3263 8 —-— — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . von Eduard Oftmann in Gießen, 3 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ieſebedingungen. 3 1. Oftensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ſſe pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. „2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗. den angenommen. 4 d 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird 8 —— 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 1 für wöhchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. Ff. Y3 7 ſ 2 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ f orene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Lejer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird . beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 1 4 1 Bibliothek deutſcher Briginalromane der beliebteſten Schriftſteller. Herausgegeben von J. L. Keber. Zwölfter Jahrgang. Sechszehnter Band. Noblesse oblige. III. Prag& Leipzig, Verlag von J. L. Kober. —— Noblesse oblige. Roman in drei Bänden. Von Karl von Holtei. Dritter Band. „So löſ't ſich jene große Frage Nach unſerm zweiten Vaterland, Denn das Beſtändige der ird'ſchen Tage Verbürgt uns ewigen Beſtand.“ Göthe. 1857. Prag& Leipzig, Verlag von J. L. Kober. Einundzwanzigſtes Kapitel. Als wir Mathilde bei Onkel Hanns und Tante Johanna in Mühlhaus verließen, ſuchte die Jung⸗ frau ihr Stübchen auf, um in ſtiller Einſamkeit zihren Vater zu begraben.⸗ Sie zeigte ſich ergriffen von dem Tode eines Mannes, der ihr ſo nahe und zugleich ſo fern geſtanden; aber wir durften voraus⸗ ſetzen, daß ſolche milde Trauer dem heitern länd⸗ lichen Daſein der Schmalkow'ſchen nicht dauernden Zwang auflegen, daß die dort einheimiſche, auf in⸗ nige Anhänglichkeit der drei Bewohner gegründete Lebensfreude bald ſich wieder einſtellen werde. Das iſt nun ganz anders gekommen. Ein Jahr kann viel ändern und auf Baron Schmalkow's Ver⸗ hältniſſe hat das letztvergangene eine feindſelige Macht ausgeübt. Sein altes Sprichwort:„Wo Holz 1857. XVI. Noblesse oblige. III. 1 2 gehackt wird, da fallen Späne, wollte ſich nicht be⸗ währen,— wenigſtens in ſeinem Walde nicht. Denn verfloſſenen Herbſt brach ein Feuer darin aus, welches mit unbeſiegbarer, jedem angeſtrengteſten Widerſtande trotzenden Wuth einen großen Theil des ſchlagge⸗ rechten Bau⸗ und Schiffsholzes verwüſtete, den ſchon beſtellten Arbeitern ihren Erwerb und ihm einen bedeutenden Theil ſeines Wohlſtandes raubte. Wie ein Unglück niemals allein kommt, hatte dann trocke⸗ ner Froſt die Winterſaat zerſtört, die Ernte vernichtet. Und um die Trübſal zu vollenden, hatte Schweſter Stjernholm den letzten Reſt ihres Vermögens, eine Summe von zehntauſend Thalern, welche auf Mühl⸗ haus hypothekariſch eingetragen ſtand, ihrem Bruder aufgekündiget; ſo daß dieſer, um ſie zu befriedigen, bares Geld unter den drückendſten Bedingungen auftreiben mußte. Dieſe drei Schläge genügten, den Freund des Fortſchrittes ernſtlich niederzubeugen. Frau Johanna hätte wohl ſich aufrechterhalten und den Widerwär⸗ tigkeiten geduldige Ergebung entgegengeſtellt, wäre nicht Mathilde, von dem Verfahren ihrer Mutter ſchwer betroffen, Gegenſtand herzlicher Betrübniß für ſie geworden. Denn das arme Mädchen hatte ſich alle Vorwürfe und Anklagen, womit Onkel Hanns bei 8ℳ — — 3 dieſer Gelegenheit ſeine Schweſter bedachte, ſehr zu Herzen genommen. Jedes gegen ihre Mutter ge⸗ richtete Wort kränkte Mathilden; vielleicht umſo ſchmerzlicher, weil ihr ſo wenig Mittel geboten waren die Angeklagte mit Erfolg zu vertheidigen. Vergebens bemüheten ſich die Nachbarn, den hochgeachteten Schmalkow durch geſellige Zuvorkom⸗ menheit zu zerſtreuen, Er zog ſich von ihnen zurück und ſprach mürriſch genug aus, man möge ihn in Ruhe laſſen, bis er die Unglücksſälle, die ihn betroffen, verwunden habe. Da war es denn recht öde und unbehaglich in dem ſonſt ſo traulichen Mühlhaus.„Es iſt mir nicht um mich, und auch nicht um meine Alte,“ verſicherte Baron Schmalkow;„wir werden nicht erhungern, und zu einem Stücke Brot wird immer noch genug wachſen, ſollte auch drei Jahre lang kein Schnee fallen, und das Getreide noch dreimal zugrunde gehen! ˙s iſt mir nur um unſere Mathilde. Was bleibt denn der übrig nach meinem Tode, wenn ich als Bettler ſterbe? Daß ſie von ihrer Mutter nichts erbt, dafür ſorgt Frau Freiin Stjernholm⸗Schmalkow. Auf mich war das Kind angewieſen. Und ich komme ſo ſchmählich zurück! Wird noch ſchlimmer werden. Wo kein Fort⸗ ſchritt ſtattfindet, geht es zurück. Feuer und Froſt 7 4 haben wir gehabt; jetzt muß noch ein gewaltiger Sturmwind Haus und Hof daniederreißen, und wenn dann die See nicht austritt, uns abzuholen, ſo thun wir am beſten, ihr entgegenzugehen.“ „Das wäre zwar ein Fortſchritt, Onkelchen; aber nicht zum Guten. Ein erfahrener Landwirth wie Du, muß ja gefaßt ſein auf ſolche Ereigniſſe. Wer wird mit dem Himmel rechten? Du haſt's ge⸗ wiß in frühern Zeiten nie gethan! Sollt' ich denken, daß die Sorge für mich daran Schuld wäre,— mir bliebe ja endlich nichts übrig, als dieſe Sorge von Dir zu nehmen?“ „Willſt Du etwa allein ins Waſſer ſpringen?“ fragte er ängſtlich;„oder willſt Du— was vielleicht ebenſo ſchlimm wäre, Deine Frau Mutter aufſuchen?“ „Keins von beiden, Onkel Hanns: Eins wäre ſündlich, außerdem daß ich auch nicht die geringſte Luſt dazu habe! Das Andere wäre— voreilig, um es nachſichtig zu bezeichnen; denn hätte meine Mut⸗ ter ihre Tochter bei ſich zu haben gewünſcht, ſo würde ſie mich nicht von ſich gewieſen haben. Beides könnte ja auch nichts beitragen, Dir Deine Laſt leichter zu machen; im Gegentheil. Doch ein drittes bleibt übrig. Und wenn Du fortfährſt, muthlos zu jam⸗ — —,— 5 mern, ſo ſteh' ich nicht dafür, daß ich an Herrn von Wahlen ſchreibe—“ „An Wahlen? Was willſt Du ihm ſchreiben? Doch nicht, daß er mir Gelder vorſtrecken ſoll? Oder dergleichen?“ 4 „Nein, das nicht. Nur, daß ich ſeine Hand annehme!“ „Deinem Herzen und Gefühl entgegen?“ „Meinem Herzen und Gefühl iſt auch entgegen, lieber Onkel, daß der Kummer wegen meiner Zukunft Dein Leben vergiftet. Es macht mich unglücklich, dieß zu denken; zu denken, daß meine Gegenwart Dir keinen Troſt mehr gewährt. Da iſt es ja beſſer, ich ſcheide und ſchließe ein Bündniß, wodurch Du der Angſt überhoben wirſt, daß ich dereinſt als Bettlerin zurückbleibe.“ Jetzt miſchte ſich Frau Johanna ein:„Soweit haſt Du unſer armes Tildchen endlich gebracht, Hanns, daß ein Verzweiflungsſchritt gethan werden ſoll? Nennſt Du das auch einen Fortſchritt? Ich bitte Dich, Mann, mache Dir nicht unnütze Nöthe für die Zeit, die noch nicht da iſt. Mache Dir's nicht ſchwer, und uns auch nicht. Es iſt ein rechtes Leiden mit Euch, Ihr Herren aus ſtarkem Geſchlechte! Wo's um Leben und Tod geht, auf dem Schlachtfeld, in Kampf 6 und Blut, da ſeid Ihr kühn und kräftig; da ſteht Ihr männlich, wo wir weibiſch verzagen. Wenn's aber gilt im kleinen Kriege gegen das Leben und deſſen Neckereien auszudauern, in alltäglichen Schar⸗ mützeln gute Zuverſicht und heitern Muth zu bewah⸗ ren, dann werdet Ihr verzagte Weiber und das ſtär⸗ kere Geſchlecht ſind wir. Danke Du Gott, daß Du uns beide noch haſt, die und mich. Arbeite wacker darauf los, ſage wie Hiob: der Herr hat's gegeben, Er hat's genommen; quäle Dich nicht, und uns auch nicht; gräme Dich nicht um des kommenden Tages Plage und verdirb uns die Laune nicht, des heuti⸗ gen Tages Plage durch Frohſinn zu verſüßen. Jage Mathilden nicht in ihr Unglück durch Dein Gepim⸗ pel. Es iſt nicht ſo arg, wie Du es machſt. Wir ſind noch nicht Bettler und ſie wird auch nicht bet⸗ teln dürfen, ohne daß ſie Frau von Wahlen heißt. Komm', Hanns, gib' uns das Verſprechen: dieſe Stunde war die letzte, die wir uns verkümmerten! Von jetzt beginnt ein friſches Daſein! Ein neuer Fortſchritt, wenn Du das lieber hörſt. He, alter Hanns, die Hand darauf!“ Sie hielt ihm ihre Rechte hin: er ergriff ſie. Mathilde legte ihre beide Hände darum.„Vergeſſen,“ ſagte ſie. ☛ — 7 „Und vergeben?“ fragte Onkel Hanns. „Vergeben und vergeſſen!“ riefen Tante, wie Nichte. Seit etlichen Wochen zum erſtenmale befahl Schmalkow, daß ſein Klepper geſattelt werde:„Ich will in den Wald hinaus, da gibt's viel zu ſchaffen.“ Und als er das Pferd beſtieg, ſprach er lächelnd: „Das war ein entſchiedener Fortſchritt!“ Tante Johanna und Mathilde ſegneten dieſen Entſchluß. Darin ſtimmten beide überein, daß der Baron, wenn er erſt wieder thatkräftig eingriffe, ſehr bald frohen Muthes werden würde. Nur die aus ſeiner Niedergeſchlagenheit entſpringende Unluſt, ſeine Wirthſchaft ſelbſt zu leiten, hatte ihn, den an uner⸗ müdliche Geſchäftigkeit gewöhnten Landmann, um Glauben und Vertrauen auf ſich ſelbſt und auf beſ⸗ ſere Tage gebracht. Jetzt war das Schlimmſte über⸗ wunden! Einſchränkungen aller Art blieben deßhalb im⸗ mer noch nothwendig. Doch darein finden ſich ver⸗ ſtändige, häusliche Frauen gar leicht.„Wir ſind immer noch zu beneiden,“ meinte Mathilde,„im Ver⸗ gleiche mit vielen Andern, die vollauf haben und ſich an äußerm Tande nichts zu verſagen brauchen. Denn wir beſitzen, was ſo vielen mangelt: die Freude an 8 ungeſtörtem Zuſammenleben und die Mittel, es uns geiſtig zu verklären. Jetzt geht es gar auf den lie⸗ ben Winter zu, der uns heuer gewiß nicht mit trock⸗ nen Fröſten abſpeiſen, der uns vielmehr in ſeinen weichen weißen Flaum einhüllen wird, ſo warm und behaglich, daß es eine wahre Wonne iſt, im ſtillen Stübchen zu weilen. Dann iſt meine gute Tante ſo gefällig, ein Bißchen an ihrer Gicht zu leiden, die ihr ein⸗ für allemal unterſagt, an den Win⸗ terkränzchen theilzunehmen; die Nichte darf nicht verabſäumen, ſie zu pflegen,— und Onkel Hanns wird doch ſeine ‚Weibsbilder“ nicht allein laſſen? Da bewährt ſich dann der Ausſpruch des Dichters: ‚wer ſich der Einſamkeit ergibt, der iſt gar bald allein!' Kein Beſuch dringt in unſere Einſamkeit, die jedoch eine glückliche Dreiſamkeit wird. O wie freu' ich mich auf dieſe trauten Abende!“ Die Tante blickte ſie dankbar an:„Du Gute! Für Dich muß unſer Herrgott eine ganz beſondere Belohnung aufbewahrt haben, womit Er über kurz oder lang vergelten wird, was wir durch nichts ver⸗ gelten, wofür wir nur dankbar ſein und Dich lieben können.“ „Liebe iſt die ſchönſte Vergeltung für Liebe, mein Tantchen; laß' uns dabei bleiben. Weil aber — — — — 9 die Winterabende, auf die ich mich freue, noch lange nicht da ſind; weil wir bald einen Oktober begin⸗ nen werden, der ſich wie Auguſt anläßt, ſo denk'ich, wir ſpielen nicht die Spröden gegen ihn. Wie wär's, wenn wir jetzt gleich ein Bißchen zu Walde gingen? Nicht dahin, wo's gebrannt hat— das iſt ein trau⸗ riger Anblick;— nach der entgegengeſetzten Seite, von wo ich damals, ein verlaſſenes ängſtliches Kind, zu Euch kam. Es gewährt mir großes Vergnügen, mich jenes düſtern Abends zu erinnern, aus wel⸗ chem ſoviel beglückte Tage für mich erblühten. Willſt Du, Tante?“ „Was Du willſt, Mathilde, will ich immer; und wenn Du mir verſprichſt, hübſch langſam zu ſchlendern, ſo nehm' ich mein Strickkörbchen mit; denn ein Spaziergang ohne Arbeit kommt mir vor wie Botenlaufen: man rennt, man geht nicht. Wäh⸗ rend beim Stricken”... „Eine Schlinge nach der andern von der Nadel fällt, die ich dann aufnehmen muß!“ „Und das kommt der dicken Tante zuſtatten; die ſchlanke Nichte ſchreitet ſonſt zu gewaltig aus.“ „So will ich mich ebenfalls mit dem Gewicht eines im Entſtehen begriffenen Strumpfes belaſten, damit ich langſam neben Dir einherſchreite, wie es 10 einer Perſon von Gewicht zukommt. Ich kann Dir nicht beſchreiben, Tante Johanna, wie wohl mir iſt, daß wir Onkel Hanns auf ſeine vier Beine und hinaus ins Freie gebracht haben. Ich ſtehe jetzt wieder feſt auf meinen zwei Füßen; und ſteht man erſt wieder feſt, dann geht's auch!“ „So laß uns gehen, Tildchen!“ Sie zogen ſchweigend, ſtrickend, ſinnend neben einander her.— Haſt Du wohl, mein werther Leſer, wo Dir etwa der Anblick einer wohlgeordneten, weißlächelnden, vierfach über einander gehäuften Maſſe zierlich und ſauber geſtrickter, roth gezeichneter, feiner Weiber⸗ ſtrümpfe vergönnt ward, bei dieſem Anblick jemals den Gedanken gehegt: wenn dieſe Strümpfe nun plötzlich, durch ein Wunder in lebendige Weſen ver⸗ wandelt, die Fähigkeit gewönnen, mit einander zu ſchwatzen; wenn ſie, ein Paar dem andern, mittheilen könnten, was während dieſes verſchlungenen und verſchränkten Werdens die Beſitzerin, die Strik⸗ kerin an Wünſchen, Träumen, Hoffnungen, Erwar⸗ tungen, Befürchtungen und Entſagungen in das Gewebe hinein mit verſchlungen und verſchränkt hat? Wie viele Schläge des Herzens, des Pulſes, aus den Fingern dringend, die Nadeln durchbebt, den e 11 Faden durchzittert, ſich im Strumpfe entladen haben, gleich ebenſo vielen kleinen Blitzen aus kleinem Ge⸗ wölk? Wie jeglicher Strumpf ein Ableiter wurde für mannigfache trübe Dünſte und ſchwüle Stunden? Wahrlich, ein Kaſten voll Strümpfe könnte für einen dicken Band— nicht geſchriebener, nur geſtrickter— Me⸗ moiren gelten, die, wären ſie lesbar, bisweilen un⸗ terhaltend, immer lehrreich ſein müßten! Mathildens Strümpfe möchte ich gern durchleſen, und ſodann abſchreiben dürfen. Das würde dieſem Buche ſehr vortheilhaft ſein. Wie es jetzt ſteht, kann der Verfaſſer nur er⸗ rathen, vermuthen, folgern. Und ſo folgert er denn, daß Mathilde auf dem Pſade, den ſie einſt in des Poſthalters Fuhrwerk zurücklegte, heute in ihre Arbeit gar manche Gefühle verſtrickte, die ſie aus der Re⸗ ſidenz mit auf die Reiſe genommen; die ſo viele Jahre lang in ihr walten und dauern; die gleich gehorſamen Kindern ſich ſtill verhalten, friedlich bei⸗ ſammen ſitzen und ſtille Spiele treiben, bis die Mutter ihnen gelegentlich einmal zuruft: heute geht's ins Freie! Ha, da merkt man wohl, daß ſie lebendig ſind,— wenn ſie nur dürfen. Jeder Strauch, jeder Stein, jedes Streiſchen Waſſer, durch Baumgruppen ſichtbar, verſetzte Ma⸗ 12 thilden in ihre Verbannungsreiſe zurück, deren Ver⸗ anlaſſung ſie zwar nicht im entfernteſten ahnete, deren Beginn aber doch immer auf den Ausgangspunkt in die wahlauer Holzgaſſe zurückführte. Zu Prudents . und ſo weiter. O wie regen ſich da die ſtählernen Stricknadeln! Wie rüſtig turnieren ſie eine gegen die andere im Ringelrennen, bis die Siegerin eine ganze Reihe von Preiſen aufzuweiſen hat, mit denen ſie ſtolziert, als ob ihr keine nächſtfolgende wieder abnehmen ſollte, was ſie errang? Und aus dieſem poetiſchen Lanzenſpiel, umrauſcht von Epheublättern, Immergrün, Vergißmeinnichten, wird nach und nach ein wirklicher, brauchbarer, pro⸗ ſaiſcher.... Strumpf? Gräßlicher Gedanke für alle zart⸗Liebenden!— Es gibt Strickerinnen, die ihre Augen, ſollen ſie ein regelrechtes Werk fördern, nicht aufſchlagen dürfen. Andere wieder blicken, wer weiß wohin, nur nicht auf die Arbeit; nichtsdeſtoweniger wirbeln Finger und Nadeln eifrig fort, ohne daß eine Schlinge fällt. Zu dieſen Letzteren gehörte Mathilde. Sie ſchaute den ſandigen Weg hinaus, wie wenn ſie ihn bis zur Reſidenz verfolgen wollte. Mitten im Schauen und Stricken ließ ſie einen Laut der Ueberraſchung 13 vernehmen, ein ‚Ha!, aus welchem Freude und Schreck hervorklangen. Frau Johanna blieb ſtehen und fragte:„Biſt Du auf einen Froſch getreten? oder haſt Du Dir ein Loch ins Kleid geriſſen an einem Dornſtrauch?“ Statt anderer Antwort wies Mathilde mit der Hand auf ein Fuhrwerk, welches ihnen entgegenkam. „Nun, was denn? Wunderſt Du Dich, daß des Poſthalters alte Kaleſche noch immer vorhält? Sie hat wenig zu leiden; es vergehn halbe Jahre, daß keine Ertrapoſt begehrt wird.— Oder meinſt Du, der Beſuch gelte uns?“ „Wem ſonſt, Tante?“ „Der Weg führt nach vielen Dörfern; wenn ſie nicht rechts einbiegen.“ „Das thun ſie, jetzt eben!“ „Wirklich! Wer kann das ſein?“ „Meine Mutter,“ ſprach Mathilde;„ich er⸗ kenne ſie.“ „Gott verzeih' mir's, die können wir jetzt am allerwenigſten gebrauchen.“ Baronin Schmalkow that keinen Schritt mehr vorwärts.„Willſt Du Deiner Mutter entgegengehen, Mathilde, ſo thu's. Ich erwarte hier, was ſie uns bringt. Viel gutes wird es nicht ſein.“ 14 Mathilde hielt ſich neben ihrer Tante:„Ich verlaſſe Dich nicht,“— ſagte ſie ernſt;„weiß ich denn, ob meine Mutter wünſcht, daß ich die Erſte ſei, die ſie begrüßt? Vielleicht kommt ſie nur, in Geſchäften mit ihrem Bruder zu verkehren? Ihre Sehnſucht nach mir kann unmöglich groß ſein; ſonſt hätte ſie nicht ſo lange gezaudert, mich wieder zu ſehen.“ „Dennoch gilt ihr— Ueberfall nur Dir, Ma⸗ thilde. Mit uns hat meine Schwägerin nichts mehr zu ſchaffen; ſie hat keine Forderung mehr auf Mühl⸗ haus. Von uns kann ſte nichts wollen. Und re⸗ det die Ahnung wahr, die mir die Bruſt zuſammen⸗ ſchnürt, ſo will ſie Dich; ſo kommt ſie, Dich uns zu entreißen!“ „Das verhüte Gott!“ klagte Mathilde. Da hielten die Pferde an, Baronin Stjernholm ſprang leicht und ſicher aus dem Wagen, und eilte auf die erſchreckten Damen zu. „Welch ein günſtiges Vorzeichen,“ rief ſie ihnen zu,„daß ich Euch hier treffe, Dich, meine theure Schwägerin Johanna, und Dich, mein liebes Kind! Ihr werdet die beſten Vermittler ſein zwiſchen mir und dem guten Hanns, der mir gewiß zürnt, weil ich ihm neuerlich Kummer bereiten mußte. Ach, wie 15 gern hätt' ich's ihm erſpart. Doch mich zwang die äußerſte Noth, mein letztes auf eine Karte zu ſetzen. Auch dieſe ſchlug fehl— und da bin ich nun, eine gänzlich Verarmte, an Eure Thüre zu klopfen, und zu fragen, ob Ihr mich aufnehmen mögt?“ Mathilde erwiederte nichts; ihre Augen floſſen von Thränen über. Frau Johanna befand ſich offenbar in lebhaf⸗ ten Zweifeln, ob ſie ihrer Schwägerin Aeußerun⸗ gen für Ernſt halten dürfe? denn die Stjernholm ſah ſo ſchön und vornehm aus, wie jemals in ihren glänzendſten Tagen, und ihre Reiſetoilette wies eher auf eine Prinzeſſin, als auf eine Nahrung und Ob⸗ dach Erbittende hin. Doch genügte der lebensklugen Gattin des Baron Schmalkow ein prüfender Blick auf die Kutſche des kleinſtädtiſchen Poſthalters, in und auf welcher kein Kammermädchen und kein Livreediener zu entdecken war. Einen deutlicheren Be⸗ weis für ihrer Schwägerin Aufrichtigkeit konnte es nicht geben. Sie mußte in Wahrheit ſehr herunter ſein, um ſo zu reiſen! „Mein Mann,“ entgegnete Frau Johanna, „kann ſeiner Schweſter nicht zürnen. Es hat ihm wehgethan, daß bei Aufkündigung des Kapitals gegen ihn wie gegen einen Fremden ſchonungs⸗ 16 os verfahren wurde; beſonders, weil das in eine Zeit fiel, wo mannigfacher Kummer ihn bedrängte. Doch ſind jene trüben Empfindungen ſchon vergeſſen; und wären ſie es noch nicht geweſen, ſie müßten jetzt ſchwinden, wo Du in unſerm Hauſe Zuſlucht ſuchſt vor den Launen Deines Geſchickes. Ich heiße Dich willkommen, und ich bin überzeugt, daß ich mit dieſem Gruße nur meines Mannes Wünſchen zuvorkomme.“ Mathilde umſchlang voll Zärtlichkeit ihre gute Tante. Dann ergriff ſie der Mutter Hand und zog ſie an ihre Lippen. Tochter und Mutter betrachteten ſich nun,— eigentlich zum erſtenmale in ihrem Leben recht genau. Sie hatten ſich ja lange genug gar nicht, und in früherer Zeit immer nur flüchtig, auf den Raub geſehen. Die Stjernholm war ihrem Kinde immer nur erſchienen— wie eben Erſchei⸗ nungen kommen, drohende, oder warnende, vor ir⸗ gendeinem wichtigen Ereigniß,— um dem Mäd⸗ chen anzukündigen, daß es ſeinen Aufenthalt wechſeln, daß es in eine andere Familie, endlich in ein In⸗ ſtitut gebracht werden ſolle. Bei ſolchen Zuſammen⸗ künften hatte der Mutter Sinn ſtets mehr auf Reiſen und großen Plänen geſtanden, als auf Mathildens Fortſchritten und Entwickelung. Dieſe jedoch hatte 17 gelernt, jedem näheren Anſpruche auf mütterliche Zärtlichkeit zu entſagen; die unerläßlichen Küſſe und Umarmungen hatten ſie weder ſonderlich erwärmt, noch hatte ſie der Mutter Bild tiefer im Herzen aufgenommen. Sie dachte ihrer als einer ſtattlichen ſchönen Dame, die jetzt ſchon altern müſſe? Kam ſie ſich doch ſelbſt ſchon ſo alt vor mit ihrer Weltentſagung und inneren Abgeſchloſſenheit. Die Stjernholm hinwiederum hatte nie geah⸗ net, daß aus der ſchweigſamen, zurückhaltenden Pen⸗ ſionärin eine Jungfrau werden könnte, wie ihr jetzt, an der Schwägerin Seite, entgegentrat. Und Mathilde fand ihre Mutter ſo jung, ſo anmuthig, ſo bezaubernd, daß ſie ſich gar nicht an ihr ſattſehen konnte. So ſtanden dieſe beiden edlen Geſtalten, in gegenſei⸗ tiges Anſchauen verſunken, bewundernd vor einander, und Frau Johanna freute ſich an ihrer unverſtellten Freude. Ganz frei von Beſorgniß, ob Baron Hanns den unerwarteten Einfall ſeiner Schweſter, der wirk⸗ lich einem Ueberfall gleichſah, gutheißen werde, fühlte ſich die Freifrau von Schmalkow aber nicht. Seiner Geſinnungen, ſeines verſöhnlichen Gemüthes gewiß, hegte ſie nicht den geringſten Zweifel, daß er, bei ruhiger Ueberlegung, ſeine Schweſter gern in 1857. XVI. Noblesse oblige. III. 2 18 Mühlhaus aufnehmen wolle; nur das erſte Zuſam⸗ mentreffen fürchtete ſie; die harten Worte, welche dem lebhaften Manne entſchlüpfen könnten? Deß⸗ halb müſſe er vorbereitet ſein, fand ſie für nöthig; müſſe die Ueberraſchung ſchon hinter ſich, und einige unfreundliche Exklamationen ausgeſtoßen haben, ehe die Schwägerin ihm entgegentrete. Deßhalb alſo gab ſie Mathilden den Auftrag, vorauszueilen, und den Onkel zu ‚präveniren.“ Dieſe begriff den ganzen Sinn dieſes abſichtlich gewählten Ausdrucks, und flog im vollen Sinne des Wortes davon, ohne erſt eine nä⸗ here Erörterung abzuwarten. Baronin Stjernholm blickte der Eilenden auf⸗ merkſam nach, ihre leichten Schritte muſternd, ſo lange ſie ihr mit den Augen folgen konnte. Dann ſprach ſie:„Schwägerin, etwas ähnliches hab' ich nie geſehen; nie— und nirgend! Mathilde macht eine Ausnahme von allen Frauenzimmern, die ich kenne.“ Die biedere mühlhauſer Landwirthin erſchrack entſetzlich über dieſe Aeußerung, in welcher ſie den Tadel vermuthete, den eine verwöhnte Weltdame ihrer auf dem Dorfe vernachläſſigten Tochter anheften werde.„Wie meinſt Du?“ fragte ſie ängſtlich. „Ich meine, daß ich noch nie ein Mädchen, auch das ſchönſte nicht, rennen ſah, ohne durch den 19 Anblick verletzt zu werden. Die zierlichſte Geſtalt, die graziöſeſte Haltung, die reizendſten Formen zeigen ſich gemein, wenn die Beine ausgreifen, die Arme ſchlenkern, die Röcke fliegen. Es gibt nichts un⸗ weiblicheres für mich. Bisher fand ich es immer widerwärtig, wo und von wem ich es ſah. Heute hat es mich entzückt. Bis ſie hinter jenen Bäumen verſchwand, hab' ich ſie verfolgt,— ſo ſchwebt eine Göttin durch den Olymp, wie ſie über Euren duͤr⸗ ren Sand dahinlief. Ich habe dergleichen nie ge⸗ ſehen und habe nie gedacht, daß ein menſchliches Weſen einer Unſterblichen ſo ähnlich ſein könne. Theilt meine Tochter Eure irdiſche Koſt, oder nährt ſie ſich von Ambroſia?“ „Sie theilt unſere ſchlichte Hausmannskoſt, mit der auch Du wirſt vorliebnehmen müſſen, liebe Schwägerin; und wenn ſie auch nicht viel genießt, ſo iſt ſie doch fern von der Ziererei vieler junger Mädchen, die ſich vor Zeugen, und am Mittagstiſche zu eſſen ſchämen, um dann heimlich zu naſchen. Aber, daß Du ſie anmuthig findeſt, das beglückt mich, weil es meinen Anſichten, die ich einſeitig und befan⸗ gen wähnte, Gewicht verleiht. Alſo Deine Tochter gefällt Dir?“ „Was heißt ‚gefallen? Sie entzückt mich! Sie 2*⅝ 20 iſt würdig, die Gemalin eines Fürſten zu ſein. Die größte Zukunft ſteht ihr offen!“ — Das war ſo ganz im Charakter jener Ba⸗ ronin Stjernholm geſprochen, von der ihr Bruder Hanns ſo oft erzählt, deren ewig⸗ſtrebendes Plan⸗ machen und Luftſchlöſſerbauen er ſeiner Gattin ſo oft geſchildert hatte. Frau Johanna, wie beglückt ſie ſich immer fühlte durch dieß, ihrer theuren Mathilde geſpendete Lob, empfand doch dabei ſchon den ban⸗ gen Vorſchauer drohender Trennung von dem gelieb⸗ ten Pflegekinde. Dieſe Mutter ſah nicht aus, als habe ſie der Welt entſagt, um in Mühlhaus für lange Zeit Zuflucht zu finden; um in ländlicher Ab⸗ geſchiedenheit endlich die Metamorphoſe aus der un⸗ verwüſtlich⸗ſchönen Frau in die zurückgezogene Witwe vorzunehmen? Vielmehr durfte man ihr zutrauen, daß ſie Mathilden dem friedlichen Dorfe entreißen und irgendeinen neuen, weitumfaſſenden, eitlen Le⸗ bensplan auf die Liebenswürdigkeit des armen Kin⸗ des bauen werde;— abermals ein Luftſchloß, ein Kartenhaus! Und mochte das Mädchen noch ſo treu an Onkel Hanns, an Tante Johanna hängen; noch ſo feſt entſchloſſen ſein, in jenen Vorſätzen auszuhar⸗ ren, die wir ſie, bei unſerm erſten Blicke ins ſchmal⸗ kow'ſche Haus, kundgeben hörten! Was konnte ſie 21 zuletzt gegen den Willen, gegen den Wunſch, vielleicht gegen die Bitte einer Mutter thun, die auf ſolche Tochter die Hoffnung eines wieder emporſteigenden, glänzenden Daſeins richtete? Und was durften die Pflegeeltern, mochte ihnen das Herz dabei brechen, dagegen einwenden, wenn es zu heftigen, ernſthaften Auftritten kam? Von dieſen nur allzubegründeten Ahnungen nie⸗ dergebeugt, ging Frau Johanna einſilbig und betrübt neben ihrer Schwägerin her. Baronin Stjernholm achtete nicht darauf. Sie hatte jetzt für nichts mehr Augen und Ohren, als für die Tochter, welche wie⸗ derzuſehen, ſie kaum erwarten konnte; für nichts mehr Gedanken, als für kühne Unternehmungen und Intriguen.— Wir benützen die Lücke, die ſich hier darbietet, während die beiden Damen ſchweigend neben einander dem Dorfe zuwandeln, um ſie auszufüllen mit einer kurzen Erzählung der Ereigniſſe in Stahlbrunn nach des Grafen Eichengrün plötzlicher Abreiſe. Ihm war unbekannt geblieben, wovon wir gewiſſermaßen Zeugen wurden, daß Graf Heide mit all ſeiner unverſchämten Zudringlichkeit die Baronin an ihrer Hausthür ver⸗ laſſen mußte. Die Baronin aber zweifelte keinen Augenblick, daß der in den Regen Zurückgewieſene 22 morgen der Erſte ſein werde, über ſein Mißgeſchick zu ſcherzen, und ihre unerbittliche Strenge anzuklagen. Dann, meinte ſie, würde Eichengrün wohl wieder anbinden, wo er geſtern, unterbrochen durch Heide's Ankunft, abgeſetzt habe? Ob ſie das wünſche? wußte ſie kaum ſelbſt. Der Jüngere ihrer beiden Begleiter auf dem letzten Spaziergange— mochte ſie ihm auch im ärgſten Wetter die Thür vor der Naſe zu⸗ gemacht haben,— hatte ihr nicht mißfallen. Für den Mangel an feiner Lebensart und geiſtiger Bil⸗ dung entſchädigte mehr oder weniger ſein feuriger Ungeſtüm, ſein Mutterwitz, ſeine Lachluſt, die un⸗ widerſtehlich zum Mitlachen aufforderte, und neben Eichengrün's ſentimentalem Bräutigamsernſte zwie⸗ fach wirkte. Ohne ihr tiefere Gefühle erweckt zu haben, war er doch gerade zurecht gekommen, um den ei⸗ chenauer Bewerber in den Augen der Baronin wie einen alten Herrn erſcheinen zu laſſen; älter noch als ſie ihn auf der Reiſe von der Reſi⸗ denz nach Stahlbrunn im Geiſte geſehen. Sie hatte nicht vergeſſen, wie nur dieſe Heirat ſie aus ihrer verzweifelten Lage retten könne; aber nichtsdeſto⸗ weniger meinte ſie wieder, wenn Graf Heide nur zeinigermaßen arrangirte ſei, wäre er doch Seiner 23 Erzellenz vorzuziehen— als Ehemann, wenn auch ſonſt nicht! Da ſie nun erfuhr, die große Neuigkeit des Tages: des Grafen Eichengrün unerklärliche Abreiſe erfülle ganz Stahlbrunn, hätte ſie ihrer Kammer⸗ jungfer am liebſten um den Hals fallen mögen. Doch da dieſe, unſerm Freunde Lobeſam ſo wenig zuſagende Perſon ihren Klatſchbericht dahin vervoll⸗ ſtändigte: der andere, ſchöne Graf, der geſtern Seine Erzellenz hier aufſuchte, habe vergangene Nacht im Salon eine Szene gehabt, ſein letztes Geld verſpielt, Händel angeſangen, Herrn von Gluckammer's In⸗ tervention in Anſpruch genommen, und auch er be⸗ finde ſich nicht mehr in Stahlbrunn....?: da fielen der unverbeſſerlichen Kokette die Schuppen von den Augen, und ſie ſtierte, für den Augenblick völlig faſſungslos, in ein Chaos verworrener Täuſchungen. „Und— denken, Frau Baronin: unſern Regen⸗ ſchirm hat er mitgenommen!“ ſo beſchloß die Zofe ihr Verdammungsurtheil;„das iſt ja kurzweg ein Diebſtahl!“ Die Stiernholm hatte ſehr wohl gethan, des Glasſchleifers Häuschen nicht mehr zu verlaſſen, und ſich nirgend zu zeigen. Sie wäre ſonſt Gefahr ge⸗ laufen, einem Gerüchte zu begegnen, welches ſich— 24 Dank den Bemühungen ihrer Gegnerinnen!— etwa ſo anhörte, als ob man ſagte: die Grafen Eichen⸗ grün und Heide ſind über die Grenze gefahren, wo ſie ſich auf Piſtolen duelliren werden; natürlich wegen der Baronin. Gott ſei dem alten Grafen gnädig! Doch es geſchieht ihm ganz recht; warum läßt er ſich auf ſolche Dinge und mit ſolchen Menſchen ein? Faſt alle Badegäſte—(die Paſtorsleute aus⸗ genommen, die aber jetzt auch Partei für ihren Grafen nahmen!)— redeten ſo. Und weil dieſe Aeußerungen durch den Mund ihrer Dienerin bis an die Baronin gelangten, blieb ihr allerdings nichts übrig, als aufzupacken und Stahlbrunn zu verlaſſen. In der Reſidenz angelangt, reifte ihr ſchon unter⸗ wegs gefaßter Entſchluß. Sie entäußerte ſich nach und nach jedes werthvollen Beſitzthums, was ihr noch aus beſſeren Zeiten übriggeblieben, riß ſich aus allen Verhältniſſen los, in denen ſie etwa noch zur großen Welt geſtanden, zog ſich von ihren Be⸗ kannten zurück, ließ ſich nirgend blicken, wurde na⸗ türlich vollſtändig ignorirt, und bereitete ſich auf dieſe Weiſe zu dem ſchweren Werke vor, bei ihrem Bruder Aufnahme zu erbitten. Es iſt ihr nachzurühmen, daß ſie mit einer für ihren Charakter und ihr bis⸗ heriges Treiben anerkennenswerthen Feſtigkeit dabei 4 25 verfuhr. Auch hielt dieſe entſagende Energie ausdau⸗ ernd an, ſolange ſie unter der Laſt der Beſorgniß litt, wie wohl jener durch ſie herbeigeführte Zweikampf der beiden Grafen ausgegangen ſein und ob er ein blutiges Ende genommen haben möge? Daß ihr einige Tage vor der Abreiſe nach Mühlhaus durch ihren Rechtsfreund die Nachricht zukam, Graf Eichen⸗ grün auf Eichenau verhandle mit dem Miniſterium über eine ſehr wichtige Familienſache und ſtehe im Begriff, das Fideikommiß ſchon bei Lebzeiten ſeinem Sohne abzutreten,— trug wenig bei, ſie zu beru⸗ higen; denn ein ſolches Verfahren ſtand mit Graf Ulrich's ſonſtigem Thun und Treiben zu ſehr im Widerſpruch. Nähere Gründe und Umſtände blieben ihr, bei der ſelbſt auferlegten Abgeſchiedenheit, un⸗ bekannt. Ein nach Eichenau gerichtetes Schreiben war unerwiedert geblieben. Sie verließ alſo die Reſidenz innerlich und äußerlich ſehr verändert. Sie, — die elegante Baronin Stjernholm,— in einem öffentlichen Poſtwagen, ohne Dienerſchaft— drei Tage und drei Nächte in nächſter Berührung mit allerlei Paſſagieren.... ‚wer hätte das gedacht?“ ſeufzte ſie in der engen Poſtkutſche an der Seite eines langbärtigen polniſchen Juden und gegenüber einem in Quincaillerie⸗Waaren machenden Geſchäfts⸗ 26 reiſenden, der ihr unaufhörlich wiederholte, daß er weder in Frankreich noch Deutſchland eine ſchönere Frau geſehen hätte. Der Aerger, den dieſe Reiſe⸗ geſellſchaft ihr einflößte, übte die wohlthätigſte Wirkung auf ſie, inſofern er ſie abhielt, dem Kummer nach⸗ zuhängen, zu welchem ſie durch ihre traurige Lage doch hinreichend berechtiget geweſen wäre. Erſt nachdem ſie die große Poſtſtraße verlaſſen und ſich dem unverwüſtlichen Gefährte überantwortet hatte, das ſte nach Mühlhaus liefern ſollte, wachten Gram und Trauer mit voller Macht in ihr auf. Zum erſten⸗ male im Leben fand ſie ſich ohne Pläne, ohne Hoff⸗ nungen, ohne Ausſichten, völlig arm und rathlos, nur auf die Nachſicht, auf das Mitleid ihres Bruders angewieſen. Für eine Stjernholm ohne Zweifel die härteſte Demüthigung! Und aus dieſem— faſt zer⸗ knirſchten— Abhängigkeitsgefühl waren dann auch die Worte hervorgedrungen, womit ſie Schwägerin und Tochter begrüßt hatte. Jetzt, mit der Erſteren allein und neben ihr dem Dorfe zuſchreitend, hatten ſchon wieder kühnere, lebensluſtigere Gedanken ſich ihrer bemächtiget. Die Zerknirſchung war bereits freudigeren Regungen gewichen. Möglichkeiten einer heitern Zukunft tauchten ſchon wieder auf. Nur, daß dieſe ſich dießmal weniger an ihre eigene Per⸗ 27 ſönlichkeit, als vielmehr an jene Mathildens hefteten; daß die Entdeckung: Mutter einer ſolchen Tochter zu ſein, ſie mit gerechtem Stolz und zugleich mit minder gerechten Erwartungen durchdrang, welche Vortheile ihr aus dem Beſitz des bisher gar nicht in Anſchlag gebrachten Kindes erwachſen könnten In eine genauere Prüfung und Erwägung dieſer mög⸗ lichen Vortheile ging ſie zunächſt nicht ein. Sie begnügte ſich mit unklaren aber angenehmen Vor⸗ empfindungen im allgemeinen, und erreichte neube⸗ lebt ihres Bruders Wohnſttz. Wie Baron Schmalkow, nach den Vorgängen des letzten Jahres, ſeines Vaters Tochter empfan⸗ gen haben würde, wenn ihre Ankunft ihm nicht von Mathilden gemeldet worden und wenn die Stjern⸗ holm nicht eben dieſer Mathilde Mutter geweſen wäre,— darüber wollen wir uns keine entſcheidende Stimme anmaßen. Höchſt wahrſcheinlich dürfte der erſte Gruß nicht allzubrüderlich geklungen haben. Nun aber hatte ſein Liebling ihm das unerwartete Ereigniß, da er vom Pferde ſtieg, ſo freudevoll zu⸗ gerufen, daß er es für grauſam gehalten hätte, die Freude zu ſtören. Er begnügte ſich mit der Aeu⸗ ßerung:„Kommt Deine Mutter endlich einmal, um nachzuſehen, was aus ihrer einzigen Tochter geworden? 28 Na, das iſt wenigſtens ein Fortſchritt. Und bei dieſer Gelegenheit wollen wir ihr über mancherlei unſere Meinung ſagen; denn wo Holz gehackt wird, da fallen Späne.“ „Sei nur recht ſchonend und mild gegen ſie, lieber Onkel,“ bat ihn Mathilde aufs herzlichſte;„ſie verdient Mitleid, denn ſie iſt gewiß ſehr unglücklich. Denke, was es ihr ſein muß, ohne Dienerſchaft zu reiſen, und noch obendrein in des Poſthalters offenem Wagen, der auch mich hierher brachte, und der unſterb⸗ lich zu ſein ſcheint, aber darum doch fürchterlich ſtößt.“ „Ja,“ lachte Onkel Hanns,„eine Feder zu brechen, läuft dieſe Prachtkutſche keine Gefahr, aus triftigen Urſachen. Und es iſt meiner Schweſter ſehr dienlich, daß ſie auch einmal tüchtig gerüttelt und geſchüttelt wurde. Vielleicht befördert das die Selbſterkenntniß, und die führt zum offenbaren Fortſchritt. Doch ſieh', da kommt ſie mit meiner armen Hanne, die neben ihr ſich ausnimmt, wie die graue betrübte Truthenne neben dem ſtolzen Pfauhahn. Gar ſo unglücklich kann Baronin Stjernholm⸗Schmalkow ſich noch nicht fühlen; ich höre ihr ſeidenes Gewand rauſchen bis hierher.