iothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ALeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe o wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wechentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Nk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Ausg. 13 Rthlr. Eleg. in engl. Leinw. geb. mit Goldſchnitt..... 13 Rthlr. Holtei, Karl von, Chriſtian Lammfell. Roman in 5 Bänden. 8 6 Rthlr. Holtei, Karl von, Ein Schneider. Roman in 3 Bänden. 8. 3 Rthlr. Holtei, Karl von, der Obernigker Bote. Geſammelte Aufſätze und Erzählungen in 3 Bänden. S......... 32 Rthlr. Holtei, Karl von, Portrait und Facſimile. Gezeichnet v. Fr. Keil. Halbfolio.......... 22 ½ Sgr. Bernhard, Auguſte, ein erbbetag Roman. 8... 1 Rthlr. Dürindsfeid Ida on Eſther. Novellen⸗Roman in 2 Pinden 8.—.......... 2 Rthlr. Freiherr von Cubuſxene oder Lebensbilder aus der Neuzeit. 2 Bände. 8........... 3 Rthlr. Pohl, A., Humoriſtiſche Sezälnudgen und Skizzen. 8.. 22 ½ Sgr. UAing, Mar, die Genfer. Trauerſpiel....... 22 Sgr. Schlönbach, Arnold, Hginnie Genrebilder aus der Wirklichkeit. ..... 2 Rthlr. 2 Bände. 8. —— Dem K. K. Hofrath und Polizeidirector in Prag Anton Freiherrn von Paümann widmet auch dieſes Buches zweite Auflage der Verfaſſer. Erſtes Kapitel. Die Linden ſtanden in voller Blüthe. Vor der Thüre ihrer kleinen Hütte ſaß auf einem zerbrochenen umge⸗ ſtürzten Korbe die alte Mutter Gokſch zwiſchen zwei Miſthaufen, vor ſich ein Gärtchen voll blühender Blumen. Mit ſichtlicher Vorliebe wendete ſie einmal ums anderemal ihren matten Blick dem Dünger zu; der Blumen achtete ſie wenig, weil ſie ihnen jenen Raum nicht gönnte, wo nach ihrer Meinung Kartoffeln wachſen ſollten. Sieht man doch gleich, murmelte ſie vor ſich hin, daß der Junge eines Vornehmen Kind iſt: Immer denkt er auf Putz und Schmuck, und die Großmutter mag zuſehen, wo ſie Fut⸗ ter hernimmt für ihn, wie für ſich ſelbſt. Und wo er nun wieder bleibt? Die Sonne wird bald zu Rüſte gehen, aber er treibt ſich noch im Walde herum. Und wenn er kommt, kann ich nicht einmal mit ihm zanken, ob ich ſchon möchte, weil er ſo große dunkelblaue Augen hat, wie ſeine verſtorbene Mutter. Sobald er mich mit dieſen Augen anſchaut, ſtirbt mir jedes ernſte Wort auf den Lippen. Er macht mit mir, was er will. Haben ihn doch auch alle Menſchen gern: Der Baron, der alte Bär, und die Fräulen und der Paſtor und der Schulmeiſter. Ganz Liebenau iſt vernarrt in den Anton. Ihm ſehen ſie Alles 1* nach. Eh' ſie ihre Körbe zum alten Korbmacher tragen, der gewiß ein gutes Stück Arbeit macht und raſch, bringen ſie lieber ihren Kram hier an's Ende des Dorfes b zu meinem Jungen und warten wochenlang geduldig, bis es ihm gefällig iſt, daran zu gehen. Nu freilich, 4 wohlerzogener iſt er, als die dummen Dorflümmel. Seine Sprache ſchon iſt nicht ſo rauh und grob, weil er von Kindheit auf mich reden hörte, und mir klebt immer noch mein Stadtleben an; das kann mir Niemand abſtreiten. War ich doch auch einmal jung; jung— und ſchön, wie meine unglückliche Tochter! Bei dieſen Worten füllten ſich die Augen der Mutter Gokſch mit Thränen, und ein leiſes Schluchzen erſtickte den Lauf ihres Selbſtgeſpräches. Beide Hände drückte ſie feſt vor ihr welkes Angeſicht, um ſich recht ungeſtrt dem Grame hinzugeben. Doch nicht lange blieb ſie ihm überlaſſen. Anton, der leiſe zu ihr hingeſchlichen war, zog ihr die Hände vom Haupte und fragte freundlich: Großmutterle, warum flennſt Du? Da umſchlang die gute Frau den ſchönen Jungen mit beiden Armen, und aus den Zähren einſamen Schmerzes wurden Thränen des liebevollſten Mitgefühls. Zärtlich ſchmeichelnd ſtrich Anton mit ſeinen dünnen Fingern über Stirn und Wangen der Mutter Gokſch. Gewiß, ſprach er, Du biſt noch immer eine hübſche Frau, Großmama, wenn man Dir nur die Runzeln wegſtreichelt und Dein Geſicht ein wenig glatt macht. Auf den Sonntag werde ich Dich mit Johanniswaſſer einſprengen, und hernach werde ich das kleine Plätteiſen nehmen und Dich gehörig aus⸗ — — biegeln; dann kannſt Du ſchmuck zur Kirche gehen und wirſt unſerm Herrn Paſtor gegenüber ſitzen, friſch und ſauber, wie ein neu ausgeputztes Haus, wo ſie daran geſchrieben haben: renovatum anno Domini ſo und ſo wiel; drei rothe Kreuze darunter. Wenn Du nur um Alles in der Welt nicht ſo viel weinen wollteſt, wie ich den Rücken kehre; dann wär's noch beſſer; denn die Thränen haben Dir ſchon Furchen gebiſſen in beide Wangen, gerade wie der Regen in unſeren Dachgiebel, ſo gegen Abend ſteht. Sei doch vernünftig, Alte, und mach' mir nicht ſo viel Verdruß. Ich kann doch nicht den ganzen Tag bei Dir ſitzen, um Acht zu geben auf Dich und Dir vorzuſingen, wie einem kleinen Kinde? Mit ſechszig bis ſiebenzig Jahren könnteſt Du ſchon genug Verſtand haben, um manchmal ein Stündchen ohne Aufſicht zu bleiben? Und wenn Du nicht gut thuſt, werde ich Dir eine derbe Ruthe flechten, ſo wahr ich Anton heiße und ein berühmter Korbmacher in Liebenau bin. Da lachte die Mutter Gokſch über ſein albernes Ge⸗ plauder, daß ihr beinahe wieder die Thränen über beide Backen gelaufen wären, und kichernd rief ſie:„Ach, wenn Deine Mutter Dich ſo ſehn könnte!“ Aber kaum hatte ſie's geſagt, als ſie wirklich zu weinen anfing; diesmal jedoch ſo innig und ſanft, daß der ehrliche Anton ein Bißchen mitweinte, denn das geſchah ihm jedesmal, wenn ſeiner Mutter gedacht wurde, deren er ſich aus den erſten Monden ſeiner Kindheit zu erinnern wähnte, wie eines glänzenden Traums. Augenblicklich ließ er von ſeinen Scherzen ab. Mit feierlichem Ernſte ſetzt' er ſich 8— auf den Boden, der Großmutter zu Füßen und ſein tiefes Auge feſt nach ihr gewendet, fragte er in rührendem Tone: Nicht wahr, ich ſehe ihr gleich? „Nur allzuſehr,“ erwiederte die Großmutter. Anton ſchwieg ein Weilchen, dann begann er: das iſt wieder eines von den dunklen, unverſtändlichen Worten, wie ſte Dir oft entſchlüpfen, Alte, gleichſam gegen Deinen Willen. Sie ängſtigen mich, dieſe Worte. Siehſt Du, das muß ein Ende nehmen. Ich will wiſſen, was es mit meiner ſeligen Mutter war? Will wiſſen, wer mein Vater geweſen? Was aus beiden geworden? Und wie Du in dieſe Hütte verſchlagen worden biſt? Ich habe ein Recht dazu, Großmutter! Ich bin kein Kind mehr. Am vor⸗ letzten Oſterfeſte ſchon hat mich unſer Herr Paſtor con⸗ firmirt, und hat mich ſammt der ganzen Gemeinde zum Tiſche des Herrn gehn laſſen;— jetzt bin ich ſiebzehn vorbei;— und hat damals geſagt, ich wäre reifer und würdiger dazu, als alle Jungen im Dorfe, die um ein Jahr älter ſind. Folglich kannſt Du mit mir reden, wie mit einem Erwachſenen. Das weißt Du auch recht gut. Alſo könnteſt Du billig ein Ende machen und mich heute wiſſen laſſen, was ich über kurz oder lang doch erfahren muß... „Wie geſcheidt der Junge ſeine Reden ſetzt,“ mur⸗ melte die Mutter Gokſch, indem ſie ihm die reichen Locken von der Stirne ſchob. Sie betrachtete ihn lange, wie wenn ſie überlegte, ob ſie ſeinen Wunſch erfüllen dürfe? Dann aber ſprach ſie plötzlich:„Nein, Anton, es geht nicht. Es kommen Dinge vor in dieſer traurigen Ge⸗ — ſchichte, die für Dich noch zu früh ſind. Sage, was Du willſt, Du biſt ja doch nur ein Kind.“ Meinſt Du, Großmutter, wendete Anton dagegen ein, meinſt Du wirklich? Ich weiß mehr, als Du denken magſt, vom Leben und von den Menſchen. Wer, wie ich, auf eigene Hand aufgewachſen iſt, immer unter dem Landvolk ſich herumtrieb, Alles hörte, Alles beobachtete, ſchon als kleiner Knabe denken und vergleichen lernte, der iſt in meinen Jahren ein Mann. Erzähle mir, was Du willſt, ich werde Dich verſtehen,— und ich werde dazu ſchweigen, wenn es nöthig iſt. Unſchlüſſig ſtaunte die Alte ihren Enkel an, den ſie niemals noch ſo entſchieden ſprechen gehört, und zweifelnd ſchüttelte ſie den Kopf, indem ſie vor ſich hinflüſterte: „Werden denn in dieſer Zeit die Kinder ſchon ſo früh mündig?“ Da ertönte vom kleinen Kirchthurme die Abendglocke. Wehmüthig zitterten ſanfte Klänge auf lauem Winde getragen über das bemooste Strohdach und verloren ſich tief im kaum hörbaren Widerhall des Kieferwaldes, der die letzten Häuslein dieſes Dorfes faſt berührte. Anton nahm ſeine Kappe ab. Die Alte lispelte ein frommes Verslein. Und als ſie fertig war mit ihrem kurzen Ge⸗ bet, ſagte Anton: Nun, Großmutter, beginne! Mir iſt um's Herz, als hätten ſie mit dieſem Glockenzuge meine Mutter in's Grab gelegt. Laß mich wiſſen, wo der Hügel grünt, auf dem ich knieen darf, wenn ich mit ihr ſprechen will? Und die Mutter Gokſch hub an: Zweites Kapitel. „Dein Großvater, Anton, mein guter ſeliger Mann, war Cantor und Schulrector in N. Na, das weißt Du. Davon hab ich Dir ſchon oft genug erzählt; von unſerem hübſchen, grünumlaubten Häuschen hinter der Kirche, und wie er mich heimführte als junge, ſchmucke Braut. Des Herrn Amtsdieners Tonel haben ſie mich geheißen; denn mein Vater ſelig war Amtsdiener beim hohen Rath. Aber wie ich Hochzeit machte, war er ſchon lange todt, und meine Mutter folgte ihm bald nach meiner Verhei⸗ rathung, ſo daß ich die Flitterwochen hindurch ſchwarz ein⸗ hergehen mußte, wie eine Amſel. Das haſt Du alles ſchon gehört, Anton, ich kann Dir es aber jetzt nicht ſchenken, denn mein Kopf iſt gar ſchwächlich, und wenn ich nicht die ganze Geſchichte vom Anfang anfange, bring' ich ſie gar nicht zu Stande. Aber wo blieb ich denn?“— Bei der Amſel, Großmutter! „Richtig. So ſchwarz wie eine Amſel mußt' ich ein⸗ hergehen. Und ſammt meiner Trauerkleidung kam ich in'’s Wochenbett, mit einem einen Anton. Der machte aber nicht lange, ſo war er hin. Der arme kleine Kerl konnte die Thränen nicht verwinden, die ich um meine Mutter ſo gern geweint hätte, die ich aber verſchlucken mußte, weil Dein Großvater zornig ward, wenn er mich weinen ſah. Ich hab' das Kind meiner Mutter zu Füßen gelegt. Ich dachte in meiner Einfalt, damit ſie gleich einen Engel als Boten bei der Hand haben ſollte, wenn ſie vielleicht einmal Luſt hätte, mir einen Gruß. zu ſchicken — — 9— aus ihrem Grabe, oder ſonſt Etwas? Es hat ſich jedoch Nichts eingeſtellt. Mein zweites Kind— lange nachher — war ein Mädel. Das war Deine Mutter, Anton! Antonie haben wir ſie genannt. Das heißt, Dein Groß⸗ vater rief ſie Antoinette. Und da wurde zuletzt Nette daraus, und unſere Nachbarn meinten, der Name käme daher, daß ſie ſo nett und ſauber war. Denn ſie wuchs auf in purer Schönheit, daß jeder ſtehen blieb und ihr nachſtaunte, der ihr begegnete. Ich ſah ihre Schönheit auch und ihre Klugheit und Anmuth, o ja, ich ſah Alles, denn mein Gott, wofür wäre ich denn ihre leibliche Mut⸗ ter geweſen? Daneben jedoch ſah ich auch ihre Fehler: Ihren leichten Sinn, ihre Eitelkeit! Dein Großvater wollte davon Nichts ſpüren; der hob nur die Tugenden heraus. Und als ſie gar zu ſingen anfing, und als ſie ſämmtliche Schulkinder mit ihrer kräftigen, reinen Stimme beſiegte, da war's gar aus! da kannte mein guter Mann Nichts über ſeine Nette! Ja, wenn unſer Herrgott die himmliſchen Heerſchaaren herabgeſendet hätte, daß ſie vor meinem Manne muſteiren müßten und ſingen, der hätte, glaube ich, geradezu geſagt: Sobald mein Nettel nicht mitſingt, will die ganze Muſik Nichts heißen. So war er. Freilich, himmliſch geſungen hat ſie, das muß ich ſelbſt eingeſtehen; mit vierzehn Jahren ſtand ſte Dir da, Anton, wie eine vollkommene Jungfrau, und wenn ſie den kleinen Mund aufthat und ihre Zähne wies, und die Stimme drang heraus, da ging es Einem wohl durch alle Gliedmaßen. Ich fühlte es ebenſo warm, wie Dein Großvater; nur hätt' er's ihr nicht immer ſagen ſollen. Da wurde denn einmal ein großes Feſt veran⸗ ſtaltet in G., was ſie ein Muſikfeſt nannten. Dazu haben ſie von weit und breit aus dem ganzen Lande zu⸗ ſammenberufen, was ſtreichen konnte und blaſen und ſin⸗ gen und ſchreien und Pauken ſchlagen. Wie die Ameiſen ſind die Muſicuſſe über die Berge gekrochen, durch die Thäler, aus allen Winkeln und Ecken, daß es nur ſo wimmelte! Natürlich war mein Mann auch dabei mit ſeiner Geige,— und ohne Nette wär's ja durchaus nicht gegangen. Sie führten auf, wie die Welt geſchaffen worden iſt. Die Schöpfung nannten ſie's. Das kam mir ſchon ſündhaft vor. Noch ſündhafter hielt ich es, daß Dein Großvater als chriſtlicher Schulmann, der er doch einmal ſein ſollte, ſich nicht ſchämte, ſo viel Auf⸗ hebens zu machen von der Heid'niſchen Muſik. Denn heid'niſch war ſie. Das hab' ich ihn und ſeine Muſik⸗ freunde ſagen hören. Ein Heide, ſagten ſie, hätte das eben erſt in der großen Wienſtadt geſchrieben. Da entblö⸗ deten ſie ſich nicht, in Einem weg von göttlichen heidniſchen Melodieen zu ſprechen. Schrecklich! Aber ich mußte wohl ſchweigen. Doch die Strafe blieb nicht aus. Von dieſem gottesläſterlichen Muſtkfeſte ſchreibt ſich unſer Elend her. Deine Mutter hatte die ſündhafte Eva vorſtellen müſſen, ſo erzählte ſie mir's, als ſie zurückkehrten. Mit zu ziehen, hatte ich mich redlich gehütet. Ja, die Eva hat das un⸗ ſchuldige Mädchen vor Aller Augen machen müſſen, und geſungen hat ſie Liebeslieder mit Adam, der niemand anders geweſen ſein ſoll, als ein Opernſänger aus der Hauptſtadt. Ob die Schlange auch vorgekommen ſei, * — 11— das hab' ich niemalen aus der Antoinette ihren Erzäh⸗ lungen herausbringen können. An anderem Vieh hat es nicht gefehlt. Zum Glück haben die Sänger wenig⸗ ſtens ihre Kleidung nicht ablegen dürfen. Sonſt war Alles wie beim Sündenfall. Ach, mein lieber Anton, hatte Dein Großvater bisher mit ſeiner Nette Abgötterei getrieben, jetzt fand er gar keine Grenzen mehr. Die Lobſprüche, die ſie von Hoch und Niedrig erhalten, hatte er eingeſackt und ſich völlig damit ausgepolſtert, daß er ſelber aufgeblähet war wie ein welſcher Hahn, den die Köchin mit gebratenen Kaſtanien ſtopfte. Einen gülde⸗ nen Ring ließ er ihr machen für drei ſchwere Dukaten, und auf einem Plättchen ſtand eingegraben:„Eva.“ Den Ring mußte ſie tragen, als ob ſie eine Dame wäre. Das gab ihr den letzten Gnadenſtoß. Wenn ich ihr eine häusliche Arbeit auftrug, ließ ſie nur ihren Ring im Lichte glitzern und ſetzte ſich an's Clavicembalo. O Anton, da war ſie ſo lieblich und ſchüttelte mit den dunklen Locken herum, daß die allerhöchſten Noten herauspfiffen aus dem Perlenmunde, als ob's Waſſertropfen wären, die an der Sonne funkeln. Und da war die thörichte Mutter wie⸗ der ſtill, ſchaffte ſelbſt im Hauſe und horchte auf ihres Kindes Geſang. t Unterdeſſen waren die Huſaren, die ſonſt in G. gele⸗ gen, zu uns nach N. in's Quartier gekommen. Schon wie ſie einrückten, und wie ihre Trompeten über den Platz. ſchmetterten, daß es bis in unſeren ſtillen Kirchhof drang, ſpürt' ich an Netten's Betragen, die Sachen wären nicht in der Ordnung. Sie war wie ausgetauſcht, unruhig, — 12— niedergeſchlagen, dann wieder auf einmal übermüthig, wild, luſtig. Der Alte gab Nichts auf meine Mahnun⸗ gen. So ſind halt die Künſtlernaturen, ſprach er. Sie iſt eine echte Künſtlernatur! Was er damit ſagen wollte, hab' ich nicht entdecken können. Mir war's zu hoch. Da hatte denn Deine Mutter Freundſchaft geſchloſſen mit einem Mädel ihres Alters, der Tochter eines Stein⸗ metzgers oder Bildhauers, wie er ſich nannte, der unten am Fuße der hohen, ſteinernen Brücke ein Häuschen be⸗ wohnte; ein dürftig⸗hölzernes Ding von Gebäude. Ging unſer Bergflüßchen nur ein Biſſel voll, ſo leckten die Wel⸗ len an des Mannes Beſitzthum, und wär' es nicht von Steinen, Grabkreuzen und plumpen Heiligen beſchwert worden, mir ſcheint, das Gewäſſer hätt' es längſt fortge⸗ ſchwemmt. Mit der beſagten Bildhauers Chriſtel hatte unſere Antoinette Freundſchaft geſchloſſen, und ſie beſuch⸗ ten ſich. Mir gefiel der Umgangenicht.(Erſtens wollte ſich's doch nicht recht ſchicken, daß des Luther'ſchen Can⸗ tors Kind Tag⸗aus Tag⸗ein bei den kathol'ſchen Leuten ſteckte, die da lauter ſteinerne Götzenbilder um ſich hatten. Und dann überhaupt war mir ſo weh', wie wenn mir Unheil ſchwante. Wie geſagt, ſo geſcheh'n. Eines Abends komm ich über die Brücke, von Neudorf herein, wo ich eine meinige Muhme beſucht hatte, und mitten auf der Brücke, da ſie ſich am höchſten wölbt, und ich vom Stei⸗ gen müde bin, raſt' ich einen Augenblick aus, ſchau' mich um nach den grünen Bergen im Abendroth,— fällt mein Blick hinab auf Bildhauers Häuschen,— und ſiehſt Du, Anton, Du magſt mir's nun glauben oder nicht, jetzt 8 „17 — 13— noch, wo ich Dir's beſchreibe, fühl' ich den Stoß, den mir's damals in's Herz gethan!— Ich ſchau' hinab und ſehe einen Cornet von den Huſaren, ein Bürſchlein, nicht älter als Du heute biſt, ſchlank wie eine Tanne, aus Bild⸗ hauers Thüre treten; der dreht ſich faſt den Kopf aus den Schultern und ſtarrt empor nach der Brücke, wo ich ſtehe. Sowie er meiner anſichtig wird, macht er links um, und huſch iſt er im Hauſe wieder derin. Mir bra⸗ chen ſchier die Knie' zuſammen unter meines Leibes Laſt, und ich mußte das letzre Reſtchen Kraft aufbieten, um weiter zu geh'n.„Wird ſie zu Hauſe ſein?“ Das war der einzige Gedanke, den ich faſſen konnte. Er kam mir auf die Zunge. Schritt vor Schritt ſprach ich weiter Nichts, als: heiliger Gott, wird ſie zu Hauſe ſein? Denn war ſie nicht daheim, dann war ſie zu Bildhauers ge⸗ gangen, und dann wußt' ich, woran ich war. So bieg' ich Dir um die Eckgpin's kleine Gäßchen ein, das nach dem Kirchhofe führt, und eilig, wie ich bin in meiner Todesangſt, renn' ich an ein Frauenzimmer an, das ver⸗ blüfft vor mir ſtehen bleibt: es war meine Tochter! Wo⸗ hin ſo ſpät, Antoinette? ruf' ich ihr heftig in's Geſicht; und ſie, roth wie ein gekochter Krebs, ſtammelt nur: Dir entgegen, Mutter. Na, ſo komm', ſprech' ich und reiße ſie mit mir fort und halte ſie ſo feſt am Arme, als ob die ganze Schwadron am andern Arme zöge! Der Vater war zu Biere gegangen. Ich hatte ſie allein, nahm ſie heftig in's Gebet. Doch ſie hielt ſich ſtandhaft; ſie leugnete mit Feſtigkeit,— und ich ließ mich täuſchen. Ließ mich täuſchen, weil ich bei der ſchärfſten Aufmerkſam⸗ keit, von dieſem Abend an zu rechnen, Nichts mehr wahr⸗ nehmen konnte, was meinen Argwohn erneuert hätte. Im Herbſt war ich vollkommen beruhiget; um ſo mehr, weil die Huſaren ſchon wieder in andere Garniſon gerückt waren. So, daß ich mich entſchloß, wieder einmal die Neudorfer Muhme heimzuſuchen; ich hatte das nicht ge⸗ than, ſeitdem mir der Wag über die Brücke durch den Cornet im Bildhauerhäuschen verdorben ward. Nun denke Dir meine Verwunderung, Anton, wie ich nach dem Häuschen ſuche und forſche und find' es nicht mehr? ſondern an ſeiner Statt entdeck' ich ein neues, größeres, von Mauerziegeln feſt errichtet, mit Schieferplatten ein⸗ gedeckt; das war über Sommer emporgewachſen. Und wo hatte der hungrige Bildhauer das Geld dazu herge⸗ nommen? Du meinſt, dies wär' ſeine Sache geweſen, und hätt' ich Nichts danach zu fragen gehabt. Gewiſ⸗ ſermaßen wohl. Doch aber uen ſich in meinem Herzen eine drohende Stimme, die mir den Beſuch bei der Neudorfer Muhme wieder leid machte. Ich drehte auf dem Flecke um, ging nach Hauſe. Mir war, als wenn ein böſer Geiſt mir zuraunte: Das Haus iſt auf Deiner Tochter Schande gebaut!— Zittre nicht, armer Junge, bald kommt's noch ſchlimmer!— Und wie ein böſer Geiſt keinmal allein bleibt, trat alſogleich ein zwei⸗ ter an mich heran: die Frau Thorſchreiberin nämlich; das war ein ſchlimmes Weib, Gott mög ihr ewige Ruhe vergönnen. Die fing zu ſchnattern an, wie es ihr Brauch, redete vom Hundertſten in's Tauſendſte, von der Schule, von meinem kleinen Garnhandel, von der Muſik, von —* + den Huſaren, und ob unſere Nettel ſich denn getröſtet habe über den Ausmarſch der Escadron? Der Himmel gab mir Kraft, dem häßlichen Weibe nicht zu zeigen, wie ſcharf ihrer Zunge Stachel in mein wundes Herze drang. Ich hielt mich aufrecht und lachte ihr in die Naſe, daß es faſt luſtig klang. Dann ging ich meiner Wege. Wie ich aber in unſer Haus, wie ich in Deiner Mutter Kam⸗ mer gerathen bin, das kann ich Dir nicht beſchreiben, Anton, denn ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß ſie auf ihrem Bette ſaß und den Kopf hängen ließ. Antonie, ſchrie ich ſie an, ſo laut als der Krampf, der mir die Kehle zuſchnürte, mich ſchreien ließ, was ſoll das heißen, daß fremde Weiber mich befragen nach Deinem Schmerz über den Ausmarſch der Huſaren? Und daß Du ſeit acht Tagen vergehſt und verkommſt, wie eine Blume ohne Regen? Und daß die vermaledeiten Bildhauer⸗Leute ein neues ſtolzes Haus auferbauen? Antonie, haſt Du das Sündengeld gezahlt? Ich frage Dich, ich, Deine ₰ Mutter. Da hätteſt Du ſie ſehen müſſen, Anton, wie ſie ſich emporrichfete und vor mir ſtand, um eine Hand höher wie gewöhniglich. Schreie nicht, Mutter, Du thuſt mir wehe, ſprach ſie. Du ſollſt die Wahrheit vernehmen, auch ohne daß Du mir drohſt. Länger hätte ich ohnedies nicht geſchwiegen. Geh'n wir hinab zum Vater; auch er muß wiſſen, wie es mit ſeinem einzigen Kinde ſteht. So ſchritt ſte mir voran, ungebeugt und mächtig, das ſechzehnjährige Mädchen, als ob ſie die Anklägerin wäre, und ich folgte ihr bebend, wie wenn ich ein ſchlechtes — 16— Gewiſſen hätte. Sie war halt gar zu ſchön; man konnte ſie nicht ſehen ohne Entzücken. Dein Großvater ſaß bei ſeiner Notenſchrift. Sie winkte ihm die dicke Schwanenfeder aus der Hand, gleichſam als ob ſie ihm befehlen wollte, zu hören. Und nun begann ſie: Bei dem großen Muſikfeſte hatte ſie den jungen Grafen zum erſten Male geſehen. Unſere Augen, ſo drückte ſie ſich aus, haben ſich begegnet, und unſere Herzen haben ſich gefunden. Dann fuhr ſie fort, zu ſchildern, wie ſein Bild nicht mehr aus ihrem Gedächtniß wich. Später zogen die Truppen hier ein. Guido fand Gelegenheit, ſie anzureden. Bei Bildhauers trafen ſie ſich. Nachdem ich jene unſelige Entdeckung gemacht, daß der junge Mann dort verkehrte, wurden ſie vorſichtiger. Sie mieden ſich bei Tageslicht. Aber ach, die Nächte brachte ſie jenſeits der Brücke zu. Wenn der Vater und ich im tiefen Schlummer lagen, ſchlich die Verführte in's Haus der Kupplerfamilie.— 3 Ich vermag Dir nicht zu wiederholen, Anton, wie ſie das Alles vorbrachte. War es doch nicht anders, wie wenn ſie in ihrem vollen Rechte wäre und wir hatten das Zuhören. Endlich zog ſie einen Brief hervor, den ihr Graf zum Abſchied an ſie geſchrieben. Da ſtand es mit deutlichen Worten, daß er ſie verehre, daß er ſie lieben werde ſein Lebelang, daß er ſie als Braut betrachte, und daß er nur der Eltern Einwilligung abſchmeicheln wolle, um die Schönſte heimzuführen auf ſeine Herrſchaft und ſie glücklich zu machen. Wir hörten, wir laſen, wir ſtanden da verdutzt und — 19— hinauf, die Nettel holen! Und ich gehe hinauf, Anton, —— nein! nein, ich kann nicht weiter—...“ — Großmutter, ich bitte Dich, fahre fort!— „Nun denn, nach einer Stunde ſaßen Dein Großva⸗ ter und ich vor Deiner Mutter Bett, die bleich darin lag, ein ſchmerzvoll⸗ſüßes Lächeln um ihren Mund. Im Arme, mein lieber Anton, hielt ſie Dich. Aber Du warſt ſehr klein und ſchrie'ſt, wie wenn Du am Spieße ſtecken thäteſt. Solches geſchah am vierundzwanzigſten De⸗ zember... Vor Mutter und Vater hatte das hartnäckige Mädel ihren Zuſtand zu verbergen gewußt. Was jetzt erfolgt war, konnte und durfte natürlich nicht verborgen bleiben. Dein Großvater mußte gebührende Anzeige machen. Da war denn der Stab über die Cantorfamilie gebrochen, die Fahne der Schmach ward uns auf's Dach geſteckt und weh'te wie ein durchlöcherter, ſchmutziger Fetzen im kalten Schneewinde, indeſſen and'rer Orten die Weihnachts⸗ Feiertage fröhlich begangen wurden. Es währte auch nicht lange, ſo hatte der Paſtor Primarius es oben durch⸗ geſetzt, daß Dein Großvater vom Amte gejagt wurde, weil, wie der vollgefreſſene Bratenſack behauptete, die Schulkinder nicht mehr von einem harthörigen Lehrer unterrichtet werden könnten, der für die Schande ſeiner eigenen Tochter taub und blind geweſen wäre. Wir mußten ausziehen. Aus unſerem heimlichen, warmen, grünumwachſenen Häuschen hinaus! Zum Glück, daß die Bäume dürr waren und winterkahl. Um Oſtern zogen wir hinaus. Wir hatten weiße Oſtern. Es war * 2* 1 2 noch grimmig kalt. Draußen in der Wieſenauer Vor⸗ ſtadt fanden wir eine kleine Wohnung. In einem Zim⸗ mer hauſete ich mit meinem armen, niedergebeugten Alten. Im anderen trieb Deine Mutter ihr Weſen mit Dir. Ach, wie ſie ſang, wie ſie Dich in ihren Armen wiegte. Mit ſchöneren Liedern iſt kein Kaiſerſohn in Schlaf geſungen worden. Und der Großvater fand ebenſo viel Freude daran, wie der kleine hilfloſe Enkel. Ihr Beide habt gelächelt, wenn ihr Nettens Stimme vernahmt. Ihr habt gelächelt, Anton; ich hab' geweint: Denn die Stimme war ja doch unſer Unglück; ſie hatte uns doch eigentlich in's Unglück gebracht. Deines Herrn Vaters Briefe wurden immer rarer, und wenn etwa wieder einmal einer geſchlichen kam, war der letzte gewöhnlich um etliche Wörter kürzer, als der vorletzte. Nette ſchwieg. Der Alte fragte nach Nichts. Ich weinte. Ein ganzes Jahr hab' ich ver⸗ weint, daneben fleißig meinen Garnhandel betrieben, und davon haben wir gelebt; davon und von den paar Kreu⸗ zern, die der Alte mit Notenſchreiben erwarb. Am nächſten Weihnachtsabend konnteſt Du ſchon laufen, Anton; langteſt ſchon mit kräftigen Händchen nach den Kerzen am Weihnachtsbaum. Dein Vater ließ Nichts weiter von ſich hören. Antonie ſchrieb wohl einige Male; ſie bekam keine Antwort mehr. Sie verging ſo langſam in dem Maße, wie Du zunahmſt. Du warſt ein ſtarkes, blühendes Kind. Es lag dazumal ein tiefer Schnee in unſerer Ge⸗ gend. Im Februar brach plötzlich Thauwetter herein mit heißen Winden und lauem Regen. Man mochte keinen Fuß vor die Thür ſtellen. Pocht es eines Abends bei uns an. So ſpät? ſpricht der Alte. Ein Brief! ruft Deine Mutter und ſtürzt hinaus. Es war ſo. Der Briefträger hatte wirklich einen gebracht. Des Grafen Siegel, nicht ſeine Handſchrift. Deine Mutter las ihn ruhig durch, zwei⸗, dreimal. Dann ſagte ſie: ich muß einen Sprung zu Bildhauers machen; hab' eine noth⸗ wendige Beſtellung. Jetzt, in der Nacht, bei dem Wet⸗ ter? frag' ich. Ich muß, ſagte ſie, legte Dich auf ihr Bett, gab Dir einen Kuß und nahm ihren Mantel um. Dann reichte ſie mir und meinem Alten die Hand. Du nimmſt ja ordentlich Abſchied? ſprach der. Vielleicht bleib' ich über Nacht aus, war ihre Antwort; pflegt den Jun⸗ gen!— Weg war ſie! So wett' ich doch, was Einer will, ſagt' ich zu Dei⸗ nem Großvater, der Graf iſt hier und beſtellt ſte zum Geſpräch. Deſto beſſer, meinte der Alte, vielleicht führt's zu gutem Ende. Nun ja, freilich wohl, zum Ende hat es geführt. Du ſchliefſt ſo ruhig an meiner Seite, Anton, Du wußteſt von Nichts. Dein Großvater ſchnarchte mit dem Thauwind um die Wette, der im Schornſtein heulte. Ich ſchlief nicht. Bis Mitternacht lauſcht' ich immer, ob nicht die Thüre gehen, ob Nette nicht heimkehren würde. Sie kam nicht. Dann überließ ich mein Haupt den traurigen Gedanken, die darin ihr Weſen treiben woll⸗ ten. Und als ich endlich gegen Morgen einſchlief, ſah ich im Traume Nichts als Waſſer; dickes, gelbes, trübes Waſſer; daß ich meinem Gott dankte, wie mich der Tag erweckte. Nun ſprach ich den Morgenſegen, bereitete das Frühſtück, räumte auf und wartete der Dinge, ſo da kom⸗ men ſollten, doch in ſteter Todesangſt. Mein Mann dagegen ſchien voll freudiger Zuverſicht, und als er ſich zu ſeinem Notenpapiere ſetzte, ſagt' er lächelnd: vielleicht hat Er ſie gleich mit ſich genommen, zu ſeinen Eltern? Aber ihr Kind? rief ich, auf Dich weiſend. Das macht'ihn ſtumm und nachdenklich. Doch durch dieſe Aeußerung war mir der Brief wiederum in den Sinn gekommen und war mir eingefallen, daß ſie ihn in ihren Schubkaſten gelegt. Ich holte ihn alſogleich her⸗ aus, nahm meine Brille— denn ich brauchte ſchon dazu⸗ mal eine Brille— und las, Anton. Ach, ich weiß ihn auswendig, den gottverfluchten Brief. Er war nicht von ihm, nicht von Deinem jungen Vater; von ſeiner Mutter war er geſchrieben, von der alten Gräftn.** Wenn das lüderliche Weibsbild, ſchrieb ſie, welches meinen Sohn, da er noch ein unmündiger Knabe ge⸗ weſen, liſtig verführet hat, nicht aufhört, ihn und uns mit ihren frechen Briefen zu beläſtigen, ſo werd ich ſie ſammt ihren ruchloſen Eltern und die ganze ſchlechte Wirthſchaft in N. den Behörden zur ſtrengſten Beſtra⸗ fung anzeigen. Für den Bankert wird kein Heller mehr gezahlt, nachdem das Geſindel meinem Sohne ſchon bedeutende Summen zum Aufbau von Häuſern abzuſchwindeln gewußt. Dies iſt das letzte Wort in dieſer ſchmutzigen Angelegenheit. So lautete ungefähr der Frau Gräfin liebreiche Zu⸗ w— 23— ſchrift. Nun wurde mir augenblicklich klar, was Deine Mutter ſo ſpät am Abend noch bei Bildhauers gewollt. Sie, die auch nicht das geringſte Geſchenk von ihrem Liebhaber angenommen, war empört über ſolche unge⸗ rechte Vorwürfe; war empört über die Habſucht der Bild⸗ hauerleute, die gewiß falſches Spiel geſpielt und in Net⸗ tens Namen dem jungen Grafen das Geld abgebettelt hatten, womit ſie ſich aus ihrer eigenen Noth geriſſen. Das war mit Händen zu greifen: Deine Mutter wollte ſie zu einem Geſtändniß zwingen; deshalb der nächtliche Beſuch. Aber warum kehrte ſie nicht zurück? Das blieb mir ein Räthſel. Hielt das ſchlechte Volk ſie vielleicht mit Gewalt? Hatte man ſie vielleicht eingeſperrt, um ſie durch Drohungen zum Schweigen zu bewegen? Es litt mich nicht. Deinem Großvater ſchärft' ich ein, auf Dich Acht zu haben, und in des Heilands Namen begab ich mich auf den Weg, trotz Wind und Wetter. Ich mußte durch's Städtchen gehen, um aus unſerer Vorſtadt nach der Brücke zu kommen. Auf dem Wege fand ich Alles in Allarm. Weiber ſtanden vor den Thüren und erzählten ſich mit jammervollen Geberden, Männer, Jungen rannten mit langen Stangen, mit Haken, mit Aexten bewaffnet durch die Gaſſen. Auf meine ängſt⸗ lichen Fragen, was es doch gäbe, vernahm ich nur einen Ruf: Das Waſſer! Das Waſſer! Und als ich nun die Brücke erreichte,— bis oben hinauf, ſchier bis an die hohe Wölbung drängte ſich die Fluth, ſo gelb, ſo trübe, wie ich ſie im Traume geſehen. Uunten war Alles ein Meer. So ſchnell war es über Nacht gewachſen, daß die Bewohner der Hütten am un⸗ teren Ufer kaum Zeit gefunden, ihr Leben zu retten. Die hölzernen Häuſer ſchwammen ſtückweis auf dem Strome fort. Bildhauers Neubau war zuſammengeſtürzt, von den Seinigen Niemand gerettet, weil dies Haus am tiefſten gelegen. Chriſtinens Leichnam ſpülte das Waſ⸗ ſer eine Meile weiter hinab auf eine Wieſe. Die Uebri⸗ gen wurden nicht gefunden, auch Deine Mutter nicht, lieber Anton.“ Hier brach die alte Gokſch ihre Erzählung ab. Sie konnte vor Schluchzen nicht weiter ſprechen. Anton hatte keine Thränen. Schweigend erhob er ſich vom Boden, wo er geſeſſen, ſiel ſeiner Großmutter um den Hals, drückte einen langen Kuß auf ihre welken Lippen. Dann gingen ſie mit einander in's Häuschen, und ohne eine Schnitte Brot zu berühren, legten ſie ſich auf ihr reinliches Lager, während die Vögel auf den Bäu⸗ men rings umher ihnen ein Abendlied zwitſcherten. Drittes Kapitel. Als am nächſten Morgen die alte Frau erwachte, fand ſte ein Blatt Papier mit Stecknadeln an ihre Bett⸗ decke geheftet, worauf in großen Lettern zu leſen ſtand: „Liebe Großmutter, Anton iſt hinaus in den Wald gegangen und wird vor Abend nicht zurückkehren. Mach' Dir keine Sorgen um mich. Die Einſamkeit ſoll mir gut thun. Morgen bin ich wieder fleißig bei mneinen Körben.“ — 25— Wer ihn geſehen hätte, den guten Anton, als er beim erſten Schimmer des Tages von ſeinem ſchlafloſen Nacht⸗ lager emporſprang und kaum angekleidet das Weite ſuchte, der würde wahrlich in ihm den heiteren, fröhlichen Knaben von geſtern kaum wieder erkannt haben. Die Geſchichte von ſeiner Geburt und von dem geheimniß⸗ vollen Ende ſeiner Mutter ſchien ihn völlig umzuwan⸗ deln. Auf ſeinem ſonſt ſo freundlichen Angeſicht lag ein Ausdruck von Zorn und Wuth, wie man nur bei recht verwilderten, bösartigen Menſchen wahrzunehmen pflegt. Im Herzen des kräftigen Jungen kämpften ſichtbar hef⸗ tige Entſchlüſſe, deren Widerſtreit ſich bisweilen in tief ausgeſtoßenen Seufzern oder in einzelnen abgeriſſenen Worten kund gab. Seine Hände waren krampfhaft zu⸗ ſammengeballt. Von Zeit zu Zeit ſtreckt' er ſie drohend gen Himmel. Als er, heftigen Schrittes, den ſogenannten „Fuchswinkel“ erreicht, einen düſteren, unzugänglichen Platz im großen Walde, warf er ſich, wie wenn er jetzt erſt ſicher vor jeder Begegnung mit einem menſchlichen Weſen und ſeinem Grame nun erſt ungeſtört überlaſſen ſei, laut heulend zu Boden und begann das bunte Waldmoos um ſeine Lagerſtätte her auszurupfen und zu zerſtören. Eine ganze Nacht hindurch hatte er ſeinem Schmerze Gewalt angethan und ſich männlich beherrſcht, um die Großmutter nicht zu beunruhigen. Jetzt wußt er ſich jeder Feſſel entbunden und durfte ſich austoben. Raſende Flüche, gegen Jenen gerichtet, der ihm das Daſein gegeben, ſchäumten von Anton's Munde. Eine Vermünſchung drängte die andere. Rache, Rache für — 26— meine Mutter! So lauteten die letzten Worte, die er abgemattet und erſchöpft hervorbringen konnte. Dann ſank er bewußtlos in dumpfen Schlaf, der anfänglich ihm finſtere, blutige Bilder zeigte, ſpäter jedoch ſanftere Träume vor ihm aufſteigen ließ, daß die Fieberqual ent⸗ wich und ein ruhiger, ſtärkender Schlummer über lön ſich ausbreitete.. Stunde für Stunde zog der ſchönſte Sommuriag um den Schläfer hin, der ihn in ſeinem Innern fühlte und durchlebte. Balſamiſche Düfte ſenkten ſich von den hohen Tannen herab, daß er ſie einathme und ſeine von Jam⸗ mergeſchrei wunde Bruſt ausheile. Er wußte, daß er ſchlief. Er empfand, daß der Schlaf ihn ſegnend ab⸗ trennte von den Leiden des Lebens. Deshalb gab er ſich willig der ſüßen Lockung hin, die ſommerlau auf ihm lag. Und da kam auch die Mutter. Sie neigte das Angeſicht über ihn,— aber es glänzte, daß er ihre Züge nicht ſehen konnte,— und lispelte ihm wie ſingend in's Ohr: habe Friede, mein Sohn! Es war kein Traum mehr. Zu erwachen wähnte der Aermſte. Ihre langen Locken berührten ſeine Augenlider. Sehnſüchtig ſchlang er die Arme, ſie zu umfangen,— doch als er die Augen geöffnet, als er wirklich erwachte, leuchtete ein fremder Feuerblick ihm entgegen, und an ſeiner Seite knie'te ein in ſchlechte Lumpen gehüllter Bettler. Der ſchwarze Wolfgang war es, in der ganzen Gegend allzuſehr bekannt und übel verſchrieen als Taugenichts und Umhertreiber. Was willſt Du von mir? rief Anton dem Wolfgang zu. Was verfolgſt Du mich bis hierher, wo ich Ein⸗ — 27— ſamkeit ſuchte? Soll man auch im dicken Walde keine Ruhe finden vor den Menſchen? „Was haben Dir denn die Menſchen zu Leide ge⸗ than?“ ſagte Wolfgang.„Dir, der bei ſeiner Groß⸗ mutter lebt, im wohnlichen Hauſe; der ſein Bett hat und ſeine Suppe? Im Winter ſeine warme Kleidung? Der ſich redlich ernährt mit ſeiner Hände Arbeit? Was haben ſie Dir gethan?“ Haſt Du danach zu fragen? erwiederte Anton mür⸗ riſch. Geh’ Deiner Wege und laſſ' mich hier liegen. „Ich will nicht!“ war Wolfgangs trotzige Antwort. „Bei Dir zu ſein, bin ich Dir nachgeſchlichen und kau're an Deiner Seite, ſolange Du ſchläfſt, um Dir die Bremſen zu verjagen, die Dich ſtechen und Deinen Schlaf ſtören wollten. Alle Menſchen möcht ich vergif⸗ ten; lebendig ſchinden könnt' ich ſie, wenn ich die Macht dazu hätte. Nur Dich hab' ich lieb, Korbmacherjunge.“ Wie komm' ich zu der Ausnahme? fragte mit faſt ſpöttiſchem Lächeln unſer Anton, während er ſeinen Ober⸗ körper zur Hälfte von dem bemooſeten Erdboden aufrich⸗ tete und, auf den linken Arm das Haupt geſtützt, dieſes dem ſchwarzen Wolfgang zuwendete. „Das weißt Du nicht mehr? Ich weiß es deſto beſ⸗ ſer, und ich will's Dir wohl ſagen. Vor einem Jahre, oder iſt's noch länger, gingſt Du einmal mit den Töch⸗ tern Eures rothnaſigen, verſoffenen Barons und mit des Paſtors Söhnen um's Dorf herum, gegen Abendzeit. Ich ſaß hinter einer Schlehdornhecke und ſah Euch kom⸗ men. Ich war voll von Bosheit und Hunger. Beim — — — — 28— Paſtor, wie beim Gutsherrn hatten ſie mich von der Thüre gewieſen, und die älteſte von den Schloßfräulen, die ihrem Vater ſo ähnlich ſieht, ſchrie mir nach: hab' ich Dir's nicht oft genug geſagt, nichtsnutziger Schlingel, Du darfſt die Woche nur einmal betteln? Dumme Gans! Wenn ſie mich überall auf Sonnabend beſtellen, nach ihrem armſeligen, verſchimmelten Stück Brot, wo⸗ ooon ſoll ich denn die andern Tage leben? Soll ich das verdorrte Zeug, woran ſich jeder rechtſchaffene Kettenhund die Zähne ausbeißt, auch noch lange mit herumſchlep⸗ pen? Wie geſagt, ich war voll von Bosheit, und wie ihr ſo bei den Hecken vorbei ſtricht und das häßliche Weibs⸗ bild ſeine Schnauze nach der Seite drehte, wo ich ſaß, da konnt' ich's nicht laſſen, ich mußt' ihr einen Stein in's Geſicht werfen. Und der flog ihr ſo hübſch zwiſchen Naſe und Maul, daß ſie einen Satz machte wie eine Krähe, die angeſchoſſen iſt, und Zeter brüllte aus ihrem blutigen Schnabel. Ich wollte ausreißen, aber die Pa⸗ ſtorjungen hatten mich entdeckt, holten mich ein und ſie⸗ len über mich her; zwei über Einen. Sie ſchlugen mich auf den Kopf, und wo ſie hintrafen mit ihren Knütteln, die ſie Schuljungen⸗Stöcke heißen oder Ziegenhainer. Da warfſt Du Dich zwiſchen ſie und mich, bedeckteſt mich mit Deinem Leibe und bateſt, nun möcht' es genug ſein, und wie ſie immer wieder auf mich eindrangen, fingſt Du an, mit ihnen zu kämpfen, hielteſt beide zurück, daß ich unterdeſſen entfliehen konnte. Seitdem lieb' ich Dich, Anton, Dich allein, wie ich ſonſt Alle haſſe.“ Ich beſinne mich jetzt, ſagte Anton; es iſt gerade ein Jahr her. Es war der letzte Spaziergang, zu dem ſie mich abriefen.— Du biſt in meinem Alter? „Ich glaube. Gewiß weiß ich's nicht.“ Du weißt nicht? Kannſt Du nicht Deine Eltern befragen? 5 „Ich habe keine Eltern.“ Auch nicht? Armer ſchwarzer Wolfgang! Aber doch Verwandte? „Niemand. Meine Mutter iſt im Zuchthauſe geſtor⸗ ben, eh' ich ſechs Jahr' alt wurde. Mein Vater ward in Böhmen gehenkt.“ Gott erbarme ſich, das iſt ja ſchrecklich. „Warum denn ſchrecklich? Luſtig iſt's. Sie wiſſen nirgend, was ſie mit mir anfangen ſollen, weil ich nir⸗ gend eine Heimath habe. Ich bin hinter'm Zaune auf die Welt gekommen, wie eine Katze. Neulich hat mich der Landdragoner feſtgenommen, hat mich an ſeines Pferdes Schwanz gebunden und hinein auf's Amt ge⸗ liefert. Der Landrath lachte, wie er mich erkannte, und ſprach: was ſoll ich mit dem anfangen? Wohin ich ihn mit dem Schub ſchicke, wird er mir ewig wieder zurück⸗ geſtellt; ſie behalten ihn an keinem Orte, weil er an kei⸗ nem Orte zu Hauſe iſt. Es iſt einmal unſer Vagabunde; laßt ihn laufen!— ha, ſo lauf ich nu!“ Ach, wie unglücklich mußt Du ſein! rief Anton, der ſeine theilnehmende Rührung kaum zurückdrängen konnte. unglücklich? Daß ich nicht wüßte. Ich kenn's ja nicht anders. War's doch von jeher ſo mit mir beſchaf⸗ 1 nehm' es mit Jedem auf. Jetzt ſollten die verfluchten — 30— fen. Früher, eh' ich Dich lieb hatte, war mir wohl manchmal, als ob ich's nicht aushielte. Seitdem Du Dich für mich prügeln laſſen, weiß ich doch einen Men⸗ ſchen auf der Welt, an den ich denken mag, ohne daß mich die Luſt in den Gliedern zuckt, ihm wehe zu thun oder einen Poſſen zu ſpielen. Bis dahin ſpürt' ich immer nur Haß, und das zehrt Einem förmlich am Le⸗ ben. Jetzt iſt mir manchmal zu Muthe, als ob ich auch ein Gefühl haben könnte, wie andere Leute. Und vor⸗ hin, wo Du hier lagſt und ſchliefſt und ich mich über Dich bog und ſah Dich im Schlafe mit den Lippen zuk⸗ ken, als wollteſt Du lachen, da war mir eben, wie wenn ich weinen müßte. Aber es war mir gut dabei. So weich und gut, inwendig, verſtehſt Du mich, um's Herz herum; ſiehſt Du, hier auf der Stelle.“ Bei dieſen Worten riß der Landſtreicher ſein grobes, ſackleinenes Hemd von der ſonnverbrannten Bruſt und zeigte dem ſtaunenden Anton jenen Fleck, wo man des Herzens ſtürmiſchen Schlag wild gegen die Bruſt pochen ſah, daß ſie hoch empor bebte. Du mußt krank ſein, Wolfgang, rief Anton mitleidig aus; ſo wüthend hammert keines geſunden Menſchen Pulsſchlag. „Den Teufel, mag ich nicht krank ſein? Freilich bin ich krank. Ich komme aus dem Fieber gar nicht heraus. 1 Aber wenn ich einen tüchtigen Schluck ſcharfen Korn⸗ branntewein hinuntergießen kann, wird mir gleich wie⸗ der beſſer; dann bin ich ſtark wie der Geſündeſte und — 31— Paſtorjungen nur über mich fallen, ich wollte ſie zuſam⸗ menhauen ſammt ihren Ziegenhainern!“ Haſt Du Schnaps getrunken? fragte Anton errö⸗ thend; heute, zum Sonntag? „Freilich hab' ich, ſonſt wär ich nicht ſo rüſtig, und meine Augen thäten nicht ſo brennen. Ein fremder Herr, der während der Kirche mit einer Kutſche in euer Dorf einfuhr, Poſtpferde vor den Wagen geſpannt, hat mir einen Groſchen zugeworfen. Nicht mehr? ſchrie ich, nachdem ich die Münze aufgeleſen, ſteckte dem geizigen Kerl die Zunge heraus, ſchickte ihm ein paar herzhafte Schimpfwörter auf den Weg nach und bin ſaufen ge⸗ gangen.“ Aber Wolfgang, flüſterte Anton, da biſt Du ja wirk⸗ lich ein ſchlechter Menſch? „Das will ich ja ſein,“ rief Jener trotzig.„Und wenn ich nur nicht immer krank wäre und nicht immer das ewige Fieber hätte, da wollt' ich ſchon noch viel ſchlechter ſein! Soll ich etwa auch nicht? Weshalb ſollt' ich's mit den Menſchen gut meinen? Sind ſie gut gegen mich? Von meiner Mutter hab' ich Nichts als Fußtritte gehabt; meine Nahrung mußt ich mir ſelbſt zuſammen⸗ betteln oder ſtehlen; und dann nahm ſtie mir fort, was mir gehörte. Der Vater trieb ſich mit Dirnen herum; ſobald ich ihn um Etwas bat, ſchlug er nach mir, gleich⸗ viel, ob mit der Fauſt oder mit einem Stück Holz. Als ſie ihn drüben aufgehenkt hatten, weil er einen Land⸗ juden todtgeſtochen und beraubt, bin ich von Thür zu Thür gekrochen und hab“ gebeten, ſie möchten mich auf⸗ verſprechen, daß Du mir die Augen zudrücken willſt, — 32— nehmen, mir Brot geben; ich wollte für ſie arbeiten. Zuerſt, wenn ſie mich neugierig betrachtet, ziſchelten ſie unter einander: Das iſt ein ſchöner Junge! Wenn ſie mich aber um meine Herkunft fragten, und ich ſagte ihnen die Wahrheit, da ſchrieen ſie auf: Was? den Sohn eines Mörders in's Haus nehmen? Geh an den Galgen zu Deinem Herrn Papa! Und ſie hetzten mich mit Hunden. Damals wollt' ich gut thun; die Men⸗ ſchen wollten's nicht haben. Jetzt will ich nicht.“ Du wirſt Dich aber zu Grunde richten mit Dei⸗ nem häßlichen Saufen. Du wirſt immer kränker wer⸗ den und in den ſchönſten Jugendjahren ſterben, ſagte Anton. 3— „Weiß ich's nicht?“ antwortete der Wolfgang;„be⸗ gehr' ich denn was Anderes? Auf dem Miſte werd' ich ſterben, am Feldwege, im naſſen Graben. Deſto beſſer! Wer jung ſtirbt, braucht alt nicht zu hängen, wie mein Alter. Hu—— ich ſeh' ihn noch baumeln! Halb war ich ohnmächtig vor Grauen, und halb war ich luſtig vor Freude, daß er mich nicht mehr prügeln würde. Schreck⸗ lich war's doch, und ich möchte nicht hängen! Blieb' ich aber am Leben, ſo käm ich in jedem Falle an den Galgen oder auf's Rad; das ſpür ich. Alſo wie geſagt: beſſer, ich ſterbe auf meine eigene Hand und durch mich allein. Das hab' ich Dir jetzt geſagt, Anton; ich hab' Dir ge⸗ ſagt, daß Du der Einzige biſt, den ich nicht haſſe, gegen den ich keine Wuth fühle. Nun mußt Du mir dafür — wenn's aus wird mit mir. Willſt Du?“ Thuſt Du doch, ſprach Anton gerührt, als wüßteſt Hu im Voraus, wann Dein Stündlein ſchlagen ſoll? „Beinah' weiß ich's auch. Und ich werde Dich rufen, wenn es Zeit iſt.“ Mich rufen? Wenn Du im Sterben lägeſt? Wie wollteſt Du das anfangen? „Das laſſ' meine Sorge ſein. Ich bin ein halber Zigeuner; kann ein Biſſel hexen. Du wirſt gerufen wer⸗ den— und damit gut. Jetzt leb' wohl. Ich geh' allein aus dem Walde, damit Dich Niemand mit mir reden ſieht. Will Dir die Schande nicht anthun. Auf dem Schloſſe möchten ſie Dir den Umgang mit mir übel anrechnen. Leb' wohl,— bis zum Tode!“ Ehe noch Anton ein Wort der Entgegnung gefunden auf dieſen gewaltſamen Abſchied, war Wolfgang ſchon im dichten Gebüſch verſchwunden. Unſer junger Freund blieb ſich und ſeinem Nachdenken überlaſſen. Er verglich ſein Schickſal mit dem des unſeligen Landſtreichers und mußte zugeben, daß es, gegen jenes gehalten, ein benei⸗ henswerthes ſei. Doch dann verglich er ihre Väter: Wolfgangs Vater war ein roher, rauher Kerl, das iſt ichtig; ſagte er zu ſich ſelbſt. Doch wird er es auch wohl on Kindheit auf nicht anders geſehen haben und gelernt, wenig als ſein armer Sohn. Folglich darf man von m nichts Beſonderes verlangen. Me in Vater jedoch vornehmer Leute Kind und reich und ein gebildeter nger Herr geweſen und hat meine Mutter dennoch be⸗ ogen, im Stiche gelaſſen, in Tod und Verderben ge⸗ rzt. Wer iſt nun ſchlechter? Der gemeine Herum⸗ Holtei, Vagabunden. I. 3 — 34— treiber, der den Sohn mißhandelt, wenn dieſer ihm un⸗ gelegen kommt, oder mein eigener Vater, der niemals nach ſeinem Sohne fragte, ſo daß dieſer ſich nicht einmal rühmen dark, auch nur einen Schlag von der väterlichen Hand empfangen zu haben? Der Vergleich ſiel nicht zu Graf Guido's Gunſten aus. Ja, wir wollen es eingeſtehen, Anton verirrte ſich, von liebendem Bedauern für ſeine Mutter und von inni⸗ ger Dankbarkeit für die Großmutter angetrieben, ſo weit in rachſüchtigem Grolle gegen den, der ihm das Daſein gegeben, daß er ihn im Geiſte an den nächſten hohen Baum aufknüpfte und eine Minute hindurch mit ſchauer⸗ lichem Behagen den paſſendſten Platz für ſeinen armen Sünder aufſuchte. Doch hielt dieſe Verwilderung eines urſprünglich zarten Gemüthes nicht lange an. Weh' über mich, rief er aus, was ſind das für ſündliche Bilder? Wer weiß, wie oft der junge Mann doch an mich gedacht hat? Vielleicht konnte er damals nicht anders, in der Klemme zwiſchen Liebe und kindlichem Gehorſam? Und ſpäter hat er mich vergeſſen. Das iſt natürlich. Er hält mich für todt, wie meine Mutter. Gewiß hat ſie ihm ſterbend verziehen. Ich will es lebend. Ich will ihm verzeihen— und todt ſein für ihn. Nein, er ſoll nicht dort oben hängen, an dem ſchönen alten Baum! Während Anton dieſe verſöhnenden Worte dem Walde kund gab, erblickte er auf einem Aſt der mächtigen Eiche, dicht an einer ſpaltigen Oeffnung des Stammes, mehrere wilde Turteltauben, die da drinnen niſteten. Es ſchienen die Eltern und ein paar Junge zu ſein. Ein * 5 A der letzteren war offenbar der Liebling der Alten, denn es empfing volle Nahrung von beiden, während das andere, ſobald es ſich nähern wollte, unſanft zurückgeſtoßen wurde und ſogar Biſſe von den Schnäbeln ihres Vaters und ihrer Mutter erhielt. Einer dieſer Stöße war zu ſtark für das kleine Thier; es wankte, verlor den Halt, und noch nicht völlig flügge, fiel es— ohne ſich Schaden zu thun— halb ſchwebend vor Antons Füße. Der Eindruck, den dies einfache Ereigniß auf un⸗ ſern Helden hervorbrachte, iſt nicht zu beſchreiben. Er gab ſich ihm kindlich hin. Sorgſam ergriff er die kleine Ausgeſtoßene, bedeckte ſie mit Küſſen und Thränen, ver⸗ hieß ihr freundliche Pflege. Seine Liebkoſungen thaten ihr wohl: ſie ruhte friedlich in ſeinen Händen. Mittlerweile wurden die ungerechten Eltern doch be⸗ ſorgt um ihr verlorenes Kind, ſtießen allerlei rufende Töne aus und ſchwangen ſich dem Platze, wo Anton lag, immer näher. Er aber, ſchnell emporſpringend, ver⸗ ſcheuchte ſie. Nicht mehr euer Kind! rief er laut, daß es im Walde nachhallte. Sie iſt mein! Ich erziehe ſte! Mit dieſem heroiſchen Ausrufe erhob er ſich, um den Wald zu verlaſſen und zu ſeiner Großmutter heimzu⸗ kehren. —— — 36— Viertes Kapitel. Es wird Zeit, daß wir den geneigten Leſer in Anton's frübere Lebensjahre, ſowie in die Verhältniſſe ſeines hei⸗ mathlichen Dorfes ein wenig einführen. Deshalb wer⸗ den wir einen Rückſchritt machen müſſen; doch ſoll der Fortſchritt unſerer Erzählung dadurch nicht lange aufge⸗ halten werden. Der alte Baron Kannabich, der Liebenau, den erſten Schauplatz dieſes ſchlichten Romans, von ſeinem Vater (dieſer wiederum von dem ſeinigen und ſo weiter hinauf) ererbt hatte, war auch einmal jung geweſen, wie das bei vielen alten Baronen der Fall zu ſein pflegt. Und als er jung, war er ein wilder, nichtsnutziger, lüderlicher, junger Herr geweſen, wie das bei vielen jungen Baro⸗ nen der Fall zu ſein pflegt. Deshalb hatte er denn auch in ſeine älteren Tage nicht viel mehr mit einen unverſtegbaren und unbeſieglichen Durſt(doch mal, folglich neunmal größere Naſe, als Freiherrn, Ritter und der Dinge zu tragen be⸗ lieben. Dieſe Naſe gab unſerm Anton, welcher ihr blau⸗ rothes Farbenſpiel von Kindheit auf mit beſonderer An⸗ dacht obſerviret, erwünſchte Gelegenheit, den geſtrengen 1 Gutsherrn mit dem Beinamen:„Onkel Naſus“ zu be⸗ lehnen; eine Benennung, welche anfänglich kaum durch⸗ dringen wollte, da des Paſtors Söhne vorher eine andere geſchaffen. Sie behaupteten, der Freiherr ſchreibe ſich nicht Kannabich, ſondern von Rechtswegen:„Kannenpich,“ weil er lieber aus großen„Kannen,“ denn aus kleinen Gläſern„pichle.