ME 4 3 3——— 1 Leihbibliothek B Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 4 Teih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 3 f z 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von e jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ d⸗ den angenommen.—. 3,(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe d hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 144 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 4 für whchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 7 1 ſſ ſ 7„—„=„ 4„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſur zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 8 7. ALBUM Bibliothek deutſcher Briginalromane der beliebteſten Schriftſteller. Herausgegeben von J. L. Keber. Zwölfter Jahrgang. Fünfzehnter Band. 3*„ Noblesse oblige- II. 1857. Prag& Leipzig, Verlag von J. L. Kober. Noblesse oblige. Roman in drei Bänden. Von Karl von Holtei. Zweiter Band. „Und ſo gewinnt ſich das Lebendige Durch Folg' aus Folge neue Kraft; Denn die Geſinnung die beſtändige, Sie macht allein den Menſchen dauerhaft.“ Göthe. 1857. Prag& Leipzig, Verlag von J. L. Kober. Eilftes Kapitel. Der alte Gärtner ſtand unter ſeinen Orangen⸗ bäumen und ſuchte die Räume auf, die etwa noch mit kleineren Gewächſen auszufüllen wären, damit das Auge des Beſchauenden nicht durch leere Plätze beleidiget würde.„Hier,“ meinte er,„darf niemand gewahr werden, daß draußen der Winter im Anmarſch iſt; und wenn die Herren von der Jagd kommen, hübſch durchgefroren vom erſten Oktoberfroſte, und ſie treten bei mir ein, da ſollen ſie denken, es gäbe gar keinen Winter. Meinen weißen Schädel dürfen ſie freilich nicht ſehen, ſonſt glauben ſie, es iſt ſchon Schnee gefallen.“ Der Gartenknecht trug allerlei Geſchirre herbei mit perennirenden, vollblättrigen Pflanzen, die er nach Wiesner's Anordnung unterbrachte. 1857. XV. Noblesse oblige. II. 1 „Wer war denn der Jägersmann, Gottlieb, der gerade jetzt erſt in den Schloßhof eingefahren iſt? Der hat ſich ja erſtaunlich lange beſonnen, ob er mitmachen ſoll, oder nicht?“ 4 „Das war kein Jäger nicht, Herr Gärtner, und auch kein Mann, das war bloß die gnädige Frau Stiftsgräfin.“ „Tante Barbara?“ ſchrie Wiesner, und hob, wie zum Gebete, ſeine gefalteten Hände in die Höhe. „Weißt Du's auch gewiß, Gottlieb? Haſt Du ſie mit eigenen Augen geſehen und erkannt, daß ſie es ſelber war?“ „Sie ſelber nicht; wohl aber den bewußten Niklas, der mit unſerm geſtrengen Herrn Haushof⸗ meiſter handtirte, vonwegen der Unterkunft, weil ſie der gnädigen Frau Tante ordinäres Loſchament einem anderweitigen Jagdgaſte eingeräumt haben. Es ſetzt, glaub' ich, Verdruß.“ „Hm! das iſt auch verdrüßlich. Hätte nicht geſchehen ſollen.“ „Der Herr Haushofmeiſter ſagten: ‚Wer konnte vorausſehen, daß Ihr in dieſen Tagen eintreffen würdet? Warum hat die gnädige Gräfin nicht vor⸗ her geſchrieben?⸗“ „Hätte doch nicht geſchehen müſſen; ihre Ge⸗ 3 mächer durften nicht entweiht werden durch fremde Gäſte, durch Stiefeln, Sporen und Tabaksrauch.“ „Aber ſchreiben konnte ſie's immer, und ſich anmelden thun! Iſt ja eine Ewigkeit nicht in Eichen⸗ au geweſen. Dachten wir doch alle, ſie hätte uns für immer verlaſſen?“ „Ja, das dachten wir, Gottlieb, und ich auch. Ich hab' es auch gedacht. O der Menſch iſt ein kleingläubiges verzagtes Kreatur,— außer wenn er übermüthig iſt. Und taugt Eines ſowenig wie das Andere. Nun bringe nur flugs den Beſen herbei und fege mir das Plätzchen vor der Bank ſo rein, daß man auch nicht ein Stäubchen auf den Quaderſteinen ſieht. Und aus dem warmen Hauſe hole den Jasmi- num gracile herüber, der ſeit vorgeſtern blüht; der kommt hinter die Bank zu ſtehen, ſo daß die Zweige gerade über die Lehne hangen. Geht er drauf, ſo geht er drauf. Für Tante Barbara ſterben, iſt ein ſchöner Tod, und hat er ihr einen Tag hindurch Freude gemacht, iſt ihm doch großes Glück widerfahren vor ſeinem Ende. ‚Wer ſo ſtirbt, der ſtirbt wohl!⸗ heißt's im Kirchenliede. Ich wollte, man könnte das eben auch von mir ſingen.“ Gottlieb entfernte ſich, die ihm gewordenen Auf⸗ träge zu erfüllen. Bald darauf knarrten die Angeln 1* 4 der lange nicht geöffneten Seitenthür, deren im An⸗ fang dieſer Geſchichte Wiesner gegen Hermann Er⸗ wähnung gethan, und Gräfin Eichengrün betrat den kleinen duftigen Zauberwald ihrer Jugend, ihrer Liebe, ihrer Entſagung. Wiesner ging ihr entgegen. Reden konnte er nicht. Mit erſtickter Stimme ſchluchzte er nur:„Ueber drei Jahre iſt es her, über drei Jahrela... Sie führte ihn aus dem dunklen Hintergrunde an des Tages Licht, dann betrachtete ſie aufmerkſam den alten Liebling, klopfte ihn auf die noch immer friſchgeröthete Wange und ſagte zufrieden:„Hältſt Dich noch wacker, biſt noch auf den Beinen, immer thätig, alles in Ordnung, wie ich ſehe!“ „Für wen, Tante?“ fragte er.„Erzellenz küm⸗ mert ſich nicht viel um meine Pflanzungen und Wälder, hat draußen genug im weiten, großen zu thun. Und Tante Barbara kommt nicht, danachzu⸗ ſchauen, mich zu tadeln, zu loben wie einſtmals. Für wen?“ „Sei nicht dumm, Wiesner. Für wen? Für die Gewächſe, die da leben, athmen, duften, blühen zu des Schöpfers Ehren, und auch ihr Theilchen Luſt in ihren Seelen fühlen, daß ſie da ſind, wenn wir ſchon nicht begreifen, wo es ihnen ſitzt? Für den 5 Schöpfer, der ſich immer freut, wo ſeine Geſchöpfe anderen Geſchöpfen Pflege und Sorgfalt angedeihen laſſen, mögen die Pfleglinge Menſchen, Thiere, oder Bäume ſein. Und zuletzt für Dich, mein Freund! Für Dich ſelbſt! Für Dein Bewußtſein, für Dein Pflichtgefühl, für Dein eigenes Bedürfniß, folglich für Dein Glück. Ich hab' Dich recht gern, aber ich kann's nicht leiden, wenn Du ſo dumm biſt.“ „Das kommt vom Alleinſein, Tante Barbara. Seitdem Sie mir das Mikroſkop geſchenkt haben, red' ich ſchier mit keinem lebendigen Menſchen, als etwa mit dem Gottlieb. Auch mit dem nur, was ſein muß.“ „Jetzt bin ich hier, und will Dich ein Bißchen aufrappeln; will Deine Zunge wieder in Gang brin⸗ gen. Du darfſt mir nicht gar menſchenſcheu werden. Das iſt auch nichts.“ „Aber wie Sie munter und fir ſind, Frau Grä⸗ fin, das iſt ja eine reine Pracht; wie Sie aus Ihren zwei beiden Augen herausgucken! Nicht ſattſehen kann ich mich daran. Nun kriegen wir doch auch unſern lieben Hermann wieder einmal nach Eichenau!? Ach ſicher! Der Hermann wird nicht wegbleiben, weiß er ſeine Tante Barbara bei uns! Die Leute im Schloſſe verſpitzten ſich wohl drauf, der Erzellenz⸗ 6 Herr würd' ihn mitbringen, da er im vergangenen Jahre nach der Refidenz reiſete. Ich ſprach aber gleich zu meinem Gottlieb: Laßt Euch nicht auslachen! Ehe nicht die Tante hier iſt, gibt es auch keinen Her⸗ mann. Nun haben wir die Tante, nun wird auch der Hermann nicht ausbleiben!“ „Wie lange war er nicht hier? Haſt Du's ihm ebenſo nachgerechnet wie mir?“ „Was werd' ich nicht! Drei Wochen höchſtens nach Ihnen iſt er abgereiſet, das wird der ganze Unterſchied ſein. War das damals ſchön, wie er nur noch beim Papa blieb, bis ein Brief anlangte, der ihn abriefe, der Tante nach; und wie er tagtäglich zu mir kroch, ich mochte ſtecken, wo ich wollte, und ſchwatzte in einem Athem mit mir von unſerer Hei⸗ ligen, von unſerer friedhainer Gräfin. Er trennte ſich wohl ſchwer von Eichenau. ‚Hätt' ich's ihr nicht verſprochen!’ rief er immer aus, ‚wer weiß, was noch geſchähe?““ „Und ſeitdem ſind drei Jahre vergangen, und in dieſer langen Friſt hat es ihn nicht getrieben, nur auf ein paar Tage ſein geliebtes Eichenau zu ſehen? Was hielt ihn denn zurück? Ich nicht, wie Du weißt, denn ich lebe ja in Friedhain und habe 7 es während der letzten Jahre auch nicht verlaſſen. Weßhalb iſt er denn weggeblieben?“ „Ja, ich denke, er wird keinen Urlaub gehabt haben, oder ſo etwas.“ „Mitten im Frieden? Das weißt Du beſſer. Uebrigens wird Euch auch nicht unbekannt geblieben ſein, daß Graf Hermann die militäriſche Laufbahn verlaſſen und ſich einer andern zugewendet hat?“ „Ja, ſie haben in der Küche davon gemunkelt.“ „In der Zwiſchenzeit hing es alſo nur von ihm ab, ſo lange in Eichenau zu weilen, als er wünſchte. Dieſer Wunſch iſt jedoch in ihm nicht regegewor⸗ den; folglich bin ich der Anſicht, der Aufenthalt in der Reſidenz feſſelt ihn ſo mächtig, daß er Eichenau darüber vergaß,— und Euch alle! Nein, Wiesner, um mich hier zu finden, kommt er gewiß nicht. Er vermeidet mich. Er iſt nicht mehr unſer Hermann. Er iſt ein junger Herr geworden— wie ſie ſind!“ „Schreibt er denn nicht an Sie? Leſen Sie ihm nicht tüchtig den Text?“ „Wozu? Was ſoll das helfen? Ich habe nichts zu befehlen,— und hätt' ich's, ich ließ' es auch unterwegs. Ich konnte nur liebreich warnen, bitten, erinnern. Wenn die Liebe keinen Wiederklang mehr erweckt, dann verſtummt ſie, zieht ſich in ſich ſelbſt 8 zurück. Sie erliſcht nicht, bei Gott, das thut ſie nicht. Aber ſie ſchweigt und harrt, bis etwa wieder einmal einer der wohlbekannten Töne aus früheren Tagen in ihr Verſteck dringt.— Du mußt Dich nicht betrüben, Wiesner, es iſt nicht etwa ſo ſchlimm, daß er uns Unehre machte, oder daß ſein Vater ſich über Erzeſſe zu beſchweren hätte? Durchaus nicht. Im Gegentheil: Graf Hermann hält ſich ſehr nobel und gut; iſt ein vollkommener Kavalier geworden; in den Studien, die er für ſeine künftige Stellung braucht, ausgezeichnet durch Fleiß und Wiſſen, in allen gro⸗ ßen vornehmen Häuſern wie Kind im Hauſe, bei Hofe eſtimirt, von den Machthabern protegirt, von den Damen vergöttert....“ „Was wollen wir denn mehr, gnädige Tante Frau Abbatiſſin?“ jauchzte Wiesner und fuhr ſich vor Entzücken in die Haare, daß ſie hoch emporſtan⸗ den wie weißgebleichte Halme kurz vor der Ernte; „was brauchen wir mehr? Dann hat er ja alles, was ihm noththut!“ „Es ſcheint, als ob ſein Geſchick nicht müde würde, ihn mit Glücksgaben zu überhäufen. Denn ſchon unterliegt keinem Zweifel mehr: Theodor geht einem frühzeitigen Tode entgegen; Graf Hermann —— — 9 tritt in die Rechte des Majoratsherrn! Vielleicht ſehr bald.“ Wiesner wollte ein zweitesmal in Entzücken ausbrechen. Doch ſein beſſeres Gefühl gebot ihm alſogleich Mäßigung und belehrte ihn, daß es ſünd⸗ lich ſei über das Ableben eines Menſchen zu ju⸗ beln, den er zwar nie liebgehabt, der darum doch der älteſte Sohn ſeines Herrn, der geborene Erbe von Eichenau war. Er begnügte ſich folglich mit der Aeußerung,„der ewige Lenker der Welten müſſe doch in Seiner Allwiſſenheit für gut befinden, daß ein ſo großer Beſitz nicht in die Hände eines Herrn ge⸗ lange, der— bei aller Ehxerbietung für Grafen Theodor geredet,— nie gezeigt habe, daß er ein gutes Herz und eine liebevolle Geſinnung für die ‚kleinen Leute“ in der Bruſt trage. Aber unſer Her⸗ mann, ja, der iſt berufen und auserwählt den jetzi⸗ gen Grafen zu erſetzen. Der wird die Wirthſchaft mit Leib und Seele führen, wie ſein Papa; der wird auch denken: ‚leben und leben laſſen. Der hängt an Eichenau, ſo feſt, ſo feſt...“ „Daß er durch zwei Jahre,— denn von der erſten Epoche ſeines Aufenthaltes in der Reſidenz will ich nicht ſprechen,— daß er durch zwei volle Jahre keinen Antrieb fühlte, auch nur eine Stunde lang 10 die Luft zu athmen, die ſo rein und himmliſch von unſern Bergen in dieß geſegnete Thal weht; daß es ihn nicht einmal hinzog zu dem Orte, wo ſeine Mutter ruht, wo ſeine Wiege ſtand, wo er als Knabe mit den Knaben des Dorfes ſpielte und von allen vergöttert wurde, weil er ſie behandelte, wie wenn er nicht aus dem gräflichen Schloſſe, wie wenn er aus einer ihrer Hütten ſtammte; daß er nicht einmal nach Friedhain ſchrieb: ich bin dann und wann in Eichenau; Tante Barbara, ſei auch da! Nein, Wiesner, der iſt nicht mehr unſer, iſt nicht mehr mein Hermannz; ſie haben dort einen Andern aus ihm gemacht. Und ich darf's nicht ſagen, ich darf's nicht klagen; ich darf meinem Bruder nicht zeigen, wie mir der neue Hermann fremd und unheimlich iſt; denn ich bin ja Schuld, daß es ſo kam! Ich hab's ja herbeigeführt, ich thörichtes altes Menſchenkind! Gedachte es ja Wunder wie weiſe und gut zu ma⸗ chen und habe ihn ſelbſt dahin geliefert, wo ſie ihm ſein liebes, mildes, ſtürmiſches, unkluges Herz her⸗ ausgenommen und umgetauſcht haben gegen ein glattes, kaltes, künſtliches Uhrwerk.— Wem ſoll ich denn ſonſt vorjammern, außer Dir, der Du mich kennſt und ihn, und uns beiden anhängſt, und weißt, was ich ihm war, und ach, was er mir! Sie wun⸗ 11 dern ſich im Schloſſe, wo ich heute auf einmal her⸗ falle wie vom Himmel herab? Sie haben ganz Recht. Es gibt gar keinen Grund, gar keinen andern, Wies⸗ ner, als weil ich es nicht mehr in mich verſchließen konnte, weil ich das Bedürfniß fühlte, einem Men⸗ ſchen, einem lebendigen Weſen mitzutheilen, was mich ſo tief betrübt. Ich ſann und ſann, bis ich zuletzt bei Dir ſtehen blieb. Du warſt der treue Hüter meines erſten, ſchmerzhaften Geheimniſſes; haſt es nur ihm enthüllt, von dem Du wähnteſt, daß er ſich niemals von mir wenden könne. So empfange nun auch das letzte Geheimniß dieſes alten einſamen Lebens, vielleicht noch ſchmerzhafter als jenes erſte war. Denn die Trennung von meinem Geliebten galt für ein Opfer; ich verlor und ge⸗ wann, ich gab und nahm, ich ſchied mich von ihm, und blieb doch die Seinige. Hier iſt's nicht ſo. Hier ſagte er ſich los von mir, der mir alles war, der mir noch alles iſt, den ich liebe mit einer höhe⸗ ren, reineren, eben darum mächtigeren Liebe, als ich damals den Fürſten geliebt. Was hat denn die alte Jungfrau, der kein Kind zur Seite ſteht, was hat ſie denn, um die Tiefe ihrer Seele auszufüllen, als ein Kind ihrer Wahl? Und fügt es ſich ſo glück⸗ lich, daß dieſe Wahl auf den leiblichen Enkel einer 12 angebeteten Mutter fallen kann, dann braucht ſie nichts mehr, dann iſt ſie reich, dann hat Gott ſie vollaufgeſegnet für jede Entbehrung, für jede häus⸗ liche Freude, die ihr ſonſt verſagt blieb. So liebte ich meinen Hermann. Und ich verlangte nichts von ihm, gar nichts,— nur daß er wiſſe, daß er em⸗ pfinde, was er mir galt. Ja, hätt' er, ich weiß nicht was begangen; hätt' er das Aergſte gethan— geraubt und gemordet— und wäre mir mit Schmach und Blut befleckt auf öffentlichem Markte in die Arme geſtürzt, ich hätt' ihn nicht verleugnet. Aber daß er mich verleugnet, daß er in gemeſſenen, wohl⸗ erwogenen Ausdrücken, in durchdachter Ueberlegung Briefe an mich ſchreibt, in denen von allem die Rede iſt, nur von dem Einen Einzigen nicht, was ich her⸗ ausleſen möchte: von kindlichem Vertrauen, von un⸗ befangener offenherziger Anhänglichkeit; daß er ein kluger, beſonnener, fühlloſer Weltmenſch geworden iſt,— werden konnte... Wiesner, es bringt mich um. Ihm wollt' ich's geſtehen. Wie viele Briefe hab' ich entworfen, die ihm ſchildern ſollten, was in mir vorgeht! Immer warf ich die Feder wieder fort: es iſt unnütz! Er verſteht mich nicht mehr. Denn beſäße er noch die Fähigkeit zu begreifen, worin mein Leiden beſteht, er wäre dann auch unfähig, es mir 13 zu bereiten. Eins folgt aus dem Andern. Er will mir nicht wehethun; er hat nur den Maßſtab ver⸗ loren für Herzen, und was dazu gehört. Und das iſt das Unglück. Ich hielt es nicht länger aus; ich wäre wahnſinnig geworden! Nun ich Dir's entdeckt, fühl' ich mich ſtärker, werd' ich mich wieder faſſen. Ich hab' Dich oft im Scherze dumm geſcholten; doch weiß ich, Du haſt vollkommen aufgefaßt, um was es ſich handelt, mag ich's vielleicht auch recht verworren vorgebracht haben. Du beſitzeſt nun mein zweites Geheimniß, wie jenes erſte. Bewahr' es ebenſo treu, enthüll' es ebenſo nur ihm— doch nicht frü⸗ her, als bis ich unterm Boden bin. An meinem Grabe ſagſt Du's ihm, Wiesner, auf Deine Art und Weiſe. Vielleicht erſchüttert's ihn? Vielleicht macht es ihm Reue? Vielleicht grämt er ſich, wenn er ver⸗ nimmt, daß ſeine höfliche Beobachtung verbindlichſter Formen der alten Barbara Herz gebrochen? Gott der Gnade, verhänge ſolche Erſchütterung, ſolche Reue, ſolchen Gram über Hermann Grafen Eichengrün, auf daß dieſen Fluren und deren Bewohnern zugute kommen möge, was ich erlitten habe! Gib mir Dein Wort, Wiesner, Dein Ehrenwort! Es iſt eine ſchand⸗ bare Verleumdung, wenn ſie ſagen, Ihr Leute, Ihr 14 hättet kein point d'honneur. Ich kenne das beſſer. Gibſt Du's?“ „Alles, was recht iſt, lobt Gott, gnädige Tante. Wenn ich früher ſterbe, wie ich glaube und hoffe, ſo kann ich's nicht mehr ausrichten. Sonſt— auf Ehre! O ja, Ehre hab' ich auch, halt' auch drauf — und hier ſteh'n meine Zeugen um uns herum und bekräftigen's mit ihren grünen Zungen. Nur möcht' ich bitten,... wenn Sie halt doch vielleicht zu raſch wären mit Ihrer Verurtheilung,... und er hätte vielleicht nur grade vielerlei im Kopfe—. daß zufällig... aber darum doch brauchte inwendig noch keine Veränderung vorgegangen zu ſein,— und ſein Herz, wie er's von Vater, Mutter, Tante überkommen, wär' noch nicht umgetauſcht,... wenn die Frau Gräfin ihm zu viel thä...... 24 —„Wiesner!—!“ Mehr ſagte ſie nicht. Doch es lag in dem Tone, womit ſie es ſagte, unendlich viel. Und der alte Gärtner hörte es heraus, denn er erwiederte darauf:„Freilich, freilich wohl! Sie mußten von der traurigen Wahrheit ſich feſt überzeugt haben, ehe Sie zu dem Entſchluſſe gelangten, mir eine ſolche betrübte Eröffnung zu machen. Und da will ich mich denn fügen und mit Ergebung harren, was Gott über 15 uns verhängt. Ich meine jedoch, ſo wird's nicht bleiben.... und wenn man ſo recht von der Le⸗ ber mit ihm redete—.... darf's denn nicht vor Euer gräflichen Gnade Abſterben geſchehen? Es wäre ſicherer, will ich vermeinen, weil ich ſchier ein Dutzend mehr auf dem Buckel trage wie gräfliche Gnaden?“ „Wiesner, ich hab' Dein Ehrenwort; Deine Bäume ſind Zeugen geweſen; die ſchwatzen nichts aus. Was verrathen würde, könnte nur von Dir ausgegangen ſein. Nur mein Tod löſet Deine Zunge. Wer vorher plaudert, hat keine Ehre!“ „Gut, ich geh's ein; Ihr Tod,— und ſterb' ich vor Ihnen, meine letzte Stunde. Kann ich den Hermann um jene Zeit errufen, daß er etwa hier wäre... man weiß nicht, wie's Gott ſchickt.. 2“ „Dann darfſt Du reden. Bis dahin: reinen Mund!“ Sie reichte ihm die Hand, die er beſcheiden küßte, und dann wollte ſie das Glashaus ſchnell ver⸗ laſſen, da öffnete ſich die Thüre, durch welche ſie ge⸗ kommen war und ihr Bruder ſtand vor ihr. Ohne auf des Gärtners Anweſenheit zu achten, ohne ſie zu begrüßen, oder ſein Erſtaunen über ihren unan⸗ gemeldeten Beſuch auszudrücken, rief er, faſt athemlos, 16 ihr haſtig zu:„Lobeſam ſchickt mir einen reitenden Boten hinaus,— ich verlaſſe die Jagd— will nur hören— was iſt geſchehen? Du meldeſt ein Unglück.“ „So weit iſt's denn gediehen,“ ſagte ſie freund⸗ lich,„mit dem Hauſe Eichengrün, daß Deines Vaters Tochter eine traurige Botſchaft bringen muß, um im Schloſſe erſcheinen zu dürfen? Bin ich denn ein Geſpenſt bei lebendigem Leibe, daß ich in dieſen Räumen nicht umhergehen darf?— Es iſt nichts neues geſchehen, nichts plötzliches. Nur über ſchon bekannte, ernſte Sachen wollt' ich vor Beginn des ſtrengen Winters mit Dir ein Wort wechſeln und hab' es ſchlecht getroffen: bin mitten in Euren Jagdtrubel gerathen, und jetzt iſt gar Dein Ver⸗ gnügen geſtört worden. Das lag nicht in meiner Ab⸗ ſicht. Kehre wieder zu den Gäſten zurück.“ „Keineaneges, Barbara. Der Forſtmeiſter leitet die Jagd, ich bin dort nicht mehr nöthig. Wir ha⸗ ben zwei Stunden, bis die Pflichten des Schloßherrn mich hier wieder in Anſpruch nehmen. Deine Zim⸗ mer ſind ſchon geräumt, den durch Lobeſam's Un⸗ bedachtſamkeit dahineingelegten Schützen ſind ander⸗ weitige Herbergen ausgemittelt, tant bien que mal; bei Dir iſt die althergebrachte Ordnung eingeführt. Du ſollſt nichts davon merken, wenn das wilde Heer 17 von der Jagd heimkommt. Ich erwarte Deine Mit⸗ theilungen. Ohne Zweifel betreffen ſie Theodor.“— Dieß alles war ſchon im gehen geſagt worden. Barbara bat ihren Bruder, ſchweigen zu dürfen, bis ſie beide allein in ihren Räumen wären. Am Vor⸗ zimmer ſtand Lobeſam, der ſich entſchuldigen wollte. „Schon gut,“ lächelte die Tante. „Halt's Maul,“ ſchalt der Graf. Bruder und Schweſter zogen ſich in Barbara's Schlafgemach zurück, weil draußen Chriſtiane und Nik⸗ las mit Eifer daran arbeiteten, Mobilien verſchie⸗ denſter Gattung in den ſeit einem halben Jahrhundert unerſchütterten Beſitz ihrer Rechte zu bringen.„Sonſt bild' ich mir ein, wir wären gar nicht in Eichenau?“ äußerte Chriſtiane ſo laut, daß es der Graf noch hören mußte. „Du haſt Briefe,“ begann dieſer, nachdem er die Thüre hinter ſich geſchloſſen;„ſind entſcheidende Ver⸗ änderungen in Theodor's Krankheit eingetreten?“ „Die Oberſthofmeiſterin hat mit ſeinen Aerzten geredet. Beide ſtimmen überein, daß er den Geſetzen ihrer Wiſſenſchaft zufolge ſchon geſtorben ſein müßte. Aber nichtsdeſtoweniger ſpottet ſeine zähe Natur ihrer Vorausſagungen ſtets wieder aufs neue. Doch, daß er den Winter überlebe, erklären ſie für unmög⸗ 1857. XV. Noblesse oblige II. 2 * 18 lich. Den Kranken zu ſehen, zu ſprechen, gelingt keinem ſeiner Bekannten, obgleich mehrere, die ich durch dritte Perſonen dazu auffordern ließ, ſich die größte Mühe darum gaben. Er läßt niemand vor. Die Aerzte ſehen keinen rechten Grund dafür; denn ſie verſichern, daß ſeine Umgebungen nicht im ent⸗ fernteſten die Spuren eines gewöhnlichen Kranken⸗ zimmers tragen. Er ſitzt zwar in einem Armſtuhl, der ſich nach Bedürfniß zur chaise longue umwandeln läßt; doch macht er täglich um zwölf Uhr Toilette und beſindet ſich, wenn er die Mediker erwartet, im ſauberſten Zuſtande. Sie haben ihm wiederholt an⸗ gerathen, zur zerſtreuenden Erheiterung einige Freunde um ſich zu verſammeln. Bei dem Worte ‚Freunde: hat er bitter gelächelt. Und als ſie darauf beſtan⸗ den, weil belebte Geſpräche ihn von ſeinen mitunter ſehr heftigen Schmerzen abziehen würden, entgegnete er:„Später, ſpäter, meine Herren; jetzt noch nicht! Woraus ſie entnahmen, daß er auf Geneſung hofft; eine Hoffnung, die ſie natürlich zu rauben ſich nicht berechtigt finden, mag ſie ihnen auch noch ſo grund⸗ los erſcheinen. Er will keinen Menſchen um ſich haben, als ſeinen Bruder.“ „Der ſich denn auch hier, wie überall, muſter⸗ haft benimmt. Ja, Barbara, wenn es ein großer 19 Schmerz für den Vater ſein muß, den älteren Sohn ſo frühem Grabe entgegenſiechend zu wiſſen, ſo ge⸗ währt es doch auch andererſeits erfreulichen Troſt, an dem Jüngeren ſoviel Freude und Ehre zu erle⸗ ben. Ich kann Dir gar nicht ſchildern, welche gün⸗ ſtige Zeugniſſe von allen Seiten über ihn einlaufen. Er wird raſche, große Carriére machen. Und er iſt noch ſo jung. Wie vollkommen rechtfertiget er ſchon unſere beiderſeitige ihm zugewendete Vorliebe! Wie muß es Dich erheben und beleben, wenn Du Dir ſagſt, daß Deine Energie ſeine intime Verbindung mit Theodor herbeigeführt hat. Ohne Dich und Dein Dazuthun hätt' ich ihn beſtimmt in eine kleine Uni⸗ verſitätsſtadt gewwungen. Wer mag wiſſen, wie er ſich da verſtrickt hätte? Aber Du warnteſt, Du über⸗ zeugteſt mich noch zu rechter Zeit. Du brachteſt ihn nach der Reſidenz,— allerdings mit anderen Ab⸗ ſichten und Ausſichten für ſeine Zukunft— aber gleichviel: dadurch einzig und allein wurde das en⸗ gere Bündniß der Brüder möglich, und durch dieſes wieder ein ſo merkwürdiger Umſchwung in Hermann's Welt⸗ und Lebensanſichten. Als einen ungehobelten, faſt plumpen Bengel haben wir ihn entlaſſen und ein gediegener, allgemeinbelobter junger Kavalier iſt— in verhältnißmäßig kurzer Zeit— aus ihm ge⸗ 9 ½ 20 worden. Freut Dich das nicht von ganzer Seele, alte Barbara?“ „Wie könnt' es anders, mein Bruder?“ „Und dabei machſt Du ein betrübtes Geſicht?“ „Ich denke an Theodor.“ „Auch Theodor iſt mein Sohn. Wie ſollte der Vater das vergeſſen? Ich denke oft, immer an ihn. Doch ich kann nicht verhindern, daß ſich in meinen Gedanken neben den armen Leidenden des Geſunden lebendes Bild im hellſten Glanze drängt, als wollt' es ſagen: klage um jenen, aber freue Dich an mir. Und dann, Schweſter, warum dürft' ich's Dir nicht eingeſtehen,— es ſoll kein Vorwurf, kein Groll ge⸗ gen Theodor darin liegen, nur der Wahrheit gemäß laß' mich's erwähnen: wie viel Aerger, wie viel Miß⸗ verſtändniſſe hat es zwiſchen mir und Theodor gegeben! Ich habe darüber geſchwiegen, auch zu Dir; ich deute es jetzt nur an, eben auch nur im vertraulichſten Geſpräche mit Dir: wie bitter hat mich der Kranke oft empfinden laſſen, daß er ſich ſchon für den Herrn von Eichenau halten zu dürfen glaubte, daß er mich ſo⸗ zuſagen für den Verweſer ſeines Eigenthums anſah! Was hab' ich ausgleichen, was hinunterkämpfen müſſen, um Erörterungen zu vermeiden, die— die ich vermeiden wollte, um jeden Preis! Hermann 21 hat mir auch nicht die Idee eines Kummers, einer Beſorgniß erweckt, wenn ich jene kleine flüchtige Kin⸗ derei ausnehme, deren Vermittelung ich Dir damals anvertraute, und die Du mit einem Hauche zu ver⸗ ſcheuchen, ja, ihn ſo gründlich zu heilen wußteſt, daß ſeitdem auch nicht das Geringſte vorkam, was irgend argwöhnen ließe, Graf Hermann könne je wieder vergeſſen, er ſei ein Eichengrün! Auch das iſt Dein Werk! Auch dafür bin ich Dir zu ewigem Danke verpflichtet! Auch darauf darfſt Du ſtolz ſein!“ „Bin es aber wahrlich nicht, Ulrich. Nein, darauf am allerwenigſten. So wenig, daß ich mich ſchon häufig ſelbſt befragte, ob ich denn gut und klug gehandelt habe, da ich....“ „Da Du ihn zu ſeiner Pflicht, zu unſerer Ehre zurückriefft von dem Abwege, den er eingeſchlagen? Darüber könnteſt Du Dir Skrupel machen? Die wä⸗ ren malplacirt. Haſt Du Deinen Wahlſpruch auf⸗ gegeben? Er hat ihn zu dem ſeinigen gemacht, hat ihn in Fleiſch und Blut an ſich verkörpert. Das geht aus jedem Zuge ſeiner Feder deutlich hervor. Und Du mußt das ja ebenſogut wiſſen als ich. Ihr korreſpondirt ja noch fleißig.“ „O, ſehr fleißig. Er bleibt mir keinen Brief ſchuldig. Und obgleich die meinigen immer kürzer 22 ausfallen, denn das Schreiben wird mir nachgerade beſchwerlich, füllen die ſeinigen unwandelbar vier lange Seiten. Man ſchreibt nicht verbindlicher, arti⸗ ger, unterhaltender als mein Neffe Hermann.“ „Auch darin alſo ein Muſter!“ „Auch darin!“ wiederholte Tante Barbara und blieb geneigten Hauptes vor ihrem Bruder ſitzen, daß dieſer annehmen mußte, ſie ſei in ihres Hermann's vortreffliche Eigenſchaften verſenkt und denke nichts anderes. Sie aber, wie man die Pein ſchwarzer Träume abſchuͤttelt, machte ſich von den ihrigen los, die wahrſcheinlich auch nicht roſenfarbig leuchteten, und ging ſogleich, ohne ferner davon abzuſpringen, in den Zweck dieſes Geſpräches ein:„Wer von uns beiden,“ fragte ſie,„reiſet nach der Reſidenz, um dort zu bleiben, bis Dein älteſter Sohn von ſeinen Lei⸗ den erlöſet iſt?“ Der Graf konnte nicht verbergen, wie betroffen ihn dieſer, in Form einer Frage gehüllte Tadel mache. Er verblich!„Meinem Wunſche gemäß ſollte Theodor nach Eichenau ziehen, hier wollt' ich ihn haben, hier in ſeiner Heimat ſollt' er die beſte Pflege, die ſorg⸗ ſamſte Theilnahme finden— und hier hätt' ich ihn täglich ſehen, mit ihm plaudern können, als ob es ſich von ſelbſt verſtünde, ohne durch meine Anweſen⸗ heit ihn zu erſchrecken, mich zu beängſtigen. Dieß wäre ſo natürlich geweſen; ich ſuchte es ihm recht plauſibel zu machen; die Aerzte ſtimmten mir bei und deuteten ihm an, daß ſie an Ort und Stelle eben auch nicht mehr zur Linderung ſeines Uebels thun können, als was ſie bei genauer Kenntniß des⸗ ſelben aus der Ferne ebenſo ſicher zu thun im Stande wären!— Fruchtloſes Bemühen. Er blieb bei ſei⸗ nem Starrſinn, bei ſeiner entſchiedenen Weigerung! Verlangſt Du nun von mir, daß ich, meinen viel⸗ jährigen Gewohnheiten zuwider, einen ganzen Winter in der Stadt zubringe, bloß um darauf zu harren, bis der Tod dem Sohne die Augen ſchließt? Mit welchen Empfindungen wird mich Theodor bei ſich eintreten ſehen? Er, dem ſehr wohl bekannt iſt, daß meine Gegenwart in Eichenau niemals wichtiger war, als gerade jetzt, inmitten vielfältiger neuer Unter⸗ nehmungen, die meiner Leitung bedürfen? Muß er nicht endlich auf den Argwohn gerathen, meine Un⸗ geduld ſehne ſich nach ſeinem Tode und nach meiner Heimkehr? Mir wäre der ſtädtiſche Aufenthalt eine Laſt, der Anblick langſamen Dahinſterbens eine Qual, ihm wäre meine Gegenwart weder ein Troſt, noch eine Hilfe. Abſchied haben wir gewiſſermaßen ſchon von einander genommen, wenn wir es auch im Augen⸗ 24 blicke der Trennung nicht mit klaren Worten aus⸗ ſprachen, daß wir uns nicht mehr auf Erden wieder⸗ ſehen würden. Wozu jetzt wieder erneuerte Aufregun⸗ gen für ihn— und mich? Mir war das Leben, ſeitdem ich's lebe, noch nicht ſo lieb, ſo theuer als jetzt! Ich möchte ſagen: nie hab' ich mich, in meinen jungen Jahren nicht, ſo kräftig, thatluſtig, ſo geſund, genuß⸗ fähig gefühlt wie jetzt. Ich verhehl' es Dir nicht: des Todes Anblick entſetzt mich. Wenn ich mir mei⸗ nes Sohnes Leiche recht lebhaft vergegenwärtige, geht ein Schauder durch dieſe Luſt am Daſein. Helfen kann ich dem Armen nicht, durch meine Anweſenheit ihm ſeinen Zuſtand erleichtern ebenſowenig! Wem ſoll ich das ſchwere Opfer bringen, welches Du von mir verlangſt?“ „Dir ſelbſt, Ulrich! Das war meine Meinung, ehe ich Deine Gegengründe vernommen. Ich wähnte, das innere Bedürfniß eines wohlgeſinnten Vaters kämpfe bei Dir noch mit jener, Dir eigenthümlichen, Abneigung vor allem, was Tod heißt, und eine Er⸗ munterung von außen werde genügen, ihm zum Siege darüber zu verhelfen. Ich konnte nicht vor⸗ ausſehen, daß Du Dir die Sache ſchon ordentlich zu⸗ rechtgelegt, ſie von jeder Seite beleuchtet haſt. Aber geſchehen muß etwas. Wir dürfen Theodor nicht 4 ‿ 5 ſterben laſſen, ohne daß ein Familienglied des Hau⸗ ſes Eichengrün an ſeiner Bahre ſteht.“ „Iſt nicht ſein Bruder.. 2 „Der jüngere Bruder kann weder den Vater, noch des Vaters Schweſter vorſtellen und vertreten. Ich werde von hier geraden Weges dahinreiſen. Meine Voranſtalten dazu waren ſchon getroffen, und es bedarf nur noch einiger Zeilen nach Friedhain. Wahrſcheinlich vermag ich noch weniger für ihn zu thun, als Dir möglich geworden wäre! Doch ich will nichts unverſucht laſſen. Will auch mit den Aerzten in genauem Rapport bleiben. Wer kann mir unter⸗ ſagen, unwohl zu werden,—(ich weiß, daß mir's bald gelingen wird!)— und dann dieſelben Herren zu konſultiren, die Deinen Sohn behandeln? Sie brauchen ja nicht zu wiſſen, wie gering mein Ver⸗ trauen auf ihre Kunſt immer geweſen? Sooviel er⸗ warte ich doch von ihnen, daß ſie im Stande ſind, mir zu beſtimmen, wann es Zeit ſei, Dir eine Eſtaf⸗ fette zu ſchicken. Und von Dir erwarte ich, daß Du zu rechter Zeit erſcheinſt! Deiner Lebensluſt, Deiner jugendlichen Freude am Daſein wird dadurch kein dauernder Eintrag geſchehen. Es iſt ja nur um et⸗ liche Tage zu thun,— und es kann Dir gar nicht ſchaden, lieber Bruder, wenn Du wieder einmal ge⸗ 26 zwungen wirſt, dem zuverläſſigſten aller Freunde die kalte Hand zu ſchütteln, ihm wieder einmal in ſein bleiches, ernſtes Antlitz zu ſchauen. Man bringt von ſolcher Begegnung Eindrücke ins alltägliche Treiben zurück, die, ſtillgehegt und gepflegt, gar wohlthätig wirken.“ „Denen ich gern zu entfliehen ſuche!— Was ſollen mir die ſchrecklichen Gedanken an den Tod mitten im friſchen Leben? Weßhalb ſoll ich mir's durch ſie verderben? ‚D'ran vorzudenken iſt ſchreckhaft! Und wenn wir müſſen,— dann wollen wir uns geber⸗ den, wie wir können!““ „Das klingt wie Feigheit, Ulrich!“ „Es ſind die Worte, die Göthe der muthigen Freundin ſeines edlen Helden in den Mund legt.“ „Göthe? Wie man ſagt, hat ſich der vor dem Sterben ſein Lebelang erbärmlich gefürchtet! In ſeiner Gegenwart durfte vom Tode nicht geredet werden, hört' ich erzählen.“ „Sogar von dem ſeines einzigen Sohnes nicht; das iſt wahr. Und das nennſt Du auch Feigheit, nicht ſo, Barbara? Aber als es endlich dazukam, iſt er lächelnd geſtorben, wie ein Held, hat einen Becher Weines geleert, der ew'ge Greis, hat ins Licht geſchaut und dem Lichte zugewendet hat er den 27 letzten Athemzug gethan. Gott gönne meiner Feig⸗ heit ein gleiches Ende!“ „Weiche denn dem Tode aus, ſoweit Du kannſt; gehe jedem Sterbelager, jedem Sarge aus dem Wege; nur dem Deines Sohnes nicht. Der junge Mann heißt Theodor Graf Eichengrün; er galt für Deinen Nachfolger auf Herrſchaft Eichenau. Du biſt Graf Ulrich, des Hauſes Haupt; biſt der Vornehmſten Einer im Lande, der Edelſten. Du wirſt nicht wollen, daß es beim Begräbniß heiße: Wo iſt der Vater?— Er blieb in Eichenau, ihm graut vor Leichen! Bru⸗ der Ulrich, Du kommſt, ſobald ich rufe?“ „Ich komme, Schweſter Barbara!“ „Und ſo wäre beſtellt, was ich dießmal in Ei⸗ chenau zu beſtellen hatte. Ich kann weiterziehen. Widme Dich jetzt Deinen Gäſten,— tafelt nach Herzensluſt— aber pokulirt nicht zu viel. Mir wird mein Tiſchchen hier gedeckt werden.“ „Du biſt unſere Providenz, Du biſt und bleibſt der gute Geiſt des Hauſes Eichengrün. Grüße den armen Theodor, und ſage meinem Hermann...“ Niklas klopfte draußen an und rief durchs Schlüſſelloch:„Der Herr Haushofmeiſter ſucht ſeine Erzellenz!“ „Laß' ihn nicht warten, Ulrich; wer weiß, was b 28 es gibt? Ich reiſe morgen befriediget ab; ich habe erreicht, was ich erreichen wollte.“ Als ſie allein war, verließ ſie das enge Schlaf⸗ gemach und begab ſich in ihr großes Wohnzimmer, worin ihre Diener mittlerweile die alte Ordnung hergeſtellt hatten, und wo ſie mit raſchen, feſten Schritten auf⸗ und abging. Bisweilen blieb ſie ſtehen, ihren Gedanken laute Worte zu geben, wie das ſo ihre Gewohnheit in Friedhain war. Zu ſolchen Stun⸗ den wagte nicht leicht eine der Stiftsdamen ſich zu ihr hinein, denn es hieß dann immer: ‚Die Gräfin hält ihre Monologe. Sie jedoch, wenn man ſie damit neckte, erwiederte ſtets: ‚Lacht nur, Ihr wißt nicht, was ich mir ſchon von der Seele heruntergeſprochen habe!⸗ Heute verſagte das erprobte Mittel ſeine Wir⸗ kung. Geſprochen wurde viel; die erſehnte Linderung gewährte es nicht. Die bekümmerte Seele ward nicht leichter und freier dadurch. „Mußt Du denn aus jedem Winkel, hinter jedem Vorhange auf mich blicken, holde Kleine. Mir immer mit aufgehobenem Finger drohen?— Ich konnte nicht anders! Ich habe nach beſtem Ge⸗ wiſſen gehandelt!— Nicht trennen ſollt' ich Euch, flüſterſt du mir zu? Ich mußte ja, Mathilde! Er wäre kein herzloſer Egoiſt geworden, wenn ich ihn 29 nicht von Dir abwendig gemacht hätte?— O ſage das nicht, liebes Mädchen. Du weißt nicht, was Du redeſt! Vielleicht traf Dich, ohne meine Dazwiſchen⸗ kunft, des Schickſals Hand noch ſchwerer, noch blu⸗ tiger? Vielleicht irrteſt Du jetzt als eine Verführte, Verſtoßene umher, ohne Heimat, von allen verlaſſen, und von ihm zuerſt? Nein, Dir iſt beſſer ſo. Du weilſt bei den Deinigen! Du lebſt in ſtillem, häus⸗ lichen Kreiſe, ohne Schuld, ohne Vorwurf. Das dankſt Du mir! Du haſt ihn vergeſſen! Sage, daß Du ihn vergaßeſt!— Hat er Dich doch längſt vergeſſen. Dich und— mich— und ſich ſelbſt. Hat den Hermann vergeſſen, der er war. Kennt ſich nicht mehr, und ich erkenne ihn auch nicht.— In zwei Jahren, ein fremder Menſch!— Ha, welche Zeit, in der wir leben. Sonſt brauchten ſie doch wenigſtens zehn, oder fünf Jahre, bis ſie Einen durch und durch verdorben hatten, und kehrte dann ſolch ein verlorener Sohn endlich wieder heim, und war zerlumpt und verwüſtet noch ſo ſehr, wenn er die Glocke auf ſeiner Eltern Kirchthurm hörte, ging er in ſich und weinte ſeiner Jugend eine Thräne. Aber mein Hermann iſt kein verlorener Sohn vor der Welt, noch vor ſeinem Vater. Ein Muſter iſt er, ein Vorbild für ſeine Standes⸗ genoſſen; alles bewundert und achtet ihn; und macht 30 ihn erſt des Bruders Tod zum Majoratserben, dann gibt es ſeinesgleichen nicht mehr: Schön, klug, ge⸗ bildet, unterrichtet, zuvorkommend, reich.... was fehlt ihm dann zu einem Halbgotte?— Ich weiß es nicht! Doch was ihm zu einem Menſchen fehlt, das weiß ich; zu einem Menſchen nach meinem Sinne.— Iſt es nicht wie fürchterliche Ironie, daß er alles erworben und ſich zueigen gemacht hat, was ich ihm dringend rieth, ſich anzueignen? Daß er eingebüßt hat, wovon er damals übervoll war, und was ich ihm dringend rieth, zurückzudrängen, zu beherrſchen? O ich Thörin, ich warnte ihn, ſich von ſeiner Menſchenliebe, von ſeinem kindiſchen Glau⸗ ben an unmögliche Theorieen fortreißen zu laſſen; ſchärfte ihm meiner Mutter heiligen Wahlſpruch ein. Und wie hat er den ins Leben geſetzt!? Welche Anwendung macht er jetzt von meinem Noblesse ob- lige?— „Ach wir blinden, ewigblinden Menſchen, die wir uns bisweilen klug genug dünken, mithinein⸗ reden und wünſchen zu wollen in den Lauf der Dinge! Welcher Segen, hätt' ich einſt gehofft, müſſe dieſen Fluren zuſtrömen durch einen Gebieter, wie Hermann zu werden verſprach; der keinen höheren Wunſch kannte, als hier leben, hier wirken zu dürfen, ſei es 31 auch in beſchränkten Verhältniſſen, in untergeordneter Stellung?— Wohin iſt es jetzt gekommen?— Und wohin wird es kommen, wenn er Herr heißt? Will⸗ kür und Habſucht werden hier walten; Pächter wer⸗ den ſich bereichern; Geld und wieder Geld wird die Loſung ſein;— und die Bewohner dieſer Dörfer werden ihren Grafen nicht von Angeſicht kennen. In die Fremde wird der Arme auf gutes Glück ſeine Bitten ſchicken müſſen, braucht er Beiſtand und Rath. Leerſtehen werden die Hallen dieſes Schloſſes das lange Jahr hindurch. Vielleicht auf kurze Tage wird bisweilen wildes Geräuſch ſie durchlärmen, wenn eine Schaar übermüthiger Müſſiggänger den Beſitzer be⸗ grüßt, der auf ſeinem Eigenthume ſelbſt ein Gaſt, der im Auslande zu Hauſe iſt.— Ha, da ſchauſt Du wieder aus dem Alkoven heraus, Mathilde!— Wie?— ‚Wenn er Dein geworden wäre, Du hätteſt ihn feſtgehalten in dieſem Paradieſe?:— Ja, das glaub' ich Dir! Ich glaub's Dir.... Aber gönne mir Ruhe; ſteige nicht immer wieder vor mir auf, mich anzuklagen, weil Du ihn verlorſt. Hab' ich ihn nicht auch verloren? Tröſte Dich mit mir. Unſer Hermann iſt fort und wir ſehen ihn nimmermehr wieder— Den Grafen Hermann Eichengrün, künf⸗ tigen Majoratsherrn von Eichenau, den werde ich 32 jetzt in der Reſidenz bewundern, werde ſeine Be⸗ ſuche empfangen, werde über alles mit ihm reden, worüber eine alte Jungfer mit ihrem preiswürdigen Neffen zu reden pflegt,— nur über Dich nicht, Mathilde, nicht über Dein Herz, nicht über das meinige,— denn der iſt nicht mehr unſer Hermann!“ Hier unterbrach ſie Niklas mit der Meldung, daß für gräfliche Gnaden aufgetragen ſei. „Man ſoll nichts verſchwören,“ ſagte ſie,— und durch die geöffneten Thüren erſcholl das Geſchrei der Jagdgäſte, die ihren Einzug hielten,—„man ſoll nichts verſchwören; aber ich fürchte, dieß iſt die letzte Mahlzeit, die ich im Schloſſe meiner Väter einnehme.“ Zwölftes Kapitel. Wir laſſen unſere würdige Stiftsdame mit ihrem Grame reiſen, ohne ihr das Geleit zu geben. Können wir doch eben auch nichts beitragen, ihr vom ehe⸗ maligen Liebling beſſere Kunde zu bringen. Denn was wir von ihm wiſſen, und bald auch dem Leſer zu eröffnen verpflichtet ſein werden, klingt noch viel, viel übler, als man aus vorigem Kapitel ſchließen ſollte. Es wird ohnehin ſchon mancher, ſchon manche —— 33 ausgeruſen haben:„Die gute Tante Barbara, die thut dem ſchönen, eleganten Grafen Hermann doch wohl zu viel? Wenn ſolch ein junger Herr ſonſt nichts böſes thut, als daß er nicht zärtlich, nicht vertraulich genug mit ſeiner Tante iſt!.... Er iſt ja kein kleines Kind mehr! Unmöglich kann er ihr ſo umſtändliche Rechenſchaft von jedem ſeiner Schritte ablegen. Das iſt ein unbilliges Begehren von ihr. Geſteht ſie doch ſelber zu, er ſei artig und verbindlich, ſchreibe ihr lange Briefe! Gewiß iſt's nicht ſo ſchlimm, wie ſie's da aus ihrem alten Jungfernſitze betrachtet. Das Friedhain mag auch das rechte Klatſchneſt ſein, wo ſoviel unverheiratete Damen beiſammenſtecken!