—y * der Leſer jum Erſatz des Ganzen verp flichtet. N 1 448 —-—————— Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Okftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnament. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 7„—„ 3„=„=„ 5. 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Druck von Kath Gerzabek. I. „ Erſtes Capitel. Schwarzwaldau liegt in einer flachen Sand⸗ gegend, ſeitab von der alten Straße zwiſchen Dres⸗ den und Berlin. Es iſt, worauf ſchon ſein Name hindeutet, von tiefen, weitverbreiteten, herrlich be⸗ ſtandenen Nadelholz⸗Waldungen umgeben, in denen zur Zeit unſerer Erzählungen die mörderiſchen Aexte ſchachernder Holzhändler und ihrer Regimenter*) verhaltnißmäßig noch wenig gewüthet hatten, weil weder eine große Stadt, noch eine leicht fahrbare Land⸗ oder Kunſtſtraße durch ihre Nähe den Abſatz *)„Regimenter“ werden in manchen Gegenden jene Leute genannt, welche bei großen Holzſchlägen Ober⸗ aufſicht führen und practiſche Vermittler zwiſchen ge⸗ mietheten Tagelöhnern und ſpeculirenden Waldvertil⸗ gern abgeben 1856. I. Schwarzwaldau. I. 1 2 begünſtigte. Das Dorf zieht ſich an breitem Sand⸗ wege eine Viertelſtunde lang hin; die Kirche befindet ſich in der Mitte des Dorfes. Ganz am Ende erſt erhebt ſich des Gutsbeſitzers Wohnhaus, deſſen Größe und gediegene, faſt mittelalterliche Bauart an dieſer Stelle überraſcht. Noch überraſchender wirkt in ſol⸗ cher, nur durch magere Getreidefelder unterbrochenen Waldung ein blühender Garten und daran grenzen⸗ der friſch⸗ grünender Park, der ſich mit kühlen Landſeen, ſammtenen Wieſen, heiteren Gruppen ſaftiger Laubhölzer wie ein großer Kranz um die maſſiven Wirthſchaftsbauten ſchlingt. Man erkennt auf den erſten Blick, daß es der Wille eines frü⸗ heren, ſehr reichen Beſitzers geweſen ſein muß, wel⸗ cher derlei Anlagen inmitten alter Kiefer⸗ und Fichten⸗Wälder ſchuf, weil— es ihm eben ſo beliebte; ohne Rückſicht auf Zinſenertrag von den daran ver⸗ wendeten,(ein ſtrenger Landwirth dürfte ſagen: ver⸗ ſchwendeten), großen Summen. Die Bewohner des Dorfes verwunderten ſich unendlich und ſie kamen bei ihren Unterhaltungen im Wirthshauſe, wie in den Spinnſtuben gar nicht darüber hinaus, daß der gegenwärtige Beſitzer Emil von und zu Schwarzwaldau, ſeit zwei Jahren an eine junge, ſchöne Frau verheirathet, noch immer 3 nicht taufen ließ? Sie halten die düſtere Stille, die im Schloſſe wie in deſſen Umgebungen vorherrſcht; die unfreundliche Verſchloſſenheit der Gattin; den wehmüthigen Ernſt des Gatten für Folgen einer kinderloſen Ehe und bedauern dieß ſtattliche Paar, welchem der Himmel einen Segen oorenthält, den er Manchem der Bedauernden in allzureichem Maße fortwährend ſpendete. Wir entnehmnen dieß aus einem Geſpräche, welches der Verwalter, ein Revierjäger, ein Bauers⸗ mann und der Schullehrer, beim Kruge Bier ſitzend, untereinander führen. Sie haben vor einigen Stun⸗ den ‚den Herrn’ ausreiten ſehen, haben daran den Faden ihres Geſchwätzes geknüpft und ſind einig geworden, den größten Theil aller Schuld, welche die offenbar nicht glückliche Verbindung treffen könnte, auf Agneſen zu ſchieben, weil ſie in Emil das Muſter eines guten Herrn, eines redli⸗ chen Mannes verehren. Da tritt Franz ein; der Büchſenſpanner, oder Leibjäger vom Schloſſe, und ſetzt ſich an ihren Tiſch. Dieſer junge Burſch, ſeit wenig Wochen erſt im Dienſt, zeichnet ſich vor Andern ſeines Gleichen durch einen Anflug von Bildung aus, iſt nicht ohne Kennt⸗ niſſe, denn er hat eine Forſtacademie beſucht, ſagt . 1* — man. Aber gerade deßhalb liegt ein Schleier auf ſeiner Herkunft: man weiß den Anſprüchen, die er den übrigen Dorfbewohnern entgegen macht, nicht zu vereinigen, daß er den Platz eines Livreejägers ange⸗ nommen? Der Verwalter ſowohl, als der Revier⸗ jäger hatten über dieſen Punct ihre Bedenklichkeiten ſchon mehrfach laut werden laſſen und der Letztere hatte, da von der Herrſchaft, vom Leben im Schloſſe, auch von Franz die Rede war, ſo eben kurz vor deſſen Eintritt geäußert:„Der junge Menſch muß irgendwo dumme Streiche gemacht haben, die ihn verhindern, eine früher begonnene Laufbahn mit Ehren zu verfolgen; ſonſt wär' er nicht Stiefelputzer bei unſerm Herrn geworden. Solch' eine Stelle nimmt ein ſolcher Geſtudirter allenfalls bei einem Fürſten, oder ſehr reichen Grafen an, wo ſpäterhin eine tüch⸗ tige Verſorgung darauf folgt. Aber hier? Du mein Gott, was kann ihm blühen? Ein Revierjäger⸗Poſten mit achtzig Thaler Gehalt und ein paar Scheffeln Deputat? Das Stammgeld lohnt nicht die Mühe. Nein, dafür hat Einer nicht Franzöſiſch gelernt und Feldmeſſen und alles Mögliche. Glaubt mir's, der Kerl iſt ein Taugenichts!“ Dieſe Meinung war vom Verwalter, vom Schul⸗ meiſter und vom Mühlbauer getheilt worden; was „ — 5 jedoch keinen von ihnen hinderte, den Verdächtigten freundlich an ihrem Tiſche zu empfangen, da er ver⸗ ſtört und erhitzt in's Gaſtzimmer trat. Franz war ein hübſcher Junge. Sein Geſicht gehörte zu jenen eigenthümlichen, die analyſirt, Zug für Zug geprüft, nichts haben, was ein Bildhauer, ein Maler loben würden, die aber im Ganzen und oberflächlich betrachtet, wohlgefallen, ſo lange ſie jung ſind. Seine Geſtalt war ſchlank und fein; er machte Figur. Dieſer Vorzug erregte ihm unter ſeines Gleichen nur Feinde, wie begreiflich. Denn die Menſchen verzeihen ihrem Nächſten von allen Gaben am Wenigſten jene, welche Gaben der Na⸗ tur, das heißt: unmittelbare Gaben des Himmels ſind. Und was Göthe ſeinem Taſſo in den Mund legt, findet nicht allein für den Hof von Ferrara, findet nicht nur an und bei ſondern auch auf und in vielen Höfen gelegentlich ſeine Anwendung. Es paßt für alle Orte, für alle Zeiten und leider auch für alle Stände. Deßhalb wurde in Schwarzwaldau der Lioree⸗ jäger Franz ſpottweiſe ‚Baron Frauze titulirt. Baron Franz alſo ſetzte ſich zum Verwalter, zum Revierjäger, zum Schulmeiſter, die ihm alle nur ——— mögliche Zuvorkommenheit erwieſen. Der Mühl⸗ bauer einzig und allein, weil er der Unabhängigſte war, warf ſich nicht in Unkoſten, dem Leibjäger Schönheiten zu ſagen, oder auch nur ſeinetwegen in ein anderes Geſpräch einzuſtimmen. Vielmehr zog er, ohne Unterbrechung, des Gutsherrn eheliche Ver⸗ hältniſſe in's Breitere und ſchonte die gnädige Frau dabei nicht. Auch der Revierjäger, ſogar der Ver⸗ walter glaubten in des Mühlbauers Ton fortfahren zu dürfen, wenn ſie nur ihre Bitterkeiten durch hin⸗ reichende Lobeserhebungen des gnädigen Herrn ver⸗ ſüßten. Der Schullehrer, deſſen Kinder beim letzten Weihnachtsfeſte von Agneſen bekleidet worden, ſchwieg vorſichtig. Franz ſchien verlegen. Es war leicht, ihm ab⸗ zumerken, daß er gern für die Frau geſprochen haben würde, hätt' er nicht gewußt, daß er im Dorfe, und mit Recht, als des Herrn beſonderer Günſtling gelte. Bei allen Vorwürfen, welche Agnes trafen, vermochte er aber nicht zu ſchweigen. Namentlich wendete er lebhaften Eifer daran, ſie gegen die Anklage des Hoch⸗ muthes in Schutz zu nehmen.„Was ſeid ihr doch für wunderliche Leute,“ ſagte er,„daß ihr gewiſſe wohl⸗ feile Redensarten, die man euch gedankenlos in's Ge⸗ ſicht wirft, für den Ausdruck aufrichtiger und herzlicher 7 Geſinnung aufnehmt? Weil unſere gnädige Frau nicht ſo derb und zutraulich mit euch zu plaudern ver⸗ mag, wie es der Herr leicht kann, ſcheltet ihr ſie ſtolz und gemüthlos. Das iſt ungerecht. Sie meint es gut mit allen Menſchen, iſt die Sanftmuth ſelbſt, und keinen Bittenden wird ſie von ſich weiſen, er ſoll nur das Vertrauen finden, ſich an ſie zu wenden. Sie kann euch doch nicht entgegenkommen? Ohnedieß iſt ſie mehr ſchüchtern, als vorlaut, und das iſt bei ihrer Einſamkeit ſehr natürlich. Was führt ſie für ein ſtilles Leben, ohne Zerſtreuung, ohne Umgang, ohne Abwech⸗ ſelung! Er ſteckt den ganzen Tag über in der Wirth⸗ ſchaft, oder im Walde; wenn er des Abends heim⸗ kommt, wirft er ſich in den Lehnſeſſel und lieſet. Wo ſoll ſie Heiterkeit hernehmen? Wo ſoll ſie frohen Sinn finden? Sie muß trübſelige Mienen zeigen — und die legt ihr der armen Dame für Stolz aus. Ich ſage, das iſt ungerecht!“ Deer Verwalter ſah den Revierjäger befremdet an und dieſer wieder den Schulmeiſter, welcher zu⸗ letzt dem Erſtaunen der Uebrigen Worte lieh, indem er äußerte:„Sehr ſchön weiß ſich der Herr Leibjäger auszudrücken, das muß man ihm laſſen!“ Und der Mühlbauer ſetzte hinzu:„Auch mag er ſchier die Wahr⸗ heit reden; denn weil er doch des Herrn ſein Liebling iſt und ſtellt ſich auf der Frau ihre Seite, kaun eer für einen unbeſtochenen Zeugen gelten. Nur ſoll er ſich in Obacht nehmen, daß der Herr nichts davon* erfährt. Bei dem würde er ſich kein Bildchen ein⸗ Schuld der unglücklichen Ehe auf den Mann, da er die Frau verdefendirt? Denn unglücklich iſt die Ehe ſchon einmal; das ſieht ein Blinder.“ Franz mochte fühlen, daß er zu weit gegangen, und überzeugt, es ſei weder dem Verwalter, noch dem Revierjäger zu trauen, lenkte er ein, indem er ver⸗ ſicherte: unglücklich wäre die Ehe keinesweges; der⸗ gleichen könne nur Verleumdung behaupten; die gnã⸗ dige Frau liebe ihren Gemal und durch dieſe ihre Liebe werde ſie für manche Entbehrungen äußerlicher Art genugſam entſchädiget. Auch könne man zufrie⸗ den und glücklich ſein, ohne ſein Glück in heiterer Lebendigkeit zur Schau zu tragen. Vielleicht wünſche ſie ſogar ein ſtilles Daſein, wie ſie führe, weil es mit ihrem Character übereinſtimme? Er habe bisher weder eine Klage aus ihrem Munde vernommen, noch ir⸗ gend eine Verſtimmung zwiſchen den Gatten bemerkt. „Das klingt nun wieder ganz anders,“ ſagte der Schulmeiſter, ſichtbar unzufrieden mit der verſöhnlichen Wendung. 1 legen dadurch. Schiebt er nicht ſo zu ſagen alle 1 “ 9 Die Andern nickten bejahend und verſtimmt. Sie ſahen ſich um ihre Hoffnung auf allerlei Klatſchge⸗ ſchichten vom Schloſſe betrogen. Ihr Beſtreben, des Leibjägers Zunge noch einmal in Gang zu bringen, blieb erfolglos. Deßhalb auch ließen ſie ſich fürder nicht einſchenken, klagten über ſaueres Bier,— als worin ſie wahrſcheinlich Recht hatten,— und verloren — ſich Einer nach dem Andern mit mehr oder minder tiefen Bücklingen gegen ‚Musje Franz.“ Dieſer ſaß denn allein vor dem unberührten Glaſe inttiefe Träume verſenkt, aus denen der leiſe ab⸗ und zugehende Schank⸗ wirth ihn durch keine Silbe aufzuſtören wagte. Er war des Nachmittags an den vom Geflügel wimmeln⸗ den Landſeen umhergegangen ohne zum Schuße zu kommen; wahrſcheinlich weil er an andere Dinge als an Enten und Rohrhühner gedacht; und hatte ſeine Flinte noch geladen neben ſich ſtehen. Mit der Rech⸗ ten drehte er ſich unaufhörlich die Locken; mit der Linken ſtreichelte er liebkoſend den langen Lauf des Feuergewehres. Wäre der Schänker nicht ein ſtumpf⸗ ſinniger Trinker geweſen, der für nichts Aufmerkſam⸗ keit hegte, als für den Unterſchied zwiſchen leeren und gefüllten Gläſern, es hätte ihm nicht entgehen können, daß im Kopfe des lockendrehenden ſchmucken Jägers üble Abſichten ſich regten. So düſter und wild ſtarrt 10 kein junger Mann oor ſich hin, wenn er nicht ganz und gar mit ſich ſelbſt zerfallen, aus einer faſt ver⸗ zweifelten Lage den Ausweg ſucht,— ſei es auch durch Selbſtmord! Und dennoch waren es nicht nur Groll, Zorn, Haß, Rache, oder wie des Unheils finſtere Dämonen weiter heißen mögen, die Franzens Angeſicht beherrſchten. Auch edlere Gefühle drückten ſich, wenn gleich durch Wehmuth umſchleiert, in die⸗ ſen Zügen aus, auf denen ein Kampf des Guten mit dem Böſen ſich wiederſpiegelte. In einem Augen⸗ blicke, wo das Letztere überwog, murmelte Franz:„Ich habe vor acht Tagen dem Damhirſch, den der Herr angeſchoſſen und der nicht verenden konnte, meine Ladung Entenſchrot, weil kein Jagdmeſſer zur Hand war, durch's Hirn gejagt; ſetzte den Lauf dicht vor den Schädel und die Körner hielten zuſammen, daß die Wunde ausſah wie von einer ſtarken Büchſenku⸗ gel. Was waͤr's denn weiter, wenn ich von hier gleich dem kleinen Garten⸗See zuginge bis an ihr Bankchen und dann... Sie käme vielleicht heute Abend noch, fände meine Leiche und dann wüßte ſie Alles!—“ 1 Er warf einige kleine Münzen auf den Tiſch und verließ eilig die Schänke. Feſten Schrittes, wie ein Menſch, der zu furchtbarer That entſchloſſen, S 11 unwillkürliches Grauen durch entſchiedenes Wollen beſtegt, wendete er ſich dem herrſchaftlichen Parke zu. Hätte er dieſen durch das große Eingangsthor betre⸗ ten, würde er ungehindert den Paatz erreicht haben, den er ſich für ſeine letzte Stunde auserſehen; und wir ſtänden dann wahrſcheinlich beim Beginn dieſer Ge⸗ ſchichte ſchon am Ende derſelben und hätten weiter nichts mehr zu erzählen. Aber— und an ſcheinbar ſo zufälligen Ereigniſſen hängen die Geſchicke des Menſchen und der Menſchheit!— Franz vermied den betre⸗ tenen Weg, um uur ja Niemand zu begegnen; und gerade, weil er den Fußſteig einſchlug, der nach der Seitenpforte führt, mußte er ſeinem Herrn entgegen⸗ laufen, der aus dem Walde heimkehrend, bleich und träumeriſch an ihm vorüberritt, ohne ihn nur zu bemerken. Unter andern Verhältniſſen, in gleichgil⸗ tiger Stimmung würde der Diener auf Emil's Zuſtand wenig geachtet, würde in deſſen Mienen weiter nichts geleſen haben, als den Ausdruck all⸗ täglichen Unmuthes, der in Schwarzwaldau nicht befremdete. Doch was in ihm ſelbſt vorging, ſchärfte ſeinen Blick; furchtbare Anſpannung eigener Empfin⸗ dungen ſteigerte in ihm die Fähigkeit, wahrzunehmen, was Jenen treibe? und gleich dem Zauber eines zweiten Geſichtes ſtieg ihm die Ahnung auf, der 12 düſtere Reiter trage ſich mit Abſichten, nicht minder ſchauderhaft als die ſeinen! Jede finſtere That, über der wir brüten, habe ſie Namen welchen ſie wolle, erſcheint uns finſterer noch, ſobald wir einen Andern auch im Begriff glau⸗ ben, ſie zu thun; womit wir uns im eigenen kran⸗ ken Herzen zu verſöhnen wähnten, tritt uns ſchroff, drohend entgegen, wo wir es von einem Fremden erwarten. Wir kennen ja die Gründe nicht, die ihn dazu beſtimmten; wir haben uns weder mit ſeinen Leiden vertraut gemacht, noch mit ſeinen Irr⸗ thümern befreundet; was uns für uns ſelbſt zur Entſchuldigung diente, wendet ſich zur Anklage um gegen den Andern; wir ſind bereit, an ihm zu verdammen, was wir an uns vor Gott und vor uns rechtfertigen zu können meinten. Dieß widerfuhr dem Jäger Franz, da der Arg⸗ wohn in ihm aufſtieg, ſein Herr ſtehe auf dem Puncte, Hand an ſich zu legen:„Der reiche, beglückte, mit Agnes vermählte Herr! Der Herr, welcher beſitzt, was der Diener ihm beneidet? Unmöglich! Und doch, wenn es wäre? Wenn all' ſein Beſitz den mit ſich ſelbſt Zerfallenen nicht erfreut, nicht zufrieden macht? Wenn er wirklich ſo wahnſinnig iſt, zu ſinnen in der Fülle ſeines Glückes, worauf ich ſann aus 13 der Oede meines Ungluͤcks? Wenn die hingeworfenen Aeußerungen, die ich aus ſeinem Munde vernehme, ſeitdem ich um ihn bin, mehr bedeuteten, als ich ihnen beilegte? Wenn ich richtig errathe, daß jetzt die Stunde hereinbrach, wo er Ernſt machen, wo er ſterben will?— Dieſer graue, ſchwül⸗windige, aus⸗ dörrende Sommertag ſcheint ſelbſtmörderiſche Abſichten zu fördern?! Wohlan denn: ſchieben wir für's Erſte die unſrigen hinaus und belauſchen wir die Schritte des— Andern.“ Franz ging nicht nach dem Bänkchen beim kleinen See im Park; begab ſich vielmehr ohne Zögern in ſein Gemach, aus welchem er leicht und ungeſehen zu ſeinem Gebieter gelangen konnte. Emil von Schwarzwaldau, ſeit zwei Jahren mit Agnes vermählt, ſtand im Siebenundzwanzigſten, konnte aber, obgleich er nichts weniger als blühend ausſah, für einen noch jüngeren Mann gelten. Sein gewöhnlich bleiches Angeſicht zeigte faſt immer eine durch ſanfte Freundlichkeit gemilderte Schwer⸗ muth, die jedoch augenblicklichen Scherzen in geiſt⸗ reicher Aufregung gern zu weichen ſchien,— aber nur ſchien. Es war nicht die abgeſchloſſene Re⸗ ſignation eines vom Leben hart getäuſchten Mannes, welche aus jener Schwermuth ſprach; faſt knaben⸗ 14 hafte Sehnſucht lag darin, und dieſe kann es gewe⸗ ſen ſein, die ſeinen blaſſen Wangen kindlichen An⸗ ſtrich verlieh, und zu ſolch' hoher, kräftiger Geſtalt nicht paßte. Sein blaues Auge leuchtete groß und klar unter langen dunklen Wimpern hervor; es ver⸗ rieth weniger Lebensüberdruß, als getäuſchte Erwar⸗ tung: Emil blickte umher nicht wie Einer, der durch Genüſſe geſättiget, von Reue geplagt, im Daſein ermüdet, dieſem ein Ende ſucht; er ſah in die Welt wie Einer, dem ſie nicht gab, was er von ihr ver⸗ langte; der an unerfüllbaren Erwartungen krank, alle Wünſche und Träume mit Einemmale begraben möchte. Und das war kein leerer Schein, den er etwa, wie manche Zieraffen des Weltſchmerzes, zur Schau trug. Es kam von Innen. Sein Auge war wirklich der Spiegel einer in ihrer irdiſchen Be⸗ hauſung ſich abquälenden Seele. Auch hatte Franz richtig wahrgenommen. Die Qual dieſer Seele war niemals höher geſtiegen, als während dieſes grauen Tages; ſie hatte ihn aus dem Schloſſe in’s Grün des Waldes getrieben und trieb ihn jetzt, nicht we⸗ niger bedrängt und gequält, in's Schloß zurück. O wie manchen Tag hatte er ſchon in ſolch' unmänn⸗ lichem Sträuben wider den Quäler Unmuth ver⸗ geudet; wie häufig ſchon dem tückiſchen Erbfeinde 15 des Menſchengeſchlechtes neuen Spielraum gegeben, dadurch daß er vor ihm entwich, anſtatt ſich that⸗ kräftig ihm entgegen zu ſtellen? Wie oft hatte er dann des Abends ausgerufen:„wieder ein Tag dahin!“ und dann, abgemattet von wildem, feigem Umherja⸗ gen ſich der Nacht, der ſchlafverheißenden, in die Arme geworfen!„Mit den Tagen wird man fertig,“ — ſo lautete ſein Selbſtbekenntniß;—„vor einem ganzen Tage fürcht' ich mich nicht; meine Feinde ſind die Stunden, aus denen er beſteht. Ein beginnender Tag liegt zu lang und breit vor uns, als daß man ſeine Qualen mit Eins überſchauen könnte; und hat man ihn hinter ſich, dünkt er nur ein Augenblick. Aber die Stunden, die einzelnen Stunden, die man abzählt nach dem Secundenmeſſer des langſam⸗ſchleichenden, dennoch fieber⸗ſchweren Pulsſchlages,— dieſe ſind meine Gegner. Vulnerant omnes, ultima necat.“*) Und dieſer letzten wähnte er nun wirklich ent⸗ gegen zu reiten. Ich will meine Leſer nicht behelligen mit der tauſendmal aufgeworfenen und niemals erſchöpfend beantworteten Frage: ob der Entſchluß, ſich ſelbſt *)„Alle verwunden, die letzte tödtet.“ 16 das Leben zu nehmen, Muth oder Feigheit verrathe? Es kommt dabei zuviel auf den Standpunct an. Bei Emil waltete, das iſt zweifellos, wenn auch nicht Feigheit, doch Muthloſigkeit vor. Er fühlte ſich nicht ſtark genug, länger ſo zu leben. Er wähnte ſich ſtark genug, mit einem andern Leben es zu verſuchen. Mit welchem? Was wußte er davon? Ihm genügte zu wiſſen, daß es ſicher ein anderes ſei. Er wollte entfliehen,— und wer ſich auf die Flucht begikbt, geſteht ein, daß es ihm an Muth und Kraft fehlt, den Kampf weiter fortzuſetzen. So Emil. In ſeinen Händen blinkte ein Dolch von ſeltener Schönheit, den er vor zehn Jahren zum Geſchenk er⸗ halten von einem ruſſiſchen Offieier höheren Ranges, an welchem er innig gehangen und welchem zur lie⸗ benden Erinnerung er dieſe künſtlich⸗geſchmiedete, fremdartige Waffe ſo ſorglich aufbewahrt, daß kein Dritter ſie jemals geſehen. Der türkiſche, oder perſi⸗ ſche Dolch blieb ſtets im Secretair verſchloſſen, wo er unter Emil's wichtigſten Papieren verborgen lag. Nur in ganz trüben Stunden wurde er betrachtet, — doch immer erſt nachdem die Stubenthür behutſam verriegelt worden. Unzähligemale hatte Emil, in des funkelnden Stahles Betrachtung verſenkt, ſich Ver⸗ gleichen überlaſſen zwiſchen matter farbloſer Gegenwart 17 und jener blühenden Vergangenheit ſeiner Jüng⸗ lingsjahre, da er dieß Geſchenk des Obriſten empfing und mit lebhafter Phantaſie eine volle orientaliſche Märchenwelt daran knüpfte. Mehr zum Spiele, als in ernſter Abſicht, hatte er dann wohl die Spitze an ſeinem Arme geprüft, ohne ſich die Haut zu ritzen und dabei in frevelhaftem Hohne geſprochen:„Das bleibt der ſicherſte Tröſter.“— Heute war es anders. Nicht zum Spiele mehr griff er nach der Waffe. Es ſollte Ernſt werden. So tief durchdrang ihn dieſes Ernſtes Bedeutung, daß er nicht mehr der Mühe werth gefunden, wie ſonſt die Thüre zu verſperren. Es ſchlug ſieben Uhr.„Vulnerant omnes, ul- tima necat!“ rief er aus und entblößte die Bruſt in der Gegend des Herzens:„Gieb Dich zufrieden, gequälte und quälende Blutkammer, bald ſollſt Du Erleichterung haben. Und auch Du, arme getäuſchte Agnes, die Liebe und Glück an meiner Seite erwar⸗ tete, und die ich unglücklich mache. Auch Dir wird Freiheit. Ich thu' es für Dich, nicht weniger denn für mich. Ja, ſchlage nur Deine ſiebente Stunde nach, unbarmherzige alte Uhr, die mir ſeit Jahren Schlag um Schlag beibringt. Dieß war die letzte 1856. I. Schwarzwaldau. I. 2 18 Wunde, die Du mir ſchlugſt und die letzte Stunde, denn die letzte tödtet!“ 5 „Gott ſei mir gnädig!“ ſagte er mit feſter Stimme— und den hocherhobenen Arm packten zwei kräftige Hände, ſeiner Hand die Waffe entwindend. Emil von Schwarzwaldau und Jäger Franz ſtanden ſich gegenüber. Emil vermochte nicht, den fragenden Blick auszuhalten, welchen Franz auf ihn richtete; er ſchlug die Augen zu Boden; in ihm kämpften zugleich Zorn und— Dankbarkeit; denn ſo tief wurzelt im Menſchen die Lebensluſt, daß ſie niemals völlig abſtirbt. Auch Emil empfand etwas wie Freude und dieſe Empfindung miſchte ſich in die heftigen Worte, mit denen er ſeinen Diener zur Rede ſtellte, wie er ſich unterfangen dürfe, zu ſpioniren und ſich heimlich einzuſchleichen? Franz erzählte, was wir wiſſen; verſchwieg nicht, daß er ſelbſt im Begriff geſtanden, den entſetzlichen Schritt zu thun, an welchem er jetzt ſeinen Gebieter verhindert und ſetzte dann ruhig hinzu!„Wenn ich des Lebens müde bin, ſo hat das gute Gründe; wer aber Ihnen das Recht giebt, ſich umbringen zu wollen, das möcht' ich wiſſen? Geachtet, reich, mit einer Frau verbunden, die Niemand anſehen kann, ohne ſie zu lieben,— iſt es da nicht empörende 19 Grauſamkeit, ihr den Schreck zufügen zu wollen? Den Schreck und die Schmach?— Dieſen Frevel hab' ich verhindert und habe nur gethan, was ge⸗ ſetzlich iſt.“ Auch die fürchterlichſten Momente führen ge⸗ wöhnlich etwas Lächerliches im Gefolge; ſchrecklichen Begebenheiten und Zuſtänden ſitzt oft der Schalk im Nacken, die vielgetadelte Ironie in den tragiſchen Werken großer Dichter iſt gewiß nichts Zufälliges: ſie entkeimt dem wirklichen Leben. So war es unbedenklich komiſch, daß Emil dem erſtaunten Frager jetzt Erſtaunen und Frage zurück⸗ gab; daß er ihm befremdet zurief:„Du trägſt Dich mit ähnlichen Gedanken? Biſt Du wahnſinnig? Woran fehlt es Dir? Kannſt Du Dir einen beſſern Dienſt träumen, als Du hier gefunden?“ Und ein Dritter, wäre er Zeuge dieſes Zwie⸗ geſprächs geweſen, würde kaum ein Lächeln unter⸗ drückt haben, bei des Jägers Entgegnung:„Wenn es nun eben der Dienſt iſt, dem ich zu entkommen trachte? Ich bin weder geboren, noch erzogen dazu.“ Emil ſtarrte den Sprecher an. Nicht lächelnd, denn ſo weit war er noch nicht in's Leben zurückge⸗ ſchritten, um lächeln zu können, aber höchſt verwun⸗ dert ſtarrte er ihn an:„Weder geboren, noch erzogen 2* 20 dazu?“ wiederholte er;„nun, warum dann haſt Du Dich um dieſen Platz beworben?“ „Das iſt nicht ſo raſch deutlich zu machen,“ ent⸗ gegnete Franz,„und heute ſind wir Beide nicht in der Stimmung, eine lange Geſchichte abzuwickeln; weder ich, ſie zu erzählen, noch der gnädige Herr, ſie zu hören. Zunaäͤchſt bitt' ich um Ihr Ehrenwort, daß Sie nichts gegen Sich ſelbſt vornehmen wollen. Eher kann ich dieſe Waffe nicht zurückgeben.“ „Du verlangſt viel, mein lieber Franz. Und wer bürgt mir für Dich? Wer ſteht mir dafür, daß Du die Abſichten aufgegeben haſt, die Du heute hegteſt? Hat ſich in unſerer Lage etwas geändert?“ „Doch! Sehr viel! Wir ſind Vertraute geworden durch Entdeckung unſerer furchtbaren Geheimniſſe. Unſer Verhältniß hat eine tiefe Bedeutung gewon⸗ nen; wir ſtehen uns näher, als Herr und Diener ſonſt pflegen, und was ich mitzutheilen habe, wird uns vielleicht noch näher bringen. Vielleicht auch nicht? Vielleicht führt es zum entſchiedenen Bruche? Gleichviel. Dann bleibt uns immer noch die Tren⸗ nung übrig, mag dieſe nun herbeigeführt werden wo⸗ durch ſie wolle. Ehe wir uns ausgeſprochen haben, darf ſie nicht mehr erfolgen.— Jetzt iſt es Zeit, 21 Ihre Gemalin nicht länger am Theetiſche harren zu laſſen; denn ſie weiß, daß Sie im Schloſſe ſind.“ Emil gab das ihm abgeforderte Ehrenwort und empfing dagegen aus Franzens Händen den Dolch, den er ſorgfältig verbarg. Zweites Capitel. Emil betrat ſeiner Gattin Gemächer, wie ein ſchuldbedrückter, zu reuiger Buße geneigter Menſch. Von der unfreundlichen, mürriſchen Weiſe ſeines lei⸗ der ſonſt alltäglichen Benehmens, zeigte ſich heute keine Spur: ſtürmiſche Ungewitter haben oft ſanfte friedliche Abende in ihrem Gefolge. Ebenſo ſchien Agnes minder in ihren ſtillen ſchweigſamen Gram verſunken, wie gewöhnlich; ſie empfing den Gatten faſt heiter; vor ihr lag ein offener Brief, der dieſe Umwandlung hervorgebracht. Ihre Penſionsfreundin Caroline meldete ihr, daß ſie den Eltern endlich die Erlaubniß abgeſchmeichelt habe, der längſt und wiederholt an ſie ergangenen Einladung zu einem längeren Beſuche in Schwarzwaldau folgen zu dürfen und verhieß baldige Ankunft. Das war für Agneſen ein 22 wichtiges Ereigniß. An Carolinen und deren An⸗ denken knüpften ſich für die einſame Frau lebhafte und belebende Erinnerungen der blühenden Mädchen⸗ zeit, die ſie in einer Dresdner Erziehungsanſtalt als vertrauteſte Genoſſinnen miteinander durchgemacht. Tauſend friſche fröhliche Kindesträume wurden wach und erfriſchten anregend die öde Gegenwart der ver⸗ nachläſſigten Ehefrau mit einem fröhlichen Hauche von Vergangenheit. Sie ſprach ihre Dankbarkeit gegen Emil aus, daß er ihr habe geſtatten wollen, die Freundin einzuladen; daß er ihr dieſe Freude ver⸗ gönnt habe,— obgleich er es allerdings nicht mit allzubereitwilligem Entgegenkommen gethan, vielmehr deutlich gezeigt hatte, daß ihm die Anweſenheit einer „Beobachterin eben nicht erwünſcht ſei. Heute gab er faſt das Gegentheil kund. Er hieß Carolinen im Voraus willkommen, verſprach ſich für Agnes Ver⸗ gnügen und für ſich herzliche Theilnahme von ſolchem Zuwachs ihres Verkehres und äußerte dieß in ſo ver⸗ bindlicher, gefühlvoller Weiſe, daß die arme Frau ihre Theekanne aus der Hand ſetzte, ihn erſtaunt anblickte und mit Thränen im Auge ausrief:„Wie gut Du gegen mich biſt, lieber Emil!“. Sie ſaßen traulich beiſammen, ohne weiter viel zu reden. Sie lächelten Beide ſtill vor ſich hin. 23 Wer ſie geſtern Abend ſitzen geſehen, hätte in ihr nicht die Frau wieder erkannt, die ein Bild entſa⸗ genden Grames in die Dämmerung ſtarrte und nur mechaniſch das Amt der Hausfrau am Theetiſch ver⸗ waltete; in ihm noch weniger den Mann, dem die fürchterlichſte aller Entſchließungen mit tiefen Zügen ſchon auf der Stirn geſchrieben ſtand. Und welche neue Richtung hatte ſich denn dieſer verkümmernden Seelen bemächtiget? Bei Agnes iſt es leicht zu er⸗ klären: auf matte verſchmachtende Blumen war ein mildes Regenwetter gefallen; die ganze Wieſe ath⸗ mete neuen Duft. Aber bei Emil? Vor einer Stunde pochte er mit dem Griffe ſeiner Mordwaffe an's ver⸗ riegelte Thor der Ewigkeit,— und jetzt gab er ſich behaglichem Nachſinnen, verſöhnenden, ausgleichenden Bildern hin? Woran dachte er, daß er überhaupt im Stande war, noch etwas Anderes zu denken, als den ſchrecklichen Moment, wo er des Dolches Spitze gegen die klopfende Bruſt gezückt? Wer ſollt' es glauben: er dachte an denjenigen, der ihm den Stahl aus der Fauſt geriſſen; er dachte an den Jäger Franz und an deſſen Lebensgeſchichte, die dieſer ihm morgen zu erzählen ſich verpflichtet. Er erwartete davon etwas Beſonderes, Aufregendes, ihn Zerſtreuen⸗ des, ohne doch ſelbſt zu wiſſen, in wie fern des jungen, bisher für unbedeutend gehaltenen, wenn auch mit Vorliebe behandelten Burſchen Schickſale, auf ſeine Stimmung günſtige Einwirkung üben ſollten? Genug, Emil gehörte dem Leben ſchon wieder ſo weit, daß der Lebenslauf eines Fremden ihm wichtig dünkte. Womit wäre doch manches Menſchen Herz paſ⸗ ſend zu vergleichen? Das alte abgenützte Gleichniß vom Meere, bis in deſſen tiefſte Abgründe jetzt der Sturm wühlt und welches, von ihm getrieben, tobt und raſet, um ſodann wiederum der hellen Sonne einen reinen glatten Spiegel zu zeigen,— es paßt nicht; es taugt nichts; denn nach jedem ernſten Sturme braucht es mindeſtens Tage, ja Wochen, bis die Wellen ſich wieder legen und lächelnder Friede in des Meeres Schoos zurückkehrt. Aber manches Menſchen Herz zuckt in ſtürmiſchen Krämpfen, als wollt' es berſten, und kaum hat der Krampf nur Mi⸗ zunten lang nachgelaſſen, ſo iſt es auch ſchon das alte, weiche, jedem Eindruck empfängliche Herz, allen guten und ſchlimmen, allen wichtigen und nichtigen Eindrücken und Regungen geöffnet und hingegeben. Es ſind nicht die ſchlechteſten Herzen, die der Schöpfer alſo gebildet— aber die zuverſichtlichſten, tüchtigſten ſind es wahrlich auch nicht. Es iſt kein 25 rechter Verlaß auf ſie, weder für Haß, noch für Liebe. Sie drohen ſich Gefahr und Andern! Emil gehörte zu Jenen, die ein ſolches im Bu⸗ ſen tragen. In welche Gefahren es ihn ſelbſt gezo⸗ gen, haben wir bereits beim Anfang dieſer Geſchichte geſehen; in welche Verwickelungen es alle diejenigen ziehen wird, mit denen er in nähere Berührung kommt, ſoll uns die Folge lehren. Für heute trübte keine Ahnung düſt'rer Zukunft beider Gatten Ruhe. Angnes athmete in milder Hei⸗ terkeit auf,— ſeit Monden zum Erſtenmale!— und Emil gab ſich der beſchwichtigenden Rückwirkung die⸗ ſer Heiterkeit ſo willig hin, daß die kurzvergangenen Stunden ſchon wie eben ſo viele Jahre hinter ihm lagen. Sie trennten ſich, da ſie zur Ruhe gingen, mit einem an Zärtlichkeit ſtreifenden Gefühle, wor⸗ über Beide, da Jedes in ſeinem Schlafgemache ſich allein überlaſſen war, ſich freuten. Es glich dieß Ge⸗ fühl dem Streifen Abendroth, der am trüben Him⸗ mel einen doch vielleicht erträglichen Morgen und Tag verſpricht. Agnes, als ſtädtiſche Langſchläferin, welche ſie auch in Schwarzwaldau verblieben, ließ noch in ſpäten Träumen die geſtrigen Theeſtunden an ſich vorüber dämmern und ſammelte ſich erſt nach und — 26 nach zu klarem Beſinnen, daß ſie ſich vorgenommen habe, Carolinens Gaſtzimmer recht hübſch und wohn⸗ lich einzurichten,... da zog Emil ſchon mit Franz durch tiefen Wald. Sie waren ſtumm und ernſt. Auch Emil. Die leichtſinnige Aufwallung, in welcher geſtern alle Selbſtmordgedanken ſo unbegreiflich ſchnell verſchwammen, hatte ſich beim Erwachen gelegt; des Angenblickes Täuſchung hielt der langeingewurzelten Gewißheit ſeines ſelbſtgeſchaffenen Leidens nicht mehr Stand; er war wieder, was er ſeit Jahren geweſen: der an Lebensunmuth krankende Herr, dem jetzt ſoger die begehrte Lebensgeſchichte des jüngeren Dieners nicht mehr beſonders wichtig ſchien, denn er ging vor Jenem her, ohne Halt zu machen, ohne das Geſpräch zu beginnen. Franz folgte wie ein Diener, der gehorcht, der aber ſeinen Herrn geringſchätzt. V Und das that er wirklich. Er ſah in Emil einen verweichlichten Menſchen, ohne feſten Character, ohne energiſchen Willen, ohne ausdauernde Conſequenz. G Selbſt der leichte Sieg, den er über ihn davonge⸗ tragen, als er die Todeswaffe dem ſchwachen Arme entriß, trug zu dieſer Geringſchätzung bei. Franz war leine kraͤftigere Natur, war, obwohl noch Jüngling, mehr berechtiget, ſich Mann zu nennen, als der um ſechs Jahre Aeltere. Dieß Bewußtſein verlieh ihm 27 moraliſches Uebergewicht; auf dieſes trotzend ſchritt er mit kecker Zuverſicht der bevorſtehenden Auseinander⸗ ſetzung ihrer Verhältniſſe entgegen. Schweigend gingen ſie bis an die äußerſte Grenze des Schwarzwaldauer Forſtes, wo dieſer ſich gegen Norden in eine weite öde Fläche verliert, deren Flug⸗ ſand bisher jedem Culturverſuche tückiſch widerſtrebte. Eine unerquickliche, troſtloſe Gegend, kaum von dem Gezwitſcher eines Vogels belebt; denn alle Thiere beeilen ſich, dieſe Nachbarſchaft zu meiden. Dort erſt erwachte Emil aus dem Halbſchlafe, worin er ein⸗ hergezogen war. Er ſetzte ſich auf den Erdboden, lehnte ſich mit dem Rücken an einen der letzten Baum⸗ ſtämme, winkte Franzen zu, ein Gleiches zu thun, und ſprach mit einem Anfluge bitteren Scherzes: „Hebe das Klagelied von Deiner Vergangenheit an und wolle der Himmel, daß die Ausſicht in die Zu⸗ kunft lebensfriſcher ſein möge, als diejenige, die wir hier vor unſern Augen haben!“ „Sie iſt nicht unpaſſend gewählt für meine Mit⸗ theilungen,“ erwiderte Franz und begann:„Ich bin der einzige Sohn des Freiherrn Franz von R. Mein Vater ſtarb vor fünfzehn Jahren und hinterließ meine arme Mutter in ſehr verwickelten Verhältniſſen, aus denen ſie ſich nur durch ſparſame Geduld zu retten EEEEEEEEEEEEE— 28 im Stande geweſen wäre. Sie aber hatte nicht ge⸗ lernt, ſich einzuſchränken und ihre zärtliche Liebe für mich trug viel zur Vermehrung ihres Aufwandes bei, dem ihr Rechtsfreund und mein Vormund, Beide, vergeblich Einhalt thun wollten. Anſtatt mich gleich andern Kindern meines Alters in eine öffentliche Schule zu ſenden, oder mich in eine Erziehungsanſtalt mittlerer Gattung zu geben, woran in der Reſidenz kein Mangel war, hielt ſie mir einen theuren Erzieher, der aber doch nicht allen Unterricht ſelbſt ertheilen konnte und neben welchem noch die geſuchteſten Pri⸗ vatlehrer für neuere Sprachen, Muſik, Zeichnen ver⸗ wendet und ſchwer bezahlt wurden. Ich hatte meinen eigenen Diener, den ich, obgleich ich kaum ſieben Jahre zählte, ſchon mit angeborenem Beruf den Herrn zu ſpielen, quälte und tyranniſirte. An meinem zehn⸗ ren Geburtstage erhielt ich eine kleine Equipage mit zwei allerliebſten Pony's als Angebinde, wozu natür⸗ licherweiſe ein jugendlicher Stallknecht gehörte, der die Zahl meiner Leibeigenen um eine Seele vermehrte. Der Hauslehrer durfte mehr oder weniger zu dieſen mit gerechnet werden, denn ich überſah ihn, benützte ſeine Schwäche für meine kindiſchen Zwecke und be⸗ herrſchte ihn mehr, als ich ihm gehorchte. Unerfüll⸗ bare Wünſche kannte ich nicht; Verbote, Entſagungen 4 4 29 gab es nicht für mich; was ich wollte, mußte ge⸗ ſchehen und man wagte nicht, mir etwas zu verſa⸗ gen, weil ich übrigens fleißig war, meinen Aufgaben genügte und Fortſchritte zeigte, die mir leicht wurden. Des Vaters Teſtament ließ der Mutter zu viel Frei⸗ heit, gewährte meinem Vormund zu wenig Rechte, entſchieden einzugreifen; er wurde der ewigen Zwiſtig⸗ keiten mit ihr, deren ich mich noch deutlich erinnere, endlich müde und ließ ſie gewähren. So geſchah es, daß ſie, durch einen übelberufenen Advocaten verleitet, ohne ſelbſt recht zu wiſſen was ſie that, mein väter⸗ liches Erbtheil angriff, nachdem ihr Antheil an un⸗ ſerem Vermögen erſchöpft war. Mit leeren Täuſchun⸗ gen und Schwindeleien wurde die Wahrheit ſo lange verſteckt gehalten, bis zuletzt das Unglück in ſeiner ganzen Gewalt hereinbrach. Ueber Nacht waren wir Bettler geworden und die werthloſen Flitter eines unnö⸗ thigen Aufwandes reichten kaum hin, unſern Rückzug aus den erſten Reihen der vornehmen Welt in den Haufen ärmlicher, heruntergekommener, dennoch in's höchſte Stockwerk hinaufklimmender Dachſtubenbewoh⸗ ner zu decken. Ein Knabe von zwölf Jahren be⸗ ſaß ich weder Pony's, noch Groom; noch Kammer⸗ diener, noch Hofmeiſter, noch Privatlehrer. Meine Mutter lebte nur durch Unterſtützungen einiger älteren 30 Freundinnen und ich wurde in die große Stadt⸗ ſchule geſchickt, wo ich anfaͤnglich viel Spott und üble Behandlung auszuſtehen hatte, denen ich aber nach kurzer Prüfungszeit Trotz und geballte Fäuſte entgegenſetzte. Ich muß mich jetzt noch verwundern, wie raſch und leicht ich mich in den ungeheuren Wech⸗ ſel meiner Lage finden gelernt. Keiner von all' meinen Genoſſen konnte mir nach Verlauf eines Jahres ab⸗ merken, daß ich der verwöhnte, in Uebermuth und Ueberfluß aufgewachſene Junge ſei. Ich fügte mich, ſcheinbar zufrieden, jeder nothwendigen Entbehrung, ging meinen Weg als ordentlicher, tüchtiger Schüler und hatte nichts aus der Epoche meines früheren Daſeins bewahrt, als einen gewiſſen Stolz, herge⸗ leitet aus der Erinnerung an das, was wir einſt ge⸗ weſen. Dieſer Stolz bewahrte mich vor ſchlechtem Umgang. Er ließ mich die Freundſchaft bevorzugter Schüler ſuchen und gewinnen; erwarb mir auch die Gunſt einiger Lehrer. Je erbärmlicher die Exiſtenz bei und mit meiner hilfloſen Mutter von Tage zu Tage wurde, um deſto lieber ward mir die Schule. Wie muüͤſſige Bettler an manchen Orten gern und oft Kirchen beſuchen, um ſich, auch ohne Gottesdienſt, in hochfeierlichen Räumen aufhalten zu dürfen, ſo ſehnte ich mich aus den drückenden Umgebungen daheim mit 31 wahrer Ungeduld nach den hellen, lichten,— und im Winter gewärmten Lehrſälen, die mir zur eigentlichen Heimath wurden. So ging es fort, in jeder Weiſe gut und löblich, bis in mein ſechszehntes Lebensjahr, wo ich bereits zur oberſten Claſſe befördert wurde, was meinem Eifer und Ehrgeiz friſche Nahrung gab. Ich hegte keine anderen Wünſche und Hoffnungen, als möglichſt bald die Univerſität beſuchen zu können. Außer meinen Studien beſchäftigte mich eigentlich nur der Gedanke an die Möglichkeit, wie ich mich als Student durchbringen und welche Mittel ich erfinden würde, die unentbehrlichſten Zuſchüſſe aufzutreiben, wobei ich freilich zunächſt auf meinen ausdauernden Willen und auf die Fähigkeit baute, mir durch Un⸗ terricht in guten Familien etwas zu erwerben. Uebri⸗ gens hatten auch mehrere meiner Mutter noch be⸗ freundete Perſonen für jene Zeit einen kleinen Bei⸗ trag auf drei Jahre verſprochen. Ganz erfüllt von dieſen Plänen, ſuchte ich weder Vergnügen, noch Zer⸗ ſtreuung, wie doch ſelbſt die fleißigſten meiner Mit⸗ ſchüler wohl thaten. Von gemeinſchaftlichen Spazier⸗ gängen, von Beſuch öffentlicher Conzerte, Condito⸗ reien, oder gar der Theater, von Tanzgeſellſchaften und ähnlichen Dingen war bei mir nicht die Rede. Ich kannte dieſe Genüſſe nur dem Namen nach und 32 hörte kaum darauf, wenn die Uebrigen in den Zwi⸗ ſchenſtunden ſich davon erzählten. Eben ſo wenig machte es nur im Geringſten Eindruck auf mich, ſie von ihren halb kindiſchen Liebſchaften untereinander reden und ihre Geheimniſſe vertraulich austauſchen zu hören. Manche der Erwachſeneren waren ſchon nicht mehr kindiſch und zeigten mehr Erfahrung, als man insgemein bei Schuljungen vorausſetzt. Aber auch dieß Geſchwätz ging an mir vorüber, ohne mich inner⸗ lich zu berühren und in meinem Streben zu ſtören. Mit einem ſolchen Sohne, ſollte man denken, hätte die Mutter mehr als zufrieden ſein müſſen? Den⸗ noch war ſie es nicht. Im Gegentheil führte ſie bittere Klage über mich, und dieſe Klage betraf meine Gleichgiltigkeit gegen alle äußerlichen Religionsübun⸗ gen, denen ſie ſich, ſeit dem letzten Verfall ſcheinbaren Wohlſtandes, als Haupttroſtmittel hingab. Sie war im vollen Sinne des Wortes eine Betſchweſter ge⸗ worden. Und dieß entzweite uns häufig. Wenn ich auf meinen Fleiß, auf meine ſittſame, in Entbeh⸗ rungen und Mangel bewährte Haltung, auf meinen ernſten redlichen Willen trotzte, ſo ſagte ſie mir wei⸗ nend, daß dabei kein rechter Segen ſein könne, weil ich ihn nicht gläubig von Oben erflehte und nur auf eigene menſchliche Kraft vertraute. Dieſe Aeußerungen 33 kränkten mich, machten mich unwillig und verlei⸗ deten mir vollends den Antheil, den ich gezwungen an ihren Betſtunden genommen. Zum Heuchler fehl⸗ ten mir die Anlagen.