“ Und ſie hießen ihn Onkel„Kannen⸗ pichler.“ In ſeiner Art war das nicht übel, jedoch zu complicirt, um in's Volk überzugehen. Onkel Naſus war anſchaulicher, einfacher, wurde deshalb allgemein beliebt und ſchlich ſich endlich bis in's Schloß, wo es dann durch Diener und Mägde bis zur ſogenannten Kammerjungfer und durch ſolche wieder bis zu den „Schloßfräulen“ ſelbſt gelangte, welche naiv genug waren, es auch zu acceptiren und in guter Laune ihren oft in ſehr übler Laune polternden, ungnädigen Papa „Onkel Naſus“ zu ſchelten, obſchon dieſer keines Men⸗ ſchen Onkel oder Oheim war, denn er hatte niemals Bru⸗ der, noch Schweſter beſeſſen: er war ein einziges Kind. „Onkel Naſus iſt heute wieder mit dem linken Fuße zuerſt aus dem Bette geſtiegen!— Onkel Naſus hat heute wieder einmal zu tief in's Glas geguckt!— Mit Onkel Naſus iſt ſeit acht Tagen Nichts anzufangen!“— Das waren Aeußerungen, die nicht ſelten in den jung⸗ fräulichen Gemächern der drei Schweſtern von Kanna⸗ bich beim Aus⸗ und Ankleiden vernommen wurden. Wenn auch„Linz“ als älteſte mancherlei dagegen einzu⸗ wenden wußte, ſie wurde überſtimmt, da„Miez,“ die zweite, in dieſer Sache mit„Tieletunke,“ der dritten, übereinkam; und was Tieletunke betrifft, ſo geſtand ſel⸗ Vige mit der ihr eigenen Unbefangenheit eine ausgeſpro⸗ 38— chene Vorliebe für Anton, den Korbmacherjungen, den Geſpielen früherer Zeit, den Schöpfer des„Onkel Naſus“ immer gern ein. Damit nun aber keiner meiner Leſer wähne, jene ſo eben genannte Namen der drei Schweſtern ſeien denſel⸗ ben unchriſtlicher Weiſe am Taufſteine zu Theil gewor⸗ den, verſäume ich nicht, beizufügen, wie„Linz, Miez und Tieletunke“ nur Umbildungen von Karoline, Emilie und Ottilie ſind; Tranſcriptionen, die wir der freien Phantaſie der beiden Paſtorſöhne verdanken, aus deren hoſenloſer Kindheit ſie ſich unvermerkt in die Gymnaſialzeit ge⸗ ſchlichen und, wie ſo mancher Mißbrauch auf Erden, durch Verjährung geheiliget haben. Gleiches Schickſal traf übrigens die kühnen Thäter, denn an Beiden: Ju⸗ lius und Robert geheißen, blieben die vertraulichen Kin⸗ dernamen:„Paſtor⸗Puſchel und Rubs“ feſt haften, während Anton allein, nur in minder vertrauten um⸗ gang gezogen, ſolcher Ehre verluſtig ging. Er war und blieb ſchlechthin Anton, an längeren Sommertagen, wo man mit der Zeit nicht zu geizen braucht: der Korb⸗ macherjunge. Linz und Miez ſtanden ihm fern, auch bei ihren Kinderſpielen, die beide, in gleichem Alter mit Pu⸗ ſchel und Rubs, folglich als Mädchen ſchon reifer wie Knaben, nur aus Herablaſſung mitmachten. Tieletunke aber, faſt um ein Jahr jünger, als Anton, fand deſſen Namen zu hübſch, um daß ſie ihn hätte umſtülpen ſollen. 5 6 4 Sie rief ihn folglich Anton! und wenn ſte gut aufgelegt war, wurde manchmal Toni daraus; was wohl eigent⸗ lich keine Verzerrung, vielmehr eine verkürzende Uebertra⸗ gung des lateiniſchen Antonius in's Deutſche iſt; nach welcher ihr, wie ſie zu äußern liebte, blos Kopf und Schwanz, nämlich: An⸗ und us übrig blieb. Und mit Amus wiſſe ſie Nichts weiter anzufangen. Denn der Paſtorſöhne Vorſchlag, asinus daraus zu machen, gab ſie zornig zurück, ſobald ihr der Herr Paſtor die Bedeu⸗ tung dieſes Wortes beigebracht. Der Paſtor nun hatte Schloßfräulein und eigene Söhne vorbereitend unterrichtet, ſo gut und ſo ſchlecht er dies bei redlichem Willen im Stande geweſen. Anton, der nur als halbgeduldeter Freiwilliger an jenen Lehr⸗ ſtunden naſchen dürfen, hatte das Beſte davon in ſich aufgenommen und das Meiſte, weil er von allen der Be⸗ gabteſte geweſen. Das entging der feinfühlenden Tiele⸗ tunke nicht. Und wie ſie ſcheinbar den adeligſten Stolz gegen den armen Burſchen an den Tag legte, war ſie ihm innerlich am berzlichſten zugethan. Die Neckereien ihrer Schweſtern hatten es frühzeitig dahin gebracht, daß ſie ihre wahren Empfindungen in ſich verbarg, wie eine Schnecke ſich mit bedrohten oder gar betaſteten Fühlhör⸗ nern in's Innere des Hauſes zurückzieht. Linz und Miez, minder fein organiſirt und ihrem väterlichen Groß⸗ naſenträger ebenſo nahe verwandt, als Ottilie der durch ſie und ihr Geborenwerden entſeelten zarteren Mutter, machten aus ihrer Vorliebe für Puſchel und Rubs gar kein Geheimniß. Dieſe drei Verhältniſſe wuchſen mit den drei Paaren heran, wie es eben nur in ſolchen ländlichen Zu⸗ ſtänden möglich. Es war eine werdende Dorfſgeſchichte — nach altem Zuſchnitt. gen Uebergewicht. Dieſes war ſo entſchieden, daß es ſo⸗ Jetzt ſind Puſchel und Rubs als wohlbeſtandene Gymnaſtaſten in der Hauptſtadt und kommen während der Schulferien, im Sommer auch oft über Sonnabend und Sonntag, nach Liebenau zum Beſuche. Sie berei⸗ ten ſich fleißig vor auf ihre Prüfungen für den großen Schritt zur hohen Schule, den man damals noch nicht ſo zeitig that, wie ſpäter; es war noch nicht die Epoche frühreifer Weisheit und Gelehrſamkeit. Anton, weniger unterrichtet, aber klüger als ſie, flicht ſeine Körbe und in dieſe ſammt den Weidenruthen gar manchen beſonderen, eigenthümlichen Gedanken, auf den die jungen Herrn Gelehrten ſchwerlich gerathen dürften. Ihr Schulwiſſen hat ſte geiſtig faſt abgetödtet, und ſo ſicher ſie ſich durch's Examen winden werden, ſo gewiß ſind ſie flache, nüchterne, wenn ſchon gutmüthige Geſellen. Ebenſo bleiben, wie bereits angedeutet, Linz und Miez gar weit hinter Tieletunke zurück. Nicht allein an Geiſt, ſondern, was weit mehr ſagen will, auch an Cha⸗ rakter. Die jüngſte der Schweſtern iſt die ſelbſtſtändigſte, die an Willen feſteſte. Dabei iſt ſie trotzig⸗beſcheiden, mit ſeltenen Ausnahmen nachgiebig, ja unterwürfig und den älteren gehorſam. Ihr eigenthümliches Weſen zeigte ſich ſchon hervorra⸗ gend, da ſie, ein ſechsjähriges Kind, mit den Kindern des Hofgeſindes ſpielte. Alle barfüßigen kleinen Jungen, bis zu jenen zehnjahrigen Schlingeln hinauf, welche be⸗ reits vom Dorſſchulmeiſter für die kirchliche Kinderlehre vorbereitet wurden, fügten ſich anerkennend ihrem geiſti⸗ — 41— gar ein leibliches wurde. Fräulein Tieletunke führte ſtrenges Regiment und prügelte nöthigenfalls ihre jungen Verehrer tüchtig durch; was dieſe ohne Widerrede ſich von ihr gefallen ließen, während ſie ſich doch gegen Linz und Miez raufend zur Wehre ſetzten und die gnädi⸗ gen jungen Schloßfräulen dermaßen zurichteten, daß Onkel Naſus oft mit der Karbatſche dazwiſchen hauen mußte. Sehr bezeichnend iſt folgender Vorfall: Gottfried, des Schulmeiſters Söhnlein, gleichfalls um einige Jahre älter, als Tieletunke und durch ſeinen Vater eine Art von Reſpectsperſon für den Liebenauer Nachwuchs, hatte ein⸗ mal gewagt, ſich als ſolche geltend zu machen und der jungen Gebieterin Gehorſam zu verweigern. Man war allgemein geſpannt, welche Folgen daraus entſtehen wür⸗ den. Tieletunke ließ ſich ein Stöckchen reichen, befahl dem rebelliſchen Gottfried ſtill zu halten(was dieſer in ſtummem Erſtaunen wirklich that) und erklärte mit feſter Stimme, ſie werde dem Schuldigen fünfundzwanzig Streiche geben.—(Wem dieſe Strafe zu hart und die Summe der Schläge zu groß erſcheint, der wird zu bedenken erſucht, daß die Strafende dazumal noch nicht zählen konnte und mit 25 einen unbeſtimmten Begriff ver⸗ band; es war, wie wenn ſie drei oder ſieben geſagt hätte.)— Beim erſten Streiche ſchon zerbrach das dünne Stäbchen. War nun wirklich kein anderes zur Hand, oder ſchafften die Kinder keines mehr herbei, weil ſie Gott⸗ frieds Vater zu erzürnen fürchteten: die Execution konnte t fortgeſetzt werden. Da ſagte Tieletunke: mit der Hand ſchlag' ich einen ſo unſauberen Buben nicht; er mag laufen, aber ich ſpiele nicht mehr mit ihm! Anm andern Tage, als zur gewohnten Spielſtunde ſich das muntere Völkchen auf dem grünen Kirchhofe verſammelte, ſaß Tieletunke an ihrer Mutter Gruft und ſpielte nicht mit den anderen. Und nun kam Gottfried, reichte ihr ein ſtärkeres Haſelſtöckchen dar, ſprechend: gieb mir meine Strafe, Tieletunke; das wird ſchon aushala ten, ich hab' es ſelber abgeſchnitten; wenn ich aber geprü⸗ gelt bin, ſpiele auch wieder mit mir. 4 Von jenem Abende ſchreibt ſich Antons Neigung für Ottilien. Dieſe Neigung würde bis auf den Zeitpunkt, welcher unſere Erzählungen eröffnet, ſchon zur heißen, wenn auch halb hoffnungsloſen, doch eben darum ſchwärmeriſchen Liebe eines reiferen Knaben herangeblüht ſein, würde unſeren jungen Freund gänzlich in Anſpruch genommen haben, hätte nicht die für ihr Geſchlecht faſt zu männliche Energie des Fräuleins den Korbmacher befremdet und inſtinctmäßig abgekühlt. Er wagte nicht, für ſie zu ſchmachten, auch wenn er allein war nicht, weil er befürchtete, ſie könne ihn höhniſch verſpotten. Sie, die ihn oft ſchon„Korbmachermädel“ geſcholten, weil er ſo leicht ſich der Rührung hingab; ſie, die als kleines Kind ſchon beklagt, daß ſie nicht ein Junge geworden. Es iſt recht böſe von meinem rothnaſigen Papa, hatte ſie damals immer geäußert, daß er, als der Klapperſtorch, der meine arme Mutter todtgebiſſen, mich ihm brachte, nicht ausgerufen hat: das iſt ein Junge! Es hing ja von ihm ab. Er durfte nur wollen, gleich war ich ein Junge, wie ihr, und hieß Otto, ſtatt Ottilie. Jetzt muß ich ein dummes Mädel ſein und lange Röcke tragen. So hatte ſie damals geredet und redete nun freilich nicht mehr ſo, aber der Wunſch, ein Jüngling zu wer⸗ den, ſtatt eine Jungfrau zu ſein, ſchien ſich oft noch bei ihr geltend zu machen. Dieſe Richtung ſtörte Anton in der ſehnſüchtigen Andacht einer erſten unſchuldigen Liebe. Er zitterte faſt vor der, die er anbeten wollte, wie ſanft, wie weiblich, wie anmuthig ſie auch ſonſt ſein mochte. Wer irgend, mit einiger Kenntniß des menſchlichen Herzens, mit einiger Beobachtungsgabe ausgeſtattet, die Beiden mitſammen geſehen, konnte ahnen, daß hier eines jener Urgeheimniſſe der Natur in verborgenſter Macht wirkte. Der Jüngling ſchien das Mädchen zu fliehen, das Mädchen ſchien ihn gering zu ſchätzen; und dennoch fühlten ſich Beide von der unbeſchreiblichen Gewalt aneinander gezogen, die aus Mann und Weib wieder eine Seele und einen Leib machen möchte und dieſes Pro⸗ blems Löſung ſeit Adam und Eva auf die verſchiedenſten Arten, bis jetzt immer noch erfolglos, ſucht. Sobald Paſtor⸗Puſchel und Rubs in Liebenau ein⸗ trafen, ſich vom Staube des Weges einigermaßen geſäu⸗ bert hatten, begaben ſich Beide ſtets regelmäßig und ohne Aufſchub aus dem Pfarrhofe nach dem Herrenhauſe, um Onkel Naſus die Hand zu küſſen, der ſeinen„Mädels“ alſobald befahl, Wein und Brot vorzuſetzen. Dann ritt er aus und ließ die zwei Paare treiben, was ihnen gefäl⸗ lig war. Gewöhnlich unternahmen ſie einen Spazier⸗ gang, den die„Studenten“ mit ihren beinahe vier Mei⸗ len in den müden Füßen möglichſt abzukürzen und im nächſten ſchattigen Wäldchen zu beenden wußten, wo man ſich lagerte. Bis vor einem Jahre noch hatte man zu jedem dieſer Züge Anton abgeholt. Der Korbmacher⸗ junge, der ſauberſte, hübſcheſte, klügſte Genoſſe der Spiel⸗ zeit, durfte nie fehlen. Jetzt war das nicht mehr ſo. Die Hochſchüler fingen an, ſich ſeiner zu ſchämen; in ſeinem Weſen lag es nicht, ſich aufzudringen. Er blieb fern, und Tieletunke ſchlenderte allein hinter den zwei zärtli⸗ chen Paaren her, ohne durch ein Wort oder eine Miene zu verrathen, daß ſie den Begleiter ihrer Kindheit ver⸗ miſſe. Doch entſchädigte ſie ſich dann beim Auskleiden für ihre Entbehrung, wenn ſie den Schweſtern zu verſte⸗ hen gab: Rubs und Puſchel wichen dem vertrauten Ver⸗ kehr mit ihrem ehemaligen Spielcameraden nicht deshalb aus, weil ſie ſich des Dorfjungen, ſondern weil ſie ſich vor ihm ſchämten, der in ſeiner grauen, grobleinenen Jacke zierlicher, vornehmer, unterrichteter ſei, als die plumpen Schulflegel. Und gewiſſermaßen ſprach ſie wahr. Die Gegner der Ariſtokratie mögen zweifeln, wie ſie wollen und kön⸗ nen,— es giebt einen angeborenen Adel; nur freilich, daß er nicht unveräußerliches Erbtheil der Adeligen bleibt! Daß er oft mehrere Generationen überhüpft! Daß er verwunderliche Kreuz⸗ und Querſprünge macht! Daß die Racen Auffriſchung und Wechſel brauchen! Geht es doch bei Pferden, Schafen und Rindvieh nicht anders zu ——* Eine der edelſten von allen unſerem Helden angebo⸗ renen Eigenſchaften war die Empfänglichkeit, die Bil⸗ dungsfähigkeit ſeines Verſtandes, wie Gemüthes. Aus den Büchern, die er theilweiſe beim Paſtor empfangen, die er von den Schloßfräulen ausgeliehen, ging ſo viel in ihn über, drangen die Gedanken, die er in ſich aufnahm, ſo tief ein, daß er, ſeinen Umgebungen, ſeinen Verhältniſ⸗ ſen, ſeinem wirklichen Wiſſen weit voraus, ſich gleichſam ſelbſt übertraf; daß er ſeiner eigenen Entwickelung voran⸗ geeilt ſchien. In ſtädtiſchem Verkehr, in geſelligen Ver⸗ gnügungen heimiſch, würde er ein vorlauter, altkluger, unausſtehlicher Laffe geworden ſein. Im Häuschen ſei⸗ ner biedern Großmutter, als beſcheidener, reingewaſche⸗ ner, ſaubergehaltener Dorfhandwerker— vielmehr Pfu⸗ ſcher— war er ein Phänomen. Tieletunke wußte am beſten, was ſie that, wenn ſie ihren Schweſtern zu beden⸗ ken gab, daß die gelehrten Paſtorſöhne von dem unge⸗ lehrten Anton lernen könnten. Zwei kleine Talente fingen frühzeitig an, ſich bei ihm zu entwickeln. Zuerſt ein muſikaliſches. Unter all' den Jungen, ſo beim Herrn Schulmeiſter ſtreichen und gei⸗ gen mußten, zum Schreck und Schauder ſämmtlicher Dorfhunde, welche ängſtlich mit eingeklemmten Schwän⸗ zen und nur bei unvermeidlichen Gängen und Geſchäften an der philharmoniſchen Section des Schulhauſes vor⸗ über ſchlichen,— war er der Einzige, der ſeiner kleinen armſeligen Fiedel reinere Töne zu entlocken wußte. So glänzend ſtrahlten ſeine Progreſſen, daß er Herrn Kicke⸗ lier, den Lehrer(Gottfrieds Vater), bald überbot und — 46— Nichts mehr von ihm vernahm, als ſtaunende Lobeserhe⸗ bungen, während derſelbe den übrigen Jungen nicht Fingerknipſe genug darreichen konnte für all' ihre Miß⸗ töne. Die zweite von Antons Gaben ſprach ſich in friſchen Reimen aus, die ihm wunderbar leicht gelangen. Ich hätte mich wiſſenſchaftlich⸗kritiſcher ausdrücken und ſagen können: er beſaß Anlagen zur Poeſie; er war Naturdich⸗ ter; und dergleichen mehr. Ich ſagte abſichtlich und aus⸗ drücklich: ſein Talent ſprach ſich in Reimen aus. Weil ich zu den aufrichtigen Leuten gehöre und eingeſtehe, daß ich den Reim bei einer gewiſſen harmloſen Gattung lyri⸗ ſcher Kleinigkeiten nicht enibehren mag; daß ich ihn faſt für die Sache ſelbſt halte; daß ein kleines Liedchen reimen muß, wenn es ein Lied ſein will. Für mich giebt es keine Blume ohne Blüthen. Antons Reime kannte nur der liebe Gott und er. Sonſt Niemand. Nicht einmal die Großmutter. Denn wie er, vor etwas länger als einem Jahre, Ottilien ein ſeiniges Sprüchlein hergeſtottert, hatte dieſe ihn unbarm⸗ herzig ausgelacht und gemeint, die Mutter Gokſch würde wohl thun, ihm den Hagedorn mit dem Klopfſtock aus⸗ zutreiben, und er möge hübſch ſeine Kunden prompter bedienen, damit ſie nicht ſo lange auf ausgeflickte Körbe warten müßten! Seitdem verſchloß Anton, was die Muſe ihm ein⸗ geben wollen, in tieſſter Bruſt und vertraute Niemand mehr eine Sylbe an.. Aber ſeltſam bleibt es, daß ſeitdem auch, wenn Tiele 2 „. — 7 tunke ſich allein und unbelauſcht meint, ſie immer und immer folgende Zeilen wiederholt: „Ich flechte ſchlanke Weiden In meine Körbe ein; Ich ſchlinge meine Leiden Und Freuden mit hinein; Ich hab' ein ſtilles Sehnen, Das thut mir wohl und weh'; Mein Auge ſchwimmt in Thränen, Wenn ich mich flechten ſeh'. Die Weidenruthen ſtreben Aus dem Geflecht heraus; Doch müſſen ſie ſich geben, Es wird ein Korb daraus. Ein Korb! Das iſt ein ſchlechter, Ein trauriger Doppelſinn. O armer, armer Korbflechter, Ein Korb iſt Dein Gewinn.“ Seltſam, ſeltſam bleibt es, daß Tieletunke dieſe Reime ſich oft ſinnend vorſagt. Koch ſeltſamer, daß dieſelben von einmaligem Hören ihr im Gedächtniß blieben!? Fünftes Kapitel. Für die ausgeſtoßene Turteltaube, die er vorſichtig heimtrug, auf's ängſtlichſte beſorgt, langte Anton vor Sonnenuntergang bei ſeiner Großmutter an. Um jeder Frage, wie er den langen Tag zugebracht haben möge und wo? auszuweichen, hielt er ſeiner Alten die Taube hin, mit den Worten:„noch ein Pflegekind!“ Mutter Gokſch beſaß zarten Sinn genug und kannte ———— — 48— ihren Enkel hinreichend, um zu begreifen, daß er die Erinnerungen an ſeine Herkunft und ſeiner Mutter Schickſal für's Erſte begraben wolle. Sie reichte ihm ihre Hand, ſchüttelte ſeine Rechte, wie man ſie einem alten, treuerprobten Freunde ſchüttelt, und erwiederte nur: für Dein Pflegekind wollen wir Beide ſorgen;— und dann waren auch die Schloßfräulen hier, ſammt den Paſtorjungen, ſie wollten Dich abholen... „Zum Spaziergange?“ unterbrach Anton die Groß⸗ mutter;„was fällt denen auf einmal wieder ein? Sie haben eine Ewigkeit nicht nach mir gefragt!“ Nicht zum Spaziergange, fuhr die Alte fort; von dem kehrten ſie ſchon zurück. Nein, auf's Schloß ſollſt Du kommen und Deine Geige mitbringen. Den alten Baron hatten ſie bei ſich, der hatte müſſen um's ganze Dorf lau⸗ fen; der keuchte ſammt einem fremden Herrn hinter ihnen her und fluchte läſterlich über den weiten Marſch. Seine Naſe ſpielte in allen Farben. „Und Tieletunke?“ Die war auch dabei, natürlich. Aber die fragte nicht nach Dir und ſprach überhaupt nicht. „Dann gerade will ic gehen. Doch wer iſt denn der Fremde?“ Weiß ich's? Sie nannten ihn Muſikdirector, und er iſt, glaub' ich, verwandt mit dem Paſtor. Mir iſt auch, als hätt' ich ſchon von ihm reden hören, wie die Paſtorin noch lebte, gleichwie von einem verlorenen Sohne. Nun mag er ſich wohl wiedergefunden haben! Aber vom Schweinehüten kommt der nicht. Er ſah ſehr prächtig aus. 1¹ 1 — 49— „Vor ihm ſoll ich geigen?“ wiederholte Anton nach⸗ denklich einige Male.„Sie wollen wahrſcheinlich über mich ſpotten, und das iſt wieder ein Einfall von Fräulein Ottilie. Aber gleichviel: ich geh' doch!“ tentiſche, auf dem verſchiedene, halbgeleerte Weinflaſchen ſtanden. Die Mädchen, Miez und Linz, mit den„Stu⸗ denten“ gingen ab und zu. Letztere ſuchten gelegentlich und wenn es unbemerkt geſchehen konnte, ihre ſtets leeren Ottilie ſtand in der halboffenen großen Hausthür, an den geſchloſſenen Thorflügel gelehnt und den Abendflug der Schwalben betrachtend, als ob die Uebrigen ſie nichts weiter angingen. Wie Anton am Eingang der langen, dichtverwach⸗ ſenen Laube erſchien, wedelten ihm des Freiherrn Hunde zutraulich entgegen und rieben ſich an ſeinen Knieen, als an denen eines guten Freundes. Anton küßte dem Baron die Hand, worauf dieſer ihn in die Wange kniff und in beſter Weinlaune ſagte:„Na, Schlingel?“ Sonſt achtete Niemand ſonderlich auf ihn. Der fremde Herr war eben dabei, von ſeinen Reiſen und Abentheuern zu erzählen. Anton legte die ſchlechte Geige auf einen leeren Stuhl und hörte, augenblicklich vom Vortrage des Redenden gefeſſelt, aufmerkſam zu. Der ſogenannte Muſikdirector ſchien ein Mann von dreißig bis fünfunddreißig Jahren. Sein Benehmen Holtei, Vagabunden. I. 4 — 50— war das eines viel gereiſeten, nach allen Richtungen bekannten und gebildeten Menſchen. Wo war er nicht überall geweſen? Was hatte er nicht geſehen, erfahren, durchgemacht? Der Sohn eines armen Kleinbürgers, des wohlehrſamen Weißgerbers Karich, war er vor länger als zwanzig Jahren mit einer Bande muſicirender Berg⸗ knappen aus dem Erzgebirge davongelaufen und kehrte nun als Herr Carino, bei einem kleinen Fürſten am Rhein für Kapellmeiſter angeſtellt, in die Heimath auf Beſuch, in welcher Niemand mehr von der ganzen Ver⸗ wandtſchaft am Leben, als des verſtorbenen Vaters Bru⸗ der, der gute Paſtor Karich in Liebenau. Dieſen auszu-⸗ forſchen trieb ihn wehmüthige Erinnerung an die dahin⸗ geſchiedenen Eltern, denen er ſo viel Kummer gemacht. Doch kaum war die erſte Stunde, dem Gedächtniß der Todten geweiht, vorüber, als des Mannes unverwüſtliche Luſtigkeit wieder ausbrach und er in den nachgiebigen Oheim drang, ihn bei Onkel Naſus einzuführen, von deſſen Naſe, großem Durſt und dreitöchterlichem Klee⸗ blatt die geſtern zur Sonnabendfeier angelangten Vet⸗ tern mit ſchülerhafter Begeiſterung verkündeten. Naſus, jeglicher künſtleriſchen Regung fremd und ohne Spur von Antheil für einen Virtuoſen, nahm doch den Neffen ſeines 1 treuen Seelenhirten und Winterabend⸗Geſellſchafters gut genug auf, wurde aber ſogleich überaus gnädig gegen ihn, als Carino angedeutet, daß Künſtler, beſonders muſicaliſche, unaufhörlich Durſt empfänden. Mit Weine angefeuchtet ließ er ſich denn auch die fabelhaften Mit⸗ theilungen aus Carino's Irrfahrten huldreich munden Die Andern hörten zu, wie man thut, wo man nichts Beſſeres zu thun weiß. Ottilie, wie ſchon erwähnt, ſchien mit ihren Gedanken am blauen Himmelszelte zu weilen, unter welchem verſpätete Schwalben hin und her ſchwebten. Anders war es mit Anton. Dieſer ver⸗ ſchlang jede Sylbe. Und weniger vielleicht waren es Erlebniſſe, Schickſale, Thaten und Erfolge, deren ſich der Erzähler rühmte, als vielmehr der ſtete Wechſel der ver⸗ ſchiedenſten Schauplätze, auf denen dieſer wandernde Muſicus erſchien, zu denen er ſich Bahn zu brechen ge⸗ wußt. Eben erſt in Prag eingeſchlichen, blies er ſchon als Mitglied in der Privatkapelle eines Staroſten zu Warſchau die Clarinette. Kaum verhallten dort die Töne, als er bereits durch Galizien nach Wien gelangt und daſelbſt bei dem Orcheſter eines Vorſtadttheaters Violiniſt geworden war. Bald darauf begleitete er irgend eine berühmte Sängerin auf dem Pianoforte, wie im Reiſewagen, nach Mailand,— und plötzlich hören wir ihn zu Neapel in einem Hofconcerte das Brumm⸗ eiſen ſpielen, auf welchem er es zu ſeltener Fertigkeit gebracht haben will. Endlich läuft er in Conſtantinopel ſichtliche Gefahr, geſäckt und erſäuft zu werden, wie ein Neſt voll blinder, junger Hunde, ſtiehlt ſich aber über Buchareſt und ähnliche, höchſt muſicaliſch geſtimmte Städte nach Deutſchland zurück, wo er gerade zu rechter Zeit anlangt, um Seiner Durchlaucht dem Fürſten von X. Y. Z. die unterwegs componirte Symphonie aus Fis⸗ Moll zu Füßen zu legen und zur Belohnung dafür den Platz eines Muſtkdirectors an hochfürſtlicher Kapelle zu 4»z — 52— erhalten, den er zwar für den Augenblick wie einen Ruhe⸗ Platz betrachtet, aber ausdrücklich hinzufügt: nur für ſo lange, als er ſelbſt Ruhe brauchen— und haben wird. Anton, der in Liebenau aufgewachſen, das ſtille Dorf nie verlaſſen,— denn die umgebenden, wenn auch aus⸗ gedehnten Waldungen waren für ihn zum Dorfe gehö⸗ rig!— der niemals daran gedacht hatte, je von ſeiner Großmutter und deren Hütte zu ſcheiden, Anton begriff weder die Beweglichkeit, noch das Geſchick des Tonkünſt⸗ lers. Wie ein Zauberer kam ihm der Mann vor, der in entfernten Landen ſich heimiſch und, bei der Sprache der Töne nicht an Worte gebunden, geltend gemacht. Eine neue Welt that ſich an dieſem Abende vor Antons Phan⸗ taſie auf. Und ohne dieſen Abend wäre unſer Buch unmöglich, denn die künftige Wanderluſt ſeines Helden entfaltet heut ihre erſten Keime. 3 Sämmtliche Zuhörerſchaft, ein jedes darunter auf ſeine Art freilich, fand ſich zuletzt durch des Erzählers Vortrag doch gefeſſelt, ſo daß Niemand Zeit gewann, ſich um Anton und ſeine außergewöhnliche Aufregung zu bekümmern. Nur Ottilien entging nicht, was ihn bewegte. Sie ſah, wie er mit verklärtem Antlitz an den Lippen des Redenden hing, und ſie fand ihn, wie er, gleichſam in eine neue Lebens⸗Epoche gehoben, aus tie⸗ fen Augen ſchaute, wunderbar ſchön. Ihrem wunderlich⸗ trotzigen Charakter ſagte eine gewiſſe Nothwehr gegen ſolche Bewunderung zu, deshalb zerſtörte ſie ſogleich abſichtlich den Eindruck, den der Anblick des Korbmacher⸗ jungens auf ſie, wider ihren Willen, hervorgebracht, indem — — 53— ſie ſpöttiſch fragte: ob denn der Herr Muſikdirector über ſeinen eigenen unbedeutenden Schickſalen den bedeutenden jugendlichen Kunſtgenoſſen gänzlich vergeſſen wolle, der ja auf ſeinen Wunſch hierhergerufen worden wäre, um ihm vorzuſpielen? Carino lachte laut auf, hemmte den Strom ſeiner Rede und zeigte das lebhafteſte Verlangen, Anton zu hören. Rubs reichte dieſem ſeine armſelige Geige, aber ſchon beim erſten Griff platzten die Saiten. Sehr natür⸗ lich: Ottilie hatte alle vier mit ihrer kleinen Etuiſcheere unbemerkt durchſchnitten. Das Gelächter wurde allge⸗ mein. Anton, in ſprachloſer Verwirrung ſtarrte Ottilien an, als ob er ſie befragen wollte: warum? Zugleich drang ein Gefühl der Befriedigung durch ſeine Sinne, welches ihn wähnen ließ, daß ſie dies gethan, um ihm eine Be⸗ ſchämung vor dem fremden Meiſter zu erſparen. Dieſer aber zögerte nicht, aufzuſpringen und ſeinen eigenen Violinkaſten aus dem Gaſtzimmer herabzuholen;— denn man hatte ihn auf dem Schloſſe bewohnt, weil beim Paſtor kein Raum vorhanden, der des weitgereiſeten Weltmannes würdig geweſen wäre. Hier, mein Söhn⸗ chen, ſprach er, nimm dieſe echte Cremoneſerin; auf ihr kannſt Du zeigen, was für Hunde Du verſtehſt hinter dem Ofen⸗Loche hervorzulocken. Anton antwortete durch eine verneinende Bewegung des Hauptes; mit beiden Händen wehrte er ab, das koſt⸗ bare Inſtrument zu berühren, und als Carino wiederholt in ihn drang, machte ſich ſeine Verlegenheit in den Worten Luft, ich will ſte nicht entweihen mit meinen Fingern. Dieſer gewählte Ausdruck aus dem Munde des Dorf⸗ knaben überraſchte Carino. Was Teufel, ſagt er, wie ſprichſt denn Du? Schau' mich doch an! Was der Junge für Augen hat!? Coraggio, bellissimo ragazzo, Du mußt ſpielen; jetzt will ich Dich hören! Da, ſauf' ein großes Glas Ungarwein aus Onkel Naſus kühlſtem Kellerloch; ſpüle die jungfräulich⸗verzagte Schüchternheit hinab; ergreife den Bogen und laſſ mich erfahren, ob Dein Auge lügt! Zum erſten Mal in ſeinem jungen Leben trank Anton Wein. Der edle Saft aus jenem gottgeſegneten Lande durchdrang ihn mit raſcher Gluth. Ehe noch eine Mi⸗ nute vergangen, zog ein Feuerſtrom durch ſeine Adern. Muthig ergriff er nun Carino's Violine und ſpielte frei⸗ ohne Zagen, die alte ſchlichte Weiſe, die wir tauſendmal vernahmen, ohne darauf zu achten, die uns aber ent⸗ zücken würde, wenn wir ſie als ausländiſches Volkslied durch eine fremde Sängerin kennen gelernt hätten? ich meine die überall verbreitete Melodie voll tiefer Innigkeit und Wehmuth: 7 4 „Es ritten drei Reiter zum Thore hinaus“ mit ihrem klagenden, wie drei Abſchiedſeufzer verhallendem: „Ade! Ade! Ade!“ Dreimal geigte er das Lied ohne irgend eine Varia⸗ tion, nur jedesmal trauriger, ging zuletzt in's Moll über und brach ab, ohne rechten muſicaliſchen Schluß. Die Anweſenden, obwohl erſtaunt, weil ſie ähnliche Töne von Anton'’s Fiedelbogen nie gehört, wagten doch nicht, ſich zu äußern; gleich den Bewohnern mancher — — 55— Stadt auf den Ausſpruch der Kritik harrend, die ihnen erſt verkündigen ſoll, ob ihnen denn auch gefallen dürfe, was ihnen gern gefallen hätte? Carino jedoch, plötzlich ernſt geworden, legte ſeine Rechte auf Anton's Lockenkopf und ſagte leiſe: Junge, vom Geigen verſtehſt Du freilich Nichts; Du hältſt Dei⸗ nen Bogen wie ein Biegeleiſen und greifſt wie ein Schnei⸗ der, der Flöhe ſucht; auch kann ich nicht wiſſen, ob in Dir ein tüchtiger Muſiker oder ein auch nur leidlicher Virtuoſe ſteckt? Aber, daß Jemand in Dir ſteckt, daß Du ein Herz, ein Gemüth, daß Du Gefühl und Geiſt haſt, daß Gott in Dir wohnt! das ſchwör' ich Dir zu, ſo gewiß, als ich ein arger Lump und daneben eine wahre Künſtler⸗ natur bin. Den Jungen haltet warm, ihr Onkels! Geht freundlich mit ihm um, ihr Damen und Vettern! Das iſt kein gewöhnlicher Korbflechter. Aus ſolchem Holze ſchnitzt das Schickſal bisweilen ſeine Auserwählten. Gieb mir einen Kuß, Antonio, ich hab' Dich lieb. Dieſe in humoriſtiſcher Feierlichkeit geſprochenen Worte machten auf Alle Eindruck, ſogar auf Onkel Naſus, der ſeine Rührung mit einem großen Schluck hinunter zu ſchwemmen ſuchte. Ottilie war hinter der Hausthür verſchwunden. Anton fand ſich am meiſten ergriffen durch das Wort „wahre Künſtlernatur.“ Hatte nicht ſein ſeliger Groß⸗ vater, wie die alte Mutter Gokſch ihm geſtern Abend erzählt, das liebe unglückliche Töchterlein, die ſchöne Antoinette in väterlichem Stolze oftmalen alſo genannt? Und der fremde Meiſter mit italieniſchem Namen nannte ſich ſelbſt ſo und daneben einen„argen Lump?“ Ein Ausdruck, den Anton zwar in Liebenau nie gebrauchen hörte, deſſen Bedeutung ihm aber klar ſchien. Müſſen denn alle wahren Künſtlernaturen, ſo dachte er bei die⸗ ſem Vergleich, andere Leute ſein, wie die anderen Leute? Dann ergriff er ſeine ſaitenloſe Geige, kniff ſie verächtlich unter den linken Arm, küßte Onkel Naſus die Hand, empfahl ſich ſeinem neuen Gönner, der aus der feier⸗ lichen bereits wieder in die durſtige Stimmung überge⸗ gangen war, verneigte ſich vor dem Herrn Paſtor, vor Linz wie Miez, nickte dem Puſchel und dem Rubs gute Nacht und ſchlich, betrübt, Ottilien nicht mehr zu ge⸗ wahren, aus der Laube. Als er jedoch beim Ausgange derſelben noch einmal die Augen zurückwendete, ſah er ſie hinter dem Hausthürflügel hervorgucken, und es ſchien ihm, als ob ſie ihm einen Fingerkuß nachſende. Doch ſtrafte er ſeine Augen Lügen und ſuchte ſich ſelbſt einzureden, die zweifelhafte Dämmerung müſſe ihn ge⸗ täuſcht haben. Großmutter ſchlief ſchon. Er ging auf den Zehen, um ſie nicht zu wecken, entſchlummerte ſpät, ſah dann 1im Traume den Muſtikdirector Carino mit einer unbekann⸗ ten Frau im lebhaften Geſpräch einherwandeln, wobei er ſich, wie häufig im Traume vorkommt, fruchtlos abmü⸗ hete, beide zu erreichen und abgebrochene Worte zu erlauſchen. Nur ſeinen eigenen Namen verſtand er bis⸗ weilen. Als er aus unruhigem Schlafe erwachte, die Bilder des quälenden Traumes zu ſondern verſuchte, fand er 57 eine merkwürdige Aehnlichkeit zwiſchen jener unbekann⸗ ten Frau und den Schilderungen, die ihm die Großmut⸗ ter von ſeiner Mutter zu machen pflegte. Er hätte ſich nicht genug verwundern können, daß ihm dies nicht ſchon im Traume aufgefallen ſei, wenn er ſich nicht zu⸗ gleich erinnern müſſen, daß Ottiliens ihm nachgeworfe⸗ ner Fingerkuß, der ihm bei der Dämmerung des Abends zweifelhaft und fraglich erſchien, während der Dunkelheit der Nacht und des Traumes zu großer Bedeutung ange⸗ wachſen war. Nach einer Stunde des Beſinnens, Erwä⸗ gens, des Zweifels und der Hoffnung, verſchwanden ihm Carino und das Bild der fremden Frau völlig; nur Tiele⸗ tunke's Kuß lebte noch und wirkte in ſeiner Seele. Sechstes Kapitel. Die neue Woche in Liebenau begann ebenſo langwei⸗ lig, wie alle neue Wochen auf Erden zu beginnen pfle⸗ gen, wenn nach irgend einer Auffriſchung oder Erregung der Menſchen Daſein wieder den alten Gang geht. Muſikdirector Carino hat das Schloß verlaſſen und ſei⸗ nem guten Oheim, dem Paſtor, Lebewohl geſagt, um ſich an die Hofkapelle des bewußten Fürſten am Rhein zu begeben; Puſchel und Rubs ſind nach der Hauptſtadt zurückgekehrt, um, ihren Studien obliegend, ſich bald in's Examen zu werfen; die Schloßfräulen führen die Wirthſchaft in Küche, Haus und Ställen, bleichen Lei⸗ nen, beſſern Wäſche aus; Onkel Naſus reitet, die dickſten Stämme muſternd und Holzfreoler verfolgend, in ſeinen Wäldern umher, gleich dem brüllenden Leuen, zu trach⸗ ten, welchen er verſchlinge; Anton flicht Körbe. Wir wiſſen aus ſeinem Gedichtlein, daß er ſonſt ſchon zärtliche Gedanken mit einzuflechten pflegte. Aber was waren jene Gedanken von ſonſt gegen dieſe von jetzt? Die Liebe, von der er damals prophetiſch geſungen, war eine ſanft⸗ſchüchterne, im Entſtehen entſagende, und an eine ſolche kann ich überhaupt— mag die gütige Leſerin mich noch ſo ungütig als Läſterer verdammen!— auf die Dauer nicht glauben. Am allerwenigſten bei ſo ſchlichtem, natürlichem, ungeziertem Dorfjungen. Sie war ihm nicht tief in's Leben gedrungen. Sie war eben nur vorhanden, wie ſie eigentlich immer vorhanden iſt: ſie ſchwamm in der Luft um ihn her, ſei es nun als Blu⸗ mendüftchen, ſei es als feindſeliges, anſteckendes Miasma, — je nachdem. Sie ſtreifte Anton's Herz; er ahnete ſie; aber das Herz war zu friſch, zu jugendſtark, zu rein,— ſie fand keinen Eingang durch dies geſunde Herz, um den ganzen Menſchen einzunehmen. So war das bis⸗ her gegangen. Jetzt aber hatten ſchmerzhafte Erfahrun⸗ gen, leidenſchaftliche Zuſtände ihn bewegt, erregt, erſchüt⸗ tert und durchwühlt. Zwiſchen der Kunde vom Unter⸗ gang ſeiner Mutter bis zum Kußhändchen Ottiliens lagen ſchon zwei lange Nächte und ein heftiger Tag. Das Herz Antons, vorgeſtern noch eine feſtgeſchloſſene, volle Knospe, hatte ſich zur offenen, ſchwellenden Blume ent⸗ faltet und ſaugte mit banger Wolluſt den Hauch der Lei⸗ denſchaft. Ja, ſogar Antoinettens traurige Geſchichte, — — 59— wie die Alte ſie ihm rein und ſchmucklos vorgetragen, wirkte nun, wenn er ſie in ſeiner Phantaſie ſich wieder⸗ holte, mit dazu, ihm Ottilien, die er bisher immer nur als Schloßfräulein gedacht und geſehen, als weibliches Weſen näher zu rücken. Der Gegenſatz beſonders war ſeiner Ruhe ſo gefährlich: dort dachte er ſich die eigene Mutter, Tochter beſchränkter armer Cantorsleute, ein Opfer des reichen, hochgeborenen Junkers werden; hier ſtand die Tochter des gefürchteten Gutsherrn, noch in Erinnerung an jene jüngſt vergangene Zeit, vor Auf⸗ hebung der Erbunterthänigkeit eine große Macht! ihm, dem Korbflechterjungen, gegenüber. Er hielt ſich für einen Leibeigenen des Onkel Naſus. Daß ſeine Groß⸗ mutter freiwillig Liebenau zu ihrem Aufenthalt erwählt, als ſie ſich aus früheren, kleinſtädtiſchen Umgebungen flüchten wollte; daß ſie ihn, ein ſchon vorhandenes Kind und Anhängſel, mitgebracht; daß er folglich kein Unter⸗ than dieſer Herrſchaft ſei, das wußte oder vielmehr be⸗ dachte Anton nicht. Er ſah in Ottilien immer noch die Tochter des„Dominiums.“ Und um wie viel höher ſtand dieſe über ihm, als jemals ſein Vater, der Cornet oder Lieutenant, über des Cantors Nette geſtanden haben könnte? Und dieſe Ottilie hatte ihm— ihm—— nein, es war zu viell! Denn was bedeutet es, wenn ein Mädel ihre Finger⸗ ſpitzen küßt und den Kuß einem jungen Burſchen durch die Luft nachſendet? Doch nur: weil ich für den Augen⸗ blick Dich nicht erreichen kann, küß ich meine Finger, aber wenn Du mir näher ſtehſt, werd⸗ ich Deine Lippen küſſen. 8 Und der Gedanke, daß dieſes nicht vollbracht werden könne, durchaus nicht, ohne daß er zugleich die ihrigen küſſe! Nein, wie geſagt, es war zu viel! Viel zu viel! Was ſoll das heißen, fragte Mutter Gokſch von ihrer Näherei nach Antons kleiner Werkſtatt hinüber, daß Du heute gar ſo heftig ſingſt bei Deiner Arbeit? Da ſind ja die Finken in unſerem Gärtchen faule Schelme gegen Dich. „Nu Großmutterle,“ erwiederte Anton, nachdem er erſt ſeine Strophe beendet,„mir iſt halt meine Bruſt ſo voll, ich weiß nicht wie? Da muß es heraus? Und Du hörſt mich ja gern ſingen? Du lobſt ja meine Stimme, ſeitdem ſie übergeſchnappt oder vielmehr hinunterge⸗ ſchnappt hat in's Mannbare. Du ſagſt ja immer, wenn ich ſinge, ſänge Deine Seele mit? Na, ſo laß' ſie ſingen, die alte Seele! Mir iſt leichter und beſſer dabei, wie wenn ich's Maul halte.“. Ich weiß nicht, wie Du mir vorkommſt, Anton? Seit geſtern fängſt Du an, Deinem Vater— Gott verzeih! ihm!— ähnlich zu ſehen. Wie Du jetzt geſungen haſt, glaubt ich, er ſäße vor mir.. „Was Dir doch einfällt, Alte. Haſt Du Dich nicht heiſer geredet, mir zu beweiſen, ich wär' meiner Mutter lebendiges Contrafei, oder wie ſie's nennen?“ Doch, Anton, doch. Früher warſt Dus. Jetzt tritt auch der Vater hervor. „Das macht, weil ich Mann werde!“ Der Himmel gebe, daß es bei dieſer Aehnlichkeit ſein Bewenden haben möge! „— — 61— Anton ſchwieg einige Minuten mit niedergeſchlage⸗ nem Blicke. Dann hob er die Augen zu ihr empor und ſagte:„Großmutter, wir können nicht ändern, was über uns verhängt iſt. Wohl Jedem, der einen Vater achten und lieben darf! Wer aber niemals einen beſaß, den er ſo nennen konnte; wer aufwächst, in der Meinung, ſein Vater ſei ihm verloren und todt, und ihn dann nur fin⸗ det, um zu hören, es ſei ein ſchlechter Vater!— Der muß ſich dann auch behelfen und einrichten, wie's geh'n will. Wie heißt's in der Bibel: die Sünden der Väter werden heimgeſucht an uns Kindern!? Darauf muß unſer Eins gefaßt ſein; vollends wenn man ein Bankert iſt. Freilich bin ich ſchlimmer d'ran, als unſer Paſtor⸗Puſchel und Rubs, die einen braven ehrlichen Vater haben; aber ich bin doch auch beſſer d'ran, wie der ſchwarze Wolfgang, dem ſein Vater aufgehenkt wurde. Wer weiß, wozu ich's dennoch einmal bringe? Iſt's nicht als Korbflechter, ſo iſt's als Versmacher und Buchſchreiber; iſt's nicht als das, ſo iſt's als Sänger; iſt's nicht als ein Sänger, ſo iſt's vielleicht gar als Geiger! Oder überhaupt was Beſonderes. Der fremde Muſikmeiſter hat geſagt, wie er mir die Hand auf den Kopf legte, in mir ſtecke Je⸗ mand! Ich weiß nicht, war's der Wein, den ich trinken müſſen, oder war es ſeine Hand,— aber es brannte mich, da er es ſagte.“ Anton, Anton, ſprach die Großmutter, gerathe nicht auf unrechte Gedanken! Was willſt Du Beſonderes wer⸗ den? Was kannſt Du? Arbeite fleißig, verdiene Dein Stück Brot, ſammle Dir womöglich einen Sparpfennig und, wenn mich der liebe Gott abruft, hole Dir in dies kleine Häuschen eines rechtſchaffenen Bauern Kind als Eheweib heim, die Dir ein paar Thaler mitbringt, auf daß Du friedlich lebeſt und dereinſt im Frieden ſterbeſt. Alles Andere iſt dummes Zeug. „Ich, heirathen, Großmutter? Niemals! Und eines dummen Bauern Kind obenein? Erſt gar nicht. So lange Du lebſt, bleiben wir beide zuſammen: ich bin zu⸗ frieden mit meiner Alten, verlange mir keine andere nicht. Und ſollteſt Du früher ſterben, als ich, was ja noch gar nicht ausgemacht iſt, dann geh' ich auf und davon, ſchaue mich in der Welt um, und— und das Uebrige wird ſich finden!“ Und willſt nicht wieder nach Liebenau heimkehren in unſer ſtilles Häuschen? b „Wenigſtens nicht früher, als bis der Jemand, der in mir ſteckt, herausgekommen iſt und ſich zeigen kann. Das iſt mein Vorſatz, ſo gewiß Tieletunken... hier hielt er plötzlich inne und begann aufs Neue emſig zu arbeiten. Die Alte war im Begriff, zu entgegnen.“ Doch that ſie ſich Gewalt an, ſtand auf, legte ihre Arbeit bedächtig zuſammen und ging hinaus, ohne weiter eine Sylbe zu ſprechen. Draußen, nachdem ſie die Hausthür hinter ſich angezogen, ſetzte ſie ſich auf das Bänkchen hinten im klei⸗ nen Garten und begann mit leiſe⸗klagender Stimme ein Selbſtgeſpräch; eine Redeübung, in deren verſchiedenſten Formen ſie überhaupt ſtark war: Das wußt ich ja, daß es ſo gehen würde. Der böſe Geiſt des Vaters regt ſich in ihm, ſammt der leichtſinnigen Empfindſamkeit ſeiner . 863— Mutter.— Nach des Herren Tochter wagt er die Blicke zu wenden!— O mein Schöpfer, wenn ſie doch auf den Kanzeln nicht immer von Verführung und böſen Beiſpie⸗ len predigen wollten! Der ſchlimmſte Verführer wohnt in den Menſchen ſelber, und Satan braucht nicht erſt von außen anzupochen, weil er mit ihnen, in ihnen geboren wird.— Möchte mir nicht auch unſer Herr Paſtor die Erbſünde abſtreiten?— Da haben wir's ja; was iſt denn hier Anderes im Spiel?— Hat er je etwas der Art geſehen? Ganz von ſelbſt iſt er auf ſolche Sprünge ge⸗ kommen.— Nein, Herr Paſtor, meine Erbſünde laß' ich mir nicht nehmen.—— Während ſie im Freien alſo mit ſich allein redete, that Anton im Stübchen desgleichen: Wenn's nun wirklich keine Täuſchung wäre?— Wenn ſie mir wirklich und wahrhaftig eine Kußhand zugewor⸗ fen?— Sie, die mich immer ſpöttiſch behandelt und ſeit einem Jahr gar ſo kalt und ſtolz gegen mich iſt?— Was⸗ würde das beweiſen?— Daß ſie mich im Stillen liebt; daß ſie nicht wagt, es zu zeigen, weil ſie ſich des Korb⸗ macherjungen ſchämt.— Folglich darf ich nicht bleiben, was ich bin.— Folglich muß ich in die Welt laufen, wie des Paſtors Neffe, und muß verſuchen, in der Fremde mein Glück zu machen, wie er;— denn in Liebenau wird Nichts aus mir, das iſt gewiß.— Alſo fort! Auf und da⸗ von!— Aber meine Großmutter? Es wäre ihr Tod: nein, das geht nicht. Ach, ich Unglücklicher! Was ſoll ich thun?— hier bleiben und Körbe flechten! So klagte die Alte, ſo ihr Enkel, jedes allein, dennoch — 64— um die Wette. Aus dem friedlichen Häuschen ſchien der Friede gewichen. Und wo wohnt er denn? In der anderen Landleute Hütten? Stumpfſinn und rohe Gleichgültigkeit würden wir in manchen finden, wenn wir einzudringen vermöch⸗ ten in ihr Inneres und in's Innere ihrer Bewohner. Aber wo auch nur eine Spur von Empfindung, von Ge⸗ fühl, von menſchlichen Regungen lebt, da giebt es Zwie⸗ ſpalt und Widerſpruch. Und im Pfarrhauſe? Ernſten Sinnes ſitzt der gut⸗ müthige, etwas beſchränkte Karich da, dampft dicke Wol⸗ ken aus ſeinem ſchlechten Tabakskraute und vertieft ſich in düſtere Träume über ſeiner Jungen Zukunft, die er bald auf eine entfernte Univerſität ſenden ſoll; denen er, wenn dies ſchwere Opfer gebracht iſt, Nichts mehr zu hin⸗ terlaſſen haben wird, als ſeinen ehrlichen Namen. Im Herrenhauſe?— Die Töchter lieben den Vater nicht, den ſie kaum fürchten; von Achtung war niemals die Rede. Der Vater bemüht ſich, in unbezahlten Wei⸗ nen die traurige Ausſicht zu ertränken, daß er nicht im Stande ſein wird, ſeinen Gläubigern gegenüber den Be⸗ ſitz von Liebenau noch für längere Dauer zu erſtreiten. Er, für ſeine Perſon, wagt in ſtürmiſchen Tagen an ein Piſtol aus ſeiner Reiterzeit und eine Kugel vor den um⸗ nebelten Schädel zu denken. Aber was beginnen dann „ſeine Mädels?“ Sollen ſie in Dienſte gehen? Ihr Brot bei Fremden erwerben? Und ſind doch Freifräulein von reinſter Geburt! Linz und Miez haben zwar den adeligen Anſprüchen faſt entſagt. Seitdem des Vaters Trunkſucht, —= 1 4 ſeine Unverträglichkeit, ſein plumpes Betragen ſie aus dem nachbarlichen Umgange geriſſen; ſeitdem ſie auf ihr Dorf, auf den Umgang mit der Schulmeiſterin, der Ver⸗ walterin und dem Paſtor angewieſen blieben, hat ihnen der Gedanke, die„Sponſade“ der beiden Studenten zu heißen, nichts Fürchterliches mehr. Wenn ſie nicht gera⸗ dezu von einem künftigen Ehebündniſſe reden, ſo denken ſie doch gewiß daran. Denn ſie wollen um jeden Preis unter die Haube kommen und kennen ihres Vaters Lage, ihre drohende Armuth, wie ihr Ein mal Eins. Kaum wird ſich Jemand unter meinen jüngeren Leſern deutlich machen können, wie abgeſchloſſen, wie fern von der Welt und von Allem, was ſie bewegt, vor fünfzig,— ja vierzig, dreißig Jahren noch, die Bewoh⸗ ner eines ſolchen Dorfes vegetirten, durch welches keine Straße führt; in welches ſich oft Jahrelang nicht einmal ein wandernder Handwerksburſche verirrte; wohin all⸗ wöchentlich nur einmal das bereits altgewordene Zei⸗ tungsblatt aus der Hauptſtadt, und auch dieſes nur dann gelangte, wofern der danach ausgeſandte Hirtenjunge den glücklichen Moment nicht verſäumte, in welchem die nordinäre Poſt“ durch's Nachbardorf ſchlich und ein ſtets verſoffener Schirrmeiſter gerade nicht vergaß, dem ängſt⸗ lich Harrenden die erſehnten Blätter zuzuwerfen. Durch Puſchel und Rubs kam auch nichts Geiſtiges von außen in's einförmige Leben der Familie, denn beide kämpften ſich auch nur zwiſchen Entbehrung und erzwungenem Fleiße durch, ohne in der Stadt irgend eines ſördernden Verkehres froh zu werden. Sie wußten, wie ſo häufig Holtei, Vagabunden I. 5. — — 66— arme Schüler aller Zeiten, Nichts, als was ſie mühſelig und nur deshalb erlernt hatten, weil ſie nicht tadelnde Cenſuren heimbringen wollten. Dieſe ihre Theilnahm⸗ loſigkeit gegen Alles, was gebildeter Menſchen Bruſt bewegt, was auch ungebildete, doch mit höheren Anlagen ausgeſtattete Weſen, gleich Ottilien, ſehnend ahnen, machte ſie letzterer ſo unbedeutend, ſetzte ſie in ihrer Mei⸗ nung ſo tief herab, daß ſie beide, wie ſchon oben angedeu⸗ tet wurde, weit unter den Korbmacherjungen ſtellte. Das wiſſen wir ja längſt, liebſter Holtei, wird meine ſchöne, jugendliche Leſerin jetzt ausrufen. Das wiſſen wir bereits zur Genüge. Alſo, alter Schwätzer, ent⸗ wickeln Sie nicht ſo viel; gehen Sie nicht ſo lange um Ihren pſychologiſchen Brei wie ein Kater herum; ſondern melden Sie mir frei heraus, als ein offenherziger Roman⸗ ſchriftſteller, wie es mit dem zugeworfenen Kuſſe ausſieht, den Ihr ſchöner Anton aus der Dämmerung des Abends hinter der Hausthür hervor in die Dämmerung fliegen geſehen haben will? Durch welchen Anblick er ſich, Ihrer Verſicherung zufolge, aus kindiſcher und beſcheide⸗ ner Neigung und Ehrfurcht in eine höchſt ſträfliche, weder ſittlich, noch bürgerlich zu rechtfertigende Leiden⸗ ſchaft hineingeträumt haben ſoll!? Darauf erwiedere ich der fragenden, holdſeligen Leſe⸗ rin, daß ich erſtens um geduldige Nachſicht bitte für einen jugendlichen Anfänger von 54 ½ Jahren, der ſeinen erſten Roman ſchreibt(denn einige kürzere Verſuche in dieſer Gattung zählen kaum). Zweitens aber muß ich geſtehen, daß ich ſelbſt nicht weiß, woran ich mit dieſem Kuſſe bin. — 62— Das heißt: mir iſt bekannt,— und ich wäre gar ein ſchlechter Erzähler, ſollte ich darüber noch Zweifel hegen! — daß Ottilie zwei Finger ihrer linken Hand, nämlich den zweiten und dritten derſelben, dicht aneinander gelegt, auf ihre Lippen preßte, mit letztern eine Bewegung des Zuſpitzens machte, welche die Mundmuskeln anzunehmen pflegen, ſobald ſie hervorbringen wollen, was man einen Kuß nennt. Daß ſie ſolchen flüchtigen, dennoch heißen Kuß den Abendlüften anvertraute, und daß ihr feuchtes Auge dem ſcheidenden, aus der dichten dunklen Wein⸗ laube in den freieren Hofraum ſchreitenden Anton nach⸗ blickte, iſt ebenfalls hiſtoriſch gewiß und mit jenem Stem⸗ pel innerſter Wahrheit verſehen, den mein ganzes Buch in allen größeren und kleineren Beſtandtheilen trägt. Um jedoch der Küſſenden kein Unrecht zuzufügen, könnte ich hier das Selbſtgeſpräch einſchalten, welches ſie hielt, zu der nämlichen Stund e, wo wir Mutter Gokſch und Anton bei dem ihrigen belauſchten. Aber es würde zu lang werden, und ich darf meine fragende Leſerin nicht erzürnen. Dieſe will nun einmal nicht, daß Ottilie den Korbmacher liebe; und iſt es denn doch durchaus nicht anders, ſo ſoll die Liebende es mindeſtens nicht einge⸗ ſtehen. Wohlan denn, ſie that es auch nicht. Wies ſie doch mit ſtolzem Hohn, ihr eigenes Gefühl nicht ſchonend, die zarten Empfindungen zurück, deren ſie ſich— wenn auch nur in ſchwachen, unbeherrſchten Augenblicken— ſchuldig wußte. Sie, die junge Baronin, die Tochter des Erb⸗ und Gerichtsherrn auf und zu Liebenau, Tochter einer 5* — — unmittelbar reichsfreien Standesfrau, welche nur durch eigenthümliche Verkettung der Umſtände bis zu einem Onkel Naſus herabgeſtiegen war; ſie, die charakterfeſteſte, ihrer Schweſtern armſelig⸗unadelige Liebſchaften verach⸗ tend und tadelnd;— ſie, empfinden für Anton, den ⸗ vaterloſen, niedern Handwerker? Lieber ſterben!. Wer daraus entnehmen möchte, daß ihre Neigung eine ſehr tief gehende geweſen ſein müſſe, dem kann ich es nicht wehren. Wir werden ja ſehen, wohin ſie endlich führt? Und um dazu nach und nach zu gelangen, bleibt uns Nichts übrig, als das ſechste Kapitel zu beſchließen. Siebentes Kapitel. Ich mag die vorräthigen Notizen, ſo den Stoff zu dieſer höchſt wahrhaftigen, durch meine ſchwache Feder auszuarbeitenden Lebensgeſchichte liefern, nachdem ſolche mit reinſter Gewiſſenhaftigkeit zuſammengeſtellt wurden, durchmuſtern, wie ich will,— Nichts findet ſich vor, unſer ſiebentes Kapitel nur einigermaßen wirkſam zu beginnen; was doch ſchon der myſtiſchen Zahl Sieben zu Ehren ebenſo wichtig, als nützlich wäre. Die gewöhnlichſten Zuſtände laufen, einem ſommerlich ausgetrockneten Bache ähnlich, durch das unerquickliche Bett des allergewöhn⸗ lichſten Daſeins. Und weil Anton, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, ſeither vom Baume der Erkenntniß naſchet, geht ihm jene kindliche unbefangenheit verloren, welche ſich mit Allem zufrieden ſtellte. Er lebt nicht mehr in und mit den Freuden der Natur, die bis dahin aus jedem Blümchen, aus jedes Vogels Kehle auf ihn wirk⸗ ten. Er weiß, daß es draußen eine Welt für ihn giebt, deshalb hat er die kleine Welt, die ihm ſo lange genügen wollte, nicht mehr recht lieb. O, man braucht nicht Anton zu heißen, braucht kein Korbmacherjunge zu ſein, um ſich ähnlicher Uebergänge und trauriger Fortſchritte aus eigener Jugendzeit zu erin⸗ nern; da ſchleichen Tage ohne Gegenwart an einem ſich ſelbſt quälenden Träumer vorüber, weil ſein Sinn auf eine unerforſchliche Zukunft gerichtet iſt, und ſo betrügt er ſich grauſam um das Glück harmloſer Unſchuld. Ein Glück, nach deſſen Reinheit er künftig mit verzehrender Sehnſucht zurückſchauen wird.