“ Und ſo weiter. Geduld, ſchönſte Leſerin. Ich fürchte, Du wirſt meine Tante Barbara bald um Verzeihung bitten müſſen. Mir ſelbſt iſt es leid und geſchieht mir wehe für unſern Hermann und ich bange gewiſſermaßen vor den Schilderungen, die ich von ihm zu entwer⸗ fen habe. Deßhalb will ich einen freien Augenblick, der uns vorher noch bleibt, ſchleunigſt zu einem kleinen Ausfluge benützen, auf welchem die Leſer mich vielleicht gern begleiten? Tante Barbara hat uns das holde Kind wieder in Erinnerung gebracht; wir müſſen ſehen, was aus Mathilden geworden iſt? 1857. XV. Noblesse oblige. II. 3 Unſere letzten Nachrichten über ſie empfingen wir durch Dore Puſelmeyer, welcher ihre Freundin Pine den Namen des Städtchens verrathen hatte, wohin die Adreſſe des„Paſſagiergutes überſchrieben war. Behaupten wir auch nicht mit Doren, daß die Schü⸗ lerin der prudentſchen Erziehungsanſtalt in gänzlich unkultivirte Gegenden geſchleppt worden ſei, ſo wollen wir doch eingeſtehen, daß der Weg von jenem Städt⸗ chen, durch welches die große Straße führt, und wo der Kondukteur den ihm anvertrauten zarten Schütz⸗ ling einem Poſthalter überantworten mußte, nicht zu den vielbefahrenen gezählt werden darf. Er geht durch lange Wälder, an See und Moor vorüber, an Sumpf und Wieſe, an Stock und Stein,— bisweilen auch durch und über letztere,— nur von Häuſern iſt nicht viel zu ſehen, ſelten von Hütten, und was Begegnende betrifft, die dem Reiſenden Unterhaltung, der Einförmigkeit Wechſel geben, ſo gehören ſie, mit ſeltenen Ausnahmen, in das Reich vierbeiniger, oder geflügelter Waldbewohner. Ganz Unrecht hatte Dore Puſelmeyer nicht. Und Mathilde würde bei ihrer Fahrt Todesangſt ausgeſtanden haben, hätte nicht die Verſicherung des Herrn Poſthalters ſie beruhiget, daß er den gnädigen Onkel ſehr genau zu kennen die Ehre habe und ihr ſeinen zuverläſſig⸗ 35 ſten Knecht mitgebe. Dieſer Zuverläſſigſte ſah nun freilich aus wie ein Räuber; war auch der deutſchen Sprache nicht mächtig genug, einige an ihn gerichtete Fragen zu beantworten. Doch er ließ ſeine kleinen Litthauer munter laufen und brachte die Reiſende raſch genug vorwärts. Es kann wohl auf Erden kein ſchärferer Gegen⸗ ſatz erſonnen werden, als den ein junges Mädchen in ſolcher Lage an ſich empfindet. Vor einigen Tagen wie ein kleines Kind belehrt, ermahnt, ge⸗ ſcholten, beſchränkt, überwacht, bevormundet, wegen jeden Blickes, jeder Regung zur Rechenſchaft gezogen; — und heute,— drei Nächte auf dem Poſtwagen unter wildfremden Begleitern hinter ſich,— im öden Walde, ſich ſelbſt und einem Fuhrmann überlaſſen, dem wahrſcheinlich ſehr gleichgiltig ſein würde, was ſie unternähme, oder was ihr widerführe, wenn er ſie nur lebendig dort abliefert, wohin ſein Herr es ihm befohlen hat. Das Bewußtſein dieſer Freiheit, dieſer plötzlichen Selbſtſtändigkeit machte ſich bei Mathilden als ſolches nicht geltend. Es trat, wie begreiflich, bei ihr in Geſtalt einer troſtloſen Bangigkeit, eines öden, quä⸗ lenden Alleinſeins auf. Wie hätt' es anders ſollen? Von frühſter Kindheit an unter fremden Menſchen; 3* 36 nach der Trennung ihrer in Zwiſt lebenden Eltern fern von Vater und Mutter, den Erſteren gar nicht, Was ſtand ihr nun bevor? An einen Oheim gewieſen, an einen Bruder ihrer Mutter, den ſie nie geſehen, von dem ſie nie gehört, deſſen Namen ſieaber, ſeltſam genug, führte? Als Mathilde Freiin von Schmalkow war ſie bei Prudents in die Penſion getreten An„Hanns Freiherrn von Schmalkow auf Mühlhaus'’ lautete die Adreſſe des Briefes, den ihre Mutter(von deren Anwe⸗ ſenheit in der Reſidenz ſie noch keine Ahnung gehabt) ihr eingehändiget, da ſie bei Prudents erſchien mit dem Befehle augenblicklicher Abreiſe. Auch in dieſe Na⸗ mensverwirrung vermochte Mathilde keine Klarheit 37 zu bringen. Wenn der Mutter Bruder Schmalkow hieß,— wie hieß denn der Mutter geſchiedener Gatte, ihr Vater? Schwebte ihr nicht aus erſter Kinderzeit vor, daß ſie anders genannt worden wären? Klang dieſe dunkle Erinnerung nicht wie ein Doppelname, der zwei Geſchlechter in ſich vereiniget hätte? Und immer tiefer ging es in den finſtern Wald, immer düſt'rer wurde der Abend um ſie her, immer dichter die Nacht in ihr. Nur ein Bild zog leuchtend vor ihr her.... trug es nicht Hermann's Züge? So iſt ſie denn ſpät vor das ſtille Gehöfte ge⸗ langt, vor deſſen feſtverſchloſſenem Thore die Peit⸗ ſche ihres Führers unzähligen Wiederhall aus allen Scheuern und Schuppen wachknallt, ehe der Wächter daraufachtet und, vom Gebell ſeiner Hunde begleitet, zu öffnen kommt. Die Herrſchaft natürlich liegt längſt in den Federn. Der brummige Mann will von nächtlichem Beſuch eines unbekannten, einzeln daher⸗ fahrenden Mamſellchens nichts wiſſen. Er führt ein ermüdendes Geſpräch mit ihrem Kutſcher in einer Mundart, aus welcher nur abgeſondert verſtändliche Worte ſie überzeugen, daß dieſer die Weiſungen ſeines Herrn Poſthalters feſthält und ihre Rechte 38 tüchtig vertritt. Damit dringt er endlich durch, und es wird ihm geſtattet am Wohnhauſe vorzufahren. Ein Schlag an die eichene Thüre mit des Wächters Spieß— ein Aufßblitzen ſchnellangezün⸗ deter Kerzen— eine Frage aus dem oben geöffne⸗ ren Fenſter— eine Antwort von unten:„Mathilde, die ihrem Oheim Hanns ein Schreiben ſeiner Schwe⸗ ſter zu überbringen hat!“— ein Schrei von innen: „Frau, ſteh' auf! Sie ſchickt mir das Kind!“— und bald nachher das vereinſamte, fröſtelnde Mäd⸗ chen in den Armen zweier ſchon einwenig bejahrter, doch munterer Eheleute, die ſie mit Liebkoſungen faſt erſticken... Dieß war ihr erſter Abend in Mühlhaus, und was dieſer verhieß, hat ſich mehr als reichlich erfüllt. Sie iſt ihres Oheims Tochter, Frau Johanna iſt ihre Mutter geworden. Kinderlos wie ſie ſind, wiſ⸗ ſen ſie es ihrer Schweſter und Schwägerin tauſend Dank, daß ſie ihnen gönnen wollte, was der Him⸗ mel verſagte. Anfänglich bangten ſie jedesmal, wenn ein ſeltener Brief den Weg zu ihnen fand, es könne abermals eine neue Veränderung für des Mädchens Exiſtenz drohen. Doch als erſt ein Jahr verging, als die Briefe dann aus immer größeren Entfer⸗ nungen und längeren Zwiſchenräumen anlangten, 39 da beruhigte ſich Baron Hanns nach und nach. Zur Zeit, wo wir uns jetzt beſinden, hat er ſchon vergeſſen, daß ihm eine Schweſter lebt, welche nä⸗ here Rechte auf Mathilden hat als er und ſeine Frau. Und Mathilde hat ihre Mutter ſchier vergeſſen, und die prudentſche Erziehungsanſtalt, die ganze Reſidenz.... nur das kleine Kirchlein, umgeben von den Gräbern der Ertrunkenen, mag ſie wohl noch nicht vergeſſen haben. Lag es doch an einem See! Und gibt es der Landſeen um Mühl⸗ haus doch ſoviele! Auch hübſche, junge Offtziere fehlen nicht in der Gegend; und hängen ſie keine Miethszettel an Grabkreuze mit welken Kränzen, ſo ſind ſie doch ſehr geneigt, friſche Blumen in volle Sträuße zu winden, und dieſe der vollen, erblühen⸗ den Jungfrau darzureichen. Denn das iſt Mathilde geworden, zur höchſten weiblichen Anmuth hat ſich das liebliche Kind entwickelt; und blendet ſie nicht durch Schönheit, ſo erwärmt ſie durch Seele, Geiſt und Gemüth. Das entgeht auch den benachbarten Gutsbeſitzern nicht, welche jetzt den Umgang mit Baron Schmalkow angelegentlichſt ſuchen, nachdem ſie ihn früher nur inſoweit unterhielten, als die Gebräuche guter ländlicher Nachbarſchaft mit ſich bringen.— Was man Nachbarſchaft in Gegenden 40 nennt, wo zwei Meilen mit Anhang bei gegenſeiti⸗ gen Einladungen für einen Katzenſprung gelten. Ländlich, ſittlich. Für die Dorfbewohner des deut⸗ ſchen Nordens gibt es ein anderes Maß, als für Villeninhaber am Komerſee, oder für Landhaus⸗ beſitzer, die von Wien mit der Eiſenbahn nach Vös⸗ lau fahren. Jene haben ihre winterliche Geſelligkeit im Schlitten, in Wolfs⸗ und Bärenpelzen, durch Wälder, über knirſchendes Eis ſich zu erkämpfen,— und vielleicht erhöht die Mühe des Kampfes den Werth des Preiſes? Wenigſtens waltete in den Krei⸗ ſen, an denen die Schmalkow'ſchen theilnahmen, eine Gemüthlichkeit vor, die ich echt nordiſch zu nen⸗ nen pflege, und die ſich zu der vielgeprieſenen ſüd⸗ lichen verhalten mag, wie—(wenn das Gleichniß ſonſt meinen Leſern nicht unpaſſend erſcheinen will?) wie Deutſchland zu Italien. Auch geſtern hatte eine ſolche Zuſammenkunft— Kränzchent, oder viel⸗ mehr ‚Winterkränzchen benannt,— die Familien von zehn bis zwölf Gutsbeſitzern vereiniget; die mei⸗ ſten derſelben hatten mehrere Gäſte eingeführt; es war geſpielt und getanzt worden; und Schmalkow's hatten erſt bei Morgengrauen ihr Mühlhaus wieder⸗ betreten, folglich lange geſchlafen, aus Tag Nacht gemacht. Der Baron, Frau Johanna und Mathilde — 41 ſaßen jetzt zu Dreien am Theetiſche, ihrer trauten Häuslichkeit Ruhe nach dem Trubel einer durchlärm⸗ ten Nacht zwiefach ſchätzend und genießend. Doch er⸗ wies keins von den Dreien ſich deßhalb undankbar. Jedes geſtand willig, recht vergnügt geweſen zu ſein: der Baron am Kartentiſche, die Baronin im belebten Geſpräch, Mathilde beim Tanze, deſſen Königin ſie, wie immer und überall, geweſen. Man ließ noch einmal die Reihe ihrer vorzüglichſten Tänzer vorüber⸗ ziehen. Baron Schmalkow hob einige heraus, mit denen ‚ſein Töchterchen’ beſonders gern zu tanzen ſcheine, und deutete ſchließlich auf Einen hin, der unter dieſen Einigen ſich bemerkbar mache. „Da biſt Du links,“ ſagte Frau Johanna;„Herr von Wahlen iſt nur Gutsbeſitzer.“ „Dein ‚nur“ iſt verfänglich, mein Schatz. Haſt Du nicht auch vorliebgenommen mit einem ſolchen Nur⸗Mann? Und was ſoll er denn ſein, um Ma⸗ thilden zu gefallen?“ „O er gefällt ihr ſchon! Sie nimmt ſeine Aus⸗ zeichnungen artig und freundlich auf. Doch dabei hat es ſein Bewenden, und ſie thut nichts, was ihm auch im entfernteſten Muth einflößen könnte, ſich ihr weiter zu nähern, als die Tour geſtattet, welche eben getanzt wird.“ 2* 1 „Ja, ſo iſt es,“ verſetzte Mathilde,„und aus gu⸗ ten Gründen. Herr von Wahlen hat meine ganze Hochachtung; deßhalb kann ich nicht zeitig genug verhindern, daß er mich in die traurige Nothwendig⸗ keit bringe, ihm einen Korb zu geben, und ſich ſelbſt in die höchſtbeſchämende Erfahrung, dergleichen empfangen zu müſſen.“ „Das heißt mit andern Worten: Du magſt ihn nicht? So, ſo! Und wirklich, wie Mutterchen meint, weil er nur Gutsbeſitzer iſt? Das kann ich nicht glauben, denn ich bemerke nicht, daß Dir die Huldigungen der Herren Dragoneroffiziere tiefer zu Herzen gehen? Oder täuſche ich mich darin?“ „Nein, lieber Onkel, gewiß nicht.“ „Von unſern hieſigen Offizieren will ich gar nichts geſagt haben,“ ſprach Frau Johanna„Ich dachte an die Reſidenz“... Mathilde warf über den glühenden Samowar hinweg einen ſo flehenden Blick auf die Sprechende, daß dieſe mitten im Reden innehielt und auflachte: „Ein Zwiſt um Kaiſers Bart; Wahlen iſt ja Offizier; er ſteht ja bei den Landwehruhlanen.“ Dieſer glückliche Uebergang lenkte Schmalkow's Aufmerkſamkeit von dem kitzlichen Punkte ab und gab dem Dreigeſpräch bald eine andere Richtung. 43 Die Landwehr, ſein Steckenpferd, ſobald Staatsein⸗ richtungen durchgenommen worden, ritt ihn,—(wie denn Steckenpferde ſich von lebendigen Roſſen da⸗ durch ſehr unterſcheiden, daß ſie mehr den Reiter rei⸗ ten, als von ihm geritten werden)— ſcharfen Tra⸗ bes in die ‚neue Zeit,“ deren leidenſchaftlicher An⸗ hänger Baron Schmalkow zu ſein ſich rühmte. Er las daneben viel, ging mit der Welt weiter, klebte nicht hartnäckig an Formen und predigte ſeinen mit⸗ unter kopfſchüttelnden Nachbarn gern die Lehre vom Fortſchritt, von der unausgeſetzten Erziehung des Menſchengeſchlechtes, von den unerläßlichen Opfern, welche der Einzelne willig dem Gedeihen des Gan⸗ zen zu ſpenden habe, was er dann gewöhnlich mit dem kurzen, ſtets wiederkehrenden Satze belegte und in dieſen zuſammenfaßte: ‚„Wo Holz gehackt wird, da fallen Späne.“ Man ließ ihn reden und hörte ihn ſogar nicht ungern, weil er unterrichtet, verſtän⸗ dig, wohlmeinend war und— was die Haupt⸗ ſache bleibt,— ſeine Opferfähigkeit bei jeglichem Anſpruch, der an ihn gemacht wurde, durch bereitwil⸗ lige Thaten erhärtete. Er galt für einen rechtſchaf⸗ fenen, tüchtigen Mann,— wenn er auch, ſetzten ſeine Freunde hinzu, ein etwas idealiſtiſcher Theoretiker iſt. Doch dieß war eine Abſchweifung. Ich wollte 44 ſagen: ſein Steckenpferd ritt ihn in die ‚neue Zeit⸗ oder richtiger in die alte, die er zu ihrem Nachtheil mit der neueren verglich„Es wird beſſer,“ rief er wiederholt und bekräftigend aus, obgleich weder Ma⸗ thilde, noch ſeine Frau ihm widerſprachen;—„es wird beſſer, entſchieden! Wenn ich mir noch die Junker meiner Zeit bedenke... da gab es Kraut⸗ junker, Jagdjunker, Stalljunker, Tanzjunker, Hofjun⸗ ker, Spieljunker, und in der zuletzt erwähnten Spe⸗ zies ging endlich das ganze genus auf! War das eine Junkerei! Na, ich will nicht behaupten, daß es nicht hier und da von all dieſen Sorten noch recht muntere, wohlkonſervirte Eremplare gäbe,... aber im allgemeinen hat's denn doch einen andern Zuſchnitt bekommen! So ein Menſch wie der Wahlen, — das wäre ja vor dreißig, vierzig Jahren noch eine reine Unmöglichkeit geweſen. Geſtern bei Herbſt⸗ übungen wie ein Daus in ſeiner Eskadron, ſo drall und flott als nur der flotteſte Gardeuhlan:— morgen draußen auf dem Felde hinter dem Pfluge her, und ein Wirth mit ſcharfem Blick und prakti⸗ ſcher Hand, wie er im Buche ſteht! Mathilde, den ſollteſt Du nehmen; da haſt Du Nähr⸗ und Wehr⸗ ſtand in einer Perſon, und was ihm vielleicht zum Lehrſtand noch abginge, das brächteſt Du mit ins 45 Haus, mein allerliebſtes Profeſſorchen. Hab' ich doch in den paar Jahren, die Du bei uns biſt, auch allerlei von Dir gelernt.“ „Und jetzt wird Dir mein Doziren ſchon läſtig, und Onkel Hanns möchte mich weghaben? Wer ſoll Dir denn hernach die engliſchen Ausdrücke er⸗ klären, die Dich oft ſtutzig machen?“ „Du würdeſt mir gewaltig fehlen, wenn Wahlen Dich heimführte. Gewaltig, Mathilde! Ich entbehrte gewiß Deine Gegenwart in Mühlhaus ebenſo ſchmerz⸗ lich, als ich herzlich Gott an jeglichem Tage bisher dafür gedankt habe,— und Deiner Frau Mutter auch, die durch den geſegneten Einfall, Dich mir an⸗ zuvertrauen, manchen ſchwarzen Strich, manches Nota⸗ bene auf ihrem Schuldenregiſter bei mir ausgetilgt. Ich entbehrte Dich ungern, Mathilde, aber wenn's zu Deinem Glücke führte, entbehrte ich Dich gern. Stille, behagliche Verhältniſſe, wie das unſrige hier, ſind angenehm, ſind wohlthuend. Doch darum dür⸗ fen ſie ebenſo wenig auf unveränderliche Dauer An⸗ ſpruch machen, wie andere irdiſche Verhältniſſe. Das Leben darf nicht ſtehenbleiben. Das Leben iſt Fort⸗ ſchritt, immer Fortſchritt. Ja ſogar, wo des Todes Hand hineingreift, fördert ſie den Fortſchritt, in⸗ dem ſie neue Bahnen öffnet, zu raſcherer Bewe⸗ 46 gung antreibt. Damit Du die neue Bahn beſchrei⸗ teſt, die der mannbaren Jungfrau gebührt, muß ich, müſſen wir Dich verlieren. Ich bringe ein Opfer, ich bring' es willig. Nicht ohne Schmerz; ich weiß, was ich verliere, ſonſt wär' es kein Opfer. Wir werden Dich am Theetiſch vermiſſen, Johanna und ich; wir werden vielleicht gähnend ſeufzen: ‚Ach, unſer Tildchen:— Na, wo Holz gehackt wird, da fallen Späne!“ Dieſes unausbleibliche Ariom gab allen ein er⸗ wünſchtes Signal zum Lachen. Und Mathilde fuhr lachend fort:„Ihr ſollt nicht gähnen,— wenigſtens nicht, ehe der Wächter zehn Uhr gepfiffen.“ „Ich will aber gähnen; es iſt Zeit, daß Du einen Mann nimmſt; es iſt Zeit, daß Du Deinen ei⸗ genen Herd beſorgſt. Du ſollſt fort.. Du mußt fort,... über kurz oder lang geſchieht es ja doch. Wer bürgt mir dafür, daß der Fortſchritt falſch ver⸗ ſteht und Dich, ehe wir's uns verſehen, beim Kragen nimmt, um Dich wegzuführen über die große Salz⸗ pfütze, die ſie Ozean nennen? Da wär's denn doch beſſer auf Wahlen's Gute; heißt freilich Seedorf, und liegt hinter dem See; doch das iſt ein See ohne Falſch und Salz; friert im Winter zu, läßt ſich im Sommer umfahren. Soll Onkel Dich ganz und gar 47 verlieren? Wär's wahr und wahrhaftig Ernſt mit der Reſidenz, wie die da munkelt? Steckt etwa gar meine ſchweſterliche Liebe, Deine Frau Mama da⸗ zwiſchen? Sind Briefe gekommen, von denen ich nichts weiß?“ Mathilde machte erſt eine verneinende Bewe⸗ gung mit dem Kopfe und ſchwieg dabei, wie jemand, der noch erwägt, ob er reden ſoll oder nicht? Dann aber auf einmal raffte ſie ſich auf und ſagte:„Liebe Tante, es drückt mich ſchon lange, daß der Onkel nicht weiß, was ich Dir anvertraut habe. Zwar iſt's eben nur ein Weibergeheimniß, und wird ihm ſehr gleichgiltig, vielleicht nichtig erſcheinen. Doch um zu vermeiden, daß ſich Geſpräche wiederholen, die dem heutigen gleichen,— wie wär's denn, wenn ich mein armes, kleines, ehrliches Herz vor ihm öff⸗ nete und es ihm vor Augen hielte, daß er darin leſen kann? Sieh', mein theurer Oheim und Vater Hanns, Deine Mathilde iſt erſt in Deiner Pflege und Koſt, erſt in Deines Landaufenthaltes reiner duftiger Luft zu einem ſo derben Mädel geworden, welches Du ſchmeichelnd eine mannbare Jungfrau nennſt. Sie war ein verſchmachtendes, kleines, dum⸗ mes Ding, als des Poſthalters brummiger Knecht ſie Dir bei Nacht in den Hof brachte. Nun, ſo 48 klein und dumm ſie Euch erſchien, ſo kindiſch ſie vor Euch auftrat, hatte ſie doch ſchon eine große Ge⸗ ſchichte aufzuweiſen, hatte ſchon ein tüchtiges Stück Leben durchgemacht. Sie hatte— gewähnt, ge⸗ liebt zu ſein; war vielleicht wirklich geliebt worden? Wird vielleicht noch geliebt?— Darüber vermag ſie keine Auskunft zu geben, denn ſie weiß nicht, hat der Geliebte ſie aufgegeben, weil ſein Gefühl nur ein oberflächliches, vorübergehendes, weil es mit üblen Abſichten verknüpft geweſen? Oder iſt er ge⸗ zwungen worden, ihr zu entſagen, weil die Seinigen ihre Gewalt über ihn geltendmachten?— Geſpro⸗ chen, von Mund zu Mund, hab' ich nie mit ihm— und ſeine Briefe ſind plötzlich ausgeblieben, nach⸗ dem Tages zuvor eine ehrfurchtgebietende alte Dame bei meinen Erzieherinnen einen langen Beſuch abgeſtattet. Sie hatte dafür verſchiedene paſſend er⸗ ſonnene Vorwände, doch die Aufmerkſamkeit, wodurch ſie mich auszeichnete, die Abſichtlichkeit, womit ſie ſich mir näherte, ſetzten mir außer Zweifel, daß ihre An⸗ weſenheit mir galt. Dieſe nämliche vornehme Frau, — wahrſcheinlich iſt es ſeine Mutter geweſen!— hat unſere Aufwärterin am Arme des Offiziers erblickt“... „Ein Offizier war es, der Dir ſo oft geſchrieben? 49 Saubere Einrichtungen in den Mädcheninſtituten der Reſidenz! Und Du kleiner Höllenbrand haſt ihm wohl gar auf ein oder das andere Brieſchen Ant⸗ wort geſchrieben?“ „Auf jeden, Onkelchen! Auf jeden ſeiner Briefe. O man hatte uns in den Lehrſtunden, die dem guten Tone gewidmet waren, wohl unterrichtet, wie unar⸗ tig es ſei, Zuſchriften unbeantwortet zu laſſen. Brief für Brief, das verſteht ſich. Aber,— mache kein finſter Geſicht, Onkel Hanns,— es verſteht ſich dabei, daß meiner Antworten keine abgeſendet wurden. Sie liegen, wie ſie geſchrieben und gefal⸗ tet ſind, neben ihren Schweſtern; Pärchen bei Pärchen.“ „Er hat nichts von Dir in Händen gehabt?“ „Nicht eine Zeile, nicht eine Silbe.“ „So iſt er abgeſprungen, weil er nicht hoffte, nicht hoffen konnte! Wäre auch abgeſprungen ohne alte ehrfurchtgebietende Damen, ohne Dazwiſchen⸗ künfte, ohne Gewalt. Befremdet Dich das?“ „Es befremdete mich nicht. Es that mir ganz einfach wehe. Und da ich ihm nicht Unrecht zufü⸗ gen will, ſo halt' ich mich lieber an den Glauben, er ſei gezwungen worden, ſich von mir loszuſagen. Dieſer Glaube paßt beſſer zu meinen Gefühlen. Denn ich wünſche, daß er fortfahre mich zu lieben, ganz 1857. XV. Noblesse oblige. II. 4 50 einfach deßhalb, weil ich nie aufhören werde ihn zu lieben.“ „Mathilde, biſt Du verrückt?“ „Nicht wahr, Onkel, das iſt kein Fortſchritt? Das iſt ein recht altmodiſcher Stillſtand?“ „Es gibt keinen Stillſtand in der Welt. Ein Rückſchritt iſt's, und den halt⸗ ich immer für verderb⸗ lich. Er wird auch verderblich für Dich werden, wenn Du darauf beharrſt. Bildeſt Dir ein, den jungen Laffen zu lieben, den Du nicht kennſt, der Dich nicht kennt, der wahrſcheinlich an Dich ebenſo⸗ oft denkt, wie an meine Johanna, die er nie ge⸗ ſehen hat? Wenn das nicht Kindereien ſind! Wenn das nicht ein unnatürlicher Rückſchritt iſt, aus jungfräulicher, behaglicher, ſelbſtbeſchaulicher Gegenwart in die kin⸗ diſche, weinerliche, ſentimentale, ſchülerhafte Ver⸗ gangenheit zu trachten, mit der zu liebängeln, die ja doch längſt abgethan wäre, ſollt' ich meinen? Dabei kommt nichts 1 als verdorbene Gegen⸗ wart, unſichere Zukunft, verpfuſchtes Leben.“ „Was nennen Sie ſo? Weſſen Leben gilt Ihnen für folgerechter, harmoniſcher in ſich ſelbſt: jenes der Leichtgeſinnten, die mit dem Namen ihres Viel⸗ geliebten im Herzen vor den Altar tritt, einem Andern die Hand reichend, ſeinen Namen zu tragen? Oder 54 jenes der Getreuen, die weder ſich noch einen Freier täuſchen mag, ſondern jungfräulich⸗feſt bei dem kind⸗ lichen Entſchluſſe ausharrt, ‚den oder keinen!’ Und wenn ſie's ernſtlich durchführt, wem bringt das Scha⸗ den? Höchſtens ihr. Ihr ganz allein. Den Ihri⸗ gen gewiß nicht. Wenn ich's durchführe, den Mei⸗ nigen gewiß nicht. Mutter fragt nicht nach mir — und meine Pflegeeltern ſollen nie und nimmer⸗ mehr darunter zu leiden haben, daß ich ſitzen blieb. Die Launen einer alternden Jungfer will ich mir und Ihnen fernhalten. Will auch meines lieben Onkelchens Fortſchritt fröhlich fördern helfen,— wenn ich nur bleiben darf, was ich bin.“ „Kein Menſch bleibt, was er iſt. Wer nicht beſſer wird, muß ſchlechter werden. Es gibt keinen Stillſtand. Auch im Grabe nicht. Reiner Unſinn, was ſie ſchwatzen von der Ruh' im Sarge, unter der Erde. Kann ich mich nicht mehr rühren, deſto fleißiger rüh⸗ ren ſich die kleinen ungebetenen Gäſte und tragen mich wer weiß wohin? Was Du mit Dir vorhaſt, Mädel, iſt ein Begräbniß bei lebendigem Leibe.“ „Gilt Ihnen Ihr Mühlhaus für eine Gruft? Mir gilt es für eine Stätte des Friedens, für ein heiliges Aſyl, für einen Tempel, alter einfacher guter Sitte geweiht, belebt und erfriſcht durch den reinen 4* 52 Hauch geiſtigen Ahnens und Strebens. Es ſteht nicht allzufern vom Meere, liegt wie ein ſicheres Ei⸗ land zwiſchen zwei Ozeanen: dort das Weltmeer mit ſeinen ſtürmiſchen Wogen, dort das Meer der Welt— auf beiden kann man Schiffbruch leiden. Da iſt ein verlaſſenes Kind an dieß Eiland ge⸗ ſchwommen.... daß es ein Kind war, ändert nichts in der Sache. Schon in jungen Jahren hat es ſein Fahrzeug ſtranden ſehen, und hat mit den Fluten gekämpft. Ihr nahmt es liebreich auf, habt es warmgebettet und ſorgſam bekleidet. Die naſſen Gewänder durft' es auf den Altar des Tempels legen. Sie ſind verblichen und entfärbt, ihr Glanz iſt geſchwunden. Aber es ſind noch dieſelben, in denen bei warmer Mailuft, mit Blüten geſchmückt, das Kind ſeine Reiſe begann. Ihm ſind ſie werth und lieb. Jedesmal, wenn der Sommer wiederkehrt, ſchmückt es die Pfänder ſeiner Treue, obgleich ihnen längſt entwachſen, mit jungen Blumen, aus deren Düften die Vergangenheit flüſtert. Laßt mir dieſes beſchei⸗ dene Glück; die Vergangenheit ſei meine Zukunft— und meine Gegenwart gehört Euch!“ „Dringe nicht in ſie,“ bat Frau Johanna; „mach' ihr den Kopf nicht wirblicht, Hanns. Wozu kann das frommen? Andern Sinnes wird ſie nicht, 53 dazu iſt ihr ganzes Naturell viel zu ſtählern und feſt. Ihrer Mutter Kind iſt ſie nicht, wie ich Deine Schweſter durch Dich kenne; da waltet des uns un⸗ bekannten Vaters ungebeugte Kraft. Quälen kannſt Du ſie mit Lehren und Bitten, daß ſie am Ende gar aus dankbarer Liebe für Dich etwas äußerſtes voll⸗ zöge. Aber das wäre keine That ſanfter, gemilderter Ueberzeugung. Es wäre höchſtens ein verzweifelter Sprung in die Tiefe, wo man lieber untergeht, als täglich und ſtündlich verſagt. Nimm ſie wie ſie iſt. Ich denke, ſie iſt auch ſo ganz annehmbar, und daß ſie bei uns bleiben will, wird den Fortſchritt der Menſchheit nicht hemmen. Bin ich nicht auch geblie⸗ ben in dieſer engen Sphäre treu bei Dir? Kleb' ich nicht auch an der Scholle? Ward mir nicht auch verſagt, dem fortſchreitenden Leben zu folgen auf der Bahn, welche die Hausfrau, von unruhiger Nach⸗ kommenſchaft umſchwirrt, ins Reich der Zukunft leitet? Wir haben keine Kinder. Ich lebte nur für Dich. Iſt mein Daſein darum ein verpfuſchtes? Ich hoffe nicht. Laß' Mathilden für uns leben, wenn ſie kein anderes Ziel ſucht. Braven, wohlgeſinnten Leuten wie wir ein gutes treues Kind ſein, ihnen Erſatz, reichen Erſatz gewähren, iſt auch ein Fortſchritt zum guten; denn es iſt der Himmel auf Erden. Den 54 hab' ich, ſeitdem ich ſie habe. Und oerlieren würd' ich ihn, müßt' ich ſie verlieren, ohne den Troſt, daß es ihr Herz iſt, was ſie von uns ruft. Nur in ihrem Glücke könnt' ich das meine wiederfinden.“ „Du haſt das rechte Wort getroffen, Tante Jo⸗ hanna. Ruf es dem eigenſinnigen Oheim nur recht oft und laut in die Ohren, bis es ſich Bahn ge⸗ brochen zu ſeinem Gefühl. Mein Glück und Euer Glück! Eins mit dem andern, keines ohne das andere,— und ſo bleib' es! Ich war elternlos, denn mein Vater war fern; von der Mutter geſchieden, und die Mutter brauchte kein Kind. Ich aber hätte Eltern gebraucht, und Ihr ſehntet Euch nach einer Tochter. Da kam es, wie es gekommen iſt, und das wäre kein Fort⸗ ſchritt? Onkel Hanns, ſei nicht undankbar gegen Gott. Ich ſegne mein Leid, weil es mich zu Euch führte. Gönne mir mein Leid, daß ich es ſegne und liebe! Den guten Wahlen laß' aus dem Spiele. Auf ſeiner Hochzeit verſprech' ich Dir zu tanzen, eine Roſe im Haar... nur keinen Myrthenkranz!“ „Werd' ihm ſelbſt einen Fingerzeig geben, dem werthen jungen Nachbarn, damit er ſein Pulver nicht unnütz verſchieße und ſeine Zeit nicht verſäume. Was bleibt mir ſonſt übrig? Bin ich doch vollſtändig zum Schweigen gebracht. Frau und Nichte gegen 5⁵ mich verbunden; da heißt's, ſich auf Gnade und Un⸗ gnade ergeben.“ „Immer das Klügſte, was ein Mann beginnen mag; und vollends bei ſo milden Siegerinnen, als wir ſind, Tante Johanna und ich. Denn Tante geht für ſich und ihre eigenen Intereſſen nie ins Gefecht, hat ſich jetzt nur für mich gewehrt und prahlt nicht mit ihrem Siege. Und ich reiche dem glorreich Ueber⸗ wundenen, als Zeichen ſeiner ehrenvollen Niederlage und als Balſam für einige Verletzungen— gegenwär⸗ tigen Brief, den ich dem Poſtboten abgenommen, ehe wir zum Thee gingen, und bisher verheimlicht habe, damit er die Feier unſeres Friedensfeſtes verherrliche. Ich kenne die Handſchrift; er iſt von Ihrem alten Freunde, dem Juſtizrath, aus der Reſidenz. Soll er ihn haben, Tante?“ „Ja, gib ihm ſein Eigenthum; er hat ſich's ſchwer verdient.“ Baron Schmalkow ergriff das dicke Schreiben mit der Begierde eines Mannes, dem zwar in ſeiner ſelbſtgewählten ländlichen Zurückgezogenheit ſehr wohl i*ſt, der aber doch immer gern in allerlei Verbindungen bleibt, durch welche ihm zukommt, was man die ſkan⸗ dalöſe Chronik nennt. Er geſtand dieſe Schwäche ein: „Hab' ich doch, Gott ſei's geklagt, früherhin manches 56 Kapitel dieſer Chronik ſelbſt verfaſſen helfen; liebe jetzt, wo ich ein ſolider Herr geworden bin, nachzuleſen, was ſpätere Autoren darin leiſten. Es gehört auch zum Fortſchritt.“ Seine Frau und Mathilde waren immer gern Zeugen, wenn er einen Brief des Juſtizrathes empfing und genoß. Sie richteten es jedesmal ſo ein, daß dieſer Akt auf den Abend verſchoben wurde, damit ſie zuſehen konnten, wie er Zeile für Zeile gleichſam ſchlürfte, bald lächelnd, bald die Stirn faltend, bald ein„Ha“—„Oh“—„dacht' ich's nicht?“— einſchiebend, und mindeſtens einmal in lautes Gelächter ausbrechend, woran er ſie nach Umſtänden auch theil⸗ nehmen ließ. Sie verhofften ſich's heute wieder ſo, und dieſe Feſtlichkeit ſollte den zu glücklicher Aus⸗ gleichung und Verſtändigung abgelaufenen Abend krönen. Denn Frau Johanna war, wie alle tüchtigen, redlichen Hausfrauen, eine Gönnerin und befördernde Erweckerin geſelliger Scherze; und Mathilde, ſammt ihrer nach elegiſcher Schwermuth klingenden Jugend⸗ liebe nichts weniger als eine larmoyante, oder gezierte Augenverdreherin.„Kann ſich treue, ſtille Liebe nicht mit Heiterkeit vereinigen?“ fragte ſie.„Und muß denn, was ſie unglückliche Liebe nennen, immer unglücklich machen? Wenn's mich nun beglückt, 57 ſie mit mir umherzutragen, wie manche Mutter ihr krankes Kind trägt und dabei muntere Lieder ſingt? Weßhalb ſollt' ich dieſes meines Glückes nicht froh⸗ werden?“ — Gute Mathilde! Haſt Du vielleicht unſerem edlen deutſchen Sänger Emanuel Geibel die Strophen diktirt, deren eine mit den Verſen ſchließt: „Doch die Thräne der Sehnſucht, entrollt ſie auch heiß, Iſt ſüßer, als Luſt, die von Liebe nichts weiß? — Onkel Hanns eröffnete, entfaltete die mehre⸗ ren Blätter, legte ſie ordentlich zurecht, nicht einem haſtigen Verſchlinger, ſondern einem erfahrenen, ge⸗ nauen Leſer gleich. Der Eingang erregte kein erwartungsvolles Schmunzeln; dießmal hatte der Juſtizrath ernſthaft begonnen. Vielleicht ein neues Verfahren, dem Scherz eine dunkle Folie zu verleihen? Doch nein,— in dieſer Hülle iſt ganz und gar nichts vergnügendes gekommen. Das iſt ein Brief, der Trauer kündet. Von Satz zu Satz, von Seite zu Seite wird Schmalkow's Angeſicht düſterer; kein freundlich Lä⸗ cheln mehr birgt ſich in irgendeiner Falte. Es iſt nicht Gram, es iſt nicht Schmerz, was ſich auf dieſe Züge lagert. Nur ein würdiger, gehaltener Ernſt, der ſich immer mehr befeſtiget, und der, ſobald das Auge des 58 Leſenden ſich bisweilen vom Papiere ab nach Ma⸗ thilden wendet, in— wenn man ſo ſagen darf— kalte Rührung übergeht. Frau Johanna wechſelt wohl mit Mathilden einige Blicke, die von ihrer Seite Unge⸗ duld verrathen, die jedoch von jener ſo erwiedert werden, daß die Tante daraus entnehmen kann: wir dürfen ihn nicht unterbrechen! Nun laſſen ſie ihn bis zu Ende leſen. Als er die Blätter zu⸗ ſammenbiegt und einen Athemzug nimmt, wie man thut, ehe man etwas ſchweres von der Bruſt ſpre⸗ chen will, kommt ihm Mathilde zuvor und fragt in weichen, klangvollen Tönen:„Onkel Hanns, iſt meine Mutter geſtorben?“ „Meine Schweſter lebt, ſie läßt Dich grüßen,“ erwiedert der Baron. „Nun dann weiß ich nicht?“ ſagt Mathilde zu Frau Johanna gewendet. „Deine Mutter,“ fährt Schmalkow ruhig fort, (aber ohne die geringſte Bitterkeit, ohne eine Spur von Hohn,)„ſchreibt aus Italien an den Juſtizrath, der ihre Geſchäfte ordnet. Sie hat ihm eine lange Liſte von Aufträgen und Beſtellungen gegeben. Das Weib iſt unverwüſtlich! Nebenbei hat ſie ihm auch gemeldet, daß ſie Witwe geworden.“ „Mein Vater todt?“ ſchrie Mathilde ſo heftig, 59 daß Frau Johanna und deren Gatte zugleich in die Höhe ſprangen und ſich ihr näherten, weil ſie irgend⸗ einen nervöſen Anfall befürchteten. Doch derlei mo⸗ derne Verbrämungen ihrer heftigſten Gemüthszuſtände kamen bei dieſer geſunden, jeder Affektation unzu⸗ gänglichen Natur niemals vor. Sie dankte beiden für die Sorgfalt, bat um Verzeihung ſie unnütz er⸗ ſchreckt zu haben, und ſagte dann, durch Thränen lächelnd:„Ihr müßt mich entſchuldigen, es kam ſo unerwartet. Man hat ſtets vermieden, von mei⸗ nem Vater mit mir zu ſprechen, ſeiner kaum vor mir erwähnt; ſogar Sie, lieber Oheim, ſchwiegen wo möglich von ihm, und entſchlüpfte Ihnen eine Beziehung, ſo wurde ſie gewiß raſch unterdrückt. Ich habe nichts von ihm gehört, hab' ihn nie geſehen, weiß nichts von ihm, als daß er von meiner Mutter getrennt lebte,— lange ſchon,— und eine ſchnei⸗ dende, heiſere Stimme flüſterte mir bisweilen in bangen Träumen zu, daß er die Schuld dieſer Tren⸗ nung nicht allein getragen. Nun vernehm' ich: dieſer fremde Mann, der mein Vater geweſen, iſt todt. Das iſt mir ein neuer, peinlicher Gedanke. Ich dachte mir ihn oft, immer edel, ſchön, männlich; er gehörte mit zu den Geſtalten, die auf Erden wandelnd, mit uns in geiſtiger Berührung ſtehen, obgleich wir nie 60 in perſönliche mit ihnen kamen. Sein Leben, ſein Glück, meine ſtille Verehrung für ihn, daß ich ihn in meine Gebete einſchloß... dieß alles gehörte mit zu meiner Eriſtenz. Die Nachricht ſeines Todes packt mich wie eine Kralle, die eine Wunde ins Herz geriſſen hätte. Ich fühle ſchmerzhaft eine Lücke. Und ſoll ich vollkommen aufrichtig ſein, ſo muß ich's Euch geſtehen: kaum glaub' ich, daß meiner Mutter Tod, die ich doch kenne— und liebe, die mir umſo⸗ oiel näher ſteht, mich ſo heftig erſchüttert hätte! Rechenſchaft kann ich über dieſen ſeltſamen Wider⸗ ſpruch nicht ablegen; erklären kann ich ihn nicht. Aber da iſt er, und ſtände meine Mutter vor mir, ich dürft' es ihr ſo wenig verbergen, als Euch.“ Der Baron ergriff das Wort:„Ich bin Dei⸗ ner Mutter Bruder, doch Johanna wird mir bezeu⸗ gen, daß ich nie Partei genommen habe mit ihr gegen Deinen ſeligen Vater. Vielleicht wäre meine Schweſter an der Seite eines andern Gemals glück⸗ licher geweſen und hätte deßhalb auch glücklicher gemacht? Darüber will ich nicht urtheilen und ſtelle die Entſcheidung einem höhern Richter anheim. Daß der Verſtorbene alle Eigenſchaften beſaß, deren Verein einen herrlichen Menſchen bildet,— ein Schurke wenn ich's ihm nicht ins Grab nachriefe! 61 Ja, Mathilde, Wahrheit über alles: Dein Ahnen trügt Dich nicht, Du biſt eines trefflichen Mannes Kind. Und wenn er nach Deiner Geburt aus der Höhe, wozu der Himmel ihn berufen, herabſtieg in niedere Sphären; wenn er ſich ſelbſt verlor und manche Schuld auf ſein Haupt lud,... nun denn, er mußte dafür büßen, und nicht alles, was ihm von Buße auferlegt ward, hat er allein zu tragen verdient. Nein, die Laſt war nicht gerecht, ſie war nicht gleichmäßig vertheilt. Es war ein jammervol⸗ ler Beleg für die Gebrechlichkeit irdiſcher Gerichts⸗ pflege, daß er des Vaterrechtes auf Dich verluſtig erklärt worden iſt.— Heiße mich nicht ſchweigen, Jo⸗ hanna, ich hab' es ihr ins Geſicht geſagt. Oskar iſt todt! Ehre den Todten! Weine um ihn, Mathilde, er war Deiner Zähren würdig.“ „Habe Dank, guter Onkel,“ ſagte ſie;„ſchlafe wohl, Tante Johanna...“ „Du willſt allein in Dein Zimmer gehen?“ fragte die Baronin.— „Laßt mich. Laßt mich ruhig gehen. Ich will meinen Vater begraben.“ 62 Breizehntes Kapitel. Im Lehnſtuhl fand Graf Theodor Eichengrün ſchon längſt keine Erleichterung mehr. Die nagenden Schmerzen, welche mit langſamer, doch ſicherer Ge⸗ walt ſein Rückenmark verzehrten, waren nur zu er⸗ tragen und geſtatteten ihm nur dann einige Herr⸗ ſchaft über ſich ſelbſt, wenn er, horizontal ausgeſtreckt, nicht, wie ſonſt, in den Armen des weichgepolſterten Fauteuils, ſondern auf einem Kanapee lag, deſſen Härte dem uns aus dieſes Buches erſtem Theile erinnerlichen Prachtmöbel der weiland Puſelmeyerin wenig nachgab. Wir finden ihn gegen Abend in ſeiner gewöhn⸗ lichen Lage, ruhig, faſt unbeweglich, im ſauberſten Negligee, eine leichte ſeidene Decke über die Füße ge⸗ breitet, die vergoldeten Roſetten und Guirlanden im Plafond betrachtend, als verfolgte er heute zum erſtenmale mit neugierigem Blicke die Phantaſieſtücke des Zimmermalers. Die Fenſter ſind noch geöffnet. Laue Frühlings⸗ lüfte dringen herein und bringen Düfte mit, aber auch ſummendes Geräuſch fernraſſelnder Wagen und andern Straßenlärms, gedämpft durch hohe Häuſer und Mauern, welche den abgeſchloſſenen Hofraum 63 umgeben. Unten in dieſem regt ſich nichts, außer dem Brunnen, der ſeine eintönige Melodie plätſchert, und bisweilen wiehert ein Pferd im Stalle. In den Zweigen der Linden⸗ und Kaſtanienbäume zwit⸗ ſchern unzählige Sperlinge. Es iſt ſchon ſo dunkel geworden, daß der Kranke aufhören mußte zu leſen. Er hat das Buch auf den Stuhl neben ſich gelegt und läßt nun von Zeit zu Zeit ein leiſes Wimmern vernehmen, das er aber ſogleich unterdrückt, wenn Paul ſich ſeinem Lager nähert. Paul beſorgt allerlei kleine Vorbereitungen für die Nacht, die ihn wohl nöthigen, hin⸗ und her⸗, aus⸗ und einzugehen. Aber ſtrenggenommen geht er nicht; wenigſtens ſcheint er nicht aufzutreten wie andere Menſchen, deren Füße einen ſchweren Körper zu tragen haben. Er ſchwebt nur und bewegt ſich wie Weſen vergeiſtigter Gattung. Man hört ihn nicht. Durch geſprochene Worte macht er ſich nicht bemerkbar. Zwiſchen ihm und ſeinem Herrn waltet eine Zeichenſprache, die beiden geläufig iſt. Paul verſichert den Aerzten, wenn ſie das Vorzimmer ver⸗ laſſen, mit Zuverſicht, er habe ſich ſeit einem Jahre das Reden völlig abgewöhnt. So bringt er auch jetzt ſeine Anfrage: ob die Lampen angezündet werden ſollen? pantomimiſch vor, 64 indem er mit ausgeſtrecktem Zeigefinger auf das zu⸗ rückgelegte Buch und dann nach dem Fenſter deutet, durch welches nur ein mattes Dämmerlicht ins Zim⸗ mer fällt. „Warten“— murmelt Theodor— und Paul iſt verſchwunden. Es iſt in der ganzen Reſidenz bekannt, daß Graf Eichengrün niemand bei ſich ſehen will. Die meiſten ſeiner ‚Freunde“ billigen dieſen Eigenſinn, weil er ihnen bequem iſt. Sie würden es ſehr läſtig finden, ihrem ehemaligen Genoſſen wöchentlich einige Stunden zu widmen. Deſto fleißiger fragen ſie beim Grafen Hermann nach des älteren Bruders Befinden, tragen ihm ‚alles Schöne“ für den Leidenden auf und ‚hoffen ihn recht bald wieder unter ſich zu ſehen.“ Eine Hoffnung, über deren Nichtigkeit kein Zweifel obwaltet, denn er gilt ja ſchon laͤngſt für einen Aufgegebenen. Was Hermann für ſeinen Bruder thut, iſt der Gegenſtand allgemeiner Bewunderung, und geht wie ein Hymnus, ein Päan durch alle Salons. Daß Graf Eichengrün der Jüngere der liebenswürdigſte, un⸗ widerſtehlichſte, hinreißendſte aller jungen Kavaliere des Landes ſei, darüber waren die Damen einig, ſeit⸗ dem über den erſtgeborenen Majoratserben von 6⁵ Eichenau die Aerzte den Stab gebrochen. Daß er fuüͤr den vielverſprechendſten aller Aſpiranten im Mini⸗ ſterium des Auswärtigen gelten dürfe, gaben ſämmt⸗ liche höhere Staatsbeamte gern zu verſtehen. Jetzt erhoben ihn auch die andern jungen Herren auf den Ehrenplatz bewundernswürdigſter Bruderliebe und Aufopferung; denn es war kein Geheimniß mehr, daß er ſich ſeit Jahresfriſt nur deßhalb nirgend zeigte, nichts mehr ‚mitmachte,“ ſogar den Sport und die Huldigung der Schönheit vernachläſſigte, weil er, Nacht für Nacht beim Krankenlager des Sterbenden zubringend, denjenigen Theil des Tages, den er ſeinen Studien abſtehlen konnte, nothdürftigſtem Schlummer überließ, um ſich nur aufrechtzuerhalten. Und die öffentliche Stimme log nicht, ja ſie übertrieb nicht einmal; ſie verkündigte nur die reinſte Wahrheit. Graf Hermann that mehr für ſeinen Bru⸗ der, als dieſer je verlangt, oder gar erwartet hätte; that es, ohne Prätenſion, wie von den natürlichſten Gefühlen brüderlicher Liebe angetrieben. Jede Anerkennung lehnte er mit der Aeußerung ab: ſo etwas verſtünde ſich ja von ſelbſt und könne nicht anders ſein. Leicht war die Aufgabe nicht, welche bis ans Ende zu führen, der neue Diplomat ſich vorgeſetzt. 1857. XV. Noblesse oblige. II. 5 66 Theodor zeigte ſich allen Anfällen von Rechthaberei und Streitluſt unterworfen, denen verwöhnte Kranke, die weder durch Entbehrungen, noch durch Rückſichten auf ihre Umgebung beſchränkt werden, ſo gerne un⸗ terliegen. Es gehörte viel Geduld dazu, im guten mit ihm durchzukommen. Dieſe Veränderung war ſcharf her⸗ vorgetreten von dem Tage an, wo der Kammerherr Baron Fach, plötzlich abgereiſet, nur in einem Billet⸗ chen Lebewohl geſagt und den früher oft angedeuteten Entſchluß durch die That beſiegelt hatte: er wolle in der Fremde und allein ſterben. Dieſer Tag bildete einen Abſchnitt für Theodor, der am liebſten ſeinen philoſophiſchen Lehrer auch in dieſer ‚Seelengröße: nachgeahmt hätte. Er verſuchte wohl dergleichen und verſchloß die Thüre ſogar dem Bruder. Doch wie dieſer ſich nicht abweiſen ließ, auf ſeine angeborenen Rechte pochend und endlich den zu dieſem Zwecke aus Eichenau nach der Reſidenz berufenen Vater als Beiſtand mitbringend, da glaubte Paul nachgeben zu müſſen— und der Kranke that es auch. Gleich nach des Vaters Rückreiſe, noch in heftiger Mißſtimmung darüber, daß ihm Zwang auferlegt und er nach Ei⸗ chenau transportirt werden ſollte, erklärte er dem Bruder: nichts wirke feindſeliger auf ihn, ver⸗ ſchlimmere ſeinen Zuſtand fühlbarer, als Beſuche im 67 Laufe des Tages. Deßhalb habe er ſich mit dem Reſtchen Kraft, welches ihm noch geblieben, gegen Eichenau geſtemmt, wo er dem Vater nicht hätte unterſagen können, häufig auf Viertelſtunden im Kran⸗ kengemach einzuſprechen.