— Und dennoch ſollte meine Mutter Recht behalten, wenn gleich in anderem Sinne als ſie ſelbſt ahnen konnte! Die traurige Umwandlung, welche an und in mir geſchah, muß ich durch eine ſchein⸗ bar unwichtige Notiz einleiten. Wir zogen, um an der Miethe zu ſparen, im Herbſte nach einer abgelegenen, ärmlichen Vorſtadt. Mein täglicher Weg zu dem Gym⸗ naſium führte nun bei einem kleinen Häuschen vor⸗ über, aus deſſen einem niederen Fenſter, durch ein ſchmales Gärtchen von der Straße abgetrennt, ge⸗ wöhnlich ein brauner Lockenkopf blickte, den ich einem Mädchen gehörig wähnte. Das zweite Fenſter nah⸗ men ſaubere Gypsabgüſſe kleiner zierlicher Büſten und Statuetten ein, die ſichtlich um Käufer anzu⸗ locken, ausgeſtellt waren. Den Winter hindurch gönnte ich, in raſchem Gange, dieſen Gegenſtänden keine Aufmerkſamkeit. Als ich aber am erſten warmen Frühlingstage des Weges aus der Schule heim kam, ſtanden die Flügel des einen Fenſters geöffnet und der braune Lockenkopf, den ich bisher hinter kalten Glasſcheiben wahrgenommen, lehnte ſich, ſammt dazu gehörigem Hals und Buſen, in's Freie. Zwei kecke, 1856. I. Schwarzwaldau. I. 3 34 vielſagende Augen trafen die meinigen und es ging in mir vor, was ich nicht beſchreiben kann. Von dieſem Augenblicke dachte ich wachend wie träumend an dieß unbekannte Geſchöpf. Näherte ich mich je⸗ nem Häuschen, ſo nahm ich jedesmal einen lang⸗ ſamen Schritt, um ſo lange wie möglich durch die ſtets geöffneten Fenſter in's Innere des Stübchens ſtarren zu können und niemals unterließ die gefällige Schöne zu cheinen bisweilen allerdings nur im Hintergrunde des Gemachs, weil ihre allzu leichte Bekleidung unterſagte, ſich am Fenſter zu zeigen. Ich hatte bald heraus, daß ſie, wenn nicht die Ehe⸗ frau, doch die Gefährtin eines Figurenhändlers ſei, der ſeinen ſelbſtgefertigten Kram in Gaſt⸗ und Wein⸗ häuſern zum Verkaufe umhertrug und deßhalb des Abends nie zu Hauſe war. Ich ſah dieſen Mann, ſuchte ihn auf, knüpfte Geſpräche mit ihm an und fand ihn dieſes reizenden Weibes durchaus unwür⸗ dig. Und das ſchien auch ſie zu empfinden. Das war es, was ihre auffordernden Blicke mir zu verſte⸗ hen gaben. Nun begriff ich meine Mitſchüler, die ich oft mit verächtlichem Achſelzucken angehört, wenn ſie ihre Herzensgefühle einander offenbarten. Nun begriff ich ihr wehmüthiges Schmachten, ihr heißes Sehnen; nun begriff ich Alles, was mir bisher dunkel 3⁵ und unbegreiflich geweſen. Eine neue Welt ging mir auf und ein neues Licht in dieſer. Doch weit entfernt, die geſchwätzige Vertraulichkeit meiner Schulcameraden nachzuahmen, behielt ich, was in mir geſchah, fein vorſichtig bei mir; befeſtigte mich auch ſchon vorher in dem Entſchluße, Alles zu ver⸗ ſchweigen, was ich noch zu erleben hoffte. Ich führte dieſen Vorſatz durch. Niemand bekam auch nur die leiſeſe Ahnung von meiner heimlichen Liebſchaft. Sogar meinen Fleiß durfte ſie nicht ſtören; ich holte des Nachts am Arbeitstiſche nach, was ich des Abends verſäumte. Denn ich brachte meine Abende bei Lucie zu; ſie ſelbſt hatte mich durch unzweideu⸗ tige Zeichen aufgefordert, bei ihr einzutreten. Auch ließ ſie es an nichts fehlen, was irgend von Nöthen, beſcheidene Schüchternheit in kecke Zuverſicht umzu⸗ wandeln; ſie benützte ſogar die in der Werkſtatt ſtets vorräthigen Gypsabgüſſe kleiner Nachbildungen von antiken Gruppen und Figuren, um Bemerkungen daran zu knüpfen, die mehr ihre Perſon, als die Co⸗ pieen der Kunſtwerke betrafen. Doch hütete ſie ſich wohl, weiter zu gehen, oder mich weiter gehen zu laſſen, als ſich mit den Berechnungen einer ſchlauen, abgefeimten Dirne vertrug, wofür ich ſie in mei⸗ ner glühenden Verblendung unmöglich zu erkennen 3* 36 vermochte. Sie hatte mir unſeren Familien⸗Namen abgelockt; der Baron führte ſie irre; ſie wähnte mich reich; und ich ſchämte mich ihr einzugeſtehen, daß meine Mutter von Almoſen alter Freundinnen lebe. Bald gab ſie zu verſtehen, die Erfüllung meiner heißeſten Wünſche ſei nur durch ſprechende Beweiſe freigebi⸗ ger Liebe zu erreichen. Mir entging keineswegs die Niedrigkeit ſolcher Bedingung, aber ich fühlte mich ſchon zu tief in ihre Schlingen verſtrickt, um mich loszureißen. Ein wahnſinniger Taumel bemächtigte ſich meiner Sinne, der mich ſogar unfähig machte, den Aufgaben für die Schule zu genügen, oder in den Lehrſtunden nur eine paſſende Antwort zu geben. Die Profeſſoren hielten mich für krank und ermahn⸗ ten mich mit väterlichem Wohlwollen, für's Erſte weg zu bleiben und meine,— wahrſcheinlich durch allzuheftige Anſtrengung erſchöpfte Geſundheit zu ſchonen. Ich folgte dieſem Rathe. Der lange faule Tag, den ich in Büſchen und Wieſen außerhalb der Stadt zubrachte, gab mir vollends den Reſt. Die darauf folgende ſchlafloſe Nacht war fürchterlich: in dieſer ſchmiedete ich den Entwurf des Verbrechens, durch welches ich Luciens Gunſt zu erkaufen be⸗ ſchloß. Kaum konnte ich den Morgen erhaxren, ſo ungeduldig fühlte ich mich, ihn auszuführen. Die 37 drohende Gefahr, in die ich mich begab, die ich mir auch nicht abläugnete; die Schmach, in die ich mich ſtürzte; die unauslöſchliche Selbſtbeſchimpfung, die ich meinem angeborenen Stolze zufügte, waren nicht im Stande es mit dem unwiderſtehlichen Verlangen aufzunehmen, welches in mir raſete. Ich glaube damals hätte der Anblick des Schaffots mich nicht zurückgeſchreckt. Und auch heute noch bin ich der voll⸗ ſtändigen Ueberzeugung, daß es Naturen giebt, de⸗ ren organiſche Entwickelung in ſolchen Perioden ſie unzurechnungsfähig macht; daß Menſchen anderer, minder leidenſchaftlicher Gattung gar kein Urtheil zuſteht über ähnliche Thaten in ähnlichen Verhält⸗ niſſen. Doch das iſt eine perſönliche Anſicht und ich will ſie nicht geltend machen, mich zu entſchuldi⸗ gen. Sie gewann dem irdiſchen Gerichte kein Mitleid ab; vielleicht kommt ſie dereinſt zur Sprache, vor ei⸗ nem höheren Richter? Die Sache bleibt dieſelbe in ihren Folgen für mein Daſein auf Erden. Ich ent⸗ wendete meiner armen Mutter das einzige goldene Stück, welches ſie auch in der bitterſten Noth auf⸗ bewahrt hatte: den Trauring, den mein verſtorbener Vater getragen; er befand ſich in einer kleinen, mir aus den Jahren früheſter Kindheit wohlbekannten Schach⸗ tel, die außerdem Locken vom Haupte des Verſtorbenen 38 und auch von mir enthielt. Ich trug ihn zu einem Goldarbeiter, der mit allerlei Geſchmeide handelte, und erbat mir, nachdem der Metallwerth abge⸗ wogen und berechnet war, die Erlaubniß, für den Betrag desſelben einen anderen, modernen Ring aus⸗ zuſuchen. Das wurde mir freundlich geſtattet und ohne im Geringſten Mißtrauen zu zeigen, ließ man mich etliche große Kaſten voll von dünnen mit bun⸗ ten Steinchen verzierten Reifchen durchmuſtern. Bei die⸗ ſer Gelegenheit, wo weder Mann noch Frau ihre ander⸗ weitigen Beſchäftigungen verließen und mich kaum beach⸗ teten, gelang es mir ein koſtbares Armband, welches mir aus rothem Lederfutteral mit wahrhaft hölliſcher Lockung entgegenblitzte, zu erhaſchen und unbemerkt in die Taſche meines Rockes gleiten zu laſſen. Daß es vermißt werde, ſtand für den Augenblick wenigſtens nicht zu beſorgen, denn die Tafel war von ähnlichen Dingen überfüllt. Ich kürzte nun meine Anweſen⸗ heit möglichſt ab, wählte einen Ring aus, der mir leidlich paßte und ſchritt,— worauf ich mich noch ſehr genau und zu meinem eigenen Abſcheu erinnere, recht langſam und bedächtig aus dem Laden, damit es nur ja nicht ausſehen ſollte, als eilte ich mich zu ent⸗ fernen. Hatte ich in vergangener Nacht den Mor⸗ gen nicht erwarten können, ſo dünkte mich nun der 39 Tag noch unüberſtehlicher. War ich doch im Beſitz des Talisman's, der mir endlich gewähren würde, wonach ich mit verzehrender Ungeduld mich ſehnte! Und er kam wirklich, dieſer Abend; kam wie ein erquickendes, wenn auch ſtürmiſches Gewitter, welches der in ſchwülen Gluthen Verſchmachtende herbeifleht; welches aber dann keine rechte Erquickung bringt, ſondern ſchwefelichten Qualm, wilde Orkane, und neue Schwüle, neue Glu⸗ then. Zuerſt reichte ich Lucien das eingetauſchte Ringlein dar. Sie nahm es lächelnd, wog es in der Hand, ſchüttelte den Kopf, ſteckte es an den Fin⸗ ger und ſagte ſpöttiſch: entweder mein junger Baron iſt auf ein ſehr mäßiges Taſchengeld geſetzt, oder ſeine Liebe zu mir iſt noch mäßiger? Keins von bei⸗ den; erwiderte ich in einer Anwandlung von Hoch⸗ muth; dieſen Ring hab' ich nur mitgenommen, weil ich es nicht der Mühe werth fand, mir die kleine Summe, die er koſtet, in Silbergeld herausgeben zu laſſen, als ich dieß Armband mit einer Banknote be⸗ zahlte. Werfen Sie ihn fort, wenn er Ihnen zu werthlos ſcheint; wenn Sie ihn nicht vielleicht dem Geber zu Liebe dennoch tragen wollen; aber geſtatten Sie mir, dieß Armband Ihnen umzulegen. Kaum hatte ſie es geſehen und ſich als Kennerin von dem Werthe und der Gediegenheit desſelben überzeugt, als 40 ſie es mit gutgeſpielter Geringſchätzung bei Seite ſchob— aber pfiffig genug, damit es in ihren halb⸗ offenen Schubkaſten falle. Dann küßte ſie den Ring; verſicherte, dieſer ſei ihr theuerer wie das theuere Armband, denn dieſes binde nur den Arm, jener binde das Herz; küßte ihn abermals, küßte mich, und der Bund war geſchloſſen. Ich blieb dieſen und die folgenden Abende bei Lucien, bis ſpät in der Nacht ihr Mann mit ſeinen unverkauft geblie⸗ benen Figuren ſich einſtellte. Er begrüßte mich, wie wenn er über meine Anweſenheit im Voraus unterrichtet und höchſt gleichgiltig dabei wäre. Meiner Mutter band ich, dieß ſpäte Ausbleiben zu beſchönigen, jenes alte abgedroſchene Schülermärchen auf, von nächt⸗ lichen gemeinſamen Studien mit Cameraden, wo Einer dem Andern durch ſein Wiſſen gegenſeitig aushilft. Sie zweifelte nicht an der Wahrheit. Arme Mut⸗ ter! Niemals hatt' ich weniger gethan. Niemals war ich weniger zu arbeiten im Stande geweſen. All' mein Sinnen richtete ſich ja nur nach der Stunde, wo ich wieder bei Lucien ſein würde. Sonſt wußte, fühlte, dachte ich nichts. Es mag am vier⸗ ten oder fünften Tage nach meiner ſchmählichen That geweſen ſein, da ſtand, als ich Nachmittags in's Gymnaſium eilte, Lucie hinter dem Vorhange ihres 41 Fenſters, und bemühete ſich, indem ſie mit drohender Geberde die Hand erhob, mir etwas deutlich zu machen, was eine Warnung zu enthalten ſchien; was ich aber nicht begriff. Wie ich mich dem Häuschen nähern wollte, zog ſie ſich zurück und machte abweh⸗ rende Bewegungen, wobei ſie haſtig den Kopf hin und her wendete, gleichſam um zu verneinen. Den⸗ noch wäre ich, von zerreißender Leidenſchaft gemar⸗ tert, eingedrungen, trotz ihres pantomimiſchen Ver⸗ botes, hätte ich nicht die Gaſſe herauf eine alte Gönnerin meiner Mutter, eine ihrer Wohlthäterinnen, welche wahrſcheinlich gerade nach unſerer Wohnung ging, ſich von ihrem Livreediener gefolgt, mir ent⸗ gegen bewegen ſehen. Es blieb mir nichts übrig, als die quälende Neugierde, was Lucie mir ſagen wollen, mit in die Schule zu nehmen und mich drei ewige Stunden von ihr foltern zu laſſen. Faſt noch entſetzlicher war die Friſt bis zum Eintritt der Däm⸗ merung, die ich auf der Geliebten ausdrückliches Ge⸗ bot immer abwarten mußte. Die Vermuthungen, Zweifel, Beſorgniſſe, die ſich wegen Luciens unerklär⸗ lichem Warnungszeichen in meinem Gehirn kreuzten, ſind unzählig; mir kommt vor, es gäbe keine Mög⸗ lichkeit hienieden, an die ich dabei nicht gedacht, die ich nicht auf Augenblicke annehmbar gefunden hätte? 42 — Keine, außer ſeltſamerweiſe die richtige, welche doch leider die zunächſtliegende war. Wie die erſte Fledermaus unter den Bäumen ſichtbar wurde, bog ich durch ein enges, verrufenes Seitengäßchen nach Luciens Häuschen. Die ſchmale Hausthür ſtand wie gewöhnlich offen. Doch im Innern des Wohnge⸗ maches hört ich die Bewohnerin, was allerdings ganz ungewöhnlich war, ſehr laut reden; ſo laut, als ob ſie abſichtlich draußen gehört werden wolle. Wüthende Eiferſucht beraubte mich meiner fünf Sinne; denn bei nur geringer Ueberlegung hätte ich doch nun be⸗ greifen müſſen, daß die Warnung mir gelte. Ich ſtürzte mich wie ein wildes Thier hinein. Aber ich ſollte bald gezähmt werden. Der Figurenhändler be⸗ fand ſich ſchon dort; mit ihm zwei Polizeidiener. Iſt das Derſelbe? fragte Einer von ihnen. Lucie verneinte lebhaft und behauptete, mich niemals ge⸗ ſehen zu haben. Ihr Mann dagegen ſagte: was hilft hier Leugnen? Freilich iſt er's, von dem ſie das Armband erhielt. Darauf bemächtigte man ſich meiner und zugleich traten auf ein Zeichen der Beamten noch einige Männer dem Häuschen näher, welche ſich in der Nachbarſchaft verſteckt gehalten. Sie empfingen den Auftrag Lucie und deren Genoſſen zu transpor⸗ tiren. Ich wurde befragt: wie ich in den Beſitz jenes 43 Schmuckes gelangt ſei? Meine Wuth über die ge⸗ waltſame Trennung von Lucie kochte mir ſo wild und feurig im Blute; wurde von der raſenden Leidenſchaft, die ich in Ermangelung eines paſſenderen Namens Liebe nannte, noch dermaßen geſteigert, daß ſie in dieſem furchtbaren Moment weder Furcht, noch be⸗ ſchämte Niedergeſchlagenheit aufkommen ließ. Ich gab weiter keine Antwort, als daß ich mit beiden Fäu⸗ ſten nach den Männern ſchlug, wobei ich den Einen am Auge verletzte und demnächſt mit einem ganz einfachen Stricke feſtgebunden wurde. Mein Schwei⸗ gen änderte nichts im Vorhaben der Beamteten, welche mir die Frage überhaupt nur der Form wegen vorgelegt hatten; ſie wußten ja längſt durch die im rothen Lederfutteral eingeklebte Adreſſe, an wen ſie ſich zu wenden gehabt, um zu erfahren, ob das cor- pus delicti verkauft, oder geſtohlen ſei? Jetzt kam es nur darauf an, die Perſon des Diebes zu recognos⸗ ciren, weßhalb ſie mich ohne Weiteres auf den Schau⸗ platz der That geleiteten. Der Goldarbeiter beſtä⸗ tigte das Zuſammentreffen der Umſtände; ſeine Frau brach in einen Strom von Thränen aus über die Verderbtheit eines ſo jungen Menſchen und bat Gott, er möchte ihre Söhne lieber ſterben, als ſo tief ſin⸗ ken laſſen. Das hörte ich noch mit erkünſteltem 44 Trotze an und ſchlug mir die Gedanken an meine Mutter, die ſich mir aufdrängen wollten, zornig aus dem Sinne. Als aber nun Stand und Name meiner Eltern erfragt wurden und ich keine Möglichkeit mehr vor Augen ſah durch falſche Angaben auf die Länge zu täuſchen, da war es, wie wenn plötzlich in meinem Innerſten ein Schnitt geſchähe, wie wenn ſich das Herz gewaltſam losriſſe, wie wenn ich's nicht über⸗ leben könnte. Mein Vater iſt todt, ſchrie ich ſchluch⸗ zend, und warf mich zu Boden, weil ich die gebun⸗ denen Hände vom Rücken nicht vorbringen konnte, mein Angeſicht zu verbergen. Wenn er noch eine Mutter hat, ſchrie die Frau des Goldarbeiters, dann laſſen Sie ihn laufen, um ihretwillen; lieber will ich unſer Armband nie wiederſehen. In Gottes Namen, ſetzte der Mann hinzu, ich bin's auch zufrieden. Das iſt zu ſpät, erwiderten die Beamteten; dazu haben wir keine Befugniß; es iſt Geſindel in die Sache verwickelt, deſſen Spur ſchon ſeit lange verfolgt wird. Und dann zu mir gewendet: Willſt Du hier nicht reden, Buürſchchen, ſo ſoll Dir die Widerſpänſtigkeit an anderem Orte und auf andere Weiſe ausgetrieben werden.— Damit hoben ſie mich auf und brachten mich in's Gefängniß. Die unzähligen Verhöre, Con⸗ frontationen, wie ſie der Gang der Gerechtigkeits⸗ 45 pflege mit ſich bringt, übergehe ich. Die Richter dachten menſchlich genug, mir einſame Unterſuchungs⸗ haft angedeihen zu laſſen und glücklicherweiſe war gerade Raum genug vorhanden, daß es möglich war, mich vor dem Zuſammenleben mit ausgelernten Die⸗ ben zu retten. Während der Verhandlungen ſtarb meine Mutter. Sie hatte nicht gewünſcht, mich vor ihrem Tode noch einmal zu ſehen, was man ihr ge⸗ wiß nicht verweigert haben würde, hätte ſie darum angeſucht. Die Nachricht von ihrem Hinſcheiden und die wenigen Zeilen, die ſie mit zitternder Hand für mich aufgeſchrieben, kamen mir durch den Unterſu⸗ chungsrichter zu. Sie bewirkten, daß ich ein unum⸗ wundenes Geſtändniß aller Vorgänge ablegte. Meine Jugend; die durch mehrfache ähnliche Geſchichten in's hellſte Licht geſetzte Schlauheit der Verführerin; die Frechheit ihres Gefährten, der das durch mich ent⸗ wendete Armband ohne Scheu bei einem andern Ju⸗ velier zum Verkaufe ausgeboten; die guͤnſtigen Zeug⸗ niſſe ſämmtlicher Lehrer über mein muſterhaftes Ver⸗ halten;... dieß Alles wirkte günſtig auf den Urtheil⸗ ſpruch, welcher nur auf ein halbes Jahr Zuchthaus und auf Verluſt des Adels lautete. Ich reichte ein GSnadengeſuch ein. Dieſes blieb unbeachtet. Meine Strafzeit verging leicht. Der Inſpector ſetzte fort, 46 was bei Gericht geſchehen war. Er iſolirte mich von der Maſſe der Gefangenen, hielt mich in ſeiner Um⸗ gebung, ich darf ſagen in ſeinem Familiienkreiſe und verwendete mich als Schreiber in ſeinem Verwaltungs⸗ bureau. Der gute Mann beſaß eine Tochter, die mich Lucien bald vergeſſen lehrte, vielleicht weil ſie in Allem von jener unterſchieden war. Bisweilen wähnte ich, dieſes ſanfte Mädchen, welches mir Gunſt bezeigte, könne dereinſt meine Gattin werden. Doch ein Blick auf meine graue Jacke genügte immer, ſolchen Wahn in nichts aufzulöſen. Nach überſtan⸗ dener Strafzeit fing die Strafe eigentlich erſt an. Aus den Umgebungen, wo ich für einen der Beſ⸗ ſeren gegolten, mußte ich zurück in's Leben, um dort fuͤr einen Ausgeſtoßenen zu gelten. Der Ab⸗ ſchied war betrübend. Der Empfang, den mein Vormund mir angedeihen ließ, niederſchmetternd. Sein Erſtes war, mir den Entwurf einer Eingabe an die Regierung vorzulegen, worin ich— aus Scho⸗ nung für ganz entfernte Verwandte, die unſern Na⸗ men führten,— die Vergünſtigung erbitten mußte, mich von nun an ſo benennen zu dürfen, wie mein Ihnen vorgelegter Lehrbrief beſagt. Mein Vormund äußerte: Da ich nun doch die Freiherrnſchaft un⸗ wiederbringlich eingebüßt habe, könne mir's höchſt 47 gleichgiltig ſein, wie ich heiße, und jener Familie liege viel daran durch nichts, auch nicht durch den gleich⸗ lautenden Klang des Namens an mich erinnert zu werden. Ich lächelte höhniſch dazu. Im Angedenken an die Tochter des Zuchthaus⸗Inſpectors, die Sara gerufen wurde, erwählte ich dieſe vier Buchſtaben. Meine unterthänige Bitte wurde,— wahrſcheinlich befördert durch Protection, die mein Herr Namens⸗ vetter ſich verſchaffte,— in Gnaden gewährt. Franz Sara, natürlich für die nächſtfolgenden Jahre als entlaſſener Sträfling und Corrigende unter Aufſicht verbleibend, hatte die Erlaubniß, zu verſuchen, ob es ihm möglich ſein werde, nicht zu ſtehlen und dennoch nicht zu verhungern? Das Ding ſieht leichter aus als es iſt. Ich pochte an viele Thüren; faſt überall thaten ſie ſich mir auf, kamen mir freundlich entgegen, zeigten beſten Willen mir förderlich zu ſein,— doch ſobald es zur Enthüllung meiner Verhältniſſe kam, wurden die freundlichſten Geſichter lang und ernſt, das anmuthigſte Lächeln verwandelte ſich in bitteres Grinſen und die Thüren blieben fernerhin für mich verſchloſſen. Schon damals dachte ich an eine hübſche runde Büchſenkugel, auf eine genügende Ladung Pul⸗ ver geſetzt und wie bald ſo Etwas gethan wäre. Die Schwierigkeit war, die Büchſe aufzutreiben, oder eine 48 Piſtole? Vom Vormund erhielt ich aus Barmherzig⸗ keit nur wenige Groſchen, mein elendes, tägliches Daſein zu friſten. Wovon ſollte ich ein Feuergewehr kaufen? Stehlen wollte ich nicht mehr. Das hatt' ich auch Inſpectors Sara beim Abſchiede zugeſchwo⸗ ren. Durch das unaufhörliche Sinnen und Grübeln nach Schußwaffen gerieth ich endlich in meinen Er⸗ innerungen bis in die früheſte Kindheit und beſann mich eines tüchtigen Menſchen, der meinem Vater als Leibjäger gedient hatte und kurz vor deſſen Tode in unſern Wäldern als Förſter angeſtellt worden war. Ich beſann mich, wie lieb dieſer Mann mich gehabt, da ich ein kleiner Knabe geweſen. Zu dem wollt' ich den Weg ſuchen, wollte ihm die Sache vorſtellen, wollte ihn bitten, mir vom Leben zu helfen. Als ich mich bei dem Commiſſair meldete, unter deſſen ſpecielle Aufſicht ich gegeben war, um eine Reiſeerlaubniß einzuholen, legte dieſer mir natürlich die Frage vor: was ich bei dem Förſter zu ſuchen hätte? In der Verlegenheit, da ich auf eine ſolche Frage nicht vor⸗ bereitet war, ſtotterte ich: ob er mich in die Lehre nehmen möchte, will ich verſuchen. Gott geb's, daß er Dich nimmt, ſprach der Commiſſair, daß Du untergebracht wirſt, daß wir einen gefäͤhrli⸗ chen Menſchen weniger zu ſürveilliren haben; aber 49 ich glaub's nicht. Indeſſen verſuche....(er wollte fortfahren. Dein Glück; doch ich warf ihm einen unheimlichen Blick zu, und er ſagte:) Verſuchen Sie Ihr Glück! Da ſah ich denn die Fluren wieder, wo ich geboren, wo ich ein glückliches Kind geweſen bin. Unter dem ‚„glücklich ſeine will ich nicht die Pracht und Fülle verſtanden wiſſen, worin man mich wiegte und auferzog. Ich meine etwas An⸗ deres; meine jenes Gefühl heimathlich⸗ ländlicher Wonne, welches ich nicht mehr empfunden hatte, ſeitdem ich die öffentliche Schule beſuchte; wel⸗ ches mich nun überkam, da ich die Grenzen un⸗ ſerer ehemaligen Feldmark überſchritt und welches, wie Sie leicht denken können, einen furchtbaren Gegenſatz bildete zu den ECreigniſſen des letzten Jahres. Die Förſterei war bald gefunden. Förſter Daniel erkannte mich ſogleich. Das Gerücht hatte ihm zugetragen, was ich begangen, was ich verſchul⸗ det. Sein ſcharfes Auge entdeckte im verſtörten, verwüſteten achtzehnjährigen Jungling den muntern Knaben, der ſo häufig auf ſeinen Knieen geritten war. Baron Franz rief er mir entgegen,— wollte er mir entgegenrufen, denn Thränen erſtickten faſt die Stimme. Ich heiße nicht mehr, wie Sie mich anrufen, Daniel, ſagte ich; Franz Sara iſt mein 1856. I. Schwarzwaldau. I. 4 50 Name; den bring' ich aus dem Zuchthauſe mit. Der Sohn Ihres Herrn iſt ein gemeiner Dieb; ein Ausgeſtoßener, der wieder unter die honetten Leute gehen wollte, den aber dieſe honetten Leute von ſich weiſen. Ich möchte nirgend mehr beſchwerlich fallen. Ich möchte in einen andern Welttheil reiſen, oder in eine andere Welt,— wie Sie's nennen wollen. Nur fehlen mir die Mittel. Wie wär' es, wenn Sie mir Büchſe und Kugel borgten? Einen Schuß Pulver bin ich allenfalls noch werth. Der alte Daniel,— denn er war ſehr alt und grau gewor⸗ den ſeit ich ihn nicht geſehen,— ſiel mir mit bei⸗ den Händen um den Hals. Ich weiß Alles, ſchluchzte er; es iſt unnöthig, daß wir darüber ſprechen. Was vergangen iſt, ſteht nicht zu ändern. Aber die Zukunft haben wir noch vor uns. Die wollen wir benützen. Meine Herrſchaft iſt gut; ich gelte was bei unſerm Grafen; wenn ich ihn bitte, ſetz' ich's durch, daß ich Sie als Lehrling aufnehmen darf. Spüren Sie Luſt, ein gerechter Waidmann vor dem Herrn zu werden? Ich fiel ihm zu Füſſen und um⸗ klammerte ſeine Kniee: Mit einem Sträfling wollen Sie das wagen? einen Corrigenden nehmen Sie in Ihr Forſthaus auf? Ich nehme den Sohn des verſtorbenen Barons, meines unvergeßlichen 51 Wohlthäters auf, erwiderte Daniel. Und Gott ſei Dank, ich und meine Alte, wir ſtehen ſo im Dorfe und in der Umgegend, daß kein Menſch wagen wird, ſich dawider zu vermäulen!— Was er verſprach, hat er gehalten. Der Graf willigte ein. Der Paſtor brachte in einer der nächſten Predigten deutliche Winke an über die Verpflichtung des Chriſten, Dem⸗ jenigen, der in ſich gehen und umkehren wolle von früh betretenen Irrwegen, liebreich entgegenzukommen und ſeine guten Abſichten zu erleichtern. Das übte ſichtbare Wirkung auf die ganze Gemeinde. Ich wurde gut behandelt. Sogar der Graf und deſſen Familie zeigten mir, bei zufälligen Begegnungen, daß es ihnen Ernſt ſei mit ihrer Theilnahme und daß ſie an mich glaubten. Die Wunden meines Herzens heilten ſich nach und nach im grünen Walde aus. Daniel war mit mir zufrieden. Ich that meine Schuldigkeit. Es klingt unglaublich, doch iſt es wahr: als ich nach Ablauf von drei Jahren meinen Lehr⸗ und Freibrief als gelernter Jäger aus der gräflichen Amtskanzelei empfing; als ich die Worte: ‚treu, fleißig, geſchickt, vorwurfsfrei' darin las; als zur nämlichen Friſt der Kreislandrath mir ankün⸗ digte: die über mich verhängte polizeiliche Aufſicht ſei nun zu Ende und er entlaſſe mich daraus mit 4* 52 dem beſten Zeugniß und der umfaſſendſten Empfeh⸗ lung;— da hob ſich meine Bruſt wieder in jugend⸗ lichem Frohſinn; da lachte mich das Leben wieder an und erfüllte mich mit neuer Luſt und neuen Trieben. Die Trennung von unſern Wäldern, die zum zweitenmale meine Heimath geworden; von den redlichen Dörfnern, deren Nachſicht und Güte mich neu geboren; der Abſchied von Daniel, meinem zweiten Vater;... ich überſtand es leichter, weil ich in die Fremde zog; weil dieſe mir unbeſtimmte, deßhalb um ſo verführeriſchere Lockungen verhieß. So trat ich meine Wanderſchaft an und gelangte bis nach Schwarzwaldau—* Hier hielt Franz plötzlich inne. Emil ſtarrte ihn fragend an:„Das kann nur die Einleitung geweſen ſein,“ ſprach er;„zu den neuen Lebenshoffnungen, welche Dich noch erfüllten, als Du in meinen Dienſt eintrateſt, müſſen wieder neue Ur⸗ ſachen der Verzweiflung gekommen ſein? Und woher kamen dieſe? Haſt Du Klage gegen mich zu füh⸗ ren? Gegen die Behandlung, welche Dir bei uns zu Theil wurde? Faſt möchte ich ſo etwas befürch⸗ ten, weil Du den Lauf Deiner lebendigen Erzählung gerade beim Eintritt in mein Haus unterbrichſt. 53 Und doch weiß ich, daß ich mir keine Vorwürfe die⸗ ſer Art zu machen habe. Warum ſchweigſt Du?“ „Bisher,“ antwortete Franz,„galt es nur mir, meinem Geſchick, meinen Vergehungen, meiner Ehre. Jetzt bin ich an einen Punct gelangt, wo ich durch rückſichtsloſe Bekenntniſſe vielleicht auch Andere ver⸗ letzen würde? Und ich weiß nicht, wie weit es mir geſtattet bleibt, in meiner Aufrichtigkeit zu gehen?“ „Du ſcheinſt unſer Abkommen zu vergeſſen,“ ſagte Emil.„Mit welchem Rechte drangſt Du mir mein Ehrenwort ab, mich nicht zu tödten, wenn Du das Verſprechen nicht halten willſt, mir die Gründe für Deine ſelbſtmörderiſchen Abſichten bis auf's Ge⸗ naueſte zu enthüllen? Nannteſt Du uns nicht geſtern „Vertraute? Woher heute die unerwartete Scheu, mich zu verletzen?“ „Nicht allein Sie,“ erwiderte zögernd Franz; „vielleicht auch..... 24. „Vielleicht auch Agneſen?— Gleichviel; e muß klar werden; völlig klar, oder völlig dunkel zwiſchen uns! Rede!“ Wie Franz dieſem Befehle genügte, mag der Anfang des nächſten Capitels berichten. 54 Dritles Capitel. „Ich erwähnte ſchon,“ fährt Franz wieder fort, „mit welch' kühnen Lebensanſprüchen ich die Förſterei verließ. Die niederbeugenden Erinnerungen an meine Schande waren verwunden, ſeitdem ich in Ueberle⸗ gung gezogen, daß ſie ſich an den Namen meiner Väter knüpften; daß das Gerücht, wenn es aus Mangel an pikanterem Stoffe zufällig auf meine Geſchichte ſich zurückwenden wollte, ſtets nur den jun⸗ gen Baron Franz im Munde führen würde. Vom Jäger Sara wußten wenige Perſonen, daß er mit jenem Zuchthäusler identiſch ſei und dieſe hatten entweder gute Gründe, nicht davon zu ſprechen, oder ſie hatten ihn längſt vergeſſen. Bis in dieſe Gegend zuverläſſig war nichts gedrungen, was mich berühren könnte, ſo wähnte ich. Ein vollkommen Unbeſchol⸗ tener war ich in Schwarzwaldau und dieß Bewußt⸗ ſein ſteigerte mein Selbſtgefühl. Die Art, wie Sie mich empfingen und aufnahmen, trug wahrlich nicht dazu bei, mich herabzuſtimmen. Meine Eitelkeit em⸗ pfand ſehr wohl, welch' günſtigen Eindruck ich durch mein Erſcheinen auf Sie machte und ich verhehlte mir nicht, daß ich leichtes Spiel haben dürfte, mich Ihnen zu nähern und vorzugsweiſe vor allen 5⁵ übrigen Dienern Ihre beſondere Gunſt zu erwerben. Nach dieſem Geſtändniſſe werden Sie ſeltſam finden, daß meinerſeits weniger als nichts geſchah, dieſe Auszeichnung, die Sie mir allerdings zu Theil wer⸗ den ließen, noch zu ſteigern? Meine Erklärung die⸗ ſes Räthſels lautet ſehr einfach: ich verſchmähte dieß. In den erſten Stunden meiner Anweſenheit hatte ich klar geſehen über Ihr Verhältniß zu der gnädigen Frau: ich war überzeugt, daß Sie in un⸗ glücklicher Ehe lebten. Nicht minder war ich es, daß Sie davon die Schuld tragen. Ich nahm Par⸗ tei für Ihre Gemalin. Ich ſtellte mich auf die Seite der Unterdrückten. Ich fühlte Mitleid, Ver⸗ ehrung, Bewunderung,— ich begann ſie zu lieben; ich liebe ſie!“ Bei dieſen Worten ſpringt Emil zornig empor, kaum fähig, den Ausbruch ſeines Unwillens zu beherrſchen. Franz rührt ſich nicht aus der bequemen Lage, die er am Boden eingenommen.„Sie begehrten die genaueſte Erörterung,“ ſpricht er;„ich gehorchte nur Ihren Wünſchen. Gefällt es Ihnen nicht, weiter zu hören, ſo laſſen Sie uns von dannen gehen.“ Emil's erſte Aufwallung hat ſich bald beſchwich⸗ tiget. Langſam ſetzt er ſich wieder zur Erde. Nach 56 einem Weilchen murmelt er:„Ganz recht zich wünſchte die Wahrheit zu hören; nimm keine Rückſicht auf dieſe Störung. Ich rege mich nicht mehr.“ Und Franz begann abermals:„Liebe ſie mit all' der feurigen Gluth, die mich, um Luciens Beſitz er⸗ kaufen zu können, in wahnſinniges Verbrechen trieb; liebe ſie mit wildem Pulsſchlage eines ungebändig⸗ ten Herzens, welches vier Jahre des Zwanges in ſcheinbarfreiwilliger Entſagung überſtanden hat und nun keinen Druck mehr dulden, keine Feſſel mehr achten, ſich ſelbſt nicht mehr ſchonen will. Erhörung will es, Erfüllung, Gegenliebe,— oder aufhören zu toben, zu leiden, zu leben.“ „Weiß Agnes davon?“ fragte Emil, der den jun⸗ gen Mann und deſſen an Raſerei ſtreifende Ver⸗ zückung halb mit Abſcheu, halb mit Wohlgefallen anſtaunte.. „Was ſie wüßte, könnte ſie nur errathen haben durch jenen Scharfſiun, der wohl auch die tugend⸗ hafteſte Frau nicht im Stiche läßt, wo es darauf ankommt, Wirkungen wahrzunehmen, welche ihre Schönheit hervorbringt. Ueber meine Lippen iſt keine Silbe des Geſtändniſſes gedrungen; ſogar die Au⸗ gen, damit ſie nicht mehr ſagen ſollten, als ich ent⸗ decken will, ſchlage ich nieder, ihr gegenüber. Was 57 hilft es mir, daß ſie ihren Gatten nicht liebt, daß ſie von ihm nicht geliebt wird,— bis ich nicht weiß, ob ſie groß genug denkt, feurig genng fühlt, mich anzuhören, nicht wie einen Dienſtboten, ſondern wie einen.... „Jungen Baron?“ ergänzte Emil, nicht ohne Bitterkeit. „Gewiß, Herr von Schwarzwaldau; den wuͤrde ich ſchon geltend gemacht haben, hielte mich nicht die Beſorgniß zurück, eingeſtehen zu müſſen, daß er ſich im Zuchthauſe verlor, um als Jäger Sara wie⸗ der unter andere Menſchen zu kommen. Da ſitzt's! Deßhalb wollte ich geſtern ein Ende machen. Ständ' es nicht ſo mit mir,— es gäbz vielleicht einen beſſern Ausweg. Denn ganz ohne Hoffnung auf Erwiderung hin ich nicht!— bleiben Sie ſitzen; ich bitte, ſtellen Sie Sich nicht an, als müßten Sie außer Sich gerathen! Warum ſollen wir Beide noch Scenen mit einander ſpielen, die uns nicht aus der Seele kommen? Wer ſich, wie wir, am Eingange in die lange finſtre Höhle begegnete,.... Geben Sie Sich nicht die Mühe, zornig zu thun, über eine anmaſſende Aeußerung des Livreejägers, die Sie aus dem Munde des nächſten beſten Grafen gleichgiltig anhören würden; ſogar dann, wenn jener Graf mehr 58 dazu berechtiget wäre, als ich es vielleicht bin. Denn Sie machen Sich nichts daraus, ob eine Gattin, welche Ihnen fernſteht, einen Andern liebt! Nur möglichen Skandal fürchten Sie! Den haben Sie von mir nicht zu beſorgen. Um Ihnen und ihr dergleichen zu er⸗ ſparen, wollt' ich geſtern das Feld räumen. Ich war der fortdauernden Verſtellung ſatt und müde. Heute kommt es mir vor, als würd' ich das Leben wieder tragen können, ſeitdem ich wenigſtens gegen einen Menſchen nicht mehr zu heucheln brauche; und daß dieſer Eine mein Herr, daß er der Gemal Derjenigen iſt, die ich vergöttere, wirkt zu meiner Beruhigung mit. Verſuchen Sie, auf gleiche Art Ihren Buſen zu erleichtern. Auch Sie werden die Wohlthat empfinden, die volles Vertrauen gewährt; geſtehen Sie mir, wodurch Sie zum Selbſtmorde ge⸗ trieben wurden! Es giebt kein beſſeres Mittel wider mögliche Rückfälle, als fortdauernde Nähe eines voll⸗ kommen Eingeweih'ten. Machen Sie mich dazu, — wenn ich Ihnen nicht zu ſchlecht bin, und wenn Sie das Mißtrauen beſiegen können, als trachtete ich nach Ihren Geheimniſſen, um Vortheil daraus für meine Leidenſchaft zu ziehen.“ „Daß Du mir nicht zu ſchlecht biſt, Franz, Dei⸗ ner abhaͤngigen, dienenden Stellung wegen, dafür 59 ſollte Dir mein bisheriges Betragen gegen all' meine Untergebenen, gegen Dich insbeſondere, ſchon Bürge ſein. Ich habe Dich doch wohl mehr wie einen jüngeren Freund, als wie einen Livreejäger behandelt. Wähnſt Du aber, Deine Bekenntniſſe hätten Dich in meiner Anſicht verſchlechtert, ſo biſt Du zweifach im Irrthum. Was iſt gut? was iſt böſe? Was ſind wir Alle, jeder in ſeiner Art? Einem Menſchen von Deiner Schulbildung darf ich des Dichters ernſtes Wort citiren: ‚Sehe Jeder wo er bleibe, und wer ſteht, daß er nicht falle!' Ich habe nie daran ge⸗ zweifelt, ſeitdem ich denkend beobachten und beobachtend denken lernte; ja der geſtrige Abend hat mich auf's Neue in dieſer Ueberzeugung befeſtiget, und Deine Ge⸗ ſtändniſſe haben ebenfalls dazu beigetragen: unſere geiſti⸗ gen Anlagen und Fähigkeiten, unſere ſogenannten edlen und ſchlechten Triebe, unſere göttlichen Eigenſchaften, unſere thieriſchen Leidenſchaften, unſer ganzes Seelen⸗ leben...... Alles iſt ein Erzeugniß körperlich⸗ individueller Organiſation. Von dem Bau des Er⸗ denleibes, von der Miſchung unſerer Säfte geht Al⸗ les aus. Wer dieß läugnen wollte, wäre ein Blin⸗ der, oder ein Thor. Wer dagegen läugnen will, daß wir mit einer freien Willenskraft begabt ſind, jene aus leiblicher Miſchung hervorgehenden Natur⸗ 60 triebe zu regeln, zu veredeln, zu beherrſchen, iſt ein Vieh, oder ein Verbrecher an Gott. Darüber ſind wir einig. Nur über Eines bleib' ich im Dunkeln: in welchem Verhältniſſe dieſer angeprieſene, geiſtig freie Wille zu eben jener leiblichen Miſchung ſteht, deren Regungen er überwachen und bewältigen ſoll? Ob er nicht gleichfalls aus ihr entſpringt und der größere oder mindere Grad ſeiner Kraft von ihr abhängig wird? Darüber ſcheinen Philoſophen, Aerzte wenig; Theologen und Juriſten nichts zu wiſſen, nichts wiſſen zu wollen und legen deßhalb Letztere in der Praxis an die verſchiedenſten Naturen einen und denſelben Maaßſtab, wobei ſie, wie mir ſcheint, im Namen der Religion und des Geſetzes oft ſehr ungerecht verfah⸗ ren. Ich erkenne mich ſelbſt genug, um in ſolche Härte gegen meinen Mitmenſchen nimmer zu ver⸗ fallen. Gegen Dich gewiß am Wenigſten. Deßhalb magſt Du Dir die Frage und mir die Antwort er⸗ ſparen, ob Du mir ‚zu ſchlecht' ſeiſt? Auch Miß⸗ trauen ſetz' ich nicht in Dich. Wenigſtens in ſo fern nicht, als ich befürchtete, Du ſtrebeſt mich aus⸗ zuhorchen, damit Du dann auf freche Weiſe bei Agneſen geltend machteſt, was Du mir über ſie und mich abgelockt? Das beſorg' ich nicht. Aber es giebt Dinge, die man nur dem innigſten Freunde, und 61 auch dieſem nur mit heiliger Scheu enthüllen könnte. Mich zu ſchonen kommt mir nicht in den Sinn. Dir einzugeſtehen, daß ich mir viele, viele Vorwürfe nicht erlaſſen darf, wird mir nicht ſchwer fallen. Ueber Agnes laß' uns für jetzt ſchweigen. Welchen Antheil ſie und ihr Weſen haben an meinem geſtrigen Anfalle ſündlicher Verzweiflung,— oder vielmehr an den erſten Keimen, aus denen er ſich giftigem Unkraut ähnlich entfaltete,— das geziemt mir nicht auszuſprechen. Am Wenigſten vor Dir, den ich wahrlich nicht gering ſchätze, den ich lieb gewin⸗ nen möchte, dem ich doch aber erſt heute näher trat, — und der mir in's Angeſicht zu ſagen wagte, daß er meine Gemalin liebt! Ich liebe ſie nicht, be⸗ haupteſt Du? Und dieſer Dein Glaube gab Dir den Muth zu reden,— einen Muth, der unter andern Um⸗ ſtänden ruchloſe Frechheit heißen dürfte. Ich nenne es nicht ſo. Ich erkenne die Eigenthümlichkeit unſe⸗ rer Lage an; ich ehre Deine Ehrlichkeit; ich fühle mich nicht abgeſtoßen von Dir; im Gegentheil, mir iſt zu Sinne, als könnten wir Freunde werden. Werden— ſag' ich. Und wenn wir dieſen ein⸗ ſamen Platz auch anders verlaſſen, als wir ihn be⸗ traten, ſo gehen wir doch heute noch wie zwei Men⸗ ſchen davon, die ſich nur näher rückten, um ſich erſt 62 näher kennen zu lernen. Eine Gewißheit nimm heute ſchon mit Dir: wenn ich meine Frau nicht liebe, wie Du die Liebe verſtehſt, ſo iſt ſie mir gleich⸗ wohl über Alles werth und theuer; iſt und bleibt ſie der Gegenſtand meiner unbedingten Verehrung: die ſanfte, verſtändige, wohlwollende, nachſichtige Ge⸗ nooſſin meiner trüben Exiſtenz; die großmüthige Dul⸗ derin und Erdulderin meiner wandelbaren Launen, meiner oft unerträglichen Verſtimmungen: bleibt mir eine geliebte, angebetete Freundin. Wer ſie kränkt, beleidiget, verletzt, der ſtirbt von meiner Hand, oder ich von der ſeinigen! Mag ſein, daß ich ſie nicht liebe! Ich thue mehr: ich erkenne ſie; ich laſſe ihr Gerechtigkeit widerfahren,— und mir auch!— Jetzt komme, Franz. Vor den Leuten wollen wir wieder Herr und Diener ſein. Was wir uns wer⸗ den können unter uns, mag die Zeit lehren.“ Indem Emil ſo ſprach, reichte er dem Jäger die Hand. Dieſer, der den Aeußerungen über Agnes mit feuchten Augen gelauſcht hatte, zog die Hand an ſeine Lippen. „Wie geſchieht Dir?“ fragte Emil. „Ich hab' Ihnen Unrecht gethan; großes Un⸗ recht. Habe Sie verkannt; Ihre Geſinnungen grund⸗ falſch beurtheilt. Und deßhalb hab' ich mich und 63 meine Gefühle vor Ihnen herabgeſetzt, weil ich Ihrer vermeinten kalten Selbſtſucht nicht zutraute, daß Sie mich verſtehen würden, wenn ich von einer höheren, reinen, mich läuternden Liebe zu Ihnen ſpräche! Nur Dieſer gilt, was ich von Hoffnungen ſprach... jetzt darf ich es Ihnen ſagen, ohne Furcht verlacht zu werden; jetzt, nachdem Sie mich gewürdiget, vor mir von Ihrer Gemalin zu reden, wie Sie geredet haben. Dank, tauſendfältigen Dank dafür. Sie er⸗ wieſen mir eine große Wohlthat. Ich gehe minder unglücklich von dieſem öden Raume fort; ich nehme eine Tröſtung mit mir, die ich nicht ſchildern, nicht nachweiſen kann, die ich darum doch nicht weni⸗ ger preiſe. Ja, ich gehe beſſer fort: Neid, Groll, Haß, Trotz, verbiſſene Wuth gegen mich und Andere ſcheinen ſich beſchwichtigen zu wollen,— ſeildem ich weiß, wie Sie von ihr denken.