— Warum auch hat die Großmutter ſeinen Bitten nachgegeben? Warum die Geſchichte ſeiner Mutter ihm erzählt? Konnte ſie nicht in frommer Einfalt ihn ſchonen mit einer Lüge? Und ſo ſehen wir den jugendlichen Helden unſeres Buches unglücklich, bevor er noch einen Schritt gethan in das große Unglück hinaus, welches man Leben nennt, in den ewigen Kampf der Menſchheit. Sehen ihn un⸗ glücklich auf eigene Hand und durch eigenes Talent dafür; denn es giebt ein Talent für's Unglücklichſein! Wer ſich Zeit nehmen will, es auszubilden, verſinkt, wenn er auf geiſtige Beſchäftigung angewieſen iſt und dieſe ſich⸗ abzuzwingen nicht moraliſche Kraft beſitzt, gar leicht in hypochondriſche Unthätigkeit oder in verzweifelnde Aus⸗ ſchweifungen, die ihn dem Untergange zuführen. Anton g — 70— 0 genoß den Vortheil, ein Handwerk zu treiben; er wurde, nachdem die ſanfte, kindliche Luſt am Daſein ihn verlaß⸗ ſen, durch die öde Leere, worin er ſich plötzlich geworfen fühlte, nur veranlaßt, in die Arbeit ſich zu retten. Es war ein dunkler Trieb, der ihn dazu drängte. Niemals noch waren ſeine Kunden raſcher bedient worden. Von allen Seiten empfing er Lobſprüche für ſolchen Fleiß; 1 auch der Großmutter Anerkennung blieb nicht aus. Manchmal, wenn er einen ganzen Kreis auszubeſſernder Körbe und Wagenflechten um ſich her ſtehen ſah, rief er aus: das ſind meine Schanzen! Nun ſollen ſie nur kommen und auf mich ſchießen, ich will mich ſchon ver⸗ 1 theidigen! Mutter Gokſch verſtand dieſen Ausruf nicht. Ach Gott, Anton ſelbſt verſtand ihn nicht; er ſprudelte ihn 5 nur ſo heraus, wie in Ahnung vor irgend einem drohen⸗ den Mißgeſchick. Weil er ihn aber öſters wiederholte, meinte die Alte, er fürchte einen Beſuch des Barons, der etwa hinter ſeine Liebe zu Ottilien gekommen wäre und nun eintreten könne, um ihn höchſt eigenhändig durchzu⸗ walken, wozu die von ihm unzertrennliche Karbatſche ein trefflich geeignetes Inſtrument abgab. Auf ihre ſtrengen Fragen über dieſen Punkt entgegnete dann wohl Anton mit lautem Lachen: Alte, Du biſt ein Narr; wo denkſt Du hin? Hernach jedoch verfiel er ſtets wieder in trüben Ernſt und ſang nur wehmüthige Lieder. Seine Stimme war b weich und voll, wie gar ſelten in ſo jungen Jahren. Nicht umſonſt iſt er„Eva's“ Kind, ſagte Mutter — — —— ——— — — 71— Gokſch,— wider Wiſſen und Willen zweideutig— indem ſie der„heidniſchen Muſik“ gedachte. Von allen wehmüthigen Liedern, die er vortrug, ſang er eines am häufigſten: die drei Reiter waren es, welche er ſo oft zum Thore hinaus ziehen und Abſchied nehmen ließ, daß Mutter Gokſch behauptete, die armen Teufel müßten's nun doch bald ſatt kriegen,„Ade“ zu ſagen und zu reiten? Auch fragte ſie mehrmals angelegentlich, ob er nicht die zerriſſenen Saiten an der Geige herſtellen und ſie zur Feierabendſtunde darauf begleiten wolle, wenn ſie ein chriſtliches Kirchenlied ſänge? Worauf Anton aber entſchieden verneinte und dabei ſagte: Ha, wenn's des Fremden ſeine Geige wäre; die hat Töne im Leibe, daß ſogar Fräulein Tieletunke ihren Spott vergißt, hinter der Hausthür, und einem armen Kerl einen Ku„e ja ſo! —(Hier ſchlug er ſich auf den Mund.) Es begab ſich übrigens in Anton's Herzensangelegen⸗ heit, was bei ſolchen zwiſchen Furcht und Zweifel ſchwan⸗ kenden Liebesgeſchichten gewöhnlich iſt; was auch meinen älteren Herren Leſern aus ihrer Zeit noch, als ſelbſt erlebt, erinnerlich ſein mag,— wofern Dieſelben jemals in ähn⸗ lichen Lagen waren? Man hat erſt vor lauter Liebe nicht zu lieben, man hat vor Sehnſucht nicht zu hoffen gewagt. Der Abſtand ſchien zu groß. Auch wenn die Stände gleich wären. Denn für den kindlich und kindiſch Lieben⸗ den, der mehr die Liebe als den Gegenſtand liebt, iſt be⸗ ſagter Gegenſtand immer vom höchſten Stande, weil er in ihm ſtets einen Engel ſieht. So kriecht er, ein an eigenem Werthe aufrichtig Zweifelnder, neben der fliegen⸗ 7. — 72— den Himmelsbotin her und— betet an. Doch plötzlich, ſtehe da, geſchieht der Angebeteten etwas Menſchliches; ſte läßt ſich zu ihm und ſeiner beſcheidenen Ehrerbietung herab,— wie etwa Ottilie es gethan, durch den vielbe⸗ ſprochenen Luftkuß,— der Engel verliert die Fittige, das Menſchliche tritt heraus, der junge Mann beginnt ſich zu fühlen, Leidenſchaft ſiegt über die Andacht, irdiſche Hoff⸗ nungen quellen blühend hervor, die ſich an jenes uner⸗ wartete Ereigniß knüpfen, wie das Erblühen voreiliger Blumen an einen warmen Apriltag;... doch nun iſt's auch ſchon aus. Alles iſt vorbei. Vergeblich harrt der kühn Gewordene auf die nothwendigen Folgen des erſten Schrittes?— Sie unterbleiben. Der erſte Schritt war der letzte und hat nur dazu gedient, ihm ſeine Ruhe zu rauben, indem er kecke Wünſche auferweckte, die unerfüllt welken. 3 Dies Alles geſchah unſerem Anton. Ottilie, wenn ſte ihm zufällig und ſelten begegnete, war ſtolzer, fremder, zurückſtoßender, als jemals vor jenem Abende, welchen der luftige Traum eines Kuſſes durchweht hatte. Ver⸗ ſuchte er, ihr näher zu treten, um ein Zwiegeſpräch zu be⸗ ginnen, ſo kehrte ſie ihm den Rücken und ließ ihn ſtehen, während Linz und Miez, gleichgültig⸗freundlich mit ihm redend, nach ſeiner Arbeit, nach ſeiner Großmutter frag⸗ ten, wie ſie es ſtets gethan, und ihm Grüße von Puſchel und Rubs beſtellten, um anzudeuten, daß die langen Jünglinge ihnen bisweilen ſchrieben. Eine Correſpon⸗ denz, die durch irregulaire Poſten, durch Butter⸗ und Obſt⸗Weiber beſorgt wurde; weshalb auch der Sommer — 73— vorzugsweiſe die Jahreszeit dieſer Zuſchriften blieb; im Winter fehlt' es an Beförderung. Wie ſehr in neuerer Zeit beliebt worden iſt, vertraute Briefwechſel in Bücherform durch den Druck Preis zu geben, kann ich mich doch nicht entſchließen, den hier in Rede ſtehenden zu veröffentlichen. Er iſt zwar, was den Inhalt betrifft, manchem im Buchhandel erſchienenen nicht gar ſo tief untergeordnet,— aber die Form giebt ſich nicht einladend und dünkt mich, hauptſächlich von Seiten des Freifräuleins, in Bezug auf die eigenſinnige Rechtſchreibekunſt all zu frei. Was die langen Jünglinge betrifft, ſo mengen dieſelben fleißig griechiſche, wie latei⸗ niſche Brocken bei; theils um durch ihr Wiſſen ſich ein Anſehn zu geben, theils um auf die eingeſtreuten franzö⸗ ſiſchen Brocken der Damen gleichfalls mit ausländiſcher Waare aufzuwarten. Man nannte das ſchon damals: deutſchen Styl. Durch ihn aber bin ich ein wenig von meinem Wege abgekommen. Ich wollte eigentlich nicht erzählen, was ich jetzt ſchwatzhaft und halb willenlos erzählt habe; ich wollte vielmehr in hiſtoriſcher Kürze berichten, daß auf die Art und Weiſe, welche wir jetzt ſchon durch anderthalb Kapitel kennen, ganze Wochen des lieben Sommers ver⸗ ſtrichen; daß Nichts geſchah, was als äußerliches Ereig⸗ niß ausdrücklicher Erwähnung werth erſchiene. Es ſind dies Zuſtände, welche den Erzähler zwingen, eine Lücke zu laſſen im Gange der Mittheilungen; eine Lücke, die dem Leſer und deſſen geiſtigem Mitwirken auszufüllen überlaſſen bleibt. Wie auch könnte ohne ſolches ein — — — 74— Romanſchreiber beſtehen? Ein Buch dieſer Gattung ſchreiben, dichten, ſchaffen— nennt es, wie Ihr wollt!— heißt doch endlich nichts Anderes, als auf begabte Mit⸗ arbeiter zählen, die ſich unter den Leſern finden. Nur ſolche ſind Leſer in meinen Augen; nur ſolche bilden das Publikum. Die Uebrigen,— jene geiſt⸗ und ſeelen⸗leeren Blatt⸗ verſchlinger, die Nichts von uns Schriftſtellern wollen, als durch unſere Hülfe eine faule Stunde abgetödtet zu wiſſen, jene fühlloſen Egoiſten, die kein Herz haben für Freud' und Leid im Buche... Ei, was werd' ich mir die Stimmung verderben, durch den Gedanken an ſie? Hole ſie Dieſer und Jener!— Die Linden blühen längſt nicht mehr, wie im erſten Kapitel. Auf den Feldern beginnt es leer zu werden. Die Erndte iſt in vollem Gange. So reich, ſo günſtig, wie ſie in jenen minder fruchtbaren Landſtrichen irgend ausfallen mag. Das Dorf Liebenau befand ſich in freudiger Zufriedenheit: Die„Hofegärtner“ hatten einen beträchtlichen Zehnten auf ihren Antheil erhalten; die Bedürfniſſe des Jahres ſchienen vollauf gedeckt; Aepfel, Birnen und Pflaumen beugten unter ihrer Laſt die dick⸗ ſten Baumäſte nieder, daß man ſtützen mußte. Der Segen des Herrn war über die armen Leute gekommen, was ihnen leider nicht alljährlich widerfuhr. Darauf mögen nun wohl jene Dorfkomödianten rechnen, die mit einem kkeinen Korbwagen, von zwei winzig kleinen Pferd⸗ — chen gezogen, bei dem Wirthshauſe im Oberdorfe ein⸗ kehren. Im Wagen ſtzt ein junges Weib, zwei Säug⸗ linge an der Bruſt. Ein kleiner Junge von etwa fünf Jahren lenkt mit ſtarker Fauſt die muntern Thiere. Der Wagen trägt eine Menge von wunderlichem Geräth, bunten Lappen, Stricken, Stangen, und obenauf ſchwebt eine große. Trommel. Neben dem Wagen geht ein baumlanger, wild⸗ausſehender Mann; mehrere Burſchen von verſchiedenem Alter, und ein ſchlankes, ſeltſam ſchö⸗ nes, wenn auch völlig braunes Mädchen, in jugendlicher Kraft und Fülle. Barfuß, nur mit einem dünnen Unter⸗ rock bekleidet, und einem bis an den Hals ſchließenden Hemdchen, beide blendend weiß, trägt ſte ſich voll natür⸗ licher Anmuth, zeigt bei jedem ihrer Schritte die herrlichſte Geſtalt und läßt ihr ſchwarzes Haar ſorglos flattern, den brennenden Blick umherwerfend, als ob Dorf und neben⸗ bei auch noch das ganze Land ihr gehörten. Es iſt Bär⸗ bel, des großen Samuel Schweſter. Das Weib mit den Zwillingen iſt Samuels Genoſſin. Die jungen Bur⸗ ſchen ſind eben da, kaum ſelbſt wiſſend, ob ſie in näherer Beziehung, als jene, welche Samuels Peitſche um ſie ſchlingt, zur Familie ſtehen. „Zigeuner ſind gekommen!“ rufen die Nachbarn des Wirthshauſes Einer dem Andern zu; denn häufig nennt man in Dörfern alle reiſenden Gaukler Zigeuner, auch wenn ſie aufrichtig⸗weiße, nur ungewaſchene Sprößlinge heimathlichen Bodens wären. Das Letztere konnte viel⸗ leicht von Samuels Weibe und den ſie begleitenden Jun⸗ gen gelten; er ſelbſt aber und noch mehr Bärbel gehörten —— 76— unzweifelhaft zum Stamme der indiſchen Aus⸗ und Ein⸗ wanderer, über deren Herkunft, Sein und Werden immer nooch ein nebelhafter Schleier hängt. Kaum angelangt, machten ſie auch ſchon von der großen Gaſtſtube Gebrauch, wie wenn Haus und Wirth⸗ ſchaft ihr Eigenthum wäre. Ihr kleines Theater war augenblicklich aufgeſchlagen in einer Ecke des weiten Raumes und diente ihnen für jetzt zur Küche, zum Schlafgemach, zur Kinderſtube,— zu was nicht noch? Die größeren Burſche hatten ſogleich ihre Angelſchnüre zur Hand, womit ſie ſich ohne Zögern auf den Weg machten, nach jenem tiefen, ſchmalen, blauen Bache, der eintauſend Schritte von Liebenau zwiſchen alten Erlen friedlich fließt; aus deſſen ſtillen Fluthen noch niemals ein Eingeborener auch nur die Gräte eines Fiſches zu holen verſuchte. Kaum jedoch hatten die böſen Buben ihren Köder fallen laſſen, ſo zappelte ſchon eine Beute um die andere. 4 Bärbel beſorgte die Roſſe, ſchirrte ſie aus und trieb ſie— mit ſicherer Hand einige Bretter der Umzäunung beſeitigend— auf eine ſchöne grüne Wieſe, die an den Hof des Wirthshauſes ſtößt. Es traf ſich aber ſo un⸗ glücklich, daß dieſe Wieſe eine herrſchaftliche und noch dazu die einzige„dreiſchürige““*), das Heujuwel des gan⸗ zen Beſitzthumes ſein mußte. Bärbel konnte das freilich nicht wiſſen. Doch nehm ich keinen Anſtand, zu beken⸗ *) Eine⸗Wieſe, auf der in einem Sommer zweimal Heu und ein⸗ mal„Grummet’ gedeiht, die alſo dreimal geſchoren wird.. 4 nen, ſie würde, wofern ſie es gewußt, auch nicht viel dar⸗ nach gefragt haben. Denn als die Wirthin in der hinte⸗ ren Hausthür ſtehend ängſtlich ausrief: Unglücksmädel, was thuſt Du? und da kommen der gnädige Herr von Liebenau eigenhändig angeritten!— Als Onkel Naſus auf ſeinem ſteifen Schecken, wenn auch nicht„eigenhän⸗ dig,“ doch wirklich perſönlich und lebendig und zwar im wildeſten Trabe, deſſen Scheck und er noch mächtig waren, herbeieilte, die furchtbarſten Flüche ſchon aus der Ferne vor ſich her ſendend!— Da trat Bärbel, als hätte ſie bei ſich erwogen:„ein Baron iſt ja eben auch nur ein Mann!“ dem Raſenden lächelnd entgegen, welchem, von dieſem Anblick geblendet, das Wort auf den Lippen erſtarb. Euer Gnaden, ſprach ſie, mit einem ausländiſch tönenden Accent, ich wollt' Euer Gnaden bitten, um Permiſſion als Grundobrigkeit, daß mir dürfet ſpielen heunt auf die Nacht; unſriges Papier ſein in Richtigkeit, wann wollen'S' anſchau'n? „Aber Schockſchwerenoth,“ ſchrie Naſus. denn das war das ſanſteſte, was die nur durch Bärbel's Schön⸗ heit und Ruhe zurückgedrängte Wuth ihn hervorbringen ließ!—„Was machen denn Eure Schindmähren auf meiner Wieſe?“ Freſſen thun's, Euer Gnaden, erwiederte Bärbel in unerſchütterlichem Gleichmuth. „Das ſeh' ich, Canaille,“ fuhr der Baron ſort, wobei er in ſeiner Art vollkommen ſanft und freundlich blieb; „das ſeh' ich, aber wer giebt ihnen das Recht? Meine ſchönſte Wieſe,— O mein Jeſus, Euer Gnaden, das Biſſel Wieſ'! Zweimal gemäht heuer, wachſt nur Grummet. Ver⸗ gunnen Euer Gnaden an meine Röſſel! Sein ſo klein wie Hundel; freſſen nit gar viel; nur Maulvoll. Schauen S' wie ausſchlagen und ſchreien: wie kleine Buben. Sein gar ſo luſtig! Naſus verſtummte. Mit dem Ausdruck dummen Erſtaunens ließ er einen lüſternen Blick über die weißen Gewänder des braunen Bärbels gleiten, und ſeiner Naſe Purpurgluth brannte feuriger wie je, als wollte ſie Kunde geben von der Flamme, ſo im weiland flotten Cavallerie⸗ Offizier aus grauem Aſchenhaufen emporzuckte. Bärbel ſah ſich ihres Sieges ſchon gewiß. Nur zu gut war ihr bewußt, welchen Eindruck ſie überall auf Jung und Alt— vorzüglich auf Alt!— hervorzubrin⸗ gen pflegte. Bitt' ich, Euer Gnaden, flüſterte ſie, damit die in der Hausthür neugierig harrende Wirthin es nicht hören möge, belieben ein Biſſel Kupfer zu haben, in Ihrigen Geſicht? Weiß ich gutes Mittel; kann ich vertreiben Kupfer mit Salbe, daß Euer Gnaden werden weiß und jung. Wann Euer Gnaden ſchaffen, kommt Bärbel auf G'ſchlos und ſtreich Pflaſter auf Geſicht. Der Baron ſchmunzelte. Ob er an die Salbe glaubte, wiſſen wir nicht. Aber ihn lachte der Gedanke eines Be⸗ ſuches an. 3 „Na, meinetwegen,“ ſprach er,„heute Abend, wenn Euer Narrenſpiel aus iſt, magſt Du kommen. Aber nicht auf's Schloß, denn meine Mäd..... ¹ hier unterbrach er ſich.—„Komme auf den Kirchhof, verſteh'ſt Du? Nach neun Uhr iſt's dunkel, da traut ſich kein Teufel ſonſt zwiſchen die Gräber. Mir iſt das gleich. Ich bin ein alter Held. Hörſt Du: nach neun Uhr— meinetwegen ſo ſpät Du willſt. Du fürchteſt Dich doch nicht?“ Warum fürchten, Euer Gnaden? Bärbel fürchtet ſich vor gar nix! „Alſo gewiß! Gegen zehn Uhr!!— Du.. Du brau⸗ ner Racker!“, Mit dieſem Liebkoſungsworte gab Naſus ſeinem Schecken die Sporen und ritt davon. Ueber die Wieſe und über Bärbels unberechtigte Näſcher war weiter nich mehr geredet worden. Die Schloßfräulein wunderten ſich ſehr, ihren Herru Vater während des Mittageſſens mehrfach lispeln z hören:„Brauner Racker!“ Wobei er ſich jedesmal blauen Lippen mit der Zunge beleckte, auch wenn er her nicht getrunken hatte. Achtes Kapitel. Anton war eben wieder zu ſeiner Arbeit gegangen; einige Bündel friſch eingeweichter Weidenruthen lagen vor ihm, und er flocht rüſtig, als er ſcharfe Trommel⸗ wirbel die Dorfgaſſe herab vernahm. Was iſt das, Alte? fragt er, ohne aufzuſtehen; fängt etwa der ſiebenjährige Krieg wieder an? „Was wird es ſein,“ ſagte Mutter Gokſch,„Dorf⸗ komödianten ſind es, die ihre Thorheiten ausſchreien!“ Dorfkomödianten!? Solange Anton denken konnte, hatten dergleichen ſich nach Liebenau niemals verirrt. Er erhob ſich vom Arbeits⸗Schemel, als wollt' er zum kleinen Fenſter treten,— ließ ſich aber ſogleich wieder zum Sitzen nieder. Was geht's mich an? ſprach er leiſe; ich mag ſie doch nicht ſehen. Das iſt nur für luſtige Leute, und mir iſt nicht luſtig zu Sinne. Jetzt verhallte die Trommel; eine helle Stimme wurde hörbar: 1 „Heute, zum Feierabend, mit obrigkeitlicher Bewil⸗ ligung, beim Wirthshauſe im Oberdorfe, wird die Schauſpieler⸗Truppe des großen Samuel aufführen zum allererſtenmale das Leben und unſchuldige Leiden der Prinzeſſin Genovefa; ein ſchönes auferbauliches Schauſtück; keine Puppen, lauter lebendige Menſchen. Der Anfang iſt um acht Uhr. Männer bezahlen einen Groſchen, Weiber einen halben, Kinder drei Pfennige, ganz kleine Kinder bringen ein Ei. Es wird Niemanden nicht gereuen, denn ſo was Schönes hat er noch niemalen geſehen und wird es nicht ſehen, ſolange das Dorf ſteht. Immer heran, ihr Leute, wem's nicht gefällt, kriegt ſein Geld retur!“ Der Ton dieſer Stimme kam Anton bekannt vor; er hatte ihn gehört und wußte doch nicht, von wem? Er trat an's Fenſter. Er ſah den Trommelſchläger, wie er gerade auf's Neue wirbelnd weiter zog. Möcht' ich doch ſchwören, ſprach er kopfſchüttelnd, das ſei der ſchwarze 0 Wolfgang? Doch wie käme der unter die Komödianten? Aber nun muß ich auf jeden Fall hingehen und zuſchauen. Und er ging.— Ich habe die Aufführung, von welcher hier die Rede iſt, auch geſehen. Ich, der Verfaſſer dieſes Buches, kannte die Truppe des großen Samuel recht gut. Ihr Repertoir beſtand aus zwei Stücken. Dieſelben Stoffe bildeten es, welche faſt ausſchließlich den Gegenſtand ähnlicher Darſtellungen auszumachen pflegten. Der erſte iſt der unerſchöpfliche Mythus vom keuſchen Jüng⸗ ling, in welchen jedoch bei dieſen rohen Verarbeitungen ſtets die ſündhafte Stiefmutter hinein ſpielt: halb bibli⸗ ſcher Joſeph, halb antike Phädra. Der König, oder Kaiſer, lebt in zweiter Ehe, mit einem jungen Weibe, welches vom alten Vater hinweg nach dem holden Sohne ſchielt. Dieſer, ein Gemiſch von Hippolyt und Jakobs tugendſamem Joſeph, weiſet ſie verſchmähend zurück, verwandelt ihre Neigung in Haß, erweckt ihre Rachſucht, wird von ihr verleumdet, angeklagt, durch den leicht⸗ gläubigen Vater in den Kerker geworfen, zum Tode ver⸗ urtheilt und natürlich gerettet, nicht durch Dazwiſchen⸗ kunft der„ſieben weiſen Meiſter,“ ſondern der luſtigen Perſon, die man zu jener Zeit, obwohl wahrſcheinlich hispaniſcher Abkunft, nicht Grazioſo, vielmehr ehrlich genug: Hannswurſt nannte. Nach den oberflächlichen Proben, die ich bisher von Bärbels Redeweiſe gab, wird man mir kaum glauben, wenn ich verſichere, daß ſie ſo⸗ wohl, als ihre nicht beſſer ſprechenden Kunſtgenoſſen dennoch einigen Eindruck auf mich gemacht haben durch Holtei, Vagabunden. I. 65 — 32— ihre Aufführung. Freilich war ich noch ſehr jung, hatte jedoch ſchon manches Große und Erhabene geſehen auf den Brettern der Hauptſtadt und ſchäme mich nicht, zu bekennen, daß ich trotz dem ergriffen wurde, von etlichen Auftritten jener Dorfkomödie. Der zweite Gegenſtand, dem man faſt noch häufiger begegnete, durch den auch unſer Anton in die Zauber⸗ welt dramatiſcher Poeſie eingeführt werden ſoll, war die ſtets wiederkehrende Geſchichte der heil. Genovefa, bis⸗ weilen untermengt mit einigen Zügen und Andeutungen aus der getreuen Briſeldis(ſiehe das Volksbuch vom Markgrafen Walthern!); ſpäterem Geſchlechte durch Halm's Griſeldis in die Herzen gerufen. Das edle, duldende, vom Gatten verſtoßene, endlich durch den Lohn ihrer Tugend ſelige Weib. Die Rollenbeſetzung bei der Wanderbühne in Lie⸗ benau war nicht ſo übel. Der große Samuel gab einen ſtolzen Siegfried; Schweſter Bärbel eine ſchöne, wenn auch keinesweges heilige Genovefa; doch wußte ſie gar trefflich die Mienen der Unſchuld nachzuahmen, wobei nur zu erforſchen bliebe, wen um Alles in der Welt aus dem Kreiſe ihrer Bekanntſchaft ſie ſich dabei zum Vor⸗ bilde hätte nehmen können? Wenn Erfahrung nicht lehrte, daß ein Naturtalent häufig keines Vorbildes be⸗ darf. Genovefa's Zofe und Vertraute wurde durch die Schwägerin, Schmerzensreich durch den kleinen, Roſſe⸗ lenkenden Neffen gegeben. Vom Darſteller des verräthe⸗ riſchen Golo werden wir ſpäterhin zu ſagen haben, wol⸗ len jedoch hier nicht unbemerkt laſſen, daß die Mitſpie⸗ lenden(wahrſcheinlich Freunde der deutſchen Karte?) ihn Solo zu nennen beliebten. An Rittern und Knappen lieferten die jüngeren Landſtreicher genügenden Vorrath; ſie verwandelten ſich aus halbnackten Raub⸗Fiſchern gar leicht in wackere Kämpen, mit Hülfe einiger buntgefärb⸗ ten Federn und Pferdeſchwänze, auf glanzlederne Kappen geſteckt. Für die Hirſchkuh, die nicht fehlen durfte, war man genöthiget geweſen, einen Dilettanten aufzuſuchen, weil die zur Bande gehörige gelb⸗braune Vorſteh⸗Hündin, welche bisher mit Glück und Geſchick dieſer wichtigen Rolle vorgeſtanden, geſtern auf der Reiſe, von unbeſieg⸗ barer Jagdluſt verlockt, einem ſtrengen Revierjäger zum blutigen Opfer gefallen. Die„umſichtige Direction“ hatte in dem an Jahren weit vorgerückten, halb erblin⸗ deten Dachsſchliefer des Gaſtwirthes Naturell und ruhige Beſonnenheit zur Genüge gefunden, um ihn mit dieſem Part zu belehnen. Das Stirnband, auf welchem zwei kleine Rehgeweihe prangten,— ſeltſamer zwiefacher Wi⸗ derſpruch in den Augen jagdgerechter Kenner!— und wo⸗ durch man die Hirſchkuh zu bezeichnen gedachte, wurde dem armen alten Waldmann ſo feſt um ſein ehrwürdiges Haupt nebſt dazu gehöriger Kehle geſchnürt, daß es ihn faſt erſtickte, und daß ſein Auftreten—(der kleine Schmer⸗ zensreich half ihm durch einen Strick, woran er ihn hin⸗ ter ſich her zerrte, über das erſte Couliſſen⸗ und Lampen⸗ Fieber hinweg)— in fortdauerndem Würgen und ſich Sträuben beſtand, was verſchiedene einſichtsvolle Beur⸗ theiler im jugendlich⸗ländlichen, ſtrumpfloſen Publico für 6* 1 “ 6. — 4— Kunſtaufwand zu nehmen geneigt ſchienen. In der gro⸗ ßen Verſöhnungsſcene, wo Siegfried Genovefen reuig in die Arme ſchließet, als Schmerzensreich, auch in das er⸗ neuerte elterliche Bündniß mit aufgenommen, nicht mehr Muße fand, ſeine vierbeinige männliche Amme zu über⸗ wachen, gelang es dieſer, das heißt dem halbtodten Wald⸗ mann, ſeinen ihn ſchwerer als manche Krone drückenden Hörnerſchmuck abzuſtreifen. Er feierte ſolchen Triumph der Freiheit augenblicks durch eine Stellung, wie freie Hundedieſelbe allerdings häufig einzunehmen pflegen, wie man ſie aber bei offener Scene nicht zu ſehen gewöhnt iſt. Er vergaß— was ſo manchem Künſtler geſchieht— den Charakter ſeiner Rolle als Hirſchkuh und fiel gänzlich in den Hund zurück. Die Thränen, welche dem rührenden Schauſpiele zu Ehren aus den Augen reichlich verſammelter Zuſchauer ſtrömten, würden durch Waldmanns Beitrag zum Enſemble wahrſcheinlich gehemmt worden ſein, wenn nicht Samuel⸗Siegfried ſo viel Faſſung gewonnen hätte, ſeinen pfälzgräflichen linken Fuß aus der Gruppe, in die er ſammt Gattin und Kind verſchlungen ſtand, momen⸗ tan zu löſen und den rückſichtsloſen Improviſator in dieſelbe Couliſſe, die dieſer eben entweihete, tief hinein zu ſchleudern. Der Effect des Drama's war gerettet,— aber Waldmann hatte ausgerungen; ſein erſter Auftritt auf die Bühne war ſein letzter für's Leben geworden. Der Gaſtwirth machte nicht viel Aufhebens davon; denn, meinte er, ich hätt ihn ja doch todtſchlagen laſſen müſſen; er war ſchon zu„infallied. Das Schauſpiel hatte eine gute Stunde gedauert; — nicht länger. Möchten ſich manche Bühnendichter an ſolch' gediegener Kürze ein Beiſpiel nehmen. Die Landleute zerſtreuten ſich bald. Bier und Schnaps hatten ſie ſchon während der Darſtellung ge⸗ noſſen, nicht minder ihr Pfeifchen geraucht; ganz wie man es jetzt, zu Zeiten unſerer geiſtigen Fortſchritte in großſtädtiſchen Sommertheatern zu thun liebt. Am näch⸗ ſten Morgen hieß es zeitig aufſtehen! Sie gingen alſo gleichgültig von dannen. Hier und da hörte man eine weibliche Stimme ausrufen: wunderſchön haben ſie's gemacht! Damit war Alles geſagt und vergeſſen. Aber Anton!? Zwar hatten ſich unter den mancherlei„Leſebüchern,“ die er vom Schloſſe dargeliehen erhalten, auch bisweilen ältere Schauſpiele befunden. Dieſe waren von ihm mit lebhafter Theixlnahme durchflogen worden. Auch war ſeiner ſtets aufmerkſamen Wißbegier der Unterſchied zwi⸗ ſchen Erzählung und Drama aufgefallen, und die feſ⸗ ſelnde Handlung einiger Stücke hatte ihn beängſtigend ergriffen. Niemals jedoch war ihm der Gedanke klar zum Bewußtſein gekommen, daß derlei Werke in der Ab⸗ ſicht geſchrieben würden, von Menſchen leibhaftig verſinn⸗ licht zu werden. Nun trat ihm eine ſolche allerdings ver⸗ ſtümmelte, in erbärmlicher Sprache abgefaßte und eben⸗ ſo unrichtig vorgetragene, nichts deſto weniger in ihrer ewig poetiſchen Grundlage unverwüſtliche Dichtung vor's leibliche Auge, nahm Form und Geſtaltung vor ihm an und ließ ihn in raſchem Fortgange des beibehaltenen, urſprünglich meiſterhaften Scenenbaues den theilweiſ Größer! Schöner! Und gebildete Spieler darauf! Dort . — 86— albernen, faſt gemeinen Dialog vergeſſen, deſſen Mangel⸗ haftigkeit ihm ſonſt gewiß nicht entgangen ſein würde. Dazu bewegte ſich Bärbel wirklich ſchön und edel, ſah be⸗ zaubernd aus, ſo daß ſie in ihm, neben ſchuldigem Mit⸗ leid für ein grauſam verſtoßenes Weib, nicht minder Ge⸗ fühle ganz entgegengeſetzter Gattung erweckte, von denen er zwar nicht verſtand, ſich Rechenſchaft abzulegen, die aber mit jenen des verbrecheriſchen Golo ein wenig har⸗ monirten. Und dieſer Golo! Kein Zweifel mehr: es war der Aus⸗ rufer mit der Trommel ,war der Herold der Komödian⸗ ten, war der ſchwarze Wolfgang im abentheuerlichſten Putze, welcher ihn ſehr gut kleidete. Wolfgang, der Vagabund nachbarlicher Kirchſpiele, iſt unter die Schauſpieler gegangen!?— Wie war er darauf gerathen, wie dazu gelangt? Wie hatt er erreicht, binnen kaum zwei Monaten ſo viel Uebung zu gewinnen, daß er neben Samuel und Bärbel ſich leidlich ausnahm? Und was bedeutete überhaupt das Leben und Treiben dieſer Menſchen? Ihr Umherziehen von Dorf zu Dorf? Ihr ganzes Gewerbe? Was wollten, was ſollten ſie in der Welt? Welchen Nutzen ſchafften ſie? Gab es viele ſolche Leute? Gab es ihrer auch in Städten; in Städten, von denen er ſo vielerlei geleſen und gehört, deren keine er geſehen? Ei ja wohl, denn Puſchel und Rubs erwähn⸗ ten bisweilen des„Theaters,“ hatten es, wie Anton ſich zu erinnern meinte, ſogar einmal beſucht. Alſo das war das Theater? Aber in der Stadt mußte es anders ſein! — — 87— würde Wolfgang nicht beſtehen, ſammt all' ſeiner Keck⸗ heit! Wolfgang, derſelbe ſchwarze Wolfgang, der ſich in Branntwein zu Tode ſau—— Gerade ſo weit war Anton mit ſeinen raſch aufeinan⸗ derfolgenden, ſich gleichſam überſtürzenden Gedanken ge⸗ diehen, als der nämliche Wolfgang, dem letztere gegolten, hinter einem mit verblichnem Baumſchlag bekleckſten Lein⸗ wandflügel hervortrat, noch in die bettelhafte Pracht des Dorfkomödianten gehüllt, worin er ſich allzuſehr gefiel, um ſie für's Erſte abzulegen. Anton wurde durch dies unerwartete Erſcheinen aus tiefem Sinnen aufgeweckt und der Wirklichkeit wieder⸗ gegeben, wo er denn ſtaunend bemerkte, daß er— die hinter dem Vorhang befindlichen, mit Einpacken beſchäf⸗ tigten Schauſpieler abgerechnet— der Einzige im öden, düſtern Gaſtgemach geblieben ſei. Sogar Wirth und Wirthin hatten das Haus verlaſſen, um den abgeſchiede⸗ nen„Waldmann“ anſtändig unter die Erde zu bringen. Wolfgang trat raſchen Schrittes in den leeren Raum, als ob er Jemand ſuche? Und ſowie er den in der entge⸗ gengeſetzten dunklen Ecke ſtehenden Anton erkannt, ſprach er ihn barſch mit den Worten an: Was willſt Du noch hier? Auf wen warteſt Du? Dieſe Anrede, wie ſie faſt feindſelig klang und deshalb durchaus nicht zu den freundlichen Worten ſtimmte, welche Wolfgang im Fuchswinkel mit ihm gewechſelt, entſetzten Anton dermaßen, daß der Schreck ihm Faſſung verlieh, was bei milden und nachgiebigen, innerlich doch ſtarken Naturen häuſig geſchieht; ſo, daß er kaltblütig zu erwiedern 8 2 3 ¹ 4 — — 88— vermochte:„nur auf Dich. Ueberzeugen wollt ich mich, ob Du das wirklich biſt, der heute—“ 3 Na, nun haſt Du Dich überzeugt, unterbrach ihn Wolfgang; nun geh' Deiner Wege. „Was haſt Du denn im Sinne, Menſch,“ fragte Anton, zum Gehen ſchon gewendet,„daß Du ſo wild und grob gegen mich biſt? Was hab' ich Dir denn in den Weg gelegt? Oder biſt Du ſtolz geworden, ſeitdem Du das Komödienhandwerk treibſt?“ Verhöhne mich nicht, Korbmacherjunge, ſchrie Jener. Meinſt Du, ich hätte nicht bemerkt, wie ſie den ganzen Abend nach Dir ſchaute? Du gefällſt ihr, das weiß ich. Sie iſt ein leichtſinniges Weibſtück. Aber ſolange ich noch da bin, kommt ihr kein Anderer nahe; ſonſt gilts ein Leben. Wenn mich der Teufel geholt hat, macht, was ihr wollt; eher nicht. Und jetzt drücke Dich! Sie ſoll Dich nicht mehr ſehen! Damit ſchob er den verblüfften Anton hinaus. Dieſer wußte ſelbſt nicht, wie ihm geſchehen? Er blieb draußen im Freien, mit offenem Munde, völlig erſtarrt, einige Minuten lang mitten auf dem Fahrwege ſtehen, um ſich nur erſt wieder zu ſammeln. Die Nacht war undurchdringlich finſter, die Sterne in Wolken ver⸗ hüllt; die Landleute hatten ſich längſt verloren. Tiefes Schweigen rings umher, nur von Anton's bewegter Stimme unterbrochen:„Alſo iſt der ſchwarze Wolf wirklich ein Hexenmeiſter, daß er weiß, was mit mir vor⸗ gegangen, während ich die Genovefa geſehen habe? Daß er Kenntniß hat von den fündhaften Gefühlen, die in 82 — 89— mir wach wurden? Er muß mich beſſer kennen, wie ich mi ſſelber. Denn ich weiß durchaus nicht, was mit mir„vorgeht? Ich weiß doch, daß ich Ottilie noch immer uylveränderlich liebe, und wenn ich an ſie gedenke, iſt mir war wehe, weil ſie mich verachten will, aber es iſt mir 51 doch auch wohl dabei; wahrſcheinlich weil ich in dieſer Liebe emporwuchs. Gedenk ich aber an die Schauſpie⸗ lerin, ſo wird mir gleich ganz anders, ganz bang' und angſtvoll, es hammert und pocht mir im Herzen, wie wenn ich zerſpringen ſollte? Was iſt denn das? Lieb' ich denn auch die Genovefa? Und giebt's denn zweierlei Arten von Liebe? Und kann man denn zwei Frauenzim⸗ mer auf einmal lieben? In den Büchern lieben ſie doch immer nur Eine, und die nennen ſie ihre Einzige! Sie hat mich betrachtet, ſpricht der Wolfgang; ich gefalle ihr? Er iſt eiferſüchtig auf mich; deshalb iſt er mein Feind worden, der ſonſt mein Freund ſein wollte. Umbringen will er mich, ſobald ich ihr nahe komme!? 4 Alſo, er iſt ihr Liebhaber. Darum iſt er unter die Komö⸗ dianten gegangen?— Wie glücklich muß er nicht ſein, weil er immer bei ihr iſt; weil ſie immer zärtlich gegen ihn—— dennoch ſchilt er ſie, nennt ſie ein leichtſinni⸗ ges Weibſtück? Wenn er weiß, daß ſie das iſt, warum iſt er dann ihr Liebſter? Kann man ſchlechte Weiber auch lieb haben?? Ach, ich weiß ja vom lieben, langen Tage Nichts; ich bin doch ein erbärmlich dummer Dorf⸗ teufel.— Jetzt, denk ich⸗ wär' es an der Zeit, heimzu⸗ ſchleichen. Die Großmutter ängſtiget ſich, daß ich zu Schaden gekommen.— Wenn ſie nur ſchon ſchliefet 5 Denn ſäße ſie etwa noch bei'm Lämpchen an der Arbeit und ſähe mir in's Angeſicht,— ich verginge vor Sccham und Schande. Nein, ich will mich gleich in's Bette ver⸗ graben und Alles verſchlafen, wie einen verrückte en Traum!“ Mit dieſem redlichen Entſchluſſe trat unſer Freund den Rückzug an. Kaum hundert Schritt im Finſtern weiter gedrungen, vernahm er Tritte, Flüſtern, unter⸗ brochenes Lachen hinter ſich her. Wie von banger Ahnung gewarnt, ſchlüpft' er hinter einen dicken Wei⸗ denſtamm, der ihn ſchützend barg, als dicht bei ihm vier glühende Augen vorüberleuchteten. Von den Geſtalten der beiden Perſonen, denen dieſe Augen zugehörten, konnte er kaum einen Umriß ausnehmen; doch hörte er, was ſie ſprachen, und verſtand deutlich die Worte:„Kirch⸗ hof,— der alte Baron,— Pflaſter!“ . Daß es Golo mit Genovefa geweſen, die auf eine nächtliche Fahrt auszogen, darüber blieb ihm kein Zwei⸗ fel. Hätt' er ſich in ſeiner Seele frei und rein gewußt, würde wohl auch eine Beſorgniß, es könne ſeinem„Erb⸗, Grund⸗ und Gerichts⸗Herrn“ etwas Uebles zugedacht ſein, ihn angetrieben haben, dem leichten Pärchen zu ſol⸗ gen? Furcht war es nicht, was ihn zurück hielt. Weil er ſich aber nicht verhehlen mochte, daß in den Eindruck, den des braunen Mädchens bedenkliche Schönheit auf ihn gemacht, ſich neidiſche Bitterkeit gegen den ſchwarzen Wolfgang miſche, ſo fand er ſich nicht berufen, zwiſchen ſie und ihre Abentheuer zu treten. Er eilte vielmehr nach dem großmütterlichen Häuschen, ſo raſch die dunkle 4 — 91— Nacht geſtatten wollte, dankte Gott, daß er die Alte ſchla⸗ fend fand, kroch unter ſeine Decke, betete das kurze viel⸗ ſagende Gebet, welches er aus der Kindheit fromm be⸗ wahrt, und bracht' es wirklich zu einem geſunden ſtärken⸗ den Schlummer, aus dem erſt die Großmutter ihn zur Morgenſuppe emporſchütteln mußte. Außer dieſer ge⸗ wöhnlichen Suppe brachte diesmal der Morgen zwei ungewöhnliche Neuigkeiten, die von einer Hausthür, von einer Obſtgarten⸗Umzäunung zur anderen aus geſprä⸗ chiger Nachbarinnen Mund eiligſt durch Liebenau wan⸗ derten und ſo auch die Ohren der Mutter Golſch erreicht hatten, von welcher ſie dem ſtaunenden Anton mit ſeinem Frühſtück zugleich aufgetiſcht wurden. Die erſte meldete, daß der große Samuel zuſammt der ganzen Bande bereits vor Sonnenaufgang Liebenau verlaſſen habe, und daß folglich jene für heut' Abend an⸗ gekündigte Aufführung des„keuſchen Stiefſohnes“ zwei⸗ felsohne unterbleiben müſſe. Die zweite, ungleich wichtiger, faſt räthſelhaft, lau⸗ tete folgendermaßen: Seine reichsfreiherrliche Gnaden, Baron von Kannabich auf Liebenau, habe geſtern Abend in einer Anwandlung von tiefem Schmerze und liebe⸗ voller Erinnerung an ſeine unvergeßliche Frau Gemah⸗ lin auf einmal das Bedürfniß empfunden, in eigener Perſon an ihrer Gruft einige höchſteigene Zähren zu ver⸗ gießen; habe ſich demzufolge nach reichlich genoſſenem Nacht⸗ und Schlaf⸗Trunk auf den Kirchhof begeben, jedoch ohne Fackeln; habe vielmehr jede Begleitung ent⸗ ſchieden unterſagt, um durch Nichts in ſeiner Rührung 8 —— ———— — 92— geſtört zu werden. Eine Viertelſtunde ſpäter, nachdem er dem Kirchhofe zugewandelt, ſei aus ſchwarzer Nacht eine Art von Hilfegeſchrei und Jammergebrüll erklun⸗ gen, welches ſogar die Hof⸗ und Dorfwächter ſehr übel im erſten Schlafe unterbrochen. Bald jedoch, als man im Schloſſe einige Anſtalt getroffen, mit Laternen zum Rechten zu ſehen, ſei der gnädige Herr höchſt ungnädig und verſtört zurückgekommen, mit der Verſicherung, daß es gefährlich ſpuke, und daß ihm ſogar ein Geiſt erſchie⸗ nen. Das Hofgeſinde war voller Angſt und Schrecken auseinander geſtoben. Die Leute vom Schloſſe aber hatten—(unter dem Siegel der Verſchwiegenheit, wel⸗ ches die Frau Schulmeiſterin nur ihren Vertrauteſten löſete)— letzterer mitgetheilt, ihr Baron habe vom Kirchhofe ein kohlpechbrandrabenſchwarzes Pechpflaſter heimgebracht, und ſolches ſitze ſo zauberhaft feſt auf ſei⸗ ner berühmten Naſe, daß es ſeit Mitternacht bis Dato den vereinten Beſtrebungen der beiden Baroneſſen Linz und Miez noch nicht gelungen, die väterliche Naſe zu befreien. Auch befürchte das ganze Schloß, dieſes ſchändliche Pflaſter, wahrſcheinlich aus noch ſchlimmeren Beſtandtheilen als einfaches Pech zuſammengeſetzt, werde nur dann weichen, wenn Onkel Naſus darein willige, ſämmtliche darunter befindliche Haut mit in den Kauf zu geben. Als Linz und Miez dieſen Antrag ihm in töch⸗ terlicher Zärtlichkeit ſtellten, wurd' er höchſt aufgebracht, nannte ſie Raben⸗Aeſer von Kindern und erklärte auf Ehrenwort, lieber wolle er Zeitlebens ſeinen„Geſichts Erker”“ mit Trauer⸗Tuch ausgetapeziert tragen, als ſich ſchinden und abhäuten laſſen, wie ein geſchoſſenes Waſ⸗ ſerhuhn; und ſie möchten ſich zum Henker ſcheeren, wenn ſie nicht ſeine Hetzpeitſche zu ſchmecken Appetit hätten. Auf Erklärungen über Geiſterſpuk und wie das Pflaſter damit zuſammenhänge, ließ er ſich weiter nicht ein. Anton malte, während er langſam einen Löffel Suppe nach dem anderen und mit jedem zugleich einige Brocken dieſer heiter'n Morgenmähr ſchlürfte, ein ziemlich klares Bild in ſeinem Geiſte aus, von den Vorfällen, die allen übrigen Dorfbewohnern wie Zauberkunde klangen. Die raſche Abreiſe der Samueliſchen Truppe beſtätigte ihm auf's neue ſeinen geſtern gefaßten, ſchier ſchon wieder verſchlafenen Argwohn, daß Genovefa und Golo darauf ausgezogen ſeien, Onkel Naſus zu ſchädigen. Er hütete ſich aber wohlweislich, die Großmutter in ſeine Malereien blicken zu laſſen, begnügte ſich, mehrfach den Kopf zu ſchütteln, und verſuchte alles Ernſtes, an die gefährliche Schöne gar nicht mehr zu denken. Was Onkel Naſus betrifft, ſo hat erſt einige Tage nachher ein aus der Nachbarſchaft herbeigeholter Wund⸗ arzt mit Beihilfe warmen Oeles das häßliche Pflaſter, wenn auch nicht ſchmerzlos, doch am Ende glücklich dem Patienten abgeſtreift, ohne daß der leidende Theil etwas Anderes dadurch eingebüßt hätte. Wenn wir nicht weni⸗ ger borſtenartiger Haare Erwähnung thun wollen, die auf dem rothen Grunde gediehen waren. Onkel Naſus wurde wieder, der er geweſen. Doch beobachtete er ausdauernd ein brummiges Schweigen — 5 8 * über den ganzen Vorfall, duldete auch nicht, daß ſeine Umgebungen deſſelben gedachten. Seine Töchter hörten ihn wohl noch in Augenblicken, wo er ſich unbelauſcht wähnte, die geheimnißvollen Worte:„Brauner Racker!“ wiederholen, doch mit unver⸗ kennbar anderem Ausdruck, als die erſten Male, wo er ſie mehr zärtlich gelispelt. Neuntes Kapitel. Der Erndtekranz ſollte gebracht werden. Onkel Na⸗ ſus hatte den nächſten Sonntag für dieſe Feierlichkeit beſtimmt und weitere Anſtalten dazu getroffen, als er ſeit verſchiedenen Jahrgängen nöthig befunden. Linz und Miez empfingen ſtrengen Befehl, mehrere Tänzerinnen aus der Nachbarſchaft einzuladen, was große Schwie⸗ rigkeiten fand, weil, wie ſchon oben erwähnt, der Um⸗ gang mit allen Gutsbeſitzerfamilien eingeſchlafen war. 3 Man mußte folglich zu Paſtor⸗Töchtern, jungen Ver⸗ waltersfrauen, Schullehrer⸗Nichten und ſogar zu Schwe⸗ ſtern des eigenen Förſters Zuflucht nehmen, um ein Dutzend rothwangiger, vollblütiger, feſtzuſammenge⸗ ſchnürter, in ſchreiende Farben geſchmacklos gekleideter Balltänzerinnen aufzutreiben. Auf dieſe Weiſe leiſteten des Baron's„Mädel's“ dem väterlichen Mandat Folge und ſtellten ihr Contingent. Nicht ſo glücklich war Papa geweſen mit Lieferung der Herren Tänzer, die er auszu⸗ ſchreiben ſich ſelbſt vorbehalten, und durch deren Erſchei⸗ nung die Seinigen überraſcht werden ſollten. Nachdem vielerlei Verſuche völlig mißlungen, ſandte er an Puſchel und Rubs Aufträge:„ſtädtiſche Genoſſen und Schul⸗ freunde, wo möglich ein paar junge Herren in zweierlei Tuch“(das heißt: Offiziere) mitzubringen. An unglücklichere Agenten konnte der Baron ſich kaum wenden. Dieſe beiden armen Jungen, die oft wochenlang von dem großen groben Brote zehren muß⸗ ten, welches ihnen der väterliche, mutterloſe Backofen— doch auch nur durch Gelegenheit— lieferte; die kein Ta⸗ ſchengeld oder doch ſehr wenig erhielten; die kein Ver⸗ gnügen, wofür man Geld zahlt, mit Andern genießen konnten;— wo ſollten ſie Bekanntſchaften hernehmen, für die Zwecke des Onkel Naſus paſſend? Und dennoch thaten ſie etwas in ihrer Art Großes und Erhabenes: Sie hatten nach glücklicher Beſtehung ihres Examens für die hohe Schule, welches mit der durch den Paſtor ihnen zugeſtellten freiherrlichen Tanz⸗ und Erndtekranz⸗Ordre zuſammentraf, die geniale Idee gefaßt und ausgeführt, ihre Mitdulder und Mitſieger im Examen, acht an der Zahl— ihrer elf waren ſie im Ganzen geweſen— zum Liebenauer Erndtekranz und Ball champétre, im Namen Seiner reichsfreiherrlichen Gnaden des Baron Kanna⸗ bich feierlich einzuladen; eine Einladung, die mit allge⸗ meinem, aus Erſtaunen ſich nach und nach entwickeln⸗ dem Jubel auf⸗ und angenommen wurde. Um dem Vorwurfe zu entgehen, daß ich mein Ein⸗ mal⸗Eins vergeſſen, rüge ich auf friſcher That einen ſchein⸗ baren Rechnungsfehler in vorſtehenden Zeilen. Rubs — 96— und Puſchel ſind ihrer ein Paar, oder in Ziffern ausge⸗ drückt 2. Die Einladung haben ſie an S gerichtet. 8 zu 2 macht 10. Folglich könnten nicht elf Abiturienten Theilnehmer des Examens geweſen ſein? Und dennoch habe ich ausdrücklich elf geſchrieben? Iſt das Unacht⸗ ſamkeit? Zerſtreuung? Nein, fürwahr, das iſt es nicht. Lerne mich beſſer kennen, aufmerkſame, an Deinen ſchönen Fingern nach⸗ zählende und nachrechnende Leſerin; es iſt, was man in der kritiſchen Sprache einen feinen Zug, eine verborgene Schönheit, eine ſinnige Nüance nennt. Vorbereiten wollt' ich dadurch, daß unſere Paſtorſöhne allerdings neun Mitbewerber bei der Prüfung pro maturitate zähl⸗ ten, daß ſie aber nur acht derſelben einzuladen,— weil ſie ſich an den neunten, als einen durchaus Excluſiven, gar nicht wagten. Es war dies der Sohn des reichen Geſchäftsmannes Herrn van der Helfft, ein Jüngling, der fleißig, ernſt, für ſeine Jugend überreif an männlicher Würde, in eleganteſter Kleidung, ſich ſtets vom Umgang aller Mitſchüler fern gehalten und, ohne durch Unfreund⸗ lichkeit im Allgemeinen zu beleidigen, doch im Einzelnen jede vertrauliche Annäherung von ſich gewieſen hatte. Er war die Perle in der Krone guter, muſterhafter Schüler, das Vorbild der oberſten Klaſſe, der Inbegriff reiner, feiner Sitten, der Stolz ſeines ſtolzen, überreichen Va⸗ ters. Alle Lehrer des Gymnaſiums vereinten ſich bei jeglicher Conferenz zum Preiſe des jungen van der Helfft und überſtimmten die jedesmal wiederkehrende Aeuße⸗ rung eines alten, ziemlich untergeordneten Schulcollegen, — 97— der Nichts mehr docirte, als ein Bißchen Naturwiſſen⸗ ſchaft und Phyſik, der gewiſſermaßen nur das Gnaden⸗ brot als Lehrer genoß, der jedoch ein eigenthümlich⸗humo⸗ riſtiſcher Kauz war. Dieſer pflegte jede Lob⸗ und Preis⸗ Hymne, welche der Chor der Profeſſoren auf den jungen van der Helfft anſtimmte, mit den Worten zu ſchließen: wenn er nur ein einziges Mal einen dummen Streich machen möchte! Als nun der Director der gelehrten Schule, ärgerlich über ſolch' unlehrerhaftes Begehren, endlich fragte: was denn, Herr Collega, meinen Sie eigentlich mit dieſem ſeltſamen Wunſche? Da brach der kleine Graukopf aus und rief ganz heftig: was ich meine, Herr Rector? Ich meine, daß eine ſolche tugendhafte Weisheit, ſolche Sittſamkeit und Würde, ſolch' untadeli⸗ ger Fleiß an einem ſiebzehnjährigen Burſchen unnatür⸗ lich ſind; daß aus ſolchen jungen, glatten Schulmuſtern und Zierpuppen niemals etwas wird; daß Jugend ihr Recht verlangt. Wundern thut mich dabei nur der Alte, der ſeinem Namen nach holländiſcher Abkunft ſcheint und folglich auch das holländiſche Sprichwort kennen ſollte, nach welchem der Vater einer Tochter, wenn der Vater eines Sohnes um deren Hand fürtletzteren wirbt, zu fra⸗ gen pflegt:„Hat Ihr Herr Sohn aber auch ſchon aus⸗ getobt?“ Bequemer für die Lehrer iſt gewiß, wenn die Jungen den Anfang des nothwendigen und naturgemä⸗ ßen Austobens weiter hinausſchieben; doch beſſer für die Jungen iſt es, wenn ſie bei Zeiten anfangen. Ich bleibe bei meiner Anſicht. Hätte Herr van der Helfft nur ein Holtei, Vagabunden. I. 7 paar Mal im Carcer geſeſſen, ich würde weit mehr Reſpect vor ihm hegen. Dixi et salvavi. Rector und Schulcollegium belächelten des alten Her⸗ ren komiſchen Erguß und zuckten mitleidsvoll die Achſeln, als wollten ſie ſagen: er iſt reif zur Quiescirung! Daß an einen ſolchen Vogel Phönix Puſchel und Rubs mit ihrer Erndtekranz⸗Einladung ſich nicht wagten, wird man begreiflich finden. Deſto überraſchender wirkte nun ſein Benehmen auf die zehn tanzluſtigen Abiturienten. Er, Theodor van der Helfft, der im Laufe der Schulzeit mit keinem ſeiner Commilitonen etwas Anderes als das unumgänglich Nothwendige geredet, der jetzt Nummer Eins mit Auszeichnung auf dem Zeugniß ſeiner Reife prangen ſah, während die zehn Anderen eine beſcheidene Zwei davon getragen; er wendete ſich zu ihnen und ſchlug ihnen vor, auf der Fahrt nach Liebenau— wohin auch er ſammt ſeinem Vater zum Erndtefeſt geladen, von jenem aber allein zu reiſen angewieſen worden— ſeine, Theo⸗ dors, Gäſte zu ſein. Unſer großer Stuhlwagen, fügte er hinzu, läßt ſich durch zwei einzuhängende Bänke ſehr leicht in einen zehnſitzigen verwandeln, und ich werde, auf dem Kutſchbock Platz nehmend, die Pferde lenken; mit unſeren vier Rappen kommen wir ſchneller nach Liebenau, als mit einem Lohnkutſcher. Zehn dumme Geſichter, unter denen die beiden Puſchel und Rubs angehörigen wahrſcheinlich die dümmſten waren, bejaheten durch erſtauntes Schweigen dieſen glän⸗ zenden Antrag, zu deſſen Vollführung Theodor die ſiebente Morgenſtunde des in Rede ſtehenden Sonntags — 99— und als Sammelplatz das Haus ſeines Vaters angab, als in welchem man ſich durch ein reichliches Frühſtück zu den Anſtrengungen der Reiſe, wie des ländlichen Feſtes vorbereiten und kräftigen wolle. Die Sache verhielt ſich aber ganz einfach ſo. Herr van der Helfft sen. trieb neben ſeinem Großhandel auch —(freilich ſehr im Stillenl)— ein kleines Händelchen, mit Hypotheken nämlich, auf Häuſer oder Landgüter ein⸗ getragen. Wo ein Grundbeſttzer einige Male mit ſeinen Zinſen im Reſt geblieben, waren wie Raben, die ein Aas wittern, die Mäkler des großen Mannes da, um auszu⸗ ſtöbern, wie es mit dem unſicheren Zahler ſtehe? Lauteten die Berichte— in ihrem Sinne— günſtig, dann wußten ſie durch allerlei hingeworfene Andeutungen die auf ihre Zinſen harrenden Eigenthümer jener Grundverſchreibun⸗ gen ängſtlich zu machen und erkauften dann dergleichen Papiere, die übrigens auf den Fall eines Bankerottes Sicherheit gewähren mußten, mit unzweifelhaftem Vor⸗ theil für ihren Herrn und Meiſter. So war Timotheus van der Helfft in den Beſitz einer gerichtlich eingetra⸗ genen, auf Liebenau lautenden Schuldverſchreibung von 30,000 Thalern à 4½ Procent gelangt, welche letztere Onkel Naſus ſeit drei halben Jahren ignorirt hatte. Herr van der Helfft hatte bisher nur mäßig erinnert, mit Kla⸗ gen nur gedroht, Subhaſtation nur wie ein Schreckbild aus der Ferne gezeigt, offenbar in der menſchenfreund⸗ lichen Abſicht, ſeinen Gläubiger immer ſicherer ſinken zu laſſen, um dann die Herrſchaft, deren noch immer bedeu⸗ tender Waldbeſtand ihn lockte, ohne lange Umſchweife in 7* — 100— ſeine Hände zu bekommen. Der Baron, ſchlau genug, 3 ſo etwas zu ahnen, wollte den Kaufherrn an Ort und Stelle haben, um ihn durch den Anblick alter Stämme lüſtern zu machen, damit vielleicht ein Verkauf aus freier Hand ihn vor der Krida ſchütze und ſo viel abwerfe, noch ein kleines Capitälchen über Seite zu bringen. Deshalb hatte er den Städter dringend eingeladen. Der Städter aber, ſchlauer als ſchlau, begriff die Abſicht des Dörfners und beſchloß, ſich durch den Sohn vertreten zu laſſen, der 6 unbefangen auftreten, dabei über Manches Aufſchluß erhalten und dann Bericht erſtatten konnte; um ſo paſ⸗ ſender, weil die Herrſchaft für ihn beſtimmt, zu ſeinem „Edelſitz“ auserſehen war. Je burſchikoſer Theodor erſchien, deſto leichter mußte ihm ſeine Rolle als unent⸗ deckter Spion werden, und deshalb ergriff er die Gele⸗ genheit, welche der Paſtorſöhne Einladung darbot, ſo eifrig, im Voraus von ſeines Vaters zuſtimmendem Lobe überzeugt. Daran fehlte es auch nicht. Er kutſchirte, neben einem zierlichen Reitknecht thronend, die von Herrn vaan der Helfft's Gabelfrühſtück hoch entflammte Zehn⸗ zahl beſtens den grünen Waldgefilden zu, welche er bereits als ihm gehörig prüfte, und lieferte ſämmtliche Burſchen⸗ ſchaft, durch raſche Fahrt ziemlich nüchtern geworden, richtig vor der uns bekannten Wildenweinlaube ab. Onkel Naſus entſetzte ſich anfänglich, daß der koloſſale Vierſpänner nur junges Tänzergeſindel, nicht aber den erwarteten, fürchtend⸗gehofften, liſtig zu zähmenden Gläubiger mitbringe? Wie jedoch Theodor ſich als Sohn des Gewaltigen zu erkennen gab, nahm er dieſen bereit⸗ 3 5 — 101— willigſt für einen Friedensherold und eilte, Tieletunke als die jüngſte, hübſcheſte und klügſte der Töchter, durch einige Kniffe, Püffe und Zwicker in kindliche Pflichten der Koketterie und Bezauberung einzuweihen, wobei er ihr zärtlich in's Ohr grunzte: von Dir, Du dumme Gans, hängt es jetzund ab, und von Deiner Larve und Deinen paar Pfund Gänſefleiſch, ob Dein alter Vater wie ein Bettelhund von Haus und Hof wandern ſoll? Oder ob Du den einzigen Sohn des verfluchten Wucherers fan⸗ gen und den Vater retten kannſt!