„Das ſtört mich nur,“ verſi⸗ cherte er,„bringt mich aus der ſtoiſchen Faſſung, wo⸗ nach ich ſtrebe, und wie es mich aufregt und mo⸗ mentan zerſtreut, ſolange die Gegenwart des Beſu⸗ chenden mir die Pflicht auferlegt kommunikativ zu ſein, ſo wirkt es deſto häßlicher nach, wenn ich dann wieder allein bleibe. Sogar anziehende Lektüre be⸗ friediget mich dann nicht mehr. Wem ernſtlich daran liegt, mir eine Wohlthat zu erweiſen; wer nicht um der Leute und ihres Geredes willen, ſondern aus menſchlichem Erbarmen etwas für mich thun will, der überläßt mich den Tag über mir allein. Da reichen meine Augen aus, daß ich mich in erhabene Gedanken bedeutender Schriftſteller verſenke, und zwiſchen durch findet ſich ein Stündchen halben Schlummers, der betäubt und vielleicht ſogar erquickt. Der Tag iſt mir noch günſtig genug. Nur die Nacht iſt meine unerbittliche Feindin. Wer mir zur Seite bleiben will im Kampfe gegen ſie und die ihr verbündeten Schreck⸗ geſtalten— der iſt mein Freund; den werd' ich als ſolchen anerkennen.“ 5* 68 Dieſer Trumpf war nicht vergeblich ausgeſpielt worden; Hermann's Nächte gehörten von nun an ſeinem Bruder.— Paul erwartet den Troſtbringer, in dem er nicht nur des kranken Herrn Bundesgenoſſen wider die Grauen einer ſchlafloſen Nacht,— in dem er auch ſeinen eigenen künftigen Herrn erblickt, bereits mit Ungeduld. Die Dämmerung iſt in Finſterniß übergegangen, die Glasfenſter ſind leiſe geſchloſſen worden, aber noch hat kein Licht gebracht werden dürfen. Und die Dunkelheit iſt dem Diener fürch⸗ terlich, weil die Angſt ihn peinigt, der Leidende werde in ſolch unbewachter Stunde einmal abſter⸗ ben, ohne ſich zu melden.„Wenn man hernach zu⸗ ſieht, liegt eine Leiche da,— denn er macht nichts wie die Andern; er wird auch nicht verſcheiden, wie's Brauch iſt. Das hat er vom Kammerherrn gelernt!“ Gegen dieſen hegte Paul einen ganz beſonde⸗ ren Groll, welchen die faſt ſchon zur Gewißheit ge⸗ wordene Muthmaßung ſeines in der Fremde erfolg⸗ ten Todes nicht milderte. Theodor durfte das nicht wiſſen. Doch Hermann erhielt jedes Bulletin, wenn er ſich's bei der Ankunft im Vorzimmer über den Stand der Krankheit und den Verlauf des Tages abſtatten ließ, durchpfeffert von ſcharfen Bemerkun⸗ 69 gen gegen den ‚transparenten Baront, die übrigens immer unerwiedert blieben. So auch heute. Mit ihm zugleich kamen dann Paul und ein zweiter Diener mit Lampen, die auf verſchiedene Tiſche ſo geſtellt wurden, daß ſie den Kranken nicht blenden konnten. Auf einen dritten Tiſch wurden etliche Flaſchen Wein, Rum, Waſſer und andere Erfriſchungen geſetzt. Dann begab ſich Paul auf einige Stunden zur Ruhe— und die beiden Brü⸗ der blieben ohne Zeugen. In ſolchen Nächten hatte Graf Theodor an Hermann's Erziehung vollendet, was etwa nach ſei⸗ ner Meinung noch daran fehlte. Das heißt, hatte jede Spur kindlichen Glaubens an die Menſchen be⸗ ſeitiget und den jungen Mann gelehrt, nur an ſich zu denken. Nicht etwa in dem niedrigen Sinne roher Genußſucht, die jeder Leidenſchaft fröhnt, ſon⸗ dern mit jener raffinirten Beſonnenheit, die berechnend abwägt, ſelbſtſüchtig verfeinert, ſcharfſinnig kombinirt, den kalten Verſtand zum Götzen, das warme Herz zum ſchweigſamen Tölpel macht, der ſich nicht mehr regen darf, will er nicht verhöhnt werden. Dieſe geiſtreichen Irrlehren, des Kammerherrn teſtamenta⸗ riſche Offenbarung, würden auf den einſtigen An⸗ beter Mathildens,— wie wenig dieſem auch der jetzige Hermann ähnlich ſah,— doch keinenfalls ſo entſchiedene Wirkung ausgeübt haben, hätte ihnen nicht die Kanzel, von der ſie geprediget wurden, eine verhängnißvolle Weihe und Bedeutung ertheilt. Was der im ſinnlichen Daſein nach eigenem Vergnügen und Wohlbehagen trachtende Sophiſt als unfehlbare Le⸗ bensweisheit anpreiſen will, mag es noch ſo beſte⸗ chend ſein, kann tauſendfältige Zweifel erregen; denn der Hörer fragt ſich in Momenten, wo ſein beſſerer Geiſt erwacht: wird dieſe Anſicht ſtandhalten bis zu der letzten Stunde? Was aber ein Sterbender, dicht vor der ſchwarzen drohenden Kluft ewigen Ver⸗ ſtummens, als ſein Evangelium verficht, das muß denn doch erprobt und ſicher ſein? Und nun voll⸗ ends, wenn es mit dem Akzente unerſchütterlichſter Ueberzeugung vorgetragen wird! Theodor glaubte an ſich und ſein künſtlich aufgerichtetes Lehrgebäude. Hermann ſetzte einen Ehrenpunkt darein, ebenfalls zu glauben.— Wenn oollſtändiger Unglaube Glaube genannt werden darf? Unter die eigenthümlichen Erſcheinungen in Theo⸗ dor's langwieriger Krankheit gehörte auch ſeine Fä⸗ higkeit, immer genau zu wiſſen, wie viel es an der Uhr ſei, auch wenn er keine Glocken ſchlagen hörte und kein Zifferblatt ſah. Seine Taſchenuhr lag un⸗ 71 berührt und unbenützt, ſolange ſchon als er nicht mehr ausgegangen war; und die berühmte große Wanduhr, dieſes ‚eichenauer Familienſtücke durfte nicht aufgezogen werden. Er hatte ausdrücklichen Befehl ertheilt, daß dieß alte Meiſterwerk erſt wie⸗ der in Gang geſetzt werden ſolle, um den Antritt des neuen Majoratserben mit ſeinen Klängen zu feiern. Wie nun Hermann heute Abend zur hergebrach⸗ ten Nachtwache ſich einſtellte, fragte ihm Theodor ſchon aus der Finſterniß entgegen:„Er habe hoffentlich an⸗ genehme Abhaltungen gehabt, die ihn veranlaßten, um eine halbe Stunde ſpäter zu kommen wie ge⸗ wöhnlich?“ „Je nachdem, mein Theurer! Nach einem kurzen Spazierritt durch unſer ins plumpſte Deutſch über⸗ ſetztes bois de Boulogne, wo ich im Vorüberreiten einige unvermeidliche Begegnungen mit zärtlichen Vorwürfen auszuſtehen und viel Staub zu verſchluk⸗ ken hatte, kam ich von jenen, wie von dieſem ge⸗ langweilt in meinen vier Pfählen an, auf ein erfri⸗ ſchendes Bad und ein ſtärkendes Stündchen Schlaf rechnend; doch ich ſollte nur das Erſte und das nur zur Hälfte genießen; denn man brachte mir zwei Epiſteln, die raſche Antwort verlangten...“ 72 „Verzeih', daß ich Dich unterbreche, Hermann Ich ertappe Dich da zum zweitenmale auf einer mitleiderregenden Schwäche. Wie können Zuſchrif⸗ ten einen Mann comme il faut in irgendeinem behaglichen Genuſſe ſtören? Den Schlingel, der mir mit Briefen kommt, wenn ich keine haben will, jag' ich kopfüber aus dem Dienſte.“ „Wenn ſie nun aber dringend, wichtig ſind?“ „Für denjenigen, der das Leben und der zu leben verſteht, gibt es nichts wichtigeres als die Harmo⸗ nie im eigenen Ich, die göttliche Ruhe, den eigent⸗ lichen Quietismus. Was dieſen Zuſtand unterbre⸗ chen will, muß ferngehalten werden! Das iſt die Hauptſache. Außerdem exiſtirt nichts lächerlicheres, als der alberne Reſpekt, den die Leute vor ‚dringen⸗ den Briefen und nöthigen Antworten hegen. Man habe nur muthige Konſequenz, alle Zuſchriften, deren Athem nicht ſchon im voraus zur Cröffnung einla⸗ det, unentſiegelt liegen zu laſſen;— ich beſaß, da ich noch mit der Welt verkehrte, ein eigenes Behält⸗ niß dafür;— und nach Jahresverlauf, in müßiger Stunde überfliege man den Inhalt—... da wird ſich zeigen, daß bereits alles erlediget iſt durch die Zeit, durch ſich ſelbſt, durch das Glück, durch die Vergeſſenheit, durch den Tod.“ 73 „Ich bin vom beſten Willen erfüllt, Deine Kon⸗ ſequenz auch zu der meinigen zu machen. Und ich bedauere, daß ich ſie heute nicht wenigſtens auf einen der beiden Briefe ſchon angewendet habe. Den an⸗ dern konnt' ich freilich nicht ignoriren; er kam von unſerer Tante Barbara.“ „Was wünſcht die Gute?“ „Zunächſt: Dich wieder einmal zu ſehen!“ „Will ſie Vergleiche anſtellen zwiſchen den Rapporten der Aerzte und meinem elenden Leichnam? Ich mag mich nicht tariren und das Datum der letz⸗ ten Stunde auf Minuten vorherberechnen laſſen. Sie weiß es; ich hab' es ihr freundlich und mit neffen⸗ hafter Submiſſion auseinandergeſetzt, da ſie vorigen Herbſt einrückte.“ „Auch ich hab' es ihr heute zum zwanzigſten⸗ male wiederholt und zugleich verſprochen, morgen bei ihr aufzuwarten. Nach der Art, wie ſie ſich in letzter Zeit gegen mich benommen, war dieſe Kon⸗ zeſſion eine Schwäche, ich geſteh' es ein. Aber es iſt nun geſchehen. Ich hab' immer noch ein gewiſ⸗ ſes tendre für ſie, aus der Knabenzeit.“ „Ja, Ihr ſeid ſehr intim geweſen, ich weiß es. Jeder Menſch muß ſeine Flegeljahre haben. Die meinigen inklinirten durchaus nicht zur Tantenver⸗ götterung. Ich habe ſie ſtets vermieden, ſoviel ſich's thun ließ, und ſie war nicht ungehalten dar⸗ über. Wir ſtießen uns ab, und weil wir beide keine Anlagen zur Heuchelei beſitzen, ſo ſind wir uns gern ausgewichen. Wenn ich nicht ſehr irre, verabſcheut ſie mich?“ „Ein Bißchen; doch nur, ſolange Du in bril⸗ lantem Train für den künftigen Herrn von Eichenau galteſt. Jetzt iſt ſie ſehr mild für Dich geſtimmt.“ „Wohl aus Erkenntlichkeit, daß ich ſo gefällig bin, Dir Platz zu machen?“ „O ich ſtehe durchaus nicht mehr in Gnaden!“ „Und wie haſt Du's verſchüttet bei ihr 24 „Wer kann das bei alten Jungfern ergrün⸗ den? Sind ſie nicht tauſend Launen unterworfen? Ich hab' es niemals an ſchuldigem Reſpekt fehlen laſſen. Habe mich ihr ſogar bei der bewußten pru⸗ dentſchen Kinderei noch religieusement ſubordinirt.— Wahrſcheinlich wähnte ſie, das ſolle ſo fortgehen? Sie hätte mich am liebſten in ihr Stift eingeſperrt. Meine Selbſtſtändigkeit hat ſie verletzt. Und wohl auch. „Vollende nur: der vertraulichere Umgang mit mir und dem Baron? Nicht wahr? Wir dürfen ihr das nicht übeldeuten. Jeglich Weſen ſieht die Welt 7⁵ von ſeinem Standpunkt. Die Henne, welche zufällig ein Entenei ausgebrütet, reunt ſtruppig vor Angſt ums Ufer... der Seeadler ſchwebt über den Wo⸗ gen und taucht in die ſchäumende Brandung! Die Henne achtet den Hofraum für die ganze Welt. Der Adler ſchaut hernieder aus der Vogelperſpektive. Es gibt auch eine Kavalierperſpektive. Ich hoffe, Dir das deutlich gemacht zu haben— doch von wem war jenes erſte Billet, deſſen Du erwähnteſt?“ „Ich ſchäme mich faſt des Geſtändniſſes— nicht daß ich es empfing, denn wer kann einer plan⸗ tirten Schönen unterſagen, Tinte und Papier zu ver⸗ ſchwenden?— nur daß ich zwölf vollgekritzelte Seiten mit vieren erwiederte.“ „Alſo von Gräfin Seraphine?“ „Von wem ſonſt?“ „Und ſie gibt ſich immer noch nicht zugute? Es hat etwas rührendes... wenn man die in⸗ nerſten Triebfedern nicht ſchärfer unterſucht. Aber ſie muß doch auch nebenbei noch ſtupider ſein, als ich ſie gehalten, wenn ſie ſich den geringſten Erfolg von ihrer griffonnage verſpricht?“ „Sie hat ein gutes Gedächtniß, Theodor! Wie denn im allgemeinen die Weiber damit geſegnet ſind. Haſt Du je von einer Aktrice gehört, der eine Silbe in der längſten Rolle mangelte, während die beſten Akteurs den Kaſten des Einbläſers ſorglich im Auge halten? Nun erſt in eigenen Liebesangelegenheiten; Seraphine wird nie vergeſſen, daß Depit und Wuth mich, den Neuling, ihr zuführten, nachdem die Stjern⸗ holm ein halbes Jahr hindurch mich und Euch— (ich meine Dich und den Baron)— an der Naſe herumgeführt,— zu welchen Zwecken iſt mir heute noch nicht klar. Ein Naturkind wie ich damals war, weinte ich meinen Zorn bei ihr aus, und glaubte mich an der Stiernholm gründlich zu rächen, wenn ich der Gräfin Schwüre that, die über die Sterne hinaufreichten. Die hört ſie noch! Daß ich ſeitdem, in vielen Feuern durchglüht, ſo ziemlich kaltgewor⸗ den bin, daran will ſie nicht denken, das will ſie nicht gelten laſſen. Sie erinnert ſich nur jener Ver⸗ ſicherungen: ſie ſei meine erſte Liebe.... und da hat ſie poetiſche Märchen gehört: erſte Liebe könne ſchlummern, doch nie ſterben; könne erkalten, doch nie erlöſchen! Nun ruft ſie— nun facht ſie an. Doch es wird ennuyant und ich habe ihr heute des breiteren auseinandergeſetzt, wie, warum, weßhalb und ſo weiter. Ich hoffe, ſie ſteckt meine confessions nicht an den Spiegel?“ „Das nicht; aber ſie ſchreibt Dir morgen 77 wieder. Und biſt Du heute mit zwölf Seiten durchge⸗ kommen, ſo mache Dich morgen auf vierundzwanzig gefaßt.“ „Wird uneröffnet zurückgeſendet.“ „Natuͤrlich. Sonſt iſt kein Ende abzuſehen.— Biſt Du jetzt ganz frei? Gar kein Verhältniß?“ „Nicht das geringſte. Nicht die leiſeſte Anmah⸗ nung dazu. Die Weiber ſind mir vollkommen gleich⸗ giltig.“ „Erlaube mir, daß ich Dir dazu aufrichtig Glück wünſche. Erſt wenn man dieſe beunruhigende Le⸗ bensepoche hinter ſich hat, beginnt das wahre Leben. Man kann gar nicht zeitig genug damit fertigwerden, und Dir iſt nachzurühmen, daß Du nicht unnütz ge⸗ zögert haſt. Wohl biſt Du noch verzweifelt jung und Rückfällen ausgeſetzt.“ „Schwerlich. Ich mag mich umſchauen wie ich will, mich feſſelt nichts, mich reizt nichts mehr. Eine Empfindung, die des Knaben Herz erfüllte, kann nicht mehr wiederkehren, denn der Knabe iſt kein Knabe geblieben, und das Herz,— nun wir wiſſen ja, was von dieſem vielbeliebten, vielbelobten, läſtigen und vorwitzigen Fleiſchklümpchen zu halten iſt. Das wäre beſeitigt. Die andere aber— weniger Empfindung, als eine Kaprice, würde ſich 78 vielleicht meiner noch einmal bemächtigen, wenn ihr Gegenſtand ſich wieder zeigte?“ „Du meinſt unſere Freundin Stjernholm?“ „Ich meine meine ſchöne, eigenſinnige, unerklärliche Feindin Stjernholm; das einzige Weib, welches einigen Werth für mich hätte,— wahrſcheinlich, weil ich es das Einzige fand, welches mir entſchieden Trotz ge⸗ boten. Alle übrigen Namen, alle„inen, ⸗oren, ⸗alien und ⸗unden’ ſind mir bis auf den letzten Nachhall in Rauch und Luft aufgegangen; nur dieſe— dieſe — ah, das iſt doch bezeichnend; Seraphinen, Auroren, Eulalien, Roſamunden hab' ich am Schnürchen, nur der Stjernholm ihren Taufnamen weiß ich nicht zu nennen!“ „Allerdings iſt das ſehr bezeichnend; ſowohl für Deine Neigungen zu ihr, wie für ſie im Vergleich zu andern Schönen. Sie iſt eben eine Frau, die man niemals mit ihrem Taufnamen, noch weniger mit einer liebkoſenden Umgeſtaltung anzureden wagen würde. Auch der beglückte Liebhaber könnte ſie nicht anders nennen, als Baronin Stjernholm. Jeden⸗ falls hüte Dich vor ihr.“ „Sie iſt weit von hier!“ „Nicht für immer. Sobald Baron Stjernholm die Gefälligkeit hat, ſie zur Witwe zu machen, wozu 79 ſchon vor einigen Jahren Ausſichten geweſen ſein ſollen, ſiehſt Du ſie unfehlbar hier, den nie aus den Augen gelaſſenen Plan verfolgend.“ „Des Prinzen morganatiſche Gemalin zu werden?“ „Und ich glaube, ſie ſetzt es durch. Der Prinz liebt ſie leidenſchaftlich, und ſie hat es verſtanden, dieſer Flamme durch Zurückhaltung Dauer zu ver⸗ leihen. Nur weil ſie dieſes Ziel feſthielt, ſchlug ſie Deine Angriffe zurück. Jetzt darfſt Du's hören, ſie hat's mir und dem Baron deutſch geſagt, oder viel⸗ mehr franzöſiſch; ſolche Sachen ſagt man immer franzöſiſch.“ Hermann nahm ein Glas Wein, leerte es auf einen Schluck, ſetzte ſich wieder und murmelte:„Klein⸗ liche Pedanterie! Ich hätte ihr eine höhere Welt⸗ anſchauung zugetraut.“ Theodor entſchuldigte ſie:„Ich bin nicht ab⸗ geneigt, ihr Benehmen zu billigen. Sie kannte Dich nicht genug, um Deiner Diskretion völlig gewiß zu ſein; und ſogar ich konnte nicht als ſicherer Bürge für Dich eintreten. Was wußten wir eigentlich von Dir, als daß Du, zwar mein Bruder, aber darum nicht minder ein wunderhübſcher, nach Abentenern dürſtender, mit dem Thraͤnenthau erſter Liebe 80 getaufter, unerzogener Lieutenant warſt? Solche Herr⸗ chen plaudern viel, wenn ihrer einige beiſammen ſind.“ „Was hat's ihr geholfen? Den Gerüchten, die über ſie im Umlauf waren, ließ ſich der Mund doch nicht zubinden.“ „Ha, welch ein Unterſchied! Merke Dir das ein⸗ für allemal, Hermann: Gerüchte, die eben nur Gerüchte bleiben, die keinen Kern, keinen ſoliden Grund haben, mögen ſie noch ſo weit getragen werden, zerfallen in nichts, löſen ſich in leeren Schaum wieder auf, woraus ſie entſtanden. Mögen Bosheit, Ver⸗ leumdung, Neid ſie mit giftigem Athem auſblaſen; mögen abſichtliche Mediſance und inoffenſive Klat⸗ ſcherei ihre Freude daran haben;— ſie dauern nicht. Es fehlt ihnen die eigentliche Lebensfähigkeit. Sie ſchmelzen hin wie Aprilſchnee. Ganz anders ſteht's um die üble Nachrede bei Ereigniſſen, die in Wahrheit geſchehen ſind. Dieſe hat Beſtand; ſie frißt ſich ein wie Roſt und beſchädiget auch Stahl und Eiſen. Ich habe oft darüber nachgeſonnen;— erklären läßt ſich's nicht; doch es iſt ſo. Alle Ver⸗ ehrung für Beaumarchais und ſeinen charmanten italieniſchen Singmeiſter, deſſen Apologie der Ver⸗ leumdung der Schwan von Peſaro mit bezaubernden Tonanſchwellungen beflügelt hat,... ich leugne die W V 84 Wirkungen der Verleumdung ab, wenn ſie Unſchul⸗ digen zugedacht ſind. Die Stjernholm kann als eklatantes Beiſpiel gelten. Die ganze Welt verbreitete damals mit Wonne, daß Du von ihr begünſtiget ſeiſt;— und frage heute die ganze Welt, Mann für Mann, Frau für Frau, im Vertrauen um ihre Meinung? Alle werden Dir eingeſtehen, daß ſie nicht ein Wort davon für wahr halten. Von Deinen:„inen, oren, ⸗alien und ⸗unden’ würd' ich Dir nicht rathen, das Nämliche zu verſuchen. Man thut überhaupt der Geſellſchaft Unrecht, wenn man ſie en bloc für bornirt verkaufen will. Sie iſt im Gegentheil in⸗ telligent, hat Dioinationsvermögen, und dieſelben Per⸗ ſonen, von denen vielleicht die größere Hälfte ver⸗ einzelt recht albern erſcheinen wird, entwickelt zu Tauſenden Geiſt und richtigen Takt. Nicht mit Un⸗ recht heißt ſie die gute Geſellſchaft. Sie könnte mitunter beſſer ſein, die beſte bleibt ſie deßhalb doch. Und läſtert Göthe, ſie habe ihm zum kleinſten Ge⸗ dicht keine Gelegenheit gegeben, ſo lügt er wie ein rechter Dichter in ſeinen Hals hinein. Was würde denn aus ſeinem Wilhelm Meiſter ohne dieſe ver⸗ achtete gute Geſellſchaft? A propos de Göthe, reiche mir auch ein Glas Wein. Als ich Dich trinken ſah, verſpürte ich eine lange nicht bemerkte Luſt danach.“ 1857. XV. Noblesse oblige. II. 6 8² „Iſt's Dir nicht ſchädlich?“ „Was denkſt Du bei dieſer Frage, mein Freund? Fällt Dir nicht die Geſchichte vom Verurtheilten ein, der auf dem Wege zum Schaffot um einen Mantel bat, damit er ſich im Herbſtnebel nicht den Schnu⸗ pfen hole? Fülle nur das Glas bis zum Rande; mir ſchadet's nicht mehr. Und heute ſchon gar nicht. Du mußt ja längſt bemerkt haben, daß ich wie neu⸗ geboren bin, daß ich ſchwatze wie ein Geſunder. Ich kann Dir's auch eingeſtehen, ich befinde mich ſehr wohl— verhältnißmäßig. Weder um einen Hofball zu beſuchen, noch um mit Dir Wette zu reiten;— aber dennoch ſehr wohl, ‚den Umſtänden angemeſſen,“ wie es bei hohen Wöchnerinnen heißt. Faſt ganz ſchmerzlos. Und das will was ſagen. Wenn nach Mitternacht der Teufel nicht wiederzubohren be⸗ ginnt, ſo entlaß' ich Dich, und verſuche zu ſchlafen. Nun, erſchrick nur nicht. Wahrſcheinlich haſt Du auch geleſen und gehört, daß bei Leuten meines Schla⸗ ges die Schmerzloſigkeit ein unverkennbarer Vorbote herannahenden Todes iſt? Wohlverſtanden: Schmerz⸗ loſigkeit. Bei der bin ich noch nicht. Gänzlich aufgehoben iſt die Tortur keinesweges. Nur etwelche Schrauben wurden heute Nacht minder ſcharf ange⸗ zogen— es iſt immer etwas.„‚Autant de prix V —y 83 sur Pennemie, pflegte der Baron zu— ſingen.— Er ſang ſehr hübſch der Baron,— der Kammer⸗ herr, mein' ich. Haſt Du ihn ſingen hören?“ „Niemals!“ „Ich auch nicht; bei Lebzeiten nie. Seitdem er todt iſt, hör' ich ihn— aus der Ferne. Oft gibt er ſich Mühe— mich in Schlaf.... heute wird's ihm— gelingen.“— Hermann beugte ſich über ſeinen Bruder und überzeugte ſich, daß dieſer wirklich eingeſchlummert war.„Nun,“ ſagte er,„nach Hauſe gehen will ich nicht; aber ſeinen Vorſchlag, den verſäumten Abend⸗ ſchlaf nachzuholen, will ich befolgen. Ich fühlte mich lange nicht beſſer disponirt dazu.“ Er zog ſein Kleid ab, hüllte ſich in einen der Teppiche, welche über die Möbeln gebreitet lagen, und ſtreckte ſich auf ſeines Bruders leeres, wer weiß ſeit wann nicht benütztes Bett. Um ſeiner Sache recht gewiß zu ſein, fragte er noch einmal laut: „Schläfſt Du, Theodor?¹ Und als er darauf nur ein tiefes regelmäßiges Athemholen zur Antwort empfing, ſo überließ er ſich auch dem erſehnten Schlafe. Eben ſchlug es auf dem fernen Kirchthurme Mitternacht, und die dumpfen Klänge der Geiſterſtunde ſummten ihn ein. Beim zwölften ſchlief er ſchon feſt, doch 6* 84 nicht angenehm. Die Schläge der Glocke nahmen für ihn kein Ende; eintönig und einförmig zitterten ſie fort durch die Nacht, und ſchlafend mußte er ſie abzählen, er mochte wollen oder nicht. Dabei ſtörte ihn eine Viſion. Am Fuße des Bettes wähnte er Mathilden vor ſich ſtehen zu ſehen, ihm unzweifel⸗ haft erkennbar, obgleich entſtellt, denn ihren Kopf bildete eine Flamme, und wie dieſe emporflackerte oder ſank, trat des vergeſſenen Mädchens Geſicht mehr oder minder hell in ſeinen Traum. Das dauerte ſo fort: die Flamme hörte nicht auf zu erloͤſchen und wieder aufzuſteigen, die Mitternachtsſtunde hörte nicht auf vom Thurme zu ſchlagen, und Hermann gab ſich Mühe, den Traum abzuſchütteln, den er als ſolchen erkannte, indem er ausrief:„Will ſich denn keiner von allen, die ſchon im Sarge liegen, erbarmen, die Flamme zu löſchen, die Glocke zum Schweigen zu brin⸗ gen?“—„Ich thu' es ſchon lu antwortete eine Stimme, die wie ſeines Bruders klang. Und nun erwachte er und ſah deutlich, wie Theodor, der ja nicht zwei Schritte ungeſtützt machen konnte, nach dem Tiſche am Fuße des Bettes ſchwankte, die große Lampe, die da übel qualmte, ausdrehte;— dann im Halbdun⸗ kel die kleinere Lampe erreichte.... darauf wurd' es ganz finſter.— 8⁵ Hermann wollte das Bleigewicht der erſten ſchwe⸗ ren Schlafſtunde von ſeinen Gliedern ſtreifen,— wollte aufſpringen,— er war wie gelähmt. Nur mit höchſter Anſtrengung brachte er heraus:„Theo⸗ dor, warſt Du das?“— Tiefe Stille! Auch die Thurm⸗ glocke ſpukte nicht mehr. Jetzt war er ſicher, daß er wache. Er erhob ſich, tappte ſich zu Theodor's La⸗ ger.... der nämliche gleichmäßige Athemgang des Schlafenden! „Welch ein verrückter Traum: die Lampen hatten nicht Oel genug, ſie ſind langſam verglom⸗ men, der häßliche Dunſt hat mir den ſüßen Schlum⸗ mer geſtohlen.— Wie man dumm iſt, ſo halbver⸗ ſchlafen! Sah' ich doch meinen armen Theodor ſich von einem Ende des Zimmers zum andern ſchleppen? Und hätte darauf geſchworen, daß ich recht geſehen, läge er nicht, wie ich ihn vor einer Stunde verließ, unbeweglich und ſchmerzlos. Nun, es iſt ihm zu gönnen— und mir auch, daß wir eine Nacht ſchlafen.“ Dießmal wurd' es Ernſt. Hermann, darange⸗ wöhnt, ohne Nachtlicht zu ſein, hatte ſeinem Bruder früher ſchon erzählt, daß er nur in vollſtändiger Dun⸗ kelheit den feſten, wahrhafterquickenden Zuſtand genieße, der ſo ganz von äußerem Leben abtrennt. 86 „Nicht Kanonenſchüſſe, dicht vor meinen Ohren gelö⸗ ſet, würden mich dann erwecken,“ hatte er verſichert. Was an dieſer Verſicherung hyperboliſch ſei, wollte Theodor jetzt erproben. Denn dieſer dachte an keinen andern Schlaf, als nur an den allerletzten, deſſen Nähe er fühlte und bei deſſen Antritt er keine Zeu⸗ gen haben wollte: ‚Sie ſollen nicht ſehen, wie ſich mein Antlitz vielleicht verzerrt? Es iſt ignoble den Umſtehenden Geſichter zu ſchneiden. Ein wahrer gentle- man wird mit Anſtand ſterben,— oder gar nicht; das heißt, er wird niemand zuſehen laſſen, wofern er, der Natur ſeines Uebels gemäß, nicht gutſtehen kann für ſich. Dieſe Aeußerungen hatte Graf Theo⸗ dor oft genug vom Baron Fach vernommen, um ihren Sinn ſich anzueignen. Mit bewundernswerther Wil⸗ lenskraft beherrſchte er ſich ſolange, bis er ſich überzeugt, daß ſein Bruder nun ‚kanonenfeſt' ſei. Er brüllte mit ſchmerzhafter Wuth Hermann's Na⸗ men— Hermann regte ſich nicht. Nun ging das Gebrüll aus dem zweiſilbigen Namensrufe in einen langgezogenen, unartikulirten Jammerſchrei über, deſſen Ausbruch ſogar bis in Pauls Gemach hinüberdrang und dieſen aufſchreckte. Doch ihm war einmal an⸗ befohlen, nicht bei ſeinem Herrn zu erſcheinen, wenn die Brüder ihre, Nachtſitzung’ hatten, und er wendete — ſich, der ‚Ablöſung“ gewärtig, im Bette um, zog die Decke über die Ohren und murmelte:„Mögen ſie ſe⸗ hen, wie ſie miteinander durchkommen!“ Daß ein Le⸗ bender dieſe Klagen eines Sterbenden nahebei verſchlafen könne, hielt Paul für unmöglich. Erſt nachdem die Morgenſtunde, wo der jün⸗ gere Graf zu ſcheiden und ſeinen Bruder des Kam⸗ merdieners Obhut wieder zu übergeben pflegte, längſt vorüber war, entſchloß dieſer ſich, zum Rechten zu ſehen. Er lauſchte an der Thüre. Tiefes Schweigen. „Der Anfall iſt glücklich vorbei,“ ſagte er getröſtet und wollte öffnen, da ließ der Lakai eine alte Dame ins Vorzimmer. Paul wendete ſich nach jener um, — es war Tante Barbara. Paul, der ſich von ihr nicht begünſtiget weiß, trotzdem aber dieſer nächſten weiblichen Verwandten ſeines Herrn eine ihm ſelbſt imponirende widerwillige Ehrfurcht zollt, empfängt ſie mit unverholenem Stau⸗ nen. Denn als ſie vor ſechs Monaten dieſe Räume verließ, hatte ſie ihm geſagt:„Euer Graf will mich nicht haben, ich beläſtige ihn. Folglich ſehen wir uns erſt wieder, wenn ich komme, ihm die Augen zu⸗ zudrücken; dazu iſt eine alte Tante noch gut genug.“ Dieſes Scheidegrußes erinnert ſich Paul augen⸗ blicklich bei der Gräfin jetzigem Erſcheinen zu 88 ſolch frühzeitiger Morgenſtunde und ſtammelt ihr etwas entgegen, wodurch er ſein Befremden kund⸗ geben will. Sie ſagt nur:„Iſt's ſchon vorbei?“ Und als er entgegnet:„Sie ſchlafen ſehr gut! Beide!“— läßt ſie ſich auf keine weiteren Erörterungen mehr ein, geht vorwärts und er folgt ihr. Sie wirft einen flüchtigen Seitenblick auf Her⸗ mann, ohne am Bette zu verweilen, auf welchem dieſer noch unbeweglich liegt. „Der ſchläft!?“ ſagt ſie, ſchmerzlich erſtaunt. Dann reißt ſie die Fenſtergardinen auf und tritt zu Theodor's harter Lagerſtätte. „Der auch— aber einen andern Schlaf!“ Und ſie taucht ihr Taſchentuch in ein Waſſerglas auf dem Büffet, ſchließt dem Todten die Augenlider, be⸗ deckt ſie mit dem angefeuchteten Tuche, läßt die Hand daraufruhen und fragt:„Wann iſt er geſtorben, Kammerdiener?“ „Ich weiß es nicht,— ich wußte nicht, bß er todt iſt,— ich glaubte, er ſchliefe recht ſanft. mir war unterſagt. „Schon gut. Wecken Sie Graf Hermann. Es iſt unſchicklich neben des Bruders Leiche zu ſchlafen, wie wenn man vom Balle käme.“— 89 Paul näherte ſich ſehr beſtürzt dem jetzigen Majo⸗ ratserben und wagte verſchiedene ſchüchterne Verſuche, die ohne Wirkung blieben. „So hat er denn ſeinen Willen gehabt, der ſchroffe unzugängliche Sophiſt, der kalte eiſerne Rechthaber! Iſt allein geſtorben, ohne letztes Wort, ohne ‚Gott ſegne Euch“ an die Umſtehenden. Gott ſei Dir gnädig, älteſter Sohn meines Bruders. Wir liebten uns nicht, dennoch verſag' ich Deinem An⸗ denken meine Achtung auch nicht. Du warſt ein Charakter,— wenngleich kein angenehmer. Aber der da— nun, iſt er nicht zu erwecken?“ „Da wäre, Gott verzeih' mir die Sünde, eher mein verſtorbener wieder zu ermuntern, als der junge Herr hier? So was oon Schlaf hab' ich noch nie erlebt, gnädige Gräfin!“ Sie ging zum Bette und betrachtete den Schlä⸗ fer! Die Hand, die ſie ſchon ergriffen, um durch ihr Schütteln ihn zu ſich bringen, ließ ſie wieder los. Sie verſenkte ſich in die freundlichen, anmuthigen Züge dieſes Angeſichtes. Ach, es glich ja dem Hermann, den ſie ſo liebgehabt. Es lächelte ſo kindlich, wie einſt in Eichenan. Da war auch nicht eine Spur jener glatten, weltmänniſchen Theilnahm⸗ loſigkeit, jener gelangweilten Apathie zu finden, womit 90 er ſeine gute Tante abzuſchrecken erlernt hatte. Da war wieder der alte treue Hermann.... Und während Paul ſich bei der Leiche zu thun machte, flüſterte Tante Barbara dem Schlafenden zu:„Bleibe ſo! Bringe, was Du jetzt träumen magſt, bringe die Wärme Deines Gefühls, die Reinheit Deiner Seele mit ins Leben, in die Wirklichkeit! Lächle mich an, wie Du jetzt lächelſt“... Ein Poſthorn ſchmetterte durch den Hofraum. „Es iſt der Graf, mein Bruder,“ ſagte ſie; „geht ihm entgegen, haltet ihn zurück.“— Paul eilte hinaus. Tante Barbara neigte ſich an Hermann's Ohr: „Noblesse oblige,“ flüſterte ſie ihm zu. Er fuhr plötzlich auf:„Tante Barbara?“ rief er, noch ſchlaftrunken, und breitete beide Arme aus, ſie zu umſchlingen. Beinah wäre ſie der ſüßen Täuſchung unterlegen. Doch ſchon ſammelte er ſich zu ſtaunendem Beſremden, ließ die Arme wieder ſinken und fragte gemeſſen:„Was bedeutet Deine Anwe⸗ ſenheit?“ „Wir ſind in einer Todtenkammer,“ ſagte ſie ernſt.„Raffe Dich zuſammen; ich gehe Deinen Vater zu empfangen.“— Hermann blieb allein bei der Leiche zꝛrück. Er 91 kleidete ſich, ſo ſorgfältig als die Haſt ihm geſtattete, rief ſich dabei die Eindrücke der vergangenen Nacht zurück und bemühte ſich, ſeine Gedanken einigermaßen zu ordnen.— Wann war Theodor geſtorben? Sollte die wunderliche Erſcheinung, die Hermann nur mit offenen Augen geträumt zu haben glaubte, des Bruders unerwartet raſchen Tod bedeutet und verkündiget haben? Unmöglich! Nach dem Erlöſchen der Lampen hatte er ſich ja, obwohl im Dunkel, doch durchs Gehör überzeugt, daß der Kranke ruhig athme; und das konnte kein wacher Traum mehr geweſen ſein, denn er beſann ſich ja deutlich, in welcher Ab⸗ ſicht er aufgeſtanden und ſich jenem genähert habe! Der Tod hatte alſo erſt gegen Morgen ſtattge⸗ funden?— War es denn auch in Wahrheit der Tod, der dieſen vor wenigen Stunden noch ſo be⸗ redten Mund geſchloſſen?— Ja, das iſt der kalte, gewaltige, unerbittliche Vollſtrecker des ewigen Ge⸗ ſetzes, dem alles unterliegt, was ſterblich heißt. Ja, dieſe Glieder werden ſich nicht mehr bewegen, um dieſe Lippen wird kein ſarkaſtiſches Lächeln mehr zuk⸗ ken, wenn Graf Hermann ‚ſich ſelbſt vergißt und auf Augenblicke in ſeine Naturepoche“ zurückfällt. Graf Theodor iſt todt und ewiges Schweigen iſt ihm auferlegt..... 92 Draußen hörte man ſchon Graf Ulrich mit Schweſter Barbara ſtreiten. Er wollte den Eingang erzwingen; ſie gab ſich Mühe, ihn noch aufzuhalten, bis der jüngere Sohn ſich dem Vater vorſtelle. Hermann legte noch einmal ſeine Finger an des Verſtorbenen Arm, den Schlag eines Pulſes zu ſuchen, der ſich nicht mehr finden ließ. Die Hand des Todten war ſchon kalt. Er drückte ſie, holte tief Athem,... doch als er fühlte, daß er weichwerden wolle, riß er ſich heftig von dem Anblicke los:„Wenn Theodor mich ſähe, würd' er mich auslachen. Was iſt's weiter? Heute Dir, morgen mir!— Jetzt gilt es, der armen Tante Hilfe zu leiſten beim Em⸗ pfange des Vaters!“— Dieſer rief ſeinem Sohne entgegen:„Mein Einziger! Jetzt der einzige Erbe unſeres Namens und Beſitzes! Wie ſoll ich Dir danken und vergel⸗ ten, was Du an Theodor gethan? Gott ſegne Dich tauſendmal für Deine brüderliche Liebe!— Und ſo bin ich doch zu ſpät gekommen trotz aller Eil? Deine Eſtaffette, Barbara, überraſchte mich in meinem Waldſchlößchen, wo ich einen Frühlingstag begehen wollte. Du gabſt mir drei Tage Friſt— und heute erſt beginnt der dritte.“ „Das beweiſet nur, was wir längſt wiſſen, mein 93 Bruder, daß die beſten Aerzte nicht unfehlbar ſind. Geſtern Abend erſt ſagten ſie mir, es ſeien Sym⸗ ptome eingetreten, die das Ende beſchleunigen müßten. Deßhalb machte ich mich mit der Morgenſonne auf — und kam gleichwohl auch ſchon zu ſpät.“— Nun ſollte Hermann dem Vater beſchreiben, wie die letzten Stunden verlaufen wären? Er ſtattete der Wahrheit gemäß genauen Bericht ab über die vergangene Nacht. Seine Viſion erregte der Tante ganz beſondere Aufmerkſamkeit. Denn ob er ſchon vermieden, in die Erzählung von der auf⸗ flackernden und erlöſchenden Flamme Mathildens Na⸗ men zu miſchen, hatte Gräfin Barbara aus der Um⸗ ſchreibung das Richtige errathen. Sie verweilte aber nicht bei dieſem Umſtand, ſondern legte nur Gewicht darauf, daß ſich die Annahme, es ſei wirklich Theo⸗ dor geweſen, der ſchon ſterbend ſich im Zimmer hin⸗ und herbewegt habe, um irgendetwas zu bewerk⸗ ſtelligen, mit deſſen Eigenthümlichkeit und übermenſch⸗ licher Energie wohl vereinigen laſſe:„Wie wenn er die Lampen auslöſchen wollte, damit Du, von ihrem Lichtſchein ungeſtört, in tiefſten Schlaf ſinken und ſeinen Todeskampf nicht ahnen ſollteſt? Paßt das nicht zu ſeinem ganzen Verhalten? Iſt das nicht 94 eines Schülers Eures bewunderten Meiſters, des Kammerherrn, würdig?“ Hermann verlor, wie die Tante dieſe Anſicht aufſtellte, ſeine mühſam behauptete Faſſung.„Das ſei unmöglich, übernatürlich,“ rief er aus. „Doch lange nicht ſo übernatürlich, als Deine Geiſtererſcheinung, an die Du glauben möchteſt, indem Du ſie für einen Traumſpuk erklärſt. Ich will Euch beweiſen, daß ich, die dem Verſtorbenen ſein Leben⸗ lang ſo fern geſtanden, ihn beſſer kenne, wie Ihr. Folgt mir!“ Sie betraten das Todtenzimmer. Paul blieb nicht zurück. „Haben Sie die große Lampe niedergeſchraubt?“ fragte die Aebtiſſin. „Ich habe ſie nicht berührt, gräfliche Gnaden, ſeitdem ich ſie geſtern Abend auf dieſen Platz ſtellte. Aber gethan iſt's.“ „So überzeuge Dich ſelbſt, Hermann! Dieſe Flamme iſt nicht zufällig, nicht aus Mangel an Oel erloſchen, wie Du ſiehſt. Der Docht iſt unſichtbar; eines Menſchen Hand hat dieſes Rädchen bewegt. — Und wenn Du noch zweifelſt, hier liegt Theodor's Ring. Er iſt vom erkaltenden Finger geglitten.“ Hermann griff nach dieſem koſtbaren, doch ein⸗ —2 —2 95 fachen Reifen, den ſein Bruder nie abgelegt hatte. Doch ehe er das Kleinod erreichte, befand es ſich in Tante Barbara's Hand.„Er gehört dem Finder,“ ſagte ſie;„und ich werde ihn bewahren Du beerbſt Deinen Bruder im großen, all ſeine Anſprüche ge⸗ hen auf Dich über. Laſſe mir dieß kleine Andenken. — Und nun, Ulrich, ſieh' Deinen Sohn.“ Graf Eichengrün that ſich Gewalt an, wie die Schweſter ihn der Leiche zuführte. Die Empfindung eines redlichen Vaters trug denn über ſein faſt un⸗ überwindliches Leichengrauen den Sieg davon. Barbara nahm das feuchte Tuch von den nun geſchloſſenen Augen:„Es iſt tröſtlich, bei allem Grame tröſtlich und beruhigend, daß im Tode und im— Schlafe,—(dabei wendete ſie ſich zu Her⸗ mann),— auch die Züge derjenigen oft freundliche Milde zeigen, die ſich im Leben und im Wachen alle Mühe gaben, recht kalt, gleichgiltig und lieblos zu ſcheinen. Meinſt Du nicht auch, Hermann? Und jetzt, Paul, ſchicken Sie nach den Aerzten, daß ſie ihren Todtenſchein ausſtellen.“ 96 Vierzehntes Kapitel. Wenn der Leichnam eines Menſchen, der nie⸗ manden warmgeliebt hat, und von niemandem warm⸗ geliebt worden iſt, wohlverwahrt in doppelten Särgen ruht, dann darf als ſicher angenommen werden, daß ſeine Rolle hienieden ausgeſpielt ſei, und daß er unter den Zurückbleibenden nicht weiter⸗ lebe. Graf Eichengrün der Vater bedauerte das frühe Ableben ſeines älteſten Sohnes, hatte auch, da der Sarg gehoben und auf einen Wagen geſetzt wurde, um von Paul begleitet in kleinen Tagereiſen nach der eichenauer Erbgruft zu wandern, ſeine Au⸗ gen voll väterlicher, aufrichtig geweinter Thränen; trocknete dieſe aber bald nachher mit dem Bedeuten: es ſei dem Seligen die Befreiung von ſeinen Qua⸗ len doch zu gönnen. Er fand ſich in ſeinen Trauer⸗ kleidern ſchlank und zierlich, fühlte ſich in dieſem Sommer„jugendlicher als je⸗, und machte ſich von Hermann unter allerlei Vorwänden gern los, die Reſidenz und ihre Umgebungen allein zu durchſtrei⸗ fen. Wenn Schweſter Barbara ihn wegen ſolcher ‚unvergänglicher Lebensluſte tadelte, und ihm rück⸗ ſichtslos vorſtellte:„es ſei unbegreiflich, wie ein Va⸗ ter, der eben einen erwachſenen Sohn begrabe, ſich 97 geberden könne, als ob das Lebensalter des Verſtor⸗ benen ſeinen Jahren abgenommen, und er ſelbſt wie⸗ der ein Jüngling geworden ſei?“ Da entſchuldigte ſich Bruder Ulrich mit ſeiner Ungeduld, nur bald nach Eichenau heimkehren zu dürfen.„Der Aufenthalt in der Stadt ſei ihm unerträglich. Dennoch dürfe er jetzt nicht abreiſen, ehe nicht alle auf Theodor's Tod und Hermann's Sukzeſſion bezügliche Geſchäfte ge⸗ ordnet und gewiſſe Entſcheidungen der oberſten Be⸗ hörden erfolgt wären. Ihm brenne das großſtäd⸗ tiſche Steinpflaſter unter den Sohlen. Was bleibe ihm übrig, ſich die Zeit zu vertreiben, als daß er ſich zerſtreue wie irgendmöglich? Für elegante Ge⸗ ſellſchaften in heißen Prachtzimmern, oder gar auf ſogenannten Landſitzen an ſtaubigen Chauſſéen habe er durch ſeinen langen Aufenthalt in Eichenau die Fähigkeiten eingebüßt. Er ſei ſchon zu lange ſelbſt⸗ ſtändiger Herr, um noch zu hofdienern. Und Schwe⸗ ſter Barbara entbehre jegliches Recht, ihn zu ſchel⸗ ten, denn ſie ziehe ſich ja auch auffallend zurück und gehe ihre eigenen Wege.“ „Das thut ſie, Bruder. Doch will's Gott, liegt ein gutes Stück Boden zwiſchen meinen und Deinen Wegen. Ich hoffe zu des Himmels Gnade, daß trotz aller Krümmungen und Untiefen, durch welche 1857. XV. Noblesse oblige. II. 7 die Deinigen bisweilen führen, wir uns am Aus⸗ gange der Lebenspfade endlich doch einmal begegnen; nur für den Augenblick muß ich gegen Deinen Ver⸗ gleich proteſtiren. Was mich betrifft, gedenke ich nächſter Tage mein Friedhain wiederzuſehen; Dir wünſche ich, daß die hohen Behörden Dich auch bald loslaſſen, damit Du nicht länger gezwungen wirſt, Dich gegen Deinen Wunſch und Willen in Trauer zu amüſiren!“ Hermann, durch ſeinen Vater benachrichtiget, daß die Tante ſchon mit einem Fuße im Reiſewa⸗ gen ſtehe, verſäumte nicht, ihr ſeine förmliche Ab⸗ ſchiedsviſite zu machen. Tante Barbara hatte auf Theodor's Tod ihre letzte Hoffnung geſetzt. Unter den Gründen, welche ſie ihren ſonſtigen Neigungen und Gewohnheiten zuwi⸗ der ein volles halbes Jahr in der Reſidenz feſtge⸗ halten, ſtand dieſe Hoffnung vielleicht obenan? Sie wollte den Moment nicht verſäumen, belauſchte in unermüdlicher Aufmerkſamkeit ſein Herannahen: aller⸗ dings um zeitig genug den Vater an des Sohnes Sterbebett beſcheiden zu können,— was nun doch mißlungen war; aber gewiß nicht minder, um von der heftigen Erſchütterung, die des Bruders Tod auf Hermann hervorbringen müßte, für dieſen und ſeine 99 Stellung zu ihr ſegensreiche Folgen zu gewinnen; — was jedoch auch mißlingen ſollte, wie wir ſogleich erfahren werden. Graf Hermann befand ſich ſeiner Tante gegen⸗ über im entſchiedenen Vortheil. Er hegte weder Groll, noch war ſeine Eitelkeit verletzt, noch kränkte es ihn, daß ſie ihn nicht mehr mit der alten Liebe behan⸗ delte. All dieſe Gefühle lebten für ihn, in ihm nicht mehr. Die jüngſtvergangenen Jahre hatten ihn alt gemacht, gleichgiltig, unempfindlich. Er hatte ver⸗ lernt, ſich noch auf etwas, über etwas zu freuen. Alle Genüſſe meinte er erſchöpft, die Jugend mit ihren thörichten doch wonnevollen Irrthümern, mit ihren himmliſchen Täuſchungen wähnte er hinter ſich zu haben. Seine einzige, und eines vornehmen, rei⸗ chen Kavaliers höchſte Aufgabe ſuchte er darin, ſich nun auch über nichts mehr zu ärgern, ſich durch nichts mehr aus jenem Gleichmuth bringen zu laſſen, der den Großen hauptſächlich vom Pöbel unterſchei⸗ den ſolle.„Wir müſſen ſo hoch ſtehen, daß uns nichts mehr berührt und erreicht, was die niedrigen Maſſen bewegt und erſchüttert. Wir müſſen auf ſie herabſehen können und immer lächeln, mitleidig,— huldreich,— verächtlich,— wie es kommt!“ — Wenn er nun auch ſeine Tante Barbara 7 ½ 100 nicht etwa zu dieſer„Maſſe’ rechnete; wenn er im Gegentheile die Ehrerbietung, die er ihr, als ſeines Vaters Schweſter, zu entrichten habe, unter den ſaubergeſchriebenen und ſtets aufrechtzuhaltenden Paragraphen ſeines Adelskatechismus wie einen der wichtigſten betrachtete,— ſo vermißte er doch nicht einen Augenblick die Wärme ihrer Zuneigung, die ihm ſonſt ſo reichlich zuſtrömte, die aber nach und nach ausblieb, wie er aufhörte ſie zu erwiedern. In ihm war ſie erkaltet, wie hätte er ſie noch ſpenden können? Tante Barbara hatte genug zu thun, ſie zurückzuhalten. Was Wunder, wenn ihr Herz von Flammen ſchier verzehrt ward, indeß das ſeinige nichts empfand, durch nichts inkommodirt wurde? Wie man von ſich auf Andere ſchließt, ſchloß Graf Hermann:„Solange ſie mich noch wie ein Kind hätſcheln und erziehen konnte, galt ich ihr für ein liebes Spielwerk. Ich bin ihr entwachſen,— natürlich hat das aufgehört. Sie macht ſich weiter nicht mehr viel aus mir,— hat ihre eigenen An⸗ ſichten über Tugend— man darf ihr das nicht übel⸗ mnehmen, der alten ſtrengen Jungfrau,— wenigſtens will ich ihr durch mein vorwurfsfreies Betragen gegen ſie, durch meine reſpektuoſe Courtoiſie ſtets zei⸗ gen, daß ihr Neffe ein vollkommener Kavalier iſt und . 101 ihr Motto zu dem ſeinigen gemacht hat. Mehr kann ſie nicht verlangen.