“ Mathilde aber hörte des Oheims Spöttereien nicht mehr, eilte ihrer Mutter entgegen und führte 29 ſie jenem zu. Frau Johanna folgte langſam; ſie traute dem Landfrieden nicht. Doch die Stjernholm fand den richtigen Ton. „Alter Hanns,“ rief ſie dem Bruder zu,„verzeihe mir um unſerer Mathilde willen!“ „Von ganzem Herzen,“ ſchrie er, breitete beide Arme aus und zog Mutter und Tochter an ſeine Bruſt. „Gott ſei Dank,“ murmelte die Hausfrau,„das ging beſſer als ich dachte; nun helfe der Himmel weiter.“ Das war ein frommer Wunſch. Inſofern er den nächſten Tagen und der Dauer des Friedens im mühlhanſer Daſein galt, ſollte er nicht in Erfüllung gehen. Ein Schickſal, welches er mit ſo vielen from⸗ men Wünſchen theilte. Muß nicht hienieden oft Verwirrung und ſcheinbares Unheil hereinbrechen, damit aus Leiden erſt wahres Glück erſtehe? Ja, iſt nicht ein ſolches, in Thränen empfangenes, gewöhn⸗ lich reiner, ſicherer, als(wie man es nennt) vom Himmel gefallenes? O gewiß, der Himmel weiß, was ſeinen Sterblichen dient,— und er wußte es auch bei unſeren Freunden in Mühlhaus. Mit dieſer Zuverſicht wollen wir das einundzwanzigſte Kapitel beſchließen. 30 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Die alten Jäger in meiner Heimat haben ein unfehlbares Straf⸗ und Beſſerungsmittel für Vorſteh⸗ hunde, die vor dem Haſen ihre Schuldigkeit verab⸗ ſäumen und ungehorſamerweiſe hinter ihm herraſen, ohne auf ihres Herrn und Meiſters Zurück⸗ ge⸗ hörig zu achten. Sie ſtecken dergleichen Miſſethäter in einen Sack, fügen einen erlegten Haſen bei und prügeln dann den Sack ſammt todtem und lebendi⸗ gem Inhalt ſolange durch, als Arm und Stock halten wollen. Die Prozedur wirkt Wunder. Aber Eins darf nicht vergeſſen werden: der Sack muß feſt zugebunden ſein. Iſt er das nicht, ſo bleibt wohl der todte Haſe, keinesweges aber der lebendige Hund darin; vielmehr trachtet letzterer ſo raſch wie möglich zu entkommen,— was ich ihm auch gar nicht verdenke,— und mir iſt ein Beiſpiel bekannt, daß eine ſichere Diana, unſeres alten Förſters Schuppe widerſpänſtige Schülerin, nach überſtandener Einſackung und glücklich vollbrachter Flucht das Weite ſuchte, ſich über die Grenze hinaus verlor und nie mehr zu ihrem Lehrherrn und deſſen Bakel zurückkehrte. Schuppe hat Dianen nicht wieder geſehen, und ich, 31 damals ein kleiner Junge, habe den unbarmherzigen Waidmann unbarmherzig ausgelacht. Es iſt gewiß höchſt unſchicklich, und wird den meiſten meiner Leſerinnen wenig geziemend erſcheinen, daß ich dieſe Albernheit hier erwähne. Auch ver⸗ wahre ich mich ausdrücklich gegen die Frechheit, mir ein Gleichniß erlauben zu wollen. Doch kann ich mir nicht helfen: Diana, Förſter Schuppe und der große Sack gehen mir nicht aus den Gedanken, wenn ich mir den Aufenthalt der Baronin Stjernholm bei ihrem Bruder vergegenwärtigen will. Das ländliche Wohnhaus iſt für die Land und Welt durchſtreifende galante Frau wahrhaftig ein grober Sack; die ſtill⸗ bürgerliche Ruhe im Vereine mit den Erinnerungen bewegter Vergangenheit bildet den todten Haſen; und Hanns von Schmalkow hat nicht übel Luſt den Förſter Schuppe zu ſpielen. Wenigſtens ſchlägt er mit dem Knittel derber Strafpredigten oft genug drein. Iſt er denn ſeiner Sache ſo ſicher? Weiß er ſo gewiß, daß die Schlinge, die den Sack ſchließen ſoll, unauflöslich ſei? Er hält ſie dafür, denn er meint, ehe ſeine Schweſter ſich jetzt wieder von ihrer Tochter trenne, laſſe ſie ſich alles gefallen, was zur gründlichen Beſſerung vonnöthen. Wie denn aber, wenn Diana— und durch 32 Hilfe dieſes Götternamens erhebe ich mich über mei⸗ nen niedrigen Vergleich— die Schlinge nicht nur löſet, ſondern auch abſtreift und fliehend mitnimmt?— Daß durch Dazwiſchenkunft der Baronin dem Familienleben in Mühlhaus ein empfindlicher Stoß beigebracht worden ſei, darüber konnte ſich Mathilde unmöglich taͤuſchen; mochte das Glück, wonach ſie ſich von früheſter Kindheit an geſehnt: ihrer Mutter näher treten zu dürfen, ſie anfänglich noch ſo ſehr verblenden. Schmalkows würden nun und nimmer zu der Stjernholm ein rechtes Vertrauen faſſen, und dieſe würde ſich niemals wohl und heimiſch fühlen lernen, wo ſie Zuflucht geſucht hatte,— beides war ziemlich klar. Mathilde litt dabei das Meiſte. Die Mutter gab zu verſtehen, daß ihre mütterlichen An⸗ ſprüche die überwiegenden ſeien; Onkel Hanns und ſogar die ſanft⸗vermittelnde Tante zeigten ſich nicht frei von Empfindlichkeit: ‚Die armen Pflegeeltern treten jetzt in den Schatten“, und ähnliche Klagen ließen ſich vernehmen. Wer je in ſeinem Leben auf ſolche Art von kleinen Feuern geröſtet wurde, der wird mir beiſtimmen, daß dieſes die unerträglichſte aller Mar⸗ tern iſt. Es gehörten Mathildens bewundernswür⸗ dige Charakterſtärke, ihr männlicher Muth, ihre weib⸗ liche Nachgiebigkeit und ihre himmliſche Güte dazu, 3³ beiden Theilen gerecht zu werden, eines jeden An⸗ ſprüche zu befriedigen, und es doch mit keinem zu verderben. Die Stjernholm, mit ihrem charmanten Talent zur Intrigue, fand ſich ſchon nach den aller⸗ erſten Tagen in die Nothwendigkeit, ihrer Tochter gegenüber zweierlei Rollen zu ſpielen. Während ſie bei Frau Johannen vereiniget blieben, vorzüglich wenn Schmalkow anweſend, ſtellte ſie die reuige Mutter vor, die innig bedauerte, ihr einziges Kind ſolange vernachläſſiget zu haben, und die jetzt alles daranſetzte, ihre Vernachläſſigung gutzumachen. Hatte ſie aber das ſchöne Mädchen bei ſich allein, dann wendete ſie jedes Mittel auf, ihre geiſtigen Fähigkeiten glänzen zu laſſen, und im Zauber ihrer verführeriſchen Liebenswürdigkeit zu erſcheinen. Dabei unterließ ſie nicht, auf die Möglichkeit einer Rückkehr in die große Welt und ins Leben hinzuweiſen, „wenn Mathilde ſich entſchließen könnte, dieſes Grab zu verlaſſen. Mathilde hatte dann gut verſichern, daß ſie ſich in ‚dieſem Grabe⸗ ſehr wohl befände; daß ſie nicht die mindeſte Neigung hege, es einzu⸗ tauſchen gegen das, was die Mutter„Leben nenne;— die Mutter ſchüchterte ſie ein mit der Entgegnung: „Was weißt Du vom Leben? Lern' es erſt kennen!“ Dergleichen Kontroverſen mußten bald auf die 1857. XVI. Noblesse oblige. III. 3 4 34 wichtige Frage leiten, ob Mathildens Herz völlig frei geblieben? Ob es nie für einen Mann empfunden habe? Onkel Hanns und Frau Johanna bewahrten das ihnen anvertraute Geſtändniß,(wiewohl ſie beide mehr kindiſchen Eigenſinn, als tiefere Bedeutung darin vermutheten,) mit ſtrenger Gewiſſenhaftigkeit. Auf Mathildens innere Erlebniſſe vor deren Einzug in Mühlhaus gingen ſie nicht ein. Daß, ſeitdem ſie bei ihnen lebte, nichts vorgefallen ſei, was ihr Herz nur im entfernteſten berührt habe, durften beide der Wahrheit gemäß verſichern. Baronin Stjernholm hielt alſo ihre Tochter für vollkommen frei von jeglicher Empfindung für einen Mann, und die Zukunft der jungfräulichen Dorfbe⸗ wohnerin lag, wie ſie meinte, nur in der Mutter Händen. Mathilde that nichts, dieſe Meinung zu berich⸗ tigen. Weßhalb auch? Würde ihre Mutter ſie ver⸗ ſtanden haben? Onkel und Tante hatten dieß zwar auch nicht gethan; wenigſtens nicht im eigentlichſten Sinne. Aber ſie hatten darum doch geſchont und geachtet, was ſie für eine kranke Stelle in der ſonſt ſo geſunden Mathilde hielten. Mutter würde wahr⸗ ſcheinlich ſondiren und nach ihrer Art heilen wollen? Und das thäte nicht gut.— Da war denn und blieb 35 in der Baronin Augen ihre Tochter die unerfahrene, mannbare Jungfrau von kaltem Temperament, die mit ihrem Verſtande, ihren Reizen, ihrem Gehorſam recht dazu geboren ſchien, ſich durch kein überſtrömen⸗ des Gefühl irremachen zu laſſen bei Verfolgung irgendeines wichtigen Zweckes. Und daß dieſer Zweck eine ‚große Heirat: ſein müſſe, darüber konnte doch kein Zweifel obwalten. Nun fragte ſich's nur, wo der Mann zu ſuchen ſei, reich genug, um durch ſeine Schätze Mathildens Vorzügen das Gleichgewicht zu halten. Mit höchſtem Rang und hohem Adel hatte Mama entſchiedenes Unglück gehabt? Wie, wenn man es jetzt mit der Ariſtokratie des Geldes ver⸗ ſuchte? Und zwar auf einem ganz neuen Schauplatze, wo Baronin Stjernholm⸗Schmalkow noch nie erſchie⸗ nen war; wo keine Erinnerungen läſtig zu werden drohten, wie etwa in der heimiſchen Reſidenz. Ja, wie wär' es mit Hamburg? Sollte da nicht ein Se⸗ natorsſohn ſich finden laſſen, der ſich glücklich ſchätzen würde, eine von ſeines Vaters Millionen der Mutter einer ſolchen Tochter darzubieten, damit jene ihn bei dieſer in das günſtigſte Licht ſtelle? Das waren in den erſten Tagen ihrer Anweſen⸗ heit zu Mühlhaus noch unbeſtimmte, vereinzelte Ge⸗ danken, die bei Spaziergängen im ſommerlichen Herbſte 3* 36 ihr ums Haupt zogen wie die wohlbekannten Fäden unſichtbarer Spinnen, die man— wer weiß warum? — den Alten⸗Weiber⸗Sommer nennt, und die ſie dieſer Benennung wegen nicht leiden mochte. Denn ſeitdem ſie neben ihrer Tochter ſtand, fing ſie an die eigene ewige Jugend zu bezweifeln und wollte nichts von alten Weibern hören. Ein an und für ſich höchſt unbedeutendes Zu⸗ ſammentreffen ſollte den vaguen Plänen erſt entſchie⸗ dene Richtung geben, und zwar nach einer Seite hin, wo wir's am wenigſten vermuthen dürften. Es fand ſich nämlich beim Gutsherrn ein jun⸗ ger Burſche ein, der die Bitte vorlegte, es möge ihm ein Dienſtzeugniß ausgeſtellt werden, deſſen er be⸗ dürftig ſei, um die Bewilligung zur Heirat zu er⸗ halten. Baron Schmalkow, mit allen Bewohnern ſeines Dorfes und deren Verhaͤltniſſen aufs genaueſte bekannt, zeigte ſich ſehr erſtaunt über die getroffene Wahl. Die Braut ſchien ihm für den Jungen, der auffallend dumm ausſah, und ſeinem Ausſehn Ehre machte, durchaus nicht paſſend.„Was Teufel,“ fragte er barſch,„wie kommſt Du darauf? Weßhalb willſt Du gerade die zur Frau haben?“ „Je nun,“ antwortete Sponſus:„ſie hat eine alte kluge Mutter, die ſoll mich Verſtand lehren!“ 37 Die Stjernholm ſtimmte zwar mit ein in das laute Gelächter, welches dieſem Geſtändniſſe folgte; aber die Worte des jungen Tölpels machten doch auch einen höchſt eigenthümlichen, ernſten Eindruck auf ſie, ſo zwar, daß ſie ſich im Stillen vornahm, der bäuriſchen Verſtandeslehrerin Bekanntſchaft zu ſuchen; denn, meinte ſie, das müſſe eine in ihrer Art und ihren Verhältniſſen nicht unbedeutende Per⸗ ſon ſein, von der man allerdings lernen könne. Fühle doch auch ſie ſich gar nicht abgeneigt, einem künftigen Schwiegerſohne denjenigen Grad von Verſtand beizubringen, der nöthig iſt, um einzuſehen, wie weit die Rechte und Anſprüche einer Dame von Geburt reichen, wenn ſie ſich herabläßt, ihre Tochter einem ‚Nichtgeborenen zu geben. In dieſe Erwägungen mittenhinein kam ein Brief aus der Reſidenz, den Bruder Hanns aus dem Zeitungs⸗ pakete zog und ſeiner Schweſter zureichte, ohne ihn näher zu betrachten. Dadurch entging ihm denn auch, daß ins Kouvert das gedruckte Schema eines Em⸗ pfangſcheines geſchoben war, auf welchen die Baronin vom nächſten Poſtamte eine nicht unbedeutende Sum⸗ me Geldes abholen ſollte. Dieſen Zettel brachte ſie glücklich unbemerkt beiſeite. Es würde ihr beſchä⸗ mend geweſen ſein, auf etwaige Anfragen eingeſtehen 38 zu müſſen, daß jene paar tauſend Thaler den Ertrag ihres zuletzt verkauften Eigenthumes bildeten; daß mit ihnen jedes Mittel einer ſelbſtſtändigen Exiſtenz für immer und ewig erſchöpft ſei. Der Brief des Agenten ſprach ſehr deutlich in Ziffern aus, was über dieſen triſten Gegenſtand zu ſagen blieb, und die arme Leſerin, ohne ſich auf Prüfung einzelner Zahlen einzulaſſen, hielt ſich an die Summe, die ihr, als Reſultat eines ſo viel erregten und erregen⸗ den Lebens, zum Verzweifeln klein erſchien. Doch je kleiner, deſto ſorgfältiger mußte ſie bewahrt werden, und die nächſte Aufgabe war, ſich ohne Aufſehn in Beſitz zu bringen. Dazu war die kleine Reiſe nach dem Poſtamte unerläßlich, und dieſe wieder konnte nur bewerkſtelliget werden, wenn Baron Schmalkow anſpannen ließ. Demnach war erſt ein ſchicklicher Vorwand zu erſinnen, dann aber eine paſſende Stunde abzulauern, wo das ſchweſterliche Anliegen günſtiges Gehör fände. Ein ſo ſprechender Beweis für die Abhängigkeit ihrer gegenwärtigen Lage konnte eine Dame wie Baronin Stjernholm nicht anders, als im Innern empören. Sie, die Freieſte der Freien, die immer nur ihren Phantaſieen Folge geleiſtet, nie gefragt hatte, was die Erfüllung dieſes oder jenes Wunſches koſten werde? 39 Sie war gezwungen zu bitten, daß man zwei erbärmliche Ackergäule vor einen noch erbärmlicheren Wagen ſpanne, und ſollte, bevor ſie ſolche Bitte wagen dürfe, vorher noch abpaſſen, ob der mühl⸗ hauſer Gebieter in der Laune ſei, gehorſamſtes An⸗ ſuchen zu bewilligen? Er aber ſaß, fern von jeglicher Ahnung, was im Buſen der Schweſter vorgehe, über ſeinen Zeitungen, in deren Genuß ſogar Mathilde ſich nicht traute, ihn zu ſtören. Die Schweſter hin⸗ wiederum wälzte ungeheuere Entſchlüſſe in ihrem Kopfe umher: ſie überlegte, ob ſie nicht den Hof⸗ wächter ins Vertrauen ziehen und bei Nacht, wenn alles ſchlafe, unter dem Schutze eines zuverläſſigen Begleiters aus dem Dorfe die Expedition zu Fuße unternehmen ſolle? Es kam nur auf den Hinweg an,— und drittehalb Meilen hoffte ſie gehen zu können,— für den Rückweg ſtand ihr ja des Poſt⸗ halters ſchon erprobte Gelegenheit zu Dienſten! Gleich⸗ wohl war es ein fürchterliches Wagniß für die ſeidenwei⸗ chen, zarten Füße, die noch nie verſucht hatten, wie lederne Bekleidung ihnen zuſagen werde? Doch ehe ſie noch über ein ſo außerordentliches Mittel mit ſich einig geworden, ergab ſich wie von ſelbſt ein ungleich näher liegendes, leichteres. Schmal⸗ kow nahm aus der Beilage einer größeren politiſchen 40 Zeitung das winzige Kreis⸗Wochenblättchen, um es leichthin zu überfliegen und beiſeite zu ſchieben; — da rief er plötzlich:„Wieder ein Fortſchritt! Hier iſt die Anzeige einer fahrenden Franzöſin enthalten, welche mit pariſer Korſets und Schnürleibern ſich empfiehlt; ſie hat ihre Niederlage im Städtchen auf⸗ geſchlagen, wo ſie aber nur drei Tage verweilt. Das iſt etwas für Euch, Frauenzimmer.“ „Für mich wohl nicht,“ lächelte Frau Johanna, indem ſie tief aufathmete, wie Eine, die ihrem Schöpfer dankt, daß ſie frei ward von jener Eitelkeitsfolter. Baronin Stjernholm warf ihrer Tochter einen vielſagenden, faſt bittenden Blick zu, den dieſe auf⸗ faßte und inſofern ganz richtig deutete, als ſie annahm, die Mutter wünſche im Hintertreffen zu bleiben, wenn es darauf ankäme, Pferde und Wagen zu erbitten. Damit war der ſonſt freigebige Schmalkow geizig, wie faſt alle guten kleineren Land⸗ wirthe, deren ſogenannte Kutſchenpferde zugleich im Acker gehen. Mathilde nahm an, ihre Mutter beab⸗ ſichtige ein Toilettengeheimniß mit der Franzöſin ab⸗ duhandem und fürchte ſpöttiſchen Widerſpruch von des Oheims Seite. Weiter ging ihre Kombination nicht; gleichwohl hielt ſie's für kindliche Pflicht ſich zu opfern, darum griff ſie ihrer Tante entſchiedenes 41 Ablehnen auf und erwiederte deren: ‚für mich wohl nicht!“ mit einem ſchmeichelnden: ‚aber ich wohl, Onkelchen!“ Gegen dieſen Ton ſeiner Nichte und Pflegetochter beſaß der mühlhauſer Selbſtherrſcher gar keine Waffen; damit hätte ſie ihm, wie er ver⸗ ſicherte, ſein bewegliches wie unbewegliches Hab und Gut abbetteln können. Er willigte ein, ohne den leiſeſten Verſuch der Weigerung, konnte aber doch nicht unterlaſſen zu bemerken, daß ein Wuchs und eine Taille, wie der liebe Gott gewiſſen Leuten gege⸗ ben, ohne ſolchen ‚Weſpenharniſch⸗ weit ſchöner ſet. Worauf Mathilde ihm antwortete:„Du biſt ſehr gütig, Onkelchen, doch davon verſtehſt Du wirklich nichts.“ Die Stjernholm mengte ſich nicht ins Geſpräch; ja, ſie war vorſichtig genug, ſich von ihrer Tochter und der Schwägerin erſt lange zureden laſſen, ehe ſie einwilligte, Erſtere zu geleiten. Die Fahrt wurde für nächſten Morgen um ſieben Uhr angeſetzt und Bruder Hanns ſchärfte der Langſchläferin⸗Schweſter mehrfach ein, daß ſie Stunde halten ſolle, weil ſie ſonſt zu ſpät nach Hauſe kämen. Ein Gebot, an deſſen Erfüllung niemand von allen Vieren glaubte; diejenige am wenigſten, der es ertheilt ward! Deſto erſtaunlicher, daß ſie, früher ſchon reiſe⸗ 42 fertig als Mathilde, dieſe zur Eile antrieb, als die Pferde kaum vor der Hausthür wieherten. Wodurch war dieſes Wunder bewirkt worden?— Baronin Stjernholm angekleidet, ohne Beihilfe ihrer Kam⸗ merjungfer⸗Dienſte verſehenden Tochter, tritt in ei⸗ nen kühlen, nebeligen, ſchon an Spätherbſt mahnen⸗ den Septembermorgen hinaus und beſteigt Schmal⸗ kow's unbequemen Wagen ſo lebhaften Muthes vooll, als hätte ſie einen Triumphzug anzutreten? Iſt ihr über Nacht ein Geiſt erſchienen? hat ein glückver⸗ heißender Traum ſie erweckt? Keins von beiden, den⸗ noch von beiden etwas. Sie hat geſtern Abend eine Hand voll Zeitun⸗ gen vom Tiſche des Geſellſchaftszimmers mit in ihr Schlafgemach genommen und hat unter den Ver⸗ miſchten Artikeln einen folgenden Inhalts entdeckt: „Es ſoll nun gewiß ſein, daß Einer unſerer größten, reichſten und tüchtigſten Magnaten, Graf E. auf E., ſich bei Lebzeiten der Verwaltung ſeiner Güter ent⸗ zieht und ſeinem Nachfolger und einzigem Sohne das Majorat geſetzlich abtritt. Die allerhöchſte Einwil⸗ ligung hat dieſen ebenſo ungewöhnlichen, als uner⸗ klärlichen Entſchluß, wie wir hören, bereits ſanktionirt.“ Dieſe wenigen Zeilen auf Löſchpapier gedruckt genügten, der Baronin Stjernholm eine neue Welt 43 zu öffnen; oder richtiger geſagt: ihr einen Rückblick in ihre alte Welt, in das verlorene Paradies ihrer Vergangenheit zu geſtatten. Wohin zunächſt und eigentlich? Das wäre ſchwierig zu ſagen. Wenn wir nicht geradezu annehmen wollen, ſie erinnere ſich — obgleich dunkel— gewiſſer Neckereien des ver⸗ ſtorbenen Grafen Theodor gegen ſeinen jüngeren Bruder in Betreff einer prudent'ſchen Penſionärin, und ſei nun durch ihre verzweifelte Situation ſo weit gediehen, neben dieſe verblichenen Erinnerun⸗ gen Hoffnungsbilder von grellſter Färbung zu ſtellen? —— ſo wird ihr doch nicht Unrecht geſchehen, wenn wir behaupten: ſie ſtand auf dem Punkte, ſich und ihre perſönlichen Vorzüge aus dem Spiele und Mathilden die Rolle zu laſſen, die ſie ſo lange, ſtets mit Beifall, nie mit Erfolg dargeſtellt. Die Majo⸗ ratsherrſchaft,— Graf Ulrich,— Graf Hermann— Mutter— Tochter— Liebe— Eiferſucht— der Geld⸗ brief aus der Reſidenz— ein, wenn auch verſpäte⸗ ter, Beſuch in Eichenau,— dieß alles drehte ſich wie ein Feuerrad, bunte Funken ſprühend, die ganze Nacht hindurch vor ihnen Sinnen herum, und der kleine Zeitungsartikel bildete das Zentrum. Sie konnte das erſte Grau des Morgens nicht erwarten, aufzuſtehen und Tag zu machen. Wahrſcheinlich 44 zum erſtenmal in ihrem Leben, daß eine für ſie be⸗ ſpannte Equipage nicht auf ſie warten durfte. Sie benützte die Fahrt bis ins Städtchen, ſich zu unter⸗ richten, welches Angedenken Mathilde dem Aufent⸗ halte in der Reſidenz bewahrt, ob jene die Veran⸗ laſſung der damals ſo raſch bewerkſtelligten Trennung geahnet habe? Ob ſie überhaupt von einem jungen Verehrer in Uniform etwas wiſſe? Beſonders aber, ob ſie jemals den Namen des Grafen nennen hörte? Die völlige Unwiſſenheit der Befragten über den letzten Punkt half ihr glücklich, auch die andern zu umgehen und ausweichende Antworten zu finden, ohne daß ſie nöthig hatte, ihre Zuflucht zu ausge⸗ ſprochenen Unwahrheiten zu nehmen. Ihrer Mut⸗ ter hätte ſie unmöglich eingeſtehen können, was ſie dem Oheim und der guten Frau Johanna als hei⸗ ligſtes Geheimniß ihres reinen Lebens willig anver⸗ traut. Fürchtete ſie vielleicht verſpottet zu werden? Fand ſie die Frau von Welt, deren Tochter zu ſein der Himmel ihr auferlegt hatte, nicht würdig einer ſolchen Mittheilung?— Genng, ſie ſchwieg; und Baronin Stjernholm brachte, als ſie ins Städtchen einfuhren, die feſte Ueberzeugung mit, daß Mathil⸗ dens Herz von jeglichem Gefühle für einen Mann vollkommen frei geblieben ſei. Während die franzö⸗ 45 ſiſche Korſetverkäuferin ihre Waare vor der Tochter etablirte und ſich alle erſinnliche Mühe gab, dieſer eine Probe ihrer Kunſt auf den Leib zu ſchwatzen, entſchlüpfte die Mutter, eilte dem Poſtamte zu und erhob dort ihren papiernen Schatz, den ſie erſt ſorg⸗ fältig im Arbeitsbeutel verbarg, ehe ſie bei Demoi⸗ ſelle Chevelin wähleriſche Muſterung für die Bedürf⸗ niſſe ihrer ſchon widerſpänſtigen Taille hielt. So zweifach gerüſtet: den Harniſch auf der Bruſt, die Waffen im Sack, trat ſie den Rückweg nach Mühl⸗ haus an; und wie ſie die Hinfahrt benützt hatte, ſich von Mathildens Seelenzuſtänden(inſoweit dieſe auf ihre Entwürfe Einfluß haben konnten,) zu un⸗ terrichten, ebenſo benützte ſie die Heimfahrt, das gute Mädchen auf drohende Veränderungen der ge⸗ genwärtigen Lage aufmerkſam zu machen. Sie ver⸗ fuhr dabei mit aller Vorſicht. Ihre nächſte Bemü⸗ hung richtete ſich dahin, begreiflich zu machen: daß ihr der Aufenthalt in Mühlhaus nicht anders als unerträglich dünken könne; daß ſie nur den Gedan⸗ ken hege, wie es möglich ſei, einen ihr beſſer zuſa⸗ genden, mit ihren Lebensgewohnheiten und An⸗ ſprüchen mehr übereinſtimmenden zu ſinden! Daß Bruder Hanns und Frau Johanna prächtige Leute, aber durchaus nicht geeignet wären, für die Entbeh⸗ 46 rungen zu entſchädigen, die ihre Abgeſchiedenheit von der großen Welt auferlege; daß endlich Mathildens blühende Jugend zu etwas Höherem berufen ſei, als hier zwiſchen Föhrenwäldern und Sanddünen zu ver⸗ kümmern. Ihre Gegeneinwendungen,(was ſie ſelbſt be⸗ treffe!) halfen der Tochter nichts; ihre Verſicherungen, daß ſie ſich in dieſer Abgeſchiedenheit ſehr zufrieden fühle und ihr ſtilles Glück mit keinem lärmenden vertauſchen wolle, wurden abgewieſen und überſtimmt durch die Worte:„So redeſt Du nur, weil Du nicht weißt, was Du entbehrſt. Lerne es kennen!“ Dann folgten beredte Schilderungen, blendende Verheißun⸗ gen. Und als auch dieſe des Mädchens Gleichge⸗ wicht unerſchüttert ließen, da wich die Mutter aus dem frivolen Tone in den ſentimentalen, ſprach von kindlicher Hingebung: von den Rechten, die ihr, von den Pflichten, die einer Tochter zuſtänden; gab zu verſtehen, welch große Hoffnungen darauf gebaut, welch unglaubliche Erfolge zu erreichen wären; redete ſich und die Hörerin in eine gewaltſame Rüh⸗ rung hinein. Beide befanden ſich in heftiger Eral⸗ tation, da ſie heimkehrten. Baron Schmalkow wollte wiſſen, ob der Ein⸗ kauf der Schnürbrüſte dieſe Aufregungen hervorge⸗ 47 bracht, oder ob ſeine Schweſter etwa gar Mathilden gezwungen habe ſich, gleich ihr, torquiren zu laſſen? Frau Johanna jedoch blickte tiefer. Sie ſprach beim Schlafengehen zu ihrem Gemal:„Die Ankunft Dei⸗ ner Schweſter war ein Unglück; gib Achtung, ſie nimmt uns Mathilden.“ „Oho,“ rief Schmalkow,„da müßten wir auch dabei ſein! Wer läßt ſich denn ſo leicht ſein Liebſtes nehmen?“ — Aber ſie waren nicht dabei, weder Frau Johanna, noch er, als Baronin Stjernholm, was im Wagen auf der Rückfahrt begonnen und einge⸗ leitet worden, im ſtillen Schlafgemach fortſetzte und ausarbeitete. Sie ſprach hinreißend. Sie ließ kein Mittel unverſucht, ihre Tochter zu rühren. Auch die Thränen einer„für eigene, ſchwere Schuld nun durch Abneigung des einzigen Kindes hart beſtraften Mut⸗ ter’ ſtellten ſich rechtzeitig ein. Gegenverſicherungen von Mathildens Seite brachten erneute, ſanftere Rührungen für beide Theile hervor. Des Mädchens Herz wurde durch und durch erweicht, aufgelockert, empfänglich gemacht, wie ein Stück fruchtbaren Bo⸗ dens von warmen Regengüſſen, der dann jedes Körn⸗ chen aufnimmt und keimen läßt, wär' es auch längſt 48 vertrockneter Samen von vergeſſenen Blüten aus früherer Zeit. Vielleicht würde Schmalkow's Pflegetochter nie den Muth gewonnen haben, an eine Trennung von Mühlhaus zu denken,—(auch beſtürmt von ihrer wirklichen Mutter,)— hätte dieſe nicht verſtanden erſt ihr Mitleid rege zu machen. Sie weinte ſich in den Gedanken hinein,— und nachdem ſie erſt ein wenig vertraut mit ihm geworden, lachte er ſie an;— denn bei all dem blieb ſie ja doch ein jun⸗ ges Mädchen. Baronin Stjernholm aber ſah deutlich ein, daß ihr Sieg ein momentaner ſei, daß er eiligſt benützt werden müſſe, ſolle er nicht umſchlagen. Lange, aus⸗ führliche Berathungen zwiſchen Bruder, Schwägerin und Mathilde durften nicht mehr geduldet werden. Die Beziehungen dieſer drei miteinander eingelebten Perſonen hatten ſchon zu viel Innigkeit gewonnen; gegenſeitiges Vertrauen athmete aus jedem Worte, das ſie wechſelten. Keine Frage: Mathilde liebte Onkel und Tante mehr als ihre Mutter,— und wie letztere ehrlich hinzufügte, ‚nicht ohne Grund!“ Freilich reichte dieſe Ehrlichkeit über ihre Selbſtge⸗ ſpräche nicht hinaus und leitete nur zu deſto ge⸗ waltſameren Entſchlüſſen. 49 Wir entſchlagen uns der undankbaren Mühe, die Auftritte ins einzelne auszumalen, die einer endlichen Beſtimmung vorangingen. Verhandelt wur⸗ den die ſo häufig im Leben aufgeworfenen Fragen: wie weit die Rechte leiblicher Eltern auf das Kind gehen, um welches ſie ſich gar nicht, oder doch nur obenhin bekümmert haben? Und inwiefern des Kindes Pflichten jenen gewidmet ſein ſollen, die ihm, höherer Bedeutung nach, wahre Eltern wurden? Was die Geſetze beſtimmen, ließ ſich hier nicht mehr in Anwendung bringen, weil eine ſelbſtſtändige Jung⸗ frau zwiſchen beiden Parteien Gegenſtand des Strei⸗ tes, folglich die Entſcheidung ihr allein anheimge⸗ ſtellt war. Baronin Stjernholm hatte die Wahl: was ihr Bruder an Beſchwerden und Anklagen wider ſie vorbringen werde—(denn Frau Johanna enthielt ſich in weiblicher Würde jedes Verdammungsurtheils über die Schwägerin,)— mit anzuhören? Oder, wenn Schmalkow ausbrach, das Feld zu räumen. Sie zog entſchloſſen das erſtere vor: ſonſt hätte ſie Mathilden bei den Pflegeeltern allein laſſen müſſen, und das wäre ihren Abſichten gefahrdrohender ge⸗ worden, als alle ihr ins Geſicht geſchleuderten Straf⸗ predigten. Bei Schmalkow's Heftigkeit litten dieſe an 4 1857. XVI. Noblesse oblige. III. 4 50 handgreiflichen Uebertreibungen, und da ſie ſich nur durch ſchweigende Demuth vertheidigte, kam ihr bei Mathilden zugute, was ihren Einfluß auf dieſe zu vernichten gegen ſie geſagt wurde. Sie erlaubte ſich, wie in reuiger Zerknirſchung, höchſtens die Frage:„Hältſt Du mich wirklich für ſo ſchlimm, als mein Bruder mich macht?“ „O Gott nein,“ ſchluchzte dann die Tochter, warf ſich ihr an die Bruſt, wendete ſich aber dann ſogleich wieder zum Onkel, reichte dieſem die Hand und bat mit ſprechenden Geberden, er möge ſchonender ver⸗ fahren. Weder die Frauen noch Baron Hanns, der wohl Mathilden, doch mindeſtens ebenſoſehr ſeines Hauſes Ruhe und Frieden liebte, hätten ein ſolches Leben lange aushalten können; die Geſchwiſter ge⸗ ſtanden es ein. Schmalkow ſagte ſeiner Frau:„Ich wollte, ſie wären ſchon fort und ich der traurigen Pflicht überhoben, eine Tochter vor ihrer Mutter zu warnen!“ Die Stjernholm ſagte zu Mathilden:„Wenn Du meinen Bruder und ſeine Frau nicht verlaſſen willſt und kannſt, ſo bleibt mir nichts übrig, als allein aufzubrechen, ſei es auch, um fern von hier im Elend einſam zu ſterben; lieber das, als länger in dieſer Hölle ausdauern!“ Und Mathilde wußte,— was den Vergleich mit einer Hölle betraf,— 51 nichts dagegen einzuwenden; wie tief es ſie auch be⸗ trübte, daß ihr liebes Mühlhaus jetzt einen ſo häß⸗ lichen Namen führen ſollte; noch dazu durch der ei⸗ genen Mutter Gegenwart. Sogar Frau Johanna wußte ſich keinen Rath mehr. Alle vier waren im Innerſten überzeugt, nur ein raſcher Entſchluß, eine gewaltſame Entſcheidung könnten löſen, was ſich verwickelt hatte. Niemand wagte, ſich rückſichtslos auszuſprechen; auch die Stjernholm nicht, die doch der Schmalkow'ſchen Anrecht auf ein ſo liebevoll be⸗ handeltes Pflegekind vor ſich ſelbſt nicht ableugnen mochte. Sie hätte gern gehabt, daß man die Ent⸗ ſcheidung einzig und allein von Mathilden abhän⸗ ging gemacht, feſt überzeugt, dieſe werde ihr gehor⸗ ſam folgen. Und das eingeſchüchterte Mädchen dann für die Trennung von Mühlhaus und den Verluſt der Pflegeeltern zu entſchädigen, das, meinte ſie, ſolle ihre Sorge ſein; und ſie zweifelte nicht am Gelingen. Zwei Tage lang hatte nun die Marter gewährt; ſchlafloſe Nächte mit Thränen, Seufzern, ungeduldi⸗ gen Ausrufungen fehlten auch nicht. Am dritten Tage ſtanden die vier Märtyrer, die zugleich Marterer waren, mit der Ueberzeugung auf, daß heute eine Wendung eintreten müſſe! Nur wußte Keins der Viere, wie ſie bewerkſtelligt werden könne? 4* 4 52 „Es iſt kein Fortſchritt in der Sache,“ murmelte Schmalkow.„Wir kommen zu keinem Ziele. Das arme Mädchen geht dabei zugrunde. Wir ſind die beiden Mütter vor König Salomo, wir reißen uns um das Kind.“ „So laß' es fahren,“ ſprach Frau Johanna,„und gib es ſeiner Mutter in Gottes Namen hin, ehe Du zuſiehſt, wie es länger gequält wird!“ „Aber was wird dieſe Mutter aus unſerer Mathilde machen? Eine eitle, herzloſe Kokette, eine ränkeſüchtige Planſchmiederin wie ſie ſelbſt iſt? Darf ich das zugeben?“ „Höre, Hanns, es wär' nicht zum erſtenmale in der Welt, daß eine zweideutige Perſon,(die oben⸗ drein lange nicht ſo ſchlecht iſt, als ihre Nachrede,) daß dieſe ihre Tochter ſicherer bewahrt, und mehr in Ehren hält, als manche ſittſame, ſchüchterne Mutter, die von Gefahren keine Ahnung hat. Ich bin feſt überzeugt, Deine Schweſter wird ihre Tochter vor jedem Irrthum bewahren, den ſie vielleicht ſelbſt be⸗ ging. Allerdings mag ſie darauf ausgehen, ſich durch ſie ein ſorgenfreies Alter zu bereiten. Doch das wäre nur bedenklich, wenn Mathilde anders wäre wie ſie iſt. Verkaufen, verhandeln an einen reichen Gemal läßt die ſich nicht; darüber ſind wir einig, Hanns. Führt 53 ihr aber die Mutter Einen zu, der ihr gefällt, der ihr die wunderlichen Kinderträume vertreibt, ihren ſtarren Eigenfinn— den einzigen Fehler, den wir an ihr entdeckten— glücklich vertreibt! Geſtehe ſelbſt, dann geſchieht ja nur, was wir ſo herzlich wünſchten, und was wir in unſerer Abgeſchiedenheit nur nicht durchführen konnten. Die Stjernholm bringt es zuſtande, verlaſſe Dich darauf. Wir dürfen ihr weder dieſen Triumph mißgönnen, noch die kleinen Vortheile, die für ſie daraus erwachſen. Sie iſt und bleibt einmal des Mädchens Mutter.“— „Und damit iſt geſagt, daß wir Mathilden ver⸗ lieren!“ Baron Schmalkow that dieſen Ausruf mit allen Zeichen einer innigen Trauer. Und was ſich bis heute nie gezeigt, wovon Frau Johanna auch nicht die geringſte Spur verrathen, machte ſich jetzt in ihrer Entgegnung fühlbar:„Sollte man doch arg⸗ wöhnen, Hanns, Du empfändeſt mehr als väterliche Neigung für ſie?“— Frau Johanna war eiferſüchtig auf die Pflege⸗ tochter, die auch ſie mit allen Beweiſen mütterlicher Zärtlichkeit überſchüttet, die ſie an ihrem Herzen ge⸗ hegt hatte, wie wenn das Kind dereinſt unter ihrem Herzen gelegen? 54 Eiferſüchtig! In ihren Jahren? Auf einen Mann in Schmalkow's Jahren? Die verſtändige, ru⸗ hige, würdige Hausfrau!? Ja, da hilft alles nichts. Die Eiferſucht iſt eine räthſelhafte Paſſion, die alle anderen über⸗ dauert. Sie kann durch edlen Willen gebändiget, ein halbes Menſchenalter hindurch, in das äußerſte Win⸗ kelchen eines guten Herzens gebannt, eingetrocknet und zuſammengeſchrumpft ſein, zur Unkenntlichkeit. Ein Tröpfchen bitterer Galle fällt darauf— und ſie gewinnt Leben und Kraft, entfaltet ihre ſcheuß⸗ lichen Glieder, und die giftgeſchwollene dickbauchige Spinne iſt da, eh' man es denkt, und macht ſich breit im beſten Herzen. Einer Beobachterin wie die Stjernholm durfte der Schwägerin heimliches Leid unmöglich verborgen bleiben. Sie war die Erſte, die es entdeckte, noch ehe die arme Eiferſüchtelnde ſelbſt recht genau wußte, woran ſie kränkelte? Sie benützte die Entdeckung auf eine nicht gar ſchweſterliche Weiſe, die eben auch nicht brüderlichen Angriffe ihres Bruders abzuſchlagen. Und die Verwirrung wurde immer größer; das Da⸗ ſein in Mühlhaus immer unerträglicher, von Stunde zu Stunde. Da faßte der Mann des Fortſchrittes einen 5⁵ männlichen Entſchluß. Wollte er ſeiner Johanna be⸗ weiſen, daß ſie ihm Unrecht thue? wollte er im Ge⸗ gentheil ihr Recht geben, indem er künftige Gefahr vermied? Wollte er ſeiner Schweſter zeigen, daß er's nicht ſo übel mit ihr meine, als ſeine harten Worte glauben ließen? Wollte er Mathilden Gelegenheit gönnen, ihrer jungfräulichen Entſagung zum Trotze denn doch ‚eine Partie zu machen?— Genug, er ſprach es aus, laut und vernehmlich:„Es geht ſo nicht mit uns; wir kommen hier nicht mehr ins reine; es gibt für uns keine Hilfe, als daß meine Schweſter uns wieder verläßt und ihre Tochter mit ſich nimmt. Wo Holz gehackt wird, da falleu Späne.“ Es iſt ein häßlicher Brauch der meiſten, auch ſonſt recht gutmüthigen, Männer, daß ſie, was ihnen im Innern wehthut, diejenigen entgelten laſſen, um deren willen ſie leiden, mögen dieſe auch unſchuldig daran ſein, wie neugeborene Kinder. Leider machte Schmalkow davon keine Ausnahme. Er grollte mit Mathilden, als ob ſie ihre Mutter herbeigerufen, ob ſie Johanna's thörichte Schwäche veranlaßt hätte? Für Mathilden war dieſer Groll ein Troſt, wenn auch ein trauriger: die Wehmuth der letzten Stun⸗ den in Mühlhaus wurde dadurch minder ſchmerzlich, und wovor ſie am meiſten gebangt, eine letzte feier⸗ liche Unterredung mit dem Oheim, fand gar nicht ſtatt. Dagegen ließ die Tante ſich's nicht nehmen, während die Mutter ihre beſchleunigten Anſtalten zur Abreiſe traf, noch einmal mit der Pflegetochter unter vier Angen zu reden. Da ging der edlen Frau das Herz in voller Liebe auf. Da blieb für die Spinne Eiferſucht kein Räumchen übrig: ſie mußte fliehen. Und ſo wacker wußte Frau Johanna ſich zu faſſen, daß ſie mit war⸗ mer Dankbarkeit aller Freuden gedachte, die ein holdes, erblühendes Kind in dieſes kinderloſe Haus gebracht habe, ohne mit einer Silbe der trüben, öden Stille zu erwähnen, welche ſich nun hinter der Schei⸗ denden über Mühlhaus verbreiten werde. Von ihren, von Schmalkow's künftigen Tagen ſprach ſie nicht. Sie redete nur von Mathildens Zukunft, von deren Stellung zur Mutter. Und dabei verfiel ſie nicht in ihres Gatten harte Weiſe. Sie lobte an der Schwägerin, was mit Recht an ihr zu loben war; ſie lobte die Tochter, die ihrer Mutter aufopfernd folge. Aber ſie warnte auch, in gemeſſenen Formen, vor all⸗ zuweit getriebener Nachgiebigkeit, vor allzuhinge⸗ bender Aufopferung. Da zeigte Mathilde, daß ſie nicht gedankenlos ihren augenblicklichen weichen Empfindungen nach⸗ 57 gebe, ſondern daß ſie wohl überlegt und in ihrem Innern erwogen habe, was ſie beginne.