſen, warum dieſe Stoffe gerade mir ſo wichtig ſind. Ge⸗ novefa ſteht in nächſter Beziehung zu mir und meinem Schickſal; Judith aber iſt eine jener Rollen, die ich von meiner unglücklichen Mutter ſprechen hörte, da der Pup⸗ penſpieler die Belagerung von Bethulia aufführte. Ich kann Ihnen gar nicht ſagen, was in mir vorgeht, wenn ich Hebbels eigenthümliche Dichtungen mit den albernen, treuherzigen Stücken vergleiche, die ich damals von der Truppe des großen Samuel und ſpäter von den Mario⸗ netten meiner Mutter aufführen ſah. Bei der Judith muß ich dem Dichter unſerer Tage unbedenklich den Sieg zuerkennen; aber bei ſeiner Genovefa, obſchon der Golo, wie er ihn ſchuf, eine erhabene Production iſt, fehlt mir Etwas, worin der Zigeuner Samuel den Vorrang hatte; ich meine die Verſöhnung. Und wenn ich jemals mit Hebbel zuſammenträfe, wollt' ich ihm nicht eher Ruhe — — gönnen, als bis er mir verſpräche, ein Nachſpiel hinzuzu⸗ fügen.— Nun aber, ſprechen Sie offen: finden Sie ſich durch mein Tagebuch angeregt, es zu verarbeiten? „Ich weiß,“ erwiederte ich,„keine beſſere Antwort auf dieſe Frage zu ertheilen, als daß ich von ſieben Uhr Abends bis drei Uhr Morgens ununterbrochen fortgele⸗ ſen habe; und ich erkläre, nur an meiner ſchlechten Aus⸗ führung kann es liegen, wenn unſere künftigen Leſer anderer Meinung darüber ſind. Aber da Sie mir ſo viel Vertrauen gönnen, ſo geſtatten Sie mir auch, mich hier, auf dem Schauplatz Ihrer erſten Lebenszeit recht hei⸗ miſch zu machen. Vor allen Dingen erlauben Sie mir die Frage: lebt„Tieletunke“ noch?“* Ob ſie lebt! Das will ich hoffen. Meine Kinder kratzen Ihnen die Augen aus, wenn ſie in Ihnen einen Frevler ahnen, der am Daſein der geliebten„Tante Tiele⸗ tunke“ zweifeln konnte. Ja, dem Himmel ſei Dank, ſie lebt; und was noch mehr iſt: wir wollen gehen, ſie zu beſuchen. Ich hab' ohnedies einige nothwendige Gänge in’s Feld zu machen, und wenn Sie gut zu Fuße ſind— „So lange und ſo viel Sie wollen; wo möglich auch in den Fuchswinkel.“. Auch das. Aber wir müſſen eilen! Anton beſtellte, daß erſt um vier Uhr die Suppe auf⸗ getragen werde, und wir begaben uns nach Ottiliens Häuschen.. Sie machte mir ganz den Eindruck, den ich erwartet: ſcheinbar kalt, mehr zurückſtoßend, als anziehend. Und — 278— doch ſprach aus der beinahe fünfzigjährigen alten Jung⸗ frau ein ungewöhnlicher Zauber. Anton entdeckte ihr, daß ich ſein Journal geleſen und zu welchem Zweck. Er fügte bei: Fräulein Ottilie werde auch nicht geſchont werden. Ich will wünſchen, äußerte ſie, daß der Herr das Buch recht gut ſchreibe, aber Eins will ich ihm vorher ſagen: mich trifft er nicht, wenn er mich ſchildern will. „Und dennoch glaub' ich Sie ſchon zu erkennen, mein Fräulein,“ verſetzte ich ſchüchtern⸗„Sie und Ihr Herz. 7⁷ Das kennt nur der liebe Gott, ſagte Tieletunke; und ſonſt braucht es auch Niemand zu kennen. Aber wenn Sie mir Hedwig nicht gebührend loben, ſo laſſen Sie ſich in Liebenau nicht mehr blicken. Hedwig und unſere Gräfin. Den da dürfen Sie ſchon in's Gebet nehmen. Hauptſächlich für die erſten Jahre ſeines Eheſtandes. Nachher hat er ſich gebeſſert. Ich ließ mir die ausgeſtopfte Turteltaube zeigen, den Platz, wo Mutter Gokſch geſtorben, das kleine Fenſter, durch welches Bärbel mit Anton geredet, ich las des Letz⸗ teren