“ Emil ſah ihm feſt in die Augen: nein, Du heu⸗ chelſt nicht! Du giebſt Dich, wie Du biſt und wenn Du biſt, wie Du mir jetzt erſcheinſt, wirſt Du bald das Rechte herausfinden! wirſt mir die Möglichkeit geſtatten, Dich um mich zu behalten; mich Deiner Gegenwart zu erfreuen; Dir hilfreich und förderlich zu ſein auf jede Weiſe. Vielleicht war es gerade das, was mir fehlte? Vielleicht entbehrte meine 64 für Menſchenwohl und brüderliche Freundſchaft em⸗ pfängliche Seele zunächſt einen Gegenſtand, auf den ſie ihre Theilnahme, ihre Fürſorge richte, für den ſie thätig wirken, und in dieſer Thätigkeit Befriedi⸗ gung gewinnen, mit dieſer Befriedigung eine Leere ausfüllen kann, die müßiger Ueberfluß häufig her⸗ vorbringt? Vielleicht ſegnen wir Beide dereinſt dieſe Stunde? Vielleicht..... 24 3 Und ſie gingen ſchweigend neben einander her, in ernſtes Nachſinnen vertieft. Viertes Capitel. Frrau von Schwarzwaldau ſtand an einem Fen⸗ ſter ihres Wohnzimmers, aus welchem die Dorfgaſſe, wo ſie in die Schloßgaſſe einbiegt, zu erblicken iſt; richtete ihre Augen jetzt auf den Weg, jetzt wieder anf eine Seite in Carolinens Briefe, die ſie zum hundertſtenmale las: ‚Deßhalb, meine ſüße Agnes, rechne bald auf mich! Papa brummt und knurrt zwar noch immer, daß ein verlaſſenes, hilfloſes Kind von ſchier zweinndzwanzig Sommern,(unter uns geſpro⸗ chen; vor der Welt geſteh' ich die Zwei nicht ein) allein, ganz allein von Rumburg, oder eigentlich von 65 Schandau, denn bis dahin will er mit Mutter mich geleiten, nach Schwarzwaldau unter keiner anderen Schutzwache, als der ihres Lohnkutſchers(aus Pirna) reiſen ſoll! Doch ſein Brummen gleicht dem Donner eines jenſeits der Hügel vorbeiziehenden Gewitters: man hört ihn noch grollen und rollen,— geht aber ungehindert ſpazieren. Vielleicht treff' ich zugleich mit meinem Briefe, vielleicht vor ihm ein? vielleicht auch einige Tage danach? Je nachdem nun Poſt⸗ Beamte und Boten wollen! Oder vielmehr, je nach⸗ dem die Pferde des Pirnaiſchen Lohnkutſchers geſon⸗ nen ſind, der einen Handelsreiſenden hierherbrachte und deſſen Erſcheinen Mutter und ich die Kühnheit verdanken, mit plötzlichem Entſchluſſe des Vaters Ein⸗ willigung erlangt zu haben.— Wie ich mich freue, Dich wiederzuſehen! Ausführlich, tagelang mit Dir zu plandern! alle Details Deiner Ehe zu erforſchen, über welche Deine Briefe mich im Unklaren ließen! Wie ich mich freue, Dich, meine liebſte und gelieb⸗ teſte Mitſchülerin als hohe Schloßfrau zu begrüßen! — Du hatteſt ſchon als kleines Backfiſchchen eine gewiſſe vornehme Haltung und wußteſt vor dem wilden ungebärdigen Mädelvolk Deine Würde treff⸗ lich zu bewahren. Einige Beſorgniß freilich läuft wie düſt'rer Wolkenſchatten durch den hellen Sonnentag 1856. I. Schwarzwaldau. I. 5 66 dieſer meiner Freude: ich fürchte mich vor Deinem Herrn Gemal! Dem Bilde gemäß, welches ich mir,— nicht durch das, was Du ſchriftlich über ihn ſagſt, ſondern vielmehr verſchweigſt,— von ihm entworfen habe, ſieht er nicht danach aus, als würde er mich mit offenen Armen empfangen? Soll ich recht aufrichtig reden, ſo muß ich dieß bekennen: ich ſtelle mir unter ihm eine Art von Waldbär vor! — Sollte dieß Gleichniß Dich beleidigen, ſo lies: loup-garou; das klingt gleich vornehmer. Kurz: Bär oder Wolf, ich fürchte mich ein Bißchen, daß er die Vertraute ſeiner Gemalin manchmal hart anlaſſen könne? Vorzüglich an Tagen, wo Seine Hochundwohlgeboren vielleicht ein ſchlechtes Gewiſſen haben. Denn, welcher Ehemann hätte das nicht zu Zeiten? Aber ich habe mir vorgeſetzt, muck⸗mäuschen⸗ ſtill dabei zu bleiben und wenn er mich nur nicht geradezu zerreißt, auf einen Schlag mit der Tatze, auf einen Hieb mit der Kralle ſoll's mir nicht ankommen. Du drückſt einen Kuß auf die Wunde— dann ſchmerzt ſie nicht mehr. Wie ich aus Deinen Briefen ent⸗ nehme, iſt er ſelten im Schloſſe; lebt mehr in Feld und Wald, als bei Dir. Laſſen wir ihm ſeine Ge⸗ wohnheiten. Meine Geßenwart ſoll ihn nicht de⸗ rangiren. Sind wir Beide uns nicht genug? O wie 67 beglückend wird im ungeſtörten Austauſch tiefinnerſter Gefühle und Gedanken dieſe ländliche Stille auf mich wirken; auf mich, die ich in unſerm kleinen Neſte gezwungen bin, meiner guten Eltern furchtbar lang⸗ weiligen Umgang zu genießen und im unaufhörlichen Verkehr mit dieſer Philiſterwelt Alles in mich zu verſchließen, wovon Herz und Seele überquellen. Mache Dich gefaßt, in den erſten Tagen gar nicht zu Worte zu kommen. Bis ich von mir herabgeredet habe, was mich bedrückt, dann iſt die Reihe an Dir. Auf baldiges Erſehen von Angeſicht zu Angeſicht! Deine Lina.“ Wenn Annes dieſe echt mädchenhaften Zeilen wieder durchflogen, belächelt und mit gutmüthig⸗ſpöt⸗ tiſch verzogenen Lippen gelispelt hatte:„das ſchmeckt noch recht nach der Penſion!“— dann ſchaute ſie nichts deſto weniger ungeduldig nach dem Wege aus, ob es dem Pirnaiſchen Lohnfuhrmann nicht bald be⸗ lieben würde, links einzubiegen, wo der Wegweiſer ſeinen Arm ‚Nach dem Schloſſe ausſtreckt? Sie hatte gut ausſchauen und harren; es zeigte ſich nichts, was einem Lohnwagen aus Pirna, oder aus irgend einem andern Orte ähnlich ſah. Wir dürfen nicht vergeſſen, daß wir im erſten Viertel des neunzehnten Jahrhun⸗ derts mit unſerer Geſchichte ſtehen. Schnellpoſten 5* 68 gingen wohl ſchon in Deutſchland, aber nur zwiſchen bedeutenderen Städten, auf großen Kunſtſtraßen. Ob bereits zwiſchen Dresden und Berlin? weiß ich kaum; keinesfalls hätte Vater Reichenborn Carolinen ge⸗ ſtattet, einen öffentlichen Wagen zu beſteigen, wo ſie den Zufälligkeiten übermuͤthiger Reiſegeſellſchaft aus⸗ geſetzt war. Er hatte ſie dem Kutſcher aus Pirna, einem alten Bekannten aus früherer Zeit, anvertraut, wie er in jenen Tagen, bevor er aus activem Kauf⸗ und Handelsſtande in den paſſiven Stand ruhig⸗be⸗ ſchaulicher Zurückgezogenheit getreten war, dem ſoli⸗ den Hauderer manche koſtbare Kiſte feinſter Leinewand anvertraut hatte, ‚zu prompter Beſtellung, wobei es auf etliche Tage früher oder ſpäter nicht ankam. Die väterliche Fürſorge befand ſich dabei gut, denn auf des Kutſchers Redlichkeit durfte Reichenborn bauen, Caroline wurde ſo ſicher behütet, als ob ſie eine Kiſte Leinewand ſei. Nur mit dem Unterſchied, daß eine ſolche Kiſte keine Langeweile kennt, mag es noch ſo langſam gehen; daß dagegen Caroline in der langweiligen Kutſche ſchier verzweifelte. Das ließ den Pirnaer kalt, wie wenn ſein Herz aus heimi⸗ ſchem Sandſteine beſtände; er begnügte ſich mit der Peitſche zu knallen, wenn irgend etwas, einem jün⸗ geren Manne Aehnliches in der Nähe ſich zeigte; 69 wodurch er gleichſam ausdrückte:„Nichts für Euch, mein guter Freund, was ich hier als Frachtſtück führe!“ wodurch aber ſeine Pferde niemals veranlaßt wurden, den tiefen Sand in ſchnellerem Schritte zu durchwaten. Einigemale hatten ſie ſich auch, wäh⸗ rend ihr Lenker ſchlummerte, vom richtigen Wege ver⸗ laufen; hatten ſich aus den trockenen Steppen allge⸗ meiner Heerſtraße nach irgend einer ſeitab⸗liegenden grünlich⸗lockenden Oaſe gezogen; und durch derlei leicht verzeihliche Irrthümer, waren manche Stunden verſäumt worden. Die letzte dieſer verſäumten Stun⸗ den iſt gerade die, wo wir Agnes leſend und har⸗ rend an ihrem Fenſter beobachteten. Dicht an der Grenze von Schwarzwaldau, an welche ein ebenfalls bedeutender Grundbeſitz ſich lehnt, läuft ein ſchmaler Streifen Waldes, zu dem kleinen Landgute ‚„Thal⸗ wieſe’ gehörig, als Enclave zwiſchen durch, in einen von wirklich ſchönen und ſehr alten Weidenbäumen umſtandenen Tümpel mündend, den ſein Beſitzer eitlerweiſe ‚Waldſee’ genannt wiſſen will. Emil hatte ſich bei Uebernahme väterlicher Erbgüter ſehr ange⸗ legen ſein laſſen, dieſe vereinzelte Parzelle an ſich zu kaufen; wobei er um ſo ſicherer auf Herrn von Thal⸗ wieſe's Entgegenkommen rechnete, als dieſer bekannt⸗ lich in Geldnoth, das fragliche Stuͤck Landes urſprünglich 70 zu Schwarzwaldau gehörig geweſen, und vor ei⸗ nem halben Jahrhundert durch ſeinen(Emil's) ei⸗ genen Großvater dem jetzt noch lebenden Nachbar als Pathengeſchenk unter's Taufkiſſen geſchoben wor⸗ den war. Doch der fünfzigjährige Täufling ſtellte Emil's Unterhändlern hartnäckige Zähigkeit entgegen; fand ſich durch die Anfrage ſchon beleidiget; erklärte: ſo ſchlimm ſtehe es noch nicht mit ihm, daß er zſeine Wälder verſchachern müſſe,: was denn zur Folge hatte, daß zwiſchen den Häuſern Thalwieſe und Schwarzwaldau fortwuchernder Groll, deßhalb auch gar kein Umgang ſtatt fand. Jener ‚Waldſee“ zog des Pirnaer's Zweigeſpann kurz vor Ablauf ſeiner Fahrt noch einmal vom Pfade der Pflicht und Tugend ab. Es ſpürte Durſt und ſchlug ſelbſtſüchtig den Irrweg täuſchenden Genuſſes ein, der aber ſo ſchmal unter Bäumen ſich durch⸗ wand, daß der von Carolinens Geſchrei aus dem Schlummer geweckte Kutſcher keinen andern Rath wußte, als bis an eine Stelle zu fahren, wo Raum vorhanden ſei, wieder umzulenken. Sie gelangten alſo zum Tümpel,— an deſſen ſchilfbewachſenem Ufer ein junger Mann, neben ſich eine Flinte, lang aus⸗ geſtreckt in tiefem Schlafe lag; ſo tief, daß ihn der durſtigen Pferde ſehnſüchtiges Gewieher nicht erweckte. 71 „Der kann's beſſer wie ich,“ meinte der Kutſcher, „und ich weiß doch auch etwa, was ſchlafen heißt!“ Dann machte er das kleine hölzerne Gefäß, welches ein ächter Hauderer aus jener Zeit niemals daheim⸗ ließ, vom Stricke, der es mit unzähligen andern hoch aufgepackten Reiſe⸗Utenſilien verband, langſam los und aͤußerte:„Weil wir denn doch einmal hier ſind, wollen wir den Pferden ihren Willen thun; auf ein Viertelſtündchen früher oder ſpäter kommt Sie's ja nicht mehr an, mein gutes Mamſellchen?“ „So erkundigt Euch wenigſtens,“ ſagte Caroline ärgerlich,„um den nächſten Weg nach Schloß Schwarz⸗ waldau, damit wir nicht unnützerweiſe noch einmal die Richtung verfehlen.“ „Das können Sie ja thun, mein ſehr gutes Mamſellchen; unterdeſſen werd' ich Sie Waſſer ſchöpfen und meine Pferde tränken; der junge Herr giebt gewiß lieber Auskunft, wenn ihn eine ſchöne Dame fragt. Ei ja, mein gutes Mamſellchen!“ Und der Pirnaer überließ es Carolinen, den Schläfer aus tiefſter Ruhe aufzuſtören. Sie wußte nicht, wie ſie es anfangen ſollte, obgleich die Kutſche dicht neben ihm hielt, und ſie ihn mit ihrem Son⸗ nenſchirme hätte berühren können, wenn ſie ſich weit genug über den Schlag gebogen hätte! Vergeblich 72 Ohren ſpitzte. Nichts da!.... ein Mundwinkel verzog ſich allerdings im Antlitz des ſchönen Schläfers; doch das geſchah, wie ſich bei näherer Betrachtung zeigte,— denn wir leugnen es nicht länger: Caro⸗ line betrachtete ſehr genanu!— das geſchah nur, weil ein fliegendes Inſect in jener Gegend des Ge⸗ ſichtes ſaß, offenbar in der Abſicht, die erſt mit einem Anfluge von Bart ſparſam umkränzte Lippe anzuſte⸗ chen. Und das wollte Caroline verhindern. Vielleicht hatte ſie geleſen von Fliegen, die den Leichnam einer am Milzbrand geſtorbenen Kuh verließen und das Gift des Todes auf den nächſten Menſchen übertru⸗ gen, den ſte im Fluge berührten? Sie fürchtete für den Unbekannten, deſſen Züge ſich ihr nun genugſam eingeprägt hatten, um ein Bild des Schlafenden mit ſich zu nehmen. Wer wird ihr verübeln, daß ſie zu erfahren wünſchte, wie ſich das edle Antlitz ausneh⸗ men werde, wenn geſchloſſene Augen ſich öffneten? 73 Und von welcher Farbe mochten dieſe Augen ſein?— Und dieſe häßliche Fliege dazu, die immer noch um die Lippen kriecht!— „Kutſcher, gebt mir auch zu trinken!“ Sie reicht ihm Vater Reichenborn's aus Horn 8 gedrehten Reiſebecher, den die Eltern ihr ſammt un⸗ zähligen andern läſtigen Bequemlichkeiten aufgedrun⸗ gen. Der Pirnaer gießt Thalwieſer Waldſee Waſſer hinein mit der feinen Bemerkung: Das Geſäufte ſei den Pferden zu ſchlammig, es werde wohl dem guten Mamſellchen auch nicht ſchmecken? Doch ſie heuchelt unbeſieglichen Durſt, ſetzt heftig an, um noch heftiger abſetzen und mit einem: pfui, wie ab⸗ ſcheulich! den Inhalt weggießen zu können Galt es der gefahrdrohenden Fliege? galt es den geſchloſſe⸗ nen Augen, die ſich öffnen ſollten? Gleichviel; die Fliege wurde fortgeſchwemmt, die Augen öffneten ſich; die Lippen wollten es auch; glücklicherweiſe er⸗ ſtickten eindringende Tropfen des grünlichen Ge⸗ tränkes den ſchon zur erſten Silbe gebildeten Fluch. Dann erfolgte ein unwillkürliches Sprudeln, ein Griff nach dem Taſchentuche, ein Abtrocknen des Mun⸗ des und der Wangen, ein halbes Sichemporrichten, endlich ein weites Aufreißen zweier großer dunkelblauer 74 Augen, die ſich unter ſchwarzbraunen Locken vortrefflich ausnahmen. 4 „Wo Teufel kommt das Fuhrwerk her?“ mur⸗ melte der Verſchlafene, der noch zu träumen wähnte. Caroline ſchilderte in zwei Worten die Situa⸗ tion und bat um gütige Zurechtweiſung. „Schwarzwaldan?“— Und eine Falte des Un⸗ muthes zog ſich über die jugendliche Stirn.—„Wieder zurück, dann g'rad aus!“ Kaum geſagt, warf er ſich wieder in ſeine vorige Stellung, um nachzuholen, was er jetzt verſäumt. Caroline, die nicht wiſſen konnte, wie die von Thalwieſe ſich zu denen von Schwarzwaldau verhiel⸗ ten, fand ſich ſehr beleidiget. Um ſo mehr, je länger und aufmerkſamer ſie denjenigen betrachtet zu haben ſich eingeſtehen mußte, der ſie nur eines einzigen Blickes gewürdiget. „Das iſt Sie, mit Reſpect zu ſagen, ein rechter Lümmel, mein gutes Mamſellchen!“ verſicherte der Kutſcher, nachdem er erſt umgelenkt und die Pferde wieder in Gang gebracht. Als Agnes endlich den erſehnten Reiſewagen aus der Dorfgaſſe in den Schloßweg einbiegen ſah und ihrer Freundin bis an die unterſte Stufe der breiten ſteinernen Treppe entgegen eilte, hatte dieſe —,— 75 den Eindruck des Zuſammentreffens am Waldſee noch nicht völlig verwunden. Sie klagte über Hitze, Staub, Müdigkeit, und bedauerte, ſich der Freude des Wieder⸗ ſehens nicht ſo lebhaft hingeben zu können, als ſie gern möchte. Agnes führte die Theure in die für ſie beſtimmten Gemächer:„Hier, mein Linchen, erhole, erfriſche, belebe Dich. Und frage ja nicht eher nach mir, als bis Du wieder Du ſelbſt biſt. Ich kenne nichts Dümmeres, wie wenn man ſich in kindiſcher Ungeduld die Wonne erſter Stunden durch Zwang verdirbt. Wer von langweiliger, einſamer Fahrt kommt, iſt nicht aufgelegt zu ſchwatzen. Nimm keine Rück⸗ ſicht auf mich. Hab' ich Dich ein Jahr lang erwartet, kann ich es auch noch eine Stunde. Nimm' Dir Zeit. Weiß' ich Dich doch unter einem Dache mit mir.“ Dabei verſchwand ſie aus Carolinens Zimmer und gönnte dieſer, was ſie bedurfte. Fünftes Capitel- Emil kehrte allein in's Schloß zurück. Franz hatte ſich Bewilligung erbeten, in grüner Einſamkeit verbleiben und, was in ihm vorging, dort mit ſich ſelbſt abmachen zu dürfen. Es ſei ihm unmöglich, 76 hatte er ſeinem Herrn erklärt, heute, mit dem Be⸗ wußtſein jüngſt abgelegter Geſtändniſſe, bei Tafel aufwarten zu helfen, und den Teller unterm Arm Derjenigen gegenüber zu ſtehen, deren vielleicht zu⸗ fälliges, harmloſeſtes Lächeln ihm Spott über ſeinen frechen Wahnſinn dünken würde. Emil kam dieſer Bitte, die er ſehr gerecht fand, gütig entgegen; wie er denn überhaupt von Minute zu Minute in beſſere Stimmung gerieth. Während auf Franz die Enthüllungen eigener, perſönlicher Zu⸗ ſtände und Lebensverhältniſſe niederdrückend und be⸗ ſchämend nachzuwirken anfingen, fühlte der wohlha⸗ bende Gutsbeſitzer, dem ſie gemacht worden, ſich da⸗ durch gehoben und friſch belebt. Wie gering, wie leicht zu beſiegen und zu beſeitigen, erſchien doch jetzt, was er geſtern nur mit dem Herzblute eines ge⸗ quälten Lebens abſchütteln zu können wähnte, im Vergleich zu des armen Jägerburſchen gerechtem Gram! Eingebildete Leiden, gegen wirklichen, wahrhaftigen Schmerz! Je mehr Neigung Emil für den verirrten Jungen empfand, deſto günſtiger wurde die Rückwir⸗ kung. Liegt es nicht in der Natur des Menſchen, auch des gefuhlvollen, mitleidigen, daß der beſten Freunde Leiden ſogar aufrichtigſter, aus Mitgefühl hervorgehender Betruüͤbniß einen ſüßen Beigeſchmack 77 verleihen? Ach, wer mag unſeres Herzens Wider⸗ ſprüche ergründen? Wer, deſſen Geheimniſſe ent⸗ hüllen? Agnes, durch die Gegenwart ihrer Freundin be⸗ glückt; Caroline freudig überraſcht, im gefürchteten „Wehrwolfe einen angenehmen, mild⸗freundlichen Wirth kennen zu lernen; dieſer, in der beſten Ab⸗ ſicht, dem Leben neue Luſt und Kraft abzugewin⸗ nen!... es wären kaum drei Tiſchgenoſſen aufzu⸗ treiben geweſen, mehr geeignet für ein behagliches, wechſelſeitig anregendes Geſpräch. Auch befanden ſie ſich ſo wohl dabei, daß Agnes ohne Zögern Emil's Vorſchlag zu einer Spazierfahrt nach aufgehobener Tafel annahm.„Wir werden,“ ſagte ſie zu Carolinen, „noch Ueberfluß an langen Tagen haben, um wie zwei kleine Penſions⸗Schülerinnen mit einander zu plaudern; weiſen wir ja ſeine Galanterie nicht zu⸗ rück; ich habe ihn ohnedieß ſehr ſtark im Verdacht, das ſelbige nur den Tag Deiner Ankunft feiert. Sonſt beſinnt er ſich lange, bis er mir Pferd' und Wagen anbietet.“ „Als ob Du jemals danach verlangteſt?“ er⸗ widerte er, beinahe verlegen über ſolchen Vorwurf vor einer Dritten. Und ſte beſtiegen den offenen, bequemen Stuhl⸗ wagen, den ein kräftiges Viergeſpann ſpielend durch Hain und Flur zog, als ob ſie flögen. Ddie an und für ſich angenehme Empfindung, raſch einher zu rollen, wo wechſelnde Naturbilder das Auge feſſeln, wird noch geſteigert, wenn wir kaum erſt einem Gefährt entſtiegen ſind, deſſen Schnecken⸗ gang uns quälte und ermüdete. Dieſe Steigerung machte ſich bei Carolinen geltend. Sie kannte keine raſchere Beförderung durch Pferde, als jene, die ſie mit ihren Eltern zu theilen gewohnt geweſen; wo es der furchtſamen Mutter nie langſam genug gehen, wo der Vater nie feſt und ruhig genug ſchlafen konnte. Die heutige Luſtfahrt regte ſie heftig auf. Die Kühle des Abends wehte ihr zauberiſch entgegen und durch⸗ drang ſie mit einer Ahnung von Freiheit und Selbſt⸗ ſtändigkeit, die im Hauſe ihrer Eltern und deren Um⸗ gebung niemals bei ihr lebendig werden wollte. Sie ſprach jes mit mädchenhaftem, kindiſchem Wunſche aus:„Das iſt prächtig! ſo möchte ich durch die weite Welt fahren!“ „An weſſen Seite?“ fragte Emil. „Darüber, wahrlich, hab' ich nicht nachgedacht; wüßte auch nicht, wen ich an meiner Seite wünſchen möchte, außer Agnes? Für den Augenblick iſt es nur 79 die Freude am raſchen Fahren mit ſchönen Pferden in gründuftiger Abendkühle, die mich beglückt; die mir etwas Neues iſt; um deren täglichen Genuß ich euch beneiden werde, wenn ich erſt wieder mein bür⸗ gerliches Stübchen in Rumburg bewohne!“ „Und dennoch,“ antwortete Emil,„werden Sie vielleicht beneidet, und mit Recht, um die ſtille Zu⸗ friedenheit, die in jenem Stübchen weilt und welche Andere weder mit feurigen Pferden erjagen, noch in hohen, prächtigen Sälen finden?“ Agnes that, wie wenn ſie dem Geſpräch nicht folgte; ſie machte ſich mit ihrem Umſchlagetuch zu ſchaffen, deſſen Zipfel von einem Rade geſtreift wurde. Caroline war mit der Ueberzeugung, ſie werde eine unglückliche Ehe finden, in Schwarzwaldau ein⸗ getroffen; wir wiſſen ſchon, daß ſie in Agneſens Gat⸗ ten einen mürriſchen, ungefälligen, plumpen, nur auf öconomiſchen Ertrag gerichteten Landjunker zu ſehen fürchtete! Sie kam in der heimlichen Erwartung wider ſolchen ‚Wehrwolf’ mit ihrer Freundin ein Bündniß einzugehen; die Allzuduldſame vielleicht ein Bißchen aufzuhetzen?— Statt deſſen findet ſie einen zuvorkommenden, nachgiebigen, eleganten Mann, mit feinſten Formen, deſſen ganze Erſcheinung zwar keinen Glücklichen ver kündet,— aber noch weniger, was man einen tyrannen nennt? Im Gegentheil: er ſieht au ob er unter dem Drucke innerer, tiefgefühlter Laſten ſeufze? Agnes dagegen, wenn auch nicht freigebig mit Verſicherungen häuslicher Glückſeligkeit, die ſonſt jüngere Frauen ihren unverheiratheten Freundinnen gern in vollſtem Maße errheilen, zeigte nichts von unterjochtem Maͤrtyrerthum; verdrehte weder klagend ihre Augen, noch gab ſie durch Seufzer zu verſtehen: ich habe Dir fürchterliche Dinge zu enthüllen; laß uns nur erſt wieder allein ſein! Sie bewahrte den heiteren Ernſt, die milde Ruhe, wodurch ſchon das zehnjährige Kind ſich vor ſeinen Geſpielinnen ausge⸗ zeichnet. Caroline wurde irre in ihren Vorausſetzungen. Neugierde begann mit der Luſt am Spazierenfahren zu ſtreiten und behielt faſt die Oberhand. Schon verſank die Erwartungsvolle in ſchweigendes Nach⸗ ſinnen über ein ihr unerklärliches Verhältniß. Doch Emil, der ſeine unüberlegte Aeußerung ſichtlich be⸗ reute, ließ ihr keine Friſt zu ſtummen Grübeleien und mit der geiſtigen Gewandtheit, welche ihm zu Gebote ſtand, erweckte er alſobald das hinſchlummernde Dreigeſpräch. In des Mannes Redeweiſe lag ein 8¹ eigener Zauber, dem ſich ſo leicht kein Ohr verſchloß; der ſogar Agneſen bewegte, ihre Stimme dazwiſchen tönen zu laſſen. Sie beendeten in wieder aufleben⸗ dem Austauſche oberflächlich⸗geiſtreicher, mit pikanten Bemerkungen durchwobenen Fragen und Antworten — was man auf Deutſch: utereſſante Conver⸗ ſation: benennt,— ihre Abendfahrt und langten von kühler Luft erfriſcht, munter genug im Schloſſe an. Kaum ſaßen ſie am Theetiſch, ſo bezeigte Caroline durch unverkennbare Zeichen des Erſtau⸗ nens, die bis zur Unruhe übergingen, daß irgend etwas ſie befremde,— ja in Verlegenheit ſetze. Agnes ſowohl, als Emil nahmen das wahr und befragten ſie um die Urſache? Sie erzählte, halblaut, ihre vormittägliche Begegnung am kleinen Waldſee und geſtand, es mache ihr einen peinlichen Eindruck, nicht in's Klare darüber zu kommen, ob jener Menſch, den ſie als Lioreejäger gekleidet, jetzt einigemale an der Seite des Tafeldeckers durch's ſchwacherleuchtete Vorzimmer gehen ſah, wirklich derſelbe ſei, gegen den ſie ſich heute, aus ihrer Kutſche heraus, eine Unart erlaubt habe? 4 „Ich wüßte kaum, wie Franz um die von Ihnen bezeichnete Stunde an die Thalwieſer Grenze gera⸗ 1856. I. Schwarzwaldau. I. 6 82²2 then ſein könnte?“ entgegnete ihr Emil;„doch dar⸗ über wollen wir uns bald Gewißheit verſchaffen.“ Ehe ſie es noch zu verhindern im Stande war, hatte des Gebieters lautes:„Franz!“ den Diener ſchon herbeigerufen, der wie mit Blut übergoſſen, glühend⸗rothen Angeſichtes gehorchte, und auf die an ihn gerichtete Frage eine kaum verſtändliche, ver⸗ neinende Antwort ſtammelte; worauf er ſich mit ſolcher Haſt zurückzog, daß Agnes, die ſich ſonſt um nichts zu bekümmern pflegte, was zwiſchen ihrem Ge⸗ mal und deſſen Dienern vorging, zu Carolinen gewen⸗ der flüſterte:„Wahrhaftig, trotz ſeiner Verſicherung des Gegentheils, muß man glauben, er iſt's geweſen, den Du aus tiefen Träumen ſchreckteſt!?“ „Nein,“ ſagte Caroline beruhiget,„er war es keinesweges. Aber dieſe Aehnlichkeit iſt das Merk⸗ würdigſte, was ich je von Aehnlichkeiten ſah; gerade darum, weil es durchaus keine iſt, und dennoch eine Verwechslung der Perſönlichkeiten möglich macht. Bisher bin ich der Meinung geweſen, wenn man zwei verſchiedene Menſchen mit einander verwechſeln ſolle, müßten ſie ſich an Geſtalt und Zügen einan⸗ der gleich ſehen. Hier zeigt ſich bei näherer Be⸗ trachtung keine Spur davon. Der Jäger trägt blondes, faſt röthliches Haar, zeigt Anlage zum Fett⸗ 83 werden, hat kleine graue Augen, einen großen Mund und jene glatt und plattumſchließenden Lippen, die mir von jeher zuwider ſind. Mein unbekannter Schläfer dagegen, deſſen Oberlippe wirklich bezau⸗ bernd⸗trotzig emporgeworfen über dem ſchönſten Munde hervorragt; dem dunkle Locken um die edle Stirn wallen; deſſen tief⸗blaue Augen— ſogar noch halb ſchlaftrunken— mächtig⸗groß aufleuchten; deſſen Geſtalt, ſoviel ich bei ſeiner Lage am Ufer entneh⸗ men konnte, ſchlank und groß, wenigſtens um einen Viertelkopf höher ſein muß, als jene des Jägers;.. woraus entſpringt da der Irrthum: Einen für den Andern zu halten? wie ich doch auf einen Moment gethan?“ „Du haſt Dir den Uferſchläfer ſehr genau ange⸗ ſehn, Caroline,“ lächelte Agnes ihr zu. Und Emil ſprach:„Mein armer Franz kommt bei dem Vergleiche ein Bißchen zu kurz. So übel iſt er nicht, und von röthlichen Haaren gar keine Rede. Aber ich wäre begierig zu erfahren, wer und woher Ihr verſchla⸗ fener Protegé ſein mag? Wahrſcheinlich irgend ein fremder Umhertreiber?“ „Ich bin feſt überzeugt,“ erwiderte Caroline, „wenn Sie morgen ſich hinausbegeben wollen, finden Sie ihn noch ſchlafend an derſelben Stelle. Er ſah 6 84 mir aus, als ob er einen langen Schlaf zu thun gedächte.“. „Vielleicht,“ warf nun Agnes ein,„iſt er ganz einfach der Sohn unſerer Nachbarsleute in Thal⸗ wieſe, von dem ich bei meiner Ankunft in Schwarz⸗ waldau mich erinnere gehört zu haben, er diene ſeine Soldaten⸗Zeit bei der Garde ab. Wahrſchein⸗ lich iſt er heim gekommen und langeweilt ſich zum Sterben im Hauſe der Eltern, die keine Mittel haben, ihm die große Stadt zu erſetzen!“ „Wie kann ſich langeweilen,“ fragte Caroline,„wer ſeine fünf Sinne und geſunde Gliedmaſſen beſitzt?“ „Junge, hübſche Männer,“ antwortete Agnes „ohne entſchiedenen Beruf, welcher ihr Daſein hinrei⸗ chend ausfüllt, haben das an ſich. Und wohl ihnen noch, wenn ſie das Talent beſitzen, ihren Ennui zu verſchlafen.“ Emil erröthete.„Was Du andeuteſt,“ meinte er, „trifft nur Diejenigen, die im Ueberfluße leben. Wäre Deiner liebenswürdigen Freundin Unbekannter in Wahrheit, wie Du vermutheſt, der Sohn aus Thal⸗ wieſe, dann hätte dieſer keinen Grund über Mangel an Beſchäftigung zu klagen; die gänzlich vernachläſ⸗ ſigte Wirthſchaft ſeiner verkümmernden Eltern böte 8⁵ ihm reichliche Gelegenheit, eines gelangweilten Da⸗ ſeins Leere auszufüllen.“ „Und wenn er das nicht mehr vermag? Wenn es ihm an Energie fehlt, ſich aus ſeinen lethargiſchen Träumen emporzuraffen?“ „Einem jungen Manne ſoll es an Energie feh⸗ len können?“ rief Caroline ungläubig aus.— Agnes bewegte nur noch, wie unwillkürlich, die Lippen, doch außerte ſie nichts mehr. Auch Emil ſchwieg; das Geſpräch ſtockte. Erſt als die Wanduhr Zehne ſchlug, murmelte er:„vulnerant omnes.“ Bald nachher wünſchten ſie ſich: gute Nacht. Sechstes Capitel. Wir dürfen es nicht wagen, den beiden Freun⸗ dinnen nach Agneſens Schlafgemach zu folgen, wel⸗ ches, deren eigenen Wünſchen zu Folge, ein abgeſon⸗ dertes war und woran die Zimmer ſtießen, die ſte Carolinen eingeräumt. Wir dürfen die vertraulichen Ergießungen zweier weiblicher Herzen nicht belauſchen; dürfen uns nicht in die zarten Geſtändniſſe drängen, die von Mund zu Munde, von Seele zu Seele flie⸗ ßen. Vielleicht finden wir ſpäter Gelegenheit, im 86 Laufe der vor uns ſich entfaltenden Handlung, Rück⸗ blicke zu thun und Bezug zu nehmen auf dieſe erſten, ungeſtörten Stunden des Wiederſehens, deſſen zwei in ſchwärmeriſcher Mädchenfreundſchaft aufgewachſene weibliche Weſen froh wurden;— in ſofern man auch derjenigen Geſtändniſſe und Mittheilungen froh werden kann, die von Klage und Wehmuth nicht frei ſind,— wenn ſie nur überhaupt den Buſen er⸗ leichtern. Begleiten wir dagegen Emil, den der Jäger Franz bereits erwartet, um ihn wie gewöhnlich zu entkleiden und dabei das im Walde abgebrochene Geſpräch wieder anzuknüpfen, ſo entgeht uns nicht, wie wenig Neigung Herr von Schwarzwaldau ver⸗ räth, ſolchen Erwartungen zu entſprechen. Auf die Frage, was ihn denn veranlaßte, den Diener heute Abend aus dem Vorzimmer herein an den Tiſch zu rufen und der fremden Dame zur Anſicht zu ſtellen, wie ein ſeltſames Thier; da niemand beſſer, als der gnädige Herr wiſſen mußte, daß derjenige, welcher mit ihm an den entgegengeſetzten Grenzmarken ſaß, unmöglich beim Waldſee ſchlafen konnte?— Auf dieſe Frage giebt er gar keine Antwort; er ſcheint den Fragenden kaum gehört, wenigſtens der Wor te Sinn nicht begriffen zu haben; er entgegnet ſpäter: a. 87 „Weißt Du, Franz, daß es vielleicht beſſer geweſen wäre, Du hätteſt mir den Dolch nicht entwunden?“ „Was iſt Ihnen denn wieder durch den Sinn gefahren, Herr? Heute Früh wußten Sie mir es Dank!“ „Gewiß! Noch vor einer Stunde!— Seit⸗ 41 „Hat die fremde Dame irgend einen Einfluß auf Ihre Gemüthsſtimmung? Hat ſie vielleicht etwas geäußert, was Sie darnieder ſchlägt?“ „Sie nicht...“ „Alſo— Agnes?“ Emil ſchreckte zuſammen. Der vertrauliche Ton, den ſein Jäger ſich erlaubte, indem er von der Ge⸗ malin des Herrn ſprach, mahnte dieſen an die Ge⸗ fahren, welche für alle Theile nothwendig ſpäter oder früher hervorgehen mußten aus den ſeltſamen und abnormen Geſtändniſſen eines Livreedieners. Was ſich im Walde romantiſch⸗poetiſch ausgenommen und den Erzähler, trotz aller an ihm haftenden Flecken, mit der Gloriole der Märtyrer unſerer modernen geſellſchaftlichen Zuſtände geſchmückt hatte, das ſtellte ſich Abends im Schloſſe ganz anders dar: dort, in freier Luft, unter grünen Bäumen, hatte Emil, neben Franz auf dem Erdboden ſitzend, mehr als Theil⸗ 88 nahme, er hatte wohlwollende Neigung für den un⸗ glücklichen, in tiefes Elend verſunkenen Sohn einer edlen Familie, hatte freundſchaftliche Regungen für den jungen Menſchen empfunden, der aus der Nacht ſeines Daſeins nach einem hohen, reinen Sterne zu blicken, der Agnes liebend anzubeten und ihm dieß zugeſtehen wagte! Hier, im engen Raume, zwiſchen koſtbaren Schränken, Gemälden, Büchern, Armſeſſeln und ſilbernen Leuchtern, wo der Miethling Franz dem Herrn von Schwarzwaldau die Stiefeln auszog und ihm den Schlafrock darreichte,— hier gewann das Verhältniß alſobald ein neues Anſehen. Und das unüberlegte Wort:„Alſo Agnes?“ würde zum Ausbruch heftigen Zornes von Seiten Emil's, ja vielleicht zu einem ſehr ernſten Auftritte geführt haben, wäre Derjenige, deſſen Stolz dadurch verletzt war, nicht eben in jene weichliche, melancholiſche Nieder⸗ geſchlagenheit verfallen, die Agneſens letzte Worte wie⸗ der hervorgerufen. Er begnügte ſich mit einem: „Genug davon! ich bin müde!“ Franz fügte ſich und ließ ihn allein. Doch brummte er beim Hinausgehen etwas ‚von Wetter⸗ häͤhnen, die ihre Richtung mit jedem Lüftchen wech⸗ ſeln! was dem feinen Gehör des Zurückbleibenden, gleich allen Leuten ſeines Schlages Argwöhniſchen, 89 nicht entſtel. Kaum befand er ſich ohne Zeugen, ſo warf er ſich, wie von einem langen ſchweren Kampfe abgemattet hin und ergab ſich widerſtandlos allen in ihm ſtreitenden Empfindungen:„Ich weiß, was ſie ſagen wollte! Auf Carolinens erſtaunte Frage, ob es einem jungen Manne daran fehlen könne, was den Mann macht, an Energie? wollte ſie erwidern: ſieh' doch nur den meinigen an! Aus Schonung für mich verſchwieg ſie's, weil ich zugegen war. Jetzt wird ſie's der Neugierigen ſchon vertraut haben! Und hat ſie nicht Recht? Bin ich nicht, mit allen edlen Eigenſchaften und allen ſchönen Anlagen, die in mir leben, dennoch ein bedauernswerther Schwäch⸗ ling? Phantaſie oder Leidenſchaft können wohl ein flüchtiges Feuer in mir entzünden; es lodert heftig auf; aber es ſtählt meine Nerven nicht zu thatkräf⸗ tiger Ausdauer; es erliſcht augenblicklich, um eine lauwarme Erſchlaffung zu hinterlaſſen. Iſt es denn nicht fürchterlich, daß ich mich ſelbſt ſo genau kenne und doch nicht im Stande bin, mich zu ermannen? Ja, ja, ich kenne mich, und will ich wahr, will ich ehr⸗ lich gegen mich ſein, ſo muß ich mir's eingeſtehen: auch da ich die Spitze des Dolches erhob, ſie in mein Herz einzubohren; auch da ich mir vorſchwindelte, ich wollte ſterben; auch da mangelte mir's an nachdrucklicher ; 9 90 Kraft, an feſtem Willen. Verwundet würd' ich mich haben,— nicht getödtet! Das darf ich mir jetzt nicht mehr verhehlen. Denn wäre es anders mit mir beſtellt, wie könnt' ich ſo willig einem Leben mich wieder zugewendet haben, deſſen Laſt ich eine Stunde vorher für unerträglich erklärte? Ja, welches mir jetzt abermals unerträglich erſcheint, nachdem ich heute Vormittags im thörichten Wahne aufflammte, brüder⸗ liche Freundſchaft für einen Zuchthäusler, der Agne⸗ ſen liebt, könne mich der Luſt am Daſein wiedergeben! Bin ich nicht ein beſonders elender Menſch? Bin ich nicht eine Ausnahme von allen Uebrigen? Leichtſin⸗ nig und ſchwach ſind Viele; von augenblicklichen Empfindungen fortgeriſſen werden Viele; ſie taumeln in Täuſchungen dahin und halten ſich noch immer für glücklich, wenn ſie ſchon am drohendſten Abgrunde ſtehen. Andere wieder, im entſchiedenſten Gegenſatze zu Jenen, zerlegen mit ſkeptiſchen Zweifeln, mit miß⸗ trauiſchen Bedenklichkeiten, wie mit ſcharfen Meſſern, jede ihrer Empfindungen, jeden ihrer Gedanken und kommen deßhalb nie zum Genuſſe einer heitern Ge⸗ genwart; dafür aber bewahren ſie ſich vor bedenklichen Schritten, ſichern ſich vor einer quälenden Zukunft. Beide Gattungen von Menſchen, wie ſchroff ſie von einander unterſchieden ſein mögen, behaupten, bei all' ihrer 91 Thorheit, doch eine gewiſſe Berechtigung, zu ſein wie ſie ſind; denn Jeder von ihnen kann in ſeiner Art für conſequent gelten, und befindet ſich in Ueberein⸗ ſtimmung mit angeborenem Naturell. Was aber ſoll' ich von Demjenigen halten, der beider getrennter Natu⸗ ren Eigenthümlichkeiten in ſeiner Perſon vereinige t? Den momentanen Eingebungen ungezügelter Phantaſie verfallend, wie der leichtſinnigſte Geſell handelt und dabei als ſelbſtquäleriſcher Grübler ſich zugleich ver⸗ leidet, was er begann? Was ſoll ich von dieſem halten, wenn ich es ſelbſt bin? Wenn ich einſehe, daß ich es bin? Wenn dieſe Einſicht aber mir zu weiter nichts verhilft, als die Troſtloſigkeit meiner Lage zu vermehren? Soll ich mich haſſen? Oder ſoll ich mich verachten?“ Dieſe Fragen legte ſich Emil vor. Und ohne eine von beiden entſchieden zu beantworten, ſtellte er ſich dann noch eine dritte, wichtigere:„Kann ich mich ändern?“ Dieſe übte lindernde Wirkung auf ihn; denn ſie führte ihn aus der ſchwülen Zelle eines Anato⸗ men, der ſich ſelbſt ſecirt bei lebendigem Leibe, in die Regionen allgemeiner Betrachtung über die Ab⸗ hängigkeit des Erdenmenſchen von ſeinem irdiſchen Körper; eine ihm längſt geläufige Betrachtung, die 92 ihn nach und nach ſich ſelbſt entrückte und ihn zu⸗ letzt vergeſſen ließ, von welcher hohen Wichtigkeit es für ihn zunächſt ſei, zum klaren Bewußtſein freien Willens, geiſtiger Unabhängigkeit zu gelangen. Aus den Andeutungen in vorigen Capiteln; aus ſeinem ſoeben belauſchten Selbſtbekenntniß haben wir bereits entnommen, daß er zwiſchen eraſſen materialiſtiſchen Anſichten und zwiſchen unverkennbaren Neigungen zu idealiſtiſcher Schwärmerei hin und her ſchwankte. Vielleicht weil er an den in dieſes Gebiet einſchla⸗ genden Wiſſenſchaften und Studien nur genaſcht hatte; weil er ein planloſer Autodidact, ein Halbgelehrter war!? Und iſt dieſe Halbheit, angeregt und beför⸗ dert durch ſo viele Handbücher, populäre Enthüllun⸗ gen, gemeinnützige Schriften, Journale, nicht vielleicht der größte Segen und zugleich der ſchwerſte Fluch unſeres Jahrhundertes? Werden dem Laien nicht Werke dargeboten, die ihn durch verneinenden Inhalt ärmer machen, ohne ihn durch Das zu bereichern, was den gelehrten Verfaſſer, den Forſcher, den Entdecker beglückte, eben weil er es fand und im Finden Ent⸗ ſchädigung erhielt für manche Verluſte an beglücken⸗ dem Glauben, an kindlich⸗frommer Zuverſicht? Haben wir nicht Alle, Jeder im Paradiesgärtlein eigener Kindlichkeit, ſchon frühzeitig vom Baume der Erkennt⸗ 93 niß Früchte gebrochen? Ach, und wie manche un⸗ reife? Wie manche wurmſtichige! Wer nicht kräftig organiſirt iſt, gut zu verdauen,— darf ein ſolcher ſich wundern, wenn er ſich übel fühlt? Und daß Emil nicht zu den Starken gehörte, haben wir ge⸗ nugſam und zum Ueberfluße angedeutet. So laſſen wir ihn denn einem, durch zahlloſe Widerſprüche geſtörten Schlummer und werfen, ehe wir dieß Capitel und mit demſelben gewiſſermaßen den Prolog unſerer Geſchichte ſchließen, noch einen flüchtigen Blick in das ſogenannte ‚Jägerzimmer, wo unter Emil's Vater drei bis vier grüne Burſchen ihr wildes Weſen trieben; wo jetzt Franz Sara ganz allein hauſet; abgeſchieden und entfernt von allen übrigen Schloßbewohnern; nur durch einen Glocken⸗ draht in Verbindung mit des Gebieters Wohn⸗ und Schlafgemach, zu welchem eine ſteinerne Wendeltreppe hinabführt. Dieſes Jägerzimmer wird mit Unrecht Zimmer genannt; es ähnelt mehr einem Saale; einem öden, unwohnlichen, winklichen Saale, der nicht entſtanden iſt, weil des Schloſſes Erbauer ihn dort haben wollten, ſondern der gleichſam aus räumlichen Ueberbleibſeln beſteht, die man für geſon⸗ derte, kleinere Stuben einzurichten und zu benützen, dort oben im dritten Stockwerk nicht mehr der Mühe 94 werth gefunden. Er liegt in der Ecke, wo zwei Flü⸗ gel ſich kreuzen, zwiſchen einer alten Rüſt⸗ und Waf⸗ fenkammer auf der einen, zwiſchen einem weiten breiten Gefilde auf der andern Seite, welches Letztere an ſeinen Wänden hangend, eine Anzahl Schwarzwaldau'ſcher Familien⸗Portraits väterlicher und mütterlicher Seite, hinter deren vergüldeten Rahmen jedoch eine noch unzähligere Menge von Fledermäuſen beherbergt, die durch einige, ſeit einem halben Jahrhundert zerbro⸗ chene und ungeflickte Glasſcheiben in den oberen Fen⸗ ſterflügeln freien Aus⸗ und Einzug haben. Schon dieſe Nachbarſchaft iſt wenig geeignet, den einſamen Bewohner des Jägerzimmers anzulächeln. Noch we⸗ niger trägt die innere Einrichtung zu vergnüglichem Aufenthalte bei. Drei leere Bettſtellen erinnern zum Nachtheile der Gegenwart daran, daß in vergangener Zeit hier ein geſelliges Zuſammenleben gewaltet, und machen die jetzige Einſamkeit nur noch einſamer. Ein Schrank, ein Tiſch, vier Stühle ſtehen dicht um Fran⸗ zens Lager, welches er ſo nahe wie möglich beim alten Ofen aufgeſchlagen. Die grünen Kacheln dieſes Co⸗ loſſes tragen auf ihrer Oberfläche kleine menſchliche Figürchen, wie die Töpfermeiſter vorigen Jahrhun⸗ dertes ſelbige zu formen liebten. Solch' ein Anblick gewährt doch einige Abwechslung in der wüſtenhaften 9⁵5 Leere. Aus ihnen beſteht aber auch des Jägers einzige Geſellſchaft. Von den andern Dienern, ſämmtlich älter als er, beſucht ihn keiner. Er hat nichts dafür gethan, ihren Umgang aufzuſuchen; hat ſich viel⸗ mehr, ſeit dem erſten Tage ſeines Eintrittes in den Dienſt, fern von ihnen gehalten und abgeſondert. Von den Männern iſt ihm nicht Einer wohlgeneigt, bis zum letzten Stallknecht hinab. Das weiß, das empfindet er. Und die zärtlichen Abſichten der Mäd⸗ chen hat er ſelbſt vereitelt, indem er ſie keines Blickes würdigte. Sogar Agneſens Kammerjungfer nicht; wiewohl dieſe häufig ihren Spiegel befragt, ob ſie eine ſolche Nichtbeachtung verdiene? und jedesmal die Verſicherung empfängt: es ſei geradezu unerklär⸗ lich. Denn ſie war wirklich hübſch. Und eben dieſe mied er am Vorſichtigſten,— worüber wir uns we⸗ niger verwundern, als ſie. Da ſitzt er nun,— nicht wie ſein Herr, um⸗ geben von jeglicher Anmuth, die Wohlſtand und Be⸗ quemlichkeit bieten; aber auch nicht wehmüthig⸗erſchlafft in ohnmächtiger Selbſtbetrachtung. Er zürnt,— er trotzt,— er begehrt. Auch ſeine Gefühle und Leiden⸗ ſchaften haben ſeit geſtern einen zwiefachen Um⸗ ſchwung erlitten. Aus dem Ueberdruße am Leben hat ihn Emil's überraſchendes Benehmen im Walde 96 auf die abenteuerlichſten Vorſtellungen von vertrau⸗ licher Freundſchaft mit dem Gebieter gebracht, daß er ſich gar bis zu der Möglichkeit verſtieg, Agneſen näher zu treten, als einem Diener geziemt. Und in dieſe Aufwallungen ungezügelter Phantaſte iſt nun auf ein⸗ mal wieder die unerwartete Veränderung getreten, die Emil's ganzes Weſen umgeſtimmt, wie man eine Hand wendet? G „Er bereut ſchon, daß er ſich heute Morgens weggeworfen, daß er mir brüderlich die Hand gereicht! Er iſt ein unzuverläſſiger, von jeglichem äußerlichen Ein⸗ drucke abhängiger Menſch. Keiner gewaltigen Leiden⸗ ſchaft fähig, weder in Neigung noch Abneigung; weder in Liebe noch Haß. Seine Worte haben keine Bedeutung, wie ſchön ſie klingen. Täuſcht er doch ſich ſelbſt, indem er redet und zu glauben wähnt an das, was er ſpricht. Warum ſollte er Andere nicht täuſchen? Auch was er mir über Agnes geſagt, iſt ihm nicht Cenſt. Wenn er ſie achtete und hoch hielte, wie er prahlt, warum liebt er ſie nicht, wie ein jun⸗ ger Mann ein junges, ſchönes Weib liebt? Warum lebt er getrennt von ihr? Ich liebe ſie! Ich liebe ſie, wie nur der liebt, der einer tief innerſten, Leib und Seele ausfüllenden, ausſchließlichen Paſſion lebt! Er weiß nicht, was er will und ich war ein Thor, 97 daß ich ſeinen ſuͤßen Lügen lauſchte. Wär' er ein ganzer Kerl, er hätte mich über den Haufen ſchießen müſſen, da ich ihm eingeſtand, was er aus keines Menſchen Munde hören dürfte; was aus dem Munde ſeines Dieners unerhörte Frechheit iſt.