“ Seiner Sache gewiß, kam er, ihr glückliche Reiſe zu wünſchen. Sie erwiederte das durch einen Glückwunſch zu ſeinem Antritt der auf ihn übergegangenen, brüder⸗ lichen Erwartungen und Rechte, was er wie eine leere Förmlichkeit hinnahm und ſeinerſeits nur um die Fortdauer ihrer Gnade bat.„Oder,“ ſetzte er hinzu, „eigentlich müßte ich um deren Wiederkehr bitten, denn ich fürchte bisweilen, ſie verſcherzt zu haben?“ „An der Gnade einer alten, unvermögenden Tan⸗ te,“ erwiederte ſie,„kann Dir jetzt weniger gelegen ſein, als jemals. Was wäre ſie dem Majoratserben von Eichenau nütze? Meine Liebe aber haſt Du ſchon vorher ſeitab liegen laſſen, wie etwa der Fußreiſende ein Geſchenk abſtreift, welches ihm einſt wohl theuer war, welches aber jetzt den Werth verlor und nur noch als unnütze Laſt gilt. Du haſt mich gemieden, und ich dränge mich nicht auf.“ „Dieſen Vorwurf kehr' ich um, liebe Tante: Du haſt mich gemieden; haſt vermieden, Dich gegen mich offen auszuſprechen, wie Du es ſonſt ge⸗ than. Ich konnte das nicht anders deuten, als daß Du mit mir und der Lebensrichtung, die ich verfolgte, 10² unzufrieden biſt; was mich denn, aufrichtig geſtan⸗ den, umſomehr in Erſtaunen ſetzte, da ich doch nur danach geſtrebt hatte, die guten Lehren, die Du mir bei meinem Eintritt in die große Welt einge⸗ ſchärft, zu befolgen und praktiſch anzuwenden. Du haſt meine Erziehung begonnen, mein ſeliger Bru⸗ der hat ſie fortgeſetzt, ich ſchmeichle mir mit dem Zutrauen, ſie ſelbſt zu vollenden.“ Die Tante ſah ihren Neffen fragend an, um ſich erſt zu überzeugen, ob er ſich einen Scherz mit ihr erlaube? oder ob er ernſthaft rede? Nachdem ſie das letztere wahrgenommen, ſprach ſie mit ſchnei⸗ dender Kälte:„Ich beſinne mich, daß ich vor vielen Jahren einem Wahnſinnigen auf der Landſtraße be⸗ gegnete, den Häſcher ins Irrenhaus brachten. Er ſchrie mir wilde Drohungen in meinen Wagen hin⸗ ein und klagte mich an, ſein Elend verſchuldet zu haben, weil ich ſeine Bewerbungen abgewieſen. Ich ſah den Unglücklichen zum erſtenmale, doch ich meine, er ſei gerade ſo berechtiget geweſen, mir jene Vor⸗ würfe zu machen, als Du es biſt, mir zu ſagen, was Du jetzt eben geſagt. Ich muß die mir zuge⸗ dachte Ehre entſchieden zurückweiſen. Die Verdienſte anlangend, welche Theodor und ſein vorangegangener Freund ſich um Deine Ausbildung erworben, will 103 ich ſie gern anerkennen, obgleich ich nicht verſtehe, ſie gebührend zu ſchätzen. Nur wundern muß ich mich, daß Du für einen Bruder, dem Du ſoviel verdankſt, nicht eine Thräne des Schmerzes hatteſt, als man ihn einſargte?“ „Ich rief mir ihn und ſein Beiſpiel lebendig ins Gedächtniß, da er todt vor uns lag. Ich be⸗ nahm mich nicht anders, wie er es gebilliget haben würde, hätt' er Zeuge meines Betragens ſein kön⸗ nen. Sollt' ich Thränen erpreſſen, Gefühle erheucheln, die nicht vorhanden ſind? Hätte mein Vater, hätteſt Du, hätten unſere Diener eine affichirte Betrübniß gutheißen können, wo doch ziemlich klar iſt, daß dieſer Todesfall mir eine glänzende Poſition gewährt, mich aus einem, von ſeines Vaters Launen abhän⸗ gigen mittelloſen Grafen—(und wer bürgt uns, jetzt gar! dafür, daß ich nicht noch die Freude erlebe, einer Stiefmutter die Hand zu küßen?)— zu einem unabhängigen, auch durch Reichthum ausgezeichneten grand seigneur macht? Solange der arme Theo⸗ dor ſich ſterbend quälte, hab' ich nichts verſäumt, die Pflichten zu erfüllen, die meine Stellung als jün⸗ gerer Bruder mir auferlegte. Sie haben mich lange genug gedrückt; und ſeit dem Verſchwinden des Ba⸗ rons hab' ich vom Leben wenig genoſſen. Jetzt kommt die Reihe an mich. Es iſt ſauer verdient das Bißchen Wohlbehagen und Bequemlichkeit, dem ich entgegengehe. Ja, nun will ich genießen— doch gewiß nicht wie ein Plebejer! Nein, mit Bewußt⸗ ſein, mit Würde, mit Rückſicht auf Stand und Rang; nur in den Grenzen, die meine Geburt mir vorzeich⸗ net: Noblesse oblige!“ „Nun denn,“ rief Tante Barbara,„bei dem Gott, der uns ſieht und hört! Wäre mein Gewiſſen nicht rein; träfe mich auch nur ein Schatten von Verdacht, daß ich meiner geliebten Mutter heiligen Wahlſpruch Dir zu dieſer Deutung anvertraut, die Du— und Andere ihm gegeben, mit blutigen Nägeln wollt' ich ſeine zwei Anfangsbuchſtaben aus dem harten Holze bohren, in welches ſie eingelegt ſind; wollte den alten, mir ehrwürdigen Kaſten, den treuen Begleiter durch ein langes redliches Leben ins Feuer werfen, daß auch die letzte Spur davon vertilgt werde, für ewig! Doch ich wiederhole, daß mein Gewiſſen rein iſt. Mit der Achtung vor Dir ſelbſt ſolltet Du nach meiner Meinung beginnen dürfen, um dereinſt Deiner Perſon die Achtung aller Guten, die Liebe aller Edlen zu gewinnen; Deinen Adel ſollteſt Du durch die Eigenſchaften behaupten, auf die ſich das Inſtitut des Adels urſprünglich 105 gründet; die Rechte vergangener Jahrhunderte ſollteſt Du mit den Anſprüchen der Gegenwart zu verbinden wiſſen; Beiſpiel und Muſter ſollteſt Du ſein für alle Stände! So legte ich Dir den Wahlſpruch aus, und müßt' ich mir nachreden laſſen, ich hätte neben dem adeligen Schmuck feiner Sitten, nobler Gebräuche, geiſtigen Uebergewichtes in meiner Auslegung das Wichtigſte vergeſſen, das Tiefſte und Höchſte im Men⸗ ſchen, das Zentrum göttlicher Offenbarung und menſchlicher Weisheit, dann verdiente ich, daß mir die Zunge ausgeriſſen und Deines Vaters Jagdhun⸗ den vorgeworfen würde. Du magſt alles erworben haben, was Deine Erzieher für nöthig erachteten, um einen Adeligen daran zu erkennen;— nur das Eine haſt Du dafür hingegeben, wovon nach mei⸗ nem Glauben alles ausgehen ſoll, oder es iſt eben gar nichts werth; das Eine, woran Du einſt ſo reich warſt, daß Du kaum wußteſt, wohin mit dem Ueber⸗ fluße! Ja, ich warnte Dich damals, Du möchteſt, von Deiner kindlich⸗warmen Menſchenliebe irregeführt, nicht in jedem Unzufriedenen einen Berechtigten, in jedem Frondeur einen Berufenen, in jedem Aufwieg⸗ ler einen Propheten erblicken! Wie fern lag mir da die Befürchtung, daß die Zeit über uns hereinbre⸗ 106 chen könnte, wo ich Dir jenen unſchuldigen Glauben vom Himmel zurückerflehen würde!“ „Du erſiehſt daraus, meine theure Tante, wenn unter zwei Uebeln das kleinere zu erwählen löblich genannt werden darf, ſo habe ich wenigſtens dieſes Lob verdient. Ja, auch ich kann mich oberflächlich eines Bürſchchens erinnern, welches mit gar abſon⸗ derlichen Begriffen von Menſchenwohl, Edelmuth, Aufopferung— und beſonders von Menſchenwerth das Gaukelſpiel betrachtete, ſolange er noch Zu⸗ ſchauer war, und nur ausnahmsweiſe ein kleines Röllchen verſuchen durfte. Mein Debüt fiel Snoch albern genug aus. Ewig dankbar will ich Dir bleiben, daß Du jenes ſentimentale Duo⸗Drama in der wah⸗ lauer Holzgaſſe, eine Dea ex machina, unterbrachſt. Ohne Dich hätt' ich jetzt vielleicht ſchon eine Frau auf dem Halſe, ſäße in irgendeinem Eril, oder müßte mir da im beſten Falle, wenn Papa ſich verſöhnlich gezeigt hätte, das Majorat aus dem Sinne ſchlagen, deſſen Stiftungsurkunde ich jetzt, Dank ſei es Theo⸗ dor, innehabe wie mein Einmaleins. Das wär' ein hübſches Daſein, von Vaters Huld und Almoſen Weib und wahrſcheinlich Kinder dürftig nähren und daneben auf eigenen Erwerb angewieſen, auf gemeine Arbeit, auf unadeliche Plackerei! Davon haſt Du 107 mich gerettet, und für dieſe Rettung wirſt Du doch den Dank nicht verſchmähen?“ „Ich verſchmäh' ihn, Hermann; ich weiſe ihn von mir, als ob es die bitterſte Kränkung wäre, die Du mir zufügteſt. Ich verwünſche jene unzeitige Bereitwilligkeit, das Werkzeug Deines und meines Bruders werden zu wollen. Ich bereue, wie man nur die ſchlechteſte That bereuen könnte, was ich aller⸗ dings in guter Abſicht, aber doch mit allzuſtürmiſchem Eifer gethan. Vielleicht war die Herkunft des lieben Mädchens, von dem ich Dich trennte, ganz geeignet, den Anſprüchen zu genügen, welche das Fidei⸗ kommiß an die Gemalin ſeines Anwärters macht? Genauer zu forſchen ließ ich mir nicht die Zeit. Das Dunkel, welches mit Abſicht über Mathildens Familie verbreitet ſchien, ſchreckte mich zurück, wie ſehr das holde Mädchen mich auch entzückte. Ach, wäre ſie doch Dein geworden! Auf die Gefahr hin, daß ihrem Stammbaum ich weiß nicht wie viele Ahnen in auf⸗ ſteigender Linie mangelten; daß Du für immer aus⸗ geſchloſſen wäreſt von einem Beſitz, der Dir ohnehin verſagt war, als Du das Licht der Welt erblickteſt! Daß Du in beſchränkter Sphäre, durch angeſtrengte Arbeit Deinen und der Deinigen Unterhalt erringen müßteſt; daß Du dafür aber auch geblieben wäreſt, wie Du warſt, 108 als Deine reine Sehnſucht Dich mit Roſen kränzte, als Du, ſelbſt noch Kind, ein Kind liebteſt. Wie glück⸗ lich würde die alte Tante ſein, das Letzte herzugeben für Euch und Eure Kinder; wie ſelig würde ſie entbehren und entſagen all ihren kleinen Bedürfniſſen; wie ſtolz würde ſie ſich fühlen, Deinem Vater zu ſagen: Ülrich, wir bedürfen Deiner Gnade nicht, wir haben genug, Hermann und ich. Und wie reich würde ich mich dünken, in ſolcher Armuth, denn Hermann würde mir alles tauſendfältig vergelten, dadurch, daß er noch mein Hermann wäre.“ „Du biſt wirklich die Güte und Großmuth ſelbſt, beſte Tante, und ſoviel Freundlichkeit rührt mich. Aber ich denke doch, es iſt ſo beſſer. Nach den Er⸗ fahrungen, die ich ſeither an mir gemacht, iſt nur ſehr geringe Wahrſcheinlichkeit vorhanden, daß Ma⸗ thildens Beſitz mich befriediget und beglückt hätte. Der Beſitz des Anrechtes aufs Majorat iſt wirklich ſicherer und ſagt mir beſſer zu. Ich habe verſchie⸗ dene Frauen und Mädchen kennengelernt,— ſehr verſchiedene, nur in einem waren ſie ſich alle ähn⸗ lich: in der Unfähigkeit mich zu feſſeln. Warum hätte Mathilde eine Ausnahme machen ſollen? Ich trug aus den Erlebniſſen dieſer Jahre eine Gleich⸗ giltigkeit gegen das ſchöne Geſchlecht davon, die 109 himmelweit abweicht von der anbetenden Verehrung, von den ahnungsvollen Schauern und Erwartungen, welche Tante Barbara's Geſchichte und Charakter dem Jüngling eingeflößt hatte. Solche Weiber gibt es heutzutage nicht mehr. Ich denke ſpäter einmal mich zu vermälen,— die Eichengrüns dürfen nicht ausſterben. Doch ſoll dieſe Verbindung unter den Auſpizien wohlabgewogener Berechnung und Ueber⸗ legung ſtattfinden, wie es einem großen Herrn ge⸗ ziemt; und das ſogenannte Herz ſoll mir nicht d'rein⸗ reden.“ „ Ich gratulire im voraus,“ ſagte die Tante, der es jetzt ſehr leidthat, daß ſie ſich zu ſo heftigen Klagen und Bekenntniſſen hatte hinreißen laſſen, da ſie doch überzeugt ſein konnte, daß ſie den Prediger in der Wüſte machte. Denn einer Wüſtenei gleicht das Innere eines ſo zeitig dem Leben abgeſtorbenen jungen Welt⸗ und Lebemannes; einer Wüſtenei, wo keines Menſchen traute Stimme, keines Vogels fröh⸗ licher Geſang ertönt,— wo nur die Selbſtſucht, ein überſättigtes, hochmüthiges Raubthier, ſich langweilt. „Ich gratulire im voraus, mein werther Neffe, und preiſe die Bevorzugte glücklich, die Du aus dieſem Geſichtspunkte erwählen und als Auserwählte im eichenauer Schloß einführen wirſt. Man behauptet 110 ja, daß Vernunftheiraten im Durchſchnitt beſſer einſchlagen, als die das dumme Herz zuſammenbringt. Nun, dafür biſt Du geborgen, wie Du verſicherſt, und wie ich nicht bezweifle. Es müßten Dir denn etwa—(und das ſprach die alte Dame wieder mit weicher Stimme, faſt mit Innigkeit,) es müßten Dir denn die erfriſchenden Fluren und Wälder Deiner Heimat, es müßten die Berge und Thäler Deiner Kindheit Dir von ihrer Friſche und dem ſtärkenden Hauche ihrer reinen Luft ſoviel mittheilen, daß Deine Seele neuen Trieb, Dein Herz raſcheren Puls⸗ ſchlag empfinge! Vielleicht iſt das Landleben jener Zauberteich, in dem Du badeſt, um zu geneſen von Deiner“— „Du irrſt, Tantchen,“(unterbrach er ſie,)„ich bin durchaus nicht krank. Ich befinde mich ſo wohl und fühle mich ſo geſund, körperlich wie pſychiſch,— obgleich dieſer Unterſchied nicht exiſtirt und dieſe noch immer gebräuchliche Phraſe keinen Sinn hat, — ſo geſund, daß es eine wahre Schande iſt für einen Kavalier, der alles gethan, pour se casser. Ich bedarf keiner Bade⸗ noch Brunnenkur, keiner Auffriſchung, keines Zauberteiches. Wäre dergleichen aber vonnöthen, immer würde Eichenau, oder über⸗ haupt ein fortgeſetzter ländlicher Aufenthalt das letzte 111 Mittel ſein, wonach ich griffe. Die Söhne des Dor⸗ fes, mit denen ich Gründel und Quabben unter den Steinen im Bette der murmelnden Eicha verfolgte, werden zu ſtämmigen Bauerbengeln herangewachſen, ihres Vaters Düngerwagen befrachten, und die Schönen des Landes werden ihnen dabei hilfreiche, nicht allzuſaubere Hände reichen. Eine Wiederge⸗ burt unſerer Kinderfreundſchaften verſpricht mir ge⸗ ringe Reize. Die Nachbarſchaft iſt horrihle, ſoweit ich mich darauf beſinnen kann. Und wie Papa über die Anweſenheit des künftigen Majoratsherrn, über deſſen Einblicke und etwaige Beurtheilung ſeines Regimentes denkt,— davon hat er uns hinreichend unterrichtet. Seine Abneigung gegen die ſtäte An⸗ weſenheit des Sohnes, und meine Abneigung gegen das ennuyante Landvegetiren,— denn Leben im höheren Sinne kann man's nicht nennen,— treffen glücklich zuſammen. Bis mich mein Staatsdienſt etwa in fremde, ferne Gegenden führt, will ich wohl alljährlich auf etliche Tage zur Jagd nach Eichenau gehen; im übrigen jedoch mich ſo wenig als mög⸗ lich darum bekümmern.“ „Alſo auch das noch!“ ſeufzte Tante Barbara, und weiter redete ſie nicht mehr. Graf Hermann verſuchte noch etlichemale, ein 112 Geſpräch über gleichgiltige Dinge mit ihr in Gang zu bringen, doch ſie blieb ſtumm, antwortete höch⸗ ſtens durch Ja und Nein. Endlich zog er ſich zurück, küßte ihr ehrfurchts⸗ voll die Fingerſpitzen, und ſie verneigte ſich vor ihm nach allen Regeln des Anſtandes, den eine Reſpekts⸗ perſon ihrer Gattung gegen einen Neffen beobachten würde, der ihr innerlich fremd iſt und in welchem ſie nur den künftigen Familienchef anerkennt. Als ſie allein war, betrachtete ſie lange die bei⸗ den Buchſtaben auf dem Deckel ihres Arbeitskaſtens. „N— 0“— wiederholte ſie traurig.„Von heute an heißt das nicht mehr noblesse oblige. Für mich nie mehr. Der Wahlſpruch ſei in meiner Mutter Sarg gelegt. Ein perfider, gefährlicher Spruch, der ſolch falſcher Deutung fähig war!— Und wie leg' ich die Lettern mir jetzt aus? Meine Augen ſind ſeit länger als einem halben Jahrhundert gewöhnt, mit ſüßem Schmerz, mit wehmüthiger Andacht darauf zu weilen? Was ſoll ich mir nun dabei denken, wenn ich ſie anblicke?— Ha, welche Frage: es liegt ja ſo nahe! Nur Odo ſoll es heißen. Nur Er! Nur der Todte ſoll mir leben, denn der Lebende iſt mir todt.“— Am nächſten Tage befand ſich die Aebtiſſin des 113 adeligen Fräuleinſtiftes ſchon auf dem Wege nach Friedhain. Die Feſtſtellung der Verhältniſſe, in welchen Graf Hermann von nun ſeinem Range und ſeiner Zukunft entſprechend die Reſidenz bewohnen ſollte, erfolgte raſch und ohne Schwierigkeiten, weil Vater wie Sohn, kleinlichen Nebenabſichten fern, mit Ver⸗ trauen ans Werk gingen. Hermann übernahm des Verſtorbenen Etabliſſement wie es ſtand und lag; der Vater beſtimmte ihm dieſelbe Rente, welche Graf Theodor bezogen hatte; befriedigte die Gläubiger, die etwa ſich meldeten; und erklärte ſich unaufgefor⸗ dert bereit, die Summe, die er dem jüngeren Sohne als ſolchem bisher ausgeworfen, nun auch dem einzigen Sohne alljährlich fortwährend zu laſſen. „Denn,“ ſagte er,„da ich nicht mehr ſo glücklich ſein werde, zwei Söhne zu beſitzen, weßhalb ſoll ich nicht wenigſtens die Freude genießen, dem Einen zu ge⸗ ben, was ſonſt beide empfingen!“ Dadurch wuchſen Hermann's Einkünfte bedeu⸗ tend an, und er ſah ſich in Stand geſetzt, ſeinem Stande gemäß zu exiſtiren. Dieß einmal in Ordnung gebracht, und die un⸗ erläßlichen Förmlichkeiten im Miniſterium des Innern erlediget, die des älteren Sohnes Hingang erheiſchte, 1857. XV. Noblesse oblige. II. 8 114 ließ ſich Graf Ulrich durch nichts mehr zurückhalten und gab den unwandelbaren Entſchluß baldiger Heim⸗ reiſe zu erkennen, wozu ihn nicht allein die eichen⸗ auer Wirthſchaftsverwaltung,(die ohne ihn, meinte er, lahme), ſondern auch die ernſte Verpflichtung auf⸗ forderte, den langſamgehenden Leichenzug noch ein⸗ zuholen, damit er Theodor's feierlicher Beiſetzung durch ſeine Gegenwart die Weihe gebe. Eine Pflicht, von welcher Hermann entbunden wurde.„Du haſt,“ äußerte der Vater,„ſchon genug für ihn gethan, ſo⸗ lange er lebte und litt.“ Sie nahmen alſo Abſchied von einander, und Hermann verließ am Abend das Höôtel, wo ſein Va⸗ ter abgeſtiegen war, in der Gewißheit von deſſen Ab⸗ fahrt am nächſten Morgen. Sich ſo früh zu deran⸗ giren, hatte Graf Ulrich dem Sohne ausdrücklich unterſagt.. Als dieſer nun des andern Tages ſeinen übli⸗ chen Spazierritt unternahm, war er nicht wenig er⸗ ſtaunt, in den dunklen Seitenpfad, neben der Haupt⸗ allee des Parkes, einen Fußgänger einbiegen zu ſehen, der entweder das leibhaftige Ebenbild des Abgereiſeten, oder der nicht Abgereiſete ſelbſt war? Für die letztere Vermuthung ſprach der Umſtand, daß 115 jener zweifelhafte Herr ſich eiligſt zu entfernen ſch um nicht erkannt zu werden. „Papa auf heimlichen Wegen?“ flüſterte Her⸗ mann den Bäumen zu, deren rauſchende Blätter ſein Flüſtern erwiederten, indem ſie ſich vor Lachen ſchüt⸗ telten,— wenn es nicht der Abendwind war, der ſie in Bewegung ſetzte? Schon wollte er vorüberreiten, ohne auch nur einen indiskreten Blick in den Querweg zu ſchicken, da er⸗ regte das Wiehern eines Pferdes ſeine Aufmerkſam⸗ keit, er hielt das ſeinige ein paar Sekunden lang an und ſah nun, daß eine Equipage dem Doppelgänger des Grafen Eichengrün entgegenkam, daß dieſer grüßte, daß der Kutſcher verweilte, daß eine Dame in Trauer den Herrn in Trauer, aus der Kutſche gelehnt, anredete,— und daß dieſe Dame eine ebenſo auffallende Aehnlichkeit mit Baronin Stiern⸗ holm zeigte, wie der Doppelgänger mit ſeinem Va⸗ ter. Unwillkürlich zog er den Zügel an, um die lebhaft Sprechenden näher betrachten zu können. Doch ebenſo geſchwind gab er ſeinem Pferde den Sporn, ſprengte heftig davon und eilte dieſe Gegend des Parks zu verlaſſen, damit er nur ja nicht in Gefahr gerathe, ‚einer ſo unritterlichen, gemeinen Neugier’ nachzugeben. Wie er dann den edlen Schweiß⸗ — 116 fuchs dem Stallknecht überlaſſen hatte, ging es ihm doch gewaltig im Kopfe herum, daß er Gewißheit haben müſſe, ob ſein Vater noch in der Stadt, und ob die Dame in Trauer wirklich die Baronin ſei? ob ſie es ſein könne, die er auf weiten Reiſen wähnte? „Daß ich ein möglicherweiſe verabredetes Rendez⸗ vous nicht ſtörte, verſtand ſich bei einem Manne von Erziehung ohnedieß, auch wenn es ganz unbekannte Perſönlichkeiten geweſen wären. Daß ich aber zu erfahren ſuche, ob mein Papa für gut befunden, mir eine Naſe zu drehen, liegt ebenſo nahe. Käme ich dabei hinter ſeltſame Schliche,— lant pis pour li. Es wäre doch ein eigenes Verhängniß, wenn die einzige Frau, von der ich mir wenigſtens einbilde, daß ſie noch einige Anziehungskraft auf mich aus⸗ übt, mit ihm... und ſie war in Trauer?! Sagte Theodor nicht von einem Gerüchte ihrer Witwen⸗ ſchaft?— Alle Hochachtung für die Rechte meines Erzeugers...... bis in dieß Gebiet erſtrecken ſie ſich nicht!“ Er begab ſich zunächſt ins Hôtel— der Por⸗ tier antwortete ausweichend; mehr bedurfte Hermann nicht, um gewiß zu ſein. Nun galt es, die Baronin auszuforſchen. Eine Art von Einrichtung hatte ſie, auch bei längeren Abweſenheiten, ſtets konſervirt. Doch 117 wo ſie zuletzt ihre Wohnung gehabt, das war dem gänzlich von ihr abgefallenen Verehrer unbekannt. Und an wen ſich wenden, ohne, daß ſie erführe, er habe nach ihr gefragt? Ein ſolches Dementi durfte er ſich nicht geben! Da kam ihm ein Gedanke, den er ſelbſt für einen ‚glorioſen’ erklärte. Er ging ge⸗ raden Weges ins Palais des Prinzen.„Seiner Hoheit Dienerſchaft muß wiſſen, ob die Baronin hier iſt und wo ſie wohnt. Erkennt mich Einer von ihnen, ſo hat das gar nichts zu ſagen, auch wenn er's ausſchwatzt. Daß jemand, dem es um Erneuerung einer Liebelei zu thun wäre, dem eiferſüchtigen Löwen in den Ra⸗ chen laufen und ſich gerade dort erkundigen ſollte, wohin er ein billet doux zu adreſſiren habe,— das kommt auch dem aufgedunſenſten und dümmſten aller prinzlichen Lakaien nicht in den Sinn. Ich werde gar nicht argwöhnen laſſen, daß ich die Schöne hier geſehen zu haben vermuthe, ſondern ganz ehrlich um Auskunft bitten, wohin ich ihr wohl die Nachricht vom Tode ihres Freundes, meines Bruders, ſenden dürfe? Ich werde dieſe Frage an den erſten beſten Müſſig⸗ gänger in Lioree richten, der mir aufſtößt und ſie mit einem Friedrichsd'or vergolden.“ ‚Die Frau Baronin ſind oorgeſtern in hieſiger Reſidenz eingetroffen. Jean hat erſt heute ein Brief⸗ 118 chen, Sophienſtraße Nummer Sechszehn getragen. Ihre freiherrliche Gnaden ſind Witwe geworden!“ So lautete der Beſcheid, den das wohlapplizirte Goldſtück durch elektriſchen Rapport zwiſchen Hand und Mund über die lispelnden Lippen eines unter⸗ geordneten Inſaſſen der Antichambre lockte. Der Schlingel mußte wohl leiſe reden, ſollte der Portier, deſſen Logenfenſter dicht daneben war, ihn nicht hö⸗ ren,— was ihm ſchlechtbekommen ſein dürfte. Be⸗ ſonders des Nachſatzes halber, den ſich der Redſelige erlaubte; denn er fügte der Witwenſchaft die viel⸗ deutigen Worte bei: ‚Und wer weiß, was nun ge⸗ ſchieht?⸗ 4 Graf Hermann ſchien das zu überhören, lüftete vornehm den Hut und ließ den Schwätzer ſtehen. Dreimal ſchlug er den nächſten Weg nach ſei⸗ nem Hauſe ein,— dreimal kehrte er wieder um, und wendete ſich nach der Sophienſtraße. „Ich mache mich lächerlich“— ſagte er, und hielt ſich rechts.„Ich muß erfahren, ob mein Vater bei ihr iſt?“— ſagte er, und ſchwankte links.„Ich kompromittire mich,— aber es iſt zu pikant,“— und abermals rechts, und abermals links, und noch ein⸗ mal rechts... und endlich links, entſchieden links: „Oue le diahle m'emporte, c'est plus fort que moi!“ 119 Ein hübſches kleines Haus, dieſes Nummer Sechszehn! Nur ein Erdgeſchoß, ein Stockwerk darauf, ſieben Fenſter Front, kein großer Thorweg, nur eine braunlakirte Thüre, auf deren Oberfläche ſich die matten Lichter des mühſelig flackernden Gaſſenlatern⸗ chens wiederſpiegelten. Oben nur zwei Fenſter er⸗ leuchtet. Weiße Rouleaux bildeten eine Art von Hin⸗ tergrund für ein chineſiſches Schattenſpiel. Die ſchwar⸗ zen Silhouetten der im Gemach ſich bewegenden Fi⸗ guren wurden von Zeit zu Zeit ſichtbar. Herman lehnte ſich an den geſchloſſenen Laden des gegenüberſtehenden Hauſes. Der Wächter hatte ſoeben ſeine Antrittsſtunde ausgepfiffen und dieſe Gegend verlaſſen. Ringsumher tiefes Schweigen. Weiter hinauf jammerte die Flöte irgendeines mu⸗ ſikaliſch⸗fühlenden Handwerksburſchen aus der offenen Luke eines Dachkämmerleins. Hinter dem Laden, welchen der junge Graf belagerte, ſchnarchten die Bewohner mehrſtimmig, was gewiſſermaßen den Grund⸗ ton zur Elegie der Flöte bildete; nur harmonirten obere und untere Stimmen nicht immer ganz rein. Sonſt regte ſich nichts. Es konnte nicht fehlen, daß Hermann einzelne abgeriſſene Beſtandtheile des ziem⸗ lich laut geführten Geſpräches im erſten Stock hörte. Er glaubte ſeines Vaters Ton zu erkennen. Daß es 120 die Baronin ſei, welche mitredete, unterlag keinem Zweiſel. Für zwei Menſchen in Trauer ſchien es luſtig und lebendig genug herzugehen. Einigemale wurde laut gelacht. Doch es war immer nur die Dame, die da lachte. Der Herr ſtimmte niemals mit ein. Nur eindringlicher, vernehmlicher ſprach er dann, und jetzt war es wirklich ſein Papa, den Her⸗ mann hörte. „Wenn mich nicht alles trügt, ſo iſt jenes La⸗ chen weniger die Folge der Scherze, die man dort oben zum beſten gibt, als vielmehr——— der Himmel verhüte nur, daß mein Vater ſich auslachen laſſe! Dieſes ſataniſche Weib wäre ſogar dazu fähig!“ Es war, als ob der Himmel den kindlichen Wunſch erhören wolle. Das Lachen verſtummte,— aber auch das Geſpräch verlor an Lebendigkeit, we⸗ nigſtens an lautem Ausdruck derſelben. Kein ver⸗ nehmliches Wort drang mehr auf die Gaſſe herab. Jetzt wendete ſich das Blatt. Des Lauſchers Fürſorge, daß ſeinem Vater nicht zu viel geſchehen, daß eine verzeihliche Schwäche des alternden Herrn ihn nicht zum Gegenſtande frivolen Geſpöttes machen möge, ging in eiferſüchtige Zweifel über. Dieſe wurden wieder gemildert durch die Erwägung, es könnten ja ebenſogut mehrere Perſonen bei der 121 Baronin verſammelt ſein? Wo lag denn der Beweis, daß ſie zu ſpäter Stunde den eichenauer Grafen ganz allein empfangen werde? Bei den Rückſichten, die ſie jetzt mehr als je für den Prinzen zu beobachten hatte, war es ja im höchſten Grade unwahrſcheinlich! Denn mochte Hermann's Vater immerhin auch Theo⸗ dor's(des älteren Sohnes) Vater ſein; er präſentirte ſich immer noch als ein rüſtiger, ſchmucker Herr, und hundert reichere, vielleicht jüngere Witwen im Lande würden wahrlich nicht lachen, wenigſtens nicht ſpöt⸗ tiſch, wenn er ihnen die Ausſicht vorhielte, im Schloß Eichenau als Gräfinnen zu reſidiren! Folglich ſind die Beiden nicht allein beiſammen!?“ Aber Viertelſtunde nach Viertelſtunde verrann, der Nachtwächter näherte ſich wieder, Hermann lehnte noch immer am Fenſterladen, die Schlafenden ſchnarchten noch immer hinter ſeinem Rücken, daß die dünnen Bretter, die ihn trugen, ordentlich dröhnten,— nur der melan⸗ choliſchen Flöte war die Luft ausgegangen, und auf den weißen Rouleaur zeigte ſich kein Schattenbild mehr; kein Laut ließ ſich mehr unten vernehmen. „Entweder ſie ſind alle mitſammen eingeſchlafen, — oder ſie flüſtern. Und zu Dreien und Vieren flü⸗ ſtert man nicht. Dann iſt's ein téte à téete. Was weiß der prinzliche Lakai? Das Brieſchen, was ſein Kollege Jean hierhertrug, kann ebenſogut ein Lauf⸗ paß geweſen ſein, den die heiratsluſtige Wittib empfing, und ſie geht eben damit um, mir eine Stiefmutter zu werden. Nun, ehe ich das ruhig mit⸗ anſehe...“ „Die Glock' hat elf geſchlagen— was will Er hier?“ Der Wächter war herangekommen, von Hermann unbemerkt, und ſtand jetzt dicht vor ihm, ſeine Medi⸗ tationen zu unterbrechen. „Was will Er hier? Was hat Er an den Laden vom Poſamentiergeſchäft zu lümmeln?“ „Ich warte auf meinen Herrn,“ ſagte Graf Her⸗ mann, ohne recht zu wiſſen, was er ſagte, und trat dabei einen Schritt vor, ſo daß der Laternenſchein auf ihn fiel. Der Wächter, der ihn jetzt erſt deutlich ſah, ließ erſchreckt den Spieß ſinken, wie wenn er ſalu⸗ tiren wollte. Dann wies er mit dem Horne nach den hellen Fenſtern, verbeugte ſich und murmelte: „Wohlſchlafende Nacht, ſeine Exzellenz, Herr Kam⸗ merherr!“ worauf er ſich ſo leiſe entfernte, wie der Widerſtand des ſpitzen Steinpflaſters ſeinen pfund⸗ ledernen Stiefeln irgend geſtattete. „Sie gilt alſo überall für die Verlobte des Prinzen? Sogar beim Nachtwächter der Sophienſtraße? 123 Nun das iſt wenigſtens ein kleiner Troſt! Es muß doch wirklich etwas an der Sache ſein! Und wenn ſie nicht den Grafen von Eichenau Seiner Hoheit, wenn ſie nicht den hohen Fünfziger, ſchier Sechs⸗ ziger dem dreißigjährigen Manne vorzieht,— ſo hab' ich dießmal noch keine Stiefmutter zu fürchten! Trotz dem aber dauert die Sitzung beängſtigend lange, und meine Stellung fängt an, mir höchlich zu miß⸗ fallen. Sie iſt auch inkonvenabel, das fühl ich ſelbſt. Dieſer Nachtwächter titulirte mich Kammerherr— was wohl unſer Kammerherr dazu ſagen würde, ſähe er mich vor dem Laden eines Poſamentierge⸗ ſchäftes auf der Lauer, wie einen eiferſüchtigen Ritter von der Elle? Er desavouirte ſeines Schülers Schü⸗ ler, und Theodor verleugnete unſere Bruderſchaft. Ich durchſchaue die Unwürdigkeit meines Benehmens, kann aber nicht umhin, dieſes anrüchige Abenteuer bis zum Schluße zu führen. Ich muß abwarten: wer die Baronin verläßt? Und wann? Sollt' ich die ganze Nacht verweilen! Eine ſüdliche wäre mir zwar willkommener, denn unſere einheimiſche iſt nichts weniger als einladend, ſie im Freien zu durch⸗ wachen. Verſtänd' ich wenigſtens etwas von Aſtro⸗ nomie, oder lieber noch von Aſtrologie, daß ich in den Sternen über ihrem Dache zu leſen vermöchte: 124 wo ſie meines Vaters Bekanntſchaft gemacht? Denn in den Sternen muß es geſchrieben ſtehen, daß die Eichengrün mit dieſem verführeriſchen Weibe immer wieder in Konflikt gerathen ſollen. Ja, es liegt etwas geheimnißvolles ſogar in meinem Grolle gegen ſie, und wie ich hier fröſtelnd ſtehe, erweckt ihre Nähe doch eine gewiſſe Wärme in mir, die früheren Tagen anzugehören ſcheint? Es iſt nicht bloß der Eigenſinn wiedererwachender Hartnäckigkeit, die durchſetzen möchte, was man ihr verſagen wollte; es iſt auch etwas anderes dabei. Etwas mir fremdgewordenes Bah! Fort mit den Kindereien!“ Wie auf ein vorgeſchriebenes Schlagwort folgte dieſem Ausrufe erneute Bewegung im Hauſe der Baronin. Die mittleren Fenſter wurden von innen erhellt, die weißen Vorhänge ſchatteten wieder vorübergleitende Figuren ab, Thüren gingen auf und zu und bald nachher öffnete ſich auch die Hausthür.. Graf Eichengrün Vater betrat die Straße.— Er war allein!— Erſt ſah er ſich um, wie Einer, dem nicht klar iſt, nach welcher Seite hin er ſich zu wen⸗ den habe? Doch nach kurzem Beſinnen ſchlug er den richtigen Weg zu ſeinem Hötel ein. Hermann folgte ihm auf eine Entfernung von zwanzig Schritten. Er ging ziemlich raſch. Der Sohn hatte vollaufzu⸗ 125 thun, daß er den Vater zu rechter Zeit einholte, um unter den Bäumen vor dem Gaſthofe zu ſtehen, wie dieſer heftig anläutete. Ehe er noch die letzte Stufe des Perrons erreicht, befahl er haſtig dem Portier: „Extrapoſt, vier Pferde!“ „Bis wann, Erzellenz?“ „Jetzt gleich! So raſch wie möglich!“ Die Glocke, welche den aufs Poſtamt zu ent⸗ ſendenden Boten herbeirufen ſollte, erſchallte hell und voll durchs Portal. Graf Hermann verlor ſich hinter den dicken Baumſtämmen:„Fernere Obſervationen ſind nicht mehr nöthig. Mein Vater hat ſeiner Hoheit weichen müſſen und räumt das Feld. Der Poſtillon bläſt zum Rückzug. Jetzt wird der Sohn verſuchen, ob er den Vater am Prinzen zu rächen vermag?— Aber vorher wird er ſich zu Bette begeben, denn die beſten Pläne kommen im Schlafe.“ Eine Stunde ſpäter flog eine mit vier tüchti⸗ gen Roſſen beſpannte Kutſche die wahlauer Holzgaſſe entlang. Zwei verſchlafene Diener ſaßen auf dem Hinterſitze, der wie ein Vogelneſt am Wagen klebte, in ihre Mäntel vermummt. Zwiſchen den Häuſern, in deren einem die pru⸗ dentſchen Schülerinnen, im andern Puſelmeyers wahr⸗ 126 ſcheinlich ſchlummerten und hoffentlich ſüß träumten, führte der Poſtillon ſeine Ehrentrompete,— denn er galt für muſikaliſch begabt,— zum Munde und ſchmetterte kecklich in die Nacht hinein: ‚Schier dreißig Jahre biſt Du alt!“ „Sechszig, ſchier ſechszig muß es heißen,“ rief der Herr aus der Kutſche verdrüßlich hinaus.— Der Verfaſſer des Liedchens ahnte damals wohl nicht, daß er künftig in ſo nahe Beziehung zur Familie Eichengrün, als Biograph des jüngeren Sohnes, tre⸗ ten ſollte.. Fünfzehntes Kapitel. Wir haben Tante Barbarn bisher immer nur zu beobachten Gelegenheit gehabt, wen Eichen⸗ au, oder in der Reſidenz, mit ſchwierigen Miſſionen betraut, für das Heil der Ihrigen rat agend, handelnd, aus ihrer Ruhe aufgeſtört duletzt für den beſten Willen ſchlechtbelohnt, außerhalb ihres ge⸗ wöhnlichen Wirkungskreiſes, ihrem eigentlichen Le⸗ bensberufe fern, als Gaſt erſchien. Nur an der man⸗ gelhaften Schilderung des Autors läge die Schuld, hätte der Leſer die edle a Dame nicht liebgewon⸗ 127 nen. Doch gänzlich ohne theilnehmende Verehrung für ſie kann er, denk' ich, nicht geblieben ſein, und vielleicht dankt er mir's, wenn wir ihr einen kurzen Beſuch in Friedhain abſtatten? Wir erwählen dazu einen warmen, goldenen Herbſttag und treten geradezu in den von einer ho⸗ hen Mauer umſchloſſenen Garten ein, in welchem alle zum adeligen Fräuleinſtifte gehörigen Häuſer und Häuschen ſich an jenes größere Gebäude an⸗ ſchließen, worin die Aebtiſſin wohnt und ſämmtliche auf die Leitung und Verwaltung des Ganzen be⸗ züglichen Räume, ſowie auch freundliche Geſellſchafts⸗ ſäle und im unterſten Stockwerk die kleine Kirche be⸗ findlich ſind. Die Anſtalt macht auf den erſten An⸗ blick einen gemiſchten Eindruck. Da iſt etwas von katholiſcher Klöſterlichkeit, von herrnhutiſcher Kolonie, von altj licher Prüderie, von kümmerlichem Hochmuth, von jedwedem etwas zu ſpüren; aber keines* widerſtrebenden Elemente hat Gewalt genug das„ gewicht zu gewinnen; und wo Eines oder das Andere hervortreten möchte, weiß die ſichere Hand der Vorſteherin die Unebenheiten ſanft doch kräftig auszugleichen.. Die Gräfin Aebtiſſin,— denn Tante Barbara heißet ſie nur außerhalb des friedhainſchen Weich⸗ 128 bildes,— kehrt eben von einem Krankenbeſuche zu⸗ rück, den ſie im Dorfe gemacht, Niklas trägt den bewußten ‚großen grünen Sammtſack, der dießmal verſchiedene Arzeneien enthält, hinter ihr her, und neben ihr geht der junge Prediger, der kürzlich erſt aus der Hauptſtadt anlangte, geſtern ſeine Probe⸗ predigt abhielt und heute bei„Ihren gräflichen Gnaden Frau Aebtiſſin’ anzufragen kommt, ob er hoffen darf, daß ſie ihr mit ihrer Würde verbundenes Wahlrecht zu ſeinen Gunſten ausüben und ihn an die gutdo⸗ tirte Stelle des jüngſtoerſtorbenen alten Kanzelredners berufen wolle? Sie hat ihm bereits erwiedert, daß ſie von dem ihr allerdings allein zuſtehenden Vor⸗ rechte der Vokation für ſündlich halte Gebrauch zu machen; daß ſie die Entſcheidung der Abſtimmung ihrer Mitſchweſtern überlaſſe, und daß auch ſie nur ihre Stimme, als eine vereinzelte, ſich der Mehrzahl unterwerfende dazugeben wolle; wobei ſie ausdrück⸗ lich erwähnte, ſie behalte ſich vor, die Letzte zu ſtimmen,„auf daß kein Mitglied unſerer kleinen Ge⸗ meinde ſich veranlaßt finde, ſeine eigene freie Mei⸗ nung vielleicht der meinigen unterzuordnen.“ „Und darf ich fragen, was Ihre gräfliche Gnaden über mich und meine Fähigkeiten urtheilen?“ winſelte der Prediger. 129 „Daß Sie ſehr ſchön reden,“ antwortete ſie; „daß Sie auch auf Ihre Hörerinnen den günſtigſten Eindruck hervorgebracht haben. Ich zweifle nicht an Ihrem Siege über diejenigen Mitbewerber, welche vor Ihnen unſere Kanzel beſtiegen und zur Probe predigten. Was mich perſönlich betrifft, mir wäre ein älterer Geiſtlicher, wenn er auch geringere Red⸗ nergaben beſäße, ungleich erwünſchter; das darf ich Ihnen nicht verhehlen. Denn ich meine immer, um zu belehren, eindringlich zu warnen, zu tadeln, zu ermuthigen, müſſe man durch langes Lernen, das heißt durch vielſeitige Erfahrungen, ſich erſt das Recht und die Würde erworben haben. Doch, wie geſagt, ich komme dabei nicht in Betracht und ich füge mich dem allgemeinen Wunſche. Ihre geſtrige Predigt hat alle entzückt... mich hat ſie nicht nur kaltge⸗ laſſen, ſie hat mich.... ja, wie ſoll ich's bezeich⸗ nen, ohne zu viel und zu wenig zu ſagen? Nun ja, gerade das hab' ich an Ihrem Vortrage auszuſetzen: er ſagt zu viel und zu wenig. Er fordert das Ueber⸗ ſchwängliche von uns armen Menſchenkindern, er ſtellt die ungemeſſenſten Beſchränkungen, die unerfüll⸗ barſten Anſprüche auf; er athmet eine an grauſame Intoleranz ſtreifende, aszetiſch⸗pietiſtiſche Härte;— und daneben fehlt ihm die überzeugende Gewalt, 1857. XV. Noblesse oblige. II. 9 130 (ich rede nur von mir!)— weil Sie mehr ſagen, als Sie ſelbſt glauben.“ „Gnädige Gräfin“— „Wir ſind unter uns. Sie haben mich aufge⸗ rufen, meine Anſicht auszuſprechen, und ich habe keinen Grund hinter dem Berge damitzuhalten. Brauchte ich einen Prediger für mich, wäre ich eines irdiſchen Vermittlers zwiſchen mir und dem höchſten Weſen bedürftig, Sie, mein werther Herr Prediger, würden der Letzte ſein, deſſen Beiſtand ich anriefe. Ich liebe weder die furchtbaren Zerknirſchungen, die Sie und die Ihrigen durch Keulenſchläge ewiger Verdammniß über uns zu bringen verſuchen, noch erbauen mich ſonderlich die von ſüßlichen Gleichniſſen geſchmückten Anpreiſungen der farbloſen und freude⸗ leeren Erdenlaufbahn, die Sie chriſtlichen Wandel nennen. Und wie vereinigen Sie,— darüber be⸗ lehren Sie mich,— Ihre unerſchöpfliche Litanei über die tiefe eingeborene Laſterhaftigkeit des in jammervollſter Erbſünde erzeugten, verworfenen Men⸗ ſchen mit dem über alle Begriffe und Grenzen hin⸗ ausſtolzirenden Hochmuthe, daß Sie denſelben ver⸗ worfenen, von der Geburt ſchon ſündlich⸗verſchuldeten, gar nicht genug zu verachtenden Menſchen zum Mit⸗ telpunkt, zur Hauptſache, zum Zweck des ganzen 131 unermeßlichen Weltalls machen, auf ihn und ſeine Seligkeit oder Hölle die ganze Schöpfung reduziren wollen, in welcher unſere Erde ja kaum für ein Sandkoͤrnchen gelten kann? Wer etwa dieſe Erde für einen Teller, den blauen Himmel darüber für eine Glasglocke mit goldenen Pünktchen hielte,— dem wäre ſolche Anmaßung vielleicht zu verzeihen. Aber was denken Sie ſich dabei, wenn Sie uns in einem Athem zurufen: Ihr ſeid allzumal dem Satan verfallen,— und gleich darauf die Gnade Gottes anpreiſen, Der den Frühling und den Sommer, die Vögel des Waldes und die Blumen des Feldes, Der Früchte und was da gedeiht und lebet, ſo ſchön, lieblich und nutzbar gemacht hat, damit der Menſch Ihn erkennen, anbeten und von dieſem und jenem reſpektiven Vortheil und Profit ziehen lerne? Haben Sie nicht geradezu behauptet, es ſei alles nur für den Menſchen da, alles— für die gebrechliche Krea⸗ tur, die Sie fünf Minuten vorher nicht armſelig und verächtlich genug ſchildern konnten? Wo wollen Sie damit hin? Weil der Menſch ſie braten ſoll, machte der Herr Lerchen, Droſſeln, Gänſe, Haſen und anderes eßbares Gethier; damit Er Seine All⸗ macht zeige, richtete Er des Pferdes Rücken zum Tragen, des Lammes Fell zum geſchoren⸗werden, 9* 132 des Waldes Holz zum Ofenheizen, der Blume Duft zum Dranriechen ein? Der Menſch aber, für den dieſe vielfältigen Bemühungen ſtattfinden, gehört von rechtswegen dem Teufel, und kann von gutem Glücke reden, wenn er mit heiler Haut davonkommt. Ich verſtehe das nicht. Ich bin weitentfernt zu glauben, daß die Natur ihre großen und kleinen, ihre ſichtbaren und heimlichen Herrlichkeiten nur für uns Menſchen offenbart. Vielmehr glaub' ich, daß alles, was iſt, in, aus, durch Gott, aber ſeiner ſelbſt willen daſei. Sind nicht die kleinſten oft auch zugleich die größten Herrlichkeiten? Die niedrigen Waldmooſe zum Beiſpiel, die unſer Fuß darnieder⸗ tritt, deren wundervollen Bau keines Menſchen Auge zergliedert, in denen Millionen unſichtbarer Würmer leben? Oder die Fülle der Seethiere in unergründ⸗ lichen Tiefen, eine Farbenglut, einen Formenwechſel, eine Pracht erzeugend, an welche die kühnſte Phan⸗ taſie ſich nicht wagen würde,— ſpülte nicht zufällig die Flut bisweilen Proben dieſer Zaubergärten aus dem Schooße der Meere herauf.... wozu keimt, wächſt, ſchwillt, gedeiht, genießt, prangt das, klein wie groß? Sind das auch Beſſerungsanſtalten? Sollen die Käferchen am Mooſe die Weisheit nützli⸗ cher Einrichtungen, ſollen die Haifiſche an den 133 bunten Muſcheln, am Anblick reizender Korallenriffe Frömmigkeit und Tugend ſtudiren? Nein, ich glaube nicht, daß die Schöpfung nur Ihret⸗ meinetwegen und überhaupt wegen Weſen unſerer Form und Gat⸗ tung ‚angefertiget' wurde. Aber ich glaube ebenſo⸗ wenig, daß wir geſchaffen wurden, um in fortdau⸗ erndem Jammer über unſere Sündhaftigkeit am Staube einherzukriechen. Nein, Herr Prediger; auf mich wenigſtens will ich, was Sie geſtern behaupteten, nicht angewendet wiſſen. Ich fühle mich nicht zer⸗ knirſcht, ich fühle mich nicht in Pein und Angſt vor der Hölle. Ich wende mich voll Vertrauen an den Ewigen, klage ihm meine Leiden, ohne darüber zu klagen; ſende keine ſtürmiſchen Bitten empor; ich ſage nur: ‚Du weißt's am beſten, was das Beſte iſt, Dein Wille geſchehe!’ Und der Geiſtliche mit grauen Haaren, der aus dieſem kurzen Satze eine klare, verſöhnende, belehrende Rede zu machen ver⸗ ſteht, der wäre miir der liebſte Prediger; dem würde ich meine Stimme bei der Wahl für Friedhain am erſten geben. Darum jedoch iſt's Euch, geſtrengen jungen Herren, nicht zu thun. Ihr wollt nicht beru⸗ higen, nicht verſöhnen, nicht erheben und erfreuen;— Ihr wollt einſchüchtern, erſchrecken, quälen— und herrſchen. Es iſt eben auch wieder eine Mode. Ich 134 bin von altem Schlage; ich mache die neuen Moden nicht mehr mit.