— Reiche Dame,— oder alte Spitaljungfer? Du haſt die Wahl! Baron Kannabich war noch nicht betrunken, als er dieſe gewichtigen Worte ſprach; denn er hatte ſich für van der Helffts wahrſcheinlichen Empfang nüchtern erhalten wollen, weshalb er auch in der Kirche die Predigt abgewartet. Der Erndtekranz wurde um vier Uhr Nachmittags in's Herrenhaus getragen. Muſikanten gingen dem Zuge voran; viele Dorfleute, darunter auch ſolche, die Nichts mit der Feierlichkeit gemein hatten, folgten ihm, um bei Gelegenheit in jene Räume des Schloſſes dringen zu dürfen, welche ſonſt niemals geöffnet wurden, und dort die alten, buntſeidenen, wenn auch von Zeit und Mänſen zerſtörten Tapeten anzugaffen. Anton war ſo ſehr daran gewöhnt, dieſen Zug mitzumachen, noch aus den Jahren früheſter Kindheit, wo er als Geſpiele der Fräuleins und als Tieletunke's Liebling ſich im Schloſſe heimiſch fühlte, daß er auch heute, die jüngſte Vergangen⸗ heit vergeſſend, ſich anſchloß. Er überlegte weiter nicht, welche Folgen dies möglicherweiſe haben könnte? Seine Großmutter ſchüttelte ängſtlich das alte Haupt, wie er dahin zog— in ſeinem beſten Putze! Es war ſehr ſchön. Weiße Beinkleider aus dem feinſten ſelbſtgeſponnenen Leinwandſtücke der Mutter Gokſch geſchnitten und vom Dorſſchneider mit beſonderer Vorliebe und Sorgfalt gearbeitet, ſaßen ihm ſo nett. und knapp und hoben ſeine ſchlanke, kräftige Geſtalt ſo an⸗ muthig hervor, daß man nichts Hübſcheres ſehen konnte; ein kurzes Jäckchen von dunkelblauem Tuche ſchmiegte ſich wie gegoſſen an die breiten Schultern; um den halb⸗ offenen Hemdkragen ſchlang ſich ein rothſeidenes Tuch, deſſen Zipfel lang umherflatterten; auf den vollen brau⸗ nen Locken, nach dem rechten Ohre hin geſenkt, ſaß ein ſtrohgelbes Ledermützchen. Und das edle Angeſicht, aus welchem unter dunklen Brauen und Wimpern ein blau⸗ feuchtes Auge hervorſtrahlte, bildete in wehmüthigem Ernſt den wirkſamſten Gegenſatz zu der faſt ſpöttiſch lächelnden Oberlippe, auf der ſich der erſte Anflug eines regelmäßig geformten Bartes wölbte. Sein Gang war feſt und leicht, beides zugleich, ohne Spur von Zie⸗ rerei, den natürlichſten Anſtand bezeichnend. Die klei⸗ nen Füße ſchienen, in dünneren Schuhen, als jemals ein Liebenauer Burſche beſeſſen, einherſchreitend, ſelbſt zu zweifeln, ob ſie Boden genug faſſen könnten, der ihnen anvertrauten Perſon das rechte Gleichgewicht zu erhal⸗ ten? Doch ging es herrlich, und Anton wandelte auf 4 ihnen muthig einher. Die Großmutter ſchaute ihm lange nach, dann — — 103— erlaubte ſie ſich die unbeſcheidene Frage: Du lieber Gott, was wollteſt Du mit dem Jungen neben den Dorf⸗ lümmeln? 8 Im Schloſſe hatten ſie den großen Saal des Erd⸗ geſchoſſes geöffnet, gelüftet, ausgeputzt, für Tanz und Luſtbarkeit. Das Mittagsmahl war beendet. Theodor, neben Ottilien geſetzt und an beſſeren Wein im väter⸗ lichen Hauſe gewöhnt, hatte des Barons Ermunterungen zum Trinken ebenſo unbeachtet gelaſſen, als Ottilie die liebevoll an ſie geſtellten Aufforderungen, zuvorkommend und kokett zu ſein. Sie gaben ein ſtummes Paar ab. Deſto lauter wurden die Anderen. Sie konnten kaum den Beginn des Tanzes mehr erwarten. Die Pflicht der Schloßfräulein, altherkömmlichem Brauche gemäß, ſich einige Male mit den Pferde⸗ und Ochſen⸗Knechten des Hofes umherzuſchwenken, wurde eiligſt abgemacht, die kranztragenden Mägde raſch beſchenkt, durch eine Anweiſung auf Bier und Brannte⸗ wein für's Dorfwirthshaus ſo ſchnell als möglich beſei⸗ tigt, und kaum waren die lleicht Befriedigten fortgeſchickt, als andere Muſikanten— ob beſſere? ſteht dahin— ihre widerſpännſtigen Geigen und Clarinetten ergriffen, den „herrſchaftlichen Ball“ zu eröffnen. Er war nun eben nicht ſehr herrſchaftlich, dieſer Ball. Die Geſellſchaft eine, gelind ausgedrückt, ſehr gemiſchte, wie ſchon aus den uns bekannten Einleitungen für die Feſtlichkeit ent⸗ nommen werden mag. Drei Figuren ſind es, die ſich ausnahmsweiſe hervorthun, dem Ganzen einigen Glanz zu verleihen. Zuerſt, wie billig, nennen wir die jüngſte — 104— Tochter des Hauſes. Ottilie, anſpruchslos gekleidet, gewährte, ohne vollkommen ſchön zu ſein, einen ange⸗ nehmen Anblick und benahm ſich, wie man ſich in der höheren Welt benimmt. Sie konnte nicht anders. Ne⸗ ben ihr zeigte ſich Theodor als wohlerzogen und zierlich; nur daß er durch Hochmuth und gelangweilte Theilnahm⸗ lofigkeit, die er offen, ja abſichtsvoll zur Schau trug, den günſtigen Eindruck verdarb. Er konnte auch nicht anders. 8 Anton war es endlich, der über Alle hervorragte und für die Zier des Feſtes gegolten haben könnte, wenn er nicht zurückgezogen und ſtumm in einem Winkel geblieben wäre. Daß er überhaupt blieb, nachdem das Land⸗ volk ſich entfernt, ſcheint ſeltſam genug. Ihm wäre ſo was auch nicht in den Sinn gekommen; vielmehr hatte er, als der lange Zug ſich emſig durch die weitgeöffneten Flügelthüren in den Saal drängte, ſeinerſeits ſtandhaft ſich gegen den Strom geſtemmt, um draußen zu bleiben, unter den Aermſten, Geringſten, Schüchternſten der Ge⸗ meinde. Dort jedoch hatte Tieletunke's Blick ihn erſpäht, und ſie war es, die ihn herein geholt, mit ihm zu tanzen, während alle übrigen Tänzerinnen die Robott des Tages an derbe Knechte abtrugen. Er tanzte ſo leicht und wußte dabei ſeine Tänzerin ſo ſicher zu führen, daß ſie mehr flogen, als tanzten. Ottilie kam in dieſem Schwe⸗ ben dem auf ihren Sieg ſpekulirenden Vater dermaßen belebt und feurig vor, daß er ſich von Dankbarkeit zu Anton gezogen fand, als welcher durch ſein Geſchick die Reize der ſonſt kalten Dame in helleres Licht zu ſtellen — — — 105— gewußt. Mit einer vom Mittagstiſche ſchon ſchwer gewor⸗ denen Zunge ſprach er ihn in der gewöhnlichen Lieb⸗ koſungsformel:„Na, Schlingel?“ an, und ohne ſelbſt recht zu wiſſen, was er that, befahl er ihm, beim herr⸗ ſchaftlichen Balle zu verweilen. Kaum war dieſe gebie⸗ teriſche Einladung ausgeſprochen, als Ottilie von ihrem Tänzer zurücktrat, dem Vater einen faſt zornigen Blick zuwarf und ſich unter die andern Frauenzimmer verlor. Anton ſtand in peinvoller Lage da. Sein zarter Sinn ließ ihn die durch Ottilien zugefügte Schmach deſto ſchmerzlicher empfinden, weil die ihr zuvorgegan⸗ gene Auszeichnung ihn mit täuſchenden Hoffnungen zu necken begonnen hatte. Dem Befehle des Barons unge⸗ horſam zu ſein, wagte er nicht. So mußte der Arme verbleiben, wo er ſich nur geduldet, wo er ſich von ihr, um deren Willen allein er gern dort ſein mögen, nicht gern geſehen wußte. Deshalb ſtand er ſtumm und unbeweglich im Winkel, neben den Muſikanten. Als Einer derſelben über Schmerzen in der linken Hand klagte,— es war ihm ein Glasſplitterchen darin ſitzen geblieben, von einer Flaſche, die er vorgeſtern einem ſeiner Freunde am Kopfe entzwei geſchlagen— nahm Anton deſſen Geige und ſtrich ſtatt ſeiner Ländler und Walzer herunter. Gut, Anton, gut! rief jetzt Ottilie, die eben mit Theo⸗ dor an ihm vorbeiſauſete; das iſt brav: jetzt tanzt ſich's noch einmal ſo ſchön. Da legte Anton verdrüßlich die Geige gleich wieder weg und brummte: wer ſich aus der ihrem Benehmen gegen mich einen Vers machen wollte, der müßte mehr verſtehen, wie Brot eſſen. Die Anweſenheit Theodors und der Abſtand zwiſchen dieſem und den übrigen Schülern, beſonders den Paſtor⸗ ſöhnen, entging ſeinem Scharfblick ebenſo wenig, als des Onkel Naſus unterwürfige Aufmerkſamkeit für jenen jun⸗ gen Herrn. Ohne die Gründe erforſchen zu können, durchſchaute ſein natürlicher Verſtand doch bald den Zweck, und das machte ihn noch verbiſſener und mürri⸗ ſcher, ſo daß er einige wohlgemeinte Anreden, wie Linz und Miez in ihrer nichtsſagenden Manier aufmunternd an ihn richteten, faſt undankbar hinnahm, ohne ihnen Folge zu geben. Raſch verfliegt Stunde um Stunde des frühzeitig begonnenen Balles, bei dem ſämmtliche Theilnehmer ſich beſtens ergötzen, nur die drei ausgenommen, welche uns die wichtigſten ſind. Und die Hauptperſon dieſes Buches, ſein Held Anton, nachdem Ottiliens unwillkommenes Lob ihm auch jene Zerſtreuung weggeſpottet, welche er ſich durch Aufſpielen zum Tanze bereitete, trachtet einzig und allein nach einem günſtigen Moment, wo es ihm gelingen möchte, unbemerkt von Onkel Naſus, zu ent⸗ ſchlüpfen. Deshalb ſucht er ſich, die Wand des großen Saales entlang, ſo feſt an die alten Tapeten gedrückt, daß er eine der darauf eingewirkten Figuren zu ſein ſcheint, langſam von einem Fenſter zum andern zu ſchie⸗ ben, bis er dem allgemeinen Ausgang nahe kommt. Doch hier gerade muß der Baron ſitzen, mit Paſtor Karich und einigen anderen alten Herren im halben Weinſchlummer — 107— zwar, aber aus dieſem doch von Zeit zu Zeit durch den Klang eines friſchgefüllten Glaſes aufgeweckt. Da blieb ihm denn Nichts übrig, als geduldig den ſchicklichſten Zeitpunkt zur Flucht zu erlauern. Er preßte, wie wenn er für nichts Anderes Augen beſäße, ſeine Stirn gegen die Fenſterſcheiben und ſtarrte hinaus in den dunklen Garten. Die Glocke des kleinen Kirchthur⸗ mes ſchlug eben die zehnte Stunde. Ihre Klänge, ſchwach herüberzitternd, miſchten ſich ſeltſam in den Tanzlärm des Saales. Beim letzten Schlage, den Anton mit dem Seufßzer begleitete: ſchon zehn Uhr? rich⸗ tete ſich dicht unter dem Fenſter eine weiße, weibliche Ge⸗ ſtalt empor. Die Züge des Angeſichts auszunehmen, verhinderte ihn die Helle, welche, durch die im Saale brennenden Kerzen verbreitet, ihn blendete; aber aus ihren Bewegungen und mehr noch aus der beunruhigen⸗ den Ahnung, die ihn durchrieſelte, glaubte er die braune Bärbel zu erkennen. Sie, aus der Dunkelheit des Gar⸗ tens nach erleuchteten Räumen blickend, hatte leichteres Spiel und erkannte zweifellos ihn, den ſie ſuchte. Sie gab ihm einen bedeutſamen Wink. Mit lebhafter, ein⸗ dringlicher Geberde lud ſie ihn zu ſich. Das war kein Irrthum. Wolfgang hat richtig geſehen, dachte Anton, ich hab' ihr gefallen, ſie ſucht mich auf. Kaum eine Minute lang währte der Kampf ſeiner Seele. Aber die⸗ ſer Kampf zerriß ihm faſt die Bruſt; ihm war, als ob Ottilie ihn feſt halte, als ob ſein Herz mit dem ihrigen verwachſen ſei, als ob er jetzt, in dieſem Augenblick der Prüfung, den Raum nicht verlaſſen dürfe, wo ſie athme. — 108— Und doch trieb ſtürmiſche Sehnſucht ihn hinaus, der be⸗ zaubernden Verführerin zu folgen, wohin ſie ihn lockte! Wie wenn er ſich durch den Anblick ſeiner Geliebten ſchützen, kräftigen wollte, wendete er noch einmal ſeinen Blick nach den Tanzenden zurück: da ſah er dicht hinter ſich Ottilie an Theodors Seite, in belebtem Geſpräch, wie Jener gerade nach ihm deutete und Ottilie mit ſpöt⸗ tiſchem Achſelzucken darauf erwiederte. Das gab den Ausſchlag. Ohne länger zu zögern, wendete er ſich nun der Thüre zu und erreichte— unbemerkt von Allen, wie er glaubte,— die Weinlaube, über deren Spalier er eiligſt in den Garten kletterte. Halb bewußtlos ſtürzte er ſich der ihn Erwartenden entgegen, umſing ſie mit zit⸗ zernden Armen und kam erſt wieder zur Beſinnung, als Bärbel ihn kräftig von ſich ſtieß.„Nix Buſſel! Nix zärt⸗ lich! Zu Lieb' iſt kein Zeit; der Tod iſt kommen. Wolf⸗ gang laßt Dich rufen. Der liegt im Fuchswinkel und ſtirbt. Weil Du ihm verſprochen haſt, willſt zudrucken ſeinige Augen, muß ich Dich holen. Ich ſuche Dich ſchon ganzes Abend. Hurtig, nimm in die Hand Deine Beine und lauf. Bärbel geht nit mit in Fuchswinkel; fürcht ich mich vor Tod!“ Kaum war dieſe Botſchaft in kurz ausgeſtoßenen, abgebrochenen Sätzen verkündiget, ſo ſtieg die braune Bärbel mit der Gewandtheit eines Marders über die Weinlaube, um wieder den Weg durch den Schloßhof in's Freie zu gewinnen; denn einen andern Ausgang gab es aus dem mit hoher Mauer umgrenzten, zur Nachtzeit verſchloſſenen Garten nicht. Anton vermochte keinesweges, ihr ſo bald zu folgen. — 109— Von der jetzt eben noch geträumten, lebendigen Erfül⸗ lung lang⸗ und bang⸗gehegter wilder Wünſche und Er⸗ wartungen in's Reich des Todes war der Uebergang zu heftig. Er, der weder Liebe, noch Tod, weder Anfang, noch Ende anders als aus Ahnungen kannte, ſollte nun, wo er in den Armen blühender Schönheit Aufſchluß über ſeine eigenen Gefühle zu erringen und dadurch gewiſſer⸗ e maßen Rache an Ottilie zu nehmen vermeint hatte, den ſchweren Gang zu einem Sterbenden antreten, dem er das Wort gegeben, nicht zu fehlen, wenn man ihn rufe?! Die volle Kraft reiner, ungeſchwächter Jugend war nöthig, um in ſolchem Kampfe nicht zu unterliegen. Ich hab's dem ſchwarzen Wolfgang verſprochen! Weiter ſagt' er Nichts und ſchickte ſich an, der braunen Bärbel Beiſpiel nachzuahmen. Doch ſoliten für ihn die ſchweren Prüfungen dieſer Nacht ſich drängen; er ſollte — dies war der Wille ewiger Mächte— in ihr zum ganzen Manne reifen. Denn als er das Geſtell des Weinlaubenſpaliers erklettert hatte und ſchon im Begriff ſtand, durch dichtbelaubte Ranken ſich windend, den Sprung hinab auf den Erdboden zu machen, mußte er halb in der Luft hängen bleiben, weil unter ihm Bärbel — die er längſt auf raſcheſter Flucht zum langen Samuel wähnte— und dieſer zur Seite Theodor ſtanden. Der junge van der Helfft, vom Tanze mit Ot⸗ tilien ein wenig aufgeregt, als er bemerkte, daß er zu be⸗ merken beginne, wie ſie„gar nicht ſo übel ſei,“ hatte ſich die väterlichen Lehren in's Gedächtniß gerufen, unter denen die fürnehmſte dahin ausging, er möge ſich um — 110— Gotteswillen von keiner jener Bettelbaroneſſen eine Schlinge um den Hals werfen laſſen, weil ſo etwas dem „Project“ ſchaden könne. Dieſer Lehre wieder eingedenk in dem Augenblick, wo er zu ſpüren anfing, daß einige Neigung in ihm erwache, ſich für die„Miſere“ des Lie⸗ benauer Balles bei Ottilien zu entſchädigen, beſiegte er ſolche flüchtige Neigung ohne Mühe und begab ſich in s Freie, unter dem Vorwande, friſche Luft zu ſchöpfen, was ſeinem Kopfſchmerz gut thun würde. Ein böſer Stern wollte,—(meine Leſer werden, wie ich fürchte, lange warten müſſen, bevor ſie erfahren, was ich damit meine?) — daß er in die wilde Weinlaube trat, wie gerade aus deren Bogenwölbung Bärbel ſich hernieder ließ. So dunkel war es nicht, daß er nicht mehr geſehen haben ſollte, als er zu ſehen brauchte, um außer ſich zu gerathen. Fallen Engel vom Himmel herab, mich zu entſchädi⸗ gen für dieſes elende, unſaubere Feſt? rief er aus und hielt die Zigeunerin mit beiden Händen. Was ſie weiter mit einander geſprochen oder verabredet, können wir nicht verrathen. Sicher iſt nur, daß Anton, über ihnen bau⸗ melnd, in Bärbels Händen flimmernde Goldſtücke klingen hörte. Schon fürchtete er, nicht länger in der Schwebe ausdauern zu können und zwiſchen beide ſtürzen zu müſſen, wie ein Felsſtück, welches vom Berge abgelöſet, zwei Rehe trennt,— als aus der Hausthür Onkel Naſus ſammt Begleitung der männlichen Hälfte des Balles mit Kerzen und allerlei Stärkungsmitteln trat, nach dem hochgeehrten jungen Gaſte und deſſen Befinden zu ſchauen. 3 Bärbel verſchwand mit unbegreiflicher Schnelligkeit. — 111— Theodor wendete ſich eiligſt den Suchenden zu, die ihn umringten und, durch die Nachricht ſeines Beſſerbefindens entzückt, ihn wieder in's Schloß zogen. Anton gelangte zur Erde, und dieſe mit rüſtigen Füßen betretend, wanderte er, von unbeſchreiblichen Em⸗ pfindungen getrieben, dem verrufenen Fuchswinkel zu. Zehntes Kapitel. 4 Ich bin auch im Fuchswinkel geweſen, lieber Leſer. Ich kenne die Wege und Schliche, die durch Dick und Dünn, durch Urwald und Gehege, durch Tannenſchonung und junges Laubholz dahin führen, recht gut, weiß aber doch nicht, ob bei Nacht, beſonders jedoch in einem See⸗ len⸗ und Körper⸗Zuſtand wie Anton's, ich mich zurecht gefunden haben würde? Er fand ſich zurecht. Ohne daran zu denken, ohne ſich nur umzuthun nach dem Pfade, der links, rechts, über Gräben, durch ſtachlichte Brombeerhecken führte, traf er ihn, wie der junge Wandervogel, vom Inſtinct gezogen, den Weg findet in Länder, die ihm gar noch fremd ſind. Sinnengluth und gekränkte Eitelkeit, Neugier und Todes⸗ grauen, Eiferſucht und Wehmuth ſtritten in ihm um die Herrſchaft. Er ſollte den unzugänglichen, von Menſchen gemiedenen Waldwinkel wieder betreten, wo er zuerſt um ſeiner Mutter jammervolles Ende geweint. Und den faſt gefürchteten ſchwarzen Wolfgang, deſſen Erſcheinung ihn — 114— er, wie eine reife Frucht; und ich muß am Boden ver⸗ faulen. Oh, der Schmerz, Anton, der zerreißt mir die Bruſt. Jedes Wort, das ich ſpreche, giebt mir einen Stich.“ So rede nicht, Wolf. Ruh' ein wenig; verſuch', ob Du ſchlummern magſt? Ich verlaſſe Dich nicht; ich weiche nicht von Dir. Gewiß nicht. 3 „Ich muß reden!— Verſprich mir, Anton, daß Du mit der Bärbel Dich nicht einlaſſen willſt, wenn ſie Dir wieder begegnet? Verſprich mir's. Um Deinetwillen nicht. Aber auch meinetwegen nicht. Dich thät' ſie zu Grunde richten,— und ihr gönn’ ich Dich nicht. Die Eiferſucht würde mich aus dem Grabe treiben, ich müßte als Geſpenſt zwiſchen Euch fahren Sonſtmag ſie's halten, mit wem ſie will; nur mit Dir nicht. Sonſt mit wem ſie will. Meinethalb auch mit Onkel Naſus. Trägt der mein ſchwarzes Pflaſter noch? Ha, ha, ha,— o weh, das Lachen erſtickt mich! Luft! In Teufels Namen, Luft! Korbmacher, Du erdroſſelſt mich mit Deinem Arme. Wenn Du mich erſticken willſt, nimm einen Strick, knüpfe mich auf! Hänge mich! Ha, ha, ha, Vater und Sohn!“ Auf dieſe Weiſe trieb es der Sterbende länger, als eine Stunde, daß Anton zuletzt ganz unempfindlich und ſtumpf wurde gegen ſeine ruchloſen Phantaſteen. Als die Nacht zu ſcheiden begann, ward er ruhiger. Noch ein heißer Blutſtrom ſtürzte aus ſeinem zuckenden Munde, dann ſprach er ſanft:„Das Schlimmſte iſt vor⸗ über; der liebe Gott hat Mitleid mit mir.'s iſt über⸗ ſtanden. Vergiß nicht, mir die Augenlider zu ſchließen. — 115— 8 Offne Augen ſind ſchrecklich bei Todten. Tauche mein Tuch in den Quell dort nahe bei und leg' es auf die Augen, wenn ſie geſchloſſen ſind. Ich dank Dir, lieber, lieber Anton! Sei glücklich!“ Hiernach verſtummte der ſchwarze Wolfgang. Die Sonne blickte ſchon durch Morgenwolken, und Anton hielt ſeinen unſeligen Freund noch immer im Arm, gleich einer Mutter das ſchlummernde Kind, ſchweigend, um ihn nicht zu erwecken. Wie es aber hell wurde um ihn her, wie er die veränderten Geſichtszüge, das glä⸗ ſerne, ſtarre Auge, die Ruhe der nicht mehr keuchenden Bruſt bemerkte, da durchzog unheimliches Grauen ſein junges Herz. Er griff nach der Hand des Verblichenen, — ſie war ſteif, jede Lebenswärme aus ihr geſchwunden. Er legte die eigene Hand auf Wolfgangs Wange,— dieſe fühlte ſich an wie Stein. Er iſt todt! ſchrie er auf, zog den Arm, in welchem er den Leichnam gehalten, zurück, ſprang empor und wendete ſich ab von dem furchtbaren Bilde, um ſchau⸗ dernd zu entfliehen. Doch kaum waren einige Schritte gethan, als er ſich beſchämt ſeines Verſprechens erinnerte. Pfui, ſprach er, wie feig' bin ich doch! Das iſt halt der Tod, wie er uns Allen beſtimmt iſt, weiter Nichts. Da⸗ mit muß man ſich bekannt machen. Und mein Wort gab ich ja auch: die Augen will ich ihm ſchließen! Nachdem dies geſchehen, blieb er auf den Knieen lie⸗ gen, faltete ſeine Hände und betete. Hernach zwang er ſich, auf die eiskalte Stirn des Todten, obwohl mit Grauen, einen Kuß zu drücken. Endlich ſtand er lang⸗ 8* damals erweckt und milderen Gefühlen zugewendet, den ſollte er jetzt ſterbend finden, wenn anders Bärbel— jene verabſcheuungswürdige Schöne— ihm Wahrheit geredet? Einem Sterbenden ſollte er die Augen zudrücken, er, Anton, der noch kein Thier ſterben geſehn, geſchweige denn einen Menſchen? „Ob der Tod wirklich erſcheint, wenn er Einen abholt? Ob ich ihn wahrhaft vor mir ſehen werde, den leibhafti⸗ gen lebendigen Tod?“ Das waren Fragen, mit denen unſeres Freundes kin⸗ diſch⸗unſchuldige Unerfahrenheit ſeinen ſonſt ſo ſcharfen, richtigen Verſtand gleichſam übertölpelte. Bis er ſich dann wieder ſelbſt zurechtwies und, über eine Baum⸗ wurzel ſtolpernd, ausrief: warum nicht gar? den Tod ſieht man nicht, den fühlt man nur. Je näher Anton der bewußten Stelle kam, deſto lang⸗ ſamer ward ſein Schritt, deſto leiſer trat er auf. Der Gedanke an die Mitternacht, an die Geiſterſtunde, die, wo nicht ſchon angebrochen, ganz nah' ſein mußte, regte ſich in ihm. Da vernahm er dumpfes Stöhnen; es ſchien von dem Platze auszugehn, auf dem er ſelbſt gele⸗ gen, als der ſchwarze Wolfgang ihn aufgefunden. Wolfgang, biſt Du hier? fragte Anton mit zittern⸗ dem Tone. Das Stöhnen ſchwieg, und eine heiſere Stimme erwiederte:„ja, hier!“ Alſobald knieſte Anton neben dem Kranken, deſſen Hals er ſanft umſchlang, deſſen Haupt er vorſichtig emporhob und ſtützte. Und Wolſgang redete:„Gut, daß Du kam'ſt; es iſt die höchſte Zeit. Ich werde leichter ſterben, wenn Du — 113— bei mir biſt. Nun iſt's aus, Korbmacher. Ich hab' mei⸗ nen Willen: die braune Bärbel hat dem ſchwarzen Wolf⸗ gang den Reſt gegeben; ſie und der Branntwein. Nimm Dich vor beiden in Acht. Sie ſagte immer, ſie liebe mich? Aber ſterben wollte ſie mich nicht ſehen. Sie meinte, das wäre„grauslich.“ Sie mag Recht haben. Ich verzeih' ihr, nur weil ſie Dich ſchickte. Zum Leben war ſiemir lieber; zum Sterben kann ich Dich beſſer ge⸗ brauchen: Dubiſt gut; ſieiſt ſchlecht; noch ſchlechter, als ich.“ Armer Wolfgang, ſchluchzte Anton, ſich und ſeinen eigenen Jammer vergeſſend; warum ſuchteſt Du nicht eine Ruheſtelle in einem friedlichen Hauſe? Warum ſchleppteſt Du Dich nicht bis zu uns? Gern hätt' ich Dir mein eigenes Lager als Krankenbett eingeräumt. Und unſer alter Herr Paſtor hätte Dich beſucht mit geiſtlichem Troſt und Zuſpruch.... „Geh' mir mit Deinem luther'ſchen Schwarzrock, der kann mir nicht helfen. Einen Prieſter von meiner Kirche giebt es in Eurer Ketzergegend nicht; ich muß ohne Oelung abfahren, mir wird mein Reiſewagen nicht geſchmiert. Da war mein Alter glücklicher daran, wie ſie ihn auf⸗ hingen. Sapperment war das ein ſchöner Zug! Tau⸗ ſend und aber tauſend Menſchen! Und er das Krucifix in der Linken, von dem ein kleiner, daumlanger, beinerner Hei⸗ land aus blutrothen Nelken und Roſen hervorguckte, den er einmal um's andremal an die bleichen Lippen drückte und küßte. Und ein dicker Kapuziner neben ihm, der ihm unaufhürlich in's Ohr ſchrie, daß er gen Himmel fahren werde. Ha, wie er dann in der Luft zappelte,— da hing Holtei, Vagabunden. I. 8 —— — — 116— ſam auf, betrachtete die Leiche mit feſtem Blick und ſagte: Wie Du daliegſt, Wolfgang, wil ich Dich im Gedächt⸗ niß behalten, will oft an Dich denken und an dieſe Nacht; das kann nicht ſchaden. 77 1 7. Abl., 771σ Füuiued 6 3 T Iftes Kapitel. gütiger Himmel, Anton, was haſt Du began⸗ gen? Wo kommſt Du her? Wo haſt Du dieſe Nacht zu⸗ gebracht? Welch' Unheil iſt geſchehen? Weſſen Blut klebt an Deinen Kleidern, an Deinen Händen?“ Mit dieſem Schreckensruf empfing Mutter Gokſch ihren Enkel. Dieſer erfuhr erſt durch ſie, daß er einem Mörder ähnlich in's Haus trat. Er bebte vor ſich ſelbſt zurück. Während er Wäſche wechſelte und ganze Ströme lauwarmen Waſſers über ſich goß, die Spuren ſeines traurigen Todtenwärter⸗Amtes zu verwiſchen, theilte er durch die Kammerthür und bruchſtückweiſe der alten Frau das Wichtigſte mit, wobei jedoch ſchamhafte Scheu ihn abhielt, jener Botin Erwähnung zu thun, die ihn nach dem Fuchswinkel beſchieden. Sein Bericht kam ohngefähr ſo heraus, daß die Großmutter annehmen konnte, Anton habe von Landleuten, die Waldbeeren ge⸗ ſucht, ſagen hören, es liege ein Kranker im Gebüſch, der nach ihm frage? Sie ſtellte ſich damit auch zufrieden, wie ſie nur erſt keine Blutflecken mehr an ihm ſah. Er be⸗ gab ſich in ſeinen Werkeltagskleidern auf's Schloß, ſobald — 117= er etwa vermuthen durfte, daß die von der Ballnacht ermüdeten Inſaſſen deſſelben Tag gemacht haben wür⸗ den, feierlichen Bericht abzuſtatten über den im Walde verſtorbenen Vagabunden und die gnädige Herrſchaft um ein Begräbniß für ſelbigen anzuſprechen. Das Cadaver mag draußen verfaulen im Fuchs⸗ winkel, oder die Füchſe mögen ihre Jungen damit mäſten, wenn ihnen das Luder des verfluchten Landſtreichers nicht auch zu ſchlecht iſt! So ungefähr lautete des Onkel Naſus freundſchaftliche Reſolution. Linz und Miez rümpften ihre Naſen, als welche ſich der nunmehr Vollendete dereinſt zum Ziele ſeiner Stein⸗ würfe auserſehen, und meinten nicht ohne Grund, es gäbe Arme genug in Liebenau; für fremde Umhertreiber reiche ihr Taſchengeld nicht aus. Ottilie ſagte halb⸗ laut: Haſt Du Freundſchaft mit dem gehalten? das macht Dir viel Ehre! Rubs und Puſchel ſammt ihren acht Genoſſen ſtell⸗ ten ſich an, wie wenn ſie pantomimiſch zu verſtehen geben wollten, es würde, wende man ſie Einen nach dem An⸗ dern um und um, nicht ſo viel Geld aus ihren Taſchen fallen, daß eine Ratte nur einigermaßen anſtändig beer⸗ digt werden könne. Theodor, welcher eben erſt vom ſchönſten Gaſt⸗Bett aufgeſtanden,—(die Uebrigen waren auf gemeinſchaft⸗ licher Streu im Bivouak geweſen!)— verſchlafen und gähnend unter ſie trat und die letzten Worte, die man wechſelte, noch vernahm, zog ſeine Börſe und reichte Anton einige Goldſtücke hin. Dieſer winkte ihn bei — — Seite, flüſterte — 118— ihm Etwas in's Ohr, gab das Gold zurück, verbeugte ſich und ging. Jeder der Anweſenden legte dieſen ſtummen Auftritt auf ſeine Weiſe aus, keiner jedoch errieth das Richtige. Am wenigſten Ottilie, welche Anton's Abneigung gegen Theodor mit ſich und ihren eigenen Empfindungen im Zuſammenhang Geſicht und üb wähnte. Theodor aber, purpurroth im er alle Maßen verlegen, trieb in dieſer Verlegenheit den Baron, die Stallleute zu treiben, daß er bald in ſeiner Geſellſchaft den projectirten Ritt in Wald und Feld beginnen könne, auf welchem er die ihm zugedachte Domaine beſichtigen wollte. Anton war zum Paſtor gegangen, den er, wie immer, bereitwillig, gut zum alten Dor müthig, aufopfernd fand. Dann eilte er ftiſchler, dem Sarglieferanten für Liebe⸗ nau, ſeit fünfzig Jahren ſchon und länger: der Mann war hoch in den Siebzigen. Wie viele Liebenauer hatte der ſchon eingekleidet in den letzten hölzernen Rock! 1 Als Anton dieſem ſein Anliegen mittheilend zugleich erklärte: er wolle von ſeinem kleinen Erſparniß den Sarg bezahlen, blickte Meiſter Fiebig ihn von der Seite an und murmelte fragend: Halt ein Naſenquetſchel?(Du mußt wiſſen, lieber Leſer, ſo benennt man dort zu Lande jene viereckigen Särge, deren Deckel platt und feſt auf dem Körper liegt und wirklich das Geſicht oft zuſammen⸗ drückt.) Anton fuhr auf: was denkt Ihr, Fiebig? Wenn ich einen Menſchen begraben laſſe, ſoll er nicht wie ein Hund — 119— verſcharrt werden. Keine Naſenquetſche! Einen ordent⸗ lichen Sarg, mit hohem Deckel, wie ſich's gehört. „Nu, nu, Korbmacherjunge,“ nahm Fiebig das Wort,„nicht ſo heftig. Meint ich's doch gut mit Dir; Du haſt ja ſelber Nichts? Die Naſenquetſche käme auf's halbe Geld zu ſtehen. Soll ich etwa auch Eichenholz nehmen?“ Warum nicht gar. Haltet mich nicht für Narren, Fiebig. Nehmt leichtes, dünnes Tannenholz. Wird ja doch Alles wieder Staub, Menſch wie Sarg. Streicht ihn ſchwarz an,— nicht gelb, hört Ihr?— Schwarz! Das ſchickt ſich für den ſchwarzen Wolfgang. Und malt keine Todtenköpfe darauf, keine Knochen und ſolche Dinge. Wozu? „Na, ſchon recht, Anton, werd's beſorgen. Geh' gleich d'rüber her, daß Ihr ihn heut Abend holen könnt, ſonſt holen ihn Euch die Raben fort: ein Galgenvogel den andern.“ Antons menſchenfreundlicher Fürſorge blieb jetzt noch der ſchwerſte Gang: zum Todtengräber. Das war ein roher Kerl. Mit guten Worten mochte der nicht gewon⸗ nen werden; den lockte nur Geld. Das war bekannt in ganz Liebenau. Anton zeigte ihm einen harten Thaler, bevor er noch zu ihm ſprach. Dann ſagt er: Draußen im Fuchswin⸗ kel, Todtengräber, liegt eine Leiche. Wir haben noch ſehr heißes Wetter, ſie muß bald unter die Erde. Um fünf Uhr wird Meiſter Fiebig den Sarg fertig haben. Laßt bis dahin auch das Grab fertig ſein; nehmt einen 4 — 120— Arbeiter zu Hilfe; der Herr Paſtor weiß ſchon, er wird Euch ein Plätzchen in der Mauer⸗Ecke zeigen, wo es hin kommt. Dann nehmt eine Bahre, geht mit Eurem Ge⸗ hilfen zum Tiſchler, holt den Sarg und tragt ihn hin⸗ aus; ich gehe mit. Draußen ſargen wir den Todten ein und tragen ihn zu Grabe. Wenn Ihr Alles ordentlich beſorgt, iſt dieſer Thaler Euer Biergeld. Was Ihr ſonſt zu fordern habt, berechnet der Herr Paſtor. „Hat Nichts zu ſagen, Korbmacher,“ entgegnete der Todtengräber,„für einen blanken Thaler hol' ich meinet⸗ wegen auch den Teufel aus dem Fuchswinkel. Und das Grab iſt ſo gut wie fertig. Hab's gegraben auf Vor⸗ rath, für meine Alte, juſtament in die Mauer⸗Ecke, weil ich dachte, ich würde das Weib los. Sie hat ſich aber wieder beſonnen und zuſammengeflickt und kann noch länger halten, als mir lieb iſt. Klock fünf geh' ich um den Sarg. Nur beim harten Thaler muß es bleiben, ſonſt keinen Schritt nicht.“— Sie ſagen immer, Nichts auf Erden ſei umſonſt, außer der Tod? brummte Anton, wie er zur Großmut⸗ ter zurückkehrte; doch das iſt auch eine Lüge. Der Tod koſtet genug. „Jawohl,“ erwiederte Mutter Gokſch,„nur mit dem Unterſchiede, daß der Todte die Unkoſten nicht zu tragen hat, ſondern ſeine Hinterbliebenen. Diesmal trifft es uns, und an einer Erbſchaft werden wir uns nicht ent⸗ ſchädigen.“. 1 Doch, Großmutter. Mir hat er viel hinterlaſſen, der ſchwarze Wolfgang. So lang ich lebe, werd' ich ihn vor Augen haben, als Leiche. Und ſobald mich Ueber⸗ muth oder Thorheit verlocken will zu dummen Streichen, werd' ich denken: Was hilft's, junges Blut? Du biſt auch einmal ſolch' ein ſtarres, langes, blaſſes, lebloſes Stück Leichnam!— Das iſt eine tüchtige Lehre!— Bis gegen fünf Uhr arbeitete Anton unverdroſſen. Dann ging er in's kleine Gärtchen, flocht einen Strauß von Rosmarin und Nelken, wendete ſich zu des Tiſchlers Wohnung, der Wort gehalten, und wartete dort auf den Todtengräber, welcher ſich auch pünktlich ſammt Gehil⸗ fen und der ſchwarzen Tragbahre einſtellte. Dann zogen ſie zum Fuchswinkel hinaus. Als Anton, voraneilend, durch's Gebüſch lugte, rief der Todtengräber ihm zu: ſei ohne Sorge, Korbmacher, wir finden ihn noch; der lauft nicht mehr weg, wenn er ordentlich todt iſt, wie ſich's für einen rechtſchaffenen Todten gehört. Sie legten ihn in den Sarg auf eine Unterlage von weichen Hobelſpänen. Ueber ihn ſtreute Anton die Nel⸗ ken und Rosmarinzweige, die er mitgenommen. Dann ſchloſſen ſie den Sarg, und der Schall des „Hammers, der die Nägel eintrieb, hallte weit im Walde wieder und erſchreckte alle Vögel. 4 Die zwei Männer trugen die Bahre. Anton ging ernſt und ſtill hinter ihnen her. Sie brauchten zwei volle Stunden bis in's Dorf. Beim Kirchhofe empfing ſie Paſtor Karich im Amtskleide. An⸗ ton küßte ihm die Hand für ſeine Güte, im Namen des Todten. Eine Magd leuchiete mit einer großen Stall⸗ — 122— laterne voran, bis zum offenen Grabe. Als der Sarg an dicken Seilen hinabgelaſſen war, ſprach der ehrliche Paſtor: Du hatteſt keine Heimath, Unglücklicher, deſſen ſterbliche Ueberreſte wir beſtatten; Du ſuchteſt ſie, um⸗ hergetrieben und verirrt, durch Nebel, Schmutz und Koth; verſunken in Sünde und Laſter fandeſt Du keine Ruhe auf der Erde. Finde ſie jetzt in der Erde, und gönne Gottes Huld Dir ſelige Auferſte⸗ hung zum Licht und zur Wahrheit. Amen. Das war die ſchönſte, obgleich kürzeſte Rede, die Anton jemals vom Paſtor gehört zu haben ſich erinnerte. Sie gingen auseinander, nachdem ſte ſtill gebetet. Die Magd, die ihrem Herrn voranleuchtete, machte eine Wendung mit der Laterne, und bei deren Scheine glaubte Anton das Antlitz der braunen Bärbel zu gewah⸗ ren, welches über die Mauer in den Kirchhof ſtarrte. Zwölftes Kapitel. Gleich am erſten Morgen, der dem Begräbniß⸗Abend folgte, fragte Anton nach„ſeiner Schuldigkeit.“ Der gute Paſtor, trotz eigener Armuth, verzichtete nicht allein auf die ihm zuſtehenden Gebühren, ſondern fand auch Mittel, Kirchenkaſſe und Todtengräber zu befriedigen, ſo daß Anton dieſem letzteren nur noch den verſprochenen blanken Thaler zu geben hatte. — Um die Tiſchlerrechnung war er am meiſten beſorgt. Mutter Gokſch wiederholte ihm zwanzigmal, daß für einen Sarg der Schreiner fordern dürfe, was ihm gut dünke; daß er beſſer gethan hätte, vorher mit Fiebig aus⸗ zuhandeln; daß es ſie theuer zu ſtehen kommen könne; kurz, ſie jagte ihm bedeutende Angſt ein, und er lief einige Male zu Fiebig, damit dieſer ihm die Rechnung machen möge. Endlich brachte ſie Fiebig's Ur⸗Enkel⸗Tochter, ein kleines, dummes, rothbäckiges Mädel, welches zugleich einen alten Korb trug. Die Rechnung lautete wörtlich folgendermaßen:— Noda vor Antoni Gokſch Korbmachern allhier. 3 vor Hubelſpöhne zum Lager.. macht es nichts nich. item vor ſchwarze Farbe... macht es 2 gude Gr. item vor Nägel...... hat ſie der Schmied geſchenkt. item vor Bretter zum Sarge.. macht es nichts nich, 4 weil es ein Armerwar. item vor Arbeitslohn.... macht es gar nichts, denn der Korbmacher ſoll mir meinen Korb ausbeſſern, ſo hebt ſich'. Summa Summarum 2 gude Groſchen woorüber quitiret Gottfried Fiebig, Tiſchlermeiſter zu Liebenau. ſehen. — 124— Anton enträthſelte mit Mühe des redlichen Greiſes Schriftzüge, doch begriff er bald den liebevollen Sinn derſelben. Er trocknete eine Thräne aus ſeinem Auge, nahm dem Kinde den Kord ab, reichte ihm zwei Gro⸗ ſchen und ſchenkte ihm, mit Einwilligung der Großmut⸗ ter, ein ſilbernes Schauſtück, welches unter den beſcheide⸗ nen Koſtbarkeiten der Alten einen nicht geringen Rang einnahm. Das Kind ſprang luſtig davon, voll Freude über den Glanz der kleinen Medaille. Er hat ſelbſt Nichts übrig, ſprach Anton; Kinder, Enkel und Urenkel zehren an ihm und iſt doch ſo gut! Dafür will ich ihm auch einen prächtigen neuen Korb bauen. Den alten, durchgewetzten ſoll er nicht wieder Und wie ein redlicher Schuldner ging er abermals an die Arbeit, für ſeinen Gläubiger. Unterdeſſen hatte Theodor's Kutſcher den großen Stuhlwagen vor die Laube am Schloſſe gelenkt. Seine vier Pferde, welche der Liebenauer Gaſt⸗Hafer ſtach, wie⸗ herten voll Ungeduld. Doch nur acht Jünglinge beſtie⸗ gen die Sitze. Des Paſtors Söhne blieben, wie ſich ja von ſelbſt verſteht, über die Herbſtferien bis zur Abreiſe nach H. beim Vater. Und Theodor— wollte auch bleiben. Sein Kutſcher war beauftragt, ſtatt der Perſon des Sohnes, ein Briefchen deſſelben an Herrn van der Helfft mitzunehmen und am nächſten Tage mit einem zweiſpännigen, leichten Wagen und einem Koffer voll Wäſche und Kleider wieder nach Liebenau zurück zu keh⸗ ren. Theodor gab vor, Alles recht genau in Augenſchein nehmen zu wollen, und es ſei, meinte er, die Ausdehnung des Beſitzthumes zu bedeutend, um es mit einigen flüch⸗ tigen Spazierritten abzuthun. Onkel Naſus triumphirte.„Man müßte ja doch ein complettes Stück Rindvieh ſein, wenn man zweifeln könnte, daß er um Tieletunke's Willen bleibt? O wir haben ihn! Wir haben ihn!! Und das Satansmädel ſtellt ſich an, als wolle ſie Nichts von ihm wiſſen?“ Nicht allein Onkel Naſus,— der eigentlich nicht nöthig gehabt hätte, ſich ſelbſt eine Naſe zu drehen, da er in dieſem Punkte ſchon ſo glorreich verſorgt war!— auch Ottiliens Schweſtern, wie des Paſtors Söhne lie⸗ ßen ſich durch Theodors vielſagendes Schweigen täuſchen und gaben ſich der Meinung hin, zwiſchen ihm und der ſtolzen Spröden bilde ſich im Geheim ein dauerndes Verhältniß, welches ihn an Liebenau feſſele. Ottilie fand es entweder nicht der Mühe werth, ſie ſämmtlich zu enttäuſchen, oder ſie ſchwieg zu jeder noch ſo unzarten Anſpielung, nur damit ihr Vater nicht fürder in ſie drin⸗ gen mögez oder, ſchien es ihr gelegen, unter dem gleißne⸗ riſchen Mantel einer keimenden Neigung für den jungen Sohn des reichen Mannes die längſt verborgene Blume ſtrafbarer Liebe noch beſſer als bisher verbergen zu kön⸗ nen? Das letztere hauptſächlich in zarter Rückſicht für Anton, dem ſie durchaus die Wahrheit nicht zeigen wollte: theils aus Stolz, denn ſie ſchämte ſich ihrer; theils aus Liebe, denn ſie wollte ihn durch unerfüllbare Hoffnungen nicht unglücklich wiſſen. Anton glaubte denn auch mit herzdurchſchneidender, — 126— martervoller Wonne der Eiferſucht, daß Theodor ſein beglückter Nebenbuhler ſei, und gab ſich den Qualen die⸗ ſer wahnſinnigſten aller Leidenſchaften mit Wolluſt hin. Dabei jedoch bezweifelte ſeine reine Seele, daß ihre Ge⸗ fühle auf würdige Weiſe erwiedert würden, denn er gedachte des Auftrittes mit Bärbel! Und doch wieder fand er im eigenen Buſen und im eigenen Schuldbewußt⸗ ſein die Möglichkeit, daß ein unerfahrener Jüngling hier liebend anbeten und dort zitternd begehren könne: beides zugleich! Und wenn etwas Aehnliches bei ihm möglich geweſen, warum ſollt' es bei dem welterfahrenen Sohne der großen Stadt unmöglich ſein? Was erin ſich durch⸗ kämpfen mußte, ohne mit einer Aeußerung des Ver⸗ trauens ſeinem gepreßten Herzen Luft machen, ohne ſich einem befreundeten Weſen ſeines Alters mittheilen zu dürfen, peinigte den armen Jungen, vorzüglich in ſchlaf⸗ loſen Nächten, dermaßen, daß er ſich bisweilen den Tod wünſchte und geradezu den ſchwarzen Wolſgang benei⸗ dete um ſein Ruheplätzchen in der Kirchhofs⸗Ecke. Ja, die ſchlafloſen Nächte! 1 Es iſt ein großer Segen für die Jugend, daß ſie ſo willig und gut zu ſchlafen verſteht. Der Schlaf iſt nicht nur dienlich zur Stärkung ermüdeter Glieder; auch als Tröſtung für Leiden bleibt er unſchätzbar. Und wie oft legt ſich ein Jüngling, ſein Kopfkiſſen mit Thränen befeuchtend, nieder; voll von ſchwermüthigem Liebes⸗ grame ſeufzend, gleich einer alten Kirchthurmsfahne im Abendwind,— eh noch fünf Minuten vergangen, ſchläft er wie ein Sack und verſchläft neun Zehntheil alles Jam⸗ — 127— mers. Wenn es erſt ſo weit kommt, daß er nach einem Stündchen unruhigen Schlummers aufſchrickt, völlig munter wird und dann die Sekunden zählt, bis nur wieder ein Tag anbrechen will.. dann ſteht es übel mit ihm. Auf dieſe Weiſe vergingen unſerem Freunde verſchie⸗ dene Nächte,— ſchlichen ihm dahin, ſeit dem Erndtefeſte. Wolfgangs Leiche,— Bärbel mit den Goldſtücken in der Hand,— Theodor auf dem Schloſſe,— Ottilie neben ihm,— Onkel Naſus ein ſchwarzes Pflaſter im Geſicht, — Paſtor's Magd mit der Stalllaterne,— dieſe drei Paare tanzten, ſobald er die Augen zu ſchließen verſuchte, einen Walzer um ihn her, wozu er ſelbſt auf Carino's Geige aufſpielen mußte; dann wollten ſeine Finger nicht gehorchen, und das Bemühen, ſie zu regen, weckte ihn aus ſchon begonnenem Schlafe immer wieder auf. Ver⸗ gaß er ſich, und ſuchte er durch einen tiefgeſchöpften, ſeufzerähnlichen Athemzug die Bruſt zu erleichtern, fragte Großmutter aus ihrem Stübchen in die Kammer hinein: Schläfſt Du, Anton? Worauf er jedesmal, ſte zufrieden ſtellend erwiederte:„Ja, Großmutter, ſehr gut!“ Wie ungeduldig heftete ſich ſein blaues Auge an's Fenſterlein neben der Lagerſtätte, die Nacht da draußen zu befragen, ob ſie denn nicht bald dem lieben Tage Raum gönnen wolle, damit man zur Arbeit ſchreiten und ſich an ihr zerſtreuen könne? Denn bei Nacht durft⸗ er nicht aufbleiben, das litt Mutter Gokſch durchaus nicht. Eine Nacht nun wollte gar kein Ende nehmen. Zweimal ſchon hatten ſinſtere, quälende Träume, wie der — 128— Alp drückend, ihn erweckt, und noch keine Spur von Morgendämmerung! Da wendet er ſich abermals nach dem kleinen Fenſter hin und flüſtert: o, ihr goldenen Sterne, ſeid ihr denn eurer ſo viele Erden, als ihr dort oben flimmert? Und leben auf euch auch ſo vielerlei Menſchen? Und machen ſich die auch ſo vielerlei Kummer und Noth? Dann weiß ich wirklich nicht, wem dies Alles frommt! Weiß nicht, zu weſſen Freude ſo Viele leiden! Dann muß ich zweifeln an der Güte des Schöpfers. Ach, lieber Gott, laß mich nicht verzweifeln! Gieb mir meinen Frieden wieder und mein ruhiges Kinderglück! Verſtoß mich nicht! Hörſt Du? Und wenn Du mich hörſt, gieb mir jetzt gleich ein Zeichen! Kaum waren die letzten Sylben dieſes naiven Gebetes geſprochen, als Anton den Himmel und der Sterne hellen Schein nicht mehr ſah; ein Vorhang ſchien das kleine Fenſter zu verdunkeln. Bald entdeckt er ein menſchliches Angeſicht, welches ihm die Ausſicht raube. Er erhob ſich auf ſeinem Lager, nahm eine knieende Stellung ein und ſah nun deutlich, daß die Glasſcheiben ihn von zwei Augen trennten, die feuriger glühten als Sterne. Sie konnten nur der braunen Bärbel gehören.„Oeffne!“ klang es durch's dünne, in Blei gefaßte Glas. Er gehorchte. Jetzt begann ein leiſer Wortwechſel: „Gold und Gold ſteckt er mir zu. Schön iſt er auch. Du biſt ſchöner, mir gefallſt Du beſſer. Willſt mein Liebſter ſein, und ich ſchenk Dir ſeiniges Gold: Langer Samuel hat mich geprügelt, bin ihm davon gelaufen, geh' nimmermehr zu ihm. Bin ſein' Schweſter u Dein Fenſterl iſt klein, kann ich ſchon durch; ich bin glatt wie Schlange. Laß mich zu Dir!“. Bärbel, das geht nicht. Meine Großmutter ſchläft drinnen und hört jeden Laut.. „Komm' zu mir! komm' heraus!“ Ich darf nicht. „Du darfſt, was Du willſt. Biſt ja nit kleiner Bube? Schon ein iunger Kerl biſt Du.“ Ich lieb' eine Andre! „Und mich haſt wollen küſſen? Warum haſt gezittert und mich umarmt im Garten bei Schloß? Lieb' wen Du willſt, aber geh' mit mir!“ Niemals darf ich mit Dir gehen, Bärbel. Ich hab's dem Todten verſprochen. „Wem? Todten?“ Dem ſchwarzen Wolfgang. Er leidet's nicht. Es war ſein letztes Wort. „Hu! dem Schwarzen? War wilde Teuxel!“ Er ſteigt aus dem Grabe, hat er geſchworen, als Geſpenſt und jagt uns auseinander. „Halt Maul! Mir furchtet!— Alſo nix iſſ mit uns Zwei?“ Nichts, Bärbel, gar Nichts. Es darf nicht. „Auch gut. Aber großes Narr biſt Du, Toni, Jeſus Maria ſchrecklich großes Narr, daß Du haſt Wort gege⸗ ben an ſchwarzen Wolf. Bärbel nimmt jetzt jungen Herr aus der Stadt. Bärbel wird vornehmes Menſch, zieht auch in Stadt. Eſel und Ganſel in Schloß glauben, er ſchaut auf Baronmädel? Nix da! Auf rnich Holtei, Vagabunden. I. 9 — 130— ſchaut reicher Bub'! Muß thun, was Bärbel will. Ha, Bärbel iſſ' gar pfiffiges Weibsbild. Wird werden Frau Theodor, weil Du ſie nicht haſt mögen. Adio, ſchönes Toni!“. Die letzten drei Worte ſprach ſie, obwohl bereits vom Kammerfenſter verſchwindend, ſo laut, daß der Schall derſelben bis in's Nebenzimmer drang, und daß die Großmutter ängſtlich rief:„redeſt Du im Schlafe, Anton?“ Dieſer ſchloß den Fenſterflügel langſam und vorſichtig und ſagte dann: ich glaub', es war ſo was? Mir träumte gerade, ich wär' eine vornehme Dame. „Unſinn,“ erwiederte die Alte zurück,„wie kann ein vernünftiger Menſch ſolche Thorheiten träumen?“— Dann entſchlief ſie wieder. Worin es lag, daß unſer Freund auch entſchlief, nach⸗ dem nur etliche Minuten ſeit Bärbels Rückzug verlaufen waren? Daß er freier athmete? Daß er ſich getröſtet wähnte? Wer mag es genügend erklären? Dennoch war es ſo. Er fühlte ſich wie von einer ſchweren Laſt befreit. Er vermochte, ohne Schmerz an Ottilien,— er vermochte, zu denken: ſie iſt es nicht, welche den jungen Herrn in Liebenau zurückhält. Auch war er mit ſich und ſeinem Benehmen gegen die Verführerin zufrieden. Er freute ſich, dem ſchwarzen Wolfgang Wort gehalten zu haben. Er verſenkte ſich in mildere Träume, als die jüngſt ver⸗ gangenen Nächte ihm gegeben; ging, träumend, mit Tieletunke auf einer grünen Wieſe ſpazieren; er und ſie waren noch Kinder;.... und wie er ſich bückte, ihr ein — 131— Vergißmeinnicht zu pflücken, dachte er noch im Halb⸗ ſchlafe: ich danke Dir, lieber Gott, Du haſt mein Gebet bald erhört. Dreizehntes Kapitel. Seit länger als acht Tagen hauſete Theodor nun in Liebenau. Seine Equipage hatte der gefällige Vater ihm hinaus geſendet, aber wahrſcheinlich auch gemeſſene Verhaltungsmaßregeln für das Benehmen gegen den Baron und deſſen Familie. Denn ſeit Chriſtians Rück⸗ kehr und ſeitdem er den Brief geleſen, welchen dieſer Ver⸗ traute des Stalles und der Küche ihm mitgebracht, be⸗ nahm er ſich noch artiger, noch verbindlicher und— noch ſchweigſamer, als vorher. Tagtäglich ritt oder fuhr er mit Onkel Naſus in Feld und Wald; fortdauernd zeichnete er Ottilien durch gewiſſe nichtsſagende, kalte Phraſen vor ihren Schweſtern aus; doch nicht minder tagtäglich und fortdauernd zog er ſich ſo früh als nur möglich aus der Geſellſchaft in ſeine Gemächer zurück, und von Bewerbungen um die Hand der jungen Baro⸗ neſſe hätte auch das Ohr einer Spitzmaus Nichts ver⸗ nehmen können. Freilich war das ganze Bürſchchen erſt achtzehn Jahre alt, kam ſo eben erſt aus der hohen Schule, um in eine höhere, Univerſität genannt, zu tre⸗ ien. Aber, wie Onkel Naſus ganz richtig bemerkte: er iſt ſo reif, ſo fertig, ſo weiſe, ſo altklug, daß er zu jeder 9* — 13³32— Stunde vor den Altar marſchiren könnte; und, fügte Onkel Naſus hinzu, er muß, ja er muß ſich erklären. Wenigſtens der Brautſtand ſoll ſicher ſein. Mag er dann ein Jahr hindurch, der Form wegen, noch Student heißen, oder Burſche, wie ſie's nennen. Ich bewirth⸗ ſchafte ſo lange noch Liebenau, lichte den Wald, wo er zu dick ſteht, und wo man ihn vor lauter Bäumen nicht ſieht, bringe mich in Nummer Sicher,— und dann über⸗ geb' ich ihm mit meiner Jüngſten zugleich die Herrrſchaft. Er mag neu pflanzen; er iſt jung; er hat Ausſicht, zu erleben, wie ſeine Anlagen heranwachſen! Aber ohne Verlobung kommt er mir nicht aus dem Schloſſe, und wenn er Ochſen vorſpannte!. Vergebens wendete der alte Herr ſich bittend und fragend an Tieletunke. Dieſe wies jede Andeutung auf ein Verſtändniß mit ihrem jungen Gaſte entſchieden zu⸗ rück. Sie verſicherte den Vater, daß ſie ſich gegenſeitig vollkommen gleichgültig wären. Der Alte gerieth in Wuth:„Es iſt mir ebenfalls voll⸗ kommen gleichgültig, ob Ihr zwei Euch gleichgültig ſeid? Aber Verlobung will ich haben, Braut ſollſt Du werden, ehe der verfluchte Tütendreher mir die Hypothek aufkün⸗ diget; denn ſobald dies geſchieht, bin ich ein Bettler; meine Töchter müſſen nackt und bloß aus ihrer Väter Burg ziehen und nehmen nicht einen ſilbernen Löffel mit, auf dem unſer reichsfreiherrliches Wappen eingegraben ſteht. Folglich muß geheirathet werden, Tiele, es muß! Du darſſt ihn nicht mehr locker laſſen. Wirf Dich in's Zeug und mach' ein Ende!