Abſchiedsverslein,— und dann gingen wir nach dem Fuchswinkel. Gegen vier Uhr zum Schloſſe zurückkehrend, vernah⸗ men wir den Jammerton eines fremdartigen Inſtrumen⸗ tes, faſt wie ein Dudelſack, begleitet vom dumpfen Schall der großen Trommel. Wie glücklich das für meinen Biographen ſich trifft, rief Anton: das ſind Bärenführer. Ich bin ihnen vor⸗ ⸗ — 279— geſtern drüben an der Landſtraße begegnet. Cara memo- ria! Da, ſeh'n Sie nur. Zwei Bären, drei Affen, eine reichgeputzte Ziege, ein galopirendes Stachelſchwein*) und ein Eſel, welcher die hölzerne, inwendig mit Eiſenblech ausgefütterte Behau⸗ ſung des beſagten„Eiſenferkels“ zu tragen verdammt war, verſammelten Liebenau's ſchauluſtige Einwohner⸗ ſchaft in jubelndem Kreiſe um ihre unfreiwilligen Uebun⸗ gen. Als wir uns näherten, öffnete ſich der Kreis; Anton, von Alt und Jung herzlich begrüßt, redete den alten Italiener an und fragte, von wannen er ſtamme? Aus Parma, Eccellenza! antwortete der Mann. Anton reichte ihm einen Thaler, dann ergriff er haſtig meinen Arm und zog mich fort. „Was mag aus meinem armen Geronimo geworden ſein?“ murmelte er im Gehen. Dritter Tag. „Heute kommen die Meinigen, Freund Holtei. Sie ſind mit meiner Vergangenheit ein wenig vertraut wor⸗ den; ich muß Ihnen jetzt auch ein Wort von der Gegen⸗ **) Es iſt eine alte, unbegründete Sage, daß dieſes Thier(Hystrix cristata), von feindlichen anderen Thieren verfolgt, ſeine Stacheln als Waffen gegen jene ſchleudere! Wie geſagt, das iſt ein Märchen. Wahr⸗ heit aber iſt, daß ich mit einem Käſtchen wundervoll geſchnittener Feder⸗ kiele einen ſolchen zum Griffel dienenden Stachel, von meiner berühm⸗ ten Freundin, Louiſe Neumann, als Geſchenk empfangen und mit ſelbi⸗ gem dies ganze Buch, folglich auch dieſe Zeilen geſchrieben habe. . H. — 280— wart ſagen. Wir haben vier Kinder. Die älteſte Tochter, Ottilie, iſt, obwohl kaum ſiebzehn Jahre alt, ſchon ver⸗ heirathet. Meine Frau hatte viel gegen eine ſo frühe Trennung vom elterlichen Hauſe einzuwenden. Doch mein Schwiegerſohn legte die Wünſche ſeiner Gönnerin, der Gräfin Julia, in die Wagſchaale,— und da war Alles geſagt. Mein junger Hahn(Guido genannt) kräht gegenwärtig noch griechiſche und lateiniſche Voca⸗ beln im Gymnaſium und hat noch einige Jahre bis zur hohen Schule. Die jüngſten Kinder, unſere Neſthäg⸗ chen: Julie und Adele, ſind bei der Mutter und ſollen heute noch die Ehre haben, Ihnen vorgeſtellt zu werden. Sie ſtaunen über den Namen Adele? Es iſt Hedwig, die darauf beſtand, daß meiner unvergeßlichen Freundin Angedenken in unſerer Familie auf dieſe Weiſe geheiliget werde. Wenn Sie einen Blick in Hedwig's Schmoll⸗ winkelchen, in ihr kleines, traulich⸗eingerichtetes Thurm⸗ und Erker⸗Stübchen werfen wollen, ſo werden Sie, neben mancherlei verſchiedenen und wunderlich gemiſch⸗ ten Abbildungen von Menſchen und Oertern,—(es ſind nur ſolche, die irgendwie in einer Beziehung zu mir und meinem Schickſale ſtehen)— zwei Perſonen zu Pferde finden. Die erſte dieſer Perſonen heißt„Antoine“ und ſtreicht ihre Violine bei mäßigem Galop; die zweite, im wildeſten Laufe, ſchwingt flatternde Fahnen, mit der Unterſchrift:„Adele Jartour.