— Dieß konnt' ich Ihnen nicht vor⸗ enthalten, damit wir beide wiſſen, wie wir mitein⸗ ander ſtehen. Die Damen vom Stifte werden bereits verſammelt ſein und mich erwarten. In der nächſten Stunde wird ſich die Sache entſcheiden. Nichts für ungut, Herr Prediger!“— Sie ging in ihr Haus. Der Prediger machte hinter ihr her eine tiefe Verbeugung, wiederholte dieſelbe nicht ganz ſo tief, aber kaum weniger devot vor Niklas und dem grünen Sammtſacke; bürſtete mit dem Aermel dreimal ſeinen langhaarigen Kaſtor, ehe er ihn wieder aufs Haupt ſetzte, und ſprach dann leiſe vor ſich hin:„Nehmen Sie ſich in Acht, Frau Gräfin! Dergleichen freigeiſteriſche Aeußerungen dürften in gewiſſen Berichten an gewiſſe mir geneigte Gön⸗ ner kein günſtiges Vorurtheil für Sie erwecken. Und wegen Irreligioſität könnte auch die Aebtiſſin eines proteſtantiſchen Fräuleinſtiftes— beſeitiget werden, wenn man die richtigen Hebel in Bewegung ſetzt. Nicht zerknirſcht will ſie ſein? Erhoben will ſie ſich fühlen? Aufgeblaſene Perſon! Wofür wäre ich da? Erſt kommt die Zerknirſchung, dann mag Erhebung folgen, aber immer nur durch mich!“ Feſt durchdrungen von ſeinem ganzen Werthe 135 wandelte er nun in feierlich abgemeſſenem Gange den Fußſteig hin, der nach des Pförtners Häuschen dicht bei der Gartenmauer führte. Dieſer, der Pfört⸗ ner, der zugleich den Dienſt eines Küſters im Stifts⸗ kirchlein zu verſehen hatte, und im Gaſte ſchon ſeinen künftigen Herrn Prediger verehrte, näherte ſich ihm vorſichtig:„Euer Ehrwürden hätte ich wohl ein Schreiben zu überreichen gehabt, konnte es jedoch nicht anbringen, weil ausdrücklich darauf ſteht: ‚ohne Zeugen in eigene Händee, und vorhin unſere Gnä⸗ dige dabeiwar; habe folglich auf der Lauer gelegen, bis Dieſelben ins Dorfgaſthaus retourniren würden.“ Herr Drill wendete dem Küſter⸗Pförtner einen ſtrafenden Blick zu und ſagte ſalbungsvoll:„Ihr ſeid unverſchämt, wenn Ihr wähnt, daß irgendetwas, mich betreffend, der Verheimlichung bedürfe? Meine Thaten haben ſich vor keinem Mitwiſſer zu ſcheuen und meine Gedanken ebenſowenig. Von wem kommt dieſe Zuſchrift?“ „Das iſt mir unbewußt, Ehrwürden. Wie's da iſt, ſo lag das Ding auf meines Weibes Tiſchchen am offenen Fenſter, und ſie weiß auch nicht, wie's dahinkam? Weil ich aber leſen kann, ſo dachte ich..“ „Ihr habt nicht zu denken; nur zu glauben 136 habt Ihr. Gebt den Brief her; ich erkenne die Züge dieſer Hand. Er iſt von einer meiner Schweſtern.“ Herr Drill nahm den Brief, und entfernte ſich. Der Pförtner murrte hinterher:„Mein, mein, der hat's ja gar gefährlich. Mit dem wird nicht gut Kirſcheneſſen ſein!“— Dießmal hatte Gräfin Eichengrün die Urtheils⸗ kraft ihrer Stiftsdamen zu niedrig angeſchlagen. Von den vierundzwanzig Verſammelten, die an lan⸗ gem, grünen Tiſche im Kapitelſaale um ſie herum ſaßen, ſprachen ſich nur wenige, und dieſe noch mit allerlei Vorbehalten für den neuen Prediger aus. Unbedingt nur Eine; dieſe denn aber auch mit Leib und Seele, denn ſie war Feuer und Flamme. Fräulein von Wuſtrowſchitz genoß ihre Stelle im friedhainer Stifte ſeit kaum einem Jahre. Ueber den Protektionen, durch welche ſie in den leergewor⸗ denen Platz gleichſam eingeſchwärzt worden, ſehr wider Vermuthen der Aebtiſſin, die eine Andere aufgenommen wünſchte, und deßhalb mit Regierung und Kuratorium lebhaften Briefwechſel geführt, ſchwebte ein noch nicht aufgehelltes Dunkel. Doch ſoviel war allen gewiß: ſie verdankte ihre Begünſtigung den einflußreichen Verwendungen einer durch ihre Fröm⸗ migkeit ebenſoſehr, als durch ihren Edelmuth und 137 anerkannte Tugenden in der Provinz hochverehrten Dame. Da ſie ſelbſt nichtsweniger als liebenswürdig aufgetreten war, ſondern ihre zur Schau getragene pietiſtiſche Tendenzen mit breiter Anmaßung an den Tag gelegt hatte, ſo galt ſie bei ihren Mitſchweſtern für eine Heuchlerin, die jener wahrhaftchriſtlichen Frau im Gewande der Demuth eine Komödie vor⸗ geſpielt habe. Auch ſehlte es nicht an allerhand üblen Nachreden, ihre Vergangenheit befleckend, von denen nicht recht zu ermitteln geweſen, ob ſie von draußen in Friedhains Mauern eingedrungen und dort erſt des Weiteren umgearbeitet als verbeſſerte und vermehrte Auflage erſchienen? oder ob ſie innerhalb des Stiftes erfunden, erweitert, ausgebildet waren? Daß keine Taſſe Kaffee, Thee, noch Chokolade vollgegoſſen und leergeſchlürft worden ſei, ohne mit dem Löffel und der Zunge einige neue Beiträge für jene Nachrede einzumiſchen, dafür bürgen alle Erfahrungen. Weßhalb ſollte Stift Friedhain ausgenommen ſein vom bräuch⸗ lichen Herkommen in geſammter Chriſtenheit, welche allüberall den Hauptſatz der göttlichen Lehre: ‚Liebe Deinen Nächſten wie Dich ſelbſt!“ alſo auslegt, daß man nicht ſtrenge genug gegen ſich ſelbſt, folglich auch gegen den Nächſten nicht ſtrenge genug ſein könne, und daß dieſe Strenge eben wahre Liebe be⸗ 138 weiſe?— Doch eine Ausnahme von dieſer An⸗ nahme gab es in Friedhain immer, und dieſe ging von der Aebtiſſin aus. Ihr war nichts verhaßter als Klatſchereien; ihr durfte das Geträtſch nicht nahekommen; jedes verläſternde Wort, jeden Verſuch ihr mit einer Anklage beizukommen, ſchüttelte ſie ab, wie man Raupen und ſolches Ungeziefer von ſich ſchüttelt. Auch die Läſterungen gegen Fräulein Wu⸗ ſtrowſchitz hatte ſie ſich ferngehalten, und nachdem dieſe nun einmal im Stifte eingetreten war, hatte die Gräfin nicht weitergefragt, ob es gegen ihren Willen geſchehen ſei, ſondern gethan was an ihr, der Neuaufgenommenen den Aufenthalt angenehm zu machen. Dadurch war Ludmilla der Aebtiſſin binnen kurzer Friſt nähergekommen, wie die meiſten übrigen Damen binnen längerer Zeit, und dieß trug gerade auch nicht bei, die ſcheinbar Bevorzugte minder un⸗ beliebt zu machen. Als dieſe mit ſcheelen Augen Be⸗ trachtete ſich nun ooll leidenſchaftlichſter Wärme zur Vertreterin und unbedingten Lobrednerin des Herrn Drill aufwarf, zogen ſich auch diejenigen zurück, die anfänglich für ihn geredet hatten, und ſehr bald ſchlug in Gegnerſchaft um, was beim Beginn der Sitzung parteiiſcher Gunſt ähnlichgeſehen. Das Reſultat war, daß der geſtern vielbewunderte, hochgeprieſene, un⸗ 8 ₰ 139 vergleichliche Kanzelredner für das Predigtamt in Friedhain nur eine einzige Stimme erhielt. Der protokollführende Kanzelliſt des Stiftes wurde beauftragt, den Kandidaten von dieſem un⸗ erwarteten Ausgange des Skrutiniums ſogleich in Kenntniß zu ſetzen. Sämmtliche Anweſende, auch die vor einer Stunde noch zur Oppoſition zählenden Verehrerinnen des Herrn Drill, verließen den Saal mit ſehr vergnügten Geſichtern; jede ſchleuderte im Hinausgehen Ludmillen etliche Brandraketen des Trium⸗ phes zu. Die Gräfin begab ſich in ihre Gemächer. Lud⸗ milla bat, ihr dahinfolgen zu dürfen. Sie hatte ſich aufrechtgehalten, ſolange Zeuginnen ihrer Nie⸗ derlage zugegen geweſen. Jetzt, mit der würdigen Aebtiſſin allein, that ſie ſich keinen Zwang mehr an und überließ ſich den heftigſten Aeußerungen ihres Schmerzes. Gräfin Eichengrün faßte die Sache zunächſt von der religiöſen Seite auf, denn daß auch andere Be⸗ ziehungen mitwirken könnten, kam ihr nicht in den Sinn.„Ich muß Ihnen wiederholen,“ ſprach ſie,„was ich Ihnen ſchon früher geſagt, wogegen Ihr pronon⸗ zirtes Lutherthum ſich heftig ſträubt, was aber heute wieder deutlich hervorgetreten iſt: alle diejenigen, die ſich nach kirchlicher Gemeinſchaft, nach einem von 140 außen und innen gleichbefeſtigten Bunde der Gläubigen ſehnen, werden zwei wichtige Binde⸗ mittel ſtets vermiſſen, die ihnen unwiederbringlich verloren gingen, da ſie ſich vom Katholizismus trenn⸗ ten, oder da ihre Vorfahren dieß thaten. Erſtens die allen Gliedern der Gemeinde zugehörige, allge⸗ meinverſtändliche, Pol mit Pol verbindende, einige Form eines Gottesdienſtes, der nicht bloß von den Talenten, Launen, Anſichten des Predigers abhängt, wie bei uns. Zweitens die damit innigverſchmolzene, unerſchütterliche, unbeugſame Forderung: Verſtand, Geiſt, Forſchung, Zweifel dem ewigen Kanon unter⸗ zuordnen. Da heißt es denn in Wahrheit: entweder, oder! Und wo Tauſende von Katholiken verſammelt ſind, verliert das Sprichwort„Viel Köpfe, viel Sin⸗ nee ſeine Geltung. Denn wer einen andern Sinn hegen wollte, müßte aufhören ein Katholik zu ſein. Bei uns Proteſtanten genügen, wie wir's heute wiederum erlebten, fünfundzwanzig Perſonen, damit ſich wenigſtens vierundzwanzig verſchiedene Sinne und Auffaſſungen geltendmachen; denn mich zähle ich bei ſolchen Gelegenheiten nicht gern mit. Ich weiß ſehr wohl zu würdigen, wie viel erhabenes, des Menſchen geiſtigen Werth bekundendes in der Be⸗ zeichnung Proteſtant und im Weſen eines demüthigen, 141 beſcheidenen gottesfürchtigen Proteſtantismus liegt. Nur meine ich, hat man dieß auf einem anderen Wege zu verfolgen, als den Ihr Herr Drill verfolgt, und den Sie jetzt in unſerer Verſammlung einſchlu⸗ gen. Wer proteſtiren zu müſſen, zu dürfen denkt, der proteſtire ſtill für ſich und mache ſeine Angelegen⸗ heit mit unſerm Herrgott ab. Aber proteſtiren— und unterjochen wollen, beides zugleich, das geht mir nicht ein. Sie haben mit Ihrer heftigen Polemik der Sache, die Sie zu fördern wünſchten, mehr geſchadet, als genützt, und den Ausſichten Ihres Propheten den letzten Reſt gegeben. Umſo kindiſcher iſt es, daß Sie jetzt die Verzweifelte ſpielen. Danken Sie dem Himmel, daß es dieſe Wendung nahm. Auf die Länge hätte ſich der Mann mit ſeinem Zelotis⸗ mus hier nicht behauptet; es würden häßliche Zer⸗ würfniſſe daraus erwachſen ſein. Solche Menſchen können nicht leben, ohne Proſelyten zu machen. Mir koſtet's Mühe genug, den lieben Frieden in Fried⸗ hain nur ſo leidlich zu erhalten. Wären auch reli⸗ giöſe Anfechtungen dazugekommen, dann gute Nacht: Einigkeit und Ruhe! Mein Einfluß reicht eben nicht weiter, als meine Macht— und da ich nicht die Oberin eines Kloſters von ſtrenger Regel, da ich nur die Verwalterin eines proteſtantiſchen Stiftes bin... 142 Aber was haben Sie, meine Liebe? Iſt es möglich, daß Sie ſich die Vokation eines Predigers gar ſo ſehr zu Herzen nehmen? Sie ſind außer ſich? Be⸗ denken Sie doch, wie häufig große Staatsmänner überſtimmt werden in Angelegenheiten, wo es ſich um Tod und Leben handelt?“ „Darum handelt es ſich hier für mich, Gräfin! Mein Leben, mein Daſein ſteht auf dem Spiele!“— Und Ludmilla verfiel in krampfhaftes Schluchzen. „Ja, um alles in der Welt,“ rief Barbara,„was gibt es denn eigentlich? Schlimmer könnten Sie ſich nicht geberden, wenn der Mann Gottes Ihr Verlobter und ſeine Verbindung mit ihm von unſe⸗ rer Predigerſtelle abhängig wäre?“ „Es iſt nicht anders,“ ſchluchzte jene:„ich habe ihm meine Hand angetragen.“ „Das will ich nicht hoffen! Ein Mädchen von Ehre wartet, bis ein Antrag ihm gemacht wird!“ „Verurtheilen Sie mich nicht, Gräfin, ehe Sie mich gehört. Ich kenne den Kandidaten aus frühe⸗ rer Zeit, wo er als armer Student der Theologie in meiner Eltern Hauſe Wohlthaten empfing und ſeinen Blick zu mir nicht zu erheben wagte.“ „Er that ſehr wohl daran: Sie ſind viel älter als er.“ 143 „Der Tod meines Vaters zerſtörte unſer Haus; Mutter, Geſchwiſter und ich blieben in Dürftigkeit zurück. Herr Drill hatte die Stadt verlaſſen, ehe ich Gelegenheit gefunden, ihn zu ermuthigen; ihm zu geſtehen, wie hoch ich ihn ſchätze, wie theuer er mir iſt. Erſt als meine Mutter dem Vater in jene Welt nachfolgte, gelang es den Bemühungen unſe⸗ rer Gönner, hier eine Zuflucht für mich Hilfloſe zu gewinnen. Entſagend, meine Liebe in mich verber⸗ gend, wähnte ich mit dem Leben abgeſchloſſen zu haben und nur im Heiland mein Glück zu finden. Ich betrachtete den Eintritt in dieß Stift wie den Austritt aus der Welt; mich wie eine lutheriſche Nonne. Gott hat es anders beſchloſſen. Er ſendete den Verkünder Seines Wortes hieher, und ich hielt dieß für einen deutlichen Wink von oben, der mich anwies einzugeſtehen, daß ich den theuren Diener des Herrn ſchon geliebt, als er noch ein ſchüchterner armer Jüngling an unſerm Tiſche ſeinen Hunger ſtil⸗ len durfte. Vor einigen Stunden hat er meine Zu⸗ ſage empfangen.“ „Wenn Sie mich Ihres Vertrauens früher ge⸗ würdiget, wäre ich entweder ſo glücklich geweſen, Sie von Ihrem tadelnswerthen Vorhaben abzubringen; oder, gelang das nicht, dann blieb mir wenigſtens 144 übrig, in unſerer Verſammlung, anſtatt mich jegli⸗ cher Einwirkung zu enthalten, durch mein Vermitteln dem Manne Ihrer Wahl die hieſige Anſtellung zu verſchaffen. Was wollen Sie jetzt beginnen? Sie kennen die Regeln und Bedingungen, worauf unſere kleine Kommune ſich baſirt? Von dem Augenblicke, wo Sie als Verlobte gelten, haben Ihre Einkünfte aufgehört, und Sie ſind nicht mehr Stiftsdame.“ „Ich werde lieber darben, als von ihm laſſen. Wir ſind für einander beſtimmt. Gott will es ſo. Auch kann ein Prediger von dieſen Gaben nicht lange ohne Amt bleiben; die Anträge von allen Sei⸗ ten müſſen ihm zufliegen.“ „Das wollen wir wünſchen,“ ſagte theilnehmend die Aebtiſſin.„Doch ich fürchte, Sie haben ebenſo unklug, als unzart ſich benommen. Weit ent⸗ fernt, mich in irdiſchem Beſſerwiſſen aufzulehnen gegen das, was Sie Gottes Willen nennen, muß ich doch eingeſtehen, daß ich dieſen Willen noch nicht unzweifelhaft ausgeſprochen ſehe. Sicherer, dünkt mich, hätte er ſich dargethan, beſtimmter wäre er kundgeworden aus dem Munde des Mannes, der ſich doch nothwendig darüber auszuſprechen hatte, ob er der Ihrige werden will?“ „Ob er will?“ fragte jetzt Ludmilla;„ob er 145 will? Mit dieſem Zweifel können Sie mich nicht kränken: ich bin meiner Sache gewiß.“ Die Unterredung, aus der wir nur einzelne Bruchſtücke mitgetheilt haben, die uns nöthig erſchie⸗ nen, das Bild unſerer Tante Barbara auch von dieſer Seite abzurunden und vollſtändig zu machen, hatte ſich bis gegen Abend hingezogen,— da zeigte ſich Niklas mit einem Briefe, welchen der Pförtner ge⸗ bracht. Er reichte ihn Ludmillen dar, und blieb, wie eines Auftrages harrend, ſtehen. Die Empfängerin bat um Erlaubniß, öffnen und leſen zu dürfen. Gräfin Eichengrün nickte ihr bejahend zu, wobei ſie genau darauf achtete, ob dem überreichten Schreiben noch ein zweites beigefügt ſei? Sobald ſie ſich überzeugt, daß nur ein Blatt in dem Kouvert enthalten, ſetzte ſie ſich an den Tiſch, warf eiligſt einige Zeilen aufs Papier, ſchloß, adreſ⸗ ſirte ſie und ſagte zu Niklas:„Er trägt dieß augenblicklich ins Gaſthaus und wartet auf Ant⸗ wort; raſch!“ Nun wieder mit Ludmillen allein, ſagte ſie ſanft, nicht etwa höhniſch, ſondern mit wahrhaftmütter⸗ licher Herzlichkeit:„Nun, mein Kind, war es Gottes Wille?“ „Ich bin verloren,“ rief jene, gab ihr das 1857. XV. Noblesse oblige. II. 10 146 Blatt und warf ſich dann aufs Kanapee, ihr Ant⸗ litz verbergend. Die Gräfin las:„Meine Gnädige! Wär' ich nicht ſchon hinreichend von meinem Unwerthe über⸗ zeugt, ich müßte es werden durch die mir ſoeben zugekommene Anzeige, daß die Wahl gegen mich ausgefallen iſt. Ich bedauere alſo unendlich, das mir zugedachte Glück nicht ergreifen zu können. Uebrigens hab' ich ſchon eine Braut, die Tochter wohlhabender Bürgersleute, die in jeder Beziehung, auch was unſer Alter anlangt, eine für mich paſſende Partie iſt. Drill.“„Nun,“ ſprach ſie,„das geht ja beſſer, als ich zu hoffen wagte; dießmal hat das gute Geſchick den Verſtand gehabt, der Ihnen ſehlte. Gott ſei geprieſen, die Gefahr iſt vorüber. Jetzt ermannen Sie ſich, meine Beſte, und gehen Sie mit ſich zu Rathe. Lernen Sie einſehen, daß man nicht ungeſtraft mit Entſchlüſſen wechſelt, wie mit einem Spielzeug. Ehe Sie den Entſchluß faßten, hier in ſtiller Beſchaulichkeit unvermält zu bleiben, hätten Sie Ihr Herz fragen ſollen, ob es etwa jünger ſei als Ihre Jahre? ſich erforſchen,— und dann nicht ſo auftreten, wie Sie unter uns aufgetreten ſind, mit allen Anſprüchen unſehlbarer Heiligkeit. Dadurch ſind die vielfältigen kleinen Feindſchaften entſtanden, 147 die ſich gegen Sie richten. Möge Ihnen die Er⸗ fahrung, die Sie an ſich ſelbſt, an Ihrer eigenen Schwäche gemacht haben, dazu dienen, die Schwä⸗ chen Anderer nicht mehr aus dem Geſichtspunkte un⸗ erbittlicher Strenge zu verdammen. Alle Hochachtung vor den Gläubigen, die aus Heiden und Muhame⸗ danern Chriſten bilden; in neuerer Zeit habe ich mich auch ſchon nach Miſſionären umgeſehen, die es ſich angelegen ſein ließen, aus Chriſten(wie Schiller einmal ſagt) Menſchen zu werben. Denn es ſcheint bisweilen, als vergäßen Viele, daß der, nach dem ſie ſich benennen, unendlich mild und nachſich⸗ tig geweſen iſt. Gewarnt durch dieſen Vorfall, der natürlich unter uns bleibt, trachten Sie danach, die Freundſchaft derjenigen zu erwerben, auf die Sie bisher mit religiöſem Hochmuth herabſahen; eine Gattung, die mir die fürchterlichſte, weil ſie die ſich ſelbſt am meiſten widerſprechende iſt. Gott hat nicht gewollt, daß Sie ſich einem Zeloten an den Hals warfen, den ich für einen Heuchler halte; viel⸗ leicht hat Er gewollt, daß Sie nun ein zufriedenes, eitlen Regungen und Wünſchen nicht mehr ausge⸗ ſetztes Daſein beginnen und dieſes an unſerer Seite heiter und anſpruchslos zu Ende führen ſollen. So⸗ lange ich noch lebe, rechnen Sie in allen Stücken 10 * 148 auf mich, vertrauen Sie mir unbedingt; ſo wird's recht gut werden, und wir werden uns mit fröhlichem Ernſte auf ein Leben nach dem Tode vorbereiten, ohne Gelübde, ohne Selbſtquälerei, ohne Gehäſſig⸗ keiten,— und ohne pietiſtiſche Stoßſeufzer. Wir wollen uns die Vierzeilen unſeres großen Friedrich Rückert ins Herz hineinſchreiben: „O ſei auf Gottes heller Welt kein trüber Gaſt! Mach' Schande nicht dem milden Herren, den Du haſt. Zeig in Geberd' und Wort und Blick, daß dem Du dienſt, Der ſagt: Mein Joch iſt ſanft und leicht iſt meine Laſt.“ Und nun, Ludmilla von Wuſtropſchitz, das Haupt empor und guten Muthes!“— Das Haupt ſollte ſie wohl erheben, denn die Gräfin richtete es mit ihrer Hand empor, daß ſie ihr ins Angeſicht ſah; doch guter Muth ſprach nicht daraus. Verwirrung, Scham, Aerger wurden zwar beinahe ausgeglichen von Rührung, Vertrauen und Dankbarkeit für ſoviel Huld. Aber was ſich zu⸗ meiſt darſtellte, war peinliche Angſt und Beſorgniß, die lange vergeblich rang, bis ſie ſich aus der Bruſt über die Lippen wand: „IEr hat meinen wahnſinnigen Brief in Hän⸗ den,“ ſtotterte Ludmilla;„er wird mich dem Geſpötte 149 ſeiner Braut preisgeben; ſie wird leſen, was der böſe Geiſt mir diktirte.“ „Den böſen Geiſt laſſen wir auf ſich beruhen, wenn ich bitten darf. Ich ſtatuire ſeinesgleichen nicht. Wem es bequem iſt, mag mit ſeinen Ein⸗ flüſterungen verkaufen; wer's redlich meint mit Gott und ſich, nimmt, was er verſchuldet, geirrt, verſehen hat, in Demuth auf ſeine eigene Kappe. Alſo thun auch Sie und erwarten geduldig, was verhängt iſt. Es iſt doch kaum denkbar, daß dieſes Frommen Braut,— wenn er wirklich Bräutigam iſt, was ich noch bezweifle,— mit irgendjemand in unſerer Gegend bekannt ſei? Und anderswo ſind Sie wieder nicht bekannt.... freilich wirft's ein falſches Licht auf unſer Friedhain, und beſſer wär's, er nähme kein ſchriftliches Zeugniß dieſes Vorganges mit ſich hinweg.“ Flehend hob die Geängſtigte ihre Hände auf: „Gibt es denn keine Hilfe?“ „Vielleicht bringt ſie uns dieſer hier“— und dabei wies die Gräfin auf Niklas, der außer Athem hereinplatzte.„Hier vom Herrn im Gaſthauſe, und hier vom Poſtboten.“ Sie winkte ihm, hinauszugehen, legte den Poſt⸗ brief auf den Schreibtiſch, nahm bedächtig den In⸗ halt des andern aus dem Umſchlage und ſchob ihn zwiſchen die noch immer bittend emporgehaltenen Hände:„Ich denke, das wird die erſehnte Hilfe ſein?“ „Gott erbarme ſich, mein Schreiben!“ ſchrie Ludmilla, indem ſie ſich der Aebtiſſin zu Füßen wer⸗ fen wollte; was dieſe nur mit Gewalt verhindern konnte.„Gräfin, wie haben Sie dieß Wunder bewirkt?“ „So natürlich, wie wahrſcheinlich manches an⸗ dere vor ſich ging, was wir Wunder nennen. Wäh⸗ rend Sie ſeine ſchmähliche Erwiederung laſen und dabei zu Tode verblichen, ſchrieb ich auf ein Streiſchen Papier: ‚Mein Diener hat den Befehl, nicht eher von Ihnen zu weichen, bis Sie ihm einen Brief übergeben haben, den eine Gemüthskranke heute an Sie gerichtet. Man ſagt, ich hätte eine tüchtige Schrift und Sie haben ja auch ſchon Pro⸗ ben davon geſehen. Nun, auf jenem Streifchen Papier mögen die Buchſtaben etwas maſſiv ausge⸗ fallen ſein! Vielleicht hat er gefürchtet, ſie könnten von einem Manne herrühren, der ſo nachdrücklichen Zügen ſeiner Feder auch noch anderen Nachdruck zu geben wüßte? Genug, es hat gewirkt. Sie ſind im Beſitz des ſchriftlichen Beweiſes,— was er über die Geſchichte zu ſchwatzen ſich etwa erlaubt, 151 das bleibt sans consequence. Schwarz auf weiß hat er nichts mehr. Entſchuldigen Sie, daß ich in meinem Eifer ſo weit ging, Sie eine ‚Gemüths⸗ kranke zu nennen; es kam mir eben nichts feineres in die grobe Feder.“ „Und bin ich es etwa nicht?“ „Sobald Sie das einſehen, befinden Sie ſich ſchon auf dem ſichern Wege zur Geneſung. Wo der Arzt weilt, der ſtets mit Rath und That für Sie bereit iſt, das wiſſen Sie nun. Was ſich be⸗ geben, bleibt unter uns.— Dieſes Schreiben aber verbrennen Sie nicht. Leſen Sie es bisweilen durch. Das iſt die erſte Arzenei, die ich verordne. Und ſo⸗ mit Gott befohlen.“ „Die iſt noch mit dem blauen Auge davonge⸗ kommen,“ ſprach ſie dann hinter Ludmillen her, nach⸗ dem dieſe ſich entfernt hatte;„er konnte falſch ver⸗ ſtehen, ihr Gott weiß welchen Einfluß zutrauen, ſie beim Worte nehmen, wenigſtens ſcheinbar— und ſie ſo um ihre hieſige Exiſtenz bringen. Hofefentlich hat ſie an dieſer letzten Lehre genug; und ſie könnte auch genug haben, denn ſie iſt weder hübſch, noch angenehm, noch jung, noch ſonſt liebenswürdig... aber geliebt will ſie dennoch ſein?— Welch eine Grauſamkeit der Natur, daß ſie ſo häufig in die abſto⸗ 15²2 ßendſten Perſönlichkeiten jenes beunruhigende Bedürf⸗ niß legt, anzuziehen, zu feſſeln! O es iſt eine böſe Krankheit! Und aus dem Grunde heilen läßt ſie ſich niemals, fürchte ich. Man iſt vor Rückfällen nicht ſicher.— Das war eine häßliche Unterbrechung des ſchönen Herbſttages, über den und auf den ich mich ſo innig gefreut hatte. Zum Glücke iſt er noch nicht völlig vorüber und ein Stündchen unter mei⸗ ner Linde bleibt mir noch.... ſiehe da, Ulrich's Brief! der mag mich begleiten.“ Sie ging durch die kleine Hinterthür in der Gartenmauer, wozu nur ſie den Schlüſſel führte, un⸗ geſehen ins Freie hinaus, einen etwas beſchwerlichen Pfad, den ſchmalen Damm entlang, auf holperichtem Boden, von Wurzeln durchkreuzt, von Weidenge⸗ ſträuch, Schlehdorn und Eichengeſtrüpp verdeckt; einen Weg, den außer ihr keine Seele ſuchte, noch kannte. Deßhalb war er ihr lieb. Denn ſie ſagte oft:„Der Menſch hat kein Recht, ſich ſeinen Mitmenſchen zu entziehen; wer nicht, was an ihm iſt und in ſeinen Kräften liegt, ehrlich aufbietet, um zu nützen und zu fördern, der iſt ein feiger, fauler, unnützer Brot⸗ freſſer. Wer aber ſeine Pflichten gegen Andere erfüllt hat, der errang dadurch das Recht, auch an ſich zu 153 denken, zu ſich ſelbſt zu kommen. Und bei ſich iſt man eigentlich nur dann, wenn man mit ſich allein iſt.“ Der verwahrloſete Damm führt zu einem klei⸗ nen Hügel, dem einzigen in dieſer flachen Gegend; oben auf dem Hügel ſteht eine kräftige Linde. Sie vermag noch nicht viel Schatten zu ſpenden, denn ſie iſt noch jung. Gräfin Eichengrün hat ſie ſetzen laſ⸗ ſen, freilich ſchon als ſtattlichen Baum. Für einen Herbſtabend braucht es keines Laubdaches. An den Stamm lehnt ſich ein ſchmales Bänkchen; ihrer Zwei fänden nicht Raum darauf. Dort ſitzt ſie, ihres Bruders Brief uneröffnet in der Hand, und ſchaut in die Sonne, die ſich ſanft ſenkt, nicht mehr blendet. „Da ſind wir unſerer Drei beiſammen,“ mur⸗ melt ſie:„Abend— Herbſt,— und ich. Mit uns allen Dreien neigt ſich's zum Ende, dann folgen Nacht, Winter, Grab. Wie war es ſonſt ſo ſchön, wenn ich noch ſpäter am Abend, noch ſpäter im Jahre hier feierte und des Todes gedachte, des düſtern ſchauerlichen Gewölbes unter den Mauern der ei⸗ chenauer Kirche, wo die Särge der Meinigen ſtehen, und ich ſah über meinen Sarg den treuen Her⸗ mann gelehnt, der ſeiner alten Barbara liebend ge⸗ dachte! Wurd' es da nicht heller Morgen, blühen⸗ 154 der Frühling um mich her? Lebte ich nicht auf im Andenken ſeiner Liebe? Damit iſt's denn auch vor⸗ bei, und mein Sarg wird nichts anderes ſein, wie ein gewöhnlicher Sarg. Ich ſoll nichts voraushaben. — Doch laß' uns ſehen, was Ulrich zu melden hat?“ Die brüderliche Epiſtel athmete lauter Jugend⸗ und Lebensluſt:„Ich fühlte meine Jahre niemals minder, als jetzt. Solange ich denke, war ich nicht rüſtiger, unermüdlicher, jeder Anſtrengung mächtiger gewachſen. Die Wirthſchaft gedeiht zuſehends. All meine Anlagen tragen reiche Früchte. Das Füllhorn des Segens iſt über unſer herrliches Eichenau aus⸗ gegoſſen,— und über mich auch, alte Barbara. Ja, ſogar das Herz, nachdem es ſo lange geſchwiegen, fängt an ſeine Rechte wieder geltend zu machen. Ich rede hier nicht etwa von jenen vorübergehenden klei⸗ nen Händeln, die Du in Deiner altſchweſterlichen Strenge mir als böſe Verirrungen ins ſchwarze Buch ſchreibſt. Mit denen hat ja, wie Du wohl weißt, das Herz nichts gemein. Ich beziehe mich auf ein Ereigniß vom vorigen Frühjahr, welches je länger, deſto tiefer auf mich nachwirkt, und mich ſchon eini⸗ gemale auf den Gedanken geleitet hat, es wäre viel⸗ leicht gar nicht übel, meinem Junggeſellenleben ein Ende zu machen. Und ſollte dieſe Idee nicht Dei⸗ 155 nen Beifall gewinnen? Schon darum, weil durch ihre Verwirklichung mit einemmale beſeitiget würde, was Dir hin und wieder tadelnswerth an mir er⸗ ſchien? Die Rückſichten, welche mich früher von einer zweiten Ehe abſchreckten, ſind mit Theodor's Tode erloſchen. Ich habe für Hermann nicht mehr zu ſorgen, und er bedarf meines Allodialvermögens jetzt nicht. Ueber das, was meine ökonomiſchen Be⸗ mühungen und Fortſchritte, was Umſicht und Fleiß mir errungen, kann ich frei disponiren, ohne irgend⸗ ein Recht zu verletzen. Was meinſt Du, wenn ich Dich noch einmal aufforderte meiner Braut Kranz⸗ jungſer zu ſein? Und ſo weiter. Barbara lächelte traurig:„Gerathe ich denn heute aus einer Heiratskonfidenz in die andere? — Ah, und bei dieſer zweiten würde meine War⸗ nung vergeblich bleiben. Seine Erzellenz, Graf Ei⸗ chengrün auf Eichenau hat keinen refus zu befürchten, wie meine arme Ludmilla. Den nimmt jede,— dafür kennt man mein Geſchlecht von dieſem Jahr⸗ hundert. Auch darf ich nicht ungerecht gegen ihn ſein, und wahr muß es bleiben, obgleich ich ſeine Schweſter bin, er verdient den Vorzug neben vielen Jüngeren; würde ihn verdienen, wenn er nicht Ma⸗ joratsherr, nicht Graf Ulrich,— wenn er ein ſchlichter 157 „Weſſen Stimme iſt es geweſen? Kam ſie von oben? Sprach ſie aus mir? Von Gott gewiß, denn Er wohnt auch in uns; Er wohnt in jedes Men⸗ ſchen Bruſt. Verleugnen läßt Er ſich, verhüllen, um⸗ nebeln,— ausweiſen nie, niemals. Auch der freche Böſewicht hat Stunden, wo Gottes Gegenwart ihn übermannt. Und ein Böſewicht kann ja mein Her⸗ mann nie werden. Verhärtet nur ward ihm das Herz, erkältet mit den eiſigen Lehren ſtarrer, ſelbſt⸗ ſüchtiger Eitelkeit. Ein warmer Sonnenblick der Huld, ein milder Hauch göttlicher Gnade,— oder ein ſcharfer Dornenſtich des Geſchicks, der es verwundet, ihm Tropfen heißen Blutes entlockt.... und die Rinde ſchmilzt, und es belebt ſich und liebt.“— Als dieſer Gedanke mit voller Macht durch ihre Seele zog, da war ſie nicht die Aebtiſſin des adeligen Fräuleinſtiftes Friedhain, da war ſie unſere alte liebe Tante Barbara, wie wir ſie im Glashauſe beim Gärtner Wiesner, wie wir ſie in der wahlauer Holz⸗ gaſſe beim guten Hermann geſehen. Da ſchwanden alle trüben Wolken des Nachmittages von ihrer Stirn, wie die Wolken gen Abend ſich verzogen und ſich in einen rothen Purpurmantel aufzulöſen ſchienen, der die hinabgeſunkene Sonne bedecken wollte. Immer dunkler ward es, immer kühler.... Tante Barbara 156 Mann wäre, ohne Rang und Vermögen; denn er iſt ein Mann! Er iſt noch der Sohn einer ſtär⸗ keren, geſünderen Zeit.— Und mit ſeinen Söh⸗ nen verglichen!... Wohl wähnt' ich einſt, in Her⸗ mann den Träger unſeres Namens emporwachſen zu ſehen, der in ſich vereinigte, was die Vergangenheit Gutes überlieferte, was die Gegenwart Hohes ſchuf. Doch ach, er hat von beiden nur das Nichtige, Oberflächliche, Leere angenommen, und neben ſei⸗ nem Vater ſteht er da wie ein junger, hohler, kran⸗ ker Baum mit glattem Stamm, feiner Rinde, zuge⸗ ſtutzten Zweigen, der einer feſten, markigen, alten Buche zur Seite ſchwankt.— Fort mit dem troſt⸗ loſen Vergleiche. Und wolle Gott, daß er falſch, daß er übertrieben ſei! 1 „Da ſinkt die Sonne hinab!— War's doch, als ob ſie verſchwindend mir noch etwas zuriefe? Klang es doch wie eine freundliche Stimme, die mir ſagte: Faſſe Hoffnung, Dein Liebling iſt noch nicht aufgegeben. Der Kern iſt noch friſch, nur die Schale ſcheint welk. Aus einer trüben Wolke, die jetzt vor Dir aufſteigt, trüb und regendrohend wie jene, hin⸗ ter denen ich, Sonne, mich heute verbarg, kann die Hand herablangen, die ihn ergreift, züchtiget, erhebt, Dir wiederzuführt. 158 ſaß noch auf ihrem Bänkchen, ſann nach, und bewegte mitunter die Lippen, als ob ſie mit Einem ſpräche? In den Blättern des Lindenbaumes erhob ſich ein Säuſeln, herbſtliches Fröſteln wehte hernieder, durchſchauerte ſie. Feſter hüllte ſie ſich in ihr großes Tuch.„Gute Nacht, Odo,“ ſagte ſie in die däm⸗ mernden Nebel hinaus und erhob ſich. Wie ſie den ſchmalen Damm ſichern Trittes entlang ging, flimmerten ſchon unzählige Sterne durchs Geſträuch. Da lächelte ſie empor und flü⸗ ſterte noch einmal:„Gute Nacht, Odo!“ Sechszehntes Kapitel. Das Faſchingstreiben einer großen Stadt, deren Bevölkerung in überwiegender Zahl aus Evangeliſchen beſteht, kann ſich an ſtürmiſchem Wirbeldrehen und tollem Drange nicht meſſen mit dem Karneval jener, auch kleineren Orte, wo die Geſetze der Kirche und des Staates der wilden Vergnügungswuth engere Schran⸗ ken geſetzt, und ſie gewiſſermaßen herausgefordert haben, in kürzeſter Friſt ihr Aergſtes zu leiſten. Den⸗ noch fehlte es in der Reſidenz nicht an Gelegen⸗ heiten für alle Stände, ſich auszutoben, und kon⸗ 159 zeſſionirte wie heimliche Pfandleiher bargen in ihren Moderhöhlen gar manches werthvolle Stück, woran der ſaure Schweiß eines gekrümmten Vaters, die heiße Thräne einer grauhaarigen Mutter haftete. Wenn man ernſtlich erwägt, wie viele junge Leute ſich und die Ihrigen ins Elend hineintanzen; wenn man überhaupt das Weſen und Gebahren der jetzigen ‚flotten Welt' auf öffentlichen Bällen betrachtet,— ſei's nun in Prachtſälen, ſei's auf Tanzböden, ſei's im Glanze unzählbarer Wachskerzen, ſei's vom ge⸗ ſpenſtiſchen Scheine leichenduftiger Gasflammen be⸗ leuchtet,— man braucht kein verbiſſener, neidiſcher, kränklicher Griesgram zu heißen, der der Jugend ihre Freuden mißgönnt; man darf nur der eigenen Jugendzeit gedenken, und ihrer umſoviel anſpruchsloſeren, be⸗ ſcheideneren, anſtändigeren Ergötzlichkeiten, um bei ſolchem Vergleiche zu erſchrecken vor dem ſogenannten Fortſchritte, den die Gegenwart auf dieſem Felde zu ihren Errungenſchaften zählt. Sollte es,(wie unſern Enkeln eine Muſik der Zukunft verheißen iſt) auch eine Zukunft des geſelligen Tanzes geben, welche die Gegenwart auf dem jetzt eingeſchlagenen Wege über⸗ holte und noch weiterginge,— dann, offen geſtanden, würde ich den wohlgeſinnten Vater nur darin erken⸗ 160 nen, daß er ſeinen Töchtern lieber die Beine entzwei⸗ ſchlüge, als ſie auf einen Ball gehen ließe. Aehnliche Bemerkungen erlaubte ſich der ältliche kleine Herr mit den grünen Augengläſern, der neben Hermann Graf Eichengrün im dichten Gedränge Zuſchauender ſtand. Wahrſcheinlich ermuthigte ihn dazu die Betrachtung, daß der junge Herr ver⸗ ſchmähte, ſich in die Reihen der Tanzenden zu miſchen. „Seine Erzellenz,“ ſagte er,„geben ein ſtattliches Feſt, doch mich dünkt, die edle Kunſt, auf zartere Weiſe und mit feinerem Sinne zu genießen, was dargeboten wird, iſt gänzlich ausgeſtorben. Finden Sie nicht auch, Graf?“ „Beſter, darauf kann ich Ihnen wirklich keine genügende Antwort ertheilen,“ entgegnete Hermann. „Ich weiß nicht, wie es ſonſt war? Ich bin von jetzt. Von dem aber, was da getrieben wird, und was ſie Amuſement nennen, habe ich nur den verwor⸗ renen Begriff, den oberflächlicher Anblick gewährt. Mich langweilt die Sache bis zum Erzeß. Ich muß dabei immer jenes türkiſchen Geſandten denken, der bei einem pariſer Hofball durch ſeinen Dolmetſch ſich erkundigte, weßhalb nicht die Herrſchaften dieſe anſtrengende Arbeit durch ihre Sklaven verrichten laſſen?“ 161 „Ha, das iſt echt orientaliſch! Haben Herr Graf nie getanzt?“ „Daß ich nicht wüßte! Als Junge wohl, unter des Tanzlehrers Aufſicht. Seitdem nicht mehr.“ „Nun die Tanzſtunden können auch ihre Reize haben. Es entſpinnen ſich da die erſten kindiſchen Intriguen.. „Wir, in der Akademie hatten keine anderen Tänzerinnen, als unſere kleineren Mitſchüler, die mit Hilfe eines um den linken Arm geſchlungenen weißen Tuches in ſchönes Geſchlecht umgewandelt wurden. Da gab es keine anderen Intriguen, als wer den Nachbar durch vorgehaltenen Fuß zum Fallen bringen könnte? Uebrigens, Herr Etatsrath, ſeh' ich die auf⸗ geputzten Tänzerinnen, die ſich's da ſehr angelegen ſein laſſen, ebenſo gleichgiltig an, wie jene unge⸗ ſchickten Bengel in der Tanzſtunde. Ich ennuyire mich fürchterlich.“— „Hm, hm,“ machte der Etatsrath, und ſchob ſeine Brille hin und her,„es dürfte mich eigentlich nicht Wunder nehmen, daß Sie ſich heute hier ennuyiren; denn Sie befinden ſich ganz wo anders mit Ihren Gedanken? Iſt's nicht wahr?“ „Es könnte ſein. Aber wo meinen Sie?“4... „Soweit verſteigt ſich meine Indiskretion 1857. XV. Noblesse oblige. II. 11 162 nicht, darüber auch nur eine Vermuthung auszu⸗ ſprechen. Aber können Sie mir zufällig ſagen, Graf, was es für Gründe haben mag, daß der Prinz nicht hier iſt? Ich weiß beſtimmt, Seine Erzellenz hat auf die Ehre gehofft, und es wäre nicht zum erſtenmale..“ „Welcher Prinz, Herr von Schlumbs? Es gibt ſo viele Prinzen auf Erden“— „Wenn Sie nicht wiſſen wollen, welchen ich meine, dann hab' ich nichts geſagt, und bitte um Verzeihung, daß ich zudringlich war.“ Hier nahm der Etatsrath von Schlumbs die grüne Brille von der Naſe und rieb die Gläſer ſo heftig mit ſeinem großen indiſchen Foulard, als ob er ſie weißputzen müßte. Graf Hermann hielt das Schweigen nicht lange aus. Er neigte ſich zum Ohre des brillenreibenden Nachbars, ihn leiſe zu fragen:„Da Sie doch im Hauſe hier zu Hauſe ſind,— iſt Ihnen vielleicht bekannt, ob Baronin Stjernholm auf der Liſte der Einzuladenden geſtanden hat?“ „Ah, das laß' ich mir gefallen, Graf; nous voilà en pays de connaissance!“ Er ſetzte die Augengläſer wieder auf und flü⸗ ſterte:„Nein, ſie war nicht invitirt. Ihre Exzellenz erlaubten es nicht; Seine Exzellenz beſtanden 163 darauf; doch Ihre Exrzellenz wußten es ſo einzu⸗ richten, daß es Seiner Erzellenz von— anders⸗ woher gleichſam unterſagt wurde!“ „Unſinn; wahrhaftig die Leute miſchen ſich in Sachen— und deßhalb, meinen Sie, iſt der Prinz ausgeblieben?“ „Ich darf Ihrer Meinung darüber nicht vor⸗ greifen, Graf; Sie wiſſen am beſten, was Sie davon zu halten haben.“ Hermann biß ſich auf die Lippen und verſtummte wieder hartnaͤckig. Augenblicklich befreite Herr von Schlumbs ſeine Naſe von ihrer Laſt und begann aufs neue zu reiben. Es gibt Geſichter, die man kaum zu erkennen vermag, ſieht man ſie ohne Brille. Menſchen von gewöhnlichem Schlage, wie ſie uns ſonſt erſcheinen, verrathen recht überraſchend einen Hinterhalt von Liſt und Schlauheit, wenn ſie ihre tiefliegenden Augen unbewaffnet zeigen. Ob Herr von Schlumbs etwas dieſer Art beabſichtigte und deßhalb die grünen Gläſer ſo lange anhauchte und ſäuberte, kann ich nicht be⸗ ſtimmen. Doch war es ſein Zweck, den Grafen da⸗ durch aufmerkſam auf ſich zu machen, ſo erreichte er ihn vollkommen. Denn Hermann that ſich den Zwang an, ihm abermals das erſte Wort zu gönnen: 11* 164 „Es iſt unerträglich heiß, Herr Etatsrath; wie wär' es, wenn wir ein kühles, abgelegenes Plätzchen ſuchten?“ „Sie ſprechen meines Innern ſehnlichſte Wünſche aus; ich bin weiches Wachs in Ihren Händen!“— Der Rückzug ward angetreten. Der beiden Her⸗ ren einwohnende diplomatiſche Takt veranlaßte ſie inſtinktmäßig, weder zu gleicher Zeit, noch Arm in Arm, ſich vom Schauplatze der Luſt zu entfernen. Sie ſchlugen ſich, jeder einzeln, durchs Getümmel, er⸗ reichten auf verſchiedenen Wegen dasſelbe Ziel und fanden ſich nach Verlauf eines Viertelſtündchens im ſchlechtbeleuchteten kleinen Gemache zuſammen, welches, zwiſchen den Apartements Seiner und Ihrer Erzellenz gelegen, ſo ein Mittelding von Vorzimmerchen, Entree, Rumpelkämmerlein und ſtaubigem Bücherkaſten bil⸗ dete. Ein nicht allzuſauberer Divan, allem Vermu⸗ then nach das Bettzeug eines dort über Nacht ſtatio⸗ nirten Dieners enthaltend, bot ſich als einziger Ruhe⸗ punkt dar und wurde vom Etatsrath ſogleich in Beſitz genommen mit der Aeußerung:„Hier ſucht uns kein Teufel, Graf!“ Wer iſt Herr von Schlumbs? Der Titel Etats⸗ rath klinkt halb däniſch, halb ruſſiſch? Er hat von beiden etwas. Ein geborener Deutſcher hat dieſer Herr in Schweden, dann in Dänemark eine dunkle 165 Jugend verlebt, iſt ſpäter in ruſſiſche Dieuſte gerathen, iſt mit irgendeiner Geſandtſchaft nach der Reſidenz gekommen, in der wir uns befinden, und iſt daſelbſt kleben geblieben, niemand kann ſagen wie, warum, an was, und noch weniger: als was? Genug er iſt da; er lebt, lebt à son aise; wovon? Nun höchſt wahrſcheinlich vom Gelde. Wer gibt ihm dieſes Geld? Wofür empfängt er's?— Alle dieſe Fra⸗ gen hatten ſich in den erſten Jahren ſeiner Anwe⸗ ſenheit alle Menſchen vorgelegt, jeder hatte ſie nach ſeiner Anſchauungsweiſe, keiner entſchieden beant⸗ wortet; nach und nach waren ſie verſtummt; man hatte ſich daran gewöhnt, den Herrn Etatsrath von Schlumbs überall zu ſehen; die beſte Geſellſchaft nahm ihn auf; und wenn hier und da die Warnung gehört wurde: man habe ſich in ſeiner Gegenwart vor allzufreien Geſprächen zu hüten, ſo trug dieß eben nur bei, ihm einen myſteriöſen Relief zu ver⸗ leihen. Im ganzen galt er für ein„bon enfant; ſo hatte ihn auch der verſtorbene Kammerherr ge⸗ nannt. Und ſolche Empfehlung mag nicht wenig dazu beitragen, daß Hermann ſich mit ihm einläßt. „Mein theuerer Graf,“ hub er an,„bei einem Ka⸗ valiere wie Sie, kann ich mir alle unnützen Ein⸗ gänge und Umſchweiſe erſparen. Sie haben es längſt 166 fort, daß ich mit einer Ambaſſade für Sie beehrt wurde. Ich denke, wir verhandeln ohne Finten und heimliche Schliche. Sie ſind vornehm, ſehr vornehm; Sie ſind reich, ſehr, ſehr reich; und was für mein Geſchäft die Hauptſache: Sie ſind, obwohl faſt noch ein Jüngling, mit den Thorheiten der Jugend fer⸗ tig. Man darf zu Ihnen ſprechen, wie zu einem reifen, erfahrenen Manne, der keinen Phantaſiege⸗ bilden mehr nachläuft, der ſich an die ſolide Wirk⸗ lichkeit hält. Ich verehre Sie ſchon lange. Sie ſollen mich aufrichtig finden, bis aufs geringſte Detail; ich will Ihnen mit unumſchränktem Vertrauen entge⸗ genkommen;— doch kann ich das, darf ich das erſt, wenn Sie mir durch eine entſchiedene Probe Ihres Vertrauens den Beweis geliefert, wie viel Ihnen an dem meinigen liegt. Machen Sie nicht ſolche abweiſende Geberde; hören Sie mich erſt bis zum Schluße. Ich verlange keine Enthüllung delikater Geheimniſſe, will durchaus nicht in— ja, wie nenn' ich's? die reine Proſa wird am beſten zuſagen: in Privatverhältniſſe eindringen. Sie ſollen mir nur unumwunden erklären: ob Sie Ihre diplomatiſche Carriére lediglich wie tändelnden Dilettantismus betrachten? Oder ob Sie einen gewiſſen— Ehrgeiz 167 dareinſetzen, raſche Progreſſen zu machen und etwas zu erreichen, ehe Ihnen Ihr Majorat zufällt.