“ 2 1. — 133— Sie ſchwieg— und ging, was er ſich für verſchäm⸗ ten, kindlichen Gehorſam auslegte. Der böſe Geiſt trieb ſein Spiel, mengte ſich in dieſes Mißverſtändniß und richtete ſeine Sachen ſo ſchlau ein, daß am Abend deſſelben Tages, wo der Baron jene ein⸗ dringliche Rede gehalten, ihm durch den Gärtner, einen geſchwätzigen, dummen Menſchen, Nachricht zukam über nächtliche Beſuche, welche der verehrte jugendliche Gaſt bei ſich empfange. Zuerſt, verſicherte der Gärtner, pflege ſich die hintere Hausthür zu öffnen, zu welcher Chriſtian ſich einen Schlüſſel ausgeliehen, weil er öfters bei Nacht im Stall Geſchäfte haben wolle. Dann trete der Fremde heraus und treibe ſich im Garten umher. Doch müſſe ein Frauenzimmer aus dem Schloſſe ihm heimlich nach⸗ folgen, denn man hätte in den Gebüſchen lebhaft reden hören. Und dann gingen beide wieder in's Schloß zu⸗ rück. Und dann hätte er, der Gärtner, in des Fremden Zimmer durch die Vorhänge hindurch noch lange Licht geſehen. Folglich...... Der dumme Gärtner war nicht wenig erſtaunt, ſtatt des Donnerwetters, auf deſſen Ausbruch er gerechnet, in des Herren blau⸗rothem Angeſicht heitern Sonnenſchein wahrzunehmen. Jetzt ſchien dem Vielerfahrenen Alles deutlich:„Sie wollen mich zum Beſten haben! Sie lie⸗ ben ſich wie toll und raſend, und ich ſoll's nicht merken? Das Geheimniß reizt ſte? Gut; Deſto beſſer! Macht, was euch gefällt! Je weiter ihr goht⸗ deſto ſicherer gelang' ich an mein Ziel. Noch dieſe Nacht bring' ich die ganze Geſchichte in Ordnung!“ — —— — 134— Dem dummen Gärtner wurde der Befehl, ſich ruhig zu verhalten, ſich auf keine Weiſe bemerkbar zu machen, Nichts zu ſtören, ſondern nur aufzupaſſen, bis er glaube, daß die Vögel im Neſt wären, und dann den Baron zu holen. Auch dumme Menſchen, die dümmſten oft am ſchlaueſten, gehen gern und geſchickt auf derlei ſchlechte Kniffe ein. Der Gärtner machte ſeiner Dummheit Ehre, begriff den Sinn des Befehles, wie ein Kluger ihn viel⸗ leicht kaum begriffen hätte, und führte ihn ſo gründlich aus, daß er Schlag Ein Uhr an des Barons Schlaf⸗ zimmer pochte, mit der Meldung:„Die Fräulen ſei wieder bei'm Stadtherren d'rin!“ Es war ein ziemlich langer Weg von einem Ende des weitläuftigen, halb zerfallenden Gebäu's bis zum anderen. Onkel Naſus, in einen brokatenen, verſchoſſenen Schlaf⸗ rock gehüllt, doch mit Reiterſtiefeln, woran die Sporen klirrten, gerüſtet; in der Linken eine Kerze auf ſilbernem Leuchter, in der Rechten ſein Schwert führend, ſchritt voran. Ihm folgten der Gärtner, der Leibjäger, der Koch, — denn er brauchte Zeugen! Vor Theodor's Stubenthür angelangt, reichte er ſei⸗ nem Büchſenſpanner den Leuchter hin und pochte ſodann mit der linken Fauſt dreimal gewaltig an das morſche Getäfel, daß es ſchier aus ſeinen Fugen gewichen wäre. Zum Teufel, was giebt's? erſchallte Theodors Ruf von innen; bis Du es, Chriſtian? Brennt die alte Räu⸗ berhöhle? Was willſt Du? 3 „Ich bin es, Herr Theodor van der Helfft, ich, Frei⸗ herr v. Kannabich,“— nahm Naſus das Wort,—„der 5 5 ————— —— 8 1 —— 135— ſeine Tochter ſucht. Oeffnen Sie gutwillig, oder ich ſehe mich genöthiget, durch mein Gefolge die Thüre ſprengen zu laſſen.“ Gärtner, Koch und Jäger ſtießen allerlei dumpfes Gemurmel aus, um anzudeuten, daß Gefolge wirklich vorhanden ſei. D'rinnen herrſchte tiefe Stille, die nur augenblicklich durch mühſam zurückgehaltenes weibliches Gekicher unter⸗ brochen wurde. Dann wieder ließ Theodor ſich verneh⸗ men: Ich öffne, ſobald ich meinen Schlafrock angelegt. „Wir ſtegen,“ murmelte Naſus;„jetzt bleibt ihm Nichts übrig, als mich zu ſeinem Schwiegervater zu ernennen!“ Die Thür ging auf. Der Baron drang hinein, ſeine Diener blieben im Eingang, denſelben durch ihre Per⸗ ſonen feſt verrammelnd. Theodor trat dem Baron entgegen; er war gleichfalls in einen Schlafrock gehüllt, in ein Prachtgewand von grüner Seide mit bunten Blumen durchwebt. Die bei⸗ den Schlafröcke ſtanden einander gegenüber, wie dem ſchmutzigen grauen November blühender Mai. „Wo iſt mein Kind, Herr van der Helfft? Wo iſt Ottilie?“ So ſchnaubte, ſich zornig ſtellend, der im Inner⸗ ſten überglückliche Vater den hochmüthigen Jüngling an. Dieſer erwiederte mit der Grazie beleidigter Unſchuld: Wie ich hoffe, zu dieſer Stunde in ihrem jungfräulichen Bett, Herr Baron. Es ſollte mir leid thun um Sie, wie um Ihr Fräulein, wenn ſie ohne des Baters Vor⸗ ra ſich wo anders befände? — 136— „Sehen Sie dies ſelbſt ein, unwiderſtehlicher Ver⸗ führer? Dann geben Sie uns Genugthuung: Erklären Sie meine Tochter Ottilie in Gegenwart dieſer drei Zeu⸗ gen—(wiſchen den Thürpfoſten regte es ſich, und die Angerufenen ſtießen Töne aus)— für Ihre verlobte Braut! Sonſt bekommt mein treues Schwert zu thun.“ Ich verſtehe Ihre Meinung, mein Herr, ſagte Theo⸗ dor, und ich muß Ihnen, als Vater, vollkommen Recht geben. Befände ſich Ihre Tochter jetzt, nach Ablauf der Geiſterſtunde, bei mir in dieſen mir eingeräumten Ge⸗ mächern, dann bliebe Ihrem alten, unbefleckten Adel Nichts übrig, als mein Herz zu durchbohren, oder mich als Sohn an Ihr Herz zu drücken. Gewiß ziehen Sie das Letztere vor, und aus guten Gründen, wie ich vermuthe. Deshalb auch verſpreche ich Ihnen feierlich, im Angeſicht jener ehrenwerthen Zeugen, Ihrer Tochter Ottilie meine Hand als Gatte zu reichen— „An dieſe Bruſt, braver Junge! Ihr habt's gehört: ſie iſt jetzt ſine Braut. An meine Bruſt!“— Wofern ſie ſich zur Zeit bei mir befindet! „So iſt's abgemacht! Ich weiß Alles. Ich verzeihe Euch, ich ſegne Euch. Dort im Cabinet ſteckt ſie; wir ha⸗ ben ſie draußen lachen hören, als ſie ſich verſteckte. Komm heraus, Tieletunke, komm', daß Dein Vater Dich ſegne!“ Naſus machte Miene, in's Cabinet zu gehen. Theo⸗ dor vertrat ihm den Weg. Es entſpann ſich eine Art von Balgerei, die anfänglich Seitens des Barones den Anflug liebevoll⸗väterlichen Scherzes trug, durch Theodors ern⸗ ſten Widerſtand bald eine faſt bedenkliche Wendung nahm. .— 137— Mit Reden und Gegenreden verſtrich die Zeit. Aus hef⸗ tigem Wortwechſel wurde lautes Geſchrei, und dies drang durch die offene Thür in die leeren öden Gänge, erſt alle Fledermäuſe, endlich die Schläferinnen des Hauſes auf⸗ jagend. In demſelben Augenblicke, wo Naſus in höch⸗ ſter Wuth brüllte:„Warum ſoll ich mein Kind nicht als Braut begrüßen? Ottilie, Dein Vater iſt's, der Dich ruft!“ — In demſelben Augenblicke machte Ottilie ſelbſt ſich Bahn durch Koch, Jäger und Gärtner, erſchien in flat⸗ terndem Nachtkleide hinter ihrem Vater und fragte mit dem ihr eigenen, vornehmen Weſen:„Was ſteht zu Be⸗ fehl? Hier bin ich!“ Sie werden ſich jetzt zufrieden ſtellen und die Ueber⸗ zeugung gewinnen, Herr Baron, daß Sie mir, mehr aber 4 3 noch Ihrem hochzuverehrenden Fräulein Tochter Unrecht thaten? hub Theodor an. So gewiß Baroneſſe Ottilie aus ihrem Schlafzimmer kommt, ſo gewiß mir nicht die gefährliche Ehre zu Theil wurde, ſie in dem meinigen zu beherbergen; ebenſo gewiß muß ich auf das Glück ver⸗ zichten, die mir dargebotene Hand derſelben— „Wer hat gewagt,“ unterbrach ihn Ottilie, vor Zorn erglühend,„wer hat gewagt, meine Hand Ihnen dar⸗ zubieten? Wer überhaupt durfte über meine Hand ver⸗ fügen wollen? So weit erſtrecken ſich eines Vaters Rechte nicht, und des meinigen wahrlich am wenigſten. Ich muß bitten, meine Herren, mich und meine Perſon gänzlich aus Ihrem Spiele zu laſſen; hören Sie wohl, aus jedem: ſei es auch eines um Leben, Gut und Ehre! Denn ein ſolches wird, fürcht' ich, hier geſpielt werden. 1 — 138— Mich überraſcht Nichts; ich bin auf Alles gefaßt und erwarte das Schlimmſte mit Ruhe.“ Ehe noch der Baron auch nur einen ſchwachen Ver⸗ ſuch zu Stande brachte, in väterlicher Autorität gegen ſie aufzutreten, war Ottilie nicht mehr anweſend. Er rang nach Faſſung, nach Kraft, um wenigſtens noch einen Wuthausbruch verſuchen zu können? Frucht⸗ los! Wie gelähmt ſank er in den Lehnſeſſel vor Theodors Bett; ſeine Diener umſtanden ihn, einen Schlagfluß vor⸗ herſehend. j Theodor rief nach Chriſtian und befahl dieſem, raſch zu packen, während er ſelbſt ſich völlig ankleide; vor Ta⸗ gesanbruch noch wollten ſie abreiſen. Das ging mit unerhörter Eil'! Bevor noch Onkel Naſus ſich erholt hatte, war Alles geſchehen. Die Stallleute im Hofe hatten angeſpannt. Theodor ſchien nur zu harren, ob der Baron das Zimmer nicht verlaſſen werde? Offenbar wünſchte er, dies möge geſchehen, bevor kund geworden, wer im Cabinet verſteckt geweſen ſei? Der Baron jedoch, der, wenn auch langſam, doch nach und nach ſein Be⸗ wußtſein wieder gefunden, raffte ſich noch einmal empor und begehrte, auf ſein Hausrecht geſtützt, zu erforſchen, wer das nichtswürdige Weibsbild ſei, welches ſolche Schmach über ihn und Ottilie gebracht? Theodor ſchwankte zwiſchen Verlegenheit und Zorn. Da that ſich die Tapetenthür' auf und heraus trat— (in Theodors Kleidern, begreiflicherweiſe!)— der ſchmuckſte Burſch, den ein Menſch jemals geſehen. Bei dieſem An⸗ blick gewann der junge van der Helfft ſogleich wieder die — 139— volle Zuverſicht des Weltmännchens: Endlich, Vetter, rief er dem Eintretenden entgegen; Du haſt lange ge⸗ braucht, bis Du Toilette gemacht! Nun laß' uns aber nicht zögern, dieſem ungaſtlichen Hauſe den Rücken zu wenden. Wenn wir es wieder betreten, ſollen andere Sitten hier herrſchen; dafür will ich gut ſagen. Die beiden Stutzer umſchlangen ſich zärtlich und gin⸗ gen triumphirend davon. Bald nachher hörte man ihren Wagen aus dem Hofraume rollen. Onkel Naſus ſaß wieder im breiten Lehnſeſſel, tiefer noch darniedergeſchmettert, als beim erſten Anfall. Seine Getreuen hatten viel zu thun, ihn auf die knickenden Beine zu bringen. Und als es endlich gelang, ſchien er die Sprache völlig verloren zu haben. Nur unarticulirte, abgeriſſene Sylben ſtotterte der alte Herr mühſelig her⸗ vor, aus denen ſich der Jäger nach langem Studium zuletzt jene früher ſchon vernommenen, ihm auch jetzt noch unerklärbaren Worte:„brauner Racker!“ zuſammen buchſtabirte. Vierzehntes Kapitel. Es wäre wider den natürlichen Lauf der Dinge ge⸗ weſen, hätten zur Feierabendſtunde Mutter Gokſch und ihr Enkel die Ereigniſſe vergangener Nacht nicht mit einander beſchwatzt. Schon des Gutsherrn bedenkliche Erkrankung, die ärztliche Hilfe und reitende Boten nöthig gemacht, verurſachte großes Aufſehen und zweideutige ell 4 Theilnahme im ganzen Dorfe. Wie viel mehr jene ge⸗ heimnißvollen, faſt fabelhaften Gründe, denen dieſe Er⸗ krankung beigemeſſen ward? Der Großmutter konnte nicht entgehen, daß Antons Mitleid für den Kranken von ſelbſtſüchtiger Freude über Theodors plötzliche Abreiſe aufgewogen wurde. Auch ſchalt ſie ihn deswegen. Das nahm er zwar demüthig hin, wußte ſich aber doch inſofern zu rechtfertigen, als er ſeiner Freude den reinſten Antheil an Tieletunke's Lebensglück unterlegte. Mit dieſem Menſchen, ſprach Anton, ſo prächtig er ausſieht, und ſo feine Kleider ihn ſchmücken, wäre ſie doch höchſt unglück⸗ lich geworden. Und wenn die pfiffig⸗lächelnde Alte ihn fragte: Du dummer Junge, woher willſt Du das wiſſen? antwortete er nur, wo möglich noch pfiffiger lächelnd, wie ſie: Ich bin nicht ſo dumm, als ich ausſehe! Wobei er ein reizend⸗ſchlaues Geſicht machte, daß ihn die Groß⸗ mutter vor Liebe gleich hätte auffreſſen mögen. Das war ein hübſcher Abend. Ringsum herbſtelten freilich Wieſen und Bäume ſchon, doch blieb es noch warm und ſommerlich. Sie ſaßen mit einander vor ihrem Häuschen, nicht anders, als in ihren heiterſten Tagen. Es war ein hübſcher Abend, wie geſagt; denn ſie ahneten nicht, daß er der letzte dieſer Art ſei. Nun thu' mir den Gefallen, Großmutterle, und ſieh' Dir den Poſt⸗Boten an, ſagte nach einer Pauſe zufrie⸗ denen Schweigens Anton; ſieht der nicht gerade ſo aus, als ob er uns einen Brief bringen wollte? Unverwandt ſtarrt er nach mir herüber, jetzt biegt er ein. Weiß Gott, er kommt hierher. Na, das iſt unerhört. Außer dem 1 — 141— Herrn Paſtor iſt das noch keiner Seele wwderfahren in ganz Liebenau nicht. Wem, um Alles in der Welt, hätte der müde Mann aauch in Liebenau Briefe zutragen ſollen? Die Schloß⸗ bewohner correſpondirten nicht durch die Königliche Poſt, und jene großen, unwillkommenen Zuſchriften, welche Onkel Naſus von Zeit zu Zeit empfing, inſinuirte leider für gewöhnlich ein Diener des Gerichtes. Doch hatte Anton recht geſehen: die Biegung des beſtaubten Wanderers galt ihnen, und er fragte ſie mür⸗ riſch: könnt Ihr mir denn vielleicht eröffnen, ob hier im Dorfe eine Frau Hahn lebt? „Hahn?“ ſagte Anton,„Frau Hahn? Iſt mir nicht bekannt. Hennen giebt's wohl, und Hähne auch, genug. Aber Frau Hahn? daß ich nicht wüßte!“ Nun ſo woll ich, erwiederte noch mürriſcher der ver⸗ drüßliche Mann, ſie ſäße im Monde oder ſonſt wo der⸗ gleichen, damit es keinem Narren auf der Erde einfiele, an ſie zu ſchreiben; lauf ich mir des dummen Briefes wegen nicht meine neuen Schuhſohlen durch und werd' ihn nicht los. Und macht bereits ſchon über einen Thaler an Porto. Anton hatte ſchon wieder eine luſtige Bemerkung auf der Zunge, als ein Seitenblick, nach der Großmutter ge⸗ richtet, ihm Stillſchweigen gebot. Denn die alte Frau ſaß todtenbleich neben ihm, und ihr Auge, ſonſt ſchon matt und trübe, leuchtete wie Feuer unter den Brillen⸗ gläſern vor. Sie ſagte mit lauter, doch bebender Stimme: „Ehe eine Frau Hahn ſich meldet, an welche dieſer Brief — 142— — und dabei wendete ſie keinen Blick von den Schrift⸗ zügen der Adreſſe— gerichtet ſein könnte, müßte ſie erfah⸗ ren, ob ihr Stand, ſowie auch Tauf⸗ und Geburtsname übereinſtimmen?“ Wäret Ihr es am Ende gar ſelbſt? fragte der Bote. Wohl, ſo nennt mir Stand und Namen; wenn das zu⸗ trifft, ſollt Ihr ihn haben, und ich will Gott danken, daß ich ihn los bin. Mutter Gokſch ſprach feierlich:„Antonia Hahn, ge⸗ borene Werner, Wittwe des wohlſeligen Schulrectors und Cantors Hahn in N.“ Das trifft zu. Auf ein Pünktchen trifft es zu. Und nach N. iſt der Brief auch überſchrieben. Von dort hat er viele Kreuz⸗ und Querzüge machen müſſen, ſo daß er's wohl ſatt haben mag und Ruhe braucht. Zahlt mir alſo meinen Thaler und drei Groſchen an Porto, und vier Groſchen an Botenlohn, dann mögt Ihr ihn nehmen, und ich will wünſchen, daß viel Gutes darin ſtehe. Weit genug iſt er her und kommt aus fremder Herren Landen. Die Großmutter ſtand auf, begab ſich in ihr Stüb⸗ chen, aus welchem ſie alsbald mit dem begehrten Gelde zurückkehrte, den Brief in Empfang nahm und augen⸗ blicklich wieder in's Haus zurückging. Der Poſtbote empfahl ſich. Anton blieb unbeweglich ſitzen, wie wenn er verſteinert wäre. Die heitere Stimmung, die ihn ſoeben erſt noch erfüllt, war verſchwunden, um einer bangen, dumpfen Ahnung Platz zu machen. Wie er vorher kaum zu ſagen gewußt, warum er ſich glücklich fühle, hätte er jetzt noch — 143.— weniger ſchildern können, was ihn unglücklich mache. Aber daß er es ſei, empfand er. Er empfand den ſchwe⸗ ren Druck einer gewitterſchwülen Stunde. Und doch lächelte der Abendhimmel ſo herbſtlich⸗rein und blau! An ſeine Großmutter, ein Brief!— Aus weiter Ferne noch dazu, hatte der Bote bemerkt?— Und ſeine Groß⸗ mutter hieß Hahn, nicht Gokſch? Zwar das kam freilich auf Eines heraus: die Dorfleute hatten ſie aus dem Städtiſchen in's Bäu'riſche*) überſetzt.— Doch von wem konnte dieſes Schreiben kommen? Wichtig mußte es ſein! — Die alte Frau war damit in's Haus geflohen, um es allein, ungeſtört zu eröffnen, und in ihrer Miene hatte Etwas gelegen, wodurch ihm gewiſſermaßen unterſagt wurde, zu folgen oder ungeſtüme Fragen zu thun!— Auch mußte ſie die Handſchrift erkennen oder zu erkennen glauben, ſonſt hätte ſie nicht ſo viel Geld daran gewagt, das Schreiben einzulöſen.— Es rührte demnach von einer theuern Perſon her?— Und lebte denn der alten Frau, außer Anton, noch eine ſolche?— Wo lebte ſie?— Anton glaubte doch der Großmutter Lebenslauf genau zu kennen?— Sie beſaß ja keine Anverwandte mehr! All' die Ihrigen waren ia todt! Alle!!— Er erſchöpfte ſich in leeren Muthmaßungen; je län⸗ ger er grübelte, deſto ungeduldiger ward er. Doch ihre Einſamkeit zu ſtören, hätt' er niemals gewagt, Lieber blieb er draußen, bis die Nacht mit ihrer Kühle ihn umgab. Es fröſtelte ihn. Der Herbſt begann ſeine *) In manchen Gegenden nennt man den Haushahn: Gokſch. — 144— Winters, des engen Lebens im kleinen Raume, mit der Großmutter allein. Die langen Abende bei matter Lampe! Und man ſpricht ſich zuletzt aus; wovon auch ſollen ihrer zwei immer und immer mit einander reden? Da ſchleicht die Zeit ſo traurig hin... Was aber,— dieſer Gedanke überkam ihn plötzlich,— was aber, wenn ſie auch nicht mehr da wäre. Wenn Du ganz allein bliebeſt? Wie von einem wilden Thiere überfallen, fuhr er Rechte geltend zu machen. Anton gedachte des nächſten ſchaudernd in die Höh'! Seine unbeſtimmten Ahnungen nahmen Geſtalt an: er ſah die Großmutter jetzt im Geiſte, wie er neulich den ſchwarzen Wolfgang geſehen, ſo bleich, ſo ſtarr;— und länger wär' er nicht mehr im 3 Stande geweſen, ſich ihr fern zu halten. Er ſtürzte zu ihr hinein. Sie lag im Bette. Keine Lampe brannte. Anton machte Licht und näherte ſich ihrem Lager. Unbeweglich lag ſie da, die Arme ausgeſtreckt, das Antlitz kaum zum erkennen. Weil ſie die Augen geſchloſſen, meinte Anton, ſie ſchliefe, und ſchwieg. Der Schein des Lichtes that ihr ſichtbar wehe; ſie zuckte mit den Augenlidern und flü⸗ ſterte matt: geh' ſchlafen, mein Sohn; laß mich auch ſchlafen. Ich bitte Dich. Reden wollen wir morgen. Heute kann ich nicht. Geh' in Deine Kammer; wenn Du mich lieb haſt. „Wenn Du mich lieb haſt!“ O dieſes ſchlichte Wort, welche Zauberformel, welcher Machtſpruch höchſter irdi⸗ ſcher Gewalt käme ihm gleich? Wenn Du mich lieb haſt! wiederholte der Knabe ſanft und innerlich ſchluchzend, küßte die alten Hände, wankte ſeiner Kammer zu, und drinnen warf er ſich auf's Bett, barg das lockige Haupt tief in weiche Federkiſſen, damit dieſe den Ausbruch ſeines Schmerzes dämpfen möchten; damit die Großmutter ihn nicht weinen höre; damit er ſich und ſeinem jungen Grame Luft machen dürfe! Sie ſtirbt! Sie ſtirbt! ſprach er durch glühende Thrä⸗ nen in die Flaumen hinein; ich ſeh' es ihr an. So ſieht der Tod aus. Verflucht, dreimal verflucht ſei die Hand, die den unſeligen Brief geſchrieben! Denn der Brief iſt ihr Mörder.— Was eigentlich in dem Briefe geſtanden, erfahren wir nicht. Die alte Frau hat, nachdem ſie ihn mit Hilfe ihrer Augengläſer in unklarem Dämmerſcheine mühſam geleſen, jenes Blatt ſogleich verbrannt. Hätte Anton bei ſeinem Eintritt in ihr Zimmer für etwas Anderes Auf⸗ maerkſamkeit gehabt, als für ſeine Großmutter, an dem kleinen Herde müßten ihm die Spuren der kaum verweh⸗ ten Papieraſche aufgefallen ſein. Von wem das Schreiben geweſen?— Von ſeiner Mutter, der todtgeglaubten! An ihre Mutter, ſeine Großmutter, war es gerichtet. Woher? Wir wiſſen es nicht. Ebenſo wenig, als wir für jetzt berichten können, wie es geſchehen, daß Antoinette, den verheerenden Flu⸗ then entronnen, zu den Ihrigen nicht mehr heimkehrte; daß ſte ſo lange Jahre hindurch Nichts von ſich verneh⸗ men ließ; warum ſie jetzt gerade ein Zeichen ihres ver⸗ ſchollenen Daſeins gegeben? Holtei, Vagabunden. I. 10 — 146— Vielleicht ſagt es uns der Verlauf dieſer Geſchichte. Erfreuliches konnten dieſe wenigen Zeilen für Mutter Gokſch nicht enthalten haben; das zeigt uns der Zuſtand der alten lebensmüden Empfängerin, die feſt entſchloſſen ſcheint, das Geheimniß mit in's Grab zu nehmen. 1 Frage mich nicht, mein Anton, ſagte ſie am nächſten Tage, forſche doch nicht, von wem der Brief herrühre, den ich geſtern erhielt. Du würdeſt Dich und mich nur vergebens quälen, denn Du darſſt niemals erfahren, was er mir gemeldet. Ich vertraue auf Deinen kindlichen Gehorſam. Gieb Du Deiner alten Pflegerin auch ſo viel Vertrauen, daß Du nicht weiter in ſie dringſt, wenn ſie Dir zuſchwört: es iſt beſſer für Dich, in Unwiſſenheit darüber zu verbleiben. Denke meinetwegen, ich hätte noch einen Verwandten irgendwo gehabt, von dem ich für mich— vielmehr für Dich— vielleicht etwas Günſti⸗ ges erwartet, und das wäre nun fehlgeſchlagen. Oder bilde Dir ein, man habe mir gemeldet, daß eine Perſon, von der ich immer noch viel Gutes geglaubt, die ich für unglücklich, aber ehrlich gehalten, mich und mein Ver⸗ trauen täuſchte; daß ich eine— Freundin verlor; daß ſie mich ſchwer betrog; daß ich gar nicht mehr an ſie denken will. Irgend ſo Etwas ſtelle Dir vor, liebes Kind, und laß' mich mir ſelbſt und meinen Gedanken über. Habe Geduld mit mir, wenn Du mich niedergeſchlagen ſiehſt. Ich werde mich ſchon wieder zuſammenrappeln und, ſo Gott will, auch dieſen letzten Schlag verwinden. Mit ſolchen ausweichenden Andeutungen mußte ſich Anton zufrieden ſtellen. Doch entging ihm keinesweges⸗ — 147—. wie die Kraft der Großmutter völlig gebrochen ſei. Die Augen blieben tief in den dunklen Höhlen, in welche der Brief ſie verſenkt; die Naſe behielt ihre weiße Spitze; die Lippen lächelten nur noch gezwungen und krankhaft. Es war der Tod, den er im Fuchswinkel kennen gelernt, den er jetzt in ihren Zügen wiederfand. Guter Anton, damals ſuchteſt Du ihn im grünen Walde auf; diesmal iſt er gekommen, an Deines Häus⸗ chens Thüre zu pochen. Fünfzehntes Kapitel. Nicht gar lange mehr hielt Mutter Hahn,— denn warum ſollten wir ſie nicht bei ihrem rechten Namen nennen?— ſich aufrecht. Einige Tage nach dem ſoeben geſchilderten Ereigniß ward ſie feſt bettlägrig, und Anton mußte ſeine Arbeit ſtehen laſſen, um häusliche Dienſte einer krankenpflegenden Magd zu verrichten. Krank an irgend einem ſchmerzhaften Uebel war die Großmutter nicht. Nur ſchwach. Sie vermochte kaum, ſich zu regen. Der Geiſt war dafür deſto lebendiger: ſie dachte, ſprach, urtheilte klarer und freier, als in ihren letztvergangenen Lebensjahren. Aerztliche Beihilfe verbat ſie ſich alles Ernſtes. Jünger, ſprach ſie, kann mich der Mann nicht machen, und wenn er alle Weisheit gepachtet hätte! Warum ſoll ich ſeine Flaſchen austrinken? Das Zeug ſchmeckt ſchlecht und koſtet theures Geld. Die Beiden plauderten viel mitſammen. Von der 10* „— 148— Vergangenheit, wie von Antons Zukunft. Jedes Ge⸗ ſpräch über die letztere ſuchte der gute Junge an der Großmutter Geneſung zu knüpfen. Sie dagegen zeige ſich beſorgt, ihn vorzubereiten, ihn vertraut zu machen mit dem Gedanken, daß er lernen müſſe, ohne ſie weiter zu leben. Dein Häuschen, meinte ſie, kann Dir Nie⸗ mand nehmen; Schulden ſtehen keine darauf; ich hab' es mit meinen paar Pfennigen, die ich mir aus dem Biß⸗ chen Garnhandel in N. rettete, baar und richtig bezahlt, als ich's dem ſeeligen Meiſter Schröter abkaufte. Und daß der Enkel ſeiner Großmutter Erbe ſei,— wenn keine Zwiſchenverwandte mehr am Leben, ſügte ſie mit ſchwe⸗ rem Seufzer hinzu,— das iſt eine alte Sache. Du wirſt Dich ſchon fortbringen. 4 Dabei gerieth ſie denn immer wieder auf ihren alten Plan, Anton ſolle bei Zeiten heirathen. Wenn Du über die Zwanzig hinaus ſein wirſt, dann nimm Dir eine Frau! Handwerksleute auf dem Lande müſſen zeitig in den Eheſtand treten. Davon nun wollte Anton, wie uns ſchon bekannt iſt, 1 Nichts hören. Wenn ſie mich nun unter die Soldaten nehmen? Wendete er mehrmals dagegen ein. Das thun ſie nicht, erwiederte beruhigt und beruhi⸗ gend Frau Hahn. Der gnädige Herr Major hat mir's mit Hand und Mund verſprochen und der geſtrenge Herr Kreisſecretair auch. Dich nehmen ſie nicht, weil ſie Dich für einen ſtillen, fleißigen Jungen kennen, der für mich arbeitet, und ſie haben mir's zugeſagt, ſo lange ich lebe, — hier hielt ſie erſchrocken inne. — 149— Anton war ſchon im Begriff zu äußern: aber wenn Du nun ſtirbſt? Doch ſchluckte auch er dies traurige Wort mit Macht hinunter. Und wiederum hub die Alte an: ſoll dies aber mein Letztes ſein, Anton, hernach erbſt Du ja das Häuschen; hernach biſt Du ja, trotz Deiner Jugend, ein Haus⸗ wirth; und dann dürfen ſie Dich gar nicht einmal neh⸗ men unter die Soldaten. Damit Du aber vollkommen ſicher biſt, mußt Du halt heirathen und das bei Zeiten! „Großmutter,“ brummte Anton faſt verdrüßlich,„nun ſchweig' einmal davon! Wo ſollt' ich denn eine Frau finden, wie ich— wie ich ſie wünſchte?“ Eine ſolche, ſagte die unerſchütterliche Eheſtifterin, wird der liebe Gott Dir ſchon ſenden, wenn Du nur!..... In dieſem Augenblick hörte man ein leiſes Klopfen an der Stubenthür. Die Redenden ſahen ſich befremdet an, als wollten ſie ſich fragen: wer klopft bei uns an? Treten die Nach⸗ barn nicht ohne Klopfen ein? Beide riefen wie aus einem Munde: herein! Es war Ottillie. Anton zog ſich ohne Zögern in ſeine Kammer zurück, nachdem er vor der Eintretenden ſich erröthend verbeugt. Ottilie brachte der Kranken ein Glas voll eingeſotte⸗ ner Kirſchen. Ich wäre ſchon früher gekommen, gleich als ich hörte, daß Ihr danieder liegt, ſprach ſie, aber bei uns auf dem Schloſſe geht es auch nicht gut. Mein Vater hat in kurzen Zwiſchenräumen zwei heftige Schlag⸗ anfälle erlitten. Der dritte, glaubt der Arzt, kann ihn tödten. Ihr wißt, er trinkt unmäßig; das ſchadet ihm und verſchlimmert ſeinen Zuſtand. Ich ſehe ſchon lange ein ſolches Ende voraus. Und dann iſt noch Manches dazu gekommen, vielerlei Gram. Ihm droht der här⸗ teſte Schlag: ſein Hauptgläubiger will ihn ſtürzen. Da⸗ gegen giebt es gar keine Hilfe mehr. Er muß Liebenau mit dem Rücken anſehen. Ich wollte ihm gönnen, daß er früher ſtürbe! „Das ſagen Sie ſo ruhig, gnädige Baroneſſe?“ rief die alte Frau ängſtlich. Was iſt zu thun? war die Antwort. In's Unver⸗ meidliche muß man ſich fügen. Bin ich doch darauf gefaßt. „Aber wenn man ſo jung und ſchön und vornehm iſt, wie Euer Gnaden!... Hieß es doch, der fremde, junge, reiche Herr—“ Faſelt nicht, gute Mutter Gokſch. Ich werde niemals heirathen. Verſteht Ihr mich? Niemals! Ihr wißt, was ich ſage, iſt auch gethan. Schon als Kind war ich feſten Willens und hielt an meinen Entſchlüſſen. Ihr könnt mir glauben, wenn ich Euch jetzt noch einmal wie⸗ derhole: ich werde nie heirathen. Ich gebe Euch ſogar die Erlaubniß, es weiter zu erzählen; wenn Ihr wollt auch Eurem Toni! Niemals werd' ich einem Manne auch nur einen freundlichen Blick gönnen, denn ich bin .. Döch wozu das? Man braucht nicht katholiſch zu ſein und hat nicht nöthig, ein Kloſter aufzuſuchen, um Nonne zu werden. Davon genug!— Wie geht es Euch? Gedenkt Ihr bald wieder aufzuſtehen?— — 151— „Ich denke ebenſo wenig von dieſem Lager wieder aufzuſtehen, als mein gnädiges Freifräulein an's Hei⸗ rathen denken will. Kaum noch ein paar Tagev; ich ſpür's am Beſten!“ Dieſe Verſicherung wurde ebenſo leiſe gegeben, damit Anton ſie nicht vernehmen möge,— als die vorhergegan⸗ gene Ottiliens laut gegeben worden war,— vielleicht, damiter ſie vernehmen möge! Ottilie ſah der Alten feſt in's Auge, wie wenn ſie dadurch von dem Gewicht der eben gemachten Prophe⸗ zeiung ſich überzeugen wollte; dann reichte ſie ihr die Hand und ſagte mit zurückgehaltenen Thränen leine ſel⸗ tene Waare bei Tieletunke!): wenn wir uns dann nicht mehr wiederſehen ſollten, alte Frau, ſo fahret wohl. Ich fürchte, in den nächſten Tagen Euch nicht mehr heſuchen zu können, weil meine Gegenwart oben nöthig ſein wird. Gott geb' Euch einen ſanften Tod, und er tröſte den—— tröſte die leben müſſen! Ihr zieht in ein Reich, wo es keine Unterſchiede giebt, keine Rückſichten, wie hier auf Erden. Hebt mir ein leidlich Plätzchen in Eurer Nähe auf, wenn ſich's thun läßt. So, ſich die Augen trocknend, wollte ſie ſcheiden, da trat Anton in's Zimmer, mit ängſtlichen Mienen, wie wenn er den Abſchied für Leben und Tod drinnen in ſei⸗ ner Kammer gehört und verſtanden hätte. Bei ſeinem Erſcheinen war Ottilie raſch gefaßt. Freundlich nickte ſte den Abſchiedsgruß und, im Gehen mit ihren Fingern an jenen Käfig ſtreifend, den Anton für ſeine uns aus dem dritten Kapitel bekannte Turtel⸗ taube geflochten, äußerte ſie, ohne gleichwohl den anzu⸗ blicken, dem es galt: das iſt ein hübſches, zahmes Thier, dieſe Taube; die möcht' ich wohl! Grüß' Gott, Anton! Fort war ſie. Anton machte ſich am Glaſe zu ſchaffen, aus welchem er einige der eingelegten Früchte für dr Großmutter herausſuchte. Frau Hahn aber lispeltt nur: auch fie nicht! Auch ſie will nicht heirathen! Die armen Kinder! Sechzehntes Kapitel. Es kam eine wilde, ſtürmiſche Nacht, nach ſtillen, traurigen Tagen. Der Winter ſchickte ſeine Vorboten. Unſere Kranke, wenn wir eine ſchmerzlos dahin ſterbende Greiſin krank nennen dürfen, empfand den Wechſel der Witterung ſehr hart. Sie ſchlief mit ſteter Unterbrechung und ſchreckte den von langen Nachtwachen ſchwer ermü⸗ deten Enkelſohn häufig durch ihre Unruhe auf. Ganz gegen ihre ſonſtige duldſame Art und Weiſe klagte ſie wiederholt, daß es gar nicht Morgen werden wolle. Und doch war es kaum mitten in der Nacht. Anton fühlte ſeine Bruſt wie zuſammengeſchnürt. Angſt und Schlaf⸗ ſucht übermannten ihn abwechſelnd. Soll ich Dir ein hübſches Lied vorleſen aus dem Geſangbuche? fragte er, um nur Etwas zu ſprechen. „Nein, Anton, nein! Jetzt nicht. Jetzt mag ich — — — 153— Nichts hören. Jetzt könnt' ich's doch nicht faſſen. Ich horche auf etwas Anders. Sei nur ſtill; horche nur auch, es wird ſich bald melden.“ Was denn, liebe Großmutter? 4 „Die Sterbeglocke, mein Sohn. Aber die meinige in Stündlein hat noch nicht geſchlagen. Nein, Anton: der Baron—— der Baron— hörſt Du ihn? Er fluchte gräßlich!“ Du phantaſirſt, Großmutter! rief Anton angſterfüllt. Und kaum hatte er's gerufen, ſo drang der erſte Ton des wohlbekannten Todtengeläutes durch die Seufzer des Regenſturmes. Das iſt wirklich und wahrhaftig die Sterbeglocke!? ſprach er. „Onkel Naſus iſt todt!“ ſagte die Alte. Arme Tieletunke! fügte Anton hinzu. Die Turtel⸗ taube ſtieß ein ängſtliches Gurren aus. Die Glocken bebten fort, ſtärker oder ſchwächer, je nachdem der wechſelnde Wind ſich wendete. „Der Wind ſpringt auch herum, wie wenn er nicht wüßte, was mit ihm werden ſoll. Aber bald ſetzt er ſich feſt, im Morgen; das ſpür' ich an meinen Gliedern. Dann haben wir helles, klares Wetter. Morgen den ganzen Tag. Und dann einen ſchönen reinen Herbſt⸗ abend. Einen ſchönen Abend, mein Anton, mit buntem Blätterwerk, wie gemalt. Rothkehlchen, Schneekönige — 154— und Blaumeiſen in den Sträuchern. Ach, wie ſanft wird ſich's da ſterben! Weine nicht, Anton! Ich will mein Lieblingslied beten, vom alten Benjamin Schmolck, den Deines Großvaters Vater als Schüler in Schweid⸗ nitz noch gekannt, den er mit zu Grabe getre Deinem ſeligen Großvater mußt ich di chen, wie er ſtarb. Daran will ich mich jetz Ich habe Luſt zu ſcheiden, Mein Sinn geht aus der Welt; Ich ſehne mich mit Freuden Nach Zions Roſen⸗Feld. Weil aber keine Stunde Zum Abſchied iſt benennt, So hört aus meinem Munde Mein letztes Teſtament. Gott Vater! Meine Seele Beſcheid' ich Deiner Hand, Führ’ ſie aus dieſer Höhle In's rechte Vaterland. Du haſt ſie mir gegeben, So nimm ſie wieder hin, Daß ich im Tod und Leben Nur Dein alleine bin. Was werd ich, Jeſu, finden, Das Dir gefallen kann? Ach, nimm Du meine Sünden. Als ein Vermächtniß an: Wirf ſie in Deine Wunden, Iw's rothe Meer hinein, So hab' ich Heil gefunden Und ſchlafe ſelig ein. 1 (Hier ſtürzte Anton laut weinend nieder und legte ſein Geſicht an die Hände der Großmutter.) — 155— Dir, o Du Geiſt der Gnaden, Laſſ' ich den letzten Blick. Werd' ich im Schweiße baden, So ſieh' auf mich zurück. Ach, ſchrei' in meinem Herzen, Wenn ich kein Glied mehr rühr', Und ſteu' in meinem Herzen Mir Nichts, als Jeſum, für. Ihr Engel, nehmt die Thränen Von meinen Wangen an: Ich weiß, daß Euer Sehnen, Sonſt Nichts vergnügen kann. Wenn Leib und Seele ſcheiden, Tragt mich in Abra'ms Schooß, So bin ich voller Freuden, Und aller Thränen los. Euch aber, meine Lieben, Die ihr mich denn beweint,.... Euch hab' ich was verſchrieben: Gott, euren beſten Freund. D'rum nehmt den letzten Segen, Es wird gewiß geſcheh'n, Daß wir auf Zions Wegen Einander wiederſeh'n. Zuletzt ſei Dir, o Erde, Mein blaſſer Leib vermacht, Damit Dir wieder werde, Was Du mir zugebracht. Mach' ihn zu Aſch' und Staube, Bis Gottes Stimme ruft! Denn dieſes ſagt mein Glaube: Er bleibt nicht in der Gruft. Dies iſt mein letzter Wille, Gott drückt das Siegel d'rauf. Nun wart' ich in der Stille, Bis daß ich meinen Lauf Durch Chriſti Tod vollende, So geh' ich freudig hin Und weiß, daß ich ohn' Ende Des Himmels Erbe bin. Als ich dieſes ſchöne Lied meinem Alten vorgeſagt, iſt er freundlich eingeſchlafen. Und ſo wollen wir es alle⸗ weile auch machen, Anton, Du wie ich, damit wir mor⸗ gen friſch und tapfer ſein mögen für unſeren Abſchied. Die Unruhe, ſo in mir gewirthſchaftet, iſt beſchwichtiget. Der liebe Gott hat es gut mit mir vor.“ Sie wendete ſich ein wenig nach der Seite hin und ſchlief wirklich zu ſtillem Schlummer ein. Aber immer auf's Neue ſetzte die Sterbeglocke an. Keine Frage mehr, das galt dem Grundherrn. Der Baron von Kannabich auf Liebenau, vulgo Onkel Naſus, liegt auf ſeinem weichgepolſterten Lehn⸗ ſtuhl, regungslos und todt, wie ein anderer Leichnam. Ihm zur Seite weilt, das ernſte Antlitz ſorgenſchwer über ihn gebeugt, Paſtor Karich, der ſich fruchtlos bemü⸗ hete, ſeines alten Gönners und Freundes letzten Stun⸗ den Faſſung und männliche Würde zu empfehlen. Wei⸗ nend ſitzen Linz und Miez in der Brüſtung des Fenſters, und es iſt ſchwer zu beſtimmen, ob ihre Thränen dem — 157— Tode des Vaters, ob ſie ihrer eigenen ſchwarzumflorten Zukunft gelten. Wer ſich unmittelbar nach dem Verſcheiden des Frei⸗ herrn auf ihr Zimmer begeben und dort eingeriegelt hat, iſt Ottilie. Ihrer an ihn und an die Großmutter gerichteten, nur halb verſtandenen Abſchiedsworte gedenkend, kniet Anton noch immer vor dem Bett ſeiner ſchlafenden Wohlthäte⸗ rin, und wie er jeden Athemzug der Theuren bewacht, angſtvoll lauſchend, ob es nicht gar der letzte ſei, richtet er zugleich ſeine Theilnahme doch auch auf das Schloß hin, woo er Ottilien weiß, die, wie ihm die Glocken verkündet, einen Vater verlor. Wenn ſchon keinen kindlich geliebten, väterlich liebenden, doch einen Vater! Dort iſt's auch aus, dacht' er bei ſich, vorbei für immer mit Allem, was Freude heißt. Die Fräulen können das Gut nicht behaupten. Die ganze Familie ſtürzt zuſammen. Der Verwalter ſchüttelt ſchon lange den Kopf. Aus den gnädigen Baroneſſen werden arme Leute, wie Unſereins. Am Ende nehmen ſie noch Puſchel und Rubs zu Män⸗ nern. Das wär' eine Geſchichte! Und Tieletunke?... Ja, die iſt am Schlimmſten d'ran. Faſt ſo ſchlimm wie— ich. Von dieſem letzten Gedanken gelangte unſer betrübter Denker, mit dem die flüchtige Phantaſte ohnehin gar zu gern auf⸗ und davon ging, immer tiefer in's Gebiet der Mbglichkeiten und Unmöglichkeiten, bis er ſich zuletzt in kühne, wunderbarliche Luftſchlöſſer verirrte, in deren aller⸗ Fönſtem ihm der holde Schlaf— ſeinem häßlichen Bru⸗ 158— der Tod ſo nahe— die Stirn berührte und ſprach: hier weile und träume! Da lagen ſie nebeneinander: die Großmutter, ſchon im Arme des Todes, der noch einmal die Geſtalt des Schlafes angenommen, auf ihr Lager hingeſtreckt wie auf eine Bahre;— zu ihren Füßen knieend der jugendliche Enkel, umſchlungen vom Schlafe, welcher zum Bruder Tod hinüber lächelte, als wollt' er ihm andeuten: Du ahm'ſt mich täuſchend nach! Beide, die alte Frau, wie Anton, erwachten zugleich. Als der Jüngling, der den Tod bereits zu kennen wähnte und ihn doch nicht kannte, ſeiner Großmutter guten Morgen wünſchte, nahm er die fromme Faſſung⸗ welche aus ihren Zügen auf ihn ſtrahlte, für neue Lebens⸗ kraft. Du biſt beſſer, viel beſſer, jubelte das treue Herz ihr entgegen; der Schlaf hat Dich geheilt; Deine Krank⸗ heit iſt gebrochen! Ganz anders ſchau'ſt Du darein, als heute Nacht. Gott ſei gelobt, Du lebſt und wirſt noch lange leben! „Sicherlich, mein Sohn,“ antwortete ſie,„leben werd' ich. Und was noch mehr: mein wahres Leben wird erſt beginnen. Davon ſpäter. Jetzt geh' und gieb dem Vieh draußen ſein Biſſel Futter. Vergiß auch die Turteltaube nicht. Die iſt Tieletunke's Liebling.“ All' jene kleinen Wirthſchaftsmühen, die nun Anton's Fürſorge oblagen, nahmen ihn faſt den ganzen Tag über in Anſpruch. Er ging ab und zu, nach jeder häuslichen Verrichtung wieder einmal zur Mutter laufend, um zu fragen, was ſie wünſche und bedürfe. — 159— Solch' ein Herbſttag iſt kurz. Wenn ſeine Sonne ſich einmal zu neigen beginnt, iſt ſie geſchwind hinab. Das giebt die ſchönſte Feierſtunde im kleinen wohnlichen Raume. Zu dieſer fand ſich auch Anton mit freundlichem Geſichte ein. Er nahm Platz bei'm Betts, ſo daß er der Alten gerade in's Auge ſah. 8. Durch allerlei Stubengewächſe und Blumenkram drangen Sonnenſtrahlen in's Gemach, die Hälfte deſſel⸗ ben mit ihrem Glanze feſtlich zu ſchmücken. Frau Hahn lächelte blinzelnd hinein. Anton wollte den Laden ſchlie⸗ ßen. Sie aber ſprach: laß nur! Das blendet mich nicht. Ich ſagt' es Dir ja geſtern, mein grundgütiger Gott werde mich nicht in finſterer Sturmnacht abrufen? Er ſendet mir ſein Licht bei'm Ausgang aus dieſer Erden⸗ welt. Jetzund, mein Junge, laß' uns herzlichen Abſchied nehmen und unterbrich mich nicht durch Jammergeſchrei. Du hörſt es gern, wenn ſie Dich einen jungen Mann heißen; zeige heute, daß Du es biſt. Mein Lebensöl iſt ausgebrannt; die Lampe will verlöſchen. Ich ſcheide von Dir mit einer Seele voll inniger Liebe. Was ich für meinen ſeligen Mann, was ich für Deine Mutter gefühlt, das hab' ich gleichſam auf Dich übertragen. Du warſt mir Eh'gemahl und Kind zugleich, Du warſt mir Alles. Ich hoffe, mein Betragen hat Dich deſſen ſtets verſichert. Dieſe Liebe nehm' ich mit mir hinüber und lege ſie nieder vor Gottes Thron. Aber auch meinen Dank nehm ich mit, meine Dankbarkeit für Dich. Du warſt immer ge⸗ horſam, ſorgfältig, anhänglich; Du haſt mich nie betrü⸗ ben wollen; Du biſt ein fleißiger, ordentlicher Junge. — 160— Was ſonſt in Dir rumort, Deine verwunderlichen Ideen und Sachen,— dafür kannſt Du nicht. Das iſt ange⸗ boren; das ſagt mir mein geſunder Menſchenverſtand. Der Hirſch iſt kein Schaf, und ein Pferd kann keine Kuh werden. Es kommt nur darauf an, daß man ſich einen Zaum anlegt, daß man ſich beherrſchen lernt. Und das wirſt Du lernen, mein Alter, mit den Jahren, mit der Zeit. Wenn's zu arg in Dir tobt, wenn des Vaters und der Mutter Geblüte Dich turbiret, dann gedenk' an die Großmutter; gedenk' an ihre letzten Worte. Nicht wahr, das thuſt Du? Und noch einen Kuß gieb mir, Anton, einen herzlichen Kuß, wie Du mir jeden Abend gegeben, bevor Du in Deine Schlummerſtätte gingſt. Du wirſt noch viele Küſſe geben und empfangen; gar manchesmal werden Deine Lippen an einem jungen, friſchen Munde hangen; das iſt ſchon nicht anders bei Euch nichtsnutzigen Mannsbildern, und der beſte von Euch taugt nicht viel, wie mir ſogar mein ſeliger Hahn eingeſtanden;.... aber kein Kuß wird ſo redlich gemeint ſein, wie dieſer letzte Kuß, den Deine alte Großmutter giebt und empfängt in ihrem Todesſtündlein!——— So, ſo, mein armer Junge!— Laß' mir die Hand.— Und grüße Tieletunke, wenn Du ſie ſiehſt.— Und grüße den Herrn Paſtor. Ich wollt' ihn nicht zu mir bemühen. Denn erſtlich werden ſte ihn auf dem Schloſſe brauchen, und dann— ehrlich zu reden— ich brauch' ihn nicht. Den einzigen Gram, den ich in meine Bruſt verſchloſſen mit mir nehme, kann der gute Mann mir doch auch nicht löſen. Und im Uebrigen weiß ich, woran ich bin. Nein, ich fürchte mich — 161— nicht. Es ſtirbt ſich ja ſo gut, die treue Hand des redlich⸗ ſten Sohnes in erſterbenden Händen, wie ich die Deine halte.... Deine Thränen fallen ſanft auf mein Antlitz; ſie ſind wie Morgenthau.— Siehſt Du die Sonne ſinken? Du meinſt, ſte ſchwindet? Nicht doch, ſie ſteigt empor! Sie nimmt mich mit ſich.— Ich werde die Nacht nimmer ſehen.— Ich bleib' im Licht! Im Licht, mein Anton!——— Ihre Zunge bewegte ſich noch; Worte vernahm er nicht weiter. Ein heiſeres Röcheln ſtellte ſich ein. Dieſes währte nur wenige Minuten. Dann öffneten ſich die ſchon geſchloſſenen Augen noch einmal, ſie hefteten ſich feſt auf den geliebten Knaben. Ein verklärendes Lächeln zog um den tiefeingefallenen Mund,— ein Seufzer blies die alten Lippen auf;— ein Druck der Hände begleitete ihn—— 4 Anton's Großmutter war todt. Siebzehntes Kapitel. Ich weiß nicht, woher es kommt, und welche Art von Ehre die ſogenannten Vornehmen darein ſetzen, daß ſie ihre Verſtorbenen ſo ſpät als möglich begraben laſſen! In manchen Gegenden wenigſtens hegt man dieſe ſelt⸗ ſame Gattung von Eitelkeit. Sollt' es Furcht vor dem Scheeintode ſein? Ich glaube kaum; denn ich ſelbſt habe oft genug Leichenbegängniſſen beiwohnen müſſen, wo man ſich ſchon einige Tage vorher durch allzu kräftig duftende Beweiſe von der unzweifelhaften Auflöſung alles Holtei, Vagabunden. I..11 — 162— Irdiſchen überzeugen können. Es mag wohl daher kommen, daß Zurückbleibende entweder wirklich wünſchen⸗ die leiblichen Ueberreſte der Ihrigen noch in ihrer Nähe zu wiſſen, oder, daß ſie es für ſchicklich halten, dieſen Wunſch mindeſtens vorausſetzen zu laſſen. Und weil denen, welche ihren Verhältniſſen gemäß größere Räume, bequemere Wohnungen inne haben, es leichter wird, ein abgeſondertes Leichenzimmer einzurichten, ſo bleibt ihnen auch hierin ein trauriger Vorzug vor den Aermeren und Geringeren, die gezwungen ſind, Luft zu machen, damit ſie ſelbſt nur wieder leben und wirken können. Anton hielt ſich herkömmlicher Weiſe an den dritten Tag, wobei er jedoch den eigentlichen Todestag nicht mit⸗ rechnete; und dadurch geſchah es, daß des freiherrlichen Gutsherrn und der Cantorswittwe Beſtattung in einen und denſelben Nachmittag fiel. Eine ſeltene Begebenheit für Liebenau: zwei Leichen unmittelbar hinter einander! Eben kamen die leidtragenden Töchter aus der Erb⸗ gruft wieder an's Tageslicht, als zwei Träger mit dem Sarge der Frau Hahn in den Friedhof traten. Anton wankte hinter dieſem Sarge her, wie bewußtlos. Puſchel und Rubs, die ſich ſeines Schmerzes, ſeiner Rathloſigkeit hilfreich angenommen, leiteten ihn. Das ganze Dorf war noch beiſammen von der„Beiſetzung“ des Baron's. Es blieb verſammelt für das Begräbniß der Mutter Gokſch. Blos daß die Leute ſich umwendeten, von der Gruft unter der Kirche weg, um ſich dem Grabe im friſchen Erdboden zuzukehren. Das war Alles. Auch die drei Baroneſſen ſtellten ſich dahin. Paſtor Karich — 163— ſtand ſchon am offenen Grabe. Er redete nur wenig zum Andenken der Verſtorbenen; doch dies Wenige ſcheint mir eigenthümlich genug, damit es hier ein Plätzchen finde! Ich habe— ſo lautete die Trauerrede für Anton's Großmutter— jetzt eben meinen älteſten Gönner und hohen Freund, unſern gnädigen Grundherren, zur ewigen Ruhe eingeſegnet, indem ich für ſelbigen, kraft meines Amtes als berufener und verordneter Diener Gottes, die Gnade des Himmels erflehete und barmherzige Ver⸗ zeihung alles Deſſen, was menſchlich⸗ſündhaft an ihm geweſen. Er iſt geſtorben, ohne ſeinen Frieden mit der Ewigkeit abzuſchließen; darum iſt ſein Ende mir ein zwei⸗ facher Schmerz. Hier dagegen ſtehen wir am Grabe einer ſo redlichen, ſanften, verſtändigen und dabei beſcheidenen Frau, daß ihr Beiſpiel Allen empfohlen werden kann, die noch auf Erden wandeln. Während ſie hier unter uns lebte, hat Niemand eine böſe Rede, ein hartes Wort von ihr gehört, Niemand eine üble That von ihr geſehen. Wie ſie lebte, iſt ſie geſtorben, im frohen Vertrauen auf die Anige Macht, welche Alles leitet und lenkt. 3 Sie hat einen Enkel hinterlaſſen, der ihrer würdig fſ. Ihr Segen ruht auf ihm! Anton, im Namen Gottes ruft ein alter Mann Dir zu,— daß die ganze Gemeinde es höre!— Deiner Großmutter Segen wird Dich be⸗ gleiten durch's Leben. Welche Verſuchungen, welche Prüfungen, welche Leiden Dir etwa vorbehalten ſein mögen— Du wirſt über alle ſtegen und zuletzt glücklich ſein,— ſo gewiß die Seele ſelig iſt, deren Hülle wir jetzt 11* — 164— verſenkt haben!! Laßt uns ein ſtilles Gebet ſprechen, und kehre dann ein Jedes an ſeinen Herd. Amen. Nachdem das Gebet vollendet war, drängte ſich Alt und Jung herbei, ihre drei Handvoll Erde auf den Sarg zu werfen. Anton blieb unbeweglich, bis Keiner mehr zurück war. Dann warf er ſeine Spende hinab. Und wie er ſo ſchweigend, ſtill— denn Thränen hatten ſeine Augen nicht mehr— in's Grab ſtarrte, trat Ottilie an ihn heran. Tonil rief ſie laut, daß die Leute ringsumher es hör⸗ ten und auf Beide blickten. Er ſchrak zuſammen und ſah ſie fragend an. Sie umſchlang ſeinen Kopf mit beiden Händen, drückte einen langen Kuß auf ſeine Stirn und ſagte: Leb' wohl! Hierauf folgte ſie ihren Schweſtern. Das Ge⸗ wühl zerſtreute ſich. Anton blieb am Grabe, bis es völlig geſchloſſen und der Hügel aufgeworfen war, der noch vor Abend mit ſorg⸗ fältig ausgeſtochenen Raſenſtücken bedeckt wurde. Achtzehntes Kapitel. Wenn die Sterbenden wüßten, wie das, was ſie ihren letzten Willen nennen, ſo oft ganz anders, als ſie meinten, oder gar nicht zur Ausführung gelangt, ſie würden, fürcht' ich, ſtatt jenes letzten Willens einen letzten Unwillen kund geben. Wie viele Vermächtniſſe, worin den Zurückblei⸗ benden Einigkeit und gegenſeitige Duldung geboten; wie — 165— viele Teſtamente, in denen Pietät und Förderung für be⸗ gonnene Unternehmungen an's Herz gelegt; wie viele Hinterlaſſenſchaften, deren weiſe, der Menſchheit erſprieß⸗ liche Verwendung ausbedungen ward?! Ach, und kaum iſt der Mund verſtummt, der dies anordnete; kaum die ſegensreiche Hand erkaltet, die es niederſchrieb; kaum zwei Augen geſchloſſen, welche darüber wachten;— daß auch ſchon Mißgunſt, Selbſtſucht, Eigennutz, Verſchwendung den beſten Vorſchriften falſche Deutung geben und Aus⸗ wege finden, ſie zu umgehen! Man vernimmt häufig im Volke jenes albern⸗klingende Wort: wenn der Verſtorbene das wüßte, im Grabe würd' er ſich umkehren! Und ſo albern es klingt, es iſt uns Allen gewiß auch ſchon wider unſern eigenen Willen auf die Zunge gekommen, wenn wir mit anſehen mußten, wie herzloſe Erben oder auch der„große Zeitgeiſt“ unter ihre Füße traten, was edle Stifter auf immer zu gründen bemüht geweſen. Bei unſerem Anton war das nun freilich ein anderer Fall. Er würde aus freiem eigenem Willen Nichts unter⸗ nommen haben, was er mit ſeiner Anhänglichkeit für die Verſtorbene nicht vereinbar gefunden. Man zwang ihn dazu. Einige Wochen waren ihm unter Arbeit und trübem Sinnen verſtrichen; der wilde Schmerz fing an, ſich in wehmüthiger Trauer zu beſänftigen; mitunter zuckte auch ſchon wisder ein Blitz jugendlich⸗feuriger Lebensluſt ihm durch die Adern,— doch er gedachte an die Warnungen ſeiner Sterbenden und ergab ſich entſagender Geduld. Vom Schloſſe vernahm er nur durch Andere. Der — 166— Bankerott war erklärt. Die natürlichen Erbinnen des Baron's wagten nicht, ihre Rechte in Anſpruch zu neh⸗ men; ſie traten von der gefährlichen Erbſchaft zurück. Ueber Ottilien hörte er gar Nichts. Die Paſtorſöhne waren zur Univerſität abgereiſet; der alte Paſtor in großer Angſt, wie er ſie genügend bei ihren Studien unterſtützen ſolle. Jede Verbindung nach außen ſchien für Anton abgebrochen, er auf ſeine Werkſtatt im ſtillen Häuschen beſchränkt. Und aus Dankbarkeit, aus kindlicher Liebe für die alte Frau ſucht' er ſich einzureden, daß er ſich nach und nach darein finden müſſe. Deshalb gelang es ihm bisweilen, ſeine Einſamkeit lieblich auszuſchmücken, wenn er ſich lebhaft vorſtellte, Tieletunke ſei die Tochter eines armen, geringen Mannes im Dorfe,— eines emeritirten Schullehrers etwa— ſie trete bei ihm ein und ſpreche: mein Vater iſt nun auch geſtorben; willſt Du mich auf⸗ nehmen? Darauf würde er mit ſanftem Erröthen erwie⸗ dern: Gern, Ottilie! Und würde ihr der ſeligen Groß⸗ mutter Zimmer überlaſſen, ſie bedienen, für ſie ſorgen, ſie Braut nennen und dabei Körbe machen ohn’ Ende. Dies eingebildete Glück dauerte dann jedesmal, bis ihm die Erinnerung an ihren Kuß bei'm Grabe und an ihr: „Leb' wohl!“ wieder wach wurde. Der Ton, womit ſie jenes Abſchiedswort geſprochen, war zu beſtimmt, zu deutlich. Die freundlichen Bilder entſchwanden; erbegann voll zorniger Kraft eine neue Arbeit, und die armen Wei⸗ denruthen mußten dafür büßen, daß er allein und ein⸗ ſam ſaß. Entſchiedenen Groll hegte und nährte er in ſeinem — 167— ſonſt ſo liebreichen Gemüthe gegen die ſogenannten „Gerichte“ und die„Juſtizherren!