—— 3 73 7 ——⸗--——. Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 4. Eduard Otftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256.— Seih- und Aeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von( jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ d den angenommen. * 6 „3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet —-— wird. 8 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſſe eträgt: (für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: .—————— auf 1 Monat: 1 Mt.— pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. l 7 1 3 ¹,—„— Ir 85 — 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung b der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 1 66. Schadenersatz. 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Ich will um aller Welt Willen nichts gegen Roſſini geſagt haben, dem ich dankbar bleibe für ſeine ſüßen Schelmenlieder, ſo lange noch ein Ton in meiner Seele nachzuklingen vermag; aber die ernſt⸗ haft gemeinten, fleißig aufgeſpielten, andächtig ange⸗ hörten Ouvertüren, die zu jener Zeit an der Tages⸗ ordnung waren, konnten einen ehrlichen Freund der Tonkunſt, mochte dieſer auch nur ein Laie ſein, zu gelinder Verzweiflung bringen. Dasſelbe äußerte an jenem Nachmittage eine recht artige jüngere Dame 6 gegen ihren Tiſchnachbar, den Baron.(Seinen Na⸗ men weiß ich nicht; es braucht ihn auch niemand zu wiſſen; denn ‚„der Baron’ wird nicht allein von ſeinen näheren Bekannten, ſondern in der ganzen Stadt, bis auf die Teraſſe, auf die Berge, bis Fintlaters, bis zur hölzernen Saloppe, bis in die Schweiz hinein: ‚der Baron genannt, von Freunden, Kellnern, Gläubigern,... warum ſollten wir ihn nicht ſo benennen?) Der Baron war natürlich ein Roſſinianer; denn er zählte ſich zur eleganten Welt. Auch war er durch einige Damen, die mit einigen andern Damen vom Hofe entfernten Umgang pflogen, veranlaßt worden, des Herrn Capellmeiſters Morlachi Compo⸗ ſitionen ſchön zu finden und das ließ ſich mögli⸗ cherweiſe nur dann durchführen, wenn man bei Roſſini ſchlechthin Alles für göttlich erklärte; nicht allein das Menſchliche; auch das Unmenſchliche. Seine, des Barons Gegnerin am Caffeetiſche, zeigte ſich als Gegnerin moderner italieniſcher Opern⸗Tyran⸗ nei und ſprach dieß offen und mit jener kleinſtädti⸗ ſchen Lebendigkeit aus—(denn wir dürfen's nicht verhehlen, daß ſie ſammt ihren lieben Eltern aus einer kleinen Stadt kam!)— welche ſich nicht die Mühe giebt, leiſe zu reden; auch an öffentlichen —— . — —— . — Orten nicht; weil ſie vom Hauſe aus überzeugt ſein darf, das ganze Neſt kenne ja ohnehin ihre Anſich⸗ ten und Gedanken. Jedesmal wenn ſie im Gange ihrer ganz verſtändig geführten Discuſſion auf ‚die italieniſche Partei und Wever's Antagoniſten“ zu reden kam, gab es dem Baron einen gelinden Zuck und Ruck durch ſämmtliche freiherrliche Gliedmaſſen und er blickte ſchüchtern umher, ob nicht jemand ſie be⸗ lauſchen könne, der eben zu dieſer Partei, mithin vielleicht zum Hofe gehöre, ſei er ſelbigem auch nur durch ein königliches„Extramenſch*) attachirt. „Sie brauchen nicht in Sorge zu ſein, Herr Baron,“ tröſtete ihn die Kleinſtädterin;„es hört mich kein Menſch außer Ihnen; Ihres Götzen Stall⸗ trommel ſorgt ſchon dafür.“ Die Eltern der Verfechterin deutſcher Muſik nahmen nur geringen Antheil am Geſpräch: die Mutter ſchien mit Seele und Leib Dresdnerin werden zu wollen und hielt ſich an den Kuchen, der in allen Gattungen und Formen vor ihr aufgethürmt *) Dieſen Titel führten im erſten Luſtrum der zwan⸗ ziger Jahre noch weibliche Küchendienſtboten und er war auf Anſchlageſchildern an Hausthüren zu leſen. 8 ſtand; der Vater neigte ſich offenbar dem Geſchmacke des Barons zu; ihm geſiel, was ſeine Tochter tadelte. Denn, meinte er, bin ich einmal gezwungen durch lärmendes Orcheſter in meinet Nachmittags⸗ ruhe geſtört zu ſein und haben ſie mich einmal mit⸗ gezerrt an einen ſogenannten Vergnügungsort, ſo will ich doch wenigſtens hübſche Melodieen hören — und dieſe macht der Mann; das iſt außer Zwei⸗ fel. Damit hatte er ausgeſprochen, was er für nöthig hielt und mengte ſich weiter nicht mehr in die Sache. Der Baron jedoch gerieth immer weiter hinein, wurde heftig und ließ ſich von Streitſucht und Recht⸗ haberei ſo weit verlocken, daß er gänzlich vergaß, welche Abſichten ihn an dieſen Tiſch geleitet. Er hatte ſich der ‚reichen Erbin“ angenehm machen wollen. Nachdem er ‚am table d'héte in Stadt Berlin“ mit ihr geſpeiſet und durch den Zimmerkellner Namen, Stand, Wohnort des Vaters ausgekundſchaftet, war es ihm angenehme Pflicht erſchienen, das Gaſt⸗ recht zu uͤben und die verehrten Fremden nach dem Lindeſchen Bade zu führen.- Er hatte ſich von ſeinen gewöhnlichen Genoſſen unter allerlei Vorwän⸗ den losgemacht, um den raſch entſtandenen Plan auf friſcher That ausdauernd und ungeſtört verfolgen —.,—„. zu können. Bis zum Beginn des Wortwechſels über Muſik ſtanden ſeine Angelegenheiten auch gar nicht übel; wenigſtens bei Mutter und Tochter nicht, denen der ‚Barone wohlgefällig zu Gehöre klang. Papa, obgleich über Roſſini'ſche Inſtrumental⸗Com⸗ poſition mit dem charmanten Herrn einverſtanden, ſah den Zudringlichen darum nicht weniger argwöh⸗ niſch an.„Der will was!“ flüſterte ihm, dem alten Geſchäftsmanne, mißtrauiſche Vorſicht warnend zu und ſchon einigemale hatte er der Tochter Fuß unter dem Tiſche aufgeſucht, um ihr mit dem ſeini⸗ gen ein Warnungszeichen beizubringen, ſte möge nicht allzu freundlich entgegenkommen. Jetzt war das nicht mehr nöthig. Der Baron hatte es geradezu verſchüttet. Als er einlenken wollte, fand er kalte, höfliche Einſilbigkeit. Madame fühlte ſich in ihrer Tochter beleidiget, die Tochter in ihrer Eitelkeit; Beide maulten. Der Baron trat den Rückzug an. Hinter ihm her brummte eine tiefe Stimme: „Auch ein rechter Windbeutel, das!“ „Dummes, pedantiſches Spießbürgervolk!“ rief der Baron und eilte, ſeine Freunde aufzuſuchen, die ſich Arm in Arm gehängt auf und ab umher trieben. „Sag' mir nur,“ fragte ihm der Jüngſte und Hübſcheſte jener jungen Laffen entgegen,„unter was für Land⸗Pomeranzen warſt Du denn da gerathen?“ „Nichts von Land⸗Pomeranzen, meine holdeſte Miß Viola; reine, unverfälſchte Gold⸗Orangen: der reiche Reichenborn aus Rumburg, ſammt Frau und heirathsfähiger, wie mir ſcheint auch ſehr hei⸗ rathsluſtiger Tochter. Ich war im beſten Zuge mich einzuſchmeicheln; mein Schandmaul hat mir's ver⸗ dorben.“ Dieſer kurze trotzige Bericht machte, als etwas ſchon häufig Dageweſenes, auf die Uebrigen keinen ſonderlichen Eindruck. Auch Derjenige, den der Baron „Viola“ angeredet hatte, zeigte ſich nicht davon er⸗ griffen. Nur Einer,— wir meinen, es ſei ein Be⸗ kannter aus unſerm erſten Bande!— ließ ſich ver⸗ nehmen:„Donnerwetter, wie geſchah mir denn, daß ich Carolinen nicht erkannte?“— und zugleich hatte er ſich von den Andern getrennt, um geraden Weges dahin zu eilen, wo er des Barons kaum leergeworde⸗ nen Stuhl einzunehmen trachtete.„Eine alte Be⸗ kanntſchaft!“ rief er den Gefährten, ſich von ihnen los machend, zu und dieſe warfen ihm lachend frivole Glückwünſche nach, aus denen des Abgelöſeten 11 Warnung vorklang:„Nur hüte Dich vor Zwiſtig⸗ keiten über Roſſini!“ Wenn Mademoiſelle Reichenborn einige Samm⸗ lung bedurfte, um Guſtav von Thalwieſe, da er ſich ihnen näherte, gehörig zu empfangen, ſo geſchah das nicht, weil ſie ihn nicht auf den erſten Blick erkannt hätte? Mochten die zwei Jahre, die zwiſchen ihrer Trennung lagen, ſein Aeußeres auch verändert, mochte ein zügelloſes Leben den Schmelz der erſten Jugend⸗ blüthe, der bei ſeinem Eintritt in's Schwarzwaldauer Schloß noch auf rothen Wangen lag, bereits abge⸗ ſtreift haben; Caroline hätte ihn, den ihr Herz ſo glühend geliebt, unter Tauſenden herausgefunden! Er dagegen,— und das iſt eben ſo natürlich, da er ſie niemals, da er nur ihres Vaters Reichthum im Auge gehabt,— er bedurfte, nachdem er ſich ſchon vor ihr und ihren Eltern verbeugt, noch einiger Friſt, um ſich Gewißheit zu verſchaffen. Nicht aber, weil Caroline um zwei Jahre älter geworden wäre? Im Gegentheile, weil ſie um das Doppelte verjüngt ſchien. Sie hatte ihre allzu geſegnete Fülle verlo⸗ ren, war faſt mager geworden—(vielleicht aus Gram über ihn?)— und dieſer Wechſel kleidete ſie gut. „Sie kennen mich nicht mehr?“ fragte Guſtav. 8 12 „O, nur allzuwohl,“ erwiderte ſie und ſtellte ihren Eltern: ‚Herrn von Thalwieſe“ vor. Vater Reichenborn zeigte durch ſeine ſtumme Begrüßung, daß er nichts Genaueres über dieſen An⸗ kömmling wiſſe; daß er aber auch durchaus keine Sehnſucht nach vertrauterer Bekanntſchaft in ſich ver⸗ ſpüre. Sein Geſicht kündete deutlich an, der in Ruhe⸗ ſtand getretene Handelsherr, finde die Gartenconzerte auf dem Bade ſehr unruhig und halte Herrn von Thalwieſe für einen eben ſolchen Windbeutel als deſſen Vorgänger den Baron. Mama dagegen verrieth durch einige Bewegungen der Mundwinkel, daß Caroline der Mutter vertraut habe,(zum Theil wenigſtens), was dem Vater vor⸗ enthalten worden. Sie beſtätigte dieß durch die bedeut⸗ ſamen, keinesweges allzufreundlich geſprochenen Worte: „Ah, aus Schwarzwaldau!“ „Und wie geht es meiner lieben Agnes?“ fragte Caroline mit der Haſt einer ſchlechtverhehlten Beſorg⸗ niß, Mama könne Aeußerungen thun, die dem Treu⸗ loſen verriethen, daß er öfter als billig Gegegenſtand ihrer Geſpräche ſei. „So wiſſen Sie nicht, was dort geſchah?“ „Wir haben, ſeit meiner plötzlichen Abreiſe von— 13 dort, keine Briefe mehr gewechſelt. Hoffentlich be⸗ findet Frau von Schwarzwaldau ſich wohl?“— „O ſehr wohl! Ja, ihr iſt wohl: Sie ſchlum⸗ mert auf ihrem Lieblingsplatze, um nicht mehr auf⸗ zuwachen!“ „Sie iſt todt?“— Und Guſtav erzählte, was vorgefallen,— ſo weit es ihm paſſend dünkte ſich hier darüber mitzu⸗ theilen. Reichenborns bewieſen ihren herzlichen Antheil. Caroline verſank in trauerndes Schweigen. Guſtav hatte ſich während ſeiner Erzählung geſetzt. Er ſchwieg ebenfalls, um den erſten, gewaltigen Eindruck vorüber⸗ gehen zu laſſen. „Und er?“ begann Caroline wieder;„der Wit⸗ wer? Was treibt er?“ „Er macht eine Reiſe um die Welt, mit ſeinem— Jäger!“ In dieſem einen Worte:„Jäger“ lag eine ſo unzweideutige Abſichtlichkeit, daß Agneſens Jugend⸗ freundin ſte auffaſſen mußte.„War's dieſer,“ fragte ſie weiter,„der den unſeligen Schuß gethan? Und vielleicht.... 2“ „Wer denn ſonſt?“ ſagte Guſtav. „Und mit dem Menſchen reiſet Emil...2“ „So berichtete mir ſein Verwalter, als ich von Thalwieſe noch einmal an ihn ſchrieb, um einige dieſen Franz betreffende Winke, die ich in einem ei⸗ ligſt zurückgelaſſenen Morgenbilletchen gegeben, zu ver⸗ vollſtändigen. Jener Wirthſchaftsbeamtete ſchickte mir meinen Brief durch denſelben Boten wieder, mit der Erklärung: ſein Herr unternehme eine große, vielleicht mehrjährige Reiſe, und für den Augenblick ſei keine Möglichkeit vorhanden, meine Zuſchrift ihm nachzu⸗ ſenden, weil man noch nicht wiſſe, wohin?“ „Aber das klingt ja ganz abenteuerlich und iſt unerklärlich.“ „Doch nicht ſo ganz unerklärlich, wie Sie auf den erſten Anblick wähnen? Und wollten Sie mir ver⸗ gönnen, Caroline“—(hier ſank Guſtav's Stimme zu kaum hörbarem Geflüſter herab,—„Sie um eine ungeſtörte Stunde bitten zu dürfen? Dann würd' ich Mittel finden, Sie über die Motive dieſes furchtbaren Ereigniſſes aufzuklären.“ Caroline machte„hm, hm;“ rückte auf ihrem Stuhle hin und her und ſah verlegen nach ihrer Mutter, ob dieſe wohl Guſtav's Antrag vernommen haben und was ſie dazu für ein Geſicht machen möchte? Madame Reichenborn hatte keine Silbe verſtan⸗ den, aber ſie hatte ihn flüſtern gehoͤrt und das 15 genügte ihr. Sie erwiderte den fragenden Blick ihrer Tochter; Beider Augen fanden ſich und dieſe zwei Augenpaare verſuchten ſodann einen kleinen Streifzug in's Gebiet väterlicher Autorität. Dort aber ſah es aus wie in Feindes Lande. Herr Reichenborn ſchnitt dem Flüſternden und den Aeugelnden ſein furchtbar⸗ ſtes Familiengeſicht. Da war auf einigermaſſen freund⸗ liches Entgegenkommen nicht zu hoffen. Mama gab ſogleich jeden Verſuch auf und machte ſich noch ein⸗ mal an den Kirſchkuchen. Die Tochter kämpfte wohl, oder in ihrer Bruſt kämpften Erinnerung an ſchwer⸗ verletzende, nicht vergeſſene Schmach und Kränkung mit neuerwachender Zärtlichkeit für den(wie es ſchien,) reuig zurückkehrenden Bewerber. Es hätte in dieſem Kampfe möglicherweiſe beleidigter, jungfräulicher Stolz über nachgiebige Schwäche den Sieg davon tragen können, wäre Vater Reichenborn minder bärbeißig,— wäre dem biederen Philiſter in Guſtav nicht ſchon der zweite Windbeutel während dieſes Gartenconzertes erſchienen, was ihm zu viel wurde. Des alten Herrn höchſt unartiges und abſtoßendes Benehmen mußte durch Artigkeit von ihrer Seite ausgeglichen werden; daruͤber dachten Mutter und Tochter gleich; wenn aus keinem anderen Grunde, doch ſchon deßhalb, damit der junge Herr nicht wähne, man zürne ihm, weil er 16 von Carolinen abgeſprungen? Das hätte noch gefehlt! Nein, er ſoll ſehen, daß wir zu leben wiſſen!(So dachte die Mutter.) Und er ſoll fühlen, daß er mir längſt gleichgiltig genug ward, um mit ihm verkehren zu können, wie mit dem Baron, oder irgend einem andern Gleichgiltigen.(So dachte die Tochter.) Und Beider Gedanken wurden zu Einem, welcher ſich in die Form kleidete:„Der Alte will ihn nicht bei ſich ſehen,— ſo ſehen wir ihn bei uns!“ Der Gedanke an und für ſich war gewiß ganz gut; das heißt: er war ſchlecht genug, um für Guſtav's Abſichten gut zu ſein. Nur ſtieß er auf Hinderniſſe, in ſo fern feſtgeſetzt war, daß morgen die Abreiſe von Dresden erfolgen müſſe. Dergleichen Ausſprüche des Vaters galten bei Reichenborns für unerſchütterlich. Deßhalb gab Caroline für's Erſte auf Guſtav's geflüſterte Frage gar keine Antwort; was dieſer, ſeine Schuld gegen ſie erwägend, zwar ſehr begreiflich, aber darum noch nicht geeignet fand, ſich dadurch abſchrecken zu laſſen. Er hatte Fort⸗ ſchritte gemacht, ſeitdem er ſich von Agneſens Grabe getrennt. Er hatte nicht umſonſt die hohe Schule der ‚großen Welt’ beſucht; nicht umſonſt theures Lehrgeld bezahlt; nicht fruchtlos mit den berufenſten Lehrern im Felde gewiſſenloſer Schwelgerei vertrau⸗ 17 lichſten Umgang gepflogen. In zwei Jahren kann ein junger Menſch etwas vor ſich bringen! Kann ſich die vornehme Gleichgiltigkeit wohl aneignen, die über nichts mehr zu erſtaunen, vor nichts mehr zu erſchrecken ſcheint; die feine Lebensart heißt, im Grunde aber nichts iſt, als rafftnirter, ſchamloſer Egoismus. Daß die Weiber nicht unbeugſam bleiben wür⸗ den, darüber waltete bei Herrn von Thalwieſe kein Zweifel ob. Der alte Kaufmann bot einige Schwie⸗ rigkeiten dar. Dieſen zu gewinnen, ihn wenigſtens unſchädlich zu machen, blieb die nächſte Aufgabe. Ihm alſo wendeten ſich Guſtav's Aufmerkſamkeiten zu; ihn ſuchte er in paſſende Geſpräche zu ziehen. Er that, als wäre Caroline vom Caffeetiſche ver⸗ ſchwunden. Er warf ſich in's Capitel der Staats⸗ papiere, ſprach vom Wechſel der Courſe, vom Steigen und Fallen, von politiſchen Combinationen und ent⸗ wickelte dabei ſeine, auf koſtbare Erfahrungen geſtütz⸗ ten Anſichten; denn er hatte die ihm von Emil überlaſſenen Summen ja längſt vergeudet, oder in thörichten Börſenſpeculationen verloren. Dieſen Um⸗ ſtand anzudeuten hütete er ſich weislich. Er ge⸗ berdete ſich wie Einer, dem daran liegt, zu bewah⸗ ren, was er beſitzt, die Maſſe ſeines Vermögens zu 1856. II. Schwarzwaldau. II. vergrößern und der die Rathſchläge einer Autorität hören möchte. Dadurch gewann er ſich Reichenborn's Achtung in einer Viertelſtunde. Carolinen entging das nicht; ſie benützte dieſe Wendung und mit ihres Vaters Eigenheiten vertraut, brachte ſie ihn ſehr leicht dahin, daß er ihr die Mühe abnahm, die Reiſepläne dieſes Sommers vor Demjenigen zu ent⸗ hüllen, der davon unterrichtet ſein mußte, ſollte und wollte ein gewaltſam abgebrochenes Verhältniß wie⸗ der angeknüpft werden. Die Reichenborn'ſchen be⸗ abſichtigten, die zweite Hälfte des Juli und minde⸗ ſtens die erſte des Auguſt in Teplitz zuzubringen, wo⸗ hin Mutter und Vater durch ihren Arzt geſendet worden. Den Juni hatten ſie in Dresden verlebt und da dieſer Monat faſt abgelaufen, würden ſie vielleicht, ohne erſt wieder heimzukehren, in der ſchönen Elbſtadt noch einige Wochen ausgedauert haben, wäre dem alten Herrn nicht die Weiſung zugegan⸗ gen, daß ein Prager Haus, mit welchem er ſonſt in lebhaftem Verkehr geweſen, und welchem er nicht unbedeutende Capitalien in Händen gelaſſen, auf ſchwachen Füſſen ſtehen ſolle. Herr Reichenborn war durchaus nicht der Mann, ſich in ſolchen Fällen mit brieflichen Berichten zu begnügen; er zog vor, an Ort und Stelle ſelbſt zum Rechten zu ſehen. 19 Deßhalb hatte er heute, ehe ſie zur Mittagstafel hinabgingen, ſeinen Damen geſagt:„Morgen früh, aber ſehr früh, reiſen wir nach Prag.“ Und Madame Reichenborn, vor den Koffern keuchend, hatte gefragt: „Nach Prag?“ Und Caroline, die ſich gern von der dicken Mama bedienen ließ, hatte hinzugeſetzt:„Vä⸗ terchen wird in Prag Geſchäfte haben; wir werden wahrſcheinlich vald in Teplitz bleiben und ihn dort erwarten.“ Worauf Herr Reichenborn entſchieden erwidert hatte:„Ihr werdet mit mir durch Teplitz reiſen, mit mir nach Prag gehen, und mir Geſellſchaft leiſten; ſoll ich allein vor Langerweile umkommen? Erſt in der zweiten Hälfte des Juli iſt unſere Wohnung in Teplitz beſtellt, eher dürfen wir dort nicht eintreffen.“ Carolinen war die Ausſicht auf Prag eben auch nicht unangenehm; ſie freute ſich, dieſe altberühmte Stadt kennen zu lernen und ſie fand ſich bald in des Vaters Anordnung; während Mama, bei dem Gedanken, was dort Alles zu ſehen ſei und was ſie Alles werde erklimmen müſſen, noch heftiger keuchte, denn vorher. Doch gegen des Alten Willen und Geſetz, wenn er ſich erſt einmal ſo kathegoriſch ausgeſprochen, galt weiter kein Apelliren. Wie ſie zum Eſſen gingen,(wo ſich dann, wie wir wiſſen, der Baron an ſie gedrängt), waren ihre Bündel ſchon geſchnuͤrt. Ueber dieſe Angelegenheiten unterrichtete ſich Guſtav auf dem Rückwege von Link'ſchen Bade voll⸗ ſtändig. Er fragte die einzelnen Umſtände theils den Eltern, theils der Tochter ab; ſo daß er, da er ſich, vor der Thür ihres Hötels ‚glückliche Reiſet wünſchend, von ihnen trennte, ganz genau wußte, wo und wann er ſie zu ſuchen haben würde, ſobald er ihnen wieder begegnen wollte. Und das wollte er. Sein Entſchluß ſtand feſt, Carolinen, die Erbin Reichenborn's, zur Frau von Thalwieſe zu machen. Am Gelingen zweifelte er nicht; wenn es ihm nur gelang, in Teplitz, oder wo möglich ſchon in Prag einigermaßen anſtändig vor ihnen auf⸗ zutreten. Das hatte denn allerdings ſeine Schwierig⸗ keiten. Nachdem er den ihm durch Emil's romanenhafte Großmuth überlaſſenen Nachlaß der verſtorbenen Agnes mit ſeinen armen Eltern getheilt, wobei er leider den Löwen aus der Fabel geſpielt und Jenen nur eben ſo viel zurückgelaſſen, daß die Hilfe keine gründliche Hilfe wurde und daß der alte Jammer in Thalwieſe fortdauerte, war es gleichſam ſein eifrigſtes Beſtreben geweſen, durch Leichtſinn und Verſchwendung ſich wieder 24 in Mangel zu ſtürzen. Ihm, als noch nicht Vollj äh⸗ rigen, ſtanden beim Umſatz der geheimnißvoll in ſei⸗ nen Beſitz gelangten Staatspapiere auch nur heim⸗ liche Schliche zu Gebote und an den ſchmutzigen Fingern vermittelnder Wucherer blieb von vornhinein ſchon mehr als ein Dritttheil des Geldes kleben. Flotte Brüder halfen den Reſt vertilgen und wer einiger⸗ maßen mit den Folgen ähnlicher Eriſtenz bekannt iſt, wird weder zweifeln noch erſtaunen, wenn wir kürzlich berichten, daß der junge Mann jetzt nach Verlauf zweier in Ueberfluß und Uebermuth verſchwelgter Jahre, nichts mehr ſein nennt, als eine namhafte Schulden⸗ laſt, deren Druck und Pein er ſich zur Noth mit dem Scheinbild ehemaligen Credites vom Leibe hält. Daraus erklärt ſich ſein plötzlich entworfener Angriffs⸗ plan auf Carolinens noch nicht ganz erkaltetes, wenn gleich tiefverwundetes Herz gleich beim erſten Wieder⸗ ſehen von ſelbſt. Noch dringender geſtaltete ſich die Aufforderung, dieſen eigennützigen Heirathsplan zu ver⸗ folgen, als er in ſeiner Wohnung einen Brief aus Thalwieſe vorfand, worin ſeine Mutter ihm den endlich erfolgten Tod des an langen Leiden und aus Gram geſtorbenen Vaters und die nun unfehlbar über ſie hereinbrechende Subhaſtation des Gutes meldete; 22 deßhalb ihn bei Gott beſchwor, heimzukehren und Bei⸗ ſtand zu bringen. Seine nächſte Aufgabe blieb jedoch, die Mittel zur Brautfahrt nach Böhmen herbeizuſchaffen. Zwanzigſtes Capitel. Es iſt eine alte Wahrnehmung,— und Schulden⸗ macher von Metier werden ſie gern beſtätigen, auf gebührende Anfrage,— daß es niemals größere Mühe koſtet, baares Geld aufzutreiben, als wenn man’'s juſt am Nothwendigſten gebraucht; ja ſeltſamer Weiſe beſonders dann, wenn man es nicht unnütz durch's Fenſter zu werfen, ſondern auf ſeine Art zu klugen Zwecken anwenden will. Wer für lüderliche Streiche zu fünfzig Procent Anleihen zu Stande brachte, bietet vergeblich deren Hundert und aber Hundert, ſobald er darauf ausgeht, ein ſo zu ſagen ſolider Mann zu werden. Erklär' es, wer da kann; aber es iſt nun einmal ſo und Guſtav auch erfuhr es zu ſeinem Ent⸗ ſetzen. „So muß ich denn,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„am dritten Abend nach Reichenborn's Abreiſe, ſo muß ich denn in den ſauerſten aller Aepfel beißen, obgleich 23 mir von der Idee ſchon die Zähne lang werden, wie Zaunpfäͤhle?!“ Dieß geſagt, ſchlug er den Weg nach einem engen, düſtern Gäßchen hinter der Frauenkirche ein, gerade als die Thurmuhr Neune ſchlug. Die Beleuchtung fiel damals in jenen abgelegenen Win⸗ keln noch ſpärlich aus; mancher Nachtvogel flatterte im Schutze nächtlicher Dämmerung hin und her, mit ausgeſpannten Flügeln irgend einen der Fremden zu umwickeln, von denen die Zauberſtadt, das deutſche Florenz, immer ſo reichlich beſucht worden iſt. Guſtav achtete ihrer nicht, ließ ſich durch ihr heiſeres Gezwitſcher nicht irre machen, ſondern eilte ſeinem beſtimmten Ziele zu; wie Einer, dem die Befürchtung droht, es gehöre nicht viel dazu, ihn aufzuhalten und in Durch⸗ führung widerwillig unternommener That zu hemmen. So ereilte er ein hohes, ſchmales Haus, kletterte über drei finſtere Treppen hinauf und zog heftig an einem Bindfaden, der ſtatt eines Glockenzuges durch das in die verräucherte Küchenthür gebohrte Loch Ellen⸗ lang heraushing. Drinnen ſchlug eine dünne Schelle, wahrſcheinlich in beſſeren Tagen das Halsband eines Lieblingshündchens zierend, jetzt zu ſchmählicherem Dienſte erniedrigt, etliche mühſelige Töne an. Nach kur⸗ zer Pauſe öffnete ſich die Pforte, das Licht einer qual⸗ menden Lampe beleuchtete,— oder beleuchtete nicht, 24 — die unſauberſten Wirthſchaftsgeräthe, welche in wüſtem Durcheinander den Raum zwiſchen Herd und Wand verengten und die Bewohnerin leitete ihren Gaſt, ihn ſorgſam an der Hand führend, in's vordere Gemach, wo es übrigens ganz erträglich ausſah. Dann klappte ſie den Deckel der Lampe auf, um deutlicher zu ſehen und nun erſt erkannte ſie ihn:„Ach, Sie ſind es, Schönſter der Schönen!? Das muß ich ſagen, eine ſeltene Ehre! Eine große Freude! Wenn ich Sie erblicke, bewegt ſich mein Herz, als könnt' ich noch einmal jung werden. Sie erinnern mich, weiß ich doch ſelbſt kaum wie und wodurch? an den Einzigen, den ich wirklich lieb gehabt.— Na, womit kann ich dienen? Befehlen Sie nur. Für Sie geh' ich durch's Feuer!“ Die ſo ſprach, war ein Weib von etwa dreißig Jahren; dem Anſcheine nach jünger oder älter, je nachdem ihre Züge ſich belebten, oder erſchlafften. Sie ſah ſehr verwüſtet aus, trotz aller Spuren vor⸗ maliger Schönheit. Ueber ihr trauriges Gewerbe braucht nichts weiter geſagt zu werden. „Das iſt erſtaunlich,“ wendete Guſtav ein;„ich meinte bei Ihnen in ſchlechtem Andenken zu ſtehen, ſeit⸗ dem ich Sie das Letztemal aus meinem Zimmer warf? 25 Es war brutal von mir und als es geſchehen, bereuete ich meine Heftigkeit.“ 1 „Dergleichen muß Unſereine nicht eſtimiren,“ ſeufzte ſie;„wo Holz gehackt wird, da fallen Späne, wie man im gewöhnlichen Leben zu ſagen pflegt. Damals gefiel dem ſchönen jungen Herrn mein Antrag nicht; er hatte Geld vollauf und die Vermittlerin ward ihm läſtig durch ihre Zudringlichkeit. Heute...“ „Nun, was iſt's heute?“ „Heute,“ fuhr ſie geduldig fort,„ſteht's vielleicht anders? Die Caſſe iſt leer, die Gläubiger drängen,— Sie haben Sich's beſſer überlegt und nun ſuchen Sie mich auf. Lauter alte Geſchichten, bei Männern wie bei Weibern, das nämliche Lied: Geld regiert die Welt!“ „Sie machen mir's leicht, liebe Frau. Ich trat wirklich voll Beſorgniß ein, voll Beſchämung, wie ich einlenken ſollte?..“ „Ach, Dummheiten,“ lachte ſie auf:„entre came- rades, point de ceremonie! wie mein erſter Liebhaber, der alte Croupier von der Bank in Spaa zu ſagen pflegte. Wollen wir der Frau Fürſtin ein Loch in die Goldbörſe ſchneiden? Ich bin dabei!“ „Alſo iſt ſie noch anweſend?“ 26 „Sie wollte, wie meine Freundin, ihre Kammer⸗ frau und Vertraute mir vertraut, die Bäder beſuchen; doch dazu iſt's wohl noch zu früh im Jahre. Hof⸗ fentlich iſt ſie noch nicht fort. Bei ihr geweſen bin ich ſchon ſeit etlichen Wochen nicht mehr, denn ich fiel in Ungnade, weil ich, wie ſie in ihrem Polniſch⸗Deutſch mir auf den Kopf zu ſagte, eine unbrauchbare Ca⸗ naille wäre! Ich ſteckte die Canaille ein mit den drei Ducaten, die ſie mir dafür hinwarf. Mit dem mor⸗ genden Tage beginnt eine neue Rechnung zwiſchen ihr und mir. Wenn ich mit der Nachricht eintrete, daß Sie Raiſon angenommen haben, wird ſie mich empfangen wie einen Boten des Glückes; davon bin ich uͤberzeugt. Sitzt ſie doch immer noch, ſogar bei ſchlechtem Wetter, an demſelben Platze auf der Te⸗ raſſe, wo ſie zum Erſtenmale dazu gelangte, zwei Worte mit Ihnen zu wechſeln; immer in der Hoffnung, Sie wieder zu ſehen!“ „Ich weiß das! Und dieſe ihre Ausdauer hat mir meinen liebſten Aufenthalt verleidet. Es iſt ei⸗ gentlich ſchauderhaft, daß ich mich nun der wider⸗ wärtigen Perſon überliefern will, vor der ich bisher förmlich auf der Flucht geweſen!“ „Ach, Ziererei! Eine polniſche Fürſtin mit einer halben Million Gulden Jahresrente,— mögen es 27 meinetwegen nur polniſche Gulden ſein,— iſt durch⸗ aus nicht widerwärtig. Auch die plumpſte Figur ſtrahlt vor Schönheit, ſobald ſie maſſiv vergoldet iſt. Geld regiert die Welt, dabei bleib' ich.“ „Satan, der Du biſt! So wiſſe denn auch: die Zeit drängt! Das Meſſer ſteht mir an der Kehle!“ „Richtig! Je raſcher wir gehen, deſto willkom⸗ mener werden wir ſein. Nur daß Sie Sich nicht wegwerfen, Sich nicht zu niedrig anſchlagen! Doch das iſt meine Sache. Ich will's ſchon einleiten: Sie haben geſpielt, Wort und Ehre verpfändet, dürfen Ihre Wohnung nicht verlaſſen, aus Furcht ergriffen zu werden; müßen ſich frei und heiter fühlen, aller Sorgen ledig, ehe Sie mit freiem Herzen vor ihr erſcheinen.... o, das hab' ich am Schnürchen. Da, ſehen Sie: in zwei Leihbibliotheken bin ich abonnirt, der ganze Tiſch liegt voll von ſchönen Leſebüchern; da ſteht viel darin, was ſich brauchen läßt für unſere Zwecke. Ich will's ihr beibringen, daß es hinunter gehen ſoll, ſüßer und geſchmeidiger wie Honig. Nur heraus durchlauchtigſte„Popolska’ mit Deinen Duca⸗ ten, für meinen ſchönen, ſchlanken Herrn— und für mich auch! Der Tag, der morgende, gehört mir und meinen Verhandlungen. Sobald es dämmert, um halb neun Uhr, finden Sie Sich vor der Brücke 28 ein, unten, wo es von der breiten Teraſſen⸗Treppe hinab an's Ufer geht. Dort erwarten Sie mich und ich bringe Sie zu ihr!“ „Wenn's mir nicht leid wird, bis dahin, ſtell' ich mich ein!“ Guſtav ſchüttelte ſich und verließ die Zwiſchen⸗ trägerin ſo eilig, daß er ſich ſchon über die finſteren Treppen hinunter tappte, ehe ſie mit ihrer Lampe durch die Küche gelangen konnte. Mag nun der Vorſatz: ſich ſchmählich zu ver⸗ kaufen, dem ehemaligen Verehrer und Günſtling einer Agnes noch ſo häufig leid geworden und im Laufe eines Sommertages mehrmals aufgegeben geweſen ſein;— ſicher bleibt, daß endlich gebieteriſche Noth zur Entſcheidung tricd und daß Guſtav ſchon vor der anberaumten Stunde einigemale voll nunedutt die Elbbrücke auf und ab ging. Dieſe Ungeduld ſteigerte ſich, als er um halb neun Uhr die ſonſt zuverläſſige Gelegenheitsmacherin noch nicht an der bezeichneten Stelle fand, dagegen zu bemerken glaubte, daß ihn Jemand verfolge, mit der unzweifelhaften Abſicht, ihm in's Geſicht zu ſchauen. Ein kühler Abend geſtattete glücklicherweiſe, daß man, ohne auffällig zu werden, einen Mantel trage und dieſen benützte Guſtav, mit 29 dem hochaufgeſchlagenen Kragen ſich vor dem unwill⸗ kommenen Forſcher zu verhüllen. Gleichwohl beläſtigte, ja ängſtigte ihn der neugierige Fremde. Wer war der Menſch? Was wollte er von ihm? Stand er mit der ſogenannten polniſchen Fürſtin— denn in man⸗ chen Städten Deutſchlands liebt man es aus Eng⸗ ländern, Ruſſen und Polen, die einiges Geld aufge⸗ hen laſſen, vornehme Leute zu machen, und ſie ohne Weiteres zu Lords und gefürſteten Grafen zu erhe⸗ ben!— ſtand er mit dem Abenteuer, in welches Guſtav ſich verwickelt, in Verbindung? Oder war es etwa gar ein begünſtigter Vorgänger, welcher dem bereits deſignirten Nachfolger neidiſch Rache geſchwo⸗ ren? Wer auf ſolchen Pfaden geht, muß auf Alles gefaßt ſein! Doch nein; die Erwartete, ihre Verſpätung zur Genüge rechtfertigend, kommt herbei und der neu⸗ gierige Beobachter entfernt ſich. „Bei ihr, mein ſchönſter Herr, in ihrer Behau⸗ ſung, iſt heute eine Zuſammenkunft unmöglich, weil Verwandte angelangt ſind, auf die ſie Rückſichten neh⸗ men muß: Aber aufſchieben, wonach ſie ſich ſo lange vergebens geſehnt, will ſie doch auch nicht. Deßhalb wird meinem ſchlechten Stübchen die hohe Ehre zu Theil... ſie hat ſich frei gelogen, auf ein Stündchen 30 nur... folgen Sie mir ſchnell... ſie weiß, was ſie wiſſen ſoll; ſie iſt unterrichtet von Ihren Bedrängniſſen. Zeigen Sie Sich liebenswürdig,— ſie wird großmüthig ſein!“ „Nun, in des Teufels Namen, dem ich mich ver⸗ ſchreiben will, vorwärts!“ rief Thalwieſe und hatte Mühe mit dem haſtig trippelnden Weibe gleichen Schritt zu halten, weil ſich ihm die Füſſe in den langen Carbonaro verwickelten. Dadurch ward er ver⸗ hindert, den wieder zum Vorſchein kommenden Lau⸗ ſcher zu beachten, der ſie in einiger Entfernung be⸗ gleitete. Das Weib hatte genau beſchrieben, auf welches verabredete Zeichen ihre Küchenthür im dritten Stock⸗ werk geöffnet werden ſolle, hatte den droben heiß Er⸗ ſehnten allein hinaufgehen laſſen und blieb, die Arme in ihr Umſchlagetuch gehüllt, vor dem ſchmalen Haus⸗ thore ſtehen, zu welchem ſie den Schlüſſel, und vom leichtbeſtechlichen ‚Hausmanne“ die Erlaubniß, denſel⸗ ben für ihre bedenklichen Zwecke benützen zu dürfen, beſaß. Sie überſchlug rechnend den goldenen Ge⸗ winn dieſer und mancher— hoffentlich— folgenden Stunde; da näherte ſich ihr, leiſen Trittes, auch den leichten Reiſemantel um die Schultern geſchlagen, eine im Dunkel kaum erkennbare Geſtalt, mit der freundlich · 31 geſtellten Frage: wer denn wohl jener Herr ſei, mit welchem ſie bis hierher gegangen? „Es iſt nicht meine Sache,“ entgegnete ſie in frivoler Weiſe,„und es würde meiner Kundſchaft Schaden thun, mich um Namen zu bekümmern. Discretion iſt die erſte Bedingung und wollen Sie mir Ihr Vertrauen ſchenken, fremder Herr, ſo wer⸗ den Sie..... 4 Der Angeredete that einen Schritt rückwärts, nachdem er nur die erſten Worte aus ihrem Munde vernommen. Dann trat er ihr wieder näher, packte ſie beim Arme und drückte ſo heftig, daß ſie ſich im Reden unterbrach und laut aufſchrie:„was ſoll das?“ „Lucie!“ rief er. Und ſie ſtammelte zitternd:„Gott erbarm' ſich, mein Schuljunge, der Franz! Wo kommſt Du her?“ „Aus dem Zuchthauſe, wenn auch nicht ſeit geſtern. Wann haben ſie Dich herausgelaſſen, daß Du ſchon wieder Dein Gewerbe treiben darfſt?“ „Laſſen Sie los, oder ich mache Lärm!“ „Nicht doch. Alles in Liebe und Güte, Herr Erbförſter, wie geſtern der Sänger im Theater ſagte. Wir haben mit einander zu ſprechen.“ Und ſie zogen ſich in den kleinen Hausflur hinein.—. 