„Ich darf,“ ſagte ſie zur Tante,„meiner Mutter nicht erwiedern, was ich Euch erwiedern durfte, als Ihr in mich dranget, dem Herrn von Wahlen meine Hand zu reichen. Du und Onkel Hanns, Ihr hattet nichts im Sinne, als mir ein Glück zu bereiten, und ich hatte das Recht, Euch zu entgegnen: ich hoffte es ſicherer zu finden, wenn ich, den erſten Eindrücken meiner Jugend getreu, an Heirat weiter nicht dächte. Anders verhält es ſich jetzt, wo meine Mutter— wenn auch mein Glück, wie ich gewiß glaube,— doch nicht minder ihre ſorgenfreiere, künftige Exiſtenz vor Augen hat. Da müſſen meine beſcheidenen Wün⸗ ſche weichen vor der Pflicht. Ich habe kein Recht mehr, unbedingt Nein zu ſagen. Ich muß meiner Mutter überlaſſen, welche Wahl ſie für mich—(und für ſich) treffen, welchen Gatten ſie mir vorſchlagen wird? Der kindliche Gehorſam reicht bis zum Tode, warum ſollte er nicht bis zur Ehe reichen? Ich würde nicht die erſte gute und redliche Gattin ſein, die ihren Gemal achtet, ohne ihn zu lieben; die ihn— nach ihrer Weiſe— beglückt, ohne gerade jenes Glück an ſeiner Seite zu finden, wovon man in Penſionsanſtal⸗ ten träumt. Ja, bis zur Ehe könnten, unter beſtimmten 58 Verhältniſſen, der Gehorſam, die Aufopferung für meine Mutter ausreichen. Ueber die Ehre hinaus nie und nimmer. Verkaufen laß' ich mich ebenſo wenig, als ich mich ſelbſt verkaufen werde. Wen ich nicht verehren kann, dem laß' ich mich nicht vermä⸗ len und wenn er auf goldnen Bergen thronte. Deß⸗ halb mache Dir keine Sorgen, Tantchen, Mathilde wird Eurer nie unwürdig handeln.“ Am wärmſten reinſten Herbſttage, der jemals über die Wälder und Wäſſer um Mühlhaus empor⸗ geſtiegen war, ſaßen Baron Schmalkow und Frau Johanna in ihrer Wohnſtube, als ob die heftigſten Regenſtürme ſie gefangen hielten. Sie redeten nicht, ſie klagten nicht, ſie weinten nicht; ſie ſaßen ſtill und ernſt neben einander. Auch die Dienſtboten ver⸗ kehrten ſchweigend. Als ob das ganze Haus leer und ausgeſtorben wäre, kam es den Leuten auf dem Hofe vor. Baronin Stijernholm fuhr wie eine Siegerin, muntere Poſtpferde vor eine im Städtchen erkaufte Kutſche geſpannt, die Kunſtſtraße entlang. Ihre Tochter ſaß neben ihr und gab ſich alle erſinnliche Mühe, der Mutter ſtolze Freude nicht durch ihre Thränen zu ſtören. 59 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. „Mir gefällt der Herbſt, der klare, Weil er feierlich die Bahre Der erblich'nen Freuden ſchmückt, Und ich an mir ſelbſt erfahre, Daß die Wehmuth mich beglückt.⸗ Dieſe Rückert'ſchen Verſe hatte Ulrich Graf Eichen⸗ grün ſo oft geleſen und wiedergeleſen, daß ſein ſonſt widerſpänſtiges und für poetiſche Zitate wenig ge⸗ eignetes Gedächtniß ſie feſt aufbewahrt hielt und ihm zu beliebigem Gebrauch ſtellte. Er ſagte ſie her, wo er ging und ſtand. Lobeſam, der ſie häufig vernommen, hatte ſie ſich auch zueigen gemacht und verfehlte ſeinerſeits nicht, ſie möglichſt oft anzubringen und zu rezitiren, obgleich er eigentlich nicht recht wußte, was ‚Wehmuth“ ſei? Wenigſtens in dem Sinne nicht, welchen der Dichter hier damit verknüpft. Er begnügte ſich, ſeinen Grafen nachzuahmen, ſoweit Kräfte und Fähigkeiten immer ausreichen wollten; wie er vor und auf der ſtahlbrunner Badereiſe fleißig getrillert: ‚oui, c' en est fait, je me marie“, ohne noch einen Gegenſtand zu ahnen, den er durch ſeine Hand beglücken wolle, ſo wiederholte er nach der⸗ ſelben fortwährend: ‚und ich an mir ſelbſt erfahre, daß die Wehmuth mich beglückt?“, ohne von Weh⸗ 60 muth, noch von Glück durch Wehmuth das Geringſte zu empfinden. Vielmehr empfand er eine tiefe Nie⸗ dergeſchlagenheit über ſeines Herrn Niedergeſchlagen⸗ heit, die dieſer aus Stahlbrunn mitgebracht, und die ihn, den aufmerkſamen Diener, verpflichtet hatte, ſie ebenfalls zur Schau zu tragen. Weßhalb ſeine Er⸗ zellenz plötzlich abgereiſet, weßhalb jede Beziehung zu Baronin Stjernholm gewaltſam abgeriſſen worden war, das ließ ſich erklären. Wie aber Trübſinn, Lebensüberdruß die Folge einer ſolchen Trennung ſein könnten, das ging über des Haushofmeiſters Horizont.„Wenn's dieſe nicht iſt,“— ſo lautete ſeine Betrachtung,—„dann iſt's eine andere; ſie war zwar gewaltig ſchön, aber ſie war doch nicht mehr gar jung; aber mein Graf kann die Schönſte verlangen, wenn ſie auch zugleich die Jüngſte iſt, und wird nirgend einen Korb be⸗ kommen, wo ſie nicht ganz verrückt ſind. Muß es denn einzig und allein dieſe ſchwediſche Dame ſein? Wenn ſie ihr Glück nicht erkennen will, ſo läßt man ſie laufen und beglückt eine andere!“ Aus dieſen Aeußerungen geht hervor, daß Lobe⸗ ſam mehr Groll, als Wehmuth empfand. Für ihn blieb es denn auch unerklärlich, warum ſich der Graf in wenigen Monden ſp auffallend verändert 61 hatte? Nicht ſowohl mürriſch, als vielmehr betrübt, niedergedrückt, kleinlaut ſchlich der Gebieter von Ei⸗ chenau einher.„Ganz umgewandelt iſt er,“— klagte der Haushofmeiſter gegen den Küchenmeiſter,— „kaum zum erkennen: ſtill, nachgiebig, ſanft; auch nicht ein rechtſchaffener Eſel, oder Schafskopf fährt ihm mehr heraus. Ich werde ganz irre und glaube bisweilen, ich bin gar in Ungnade gefallen. Den Frauenzimmern geht er entſchieden aus dem Wege. Auf dem Waſſerhofe iſt er ſeit Monaten nicht ein⸗ gekehrt. Unſer Einer muß nun auch Trübſal ſpinnen; würde es ſich doch wenig ziemen, aus anderem, lebhafte⸗ rem Tone ſingen zu wollen, als der Herr. Mein Graf hat mir zum Vorbilde gedient, ſeitdem ich ihm— erſt in der Eigenſchaft eines Kammerdieners, ſpäter in der eines Haushofmeiſters— diene. Ich habe mich auch immer ganz gut hineingefunden, und meine Sachen, glaub' ich, paſſabel gemacht. Jetzt hält es ſchwer, ſich nicht zu vergeſſen; denn warum, man ſteht ja noch in ſeinen beſten Jahren. Seine Erzellenz behaupten zwar jetzt mit einer wahrlich eigenſinnigen Energie, wir hätten beide mitſammen einhundert und zwanzig Jahre auf dem Halſe, was ſoviel ſagen will, als jeder von uns ſei ein Sechsziger. Nun, mich anlangend, darf ich verſichern, ich ſpüre nichts davon, * 62 und begreife auch nicht, wie der Graf jetzt auf ein⸗ mal ſo alt geworden ſein ſoll? Denn da der junge Herr, der Hermann, nach der Reſidenz ging, um Soldat zu werden, da hieß es doch immer nur, wir wären Fünfziger. Und nun ſollten wir mit Teufels⸗ gewalt Sechsziger ſein und ſind doch ſeitdem noch nicht zehn Jahre verfloſſen?“ Wenn dann der Küchenmeiſter— natürlich mit der Vorſicht, die er ſtets beobachtete gegen den Haushofmeiſter,— einwendete, daß an zehn Jahren nicht allzuviel mangeln dürfte, ſo brach Herr Lobeſam traurig ab, und ſeufzte:„Es iſt überhaupt merkwürdig, wie die Zeit vergeht!“ Dann ſchlich er davon und murmelte, wie er es von ſeinem Grafen vernommen: ‚Und ich an mir ſelbſt erfahre, Daß die Wehmuth mich beglückt!“ . Doch dieſe forcirte Wehmuth hielt nur an, ſolange Graf Ulrich im Schloſſe, oder deſſen nächſten Umge⸗ bungen anweſend, das perſönliche Beiſpiel gab. So⸗ wie Seine Exzellenz den Hofraum verlaſſen hatte,— Beſuche des Waldſchlößchens waren förmlich an der Tagesordnung,— da ließ der Haushofmeiſter die aufgezwungene Maske der Entſagung fallen, und zeigte wieder ſein lebensluſtiges, röthlich⸗volles, wohl⸗ 63 konſervirtes, jedem hübſchen Frauenzimmer zulächelndes Geſicht. Vorzüglicher Auszeichnung hatte ſich jene Lotte zu erfreuen, die als Stubenmädchen kurz vor der ſtahlbrunner Fahrt aufgenommen, ſich in die neuen Dienſtverhältniſſe leicht und geſchickt eingerichtet, im gräflichen Schloſſe ſchon wie zu Hauſe war. Sie ſtach dem protegirenden Lobeſam gar ſehr in die Augen; und eingedenk jener Bewilligung, die ihm halb im Scherze halb im Ernſte ertheilt worden, daß er ſich verheiraten dürfe, wenn er ſonſt Luſt und Muth dazu fühle, begann er wirklich ernſthafte Ein⸗ leitungen zu einem fr ihn ſehr bedenklichen Schritte zu treffen. Zweierlei blieb aber dabei unerwogen: erſtens, daß der ihm gegebene Heiratskonſenz, ab⸗ hängig von des Grafen eigenen Vermälungsprojekten, wahrſcheinlich mit dieſen zugleich rückgängig wurde; zweitens, daß Lotte ihren Protektor durchaus nicht angenehm fand, und daß ihr Walter, des Grafen Büchſenſpanner, ungleich beſſer gefiel; was ſie dem Haushofmeiſter offen ins Geſicht zu ſagen nicht wagte, was ſie aber dem Grünrock zu wiederholen nicht müde wurde, wenn ihr gutes Glück ſie mit dieſem allein zuſammenführte. Dergleichen Zuſammenkünfte waren leider ſelten, und weil beide, Walter wie Lotte, mehr oder weniger vom ‚geſtrengen Hausregenten“ 64 abhängig blieben, ſo mußten ſie behutſam ſein, die günſtige Wendung ihres Geſchickes irgendeinem un⸗ vorhergeſehenen Glücksfalle überlaſſend. Deßhalb vermieden ſie, den zärtlichen Lobeſam gänzlich zu ent⸗ täuſchen, und dieſer nahm Lottens Zurückhaltung für mädchenhafte, ſittſame Schüchternheit, die ihm an ſeiner möglicherweiſe künftigen Braut gar wohl behagte. Allerdings mußte ſie noch einige Erziehung empfangen, ſich noch verſchiedentliche feinere Manieren aneignen, ehe ſie für würdig gelten konnte, Frau Haushofmeiſterin genannt zu werden. Die Mühe der Erziehung wollte Herr Lobeſam ſich nicht ver⸗ drüßen laſſen. Er benützte dazu die willkommenen Tage, wo der Graf ſich außerhalb, der junge Jägers⸗ mann ſich in deſſen Begleitung befand, folglich von Störungen wenig oder nichts zu befürchten war. Einen ſolchen Tag brachte denn auch die erſte Woche des Oktobermonates, der ſo herrlich wie die⸗ ſes Jahr ſeit Menſchengedenken über Eichenau nicht aufgegangen ſein mochte. Die älteſten Leute entſan⸗ nen ſich ſolches Spätherbſtes nicht. Wurden doch manche Bäume und Geſträuche irre an der Jahres⸗ zeit; ſie ſchlugen noch einmal aus und blühten wie im Mai. Warum hätte Haushofmeiſter Lobeſam nicht auch irre werden und ein wenig ausſchlagen ſollen? 65 Umſomehr, da er ſich ſelbſt überlaſſen, da der Graf nicht zugegen war mit einem ſtummen veto? Da der Leibjäger den Herrn begleitete, der Leibjäger, deſſen Verhältniß zu Lotte ſich nicht mehr ignoriren ließ, wenn es auch vonſeiten des jungen Paares, aus Furcht vor dem Schloß⸗Faktotum, möglichſt ver⸗ ſchleiert wurde? Der eitle Wunſch, über den im Range tief unter ihm ſtehenden Nebenbuhler zu ſie⸗ gen, ihn beim hübſchen Stubenmädchen auszuſte⸗ chen, mag Herrn Lobeſam vielleicht noch eifriger an⸗ geſpornt haben, als ſeines Herzens wirklicher, feuriger Trieb. Und wahrſcheinlich würde ſich der alte Sün⸗ der nach errungenem Siege und nach erhaltener Ein⸗ willigung des Grafen noch lange beſonnen haben, ſein Junggeſellenthum mit einem bedenklichen Eheglück zu vertauſchen? Heute jedoch zeigte er ſich, wie man ihn lange nicht geſehen, im frivolſten, übermüthigſten Betragen, worin er jemals den Grafen glücklich nach⸗ zuäffen verſucht, da dieſer noch ſein Weſen als ‚freier Witwer trieb. Die Beſchäftigungen des Tages waren allerdings aufregend geweſen und hatten den Haushofmeiſter in fortwährenden Kontakt mit dem weiblichen Perſonale geſetzt. Es handelte ſich um nichts geringeres, als um die ſtündlich zu erwar⸗ tende Ankunft des Majoratserben, des einſtigen Ge⸗ 1857. XVI. Noblesse oblige. III. 5 66 bieters von Eichenau, des einzigen Sohnes Seiner Erzellenz. Graf Hermann ſollte nach ſo langer Ab⸗ weſenheit zum erſtenmale wieder das Schloß betreten, und davon hatte Graf Ulrich geſtern erſt eine An⸗ deutung gegeben. Es war alſo tüchtig gearbeitet worden, alles auf geziemende Art zu ſeinem Em⸗ pfange vorzubereiten. Und jetzt, wo dieſer Pflicht Ge⸗ nüge geſchehen, ſuchte Lobeſam Lohn und Erholung für ſeine Mühen bei dem Stubenmädchen, welches noch in Graf Hermann's Schlafzimmer die letzte Hand an Bettwäſche und Toilettentiſch, von ihm beaufſich⸗ tiget, zu legen hatte. Für Lotte exiſtirte nun kein Ausweg mehr. Sie mußte Stand halten und Rede ſtehen, als er mit ſtürmiſchen Fragen in ſie drang. „Was verlangen Sie denn von mir, Herr Haus⸗ hofmeiſter?“ ſagte die pfiffige Tochter des Dorfes ſo treuherzig und ſchuldlos, als wäre ſie Jahre lang in die hohe Stadtſchule gegangen. „Daß Du kleiner Wildfang aufmerkſam zuhören ſollſt, wenn Männer von Welt und Erfahrung Dir das Wort gönnen! Daß Du gebührend zu ſchätzen wiſſeſt die Gunſt, welche man Dir zuwendet, ob⸗ wohl Du erſt ſeit kurzer Zeit aus Deinen niedrigen Umgebungen in dieſe hohen Räume verſetzt worden biſt. Daß Du, wenn ich mit Dir ſpreche, Deine 67 Spitzbubenaugen nicht immer ängſtlich nach dem Fenſter richteſt, welches auf den Sattelhof hinabgeht...“ „Weil ich mich fürchte, daß er uns überraſchen könnte...4 „Wer?“ „Nun, der Graf!“ „Du denkſt nicht an den Grafen! Du kümmerſt Dich nicht einen Augenblick darum, Kokette, ob der Graf mich bei Dir findet? Der Graf, der ſelbſt von⸗ jeher ein Verehrer der Schönheit, auch der ländlichen, geweſen.... Nein, Du fürchteſt Dich vor dem Büchſenſpanner!“ „Todtſchießen will er mich, wenn ich einen An⸗ dern anhöre. Und den Andern auch!“ „Er ſoll ſich hüten, daß er nicht ausidem Dienſte gejagt wird, was für ihn ſchlimmer wäre, als Todt⸗ ſchuß. Sage das Deinem milchbärtigen Jägerlein. Es koſtet mich nur eine Silbe und er ſpringt.“ „Ach, Sie werden doch den braven Burſchen nicht unglücklich machen?“ „Der brave Burſche ſoll mich nicht ärgerlich machen. Er ſoll nicht auf meinem Terrain jagen. Ihm gebühren die Forſten. Im Schloſſe hat er nichts zu ſchaffen.“ „Iſt doch auch des Grafen Diener 74. 5 68 „Aber nicht ſein Vertrauter Nicht ſo lange ihm attachirt; nicht Haushofmei...“ „Eben deßwegen, weil er nicht ſo alt iſt, wie der Graf—“ „Wer ſpricht von alt? Jungfer Lotte, daß ich dergleichen nicht wieder vernehme! Ich bin um keine Stunde älter, als mein Graf, und ich verhoffe doch nicht, daß ſie wagt,... wir nehmen es mit den Jüngſten auf!“. „Im Reden vielleicht!“ „Dummes Gewäſch von Alter und Jugend über⸗ haupt. Unſere ſogenannte Jugend von heutzutage, die iſt alt. Die Aelteren ſind die Jüngeren. Ma foi, ſieh' mich an. He? Was bildet ſich dieſer Waidjunge ein? Soll ſich ein Beiſpiel nehmen an den Hirſchen im Thiergarten. Ein tüchtiger Sechszehn⸗Ender ſchlägt ſechszehn Spießer in die Flucht und behauptet das Feld!“ „O, Herr Sechszehn⸗Ender, ſehen Sie doch; da fährt des Grafen Wurſtwagen durchs Thor und niemand ſitzt drauf, als der Kutſcher! Wie geht das zu?“ „Schon ſo zeitig?“ ſprach Lobeſam, die Uhr zie⸗ hend;„ich erwartete ihn erſt nach Zwölf? Seine Er⸗ 69 zellenz werden am Gartenthore abgeſtiegen ſein und über die Teraſſe kommen.“ „Warum denn?“ „Weiß ich's? Vielleicht um die Töchter des Lan⸗ des zu umarmen, wie ich thue“. Lotte rief:„Zu Hilfen Und auf dieſen Ruf trat der Büchſenſpanner ein:„Der Herr Haushofmeiſter ſoll gleich hinunter kommen; Seine Erzellenz erwar⸗ ten ihn auf der Teraſſe.“ Es zeigte ſich deutlich, daß Walter gelauſcht hatte. Lobeſam war zornig darüber und über die Störung und am meiſten, daß er die beiden hier zurücklaſſen ſolle. Er befahl folglich dem Stuben⸗ mädchen, ſich zu entfernen, hatte aber noch den Ver⸗ druß zu ſehen, daß während er die Thüren ſchloß, Walter und Lotte Hand in Hand vor ihm her durch die Gänge liefen. Er langte in übelſter Stimmung auf der Teraſſe an, wo er ſeinen Grafen, nicht beſſer geſtimmt und ſehr matt auf einer Bank unter bereits leergeräumten hölzernen, Blumengeſtellen ſitzend fand, der ihm entgegenrief:„Wo bleibſt Du?“ Lobeſam ver⸗ ſicherte, daß er und Lotte gerade erſt in des Gra⸗ fen Hermann Zimmern zu Ende gekommen wären, worauf der Graf ihn mitleidig und zugleich ſpöttiſch von oben bis unten mit den Blicken maß und 70 mehrmals murmelte:„Alter ſchützt vor Thorheit nicht!“ Lobeſam hörte dieſes häßliche Sprichwort nicht, oder ſtellte ſich an, als ob er es nicht verſtehe, und er⸗ kundigte ſich herzhaft, wie die Bürſche abgelaufen ſei? „Dreimal gefehlt; drei Kapital⸗Hirſche auf nicht hundert Schritt. Der Arm zittert, das Auge läßt im Stiche.“ „O ich bitte, Erzellenz, der beſte Schütze hat ſeine Tage, wo's nicht geht“— „Vorbei, mein Alter! Alles vorbei! Man iſt alt geworden. Müde bin ich von den paar Stufen die Teraſſe herauf. Alt, inwendig und auswendig alt, verlebt, fertig. Es iſt Zeit, daß Hermann ein⸗ trifft; er ſollte ſchon da ſein. Ich hoffe doch, daß der Flügel, den er für jetzt bewohnen ſoll, ſo ausge⸗ ſtattet iſt, wie ſich für meinen Nachfolger ziemt?“ Der Haushofmeiſter verſicherte, er habe das Beſte zuſammengeſtellt. Uebrigens ſei er, das wolle er nicht ableugnen, ein wenig frappirt über das ſo plötzlich angekündigte Eintreffen des Grafen Hermann. Er habe immer noch einen andern Beſuch in Eichen⸗ au erwartet, einen Damenbeſuch. Die Kammer⸗ zofe der Baronin habe doch beſtimmt verſichert— Da unterbrach ihn der Graf:„Die Baronin? Ich weiß nichts von ihr; will nichts mehr von ihr 71 hören. Sie iſt eine intriguante Frau, der es nur darum zu thun war, daß ſie Gräfin Eichengrün wer⸗ den wollte. Beſſere Ueberlegung hat mich zur Selbſt⸗ erkenntniß gebracht. Wir ſind alt, Lobeſämchen, unſere Zeit iſt aus. Merkſt Du's nicht auch an Dir?“ „Die Wahrheit zu geſtehen, Erzellenz, bisweilen in ſchwachen Stunden bedünkt es mich, als ob ich nicht mehr ſo völlig in meiner Blüte wäre? Aber da ich mein Lebelang Euer Erzellenz vor Augen hatte, und hochdero jugendliche Haltung, ſo hielt ich es auch für eines aufmerkſamen Dieners Pflicht.. Euer Erzellenz nennen dergleichen ‚Noblesse oblige; bei mir hieß es bisweilen: ‚Hoffart will Zwang!““ „Von nun,“ ſagte der Graf,„haſt Du Dir keinen Zwang dieſer Art mehr aufzulegen, denn ich ſtrecke die Waffen und erkläre mich für alt. Thue desglei⸗ chen, gebrauche Deine Bequemlichkeit.“ Lobeſam verſank in ernſtes Nachſinnen:„Was wird die Lotte denken,“ ſprach er;„vor drei Minuten hab' ich ihr noch weißmachen wollen, ich ſei wer weiß wie jung“— „Sowie ich vor drei Monaten jener Baronin. Lauter Prahlerei! Greiſenhafte Eitelkeit, die“— hier wurden Seine Erzellenz durch heftigen Huſten ver⸗ hindert fortzufahren. 72 „Gräfliche Gnaden haben ſich verkältet,“ fiel der Haushofmeiſter theilnehmend ein.„Die Herbſtnächte im Jagdſchlößchen.... das Gebäude iſt kühl und feucht.“ Dabei unterließ er nicht, gleichfalls tüchtig zu huſten, was ihm nach einiger Bemühung ſo gut gelang, daß es ganz natürlich herauskam. „Schiebe nicht die Schuld aufs Jagdhaus,“ ent⸗ gegnete der Graf.„Es hat die geſündeſte Lage, iſt ſolid gebaut und hinreichend ausgetrocknet. Das Haus iſt feſt und neu;— wir, wir ſind ſchwach und alt.“ „Nun denn,“ ſeufzte Lobeſam,„ſo ergeb' ich mich in meines Grafen Willen. Ja, ja, wir ſind alt. Ich fühl's jetzt auch; ich kann's nicht länger in Ab⸗ rede ſtellen.“ „Und deßhalb,“ fuhr der Graf fort,„ſchickt es ſich, zurückzutreten; ungeſchwächter Kraft Platz zu machen! Weißt Du, zu welchem Zwecke ich für heute ſämmtliche Beamtete der Herrſchaft aufs Schloß zu⸗ ſammenberief?“ „Es wird allerlei gemunkelt, Erzellenz. Für beſtimmt iſt nur allen bekannt, daß ſie ſich nach und nach beim Kameraldirektor einfinden ſollen. Zu welchem Zwecke, weiß keiner von ihnen; der Direk⸗ tor auch nicht, ſonſt hätt' er mir's vertraut.“ 73 „Du ſollſt der Erſte ſein, der es erfährt, weil Du der Aelteſte meiner Diener biſt. Ich habe ſo⸗ wohl beim Oberlandesgerichte, dem geſetzlichen Ku⸗ ratorium dieſes Majorates, als beim Miniſterium die erforderlichen Schritte gethan, noch bei meinem Leben, und zwar jetzt gleich, die Verwaltung der Herr⸗ ſchaft in meines einzigen Sohnes und Erben Hände legen zu dürfen, damit dieſer im vollen Eifer und mit der ganzen Kraft der Jugend allen Pflichten ſolch ausgedehnten Beſitzes genügen möge; ſo zwar, daß er nicht an meiner Statt, nicht wie mein Ver⸗ treter und alter ego, ſondern wie der wirkliche Gebieter hier verfahre;— wie wenn ich geſtorben wäre. Nur die allerhöchſte Beſtätigung, die Hermann unzweifelhaft ſelbſt überbringt, mangelt noch. Von meiner Seite iſt alles vorbereitet, die Uebergabe des Fideikommiſſes ins Werk zu ſetzen, und meinen bisherigen Dienern ihren neuen Herrn, meinen Nach⸗ folger vorzuführen. Ich erwarte ſeine Ankunft von einem Augenblicke zum andern. Ehe die Sonne untergeht, beſcheint ſie einen Grafen Hermann auf Eichenau— und Graf Ulrich räumt das Schloß, zieht ſich auf ſein Altentheil zurück, ins Jagdſchlöß⸗ chen, wo es durchaus nicht feucht iſt, und wo er ſein Leben beſchließen will, wie es einem altermüden 74 Manne zukommt. Denn, merke Dir's, Lobeſam, wir ſind alt.“ Damit erhob er ſich mühſam von der Bank, ſchüttelte einige dürre Blätter von ſeinem Jagdrocke und ging,— oder ſchlich vielmehr ins Schloß. Der Haushofmeiſter ſtarrte ihm nach:„Alſo war's kein leeres Gerücht? Unſer Regiment iſt aus und wir befänden uns denn auf einmal in dem lie⸗ ben ehrwürdigen Alter?... Ei, ei, das iſt wun⸗ derlich! Aber aufrichtig geſtanden, ich finde mich leichter darein, als ich ſelbſt geglaubt hätte? Es iſt gar nicht ſchwierig, bedarf durchaus keiner Anſtrengung; man braucht ſich eben nur gehen zu laſſen und das übrige gibt ſich dann von ſelbſt. Warum ſollt' ich mich nicht auf dieſe Bank ſetzen und mich gerade ſo ſtrecken und recken, wie mein— alter Graf gethan? Oh, die Sonne thut noch wohl, mag es immer nur eine Oktoberſonne ſein. Und es hat ſein angeneh⸗ mes, ſich's bequem zu machen— ah— wie ſich's für einen jungen Mann nicht gepaßt haben würde, wie es jedoch einem Greiſe,— einem angehen⸗ den Greiſe wohl geſtattet iſt. Nicht mehr àux pe- tits soins ſein zu dürfen vonwegen der Toilette, denn wer ſieht darauf im Waldſchlößchen?.. Und vielleicht erhalt' ich auch Erlaubniß, meine Haare — — —— im Naturzuſtande präſentiren zu dürfen? Nicht mehr dieſe ſchwarze Perücke zu tragen, was namentlich im heißen Sommer höchſt erwünſcht wäre? O, wie wohl thut doch das Alter im Sonnenſchein, wenn es der Menſch mit Ehren trägt und ſich dabei deh⸗ nen darf... dehnen..“ Indem er dieß äußerte, ſtellte er den Verſuch an, wie weit ein gräflicher Haushofmeiſter überhaupt im Stande ſei, ſich zu verlängern, wenn er alle Vier von ſich ſtreckt? und rezitirte dabei das bekannte Bauernſprüchlein, womit Faulenzer ſich gleichnißweiſe entſchuldigen, wenn ſie die Arme hoch über den Kopf reckend gähnen: ‚Mein Vater hatte einen Ochſen, der hatte Hörner, die waren ſo lang!'“ Doch weil er ſich nicht mit den Hörnern be⸗ gnügte, ſondern auch die längſten Dimenſionen der Beine zu erreichen ſtrebte, ſo geſchah es, daß Lotte, das Stubenmädchen, vor den Neckereien ihres Liebhabers auf der Flucht, auf die Teraſſe rannte, ſich dabei nach dem Verfolger umſah, die Anweſen⸗ heit des verlängerten Haushofmeiſters nicht bemerkte, und über deſſen Füße ſtolpernd, ihm in die Arme fiel, wobei ſie ihn faſt von der Bank geriſſen hätte. Der Jägersmann, dem dieß Schauſpiel nicht entging, 76 faßte in der Thür Poſto und obſervirte, nahe genug, um jede Silbe zu vernehmen. „Mein Himmel,“ fragte Lotte, ſobald ſie ſich vom erſten Schreck erholt hatte,„was fehlt Ihnen, Herr Haushofmeiſter? Sie ſcheinen ganz ſchwach? Sind Sie etwa krank?“ „Nicht doch, mein gutes Kind,“ antwortete Lobe⸗ ſam in eigenthümlich mildem Tone:„ich befinde mich recht wohl. Aber, ſiehſt Du, ich pflege mich. Für alte Leute gibt es nichts behaglicheres denn Ruhe. Man iſt nachgerade müde geworden, hat des Tages Laſt und Hitze getragen, will den Lebensabend ſtill genießen, und überläßt dem jungen Völkchen ſich ab⸗ zujagen, und ſein Vergnügen durch allerhand Unge⸗ mach zu erringen.“ „Hör' ich auch recht,“ rief Lotte;„Sie geſtehen ein, daß Sie alt ſind?“ „Ja, Lotte, ich geſteh' es ein: wir haben un⸗ ſere Sechszig voll.“ „Sechszig Jahre?“ höhnte ſie heuchleriſch;„ſechs⸗ zig Jahre und noch ſo ſchöne, dunkle, volle Haare?“— „Im Vertrauen geſagt: ſie gehören nicht mir, obgleich ſie ehrlich bezahlt ſind. Wer weiß, wo der Schlingel ſich herumtreibt, oder wo er begraben liegt, auf deſſen Kopfe ſie wuchſen! Vielleicht er⸗ 77 blickſt Du mich bald in meinem eigenen Silberhaupte, und dann magſt Du mich verehren wie einen Vater.“ „Wenn Sie ſonſt nichts von mir verlangen,— herzlich gerne,“ ſagte ſie. Und der Büchſenſpanner näherte ſich und ſetzte hinzu:„Das laß' ich mir ge⸗ fallen, Herr Haushofmeiſter; ſo reden Sie klug.“ „Walterchen, wo kommſt Du her?— Ich glaube, Du haſt gehorcht? Nun, mag's doch! Du wirſt nichts mehr hören, was Dir Verdruß machen könnte.“ „Hat ſich die Welt umgedreht?“ flüſterte Walter Lotten zu und dieſe flüſterte zurück:„Ich weiß nicht, woran ich bin.“ Aber Lobeſam fuhr fort:„Wundert Euch nicht, meine Kinder. Die Sachen ſind ganz in der Ordnung. Bisher gab ich mir bisweilen den Anſchein, als wollt' ich Dir bei ihr ins Gehege gehen— das war nur ein Scherz.“ „Dafür hab' ich's immer gehalten,“ ſagte Lotte. „Ich durchaus nicht,“ verſicherte Walter. „Ich wollte Euch nur prüfen. Nun iſt's genug geprüft. Jetzt will ich Euch protegiren. Wißt Ihr, was das heißt?“ „Das ſoll ſoviel heißen,“ ſprach Lotte nach ei⸗ nigem Beſinnen,„als: die erſte vakante Förſterſtelle iſt für den da. Das wollen Sie beim Grafen durch⸗ ſetzen, damit wir heiraten können. Nicht wahr, das ſoll's heißen? Ja, Sie können's machen; Sie ſind der Faktotus im Schloſſe; Sie richten's ein beim Herrn!“ 3 „Beim Herrn?“ fragte Lobeſam gedehnt;„je nun, wir waren nicht ohne allen Einfluß in gerechten und Gnaden⸗Dingen, das iſt bekannt. Haben denſelben auch zum Beſten mancher guten Leute geltend ge⸗ macht. Aber jetzt... bei welchem Herrn ſoll ich es durchſetzen?“ „Nu, bei unſerm,“ riefen die Liebenden;„bei unſerm alten Grafen!“ „Richtig; bei unſerm alten Grafen; bei meinem alten Herrn! Das iſt leicht geſagt. Wie denn aber, wenn Eichenau einen neuen bekäme?“ —„Wie? was? wer?“— „Wenn es von morgen früh an hieße, ſtatt Ulrich, Hermann Graf Eichengrün auf Eichenau?“ „Das iſt unmöglich,“ ſchrie Walter,„rein un⸗ möglich. Unſer Graf lebt ja noch, iſt wohlauf, ich war erſt heute mit ihm auf der Bürſch und hab' geſehn, wie er dreimal daneben geſchoſſen hat. Er wird doch nicht bei lebendigem Leibe“— „Es hat einmal,“ hub der Haushofmeiſter an,„einen Kaiſer gegeben, der... doch davon wißt Ihr nichts. Laßt Euch genügen an meiner Verſicherung: 79 unſer Regiment iſt aus! Mein Graf und— ich, (hier that er einen ſchweren Athemzug,) begraben uns, allerdings bei lebendigem Leibe, ins Jagdſchlöß⸗ chen, und hier beginnt ein neues Weſen. Ja, Lotte, im Jagdſchlößchen, im Urwalde werd' ich von nun an hauſen. Kein hübſches Weiberantlitz mehr ſehen, nur die alte Jägerin... hu! Möglich, daß man mich eines ſchönen Morgens an irgendeinem Hirſch⸗ geweih baumelnd ſindet, denn da draußen in der Abgeſchiedenheit ſteh' ich für nichts. Hier auf dem Schloſſe wird's deſto luſtiger und lebendiger zugehen. Hört Ihr das Poſthorn? Er iſt's, Euerneuer Herr! Vorwärts, ihm entgegen!“ Während er das ſagte, blieb er unbeweglich ſitzen. Walter und Lotte eilten natürlich voran, voll von Neugier und Erwartung. Erſt nachdem jene fortwaren, gelang es ihm ſich emporzurichten und in Gang zu bringen.„Ich habe mich völlig verſeſſen,“ brummte er;„es ſteckt mir im Kreuze... aber was quäl' ich mich denn? Darf ich mir nicht Zeit neh⸗ men? Wir ſind ja alt geworden, und das Alter thut alles bedächtig.“ Graf Ulrich Eichengrün hatte ſich in den Ge⸗ ſellſchaftsſaal begeben. Er wollte ſeinen Sohn dort 80 empfangen, um ſogleich nach deſſen Ankunft die beim Kameraldirektor verſammelten Wirthſchaftsbeamten herbeirufen zu laſſen und, was ihm ſchwer auf der Seele lag, mit einem Schlage abzumachen. Es war, als ob er ſich fürchtete, daß ihn die Reue befallen könne, und es drängte ihn mit jugendlicher Haſt, ſich vor vielen Zeugen zum Greiſe auszurufen, wie wenn er erſt dann ſicher ſei vor jedem möglichen Verſuche eines Rückſchrittes. Die Töne des Poſthorns hatten ihn wider ſein Erwarten ſtark ergriffen. Er ſollte nun Hermann wiederſehn, nach langer Ab⸗ weſenheit von Eichenau ſollte dieſer das Schloß der Väter betreten, und dießmal nicht als Sohn des Hauſes, nicht als Gaſt des Vaters,— nein, als Herr! Derſelbe Hermann, über deſſen dereinſtiges Schickſal ſo angelegentlich mit Tante Barbara be⸗ rathen; derſelbe, deſſen ſehnſüchtige Neigung fürs Landleben als eine thörichte, unerfüllbare verworfen worden; derſelbe, den ſich der lebensluſtige Vater, trotz aller Liebe für ihn, doch nicht zum Aufpaſſer und Beobachter heranwachſen laſſen wollte;— der⸗ ſelbe ſoll jetzt als Nachfolger eines verſtorbenen äl⸗ teren Bruders, ja was noch mehr ſagen will: als Nachfolger ſeines an Lebensüberdruß leidenden Va⸗ ters hier eintreffen, um Beſitz zu nehmen, um 81 Gebieter zu werden, wo man ihn vor einer kurzen Reihe von Jahren, wie ein auf ſich ſelbſt und ſeine Erwerbs⸗ fähigkeit angewieſenes, unbemitteltes Gräflein fort⸗ ſchickte!? Und wie iſt alles ſo anders geworden ſeit⸗ dem? So ganz anders? Wo iſt die geheime, ver⸗ ſteckte Zärtlichkeit des Vaters für einen zweiten, vom Geſchick zurückgeſetzten Sohn geblieben? Wo die rüh⸗ rende Anhänglichkeit der Aebtiſſin für ihren gelieb⸗ ten, gutmüthigen, unverdorbenen Neffen? Wo bleibt ſie ſelbſt, die allverehrte Tante Barbara, an dem Tage, der ‚ihren Hermann’ dem höchſten äußerlichen Glanze und Glücke zuführen ſoll? Wie iſt alles ſo anders geworden!? Wie hat ſich alles verändert! Und vor allem, welche Veränderung iſt mit Graf Ulrich geſchehen! Genügen wenige Monate, aus einem wohlkonſervirten, rüſti⸗ gen, heitern„Manne von Jahren’ einen gebückten, dahinſchleichenden, niedergeſchlagenen Greis zu ma⸗ chen? Und war ihm denn die Leidenſchaft für Ba⸗ ronin Stjernholm ſo tief ins Herz gewachſen, daß ihm die Trennung von ihr ſo tief zu Herzen geht? Kaum denkbar! Wer von blinder Leidenſchaft erfüllt iſt, der handelt auch danach, und ſtürzt ſich blind⸗ lings in ſein Verderben. Der verfährt nicht vorſichtig 1857. XVI. Noblesse oblige. III. 8² und behutſam, wie unſer Graf in Stahlbrunn ge⸗ than. Nein, nur ſein Stolz iſt gekränkt, ſeine Ei⸗ telkeit iſt beleidiget, ſeine Zuverſicht auf ſich ſelbſt iſt gebrochen. Er kann nicht vergeſſen, daß man ihn zurückgeſett— und wem? Einem Menſchen, wie jener Heide! Er grollt nicht allein mit der koketten Frau, die in einer für ihr ganzes Daſein höchſtwich⸗ tigen Stunde, nicht ſoviel Selbſtbeherrſchung be⸗ ſaß, nicht ſoviel Achtung für ihn, die zudringlichen Galanterieen eines Avanturiers gebührend abzuwei⸗ ſen. Er grollt auch mit ſich, mit ſeiner eigenen Per⸗ ſönlichkeit, auf die er immer große Stücke gehalten, daß ſie ihn hier im Stiche gelaſſen; daß ſie nicht durch ſich ſelbſt über den Unverſchämten geſiegt, der denn doch keinen Vorzug vor ihm hat,— außer höchſtens den, daß er den Jahren nach ſein Sohn ſein könnte. Und dieſer Gedanke iſt's, der ihn bit⸗ ter macht, der ihn mit ſich ſelbſt entzweit, der ihn ſo weit bringt, dem Leben entſagen, ſich in Einſam⸗ keit begraben zu wollen. Nicht mit der ihm ſonſt in allen Geſchäftsangelegenheiten eigenen beſonnenen Klarheit hat er die Vorbereitungen zur Ausführung ſeines wichtigen Entſchluſſes getroffen. Mürriſch, ver⸗ biſſen, ohne ſich ſeinen oberen Beamten,(wie ſonſt ſtets in wichtigen Fällen) vertraulich mitzutheilen; 83 ohne genügende Ueberzengung, ob Hermann würdig, fähig, ja nur geneigt ſei, die ſchwierige Aufgabe mit redlichem, hingebendem Willen zu löſen, war alles überſtürzt, in Sturm und Haſt betrieben worden. Und ſtünde eine ſolche Annahme nicht mit des Gra⸗ fen edlem Charakter in allzuſchroffem Widerſpruche, ſo möchten wir behaupten, es regte ſich in ihm ein rachſüchtiger Kitzel, Viele entgelten zu laſſen, was er in ſeinem Innern erduldete. Wenigſtens hatte er in ſein Tagebuch geſchrieben: ‚Man wird mich überall vermiſſen, und wenn ich fehle, wird ſich's aus⸗ weiſen, daß auch ein alter Mann noch mancherlei gutes zu thun die Kraft beſaß.“ Er hatte die Welt beſtrafen wollen für das Unrecht, was, ſeiner Mei⸗ nung nach, eine Einzelne an ihm verübt, und als es nun zur Sache kam, überfiel ihn eine bange Ah⸗ nung, als könne er ſich ſelbſt am härteſten beſtraft haben. Deßhalb durchzitterten ihn die Töne des Poſthorns, wie die Stimme einer höheren Macht, die ihm zuriefe: wer biſt Du, armer Sterblicher und warum biſt Du ſo kindiſch, Dich in ohnmächtigem Trotze auflehnen zu wollen gegen ewige Fügungen? Weißt Du nicht, hochgeborener Graf, daß Du ſammt Deinem Range, Deinen Anſprüchen, Deinem Selbſt⸗ gefühl immer nur ein Wurm warſt, gleich allen 6* 84 übrigen Erdenwürmern? Haſt Du vergeſſen, daß die Welt von jeher ihren Gang ging, daß niemand un⸗ entbehrlich iſt, und daß auch Dein Rücktritt aus dem Leben keine Stockung verurſachen kann. Begra⸗ ben und vergeſſen, iſt die Loſung. Bei Dir wird es heißen: vergeſſen— und dann erſt begraben. Dieſe Worte legten ſich, den Athem raubend, um ſeine Bruſt. Er blickte erwartungsvoll nach der Thüre, durch welche ſein Nachfolger ſchreiten ſollte, — ſie öffnete ſich— der Haushofmeiſter Lobeſam meldete, ſtotternd vor Erſtaunen:„Frau Baronin Stjernholm“— und ſie ſtand dem Grafen gegen⸗ über.— Vierundzwanzigſtes Kapitel. Hätte ſich der alte Graf beim Anblick der Ba⸗ ronin nicht gewiſſermaßen angenehm überraſcht ge⸗ fühlt, daß, ſtatt dem herbeigerufenen, doch jetzt faſt gefürchteten Nachfolger, eine ſonſt geliebte, wenn auch ſpäter gemiedene Schöne vor ihm ſtand,— wer weiß, wie er die Stjernholm empfangen, und ob er nicht in die ihm zur zweiten Natur gewordenen, herkömmlichen Phraſen der Galanterie und des ei⸗ 8⁵ chenauer Gaſtrechts, einige ſcharfe Akzente von ſtahl⸗ brunner Lesart gemiſcht haben würde? Für ihn war die ſo gänzlich unerwartete Erſcheinung eine Art von Galgenfriſt, und die erſte Bewegung ſeines Herzens zog ihn der ſtattlichen Dame entgegen. Ja, es fehlte nicht viel, ſo hätt' er ihr die Hand geküßt. Zu rech⸗ ter Zeit ſtellte ſich aber die Erinnerung an ſeine plötzliche Abreiſe von Stahlbrunn ſammt ihren Ur⸗ ſachen ein und es flog ein düſt'rer Schatten über ſeine Seele in dem Gedanken, daß, die da vor ihm ſtehe, keine andere ſei, als jene, welche die Wendung der Dinge in Eichenau verſchuldet, welche ihn alt gemacht! Dieſer Schatten warf ſich denn auch auf ſein Antlitz, aus welchem der fendige Sonnenſchein alsbald entwich. Der gute Graf ließ das bewußte, uns aus dem erſten Kapitel ſchon bekannte Räus⸗ pern, das Vorzeichen herannahenden Sturmes, ver⸗ nehmen, und Lobeſam, die Flügel in beiden Händen haltend, ſtand in offener Thüre mit offenem Munde voll Erwartung da. Zum Glücke dauerte des Grafen innerer Wider⸗ ſtreit nicht lange. Er fand bald den richtigen Aus⸗ weg aus dieſer Verwirrung und redete die Baronin ruhig an:„Wenn ich Sie nicht mit ſo lebhafter Freude empfange, als Sie überall, wo Sie ſich 86 zeigen, zu erregen gewohnt ſind, ſo verdammen Sie weder mich, noch dieß alte, gaſtliche Haus. Im Be⸗ griffe, es für immer zu verlaſſen, um— Einſiedler zu werden, konnte ich nicht mehr auf einen Beſuch gefaßt ſein, der unter ganz andern Verhältniſſen er⸗ beten und verheißen wurde; den ich, nachdem wir uns ohne Abſchied getrennt, nicht mehr erwarten”... hier hielt er inne; denn Lobeſam hatte unterdeſſen die Thürflügel eingezogen, und Mathilde, die bisher dem Blicke des Sprechenden verdeckt geſtanden, ward ſichtbar. Baronin Stjernholm, am beſten wiſſend, daß Graf Eichengrün Vater von einer ihr lebenden Tochter ebenſowenig wiſſe, als Graf Eichengrün Sohn, nahm, dieſe vorſtellend, das Wort:„Mein Kind, meine Mathilde! Sie allein iſt Urſache, theurer Freund, daß ich ſo ſpät hier eintreffe. Sie befand ſich ſeit Jahren bei meiner Schwägerin. Ich hatte ſie lange nicht geſehen, ich ſehnte mich nach ihr. Und weil ich mich einwenig fürchtete, daß der aufbrauſende Mann, der mich in Stahlbrunn sans adieu verließ, mir— zwar weiß ich nicht weßhalb?