“ Die Weiber, die ihm Arbeit zubrachten, ließen oft ein Wort darüber fal⸗ len, daß es auf dem Schloſſe gar ſo ſchlimm herginge, ſeitdem die„Gerichte“ eingeſchritten wären. Unter „Gerichten“ dachte ſich Anton nur böſe alte Männer in ſchwarzen Kleidern, welche vielen Menſchen, zunächſt aber Ottilien, jedes gebrannte Herzeleid zufügen dürften. Mir ſollten ſie nur kommen, pflegt' er oft auszurufen, indem er den kleinen Hammer ſchwang, womit er ſeine Hölzer bearbeitete, wie wenn er mit dieſem die ganze hochlöbliche Gerechtigkeit des Landes zuſammen zu klopfen beabſichtige. Als ſie aber in Wahrheit zu ihm kamen,— o wie ſchnell entſank ihm der Hammer! Die Lage der Dinge machte ihr Erſcheinen unver⸗ meidlich. Frau Wittwe Hahn, genannt Golſch, hat kein Teſtament hinterlaſſen. Sie iſt fremd in Liebenau ange⸗ kommen, hat eine Freiſtelle erkauft, auf dieſer mit einem Enkelſohne gelebt und iſt geſtorben, ohne eine ſchriftliche Spur ſeiner Herkunft irgend einer Behörde zu über⸗ reichen. Man weiß kaum, woher ſie kam, kennt ihre früheren Verhältniſſe nicht, und der Einzige, der davon wußte, dem ſie ſich bei ihrer Ueberſtedelung als Grund⸗ herrn und Obrigkeit von Liebenau entdecken mußte, hat, was nur ihm bekannt geweſen, mit genommen in den Aufenthalt des Schweigens. Anton iſt ein uneheliches Kind; das geſteht er auf ſcharf⸗dringende Fragen mit tödtlicher Verſchämheit zu. Seine Mutter würde geſetz⸗ — 168— mäßige Erbin ſein. Erſt von dieſer könnte er empfan⸗ gen, was, wie er wähnte, ſchon ihm gehörte. Aber wo iſt dieſe Mutter? Sie ſoll bei einer Ueberſchwemmung ertrunken ſein! Dieſes„ſie ſoll“ kann dem Gerichtshalter keinesweges genügen. Wo blieb ihr Todtenſchein? Und ſind nicht vielleicht noch andere Verwandte am Leben, die Anſprüche zu machen hätten? Dieſe müſſen aufgeru⸗ fen werden! Man muß Erkundigungen einziehen. Für's Erſte muß ein Curator eingeſetzt werden, der die Hinter⸗ laſſenſchaft verwaltet. Anton, als noch unmündig, muß einen Vormund bekommen. Dieſe und andere Anordnungen des unerbittlichen Geſetzes drangen ihm wie eiſerne Klammern verwundend und beengend in die Bruſt. Als Curator der Maſſe —(ſo nannten ſie zu ſeinem höhniſchen Gelächter Gar⸗ ten und Haus und Vieh)— beſtellten ſie— wen? Den alten Korbmacher am andern Ende des Dorfes, den ein⸗ zigen Gegner, den Anton kennt; den brodneidiſchen Knauſer, der ſeinen jungen Nebenbuhler als Pfuſcher und Eindringling haſſet; denn Anton war niemals bei ihm in der Lehre geweſen, hatte ſein Handwerk durch eigenen Antrieb und Fleiß erlernt. Dafür nannt' er's auch eine freie Kunſt. Die Männer des Geſetzes meinten es gut mit dieſer Wahl, weil ſie von dem Grundſatz ausgingen, Jener, als Handwerksgenoſſe, ſei am beſten dazu befähiget. Sein Vormund wurde der gute Paſtor. Das wäre viel⸗ leicht ein ausgleichendes Gegengewicht geweſen, wenn nur der alte Karich durch die Umwälzungen auf dem — — 169— Schloſſe, durch ſeine Armuth— denn die Pfarre trug blutwenig, und Gebühren zu erpreſſen war er zu barm⸗ herzig— und der Söhne Bedürfniſſe nicht ſo ſchwer darnieder gebeugt worden wäre. Er beſaß die Kraft nicht mehr, für Anton's Rechte männlich einzuſchrei⸗ ten; er begnügte ſich, achſelzuckend dem Rechte ſeinen Lauf zu laſſen. Von der Stunde an, wo Anton wußte, daß er nicht mehr Herr ſei im Hauſe der Großmutter, daß es nicht unbedingt ihm gehöre, daß dem Curator die Berechti⸗ gung zuſtehe, ihn unter dem erſten nächſten Vorwande hinauszuweiſen, fand er ſich auch nicht mehr heimiſch darin. Es litt ihn nicht. Die Arbeit ekelte ihn an. Er mochte nicht mehr im Zimmer weilen. Beei ſchlech⸗ tem, wie gutem Wetter— gleichviel!— trieb er ſich im Walde herum; am liebſten dort, wo außer ihm keine Menſchen weiter zu wandeln pflegten. Streichende Herbſtvögel begegneten ihm heerdenweiſe, wie ſie von einem Ort zum andern zogen. Ihr Beiſpiel regte in ihm die öfters ſchon geahnete Wanderluſt auf. Manchmal trieben ihn kalte Nebel, wie Regen hinabſinkend, Bäume und Sträuche vollends entblätternd, froſtig heim. Kaum aber zeigte ſich wieder die Sonne, ob auch matt und bleich, war er auch wieder da draußen, rührte ſich auch wieder ein ungewiſſer Drang in ihm, ſein Heil in weiter Welt zu verſuchen. Am erſten November, bei ſchönem Wetter und ſo rei⸗ ner, milder Luft, als ob es auf den Frühling zuginge, lockte ihn der unbeſiegbare Trieb aus dunklem Föhren⸗ — 170— walde, der ihm ſo wenig Sonne und Licht zukommen ließ, über die Grenzen der Herrſchaft hinaus nach einem Hügel hin. Einem Hügel, welcher jenſeits der Waldun⸗ gen dieſe von fruchtreicheren Ebenen ſcheidet, und den man, wahrſcheinlich nur weil ihm kein höherer Nachbar zur Seite ſteht, in der Umgegend Berg betitelt. Der Eichberg heißt er. Von dort hinab öffnet ſich eine Fern⸗ ſicht in weite Flächen. Anton war niemals auf ſeinen Spaziergängen bis dahin gedrungen, wie er denn über⸗ haupt, an die Heimath gebannt, ſeiner Pflegerin Häus⸗ chen für den Mittelpunkt der Welt— mindeſtens der ſei⸗ nigen— gehalten. Heute kam, ohne beſtimmten Anlaß, ihm die unwi⸗ derſtehliche Luſt, auf den Eichberg zu gehen. Die Rich⸗ tung, die er verfolgen mußte, dieſen zu erreichen, war ihm wohl bekannt. Nach anderthalb Stunden ſchon ſtand er auf dem abgeplatteten Gipfel des öden Hügels, den nur noch etliche von Zeit, Sturm, Wetter und Blitz zertrümmerte, morſche Eichſtämme verunzierten. Rück⸗ wärts gewendet überſah Anton jene Wälder, die er ſeit früheſter Kindheit ſo vielfach durchſtrichen. Nur die Kirchthurmſpitze von Liebenau blickte daraus hervor. Nach der andern Seite hin ſah er Aecker, Bäche, Wieſen, Dörfer, ja ſogar einige kleine Städte. Drei Meilen und noch weiter blickte man in's Land hinein! Zum erſten Male im Leben nahm er wahr, was er für eine große Landſtraße halten mußte, was ſich aber, von oben be⸗ trachtet, nur wie ein graues Band durch Triften und Felder ſchlang.* — 171— Noch eine Stunde Weges,— und ſeine Füße berühr⸗ ten den Boden jener Straße—!. Dieſer Gedanke, lebhaft und immer lebhafter wieder gedacht, ergriff ihn endlich mit wildem, niemals empfun⸗ denem Entzücken, welches, nachdem es erſt langſam und lange in ſeiner Bruſt geglimmt, auf einmal in hellen Flammen ausbrach. Mit halbwahnſinnigem Jubelgeſchrei, vor deſſen Gewalt ſämmtliche Krähen auf den dürren Eichen des Berges krächzend die Flucht ergriffen, machte der Jüng⸗ ling ſeinen Empfindungen Luft. Hinaus, rief er, die Mütze hoch emporſchleudernd, hinaus! Dort liegt die Welt vor mir! Ich will in die Welt! Sie nehmen mir das Haus, welches mir die Großmutter als freies Eigenthum beſtimmte. Sie wol⸗ len mich wieder zum Kinde machen, den ſie für einen Mann erklärte! Sie ſtürzen ihr Teſtament um! Ich bin frei! Hinaus in die Welt! Ich will auch erfahren, wie's im großen Leben zugeht! Ich will auch leben! Ich hab' ein Recht dazu: ich bin jung! ich bin kräftig! und häß⸗ lich bin ich auch nicht. Tieletunke kann ja doch nicht mein werden. Was ſoll ich in Liebenau? Ich hab' keine Heimath mehr. Die Welt iſt meine Heimath! Hinaus in die Welt! Wäre nicht ſeine Mütze, die er bei jedem erneuten Anſatz der Lungenflügel immer wieder den Sternen zuſchickte, endlich ſo vernünftig geweſen, an einem knorri⸗ gen Aſte hängen zu bleiben, wodurch Freund Anton genöthiget wurde, ſie herabzuholen, wer mag berechnen, — 172— wie lange ſein Toben die Krähen noch beunruhiget haben würde? Das beſchwerliche Erklettern des dicken, nicht zu umſpannenden Stammes bracht' ihn ein wenig aus der Raſerei; er fing an zu überlegen, daß er, um in die Welt zu ziehen, nothwendig einige Anſtalten treffen müſſe. Wie er da ging und ſtand, konnt' er nicht hinein laufen, das ſah er ein. Er warf alſo noch einen raſchen, ſcharfen Blick nach der Landſtraße; gleichſam um ſich zu vergewiſſern, daß ſie ihm unterdeß nicht abhanden kom⸗ men ſolle, und trat ſodann ohne Zögern den Rückweg an nach Liebenau. Die Krähen des Eichberges erklärten ſich einſtimmig einverſtanden mit der Entfernung des ungebetenen, ſtö⸗ renden Gaſtes. Wer etwa Columbus geſehen, als dieſer, ſeine neue Erde im Geiſte, kurz vor der Einſchiffung, die Hände auf dem Rücken, mit gewaltigen Plänen angefüllt, einher⸗ ſchritt,— der wird, wenn er Vergleiche anſtellen möchte, nur ein ſchwaches Seitenſtück haben, wie ich befürchte, für die Wichtigkeit und das Selbſtgefühl, welche der Korbmacherjunge auf ſeinem Heimwege vor den Vögeln des Waldes zur Schau trug. Er benahm ſich, wie wenn er die Welt, in die er kopfüber zu ſtürzen gedachte, ſchon für ſich erobert hätte. Mitunter ging ein Zug kindlicher Wehmuth, ein Vorgefühl künftigen Heimweh's durch dieſe kühne Haltung. Aber das redete er ſich immer bald wieder aus; und als er gar vor der Thür ſeines(12) Häuschens durch den Herrn Curator, welcher„einmal wieder zum Rechten ſehen wollen,“ derb ausgeſcholten wurde, daß er ſich umhertreibe und nicht zu finden ſei, wenn man ihn brauche!— da ſchwand niih das letzte Reſtchen von Unſchlüſſigkeit. Mit Einbruch der Nacht begann unſer Flüchtling die auf dem Rückwege vom Eichberg erſonnenen und durch⸗ dachten Vorkehrungen zu treffen. Mutter Gokſch hatte zwar die Kaſſe geführt, aber Anton ja ſchon ſeit Jahren mit erwerben helfen. Er hielt ſich folglich für berechtiget, an ſich zu nehmen, was an Gold⸗ und Silber⸗Münzen vor⸗ räthig, dem„Curator der Maſſe“ nicht überliefert wor⸗ den war. Ein Sümmchen von dreißig Thalern vielleicht. Damit, meinte er, komm' ich bequem durch die ganze Welt! Seine beſten Kleider und gute Wäſche ſchnürt' er in ein tüchtiges Bündel zuſammen. Alle übrigen Effec⸗ ten verſchloß er, vereinte ſämmtliche Schlüſſel durch ein Band und bezeichnete ſie nach ihren verſchiedenen Be⸗ ſtimmungen durch angeheftete Zettel. Weil er denn gerade beim Schreiben war, ſucht er den feinſten, reinſten Bogen, der ſich etwa noch finden ließ, auf welchen er mit langſam geführter Feder nachfolgende Zeilen ſtellte: Mir haſt Du Dein„Leb' wohl!“ geſagt,— So will ich gehen. Die Taube hier hat Dir behagt; So mag ſie ſtehen In Deiner Nähe allezeit. Der ſie erzog, der iſt gar weit: Du wirſt ihn nicht mehr ſehen, Denn ich muß gehen.. Du ſagteſt nur ein Leb' wohl mir, Ich aber ſende tauſend Dir: Leb' wohl— denn ich muß gehen. — 174— Das ſo beſchriebene Blatt heftete er auf den Käfig ſei⸗ ner Turteltaube, den er ſodann nach dem Schloſſe trug, wo bereits alle Kerzen gelöſcht waren, außer in der Kam⸗ mer des Kochs. Dort gab er ihn ab, nachdem er lange vergebens mit Steinchen an's Fenſter geworfen, um den verſchlafenen Menſchen zu erwecken.„Für's jüngſte Fräulein!“ fügt' er bei— und verſchwand. Dann lief er wieder nach ſeinem Hauſe, hing ſein Gepäck um, ergriff den Schlüſſelbund, löſchte das Lämpchen, ſchloß die Thü⸗ ren und eilte, als ob er fürchte, es könne ihm noch leid werden, dem Pfarrhofe zu. Da ließ ihn die taube, ſech⸗ zigjährige Magd ohne Weiteres ein, obwohl der Herr Paſtor ſchon längſt zu Bette lag; denn ſchlafen— (meinte ſie)— thut er ja ſo nicht. Sie irrte, die ehrliche Lieſe: er ſchlief. Anton küßte dem würdigen Manne behutſam die Hand, legte ſeine Schlüſſelſammlung auf den Stuhl am Bett, verſicherte beim Fortſchleichen die fragende Lieſe, daß ſchon ausge⸗ richtet ſei, was er Seiner Ehrwürden, dem Herrn Vor⸗ mund zu beſtellen gehabt;— und jetzt wollt' er eben den Seitenweg aus der Dorfgaſſe einſchlagen.... da fiel ihm der Kirchhof ein: das Grab der Großmutter! Auf dem Hügel, den er wenige Tage zuvor mit einem Kreuze geziert, nahm er Abſchied von ihr, mehr in Thrä⸗ nen, als in Gedanken. Nein, er dachte nicht, er fühlte nur:„Wenn ſie von mir weiß, wenn ſie jetzt um mich iſt, wird ſie mir verzeihen; ich kann nicht anders; ſie muß es ſelbſt einſehen.— Nun, auf die Landſtraßell“ — 175— Neunzehntes Kapitel. Aller Anfang iſt ſchwer; auch der Anfang eines neuen Lebens. Hauptſächlich bei Nacht, im November, wo Einer mit einem ſchweren Pack auf dem Rücken durch die Liebenauer und angrenzende Forſten wandern und hinter ſich zurück laſſen ſoll, was ihm bisher das Leben dünkte, was er aber jetzt für todt, für abgeſtorben betrach⸗ ten will. Anton konnte ſich's nicht ableugnen, daß mit jedem Tritte, den er weiter that, ſeine Bangigkeit zunahm. Von dem Lebensmuthe, dem Unternehmungs⸗ geiſte, dem beſeligenden Leichtſinn, wie er beim Sonnen⸗ ſchein des Mittags oben auf dem Eichberge in ſich gefühlt, war jetzt um Mitternacht keine Spur mehr vor⸗ handen. Dagegen machten ſich vielfältige Beſorgniſſe rege: wohin ſoll ich mich zunächſt wenden? Wird man mir nicht von Liebenau wie einem Ausreißer nachſetzen? Wovon werd' ich eſſen und trinken, wenn mein Geld ausgegeben iſt? Wie kann ich gute Bekanntſchaften machen, die meinem Fortkommen förderlich ſind? Wird man mich nicht vielleicht für einen Spitzbuben halten? Und wenn ſie mich nun einſperren? Oder ſie ſchickten mich gar nach Liebenau zurück, und der Curator ſchlägt mich zur Maſſe? Mit derlei fröhlichen Ausſichten ſchmückte Antons lebhafte Phantaſie ihm die erſten Schritte in's neue Leben aus. Die häßliche Novembernacht that das ihrige. Auch war ſeine Laſt viel zu ſchwer. Kenner hätten ihr auf den erſten Blick angeſehen, daß ein im Reiſen ungeübter An⸗ — 176— fänger dieſen Vorrath von Wäſche und Kleidungsſtücken zuſammengerollt. Es drückte ihm den Buckel zuſammen, wie ſeine Beſorgniſſe ihm die Bruſt einſchnürten. Und all' ſeiner kindiſchen unnützen Angſt, daß er verfolgt und eingeholt werden könne, zum Trotz, legte er ſich im dick⸗ ſten Nebel auf den Erdboden, um auszuraſten. Erſt nachdem er ſeinen Nacken von der ſchweren Laſt befreit und aus dieſer ein Ruhekiſſen für ſich gemacht, kam er dazu, Rechenſchaft von ſich ſelbſt zu fordern, in welchem Theile des Waldes er ſich denn befände? Bald wurde ihm deutlich, er ſei vom nächſten Wege zum Eichberg abgekommen und habe ſich verlaufen. Und wo lag er jetzt? O weh, wie gern er ſich's auch verleugnen wollen, da half kein Zittern für's Fieber! Er lag im Fuchs⸗ winkel! Er lag auf der nämlichen Stelle, wo er ſeinen eigenen Vater an den Galgen gewünſcht, wo er dem verlorenen Sohn eines Gehenkten die Augen zugedrückt hatte! Anton glaubte nicht an Geſpenſter. Ich darf Dir dieſe Zuſicherung ertheilen, Du aufgeklärter, höchſt gebil⸗ deter, über jedes Vorurtheil erhabener jugendlicher Leſer aus dem 19. Jahrhundert nach Chriſti Geburt. Aber es erging ihm wie mir;— und vielleicht ergeht es Dir, o Jüngling des gelehrten Zweifels und des unbefriedi⸗ genden Wiſſens bisweilen nicht anders?— Ebenſo wenig, als er an ſie glaubte, ebenſo ehrlich konnt er ſich vor ihnen fürchten, wenn Zeit und Gelegenheit gerade günſtig ſchienen. Deshalb meld' ich es, ohne höh⸗ niſches Lächeln: in dieſem Augenblick fürchtete ſich mein — 177— Held gar unheldenhaft und entſetzlich vor dem ſchwarzen Wolfgang. Dabei fand er ſich in peinlicher Verlegen⸗ heit, was er doch beginnen ſolle, dieſe alberne Furcht mög⸗ lichſt zu verſcheuchen? Denn es blieben ihm nur zwei Mittel: die Augen feſt zu ſchließen,— oder ſie weit auf⸗ zureißen. That er das Letztere, ſo ſetzte ſich der ſchwarze Wolfgang in Perſon ihm gegenüber, und er ſah des Sterbenden Antlitz deutlich, wie wenn's am hellen Tage wäre. That er das Erſtere, ſo drehten ſich grinſende Lar⸗ ven und Fratzen um ſein ſchwindelndes Hirn, aus deren Kreiſe die Züge ſeiner Lieben entſtellt und verzerrt auf ihn blickten. Weil es ihm gar zu ſcheußlich war, auch der Großmutter ehrwürdiges Haupt mit tanzen zu laſſen, entſchloß er ſich, lieber aufzuſchauen. Wolfgang wich und wankte nicht vom Platze. Mitten in ſeiner Pein dachte Anton doch immer: nun bin ich nur neugierig, ob ſo ein Ding auch ſprechen kann? Dieſer Gedanke ſetzte ſich auf die Länge feſt bei ihm, daß er ihn zuletzt ausſprach und das Phantom endlich gar anredete. Biſt Du was? rief er hinüber; biſt Du wirklich was? Und willſt Du was von mir? Sag's! Ich hab' ein gut Ge⸗ wiſſen gegen Dich. Was ich Dir geloben mußte, hab' ich erfüllt. Und mehr als das. Begraben hab' ich Dich; der braunen Bärbel bin ich ausgewichen; und Deine todten Augen hab' ich Dir zugedrückt, hier wo wir beide ſitzen. Warum ſperrſt Du ſie jetzt ſo weit auf? Willſt Du mich ſchrecken? Ich fürcht' mich nicht vor Ddirr nein, nun gar nicht mehr! Du kannſt mir ja doch Holtei, Vagabunden. I. 12 4 4 — 178— Nichts anhaben. Aber begehrſt Du noch was, ſo ſag's, dann wird's geſchehn! Je lauter ſich Anton in den friſch gewonnenen Muth hineinſprach; je feſter und zuverſichtlicher ſein Auge ſich auf den ſchwarzen Wolfgang richtete, deſto weiter ſchien dieſer von ihm zu rücken, bis ſich das ganze Weſen gar in ein Nichts auflöſete und nicht mehr vorhanden war. Steht es alſo mit euch, ihr Schreckbilder der Finſter⸗ niß? rief Anton; wenn man euch ernſtlich entgegentritt, dann macht ihr Platz? Das ſoll mir wieder eine Lehre bleiben. Vielleicht iſt's nicht anders mit Allem, was mich im neuen Leben bedrohen will? Nur d'rauf! Bin ich nicht ein rechter Waſchlappen geweſen, mir unnütze Angſt einjagen zu laſſen? Hab'ich nicht geſunde Glie⸗ der und ſtarke Knochen? Mit denen muß ich mich halt durchſchlagen. Wird ſchon gehen! Zurück kann ich nicht mehr, alſo vorwärts! Einen Curator brauch ich nicht; will mein eigener Curator ſein. Und Du, lieber Gott, heißeſt ja der ummen Vormund. Sei auch mein Vor⸗ mund, ich bitte Dich recht ſchön, ſo lange bis ich geſcheidt werde, mit Deiner Hilfe! Zwanzigſtes Kapitel. Kein Wetter iſt ſo ſchlecht für Den, welcher darin iſt, als es dem Anderen erſcheint, der es aus dem Stuben⸗ fenſter betrachtet. Das empfand Anton, nachdem er die Kälte der feuchten Nacht durch raſchen Marſch beſiegt 4 — 170— und mit dem unfreundlichen Morgen zugleich den obe⸗ ren Theil des Eichberges erreicht hatte. Zwar entdeckte er heute die Landſtraße nicht, die er geſtern im Sonnen⸗ nenſchein ſo deutlich geſehen; aber wo ſie lag, hatt' er ſich wohl gemerkt; ſte zu erreichen, ſchien ihm ein Klei⸗ nes. Seine Widerſacher, die großen Nebel⸗ und andere Krähen empfingen ihn noch feindlicher, als geſtern. Bei'm heutigen Nebelwetter fühlten ſie ſich ganz die Her⸗ ren vom Berge, ſie waren ſo recht in ihrem Elemente. Dumme Thiere, rief ihnen, Anton entgegen, ihr bleibt hier wohnen, in den verwitterten hohlen Bäumen; ich zieh' in die Welt! „Ha, hal⸗ erklang es von einem Aſte über ſeinem Kopfe. Wer lacht mich aus? fragte der Reiſende, mehr ent⸗ rüſtet, als erſtaunt. „Ha, ha!“ erklang es wiederum und gleich darauf: „Lora, o Lora! ha, ha, Lora!“ Donnerwetter, was iſt das? ſagte Anton. Und emporgewandt, brüllte er, ſo ſtark er konnte, in die um⸗ nebelten Aeſte hinauf: wer ſitzt da oben und ruft nach einer Lore? Was ſind das für dumme Späße, wenn junge Männer in die weite Welt gehen wollen, um ein neues Leben zu beginnen? Ich frage den Guckuck nach Deiner Lore, oder wie die Perſon heißt? Nur herunter, Du Eſel, wenn Du Kutaſche haſt! Es gab Niemand Antwort. Aber Anton bemerkte, daß nicht er allein, daß auch ſämmtliche auf dem Eich⸗ berg anſäſſige Krähen von den Bäumen rings umher 12* beſondere Aufmerkſamkeit dem Orte zuwendeten, aus welchem die Stimme in der Wüſte ſich hören ließ. Ein Menſch konnte ſich doch hinter den dürren Aeſten nicht verborgen halten? Saß vielleicht Einer im hohlen Stamme? Nicht denkbar. Was Teufel, die Krähen pflegen doch nicht aus eigenem Antriebe zu reden? Aber wahrhaftig, das iſt ein lebendiges, graues Klümpchen, dort im Winkel zwiſchen Stamm und Aſt? Eine Krähe iſt das nicht,— es iſt kleiner;— vielmehr ſcheint es ſich vor den Krähen ängſtlich zu ducken. Ol jetzt erkenn' ich's deutlich: es iſt ein ausländiſcher Vogel. Die Krä⸗ hen haben ihn ſchon in der Arbeit gehabt, er 3 ſineian zerzauſt. Das iſt gewiß ein grauer Papagei. Und wie iſt der Kn den Eichberg gerathen?“ —„O Lora! Lora! ba⸗ ha! Koko!“— Koko hat er geſagt. Wahrſcheinlich heißt er Koko, und ſeine Herrſchaft heißt Lore. Ja, lieber Koko, ich bin ſelbſt unterweges, dort hinüber zu ſelbſt fremd; ich kann Dir keinen zweckmäßigen Rath ertheilen..... Wie er mir zunickt, als ob er mich verſtände! Er klettert herab. Weiß Gott, er ſucht mich auf. Komm', komm', Du armer Kerl! Die Krähen erhoben im Chor ein wildes Zeterge⸗ ſchrei. Anton drohete ihnen mit ſeinem Reiſeſtab und hielt dieſen nachher dem vor Kälte bebenden Koko hin. Koko eilte ihm entgegen, und kaum hatte ſein Schnabel dieſe Rettungsbrücke erreicht, als der kluge Vogel auch ſchon auf ihr entlang über Anton's Arm auf deſſen Schulter gekrochen war. Zitternd ſchmiegte ſich das — — — 181— zahme Thier an ſeines Retters Wange, und wie wenn er ihm die wichtigſten Geheimniſſe, von denen übel ge⸗ ſinnte Krähen auch nicht einen Buchſtaben erhaſchen dürften, zu entdecken hätte, flüſterte er ihm unzählige Male in's Ohr: Lora! Lora! Na, das ſeh' ich nun wohl ein, ſagte Anton, den kann ich hier nicht zurück laſſen, den muß ich ſchon als Zuwachs meiner Reiſefracht mit mir ſchleppen, bis wir wenigſtens zu Menſchen kommen. Hier zerpflücken ihn die Krähen; es wäre Schade um ihn. Solch ein Thier koſtet gewiß viel Geld! Und wer weiß, wenn ich die nächſte Stadt erreiche, findet ſich ein guter Käufer. Viel⸗ leicht trägt mir der Vogel Goldſtücke ein? Ei, ſieh da, eeiin gutes Zeichen für den Anfang meines neuen Lebens. Komm,, Koko, jetzt ſuchen wir die Landſtraße! Koko, gleich Einem, der Wort für Wort verſteht und begreift, krallte ſich tüchtig in Anton's Rockärmel ein, hielt ſich, wo es bergab raſcher ging, nöthigenfalls mit dem Schnabel am Kragen feſt und war ſo vertraut und zuthunlich, daß Jeder, der die Zwei mitſammen ſah, da⸗ darauf ſchwören mußte, ſie wären alte Bekannte, die zu beiderſeitiger Erholung eine kleine Luſtreiſe unternähmen. Noch einen Sprung über dieſen Graben— Hopp! 1— und wir ſind auf der großen Landſtraße! Der Nebel hatte ſchon längſt aufgehört, ein gebilde⸗ ter anſtändiger Nebel zu ſein; er war übergegangen in das, was man hier und da„Bauernnebel“ nennt; das heißt: er löſete ſich in geraden, gutgewachſenen Regen auf, der wie Bindfaden herabſtrömte. Anton und Koko — — 182— wurden ſehr naß. Die Landſtraße blieb auch nicht trok⸗ ken. Sie zeigte ſich als alte, vielerprobte, reicherfahrene, tiefausgefahrene Landſtraße früherer Zeiten: nachgiebig, weich, anhänglich; ſtets darauf bedacht, daß Jeder, ſo auf ihr in fremde Lande pilgerte, ein gutes Stück Vater⸗ land, zum Andenken an die Heimath, mit den Stiefeln davon trage. Anton keuchte ſchon an der zwiefachen Laſt, die von unten an ihm zog und von oben auf ihn drückte.. Wo führt wohl ſo recht eigentlich dieſe Straße hin, guter Freund? fragte er einen ihm begegnenden Fuhr⸗ mann, der, in etliche dicke Pferdedecken eingeſchlagen, wie ſein eigenes Denkmal auf einem Pech⸗Faſſe klebte. „In's Polen hinein!“ war die mürriſch gegebene⸗ Antwort. Anton ſchwieg erſtaunt. Koko äußerte ſein Befrem⸗ den dadurch, daß er wiederholentlich von Lora ſprach und ſodann dem Pech⸗ oder Theer⸗Kaufmanne ein bitteres: „ha, ha!“ nachſendete. „In's Polen hinein?“ Sieh, ſieh, liegt Polen ſo nah' bei Liebenau? Das hätt ich wirklich nicht gedacht. Nun, wer weiß, in Polen kann es ſehr ſchön ſein für junge Anfänger? Die ſelige Großmutter meinte zwar immer, in Polen wäre nicht viel zu holen;— aber ſie hatte, wie alle Frauen, vorgefaßte Anſichten und Mei⸗ nungen von der großen Welt. Wie geſagt, Polen kann ſehr ſchön ſein, wenn nur dieſe Straße ein kleines Biſſel beſſer wär'! So ſchwatzte Anton mit ſich ſelbſt, bis Müdigkeit, — 183— Hunger und Regen ihn endlich ermahnten, in einem Straßen⸗Wirthshauſe einzuſprechen. Dieſer arme, durchgefrorene Vogel, ſagt' er mitleidig, wird auch was Warmes zu ſich nehmen wollen. Hier darf ich's ſchon wagen: hier kennt mich Niemand mehr. Iſt hier— Gott grüß' Euch Alle beiſammen!— iſt hier ſchon Polenland? Mit dieſem Gruße trat er ein, während ſich ein junges Schwein eilig zwiſchen ſeinen Beinen durch in's Freie ſchob und ihn beinahe umge⸗ ſchoben hätte. „Beileibe,“ wurde ihm erwiedert,„noch zwei Meilen bis an die Grenze; ſein Sie auch ſchön willkommen bei uns! Mögen Sie Bier oder Schnaps?“ Anton, höchſt verlegen über die ihm zur Wahl ge⸗ ſtellte Frage, bat ſich einen Kaffee aus. Die Stammgäſte der Schenke lächelten mitleidsvoll. Sie ſtampften heftig mit ihren leeren Gläſern auf den Tiſch, damit man dieſelben auf's Neue fülle und ihnen Gelegenheit gäbe, darzuthun, wie ſie ganz andere Män⸗ ner wären. Anton achtete wenig darauf. Die Bank hinter dem Ofen ſchien ihm ein reizender Trockenplatz. Er dampfte, wie ein kaum erſtickter Waldbrand. Koko drückte ſich warm⸗behaglich an ſeinen Hals, mit unermüdlicher Ge⸗ ſprächigkeit ihn von Lora unterhaltend. Als die Wirthin dden beſtellten Kaffee brachte, einige umfangreiche Sem⸗ meln zur Beilage mit, erwachte in unſerem Reiſenden auf einmal die Gier des Heißhungers. Kaum, daß er ſich Zeit ließ, den dünnen Labetrank zu kühlen; in die — 184— braunen Fluthen getaucht, verſchlang er Semmel auf Semmel, und da kehrten ihm, von innen wie von außen erwärmt, alsbald Muth und Hoffnung zurück. Ich glaube, damals iſt es geweſen, wo er ſeine erſten philoſo⸗ phiſchen Betrachtungen über die Gebrechlichkeit des irdi⸗ ſchen Weſens und über die Abhängigkeit der armen Seele vom menſchlichen Leibe anſtellte. Koko, den er grauſam vergeſſen, gab ſo deutlich zu verſtehen, ihm auch ſei Erquickung von Nöthen, und ſprach ſeine Bedürfniſſe pantomimiſch ſo verſtändlich aus, daß ſein Retter— obwohl hoch erſtaunt über die faſt menſchenähnliche Ausbildung des geſiederten Schützling's — ihn Theil nehmen ließ am ſchwelgeriſchen Mahle. Semmel, in ſüßen Milch⸗Kaffee getaucht, war dem Vogel offenbar bekannte Koſt; ſie ſchien ihm geläufig und ver⸗ ſetzte ihn in die heiterſte Laune, die er auch ohne Aufſchub durch laute Ergießungen des herzlichſten Gelächters, durch einige gellende Pfiffe und durch unendliche Anrufun⸗ gen für Lora kund machte. Die Stammgäſte, welche bisher den auf dem grauen Reiſebündel grau in grau verſchwimmenden grauen Aus⸗ länder gar nicht bemerkt, wendeten jetzt ihre Ohren ſeinen Exclamationen zu, worauf ſich unter ihnen ein vertrau⸗ liches Geſpräch entſpann, doch laut genug geführt, damit der Inhalt deſſelben den Platz am Ofen erreiche. „Auf jeden Fall gehört er dazu!“ Freilich. Das graue Vieh, was da ſchwadronirt wie ein getaufter Menſch, wird ihnen weggeflogen ſein, — 185— und da hat der Burſche zurückbleiben müſſen, um es wie⸗ der einzufangen? „Natürlich, ſie hatten ja einen ganzen Haufen von ſolchem Ungeziefer bei ſich.“ „Hört, Landsmann,“— rief Einer zu ihm hinüber, „Ihr ſeid wohl auch aus der Menaſcherie, die geſtern hier durchzog?“ Menaſcherie? Was iſt das? fragte Anton. „Was ſoll's ſein? Wilde Beſtien halt!“ Seh' ich denn aus wie eine wilde Beſtie? „Das gerade nicht; aber wie Einer, der ſie herum⸗ führt. Sitzt ihm ja doch ſchon ein Vieh auf der Achſel.“ Das iſt keine wilde Beſtie, Ihr guten Leute; das iſt ein zahmer, ſchöner Papagei. „Wir ſeh'n ſchon, daß es kein Trampelthier iſt. Des⸗ wegen gehört er halt doch auch zu den ausländiſchen Viechern. Und weil er ihm ſo freundſchaftlich auf der Haut hängt, wie eine abgerichtete Laus, und weil Ihr ſo gute Kaffee⸗Brüder mit einander ſeid, Ihr beide, nahm ich an, er wäre einer von den Vagabunden, die bei den Beeſtern als Domeſtiken angeſtellt ſind? Denn die Un⸗ fläthe von Pardel und Tigerthier und Hyjenige haben ordentliche Bedienung, wie andere hohe Herrſchaften. Geſtern ſind ſie hier vorbei in vielen großen Wagen,— als ob die Luder nicht zu Fuße gehen könnten, wie Unſer⸗ eins?— haben hier Halt gemacht, Vieh und Menſchen getränkt. Die ſchöne Frau, der Viechmutter ihre Tochter, hatte juſtament ſo'n grauen Popo, oder wie ſich der oſtin⸗ dianiſche Rabe aus Afrika ſchreibt, aus einem Käfig ge⸗ langt und wollt' ihn im Kopfe kratzen; aber der aſiatiſche Pfefferfreſſer ſchnappte nach ihr, daß ſie gleich wieder los ließ. Da dachten wir halt, er wär'.... Nichts für ungut!“ Anton fand dieſen Bericht höchſt intereſſant. Die ſchöne Tochter, von der man ihm erzählte, in Verbindung zu ſetzen mit dem auf ihm ſitzenden Koko, gewährte ihm ein gewiſſes Wohlbehagen. Sollte dieſe Schöne, dachte er, dic.... „Lora!“ unterbrach ihn der Vogel. Ich muß ihn ſeiner Beſitzerin ſelbſt einhändigen! So lautete der Entſchluß des galanten Korbflechters. Er hatte denſelben eigentlich in Form eines Gedankens nur ſich ſelbſt mittheilen wollen; wider Abſicht und Willen war eine laute Aeußerung daraus geworden, die keinem der Anweſenden in der Gaſtſtube entging. Gleich hier, bei ſeinem erſten Eintritt in die Fremde, ſollte ſich beſtätigen, was ich unſerem Helden ſchon vorher abmerkte, als er noch in Liebenau weilte: ſeine Perſönlichkeit werde ihm der Menſchen günſtiges Vorurtheil gewinnen; werihn ſehe, werde Wohlwollen für ihn empfinden. Kaum war ſein Vorſatz ausgeſprochen, als auch ſchon ein dicker Mann, der drüben bei'm Fenſter ſaß, ihm zurief: hört, junger Burſche, ich fahre nach R. Für Einen, der nicht ganz ſo dick iſt, wie ich, giebt es noch Platz auf meinem kleinen Korbwagen, und Euren Grauen wird mein grauer Wallach zur Noth noch fortziehen können. Wenn Ihr müde und des Laufens ſatt ſeid, will ich Euch mit⸗ — — 187— nehmen, daß Ihr im Dreck nicht ſo ſchwer zu tragen braucht.'s geht aber gleich fort. Anton nahm die Ein⸗ ladung dankbar⸗gerührt an. Bald war ſeine Rechnung berichtiget, welche die Wirthin, hätte ſie nicht ihres gräm⸗ lichen Hausherren Luchsauge gefürchtet, dem ſchmucken Gaſte gern erlaſſen haben würde, denn er geſiel ihr ſon⸗ derbar, ſo daß ſie an ſich halten mußte, um es nicht gar zu zeigen. Wie jedoch Anton, ſeine Zeche willig bezah⸗ lend, ſcherzhaft fragte: und was macht es für den da? indem er auf den gefiederten Reiſecameraden hinwies,— da konnte die leicht entzündbare Wirthin nicht umhin, ihm wenigſtens mit der Hand durch die Locken zu ſtrei⸗ chen, als Beweis ihrer lebhaften, kaum zu beſtegenden Neigung. Nicht ohne die Korbgeflechte des Wagens einer ober⸗ flächlichen Kenner⸗Prüfung zu unterwerfen, die mit einem:„lüderliche Arbeit!“ endete, beſtieg Anton jenes leichte Gefährt, über welches eine grobe Leinewand auf ſchwankende Reifen gezogen, den Regen nur mäßig durch⸗ ſteben ließ. Der Wallach ging im ſogenannten Hunde⸗ Trab. Der dicke Mann ſchlief ein. Koko zitterte wieder fröſtelnd, weshalb ihn Anton mitleidsvoll, und jetzt ſchon mit vorſorgender Rückſicht für die ſchöne Herrin, in ſein blaues Taſchentuch hüllte; eine Wohlthat, welche der kluge Vogel durch unterſchiedliche Schnabelküſſe vergalt, ohne dabei zu zwicken. Erſt als Anton ſein Kleidermagazin hinter ſich auf und ab tanzen hörte, ſpürten die müden Schultern, wie ſchwer es auf ihnen gelaſtet. Jetzt fühlte ſich der Rei⸗ — 188— ſende ſo leicht und froh, daß er keinen anderen Wunſch hegte, als den, es möge immer ſo fortgehen, wie bisher, dann wollt' er's ſchon aushalten!! Glückliches Kind! Vielleicht auch waren jene Stunden, wo er, mit kaltem Novemberregen tüchtig angefeuchtet, auf hartem Sitz, im ſtoßenden Wagen, vom faulſten Pferde gezogen, die elen⸗ deſte Landſtraße entlang fuhr, ſeiner ganzen künftigen Pilgerfahrt zufriedenſte?? Vor dem Thore von R. angelangt, blieb der geprüfte und erprobte Wallach ſtehen. Der dicke Mann, vom Stillſtand der Reiſemühle erwachend, gab ſich als Fleiſch⸗ hauer kund, der aus ländlichen Vorſtädten Kälber abzu⸗ holen ausgezogen war. Anton bedankte ſich vielmals, ergriff ſeine Laſt,— der eindringende Regen hatte ſie nicht leichter gemacht, und rettete noch zu rechter Zeit ſeine zar⸗ ten Finger aus einem warmen Händedruck des Fleiſchers, der ſie ihm aus Wohlwollen ſchier zermalmt hätte. Wo gelang ich wohl zur Menagerie? fragte er mitten auf dem Marktplatz ſehr demüthig den großen, ſchwarz⸗ bärtigen Mann in rother Jacke und ſchmutzigen Leder⸗ hoſen, der vor einem zeltartigen, von Waſſer triefenden Vorhange, dicht neben einem koloſſalen Oelgemälde ſtand. Der Schwarzbart wies ſtumm, doch bedeutend über die Schulter auf das Tableau. Anton ſchauderte zurück: unter ſanften Palmen, an denen Cocosnüſſe in Maſſen hingen, gleich Stachelbeeren am Strauch, verſpeiſete ſoeben der grimmigſte Tiger mit Seelenruhe einen vielverſprechenden jugendlichen — 189— Neger, deſſen Oberleib aus dem weit aufgeſperrten Ra⸗ chen noch hervorſah, wie ein ſchwarzer Rettig. Geht's hier ſo zu? dachte der friedfertige Liebenauer und wollte Kehrt machen; aber unterdeß hatte Schwarz⸗ bart, den triefenden Vorhang zurückſchlagend, ihn, den Zögernden, in den innern Raum gedrängt. Mit bunten Tüchern und Kattunen aller Farben und Muſter umhan⸗ gen zeigte ſich hier eine Art Vorhalle, in deren Mitte, an kleinem Tiſchchen, worauf die glänzend⸗ſchwarze, durch helle Metallbeſchläge gezierte Caſſette ſtand, eine Frau von etwa fünfzig Jahren, reich und bequem belkleidet, nicht ohne Würde ſaß; in ihrem Schooße ein Affe von der kleinſten Gattung der Seidenaffen. An der anderen Seite des Tiſchchens, nachläſſig gegen einen mit Eiſen⸗ ſtäben vergitterten leeren Kaſten gelehnt, ſtand eine ſchöne Dame, noch jung, blühend,— doch ſo tief in's Leſen eines Buches verloren, daß ſie den Eintretenden nicht be⸗ merkte. Die ältere, die ihn forſchend anſah, ſagte nur, wie wenn ſie eine tauſendmal wiederholte Formel aus⸗ ſpräche:„Erſter Platz acht Groſchen, zweiter vier, dritter zwei.“ Annton ſchaute hinter ſich. Der Vorhang, der ihn von der Außenwelt abſchnitt, war bereits wieder zuge⸗ fallen. Er ſtand im myſtiſchen, durch eine trübe Lampe ſpärlich erleuchteten Halbdunkel. Ein ſcharfer, widerlicher Geruch drang ihm von innen entgegen, und er fühlte ſich dadurch förmlich beängſtiget, ſo daß er vergaß, was er eigentlich hier gewollt? Madame Simonelli, denn ſo hieß die ältere Frau, 1 4 — 190— wiederholte maſchinenmäßig ihr: Erſter Platz acht Gro⸗ ſchen, indem ſie noch einmal Anton zweifelhaft betrachtete; das Reiſebündel ſchien ſie ſtutzig zu machen, deshalb über⸗ ſprang ſie den zweiten Platz mit ſeinen unvermeidlichen vier Groſchen und rückte ohne Weiteres mit einem An⸗ trage auf den zwei⸗Groſchen⸗Platz hervor. Da erſt beſann ſich Anton auf ſich ſelbſt. Nach ſeiner Börſe ſuchend äußerte er: ich kam wohl, die Wahrheit zu geſtehen, nicht hierher, um Etwas zu bezahlen; wollte mich vielmehr nur erkundigen, ob in der Menagerie eine Dame wohnt, welche Lore heißt? Die Leſerin fuhr auf, richtete ihre funkelnden Augen über das Buch hinweg nach Anton und fragte faſt belei⸗ diget: Woher Sie weiß mein’ Name? Der da ruft ihn unaufhörlich, war die Antwort. Dabei lüftete er einen Zipfel des bekannten blauen Tuches und geſtattete Koko'n eine kleine Ausſicht in die Umge⸗ bung. Die alten wohlgekannten Draperieen heimelten den von Krähen, Wind und Wetter mitgenommenen Dulder traulich an; er ſchlug ſein lauteſtes Wonnegeläch⸗ ter auf, und ehe Anton die Wirkung deſſelben auf beide Damen noch beobachten konnte, hatte die jüngere ihren Liebling ſchon ergriffen, um ihm an ihrem Buſen eine allerdings beſſere, wärmere, beneidenswerthere Zufluchts⸗ ſtätte anzuweiſen, als Anton ihm irgend darzubieten vermocht. Er mußte erzählen, wo? wann? wiee er Koko'n ge⸗ rettet. Und ich vermuthe, es iſt ein Glück für ſämmtliche Krähen im Lande, daß Koko's Gönnerin nicht eine große, — 191— mächtige Monarchin geweſen, wie ſie Antons Erzählung vernahm. Denn zweifelsohne wäre dann von ihr ein Mandat ausgegangen, alle zur Sippſchaft Corvus cornix und Corvus corone gehörigen Individuen mit Krieg zu überziehen, mit Stumpf, Stiel und Federkiel auszurotten; und gegenwärtig noch lebende Krähen würden wahr⸗ ſcheinlicherweiſe nicht dazu gelangt ſein, dieſe„ſüße Ge⸗ wohnheit des Daſeins“ zu genießen. Ebenſo feurig aber, als ihr gerechter Zorn gegen die ungaſtlichen Bewohner des Eichbergs, entbrannte auch ihre Dankbarkeit für den Jüngling, der am Wehrloſen zum rettenden Ritter gewor⸗ den. Sie wußte nicht, wie ſie das kund geben ſollte? Ein Geldgeſchenk anzubieten wagte ſie nicht. In An⸗ ton's Benehmen lag bei aller Seltſamkeit ſeines Eintritts und trotz des Bündels auf ſeinen Schultern, die Unmög⸗ lichkeit, daß eine feine und zartfühlende Frau ihn ſo hätte abfinden wollen? Sie wechſelte einige Worte mit Ma⸗ dame Simonelli, worauf dieſe, in der deutſchen Sprache genugſam geübt, zu ihm ſagte: Meine Tochter, Madame Amelot, fragt mich, was ſie thun darf, um Ihnen zu zei⸗ gen, mein Herr, wie roconnaissante ſie iſt, von Ihrer großen Gefälligkeit. „O mein Himmel,“ erwiederte Anton,„um einer ſo anmuthvollen Dame zu dienen, würd' ich es mit allen Krähen, Dohlen und Raben aufnehmen, zehn Meilen weit um Liebenau. Es iſt mir ſchon genug, den ehrlichen Koko wieder bei ihr zu wiſſen, denn ich, auf meinen Reiſen, würde doch nur ſchlecht für ihn haben ſorgen können.“ — 192— Sie machen große Reiſe, mein Herr? fragte Madame Simonelli; und wohin, s'il vous plait? „Ach— weit! Ja, ſehr weit!“ Als Anton dieſe ein wenig in's Allgemeine ſchweifende Erklärung gab, ſoll ſein Geſicht eben nicht den Ausdruck beſonderen Scharfſinnes zur Schau getragen haben. Er pflegt in vertraulichen Stunden zu bekennen, daß er ſich niemals in ſeinem ganzen Leben ſo dumm vorgekommen ſei. Um nur Etwas zu beginnen, was ihm über dieſe peinliche Lage forthelfen möge, fing er abermals an, nach ſeiner Börſe zu ſuchen, wobei er die Verſicherung ertheilte, er wünſche ein Billet für den erſten Platz zu löſen. Er ſuchte, er ſuchte— umſonſt, die Börſe war verloren! Sein Silbergeld; die Goldpfennige aus den vereinken Sparbüchſen; die Zauber⸗Münzen, deren Werth ihm der neuen Welt Pforten zu öffnen, ſeine gefahrvollen Wege zu ebnen beſtimmt geweſen,—... verſchwunden! Höchſt wahrſcheinlich blieb das Lederſäckchen, welches ſeine Schätze barg, in jenem Wirthshauſe liegen, wo ihn, als er eben für ſich und Koko den Kaffee bezahlte, der dicke Fleiſcher durch das gefällige Anerbieten, ihn mitzunehmen, überraſchte. Anton's Schreck war ſo ſichtbar, der Ausdruck ſeines Unglücks ſo wahr und natürlich, daß es den Damen nicht entgehen konnte. Keine von beiden dachte auch nur im Entfernteſten an eine lügenhafte Erfindung. Auf dringendes Befragen ſtammelte er blos: mein Geld— mein Reiſegeld; nun iſt's aus mit mir! — 193— Es entſtand eine lange Pauſe, die zuerſt durch Ma⸗ dame Simonelli unterbrochen wurde, welche ihm in den artigſten Formen anbot, er ſolle nur ſein Gepäck ablegen, hineintreten und die Thiere betrachten; das werde ihn zerſtreuen. Unterdeſſen wolle ſie und Laura berathen. Denn, fügte ſie mit wahrhaft graziöſer Wendung hinzu, wahrſcheinlich hab' er ſeine Börſe verloren, als er den Baum erklettert, um Koko vor den Krähen zu retten, und deshalb ſei es ihre Sache, ihn zu entſchädigen. Anton ließ mit ſich geſchehen, was man von ihm ver⸗ langte. Er hatte keinen Willen mehr. Ohne zu wiſſen, wie er dahin kam, ſtand er mitten unter den wilden Beſtien, die er mit dumpfem Erſtaunen anglotzte, wobei er nichts Anderes dachte, als daß ſie ihm eigentlich den beſten Dienſt leiſten könnten, wenn ſie ſo gütig ſein woll⸗ ten, ihn aufzuſpeiſen mit Haut und Haar, wie der Tiger draußen auf dem Bilde mit dem jungen Neger that. Er blieb nicht lange allein bei den Thieren. Der Schwarzbart, unzweifelhaft im Auftrage ſeiner Gebieterin, geſellte ſich zu ihm. Dieſer Mann, von Geburt Italiener, hatte ſich im Dienſte der Madame Simonelli, die ſammt ihrer Tochter für gewöhnlich franzöſiſch redete, und in ſteter Berührung mit Deutſchen, deren Länder ſte fleißig durchkreuzten, eine nur ihm zugehörige Ausdrucksweiſe gebildet, in welche er nach Gutdünken aus jenen drei Sprachen aufgenommen, was ihm von jeglicher am beſten gefiel; woraus denn eines jener unbeſchreiblichen Gemiſche entſtand, wie es die von Menſchenhand geführte Feder in Schriftzügen wiederzugeben nun und nimmer Holtei, Vagabunden. I. 13 — 194— im Stande ſein wird. Ohne Beihilfe pantomimiſcher Ausſchmückungen, in denen jeder Italiener ein Meiſter iſt, würde er ſich während der erſten Converſation unſerm Freunde deutlich zu machen vergeblich bemüht haben. Wie er aber Wort und Action vereinigte, gelang es ihm, verſtändlich zu werden. Er ließ Anton manchen Blick in die inneren Verhältniſſe des Hauſes Simonelli thun. Madame war eine reiche Frau und beſaß außer den 4 lebenden, brüllenden, verſchlingenden, fahrenden Gütern auch ſolide Fonds in ſicheren Papieren. Laura Amelot, ihr einziges Kind, an einen Seiltänzer oder Springer Amelot verheirathet, lebte ſeit länger als einem Jahre von dieſem getrennt, weil er ſie nicht gut behandelt und ſogar in einem Anfalle von Eiferſucht einſt mit der Balancier⸗ ſtange nach ihr geſchlagen. Sie war der Mutter Abgott und hatte, nachdem Herr Amelot ihr die Liebe zu einem Manne verleidet, ſich den unſchuldigen Koko zum Lieb⸗ haber erwählt. Mama Simonelli ſchien gar nicht unger halten über die Trennung der luftſpringeriſchen Ehe, denn erſtens war es ihr an und für ſich lieb, ihre Tochter wie⸗ der bei ſich zu haben; zweitens lockte deren Gegenwart an der Kaſſe in größeren Städten gar viele Herren zu häufig⸗ wiederholtem Beſuche der Menagerie heran. Für gewöhn⸗ lich lebten ſie, Menſchen und Thiere, glücklich und zufrie⸗ den mit einander,— den Geſtank abgerechnet, an den ſich aber die Naſe bald gewöhnt. Nur heute gerade gab es eine Störung des häuslichen Friedens. Antoine, einer von den Collegen des erzählenden Schwarzbartes, hatte in Folge heftiger Scheltworte, die er ſich zugezogen durch unordentliche Führung, aus welcher denn auch Vernach⸗ läſſigungen im Dienſte entſtehen mußten, und von denen die durch ihn verſchuldete Entweichung des geliebten Koko nicht die geringſte geweſen, Knall und Fall das Haus verlaſſen. Er war, gleich nachdem Koko's Verluſt ruchbar geworden, über Nacht davon gelaufen; wie Schwarzbart, nach vorhergegangenen, im Rauſche aus⸗ geplauderten Aeußerungen ſicher glaubte: der nicht fernen ruſſiſchen Grenze zu, um in jenem Reiche Soldat zu wer⸗ den. Wenn nun ſchon zwei tüchtige Wärter— denn es gab neben Schwarzbart noch einen Rothbart— nothdürftig hinreichten für die Pflege der Thiere, ſo fehlte doch An⸗ toine als geſchickter, wohlſprechender, etwaige Honora⸗ tioren anſtändig haranguirender Erklärer, Umherführer, Explicator, ſämmtliche Affen zu beluſtigender Kurzweil aufregender Unterhalter. Schwarz⸗ und Rothbart ver⸗ ſtanden ihre Arbeit,„et voilà tout! Ma, signore, für die Geſchichte von die Natur, gab es nur einen Antoine; er konnte reden wie eine Profeſſore!“ Bei„Naturgeſchichte“ gedachte Anton der mancherlei, von ſeltſamen Thieren handelnden Bücher, die Tieletunke und der Paſtor ihm zu leſen gegeben. Das müßte auch keine Hexerei ſein, dacht' er, von dieſen verſchiedentlichen vier⸗ und zweibeinigen Geſchöpfen Verſchiedentliches zu erzählen? Und indem er mehrere in ihren Kaſten und Verſchlägen neugierig muſterte, ſiel ihm eines auf, deſſen Gleichen er auch im Abbild noch nicht geſehen: ein bären⸗ artiges und doch auch wieder vom Bären abweichendes Ungethüm. 13*† 4 G — 196— Der iſt wohl ſehr grimmig, der da? fragt' er ſeinen neuen ſchwarzbärtigen Gönner. Statt eine mündliche Antwort zu geben, ging dieſer dem Käfig zu, ſteckte ſeine Hand zwiſchen den Stangen durch, packte das Beeſt an der Schnauze, ſchüttelte es tüchtig und ſagte, während er Anton aufforderte, ein Gleiches zu thun:„wie Kind!“ Anton ſetzte für's Erſte in die Kindlichkeit geringes Vertrauen und hielt ſich in achtungsvoller Ferne. Er näherte ſich indeſſen einigen andern Behältern, ſah dahin, dorthin, und allmählich ſchwanden die ſchwarzen Schatten aus ſeiner Seele. Das bunte Leben zerſtreute ihn wirklich, wie Madame Simonelli vorher verſprochen. Es brüllte, grunzte, quiekte, ziſchte, ſchwatzte vor, neben, über ihm. Hellgeſchmückte Vögel riefen ihm ſanft ihr „Ara“ zu; gelb⸗ und roth⸗behaubte Kakadu's verſchwie⸗ gen ihren Namen nicht; einige frei umherlaufende, ſeltene Ziegen ſtellten ihm ihre Kinder vor; ein Strauß und ein Kaſuar, ebenfalls zu diätetiſcher Promenade frei gelaſſen, ſchritten bedächtig an ihm vorüber, als wollten ſie ihn auffordern, einen von ihnen beiden zu beſteigen und einen Ritt durch die Wüſte zu verſuchen; ein Lama drückte die Herzlichkeit ſeines Empfanges durch häuſiges Anſpucken aus; und unzählige Affen, vom größten wie kleinſten Koliber, waren augenſcheinlich bemüht, unſerem Reiſen⸗ den die Honneurs des Hauſes zu machen, und ihm ſeine Grillen zu vertreiben. Sie zeigten ſich ihm in allen erdenklichen Stellungen und Poſituren, von den verſchie⸗ denſten Seiten; gingen bald theilnehmend in ſeine — 197— ernſteren Lebensanſichten ein, wobei ſie tief⸗nachdenkliche, ja kummervolle Mienen zum Beſten gaben; ſpotteten ihm aber gleich darauf jeden Ernſt durch luſtige, frivole Ge⸗ berden hinweg, gleichſam als wollten ſie ihn zum Leicht⸗ ſinn auffordern und ihm in ihrer Sprache ſagen: ent⸗ äuß're Dich Deiner Sorgen, amuſire Dich, nimm die Sachen leicht; es iſt auf Erden nicht der Mühe werth, ſich zu ärgern oder zu grämen. Anton mußte nicht ſein, der er war; nicht der geiſtig begabte, von Geburt bevorzugte Menſch, wenn dieſe fratzenhaften Zerrbilder menſchlicher Erſcheinung ihn gleichgültig laſſen ſollten. Er empfand ſehr tief jenen ahnungsſchweren Schauder, welcher uns jedesmal durchdringt, wo es ſich um geheimnißvolle Beziehungen, Aehnlichkeiten, Verwandtſchaften des Menſchlichen mit dem Thieriſchen handelt. Doch ſteckte ſein Naturphilo⸗ ſoph noch zu feſt im unentwickelten Keime, um auf die Dauer über die halbkindiſche Lachluſt triumphiren zu können. Waren es doch die erſten Affen, die er ſah! Er begrüßte ſie als Brüder und vergaß in ihrem Umgang die verlorene Börſe. Er ließ ſich in Spiele mit ihnen ein, wobei er zuletzt ſelbſt ein Affe wurde, der nachzuah⸗ men verſuchte, wie ſie ihn nachahmten.⸗ Der Schwarzbart ging ab und zu. Von der Affen⸗ gruppe zu den Damen, von den Damen zu Anton und den Affen. Er war einem außerordentlichen Botſchafter nicht unähnlich, hielt auch mitten im Raume diploma⸗ tiſche Conferenzen mit ſeinem Collegen, dem Rothbart. Anton, zu ſehr in das Affenthum vertieft, um zu bemer⸗ — 198— ken, was von den Bewegungen der Menſchen ihm galt, wurde endlich durch das Erſcheinen der Damen aufge⸗ ſtört. Madame Simonelli nahm das Wort. Madame Amelot, auf ihrem Nacken den wiedergefundenen Koko, ihr franzöſiſches Leſebuch vor den Augen, ſchien ſtumme Zeugin bleiben zu wollen. Man ſtellte ihm dem Antrag, wenn er vielleicht für ſeine Zukunft keine beſtimmten Ab⸗ ſichten hege, in den Dienſt des Hauſes zu treten. Seine Gagen ſollten denen des böslich Entwichenen gleich kom⸗ men, und an den Trinkgeldern, von Schauluſtigen in die Büchſe geworfen, würde ihm ſein Drittheil nicht ent⸗ gehen.„Wir brauchen einen zierlichen jungen Mann von Lebensart und der ſich gut auszudrücken weiß. Denn wir wollen uns auch darin vor Anderen auszeichnen. Eine Schwierigkeit nur könnte hinderlich ſein, wenn vielleicht, durch was immer für einen„Accident“ die„Papiere“ des Reiſenden nicht in der Regel wären?“ Welche Papiere? fragte Anton, in ſeiner gänzlichen Uunwiſſenheit über ein Papier, welches man Reiſepaß nennt. Als ihm die Sache deutlich gemacht wurde, ſtand er, wie vom Blitz geſchlagen. Regelloſer konnten keines Landſtreichers Papiere erfunden werden, denn er beſaß auch nicht ein ſchmales Streiſchen, welches nur dem Ab⸗ ſchnitzel eines Ausweiſes ähnlich geſehen hätte. Nach ſeinem Namen befragt und ſeinem Stande, verhehlte er nicht, daß er Körbe geflochten habe und ſich Anton nenne. Uebrigens ſei er ein Waiſenkind. „Anton? Anton?“ wiederholte Madame Simonelli, — 199— mit jenem Nachdruck, der bezeichnet, daß man Licht er⸗ blickt.„Das iſt auf Deutſch ſo viel wie Antoine? Pierre, ſieh'doch nach im großen Portefeuille, wo die Affichen lie⸗ gen. Es müſſen ſich dort Eure Päſſe vorfinden. Antoine iſt ohne Paß davongelaufen; er weiß, daß man auf dem Wege zur Galeere dergleichen nicht braucht.“ Antoine's Paß wurde gebracht. Die Perſonal⸗Be⸗ ſchreibung traf nicht ſehr genau zu, aber Figur, Alter, Farbe der Haare kamen doch ſo leidlich überein. Anton ſtand lange unſchlüſſig. Madame Amelot warf ihm, über's franzöſiſche Leſe⸗ buch, einen Blick zu, der fragen zu wollen ſchien:„Wie wird's denn? Ich dächte doch?“ und ſo weiter. Der Blick wirkte. Anton ließ ſich in's Franzöſiſche überſetzen, nahm die Stelle an und hörte von nun an auf:„Antoine!