32 Emil, ſeit Kurzem erſt von ſeiner langen Reiſe heimgekehrt, war vor wenig Tagen aus Schwarz⸗ waldau in Dresden eingetroffen, um allerlei Uebel⸗ ſtände auszugleichen, welche durch dauernde Abwe⸗ ſenheit des Gutsherrn herbeigeführt worden. Sein bevollmächtigter Verwalter hat das ihm gegönnte Vertrauen nicht ganz gerechtfertiget; die Wirthſchaft theilweiſe vernachläſſigt, dabei verſchiedene Unglücks⸗ fälle, auch einen totalen Mißwachs erlitten; ſeine Klagelieder haben den Reiſenden aus Norwegen, wo er noch länger zu weilen gedachte, nach Hauſe gerufen und nun, wo es einer runden Summe be⸗ durfte, um Ordnung zu machen und einige uner⸗ wartet aufgekündigte Capitalien prompt auszuzahlen, empfindet er hart genug die Nachwehen jener(höch⸗ ſtens einem Millionair) angemeſſenen Freigebigkeit, die er in der erſten leidenſchaftlichen Aufregung nach Agneſens Tode gegen Guſtav geübt. Er ſieht ſich genöthiget, Geld aufzunehmen, freilich geſtützt auf ſichere Grundverſchreibungen, und wünſcht dieß Geſchäft in Dresden auszuführen, wo er keine per⸗ ſönliche Bekannte hat, obgleich der Werth von Schwarz⸗ waldau daſelbſt eben ſo anerkannt iſt, wie in Ber⸗ lin; während an letzterem Orte ſeine augenblickliche Verlegenheit unter Jugendfreunden und früheren Ge⸗ noſſen viel Gerede verurſachen würde. Jetzt geht er nachdenklich im hohen Zimmer des großen Gaſthofes, wo er abgeſtiegen, hin und her, den leeren Raum mit ſeinen Monologen füllend: „Unſelige Abhängigkeit, zu welcher ich verdammt bin, von einem Menſchen, den ich fürchte, haſſe, von dem ich mich dennoch nicht trennen kann. Er iſt mein Diener und er beherrſcht mich wie ein Herr! Ich bin förmlich in ſeiner Macht. Und wie er mit mir umgeht! Wie rückſichtslos! Da läßt er mich nun allein, in dieſem öden, unheimlichen Gemache, treibt ſich Gott weiß wo umher, und weiß doch, daß ich keine Ruhe finde, wenn er nicht in meiner Nähe iſt, wenn ich ihn nicht unter meinen Augen habe, um ſicher zu ſein, daß nicht ein Zuſammentreffen ſtatt finde, vor welchem mir bangt; ſtündlich bangt, ſeitdem wir wieder im Vaterlande athmen. In Schwarzwaldau ſollte er mir nicht bleiben, ohne mich, aus Beſorgniß, ſeine dortigen Gegner— denn all' meine Diener haſſen und beneiden ihn!— könnten ſeinen Zorn reizen und ihn dadurch zu irgend einem Ausbruche tief⸗genährten Grolles rei⸗ zen; hier möcht' ich ihn wieder unter Schloß und Riegel halten, damit er nicht auf Guſtav ſtoße!. 1856. II. Schwarzwaldau. II. 3 34 Ja, wo mag dieſer— Guſtav ſein? Wo mag er leben? Und wie? Wie mag er ſeinen Eidſchwur gehalten haben? Ob er— unſerer noch gedenkt? Ob er noch um Agneſen weint? Ob er zu Rathe gehalten, was ich ihm als ſein Erbtheil gab?— Gewiß nicht! Denn ich meine, daheim vernommen zu haben, ſeine Mutter ſei nach des Vaters Tode in bitterer Noth? Ihr Sohn fern von ihr!— Welche peinliche Ahnung raunt mir zu, daß wir ihm hier begegnen können?— O, wär' ich nicht nach Dresden gegangen! Hätt' ich meine Geſchäfte lieber in Berlin.... Thorheiten! Wär' ich dort, würd' ich ihn dort wähnen! Die Angſt dieſer Ahnun⸗ gen liegt in mir, ich ſchleppe ſie mit mir herum, und werde ſie nicht mehr los, ſo lange Franz lebt; ſo lange er an mir hängt, an mich und meine Qualen gekettet, und ich an ihn, wie zwei Galee⸗ renſträflinge zuſammen geſchmiedet ſind!“ Solchen und ähnlichen hypochondriſchen Be⸗ trachtungen ſetzte Franz Sara, den wir von Schwarz⸗ waldau her als ſubordinirten Leibjäger kennen, den wir aber jetzt, nach zweijährigem Umherreiſen mit ſeinem Herrn gleichfalls einem Herrn ähnlich auf⸗ treten ſehen, nicht gar lange vor Mitternacht erſt ein Ende. Keine Entſchuldigung, daß er ſo lange 35 auf ſich warten laſſen! Keinen Gruß! kein Wort der Anrede! Stumm und gebieteriſch, als wäre Emil ſein Diener, warf er ſich in die Sopha⸗Ecke. Emil fuhr fort, die lange Stube mit langen Schritten zu meſſen, den Kopf geſenkt, die Arme auf dem Rücken; zu einem Vorwurf gegen Franz ermannte er ſich nicht. Nicht einmal zu einer Klage, ſoll nicht ſein reſignirtes Schweigen dafür gelten. Von Zeit zu Zeit blieb er vor dem Sopha ſtehen, auf eine Erklärung des Dieners harrend, auf einen Be⸗ richt? Denn daß dieſer von etwas Ungewöhnlichem erfüllt ſei, durfte wohl angenommen werden und Emil erwartete eine Mittheilung. Endlich, da es zwölf Uhr ſchlug, ſprach er:„So geht das länger nicht; wir müſſen uns trennen, Franz!“ Franz fuhr auf:„Begehr' ich denn etwas Ande⸗ res? Hab' ich jemals etwas Anderes begehrt, ſeit⸗ dem ſie begraben iſt? Waren Sie es nicht, der mich feſtgehalten mit allen möglichen Drohungen, mit allen erſinnlichen Verſprechungen? Haben Sie mich nicht gezwungen, bei Ihnen zu bleiben, als ich Ihrem Günſtling nachſtrebte, ihm die zweite Kugel in den Leib zu jagen, nachdem die erſte ihr Ziel verfehlte und jenes ſchauderhafte Unglück angerichtet hatte? Traten Sie nicht vor mein Lager, wie Sie jetzt vor 3 ⅔ 36 mir ſtehen; damals meines alten Lehrherrn Kugel⸗ büchſe in der einen, die verfluchte Kugel in der an⸗ dern Hand haltend und von ſchwerem Kerker faſelnd? Mußt' ich nicht aufſpringen und Ihnen zu bedenken geben, daß ich dann auch reden und gar verwunder⸗ ſame Geſchichten erzählen könnte, von Ihnen und Ihrem Hauſe, ja ſogar von ihr,— die ich nicht mehr zu ſchonen brauchte, ſeit dem ich wußte, daß ſie ihn geliebt, dem ich Tod geſchworen? Und wen⸗ dete ſich da nicht das Blatt? Und gaben Sie nicht plötzlich mir gute Worte? Und rangen Sie dann nicht die Hände, nach Ihrer beliebten weichlichen Weiſe jammernd: ‚Was iſt zu thun? Laß' ich ihn von mir, ſo geht er hin und mordet Guſtav und fällt dem Gericht in die Hände und ſeine Enthüllun⸗ gen bringen Schmach über Schwarzwaldau, verleum⸗ den Agneſen im Grabe!“ Jammerten Sie nicht ſo? Und ſchlugen Sie mir nicht vor, bei Ihnen zu blei⸗ ben, mit Ihnen zu reiſen, gemeinſchaftlich die Leiden zu tragen, die ein gemeinſames Geſchick über uns verhängt und auszudauern, bis ‚Gras über Alles gewachſen ſei? Ein Ausdruck, den ich ſo paſſend fand, daß ich ihn ſogar der zärtlichen Liſette zu hören gab bei meiner Trennung von ihr!— Ich habe Ihren Willen erfüllt, bin mit Ihnen gereiſet, habe meine 37 Freiheit verkauft,— im Ganzen genommen zu ſo niedrigem Preiſe, daß ich wohl berechtiget war, mich durch eine ſelbſtbereitete Verbeſſerung meines Verhält⸗ niſſes bezahlt zu machen. Ich habe die Lioree ab⸗ gelegt und bin als„Ihr guter Freund’ mit Ihnen umhergezogen. Warum ſollten Sie nicht einen jün⸗ geren Freund haben, der Franz Sara heißt? Wer hört dem Namen an, daß er im Zuchthauſe fabri⸗ cirt wurde? Wie? Gleichwohl hatte dieſer ihr Reiſe⸗ geſellſchafter auch als ſolcher nicht den Himmel auf Erden; denn Ihre Launen ſind unzählbar und es gehört viel Geduld zum dauernden Umgange mit einem Manne Ihres Gleichen. Ich fügte mich; die Freiheit war einmal verkauft, wenigſtens ſo lange die Reiſe währte. Doch die Rache, das Recht an ſie, hab' ich Ihnen nicht verkauft; ſie wäre mir auch gar nicht feil geweſen, hätten Sie mir dafür zahlen wollen ſo viel als Sie dem— geliebten Hausfreunde zuwarfen, da Sie ihm Agneſens Nachlaß ſchenkten. Ha, ha, er iſt fertig damit! Seine jungenhafte, un⸗ ſinnige Verſchwendung hat ihn ſchon wieder—— 4 „Haſt Du ihn geſehen?“ fragte Emil;„iſt er hier? Ich hab' es geahnet!“ „Ruhig! Kaltes Blut! Wenn er auch hier am Orte ſich befindet, für's Erſte geht es ihm ſchlecht; 38* er hat ſich gerade heute tief genug erniedriget, um vor meiner Nache ziemlich ſicher zu ſein. Doch hab' ich ſeine Faͤhrte und halte ſie feſt. Der Spürhund, den ich ausfand— eine Hündin iſt's, aber mit feiner Naſe,— wird mir dienen, wie ich's verlange. Seien Sie ohne Sorgen; gehen Sie Ihren Angele⸗ genheiten nach in Geldſachen, ich werde Ihre Ehren⸗ ſache wahrnehmen, indem ich meinem Haß genüge. So lange er ſeinen Eid nicht brach— mag er dieß verächtliche Daſein weiter führen. Seine Spur, wie geſagt, verlieren wir nicht mehr: ich— und Lucie. Denn, damit Sie's nur wiſſen, Lucien fand ich wie⸗ der, bei ihr hab' ich mich verſpätet,— und nun fragen Sie nicht weiter, warum ich unwirſch bin. Gehen Sie zu Bette, Emil!“ Emil von Schwarzwaldau that, was Franz Sara ihm befohlen. Einundzwanzigſtes Capitel. Caroline ſtand mit ihrer Mutter am offenen Fenſter und ſah über die breite Gaſſe, in welcher das Gaſthaus ‚zum ſchwarzen Roß' belegen, nach dem alten Pulverthurme, durch deſſen hochgewölbte 39 Pforte ſo eben ein junger Mann in'’s Innere der Altſtadt Prag's gegangen war, den ſie für Guſtav hielt.„Ich habe deutlich geſehen, denn dazu iſt noch Tag genug, daß er,“— ſo ſprach ſie zu Mama Reichenborn,—„unten am Hausthore mit dem Por⸗ tiet redete. Gewiß hat er ſich nach uns erkundiget? Gewiß folgte er uns aus Dresden hierher nach Prag. Und nun haben die dummen Menſchen, die niemals einen Namen ordentlich behalten, ihn fortgeſchickt, und er ſucht uns vergeblich im Engel, oder Gott weiß wo?“ „Wenn das der Herr von Thalwieſe geweſen iſt, derſelbe, der neulich in Dresden... 4 „Derſelbe, liebe Mutter!“ „Nun, meine liebe Caroline, dann mach' ich mich anheiſchig, ihn— aufzueſſen, ſobald Du mir's geſtatteſt, und ihn nicht etwa ſelbſt aus närriſcher Liebe freſſen willſt! aufzueſſen wie er geht und ſteht. Das war ſo gewiß ein ganz anderer Menſch, als es außer Deinem Guſtav noch andere Menſchen giebt; wenn auch nicht für Dich, wie ich merke! Sage mir nur, Kind, wie es möglich wurde, daß die eine einzige Stunde des Wiederſehens Dich wieder gar ſo ſehr in Flammen ſetzte? Ich dachte, das wäre längſt verwunden und verſchwunden?“ 40 „So lange diejenige lebte, die ihn mir ab⸗ wendig gemacht, die ihn mir geraubt;— oder vielmehr: ſo lange ich ſie noch am Leben wähnte, mußte er nothwendig todt ſein für mich. Warum hätt' ich Dich mit meinen Leiden, mit meiner Sehn⸗ ſucht nach ihm ängſtigen ſollen? Warum Dir das Daſein verderben? War es nicht genug, daß ich das meinige verdarb? Daß ich mich abquälte und abhärmte? Ach, es giebt keinen größern Gram, als haſſen zu wollen, wo man ſo innig liebte! Und ich habe Agnes geliebt. Da kommt nun er, den eine Bezauberung mir entriß und zeigt ſich, frei von jenem Zauber, mir wieder geneigt. Die uns trennte iſt begraben; ein furchtbarer Rache⸗Engel iſt für mich eingeſchritten. Darf ich nicht glauben, daß dieſer, nachdem er ſein blutiges Amt verwaltet, ſich in den Schutzgeiſt meiner Liebe umwandeln, daß er mir den Reuigen zuführen wollte?“ „Das klingt ſehr hübſch, aber ich ſehe kein gutes Ende. Von mir und meinen Befürchtungen will ich ſchweigen; ich bin ſtets eine allzu nachgie⸗ bige Mutter geweſen. Doch des Vaters Abneigung wider den jungen Herrn“...... „Hat ſich bedeutend verringert, ſeitdem er ihn perſönlich kennen lernte.“ 41 „Das will ich nicht leugnen. Dennoch iſt noch ein großer Abſtand, von der Aeußerung: ‚nicht ſo ſchlimm, wie ich mir ihn dachte!’ bis zu der Er⸗ laubniß auf die Du hoffſt! Du hoffſt überhaupt zu viel von dem Gegenſtande Deiner heißen Liebe. Haſt Du denn auf einmal vergeſſen, was Du ſelbſt über ihn geſagt, wenn Du Dein betrogenes Herz in das Herz Deiner Mutter ausgeſchüttet? Und ſoll er ſich denn ſeitdem ſo gänzlich umgeändert haben, daß er aus einem Flatterhaften, Treuloſen, ein ſolider Ehemann werden könnte?“ „Mutter, ſprich dieß fürchterliche Wort nicht aus; es klingt abſcheulich. Was ihr, was Vater, was Du, was Deine alten Freundinnen ſo benennt, hat mich immer von dem Gedanken an eine Heirath zurückge⸗ ſchreckt. Es waren ja wohl ‚ſolide Männer’ nach eurem Sinne, die ihr mir vorſchlugt, die ihr meiner beſonderen Aufmerkſamkeit empfahlt? Gott erbarme ſich! Lieber wollt' ich unvermählt bleiben und mir von unſern Gaſſenjungen eine alte Jungfer um die andere nachrufen laſſen! Solche Freier, die den Werth einer Roſenſlur danach berechnen, ob die Blumen als Futter für unſere Kuh benützt werden könnten! Für ſie giebt es kein Früͤhlingsgrün wie die Leinſaat, aus welcher Flachs bereitet wird; für ſie keinen Sommer, 42 als um ihre Getreideſpeicher zu füllen; kein Ge⸗ birge, außer jenem, wo Gold und Silber gegraben wird; keinen Klang, wie den Klang der Münzen; kein Buch, wie ihre Rechnungsbücher; keine Schön⸗ heit, wie die des Beſitzes. Ich will ſolchen ſoliden Gatten nicht; mein Gefühl ſträubt ſich dagegen, als Waare verhandelt zu werden.“ „Da lebſt Du denn doch vielleicht in einem gro⸗ ßen Irrthume, Caroline. Ich mache Dir keinen Vor⸗ wurf darüber, denn ich verſtehe Dich und Deinen inne⸗ ren Zuſtand vielleicht beſſer, als Du ſelbſt ihn ver⸗ ſtehſt. Ich bin auch jung geweſen und habe auch meine eigenen Gedanken gehegt über dieſe Dinge, wenn gleich mir's heute niemand mehr anſieht; habe auch die Abneigung empfunden, bei einem Handels⸗ Abſchluß zwiſchen zwei Vätern, gleich einer Zugabe in den Kauf gezogen zu werden mit meiner Perſon. Ja, gewiß, Linchen, mir hätte auch Dieſer oder Jener beſſer zu Geſichte geſtanden, wie Dein guter Vater, der mir ſchon zu wenig jung war, zu wenig hübſch und viel, viel zu ‚„ſolide.“ Dennoch, wenn ich jetzt ſo zu⸗ rückdenke; wenn ich mein Geſchick vergleiche mit je⸗ nem verſchiedener Jugendfreundinnen, von denen et⸗ liche der Stimme des Herzens folgen durften, die Eine ſogar ihren Willen gewaltſam durchſetzte gegen 43 den Willen der Ihrigen!..... Sie haben ſämmtlich kein gutes Loos gezogen. Gerade bei der Letzteren bewährte ſich's, daß ihre Perſon recht ſchmäh⸗ lich verkauft worden war an den ſchlechten Geſellen, der ſite zu lieben vorgab, damit er ihre Ausſtattung in ſeine Klauen bekäme! Sie iſt von ihm geſchieden und lebt durch Wohlthaten und Almoſen.“ „Was Du ſagſt, kann wahr ſein. Und ich bin nicht ſo leichtgläubig, daß meines Vaters Reichthum nicht ſchon oft mir zu ähnlichen nahe liegenden Be⸗ ſorgniſſen Anlaß gegeben haben ſollte. Ja, ich hegte damals in Schwarzwaldau einen Verdacht dieſer Art gegen Guſtav. Davon hat er mich völlig geheilt; er ſelbſt, durch ſeine Untreue! Denn als er mich um Agneſens Willen ſchmählich verließ, ſtellte er ſeine Ehre in jenem Puncte ſiegreich wieder her. Sei⸗ nen Trieben folgend, ohne Rückſicht, ohne Berechnung, bewies er, daß er wohl ein leidenſchaftlicher, aber durchaus kein eigennütziger Menſch ſei. Sie lockte ihn, die ſtolze, ſpröde Männerfeindin, die ſüße Heuch⸗ lerin; ſie verlockte ihn, er widerſtand ihr nicht und ließ mich ziehen. Aufrichtiger, ehrlicher fand niemals eine Trennung Statt. Jetzt iſt ſie todt, zwei Jahre liegen dazwiſchen, er hat ſie vergeſſen, er wendet ſich mir wieder zu... wie ſollt' ich an ihm zweifeln? 44 Waͤr' ihm nicht ſo zu Sinne, er gäbe ſich wahrlich nicht die Mühe, mich's glauben zu machen.“ „Wer Dich ſo reden hört, ſollte meinen, Du ſeieſt Wunder wie ſehr im Klaren über Dich und da⸗ bei läuft Dir ſehnſüchtige Ungeduld einmal über das Andere mit der Beſonnenheit auf und davon. Caro⸗ line, ich fürchte, Du giebſt Deinen Trieben zu willig nach: nur von glühender Begier umſchleierte Augen haben Viſionen, wie jetzt eben die Deinen, wo Du ihn zu erblicken meinteſt.“ „Ich verleugne nicht die Gluth, die durch meine Adern rinnt; vor Dir nicht, Mutter; mag ich auch alle Uebrigen durch erlogene Kälte täuſchen. Mit vierundzwanzig Jahren ſind die Forderungen der Ju⸗ gend noch nicht in ewigen Schlaf gelullt. So lange ich haſſen, ihn im Arme einer verrätheriſchen, falſchen Freundin verwünſchen, ſie anklagen und beneiden durfte, ſo lange behaupteten feindſelige Triebe ihre Gewalt über zärtliche. Dir hab' ich nie verhehlen wollen, wie heiß es unter der Aſche glüht. Wird es Dich befremden, daß die Lohe plötzlich wieder aufſchlägt?“ „Es befremdet mich nicht, mein armes Kind; es beängſtiget mich nur.“ „Und dennoch wirſt Du mir helfen, den Vater 45 für Guſtav zu ſtimmen; ſeine Einwilligung zu er⸗ ſchmeicheln, wenn...“ „Ja, wenn Dein Guſtav in der That ſich ein⸗ ſtellt, darum anzuſprechen; wenn er wirklich kommt, um Dich zu werben...“ „Da kommt er!“ rief Caroline triumphirend aus und wies mit dem Finger in die Dunkelheit hinab, auf dieſelbe Männergeſtalt, die ihr bereits vorhin Guſtav's Bild vor's Auge gerufen, und die jetzt wie⸗ der auf den Gaſthof zu ſich bewegte. „Meine Brille ſagt mir, daß er's nicht iſt;“ äu⸗ ßerte gutmüthig Mama Reichenborn;„ſollte meine Brille Recht behalten über Dein ahnendes Herz?“ In der That ſchien er's nicht zu ſein; denn aber⸗ mals näherte er ſich dem Hausthor, wechſelte wieder einige Worte mit dem Pförtner und mit einem müſ⸗ ſig dort lehnenden Lohndiener und entfernte ſich ſo⸗ dann, dieſesmal die entgegengeſetzte Richtung ein⸗ ſchlagend; er ging den ſogenannten Graben hinauf, ohne ſich auch nur nach den Fenſtern umzuſchauen. „Nein, das kann er nicht ſein!“ ſeufzte kopf⸗ ſchüttelnd Caroline.„Aber ich will wiſſen, nach wem er ſich zweimal erkundigte?“ Sie läutete nach dem Lohndiener. Dieſer nahm es ſehr übel, als an ſeiner Kenntniß und richtigen 46 Ausſprache der im Hötel verzeichneten Fremden⸗Na⸗ men gezweifelt wurde; er verſicherte die Damen: nicht nach ihnen, ſondern nach einem ſicheren Herrn von Thalwieſe, der aus Dresden eintreffen wolle, habe eben der junge Cavalier heute ſchon unterſchiedliche Male gefragt. Caroline blieb auf dieſe Kunde niedergeſchlagen und tiefſinnig ſitzen, ohne ihr Geſpräch weiter fort⸗ zuführen. Die liebevolle Mutter gab ihr lächelnd zu verſtehen, daß ihre Betrübniß unerklärlich ſei, nachdem ſie nun Gewißheit habe, daß Guſtav ein⸗ treffen werde. „Im Gegentheil, Mutter; irgend ein ſchwerer Unfall droht ihm, hat ihn vielleicht ſchon ereilt! Zu allen Zeiten und in allen Landen bedeutet es nahen Tod, wenn Einer nach ſich ſelbſt fragt!“ Der Mutter Lächeln ging jetzt in lautes Lachen über und weil Herr Reichenborn, der im Neben⸗ zimmer ſeine Dunkelſtunde und ſeine dritte Pfeife beendet, mit der Bemerkung, es ſei Zeit in den Speiſeſaal zu wandern, zwiſchen ſie trat, ſo verlangte er auch ſeinen Antheil an der Gattin Heiterkeit. „Caroline ſieht Geſpenſter, Väterchen; ſie hat Erſcheinungen und glaubt an Vorzeichen, deßhalb lach' ich ſie ein Bißchen aus!“ 47 „Das kommt von ihrem ewigen Leſen, von den romantiſchen Büchern,“ ſagte Herr Reichenborn, der Gattin den Arm reichend. „Sie müßte bald heirathen,“ flüſterte dieſe ihm zu, ſo leiſe, daß Caroline es nicht vernahm;„wenn ſie für Mann und Kind zu ſorgen hätte, würde ſie nicht ſo viel grübeln und träumen.“ „Freilich müßte ſie, aber wen? Es iſt ihr ja Keiner anſtändig, den ich auswähle?“ „Darüber ſprechen wir vor Schlafengehen, Rei⸗ chenborn; hier auf der Treppe läßt ſich das nicht abmachen.— Wo bleibſt Du, Caroline?“— Sie ſuchten den kleinen runden Tiſch auf, den ſie dieſe Tage über inne gehabt und den ſie, da er nur vier Plätze darbot, faſt gänzlich einnahmen. Herr Reichenborn ſaß und aß für Zwei. Dabei ließ er ſich gern überraſchen; die Kellner mußten für ihn auswählen; mochten ſie ihm auch das Theuerſte bringen, er tadelte ſie nicht, er bezahlte willig. „Wenn ich einmal Gaſt bin,“ pflegte er zu ſagen, „ſo will ich auch ein honetter ſein und die armen Teufel ſollen wiſſen, daß ſie in mir einen wohlha⸗ benden Mann bewirthen.“ Deßhalb ließ er auch trotz ihrer Gegeneinwen⸗ dungen für Frau und Tochter ſerviren, als ob ſie 48 ſeine Fähigkeiten beſäßen und wenn Mama Reichen⸗ born, die übrigens keine Verächterin guter Schüſſeln war, ihn aufmerkſam machte, ſie ſei ſatt, und es wäre Schade, daß die Kellner unberührte Speiſen wegnehmen müßten, ſo replicirte der ſplendide Rei⸗ ſende:„Mögen ſie's hinunterſchlingen; ſie haben junge Magen!“ Daß er bei ſolchen Geſinnungen in jeglichem Speiſeſaale willkommen und bei ſämmtlichen Gaſt⸗ hofs⸗Perſonalen an der Elbe, Moldau und Spree, wo⸗ hin ſeine Wege ihn nur geführt, persona grata war und blieb, iſt leicht zu denken. So auch hier, wo man ihn längſt kannte, und wo Jeder ihn verbindlich anſchmunzelte, dem er einen Blick gönnte. Heute wollte die Sache nicht recht in Gang kommen. Reichenborn ſtellte ſeiner Tochter melan⸗ choliſchen Ernſt, ihr entſchiedenes Verſchmähen jeder Nahrung mit den Worten zuſammen, die ſeine Frau ihm auf der Treppe zugeflüſtert und ſetzte ganz rich⸗ tig voraus, die Beiden hätten vorher eine darauf bezügliche Unterredung gepflogen. Carolinens gan⸗ zes Benehmen hatte ſich ſeit dem Dresdner Gar⸗ tenconzerte ſo ſichtbar verändert, daß des Vaters Beſorgniß nothwendig auf Herrn von Thalwieſe zurück geleitet werden mußte. Dieſe Erinnerung 49 und ſeiner Tochter Schweigen verdarb ihm ein We⸗ nig das Behagen am Abendtiſche. Er verſchwieg es nicht:„Wenn ich Dir ſo gegenüberſitze und habe Dein langes Geſicht vor mir, da bleibt mir der Biſſen im Munde ſtecken. In Dresden und auf der Reiſe warſt Du ganz anders. Ich möchte Dich froh ſehen. Froh und guter Dinge, wie ich es bin. Meine Geſchäfte ſtehen gut; Alles in Ordnung; übertriebene Gerüchte; vollkommene Sicherheit; kein Gulden verloren!“ „Nun, dann iſt ja weiter kein Grund zur Klage vorhanden, Vater; um mein langes Geſicht mache Dir keine Sorge, wenn Du nur Dein Geld gerettet weißt; das bleibt ja doch die Hauptſache.“ „Allerdings,“ erwiderte Herr Reichenborn, der die Ironie nur aus Carolinens Mienen ahnte, ſie aber aus einem nach ſeiner Meinung mathematiſch begründeten Satze unmöglich heraus ſinden konnte; wallerdings bleibt es die Hauptſache, weil es mir —(und hier erhob ihn die Liebe für ſein einziges Kind zu wahrhaft grandioſem Schwunge!)— weil es mir die Mittel bietet, Dich glücklich zu machen!“ „Darf ich Dich beim Worte nehmen?“ wollte Caroline ausrufen, doch der Klang eines Poſthorns 1856. II. Schwarzwaldau. II. 4 50 und das Geräuſch eines vor die Hausthür rollenden Wagens erſchütterten ſie dermaßen, daß ſie inne hielt. „Da kommt ein Reiſender an,“ ſagte Reichenborn; „und zwar mit Extrapoſt; der muß es eilig habenz wahrſcheinlich ein Courier? Meinſt Du nicht auch, Linchen?“ Linchen war noch nicht ſo weit geſammelt, um Antwort auf dieſe neckende Frage zu ertheilen. Die Mutter übernahm's für ſie:„Warum ein Courier, Väterchen? Alle Leute haben nicht Deine Vorliebe für die Schneckenpoſt unſeres Pirnaiſchen Lohnkut⸗ ſchers und wer es irgend mit ſeinen Finanzen ver⸗ einbaren kann, nimmt gern Poſtpferde.“ Das Wort ‚Finanzen’ bewährte ſogleich ſeine ſtets erprobte Wirkung auf den alten Rechner: es veranlaßte ihn, die vor einigen Secunden der Tochter gemachte Zuſicherung zu bereuen. Anf ſei⸗ ner Stirn ſtand geſchrieben: Nicht ohne beſonderen Grund hat das Poſthorn meine empfindſame Toch⸗ ter eleetriſirt! Die Gefahr rückt näher; Reichenborn, halte Dich tapfer. Dann ſprach er, nicht höhniſch, obwohl gutmuͤthig ſpöttelnd:„Es freut mich nur, daß die Verſicherung meiner väterlichen Liebe Dir ſo viel galt, Caroline; Du machſt wirklich kein ſo langes Geſicht mehr, wie vorhin. Aber, wie wär' „ 51 es, wenn wir die Tafel aufhöben und zur Ruhe gingen?“— „Wir verlangen es nicht beſſer,“ ſagte Mama. „Nicht wahr, mein Kind? Du wirſt gern mit Dir und Deinen Gedanken allein ſein und ich— je nun, ich habe Mancherlei mit Papa durchzuſprechen, was Dich und Deine Gedanken betrifft.“ Reichenborn ſeufzte tief, reichte ſeiner Gattin den Arm und muſterte ſämmtliche vor ihm aufmar⸗ ſchirte Kellner mit einem Blicke des Neides, der ge⸗ deutet werden konnte: Ihr könnt lachen; ihr habt keine Töchter, welche in Windbeutel verliebt wären und ihr habt keine Frauen, welche euch in's Gebet nehmen wollen, ehe ihr ſchlafen geht! Zweiundzwanzigſtes Capitel. Verfaſſer dieſer Erzählung hat an andern Orten und bei andern Gelegenheiten ſchon mehrfach Klage zu führen verſucht über die tadelnswerthe Einrichtung unſerer vornehmſten Gaſthöfe in Deutſchland, wo es unter ſeltene Begünſtigungen gehört, ein Stübchen zu erobern, in welchem die Wände mehr aus Mauer, als 4* 5²2 aus großen, breiten, ſelten feſt ſchließenden, klappern⸗ den, zitternden, dünnen Seiten⸗Zwiſchen⸗Neben⸗Verbin⸗ dungsthüren beſtehen, und welche jegliche Bewegung, jegliche Regung, jeglichen Athemzug der Nachbarn weiter fortpflanzen, auch Alles, was der Gaſt unter⸗ nimmt, vor ungebetenen Ohren⸗Zeugen geſchehen laſſen. Es liegt darin eine Rükſichtsloſigkeit gegen Reiſende, beſonders gegen das weibliche Geſchlecht, die gera⸗ dezu unbegreiflich ſein würde, käme ihr die faſt noch unbegreiflichere Gleichgiltigkeit derer, ſo darunter lei⸗ den, nicht zu Statten. Wenn alle Menſchen die Em⸗ pfindungen des armen Schreibers theilten, der den geringſten Zufluchtsort im abgelegenſten Winkel eines dritten Stockwerks, wofern derſelbe nur ein wirklich abgeſchloſſenes Wohnzimmerchen darbietet, dem größ⸗ ten Prunkgemache mit einem Vierteldutzend Flügel⸗ thüren vorzieht,— die Herren Hötel⸗Inhaber hätten ſich längſt genöthiget geſehen, ein halbes Hundert jener Schall⸗Leiter vermauern, oder doch wenigſtens durch Doppelthüren und transportable Iſolatoren, in Form ſchützender Strohſäcke dämpfen zu laſſen. Carolinens Gemach grenzte einerſeits an dasje⸗ nige, welches ihre Eltern inne hatten, auf der anderen Seite an ein zufällig leeres; wenigſtens war es noch un⸗ bewohnt geweſen, da der Vater ſie und Mutter in 53 den Speiſeſaal abzurufen kam. Jetzt, nachdem ſie gute Nacht gewünſcht und ein ſtummes Stoßgebet, von ſprechendem Augenaufſchlagen begleitet, der Mutter für deren beabſichtigte Unterredung zurückgelaſſen, endeckte ſie, daß neben ihr jemand eingezogen ſei, denn ſie vernahm Tritte,— wenn auch ſehr leiſe, in weichen Pantoffeln ſchlürfende. Wahrſcheinlich der Fremde, den das Signal des Poſtillons gemel⸗ det!!— War Er’ s? Und wenn er'’s war, wußte er, wer Thür an Thür mit ihm hauſe? O, unbe⸗ zweifelt! Denn ihretwegen einzig und allein war er ja nach Prag gekommen. Deſſen fühlte ſie ſich ge⸗ wiß. Und der Spuk, der ſie in der Dämmerung geängſtiget? Er war vergeſſen; die geſpenſtigen Ah⸗ nungen, das geheimnißvolle Grauen waren ent⸗ wichen vor der lebendigen Nähe des viel Gehofften, oft Verwünſchten, glühend Geliebten! Dennoch, oder vielmehr darum ermahnte ſie ein mädchenhaftes Gefühl für Schicklichkeit, ſich abzuſperren, vor etwaigem Beſuch zur unpaſſenden Stunde ſicher zu ſtellen. Sie ver⸗ ſchloß und verriegelte zuerſt die Flurthüre zwiefach; dann begab ſie ſich,— wenn auch zitternd,— zur Seitenthür, um dieſe ebenfalls zu verſperren... Sonderbar! der Schlüſſel, den ſie im Laufe des Ta⸗ ges ſtecken geſehen zu haben meinte, war verſchwun⸗ 54 den; einen Nachtriegel fand ſie eben ſo wenig: es fehlte der Griff desſelben und ſchien gewaltſam abgebrochen zu ſein. Schon hatte ſie die Hand am Glockenzuge, Bedienung herbei zu läuten,... da beſann ſie ſich, daß ſie unnützes Aufhebens und ſich vor den Stubenmädchen durch ihre Zimperlichkeit lächer⸗ lich machen würde. Wer hieß ſie denn annehmen, daß der Reiſende nur irgend nach ihr frage? Von ihr wiſſe? Er konnte ja ein ganz Fremder ſein. Jede Vorſichtsmaßregel erweckte erſt Verdacht. Vielleicht hatte der Nachbar den Schlüſſel, den ſie auf ihrer Seite erblickt zu haben wähnte, der ſich gleichwohl auf der ſeinigen befand, längſt doppelt umgedreht, um ſeinen Schlaf vor jeder Störung zu ſichern? Ja, gewiß, die Thür war geſchloſſen und der Nachtriegel ſchon gebrochen geweſen, da ſie einzog; ſie hatte nur nicht darauf geachtet.— Jetzt hörte ſie deutlich, wie das Bettgeſtell des Nachbars in ſeinen Angeln knickte und knackte. Zuver⸗ läſſig hatte ſich der Mann zur Ruhe gelegt. Ach, das war nicht Guſtav! Eine Angſt weniger,— aber auch eine Hoffnung! Und abermals bemeiſterten ſich trübe Ahnungen, mit allem Aberglauben ſehnſüchtiger Bangigkeit ihres ſonſt ganz klaren Verſtandes: Wenn er unterweges 5⁵ verunglückt wäre,— wenn er auf dem Wege zu ihr ſeinen Tod gefunden,— wenn Agnes, die ei⸗ ferſüchtige Freundin ihn abgefordert hätte, weil ſie ihn Carolinen zum zweitenmale mißgönnte?— Wenn die räthſelhafte Erſcheinung des nach ſich ſelbſt fra⸗ genden Doppelgängers ein Vorzeichen geweſen?— Welche Albernheiten ſchwatzt nicht ein zwiſchen Wa⸗ chen und Schlafen hin und her ſchwankender Traum! Und in dieſe unklaren Bilder drang wieder das Ge⸗ murmel der mütterlichen Stimme, welche da dirin auf Papa Reichenborn hineinredete, der nur anfäng⸗ lich von Zeit zu Zeit einen bedenklichen Einwand laut werden ließ, dann aber nachgiebig verſtummte, wor⸗ auf dann auch der Mutter beſchwichtigende Rede nicht weiter floß. „Es iſt ihr gelungen,“ klagte Caroline;„ſie hat ſeine Widerſprüche beſiegt; ſie ſind einig entſchlum⸗ mert. Guſtav würde nicht zurückgewieſen werden, wenn er käme, meine Hand von ihnen zu begehren! Ach, er wird nicht kommen. Lebend nicht. Nein, er weilt nicht mehr unter den Lebendigen, ſonſt.... ha, ſein Geiſt!—“ Die Thüre ging langſam auf und der Nachbar trat ein. Caroline konnte im Finſtern eben nur die Geſtalt eines menſchlichen Weſens erkennen und vor 56 dieſer entſetzte ſie ſich dermaßen, daß ſie tödtlich er⸗ ſchreckt ihr Antlitz in den Kopfkiſſen barg. Doch nicht ſo tief, daß nicht ein flüſternder Mund ihr Ohr er⸗ reicht und ihr das ſüße Wort„Verzeihung!“ glück⸗ lich zugelispelt hätte! Ach ja, Guſtav's Ton war es wohl, der bis in ihr Herz bebte. Aber giebt es nicht auch abgeſchie⸗ dene Geiſter, die um Verzeihung flehen, damit ſie Ruhe finden? Hatte er nicht ſträflich genug an ihr gehandelt, daß er, dafür büßend, umgehen ſollte nach ſeinem Tode? Armes Geſpenſt! Und es ſlehete ſo inbrünſtig. Es lag auf den Knieen vor ihr, recht wie ein leben⸗ diger Anbeter. Es drückte eine ſo warme Wange an ihre heißglühende. Ueber's Grab hinaus dürfen ge⸗ kränkte Eitelkeit und Groll nicht dauern. „Ja doch, ich verzeihe! Finde Ruhe im Grabe!“ ſtammelte ſie. „Nur an Deiner Seite!“ ſagte er. Seine Prager Angelegenheiten ſind zu Herrn Reichenborn's vollſtändiger Zufriedenheit geregelt und die Familie rollt heiter und guter Dinge nach Tep⸗ litz. Der Vater, voll Zuverſicht, daß in lauen Heil⸗ quellen ſein Wohlſein ſich befeſtigen werde; die Mutter 57 im Gefühl ihres Sieges wegen der Wahl, welche Caroline vielleicht treffen wolle, und des Gatten un⸗ bedingte Einwilligung im Hinterhalt; die Tochter... beſeliget durch die Erlöſung eines Nachtgeſpenſtes, dem nun wieder des hellen Tages Sonne lächeln wird. Denn was könnte ferner noch den Bewerber um ihre Hand abhalten, offen und ehrlich als ſolcher aufzutreten? Sie hatten ſich denn eben erſt häuslich einge⸗ richtet und durchwandelten zum Erſtenmale den ſchö⸗ nen Baumgang beim Curſaale, da zeigte ſich bereits im Gewühle Herr von Thalwieſe, der alſogleich die Dresdner Bekanntſchaft mit Carolinens Eltern er⸗ neuerte. Bald war er ihr unzertrennlicher Begleiter. Nach drei Tagen ſchon galt der hübſche Mann für des reichen Kauzes beſtimmten Schwiegerſohn. Viele ſchöne Mädchen zuckten die Achſeln, über welche ſie die Braut anſahen und ziſchelten ſich zu:„Geld zieht!“ Viele junge Herren meinten:„Der Bengel hat ein Pferdeglück; erwiſcht eine ſolche Erbin!“ An Neid fehlte es auf beiden Seiten nicht; eben ſo wenig als an Läſterungen; was jedoch geſelliger Freundlichkeit durchaus keinen Eintrag that; im Gegentheil. Und warum hätt' es in Teplitz anders zugehen ſollen, als in der ganzen Welt? Es fehlte alſo auch nicht , . 58 an wohlwollenden Perſonen verſchiedenſter Gattung, die ſich angelegen ſein ließen, dem Chef der Familie Reichenborn Verdacht gegen Herrn von Thalwieſe zu erregen. Leider fehlte es eben ſo wenig an Stoff dazu. Einige, die Guſtav aus ſeiner verſchwenderi⸗ ſchen Epoche nach Agneſens Tode kaunten, ſagten ihm nach, daß er das Geld mit vollen Händen durch's Fenſter werfe, daß er ein wüſter Schwelger ſei. An⸗ dere wieder, welche ihm während der letzteren Mo⸗ nate nahe gekommen, verſicherten, der junge Menſch lebe ſehr dürftig und ſei gänzlich herunter. Caroline und ihre Mutter, ja ſogar der Angeſchuldigte ſelbſt, hatten im Vereine dafur geſorgt, daß alle jene und noch ſchlimmere Gerüchte, anſtatt hinderlich zu werden, vielmehr günſtig und fördernd wirken mußten. Sie hatten Papa Reichenborn bei guter Zeit zum Ver⸗ trauten, zum Mitwiſſer gemacht; hatten ihm Gu⸗ ſtav's Noth, die Noth ſeiner verwitweten Mutter, das von Schulden belaſtete, gänzlich vernachläſſigte, doch durch genügende Beihilfe leicht in Flor zu bringende Thalwieſe ſo lebhaft ausgemalt; hatten dabei ſo viel vom Grenzſee am Walde geredet, wo die Liebenden ſich zuerſt geſehen; hatten im alten Herrn ein Gelü⸗ ſten erweckt, ſich mit klingenden Summen auf die Landwirthſchaft zu werfen; der Subhaſtation durch 59 einen Kauf aus freier Hand zuvorzukommen; Thal⸗ wieſe in ein Paradies umzuwandeln; in dieſem Pa⸗ radieſe den Reſt ſeiner Tage zu verleben, als ‚Ritter⸗ gutsbeſitzer,“(wie man es damals noch nannte,) und durch entſprechende Protectionen zu erreichen, daß er ſich„Herr von Thalwieſe nennen und nach ſeinem Ableben friſch geadelt neben die verſtorbenen Träger dieſes Namens in die Gruft geſtellt werden könne. Ja, ſolch' ein lächerlicher Schwindel hatte dem fonſt höchſt practiſchen Rechnungsmanne ſeinen klaren Kopf umnebelt. Er vernahm es gern, wenn Guſtav davon ſprach und die ſicherſten Wege bezeichnete, auf denen in der Reſidenz die Sache durchgeſetzt werden könne. Mama lächelte im Stillen darüber und ſagte ihrer Tochter:„Ihr macht meinen Alten ganz verdreht und es gehört meine ſündliche Liebe für Dich dazu, daß ich nicht dazwiſchen fahre! Hat man ſo was er⸗ lebt!