“ „Darauf kann ich direkt erwiedern: Ja, ich wünſche ſo viel zu erreichen, ſo hoch zu ſteigen, als es menſchen⸗ möglich iſt. Mein Vater wird, wie ich zuverſichtlich hoffe, ſehr alt werden; denn er darf in vielfacher Beziehung noch für jung gelten. Ich habe durchaus keine Luſt, ſo lange nichts anderes zu ſein und zu heißen, als der dem künftigen Beſitz entgegenharrende Graf. Sie ſehen mich bereit zu thun, was ſich mit meinem Range, mit meinem Stolze, mit meiner Ehre verträgt, um diejenige Protektion zu erlangen, die meines Vaters ſtetsbewährte Selbſtſtändigkeit mir nicht zu ertrotzen, die meine kalte Zurückhaltung mir gewiß nicht zu erſchmeicheln verſtand. Bekennen Sie Farbe— denn daß Sie irgendeinen Auftrag für mich in petto, irgendeine conditio sine qua in Rückhalt haben, dergleichen lauerte ich Ihnen ab, als Sie Ihre Brillen⸗ gläſer putzten.“ „Und ich habe es Ihnen beſtätiget. Beauftragt bin ich, doch eine Bedingung habe ich Ihnen nicht zu ſtellen. So weit erſtreckt ſich meine Autoriſation nicht. Ich habe Ihnen nur geſprächsweiſe, unter guten Freunden wie wir ſind, auszuplaudern, daß man Himmel und Erde in Bewegung ſetzen möchte, um 168 eine Heirat gewiſſer höchſter Herren zu verhindern, die von gewiſſen ſchönſten Witwen faſt für gewiß angeſehen wird; und daß man—(aber ich habe nichts geſagt!— demjenigen, der ſolche Heirat zu hintertreiben die Mittel fände, nöthigenfalls ein noch nie erlebtes, unerhörtes Avancement ange⸗ deihen laſſen würde. Graf Hermann fuhr auf:„Herr von Schlumbs, mit wem glauben Sie zu ſprechen?“— Doch kaum war dieß heraus, ſo unterbrach er ſich ſelbſt und ſing hellen Halſes zu lachen an:„Ich bin nicht klug, daß ich mich erzürne! Wie kommt mir's ein, belei⸗ diget zu ſein, weil von mir gewünſcht wird, was zu erreichen niemand lebhafter wünſcht, als ich ſelbſt? Mein ausplaudernder Herr Etatsrath, ohne die ge⸗ ringſte Ausſicht auf Beförderung, ohne Antrieb von irgendeiner Partei, ohne den leiſeſten Sporn von⸗ ſeiten des Ehrzeiges in Staatsgeſchäften, lediglich von meiner eigenen inwendigen„Luſt an Unluſt’ ge⸗ foltert, geb' ich mir ſeit neun Monaten alle erſinn⸗ liche Mühe zu bewerkſtelligen, was diejenigen, die Sie inſpirirt haben, ein gutes Werk nennen. Aber zu meiner Schande ſei's geſagt: ohne Erfolg. Liegt es an meinem Ungeſchick, liegt es an meiner Feigheit, liegt es an meiner Dummheit,— was ich vorgeſtern 169 etwa gewonnen zu haben dachte, iſt geſtern verloren geweſen, und heute fang ich wieder von vorn an.“ „Bei einem jungen Herrn von Ihrem Aplomb, Ihrer Bravour, Ihrem Geiſte kann von jenen Män⸗ geln nicht,— bei Ihnen kann nur von einem Ueberfluſſe die Rede ſein. Jener Franzoſe hatte zwar Recht: il faut toujours meler un peu de sentiment, doch thun Sie des Guten darin nicht vielleicht zu viel? Hegen Sie für die Baronin nicht vielleicht ein kleines Bißchen von dem, was der Wiener ‚viel z'viel G'fühle nennt?“ „Sie ſind ein Schmeichler, Schlümbschen. Ich ſteh' im Rufe totalſter Gefühlloſigkeit, und wenn Ihr „viel zu viel Gefühle mit Sentimentalität gleich⸗ bedeutend gemeint iſt, ſo kann ich Ihnen die beru⸗ higende Verſicherung ertheilen: mein Schweißfuchs iſt gerade ſoviel ſentimental wie ich. Auf Ehre, in dieſer Sphäre bin ich ſeit meiner erſten Jungen⸗ ſchwärmerei fremdgeworden, und ich kenne die Ba⸗ ronin zu genau, um auch nur im entfernteſten nach⸗ äffen zu wollen, was dahineinſchlägt. Ich habe ihr gegenüber weder geſeufzt, noch geſchmachtet; habe all meine geiſtigen Fakultäten aufgeboten und ſtets unter den Waffen gehalten. Ich habe darum doch keinen Fuß breit in Feindes Land erobert. Sagen 170 Sie denen, die durch Sie reden, ſie ſollen ſich einen glücklicheren Streiter ausſuchen. Durch meinen Sieg in dieſem Felde gewinn' ich mir keinen Geſandtſchafts⸗ poſten; auch nicht den kleinſten bei einem Hofe, wo Cotteletten von Menſchenfleiſch ſervirt würden. Dieſem Weibe iſt nicht beizukommen, ſolange der Prinz nicht eine Andere Gemalin nennt. Wollen die Ver⸗ ſchworenen meinen Rath annehmen, ſo ſollen ſi machen, daß er ſich zum Tollwerden in eine eben⸗ bürtige Schönheit verliebt.“ „Das iſt ein großer Gedanke, Graf.“ „Ich denke, er liegt ſehr nahe: Und Ihr müßt jämmerlichen Abbruch an Eurer Phantaſie erlitten haben, daß Ihr nicht ohne mich darauf kamet. Wenn's richtig angefangen würde, könnt' es nicht fehlſchla⸗ gen. Es braucht ja keine regierende Familie zu ſein. Wie viele Reize verblühen in Paläſten, weil es eben Paläſte ſind, wo Wenige als Freiwerber willkommen ſein dürften, die nicht Prinzen heißen? Thut Eure Augen auf! Schaut Euch um. Heraus mit Ihrem indiſchen Rieſentaſchentuche! Wiſchen Sie jedes Stäubchen von den grünen Doppelfenſtern Ihrer edlen Seele, Herr Etatsrath von Schlumbs. Spioni⸗ ren Sie etwas aus, wenn Sie denn doch einmal ſpioniren müſſen und wollen. Und rechnen Sie auf 171 meine Beihilfe, wofern ſolche durch mich geleiſtet werden könnte. Ich wüßte mir kein boshaft⸗wol⸗ lüſtigeres Vergnügen, als der Baronin Viſite zu machen, am lendemain des Prinzen,— wohlverſtan⸗ den, wenn ſie nicht die Neuvermälte iſt. In die eine Viertelſtunde bei der Desapointirten wollte ich ſoviel grauſamen Spott miſchen, daß dieſer Triumph mich entſchädigte für unzählige Stunden bitterver⸗ letzter Eitelkeit. Ich mache mich anheiſchig tauſend Meilen hin und her Kurier zu fahren, auf meine Gefahr und Koſten, kann ich's dadurch beſchleunigen!“ „Für ſo rachſüchtig hätt' ich Sie nicht gehal⸗ ten— doch ſehen Sie, was begibt ſich da drinn?“ „Die Ankunft eines ſpäten Gaſtes unterbricht auf einen Augenblick den Lärm des Feſtes!“ „Dann iſt es der Prinz, der wider Erwarten dennoch erſcheint!“ „Allerdings iſt er's! Eben jetzt ragte ſeine hohe Geſtalt aus dem Gewühl hervor.“ „Wiſſen Sie, Graf, daß er dadurch die Baro⸗ nin halb und halb desavouirt?“ „Sie meinen?“ „Es liegt auf der Hand: Sie hat von ihm verlangt, daß er die Ehre ſeiner Gegenwart einem Feſte entziehen ſolle, von welchem ſie, trotz ihrer ———— 4 172 Intimität mit der Frau vom Hauſe, durch Kabalen aus⸗ geſchloſſen wurde. Er hat höchſt wahrſcheinlich ſeiner⸗ ſeits ihres Verlangens Erfüllung abhängig gemacht von gewiſſen Anſprüchen, die ſie mit eiſerner Feſtig⸗ keit zurückweiſet, ſeitdem dieſes ſeltſamſte aller Ver⸗ hältniſſe beſteht. Er wird erwiedert haben: ‚Ich bin bei Andern nicht gewohnt, mich ſoviel Wochen hin⸗ halten zu laſſen, als Sie mich jetzt Jahre hinhalten, und ſoll ich heute Abend vom Balle wegbleiben, ſo will ich wenigſtens wiſſen, wo ich den Abend zu⸗ bringen darf? Und ſie wird zurückerwiedert haben: „Es iſt Ihnen bekannt, mein theurer Prinz, daß ich Sie niemals empfange, wenn ich die Soirée ohne Geſellſchaft verlebe, und da heute alle Welt auf dem Balle iſt, ſo kann ich keine Geſellſchaft auftreiben.“ Und darauf hat er verſichert, daß ihm an Geſellſchaft nicht ſoviel liege, und daß er endlich einmal mit ihr allein ſein wolle! ‚Das werden wir noch oft ge⸗ nug ſein,“ hat ſie verſichert, wenn ich Ihre Gemalin bin’ Und da iſt ihm plötzlich das Bewußtſein ſo vieler Siege, die er ſich erkauft, oder auch ertrotzt hat, hellgeworden, und er hat ſich gefragt: ſoll dieſe, dieſe einzig und allein mir Geſetze vorſchreiben? Er hat einen Anlauf genommen; hat ausgerufen: ‚Ent⸗ 173 weder— oder!— Und ſie— eh bien, was wird ſie darauf gethan, was geſagt haben, Graf?“ „Wie ich ſie zu kennen glaube, hat ſie höhniſch geſagt: ‚Ich wünſche viel Vergnügen auf dem Balle!«“ „Höchſt wahrſcheinlich iſt es ſo. Und da iſt nun auch Er und ſucht ſein Vergnügen. O mög' er's finden; mög er's finden im reichſten Maße! Sie aber, mein edler Graf, was denken Sie zu unter⸗ nehmen?“ Hermann gähnte:„Mich zu verlieren und ins Bett zu fahren!“ „Ich, wenn ich Graf Eichengrün wäre, ſchickte meine Equipage fort, hüllte mich in meinen Mantel und verſuchte eine deutliche Auſchauung zu erhalten, wie die ſchöne Feindin ihre Einſamkeit hinbringt?“ „Es iſt zehn Uhr vorüber, ſie wird ſchlafen.“ „Sie wird wüthend ſein; denn der Prinz wird dafür geſorgt haben, daß ſie ihn hier wiſſe. Und in der Wuth ſchläft man nicht.“ „Sie wird mich jetzt ebenſowenig empfangen, als jeden Andern!“ „Es gibt Schlüſſel, die alle Thüren öffnen, und der Diener, den Baronin Stjernholm wegjagt, weil er einen etwas ſpäten Beſuch unangemeldet ein⸗ ließ, wird ſich ſehr glücklich ſchätzen, den Grafen 174 Eichengrün auf einer Geſandtſchaftsreiſe begleiten zu dürfen.“ „Derlei kleinliche Mittel vertragen ſich nicht mit dem Weſen, welches ich in der letzteren Zeit gegen die Stjernholm angenommen Dennoch erwecken Ihre Vorſchläge eine unwiderſtehliche Begierde in mir, dieſen Abend für einen letzten Schlag zu benützen. Es kommt mir da eine Idee... Bleiben Sie, Schlumbs; ich will verſuchen, mich unbemerkt zu ſküſiren. Geben Sie genau Achtung, wem der Gnä⸗ digſte ſich nähert, welche er etwa auszeichnet? Und wenn Sie nichts beſſeres vorhaben, ſo diniren Sie morgen mit mir, damit wir unſere Erfahrungen aus⸗ tauſchen können. Bon soir!“— Es ſchlug eben ein Viertel nach zehn Uhr, als vor dem Hauſe Nummer Sechszehn in der Sophien⸗ ſtraße eine Kutſche anhielt, deren Führer abſichtlich mit ſeiner langen Peitſche recht laut und heftig knallte. Ebenſo klopfte der vom Wagentritt herabgeſprungene Lakai ſtark und vernehmlich mit einer Fauſt an die Hausthüre, während er mit der andern den Glocken⸗ zug eifrig in Bewegung ſetzte.„Doppelt reißt nicht!“ ſagte er dabei, ohne zu erwägen, daß er den Draht, 175 den er bearbeitete, ſchier zerriſſen hätte. Die Haus⸗ thüre wurde von innen aufgeſchloſſen und zwei echte, blühende Sprößlinge der Reſidenz, zwei gleichgeſtimmte Schlingelſeelen in Lioree ſtanden ſich gegenüber. „Biſt Du das, der's ſo verflucht eilig hat? Was iſt denn los?“(Fragen und Antworten wurden geflüſtert, in jenem unbeſchreiblich⸗leiſen und raſchen Tempo, in welchem weibliche wie männliche Vorzim⸗ merbevölkerung unnachahmlich bleibt). „Ein himmliſcher Witz. Meines Grafen ſein Alter iſt angewachſen und will Deine Frau ſprechen. Mein Graf iſt auf dem Balle; ich habe müſſen An⸗ ſpannen beſtellen. Melde man oben: die Erzellenz aus Eichenau; rutſcht morgen wieder ab. Sehr preſſant. Sie liegt doch nicht etwa ſchon in der Ninnei?“ „J wo wird ſie denn? Sie raſaunt'rum wie nicht geſcheidt. Es ſticht ihr was im Kopfe. Aber auf Ehre! ich darf niemand melden!“ „Sei keine Nölſuſe. Der Alte nimmt alles auf ſich. Du mußt ja ſchon Briefe an ihn auf die Poſt getragen haben?“ „Das wohl;— na, ich will's probiren!“ Graf Hermann ſprang aus dem Wagen, ſo⸗ bald jener auf der Treppe war, hieß ſeine Leute ruhig nach Hauſe fahren und erreichte zeitig genug der Baronin Stubenthür, um dieſe noch ausrufen zu hören:„Der eichenauer Graf? Und gerade heute? gerade jetzt? O wie erwünſcht! Seine Erzellenz ſind mir ſehr willkommen!“ Er warf dem zuruͤckkehrenden Diener, der nicht wenig entſetzt ſchien, einen jungen ſtatt des gemel⸗ deten alten Grafen zu erblicken, ſeinen Mantel über den Arm und drang in ſichtbarer, ihm ſonſt ganz fremder Aufregung unaufhaltſam hinein. Die Baronin prallte vor ihm zurück, wie vor einem Ungeheuer. Sprachlos ſtarrte ſie ihn an. Er deutete auf einen Lehnſeſſel, und als ſie, immer noch wie unter dem Banne einer Geiſtererſchei⸗ nung gedankenlos in dieſen geſunken war, nahm er ihr gegenüber Platz. „Baronin,“ ſprach er,„daß meine Liſt gelang, gilt mir als ſprechender Beweis,— wenn es eines ſolchen noch bedurft hätte,— wie richtig meine Kombinationen ſind, die von einem Abende des ver⸗ gangenen Frühjahrs ausgehen, den ich unter Ihren Fenſtern bis in die Nacht hinein zugebracht habe, während derjenige, auf deſſen Namen ich Sie heute überfalle, hier bei Ihnen verweilte. Mein Vater hatte damals von mir Abſchied genommen, ich wähnte 177 ihn unterweges, ein Zufall verrieth mir, daß er noch in der Reſidenz und bei wem er ſich aufhalte. Ich habe vermieden, in unſere letzten Zerwürfniſſe irgend⸗ eine Andeutung dieſer mich zwiefach berührenden Ge⸗ ſchichte einzumengen. Sie erfuhren nicht durch eine Silbe aus meinem Munde, was ich zur Sprache zu bringen unpaſſend hielt. Wenn ich heute damit her⸗ ausplatze, ſo geſchieht das eben, weil ich gekommen bin, definitiv mit Ihnen zu brechen. Bisher war noch nichts unter uns beiden geſchehen, was nicht immer wieder eine Erneuerung unſeres alten Katz⸗ und Mauſeſpiels zugelaſſen hätte. Ja, gerade herausge⸗ ſagt, ich konnte in dieſem Punkte für mich ſelbſt nicht einſtehen; denn ebenſo gleichgiltig alle ſonſtigen Liebeshändel mir geworden ſind, ebenſo behielt die Intrigue mit Ihnen, ſogar nach unſerer ausgeſpro⸗ chenen Trennung, ſtets noch eine verſteckte Anzie⸗ hungskraft, die mich— genirt. Das muß aufhören. Sie ſehen mich hier in der Abſicht, Ihnen auf den Kopf zu ſagen, was ich von Ihnen denke; daß ich Sie für eine höchſtgefährliche, berechnende Ko⸗ kette halte, die noch nie,— von wohlwollenden Empfindungen will ich gar nicht reden,— die auch noch nie die leiſeſte Regung von jener Leidenſchaft empfand, welche ſie, Dank ſei es ihren Reizen und 1857. XV. Noblesse oblige. II. 12 ihrer kalten Schlauheit, in denen hervorruft, mit denen ſie ihr Spiel treiben will. Und wozu dieſes Spiel? Um ihrer Eitelkeit zu fröhnen? Um ſich dar⸗ an zu beluſtigen? Nein, nicht einmal das! Nicht einmal dieſe frivole Entſchuldigung kommt ihr zu⸗ gute. Sie treibt es nur, weil ſie dadurch die Ei⸗ ferſucht, die Beſorgniß, die ſtets aufs neue ange⸗ friſchte Zuneigung eines Mannes wachhalten will, der, wie ſie meinte, zuletzt doch vielleicht in die liſtig⸗ gelegte Schlinge gehen und ſie ſich am Altare über den Kopf ziehen laſſen ſollte. Da wurde ſie denn Witwe, der Moment der Entſcheidung näherte ſich; an Warnungen für den Verblendeten, an Dro⸗ hungen wider die Schlaue, an Hinderniſſen von allen Seiten fehlte es nicht. In ſo kritiſcher Lage galt es, für den möglicherweiſe noch Entſchlüpfenden, einen annehmbaren Erſatz zu finden. Was einem Grafen neben einer Hoheit an Rang abgeht, gleicht eines ſehr reichen Grafen Vermögen an Prachtmit⸗ teln aus. Mein Vater gerieth,— wie? das iſt mir noch das einzige Räthſel bei dieſer räthſelhaften Verwickelung!— in Ihre Zaubermacht, und Sie beſtimmten ihn zum Remplacçanten für etwaiges Mißlingen des erſten urſprünglichen Heiratspla⸗ nes. Den Prinzen vor einer Stunde auf dem Ball 179 erblickend, durfte ich für gewiß annehmen, daß Sie und er entweder ſchon mit einander zerfallen ſind, oder am Vorabend eines Bruches ſtehen. Er hatte ſein Erſcheinen von Ihrer Gegenwart abhängig ge⸗ macht,— Sie werden ausgeſchloſſen,— und er geht dennoch dahin. Es iſt eine Demonſtration. Wie willkommen in dieſer Verlaſſenheit Ihnen der Stell⸗ vertreter ſein, wie er Ihnen gleichſam vom Himmel gefallen dünken müſſe, faßte ich auf, benützte es— und daß ich keinen Trugſchluß gezogen, beſtätigte Ihre Bereitwilligkeit, den Vater zu empfangen,— für den leider ſein verſchmähter Sohn ſich präſentirt, der nun den Zweck dieſer erſchlichenen Entrevue glücklich erreicht und Ihnen zu Gehör gebracht hat, was ſich nicht länger verſchweigen ließ.“— Hermann hatte zu lange geſprochen. Während ſeiner breiten Auseinanderſetzung ſammelte ſich die Ueberraſchte von ihrem Schreck, und der Vortheil, den er anfänglich über ſie gehabt, ging ihm verloren, „Ihre Rede, mein lieber Graf,“ ſagte ſie,„war recht hübſch zuſammengeſtellt, wohleinſtudirt und gar nicht übel vor⸗, wenn auch viel zu ſtark aufgetragen. Der Dame, in welcher man die Gemalin eines hochgeehrten Vaters, folglich eine Reſpektsperſon ver⸗ muthet, ſollte man, was ihr gehäſſiges zugedacht 12 180 iſt, in milderen Ausdrücken beibringen. Sie haben ſich heute zum erſtenmale, ſeitdem ich das Vergnü⸗ gen Ihrer liebenswürdigen Bekanntſchaft genieße, von einer Heftigkeit fortreißen laſſen, die unter Perſonen von Diſtinktion nicht geſtattet wird. Daß Ihnen, dem beſonnenſten, leidenſchaftsloſeſten unſerer jungen Herren ſo etwas gerade bei mir begegnen konnte, darin läge eigentlich eine ſüße Schmeichelei für mich, und ich würde es als ſolche aufnehmen, ſtünde nicht zu fürchten, es ſei weniger die Wuth des ehemali⸗ gen Courmachers, als vielmehr der Haß gegen eine Stiefmutter, der Sie ſich ſo weit vergeſſen ließ. Wiſſen Sie, daß Sie mir recht ordinäre gemeine Grobhei⸗ ten geſagt haben? Wie ſie der Ladendiener nur ſei⸗ ner Prinzipalsfrau Nähmädchen ſagen kann, wenn er dieſes am vergangenen Sonntag im Koloſſeum oder im Wintergarten mit einem Oberjäger vom Schützen⸗ bataillon tanzen geſehen? Das geht nicht, Graf Her⸗ mann. Ich entſchuldige Sie mit Ihrer Gemüthsbe⸗ wegung, aber ich muß Sie darum doch zurechtweiſen.“ „Antizipiren Sie nicht die Rolle der Mutter, Gnädige! Es iſt noch zu früh. Wie Sie mit dem Sohne zuſtande kommen wollen, das bleibe Ihrem Scharfſinne ſpäter überlaſſen; zunächſt ſetzen Sie dieſen Scharfſinn in Wirkſamkeit, den ‚ehemaligen 181 Courmacher’ mit Ehren loszuwerden; denn dieſer nimmt es verzweifelt ernſthaft; das kann ich die Ehre haben, Sie zu verſichern.“ „Wollte Gott, das wäre möglich,“ ſprach ſie mit völlig veränderter Stimme:„uns beiden geſchähe viel⸗ leicht beſſer! Aber Ernſt in der Liebe und Graf Ei⸗ chengrün der Jüngere ſind zwei entgegengeſetzte Pole. Auch die Vorwürfe und Kränkungen, womit Sie mich jetzt ſo freigebig überſchütteten, waren nur inſo⸗ fern ernſthaft gemeint, als Ihre Abſicht, mir wehe⸗ zuthun, unbezweifelt ſcheint. Dennoch will ich darauf eingehen, mich zu vertheidigen,— ohne mich zu ſchonen. In Einem hatten Sie Recht, als Sie von unſerem in Halbheit und Verſtellung ſich hin⸗ zerrenden Verhältniſſe zu äußern beliebten. ‚Das muß aufhören!“ Ja, das muß es! Und damit es jetzt auf friſcher That für immer abgefunden werde, laß' ich mich ſo tief herab, Ihren unritterlichen An⸗ griff und Ueberfall zurückzuweiſen, als ob es die beſcheidene Klage eines ungerecht⸗vernachläſſigten Freundes geweſen wäre.— Ich leugne keinesweges, daß ich darauf ausging und ausgehe, eine reiche Heirat zu ſchließen, eine glänzende. Und weßhalb ſollt' ich nicht? Ich bin zu Anſprüchen berechtiget, ich bin, wenn nicht mehr in der Blüte der Jahre, 182 doch in der Blüte meiner Schönheit. Neiderinnen und Feinde haben nicht gewagt, dieſer anerkannten Thatſache zu widerſprechen. Daß ich Geiſt und Ta⸗ lente beſitze, wiſſen Sie ſo gut wie ich, und es wäre albern, wollte ich damit hinterm Berge halten. Mein Vermögen iſt d'raufgegangen. Durch weſſen Schuld, gehört nicht hieher. Durch die meinige allein wahr⸗ lich nicht. Derjenige, dem ich vielleicht ſein Leben verdarb, der mir das meine gewiß verdorben, iſt todt. Ich bin frei! Ich bin daran gewöhnt, aus dem Vollen zu leben, verſtehe nicht mich einzubürgern, zu knickern, zu überſchlagen, was dieß, was jenes ko⸗ ſtet? Wär' ich nicht eine Thörin, wenn ich den Reich⸗ thum, den mir Natur und Bildung verliehen, den mein von jedem begründeten Vorwurf reines, mit keinem—(hören Sie!)— keinem Fehltritt beflecktes Leben mir konſerviren half, nicht dazu be⸗ nützen wollte, durch ihn auch den klingenden Reich⸗ thum zu erobern! Sie nennen das Berechnung. Ich habe nichts dagegen. Ich habe berechnet, erwogen, bedacht ſeit dem Tage, wo ich meinen Gatten zum letztenmale ſah und die Gewißheit mit mir nahm, daß es zum letztenmale ſei. Auf die Stunde ſeines Todes lief meine Berechnung hinaus. Vielleicht würde ich mancherlei Anfechtungen meines Herzens, 183 meines Gefühls,— an deren Eriſtenz ſie zweifeln — nicht ſo feſten Widerſtand geleiſtet haben, wenn eben jene Berechnung mir nicht Kräfte und Gewalt über mein warmes Blut verliehen hätte. Deßhalb kommt es mir auch nicht in den Sinn, mit meiner Tugend zu prahlen, die keine echte Tugend, weil ſie nur das Reſultat der Vorſicht war. Deßhalb aber hatte ſie auch vielleicht weniger zu fürchten, als manche aus edleren Motiven hervorgehende, meinen Sie? Ich leſ' es aus Ihrem Lächeln. Nun denn, Herr Graf, vernehmen Sie! Berechnung, Abſichten, Ausſichten, Entwürfe, Pläne, Prunkſucht, erſehnten Reichthum, Titel, äußere Ehren,. alles, wie es da, einer Kette aus vielen goldenen Ringen zuſammengewachſen ähnlich, an mir zog, preßte, hielt und band— ich hätt' es zerriſſen, ab⸗ geſchüttelt, von mir geſchleudert für Einen, für den Einzigen, den ich geliebt habe! Er war umſo⸗ viel jünger als ich; bange Scham befiel mich bei dem Gedanken, daß er ein Knabe ſei im Vergleiche zu mir. Dieſe Scham und Furcht vor dem ſkepti⸗ ſchen Spotte, vor den herzloſen Anſchauungen ſeiner — Lehrer, die ihn in die Welt ein⸗ und mir zuführten, jegte meiner Leidenſchaft Zaum und Gebiß an. Doch auch dieſes hätte ich geſprengt, wie jene andere Kette, wenn er's gewollt; wenn mir ſeine hell⸗ emporlodernde Leidenſchaft Bürge geworden wäre, daß er die meinige begreifen und— billigen werde. Er hätte mich verſtehen müſſen! Ach, er verſtand mich nicht. Er ahnte nicht daß ich bereit ſei, meinen Ruf, meine Zukunft ſeiner Liebe zum Opfer zu brin⸗ gen!— Er konnte es nicht ahnen, konnte es nicht verſtehen, denn er liebte mich ja nicht Er hätte mich wohl gern erobert, wie ſie's nennen... die Eroberung eines herzloſen Siegers zu werden, davor bewahrte mich ein richtiges Gefühl. Ich nahm die Maske der Koketterie vor, unter deren Schutze ich Friſt gewann, ihn recht zu ſtudiren; er machte mir's leicht mich zu beherrſchen; ich überwand meine un⸗ ſinnige Leidenſchaft. Dennoch fürchtete ich einen Ruck⸗ fall. Ich raffte meine letzten Mittel zuſammen und ſuchte Sicherheit in der Ferne. Armſeliger, proſai⸗ ſcher Mangel zwang mich heimzukehren... ich zitterte, ihm zu begegnen,— und ſiehe da: ich war geheilt. Mir konnte der Menſch, in den er ſich, oder in den man ihn umgewandelt, nicht mehr ge⸗ fährlich werden. Früher hatt' ich nur erkannt, daß er für mich kein Herz habe; nun erkannte ich, daß er überhaupt keins mehr beſitze; daß er vollkommen ‚erzogen’ ſei. Nun durft' ich gehen und kommen, ohne 185 Scheu. Zu einem Liebeshandel ohne Liebe war ich von je zu ſtolz, achtete ich die Würde des Weibes zu hoch; dazu gibt es ja Seraphinen und Aehnliche die⸗ ſes Gelichters. Die Leidenſchaft iſt begraben, für immer! Die Berechnung tritt wieder in ihre ganzen Rechte. Entſchiedener als je, denn das Bedürfniß hat den höchſten Grad erreicht. Ich zehre von den Reſten meiner Reſte. Wer es auch ſein mag, der Sie mit Neuigkeiten über mich verſorgt, Sie ſind nicht ſchlecht bedient, Graf Hermann. Es iſt wahr, daß der Prinz Miene macht, abzufallen. Es iſt wahr, daß ich Ihren Vater wie eine Birne für den Durſt menagire; es iſt wahr, daß ich mit ihm in Brief⸗ wechſel ſtehe. Wer darf mir's verübeln? Dieſe ſchöne Welt iſt nun einmal ſo konſtruirt. Liebe ohne Ehe gilt für Verbrechen. Ehe ohne Liebe, wenn ſie fein vergoldet wird, bringt Ehre und Huldigungen ein. Sogar Sie würden mir die Ihrigen nicht verſagen können, wenn ich Ihnen in Eichenau den Arm böte, um mich von Ihnen zur Tafel führen zu laſſen. Hu, welch ein zorniges Geſicht! Es iſt zum lachen, — Ihr Aerger iſt komiſch. Wer hat denn Schuld daran, daß mir die Möglichkeit blieb, Gräfin Eichenau werden zu können, als derjenige, der jetzt ſeine noch ſehr problematiſche Stiefmutter durchbohren 186 möchte, wenn Augen Meſſer wären? Aber tröſten Sie ſich, ſoweit ſind wir noch nicht! Die Briefe, die Ihr Papa mir ſchreibt, ſind ſo beſchaffen, daß ſie nöthigenfalls in irgendeiner modiſchen Betſtunde vorgeleſen werden könnten; und was ich ihm brief⸗ lich ſage, enthält ſoviel zuvorkommendes wie eine Meſſerſpitze Zucker, den eine ſparſame Hausfrau ihren Kindern in eine große Schüſſel voll Reißbrei ſtreut. Doch ich bin Ihnen noch die Ergänzung der Lücke ſchuldig, die Ihre Aufpaſſer, oder die Sie ſelbſt in der Geſchichte meiner Bekanntſchaft mit Ihrem Vater nicht auszufüllen vermochten. Wiſſen Sie denn, daß Ulrich Graf Eichengrün mich ſchon auszeichnete, als Sie.. nun heraus damit: als Sie von Leſen und Schreiben höchſt vague und unklare Anſichten gehabt haben mögen. Ich war ſehr, ſehr jung,(wie ich denn auch als Kind, möcht' ich ſagen, Gattin ward,) und es hätte nur von mir abgehangen, da⸗ mals ſchon Ihre Stiefmutter zu werden. Davon weiß kein Menſch das geringſte; wenigſtens keiner, der in dieſer Stadt, in dieſer Provinz lebt. Ich gab Ihrem Vater kein Gehör,— ich war vernarrt in den un—— Unglücklichen, deſſen Witwe ich jetzt heiße. Wie ſonderbar! Damals war Ihr Vater mir nicht jung genug, und jetzt erſcheint er 187 mir nicht zu alt! Hätten wir nicht mit⸗nebeneinan⸗ der als Gatte und Gattin dieſen Zeitpunkt erreichen können? Wie viel Unheil wäre erſpart worden! Doch ſo gut ſollte es mir nicht werden, und ich will mit den Türken ſagen: Allah iſt groß. Ihr Vater hatte mich und ich hatte ihn nicht geſehen, wir hat⸗ ten nichts von einander vernommen,— oh, ich will mich wohl hüten zu ſagen, wie lange! Am Nachmit⸗ tage desſelben Tages, wo er Ihnen weißmachte, er wolle nächſten Morgen die Reſidenz verlaſſen, hatte er mich im Park erblickt, hatte mich nicht erkannt, indem ich ihn auf den erſten Blick erkannte und laut ſeinen Namen rief. Doch mein Lohnkutſcher trabte weiter, ohne darauf zu achten, und mir ent⸗ ging nicht, wie Graf Ulrich uns nachſtarrte, ohne zu wiſſen, in welchem Regiſter ſeiner Vergangenheit er meinen Namen zu ſuchen habe?— Lediglich, weil ich, wie er mir nachher eingeſtand, viel ſchöner ge⸗ worden ſei, als ich in ſeiner Erinnerung geweſen. Nun, das hörte ich nicht zum erſtenmale.— Genug, nach und nach hat er ſeine Gedanken geſammelt, und daß dieſe Sammlung nicht ohne Einfluß auf ihn blieb, geht aus dem folgenden Tage hervor, den er ſeinem Sohne unterſchlug, um ihn mir zu widmen. Nur daß er durchaus nicht wußte, wo er mich aus⸗ 188 findig machen ſolle? Doch ein Herr ſeiner Art vom ancien régime weiß zu leben. Er fand ſich, genau zur ſelben Stunde wie geſtern, genau an derſelben Stelle des Parkes ein. Daß wir uns dort trafen, war kein Zufall. Ich wollte ihn wiederſehen. Ich wollte ſehen, ob der Vater ſo alt ſei, wie ſein Sohn! Ich fand ihn ſehr jung, ſehr liebenswürdig, ſehr — warm. Einwenig zu warm, zu jung; denn ich wähnte des Prinzen ſich'rer zu ſein, als je. Ich ſah Ihren Vater bei mir, bei mir allein, zu einer Stunde, wo ich einen jüngeren Mann nie empfangen habe. Ich meinte, ich ſähe einen Vater bei mir, und fand mich bald genöthiget, ihn wie einen Sohn zu behan⸗ deln; wie einen verzogenen Sohn. Ich mußte ihn erſuchen, mich zu verlaſſen, und wir ſchieden ein Bißchen herb. Von Eichenau ſchrieb er mir, lenkte ein, bat um Verzeihung, gab gute Worte, ſprach von ſeiner Einſamkeit, von den dummen Streichen, wozu dieſe ihn noch verleite, von dem Glück eine ſchöne Gattin um ſich zu haben; von dem Glücke, was auch dieſe erwarte; von ſeinem Willen und ſei⸗ nem Vermögen ihr das glänzendſte sort zu grün⸗ den:... So wurd' er nach und nach der ‚Rem⸗ plaçant, wie Sie ihn nennen. Erſt in der Idee,.. geht es fort, wie es ſich jetzt anläßt, kann er es auch —.,— 189 in der Realität werden. Sie ſehen, ich ſchenke Ihnen reinen Wein, ich behandle Sie, wie ſchon zur Fa⸗ milie gehörig.“ Graf Hermann hatte während dieſes Zwiege⸗ ſpräches ſeine Empfindungen ſo häufig gewechſelt, war von einer Stimmung ſo raſch in die andere ge⸗ worfen worden, daß er allgemach völlig den Kopf verlor und nicht fähig blieb, ſeinen vornehmen Gleich⸗ muth zu behaupten. „Denken Sie, Frau Baronin,“ rief er mit einer faſt drohenden Bewegung der Hand,„daß ich gedul⸗ dig zuſehen werde, wie mein Vater von Ihnen ver⸗ höhnt, ſein blindes Vertrauen in Ihren Charakter ſchmählich gemißbraucht wird? Ein Graf Eichengrün iſt nicht der Mann, den man zuruckſtößt, ſolange man ſich Hoffnung macht, die quasi⸗Gattin eines Prinzen zu ſein; den man herbeiwinkt, wenn der Prinz Kehrt macht, um ihm zu ſagen: jetzt biſt Du mir gut genug? Ihre Berechnungen ſind falſch; to⸗ tal falſch; das Exempel ſtimmt nicht; Sie haben ſich verrechnet.“ „Ei, Graf Hermann,“ ſpöttelte die Baronin,„Sie zeigen ja eine kindliche Anhänglichkeit, die ich Ihnen kaum zugetraut hätte, und die mich faſt rühren, auch wohl in Verlegenheit ſetzen könnte, wär' es nicht 190 meine Sorge geweſen, mich ſo zu ſtellen, daß kein böslicher Verrath mir Sorge macht. Berichten Sie nach Schloß Eichenau über mich, was Sie wollen und können— daß es keine lügenhaften Verläumdungen ſind, dafür bürgt mir Ihre eigene Ehre,— auf je⸗ den Bericht wird man erwiedern: ‚ſchon bekannt!“ Und inſofern dürften meine Exempel’ die Probe aushalten und ich mich nicht verrechnet haben. Wol⸗ len Sie meinen aufrichtigen, wohlgemeinten Rath nicht geringſchätzen, ſo thun Sie in dieſen Angele⸗ genheiten nichts, gar nichts. Ihr Vater iſt nicht der Mann, den der Widerſpruch ſeines Sohnes, oder irgendeines Menſchen von ſeinem Vorhaben abzu⸗ bringen vermöchte, und bei mir heißt es: sauve qui peut! Ich verfahre behutſam, gebe mir nirgend eine Blöße, und habe inſofern ein gutes Gewiſſen, als ich mir nachrühmen darf, daß ich achte und ver⸗ ehre, wo ich nicht lieben kann; daß ich folglich nicht unwürdig bin, Ihres Vaters Gemalin zu heißen. Verkaufen würd'’ ich meine Hand niemals; dem näch⸗ ſten Beſten, und wenn er der Reichſte wäre, würde ich nicht folgen, wenn er mir nicht Achtung und Vertrauen einflößte. Ihr Vater thut das. Warum wollen Sie ſich dazwiſchenwerfen? Warum wollen Sie mir— und ihm darf ich ſagen, eine heitere und ———— ———— —, 191 beglückte Ehe mißgönnen? Ihnen wird ja dadurch kein zarteres Gefühl verletzt? Nicht einmal Ihre Einkünfte ſind von der Gefahr bedroht, ſich zu ver⸗ ringern. Sie ſehen Ihren Vater ohnedieß ſelten genug. Iſt Ihnen mein Anblick läſtig, ſo werden Sie ihn dann noch ſeltener ſehen, das wird alles ſein. Und einem Manne von Ihrer Charakterſtärke kann dieſe Entbehrung auch nichts anhaben. Ver⸗ hindern, rückgängig machen können Sie das Bünd⸗ niß doch nicht, ſobald ich erſt feſtentſchloſſen bin, es einzugehen. Wozu unnützen Lärm anfangen? Zu⸗ letzt lacht man Sie noch aus, und das wäre Ihnen doch gewiß ſehr unangenehm. Während Sie durch ſcheinbare Zuſtimmung, durch Billigung der zweiten Ehe Ihres Vaters, ſich Lobſprüche von allen Seiten und ſeine dankbare Zufriedenheit erwerben. Sie ka⸗ men zu mir mit einer Kriegserklärung; ich biete Ihnen Frieden an; einen recht ſoliden Frieden, der ſich auf gegenſeitige genaue Kenntniß beider Mächte baſirt. Sie hatten mein Herz verwundet, ich Ihre Eitelkeit, wir ſind quitt. Und nun wollen wir unter gefälliger Beobachtung gleichgiltiger Höflichkeitsbe⸗ zeugungen einander— ignoriren. Damit können wir uns beide zufriedenſtellen, Sie und ich. Ueber⸗ legen Sie ſich's. Ich ſehe Ihnen an, daß Sie jetzt 192 zu keiner Entſcheidung fähig ſind. Durchdenken Sie, bevor Sie wieder zu mir ſprechen, alles, was ich Ihnen mit einer faſt kindiſchen Ehrlichkeit eingeſtan⸗ den habe. Aber, durchdenken Sie es für ſich allein zu Hauſe, denn ich wünſche, daß Sie mich jetzt von Ihrer Gegenwart befreien.“ Hermann erhob ſich zwar, doch zu gehorchen machte er noch keine Anſtalt. Die Baronin ſah wohl, daß etwas in ihm vor⸗ gehe, was tiefer greife; daß er ihr eine Mittheilung anderer Art zu machen denke, als die bisherigen; daß hochmüthige Zurückhaltung ſeine Zunge noch binde. Und doch ging Frühlingshauch über ſein An⸗ tlitz, der es veredelte, und ihm, in all ſeinen trotzigen Hohn hinein, die Färbung milderer Gefühle lieh, die ihm einſt ſo eigen geweſen. Dieſer Anblick gab der ſchönen Witwe Geduld, daß ſie ſchweigend ab⸗ wartete, wohin das führen, was erfolgen ſollte? Dabei war ſie auch von ihrem Sttze aufgeſtanden. Doch beider Harren und Schweigen wurde ſo pein⸗ lich, daß Hermann ſich endlich zu reden entſchloß: „In mir ringen zwei Widerſprüche mit einan⸗ der; tief⸗eingewurzelter Groll gegen, und etwas anderes, nicht durch Worte zu bezeichnendes für Sie. Beides hab' ich gehegt, vom erſten Augenblicke, 193 wo wir uns begegneten. Ueber keins von beiden vermag ich nähere Auskunft zu geben. Bald ſcheint dieſes, bald jenes Oberhand zu gewinnen. Was der Groll mir zuraunt, das verſteh' ich wohl; heute mehr als je. Was das Andere will.... Sie klagten mich an, daß ich niemals Liebe, nicht einmal Leidenſchaft für ſie gezeigt. Das mag ſein, denn ich em⸗ pfand ſie nicht. Dennoch kommt, was gegen den Haß ſtreitet, dieſen Trieben nahe. Oft unterdrückt, iſt es nie völlig erloſchen. In dieſem Augenblicke lodert es auf, und ſogar der Zorn, ja die Wuth, die Ihre verworrenen und verwirrenden Geſtändniſſe in mir hervorgebracht, fachen die Flamme an. Ich liebe Sie ſo wenig, wie ich Sie je geliebt habe,— zu⸗ gegeben. Doch ebenſowenig vermag ich, die Friedens⸗ bedingungen anzunehmen, die Sie mir antragen. Ich kann nicht verſprechen, gleichgiltig zu ſein. Ich muß Sie haſſen, Baronin, muß den Groll gegen Sie in mir nähren, ſolange eine unklare Begierde, eine mit Eigenſinn und Bangigkeit verbundene— Sehnſucht, ich finde kein kälteres Wort, mich zum Bekenntniſſe zwingt, daß ich Sie meinem Vater nicht gönne. Das iſt's! Darin liegt's. Ob Graf Eichengrün ſich auf ſeine alten Tage noch einmal vermälen will, danach habe ich nicht zu fragen; das iſt ſeine Sache; er iſt Herr! Daß er 1857. XV. Noblesse oblige. II. 13 194 ſich Ihnen vermälen, daß ich Sie Mutter nennen ſoll, geht mir nicht ein. Sie liebten mich? Ich verſtand Sie nicht? Ich war ein Thor! Wenn Sie mich noch lieben könnten, jetzt würd' ich Sie ver⸗ ſtehen. Ich kenne jetzt die Welt und die Weiber. Ich wähnte genug davon zu haben. Belehren Sie mich eines Beſſern. Ihnen iſt's um eine gute Par⸗ tie zu thun? Ich bin auch eine gute Partie. Ich bin beſſer als gut; ich bin jung, ich knickre nicht; ich mache Schulden für Sie, auf Rechnung eines Beſitzes, der Ihnen, wenn Sie zum zweitenmale Witwe würden, doch nicht zufiele, denn ich bin ja Majoratsherr. Ja, wollte ich mich für Sie ruiniren, ich könnt' es nicht, beim beſten Willen. Und ſo wäre uns beiden geholfen. Ich riſſe mich durch Sie aus meiner triſten, ennuyanten Geringſchätzung aller Lebensfreuden heraus; und Sie würden, als Baronin Stjernholm, über eine ſtets volle Chatoulle, folglich auch über die Geſellſchaft gebieten, ohne die ange⸗ traute Gattin eines alten Herrn zu ſein,— der, neben⸗ bei geſagt, gar nicht ſo ſplendid iſt, wie Sie vielleicht meinen.“ „Graf Eichengrün, wenn ich Sie nicht mißverſtan⸗ den habe, ſo machen Sie mir den Antrag, Ihre Maitreſſe zu werden? Käme mir dieſer Antrag von 195 jedem Andern,— ich nehme Keinen aus!— ſo würde ich nach meinem Diener läuten, und ihm be⸗ fehlen, ſeine Kräfte an dem Unverſchämten zu erpro⸗ ben, indem er ihn auf die Gaſſe würfe. Da Sie es ſind, der mir einſt ſehr theuer war, den ich glühend geliebt habe,(wie nur eine ältere Frau den jün⸗ geren Mann zu lieben vermag, weil ſich da in die unheiligſten Gefühle immer etwas mütterlich⸗heiligen⸗ des und reinigendes miſcht!)— da Sie es ſind, ſo überhör' ich die Schmach, die Sie mir anthun, und höre nur etwas tröſtliches heraus: Sie ſind noch nicht der für jeglich lebendiges, inniges Empfinden Abgelebte, ſind noch nicht der total in matter Selbſt⸗ ſucht und tödtenden Zweifeln erſtorbene junge Greis, für den ich Sie hielt. Es glimmt noch in dieſer Bruſt. Ihre Apathie iſt eine Larve, wie meine Ko⸗ ketterie eine war. Vielleicht ſchlägt Ihnen noch ein⸗ mal die Stunde des Erwachens? Vielleicht bemäch⸗ tiget ſich Ihres verwelkten Herzens noch eine heftige Paſſion, die es durchwühlt, erweckt, den ganzen Men⸗ ſchen mit neuem Feuer belebt? Wo ich dann weilen, welchen Namen ich führen mag,— liegt es in meiner Macht Ihnen nützlich, förderlich zu werden; kann ich irgendetwas auf Erden für Ihr Glück thun; wär' es das ſchwerſte Opfer, deſſen Sie bedürften... 13 196 erinnern Sie ſich an dieſen Abend, und gebieten Sie über mich.“ Dieß geſagt, griff ſie nach der Glockenſchnur. Hermann's Verſuch, das Wort noch einmal zu nehmen, ſchnitt ſie durch einen Schwall lautgeſprochener Grüße und Beſtellungen für ſeinen Vater ab, in denen ſie abſichtlich fortfuhr, bis der Diener eintrat, den ſie noch hören ließ:„und melden Sie Ihres Vaters Erzellenz, bitt' ich, daß ich in den nächſten Tagen ausführlich ſchreibe. Nehmen Sie wiederholt meinen beſten Dank, Herr Graf, für Ihre große Güte.“ Sie verſchwand durch eine Tapetenthür. Graf Hermann nahm ſeinen Mantel aus des Dieners Händen und ließ ſich hinunterleuchten. Siebzehntes Kapitel. Das Jagdſchlößchen, von deſſen Bauplan im erſten Kapitel Erwähnung geſchah, iſt längſt bewohn⸗ bar, und Graf Eichengrün auf Eichenau hat ſchon manchen Sonnenaufgang aus den Fenſtern des ſtatt⸗ lichen kleinen Hauſes, umrauſcht von grünem Wald, gefeiert von tauſend Sangvögeln, dort begrüßt. 197 Der Haushofmeiſter Lobeſam iſt über dieſen Aufenthalt im Grünen nicht beſonders gut zu ſpre⸗ chen. Er betrachtet das Jagdſchlößchen wie einen Nebenbuhler, der ihm ſeinen ſonſt unbeſtrittenen Wir⸗ kungskreis um die Perſon des Gebieters ſchmälert und verengt. Denn es hat ſich mehrfach ereignet, daß Seine Erzellenz, ohne vorher ‚nur einen Muck zu thun,“ ausgefahren ſind, wie gewöhnlich; daß dann Chriſtoph, der Kutſcher, allein in den Schloßhof ein⸗ fuhr, und beim Ausſchirren der Pferde befragt, dem Haushofmeiſter keinen näheren Aufſchluß zu geben wußte, als: ‚Der Graf iſt im Walde ausgeſtiegen und hat mich heißen abziehen. Da war es denn ſpät Abend geworden, Nacht, und wieder Morgen unter großer Angſt, die nicht eher wich, bis der Er⸗ ſehnte, die Büchſe auf dem Rücken, ſich wieder ein⸗ ſtellte, und Lobeſam's Jammerlied von einem ſo wei⸗ ten Marſche zu Fuß mit der Frage durchſchnitt: Wozu hätt' ich mir denn ſonſt das Jagdſchlößchen gebaut?⸗ Das Jagdſchlößchen blieb dem Haushofmeiſter aus verſchiedenen Gründen verhaßt. Erſtens war er nicht zu Rathe gezogen worden bei der innern Ein⸗ richtung und Ausſtattung. Außer Bettzeug und Speiſe⸗ wie Waſchgeſchirr war nichts aus dem unter 198 ſeinem Verſchluß ſtehenden Gardemeuble des Schloſſes dafür begehrt worden. Schränke, Tiſche, Stühle, Leuchter, Wandverzierungen, alle Dinge dieſes Na⸗ mens und Zweckes, waren der Beſorgung des Ober⸗ förſters vom Reviere anvertraut geweſen, der aus ſämmtlichen Jagd⸗ und Rumpelkammern der ganzen Grafſchaft zuſammenzutreiben Berechtigung erhielt, was einem Geweih, groß oder klein, einer ungegerb⸗ ten Hirſch⸗ oder Rehdecke, einem Schweinshauer, einem ausgeſtopften Adler, Reiher oder Kranich nur ähnlich ſah. Es gab faſt nur Geräthſchaften dort, die mit ſolchen Emblemen der edlen Waidmannsluſt zuſammenhingen. Zweitens hatte der Graf nimmer nöthig befunden, Herrn Lobeſam dahin zu zitiren. Gewöhnlich nahm er nur einen Büchſenſpanner mit, manchmal ließ er auch dieſen zurück und behalf ſich mit der Bedienung des im Jagdhauſe wohnenden Jägers, deſſen Frau zugleich die Küche verſah und mit ganz einfachen ländlichen Gerichten aufwartete. Drittens alſo wußte der Haushofmeiſter nicht, und konnte nicht begreifen, was Seine Erzellenz an dieſem Auf⸗ enthalte für einen ‚Narren gefreſſen haben möchten? — Denn die Frau Jägerin wäre nichts weniger als hübſch, und Nachbarſchaft auch nicht vorhanden?⸗. Guter Lobeſam! Du haſt freilich keine Ahnung, 199 daß in Deinem Grafen, deſſen höchſt mäßige und beſcheidentliche, darum doch bisweilen anſtoßerre⸗ gende Libertinage Du mit pflichtſchuldigſter Hinge⸗ bung nachzuahmen bemüht wareſt, ſo gut und ſo ſchlecht wie die eichenauer Zuſtände geſtatten woll⸗ ten,— jetzt eine Saite vibrirt, die, lange nicht an⸗ geſchlagen, auch lange keinen Ton gab, die aber jetzt, von eigenthümlichen Seufzern berührt, die Aeolsharfe ſeiner Bruſt in einem ſanften, klagenden Mollakkord erklingen macht. Du haſt freilich keine Ahnung da⸗ von, daß er jegliche Nachbarſchaft gern entbehrt, weil er Einſamkeit ſucht. Daß er heute wieder, am ſchönſten Juniustage, deßhalb gleich nach der Mit⸗ tagstafel ausgefahren iſt, um nur ja, nach abgetha⸗ nen Geſchäften, vor Sonnenuntergang aus ſeinem Waldhäuschen in den Abend blicken zu können, und keine Störung, durch was und wen es immer ſei, zu befürchten. Hätteſt Du eine Ahnung davon,— oh, wie würdeſt Du ſtöhnen! Wie würdeſt Du, anſtatt jedem leidlichen Mädchen im Dorf, Hof und Schloß pfif⸗ fig zuzunicken, die Augen verdrehen und Dich in eine Dir unerreichbare, ehrenhafte Dame zu verlieben trachten, müßte es eine Frau Kameralräthin oder im Nothfall die Rendantin ſein,— obgleich dieſe 200 zwei vortrefflichen Frauen geringen Stoff zu ſenti⸗ mentaler Schwärmerei darboten. Aber nur Geduld! Du wirſt hinter den Vor⸗ hang gucken dürfen, der die Wahrheit jetzt noch ver⸗ hüllt, und Du wirſt hinreichende Gelegenheit finden, Deinen Grafen auch in dieſem Genre zu kopiren! Fürs erſte begnüge Dich, dem Küchenmeiſter Deine Verwunderung zu äußern, wie Euer Graf, der doch, was Kochkunſt betrifft, im Schloſſe keinen Spaß ver⸗ ſteht, keine mißlungene Schüſſel ungerügt durchſchlü⸗ pfen läßt, ſo nachſichtig mit den Leiſtungen einer Jägerfrau ſich zufriedenſtellen laſſe? „Sie haben ihre Launen,“ entgegnet der Kü⸗ chenmeiſter; ‚wofür wären ſie ſonſt große Herren? Das Jagdſchlößchen iſt jetzt in der Mode, wird auch wieder aus der Mode kommen! „Gott geb's,“ ſpricht der Andere.