“ 3 Einundzwanzigſtes Kapitel. Der Aufenthalt in kleineren Städten konnte für eine ſo großartige Unternehmung, wie jene der Madame Simonelli, ſtets nur ein vorübergehender ſein. Deshalb finden wir ſie bald in P., wo eine große, heizbare Bude für ſie aufgeſchlagen worden, während noch in R. Nichis weiter, als ſämmtliche zu einer Wagenburg ſinnreich ver⸗ einte Fourgon's, mit Leinwand überdeckt, den Zwinger bildeten. — 200— Antoine prangt bereits in vollem Putz: Schmieg⸗ ſame Lederhoſen und ein kurzes Jäckchen von ſchwarzem Sammet, mit ſilbernen Knöpfen à la Figaro beſetzt, klei⸗ den ihn allerliebſt. Was über die Thiere vorzutragen iſt, hat er ſich raſch zu eigen gemacht. Die mündlicheu Ueberlieferungen der Damen, wie der ausländiſchen Wär⸗ ter, ſeiner Collegen, ſind durch ihn mit ſeinen eigenen Jugenderinnerungen aus Raff und ähnlichen, den Liebe⸗ nauern zugänglichen Zoologen in ein harmoniſches Ganze verſchmolzen worden. Er lügt ein hochanſehnliches Publicum— zum Theil aus Polen beſtehend— auf deutſch, doch nur mäßig an und gleitet über fragliche, dunkle Punkte mit bewundernswürdiger Zuverſicht hin⸗ weg. Dabei flößt er den Anweſenden Erſtaunen ein durch ſeinen ungezierten Ausdruck, da er nicht den Ton gewöhnlicher Marktſchreier und öffentlicher Ausrufer annimmt, ſondern vielmehr natürlich, mit wohlklingen⸗ der Stimme anmuthig redet. Auch verfehlt er nicht, mit poetiſchen Andeutungen hinzuweiſen auf die(durch ihn und ſeinen Einfluß bei Madame Simonelli beliebte) neue Anordnung in der Reihenfolge der Käfige, vermöge welcher allerlei in die Augen ſpringende Gegenſätze und Wirkungen erreicht worden ſind. Der apathiſche, von ſeinen Schollen träumende, hin und her ſchaukelnde, langweilige Eisbär iſt zwiſchen einen gefleckten Panther und einen ſchönfarbigen Leoparden gebracht; über ihm windet ſich in unaufhörlicher Bewegung die ſchlankſte ruheloſeſte Tigerkatze. Tiger und Hyäne ſind getrennt durch jenes gutmüthige, ſanfte Ungethüm, deſſen ſehr — 201— lange Schnauze Monſieur Pierre im vorigen Kapitel ſo vertraulich handhabte; was Anton mit Furcht ſah, was aber Antoine, ſeiner innigen Beziehungen zur Schnauze ſicher, jetzt ebenſo vertraulich thut. Wobei ich eingeſte⸗ hen will, daß gerade an dieſem Thiere mein guter, wahr⸗ heitsliebender Anton zum frechſten Charlatan wurde;— ohne ſeine Schuld freilich. Denn es war ihm als Bra- dipus ursinus, als bärenartiges Faulthier auf ſeinen Catalog geſtellt worden. Madame Simonelli band ihm auf die Seele, die Seltenheit dieſes erſt„neuentdeckten“ und gleichſam in ihrem Auftrag erfundenen Monstre's gebührend hervorzuheben. Ja, ſie ging ſo weit, ihm anzudeuten, er dürfe, wenn gläubige Hörer verſammelt wären, wagen, es ſolchen als Rieſenfaulthier oder vor⸗ ſündfluthliches, fabelhaftes Megatherium zu überantwor⸗ ten! Zwiſchen beſagtem Megatherium— genau betrach⸗ tet nichts Anderes, als ein langnaſiger bengaliſcher Bär — und unſerem Anton beſtand bereits das herzlichſte Freundſchaftsbündniß. Petz, der Indianer, fraß für ſein Leben gern Aepfel, und Anton erlabte ihn mit dieſer para⸗ dieſiſchen Frucht, wo er wußte und konnte. Welche Fol⸗ gen dieſe Freundſchaft hatte, und wie lediglich durch ſie ein wichtiger Wendepunkt in Anton's Leben eintreten ſollte,— das werden wir ſeiner Zeit erfahren. Die beſchwerlichſte, ſchmutzige Arbeit, wie ſie Wär⸗ tern ſolcher Thierbuden obliegt, ward Anton nicht zuge⸗ muthet. Er blieb„Bruder Redner“ und machte neben⸗ bei den oft in Anſpruch genommenen, aber ſtets freund⸗ lich behandelten Serviteur ſeiner Herrin und ihrer wun⸗ — 202— derſchönen Tochter, die in einer eleganten Wohnung, nicht fern der Bude, hauſen. Beide freuten ſich ſeiner Sauberkeit in Tracht, Haltung und Betragen: Madame Simonelli entdeckte ſehr bald das ihm eigenthümliche Sprachtalent, wußte es zu wecken, zu nähren, und ſchon nach Verlauf weniger Wochen wußte Anton ſeinem neuen Namen Ehre zu machen und ſich mit ſeinen Damen eini⸗ germaßen franzöſiſch zu unterhalten. Trinkgelder gingen jetzt reichlicher ein, als ſonſt je. Weil er mit vornehmer Gleichgültigkeit die große Büchſe ſchüttelte und dabei— nicht ohne ſich gelegentlich nach Roth⸗ und Schwarzbart zu wenden— ausrief:„für die Aufwärter, wenn's beliebt?!“ konnte zwar Niemand daran denken, daß er für ſich begehre, beeilte ſich aber dennoch Jedermann, den liebenswürdigen Sammler zu erhören; ſogar junge, ſchüchterne Mädchen erbaten ſich heimlich flüſternd von den Eltern einige Silbermünzen, um ſie, erröthend, in den großen Spalt werfen und in die unausfüllbare Tiefe fallen hören zu dürfen. Weil Anton mit ſeinen Genoſ⸗ ſen theilte, ohne nachzuzählen und zu rechnen, und weil dieſe bei den reichlichen Spenden, die ihm und ſeiner Perſönlichkeit galten, zwiefach ihre Rechnung fanden, ſo blieben ſie voll Ergebenheit für ihn, gönnten ihm jede Auszeichnung, welche Madame Simonelli ihm ſonſt zu Theil werden ließ, und prieſen ihn um ſo höher, als er ſtets bereit war, daheim zu bleiben, die Aufſicht zu füh⸗ ren, wenn nach beendigter Schauſtellung die Bude geſchloſſen ward und ſie eine Schenke beſuchen wollten. Dieſe Stunden der Einſamkeit, wo ihm jegliches . — 203— menſchliche Weſen fern und er allein unter reißenden Beſtien weilte, wurden ihm bald unendlich theuer und werth. 6 Zwei tüchtige eiſerne Oefen ſtrömten genügende Wärme aus; die Vögel ſchliefen; die Raubthiere gingen mit leiſen, kaum hörbaren Tritten in ihren Kerkern auf und ab, oder ſie ruheten, von der kürzlich erfolgten Fütte⸗ rung ſatt und ſchlaftrunken, auf ihrer Nachtſtreu. Das waren die Stunden, wo der im neuen fremden Leben umher irrende, nach außen gezogene Menſch in ſich ſelbſt zurückging, das heißt: in ſeine Vergangenheit. Er hatte ſich eine Geige gekauft;— nicht eine ſo koſtbare, wie Ca⸗ rino ihm in der Wildenweinlaube dargereicht; aber doch um Vieles beſſer, als jene, von der Ottilie damals die Saiten abſchnitt, und die Anton bei der„Gokſchiſchen Maſſe“ zurückließ. Auf dieſer Geige ſpielte er, wenn er ſeine einſamen Abendſtunden feierte, in Erinnerungen voll Wehmuth und Heimweh verſenkt, die alten Liebe⸗ nauer Melodieen, und zwar, wie ich ausdrücklich erwähne, zur vollen Befriedigung des hohen verſammelten Publi⸗ cums. Sogar Seine Majeſtät der Löwe geruhten durch unterdrücktes Brummen Theilnahme kund zu geben. Alle lauſchten; keines heulte. Es wurde weniger geplau⸗ dert und fanden minder Störungen ſtatt, als bei vielen muſicaliſchen Theezirkeln, wo man die Virtuoſen quält, bis ſie ſpielen, und wo man nicht auf ſie hört, wenn ſie es thun. Anton's Hörerkreis war ganz Ohr. Es widerfuhr dem Liebenauer Orpheus bisweilen, daß er mit ſeinen weichſten Tönen und ſeinen kindlichſten — 204— Erinnerungen— einſchlief. Dann ſchob er ſich zurück auf den Sitz, den er ſich am Ende der langen Bude von wollenen Decken kunſtreich gebaut; die Geige entſank den Händen; er ſchlummerte, bis Roth⸗ und Schwarzbart, aus dem Gaſthauſe zurückkehrend, ihn erweckten, wo er ſich dann hinüber zu Madame Simonelli begab. Denn er genoß auch den Vorzug, bei ihrer Wohnung ſein Stübchen zu haben. Schon mehrere Male hatte er, mit irgend einem Auf⸗ trage zufällig und raſch bei ihnen eintretend, vernommen, daß er ein Geſpräch zwiſchen Mutter und Tochter unter⸗ brach, welches ihm gegolten. Einzelne Wörter, die er eben noch davon gehört, ließen ihn vermuthen, es ſei da von ſeinen muſicaliſchen Feierſtunden die Rede; auch da⸗ von, daß er dieſelben bisweilen mit einem Schläfchen beſchließe; ja, daß er ſchlafend allerlei Geheimniſſe aus⸗ plaudre. Madame Simonelli neckte ihn einige Male mit einer„verlaſſenen Liebe!“ Madame Amelot lächelte da⸗ bei vor ſich hin, und Anton glaubte ſeinen Ohren kaum trauen zu dürfen, als er die ſchöne Frau lispeln hörte: „Tilltonque,“ was höchſt wahrſcheinlich„Tieletunke“ bedeuten ſollte. Dieſen Liebenauer Spottnamen konnte man nur aus ſeinem Munde vernommen und er konnte ihn nur im Traume verrathen haben! Man hatte ihn alſo belauſcht, während er ſchlief? Und mit welcher Ab⸗ ſicht? Offenbar, um ſich zu überzeugen, ob er auch vor⸗ ſichtig mit Feuer und Licht umgehe? Denn damit war nicht zu ſpaßen; das ſah er ſelbſt ein; er fand es billig, daß er controlirt werde. — 205— Aber er verſpürte doch auch ein Lüſtchen, gelegentlich zu belauſchen, wer ihn belauſche? das iſt ihm auch nicht übel zu deuten. Nun ſoll aber Einer nur mit Ungeduld auf Etwas harren, dann geſchieht es gewiß nicht. So ging es Anton. Seitdem er auf eine Lauſcherin lauert, will ſich keine einſtellen. Er findet es bald lächerlich, die ſchöne Schlafſtunde ſich durch Neugier zu verkümmern.Er giebt das Lauſchen auf und ſchläft wieder. Er träumt auch. Der Traum führt ihn nach Liebenau. Doch kehrt er nicht heimlich heim, wie er entfloh. Nein, öffentlich, prunkvoll; er hält einen Triumphzug. Die Beſtien der Menagerie haben ihn zum Herren erwählt. Er ſteht, die Geige ſpielend, auf einem goldenen Wagen, der mit Kränzen umhangen und ausgeſchmückt iſt; und nicht etwa mit gewöhnlichen Blumenkränzen, wie jeder andere Triumphator dieſelben haben könnte. Ei, behüte! Bunte Vögel ſind es, die Guirlanden bilden: Ara's, Kakadu's, ſeltenſte Papageien, Lori's und Perüchen jeder Art und Farbe hängen mit den Schnäbeln ſich verkettend und ineinander ſchlingend zuſammen. Löwen und Tiger ziehen den Wagen. Ein Mandrill und ein Pavian reiten, erſterer auf einer trefflich zugerittenen Hyäne, der andere auf einem„Paß“ gehenden Lama daneben her. Strauß und Kaſuar führen den Zug an; unzählige kleine Affen folgen ihnen paarweiſe, ſich die Pfoten reichend, wie Schulkinder bei einer Proceſſton. Der Eisbär trägt einen Pelikan im Rachen, ohne ihn zu beſchädigen. — 206— Im Allgemeinen wird vortrefflich Tact gehalten, denn jeglich Geſchöpf lauſchet auf Anton's Geige. So gelangen ſie bis in die Weinlaube. Die Pforten des Schloſſes ſpringen auf, ſobald der Strauß mit dem Schnabel drei Schläge dagegen gethan. Ottilie tritt heraus! Tieletunke! ruft Anton, ſpringt vom Wagen, achtet nicht das Zetergeſchrei mehrerer Affen, denen er unſanft auf die Schwänze tritt, bricht ſich Bahn zur Freundin der Kindheit,— da erſcheint, er weiß nicht, woher ſie ſo plötzlich kommt, Madame Amelot, das Schloßfräulein an Schönheit hell überſtrahlend, ſchiebt Ottilien zur Seite und fragt lächelnd: mais comment peut-on aimer ce qui s'appelle Tilltonque? Anton will ſich vertheidi⸗ gen,— das Traumgeſicht zerſtiebt, er erwacht,— wähnt noch die letzten Worte zu hören,— und ſieht am ent⸗ gegengeſetzten Ende der Bude durch den Ausgang eine weibliche Geſtalt entſchlüpfen, die auffallende Aehnlich⸗ keit mit Madame Amelot verräth!— „Comment peut-on aimer ce. qui s'appelle Till- tonque?“ Dieſe ſeltſame Frage nahm er mit in ſein Bett, begab ſich jedoch am nächſten Morgen nach einem Buchladen, woſelbſt er das beſte Wörterbuch und die beſte franzöſiſche Sprachlehre, ſo für Geld zu haben waren, käuflich an ſich brachte. Denn er fand es geziemend, ſich ſo gut und richtig wie nur immer möglich in einer Sprache aus⸗ drücken zu lernen, welche die Mutterſprache einer Dame ſei, die er als die Tochter ſeiner Gebieterin zu verehren habe. — 207— Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Alſo Madame Amelot ſoll die Lauſcherin geweſen ſein?— Mir iſt das ziemlich klar. Und auch Dir, mein unger Leſer, wird es nicht unwahrſcheinlich vorkommen. Die Leſerin freilich ſchüttelt das Köpfchen, als wollte ſie äußern: wunderliche Geſellſchaft, mit der man in die⸗ ſem Buche zuſammen trifft! Meine Gnädige, ich muß Ihnen Recht geben: Sie iſt etwas gemiſcht, dieſe Geſellſchaft, und der Autor hat ge⸗ wichtige Gründe, vorauszuſetzen, daß ſie noch gemiſchter werden wird. Doch erlaub' ich mir, zu erinnern, wie der Titel meines Romanes mich im Voraus ſchützt und gegen derlei Beſchwerden rechtfertiget. Wer ſich unter Vaga⸗ bunden begiebt, muß auf das Schlimmſte gefaßt ſein. Ich kann's nicht ändern. Ich verarbeite meinen Stoff, wobei ich mich verpflichte, dies ſo ſittſam und rückſichts⸗ voll zu thun, als ſich mit Wahrheit und Natürlichkeit vereinbaren will. Es iſt ſo und nicht anders: Madame Laura Amelot war die Lauſcherin. Jedes Kind muß das begreifen. Nur unſerem Kinde Anton war es noch naicht deutlich. Seine Beſcheidenheit ließ ihn nach lan⸗ gem Zweifeln, Beſinnen, Erwägen zuletzt in's Klare kommen, er habe ſich, noch halb im Traume, getäuſcht; die Erſcheinung ſei nicht wirklich, ſie ſei ein Spiel ſeiner Einpbildung geweſen,„denn, wie käme Madame Laura dazu?... ach, nicht daran zu denken!“ Mochte Madame Amelot ihn täglich über ſeine Fort⸗ ſchritte im Franzöſiſchen prüfen; mochte ſie ihn bei jeder Gelegenheit auffordern, ihr ein deutſches Liedchen zu ſin⸗ gen, und dabei ſeine liebliche Stimme loben; mochte ſie ihm ſogar Unterweiſung im Guitarre⸗Spiel angedeihen laſſen; mochte ſie franzöſiſche Chanſon's mit ihm ein⸗ üben und ihm dabei die Verſicherung geben, ſeine Aus⸗ ſprache ſei für einen Deutſchen bewunderungswürdig; mochte ſie endlich mit klaren Worten ſeiner ſtillen Abend⸗ ſtunden, ſeiner Phantaſteen auf der Geige,— ja mochte ſie ſeiner Träume neckend gedenken!— Er blieb ein⸗ für allemal blind. Madame Simonelli hatte in P. gute Geſchäfte ge⸗ macht. Ueber Gn. und Brg. war ſie, ſammt ihrem Ge⸗ folge von Menſchen und Thieren, bis D. gedrungen. Monate ſind verfloſſen. Der Frühling iſt da. Alles ringsumher ahnet friſches Leben und Streben. Sogar die Vögel, die armen Gefangenen, an ihre Stangen gekettet, erwachen aus froſtigem Winter⸗Phlegma und wechſeln zärtliche Worte. Nur Anton ſpürt nicht, was um ihn her geſchieht? Er lebt in ungeſtoͤrtem Eifer ſeinen Pflichten, lernt daneben fleißig aus ſeiner Sprachlehre, übt Guitarre und Geſang, ſchreibt zierlich Noten,—(ein Erbtheil des ſeligen Großvaters!)— lieſet allerlei gute Bücher aus Leihanſtalten und würde ſich glücklich fühlen, wenn nicht zweierlei unangenehme Empfindungen bis⸗ weilen dieſe genügſame Zufriedenheit unterbrächen. Erſt⸗ lich entbehrt er den ſtillen, wehmüthigen Frieden ſeiner dunklen Abendſtunden, die theils in dem Maße ſchwin⸗ den, als der Tag wieder zunimmt, theils nicht mehr die — 209— alte Wirkung auf ihn üben, ſeitdem mit den Erinnerun⸗ gen an Liebenau ſich Erinnerungen an jene geträumte Erſcheinung der holden Laura durchweben. Zweitens aber plagt ihn häufig eiferſüchtiger Verdruß, den er nicht zurückzuweiſen vermag, wenn junge Herren mit Madame Amelot plaudern. Beſonders zuwider ſind ihm darin die ſchönen Offiziere. Sie benimmt ſich zwar durchaus vorwurfsfrei,— dennoch,— was haben die Menſchen mit ihr zu verkehren? denkt er. Sie haben ihr Eintritts⸗ geld bezahlt, um die Thiere zu betrachten, und wenn ſie etwas Näheres über dieſe in Erfahrung bringen wollen, — wofür bin ich denn da? Madame iſt nicht als Mena⸗ gerie⸗Wärter angeſtellt. Die Zierbengel ſind mir unaus⸗ ſtehlich!— Im Uebrigen war er ganz zufrieden. Da kam einmal ein ſchöner Pfingſtſonntag. Die Bude war, des Gottesdienſtes halber, geſchloſſen; die anderen Wärter, als gute katholiſche Chriſten, hörten ihre Meſſe. Anton hatte die Wache. Lieblich drang der Feſt⸗ tags⸗Sonnenſchein durch die Fugen des hölzernen Hau⸗ ſes, daß, von ſeiner Wärme durchdrungen, ſo manches alte Brett zu leben anfing und perlendes Baumharz aus durchſichtigen Knoten und Knorren ſchwitzte, wodurch ein aromatiſcher Duft verbreitet wurde, der Anton mit heimiſcher Mahnung an die Nadelholzwälder um Lie⸗ benau, an den Weg nach dem Fuchswinkel erinnerte. Langſam ging er den langen leeren Raum auf und ab, -rüber bei den Käfigen der Thiere, welche üppig und aul dahin geſtreckt lagen, jedes in demjenigen Winkel ſeines Kerkers, wohin ein Sonnenſtrahl reichen mochte, Holtei, Vagabunden. I. 14 — 210— den der bunte glatte Pelz ſehnſüchtig einſaugte, als ſei er für ſie, die Heimathloſen, auch ein Gruß aus der glühen⸗ den Heimath. Nur„Bradipus ursinus“ zeigte ſich un⸗ ruhig, Anton's Schritte und Tritte mit lüſterner Lebhaf⸗ tigkeit verfolgend, wie wenn er ihn auf ſich aufmerkſam machen wollte. Er fühlte ſich vernachläſſiget. Und das mit Grund. Sein Gönner hatte ihm ſchon ſeit Wochen jene Näſcherei vorenthalten, womit er ihn den ganzen Winter hindurch ſo reichlich beſchenkt: die Aepfel wurden ſchon ſelten und theuer. Ja, drücke Dich nur an die Stäbe, ſagte Anton, wie ihn der Spaziergang wieder in die Nähe des lechzenden Bären führte; das hilft Dir Nichts. Die Aepfel gehen zu Ende. Was noch Erträgliches zu finden iſt, das heb' ich meinen Damen auf, für den Tiſch. Madame Laura liebt Aepfel zum Deſſert; und daß Madame Laura Amelot, geborene Simonelli, Dir vorgeht, wirſt Du be⸗ greifen, dummer Tölpel; nicht wahr?— Sollte man nicht darauf ſchwören, das Beeſt verſtände, was ich ihm vorrede? Wie es mich anſchaut! Völlig mit menſchlichem Blick! Ha, Du giebſt Pfote? Du kokettirſt mit mir, Monſtrum? Jetzt ſitzt es auf den Hinterbeinen, wie ein bittender Mops. Und wie häßlich! Vor lauter Häßlich⸗ keit wird es ſchön! Nun gut, weil Du gar ſo häßlich biſt, und weil wir Pfingſten haben, heute noch einen. Aber merk Dir's, Ungethüm, den letzten! Pour toute la der- nidre fois, bis die neuen Aepfel kommen!— Wenn ich dann noch bei Euch bin, ſetzte er hinzu, mit einem Seuf⸗ zer, deſſen Bedeutung zu erklären, ich nicht unternehme. — 211— Er begab ſich nach dem Hintergrunde, wo, durch an⸗ gekettete Doggen bewacht, die zuſammengeſchobenen Fourgon's ſtanden, und wo er in einem derſelben eine Art von Vorrathskammer angelegt, aus welcher nun der geringſte der noch vorhandenen Aepfel ausgeſucht wurde. Mit dieſem, ihn ſchon von Weitem vorzeigend, kehrte er zum Standort des zottigen Näſchers, neckte ihn ein Weil⸗ chen, reichte ihm die erſehnte Frucht, zog ſie wieder zurück und ſpielte ſo mit dem unbehilflichen Geſchöpf, über ſeine fruchtloſen Anſtrengungen lachend. Da klapperte es an der Kaſſenthür, die zwar inwendig zugehakt, ſich durch vertraute Hand von außen leicht öffnen ließ. Anton wendete das Geſicht nach dem Eingang. Die er mit ihrer Mutter in der Kirche gewähnt,— Laura trat ein. Ich muß doch ſehen, ſprach ſie, wie ein Ketzer, ein Huguenot—(ſie redeten immer franzöſiſch mit einander) — ſeine Andacht am heiligen Pfingſtfeſt begeht? „Wer ſeine Pflicht erfüllt, Madame, iſt immer in der Kirche. Das iſt der beſte Gottesdienſt; wie meine Groß⸗ mutter, Gott gönn' ihr die Seligkeit, zu ſagen pflegte.“ O Heuchler, der Ihr ſeid! Iſt das Pflicht, mit dem häßlichen Thiere zu ſpielen? „Eines geht mit dem andern, Madame. Während ich hier Wache halte, thu' ich meine Schuldigkeit; und während ich meine Schuldigkeit thue, ſpiel ich mit dem häßlichen Thiere.“ Wißt Ihr nicht beſſere Spiele, als mit ſo garſtigen Geſchöpfen? „Freilich wohl möcht ich lieber mit ſchönen Geſchöpfen 14* — 212— ſpielen, aber dann würde die Frage entſtehen, ob dieſe mit mir—“ Er fürchtete, eine Ungezogenheit begangen zu haben, weil er bei dieſen kühnen Worten Laura fixirt. Deshalb brach er ab, ſchlug die Augen nieder und hielt, während er mit der rechten Hand verlegen an ſeiner Uhrkette zupfte, mit der linken dem Pſeudo⸗Rieſenfaulthier den lang⸗ erſehnten Apfel vor. Petz machte ſeine lange Schnauze ſo lang ſie reichte, erwiſchte jedoch den Apfel nur halb, ließ ihn, zahnlos wie ſein Rachen faſt war, wieder fallen, und der Apfel rollte, die Bretter vor den Käfigen entlang, nach der linken Seite hin. Anton, immer noch ohne die Augen aufzuſchlagen, ſuchte tappend mit der Linken den rollenden Apfel einzuholen; doch eben als er ihn erfaßte, vernahm er aus Laura's Munde die kaum hörbar ge⸗ hauchten Worte: um der Liebe Gottes Willen, bewegt Euren Arm nicht, rührt Euch nicht von der Stelle. Zu⸗ gleich empfand er auf der Oberfläche ſeiner Hand eine leiſe Berührung derſelben, wie von feinen Haaren. Der empfangenen Weiſung gehorſam, ohne ihren Sinn noch zu ahnen, ſchlug er jetzt die Augen zu Madame Amelot fragend auf und ſah ſie todtenbleich, erſtarrt vor ſich ſtehen. Er folgte mit den Augen ihrem Blick, der auf ſeine linke Hand geheftet blieb,— da ſah er, wie über dieſer und dem Apfel die Kralle des nächſten Nachbars, des großen bengaliſchen Tigers ſchwebte. Ein Druck dieſer Kralle— und Anton's Hand war zermalmt. Ch' er aber noch die blutige Gefahr recht überſehen konnte, hatte ſchon ein Hieb, den Laura mit dem umgekehrten, — 213— ſilberbeſchlagenen Stabe ihres Sonnenſchirms, ebenſo geſchickt als kräftig führte, den Tiger heftig auf den Kno⸗ chen getroffen, ſo daß dieſer ſeine Tatze auf— nur einen — flüchtigen Moment erhob und zurückzog. Anton be⸗ nützte natürlich dieſen Moment ebenſo raſch, aber kaum war ſeine Hand, die den Apfel nicht losließ, gerettet, ſo ſchlug auch ſchon des Tigers gewaltige Klaue wie der Blitz in das Brett, genau auf die Stelle, wo Hand und Apfel gelegen, daß die Späne umherflogen. Noch ſammelte Anton paſſende Worte, um ſeiner Retterin für dieſe reſolute Beihilfe zu danken,.... Laura, bleicher wie zuvor, entfärbte ſich immer leichen⸗ ähnlicher— ſie ſchwankte,— ſie wäre zu Boden geſun⸗ ken, hätte Anton ſie nicht aufgefangen und behutſam nach dem bewußten Hintergrunde geleitet, wo er ſie auf über⸗ flüſſig vorhandene Decken ſanft niedergleiten ließ..... Dergleichen Auftritte geben Romanſchreibern häufig Gelegenheit, wunderliche Vorgänge zu ſchildern, bei deren umſtändlicher Auseinanderſetzung ihre Feder gern verweilt. Wer von meinen Leſern Roman⸗Leſer ſein ſollte, hier auch von mir erotiſche Scherze zu erwarten, findet ſich getäuſcht. Laura iſt eine zu lebensfriſche, natürliche Frau und Anton ein viel zu dankbares, auf⸗ richtiges Gemüth, in dieſem Augenblicke an etwas Ande⸗ res zu denken, als an den Augenblick ſelbſt. Sie erholte ſich bald. Als er ihr Dank ſtammeln wollte, gebot ſie ihm Schweigen, reichte ihm ihre Rechte, forderte jedoch ſeine Linke, betrachtete dieſelbe forſchend, und nachdem ſie ſich überzeugt, daß keine Verletzung — 214— ſtattgefunden, ſagte ſie: wär' es doch gar zu Schade ge⸗ weſen, um Finger, welche den Saiten ſo zitternde Töne zu entlocken verſtehen! Künftig ſein Sie vorſichtig: mit reißenden Thieren und koketten Weibern kann ein junger Mann gar nicht vorſichtig genug ſein. Und dann, fuhr ſie fort, ſeine Hand noch immer feſt haltend, geben Sie mir ein Verſprechen: Das iſt, mit Niemand zu reden von dem, was jetzt hier geſchehen iſt; keine Sylbe! Hören Sie wohl? Auch mit meiner Mutter nicht. Als Anton ſchweigend und ſich neigend bejahte, ſpürte er einen kurzen, doch kräftigen Druck jener Hand, welche die ſeinige hielt. Bevor er ihn erwiedern können, waren beide Hände getrennt, und Laura ſchied,— ohne ſich im Fortgehen nach ihm umzublicken. „Mit Niemand ſoll ich davon reden? Gut! Aber warum nicht? Damit meine Unvorſichtigkeit nicht kund werde? Was thut mir das? Die Andern wiſſen längſt, daß ich und der Tiger auf geſpanntem Fuß leben, und ſie können ſich ja nur freuen, wenn ſie hören, wie ich mit heiler Haut davon gekommen bin? Warum ſollen ſie's denn nicht erfahren? Der Madame bringt's doch wahr⸗ haftig keine Schande, mich ſo klug und muthig beſchützt zu haben? Das macht ihrem Herzen nur Ehre! Sie ſchien ſo theilnehmend,— ſo erſchreckt,— ſo ohnmächtig, als es überſtanden war; ſie hätte nicht mehr Mitgefühl zeigen können für ihren......... 4 Ja, da fehlte ihm das rechte Wort. Zwiſchen Bru⸗ der, Gatte, Liebhaber ſtand ihm die Auswahl frei. „Gatte“ fand er nicht paſſend, weil ſie von dieſem ge⸗ — 215— trennt lebte.„Bruder“ war nicht vorhanden, weil Ma⸗ dame Simonelli nur ein Kind beſaß.„Liebhaber“— 2 Todesbläſſe, Ohnmacht, Händedruck zogen noch einmal an ihm vorüber. Sein Monolog verlor ſich in unver⸗ ſtändliches Gemurmel. Die Augen auf jene Decken rich⸗ tend, auf denen ſie in Ohnmacht gelegen, bemerkte er den Apfel, den er fallen laſſen, um ſie zu halten. Er hob ihn auf, trug ihn zum Käfig des Bären, ſteckt' ihn lächelnd und liebkoſend in deſſen Rüſſel und ſagte zärtlich: wenn das kein Irrthum iſt, was jetzt in mir vorgeht, ſo ſollſt Du Aepfel freſſen, mein Alter, dieweil für Geld Aepfel zu haben ſind. Und die beſten! Das ſchwör' ich Dir. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Während des Mittageſſens, bei welchem Anton ſtets die Wahl hatte zwiſchen den Rollen eines an Königlicher Tafel aufwartenden Lakaien oder eines zur Tafel gezoge⸗ nen Kammerherrn(denn er bekleidete ſtreng genommen beide Chargen) benahm ſich Laura, wie wenn durchaus Nichts vorgefallen wäre. Gleichgültig, unbefangen, artig. Anton fühlte ſich mehrfach verſucht, ſeine Linke verſtohlen zu betrachten, ob ſich nicht vielleicht Spuren des flüchtigen Druckes, Blutmale einer glühenden Be⸗ rührung vorfänden. Die Hand ſah aus wie gewöhnlich und brannte dennoch in's Herz hinauf. Madame Simonelli war übler Laune. Ihr„Per⸗ ——— — 216— miſſionär,“ der in K. die nöthigen Voranſtalten treffen ſollte, meldete ihr, daß ihm der Reiſende für die große „Reitertruppe des Herrn Guillaume begegnet ſei, und daß erſterer heute noch in D. eintreffen werde, um über Hals und Kopf einen Sommercircus errichten zu laſſen. Sie wollen heute über acht Tage ſchon anfangen, ſagte ſie ärgerlich. Das verdirbt mir den Platz. D. wäre noch für einen Monat gut geweſen, wenn wir's allein für uns behielten. Jetzt iſt s aus. Wer einmal bei uns war, trägt jetzt ſein Geld zu den Reitern, während er ohne dieſe noch etliche Male uns beſucht hätte. Nun kommen wir zu früh im Sommer nach K. Unterweges in E. und Br. wird nicht viel zu machen ſein. Und ich hätte mir K. ſo gern für den Winter aufgeſpart! Alſo in acht Tagen ſchon geht es fort von D.? fragte Anton. 3 3 4 „Ja, mein Junge. Bald nachdem Guillaume ange⸗ fangen hat. Am liebſten bräch' ich auf, eh' er noch ein⸗ trifft, denn wir ſind nicht die beſten Brüder, ich und er. Aber es geht nicht. Sie rücken mir zu raſch auf den Hals. Einige Tage hindurch werden wir uns in das Geld der D.⸗ger theilen müſſen, ſo gut und ſo ſchlecht es geh'n will.— Man klopft. Sieh' nach, Anton, und wenn es etwa gar ſchon Herr Guillaume wäre, der uns beſuchen will....“ 4 So bin ich nicht ſichtbar! rief Laura heftig und ſchickte ſich an, die Flucht zu ergreifen. Doch augenblick⸗ lich warf ſie ſich wieder völlig beruhiget in ihren Seſſel, denn die Thür war mittlerweile aufgegangen, und einge⸗ — 217— treten war ein kleiner, derber Mann von etwa fünfzig Jahren, deſſen ſchwarze Augen über eine krummgebogene Naſe herüber in's Zimmer leuchteten, wie wenn ſie Alles in Brand ſtecken wollten. Er trug einen dunklen Schnurrbart, welcher mit einem weißgrauen, doch vollen Lockenkopfe ſeltſam contraſtirte. Gekleidet war er halb ſtutzerhaft⸗elegant, halb abgeſchabt⸗ärmlich. Mit ausge⸗ ſucht verbindlichen Manieren näherte er ſich Madame Simonelli, die ihm ſogleich wie einem alten Bekannten die Hand zum Küſſen entgegenſtreckte. Von ihr zu Ma⸗ dame Amelot gewendet, lächelte er dieſer, die reinſten und ſchönſten Zähne fletſchend, eine ſchmeichleriſche Huldigung ihrer täglich wachſenden und reicher blühenden Reize zu und nahm ſodann, wie wenn er eingeladen und nur wichtiger Geſchäfte halber zu ſpät erſchienen wäre, ſeinen Platz am Tiſche, wozu er den eben leer gewordenen Stuhl Anton's benützte. Dieſer brachte das Deſſert, ſtellte es auf und ſchob einen Teller mit prachtvollen Aepfeln vor Laura, wobei er ſie anſah, als wolle er ſie an die Apfelſcene des Morgens mahnen. Nachdem er dies gethan, machte er Mieno, ſich zu entfernen. Madame Amelot jedoch ließ das nicht geſchehen. Sie rief ihn zurück, hieß ihn, ſich einen vierten Stuhl holen, lud ihn ein, dieſen zu benützen, und ſtellte ihn, da er zögerte, dem Fremden in aller Form als— Antoine, Diener und Freund des Hauſes vor. Worauf der kleine Herr ſich voll militairiſchen Anſtandes erhob und die Damen erſuchte, ihn gleichfalls zu präſentiren. Solche Mühe übernahm Madame„Mutter:“ ſie bezeichnete — 218— h und nannte den weltberühmten Herrn Michaletto San⸗ chez, Künſtler und Vater dreier allerliebſten Töchter, die als Equilibriſtinnen und Drahttänzerinnen ihres Gleichen ſuchen! Michaletto wie Anton verbeugten ſich gegenſeitig, dann ſetzten ſie ſich wieder; Madame Simonelli kre⸗ denzte ein großes Glas Bordeaux, und Kuchen, Käſe, Aepfel u. ſ. w. wurden, wie man ſich heut' zu Tage darüber ausdrückt, in Angriff genommen. Woher kommen Sie, mein alter Freund Sanchez? fragte die Simonelli. Wie geh'n die Geſchäfte? „Abſcheulich,“ antwortete dieſer, während er mit der Rechten ein Stück Cheſterkäſe, mit der Linken einen hal⸗ ben Borsdorfer ſeinen allerdings zur Zermalmung höchſt fähigen und geeigneten Kau⸗Werkzeugen überantwor⸗ tete;„abſcheulich, erbarmungswürdig. Dieſer dicke Hahnrei von Guillaume mit ſeinen vierbeinigen Hilfs⸗ truppen hat mir K. totalement verdorben. Wir ſind nun hierher nicht gereiſet, vielmehr geflogen, um ihm wenigſtens den Vorrang von einigen Tagen hier in D. abzugewinnen, die wir benützen wollen, ehe ſein verfluch⸗ ter Reitſtall fertig wird. Wir fangen morgen an, in inem Salon; ja wohl, nur in einem Salon, ausſchließ⸗ lich für die Nobleſſe; Eintrittsgeld ein harter Thaler. Wie? Ah, nicht zu viel. Bei'm heiligen Blute, zu wenig! Soſta ſtellt jetzt andaluſiſche Räuberſcenen auf dem Drahte dar, im rothen Mantel, die Flinte dabei, ſie ladet, ſie ſchießt,— und dieſe Drapirungen!— Sie werden ſehen und ſtaunen. Liſette geht noch immer mit — 219— den Beinen oben an der Decke, aber ungleich raſcher und gewandter, als vor drei Jahren;— ſo lange iſt's her, daß wir uns trafen? wie?— Damals hatte ſte dieſe Force noch nicht. Roſalie, die jüngſte, iſt ein Satan von Schönheit und Bravour. Sie arbeitet auf dem Schlapp⸗ ſeil. Früher mein Genre, wie Sie wiſſen. Ich war bekannt; ich war ein wenig bekannt, darf ich die Ehre haben zu verſichern. In Madrid ließen ſie die Stier⸗ gefechte leer, wenn es hieß: Michaletto wird arbeiten. Was brauch' ich die Stiere zu ſehen, rief Einer dem An⸗ dern zu, haben wir nicht Michaletto Sanchez? Das thut wohl, mein Herr! Gut! Bei allen Heiligen, wenn es möglich wäre, ſo würd' ich ſagen: Roſalie übertrifft mich. Sie nimmt noch einen wilderen Schwung. Wolle Gott und ſeine Engel, daß die Mauern des Hauſes feſt ſtehn mögen, wo wir unſern Salon gemiethet haben, ſonſt reißt ſie Alles zuſammen. Und dann müſſen Sie bewundern den Leuchter⸗Tanz, ausgeführt von Liſetta und Sofia. Der iſt ganz neu, nie ſonſt producirt; meine Invention. Darin iſt vereiniget Grazie, Kraft, Balance, Ausdauer. Der Bürgermeiſter von X., ein Mann in meinem Alter, gerieth in eine ſo heftige Leiden⸗ ſchaft, als er dieſen Leuchter⸗Tanz geſehen, daß er ſich entſchließen wollte, mit uns zu gehen. Vater Sanchez, ſprach er zu mir, Du haſt keinen Bajazzo; aus Liebe für dieſe himmliſchen Geſtalten will ich mit Dir ziehen, will Dir als Bajazzo dienen, damit ich nur täglich dieſen Anblick genießen könne! Glücklicherweiſe hat ſeine Gattin ihm keinen Urlaub ertheilt, ſonſt wäre jene — 220— Stadt gegenwärtig ohne Oberhaupt. Schrecklich, aber wahr!“ 6 Madame Simonelli fand Vergnügen an Micha⸗ letto's Geſchwätz, weshalb ſie fleißig ſein Glas füllte, um ihn noch geſprächiger zu machen. Anton, anfänglich ſehr geneigt, zu glauben, was er hörte, ſchenkte volle Aufmerkſamkeit. Wie er jedoch wahrnahm, daß Laura ſich langweilte und unverhohlen gähnte, wendete ſich ſeine Aufmerkſamkeit vom luſtigen Prahler auf ſie, und er beſchäftigte ſich ernſtlich mit Ver⸗ gleichungen, die er zwiſchen dem Gebiß des beglückten Vaters und jenem der gähnenden Schönheit anſtellte, wobei er ſich immer tiefer im Anſchauen ſolcher Schön⸗ heit verlor. Weil aber Vater Sanchez nicht müde wurde, in Ver⸗ zückung zu gerathen über ſeine drei Töchter, ſo leitete die ofterwähnte Dreizahl unſeren Liebenauer allgemach auf Onkel Naſus hin, der ja ebenfalls dreier Töchter Vater geweſen. Höchſt natürlich gerieth er dabei auf Tiele⸗ tunke, und eh' er ſelbſt noch wußte, daß er mit ſeinen Ge⸗ danken bei dieſer ſeiner kindlichen Liebe weile, war er ſchon von den Vergleichungen zwiſchen Laura's und Mi⸗ chaletto's Zahnreihen, zur Vergleichung zwiſchen den Perſonen des jüngſten Freifräuleins von Kannabich und Madame Laura Amelot übergegangen. Einen gefährlicheren Uebergang konnt' es für ihn⸗ kaum geben. Jetzt darf ich nicht länger verſchweigen, daß ich ein rein gehaltenes, ſauber geſchriebenes, blätterreiches Manuſcript beſitze, aus welchem ich ſchöpfe: Anton's Tagebuch! Selbſtgeſtändniſſe nennt er's.. Wir werden künftig erfahren, wie ich dazu gelangte. Er hat damit angefangen, auf einzelne Blätter die Ein⸗ drücke niederzuſchreiben, die allerlei Erlebniſſe auf ihn gemacht. Das hat er ſchon in Liebenau gethan und auf Reiſen fortgeſetzt. Erſt ſpäter hat er das Vorhandene zu einem Ganzen geſammelt. Gewiß könnt' ich mir meine biographiſche Arbeit oft gar ſehr erleichtern, wenn ich daraus wörtlich abſchriebe. Doch da ein ſolches Verfahren dem Buche nachtheilig werden müßte, durch einſeitige Auffaſſungen und— vor⸗ züglich im Beginn ſeiner Erfahrungen— noch ſehr beſchränkte Lebensanſichten, hab' ich vorgezogen, als Autor das Wort zu nehmen und im Namen meines Hel⸗ den zu ſprechen. Manche Zuſtände aber eignen ſich beſ⸗ ſer, Denjenigen ſelbſt⸗redend einzuführen, den ſie zunächſt betreffen. Deshalb ſei mir geſtattet, hin und wieder ein Blatt unverändert einzuſchalten. Wenn ſich dies im Laufe der Geſchichte von Zeit zu Zeit wiederholt, dürften ſolche Citate auch das beſte Zeugniß ablegen über die fortſchreitende geiſtige Entwickelung eines jungen Man⸗ nes, der immer reifer wird und täglich klarer ſieht und denkt. Das nächſte Kapitel ſei einigen Auszügen dieſer Gattung gewidmet. 4 — 222— Vierundzwanzigſtes Kapitel. Aus Antons Tagebuch. D., den 8. Juni 18.. „Sie iſt viel ſchöner, als Tieletunke; viel, viel! beaucoup! Wenn gleich um einige Frühlinge älter. Sie iſt auch ſehr gut, wohlwollend, mitleidig, tugendhaft. O, ſehr. Um ſo erſtaunlicher, weil ſte die Frau eines ruch⸗ loſen Mannes war und eine Menagerittochter iſt, wes⸗ halb ſie von Kindheit auf unter reißenden Thieren lebte. „Ich gebe mir alle nur erſtnnliche Mühe, an Ottilie zu denken, wie früher. Seitdem Madame Laura meiner linken Hand zu Ehren in Ohnmacht zu ſinken ſo gütig geweſen, muß ich immer an Madame Laura denken. Es fällt mir jetzt erſt ein, daß Ottilie von Kannabich auffal⸗ lend mager war. Laura hat eine Figur wie die braune Bärbel, doch ganz in Weiß und Roth. Ihre Haut iſt Sammetz; ſie hat auch Etwas von Pfirſich⸗Flaum. Das weiß Madame ſehr wohl. Sie weiß überhaupt, daß fſie ſchön iſt. Sie müßte auch taub ſein, wollte ſie es nicht wiſſen, denn die faden Laffen ſagen es ihr von früh bis Abend. Neulich, als ſie mich im Franzöſiſch reden übte, wobei ſie auch verſucht, Deutſch zu lernen, was ſie durch⸗ aus nicht zu Stande bringt, fragte ſte mich, wie„peau⸗ auf Deutſch genannt werde? Ich dachte, ſie bezöge dieſe Frage auf den Eisbären, vor deſſen Käſig wir juſt ſtanden⸗ und antwortete:„Fell— Pelz.“ Wie konnt' ich anders? Nachher, als wir aus der Bude zum Eſſen gehen wollten⸗ rief ſie mir zu: Antoine, Sie mir geb' der Paraſol, ohne das, der Sonn' mich verbrenn mein Fell⸗Pelz! Da war ſie ſo ſchön, wie ſie das ſagte, daß ich ihr am liebſten auf offener Straße zu Füßen geſtürzt wär'! Aber ich hütete mich wohl.“ Den 11. Juni. „Geſtern ſind wir Abends in der Vorſtellung des Herrn Michaletto Sanchez geweſen: Madame Simonelli, Madame Laura und ich. Beinah' wär' ich zurückgeblie⸗ ben. Ich war in meiner gewöhnlichen Tracht und wollte die Frauen als Diener geleiten. Das war auch der Frau Mutter ganz recht. Laura jedoch beſtand darauf, daß ich die hohen Stiefeln und kurze Jacke ablegen, und den braunen Tuchrock anziehen mußte, den ich mir für die Kirche hab' machen laſſen. Ich mußte mich auch neben ihnen hinſetzen. So lange die drei Sanchez'ſchen Mäd⸗ chen arbeiteten, ließ mich Madame Amelot nicht aus den Augen. Ich mag wohl ſehr kurioſe Geſichter gemacht haben, vor Erſtaunen. „Der Leuchter⸗Tanz iſt wirklich wunderhübſch. Das heißt, die Leuchter tanzen nicht, und die Mädchen tanzen eigentlich auch nicht. Wie man's nehmen will. Die Eine ſteht mit dem linken, die Andere mit dem rechten Fuß, jede auf einem großen vergoldeten Leuchter. Ihre beiden andern Beine ſchweben in der Luft. Mit dem einen Arme halten ſie ſich umſchlungen, der andere hilft balanciren. Sie ſind angekleidet wie Pagen, oder ſo etwas. Beide ſehr gut gewachſen; es ſieht alſo allerliebſt aus, doch find' ich es nicht recht ſchickſam. Die oberen Cheile der Leuchter ſind eingerichtet, daß ſie ſich leicht 3— 224— drehen, und nun fangen die beiden Frauenzimmer ſich zu wenden an, und wechſeln Seiten und Arme und biegen ſich vor und zurück und verfertigen die kunſtvoll⸗ ſten Stellungen. Einige Male meint' ich, ſie müßten herunter purzeln. Aber nichts da. Gleich ſind ſie wie⸗ der aufgerichtet und ſtehen ſo feſt und gerade, wie wenn ſie wirklich ein paar bemalte Wachskerzen wären. „Die Roſalie, die ſich auf dem ſchlaffen Seile ſchwingt, iſt die hübſcheſte; das heißt, der Madame Amelot reicht ſie nicht das Waſſer. Doch hat ihr Papa die Wahrheit von ihr geſagt; ſie iſt wirklich ein Satan. Nicht nur auf dem Seile; auch ſo. Höchſtens vierzehn Jahr' kann ſie haben, und doch liebäugelte ſie mit allen Herren im ganzen Saale. Sogar mit den Alten. Einige Male warf ſie mir recht kecke Blicke zu, und jedesmal, wenn ſie das that, zuckte Madame Amelot mit dem Ellenbogen, als wollte ſie mich anſtoßen und mich aufmerkſam machen, daß ich hernach ſchon gar nicht mehr wußte, wohin ich gucken ſollte. „Morgen oder übermorgen treffen Guillaume's ein. Ihr Circus iſt faſt fertig. Da haben ſich die Zimmer⸗ leute geſputet.“ 3 Vom 17. Juni. „Geſtern gab Herr Guillaume ſeine erſte Vorſtellung. Prachtvoll! Dieſe Kleidungen; dieſer Reichthum an Die⸗ nern und Muſtkern; dieſe vortrefflichen Reiter und Vol⸗ tigeurs! Ach, und die Pferde! Immer eines herrlicher, als das andere! Hab' ich Wunder gemeint, was unſeres ſeligen gnädigen Barons Leib⸗Schecke für ein Roß wäre. Na, gute Nacht! Müßte das ein Glück ſein, auch ſo herumzujagen und das Jubelgeſchrei der Menſchheit um ſich her zu hören? Die Reiter wurden wie berauſcht da⸗ von, ſie ſchrieen zuletzt mit, aus voller Kehle, wenn ſie vorbeiſauſeten, daß mir vom Zuhören und Zuſehen der Athem ausging. Solch' ein Menſch möcht' ich ſein, wie der Furioſo; wie der unbeweglich auf ſeinem nackten Roſſe ſtand, und das flog unter ihm fort, und er ſtand immer feſt. Madame Adelaide iſt recht ſchön; doch mir könnte Demoiſelle Jartour beſſer gefallen: ſie hat einen melancholiſchen Zug um die Augen, als ob ſie unglück⸗ lich wäre. „Ich konnte mir's nicht verſagen, dieſe Perſonen, die mir wie übernatürliche Weſen erſchienen waren, in der Nähe anzuſchau'n. Da meine Damen geſchloſſene Sitze hatten und ich unter den ſtehenden Herren mich befand, wurd' es mir leicht, nach den Räumen zu dringen, wo die Reiter und die Roſſe Toilette machen. Herr Micha⸗ letto Sanchez war auch dort, wie wenn er bei ſich zu Hauſe wäre, und ſtellte mich dem Herrn Director Guillaume vor. Nein, aber was die Menſchen unzu⸗ verläſſig und falſch ſind! Das iſt zum Erſchrecken! Der nämliche Sanchez, der neulich bei uns auf Herrn Guillaume geſchimpft, was er nur herausbrachte, war jetzt, wie wir Franzoſen ſagen, frère et cochon mit ihm, wie mit ſeinem intimſten Freunde. Da verlaſſe ſich Einer auf die Leute! „Herr Guillaume„arbeitet“ jetzt nicht mehr; er macht es ſich bequem, dirigirt das Ganze, ſtreicht das Holtei, Vagabunden. I.. 15 — — 226— Geld ein und führt unterweilen die Peitſche, die er nicht b ſchont, wie mir vorkommt. Es wäre ein ſtattlicher Manin⸗ wenn er nicht einen ſo dicken Bauch hätte.— „Sanchez erzählte mir, daß dieſer Guillaume zu den 4 jungen Eleven gehört hat, die vor ſo und ſo viel Jahren ein Herr Majeux, oder Mahier, als der Erſte in dieſer/ Art, mit nach Deutſchland brachte. Weil dieſer ſich Stalle meiſter des Königs von Spanien titulirte, heißen alle Kunſtreiter in vielen Gegenden Nord⸗Deutſchlands noch heut zu Tage„Spaniſche Reiter,“ und wenn ſie auch aus Buxtehude kämen. Dieſer Herr Mahier drang mit ſeiner Schaar bis nach der Türkei und brachte es dahin, im Serail des Großherren eine Vorſtellung geben zu dürfen. Die meiſten der Schüler, die er bei ſich gehabt, ſind ſpäterhin Directoren von eigenen Truppen gewor⸗ den, denen es gut gehen ſoll, als: Kleinſchneck, Kolter, De Bach, Tourniaire und wie Michaletto ſie nannte. Herrn Guillaume, na, dem geht es gewiß gut. Woher hätt' er ſonſt ſein Fett? „Seine Gattin, die unter dem Namen Adelaide auf⸗ geführt wird, ſcheint ſich aber verzweifelt wenig aus ihm zu machen. Sie iſt viel jünger, als er. Sanchez be⸗ hauptet, der Hanswurſt von der Geſellſchaft wäre jetzt ihr begünſtigter Liebhaber. Das wird wohl aber eine Verleumdung ſein. Ich kann mir nicht denken, wie ſolch' eine vornehm ausſehende Dame ihrem Gemahl treulos werden oder gar einen Hanswurſten lieben ſollte, der ſich im ſchmutzigen Sande umherwälzt und auf dem Kopſe ſteht, wie unſere Affen. „Herr Guillaume war ſehr freundlich gegen mich. Madame auch. Sie muſterten mich und meine ganze Figur, von oben bis unten, wie wenn ſie mich kaufen wollten, und fragten mich dann: ob ich nicht Luſt hätte, das„Metier“ zu ergreifen? Ich erwiederte, ich würde mich wahrſcheinlich ſehr ungeſchickt anſtellen, denn ich hätte zeitlebens noch auf keinem Pferde geſeſſen. Nichts deſto weniger, ſetzte ich hinzu, liebte ich die Pferde leiden⸗ ſchaftlich und wäre wie bezaubert von dem, was ich hier geſehen; ſo daß ich mich im Fieber befände! Sie luden mich ein, des Morgens manchmal in die Proben zu kommen. Ich könnt es ja, ſagten ſie, ſcherzweiſe verſuchen. Warum nicht; das kann ich wohl thun!“ den 18. Juni. „Ich werde nicht einſchlafen, ehe ich nicht die Ein⸗ drücke des heutigen Tages niedergeſchrieben. Doch bin ich kaum im Stande, die Feder zu führen, weil mir die Hand zittert. Meine Aufregung iſt fürchterlich. „Schon ſeit vorgeſtern Abend, ſeitdem ich aus der Guillaume'ſchen Garderobe kam, iſt Madame Amelot von der übelſten Laune geweſen. Ich ſchob das auf ihre Verſtimmung, wegen des großen Succeſſes, den die Reiter hatten, der uns die Einnahmen unſerer letzten Tage nothwendig ſchmälern mußte, und dachte nur an den lieben Brodneid, um ſo mehr, weil ſich Madame Simonelli ehrlich darüber ausſprach. „Geſtern begab ich mich in den Circus, während der Norgenſtunden, wo bei uns keine Seele anweſend war Unnd ich leicht abkommen konnte. Herr Guillaume 15* — 228— empfing mich wie einen willkommenen Gaſt und ließ mir ein Pferd vorführen, um zu ſehen, wie ich mich benehmen würde. Mir ſchlug wohl ein Bißchen das Herz, aber weil Madame Adelaide und Demoiſelle Adele Jartour zugegen waren, ſchämt' ich mich, nein zu ſagen, und dachte: jetzt iſt ſchon Alles Eins, und ſollt' es an den Kragen gehen, geritten muß ſein. Kaum ſaß ich im Sattel, wurde mir zu Sinne, als ob ich darauf geboren wäre. Gott weiß, wie das zugeht, aber Alle riefen es aus, und ich muß es ſelbſt ſagen: ein geübter Reiter könnte ſich kaum beſſer halten. Niemand wollte mir glauben, daß ich noch nie zu Pferde geſeſſen. Ich tum⸗ melte das willige Thier mit leichter Hand länger, als eine Stunde hindurch in der Bahn, zum Ergötzen der Truppez ich wollte mich gar nicht von ihm trennen, und wäre nicht die Speiſeſtunde herangerückt, ich ſäße, ſcheint mir, noch darauf. Herr Guillaume entließ mich nur, nachdem ich feſt gelobt, wieder zu kommen. Der Stall⸗ meiſter verſicherte mich, ſolches Talent ſei ihm noch nicht begegnet, und ich müſſe von Vorfahren abſtammen, die mehr auf dem Pferde, als auf dem Erdboden gelebt hätten. Meines Vaters, des Cavallerie⸗Offizieres geden⸗ kend, wollt' ich ſchon zuſtimmend erklären, wie das zu⸗ ſammenhänge; aber ich gedachte auch meiner armen Mutter und verſtummte wieder. „Bei Tiſche erzählt' ich den Vorfall. Madame Si⸗ monelli warnte mich, auf die Avancen, die man mir dort, gemacht, Nichts zu geben. Sie möchten mir, äußerte ſie einen netten Burſchen abſpenſtig machen, und Du, mein Sohn, hätteſt, wenn Du Dich verführen ließeſt, auch, Nichts davon, als Reitknecht zu werden, mit viel Plage und wenig Geld. „Madame Amelot, die ſchon vorher über Kopfſchmerz geklagt, verließ die Tafel, ohne zu eſſen. Ich ſah ſie nicht mehr, den ganzen Tag. „Heute Vormittag, eben wie ich mich zurecht machte, um wieder in die Mandge zu gehen, trat ſie in unſere Bude; Pierre und der Rothbart reinigten die Käfige; ich hatte die Vögel verſorgt und bürſtete über meinem Geh⸗ rock. Da kam ſie dicht an mich heran und ſagte mir leiſe in's Ohr: Wenn Sie noch einmal Madame Adelaide ſehen, ſehen Sie mich nie mehr. Sie haben die Wahl. Dabei war ſie faſt ſo bleich, als da ſie am Tiger ihren Sonnenſchirm zerſchlug, meine Hand zu retten. Ich fürchtete, ſie werde wieder umſinken. „Doch ehe ich noch antworten konnte, war ſie ver⸗ ſchwunden. Natürlich blieb ich, wo ich war, legte meinen Gehrock wieder in den Kaſten, band eine Schürze vor und half den Knechten, um nur Etwas zu beginnen. Aber ich wußte nicht, wie mir geſchehen, noch was ich that. Ich wußte auch nicht, ſollte ich wüthend ſein, weil mir das Vergnügen zu reiten unterſagt wurde, oder ſollte ich entzückt ſein über Laura's Eiferſucht? Denn, daß es Eiferſucht iſt, was ſie zornig macht, darüber bleibt mir jetzt kein Zweifel mehr.. „Alſo Laura intereſſirt ſich für mich? Die ſchöne ſtolze Frau, meiner Herrſchaft Tochter, für mich, den Korb⸗ macherjungen? Nein, wenn ſie das in Liebenau wüßten! 3 „Eine Stunde ſpäter kam Madame Simonelli, auch in einer Art von Zorn oder Aerger oder Wuth, ich weiß nicht, wie ich es nennen ſoll? Wie halt Jemand iſt, der ſich eben heftig gezankt hat, und befahl uns, die eiligſten Anſtalten zur Abreiſe zu treffen. Morgen früh geht es ſchon fort. So geſchwind? Wir haben noch nicht einmal die Affichen aus der Druckerei, auf denen die letzte Hauptfütterung angezeigt wurde.. „Gern wär'ich wenigſtens heut' Abend in den Circus .. 5 gegangen, die Reiterei noch einmal mit anzuſehen. Doch wer dürfte ſo Etwas wagen? Auch gab es bei uns ſchrecklich viel zu thun. Jetzt ſind wir in Ordnung. Mit Tagesanbruch geht es ab. Für's Erſte werd' ich weder Zeit, noch Raum zum Schreiben finden. Ohl mein Himmel, was werd' ich auf dieſe Blätter zu ſchreiben haben, wenn ich ſie wieder zur Hand nehme?“— So weit, für diesmal, die Auszüge aus Anton's Tagebuche... Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Madame Laura Amelot ſcheint denn doch keine gewöhnliche Frau zu ſein. Nachdem die Eiferſucht aus⸗ getobt, hat ſie wieder weibliche Faſſung und Würde gewonnen. Sie benimmt ſich, als wäre zwiſchen Anton und ihr weiter Nichts vorgefallen, und er weiß abermals nicht, woran er iſt. Wir finden ſie auf der Reiſe durch einige kleinere Städte, in welchen ihr Weilen von ganz — 231— kurzer Dauer iſt, und holen ſte, nach Verlauf eines Monates etwa, in K. ein, wo ſie ſich des Breiteren feſt⸗ geſetzt haben, ohne daß im Verhältniß der Liebenden irgend ein bemerkenswerther äußerlicher Wechſel einge⸗ treten wäre, wobei allerdings nicht zu verhehlen, daß ſich Anton innerlich bedeutend verändert hat. Seine Träume ſind Wünſche geworden, ſeine Wünſche Begierden. Sie waren einige Tage hindurch Hoffnungen. Dieſen letz⸗ teren hat Laura's Zurückhaltung die Flügel geſtutzt, und nun kriechen ſie, ohne Aufſchwung, faſt erbittert am Bo⸗ den umher, wo ihr Anblick ihm die Heiterkeit raubt. Er fühlt ſich wieder Diener, nachdem er einen Augenblick lang gewähnt hatte, Herr zu werden. Sein Geſchäft,— die Thiere, die übelriechende Bude, das Publicum,— der Geſang,— die Muſik,— Alles widert ihn an. Seine Einbildungskraft weiſet ihn auf Guillaumes luſtige Bande zurück. Er ſchwebt in wachen Träumen mit dem kecken Volk auf wieherndem Renner die Bahn entlang; ſeine ſeidnen Gewänder flattern rauſchend bei'm tobenden Schalle der Muſtk. Er möchte die Flucht ergreifen, möchte den ſchnöden Affen, großen Katzen, Bären und Hyänen Valet ſagen! Aber Laura lächelt ihn, wie aus Zerſtreuung, einmal an, und es iſt aus. Eines noch hält ihn aufrecht: das Bedürfniß zu leſen, zu lernen, wie ſonſt. Nur daß er es jetzt in Städten leichter befriedigen kann, als während ſeines Landlebens. Franzöſiſche Bücher wechſeln mit deutſchen; was die Leih⸗ bibliotheken beſitzen, ſtöbert er auf. Unter anderen ſind — Wie er es aber auch ſprechen, drehen und wenden mochte, fruchtlos blieb doch jede ſeiner Bemühungen, die eigent zöſiſche zu übertragen, ſeiner Lili⸗Laura einiger — 232— auch Goethe's Gedichte zugekommen. Viele hat er aus⸗ geſchrieben, manche auswendig gelernt. Eines recitirt er, wo er geht und ſteht. Doch den Titel hat er umge⸗ ändert. Nicht Lili's,— nein„Laura's Park“ nennt er's. Oft, wenn eine weichere Stimmung über ihn kommt, wiederholt er: „Denn ſo hat ſie aus des Waldes Nacht“ „Einen Bären, ungeleckt und ungezogen,“ „Unter ihren Beſchluß herein betrogen,“ „Unter die zahme Compagnie gebracht““ „Und mit den andern zahm gemacht:“ „Bis auf einen gewiſſen Punkt, verſteht ſich!