“— Gewinnt ein im Comptoir ergrauter, ſein bis⸗ heriges Daſein nur einem Zwecke widmender, jede Aeußerlichkeit verachtender Geſchäftsmenſch, in ſpä⸗ teren Jahren erſt dem Leben noch einige eitle, thö⸗ richte Wünſche ab, ſo geſchieht es wohl, daß er ſich zu den ſeltſamſten Inconſequenzen verführen läßt. Dergleichen zu begehen, zeigte Herr Reichenborn 60 ſich äußerſt willig und Guſtav benützte die Umwand⸗ lung, ſich dem Schwiegervater geradezu unentbehrlich zu machen. Ermattet von den Stürmen ſeiner jüngſten Vergangenheit, fand es der Heuchler nicht ſchwer, ſich wie einen vollkommen Gebeſſerten, nach häuslichem Glück und danernder, friedlicher Verbin⸗ dung Trachtenden darzuſtellen; was ihm um ſo leichter wurde, je weniger für den Augenblick der Badeort an gefährlichen Verführungen darbot. Die Curzeit Reichenborn's verging raſch, durch heitere Landparthieen in den reizenden Umgebungen von Teplitz belebt. Für Carolinen waren dieſe Wochen der Himmel auf Erden. Nichts ſtörte ihr volles, überſchwängliches Glück, außer bisweilen der Zweifel, ob es denn wirklich ſei? ob ſie nicht träume? ob ſie nicht erwachen werde? Gram und Kummer, Ban⸗ gen und Sehnen hatten reicher Wonne des Beſitzes weichen müſſen. Für ſie gab es keinen trüben Tag, keinen kalten Regen, keine graue Wolke mehr. Sie glaubte ſich geliebt, ſie liebte; ſie wollte, ſie dachte, ſie fühlte nichts Anderes. Von Guſtav läßt ſich dasſelbe nicht behaupten. Er liebte erſtens nicht; nicht einmal in dem Sinne, wie er die Liebe verſtand. Caroline reizte ihn nicht, er zwang ſich zur Zärtlichkeit gegen ſie und es 61 bedurfte der ganzen Erinnerung an ſeine hoffnungs⸗ loſe Lage, um dieſen Zwang mit täuſchendem Er⸗ folge durchzuführen, weil Agneſens Angedenken,— das einzige tiefere und heilige Gefühl dieſes leeren Lebens!— ſeit der Sterbeſtunde der früh Ver⸗ geſſenen nie ſo mächtig in ihm erwacht war, als es jetzt that, wenn er ihrer Freundin vorlügen ſollte, daß er ſie eigentlich immer mehr geliebt habe, wie die Verſtorbene. Alſo er liebte nicht, die ihn liebte; er wollte nicht, was ſie wollte; denn war auch ſein Dichten und Trachten auf baldige Verheirathung gerichtet, gleich dem ihrigen, ſo wichen doch die Zwecke dieſes Trachtens weit von einander ab. Er dachte dabei an nichts, was eine glückliche Ehe begründen könnte; er dachte nur an die Mittel, die ihm zufallen würden, für ein bequemes, üppiges Leben. Dabei fühlte er ſich ganz glücklich,— und was Caroline dann fühlen werde, wenn ſie erſt zur Beſinnung gelangte, das war zunächſt ſein geringſter Kummer. Dagegen drückte ihn ein anderer, auf deſſen Beſeitigung zu ſinnen, das tägliche Bedürfniß ihn aufforderte. Jene Baarſchaft, welche er zur Ausſtattung für die Brautfahrt auf eine ſo zweideu⸗ tige Art kurz vor der Abreiſe von Dresden(unter 62 Form eines Darlehens) der ſogenannten Fürſtin abgeſchwatzt, ging auf die Neige und Papa Reichen⸗ born durfte nichts davon gewahr werden: er mußte ſeinen künftigen Eidam für einen zwar verarmten, aber dennoch ſtets in kleinen Ausgaben geordneten Menſchen halten, der um keinen Preis Schulden machen wolle. Was ſollte nun geſchehen? An Ort und Stelle ſich Credit zu eröffnen, was ihm unter ſo vielverſprechenden Auſpicien als Bräutigam einer ſo reichen Erbin leicht geworden wäre, ſchien höchſt gefährlich; denn Neider und Neiderinnen konnten dahinter kommen und ihn verrathen. Von der Fürſtin, die er bei Nacht und Nebel gemieden, ohne einen Grund dafür anzugeben, ſtand nichts mehr zu erwarten; vielmehr verbot ihm Vorſicht durchaus, die leidenſchaftliche Frau auf ſeine Spur zu leiten; ſie wäre toll genug geweſen, ihm zu folgen, ihn aufzuſuchen und als zwiefacher Gläubiger aufzutreten! Er befand ſich in peinlicher Verlegenheit, die letzten Thaler ſchwanden, und ſchon war er auf dem Puncte, ſich ſeiner Braut zu entdecken, obgleich mit Widerſtreben gegen die demüthigende Abhängig⸗ keit, die ähnliche Geſtändniſſe und Bitten leicht her⸗ beiführen;— da ward ihm Beiſtand durch eine abermalige Zuſchrift ſeiner Mutter. Die arme Frau 63 ſchilderte ihre Lage als nicht länger haltbar; man bedrohte ſie mit perſönlichem Arreſt, wenn ſie nicht wenigſtens über drei tauſend Thaler ſogleich dispo⸗ niren könnte. Guſtav ließ ſich angelegen ſein, die Drei der mit Zahlen geſchriebenen Summe in eine hübſche, deutliche Fünf zu verwandeln und verlor dann den Brief ſo geſchickt, daß Caroline ihn finden mußte. Es entſtand, da ſie aus der Niedergeſchla⸗ genheit ihres Bräutigams ſchon errathen hatte, was ihn bedrücke und, Vertrauen fordernd, leſen wollte, was er ihr eigenſinnig verweigerte, eine Art zärtli⸗ cher Katzbalgerei zwiſchen ihnen, die er zu verlängern und geräuſchvoll zu machen verſtand, bis endlich Vater und Mutter davon Kenntniß nehmen mußten. Da war denn bald ein Entſchluß gefaßt. Der frü⸗ her entworfene Plan, daß ſie nach Reichenborn's vollendeter Badecur gemeinſchaftlich nach Thalwieſe reiſen wollten, wurde, weil noch einige Bäder in Rückſtand blieben, dahin abgeändert, daß Guſtav ihnen voran eilen, die erforderlichen Fünftauſend mit nehmen und daß die Familie wenige Tage ſpäter ihm folgen werde. Vater Reichenborn verſicherte, daß er noch nie in ſeinem Leben fünftauſend Thaler mit ſo herzlicher Bereitwilligkeit hergegeben, wie dieſe: einmal, weil ſie die Mutter ſeines theuren Schwie⸗ 64 gerſohnes aus augenblicklicher Bedrängniß retteten; ſodann, weil ſie ja gewiſſermaßen ſeinen eigenen Intereſſen zu Statten kämen, denn er betrachte Thal⸗ wieſe ſchon wie ſeine Heimath. Guſtav beſtätigte das und bat ihn, er möge hinzuſetzen: wie ſein Eigenthum. Dann wurde Abſchied genommen. Caroline trö⸗ ſtete ſich nur durch die Ausſicht auf baldiges Wie⸗ derſehen und ihr Geliebter ſetzte dieſer Ausſicht die hellſten Lichter auf, da er ihr zuflüſterte:„Unſer erſter Spaziergang iſt nach dem kleinen See im Walde, wo ich dießmal nicht ſchlafen will.“ Dreiundzwanzigſtes Capitel. Wer es geweſen, den Caroline beim Zwielicht für den in Prag nach ſich ſelbſt fragenden, Unheil verkündenden Doppelgänger Guſtav's zu nehmen über⸗ ſpannt genug war, darüber können wir, der Andeu⸗ tungen aus Dresden gedenkend, durchaus nicht im Zweifel ſein. Franz hatte bemerkt, daß er aus obe⸗ ren Fenſtern beobachtet und belauſcht werde. Er ſtellte alſo ſpätere Nachforſchungen behutſamer an und wußte es einzurichten, daß in Teplitz, wohin 65 er den Reiſenden folgte, niemand ihn ſah, während er doch ſehr genau erfuhr, was daſelbſt vorging. Mit der unumſtößlichen Gewißheit: Guſtav und Cary⸗ line ſollten Mann und Frau werden, kehrte der Rachſüchtige zu Emil zurück. Welch' ſcharfes Gift ließ ſich nicht aus dieſer überraſchenden Nachricht bereiten! Tropfenweiſe flößte der zum Herrn gewordene Diener die gefährliche Miſchung Jenem in die Adern:„Sie werden in Thal⸗ wieſe wohnen; werden unſere Nachbarn ſein; vor ſeiner Gattin wird er kein Geheimniß bewahren; wird ſeinen Eidſchwur brechen; die Tochter wird es ihrer Mutter vertrauen, dieſe wird es dem dicken Kaufmann ausſchwatzen; die Dienſtboten, das ganze Dorf wird davon reden; nach Schwarzwaldau wird es dringen und die Mägde werden ſich's hohnla⸗ chend in den Kuhſtällen erzählen!“ „Dem will ich zuvor kommen,“ rief Emil in wilder Aufregung;„ich will erſt noch einmal vor ihn treten, wie der Geiſt ſeiner Vergangenheit, warnend und drohend! Wir gehen, ihn zu finden, ehe es zu ſpät wird!“ Franz hatte erreicht, was er gewollt. Sie rei⸗ ſeten miteinander ab. 1856. II. Schwarzwaldau. II. 5 66 Guſtav von Thalwieſe war, die Wangen mit Carolinens wehmüthigen Wonnethränen benetzt, in ſein Gaſthaus gekommen, feſt entſchloſſen wirklich ſogleich aufzubrechen, doch nicht ganz ſicher, ob er nicht unterweges Halt machen und vielleicht in Dres⸗ den auf einige Tage Entſchädigung ſuchen werde für den vier Wochen hindurch in ſeiner Braut und ſeiner Schwiegereltern Nähe ihm auferlegten Zwang? An Gelde fehlte es ihm ja nicht, Dank ſei der Drei, welche ſich ſo widerſtandlos in eine Fünf um⸗ wandeln laſſen. Noch überlegte er, ob es nicht zweckmäßig ſei, wie ein beſcheidener Badegaſt mit halbländlichem Fuhrwerk, ohne Poſthornklang und ohne Aufſehen den Schauplatz ſeines ſchwererrungenen Sieges über die Philiſter zu räumen und knüpfte, von der Klugheit ſolcher Entſagung erfüllt, mit dem Hausknecht ein darauf bezügliches Geſpräch an, als er ſich bei Na⸗ men rufen hörte. Es ſind Gefährten aus den Ta⸗ gen ſeiner zügelloſeſten Verſchwendung, die da oben neben ihm einkehrten, und ihn, auf den ſie hier durch⸗ aus nicht rechneten, mit lautem Jubel begrüßen. Sein Bedauern, ihrer Aufforderung zu luſtigem Gelage nicht folgen zu können, weil er ohne Säumen abreiſen müſſe, wird mit Hohn erwidert.„Du ſtehſt 67 in keiner Pflicht und keinem Amte,“ heißt es;„Du haſt nichts Beſſeres zu thun, als Deinem Vergnügen zu leben, und wir verfolgen dasſelbe Ziel. Einwen⸗ dungen werden nicht angenommen. Reiſe morgen, wenn Du willſt; dieſer Abend, dieſe Nacht gehören uns! Du biſt uns ohnedieß noch Bericht ſchuldig über Deine ſarmatiſche Schöne”“.... „Um Gotteswillen, ſchreiet nicht ſo fürchterlich; aus allen Fenſtern gucken neugierige Ohren heraus!“ „Ha, er fürchtet ſeinen guten Ruf! So iſt es wahr, daß er auf Freiersfüſſen geht? Wohlan, Bru⸗ der Lüderlich, entweder Du biſt heute mit uns, oder wir ſind wider Dich und zerreißen Deine Renom⸗ mee dermaßen, daß kein Schneider in Teplitz ſie Dir wieder zuſammenflicken ſoll! Entſchließe Dich!“ „Und das bald,“ ſetzte der Baron hinzu,„wenn Du nicht willſt, daß ich Dich während Deiner Abwe⸗ ſenheit von Teplitz bei Derjenigen ausſteche, bei der Du mich auf dem Linb'ſchen Bade ausgeſtochen. Biſt Du niedrig genug geweſen, Roſſini zu verleug⸗ nen, um Dich bei den deutſchen Kleinſtädtern ‚liebes Kind' zu machen, ſo trage ich kein Bedenken Dich zu verleugnen und Deiner Goldfaſanhenne Geſchichten zu erzählen...“ „Ich komme!“ ſchrie Guſtav hinauf.„Ich bleibe 5*½ 68 bei Euch, ich ſaufe mit Euch, ich thue was Ihr wollt,— nur haltet das Maul!“ Dann beſtellte er beim Hausknecht den Einſpänner für morgen mit Tages⸗Anbruch und begab ſich, wohin Furcht vor Skandal und Neigung zum Trunke ihn lockten. Die drei Pflaſtertreter empfingen ihn mit allen Ehren. Der Tiſch vom Mittagseſſen ſtand noch da, nur daß weder Schüſſeln noch Teller, daß bloß Gläſer und Flaſchen darauf prangten. Koſtbare Cigarren, glück⸗ lich durch die Peterswalder Mauthſchranken geſchwärzt, lagen in rohen Baſtgeflechten viertelhundertweiſe zur Auswahl vor. Guſtao erſtaunte über dieſe Fülle verbotener Waare.„Das iſt noch nichts,“ belehrte ihn der Baron;„zehntauſend Stück, in Kiſten ver⸗ packt, führ' ich bei mir; mein ganzes disponibles Capital hab' ich in Havannah⸗Glimmſtengel geſteckt, und hoffe es hier durch heimlichen Kleinhandel zu verdoppeln! um ſo ſicherer, da ich nur baar ver⸗ kaufe, beim Einkaufe en gros ſchuldig blieb! pro- fit tout clair.“ „Das begreif' ich,“ verſicherte Guſtav,„aber unbegreiflich iſt die Einſchmuggelung eines comple⸗ ten Cigarren⸗Lagers!“ „Nichts einfacher. Die Kiſten waren hinten aufgepackt, in die Flechten und Decken, wo andere 69 ehrliche Leute ihre Reiſekoffer feſt binden laſſen. Als wir uns dem Zollbaume näherten, welcher niederge⸗ laſſen die Paſſage hemmte, rief ich, wie wenn ich es den Vorübergehenden erzählen wollte, und zwar in meinem reinſten Berliner Jargon: ‚Seine Maje⸗ ſtät ſpeiſen in Pillnitz und treffen heute Abend ein!’ Ehrlich zu reden, ich wußte nichts davon und glaube auch nicht, daß Seine Majeſtät vor drei Tagen nach Teplitz zurückkehrt? Doch irren iſt menſchlich, und für eine ſolche vague Aeußerung kann man keinen Menſchen zur Rechenſchaft ziehen? Nicht wahr? Dennoch erfüllte ſie meinen Zweck. Ich hatte nicht umſonſt auf die Anhänglichkeit gerechnet, welche der Monarch in dieſer Gegend überall findet. Kaum war mein Ruf erſchollen, als auch ſchon die Stimme des Controleurs von Innen ertönte:„Zum Gefolge des Königs!“ Und rrrr! ging der Zollbaum empor, unſer Poſtillon fuhr unten durch wie das Wetter, die Beamteten grüßten ehrfurchtsvoll und zehntauſend Stück a usländiſcher Cigarren befanden ſich im Lande. Quod erat demonstrandum. Jetzt nehmt Platz, greift zu und die Sitzung kann wieder beginnen!“ Sie begann mit Neckereien über Guſtav's Braut⸗ ſtand von Seiten der zwei Beiſitzer, die ihn als wenig berufen darſtellten, ein guter Ehemann zu 70 werden.„Laßt euch darüber unbekümmert,“ ſprach der Baron,(aus welchem, trotz all' ſeiner ſcheinbaren kameradſchaftlichen Theilnahme, doch der Neid mit ſprach,)„ſie werden ihn ſchon unterkriegen. Guſtav bekommt nicht allein eine volljährige Frau; er hei⸗ rathet obenein die ſorgſamſte Mutter und den ſpar⸗ ſamſten Vater. Dieſe ſollen ihn ſchon an die Leine nehmen, daß er keine dumme Streiche mehr macht. Heut' uͤber's Jahr iſt er zahm, dafür ſteh' ich. Für ihn giebt es kein weibliches Weſen mehr, außer ſei⸗ ner charmanten Gemahlin; dieſe wird ihn vollſtän⸗ dig in Anſpruch nehmen, ſie ſieht mir ganz danach aus. Und nichts macht ſo überdrüßig gegen das Leben und des Lebens Luſt, als die Laſt eines ſol⸗ chen Ehejoches; je maſſiver im Golde, deſto ſchwerer drückt es natürlich. Da hilft kein Schütteln; es ſitzt feſt und beugt den Nacken. Uebrigens hat er ja ſtets die Flaſche geliebt. Wir alle wiſſen, daß er des edlen Weines bedurfte, um geſprächig zu werden; daß er paſſabel viel vertilgen mußte, ehe man ihm etwas abmerkte. Sie werden ihm zu trin⸗ ken reichen, damit er gehorſam zu Hauſe bleibe und er wird ſich dem ‚ſtillen Suff' übergeben. Ich ſeh' ihn ſchon mit einer werthvollen Kupfernaſe im Kreiſe der lieben Seinigen, wie er als echter Landwirth 71 über ſchlechte Zeiten klagt und dabei nichts deſtowe⸗ niger alljährlich taufen läßt.“ „Dieſe Ausſichten ſind keinesweges ſchlecht,“ lachte Guſtav,„und Du möchteſt herzlich gern mit mir tau⸗ ſchen. Um Dich nicht Lügen zu ſtrafen, will ich euch heute ſchon den Beweis geben, daß mein Schwieger⸗ papa nicht geſonnen iſt, mich Durſt leiden zu laſſen. Ich erkläre mich bereit, eure Rechnung hier im Gaſt⸗ hofe zu übernehmen und will mit gutem Beiſpiele vorangehen, wenn auch für heute noch ohne rothe Naſe. Der Wein mag lließen; aber auf ſeinen Wel⸗ len ſollen Liebesgötter ſich ſchaukeln, von Roſen um⸗ kränzt. Ich unterſage, in der Eigenſchaft eines Vor⸗ ſitzenden, die mir gebührt, weil ich ſie bezahle, jeden Hinweis auf eheliche Pflichten, goldene Joche, bin⸗ dende Ketten und häusliche Sclaverei. Ich verlange allgemeine Freiheit der Converſation und gleiche Be⸗ rechtigung mit euch. Jener Franzoſe hat den Aus⸗ ſpruch gethan: Liebeshändel würden das höchſte ir⸗ diſche Vergnügen ſein, wäre es nicht ein noch größe⸗ res, davon zu ſchwatzen. Dieſer Mann verdient unter den ſieben Weiſen, ja über ihnen genannt zu werden. Ob ich morgen früh von euch ſcheide, dahin zu zie⸗ hen,— wohin Geſellen eures Schlages mir nicht folgen dürfen?.. laßt's mich heute vergeſſen. Noch 72 bin ich frei; Geld hab' ich in der Taſche; am Weine fehlt es nicht. Auf, muntre Schwimmer, kämpft mit den Fluthen!“ Und die Gläſer klangen zur fröhlichen Erwide⸗ rung dieſer Anrede. „Wenn man ſich's recht überlegt,“ hub derjenige an, den die tolle Sippſchaft ‚Miß Viola“ nannte, weil er einem blonden Mädchen glich und immer mit reiſenden Engländern verkehrte;„wenn man ſich's recht überlegt, kann Guſtav nichts Klügeres beginnen, als was er jetzt zu thun im Begriffe ſteht. Er hat das Seinige geleiſtet auf dem Felde der Ehren. Mag er heimkehren, im Schatten väterlicher Eichen den Pa⸗ triarchen zu ſpielen!“ „Wie lange denn?“ wendete der Vierte, ſeiner dunklen Geſichtsfarbe und anderer, minder ſchuldloſer Eigenſchaften wegen mit dem Spitznamen ‚der Zi⸗ geuner’ behaftet, dagegen ein;„er iſt noch viel zu jung, um abzuſchließen. Was kann er denn Großes durchgemacht haben, ein halbes Kind wie er iſt? Sei er jetzt ein Bißchen ermüdet aus dem letzten polni⸗ ſchen Kriege gegangen, ein Bißchen enttäuſcht, ein Bißchen überdrüßig, das ſind momentane Zuſtände die keine Dauer verbürgen. Ehe ſich's ſeine Wärter verſehen, wird ihnen der eingeſperrte Tiger eines 73 Tages den Käſich zertrümmern und ausbrechen. Der muß noch viel Blut lecken, bis er ſatt wird! Hat ja noch nichts erlebt! „Ich? noch nichts erlebt?“ „Was denn, Bürſchchen? Was denn? Doch nichts Anderes, als Miß Viola, als höchſtens der Baron! Nichts als ſchlichte, nichtige, in den Sand flacher All⸗ täglichkeit verlaufende Intriguen, ohne pſychologiſche Bedeutung, ohne ernſte Gefahr, ohne furchtbaren Schau⸗ der, in welchem zuletzt doch einzig der tiefere, ergrei⸗ fende Reiz liegt. Für manche Leute,“— und dabei ſchielte der Zigeuner den Baron und Miß Viola ſpöt⸗ tiſch an,—„mag das genügen. Dir genügt es nicht, Guſtav. Es kann nicht. „Und warum nicht ihm?“ fragte der Baron, be⸗ leidiget, daß er weniger tragiſche Elemente in ſich führen ſolle.„Iſt Guſtav aus feſterem Thone ge⸗ knetet?“ „Das weiß ich nicht. Doch ich leſe in ſeinen Zügen, auf ſeiner Stirn, der geheimnißvolle Glanz ſeines Auges ſagt mir, daß es nicht ſein Schickſal iſt, auf dem Dorfe friedlich zu verbauern.“ „Zigeuner, Du willſt Deinem nom de guerre entſprechen: Du giebſt Dich mit Propheten⸗Künſten ab! Guſtav iſt ein Phlegmatiker, den nur gute 74 Geſellſchaft und brauſender Umgang ſtimulirte. Ein ge⸗ borener Philiſter, der ſeinem Stande als verheirathe⸗ ter Faulenzer Ehre machen wird!“ „Miß, Du verſtehſt davon ſo viel wie die Henne vom— Hahnenkampf, trotz Deines Umgangs mit Engländern. Was er zu thun im Stande iſt,— das wag' ich nicht vorherzuſagen. Daß er aber in große Thaten, in eriminelle Begebenheiten verwickelt ſein wird, ja, daß er ſchon bedenkliche Schlingen trug und trägt, das ſeh' ich ihm an.“ Miß Viola und der Baron lachten höhniſch. Guſtav nahm des Zigeuners Aeußerungen, die Jenen für Scherze in gewohnter Weiſe galten, ernſt⸗ haft.„Lacht nicht uͤber ihn,“ ſagte er zu den Andern; „es könnte etwas Wahres daran ſein.“ „Jetzt will er ſich intereſſant machen,“ rief der Baron:„will uns Räthſel vorlegen und Märchen auf⸗ binden, als ob er Wunder was erlebt hätte und noch zu erleben dächte! Wetten wir: wenn es gilt, weiß er nichts vorzubringen, was die Farce mit der gefür⸗ ſteten polniſchen Jüdin überträfe!? Daß dieſe an⸗ und für ſich paſſabel war, kann ich nicht leugnen; wenigſtens nach den Echantillons zu ſchließen, die ich davon kenne. Es wäre edel, wenn Du uns den wirklichen Hergang mittheilteſt. Vielleicht gelingt es 75 Dir, auch der Miß dadurch einigen Reſpect vor Dei⸗ nen Anlagen zur Ruchloſigkeit, woran es der Schmacht⸗ lockigen mangelt, beizubringen?“ Guſtav ging,— faſt verächtlich gegen ein ſo nichtsſagendes Ereigniß,— auf die Mittheilung der näheren Umſtände ein, die wir gern entbehren, weil ſie uns in ihren Hauptzügen ſchon bekannt, in ihren frivolen Nüancen durchaus nicht geeignet ſind, Hörer oder Leſer zu erbauen, welche nicht eben ſeinen Ge⸗ noſſen gleichen. Das Reſultat der ſchlechten Ge⸗ ſchichte war, daß er jene alternde Thörin mit Luci⸗ ens Beihilfe wacker geprellt und ihr erlogene Hul digung möglichſt theuer verkauft habe. „Daran,“ urtheilte der Zigeuner,„iſt freilich nichts Beſonderes und läßt ſich keine blutige Kataſtrophe davon erwarten; es müßte denn ſein, daß die Betro⸗ gene einen rächenden Dolch fände, der jedoch hier zu Lande ſchwer aufzutreiben iſt. Was aber die kleine Intrigue über das Gewöhnliche erhebt und ihr min⸗ deſtens einen haut gout verleiht, iſt die Verwendung des herausgelockten Geldes. Wäre dieß den ſchlich⸗ ten Weg alles Fleiſches gegangen, ſo verdiente die Sache keine Aufmerkſamkeit. Weil es hingegen be⸗ nützt wurde, Ritter Kurt's Brautfahrt auszuſtatten, und weil das Laſter in ſeiner Art der Tugend 76 dienen mußte, was unter die Ausnahmen gehört, will ich der Anekdote einen Platz in meinem erotiſchen Plutarch,— ſo nenn' ich das Notizbüchlein, welches in Chiffern allerlei intereſſante Skandäle enthält,— flüchtig vormerkend vergönnen.“ „Plutarch?“ fragte Guſtav zerſtreut;„was heißt denn eigentlich Plutarch? Iſt das nicht ein Buch in vielen Bänden, welches ein Herr Kaltwaſſer ge⸗ ſchrieben?“ Weder Miß Viola, noch der Baron vermochten die unermeßliche Tiefe dieſer Ignoranz auch nur zu ahnen, geſchweige denn zu ergründen. Der Autor des göttlichen griechiſchen Vademecums,(wie ihn, Jean Paul glaub' ich? benennt,) gehörte durchaus nicht in den Kreis ihrer Bekanntſchaften. Deßhalb wendeten ſie ſich mit fragenden Geſichtern dem Zigeuner zu. Dieſer blies eine blaue Wolke vor ſich hin und ſagte dann bedächtig:„Streng genommen, iſt mit euch nicht zu leben; ihr ſteht zu niedrig in Allem, was geiſtige Bildung, was Wiſſen heißt. Deßhalb auch erheben ſich eure Thaten ſelten über das Gemeine, Gewöhn⸗ liche. Mit dem Bißchen Laſterhaftigkeit iſt es nicht gethan. Verbindet ſich dieſe nicht mit Wiſſenſchaft und claſſiſchem Geſchmack, ſo geb' ich keine Pfeffer⸗ nuß dafür. Wie, zum Teufel, Guſtav, kamſt du auf 1 77 ſolche dumme Frage? Und wo haſt Du nur ſo viel von Plutarch erlauſcht, daß Du Kaltwaſſer's Ueber⸗ ſetzung kennſt? Nimmſt Du denn überhaupt ein Buch vor die Naſe, wenn es nicht von Clauren herrührt?“ „Das iſt eine lange Geſchichte,“ ſprach Guſtav, und dann verſtummte er. „Dem läuft der Tod über's Grab,“ äußerte die Miß;„er kriegt eine Gänſehaut.“ „Ich wäre begierig auf Deine lange Geſchichte; allem Anſcheine nach, verſpricht ſie Etwas.“ „Nein, Zigeuner; damit iſt's nichts. Die gehört nicht mir allein. Die modert im Sarge und der Sarg iſt mit einem Eide geſchloſſen.“ „Das müßte doch mit dem Henker zugehen,“ prahlte der Baron,„wenn wir den Schlüſſel dazu nicht ausfindig machten? Ich ſchlage vor, Jeder von uns Dreien erzählt Dasjenige aus ſeinem Leben, worüber bisher, ſei's aus einem Reſtchen von Scham, ſei's aus feiger Beſorgniß, noch ein Schleier liegen blieb. Wozu Rückſichten? Sind wir nicht Vertraute? Und was die Befürchtung vor Verdrüßlichkeiten betrifft, binden wir uns gegenſeitig die Zungen, indem Jeder die Geheimniſſe des Andern zur Aufbewahrung em⸗ pfängt und zur Discretion verpflichtet iſt, weil er ſelbſt darauf rechnet. Gehen wir mit gutem Beiſpiel 78 voran. Guſtav muß dann nachfolgen, er mag wollen oder nicht. Ich will beginnen, da der Vorſchlag von mir herrührt.——— Es giebt Dinge, die vor dem irdiſchen Geſetz für Verbrechen gelten, die doch vor göttlichem Gericht lange nicht ſo ſchlimm ſind, als gar Manches, was nicht nur, wenn es auch an den Tag käme, unge⸗ ahndet bleiben, was Demjenigen, der es verübte, der ſich deſſen vielleicht rühmt, nicht einmal Schande brin⸗ gen würde. Dahin rechnen wir die Abſcheulichkeiten, die junge Herren von gutem Tone, nicht minder wie rohe Burſchen von pöbelhaften Sitten, ſich im Um⸗ gange mit unerfahrenen Mädchen erlauben, deren Leichtgläubigkeit ſie durch Verſprechungen blenden, vorher ſchon feſt entſchloſſen: betrügen, verführen, und dann ihr Opfer verlaſſen zu wollen. Wenn nun ſolche Infamie in der Hitze jugendlichen Blutes, in dem durch ſelbſtſüchtige Liebe umnebelten Verſtande, in den leichtſinnigen Verirrungen eines ſonſt nicht gerade böſen Herzens,— keinesweges freilich Ent⸗ ſchuldigung, doch Erklärung und unter Umſtänden Nachſicht finden kann, ſo bleibt die Gleichgiltigkeit des öffentlichen Urtheils darüber völlig unerklärt und unverzeihlich. Und die Inconſequenz des Haufens von Männern und Weibern, die man bezeichnend genug 79 ‚die Welte nennt, zeigt ſich nie und nirgend nackter, ſchrecklicher als in ihrer Härte gegen Jenen, in ihrer Milde gegen Dieſen. Einen ſtößt ſie aus, weil ein Fleck auf ihm haftet, unter welchem mit einigem guten Willen leicht ein redliches Gemüth zu erkennen wäre; den Andern nimmt ſie huldreich auf, ohne ihm an⸗ zurechnen, daß ſeinetwegen und nur durch ihn manch' jugendliches Leben im Staub', im Schmutze hinwelkt, oder verfault. Hab' ich doch einſt im Kreiſe brillanter Cava⸗ liere und Sportmänner die beifällig beſtätigte Mei⸗ nung ausſprechen hören: ‚Einem Mädchen gege⸗ ben, bindet kein Ehrenwort!““ Nun, das war denn auch des Barons Motto für ſeine ruhmredigen Bekenntniſſe. Miß Viola zögerte nicht, ihn abzulöſen, und mit zünſtigem Erfolg; denn er bewegte ſich in anderem Genre, in einer höheren Sphäre, zu welcher vornehme Verbindungen ihn zogen. Der Zigeuner hatte mitleidig zugehört:„Was ſind das für Miſeren? Was Ihr da zu Markte bringt, läßt ſich, einigermaßen apretirt und geſäubert, in jeder Damengeſellſchaft vortragen. Von ſchauerlichen Con⸗ flieten, von Verantwortung, von drohenden Gefahren keine Rede! Es gehört Eure Plebejer⸗Natur dazu, in 80 dieſen Suecceſſen Befriedigung der Eitelkeit zu finden. Sie mögen genügen fuͤr Schulknaben.“ „So behandelſt Du uns gern,“ entgegnete ihm der Baron,„und wir laſſen's uns gefallen, eigentlich doch nur, weil noch Niemand gefragt hat, worauf Deine angemaßte Autorität ſich ſtützt? Ich will der Erſte ſein, der dieß thut. Ich will endlich einmal eine jener Räubergeſchichten vernehmen, die Du bisher, in myſtiſches Dunkel gehüllt, immer nur andeuteſt. Rücke doch heraus mit den Ereigniſſen, durch welche, glaubt man Deinen wichtigen Mienen, Caſanova neben Dir zum reinen Joſeph werden müßte.“ „Caſanova war ein tüchtiger Kerl, ſeiner Zeit; ich zolle ihm Achtung und ſchlage vor, morgen eine Partie nach Dux ſeinem Angedenken zu widmen. Aber, da er alt wurde, radotirte er und in ſeinen Memoiren ſteht viel unnützes Gewäſch. Er wurde ſchon ein Greis, da er zu ſchreiben begann. Greiſe ſchwatzen. Junge Männer leben der That Von meinen Thaten könnte ich auch nur Einiges erzählen, wenn wenigſtens Einer von Euch im Stande wäre, Etwas dem Aehnliches einzuſetzen und dadurch die Bürgſchaft der Diseretion zu leiſten, die der Baron bei Einleitung des Conviviums in Anſpruch nahm, deren Ihr aber nicht bedürft Was wäre denn an 81 Euren kleinen Pecadillen zu verſchweigen? Was wäre da ungewöhnlich? Nein, geht; Ihr habt nichts wie⸗ derzuerſtatten; warum ſollt' ich meinen Vorrath an Euch verſchwenden?“ Während er ſprach, ſpielten Verachtung und Hohn um ſeine Lippen und ſchienen zunächſt gegen Guſtav gerichtet, als wollte er prüfen, wie lange dieſer es aushalten würde? Offenbar ahneten die beiden An⸗ dern die verſteckte Abſicht, denn ſie ſtimmten kleinlaut bei und gaben endlich zu, ſie könnten nicht gegen den Zigeuner aufkommen. Daß unterdeſſen fleißig getrunken, unermüdlich eingeſchenkt und daß dabei ‚der Bräutigam“ nicht vergeſſen worden war, verſteht ſich von ſelbſt. Sie ſaßen, ſo zu ſagen, alle drei wider den Einen verbündet, der ſie bewirthete. Was ſie gegen ihn hatten? Je nun, was ſolche Herren gegen Denjenigen haben, dem die Ausſicht winkt, aus ruchloſem, Zeit⸗ und Leben⸗vergeudendem Nichts⸗ thun in eine feſte Stellung, in eine geſicherte Zu⸗ kunft überzugehen; dem ein Hafen offen ſteht, ſich aus wüſtem Sturme, welcher ſie verſchlingen muß, zu retten! Sie beneideten ihn, und weil ſie das nicht eingeſtehen mochten, verſpotteten ſie ihn; ganz in Art und Weiſe der Freundſchaft, wie ſie in ähnlichen Kreiſen gehegt und gepflegt wird. Es giebt 1856. II. Schwarzwaldau. II. 6 8² nichts Niederträchtigeres, als die Freundſchafts⸗ Verhältniſſe lüderlicher, eleganter Stutzer. Die Ver⸗ bindungen von Räuberbanden, welche ſich unterein⸗ ander Treu und Glauben ſchenken, ſind ehrenwerth im Vergleiche damit. Und wehe den Unerfahrenen, die noch gutmüthig und leichtgläubig genug ſind, derb⸗ treuherzige Scherze für den Ausdruck wahrer Geſin⸗ nung, ehrlich⸗gemeinter Cameradſchaft zu nehmen! Guſtav ſtand nach zweijähriger Lehrlingsfriſt noch immer auf dieſer niedrigen Stufe der Beſchränktheit. Er glaubte mehr oder weniger noch an die Möglich⸗ keit einer Gemeinſchaft gemeiner Seelen. Hatten ſich bisweilen Zweifel dagegen erheben wollen,— jetzt ſchlug der Wein ſie nieder; der feurige Wein, der ihn antrieb, ſich dem Zigeuner ebenbürtig zu zeigen: „Du ſitzeſt auf einem verteufelt hohen Pferde und ſpreizeſt Dich ſehr; doch ſei verſichert Du müßteſt herabſteigen, wenn ich reden wollte.“ „Oho!“ machten Miß Viola und der Baron. „Das kann Jeder ſagen,“ ſagte der Zigeuner. „Sagen kann es Jeder,“ antwortete Guſtav, nun ſchon gereizt,„aber beweiſen könnte ich's;— wenn ich dürfte!“ „Wenn er dürfte!? Da hört Ihr's! Er darf nicht; er geſteht ein, nicht reden zu dürfen und 83 will uns vorlügen, er habe gethan, was doch min⸗ deſtens ſehr ſtreng verboten geweſen ſein muß, wenn es hierher paſſen ſoll. Ei, junger Philoſoph, der Du den Plutarch für die Erfindung eines deutſchen Pro⸗ feſſors hältſt, wo haſt Du Logik ſtudirt? Uns möch⸗ teſt Du weiß machen, Du habeſt ungeheure Sachen erlebt, aber ein alberner Eid binde Dir die Zunge, wenn es gilt, ſich in Reſpect zu ſetzen? Suche Dir einen Narren, der ſo etwas hinnimmt; bei mir brennſt Du von der Pfanne!“ „Sehr wahr,“ rief Miß Viola;„wozu wären die falſchen Eide da, wenn ſie nicht beſchworen wer⸗ den ſollten, oder gebrochen? Er ſpreche und breche den ſeinigen!“ Guſtav zögerte noch. In ihm ſtritten dunkle Mächte um die Herrſchaft über ein edleres Gefühl. Um den Leichnam des Moſes ſtritten ſich gute und böſe Engel und da die erſteren ſchier zu kurz kamen, erhob ſich der Gewaltige noch einmal aus dem To⸗ desſchlummer, ſie ſelbſt zu verjagen. Guſtav's Erin⸗ nerung an Agnes,— auch ſchon ein Leichnam,— vermochte nicht mehr, ſich zu erheben; vermochte nicht mehr, den guten Engeln Hllfe zu bringen; darum bemächtigten die böſen ſich ſeiner und trugen ihn davon. Und als die heil'ge Stätte in der Bruſt, die 6* 84 bisher dem Angedenken einer beſſeren Empfindung (war dieſe auch nicht mehr lebendig,) doch immer noch als Gruft gedient,— als ſie leer wurde, öde, wüſt,— da zogen die ſchwarzen Geiſter jauchzend ein und ſprachen aus ihm. Guſtav von Thalwieſe begann zu erzählen. Auf Miß Viola und den Baron machten die Anfänge der Geſchichte keinen ſonderlichen Effect; Emil's Char⸗ acter ſchien ihnen nicht neu, Agneſens Verhältniß zu Carolinen ein herkömmliches Mädchen⸗Inſtituts⸗ Bündniß; des jungen Hausfreundes Stellung ganz angemeſſen einem ſogenannten„Krippenreiter,“ der ſich dabei ſehr wohl befinden könne. Nur der Zigeuner ging auf pſychologiſche Be⸗ trachtungen ein, ergänzte ſogar durch erläuternde Anmerkungen manche unklare Stelle in Guſtav's Bericht. Dieſer, je weiter die Begebenheiten vorſchritten, je unheimlicher ihm dabei wurde, erhitzte ſich immer mehr, trank immer haſtiger, gerieth immer tiefer in jenen eitlen Trotz, der ohne zu wiſſen warum? höch⸗ ſtens, um vor ſchlechten Geſellen als Held zu er⸗ ſcheinen, gegen Treu und Glauben Krieg führen möchte. Der Zigeuner,— die andern Beiden, wie ge⸗ ſagt, fanden Alles in der Ordnung,— hörte auf⸗ b 8⁵ merkſam zu, bis an den Punct, wo Angnes ihre ſtolze Kälte gegen Männer mit rückſichtsloſer Gluth für Guſtav vertauſcht. Da ſchlug er auf den Tiſch: „Du lügſt, Schlingel! Das iſt nicht innerlich wahr. „Ich gab Dir Deinen waſchlappigen Gutsherrn; Deine liebesbedürftige Buſenfreundin; Deinen verbiſſenen, nach allen Seiten hin eiferſüchtigen Leibjäger, Deine Männerfeindin aus Alabaſter,— alle gab ich Dir zu; doch eben deßhalb darfſt Du nicht erfinden; und willſt Du es thun, um zu prahlen, ſo erfinde ge⸗ ſchickter; laſſe Deine Leute nicht aus ihren Rollen fallen. Uebrigens zeigſt Du Talent für die Novelle; — beiläufig geſagt: ein neues, vielmehr erneutes Genre, welches Herr Tieck in Dresden eifrig cultivirt.“ „Du glaubſt mir nicht, Zigeuner? Du behaup⸗ teſt, ich lüge? Und ich ſtehe noch beim Anfange? Und Du willſt zweifeln, Du, dem nichts toll genug ſein konnte? Das thuſt Du mir zum Hohn! So wiſſe denn: dieſelbe Caroline, die ich um Agneſens Willen aufgab, wird jetzt meine Gattin; dieſelbe Agnes, die ſich anſtellte, als wären ihr alle Männer ſo gleichgiltig wie ihr eigener, ward meine Geliebte; unnd derſelbe Emil, der mich Carolinen nicht gönnte, machte mich zu ſeiner Gemahlin Erben;— aus Dankbarkeit. Das Geld, was Ihr mir ſo freundlich 86 verſchwenden halft, wovon Dir, Zigeuner, manches Goldſtück beim Knöcheln zufiel, es kam von ihm, von ihr... und nun wiederholt noch, daß ich nichts erlebte, daß ich ein dummer Junge bin!