— noch zür⸗ nen, mich vielleicht gar mit finſterem Geſicht auf ſeinem Schloſſe begrüßen könnte, entſchloß ich mich zur weiten Reiſe nach meines Bruders Landgut, wo 87 ich mir dieſe Begleiterin abholte. Möge die Mutter freundliche Aufnahme finden um ihrer Tochter willen; denn Mathilde hat ja gewiß nichts an Ihnen ver⸗ ſchuldet. Es zog uns unwiderſtehlich hierher, den Flor zu bewundern, den dieſe Landſchaft ihrem Herrn und Meiſter verdankt; den Schöpfer ſo vieles Gu⸗ ten, Nützlichen und Schönen in ſeiner Heimat zu belauſchen; den himmliſchen Herbſt, den Gott uns heuer gönnt, in dieſer lieblichen Gegend zu genießen! Hat Schloß Eichenau ein paar kleine Stübchen für ein ſanftes, heiteres, anſpruchsloſes Landmädchen und für eine alternde, dem Geräuſch des Lebens entſa⸗ gende Frau? Oder werden Sie Ihrem Haushofmei⸗ ſter befehlen, uns fortzutreiben?“ Der Graf hatte von der langen Anrede kaum einige Worte gehört. Mit leuchtenden Augen betrach⸗ tete er Mathilden und murmelte, verſunken in ſol⸗ chen Anblick:„O, Baronin, wahrhaft entzückt... durch Ihre Güte, durch Ihr Vertrauen!“ Lobeſam, der dieß bemerkte und flüſternd zu ſich ſelbſt äußerte:„Schade, daß wir jetzt nicht mehr jung ſind!“ that ſeinem Herrn dadurch Unrecht; es war nicht Egoismus, der in dieſem Momente bei ihm vorwaltete. Sein erſter Gedanke, als er Mathil⸗ den ſah, richtete ſich auf Hermann; und das Entzücken, womit die anmuthige, in ihrer Art einzige Erſchei⸗ nung ihn erfüllte, ging zunächſt in den Wunſch über: „daß ich dieſes einfache, liebliche Weſen Tochter nennen dürfte!“ Mathilde erſchien ihm wie ein Engel, den die Vorſehung eigens abgeſendet hätte, ihn mit ſeinen raſchen Entſchlüſſen wieder zu verſöhnen, und die ſchon aufkommende Reue in Befriedigung umzuwan⸗ deln. Deßhalb ſagte er ohne Bitterkeit, mit aufrich⸗ tiger Meinung:„Ich müßte verzweifeln, trotz meiner Freude, läge mir noch die Pflicht ob, den Damen ihren Aufenthalt in Eichenau nur leidlich angenehm zu machen. Was kann der alte Mann Ihnen bie⸗ ten? Doch mein Sohn muß da ſein, bevor die Thurm⸗ uhr wieder aushebt. Und dieſem werde das Glück, Mathilden hier zu unterhalten,— ja, hier feſtzu⸗ halten.“ „O,“ rief Mathilde,— die jetzt zum erſtenmale von einem Sohne hörte,(ihre Mutter hatte unter⸗ weges immer nur von einem alten väterlichen Freunde geredet, den ſie beſuchen wollten!),„ich bin keine Freundin der jungen Herren, wie ſie uns jetzt auf der Reiſe hierher begegneten. Sie ſind mir, aufrichtig zu ſprechen, alle zu alt. Ich finde die 89 Aelteren oft viel jünger; zuvorkommender, artiger nun gewiß.“ „Ich will hoffen, Baroneſſe, daß mein Sohn zu den Ausnahmen gehört!“ Mathilde erröthete; ſie fürchtete den Vater ver⸗ letzt zu haben. Ihre Mutter übernahm ihre Ent⸗ ſchuldigung:„Sie iſt bei meinem Bruder in ganz länd⸗ lichen Umgebungen aufgewachſen und hat von ihm gelernt zu ſingen, wie ihr der Schnabel wuchs. Das muß ſich nun erſt fügen und bilden.“ Der Graf dagegen bat, ſie möge fortfahren, offen und ehrlich zu ſagen, was ſie denke. „Ja,“ erwiederte ſie,„das will ich gern thun, wenn Erzellenz mir's geſtatten. Was ich unterweges von Ihnen vernahm, was ich, ſeitdem wir durch die Grafſchaft fahren, ſah und ſehe, erfüllt mich, die aufmerkſame, gelehrige Nichte eines in der Landwirth⸗ ſchaft lebenden Oheims, mit Begeiſterung. Meine gute Mutter verſteht nicht viel davon, will nichts davon verſtehen. Ich dagegen bin mit Leib und Seele dabei; habe mich förmlich danach geſehnt, einen be⸗ rühmten Landwirth im Großen walten zu ſehen; habe mich danach geſehnt, Ihnen, Herr Graf, meine Ehr⸗ furcht bezeigen zu dürfen— und ich freute mich 90 darauf, aus Ihrem Munde ein gütiges ‚Willkommen! zu vernehmen.“ „Willkommen!“ rief der Graf;„ja, mein Kind, herzlich willkommen heiß; ich Sie,— wenn auch nicht mehr bei mir, doch bei meinem Sohne!“ „Weißt Du, Tildchen,“ unterbrach ihn die Ba⸗ ronin,„daß Du bei Schmalkows recht verbauert biſt? So redet man eben nicht, wie Du jetzt geredet; man ſagt auch nicht alles, was man denkt.“ „Ihre Mama hat Recht,“ ſetzte der Graf hinzu. „Man ſagt nicht alles, was man denkt, wenigſtens nicht einem jeden, und nicht auf den erſten Anlauf. Bei mir hat's keine Gefahr. Ich weiß zu ſchätzen, wenn man mir ſagt, was man denkt; höher, als wenn man ſagt, was man nicht fühlt. Ich hoffe, Sie werden fortfahren, mir Ihre Gedanken aufrich⸗ tig mitzutheilen, und auch Ihre Gefühle werden Sie dem alten Freunde, wenn er erſt Ihr Vertrauter ward, nicht vorenthalten?“ 5 „Halt,“ ſagte die Stjernholm,„da muß ich de⸗ preziren. Gegen den Austauſch der Gedanken hab' ich nichts einzuwenden; dadurch kann ein jun⸗ ges Mädchen bei einem ſo geiſtreichen Manne nur gewinnen. Was jedoch die Gefühle betrifft, da 941 mach' ich mein mütterliches An⸗ und Vorrecht geltend.“ Mathilde küßte ihr die Hand, und mit einem Ausdruck von Schelmerei, der ihrem ſonſtigen Weſen kaum ähnlich ſah, fragte ſie:„Laſſen ſich denn Ge⸗ danken und Gefühle immer ſo ſcharf von einander abſondern?“ Der Graf und die Baronin wollten, beide zu⸗ gleich, etwas erwiedern, da ertönte abermals der Klang eines Poſthorns im Hofraume, und Lobeſam, der ſich mittlerweile zurückgezogen, ſteckte den Kopf durch die Thüre:„Erzellenz, dießmal iſt es wirklich Graf Hermann!“ Der Graf befahl ihm:„Alle ſollen ſich bereit halten!“ worauf jener ſogleich verſchwand. „Da haben wir,“ ſagte er dann, zu den Damen gewendet,„die lieblich⸗phantaſtiſche Idee des öſter⸗ reichiſchen Volksdichters, der in all ſeiner wiener Spezialität gleichwohl auch der Liebling von ganz Norddeutſchland geworden iſt; da haben wir Rai⸗ mund's ‚Bauer als Millionär.“Die Jugend erſchien noch einmal in Mathildens Perſon, mir Lebewohl zu ſingen und— mein hohes Alter hält ſeinen Einzug.“ „Sie zieren ſich mit Ihrem Alter, Graf,“ meinte 92 die Baronin. Und Mathilde lächelte ihn an:„Doch iſt Ihr Herz ſo jung!“ „Haben Sie das etwa auch auf dem Wege durch unſere Dörfer gehört?“ „O nein; das hat mir mein eigenes Herz beim erſten Anblick verkündet!“ „Gutes Kind,“ ſprach er wehmüthig,„wer fragt in unſeren Tagen nach Herzen?“ Und ſie antwortete lebhaft:„Ich, zum Beiſpiel, Graf Eichengrün!“ So hatte die Stjernholm ihre Tochter nicht ge⸗ kannt, von dieſer warmen, entſchiedenen Zutraulich⸗ keit hatte ſie nichts in ihr geahnet. Worin lag denn die Anziehungskraft, die der alte Herr ſichtbar auf das junge Mädchen übte? Wie fanden ſich dieſe ganz geſonderten Elemente ſo raſch zuſammen? Welch ein geheimes Walten verband zwei fremde Naturen in den erſten Augenblicken ihres Zuſam⸗ mentreffens? Eine Dame, die von jeher über Neigungen und Abneigungen, über Sympathieen und Antipathieen nachgeſonnen und gegrübelt, die aus ihrem an Er⸗ fahrungen widerſprechendſter Gattung reichen Leben ein pſychologiſches Studium gemacht, mußte hier, wo ein höchſt überraſchendes Verhältniß vielleicht 93 ſchon zu keimen begann, allerdings ſtutzig werden; umſomehr, weil ſie eine ganz andere Saat aus⸗ zuſtreuen nach Eichenau gekommen war. Doch ein prüfender Blick auf ihres ehemaligen Freiers Ver⸗ halten überzengte ſie, daß nur von väterlicher und kindlicher Herzlichkeit die Rede ſei, und die ſchlaue Baronin meinte:„Beſſer könnte Mathilde meinen Plänen nicht dienen, wenn ich ſie künſtlich ab⸗ gerichtet hätte; auf dieſe Weiſe gewinnt ſie ihn, trotz ſeines Mißtrauens gegen mich; und haben wir ihn, ſo haben wir den Sohn.“— Da riß der Haushofmeiſter abermals die Thür⸗ flügel auf und Hermann lag in den Armen ſei⸗ nes Vaters. Das heißt: er ließ ſich von dieſem umarmen, ans Herz drücken, küſſen, ohne ſeinerſeits lebhaft zu erwiedern, was ein heftig erregtes Alter mit feuriger Empfindung ſeiner kalten Jugend ent⸗ gegentrug. Baronin Stjernholm betrachtete dieſen ſeltſamen Auftritt mit geſpannter Aufmerkſamkeit. Deßhalb ent⸗ ging ihr, was unterdeſſen mit Mathilden geſchah. Dieſe, bleich wie der Tod, fuhr mit der Hand nach dem Herzen,— ſchwankte,— ja, wäre umgeſunken, hätte ſie nicht, zur Seite ſtehend, Gelegenheit ge⸗ funden ſich an eine maſſive ſteinerne Säule zu lehnen, welche die Marmorbüſte des ‚Alten Fritz' trug, —„Heiliger Gott, das iſt Er!“ lispelte ſie; ein Schauder ging durch ihre Glieder, die Zähne ſchlugen wie im Froſt aneinander, dann raffte ſie ſich auf, die Röthe kehrte in ihre Wangen zurück, und bevor jemand an ihre Gegenwart dachte, gewann ſie ihre Faſſung wieder. „Hermann,“ fragte Graf Ulrich, nachdem er ſich vom Sohne losgemacht,„hab' ich Dich den Damen vorzuſtellen, oder?4.... „Wir kennen uns,“ ſprach die Baronin. Hermann harrte ein Weilchen, ob vielleicht doch ſein Vater ihm die künftige Stiefmutter präſentiren werde? Ein Argwohn, der durch alles vorherge⸗ gangene und durch die jetzige Anweſenheit der Dame nicht grundlos ſchien. Erſt als nichts erfolgte und auch kein panto⸗ mimiſches Zeichen auf etwas dem ähnliches hin⸗ deutete, ſagte er, faſt höhniſch:„Baronin Sjernholm, ich küſſe den Saum Ihres Gewandes.“ Dieſe, ohne im geringſten zu zögern, erwiederte nur:„uUnd ich ſtelle Sie meiner Tochter Mathilde vor.“ Der junge Herr würdigte Mathilden keiner beſonderen Aufmerkſamkeit. Er ſah ſie an wie ein 95 Zerſtreuter, der einem Bekannten aus längſtvergan⸗ gener Zeit zu begegnen glaubt, es aber nicht der Mühe werth findet, nachzuſinnen. Sogleich wieder zur Mutter gewendet, flüſterte er dieſer ins Ohr: „Pflegetochter?“ Wir hören nicht, was ſie ihm ernſthaft entgeg⸗ net, denn Graf Ulrich erhebt die Stimme:„Du kommſt ſpät, lieber Hermann; zu ſpät für meine Ungeduld. Du biſt langſam gefahren.“ „Die Poſtillione waren anderer Meinung. Ich hatte ſogar Kurierpferde auf der letzten Strecke. Von Neapel nach Petersburg entſendet, fand ich dort ſchon allerhöchſten Befehl, augenblicklich umzukehren; kaum, daß mir Zeit blieb, Kleider zu wechſeln. Ihre letzte Zuſchrift, mein Vater, erhielt ich erſt zu Hauſe aus den Händen meines Miniſters und zugleich die Weiſung, daß Seine Majeſtät mich in beſonderer Audienz empfangen wolle. Dieß eigenhändige Schrei⸗ ben gab mir unſer Herr für Sie.“ Graf Ulrich ertheilt dem Haushofmeiſter einen Wink. Lobeſam gibt dieſen Wink weiter, in das Vorzimmer hinaus, und man vernimmt alſobald ein Scharren, Murmeln, ſich bewegen, wodurch die An⸗ näherung einer dicht zuſammengedrängten Menſchen⸗ maſſe verkündiget wird. Die Damen wollen ſich entfernen. Graf Ei⸗ chengrün Vater ladet ſie zu bleiben ein und geleitet ſie an einen Divan, wo beide Platz nehmen. Nun zeigte ſich der Kameraldirektor mit ſeinen Räthen; ein buntes Gewühl von Kanzlei⸗, Wirth⸗ ſchafts⸗, Forſtbeamten folgte ihnen, voll Erwartung der Dinge, die da kommen ſollten. Sie erwarteten eine feierliche Anrede vonſeiten ihres Gebieters. Doch dieſer,— unzweifelhaft durch Mathildens Lieb⸗ lichkeit und holdes Weſen,— von der düſtern Stim⸗ mung der letzten Tage völlig geheilt und mit jenem Glanze ſanfter Heiterkeit bekleidet, der ſich am beſten einem klaren Sonnenuntergange vergleichen läßt, öffnete nur das Siegel des Schreibens, welches ſein Sohn ihm überbracht, und las mit feſter Stimme: „Mein lieber Graf Eichengrün! Wer dem Va⸗ terlande ſo treu gedient wie Sie; unermüdlich in ſeinem Wirkungskreiſe des Guten ſo viel ge⸗ than, hat gerechten Anſpruch auf Ruhe für das Al⸗ ter. Ich willige gern in die Uebertragung Ihres Fideikommiſſes an Ihren einzigen Sohn, ertheile demſelben die durch Sie erbetene Entlaſſung aus dem Staatsdienſte mit dem Titel Geheimer Lega⸗ tionsrath, beſtätige ihn als Majoratsherrn auf und zu Eichenau, und habe dem Miniſterium Meines 97 Hauſes ſämmtliche auf dieſen Akt Bezug habende Vollziehungen überwieſen. Ihnen, Graf Ulrich, wün⸗ ſche ich ein beglücktes, heiteres Alter; Ihrem Sohne jedoch, daß er Ihr würdiger Nachfolger werde. Und ſomit bitte ich Gott, daß er Sie in ſeine heilige Ob⸗ hut nehme, und verharre Ihr wohlgeneigter“.... Jetzt faltete er das Schreiben wieder zuſam⸗ men und kehrte ſich den ihn im Halbkreiſe umſte⸗ henden Beamten zu:„Es iſt geſchehen. Graf Ulrich tritt zurück und der regierende Graf zu Eichenau heißt von heute an Hermann. Ich empfehle ihn der Treue und Anhänglichkeit meiner treuen Diener; und ſie alle empfehle ich ihm, ſeiner Fürſorge, ſei⸗ nem Wohlwollen, ſeiner Gerechtigkeit! Ich wünſche und hoffe, daß ich niemals Urſache finden möge, zu bereuen, was ich gethan. Ich wünſche folglich auch, und muß wünſchen, daß kein Menſch auf der gan⸗ zen Herrſchaft mich vermiſſen möge. Aber, daß ihr mich nicht vergeßt, das erbitte ich mir. Denkt bis⸗ weilen an euren alten Herrn, auch wenn er nicht mehr in dieſen Räumen hauſet. Und wer mich in meinem Jagdſchlößchen beſuchen kommt, ſoll mir will⸗ kommen ſein.“ Der Kameraldirektor wartete erſt ab, ob Sei⸗ ner Erzellenz Nachfolger dieſer kurzen Aiſciedsrede 1857. XVI. Noblesse oblige. III. 98 eine freundliche Antrittsrede anreihen werde? Nach⸗ dem aber Graf Hermann ſich nur ſtumm gegen ſei⸗ nen Vater und dann ebenſo ſtumm gegen die Be⸗ amtenſchaft verneigt hatte, ohne den Mund zu öffnen, nahm der Direktor das Wort. Doch er behielt es nicht lange, denn ſchon mitten im erſten Satze übermannte ihn die Rührung, Thränen erſtickten ſeine Stimme, und ehe er weiter ſprechen konnte, ſchluchzte die ganze Verſammlung; der alte Graf am lauteſten. Graf Hermann war der Einzige, der ungerührt blieb; was der Baronin nicht entging, und was Mathilden veranlaßte auszurufen:„O Du armes Eichenau!“ Ein Ausruf, den zum Glücke niemand (hörte, oder beachtete. Bald nachher entließ der neue Herr das Beam⸗ tenperſonale mit der Verſicherung, daß er für jetzt nichts beſſeres zu thun wiſſe, als nichts zu verän⸗ dern in allem, was ſein Vater eingerichtet. Dieſe Ver⸗ ſicherung lautete wohl ganz tröſtlich; dennoch entfernten ſie ſich gar niedergeſchlagen, und die Aelteren unter ihnen konnten ſich nicht zugute geben, daß dieſer kalte, theilnahmloſe, ſchöne Herr ihr ehemaliger Hermann, der Liebling von Eichenau ſein ſollte? Graf Ulrich erbat ſich nun von den Damen die Erlaubniß, ihnen den neuen Hausherrn auf einige 99 Stunden zu entführen, da er ihm vor allen Dingen wichtige Papiere zu übergeben und mancherlei un⸗ aufſchiebbares mitzutheilen habe. Als Hermann da⸗ bei heftig gähnte, ſagte ihm die Baronin:„Der Ge⸗ heime Legationsrath ſcheint die Parketts ſeiner di⸗ plomatiſchen Säle leidenſchaftlich gern mit dem Boden heimiſcher Fluren zu vertauſchen?“ Worauf er, abermals gähnend, antwortete:„Der Geheime Lega⸗ tionsrath iſt vollkommen indifferent darin, Baronin. Langweilen kann man ſich überall— und weiter bring' ich's nirgend. Ich habe keinen andern Willen, als den meines Vaters, vorzüglich wenn er von je⸗ nem unſeres Herrſchers ſanktionirt ward.“ Graf Ulrich that ſich Gewalt an.„Ueber Lange⸗ weile,“ ſprach er,„ſollſt Du nicht zu klagen haben, dafür iſt geſorgt. Du mußt thätig ſein, von Früh bis in die Nacht.“ Hier trat der Haushofmeiſter hinzu, Seiner Erzellenz eine Frage vorzulegen. Dieſer wies ihn an den ‚jetzigen Gebieter: und Lobeſam erkundigte ſich nun bei Graf Hermann, welche Gemächer der Frau Baronin anzuweiſen ſein dürften. „Mir ſehr gleichgiltig,“ gähnte ihm der Diplo⸗ mat—(er mochte wohl von raſchem Reiſen ſehr matt ſein!)— entgegen;„welche Sie wollen!“ 7* 7 100 Das ‚Sie’ gab dem armen Lobeſam einen Stich ins Herz. Er wollte ſeinen Ohren nicht trauen, und um ſich Gewißheit zu verſchaffen, ob Graf Her⸗ mann ihn wirklich ‚Sie’ genannt haben könne, heu⸗ chelte er ein grammatikaliſches Mißverſtändniß und äußerte:„ſie, die Damen, kennten ja nicht die Loka⸗ litäten des Schloſſes.“ „Ich meine Sie, Haushofmeiſter, ſollen dar⸗ über beſtimmen; Ihnen ſind die paſſendſten Zim⸗ mer hoffentlich bekannt?“ Nun gab es keinen Zweifel mehr. Dieſe in herber Strenge zwiefach wiederholte Anrede ließ ſich nicht als etwas zufälliges deuten. Der neue Ma⸗ joratsherr wollte mit den Erinnerungen der Kind⸗ heit entſchieden brechen. Lobeſam trat zurück bis an die Thüre und brummte leiſe:„Hinaus ins Jagd⸗ ſchlößchen, je eher deſto lieber, mit meinem alten Herrn!“ Die beiden Grafen entfernten ſich einſtweilen mit nochmaliger zweiſtimmiger Bitte um Nachſicht, und der Haushofmeiſter lud ehrerbietig die Baronin ein, ſich von ihm nach ihrer Wohnung leiten zu laſſen; ehrerbietig— aber grollend. Denn zu dem Grolle, den er gerechterweiſe wider die Stjernholm von Stahlbrunn her hegen zu dürfen glaubte, ge⸗ 101 ſellte ſich der Gram über die hieſigen Ereigniſſe, und er war gelaunt, die ungebetenen Gäſte büßen zu laſſen; ihnen die unfreundlichſten, traurigſten Stu⸗ ben im Winkel eines Hofes anzuweiſen. Glücklicher⸗ weiſe ging— oder ſchwebte vielmehr Mathilde im Korridor vor ihm her, und das brachte ihn auf an⸗ dere Gedanken. Er vergaß, daß ſein Graf(folglich auch er) plötzlich alt geworden; er enthuſiasmirte ſich jugendlich für die reizende Jugend, und noch auf halbem Wege kam er zu dem Ausſpruche:„was kann ſie für ihre Mutter?“ Er bog ein, machte eine Schwenkung und führte ſie nach dem Apartement, welches die anmuthigſte Lage und Ausſicht mit der bequemſten Einrichtung verband. Dort ange⸗ langt weidete er ſich erſt an ſeines Schützlings freu⸗ diger Ueberraſchung; an dem„O wie ſchön!“ womit Mathilde ſich dem Fenſter näherte,— dann ſagte er zur Baronin, er wolle ſogleich Befehl geben, daß die Hausknechte ihrem Kammermädchen behilflich wären beim Abpacken; wolle auch ſelbſt auf Putz⸗ kiſtchen, Kartons und Haubenſchachteln achten; Dinge, mit denen er vertraut ſei;„denn,“ ſeufzte er,„wir waren auch einmal jung.“ „Ich habe leider keine Kammerjungfer bei mir,“ erwiederte die Baronin; und ſetzte, nachdem ſie ſich 102² überzeugt hatte, daß ihre Tochter mit der Ausſicht am Fenſter zu beſchäftiget ſei, um die Lüge zu kon⸗ trolliren, noch vornehm hinzu;„die meinige hat mich malitiöſerweiſe abandonnirt; die Perſon behauptete, ſie könne Dorfluft nicht vertragen.“ „Die Gans!“ rief Lobeſam— bat jedoch ſo⸗ gleich für ſeine Kühnheit um Verzeihung. Schon ſteckte Lotte ihr pfiffiges Geſichtchen durch die Thür⸗ ſpalte herein:„Vielleicht darf ich meine Dienſte an⸗ bieten? Ich bin eine geborene Dorfgans und ver⸗ trage die Dorflüfte ſehr gut.“ „Wenigſtens bekommen ſie Dir wohl,“ lächelte die Baronin;„Du blühſt wie eine ro...“ „Roſe,“ ſeufzte Lobeſam. „.. rothe Rübe,“ fuhr die Baronin fort. „Gar zu gnädig, Frau Baronin. Ich bin zwar noch ſehr ungeſchickt und ohne Uebung beim Anklei⸗ den. Will mir aber alle Mühe geben.“ Die Baronin tröſtete ſie, daß der gute Wille die Hauptſache ſei, und Lobeſam verſicherte:„den hat ſie, das muß man ihr nachrühmen unſerer Lotte.“ Letztere war denn auch, dieſes guten Willens voll, zu Mathilden ans Fenſter getreten, ihre Dienſte anzubieten und hatte die Sinnende aus träume⸗ riſcher Beſchauung aufgeſchreckt. Der ſtillentſagenden, 103 friedlichen Bewohnerin von Mühlhaus wurde plötzlich, als erwache ſie jetzt erſt zu vollkommenem Bewußt⸗ ſein, im gräflichen Schloſſe Eichenau Angſt und bange. „Führe mich ins Freie, an die friſche Luft,“ rief ſie Lotten zu,„hier muß ich erſticken“— und Lotte, fürs Leben gern gehorſam, ſprang fröhlich voran, ihr den Weg auf die Teraſſe zu weiſen. Der Haushofmeiſter hätte jetzt ſchicklicherweiſe, nach abermaliger Frage, was die Baronin etwa be⸗ fehle, ſie allein laſſen ſollen; auch war er in zu guter Schule aufgewachſen, um darüber in Zweifel zu ſein? Gleichwohl blieb er, denn er merkte der Dame ab, daß ſie mit ihm zu reden wünſche, und dieſes Wünſchen entſprach dem ſeinigen. Doch der Flucht aus Stahlbrunn und ihrer unermeßlichen Folgen ein⸗ gedenk, ließ er es an ſich kommen. Die Baronin ihrerſeits beſann ſich auch ein ganzes Weilchen auf einen paſſenden, unverdächtigen Eingang. Endlich hub ſie an:„Dieſer Auszug ins Jagdſchlößchen ſcheint den Haushofmeiſter nicht anzulächeln? Wo liegt es denn? wo ſteckt es denn?“ Mit dieſer Frage hatte ſie ſeine ſchwächſte Seite getroffen:„O gnädige Baronin; wo ſteckt es? Wo Jagd⸗ und Waldſchlößchen denn für gewöhnlich ſtek⸗ ken; d'rin, weit d'rin, wo die Welt mit Brettern, wenn auch noch nicht geſchnittenen, doch als Bäume vorhandenen, gleichſamlich verrammt, verwachſen, zu Ende, kurz vernagelt iſt; wo die Füchſe ſich gute Nacht ſagen und der Schuhu guten Morgen wünſcht. In Leſebüchern und Romanen betitelt ſich der⸗ gleichen wildromantiſch. Mein Erzellenzherr hat ſich das Ding da draußen aufgebaut,— ich nahm's für eine Spielerei,— wenn mir Einer vorhergeſagt hätte!.. Frau Baronin dürften eben auch nicht ſehr entzückt davon ſein.“ „Trauen Sie mir keinen Sinn für Naturſchön⸗ heiten zu, Haushofmeiſter?“ „Bitte unterthänig, ſehr viel. Es kommt nur darauf an, von welcher Art die Naturen ſind, und die Schönheiten. Doch hätten Euer Gnaden gewußt, was Euer Gnaden vor einer halben Stunde hier erfuhren,— vielleicht würden Euer Gnaden den ſo lange verſchobenen Beſuch in Eichenau gänzlich auf⸗ gegeben haben?“ „Was er dabei für ein ſchlaues Geſicht macht! Dennoch betrügen Sie ſich, ſchätzbarſte rechte Hand Ihres Grafen. Gerade weil ich es wußte, hab' ich mich der ſchon vergeſſenen Einladung erinnert und bin gekommen.“ „Das wäre ſtark!“ 105 „Was? daß ich kam? Eine Witwe zu einem Witwer? Eine Mutter zu einem Vater? Da iſt nichts anſtößiges bei!“ „Gewiß nicht! Jetzt, wo wir alt ſind, offiziell alt, ſchon gar nicht.— Nein, daß Frau Baronin gewußt haben ſollten, was niemand gewußt zu haben ſcheint, als unſer Graf und das hohe Miniſterium?“ „Genug, ich wußt' es. Und weil ich es wußte, brachte ich meine Tochter mit.“ „Nun bin ich total aus dem Zuſammenhange.“ „Sie können ſich von den ſtahlbrunner Remi⸗ niszenzen immer noch nicht losmachen. Geben Sie das auf, Beſter. Dieſe ſind längſt veraltet!“ „Wie wir, nicht wahr?“ „Treffend; wie Ihr! und mit Euch!— Nun denn, ich wußte, daß des Grafen wunderliches Ge⸗ ſuch gewährt, daß die Ausführung des ſeltſamen Planes vor der Thüre ſei. Und ich kam, dem neuen Majoratsherrn eine junge ſchöne Gemalin anzubieten.— Ha, ſtarren Sie mich doch an, als hielten Sie mich für eine alberne Schwätzerin, die ausplaudert, was heimlich betrieben werden ſollte? Mit nichten. Ich halte Sie für einen einſichtsvollen Diener— und für einen einflußreichen, auch jetzt noch. Ich rufe Sie mir zum Bundesgenoſſen auf. 106 Vielleicht hätt' ich dieß ſchon in Stahlbrunn thun müſſen? Manches ſtünde anders. Doch es iſt auch ſo gut, wie es ſich jetzt drehte: ich kann mein Ziel erreichen, ohne mit meiner Perſon zu bezahlen. Hel⸗ fen Sie mir. Es iſt ein edles Ziel. Und könnten Sie in meinem Herzen leſen, könnten Sie wiſſen... passons la dessus!— Daß Sie nicht zu beſtechen ſind, davon bin ich überzeugt. Ein Diener Ihres Schlages aus der guten alten Zeit ſteht über nie⸗ drigen Eigennutz erhaben.“ „Frau Baronin machen mich ſtolz und glücklich!“ „Ehre und Heil des Geſchlechtes, dem er dient, gehen ihm über alles!“ „Weiß Gott, über alles!“ „Wie gefällt Ihnen denn meine Tochter?“ „Fragen Euer Gnaden nur meinen Grafen, und wenn ſein Mund Ihnen wiederholt, was ich in ſei⸗ nen Augen geleſen, als er ſie anblickte, ſo iſt alles geſagt: hinreißend! bezaubernd durch Sanftmuth, Huld, Natürlichkeit, Grazie.. o die junge Dame iſt entzückend. Nur,— Vertrauen gegen Vertrauen!— Graf Hermann decouragirt meine Hoffnungen. Ich weiß nicht, dieſer junge Seigneur... da ſitzt kein rechtes Leben in dieſer Jugend, keine Freudigkeit, kein Wohlwollen... ach, wenn Sie ihn gekannt 107 hätten, wie er noch unſer Hermann war; wenn Sie ihn gekannt hätten, gnädige Frau, in ſeiner Knabenzeit...“ Die Baronin beherrſchte ſich. Sie zeigte nichts von den heftigen Gefühlen, die in ihr wogten. Sie behielt ihre ruhige Zuverſicht:„Das iſt die Krank⸗ heit unſerer Zeit, Haushofmeiſter. Doch ſie iſt heil⸗ bar. Meine Tochter wird ihn verjüngen.“ „Wenn es Mittel für die Verjüngung gibt, ſo liegen ſie gewiß in den Händen der Baroneſſe; daran zweifle ich nicht. Doch dieſe müßte auch ge⸗ neigt ſein, die Heilung zu übernehmen! Intereſſirt ſie ſich für den Herrn Geheimen? Hat ſie den Willen..“ „Ich bitte Sie, Haushofmeiſter; hat das über⸗ haupt Willen? Auf dem Lande bei ſchlichten Leuten emporgewachſen, ohne Bekanntſchaften, ohne Ver⸗ gnügungen höoöͤheren Styles, ohne Eitelkeit, ohne Anſprüche? Das thut, was die Mutter für gut er⸗ kennt; gehorcht in frommer Hingebung, glücklich, in⸗ dem es Andere beglückt. Mathilde iſt ein Engel, herabgeſendet zu verſöhnen, auszugleichen... Die Leute bringen unſer Gepäck. Wir ſind einig? Auf Sie darf ich rechnen?“ „Bei allem, was zum Beſten dieſes hohen Hauſes gereicht, in Leben und Tod, gnädige Baronin!“ 108 Er ließ nun Koffers, Vachen und Zubehör in Reih' und Glied aufſtellen, dann empfahl er ſich zu Gnaden und legte ſcheidend, indem er ſich verbeugte, die Hand auf die Bruſt, zur Bekräftigung ſeiner Zu⸗ 8 verläſſigkeit. Die Baronin blieb allein.„Es geht alles vor⸗ trefflich,“ rief ſie aus und hob die Augen dankbar zum Himmel auf, der blau und herbſtlich⸗rein ſich über Eichenau's weite Fluren ſpannte.„Der verſtorbene Graf Theodor und ſein Mentor,(denen Gott gnä⸗ dig ſein wolle, wie uns allen!) ſind im Irrthum geweſen, als ſie Hermann damals mit einer Penſio⸗ närin der Prudent neckten; oder ich vielmehr war im Irrthum, da ich— halb eiferſüchtig, halb müt⸗ terlich beſorgt,— Mathilden vor ihm flüchten zu müſſen wähnte. Er kennt ſie nicht; er hat ſie nie geſehen, wenigſtens nie bemerkt; ſo wenig als ſie ihn. Hier droht keine Vergangenheit durch kindiſche Erinnerungen, thörichten Groll, ſentimentale Em⸗ pfindlichkeit, was ſonſt dahin gehört, die Gegenwart zu verwirren. Er bringt keine vorgefaßten Meinun⸗ gen gegen ſie, ſie bringt keine mädchenhaften Liebe⸗ leien aus Mühlhaus mit. Wir haben freies Feld und das übrige mag die Zeit thun! Doch nein, alles nicht; man darf auch nicht zu viel von ihr verlangen; 109 ein Bißchen nachhelfen ſollen wir auch. Wie die Baronin das ſagte, ſchwebte ein Lächeln um die Lippen, die eine Minute zuvor den Zug einer from⸗ men Rührung dargethan, und weltliche Gedanken ſprüheten Funken gleich aus ihren, auf das Gepäck gerichteten Augen. Sie näherte ſich dem großen Klei⸗ derkoffer und entdeckte Mathildens Portefeuille zwi⸗ ſchen Schachteln geklemmt. Wohl wiſſend, daß dieſes alte Ledertäſchchen, ein Geſchenk aus der Schulzeit, dem Mädchen ans Herz gewachſen ſei, daß darin kleine Erzerpte und Skripturen(vielleicht gar etliche Briefe des verſtorbenen Vaters, hinter dem Rücken der Mutter empfangen?) aufbewahrt wurden, griff ſie haſtig danach, weil es ausnahmsweiſe unverſchloſſen war. Wahrſcheinlich nur infolge der Eile, womit ſie die Reſidenz verlaſſen, nachdem die nöthigſten Ein⸗ käufe für moderne Toiletten geſchehen. Mathilde trug ja den Schlüſſel auf der Bruſt, wie wenn es ſich um die koſtbarſten Papiere handelte. Die Stjernholm konnte dem Antriebe nicht widerſtehen, ſolche unverhoffte Gele⸗ genheit zu benützen und ihre Neugier auf Koſten des Zartgefühls zu befriedigen. Sie griff auf gutes Glück in eines der inneren Fächer, zog eine Hand voll Blätter hervor, las— oder überflog vielmehr— einige davon, that einen lauten Ausruf des Erſtau⸗ 110 nens, der Befremdung, des Unwillens:„Eine glü⸗ hende Leidenſchaft? Das Mädchen liebt; liebt auf Tod und Leben! Hier ſteht's von ihrer eigenen Hand⸗ ſchrift. An wen? Wem gilt das? Ha, welch uner⸗ wartete Wendung!! Alle meine Pläne ſind zu nichte!“ und ſo ſprach ſie weiter, wollte auch weiter leſen, — da vernahm ſie Lottens Stimme, die auf dem Korridor laut mit Mathilden ſchwatzte. Von Beſchä⸗ mung über ihr unwürdiges Spioniren ergriffen, ſchob ſie die Papiere raſch wieder ins Portefeuille und legte dieß, offen wie es war, oben auf, damit der Eintretenden es auffallen möge. Dieß geſchah denn auch. Mathilde beeilte ſich, von ihrem Schlüſſel Ge⸗ brauch zu machen, ohne Ahnung, daß ihrer Mutter Hand das Archiv einer ſtillen, hoffnungloſen Liebes⸗ geſchichte durchwühlt habe,— dann erſt unterwarf ſie ſich geduldig den Prozeduren, welche Lotte un⸗ ter Leitung der Baronin an ihr vornehmen mußte, zur ‚Unterſtützung der Natur durch Kunſt.“ Mutter und Tochter ſchienen traurig. Beide waren es, aus freilich ſehr verſchiedenem, und den⸗ noch aus einem und demſelben Grunde. 111 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Die erſten Tage nach ihrer Ankunft in Ei⸗ chenau brachten die fremden Damen ebenſowohl, als der ehemalige Majoratsherr in unheimlicher Span⸗ nung zu; und Graf Hermann that nichts, die Miß⸗ ſtimmung zu löſen. Im Gegentheile gab dieſer deutlich kund, wie ungern er gekommen, mit welchem Widerwillen er in die ihm aufgedrungene Würde eingegangen ſei, die ihn nicht allein ſeinem bisheri⸗ gen Lebenselemente entzog, ſondern ihm ſogar ein anderes, völlig fremdgewordenes anwies. Der alte Graf ließ ſich dadurch verleiten, den ſo feſt beſchloſſe⸗ nen Rückzug in ſeine Waldklauſur fürs erſte noch aufzuſchieben. Er wollte vorher noch das Mögliche verſuchen, ſeines Sohnes einſtige Luſt am Landleben aufzuwecken; die Uebereilung, die er nun einmal be⸗ gangen, einigermaßen gutzumachen und ihre trau⸗ rigen Folgen wenigſtens zu mildern. Das Wohlge⸗ fallen, welches er an Mathilden fand, und welches in der Vorliebe dieſes lieblichen Mädchens für länd⸗ liches Weſen und Treiben nur reichere Nahrung er⸗ hielt, leitete ihn auf den Gedanken, ſie zu ſeiner Bundesgenoſſin zu machen und durch ſie auf Her⸗ mann zu wirken. Daß die Baronin nicht wie aus 112 den Wolken auf eichenauer Territorium gefallen war, um anzuknüpfen, was ihre Koketterie unter Beiſtand des Grafen Heide in Stahlbrunn zerriſſen, darüber waltete kein Zweifel ob. Und wenn ſie nun weder ihretwegen noch ſeinetwegen kam, weßhalb überhaupt konnte ſie ſonſt kommen, als um des neuen Ma⸗ joratsherrn willen? Und weßhalb brachte ſie eine Tochter mit, über deren Daſein ſo lange ein Geheim⸗ niß geſchwebt? Zuverläſſig trafen ihre Abſichten mit denen ihres zurückgetretenen Freiers zuſammen! Was die Eltern nicht erreicht hatten, blieb jetzt den Kin⸗ dern überlaſſen. Hermann und Mathilde mußten ein Paar, Mathilde mußte die Vermittlerin zwiſchen dem Diplomaten und ſeiner neuen Stellung werden! Inſoweit hatte Graf Ulrich die Stjernholm richtig errathen. Aber welch ein unvorgeſehenes Hinderniß ſich ihren Plänen entgegengeſtellt, wie ge⸗ waltig die Entdeckung von Mathildens heimlicher Leidenſchaft ſie erſchreckt und entmuthiget habe, da⸗ von war ihm nichts bekannt. Und weil ſie ſich wohl hütete, davon auch nur das Geringſte merken zu laſſen, wurde er an ſeinen Kombinationen irre. Daraus entſtand natürlich eine von beiden Sei⸗ ten fühlbare, peinliche Verlegenheit. Noch peinlicher wurde dieſe zwiſchen Mutter 113 und Tochter. Der bisher bei aller kindlichen Ehrer⸗ bietung und Nachgiebigkeit feſtgehaltenen, ſelbſtſtändi⸗ gen Würde der Jungfrau hatte ſich jetzt eine uns leichterklärliche, der Baronin allerdings unbegreifliche ſtolze Zurückhaltung beigeſellt, die jedes Beſtreben annähernder Vertraulichkeit unmöglich machte. Ge⸗ gen den jüngeren Grafen blieb Mathilde kalt, ſchein⸗ bar gleichgiltig; gegen ihre Mutter oerſchloſſen. Nur mit Grafen Ulrich wechſelte ſie herzliche Worte und ging unbefangen auf ſeine Geſpräche ein. Wenn Hermann ſie anredete, was er bei ſtrenger Beobach⸗ tung geſelliger Formen nicht verabſäumte, waren ihre Erwiederungen kurz und ſchneidend. Daß er ſie nicht erkannte, ſcheint nur befremdend, iſt es aber keinesweges. Aus dem ſchönen Kinde war eine ſtattliche Jungfrau geworden; nur die reine, ſanfte Stimme war unverändert geblieben, aber dieſe hatte er ja nie vernommen, dieſe hatte nie zu ſei⸗ nem Herzen geredet. Bekannt kam ihm die Tochter der Baronin,“(der einzigen Frau, für welche er ein mehr als oberflächliches Intereſſe empfunden) aller⸗ dings vor; doch gerade weil es die Tochter dieſer Frau war, brachte er jene dunklen, bei ihrem An⸗ blick in ihm aufdämmernden Träume mit dem er⸗ ſten Roſentraum ſeiner Jugend in gar keine Verbin⸗ 1857. XVI. Noblesse oblige. III. 8 114 dung. Er ſann wohl, und ſann:„Wo hab' ich ſie ſchon geſehen?“... auf das Richtige kam er nicht, obſchon es ſo nahe lag; obſchon ihn der Name Ma⸗ thilde darauf hätte leiten ſollen und können. Ach, der Name war ja auch ſchon vergeſſen, verlorenge⸗ gangen aus ſeiner Seele, wie die Erinnerung an ſeine Kindheit, an ſeine erſte Jünglingszeit, an ſeine jugendlichen Wünſche. Wußte er denn noch, wollte er denn noch wiſſen, daß der Inbegriff ſeiner Sehn⸗ ſucht damals geweſen war, der ‚Jungfrau im grü⸗ nen’ nur eine Silbe zuflüſtern, eine Silbe der Er⸗ wiederung von ihr vernehmen zu dürfen? Wollte er denn noch wiſſen, daß er ſich damals glücklich ge⸗ ſchätzt haben würde, in ganz untergeordneter Stel⸗ lung neben Vater und Bruder nur die Felder und Wälder zu durchwandeln, die ihm jetzt ſehr gleich⸗ giltig ſchienen, wo er ſie ſein Eigenthum nannte? — Weder Eines noch das Andere! Graf Hermann hegte pieimehr in Beziehung auf das Majorat Ab⸗ ſichten.... von denen wir ſpäter noch Gelegen⸗ heit finden werden, umſtändlich zu reden. Die Ver⸗ gangenheit war todt für ihn; nicht nur ſeine eigene, auch die ſeines Hauſes, ſeines Geſchlechtes. Er em⸗ pfand nicht einmal mehr den Ahnenſtolz, der etwas höchſt albernes und verächtliches, der aber auch, I 115 unter gewiſſen Umſtänden und bei edlen Naturen, etwas großartiges, erhebendes, herrliches haben kann. Die Zeit, der ſogenannte Zeitgeiſt, hatte ſi ſeiner bemächtiget, hatte ſeinen faulen unthätigen Egoismus ſo weit erniedriget, daß er anfing die mit allerlei Unbequemlichkeiten für ihn verbundene Ariſtokratie der Geburt gegen jene des baren Gel⸗ des zurückzuſetzen. Als er zuerſt ſich erlaubte, der⸗ gleichen ketzeriſche Anſichten bei Tafel lautwerden zu laſſen,— und er that dieß vermuthlich, um ſei⸗ nen Vater auf ſchlimmere Dinge vorzubereiten,— wollte Graf Ulrich ſeinen Ohren nicht trauen, die Baronin wurde verlegen, Mathilde erblich vor inne⸗ rem Zorn und vor Scham, und ſogar die Diener⸗ ſchaft gab Zeichen von Befremdung. Lobeſam ent⸗ fernte ſich unter irgendeinem Vorwande, in der Küche nachzuſehen. Der neue Majoratsherr wendete ſeine läufige Beredſamkeit an, die Welt der Fianzen, der praktiſchen Spekulation auf Koſten abgelebter, unhaltbarer Vorurtheile in ihr hellſtes Licht zu ſetzen. „Geld regiert die Welt,“ wiederholte er unaufhörlich; „wer reich iſt, iſt vornehm. Endlich glaubt auch kei⸗ ner mehr aufrichtig an den Werth ſeiner hohen Ge⸗ burt; wir machen's nur denen noch weiß, die ſich's 4 8* 146 — wer weiß wie lange?