“ Hedwig hat, während unſeres Aufenthaltes in Berlin dieſe Blätter bei irgend einem Bilderhändler aus dem Staube der Vergeſſenheit gegraben und wie im Triumphe nach Hauſe gebracht. Ich bin überzeugt, wenn ein Portrait von Laura zu fin⸗ den wäre, zu welchem Preiſe immer, ſie würde ihre Sparkaſſe leeren und ihm einen Ehren⸗Platz im Mu⸗ ſeum⸗Antoine anweiſen. Sehen Sie, durch ihr groß⸗ artiges Eingehen in mein unbegrenztes Vertrauen hat ſich dieſes Weib meiner ganzen Liebe und Anhänglichkeit ſo ſehr bemächtiget, daß ich eigentlich nur noch in ihr lebe. Von der Stunde an, wo ſie mir völlige, vollkom⸗ mene Freiheit gab, wo ſie mir mit dem Ausdruck innig⸗ ſter Wahrheit jedes Vorrecht eines ungebundenen, freien Menſchen wieder einräumte;— von dieſer Stunde iſt es mir nie mehr, aber auch im Traume nicht eingefallen, davon Gebrauch zu machen. Ich habe Liebenau nicht verlaſſen ohne Hedwig. Ich könnte es nicht. Und wenn(wie in den kürzlich vergangenen Wochen) unſere Verhältniſſe erheiſchen, daß Eines von uns Beiden rei⸗ ſen, das Andere aber zu Hauſe hüten muß, ſo ſchick' ich ſie fort, damit ich wenigſtens, wenn ich denn einmal ihren Umgang und ihr Geſpräch entbehren ſoll, in den Räumen weilen dürfe, die ſie bewohnt. Gräfin Julia ſagt immer, es müßte auf einer großen Univerſität ein eigner Lehrſtuhl für angehende Eheweiber und Hausfrauen errichtet werden und die erſte Profeſſur müßte Hedwig haben, die dann weiter Nichts vorzutra⸗ gen hätte, als durch welche einfachen, natürlichen und doch ſo geiſtvollen Mittel ſie einen raſtloſen Vagabunden zum glücklichſten Philiſter umgeſchaffen, der ſeine unum⸗ ſchränkte Freiheit blos dazu benützt, den Pantoffel zu küſſen. Die Gräfin behauptet, aus Hedwig's Schule — 282— und durch deren Schülerinnen würde eine neue Zeit für den Eheſtand hervorgehen. Was mich betrifft, will ich ſchon zufrieden ſein, wenn Hedwig's guter Geiſt auf unſere Tochter Ottilie forterbt, und ich hab' meiner Frau eingeſchärft, dem Kinde jetzt ein ausgiebiges Privatiſſi⸗ mum über unterſchiedliche Stadien der Eiferſucht zu leſen, die ich während des Brautſtandes wahrgenommen. Vergeſſen Sie nicht, lieber Holtei, dieſen Punkt in unſe⸗ rem Romane gebührend herauszuheben. Vielleicht nimmt ſich's manche junge Frau zu Herzen! Nun aber wollen wir ſpeiſen,— und dann gehen wir meinen Weibern entgegen. Tieletunke wird im Vorübergehen abgeholt.“ Vierter Tag. Heute hatte das Schloß ein and'res Anſeh'n. Die Gegenwart einer ſolchen Hausfrau bringt neues Leben und verleiht auch ſteinernen Mauern einen unſichtbaren, dennoch nicht abzuleugnenden Schmuck. Ich fand Hedwig unverändert, wie ich ſie in Wien und ſpäter im Circus bei Cuzent' geſehen. Man hätte auch nicht geahnet, daß ſie im Begriff ſtehe, Guoßmuttar zu werden. Gräfin Julia, eine Dame von fünf⸗ bis ſechsund⸗ ſechzig Jahren, verſetzte mich durch ihren Anblick in meine früheſte Kinderzeit. Damals gab es noch häufig Erſcheinungen in der vornehmen Welt, die Ehrfurcht und Liebe im Greiſenalter einzuflößen vermochten. „ — 283— Frauen mit grauem Haar, die nur von Grazien begleitet erſchienen, bei deren Eintritt jede Rohheit entwich, jede Keckheit verſtummte, jede Gemeinheit beſchämt erröthete. Alte, ſehr alte Frauen, die Frohſinn und Fröhlichkeit mitbrachten, Luſt und heit're Geſpräche erweckten, feinen Scherz verſtanden, Geiſt und Talent ſchätzten. Hoch⸗ adelige Damen, die ſtolz waren, ohne hochmüthig; wür⸗ dig, ohne mürriſch; fromm, ohne