“ „Ich wiederhole, daß Du ein Talent biſt! Du gruppirſt leidlich, malſt mit friſchen Farben,— nur zu grell, wie es Anfängern immer geht. Du über⸗ treibſt,— ſonſt lügſt Du recht hübſch.“ „Ich lüge nicht. Ich nenne Namen!“ „Taufnamen, Kind, ſind keine Namen; ſind keine Beweiſe. Emil, Caroline, Agnes ſind Perſo⸗ nen, wie ſie dem Romanſchreiber Dutzendweiſe zu Gebote ſtehen; er braucht nur den Kalender aufzu⸗ ſchlagen. Unbeſtimmte Figuren! Nicht Menſchen von Fleiſch und Blut,— was doch Beides unerläßlich wäre, ſollten wir Dich für keinen Schwindler halten.“ „Der Teufel hole Dich, wenn Du von Schwin⸗ deleien ſprichſt, von Romanenſchreibern und Erfindun⸗ gen! Iſt Caroline Reichenborn, meine Braut, etwa eine Romanenſigur? Iſt die Herrſchaft Schwarz⸗ waldau, die mit Thalwieſe greuzt, etwa auch eine Er⸗ findung? Iſt Emil von Schwarzwaldau, iſt ſein Jäger Franz...“ Ein heftiges Gepolter im Nebenzimmer, wie von umgeworfenen Stühlen, unterbrach das laute 87 Geſchrei des Trunkenen. Er verblich, ſprang auf und blieb ſtarr und ſtumm mit offenem Munde ſtehen. „Ich wußte auf Seele nicht, daß wir Nachbar⸗ ſchaft bekommen haben,“ ſprach der Baron.„Wer kann das ſein?“— Und er läutete nach dem Kellner. Dieſer ſagte aus: Es wären, vor einer Stunde, zwei Herren eingetroffen, die erſt ein Zimmer, dicht neben jenem des Herrn von Thalwieſe bezogen, das⸗ ſelbe jedoch zu klein und eng gefunden und es mit dem hier anſtoßenden vertauſcht hätten. Wer ſie ſein möchten, ahne er nicht, doch könn' er es leicht erfahren, indem er ihnen das übliche Fremdenbuch ſogleich vorlege! Dieß zu thun, entfernte er ſich. Die Abſicht der Trinker, das Geſpräch fortzu⸗ ſetzen, wo es abgeriſſen,— wenn auch in gedämpf⸗ tem Tone,— ſcheiterte an Guſtav's hartnäckigem Schweigen. Er befand ſich in jenem ſchrecklichen Zuſtande der Trunkenheit, die in ſofern keine mehr iſt, als dem Rauſche die belebenden Schwingen feh⸗ len und nur ſein bleierner Druck auf dem Bewußt⸗ ſein des Säufers laſtet. Welchen Frevel er eigentlich begangen, vermochte er durchaus nicht ſich klar zu machen? Er empfand nur, die Qual gefrevelt zu haben. Um ihn war es Nacht; ſchwere, dumpfe, 88 troſtloſe Nacht. Schwarze Wolken umhüllten ihn, von zuckenden Blitzen durchkreuzt, die mit Feuerzü⸗ gen in rieſenhaften Lettern das Wort ‚eidbrüchig⸗ beſchrieben. Der Zigeuner flüſterte, ſo ruhig als hätten ſie reines Quellwaſſer geſchlürft:„Etwas Wahres mag doch wohl an der Geſchichte ſein, ſonſt würde er kein Armenſünder⸗Geſicht machen!“ Nach einigen Minuten legte der Kellner das Fremdenbuch vor. ‚Die Kaufleute Müller und Schwarz aus dem Elſaß' ſtanden eingezeichnet. Beide, ver⸗ ſicherte er, zeigten ſich ermüdet, lägen ſchon zu Bette und hätten ihn, in ihrem,— trotz ihrer deut⸗ ſchen Namen,— kaum verſtändlichen Deutſch, gäh⸗ nend befragt: ob denn der Spectakel daneben gar nicht aufhören werde? Schlafen könnten ſie dabei nicht und auch nicht einmal ven der Unterhaltung profitiren, da ihnen die Sprache zu fremd ſei?“ „Den Leuten kann geholfen werden,“ außerte der Baron;„wir haben genug geſchwiemelt, denk' ich; bezahlen wird der Bräutigam— und ich erkläre die Sitzung für geſchloſſen. Morgen ein Mehreres. Jetzt laßt uns erproben, wie man in Teplitz ſchläft?“ Sie räumten das Speiſezimmer und ſuchten ein Jeder ſein Schlafgemach. 89 Guſtav warf ſich unausgekleidet auf's Lager. Der Zigenner begleitete Miß Viola,„um ſich von deſſen langweiligem Gewäſch“— wie er es nannte—„in Schlaf lullen zu laſſen.“ Der Baron verlangte Feder und Papier, denn „er habe noch zu ſchreiben.“ „Biſt Du betrunken?“ fragten ſie ihn. „Betrunken bin ich, doch nur bis zum Grade des Hellſehens, und dieſer Zuſtand dictirt mir ein charmantes Epiſtelchen an unſeres Gaſtgebers Braut. Sie muß erfahren, von wem und wie ihr Gelieb⸗ ter ſich zur Reiſe hierher mit Gelde verſehen ließ. Ihr wird das Unterhaltung gewähren und ihm bin ich eine kleine Revanche ſchuldig, dafür, daß er mir bei dem Kleinſtädter⸗Volke zuvorkam. Ohne ſeine Dazwiſchenkunft hätt' ich die Ausſteuer dennoch er⸗ wiſcht,— und hätt' ich müſſen Roſſtni's Fahne ver⸗ laſſen. Es wäre eben eine Felonie geweſen in mu⸗ ſikaliſchem Geſchmacke, wie ſie in der Politik tau⸗ ſendmal vorkommt.“ Vierundzwanzigſtes Capitel. „Es iſt ruhig geworden nebenan,“ ſprach eine von Zorn bebende Stimme aus dem Bette zum 90 Lager des Gefährten hinüber;„jetzt können wir rathſchlagen.“ „Die Schweine ſind zwar in ihre Koben gekro⸗ chen,“ erwiderte Jener behutſam flüſternd;„doch wer bürgt uns dafür, daß nicht ein Lauſcher zurückblieb? Ihr unvorſichtiger Ausbruch von Wuth, da Sie Tiſch und Stuhl umſtürzten, hat die Beſtien ſtutzig gemacht. Was wir jetzt zu verabreden haben, darf nur Seine hölliſche Majeſtät hören. Ich begebe mich zu Ihnen.“ Franz Sara verließ ſeine Ruheſtätte und legte ſich neben Emil:„Nun, wer hatte Recht 2“ fragte er. „Du! Du! Immer wieder Du! Tod dem Ver⸗ räther; er muß ſterben!“ „Das muß er, ja! Aber ich bin's ja nicht. Weßhalb packen Sie mich und bohren Ihre ariſto⸗ kratiſch⸗gehaltenen langen Nägel in meine Schultern? Mein Blut ſoll ja nicht fließen!“ „Nein, Franz; das ſeinige!“ „Alſo laſſen Sie ab von mir und hören Sie mich an. Der Schurke, der Liebe, Dankbarkeit, Erinnerung, Vertrauen, feierliche Schwüre mit ſchnö⸗ dem Weine wegſchwemmt und darin verſäuft, wie man nur jemals neugeborne blinde Baſtarde von häßlichen Hunden erſäufte, darf nicht leben, darf nicht 91 länger prahlen mit Ihrer Schande; darüber ſind wir einig. Aber wie ſoll er ſterben? Durch weſſen Hand? Wollen Sie.. „Ich trete morgen vor ihn, werfe ihm ſeine Niederträchtigkeit in's Angeſicht, ſchlage ihn in die Augen und wir ſchießen uns, auf Tod und Leben!“ „Vortrefflich! Prachtvoll ausgeſonnen. Und wenn er Sie über den Haufen ſchießt?“ „Dann— ich verlange nichts Beſſeres!“ „Nach Belieben. Ich will daruͤber nicht mit Ihnen ſtreiten; obwohl Sie's bequemer haben könn⸗ ten, durch eigene Hand, ohne von mir gehindert zu werden, und ohne öffentlichen Skandal, der die Sache nur ſchlimmer macht. Nehmen wir aber den anderen Fall, den ſo genannten beſſeren: Sie jagen ihm Ihre Kugel in die Bruſt—“ „Ha, welche Wonne!“ „Eine ſaubere Wonne! Abgeſehen von der Fe⸗ ſtung, der Sie nicht entgehen, wird der Verſtorbenen Schande, wird die Ihrige dadurch abgewaſchen? Ein Duell auf den Tod macht allgemeines Aufſehen. Alle Welt fragt: weßhalb haben die Zwei ſich geſchoſſen? Die Saufbrüder, die jetzt nicht die entfernteſte Ah⸗ nung haben, daß ihre Nachbarn aus dem Elſaß zu jenem fabelhaften Schwarzwaldau in Beziehung ſtehen, 92 gewinnen morgen entſchiedene Gewißheit, ſobald Sie Sich zeigen und nennen. Indem Sie den Schur⸗ ken herausfordern, beſtätigen Sie als unumſtößliche Wahrheit, was Jene jetzt noch für„Dichtung und Wahrheit’ aus des Erzählers Erlebniſſen halten. Be⸗ ſtätigen es durch die That. Denn mögen Sie ver⸗ kündigen, ſo laut Sie können, Sie wollten nur einen Verleumder zur Rechenſchaft ziehen und dieſen be⸗ ſtrafen,— wer davon hört, wird ſagen, wie der Schuft, den ſeine Spießgeſellen den ‚Zigeuner’ nennen: Etwas muß doch daran ſein.“ „Was ſoll geſchehen?“ „Sie fragen mich? Seltſam! Wozu haben Sie Ihren Dolch mitgenommen?“ „Abermals haſt Du Recht! Auf die Klinge die⸗ ſes Dolches legte er den ſchändlich gebrochenen Schwur ab. Dieſes Dolches Spitze,— ſo ſprach er den Eid mir nach,— dürfe ich in ſein Herz bohren, wenn er jemals durch frevelnde Geſchwätzigkeit entweihen könnte, was ihm heilig bleiben ſollte! O, jetzt fühl' ich Muth! Zweifle nicht, Franz! Gerechter Zorn giebt mir Kraft. In dieſer Stunde noch... 24 „Was?“ „Will ich's vollbringen!“ „Sie ſind raſend, Emil! Das wäre ja zehnmal 93 ärger als der Zweikampf; zehnmal nachtheiliger in ſeinen Folgen,— des Henkerbeiles gar nicht zu ge⸗ denken. Na, nun ſchaudern Sie ſchon, bei dem ein⸗ zigen Worte. Menſch, was haben Sie für elende Nerven! Wer Dolche in Herzen ſtoßen will, den muß nicht Fieberfroſt ſchütteln, wie er das Beil nur nen⸗ nen hört. Auf dem Wege von hier bis an des Trunkenboldes Bett, verlören Sie zehnmal die That⸗ kraft.“ „So— thue— Du's—? Pfui, was hab' ich da geſagt!? Verzeih' mir, Franz; das war er⸗ bärmlich.“ „Nicht ſo ſehr, wie Sie meinen; wenigſtens nicht in Ihrem Sinne. Erbärmlich wär' es, weil es dumm wäre; nutzlos. Was die tugendhaften Menſchen Schandthat heißen, wird erſt dazu durch den Mangel an Klugheit. Nur der Dumme, wenn er ſchlechte Mittel anwendet, wenn er für thörichte Zwecke das Aeußerſte wagt, ſinkt zum gemeinen Ver⸗ brecher herab. Sie ſind klüger als ich in Allem, was gelernt werden kann. In Allem, was man mitbringt, was ſich aus angeborener Naturkraft entwickelt, bin ich Ihnen überlegen; bin ich klüger wie Sie. Mor⸗ den— aus innerſtem, unverlöſchlichem Rachedurſt, wie wir Beide ihn gegen den Herrn Grenznachbar 94 hegen,— das iſt natuͤrlich, menſchlich, erlaubt, wie jede Selbſthilfe, wo das Geſetz die ſeinige verſagt. Nur muß man's klug anfangen. Sich zu ſolcher Selbſthilfe bekennen, ſich als Morder fangen, ſich den Kopf dafür abhauen, oder ſich, wenn's gnädig abläuft, auf Lebenszeit dahin konfiniren laſſen, wo ich meinen Namen Sara mir holte, iſt nicht erlaubt, eben weil es dumm wäre. Unnatürlich, unerlaubt dumm! Ich nahm einmal aus einem. Ihrer Bücher⸗ ſchränke, unter andern Buͤchern, welche ich auf mein Jägerzimmer— Gott verdamm' es!— trug, ein Schauſpiel, nach, ich weiß nicht welchem, ſpaniſchen Dichter in unſere Sprache überſetzt. Es hieß: ‚Ge⸗ heime Rache für geheimen Schimpf. Und die Mo⸗ ral dieſes Drama's lautete: „Denn Rache ſchreit mit tauſend Zungen aus, Was die Beleid'gung kaum mit einer ſagte!' „Dieſe Moral wollen wir zu der unſrigen ma⸗ chen. Und Herr Calderon de la Barca— jetzt fällt mir ſein Name ein, wo ich ihn brauche,— mag ſte verantworten. Geheimniß bleibe Guſtav's Frevel. Was er davon bis jetzt ausgeſchwatzt, verläuft wie das Bächlein in den Strom,— in den Strom des rauſchenden, wechſelnden Lebens. Wird den drei Lum⸗ penhunden ſein Tod bekannt,— was übrigens nach 95 meinem Plane nicht ſo raſch eintreten dürfte,— ſo ſollen ſie, das iſt ebenfalls meine Sorge, auf eine fern von uns abliegende Veranlaſſung des Mordes ſchließen. Ehe Lucie,(die auf dem Sprunge ſteht,) ſich aus dem Staube macht, wird ſie Mancherlei plaudern, was uns Beide nicht berührt und dennoch nach Rache ſchmeckt. Das iſt abgemacht und gilt nur Denjenigen, die ſich perſönlich für ihn und wahrhaft intereſſiren; alſo zunächſt Carolinen. Daß er dieſer ſchon vor der Hochzeit Alles aus Schwarzwaldau vertraut habe, iſt nicht anzunehmen. So tolldreiſt war er nicht. Er wird ſie bei dem gelaſſen haben, was ſie aus eigener Anſchauung wußte, und das ſcha⸗ det nichts. Nach der Hochzeit ſoll er ihr keine Ent⸗ deckungen machen, wenn geſchieht was ich will. Was ich will aus Haß, was Sie wollen aus beleidigter, verrathener Liebe und Frenndſchaft, die denn auch Haß wird und als dieſer nicht minder nach Rache lechzt, wie der meinige. Sie tröſten ſich mit dem Gedanken, und ich raube Ihnen dieſen Troſt nicht, daß Ihre Motive edler, begründeter ſind, als die meinigen; daß Sie berechtiget ſind zur Rache, wäh⸗ rend ich nur dem niedrigeren Antriebe noch nicht unter⸗ drückten Neides, gemeiner Eiferſucht folge? Gleich⸗ viel! Unſer Ziel bleibt ein gemeinſames. Wir müſſen 96 es gemeinſam verfolgen, ſoll es ſicher und gewiß erreicht werden. Ihnen fehlt Beſonnenheit, Umſicht, Kraft, Ausdauer. Dieſe Eigenſchaften beſitze ich. Wol⸗ len Sie Sich mir unterordnen? Wollen Sie blind ge⸗ horchen und gehorſam folgen, wohin ich Sie leite?“ „Ich will! Sei der Rache⸗Engel, der meiner Seele Höllengluthen mit Blute löſcht! Stähle mich durch Dein Beiſpiel! Ja, ich will mich an Dich halten, wie ich Dich jetzt umklammere; wie ich Dich nicht laſſe, bis er kalt iſt, kalt und ſtumm auf ewig!“ „So hören Sie!.* Und das leiſe Geſpräch ging über in unver⸗ nehmbares Flüſtern, von Lippe zu Lippe, von Ohr zu Ohre. Am nächſten Morgen fuhr Guſtav von Thal⸗ wieſe, ehe noch die Andern ihre Räuſche ausgeſchla⸗ fen, wirklich mit Sonnenaufgang aus dem Thore des Gaſthofes. Etliche Minuten ſpäter ſetzten ſich die Herren aus dem Elſaß in ein ähnliches Fuhrwerk, die Spur des erſteren immer in gewiſſer Entfernung einhaltend. Um zwölf Uhr Mittags waren die endlich Er⸗ wachenden nicht wenig erſtaunt, von der in Wahr⸗ heit erfolgten Abreiſe ‚ihres Freundes“ zu hören. 97 „Hat uns aber der alberne Bengel geſtern an⸗ gelogen!“ ſagte Miß Viola. „Wenigſtens hab' ich ihm dafür einen bittern Trank eingerührt,“ meinte der Baron.„Mein Brief⸗ chen wird jetzt bald in ihren Händen ſein, und er ſoll ſeine ganze Suada aufbieten müſſen, ſich wieder weiß zu waſchen.“ Der Zigeuner wiederholte:„Etwas Wahres iſt an ſeinen Großſprechereien; das geb' ich zu. Aber gelogen hat er daneben auch, das laß' ich mir eben ſo wenig nehmen. Uebrigens nimmt der Burſch' ein ſchlechtes Ende, ſo gewiß ich heute Katzenjammer habe. Es ſteht ihm zwiſchen den Augenbrauen. Ich möchte nicht in ſeiner Haut ſtecken!“ fünfundzwanzigſtes Capitel. Caroline und mit ihr die guten Eltern, vorzüg⸗ lich der durch ſtolze Adelsträume verklärte, völlig umgewandelte Papa Reichenborn, hatten Teplitz für den reizendſten Aufenthalt erklärt, ſo lange Guſtav von Thalwieſe bei ihnen war. Von dem Augenblicke, wo ihnen deſſen unentbehrlich gewordene Begleitung fehlte, ſchien Stadt und Park und Uungegen jeglichen 1856. II. Schwarzwaldau. II. 98 Reiz für ſie verloren zu haben. Bei Carolinen verſteht ſich das eigentlich von ſelbſt. Beim Vater bewährt es nur unſeren oben ſchon aufgeſtellten Satz: denn leider ſchützt auch Alter nicht vor Thorheit. Disputirte doch der ſonſt ſo gewiſſenhafte Befolger ärztlicher Vorſchriften dem Arzte und dem Bademei⸗ ſter ein ganzes Bad mit unbeſieglicher Rechthaberei von der feſtgeſetzten myſtiſchen dreimal Sieben ab, bloß um einen Tag früher abreiſen, einen Tag frü⸗ her ſeinem Eidam folgen, einen Tag früher ſein Thalwieſe erreichen zu können. Sogar die Klagen des Pirnaiſchen Lohnkutſchers, der von dort verſchrie⸗ ben, auf einen Raſttag in Teplitz gehofft hatte, ſchüch⸗ terten ihn nicht ein. Sie brachen auf; Herr Rei⸗ chenborn zum Erſtenmale in ſeinem Leben ungedul⸗ dig unterweges; zum Erſtenmale über die Langſam⸗ keit der Pferde klagend; ſeine Frau in gefällig⸗be⸗ ſchaulicher Zufriedenheit, ruhig heiter wie gewöhnlich; Caroline gerade nicht niedergeſchlagen, aber doch ver⸗ ſtimmt; unbezweifelt durch den anonymen Brief des Barons. In Dresden verweilten ſie begreiflicher Weiſe dieſesmal gar nicht, ſondern ‚machten gleich weiter“ wie der Kutſcher ſich äußerte, der ja ſchon Beſcheid wußte und deßhalb auch bei Zeiten die große Straße 99 verließ, jenen näheren und weniger ſandigen Seitenweg einzuſchlagen, auf welchem er ſich damals, wo er Caro⸗ linen allein nach Schwarzwaldau zu liefern gehabt, mehrmals verirrte, den er aber jetzt genau erkundet zu haben ſich rühmen durfte. Den erſten Tag waren ſie bis Pirna gelangt; die zweite Tagreiſe brachte ſie etwa vier Meilen hinter Dresden, jenſeit der Lan⸗ des⸗Grenzen, nachdem wie geſagt der Lohnfuhrmann die eigentliche Heerſtraße ſchon verlaſſen, bis an ein ziemlich einſam gelegenes Wirthshaus, welches ganz allein zu ſtehen ſchien, weil das Dorf, zu dem es ge⸗ hörte, ein tüchtig Stück ſeitab ſich am Walde hinzog. Es ſchien eigentlich mehr eine vor kurzen Jahren ent⸗ ſtandene Colonie, weßhalb es auch den vielverbrei⸗ teten und häufig vorkommenden Namen ‚Neuland“ führte. Das Gaſthaus, von Steinen erbaut, von ei⸗ nem kleinen Gehöfte umgeben, ſah äußerlich recht hübſch aus.„Hier bleiben wir Sie über Nacht, Heer Rei⸗ chenborn!“ erklärte der Kutſcher. Reichenborn be⸗ trachtete das Haus und ſagte kleinlaut:„Hier ſieht mir's aus, als ob nicht viel Verkehr ſtatt fände? Sollte man hier gut bedient werden, Kutſcher?“ „Hier können Sie verlangen, was Sie wollen, guter Herr Reichenborn! Ich habe mich ſchon erkun⸗ diget. Alles kehrt hier ein, wer Sie den Weg macht. 7 ½ 100 Heißt das, es fahren blutwenig Ekipaſchen hier. Aber das Neuländer Wirthshaus iſt proper; da können Sie verlangen, was Sie wollen.“ „Das glaub' ich gern,“ ſeufzte Reichenborn; „aber ob ich erhalte, was ich verlange?...“ Doch da half kein Seufzen. Ohne Bedenken lenkte der Kutſcher in den offenen Wagenſchuppen ein und ehe die Wirthin ihren Gäͤſten noch Zimmer angewieſen, ſtanden die Pferde ſchon im Stalle. Dem Hausknecht, der ſie verſorgte, war dieß Geſchäft ge⸗ läufig und ging ihm raſch von der Hand; Pferde und Fuhrleute ſprachen hier häufig ein. Seltener zeigten ſich übernachtende Gäſte mit höheren Anſprüchen; deßhalb konnte die Wirthin ihre Verlegenheit nicht verbergen und ſuchte dieſelbe durch zuvorkommende Freundlichkeit auszugleichen. „Hier giebt's nichts zu eſſen,“ ſagte Reichenborn zu ſeiner Frau,„als Rühreier und Schwarzbrot; das ſeh' ich ſchon am Zuſchnitt. Zum Glück, daß kalte Küche und eine Flaſche Rothwein in der Wagen⸗ taſche ſteckt!“ Das obere Stockwerk beſtand faſt gänzlich aus einem großen Tanzſaale, in welchem die Honoratioren der umliegenden Dörfer ihre Kränzchen und Tänzchen abzuhalten pflegten; zu dieſem Zwecke zunächſt war 101 der Bau unternommen, die Anlage der Gaſtzimmer als Nebenſache behandelt worden. Deßhalb befanden ſich deren nur zwei neben dem Saale: eines mit zwei Fenſtern hatte die Ausſicht nach der Straße, konnte jedoch von Reiſenden nur bewohnt werden, wenn es durch die Kartenſpieler des Kränzchens nicht in Anſpruch genommen ward. Dieſes bezogen heute Herr und Frau Reichenborn. Es ſtieß unmittelbar an den gro⸗ ßen Saal. Die Betten für das ehrwürdige Ehepaar mußten erſt aus dem eigentlichen, permanenten Frem⸗ den⸗ oder: ‚Paſſagier⸗Zimmer, in welchem deren drei den ohnedieß beſchränkten Raum verengten, herüber geholt werden. Dieſes hatte ſich Caroline erwählt, mit der Bitte allein bleiben zu dürfen, weil ſie Kopf⸗ ſchmerzen habe. Dieſes Zimmer ging nach dem Hof⸗ raume hinaus, wohin nur ein Fenſter blickte. Es hatte auch nur eine Thür und ſtand mit dem Saale nicht in directer Verbindung. Caroline trieb den Haus⸗ knecht und das Dienſtmädchen an, die ſchweren, alt⸗ modiſchen Bettgeſtelle ſo raſch wie möglich fortzu⸗ ſchaffen, holte ſich dann ihr Nachtzeug, wünſchte den Eltern ‚wohl zu ſpeiſen und wohl zu ſchlafen“ in einem Athmen und eilte, ſich in ihre Einſamkeit zu⸗ rückzuziehen, deren Bedürfniß ſo mächtig war, daß ſie ſich einſperrte. Hatte ſie doch viel zu denken: der 102 anonyme Brief wirkte nach. Sie ſchloß nun das Fenſter, welches ſie beim erſten Eintritt aufgeriſſen, weil ihr ein Modergeruch, wie er in derlei nicht ge⸗ lüfteten Gaſtzimmern gewöhnlich vorherrſcht, entgegen gedrungen. Dann fing ſie an, ſich langſam zu ent⸗ kleiden, wobei ſie häufig inne hielt und Minuten⸗lang regungslos, ſinnend ſtehen blieb. Dabei rückte der Abend heran. Kerzen hatte man ihr auf den Nacht⸗ tiſch geſtellt. Sie ſchlug Feuer, brannte einen lan⸗ gen Schwefelfaden am glimmenden Zunder an und machte Licht. Drüben war es bereits ſtill geworden. Die Wirthin hatte die letzten Teller und Geräthſchaf⸗ ten herabgeholt. Nach und nach verhallte auch das Geräuſch in Küche, Flur, Hofraum. Die Neuländer liebten es, an Werkeltagen mit den Hühnern ſchla⸗ fen zu gehen. Caroline ſpürte noch keinen Schlaf. Sie ſetzte ſich, halb entkleidet wie ſie war, in das kleine, dick und hart ausgepolſterte Canapee und nahm den räthſelhaften Brief noch einmal vor, den ſie längſt auswendig wußte: „Nur ein tückiſcher Gegner kann ihn geſchrieben haben, das iſt außer Zweifel; dennoch i*ſt es möglich, daß er Wahrheit enthält? Aber wenn der boshafte Schreiber mich dadurch von ihm trennen wollte, ſo 103 hat er ſeine Abſicht verfehlt, hat es unklug ange⸗ fangen. Er hätte jenes Weib mir als jung, oder doch reizend, verführeriſch darſtellen, hätte mir den Argwohn erregen müſſen, daß Guſtav ſie lieben könne! Dadurch, daß er ihn anklagt, ſich ihr verkauft zu haben, bloß um uns nach Prag folgen, mich dort zu erreichen, wird ja nur bewieſen, wie viel ihm an mir lag; wie der Wunſch, mein Gatte zu werden, ihn zum Aeußerſten trieb!? Es iſt grauenhaft zu denken; ja, mich ſchaudert, wenn ich mir ſage, daß er aus den Armen der Abſcheulichen, Unwürdigen in die meinigen eilte;— mich ſchaudert... und dabei empfind' ich eine unbeſchreibliche Wonne, die meine Sehnſucht ſteigert, die mich taumeln macht, weil ſie mich zugleich mit Zorn erfüllt. Er ſoll geſtehen! Alles, Alles reuig geſtehen. Und er wird! O, daß ich ihn hier hätte, bei mir! Daß ich in ihn dringen könnte, mit meiner Liebe Gluth, meinen gerechten Vorwürfen, meiner hingebenden Verzeihung! Nein, die ſchändliche Anklage vermag nicht, mich von ihm loszureißen; ſie wühlt nur, wie dumpfer Schmerz in meinem Buſen, aber dieſer Schmerz vermehrt meine Leidenſchaft! Sie ſei vernichtet!“ Caroline hielt das Blatt an die Flamme der Talgkerze. Es loderte auf, es verwandelte ſich in 104 Aſche, aus der einzelne Funken leuchteten. Zwei der⸗ ſelben überdauerten die uͤbrigen, früher verlöſchenden. „Das bin ich, das iſt er,“— ſagte ſie, des kindi⸗ ſchen Küſterſpieles gedenkend,—„wer überlebt den Andern? weſſen Liebe dauert länger?“— Kaum hatte ſie's geſagt, da war er verſchwunden und ſie glimmte noch lange. Sie ſaß, den Kopf auf die Hand geſtützt, über die vor ihrem heißen Athem verwehende Aſche ge⸗ beugt. Sie blies darein. Das kleine Häuflein zerſtiebte. „Aſche— Staub“— murmelte ſie—„und brannte doch ſo hell! Und verzehrte ſich ſo raſch in der Flamme!“ Sie ſaß in bange Begierden, in ſüße Qualen verſenkt. „Regnet es denn? Der Himmel war ja rein und blau, die Sterne begannen zu funkeln, da ich das Fenſter ſchloß?“ Sie erhob ſich, hinaus zu ſchauen.— Kein Wölkchen ſichtbar; die ſchoͤnſte Nacht! „Aber ich höre deutlich Tropfen fallen?“ Sie lauſcht und in kurzen Zwiſchenräumen dringt das eintönige Geräuſch, wie von der Dachtraufe plätſchernd in ihr Ohr. 105 Sie öffnet das Fenſter... ſie horcht empor... keine Regung über ihr, neben ihr. Sie wendet ſich in's Zimmer zurück. Die reine Nachtluft, die ſie eingeſaugt, hat ſie empfindlicher gemacht gegen den unerträglichen Geruch im verſperrten Raume. „Wie konnt' ich hier aushalten?“— Und ſie will wieder freie Luft ſchöpfen, da vernimmt ſie, noch entſchiedener als vorher, das tropfende Rieſeln. Nein, ſie täuſcht ſich nicht: hinter ihr iſt's, im Zim⸗ mer, beim Bett, welches hochaufgethürmt, mit einer blauen Kattundecke belegt, unberührt blieb, weil die Magd ihr die Verſicherung gegeben, daß es in ver⸗ gangener Woche friſch überzogen worden und daß ſeitdem kein Menſch darin gelegen habe. Sie hatte ſich vorgeſetzt ohnedieß im Nachtkleide zu bleiben und, — ohne Ausſicht auf Schlaf,— nur oben auf lie⸗ gend zu ruhen. Jetzt ergreift ſie einen Leuchter und neigt ſich dem Boden zu, die blaue Decke aufhebend. Sie erblickt, beim Scheine der Kerze eine große Blutlache. Schreck und Grauſen übermannen ſie. Wie ſie geht und ſteht, ſtürzt ſie zur Thür, ſchließt auf, eilt bis an die Treppe, ſchreit nach Hilfe, ſinkt faſt zuſam⸗ men, rafft ſich wieder auf, wankt vor die Stube, wo die Eltern ſchlafen, pocht dieſe wach, fleht um Einlaß, 106 rennt wieder nach der Treppe, ruft:„Mord, Feuer, Blut“ hinab. Unterdeſſen hat ſich ihre Mutter er⸗ muntert, tritt heraus, will die Urſach' dieſes Angſt⸗ geſchreies vernehmen, und Caroline ſtürzt ihr faſt ohnmächtig an die Bruſt, keines anderen Ausrufes fähig, als:„Blut, Blut!“ Im Hauſe wird es lebendig; Wirth, Wirthin, Geſinde haben den erſten tiefen Schlaf kaum abge⸗ ſchüttelt und ſtolpern mit verdummten Geſichtern her⸗ auf, zu ſehen, wo es brennt? Auf die wiederholten Fragen, die Wirth und Wirthin dringend an ſie ſtellen, richtet ſich Caroline empor und deutet nach der offnen Thüre ihres Ge⸗ maches. Doch auch jetzt vermag ſie nur zu ſtam⸗ meln, was ſie ſchon ſo oft wiederholte:„Blut!“ Die Leute begeben ſich hinein. Etliche Minuten ſtarren Schweigens vergehen, während welcher die El⸗ tern,— denn Vater Reichenborn hat ſich auch ein⸗ geſtellt,— ihre vor Grauen und Froſt zitternde Tochter haltend, eine fürchterliche Entdeckung erwarten. „Haſt Du Dich auch nicht getäuſcht?“ will die Mutter eben fragen, da erdröhnt der Flur von wil⸗ dem Geheul und die Wirthin kreiſcht ihren Gäſten entgegen:„Gott ſei uns gnädig und barmherzig, drinn' 107 ſchwimmt Einer in ſeinem Blute; in unſerem Hauſe iſt ein Mord geſchehen!“ „Fort! Nur fort!“ ruft Reichenborn.„Wo iſt unſer Kutſcher? Der Hausknecht ſoll in den Stall laufen und ihn wecken; er muß anſpannen! Lieber die Nacht auf der Straße zubringen, als hier bleiben!“ Doch der Wirth, der nun aus dem Zimmer kommt, wendet dagegen ein:„Das geht nicht, Herr! Ich bin Gerichtsmann in Neuland und weiß, was ſich gehört. Dem Schulzen muß ich Meldung ſchik⸗ ken, daß er ſogleich mit den Gerichten an Ort und Stelle ſich einfindet, den Befund aufzunehmen; nach dem Herrn Juſtiz in's Städtchen muß ein Bote rei⸗ ten; nach dem Kreisphyſicus gleichfalls. Ehe nicht geſetzlich verfahren iſt, darf niemand ſich entfernen, der zur Zeit der Entdeckung im Hauſe war. Sie verlaſſen ihre Stube nicht mehr, und die Manſell bleibt bei Ihnen. Hier heißt es: mitgefangen, mit⸗ gehangen!“ „Dafür iſt mir nicht bange,“ entgegnete Rei⸗ chenborn, der ſchon die ruhige Haltung des Geſchäfts⸗ mannes wiedergewonnen;„vor dem Hängen fürcht' ich mich gerade nicht, ſo wenig wie vor den Gerich⸗ ten; einzig und allein vor der Verzögerung. Ihr müßt wiſſen, ich bin auf der Fahrt nach meinem— 108 unſerem Landgute, mein Schwiegerſohn und deſſen Mutter warten auf uns.. na, was hilft's? Thut was Eures Amtes iſt, doch eilt, wenn ich bitten darf. Wir fügen uns in's Unvermeidliche.“ Sie begaben ſich mit Carolinen in ihr Zimmer und nicht eine Stunde war vergangen, ſo hörten ſie den Hufſchlag des Pferdes, auf welchem ein Bauer aus Neuland die unerhörte Nachricht von einer Mord⸗ that an die vorgeſetzten Behörden zu befördern eilte. Nach und nach brachten ſie die Tochter zu ſich. Sie erholte ſich von ihrem Entſetzen, hörte auf vom Blute zu reden, fand in Thränen Erleichterung und ließ ſich endlich erbitten, der Mutter Lagerſtäͤtte zu theilen. „Du gutes Kind,“ ſagte dieſe, ihr ſchmeichelnd, ſie liebkoſend,„mußteſt Du ſo etwas Fürchterliches noch erleben, ehe Du Dein Glüͤck erreichſt!“ Aber Caroline, ſich an ſie ſchmiegend, ſprach ein⸗ mal über das And're:„Der Arme! wer mag es nur ſein, den ſie ermordet haben?“ 109 Sechsundzwanzigſtes Capitel. Der Juſtizrath und deſſen Protokollführer ſtell⸗ ten ſich ohne Aufſchub ein; auch der Kreisarzt, der in Geſchäften des Weges gekommen, und dem Ge⸗ richtsbeamteten begegnet war, hatte deſſen Bitten, ihn zu begleiten und ‚die Sache möglichſt raſch zu erledigen’ collegialiſch Folge geleiſtet. Während der Letztere ſeine chirurgiſchen Unterſuchungen bei der Leiche machte, begann der Erſtere ſeine criminaliſtiſchen Ver⸗ höre bei den Lebendigen; zunaͤchſt natürlich bei den Hausbewohnern; da mit vollem Grunde anzunehmen war, daß die Reiſenden— obwohl noch im Ver⸗ ſchluß,— keinen Leichnam bei ſich geführt, ſondern daß derſelbe ſchon vor ihrer Ankunft vorhanden ge⸗ weſen ſei. Die Ausſagen der Wirthin, welche eben am Meiſten zu ſagen wußte und mit unbeſchreiblicher Beweitwilligkeit ausſagte, wurden durch etwaige Er⸗ gänzungen des einſilbigen Wirthes, ſo wie des Ge⸗ ſindes, lediglich beſtätiget und liefen, Alles in ein Ganzes gefaßt, ſo ziemlich darauf hinaus: Am einundzwanzigſten dieſes Monats,—(alſo vor drei Tagen,)— iſt mit einem in Neuland bis⸗ her unbekannten Dresdner Lohnkutſcher Derjenige eingetroffen, den man für den Ermordeten halten 110 müßte, weil niemand ſonſt dieß Zimmer bewohnt hat; wenn nicht andrerſeits wieder dieſe Annahme unhaltbar würde, durch weiteren Verfolg der Ausſa⸗ gen. Der ‚ſchöne junge Herr, den die Wirthin früher ſchon flüchtig geſehen zu haben meinte, aber dann immer nur mit raſchen, theueren Pferden vor⸗ überſauſend,— zeigte ſich, als er abſtieg, ſehr nie⸗ dergeſchlagen und verrieth wenig Luſt, Speiſe und Trank zu ſich zu nehmen. Doch beſtellte er, als der Kutſcher verſicherte, die Pferde brauchten ein paar Stunden Ruhe und Futter, auch für ſich ein Mit⸗ tagsmal, mehr ‚Schanden halber, als aus Appetit. Der Kutſcher ſpannte aus, zog die Thiere in den Stall. Der junge Herr verlangte ein Zimmer und wurde in jenes hintere Gemach geführt, weil das vordere, beim Saale, vom letzten Kränzchen her nooch nicht aufgeräumt und geſäubert war. Während nun die Wirthin mit ihrer Magd das Eſſen berei⸗ tete, iſt eine zweite Fuhre angelangt, deren Erſchei⸗ nen ihr Gelegenheit gegeben, der Magd zu ſagen: „Das iſt ja heute ein recht geſegneter Tag!“(Was die Magd, eidlich zu erhärten, jede Stunde bereit iſtl.) Dießmal war es aber eine dem Fremden eigen angehörige Kutſche, welche, von Vorſpann gezogen, mit vier Pferden vorfuhr. Der darin ſitzende,— 111 ein freundlicher, ‚feiner Mann,— erkundigte ſich ſehr angelegentlich, ob der junge Herr, welchen er ſo deutlich bezeichnete, daß ein„Blinder ihn erkennen mußte, hier angehalten habe?(Die Wirthin ruft ihre Magd auf, ob ſie nicht wörtlich geſagt:„Den muß ein Blinder erkennen,“ und dieſe erklärt ſich aber⸗ mals zum Schwure bereit, den jedoch der Juſtizrath gar nicht von ihr verlangt.) Die Bejahung dieſer ſeiner Nachfrage hat den ‚feinen Mann' mit ſicht⸗ barer Freude erfüllt, und er hat dringend verlangt, ſogleich zu ſeinem lieben Freunde geleitet zu werden; ein Befehl, den die Wirthin ſelbſt in's Werk geſetzt, mit der Anmerkung:„Der junge Herr habe Eſſen beſtellt,k“ worauf der Andere, noch ehe er mit ihr die Treppe beſtieg, geäußert: Sie möchten auch für ihn anrichten und er wolle mit ſeinem jungen Freunde zuſammen ſpeiſen. Hat auch vorher noch gefragt, ob hier friſcher Vorſpann zu haben ſei, der ihn bis auf die Poſtſtraße bringe? Als dieß entſchie⸗ den verſichert wurde, iſt er, wie wohl er ſchon einen Fuß auf der erſten Treppenſtufe gehabt, ſogleich umgekehrt, hat den Knecht herbeigerufen, der ihn gebracht, die⸗ ſem Fuhrlohn und reichliches Trinkgeld gereicht und ihm erklärt: Der Aufenthalt in Neuland könne ſich verzoͤgern, was nicht vorher abgemacht ſei; der 112 Beſitzer werde daheim ſeine Pferde brauchen, deßhalb wär' es beſſer, wenn ſie gleich umkehrten; was ſich der Kerl nicht zweimal ſagen laſſen. Erſt nachdem dieſe Dinge geordnet waren, iſt der Fremde mit der Wirthin hinaufgegangen. Sie hat ihm die Stuben⸗ thür geöffnet und wohl geſehen, daß der junge Herr bei ſeinem Eintritt gar ſehr erſchrocken geweſen. ‚Um Gottes willen, wo kommſt Du her?“ hat ihm Je⸗ ner entgegengerufen und iſt aufgeſprungen, wie Einer, der einen Angriff erwartet und ſich zur Vertheidigung rüſtet; ſo daß ſie, die Wirthin, ſchon gewähnt, es werde nichts Gutes herauskommen. Doch als der Fremde mit offnen Armen auf ihn zueilte und ſagte: Biſt Du es wirklich, mein geliebter Freund? Sehen wir uns endlich einmal wieder?e Da warf ſich der Jüngere ihm zärtlich an den Hals und war ſogleich wie ungewandelt, heiter und froh. Sie ſind, Hand in Hand, zum Sopha gegangen, wie zwei Leute, die gar nicht mehr von einander laſſen können. Der Jüngere hat geſagt:„Was hab' ich Dir nicht Alles zu erzählen!e und der Aeltere hat erwidert: ‚Und wie begierig bin ich, zu hören.: Die Wirthin ge⸗ ſteht, daß ſie ebenfalls begierig geweſen, zu hören, daß man ſie aber fortgeſchickt habe, die Bereitung der Mahlzeit zu befördern. Sie gehorchte, war 113 jedoch oft genöthiget zu kommen und zu gehen, da ſie doch die Bedienung ſo vornehmer Gäſte unmöglich ihrer Magd überlaſſen konnte; und jedesmal, wenn ſte Schüſſeln brachte und wegnahm, wenn ſie Teller wechſelte, wenn ſie eine neue Flaſche holte,— denn die Herren befahlen Wein,— jedesmal fand ſie Beide ſo vertraulich nebeneinander, wie nur die in⸗ nigſten Freunde ſein können und im lebhafteſten Geſpräͤche. Was ſie dann, ſowohl im Zimmer ſelbſt, als draußen vor der Thüre,(an welcher gehorcht zu haben ſie ehrlich zu Protocolle giebt,) erlauſchen konnte, blieb ihr unverſtändlich, ohne rechten Zuſam⸗ menhang; ſie kann nur im Allgemeinen angeben, daß es Familiengeſchichten betraf, daß von Verſtor⸗ benen und Lebendigen, von Frauen und Mädchen, von Eiferſucht und Verſöhnung, von Brautſtand und Begräbniß die Rede war. Als der Dresdner Lohn⸗ kutſcher ſeine Pferde abgefüttert, ſich reichlich ſatt gegeſſen— denn es ging auf des Paſſagiers Rech⸗ nung und warum hätte die Wirthin einem ſo ſchmuk⸗ ken jungen Herrn nicht die Ehre gönnen ſollen, deſſen Kutſcher gut zu beköſtigen?