— weißmachen laſſen wollen; aber entre nous ſollten wir's uns eingeſte⸗ hen: drei Millionen ſind mehr werth und geben mehr Glanz als der älteſte und unbefleckteſte Stamm⸗ baum.“ „Nun woher kommt es denn,“ fragte der alte Herr, mit dem ſichtlichen Beſtreben ruhig zu bleiben, „woher kommt es denn, daß Deine Vorbilder, die Millionäre, nichts eiligeres zu thun haben, als ihre Millionen zur Anpflanzung und Förderung eines jungen, tant soit peu adeligen Stammbäumchens zu benützen und zu verwenden? Es muß doch in ihnen ein Bedürfniß liegen, ſich nur mit dürftigen Blätt⸗ chen zu ſchmücken, wo Du die volle, aus friſchem Laube geflochtene Krone für nichtig erklärſt?“ „Das beweiſet, mein theurer Vater, daß dieſe guten Leute ihre Leute kennen, und fürs erſte die ielerei noch mitmachen. Lange wird die ge⸗ ge Täuſchung nicht mehr dauern. Davon bin überzeugt. Noch fünfzig Jahre der Erfin⸗ feſt dungen, des praktiſchen Weiterſtrebens, des Völker⸗ verbandes und der Wahlſpruch Europa's lautet, wie jetzt ſchon jener Amerika's: ‚Reichthum iſt Adel.“ Graf Ulrich antwortete darauf nicht direkt. Er 117 hieß den Büchſenſpanner ein Buch von ſeinem Schreib⸗ tiſche holen; dieß ergreifend ſchlug er es auf und las:„Ich liebe wieder alte gute Dinge: alten Wein, alten Rum, und alten Adel. Wüßte auch nicht, warum ich in das zur Mode gewordene Pöbelge⸗ ſchrei John Bull's einſtimmen ſollte, das den Hand⸗ langer eines Spinnmaſchinen⸗Vervollkommners, der ſich ſeine Millionen auf Unkoſten von Millionen zu⸗ ſammenſcharrt, in die Wolken erhebt, und den edlen Sprößling einer edlen Race mit neidiſchem Hohne anglotzt? Wartet zuerſt mit Euren Verdammungs⸗ urtheilen über die alten Feudalen, bis Ihr die Segnungen geſchaut, die Euch Eure neuen Zwing⸗ herren gebracht!⸗ „Welcher in Chroniken und ſtaubige Pergamente vergrabene, gelehrte Don Ranudo de Colibrados hat denn dieſen herzbrechenden Angſtſchrei aus ſeiner ver⸗ pfändeten Burg gethan?“ fragte Hermann lachend. „Der Mann, der dieſe Zeilen ſchrieb, mein Sohn, iſt ein begeiſterter Bürger der vereinigten Staaten, ein aufrichtiger Republikaner, ſein Name Charles Sealsfield. Du ſiehſt, man kann Amerika lieben und uns auch gelten laſſen. Was den von Dir gelegent⸗ lich zitirten Don Ranudo betrifft, ſo werden wir über ihn wahrſcheinlich auch verſchiedener Meinung 118 ſein. Ich finde aus des geiſtreichen Holberg's ſchel⸗ miſchem Spotte doch auch einen Anklang rührenden Ernſtes heraus und ich war niemals mit den Dar⸗ ſtellern einverſtanden, die den großartigen Charakter des verhungerten Edelmannes durch Poſſenreißerei herabwürdigten. Ebenſo, wie ich den Don Quirote nicht leſen konnte, ohne mitten im lauteſten Geläch⸗ ter über ſeine Thorheiten, von wehmüthiger Vereh⸗ rung für die große und edle Geſinnung, die ihn be⸗ ſeelt, ergriffen zu werden. Es gibt zweierlei Arten von Wahnſinn, deren eine auch in ihren tollſten Ausbrüchen ihren ſchätzenswerthen Urſprung nicht verleugnet. Daß Adelſtolz bis zum Wahnſinn aus⸗ arten kann, muß ich Dir leider zugeben. Gib mir dagegen zu, daß dieſer immer noch erträglicher iſt, als den der Geldſtolz erzeugt. Was mich betrifft, hab' ich mir den erſteren Gott ſei Dank vom Leibe gehalten und vor dem letzteren bin ich auf meine alten Tage ſicher, weil ich mehr für das Majorat geſorgt habe, als für meine Privatchatoulle. Und gerade deßhalb werd' ich in beſcheidenem Stolze auf meine Ahnen ausharren bis ans Ende, weil mein Bewußtſein mir ſagt, daß ich mich nicht ſchämen darf, vor ihnen zu erſcheinen, und daß ich berechti⸗ get bin, mich den beſten von ihnen anzuſchließen 119 Damit will ich mich begnügen, und die nach mir kommen, mögen thun und laſſen, was ihnen beliebt.“ Nach der Tafel fanden ſich der alte Herr und Mathilde auf der Teraſſe zuſammen. Die Baronin hatte Briefe zu ſchreiben. Graf Hermann ließ ſich nicht blicken. „Ach wie herrlich iſt Ihr Eichenau!“ rief Ma⸗ thilde. „Ihre Freude daran,“ ſagte Graf Ulrich,„gewährt mir Troſt; Ihr Anblick gibt mir wieder einen Strahl von Hoffnung. Denn ich denke, was Sie entzückt, eine Fremde,— unmöglich kann es demjenigen gleichgiltig bleiben, dem es einſt ſo theuer geweſen, dem es nun gehört, deſſen Eigenthum es wurde!“ „Ich fürchte doch, Erzellenz,“ erwiederte ſie. „Sie fürchten? Welch ein gütiges Wort! Sie fürchten, mein Sohn werde den Beſitz, für den der Himmel ihn geboren werden ließ, nicht ſchätzen lernen? Sie fürchten es? Folglich iſt er,— ſind wir Ihnen keine ganz Fremden mehr? Folglich tra⸗ gen Sie Theilnahme für Eichenau auf die Grafen Eichengrün über? Folglich wär' es denkbar, daß die Hand der Jugend und Anmuth ausgleichen wollte, was ungeſtümes Alter voreilig verwirrte; daß“... 120 „Sie ſind mir völlig unverſtändlich,“ unterbrach ihn Mathilde, die ſehr verlegen wurde. „Ich kenne Sie kaum einige Tage; doch die Art, wie Sie das ausſprechen, zeigt mir, Sie ver⸗ ſtellen ſich. Ich ſage Ihnen das auf den Kopf zu. Thun Sie ſo etwas nicht. Bleiben Sie ſtets bei Ihrer angeborenen Ehrlichkeit; nur dieſe kleidet Sie. Andere, ſehr liebenswürdige Damen,— da iſt zum Beiſpiel Ihre vortreffliche Mutter,— ah, dieſe und andere, die ihr gleichen, ſind berechtiget in der Welt und mit der Welt einwenig zu täuſchen, zu ſchmei⸗ cheln, zu erfinden, zu embelliren,.. ich weiß ge⸗ nug von der Sache, um zu wiſſen, daß es nicht anders geht. Und ein Thor, wer darüber ſchelten, oder es gar ändern wollte! Nur paßt es ſich für ſolche allein, die für die Geſellſchaft paſſen; wer ſo deutlich den Wunſch auf ſeiner Stirn geſchrieben trägt, dieſer zu entfliehen, ſie zu meiden, das Dorf⸗ leben zu ſuchen, wie ſie, Mathilde—“ „Sie leſen das auf meiner Stirn?“ „Wo es in leſerlichen Zügen ſteht. Die Natur ſchreibt eine deutliche Handſchrift für den, der ſie einmal kennt. Sie, Mathilde, dürfen nicht heucheln. Sie dürfen dem Vater nicht entgegnen: ‚Graf, ich verſtehe Sie nicht! wenn dieſer eben ſeine zarteſten 121 Verſuche beginnt, Ihnen anſchaulich zu machen, daß er,— daß Sie,— daß Hermann,— Ei, warum ſoll ich mich verbergen? Kurz heraus: daß Mathilde Stjernholm⸗Schmalkow, Gräfin Eichengrün Eichenau werden muß.“ „Sie muß?“ wiederholte ſie— und auf eine Weiſe, daß der Graf erſchrack Doch als ſie, um ihm zu zeigen, daß der kalte Hohn, den ſie in dieſe zwei Silben gelegt, nicht ihm gelte, durch einen ſanften Blick milderte, was ihn betrübt hatte, da faßte er wieder Muth und fuhr fort:„Laſſen Sie mich recht offenherzig reden, liebes, gutes Kind, und deuten Sie mir nicht übel, was ich ſagen werde. Sie ſind ja zu verſtändig, um ignoriren zu wollen, daß Ihre Mutter Abſichten hatte, entſchiedene Abſichten, da ſie mich hier— überfiel. Ja, ich kann es nicht anders nennen nach allem, was zwiſchen ihr und mir vorgegangen; ſo häßlich es klingt; ſo ſehr es Sie verletzen muß. Gewiß ea Sie ihr mit Wi⸗ derwillen gehorcht. Sie haben ſich oielleicht gar für ein Opfer gehalten, welches dem Götzen unſerer Zeit, dem leidigen Mammon auf den Altar gelegt werden ſolle? Auf den Altar, den ein alter, ſechs⸗ zigjähriger Götzendiener beherrſche? Doch die Tochter fügte ſich den Wünſchen, den Bedürfniſſen einer viel⸗ 122 leicht etwas ſelbſtſüchtigen, dennoch liebenswerthen, mit vielen edlen Eigenſchaften geſchmückten, geliebten Mutter. Die Tochter dachte: wir werden ja ſehen? Und nun trifft ſie ein— und findet einen jungen, wenn auch nicht jugendlich⸗lebendigen, wenn auch blaſirten, dennoch nicht zurückſtoßenden, will's Gott zu rettenden neuen Beſitzer. Sie findet einen Vater, der von ihr entzückt, die Hände nach ihr ausſtreckt, flehend: hilf uns! Du vermagſt es; ſonſt keine!— Sie wird ſich erbarmen über eine Herrſchaft, wo es ihr. gefällt, wo ſie ſich in den erſten Stunden ſchon hei⸗ miſch fühlte. Ueber einen alten Mann, der in der beſten Meinung dumm gehandelt, als er verblendet wähnte, ſein Sohn der Diplomat werde mit Händen und Füßen kopfüber in Landleben und Ackerbau hin⸗ einſpringen, wie man ſich aus banger Schwüle ins friſche Waſſer wirft? Wird ſich erbarmen über Ei⸗ chenau und Eichengrün, über Vater und Sohn; wird verhindern, daß dieſer verfallen läßt, was jener ſchuf; wird bedenken, daß ſie am Sohne gutmachen kann, was ihre Mutter am Vater verſchuldete; wird ihn durch ihr Beiſpiel lieben lehren, was ſie liebt..“ „Was ſie liebt?“ rief Mathilde auffahrend und die Röthe des Unwillens färbte ihre Wangen. 123 „Das Landleben, meinte ich,“ ſagte begütigend der Graf. Dadurch einigermaßen beruhiget, ſprach ſie wei⸗ ter:„Ich glaube, Sie bemitleiden Ihren Herrn Sohn unnützerweiſe, ebenſo wie ſie auf unrichtige Mittel ſinnen, ihn zu heilen. Nicht die Einförmig⸗ keit des Landlebens iſt es, die ihn zurückſchreckt; nicht die Abneigung gegen eine neue, ihm aufge⸗ zwungene Lebensrichtung, die er zur Schau trägt vor Ihnen, vor— meiner Mutter, oor ſeinen Leuten, vor allen Menſchen. Nicht, was er hier zu fin⸗ den beſorgt, nein, was er mitbringt, macht ihn unempfindlich gegen jene Reize der Gegend, welche mich begeiſtern; gegen die Blüte der Kultur, die Sie der Gegend verliehen haben. Gewiß, er wird Ihnen alle Vorzüge Eichenaus zugeſtehen, wird ſie loben, und wird ſich dennoch daran langweilen, wird ſich dennoch an nichts ergötzen, weil er...“(Nun, fragte der Graf ungeduldig, weil er... 2) „— weil er ein junger Herr unſerer Zeit iſt!“ „Sagen Sir mir, gutes Kind, ſind ſie denn alle ſo? Ich lebe ſeit langen Jahren in dieſer mei⸗ ner Welt; bin ſelten, und immer nur auf kurze Zeit herausgekommen; habe meine Söhne eigentlich 124 auch nur im Vorübergehen geſehen;— ſprechen Sie aufrichtig, Mathilde: ſind Eure jungen Herren alle ſo?2“ Mathilde zwang ſich, zu lächeln:„Ich weiß nicht, Graf Eichengrün, was ſie mit„Euer’ ſagen wollen? Unſere jungen Herren, um Mühlhaus herum, waren, oder ſind von anderem Schlage; ſie liebten ihre Wirthſchaft und zeigten ſich, wenn eben nicht ſehr fein, doch recht artig und munter. Aber dieſe zählen wohl auch nicht zu den rechten Vertre⸗ tern der Mode. Wenn ſich von denen zufällig Ei⸗ ner bis zu uns verlor, da ſtach er dann gewaltig ab durch Tracht, Benehmen, Indolenz— mitunter auch Inſolenz, je nachdem, und jeder in ſeiner Gat⸗ tung. Doch darin ſtimmten ſie alle uͤberein: in der Virtuoſität ſich zu ennuyiren, das Daſein langwei⸗ lig zu finden,— und nach Umſtänden auch zu machen.“ „Sie glauben alſo, die vornehmen jungen Leute dieſer Tage ſind durchſchnittlich meinem Sohne gleich?“ „Ich glaube faſt!“ „Schauerlich! Noch lange nicht dreißig; ſollte erſt anfangen, leben zu wollen, und will ſchon aufhören? Nein, das geht nicht, das darf nicht geduldet werden. Die Liebe muß ihn verjüngen. 125 Eine gewaltige Leidenſchaft muß ihn aufrütteln. Mathilde, helfen Sie!“ Sie wurde wieder ernſthaft:„Zu was denn, Herr Graf? Zu was kann ich helfen?“ „O,“ ſprach er, die Hände faltend, und ſah ſie bittend an:„Machen Sie, daß Hermann ſich wahn⸗ ſinnig in Sie verliebt. Und dann ſuchen Sie her⸗ vor, was nur irgend in den Falten Ihres kindlichen Herzens von Anlagen zur Koketterie verborgen ſitzt.“ Mathilde hielt noch an ſich. Die Bitte des alten Herrn klang ſo flehend und innig, daß ſie es nicht übers Herz brachte, ihm entſchieden zu zeigen, wie läſtig dieß Geſpräch ihr ſei. Sie ſagte nur: „Mit meinen Anlagen zur Koketterie iſt es ſchwach beſtellt.“ „Ich glaube das beinahe ſelbſt,“ verſicherte der Graf.„Doch beſſer etwas, als gar nichts. Mama kann Ihnen beiſtehen mit Rath und That. Die verſteht's. Nehmen Sie Unterricht, werden Sie eine gelehrige Schülerin und dann peinigen Sie ihn, martern Sie ihn, halten Sie ihn hin, machen Sie ihm das Leben ſchwer zwiſchen Zweifeln und Täuſchungen, daß er Blut ſchwitzt, daß er jung wird— vor Verzweiflung.“ Jetzt gewann der Jungfrau innerer Groll das Uebergewicht. Faſt heftig rief ſie aus:„Ihn zu quälen, 126 Herr Graf, ſollt' es mir wahrlich an Eifer nicht mangeln. Aber erſt müßten Sie ihm die Leidenſchaft einflößen. Ihn zu martern durch Zurückhaltung, Gleichgiltigkeit, Abneigung ſei meine Sache. Ihn qualfähig zu machen iſt die Ihrige. Wie ſollte ich“— „Ach,“ unterbrach ſie nun wieder der Graf:„wenn Sie wollen, ſo können Sie auch. Ein ſchönes Weib hat— fragen Sie nur Ihre Mutter.“ „Ich bitte dringend, laſſen wir meine Mutter aus dem Spiele. Auf Ihre Scherze geh' ich willig ein, Sie in Ihren gerechten Beſorgniſſen zu zerſtreuen. Doch jedweder Scherz hat eine Grenze.“ „Aber es muß doch,“ hub der Graf wieder in ſeinem flehendſten Tone an,„es muß doch um Gotteswillen ein Mittel geben, ihm die Augen zu öffnen, ihn erkennen und fühlen zu lehren, welch ein Mädchen Sie ſind!— Kann er denn widerſtehen, wenn Sie ihn anſchauen, wie mich jetzt eben—— O, ſchlagen Sie die lieben Augen nicht gleich zu Boden. Sie müſſen doch Gräfin Eichengrün werden, es mag kommen wie es will!“ „Gott ſei Dank!“ ſagte Mathilde halblaut; denn ſie erblickte ihre Mutter, die ſich ihnen näherte. Kaum war die Baronin, welche langſam auf der Teraſſe luſtwandelte, herzugetreten, als ſie ſich entfernte. Graf Ulrich, wie wenn er die Stjernholm nicht ſähe, oder nicht beachtete, murmelte:„Dieſes Mädchen nicht lieben? An ihren Beſitz nicht Leib und Leben ſetzen? In ihren Armen nicht gern ſtädtiſchen Flit⸗ tertand vergeſſen? Nicht freudig wegwerfen die thö⸗ richten Konvenienzen, die Eitelkeit und Ehrgeiz in wilder Ehe miteinander gezeugt haben! An ihrer Seite nicht ſelig wie ein Halbgott im Schloſſe un⸗ ſerer Väter hauſen, durch üppige Felder wandeln, und Segen, den der Himmel ſpendet, um ſich her mittheilen und verbreiten wollen?— Unbegreiflich! — Finden Sie es nicht auch unbegreiflich, Baronin?“ Sie ſchwieg und ſchüttelte den Kopf, wie je⸗ mand, der den Pfad verloren hat und ſich nicht mehr zurechtfindet. „Hermann,“ fuhr er fort,„iſt ohne Gattin, die er lieben kann, die ihn feſſelt, verloren; Eichenau mit ihm!“ Jetzt nickte die Baronin einſtimmend:„Sie wa⸗ ren zu raſch, da Sie ihn aus ſeiner Laufbahn riſſen und durch des Monarchen Autorität Ihren übereilten Plan zum unerſchütterlichen fait accompli ſanktioniren ließen.“ 128 „Und dennoch iſt's die Kunde von dieſer Nach⸗ richt geweſen, die Sie hierherlockte; die Sie veran⸗ laßte, eine Tochter mitzubringen, von der Sie frü⸗ her nie geſprochen? Sie knüpften folglich Pläne an jenen meinen Plan? Wollen Sie das leugnen?“ „Gewiß nicht, lieber Graf! So wenig, als ich leugnen will, daß ich in Stahlbrunn an eine Ver⸗ bindung zwiſchen uns beiden dachte. In einem An⸗ falle von wahrlich unbegründeter Eiferſucht waren Sie von dort verſchwunden; Ihr Argwohn hatte meine Erwartungen getäuſcht, hatte Sie zum Miſan⸗ thropen gemacht, hatte Sie veranlaßt, ſich in Ein⸗ ſamkeit zu ziehen... die Gerüchte, die zu mir drangen, wirkten wunderbar auf mich; was dabei in mir vor⸗ ging, galt nicht allein der Gegenwart; auch die Ver⸗ gangenheit.. doch, das gehört nicht hierher. Ich, im Wahne, meines Kindes Herz ſei frei,— ſei mein, — riß das Mädchen aus dem engen, ſchlichten Fa⸗ milienkreiſe, brachte ſie hierher, zu verſuchen, ob ich ihr in dieſem Schloſſe die Heimat gründen könne, die einſtens mir zugedacht ſchien? Sah mit Ent⸗ zücken ſchon im erſten Moment, daß dießmal Ihre Anſichten mit meinen Abſichten zuſammentreffen wür⸗ den.. „Dießmal, ja! Inſofern Sie an Hermann'’s 129 und Mathildens Vereinigung arbeiten, ſind wir voll⸗ kommen einig. Und das macht mich glücklich!“ „Und mich betrübt es, Graf, dieß Glück ſchon im erſten Keime wieder zu zerſtören. Wir beide ſind nun einmal prädeſtinirt, nie einig zu bleiben. Ich nahm meine Tochter für das, was ſie ſcheint; für nicht weniger, nicht mehr.“ „Für das beſte, reinſte, lieblichſte Kind! Weni⸗ ger kann Mathilde nicht gelten, und mehr, Baronin, auf Ehre mehr verlang' ich nicht.“ „Sie iſt nicht mehr, wofür ich ſie nahm?“ „Was will das ſagen? Ich ſetze mein Leben ein für den Adel ihrer Seele; für den Werth ihres Geiſtes, ihres Gemüthes!“ „Auch ich. Und dennoch... Meiner Tochter Geheimniß iſt nicht das meinige; ich hab' es durch eine Indiskretion erfahren, die der Mutter einer völlig erwachſenen Tochter nicht ziemt; folglich bin ich zwiefach verpflichtet zu ſchweigen. Ich darf nur verſichern, daß ſie für dieſe Verbindung nicht— nicht mehr paßt.“ „Baronin,“ rief der Graf,„darin iſt keine Kon⸗ ſequenz. Hermann braucht eine Frau, die ihm ſeine neuen Pflichten theuer macht; die ihn nicht wieder hineintreibt in die Leere der vollen Stadt; die durch 1857. XVI. Noblesse oblige. III. 9 130 ihr freudiges Beiſpiel ihm zeigt, was der Beruf ei⸗ nes großen Landedelmannes iſt; die ihn hier feſthält“”. „Mein beſter Graf, erſt müßte ſie ihn haben Was man nicht ſchon hat, kann man nicht halten Dann aber— und das iſt die Hauptſache:— müßte ſie ihn haben wollenz oder doch ſich anweiſen laſſen, daß ſie ſich geberde, als wolle ſie? Bis wir in Eichenau anlangten, hielt ich das für Kleinigkeiten, mit leichter Mühe zu erreichen. Heute ſeh' ich ein, daß es unmöglich iſt.“ „Baronin, Sie verhüllen ſich da in ein Gewebe von Widerſprüchen. Wozu die Heimlichkeit? Wozu Geheimniſſe zwiſchen Hermann's Vater und Mathil⸗ dens Mutter? Müßt Ihr denn ewig intriguiren? Iſt es Euch Weibern nicht genug, in eigenen Her⸗ zensangelegenheiten falſches Spiel zu ſpielen?“ Die Stjernholm holte gerade zu einer umſtänd⸗ lichen Antwort aus, und war gerüſtet, ſich ſiegreich zu vertheidigen, da fand ſich Graf Hermann auf der Teraſſe ein, der er wahrſcheinlich ferngeblieben wäre, hätte er ſeinen Vater in dieſer Geſellſchaft gewußt; denn er vermied ſichtlich die Baronin. Eben⸗ ſo, wie dieſe ihm gern auswich. Beide ſchienen ein Zwiegeſpräch ohne Zeugen zu fürchten; ja ſie zeigten ſogar in Gegenwart Anderer ängſtliche Beſorgniß, es 131 könne ihnen ein Wort entſchlüpfen, welches an ver⸗ gangene Tage und Gefühle erinn're. Dadurch beka⸗ men ihre flüchtigen Geſpräche einen Beiſchmack von Bitterkeit. Als er ſich ihnen jetzt näherte, beeilte ſich die Baronin dem Grafen Ülrich raſch zuzuflüſtern: „Halten Sie von mir, was Sie mögen; nur Eines bezweifeln Sie nie; daß ich jetzt Mutter bin und ein lange vernachläſſigtes Kind mütterlich liebe, ſeit⸗ dem ich es kenne.“ Dann verneigte ſie ſich vor den beiden Grafen, Vater und Sohn, und entfernte ſich mit den Worten:„Die Herren werden von Geſchaͤften reden, ich will nicht ſtören.“ Der alte Herr empfing den jungen Herrn auf Eichenau nicht allzufreundlich. Aufgeregt durch der Baronin Erklärungen vergaß er, daß Hermann nicht mehr von ihm abhängig, daß er nicht mehr Majo⸗ joratsherr ſei; daß er mit ſeinen übrigen Rechten auch das Recht als Vater zu befehlen gewiſſermaßen zedirt und abgelegt habe. Er forderte gleichſam Re⸗ chenſchaft von allem, was bisher zwiſchen dem Nach⸗ folger und deſſen Beamten verhandelt worden ſei? Graf Hermann bewährte ſich dabei als der Mann von beſtem Ton und vollkommener Selbſtbe⸗ herrſchung, indem er mit den artigſten und— leerſten Floskeln ausweichend erwiederte, ohne den 9* 13²2 Reſpekt zu verletzen, doch auch ohne ſeiner jetzigen Stellung etwas zu vergeben. Dieſer Applomb brachte den Vater zur Beſin⸗ nung. Er fing an Konzeſſionen zu machen, geſtand ein, daß er übereilt gehandelt, daß er momentanen Verſtimmungen nachgegeben, daß er vielleicht Unrecht gethan habe, ſeinen Sohn durch moraliſchen Zwang, (denn anders laſſe ſich's nicht benennen!) zum Land⸗ wirth zu machen, und dergleichen mehr. Es war, als ob Graf Ulrich die Verbindlichkeit fühlte, ſich gegen Grafen Hermann zu entſchuldigen und deſſen Verzeihung nachzuſuchen. Darauf entgegnete dieſer:„Mein Vater, wenn Sie nicht bereuen, aus Ihrem bisherigen Wirkungs⸗ kreiſe ausgeſchieden zu ſein, weil Sie ein unthäti⸗ ges Daſein fürchten, ich fürchte das mir vor der Zeit ſchon auferlegte Joch nicht; ich denke mir es leicht zu machen; meinetwegen brauchen Sie den Schritt nicht zu bereuen.“ „Leicht machen? Was willſt Du damit ſagen? Die Verwaltung der Herrſchaft Eichenau iſt nicht leicht zu nehmen!“ „Das weiß ich, mein Vater. Und es bedürfte gar nicht erſt eines Vorgängers von Ihrer Bedeu⸗ 133 tung, um mich zu überzeugen, wie gering meine Fä⸗ higkeiten dafür ſind.“ „Deſto größer muß Dein Eifer ſein; deſto fe⸗ ſter Dein Wille, mich noch zu übertreffen.“ „Sie ſagten mir einſt etwas ähnliches, mein theurer Vater, als Sie die Abſicht äußerten, aus mir einen Rechtsgelehrten zu machen. Damals durft' ich nicht entſchieden widerſprechen. Heute, als ſelbſt⸗ ſtändiger Majoratsherr”“..... „Ein Majoratsherr iſt nie ſelbſtſtändig. Er hat Verbindlichkeiten jeder Gattung; hat vor und hinter ſich zu ſchauen; hat Vergangenheit und Zu⸗ kunft zu reſpektiren; folglich muß er energiſch trach⸗ ten, ſeine Verpflichtungen in der Gegenwart zu er⸗ füllen.“ „Weil ich dieſe gebührend anerkenne, und weil ich mich ihnen auf keine Weiſe gewachſen fühle, geh' ich mit dem Gedanken um, ſie abzuſtreifen. Sie, mein Vater, haben mir die Bahn gleichſam er⸗ öffnet, indem Sie, mitten in voller Kraft und Ge⸗ ſundheit, eine Laſt von Ihren Schultern abſchüttelten, die Ihnen, der ſie ſo lange getragen, faſt ein Spiel⸗ werk geworden war, wenigſtens nicht mehr drückte. Es iſt etwas unerhörtes, geſtehen Sie's ein, daß ein Herr von kaum ſechszig Jahren, ſich ſozu⸗ 8à 134 ſagen für todt erklärt, und Regierung, Miniſterium, ja den Monarchen ſelbſt angeht, ihn wie einen Ver⸗ ſtorbenen zu betrachten;— denn nur ſo betrachtet, war nach den Statuten unſeres Familien⸗Fideikom⸗ miſſes meine Beſtätigung als Majoratsherr denkbar, und daß ich es wirklich jetzt wurde und werden konnte, iſt eigentlich ſchon eine Verletzung dieſer Inſtitution. Was geht daraus hervor, als daß die Behörden bis zum Throne hinauf, es nicht mehr gar ſo ge⸗ nau mit dem Buchſtaben nehmen? daß auch ſie bereits eingeſehen haben, wie dieſe feudaliſtiſchen Stiftungen unſerer Zeit und ihren Forderungen wi⸗ derſprechen? Die Majorate haben ſich überlebt, gleich Vielem, was darum und daran hängt. Sie werden auf die Länge nicht fortbeſtehen und irgend⸗ ein revolutionärer Sturmwind wird ſie über kurz oder lang daniederwerfen. Wer mag heute ſchon vor⸗ ausſehen, ob nicht der Reichthum gegenwärtiger Be⸗ ſitzer mit ihnen in Trümmer fällt? In der Politik iſt das Wichtigſte: die Gabe des Vorherſehens zu üben, und demgemäß zu handeln. Meine Meinung wäre,— und ich ſehe nicht ein, was mich jetzt dar⸗ an verhindern könnte,— auf eine baldige Allodi⸗ rung hinzuarbeiten. Da ich geſonnen bin, unver⸗ mält zu bleiben, wird die Sache keine großen 13⁵ Schwierigkeiten haben; es gibt einige ſchwache Punkte in der Stiftungsurkunde, über die ich ſchon juriſtiſche Gutachten eingeholt. Mit den entfernten Agnaten, die nicht einmal unſeren Namen tragen, iſt es leicht, ſich abzufinden, und die Summen, welche dazu erfor⸗ derlich ſind, kommen zehnfach heraus durch Dismem⸗ bration des weitläufigen Beſitzthums. Jetzt bin ich ein reicher Mann, der von Grund und Boden ab⸗ hängig bleibt. Iſt dieß Geſchäft zu machen, ſo bin ich ein ſehr, ſehr reicher Mann und vollkommen frei. Geſchehe dann, was wolle, ich kann dazu lachen.“ Wer den Grafen Ulrich nur oberflächlich kannte und ſein Weſen nicht aus Erfahrung zu deuten wußte, der mochte glauben, dieſe Mittheilung ſeines Sohnes habe ihn ziemlich gleichgiltig gelaſſen. Er gab zwar ſein altes Sturmſignal zu hören, indem er einigemale huſtete; doch erfolgte weiter nichts. Hermann hatte lebhafte Entgegnung erwartet, hatte ſie ſogar gewünſcht, um ſeinen Vorrath von ferneren Gründen und Beweiſen ſiegreich zu entwickeln;— der Vater gab ihm keine Gelegenheit dazu. Er wendete ihm den Rücken und ging. Hermann rief hinter dem Gehenden her:„Aber, theurer Vater, was halten Sie von meiner Idee? Iſt die Spekulation nicht glänzend?“ 3 136 Da kehrte ſich der alte Herr noch einmal zu ihm zurück und ſagte ernſt:„Für den Sohn eines Börſenſpekulanten, der unter Geldgeſchäften aufwuchs, möchte ſie ganz artig ſein. Auch zweifle ich nicht, daß die Parzellirung dieſer Gründe hübſche Profitchen abwerfen würde. Zur Noth läßt ſich auch eine halbe Million aus den Wäldern ſchlagen. Wozu Wälder? Und das Schloß würde ſich zu einer ſoliden Spinn⸗ fabrik eignen. Ich ſehe ſchon im Geiſte den ſtatt⸗ lichen Schlot emporragen, der ſchwarzen Qualm ausſtößt. Aber ehe ich ihn in Wirklichkeit ſehe, denke ich auch noch ein Wort dareinzureden. Ich habe mein Majorat abgetreten unter der Bedingung, daß mein Nachfolger ſich vermäle. Will er das nicht; will er das Fideikommiß allodialiſiren, bevor er di⸗ rekte Erben hat; will er ſich mit den fernen Agna⸗ ten abfinden, ſo werde ich, als nächſter Agnat auf⸗ treten, werde meine Gegenrede geltend machen, werde mich nicht abfinden laſſen. Ich bin kein blödſinni⸗ ger, verblendeter Ariſtokrat; aber ich bin ein Graf Eichengrün und das will ich nie vergeſſen.“ Graf Hermann blieb allein zurück auf der Teraſſe. Zum erſtenmale, ſeitdem er wieder in der Hei⸗ mat war, wehete ihn ein heimatliches Gefühl an 137 Die ſtrengen und zugleich traurig ausgeſprochenen Worte des Vaters hatten ihn doch erſchüttert. Er ſetzte ſich auf eine Bank, auf der Tante Barbara oft neben ihm geſeſſen. Er blickte auf die in buntem Herbſt⸗ laub mit ſchwarzen und rothen Beeren prangenden Gebüſche. Er gedachte des Tages, wo er von Ei⸗ chenau Abſchied genommen, um in die Reſidenz zu ziehen. Gedachte der lieblichen Wünſche ſeiner harm⸗ loſen Jugend, und nachdem er ſo ein halbes Stünd⸗ chen verträumt, erhob er ſich, wie von einer höheren Macht gezogen, und begab ſich langſamen Schrittes, finnend, träumend, zweifelnd nach dem Glashauſe. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Mathilde ſaß unter dunkelgrünen Bäumen, deren Schönheit und Blätterfülle ſie nicht genug bewundern konnte. Vor ihr ſtand ein eisgraues, von hohem Alter krummgebücktes Männlein, das wir keine Mühe finden für unſern biedern Gärtner Wiesner wieder zu er⸗ kennen. Dieſes Männlein lauſchte voll Andacht allem, was ſie ſprach, und murmelte dazwiſchen:„So klang Tante Barbara's Stimme, da ſie jung war.“ Mathilde ließ ſich erzählen, wer Tante Barbara ſei 138 Aus der Beſchreibung, die Wiesner neubelebt gab, entnahm ſie, dieß müſſe die alte Dame geweſen ſein, die ihr damals den räthſelhaften Beſuch in der pru⸗ dent'ſchen Anſtalt gemacht. Die Nachricht, daß dieſe ehrwürdige Perſon noch lebe, in ſo genauer Verbin⸗ dung mit dem gräflichen Geſchlechte ſtehe, machte ihr Freude, obgleich ſie ſich keinen rechten Grund dafür anzugeben wußte. Die Frage: weßhalb Gräfin Eichengrün, des Gärtners Berichte zufolge, ſo lange nicht hier geweſen ſei? lag nahe. Wiesner beant⸗ wortete ſie ausweichend; wie herzlich auch der Greis von der Jungfrau Huld ſich angezogen fühlte, er war doch ein allzugetreuer Verehrer des Hauſes Ei⸗ chengrün, um einer Fremden ſein Klagelied vorzu⸗ ſingen über Hermann's Umwandlung, über der Aeb⸗ tiſſin Ausbleiben, über all das Leid, welches die letzteren Jahre auf ſeinen kahlen Schädel gehäuft. Nicht ſeine achtzig Winter, nein, nur der ſtille, im Innern verhaltene Kummer hatte den immer noch thätigen Gärtner ſo tief gebeugt. Und den letzten Schlag hatte er jetzt empfangen, als der neue Ma⸗ joratsherr auch nicht mit einer Silbe nach ihm ge⸗ fragt, nicht einen Blick in die Orangerie gethan. Ohne daß er es wollte, drang der tiefe Schmerz einer in dürftiger, niederer Hülle hochgeborenen, wahrhaft 139 adeligen Seele aus den übrigens ſehr beſonnenen, durchaus nicht ſchwatzhaften Mittheilungen, die er Mathilden machte. Doch immer behielt er dabei ſo viel Vorſicht, daß er jede nähere Erklärung abſchnitt. Er hätte es für unedel gehalten, ſich auf Koſten ſeines jungen Gebieters Luft zu machen, und Er⸗ leichterung zu verſchaffen. Auch er hatte ſein No- blesse oblige in ſeinem Sinne, ſogut wie Tante Barbara, legte es auf ſeine Weiſe aus und handelte danach. Zunächſt beſchäftigte ihn lebhaft die Erwartung, ob das gnädige Fräulein— denn von der Baronin Mutter nahm Wiesner ſo wenig Nottz, als die Stjern⸗ holm von ihm,— längere Zeit hier verweilen, ob ſie ihren Beſuch vielleicht gar auf den Winter aus⸗ dehnen werde? Seine, obgleich mit aller Beſcheiden⸗ heit, dahin gerichteten Anfragen gaben deutlich zu erkennen, daß er den Zweck dieſes Aufenthaltes für einen wichtigen hielt; daß er,(wie die meiſten Schloß⸗ bewohner) in Mathilden die künftige Gräfin ahnete. Solche Andeutungen ſetzten die Aermſte in pein⸗ liche Verlegenheit und befeſtigten ſie in ihrem Vor⸗ ſatz, gegen die Mutter außzutreten, mit aller Ent⸗ ſchiedenheit auf Abreiſe zu dringen; nöthigenfalls den alten Grafen um Beihilfe anzuflehen, daß er ſie 140 aus einer ſo unwürdigen Lage befreie. Die auffäl⸗ lige Veränderung, die in der Mutter Benehmen ſogleich nach ihrer Ankunft in Eichenau vorgegangen, gab ihr einige Ausſicht auf Erfolg; obwohl ſie weit entfernt war, den Zuſammenhang zu errathen. Daß ihres Herzens Geheimniß theilweiſe verrathen ſein könne, kam ihr nicht in den Sinn; noch immer be⸗ trachtete ſie Onkel und Tante Schmalkow als die einzigen Vertrauten ihrer entſagenden Liebe. Aber liebte ſie denn noch? hör' ich fragen. Ver⸗ mochte ſie denn noch mit hartnaͤckiger Verblendung an ihrem Kindermärchen feſtzuhalten, jetzt, wo die Wirklichkeit jedes Ideal verſcheucht hatte? Wo der aus der Ferne Angebetete ſich in nächſter Nähe ſo unanbetungswürdig zeigte? Ja, wo er in ihr nicht einmal die einſt Geliebte wiederzuerkennen ſich die Mühe nahm?. Es iſt unmöglich! rufen viele Leſerinnen aus und ſtehen im Begriff, den dritten Band des Ro⸗ manes wegzuwerfen, ohne ihn wieder in ihre zarten Hände zu nehmen. Die Eine und die Andere jedoch überlegt ein Weilchen und dann flüſtert ſie in die Blätter hinein: „Wer weiß? Für Mathilden iſt Hermann, der junge Lieutenant aus der wahlauer Holzgaſſe, ein Menſch, 141 und Graf Eichengrün auf Eichenau ein zweiter. Der Erſtere hat in ihrem Geiſte, in ihrer Seele mit dem Zweiten nichts zu ſchaffen. Dieſen meidet ſie, jenen kann ſie doch vielleicht noch..., nein, es iſt nicht unmöglich! Man liebt wohl nicht allein den Geliebten. Man liebt auch die Zeit der erſten Liebe, der heiligſten Jugendträume, der himmliſchen Täu⸗ ſchung,— und wer dieſe nun nicht aufgeben will?“... So flüſterſt Du, holde Leſerin, und lieſeſt hof⸗ fentlich weiter. Mathilde war mit dem guten Wiesner im lebendigſten Geſpräche über Blumenzucht begriffen, —(denn ſie hatte bei Schmalkows mit glücklicher Hand Wunder gewirkt, weil jedes Gewächs unter ihrer Pflege gedieh, und kränkelnde ſich erholten;) — und ſie beſchrieb gerade ihre in Mühlhaus zu⸗ rückgelaſſene Epheulaube, die jetzt unfehlbar verküm⸗ mern werde, weil Tante Johanna eben gar keine ‚glückliche Hand' für Pflanzen habe..... da be⸗ merkte ſie, daß Wiesner plötzlich ſeine Aufmerkſam⸗ keit ihr entzog und auf unhöfliche Weiſe ihr den Rücken kehrend, ſich zwiſchen Bäumen und Sträu⸗ chern eiligſt verlor. Ehe ſie noch ihm nachrufen konnte: wohin er flüchte und was ihn vertreibe? ſtand Graf Hermann dicht neben ihr. Gewiß war 142 er nicht in der Abſicht gekommen, ſie hier zu finden; auch zeigte er nicht die geringſte Freude darüber; im Gegentheil! Sie erhob ſich alſo:„Meine Gegenwart ſtört Sie, Herr Graf? Ich wollte ohnedieß...“ Da machte er Anſtalt das Haus zu verlaſſen und ſagte:„Das iſt ein Wink für mich—“ Und ſie: „Eh' ich Sie aus Ihrem Eigenthum vertreibe—“ Und er:„Eh' ich das Gaſtrecht verletze Dabei vertrat er ihr den ohnehin ſchmalen Weg: „Thun Sie mir die Schmach nicht an, ich bitte ſehr. Sollte es denn abſolut unmöglich ſein für uns Zwei, in dieſem Raume eine Luft zu athmen? Ich dächte, wenn wir uns einrichten, fänden wir beide Platz. Ich wenigſtens bin ſehr verträglicher Natur. Verſu⸗ chen Sie es immer. Sie haben gar nichts von mir zu beſorgen.“— Und dieſe tröſtliche Verſicherung be⸗ kräftigte er durch ein herzhaftes Gähnen. Dieß gab Mathilden ihren äußeren Gleichmuth zurück; ſie ſetzte ſich wieder auf die Bank und der Geheime Lega⸗ tionsrath ſtreckte ſich auf den Gartenſeſſel, hinter wel⸗ chem vor einer Minute der alte Wiesner geſtanden. „Wiſſen Sie,“ begann er, nachdem er ſie lange fixirt,„wiſſen Sie, Baroneſſe, daß Ihre Gegenwart Erinnerungen in mir weckt, denen ich nicht auf die Spur komme? Helfen Sie meinem widerſpänſtigen 143 Gedächtniſſe nach: woher kennen wir uns? Als ich Sie ſo unerwartet in Eichenau fand, ſuchte ich den Eindruck, den Ihr Anblick auf mich machte, mir da⸗ durch zu erklären, daß Sie die Tochter einer Dame ſind, die ich viel geſehen, ſtets bewundert habe. Auf die Länge kann ich mich bei dieſer Erklärung nicht beruhigen; denn wenn ich auch nicht ableugnen will, daß Sie einige Aehnlichkeit mit ihrer Mutter haben, ſo iſt es gerade nicht dieſe, um deren willen Sie mir wie eine Bekanntſchaft aus früherer Zeit vor⸗ kommen. Umgekehrt, gerade darin, worin Sie der Baronin Stjernholm nicht gleichen, mahnen Sie mich an etwas längſt vergeſſenes. Denn ich bin wirklich ebenſo vergeßlich, als zerſtreut. Beides im Verein bildet eine Erbſünde der Diplomatie,... oder ein Vorrecht, ein Präſervativ; wie Sie's nen⸗ nen wollen! hilft auch, gut gebraucht und paſſend angewendet, bisweilen trefflich aus. Das ſchöne Ge⸗ ſchlecht iſt beſſer geeignet, ſich und ſeine Erinnerun⸗ gen zu ſammeln. Junge Mädchen beſonders vergeſſen nichts. Sie werden mir beſtimmt und deutlich zeigen können, was jetzt nur wie ein Nebelbild unklar und unſicher mir vorſchwebt.“ „Das dunkle Nebelbild,“ erwiederte Mathilde 2 144 mit einer Bitterkeit, die ohne ihr Wiſſen und Wollen hörbar wurde,„fühlt ſich ſehr geſchmeichelt.