— Ja, jetzt bereut er, daß er mir dieß Geheimniß ablockte; iſt in tödtlicher Verlegenheit, wie er ſich gegen mich ſtellen, wie er mich los werden ſoll? Die Gegenwart der fremden Dame beängſtiget ihn. Vielleicht hat ſie irgend eine Aeußerung über mich gethan, die ihn be⸗ fürchten läßt... weßhalb rief er mich an den Tiſch? Auf meine Frage iſt er mir befriedigende Erklärung ſchuldig geblieben. Er iſt feig. Er wird mir nicht in's Geſicht ſagen, was ihn beunruhiget; wird es nicht eingeſtehen, wenn ich danach forſche. Ich muß vorſichtig ſein: nachdem ich ihm die Waffen gegen mich in die Hand gegeben, ihn zum Vertrauten mei⸗ nes Schickſals machte, iſt es ihm ein Leichtes, mich völlig zu verderben; mich vor ihr zu entehren! O, warum hab' ich mich durch— ich weiß nicht welches alberne Gefühl abwendig machen laſſen von meinem entſchiedenen Vorſatze? Warum hab' ich ihn gehin⸗ dert, den ſeinen auszuführen?... Wenn es ihm überhaupt Ernſt damit war!? Warum hab' ich mich in ein Gewebe neuer, verworrener Schlingen begeben, 1856. I. Schwarzwaldau. I. 7 98 wo ich hängen bleiben muß, wenn ich mich nicht gewalt⸗ ſam durchhaue?! Rückſichtslos, wen es trifft? Todt ſein wäre beſſer Beſſer für mich, beſſer für ihn!... Beſſer für ſie!“ Und Franz verlor ſich in einer dunklen Reihe düſterer Bilder, in welchen die Genoſſen ſeiner Kerker⸗ zeit mit bleichen Angeſichtern und unheildrohenden Mienen an ihm vorüberſchwebten, Erinnerungen wek⸗ kend an manche grauenhafte, unentdeckte That, die in jenen dicken Mauern, heiſer geflüſtert, von Ohr zu Ohre geſchlichen, wie das Geſpenſt eines längſt Vermoderten. Siebentes Capitel. „Flaches Land und flache Seelen!' ruft Friedrich Schlegel in irgend einem ſeiner Gedichte aus, und ich darf offen eingeſtehen, daß ich den Sinn dieſes Ausrufes niemals begriffen habe. Will er dadurch andeuten, daß die Einwohner und Bebauer ebener Gegenden an Werth und Bedeutung hinter den Bergbewohnern zurückſte⸗ hen? Dann dürften ſich verſchiedentliche Beobachter vorfinden, bereit, das Gegentheil zu behaupten. Soll es aber nur im Allgemeinen obligates Einſtimmen 99 bedeuten in den hergebrachten Chorus, daß nur im Ge⸗ birge die Natur ſchön und entzückend; nur vor ho⸗ hen Spitzen und Kegeln die Seele frei, der Blick heiter; nur in Alpenlüften die Bruſt gehoben und erquickt ſei? Soll es bedeuten, daß in weiten Fluren und Hainen; in tiefen Waldungen kaum durch einen Hügel unterbrochen; auf grünen Wieſen von Bächlein durchrieſelt; im Schatten des Erlengebüſches, die Raine’ entlang; am ſtillen See, von träumenden Kie⸗ fern umkränzt; im meilenlangen wogenden Kornfeld, aus welchem Cyanen und Mohn mit blauen und feurigen Augen blinzeln; auf brauner Haide, wo die ſummende Biene zu Tauſenden arbeitet und wo der hohe Himmel ſein heiliges Dach über den Einſamen ſchützend zu wölben ſcheint; daß da keine Freude an Gottes Schöpfung, keine Naturfrömmigkeit, kein Be⸗ hagen, keine Wärme des Gefühls, keine geiſtige Er⸗ hebung aufblühen könne?— Dann, wie geſagt, be⸗ greif' ich den tiefen Denker gar nicht. Wie mir denn überhaupt alle enragirten, exeluſiven, auf unſer flaches Land höhniſch und verächtlich herabſpöttelnde Gebirgs⸗ Coquetterieen unbegreiflich ſein würden, lernte man zu⸗ letzt nicht, ſich in Alles zu finden; ſogar in die An⸗ ſichten Derjenigen, die ihre Luſt an der Natur einzig und allein nach der Höhe des Fußmaßes uüber dem 7 100 Meeresſpiegel und an der größeren oder kleineren Summe jener in graue Ferne verſchwimmenden Kup⸗ pen abzählen, welche ihr Tubus ihnen vor's Auge zaubert. Solche werden wahrſcheinlich vornehm lä⸗ cheln, wenn ich erzähle, wie Agnes und Caroline un⸗ erſchöpfliches Vergnügen aufſuchten und genoſſen in den nächſten Umgebungen von Schwarzwaldau. Die erſte Ausfahrt war ihre letzte geweſen; ſie zogen vor, Arm in Arm durch den Park in's freie Feld und in den Wald zu wandern, ohne andere Begleitung; wo⸗ nach Agnes von ihrem ſogenannten Lieblingsbänkchen am kleinen See im Garten ſich oft geſehnt, was ſie aber, allein, nie gewagt hatte. Ihr ganzes Weſen war auch nach zweijähriger Ehe noch ſo jungfräulich⸗ mädchenhaft geblieben und der feſte Kern ihres edlen, ſtarken Herzens ſchien von ſo zarter Form umhüllt, was äußerliches Gebahren betraf, daß eine reſolute Freun⸗ din von Carolinens Art dazu gehörte, ſie aus der halbklöſterlichen Abgeſchiedenheit heraus zu locken. Die Beiden ergänzten ſich gewiſſermaßen. Carolinens weibliche Selbſtſtändigkeit brachte Leben und Lebens⸗ fülle mit; Agneſens zarter Sinn verlieh Maß und Anmuth. Nur hätte, wer ſie miteinander als Frem⸗ der geſehen, ſchwören müſſen: Die Ehefrau ſei das Maͤdchen und die Jungfrau ſei des Gutsherrn 101 Gattin; ſo feſt und ſicher trat dieſe auf; ſo ab⸗ hängig von ihr bewegte ſich Agnes neben ihr, wie eine jüngere unvermälte Schweſter. Dieß Verhält⸗ niß, und es hatte ſich gleich in den erſten Tagen ihres Zuſammenlebens ausgebildet, beruhte nicht allein auf dem Unterſchiede ihrer Perſönlichkeiten; es wurde auch begründet durch den vertraulichen Austauſch aller innerſten Geheimniſſe, welcher zwiſchen ihnen Statt gefunden und in welchem ſich Agnes dem for⸗ ſchenden Blick der Freundin auf Gnade und Ungnade hingegeben. Caroline kannte nun und erkannte bis auf den Grund die verborgenſten Wurzeln, aus denen der Freundin Wohl und Weh keimte. Und das ver⸗ lieh ihr ein entſchiedenes Uebergewicht, mochte ſie es auch nur in Liebe und Zuneigung geltend machen. Je lebhafter ſie dleſe kund gab, um deſto kälter zeigte ſie ſich gegen Emil. Was Wunder, wenn dieſer arg⸗ wöhnte, ſeine Gemalin habe ſchwere Klage wider ihn geführt? ſich in dieſem Argwohn von ihnen ab⸗ wendete? und mehr als je ſeine eigene Wege ging? Die Hoffnung auf trauliches Zuſammenſein war mit dem erſten Abend erloſchen. Franz der Jäger hielt ſich wieder ſo zurückgezogen, als er vor dem ausführ⸗ lichen Geſtändniſſe gethan. Kein Blick, keine Miene verrieth, daß er nur einen Anſchein von Berechtigung, 102 ſeinem Herrn näher zu ſtehen, in Anſpruch nehme; womit dieſer ſich für's Erſte zufrieden ſtellte; Alles ſorglich vermied, was Funken aus der Aſche zu wecken drohte; dabei jedoch überſah, oder überſehen wollte, daß es minder entſagende Ergebenheit, daß es viel⸗ mehr übelwollende, lauernde Verſtellung ſei, die um des Dieners Augen ſpielte⸗ An Selbſtmord dachten wohl Beide nicht mehr, obgleich von allen Antrieben dazu keiner beſeitiget war. Man will behaupten, und vielerlei Erfahrun⸗ gen beſtätigen es, daß die meiſten Menſchen, ſobald ſie einmal ihre bebende Hand auf das Riegelſchloß der eiſernen Pforte, die in's unerforſchliche Dunkel der Ewigkeit führt, gelegt haben, ohne zu öffnen, (entweder weil die Entſchloſſenheit für den letzten Druck fehlte, oder weil ſie geſtört wurden,) ein zwei⸗ tes Mal ſich gar nicht zu nähern wagen und lieber die beſchwerlichſten Nebenpfade aufſuchen. Conſe⸗ quente Ausnahmen giebt es freilich auch. Doch zu dieſen gehörten weder Emil, noch ſein Diener; aus verſchiedenen Gründen Beide. Und auf eben ſo verſchiedene Art ſuchten Beide Troſt, oder Ruhe. Franz vermied, wie er irgend mit ſeinem Dienſte wereinbaren konnte, ſich aus dem Schloſſe und deſſen nächſten Umgebungen zu entfernen; zog ſich, noch 103 mehr als früher, von allen Menſchen zurück; er trug ſeine Liebe und ſeinen Groll weder zur Schau, noch wähnte er, durch planloſes Umherſtreifen ſich Er⸗ leichterung zu erjagen. Was in ihm kämpfte und arbeitete, machte er in ſeinem öden Jägerzimmer mit ſich allein ab, ohne Beihilfe von Außen, ohne Zerſtreuung zu wünſchen. Dieſer jedoch fühlte ſich Emil um ſo bedürftiger. Was er bei Agnes und Carolinen, nach der zwiſchen ihm und Jenen einge⸗ tretenen Verſtimmung nicht zu finden hoffte, ſuchte er im Nebel der Zufälligkeit. Er lief, einen ſeiner Lieblingsdichter zur Hand, kreuz und quer durch ſeine und die benachbarten Forſte, im fataliſtiſchen Glauben an ein aus den Wipfeln der Bäume fallen⸗ des Ereigniß, wodurch ſeine Seele zu neuem Leben empor getragen werde! Hätte er Rechenſchaft geben ſollen über nähere Beſchaffenheit dieſes Glaubens, er würde ſehr verlegen geworden und unfähig gewe⸗ ſen ſein etwas Vernünftiges vorzubringen; man müßte denn dafür gelten laſſen, daß ihm, was Ca⸗ roline vom ſchlafenden Unbekannten an der Grenze erzählt hatte, ein unbeſtimmter Antrieb wurde. Er zweifelte nicht, daß jener junge Mann kein Anderer ſei, als der Sohn ſeiner nachbarlichen Gegner und Feinde. Es erſchien ihm reizend, dieſem— aber ohne ihn aufzuſuchen, nur zufällig!— im Walde zu begegnen, ſeine Bekanntſchaft zu machen, und die⸗ ſelbe, wofern ſie die Mühe lohnte, der feindſeligen Familien⸗Trennung zum Trotze, in's Geheim fortzu⸗ ſetzen; nur im Walde, ſonſt nirgend, mit ihm zu⸗ ſammenzukommen; ihn anderswo ſcheinbar nicht zu kennen; über ihr freundliches Begegnen den Schleier der Verborgenheit zu hüllen und auf folche Weiſe dem erträumten Verhältniß eine Bedeutung zu ver⸗ leihen, die es ſonſt vielleicht nicht gewinnen dürfte. Derlei Kindereien mochten es etwa ſein, die ſeiner haltloſen Phantaſte Flügelchen anſetzten. Aber es kam noch etwas Anderes dazu, was wir nicht um⸗ gehen dürfen, weil es zur ſchärferen Bezeichnung Desjenigen beiträgt, deſſen Geſchicke den finſtern In⸗ halt dieſes Buches bilden. Emil von Schwarzwald⸗ au, der Characterloſe, Schwankende, Unerzogene, trug das Bedürfniß in ſich, zu belehren, zu bilden, zu erziehen. Er war ein Schönredner; liebte als ſolcher zu glänzen, zu dociren. Was in ihm nicht klar, nicht fertig geworden, weil er nicht logiſch zu denken vermochte, weil ihm auch dazu Ernſt und Ausdauer fehlten, das ſtrebte er ſich klar zu machen und zum Abſchluß zu bringen, wenn er ſeine unſi⸗ cheren Gedanken und Anſichten, in's Gewand der 10⁵ Phraſe gehüllt, zum Beſten gab. An Agneſen war ſeine Kunſt verloren gegangen. Ein empfängliches, hingebendes Kind hatte er in ihr heimzuführen ge⸗ meint und war faſt erſchrocken vor dem abgeſchloſſe⸗ nen Ernſt der ſtillen Jungfrau, die ſeinen auf ſie einſtrömenden Ergießungen unerſchütterliche Feſtigkeit; die ſeinen, ‚philoſophiſche Unterſuchungen’ benannten Widerſprüchen, weibliche Religioſität entgegenhielt, ohne ſich im Geringſten irre machen zu laſſen. Er gab ſie auf— und veelleicht trug die Niederlage, welche ſeine Eitelkeit dadurch erlitt, nicht wenig dazu bei, ihn ihr zu entfremden. Gewiß verbarg ſich hinter die Theilnahme, welche Franz mit den unheim⸗ lichen Bekenntniſſen düſterer Vergangenheit ihm ab⸗ gewann, im erſten Augenblicke die ſchmeichelnde Vor⸗ ausſicht, es werde in dieſem Burſchen ein bereitwilliger und empfänglicher Zuhörer für ihn gewonnen ſein. Daher auch die faſt brüderliche Annäherung; die jedoch vor des Jägers durchaus nicht ſchülermäßi⸗ ger Haltung ſich ſogleich wieder zurückzog, wie wir geſehen haben. Vergebens hatte Emil einige Wanderungen nach der von Carolinen bezeichneten Stelle an der Grenze unternommen. Der von ihr ſo ſcharf beobachtete Schläfer ſchien die Störung übel vermerkt und einen 106 anderweitigen Ruhe⸗Platz aufgeſucht zu haben, den auszuforſchen Emil ſich angelegen ſein ließ. Bei Menſchen dieſer Gattung geſchieht es nicht ſelten, daß ziemlich gleichgiltige Abſichten, die zu Anfang nur eine vorübergehende„Volléität'—(ich kenne kein gutes deutſches Wort für dieſen ächt⸗diploma⸗ tiſchen, mattes, faſt planloſes Wollen bezeichnenden Ausdruck!)— geweſen, nach und nach in lebhaften Wunſch übergehen und zuletzt, durch Nichterfüllung angereizt, ſich bis zur firen Idee ſteigern. Je län⸗ ger die geträumte Begegnung auf ſich warten ließ, deſto hartnäckiger verrannte ſich Emil in die Sehn⸗ ſucht danach; ſo daß er endlich für nichts Anderes mehr Auge noch Ohr hatte und zu Hauſe die tödt⸗ lichſte Langeweile empfand und um ſich her verbreitete; worüber ihm Caroline manche witzige und ſpitzige Bemerkung machte. Ganz im Gegenſatz mit Agnes, welche den kleinen Krieg nicht liebte und jede Art von Frieden vorzog; ſollte es auch der Friede des Schweigens ſein. Das erſehnte Zuſammentreffen fand nach langem Harren doch einmal Statt; wie denn auf die Länge ſich Alles erfüllt, wonach Einer trachtet,— wofern er ſich nur hübſch Zeit läßt und es auch erlebt. Ja, ich bin überzeugt, wer es nur erlebte,— aber am 107 Leben müßte man bleiben, ſonſt hilft die Erfüllung nichts mehr!— ſähe gewiß Alles wahr werden, was er einſt geträumt; ſei es zum Glücke, ſei es zum Verderben. Jedweder innige Wunſch iſt ſchon an und für ſich prophe⸗ tiſches Vorgefühl und unmöglich iſt gar nichts, als was den Urgeſetzen der Schöpfung widerſpricht. Einzig und allein der Tod ſchneidet die Möglichkeit der Er⸗ füllung ab. Oder auch der Vorbote des Todes: das langſame Abſterben bei lebendigem Leibe; was wir Alter nennen, welchem verſpätete Erfüllung keine mehr iſt. Daher der furchtbare Göthe'ſche Aus⸗ ſpruch: ‚was man in der Jugend begehrt, hat man im Alter die Fülle.“ Häufig auch geſchieht, was wir ſo eifrig begehr⸗ ten, erſt dann wenn wir, durch vergebliches Trachten längſt abgemattet, ſchon aufgehört hatten zu wün⸗ ſchen. Es ſteht dann ſo plötzlich vor uns, daß es mehr Schrecken bringt, als Freude gewährt, und wir müſſen uns erſt wieder in die faſt verſchmachteten Wünſche hineinleben.— Der Herbſt begann. Die Jagd ſtand offen. Am Tage Aegidius war Emil auf Feldhühner ausgegangen und ſeit geraumer Zeit zum Erſtenmale wieder hatte er ſeinem Leibjäger be⸗ fohlen, ihn zu begleiten. Franz hatte ſich dieſem Befehle willig gezeigt, mit jener ſtummen, kalten 108 Gleichgiltigkeit, die ſeit der letzten Beſprechung zwi⸗ ſchen ihnen waltete; die bei ihm höhniſchen Trotz verbarg; die bei Emil unbegreiflich bliebe, wüßten wir nicht ſchon einigermaßen von deſſen wunderlichem Dualismus, wo mit lebenverbitternder, ſerupulöſer Gewiſſenhaftigkeit blinder Leichtſinn gewiſſenlos Hand in Hand, ja zu Zeiten mit erſterer auf und davon geht. Emil war blind für Franzens ſchweigſamen, ſcheinbar demüthigen Groll; war blind für ſein ei⸗ genes Unrecht gegen den Diener; vermied ſich in's Gedächtniß zurückzurufen, wie weit er in übereilter Vertraulichkeit ſchon gegangen und wie unklug es ſei, davon keine Kenntniß mehr zu nehmen. Nur Carolinens Gegenwart, durch welche Agnes vor be⸗ denklicher Nähe des Anbeters in Livree gleichſam ge⸗ ſchützt blieb, während Emil durch dieſelbe noch mehr als gewöhnlich aus dem Verkehr mit ſeiner Gattin vertrieben wurde, erklärt— wenigſtens theilweiſe— eine Verblendung, die bei einiger Aufmerkſamkeit auf Franzens Stimmung unmöglich geweſen wäre. Ge⸗ nug, ſie war vorhanden, dieſe Verblendung, und ohne zu ahnen, daß es ein Feind ſei, der neben ihm her⸗ ziehe; ein Feind, den er ſich durch eigenes Verſchul⸗ den gemacht, bejagte Herr von Schwarzwaldau die Ackerbeete und Rübenfelder, nach ſpärlich⸗vorhandenen 109 Hühnern ſchießend, die aus verſprengten Ketten ſich in dieſen Winkel geflüchtet. Haſen und Hühner machten ſchon damals nicht die Stärke des Wildſtan⸗ des auf Schwarzwaldauiſchen Revieren, wie nirgend wo mittelmäßiger, oder gar magerer Boden nur dürf⸗ tige Ernten darbietet. Deſto reichere Fülle an hö⸗ herem Wild boten die großen Forſte, in denen es namentlich von Rehen wimmelte. Unglücklicher Weiſe beſaßen einige Dorfbewohner ſchmale Zipfel ſandigen Neulandes, worauf ſie, nachdem der kümmerliche Holzbeſtand niedergeſchlagen und verkauft war, Hai⸗ dekorn zu bauen verſuchten, an welchem die ungebete⸗ nen Gäſte häufig naſchten. Daraus waren ſchon mehr⸗ fache Händel entſtanden. Die Beſitzer hatten auf „Wildſchaden Anſpruch gemacht; der Gutsherr hatte ihnen entgegengeſtellt, daß er dazu nicht verpflichtet ſei; denn wer heiße ſie mitten im tiefſten Forſte Ackerbau zu treiben, wo ſeit Menſchengedenken Bäume geſtanden? und warum ſie nicht abermals Waldung angelegt, damit ihre Nachkommen fänden, was ſie von ihren Vorfahren ererbt? Darauf hatten die Leute geantwortet, das ginge ihn nichts an, und wenn er ſie nicht entſchädigte, würden ſie ſich ſelbſt helfen. Und das Ende vom Liede waren ein paar halb⸗er⸗ ſchoſſene, halb⸗erſchlagene Rehe geweſen, die einen 110 langwierigen, langweiligen Wilddiebs⸗Proceß veran⸗ laßt. Seit jener Zeit hatte in Emil's Herzen eine gewiſſe Erbitterung Wurzel geſchlagen, die jedesmal ſich regte, ſobald das Wort ‚Wildſchütze ausgeſpro⸗ chen wurde. Wie denn überhaupt nach unſerem Dafürhalten alle Hirſche, Schweine und Rehe auf Erden nicht den zehnten Theil des Aergers und feindſeligen Grimmes werth ſind, den ſie ſchon er⸗ regten; mannichfacher Härten und Grauſamkeiten von der einen, blutiger Gewaltthaten von der ande⸗ ren Seite gar nicht zu gedenken, wo ‚Geſetz Unſinn und Wohlthat Plage wird.“ Bis in einen dieſer letzten Ackerſtreifen verlief ſich heute ein geflügeltes Feldhuhn, welches Emil und Franz von zwei Seiten um ſo eifriger verfolgten, als es bis jetzt die einzige Beute war. Der Vor⸗ ſtehhund, ein etwas ungeberdiger Geſell, hatte ſie verlaſſen, die Spur eines flüchtig gewordenen Haſens nach dem Walde zu aufnehmend. So gelangten ſie bis an die äußerſte Spitze des Ackers, wo ſie im Waldwinkel einander gegenüberſtanden. Emil ſchalt den Jäger wegen des Hundes Ungehorſam. Franz vertheidigte ſich mit der ganz richtigen Erklärung, er habe ihn nicht dreſſirt, ſondern ſchon verdorben von ſeinem Vorgänger überkommen; doch er that dieß in 111 ſcharfem, verletzendem Tone. Emil ſtellte ihn dar⸗ über zur Rede. Franz antwortete höhniſch. Je⸗ ner befahl ihm zu ſchweigen, wobei ein ‚unverſchämte hörbar wurde. Dieſer zuckte die Achſeln verächtlich. Emil fuhr auf; es entſchlüpfte ihm eine Andeutung auf des Andern Kerkerhaft. Wie von einem electri⸗ ſchen Schlage berührt, bebte Franz, unwillkürlich griff er nach ſeiner Flinte, das Schloß knackte,— da ſiel im Gehölz ein Schuß und nach etlichen Se⸗ cunden brach ein Rehbock durch die Zweige und ſtürzte zwiſchen den Beiden zuſammen. Dieß Ereigniß gab ihrem Zorn gewaltſam eine ablenkende Richtung. Sie warfen ſich, Jeder von dem Platze, wo er ſtand, in's Dickicht. Achtes Capitel. Wir unterbrechen die Erzählung der Vorgänge auf der Jagd, um ſpäter darauf zuruͤckzukommen, und widmen dieſes achte Capitel den beiden Freundinnen, welche wir neulich in Agneſens Schlafgemach nicht zu be⸗ horchen wagten, deren Geſprächen aber wohl zu lau⸗ ſchen vergönnt ſein wird, wenn ſie auf der Herrin grünem Bänkchen am See im Park ſitzen? Sollte 112 der Romanſchreiber nicht mindeſtens eben ſoviel. Be⸗ rechtigung dazu haben, als der zahme Storch, der nachdenklich auf einem Beine vor ihuen ſteht, ſo auf⸗ merkſam, wie wenn er ſich auch nicht eine Silbe ent⸗ ſchlüpfen laſſen dürfte von ihrem lieblichen, anmu⸗ thigen Geſchwätz? Es iſt ein kluger Vogel, der Storch; ein Thier, um deſſen Familien⸗ und öffent⸗ liches Leben ſich vielerlei wunderſame Sagen,(viel⸗ leicht Märchen) ziehen, die jedoch lange noch nicht genau genug beobachtet und erforſcht ſind, um ſo kurzweg fortzuleugnen, was ſchwer begreiflich erſcheint; obgleich die meiſten Menſchen mit ungläubigem: „dummes Zeug!“ gern bei der Hand ſind, ſobald ihnen Etwas unbequem ſcheint und ſie in ihrem All⸗ täglichkeits⸗Syſteme zu ſtören droht. Iſt es nicht recht bequem, ein für Allemal jede höhere Fähigkeit der Thierſeelen abzuleugnen, lediglich weil weder Schnauze noch Schnabel auf belehrenden Widerſpruch, und unſere Sinne nicht darauf eingerichtet ſind, zu verſtehen, was jene uns in ihrer Zunge ſagen können? Der Storch im Park zu Schwarzwaldau legte unbezweifeltes Verſtändniß menſchlicher Zuſtände an den Tag und hatte ſchon viele Proben ſeiner Intelligenz gegeben. Das ganze Dorf war voll von kleinen Geſchichten, die ſeine Klugheit beweiſen ſollten 113 und viele Kinder glaubten nicht nur, daß er es ſei, der ſie aus dem See geſiſcht und ihren Eltern im Schnabel gebracht habe,—(um ſo größer war das Erſtaunen, warum ſich die Gemalin des Gutsherrn noch nicht mit kleinem Nachwuchs verſorgen laſſen?)— ſondern ſie waren auch ſteif und feſt überzeugt, der kluge Storch fuͤhre zugleich eine Art von Oberauf⸗ ſicht über die herrſchaftlichen Gärten und bringe jed⸗ wede darin verübte Ungebühr zur Anzeige. Wer ihn ſo ſitzen und beobachten ſah, konnte leicht auf ähn⸗ liche Muthmaßungen gerathen. Agnes und Caro⸗ line ließen ſich durch des Vogels Aufmerkſamkeit in ihren vertraulichen Mittheilungen nicht ſtören. Viel⸗ mehr flüſterte das unaufhörliche Geſchwätz der Freun⸗ dinnen ohne Unterbrechung mit dem Bächlein um die Wette, welches, nach langen Schlangenwindungen durch Wieſen und Gebüſche, ſich rieſelnd in den See ergießt und immerwährend murmelt und murmelt. Es kommt häufig vor, daß innige Freunde neben einander gehen, beiſammenſitzen— und ſchweigen. Wer hat das an Freundinnen erlebt? Ich nicht. Ich muß es eingeſtehen; kann es nicht unterdrücken, ſollte auch die ſchöne Leſerin mein Buch unwillig aus der Hand werfen, mit dem Ausrufe: Der alte Nart! — Ausnahmen will ich gern gelten laſſen. Ich 1856. I. Schwarzwaldau. I. 8 114 ſpreche nur im Allgemeinen; ſpreche nur von meinen Erfahrungen in dieſem Gebiete; und da muß ich eingeſtehen: ich habe den unerſchöpflichen Fluß nimmer verſiegender Rede ſtets bewundert; bisweilen auch mich verwundert, wo denn dieſe Fülle von Stoff im Kopf und Herz hinreichenden Raum fand, ſich aufbewahren zu laſſen, um dann bei nächſter Gele⸗ genheit gleich ſo mächtig hervorzubrechen? Bei Agnes und Caroline verwundere ich mich nicht. Eine junge Frau, welche bereut, daß ſie Frau wurde: ein Mäd⸗ chen über die Zwanzig, bedauernd, daß ſie noch nicht Frau iſt! können zwei ſolche Freundinnen wohl je⸗ mals fertig werden, ihre Gedanken, Gefühle, Klagen, Hoffnungen ſich mitzutheilen? Ihnen wird der Stoff nicht ausgehen, ſo lange das kleine Wieſenbächlein ſich in den kleinen Gartenſee ergießt. Was Agnes Carolinen über ſich und Emil an⸗ vertraut, wiſſen wir noch nicht; denken ſeiner Zeit mehr davon zu erfahren, als wir gern vernehmen werden. Jetzt gerade iſt Caroline im Zuge, das Verzeichniß von jungen Männern zu vervollſtändigen, die mehr oder minder günſtigen Eindruck auf ſie hervorgebracht; eine Empfänglichkeit, die Agneſen an der Freundin befremdete, weil ſie ihr ſelbſt fehlte. Es war ſchon ziemlich lang dieß Verzeichniß; es 115 reichte von Sachſen nach Böhmen und wieder zurück, von Rumburg nach Zittau, wie wir mit einem Bruch⸗ ſtück belegen. Caroline ſagte,— oder murmelte viel⸗ mehr, im eintönigen Rieſel⸗Quellen⸗Tempo, wo Wort an Wort, wie Welle an Welle ſich kräuſelnd ſchmiegt: „In Zittau hat Vater einige Geſchäftsfreunde aus der Zeit, da er überhaupt noch Geſchäfte machte. „Als er dieſe vor zwei Jahren zum letztenmale beſuchte, nahm er mich mit. Wir ſollten bei Einem ſeiner Freunde wohnen; Jeder bewarb ſich förmlich um uns. Aber mein guter Vater wünſcht immer und überall ſein eigener Herr zu bleiben und zog deßhalb den Aufenthalt im Gaſthofe vor. Wir langten an einem heißen Sommertage an und nahmen Beſitz von zwei erquickend⸗kühlen und geräumigen Zimmern, deren Friſche mir unendlich wohl that. Als ich erſt vom Staube des Tages gereiniget, umgekleidet und neu belebt war, begann ich, daran zu denken, wie wir doch den langen Abend ausfüllen ſollten, der in die⸗ ſer Jahreszeit ſo zu ſagen kein Abend, ſondern ein in den nächſten Morgen hinein ſchleichender Tag ge⸗ nannt werden darf. Mit meinem Vater iſt nicht viel zu plaudern; ohne Spielkarten entſchläft er beim. dritten Worte; und nun gar im Sommer! Mir graute vor einer Partie Piquet, die er mir antragen könnte? 8 116 Ihm vorzuleſen, obgleich mit Büchern verſehen, dar⸗ an durft' ich nicht denken; noch weniger für mich allein nach einem Buche zu greifen. Denn mein guter Vater hat die Eigenheit—“ „Dein guter Vater ſcheint mancherlei ganz eigene Eigenheiten zu haben?“— „Ach Gott ja, Agnes; wie die Väter nun ſo ſind!— er hat die Eigenheit, augenblicklich aufzu⸗ wachen, ſobald ich in ſeiner Gegenwart leſe, und zu behaupten, er habe gar nicht geſchlafen. Das giebt dann eine ewige Marter zwiſchen Einſchlummern und Erwachen ſeiner⸗, zwiſchen Leſen und Geſtörtwerden meinerſeits. Um dieſer zu entgehen, ſchickte ich heim⸗ lich, gegen ſeinen Willen, einen Hausknecht zu den Familien, die er erſt morgen von unſerer Ankunft unterrichten laſſen wollte. Ich war feſt überzeugt, ſie würden auf den erſten Wink herbei eilen und mich erlöſen. Doch traf es ſich ſo unglücklich, daß ſie den ſchönen Tag zu einem Ausfluge benützt hatten. Nun war guter Rath theuer. Ich langweilte mich zum Sterben und verwünſchte tauſendmal in einer Minute, daß ich es mir als Vergünſtigung erbeten, die kleine Reiſe mit machen zu dürfen. In meiner troſtloſen Unruhe lief ich Thüraus, Thürein und bei dieſem Umherrennen bemerkte ich, daß den Gang, der 117 in unſern Vorflur mündete, in entgegengeſetzter Rich⸗ tung aber nach einem im Hintergebäude liegenden Saale führte, verſchiedene Perſonen theils paarweiſe, theils einzeln durchzogen, die unmöglich alle in die⸗ ſem Gaſthofe eingekehrt ſein konnten. Ich läutete nach unſerem Stubenmädchen und erhielt alsbald die Löſung des Räthſels in Form eines gedruckten Pro⸗ gramm's, welches ‚Freunde der Poeſie und des Ge⸗ ſanges“ einlud, der von zwei jungen Reiſenden ver⸗ anſtalteten declamatoriſch⸗muſikaliſchen, Punct ſieben Uhr beginnenden Abend⸗Unterhaltung beizuwohnen.“ Nur wenige Minuten fehlten noch bis zur feſtgeſetzten Stunde und es war keine geringe Aufgabe, meinen Vater aus ſeinem ſchon angelegten Schlafrock in an⸗ dere Kleider zu bringen. Doch gelang es mir, indem ich aus dem langen Verzeichniß, worin geſprochene mit geſungenen Nummern abwechſelten, ihm nur die letzteren vorlas. Er geſtand ein, daß er bei ſanftem Geſange gern ſchlummere und äußerte die zuverſicht⸗ liche Hoffnung, der reiſende Troubadour werde ihm ſein Bißchen Ruhe gönnen, ohne ihn durch wildes Gebrüll aufzuſchrecken. Daß nur auf der Guitare begleitet werde und kein Orcheſter zu befürchten ſtehe, machte ihn vollends nachgiebig. Wir erlegten unſere ſechszehn Groſchen für zwei Billets an der Caſſe 118 und traten ein. An leeren Stühlen fehlte es nicht. Meines Vaters erſte Sorge war, ſich eines bequemen Eckplatzes zu verſichern. Mich drückte eine andere. Ich war geſpannt auf den Beginn, um zu erfahren, welcher von den Beiden das Geld einnehmenden und die Eintrittskarten ausgebenden Muſenſöhnen der Sänger ſei? Denn die brüderlich mit einander Rei⸗ ſenden, wofern ſie anders Brüder in Apollo waren, ſahen ſich durchaus nicht ähnlich: der Eine hatte, was mir gefällt,— was mir ſchon gefiel, da wir noch wie eine Heerde Lämmer durch den großen Gar⸗ ten getrieben wurden; der Andere war durchaus unin⸗ tereſſant für mich. Bei meiner Vorliebe für Liedergeſang mußte ich natürlich wünſchen, daß der zierliche, ſchwarz⸗ lockige, dunkelblauaugige Billets⸗Ausgeber die muſi⸗ kaliſche Partie des Abends verwalten möge; nicht der lang aufgeſchoſſene, glatthaarige, grau⸗blaublickende Geldeinnehmer. Mein Wunſch ging in Erfüllung. Der fade Jüngling redete uns in Verſen, der pikante Schwarzkopf ſang uns in Liedern an. Und in was für Liedern! Und mit welcher Stimme! Dir, freilich, iſt ſchwer deutlich zu machen, wie bald und wie tief er ſich mir in's Herz geſungen!? Du achteſt⸗ nicht auf dir Gewalt der Stimmen, Agnes?“— Doch! Ein reiner, ſtarker Sopran kann auch 2 119 mich entzücken. Allenfalls ein ſonorer Baß. Den Te⸗ nor lieb' ich nicht. Je mehr man um mich her ſie bewunderte, deſto unmännlicher klangen mir die Stim⸗ men berühmter Tenoriſten; ich möchte ſagen: eines Mannes unwürdig. Und ich ſetze voraus, Dein Schwarz⸗ kopf ſei ein recht weichlicher Tenor geweſen? Ich ſeh' ihn ordentlich, mit ſeiner Guitare am rothſeidenen Bande, und billige, daß Papa Reichenborn ſanft ent⸗ ſchlief, während ſeine Tochter... „Mit dem Sänger coquettirte? Ich will nur für Dich den Satz vollenden, Agnes; denn er iſt richtig; ſo unumſtößlich wie nur irgend ein mathema⸗ tiſcher ſein kann. Ja, ich coquettirte mit ihm und er ſparte das Feuer ſeiner Augen eben auch nicht. Dir Agnes erſcheint das unerklaͤrlich und Du klagſt mich deßhalb nachträglich an; ich fühl' es aus Deinem Schweigen. Gleichwohl gehört auch dieſe kleine Sünde auf mein Regiſter, ſoll es vollſtändig ſein; und ſie mag zugleich beitragen, mich von einer neueren, die Du mir Schuld giebſt, zu reinigen; denn daß ich nur geſtehe: mein Sänger ſchmachtender Lieder, und mein Schläfer an eurer Waldgrenze— ſie ſcheinen mir ein und derſelbe Menſch geweſen zu ſein. Ja, ſteh' da, nun beleben ſich Deine Züge und der geſchloſſene Mund verzieht ſich wider ſeinen Willen zum Lächeln..“ 120 „Weil ich Deine Combination kindiſch finde, Caroline. Verzeih' mir, daß ich es offen ſage: ſie ſchmeckt gewaltig nach unſerm Erziehungsinſtitute und es fehlte weiter nichts, als daß der Troubadour jetzt Räuberhauptmann, oder wenigſtens jener Pferdedieb wäre, der vor etlichen Monaten unſeren Bauern drei Füllen von der Waide ſtahl! Wohin verirrt ſich Deine Sehnſucht!? Und wie ſollte der fahrende Concert⸗ geber in unſere Nadelhölzer gelangen, ſich hier eine Schlafſtelle zu ſuchen? Und warum hältſt Du, nach⸗ dem Du auch an ihm eine ſprechende Aehnlichkeit entdeckteſt, nicht gleich lieber meines Mannes Jäger für den damaligen Sänger? Konnt' er ſich, da er Abendunterhaltungen gab, die Haare nicht ſchwarz gefärbt haben? Geh' und mache Dir nichts weiß. Im Capitel der Aehnlichkeiten bin ich eine Ungläu⸗ bige. Sie werden meiſt durch Denjenigen geſchaffen, der irgend einen Grund hat, ſie entdecken zu wollen.“ „Spotte nur; es iſt doch, wie ich ſagte. Zwei Eigenſchaften ſind es, welche durch ihr Zuſammen⸗ treffen dafür ſprechen: des jungen Mannes Schön⸗ heit— und ſeine Verſchlafenheit. Denn mag es noch ſo verletzend für Deine Freundin klingen: ſie lag, als ihr Vater zu Bette gegangen, vergeblich eine halbe Mondnacht hindurch in ihrem Fenſter, feſt überzeugt, der Sänger werde unter dieſem Fenſter eins der Lieder wiederholen, die ſich in ihre Seele gewühlt, gleich einer Biene in einem Blumenkelch?— er ſchlief wie ein Mehlſack und kam nicht, und ſang nicht, und reiſete am andern Morgen ſammt ſeinem Klimper⸗ kaſten und ſeinem declamatoriſchen Begleiter auf und davon, um in irgend einer andern Stadt wieder Billets zu verkaufen, wieder Empfindungen wach zu ſingen, wieder zu ſchlafen! Gleicht das nicht dem unent⸗ deckten Waldſchläfer, wie ein Ei dem andern? Je länger ich über beide Perſönlichkeiten nachdachte, deſto näher ſind ſie einander gerückt und endlich.. 5 „Sind ſie Dir in eine einzige verſchmolzen, deren bezaubernde Erſcheinung Dich auf Schritt und Tritt umſchwebt. Für ſein ſchönes Haupt iſt auch wahr⸗ ſcheinlich dieſer grüne Kranz beſtimmt, den Deine kunſtreichen Hände aus Eichenblättern ſo zierlich ſchlin⸗ gen? Doch er läßt, wie zu fürchten ſteht, den Kranz unbeachtet liegen, und greift nach Deines Papa's Schlafmütze!“. Caroline mußte wider ihren Willen lachen, zer⸗ riß dabei ärgerlich den kaum vollendeten Kranz und ſagte:„Wenn er ſich nur fände, wir wollten ihn ſchon munter machen! Wir wollten ihn necken, daß die Schläfrigkeit...“ 8 Hier wurde ſie unterbrochen durch das heftige Geklapper, welches der Storch jedesmal mit ſeinem Schnabel hervorzubringen pflegte, wenn etwas Unge⸗ wöhnliches ihn in Erſtaunen ſetzte, oder beunruhigte. Durch die Seitenpforte des Parkes drangen, Emil an ihrer Spitze, mehrere Landleute vor, einen wild⸗ ausſehenden, fremden Kerl umgebend, der die zuſam⸗ mengebundenen Fäuſte wüthend erhob und zornige Drohungen ausſtieß. Jäger Franz, neben ſeinem Schießgewehre noch ein zweites tragend, ſchlich nieder⸗ gebeugt, ohne die Blicke zu heben, hinter ihnen her. Der Zug bewegte ſich nach dem Flügel des Schloſſes, wo der Amtmann, der zugleich die Diſtriets⸗Polizei verwaltete, ſeine Geſchäftszimmer inne hatte. Agnes winkte Franzen herbei, ſie rief ſogar ſeinen Namen, weil ſie Aufſchluß über das ſeltſame Ereig⸗ niß zu erhalten wünſchte. Doch der Jäger ſah und hörte nicht. Er folgte wie träumend den Andern. „Wolle Gott, daß es nicht etwa Dein Land⸗ ſtreicher ſei, den ſie da zur Haft geleiten!“ ſprach Agnes; denn weder ſie, noch Caroline hatten den Gefangenen deutlich erblickt. Und beide Damen verließen den Park. 4 123 Neuntes Capitel. Seit Carolinens Anweſenheit in Schwarzwaldau war Emil nicht ſo lebhaft angeregt, nicht ſo geſprä⸗ chig geweſen, als bei dieſem verſpäteten Diner. Nur über den merkwürdigen Vorfall des Tages beobach⸗ tete er anfänglich ein entſchiedenes Schweigen, wobei er zu verſtehen gab, daß er eine ausführliche Beant⸗ wortung der an ihn gerichteten Fragen zu verzögern wünſche, bis die Diener abgeräumt und ſich entfernt haben würden. Kaum war dieß geſchehen, ſo begann er zu erzählen, was uns theilweiſe bekannt iſt, wovon er aber auch nur theilweiſe den Hörerinnen Bericht abſtattete. Sie erfuhren eben nur, daß Herr und Jäger, Jeder auf verſchiedenem Wege, die Richtung geſucht, aus welcher der Schuß auf den Rehbock ge⸗ fallen; daß Emil auf einen einzelnen Menſchen ge⸗ ſtoßen ſei, den er im erſten Augenblicke für den Raub⸗ ſchützen gehalten, bald jedoch ebenfalls für einen Ver⸗ folger desſelben erkannt habe, den der weit im Walde widerhallende Schuß herbeilockte. Mit dieſem— den er nur oberflächlich als einen der entfernteren Gutsnachbarn bezeichnete, ſei er nun vereint weiter vorgedrungen und endlich auf die rechte Spur ge⸗ leitet worden durch einen heftigen Wortwechſel in 124 ihrer Nähe. Dort habe Franz den Wilddieb ‚geſtellt,“ den gefährlich ausſehenden Kerl allerdings durch die ihm vorgehaltene Flinte noch im Schach gehalten, aber dennoch— aus hier nicht umſtändlich zu ent⸗ wickelnden Gründen,— keinen Ernſt gezeigt, ihn feſt⸗ zunehmen; was erſt durch das Uebergewicht der Hin⸗ zugekommenen, wenn gleich immer noch mit Mühe, gelungen ſei. Später erſt hätten herbeigerufene Feld⸗ arbeiter den Widerſpänſtigen völlig beſiegt und durch Stricke gefahrlos gemacht. „Und wo befindet ſich der— Raubſchütz?“ fragte Caroline mit einer Theilnahme, die Agnes in Verbindung mit ihrem heutigen Geſpräch ſich wohl erklären konnte, die Emil kaum beachtete. „Es iſt ein rechtes Glück,“ erwiderte dieſer,„daß gerade vor etlichen Tagen der Gefängniß⸗Thurm, den ich in der Nähe des Gemeindehauſes auf meine eige⸗ nen Koſten errichten ließ, fertig geworden. Bisher brachen ſämmtliche Vaganten und andere zur Haft gebrachten Uebelthäter regelmäßig aus dem ſchlecht⸗ verwahrten Dorfkerker, und wurden flüchtig, ehe und bevor wir ſie dem Landgericht einliefern konnten,— oder ich hatte das Vergnügen, ſie bei mir im Schloſſe zu beherbergen. Dem iſt nun abgeholfen und mein 125 Waldfreoler weiht das neue Gebände glorreich ein; ſo mag es denn auch nach ihm den Namen führen.“ „Und wie heißt dieſer?“ fragte Caroline mit einer Verlegenheit, die ihr ſonſt keinesweges eigen. „Ich will es ſogleich erfahren,“ gab Emil zur Antwort;„denn ich begebe mich nach Zwing⸗Schwarz⸗ waldau, wo mein Verwalter bereits inquirirt und torquirt.“ „Wie wär's, wenn wir Deinen Gemal beglei⸗ teten?“— Mitt dieſen, ſo gleichgiltig als möglich hingeworfenen Worten, wendete ſich Caroline zu Agnes und der Gemal ſah dieſe höchſt befremdet an, da ſie nach einem Shawl greifend, ſich bereitwillig zeigte:„Warum nicht? der Abend iſt wunderſchön? 14 Und ſchon hing ſie an der Freundin Arme und flü⸗ ſterte im Vorangehen mit dieſer. Die Sonne war längſt hinab, doch ſah man noch hell und deutlich. Wie ſie in die Dorfgaſſe traten, fanden ſie Alles lebendig. Jung und Alt ſtrömte dem neuen Gefängniſſe zu, deſſen erſten unfreiwilligen Gaſt zu betrachten. Kinder und Hunde, erſtere dem frühzeitigen Nachtlager, wie es der Land⸗ mann liebt und braucht, noch einmal entſtiegen; letztere bereits von der Kette gelöſet, ihre Nachtpa⸗ trouillen zu beginnen, lärmten durch einander; die 126 erſt ſpäter an des Dorfes äußerſte Hütten gelangte Kunde von Einbringung eines Raubſchützen, vielleicht Räubers, Raubmörders hatte ihre anziehende Wir⸗ kung nicht verfehlt. Caroline und Agnes äußerten Erſtaunen darü⸗ ber und Emil wollte ſchon eine pſychologiſche Ent⸗ wickelung zum Beſten geben über den Reiz, den es auch auf rohere Menſchen übt, von Verbrechern zu hören, oder ſie anzugaffen, als er unterbrochen wurde durch den zahmen Storch, welcher ſie, wie er häufig that, begleitet hatte und jetzt, wo er in's Gedränge zwiſchen neckende Kinder und klaffende Hunde gerieth, angſtvoll zu klappern begann, und ſich zuletzt gar empor ſchwang. 3 Caroline, die ihn noch niemals fliegen geſehen, und der Meinung geweſen, er ſei der Schwungfedern ab⸗ ſichtlich beraubt, damit er nicht entfliehe, rief laut: „Hanns macht ſich auf die Reiſe!“ Doch Agnes be⸗ lehrte ſie, daß der treue Hausgenoſſe derlei Abſichten keinesweges hege: im September, als in dem Monate, wo die wilden Störche ihre Probeflüge beginnen und ihren jüngeren Kindern Unterricht ertheilen, wie ſie ſich auf weiten Wander⸗Zügen zu benehmen haben werden, regt ſich wohl auch in unſerm Hanns die angeborene Luſt und er übt ſie bisweilen. Aber da 127 er ſich niemals unter ſeines Gleichen miſcht, ſo geräth er auch nicht in Gefahr, durch ſie zum Entweichen ver⸗ führt zu werden. „Und warum thut er das nicht?“ fragte Caroline; „ich habe doch häufig gehört, daß gezähmte Störche im Herbſt ihre Freiheit allem Wohlleben im Um⸗ gange mit Menſchen vorzogen?