— und als letzte⸗ rer ſogar ein Stündchen geſchlafen hatte, begab er ſich mit ihr hinauf, um zu melden, daß er nun fer⸗ tig ſei und daß es weiter gehen könne. Doch der 1856. II. Schwarzwaldau. II. 8 114 zuletzt eingetroffene Fremde redete ſeinem Freunde zu, er möge mit ihm fahren.„Ich bin allein,“ ſprach er, ‚in meinem Wagen, habe wenig Gepäck, für das Deinige iſt hinreichend Raum; warum ſollen wir, nach ſo langer Trennung und ſo glücklichem Wieder⸗ finden nicht beiſammen bleiben, je länger deſto beſſer? Ich bringe Dich, wohin Du eilſt; ſchicke Deine Lohn⸗ kutſche fort.V’ Und ohne erſt auf Entſcheidung zu warten, bezahlte er den Fuhrmann, der noch für den folgenden Tag aufgenommen zu ſein ſchien, mit vollen Händen. Dieſer machte es wie der Vorſpann⸗ knecht, ließ ſich den einträglichen Handel gern ge⸗ fallen, lenkte ſeine Deichſel um und ſah Neuland mit dem Rücken an. Die Wirthin bedauert unend⸗ lich, dem Eilfertigen nicht vorher abgefragt zu haben, bis wohin er eigentlich gemiethet ſei? Als ihr dieſer glückliche Einfall kam, war es unglücklicher⸗ weiſe zu ſpät, ihn auszufuͤhren, denn der Dresdner befand ſich ſchon nicht mehr im Bereich ihrer Lunge und ihres Sehkreiſes. Jetzt aber, verſichert ſie, ſei es oben erſt recht luſtig geworden; die Herren hätten nochmals Wein verlangt; nur kam es ihr vor, als ſchenke der Aeltere,— der übrigens auch noch ein ſtattlicher, hübſcher Herr geweſen,— dem Jüngeren dreimal ein, ehe er ſelbſt einmal ausge⸗ 115 trunken. Dieſer hat ſich denn auch, bis auf einen gewiſſen Punct, wirklich berauſcht und ſich dabei immer wärmer und zärtlicher gegen ſeinen Freund gezeigt, der jedoch, wie es ihr bei jedesmaligem Eintritt ſchien, immer zuruͤckhaltender und kälter wurde; was ſie ſehr erklärlich findet, weil auf verſchiedene Menſchen der Rauſch verſchiedene Wirkungen hervor⸗ bringt. Als ſie das Letztemal oben war, hörte ſie draußen, wie der Aeltere fragte: ‚„Du haſt alſo Deinen Eid getreulich gehalten; und gerade, als ſie die Thuͤre aufklinkte, erwiderte der Andere: ‚Kannſt Du wohl daran zweifeln? Da war es ihr, als wäre dem Aelteren unwohl, denn er verfärbte ſich einen Augenblick; es ging aber gleich vorüber und er fuhr ſie an: was ſie ſchon wieder wolle? Worauf ſie entgegnete, ſie komme zu hören, ob die gnädigen Herrſchaften übernachten würden? und ob ſie auf⸗ betten ſolle? Schlafen legen wüurden ſie ſich nicht, hatte der Aeltere geäußert, wohl aber noch plaudern, denn ſie hätten ſich noch viel zu erzählen. Den Schlummer würden ſie im bequemen Reiſewagen beſſer nachholen, wie hier in den dicken Federbetten, die er haſſe—(was die Wirthin, wie ſie durchaus zu Protocolle geben will, eines rechten Raubmörders würdig findet.)— und ſie möge ſie ungeſtört laſſen 116 bis Mitternacht, wo die neuen Vorſpannpferde hoffent⸗ lich beſtellt wären? Da war ihr denn nichts weiter übrig geblieben, als ſich zu tröſten und unten in Küche und Haus ihrem Aerger Luft zu gönnen, dar⸗ über, daß ſolche übermüthige reiche Herren lieber bei nachtſchlafender Zeit umherfahren, als in ihren wei⸗ chen Federbetten, wohlerzogenen Chriſtenmenſchen gleich, gehörig dünſten möchten. Sie und die Leute hatten ſich in die ihrigen gelegt, um ſchlafend die Mitter⸗ nachtsſtunde und mit dieſer zu erwarten, daß der pünctlich beſtellte Vorſpann ſie erwecken werde. So weit lautete, was die Wirthin zu ſagen gewußt, ganz begreiflich und konnte, wenn auch für eine merkwürdig⸗ſeltſame, doch immer noch natürliche und einleitende Vorbereitung zu der blutigen Kata⸗ ſtrophe, um die es ſich handelte, betrachtet werden. Der Rechtsgelehrte ſah ſchon im Geiſte die endloſe Correſpondenz eröffnet, die er amtlich nach Dresden und da und dorthin führen werde, um Perſonen wie Orte zu ermitteln, durch welche das Auffinden ver⸗ dächtiger Spuren möglich würde. Er nahm einen zweiten Anlauf und fragte weiter.— Alsbald riß dann der Faden ab und die Geſchichte löſete ſich in Zauberſpuck auf. Da leſen wir: „Schlag zwölf Uhr iſt der Vorſpann aus Neuland 117 da geweſen. Der Hausknecht war bereits mun⸗ ter, hat den in den Schuppen gezogenen Reiſewagen, auf den ſchon vorher des jüngeren Reiſenden Gepäck von der Dresdner Lohnkutſche umgeladen worden, herausgeſchoben; die Pferde ſind vorgelegt worden; die Wirthin hat ſich den Schlaf aus den Augen gewiſcht und die Rechnung ſelbſt hinaufgetragen; ſie hat leiſe geklopft. Niemand hat ‚Herein!“ gerufen. Sie iſt eingetreten: beide Herren haben, Jeder in einer Ecke des Canapee's geſeſſen, und— ge⸗ ſchnarcht. Nur nach wiederholter Anrede ſind ſie erwacht. Der Jüngere, in denſelben Mantel, mit ſchottiſch⸗carrirtem Unterfutter verhüllt, der bei ſeiner Ankunft neben ihm auf dem Wagenſttze gelegen und den der Hausknecht ſammt dem faſt leeren Reiſeſack heraufgetragen, hat ſich zuerſt erhoben und das Zim⸗ mer verlaſſen, während der Andere ſitzen blieb, die Rechnung bezahlend und ihm nachrufend: ‚Suche Dir die beſte Ecke im Wagen aus, Verſchlafener! Der Wirthin iſt, indem ſie das Geld einſtrich, aufgefallen, daß der Reiſeſack, den der Jüngere jetzt, beim Hinab⸗ gehen, mitnahm, ungleich dicker und gefüllter ausſah als früher, wo der Hausknecht ihn heraufbrachte; eben ſo will ſie beſchwören, ſie hätte ſich eingebildet, der junge Herr ſei kleiner geworden; doch habe ſie 118 ſich das durch den großen Mantel erklärt, der um ihn geſchlagen geweſen. Dann iſt ihr Gaſt mit ihr hinabgegangen, und hat ſich zu ſeinem ſchon wieder ſchlafenden Freunde in den Wagen geſetzt. Haus⸗ knecht und Magd ſind beſchenkt worden. Der Neu⸗ länder Bauer hat ſeine Peitſche geſchwungen, der freigebige Herr hat ſein, vom Lichte der Laternen beleuchtetes Geſicht noch einmal zum Lebewohl heraus geneigt,... und weg waten ſie. Am nächſten Tage hat der Vorſpann⸗Bauer, im Zurückreiten, eingeſprochen, einen Schnaps genommen und ſich vielmals bedankt, für den ihm zugewieſe⸗ nen Verdienſt. Die Herren, die er auf die Station vor's Poſthaus führen mußte, haben ihn ‚fürſtlich“ bezahlt; haben laut darüber gelacht, daß da d'rin— (es war zwiſchen zwei und drei Uhr,)— Alles ſtill ſei, daß ſie die Poſtillons erſt würden herausklopfen müſſen und was dergleichen Späße mehr waren; ſind dabei kreuzſidel geblieben, ohne ſich zu ärgern und haben ihn geheißen ‚retour’ reiten und ſie ſammt der Karre nur ſtehen zu laſſen. Da hat er ihnen denn„viel Plaiſir und glückliche Reiſe nach London⸗ gewünſcht, wohin zu reiſen ſie vorgegeben. Die Wirthin hat der Magd bei Zuſammenräumen des Geſchirres ge⸗ holfen, das Zimmer gehörig ſprengen und fegen, einen 119 Fenſterflügel aufſtehen laſſen; die Betten, da ſie ungebraucht und kurz vorher weiß überzogen waren, hat niemand weiter unterſucht;— weßhalb auch?— und ſeitdem iſt das Stuͤbchen erſt wieder betreten wor⸗ den, da die Herrſchaft,— drüben,— ankam, wo denn zwei Betten hinüber geſchoben wurden, das dritte unglückſelige für's Fräulein ſtehen blieb. Der Hausknecht hat noch folgend ſelbſtſtändige Erklärung abzulegen: „Eine Leiter, die im Hofraum beim Heuboden an's Dach gelehnt zu ſtehen pflegt, befand ſich den Morgen nach Abreiſe der beiden Herren mitten im Hofe liegend. Die im Erdboden bemerkbaren Furchen, deu⸗ teten darauf hin, daß ſie von der Wand des Stalles unterm Heuboden, mühſam an die entgegengeſetzte des Hauſes geſchleppt, dort wieder aufgerichtet und an⸗ gelehnt, ſpäter jedoch, und zwar von Oben, gewalt⸗ ſam umgeworfen worden.“ „So muß denn,“ rief der Juſtizrath völlig ver⸗ zweifelt aus,„ein Menſch, den die beiden Fremden haßten und verfolgten, ſich alle erſinnliche Mühe ge⸗ geben haben, über eine Leiter zu ihnen in's Fenſter zu klettern, damit ſie ihn recht mit Bequemlichkeit abſchlachten konnten? Weiter, Gott weiß es, kann man die Rückſicht für Mörder nicht treiben. Und 120 wer, um aller Welt Wunder willen, muß denn die⸗ ſer Zuvorkommende geweſen ſein?“ fragte er dem nach beendigter Leichenbeſchau in's untere Gaſtzimmer bei ihm eintretenden Kreisarzte entgegen. „Ein junger, geſunder Mann von höchſtens vier⸗ — fünfundzwanzig Jahren, unbedenklich den beſſeren Ständen angehörig, aber durchaus unkenntlich, da ſein Antlitz ſcheußlich verſtümmelt und entſtellt iſt. Doch dieſe Nichtswürdigkeit ſcheint erſt nach erfolgtem Tode geſchehen zu ſein und der Tod iſt herbeigeführt durch einen Stoß in’'s Herz; wie die abſolut tödtliche Wunde bezeugt. Mit welcher Waffe? iſt ſchwer zu beſtim⸗ men; ſo viel die eigenthümliche Form der Wunde vermuthen läßt, mit einem ſpitzen, ſcharfen, wahr⸗ ſcheinlich aus fernen Landen herrührenden Meſſer oder Dolch, eigens zu ähnlichem Zwecke geſchmiedet. Ih⸗ nen, werther Freund, wird es übrigens ſchwer, wo nicht unmöglich werden, Namen und Stand des Un⸗ bekannten zu erforſchen. Die Mörder haben Alles bei Seite geſchafft, was zu Nachweiſungen verhelfen könnte. Unbekleidet liegt der Leichnam, wie wir ihn fanden; ſogar die Strümpfe haben ſie ihm ausgezo⸗ gen, wahrſcheinlich, weil dieſe gezeichnet waren? Wer ſoll Auskunft über ihn geben?“ „Der einzige Menſch, der es vielleicht vermag, 121 bleibt der Dresdner Lohnkutſcher? Dieſen aufzufinden, will ich ſelbſt.... und doch weiß ich kaum, ob es nicht noch wichtiger wäre, erſt auf die Poſtſtation zu eilen, um die Namen der beiden... doch dieſe wer⸗ den ſich gehütet haben, ihre wirklichen Namen an⸗ zugeben— und ſie haben dreimal vierundzwanzig Stunden Vorſprung! Wenn der Himmel ſich nicht durch ein Wunder in's Mittel ſchlägt, ſind ſie ent⸗ kommen und unſere Bemühungen fruchtlos.“ „Wer ſind denn,“— fragte der Arzt dazwiſchen, „die Perſonen, die ihr Unſtern zu dieſem traurigen Anblick hierher führte? War es nicht eine junge Dame, durch welche die Entdeckung geſchah?“ „Allerdings. Und die Form verlangt unabweis⸗ lich, daß auch ſie vernommen werde. Ja, obgleich es wirklich nur eine leere Form iſt, werd' ich doch nicht vermeiden können, ſie am Orte der That zu verhören, ihr ſogar den Todten zu zeigen und ihr die Frage zu ſtellen, oh ſie im Stande ſei, irgend eine Ver⸗ muthung über ihn auszuſprechen? Da es geſchehen muß, ſo geſchehe es bald, damit die guten, ehrlichen Leute nicht länger unnütz aufgehalten werden.“ Das Gericht begab ſich an den Ort der That. Reichenborns wurden zugezogen und mit aller Acht⸗ ung und Schonung behandelt. Beſonders Caroline, 122 die ſich von ihrem Schrecken noch nicht erholt zu ha⸗ ben ſchien. Nur mit Widerſtreben brachte der Ju⸗ ſtizrath die unzarte Forderung vor, daß ſie den ‚in einem von ihr allein bewohnten Raume gefunde⸗ nen, durch ſie entdeckten unbekannten männlichen Leich⸗ nam recognosciren’ ſolle. Ihre Eltern wollten dage⸗ gen Einſprache thun; ſie aber ſagte leiſe zur Mut⸗ ter:„Laß' mich, damit ich endlich meine verrückten Einbildungen los werde.“ Und mit den kräftig ge⸗ ſprochenen Worten:„Ja, ich will den Todten ſehen,“ trat ſie zu dem in eine Bahre umgewandelten Lager und zog ſelbſt das weiße, mit Blut befleckte Betttuch vom entſtellten Angeſicht.„Dieſer Menſch iſt nicht mehr zu erkennen!“ rief ſie aus und wandte ſich voll Ekel mehrmals ſchaudernd ab; doch immer wieder hingezogen zu ihm, that ſie ihrem Abſcheu Gewalt, bot dem Grauſen der Verweſung Trotz und riß, wie wenn ſie ſich plötzlich auf ein untrügliches Kennzei⸗ chen beſänne, die kalte Todtenhand hervor, deutete auf eine kaum ſichtbare Narbe, die Folge einer Ver⸗ wundung aus früher Kindheit, und ſprach dann zu ihrer Mutter:„Ich wußt' es ja; er iſt es 14 „Wer iſt es?“ fragten ängſtlich der Arzt und der Inſtizrath, bei welchem ſich der Antrieb ſeines 123 Berufes mit Theilnahme für die Erbleichende ge⸗ ſellte.„Wer iſt es?“ „Guſtav von Thalwieſe, mein Bräutigam!“ und ſie ſank bewußtlos bei der Leiche nieder. Siebenundzwanzigſtes Capitel. In einem, jetzt ſchon längſt verſchollenen Gaſt⸗ hauſe zweiten, vielleicht dritten Ranges auf dem Va⸗ lentinskamp, nahe beim Gänſemarkt, zu Hamburg, hatten zwei Herren das größte, dreifenſterige, die ganze Front des ſchmalen Gebäudes einnehmende Fremden⸗ zimmer bezogen, welche mit Extrapoſt aus Meklen⸗ burg angelangt waren. Ihre Reiſepäſſe, von vielem Gebrauche faſt vernützt, ſeit Monaten nicht mehr vi⸗ ſirt und abgelaufen, hätten ſtreng genommen keine Giltigkeit mehr gehabt. Doch wem ſiel es bei, in tiefen Friedenszeiten gegen Extrapoſtreiſende ſtrenge zu ſein? Und gar in einer freien Stadt, wo unaus⸗ geſetzter Verkehr zu Lande wie zu Schiffe wechſelt und von deren Hafen aus ſchon viele Bedrängte glücklich entkommen ſind? Aber bedrängt wurden dieſe Beide durchaus nicht. Kein Verdacht drohte, keine Re⸗ quiſition verfolgte, kein Steckbrief bezeichnete ſie. 124 Nachforſchungen, zwei angeblich aus dem Elſaß ſtammen⸗ den Handelsleuten„Schwarz und Muͤller’(offenbar fingirte Allerweltsnamen!) geltend, hatten ſich zwar durch verſchiedene Poſtämter hin und her voerzettelt und verliefen ſich endlich auch bis Hamburg. Doch von dieſen verdächtigten Individuen wußte kein Menſch auf dem ganzen Valentinskamp das Geringſte; die zwei Herren, welche das beſte Zimmer der Bel⸗Etage inne hatten, hießen:„Emil von Schwarzwaldau, Guts⸗ beſitzer, und Franz Sara, Secretair.: Ein Paar an⸗ genehme, umgängliche Genoſſen am Mittagstiſche des Hötel de Saxe. Aus dem Zwecke ihres Aufenthal⸗ tes in der Seeſtadt machten ſie durchaus kein Ge⸗ heimniß: ſie warteten nur noch einige Briefe und Sendungen aus der Heimath ab, um ſich dann zu trennen. Der Secretair um ſich einzuſchiffen und ein neues Glück in der neuen Welt zu ſuchen, wohin ſchon von Kindheit an der Sinn des unternehmen⸗ den, thatluſtigen Menſchen getrachtet; der Gutsbeſiz⸗ zer, um auf ſein Beſitzthum heimzukehren, ſobald der bisherige Schützling, den er ausſtattete, flott gewor⸗ den waͤre. Dabei zeigten ſie ſich ſo innig vertraut und ſo feſt verbunden; der nahebevorſtehende Abſchied ſchien Beiden ſo ſchwer zu fallen, daß man ſie im Voraus herzlich bemitleidete und daß einige Tiſchgäſte 125 ſich untereinander befragten, warum zwei Freunde, die ſich ſo unentbehrlich geworden, ſich doch ſolchen Schmerz auferlegten? Denn in der That, ſie ließen nicht von einander, bewachten gegenſeitig ihre Schritte und Tritte, waren wie zuſammen gewachſen. Unter den damaligen Beſuchern des Hôtels müſſen ſich keine mit ſcharfer Beobachtungsgabe verſehene Menſchenkenner befunden haben; ſolchen könnte un⸗ möglich entgangen ſein, daß es mehr Mißtrauen, als Zuneigung geweſen, welches die Beiden anregte, ſich nicht aus den Augen zu laſſen; daß die Sußigkeit, die ſie im Umgange vor Zeugen zur Schau trugen, viel zu gemacht war, um aufrichtig zu ſein. Während es ihnen gelang, über dieſe Seite ihres erzwungenen Verhältniſſes rings umher zu täuſchen, begab ſich doch etwas, wodurch ein Stammgaſt des Hauſes, ein aus Kopenhagen nach Deutſchland überſiedelter Ad⸗ vocat veranlaßt wurde, eines Abends hinter ihnen her zu grinſen:„Wenn ich Criminalbeamteter wäre, die Herren, beſonders der Aeltere, könnten mich auf⸗ merkſam machen!“— womit der alte ſchlaue Fuchs, der übrigens ſelbſt in ſehr ſchlechtem Rufe ſtand, mehr ſagen wollte, als er ausſprach. Die Sache, die durch⸗ aus nicht in unſere Erzählung gehört, ſei nur kurz 126 angedeutet, weil ſich aus ihr raſcherer Fortgang der Geſchichte entwickelt. Eine am Rhein verübte Mordthat machte zu jener Zeit um ſo allgemeineres Aufſehen, und bot lange Zeit hindurch Stoff zu Discuſſionen, als ſich an einen, auf öffentliche Stimme geſtützten, von ihr getragenen Ausſpruch des Geſchworenengerichtes leb⸗ hafte Widerſprüche älterer Rechtsgelehrten knüpften, die den dunklen Vorfall benützten, ihre Bedenken wider das Inſtitut der Jury wiſſenſchaftlich zu be⸗ gründen. Der Verurtheilte iſt, wie bekannt, ſpäter begnadiget worden, und noch heute, nach ſo vielen Jahren, dürfte die Meinung darüber getheilt ſein, ob er ſchuldig, ob er unſchuldig geweſen? Es war nach einer Durchſprechung jener Be⸗ gebenheit, wobei die einzelnen Umſtände derſelben auf's Genaueſte auseinander geſetzt wurden, daß Herr von Schwarzwaldau über körperliches Uebelbe⸗ finden klagend, die Abendtafel früher als gewöhnlich verließ und der Secretair, ſichtbar verlegen durch den raſchen Aufbruch, ihm unwillig folgte; und daß dann der Kopenhagner Advocat ſeine ſpitzige Bemerkung wagte, die entſchiedene Mißbilligung erregte, weil ſämmtliche Anweſende den Rabuliſten nicht leiden 127 mochten. Weßhalb denn auch nicht ſonderlich weiter darauf geachtet wurde. Anders geſtalteten ſich die Dinge zwiſchen Emil und Franz, da ſie auf ihrem Zimmer allein waren. „Wenn ich nur erſt das Schiffsverdeck unter meinen Fußſohlen ſpürte,“ rief Letzterer aus;„wenn ich nur erſt Sie nicht mehr ſehen dürfte! Sie ſind doch der erbärmlichſte Schwächling, den es auf Erden giebt. Wechſelt Farbe, wie ein Schuljunge, den der Lehrer auf der That ertappt, wie er Kirſchen aus der Taſche zieht und heimlich naſcht. Was zum Teufel geht Sie das Verdict über einen Liqueurhändler an, der ſich ſeines brutalen Quaͤlers durch ein ſchar⸗ fes Bandmeſſer entlediget haben ſoll? Muß ich noch lange an Ihrer Seite bleiben, ſteh' ich für nichts! Schämen Sie Sich, Emil! Wer gerechte Rache an einem Meineidigen zu üben, den Dolch in ein treu⸗ loſes Herz ſtieß, der darf nach geſchehener That nicht feig verzagen. Sie haben nicht zu fürchten, wo Sie Sich nicht durch Ihr albernes Benehmen ſelbſt ver⸗ dächtigen. Meine Anſtalten waren zu gut getroffen.“ „Du redeſt immer nur von mir! Sagſt immer: Sie haben zu fürchten, haben nicht zu fürchten und ſo fort,— als ob ich allein ſtände? Wem gehört 128 denn die That, die That, die wir gemeinſam ver⸗ übten? Dir, oder mir? Wer bahnte die Wege, reizte mich auf, leitete mich, ſchaffte alle Mittel herbei? Wer hielt den aus lallendem Rauſche Halberwachen⸗ den mit eiſernen Krallen danieder und lehrte mich, teufliſch lachend, die richtige Stelle der entblößten Bruſt zu treffen? Wer— ich darf's nicht denken,— verſtümmelte die ſchönen, edlen Züge des mir einſt ſo theuren Angeſichtes mit kaltem Hohn? Wer, end⸗ lich, hat das Sündengeld, dem Ermordeten— nein, ſeiner ärmſten Mutter— geraubt, und will es nicht hergeben?* „Daß ich ein Narr wäre! Faſeln Sie nicht ſo tugendhaft und ſcheinheilig, Emil; es verſchlägt nicht bei mir. Sie wünſchen mich los zu ſein, ich ſehne mich weg von Ihnen,— darin treffen unſere Wuͤnſche zuſammen. Aber Sie ſind ſchlecht bei Caſſe und ſollte endlich einmal der Geldbrief eintreffen, den wir in dieſer langweiligen Kneipe erwarten, ſo wird er auch nicht große Summen enthalten. Schwarz⸗ waldqu wird ſchlecht bewirthſchaftet; es geht auf die Neige mit Ihnen. Müßt ich nicht ein Eſel ſein, wollt' ich die paar Tauſend Thaler, die das lüſterne mannstolle Carolinchen ihrem reichen Vater für den Langerſehnten, ſpät in ihre Schlingen Gegangenen 129 ablockte, und die bei unſerer künſtlich⸗angelegten Er⸗ pedition,(bei welcher ich doch wahrlich keine leichte Rolle zu geben hatte) mir als ſchwererworbenes Ar⸗ beitslohn zuftelen, der alten Frau nach Thalwieſe ſchicken? Für die mag der Schwachkopf ſorgen, der Thalwieſe nun beſitzen und ſich mit dieſem Beſitz den Adel erkaufen wird. Er hat Geld im Ueberfluß. Ich brauche das Wenige, was ich in Guſtav's Ta⸗ ſchen fand, um als freier Bürger der neuen Welt Urwälder niederzubrennen, Blockhäuſer zu errichten. Das Einzige, was ich thun kann für Ihren geliebten, von Ihnen ermordeten Freund, iſt etwa, daß ich meine künftige Beſitzung ihm zu Ehren„Thalwieſe“ nenne. Dank bin ich ihm allerdings ſchuldig, dafür, daß er ſich in ſeiner, von Mann und Weib geprieſenen Schönheit herabgelaſſen, mir ein Bißchen ähnlich ſehen zu wollen. Denn ohne dieſe Aehnlichkeit war die Anlage meines ganzen Planes nicht möglich und die Täuſchung der dummen Wirthin von Neuland unausführbar. Es bleibt alſo dabei: mein Landgut jenſeit des Meeres heißt: Thalwieſe, und ſobald ich ein zweites habe, nenn' ich es Neuland.“ „Ich weiß nicht, ſoll' ich Dich mit Abſcheu betrachten, oder mit Bewunderuug? Du weeilſt gleichſam behaglich bei der Erinnerung an Greuel, 1856. II. Schwarzwaldau. II. 9 130 die ich zu vergeſſen ſtrebe! Iſt das Kraft, oder iſt es 2 „Sprechen Sie's nur aus: iſt es Verworfen⸗ heit? wollten Sie ſagen. Meinethalben nennen Sie's wie Sie wollen; meinethalben denken Sie von mir was Sie wollen; ich thue desgleichen, was Sie betrifft. Alſo: sans géne! wie der gebildete Deutſche zu äußern beliebt. Sobald ich unterweges ſein werde, mögen Sie meinethalben ſich auch bloß ſtellen wie Sie wollen, ſich durch Roth⸗ und Bleich⸗werden, durch unheilkündende Mienen verdächtigen— ganz nach Belieben. Nur ſo lange ich noch den Vorzug genieße, in Ihrer Nähe zu bleiben, für Ihren Se⸗ cretair zu gelten, werd' ich alles Ernſtes um einige Beſonnenheit und Vorſicht gebeten haben. Ich em⸗ pfinde kein Verlangen danach, vor Gericht befragt zu werden: welches Urtheil ich in Ihrem Dienſte mit rother Schrift niedergeſchrieben.“ „Mit Blute! Mit ſeinem Blute!“ „Wie abgeſchmackt, dieſe Scheu vor Blute, die einzig und allein in der Einbildung liegt. Immer hab' ich mich geärgert über die gewiſſe, oft eitirte Phraſe des Dichters, die er ſeinem Teufel beim Abſchluß des Pactes in den Mund legt:„Blut iſt ein ganz beſonderer Saft!’ Warum denn? Blut im 131 Allgemeinen, von Thieren, iſt gar nichts; hat keine Bedeutung, als für die Chemie, oder gar für den Zuckerſieder, Wurſtmacher. Und Menſchenblut? Dumm⸗ heiten! Wenn Sie des Abends, bei Dämmerung, an einem unheimlichen Orte, die Steine voll Blut⸗ flecken finden und Ihre Phantaſie Ihnen die fürch⸗ terlichſten Möglichkeiten vorſpiegelt, und Sie rufen, Mord ahnend ‚wie er auf's Beſte iſt⸗ Leute herbei; und es tritt hinter dem Gebüſch, oder aus dunklem Wwinkelverſtecke ein haarſtruppiger, wildausſehender Kerl, vor dem Sie zurückbeben?... iſt das nicht entſetzlich? Aber zum Glücke finden ſich beſchützende Wachen ein, auf Ihre Anzeige umſtellen dieſe den Verdächtigen, deuten zagend auf die verrätheriſchen rothen Flecke;.. und der Kerl ſagt beſtätigend: Ja, ich geſteh's— ich leide oft an Naſenbluten, wenn ich zu viel Schnaps geſoffen habe!—— iſt da nicht ſämmtliche tragiſche Poeſie aus den geheimniß⸗ vollen vielſagenden Blutſpuren verſchwunden? Oder ſoll der Wundarzt, welcher dem Kranken Blut ließ, ihn zu heilen, vor den rothen Streifen ſeiner Ader⸗ laßbindeu zurückprallen, wenn etwa der Patient dar⸗ auf ging? Wie llächerlich, dieſe Blutſcheu. Häͤtten Sie unſern Freund Guſtav weniger umgebracht, wenn Sie ihm Pülverchen in den Wein gerührt und ihn 9* 132 eingeſchläfert hätten, ohne Herz⸗Aderlaß? Und mußte er nicht ſterben, mußte er nicht mit dem Leben büßen,— ſo, oder ſo?“ „Das mußte er! Ja, Du ſagſt die Wahrheit! Er durfte nicht länger die Luft athmen, die er durch zwiefach gebrochenen Eid verpeſtet. Wir haben an ihm vollzogen, wozu er mich durch ſeinen Schwur feierlichſt berechtiget hatte. Und läge es in meinem Willen, die That ungeſchehen zu machen,... ich würde nicht wollen. Nein, ich würde nicht!“ „Bravo! das klingt männlich. Und daran hal⸗ ten Sie feſt, bleiben Sie feſt und bewahren Sie unſern alten Wahlſpruch: ‚es wächſt Gras über Alles.“ Ich werde in der neuen Welt recht luſtig ſein und Sie können in der alten auch noch ver⸗ gnügt leben,— auf Ihre Art und Weiſe.“ „Mein Wahlſpruch lautet anders.“ „Ah, Sie meinen Ihren lateiniſchen, von Stunden und Wunden? Das iſt eben auch nur perſönlich und er gilt, oder gilt nicht, je nachdem die verſchiedenen Menſchen gehäutet ſind. Ich geb' es zu: die Stun⸗ den, von den Alten Horen geheißen und als junge Weibsbilder umhertanzend, führen allerdings Waffen, zum Schlagen, Schneiden, Stechen. Die Eine iſt ſtärker, die Andere ſchwächer bewaffnet; ſo wie der 133 Sterblichen Häute dicker, oder dünner ſind. Durch ein dünnes Fell dringt auch ein Mückenſtich, ja die verdammten kleinen Sauger ſetzen ſich auf ſolche am Liebſten. Von abgehärteten Häuten gleiten ihre Stacheln ab. Mücken und Horen, ein Geſchmeiß wie das andere! Mich kitzeln ſie nur noch. Weh⸗ thun können ſie mir nicht mehr. Bis denn die Letzte hereinbricht, welche allerdings auf's Lebendige kommen wird. Dieſe iſt noch nicht da und ich will ſie mir vom Leibe halten, ſo lange als möglich.“ Dieſes Zwiegeſpräch belehrt uns genügend über den inneren Zuſtand Emil's und ſeines ehemaligen Büchſenſpanners, ſo wie über deren gegenſeitiges Verhältniß nach dem Morde. Was dem unterſuchen⸗ den Richter, was den heimiſchen und fremden Zeugen in Neuland unerforſchlich bleiben mußte, und uner⸗ klärlich, können wir leicht, mit einiger Nachhilfe eigener Einſicht ſo weit ergänzen, daß wir nichts Wunderbares mehr in dem traurigen Vorgange fin⸗ den, ſondern eingeſtehen müſſen, Franz verdiene das empörende Selbſtlob, welches er ſeiner eignen Umſicht bei Anlage des Planes ertheilte. Wir wollen uns nun auch nicht länger in Hamburg aufhalten, ſon⸗ dern dem Schluße unſerer Geſchichte nacheilen. Die von Emil erwarteten Summen trafen ein 134 und die Wünſche der nach Trennung ſchmachtenden Gefährten gingen in Erfüllung: Bei ſtürmiſcher Herbſtnacht begleitete Herr von Schwarzwaldau den zur See gehenden Franz nach dem Hafen, wo ſich ein für die weite Fahrt fertiges Schiff an ſchweren Ankerketten knirſchend wiegte und bäumte. Der Abſchied war kurz. Franz trug bei ſich, was er bedurfte, um ſeiner Meinung nach, das neue Leben glücklich zu beginnen. Reue empfand er nicht. Wehmuth noch weniger. Von beiden war Emil durchdrungen. Die Reue wühlte in der ſchwa⸗ chen Bruſt und Wehmuth ſtieg ihm auf, bei dem Gedanken, daß mit dieſem letzten, wenn auch gefürch⸗ teten, ja gehaßten Genoſſen, doch auch der letzte Menſch von ihm ſcheide, dem er(ſei es immer durch verbrecheriſche Gemeinſchaft) nahe geſtanden. „Ich habe ihn doch auch einmal lieb gehabt,“— ſeufzte der Unglückliche, vom Hafen in's Gaſthaus zurückkehrend;—„ich habe ihn doch einmal lieb ge⸗ habt, da er mir den Dolch aus der Hand geriſſen und mir Tages darauf ſeine Schickſale vertraute! Ach, das waren gute Zeiten!—“ Und dann bedeckte Emil ſein Geſicht mit beiden Händen und weinte:„wohin iſt es mit mir gekommen, daß ich jene Zeiten die guten nenne!— Aber ſei's — 13⁵ wie es wolle: ihn bin ich los! Für immer! Und ein gemeiner Mörder bin ich nicht.“ Achtundzwanzigſtes Capitel. So lange Franz mit kalten, giftigen Worten Haß und Wuth gegen den grauſam Hingeſchlachte⸗ ten ſtündlich nachgeſchürt und durch eigenes Beiſpiel der Verhärtung auch Emil's Neigung zu ſchwermü⸗ thiger Reue immer wieder weg raiſonnirt, oder weg⸗ gehöhnt,— ſo lange hatte dieſer vermocht, ſich zu faſſen. Jetzt, ohne Halt, und ohne Beſorgniß vor Spott, brach dieſe mühſam behauptete Faſſung plötz⸗ lich zuſammen, in ſolch' heftiger Weiſe, daß der von Gewiſſensviſſen und Mörderangſt Gefolterte, ſich gar nicht mehr vor den Gäſten am Mittagstiſche zu zeigen wagte. Er ließ ſich ihnen durch den Wirth zu freundlichem Andenken empfehlen, der ſich des Auf⸗ trages mit der Bemerkung erledigte: niemals habe er irgend einen Mann von einen Abſchiede ſo furchtbar angegriffen geſehen, als dieſen; wahrſcheinlich ſei Herr Sara ein natürlicher Bruder des Gutsbeſitzers, den über See zu ſchicken, traurige Familienverhältniſſe ge⸗ fordert haͤtten; und ſolche Liebe ſei fürwahr rührend, 136 weil ſie ſo innig bei wirklichen legitimen Geſchwi⸗ ſtern ſelten zu finden. Emil's Fahrt von Hamburg bis Schwarzwaldau bot keine Abwechslung, wurde durch kein äußerliches Ereigniß belebt, oder geſtört. Dafür machte er, zum Erſtenmale einſam in der Kutſche ſitzend,—(wir brauchen wohl nicht erſt zu bemerken, daß dieß längſt nicht mehr derſelbe Reiſewagen geweſen, mit welchem er beim Neulander Wirthshauſe vorgefahren,)— alle ſeiner furchtbaren Lage, wie ſeiner ſchwankenden Natur entſprechenden Widerſprüche, Gegenſütze, Ueber⸗ gänge vielfach gemartert durch. Dabei aber durfte der zu ſelbſtbetrachtenden Grübeleien ſo ſehr geneigte Denker ſich's nicht verhehlen,— und er geſtand es ſich, wenn auch zagend, ein,— daß er noch nie in ſeinem Leben ſo peinvoll am Leben gehangen, daß er den Tod, den er in beſſeren Stunden oft herbeige⸗ wünſcht, niemals mehr gefürchtet habe, als eben jetzt, wo er mehr wie je Urſache fand, das Daſein zu ver⸗ fluchen. Die ſtehende Formel zur Löſung all' dieſer un⸗ ergründlichen Fragen blieb immer der Ausruf:„ihn bin ich los, und ein gemeiner Mörder bin ich nicht!“ Wenn er dieß ausgeſprochen, wähnte er ſich ſtets wun⸗ derſam geſtärkt und dieſe Stärkung hielt ſtundenlang 137 vor. Sie machte ihn ſogar fähig, mit den Poſtillons bisweilen zu plaudern und zu ſcherzen. Doch ſie verlor ihre Wirkung, da er,— als nur die unvermeidlichen erſten Geſpräche mit ſeinen Dienern in Schwarzwaldau beſeitiget waren,— an Agneſens Grabe ſtand. Als er, ooll jenes kindi⸗ ſchen Wahnglaubens, mit den Todten ſpreche man am Vernehmlichſten dort wo ihre Hülle modert, ihr Be⸗ richt abſtattete von den Unthaten, die für ſie, für ihre beleidigte Ehre geſchehen ſein ſollten. Hanns der Storch ſtand klappernd neben ihm; die vom Herbſt⸗ wind ſchon entblätterten Thränenweiden ſäuſelten traurig; vergebens beſchwor er Agneſens Bild; nur Guſtav's verſtümmelte Leiche ſtieg aus dem naßkalten Boden vor ihm auf, als ob ſie neben dem ſchönen Weibe eingeſcharrt wäre. Sie geleitete ihn, ein nicht zu verſcheuchendes Geſpenſt, bis in die Räume, wo ſte ſo oft zu Dreien geſeſſen. Die Saiten des ver⸗ ſtimmten Klaviers rauſchten kläglich, als wollten ſie ein Klagelied des unwürdigen und doch vielgeliebten Sängers begleiten? Keine Kerze brannte. Emil weilte im Dunkeln. Er wollte die Schatten nicht verſcheu⸗ chen, vor denen er ſich fürchtete und die er doch feſt⸗ zuhalten trachtete. Auch Caroline geſellte ſich zu ih⸗ nen. Sie kam in tiefer Trauer, wie eine Witwe. 138 Sie nahm ihre alte Stelle neben Agnes ein und ſagte zu dieſer: Dein Gatte hat den meinen ermordet. Dieſe Anklage rief den Träumer in's wirkliche Leben zurück. Er läutete den Tafeldecker herbei und befragte dieſen über die Lage der Dinge in Thal⸗ wieſe? „Dort ſei die Braut des auf ſo unerklärliche Weiſe zu Tode gebrachten jungen Herrn auf Beſuch ſammt ihren Eltern; und Herr Reichenborn wolle dort bleiben, habe Frau von Thalwieſe aus allen Nöthen geriſſen, das Gut gekauft und ſich mit den Seinigen heimiſch gemacht. Mit nächſtem Frühjahr ſolle der Neubau des Schloſſes beginnen; Steine und Ziegeln würden fleißig angefahren und ſo weit der Schwarzwaldauer Vorrath an trocknem Bauholze etwa noch reiche, ſei er in Beſchlag genommen. Der För⸗ ſter habe ſchon das Geld dafür empfangen; denn ohne dieſe Einnahme hätte der Herr Amtmann un⸗ möglich zuſammenkratzen können, was er auf Befehl nach Hamburg ſenden müſſen.“ Emil durchwachte eine gräßliche Nacht. Alle Aengſte eines zur Hinrichtung Verurtheilten ſchwitzte er durch bis in die letzten Kriſen kalten Todesſchwei⸗ ßes. Caroline ſeine Nachbarin! Die den Ermorde⸗ ten ſo ſehr geliebt, daß ſie um dieſer Liebe willen 139 ihre Freundſchaft zu Agnes hingeworfen; die im Zorne von ihnen geſchieden, nach zweijähriger Friſt den Gegen⸗ ſtand ihrer neidiſchen Zerwürfniſſe endlich erobert, des reichen Vaters Einwilligung errungen, das Ziel hei⸗ ßeſter Wünſche erreicht hatte!... War dieſe nicht vorzugsweiſe berufen— und befähigt, ihres Bräuti⸗ gams Mörder zu entdecken? Berufen durch den Schmerz des Verluſtes, befähiget durch Argwohn und Haß, welche Guſtav's Geſtändniſſe in ihr vermehrt haben konnten und welche nun ihre Blicke ſchärfend, ſie auf die richtige Spur leiten würden? Er ſah ſie bei ſich eintreten,— aber jetzt an der Spitze eines Zuges von Häſchern; hörte ſie jenen zurufen: reißt ihn aus dem Bett und feſſelt ihn; er iſt der Mör⸗ der ſeines Freundes! Waren die Viſionen, denen er während der Dunkelſtunde nachgiebig und willig Spiel⸗ raum gegönnt, trotz ihrer grauenhaften Mahnungen dennoch zugleich wohlthätig geweſen, ſo griff dieſe nächtliche, gar nicht abreißende, immer wieder auftau⸗ chende, qualvoll in des zerſtörten Mannes Einſam⸗ keit und trieb ihn zur Verzweiflung. Dieſe war es denn zuletzt, die ihm gegen Morgen Muth verlieh; — einen Muth freilich, wie ihn der Vogel zeigt, wenn er in der Schlange offnen Rachen flattert. Emil beſchloß, nach Thalwieſe zu fahren um— einen 140 Beileidsbeſuch abzuſtatten:„Sie kann's nicht verbergen, wenn ſie Verdacht gegen mich hegt! Sie kann's nicht verſchweigen, wenn ſie etwas weiß, worauf ihr Ver⸗ dacht ſich gründet; es kann mir nicht entgehen, was von dort aus vielleicht ſchon gegen mich im Werke iſt; ich will Gewißheit haben! Sei es die Gewißheit des Schaffottes! Lieber dieſe, als noch eine Nacht wie die vergangene!