“ „Alſo es exiſtirt in Wahrheit,“ rief der Graf leb⸗ hafter aus;„es iſt keine leere Einbildung? O ich bitte, verſehen Sie es mit einer lesbaren Unterſchrift. Was bedeutet es? Was ſtellt es dar?“ Auf dieſe Frage hätte ein ausweichender Scherz am beſten gepaßt. Wenigſtens ſtand es im Widerſpruche mit ihrem tiefoerletzten Gefühle, daß Mathilde ernſtlich auf eine Entgegnung ſich ein⸗ ließ. Aber es ſchien ihr unmöglich, zurückzuhalten, was ihr das Herz ſprengen wollte. Er mußte erfah⸗ ren, wer ſie ſei; ſie mußte ihm die Wahrheit ſa⸗ gen; am Schweigen wäre ſie geſtorben. Und ſie zwang ſich zum Lachen und ſprach lachend: „Was es darſtellt? Etwas höchſt gewöhnliches. Eine ſtille, grüne, abgelegene Gaſſe der Reſidenz vielleicht? Ein nur von Frauen und Mädchen be⸗ wohntes Haus; ein Fenſter, wo hinter Epheu und Blumen die Waiſe ſitzt, die einen Vater beweint und eine Mutter entbehrt, weil jener ihr fremdgeworden iſt, dieſe ſich nur ſelten aus dem Geräͤuſche des Lebens weg⸗ ſtiehlt, ſich der Tochter auf Augenblicke zu zeigen.— Einen jungen Offtzier vielleicht, den die wohlgehal⸗ tenen Blumen zu erfreuen ſcheinen; der manchen H½ 145 Blick nach ihnen ſendet; der endlich ein Dachſtüb⸗ chen im gegenüberliegenden Hauſe miethet..“ Hier ließ Hermann ſie nicht weiter ſprechen. „Die Jungfrau im grünen?“ rief er mit einem Feuer, deſſen ſich niemand zu ihm verſehen haben würde. „Das Kind im grünen,“ ſetzte Mathilde hinzu, einwenig erſchreckt hinzu; das Kind;„denn— ſie war noch ein Kind.“ „Und dieſe meine Jungfrau im grünen waren — ſind Sie, Mathilde Stjernholm? Ja, ja, Sie ſind es! Welch eigenthümliches Zuſammentreffen!“ „Ein Nebelbild, Graf Eichengrün. Es iſt ver⸗ raucht, verflogen. Laſſen wir's vergeſſen ſein!“ Dieſen Vorſchlag that die Tochter ihrer Mutter mit ſo vortrefflich gelungener Kopie der höchſten, aufrichtigſten Gleichgiltigkeit, als ob ſie recht fleißig in die Schule der Verſtellung und geſelligen Lüge gegangen wäre. Es gelang ihr, den ſchönen Egoiſten völlig zu täuſchen, denn dieſer murmelte:„Sie hat Recht. Ich könnte mich leicht lächerlich machen durch affichirte Sentimentalität; gar vor der Baronin!“ Und dann fuhr er vernehmlich fort:„Ich bin Ihnen wahrhaftig dankbar für dieſe Erörterung. Jenes un⸗ klare Angedenken beunruhigte mich.“ 1857. XVI. Noblesse oblige. III. 10 46 146 „Und mir,“ ſagte Mathilde mit eiſigem Hohne, „gewährt es tröſtliche Beruhigung, Ihnen vollkommene Ruhe und Bequemlichkeit wiedergegeben zu haben.“ „Ja, das thaten Sie. Und Sie würden Ihrer Großmuth die Krone aufſetzen, wollten Sie mir ei⸗ nen Nachblick in meine zärtlichen Epiſteln vergönnen, die mir jetzt gewiß ganz unbegreiflich vorkommen, Man iſt ſo albern, wenn man erſt in die Welt riecht.“ „Ihre Briefe, Graf Eichengrün?“ „Meine Briefe, wenn ich bitten darf. Ich denke, junge Damen bewahren religieusement derlei Tro⸗ phäen ihrer Erſtlingsſiege?“ „Vielleicht,“ entgegnete Mathilde;„pielleicht thun die guten Kinder das, wofern ſie ſolche Briefe überhaupt laſen. Bei uns kam ſo etwas nicht vor. Unſere Erzieherinnen pflegten den Inhalt ihrer Pa⸗ pierkörbe allwöchentlich zu verbrennen.“ „Oh... nicht geleſen? Das iſt charmant; das zeigt feſten Sinn bei zarter Jugend.“ Und abermals murmelte er in die Myrthenbüſche um ſeinen Sitz hinein:„Wie gut, daß ich meine kindiſchen Regun⸗ gen beherrſchte! Sie hätte mich ſchonungslos aus⸗ gelacht. Sie ſcheint nicht umſonſt die Tochter der Stjernholm zu ſein!“— Dann, mit lautem Geläch⸗ ter:„Alſo nicht geleſen? Wie die arme Orſina klagt: 147 Nicht einmal geleſen? Ungeleſen in Rauch aufge⸗ gangen?“ „In Rauch— und Nebel— Ein Nebelbild!“ „Schade; ewig Schade um meine Stylübun⸗ gen. Es hätte mich intereſſirt, ſie wieder zu durch⸗ fliegen. Hätte mich auf ein Viertelſtündchen beſchäf⸗ tiget; vielleicht unterhalten! Man iſt ſo arm an Unterhaltungen—“ „Wenn man, wie Graf Eichengrün der Jün⸗ gere, an wenig Dingen theilnimmt...“ „An nichts! Auf Ehre, an gar nichts mehr! Es iſt zum Sterben langweilig!“ Mathilde ſtand auf und mit einer zierlichen Verneigung ſprach ſie:„Sei es Ihnen zum Troſte geſagt: Langeweile wird bald Gemeingut; ſie theilt ſich mit.“ Er blieb verblüfft und unbeweglich auf ſeinem Gartenſtuhle ſitzen und ſah ihr nach, wie ſie zwi⸗ ſchen laubreichen Gewächſen, unter hohen Baumkro⸗ nen dahinſchwebte. Baronin Stjernholm hatte auf dem Wege nach Mühlhaus ganz richtig bemerkt, und ein Kenner wie Hermann fand es gleich her⸗ aus, daß dieſes Mädchens Gang etwas hinreißen⸗ des habe.„Noch immer die Jungfrau im grünen, doch kein Kind mehr! Wie ſollte ſie auch?— 10* 148 Eine Reihe von Jahren... mich haben ſie zum alten, lebensſatten Manne gemacht, Mathilden zur blühenden Jungfrau; das iſt der ganze Unterſchied.⸗ — Alſo deßhalb übte dieſe Stjernholm einen ſo unerklärlichen Zauber auf mich aus? Das waren die Räthſel, die ich nicht löſen konnte? die Rück⸗ wirkung der Tochter auf die Mutter? die unbeſchreib⸗ liche Aehnlichkeit, die zugleich eine noch unbeſchreibli⸗ chere Unähnlichkeit iſt. Ich wähnte bisweilen das kokette Weib zu lieben und meine dummen Gefühle galten einem Kinde; galten eigentlich zwei Kin⸗ dern, von denen Eins die Anmuth des Anderen auf eine etwas diaboliſche Mutter zu übertragen ſuchte? Vergeb'ne Mühe! Und nun kommt mir dieſes Kind in den Weg als... na, beſonders ſchön iſt ſie nicht, die mühlhauſer Dörfnerin; der Mutter reicht ſie noch lange nicht das Waſſer. Nein, ſie iſt nicht ſchön. Doch, wie jene Franzöſin von ſich äußerte: pire que cela! Freilich in einem anderen Sinne. Mathilde iſt nicht ‚ſchlimmer als ſchönt, ſie iſt ſchö⸗ ner als ſchön, ſie iſt... Bah, was geht das mich an? Sie hat meine Briefe ungeleſen verbrannt. Das iſt abgethan. Wir beide ſind fertig miteinander. Tant mieux! Wozu die Kindereien?“ Er verſuchte, ſich dabei zu beruhigen, und um 149 ſich deſto ſicherer jeden Gedanken an das, was er Kindereien nannte, aus dem Sinne zu ſchlagen, re⸗ kapitulirte er ſich die kurze Diskuſſion mit ſeinem Vater in Betreff der Majoratsangelegenheiten. Er begann zu empfinden, wie ſchmerzlich der edle Freund der Landwirthſchaft dadurch berührt worden ſei und das that ihm doch auch wehe. Noch mehr: ein Ge⸗ fühl des eigenen Unrechtes, der Undankbarkeit gegen Gott und Menſchen dämmerte in ihm auf. War es die Umgebung, in welcher Mathilde ihn zurückgelaſſen? Waren es die Erinnerungen an ſeine dereinſt ſo hoch⸗ verehrte, jetzt ſo ſchmählich vernachläſſigte Tante Barbara, die hier, auf dieſem Schauplatze ihrer he⸗ roiſchen Entſagung, vor ihm erſchienen und ihm Vor⸗ würfe machten, daß er nicht mehr zu achten, zu be⸗ nützen, zu genießen verſtehe, wonach er als Jüng⸗ ling ſich ſo innig geſehnt? Wie und warum war denn wohl alles ſo ganz anders geworden um ihn? in ihm?— Ach, äußerlich hatte ſich ja eigentlich nichts verändert, außer zum Beſten, zu ſeinem Glücke! Doch er war nicht mehr der Menſch, dieß Glück zu erfaſſen, ſich deſſen würdig zu zeigen. Wie vieler redlicher, dürftiger Menſchen Hoffnung iſt auf den neuen Beſitzer geſtellt, erwartet in ihm den Helfer, Förderer, Vater. Und er will ſich ihnen entziehen; 150 will den Beſitz, den edle Ahnen ſorgſam vereinten und vergrößerten, zerſplittern, um ſeinen Reichthum durch einen vortheilhaften Schacher im kleinen zu vermehren und ſich gänzlich der Unthätigkeit hinzu⸗ geben, die ihn mit furchtbarer Langeweile plagt, wie er ſelbſt eingeſteht. Graf Eichengrün gedenkt die Herrſchaft Eichenau zu trennen, zu zerſtückeln denn er rechnet darauf ein gutes Geſchäft zu machen. Iſt es Tante Barbara, die ihm dort, wo die Sei⸗ tenthür ſich öffnet, warnend erſcheint, daß ſie ihm ihr drohendes: ‚Hermann, wohin biſt Du gerathen, haſt Du meinen Wahlſpruch wirklich vergeſſen?“ ins Geſicht ſchleudere? Ja, die Thüre geht auf,— eine weibliche Ge⸗ ſtalt ſchimmert durchs Grün,— es iſt nicht die alte Tante,— es iſt nicht ihr Geiſt,— es iſt Ba⸗ ronin Stjernholm. Aber Hermann erkennt ſie nicht. Befremdet ſtarrt er ſie an, als ſie haſtig fragt:„War Mathilde nicht hier?“ Und wie aus tiefem Schlafe erwachend, antwortet er:„Gewiß, Noblesse oblige!“ Dann erſt, durch den Laut ſeiner eigenen Worte, zu vollem Be⸗ wußtſein gebracht, bemerkt er ſeine ſeltſame Zerſtreu⸗ ung und erwartet mit Zuverſicht, die Baronin werde ihn verſpotten. 151 Sie jedoch iſt ſehr ernſthaft. Sie iſt wahrlich nicht mehr dieſelbe, die damals beim Souper des verſtorbenen Grafen Theodor durch übermüthigen Scherz glänzte. Die Jahre haben ihrer unvertilgbaren Schönheit kaum geſchadet,— ihrem Charakter haben ſie entſchieden genützt. Das eitle, oft frivole Weib hat ſich vor der Jungfräulichkeit Mathildens endlich gebeugt; durch ihre Tochter iſt ſie nun zum zwei⸗ tenmale Mutter geworden; aber eine Mutter, die entſchloſſen iſt, dem Namen Ehre zu machen. Und dieſer Entſchluß hat jetzt ſeine höchſte Weihe em⸗ pfangen. Seitdem ſie weiß, daß die friſche, duldſame Heiterkeit des lieblichen Mädchens einer ernſten, unglücklichen, hoffnungsloſen Liebe zur Hülle dient; ſeitdem ſie begreift, daß bei dieſer Natur gewöhnliche Heil⸗ und Auskunftsmittel fruchtlos bleiben würden; daß nur die zarteſte Aufmerkſamkeit, die ausdauerndſte Verehrung eines liebenswerthen Mannes nach und nach dahin gelangen könnten, Mathilden ihrem eigenſinni⸗ gen, geheimgehaltenen Herzens⸗Kultus abwendig zu machen!— ſeitdem fängt ſie auch an zu begreifen, daß ihre in Mühlhaus erklügelten, auf Hermann's Apathie gegründeten Pläne unausführbar,— ja noch mehr: daß ſie einer ſolchen edlen und durch Entſa⸗ gung geheiligten Treue gegenüber faſt ruchlos ſind. 152 Deßhalb hat ſie gänzlich den Faden verloren und die weltkluge, ſchlaue und gewandte Frau ſieht ſich in einem Labyrinthe ohne Ausweg. Der Widerſtand, den ihr der junge Graf hätte entgegenſtellen mögen, den ſie durch hundert kleine Intriguen und Kabalen beſeitigen zu können gehofft, dünkt ihr jetzt Nebenſache, wo ſich ein wahrſcheinlich nie zu beſeitigender in ihrer Tochter Herzen erhebt; in einem Herzen, welches wie weiches Wachs nach ihrer Willkür formen zu dürfen ſie gewähnt. Sie wußte ſich keinen Rath mehr. Mit vollem Vertrauen von ihrer Tochter volles Vertrauen zu begehren, dazu mangelte ihr der Muth; ihr Be⸗ wußtſein ſagte ihr, daß ſie dergleichen nicht zu fordern habe von einem Kinde, welchem ſie ſo lange fern und fremd geblieben, aus eitler Luſt an eigener Jugend⸗ lichkeit, aus Gefallſucht. Dennoch lag ihr alles daran, zu erfahren, wer es denn ſei, den Mathilde liebe, wie man einen Verſtorbenen ewig lieben will? Ob der Geliebte denn wohl gar noch am Leben ſei? Von dieſen Umſtänden hingen die Verſuche ab, die vielleicht noch angeſtellt werden ſollten, dem aben⸗ teuerlichen Beſuch in Eichenau Erfolg zu verſchaffen? In dieſer Angſt war die Baronin auf den wunder⸗ ſamen Einfall gerathen, das Geheimniß durch Grafen Hermann erforſchen zu laſſen. Allerdings ein befrem⸗ 153 dender Umweg für eine Mutter, ihren ehemaligen— wenn auch nicht Liebhaber, doch Verehrer zum Spione bei der Tochter auszuerſehen,— und zwar in beſter Meinung, mit redlichen Abſichten. Doch das iſt der Fluch der Lüge! Wer ein ganzes Leben damit hin⸗ gebracht, die Regungen ſeines beſſeren Ich konven⸗ tionellen Förmlichkeiten unterzuordnen, ſich und alle Welt zu tänſchen, zu lächeln, wo er vor Wuth oder Schmerz aufſchreien möchte, zu verſchweigen, was in ihm tobt, zu reden, was er nicht empfindet, der wird, wenn er endlich die Wahrheit ſucht, dieſe nur auf Schleichwegen verfolgen, und wird immer noch der Lüge bedürfen, will er in Wahrheit ein gutes Ziel erreichen!* Die Stjernholm hatte darauf gerechnet, den jungen Grafen,—(daß er allein ſei, wußte ſie, denn ſie hatte Mathilden aus dem Glashauſe gehen ſehen)— in ſeiner üblichen ironiſch⸗matten Frivolität zu finden. Dieſer wollte ſie ſich bedienen, ihn aufzu⸗ ſtacheln durch allerlei ebenſo frivole Neckereien, als etwa:„Er ſuche nun wohl bei der Tochter nachzu⸗ holen, was er bei der Mutter verſäumt? Aber da ſei er ſchlecht berathen; Mathilde trage eine roman⸗ tiſche Liebe in der Bruſt, und niemand wiſſe für wen? Das wäre eine paſſende Aufgabe, und des 154 feinſten Diplomaten würdig, ſie reden zu machen, ihr das Geheimniß zu entlocken! Und ſo weiter.“ Dieſen Ton mit Grafen Hermann anzuſchlagen, war ſie entſchloſſen geweſen. Wie erſtaunte ſie nun,“ der Elegie zu begegnen, wo ſie auf Satyre und Epi⸗ gramm gerechnet. Er vermochte nicht einzuſtimmen, wie ſie begann. Die kürzlich vergangene einſame Viertelſtunde klang nach— ſein milder Ernſt rührte ſie— was ſie ſprechen wollen, verwandelte ſich auf ihren Lippen— Eins verwunderte ſich über das Andere— dennoch geſielen ſie ſich beſſer, als geſtern, wy ſie ſich in ſarkaſtiſchen Bemerkungen überboten. Was iſt's mit ihr? Was iſt's mit ihm? fragten er und ſie ſich innerlich und wußten ſich keine Auskunft zu geben. Hermann war der Erſte, ſich zu beſinnen, daß er aus ſeiner Rolle gefallen ſei, daß auch die Baro⸗ nin die ihrige nicht mehr feſthalte? Er ſagte das mit klaren Worten.„Was geht,“ fragte er,„mit uns vor, ſchöne Frau? Haben wir beide vergeſſen, können wir vergeſſen, wie wir uns getrennt haben? Wollen wir's 29— „Nein,“ rief ſie mit einem Aufſchwung ihres beſſeren Weſens,„das dürfen, das wollen wir nicht. Ich gewiß nicht. Denn ich weiß, als ob es heute 15⁵ geweſen wäre, was ich Ihnen ſcheidend ſagte:„Viel⸗ leicht ſchlügt Ihnen noch einmal die Stunde des Erwachens? Vielleicht bemächtiget ſich Ihrer noch eine edle Liebe? Liegt es dann in meiner Macht, Ihnen förderlich zu werden? Kann ich etwas für Ihr Glück thun,— ſei es noch ſo ſchwierig,— dann erinnern Sie ſich dieſes Abends und gebieten Sie über mich.⸗ Ich werde nie vergeſſen, daß dieß mein Lebewohl für Sie war. Vergeſſen Sie's auch nicht.“ 4 „Was meint ſie denn?“ fragte er vor ſich hin, lange nachdem ſie ihn verlaſſen, und er im Dunkel des Zitronenlaubes wieder allein ſaß.„Hat Mathilde ihr anvertraut... Bezieht ſie ſich darauf?.... Nein, das nicht. Ihrer Mutter öffnet dieß Mädchen die Tiefen ihrer Bruſt nicht. Dazu müßte die Mutter eine Andere ſein,— und die Tochter auch. Die iſt kein gewöhnliches Mädchen. Das ſteht feſt.'s iſt nichts, gar nichts, als ein gewöhnliches Spiel der Koketterie. Weil ſie nicht mehr mit ſich locken kann, ihrer Jahre wegen, verkauft ſie mit der Tochter. Da es ihr nicht gelang, Majoratsfrau zu werden, möchte ſie Majoratsſchwiegermutter ſein. Was bin ich für 13 ein Thor, mich von den alten Zitronenbäumen und ihrem Geflüſter in Leichtgläubigkeit lullen zu laſſen 156 Wo blieb mein höchſtes Gut, mein unerſchütterlicher Skeptizismus, der Grundpfeiler irdiſcher Behaglichkeit und Ruhe? Es iſt Zeit, daß ich dem Glashauſe Valet ſage,— mo möglich für immer.“ Und dabei machte er keine Bewegung aufzu⸗ ſtehen. Wie feſtgebannt blieb er ſitzen. Was hielt ihn denn zurück? Wer ihm recht nahe geſtanden, wer aufmerkſam die manchmal zuckenden Lippen beob⸗ achtet hätte, würde vielleicht gehört zu haben glau⸗ ben, daß er lispelte:„Ob ſie meine Briefe wirklich nicht geleſen hat?“ Dann wieder mag ihm durch den Kopf gegan⸗ gen ſein, wie doch Tante Barbara ihn ahnen laſſen, daß bei Prudents ein Herzchen für ihn poche, wel⸗ ches er ſchonen ſolle? Und dieſes Herzchen hätte nicht darauf gepocht, den Inhalt ſo zierlicher Zuſchrif⸗ ten kennen zu lernen? Und dadurch wieder trat ihm die Aebtiſſin, die ehemalige Vermittlerin all ſeiner Zweifel und Be⸗ denklichkeiten, wie aus einer Gruft hervor, und er fragte ſich ſelbſt:„Iſt es nicht unbegreiflich, daß wir ſeit Jahren nichts von einander vernehmen? Wie ſind wir denn eigentlich auseinander gekommen?“ Und ſo ſann und ſann er, bis er endlich wieder auf den Ausgangspunkt, bis auf die Stunde kam, 157 die er in dieſen Räumen mit dem alten Gärtner zugebracht. „Der Wiesner lebt wohl nicht mehr? Ich be⸗ ſinne mich nicht, in dieſen Tagen ihn geſehen zu haben?“ Nachdem Hermann Graf Eichengrün dieſe Frage halblaut an ſich ſelbſt gerichtet, war es ihm, als ſchüttelten ſämmtliche Bäume des Hauſes ihre Häup⸗ ter; als flüſterten ihre Blätter zu ihm hernieder: „Schäme Dich, Sohn Deines Vaters! ſchäme Dich, Liebling der treuen Barbara! Unſern Pfleger, den Freund Deiner erſten Kindheit, den armen Wiesner konnteſt Du vergeſſen? Schäme Dich, Graf Eichen⸗ grün!“ Gewiß verſtand er, was ſie ihm zuriefen, denn er ſchaute zu ihnen empor und redete ſie an,— ſo verſunken war er in Erinnerungen,— ſprach gleich⸗ ſam zu ihnen:„Weßhalb ſah ich ihn nicht? Alle meine Diener ſtellten ſich mir vor? Weicht er mir aus?“ Aber die Blätter ſchwiegen. Er empfing keine Antwort. Er entſetzte ſich vor der dumpfen Stille im hohen großen Raume, wo ſeine Selbſtgeſpräche trau⸗ rigen Wiederklang gaben; wo nur die kleine Ouelle 158 in wehmüthigem Rieſeln eintönig plätſcherte, die durch den ſteinernen Mund eines Delphins geleitet, den tiefen Waſſerbehälter füllte, und nach wie vor ihr Klagelied um die verlorene Freiheit an ſinnend herab⸗ hängende Schlingpflanzen richtete. Wie oft hatte Hermann als Knabe bei dieſem großen Marmorbecken geſpielt; wie oft in ſeinen klei⸗ nen Händen den Strahl des reinen Bergquells auf⸗ zufangen verſucht, oder vom gutmüthig⸗brummenden Wiesner ſich Erlaubniß erbeten, einige Fröſche, Ei⸗ deren und Waſſerkäfer, die er Gott weiß wo zu⸗ ſammengeholt, dort herumſchwimmen zu laſſen! Wie tüchtig aber hatte der ehrliche Gärtner ihn aus⸗ geſcholten, als er auch einmal unternahm, einem jungen Seidenhaſen Lektionen im Schwimmen zu ertheilen, und hatte ihm eingeſchärft, daß jede Mar⸗ ter, einem wehrloſen Thiere unnütz bereitet, des Menſchen eigenes Herz verhärte; daß es ruchloſer Uebermuth ſei, zu quälen; daß nur ſchlechte Men⸗ ſchen Freude daran fänden; daß ſolche Menſchen nicht ſelten zu Mördern würden! Und wie gehorſam hatte ſich der kleine Her⸗ mann dieſen warnenden Lehren gefügt; wie bereit⸗ willig hatte er den Sprößling weißer Kaninchen am eignen Röckchen abgetrocknet und den Eltern wieder 159 in den Pferdeſtall geliefert; wie zärtlich hatte er den mitleidigen, ſanften Blumenpfleger umſchlungen, mit der hundertmal wiederholten Verſicherung: er wolle ja wahrhaftig kein Mörder werden, ſondern allen Thieren Gutes erweiſen nach Kräften, und allen Menſchen auch; beſonders aber ſeinem lieben, lieben Gärtner! und dieſer möge nur ſchon das einzigemal reinen Mund halten, und ihn nicht verrathen, und niemandem ausplaudern, wie niederträchtig grauſam er an bewußtem Kaninchen gehandelt habe. Denn ihm ſei wohl bekannt, daß ſolche Thiere nicht ins Waſſer gehörten. Jenes Auftrittes gedenkend, war Graf Hermann dem Baſſin ganz nahe getreten und lauſchte auf des rieſelnden Waſſers Geplauder. Dieſe Stelle iſt die dunkelſte im Hauſe. Ein Winkel, von Bäumen um⸗ wölbt, durch deren Kronen kaum ein Schein des Tages dringt. Wer aus hellerem Lichte in die Däm⸗ merung kommt, ſieht anfänglich faſt gar nicht. Deß⸗ halb ſah Gärtner Wiesner ſeinen neuen Gebieter auch nicht, als er jetzt, in der Meinung, die Luft ſei rein und ‚keine Herrſchaften⸗ mehr zugegen, ſeine Gießkanne dort zu füllen kam. Der Graf erblickte ihn und rief ihn an. 160 Der Greis ließ die Gießkanne zu Boden fallen. „Lebſt Du wirklich noch, Wiesner?“ „Leider, gräfliche Gnaden!“— das war ſeine ganze Antwort, und er bückte ſich, die Kanne wieder vom Boden aufzuheben. Dabei wankte er und mußte ſich am Rande der ſteinernen Wanne feſt⸗ halten. Hermann nahm ſtatt ſeiner die Kanne auf. Wiesner griff danach mit beiden Händen.„Allzu⸗ gnädig,“ ſprach er, und wollte ſich entfernen. Der Graf hielt ihn zurück:„Ihr ſeht müde aus und krank, Alter; Ihr ſolltet Euch ſchonen.“ „An mir iſt nichts mehr zu ſchonen; die Uhr lief ab. Noch etliche Sekunden, dann ſteht ſie ſtill.“ „Was kann für Euch geſchehen, Wiesner? Soll ich nach einem Arzte ſchicken?“ „Daß ich nicht wüßte. Habe nie dergleichen gebraucht, immer ſelbſt an mir gedoktert, mein Le⸗ benlang; zum Sterben brauch' ich keine Hilfe. Wol⸗ len ſich aber Seine gräfliche Gnaden wirklich noch einmal für mich bemühen, dann würd' ich dankbar⸗ lichſt annehmen, daß Sie an unſere Frau Abbatiſſin, Tante Barbara ſchrieben und ihr meldeten: ‚der Wiesner läßt ſagen, es ginge zu Ende!’ Sie wird dann ſchon wiſſen, was zu thun iſt. Bezieht ſich 161 auf ein Abkommen zwiſchen ihr und mir. Aber ein Bißchen geſchwind reiten muß der Expreſſe, ſonſt wird's zu ſpät. Und käme unſere Tante nicht, ſo hätte ich an Grafen Hermann vor meinem Tode noch eine Beſtellung von ihr auszurichten.“— „Der Brief ſoll in einer halben Stunde unter⸗ weges ſein,“ ſagte Graf Hermann, und verließ das Glashaus. Er hielt ſein Verſprechen. Es war noch keine halbe Stunde vergangen, als ein Stalltnecht zum Schloßthore hinaus jagte. Hiebenundzwanzigſtes Kapitel. Wenn unter vier Perſonen die gegenſeitige Spannung und theilweiſes Mißtrauen einen ſo hohen Grad erreicht hat, wie es dermalen in Eichenau geſchah, ſo müſſen die unerläßlichen Stunden geſel⸗ ligen Vereines, namentlich bei Tafel, zu wahren Prüfungsſtunden werden. Die Stjernholm ſowohl, als Graf Eichengrün legten jedes Wort auf die Wage, um nur ja nicht anzuſtoßen; Hermann ſuchte ſein Heil in hartnäckigem Schweigen; und Mathilde warf ſich, um nur gewiß nicht die Grenzen ſtrengſter 1857. XVI. Noblesse oblige. III. 11 162 Zurückhaltung gegen ihn zu verletzen, in eine faſt gemachte Lebendigkeit und zuthunliche Aufmerk⸗ ſamkeit für den alten Herrn. Die Art, wie dieſer dergleichen aufnahm und erwiederte, ſollte und konnte allerdings für ein Beſtreben gelten, Hermann's kalte Gleichgiltigkeit anzufeuern; aber es athmete dane⸗ ben doch auch aufrichtiges inneres Behagen daraus hervor, und die Baronin glaubte ſehr bald wahrzu⸗ nehmen, daß Seine Erzellenz ernſtlich Feuer fange. So begab es ſich denn, daß bei ihm, wie bei Ma⸗ thilden Spiel und Wahrheit ſich verbanden: bei ihm, wo es ihren Retzen, bei ihr, wo es ſeiner Tüchtig⸗ keit als Landwirth, ſeinem Wirken in und für Ei⸗ chenau galt. Da ſprach aus ihr Luſt an der Sache, die ſie durch Schmalkow's Einwirkung und Beiſpiel in ſich ausgebildet; es ſprach ihre anerkennende Ver⸗ ehrung für den alten Grafen; es ſprach nicht min⸗ der ein Gelüſten, dem jungen gelegentlich zur Kennt⸗ niß zu bringen, wie weit er hinter ſeinem Vater zu⸗ rückſtehe. Setzte ſich dann der neue Majoratsherr wider die ihm zugedachten Bitterkeiten zur Wehr und wurde dabei auch er bitter gegen Mathilden, ſo glaubte Graf Ulrich verſüßen zu müſſen. Die Baronin aber fing an, ſich in ihren Hoffnungen zu befeſtigen, daß, weil 163 der Abgelebte, Gleichgiltige, doch noch empfindlich werden, ihm folglich auch diejenige, die ihn kränke, nicht völlig gleichgiltig ſein könne. Und daß ſie, trotz ihrer wohlverwahrten, verheimlichten Korreſpon⸗ denz und ‚ewigen Liebee, eine mehr als gewöhn⸗ liche Theilnahme für ihren Gegner haben müſſe, weil ſie ſich ſonſt gar nicht die Mühe geben, ihn zu ärgern und anzugreifen; ja, weil ſie ſonſt un⸗ möglicherweiſe dem alten Herrn ſo ſeltſame Avancen machen würde. Denn daß die feurige Apologie des Landlebens, des großen, einflußreichen Beſitzes, aus ihrer Tochter innigſter Ueberzeugung von deren Lip⸗ pen ſtrömen könne, das begriff die verhärtete, einge⸗ fleiſchte Stadtdame durchaus nicht. Gleichwohl war es Mathildens aufrichtige Meinung, als ſie auf Hermann's ſpöttiſche Frage, was ſie denn eigentlich davon wiſſe und kenne, nicht ihm, ſondern ſeinem Vater, an den ſie ſich wendete, zu erwiedern eilte: „Freilich kenn' ich dieſe Verhältniſſe nur im kleinen, wie ich ſie bei meinem Oheim ſah. Doch läßt ſich's leicht in größere übertragen, und ich bin wohl im Stande, mir ein Bild des„guten eichenauer Gra⸗ fen’ zu entwerfen. Wohin er ſich wendet, ſieht er Thätigkeit, Fleiß und Eifer durch ſeinen Willen be⸗ lebt, durch ſeine Gegenwart ermuntert, buuch ſeinen 11 164 Antheil belohnt. Jede Stunde des Tages wird von nützlichen Arbeiten ausgefüllt, deren Ertrag aller Welt zugute kommt. Kein Unterſchied des Stan⸗ des macht ſich geltend, wo der Einwohner niederer Hütte für den Gebieter des ſtolzen Schloſſes wirkt und ſchafft; wo dieſer ihm zu Danke verpflichtet bleibt für willig⸗geleiſtete Dienſte. Der hochgebo⸗ rene Herr, den geſelliger Zwang oftmals von ſeines⸗ gleichen ſcheidet, plaudert gern mit dem letzten der Ochſenknechte, der hinter dem Pfluge ſchreitend ihm ſein ‚Grüß Gott!’ zunickt. Ohne Scheu darf der Nothleidende ihn anſprechen: ‚Gebt mir Brot!’ denn er weiß, er empfängt ſeinen Hunger zu ſtillen. Je⸗ des Kind fletſcht die geſunden weißen Zähne und zeigt mit dem Finger nach ihm: ‚Unſer Graf!“ Dort findet er anzuordnen, hier zu ſchlichten. Dort gibt ein erfahrener Vogt Einwendungen kund wider des Gebieters Meinung, und läßt ſich nicht irremachen, bis dieſer zuletzt einſtimmt: ‚In Gottes Namen, mein Alter, Du magſt es beſſer verſtehen! ‚Und wie wär's, wenn wir's lieber ſo einrichteten? fragt ein erprobter Schäfer ‚Und das geht mein Lebtage nicht,“ wagt ein Verwalter auszurufen, der ſchon beim ‚Se⸗ ligen mitreden durfte. Und die Dirnen des Dorfes ſtoßen Eine die Andere mit dem Ellbogen an: ‚Aber 165 unſer Graf muß einmal ein ſchmucker Burſch gewe⸗ ſen ſein, Grethe?k— ‚Na, Hanne! erwiedert die Grethe.— Und da jagt der Fleiſcher aus einem Nachbarſtädtchen mit ſeinem Einſpänner hinterher, ſich zu beklagen, daß der Oberverwalter den Maſt⸗ ochſen durchaus nicht zum vorjährigen Preiſe geben will! Und der Herr ſpricht: ‚Damit laßt mich unge⸗ ſchoren, das thut untereinander ab.- Und er hüllt ſich in ſeinen abgetragenen Mantel, der reiche Mann, — jeder Häusler hat einen beſſeren,— und läßt austraben, damit er heimkommt, ehe jene finſtre Wolke ſich gänzlich auf ihn ausſchuttet. Im Kamine lodernd begrüßt ihn helles freundliches Feuer am ei⸗ genen Herd.... „Und eine Gattin,“ fiel der alte Graf ein,„die ſolches Glück zu ſchätzen weiß, wollen Sie ſagen? Dieſe Vervollkommnung der Freude am Landleben habe ich lange entbehrt. Ja, wär' ich jetzt noch zehn Jahre jünger!“— Hier traf ihn ein Blick der Baronin, und verlegen fuhr er fort:„Aber mich er⸗ wartete niemand am Kamine... deßhalb entſagte ich dem Daſein, welches Sie ſo lebhaft ſchildern. Sie ſind geboren dafür, Mathilde! O, Sie wären kapa⸗ bel, mit auf die Jagd zu gehen!“ „Nein, theurer Graf, ſo weit verſteigen ſich 166 meine ländlichen Neigungen nicht. Tödtende Waf⸗ fen gebühren dem Manne allein. Des Weibes Waffe bleibe milde Sanftmuth und beſcheidene Bitte. Doch während Er dunkle Gründe durchzieht, mit aller An⸗ ſtrengung ſeiner Kräfte die Beute zu erreichen, die nur mühſam errungen rechte Freude gewährt,— träume Sie im Schatten rauſchender Bäume, auf kniſterndem Waldmooſe wandelnd, von jenem heili⸗ gen Frieden, den irdiſcher Verkehr uns raubt, den Gott in der Natur uns wiederſchenkt. Von dem himm⸗ liſchen Frieden reiner Kinderzeit. Werfe ſie von ſich, was Zweifel, Schmerz, oder Sorge heißt, damit ſie freudigen Herzens und heiteren Angeſichtes den Freund empfange, der....“ Sie verſtummte. Die drei Zuhörer deuteten ihr Schweigen ver⸗ ſchieden. Ihre Mutter vermuthete, ſie denke an denjenigen, deſſen Zuſchriften das Portefeuille ver⸗ wahrte. Graf Ulrich war nahe daran, den Freund’ auf ſich zu beziehen Hermann bemühete ſich, die Gefühle, die in ihm aufleben wollten, durch den Gedanken niederzu⸗ halten:„Sie kokettirt, wie ihre Mutter ſie gelehrt; hat ſie doch meine Briefe nicht geleſen.“ 167 Durch ähnliche Geſpräche nahm die Unbehag⸗ lichkeit der langen Herbſtabende, wo man ſich nicht gut ausweichen konnte, empfindlich zu und es er⸗ ſchien allen davon Betroffenen tröſtlich, als Lobeſam Beſuche anmeldete:„Einige Herren aus der Pro⸗ vinz, die Seine Erzellenz um eine Jagdpartie anzu⸗ ſprechen kämen.“ Verbindlich wies Graf Ulrich den Haushofmei⸗ ſter,(der ſtreng genommen es nicht mehr war,) an den jetzigen Gebieter, und wie dieſer ſich nach den Namen der anzumeldenden Gäſte erkundigte, und wie Lobeſam erſt zwei völlig unbedeutende Herren, zuletzt aber Grafen Heide nannte, da oerfinſterte ſich des Vaters Geſicht, und die Baronin erröthete flüchtig. „Ich kenne dieſe Herren durchaus nicht,“ ſagte Hermann. „Ich kenne ſie, zumal den letztgenannten,“ ſagte Graf Ulrich.„Auch Baronin Stjernholm kennt ihn!“ „Dann iſt er mir mit ſeinen Begleitern natür⸗ lich ſehr willkommen.“ Der Haushofmeiſter ging, das edle Trifolium einzuführen. Wollten wir ſagen, Graf Heide habe ein ſchlech⸗ tes Gewiſſen gehabt, und ſich aus Scham wegen 168 ſeiner noch nicht bezahlten Ehrenſchuld, oder auch um ſeine übermüthig⸗eitlen Abſichten auf Baronin Stjernholm zu maskiren, die beiden Begleiter aus⸗ erleſen, dann müßten wir ihm ſchmeicheln. An die Schuld dachte er ebenſowenig, als Graf Ulrich daran dachte; eine Vergeßlichkeit, die dem Schuldner nicht weniger Schande, als ſie dem Gläubiger Ehre bringt. Und was zarte Rückſichten in ſogenannten Herzensangelegenheiten betrifft, pflegte er von ſich ſelbſt zu rühmen: darin beſitze er ein Gewiſſen wie ein Jagdhund. Die Baronin war ihm in Stahl⸗ brunn durch die ‚Lappen gegangen“. Als er nun Wind bekam, daß ſie ſich in Eichenau aufhalte, be⸗ ſchloß er, ſeinem alten Gönner ins Haus zu rücken“, und um ſich dabei nicht ‚allzuſträflich zu ennuyiren⸗ (denn fortdauernd könne man doch nicht cour ſchneiden) brachte er ſich zwei ‚paſſable Whiſtſpieler⸗ mit. Der Eine iſt kein anderer, als der uns ſchon bekannte Brunneninſpektor von Gluckammer, den der Oktober ſeiner Funktionen enthebt bis zum Frühling; der Zweite iſt ein Nachbar des Majorates, ein kleiner Gutsbeſitzer, ein Herr von Wildowatzki, der bisweilen auf Schloß Eichenau einſpricht, Seine Erzellenz dankbarlichſt verehrt, und jetzt verſuchen will, ſich dem etwas gefürchteten Nachfolger zu Gnaden zu empfehlen. 169 Die Anweſenheit Mathildens, von deren Exri⸗ ſtenz er keine Ahnung gehabt, frappirt den Grafen Heide außerordentlich. Doch iſt ihre anmuthsvolle Jugendlichkeit durchaus nicht geeignet, in ſeinen Augen die Mutter zu überſtrahlen.„Das iſt Eine von denen, womit nichts anzufangen iſt!“ raunt er dem nach jeder Seite hin ſervilen Gluckammer zu, und beginnt wieder ſeine in Stahlbrunn ſchon verſuchten Manoeuvres mit der ‚reifen Schönheit, die com- ment verſteht!’ So beliebte er ſonſt ſchon, die Stiernholm betreffend, ſich auszudrücken; hatte ſich ſeit⸗ dem auch allerlei Erkundigungen über den Ruf des ‚ſuperben Weibes“ eingeholt und war mit der Zu⸗ verſicht in den eichenauer Schloßhof gefahren, ‚ſich nicht ein zweitesmal plantiren zu laſſen.: Ihm ent⸗ ging, daß die Baronin eine Andere geworden, daß unterdeſſen mächtige Umwandlungen in ihrem innern Daſein vorgegangen! Wie hätte er dergleichen wahr⸗ nehmen ſollen! Für gewiſſe Menſchen ſind gewiſſe See⸗ lenzuſtände nicht vorhanden. Was ihnen ewig fremd bleiben wird, ihr eigenes Sein anlangend, auf welchem Wege ſollten ſie es an Andern entdecken und finden? Werden ſie,— um einen ſehr niedrigen Ausdruck zu gebrauchen,— mit der Naſe darauf geſtoßen; das heißt, können ſie's nicht ignoriren, weil es ihnen zu 170 beſtimmt entgegentritt, dann legen ſie Motive unter, die ihnen eben am geläufigſten waren: ſie wittern Heuchelei. In dieſe vermummt, und feſt entſchloſſen, ihr die Hülle abzuſtreifen, wähnte Graf Heide Ba⸗ ronin Stjernholm; was er denn auch ſeinem Ver⸗ trauten, von Gluckammer, keinesweges vorenthielt. Lobeſam, durch den jungen Grafen befeh⸗ ligt, die Funktionen eines major domus fürs erſte noch fortzuſetzen,—(denn es lag dem an ſich und ſeinem Sollen und Wollen bereits irregewordenen Hermann viel daran, des Vaters Rückzug ins Waldſchlößchen ſolange wie möglich hinausgeſchoben zu ſehen!)— hatte den drei Herren drei mit ein⸗ ander korreſpondirende Zimmer in der Reihe der Jagd⸗ und Fremdengemächer angewieſen. Nach dem Souper war durch Seine Erzellenz der Aufbruch be⸗ ſchleuniget worden, und weder die Damen, noch Her⸗ mann ſchienen böſe darüber, von der Folterqual des Zuſammenſttzens zeitig erlöſet zu werden. Auch die drei Jagdluſtigen zogen ſich gern zurück, weil morgen früh aufzuſtehen und raſch aufzubrechen verabredet war. Beide Grafen, Vater und Sohn, drangen dar⸗ auf. Ihre Zuſage, dem(in aller Haſt angeord⸗ neten) Treiben beizuwohnen, klang beinahe, als wollten ſie ſich gegenſeitig vor Mathilde hervorthun 171 und überbieten, was der Baronin nicht entging, und ihr zu denken gab. Um Herrn von Wildomwatzki bekümmerte ſich Heide nicht viel. Er ließ ihn ungehindert zu Bette gehen, verflocht aber den ebenfalls ſehr ſchläfrigen, ſein Gähnen mühſam verbergenden Gluckammer noch in ein breites Geſchwätz, ohne zu erwägen, daß nur eine Thüre ſie von ihrem Begleiter trennte, und daß dieſer, wenn er nicht feſt ſchlief, jede Silbe hören mußte. Auf ſeine Weiſe ließ er ſich nun über die ei⸗ chenauer Zuſtände aus: „Das iſt hier ein famoſer Durcheinander, und recht wie für mich geſchaffen, um im Trüben zu ſiſchen. Der Alte hat in Stahlbrunn nicht anbeißen wollen, iſt ausgeriſſen,— wozu ich das Meinige beigetragen zu haben, mich rühmen darf,— jetzt gabelt ſie dieſe Tochter auf, Gott weiß wo und wie? und wie viele ſie dergleichen noch in Vorrath haben mag? Dieſes einfältige Ding bringt ſie dem neuen Majoratsherrn aufs Schloß, zum Danke, daß er ihr ſeine erſten Jünglingsjahre gewidmet, und wird die ‚ewige Jugend' des Papa's dahintreiben, daß er nun die Tochter ſtatt der Mutter heiratet, aber erſt, nach⸗ dem ſie dem Sohne verkuppelt war. Haben Sie nicht 172 dieſes Kreuzfeuer aus acht Augen bemerkt, die ſchon gar nicht mehr wiſſen, wohin ſie blicken und ſchielen ſollen? Es iſt ein tolles Weibsſtück, dieſe Stjern⸗ holm; doch gerade deßhalb macht ſie mich auch toll. Ich laſſe nicht mehr los; jetzt iſt ſie mein, und ſollt' ich einen Monat hier feſtliegen!