— Graf Ülrich hat ſein Abendbrot genoſſen, den Jäger und die Frau Jägerin entlaſſen,— dieſe Leute ſtehen vor Tage auf und ſuchen gern ihre Lagerſtätte, unbekümmert um den langen Tag, der vom längſten des Jahres nur um einige Minuten unter⸗ ſchieden iſt. Auch im Walde dauert das Leben noch fort. Die Amſel läßt ſich aus Birkengebüſch noch vernehmen. Die Raben ziehen hoch uͤber Tannen⸗ 201 wipfeln zu Neſte. Einzelne Fledermäuſe wagen ſich doch ſchon hervor, wiewohl die Dämmerung noch nicht eintreten will. Denn es gibt noch hinreichend Licht ringsumher, einen Brief zu leſen, und man würde die feinen, regelmäßigen Schriftzüge noch entziffern können, wenn man ſie nicht, wie der Graf, ſchon auswendig wüßte. Zuſchriften dieſer Art lieſet man gern immer wieder. Erſt nach langem Grübeln ge⸗ winnen einzelne Silben, die anfänglich ganz unſchein⸗ bar auftraten, tiefere Bedeutung. Ein Gedankenſtrich, ein Fragezeichen, bei zehnmaliger Betrachtung leicht⸗ fertig übergangen, kaum gewürdiget, hebt ſich plötz⸗ lich hervor, gibt zu denken, regt Fragen im Haupte des Leſers an, und wird zuletzt ein Keim beunru⸗ higender Zweifel, oder beglückender Hoffnungen. Baronin Stjernholm ſchreibt da unſerm eichen⸗ auer Majoratsherrn unter anderm, daß ſie im näch⸗ ſten Monate das Bad Stahlbrunn beſuchen und dort einen Aufenthalt von mindeſtens ſechs Wochen machen werde. ‚Es iſt zwar nicht ſehr frequentirt und tant soit peu herunter;— gerade deßhalb viel⸗ leicht gefällt mir's? Ich trachte aus dem Gewühle heraus. Und wer weiß, welche angenehme Begeg⸗ nung, welch erfreuliches Zuſammentreffen ſich dort ereignet?— l⸗ 20²2 „Dieſes Fragezeichen,“ ſprach der Graf,„hat mir bisher die beiden hinterdrein folgenden allerliebſten kleinen Häkchen ganz verdeckt. Dieſer Gedankenſtrich, liegt er nicht da, wie ein ausgeſtreckter Finger, mir zu zeigen, wo der Weg nach Stahlbrunn führt? Und dieſes Ausrufungszeichen, winkt es nicht deutlich: komm! War ich blind bis zu dieſem Augenblicke? Und kann es Zufall ſein, daß von all den vielen reizenden Poſtſkriptchen, welche die acht Ränder der vier Seiten ſchmücken, das reizendſte gerade auf dieſer Seite ſteht, ſich unmittelbar an dieſen Wink an⸗ ſchmiegt: ‚Es iſt jetzt entſchieden, daß Prinz*** ſich mit der Tochter eines kleinen Gutsbeſitzers ver⸗ heiratet, der dieſes Wunder von Schönheit(wie man verſichert) ihm zur günſtigen Stunde produzirte. Sie erhält weiter keinen Titel, und etwaige Nach⸗ kommenſchaft darf nur ihren Namen und Rang führen. Beides iſt nicht weit her. Sie können ſich denken, welches Aufſehen das macht.:— Warum erzählt ſie mir das, wenn ſie nicht dadurch beweiſen will, daß jenes Gerede nichts war, als leeres Gerede, und daß ihr die Vermälung Seiner Hoheit ſehr gleich⸗ giltig iſt? Es heißt ſoviel, als: könnt' es noch Rückſichten gegeben haben, die Dich ſchwanken ließen, ob Du meinem Winke folgen ſollteſt, oder nicht?... ſiehe, 203 ſie ſind beiſeite geräumt!— Ja, ſo ſoll ſes hei⸗ ßen; ganz richtig. Doch geht daraus hervor, daß ich geliebt werde?— Da ſteht immer nur: ‚Hoch⸗ geehrter, würdiger Freund. ‚Edler Graf! ‚Erzel⸗ lente Erzellenz!e,Väterlicher Gönner! Und dergleichen ſolches dummes Zeug mehr. Nicht ein allereinzig⸗ ſtesmal iſt ‚theurer Graf Ulrich, oder kurzweg: ‚Mein Theurer’ zu entdecken. Sie ſchreibt ſehr ſchön, ſie ſchreibt ſehr gut, ſie ſchreibt ſehr unterhaltend, geiſtreich,— nur zu geiſtreich! Denn ſie weiß mit einer bewundernswürdigen Geſchicklichkeit die Her⸗ zensfragen, die ich ihr vorlege, ſo zu umgehen, daß ſie weder ja noch nein ſagt. Und das währt nun ſchon über ein Jahr, und ich kann mich nicht ent⸗ ſchließen, brieflich auf Entſcheidung zu dringen, oder mich aufzuſetzen, und mir dieſe Entſcheidung perſön⸗ lich abzuholen?! Dennoch aber muß dieſer Entſchluß gefaßt werden; was geſchehen ſoll, muß bald geſchehen. Ich habe nicht mehr viel Zeit zu verlieren, ſo jung und jugendlich auch ich mich fühle; die Sechszig wird voll ſein, ehe die Blätter fallen. Teufel, das iſt denn kein Spaß! Heute darf ich noch ſagen:„Ein Fünfziger Ich will wiſſen, woran ich bin! Dieſes Zuſam⸗ mentreffen in Stahlbrunn erſpart mir eine Reſidenz⸗ fahrt, vor der ich, Hermann's wegen, mich förmlich 204 fürchtete. Der junge Menſch mit ſeinem altklugen Geſicht, wäre kapabel mich lächerlich zu finden. Er hat keinen Begriff, daß man ſich verlieben, ernſtlich lieben kann, wenn man volljährig iſt. So ſind unſere jetzigen Jünglinge, ſo ſind die Sähne dieſer hoch⸗ weiſen Zeit. Wir beſtehen aus einer anderen Kom⸗ poſition, wir, die ſogenannten Alten. Wir ſind die Jungen! Er ſoll's ſchon erfahren, wenn ich ihm melde: ich bin verlobt! Schriftlich geht das leicht. Aug' in Auge würde mich's geniren. Alſo: nach Stahlbrunn! Die Recherchen, die ich durch den Ju⸗ ſtizrath über der Baronin Herkunft angeſtellt, haben ein völlig genügendes Reſultat geliefert: Geborene Freiin von Schmalkow, uraltes Geſchlecht weſtphä⸗ liſchen Urſprungs, ein älterer Bruder angeſeſſen an den Ufern der Oſtſee; ihr verſtorbener Gemal vor⸗ nehmer Schwede, eine Art von väut-rien, Gott hab' ihn ſelig. Deſto beſſer, ſo kann ich beim Vergleiche nur gewinnen. Niemand darf eine Gegenrede wagen. Die Einzige, die ein Recht dazu hätte, wäre Barbara, und dieſe hat ſich begnügt, mich zu erinnern, daß ich die Genealogie nicht über der Zartlichkeit ver⸗ geſſe. Es exiſtirt alſo kein Hinderniß, wenn die Baronin mich haben will. Wollte ſie nicht, das wäre dann das größte. Und darüber will ich ins 205 Klare kommen. Alſo auf, nach Stahlbrunn! Damit es aber im ſchlimmſten Falle und wenn ich abgefer⸗ tiget werde, nicht etwa heiße: er iſt ihr nachgereiſet! ſo wollen wir das Ding umkehren: ſie ſoll mir nachreiſen. Ich will ſie im Bade erwarten, will ſie dort empfangen, und will ſehr überraſcht ſein, wenn ſie auf der Fremdenliſte ſteht! So vereinige ich die Anſprüche meines Herzens mit denen der Vernunft und der beſonnenen Vorſicht. O mein liebes altes Stahlbrunn! Vierzig Jahre wenigſtens iſt es her, daß ich Dich nicht betreten habe! Der Anblick Deines freundlichen Thales wird mich in die friſcheſte Epoche meines Lebens zurückverſetzen, ich werde unwiderſteh⸗ lich ſein!“ Und er faltete den Brief der Baronin zuſammen, barg ihn in ſeinem Notizenbuche, ſchritt ſodann, die kleinen Zimmer raſch durchwandelnd, auf und ab... der Jäger und deſſen Frau tauſchten ihre abweichen⸗ den Meinungen aus, ob es Marder auf dem Dachbo⸗ den? ob es Seiner Erzellenz Füße wären, die ſie im Schlafe ſtörten? Der Jäger, der für Marder ſtimmte, murmelte:„Morgen werden Eiſen geſtellt; dem Kerl wollen wir ſein Handwerk legen!“ worauf er wieder entſchlummerte. 206 Es hatten ſich über Nacht etliche Unwetter zu⸗ ſammengezogen, die gegen Morgen tüchtig tobten und eine Maſſe ſtrömenden Regens ausgoſſen. Der Jäger wollte aufs nächſte Vorwerk laufen, um des Verwalters Kirchenwagen herbeizuſchaffen, doch das währte dem Grafen viel zu lange, der nicht er⸗ warten konnte, ſeine Anſtalten zur Badereiſe zu be⸗ treiben. Er wies die Jägersleute, die ſich ihm fuß⸗ fällig entgegenwarfen, lachend zurück.„Was wär' ich für ein Landmann,“ rief er aus,„wenn ich die paar Tropfen Waſſer fürchtete? Solch eine Taufe erquickt und iſt nur ein Vorſchmack von Stahlbrunn!“ Die Jägerin beſchwor ihn, wenigſtens ihren großen ‚Son⸗ nenparapleu anzunehmen, doch indeſſen ſie ging, dieß ſeltengebrauchte Erbſtück herbeizuholen, hatte ſich der Graf ſchon längſt hinter den nächſten Bäu⸗ men verloren. Triefend und erſchöpft langte er im Schloſſe zu Eichenau an, wo er dem Haushofmeiſter, der ge⸗ rade mit einigen Kameralbeamten Rath hielt, ob man ausnahmsweiſe wagen dürfte, dem ausdrücklichen Verbote entgegen, eine verdeckte Kutſche nach ‚dem Dinge hinaus' zu ſenden? als Kühleborn ins Vor⸗ zimmer ſchwamm, einen naſſen Streifen auf ſeiner Bahn zurücklaſſend. Lobeſam hatte beide Hände 207 ſchon erhoben, um ſie verzweifelnd gen Himmel zu ſtrecken, und Seine Erzellenz ſchien ſelbſt geneigt, ſich augenblicklich entkleiden und ins Bett bringen zu laſſen;— da mußte einer der anweſenden Schreiber, mit einem dicken Stoß von Papieren unterm Arm, unglücklicherweiſe die ängſtliche Aeußerung thun:„Um Gotteswillen, raſch, Herr Haushofmeiſter, in dieſen Jahren iſt eine Erkältung höchſt gefährlich!“ Dieß vernehmen; den Büchſenſpanner, der be⸗ reits Hand gelegt an den windelweichen Sommerrock, von ſich ſtoßen; dem Haushofmeiſter einen ſtrafenden Blick zuwerfen, daß dieſer die Arme ſinken ließ; und zu dem Schreiber heftig ſprechen:„Bekümmern Sie ſich um Ihren Dienſt, nicht um meine Erkäl⸗ tungen; was gibt's zu thun, nur her damit!“— dieß alles war Eins. So begab er ſich in ſein Arbeitszimmer, wohin der eingeſchuchterte Warner ihm gehorſam folgte. Den andern beiden zurückbleibenden Beamten ſagte Lobeſam, von ſeines Herrn einem Blicke belehrt: „So etwas iſt uns nur Spaß! Das ſchadet uns nichts!“ Dann begab er ſich ins Schlafgemach, wo er dann doch Anſtalten traf, trockene Wäſche und Bettzeug gründlich durchwärmen zu laſſen. Der Graf erxpedirte in eigenſinniger Ausdauer, 208 was ihm nur vorgelegt wurde, und blieb am Schreib⸗ tiſche, obgleich es ihn ſchon ſo fieberiſch ſchüttelte, daß er kaum die Feder noch zu halten vermochte. Dafür lag er am nächſten Tage hart und feſt danieder, und Lobeſam wendete viel vergebliche Mühe an, ihm eine oder die andere Taſſe voll friſchen Lindenblüthenthees aufzunöthigen. Bis zu der Frage, ob er vielleicht Pferde und Wagen nach einem Arzte entſenden dürfe, verſtieg ſich des Haushofmei⸗ ſters Beſorgniß noch nicht. Frühere Erfahrungen hatten ihn belehrt, was bei derlei Propoſitionen herauskäme. Und von ſo übler Laune wie dießmal hatte ſich der immer ungeduldige, faſt unbändige Patient noch nie gezeigt. Da außer Lobeſam kein lebendiger Menſch ſich ihm nähern durfte, ſo war es auch dieſer allein, der davon zu leiden hatte. Und da der Haushofmeiſter an demjenigen, der dieſe Lei⸗ den über ihn verhängte, unmöglich ſeinen Aerger auslaſſen durfte, ſo ließ er ihn natürlich alle Ein⸗ wohner des Schloſſes empfinden in dem Maße, wie ſie mehr oder weniger von geſtrengem Herrn Haus⸗ hofmeiſter“ abhängig waren. Es wurden demgemäß allgemeine Leidenstage, die ſich erſt aufzuhellen be⸗ gannen, als der trübe Regenhimmel, der kühle, feuchte Nachkomme der Gewitter, wieder klar und blau 209 geworden war und eine wohlthätige Sommerwärme des Grafen katarrhaliſches Uebel völlig bannte. Be⸗ kanntlich iſt man nie ſanfter, wohlwollender, weicher, hingebender, mittheilſamer geſtimmt, als wenn nach kleinem, doch läſtigem Uebelbefinden die armſeligen Quälereien nachlaſſen und nach einer zum erſtenmale wieder ungeſtörten Nacht der Menſch mit dem wohl⸗ thätigen Gefühle entſchiedener Geneſung erwacht. Kommt nun dazu noch eine zärtliche Sehnſucht, welcher vor einer längeren, ihre Pläne durchkreuzenden, hemmenden Niederlage bangte, die aber nun den Tag ſchon herannahen ſieht, wo es vergönnt ſein wird, ihrem innern Zuge und Drange zu folgen, da entſteht ein Wohlbehagen, deſſen Wirkung den Umgebungen zugute kommen muß. Davon empfing denn auch Lobeſam ſein volles Theil. Ach, wie raſch waren die Eſel, Schafsköpfe, Rhinozeröſſe ver⸗ geſſen, die ihm kürzlich heerdenweiſe zugeſchleudert worden; wie ſtolz⸗beſeliget ſchwelgte er jetzt im Ge⸗ nuſſe der vielfältigen:„Lobeſämchen, Haustyrannen, Krankenwärter, Muſterpfleger, Vielgetreuer und ähn⸗ licher Bezeichnungen, die er ſich, wenn ſie auf Pa⸗ pierſtreifen wären geſchrieben geweſen, als ebenſo⸗ viel Ordensbänder ins Knopfloch geſteckt hätte. Wovon das Herz voll iſt, davon geht der Mund 1857. XV. Noblesse oblige. II. 14 210 über. Und ſo nahm denn auch, wie nur erſt Thee und warme Limonade keinen Eingang mehr ſuchte, was im Herzen waltete, aus hochgräflichem Munde ſeinen Ausgang, direkt zu des Haushofmeiſters Ohren, die ſich weit, ſehr weit öffneten, ſolchen Entdeckun⸗ gen Einlaß zu gewähren. Lobeſam, der die Trauer⸗ reiſe nach der Reſidenz nicht mitgemacht hatte, das will ſagen, nicht mitgenommen worden war; der einen an Baronin Stijernholm gerichteten Brief nie anders zur Poſt befördert, als in einem an den Juſtizrath adreſſirten Umſchlage; der von einer Baronin, mit welcher ſein Graf ſeit einem Jahre korrespondirte, gerade ſoviel wußte, wie ich von der ſchwarzen Fa⸗ voritin irgendeines ſchwarzen Monarchen im Inner⸗ ſten Afrika's,—(oder eigentlich noch weniger; denn von dieſer Letzteren bin ich berechtiget vorauszuſetzen, daß ſie ſchwarz iſt, weil ich ſie mir ſo denke; Lobe⸗ ſam aber dachte ſich die Baronin weder ſchwarz, noch grün, noch gelb, ja nicht einmal roth und weiß;)— der gerieth nun, als den erſten Andeutungen der ſtahlbrunner Badereiſe verſtändliche Winke auf zarte Ausſichten, ernſte Abſichten, praktiſche Einſichten und ein für die Dauer des Lebens zu ſchließendes Verhält⸗ niß folgten, in einen wahren Taumel von Freude und Schreck. Freude, weil er ſeinem Gebieter wirk⸗ 211 lich aus treuer Anhänglichkeit jedes Glück wünſchte und gönnte. Schreck, weil dieß, nach ſeiner Mei⸗ nung, das Einzige war, worin er aufgeben müßte, ſein ſtetes Original, Ur⸗ und Vorbild zu kopiren. Denn zu heiraten war ihm ja unterſagt. Daß ſein Herr als Bewerber zurückgewieſen werden könne,— ein ſo frevelhafter Beruhigungsgrund kam ihm nicht in den Sinn. Er hielt alſo die Sache ſchon für abgeſchloſſen und die ‚junge Fraue war für ihn ſo gut wie da. Zunächſt aber beherrſchte ihn nur eine Sorge: würde der Graf ihn mit nach Stahlbrunn nehmen? Als er auf wenige Tage nur nach der Reſidenz ging, war ihm geſagt worden:„Einer von uns bei⸗ den muß im Schloſſe bleiben, ſonſt treibt das Ge⸗ ſindel, was es will.“ Gewiß eine höchſt ſchmeichel⸗ hafte Form für den an ſich betrübenden Ausſpruch. Dießmal galt es gar einer Abweſenheit von mehre⸗ ren Wochen. Umſoviel geringer war die Hoffnung. Und doch,— der Gedanke, nicht Zeuge von den Siegen zu ſein, die den Myrthenkranz erringen ſollten, nachdem ſo manche Siege geringerer Gattung, auf beſcheidene Blümchen des Feldes gerichtet, ſozuſagen durch ſeine Vermittelung gewonnen worden,— der 14* 3 212 Gedanke zermalmte den getreuen Generaladjutanten, den Chef des ganzen Hauptquartiers. Er pruſtete ſchon, wie ein zorniges Llama, oder Kameel, wenn ihm einer der beiden Büchſenſpanner in die Nähe kam. Einer von dieſen, vielleicht gar beide hatten beſſere Chancen als er; das ließ ſich nicht verhehlen. Sie zu vergiften wäre ihm ein Lab⸗ ſal geweſen, hätte er nicht fürchten müſſen, daß die durch Ratzenpulver vakant gewordenen Plätze über Nacht wiederbeſetzt und ausgefüllt ſein könnten durch Waidburſchen aus dem großen Forſtperſonale der Grafſchaft. Da ward es ihm nachgerade unmög⸗ lich, ſeinen Gram zu verhehlen, und zufriedene, oder gar heitere Mienen zu zeigen, wie Graf Eichengrün ſie gern um ſich ſah. Lobeſam kehrte den inwendi⸗ gen Menſchen heraus und trug ſelbigen ſo aufrichtig zur Schau, daß ein:„Zum Sakkerment, was ſchnei⸗ deſt Du denn für verfluchte, jammervolle Viſagen?“ zuletzt nicht ausbleiben konnte. „O— nichts— Erxzellenz““ hieß es darauf. „Haſt Du vielleicht etwas dawider, daß ich an Verheiratung denke? Findeſt Du es vielleicht un⸗ paſſend für einen Mann in meinen Jahren, dem eine Erkältung leicht gefährlich wird?“ Lobeſam legte die Hand aufs Herz,— die 213 linke;— mit der rechten machte er einen mehr ange⸗ deuteten als ausgeführten Verſuch, ſein ſpärliches Haupt⸗ haar zu raufen!— ſchlug ſich mehrmals auf die Bruſt und ſagte:„Erzellenz werden mich doch für ein kleines Bißchen klüger halten, als den Gelbſchnabel von Kameralamtſchreiber? So beſchränkt iſt mein Verſtand noch nicht, daß ich an unſerer— an Euer Erzellenz Jugend zweifeln ſollte? Haben Sie es nicht jetzt wieder bewieſen, nach dieſer tollen Bravade, die jedem Zwanzigjährigen das Lebenslichtchen ausgebla⸗ ſen hätte, daß Sie unverwüſtlich ſind? Nein, Gott ſei Dank, uns bringt nichts um. Nicht ein oder zwei Donnerwetter mit Hagelſchauer und Wolken⸗ brüchen; nicht eine junge Frau— nicht ein halbes Dutzend junge Frauen! Und deßhalb kann ich mich über Euer Erzellenz Vorſatz nur ſehr glücklich fühlen! Mein Graf wird im Arme der Liebe ruhen,— und Unſer Einer wird dann auch wieder einmal hübſche, pfiffige Kammerkatzen aus der Reſidenz im Schloſſe ſehen. Ha, das muß ein Leben werden wie in Frankreich!“ Der Graf lachte laut auf!„Tant mieux,“ rief er,„wenn Du es ſo nimmſt. Habe auch nichts ge⸗ gen Deine Katzenjagd einzuwenden; nur möcht' ich wiſſen, wo dann Deine verzweifelten und verteufelten b 214 Grimaſſen herkommen? Willſt Du vielleicht gleich⸗ falls in den Stand der heiligen Ehe treten, und peiniget Dich mein altes Verbot? Das hab' ich nur aufrechterhalten wollen, ſolange ich als garçon lebte,— aus— aus mancherlei Gründen. Jetzt, wenn Dir's d'rum zu thun wäre— meinetwegen! Haſt freien Willen! Nimm Deine Erſte, vorausge⸗ ſetzt, daß ich meine Zweite nehme!— Na, noch kein freundlich Geſicht?“ „Ach, Euer Erzellenz, Ihre Großmuth und Gnade geht mir durch Mark und Bein; und ſollt' ich finden, was mir zuſagt,— denn es iſt bei all⸗ dem ein wichtiger Schritt, und will wohlüberlegt ſein, wenn man ihn noch nie verſucht hat!— ſollt' ich finden, was mir nur einigermaßen zuſagt, ſchon um auch hier meinem CErxzellenzherrn nachzuahmen, würde ich von der huldreichen Erlaubniß Gebrauch machen. Doch darum handelt ſich's anjetzo nicht; noch lange nicht! Erſt der Herr, dann der Diener. Exzellenz gehen nach Stahlbrunn,— bald, baldigſt, wie ich aus einigen fallengelaſſenen und von mir aufgehobenen Redensarten entnehme! Erzellenz gehen in dieſes,— ohne Schmeichelei— langweilige Brun⸗ nenörtchen doch nur, um daſelbſt zuſammenzutreffen mit... ich verſtumme; theils aus Ehrfurcht, theils 215 weil es mir unendlich ſchwer werden ſollte, mehr zu ſagen, indem mir von dem Engel, der herabgeſtiegen iſt, in Schloß Eichenau den Himmel zu bereiten und zu finden“— „Bravo, Lobeſam! Wenn das nicht aus der Leihbibliothek entlehnt war, ſo macht es Dir Ehre!“ „— nicht um ein Härchen mehr bekannt iſt, als von den wirklichen Engeln, deren ich noch nie per⸗ ſönlich Einen erblickte. Wenn es ſich nun wieder ſo treffen ſollte, wie voriges Jahr bei der Reiſe nach der Reſidenz, und ich müßte zu Hauſe bleiben, ſo würden andere zur Dienerſchaft Gehörige des Glückes, Euer Erzellenz Braut zu erblicken, früher theilhaftig werden, als Hoch⸗Dero alter getreuer Kammerdiener und Haushofmeiſter, und das iſt, was mich beküm⸗ mert, was ich nicht hinunterſchlucken, nicht verdauen kann, was ich von mir geben mußte, ſollte es mir auch ein Donnerwetter über den Kopf bringen, ſchlim⸗ mer als dasjenige, worin ſich Erzellenz neulich Ihren Rheumatismus zu holen für gut befanden.“ „Weißt Du, Lobeſämchen, daß Du mich da auf einen ganz paſſabeln Einfall bringſt? Es könnte ſich begeben, daß ich in Stahlbrunn eines Vertrauten, eines Aufmerkſamen, Umſichtigen, Verſchwiegenen, — daß ich Deiner vonnöthen hätte. Denn, mein 216 Freund, wohlverſtanden: ich bin noch nicht verlobt; ich will mir die Einwilligung, das Jawort erſt ho⸗ len! Deßhalb reiſe ich!“ Lobeſam riß die Augen weit auf; ſchonte auch den Mund nicht, als er ihn ſtaunend öffnete; ſpitzte förmlich die Ohren, wie ein Pferd; ſogar die Naſen⸗ löcher dehnten ſich aus;— alles dieſes, um ſeine Verwunderung an den Tag zu legen, daß es ein Frauenzimmer hienieden geben ſollte, welches nicht unter jeder Bedingung und auf den erſten Wink ein⸗ willigen möchte, Gräfin Eichengrün zu werden? „Es iſt doch ſo, wie ich ſage. Beſtimmt hat ſie ſich noch nicht ausgeſprochen, und ſchriftlich würden wir kaum zum Ziele gelangen. Die Baronin iſt an Huldigungen der ehrenvollſten Art gewöhnt, iſt be⸗ rechtiget dazu, und ihre Schönheit,...“ „Baronin?“ wiederholte Lobeſam mit einer Ge⸗ ringſchätzung, die ihresgleichen ſuchte;„Baronin? Glaubt' ich doch, wenn Erzellenz nicht ungnädig neh⸗ men wollen, nach Ihrem Eingange zu urtheilen, hier wäre die Rede von Ihrer Majeſtät der Königin Vik⸗ toria, die unterdeſſen ihren Gemal begraben hätte, und wieder heiraten wollte? Eine Baroneſſe? Wahr⸗ ſcheinlich in Millionen wühlend? Eine Finanztochter?“ „Sei nicht unklug! Was brauch' ich eine Geld⸗ 217 heirat? Nein, ſoviel mir bekannt, hat ſie nichts, als ihre Perſon und ihren Namen.“ „Eine arme Baroneſſe?— Nun, dann begreif' ich nicht, weßhalb Erzellenz ſich nach Stahlbrunn be⸗ mühen wollen? Schicken Sie mich allein, wie ich hier ſtehe, und bring' ich Ihnen nicht ein Ja mit, ſo groß und deutlich, daß man's eine Meile weit leſen kann, ſo mach' ich mich anheiſchig den ganzen Stahlbrunn auszutrinken, auf einen Schluck, ohne Abſatz!“ „Wohl möglich! Sehr wahrſcheinlich. Und wär' mir's nur ums Jawort allein zu thun, das könnt' ich ſchon längſt in der Taſche haben, ohne Dich und Deine Weisheit. Hier handelt ſich's um etwas wichtigeres. Graf Eichengrün zweifelt nicht, daß man ſich entſchließen wird, ſeine Gattin zu werden. Vorher will er ſicher ſein, daß man ihn liebt! Daß man ihn annehmbar fände, auch wenn er zufällig nicht Majoratsherr auf Eichenau hieße? Kapireſt Du?“ „Ich kapire!“ „Ich möchte in Stahlbrunn recht klein, recht anſpruchslos auftreten. Wie ein vornehmer Herr, der Urſachen hat, ſich einzuſchränken. Höchſtens zwei Diener, keinen Marſtall, eine ganz mediokre Equi⸗ page. Nicht einmal den Chriſtoph, nur den David 218 und ein paar ordinäre Pferde. Nun fragt ſich's nur, wenn ich den Walter mitnehme und Dich,— wer ſoll Dich hier vertreten? Du ſchreiſt immer, daß ohne Dich alles zugrunde gehen müßte? Ich kann nicht vorherbeſtimmen, wie lange wir ausbleiben? Comment faire?“ Lobeſam verſank in tiefes Nachſinnen. Leicht wurd⸗ es ihm gewiß nicht, den Kommandoſtab, den er ſo lange geführt, aus der Hand zu legen, und noch obenein auf unbeſtimmte Zeit. Doch die ihm ver⸗ heißene Rolle eines Vertrauten bei ſo ernſthaft ge⸗ meintem Liebeshandel, lockte doch auch gar zu ver⸗ führeriſch. Er ſtreugte ſich gewaltig an, einen plau⸗ ſibeln Vorſchlag aufzutreiben. Endlich rief er aus: „Wenn Erzellenz erlauben, ich glaube, ich hab's? Der Tafeldecker iſt kein Kirchenlicht, aber ich halte ihn für einen ehrlichen Mann. Weiß ſich auch ſo ziemlich in Anſehen zu erhalten, weil er ſich weiter nicht viel abgibt mit den Uebrigen. Denſelbigen könnten wir nun einſtweilen zu meinem Stellver⸗ treter machen. Aber wohlverſtanden: nur auf etliche Tage; ihm und dem ganzen Schloſſe einſchärfen, daß Erzellenz mich mitnehmen, damit ich Sie in Stahlbrunn gehörig einrichte. Sobald dieß geſchehen iſt, kehre ich nach Eichenau zurück und ſchicke ein paar Andere 219 der Herrſchaft nach. So ſind ſie hier keine Stunde ſicher vor mir, und wenn Einer Luſt verſpürte, dumme Streiche zu machen, oder gar ſich aufzulehnen gegen den Tafeldecker, braucht der nur zu ſagen: ‚Mir ſcheint, dort kommt der David mit dem Herrn Haus⸗ hofmeiſter!?— und alles wird mäuschenſtill.“ „Ou willſt alſo über ihnen ſchweben, wie das Schwert des Damokles an einem Pferdehaare?“ „ Wenn ich bitten dürfte, Exzellenz, ja. Ich bin der Anſicht, daß wir auf dieſe Weiſe am beſten darauskommen. Es wird mir zugleich ein beruhi⸗ gendes Gefühl geben, wenn ich denke, daß ich hier fortfahre Ordnung zu halten, während ich dort nutz⸗ bar bin.“ „Nun, es läßt ſich hören. Und jedenfalls müſſen wir zu dieſem Auskunftsmittel greifen, da kein beſſe⸗ res zugebote ſteht. So bereite vor, was nöthig. Morgen geht es fort!“ „Morgen ſchon? Aber Ihr Katarrh“.... „Wird in freier Luft verſchwinden. Wir kom⸗ men in die Berge, Lobeſam! Wechſeln das Klima. Kein beſſer' Mittel gegen Schnupfenfieber. Die große Reiſekutſche, vier Poſtpferde, Du, Walter, Punktum! David mit ſeinen Gäulen kommt langſam nach, in kurzen Tagereiſen. Jetzt iſt die Marſchroute ausge⸗ 3 . 220 geben, das Hausweſen beſtellt,— laß' uns erproben, ob wir in Wahrheit jünger ſind, als unſere Tauf⸗ ſcheine?“ Der Haushofmeiſter hatte ſchon die Thürklinke in der Hand, da kehrte er noch einmal zurück:„Er⸗ zellenz, bei Taufſchein fällt mir ein, es hat ſich ein gewiſſes artiges Kind gemeldet, die Tochter von einem Freiſtellenbeſitzer drüben jenſeits der Eicha. Möchte gern als Stubenmädel angenommen ſein für die Hanne, die künftigen Sonntag heiratet. Lotte heißt ſie. Ich hab' ſie aus der Taufe gehoben; ich war damals bedeutend jünger, und ſie bedeutend kleiner, als gegenwärtig. Sie hat ſich hübſch ausgewachſen und iſt recht anſtellig. Darf ich ſie Euer Exzellenz präſentiren?“ „Was gehen mich die Stubenmädel an?“ „Erzellenz pflegten doch ſonſt zu befehlen, daß niemand in Schloßdienſte träte ohne höchſte Appro⸗ bation?“ „Sonſt iſt nicht jetzt; merk er ſich das, mau- vais sujet!— Wenn Du meinſt, daß ſie reinlich, fleißig, ordentlich ſein wird— ich ſtelle Dir anheim, vor unſerer Abreiſe dieſen Akt der Souverainetät auszu⸗ üben.“ „Zu Befehl, Erzellenz! So darf ich Beſchützer 221 der Schönheit und Unſchuld ſein, ehe ich Schwert des Lamokles werde. O ich will ſehr ſchweben über den hieſigen Häuptern, auch über der Lotte ihrem. Wehe jedem, der nicht gutthut!“ „Alter Narr,“ ſagte der Graf, als Lobeſam ſich entfernt hatte;„der Kerl denkt wahrhaftig, weil wir in gleichen Jahren ſind, wären wir auch von glei⸗ chem Alter. Merkt nicht, welch ein Unterſchied zwi⸗ ſchen ihm und mir? Sieht nicht, was ihm doch jeder Spiegel ſagen müßte! Ich kann dem Himmel nicht dankbar genug ſein: dieſes kurze Krankenlager hat mich förmlich verjüngt. Wie neugeboren bin ich da⸗ von erſtanden; mehr als je geeignet zu der Braut⸗ fahrt, die ich vorhabe. Ich bin disponirt, mit allen jungen Herren in die Schranken zu treten, die ſich etwa möchten beikommen laſſen“... Bei jungen Herren gedachte er wahrſcheinlich ſeines Sohnes; denn er näherte ſich dem Schreib⸗ pulte, nahm aus einer verſchloſſenen Lade verſchiedene Brieſe, kramte unter dieſen herum, ergriff dann einen, und ſprach:„Hier, dieſe Paſſage lieſet ſich beinah, als ob er ein Vorgefühl von meinen Abſichten hätte? — Nun, mag er doch! Rechenſchaft bin ich ihm nicht ſchuldig; und ſollt' ich noch Kinder haben,— hat er nicht ſchon genug am Beſitze von Eichenau? 222 Ich heiratete nicht, aus Liebe für ihn, ſolange er zweiter Sohn war. Jetzt, wo er ſeines Bruders Erbe geworden, braucht er mich nicht mehr. Ich bin wie⸗ der frei, und will von meiner Freiheit den Gebrauch machen, der ſich ſowohl für meine Jahre, wie für meine jugendlichen Empfindungen, für beide zugleich, am beſten ziemt. Das iſt ce qu' on apelle raison- nable, wie's in der franzöſiſchen Operette heißt: „Qui, c' en est fait, je me marie, Et je veux vivre comme un Caton; Il y a un temps pour la folie, Il y en a un pour la raison.“*) Und wenn ich mich nicht ſehr irre, ſo hab' ich ge⸗ leſen, dieſes couplet war ein Lieblingsgeſang Sei⸗ ner Majeſtät des Kaiſer Napoleon Bonaparte. Ich weiß nicht, wie der große Mann ſich in Liebe⸗ und Eheſachen benommen, und ob er dabei die geſungene Lehre befolgte. In andern Angelegenheiten hat er nicht immer allzu⸗raisonnable gehandelt; wenigſtens bei uns zu Lande gewiß nicht. Mein armes Eichen⸗ au wußte lange davon zu erzählen.“ *) Ja, es iſt entſchieden, ich verheirate mich, um wie ein Cato zu leben. Gibt es eine Zeit für die Thorheit, ſo gibt es auch eine für die Vernunft. Der Graf ſtimmte noch einmal die Mehul'ſche (ſo glaub' ich,) Melodie an, als Lobeſam mit einem ſehr langen Geſichte erſchien, welches er ſtets aus ſeinem großen Geſichtervorrath herausſuchte, und ſich deſſen bediente, ſo oft er Bringer einer unangeneh⸗ men Nachricht war, oder doch einer ſolchen, von der zu fürchten ſtand, ſie könne unangenehm werden. Der Graf, der ſeines vieljährigen Dieners phyſio⸗ gnomiſche Muſterkarte ebenſogut auswendig wußte, als ein Weinreiter das Verzeichniß der von ihm auf⸗ gedrungenen Sorten und Jahrgänge, ſchrie ihn re⸗ gelmäßig an:„Haſt Du ſchon wieder einmal Deine Schafsnaſe vorgebunden? Welches Vorwerk brennt denn? welches Ackerpferd iſt denn gefallen? weſſen Katze hat denn fausse couche gemacht?“ Etwas ähnliches blieb auch heute nicht aus. „Nichts von alledem,“ entgegnete der Haushof⸗ meiſter;„nur ein Beſuch: Graf Heide will“... „Ich bin ausgefahren!“ „Nicht kapabel! Der Herr Graf haben ſchon im Dorfe vernommen, daß Erzellenz unpaß waren und noch das Zimmer hüten.“ „Hol' ihn der Teufel!“ „Da er es bis jetzt nicht gethan, wird er ſchwer⸗ lich in dieſem Augenblicke zugreifen. Ich beſorge 224 ſogar, der Herr Graf geruhen mir auf dem Fuße zu folgen.“ „Walter ſoll ihn aufhalten. Ich bin noch zu leidend; darf nicht reden.“ „Graf Heide läßt ſich nicht aufhalten, Erzel⸗ lenz; für den gibt es nicht, was wir porte dé- fendue nennen.“ „Ich höre ihn ſchon. Geholt hat ihn der Teu⸗ fel alſo wirklich noch nicht, aber geſchickt hat er ihn gerade jetzt!— Ah, ſehr willkommen, lieber Graf!“ Graf Heide ſah aus wie ein ſehr hübſcher, ſehr tüchtiger, eleganter Reitknecht, der ſeines Herrn Kleider angelegt hat und ſich ganz geſchickt darin zu benehmen weiß. Für einen Reitknecht erſtaunlich gut und fein. Für einen vornehmen Herrn doch ſo, daß der Reitknecht herausguckte. Niemand konnte ihm die Schönheit ſeiner Züge wie ſeiner Geſtalt abſpre⸗ chen, ſeine Manieren gaben durchaus keinen Anſtoß. Und dennoch fühlte man ſich immer verſucht zu ſa⸗ gen: er ahmt ſeinen Grafen glücklich nach, aber als Jokei müßte er ſich ungleich beſſer produziren. Es hatte wohl in der ganzen Provinz noch nie einen Kavalier gegeben, der ſoviel gute Freunde und ſo⸗ viel entſchiedene Feinde beſeſſen. Nicht in der Art, wie es andern Menſchen ſeines Gelichters auch 225 geſchieht, daß eine Hälfte ſeiner Bekannten aus Geg⸗ nern, die andere aus Anhängern beſtünde. Nein, bei ihm trat der merkwürdige Fall ein, daß all ſeine Feinde eben auch ſeine Freunde waren; nämlich ſo: daß ihm ins Geſicht keiner ſich unfreundlich und übelwollend zeigte, während hinter ſeinem Rücken jeder, ohne Ausnahme, alles nur erſinnliche Böſe von ihm ſprach. Das letztere war nicht ſchwierig, denn er ſorgte raſtlos dafür, die Phantaſie der Schimpfenden nicht anzuſtrengen, ſondern ſie durch unermüdeten Eifer und unausgeſetzte Lieferungen mit hinreichendem Stoffe lautbeſprochener Thatſachen zu verſorgen. Das erſtere erklärte ſich theils durch die Furcht, die man vor ſeiner, eines privilegirten Rauf⸗ bolds würdigen Duellwuth hegte, weßhalb man ihn ſchonte; theils durch ſeine, mit den wildeſten Fehlern und Prahlereien verbundene Liebenswürdigkeit, die geringgeſchätzt, ja abgeleugnet wurde, ſolange man ihn nicht ſah; die ſich geltend machte, und beſtach, wo er ſich zeigte. Müſſiggänger, Schuldenmacher, Spieler, Ignorant, Lügner, Schmaruzer,— dennoch zjeder Zoll ein Kavalier!’ Boshaft, falſch, ruchlos, neidiſch, händelſüchtig, unzuverläſſig,— dennoch ‚hon enfant, guter Geſellſchafter, intereſſanter Roué! Das war Graf Heide. 1857. XV. Noblesse oblige. II. 15 0 226 Er hatte mit ſeiner verſtorbenen Frau, die ſich leidenſchaftlich in ihn verliebt und ihm ihr ganzes Vermögen zuſchrieb, ein nicht unbedeutendes Landgut erheiratet. Seine intimſten Genoſſen verſicherten, er würde dieſe Dame,(ſie war durchaus nicht hübſch und älter als er,) gewiß nicht geheiratet haben, hätte ſie ihm nicht ihr Erbtheil dargebracht. Gleich⸗ wohl mußten ſie zugeſtehen, daß er ſie freundlich ge⸗ nug behandelt, daß er ſie in der langwierigen Krank⸗ heit, die ihrem Tode voranging, treulich gepflegt,— allerdings aber auch, bei ihren Lebzeiten ſchon, Schulden über Schulden auf das arme Landgut gehäuft habe. Wovon er jetzt lebe, wußte ſo eigentlich niemand; noch weniger, wie er ſeiner zahlloſen Gläubiger ſich erwehrte; wenn wir nicht der Meinung beipflichten wollen, daß er fortdauernd neue Darlehen zu erpreſſen, und jüngere wie ältere, friſche wie verjährte Forde⸗ rungen durch Gegenforderungen zu weigern verſtand; indem er bei jeglicher Anforderung mit einer Her⸗ ausforderung drohte. Als vortrefflicher Piſtolenſchütze berühmt, fand er wenige, die Luſt zeigten, ſich ihm gegenüber zu ſtellen, und ſie gaben lieber Zinſen und Kapital verloren, als ihre Gliedmaßen der Kugel preis. So ungefähr ſchilderten ihn ſeine Kumpane, 227 ſeine Sauf⸗, Reit⸗, Spielbrüder. Wie Väter und Mütter ihn ſchilderten, das läßt ſich gar nicht nieder⸗ ſchreiben. Sein Name ſtand auf einer Linie mit dem unerſättlichen, unerbittlichen Verführer und Wüſt⸗ ling, den Mozart durch des Abbate Da Ponte's Vermittelung von Moliere geerbt hat, um ihn un⸗ ſterblich zu machen. Doch, alles was Recht iſt: neun Zehntheile dieſes furchtbaren Rufes waren uſurpirt. Hätte Graf Heide einen Liſte⸗führenden Leporello zum Diener gehabt, dieſer würde oft ohne Beſchäfti⸗ gung geblieben ſein. Die Mehrzahl heide'ſcher Siege und Eroberungen beſtand nur in ſeiner Einbildungs⸗ kraft. Obgleich nicht geleugnet werden darf, daß die Töchter und jungen Frauen ihn ganz anders ſchilderten als obenerwähnte Väter und Mütter; daß ſie ihn im allgemeinen bezaubernd fanden—(beſon⸗ ders in den kleinen Städten, durch die er trabte,)— und daß ſie ſeine Frechheit für anmuthige Keckheit erklärten. Graf Eichengrün, der ſich, wenn er mit andern Gutsbeſitzern und höheren Beamten der benachbarten Oerter und Städte zuſammentraf, um die Klatſche⸗ reien, die da kurſirten,— denn es iſt geradezu eine Lüge, daß vorzugsweiſe bei den Zuſammenkünften des weib⸗ lichen Geſchlechtes geklatſcht und verläſtert werde!— 15* 228 wenig bekümmerte, wußte von Heide's üblem Leu⸗ mund nichts poſitives, fragte auch nichts danach. Ihm genügten zwei ‚griéf's', die er mit Zuverſicht wider ihn richten durfte. Der erſte, ein allgemeiner, daß Graf Heide ein notoriſch anerkannter, ſchlechter Landwirth ſei, überall zu finden, nur nicht, wo er hinge⸗ höre! Der zweite, ein beſonderer, daß Graf Heide im eitlen Bewußtſein eigener, noch immer nicht zerſtörter, Jugendblüte, Seiner Erzellenz einmal bei Gelegenheit der Provinzial⸗Ständeverſammlung den ‚alten Grafen von Eichenaue genannt. Beides unverzeihlich; und ſoweit Ulrich Eichengrün zu haſſen vermo chte, haßte er wirklich den Verächter des Ackerbaues, der zugleich wagte, ihn vor aller Welt alt zu nennen. Deßhalb auch legte er in ſein: ‚Ah, ſehr willkom⸗ men, lieber Graf!“ alle ihm irgend erreichbar zuvor⸗ kommende Süßigkeit, damit er durch unfreundlichen Ton nur ja nicht gegen die Pflichten der Courtoiſie und des Gaſtrechts verſtoße. Jeder andere Menſch hätte das herausgehört und wäre nach flüchtigem Geſpräche weitergezogen. Bei Graf Heide verſchlug dergleichen nicht. Wo er einmal beſchloſſen hatte zu ‚futterne— ſich, ſein Pferd, und ſeines Grooms Klepper,— da war er nicht ſo leicht wegzubringen, und ſogar ſcharfe Stachelreden glitten wirkungslos 229 von dem dicken Felle ab; wie viel mehr übertrieben⸗ weltmänniſche Artigkeit, mochte ſie auch wie Ironie klingen. Seine erſten Worte beſtanden aus einer ver⸗ ſtändlichen Klage über Hitze und Durſt. Den mit Herbeiſchaffung flüſſiger Auffriſchungen beauftragten Haushofmeiſter unterrichtete er ausführlich von ſeinen Wünſchen in Betreff des paſſendſten Getränkes und bezeichnete ihm ſehr genau, welche Gattung von Mo⸗ ſelwein, mit Selterſerwaſſer und Zucker gemiſcht, am wohlthätigſten wirke. Dann ſtreckte er ſich bequem aus und that wie zu Hauſe. Eine von Heide's merkwürdigſten Eigenſchaften bleibt immer das ſchon angedeutete Talent, im per⸗ ſönlichen Verkehr vergeſſen zu machen, daß man ihn deteſtire. Er übte es jetzt auf den Schloßherrn aus. Denn die erſte Flaſche Braunsberger hatte noch nicht ihre letzten Tropfen im Kampfe mit ſprudelndem Selterſer verſchäumt, ſo hatte Graf Eichengrün ſchon Gefallen bezeigt an ſeines Gaſtes beluſtigenden Plau⸗ dereien, die nicht weniger ſchäumten und ſprudelten wie das petulante Getränk. Sogar des ‚alten Herrn’ gedachten Seine Exrzellenz nicht mehr. Behandelte ihn doch der jüngere Herr, als ob ſie nicht achtund⸗ zwanzig Jahre, als ob ſie höchſtens ſo viele Tage 230 auseinander wären! Welch eine Maſſe hübſcher, wohlzubereiteter, mit tauſend Frioolitäten ausgeſtat⸗ ter Skandälchen aus der ganzen Provinz wußte dieſer Heide zu erzählen! Wie allerliebſt verſtand er ſeine Lügen mit mancherlei wirklichen Thatſachen zu ver⸗ binden! Wie eindringlich und lebhaft trug er ſie vor, bis er ſelbſt nicht mehr zweifelte, daß Wort für Wort wahr ſei! Wie ſchonungslos verfuhr er gegen ſich! Wie unbarmherzig nannte er ſich laſterhaft, verbre⸗ cheriſch, jeder furchtbaren That fähig! Und wie wußte er, in demſelben Athem, ein Hiſtörchen einzuſtreuen, wo ſeine kindliche Gutmüthigkeit ihre Geltung fand! Graf Eichengrün verſicherte, er ſei der amüſan⸗ teſte aller Geſellſchafter. Graf Heide verſicherte, dieß Verdienſt ſei gering; weit höher ſchlage er das Seiner Erzellenz im Werthe an: amüſabel zu ſein. Der Tag verging wie eine Stunde. „Schade,“ ſagte Graf Ulrich, da ſie ſich Abends gute Nacht boten,„daß wir morgen nicht beiſammen bleiben können. Ich muß eine unaufſchiebbare Reiſe antreten. Die Aerzte wollen's. Sie ſchicken mich nach Stahlbrunn.“ „O, da ſehen wir uns,“ rief Heide.„Mich ſchicken die Aerzte nicht, denn mit denen hab' ich 231 nichts zu ſchaffen. Ich werde mir aus eigener Macht⸗ vollkommenheit eine Tour durch die Geſundbrunnen und Badeanſtalten in unſerer Nähe verordnen. Es gibt da manch unverhoffte rencontre. Alſo, auf Wiederſeh'n, Graf, in Stahlbrunn.“— „Lobeſam,“ ſprach Graf Eichengrün, da er zu Bette ging,„es iſt doch alles beſorgt?“ „Alles, Erzellenz! Schlag neun Uhr ſind die Poſtpferde hier.“ „Lobeſam“— „Erzellenz?“.... „Ich fürchte, ich hätte etwas klügeres thun kön⸗ nen, als dem Windbeutel von Stahlbrunn reden.“ „Wie ſo, Erzellenz?“ „Ich weiß nicht. Mir iſt, wie wenn mich ſeine Gegenwart geniren würde?“ „Er iſt noch nicht dort. Erſt müßt' er Geld haben. Sein Groom hat in der Küche beſchworen, ſie führten keinen Heller bei ſich, und ſeit drei Mo⸗ naten habe er kein Lohn bekommen. Sie machen nur Beſuche, um ſich gelegentlich den Magen auf anderer Leute Rechnung zu füllen.“ „Das thut nichts. Solche Menſchen wiſſen im⸗ mer Geld aufzutreiben.“ „Nu, ſo müſſen ſie denn ſtehlen!“ 232 „Viel beſſer iſt's nicht; nur daß es einen nicht ſo gehäſſigen Namen— was gibt's?“ Der Büchſenſpanner trat ein. Auf einem Teller brachte er einen Brief und überreichte ihn dem Haus⸗ hofmeiſter, der die Aufſchrift betrachtete, ihn dann ſeinem Herrn gab. „Von wem?“ „Von dem Fremden, der hier auf Beſuch iſt.“ Graf Eichengrün las, lachte herzlich:„Das iſt ſehr gut; kaum hab' ich ausgeſprochen, daß ich ihn in Stahlbrunn nicht zu ſehen begierig bin, verlangt er von mir ein Darleihen; wahrſcheinlich um ſich für ſeinen Raubzug auszurüſten.“ „Erzellenz werden doch um Gotteswillen dem nicht Geld vorſchießen?“ „Was ſoll ich machen? Ich kann doch nicht er⸗ wiedern, daß ich nicht bei Kaſſe bin? Du wirſt ihm morgen früh,— denn er ſchreibt, er müſſe zeitig auf⸗ brechen,— hundert Stück Dukaten bringen und mich höflichſt entſchuldigen, daß ich nicht die Ehre haben konnte, ſein Schreiben zu erwiedern; ich lag ſchon im Bette, da ich's empfing.“ „Zu Befehl, Erzellenz. Soll ich mir einen Wechſel ausſtellen laſſen?“ „Meinetwegen nicht. Mache, was Du willſt.— 233 Es iſt Schade um den Streifen Papier. Jetzt laßt mich ſchlafen.