“ Gegen Mittag fuhr eine Kutſche in den Herrenhof zu Thalwieſe und Herr von Schwarzwaldau wurde den Bewohnern des alten, baufälligen Wohnhauſes angemeldet. „Meines Sohnes Wohlthäter!?“ rief die, von langem Kummer ſo zäh gewordene Mutter Guſtav's, daß der letzte Schlag ſie nicht danieder geworfen; „meines armen Sohnes Wohlthäter; iſt er von ſeinen weiten Reiſen wieder da? Nun lern' ich ihn doch auch kennen! Das iſt mir lieb!“ Caroline empfing den Gatten ihrer einſt geliebten Agnes, wie man Denjenigen um ſo freudiger begrüßt, der völlig unerwartet eintrifft. Niemand in Thalwieſe wußte, ſie am Wenigſten, daß Emil nach Beendigung ſeiner Reiſen ſchon einmal in der Heimath geweſen ſei. Er galt für Einen jetzt eben über Hamburg Zurückkehrenden, als er, auf die an ihn geſtellte, 141 übliche Frage bei überraſchendem Wiederſehen;„wo kommen Sie her?“ dieſe Stadt als letzten Aufent⸗ haltspunct nannte— noch gedankenlos unter dem Einfluß tödtlich⸗bangender Beſorgniß. Doch dieſe ſchwand vor Carolinens unbefangener Herzlichkeit. Was zwiſchen ihnen—(in ſo fern ihre in Schwarzwaldau erlebten Kränkungen Emil berühren, oder ihn treffen konnten?) vorgefallen, das war längſt vergeſſen und mit Agnes begraben. Sie ſah in ihm nur der Freun⸗ din Gatten, des Geliebten Freund; den geiſtreichen zuvorkommenden Herrn des Schloſſes, der ihr bis zum letzten Augenblicke alle Höflichkeiten erwieſen und die Pflichten des Gaſtrechtes auf's Gewiſſenhafteſte erfüllt hatte. Aus ihren Andeutungen ging eben ſo unwi⸗ derleglich hervor, daß Guſtav ihr von ſeiner Bezie⸗ hung zu Agnes, auch als Bräutigam, nicht mehr endeckt habe, als ſie aus eigener Anſchauung ſchon gewußt. Was damals hingereicht, ſie von einer zur Nebenbuhlerin werdenden Freundin mit eiferſüchtiger Heftigkeit weg zu treiben, das erſchien jetzt, durch Jahre gemildert, durch den unterdeſſen errungenen Beſitz des Geliebten ausgeglichen, wie ein Irrthum der ſonſt ſo reinen und edlen Frau, der mit ihr be⸗ graben war. Aller Haß, aller Groll, alle Eiferſucht war todt. Nur zärtliche Erinnerungen walteten und 142 dieſe wendeten ſich dem einzig Ueberlebenden einer durch die Ferne verklärten Zeit wehmüthig lächelnd zu. Emil konnte und wollte nicht verheimlichen, daß die furchtbarſten Gerüchte über Guſtav's Tod ihn er⸗ reicht. Er wagte es von ‚ſchauderhaftem Raubmorde⸗ zu reden; wagte es, Carolinen zu bitten, ſie möge ihm, der nur unglaubliches, unzuſammenhängendes Geſchwätz vernommen, Aufſchluß geben; wofern es ſie nicht zu ſehr angreife? Er ſtellte dieſe gefährliche Bitte mit der entſetzlichen Ruhe, die gerade ſchwachen Menſchen bei ſolcher Gelegenheit, wo es an den eigenen Hals geht, bisweilen eigen iſt. Er wollte um jeden Preis und jetzt gleich, auf der Stelle, erfahren, was er noch zu fürchten habe? und ob Carolinens Freundlichkeit doch nicht vielleicht Verſtel⸗ lung ſei? Ob ſie ſich nicht vielleicht Gewalt anthue, ihn erſt ſicher zu machen, und dann um ſo ſicherer in die Schlinge zu locken? Doch jede Silbe aus ihrem Munde tiug bei, ſolche Beſorgniſſe zu zerſtreuen. Und das Gefühl, es hafte an ihm auch nicht ein Fäſerchen des Verdach⸗ tes, gab ihm die gräßliche Fähigkeit ſich,— was er ſelbſt vollbracht und vollbringen ſehen— ſchildern zu laſſen, ohne daß er in reuiger Unterwürfigkeit auf ſeine Kniee geſtürzt wäre und geſchrieen hätte: halt' 143 ein; ich will beichten und will ergänzen, was Du falſch erzählſt! Nein, er blieb unbeweglich und unbe⸗ wegt, heuchleriſche Theilnahme zeigend;— ſogar eine nichtswürdige Thräne zwang er ſich aus den Augen, gerührt über die günſtige Schickung, die es alſo fügen wollen, daß Carolinens Vermuthungen auf der Fährte jenes Weibes umherſchweiften, deren wilder Gluth für Guſtav der anonyme— nun lei⸗ der! verbrannte— Brief Erwähnung gethan. Nach ihrer Meinung hätte die zwiefach Betrogene Mörder gedungen; dieſe hätten die That verübt—(wie? das blieb denn allerdings unerklärlich, denn die gleich⸗ wohl authentiſchen Ausſagen der Wirthin ſprachen jeder Erklärung Hohn)— und einen Mord, den unerſättliche Leidenſchaft veranlaßt, noch obend'rein zum Raubmord erniedrigt. Die vermeintliche Urhe⸗ berin hatte Deutſchland ſchon verlaſſen vor Ausübung der That und war gerichtlicher Verfolgung unzugäng⸗ lich geworden,— wenn ſolche, bei derlei ſchwanken⸗ den Indicien, überhaupt zuläſſig geweſen? Das wußte Caroline durch den Juſtizrath, mit welchem ſie in ſchriftlichem Verkehre blieb. Daß ſich die Dinge ſo günſtig für ihn wendeten, rührte ihn wirklich; er empfand in ſeinem Innern Dank gegen Gott, der ihn beſchützen wolle.— Ihn, den Mörder!— 144 Reſignirt, ſich, wenn es ſo ſein müſſe, unbe⸗ dingt zu liefern, war er nach Thalwieſe gekommen. Voll neuer Lebensregung und Hoffnung, ja,— wir dürfen auch das nicht unterdrücken, wollen wir unpartheiiſch ſein,— nicht ohne gute Vorſätze für die Zukunft, die ſich aus ſeinem Troſtſpruche: ‚ein gemeiner Mörder bin ich nicht!“ entwickelten, verließ er Carolinen. „Zuverläſſig(ſo lauteten ſeine ſ ophiſtiſchen Schlüſſe) hat es auf Erden ſchon unentdeckte Mörder gegeben, die nicht erreicht von ſtrafendem Arme irdiſchen Ge⸗ richtes, das ewige durch unſträflichen Wandel zu ver⸗ ſöhnen ſtrebten; denen in guten Thaten, in menſchlichem Wohlwollen ihre Tage ſanft verrannen; die ſich von Blut und Laſter rein wuſchen im Strome der Zeit; die Entſündigung fanden, ohne ihr Haupt auf den Block zu legen. Ja, ich muß es bekennen, wie un⸗ glaublich es mir ſelbſt klingt: noch nie war mir das Leben ſo werth, ſo wichtig, als ſeitdem ich es einem — Andern geraubt. O ich will, ich muß leben!—* „Und frage nicht mehr, ob es rühmlich ſei?“ klang es in ihm nach. Er aber wußte nicht, ob dieß Citat aus einem ſeiner Lieblingsdichter, oder ob es aus ihm ſelbſt herrühre? Wie er denn überhaupt biswei⸗ len die Empfindung hatte, als beſtehe er aus zwei 145 verſchiedenen Menſchen, wovon der Eine für den Andern nicht verantwortlich, ſondern nur veranlaßt wäre, ihn aufmerkſam zu betrachten, um pſycholo⸗ giſche Studien an ihm zu machen. Dieſe Täuſchung war beſonders mächtig geworden während ſeines lan⸗ gen Beſuches in Thalwieſe, wo der Mörder ſich in den Hintergrund zog, dem antheilsvollen Freunde, dem gebildeten Manne von Welt freien Spielraum zu gönnen. Erſt in Schwarzwaldau trat Jener wieder hervor, ſein theuer bezahltes Unrecht geltend zu machen; und da wurde Dieſer alſobald ſehr kleinlaut. Die Furcht, die gemeine Furcht des Verbrechers, der Verdacht und Entdeckung wittert, hatte ſich allerdings vor Caro⸗ linens rückhaltsloſer Herzlichkeit unbegründet erwieſen und war verſchwunden; doch nur um einem unklaren Drange Raum zu machen, der genau unterſucht in nichts Anderem beſtand, als in dem Bedürfniß: nicht mehr von ihr zu weichen; ſie ſtets zu umgeben; fortdauernd ſich bei ihr in günſtiger Meinung zu erhalten; ja, wo möglich durch ausſchließlichen Um⸗ gang ſich ihrer Gedanken zu bemächtigen, damit kei⸗ ner in ihr aufſteige, der, weiter durchgedacht, zur Wahrheit führen könne. Es gab nichts, was Emil abhalten mochte, dieſem unwiderſtehlichen Drange zu genügen: In 1856. II. Schwarzwaldau. II. 10 146 Thalwieſe war er gern geſehen. Caroline ſprach gern von Guſtav, hörte noch lieber von ihm ſprechen und Emil fand wohlthätige Beruhigung darin, nur von dem todten Freunde zu reden; zu ſchildern, wie theuer ſeinem Herzen der Selige geweſen; deſſen Fehler zu entſchuldigen, deſſen Vorzüge zu preiſen. Dabei log er nicht. Er empfand, was er ſagte: denn er liebte Guſtav jetzt, nachdem dieſer ſeinen Verrath im Tode gebüßt, eben ſo innig, als er ihn in der blühend⸗ ſten Zeit ihrer jungen Freundſchaft geliebt hatte. Anders ſtand es um Carolinen. Für ſie war Guſtav wirklich todt. Sie verſchwieg ſich's nicht: ihr hatte nur der Lebendige gelebt. Was ihre Sinne an ihn gefeſſelt, was ihr ſeinen Beſitz zum höchſten Ziele zweijähriger ſchmachtender Sehnſucht gemacht; es moderte mit dem verſtümmelten Leibe im Grabe. Ihre Liebe war mit dem Geliebten geſtorben, ſein Bild mit ihm eingeſargt. Was ihr übrig blieb, lief zuletzt auf ein ſtilles Bekenntniß hinaus: er iſt ſchön geweſen, unwiderſtehlich,— ſonſt nichts! Ihr Freund, das fühlte ſie, wär' er niemals geworden; hätte er niemals werden können. Er war zu unbedeutend. Nur die Frenndſchaft iſt es, welche die Liebe überlebt. Aber Emil wurde ihr Freund. Sie gewann 147 Achtung vor ſeinen geiſtigen Vorzügen, die ſich auf dem dunklen Grunde ſeiner ernſt⸗düſtern Stimmung immer ſtrahlender entwickelten. Für ihn vereinigten ſich in ihrer Perſon und um dieſe, all' ſeine wider⸗ ſtreitenden Erinnerungen an Agnes und Guſtav. Er glaubte ſich zu entſühnen im dauernden Verkehre mit ihr. Er wurde in Thalwieſe unentbehrlich. Dem alten Reichenborn gab er gute Rathſchläge, ſowohl über die Verwaltung der Wirthſchaft, als über die er⸗ folgreichſten Einleitungen zur Förderung ſeines Wun⸗ ſches: den Namen ‚von Thalwieſe⸗ tragen zu dür⸗ fen; der Mutter zeigte er unbedingte Verehrung und gewann ſie durch Anhänglichkeit an ihr winterliches Stillleben; Guſtav's Mutter ſah in ihm ohnehin den Vater und Bruder(beides zugleich) ihres unglückli⸗ chen Sohnes; Caroline fand in ihm, was ſie am Bräutigam auch in Stunden feurigſter Gluth vermißt zu haben ſich eingeſtehen mußte: Nahrung für Geiſt und Seele, die nur der Mann von höherer Bildung dem bildſamen Weibe ſpendet. Mit dieſer Achtung aber, die ſie ihm gern zollte, verbanden ſich auch wiedererwachende Regungen ganz anderer Art. Sie trug, was ſie für Guſtav empfunden, bewußtlos auf den reiferen Mann über, der ſeinen Cultus für des jungen Freundes natürliche Anmuth mit Pietät 10* 148 fortſetzte. Emil von Schwarzwaldau gewährte ihr, was Guſtav von Thalwieſe nicht geben konnte und ver⸗ hieß zugleich, was ihr in dieſem begraben war: die Ausſicht auf Eheſtand. Denn daß er daran denke, Reichenborn's Tochter ſeine Hand, ihr mit dieſer Stand und Namen darzubieten, daran zweifelte bald nie⸗ mand mehr in Thalwieſe; ſie am Wenigſten. „Des Ermordeten hinterlaſſene Braut, meine Gattin!— Dieſe Verbindung ſtellt mich ſicher vor der letzten Möglichkeit zufälligen Argwohnes!“ Das ſagte er ſich bei jeder Heimfahrt aus Thalwieſe. „Und Reichenborn's Vermögen! Caroline das einzige Kind, unbeſchränkte Erbin! Schwarzwaldau und Thalwieſe ein Beſitzthum!“— 1 Am Syloeſterabend verlobten ſie ſich, zum Ent⸗ zücken der Eltern. Am Neujahrstage brachte ihm ein Bote, den, wie er mündlich berichtete: ‚das Mamſellchen vom Schloße heimlich abgeſchickt, einen Brief. Caroline hielt ſich verpflichtet ihm zu bekennen, daß Guſtav nicht mehr ihr Bräutigam, daß ſie ſein Weib geweſen, daß ſie ſeine Witwe ſei; daß ſie dieß nicht verſchweigen dürfe, und ihrem zweiten Verlobten das Recht des Rücktrittes einräume, wo⸗ fern er über dieſes Verhältniß im Irrthum geblieben 149 und ihre bisherige Offenheit ihn nicht ſchon vorher aufgeklärt habe. Emil erwiderte ihr ſogleich: ‚Für zwei Menſchen, die mit einander ein neues Daſein beginnen, giebt es keine Vergangenheit mehr. Beide haben nur eine Zukunft. Für uns gilt das entſchieden. Was ge⸗ ſchehen, iſt vergeſſen. Wir haben Schiffbruch gelitten; wir ſahen in den Grund des Meeres verſinken, was uns trug. Wir finden uns auf ödem Eiland. Dürfen wir fragen: wo iſt geblieben, was Du einſt beſeſſen? Wir haben nur zu fragen: was haben wir uns noch zu geben? Was können wir uns ſein? Meine Antwort bleibt unveränderlich: Nimm mich, wie ich bin!⸗ In Thalwieſe wurden ſie getraut und Emil von Schwarzwaldau führte ſeine Frau gleich nach der Hochzeit in das Schloß, welches ſie ſeit der Trennung von Agneſen nicht mehr betreten. Da ſeine Dienerſchaft die Hochzeitsfeierlichkeit in der Kirche mit angeſehen und feſt überzeugt, es werde derſelben ein Mal folgen, ſich mit der Rück⸗ kehr nicht übereilt hatte, ſo trafen die Neuvermähl⸗ ten vor Jenen ein und wurden von niemand empfangen. Nur Hanns der Storch ſtand auf der Freitreppe des Portales und klapperte. 150 Neunundzwanzigſtes Capitel. Es iſt noch kein volles Jahr vergangen. Der mildeſte, reinſte Herbſt ſchmückt Wald und Flur mit bunten Blättern, Früchten, Beeren. Herr und Frau von Schwarzwaldau gehen im Park umher, heute, ſeit ihrer Verbindung zum Erſtenmale in ehelichem Zwiſte begriffen, der aber nicht von ihnen ausgeht, ſondern von Thalwieſe herübergedrungen iſt und ſie, ohne ihr Zuthun, ergriffen hat. Die Erwartung, daß der reiche Schwiegervater mit vollen Händen einſchreiten werde, Emil's ver⸗ worrene und ſeit ſeiner langen Abweſenheit nicht mehr in's Geleiſe gebrachte Geldverhältniſſe zu ord⸗ nen;— eine Erwartung, die, wie wir nicht ver⸗ ſchwiegen, auch ihren Antheil am Abſchluß der Hei⸗ rath mit Carolinen hatte,— iſt noch nicht in Er⸗ füllung gegangen. Wäre bald nach der Hochzeit ehrlich darüber geſprochen worden, oder noch beſſer: kurz vorher, gewiß hätte nicht die geringſte Weige⸗ rung von Seiten Reichenborn's Statt gefunden. Doch das iſt unterblieben; Emil hat von Woche zu Woche das peinliche Geſpräch hinausgeſchoben; und ſeitdem hat der ſonſt angebetete Eidam die Gunſt des alten 151 Herrn verſcherzt. Denn ach, das Geſuch um Ver⸗ eeihung des Adels, von Emil aufgeſetzt, durch ſeine Freunde in der Reſidenz befördert, durch alte Gönner und Jugendgenoſſen ſeines verſtorbenen Vaters be⸗ worwortend eingereicht, iſt abſchlägig beſchieden wor⸗ den; und in einem ſo determinirten, dabei faſt ſpöt⸗ telnden Style, daß jede Hoffnung für Gelingen eines zweiten Anlaufes abgeſchnitten bleibt. Je ſicherer Reichenborn ſich auf des Schwiegerſohnes Einfluß verlaſſen hat, um deſto verdrüßlicher macht ihn dieſer niederſchlagende Ausgang und er hat mit der ge⸗ kränkten Eitelkeit eines alten Mannes zu verſtehen gegeben: wahrſcheinlich wären die Anſtalten zur Er⸗ füllung ſeines ſehnſüchtigſten Wunſches abſichtlich vergriffen worden, weil man ihm den Adel nicht gönne! Ueber dieſe alberne Aeußerung hat Emil nicht ohne Bitterkeit geſcherzt; Caroline hat ſolche Scherze, in des Vaters Seele hinein, übel genommen und es ſind bei dieſer Gelegenheit die garſtigen Geldfragen im Allgemeinen zur Sprache gekommen. Caroline ſieht ein, daß Emil ſie und die Eltern über ſeine Vermögensumſtände getäuſcht habe. Er kann ſeine Verlegenheiten nicht mehr verheimlichen. Sie macht ihm Vorwürfe wegen ſeines Mangels an Vertrauen; er entgegnet:„Wenn man die 152 einzige Tochter eines anerkannt ſo reichen Mannes heirathe, verſtehe ſich die Hilfe durch den Schwie⸗ gervater von ſelbſt und es ſei nicht nöthig vor der Hochzeit diplomatiſche Verhandlungen darüber zu pflegen.“ Sie leitet aus dieſer Behauptung die Mög⸗ lichkeit her, Emil habe wohl gar die Ehe nur jener unentbehrlichen Hilfe halber geſchloſſen? Darüber ſpielt er den Beleidigten, oder iſt er es in der That? Und der ſchöne Herbſttag verdüſtert ſich für die Schloßbewohner Schwarzwaldau's. Wunder genug, daß der Friede zwiſchen ihnen faſt zehn Monate hindurch gedauert!— Bei dieſem Zündſtoff, dieſem Kriegsvorrath auf beiden Seiten! — Nur Emil's feige Gewandtheit vermochte ſo lange den Ausbruch hinzuhalten. Caroline iſt ſo ganz und gar der lebendige Ge⸗ genſatz von der verſtorbenen Agnes. Wo dieſe nichts von ihrem Gemal begehrte, als ungeſtörte Ruhe und Selbſtſtändigkeit, begehrt Caroline eben nur Gattin, Eheweib, Beſitzerin ihres Mannes zu ſein. Wo Agnes in jungfräulicher Kälte nichts zu entbehren ſchien, was ihr verſagt wurde, da fordert Caroline und macht ihre Rechte ſo lebhaft geltend, daß Emil, der ‚das Joch der Liebe“ freundlich zu tragen ſtrebt, im Stillen doch nicht ſelten die Heirath — 153 verflucht. Freilich aber genügt ein Rückblick auf ſeine ſchwarze That, ihn mit neuer Geduld auszurüſten und er ſeufzt in(oftmals ſchwererrungener Einſamkeit 1 „Beſſer noch, ich beuge den Nacken unter's Joch, als über den Henkerblock.“ Deßhalb kommt es auch dießmal zu keiner Widerſetzlichkeit; er fügt ſich beſcheiden; geſteht in Demuth ſein Unrecht ein; und erkauft, theuer genug, durch erzwungene Zärtlichkeiten ſeiner Gemalin huld⸗ reiches Verſprechen: ſie werde mit Papa reden, um zu ſehen, was ſich thun laſſe? Auch gelobt er heilig, Alles aufzubieten, daß ein zweites Geſuch glücklicher wirke und vielleicht doch das Adelsdiplom noch er⸗ rungen werde? Als er ſich aus den Armen der endlich verſöhn⸗ ten Frau gewunden, begab er ſich an den Schreib⸗ tiſch, wo er Briefe über Briefe aufſetzte, die zu die⸗ ſem Zwecke für die Reſidenz beſtimmt waren. Wo⸗ bei er in kaum verhaltener Wuth murmelte:„Welch' ein alter Eſel, mein Schwiegervater! Wie dumm, ein neugebackner Edelmann werden zu wollen, ohne den einzigen Entſchuldigungsgrund, daß er etwa einem Sohne mit vielem Gelde zugleich einen Schat⸗ ten von Rang hinterlaſſen möchte! Mit ihm ſterben, wenn wir ihn dazu machen, die Thalwieſe's aus! 154 Er ſoll ſich vorſehen! Er ſoll mich nicht auf's Aeußerſte bringen, durch ſeine Zähigkeit, der alte Filz! die letzten Thalwieſe ſind nicht ſicher vor mir. Sein Vorgänger ſtarb von meinem Dolche;... ich muß wider Willen fortwährend an Franz denken, und an ſeine Hamburger Abhandlung über meinen Schauder vor Blut; wie er von dem Tode durch Gift redete.... Heiliger Gott, wohin gerath' ich?“— Und er warf ſich vor dem Schreibtiſch wie vor einem Altar auf die Kniee und betete:„Vergieb mir die Sünde, barmherziger Schöpfer!“ Aber die Gedanken an Franz wollten nicht von ihm weichen. Seitdem er den gefährlichen Ver⸗ trauten vor einem Jahre zum Hafen geleitet, hatte er ihn nicht mehr ſo lebendig im Sinne gehabt, hatten ſich ihm die gefürchteten Züge des Frechen nicht ſo aufdringlich vor die Seele geſtellt, als an dieſem Abend. Den unwillkommenen Gaſt ſeiner Phantaſie zu verſcheuchen, begab er ſich vom Schrei⸗ betiſche nach dem Gartenſaale, wo ſie den Sommer über, bei offnen Flügelthüren, Thee getrunken, wo es Carolinen beſſer geſiel als ſonſt im ganzen Schloſſe, von wo der Herbſt ſie noch nicht vertrieben, ja wo ſie ſich am Liebſten auch über Winter eingerichtet haben würde, hätten die Ofenſetzer nicht erklärt, daß 155 ſie den großen Raum zu durchwärmen ſich nicht anmaßten. Es war ein großes Gefilde, dieſer Saal, hineingebaut in den Park, mit Glasthüren verſehen, die eigentlich nur Fenſter waren und mit Fenſtern, die man Glasthüren nennen durfte, denn es wäre ein Leichtes geweſen durch ſie geraden Schrittes in's Grüne zu gelangen. Caroline hatte die Leere des öden Raumes, der dunkeln glatten Marmorwände mit Wäldern von Blumen und Geſträuchen füllen und bedecken laſſen, die in blendend weißen Geſchirren auf hohen Geſtellen hübſch gruppirt günſtigen Eindruck und den urſprünglich für ausgebreitetes Familienleben an⸗ gelegten Aufenthalt auch für ein kinderloſes Paar be⸗ haglich machten. Dort in der Dunkelſtunde ſie zu finden, darauf durfte der von böſen Gedanken und ſchwarzen Bildern Beängſtigte ſich verlaſſen. Und fürwahr: ſeine Gedanken mußten recht ſchlimm und die Bilder ſehr ſchwarz ſein, ſollten ſie ihn wiederum zurückſcheuchen an die Seite Derjenigen, an die er ſich,— was er vor wenigen Stunden erſt ſo bitter empfunden!— an die er ſich verkauft hatte, ohne doch durch den Handel ſich aus allen Bedräng⸗ niſſen befreit zu ſehen. Zu ſeinem Troſte fand er ſie dießmal wenig geneigt, ihn entgelten zu laſſen, welche Rechte ſie an ihn habe. Auch ſie ſchien Gedanken 156 hingegeben, die nicht der unmittelbaren Gegenwart gehörten; auch ſie beſchäftigte ſich mit Bildern der Vergangenheit, auch in Trauerflor gehüllt, auch von Blut gefärbt. Sie war— bei Guſtav. Bei dem einſt Geliebten, deſſen ſie nicht ein einzigesmal Erwähnung gethan, ſeitdem ſie in Schwarzwaldau lebte; den zu nennen, ſie abſichtlich vermieden. Heute empfing ſie ihren Gemal mit der wunderlichen Verſicherung: der Ermordete ſei ihr erſchienen; ſie hoabe hier ſitzend dem Spiele der gelben Blätter zugeſchaut, die der Wind über den Raſen jagte und habe dabei, wie man ſo wachend träumt, goldene Münzen vor ſich zu erblicken gewähnt, weil ſie nachgeſonnen, auf welche Weiſe ſie den Vater am Leichteſten bewegen werde, Zahlung zu leiſten;...„da ging er, jenſeits der großen Wieſe, den Thränenweiden zu, unter denen Agnes begraben liegt. Ich erkannte ihn deutlich, obwohl der Tag ſich ſchon neigt; ſeine Geſtalt hob ſich auf dem Spiegel des See's ſcharf hervor. Er wendete ſich dem Schloße zu und machte eine dro⸗ hende Geberde hier herüber. Dann verſchwand er hinter den Weimuthskiefern.“ „Thorheiten!“ ſagte Emil.. „Warum? Kann er's nicht in Wahrheit gewe⸗ ſen ſein? Du weißt, ich glaube nicht an Geſpenſter, 157 die Mehreren zugleich einen groben ſinnlichen Spuk vorgaukeln. Wir ſprachen oft über die Unmöglichkeit ſolcher Dinge. Aber ich glaube an die Fortwirkung abgeſchiedener Seelen auf die unſrigen. Glaube, daß es bisweilen in ihrer Macht liegt, uns Mitthei⸗ lungen zu machen, welche ſich in Geſtalt äußerlicher Erſcheinungen kleiden, während ſie doch von unſerm Innern ausgehen.“ „Und da hätte Dein— Bräutigam bis heute warten ſollen? Und warum gerade heute?“ „Weßhalb nicht? Kann er mir nicht einen Wink geben wollen, daß immer noch zu wenig ge⸗ ſchehen ſei, die Mörder zu verfolgen? Daß vielleicht jetzt Zeit und Gelegenheit günſtig ſind, ſie zu ent⸗ decken?“ „Redeſt Du im Ernſt, Caroline? Glaubſt Du an Dein ‚„Weßhalb? Ich denke, Du machſt Dir einen Scherz, meine Leichtgläubigkeit auf die Probe zu ſetzen?“ „Nichts weniger! Mich erfüllt im Gegentheil die beſtimmte Ahnung: es wird uns gelingen, in den nächſten Tagen, eine ſichere Spur aufzufinden und ich rechne auf Deine Beihilfe.“ „„ Auf dieſe kannſt Du rechnen,“ ſagte Emil mit einer Feſtigkeit, über welche er ſelbſt ſich erſtaunen 158 fühlte.„Verfolgen will ich jede Spur, die ſich dar⸗ bietet,— aber finden mußt Du ſtie. Ich wüßte keine zu ſuchen.“ „Hatte, was ich zu ſehen gewähnt, tiefere Be⸗ deutung; war es nicht ein leeres Spiel getäuſchter Augen, dann wird Suchen und Finden leicht; dann zeigt er mir den Weg.“ Sie ſprachen noch lange für und wider, bis ſie zu Bette gingen. d 3 Caroline beſaß,— eine Mitgift ihres Vaters,— den geſegneten Schlaf, deſſen Jener ſich erfreute. Sie konnte lange wach bleiben, wenn geiſtige, oder ſinn⸗ liche Aufregungen ſie belebten. Aber gab ſie ſich erſt dem angeborenen Bedürfniſſe hin, ſo ſchlief ſie feſt und unerwecklich. Kanonenſchüſſe, vor ihrem La⸗ ger losgebrannt, hätten ſie nicht munter gemacht, ehe die Natur empfangen, was ſie an Ruhe bedurfte. Dieſe Eigenſchaft kannte Emil hinreichend. Sie war ihm zu Statten gekommen für manche Nacht, wo er ſich vom Lager wegſtahl, um nach alter Weiſe ſein eigener Herr zu ſein und nicht den Athemzug eines andern Weſens neben ſich zu hören. Auf dieſe Stunden verwies er auch heute ſeine Ungeduld, die weit entfernt an einen Wink aus der Geiſterwelt 159 zu glauben, die Veranlaſſung der Viſion anders erklärte: „Mit Boten aus jener Welt dürft' ich ſchon fertig werden; wenn es nur nicht ein Beſuch aus dem Theile der Erdenwelt iſt, die man die neue nennt! Wenn es nur nicht—— 2 Er ſprach den Namen nicht aus. Er zitterte ſchon, ihn nur zu nennen. Dreißigſtes Capitel. Emil hatte gethan, was in ſeinen Kräften ſtand, die unheimlichen Erinnerungen an den Todten durch lebendige Beweiſe aufrichtiger Neigung zu verwiſchen, Carolinens ſtörende Einbildungen zu beſchwichtigen und die beunruhigte Frau in den Zuſtand des Frie⸗ dens zu verſetzen, der einem geſunden Schlummer Förderung verſpricht. Wie die Wärterin dem ſchrei⸗ enden Kinde alle möglichen Spiele und Näſchereien für den künftigen Tag zuſagt, damit es nur endlich die Augen ſchließe und ihr geſtattet ſei, ihre Augen von dem läſtigen kleinen Tyrannen ohne Verantwort⸗ lichkeit ab und eigener häuslicher Beſchäftigung zu⸗ wenden zu dürfen; ſo lullte und ſang er ſein großes . 3 160 Kind, ſeine gewaltige Tyrannin mit ſüßen Weiſen erlogener Liebe ein, indem er gelobte, morgenden Tages mit ihr gemeinſchaftlich zu berathen, was ihrerſeits geſchehen könnte, die vergeblich auf Rache harrenden Manen Guſtav's zu verſöhnen. Sie ent⸗ ſchlief in ſeinen Armen, mit ſchlaftrunkenen Sinnen und lallender Zunge ihn ‚Guſtav anredend, wo ſie „Emile ſagen wollte; den Ermordeten mit dem Mör⸗ der verwechſelnd. Emil ſchauderte zuſammen, doch er hielt ſich und zeigte nichts von Entſetzen. Er führte ſeine ſchwere Aufgabe durch, bis die letzten Küſſe auf des ermatteten Weibes Lippen hinſtarben ohne Erwiderung; bis ſie leblos lag. Dann ſtellte er auch allerlei Verſuche an, ob es auch ſchon der, echte, rechte Reichenborn'ſche Familienſchlaf’ ſei, der ſie überkommen? Einer nach dem andern fiel befriedigend aus. Zuletzt begann ſie zu ſchnarchen. „Der ganze Vater!“ murmelte Emil, wendete ihr den Rüͤcken, kleidete ſich wieder an und eilte, wohin finſtere Vermuthungen ihn zogen, in die Fin⸗ ſterniß hinaus, die ſich aber, als er nur einige Schritte in ihr gethan, für ihn ſogleich in eine, von Myria⸗ den leuchtender Sterne erhellte Dämmerung umwan⸗ delte; ſo daß er jeden duͤrren Grashalm, jede ab⸗ geblühte Blume unterſcheiden konnte. 161 „Zu Agneſens Grabe!“ flüſterten die im Nacht⸗ wind ſauſenden Zweige der hohen Bäume;„Guſtav's Geiſt, oder— den Andern? Du findeſt dieſen wie Jenen bei ihrem Grabe, wenn Einer von Beiden auf Dich wartet!“ Die Bäume hatten gut flüſtern, ſäuſeln und geiſterhafte Klänge lispeln. Emil wußte, wer ſeiner wartete; es konnte nur Franz Sara ſein. Doch als unter den Thränenweiden am See nun wirklich die von Carolinen beſchriebene Geſtalt ſich bewegte und mit dem heiſeren Ausrufe:„bald hätt' ich die Ge⸗ duld verloren!“ einige Schritte vorwärts that, da ſtockte Emil's Blutlauf und ſeine Haare ſträubten ſich auf dem Kopfe, denn er wähnte, den Ermorde⸗ ten vor ſich zu haben. Doch Franz ließ ihn nicht in Zweifel, wer er ſei: „Nicht wahr, jetzt gleiche ich ihm entſchiedener als ſonſt? Ich habe mir Bart und Haupthaar ge⸗ färbt, bin geſchniegelt und gelockt wie er, trage mein Halstuch nach ſeinem Muſter und befleißige mich ſei⸗ nes Ganges! Es freut mich, daß Sie mich erkennen, werther College. Aber für Sie iſt die Täuſchung nicht berechnet. Sie gilt lediglich dem dummen Volke hier und in Thalwieſe; denn ich habe verſchie⸗ dene Gründe, mir die Leute möglichſt weit vom Leibe 1856. II. Schwarzwaldau. II. 11 162 zu halten und das wird niemandem leichter, als dem Geſpenſt eines Verſtorbenen; beſonders wenn mit deſſen Tode ſo allerlei kleine, pikante Nebenumſtände verbunden waren, wie bei dem charmanten Herrn, auf deſſen Namen ich umzugehen und zu ſpuken trachte. Nun, willkommen im deutſchen Vaterlande, Emil! da Sie mir dieſen freundlichen Gruß nicht bringen, ſo muß ich ihn zuerſt ausſprechen; es iſt aber unhöflich von Ihnen.“ „Ich glaubte Dich in Amerika?“— weiter brachte Emil nichts heraus. „Ich glaubte mich ſelbſt ſchon dort! Ich dachte ſchon, wie Sie wiſſen, an meine Farmen, Blockhäu⸗ ſer und Heerden; dachte ſchon an die Namen, die ich meinen Beſitzungen verleihen wollte; dachte und dachte. Doch wie der Berliner ſo richtig und tiefſinnig ſagt: ‚Dachte ſind keine Lichte!“ es iſt ein großes Wort. Mein Licht iſt mir ausgegangen und zwar in London. Ich machte daſelbſt nähere Bekanntſchaft mit einem Ehepaare, dem ich bei der Ueberfahrt begegnet war. Es wollte auch in die neue Welt. Der Mann war ſchon einmal drüben geweſen, kannte die Gelegenheit, hatte ſich ein junges Weib in Deutſchland geholt und ſchlug mir vor, in Compagnie mit ihm zu treten. Er nahm meine Gelder in, Verwahrung, traf die 163 Vorbereitungen zur Reiſe, beſorgte die nöthigen Einkäufe und ich hatte unterdeſſen die Obhut über ſeine ſchöne Hälfte. Es war eben ein Compagniegeſchäft;— wie dergleichen öfter vorkommt; Sie wiſſen ja! Nur mit dem Unterſchiede, daß er ſich heimlich einſchiffte, mein Capital mitnahm und ſeine Frau mir überließ. Das ging, ſo lange es dauerte. Und als es nicht mehr gehen wollte, ging ich, und hier bin ich. Sehr erfreut, Sie friſch und munter zu finden. Doch ich bemerke mit Leidweſen, daß Ihre Freude über meine glückliche Ankunft größer ſein könnte. Sie ließen mich lange hier auf ſich warten und ich hatte doch ſchon vor Sonnenuntergang alle möglichen Zeichen und zuvorkommende Winke nach Ihrem Arbeitszimmer hinauf gegeben, wo ich Sie am Fenſter ſah?“ „Dieſe Winke hab' ich nicht bemerkt; habe Dich nicht geſehen.“. „Nicht? Ei, das überraſcht mich! Was hat Sie dann veranlaßt, mich aufzuſuchen?“ „Meine Frau ſagte mir...“ „Ihre Frau? Sie ſind zum Zweitenmale in den Stand der heiligen Ehe getreten? das iſt ſonderbar! Das iſt, wenn Sie erlauben wollen, unbegreiflich! Nach Ihren Erfahrungen... doch darf ich mir er⸗ lauben, zu fragen, wer die Glückliche iſt die.. 11 164 „Seine Braut. Caroline Reichenborn wurde Frau von Schwarzwaldau.“ „Ach, mein Compliment! Das iſt, was der Mann meiner lieben Frau in London den großen coup nannte. Vorzüglich! Sie haben Fortſchritte gemacht während meiner kurzen Abweſenheit. Speculationen waren ſonſt Ihre Stärke nicht. Im Gegentheil, bei Geldſachen pflegten Sie immer den Kürzeren zu zie⸗ hen. Exempla sunt odiosa. Derum hegte ich einige Beſorgniſſe, meinen an Sie zu richtenden Forde⸗ rungen dürften ſich mancherlei Hinderniſſe entgegen⸗ ſtellen, die nicht ſo leicht zu beſeitigen wären. Dieſe Beſorgniß ſchwindet nun. Reichenborn's Schwieger⸗ ſohn reitet auf einem großen Goldſack und er braucht dieſem ſeinem Roß nur in's Maul zu greifen, ſo hat er volle Hände und kann ausſtreuen nach allen Sei⸗ ten hin. Sie werden einſehen, daß ich Geld brauche— und viel! In Europa kann und will ich nicht bleiben. So groß es iſt, für uns Beide iſt es gewiſſermaßen doch zu klein; wir würden uns immer wieder begeg⸗ nen; danach ſehnen Sie Sich nicht und mir liegt nichts daran. Auch ſind meine ſchriftlichen Ausweiſe bei der übereilten Abreiſe von London etwas man⸗ gelhaft geworden, ſo daß eigenſinnige Polizeibehörden daran mäkeln könnten. Für uns Beide iſt es beſſer, 165 wenn ich meine Rolle als revenant ſo bald wie möglich ſchließe. Geben Sie mir dazu die Mittel und knickern Sie nicht. Was ſind zehn⸗— ſagen wir: fünfzehn Tauſend Thaler für Reichenborn's Erben?“ „Ich gab Dir ſchon, über meine Kräfte. Du haſt es ſchmählich vergeudet in wenigen Monaten. Jetzt bin ich ſelbſt in drückenden Verlegenheiten und es iſt noch gar nicht entſchieden, ob Carolinens Vater ſich bewegen läßt, mir beizuſtehen? Ich kann über ſolche Summen nicht gebieten. Ich habe ſie nicht,— aber wenn ich ſie hätte, ließe ich mir von Dir nichts mehr abtrotzen. Gehe, oder bleibe! Thu' was Du magſt. Dein Kopf ſttzt nicht feſter, als der meinige. Ich fürchte Dich nicht!“ „Darüber läßt ſich noch ſtreiten, edler Gebieter! Wenn ich ſo dumm wäre, hinzugehen und bei Ge⸗ richt zu deponiren: Ihr wünſcht zu wiſſen, wer den jungen Thalwieſe abgeſchlachtet? Ich will's Euch ent⸗ decken: ich hielt ihn feſt, mein Herr führte den Dolch und ſo weiter... nun, dann wär' ich paſſabel dumm, das iſt klar. Denn mich würden ſie gleich feſthalten und dann erſt auf Sie fahnden. So ſehen Sie den Stand der Dinge an und deßhalb fürchten Sie mich nicht. Wie aber, wenn ich ein Briefchen einſendete, 166 ein Briefchen erſt jenſeits der großen Salzpfütze ge⸗ ſchrieben, worin ich alle nöthigen Nachweiſungen er⸗ theilte, Punct für Punet auseinanderſetzte, und den Herrn Criminaliſten die ganze, ſchöne Begebenheit, ſammt ihren bisjetzt unauflöslichen Widerſprüchen er⸗ klärte? Meinen Sie nicht, daß Ihnen ein ſolches Briefchen Unbequemlichkeiten zuziehen müßte? Sie würden anfänglich leugnen, ich geb' es zu. Doch auf die Länge verwickelt man ſich; die Rechtsgelehrten wiſſen ihre Fragen ſo verdammt ſchlau zu ſtellen... und die gute Wirthin von Neuland würde nicht zö⸗ gern, ſich Ihrer liebevoll zu erinnern! Und Ihr Lohn⸗ kutſcher... und die Poſtillone... und ſo fort bis Hamburg... Sie glauben gar nicht, wie neu⸗ gierig ſo ein Unterſuchungsrichter fragt, wie uner⸗ müdlich er forſcht, wie ein Amt dem andern in die Hände arbeitet, wie naiv die Zeugen antworten, ach, und welchen Kummer es mir in fernen Landen ver⸗ urſachen würde, müßt' ich hören, oder gar leſen: meine armſelige Feder habe ſolchen garſtigen Brei eingerührt.