“ Gluckammer, ſowie er mit den Vertretern der pietiſtiſchen Partei,(die in der Provinz nicht ohne Bedeutung und in der Reſidenz nicht ohne Anhalt war,) nach Kräften gern frömmelte, ſparte beſten Willen ebenſowenig, wenn frivole Kumpane ihm nahelegten, in ihr Horn zu ſtoßen; vielleicht auch ging ihm letzteres leichter und natürlicher vonſtatten, als das erſtere. Doch was ihm Graf Heide da in nuce dargeboten, übertraf an gräulichen Vorausſez⸗ zungen und läſterlicher Anklage des armen Brun⸗ neninſpektors Fähigkeiten und rechtſchaffenſten Willen ruchlos zu erſcheinen, und mit den Wölfen zu heu⸗ len. Soweit war er im Raffinement noch nicht ge⸗ diehen, ſoweit hatte ſeine Einbildungskraft ſich noch nicht verſtiegen. Er ſtreckte die Waffen, bekennend, daß er den Sinn der Mittheilung nicht recht be⸗ greife, und daß er mit Aeltern, reſpektive Kindern nicht ins klare komme? Dieß Bekenntniß gab dem Läſterer Veranlaſſung ausführlicher zu ſein, und er 173 vermiſchte ſoviel wahres mit lügenhaften Erfindun⸗ gen, daß ein furchtbares Gewebe von Abſcheulichkeiten daraus wurde. Gluckammer hätte gern ein Bißchen geſchaudert; Heide aber fand die ‚Geſchichte delicios⸗ und brachte den nachgiebigſten aller Ja⸗Herren end⸗ lich dazu, ſie ebenfalls delicios zu finden; als mit welchen Delicen ſie um Mitternacht ihr Lager beſtiegen. Zwei Tage wurden mit Treibjagden, die Abende mit Kartenſpiel zugebracht, an welchem auch die Ba⸗ ronin theilnahm. Mathilde hielt ſich fern und zeigte ſich kaum, wodurch Graf Ulrich unruhig, ungeduldig wurde und die Gäſte loszuſein wünſchte. Er wen⸗ dete ſich deßhalb im Stillen an ſeinen ‚Herrn Nach⸗ bar’ Wildowatzki, der als beſcheidenes kleines Guts⸗ beſitzerchen durch dieſe Anrede ſich beſchämt fühlte. „Er käme ſich,“ verſicherte er,„mit ſeinem Landgütchen neben der Majoratsherrſchaft Eichenau nicht anders vor, wie eine Maus, die neben einem hohen Voll⸗ blutpferde laufend, von dieſem ſcherzweiſe und her⸗ ablaſſend Kamerad genannt würde; Vierfüßler waͤren allerdings beide; und ebenſo wie die Maus mög⸗ licherweiſe Gelegenheit fände, dem edlen Roſſe ihre Anhänglichkeit und Verehrung durch einen kleinen Dienſt zu beweiſen, ſo ſchätze auch er ſich glücklich, 174 Seiner Erzellenz einen Beweis von Ergebenheit zu liefern. Umſomehr, als ihn ſchon ſeit etlichen Nächten etwas bekümmere, und ihm ſeinen ſonſt ſo geſunden Schlaf raube.“ Da erklärte er denn, daß Schloß Eichenau einen Verräther beherberge, und rückte mit allem heraus, was er wider Willen mit⸗ anhören müſſen. Es that dem alten Grafen wohl, nach den Kämpfen und widerſtreitenden Gefühlen der letztver⸗ gangenen Monate, nach ſo manchen, wenn auch zar⸗ ten und lieblichen, doch darum nicht minder quälen⸗ den Erregungen dieſer Tage, nach ſo verſchiedenen Empfindungen von Liebe, Groll, Beſorgniß, Reue, Zorn, wieder auflodernder Jugendluſt, nun auf ein⸗ mal jegliche Kraft ſeiner Seele in ein beſtimmtes Wort konzentriren zu können, und das hieß: Rache! Er bedachte nicht, welchem Gegner es galt! Ueberlegte nicht, wie höchſt wahrſcheinlich bei einem Zweikampfe mit dem als Duellant berüchtigten, jeder Waffe meiſterlich mäͤchtigen Heide, er den Kürzeren ztehen würde. Er ſah nur den niederträchtigen Ver⸗ läumder, den frechen Lügner, dem ſogar Mathildens Ehre nichts gegolten. Sich mit dieſem zu meſſen, dünkte dem Grafen Eichengrün ſchon ſoviel, als entſchiedener Sieg, möge es auch im Tode ſein! 175 Und es iſt und bleibt wahr, trotz jedem gött⸗ lichen und menſchlichen Geſetze, trotz jedem Ver⸗ nunftgrunde wider den Unſinn des Zweikampfes,— es kann Stimmungen geben, wo der edelſte Mann, der menſchlichſte Menſch förmlich nach Blute dürſtet, — ſei es auch nach ſeinem eigenen. Graf Ulrich nahm dem Nachbar Wildowatzki das Ehrenwort ab, ſeinem Sohne Hermann die Sache geheim zu halten, bat ihn ſein Sekundant zu ſein, und übertrug ihm die Anordnungen für den nächſten Morgen. Zugleich ließ er dem von Gluck⸗ ammer bedeuten, dieſer möge ſich nicht im geringſten geniren, als Heide's Sekundant zu erſcheinen. Wenn der Geforderte, wie nicht zu zweifeln ſtand, Piſtolen erwähle, ſo habe Wildowatzki ſeitens des Grafen einzuwilligen unter der Bedingung, daß Kugeln ge⸗ wechſelt würden, bis Einer von Beiden ernſtlich verwundet ſei;„denn,“ ſetzte Graf Ulrich hinzu:„um Spaß iſt mir's nicht zu thun.“ Niemand im Schloſſe durfte eine Ahnung dieſer Vorgänge haben, und hatte ſie auch nicht,— außer Lobeſam, der ein allzugeübter Beobachter war, um ſich etwas entgehen zu laſſen. Ihn frappirte er⸗ ſtens das plötzliche Abbeſtellen der auf morgen ſchon feſtgeſetzten dritten Treibjagd und der damit verbun⸗ 176 dene Befehl, zwei Equipagen bereit zu halten, weil Seine Erzellenz die drei fremden Herren nach dem Waldſchlößchen führen wollte. Zweitens machte ihn der Büchſenmacher ſtutzig. — Doch das bedarf einer kurzen Erläuterung. Es wohnte im Dorfe Eichenau ein Büchſenma⸗ cher, dem der Graf freie Wohnung und Deputat ge⸗ währte, wofür der geſchickte Mann ſämmtliche Re⸗ paraturen fürs Schloß zu liefern verpflichtet war, und ſich dabei, da er fürs ganze große Forſtperſonale der Herrſchaft arbeitete, ſehr gut ſtand. Der Menſch war in ſeiner Art ein Genie, ein Tauſendkünſtler, und außerdem, wie Leute dieſer Gattung nicht ſelten, ein Feinſchmecker; hauptſächlich trachtete er nach Wild und leitete die Berechtigung dazu von ſeiner Pro⸗ feſſion her, ohne welche, wie er mit Recht behauptete, nicht viele Haſen und Rehe, noch weniger jagdge⸗ rechtes Geflügel eingeliefert werden dürfte. Die Ver⸗ waltung des Wildpretverkaufes gehörte vonjeher in das Departement des Haushofmeiſters, der ſich des Verkaufes en gros wegen mit den Händlern der nächſten Stadt in ſtetem Verkehre hielt, und nur ausnahmsweiſe einzelne Stücke an Ort und Stelle abließ, was immer eine beſondere Vergünſtigung blieb. 177 Dieſe zu genießen, ſparte der Büchſenmacher keine Aufmerkſamkeit für Herrn Lobeſam. Heute kam er, um zwei Haſen zu bitten. „Was fällt Ihnen ein,“ fragte der Haushofmeiſter, „Sie haben erſt geſtern einen gehabt?“ „O, theuerſter Gönner, an dem war nichts!“ „Sind Sie unklug? Es war ein Prachthaſe; ein Kerl wie ein Reh!“ „Aber fürchterlich zäh; nicht zum zerbeißen; es muß ein uralter Rammler geweſen ſein, lieber Herr Lobeſam!“ „Nicht möglich! Seine Erzellenz hatten ihn ja mit eigenen Händen geſchoſſen!“ „Kann er deßhalb nicht an Zähigkeit gelitten haben? Oder wir vielmehr an der ſeinigen? Es iſt ſo, auf mein Wort. Sogar meine Jungen würgten ihn kaum hinab.“ „Dem ſei wie ihm wolle, Meiſter; heute kann ich nicht mehr in die Wildpretkammer kriechen. War⸗ um ſind Sie nicht früher gekommen? Es iſt ja Nacht.“ „Ich dachte, weil ich einmal auf dem Schloſſe war,— aus eigenem Antriebe hätte ich Sie nicht inkommodirt,— doch da der Walter mich rief, vor einer Stunde...“ 1857. XVI. Noblesse oblige. III. 12 178 „Der Jäger Walter hat Sie gerufen? Mei⸗ nes Grafen Büchſenſpanner, Herr Büchſenmacher? Hinter meinem Rücken? Was heißt das?“ „Ein ſtrenges Geheimniß, Herr Haushofmei⸗ ſter!“ Dieß hörend griff Lobeſam nach der Wand und nahm das Schlüſſelbund herab, welches Wild⸗ pretkammer, Eiskeller und Zugehör ſperrte: „Ein Geheimniß im Schloſſe Eichenau, für mich?“ „Eigentlich auch für Sie, ſo gut, wie für den jungen Herrn!“ Lobeſam klapperte mit den Schlüſſeln:„Es ſind auch noch zwei Paar Rephühner übrig“... der Büchſenmacher beleckte ſich die Lippen und folgte dem Haushofmeiſter. Als beide aus dem Eiskeller zurück⸗ kamen, trug jener einen Haſen und vier Hühner heim; dieſer wußte, daß der Jäger mit des Grafen Piſtolen⸗ kaſten beim Büchſenmacher geweſen war, damit die lange nicht gebrauchten Waffen gereiniget würden. Dieſen Befehl hatte der Meiſter eiligſt erfüllt und den Kaſten ſogleich zurückgebracht. Mehr bedurfte es nicht, des Haushofmeiſters Argwohn zu erregen; die Erinnerungen an Stahl⸗ brunn, die Anweſenheit der Baronin, das unerwar⸗ tete Eintreffen des zudringlichen Heide— Eines kam zum andern: Lobeſam witterte ein Duell. Er 179 ſchlich ſich nach ſeines Herrn Arbeitszimmer, warf im Vorgemach dem dort harrenden Jäger einen Blick voll Zorn, Verachtung— und Neid zu, ließ ſich durch die Bemerkung„Seine Erzellenz hätten noth⸗ wendig zu ſchreiben!“ nicht zurückhalten, machte von ſeinen durch die Zeit geheiligten Vorrechten Gebrauch und drang ein. Wirklich ſaß Graf Ulrich am Schreib⸗ tiſche, verſchiedene Papiere, theils vollendete, theils begonnene Briefe lagen vor ihm. Lobeſam machte ſich auf einen Ausbruch von Heftigkeit gefaßt, weil er zu ſtören wage— doch davon erfolgte nichts. Ruhig und freundlich drehte der Graf den Kopf nach ihm, ohne die Feder wegzulegen und fragte:„Was gibt's, mein Alter?“ „Exzellenz, der Büchſenmacher...“ „Ah, hat er meine Piſtolen gebracht? Das iſt gut. Wir wollen nach der Scheibe ſchießen. Morgen um acht Uhr zwei kleine Wagen, dabei bleibt es: einer für Graf Heide und Herrn von Gluckammerz einer für Herrn von Wildowatzkt und mich. Den Grafen Hermann dürfen wir ſo früh nicht bemühen; er hat bei den Jagden ſchon das Unglaubliche ge⸗ leiſtet. Gute Nacht, Lobeſämchen; ich habe noch zu ſchreiben: die Briefe müſſen morgen zur Poſt!“ Lobeſam ließ ſich täuſchen. Er zog ſich beru⸗ 12* 180 higet zurück, gab im Vorübergehen dem Jäger Walter noch etliche Verweiſe über verſchiedene im vergange⸗ nen Jahre vorgefallene Verſäumniſſe und ſchritt ſo⸗ dann behaglich dem eigenen Wohngemache zu, da⸗ ſelbſt der Ruhe zu pflegen. Doch ſo gut wurd' es ihm nicht. Nach und nach ſtiegen neue Beſorgniſſe auf. Die außergewöhnliche Sanftmuth des Grafen befremdete, beängſtigte ihn:„Ich habe ihn am Schreib⸗ tiſche geſtört, was er durch den Tod nicht leiden kann, und nicht ein einziges Schafskopf iſt mir an meinen Kopf geflogen; nicht ein verdrüßliches Wort iſt erfolgt. Das bedeutet nichts gutes!— Schei⸗ benſchießen? Beim Waldſchlößchen? Wer ſchießt nach der Scheibe, wo die Waldungen und Felder von Wild wimmeln, mitten in der ſchönſten Jagdzeit? Faule Fiſche, faule Fiſche! Ich habe mich laſſen an der Naſe herumführen. Gott erbarme ſich, was nun beginnen? Das Duell muß verhindert werden; der Schulden⸗ und Händelmacher darf ja um des Him⸗ mels willen Seiner Erzellenz den Grafen Eichen⸗ grün nicht umbringen! An wen wend' ich mich? Wen zieh' ich ins Vertrauen?“ So jammerte Lobeſam und erwog lange, ver⸗ warf den Grafen Hermann, verwarf die Baronin, blieb zuletzt bei Mathilden ſtehen:„Die ſoll's er⸗ 184 fahren, jetzt gleich! die ſoll ſich dazwiſchen ſtürzen! Lotte ſoll ſie wecken! Es ſchickt ſich nicht— aber Noth kennt kein Gebot!“ Schon warf er ſich wieder in ſeine Kleider, um dieſe ſeltſame Idee auszuführen, da vernahm er das Rollen einer Kutſche im Schloßhofe. Und ehe er noch ſeinen Anzug ganz vervollſtändiget hatte, flog Einer der Hausknechte herein:„Ihre gräfliche Gna⸗ den, die Frau Aebtiſſin!“ Sie folgte dem Schreier auf dem Fuße: „Guten Abend, Lobeſam, wie geht's unſerm Wiesner?“ „Schlecht genug, gräfliche Gnaden; ſeit geſtern liegt er feſt danieder, und das iſt ein ſchlimmes Zeichen bei ihm; denn er iſt ein harter Kunde, der ſich nicht ſo leicht gibt. Aber welch eine Gnade Gottes, daß unſere Tante Barbara, nach ſo langer Abweſenheit, gerade heute!“... „Ich bin gekommen, dem alten Gärtner mein Wort zu löſen; aus keinem andern Grunde. Macht nicht viel Aufhebens, Lobeſam. Bringt mich unter, daß ich hübſch allein ſei, und von den Gäſten nichts ſpüre. Meines Bleibens iſt nicht lange hier! Die neue Wirthſchaft iſt nicht nach meinem Sinne. Viel Lärm im Schloſſe? Wie? Was treibt mein Bruder?“ 182 „Tante Barbara, es wäre gar viel zu erzählen Dazu gibt es jetzt keine Zeit. Die Hauptſache drängt; das Wichtigſte. Gott hat Sie uns geſen⸗ det: hier geht's auf Leben und Tod!“ „So ernſthaft? Dann redet, ſchnell. Ich habe keine Zeit zu verlieren, muß den Kranken ſehen!“ Nun berichtete Lobeſam, verworren zwar, dockh für Tante Barbara verſtändlich genug, daß ſie ſich ein ziemlich klares Bild der Situation machen konnte Als er bis zum gefürchteten Zweikampfe gelangt war, rief er ihre Vermittelung auf. Seiner Mei⸗ nung nach ſollte ſie ſich augenblicklich den einge⸗ drungenen Skandalmacher rufen laſſen, ihn mit ihren hohen Verbindungen erſchrecken, ihn gehörig abkan⸗ zeln,(worin der Haushofmeiſter ſie durch einen auf Ehrenwort ausgeſtellten in ſeinen Händen befindli⸗ chen Schuldſchein zu unterſtützen verſprach), und den Störenfried noch vor Anbruch des Morgens aus den Mauern von Schloß Eichenau jagen. „Das geht nicht, mein lieber Lobeſam. In dieſer häßlichen Sache iſt nichts zu thun, als die ewige Vorſicht walten zu laſſen. Weder ich, noch Ihr, noch irgendjemand, der zu meines Bruders Verwandten, Freunden, oder Dienern zählt, darf ſich hineinmiſchen, ohne ihn dem Verdachte auszuſetzen, 183 als habe er aus der Schule geplaudert, um eine Intervention zu veranlaſſen, weil er ſich— gefürch⸗ tet habe. Das wäre ein entſetzlicher Argwohn! Ein Graf Eichengrün, der ſich fürchtete eine Ehrenſache abzumachen, ſie nöthigenfalls mit ſeinem Leben zu bezahlen.... ein ſolcher iſt noch nicht dageweſen, und darf auch niemals kommen. Wir können nichts thun, Lobeſam; wir dürfen nicht!“ „Dann ſoll Graf Hermann für ihn eintreten; wofür iſt er denn ſein Sohn?“ „Das klingt ganz plauſibel; doch ſind wir eben⸗ ſowenig berechtiget, dafür zu wirken; denn wir ken⸗ nen die Urſachen des von Euch vermutheten Zwei⸗ kampfes eben auch nur vermuthungsweiſe; wir wiſſen ja durchaus nicht, inwiefern der junge Graf be⸗ reits in dieſe häßlichen und verworrenen Händel mit verwickelt iſt?“ „So ſprechen gräfliche Gnaden mit ihm; ich will ihm ſagen...“ „Ich?— mit meinem Neffen?— über derlei kitzliche Punkte verhandeln? Die Zeiten ſind vor⸗ bei, mein lieber Haushofmeiſter, wo es für uns einen Hermann, wo es für ihn eine alte Tante Barbara gab. Folgt mir und fügt Euch in das 184 Unvermeidliche. Es iſt nichts zu machen, als in Ge⸗ duld und Ergebung zu warten.“ „Wenn aber der verdammte Menſch meinen Grafen verwundet, oder tödtet? Das iſt ja das Un⸗ ſinnige von dieſen verfluchten Duellen, daß ſie gar nichts beweiſen. Der Ehrenmann zieht faſt immer den Kürzeren, weil er ſein Lebenlang mehr zu thun gehabt hat, als ſich auf Piſtolen einzuſchießen. Und der ſchlechte Kerl knallt ihn über den Haufen. Wer hat nun Recht behalten? Das iſt doch offenbarer Un⸗ ſinn; dabei bleibe ich!“ „Ich auch, Lobeſam! Es iſt empörender Unſinn. Doch er iſt durch Zeit und Welt akzeptirt, bleibt unver⸗ meidlich. Ein Kavalier von meines Bruders Range kann ſich auch von unſinnigen Gebräuchen nicht losma⸗ chen, wenn ſie mit den wahren, oder falſchen Be⸗ griffen von Ehre verwachſen ſind. Noblesse oblige, heißt es auch hier! Wenn Ihr Euren alten Herrn, woran ich nicht zweifle, liebt und ehrt, ſo beginnt auch nichts, was ſeiner Ehre ſchaden könnte. Ich bin nur gekommen, weil der Gärtner mich zu ſeiner letzten Stunde ans Sterbelager beſchieden. Mit den beiden Grafen, Vater und Sohn, hab' ich weiter nichts beſonderes zu verhandeln. Unſere Wege ſind in der letzteren Zeit weitab von einander gegangen. 185⁵ Mein Reich in Eichenau iſt längſt beendet. Wie ich dem Wiesner die Augen zugedrückt, verlaß' ich mei⸗ ner Väter Schloß.“ „Und wenn dann zwei Leichen auf der Bahre liegen? Wenn Euer gräflichen Gnaden Bruder, mein theuerſter Herr2“.... „Ich wiederhole, Lobeſam, was ich ſchon aus⸗ geſprochen: wir müſſen die Vorſicht walten laſſen Nach allem, was ſich hier zuträgt, dürfen wir auf das Schlimmſte gefaßt ſein. Meine Bitten und Warnungen reichten nicht aus, da es noch Zeit war. Jetzt, wo die Folgen thörichter Handlungen eintre⸗ ten, hab' ich zu ſchweigen, und mich ſchweigend zu unterwerfen. Laßt meine alte Chriſtiane ſchlafen gehn; ich bringe die Nacht bei Wiesner zu.“ Lobeſam that keine Einſprache mehr und ließ ſie ungehindert fort. Doch als er allein war, legte er einen Schwur in ſeine eigene Hand ab, daß er ihr keinesweges gehorchen, ſondern im Gegentheile alles anwenden wolle, das Duell zu verhindern, ganz unbekümmert um den ſogenannten point d'honneur: „Was geht mich ihr Noblesse oblige an? Ich ge⸗ höre nur inſofern zur Noblesse, als ich ihr von kleinauf gedient und feine Manieren angenommen habe. Aber ſich todtſchießen, erkläre ich für eine ſehr 186 grobe Manier; und für eine ſehr dumme, ſich todt⸗ ſchießen laſſen. Sie hat gut reden, ſelbſtſtändig und feſt wie ſie von Jugend an geweſen, die eiſerne alte Jungfrau, ohne Furcht und Tadel! Ich bin weder ohne Tadel, noch ohne Furcht; ich kann ohne mei⸗ nen Herrn nicht leben, und will nicht leben ohne ihn. Er darf nicht ſterben vor mir. Helfe, was helfen kann, ich ſtöre den Zweikampf!“ Achtundzwanzigſtes Kapitel. Die Nacht am Krankenbette war ſtill verfloſſen. Der ſterbende Greis hatte bei Tante Barbara's An⸗ kunft das Bedürfniß geäußert, ihr vor ſeinem Ab⸗ leben noch einige Mittheilungen zu machen, die den Grafen Hermann betreffen ſollten. Doch ſeine Kräfte reichten nicht mehr aus. Die Aebtiſſin tröſtete ihn mit freundlichen Beruhigungen und verwies ihn auf nächſten Morgen, wo er vielleicht fähiger ſein würde, ſich auszuſprechen? Dazu lächelte er, wie Einer, der ſagen will:„Ich weiß beſſer, was nächſten Morgen ſein wird.“ Gräfin Eichengrün ſaß fröſtelnd und angegriffen von der raſchen Reiſe ſowohl, wie von der durchwach⸗ 187 ten Nacht, neben der Lagerſtätte des getreuen Wies⸗ ner,— da hörte ſie Wagengeraſſel im Sattelhofe!... ihr Bruder war es, der mit ſeinen Gaͤſten, mit ſeinem Gegner in den Herbſtnebel hinausfuhr! Der vielleicht auch bald ein Sterbender niederliegen ſollte, wie der Gärtner; nur nicht ſo friedlich als dieſer, nicht ſo abgeſchloſſen mit ſich und dem Leben. Nein, aus einer tiefen Schußwunde blutend, ſtöhnend, rö⸗ chelnd... Sie hüllte ſich feſter in ihren Pelzman⸗ tel und murmelte höhniſch:„Noblesse oblige.“ „Ja, ſo hieß es; ſo hat es geheißen!“ rief der Gärtner Wiesner mit erhobener Stimme, und riß die erloſchenen Augen noch einmal auf;„ſo haben Sie zum Fürſten Odo geſprochen beim Abſchiede, Tante Barbara; das ſind die einzigen Worte geweſen, die ich dem Grafen Hermann nicht wieder zu erzählen wußte. So haben Sie geſagt, da Sie ſich opferten!“ „Und für wen?“ ſprach die Gräfin, ihren Ge⸗ danken hingegeben.„Für wen opferte ich mich und ihn? Für was? Für Undankbare! Für eine Phan⸗ taſie!“ Dann, ſich wieder ſammelnd, zur Gegenwart zurückkehrend aus ihren Träumen, fragte ſie:„Wies⸗ ner, wie iſt Dir?“ „Leicht, Tante Barbara; wie im Frühjahr.. Blumen, viele Blumen ringsumher. Kein Herbſt, 188 kein Winter mehr, kein Alter, keine matten müden Glieder. Jung, alles jung, alles friſch, alles grün! Ein ewiger Garten, der himmliſch blüht, und ich als Gehilfe mitten darin. Der Meiſter lobt mich. Da ſind wir beiſammen; nicht Einer fehlt. Auch der arme Fürſt Odo iſt da. Auch unſer Graf Hermann wird kommen. Hab' ich's nicht geſagt? Ja, ich ſeh' ihn ſchon!“ Barbara meinte erſt, der Sterbende rede irre? Doch Graf Hermann ſtellte ſich wirklich ein, ſeine Tante zu begrüßen, nach dem alten Gärtner zu ſehen. Aus ſeinem Betragen entnahm ſie, daß der Sohn keine Ahnung hege, welcher Gefahr ſein Vater an dieſem Vormittag ausgeſetzt ſei. Der neue Majo⸗ ratsherr zeigte ſich ſehr ruhig und wies einen ſanf⸗ ten Ernſt, der mächtig abſtach gegen die vornehme Kälte, die er beim letzten Zuſammenſein mit der Tante zur Schau getragen. Damals perſoniftzirte er den ſchlaffen Egoismus der Gleichgiltigkeit, die ſich vom Leibe hält, was beläſtigen könnte; heute glich er mehr dem Theilnehmenden, der ſein Herz nicht mehr feſt verſchließen will, ſeitdem er fühlt, daß die⸗ ſes Herz doch nicht ganz ſicher ſei vor eigenen Leiden. Wie Tante Barbara dieß bemerkte, überkam ſie 189 ein banges,— und beſeligendes Vorempfinden, als ob hier eine günſtige Veränderung ſich vorbereite; als ob noch einmal aus den Augen ihres Neffen die Seele des Lieblings auf ihr Antlitz leuchten könne, bevor des Todes Hand ſie dahinführe, wohin der Gärtner Wiesner bereits gelangt war. Sein Todes⸗ röcheln miſchte ſich in ihre Hoffnungen. Er ſchien nur Hermann's Anweſenheit abgewartet zu haben, bis er das letzte, matt⸗flackernde Flämmchen willig erlöſchen laſſe. Jetzt rüſtete er ſich gleichſam zum Ausgange aus dieſem Leben. Er redete noch:„Got⸗ tes Segen— alter Graf— Tante Barbara,— junger Graf— Mathilde....“ „Mathilde?“ fragte die Aebtiſſin zu ihrem Nef⸗ fen gewendet, weil ſie wußte, wen und was der Sterbende meine.„Mathilde? Welche Mathilde?“ Hermann gab ihr keine Antwort. Doch in ſei⸗ nen Zügen las ſie deutlicher, als er mit Worten ihr jemals hätte ſagen können, daß dieſe Mathilde keine andere ſei, wie jene, von der ſie einſt im klei⸗ nen Stübchen der wahlauer Holzgaſſe mit ihm ge⸗ ſprochen, die ſie zu ſchonen ihn angefleht! Und nun wurden ihr auch auf einmal die dunklen Verhält⸗ niſſe des Mädchens klar, deren geheimnißvolle Um⸗ hüllung ihr damals den Argwohn beigebracht, beide 190 Demoiſelles Prudent ſchwiegen nur, weil ſie nichts befriedigendes über dieſes Kindes Herkunft zu mel⸗ den wüßten! Mathilde war die Tochter der Baro⸗ nin! Der Baronin Stiernholm, welche ſo nahe daran geweſen, ihre Schwägerin zu heißen? Welche es vielleicht nur deßhalb nicht geworden, weil die ewige Macht, die Sternen ihren Himmel und Wür⸗ mern ihren Waſſertropfen anweiſet, die auch des Er⸗ denmenſchen Bahnen lenkt, Sich vorbehalten, durch dieſes Weibes Tochter Hermann zu retten, ihn ſich ſelbſt, ihn dem Glücke, und durch ihn das Glück denen wieder zu ſchenken, die von ihm abhingen? Solche Bilder des Lebens, der Hoffnung, der Liebe ſchwebten und lächelten über dem niedrigen Lager, auf welchem der uralte Pfleger und Erzieher unzäh⸗ liger Bäume, Pflanzen und Blumen ſeine letzten Züge ausathmete! Wahrlich, ein ſchönes Loos für den niedrigen, im Staube grau⸗ und weißgeworde⸗ nen Gärtner, mit ſeines Wortes letztem Hauche noch einen Flor blühender Myrthen und Roſen um die alte Gönnerin zu zaubern, die er ſo tief verehrt, die ihn ſo hoch geachtet, weil ſie ſeinen Werth ſchätzte. „Hermann,“ fragte ſie noch einmal, und ihre Stimme zitterte;„iſt das dieſe be Mathilde, der 191 Du, als Ihr Kinder waret, ſo zärtliche Briefchen über die Gaſſe ſchickteſt?“ „Die ſie ungeleſen verbrannte,“ erwiederte er, und wider ſein Wiſſen und Wollen legte er in dieſe Anklage einen faſt wehmüthigen Akzent. Barbara wurde davon ergriffen, und wie man wohl nach har⸗ tem Winter dem erſten warmen Lüftchen, obwohl es ein Vorbote des Sommers iſt, einen zweifelnden Seufzer entgegenſendet, ſo ſagte ſie:„Wär' es mög⸗ lich? Er könnte noch einmal Trauer fühlen, Sehn⸗ ſucht empfinden? Gott, welch ein Glück!“ Und dann, wie wenn ſie ſich anklagen wollte, Unſinn geſprochen zu haben, reichte ſie ihm die Hand über des Ver⸗ ſcheidenden Lager und er beugte ſich auf die alte dürre Hand und drückte ſeine brennenden Lippen darauf. „Herr, nun läſſeſt Du Deinen Diener in Frieden..“ Wiesner war todt. Ueber ſeiner Leiche ſchloß ſich ein neuer Bund. Tante Barbara hatte ihren Her⸗ mann wieder. Ja, das war Hermann's Blick; das war ſein treues Auge; die Thräne, die aus dieſem Ange auf den erkaltenden Freund ſeiner Kindheit ſiel, gehörte dem Knaben an, den alle eichenauer Dorfjungen, da er mit ihnen ſpielte, vertraulich den Schloßhermann’ genannt hatten Sie verkündeten 192 der gerührten Barbara, daß auch auf ihrer entſeelten Hülle ſolch ein reiner Perlenſchmuck heiliger Trauer glänzen werde! Und in ihrer Gott⸗vertrauenden Dank⸗ barkeit vergaß ſie, nur dem Augenblick hingegeben, den Zweikampf ſammt allen gefahrdrohenden Verwik⸗ kelungen, aus denen er hervorgegangen ſein mochte Als dem Verſtorbenen die Augen zugedrückt waren, zog Tante Barbara ihren Neffen ins Glashaus, um dort,— an geweihter Stelle,— das Nähere zu erforſchen. Bei der Umwandlung, die ſie an ihm wahrzunehmen meinte, hoffte ſie auf ein Geſtändniß freundlicher Gattung. Statt deſſen that ein bitt'rer Groll ſich kund. Hermann klagte Mathilden an, beſchuldigte ſie, mit ihrer Mutter falſche Karte zu ſpielen, deutete auf verſteckte, ihm freilich unerklärliche Umtriebe; und gab endlich zu verſtehen, daß ſein Vater nicht übel Luſt zeige, ihm diejenige zur Stiefmutter zu geben, die vor Jahren den anmuthigen Beinamen der ‚Jung⸗ fer im grünen’ geführt habe. 4 „Dein Vater— Mathilden? Nicht deren Mutter?“ rief Tante Barbara voll Erſtaunen aus und ſah ſich dadurch plötzlich wieder in die, ihrer Familie drohende Gefahr verſetzt:„So iſt es wohl auch um Mathildens willen, daß Dein Vater ſich 193 zur Stunde mit einem berüchtigten Händelſucher ſchießt?“ „Mein Vater?“ ſchrie Hermann;„mit wem? wo? Und ich wußte nichts? durfte nicht für ihn eintreten? Ha, welche Schmach für mich! Wehe dem⸗ jenigen, der ihm ein Haar krümmt; mit den Zähnen zerreiß' ich ihn. Tante, ſage, was Du weißt: wo ſind ſie? Wo kann ich ſie finden?“ Statt aller Antwort warf ſie ſich ſchluchzend an ſeine Bruſt:„Mein Hermann! Mein alter, wie⸗ dergeborener, braver Junge!“ Doch er machte ſich heftig los:„Erbarme Dich meiner, und weiſe mir den Weg zu ihnen. Ich will, ich muß mich dazwiſchen ſtellen, mit meiner Bruſt ihn decken!“ „Bedenke, was Du thuſt“— wollte ſie ſagen; aber ſie konnte den Satz nicht vollenden, denn Lo⸗ beſam ſtürzte herein, heulend vor Luſt und Jubel: „Ein Gottesurtheil! Ein reines Gottesurtheil!“ Und dieß wiederholend ſank der alte Mann auf die Gar⸗ tenbank. Sie ließen ihn auskeuchen und langſam zu Kräften kommen. Dann fragte Hermann dringend: „Hat er den frechen Stallknecht über den Haufen geſchoſſen?“ „Beſſer! O viel beſſer, gräfliche Gnaden! Mein 1857. XVI. Noblesse oblige. III. 13 194 Graf hat ihn nicht erſchoſſen. Das wäre ja traurig; dann müßten wir ja entweichen, über die Grenze flie⸗ hen, nähmen die Reue mit auf unſere Flucht, würden kontumazirt. Nein, es iſt beſſer gekommen. Die Frau Tante hatte mir zwar jede Einmiſchung ſtreng unterſagt, wegen Noblesse oblige und ſo weiter. Ich bin aber ungehorſam geweſen, denn bei unſer Einem kommt oblige zuerſt, und Noblesse fann zu⸗ ſehen, wo ſie bleibt, halten zu Gnaden. Ich hielt da ein Zettelchen im Verſchluß, worauf geſchrieben ſteht, daß der Krakehler ſein Ehrenwort für hundert Stück Dukaten verkauft hat. Dachte bei mir, hilf, was helfen kann! Ließ die Herren gewähren, Walter bediente meine Erzellenz, und ehe ſie aufbrachen, jeder mit ſeinem Sekundanten, war ich ſchon auf dem Wege zum Jagdſchlößchen. Dort empfing ich ſie. Mein Graf war höchſt ungnädig: ‚Was unterſtehſt Du Dich, alter Eſel? Wer hat Dich hierher beſtellt?“„‚Mein Herz, ſagte ich, ‚meine Pflicht.“ Und ich hielt dem Grafen Heide den Wechſel vor die Naſe. Aber Seine Er⸗ zellenz riſſen mir das Papier aus der Hand,— und im Hui trug der Herbſtwind die kleinen Stückchen davon. Da ſtand ich und ſperrte das Maul auf, mit Permiſſion zu reden. Und es ging los. Hu, das war ſchreckhaft, wie ſie den Platz ausſchritten, und 195 die Ladungen abmaßen, und dieſe verfluchten For⸗ malitäten und zierlichen Redensarten, daß ein Chri⸗ ſtenmenſch hätte denken können, ſie wären die beſten Freunde untereinander. Ich mußte mich zurückziehen; verſteckte mich, behielt aber doch den Anblick des Schlachtfeldes. Nun kam es ſo: Sie ſchoſſen auf Kommando, beide zugleich. Wär's mit der Büchſe geweſen— oho,— aber auf Piſtolen iſt unſer Graf nicht der ſtärkſte. Der Andere ſchrie:„Erzellenz ſind verwundet, meine Kugel muß im linken Oberarme ſitzen!— So ein verdammter Kerl! ‚Nur geſtreift,“ ſagte unſer Graf; ‚ich bitte, weiter!— ‚Wenn er's nicht anders haben will, brummte der And're. Und ſie gingen abermals dran. ‚Feuer!e— Krach! Mein Herr hatte wieder gefehlt; aber die Piſtole des An⸗ dern war geplatzt, und hatte ihm die halbe Hand weggeriſſen. In meinem Leben hab' ich ſo was nicht geſehn; der Menſch brüllte laut auf, ich dachte erſt, es wäre vor Schmerz, doch ſchlug's in ein wildes Lachen um; den blutigen, zerſchmetterten Stummel hüllte er in ſein Taſchentuch und wollte nun mit der Linken ſchießen. Die Sekundanten thaten Einſpruch, er ſchrie immer trotziger, mitten d'rin wurd' er ſtumm und patſch— da lag er in Ohn⸗ macht. Die beiden fremden Herren haben ihn auf⸗ 13* 196 geladen und weggeführt.— Ich packte mir meinen Exzellenz zuſammen und bracht' ihn heim. Seine Wunde iſt gering; eine leichte, oberflächliche Fleiſch⸗ wunde; ſchon zugepflaſtert. Er iſt munter wie ein Fiſch. Und er will ſeine Frau Schweſter empfangen.“ „Nimm mich mit, liebe Tante,“ bat Hermann; Lobeſam ſchritt triumphirend hinter ihnen her. Daß hier eine Ausgleichung, ein Verſtändniß, eine Ver⸗ ſöhnung ſtattgefunden, konnte dem aufmerkſamen Haushofmeiſter unmöglich entgehen „Gottlob, Gottlob!“ murmelte er;„wenn ſich Tante Barbara wieder hineinmiſcht, da kann noch einmal alles gut werden und wir kommen ſämmtlich wieder zu Verſtande, wir Eichenauer.“— Als Gräfin Eichengrün ſich der Thür zu ihres Bruders Gemächern näherte, ließ ſie dem Sohne den Vortritt, ſchob ihn faſt mit Gewalt hinein, damit Hermann der Erſte ſei, der dem Vater Glück wün⸗ ſche zum glücklichen Ausgange eines allerdings thö⸗ richten Beginnens. Der junge Majoratsherr befand ſich in einer ſo ſichtbaren Gemüthsbewegung, daß keine günſtigere Gelegenheit ſich darbieten konnte, ihn dem unzweifelhaft nicht weniger bewegten und em⸗ pfänglichen Vater gegenüber zu ſtellen. Der Moment war glücklich gewählt und hätte, von Barbara's 197 weiſer Vermittlung geleitet und benützt, die Mißver⸗ ſtändniſſe mit einem Schlage wegräumen können, die ſich bereits eingeniſtet hatten.„Wenn ſie ſich erſt in den Armen liegen,“ dachte die Tante,„dann meld' ich mich und gebe meinen Senf dazu;“— alſo ſchickte ſie ihn voran, und erſtaunte nicht wenig, da der Neffe den erſten kaum gethan'nen Schritt über die Schwelle ſogleich wieder zurückthat und feſtſtehen blieb. Sie fragte:„Was gibt's?“ und erblickte ihren Bruder auf ſeinem Lehnſtuhl ſitzend, den vollen Lockenkopf eines vor ihm knieenden Mädchens an ſeine Bruſt gelegt, ſein Haupt auf ihres geneigt, ſeinen Mund auf ihren Scheitel gedrückt. „Mathilde?“ fragte ſie leiſe. „Mathilde!“ flüſterte Graf Hermann. „Er hält ſie au ſeinem Herzen, wie der Vater ein Kind,“ meinte Barbara. „Sie ſind einig,“ ſagte Hermann und entwich bon dieſer Stätte. 1 Mathilde hatte den haſtigen Tritt vernommen; ſie fuhr auf und richtete ſich empor. Augenblicklich erkannte ſie in der Aebtiſſin die fremde Dame aus der wahlauer Holzgaſſe. Das iſt begreiflich; in Bar⸗ bara's Jahren macht ſogar ein Dezennium keinen großen Unterſchied mehr. Die Gräfin dagegen bedurfte 198 längerer Friſt, in dieſer anmuthigen Würde jenes ſchüchterne Kind wiederzufinden. Beide verkündeten ſich ihre Wahrnehmungen und Gedanken durch zwei vielſagende Blicke, und verneigten ſich ſtumm. Graf Ulrich reichte ſeiner Schweſter die Hand: „Du kommſt mich zu ſchelten, Barbara? Haſt Dir nach langem Ausbleiben die beſte Gelegenheit aus⸗ erſehen. Nun, ich ſitze hier und halte ſtill. Schilt mich aus und dabei ſchilt Dich aus. Ja, ich habe mich geſchoſſen—“ „Ich wußt' es geſtern ſchon, Bruder Ulrich; aber ich verhinderte diejenigen, die Dich hätten verhindern wollen, es zu thun Ich beſitze ſo viel esprit de corps; ich weiß, was einem Eichengrün ziemt. Ich ſprach zu Lobeſam: wir müſſen es der Vorſicht überlaſſen, weiter dürfen wir nichts thun. Noblesse oblige!“ „Das hieß Dich Gott ſprechen, alte, treue Seele. Ja, es mußte ſein. Ich ſchoß mich für Mathilden! Wäv' ich für ſie geſtorben, ſo war's ein ſchöner Tod. Mein Haus iſt beſtellt, und Dich hätt' ich ohnedieß am gewiſſen dritten Orte bald wiedergefunden. Du hätteſt mich nicht lange warten laſſen; nicht wahr, Schweſter? Nun wir aber geſiegt haben und ſind mit einer kleinen Wunde und dem Leben davon ge⸗ 199 kommen,— nun wollen wir auch leben? Aufleben! Noch einmal leben! Und dieſes neue Leben hat dem ſchon Begrabenen dieſer Engel gebracht.“ Er zog Mathilden wieder an ſeine Bruſt und trotz ihres Sträubens gehorchte dieſe. „Dein Sohn wollte Dich mit mir zugleich begrü⸗ ßen,“ hub Tante Barbara an;„er entfernte ſich aus Furcht, Dich zu ſtören...“ „Mein Sohn iſt ein alter Herr; ein Menſch ohne Gefühl und Seele.“ „Dafür hab' ich ſeit einigen Jahren ihn auch gehalten; leider halten müſſen. Heute hat er ſich anders gezeigt. Wir fanden uns bei Wiesner's Sterbe⸗ bette. Dein alter Gärtner iſt todt, lieber Ulrich. Ich habe ihm Wort gehalten. Ihm die Augen zu ſchlie⸗ ßen, ihm einen Blumenſtrauß in den Sarg zu legen, kam ich nach Eichenau!“ „So flicht den Strauß für unſern treuen Die⸗ ner,— und dann helft mir, einen Myrthenkranz flechten.“ Die Gräfin fühlte Erbarmen mit Mathildens peinlicher Lage. Sie ſah dem Mädchen an, daß es ſchwere Kämpfe in ſeinem Innern erlitt. Sie ergriff den Vorwand, auf eine durchwachte Nacht nach raſcher Reiſe ſich einwenig ausruhen zu wollen, um 200 bei Tafel rüſtig zu ſein. Aber es war nicht der Schlaf, den ſie ſuchte, die unermüdliche ſiebenzigjährige Jungfrau. Sie begab ſich ſchnurſtracks zur Baronin Stjernholm, die ihrem Brauche gemäß, gerade erſt Tag gemacht und alles verſchlafen hatte, wovon Schloß Eichenau voll und worüber Lotte ihr Bericht abzuſtatten noch im beſten Zuge war. Bei der Aebtiſſin Erſcheinen verſchwand die Schwätzerin und beide Damen ſtanden ſich gegenüber, wie zwei Vertreterinnen äußerſter Kontraſte. Sie wußten genug, Eine von der Andern, um die Tiefe der Kluft zu ermeſſen, welche ſie trennte. Noch vor kurzem würde, bei dem Anblick der Aebtiſſin von Friedhain, Baronin Stjernholm ihre Sarkasmen nicht geſpart haben, denn ſie hegte die ebenſo feſte, als(wie uns bekannt iſt) ungerechte Ueberzeugung, daß jene ei⸗ gentlich die moraliſche Schuld trage an der Zöge⸗ rung und dem daraus erfolgten Rückgange von Bruder Ulrich's Bewerbung. Gegenwärtig, wo ihre eigene, ihr ſonſt über alles werthe und wichtige Per⸗ ſönlichkeit gänzlich in den Hintergrund getreten ſchien vor den Sorgen ihres neubelebten Muttergefühles; wo ſie nur an Mathildens Zukunft dachte, verlieh ihr die Ankunft dieſer allbekannten jungfräulichen Gräfin Troſt und Zuverſicht. Der Beiname ‚guter 201 Engel von Eichenau,“(den Bewohnern der Herr⸗ ſchaft geläufig,) konnte ſich jetzt aufs herrlichſte bewähren. Die Baronin ging der Gräfin mit ver⸗ traulicher Hingebung, mit kindlicher Demuth entgegen. Die Gräfin orientirte ſich bald und durchſchaute, daß es hier einer Mutter heiliger Ernſt ſei, ihrer Tochter Glück zu gründen. Vertrauen wurde gegen Vertrauen getauſcht. Ueber Hermann's Gefühle ſchwieg Barbara. Mathildens Geheimniſſe zu ergründen, erklärte ſich die Stjernholm unfähig, weil, wie ſie mit niederge⸗ ſchlagenen Augen ſagte, ihr das Recht nicht zuſtehe, von ihrer Tochter unbedingte Offenheit zu begehren; dieſes Recht habe ſie an Onkel und Tante in Mühl⸗ haus zedirt, zu einer Zeit— an welche ſie nicht gern zurückdenke. In einer Anſicht vereinigten ſich aber Tante Barbara und Baronin Stjernholm ſehr bald: daß es ein Unglück für alle ſei, wenn Mathilde fort⸗ fahre in ihrem unerklärlichen und ſtolzen Starrſinn, in ihrer eigenſinnigen Verſchloſſenheit, den alten Gra⸗ fen wähnen zu laſſen, ſie könne ihn lieben; könne wenigſtens mit frohem Herzen und freiem Willen ſeine Gattin werden; ein Wahn, der ſich des eme⸗ ritirten Majoratsherrn plötzlich bemächtiget, und ihn aufs neue mit der Gloriole unvergänglicher 20² Jugend umgeben zu haben ſchien. Wobei der tapfer durchgefochtene Zweikampf wohl den Ausſchlag ge⸗ geben! „Ich bin,“ ſprach die Baronin,„ſtreng genom⸗ men, ohne Willen, weil ich ohne ſicheres Ziel bin. Mein ganzes Leben war eine wilde, thörichte Jagd durch Nacht und Nebel. Eine Fülle von edlen Ei⸗ genſchaften des Geiſtes und Herzens hab' ich dabei vergeudet und nichts erreicht. Doch hat es mir nie⸗ mals an Muth, an Thatkraft gefehlt; auch nicht, da ich eines Morgens als Bettlerin erwachte, da ich völlig ruinirt war. Seitdem ich mich aufgegeben habe, um an Mathilden gutzumachen, was ich an ihr verſchuldete, verlaſſen mich meine alten Hilfs⸗ truppen; es iſt, wie wenn ſie ſich dieſem Mädchen zu dienen für unwürdig hielten,— und mich auch! Gräfin, ich bekenn' es Ihnen: ich hege Scheu vor meiner Tochter. In Mühlhaus, wo ich ſie überfiel, ſuchte ich ihr zu imponiren; ich nahm ſie für ein lenkſames, unſelbſtſtändiges, unerfahrenes Geſchöpf, deſſen Wille von meinem Winke abhängig wäre. Nun ich weiß, daß ſie ſchweigend liebte, leidend ſchwieg; daß ſie in ihrer Seele Unſchuld und Rein⸗ heit den ſchwerſten Sieg des Lebens lächelnd erſtrit⸗ ten,— nun ſchäme ich mich vor ihr; nun wag 203 ich nicht mehr mit ihr zu reden, wage nicht mehr für ſie zu denken, zu handeln.