frömmelnd und unduld⸗ ſam zu ſein. Sie ſind ſelten geworden. Gräfin Julia vereinte alle Eigenſchaften, vor denen man ſich gern bewundernd neigt: ſie war noch ſchön. Anton hatte mir vertraut, daß auch ſie meine Vierzig Jahre geleſen. Bei der heiligen Scheu, welche die ſtets in Trauer⸗ gewand gehüllte, erhabene Frau mir erregte, ſchlug mich dieſe Nachricht faſt danieder. Ich wagte kaum zu reden, wenn ihr Auge bisweilen auf mir ruhte. Am Theetiſch kam das Geſpräch auf Anton's Plan wegen des Romanes, den er mir aufgetragen. Tieletunke, nachdem ſie Julien und Adelen zu Bett gebracht, fing davon zu reden an. Das wird luſtig ſein, rief Hedwig. Aber Sie dürfen Nichts unterſchlagen.— Nicht allein luſtig, ſagte die Gräfin, es kann auch lehrreich werden. 8 Nur um Alles in der Welt keine moraliſchen Predig⸗ ten, meinte Tieletunke. Nur leichte, fließende Erzählung. Die Moral mag ſich Jeder ſelbſt heraus zu leſen ſuchen; denn wer dies nicht vermag, für den wäre ſie ohnedies — 284— nicht vorhanden, und wenn man ſie mit rothen Lettern hineindruckte.. Und der Titel, fragte Hedwig; was für einen Titel wählen Sie? Ich ſtimme für„die Vagabunden.“ Durch Acclamation angenommen, ſagten Alle. Gewiß, fuhr Hedwig fort, ich glaube, es giebt Nichts in der Welt, was jemals für Geld zu ſehen und auf Reiſen war, womit Anton nicht in Berührung kam! Außer denjenigen Vagabunden, antwortete unſer Held, die„zu meiner Zeit“ eben noch nicht erſchienen, denen wir aber allerdings ſpäter begegneten. Da ſind zu nennen: Improviſatoren, das heißt Menſchen, welche, unvorbereitet, die deutſche Sprache zwingen, ihnen in vortrefflichen Verſen dienſtbar zu ſein; eine Kunſt, die Goethe mit der Feder in der Hand für faſt unerreichbar hält;— dafür war er freilich auch nur ein Goethe!— Ferner die Schnellläufer, die vor zehn Jahren das ganze Land überſchwemmten und gewiſſer⸗ maßen die Improviſatoren überholten. Sodann india⸗ niſche Bajaderen, arabiſche Beduinen und, ver⸗ geſſen wir nicht, was uns ſo nahe liegt: Vorleſer.. Richtig, rief Hedwig laut auflachend, Vorleſer, die ſich hinſetzen und drei Stunden lang aus einem kleinen Büchlein in ihre geduldigen Zuhörer hinein peroriren. Ja, ja, Sie ſind auch ein Vagabund, Herr Vorleſer; wir haben Sie auf Ihren Streifzügen getroffen; wir haben Sie gehört.. „„Aber ich nicht,““ ſagte Tieletunke. — 285— „Noch ich,“ ſagte die Gräfin.„Der Abend währt noch lang; wie wär' es?“. Ich bat die Gräfin, zu befehlen, was ſie hören wolle. Sie wählte Göthe's Iphigenie. Nach der Vorleſung empfahl ich mich. Es war beſchloſſen, daß ich am nächſten Tage früh Morgens reiſen würde. Die Gräfin gab mir einen Wink, daß ſie mich noch auf ihrem Zimmer zu ſprechen wünſche. Als ich Lebewohl geſagt und Anton gebeten, ſich morgen früh meinetwegen nicht aus der Ruhe ſtören zu laſſen, trennten wir uns wie alte Freunde. Ich folgte der Gräfin. Allein mit mir nahm ſie das Wort:. Mein Pflegeſohn hat nicht bedacht, daß die literariſche Arbeit, wozu er Sie aufmuntert, und welche nur dann des Leſers Theilnahme erwecken kann, wofern ſie wahr iſt, aber wahr bis in's tiefſte Geheimniß der menſchlichen Seele, außer ihm noch andere Perſonen berührt, Halten Sie mich nicht für eine engherzige Frau, die durch Stan⸗ desrückſichten oder vorgerücktes Alter verhindert würde, die