“ „Unſer Hanns liebt die Seinigen nicht. Die Erinnerungen an ſeine Kindheit ſind wahrſcheinlich noch allzu lebendig in ihm. Er iſt nämlich aus dem Ei gekrochen in einem alten Storchneſte, welches auf dem Wipfel einer vielhundertjährigen Eiche ſchon ſeit Menſchengedenken klebte und wie die Bewohner Schwarzwaldau's verſichern, ſchon von ſeinen Eltern bewohnt und bevölkert wurde, als unſer Park kaum angelegt war. Ob es wirklich immer noch das näm⸗ liche Paar geweſen iſt, wie ſie behaupten,— wer weiß das? So viel iſt ſicher: ich fand die Thiere brütend, als ich hier meinen Einzug hielt. Sie hatten ausnahmsweiſe fünf Junge. Als dieſe her⸗ anwuchſen, wurde ihnen die Räumlichkeit zu enge und die grauſamen Eltern,— wofern es Grauſam⸗ keit genannt werden darf, den Einzelnen dem Ge⸗ deihen Mehrerer zu opfern,— warfen das ſchwäch⸗ lichſte ihrer Kinder über Bord. Es fiel in weiches 128 Moos, ohne ſich zu beſchädigen,— und ich machte es zu meinem Kinde. Daher Hannſens Liebe und Hanns hatte mit zornigem Geklapper mehrmals die Umdachung des neuerbauten Gefängniſſes um⸗ kreiſet und ſetzte ſich jetzt auf den Schornſtein, von wo er die herannahende Herrſchaft gleichſam anmel⸗ dete. Der Verwalter und ein Schreiber empfingen Emil an der vergitterten Thüre des im unteren Stockwerk angebrachten Wächterſtübchens, in welches denn auch die Damen folgten und es ganz leidlich fanden. Eine ſchmale ſteinerne Treppe führte nach dem Gefängniß. Dieſe ſtiegen ſie, von Emil gelei⸗ tet, hinan, der durchaus nicht faſſen konnte, was mit Agnes vorgegangen ſei? während dieſe Caroli⸗ nen zuflüſterte:„Du darfſt es immer für einen gro⸗ ßen Beweis von Freundſchaft hinnehmen, daß ich, Dir zu willfahren, einen ſolchen Ort heimſuche.“ Der obere Stock war in zwei abgeſonderte Zellen 129 getheilt, zu deren jeder eine eiſerne Thüre führte. Ca⸗ roline äußerte den Wunſch, den Gefangenen zu ſehen, und bat, es möge geöffnet werden.„Dazu,“ ſagte der Verwalter,„möcht' ich nicht rathen: Wir haben, da keine Ketten vorräthig ſind, den Kerl nicht feſt ſchließen können und er iſt ſo wüthend und unbän⸗ dig, daß er nicht nur die ſchändlichſten Reden aus⸗ ſtößt, ſondern auch Thätlichkeiten wagen würde, trotz unſerer Ueberzahl. Wenn aber die gnädigen Damen die innere Einrichtung in Augenſchein nehmen wollen, ſo kann ja der Wächter die leere Zelle aufſchließen. Es war nun darin allerdings nichts zu ſehen, als die nackten vier Wände, weiß übertüncht, eine hölzerne Pritſche und einige unentbehrliche, aus rohem Holze gezimmerte Geräthſchaften. Der Verwalter, auf deſſen Anſuchen und unter deſſen ſpecieller Ob⸗ hut der Bau begonnen und ausgeführt worden, wies mit einigem Stolz auf ein in der oberſten Ecke der Mauer angebrachtes Luft⸗ und Lichtloch, wodurch das Gemach erhellt wurde, ohne daß doch der Ar⸗ reſtant nach Außen hin lugen, oder Mittheilungen an Spießgeſellen zu machen und von ihnen zu em⸗ pfangen vermöge! Agnes blickte die weißen Mauern an:„Wie wer⸗ den dieſe Wände heute über fünfzig Jahre ausſehen! 1856. I. Schwarzwaldau. I. 9 130 Wie viele Seufzer, Flüche, Thränen werden daran haften! Wie viele Unglückliche, denen ſie auf ihrem Pfade zu langwierigem Kerker die erſte Herberge gaben, werden in kaum leſerlichen Zügen, vielleicht mit Blut ihre Namen angeſchrieben haben?“ „Thuſt Du doch,“ unterbrach ſie Emil,„als wim⸗ melte unſere Gegend von Verbrechern.“ „Im Ganzen macht ſich's, gnädige Frau;“ fuhr der Verwalter fort.„Es kommt gewöhnlich ruck⸗ weiſe. Mitunter vergeht ein halbes Jahr, ohne be⸗ ſonderen Vorfall. Uebrigens—“ und hierbei wendete er ſich halb leiſe zum Gutsherrn—„hat der Wild⸗ dieb Ausſagen gethan, die ich natürlich nicht mit zu Protocolle genommen, wider den Büchſenſpan....“ „Ich weiß ſchon; kann mir ſchon denken, was er vorgebracht. Franz hat mir nichts verheimlicht. Laſſen Sie das unter uns bleiben, und unterſagen Sie auch dem Schreiber....“ Während Emil mit ſeinem Verwalter weiter unterhandelte, hatte Caroline ihre Aufmerkſamkeit auf das Fenſterchen in der Zelle gerichtet, deſſen Unerreichbarkeit den Verwalter ſo ſtolz machte.„Wem es gelingt, eine recht hohe Dach⸗ und Feuerleiter her⸗ bei zu ſchaffen, die er von Außen anlegt,“ meinte ſie, „der könnte doch wohl dem Gefangenen Nachricht, 131 oder Mittel zur Flucht zuſtecken. Glaubſt Du nicht, Agnes?“ „Ich glaube wahrhaftig, Du glaubſt noch im⸗ mer... Doch, darüber wollen wir bald in's Klare kommen. Herr Verwalter, darf ich mir auf einen Augenblick Ihr Protocoll ausbitten? Wir ſind neu⸗ gierig den Namen des Gefangenen herauszuleſen, weil nach ihm das Gefängniß heißen ſoll.“ Der Verwalter zeigte ſich einigermaßen verlegen durch dieſe Anſprache, dennoch gehorchte er. Und Agnes las:„Emil Storchſchnabel, ſiebenundvierzig Jahre alt, und ſo weiter....“ „Siebenundvierzig?“ murmelte Caroline;„Nein das iſt er nicht.“ „Emil?“ wiederholte Agnes. „Emil Storchſchnabel?“ ſagte Emil;„das iſt eine wunderliche Zuſammenſtellung; um ſo wunderlicher,. da dieſer Taufname unter Leuten ſeiner Gattung ſehr ſelten vorkommt, und Dein Storch mit ſeinem Schnabel zu klappern fortfährt. Doch das ſind nichts⸗ ſagende Zufälligteiten und unſer Thurm mag in Gottesnamen ‚der Storchſchnabel’ heißen. Ich wün⸗ ſche ſeinem erſten Gaſte eine gute Nacht und Sie, Verwalter, tragen Sie Sorge, daß er morgen unter ſicherer Bedeckung dem Gerichte überliefert werde.“ 9* Zehntes Capitel. Agnes hatte das Gefängniß⸗Häuschen mit der Befürchtung verlaſſen, Herr von Schwarzwaldau werde durch die ominöſe Namens⸗Bruderſchaft ver⸗ ſtimmt und nicht mehr geneigt ſein, die Converſation zu führen; worin er dieſen Abend ſo glücklich im Zuge und was ihr um Carolinens Willen lieb geweſen war, die denn doch auch endlich einmal Gelegenheit finden ſollte, ſich zu überzeugen, wie geiſtig bedeutend und liebenswürdig Emil erſcheinen konnte,— wenn er wollte. Doch Agnes hatte ſich getäuſcht. Die augenblickliche Störung, die in ihres Gatten roſen⸗ farbener Laune allerdings bemerkbar geworden, wie ſich zum klappernden Storchſchnabel auf dem Schorn⸗ ſtein der fluchende Storchſchnabel in Haft, und zum gefängnißerbauenden Emil ein das Gefängniß ein⸗ weihender Emil geſellte, verlor ſich raſch, ohne die Spur einer trüben Färbung zu hinterlaſſen, ſobald ſie nur wieder im Freien ſich befanden und Hanns wurde ſogar geſtreichelt, da er ſich zu ihnen her⸗ nieder ließ. „Es muß ihm etwas ſehr Angenehmes geſchehen ſein,“ ſagte Agnes zu Carolinen,„was ihn ſtählt gegen 133 die Eindrücke, denen er ſich ſonſt rückſichtslos hinge⸗ ben würde.“ Die verſtändige Frau faßte mit ihrer kalten Beobachtungsgabe den richtigen Geſichtspunct auf, obgleich ſie von den Vorgängen des Tages nichts wußte. Wir werden ſpäter genau erfahren, wo⸗ durch Emih's bewegliches Herz mit freudigen Hoff⸗ nungen erfüllt worden. Damit dieſe Hoffnungen Boden finden und Wurzel ſchlagen konnten, mußte vorher hinweggeräumt ſein, was ſeit den Erörte⸗ rungen zwiſchen Franz und ihm als dumpfer Druck auf ihm gelaſtet. Und dieſe Reinigung hatte der Raubſchütz übernommen, der, wie wir ſchon ahneten, ein entwichener Sträfling war, der im Jäger Franz einen ehemaligen Kerkergenoſſen erkannt; ihre Be⸗ kanntſchaft dieſem laut vorgeworfen und dadurch den eben vorher gegen ſeinen Herrn trotzenden, Beſorg⸗ niß einflößenden Diener völlig niedergeſchlagen, ſtumm gemacht, tief gebeugt hatte. Emil empfand mit erleichterndem Wohlbehagen das Uebergewicht, wel⸗ ches ihm dadurch, ohne Verletzung eines ihm gegönn⸗ ten Vertrauens, über den gefährlichen Vertrauten zu Theil wurde. Das Schickſal hatte es gleichſam übernommen, die Folgen ſeiner leichtſinnigen und 134 unbedachten Hingebung,— für's Erſte wenigſtens,— zu beſeitigen. Franz zeigte ſich ſehr gedemüthiget. Deſto ſchwungvoller entfaltete ſich Emil's Be⸗ redtſamkeit. Kaum ſaß er mit den Damen am Thee⸗ tiſch, ſo bemächtigte er ſich wiederum des Geſprä⸗ ches, um es auf die räthſelhafte Neigung des Men⸗ ſchen hinzulenken, die ſo begierig iſt nach jeglicher Schilderung von Verbrechen und nach Erzählungen über diejenigen, welche dergleichen verübten.„Meines Erachtens,“ äußerte er,„wäre im Gebiete der Romanen⸗ Litteratur durch Criminal⸗Geſchichten noch viel zu leiſten. Freilich giebt es zwei verſchiedene Gattun⸗ gen derſelben. Man kann, wie es häufig geſchieht, wirklich verübte, zur öffentlichen Kenntniß gekommene Unthaten zum Gegenſtande der Darſtellung machen und ſich beſtreben, aus vorliegenden, vom Gericht be⸗ urtheilten und beſtraften Facten, das Weſen der Uebelthäter pſychologiſch zu entwickeln. Dieſe Ver⸗ ſuche werden gewiß den ſchauerlichen Reiz der Rea⸗ lität für ſich haben und ſchon deßhalb viele Leſer finden. Aber, künſtleriſch betrachtet, müſſen ſie viel zu wünſchen übrig laſſen; der Schriftſteller wird, nach mehr denn einer Richtung hin, gebunden, wird gezwungen ſein, zu ergänzen, auszuſchmücken, vor⸗ auszuſetzen, unterzuſchieben— ohne doch eigentlich 135 erfinden, ſchaffen zu dürfen. Dieſen Vorzug jedoch kann er gewinnen, wenn er Charactere producirt, aus denen er, naturgetreu und dichteriſchwahr, Thaten herleitet, deren innerſtem Weſen entſprechend. Men⸗ ſchen und Begebenheiten gehören dann ihm und dar⸗ um iſt er durch nichts eingeengt als poetiſcher Schöpfer. „Dennoch aber,“ warf Caroline ein,„wird es ihm niemals gelingen, ein Kunſtwerk zu ſchaffen, wofür er Dank erntet. Unbefriedigt durch den unvermeidli⸗ chen Ausgang ſolches Romanes, verletzt durch die davon unzertrennlichen Enthüllungen innerſter menſch⸗ licher Schlechtigkeit, wird der Leſer das Buch aus der Hand legen; wird gerechte Klage führen, daß der Autor ihn mit ſchlechtem Volke, mit gemeinen Laſtern zu unterhalten ſtrebt; und die Kritik wird es verwerfen.“ „Und doch,“ entgegnete Emil,„wird es immer wieder Leſer finden; ja, viele! Während kein gebildeter Menſch an Geiſterſpuk, noch Geſpenſter glauben mag, hört jeder Menſch von Phantaſie für ſein Leben gern Geſpenſter⸗Geſchichten erzählen. Während Kritik und feiner Geſchmack Criminal⸗Tragödien verabſcheuen, Criminal⸗Romane achſelzuckend verdammen, greifen wir Alle verſtohlen nach jedem Bericht, auch nach 136 dem trockenſten Auszug von gerichtlichen Verhandlun⸗ gen über große Verbrechen;— der Recenſent nicht minder als wir. Kein Menſch mit zarten Nerven wird die Schauer der Mitternacht gänzlich beſtegen, wenn er allein über einen Kirchhof geht. Kein Menſch von warmem Blute darf die Sympathie ver⸗ läugnen, die der Verbrecher,(vorausgeſetzt, daß dieſer nicht in ſeiner Rohheit ein halbes Thier ſei), bei ihm hervorruft.“— Caroline ſchwieg auf dieſen Einwurf. Es war, als wollte ſie, was ſie aus Emil's Munde vernom⸗ men, erſt noch einmal durchdenken und durchfühlen, um ſich Rechenſchaft darüber zu geben? Da ſprach Agnes, die bisher wenig Theil ge⸗ nommen zu haben ſchien, mit einer zwiſchen Spott und Ernſt ſchwankenden Biegung ihrer faſt männli⸗ chen Stimme:„Du ſollteſt einen Roman dieſer Art zu ſchreiben verſuchen!“ Wenn ein Blitzſtrahl ſchmetternd herniederfährt und die Bewohnerin des in ſeinen Fugen zitternden Häuschens ängſtlich harrt, ob er gezündet hat und ob die Flammen nun ausbrechen werden? mag etwa ihre Bangigkeit derjenigen gleichen, mit welcher nun Caroline lauſchte, was fuͤr eine Wirkung jene Worte her⸗ vorbringen würden? Sie konnten, wie harmlos an — und für ſich ſie klangen, in dieſer Gedankenfolge eine böſe Deutung erfahren, je nachdem Emil ſie aufnahm. Doch zeigte ſich jede Befürchtung bald unnütz. Der Befragte entgegnete nur:„Ich? bin ich denn ein Schriftſteller?“ Und Agnes,— vielleicht war ſie ſelbſt froh über ſeine Gleichgiltigkeit?— ſagte beinahe ver⸗ bindlich:„Hätteſt Du doch gewiß die Fähigkeit, einer zu werden; und ein recht intereſſanter... auch dürfte eine litterariſche Beſchäftigung Dir gut thun, da es Dir eigentlich an anderer mangelt. Die Landwirth⸗ ſchaft füllt Deine Zeit nicht aus, und Deine geiſtigen Bedürfniſſe eben ſo wenig.“— „Wer weiß, was geſchieht, wenn ſich mir ein pikanter Stoff darbietet? Mein Namensoetter Emil ſcheint wenig Ausbeute zu verſprechen und ein ganz ordinärer Taugenichts zu ſein. Wir müſſen abwar⸗ ten, ob ſich unter den künftigen Gäſten unſeres ‚Storch⸗ ſchnabels⸗ Exemplare vorfinden, die beſſer geeignet ſind, litterariſch, verarbeitet zu werden? Für heute ſetz' ich mich keinesfalls an den Schreibtiſch, denn ich habe noch einen Gang in's Freie vor.“ „Bei Nacht?“ fragte Caroline;„doch nicht etwa, um im Scheine des Mondes Abenteuer für einen Roman aufzuſuchen?“ 138 „Das hängt von Umſtänden ab,“ rief er lächelnd zurück; denn er eilte ſchon hinaus. Unten ließ er das bereits geſchloſſene Thor ſich öffnen und befahl dem Hausknecht, der dieß Amt über ſich hatte, keinem der Dienſtboten von ſeinem ungewöhnlichen Ausfluge etwas zu verrathen! Warum dieß Geheimniß? Was hat er denn vor, daß es verborgen bleiben müßte? Er wendet ſich der Gegend zu, wo er heute mit Franz gejagt und macht raſche Schritte, um vor zehn Uhr den Platz noch zu erreichen, auf welchem der von des Raubſchützen Kugel gefallene Rehbock liegen blieb. Aber wie rüſtig er ausbolt, er bemerkt im Scheine des Mondes drei Leute, die auf einem an⸗ dern Fußſteige, dennoch in gleicher Richtung mit ihm, den Vorrang gewinnen: ſeinen Förſter, den Revier⸗ jäger und einen Tagelöhner aus dem Dorfe. Dieſe erreichen das Ende des langen Ackerſtreifens früher als er und kaum haben ſie den Wald betreten, ſo erhebt ſich verworrenes Gezänk durcheinander ſchallen⸗ der Stimmen. Er muß wiſſen, was dieß bedeutet, weßhalb dieſer Streit entſteht, denn er ruft ‚ho, halloh, nennt die Namen des Förſters und des Jä⸗ gers und giebt kund, daß er ſelbſt herbeieile, um als Gutsherr den Zwieſpalt zu ſchlichten. Schier athem⸗ los kommt er eben zurecht, aus der dienſteifrigen 139 Forſtleute Händen einen jungen Mann los zu ma⸗ chen, der durch ihren Angriff überraſcht und erbittert, ihm entgegenſchreit: ob dieß etwa eine boshaft an⸗ gelegte Falle ſei?„Dieſer Herr,“ nimmt Emil ent⸗ ſchieden das Wort,„hat mir heute ſehr gefällig bei der Feſtnehmung des gefährlichen Raubſchützen Beiſtand geleiſtet; ich habe ihn erſucht, das erlegte Wild als Geſchenk anzunehmen und es hier abzuholen. Deß⸗ halb hat er ſich mit einem Träger eingefunden, und deßhalb hab' ich mich, weil ich Ihre unermüdliche Aufmerkſamkeit kenne, mein lieber Förſter, in Perſon an Ort und Stelle begeben, um ein leichtmögliches Mißverſtändniß aufzuklären.“ Förſter und Revierjäger traten zurück, lüfteten die Mützen und gingen ziemlich verdrüßlich von dan⸗ nen. Der Erſtere murmelte im Gehen ſeinem Unter⸗ gebenen in's Ohr:„Der Herr weiß nicht, was er thut; des bankerotten Nachbars Müſſiggänger von Sohn und der zerlumpte Strauchdieb aus Thalwieſe, der den Bock heim ſchleppen ſoll, ſie ſind gleichfalls Wilddiebe; alle Beide. Wer weiß noch, ob ſie nicht geſchoſſen haben und der Kerl im neuen Thurme nur ihr Gehilfe iſt?“ Zum Glück hörte Emil von dieſen Verdächti⸗ gungen nichts mehr. Er beeiferte ſich, den ſo ganz 140 wider ſeine Abſicht Beleidigten zu verſöhnen und dieſer ließ ſich endlich in ſo weit beruhigen, daß er den mitgebrachten Burſchen bedeutete, das Stück Wild⸗ pret auf ſeine Schultern zu laden und voranzugehen. Er ſelbſt blieb bei Emil zurück.„Ich ſollte mich eigent⸗ lich ſchämen,“ ſprach er zu dieſem,„Ihr Geſchenk angenommen zu haben, Herr Nachbar. Doch auf⸗ richtig geſagt, war es mir höchſt willkommen. Meine Eltern haben ſehr viel dagegen einzuwenden, daß ich mich von Früh bis Spät im Freien umhertreibe und verlangen, ich ſolle mich ihrer Landwirthſchaft wid⸗ men, die mich anekelt. Die mir einwohnende Jagd⸗ luſt verſpottet Vater, weil er am Beſten wiſſen will, daß auf ſeinem Revier nichts zu ſchießen ſei, als Eichkätzchen und Feldmäuſe: Als ich heute,— wie wir es mitſammen verabredet,— zu Hauſe meldete, ich hätte den Rehbock gerade in unſerem Reviere an⸗ geſchoſſen und Sie hätten mir geſtattet, ihn abholen zu laſſen, obgleich er erſt auf Ihrem Terrain ver⸗ endete, da brachte die Ausſicht auf einen ſo ſeltenen Braten günſtigere Beurtheilung meines Umherſtreifens hervor und ich denke etwa vierzehn Tage lang treiben zu dürfen, was ich will.“ „Es iſt erſt kürzere Zeit her, daß Sie bei Ihren Eltern eintrafen?“ 141 „Einige Monate. Ich war Fähndrich im.. ten Cavallerie⸗Regimente und fiel im Offiicier⸗Examen glorreich durch. Es waltete Malice dabei vor, dar⸗ über hegt das Officiercorps nur eine Meinung. Doch wurde mir dadurch die Sache verleidet und ich nahm meinen Abſchied. Bei mir zu Hauſe iſt, wie Sie denken können, großer Jammer, denn... wahrſchein⸗ lich wiſſen Sie, wie es in Thalwieſe ſteht?“ „Obgleich mit Ihrem Herrn Varer geſpannt, durch mannigfache nachbarliche, oder vielmehr höchſt un nachbarliche Streitigkeiten, bin ich doch ſehr genau unterrichtet...“ 9 „Dann werden Sie nicht ſtaunen, wenn ich Ihnen eingeſtehe, daß es mich zu Hauſe nicht leidet. Ich treibe mich herum bis in die Nacht, ohne Plan und Zweck; ich ſchlafe ſogar manchmal im Walde, um nur nicht an den Morgengeſprächen Theil nehmen zu dürfen, die immer wieder aus alten Lamentationen über die traurigen Geldverhältniſſe meines Vaters, in neue Anklagen über meine unterbrochene Laufbahn umſchlagen. Wenn Du nur wenigſtens ein fleißiger Landwirth werden wollteſt, um zu retten, was noch zu retten iſt! ſo lautet der Refrain jeglichen Klage⸗ liedes. Mich aber widert die Proſa des Ackerbaues 142 nicht weniger an, als es die Proſa des Soldaten⸗ lebens im Frieden, und die damit verbundenen Quä⸗ lereien unſerer Lehrer an der Dioiſionsſchule gethan. Ich ſehne mich nach Poeſte! Ich verſchmachte danach! Und weil bei uns nicht einmal ein Buch zu finden wäre, um den Durſt nur oberflächlich zu löſchen, ſo bleibt mir wohl nichts übrig, als Einſamkeit zu ſu⸗ chen, die wenigſtens nicht quält, wenn ſie auch nicht erquickt.“ Emil war ‚wegen körperlicher Untauglichkeit zum Dienſte ſeiner Militärpflichten längſt entbunden. Hätte der Arzt, welcher jenes amtliche Zeugniß ausgeſtellt, ihn jetzt wiedergeſehen, es dürfte ihm ſchwer gewor⸗ den ſein, die ‚Untauglichkeit ſeines Clienten vor der Erſatzcommiſſion noch einmal durchzufechten; denn aus dem ſchmalen Jüngling war ein gewaltiger Mann geworden. Doch dieſer wurde nichtsdeſtoweniger fort⸗ während durch alle Tabellen und Verzeichniſſe aus einem Jahr in's andere als ‚Ganz⸗Invalide“ weiter fortgeführt und bekümmerte ſich, auf Schwarzwaldau gebietend, um nichts weniger als um den Grad wiſſen⸗ ſchaftlicher Bildung, den ein zu prüfender Cavallerie⸗ Lieutenant inne haben müſſe. Vielleicht wähnte er, daß die Herren Examinatoren überſchwängliche Dinge verlangten; ohne zu erwägen, daß doch ſo Viele dieſen 143 Anſprüchen genügten, und daß Derjenige, der ſie nicht zu erfüllen im Stande ſei, mindeſtens unbe⸗ ſchreiblich faul genannt werden dürfe. Er geſiel ſich in dem Gedanken, in ſeinem jugendlichen Nachbar einen nach Poeſie Dürſtenden entdeckt zu haben. Was er geahnet, erfüllte ſich: er hatte gefunden, was er ſuchte, wonach ſeine Seele ſich ſehnte: einen Freund! Und einen Freund, wie er ihn brauchte. Nicht einen ihm gleichſtehenden, ſelbſtſtändigen, unabhängigen, jun⸗ gen Mann, der mit beſtimmten Anſprüchen und Zwecken auftretend, das Leben kennend, ein feſtes Ziel ver⸗ folgte und ihm bei vertrauterem Umgange vielleicht durch ſtarken Willen und practiſche Ueberlegenheit un⸗ bequem werden konnte? durchaus nicht! Einen Un⸗ fertigen, planlos Strebenden, im Dunkel Irrenden hatte das Schickſal ihm zugeführt, den er belehren, an dem er ſich einen Schüler gewinnen konnte! Wozu er, hätten bedenkliche Nebenrückſichten ſein erſtes Feuer für Franz nicht ſogleich wieder abgekühlt, dieſen ſeinen Livreediener gern machen wollen, dazu bot ſich nun, und zwar unter den günſtigſten Umſtänden, der Sohn eines Gutsnachbars,— wenn auch eines heruntergekom⸗ menen, mit ihm proceſſirenden dar! Guſtav von Thalwieſe erwiderte Emil's Entgegenkommen recht herzlich und hingebend; wie Einer, der ſeinem 144 Schöpfer dankt, daß ſich nur irgend ein Helfer zeigt, die langen, langweiligen Tage abzutödten. Auch ſchien er weder verwundert, noch verletzt, als Emil an den lebhaft ausgeſprochenen Wunſch fortdauernden Um⸗ ganges keine Silbe der Einladung nach Schwarz⸗ waldau fügte. Guſtav fand das in Erwägung der Mißverhältniſſe zwiſchen beiden Dominien ſehr na⸗ türlich. Und Emil, der nicht die geringſte Luſt ver⸗ ſpürte, in Perſon ſeines neugefundenen Freundes Caro⸗ linen einen Liebhaber zuzuführen, hütete ſich, nur deren Namen, oder den ſeiner Gemalin gegen Jenen zu erwähnen. Sie verabredeten, im Walde zuſammen zu treffen. Dorthin wollte Emil dem Leſeluſtigen Bücher mitbringen; dort wollten ſie, unbekümmert um Zeit und Geſchäfte, ungeſtört durch Dazwiſchenkunft Anderer, eine poetiſche Freundſchaft pflegen, die außer ihren eigenen Reizen auch noch den des Geheimniſſes bewahren ſollte. Natürlich gingen dieſe Anordnungen lediglich von Emil aus. Guſtav ließ ihn walten, ohne ſeine Phantaſie dabei ſonderlich in Unkoſten zu ſetzen. Wäre der Herr von Schwarzwaldau von dieſem neuen Spielwerk einer ſtets beweglichen Einbildungs⸗ kraft nicht verblendet geweſen, er hätte an ſeinem nachgiebigen und bereitwilligen jungen Freunde nicht, wie er wähnte, ein ſinniges Eingehen in geiſtiges 145 und gegenſeitig⸗förderndes Zuſammenleben geſucht; ſondern er hätte vielmehr dieſelbe Indolenz in ihm erkannt, die den Schläfer am Grenzteich gegen Caro⸗ linens Erweckungsverſuche unempfindlich gemacht. Auch ſchien der Mond nicht hell genug im Schatten der Bäume und Guſtay's ſchönes Antlitz ward nicht deut⸗ lich genug beleuchtet, um Emil's begeiſterte Wärme für einen poetiſchen Waldgefährten durch den unver⸗ kennbaren Ausdruck unbeſieglicher Verſchlafenheit ab⸗ zukühlen, den es wirklich trug. Erſt als mehrfaches Gähnen, nur künſtlich verborgen, den Fortgang des Geſpräches unterbrach und als der Gähnende über gewaltige Müdigkeit klagte, trennten ſie ſich. Doch nicht ohne zehnfach verlangte und eben ſo oft gege⸗ bene Zuſage, daß Guſtav morgen bei guter Zeit ſich im Grünen werde finden laſſen. Eilftes Capitel. Je länger Agnes und Caroline beiſammen blie⸗ ben, deſto inniger lebten ſie ſich miteinander ein. Und gerade der Unterſchied ihrer Naturen trug dazu bei. Wie in Agneſen bei aller Sanftmuth und rein⸗ ſtem Zartgefühl ein faſt männliches Weſen vorwaltete, 1856. I. Schwarzwaldau. I. 10 146 wovon ſchon der oben erwähnte, eigenthümliche Grundton ihrer Stimme Kunde gab, entfaltete Ca⸗ roline nach jeder Richtung hin die weiblichſten Vor⸗ züge und Schwächen. Wäre Agnes eben ſo geſchwäz⸗ zig,(um nicht den kränkenden und niedrigen Aus⸗ druck: ‚klatſchluſtige zu gebrauchen!) wie ihre Freun⸗ din geweſen, Beide hätten ſchwerlich lange gut ge⸗ than auf einem und demſelben Canapee. Weil aber die junge Hausfrau lieber hörte, denn ſprach; weil ſie verſtand durch manchen ſinnigen Einwurf, manche anregende Bemerkung dem Geſpräche diejenige Wen⸗ dung zu geben, die ihr eben behagte; und weil Ca⸗ rolinens Mittheilungskraft unerſchöpflich blieb, ſo fehlte es auch nie an Gedanken, die über dem wo⸗ genden Gefühls⸗Meere ſchwebten, wie der Geiſt über den Wäſſern. Ganz anders verhielt es ſich mit Emil und Guſtav. Zwar waltete auch bei ihren täglichen Waldzuſammenkünften der Umſtand ob, daß der Eine ſehr viel, der Andere beinahe gar nicht redete; doch mit dem bedeutſamen Unterſchiede, daß hier der häufig Schweigende die Kunſt des Hörens nicht verſtand; daß er ſich nur vorplaudern ließ, weil dieß ſeiner Faulheit zuſagte; daß er jedoch nicht ſelten die gewiſſe, durch Worte nicht auszudrückende, wenn 147 gleich ſtumme, dennoch ſprechende Beſcheinigung ſchuldig blieb, welche dem Redenden aus klaren Augen zuwinkt: fahre nur fort, meine Seele folgt Dir! Wer deßhalb den jungen Thalwieſer für einen Dümmling gehalten, hätte ſich getäuſcht. Nur zu unbequem war es ihm, geltend zu machen, was in ihm— ſchlummerte. Ihn aus ſeiner Schläfrigkeit aufzuwecken, bedurfte es leidenſchaftlicher Aufregungen. Höchſtens wenn Emil in ſeinen weit umfaſſenden Abhandlungen das Gebiet ſtreifte, welches die Erotiker inne haben, belebte ſich Guſtav's Aufmerkſamkeit bis zu ſichtbarer Theilnahme. Im Uebrigen ließ er den Redſeligen gewähren, der ſchon zufrieden war, ein Auditorium zu beſitzen; jenem Profeſſor gleich, welcher, vor ſeinem leeren Hörſaale ſtehend, den Univerſitäts⸗Pedell fragte: wo ſind denn heute meine Zuhörer? und die Antwort empfing: er iſt ſpazieren gegangen. Emil war im Ganzen glücklicher; denn er hatte deren mehr als⸗Hun⸗ dert, die aufmerkſamen Baumſtämme mit eingerechnet, unter denen ſich ſogar ‚bemooſete Häupter“ befanden, die zu des Docenten Vortrage nur dann ihre Köpfe ſchüttelten, wenn es ſtürmte. Guſtav nickte gewöhnlich mit dem ſeinigen, was Emil für unbedingte Bewunde⸗ rung hielt. Er war bald überzeugt, der durch's Examen gefallene Fähndrich kenne kein größeres 10* 148 Glück, als ſeinen belehrenden Umgang und hänge an ihm mit Seele und Leib. Deßhalb auch beglückte ihn die ſehr bald dargebotene Gelegenheit, ſolche anhängliche Freundſchaft durch thätige Beweiſe zu erwidern! Nur ein Seufzer war nöthig geweſen, aller⸗ lei verſchämte Bekenntniſſe über ſteigende Geldverle⸗ genheiten des Edelhofes zu Thalwieſe anzudeuten, als der reiche Beſitzer von Schwarzwaldau ſchon mit vollen Händen dieſen Seufzer in der Geburt zu er⸗ ſticken eilte; was der Seufzende anfänglich wie ein verletzendes Geſchenk zurückwies, nach kurzem Wider⸗ ſtande jedoch wie ein großmüthiges Darlehen an⸗ nahm; obgleich Geber und Empfänger ganz genau wußten, daß in dieſem Leben von Zuruckerſtattung nicht weiter die Rede ſein konnte. Dadurch gerieth denn Guſtav in eine fühlbare Abhängigkeit zu Emil; und die Art wie er ſich dabei ſubordinirte, hätte dieſen, wäre er minder befangen geweſen in ſeiner Vorliebe, minder eingenommen von dem eitlen Gefühl entſchiedenen Uebergewichtes, an des jüngeren Mannes Ehrenhaftigkeit irre machen und den Ver⸗ dacht erregen müſſen: die Grade freundſchaftlicher Empfindungen ſtänden hier unter dem Einfluſſe des Goldes? Aber auf ſolchen Argwohn geräth in der Regel nur Derjenige, dem auch für ſeine eigene 149 Perſon Gold und Goldeswerth mehr Zweck als Mittel iſt. Um niedrige Abſichten bei Anderen vorauszuſetzen, muß man ähnliche Regungen in der eigenen Bruſt tragen. Wo dieſe nicht keimen, erwecken erſt traurige Erfahrungen den vorſichtigen Zweifel an Anderer Aufrichtigkeit. Emil zweifelte durchaus nicht an Gu⸗ ſtav. Wenigſtens nicht an deſſen Seelenadel, wenn er daneben allerdings Urſachen fand, bei näherer Be⸗ kanntſchaft die Ausbildung litterariſchen Geſchmacks in Zweifel zu ziehen. Denn diejenigen Bücher, welche die reiche und ausgeſuchte Schloßbibliothek Schwarzwaldau's als beſonders empfehlenswerth in den Wald lieferte, erfreuten ſich ſelten großen Bei⸗ falls in Thalwieſe; dagegen war die Nachfrage um ſolcherlei Waare, welche prüfendes Urtheil gering ſchätzt, deſto dringender, und Guſtav geſtand aufrich⸗ tig, daß die ſogenannten ſchlechten Bücher ihm die beſten und unterhaltendſten wären. Dieß naive Be⸗ kenntniß konnte ſeinen kritiſchen Freund nicht erzůr⸗ nen; im Gegentheil, da es zur Belehrung heraus⸗ forderte, machte es die Verbindung nur feſter. Gu⸗ ſtav wendete niemals gegen Emil's Anſichten etwas ein. Dieſer nahm des Andern Schweigen für Ueber⸗ zeugung. Jedes Geſpraͤch galt für einen geiſtigen Sieg, für einen Fortſchritt. Wie viel empfänglicher, 150 bildungsfähiger als Agnes, die ſtets zu widerlegen wußte, zeigte ſich doch der junge Freund! Der herbſt⸗ liche Wald wurde für Emil zum blumenduftigen Frühlingshaine; liebliche Täuſchungen umgaben ihn; er wähnte einen wahren Freund geſunden zu haben. Er freute ſich wieder des Lebens und wies die Er⸗ innerung an jene jüngſtvergangene Zeit, wo er mit Selbſtmordgedanken umging, ſchaudernd von ſich; wie etwa der vom Wahnfinn Geneſene an ſeine Krank⸗ heit zu denken vermeidet. War es nun die Beſorg⸗ niß, jene Bilder wach zu rufen? War es die Be⸗ fürchtung, das wunderliche Freundſchaftsbündniß werde mit dem Geheimniß einen Theil ſeines zauberhaften Reizes einbüßen, was Herrn von Schwarzwaldau abhielt, gegen Guſtav auch nur die Namen Agnes und Caroline zu erwähnen? Auffallen mußte dieſes hartnäckige Schweigen dem Sohne des Nachbars von Thalwieſe endlich doch. Die Tage wurden kürzer, die Abende kühl. Im Schloſſe wären ihre Zuſam⸗ menkünfte gewiß angenehmer geweſen, als im feuch⸗ ten Walde! Aber Emil ſtellte ſich, wie wenn er gar kein Schloß beſitze, und Guſtav, der Agneſen nie ge⸗ ſehen und ſie für eine Art von Hausdrachen halten mochte, vermied jede Anſpielung auf Emil's Ehe⸗ ſtand; um ſo begreiflicher, weil in Thalwieſe die 151 Rede ging, alle Streitigkeiten zwiſchen beiden Häu⸗ ſern wären erſt zum feindſeligen Ausbruch gediehen, wie der Nachbar ſich verheirathet. Durch dieſen Rückhalt von beiden Seiten beſtand die ſeltſame Gaſt⸗ freundſchaft, die Emil in ſeinem Walde darbot, bis ſpät in den October hinein. Eines ſchönen Tages, der auf einen tüchtigen Morgenfroſt folgte, ſagte denn endlich Guſtav, indem er mit dem Kolben ſeiner Jagd⸗ flinte einige Reſtchen von Eis auf dem Grunde eines Grabens zerſtampfte, daß es knirſchte: „Nun, mein Theuerer, werden unſere Sitzungen bald bedenklich; wir ſind capabel am Boden feſtzu⸗ frieren. Wie wär' es, wenn wir einen andern Ort der Zuſammenkunft beſtimmten, der uns die Ausſicht auf einen alten würdigen Kachelofen eröffnet, in wel⸗ chem einige Beſtandtheile Deines ſchönen Waldes wärmend emporlodern? Haſt Du nicht zufällig eine ſolche ſtille, trauliche Zuflucht im Bereich Deiner Beſitzthümer?.. 4 „Ich habe mein— Wohnhaus,“ antwortete Emil. Er hatte ‚Schloß' ſagen wollen, ſich aber noch zeitig beſonnen, daß den Sohn der Thalwieſer morſchen und zerfallenden Herrenhütte ſo ſtolzer Ti⸗ tel verletzen könnte.„Ich habe mein Wohnhaus,“ 152 antwortete er und erröthete dabei; weil er ſich un⸗ möglich verhehlen konnte, daß Guſtav's Frage in ihrer ſcheinbaren Unbefangenheit doch einer wohlver⸗ dienten Rüge ähnlich ſei. „Mir iſt nicht unbekannt,“ fuhr Guſtav fort, „daß Schwarzwaldau alle Schlöſſer in der ganzen Gegend übertrifft; ich bin als kleiner Junge ſelbſt darin geweſen und glaube auch verſchiedene Oefen wahrgenommen zu haben. Aber nach Deinem bis⸗ herigen Verhalten zu ſchließen, mußte ich voraus⸗ ſetzen, Du wünſchteſt nicht, daß ich es wieder beträte?“ „Das iſt eine ſonderbare Vorausſetzung. Welche Gründe ſollte ich...“ „Weiß ich's? Ehrlich geſprochen, gab ich mir auch weiter keine Mühe, ſie zu ergrübeln. Doch können es mancherlei und verſchiedene ſein. Meine Eltern,— Deine Frau,— ich ſelbſt— vielleicht ſchämſt Du Dich meiner?“ Dieſe letzte Aeußerung glich einem Meſſer, wel⸗ ches man mit verbindlichem Scherze jemandem an die Kehle ſetzt. Faſt entrüſtet rief Emil aus:„Mei⸗ nes beſten, meines einzigen Freundes ſollt' ich mich ſchämen? Hältſt Du das für möglich?“ „Warum nicht? Deine Frau darf auch vielleicht nicht wiſſen, daß Du uns Geld geliehen; ſie ſoll nicht erfahren, wer es iſt, dem Du den größten Theil Deiner Muße widmeſtz; ſoll in mir den Sohn des Nach⸗ bars nicht erkennen, der mit euch proceſſirt...“ „All' das ſind leere Vorausſetzungen, Guſtav; weder auf meine Frau anwendbar, noch auf die Stellung, die ſie ihren eigenen Wünſchen gemäß, in Schwarzwaldau einnimmt. Um dergleichen Angele⸗ genheiten bekümmert ſie ſich nicht und ich bin un⸗ umſchränkter Herr, was die Verwaltung unſeres Eigenthums, wie die Entfaltung meines freien Wil⸗ lens betrifft. Daß ich Dich noch nicht aufgefordert habe, Dich bei mir einzuſtellen?.. mag es noch ſo ſeltſam klingen: mir war, als würde ein alltäg⸗ lich gewöhnliches Zuſammenkommen die Poeſie ver⸗ nichten, die unſere ſtillen Plätze im Walde um⸗ weht.. Guſtav unterbrach ihn:„Sie weht jetzt ſchon zu friſch; ſie macht Eis!“ „... Und dann... meine Frau hat Beſuch; eine Freundin; ſeit einigen Monaten; ich beſorgte, es könnte Dir unangenehm ſein, mit dieſer zuſammen zu treffen; deßhalb...“. „Wie ſo? Kenn'’ ich ſie? kennt ſie mich? macht ſie etwa gar Anſprüche an mich aus früherer Zeit?“. „Ich weiß nicht,“ entgegnete Emil ſichtbar ver⸗ ſtimmt,„ob Du dergleichen überhaupt zu fürchten haſt? Bei Demoiſelle Caroline Reichenborn gewiß nicht. Sie kennt Dich nur ſchlafend— und da man, wie das Sprichwort behaupten will, im Schlafe nichts Böſes thut, ſo haſt auch Du wohl nichts gegen ſie verbrochen.“ Es zeigte ſich bald, daß Guſtav keine Silbe mehr wußte von der Begegnung am kleinen Grenz⸗ teiche, oder Waldſee, deren nähere Umſtände Emil ihm aus Carolinens Munde nacherzählte.„Ich bin immer zum Schlafen ſehr geneigt, wenn es heiß iſt, und die letzte Hälfte des vergangenen Auguſt zeich⸗ nete ſich, wie Du weißt, durch Hitze aus. Die Schöne, — denn ich hoffe, Deine Gemalin iſt ſelbſt ſchön genug, um eine ſchöne Buſenfreundin neben ſich zu dulden,— mag mir verzeihen, daß ich ſo faul war. Ich bin von Wind und Wetter abhängig. Wenn der Froſt anhält, werd' ich munter ſein, wie ein Schneekönig!“ „Aus Allem geht hervor,“ ſagte Emil nach ernſt⸗ haftem Bedenken,„daß Du den Damen vorgeſtellt zu werden wünſcheſt und ich fühle mich verpflichtet, 15⁵ Deinen Wünſchen nachzugeben. Ich werde Dich heute noch anmelden und morgen erwarte ich Dich zum Erſtenmale in meinem Hauſe.“ „Du machſt ein Geſicht dazu, wie wenn es Dir noch ſo ſauer würde? Wäre gar etwas wie Eifer⸗ ſucht im Hinterhalte? Beſorgſt Du, ich könnte Dir bei dieſer Caroline in den Weg treten? Denn daß Du auf Deine Frau nicht eiferſüchtig biſt, hab' ich genug⸗ ſam aus Deinen Andeutungen über ſie entnommen. Wie? Intereſſirſt Du Dich für die Freundin des Hauſes? Dann laſſe mich lieber, wo ich bin, und melde mich gar nicht erſt an. Ohne mein Verſchul⸗ den könnt' ich da in einen Roman verwickelt werden. Und ſo gern ich geſchriebene Romane leſe, ſo ungern möchte ich in einem wirklichen mitſpielen. Laſſe mich alſo aus dem Spiele. Ich tauge überhaupt nicht für den Verkehr mit Weibern,— mit anſtändigen näm⸗ lich, wo ich mir Zwang auflegen muß.“— Dieſe Gleichgiltigkeit Guſtav's gegen ſeinen Ein⸗ tritt in's Schwarzwaldauer Schloß trug ſo unverkenn⸗ bar das Gepräge innerſter Wahrheit und konnte ſo durchaus nicht Verſtellung ſein, daß Emil ſich alsbald mit dem anfänglich widerſtrebenden Gedanken ver⸗ ſöhnte, den Waldfreund zum Hausfreunde zu machen. Eiferſucht hatte er zwar empfunden; aber es war 156 nicht die Eiferſucht des Gatten, vielmehr jene der Freundſchaft geweſen, welche befürchtet, durch eine Liebelei beeinträchtiget zu werden. Caroline hatte bei ihrer Ankunft den unbekannten Schläfer mit ſehr leb⸗ haften Farben gemalt. Daß ſie nichts unverſucht laſſen werde, ihn zu ermuntern, ihn für ſich ein zunehmen, war für gewiß an zunehmen. Ob Guſtav's Eitelkeit ſolchen Herausforderungen widerſtehen könne, mußte ſich nun erſt ausweiſen. Ruckgängig durfte die Ein⸗ ladung, nachdem dieß Wort einmal ausgeſprochen, nicht mehr gemacht werden. Es blieb alſo dabei: „Morgen läßt Herr von Thalwieſe der jüngere ſich bei Frau von Schwarzwaldau anmelden.“ Und mit dieſer Verabredung trennten ſich heute die Freunde. Emil ſagte den Erinnerungen an manche grüne Stunde im tiefen Walde wehmüthig Lebewohl. Guſtav mur⸗ melte:„Gott ſei Dank, daß dieſe ſentimentale Zi⸗ geunerei vorüber iſt!“ Zwölftes Capitel. Je verſchwiegener Emil über ſeine Zuſammen⸗ künfte im Walde geblieben war, um deſto mehr mußte Guſtav's erſter Beſuch auf die Damen wie etwas 157 völlig Unerwartetes wirken. Caroline vermochte bei der Anmeldung ihre Freude nicht zu verbergen. Bei Agneſen zeigte ſich ein faſt entgegengeſetztes Gefühl. Sie ſah in dem Beſuch eine Störung ihres Zuſam⸗ menlebens mit Carolinen, deren uns bekannte Schil⸗ derungen eben nichts beigetragen hatten, den jungen Nachbar für ein belebendes Mitglied der Geſelligkeit zu halten; die aber doch nicht ableugnen wollte, daß er ihr nicht gleichgiltig ſei; im Falle nämlich, wie doch zu vermuthen ſtand, Jener und der Wald⸗ ſchläfer ein' und dieſelbe Perſon waren! Agnes ſah voraus, daß für ſie nichts zu gewinnen, wohl aber die einzige Freundin zu verlieren ſei. Und in ſo fern ſah ſie ſchon im Voraus den gemeldeten Guſtav mit deuſelben Augen an, wie Emil Carolinen. Doch machte ſich gleich von Anfang Alles beſſer, als zu erwarten ſtand. Guſtav war verſtändig genug, ſein Benehmen am kleinen Waldſee zuerſt und unaufge⸗ fordert in's Geſpräch zu ziehen. Er debutirte gewiſſer⸗ maßen mit einem reumüthigen Bekenntniß, woran ſich die Nothwendigkeit knüpfte, ihn zu verſpotten. Er that dieß mit ſo naiver Hingebung und benahm ſich dabei ſo treuherzig, daß er dadurch die heiterſte Laune um ſich her verbreitete und die Damen zu lau⸗ tem, herzlichem Gelächter aufregte. Die Schilderung 158 ſeiner Faulheit und Schlafluſt bei warmen Tagen klang wahrhaft ergötzlich; ſchonungsloſer konnte kein Menſch gegen ſich ſelbſt verfahren; aber auch keiner konnte liebenswürdiger dabei erſcheinen. Emil war entzückt über ſeines Lieblings ungezierte Natürlichkeit, welche durch inſtinctartigen, geſelligen Tact ſich aus⸗ zeichnete. Caroline hörte aus jedem Worte ſeiner Entſchuldigungen und Anklagen das Geſtändniß her⸗ aus, wie leid es ihm ſei, erſt ſo ſpät aus dem Schlum⸗ mer aufzuwachen, der ihn verhindert, ſie deutlich zu ſehen. Und ſogar Agnes ließ die düſteren Vorahnun⸗ gen, welche ſich ihrer bei Guſtav's Eintritt bemäch⸗ tigen wollten, gern fallen, um mit den Andern fröh⸗ lich zu werden. Für eine neue Bekanntſchaft, aus welcher ſich ein lang dauernder Umgang entwickeln ſoll, kann es wohl nichts Günſtigeres geben, als wenn ſie in den Spätherbſt, in den Anfang des Winters fällt. Und nun gar auf dem Lande! Und nun gar erſt in einem Schloſſe, tief in großen immergrünen Wäldern lie⸗ gend! Der liebe Schnee war ſo freundlich, in dieſem Jahre nicht lange auf ſich warten zu laſſen. Er machte die Behaglichkeit der langen Abende vollkom⸗ men; denn es verſtand ſich ja von ſelbſt, daß der Gaſt nicht mitten im trauten Geſpräche aufbrechen 159 und durch Novemberſturm und Schlackerwetter eine Meile bis Thalwieſe bei Nacht zurücklegen durfte. Es wurde ihm ein eigenes Gemach angewieſen, ledig⸗ lich für ihn beſtimmt, wozu er einen Nachſchlüſſel empfing, damit er ungehindert ein⸗ und ausgehen könne, wie in ſeines Vaters Hauſe. Caroline hätte für ihr Leben gern Gewißheit darüber gewonnen, wie ſich Guſtav von Thalwieſe zu dem reiſenden Zwei⸗ geſpann verhalte, von deſſen Abendunterhaltung durch Wort und Lied ſie(in einem der vorigen Capitel) ihre Freundin unterrichtet. Doch wagte ſie nichts Entſchiedenes; ſie fing an zu bezweifeln, daß der mittheilſam gewordene Seeſchläfer auch zugleich der Zittauer Balladenſänger ſein könne, und fürchtete, ihn durch fragende Zumuthungen dieſer Art zu erzürnen. Agnes hingegen, nur von ganz gewöhnlicher Neugier und von keinem perſönlichen Intereſſe getrieben, ging der Sache geradezu auf den Leib. Sie erkundigte ſich ſchon am dritten Abend, ob vielleicht Herr von Thalwieſe muſikaliſch ſei? Ich ſinge ein Bißchen, erwiderte Guſtav. Emil zeigte ſich ſehr verwundert, von dieſem Talente niemals vernommen zu haben? Worauf ihm die Antwort zu Theile wurde: im Walde ſtände kein Forte⸗Piano! Aber hier ſteht eines, rief Agnes, und öffnete das ihrige.