“ „Wie ſchön und ach! wie gut“ „Schien ſte zu ſein. Ich hätte mein Blut“ „Gegeben, um ihre Blumen zu begießen!“ Und dann fühlt er ſich verſucht, den indiſchen Bären herauszulaſſen aus ſeinem Käfig, an deſſen Statt ſich hinein zu begeben. Plötzlich aber ruft er ſich den Schluß des Gedichtes wieder in's Gedächtniß und ſpricht mit Goethe: „Götter, iſt's in euren Händen,“ „Dieſes dumpfe Zauberwerk zu enden,“. „Wie dank' ich, wenn ihr mir die Freiheit ſchafft!“ „Doch ſendet ihr mir keine Hilfe nieder,—« „Nicht ganz umſonſt reck' ich ſo meine Glieder:“ „Ich fühl's! Ich ſchwör's Noch hab' ich Kraft.“ durchdenken, durchfühlen, hümliche Poeſie in's Fran⸗ um etwa den Inhalt derſelben maßen begreiflich und zugänglich zu machen. Anton wußte doch jetzt recht gut franzöſiſch, ſprach es ſo geläufig beinahe wie deutſch; und ſprach es beſſer, als Jene, die eine fremde Sprache aus den Regeln der Schule erlernen, weil er es von lebendigen Lippen— und was für Lippen— entnommen. Aber an dieſem Verſuche ſcheiterte jegliches Beſtreben. Sinn und Worte und Form fand er für die meiſten Strophen— dennoch fehlte immer Etwas,— und ohne dieſes Etwas gerade wurd' es eben etwas ganz Anderes. Solche eigenſinnige, unbeſiegliche Sonderung zweier Sprachen führte unſern Freund auf mancherlei Betrachtungen über den Geiſt der Sprache im Allgemeinen. Betrachtungen, welche man ebenſo wenig bei einem Menagerie⸗Wärter ſuchen, als Goethe geahnet haben dürfte, daß ein ſolcher ſich üben, ärgern und wiederum kräftigen werde, an einem Gedichte, welches Er im Unmuth unbefriedigter Leidenſchaften einſtmals hinwarf. Aber ſo geht es:. Der Urgeiſt ſtreut den Saamen in die Winde, Daß manch ein Körnlein Grund wie Boden finde! Anton hatte Niemand, dem er ſich mittheilen können. Weder Schwarz⸗, noch Rothbart, abgeſehen von der ver⸗ zeihlichen Rohheit ihres Herkommens und Berufes, wären die Menſchen geweſen, nur zu ahnen, geſchweige denn zu begreifen, wie ein Jüngling von Antons einnehmender Perſönlichkeit noch ſchmachten, zweifeln wolle, nach Vor⸗ gängen, deren er zwei erlebt. Sie verließen ſo leicht keine Stadt und kein Städtchen, ohne Bande zu ſchlin⸗ gen, die gleich anfänglich durch derbe, aber leicht lösbare Knoten gefeſtiget wurden. Doch waren ſie praktiſche Leute und richteten die leichtere oder feſtere Verknotung ihrer Bündniſſe ſchon im voraus danach ein, ob ſie auf längeren, oder auf kürzeren Aufenthalt am Orte zu rech⸗ nen hätten. K. war eine ſogenannte„große Station.“ Hier ent⸗ ſprachen dauernde Verhältniſſe. Beide knüpften derglei⸗ chen mit gewohnter Leichtigkeit und Uebung an. Aber beide verſahen ſich diesmal, trotz ihrer Uebung im Ge⸗ genſtande der Wahl, Sie hatten die Herzen zweier Schweſtern erobert,— Töchter eines Nachtwächters— die jedoch vom ſtrengen Vater mürriſch gehütet und beſſer bewacht, als das ſeinen Schlummerſtunden anvertraute Stadtviertel, bis dahin ziemlich vorwurfsfrei gelebt und die Huldigungen der Thier⸗Männer nur unter ſehr bür⸗ gerlichen Abſichten auf Eheſtand angenommen hatten. Ja, was noch mehr: Pierre wie Jean, Schwarz wie Roth, fühlten ſich wider Gewohnheit diesmal auch durch ernſtere Neigung gefeſſelt, ſo daß bereits von„Anlegung des Er⸗ ſparten, von Eintreten in's ſolide Leben, von Zurück⸗ ziehen aus dem Geſchäft u. ſ. w.,“ kurz von Dingen die Rede war, hinter denen die Heirath herzuziehen pflegt, wie der Finnfiſch hinter wandernden Heringen und aus ähnlichen Gründen. Der Herr Nachtwächter befand ſich, mit höchſt ſelte⸗ nen Ausnahmen, den ganzen Tag über daheim. Er trieb die ſehr edle Flickſchneiderkunſt, die in Anbetracht ihrer oft erſchwerten Compoſitionen wohl eher unter Künſte aufgenommen zu werden Anſpruch hat, als jene Schneiderei aus dem Vollen, Ganzen. Seine Töchter waren mitwirkende Künſtlerinnen. Da konnte weder von ſchwarz⸗, noch roth⸗bärtiger Liebe die Rede ſein. Zwar geſtattete der Zwillingsvater— denn Zwillinge waren die Nachtwächterstöchter— beiden Bärten, daß ſie ſich ſammt denen an ſie befeſtigten Ausländern„auf Beſuch“ einfinden durften; doch weder Pierre, noch Jean waren Meiſter darin, während der langen Sitzungen die Fäden harmloſen Geſpräches ſpinnen zu helfen. Ihr Kauderwelſch war wilden Beſtien verſtändlich, ihrem Collegen Antoine, zur Noth auch der Madame Simo⸗ nelli.— Für andere Bewohner des Landes von der Düna bis zum Rhein, bedienten ſie ſich gern der Zeichen⸗ ſprache, und für ihnen wohlgefällige Bewohnerinnen einer ganz entſchieden ausgebildeten. Weil nun aber der flickſchneidernde Nachtwächter die Eigenſchaft beſaß, in ſeiner Wohnung und als Familien⸗Vater ungleich ſchärfer zu vigiliren und ein beſonderer Stuben⸗Tag⸗ Wächter zu ſein, wie er jemals ein Stadt⸗Nacht⸗Wächter geweſen, ſo blieb dieſen Liebenden für den Austauſch pantomimiſcher Symbole nur die„heil'ge Nacht mit blauem Sternenmantel;“ dieſe gewiſſenloſe Beſchützerin ſo vieler Eltern⸗betrügender Pläne gelobte ihren Schutz deſto zuverläſſiger, weil die durch den Schneider zu bewa⸗ chenden Gefilde weit ab lagen vom fernen Gäßchen, in welchem ſeine Zwillinge zurückblieben. Es kam nur darauf an, daß Antoine in's Vertrauen gezogen wurde; daß er ſo gefällig war, einmal die Nacht⸗Inſpection der Thierwelt zu übernehmen; denn ohne Aufſicht durften Bude und Inhalt nicht verbleiben. Dazu fand er ſich willig und bereit. Nicht allein um der viel geplagten Knechte willen, die auch ihm ſtets dienlich ſein mochten, mehr faſt noch, um eine Veranlaſſung zu ergreifen, die ſich ihm bei ſeiner gegenwärtigen Stimmung kaum erwünſchter darbieten konnte. Ihn reizte die Ausſicht auf eine Nacht unter wilden Thieren, allen Menſchen fern, einſam und ungeſtört mit den Träumen, die etwa kommen würden, ihn zu beſuchen. Deshalb machte er zu Hauſe förmlich Anzeige, daß Pierre und Jean Urlaub wyünſchten, und unterſtützte ihr Geſuch durch ſein Aner⸗ bieten, ſie pflichtgetreu zu vertreten. Madame Simo⸗ nelli fand Nichts einzuwenden. Laura verrieth Unruhe und gab ein mißfälliges Erſtaunen kund, welches der Bittſteller ſcheinbar nicht zu bemerken den Muth beſaß. So nimm denn Spieß und Horn, frühergrauter — Schultze.— Ich muß eingeſtehen, daß ich des Nacht⸗ wächters Namen nicht kenne. Um einigermaßen ſicher zu gehen, ergreife ich in der Noth einen von jenen Haupt⸗ namen, auf die mehr oder weniger alle Deutſche hören! — Geh' Deines Weges, Schultze, nach dem abgelegenen Stadtoiertel, Stunden abzuſingen, welche Dir unendlich dünken. Deinen Töchtern, fürcht' ich, werden ſie zu raſch vorüberfliehen. „Der Klock“ hatte Zehn geſchlagen, und„Gott der Herr war gelobt!“ Pierre und Jean ſchlichen davon, die Thür' nur loſe anlegend; feſt überzeugt, daß kein Taſchendieb ſich einſchleichen werde, Wölfe und Hyänen heimlich davon zu tragen. Anton ging im Dunkel auf und ab. Er wollte ſich gar nicht zum Schlafen niederlegen. Müde war er wohl, doch nicht ſchläfrig. Wandelnd, ſinnend wachte er Mitternacht heran. 3 Die Augen der Thiere leuchteten wie glühende Koh⸗ len. Man vernahm kein Geräuſch in ihren Kaſten, ſo leiſe traten ſie auf. Wie es zwölf Uhr ſchlug,— der letzte Ton der großen Thurmglocke verhallte, eben wen⸗ dete ſich Anton auf ſeinem gleichförmigen Wege um,— da war es ihm, als ob am hinteren Ende der Bude die Vorhänge, welche leere Käfige, Kaſten und anderes unge⸗ brauchtes Geräth verhüllten, zu flattern begönnen und ſich öffneten, als ob ein Lichtſchimmer daraus hervor⸗ dränge. Sein erſter Gedanke galt einer Nachläſſigkeit der beurlaubten Knechte, einer vielleicht nicht ſorgfältig gelöſchten Lampe. Er ſchritt eilig vor,.. doch mitten im öden Raume blieb er unbeweglich ſtehen.... ſein Athem ſtockte... Eiſeskälte durchrieſelte ihn, er ſah die alte Frau Gokſch, ſeine ſelige Großmutter. Sie war gekleidet, wie bei Lebzeiten ſte gewöhnlich einhergegangen. Aber größer ſchien ſie ihm, hielt ſich mehr aufgerichtet. Sie ſah ihn bittend an. Was bedeutet mir das? ſtammelte er. 3 Die Erſcheinung hob ihre Rechte empor und deutete damit nach dem Ausgange hin. Kaum aber hatte ſie einige Sekunden lang angedauert, als ihre Umriſſe unſicher wurden, ſich nach und nach verwiſchten und bald in einen grauen Nebel aufzulöſen ſchienen, der ſich wie dünner Rauch verzog. Die Stelle ward wieder dunkel, wie ſie vorher geweſen. Anton unterſuchte die Vorhänge, ſchob ſie auseinander,... Alles leer und ſtill. Sogar die Hunde unter den Reiſe⸗Wagen ſchliefen ruhig, daß man das regelmäßige Schnarchen ihrer Kehlen vernahm. Anton's Haupt wurde wieder frei, der Andrang des Blutes zog ſich zurück. Da rieb er ſich die Augen und ſprach zu ſich ſelbſt: es war nicht außer mir! die Er⸗ ſcheinung kam aus meinem Innern. Deshalb hat ſie doch Etwas zu bedeuten, ich ſoll dieſen Ort meiden... Jetzt kann ich das nicht, ich darf es nicht. Ich glaube an Ahnungen, aber ich darf dennoch nicht davonlaufen. Es wäre elende Feigheit. Bleiben muß ich, geſcheh', was da wolle; ich hab's einmal übernommen. Raſcheren Schrittes ging er nun auf und nieder, machte ſich mit den Thieren zu ſchaffen, reichte ſeinem alten Feinde, dem Tiger, einige wohlangebrachte Peit⸗ ſchenhiebe, liebkoſete ſeinen alten Freund, den indiſchen, kindiſchen Bären, ſchüttelte dem großen Löwen die Mähne;— kurz, er vertrieb ſich die Zeit ſo anmuthig, als es in ſolchem Kreiſe gehen will. Jedesmal wenn er ſich der Aus⸗ und Eingangsthüre näherte, verſpürte er einen unbeſtimmten Antrieb, nach⸗ zuforſchen, ob ſie offen ſtehe. Es kam ihm vor, wie wenn ein nächtlicher Luftzug durch die Gardinen ein⸗ dringe, mit denen Kaſſe und Vorhalle drapirt waren. Jedesmal nahm er einen Anlauf dazu— und unterließ es wieder, ohne zu wiſſen, warum? Da fuhr ihm plötzlich durch den Sinn, daß er in P. belauſcht worden und doch eigentlich nie zur Gewißheit gelangt ſei, durch wen? daß er damals Laura bearg⸗ wöhnt und dieſe Vermuthung nachher halb und halb wieder aufgegeben habe, daß ſeitdem....„Und wie, wenn ſie— jetzt!?...“ Als wär' er unter wilden Geſchöpfen ſelbſt zum rei⸗ ßenden Thiere geworden, welches auf ſeinen Raub ſprin⸗ gen will, ſo ſtürzte er heftig hinaus und ergriff, ehe ſie noch zu entfliehen vermochte, eine warme Beute.„Wer iſt hier,“ ſchrie er mit erkünſteltem Erſtaunen, um dahin⸗ ter die Furcht zu verbergen, die mit der Kühnheit ſolches Angriffs im Widerſpruch ſtand;„wer dringt bei Nacht hier ein?“ 5. Gott, wie Sie mich erſchrecken! flüſterte Laura, wirk⸗ lich vor Schreck bebend. Aber ſie ſetzte nicht hinzu: Laſ⸗ ſen Sie mich los. „Sie ſind es, Madame? Ich bitte tauſendmal um Verzeihung.“ Wer denn ſollte es ſein, außer mir? Wer ſonſt hätte hier Etwas zu ſuchen? 1„Ja mein Gott, was denn Sie?“ Das wiſſen Sie nicht? Das ahneſt Du nicht, Menſch ohne Herz? Was ich hier zu ſuchen habe? Er weiß es nicht, ha, er weiß es nicht!!? Erforſchen wollt' ich, ob es Wahrheit iſt, daß Pierre und Jean Urlaub genommen? Daß Du an ihrer Statt hier bliebſt? Meberzeugen wollt ich mich, ob Du wirklich hier biſt? „Aber wo ſollt' ich denn ſein?“ Weiß ich's? Bei einer Geliebten! „Ich? Da müßt ich doch erſt eine haben; erſt eine haben wollen, Madame. Und überhaupt, Ihnen wäre ☛ das doch vollkommon gleichgültig. Warum fragen Sie danach?“ Weil. ich Dich liebe! Weil Du keine Andere lieben darfſt! Weil Du mein biſt! Mein! Und weil ich Dich dieſen Thieren vorwerfe, wenn Du dies Geſtändniß nicht erwiederſt! Jetzt war die Reihe zu zittern an ihm. Wie nach langem, ſchwülem Sommer, wo in trock⸗ ner Gluth Alles verſchmachten wollen, endlich ein gewal⸗ tiges Wetter losbricht und raſet, ſo machte ſich Laura's mühſam zurückgehaltene Leidenſchaft in dieſen wilden Worten Luft, die den, welchem ſie galten, im erſten Augenblicke mehr entſetzten, als beglückten. Die Thiere, wie wenn ſie verſtanden hätten, daß davon die Rede war, ihnen einen blühenden Jüngling zum Zerreißen Preis zu geben, fingen an mächtig zu brüllen. Der Löwe namentlich, der große Verehrung für Madame Amelot und deren Schönheit zur Schau trug, ſich auch gar zu gern von ihr liebkoſen ließ, wurde höchſt aufgeregt, wobei er förmliche Donnertöne ausſtieß. Laura zerrte den noch ganz verſtörten Anton vor des Brüllenden Käfig, und indem ſie den Geliebten umarmte und feurig küßte, rief ſie durch die eiſernen Stangen hin⸗ ein: Du biſt Zeuge, König der Thiere, daß ich mich ihm gebe! Du magſt mich rächen, wenn er undankbar iſt! Der Löwe begriff den Sinn dieſer Herausforderung nicht. Sein bei Nacht ſehendes Auge erblickte nur die Umarmung, die ihn noch zorniger machte. Er fing zu raſen an, daß er das Gitter beinahe ſprengte. Bald — 241— ſtimmten ſämmtliche Thiere ein; auch die ſonſt fried⸗ lichen, jetzt aus ihrer Ruhe aufgeſchrieen. Es war ein Höllenlärm! Und dieſer ſchauerliche Chor bildete den Weihgeſang beglückter Liebe. Denn wie nur Anton erſt zur Beſinnung gelangte, wie er nur erſt zu faſſen ver⸗ mochte, daß er ſo heiß geliebt ſei, da ſchwanden Rück⸗ ſichten, Unterwürfigkeit, Zweifel und Zagen. Da fand auch er die rechten Worte, ihr kund zu geben, was er ſo lange verſchwiegen. Der helle Tag erſt verſcheuchte das zärtliche Paar. Laura ſtahl ſich nach ihrer Wohnung, und Anton folgte, nachdem er durch Pierre und Jean abgelöſet worden. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Aus Anton's Tagebuch: K., vom 24. September. Am vierundzwanzigſten December wäre ich geboren? Nicht doch, das war ein Irrthum. Mein Geburtstag iſt der vierundzwanzigſte September. — Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Es war ſchon häufig die Rede davon geweſen, ſich mit der Menagerie nach Rußland zu wagen, und wenn dieſer Plan ausgeführt werden, wenn vor Eintritt ſtreng⸗ ſter Kälte das Hauptziel ſolcher kühnen Fahrt, die Kai⸗ Holtei, Vagabunden I. 16 — 242— ſerſtadt, noch erreicht werden ſollte, ſo durfte man ſich keine Stunde mehr beſinnen. Zum Unglück für unſere Liebenden traf des„Permiſſionair's“ Bericht, daß für Curland und Liefland der Eingang bereits geſtattet und für St. Petersburg die Conceſſion ſo gut wie ſicher ſei, gerade am Morgen nach der verhängnißvollen Nacht beim fliegenden Hauptquartier des afrikaniſch⸗aſiatiſch⸗ ſüdamerikaniſchen Streif⸗ und geſtreiften(unfreien) Frei⸗ corps ein. Er hinderte durch beſchleunigten Marſch⸗ befehl nicht nur die zarten Myrthenreiſer, die Pierre und Jean in den Boden des nachtwächterlichen Gartens ge⸗ pflanzt, Wurzeln zu treiben und Blüthen anzuſetzen für Brautkränze;— er ſtörte auch Anton's Verkehr und Umgang mit Laura. Ueberall gab es zu thun, zu ordnen, zu bereiten, überall mußten Alle Hand anlegen; überall war Ma⸗ dame Simonelli; über Allen und auf Alles hatte ſie die— Augen der Gebieterin. Es wurde den Liebenden faſt unmöglich, eine ungeſtörte Minute zu finden, ein ver⸗ trautes Wort zu wechſeln. Vor wenigen Tagen noch hätte Anton ſich dieſer Nothwendigkeit wie jeder anderen entſagend gefügt. Das war jetzt nicht mehr ſo. Der Wanderer, der halb verdurſtend in Staub und Hitze ein⸗ herzieht, mag wohl nach Labung ſeufzen; dennoch wan⸗ dert er, auch ohne ſie. Reicht ihm aber einen Krug fri⸗ ſchen Waſſers hin, mit dem Vorbehalt, daß er nur nip⸗ pen dürfe, laßt ihn einen Zug thun,— und dann ſeht zu, ob ihr ihm den Krug ſo leicht entwinden werdet! Anton, in ſeinem ſtrengen Rechtlichkeitsſinne, unter — 243— ländlich⸗kleinen Erfahrungen und Wahrnehmungen auf⸗ gewachſen, noch unbekannt mit Vielem, was in min⸗ der beſchränkten Verhältniſſen kleine Kinder durchſchauen würden; vorzüglich aber, muß ich hinzufügen, in ſeiner unſchuldvollen Verehrung für alle ſchönen Frauen, in ſeinem Köhlerglauben an ſie und ihren reinſten Werth, konnte wohl nicht anders, als ſich den kürzlich geſchilder⸗ ten Vorgängen zufolge für Laura's Bräutigam halten! Für einen verlobten Bräutigam, welchem lediglich der Segen der Kirche noch mangelt, um ein Ehegatte zu ſein. Sie hatte ihm geſagt: Ich liebe Dich, Du mußt mein werden! Was konnte das ſonſt bedeuten, außer: wir wollen uns heirathen? Ihr ferneres Benehmen hatte dieſem Entſchluſſe mehr als zu deutlich entſprochen. Wittwe war ſie auch— oder doch von ihrem erſten Gat⸗ ten getrennt, was ebenſo viel heißt. Die bisweilen in ihm aufſteigende Bedenklichkeit, daß ſie ſammt all ihren Reizen, doch vielleicht vier bis fünf Jahre länger auf die⸗ ſer Erde umherwandle, als er, wies er, von ihrer Schön⸗ heit entzündet, entſchieden zurück. Aber die Mama? Madame Simonelli? In wie weit war ſie unterrichtet von den Gefühlen ihrer Tochter? Aus welchem Geſichtspunkte ſah ſie das Verhältniß mit einem ihrer Diener? Darüber täuſchte er ſich nicht: ſie war nicht mehr ſo freundlich, nicht mehr ſo mütterlich⸗ derb gegen ihn; ihre Artigkeit beſchränkte ſich auf kalte Hinweiſungen für's Geſchäft, ohne eine Sylbe zutrau⸗ lichen Geſchwätzes. Keine Frage, ſie mißbilligte das Verhältniß. 16* — 244— Aus dieſen Bedenklichkeiten entſtand eine für beide Theile bezeichnende Unterhaltung zwiſchen ihm und Laura, auf der Reiſe von K. nach Kurland. Man mußte dazumal noch den langen, beſchwerlichen und oft gefähr⸗ lichen Weg am Strande machen. Die plumpen Fracht⸗ wagen verſanken ſchier im Flugſande; die Vorſpann⸗ pferde arbeiteten fürchterlich. Anton war längſt zu Fuße gegangen, dem Schneckenzuge leicht einen Vorſprung abgewinnend. Eh' er ſich's verſah, hatte Laura ihn ein⸗ geholt. Die erſten Worte galten der Gegenwart, viel⸗ mehr der allernächſten Zukunft. Ein Zuſammentreffen im Nachtquartier wurde begehrt und gewährt. Dann wendete Anton ſich ſeinen Beſorgniſſen zu und theilte ihr mit, was er im Angeſicht der Mutter zu leſen glaube. Sie ſagte: „Es iſt ihr unlieb, daß ich Dich liebe. Ich habe noch nicht mit ihr darüber geſprochen, aber ſie verbirgt! ihren Unwillen nicht. Gleichviel! Ich kann nicht anders. Seit ich von Amelot getrennt bin, hab' ich bei ihr gelebt, gleich einem vierzehnjährigen Mädchen, das aus der Penſton tritt. Das Herz hat auch ſeine Rechte. Ich habe lange genug dawider geſtritten. Nun will ich leben!“ Laura, erwiederte Anton ſehr ernſt und feierlich, in⸗ dem er ſich Mühe gab, den Amtston des guten Karich nachzuahmen, wie er denſelben ſo oft von der Liebenauer Kanzel vernommen, das iſt jetzt meine Sache. Wenn der Mann zu einem Weibe ſteht, wie ich zu Dir, dann gebietet ihm ſeine Pflicht zu handeln! Ich werde morgen — 245— mit Deiner Mutter ſprechen und in aller Form um Deine Hand bitten. Die eigentliche Bedeutung dieſer Anrede war Laura'n entgangen. Sie hörte nur heraus, daß Anton ſich der Mutter entdecken wolle. „Biſt Du von Sinnen?“ rief ſie aus, wobei ſie ihre kleinen Füße, im Sande watend, kaum vom Flecke brachte;„biſt Du völlig wahnſinnig? Du wirſt doch nicht ſo unverſchämt ſein, der Mutter zu erzählen, daß die Tochter Dich erhört hat?“ Aber, theuerſte Freundin, entgegnete unerſchütterlich der jugendliche, unter die Vagabunden gerathene Dorf⸗ Philiſter, muß ſie es denn nicht erfahren, wenn wir vor dem Altare ſtehen? 4 „Gott der Götter? est-il bête ce garçon-la! An⸗ toine, ich glaube, Dein Protegé, das rieſenhafte Faul⸗ thier, führt mehr Esprik in ſeinem keelt den dicken Hirnſchädel, als Du, Schönſter der Schönen! Was predigeſt Du mir da von einem Altare? Du glaubſt, Madame Laura Amelot, Tochter der reichen Simonelli, wolle Madame Antoine werden? Madame Gamin de Liebenau? Süßer Junge, in welchem Mähr⸗ chenlande, aus welchem fabelhaften Gewäſſer haſt Du ſolche Träume herausgefiſcht? Das kann niemals geſchehen. Das iſt ebenſo unmöglich, wie es mir unmög⸗ lich, noch länger in dieſem Sande zu ſchwimmen: meine Schuhe ſind voll davon, zum Ertrinken. Wir wollen die Wagen erwarten; bleib' ſtehen! Und vernimm in aller Eile noch Dies: wäreſt Du, wie Du zur Stunde — 246— unſer Diener biſt, der reichſte Prinz aus Moskau, ich könnte nie und nimmermehr Deine Gemahlin ſein, denn ich bin verheirathet. Zwar leb' ich getrennt von mei⸗ nem Gatten, der ein perfides Ungeheuer iſt, mit all' ſei⸗ nem Talent; haſſe ihn, bei all' ſeiner Liebenswürdigkeit, wie ich Dich liebe in all' Deiner Dummheit. Aber ich bin katholiſch,— und eine katholiſche Ehe kann nicht gelöſet werden. Merke Dir das, Teufelsbraten von einem Ketzer! Mich verbrennen zu laſſen, weil ich einen zweiten Mann nahm, während der erſte noch am Leben iſt, trag' ich kein Verlangen. Brennt mich doch ſchon heftig genug das Feuer für Dich, das in mir wüthet.— Die Wagen ſind da. Heute zu Nacht, mag es nun gehen, wie es und wo es wolle, müſſen wir uns finden. Sei wach, aufmerkſam, und wenn es Dir möglich iſt: ſei nicht dumm. Ich will Dich belohnen⸗ Adien!“ Ankon half ihr in die Kutſche. Beleidigtes Ehr⸗ gefühl, gewiſſenhafte Sittſamkeit, Bewußtſein niedriger⸗ unwürdiger Stellung, Groll gegen ſie und ſich ſchwell⸗ ten ihm den Buſen. Doch wie ſie bei'm Einſteigen in den Wagen Gelegenheit ſuchte und fand, ſeine Hand zu ergreifen, ſie zu drücken, an ihr Herz zu preſſen,... da verſanken jene grollenden Gewalten in die Tiefen der See, welche am Pfade wogte, und er vernahm nur noch: „Heute Nacht!— Wir müſſen uns finden!— Ich will Dich belohnen!“ — 247— Achtundzwanzigſtes Kapitel. „Madame, weiter geht es nicht mit dieſen Pferden; friſche ſind hier nicht aufzutreiben; dort iſt eine Schenke, — und ich dächte, wir machten Halt!“ Mit dieſen Worten ſchnitt Pierre gegen Abend den Faden der noch weiter projectirten Tagereiſe mitten durch. Sämmtliche Fourgon's wurden, dicht gedrängt, in den engen Hof⸗ raum gezogen, der ſich aus Stallungen und hölzernen Räumen voll Stroh und Heu um das Wohnhaus bil⸗ dete, außerdem noch durch große Haufen von Reiſig und gedörrtem Seegras verengt wurde. Die Vorſpann⸗ bauern mit ihren faulen Pferden ritten augenblicklich heim, den Reiſenden die Sorge überlaſſend, wie ſie aus der Nachbarſchaft morgen andere Pferde⸗ auftreiben würden. Im Gaſthauſe ſah es nicht beſonders aus: nur ein erträgliches Wohnzimmer für Fremde, worin zwei Betten ſtanden. Dieſes nahm Madame Simonelli für ſich und ihre Tochter in Beſchlag, hieß ihre Leute nach den Thieren ſeh'n, ſchickte auch Anton fort, mit dem Be⸗ deuten, ſie und Laura bedürften der Ruhe und brauchten Nichts mehr. Als die Mutter hinter ihm die Stuben⸗ thür in's Schloß warf, durch welche er ſich nun von der Tochter getrennt wußte, überkam ihn eine Art von Ra⸗ ſerei. Wüthend rannte er hinab, ſuchte ſich einen abge⸗ legenen Winkel in irgend einem Heuſchuppen und warf ſich, vor Begier und Aerger heulend, hin, ohne weiter nach den Thieren zu fragen. Pierre und Jean vermiß⸗ ten ihn wohl, beruhigten ſich jedoch mit dem Gedanken, — 248— er ſei bei den Damen, und da Beide ſchon längſt zu wiſ⸗ ſen wähnten, wie ſie mit„ihm und ihr“ daran waren, ja ihn beinahe ſchon als ihren Herrn betrachteten, ſo fragten ſie weiter nicht und machten ihre Arbeit ohne ihn. Der Heuſchuppen, in welchem Anton ſich ſelbſt— Madame Simonelli— dieſe Nacht— die ganze Welt! verwünſchte, wurde durch eine Bretterwand von einem ähnlichen Behältniß getrennt, in welchem Stroh aufge⸗ ſpeichert lag, zur Streu für die Gaſtſtälle. Die Bretter⸗ wand erhob ſich nur einige Ellen über gewöhnliche Mannshöhe; der obere Raum war offen. Anton lag mit dem Rücken gegen dieſe Wand und ſtarrte hinauf in die dunkle Leere. Durch das ſchadhafte, mit hölzernen Schindeln und Schilf gedeckte Dach blitzte hin und wie⸗ der ein Stern. Im Hofe wurd' es nach und nach ruhig. Die Hunde hörten auf, zu bellen. Die wilden Thiere, nach ſo ſpäter Abendmahlzeit, ließen auch Nichts von ſich hören; Affen, Papageien, alles kleine Vieh, dankten ihrem Gott, daß ſie nicht mebr gerüttelt und geſchüttelt wurden. Pierre und Jean hatten im bequemen Reiſe⸗ wagen ihrer Herrin den Bivouac aufgeſchlagen. Alles ſchien zu ſchlafen,.... nur Anton ſchlief nicht. Er wußte, ach nur allzuſicher, daß jede Möglichkeit eines Zuſammentreffens zerſtört war; er begriff ohne Schwierigkeit, daß Madame Simonelli ihre Tochter ver⸗ hindern wollte, ſich ferner zu compromittiren, er ſah deut⸗ lich ein, daß dieſe nicht ommen konnte,— und den⸗ noch erwartete er ſie von einem Pulsſchlage zum andern! — 249— Das klingt wie Unſinn und iſt dennoch wahr; iſt nicht nur wahr in dieſem vereinzelten Falle; es iſt auch wahr im Allgemeinen. Gar mancher meiner Leſer, will er aufrichtig ſein, wird dieſe Wahrheit aus eigener Erfah⸗ rung beſtätigen können. Haben wir denn Mondſchein? brummte der Gemar⸗ terte, nach Verlauf einiger Stunden, in das Heu hinein, worin er vergraben lag. Iſt's mir doch, als würd' es oben unter dem Dache hell. Von den kleinen Sternen kann das nicht kommen.— „Antoine!“ hört er, wie über ſich, flüſtern. Er erhob ſich. Das Licht drang aus dem anſtoßenden Gebäude herüber. Augenblicklich ſchwang er ſich an einem Quer⸗ balken hinauf, und ſchon auf halbem Wege wurde er von Laura's Armen umſchlungen. Sie blieb im Klettern hinter ihm nicht zurück. „Wofür wär' ich denn die Frau des fameuſeſten Tremplin⸗Springers geweſen, wenn ich von ihm nicht gelernt haben ſollte? Meine Frau Mutter hat die Thür geſchloſſen,— ich hätte ſie für ſo boshaft nicht gehalten— aber zum Glück giebt es noch Kammern, und giebt Fen⸗ ſter, die aus dieſen Kammern in Höfe führen. Komm' herab, mein Engel, fort von dieſem häßlichen harten Stroh; es riecht übel. Von hier duftet mir Heu ent⸗ gegen. Ich liebe den Geruch des Heu's. Man denkt an blühende Wieſen, an idylliſſcce Hirten, an Frühling und zärtliche Vögel, die in den Zweigen niſten.“ Ich wußte ja, daß Du kommen müßteſt, ſprach Anton, ob es gleich unmöglich war. — 250— „Nichts iſt unmöglich für die Liebe,“ ſagte Laura. Weiter ſprachen und ſagten ſie Nichts zmehr. „O der häßliche Tag! Sieh' nur, Antoine, da kehrt er ſchon wieder, unſer Glück zu ſtören.“ Unmöglich, meine Theure; Du biſt kaum ſeit einer Stunde bei mir. „Sehr galant. Du fängſt an, Dich auszubilden. Aber es kann doch Nichts helfen: ich muß fort, ſonſt überraſchen ſie uns. Es iſt ja ganz hell.“ Das iſt nicht die Helle des Morgens! Um Gottes⸗ willen, Laura, was haſt Du mit der Kerze gemacht, die Dir hierher leuchtete? „Das kleine Endchen Wachslicht, das ich mit mir nahm? Ich hab' es ausgeblaſen—“ Und drüben in's Stroh geworfen?— „Weiß ich's? Ich hielt es noch, ſo lang' ich Dich ſuchte. Nachdem ich Dich gefunden——“ „Feuer! Feuer!“ erſcholl wildes Angſtgeſchrei vom Hofe herein!——— Wie raſch es um ſich griff! Wie die Flammen, als wären ſie die Zungen hölliſcher Mächte, mit heißhunge⸗ riger Wuth an Allem leckten, was ſie erreichen konnten, und wie ſie Alles im ganzen Gehöfte bald erreicht hatten! Wie Gebäude, Dächer, Schuppen, Holzſtöße, Reiſe⸗ wagen, ja ſelbſt die halb ſchon herbſtlich entblätterten Bäume ſich in ein Feuermeer vereiniget, bevor Anton für Laura und ſich durch die Hinterwand des leicht gefügten Bretterbaues einen Rettungsweg erzwungen;— das — 251— wird nur Der glauben und möglich finden, der ähnliche Wirkungen der Feuergewalt mit erlebte und ſah. Es iſt wirklich, als ob das Feuer einen Geiſt der Ver⸗ nichtung, einen Willen, als ob es zu Zeiten ſelbſtſtändige Abſichten beſäße! Bemüht man ſich nicht oft, im eigenen Ofen, mit trockenſtem Holze, bei beſtem Luftzuge ein tröſtliches Feuerchen aufzubringen, und es will nicht gerathen, trotz jeder Förderung? Und dann wieder, wenn das Element bei Laune ſcheint, und wo man es eben am wenigſten wünſchte, brennt ein dicker Balken wie zu ſeinem eigenen Vergnügen hell empor, etwa nur durch Berührung eines glimmenden Fünkchens; ſo daß es förmlich räthſelhaft bleibt? Hier, freilich, wurde des Räthſels Löſung nicht ſchwer. Eine halbe Wachskerze, kaum ausgeblaſen und mit un⸗ geduldiger Haſt in ein Strohmagazin geſchleudert, kann ſehr leicht auf dem Wege durch die Luft noch einmal Flammen faſſen, und fällt ſie dann ſo unglücklich, daß ſie vom Stroh nicht erſtickt wird, giebt ſich das Uebrige von ſelbſt. Anton's Zuſtand war fürchterlich. Er hörte das Jammergebrüll der eingekerkerten Thiere, ohne ſich ihnen hilfreich nähern zu können. Nur der Gedanke daran wäre Wahnſinn geweſen. Ueber den dicht im Hofraum zuſammengedrängten Laſtwagen ſchlug die funkenſprü⸗ hende Lohe von drei Seiten empor, daß ſie ein glühendes Dach darüber bildete. Wahrſcheinlich hatte, während Wirthsleute und Reiſende ſchliefen, während Anton mit⸗ — 252—. Laura von Frühling und grünen Wieſen träumte, der Brand ſich durch die Wagenburg ſelbſt nach der anderen Seite des Hofes gewunden; und das war ihm leicht geworden, weil nicht nur alle Käſige dicht voll Stroh geſtopft, ſondern auch mit dieſem überall umhergeworſen, ſo daß der ganze Erdboden davon bedeckt war. Mitten in das Grauſen, welches Anton erfüllte, bei den Martern ſo ſchöner Thiere, bei dem Unglück ihres Verluſtes, trat ihm gleich einer Rache⸗Göttin das Bild der Frau vor die Seele, die durch ſeine Schuld ihr Eigenthum, ihr Vermögen einbüßen und vielleicht— während er und die Tochter das Leben gerettet— ver⸗ brennen mußte!? Dieſe gräßliche Befürchtung ſchreckte ihn auf aus dem ſtarren Stumpfſinn, womit er anfäng⸗ lich dem Brande zugeſehen. Er wendete ſich nach Laura um, dieſer zu ſagen, daß er die Mutter aufſuchen wolle .... Laura war verſchwunden. Wie bei energiſchen weiblichen Naturen häufig geſchieht, hatte ſie in drin⸗ gendſter Gefahr ihre beſonnene Faſſung nicht verloren. Anton umkreiſete den Schauplatz der Verwirrung, ſo ſchnell die bleiſchweren Füße ihn tragen mochten. Er kam vor jener Seite des Wirthshauſes, wo der Eingang zu demſelben nach dem Strande hinlag, mit Freuden an, weil er ſah, daß des armſeligen Gebäudes Vordertheil noch verſchont blieb. Pierre und Jean hatten die Reiſekutſche ſammt dem darauf befindlichen Gepäck der Damen noch glücklich zu rechter Zeit aus dem Hofraum geriſſen. Auch die Kaſſe war gerettet. Madame Simonelli ſaß auf ihr, den * Seidenaffen im Schooß. Laura trug eine Chatouille unterm Arm, auf der Achſel ſaß ihr Koko, der wildes Hohngelächter ausſtieß. Beide Frauenzimmer hatten ſich dem Strande genähert, doch hielten ſie ſich fern von einander. Die Mutter ſchaute ſtumm und ernſt hinüber, wo bereits einzelne Gluthſtröme aus dem Dache des nun auch ergriffenen Wohnhauſes brachen. Die Tochter ging wie mit einem Entſchluſſe kämpfend auf und ab. Pierre und Jean erklärten Anton, daß Nichts mehr zu retten ſei. Wer ſich in den Brand werfen wolle, müſſe mit verbrennen und vorher von den halbgebratenen Beſtien zerriſſen werden. Die Klagetöne der letzteren waren aber ſchon verſtummt. Einige Male nur ſah man, wie im Wirbel der Flamme emporgetrieben, einen bunten Ara oder anderen Vogel hoch oben erſcheinen, um auf der Spitze einer Feuerſäule durch die Gluth verzehrt zu werden. Die herrlichen Geſchöpfe! Sie erinnerten an die Mythe vom Phönix,— nur daß ſie leider nicht, wie dieſer, aus der Aſche neu aufleben durften! 5 Wirthsleute, mit Knecht und Magd, hatten ihr bewegliches Eigenthum in's Freie gerettet. Kühe und Schafe waren natürlich verbrannt; von Menſchen Keiner. Sie beſprachen ſich, ſeitab von der auf ihrer Kaſſe thro⸗ nenden Thierführerin, in eine drohende Gruppe vereini⸗ get, berathend, was ſie zur Entſchädigung fordern,— oder was ſie mit Gewalt nehmen würden. Anton wagte nicht, weder an jene Leute, noch an ſeine Damen das Wort zu richten. Einem überwieſenen Verbrecher ähnlich ſtand er. da. Er hielt ſich ſelbſt für — 254— den ſtrafbarſten Mordbrenner, der jemals geſtäupt und gebrandmarkt worden ſei. Er ſtaunte nur, daß man ſich ſeiner nicht bemächtige, um ihn dem Feuertode, den er zwiefach verdient, zu überantworten. Der Tag begann. Das Feuer ging zu Ende: es fand keine Nahrung mehr für ſeine Wuth. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Zwiſchen den Beſitzern der Brandſtätte und Madame Simonelli waren die Streitfragen über Entſchädigung ſehr bald ausgeglichen. Madame zeigte ſich als erfah⸗ rene Weltfrau, die des Schickſals Fügungen mit Gleich⸗ muth hinnimmt. Sie hatte als Tochter, Gattin, Mut⸗ ter, ſelbſtſtändige Wittwe, immer auf Reiſen, immer in Wirkſamkeit, ſo viel und ſo vielerlei erlebt, daß Nichts mehr vermochte, ſie aus ihrem Geleiſe zu bringen. Viel⸗ leicht auch trug zu ihrer Seelenruhe der Umſtand nicht wenig bei, daß ſie ſich eine reiche Frau wußte, die bedeutendes Vermögen in auswärtigen Banken angelegt. Siee hatte, wie man ſich auszudrücken beliebt, Etwas vor ſich gebracht. 4 Der Hauswirth wurde nach M. beſchieden, um dort vor Gericht ſeine Anſprüche geltend zu machen und deren Befriedigung zu gewärtigen, zu welcher Madame Simonelli ſich verſtand, weil ſte jeder Unterſuchung über die Entſtehung des Brandes auszuweichen wünſchte. Indem ſie ohne Weigerung für eine„vielleicht ſtattge⸗ habte“ Unvorſichtigkeit ihrer Leute einzuſtehen ſich bereit⸗ willig erklärte, vermied ſie Forſchungen, deren Reſultat ihrem Ehrgefühl unerträglich ſchien. Pierre begab ſich zu Fuße nach der nächſten Ortſchaft, Pferde herbeizuſchaffen und noch eine Kutſche. Nicht ſo leicht ſchien jener Zwieſpalt auszugleichen, der im Innern der Familie nachglimmte. Mutter und Tochter ſtanden im Begriff, eine große Scene aufzufüh⸗ ren. Anton ahnete wohl, daß ſeine Rolle dabei keine glorreiche werden dürfte. Ein wunderbarer Schauplatz für dieſe Scenen! Dort die See, über welche ein klarer Herbſttag mild herauf⸗ zieht. Hier eine dampfende Brandſtatt, aus der noch immer Flammen zucken, die Suchenden zurückſchreckend, welche aus glühendem Schutt, mit Gefahr ihrer Glied⸗ maßen Dies oder Jenes noch hervorzuholen ſich bemühen. Und am Strande, wie eine vertriebene Herrſcherin, Madame Simonelli, Gericht zu halten über eine ſchul⸗ dige Tochter,— über einen unſchuldig⸗ſchuldigen Ver⸗ räther!— Laura war doch die Erſte, die redete.* Das muß ein Ende nehmen, ſagte ſie; wir müſſen klar ſehen, Mutker. „Wos das betrifft, meine Liebe, hab' ich ſchon ſo klar geſehen, daß ich beinahe wünſchen könnte, ich wäre blind. Schämſt Du Dich nicht vor unſern Leuten?“ Und warum ſollte ich, um Anderer Willen verleug⸗ nen, was ich mir ſelbſt eingeſtehen darf? Iſt mein eige⸗ — 256— nes Urtheil über mich, meine eigene Meinung von mir, nicht wichtiger für mich, als Meinungen und Urtheile Fremder? Ich bin frei, unabhängig, hab' keine Pflichten, außer gegen Sie, meine Mutter, und gegen mich ſelbſt. Die Pflicht gegen Sie hab' ich erfüllt: ich habe, Ihrem Wunſche gemäß, wie ein Aushängeſchild an Ihrer Kaſſe geſtanden, ſeitdem ich von Herrn Amelot getrennt lebe. Sie wiſſen um beſten, welche Abgeſchmacktheiten, welche fade Redensarten ich hinnehmen mußte, von albernen Stutzern, die frei umherlaufen durften, während unſere armen Affen eingeſperrt waren. Ihnen, meine theure Mutter, mißfiel das nicht, wenn der Schwarm der An⸗ beter mich umlagerte, weil es Ihre Kaſſe ſchwerer machen half. Mir blieben ſie alle gleichgültig, ich langweilte mich zum Sterben,— aus kindlichem Gehorſam. Da ſchickt mir der Himmel, oder ich weiß nicht wer ſonſte Dieſenl! und ich liebe ihn. Kann ich dafür! C'est plus fort que moi! Was Sie dagegen einzuwenden wiſſen, hab' ich mir ein Jahr lang ſelbſt geſagt. Am Ende half Nichts mehr. Ich wurde mit mir einig— und mit ihm! Was küm⸗ mern mich die Andern? Und daß in vergangener Nacht ſolches Unheil über uns kam, iſt nicht meine, iſt noch weniger ſeine, iſt nicht die Schuld unſerer Liebe; nein, es iſt die Schuld Derjenigen, die mich verhindern wollte, glücklich zu ſein. Mich, die ich ſo wenig Glück erlebte, ſeit⸗ dem ich athme; mich, der man wohl ein Bißchen Glück gönnen dürfte! Hätten Sie mich nicht gezwungen, ihn zu meiden, ſo wär' ich nicht entwichen, ihn zu ſuchen. Doch das verſteht ſich: der Schade, den ich verurſacht, trifft mich allein. In Ihren Händen iſt mein väterliches Ver⸗ mögen. Was Herr Simonelli mir hinterließ, verwal⸗ ten Sie. Seitdem ich volljährig bin,— ja mein kleiner Antoine, Deine Geliebte iſt um ſo viel älter als Du, armes Kind; deſto ſchlimmer für uns Beide!— ſeitdem ich volljährig bin, beſitz' ich darüber die ſchriftlichen Ausweiſe. Dieſe ſind von jetzt an ungültig; ich werde ſie vernichten, auf mein Ehrenwort! und habe dann Nichts mehr an Sie zu fordern. Hunderttauſend Francs werden hinreichen, meine Mutter, damit Sie nach London geh'n und neue Thiere acquiriren,— wenn Sie denn doch einmal nicht aufhören wollen oder können, in der Welt herumzurei⸗ ſen. Für Hunderttauſend Francs kaufen Sie den halben Tower aus. So wäre denn die Sache in Ordnung. „Das nennt ſie„in Ordnung!“ Unglückliches Weib, wovon wirſt Du leben?“ 3 Ich habe meine kleine Privatkaſſe; Sie wiſſen ja. Und meinen Schmuck. Es iſt genug für mich und ihn, um in die Weltzu laufen. Das Weitere ſindet ſich. Fürchte Nichts, Antoine, nimm meine Chatouille, halte ſie, ſie iſt Dein. Wir haben genug— „Auf wie lange? Närrin, ohne Verſtand, ohne Er⸗ fahrung! Leichtſinniges, gutherziges Kind! Deine paar Francs willſt Du hinopfern und kannſt wähnen, die Mutter werde das annehmen? Ich ſollte Dich ſchlagen für ſolche Zumuthung. So weit iſt es, Gott ſei Lob, noch nicht mit Madame Simonelli gekommen, daß ſie Holtei, Vagabunden. I. 17 „ — 258— nöthig hätte, ihrer ſchönen Tochter Eigenthum zu ſteh⸗ len, wenn ſie eine neue glänzende Menagerie etabliren will. Was Dein iſt, bleibt Dir! Und was mein iſt, kommt dazu, nach meinem Tode. Und Madame Amelot muß eine reiche Frau ſein, aller Welt und allem Feuer zum Trotze! Komm' in meine Arme, Laura. Ich war auch jung; ich beſinne mich auf ähnliche Thorheiten aus meinem Leben. Ich kann meiner einzigen Tochter nicht zuürnen! Ich verzeihe Dir.“ Und ſie umarmten ſich im Angeſicht der See,— der Sonne,— Anton's, welcher letztere den ſchlimmſten Stand hatte, in den ein junger, braver, thatkräftiger Burſch verſetzt werden kann: Weiber über ſich und ſein Geſchick verhandeln zu hören, ohne Berechtigung, den Ausſchlag zu geben. Durch die Verſöhnung mit ihrer Mutter errang Laura die Erlaubniß, mit dem Manne, der niemals ihr Gatte werden durfte,— es ſei denn, Herr Amelot wolle vorher aus beſonderer Gefälligkeit ſich das Genick abſtür⸗ zen,— in die Welt zu ziehen, während Mama nach London ging, Thiere anzukaufen. Pierre und Jean mußten als Vertraute und geübte Männer vom Fach gleichfalls dahin. Die große Waſſerreiſe von M. aus nach London zu wagen, ſchien es ſchon zu ſpät im Jahre. Madame Simonelli zog vor, den Weg durch Deutſch⸗ land und Frankreich bis nach Calais zu nehmen. Sie behielt ihre wohl eingerichtete Reiſekutſche, als Geſell⸗ ſchaft den kleinen Seidenaffen, nächſt Koko das einzige unverbrannte von ſo vielen Thieren. Pierre begleitete 4 — 259— ſte. Jean erhielt Geld und die Weiſung, ſich auf eigene Hand nach London zu begeben. Der Abſchied war herzlich genug, aber kurz, reſolut, wie er es immer bei Perſonen iſt, die ſeit ihrer Geburt an Trennung, Entfernung und Wiederſehn gewöhnt ſind. Anton, theils aus aufrichtiger Anhänglichkeit für ſeine Wohlthäterin, denn das war ihm die Simonelli wirklich geweſen, theils aus Verlegenheit, ſeiner peinlichen Stellung wohl bewußt, verſuchte dem Lebewohl einige ſchwiegerſöhnliche Färbung zu geben, wurde jedoch mit dieſem Verſuche völlig in die Flucht geſchlagen. Junger Mann, redete die rüſtige Frau ihn an, bevor ſie in den Wagen ſtieg, wir ſcheiden freundlich, doch nicht als Freunde. Ich kann Denjenigen nicht für einen Freund meines Hauſes anſehen, der ſich zwiſchen mich und meine Tochter ſtellte. Als Laura wider meinen Wunſch Madame Amelot wurde, ſagt' ich ihr voraus, was geſchehen iſt. Diesmal will ich nicht prophezeien; das Verdienſt, die Wahrheit vorher zu künden, wäre zu gering. Uebrigens wünſch' ich Euch gute Reiſe und viel Vergnügen,— ſo lang es dauert! Der Poſtillon ſtieß in's Horn. Laura und Anton blieben ſich ſelbſt überlaſſen und ihrer Zärtlichkeit,— und das war vielleicht das Schlimmſte, was ihrer jungen Liebe, ſollte ſie ja zur alten reifen, widerfahren konnte. Von der Stunde an, wo jedes Hinderniß verſchwindet, welches Sehnſucht von Gewährung trennt, beginnt auch gewöhnlich die Sehn⸗ ſucht zu ſchwinden. 17*† ————— — 260— Bei Anton, dem überraſchten Neuling, ſchien die erſte Wirkung des ſicheren, ungeſtörten Beſitzes günſtig, ſie gab ihm die Haltung eines neuvermählten zufriedenen Gatten. Für Laura, wo der Reiz dieſer Täuſchung nicht vor⸗ waltete, wurde ſchon der Anfang ihres Honigmondes bedenklich. Der kleine Krieg gegen die Mutter hatte ſie ſo hübſch beſchäftiget; jetzt gab es keine Aufpaſſerin mehr, die jeden verbotenen Blick, jeden inbrünſtigen Seufzer überwachte. Dafür lauerte bereits der Ueberdruß und gähnte ſchon bisweilen hinter den Gardinen hervor. Sein Glück recht aus dem Vollen zu genießen, hatte unſer Paar ſich gleich in M. feſtgeſetzt. Violinenſpiel, Geſang, Guitarrengeklimper, Lectüre ſollten ſich anderen Blumen gleich durch die Roſen der Liebe ſchlingen. Wäre nur irgend eine Störung von außen eingedrun⸗ gen; hätte nur irgend ein verdrüßlicher Umſtand ſie gütigſt beunruhigen wollen?— Doch ſo gut ſollt' es ihnen nicht werden.— Vor lauter Seligkeit und Wonne geriethen ſie ſchier in Verzweiflung. Anton, zu wahr und ehrlich, um eine Zufriedenheit zu erheucheln, die ihm fehlte, und deren er ſeine ſchöne Hälfte ſchon früher verluſtig geſehen, öffnete nach einigem Kampfe ſein Herz: Was ſoll aus mir werden, begann er eines Morgens, was ſoll aus mir werden, Laura? Ich empfinde in mir eine Leere, welche ſogar durch Deine Gunſt und Deinen Beſitz nicht ausgefüllt ſcheint? Ein Ziel müſſen wir uns doch ſetzen, einen Zweck muß ich doch ſuchen, den ich — 261— erreichen will! Ich kann doch mein Leben nicht vergeuden, indem ich von Deinem Gelde zehre und— wenn ich auch nicht müßig gehe— doch Nichts fördere. Wie lange ſollen wir noch hier verweilen? Sage, Laura, meinſt Du nicht auch, daß ich ein Geſchäft unternehmen, daß ic Etwas beginnen dürfte? „Antoine, Du redeſt, als ob Du meiner ſchon ſatt wäreſt!“ Du weißt am beſten, wie wenig das möglich iſt. Doch leugne, wie Du willſt, auch Du ſpürſt das Bedürf⸗ niß, dieſen traurigen Ort zu verlaſſen. Auch Du ahneſt, daß ein fauler Tagedieb Dich bald beläſtigen könne. „Uebe Dich nur auf Deiner Geige!“ Thu'ich's nicht? Alle Mäuſe im ganzen Hotel können mir's bezeugen. Aber was hilft mir das? Ein großer Künſtler zu werden, dazu gehört mehr. „So mache wieder Körbe.“ Spotte nicht. Jene glücklichen Tage ſind vorüber, wo ich mir daran genügen ließ. Nein, Laura, ich hätte wohl eine Idee,... doch wirſt Du ſie verlachen. Sie iſt kühn;— vielleicht gar toll.— „Dann heraus damit! Je toller, deſto beſſer wird ſie mir zuſagen!“. Mein Violinſpiel iſt nicht bedeutend genug, und ich habe auch zu wenig Schule, zu wenig muſtkaliſche Kennt⸗ niſſe, um als Virtuoſe zu glänzen. Aber an Bravour fehlt es mir doch nicht, und manches Stückchen ſpiel' ich leidlich. Nun hab' ich mir ſo gedacht, es käme nur darauf an, was ich etwa vermag, in einer Art und Weiſe — 262— vorzuführen, die noch nicht da war. An einen Geiger, der neben den übrigen Muſtkanten ſteht, werden mit Recht große Anſprüche gemacht, und er muß viel leiſten, bis er ſeine Nachbarn überragt. Wenn aber Einer käme, der das Ding. 4„Willſt Du vielleicht Deine Variationen über nel cor più non mi sento vom Kirchthurm herab zum Beſten geben? Das hätte ſein Gutes, man würde die falſchen Griffe weniger heraushören.“ Vom Thurme nicht, wohl aber vom P ferde. „Vom Pferde? Warum nicht gar vom Eſel?“ Du meinſt, um in meiner Verwandtſchaft zu bleiben? Sei nicht boshaft und laſſ' mich ausreden. Als ich im Circus bei Guillaume war— „Ah, Madame Guillaume!“ Laſſ' mich ganz ausreden; unterbrich mich nicht. Und wenn ich fertig bin, iſt die Reihe an Dir. Als ich bei Guillaume war und ritt, verwunderten Er und ſeine Leute ſich über mein angeborenes Reitertalent. Ange⸗ boren mußt' es ſein, denn ich hatte vorher noch niemals ein Pferd beſtiegen,— wenn Du nicht den Ziegenbock ſo nennen willſt, den unſer Gemeindehirt in Liebenau zur — Ergötzlichkeit ſeiner Kinder hielt. Mir kam es vor, als ich im Sattel ſaß, wie wenn ich ſchon häufig davon ge⸗ träumt und mich im Traume geübt hätte, wie wenn dieſe Träume jetzt in Erfüllung gingen. Ich fühlte mich ein ganz anderer Menſch! Du unterſagteſt mir damals, Guillaume's wieder zu beſuchen,— und ich gehorchte. Dcas gil jetzt nichts mehr. Wie wir jetzt mit einander — 263— ſtehen, kann das kein Hinderniß meines Planes ſein, und Du wirſt nicht argwöhnen, daß ein armer Junge, dem Du Dein volles Vertrauen und mit dieſem Dich Selbſt geſchenkt haſt, Dich auch nur durch eine Solbe verrathen, Dich mit Undank belohnen könnte. Wie wenn wir nun Herrn Guillaume nachreiſeten? Wenn ich bei ihm lernte? An Muth, Gewandtheit, Kraft fürcht ich keinen Mangel, Ehe vier Wochen vergehen, ſteh' ich auf meinem Roſſe ſo ſicher, wie der kleing Kerl mit der Lyra dort oben auf dem blau⸗grünen Ofen ſteht. Ihre Sättel ſind ja breit aus⸗ gepolſtert und bequemer, als manches Kanapee hier im Gaſthauſe. Eine erträgliche Figur will ich ſchon machen, und daß ich nicht ſchlecht gekleidet ſei, iſt Laura's Sorge, die ihren kleinen Herrn Amelot ſo aufzuputzen verſtand, daß er einem Apollo glich, nicht wahr? Eh bien, ich bin ſchlank. Wenn ich nun mein Solo reitend ſpiele, nach⸗ dem ich es vorher mit Guillaume’s ſicherem Orcheſter tüchtig eingegeigt, ſo macht das Aufſehn. Guillaume engagirt mich. Auf dieſe Art erwerb' ich Etwas, bringe auch Etwas in unſere Ménage,(aus der Mandge) ge⸗ winne außerdem Zeit, übe fleißig, ſetze täglich drei Stun⸗ den daran, und ehe ein Jahr um iſt, jag, ich mit dem wilden Furioſo um die Wette,— oder ich habe den Hals gebrochen. Im erſteren Falle iſt Dein Freund ein tüch⸗ tiger Mann, den man raſend applaudirt, auf den Du ſtolz wirſt!— Im letzteren Falle biſt Du zum zweiten Mal Wittwe, und für dieſen Fall ertheile ich Dir heute, noch ſehr, ſehr lebendig, wie Du weißt, heute, wo mein Kopf noch auf heilem Halſe ſteht und blüht, wie eine ſſſſ“ 4 — — 264— Feuerlilie auf ihrem Stengel, heute ſchon im Voraus die Erlaubniß, mich nicht länger zu beweinen, als drei Jahre, drei Monate, drei Wochen, drei Tage und drei Stunden. Hat die Dritte ausgeſchlagen, darfſt Du Dich nach Deinem Dritten umſchauen! Doch ſteh zu, ob Du wieder einen Antoine findeſt! „Nein, ich finde keinen! Und ſtirbſt Du, will ich mit Dir ſterben! Jetzt erſt biſt Du ſchön! Jetzt erſt lieb' ich Dich mit all' der Liebe, deren ich fähig bin. Du haſt Recht: Leben und Wagen!“ Ohne Leben keine Liebe; 1 ohne Gefahr kein Leben! Heute noch laſſ' uns Anſtalten treffen zur Reiſe! Oh, ich ſehe Dich zu Pferde! Du mußt entzückend ſein: dieſe breite Bruſt, dieſe feine Taille,. 4 dieſe ariſtokratiſchen Knöchel; ganz comme il faut! Und wie will ich Dich kleiden.— Fort mit den geſchmackloſen traditionellen Lappen, wie ſie um jene plumpen Stall⸗ knechte flattern! Fort damit! Wenn Du auftriittſt, ſollen alle Männer vor Neid gelb werden und alle Weiber aus Mißgunſt berſten, weil Du nicht ihnen gehörſt; weil Du mein biſt! Was?? Madame Guillaume? Ich fürchte ſie nicht. Wird ſie wagen, ſich mit mir zu meſſen? Ich hatte ſie nur zu fürchten, ehe Du mich kannteſt, wie 1 mich jetzt kennſt. Nicht wahr, Antoine?“ Heute noch bleiben wir hier. Heute noch: nur Liebe! Und morgen.... in's Leben! Auf die Reiſe! In die Welt! Glück aufl Glück auf: die Vagabunden! Druck von Robert Niſchkowsky in Breslau. * 3 ffffffffffffff 12 13 14 15 16 17 4