Dinge anzuſehen, wie ſie ſind. Ich weiß mich von jedem Vorurtheile frei. Aber ich wünſche nicht in einem Roman eine Rolle zu ſpielen, ſo lang' ich noch lebe. Mögen Sie Namen und Orte verändern, wie Sie wol⸗ len,... mein furchtbares Geſchick können, dürfen Sie nicht verändern in Ihrer Erzählung. Wenn ich todt bin, haben Sie freies Feld. Meines Gemahles Name — 286— ſtirbt mit mir. DasGeſchlecht iſt erloſchen. Dann laßt drucken, was Ihr wollt. Und ſo geben Sie mir Ihre Hand, mit dem Verſprechen, mein Ende abzuwarten. Lange werden Sie nicht zu warten brauchen. Das weiß ich am beſten. Ich gelobte zu gehorchen und ſchied von der Gräfin, feſt entſchloſſen, mein Gelübde zu halten. Fünfter Tag. Der Morgen graute kaum, als ich das Schloß verließ. Peterl hatte noch nicht eingeſpannt. Ich bat einen Diener, der mir das Thor öffnete, mein Gepäck aufzuladen und den Wagen vor die Thür des Friedhofs zu ſchicken.. Dahin begab ich mich im dickſten Herbſtnebel. Ich ſuchte vor der Gruft und über Gräbern die Inſchriften auf, welche Pflicht, Dankbarkeit, kindliche Liebe ihren Verſtorbenen gewidmet. Ich fand Onkel Naſus und Mutter Gokſch, fand den Rittmeiſter und den guten Paſtor Karich. Ein ſehr langer Grabhügel fiel mir auf; die Tafel, die ihn bezeichnet, enthält nur die Worte: Schkramprl der Rieſe. Im Winkel an der Mauer fand ich ein Kreuz, worauf ich las: der ſchwarze Wolfgang. Auch dieſes Grab war ein kleiner Blumengarten,— freilich jetzt ohne Blüthen. Peterl knallte draußen, zum Zeichen, daß er bereit ſei!— Ich verließ Liebenau. 4 1* 3* — 287— Sendſchreiben des Herrn Anton Hahn auf Liebenau an Herrn Karl von Holtei 5 irgendwol Schloß Liebenau, 13. Nov. 1850. Mein lieber Freund Holtei! Hedwig, Ottilie—(ich meine die alte),— die Kin⸗ der und ich kehren ſoeben von Sophienthal heim, wo wir unſere Gräſin Julia begruben. Ich vermag Ihnen weiter Nichts über die letzten Tage dieſer Heiligen zu berichten; ſie ſtarb, wie ſie lebte. Ihr Verluſt iſt durch Nichts zu erſetzen; auch die Zeit wird ihn nicht lindern. So lange wir leben, wird ſie uns fehlen. Wir jammern nicht; wir haben uns die Haare nicht gerauft, als ſie verſchied,— von dieſer unge⸗ berdigen Art iſt unſer Schmerz nicht; er hätte dieſe Sterbeſtunde nur entweiht. Wilde Klagen verſtummen im Geräuſch des neuen Lebens; milde Trauer endet erſt mit dem Leben.. Wir ſind Alle geſund. Meine Tochter Ottilie hat einen Knaben, mein Sohn Guido ſtudirt Arzneikunde, Julchen und Adele werden nach und nach Jungfrauen und warten auf Männer. Aber wo wachſen dergleichen für ſie in unſerer Zeit? Ich habe viel zu thun. Die Gräfin hat mir die Aus⸗ führung ihres letzten Willens hinterlaſſen. Dieſes Briefchen gehört dazu. 4— 288— Einige Tage vor ihrem Tode erinnerte ſte mich, Ihnen zu ſchreiben. Ich ſoll Ihnen danken, daß Sie Wort gehalten,— und jetzt ſind Sie Herr über jene 3 Papiere, die ich Ihnen anvertraute. Gebrauchen dieſelben, wie Sie wollen. Die Meinigen, Tieletunke eingerechnet, grüßen hern⸗ lich. Auch der dicke Leibkutſcher Peterl will empfohlen ſein. Wenn Ihr Buch fertig iſt, ſo bringen Sie's uns; wir rechnen ſicher darauf. Und zögern Sie nicht zu lange. Friſch daran! Sein Sie fleißig und ſchraben Sie die Vagabunden, Sie alter Vagabund! Ihr ergebener Anton. Druck von Robert Niſchkowsky in Breslau. * 3