„Eigentlich ſpiel' ich 160 Guitarre,“ ſagte Guſtav;„auf dem Claviere begleit' ich mich ziemlich unvollkommen.“ Caroline wechſelte verſchiedene Blicke mit Agneſen, worauf dieſe weiter bat und drang, mit der Verſicherung: die Stimme und der Vortrag wären ja die Hauptſache und auf eine Handvoll Noten, die auf den Teppich fielen, käme es ja nicht an. Emil's heftig ausgeſprochenes Verlangen gab den Ausſchlag. Gnſtav ſchleppte ſich zum Inſtrument, wie ein halberwachſenes Rinderkalb zur Schlachtbank.„Der Teufel ſoll mich holen,“ ſeufzte er, „wenn ich mich ſeit zwei Jahren geübt habe!“ Abermals begegneten ſich ausdrucksvolle Blicke der Freundinnen. Kaum jedoch war die erſte Strophe erklungen, als Caroline Agneſen zuflüſterte:„Mit dieſem Liede hat er auch damals begonnen; er iſt es!“ Von Schule und Ausbildung konnte bei einem Naturaliſten dieſer Gattung die Rede nicht ſein. Aber die Stimme war angenehm, kräftig, die Art zu ſin⸗ gen weder weichlich noch geziert: die Articulation klar und deutlich. Emil lobte laut, was zu loben war. Auf Angneſen, die doch früher ihre entſchiedene Abneigung wider Tenorgeſang gegen die Freundin ausgeſprochen, machte das Lied eine ſo tiefe Wir⸗ kung, daß ſie ſtumm blieb und durch lauſchendes Schweigen allein unwillkürlich aufforderte, weiter 161 fortzufahren. Es ging dem Sänger, wie es den meiſten Dilettanten ergeht. Anfänglich können ſie ſich ſchwer entſchließen, zu beginnen; haben ſie be⸗ gonnen, können ſie ſich noch ſchwerer entſchließen aufzu⸗ hören. Er gab zum Beſten, was er nur im Gedächt⸗ niß mit ſich führte.„Weiß Gott, das vollſtändige Concertprogramm,“ ſagte Caroline halblaut. Guſtav fuhr auf:„Von welchem Concertpro⸗ gramm reden Sie, mein Fräulein?“ Sie rückte mit der Wahrheit heraus, zu Emil's allerhöchſtem Befremden. Auf ſo poetiſch⸗romanti⸗ ſchen Irrwegen hätte ſeine Phantaſie den ehemaligen Fähndrich nimmermehr geſucht! Dieſer ſperrte ſich keinesweges dagegen; mit ſeiner freimüthigen Derbheit ſprach er lachend:„Vor meinem Examen würde ich das Blaue vom Himmel herunter gelogen haben, ehe ich mich zu ſo dummen Streichen bekannt hätte; jetzt, wo ich mit Trompeten und Pauken durchgefallen bin, warum ſoll ich da noch Rückſichten nehmen, die zu nichts mehr führen? Ja, ich war es, der einen theaternärriſchen Schul⸗ freund auf einer ſogenannten Kunſtreiſe durch muſi⸗ kaliſche Zwiſchenſpiele unterſtützte, ſo weit meine Lie⸗ der reichten und ſo weit wir ohne gehörige Päſſe kamen. Da man uns dieſes unſchuldige Handwerk 1856. I. Schwarzwaldau. I. 11 162 legte, ging der Andere unter die Comödianten und ich ging nach Thalwieſe, wo ſie ſich ſehr wunderten über mein langes Ausbleiben auf einer Gebirgsreiſe und mich alsbald in die Uniform ſtecken ließen, aus welcher meine Herren Examinatoren mich wieder be⸗ freiten.“ „Und Sie haben in Carolinen gewiß Ihre auf⸗ merkſame Zuhörerin ſogleich wieder erkannt?“ fragte Agnes. „Auf Seele und Seelen⸗Seligkeit, nein, gnä⸗ dige Frau! Keine Idee! Sonſt hätt' ich jetzt nicht erſtaunen können über die Erwähnung des Concert⸗ programms aus des Fräuleins Munde.“— Guſtav mochte bald empfinden, ſo wie nur dieſe unüberlegte Aeußerung gethan war, daß ſie für Ca⸗ rolinen verletzend ſein müſſe. Er wollte wieder gut machen, was er abſichtslos verdorben; wobei er na⸗ türlich immer tiefer hinein gerieth, wie Jeder in ähnlicher Lage. Die Betroffene zeigte ſich wirklich gekränkt und verſtimmt. Beim Schlafengehen ſagte ſie zu Agnes:„Der Freund Deines Herrn Gemals ſieht mir ganz aus, als wünſchte er der Deinige zu werden?“ Worauf Agnes kalt entgegnete:„Laſſe mich nicht entgelten, daß der junge Herr unverbindlich 163 gegen Dich geweſen; Du weißt am Beſten, daß ich keinen Freund brauche, noch weniger ihn ſuche. Und am Ende will er Dich nur necken, weil— das alte Sprichwort kennſt Du ja.“ „Du machſt es in dieſem Augenblicke wahr, in⸗ dem Du mich necken willſt,“ ſagte Caroline.„Denn ich hoffe, wir lieben uns wirklich! Aber laſſen wir den durch's Eramen gefallenen Fähndrich ein für alle⸗ mal bei Seite, damit er ſich nicht zwiſchen uns Beide ſtelle und unſeren Frieden ſtöre. Mag er folgen, wel⸗ cher Fahne er wolle,— die meinige wird ſich nicht mehr neigen, ihn heran zu wehen. Er iſt ein Gro⸗ bian.“ Sie hörten wirklich auf, über ihn zu ſprechen. Und nicht allein für dieſen Abend, ſondern auch für die folgenden Tage. Agnes in ihrem Zartgefühl fürchtete, wenn ſie ſeinen Namen unter vier Augen nannte, eine Wunde zu berühren, welche die Freun⸗ din zwar verbarg und verläugnete, deren Daſein ſich. dennoch durch unwillkürlich ſchmerzhaftes Zucken kund gab; Caroline hingegen glaubte wahrgenommen zu haben, daß Agnes ihr vorgezogen ſei, weßhalb ſie gern vermied, den Gegenſtand heimlich quälender Eiferſucht zu berühren. Sie ſahen ihn täglich, rede⸗ ten ziemlich unbefangen mit ihm, lachten über ſeine 11*¾ 164 naiven Scherze; hörten auf ſeine Lieder, doch kaum hatten ſie ihm den Rücken gewendet, war es doch, als wüßten ſie nicht, daß Einer ſeines Namens lebe! In wiefern es Agneſen gleichgiltig ſein mochte, oder nicht, daß Guſtav nur für ſie zu ſingen ſchien, dar⸗ über zu entſcheiden wagen wir nicht, eher wir ſie ge⸗ nauer kennen. Daß Caroline ſich alle erdenkliche Mühe geben mußte, den Unmuth über ihre Zurück⸗ ſetzung nicht durchblicken zu laſſen, iſt gewiß. Dieſe Aufregung kam den geſelligen Abenden in Schwarz⸗ waldau zu Gute. Eigentlich bemüheten ſich beide Paare, wenn ſchon aus widerſprechenden und ſich gleichſam durchkreuzenden Urſachen, ſo liebenswürdig zu ſein, als es eben im Weſen und Character jedes Einzelnen lag. Unbezweifelt war es nur Gu⸗ ſtav's Perſönlichkeit, die auf alle Uebrigen ſolche be⸗ lebende Kraft übte; ohne ihn würden die winterlichen Abende mehr als winterlich⸗kalt und düſter geblieben ſein. Es iſt mit dem Umgange und Zuſammenleben verſchiedenartiger Menſchen nicht anders, wie mit chemiſchen Miſchungen, wo zwei oder drei Stoffe mit⸗ einander verbunden, ſich nicht rühren noch regen, ob⸗ gleich ſie, jeder einzelne an und für ſich, inhaltſchwer genug ſind; erſt wenn ein vierter, vielleicht der un⸗ bedeutendſte von ihnen, unter ſte kommt, beginnt das —QC—C———ÿ—ꝛ—x 165 lebendige Wirken. Am meiſten abhängig von Gu⸗ ſtav's Gegenwart, ſtets beſorgt ihn bei guter Laune zu erhalten, ihm die Anweſenheit in Schwarzwaldan möglichſt bequem und angenehm zu machen, zeigte ſich Emil. Dieſen bedünkte es, den Freund nicht mehr entbehren, ohne ihn nicht ferner ſein zu können. Deßhalb auch ſah er mit Entzücken, daß Caroline neben Agnes in den Hintergrund trat, daß Guſtav's Huldigung,(wenn deſſen Aufmerkſamkeiten ſolchen Namen verdienten,) ſich einzig und allein Agneſen zuwendete. Die Verehrung für die Herrin des Hau⸗ ſes mußte den Verehrer nothwendig an das Haus feſſeln. Caroline dagegen hätte, wär' es ihr gelun⸗ gen, ihn zu erobern, den Gefangenen unbedenklich heimgeführt, um ſich an ihn und ihn an ſie für immer zu ketten.— Guſtao war allbeliebt in Schwarzwaldau; wie es unbedeutende, oberflächliche Menſchen immer und überall ſein werden, wenn ſie keine großen Anſprüche machen, niemand beſchwerlich fallen und ihre ſelbſt⸗ ſüchtige, liebloſe Gleichgiltigkeit hinter anmuthigen Formen verſtecken. Derlei Leute ſind recht eigentlich Allerwelts⸗Leute und obgleich ſie es mit Niemand gut meinen, als mit ſich,(und auch dieß nur in deſchränktem Sinne,) wird man von allen Seiten 166 nur Gutes über ſie vernehmen. Der einzige Feind, der ihm am Orte lebte,— ein höchſt erbitterter, ein Todfeind freilich,— verrieth den wilden Haß, den er ihm geſchworen, durch keine Silbe, und hatte Kraft genug, demüthige Unterwürfigkeit zur Schau zu tragen, während Eiferſucht, Neid, Zorn und Rachſucht in ihm tobten. Der Jäger Franz bewegte ſich zwiſchen ſeinem Herrn und deſſen jungem Haus⸗ freunde ſtets gehorſam, ſtets lächelnd, ſtets beſchei⸗ den, als ob die ſeinen Ruf im Dorfe zerſtören⸗ den Ausſagen des längſt an's Gericht abgelieferten Wilddiebes ihn gänzlich vernichtet, ihm jedes Recht an früher gehoffte Vertraulichkeit genommen, jedes Andenken auf Emil's flüchtige Gunſt in ſeiner Seele verlöſcht hätten. Und Emil ließ ſich von dieſer verſtellten Reſignation täuſchen; wähnte den ſo plötzlich Bevorzugten und noch plötzlicher Verſtoße⸗ nen in tiefſter Anerkennung(ihm nur noch durch Schweigen erwieſener Großmuth,) zufrieden und dankbar; wähnte ihn ſchon glücklich, wenn er nur nicht aus dem Dienſte geſchickt werde, indeſſen Jener bei Tag' und Nacht über dunklen Entwurfen brü⸗ tete. Kein Auge beachtete den Unglücklichen. Nie⸗ mand nahm ſich die Mühe, aus ſeinen, durch ge⸗ waltigen Zwang entſtellten Zügen heraus zu leſen, — 1 167 was in ihm vorging? Nur Agnes,— vielleicht von einer geheimnißvollen Ahnung berührt, daß unter der grünen Leibjäger⸗Tracht ein Herz für ſie glühe?— äußerte einmal:„Seitdem Herr von Thalwieſe ſo viel bei uns iſt, kommt es mir unbegreiflich vor, wie Ihr von einer Aehnlichkeit reden konntet, die er mit dem Büchſenſpanner haben ſollte?“ „Und dennoch gab es eine ſolche,“ wendete Caroline ein und betonte dieſe Behauptung recht abſichtlich, als ob ſie wünſche Guſtav dadurch zu kränken; was ihr jedoch nicht gelang, denn Guſtav hörte gar nicht darauf. „Möglich,“ fuhr dann Agnes fort,„daß früher etwas dieſer Art wirklich beſtand? Jetzt find' ich keine Spur davon. Phyſiognomieen ändern und verändern ſich häufiger, als man meinen ſollte. Nun vollends die des Jägers Franz: der arme Menſch ſieht aus, wie wenn er den Keim einer Todeskrankheit in ſich trüge 2* „Daß ich nicht wüßte,“ ſagte Emil gleichgiltig. „Er iſt wohlauf.“ Damit war die Sache abgethan und kam nicht wieder zur Sprache. 168 Dreizehntes Capitel. Es iſt althergebrachte Sitte, vorzüglich in den⸗ jenigen deutſchen Gegenden, die ſchon mit zum Nor⸗ den des Landes gerechnet werden, beim Jahres⸗ wechſel, neben einem Austauſch frommer und herz⸗ licher Wuͤnſche und Verſicherungen, auch aufrichtige Eingeſtändniſſe mancher gegenſeitiger Beſchwerden oder Klagen darzubieten; für unwillkürlich⸗erwieſene Beleidigungen Verzeihung zu erbitten; ſich freund⸗ lich auszugleichen und,— wie man es nennt: ‚rei⸗ nen Tiſch zu machen,“ um daß ein Jeder ohne Vor⸗ wurf und leichteren Gemüthes in's neue Jahr hin⸗ über ſchreite. Wenn die Glocke ihre letzten zwölf Schläge gethan; wenn die Wächter mit klagendem Jubelrufe vermelden, daß ein Jahr begraben ward, damit ein neues den alten Jammer auf Erden be⸗ ginne; wenn die von heißem Punſch dampfenden Gläſer gegeneinander klingen; wenn die Männer ſich zutrinken; die Frauen nippen; da iſt ſchon manche Verſöhnung geſchloſſen, mancher halb zerſtörte Bund erneuert worden. Die Feierlichkeit dieſer Stunde liegt zuletzt auch nur in unſerer Einbildungskraft; wie mehr oder weniger jede an ein beſtimmtes Da⸗ tum geknüpfte Feier, einzig und allein durch den 169 Gedanken Bedeutung gewinnt, daß Millionen über⸗ einkamen, an demſelben Tage, zu derſelben Stunde, dasſelbe Feſt zu begehen. Der Deutſche, der in Rußland zum Beſuche lebt, begeht die ernſte Begrü⸗ ßung des Jahres nicht minder andächtig in den fremden Kreiſen, obgleich ſie zwölf Tage ſpäter fällt, als er daheim gewöhnt war. In Schwarzwaldau, wo den vier Hauptperſo⸗ nen unſerer Erzählung faſt jede Beziehung zur Au⸗ ßenwelt mangelte; wo ſelbſt zufällige Begegnungen mit Dorfbewohnern, wie ſolche noch im ſpäten Herbſt häufig geweſen, durch den tiefen Winter völlig ab⸗ geſchnitten, und die zwei Paare nur auf ſich ange⸗ wieſen waren;— in Schwarzwaldau hatte man, die Wahrheit zu geſtehen, den Sylveſterabend gera⸗ dezu vergeſſen; hatte des neuen Jahres gar keine Erwähnung gethan. Sie ſaßen beiſammen, wie ge⸗ wöhnlich; Emil,(auch wie gewöhnlich,) las ihnen vor, und zwar aus den kürzlich erſchienenen„‚Vermiſchten Schriften“ ſo wie aus den ‚Ghaſelen und lyriſchen Blätterne des Grafen Auguſt Platen⸗Hallermünde, woran Caroline wenig, Guſtav durchaus keinen, Agnes mit ihrem halbmännlichen Naturell um ſo größeren Theil nahm. Guſtav hatte ſich bereits in ſein Schickſal gefunden: wollte er dem armſeligen 4 170 Aufenthalte im väterlichen Hauſe zu Thalwieſe, wollte er den ſtündlichen Ermahnungen und Anklagen ſeines Vaters, wollte er den durch Mangel gebotenen Einſchränkungen ſeiner Mutter daſelbſt entgehen und der Heimath magere Küche mit Schwarzwaldau's Wohlleben vertauſchen, ſo mußte er auch wohl Emil's poetiſche Tyrannei in den Kauf nehmen und möglichſt gute Miene dazu machen. Brauchte er doch nicht Rechenſchaft abzulegen von ſeinem Verſtändniß des Dargebotenen; ſas er doch nicht vor den unerbitt⸗ lichen Examinatoren, durch deren vorwitzige Fragen er geſtürzt worden. Hatte er doch zwei junge Da⸗ men vor ſich, deren Eine ihn um ſo mehr beſchäftigte und reizte, je kälter und unempfänglicher ſie ſchein⸗ bar blieb; deren Andere ihn fortwährend daran er⸗ innerte, und die er nicht anſehen konnte, ohne ſich ſelbſt zu ſagen, daß ſie die einzige, unbezweifelt ſehr heirathsluſtige Tochter eines in behaglichen Ruheſtand zurückgezogenen reichen Kaufherrn ſei. Wenn Guſtav (und die häßlichen Examinatoren behaupteten es,) unwißend war, dumm war er doch nicht; weder dumm noch unerfahren in Liebesſachen; womit wir, wie wir ausdrücklich wiederholen, die eigentliche Sache der Liebe nicht bezeichnet haben wollen. Daß Caroline nur mit ihm maulte, weil ihr keineswegs 171 entging, wie Agnes ihm beſſer gefiel; daß es nur von ſeinem Benehmen gegen ſie abhänge, ſich ihren be⸗ ſten Willen zu gewinnen,— darüber war er im Reinen. Ob aber dieſer beſte Wille, auch in ſeiner wärm⸗ ſten Entfaltung, hinreichen würde, Papa Reichenborn für einen Schwiegerſohn zu gewinnen, deſſen leibliche Eltern auf Thalwieſe verkümmernd, der über ſie her⸗ einbrechenden Subhaſtation ſeit Jahren harrten,... das blieb eine andere Frage? Und Caroline als ver⸗ ſtoßene Tochter, ohne ihres Vaters Geld?... „Da find' ich immer noch Andere!“— lautete die Schlußformel jeder Ueberlegung und Erwägung. Gerade während Emil in Platens claſſiſchen Formbildungen ſchwelgte, ſeine eigene Schwächlich⸗ keit an deſſen kraftvollen, markigen Verſen erſtarken fühlte,— dem ſchwankenden Blättergewächs ver⸗ gleichbar, welches ſich um Marmorgruppen rankt und durch ſie Feſtigkeit gewinnt!— gerade da wog ſein Liebling Carolinens Erbtheil gegen Agneſens un⸗ nahbare, ſtolze Schönheit ab. Ein ermunternder Blick der Letzteren hätte genügt, die Schale zu ih⸗ rem Vortheile ſinken zu laſſen. Aber dieſer Blick fiel nimmer— und Guſtav gelangte zu keinem Ent⸗ ſchluße. Der Tafeldecker brachte den Thee und nachdem 172 er, wie üblich, die kleinen Tiſchchen geordnet, blieb er wider ſeine Gewoͤhnheit noch ſtehen, als ob er eines Auftrages harre, oder etwas anzubringen habe? Agnes, die das lauernde Aufmerken der Dienſtboten ein für allemal nicht liebte, richtete fragend ihr Auge auf ihn; Emil, der im Leſen inne gehalten, bis das durch den Eintretenden verurſachte Geräuſch vorüber wäre, fragte barſch:„was giebt's?“ „Unſere Leute im Schloſſe haben mich gebeten, — ich ſoll anfragen,.. ob ich ihnen vielleicht einen Punſch machen darf, wie vergangenes Jahr? Weil doch heute Sylbveſter iſt.“ „Von Herzen gern,“ rief Agnes,„und ich wün⸗ ſche Euch recht viel Vergnügen, wenn Ihr nur nicht verlangen wollt, daß ich von Eurem Gebräu koſte.“ „Und ich willige ein,“ ſprach Emil,„nur unter der Bedingung, daß für uns gleichfalls eine Bowle bereitet werde.“ „Das ließ ein guter Geiſt Dich ſagen,“ ſeufzte Guſtav.— Seit ihrer Bekanntſchaft hatte Emil ſeinen jun⸗ gen Freund noch nicht unter dem Einfluße geiſtigen Getränkes erblickt. Im Walde gab es nichts zu ſchlürfen außer Quellwaſſer; und an der Tafel zu Schwarzwaldau ging es her, wie an jeder Tafel, wo 173 der Hausherr kein Weintrinker iſt und nichts auf einen gut beſtellten Keller hält. Es wurden einige Sorten leidlicher Tiſchweine hingeſtellt, von denen Guſtav diejenige nahm, die ihm gerade zunächſt ſtand, und dann freilich eine Flaſche leerte,—(nach einer zweiten wagte er, der Damen wegen, nicht zu grei⸗ fen;)— was ihm und ſeiner aus beſſern Zeiten in Thalwieſe ausgebildeten Dispoſition nicht mehr be⸗ deutete, als ein mäßig angefüllter Fingerhut Caro⸗ linen etwa bedeutet haben dürfte. Beim Thee, den er inſtinctartig haßte, half es ihm wenig, weun er ein koſtbar geſchliffenes Rumfläſchchen möglichſt ganz in ſeine Taſſe auslaufen ließ, denn das hundert⸗ eckige, buntſchäckige Ding war nicht viel größer wie ein Flacon für Wohlgerüche. Guſtav hatte unter dieſen Entbehrungen eigentlich gelitten, weil er durch und durch ein Jünger luſtiger Gelage war. Nur die Gewißheit, daß ihn daheim, wie es jetzt ſtand, Aerger und Trübſal bedrohe, ließ ihn den Zwang erdulden, den Anſtand, feinere Sitte, vornehmer Ton ihm auferlegten. Gleichwohl brauchte er keine Furcht zu hegen, daß er die ihm gegönnte Gunſt verſcherzen könne, wenn eine Gelegenheit einträte, ſich beim Becher gehen zu laſſen. Er gehörte zu den,— allerdings ſeltenen— Menſchen, welche ſich ſogar 174 berauſchen dürfen, ohne plump, roh, gemein zu werden. Im Gegentheil: ſollten die Bande der Trägheit, die ihn ſtets feſſelten, gänzlich fallen; ſollte, was jugend⸗ liches Leben und Feuer in ihm hieß, zur liebenswür⸗ digſten Geltung gelangen; ſollte er auf ſeine Weiſe geiſtreich erſcheinen, ſo geſchah dieß am Sicherſten durch Beihilfe fremder Geiſter, die ihn erregten. Er wußte das; er kannte ſich; erinnerte ſich einiger Triumphe, die er in gemiſchten, wilden, doch groß⸗ ſtädtiſch⸗bevorzugten Geſellſchaften in ſolchem Zuſtande errungen. Deßhalb freute er ſich auf die Bowle; deßhalb nahm er ſich vor, unter der Aegide des neuen Jahres ihr wacker zuzuſprechen, ſich uber ſeine bisherige Stellung zu erheben, den Damen einen höheren Begriff von ſeinen Fähigkeiten beizubringen und vielleicht auch, inſpirirt wie er es zu werden dachte, zwiſchen Carolinen und Agneſen wählend, ſich zu entſcheiden, welchen Weg er im nächſten Jahre einſchlagen müſſe? Daß Emil von Schwarzwaldau nicht ſonderlich auf ſeinen Keller achtete, haben wir bereits erwähnt; und ohne Befremden, weil er ſelten Gäſte ſah und für ſeine Perſon ſich mit einigen Tropfen in Waſſer gemiſcht begnügte. Er liebte den Wein nicht, denn er verſtand ihn nicht; er war weder ein Kenner, noch ein Schmecker; 175 und ein brutaler Trinker zu werden, viel zu zart or⸗ ganiſirt. Solchen Leuten geſchieht es häufig, daß ſie den reinen Traubenſaft, auch in ſeinen edelſten Jahr⸗ gängen, ſorgſam vermeiden, dahingegen an irgend einer diaboliſchen und gefährlichen Miſchung hängen bleiben. Der Punſch, den der Tafeldecker ohne war⸗ ten zu laſſen,—(höchſt wahrſcheinlich iſt die Brauerei in der Küche ſchon vor eingeholter Bewilligung im Gange geweſen!)— herbeiſchaffte, duftete recht ver⸗ führeriſch. Emil widerſtand dem erſten Glaſe nicht, und da er trinkend fortredete, ſo trank er ſich in's Peroriren und perorirte ſich in's Trinken hinein. Gu⸗ ſtav dagegen trank ſo lange ſchweigend, bis Jener matt und müde wurde; dann löſete er ihn ab und trat zum Erſtenmale aus der bisjetzt bewahrten Hal⸗ tung, die, wenn auch nicht eben verzagte Schüchtern⸗ heit, doch den Damen gegenüber Zurückhaltung ge⸗ ſchienen, mit ungebundener Freiheit hervor. Wie hätte, wer ihn da hörte und beobachtete doch beklagen müſſen, daß ſo volle Naturgaben nicht ſorgfältiger benützt, daß ſie geradezu vernachläſſiget waren! Zu ſolchem Bedauern aber kamen die drei Anweſenden nicht; vor Erſtaunen kamen ſie nicht dazu. Emil erkannte den ſonſt ſo ſchweigſamen Waldgefährten in dieſem viel und gut ſprechenden Nachfolger nicht 176 wieder, welcher ihm das Wort gleichſam vom Munde nahm, und es nicht mehr zurückgab, ſondern an ſich behielt, als ob es von jeher ſein Eigenthum wäre? Agnes hörte aufmerkſam; ſie erkannte in dem gänz⸗ lich umgewandelten Menſchen höhere Gaben, deren Vorhandenſein ſie bis dahin nicht geahnt; zugleich durchſchauerte ſie ein Grauen, bei dem Gedanken, daß es der Exaltation durch halben Rauſch bedürfte, um ſolche Gaben aus dem Schlafe der Faulheit aufzu⸗ wecken. Caroline vergaß Eiferſucht, gekränkte Eitel⸗ keit, heimlich genährten Groll: ſie überließ ſich ohne Rückhalt bewundernden Empfindungen. Sie ließ ſich ſogar verleiten, von der Quelle zu naſchen, aus der Guſtav's Beredtſamkeit empordampfte; was Agnes je⸗ doch für eine weibliche Unthat erklärte. Aber trotz ihrer Abneigung durfte doch auch dieſe ſich nicht aus⸗ ſchließen, mit einem bis an den Rand gefüllten Glaſe anzuſtoßen, als des Wächters Ruf aus dem Schloß⸗ hofe herauf meldete, daß die verhängnißvolle Stunde ſchlug. Wie ſie mit Guſtao Glückwünſche tauſchte, flüſterte er ihr irgend eine kecke Anſpielung auf ihre kalte Sprödigkeit zu. Agnes gab ſich nicht die Mühe, darüber beleidigt zu ſcheinen; ſie zog vor, nicht ge⸗ hört zu haben, was der Punſch aus ihm ſprach. Caroline dagegen legte in ihren Neujahrsgruß eine 177 ſo unzweideutige Aufforderung:„ſich zu erklären,“ daß der Sinn derſelben dem Angeredeten unmöglich entgehen konnte, und daß Emil ſtutzig wurde. Bald nachher trennte man ſich. Emil begleitete Guſtav nach deſſen Zimmer. Guſtav ſtürzte ſich zu⸗ förderſt auf ſeine Cigarren⸗Kiſte, um ſich eiligſt für die langerduldete Entbehrung zu entſchädigen; was Emil, als erklärter Feind des Tabaks, mit nicht ge⸗ ringerem Unwillen ſah, wie Agnes die oft geleerten Gläſer.„Ich möchte mir zwei zugleich anbrennen,“ rief der Qualmende;„es iſt eine Tortur bis nach Mitternacht ſich zu ſehnen und zu ſchmachten, ehe man dieß Labſal aller Labſäle zwiſchen die Zähne klemmen darf. Ich faſſe nicht, wie Du zu rauchen verſchmähen magſt? Du entziehſt Dir den einzigen reellen Lebensgenuß.“ „Rede nicht ſo thöricht,“ erwiderte Emil.„Wer Dich ſo ſprechen hört, müßte wähnen, dieſer Unſinn ſei Dir Ernſt.“ „Etwa nicht?“ „Setze Dich doch nicht ſelbſt abſichtlich herab, Guſtav! Kann Derjenige ſolche entwürdigende Aeuße⸗ rung thun, dem vor einer Stunde die geiſtvollſten Scherze, die genialſten Blitze zu Gebote ſtanden?“ „Du biſt allzugütig; hat es wirklich geblitzt, ſo 1856. I. Schwarzwaldau. I. 12 178 war es der Punſch, den Euer alter Tafeldecker mit Feuer getränkt; ich bin unſchuldig: Genialität iſt mein Fehler nicht, wie Dir längſt bewußt. Aber daß ich Mancherlei durcheinander geſchwatzt, hat ſeinen guten Grund. Wenn ich vollkommen nüchtern und in meiner herkömmlichen ‚Pomade’ bin, wag' ich ſel⸗ ten, mich in Eure Geſpraͤche zu miſchen; aus Furcht, ich könnte mich vor Dir, oder vor Agnes—(Caro⸗ line ſcheint mir ſchon minder gefährlich,)— wer weiß wodurch und wie ſehr blamiren; denn Ihr Beide ſeid hölliſch gelehrt und gebt es mitunter etwas hoch. Heute hat mir der Punſch Courage gemacht und ich bin darauf gegangen wie Blücher.“ „War es wirklich nur der flüchtige Rauſch,“ fragte Emil forſchend,„den Dir übrigens Niemand abmerkte, weil Du Dich in den ſtrengſten Grenzen anmuthiger Lebendigkeit hielteſt? oder wirkte nicht auch der Wunſch: zu gefallen mit, welcher heute zum Erſtenmale ſich Deiner, unſeren Damen gegenüber, bemächtigte und Deine Eitelkeit erweckte?“ „Eins mit dem Andern, ich will's nicht leug⸗ nen; als ich bemerkte, wie Deine Frau über mich erſtaunte, empfand ich den Antrieb, dieß Erſtaunen zu ſteigern, ſo weit mein Vorrath reichte. Ich wollte zeigen, daß man in Mathematik und Geometrie durch's 179 Eramen fallen kann, und darum doch kein Schafs⸗ kopf zu ſein braucht. Du meinſt, dieß ſei mir ge⸗ lungen?“ „Höchſt glorreich. Und zu meiner eigenen Sa⸗ tisfaction. Die beiden Freundinnen werden meine Freundſchaft für Dich im künftigen Jahre nicht mehr ſpöttiſch belächeln, wie ſie im vergangenen gethan. Caroline beſonders...“ „Weil Du dieſe wieder nennſt... ja, ſie hat mir's unumwunden zu verſtehen gegeben, daß ſie nicht abgeneigt wäre... was meinſt Du, Emil, ſoll ich mein Glück bei ihrem Alten verſuchen? Denn bei ihr bedarf es weiter keines Verſuches mehr? Wenn Papa Reichenborn Fünfzigtauſend Thaler herausrückt, läßt ſich Thalwieſe behaupten und meine Eltern ſind aus aller Noth.“ „Fühlſt Du Liebe für ſie?“ „Nein. Sie gefällt mir nicht einmal, obgleich ſie gar nicht häßlich iſt. Aber darauf kommt es nicht an, wenn der Menſch ‚eine Partie machen“ will.“ „Wenn ich jenen Papa Reichenborn aus ſeiner Tochter Schilderungen zu kennen meine, iſt er keines⸗ weges der Mann, der ‚herausrückte.- Er hält feſt, was er hat.“ „Sie iſt ſein einziges Kind.“ 12*¾ 180 „Gleichviel. Er war Kaufmann und iſt der Anſicht: Reichthum dürfe ſich nur mit Reichthum verheirathen. Ein bankerotter Gutsbeſitzer⸗Sohn...“ „Das klingt ſehr hohl, allerdings. Man müßte eben gelinden Zwang eintreten laſſen. Es giebt Um⸗ ſtände, die es einem Vater höchſt wünſchenswerth machen, ſeine Tochter baldigſt unter die Haube zu bringen; ſollte auch Derjenige, welcher ihr ſeinen Na⸗ men giebt, noch ſo derangirt ſein.“ „Und dieſe Umſtände wollteſt Du herbeiführen? Wollteſt in meinem Hauſe...2“ „Ich dachte wirklich daran; ſeit dem dritten Glaſe!“ „Menſch, dachteſt Du denn auch an den Skan⸗ dal, den Du über Schwarzwaldau bringſt, wenn Deine frivole Abſicht gelingt? Dachteſt Du dabei an mich?“ „Was ſchadet Dir's? Biſt Du des Mädchens Vormund? Biſt Du der meinige? Laſſe mich ge⸗ währen; laſſe mich mein Glück machen!“ „Wenn Du das ein Glück nennſt, wenn Du es dafür halten kannſt, dann bleibt mir nichts mehr zu bemerken. Nur noch zu bitten bleibt mir, Du mö⸗ geſt mich von dieſem Augenblicke an nicht weiter in's Vertrauen ziehen. Ich will, ich darf nicht wiſſen, 181 was unter meinem Dache geſchieht wider die Ehre einer unbeſcholtenen Familie.“— Mit dieſen unwillig geſprochenen Worten wendete ſich Emil von Guſtav und verließ deſſen Schlafgemach. Doch in der Thüre kehrte er noch einmal um, ſchlug in dem Buche, woraus er, ehe der Tafeldecker die Punſchangelegen⸗ heit beförderte, vorgeleſen hatte, eine Stelle auf, be⸗ zeichnete dieſelbe durch das umgebogene Blatt, legte das Buch vor Guſtav auf den Tiſch und ſagte: „Lebe wohl!“ „Das klingt ja wie eine Trennungsformel?“ murmelte Guſtav, ſobald er allein war;„was ſoll ich mir denn aus dieſen hochtrabenden Gedichten zu Gemüthe führen?“ Und er las: „Freund, es war ein eitles Wähnen, Daß ſich unſ're Geiſter fänden, Unſ're Blicke ſich verſtänden, Sich vermiſchten unſere Thränen. Laß' mich denn allein, verſäume Nicht um mich die gold'nen Tage, Kehre wieder zum Gelage Und vergiß den Mann der Träume.“ „Das kann geſchehen,“ ſprach der junge ſchöne Mann gähnend und ſich dehnend;„das kann geſche⸗ hen; aber hol' mich der Teufel, nicht eher, als bis 182 ich mit Carolinen und ihres Vaters Gelde in Ord⸗ nung bin.“ Vierzehntes Capitel. Es konnte den Damen unmöglich verborgen bleiben, daß zwiſchen Emil und Guſtav etwas vor⸗ gefallen, daß eine Entfremdung eingetreten war, die bei Erſterem den Charakter verletzter Freundſchaft, ſtummen Grolles annahm, obwohl ſie ſich nur in den verbindlichſten Formen ausſprach und durch über⸗ triebene, unvertrauliche Höflichkeit ſich verrieth. Außer⸗ dem ſuchte der Herr von Schwarzwaldau, wie er bis dahin gleichſam durch Zauber an ſeinen Gaſt gebunden ſchien, jetzt jede nur erſinnliche Gelegenheit hervor, ihn und das Schloß zu verlaſſen; widmete ſich, den im Winter mühſam aufzufindenden Wirth⸗ ſchafts⸗Beſchäftigungen mit unerhörtem Eifer; und es blieb Guſtav nicht ſelten Tage lang bei Agnes und Carolinen allein. Daß er dieſe Zeit nicht un⸗ benützt ließ, begreift ſich aus ſeinen, im vorigen Abſchnitte ausgeſprochenen Vorſätzen. Daß Caro⸗ line ihm mit vollen Segeln entgegen zog, iſt eben ſo erklärlich. Daß aber Agnes durch dieſe plötzliche 183 Wendung der Dinge ſich verletzt fühlte; ja, daß ſie dieß zeigte, dürfte eher befremden. Wäre anzuneh⸗ men, daß ihr Gatte von Guſtav's eigennützigen und ſträflichen Plänen ihr Mittheilung gemacht? daß ſie aus eigener Anſchauung auf die richtige Spur gera⸗ then ſei? Dann läge eine Erklärung nahe. Doch da dieß unmöglich iſt, ſo müſſen wir annehmen, auch in ihrem reinen Herzen regen ſich eiferſüchtige Ge⸗ fühle; auch ſie, deren Kälte und Gleichgiltigkeit gegen jede erotiſche Empfindung Emil nicht ſtreng genug ſchildern konnte, wenn er mit Guſtav über die geiſtigen Vorzüge und edlen Eigenſchaften der Gattin ſprach, habe nun im Innern ihres Buſens erlebt, was ſie noch nicht kannte; habe erfahren, daß auch ſte ein Weib ſei. Wer iſt befähiget ſolche Fragen und Zweifel genügend zu entſcheiden? Der Erzähler muß ſich, will er Begebenheiten ſchil⸗ dern, gar häufig mit Vermuthungen, mit Andeutun⸗ gen begnügen und dem Leſer überlaſſen, aus eige⸗ ner Seele zu errathen und zu ergänzen, was des Schriftſtellers Feder mit feſten Zügen hinzuſtellen nicht wagt. Genug, zwiſchen Agnes und ihrem weiblichen Gaſte trat ebenfalls eine Spannung ein; nur mit dem Unterſchiede, daß ſie nicht wie ihr Gemal entfliehen, daß ſie nicht den Rücken kehren 184 konnte, wo Pflichten der Hausfrau ſie feſt hielten, Zeugin zu bleiben eines vor und neben ihr ſich raſch entfaltenden Liebeshandels. So trat ſie denn,— und wer vermag auch hier zu erforſchen, was dabei in ihr vorging?— trat ſie zwiſchen Guſtav und Carolinen mit dem Uebergewicht ihrer Schönheit, ihres Verſtandes, ihrer ſtolzen Ruhe; mit allen Vortheilen, welche letztere ihr verlieh. Guſtav wurde aufmerkſam und blieb auf halbem Wege ſtehen. Er empfand den Wechſel in ihrem Benehmen gegen ihn. Er wurde davon ergriffen: ſeine Eitelkeit begann ſich aufzulehnen wider die Berechnungen einer nie⸗ drigen Speculation; ſie flüſterte ihm zu: wie, wenn jene Kälte, die Emil als unüberwindlich zu ſchildern pflegt, vor Dir in lebendige Wärme aufthauete und zerſchmölze? Wenn ſie, die an jenes Gatten Seite einer zurückhaltenden, verſchloſſenen Jungfrau glich, jetzt ein Weib zu werden, heimlichen Antrieb fühlte? Sobald erſt Eitelkeit dazu gelangt, dieſe Sprache zu führen und gehört zu werden, iſt auch eine Em⸗ pfindung nicht weit, welche zwar den Ehrennamen „Liebe“ nicht verdient, ſich ihn aber im Laufe des gewöhnlichen Lebens anmaßt. Guſtav„verliebte“ 185 ſich bald in die Gemalin des Herrn von Schwarz⸗ waldau, ſeines Freundes, und brach, der eigenthüm⸗ lichen rohen Selbſtſucht junger Herren dieſes Schla⸗ ges entſprechend, mit Carolinen eben ſo kurz ab, als er im Hinblick auf ihres Vaters Caſſe keck und zuverſichtlich angebunden hatte. Da zeigte ſich denn, daß Agnes über ſolche der Buſenfreundin zugefügte Kränkung nicht zürnte; da zeigte ſich(auch bei ihr, der Edlen, Reinen,) ein ſelbſtſüchtiges Wohlgefallen an dieſer Zurückſetzung; welches ſich allerdings nur in ſanftem Schweigen ausſprach, ohne noch dem wandelbaren Anbeter die geringſte Ermunterung an⸗ gedeihen zu laſſen. Doch ſchon dieſes Schweigen genügte: Von dem Angenblicke, wo Agnes vermied, Guſtav's Namen zu nennen, wenn ſie mit Carolinen allein war, begriff dieſe, daß Freundſchaft ſich von Liebe hatte verleiten laſſen, Verrätherin zu werden oder ſchon zu ſein. Der Kampf ihrer Gefühle führte ſie ſehr bald zu einem Eutſchluße: ſie ſchrieb ihrem Vater, anſtatt wie ſie ſich vor Neujahr aus⸗ gedacht, um Verlängerung des Urlaubs zu bitten, er möge ihr baldigſt die ſchon bekannte Reiſegelegen⸗ heit ſenden, welche ſie von Schwarzwaldau abholen ſollte. Minder entſchieden und abgeſchloſſen benahm 186 ſich Emil. Nachdem Carolinens ſtolzer Ernſt ihn zuerſt errathen laſſen, daß Guſtav anderen Sinnes geworden ſei, wurd' es ihm denn auch nicht ſchwer zu errathen, daß der ſiegreiche Eroberer einen andern Feldzug begonnen habe und daß dieſer nur Agneſen gelten könne. Seltſamer Weiſe brachte das eine gün⸗ ſtige Wirkung hervor. Seine Geſinnungen für den jungen Freund nahmen wieder ihren früheren Schwung; wie er ſich dem mit Carolinen Vereinigten gänzlich entfremdet gewähnt, begann er dem von ihr Getrenn⸗ ten z ſich abermals zu nähern, was dieſer eben ſo ruhig und bereitwillig hinnahm, als er die vorher⸗ gehende Entfremdung aufgenommen. Gewiſſermaßen bildeten nun die Drei, ohne ſich darüber vereiniget und ausgeſprochen zu haben, einen Bund gegen Caroline. Emil ſah den ihm im kurzen Zwieſpalt erſt recht unentbehrlich Gewordenen jetzt ſchon durch doppelte Bande an ſein Haus gekettet, was ihn einerſeits beglückte, während andrerſeits der Argwohn, Agnes werde ſich auch nur ein Haarbreit aus ihrer ſtets feſtgehaltenen kalten Würde drängen laſſen, niemals aufkommen konnte. Eine platoniſche reine Liebe, die ſich nur in ehrerbietiger Achtung kund gab, mußte den, welcher ſie hegte, nothwendig veredeln; mußte ihn geiſtig und gemüthlich erheben! Emil 187 betrachtete den Neuerwählten mit ſo günſtigen Blicken, als ſei dieß ſchon geſchehen, als ſei die verklärende Metamorphoſe bercits eingetreten. Agnes freute ſich darüber. Um Carolinen bekümmerte ſich eigentlich niemand mehr. Was Wunder, wenn die Verlaſſene der Ankunft ihres Lohnkutſchers ungeduldig entge⸗ genharrte? wenn ſie, als er eintraf, mit haſtigem Triumph ihre augenblickliche Abreiſe verkündigte? wenn ſie ſchied, ohne Thränen im heißen Auge, ohne Wehmuth in der Bruſt, aber mit dumpfem Groll im ſchwergekränkten Herzen? Unter den Zurückbleibenden vertheilte ſich die Nachwirkung dieſes traurigen Scheidens höchſt ungleich. Agnes geſtand ſich ſelbſt ihr Unrecht ein und tröſtete ſich nur durch die Ueberzeugung, wo der Riß einmal ſo tief gegangen, helfe kein Bindemittel mehr. Emil dachte einzig und allein daran, wie viel angenehmer es ſei, Demoiſelle Reichenborn ohne Guſtav abreiſen zu ſehen, anſtatt mit ihm. Guſtav aber dachte an gar nichts, als an die Ausſteuer, die ihm da zum Schloßthore fort aus den Händen rollte; blies den Rauch ſeiner Cigarre in die Luft und lächelte vor ſich hin:„Jetzt iſt Agnes ohne weibliche Schildwach, — und eine reiche Partie kann ich ſpäterhin auch noch machen.“ 188 Die Reiſende jedoch netzte die Kiſſen ihrer Lohn⸗ kutſche mit reichlich ſtrömenden Zähren, denen ſie end⸗ lich freien Lauf gönnen durfte. Und das iſt der ein⸗ zige Unterſchied zwiſchen einem Todten⸗ und einem ſolchen Reiſewagen, daß im erſteren keine Thränen mehr vergoſſen werden; ſonſt bleibt ſich's ziemlich gleich. Geſtorben ſind im Angedenken der Zurück⸗ bleibenden, Ueberlebenden beide Leichen gar bald: die lebendige, wie die todte; abgeſtorben ſind beide. Wenn Einer, der mehr oder weniger im Wege ſtand, begraben iſt, meinen die von ihm Befreiten, nun ſei Alles gut und ein neues Daſein werde be⸗ ginnen. Das thut es auch. Im Anfang fühlen ſie ſich unbeſchreiblich wohl und behaglich. Wie lange aber dauert die Herrlichkeit? So lange bis entweder das Geſpenſt des Abgeſchiedenen zwiſchen ihnen auf⸗ ſteigt, allerlei Keime des Zwieſpaltes zu ſäen; oder bis ähnliche Keime, in ihnen ſelbſtwurzelnd, zu Schma⸗ rotzerpflanzen aufſchießen. Samen des Unkrautes war⸗ fen unſichtbare Mächte in jedes Sterblichen Bruſt, vor der Geburt ſchon. Daß er gedeihe, dafür ſorgt das Leben.—— Guſtav, wie oben geſagt, ſchob für's Erſte ſeine projectirte Reſtauration der Thalwieſer Staatsöcono⸗ mie in's Ungewiſſe hinaus, mit der entſchiedenen 189 Abſicht, ſich an Dasjenige zu halten, was ihm zu⸗ nächſt das Gewiſſe ſchien: ſein Glück bei Agnes. Und da begab ſich, was— leider allzuſelten!