“ Gerührt nahm Barbara dieß erſchütternde Ge⸗ ſtändniß der reuigen Mutter auf: „Baronin, Sie ſind eine edle Frau— quand meme! Bleiben Sie bei Ihrer Selbſterkenntniß, fürs erſte; und laſſen Sie mich einſtweilen die Mutterpflichten übernehmen. Ich bin ſo etwas von einer Allerwelts⸗Mutter, gerade weil ich kein eige⸗ nes Kind in meinen Armen wiegen ſollte. Erſt war Bruder Ulrich mein Kind, dann wurden meine Stifts⸗ fräuleins mir Kinder, dann des Bruders Söhne; jetzt kommen Sie an die Reihe, und Ihre Mathilde. Laſſen Sie mich gewähren. Alles müßte mich trü⸗ gen,— oder ich ſehe Licht in einer Sache, die Ihnen ſo dunkel ſcheint. Sie mögen in Ihrer kontemplati⸗ ven Haltung verharren, um nichts zu verderben. Doch eine freundliche Warnung nehmen Sie freund⸗ lich von mir auf: Hüten Sie ſich vor Zerknirſchung, vor vernichtender Reue; raffen Sie ſich empor, daß Sie nicht in Frömmelei verfallen. Ich fürchte, Sie ſind nicht weit davon. Zeigen Sie auch nicht, weder vor meinem Bruder, noch vor meinem Neffen, am allerwenigſten vor Ihrer Tochter, daß Sie verzagt ſind und einen üblen Ausgang fürchten. Abreiſen, 204 Mathilden wegführen dürfen Sie jetzt nicht. Wie ich meinen Bruder kenne, müßte das ſeinen Paro⸗ rysmus von JIugendlichkeit ſteigern. Fügen Sie ſich ſcheinbar in die Dinge, die ſich um uns her begeben mögen, ſeien ſie auch noch ſo ſeltſam. Ich will desgleichen thun. Aber nur ſcheinbar. Will un⸗ terdeſſen nicht verſäumen, Hilfe zu ſuchen. Sie nannten Ihren Bruder, deſſen Frau. Geben ſie mir deren Adreſſe.“ Die Baronin ſchrieb das Verlangte auf ein Zet⸗ telchen und reichte dieſes freudig der Gräfin:„Ich hoffe auf Gott und auf Sie!“ „Und ich,“ ſprach Barbara,„gehe einen Brief nach Mühlhaus zu expediren. Iſt das geſchehen, dann pflücke ich den ſchönſten Strauß, den Wiesner's verwaiſete Pfleglinge mir gönnen wollen, und gebe ihn der Leiche in die gefalteten Hände. Dann ſehen wir uns bei Tafel und— zeigen heitre Geſichter. Nicht wahr, Baronin Stjernholm?“ Neunundzwanzigſtes Kapitel. Der unerwartete Anblick, der den Grafen Her⸗ mann von der Thüre ſeines Vaters zurückgeſcheucht, 205 hatte nicht nur die ſtürmiſch⸗erwachten, durch den Zweikampf geſteigerten Gefühle des Sohnes erkältet und abgeſchreckt; auch die warme kindliche Empfin⸗ dung für Tante Barbara war voon dieſem Froſthau⸗ che unbewußter Eiferſucht betroffen und des jungen Mannes Gemüth und Seele ſchon wieder mit dem Reife bedeckt worden, den wohlthätige Sonnenſtrah⸗ len kaum zu ſchmelzen und zu löſen begonnen hatten. Er zog ſich unerbittlich in ſeine ſelbſtſüchtige Abge⸗ ſchloſſenheit zurück und niemand verſuchte, ihn um⸗ zuſtimmen. Die Aebtiſſin blieb ihrem Vorſatze getreu, den Erfolg des durch Eſtaffete nach Mühlhaus ent⸗ ſendeten Schreibens abzuwarten, ehe ſie mit Her⸗ mann, mit Mathilden, mit ihrem Bruder ein ernſtes, entſcheidendes Wort wechſelte; und dieſer letztere gab ſich nun unzweifelhaft der thörichten Hoffnung hin: die Tochter der Stjernholm könne ihn lieben. Durch den Zweikampf war in dem alten Herrn eine voll⸗ ſtändige Reaktion hervorgebracht, er wieder mit un⸗ vergänglicher Jugend erfüllt worden. Seinen Rückert hatte er haſtig beiſeite geſchoben, Göthe's weſtöſt⸗ lichen Divan dafür ergriffen, und Lobeſam konnte ſich nicht genugſam verwundern, anſtatt der mühſam eingelernten Strophe von Wehmuth und herbſtlicher 206 Entſagung jetzt ganz andere Klänge zitiren zu hören, als zum Beiſpiel: „Drum ſollſt Du, muntrer Greis, Dich nicht betrüben; Sind gleich die Haare weiß, Doch wirſt Du lieben.“ Mathilde benahm ſich wirklich ſo, daß des alten Grafen Thorheit gerechtfertiget ſchien. Die Baronin flüſterte der Aebtiſſin zu:„Seitdem das Mädchen den Brief geleſen, den er in der Nacht vor dem Duelle an ſie geſchrieben und der ihr nach ſeinem Tode hätte überreicht werden ſollen, iſt ſie wahr und wahr⸗ haftig in dem Irrthum befangen, es ſei möglich für ſie, an ſeiner Seite zu leben! Um Gotteswillen, was ſoll daraus werden?“ Und Tante Barbara erwiederte:„Wenn ſie uns nicht täuſchen will, täuſcht ſie wahrſcheinlich doch ſich ſelbſt; und dieß nur in der Abſicht, einen drit⸗ ten.... passons la dessus, Baronin. Nur Muth und kaltes Blut.“ „Daran hat es mir immer gemangelt,“ meinte die Stjernholm. „Ich weiß es wohl. Bin auch keine Amphibie und kein Fiſch; ſpüre auch in meinen Adern, daß wir Menſchen zur Klaſſe der Geſchöpfe mit warmem 207 Blute gehören; ſpür' es heute noch; und da ich nicht älter war, wie Sie jetzt ſind, machte mir's nicht ſelten heiß. Aber, ſchöne Frau, es gibt nieder⸗ ſchlagende Mittel.“ „Die ſind mir nicht erſpart worden; ſie haben doch nicht gründlich geholfen.“ „Weil Sie ſich dagegen zu wehren verſuchten. Das echauffirt immer mehr. Was radikal helfen ſoll, muß man ſich ſelbſt verordnen, mit voller Be⸗ ſonnenheit; muß man befolgen mit unerſchütterlicher Ausdauer. Auch dem heißeſten Blut flößt ernſter Wille Reſpekt ein, daß es beſcheiden fließt und ſich endlich abkühlt. Ein ſtürmiſcher Bergquell war es, und wird zum ſanften Wieſenbach, auf deſſen immer gleichen Wogen der weiße Schwan ‚Geduld' ſich gläu⸗ big wiegt. Geduld, Baronin Stjernholm!“ Dieſe war nun ſchwer zu behaupten, und ſie ging bisweilen ſogar bei der Aebtiſſin auf die Neige, wenn Bruder Ulrich den jugendlichen Anbeter ſpielte, ſich in ſchwärmeriſchen Huldigungen überbot und gänzlich vergeſſen wollte, was ſich vor kurzem auf Eichenau zugetragen, als des Majoratsherrn Nach⸗ folger empfangen ward. Lobeſam wußte durchaus nicht mehr, woran er ſich halten ſollte? Wußte nicht, ob ſeinem Ge⸗ 208 bieter abermals nachahmend, er ſich auch wieder jung zu machen? oder ob er auszuharren habe, bis der Taumel vorüber ſei? In ſeinem Stübchen allein, die Sachen durchdenkend, die handelnden Perſonen vergleichend, meinte der Haushofmeiſter wohl: lange könne das Feuer aus der Aſche unmöglich anhalten, und der ‚munt're Greis’ werde zeitig genug wieder in die ‚herbſtliche Wehmuth' zurückfallen. Doch im Salon, hinter der Tafel, am abendlichen Theetiſche, wo Mathilde die Frau vom Hauſe ſo lieblich und mit den zarteſten Rückſichten für Seine Erzellenz ver⸗ trat; wo Tante Barbara und Baronin Stjernholm die junge Dame walten ließen, als wäre ſie ſchon Gräfin Eichengrün, da fragte ſich unſer Freund Lo⸗ beſam bedenklich:„Wem gilt das alles? Worauf geht es hinaus? Worauf geht ſie aus? Gräfin Mutter? Gräfin Tochter?“ Für die Gräfin Tochter zeigten ſich geringe Vermuthungen,— oder gar keine. Graf Hermann war, Mathilden anlangend, als ob er nicht auf der Welt ſei! Ebenſo viel Aufmerkſamkeit und zärtliche Rückſicht ſie dem Vater bewies, ebenſo gleichgiltig betrug ſie ſich gegen den Sohn. Er aber wich ihr aus. Und um das recht unbefangen thun zu können, nahm er ſich mit einem wahrhaft überraſchenden Eifer 209 der Führung ländlicher Geſchäfte an. Schon ſchwand der letzte Sonnenglanz des ſcheidenden Herbſtes, ſchon ſpürte man die Nähe des unfreundlichen No⸗ vember; doch das ſchreckte den wie durch ein Wunder zum unermüdlichen Landwirth umgewan⸗ delten Hermann nicht zurück. Trotz Wind und Wetter durchſtreifte er mit ſeinen Beamten jeden äußerſten Winkel der Herrſchaft; nahm Gebäude, Vieh, Geräthſchaften, Ländereien gründlich in Augen⸗ ſchein; unterrichtete ſich von den Veränderungen und verbeſſerten Einrichtungen, die ihm neu waren; fand ſich mit ſicherem Blicke bald zurecht; zeigte ſich hei⸗ miſch, wo man ihn unerfahren und gleichgiltig ge⸗ wähnt; dieß alles unterſtützt von den Erinnerungen ſeiner Kinder⸗ und Knabenzeit, die ihm verblichene theure Bilder wieder friſch und lebendig machten. Die Wirkung blieb nicht aus. Von Tage zu Tage, von Stunde zu Stunde trat ſie deutlicher an und in ihm hervor. Bald erkannten die freudig⸗erſtaunten Förſter und Verwalter in ihrem ‚neuen Grafen“ den zurückhal⸗ tenden, ſtummen Herrn kaum wieder, den ihnen der zalte Graf als Gebieter vorgeführt. Der vornehme, untheilnehmende Diplomat machte nach und nach einem freundlichen, wohlwollenden Gutsbeſitzer Platz, der dem gutmüthigen Hermann von hehen ſo ſehr 1857 XVI. Noblesse oblige. III. 14 210 ähnelte, wie nur ein Mann von ſiebenundzwanzig Jahren einem Jünglinge von ſiebzehn ähneln kann. Ernſter, gehaltener, beſonnener, auch wohl ein Bißchen ſtolz, doch ohne Hochmuth; ohne jene herablaſſende, unmenſchliche Gnade, die deſto ſchärfer ſchneidet, je feiner und zierlicher ſie zugeſchliffen iſt. Ehe vierzehn Tage ins Land gegangen, ſchwur Eichenau's ſämmtliche Beamtenſchaft auf ihren Grafen Hermann und erklärte ihn würdig, ſeinen edlen Vater zu erſetzen. Der Nachklang dieſer aufrichtigen Begeiſterung drang denn auch ins Schloß. Tante Barbara ver⸗ ſäumte nicht, ihm die Thüren zu öffnen, damit er alle Räume gehörig durchziehe. Mit der Stjernholm gemeinſam beobachtete ſie, welchen Eindruck dieſe entſchiedene Richtung zum Rechten und Guten auf die ausgeſprochene Verehrerin der Landwirthſchaft, auf Mathilden hervorbringe? Doch es gab da nichts zu entdecken. Das Mädchen hielt feſt, verrieth keine Spur von Antheil, verdoppelte nur ihre Zärtlichkeit für den alten Herrn. Dieſer jedoch zeigte ſich,— ſeltſam genug!— wenig erbaut von ſeines Sohnes reſolutem und tüchtigem Benehmen. Er zuckte faſt verächtlich mit den Achſeln. „S,O,“ flüſterte die Aebtiſſin der Stjiernholm zu: 211 „er iſt eiferſüchtig; zwiefach eiferſüchtig auf den Sohn; er fürchtet, dieſer Weg, den Hermann ein⸗ geſchlagen, ſei der gerade zu Mathildens Herzen. Er fürchtet jetzt, was er erſt gew ünſcht. Das iſt noch ernſthafter, als ich beſorgte; das geht tief. Bruder Ulrich, Du wirſt uns Mühe machen!“ „Wir richten nichts aus,“ jammerte die Stjern⸗ holm.„Ehe wir's uns verſehen, iſt das ungleiche Paar verlobt. Mathilde führt es ja ſelbſt herbei!“ „Geduld, Baronin!“ wiederholte Tante Bar⸗ bara;„Geduld— und kaltes Blut!“ Die Baronin zeigte den redlichſten Willen, ihrer neugewonnenen, bejahrten Gönnerin Gehorſam zu leiſten, konnte ſich aber darein nicht finden, daß von ihrer Seite durchaus nichts geſchehen ſollte, auf Mathilden oder Hermann perſönlich einzuwirken. Viel⸗ fache Vorſchläge machte ſie der Aebtiſſin, die alle mehr und weniger die Farbe der Koketterie trugen, die deßhalb entſchieden verworfen wurden. „Wenn meine Ahnungen,— denn mit einem beſtimmteren Namen darf ich nicht bezeichnen, was ich vermuthe,— ſich beſtätigen,(ſagte die Gräfin) dann führt der höchſte Grad in Mathildens desperater Hingebung für meinen Bruder den Ausbruch herbei. Ja, ich behaupte, ihr trotziger Irrthum und Ulrich's — ——— 212 eitle Verblendung müſſen ſo weit gehen, daß ſie uns von Brautſtand reden. Dann wird ſich ausweiſen, ob ich falſch geſehen? ob ich meinen Neffen und Ihre Tochter in dieſem ſeltſamſten Verhältniſſe falſch beurtheilt habe? Tritt das letztere an den Tag, ſo wären unſere Einmiſchungen ohnehin vergeblich ge⸗ weſen. Bewährt ſich das erſtere, nun dann iſt keine Beihilfe nöthig; ſie werden ſich ſchon ſelbſt helfen, davon bin ich überzeugt; und für den letzten Ter⸗ min bleibt uns der mühlhauſer Sukkurs. Folglich noch einmal, meine verzagte, ungeduldige Bundes⸗ genoſſin: nur Geduld und kaltes Blut! Ueberlaſſen wir das heiße der Jugend!“ An einem kalten Regentage, während die Aeb⸗ tiſſin gerade wieder im beſten Ermahnen war, ſtellte ſich Lobeſam ber den Damen ein, in ſeiner Eigen⸗ ſchaft als Vertrauter ihrer gerechten, von ihm ge⸗ theilten Wünſche, eine nicht unbedeutende Nachricht zu bringen. Denn er hielt es für keinen Treubruch an ſeinem angebeteten Herrn, wenn er nach Kräf⸗ ten dazu beitrug, die Annäherung des jungen Paares befördern und Seine Erzellenz an einer ſo ungleichen Verbindung verhindern zu helfen. Er mel⸗ dete, daß ſich im Schloſſe zwei Perſonen aus der Reſidenz eingefunden, welche darauf beſtünden, den 213 Grafen Eichengrün, jetzigen Majoratsherrn zu ſpre⸗ chen und ſeine Rückkehr von einem entfernten Vor⸗ werk zu erwarten. Er wiſſe nicht recht, was er aus ihnen machen ſolle? Der Mann nenne ſich Fried⸗ rich Merk und ſcheine ein ehemaliger Soldat zu ſein. Die Begleiterin heiße Dore, ſoviel ſtehe feſt; doch laſſe ſich nicht mit Beſtimmtheit ſagen, ob ſie Merk's Gattin, oder eben nur deſſen Begleiterin vorſtelle? Beide, ſauber in ihrer Kleidung, anſtändig in ihrem Benehmen, zeigten eine gewiſſe Zuverſicht, ein uner⸗ ſchütterliches Vertrauen auf die Geſinnungen des Grafen und gäben nicht undeuntlich zu verſtehen, daß ſie darauf rechneten, in Eichenau heimiſch zu werden. Die Stjernholm machte ein langes Geſicht, in welchem verſchiedentliche Bedenklichkeiten über jene „Begleiterin“ zu leſen waren. Tante Barbara dage⸗ gen äußerte:„Ich glaube, dieſe Dore iſt meine alte Bekannte. Es ſollte mich wundern, wäre ſie nicht eine geborene Puſelmeyer? Trifft das ein, ſo ſind die guten Leute willkommen und zeigen ſich zu ge⸗ ſegneter Stunde!“ Sie hatte noch nicht ausgeredet, als draußen auf dem Korridor ein lautes Geſchrei ſich erhob. Sie, die Baronin, Lobeſam eilten hinaus, um Zeu⸗ gen eines lebhaften Auftrittes zu werden. Mathilde, 214 am Arme des alten Grafen aus dem Glashauſe heraufkommend, wurde von einem Frauenzimmer, ei⸗ nige Jahre älter als ſie, feſtgehalten, die ſie mit freudigen Grüßen beſtürmte, ihr die Hände küßte, von der wahlauer Holzgaſſe, von Prudents, von Gondelfahrten, Grabkreuzen und jungen Leutnants redete und ſie einmal über das andere Erzellenz und Frau Gräfin anredete. Graf Eichengrün Vater, dem der größte Theil des im Jargon Geſprochenen entging, hielt ſich nur an die ihm wohlverſtändliche Gräfin⸗Exzellenz und gab deutlich zu erkennen, wie ſehr ihm Dore's An⸗ nahme behage, daß Mathilde bereits vermält ſei, (und zwar mit ihm, wähnte er.) Mathilde aber, zit⸗ ternd vor einer ſchon auf Puſelmeyer'ſchen Lippen ſchwebenden Frage nach demjenigen, den Dore für ihren Gemal hielt, fertigte die Redſelige kurz ab, verſprach ihr ſpätere Audienz, machte ſich vom Gra⸗ fen los und eilte zu ihrer Mutter. Der alte Graf entſchloß ſich bald, ihr nachzu⸗ folgen. Lobeſam erhielt Befehl, die guten Leute aus der Reſidenz einſtweilen zu verſorgen— und die drei Damen, drei verſchiedene Generationen darſtel⸗ lend, blieben mit Seiner Erzellenz. Alle fühlten, daß ein wichtiger, längſterwarteter Wendepunkt zu er⸗ 215 warten, daß die Schlichtung der unhaltbaren Zuſtände auf Schloß Eichenau,— oder ein entſchiedener Bruch nahe ſei. Barbara, die Stiernholm, Mathilde er⸗ kannten den Ernſt dieſes Augenblickes. Der Graf, durch Dore's falſch⸗gedeutete Anrede in Exaltation verſetzt, gab ſich jugendlicher, lebensfroher als je, und vergaß ſogar, daß er nicht mehr Herr und Ge⸗ bieter ſei; denn er deutete die Abſicht an, Mathil⸗ dens ehemalige Aufwärterin, oder vielmehr deren Bräutigam mit einer guten Verſorgung zu bedenken, „damit die armen Schelme ebenfalls bald heiraten könnten!“ Die Baronin ſchleuderte einen heimlichen Angſt⸗ blick der Aebtiſſin zu, und dieſe lispelte ihr unver⸗ meidliches:„Geduld und kaltes Blut!“ Unterdeſſen kehrte Hermann von ſeiner Graf⸗ ſchaft fernſter Grenze ins Schloß zurück und fiel ſo⸗ gleich den zwei ihn Erwartenden in die Hände, die ſich toll vor Freude geberdeten, ihn wiederzuſehen. Dore nannte ihn, wie ſonſt, ihr einzigſtes Leutnant⸗ chen; Fritze Merk verwies ihr das und ließ verſchie⸗ dene Geheime⸗Räthe, Grafen und Majorats⸗Erzel⸗ lenzen los. Beide verſicherten, es ſei nicht allein die Erinnerung an jenes einſt empfangene Verſprechen, bei ihm unterzukommen, wenn er Mathildens Gatte 216 ſei; ſondern auch wirkliche Anhänglichkeit und Sehn⸗ ſucht, den lieben Herrn Grafen wiederzuſehen, der ihnen ſoviel gutes erwieſen. Mutter Puſelmeyer war längſt geſtorben. Dore diente als ‚Mädchen für alles⸗ und mußte ſich, ſehr ſchinden.“ Fritze, als ſeine Zeit fürs„Militärweſen’ ſich nicht länger hinaus⸗ ſchieben ließ, war bei den Pionnieren eingetreten ‚von wegen das Waſſer’ und hatte in dieſem Korps ſechs volle Jahre zugebracht; hätte vielleicht noch länger fortgedient,—„denn, warum, ſonſt gab es nirgend keine Ausſicht für ihn!“ Da las er, da hörte er von den Veränderungen in Eichenau, und daß ‚ihr Graf ein Erzellenz und Majoratsherr’ geworden ſei. Da ſchrieb er an Doren:„Du, nun iſt Deine Mathilde auch nicht weit!e Redete mit ſeinem Major, der ein ‚Män⸗ necken war, wie Maibutter,“ ‚ſtach dieſem die ganze Geſchichte, erhielt ſeinen Abſchied als Unteroffizier ſammt den ‚properſten: Zeugniſſen,— und ‚da wären ſie nu!' „Und haben die Frau Gräfin Mathilde ſchon geſe⸗ hen,“ ſetzte Dore hinzu;„aber die iſt ein Bißchen ſtolz ge⸗ worden. Und der alte Mann, der ſie am krummen Arme herumzog, das iſt wohl ihr Papa,— heißt das Mathildens ihrer?“ „Es iſt der meinige,“ erwiederte Hermann voll Bitterkeit;„und Baroneſſe Mathilde iſt nicht meine Gemalin; ſie iſt mit ihrer Mutter zum Beſuche— bei meinem Vater. Ich bin unverheiratet, und werde es bleiben.“ „Na, das wär' noch ſchöner,“ ſprach Fritze;„wer kriegte denn nachher die ganze Wirthſchaft hier, wenn nicht ein paar kleine Majoratskinder im Hauſe'rum⸗ krabbelten?“ Hermann brach das Geſpräch ab. Er machte ihnen begreiflich, daß er durchnäßt ſei und ſich umkleiden müſſe. Morgen wolle er mit ſeinem Ka⸗ meraldirektor berathen, wohin der brave Pionnier am beſten paſſe? Dann ſchärfte er dem Haushof⸗ meiſter wiederholt ein, ‚ſeine alten Freunde aus der Stadt an nichts Mangel leiden zu laſſen, und Do⸗ ren einſtweilen bei Lotten unterzubringen;e er that dieß mit ſo viel herzlicher Sorgfalt, daß Lobeſam die Augen voll Thränen bekam und, als er das Pärchen geleitete, zu ſich ſelbſt ſagte:„Gott ſei ge⸗ lobt! Nach und nach wird er wieder unſer alter Hermann!“ 218 Tetztes Kapitel. Als Hermann ſich des Abends im Salon ein⸗ fand, fiel es der Baronin auf, mehr noch ſeiner Tante Barbara, daß über ihn ein Schatten von Melancho⸗ lie verbreitet ſei, der die wohlthätigſte Wirkung übte. Auch Mathilden entging es nicht. Es ſteigerte ihre Vorſicht im Benehmen gegen ihn; ſie wendete ſich ausſchließlich dem Vater zu, der nur für ſie Augen hatte, und ſich um die Uebrigen gar nicht beküm⸗ merte. „Gräfin, heute ſteh' ich für nichts!“ flüſterte die Stjernholm;„ich zittre vor dem Momente, wo Er um ihre Hand bei mir anhalten wird.“ „Unbeſorgt,“ antwortete ebenſo leiſe die Tante; „dafür ſind wir da— und Hermann. Sehen Sie doch meinen Hermann genauer an: gleicht er nicht wieder ſich ſelbſt, wie ich ihn damals in die Reſidenz führte? Dore's Ankunft hat den Ausſchlag gegeben; ſie hat den Frühling aus der wahlauer Holzgaſſe mitgebracht. Jetzt bin ich meiner Sache gewiß; er liebt Mathilden; er iſt wieder jung geworden.“ „Aber Mathilde, Gräfin?“ „Geduld, Baronin!“— Und ſie flüſterten wei⸗ ter, während der alte Graf mit Mathilden flüſterte, — — 219 und der junge Gebieter von Eichenau das ungleiche Paar mit großen Augen ſchweigend betrachtete. Es entging allen, ſogar der Baronin, daß Lo⸗ beſam der Tante Barbara gelegentlich einen bedeut⸗ ſamen Wink gab, worauf dieſe heftig der Baronin Hand drückte, daß dieſe laut ausrief:„Was gibt's denn?“ „Kaltes Blut, Baronin!“ ſagte beruhigend die Aebtiſſin. Und weil ſich jetzt Graf Ulrich von ſeinem Seſſel erhob, feierlich auf die Stjernholm zuſchreitend, meinte dieſe, Barbara's Händedruck habe dem Be⸗ ginnen des alten Herrn gegolten, welches allerdings auf etwas wichtiges deutete. Doch auf das Wich⸗ tigſte waren ſie nicht gefaßt, als die Worte ertönten: „Baronin Stjernholm, ich bitte um Ihre müt⸗ terliche Einwilligung zu meiner Heirat mit Mathilden!“ Hermann ſprang auf— Mathilde ließ ihren Kopf hängen— Tante Barbara theilte ihre Auf⸗ merkſamkeit zwiſchen beiden— und die Baronin, eingedenk deſſen, was für dieſen äußerſten Fall ihr von der Aebtiſſin eingelernt worden, erwiederte ſpöttiſch: „Wer hätte das in Stahlbrunn gedacht, Treuloſer?“ „Als ich in Stahlbrunn die Ehre hatte, Sie zu ſehen, war ich noch Majoratsherr. Jetzt bin ich ein 220 ſelbſtſtändiger Mann, freier Herr in meinem Wald⸗ häuschen“—— Da fiel ihm Hermann ins Wort:„Weßhalb, Vater, wollten Sie das werden? Doch nur, weil Sie ſich der Verwaltung nicht mehr gewachſen, weil Sie ſich nicht jung genug wähnten! Wähnten, ſag' ich; denn gewiß war dieß ein Wahn, wie es heute eben auch ein Wahn iſt, daß Sie...“ „Erzellenz erlauben“— unterbrach die Baro⸗ nin—„zu bemerken, daß meine mütterlichen Rechte auf Mathilden längſt nicht mehr ausſchließliche ſind. Als ich meine Tochter dem Bruder Hanns nach Mühlhaus ſchickte, übertrug ich ihm und ſeiner braven Gattin die größere Hälfte. Jenen beiden gehört eigentlich mein Kind; ich habe mir's von ihnen nur ausgelie⸗ hen. An Baron Schmalkow auf Mühlhaus muß ſich wenden, wer ihre Hand verlangt. Ich, die Mutter, laſſe ihr freie Wahl!“ „Dank, Baronin; mehr verlangen wir nicht!“ Nun kehrte ſich Graf Hermann zu Mathilden: „Will mein Vater die wohlmeinende Warnungsſtimme ſeines Sohnes überhören, vielleicht findet ſie Anklang bei Ihnen? Wiſſen Sie, was Sie beginnen? Beden⸗ ken Sie, daß mit dieſem Jawort.... Ueberlegt, was Ihr thut! Vater, Sie machen ſich unglücklich 221 und dieſes Mädchen zwiefach! Mathilde, Sie machen ſich elend, ohne ihn zu beglücken. Können Sie Groll und Rache ſo weit treiben, eines alten Mannes Ge⸗ malin werden zu wollen...“ „Alten Mannes! Alten Mannes! Seit Deiner Anweſenheit, Graf Hermann, hör' ich nichts, als dieſes Wort, welches vorher kein Menſch in meiner Nähe auszuſprechen gewagt haben würde; welches jetzt, nachdem ich es zuerſt in Gang gebracht, jedes Kind im Dorfe wiederholt.— Nun ja, ich hielt mich für abgelebt, arbeitsmüde, lebensſatt, hielt mich für alt, — in einem Anfall düſtrer Laune, die ich Ihnen verdankte, Baronin. Ich bekenn' es, mir war alles läſtig geworden, zuwider; auch meine nächſten, liebſten Umgebungen drückten mich; nur Unluſt empfand ich. Wohl denn, ich wähnte, das Alter ſei mit unwiderſtehlicher Gewalt über mich hereingebrochen, und es gäbe keine Rettung, als dieß einzugeſtehen; keinen Troſt, als den die freudig⸗eingreifende Jugend⸗ kraft meines Nachfolgers bringen ſollte, wenn ich dieſen ſchon jetzt in ſeine künftigen Rechte einſetzte. — Er langte an, dieſer jugendliche Nachfolger, und war ſo abgetragen, ſo gelangweilt, ſo langweilig, ſo verdroſſen, ſo dorfſcheu, ſo alt, daß ich mich neben ihm raſch wieder ein Jüngling fühlte. Doch ich 222 bezwang mich und meine Reue. O, ich hätt es durch⸗ geführt; hätte ſchweigen gelernt, zu ſeinen— mo⸗ dernen Anſichten, wenn nur ein Funke aus dieſer Bruſt geſprungen, aus dieſen ſeinen Augen gedrungen wäre, bei Mathildens Anblick! Wenn ich hätte hoffen dürfen, daß eine ſolche Neigung ihm auch Neigung für mein armes Eichenau einflößen würde! Für ihn habe ich mich erwärmt! In ſeinem Sinne, auf ſeinen Namen hin gleichſam, hab' ich begonnen, mich für ſie zu begeiſteen Meine Huldigungen, meint' ich, müßten ihn aus ſeiner Lethargie auf⸗ wecken; mein Bemühen um ihre Gunſt, meint' ich, müßte ihm die Augen öffnen? Vergebens! Er blieb empfindungslos, kalt,— und ich glühe! Eichenau hab' ich hingegeben an Einen, der es nicht zu wür⸗ digen verſteht, der Majorate zerſtückeln und verſcha⸗ chern will, der ſeiner Tante Wahlſpruch mit Füßen tritt, der nicht einmal die hinreißende Lobrede aufs Landleben aus Mathildens Munde zu würdigen ver⸗ ſtand. So ſei mir doch der Engel gerettet! Ja, ich ging in Liebesflammen auf. Wer mit Feuer ſßpielt, geräth bald in Feuer. Ich habe mein Blut für ſie vergoſſen; ich liebe ſie; ich will von ihr geliebt ſein!“ „Das werden Sie nicht,“ rief Hermann heftig; „das können Sie nicht werden; Nein, Vater...“ Und Mathilde fragte ihn ſchneidend kalt: „Graf Eichengrün, mit welchem Rechte erkühnen Sie ſich, daran zu zweifeln?“ „An Ihrer Mutter wär' es, meinen Vater eines Beſſern zu belehren,“ fuhr Hermann fort.„Da ſie ſchweigt, muß ich reden; muß Rechte geltend machen, die ich an Sie habe.. „Du? was ſoll das heißen?⸗ „Rechte, die auf unſere erſten Gefühle, auf die heiligſten zurückreichen! Oder ſollte Baronin Stjern⸗ holm nicht mehr wiſſen, daß ich es war, vor dem ſie einſt ihre Tochter flüchtete? ſollte ſie nicht ahnen, daß dieſe Tochter es war, deren Bild mich unbewußt umſchwebte, als ich ſpäter....“ „Graf Hermann!“ „Mit einem Worte, Vater, Mathilde war meine erſte Liebe, meine einzige. Jene Zeit iſt der Lichtpunkt meines Lebens geblieben. Ich war verkommen, gealtert, untergegangen in leerer Selbſtſucht, in matten Zweifeln an Gott und Welt. Ich hatte mich verloren, und Euch, und meines Daſeins Zweck, meines Berufes Pflichten. Ich bin erwacht, bin wieder bei Bewußt⸗ ſein, ich weiß, was ich ſoll, was ich will..... 4 „Halt ein,“ ſprach der Vater.„Mathilde, Ihre Mutter hat mir anvertraut, daß Sie eine unglück⸗ 224 liche Liebe in der Seele tragen. Wie ich's auffaßte, gilt ſie einem Verſtorbenen. Iſt's nicht ſo? Ihrer Erinnerung Heiligthum hab'ich durch läſtiges Forſchen nicht entweiht; keine Silbe kam über meine Lippen. Jetzt muß ich Sie fragen: lebt er, dem Sie die Treue bewahrten?“ Kaum hörbar antwortete ſie:„Er war mir 1 todt!“— Niemand hatte darauf geachtet, daß mittler⸗ weile Tante Barbara ſich ſtill entfernt habe. Jetzt öffnete ſie die Thür und ließ einen ältlichen Herrn ein. „Onkel Hanns!“ ſchrie Mathilde und warf ſich an ſeine Bruſt. Frau Johanna folgte. Sie trug ein Portefeuille unterm Arm. Als Mathilde die mühlhauſer Tante V entdeckte, wollte ſie auch dieſe umarmen; doch Frau von Schmalkow hielt das Portefeuille vor, wie ein Schild 6 „Noch nicht,“ ſagte Tante Barbara;„noch nicht, mein Kind; erſt laſſen Sie uns thun, was unſres Amtes iſt. Dieſe haben den weiten Weg zurückge⸗ legt auf mein flehentlich' Bitten; treffen noch ein, ehe denn es zu ſpät iſt. Erſt wollen wir im rei⸗ nen ſein, dann mögt Ihr Euch begrüßen. Hier — 225 walten Räthſel und Geheimniſſe. Geben Sie uns 1 den Schlüſſel, Mathilde, der löſen ſoll— löſen und binden.“ Mathilde ſtarrte die Aebtiſſin, ihre Tante, ihre Mutter ſprachlos an. Die Stjernholm zog den Schlüſſel, den das Mädchen an einer ſeidnen Schnur im Buſen trug, zitternd hervor und reichte ihn der Aebtiſſin, welche dan Gebrauch machte. Mathilde ließ alles geſchehn. Tante Johanna griff in die offene Brieftaſche und brachte eine Handvoll Piniere heraus, die ſie auf den Tiſch legte. Onkel Hanns benützte dieſen Augenblick, ſich vor dem alten Grafen zu verneigen:„Erzellenz, ich wage kaum zu fragen, ob es Ihr Wille iſt, daß wir auf ſo unerhörte Weiſe hier eindringen... 2“ „Ich habe hier nichts zu wollen; Sie ſind bei 4* meinem Sohne!“ „Gräfin Barbara Eichengrün hat uns hieher beſchieden—“ „Mathildens Pflegeeltern zu begrüßen, gewaͤhrt mir Freude, Baron Schmalkow!“ Beide traten näher zum Tiſche, den die Uebri⸗ gen ſchon umſtanden. 1857. XVI. Noblesse oblige. III. 15 226 „Meine Briefe!“ jubelte Hermann und erfaßte einen davon, und las:„Jungfräulich Kind! Blume unter Blumen! Engelbild von grünen Blättern um⸗ kränzt! Sei, wer Du willſt, nie wird aus meiner Seele die Hoffnung weichen, daß Du geboren wur⸗ deſt, mein zu ſein! Daß ich Dich einſt erringe, ſei's mit dem Schwert' in der Hand? Sei's mit einer Blume, lieblich gleich Dir!““ Die Stjernholm hatte ein anderes Blättchen ergriffen. Mathilde wollt' es ihr entreißen. Doch die beiden Tanten, Johanna und Barbara, hielten ihr die Hände und ihre Mutter las:„Unbekannter junger Krieger! Der Du mit ernſten, ſanften Augen nach mir blickeſt; ſo ſtolz und ſo beſcheiden. Sei, wer Du magſt, nach Deinem Namen frag; ich nicht. Doch ich weiß, denn Gottes Stimme ſagt es mir, Du begegneſt mir wieder; hier oder dort? Im Him⸗ mel, oder auf Erden? Ich bin Dein ℳ— Und als ſie es geleſen, ſetze ſie freudig hinzu: „Tante Barbara hat richtig gecehen; o Gott, wie war ich verblendet!“ „Das iſt der Lieutenant aus der Reſidenz?“ ſagten Onkel Hanns und Tante Johanna. „Der Ihre Ankunft ſegnet— und Deine Weis⸗ 227 heit verehrt, meine alte, liebe, liebe Helferin, meine Retterin!“ ſprach Hermann zur Aebtiſſin. Mathilde hatte ſich zu ihrem Oheim geflüchtet, auf deſſen Schulter ihr Antlitz lehnend, um ihren Thraͤ⸗ nen dort freien Lauf zu laſſen. Der alte Graf, von den zwei Gruppen, die ſich vor ihm gebildet, einige Schritte fern, ſtand hoch und ruhig da, ſeine Würde vollkommen behauptend. Barbara näherte ſich ihm:„Zürneſt Du mir, Ulrich?“ „Im Gegentheil, Schweſter; auch ich habe Dir zu danken. Du haſt dem Blinden den Staar geſto⸗ chen; ich fange wieder an zu ſehen. Nur geht's noch ſchwach; das neue Licht blendet noch. Vielleicht bin ich ſpäterhin ſtark genug, ſeine Strahlen zu vertra⸗ gen. Fürs erſte will ich mich in meine Dunkelheit zurückziehen.“* Er machte Miene den Saal zu verlaſſen— Hermann warf ſich* ſeinen Füßen:„Auf meinen Knieen, Vater, beſchwör' ich Sie, ſcheiden Sie nicht im Grolle! Zerſtören Sie nicht Ihr eigenes Werk, indem Sie mir das Glück rauben, deſſen ich nur froh werden kann, wenn die Huld des Mannes mir lächelt, der mich zu ſeinem Nachfolger hierher berief. Dieſen Fluren entwachſen, entfremdet ſah ich ſie 153 228 wieder. Was ſie mir mit ſüßen Stimmen aus der Kindheit entgegenriefen, wies ich zurück, wie Kinder⸗ geſchwätz; ſtellte mich taub gegen ihre Melodieen; verhärtete mich gegen vernehmliche Bitten. Ich habe gelogen, da ich Gleichgiltigkeit heuchelte, wo mein Herz nie verſtummte. Ich wäre bei der Lüge geblie⸗ ben, zwänge mir nicht die Ehrfurcht für meinen Va⸗ ter ein Geſtändniß ab. Ich liebe Mathilden, habe ſie geliebt, auch als ich ſie vergeſſen hatte; liebe ſie, wie man ſeiner Jugend himmliſche Reinheit liebt. Fort mit der Lüge! Mathilde, bleibe auch Du bei der Wahrheit, die Dich ſo ſchön kleidet. Bekenne dieſem alten Manne, daß es nur Reſignation war, die Dich in ſeine Arme trieb; daß die Geringſchätzung gegen mich Undankbaren Deine Verehrung für meinen Vater bis zur Verirrung ſteigerte; daß Du Dich opfern wollteſt, dem Irrthum eines Grei⸗ ſes und Deinem eigenen,— nur um die Liebloſig⸗ keit eines jungen Mannes zu beſtrafen. Unſelige, dieſe Strafe träfe nicht den Strafbaren allein; ſie träfe auch ihn, den Du bethörteſt; ſie träfe auch Dich, die im Opfer keinen Troſt, in der Rache keine Ruhe finden würde. Bekenne ihm, daß es meine, nur meine Briefe ſind, die Du ſorgſam geſammelt, die Du innig, heimlich erwiedert, treuliebend bewahrt V 229 haſt. Beſtätige ihm, daß, wie Du den Schlüſſel auf Deinem Herzen, Du die Gewalt im Herzen trägſt, mich loszureißen von jener Welt des leeren Schei⸗ nes, und mich heimzuführen in den Tempel der Na⸗ tur. Sag' ihm, Du willſt die Gattin des jungen Grafen auf Eichenau werden, damit der alte Graf nie bereuen dürfe, daß er den Sohn zum Herrn gemacht, bei Lebzeiten des Vaters. Mit Dir, Ma⸗ thilde, Jugend, Freude, Thätigkeit, Menſchenglück, Liebe!— Ohne Dich Zweifel, Ueberdruß, Unmuth und keine Jugend mehr!— Vater, willſt Du Dich von uns wenden?“ Der alte Graf ermannte ſich und mit wahr⸗ haft vornehmer Milde ſprach er zu Mathilden: „Zieh hin und ſei glücklich! Ich gebe die Braut für den Sohn; ich habe meinen Hermann wieder und dieſe Herrſchaft bleibt, was ſie war. Wollt Ihr mich denn aber auch manchmal im Waldſchlößchen beſuchen?“ „Das iſt ein entſchiedener Fortſchritt, wie mich dünkt!“ vertraute Schmalkow ſeiner Frau Johanna. Dieſe erwiederte:„Mich dauert einwenig der alte Herr; es kam ihm nicht gar zu leicht an.“ Doch Baron Hanns meinte:„Was da, was dort; wo Holz gehackt wird, da fallen Späne!“ 230 Tante Barbara drang auf Beſchleunigung der Hochzeitsfeierlichkeiten;„denn ſie habe,“ verſicherte ſie, „nicht viel Zeit vor ſich, die Freude an ihres Her⸗ mann's glückſeliger Umwandlung zu genießen.“— An demſelben Tage, wo Mathilde Gräfin Eichen⸗ grün wurde, vermälte der eichenauer Geiſtliche noch zwei andere Paare: den Revierjäger Walter mit einer ſicheren Lotte und den ‚Aufſeher ſämmtlicher Teiche und Fiſchweiher des Majorates’ Friedrich Merk mit Dorothea Puſelmeyer. Tante Barbara ſchied in Liebe von ihren guten Kindern und ging, voll Dankbarkeit gegen Gott, nach Friedhain zurück. Baronin Stjernholm empfing von ihrem Bru⸗ der die Erlaubniß, mit ihm und Schwägerin Johanna nach Mühlhaus zu ziehen, um dort in aller Bequem⸗ lichkeit eine ‚alte Frau’ zu werden, was Onkel Hanns als offenbaren Fortſchritt begrüßte. Der alte Graf Eichengrün bewohnt ſein Wald⸗ ſchlößchen, wohin Lobeſam willig und ergeben folgte, ohne auch nur eine ſeiner ſchönen Perücken mitzu⸗ nehmen. Wir trennen uns von dem würdigen Haus⸗ hofmeiſter, wie er gerade in Gegenwart der ‚eichen⸗ auer Herrſchaften, die den„Papa’ beſuchen, eine Marmortafel, ein Geſchenk, welches Tante Barbara —— 231 geſendet, über der Eingangsthür in die Mauer ſen⸗ ken läßt. Gräfin Mathilde hat auch eine Gabe aus Fried⸗ hain empfangen: einen Mahagonikaſten, angefüllt mit altem Familienſchmuck. Auf dem Deckel ſteht zu leſen:„‚Noblesse oblige.“ Die Inſchrift der Marmortafel hat Tante Bar⸗ bara ihrem und Ulrich's Lieblingsdichter Viieddih Rückert entlehnt: „Mit der Sommerlüfte Glüh'n Iſt erloſchen Roſenbrand, Aber blaſſ're Blumen blüh'n Schön noch an des Lebens Rand.“ Ende. Prag 1857. Druck von Kath. Gerzabek. ——