“ „Auf Ehre, Franz; ich habe kein Geld; weiß keines aufzutreiben; war niemals ärmer als jetzt. Ich lebe in einer Abhängigkeit...“ „Na, das klingt beſſer, wie zuvor. Sie trotzen 167 nicht mehr; ſind bereit guten Rath anzunehmen So wollen wir denn unſer gemeinſchaftliches Intereſſe zwei vernünftigen Männern gleich wahrnehmen. Sie haben kein Geld? Ich glaub's Ihnen. Caroline wird welches haben.“— „Ich weiß es nicht!“ „Zuverläſſig. Ohne Nothpfennig läßt ein Rei⸗ chenborn ſeine einzige Tochter nicht vom Herrenſchloſſe in Schwarzwaldau Beſitz nehmen. Sie wird doch eine Chatoulle mitgebracht haben? So eine aus alt⸗ gebräuntem ſchweren Mahagonyholze gebaut, mit blan⸗ ken Meſſingbeſchlägen, künſtlich verſteckten Schlöſſern, nebſt dazu gehörigem Schlüſſel mit einem Barte, welcher den ſchönſten Hieroglyphen ähnelt. Wo dieſe Caſſette ſteht, werden Sie wiſſen. Wo der Schlüſſel liegt, werden Sie auskundſchaften. Wie Sie dazu gelangen, wird Ihnen Ihr Talent ſagen. Iſt der baare Vorrath nicht genügend, ſo nehmen Sie zu Hilfe, was von Schmuck vorhanden. Richten Sie's geſchickt genug her, an Schlöſſern und Schüben, daß Diebſtahl durch Einbruch und Dietriche vermuthet werde. Morgen Nacht um dieſe Zeit bin ich wieder hier. Daß Sie nicht ausbleiben, dafür bürgt mein Briefchen in spe. Jetzt will ich mich aufmachen, mein Verſteck zu erreichen: der Tag ziemt ſich nicht 168 für Geſpenſter. Sie, mein ſüßer, Neuvermählter, eilen Sie dem beglückenden Lager unſerer Freundin Caroline zu!“. Emil blieb allein. Er lauſchte ein Weilchen auf den im Gebüſche verhallenden Tritt ſeines ehe⸗ maligen Dieners. Dann warf er ſich bei Agneſens Grabſtein auf den Raſen und blieb liegen, wie ein Sterbender. Der furchtbare Zwang, den er ſich um ruhig zu ſcheinen, anthun müſſen, ließ jetzt auf ein⸗ mal nach. Das volle Gefühl ſeiner Schande und Verworfenheit überkam ihn. Noch einmal bemächtigte ſich ſeines Herzens eine dumpfe, troſtloſe Reue. Doch ſie gelangte nicht zur rechten Herrſchaft über ihn. Nach und nach gewannen böſe, ſelbſtſüchtige Regungen wieder die Oberhand und er fing an zu ſinnen, wie er ſich aus des Nichtswürdigen Krallen losmachen könne? Erſt der froſtige Hauch des heranbrechenden Morgens trieb ihn vom bereiften Grabe. Carolinen fand er noch ſchlafend und er hütete ſich wohl, ſie zu erwecken. 169 Einunddreißigſtes Capitel. Es iſt ſchon unerträglich genug, einen halben Tag in Unſchlüſſigkeit hinzubringen, ob man zum Beiſpiel ausgehen und ſich herumtreiben? oder ob man zu Hauſe bleiben und irgend eine fleißige Beſchäf⸗ tigung vornehmen ſoll? Finge der Regen, der da ſo ungewiß am Himmel hängt und eben auch zu keinem Entſchluße gelangt, ſoll er ſich verziehen, oder nicht; finge er nur in Strömen zu gießen an! Es wäre ja gut; die Entſcheidung wäre da: man machte ſich's bequem, griffe zum Buche, oder zur Feder und gäbe jegliches Gelüſten nach Zerſtreuung auf. Aber ſo lange noch immer Möglichkeit vorhanden, daß ſchönes Wetter eintrete, geht man nicht und bleibt man nicht und ſteht wie ein rechter Eſel zwiſchen zwei Heubündeln, ohne von einem zu freſſen. Das iſt ein flaches, alltägliches Gleichniß, deſſen Wahrheit nichts deſtoweniger ein Jeder in vorkom⸗ menden Fällen an ſich ſelbſt erprobt und ſeine Un⸗ ſchlüſſigkeit verwünſcht haben wird. Und was ſſt ſie, wie wenig bedeutet ſie, wie gering ſind die eingebildeten Leiden, die ſie ſchafft, wo es ſich nur um Spazierengehen und Zuhauſeblei⸗ ben handelt? Wo kein Kampf des Guten mit dem 170 Böſen, oder was noch ſchlimmer iſt, kein Kampf böſer Geiſter ſtatt findet, die untereinander feindſelig ſind und das Herz eines Menſchen zum Tummel⸗ platz ihrer Streitigkeiten auserſehen haben. O der Wahnſinige! Er überläßt ihnen die eigene Bruſt als Schlachtfeld und ſollte doch wiſſen, daß der Sieger,— ſiege nun Jener oder Dieſer,— gegen ihn verfahren wird, wie in Feindes Land. Emil war nur eines Vorſatzes ſicher: Caro⸗ linen dieſen ganzen Tag hindurch in günſtiger Stim⸗ mung zu erhalten, ſie zu zerſtreuen, ſich ihr auf jede Weiſe angenehm zu machen, auch nicht die leiſeſte Klage gegen ſich aufkommen zu laſſen, ſie durch Aufopferungen und Zuvorkommenheiten gleichſam zu ermüden, damit ſie in guter Laune entſchlafe und er dann Herr ſeiner Nacht ſei! Was er in dieſer Nacht unternehmen werde, darüber war er noch nicht einig mit ſich ſelbſt. Und weil ihm keine Zeit blieb, in unbelauſchter Einſam⸗ keit furchtbare Entſchlüſſe abzuwägen, deren mögliche Folgen durchzudenken, zwiſchen niedrigem Diebſtahl und tückiſchem Morde zu wählen, ſo ſah er ſich ge⸗ zwungen, dieſe fürchterliche Prüfung in ſeiner Seele vorgehen zu laſſen, während er ſcheinbar nur für Diejenige lebte, welche neben ihm Frohſinn und Heiter⸗ 171 keit entfaltete. Es gelang ihm vollkommen, die Täu⸗ ſchung durchzuführen. Und gehört es nicht unter die ſchrecklichſten Geheimniſſe der menſchlichen Natur, daß auch der moraliſche Schwächling bei Verbrechen oftmals eine Kraft entwickelt, die ihn gerettet haben würde, wenn er ſie auf edle Zwecke dauernd zu richten vermöchte? Caroline geſtand, ihr Gemal ſei liebenswürdiger als je und dieſer Tag unbedingt der glücklichſte ihrer Ehe. Sie erbot ſich wiederholt, heute nach Thal⸗ wieſe zu fahren und den Verſuch auf Reichenborn's Caſſe zu wagen.. Damit konnte ſich Emil nicht einverſtanden er⸗ klären, damit war ihm nicht geholfen für die nächſte Nacht. Jede Unterſtützung aus des Schwiegervaters Händen mußte nothwendig den offnen Geſchäftsweg nehmen. Was geſtern noch dringendes Bedürfniß, ſehnlichſter Wunſch geweſen, genügte nicht mehr, wo es darauf ankam, den drohenden Franz in tiefſter Heimlichkeit zu befriedigen, ihn zu entfernen. Dazu gehörte die freie Verwendung einer großen Summe, eines bedeutenden Werthes, worüber keine Rechnung verlangt wurde. Ob Caroline im Beſttze ſolcher Summe ſei? Ob Reichenborn's Vaterliebe unkauf⸗ männiſch genug geweſen, der verhätſchelten Tochter 172 ein todtes Capital mitzugeben, damit es, in der Chatoulle liegend, ohne Zinſenertrag nur als Simbol außergewöhnlicher Großmuth gelte? Darüber wußte der Gemal nichts Beſtimmtes. Einige in's Gewand des Scherzes gehüllte Fragen erreichten keine genü⸗ gende Antwort. Caroline ließ ſich darüber nicht aus, wie bedeutend, oder wie gering ihr, Nothpfennig' ſei. „So bleibt nichts übrig, als ihn ohne Dein Wiſſen, Krämertochter, zu zählen!“ dachte Herr von Schwarzwaldau, indem er ſie voll Inbrunſt umarmte und liebkoſend lispelte:„wir wollen die widrigen Geldſachen für heute ganz vergeſſen und nur unſerer Liebe leben!“ Und wahrlich das thaten ſie. Den köſtlichen Herbſttag in ſeinen goldenſten Stunden zu genießen, ertheilten ſie den Befehl, das Mittageſſen ſolle in ein Souper verwandelt werden. Sie fuhren bei wärm⸗ ſtem Sonnenſchein in's Freie, und weil Caroline, durch die Erinnerung an Agneſens Ende gewarnt, ein für allemal erklärt hatte, Emil dürfe nie die Zügel führen, wenn ſie im Wagen ſäße, ſo hatte ſie ihn neben ſich und er konnte, gleichſam im Uebermaße wonniger Behaglichkeit, ſein Haupt an ihre Bruſt ſchmiegend, durch zärtlichen Halbſchlummer den Schlaf nachholen, den, wie er ſagte, er jüngſt vergangene 173 Nacht entbehrt. Sie zog den Handſchuh aus und ſchmeichelte mit zarten Fingern die gutgehaltenen Locken, bis an die Wurzeln den vollen Haarwuchs durchwühlend. „Wie Dein Kopf brennt! Wie Du glühſt! Wie es da drinn hämmert! Leideſt Du Schmerzen? Haſt Du Fieber?“ „Ich kann die Nacht nicht erwarten!“ Was er ſo zweideutig ſagte,— und es ent⸗ ſchlüpfte ihm faſt wider ſeinen Willen,— nahm ſie in ihrem Sinne auf. Sie faßte eine ganze Hand voll Haare, zog ihn heftig empor, ſeinen Mund an den ihrigen und ließ ihn ſobald nicht los. Beide zitterten. Sie ſchrie laut auf. Er hatte ſie in die Lippe gebiſſen. „Es blutet,“ ſprach er bebend. „Für ſolche Wunden,“ ſagte ſie,„giebt es baldige Heilung.“ „Das iſt ja ein ewiges Geküſſe,“ murmelte der Kutſcher;„die verſteht's beſſer, wie unſre Selige!“ Dreimal wollte der Kutſcher die Pferde heimlenken. Dreimal hieß Emil ihn neue Pfade einſchlagen und wenn Caroline meinte, nun ſei es doch wohl genug gefahren, rief er entzückt:„nur noch ein Stündchen! laß' uns den himmliſchen Tag ganz auskoſten, vielleicht 174 iſt's der letzte— in dieſem Herbſt. Und wenn ſie dennoch darauf beſtand, in's Schloß rückzukehren, dann umſchlang er ſie und bat:„nur noch ein Stündchen; es iſt zu ſchön!“ Worauf ſie dann ſagte:„ja, mein Freund, es iſt wunderſchön, nur zu warm für die Jahreszeit und warmer Herbſt macht unglaublich müde; ich werde ſchon ſchlaftrunken.“ „Deſto beſſer,“ ſprach er, und umſchlang ſie wieder. Endlich bei Tiſch, zwang er ſie durch allerlei verliebte Trümpfe und Drohungen, mehrere Gläſer ſüßen, ſtarken Weines zu trinken und wußte dann das ohnehin ſchon zum Abendeſſen gewordene Mit⸗ tagsmal bis nach neun Uhr auszudehnen, wobei er ſprudelnden Witz und eine ſolche Fülle von Bele⸗ ſenheit entwickelte, daß ſie ihre Müdigkeit bezwang, aufmerkſam lauſchte und öfters bewundernd ausbrach: „Du biſt unerſchöpflich, Emil! Geiſtvoll, feurig, le⸗ bendig, wie ein Jüngling!“ „Das bin ich auch,“ prahlte er;„weil ich als Jüngling lebte wie ein Mann, beſonnen, mäßig, bleib ich als Mann friſch und lebendig wie ein Jüngling. Unſere jungen Herren ſind gewöhnlich am Ende, wenn ſie erſt anfangen ſollten. Stoß' 175 an und trinke mit mir: auf dauernde Jugend, auf immer junges Glück!“ Sie leerte das dritte Glas. Dann ließ ſie ſich von ihm zur Ruhe geleiten. Er ſchickte das Kam⸗ mermädchen fort und verſah deſſen Dienſte. „Ich ſchäme mich,“ ſtammelte Caroline;„ich bin berauſcht. Eine Frau, die Wein getrunken, iſt gräßlich.“ „Eine Frau, die einen ſo allerliebſten, kleinen, graziöſen Haarbeutel trägt, wie Du,“ erwiderte er, „iſt hinreißend, unwiderſtehlich; und von heute an, ſchick ich Dich täglich mit ſolchem Räuſchlein zu Bette.“ Heute bedurft' es nicht langweilender Wiegen⸗ lieder, ſie einzuſingen. Binnen einer Viertelſtunde war ſie— ‚unſchädlich.-— So nannte er's. Nun ging er an's Werk. Und hätte die Schlafende ihn jetzt geſehen, ſie würde den Mann in ihm nicht er⸗ kannt haben, dem ſie kurz vorher Bewunderung ge⸗ zollt. Dieſelben Züge, denen er dieſen ganzen Tag hindurch anmuthiges Lächeln, verbindliche Huldigung aufgezwungen, zeigten ſich nun, der Verſtellung ledig, ſchlaff, gemein, voll hämiſcher Bosheit, welche nicht allein dem Quäler Franz, welche auch der Quälerin Caroline galt. Denn:„Haß und Tuͤcke, die man 176 zurückgiebt, quälen doch weniger, als Zärtlichkeit, die erwidert ſein will!“ ſagte er. An tückiſchem Haſſe gegen Franz fehlte es dem Herrn von Schwarzwaldau nicht in dieſer Nacht. Gleichwohl zeigte ſich auch Furcht vor dem entſchloſſe⸗ nen, kalten Schurken, ‚dem würdigen Eleven des Zuchthauſes, der, was er auf jener Univerſität einſt theoretiſch erlernt, jetzt zur practiſchen Anwendung brachte.V' Ihm, wo möglich, den Mund zu ſtopfen, durfte nichts unverſucht bleiben, ehe das Letzte ge⸗ wagt wurde! Emil ſuchte umher in allen Körben und Körb⸗ chen, in den kleinen Fächern des Nähtiſches, ſogar unter dem Kopfkiſſen ſeiner Frau nach dem Schlüſſel zu ihrem Secretair,— doch vergeblich! daß ſie ihn ganz einfach oben auf, unter das hölzerne Geſtell der Stutzuhr, geſchoben haben könnte, ſiel dem Ha⸗ ſtigen nicht ein. Er holte ſeine Schlüſſel herbei, um zu verſuchen, welcher von dieſen paſſe? Denn in ihren Secretair mußte er eindringen; nur dort war der Chatoullenſchlüſſel zu ſuchen. Nicht lange brauchte er zu probiren. Gleich der Schlüſſel ſeines eigenen Secretairs öffnete den ihrigen. Er that einen Freu⸗ denſchrei. Sie fuhr im Schlafe auf und rief ihn bei Namen. Er ſchlich an's Bett, ſich über ſie 177 beugend:„Verlangſt Du nach mir, Theure?“— Keine Antwort, als ein ſanftes Schnarchen.— „Holde Tochter eines dicken Vaters,“ ſprach er und wendete ſich wieder an die Diebesarbeit. Aber wie er auch Schub um Schub durchwühlte, der kraus⸗ bärtige ſtählerne Zwerg, der einzig und allein den Zugang zur Chatoulle bewachte, war tief verſteckt, ließ ſich nicht finden, obgleich unzählbare, leiſe ge⸗ flüſterte Flüche ihn beſchwören wollten. Die Zeit verlief. Es blieb nichts übrig, als die ſchwere Platte wieder zu ſchließen, wobei ſich ein Widerſtand im Schloſſe zeigte, der ſtarken Druck nöthig machte; und ſein Heil, ohne Zwerg, an der Chatoulle zu verſuchen, die unter Carolinens Bette ſtand. Emil zog ſie hervor und uͤbte ſein Geſchick für ſolche Künſte zum Erſtenmale. Doch er hätte eben ſo leicht mit der Piſtole einen Stern vom Himmel herunter ſchie⸗ ßen, als mit einem ſeiner ehrlichen deutſchen Schlüſſel⸗ chen Eingang finden können in den verzwickten, Schlüſſel⸗ loch genannten Mund des engliſchen Goldbehälters. Er hob dieſen mehrmals und fand ihn höchſt ge⸗ wichtig, doch immer noch zu handhaben.„So nehm ich die Chatoulle verſchloſſen mit mir,“ murmelte er; nes bleibt nichts Anderes übrig.“— Schon ſtand er vor der Glasthüre des Gartenſaales, ſchon hatte er 1856. II. Schwarzwaldau. II. 12 178 die hölzernen Flügel, die zum Schutze inwendig an⸗ gebracht waren, zurückgeſchoben,— da ergriff ihn die Beſorgniß, was morgen geſchehen ſolle, wenn Caroline den Raub entdeckte? Wenn vielleicht das Stubenmädchen beim Ausfegen den kleinen braunen Unhold unter'm Bette vermißte und Lärm ſchlüge? —„Das kann zu hoͤchſt peinlichen Vermuthungen führen, ehe ich noch etwas Wahrſcheinliches erfinde, den Verdacht des Raubes von mir ab und auf an⸗ dere Fährten zu leiten. Deßhalb darf ich die Cha⸗ toulle ihm nur überlaſſen, wenn es gar keinen Ausweg weiter giebt! Und giebt es einen?—“ Emil ſtand einige Minuten lang unbeweglich. Sein Arm ſenkte ſich unter der Laſt des verſchloſſenen Goldes. Er ließ ſie auf die Marmorflieſen des Fußbodens gleiten und von einer wilden Eingebung getrieben, ſtieg er nach ſeinem Zimmer hinauf, wo er, ohne erſt Licht zu machen, mit ſicherem Griff aus dem Waffenſchranke etwas hervorholte, was er in den rechten Aermel ſeines Rockes ſchob. Was war es doch? Ein Stilet, ſein ſchon ge⸗ brauchter Dolch? Ein Terzerol? Eine Taſchen Piſtole? Nichts von all' dem! Und dennoch eine Waffe! Ein gefährliches Mordinſtrument! Sie waren damals eben in die Mode gekommen, 179 jene kurzen, elaſtiſchen, mit einem Geflecht von ſchma⸗ len Lederriemchen umſponnenen Metallſtäbchen, an deren beiden Enden zwei dicke Bleikugeln ſitzen, ebenfalls von Leder umhüllt. Das Ding(life pre- server nennt's der Engländer,) ſieht nach nichts aus, doch richtig geführt, ſchmettert es Hirnſchädel zuſammen, als ob es Eierſchalen wären! Emil hatte dieſes in Hamburg gekauft, am Tage nach Fran⸗ zens Abreiſe. „Er weiß nicht, daß ich es beſitze!— Nun zu ihm! Er wird meiner ſchon warten.“ Zweiunddreißigſtes Capitel. Emil ſollte Recht behalten: es war der letzte ſchöne Herbſttag, den ſie gehabt. Schon zeigten ſich einzelne Schneeflocken zwiſchen kalten Regenſchauern. Garten und Wieſen und Waſſerſpiegel waren faſt unſichtbar aus den grau umdüſterten Schloßfenſtern und wer nicht verpflichtet war, durch ländlichen Be⸗ ruf, einen eiligen Gang über die Hofräume zu wa⸗ gen, blieb von Herzen gern im warmen Gemache. Herr von Schwarzwaldau ſaß mit Carolinen 12* 180 beim Caffee. Es war faſt gegen zwölf Uhr Mit⸗ tags. Sie hatten lange geſchlafen. „Du biſt heute nicht ſo frohen Muthes wie geſtern, Emil? Macht das trübe Wetter auf Dich ſo trüben Eindruck, oder ſind es wieder die dummen Geldgeſchichten, die Dir im Kopfe liegen?“ „Beides, meine Beſte, beides. Was man bei heiterem Sonnenſchein mit heit'rem Sinne leicht zu nehmen vermag, ſieht an grauen Tagen grau und düſter aus. Es wird vorüber gehen; Ein's mit dem Andern.“ 4 „Ich hatte in vergangener Nacht einen ſonder⸗ baren Traum und weil ich gar ſo feſt und anhal⸗ tend geſchlafen, muß ich mich wundern, daß er mir dennoch im Gedächtniß blieb. Wahrſcheinlich bin ich kurz nachher auf einen Augenblick erwacht, ohne mich jetzt an dieß Erwachen zu erinnern, obgleich der Traum zu meinem Bewußtſein kam. Ich wähnte Dich vor meinem Lager am Boden zu ſehen, eifrig bemüht, die Ducaten zu zählen, die Du aus meiner Chatoulle genommen. Ich fragte Dich im Traume: Wie haſt Du das künſtliche Schloß geöffnet, und Du entgegneteſt: mit dieſen Nägeln! Dabei zeigteſt Du die Hände her und ſtatt der ſchöngeformten Nägel, die ſie zieren, wuchſen aus allen Fingern lange — 181 roſtige Eiſennägel hervor, von denen einige krumm ge⸗ bogen die Dienſte von Dietrichen verſehen hatten. Das war ſchauerlich und es gruſelt“ mich noch, wenn ich mir den garſtigen Anblick zurückrufe. Ich habe mir's überlegt, jetzt, während ich mit dem Fruͤh⸗ ſtück auf Dich wartete: ich will aus eigenen Mitteln in Ordnung bringen, was Dich zunächſt bedrängt. Wozu erſt mit dem Vater debattiren? Ihn wollen wir in Anſpruch nehmen, wenn Du ihm ſein Adels⸗ diplom ausgewirkt haſt. Was meinſt Du zu dieſem Vorſchlage?“ „Ich meine, daß Du die großmüthigſte, edelſte, beglückendſte Gattin biſt,— die ich nicht verdiene; deren ich mich nicht würdig halten darf.“ „Sei immer wie Du geſtern warſt, und vor⸗ geſtern— dann darfſt Alles von mir fordern, dann biſt Du jedes Opfers werth!“ „Wirklich, Caroline? Jedes Opfer willſt Du mir bringen? Alſo auch das immer wiederkehrende Gedächtniß des— Todten, der mich mit Eiferſucht erfüllt?“ „Ah, Du meinſt jene alberne Viſion? Wer weiß, wen ich da geſehen habe! Ich war eben ver⸗ ſtimmt, fühlte mich einſam, entbehrte Deine Gegen⸗ wart. Bleibe Du ſtets in meiner Nähe, dann wird 182 der Todte ſich mir nicht zeigen. Du kennſt die ſicherſten Mittel, jedes Geſpenſt zu bannen.“ „Dann, wohl uns! Dir, wie mir!— Nun, Geliebte, einen Ritt hinaus in das Unwetter, nach der Schäferei des Vorwerks hinüber, wo ſie mich heute gewiß nicht erwarten und wo ich ſie überra⸗ ſchen kann, was der eifrige Landwirth gerne thut! Dann wieder Dein Sclave!“ „Mein Gebieter! Und bleibe nicht lange aus!“ Er jagte über Stock und Stein, durch Wind und Regengüſſe, wie wenn berittene Teufel ihm auf den Hacken wären! „Stürme nur, treibe nur dicke Wolken vor Dir her, verhülle nur Himmel und Sonne! Das thut mir wohl!“ Frau von Schwarzwaldau wollte nicht zögern, ihr halbes Verſprechen ganz zu erfüllen. Sie holte die Chatoulle unter dem Bette hervor. Was dieſem nicht großen Käſtchen das bedeutende Gewicht verlieh, waren nicht bloß Ducaten; es waren Goldmünzen der unterſchiedlichſten Länder, Zeiten und Gepräge; was nur von ſeltſamen, theuren Dingen dieſer Gat⸗ tung in Reichenborn's Hände gerathen war, hatte er, gleichviel wie koſtbar, eingekauft für ‚Linchens Spar⸗ büchſe. Die Spielerei war zuletzt in Liebhaberei und 183 endlich gar in die Gier eines Goldmünzen⸗Sammlers übergegangen. Als er Carolinen vor ihrer Vermäh⸗ lung die ‚Sparbüchſe“ übergab, erwähnte er ausdrück⸗ lich, daß die Hälfte der darin zuſammengehäuften Stücke aus wirklichen Cabinetsſtücken beſtehe, deren einzelne, trotz ihres reellen Geldwerthes vielleicht drei⸗ fachen Werth als Raritäten beſäßen. Daran erin⸗ nerte ſich jetzt Frau von Schwarzwaldau. Sie be⸗ ſchloß mit Emil zuſammen eine genaue Muſterung der goldenen Vließe anzuſtellen, ſobald er von der Muſterung ſeiner Wollen⸗Vließe im Vorwerke wieder da ſei. Was hiſtoriſche Bedeutung, oder den Reiz der Curioſität habe, ſolle für's Erſte reſervirt, die gewöhnliche Maſſe gangbarer Münzen ſolle verſilbert werden. Sie freute ſich kindiſch, dieſes Spiel, wel⸗ ches ſie als Kind oft mit den Eltern getrieben, heute als verheirathete Frau mit ihrem Gatten ſpielen zu können.„Gebe Gott, daß ich es auch einmal mit meinem Kinde ſpielen kann!“ Und als ſie bedachte, wie nahe vielleicht eines ſo natürlichen Wunſches Erfüllung wäre, nahm ſie ſich vor, die ‚Sparbüchſe“ nicht gar zu heftig zu plündern. Sie wußte ja ſelbſt nicht, was ſie beſaß? Hatte niemals Antrieb empfunden, das genaue Ver⸗ zeichniß zu durchleſen, welches von Vaters Hand 184 geſchrieben oben auf lag. Heute empfand ſie dieſen Antrieb. Sie nahm den Schlüſſel zu ihrem Seere⸗ tair unter dem Uhrkaſten heraus und ſteckte ihn me⸗ chaniſch—(ihre Gedanken weilten noch bei dem, unter ſpaniſchen und mexikaniſchen Doublonen wüh⸗ lenden Kinde!)— in das von einem elfenbeinernen Herzen umkränzte Schlüſſelloch; aber ſie gelangte nicht dazu, ihn umzudrehen. Der Widerſtand lenkte ihre Aufmerkſamkeit dem Schloſſe zu und ſie entdeckte, daß in demſelben ein ungehöriger Gegenſtand das tiefere Eindringen des Schlüſſels verhindere. Sie verſuchte lange Zeit vergebens. Auch das Bemühen, mit einer Stricknadel herauszubohren, was etwa zu⸗ fällig in die kleine Oeffnung gerathen ſein und die⸗ ſelbe verſtopfen möchte, erwies ſich fruchtlos. „Das iſt doch unbegreiflich!“ ſprach ſie— und ihr Traum wachte wieder auf.„Sollte Emil alles Ernſtes verſucht haben....2 Sollte ich in der That, wenn auch im Schlummer, wahrgenommen ha⸗ ben, was ich für Traum hielt? Es ſcheint ein Stück⸗ chen Eiſen zu ſein, worauf die Nadel ſtößt? Wie von einem abgebrochenen Schlüſſel? Aber mein Schlüſ⸗ ſel iſt unverletzt. Und niemand als Er hat von ge⸗ ſtern Abend bis zu meinem Erwachen dieſe Schwelle betreten. Folglich muß...“ 18⁵ Sie ging in höchſter Spannung nach Emil's Arbeitszimmer, um zu erproben, ob ihr Schlüſſel des Gatten Secretair öffne? Die Probe fiel bejahend aus: auf den erſten Verſuch gelang ſie. „Er hat, von ſeiner Geldnoth gepeiniget, der Arme, erforſchen wollen, ob die geizige Frau nicht im Stande wäre, ihm beizuſtehen! Das zufällige Uebereinſtimmen der zwei verſchiedenen Schlöſſer iſt ihm förderlich geweſen. Er hat meine Schübe durch⸗ ſucht nach dem Caſſettenſchlüſſel, und das heimliche Fach nicht entdeckt. Ich habe mich geregt, er iſt erſchrocken, im Schrecken hat er den Bart abgedreht. So iſt es. Unfehlbar. Und was iſt's denn Arges? Hat er nicht, ſtreng genommen, ein Anrecht an mein Eigenthum, welches auch das Seinige iſt? Liegt nicht in dieſem heimlichen Spüren nach meinen kleinen Schätzen ein gerechter Vorwurf, eine ſtumme, dennoch beredte Anklage gegen Diejenige, die ihm ſo lange vorenthielt, was er bedarf? Er that es in guter Ab⸗ ſicht: um ſich zu überzeugen, ob er wagen dürfe, ſich an mich zu wenden, weil er des Vaters kleinliche Weigerungen fürchtet. Nein, er verdient keinen Tadel. Ha, wie froh bin ich, daß ich ihm als ſelbſteigenes Anerbieten ſchon entgegengebracht, wonach er ſich ſehnt! — Doch er hat mir mein Schloß verdorben, und 186 Strafe muß ſein. Dafür durchſtöbere ich nun ſeine Geheimniſſe und Gott ſei ihm gnädig, finden ſich ge⸗ trocknete Blumen, alte Locken von jungen Köpfen, verblichene Bandſchleifen, oder gar zerknitterte Liebes⸗ briefchen, kurz irgend etwas von jenem Krame vor, was Stoff zu Neckereien bietet!“ Nichts von ähnlichen Dingen war vorhanden, wie emſig auch die Nachſuchung betrieben ward. Die beſchriebenen Papiere, die zerſtreut und ungeordnet übereinander lagen, enthielten litterariſche Excerpte und Auszüge aus lyriſchen Dichtern. Der Anfang eines Tagebuches aus der Knaben⸗ und erſten Jüng⸗ lings⸗Epoche ſchien flüchtiger Ueberſicht völlig unbe⸗ deutend und gewann nur einiges Intereſſe durch das mit rother Schrift eingetragene Motto: vulnerant omnes, ultima necat, und einige Tropfen, welche auf die Vermuthung führten, der lateiniſche Ausſpruch ſei mit Blut geſchrieben.—„Er wird ſich beim Federſchneiden den Finger verletzt haben!“ Schon wollte Caroline, unbefriediget, wieder ſchlie⸗ ßen, da gewahrte ſie, im Winkel des großen mittle⸗ ren Schubfaches ein Paket von länglicher Form. Aller⸗ lei Zeitungsbogen und andere bedruckte Papiere wa⸗ ren mit Bindfaden zuſammengebunden. Sie griff da⸗ nach, wog es in der Hand und glaubte ein gewaltiges 187 Meſſer gefunden zu haben? Sie löſete die viel⸗ fach verſchlungenen Schnüre, ſtreifte die Hüllen ab— wobei ihr eine wohlbekannte Bade⸗Liſte in's Auge ftel,— und hielt einen eigenthümlich geſtalteten Dolch, an deſſen, mit fremdartigen Figuren bezeich⸗ neter Klinge röthliche Streifen ſchimmerten. Die äußerſte Spitze war abgebrochen. Dennoch hätte eine feſte Hand wohl immer noch vermocht, tödtliche Stöße mit dieſem Stahle zu führen. „Was ſollen die Dummheiten,“— ſagte ſie; —„was hat eine alte Waffe, an der das Blut Gott weiß welches Seracenen, oder andern Heiden klebt, unter Abſchriften deutſcher Dichter zu thun? Das Ding gehört in eine Sammlung von Cutrioſi⸗ täten, neben vergiftete Pfeile und ausgedörrte Schlan⸗ genhäute. Ich nehm' es ihm weg und er bekommt es nicht wieder. Es iſt unheimlich.“ Sie nahm ein Stück Kienholz aus dem Korbe am Kamin, wickelte dieſes in die vorhandenen Blät⸗ ter, gab dem Ganzen die vorige Form und legte es an ſeinen Ort. Dann ſchloß ſie den Secretair, be⸗ gab ſich auf ihr Zimmer, verbarg die vom Streifzug heimgebrachte Beute im Wäſchkaſten unter invaliden Hemden und Strümpfen und ſchickte nach dem Schmied im Dorfe, damit dieſer das Schloß ihres Seeretairs 188 in Ordnung zu bringen verſuche. Wie es zu dieſem Zwecke mit plumpen Fäuſten mehr aufgebrochen, als künſtlich geöffnet worden,(der abgebrochene Schlüſſel⸗ bart fand ſich richtig vor,) ſtaunte Caroline über die Unordnung in ihren Juwelen⸗ und anderen Schmuck⸗ käſtchen. Alles war durcheinander geworfen. Sobald ſie ſich erſt überzeugt, daß nichts fehle, rief ſie mir leichterem Herzen:„Er hat tüchtig umhergekramt, mein guter Emil, und doch nicht entdeckt, wo der kleine Drache, der den Schatz bewacht, ſeine Höhle hat:— führwahr, zum Diebe iſt er verdorben!“ Eben griff ſie taſtend nach dem in einem ver⸗ ſteckten Winkel angebrachten Knopfe, auf den gedrückt werden mußte, ſollte der Deckel des heimlichen Faches aufſpringen, ſchon ungeduldig, daß ſie den richtigen Punct nicht ſogleich zu treffen vermochte,— da meldete ihr Kammermädchen, aufgeregt und ängſtlich, wie jemand, der etwas Entſetzliches zu berichten weiß, daß der Mühlbauer im Schloſſe ſei und dringend mit dem Herrn zu ſprechen wünſche. Nun war zufällig, nur wenige Tage vorher, die Rede von einem Proceſſe geweſen, der zwiſchen be⸗ ſagtem Mühlbauer und dem Dominium in Ausſicht ſtehe. Jener, deſſen Mühlwerk zum Theil durch Zuflüſſe aus dem ſogenannten See im Garten getränkt werden mußte, ſollte es in trockenen Jahren nicht müſſig ſtehen, behauptete ſteif und feſt, er habe Anrechte darauf, weil bei Anlage des künſtlichgebil⸗ deten Waſſerſpiegels ein Bächlein aus der alten Bahn geleitet und aufgefangen worden ſei, welches ſeinen Vorfahren, lange eh' der Park gegründet ward, dienſtbar geweſen: folglich gebühre ihm, was er bedürfe. Das Dominium hatte in Perſon des Amtmannes dagegen geltend gemacht, daß die An⸗ ſprüche der Mühle, hätten ſolche dereinſt beſtanden, längſt verjährt ſeien und daß die Herrſchaft ſeinet⸗ wegen, wenn es überall an friſchem Waſſer fehle, ihren ſchönſten Platz im Parke nicht durch einen halbleeren See entſtellen laſſen werde. Emil hatte ſich, ſeit Agneſens Tode, um dieſe fortdauernden Zwiſtigkeiten nicht bekümmert. Auch der Amtmann hatte im Eifer nachgelaſſen und zwei Jahre lang ruhte der Streit, der mit der Einkehr einer neuen Schloßfrau erſt wieder Bedeutung ge⸗ wann, da ihretwegen der Park die vorige Pflege erhalten ſollte. Caroline meinte, der Beſuch des Müllers gelte dieſer Angelegenheit und der Mann wolle ſie bitten, daß ſie ein gutes Wort einlege, um den langwieri⸗ gen Proceß beiden Partheien zu erſparen; deßhalb 190 habe er eine Stunde gewählt, wo er ſie allein zu finden wußte, weil er den Herrn ausreiten geſehen? Sie fand das verſtändig und ließ ihn vor. Was lag ihr am See im Garten? Was lag ihr an jener Lieblingsbank Agneſens, wo die Thränen⸗ weiden ſich über das Grab der Vorgängerin neigten? Feſt entſchloſſen, auf die Seite des Mühlbauers zu treten, empfing ſie ihn. Und als er ohne weitere Vorbereitung gleich beim Eintritt in's Zimmer aus⸗ rief:„Ich bringe gar was Schreckliches!“ ſagte ſie lächelnd:„Es wird wohl ſo erſchrecklich nicht ſein 2 Worauf er folgenden Bericht erſtattete: „Ich ſollt' es eigentlich dem Amtmann melden thun, da der doch Polizei⸗Diſtricts⸗Commiſſair ſpielt; weil ich aber mit dem Menſchen nichts mehr will zu ſchaffen haben, denn er gönnt ſeinem Nebenmen⸗ ſchen nicht den Biſſen Brot und nicht den Tropfen Waſſer, alſo komm' ich zum gnädigen Herrn. Denn wer kann wiſſen, daß der bei einem Wetter wird ſpazieren geritten ſein, wo man keinen Hund vor die Thüre ſchickt, ohne Noth? Und verſchwiegen darf es nicht bleiben und anzeigen muß man's, ſonſt kann unſer Einer Verdruß kriegen. Mit Mord und Tod⸗ ſchlag iſt nicht zu ſpaßen. Sie haben halt Einen umgebracht und haben das Cadaver in den Mühl⸗ 191 graben geworfen. Wer es iſt, kann ich nicht ſagen, nur bekannt kommt er mir vor, wie wenn ich ihn ſchon geſehen hätte; weiß aber nicht, wohin ich ihn bringen ſoll? Lange liegt er noch nicht im Waſſer, ſo viel kann man ſehen. Und freiwillig hinein ge⸗ ſprungen, iſt er wohl auch nicht!“ Caroline ließ ſich Mantel und Shawl geben, ſetzte eine Regenkappe auf, zog Ueberſchuhe an die Füſſe und ſprach entſchloſſen:„Führt mich dahin, Mühlbauer, wo der Leichnam liegt; ich will ihn ſehen!“ Sie folgte dem Manne durch Dick und Dünn. Schon von Weitem hörte ſie das Klappern des alten Storches, welcher vom Regen durchnäßt, zitternd vor Kälte, bei dem Todten ſtand. „Der muß ihn kennen!“ ſagte der Müller; „er weicht nicht von ihm. Wer des Thieres ſeine Sprache verſtände, der würde gleich wiſſen, woran wir ſind. Nicht wahr, Hannſel?“ Gleich beim erſten Anblick verſtummte Caro⸗ line, die auf dem Wege noch manche Frage an ihren Führer gerichtet hatte. Sie blieb, wie wenn ſie ſelbſt zur Leiche geworden wäre, vor der Leiche ſtehen, die ſtarren Augen auf deren entſtellte Züge geheftet. Der Mühlbauer fragte, ob der Todte ihr kenntlich 7 ſei? Keine Silbe kam über ihre Lippen. Der Re⸗ vierjäger hatte ſich eingefunden. Er ſchlich zum Mühlbauer heran und flüſterte dieſem etwas in's Ohr.„Meiner Seele, ja!“ erwiderte der Andere. Dann trat wieder dumpfes Schweigen ein. Nur Hanns der Storch unterbrach es bisweilen durch zorniges Klappern. „Dort kommt der Amtmann,“ ſagte der Revier⸗ jäger. Caroline ging. Der Storch mit ihr. Am Eingange zum Muͤhlen⸗Grundſtück traf ſie mit dem Amtmann zuſammen. „Die gnädige Frau haben ſich bemüht?...“ fragte dieſer... Sie wies zurück:„Dort, Herr Amtmann! Der Herr iſt abweſend; vollziehen Sie eiligſt, was die Geſetze vorſchreiben. Es iſt ein Mord geſchehen!“ Sie ſagte das ſo kalt und gleichgiltig, daß Derjenige, welchem ſie es ſagte, unmöglich ahnen konnte, was dabei in ihr vorging. Auch hielt ſie ſich feſt, bis ſie in ihrem Zimmer angelangt, die Kleidung gewechſelt und ihre Dienerin mit den durch⸗ weichten Hüllen hinausgeſchickt hatte. Dann, allein, ihren ſtürmenden Gedanken überlaſſen, ſchritt ſie, laut redend, auf und ab: 193 „Der iſt's geweſen, den ich für Guſtav's Ge⸗ ſpenſt hielt!— Er ſieht ihm jetzt ähnlicher, als je; auch noch als Leiche. Die Haare ſind dunkel ge⸗ färbt.— Er iſt gekommen, alte Rechte geltend zu machen.— Seine Anweſenheit war es alſo, die Emil peinigte. Daher die Geldnoth! Deßhalb der ernſtlich gemeinte Verſuch, über meine Chatoulle zu kommen, den ich geneigt war, für einen Scherz auszulegen?— Ich bin an einen Betrüger verhei⸗ rathet; an einen Dieb. Die Zärtlichkeit dieſer letzten Tage war berechnet. Seine Liebe iſt Lüge, Ver⸗ ſtellung.— Welche Gewalt mußte der Landſtreicher über ihn haben, ſo gemeine, entehrende Abſichten in einem Manne von ſeiner Bildung und Erziehung her⸗ vorzurufen!— Ein fürchterliches Geheimniß waltet zwiſchen ihnen.— Irgend eine gemeinſam begangene Unthat?— Ein Verbrechen? Gott ſei uns gnädig: der Dolch, den ich fand!— Und Guſtav's Wunde — Und die unauflöslichen Widerſprüche der Neu⸗ länder Wirthin, die den Ermordeten mit dem Mörder in den Wagen ſteigen ſah?— Und die Leiter im Hofe?— Es iſt Franz geweſen, der mit Emil zu⸗ ſammen meinen Bräutigam überfiel; es iſt Franz geweſen, der in des Abgeſchlachteten Mantel verhüllt, das Gaſthaus verließ; es iſt Franz geweſen, den ſich 1856. II. Schwarzwaldau. II. 13 194 Emil mit großen Summen vom Halſe geſchafft und der jetzt dennoch wiederkehrte, neue Forderungen zu machen, die unbefriediget zu Drohungen führten!— Es iſt mein Gatte geweſen, der auch dieſen ſeinen Mordgeſellen ermordete und in'’s Waſſer ſtieß!— Ich bin das Weib eines Mörders, eines Räubers, eines blutigen Verbrechers!