— doch bisweilen geſchieht, um übermüthige, eitle, durch ſchwache Weiber verwöhnte junge Sieger für kecke Zuverſicht zu züchtigen: er entdeckte, daß er hier mit ſeinen Erfahrungen bei leichtſinnigen Frauen (denn Andere hatte er noch nicht kennen gelernt!) keinesweges ausreiche; daß er ſich in ein höheres Gebiet verſtiegen habe, wo ſtrengere, ihm fremde Gei⸗ ſter die Herrſchaft führten, wo er ſich nicht heimiſch fühlte. Und dieſe Entdeckung machte er erſt, als er umzukehren nicht mehr die Kraft beſaß; als er ſich in ſeinen eigenen Schlingen gefangen ſah. Aus dem ungläubigen, mitunter ungeberdigen Schüler Emil's wurde, eh' er ſich's eingeſtand und ehe ſeine Wirthe im Schloſſe es bemerkten, ein demüthiger, in niege⸗ ahneter Sehnſucht aufgehender Sclave der Liebe. Lange konnte dieſe Umwandlung nicht verborgen blei⸗ ben. Sie zeigte ſich Agneſen in tauſend kleinen Nüancen; ſie gab ſich in ſanftem, kindlichem, von Dankbarkeit für die ihm zu Theil werdende Duldung erfülltem Anſchmiegen und Gehorchen gegen Emil kund; ſie erreichte endlich ihre höchſte Höhe durch das überſchwängliche Opfer ſämmtlichen Cigarrenvor⸗ 190 rathes, den der unerſättliche Raucher, aber dießmal nicht als Brandopfer, vor dem Altare ſeiner Anbe⸗ tung niederlegte; daß heißt, den er mit vollen Hän⸗ den unter das Stallperſonale vertheilte, nachdem Agnes eines Abends hingeworfen: ganz frei von dem üblen Tabaksgeruch gelange er doch auch nach ſorg⸗ fältigſter Säuberung niemals in ihre Gemächer. Das wirkte heftig auf Emil. In dieſer That erblickte er den Beweis einer gewaltigen Leidenſchaft, die ihn jetzt ſchon zu beängſtigen anfing, weil er einer ſolchen den Freund durchaus unfähig gehalten, und weil er ihre Folgen nicht zu überſehen vermochte; weil er auch an Agneſens oft erwähnter Kälte, an ihrer Gleichgiltigkeit gegen Alles, was in den Bereich irdiſcher Liebesneigung gehört, irre geworden war. Hatte ſie,— was nicht abzuleugnen ſtand,— Gu⸗ ſtav's Bewerbungen von Carolinen abgelenkt und ſich zwiſchen ihn und die Freundin ſtellend, Letztere förm⸗ lich vertrieben,— ſo hatte ſie nicht minder, nachdem nur dieſer Zweck erreicht war, ſich an ſolchem Tri⸗ umphe begnügend, ihre bis dahin ſtets bewahrte äußerliche Ruhe wieder angenommen und war immer abſtoßender geworden, je ergriffener Guſtav ſich zeigte. Wer mochte beurtheilen, ob dieſe Ruhe wirklich aus der Empfindungsloſigkeit unberührter Sinne? oder 191 ob ſie nur aus edelſtem weiblichem Stolze hervorging der ſich ſchämte, einen Augenblick lang eitlen, coquet⸗ ten Gelüſten unterlegen zu haben und der deßhalb mit eiſerner Macht wärmere Gefühle unterdrückte? Emil hielt ſich zu ſeinem eigenen Troſte gern an die erſtere dieſer Möglichkeiten; würde auch darin eine Bürgſchaft für friedliche Löſung durch die allmählich ſchlichtende Hand der Alles ausgleichenden Zeit ge⸗ ſehen haben, hätte Guſtav nicht unbedenklich der letz⸗ teren Anſicht gehuldigt und ſich in dieſe hineingelebt, wie ein eigenſinniger, trotziger, unbändiger Junge,— der er ſtreng genommen auch war, ſobald irgend ein unwiderſtehlicher Antrieb ſeine ſonſtige Faulheit über⸗ mannte. Emil ſtand zwiſchen zwei Feuern. Sein eheli⸗ ches Verhältniß war allerdings nicht ſo geſtaltet, daß eiferſüchtige Qualen eines wahrhaft beglückenden und beglückten Gatten ihn marterten; aber doch blieb ihm Agneſens Ehre heilig; er achtete ſie, wie wir wiſſen, als eine Makelloſe und fürchtete jeden Fleck, der jene entſtellen könnte, wie einen Fleck auf der eige⸗ nen Ehre. Guſtav's Zuverſicht und ungeberdige Ausdauer machten ihn beſorgt. Doch Dieſem die Thüre zu weiſen, wäre ihm gleichfalls unmöglich ge⸗ weſen, denn er fühlte ſich noch immer wie verzaubert 192 durch ſeine geheimnißvolle Anhänglichkeit; ja, gerade jetzt unwiderſtehlicher als je. Der Gedanke, Agnes auf irgend eine Weiſe verletzt, compromittirt zu ſe⸗ hen, war ihm ſchrecklich; der andere, nächſtliegende: mit ihr ſich darüber zu berathen, wie es am Beſten einzuleiten, am Schicklichſten durchzuführen ſei, daß Guſtav recht bald, Carolinens Beiſpiel folgend, Schwarzwaldau verlaſſe,— dieſen Gedanken ver⸗ mochte er gar nicht zu denken; ſein ganzes Herz ſträubte ſich dagegen, als müſſe es zerſpringen vor Gram über dieſe Trennung. Welch' eigenthümliches, gewiſſermaßen unbe⸗ ſchreibliches Zuſammenleben für drei ſo ſchroff ge⸗ trennte und zugleich ſo eng verbundene Menſchen! Man würde ungläubig ſtaunen bei Betrachtung ſolcher und ähnlicher Zuſtäͤnde, daß Diejenigen, welche, ſie erduldend, darunter leiden, es nicht vorziehen durch muthigen Entſchluß ein raſches Ende herbeizuführen, müßte man ſich nicht anklagen, durch eigene ſaum⸗ ſelige Unſchlüſſigkeit gar manchen ſchönen Tag ſeines Lebens verdorben zu haben; ein Vorwurf, der gewiß auch viele meiner Leſer trifft, wenn gleich in ganz verſchiedenen Lagen.. Für Emil und Agnes gab es nun wenig⸗ ſtens eine momentane Rettung aus dieſer langſam 193 fortſchleichenden Marter des täglichen Daſeins. Sie wurde ihnen gewährt durch ſteten Wechſel im Reiche litterariſcher Neuigkeiten, womit jenes Jahr geſegnet war und welche jeder Bote aus der Stadt zur Aus⸗ wahl mitbrachte. Gut und ſchlecht ſandte der Buch⸗ händler, wie der Markt es lieferte. Das Gute be⸗ lebte, das Geringere gab doch immer zu denken, zu vergleichen, zu beurtheilen. Von dieſem Troſte gei⸗ ſtiger Hebung blieb Guſtav ausgeſchloſſen. Was von Fähigkeiten und Verſtändniß ihm etwa einwohnte, ging unter im überwältigenden, verzehrenden Feuer ſeiner Liebe für Agnes. Nur diejenigen einzelnen Stellen in Büchern, welche möglicherweiſe verglei⸗ chende Anknüpfungspuncte darboten, konnten ihn ruck⸗ weiſe zur Theilnahme zwingen, die ſich ſodann ſtür⸗ miſch und für Agneſen erſchreckend offenbarte. Dieſe Ausbrüche einer ſonſt nach Innen brennenden Gluth erreichten eines Abends die unbändigſte Gewalt, als Emil aus einem franzöſiſchen Romane vorlas, deſſen jugendlicher Held manche Eigenſchaften Guſtav's zur Schau trug und dabei, wie dieſer, in hoffnungslos ge⸗ wordener Leidenſchaft für eine ſtrenge, unerbittliche Schöne faſt verzweifelte. Die Aehnlichkeit der Situa⸗ tion, im franzöſiſchen Texte nicht wegzuleugnen, wurde 1856. I. Schwarzwaldau. I. 13 194 noch vermehrt dadurch, daß der Vortragende, was im Buche ſtand, in deutſcher Sprache wiedergab; und dieß um Guſtav's Willen, mit deſſen Kenntniß des Franzöſiſchen es nicht abſonderlich beſtellt war, wie mit all' ſeinen Kenntniſſen. Solche Ueberſetzung aus gedruckter Urſchrift in mündliches Wort kann ſich un⸗ möglich frei halten von unwillkürlich gebildeten, auf der Zunge entſtehenden Umgeſtaltungen vieler Bilder und Gedanken, welche, ohne abſichtliches Dazuthun des Redenden, die Farbe nächſter Umgebung ange⸗ nommen haben, noch ehe ſie über die Lippen treten. Viele Deutungen, die Guſtav auf ſich bezog, wurden erſt dazu durch den Accent, den Emil darauf legte. Von Seite zu Seite ſteigerte ſich des Hörers Span⸗ nung; er wähnte, und er mußte wähnen, was da geleſen wurde, gebe man ihm zu hören, um ihn zu verſpotten. Krampfhaft ballte er die Fäuſte, zitternd hielt er ſein Schluchzen zurück,— bis er endlich keinen Widerſtand mehr zu leiſten vermochte, in con⸗ oulſiviſches Weinen ausbrach und zuletzt mit furcht⸗ barem Geheul aus dem Zimmer ſtürzte. Emil hatte ſo vollauf mit ſeiner ſchwierigen Aufgabe zu thun gehabt, daß ihm entgangen war, was Agnes bereits werden und wachſen geſehen. Ihre Winke und Zeichen, er möge inne halten, waren 195 ihm entgangen und jetzt mußte ſie ihm erſt aus⸗ einanderſetzen, was und warum es geſchehen ſei. In ihrer Auseinanderſetzung lag eine nicht deutlich aus⸗ geſprochene, dennoch unverkennbare Anklage wider ihn, daß er gerade dieſes Buch gewählt und dadurch Gu⸗ ſtav's Leiden veranlaßt habe. Emil wies dieſen Vor⸗ wurf in Worten zurück, die alle Schuld von ihm auf ſie übertrugen; die faſt wie Tadel klangen, daß ihre kalte, früher gezeigter Freundlichkeit widerſpre⸗ chende Strenge die einzige Urſache des unangenehmen Auftrittes ſei. Worauf ſie denn wieder entgegnete: ſo weit gehe ihre Ergebenheit als Gattin doch nicht, einen Liebeshandel zu beginnen, bloß damit ihrem Herrn Gemal ein unentbehrlicher Hausfreund erhal⸗ ten werde. Bitterkeiten jeder Art wurden ausge⸗ tauſcht, wobei ſie und er Denjenigen vergaßen, um deſſenwillen der Zwiſt ſich entſponnen. Es war eigent⸗ lich der erſte, in den ſie ſeit ihrer Verbindung mit⸗ einander geriethen. Deßhalb konnte nicht ausbleiben, daß aller Stoff zur Klage, ſeit zwei Jahren aufge⸗ ſammelt, von gegenſeitiger Schonung verhüllt, von zartſinniger Schweigſamkeit unberührt, jetzt auf ein⸗ mal hervorquoll. Sie ſagten ſich Dinge, die bis zum Tage ihrer erſten Begegnung zurückreichten. Sie zo⸗ gen mit heftigen, unbedachten Aeußerungen die 13 196 täuſchende Hülle von alten, tiefen Wunden, über deren Anblick Beide ſich nun faſt entſetzten. So ſchlimm hatten ſie ſich's nicht vorgeſtellt. Jedes hatte ge⸗ meint, des Andern Wunden ſeien längſt verharſcht? Und da zeigte ſich nun wie weit, wie klaffend ſie ſich um's Herz herum zogen, als ein unbewachter Augenblick ſie bloßgelegt. Und Emil wie Agnes mußten ſich eingeſtehen, daß ſie ſich gegenſeitig dieſe Leiden zugefügt; wenn auch nicht mit der Abſicht es zu thun; wenn auch nicht mit ſcharfen tödtlichen Waffen. Und anſtatt ſich, Eines das Andere anzu⸗ klagen, klagten ſie Jedes ſich ſelbſt an; gönnten ſich Mitleid, indem ſie ausriefen:„Du Armer!“„Du Arme!“ Aber weiter brachten ſie es eben nicht. Eine Verſöhnung, mit ihrem Aufwande von bitterſüßen Thränen, mit ihrer wollüſtig ſchmerzhaften ſinnlichen Aufregung konnte bei ihnen nicht vor ſich gehen. Sie hatten ja niemals gezankt, gelärmt, ſich niemals heftige Worte, oder gar hämiſch⸗beleidigende geſagt; ſie hatten ja niemals die Bahn der feinſten Sitte verlaſſen; immer ſich Wohlwollen und Achtung er⸗ wieſen.— Da iſt eine ſtürmiſch⸗ergreifende Verſöh⸗ nung eben ſo unmöglich, als früher verletzende Zer⸗ wuͤrfniſſe unmöglich waren. Der Zuſtand eines 197 ſolchen Ehepaares iſt, eben ſeiner ſcheinbaren Er⸗ träglichkeit halber, in Wahrheit um ſo troſtloſer. Das fühlten Beide in dieſer Stunde ſchwer. Wollten ſie die Leere ausfüllen, die zwiſchen ihnen lag, nachdem ſie mannigfache Geſtändniſſe ausge⸗ tauſcht,... was blieb ihnen übrig, als ſich mit Demjenigen zu beſchäftigen, durch welchen ſie zu die⸗ ſem Austauſch ſo lange geheim gehaltener Gefühle veranlaßt worden waren? Sie unterzogen Guſtav einer prüfenden, ſcharfen Beurtheilung, die wenig zu ſeinen Gunſten ausfiel. Sie verblendeten ſich keines⸗ wegs darüber, daß dieſer Genoſſe ihrer letztvergan⸗ genen Tage in mehr als einer Beziehung ihrer unwürdig ſei; und dennoch,— ſo unergründlich bleiben unſerer Seelen Tiefen und Untiefen!— ver⸗ einten ſie ſich in dem Bekenntniß: ihn faſt nicht mehr entbehren zu können. „Und dennoch wird er uns jetzt verlaſſen,“ ſchrie Emil auf;„wird mich verlaſſen, wenn Du ihn nicht zuruͤckhältſt!“ „Er ſteht Dir näher als mir,“ entgegnete Agnes;„an Dir iſt es, ihm begreiflich zu ma⸗ chen 4 „Was?“ „Daß Du dieſes unſelige Buch nicht wählteſt, 198 um ihn zu kränken, aufzuregen, oder gar zu ver⸗ ſpotten; daß es der Zufall Dir in die Hände ſpielte; daß Du leſend und übertragend nicht Acht auf ihn hatteſt; daß dergleichen in Zukunft ſorgfältig ver⸗ mieden werden ſoll; daß wir ſeine freundliche Ge⸗ genwart unſerer ländlichen Abgeſchiedenheit erhalten wiſſen wollen; daß wir herzlichen Theil an ihm neh⸗ men; Du... und ich auchl“ „Dieß Alles“ ſprach Emil,„kannſt Du ihm ungleich beſſer ſagen, als ich, den er in dieſem Augenblicke nicht hören wird; dem er zürnt, und nicht ohne Ur⸗ ſache, wenngleich ungerechter Weiſe. Aus Deinem Munde werden dieſe Aeußerungen mildernd auf ihn wirken, werden ihm eine beruhigte Nacht verſchaffen.“ „Und wie ſoll ich ihm dieſe— Beruhigung zukommen laſſen? Willſt Du es auf Dich nehmen, ihn aus ſeinem Zimmer herab zu holen?“ „Das würde vergebliche Mühe ſein. Wenn Du meine Anſicht billigeſt, ſo begiebſt Du Dich hinauf; denn will der Prophet nicht zum Berge kommen, dann muß wohl der Berg ſein Aeußerſtes thun...“ „Ich? Bei Nacht auf Guſtav's Zimmer? Zu einem Halbwahnſinnigen? Biſt Du es ganz?“ „Im Gegentheil, ich bin verſtändig genug, Dich zu begleiten: am Arme ihres Gatten kann jede 199 Hausfrau einen Gaſt beſuchen; gar wenn dieſer— krank iſt. Und krank war Guſtav, als er jetzt von uns eilte.“ „Ich fürchte, wir ſind es alle Drei,“ ſeufzte Agnes; „Jedes auf ſeine Weiſe. Darum laß' uns gehen.“ — Und ſie gingen miteinander. Fünfzehntes Capitel. „Ich habe dem Herrn von Thalwieſe Beiſtand leiſten wollen; aber mein guter Wille wurde zurück⸗ gewieſen. Er ſchlägt um ſich mit Händen und Füſſen.“ Dieſe Entſchuldigung brachte Jäger Franz vor, als Emil und Agnes ihn lauſchend vor Gu⸗ ſtav's Stubenthür fanden; worauf er ſich ſogleich entfernte, mit all' jener demüthigen Unterwerfung, welche er ſeit der Einweihung des Gefängniſſes dar⸗ gelegt. Emil wurde durch dieſe überraſchende Begegnung unſchlüſſig. Der ſtechende Blick, den der Jäger auf Agnes gerichtet, hatte mehr geſagt, als deſſen Mund; hatte verrathen, daß dieſer ſeither unbeachtete und ganz zurückgeſetzte Diener nicht aufgehört habe zu erſpähen, was um die angebetete Herrin vorging. 200 Emil hatte ſicher darauf gerechnet, daß niemand im Schloſſe den Beſuch ſeiner Gattin bei Guſtav be⸗ merken werde. Von Allen, die der Zufall in ihren Weg führen konnte um dieſe Stunde, wäre ihm Je⸗ der weniger unangenehm geweſen, als Derjenige, den wahrſcheinlich mehr als Zufall, den lauernde Abſicht herbeigeführt. Er zögerte, ungewiß ob er nicht lie⸗ ber umkehren und auch Agnes zurückführen ſollte? Dieſe jedoch machte dem Zweifel bald ein Ende; ſie öffnete die Thür und trat hinein, ehe Emil, der ihr die Wahrheit nicht ſagen mochte, einen Schein⸗ grund für ſeine Unſchlüſſigkeit herbeigeſucht. Es blieb ihm nichts Anderes übrig, als ihr zu folgen. Sie fanden Guſtav in ſeinen Kleidern auf dem Bette liegend, ſchwer athmend, die Augen geſchloſſen, weniger einem Schlafenden, als einem bedenklich Kran⸗ ken, einem Sterbenden ähnlich. Angnes, die entſchie⸗ den vorgedrungen war und erſt durch das ſpärlich von Emil's Wachskerzen auf das Lager fallende Licht den düſtern Anblick gewann, fuhr erſchrocken zurück. Emil ſtellte ſeinen Leuchter weg, näherte ſich dem Bette und ſagte leiſe:„Guſtav, Agnes kam ſelbſt um zu fragen, wie Du Dich befindeſt?“ Der Angeredete gab kein Zeichen des Verſtänd⸗ niſſes. Als Emil ſeine Hand zu faſſen verſuchte, 201 ſtieß Jener ſie von ſich und wendete das Geſicht völlig nach der Wand. „Er glaubt mir nicht,“ ſagte unwillig Emil, „nun iſt es an Dir, Agnes, Deine Gegenwart ſelbſt zu beſtätigen.“ Agnes nahm ihres Gemals Platz vor dem La⸗ ger ein, während dieſer ſich zurückzog. Sie redete lange vergebens. Guſtav ſchien auch ſie nicht zu hö⸗ ren, oder nicht hören zu wollen. Erſt nach und nach drangen ihre Worte, wie ſie bittender, inniger wurden in ſeine verſtockte, trotzige Apathie. Der ſtarre Krampf, der ſich um ſeine Bruſt gelegt und ihn eingeſchnürt hatte, fing an ſich zu löſen; er ging in leiſes Klagen und Wimmern über; die Wohlthat der Thränen über⸗ kam den Leidenden mit ihrer weichen Hingebung und er öffnete die Augen, feuchte Blicke nach Derjenigen gewendet, die ſich flüſternd zu ihm hinabneigte. In Emil's Herzen ſchwieg für dieſen Augenblick jede andere Regung; er empfand einzig und allein gerͤhrte Theilnahme, ſah in Agneſens Benehmen nur aufopfernde Güte einer vollkommen reinen Seele. Um keinen Preis hätte er die Heiligkeit ſolches Auf⸗ trittes als zudringlicher Zeuge ſtören wollen. Er nahm den Leuchter zur Hand, ließ den Schein der Kerze auf die Wand fallen und widmete— zum Erſtenmale 202 ſeitdem ſie da hingen,— den in jenes abgelegene Gaſtzimmer verwieſenen Schildereien eine Aufmerk⸗ ſamkeit, deren die unbedeutenden Tapeten gewiß nicht würdig waren. Er zwang ſich förmlich dazu, nur um die fortwährend Sprechenden nicht zu unterbre⸗ chen. Agnes redete jetzt nicht mehr allein. Guſtav antwortete, wenn auch in kurzen, abgeriſſenen Sätzen, deren einzelne Silben zwar unverſtändlich blieben, deren flehender Klang jedoch dem unwillkürlich Hö⸗ renden nicht entging. Schon erlahmte ihm der Arm, der den ſchweren ſilbernen Leuchter hoch empor hielt; ſchon fand ſein Auge beim redlichſten Willen an den grellen Bildern nichts mehr zu entdecken; ſchon ſann Emil auf eine paſſende Aeußerung, womit er ſich wieder umkehren und an dieſer, das verzogene große Kind beſchwichtigenden Verſöhnung thätigen Theil neh⸗ men könne?— Da erreichte ihn der von Guſtav's Lippen kommende, durch's hohe Gemach ſäuſelnde Hauch:„Agnes!“ mit einem ſo vielſagenden Tone, daß er haſtig den Kopf wenden mußte,— mochte er wollen, oder nicht! Und er ſah Guſtav's Arm um Agneſens Hals geſchlungen; ſah noch, wie dieſe ſich mühſam losmachte; ſich emporrichtete; ſah,— oder wähnte geſehen zu haben,— wie ihre Hand auf Guſtav's Stirne lag. 203 Es durchzitterte ihn dabei ein unbekanntes, frem⸗ des Gefühl, dem er weder Namen noch Bedeutung, von dem er nicht Rechenſchaft zu geben wußte: ob es ihn mit Zorn, ob es ihn mit Wonne erfülle? Jedenfalls raubte es ihm die Sprache; denn er fand kein Wort, ſich, wie es ſeine Abſicht geweſen, wieder in's Geſpräch zu miſchen. Er ſtand unbeweglich; nur daß die Hand, welche den Leuchter hielt, langſam herab ſank, immer tiefer und tiefer. Agnes mußte das Schweigen brechen. Sie that es, wenn auch mit bebender Stimme, dennoch mit jener Faſſung, welche das Weib auch da noch zu bewahren verſteht, wo der Mann aufhört, ſeiner Bewegung Herr zu bleiben. Sie ſagte lä⸗ chelnd:„Er iſt wieder zu Verſtande gekommen; er ſieht ein, daß er Dir Unrecht gethan, daß Du ihn mit Deinem dummen Buche weder betrüben, noch verhöh⸗ nen wollteſt; er begreift, daß ähnliche Scenen unſer künftiges Zuſammenleben unmöglich machen würden; und er hat mir ſein Verſprechen gegeben, daß ſo etwas nie mehr geſchehen ſoll. Auch wird er es hal⸗ ten. Nicht wahr, Guſtav?“ „Auf Ehre!“ lispelte dieſer, indem er ihre Hand an ſeine brennenden Lippen zog. „ Alſo kein Groll mehr zwiſchen Euch Beiden,“ 204 fuhr ſie fort, ergriff den Leuchter und drängte Emil zu Guſtav's Bett. Dieſer ſaß jetzt halb aufgerichtet. Die Haare hingen glänzend feucht über ſeine Stirn herab, wie nach einem wilden Fieber; die feurigen Augen glänz⸗ ten zwiſchen den dunklen Locken hervor, mit unruhi⸗ ger Gluth. Er ſtreckte dem ſich langſam und zweifelnd Nähernden beide Arme entgegen, zog ihn an ſich, ſchmiegte ſich an ſeine Bruſt, ſtreichelte ſeine Wangen und verſicherte ihn,(was er nie, auch in ihren vertrau⸗ lichſten Waldſtunden nicht gethan,) der wärmſten, hin⸗ gebendſten Freundſchaft, der dankbarſten Anhänglichkeit. „Welch' ein neuer Geiſt iſt doch über Dich ge⸗ rathen?“ rief Emil.„Welch' ein Stern iſt in dieſer Nacht an unſerem dunklen Himmel emporgeſtiegen! Wie biſt Du auf Einmal ein Anderer geworden!? Wär' es möglich, wär' es denkbar, daß wir Drei, durch ein heiliges, geheimnißvolles, wenn auch jeg⸗ lichem Fremden unbegreifliches Bündniß, beglückenden Tagen entgegen ſehen dürften?“— Er wollte weiter zu ſprechen fortfahren, denn er war im Zuge. Doch Agnes, mit dem richtigen Tacte des Geiſtes und Herzens, wie er nur edlen Frauen eigen iſt, empfand alſobald, daß Worte der Erklärung und Auseinander⸗ ſetzung, möchten es auch die wohlklingendſten ſein, 205 dieſe Stunde nur entweihen, ihren Frieden nur ſtören könnten. Sie wußte beſſer, als Emil es ahnen mochte, auf welch' vulkaniſchem Grund und Boden der Tempel dieſes Friedens errichtet war; ſah die furchtbaren Erſchütterungen wohl vorher, welche das flüchtige Gebäude in Trümmer zu ſtürzen drohten; weil ſie nicht ausbleiben konnten, ſobald neue, küh⸗ nere Wünſche über die heutige Wehmuth des kaum beſchwichtigten, in Wonnethränen verſchwimmenden Freundes wieder ſiegten. Sie ſchnitt Emil's Rede ab mit der Aeußerung: „Jetzt laſſen wir ihn; er bedarf der Ruhe und dieſe findet er nur, wenn er allein bleibt.“ Dabei ergriff ſie den Leuchter, den ihr Gemal fortgeſtellt, als er ſich zum zweitenmale Guſtav's Lager genähert, und begab ſich aus dem Zimmer, ohne Rückblick. Sie eilte, wie wenn ſie laͤnger zu weilen fürchtete und ließ die Freunde im Dunkel zurück. Bald nachher tappte ſich auch Emil durch die finſtern Gänge; aber nicht, um wie gewöhnlich in ſeine Gemächer zu tre⸗ ten. Er ſtellte ſich bei Agnes ein, die über des Gatten Erſcheinung erſchraf, wie ſie über einen, aus dem Verſteck hervorbrechenden Räuber hätte erſchrecken können:„Was willſt Du bei mir?“ fragte ſie. „„Dir danken für das Opfer, welches Du mir 206 gebracht; für die Güte, womit Du meine Bitte erfüllteſt; für die Nachſicht und Geduld, welche Du daran ſetzen wollteſt, einen Unbändigen wieder zu zähmen, der mir ohne Deine Großmuth verloren war.“ „Und wer ſagt Dir, Emil, daß ich großmüthig für Dich allein handelte? Wer bürgt Dir für mein Herz, ob es nicht ſeinem eigenen Antriebe folgend, denjenigen zu verſöhnen, aufzurichten ſtrebte, den es auch ſich erhalten wiſſen will? Woher weißt Du ſo beſtimmt, daß mir Guſtav gleichgiltig iſt?“ „Gleichgiltig— nun das ſag' ich ja nicht. Du biſt zu wohlwollend, zu gut, als daß Dir ein gutmüthiger, eigentlich begabter, wenn auch vernach⸗ läſſigter junger Mann, den ich lieb habe, an den ich nun ſchon gewöhnt bin, den ich kaum zu entbehren wüßte, gleichgiltig ſein könnte. Einem edlen Gemüthe wie dem Deinigen iſt kein Menſch gleich⸗ giltig, am allerwenigſten ein harmloſer Hausfreund, der Wohlthaten von uns empfängt....4 „— Harmlos? Verzeih', Emil, dieſe Bezeich⸗ nung erſcheint mir nichts weniger als treffend. Mir fällt dabei ein, was ich neulich in irgend welchem gedruckten Reiſeberichte las, daß im Garten einer durch vielſeitigen Kunſtaufſchwung berühmten Reſt⸗ denz die aus einem Diſtichon beſtehende Inſchrift 207 auf dem Poſtamente einer antiken Statue mit dem Worte ‚harmlose beginnt und daß dieſes Wort, weil die Oeconomie des Raumes den Steinmetz dazu zwang, allein die erſte oberſte Zeibe bildet. Da nun Dienſt⸗ maͤdchen und ähnliche Kunſtkennerinnen ſich die Mühe erſparten, den claſſiſch⸗gefeilten Vers weiter zu leſen, ſo blieben ſie beim ‚Harmlos⸗ ſtehen, nahmen an, dieß ſei der Name des in Stein gebildeten Gottes und beſtellen, wenn ſie ein abendliches Stelldichein u geben beabſichtigen, ihre Beglückten in den dunklen Garten, wo er und ſie ſich beim„Harmloss ſin⸗ den wollen. Nichtviel weniger harmlos als Jener ſteinerne dünkt mir unſer Gaſtfreund aus Fleiſch und Blut.“ „Einer Caroline gegenüber, die aufrichtig geſagt, in manchen ihrer Eigenſchaften an die von Dir erwähnten Nichtleſerinnen des Diſtichons erinnern könnte—“ „Thu'’ ihr nicht Unrecht, Emil!—* „Durchaus nicht; doch ich wiederhole: ihr gegenüber wollte ich für Guſtav nicht ſtehen. Aber Du, die mit einem Worte, mit der Senkung oder Hebung eines Augenlides ihn zu beherrſchen vermag; deren Uebergewicht um deſto mächtiger bleibt, je we⸗ uiger Du empfänglich biſt, Deinem ganzen Weſen 2 208 nach, für das, was ſo vielen trefflichen Frauen doch Nebeln ähnlich zu Kopfe ſteigt und ihnen die Be⸗ ſonnenheit auf Augenblicke zu rauben vermag.— Du haſt nie und nimmer zu fürchten; ſogar dann nicht, wenn Du dulden wollteſt, was Du heute in unaus⸗ ſprechlicher Herablaſſung geduldet, wie der Arm des Weinenden Dich umſchlang, daß er.. 34 Agnes wurde leichenblaß und glühendroth binnen zwei Momenten. Sie hatte nicht gewußt, daß Emil geſehen, was ſie erlebt zu haben gern vergeſſen hätte. Jetzt nahm ſie ſeine vorhergegangenen Zuſicherungen für Hohn. Dadurch wurde ſie verführt, ihm höhniſch zu erwidern, was gegen ihren Character war:„Ich konnte ja nicht wiſſen, wie weit ich als gehorſame Gattin gehen ſoll und darf, die Launen meines Ehe⸗ herrn zu befriedigen? Wenn er mich erſt einem An⸗ beter zugeführt, wäre es, ſollte ich meinen, nicht an ihm, ſich über meine Fügſamkeit zu beklagen; und am wenigſten durch Spott, der mir von allen erſinn⸗ lichen Kränkungen die verletzendſte iſt.“ Emil verſicherte, daß er dieſen Vorwurf nicht verdiene; daß er an Spott nicht gedacht habe. Doch ſie glaubte ihm nicht mehr. Sie beharrte bei ihrem Groll; und daß ſie dießethat, weiſet allerdings ſchon auf eine mächtige Veränderung in ihrem Herzen hin. 209 Sie ging noch weiter. Sie lehnte ſich gegen den vermeintlichen ſpöttiſchen Angriff geradezu auf, indem ſie ſich ſelbſt noch ſchärfer anklagte, als Emil es(un⸗ freiwillig) gethan.„Wenn Du,“ fuhr ſie heftig fort, „die ſchlechten Bilder an der alten Tapete ſo auf⸗ merkſam zu ſtudiren ſchienſt, um unterdeſſen heimlich nach uns ſchielen zu können, ſo ſollte Dir unmöglich entgangen ſein, daß wir bei der Umarmung uns nicht begnügten; daß auch ſeine Lippen die meinigen be⸗ rührten; daß ich ihn nicht von mir ſtieß, als er mich küßte.“ „Das hab' ich nicht geſehen,“ ſagte Emil, ge⸗ rührt durch den unverholenen Schmerz, der aus ihrer Stimme hervorbrach und ohne welchen ſie ſich ſelbſt gewiß nicht auf dieſe unerhörte Art verleugnet haben würde;„das hab' ich nicht geſehen, Agnes; doch hätt' ich es, unter dieſen ganz eigenthümlichen Ver⸗ hältniſſen könnt' ich es eben auch nur gebilliget haben; und ich danke Dir, daß Du mir es erzählteſt. Ueber⸗ haupt: handle, wie Du willſt; thue, was Dir das Rechte ſcheint; ich werde Alles loben; ich werde nie an Dir zweifeln. Um ſo weniger, je weniger Du an mir zweifelſt; je herzlicher und offener Du mir vertrauſt. Wir ſind ein ungkückliches Ehepaar, ich leugne es nicht. Bisweilen hab' ich die Schuld 1856. I. Schwarzwaldau. I. 14 210 zwiſchen uns zu vertheilen geſucht; bisweilen hab' ich in trüben Stunden mich als den allein Schuldigen angeklagt? Sei's wie es wolle, es iſt einmal ſo! Vielleicht dürfen wir künftig ſagen: es war ſo? Vielleicht können wir durch innige, unbegrenzte Freund⸗ ſchaft für einander die Zufriedenheit erreichen, welche die Liebe uns leider nicht gewährte. Vielleicht zählen wir von dieſem Abende eine neue Periode unſeres Daſeins? Halte von mir, was Du magſt,— nur mißtraue mir nicht; nur wirf nie den Verdacht auf mich, in meiner Seele könne Spott und Hohn Raum finden für diejenigen, die ich achte, ehre,— ja, die ich liebe,— wenn auch nicht im gewöhnlichen Sinne, doch gewiß mit jener Liebe, die man dem Edelſten und Beſten auf Erden zuwendet. Schlafe wohl!“ Er drückte einen Kuß auf ihre Stirn und ent⸗ fernte ſich. „Ach,“ ſagte Agnes,„warum ſind dieſe Worte eben nur Worte, wie Alles, was er ſpricht! Warum iſt dieſer ganze Menſch, ſammt ſeinen unverkennba⸗ ren Vorzügen und ſchönen Eigenſchaften, doch eben nur das Einzige nicht, was er ſein müßte, um ein ganzer tüchtiger Mann zu ſein! Ich weiß nicht, was ihm fehlt? Weiß nicht, woran es liegt, daß jeder Tugend, die er übt, daß jedem Fehler ſogar, den er 211 begeht, der Kern mangelt, der innere, feſte Halt⸗ punct, der uns, wenn wir ihn im Buſen des Man⸗ nes ahnend fühlen, ſogar mit Laſtern und Verbre⸗ chen verſöhnen kann; der das Weib zur freiwilligen Sclavin ihres Herrn macht; der ſie Ketten nicht füh⸗ len, Schmerzen nicht achten, Leiden vergeſſen, Ty⸗ rannei ertragen und ſie im Elend lächeln lehrt!? Weiß nicht, was ihm dazu fehlt,— darf mir aber nicht verhehlen, daß dieſer Guſtav es beſitzt; dieſer unwiſſende, mit Emil verglichen gemeine Burſche! —— Und was wird aus mir werden!? Sein Kuß brennt noch auf meinen Lippen——— Sie entkleidete ſich, ohne ihr Kammermädchen zu wecken; ſie legte ſich zu Bett und faltete wohl die Hände. Aber beten konnte ſie nicht,— und ſchlafen noch weniger. Ob Guſtav ſchlief?— Emil gewiß. Sechszehntes Capitel. Die erſten Tage des März brachten gegen Er⸗ wmarten und Vermuthen heftigen Schneefall. Dabei war das Wetter, als erſt Wald und Erde ſich in weiße Flocken verhüllt und der Himmel ſich wolkenlos 14 212 zeigte, ſo mild, die Luft ſo frühlingslau, daß Emil Agneſen den Vorſchlag that, ſie möchte verſuchen, was ſie im Winter aus Abneigung gegen die Kälte gern vermied: eine Schlittenfahrt mitzumachen. Anfäng⸗ lich weigerte ſie ſich auch dießmal. Da ſtellte ſich Guſtav ein, dem die Kämpfe der vergangenen Nacht wohl noch in dunklen Ringen um die matten Augen lagen, der aber doch von einem roſigen Schimmer übergoſſen ſchien, indem er Agneſen begrüßte. „Wie wär' es,“ fragte Emil;„wir eſſen raſch, eine halbe Stunde früher, eine halbe Stunde kürzer als ſonſt; um vier Uhr klingeln wir durch den Wald und athmen Vorgefühl des Frühlings? Es wird ihm gut thun!“— Dabei legte er die Hand auf Gu⸗ ſtav's Locken, zog deſſen Kopf an den ſeinigen, und wiederholte:„Wollen wir Schlitten fahren?“ Guſtav ließ mit ſich geſchehen, gleich einem ge⸗ duldigen Kinde.„Sehr gern fahr' ich mit,“ erwi⸗ derte er;„nur daß ich heute nicht die Zügel halten könnte; ich bin wie zerſchlagen; ich habe die ganze Nacht keinen Schlaf gehabt.“ „Wer verlangt das von Dir? Kutſchiren werd' ich; Du ſollſt bei Agnes im Schlitten ſitzen, eine ganze Menagerie von Bären⸗ und Wolfspelzen ſteht zu Dienſten. Ihr dürft' Euch einpacken, als wär's 213 im Januar und braucht bloß vor der Stirn ein Fenſterchen offen laſſen, damit ihr die weißbeſtreuten Tannen und ihr dunkles Grün bewundern könnt. Wir fahren nur zu Dreien, nehmen niemand mit, keinen Kutſcher, keinen Reitknecht, keinen Peitſchen⸗ knaller, keinen Schlittenhalter— und werf' ich Euch um, ſo ſchadet's nicht; in Pelze gehüllt und im wei⸗ chen Schnee liegt man weich.“ Agnes fand abermals für paſſend, ſich zu wei⸗ gern; und noch beſtimmter wie vorhin. Da ſagte Emil zu Guſtav:„So verſuche Du Dein Heil und bitte ſie, uns zu begleiten. Dir wird ſie's nicht verſagen; mit mir mault ſie noch von geſtern Abend her,— und wahrlich ohne Urſache. Aber das iſt deſto ſchlimmer. Denn ſobald wir uns eingeſtehen müſſen, daß wir ungerecht ſind, laſſen wir's gern denſelben entgelten, gegen Den wir es ſind. Das gehört mit zu den Vollkommenheiten der lieben Menſchennatur.“ „Was haſt Du denn verbrochen?“ fragte Gu⸗ ſtav mit ſo verſchämter Sanftmuth und in einer ſo kindlichen, von ſeiner gewöhnlichen Ausdrucksweiſe ſo ganz verſchiedenen Betonung, daß Agnes erſtaunt nach ihm aufſah und daß Emil ſich nicht entbrechen konnte zu murmeln:„Nein, es iſt nicht wahr, daß 214 Amor in unſerem eiſernen Seculo ſeine Göttermacht eingebüßt habe! Er iſt noch immer, was er geweſen, da Venus mit den übrigen Herrſchaften vom Olymp die ſchöne Welt regierte, an der Freude leichtem Gängelband. Vermagſt Du,“ ſetzte er dann laut hinzu, noch einmal Nein zu entgegnen, Agnes, wenn Du dieſe hinſchmachtende Stimme hörſt? Geh', Gu⸗ ſtav, bitte ſie; aber falle nicht aus dieſem Tone.“ Und Guſtav, mit nie bezeigter Folgſamkeit, that wirklich einen Schritt auf Agneſens Seſſel zu, faßte ihre Hand und lispelte:„Ja, ich bitte auch!“ Nun lachte Agnes,— aber ſie zwang ſich zum Lachen,—„hängt beider kleiner Kinder Glück daran, daß ſie Glöckchen klingen hören, ſo mag es d'rum ſein; ich fahre mit.“— Die Mahlzeit wurde früher aufgetragen, wurde auch raſcher beendet, als ſonſt; doch letzteres nicht ſowohl, weil man ſchneller, ſondern vielmehr weil man faſt gar nicht aß. Eine Schüſſel nach der an⸗ dern ging faſt unberührt vorüber. Jedes von den Dreien gab verſchiedene Gründe dafür an: Guſtav fühlte ſich noch leidend von geſtrigem Bruſtkrampf; Agnes klagte über Migraine, die ſie im Freien zu verlieren hoffte, ohne welche ſie kaum in die Schlit⸗ tenfahrt eingewilliget haben würde; Emil verſicherte 215 zweimal gefrühſtückt zu haben. Alle Drei logen, ob⸗ gleich ſie zugleich die Wahrheit ſprachen. Wie denn hienieden in jedweder Lüge ein Fünkchen Wahrheit blitzt und in jedweder Wahrheit ein Keim der Lüge ſteckt. Keines von den Dreien wollte ehrlich einge⸗ ſtehen, daß in ſeiner Bruſt Empfindungen und Vor⸗ gefühle walteten, die nicht Raum genug fanden und den Weg bis an den Hals empor verengten und ſperrten. Agnes naſchte nur vom Deſſert und die Männer fanden kaum Zeit noch ein Glas wärmenden Port⸗ weins zu leeren, da erſcholl ſchon vom Hofe herauf das Gebimmel des klaren Schellengeläutes. „Und wohin ſoll's gehen?“ fragte Agnes, wäh⸗ rend Guſtav, bevor er Platz nahm, ſie ſorgſam mit Pelzwerk umhüllte. „Wo Du noch nie geweſen,“ rief Emil und ließ den muthigen Pferden ihren Willen. Ich behaupte: die Eiſenbahnen, wie ſie ſo viele kleine Freuden des Lebens mit ihrer ſiegreichen Ge⸗ walt vernichtet, haben auch der Luſt am Schlitten⸗ fahren den Garaus gemacht. Wer einmal auf Schie⸗ nenwegen von Dämpfen fortgeriſſen ein halbes Dutzend deutſcher Poſtmeilen während einer kurzen Stunde zurücklegte, kann ſich nicht mehr ſtaunend ergetzen 216 an verhältnißmäßig langſamem Dahingleiten auf glatter Schneebahn. Aber was meinen Leſern von heute längſt alltäglich ward, gehörte damals noch in's Reich der Mythe und Agnes fand wirklich Ver⸗ gnügen an dieſer Luſtfahrt. Sie ſchaute mit Behagen in den tiefen Wald hinein. An Guſtav's Seite ſich lehnend zeigte ſie, ſonſt beim Fahren keine Heldin, nicht die geringſte Beſorgniß, wenn Windwe⸗ hen etwa die Spuren ebnender Holzſchlitten verdeckt hatten und Emil neue Bahn brechen mußte. Sie fragte auch nicht mehr: wohin? Sie überließ ſich dem Behagen, welches raſche Bewegung in erfriſchen⸗ den Luftſtrömen auf ſie ergoß.„Wie ſchön!“ weiter ſprach ſie nichts. Und:„Wie ſchön!“ ſprach Guſtav ihr nach, wenn er ihr Auge ſuchte und verſtohlen unter den Pelzen ihre Hand drückte. Sie ließ es geſchehen, ohne den Druck zu erwidern. Da zeigte ſich plötzlich eine von Bäumen leere Fläche und Emil hielt die ſchnaubenden Roſſe an. „Hier,“ ſagte er, indem er die Peitſche ehrerbietig ſenkte,„hört meine Grundherrſchaft auf, hier beginnt Guſtav's Reich; das hier iſt der vielbeſprochene Wald⸗ ſee, jetzt von Schnee und Eis bedeckt, an deſſen ſchilfumrauſchten Ufern der Sohn dieſer Gefilde, 217 ein ſommerlicher Schläfer, die leichterregbaren Triebe Deiner ehemaligen Buſenfreundin weckte. Wo lagſt Du damals, Guſtav? Zeig' es uns!“ „Dummheiten,“ brummte dieſer; und brummte ſo tief, als ob das Bärenfell zu ſeinen Füßen ſeine ei⸗ gene ihm zugehörige Haut wäre. „Ich möchte es auch wiſſen,“ ſagte Agnes;„möchte auch die Stelle ſehen, wo Caroline Sie entdeckte? Ez muß eine ſeltſame Ueberraſchung für die Reiſende geweſen ſein, hier, in dieſem verſteckteſten Winkel einen Schlum⸗ mernden wieder zu ſehen, der ſich mit Liedern in ihr Gedächtniß geſungen! Bitte, Guſtav, wo lagen Sie? Und wie?“ „Hier lag ich,“ rief Guſtav, ſprang aus dem Schlitten, und warf ſich in den Schnee;„hier lag ich, und ſo wie ich jetzt liege; nur daß es jetzt Winter um mich her iſt, wie es damals in mir war! Und daß es Sommer in meiner Bruſt iſt, wie da⸗ mals außer mir.“ Agnes ſchwieg dazu. Emil ſprach:„Ganz vortrefflich! es iſt unmöglich ſchlagender zu antworten, wenn es gilt, eine Oertlich⸗ keit nachzuweiſen. Aber nun, da Du kein Ruſſe biſt, der aus der Badſtube kommt, und da der Schnee, 218 obwohl nur Märzſchnee doch auch nicht aus den Blu⸗ menblättern von Märzbechern und Schneeglöckchen ſich aufbettet, würde ich rathen, Dich wieder mit meinen wilden Thierfellen vertraut zu machen. Wir haben genngſam aus eigener Anſchauung genoſſen, um uns jene Situation zu verſinnlichen. Es müßte denn ſein, daß Agnes nicht zufrieden wäre, bevor ſie Dich wirk⸗ lich ſchlafen ſieht... 2“ „Um Gotteswillen,“ rief Agnes,„ſtehen Sie auf, ſetzen Sie Sich ein! Ich ängſtige mich zu Tode, Sie könnten krank werden!“ Guſtav ſchüttelte ſich den Schnee ab, ſo gut es ging und nahm dann ſeinen Platz im Schlitten wie⸗ der ein. Agnes fragte ihn unzähligemale, ob er ſich auch gewiß nicht verkältet habe? ob er auch gewiß recht warm eingehüllt ſei? Und ſie gab ſich erſt zu⸗ frieden, nachdem über dieſe Dinge kein Zweifel mehr obwaltete. Dennoch aber äußerte ſie den Wunſch, Guſtav möge bald Kleider wechſeln und deutete eini⸗ gemale an, Emil ſolle die Pferde noch ſchärfer aus⸗ traben laſſen! Dieſer hörte ganz gut, was hinter ihm geflüſtert wurde und war ſchon bereit, dieſen Wunſch zu erfüllen; hob ſchon die Peitſche zu förderndem Antriebe... da vernahm er Guſtav's Stimme, leiſe durch den Schall des Schlittengeläutes klagend:„Soll 219 dieß kurze Glück mir durch raſchere Fahrt noch verkürzt werden? Mißgönnen Sie mir's?“ Und als Agnes darauf nichts mehr erwiderte, ließ Emil die Peitſche wieder ruhen, die Pferde in einen ſchrittähnlichen Trab fallen, ohne Rückſicht auf den einbrechenden Abend, den er viel mehr aufzuſuchen ſchien; denn er nahm verſchiedene Richtungen, fuhr links und rechts ab, bog in Holzwege ein und verlängerte ſo die Heimkehr um eine volle Stunde. Agnes und Guſtav merkten es nicht. Sie waren beim Ausſteigen im Schloßhofe ſehr verwundert, daß es ſo ſpät geworden ſei.. „Ich hoffe,“ ſagte Emil, indem er den harrenden Stallleuten die Zügel zuwarf,„mich als galanter Ehemann bezeigt zu haben? Nicht, Agnes?“ Dieſe war bereits in der Vorhalle verſchwun⸗ den und über die Treppe hinauf— mehr geflogen, als gegangen. „Nicht, Guſtav?“ fuhr er fort;„Du wirſt mich loben? Gieb mir mein Schlittenrecht!“ Guſtav warf ſich ihm um den Hals, hielt ihn umſchlungen und küßte ihn feurig. Dann riß er ſich los und ſtürmte fort, ſich umzukleiden. Emil knallte noch einigemale mit der Peitſche, ehe er ſie dem Stalljungen übergab. Hernach ging 220 er langſam in's Haus und ſagte:„Wenn er ſie ſo geküßt hat...? Keinesfalls galt dieſer Kuß mir; als redlicher Finder ſollt' ich zurückgeben, was nicht mein iſt!“ Mit dieſem Gedanken beſchäftiget und von einer ganzen Schaar daraus entſpringender Gedanken und wunderſamer Bilder umſchwirrt, nahm Herr von Schwarzwaldau Stufe für Stufe einzeln, bedächtig, deren er ſonſt ihrer drei auf Eins zu überſpringen pflegte. Vor der Thür des Vorzimmers ſtand Franz. „Was giebt's?“ ließ ihn Emil an; und ziemlich barſch, weil er ſich in ſeinen Träumereien durch den Jäger geſtört ſah. „Ich traute mich nicht hinein,“ antwortete dieſer mit hohler Stimme, wie aus einem Grabe:„Die gnädige Frau wartet ſchon auf Sie!“ „Agnes, bei mir?— Gut, gut! Du kannſt gehen! Ich brauche Dich nicht!“ Und Franz blieb allein auf dem Corridor vor der heftig zugeworfenen Thüre: „Er braucht mich nicht? Mag ſein! Aber ich brauche ihn; und hab' ich nur den— Andern beſeitiget,— mein gnädiger Herr ſoll mir nicht ent⸗ kommen! Ich will ihm nicht umſonſt Herz und Seele geöffnet haben! Ich will...“ 221 Was der Jäger Franz Sara weiter drohte, ver⸗ lor ſich im Gemäuer, durch welches die Wendeltreppe zum Jägerzimmer hinauf geht. Wir folgen ihm nicht und wenden uns wieder zu Emil, den Agnes wirklich, vor dem Kamin ſtehend, empfängt. „Wund're Dich nicht,“ ſagte ſie,„mich bei Dir zu ſehen. Oder ja, wund're Dich! Denn gewiß, nur etwas höchſt Wichtiges konnte mich bewegen, Dich in Deiner ſelbſtgewählten Junggeſellenwirthſchaft auf⸗ zuſuchen. Ich komme, mich anzuklagen; komme Dich zu warnen. Ich bürge nicht mehr für mich, ich bürge für nichts, wenn Herr von Thalwieſe länger bei uns aus⸗ und eingeht. Er muß fort! Er darf nicht wie⸗ derkehren, Du mußt mit ihm brechen— oder..“ „Oder2....“ „Wozu die Verſtellung? Er wird mir gefährlich und das entgeht ihm nicht. Ja, ich liebe ihn!“ „Du liebſt?— Agnes, Du kannſt lieben?“ „Noch bin ich Herrin meiner ſelbſt. Noch über⸗ ſeh' ich die Gefahren, die mir drohen. Doch ich ſehe ſie; ich will ſie ſehen; will ſie nicht leichtſinnig weg⸗ leugnen; will mich nicht belügen, Dich nicht. Wir haben uns Wahrheit verſprochen und mein Verſpre⸗ chen werd' ich halten. Deßhalb erfahre jetzt, daß Dein Freund heute Abend bei der Heimkehr nicht mehr 222 derſelbe blieb, den Du, als er matt und leidend zur Mittagstafel kam, den Schmachtenden zu nennen beliebteſt. Guſtav gehört zu den jungen Männern nicht, die ſchmachtend ſich ſehnen und ſich mit Idealen begnügen, ſobald die Wirklichkeit warm und lebendig neben ihnen weilt. Ich habe bisher an Deiner Seite mich ſelbſt nicht erkannt; wußte nicht, wer ich bin? wußte nicht, was ich wollte? Dich klag' ich nicht an; that es nie. Du mußt ſein, wie Du biſt. Aber Du haſt mich eben darum auch nicht belehren können über mein angebornes Bedürfniß. Guſtav vermag dieß. Wie tief er unter Dir ſteht in allen Bezie⸗ hungen zur Welt, zur Bildung, zur Wiſſenſchaft, zur Geſelligkeit,— das verkenne ich nicht, darüber täuſch' ich mich nicht,— dennoch empfind' ich, daß ich ſein werden muß, wenn er bleibt. Deßhalb trenne Dich von ihm und ihn von mir, weil es noch Zeit iſt; zerreiße die Blumenketten, womit ſeine Tugend, ſeine Schönheit, ſeine naive Unwiſſenheit, ſeine rohe An⸗ muth— lache nicht über dieſen Ausdruck, er iſt ab⸗ ſichtlich gewählt,— uns umwanden, ſchicke ihn fort, und uns laß' wieder unſ're alten Feſſeln ſchleppen durch's liebe, alltägliche Leben,— mit äußerem Anſtand wie bisher; wenn auch ohne Blumen!“ „Trennen! Mich von ihm trennen! Ja, Du 223 haſt Recht. Was iſt er mir denn? Was er mir vielleicht werden konnte, wenn unſere Zuſammenkünfte im ſtillen Walde der Winter nicht unterbrach; wenn im eiſigen Froſt die Blümchen nicht erſtarrt wären, mit denen meine kindiſche Phantaſie ihn ſchmückte: der Freund, den ich ſuche, von dem ich träume ſeit meiner Knabenzeit... er wurd' es nicht! Er hält nur noch an mir, um Deinetwillen. Ich weiß es. Jede Regung des Wohlwollens, der Anhänglichkeit mir gegönnt, verirrte ſich nur zu mir, weil er an Dich ſie zu richten noch nicht wagte. Er wird dankbar, herzlich, freundlich gegen mich ſein, ſo lange er in mir den duldſamen Beſchützer Eurer Neigung ſieht und braucht.— Dann wird er mich verachten, oder haſſen; je nachdem ich meine Schmach ſtill ſchwei⸗ gend zu tragen, oder zornig abzuſchütteln verſuche! So wird es kommen. O Du haſt Recht: wir müßten uns trennen! Ein Riß, ein heftiger Riß in's Le⸗ ben... eine friſche Wunde.... ein Bißchen Blut... das iſt Alles. Damit wär' es abgethan! Und dann— kein Kampf mehr zwiſchen Ehrgefühl und Schwäche; keine Beſorgniß, wie dieſe unſinnige, unglaubliche Verwirrung der Gefühle, der widerſtre⸗ bendſten Ab⸗ und Zuneigungen ſich endlich löſen ſoll? Keine Eiferſucht mehr, die nicht weiß, ob ſie fürchtet, oder wünſcht? Die nicht weiß, ob ſie haßt, oder liebt? Kein Zwieſpalt zwiſchen Freundſchaft, Verrath, Ehrfurcht, Argwohn, brüderlicher Liebe und Geringſchätzung!... Nichts mehr von alle Dem! Aber auch er nicht mehr in unſerer Nähe! Der ein⸗ zige Menſch, den wir Freund— nennen! Der oft erheiternde Geſell unſerer langen Abende! Sein ſpre⸗ chendes Auge nicht mehr an unſern Augen, an un⸗ ſerer Lippen Bewegung hangend! Seines Liedes Klang nicht mehr durch traute Dämmerſtunde tö⸗ nend! Seine kindiſchen Scherze nicht mehr an unſer Ohr ſchlagend! Seine treuherzigen Albernheiten Dein Lächeln nicht mehr hervorrufend! Und dieſes Zim⸗ mer, wenn ich mich vor der Leere einer ſchlafloſen Nacht fürchte, nicht mehr belebt durch ſeine Gegen⸗ wart, die das einzige Leben in unſer lebloſes Daſein brachte;— wenn wir Carolinen nicht rechnen wollen, die Du doch, offen geſagt, nur ihm, nur Deiner werdenden Vorliebe für ihn aufopferteſt; von der Du Dich los machteſt, nachdem Du ihn von ihr los ge⸗ macht. Geſteh' es ein, arme Agnes, auch Dir wird er fehlen, mehr wie mir. Und wenn ich auch nicht glaube, was Du in übertriebener Beſorgniß ausſprichſt, daß Du befürchten mußt in Liebe für ihn aufzuge⸗ hen; wenn ich auch niemals dieſe Deine Befürchtung 225 theilen kann; daß er Dir theuer iſt, daß er auch zu Deiner Exiſtenz ſchon mit gehört, davon bin ich durch⸗ drungen; das haſt Du durch die That bewieſen. Auch von Dir ſoll ich ihn losreißen? Auch Dir ſoll ich Schmerzen bereiten durch dieſe gewaltſame Tren⸗ nung? Dir, Agnes, der ich ihre Jugend geſtohlen, als ich mich verleiten ließ, um Deine Hand zu wer⸗ ben? Ich, der ich nicht geboren ward, Dir Glüͤck zu bringen?“ „Emil, verkaufe nicht mit mir! Meinetwegen werde nicht ſchwankend in einem feſten Entſchluße, wenn Dir ein ſolcher ſonſt möglich iſt. Um meine Schmerzen bekümmere Dich nicht. Ich weiß Dir's nicht Dank. Meine Schmerzen liegen hier eingeſargt, in dieſer Bruſt, deren wärmeren Schlag für Dich Du nie zu erwecken verſtandeſt. Sie war kalt, ſie blieb kalt, wie ſich's für eine Gruft begrabener Schmer⸗ zen gebührt. Jungfraͤuliche Träume, mädchenhafte Wünſche, glühende Jugendbilder, blühende Hoffnun⸗ gen, verwelkte Enttäuſchungen liegen wie Leichen bei⸗ ſammen darin. Laſſe ſie liegen. Gräme Dich nicht unnütz um ſie und um mich. Zwei Marmorhügel wölben ſich als Grabmal darüber: weiß, feſt, kalt wie Stein. Daß nicht ein von verſunkenen, heidni⸗ ſchen Unterwelts⸗Götzen Begünſtigter die frevelnde 1856. I. Schwarzwaldau. I. 15 226 Zauberhand darauf lege, den Stein zu beleben, wie in jenem Märchen von Galathea's Statue! Daß nicht die Leichen aufgeſtört werden aus ihrer Grabes⸗ Ruhe! Emil, hüte Dich! Es könnte einen furcht⸗ baren Todtentanz geben, der mich in ſeine Wirbel hineinzerrte.... und Dich auch.— Höre meine Warnung: ich bin nicht, die ich ſcheine. Du kennſt mich nicht. Ich kannte mich ſelbſt nicht. Nur Gott... und der will nicht, daß man ihn verſuche!— Noch iſt Zeit. Guſte ſcheide von uns... und der Friede bleibe uns... der Friede des Grabes, mein' ich!“ ——— Aber ſoll denn das arme Waſſer im Theekeſſel ganz und gar verkochen? Will ſich denn keine Hand erbarmen, mir ärmſtem aller Schnee⸗ haſen ein heißes Glas Grog zu brauen, daß ich wieder in's Leben komme und mein Contrafey am Ufer des todten See's vergeſſe?“ Mit dieſer Frage ſtand Guſtav zwiſchen dem Ehepaar, eben als Emil auf Agneſens letzte War⸗ nung erwidern wollte. Seine nichtigen Worte drangen in das feierlich⸗ ernſte Zwiegeſpräch wie ein Gaſſenhauer in die Hallen eines Tempels. Er empfand die ſtörende Wirkung, die er hervorgebracht, in der Rückwirkung auf ſich 227 ſelbſt. Der Empfang, der ihm zu Theil wurde, be⸗ lehrte ihn, obgleich ein ſchweigender, daß hier bedeu⸗ tende Angelegenheiten verhandelt wurden; und daß er der Mittelpunct, die Hauptperſon darin ſei, konnte ihm nicht entgehen. Die übermüthige Fröhlichkeit, die er mitgebracht, wich ſogleich geſpannter Erwartung. Er verſtummte, einem Verbrecher ähnlich, der ſein Urtheil erwartet, doch nicht ohne Ausſicht auf Be⸗ gnadigung. „Soll ich in ſeiner Gegenwart reden?“ fragte Emil;—„darf ich?“ „Und weßhalb nicht?“ erwiderte Agnes;„wo⸗ fern nämlich—(und dabei blickte ſie ihn feſt an,) — wofern Du ſicher weißt, was Du reden willſt!“ „Hier kommt es nicht darauf an, Agnes, was ich ſagen will? nur darauf, was mir zu ſagen ge⸗ ſtattet iſt; was Du willſt, daß ich ſagen ſoll? Die ſtrenge Wahrheit weiß ich ihm nicht zu verkünden, ohne Verletzung eines mir anvertrauten Geheimniſſes.“ „Ich mache kein Geheimniß aus dem, was ich Dir mitgetheilt habe,“ rief Agnes;„vor ihm nicht! Es wäre lächerlich, ihm verbergen zu wollen, was ſeit geſtern Abend jeder Pulsſchlag ihm kund gab. Noch einmal: verkaufe nicht mit mir! Verkrieche Dich in Deiner Unſchlüſſigkeit um Gottes Willen nicht 15* 228 hinter mich. Tritt vor als Herr des Hauſes, tritt ein als ſelbſtſtändiger Mann, bezahle mit Deiner Perſon, mit Deiner Ehre, rette Deinen Willen und geſtehe dann, daß Du der Urheber deſſen biſt, was hier zu geſchehen hat. Wenn Guſtav auf ewig von uns ſcheidet,— aus meinem Munde ſoll keine Klage, aus meiner Bruſt ſoll kein Seufzer drin⸗ gen; ich werde ſeinen Namen nicht mehr nennen. Wenn Du ihn bleiben heißeſt— dann klage Du auch nicht über mich; ſchon im Voraus werfe ich, was mich treffen könnte, auf Dein Haupt zurück. Du biſt der Herr! Und nun macht mit einander aus, wie Männer, wobei ich keine Stimme habe. Ich begebe mich in mein Zimmer und will heute keinen von Euch Beiden mehr ſehen. Ich werde mor⸗ gen noch zeitig genug erfahren, woran ich bin. So, oder ſo,— mein Geviſſen iſt rein gegen Dich. Ich bin wahr geweſen. Sei es auch, wenn Du kannſt.“ Guſtav wollte ihr folgen. Sie kehrte ſich nach ihm um, ſtreckte ihm gebie⸗ teriſch den Arm entgegen und ſprach:„Herr von Thal⸗ wieſe, es ziemt Ihnen nicht mehr, mit mir zu ſpre⸗ chen, bevor mein Gemal mit ihnen ſprach. Sehen wir uns wieder, dann haben Sie nähere Rechte an mich. Sehen wir uns jetzt zum Letztenmale, dann —;— 229 vergeſſen Sie Geſtern, wie Heute, und die Zukunft bringe Ihnen Glück!“ Die Thür fiel in's Schloß. Guſtav wendete ſich zu Emil:„Was ſoll das heißen, zum Letzten⸗ male? Sprich, weiſet ſie mich von ſich? Jagt ſie mich aus dem Hauſe?“ „Sie nicht! Ich ſoll es thun.“ „Du? mich? Du, der mich in die Gefahr lockte? Der Schuld iſt, daß ich erleide, was bisher, wenn ich Andere es erleiden ſah, Gegenſtand meines höh⸗ niſchen Zweifels, meines ungläubigen Spottes gewe⸗ ſen? Du, mich verſtoßen, dem Du unzähligemale zugeſchworen, ohne ‚ihn’ nicht mehr leben zu können? Den Du die neu aufblühende Jugend Deines vor der Zeit alternden Daſeins nannteſt? Dem Du un⸗ verbrüchlich treue Freundſchaft gelobteſt,... und die Wipfel der Bäume Deines Waldes rauſchten über uns? Du, der Freundſchaft treulos, weil Du ihr nicht gönnen magſt, ſich im reinen Strahle weiblicher Tu⸗ gend zu veredeln? Den Freund vertreiben,— aus Neid, ich kann's nicht anders benennen; aus Hoch⸗ muth, aus Eigenſinn.— Denn Eiferſucht quält Dich nicht. Dazu müßteſt Du Deine Frau lieben. Aber Du verehrſt, Du achteſt ſie nur! Nein, Du liebſt ſie nicht. Ich liebe ſie!“ 230 „Und wenn ich nun eben deßhalb eiferſüchtig wäre? Wenn ich es nicht Deinetwegen auf ſie, wenn ich es Ihretwegen auf Dich bin? Wenn ich ihr nicht gönne, daß Du ſie höher ſtellſt als mich? Wenn die Eiferſucht, die mich martert, fürchterlicher quält, als jene, von der Du meinſt, daß ich ſie nicht kenne?“ „Dann leihe mir eine Piſtole, Freund Emil. Ich werde in den Wald gehen, mir eine Kugel durch den Kopf zu ſchießen, und es iſt uns Allen geholfen.“ Er ſagte dieß ſo ruhig, daß Emil die Kälte des Todes über den Nacken ſchleichen fühlte. „Man bringt ſich nicht ſo leicht um, glaube mir; es gehört viel dazu.“ „Bei Dir vielleicht. Bei mir nichts als eine Silbe. Sprich zu mir: geh'! Und es iſt gethan. Ich lebe nicht mehr ohne ihren Anblick. Ich kann's nicht; ich will's nicht!“ „Wenn ich nun ſpräche: geh! Und wenn Du gingeſt aus meinem Hauſe, von dieſer Erde... hieße das nicht Dein Angedenken mit dem Kranze des Märtyrers ſchmücken? Dich in ihrem Herzen zum Heiligen machen? Und in dem meinigen nicht minder? O, ich glaube, es iſt Dir Ernſt damit! Es iſt nicht eine leere Drohung, ausgeſtoßen, mich zur 231 Nachgiebigkeit zu zwingen; Dich erfüllt die Ueber⸗ zeugung, durch dieſen Tod den herrlichſten Triumph zu feiern, Dich zugleich zwiefach an mir zu rächen. Aber weder dieſe Rache ſoll Dir zu Theil werden, noch dieſer Triumph. Den Triumph nehme ich für mich in Anſpruch; die Rache ſoll in Segen umge⸗ wandelt ſein. Bleibe Du— und ich will gehen. Ich will Euch Platz machen, will Agnes von mir be⸗ freien. Wollt' ich es doch wenige Stunden, bevor ich Dich kennen lernte! Senkte ich doch ſchon die Spitze meines Dolches auf dieſe Bruſt,— nur daß es der Feigheit willkommen ſchien, bei der That überfallen, daran verhindert zu werden; daß ich mir dann einredete, Agnes, ohne mich, ſtehe ganz ein⸗ ſam und vielleicht noch unglücklicher als durch mich? Das iſt jetzt anders. Jetzt räum' ich mit mir das Hinderniß ihres Glückes hinweg und des Deini⸗ gen. Dieſer Gedanke wird mir Muth geben; ich werde nicht mehr feig ſein. Ich werde zu ſterben wiſſen;— Ihr werdet leben— und Du wirſt Den lieben, der für Dich ſtarb. Da ſieh'!“—(er brachte den Dolch aus dem Schranke hervor)—„Dießmal werd' ich nicht zaudern; was ich für mich auszuführen nicht gewagt, für Euch, für Dich wird mir's gelingen. Ja, Guſtav, Du bleibſt im Hauſe,— aber ich gehe!“ 232 Guſtav kannte den Freund als Schönredner, hatte ihn oft bewundert, noch öfter langweilig ge⸗ funden, beſonders wenn ſein Redefluß ſich über Dinge verbreitete, die dem Sohne hausbackener Welt⸗ anſchauung fern lagen. Aber davon, daß überhaupt ein Menſch,— geſchweige gar Herr von Schwarz⸗ waldau!— ſich in Parorismen der Begeiſterung hineinreden könne, die nach einer Viertelſtunde glü⸗ hender Hitze ſchon wieder in lauwarmes, ſchleichendes Fröſteln zu verlaufen geeignet wären,— davon hatte der derbe Burſch keinen Begriff. Deßhalb nahm er Emil's großmüthige Erklärung für vollen, ſchweren Ernſt, für gediegenen Entſchluß und wurde durch dieſen Beweis zärtlichſter, uneigennützigſter Freund⸗ ſchaft ſo tief ergriffen, daß er unter dem Gewichte reuiger Beſchämung förmlich zuſammenbrach. Emil erſchien ihm auf einmal ſo groß, ſo hoch, ſo erhaben, wie er ſich ſelbſt klein, kleinlich, erniedrigt vorkam. Der wilde Taumel aufgeregter Sinne, in deſſen Stru⸗ del jede reinere, edlere Empfindung für Agnes,— (denn daran fehlte es nie in Guſtav's Herzen!)— unterdrückt, wenn auch nicht verzehrt worden war, ſtand plötzlich ſtill, ſein tobendes Brauſen legte ſich, die trüben Wogen ſanken und aus dem Grunde ſtieg — 233 reineres Wollen empor, wie eine weiße Lilie aus dem Schlamme. „Verflucht will ich ſein,“ rief er aus,„duld' ich dieſes Ende! Du ſprichſt wahr, es iſt eine Gemeinheit von mir geweſen, Dir zu drohen, wie ich es that; Dir davon zu reden, daß ich mir eine Kugel vor den Kopf ſchießen wollte, wenn Du mich fortſchickſt. Pfui, wie konnt' ich ſo erbärmlich ſein? Fürchte nichts. Ich nehme jenes ſchändliche Wort zurück; ich tauſche es aus gegen ein beſſeres und dieſes will ich halten: Du gebieteſt— und ich gehe, ſcheide, um Euch nie⸗ mals wieder zu ſehen, um zu leben ohne Euren Anblick, und dennoch Euch anzugehören, auch in der Ferne,— Agneſen— und Dir! Ja, ſchicke mich fort! Ich gehorche; ich unterwerfe mich. Willſt Du aber mich dulden; willſt Du mir das unverdiente Glück gönnen, zu bleiben, ſo ſollſt Du es nie bereuen. Ich bin Dein, gehöre Dir, deſſen ganzen Edelmuth, deſſen unendliche Huld ich jetzt erſt ermeſſen und ſchätzen lernte; bin Dein Schüler, Dein Sohn, Dein Bruder, Dein Knecht,— was Du willſt. Bin Dein und Agneſens Leibeigner; Euer Sclave. Was hat ein Selave für Rechte? Welche Anſprüche darf er geltend machen? Darf er fordern, begehren, trotzen, zürnen? Er gehorcht und nimmt demüthig⸗dankbar 234 hin, was mitleidige Gnade ihm ſpendet. Magſt Du's mit mir verſuchen, ſo laß' mich bleiben. Soll ich ſcheiden, ſo werd' ich morgen vor der Sonne aufbre⸗ chen und gehend und entſagend Deine Hand küſſen. Emil antwortete durch eine ſtumme Umarmung. Der Dolch wurde wieder eingeſchloſſen. Als nun am andern Tage Agnes die Ergebniſſe vergangener Nacht, ſo wie theilweiſe den Inhalt des Geſpräches durch ihren Gatten vernahm, erwiderte ſie nur:„Du haſt's gewollt!“ Siebzehntes Capitel. Mehr als zwei Monate ſind vergangen. Gu⸗ ſtav ſcheint gehalten zu haben, was er gelobte. Kein Zwiſt, keine Verſtimmung, kein Mißverſtändniß hat die Eintracht im Schloſſe zu Schwarzwaldau mehr geſtört. Agnes hat ihre würdige Haltung, Emil ſeine mittheilſame, belebende Heiterkeit wieder⸗ gefunden; Guſtav lebte als aufmerkſamer, beſcheiden⸗ ergebener Verehrer zwiſchen Beiden, für Beide, und noch iſt nichts zu Tage gekommen, was Beſorgniß erwecken könnte. Täuſchen dieſe drei Menſchen Einer den Andern? Oder täuſchen ſie Jeder ſich ſelbſt? So viel iſt gewiß: die Täuſchung kann für vollkommen gel⸗ ten, ſie iſt eine gelungene; denn ſie iſt es ſogar für den Jäger Franz, der in Guſtav nur noch einen zurückgewie⸗ ſenen, entſagenden, eben deßhalb geduldeten, aber auch nur geduldeten Anbeter Agneſens erblickt. Was dieſer ihm tödtlich verhaßte Eindringling dem Herrn ſein möchte? danach fragt der lauernde Beobachter nicht; darauf richtet er ſeine Forſchungen nicht mehr; mit Emil hat er längſt abgeſchloſſen. Dagegen hat er,— freilich ſehr wider ſeinen inneren Antrieb, doch darum nicht mit geringerem Erfolge,— ein trau⸗ liches Verhältniß mit Liſette, dem Kammermädchen angeknüpft, die alſo endlich zum Ziele ihrer begehr⸗ lichſten Abſichten gelangte. Weßhalb er ſich dieſen Zwang auflegte: iſt nicht ſchwer zu begreifen. Er will jeden Argwohn einſchläfern; will den Herrn glau⸗ ben machen,—(denn er trägt ſeine Liebſchaft ab⸗ ſichtlich zur Schau!)— daß die eitlen, unverſchäm⸗ ten Augen längſt verlernt haben nach der Gebieterin zu ſchielen; will für einen ‚zur Erkenntniß eigener Unwürdigkeite gelangten Reuigen gelten; will als ſolcher um ſo ſchärfer lauern, um ſo erfolgreicher ſpioniren und durch Liſetten erfahren, was(wähnt er) einem Kammermädchen auf die Dauer nicht ver⸗ borgen bleiben könnte. Darin täuſcht er ſich vielleicht, doch er täuſcht auch glücklich die Uebrigen und viel⸗ leicht, wie geſagt, täuſchen ſich Alle?— Es war im Mai. Grüner hatte er ſeit Jahren nicht gelächelt; ſanf⸗ ter ſchon lange nicht mehr die bräutliche Erde um⸗ fangen; üppiger die Maiblumen niemals aus durch⸗ wärmtem Boden gelockt. Emil ſchlug vor, des kom⸗ menden Tages frühzeitig aufzuſtehen, und einen Aus⸗ flug weiterer Art zu verſuchen, der erſt am Abende beendet werden ſollte. Eine kleine Reiſe in's Blaue hinein,— wie er es nannte. Guſtav, obgleich er ſich, der in den erſten Zeilen dieſes Capitels angedeuteten Unterwürfigkeit getreu, gern in jede Anordnung des Hausherrn fügte, konnte doch einen gewiſſen Unmuth kaum unterdrücken, der nicht ‚der Reiſe in's Blaue,“ — wmahrlich, dieſer nicht!— der lediglich dem damit verbundenen Vor⸗Tageaufſtehen galt. Das war und blieb einer der wenigen Puncte, wo die Schwarzwaldauer Schule noch wenig am Zögling Thalwieſer Langſchläfrigkeit gebeſſert hatte. Ein zuſtimmendes, entſchiedene Freude an der Fahrt kund⸗ gebendes Wort, ja ſchon ein Blick Agneſens würde genügt haben, jene Wolke des Unmuthes zu ver⸗ ſcheuchen. Aber Agnes vermied immer, in Emil's Gegenwart merken zu laſſen, wie unwiderſtehlich ihre Gewalt über Guſtav ſei; ſie ſuchte es lieber ſo einzurichten, daß Emil ſeinem Einfluß auf den Freund ſtärkeres Uebergewicht zutrauen durfte. Deß⸗ halb miſchte ſie ſich mit keiner Silbe hinein, als beim Gutenachtſagen Guſtav ſich die Erlaubniß er⸗ bat: morgen zu Pferde nachfolgen zu dürfen, falls er vielleicht den Sonnenaufgang verſchlafen ſollte? Kaum aber hatte ſie Liſetten aus ihrem Schlafge⸗ mach entlaſſen, als ſie leiſe auf den Corridor ſchlich, wo ſie Gelegenheit ſuchte, das Verſäumte nachzuho⸗ len. Der Mond warf zweifelhafte Lichter durch ein mit bunten Glasſcheiben verziertes Flurfenſter. Agnes hörte Tritte hallen,— wagte ſich weiter vor in's Halbdunkel,— meinte Guſtav zu erkennen?— ſah zugleich Liſettens weißes Kleid aus der Ferne,— beeilte ſich alſo, Jenem raſch zuzuflüſtern:„Fehle mor⸗ gen nicht, Lieber! Emil würde ſich gekränkt fühlen, wenn wir ohne Dich ausfahren müßten.“ Und ſeine Zuſage nicht erſt abwartend, eilte ſie zurück nach ihren Gemächern. Als Morgens früh beim erſten Grauen des Tages Guſtav ſie ſchon vollſtändig gekleidet im Salon empfing, flüſterte ſie ihm,(während Emil durch's Fen⸗ ſter nach den Stallleuten hinabrief,) nur zu:„Dank, 238 daß Du meine Bitte erfüllſt!“ War aber ſehr ver⸗ wundert ihn fragen zu hören: „Welche?“ „Nun, von geſtern Abend, im Corridor 2* „Davon weiß ich nichts,“ ſprach er mit unge⸗ künſteltem Erſtaunen. Zugleich trat der Büchſenſpanner ein, ſich erkun⸗ digend: ob auf Schnepfen gejagt und welche Ge⸗ wehre mitzunehmen beſohlen würde? Emil ſagte:„Es wird kein Gewehr mitgenom⸗ men und es begleitet uns niemand. Wir wollen den Mai feiern und kein Geſchöpf Gottes umbringen.“ Franz verzog den Mund zu unterthänigem Lä⸗ cheln, worin Agnes bittern Hohn wahrzunehmen meinte. Dabei aber trat ihr wieder die ſonſt ſchon zur Sprache gebrachte Aehnlichkeit dieſes Jägers mit Guſtav vor die Seele. Und als er hinausge⸗ gangen, ſagte ſie:„Caroline hatte wirklich Recht: es beſteht eine ſeltſame äußerliche Verwandtſchaft zwiſchen Deinem Büchſenſpanner und Herrn von Thalwieſe. Sie gleichen ſich nicht und dennoch giebt es Augenblicke, wo man ſie verwechſeln könnte.“ „Warum nicht gar 2“ lachte Emil;„nun, laßt uns aufbrechen.“ Er ging voran, weil er wieder kutſchiren wollte. Guſtav gab Agneſen den Arm. Auf der Treppe ſagte er:„Haſt Du vielleicht geſtern dem ‚Grünen“ geſagt, was Du mir ſagen wollen? Haſt Du uns wirklich verwechſelt?“ „Ich fürchte, ja.“ „Dann ſei Gott ihm gnädig,“ murmelte Guſtav. „Und mir auch,“ ſetzte ſie hinzu. Der Mai hielt in keiner Art, was Emil von ihm gehofft. Auf den reinſten Morgen folgte ein trüber, kühler Tag; und weder Agnes noch Guſtav gelangten wieder zu unbefangenem Frohſinn. Emil gab ſich anfänglich Mühe, ſie aufzuheitern; da es nicht gelingen wollte, ſank er auch in trübes Nach⸗ ſinnen. Hat ſchon Einer meiner Leſer,—(ich will es keinem wuͤnſchen, auch dem Gegner nicht)— die Empfindung gehabt, die wie Vorgefühl eines furcht⸗ baren Schlages Sinn und Herz bedrückt, den gan⸗ zen Tag hindurch, ohne daß beſtimmte Gründe da⸗ für vorhanden ſind?— Guſtao und Agnes hatten ſie; und wenn auch Beide nicht wußten, was ihnen 240 zunächſt drohte, ſo wußten ſie doch, woher die been⸗ gende Ahnung ſich ſchrieb und vermochten ihr in Gedanken auszuweichen, oder entgegenzutreten. Ueber Emil aber war ſie gekommen, hatte ſich nach und nach über ihn verbreitet, und er wußte nicht, woher? wohin? Er fühlte nur die Laſt ungeheurer Bangig⸗ keit; unerträglicher, als an jenem düſteren Tage ver⸗ wichenen Sommers, den wir im erſten Capitel ge⸗ ſchildert haben. Er führte die leichte Kutſche nach den verſchiedenſten Gegenden und Orten; Dörfer, Flecken, ſogar eine kleine Landſtadt berührten ſie auf dieſer ‚Entdeckungsreiſe.“ Ueberall ſprachen ſie ein, beſtellten was zu haben war, ließen ungenoſſen was ſie beſtellt und bezahlten es doppelt, ſcherzten mit den Wirthsleuten, beſchenkten Dienſtboten und Kin⸗ der, ſtiegen wieder ein, fuhren weiter und ſtiegen wieder aus;... doch ihre Bangigkeit wollte nicht weichen: Eines ſteckte immer wieder das Andere mit der ſeinigen an; es wollte ihnen nicht leichter wer⸗ den um ihre Herzen und der Tag wollte ſich nicht umbringen laſſen, er nahm gar kein Ende. Und war doch wirklich um keine Secunde länger, als er im Kalender ſteht. Emil hatte ſich vorgeſetzt, wie ſie mit der Morgen⸗Dämmerung ausgezogen, erſt zur Abend⸗Dämmerung wieder einzuziehen im Schloſſe Schwarzwaldau. Zwanzigmal in einer Stunde zog er die Uhr, um nachzuſehen, ob dieſe Stunde nicht raſcher vorübergehen wolle, als ihre bleiernen Schwe⸗ ſtern? und jedesmal wiederholte er kopfſchütteind: „vulnerant omnes.“ „Was heißt das?“ fragte Guſtav, nachdem er es oft genug gedankenlos mit angehört, gerade da ſie endlich nach Sonnenuntergang auf dem Rückwege den ſchon zu Schwarzwaldau's Gebiete gehörigen, ſogenannten Herrenwald erreicht hatten, der einen mäßigen Hügel,— den einzigen dieſer flachen Ge⸗ gend— bedeckt.„Was heißt: vulnerant omnes?“ „Sie verwunden alle, heißt es,“ erwiderte Agnes. „Sie verwunden alle, die letzte tödtet, ultima necat. So weit reicht mein Latein; weiter nicht.“ „Alſo ſind Wunden damit gemeint?“ „Allerdings.“ „Dann hat der alte Herr, der dieſen weiſen Wahlſpruch ausheckte, über einer Dummheit gebrü⸗ tet. Alle verwunden nicht. Es giebt denn doch einige.... 4 „Und wer bürgt dafür,“ unterbrach ihn Agnes, „daß dieſe nicht gerade die tiefſten, ſchmerzlichſten Wunden hinterlaſſen, wenn auch unſichtbare?“ „Ja wohl, ja wohl!“ ſeufzte Emil— und ließ 1856. I. Schwarzwaldau. I. 242 die Hände ſinken, daß die Zügel faſt herabglitten. Halb nach den hinter ihm Sitzenden gekehrt, ſah er ſie trübſelig an:„Traͤgt nicht ein Jeder ſeine Wun⸗ den und Narben, nur daß Einer ſie beſſer zu verſtek⸗ ken weiß, wie der Andere?“ Die Pferde gingen langſam; ſie zogen ſchwer durch den Sand des ſteilen Hügels hinauf. Eben langten ſie droben an, da krachte aus dem Dickicht ein Schuß. Im Nu hatten die Pferde durch einen heftigen Ruck dem auf ſie nicht achtenden Lenker die Zügel aus den Fingern geriſſen und obgleich ſonſt an Jagd gewöhnt und feuerfeſt, rannten ſie un⸗ aufhaltſam den Abhang hinunter, der unglücklicher⸗ weiſe gegen die Abendſeite ſich neigend, mit dichtem Raſen bewachſen und deßhalb nicht ſo ausgebrannt und aufgewühlt war, wie jener, auf dem ſie empor⸗ geſtiegen. Der Wagen rollte ihnen an den Leib, drängte ſie und machte ſie noch toller. Zur Rechten hin war ein Theil des Waldes, den Raupenfraß an⸗ gegriffen, im vorigen Winter niedergeſchlagen worden; die Ueberreſte der Baumſtämme wurzelten noch im Boden. Ueber dieſe nahmen die raſenden Thiere, unerwartet ausbiegend, jetzt ihren Weg.„Dort unten liegt die Kiesgrube,“ ſchrie Guſtav und ſprang herab, um ſich wo möglich noch vor die Pferde zu werfen, 243 deren Eil durch einzelne Baumſtummel doch ein wenig gehemmt wurde. Emil that desgleichen. Beide fielen zur Erde. Als ſie ſich wieder aufrafften, war der Wagen ſchon fern. Agnes, in ihr Tuch gehüllt, regte ſich nicht. Die Männer ſchrieen ihr zu, auch ſie ſolle den Sprung in Gottesnamen wagen!— Vergeblich; ſchon zu ſpät!— Alles war verſchwunden, in die Grube hinuntergeſtürzt. Binnen einer Minute waren ſie bei ihr. Sie lag, das ſchöne Antlitz von ſcharfem Kiesſand ge⸗ ſchunden, das zerſchmetterte Haupt auf einem großen Steine; die Pferde mit gebrochenen Beinen, der zer⸗ trümmerte Wagen eine Strecke davon. Emil und Guſtav warfen ſich neben ihr nieder. Sie reichte jedem eine Hand. Daß ſie ſprechen wollte, war ſicht⸗ bar; Blutſtröme, aus der Bruſt hervorquellend, hemm⸗ ten ihre Rede. Guſtav heulte vor Schmerz und Wuth. Emil war bleich und ſtumm. Rathlos Beide. Sie bewegte die Lippen:„Ultima necat!“ flüſterte ſie und:„mein Latein am Ende!“ Dann legte ſie den Finger auf den Mund, als wollte ſie den beiden Männern Schweigen gebieten und das brechende Auge, nach ihnen gerichtet, ergänzte die Bedeutung dieſer Geberde.— „Sie iſt todt!“ ſagte Emil. 244 „Und mit ihr mein beſſeres Leben,“ ſtöhnte Gu⸗ ſtav.„Ich bin ein Verlorener.“ Dann hoben ſie den Leichnam auf und trugen ihn davon.. Vom Blute überdeckt, langten ſie ſpät Abends im Schloſſe an. Achtzehntes Capitel. Sie hatte mehrfach geäußert, bei ihrem Bänk⸗ chen, am kleinen See im Park, unter den Trauer⸗ weiden wünſche ſie zu ruhen. Dort wurde ſie zur Erde beſtattet. Erſt nach dem Begräbniß wechſelten Emil und Guſtav einige Worte. Bis dahin waren ſie ſtill und wie vernichtet neben einander hergegangen. Sie beſchloſſen, ſich bei Nacht, wenn Alles ſchlief, zur nothwendigen Beſprechung auf Emil's Zimmer zu finden. Als ſie dort zuſammentrafen, bildeten ſie, obgleich Beide von tiefſten Schmerzen durchdrungen, durch dieſe ihre Schmerzen gerade einen ſchroffen Gegenſatz: Guſtav trauerte um den Verluſt der Ge⸗ liebten, offen und ehrlich, mit der Wildheit eines ſinn⸗ lichen, leidenſchaftlichen Juͤnglings, dabei aber auch — — 4 — 245 mit der Wehmuth eines Kindes, dem die junge Mutter, die Führerin, die milde, zärtliche Veredlerin geſtorben.„Nun bin ich ein Verlorener!“ hieß der jedesmalige Schluß ſeiner Klagen, durch welche aus heißen Thränen ſchon das Geſtändniß herausklang: er werde ſich in tolles Leben und wilde Zerſtreuun⸗ gen werfen, um— zu vergeſſen! Emil's Gram war keinesweges ſo einfach und natürlich; man könnte ihn raffinirt nennen. Doch wie viel und wie wenig davon wirklich bis auf den Grund ſeiner Seele gegangen ſein mag,— drei rothe Blutflecke hafteten entſchieden auf der leeren, farb⸗ und freudeloſen Fläche, die— wenn er der einſamen Zukunft gedachte— vor ihm lag: Erſtens Agneſens grauenhafter Tod und die Trennung von ihr, deren Jugend neben ihm, durch ihn, ohne Ju⸗ gendglück geblieben; zweitens die bevorſtehende Ab⸗ reiſe Guſtav's!— Denn daß dieſen keine Macht, keine Bitte mehr in Schwarzwaldau feſthalten werde, ließ ſich leicht errathen;— drittens endlich, und das war der Dunkelſte der drei blutigen Flecken: die Furcht vor Guſtav's ruhmrediger Eitelkeit, die über kurz oder lang, im wüſten Verkehr mit ſeines Gleichen, aus⸗ ſchwatzen könne, wie nahe er der Verſtorbenen ge⸗ ſtanden und wie dieſes zweideutige Verhältniß von einem mehr als gefälligen Gatten geduldet worden 246 ſei. Emil hatte dieſer ſeiner Befürchtungen kein Hehl. „Daß wir von einander ſcheiden müſſen,“ ſprach er, „das weiß ich. Du kannſt nicht weilen, wo ſie nicht mehr lebt. Was Du mir in dieſer letzteren Zeit an Neigung zugewendet, hatte ich ihr allein zu verdan⸗ ken. Ihr Grabſtein iſt ein unüberſteigliches Gebirge zwiſchen mir und Dir. Ich laſſe Dich ziehen und bringe dadurch ihrem Angedenken das ſchwerſte, darum auch das verſöhnendſte Todtenopfer. Auch ſollſt Du ihr Erbe ſein. Agneſens eigenes Vermögen befindet ſich in Staatspapieren unter meiner Obhut. Es ge⸗ hört Dir. Hilf Deinen Eltern und dann unternimm, was Dir nothwendig ſcheint, Dich wieder in's Leben zu wenden. Ich lege Dir keine Bedingungen auf; verlange keine Rückſichten für mich; bitte Dich nur, die reine Liebe, wie Du ſie hier kennen lernteſt, in Deiner Seele zu tragen, damit ſie Dich trage, halte, führe. Ich verlange nichts von Dir, als Ach⸗ tung für die Todte und ihren Namen. Hat ſie ſich ſchwach gezeigt gegen Dich?— ich forſche nicht, in wie weit? mir ſteht das Recht nicht zu!— hat ſie, die Edelſte, die ich kannte, ihre weibliche Natur nicht ganz beſiegt? iſt ſie Dir in einer flüchtigen Stunde vielleicht wie Andere, minder Wuͤrdige erſchie⸗ nen?... Vergiß das und bewahre nur in Deinem ₰ — ‿ 1— 247 Herzen, was groß, heilig an ihr geweſen. Schone— ich will nicht ſagen: ſchone mich und meine Ehre! — ſchone die ihrige! Bewahre das Geheimniß! Halt' es verborgen in tiefſter Bruſt, gleich dem koſtbarſten Juwel, deſſen Glanz durch einen einzigen höhniſchen Blick ſchon getrübt, deſſen Werth durch eine einzige hämiſche Bemerkung ſchon verringert werden müßte. Unter dieſer Bedingung nur empfängſt Du dieß Portefeuille, trittſt Du die Erbſchaft an, daß Du mir mit feierlichſtem Eidſchwur gelobſt zu ſchweigen! Zu ſchweigen, wie das Grab, in welchem ſie modert.“ Guſtav ſenkte den Kopf. Emil's Großmuth machte ihn ſprachlos; deſſen Ehrfurcht für die Ver⸗ ſtorbene flößte ihm Ehrfurcht ein. Gleichwohl rollten ſchon in dieſer ernſten Stunde warme Tropfen prik⸗ kelnd durch des jungen Mannes Adern, die verführe⸗ riſch auf neuen Lebensgenuß hinwieſen, da er vom Gelde vernahm. Er ſtand bereit, jeden Schwur ab⸗ zulegen, den man von ihm begehren könnte, und Emil deutete ſein ſtummes Harren für Einwilligung. Da brachte er denn abermals den bekannten Dolch zum Vorſchein. Auf dieſen mußte Guſtav, in knieender Stellung, zwei Finger der rechten Hand le⸗ gen und die Eidesformel nachſprechen, die dahin lau⸗ tete, daß dieſer Dolch ihm in ſein Herz gebohrt werden 248 dürfe, wenn jemals auch nur die leiſeſte Andeu⸗ tung der Vorgänge im Schloſſe zu Schwarzwaldau ihm entſchlüpfe; daß er dann ſeinen Tod nicht wie an ihm begangenen Mord, ſondern lediglich wie ge⸗ rechte Vollſtreckung eines von ihm ſelbſt anerkannten Urtheils betrachten wolle. Er verſchwor Seele und Seelenſeligkeit, wenn er dieß Wort bräche. Darauf nahmen ſie Abſchied: ſie wollten ſich nicht mehr wiederſehen. Morgen früh ſollte Guſtav abreiſen; zunächſt nur bis Thalwieſe.— Das Porte⸗ feuille unter'm Arm wendete ſich der ſo lange für unentbehrlich gehaltene, nun entlaſſene Freund der Thüre zu, und hoffte den Ausgang ſchon gewonnen zu haben, da rief Emil's Bitte ihn zurück. Nicht ohne Beſorgniß gehorchte er. Dieſe ſteigerte ſich noch, als ſein Wohlthäter nach einem Buche griff. „Sind wir wohl jetzt in der Stimmung?...“ fragte Guſtav ſchüchtern. „Nur auf einen Augenblick noch. Lies dieſe Stelle.“ „Die Kaltwaſſer'ſche Ueberſetzung des Plutarch;“ aus dieſer las Guſtav:„Solon's Mutter war wie Heraklides der Pontiker meldet, mit der Mutter des Piſiſtratus Geſchwiſterkind. Anfänglich lebte er 4— A— 249 mit Dieſem in vertrauter Freundſchaft, theils weil er ſo nahe mit ihm verwandt war, theils auch, wie Einige ſagen, weil er ihn, ſeiner Schönheit und großen Talente wegen, auf's Zärtlichſte liebte. Daher kam es denn vermuthlich, daß ihre Feindſchaft, als ſie in der Folge wegen politiſcher Meinungen miteinan⸗ der zerſtelen, nicht in heftige und wilde Leidenſchaft ausartete, ſondern jene Gerechtſame ſich noch immer in ihren Herzen erhielten und das Andenken der vorigen Liebe und Zärtlichkeit wie glimmende Funken von einem großen Feuer aufbewahrten.““ Guſtav konnte den Schluß dieſes Periodon nicht ohne Rührung leſen, was ſich durch ſeiner Stimme Zittern verrieth.. „Ich bin kein Solon,“ hub Emil an,„und Du kein Piſiſtratus; unſere Mütter waren nicht Geſchwi⸗ ſterkinder und zwiſchen uns beſteht keine Verwandt⸗ ſchaft außer jener des Herzens,— die zwar auch nicht gegenſeitig, doch in dem meinigen lebte. Ich liebte Dich und Alles, was ſchön, gut, edel an Dir iſt. Deine Talente und Anlagen galten mir vielleicht über ihren Werth, eben weil ſie unausgebildet mich wähnen ließen, Dich und ſie fördern zu können? Es war ein Wahn. Jetzt ſcheidet uns— nicht die po⸗ litiſche Meinung,— aber doch etwas dem Aehnliches. 250 Die Durchführung des Vergleiches ſchenkſt Du mir; ſie würde Dich ermüden. Wir trennen uns,— was ſoll ich's läugnen?— faſt wie Gegner!— darum brauchen wir nicht Feinde zu ſein. Erinnerung wird glimmende Funken aufbewahren von jenem großen Feuer, welches einſt in meiner Bruſt loderte. Gehe mit Gott.“ Sie reichten ſich die Hände— und Emil blieb allein! 4 Als er am nächſten Tage,— nicht erwachte, denn er hatte nicht geſchlafen,— als er ſich vom Lager aufrichtete, dem Rollen des Wagens zu lau⸗ ſchen, welcher den heimiſch gewordenen Gaſt entführte, da trat der Tafeldecker bei ihm ein. „Wo iſt Franz?“ fragte der Herr, dem es jetzt erſt in den Sinn kam, daß er den Jäger nicht ge⸗ ſehen ſeit Agneſens Tode. „Ach, der liegt danieder,“ entgegnete der Ta⸗ feldecker.„Es iſt ihm gar ſchlecht, aber von den Arzeneien, die der Herr Doctor ihm verordnet, will er nichts wiſſen. Er ſagt, die könnten ihm nicht helfen. Er zieht ſich das Ungluück unſerer armen gnädigen Frau zu Gemüthe. Du lieber Gott, thun wir's nicht —— dr — 4 ———— 251 Alle? Nur daß wir nicht nachgeben, wie der junge verwöhnte Patron und uns auf den Beinen halten für den Dienſt.“ „Was hältſt Du in der Hand, Alter?“ „Ein Briefchen. Der junge Herr hat mir's aus dem Wagen zugereicht; ich ſollt' es ohne Zögern übergeben.“ Emil entließ den Diener und fand, nachdem er den dick verklebten und vielfach beſiegelten Um⸗ ſchlag mühſam zerriſſen, nachſtehende Zeilen mit Bleiſtift gekritzelt: „Für die Möglichkeit, daß kränkende Gerüchte über A. laut würden, ſeh' ich mich gezwungen, Dir eine Entdeckung zu machen. Die ganze Nacht hab' ich mir den Kopf zerbrochen, ob ich ſie nicht unterdrücken ſollte? Doch ich gedachte meines Eidſchwurs— und muß mich ſicher ſtellen vor möglichem Verdacht. So wiſſe, daß am letzten Abend vor ihrem Tode die Selige, durch einen mir immer noch unerklärlichen Irrthum getäuſcht, Deinen Jäger für mich genommen und dieſem einige vertrauliche Worte zugeflüſtert hat, welche dieſen mir ſtets verdächtigen Menſchen zum Mitwiſſer des Geheimniſſes machen. Daraus ent⸗ ſprang ihre und meine trübe Stimmung bei unſe⸗ rer Landreiſe, die zuletzt auch Dich anſteckte. So 25² viel davon, als von einer Sache, deren ich leider gewiß bin. ‚Nun zu einer Vermuthung: Haſt Du nie be⸗ merkt, daß Franz, trotz ſeiner Liebſchaft mit Liſetten, (die mir eigentlich wie ein falſches Feldzeichen vor⸗ kam,) ſeine frechen Augen auf Deine Gemalin rich⸗ tete?— Ich müßte mich ſehr betrogen haben, wenn er es nicht gethan hätte! Dieß vorausgeſetzt, was meinſt Du, wenn ich Dir nicht länger vorenthalte, daß ich, als der Schuß im Herrenwalde ſiel, eine Kugel pfeifen hörte? Daß dieſe Kugel mir die Mütze vom Kopfe ſtreifte und eine Locke mitnahm? Wirſt Du zweifeln, daß der Schuß einem gehaßten Ne⸗ benbuhler galt? Mindeſtens wirſt Du zugeſtehen müſſen, daß die Verwechslung unſerer Perſonen am vorhergehenden Tage und dieſer am nächſten Tage erfolgte, faſt gelungene Mordanfall, viel zu denken giebt. Die ganze Sache iſt ſo delicat, daß ich Dich nicht damit beunruhigen wollte; um ſo weniger, weil Du bis zum Begräbniſſe für nichts weiter Sinn hatteſt, und ſogar aus Mitleid für den unſchuldigen Thäter jeden Verſuch unterdrückteſt, zu erfahren, wel⸗ cher Deiner Forſtleute dort geſchoſſen haben könnte? Auf Schnepfen vielleicht? Seit wann erlegt man Schnepfen mit Kugeln? Suche an Ort und Stelle 253 nach, Du wirſt meine Kopfbedeckung zuverläſſig noch im Gebüſche finden. Nur vorſichtig! Mache nicht unnützen Lärm. Sei weiſe, wie Solon. Ich bleibe Dein Piſiſtratus.“ Emil verbrannte das Blättchen, kleidete ſich an und ſtieg die Wendeltreppe hinauf zum Jägerzimmer. Vor der letzten Stufe machte er Halt.„Nur vorſich⸗ tig!“ murmelte er und begab ſich auf die Wande⸗ rung nach dem Herrenwalde. Der verhängnißvolle Platz war bald erreicht. Einige Schritte rechts von der noch unzerſtörten Wagenſpur, wo die Räder durch den erſten heftigen Seitenſprung der Pferde aus dem Geleiſe gerathen waren, hing Guſtav's blaue Tuchmütze in den Dor⸗ nen eines Brombeergeſträuches. Die Kugel hatte den Deckel durchlöchert; Haare von ſeinem Haupte klebten halb verſengt um die ſcharf abgeſchnittene runde Oeffnung. Emil verbarg dieſen lebloſen Zeugen einer ver⸗ ruchten That in ſeinem Rocke, dann überſah er mit furchtbarer Kälte, vor der ihm ſelbſt ſchauderte, prü⸗ fend und forſchend die Umgebung. Der Weg durch den Herrenwald führt nicht über den höchſten Gipfel des Hügels. Die eigentliche Kuppe iſt dicht bewaldet. Dort mußte ſich der Mörder angeſtellt, folglich mußte er von oben herab gezielt haben; folglich konnte die 254 Kugel, ſollte ſie entdeckt werden, gegen den Erdboden hin zu finden ſein?— Und ſie fand ſich. Freilich erſt nach langem, abmattendem Umherkriechen durch Geſtrüpp und Farrenkräuter. Sie ſaß in einer alten Edeltanne, am Fuße des Stammes; röthlich weiße Splitter von Rinde und Baſt verriethen ſie dem in Angſtſchweiß Gebadeten, von Dornen Zerkreatzten. Er grub ſie mit dem Meſſer, welches an der Scheide ſeines Hirſchfängers ſteckte, eifrig heraus. Sie hatte, da ſie in weiches Holz eingedrungen ſchon erkaltet geweſen war, ihre vollſtändige Form und Rundung behalten. Emil wog ſie nachdenklich lange in ſeiner Hand: „Wenn dieſes Klümpchen Blei einen Zoll tiefer ging und, anſtatt den Fuß eines Baumes zu erreichen, den Kopf eines Menſchen traf, ſo war dieſer Menſch jetzt kalt,... regungslos,... war ein Leichnam, wie jener, den wir unter den Trauerweiden einſcharr⸗ ten! Und wäre das nicht vielleicht beſſer? Ach, und wär' es nicht gewiß beſſer, es ſäße in meinem Hirn? O, gewiß!“ Er wog die Kugel, und wog ſie wieder: „Ob ich nicht den Muth haben ſollte?“... Und bitter lächelnd fuhr er fort:„Da beſinn' ich mich auf ein armes Weib.. ich reiſete durch Dres⸗ den, im Februar; das Eis der Elbe fing an, ſich 255 zu regen; hier und da blickten Waſſerſpiegel durch, neben Blöcken, die ſich uber Blöcke thürmten. Ich ſah hinunter auf den Kampf der lebendigen Fluth mit dem ſtarren Eiſe. Gellend durchſchnitt ein Schrei die naßkalte Luft und das arme Weib ſtürzte ſich über die Mauer der Brücke. Sie verfehlte ihre Abſicht in den Wogen unterzuſinken; ſie fiel auf hartes Eis und brach beide Beine. Ein Soldat eilte vom Ufer nach zu ihr hin. Ehe er ſie erlangen konnte, ehe er ſie auflud, hatten ſich neue Lücken gebildet und die Rückkehr bis an's Land war nicht ohne Gefahr. Flehend rief die Unglückliche und angſtvoll: nehmt Ench nur in Acht, daß wir nicht ertrinken!— Wie thöricht erſchien es mir damals, daß dieſelbe, die vor wenig Minuten den Tod ſuchte, ihn jetzt fürchtete, wo ſte, verſtüm⸗ melt und leidend, noch viel hoffnungsloſer ſchien, als vorher. Und bin ich nicht thörichter als jenes Weib? Sie hatte ja nur die Beine gebrochen! Mir iſt das Herz gebrochen, das Leben, die Ehre... und den⸗ noch will ich nicht ſterben?... Nein, wozu die Lügen gegen mich ſelbſt? Ich vermag nicht, mich um⸗ zubringen; ich muß weiter fortleben! Und ich werde!“— Franz Sara lag angekleidet auf ſeinem Bett, als Herr von Schwarzwaldau in's Jägerzimmer ein⸗ trat; ſchien zu ſchlummern und regte ſich nicht. Emil warf Guſtav's durchlöcherte Kappe auf 256 den Tiſch, riß Franzens gezogene Kugelbüchſe—(ein Geſchenk ſeines alten Lehrherrn)— vom Pflock an der Mauer und paßte die Kugel in's dicke Rohr, deren Kaliber genau zutraf. Noch ſtand er unſchlüſſig, da erhob ſich der Jäger: „Ja, Herr, ich war's! der Schurke ſollte ſterben, da ſie noch lebte. Jetzt ſoll er's gewiß, da ſie ſeinetwegen umkam. Und müßt' ich...“ Emil ſchloß die Thür. Eine lange Unterredung erfolgte, deren Inhalt niemand im Schloſſe erfuhr, obwohl ſich alle Leute, vorzüglich Liſette, ſehr ver⸗ wunderten, was der Herr ſo gewaltig lange im Jäger⸗ zimmer zu thun haben möge? Einige Tage ſpäter empfing der Amtmann die für ihn gerichtlich ausgefertigte Vollmacht: ‚Während Abweſenheit des Gutsherrn, der eine zur Herſtellung erſchütterter Geſundheit nothwendige Reiſe auf län⸗ gere Zeit und außer Landes unternehme, an deſſen Statt die Herrſchaft zu verwalten und ſämmtliche Geſchäfte zu führen.“ Als dienenden Begleiter nahm Emil von Schwarz⸗ waldau einzig und allein ſeinen Leibjäger Franz Sara mit auf Reiſen. Liſette wollte ſich die Augen ausweinen. „Es wächſt Gras über Alles!“ tröſtete ſie der ſcheidende Liebhaber. Ende des erſten Bandes. ——————ͤͤööͤͤſͤſͤſͤſͤſͤſͤſſſſſſÿäää— — 2——————— ————————— ffffffffffffffffff 13 14 15 16 17 18 19