“ Sie gerieth in wüthende Verzweiflung! Sie tobte und raſete, bis ſie ermattet darnieder ſank. Da⸗ wurde ſie ruhiger. Die Wuth ging in Wehmuth über. Guſtav's bleiche Geſtalt, eine klaffende Wunde im Herzen, ſtieg vor ihr auf. Sie ſtreckte ihm, als ob er wirklich vor ihr ſtände, beide Arme ent⸗ gegen und ſchluchzte:„Verzeihung!“ Aber auch ihr Gemal zeigte ſich den verwirrten Sinnen und mahnte ſie an manche Stunde beglückenden Vereines. „Warum haſt Du den Freund getödtet?“ wollte ſie fragen;... da ſchwanden die täuſchenden Bil⸗ der und ſie war wieder allein in ihrem Elend. „Was beginn' ich nun? Auf weſſen Seite ſoll ich treten? Bin ich verpflichtet, mich deſſen anzuneh⸗ men, deſſen Namen ich führe, der meines Kindes Vater ſein wird? Oder hab' ich den zu rächen, der mich auch die Seinige nannte, dem ich gehörte? Soll ich dem heimkehrenden Gatten entgegenrufen: 195 Hebe Dich von mir, an Deinen Fingern klebt Blut? Oder ſoll ich ihm ſagen: entdecke Dich Deinem Weibe, daß es verſuche Dich zu retten?— Nein! Keines von Beiden! Ein's wie das And're un⸗ ausführbar, unmöglich! Iſt mein ſchauderhafter Arg⸗ wohn begründet; ſind die entſetzlichen Combinationen, die ſich mir aufdrängen, mehr als Spiel erhitzter Einbildungskraft, ſo iſt er verloren;— mit einem Doppelmörder kann ich nicht leben und ſein. Iſt es nicht, dann darf er niemals erfahren, daß ich dieſe Gräuel ihm zugemuthet; ſonſt müßte er mich von ſich ſtoßen, als ruchloſe Mörderin ſeiner Ehre. Er kann unſchuldig ſein! Deßhalb werde meiner Seele qualvolles Ringen einem Dritten vorgehalten, daß dieſer mit unbefangenem Urtheil entſcheide, was ge⸗ ſchehen muß! An den Jnuſtizrath will ich ſchreiben, der die Unterſuchung in Neuland führte; der ſchon einige Briefe mit mir gewechſelt; der ſich einſichtsvoll, beſonnen, theilnehmend bewährte. Jedes Wort will ich abwägen, jeden Ausdruck bedenken. Nichts für, nichts wider; einzig und allein die Sache, wie ſie ſteht. Mehr kann ich nicht thun, und auch nicht weniger. Den Ausgang lege ich in Gottes Willen.“ Sie ſchloß ihre Thür und verfaßte einen langen, ausführlichen Bericht, worin ſie mit vollſtändiger 13* 196 Klarheit den Gang der Vorfälle und Ereigniſſe zu⸗ ſammenſtellte, durch welche ſie auf ihre unheilbringen⸗ den Muthmaßungen geleitet worden. Als ſie durchlas, was ſie geſchrieben, bemerkte ſie, es herrſche in die⸗ ſem ſchriftlichen Aufſatze ungleich mehr ein Beſtreben vor, ſich und den Empfänger von der Nichtigkeit jener Muthmaßungen, als umgekehrt ihn und ſich von Emil's Schuld zu überzeugen. Mit dieſem Tone des Briefes war ſie vollkommen zufrieden:„Der Mann des Geſetzes ſoll nur durch mich erfahren, was hier geſchehen! Wie es geſchehen ſein kann und durch wen? Und in welchem Zuſammenhange Schwarzwaldau mit Neuland ſteht? Dieß zu prüfen, vielleicht zu ergründen, bleibe ſeine Aufgabe. Die meinige iſt erfüllt.“ Sodann befahl ſie, daß man ihren halbgedeck⸗ ten Wagen anſpanne; unterſagte dem Kammermäd⸗ chen auf's Strengſte, dem gnädigen Herrn von dem verdorbenen Schloſſe ihres Secretairs und der Ar⸗ beit des Dorfſchmiedes zu ſagen; und ſetzte ſich ein, ſobald nur die Kutſche vorfuhr. Sie ſei auf eine Stunde nach Thalwieſe hin⸗ über,(ſolle man dem Herrn melden,) und werde bald wieder zu Hauſe ſein.—— Gerade während Emil in den Hofraum des 197 Schloſſes Schwarzwaldau einritt und die Meldung entgegennahm, die ſeine Gemalin für ihn hinterlaſſen, ſprengte aus dem Wirthſchaftsgehöfte von Thalwieſe ein zuverläſſiger Stalljunge, auf ſeiner Bruſt ein in Wachsleinen ſorglich gewickeltes Schreiben tragend, welches laut beiliegendem Zettel: ‚Der Poſtmeiſter des nächſten Amtes gebeten wurde, durch Eſtaffette weiter zu befördern.⸗ Um acht Uhr Abends ſaßen Herr und Frau von Schwarzwaldau miteinander am Theetiſch. Er beſtätigte, daß der im Mühlgraben aufge⸗ fundene Todte in der That kein Anderer zu ſein ſcheine, als der ehemalige Büchſenſpanner Franz Sara und ſetzte hinzu: Nähere Erörterungen wür⸗ den erſt möglich werden, wenn der Criminalrichter, an welchen die Meldung des Amtmannes pünctlich abgegangen, erſchienen ſei. Er ſelbſt glaube den Jäger Sara zu erkennen, obgleich die Farbe der Haare ihn wiederum irre mache und er durchaus keinen Grund finde, warum der junge Mann ſich um's Leben gebracht und gerade hier in's Waſſer geſtürzt haben könne? Wenn es nicht etwa eine noch mächtige, ſentimentale Leidenſchaft für die ſelige Agnes geweſen ſei! Caroline ließ ſich auf dieſen Gegenſtand weiter 198 nicht ein: nahm das Ereigniß wie einen allerdings unangenehmen, aber ſie und den Gemal weiter nicht berührenden Zufall und verkündete lebhaft, daß ſie einem plötzlichen Gelüſten nicht habe widerſtehen können, dem gräßlichen Wetter zum Trotze, nach Thalwieſe zu fahren und Emil's Wünſche und Bedürfniſſe dem Vater vorzutragen. Dieſer ſei gewonnen und Alles in Ordnung. „Er wird helfen,“ ſagte ſie lebhaft,„und dießmal gründ⸗ lich. Das verzagte hinter dem Berge Halten hat ein Ende; und ich habe nicht nöthig,(was ich doch nur im äußerſten Nothfall thun durfte!) die Sparbüchſe zu plündern.“— Emil war außer ſich vor Freude und Dank⸗ barkeit. Daß ſie, ehe er ausritt, ſich ganz entgegen⸗ geſetzt geäußert, ſchien er vergeſſen zu haben.— Dreiunddreißigſtes Capitel. Die ärztliche Erklärung uͤber einen im Mühlgraben zu Schwarzwaldau gefundenen männlichen Leichnam lau⸗ tete dahin, ‚daß der Entſeelte allem Vermuthen nach gewaltſam vom Leben zum Tode gebracht worden ſei. Ein heftiger Schlag mit einem ſtumpfen In⸗ ſtrument, wahrſcheinlich mit einem metallenen Stock⸗ knopfe nach der Schläfe geführt, ſchien, wenn auch nicht abſolut tödtlich, doch eine dem Tode ähnliche Betäu⸗ bung veranlaßt zu haben. In ſolchem Zuſtande hatten der(oder die) Mörder den vermeinten Leich⸗ nam in’'s Waſſer geſtoßen. Dadurch mag der Ohn⸗ mächtige noch einmal zur Beſinnung gekommen ſein und das Beſtreben gezeigt haben, ſich am Ufer mit den Händen anzuklammern und zu retten, was ſeine Gegner verhinderten, wobei ihm mehrere Finger ent⸗ zweigeſchlagen wurden. Offenbar iſt das eigentliche Ableben durch Erſticken im Waſſer erfolgt. Weiter vermochten Arzt und Wundarzt keine Hypotheſen aufzuwerfen und dieſe eigneten ſich durch⸗ aus nicht, irgend welche Schlußfolge daraus zu ziehen. Nicht glücklicher geſtalteten ſich jene des Cri⸗ minalrichters. Die Ausſagen des Mühlbauers, wie ſeiner Leute, enthielten nichts, was einem Verdachte auf Einen im Dorfe gleich gekommen wäͤre; ſie hatten den Leichnam gefunden,— weiter nichts. Eben ſo wenig fand ſich am corpus delicti, noch in deſſen Kleidung ein Fingerzeig. Die Taſchen enthielten einige Gold⸗ und Silber⸗Münzen. Von Papieren gar nichts, außer einem in lederner Brieftaſche befindlichen, von einer Amerikaniſchen Behörde ausgeſtellten Reiſe⸗ Zeugniß, welches urſprünglich für einen andern Men⸗ ſchen beſtimmt geweſen ſein mochte. 200 Die Meinungen der Dorfbewohner, ſo wie der Leute vom Schloſſe, theilten ſich bei der ihnen vor⸗ gelegten Frage: ob ſie im Unbekannten den Jäger Franz wiederzuerkennen vermöchten? Einige, wie der Revierjäger, der Mühlbauer und auch der Amt⸗ mann—(ketzterer doch erſt, nachdem die Haare durch den Einfluß der Näſſe ihre natürliche hellere Farbe wieder bekommen)— ſprachen ſich dafür aus. An⸗ dere, und zwar die Mehrzahl, ſtellten es entſchieden in Abrede. Alle jedoch vereinigten ſich in der Ver⸗ ſicherung, daß weder dieſes, noch ein anderes dem Franz Sara ähnliches Individuum, ſeit länger als einem Jahre in der Gegend bemerkt worden ſei. Der Einzige, der mit voller Beſtimmtheit ſeinen jugendlichen Büchſenſpanner zu erkennen verſicherte und ſich freiwillig erbot, dieß durch einen Eid zu conſtatiren, war Emil. Für ihn gab es auch nicht den leiſeſten Zweifel: Dieſes ſei der Leichnam ſeines früheren Dieners Franz Sara, den er, weil Derſelbe ſich nach ihrer großen Reiſe, in Schwarzwaldau nicht mehr heimiſch gefühlt und ein unleidliches Betragen gezeigt, auf eigene Koſten nach Amerika erpedirt habe. Warum der unruhige Kopf zurückgekehrt und wie er zu dieſem traurigen Ende gekommen ſei? Darauf laſſe ſich freilich keine befriedigende Antwort ertheilen. Ueber Aufnahme des Thatbeſtandes, über der Obduction, den Zeugenverhören, allen Formalien ins⸗ geſammt war denn wiederum ein düſterer Tag ver⸗ ſtrichen. Der Gutsherr lud den CEriminalrichter, den Arzt und Wundarzt freundlich ein, bei fortdauernd ſchlechtem Wetter die Nacht in Schwarzwaldau zuzu⸗ bringen, was dieſe annahmen. Caroline hatte ſich zurückgezogen. Sie ließ ſich entſchuldigen, weil ſie ſich unwohl fühle, da die Schrecken des geſtrigen Tages jetzt erſt ihre Nachwir⸗ kung übten. Man fand das ſehr begreiflich. Emil ent⸗ fernte ſich auf einen Augenblick und kehrte dann zu ſeinen Gäſten zurück mit der Nachricht: ſeine Gemalin befinde ſich gut, nur ſei ſie angegriffen, matt und wünſche Ruhe. Das Mal war reichlich und verfloß unter leb⸗ haften Geſprächen, zu denen Jeder der Anweſenden ſeinen Antheil beitrug. Emil beſonders zeichnete ſich durch Geſprächigkeit aus, erzählte viel von ſeinen Rei⸗ ſen und brachte vielerlei Umſtände in Anregung, die ſeinen Begleiter betrafen. Es war, als ob er abſicht⸗ lich immer wieder auf dieſen eigenthümlichen Men⸗ ſchen zurückkäme, dem er neben allem Tadel doch 202 auch ſehr bedeutende Eigenſchaften zuerkannte. Er verſchwieg auch nicht, welche Geſtändniſſe Franz ihm damals über den erſten Fehltritt abgelegt, den er als Jüngling begangen und der ihn ins Gefäng⸗ niß geführt. Der Criminalrichter begleitete dieſe Erzählungen mit dem Antheil eines Mannes von Fach, der gern bereit iſt, aus jenem Zuſammenleben mit ausgelernten Böſewichtern den Urſprung künſtiger Uebelthaten an⸗ zuerkennen. Der Arzt hingegen wendete ſeine Aufmerkſamkeit mehr dem Erzähler, als deſſen Erzählung zu. Er hing gleichſam mit den Augen an Emil'’s Lippen, von denen er Silbe um Silbe wegzuhaſchen ſchien. Dadurch wurde dieſer endlich verlegen. Mehrmals ſtockte der ſonſt ſo gleichmäßige Fluß ſeiner Rede, er verwirrte ſich in den Perioden und griff, durch Nebengedanken zerſtreut, wie unwillkürlich, nach einem Spielwerk für ſeine Hände, was ihm ohnehin ſchon zur halben Gewohnheit geworden war, wenn er am Schreibtiſche ſitzend, Stundenlang ſann und träumte. Dort waren es Federmeſſer, ſilberne Blei⸗ ſtifthalter, oder Briefſtreicher, die er durch ſeine Fin⸗ ger gleiten ließ. Hier, wo nichts von dieſen kleinen Gegenſtänden vorhanden, wo nur noch Flaſchen und 203 Gläſer auf der Tafel ſtanden, verirrten ſich die geſchäf⸗ tigen Werkzeuge willenloſer Beweglichkeit in die Weſten⸗ taſche und brachten den Schlüſſel zu ſeinem Secretair heraus, an welchem ſie ihr Spiel übten. Er hatte, ſeitdem er in Qual und Wuth Carolinens Maha⸗ goniſchrank ſtürmiſch geſchloſſen, dieſen Schlüſſel nicht mehr beachtet. Jetzt entdeckte er die Lücke am eiſer⸗ nen Barte. Mitten im Sprechen hielt er ein, ver⸗ blich, raffte ſich wieder zuſammen, fuhr wieder zu ſprechen fort, brach abermals ab und ſtammelte zu⸗ letzt:„ich glaube wahrhaftig, der Wein iſt mir zu Kopfe geſtiegen?“ Der Criminalrichter fand in dieſem Geſtändniſſe nichts Auffallendes; eben ſo wenig der Wundarzt. Beide ſpürten, daß auch ſie genug hatten und wuß⸗ ten nicht, ob ihr Wirth nicht vielleicht mehr getrun⸗ ken, wie ſie. Sie ſtimmten für Abſchluß des Tages und für nächtlichen Schlummer. Der Arzt ſagte gar nichts dazu. Emil machte noch einige ſchwache Verſuche, die Herren beiſammen zu halten, die ihm aber nicht ge⸗ langen, weil ſie nicht ernſtlich gemeint waren. Die Gäſte wurden auf ihre Zimmer geführt. Der Arzt kehrte noch beim Criminalrichter ein. „Sit Perben, ſagte er,„morgen wohl hier verweilen, 204 denn es wird ſich vielleicht Mancherlei für Sie zu thun finden. Ich bin fertig und reiſe.“ „Ich ebenfalls, Freund. Was ſollte mich noch zurückhalten?“ „Meines Erachtens,— aber ſchelten Sie nicht, daß der Arzt dem Rechtsgelehrten in's Fach pfuſchen will,— meines Erachtens wäre noch Mancherlei zur Entdeckung des Mörders zu thun!“ „Des Mörders! Ihr Aerzte ſeid eigenſtnnig wie die Pferde. Woher wiſſen wir denn überhaupt ſo beſtimmt, daß nicht ein Selbſtmord vorliegt?“ „Ich hab' es in meinem Gutachten bewieſen.“ „Das haben Sie nicht, beſter Doctor! Sie haben feſtgeſtellt, daß der Kopf durch einen dumpfen Schlag getroffen, daß die Hirnſchale verletzt wurde; daß ei⸗ nige Finger geknickt ſind, daß der Tod im Waſſer durch Erſtickung erfolgte. Wozu bedarf es da des fremden Mörders? Reichen wir doch mit dem Selbſt⸗ mörder aus. Daß dieſes ein Menſch geweſen, zu welchem wir uns der That verſehen können, leugnet niemand. Auch aus den Andeutungen ſeines frühe⸗ ren Herrn und Gönners geht es hervor. Er hat ſich, des Lebens überdrüſſig, vielleicht verfolgt wegen ſchlechter Streiche, in die kalte Fluth geſtürzt; mit dem Kopf iſt er heftig auf einen Pfahl zeſißen; die Finger ſind zerbrochen, als er im Todeskampfe in die Mühlräder griff,— oder wie Sie ſonſt wollen. Zu all' dieſen Dingen brauchen wir keinen Zweiten.“ „Das iſt ein ſeltſamer Zwiſt, den wir da füh⸗ ren. Gewöhnlich macht Ihr Herren von der Juſtiz uns Aerzten den Vorwurf, daß wir Euch mit Ein⸗ wendungen in die Queere kommen, die Eure Con⸗ jecturen ſtören, oder durch, Unzurechnungsfähigkeite ge⸗ wiſſe Uebelthäter Eurer Macht entziehen wollen? Hier iſt's nun umgekehrt. Hier wittert der Arzt ſchnöden Mord und der Juriſt findet nichts dergleichen.— Nun, in Gottesnamen. Ich habe meine Schuldig⸗ keit erfüllt und weiter in Sie zu dringen, ziemt mir nicht. Sie haben mich wegen meiner Criminal⸗Pſy⸗ chologie und meinen darauf bezüglichen Studien ſchon oft geneckt; Sie und Ihre Collegen. Deßhalb ſchweig' ich. Nur als alter Freund bitt' ich Sie, Ihrer ſelbſt und Ihrer wichtigen Stellung wegen: bleiben Sie morgen noch! Thun Sie die Augen auf! Suchen Sie!— Ich fürchte, Sie haben nicht weit zu ſuchen!“ Deer Richter blieb allein.„Merkwürdig,“ ſprach er,„wohin auch die geiſtvollſten Männer ſich bis⸗ weilen verrennen, wenn ſie auf ihrem Steckenpferde ſitzen! Der Doctor, ſonſt der gutmüthigſte Menſch auf Gottes weiter Erde, wäre wahrhaftig capabel, irgend Einem der hieſigen Einwohner auf den Kopf zuzuſagen: Du haſt den Landſtreicher umgebracht, ich leſ es in Deinen Zügen! Bloß in Folge ſei⸗ ner pſychologiſchen Phantaſteen.—„Wer mag es nur ſein, den er ſich als Opfer auserleſen? Doch nicht etwa gar der Mühlbauer ſelbſt? Oder deſſen Burſche? Lächerlich!— Wir wollen morgen noch einmal Mann für Mann in's Gebet nehmen, aber ich bin überzeugt, wir erfahren nichts. Der Kerl hat ſich ſelbſt umgebracht und es iſt kein Schade um ihn. Ich wüßte Einige ſeiner Gattung, die durch Ausführung ähnlicher Entſchlüſſe ihren Mitmenſchen ſehr gefällig werden könnten.“ Am dritten Tage wurde die Frau vom Hauſe wieder ſichtbar. Sie ließ ſich berichten, welchen Er⸗ folg die geſtrigen Unterſuchungen gehabt, ſprach den Wunſch aus, daß doch nichts verſäumt werden möge, was etwa noch in dieſer Sache geſchehen könne und forderte den Criminalrichter dringend auf, ihnen den heutigen Tag noch zu ſchenken. Emil ſtimmte mit ihr uͤberein und wiederholte ihre Bitte.„Es liegt uns unendlich viel daran,“ ſetzte er hinzu,„meiner lie⸗ ben Frau, wie mir, darüber in's Klare zu gelangen, ob unter den Einwohnern von Schwarzwaldau ſich alles Ernſtes Mörder befinden? Ein Gedanke, der etwas Beunruhigendes hat und wohl vermöchte, jenen heimiſchen Frieden zu ſtören, ohne welchen ländlicher Aufenthalt ſeinen ganzen Werth verliert. Bisher fühlte ich mich in dieſem ſtillen Dorfe ſo ſicher, ver⸗ traute allen unſern Landleuten und ich mag ſinnen wie ich will, es iſt mir unmöglich nur Einen zu bezeichnen, der irgend welchen ausreichenden Grund gehabt hätte, Franz Sara aus der Welt zu ſchaffen; nicht Einer im ganzen Dorfe,— außer etwa ich ſelbſt, den er unbezweifelt um Unterſtützung ange⸗ ſprochen haben würde, wär' er am Leben geblieben. Ich bin der Einzige, auf den eine ſolche Muthmaſ⸗ ſung gerichtet werden könnte und wüßt' ich nicht, daß ich jene Nacht bei meiner theuren Caroline zubrachte; und wäre ſie nicht zur Stelle, mir's zu beſtätigen,— weiß Gott, ich hielte mich ſelbſt der Mordthat als Nachtwandler für verdächtig; deßhalb bin ich auch ſehr geneigt, je länger ich darüber nachgrüble, dem Gutachten des Herrn Doctors entgegen, an Selbſt⸗ mord zu glauben. „Sie wiſſen,“ erwiderte der Richter,„daß ich dieſe Anſicht theile.“ „Um ſo mehr,“ ſagte Caroline,„da für ſie der verſchloſſene, trotzige, und dennoch einer tiefen leiden⸗ 208 ſchaftlichen Liebe zugängliche Charakter des Entſeelten ſpricht. Ich erinnere mich ſehr wohl auf ſein Be⸗ nehmen, als meine Vorgängerin hier lebte; und wie oft ich dieſe unter vier Augen geneckt, mit ihrer Er⸗ oberung eines ſentimentalen Leibjägers,— der neben⸗ bei geſagt, immer Herrn von Schwarzwaldau's Günſt⸗ ling war. Ich ſehe die Sache ſo an: er hat in der Fremde ſchlecht gewirthſchaftet und im Vertrauen auf jene Gunſt kam er zurück, einen abermaligen Angriff auf Emil's freigebige Großmuth zu wagen. Er langte in der Nachbarſchaft an und vernahm ſein ehemaliger Brodherr ſei nicht mehr Witwer; eine zweite Gattin walte auf dem Schloſſe. Er entdeckte, daß dieſe Dame dieſelbe ſei, die ihm ſchon vor Jahren, bei ihrem Beſuche als Mädchen, keine beſondere Gunſt bezeigt, ihn vielmehr mißtrauiſch und ſpöttiſch von der Seite angeſehen. Seine Bemühun⸗ gen, Herrn von Schwarzwaldau ohne Zeugen zu ſprechen, mußten mißlingen, weil ich gerade in dieſen Tagen ſtets mit meinem Gemal beiſammen war. Das fürchterliche Wetter kam dazu. Ein regneriſcher November vermöchte den heiterſten Menſchen mit Lebensüberdruß zu erfüllen; wie vielmehr einen viel⸗ leicht Schuldbewußten, vielleicht Verfolgten, der den 209 letzten Zufluchtsort, auf den er noch hoffen durfte ſich verſchloſſen ſieht?“ Der Richter küßte Carolinen die Hand:„Schade, daß unſer mediciniſcher Criminal⸗Pſychologe nicht mehr zugegen iſt; er ſollte eingeſtehen, um wie viel ſicherer die gnädige Frau urtheilt, um wie viel praktiſcher, als er. Doch ich will mir aus dem ſo eben Geſagten auch eine Lehre ziehen und alle zweckdienlichen An⸗ ſtalten treffen, wo möglich in Erfahrung zu bringen, ob und wo der Verſtorbene in der Nachbarſchaft ge⸗ ſehen worden? Vielleicht hat er da oder dort Aeußerun⸗ gen gethan, die auf einen voerzweifelten Entſchluß hinweiſen?“ Der brave Mann ging ohne Säumen an dieß Geſchäft. Carolinens Auseinanderſetzung hatte ihn vollkommen in ſeiner vorgefaßten Meinung beſtärkt. Eine gänzlich entgegengeſetzte Wirkung hatte ſie in Emil hervorgebracht. Schon daß ſeine Frau ihm verſchwiegen,— was ſie doch längſt entdeckt haben mußte,— daß eine ungeſchickte, fremde Hand das Schloß ihres Secretairs verdorben, ſchien ihm be⸗ denklich. In ihrer vor dem Richter gehaltenen Rede aber fand er eine ſo erzwungene, von ihrer gewöhn⸗ lichen Art und Weiſe ſo verſchiedene Abſichtlichkeit, daß er nicht länger zweifelte: ſie durchſchaue die 1856. II. Schwarzwaldau. II. 14 210 Wahrheit, halte ihn für Franzens Mörder und wolle durch ihr Zeugniß ſchon von vornhinein das entſchei⸗ dende ‚Alibi“ feſtgeſtellt haben, wofern etwa noch ein Zweifel gegen ihn ſich erheben könne. Er hatte alſo in ihr eine Vertraute, ohne ſich durch eigenes Ge⸗ ſtändniß ihr überantwortet zu haben! Ihr Benehmen zeigte, daß ſie ihn gerettet, ihn ſich erhalten wiſſen wolle! Sie entſchuldigte alſo die That, wozu er gleichſam gedrungen worden? Ihre Leidenſchaft für ihn war mächtiger, als der Abſcheu, den man vor Mördern hegt? Dafür aber war er nun auch ihr Knecht, ihr Eigenthum, ihr Leibeigener, kein Menſch mehr,— eine Sache!— Eine Sache, die ſie ſich durch Großmuth zum Zweitenmale erkauft!— Er vermied bei ihr allein zu bleiben. Mit dem Richter zugleich verließ er den Saal. Jener ging an den Schreib⸗ tiſch; er warf ſich auf's Pferd. Erſt gegen Abend trafen ſie beim Eſſen wieder zuſammen. Der Richter war beſonders gut aufgelegt. Seine durch Carolinens Aeußerungen veranlaßte Thä⸗ tigkeit hatte gleich auf der Stelle günſtigen Erfolg gehabt: Der Actuarius hatte den Platz ausgekund⸗ ſchaftet, wo Franz eine Nacht und einen Tag vor ſeinem Tode zugebracht. Es war eine Krämersfrau im Marktflecken, eine Meile von Schwarzwaldau, die — —— 2 211 ihn daſelbſt aufgenommen, obgleich er ihr ſelbſt ge⸗ ſtanden, daß er auf der Flucht ſei und durch ver⸗ heimlichte Anweſenheit Gefahr bringe? Wir kennen ſie als Liſette, unter welchem Na⸗ men ſie bei Agneſen Kammermädchen und zuletzt Franzens Geliebte geweſen. Als dieſer, ſeinem Herrn auf die weite Reiſe folgend, Schwarzwaldau und ſie verlaſſen, hatte ſie keinen Dienſt mehr gefunden, viel⸗ mehr keinen geſucht, weil ihr der Scheidende ſammt ſeinem Troſtſpruche: ‚es wächſt Gras über Alles!“ ein Andenken hinterlaſſen, wodurch ſie außer Stand geſetzt wurde, als Kammerjungfer einzutreten. Der alte Krämer im Marktflecken, zum Zweitenmale Witwer, bedurfte einer dritten Frau. Von Liſettens Geſprä⸗ chigkeit und den ‚vornehmen Ausdrücken, die ſie im Schloſſe aufgeleſen“ hatte er ſich günſtige Wirkung für ſeinen Kramladen verſprochen; auf die kleine lebendige Zugabe hatte er nicht geachtet; er bot ihr ſeine Hand; ſie, jeder anderen Kasſicht entbehrend, griff zu. Sie nun hatte, ohne des alten Mannes Vorwiſſen, den jungen Vater ihres Kindes bei ſich verſteckt gehalten. Und ſie gab zu Protocolle: Franz wäre in der Desperation geweſen und entſchloſſen, ſeinem Leben ein Ende zu machen, auf demſelben Flecke, wo er dieß ſchon vor mehreren Jahren 14* 212 beabſichtigte und nur durch die närriſche Liebe zur gnädigen Frau zurückgehalten wurde!⸗ Als der Richter dieſe Ausſage triumphirend wiederholte, mit dem Bedauern, daß ſein Freund, der pſychologiſche Arzt, nicht zugegen ſei, zeigte Caro⸗ line aufrichtige Theilnahme und es entſchlüpften ihr, die nur von Emil aufgefangenen, vom Dritten über⸗ hörten Worte:„ſo war vielleicht Alles nur ein entſetzlicher Traum?“ „Nichts Anderes!“ flüſterte Emil ihr zu, indem er ihre Hand unter dem Tiſche ergriff, die in der ſeinigen zuckte und zitterte. Das Rollen eines Wagens durch die Einfahrt ließ ſich vernehmen. „Beſuch?“ fragte Emil. „Vielleicht meine Mutter!“ ſprach Caroline und entzog ihm ihre Hand. Ihre Züge gewannen plötzlich einen ernſten, feierlichen Ausdruck. Der Tafeldecker, der ſogleich hinausgegangen war, als man die Kutſche gehört, kam zurück und ſagte der gnädigen Frau etwas in's Ohr. Dieſe bat den Richter um Erlaubuiß, die Tafel verlaſſen und ihre Mutter empfangen zu dürfen. Dann erhob ſie ſich. Den Tafeldecker winkte ſie nach. „Werden wir Ihre Frau Schwiegermutter nicht 6— 2— 213 die Ehre haben, hier zu begrüßen?“ fragte der Richter. „Später wohl. Unter uns geſagt, ich vermuthe: die gütige Mama ſchwimmt als Silberflotte heran, die der alte Kaufherr expedirt. Es handelt ſich um Ausgleichung einiger Gelddifferenzen, die meine Gattin liebevoll uͤbernahm.“ „Sie ſind ein beglückter Ehemann, Herr von Schwarzwaldau!“ „Ja, Gott ſei Dank, das bin ich!“ „Und wie wunderbar die Fügungen des Him⸗ mels walten. Damit Ihnen dieß Glück durch Ihre Gemalin und ihr durch Sie zu Theile werden könne, mußte ja wohl der erſte Bräutigam ein ſo frühzei⸗ tiges Ende finden?— Ich habe von jenem trauri⸗ gen Ereigniß nur Gerüchte vernommen; Thalwieſe gehört, wie Sie wiſſen, uicht mehr in meinen Amts⸗ kreis. Haben denn die gerichtlichen Unterſuchungen auf irgend eine Vermuthung geführt?“ „Auf keine, daß ich wuͤßte! Die Sache iſt ſehr verworren—“ Und nun wurde, was in Neuland geſchehen, ſo weit es zur öffentlichen Kenntniß gekommen, zwiſchen den beiden Herren durchgeſprochen, wobei Emil aber⸗ mals große Beredtſamkeit entwickelte und den Richter 214 in Erſtaunen ſetzte durch ſcharfe Kritik der Verſtöße, welche von jenem Vollzieher der Gerechtigkeit bei Führung der Sache begangen worden. „Sie hätten jura ſtudiren ſollen, Herr von Schwarzwaldau; einen bedeutenden Criminaliſten wür⸗ den Sie abgegeben haben!— Aber Ihre Damen ſcheinen uns ganz und gar vergeſſen zu wollen?“ „Sie kommen ſchon!“ Der Tafeldecker öffnete die Thüre und Caroline trat ein an der Seite— nicht ihrer Mutter, ſon⸗ dern eines Fremden, welchen ſie als den Juſtizrath R. vorſtellte, deſſen Bekanntſchaft ſie in Neuland gemacht. Dieſer verneigte ſich ſchweigend vor Emil und begrüßte im Criminalrichter einen Collegen, worauf Jener, des ſo eben gepflogenen Geſpräches eingedenk, ein wenig verlegen, nur mit der Frage erwiderte: „Und was verſchafft unſerer Gegend die Ehre 2...“ „Nach langem, vergeblichem Forſchen und Harren iſt endlich der Zeitpunet gekommen, der auf die un⸗ ſelige Mordthat in Neuland unzweifelhaftes Licht wer⸗ fen ſoll. Der Thäter hat ſich durch ein zweites Verbrechen uns in die Hände geliefert; uns beiden; denn wir ſind berufen, im Verein zu handeln; ich — und Sie, Herr College. Der Mörder Ihres —,.— — —.———— — 215 Jägers Franz Sara iſt auch der Mörder meines jungen Herrn von Thalwieſe! Eine That gebar die andere, wie eine Hyäne die andere erzeugt.“ „Und Sie verfolgen eine ſichere Spur! Und dieſe leitete Sie...“ „Hierher! Nach Schloß Schwarzwaldau!“ „Und worauf gründen ſich Ihre Indicien?“ „Auf dieſes Blatt Papier, auf welchem Sie, Herr College, eine naturgetreue Nachbildung jener Wunde erblicken, die Thalwieſe's Bruſt entſtellte; und auf dieſes kleine, ſehr kleine Stückchen feinſten Stahles, von unſerm Phyſicus in jener Wunde ent⸗ deckt, von mir ſorgſam aufbewahrt. Es hat ſich durch heftig geführten Stoß an einer Rippe, die es ſtreifte, abgeſplittert. Die Waffe, zu welcher es gehört, hat ſich gefunden.“ „Gefunden? Wo?“ „Hier iſt ſie,“ ſagte Caroline, ſchlug ihr Tuch zurück, und hielt die Klinge des Dolches ihrem Gatten vor's Geſicht:„Du biſt Guſtav's Mörder!“ Emil ſank in den Seſſel zurück, beide Hände krampfhaft geballt und gegen ſein Herz gepreßt, als wollte er den wilden Schlag desſelben bändigen. Er ſchien dem Erſticken nahe und ſchöpfte mühſam Athem. Nach und nach gewann er Luft. Er ſchlug die L 216 Augen auf, ſah die drei ihn umſtehenden Perſonen groß an, lächelte freundlich, nickte Carolinen zu und ſprach:„Habe Dank!“— Dann wendete er ſich zum Richter:„Laſſen ſie Ihren Schreiber kommen, ich bin bereit!“ Letztes Capitel. Das Geſtändniß, welches Emil von Schwarz⸗ waldau den beiden Rechtsgelehrten in Gegenwart ſeiner Gattin ablegte, war unumwunden und um⸗ faſſend. Er verſchwieg nichts und ſchonte ſich durch⸗ aus nicht. Vielmehr gab er zu erkennen, daß es ihm Bedürfniß geworden ſei, nach ſo langwieriger Lüge und Verſtellung endlich einmal ohne Rückhalt zu reden. Bisweilen unterbrach er ſich durch den Ausruf:„Ach, das thut wohl! Das erleichtert die Bruſt!“ dann wieder hemmten Thränen den Fort⸗ gang ſeiner Berichte und dieſe kamen ſo unverkennbar aus dem innerſten Grunde ſeines Herzens, daß ſie auch der Hörer Herzen rührten und erſchütterten. Drei Stunden lang dauerten ſeine Bekenntniſſe, ſeine erklärenden Auseinanderſetzungen, die wörtlich zu Papier gebracht wurden. Die beiden Richter waren vom Hören, der 217 Protocollführer, deſſen Feder kaum folgen konnte, vom Schreiben ermüdet; Caroline lag in Haß und Liebe, in Zorn und Wehmuth, in Abſcheu und Mitleid getheilt, einer Sterbenden gleich auf dem Divan... Er ſtand feſt, aufrecht, ohne die geringſte Erſchöp⸗ fung; ſeine Stimme klang wohllautend und klar, ſeine Worte waren gewählt, ſein Benehmen blieb verbindlich, und als man zu verſtehen gab: er müſſe nun in ſichere Haft gebracht werden, wie es einem co ſchweren Criminalverbrecher gebühre und ſeine Ablieferung an das höhere Gericht könne erſt morgen mit Tagesanbruch erfolgen, da ſagte er:„Ihre An⸗ ordnung, Herr Rath, trifft mit meiner Bitte zuſam⸗ men; ich wünſche ſelbſt nicht, meine letzte Nacht in Schwarzwaldau in dieſem Schloſſe zuzubringen. Die Räume, worin Caroline mit— ihrem Kinde walten wird, ſollten nicht entweiht werden durch das Ge⸗ klirr meiner Ketten. Wir haben hier im Dorfe einen hübſchen, feſten Gefängnißthurm; ich ſelbſt habe ihn, ‚um einem längſt gefühlten Bedürfniß abzuhelfen,“ vor einigen Jahren errichten laſſen. Meine Frau befand ſich zum Beſuche hier, da er eingeweiht wurde und ſeinen Namen empfing. Emil hieß auch der erſte Inſaſſe des freundlichen Stübchens; ‚Storchſchna⸗ bele wurde der ganze Kerker nach Jenem getauft. 218 fällig iſt.“ Kurz vor Mitternacht wurde der Beſitzer von Scharzwaldau in das durch ihn erbaute Dorfgefäng⸗ niß geleitet. Der Revierjäger, der Mühlbauer und ein dritter Mann aus dem Dorfe, erhielten den Auftrag, mit Schießgewehren bewaffnet, den Thurm zu bewachen und jeden etwaigen Fluchtverſuch zu verhindern. Sie beſprachen in ihrer Weiſe die Ereigniſſe, deren eigentlicher Zuſammenhang ihnen noch nicht klar wurde, da nur einzelne Bruchſtücke des ganzen Geſtändniſſes bis in's Vorzimmer und aus dieſem in's Dorf dringen können; doch empfanden ſie wohl den ſchauerlichen Gegenſatz ihrer Stellung als Wäch⸗ ter eines Gefangenen, der bisjetzt ihr Herr geweſen. Sie vereinigten ſich dahin, den Jäger Franz für den Urheber alles Böſen anzuerkennen. Gegen ein Uhr fand ſich die Gemalin des Mörders bei den Wachen ein. Sie ſtellte ihnen vor, daß es ihre Pflicht ſei, vom Gatten Abſchied zu neh⸗ men und noch Manches mit ihm zu beſprechen, be⸗ vor man ihn den Weg zur Stadt führe, von welchem er nie zurück kommen werde. Die drei Männer fanden das in der Ordnung. Aber Einlaß zu geſtatten war Dort bringen Sie mich unter, wenn es Ihnen ge⸗ — ——— 219 nicht in ihrer Macht; die Schlüſſel hatte der Cri⸗ minalrath an ſich genommen. „So ſchafft mir eine Leiter herbei, die bis an das vergitterte Fenſter reicht. Durch die eiſernen Stäbe vermag ich zu ſprechen und zu vernehmen, was nöthig iſt.“ Der Mühlbauer und der dritte Wächter gingen, eine ſolche Leiter aufzutreiben. Kaum war der Revierjäger mit ihr allein, als er ihr zuflüſterte:„Soll denn unſer Herr von Hen⸗ kers Händen ſterben, gnädige Frau? Kann er nicht— Sie verſtehen mich ſchon! Wie wär's, ich ſchickte ihm meinen Hirſchfänger hinauf?“ „Habt keine Sorge, Freund,“ erwiderte Caroline; „ich bringe ſchon, was er braucht.“ Sie zeigte ihm den Dolch, den ſie heimlich bei Seite zu bringen gewußt. „Iſt das derſelbe?“ fragte der Waidmann. „Derſelbe!“ „Deſto beſſer: womit Du ſündigeſt, damit ſollſt Du auch geſtraft werden!“ Die Leiter wurde angelegt. Caroline beſtieg ſie. Faſt eine Stunde lang verweilte ſie oben. Da ſie herab kam, dankte ſie den Wächtern und entfernte ſich raſch. Vorher ſagte ſie aber noch:„Ihr 220 habt nicht nöthig, ein Geheimniß aus meinem Be⸗ ſuche zu machen; ich übernehme jede Verantwor⸗ tung, die Euch treffen könnte.“ Sie hörten nachher verdächtige Töne, wie wenn Eiſen an Steinen gewetzt und geſchliffen würde. „Was iſt das?“ fragte der Mühlbauet;„will er etwa ausbrechen?“ „Seid kein Narr,“ ſprach der Revierjäger;„aus⸗ brechen ſoll er nicht, dafür ſtehen wir da. Sein Leib verbleibt der Juſtiz. Und ſeine Seele— mag die entweichen wohin ſie will, ihrer Beſtimmung entgeht ſie doch nicht.“ Als der Tag angebrochen, erſchien das Gericht. Einige Wagen, von berittenen Bauern umgeben, fuhren vor. Die Herren begaben ſich hinauf. Hanns der Storch hatte ſich dem Zuge angeſchloſſen. Emil, ſeinen Dolch in der Bruſt, lag todt am Boden. Die Leiche war noch warm. Eine Wunde am Oberarme ließ vermuthen, daß er an ihr erſt die Schärfe der neugeſchliffenen Spitze geprüft, ehe er ſie nach ſeinem Herzen geführt. Auf der weiß⸗ übertünchten Mauer ſtand in dicken, feſten Zügen, mit einem in Blut getauchten Finger geſchrieben: „Vulnerant omnes, ultima necat.“ Ende des zweiten und letzten Bandes. —-— ——— — — —,—— — Wohffeilſte Anterhaltungs-Lektüre! Im Verlage der Buchhandlung Jasper's Wwe.& Hügel in Wien, Herrengaſſe Nr. 251, im Fürſt Liech⸗ tenſtein'ſchen Palais, ſind folgende höchſt intereſſante deutſche Original⸗Romane erſchienen, welche allen Freunden einer guten Unterhaltungs⸗ Lektüre auf das Angelegentlichſte zu empfehlen find: Thereſe Krones. Theater⸗Roman aus Wiens jüngſter Vergangenheit. Von Adolf Bäuerle. Zweite Auftage. 5 Bde. Preis 3 fl. 20 kr. C. M.— — 2 ½ Thlr. Ferdinand Raimund. Theater⸗Roman von Adolf Bäuerle. Verfaſſer des Romans„Thereſe Krones.“ 3 Bände. Preis 3 fl. 20 kr. C. M.= 2 ⅛ Thlr. geheimniſſe eines Wiener Adookaten. Roman von Adolf Bäuerle, Verfaſſer der „Thereſe Krones.““ 3 Bände. Preis 2 fl. C. M. Der Cougreud von Wien. Hiſtoriſcher Roman von Eduard Breier. 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