“ Achtzehntes Kapitel. Die Mittagstafel im großen Salon des ſtahl⸗ brunner Gaſt⸗ und Fremdenhauſes bot heuer nicht oiel Leben und Wechſel. Die Mehrzahl der an⸗ weſenden Familien machte eigene Menage. Nur Einzelne verirrten ſich zur Table d'hote, welche gar nicht hätte beſtehen können, wäre ſie nicht von den Durchreiſenden, die, auf größeren Gebirgspartieen begriffen, hier einige Tage zuzubringen pflegten, un⸗ terſtützt worden. Nicht nur dieſen, ſondern auch ſolchen Gäſten, die notoriſch nur über die Eßſtunde verweil⸗ ten, wurde das Fremdenbuch zur Einzeichnung ihrer „verehrten Namen' vorgelegt, und dieſe prangten dann ebenſo ſicher und breit in der gedruckten ‚Badeliſte,“ als ob ſie wirklich⸗etablirte und anſäßige Kurgäſte wären. Dieſe Nomenklatur bald nach ſeiner Ankunft durchleſend, äußerte Graf Eichengrün dem Kellner, der ſie ihm dargeboten, ſein freudiges Erſtaunen, Stahlbrunn gerade dieſes Jahr ſo entſchieden en vogue und eine ſo zahlreiche Geſellſchaft zu finden. „Na, es paſſirt,“ meinte der Menſch. 234 Sodann fragte der Graf, was die rothen Striche bedeuten ſollten, die bei der Mehrzahl hier abge⸗ druckter Namen ihm auffielen? Und ob dieß vielleicht beſonders ausgezeichnete Anweſende wären? „O nein,“ erwiederte der Kellner;„das ſind gar keine Kurgäſte, es waren bloß Nurgäſte.“ „Das heißt? Ich kenne dieſe Sorte von Gäſten nicht.“ „Das heißt: ſie haben ſich bloß über Mittag hier aufgehalten.“ „Und ſind nicht mehr da?“ „Durchaus nicht. Werden der Herr auch ein bloßer Nurgaſt ſein? Und wo ſoll ich Ihren Platz belegen?“ Der Graf, geſtern Abend eingetroffen und in einer ihm gleich bei der Einfahrt ins Oertchen offe⸗ rirten, ganz anſtändig⸗eingerichteten Wohnung ab⸗ geſtiegen, hatte ſich eine Stunde vor Eſſenszeit in den Saal begeben, entſchloſſen, ſolange als möglich ungekannt und ungenannt zu bleiben, um ſich erſt ſeine künftige Tiſchgeſellſchaft zu betrachten. Vor morgen konnte ſein Name nicht in der Fremdenliſte prangen; traf es ſich ſo glücklich, daß niemand Table d'hoôte ſpeiſte, der mit ihm in perſönlicher Beziehung ſtand, ſo durfte er hoffen, wenigſtens einen halben 235 Tag hindurch unbeobachtet beobachten zu dürfen. Er ſtellte dem Burſchen frei, wohin dieſer ihn pla⸗ ciren wolle, und vermied dabei, ſich über die Dauer ſeines Aufenthaltes zu erklären. Der Kellner unterhielt ſich mit den Kollegen draußen über den Ankömmling:„Ich weiß nicht, wo ich ihn hinſtecken ſoll? Er ſieht verflucht vornehm aus?“ Einer nach dem Andern kam, muſterte, ging wieder hinaus, doch von den vier oder fünf dienſt⸗ baren Geiſtern in kurzen Jacken und weißen Panta⸗ lons, erinnerte ſich keiner, den verflucht vornehm ausſehenden Herrn in irgendeiner Kneipe der Pro⸗ vinzialhauptſtadt, wo ſie außer der Saiſon ihr Weſen trieben, erblickt zu haben. Es mußte folglich ein großes Thier’ ſein, und ſie beſchloſſen, ihm den Ehrenplatz bei Tafel zu überlaſſen, den bis geſtern der penſio⸗ nirte Oberſteuerrath Schraube innegehabt. Nach und nach fanden ſich die ſtabilen Theilnehmer zuſammen. Jeder und jede wisperten mit den Kellnern, deuteten nach dem Zeitungsleſer in der Ecke des Saales hin, die Kellner konnten keinen Beſcheid geben, theilten nur ihre Vermuthungen mit, bereiteten den penſionirten Oberſteuerrath auf ſeinen bevorſtehenden Sturz vor, und wie nun die Geſellſchaft vollzählig um den Tiſch, und die Suppe dampfend auf dem Tiſche ſtand, 236 begab ſich der Oberkellner zum Zeitungsleſer mit der Bitte:„Wenn's vielleicht gefällig wäre, Herrrrr 2..?.“ Graf Eichengrün hatte eben ein Artikelchen bemerkt, welches auf die morganatiſche Ehe ſeines ehemaligen Nebenbuhlers anſpielte. Er war dadurch in die heiterſte Laune verſetzt worden, folgte dem Oberkellner ſehr vergnügt, grüßte die Anweſenden verbindlich, nahm aber den ihm dargebotenen Ehren⸗ platz nicht an, ſondern pflanzte ſich ans unterſte Ende der Tafel, wo die ſogenannte ‚dritte Klaſſe’ der ſtahlbrunner Badegäſte weilte, ebenſo ſcharf und grauſam von der zweiten abgeſondert, wie die zweite von der erſten. Droben, in der Nähe des ſeinen Thron wieder einnehmenden Oberſteuerrathes, ging ein Gemurmel:„Die Kellner hätten ſich doch wohl verſehen? Ein Präſident ſei das nicht, der nicht einmal wage bei Table d'hôte zu präſidiren; auch kein reicher Financier, oder Fabrik⸗Beſitzer? Etwa ein Kammerdiener, der ſeiner Herrſchaft vorangeeilt ſei? Oder ſo etwas?“ Die Perſonen dritter Klaſſe rechneten es dem Fremden hoch an, daß er ſich ihnen geſellt hatte. Sie redeten zutraulich mit ihm, er gab freundliche Antworten, und da entſpann ſich denn ein Geſpräch über den unſinnigen Kaſtengeiſt, welcher in Stahlbrunn 237 vorherrſche. Die Gattin eines armen Landpredigers, — ihr, wie dem kranken Manne war anzuſehen, daß ſie ihre letzten Angſt⸗ und Nothpfennige zuſammen⸗ kratzen mußten, um den für ſie unerhörten Aufwand des Mittagstiſches zu erſchwingen,— klagte über die Inhumanität der Beamten, Kaufleute und reichen Bürger.„Es iſt,“ ſagte ſie,„als wollten ſie uns, beſonders ihre Frauen ſind ſo, entgelten laſſen, was ihnen vom Adel widerfährt. Sie ſprechen kaum mit uns. Mir iſt dieſer Salon eine wahre Hölle. Doch ſind wir gezwungen hier zu eſſen; denn der Arzt hat meinem armen Manne gute Koſt verordnet, kräf⸗ tige, und unſere Wohnung iſt ſo weit entfernt, und die Bedienung ſo nachlaͤſſig, daß wir die Speiſen eiskalt empfingen, wenn wir danach ſchickten; auch kommt es höher zu ſtehen, will man das Eſſen ab⸗ holen laſſen. Ach, und es iſt ohnedieß ſchon fürch⸗ terlich theuer hier. Mein Mann ſollte eigentlich auch ein Gläschen Wein trinken;— aber Du lieber Himmel!“... Der Graf zog nun den bleichen Paſtor ins Geſpräch, lud ihn ein, ſeine Flaſche leeren zu helfen, und fragte, welches körperliche Leiden ihn zu dieſen Quellen getrieben habe? „Unſer Kreisarzt behauptet,“ erwiederte jener, 238 „ich bedürfte der Stärkung im allgemeinen. Mein Uebel ſei kein ſpeziell⸗organiſches; es rühre nur von einer allgemeinen Abnahme der Kräfte her.“— Die Augen der Frau füllten ſich bei dieſen Worten mit Thränen, die ſie eutſchloſſen zurückhielt. Der Graf, einer natürlichen Ideenverbindung gemäß, fragte:„Wie hoch ſich wohl die jährlichen Einnahmen ſeiner Predigerſtelle belaufen möchten.“ „Zwiſchen drei⸗ und vierhundert Thaler, durch⸗ ſchnittlich, alle zufälligen Einnahmen mit in Anſchlag gebracht. Viel davon geht häufig ab,— denn wer kann von ganz armen Kirchkindern Gebühren fordern?“ „Und wie viel eigene Kinder haben Sie?“ „Fünf, mein Herr!* „Und wer verpflegt dieſe während Ihrer Ab⸗ weſenheit?“ „Unſere Aelteſte,“ erwiederte die Frau voll mütterlicher Genugthuung.„Ich kann mich auf ſie verlaſſen: ſie geht ſchon ins zwölfte Jahr.“ „Das merkt man Ihnen nicht an, Frau Paſtorin, daß Sie eine elfjährige Tochter haben.— Doch wie heißt denn der Beſitzer des Dorfes, deſſen Seel⸗ ſorger Ihr Mann iſt? Geſchieht nichts von dieſem zur Verbeſſerung einer ſo magern Pfründe?“ „Ach, mein Gott, die Kirche und was dazu ge⸗ 239 hört, wäre wohl das Letzte, wonach Graf Heide früge, wenn er in der Lage wäre, etwas für Andere zu thun. Er hat, glaub' ich, genug zu thun mit ſich ſelbſt.“ „Graf Heide iſt Ihr Gutsherr?— O, das trifft ſich ja ſehr glücklich. Mit dem bin ich vor ei⸗ nigen Tagen zuſammengetroffen. Als er hörte, daß ich nach Stahlbrunn reiſe, trug er mir auf, mich hier nach ſeinem Paſtor zu erkundigen, und eine Be⸗ ſorgung zu übernehmen. Er wünſchte, den kleinen Beitrag zu Ihrer Brunnenkur, den er früher abzu⸗ geben verſäumt,— denn er war ja wohl abweſend, da ſie aufbrachen?“— „Ach, er iſt immer abweſend!“— „— Ihnen nachzuſchicken, und ich mußte ver⸗ ſprechen— darf ich mich meines Auftrags bald entledigen?“ Paſtor und Paſtorin errötheten, und beide ſagten zugleich:„Unglaublich! Unmöglich!“ „Warum unmöglich?“ fuhr der Graf fort.„Ihr Gutsherr iſt Einer von den luſtigen Männern, bei denen es heißt: leben und leben laſſen! Der Zufall hat gewollt, daß ihm neulich eine Schuld ausbe⸗ zahlt wurde, die er vergeſſen hatte einzufordern, nach demſelben Prinzip, welches ihn vergeſſen macht, an⸗ dere zu berichtigen. Der Zufall that das Seinige. 240 Wenn ich nicht irre... ich dächte, er hätte dabei geäußert, er ſei auch noch Ihr Schuldner, vom Be⸗ gräbniſſe ſeiner ſeligen Gemalin? Wie?“— „Das iſt wahr“ ſagte die Paſtorin.„Mein Mann war zu ſtolz, ihn zu mahnen.“ „Nun, dann empfangen Sie mit gutem Ge⸗ wiſſen, was Ihnen gebührt.“ Und er ſteckte ſeiner Nachbarin ein dünnes Blätt⸗ chen Papier unter dem Tiſche zu. Oben, am andern Ende der langen, ſchmalen Tafel, ging es recht munter her. Der penſionirte Ober⸗ ſteuerrath Schraube, ein Feinſchmecker, Guttrinker, Flottleber, Vielredner, und trotz ſeines von Gicht heimgeſuchten Fußgeſtells unermüdlicher Verehrer des ſchönen Geſchlechtes,— wobei er es im Punkte der Schönheit ebenſowenig genau nahm, wie im Punkte der Feinſchmeckerei, und ſich weder bei mißrathenen Schüſſeln, noch bei zweifelhaften Reizen als Koſt⸗ verächter zeigte, inſofern beide nur voll waren,— führte das große Wort. Er galt nicht allein den Tiſchgäſten für einen vortrefflichen Geſellſchafter, deſ⸗ ſen Gegenwart immer neues Leben verbreitete; ſogar die Kellner zollten ſeinen Witzen Beifall und ver⸗ ſicherten: wenn ſchon der Schraube fehlt, da iſt auch gar nichts los! 241 Er ließ ſich eben vernehmen:„Unſer Kammer⸗ diener da unten ſcheint ſich bei dem verſchimmelten „Wort Gottes vom Lande“ ganz heimiſch zu fühlen. Es iſt merkwürdig, wie doch auch ſolche Leute durch einen gewiſſen Inſtinkt angewieſen werden, ſich von Kreiſen fernzuhalten, wohin ſie nicht gehören.“ In dieſem Augenblicke ſtürzte der Badearzt, Doktor Riesling, herein. Sein Erſcheinen um dieſe Stunde machte enor⸗ mes Aufſehen. Es iſt bekannt, daß dieſer vielbe⸗ ſchäftigte Mann bei den Seinigen ſpeiſet, nur aus⸗ nahmsweiſe(Sonn⸗ und Feiertage abgerechnet) zur Eſſenszeit im Salon ſich blicken läßt. Was konnte ihn heute veranlaſſen, die einzige Erholungsfriſt, die er ſich im Schooße ſeiner Familie gönnt, abzu⸗ kürzen? Wen ſuchte er? „Doktor?— Welch eine unerwartete Freude!— Rarissima avis!— Was gibt's denn?“ So erſcholl es aus allen Kehlen. Doch der Arzt würdigte ſelbſt diejenigen, die ſich ſonſt ſeiner rückſichtsvollſten Aufmerkſamkeit rüh⸗ men durften, kaum eines Kopfnickens. Er ließ den prüfenden Blick Tafel auf, Tafel ab gleiten, bis er zuletzt am Grafen hangen bieb. Er kannte ja alle Lämmer und Böcke der ſtahlbrunner Schwemme, 1857. XV. Noblesse oblige. II. 16 242 auch die räudigen. Ihm konnte der Ankömmling nicht entgehen. Sobald er ſich überzeugt, daß nur ein fremdes Geſicht vorhanden ſei, daß dieſes folg⸗ lich das von ihm geſuchte ſein müſſe, gab er ſeinem ganzen äußeren Menſchen die erforderliche Haltung. Ja, er löſete das ſchwierige Problem: nach vorn ge⸗ beugt, dennoch raſch vorwärts zu ſchreiten; ein wan⸗ delnder Bückling, ein ſchwebendes Kompliment, eine perſonifizirte Verneigung, ſchwamm er, mehr als daß er ging, bis zum Stuhle des Grafen:„Euer Erzel⸗ lenz wollen geſtatten, daß der Prieſter dieſer Heilquellen Sie im Namen der Nymphen und Najaden unterthänigſt willkommen heiße! Meine Herren und Damen, Heil iſt unſerm Stahlbrunn widerfahren. Der Cdelſte un⸗ ſeres Adels, der reichſte und würdigſte Kavalier, der Stolz des Landes, der Abgott ſeiner Untergebenen, der hochgeborene Herr und Graf Eichengrün zu Ei⸗ chenau weilt in unſerer Mitte!“ Alle Anweſenden ſtanden auf; doch ſonſt brachte die feierliche Begrüßung zwei ſehr verſchiedene Wirkungen hervor. Die obere Hälfte der Tafel wies höchſt ver⸗ legene, erſchreckte, zum Theil alberne Geſichter. Die untere, beſonders in der Nähe des Angeredeten, lauter freudige, unter denen die der beiden Paſtorsleute vorzüglich verklärt leuchteten. 243 Der Graf ſagte verdrüßlich:„Herr Doktor, ich werde Ihnen recht dankbar ſein, wenn Sie neben uns Platz nehmen und ein Glas Wein mit uns trinken.“— Zu der Geſellſchaft gewendet, fügte er bei:„Wenn Sie mich nicht von dieſer Tafel ver⸗ ſcheuchen wollen, werden Sie mir gütigſt geſtatten, auch ferner ſo unbemerkt zu bleiben, wie ich es heute war.“ Dann ſetzten ſie ſich und er ließ ſich mit dem Arzte in ein Geſpräch über die Wirkungen des hie⸗ ſigen Bades ein. Nach aufgehobener Tafel entfernte er ſich raſch und nahm ſich nur ſo viel Zeit, dem armen Paſtor und deſſen Frau recht herzlich die Hand zu reichen und zu ſagen:„Ich hoffe, wir halten gute Nachbarſchaft!“ Die Kellner wollten bemerkt haben, daß heute niemand von den zur zweiten Klaſſe Gehörigen den Speiſeſaal verließ, ehe er nicht allen zur dritten Gehörigen ein Kompliment gemacht. Die Komplimente für Paſtor und Paſtorin ſielen vorzüglich artig aus. Der Graf hatte— aus guten Gründen— beſchloſſen, die Bäder, wenn er ſich noch durch den Arzt zum Baden beſtimmen ließe, nicht eher anzu⸗ fangen, als bis die Baronin eingetroffen wäre. Folg⸗ lich hatte er gewiß die Morgenſtunden der nächſten Tage frei für ſich; ein Glück, welches ihm in 16* 244 Eichenau ſelten wurde, wo er, der vornehme, reiche, ungebundene Herr und Gebieter, doch mehr oder we⸗ niger Sklave der alltäglich auf ihn eindringenden Geſchäftsleitung blieb, und nicht verhinderte, daß er von allen Seiten mit unzähligen Bitten, Klagen, Vorſchlägen und Beſchwerden überlaufen wurde. Er benutzte dieſe Muße, die ihm unendlich wohlthat, (ſo lange ſie etwas neues war!) fürs erſte dazu, ſich mit neueren Dichtern bekannt zu machen, deren Werke zwar ſeit ihrem Erſcheinen ſchön eingebunden in ſeinen Bücherſchränken geſtanden, die aber noch nicht die Ehre genoſſen hatten, vom Inhaber auch nur durchblättert zu werden. Waren doch ſogar Göthe's ſpätere Geiſteserzeugniſſe dem Verehrer und Kenner der früheren erſt einigermaßen näher gerückt, ſeitdem er im Jagdſchlößchen bisweilen ‚einſiedlerte“ — wie er es nannte. Den Vormittag ſeines zweiten Tages in Stahl⸗ brunn widmete der Graf einem deutſchen Sänger, von dem er eben nur den Namen gekannt, ſonſt auch nichts. Ein reiner Zufall ließ ihn aus dem großen Stoße vermiſchter Bände, die Lobeſam péle- mele aufgeſchichtet, ein dickes Buch herausgreifen, ein kürzlich empfangenes und empfohlenes Geſchenk von Schweſter Barbara, deſſen Titelblatt lautete: 245 „Friedrich Rückert, Gedichte. Auswahl des Verfaſſers.“ Es war ſoeben bei Sauerländer in Frankfurt auf⸗ gelegt und athmete noch den friſchen Ledergeruch aus der Buchbinderwerkſtatt. Vielleicht würde zu einer andern Zeit, am andern Orte und in minder empfänglicher Stimmung des Gemüthes unſer Leſer ſich mit dem Genuſſe einzelner ſchöner Dichtungen und mit anerkennendem Urtheile über dieſen Meiſter b begnügt haben. Hier jedoch, heute, in Erwartung nächſter Tage und Begebenheiten, mit offenem Herzen, regem Geiſte, erweckter Phantaſie, vertiefte er ſich in die poetiſche Fülle, die ſich vor ihm aufthat, und gab ſich ihr ſo gänzlich hin, daß er bald von jeglicher Beziehung zur Außenwelt völlig geſchieden, nur noch im Dichter und mit ihm lebte. Fünf Stunden waren dabei ſo raſch verronnen, daß er's nicht glauben konnte, als Lobeſam ihn ermahnte, es ſei Zeit, ſich anzu⸗ kleiden, wenn Erzellenz beabſichtigten, im Salon zu ſpeiſen. Nur ungern trennte er ſich von dem neuen Freunde.„Iſt es denn möglich,“ ſprach er, während er ſich zum ausgehen rüſtete,„daß ein ſolcher Genius in Deutſchland lebt und wirkt, und daß die Deutſchen im allgemeinen ſo wenig davon wiſſen? Wer von den Herren und Damen, mit denen ich ſeit einem Vierteljahrhundert Gelegenheit fand über Literatur b 246 und Poeſie zu ſprechen, oder die ich unter einander darüber ſprechen hörte, ſogar ſolche, die fait davon machen wollen, hat nur den Namen Rückert genannt? — Doch nein, daß ich nicht Unrecht thue: Schweſter Barbara zitirte hier und da ein Sprüchlein, welches ſie ihm zuſchrieb; deßhalb hat ſie mir auch dieß Buch geſendet. Ja, der Wahrheit die Ehre, ſie machte auch darin eine Ausnahme! Aber ſonſt.... iſt es denn möglich? Und ich, mußte ich nicht nach Stahl⸗ brunn kommen und einen müßigen, von meinen Ka⸗ meralbeamten nicht geſtörten Morgen vor mir haben, ehe ich den Zaubergarten betrat, wo Frühling, Som⸗ mer und Herbſt zugleich walten, blühen, duften, Früchte ſpenden? Welch ein Reichthum, welch ein unerſchöpflicher! An Gedanken, Gefühlen, Gleichniſſen, Bildern, unſchuldigem Scherz, naiver Kindlichkeit, Vaterlandsliebe, Begeiſterung, Milde, Glut, gerechtem Groll, edelſtem Zorn, Weisheit und Anmuth! Welche Reinheit der Form, welche Gewalt über die Sprache, welche unvergleichliche Meiſterſchaft in allem!— Sage, Lobeſam, iſt man nicht ein rechter Thor, ſein Leben hinzubringen mit lauter Beſchäftigungen, die auf Vermehrung des Reichthums, auf Erhöhung der Einkünfte, auf Verbeſſerung der äußeren Mittel ge⸗ richtet ſind, und ſo wenig Zeit an die höchſten, reinſten 247 Freuden zu ſetzen? Sich ſo ſelten einen halben Tag zu gönnen, wie mir der heutige war? Sage, iſt man nicht mit all ſeinem Verſtande, ſeinem Anſeh'n, ſeinem Beſitze ein wahrer, von plumpſter Bürde be⸗ drückter Eſel?“ „Zu Befehl,“ entgegnete Lobeſam, und hatte kein Arg dabei; denn er fühlte ſich feſt überzeugt, der Eſel müſſe ihm gelten. Wodurch er ſich dieſe Schmeichelei jetzt zugezogen haben könne, darüber grübelte er weiter nicht. Was ihn aber bedenklich machte, worauf er ſogar den Büchſenſpanner als auf eine unerhörte Sache hinwies, war die Aus⸗ zeichnung, die jenem Buche widerfuhr, welches der Graf, nachdem er fünf Stunden darin geleſen, unterm Arme mit zu Tiſche nahm, ‚wie wenn Seine Erzellenz in die Schule ginge? Der Speiſeſaal zeigte heute eine ganz andere Einrichtung als geſtern. Statt der einen, langen, ſchmalen Tafel, die ſich traurig durch den öden Raum gezogen, waren heute deren drei aufgeſchlagen, die ein ſogenanntes Hufeiſen bildeten. Schon beim Eingange wogte ein Gedränge, aus welchem der Graf— nicht eben zu ſeiner Freude— unterſchied⸗ liche, ihm wohlbekannte Köpfe, der Ariſtokratie an⸗ gehörig, hervorragen ſah. Die Herren kamen ihm 248 einige Schritte entgegen, und hießen ihn freudig will⸗ kommen. Damen umringten ihn, bekannte und un⸗ bekannte. Gegenſeitige Begrüßungen fanden ſtatt. Der Erbherr zu Eichenau ließ ſich vorſtellen und man ſtellte ihm vor: Jung und Alt, Groß und Klein, Arm und Reich— doch alles ‚von Geburt!e Die erſte Klaſſe war verſammelt, die Fremdenliſte, von Doktor Riesling interpretirt, hatte ſie auf die Beine gebracht. Der Reſtaurateur und deſſen Frau waren überlaufen worden von Botſchaften:„Meine Herr⸗ ſchaft dinirt heute im Salon; drei, vier Kouverts!“ In der Küche ging es zu wie auf einem Schlacht⸗ felde; das magerſte Geflügel, dem gewöhnlichen Laufe der Dinge nach wenigſtens noch vierzehn Tage lang zu Lebens⸗ und Freßhoffnungen berechtiget, mußte bei ſo unerwartetem Sturmlaufen die Gurgel dem Meſſer hinhalten, Blut floß in Strömen. Alles für die erſte Klaſſe, die, wie alljährlich in Stahlbrunn, die vollzähligſte war. Die zweite Klaſſe, ſonſt an Wochentagen die erſte, erlitt dadurch einen unvorgeſehenen, deßhalb um ſo empfindlicheren Rückſchlag. Ja, vertraue nur Einer,— ſei er auch penſionirter Steuerrath und ihr Orakel!— traue nur Einer dem Oberkellner und deſſen Adjutanten. O die Undankbaren! Hatten 249 ſie nicht ſämmtliche zur zweiten Klaſſe gehörige ſta⸗ bile Tafelgäſte an den rechten Flügel geſchoben und von dieſem ſogar ein volles Dritttheil für die breite Quertafel, für den abgeſchloſſenen Ehrenſitz der erſten Klaſſe belegt? Der Steuerrath mußte ſein Servietten⸗ band mit dem in Glasperlen darauf eingenähten: „‚bon appetit!’ wer weiß wie lange ſuchen! Er war ſo ergrimmt, daß es ihm unmöglich wurde, einen Witz zu leiſten. Er begnügte ſich mit höhniſchem Gelächter. Die dritte Klaſſe dagegen kam beſſer fort. Sie war offenbar avancirt, denn ſie reichte mit ihren äußerſten Vorpoſten des linken Flügels faſt an die Haupttafel heran. Doktor Riesling wollte den Grafen Eichengrün in die Mitte manoeuvriren. Doch dagegen lehnte ſich dieſer entſchieden auf.„Ich darf meiner Nachbarſchaft nicht untreu werden!“ rief er ſo laut, daß es durch den hohen Saal dröhnte und daß ein Echo von der Orcheſtergalerie die letzten Silben nachklang. „Herr Paſtor, Frau Paſtorin! darf ich bitten?“ Die beiden gedrückten und beſcheidenen Leute gehorch⸗ ten, ſchüchtern zwar, aber doch gern. Er nahm den Stuhl, der am linken Ende der vornehmen Tafel die Grenze bildete vom Flügel für die dritte Klaſſe. 250 Dieſe gerieth dadurch mit der erſten in unmittelba⸗ ren Kontakt. Zwiſchen der erſten und der zweiten aber blieb auf der rechten Seite eine Lücke; mehrere Stühle waren unbeſetzt. Die zweite Klaſſe verſchlang ihre Suppe mit Wuth; mehrere Damen verbrannten ſich den Mund. Schraube that, was in ſeinen Kräf⸗ ten ſtand, den Kellnern, die ſich ihm näherten, Rip⸗ penſtöße beizubringen, und begann ein ziemlich lau⸗ tes Geſpräch über ‚lächerlichen Adelſtolze, in welches die Damen um ihn her freilich nur leiſe, doch mit intenſiven Kräften eingingen. Graf Eichengrün verfehlte nicht, ſeine Standes⸗ genoſſen, ſowie deren Damen aufmerkſamer Muſte⸗ rung zu unterziehen. Unter den ihm noch unbekann⸗ ten ſah er einige recht hübſche Frauen, doch keine durfte ſich, ſeiner Meinung nach, mit der Baronin meſſen; auch die Jüngeren nicht. Von denjenigen, die er ſchon ſonſt geſehen und geſprochen, entdeckte er zu nicht geringem Mißvergnügen verſchiedene we⸗ gen ihrer böſen Zunge gefürchtete Neuigkeitsver⸗ breiterinnen, denen es bei eingetretenem Mangel an Stoff an Erfindungsgabe nie mangelte; und eben⸗ ſo mehrere junge Herren, die im Rufe ſtanden, ge⸗ fährliche Eroberer zu ſein. Dieſe Entdeckung that ſeiner geſelligen Heiterkeit einigen Eintrag; wie er 251 denn überhaupt Stahlbrunn weniger beſucht zu fin⸗ den gewünſcht hätte. Doch galt es vor allem, ſich nichts merken zu laſſen und möglichſte Unbefangen⸗ heit zu behaupten. Dazu war ihm die Nähe des Predigerehepaares höchſt förderlich. Er konnte mit dieſen guten armen Leuten traulich plaudern und dazwiſchen immer wieder ſein Wort in das babylo⸗ niſche Sprachgewirr der ſchreienden erſten Klaſſe hin⸗ eingeben; wobei ihm unbenommen blieb, ſich wieder zurückzuziehen, mit dem Paſtor zu ſprechen, und da⸗ bei doch zu hören, welchen Verlauf das Geſchwätz des hohen Adels nahm. Die Paſtorin benützte einen ſeiner Rückzüge, um des geſtrigen Geldgeſchenkes Er⸗ wähnung zu thun:„Es war ein Hundertthalerzettel, Herr Graf,“ ſagte ſie;„nun und nimmermehr kann unſer Graf ſoviel für meinen Mann hergegeben haben; erſtens wäre die amtliche Forderung meines Mannes mit dem zehnten Theile dieſer Summe überreichlich bezahlt; und dann beſitzt, ſoviel wir wiſſen, Graf Heide durchaus kein bares Geld. Wir können und dürfen das nicht annehmen, Euer Er⸗ zellenz.“ „Liebe Frau,“ erwiederte der Eichenauer,„Sie treten Ihrem Gutsherrn doch zu nahe, wenn Sie ihn für ratzenkahl halten. Ich weiß, daß er minde⸗ 252 ſtens hundert Stück Dukaten in der Taſche hatte, als er mein Haus verließ.“ Der Paſtor erlaubte ſich, zu zweifeln:„Es müßte denn bei Euer Erzellenz etwa hoch geſpielt wor⸗ den ſein 24. „Mit nichten, lieber Paſtor; dergleichen kommt höchſtens bei den großen Jagden vor, und dann auch nicht mit meinem Willen. Ohne Karten, ohne Würfel, hundert Stück vollwichtige holländiſche Du⸗ katen; auf mein Ehrenwort!“ „Dann weiß ich nicht, wie ich mein Unrecht“.. Was der Paſtor ferner ſprach, erreichte Graf Ulrich's Gehör nicht mehr, denn Einer der jungen Ka⸗ valiere am entgegengeſetzten Ende theilte gerade eine Neuigkeit mit, die rings um ihn her große Senſation hervorbrachte, und in welche Graf Eichengrün den Namen Stjernholm verflochten glaubte. Er that, wie wenn er ſeinem Nachbar fortdauernde Auf⸗ merkſamkeit gönne, ſpannte jedoch alle Nerven und Muskeln an, um zu vernehmen, was jenſeits ver⸗ handelt wurde? Nach und nach verbreitete ſich das darauf bezügliche Gerede bis in ſeine Nähe. Eine der alten Ehrengarden der beſten Geſellſchaft in Stahlbrunn,— nicht einmal ein Schnurrbart fehlte ihr zum Gardiſten,— nahm ſämmtliche bis zu ihr 253 gedrungene elektriſche Materie in ſich auf und ent⸗ lud ſich ſodann in dem Blitzſchlage:„Ich will doch nicht hoffen, daß wir dieſe berüchtigte Baronin hier ſehen ſollen?“ Der Graf zuckte, wie wenn ihn wirklich ein galoaniſch elektriſcher Strom getroffen hätte, und ſei⸗ nen feſten Vorſätzen entgegen, rief er, heftiger wie ſich's ſtreng beurtheilt geziemen mochte, hinüber: „Weßhalb berüchtigt, meine Gnädige, wenn ich fragen darf?“ Die nächſte Folge dieſes Ausrufes war ein augenblickliches Schweigen, wodurch natürlich die Ver⸗ legenheit der ſtrengen Ehrenwache bedeutend vermehrt wurde. Man hörte länger denn eine Minute nichts, als den behutſamen Tritt der Aufwärter, die ſich dieſe plötzliche Unterbrechung des bisherigen Geſurres und Geſchwirres nicht zu deuten wußten und ſich auf eine ‚Geſundheit gefaßt machten, die der ſtets toaſtbereitete Badearzt zu Ehren der eichenauer Ex⸗ zellenz ausbringen würde? Doch es kam weder ein Toaſt zum Vorſchein, noch eine Antwort auf des Grafen Frage. Die jungen Herren,— und nicht allein die jungen,— hätten wohl herzlich gern ein Vivat ge⸗ rufen dem Muthigen, der es gewagt, einer ſo all⸗ gemein gefürchteten Sittenrichterin über den— Bart zu fahren und ihre Zunge zum Stillſtand zu brin⸗ gen. Sie ſämmtlich konnten ſchon der Baronin Ankunft nicht mehr erwarten, von der Stunde an, wo Doktor Riesling ihnen anvertraut, daß dieſe elegante Dame Wohnung durch ihn beſtellt habe. Ihr Verhältniß zum Prinzen, ihre merkwürdige Stel⸗ lung in der Reſidenz, ihr theils ſchlechter, theils gu⸗ ter Ruf waren ja auch in der Provinz vielfach beſtritten, bekrittelt, vertheidiget worden. Einige durften ſich rühmen, dieß Wunder unverwüſtlicher Schönheit mit eigenen Augen geſehen zu haben. An⸗ dere hatten Kuſinen, oder gar verheiratete Schwe⸗ ſtern in der Reſidenz, die ſich für dieſes geiſtreichſte und liebenswürdigſte aller weiblichen Geſchöpfe“ todt⸗ ſchlagen ließen, und jedes Fleckchen auf ihrem Na⸗ men aus boshaftem, verläumderiſchem Neide herlei⸗ teten. Sie hatte den Prinzen verſchmäht; nur aus Verzweiflung hatte dieſer die unvorhergeſehene, ſeiner nicht würdige Verbindung geſchloſſen. Dagegen be⸗ haupteten Einige,— und die Ehrenwächterinnen waren nicht die Letzten unter dieſen,— der Prinz habe ſich von ihr abgewendet, nachdem er ihrer ſatt geweſen, und zugleich hinter ihre Schliche gekom⸗ men war. Kurz, die Mehrzahl der Verehrer hatte nicht gewagt, ſich der Minderzahl der Anklägerinnen zu widerſetzen, und es herrſchte ſcharfe Spannung und Erwartung, wie ſich die Zuſtände der ſtahlbrunner Geſellſchaft wenden, ja, ob nicht vielleicht gar eine Spaltung in getrennte Parteien eintreten würde, ſobald die merkwürdige Frau ihren Einzug hielte? Nun hatte ein Mann von des Grafen Bedeu⸗ tung ſich unumwunden zu ihrem Ritter erklärt; ein Mann bei Jahren; Vater von erwachſenen Söhnen, deren Einer zwar begraben, deren Jüngerer doch auch ſchon ein Mann war; der Majoratsherr auf Eichenau; im ganzen Lande ‚der edle Eichengrün“ geheißen, und ſtets zitirt, wenn es galt, einen Gegner des Adels, der Majorate, des großen Beſitzes mit einem ſtrahlenden, unwiderleglichen Beiſpiele nieder⸗ zuſchmettern. Dieſer hatte gefragt: ‚Weßhalb berüch⸗ tigt?— Wie ſehr er bereute, es gethan zu haben, konnten die Dankbaren ihm nicht abmerken. Er hielt ſich, ſolange das bereits gemeldete Schweigen an⸗ dauerte, gerüſtet und ſaß erhobenen Hauptes da, um auf eine etwaige Erklärung des häßlichen Bei⸗ wortes für die Abweſende ins Gefecht zu gehen. Als aber gar keine Erklärung erfolgte; als die Ehrengar⸗ diſtin ſtumm blieb, und ſich dadurch— aus was 256 immer für Urſachen— unfähig bekannte, Gründe an⸗ zugeben, wären ſie auch ‚wohlfeiler wie Brombeeren;“ — als nun der durch einen Zauberſchlag im Laufe gehemmte Strom des Geſchwätzes nach und nach wieder zu rinnen und zu murmeln begann: da fühlte Graf Ulrich ſeine Bruſt von einem ſchweren Gewichte befreit, und nahm ſich vor, von dem alten ‚Tugend⸗ Drachen keine nähere Explikation zu erzwingen: auch überhaupt, ſoviel als möglich, jede Erörterung über ſeine Beziehung zur Stjernholm zu vermeiden. Nur da die Paſtorin,(die ſich's nicht ausreden ließ, daß der großmüthige Lügner ihr durch ſein Märchen vom Grafen Heide bloß die Beſchämung einer dargebotenen Wohlthat erſparen wolle,) neu⸗ gierig fragte:„Wer iſt denn die Baronin, auf die Die da ſo ſchimpft?“ da konnte er ſich nicht ent⸗ halten zu verſichern:„Eine ganz vortreffliche Dame; ebenſo ſchön, als klug; ebenſo gut, als ſchön; Sie werden ja ſich ſelbſt überzeugen können, Frau Paſtorin!“ — Sie war ſchon überzeugt; aus dem Klange dieſer Lobeserhebung entnahm ſie, daß die Baro⸗ nin dem Grafen perſönlich näher ſtehen müſſe, als er vor allen zeigen wolle; und ſie gelobte ſich im Stillen, ihm und der Erwarteten eine getreue Bun⸗ desgenoſſin zu werden, ſo weit ihre Kräfte reichten. 257 Soviel ſtand feſt: zwiſchen den älteren Frauen, die ſeit einer Reihe von Jahren Sommer für Som⸗ mer in Stahlbrunn zubrachten, daſelbſt die Geſell⸗ ſchaft beherrſchten und tyranniſirten, und zwiſchen dem Grafen Eichengrün war bereits der Krieg er⸗ klärt. Sie konnten nicht, wie ſie es bei jedem An⸗ dern gethan hätten, gegen einen ſolchen Herrn in offene Fehde treten; doch ebenſowenig konnten ſie ihm je vergeſſen, daß er ſie in ihrer Oberälteſten gleichſam alle beſchämt und verletzt habe; und noch dazu in Gegenwart einer ſo gemiſchten, zuſammen⸗ gewürfelten Verſammlung von Badegäſten; an einer Wirthstafel, die man heute nur ihm zu Ehren, nur um ſeine Ankunft zu feiern, beſucht hatte. Sein Ur⸗ theil war im Rathe der Alten—(alten Weiber nämlich) — ſo gut wie geſprochen; auf drei Stirnen ſtand zu leſen für jeglichen ſtahlbrunner Stammgaſt, der die hieroglyphiſche Runzelſchrift zu deuten verſtand: „Keine Schonung für die Baronin; wir züchtigen ihn in ihr, die er zu verehren ſcheint. Unter den jüngeren Damen, ſowie unter dem größten Theile der Männerwelt keimten und wucherten ſchon ſeit voriger Saiſon allerhand ſchismatiſche Meinungen. Man wünſchte längſt, das herkömmliche Joch abzuſtreifen und nicht jede Bergfahrt, nicht jeden 1857. XV. Noblesse oblige. II. 17 Thee dansant von den Launen der Geſetzgeberinnen abhängig zu wiſſen. Es hatte ihnen nur an einem neuen Propheten gefehlt, um den ſie ſich ſcharen könnten. Dieſen hofften ſie jetzt im Grafen zu finden. Er war wie dazu berufen durch Rang und Alter. Denn er vereinte die Eigenſchaften eines einzelnen ungebundenen Witwers mit der Würde des vorneh⸗ men Herrn bei Jahren. Man durfte ihm wie einem Vater folgen, ſich ihm anſchließen, und doch zwei⸗ felte niemand, der ihn ſah, an ſeiner jugendlichen Lebenskraft, an ſeiner Bereitwilligkeit alles mit⸗ zumachen. Nach beendigtem Diner— in ihrem Urtheil über die Abſcheulichkeit der Bewirthung ſtimmten ſämmtliche Klaſſen und Parteien überein,— zog ſich die konſervative Gruppe, von ihrem treugebliebenen Anhang umgeben, ſteif und mit kalten Begrüßungen zurück. Die zweite und dritte Klaſſe fuhr auseinander wie ein Flug Tauben, die der Marder aus dem Schlage vertrieb. Der Graf wurde, ehe er ſich's verſah, zum Mittelpunkte ariſtokratiſcher Jugend, ſo⸗ wie derer, die ſich dazu rechneten. Er griff mit beiden Händen zu. Größere Vor⸗ theile für ſeinen ſtahlbrunner Haupt⸗ und Lebens⸗ plan konnte nichts ihm gewähren, als daß die Ba⸗ 259 ronin in ihm gewiſſermaßen den König der Saiſon fände. Erweckte ſein Verkehr mit hübſchen Frauen vielleicht gar eiferſüchtigen Argwohn bei ihr, ſo mußte es ihm ja goldenſte Früchte tragen. Deßhalb wei⸗ gerte er ſich keinen Augenblick, die ihm dargebotene Krone anzunehmen, und um das Krönungsfeſt wür⸗ dig zu feiern, erbat er ſich die Erlaubniß: übermorgen ein Dejeuner im Baſſin zu geben? Die erſte Wirkung dieſes Anerbietens brachte ſichtliches Befremden hervor. Von der gegenwärtigen Generation wußte ſich niemand auf etwas ähnliches zu erinnern. Dem Grafen aber ſchwebte die Erinne⸗ rung daran aus der Zeit ſeines erſten Beſuches in Stahlbrunn vor, und weil er nach eklatantem Debüt haſchte, ſo ſchien ihm dieſer beſonders geeignet, Auf⸗ ſehen zu machen, und die alten Gegnerinnen zu är⸗ gern. Denn von dieſen war bekannt, daß ſie das Baſſin nie beſuchten. Stahlbrunn war, als unſere Geſchichte ſpielte, einer der wenigen Badeorte, wo ſich die urſprüng⸗ liche Sitte gemeinſamer Bäder für beide Geſchlechter noch aufrechterhalten. Es iſt über dieſe Sitte, die man Unſitte nannte, viel geklagt worden, und ſie iſt jetzt, ſoviel uns bekannt, mit Stumpf und Stiel ausgerottet worden; worauf diejenigen, die dieß 17* 260 bewirkt haben, ſehr ſtolz ſind, als ob ſie Gott weiß welch edle That gethan. Das hängt nun vom Ge⸗ ſichtspunkte ab, aus welchem man die Menſchen und ihren Werth betrachtet. Es hat nie an recht ver⸗ ſtändigen und ſittſamen Perſonen weiblichen Ge⸗ ſchlechtes gefehlt, welche in dieſem Zuſammenbaden durchaus nichts unſchickliches fanden; manche wollten ſogar behaupten, in der Harmloſigkeit dieſes uralten Gebrauches läge der ſicherſte Beweis, daß ein wohl⸗ begründeter guter Ruf viel zu ſeſt ſtehe, um von leichten Waſſerwellen, die gegen weiße, lange Ge⸗ wänder anſchlügen, erſchüttert zu werden. Ja Einige gingen ſo weit, zu erklären, in der Aufhebung dieſes Herkommens ſpräche ſich ein verdächtiges Eingeſtändniß verlorengegangener Unbefangenheit aus!— Doch das iſt nicht unſere Sache! Wir beugen uns vor dem Triumphe der Moralität und ſtellen nur das hiſto⸗ riſche Faktum hin: die Saiſon, wo Graf Eichengrün die Idee ſeines Dejeuners faßte, war die letzte, in welcher ihre Ausführung noch ſtattfinden konnte Man badete noch gemeinſchaftlich. Daß die Damen nicht entſchieden zuſagen moch⸗ ten, iſt begreiflich. Die Herren, ſchon zufrieden, daß nichts verweigert wurde, legten dieß für Zuſtimmung aus. Das Dejeuner galt für akzeptirt. 261 Doktor Riesling, unter beſonderer Protektion einer hyſteriſchen Frau von Zwittel, ſtets im Nach⸗ trab der erſten Klaſſe befindlich, wie eine Klette am Saume des Sammtſchleppkleides klebt, trat nun mit einer ‚unterthänigſten Bitte hervor, ob er vielleicht ſich die Ehre geben dürfe, im Auftrage Seiner Er⸗ zellenz den Herrn Badeinſpektor, welcher leider nicht hier zugegen ſei, von der beabſichtigten Fête in Kennt⸗ niß zu ſetzen? „Allerdings,“ erwiederte der Graf;„es verſteht ſich, daß er eingeladen iſt!“ „So mein' ich es wohl nicht,“ ſtotterte der Arzt;„vielmehr,— es exiſtirt eine Verordnung,— es ſind früher Klagen eingelaufen wegen Störung dietätiſcher Vorſchriften.... es iſt ſtreng verboten, im Baſſin“... „Ah c'est different! Nichts gegen das Geſetz. Ich bin weit entfernt, den Herrn Badeinſpektor in Konflikt mit ſeinen amtlichen Inſtruktionen zu bringen. Niemand hegt größeren Reſpekt vor den Anordnungen des Gouvernements, als meine We⸗ nigkeit. Auch wenn ich ſie nicht verſtehe, ihre Be⸗ deutung nicht zu erfaſſen vermag, was mir allerdings bisweilen widerfährt und für meine beſchränkte Auf⸗ faſſungsgabe zeugt, auch dann füg' ich mich gehor⸗ 262 ſam. Meint das hochweiſe Medizinalkollegium, es ſei der Verdauung ſchädlich, das Frühſtück, welches man kaum erwarten kann, wenn man aus dem Waſſer ſteigt, ſchon im Waſſer zu genießen, ſo darf ich nichts dawider einwenden. Ich kann nur aus eigener Er⸗ fahrung anführen, daß vor ſo⸗ und ſoviel Jahren ich mit mehreren Jugendfreunden im Vereine die dama⸗ lige Geſellſchaft zu bewirthen ſo glücklich geweſen bin, ohne daß Einer von uns Wirthen hingerichtet, oder daß jemand von unſern Gaͤſten das Opfer gaſt⸗ riſcher Nachwehen wurde. Ich weiß nur, daß wir alle mögliche und unmögliche pikante Näſchereien in Maſſe, daß wir feine Weine und Liqueure in Pro⸗ fuſion, daß wir Chokolade und Chaudeau in Strömen ſervirten,— wir ſelbſt, die Feſtgeber; denn Diener wurden nicht eingelaſſen. Mir begegnete das Miß⸗ geſchick, daß ich eine Schüſſel voll magniſiker Forellen fallen ließ; die armen Thiere konnten aber nicht mehr ordentlich ſchwimmen. Deſto beſſer ſchwamm eine allerliebſte kleine Gondel, die verſchiedene Aſſiet⸗ ten trug, und die auf der Damenſeite die Tour machte, wo immer Eine ſie der Andern zuſchob. Denn wir wagten erſt die Barritre zu überſpringen, oder vielmehr tauchend zu unterkriechen, nachdem die Madeira⸗Gondel auf der Männerſeite mehreremale die 263 Linie paſſirt hatte. Wir müſſen wirklich höchſt ver⸗ werfliche Menſchen geweſen ſein, und auch Ihre Müt⸗ ter, meine ſchönen Damen, müſſen nicht viel getaugt haben, daß wir dergleichen Schandthaten begehen konnten, vor denen die heutige Jugend von amts⸗ wegen und auf Befehl erröthet. Alſo, zum Zeichen, daß ich in mich gehe und Buße thue, renoncire ich auf mein Dejeuner und verwandle es in einen Thee mit Muſik und Abendbrot, wogegen hoffentlich weder unſer Doktor, noch ſein Herr Brunnen⸗, Bade⸗, Wan⸗ nen⸗, Baſſin⸗ und Tugendinſpektor etwas einzuwenden haben wird.“ „Es iſt Schade ums Frühſtück,“ riefen alle durcheinander;„es wäre etwas außerordentliches geweſen, und hätte die ganze Provinz in Aufruhr gebracht.“ „Aber, meine Herrſchaften,“ äußerte Herr von Zwittel,„der Tauſch iſt annehmbar: Wie raſch geht ein Frühmal im Baſſin vorüber; man darf doch nicht bis Mittag im Waſſer bleiben. Ein Thee, der in Souper übergeht, dauert länger, viel länger, und man hat mehr davon. Tanzen könnten unſere Schö⸗ nen im Waſſer doch nur höchſt unvollkommen. Und was den Genuß dargebotener Delikateſſen betrifft, wird er durch unvermeidlichen Stahl⸗, Schwefel⸗, 264 faulen Eier⸗ und anderen von ſolchen Heilquellen unzertrennlichen Beiſchmack mehr und weniger ſtets beeinträchtiget. Ich ſtimme dafür, Seiner Erzellenz tanzenden, trinkenden, eſſenden Thee dankbarlichſt anzunehmen, Kollationen im Gewäſſer dagegen See⸗ jungfrauen und Meermännern zu überlaſſen.“ Sämmtliche im Saal Zurückgebliebene, den Arzt an der Spitze, fielen endlich dem Herrn von Zwittel bei, und der Graf, nachdem er den Doktor gebeten, ihn zum Badeinſpektor zu begleiten, dem er einen Beſuch zugedacht, nahm ſeinen Rückert unter den Arm und empfahl ſich. Sein Lob wurde begeiſtert angeſtimmt, wie er nur hinaus war.„Solch ein Kavalier hat unſerm Stahlbrunn die verfloſſenen Jahre hindurch geman⸗ gelt,“ hieß es allgemein. Der Badeinſpektor, Herr von Gluckammer, ehe⸗ mals Offizier und jetzt durch Begünſtigung einſluß⸗ reicher Vermittler an dieſen Poſten gebracht, füllte ihn zur Zufriedenheit aller Betheiligten aus. Er nahm die ſtrengſten Befehle der Behörden, die auf jeglichen Unfug, beſonders aber auf das verpönte Hazardſpiel und den verbotenen Aufenthalt profeſſio⸗ nirter Spieler gerichtet waren, mit gebührendem Gehorſam entgegen; hielt auch in unerbittlichem 265 Amtseifer darauf, daß ſie der Form nach pünktlich vollzogen werden mußten. Wehe dem als Bank⸗ halter oder Croupier verrufenen Reiſenden, der ohne ärztliches Zeugniß, ‚daß die Herſtellung ſeiner Ge⸗ ſundheit dem Vorzeiger dieſes den Gebrauch der ſtahl⸗ brunner Quellen unumgänglich nothwendig maches, daſelbſt längeren Aufenthalt hätte nehmen wollen. Herr des Himmels, wie würde Herr von Gluckammer mit dem Freoler abgefahren ſein! Kranken aber durfte der Segen der Natur nicht vorenthalten ſein; das verſteht ſich. Dreimal Wehe dem Unverſchämten, der ſich erkühnt hätte, in offenem Zimmer, bei hellem Sonnenſchein Karten biegen und pointiren zu laſſen! Was hinter geſchloſſenen Thüren, herabgezogenen Vorhängen, von Wachskerzen beleuchtet, geſchah, da⸗ nach ſich zu erkundigen und die ſtillen Vergnügungen ehrenwerther Badegäſte zu ſtören, das wäre denn doch geradezu im Nachtheile der Unternehmung ge⸗ handelt und dem Rufe der Anſtalt verderblich geweſen! Wenn ein allzugewiſſenhafter Schnüffler unaufge⸗ fordert Bericht erſtattete, daß heimliche Geſetzübertre⸗ tungen wirklich exiſtirten, dann konnte Herr von Gluckammer recht böſe werden.„Herr,“ ſchrie er dann,„wüßten Sie das gewiß, und könnten wir die Kerls in flagranti ertappen, ich weiß gar nicht, was 266 ich Ihnen geben wollte! Aber Sie wiſſen es nicht gewiß, denn Sie waren ja nicht dabei, ſonſt machten Sie keine Anzeige; und aufs ungewiſſe hin läßt ſich nichts thun; es iſt auch ganz unglaublich, denn: ich hab' es zu entſchieden unterſagt. So ging es in ſeiner Art mit allem, was verboten war, Mord und Raub natürlich ausgenommen; und jeder Gaſt befand ſich wohl dabei; der Badeinſpektor am beſten. Zu dieſem jovialen, immer luſtigen, mit jedem vertrauten, alle Menſchen umarmenden, charmanten Manne begab ſich jetzt Graf Eichengrün, vom Bade⸗ arzte begleitet, der ſich nicht wenig darauf einbildete, neben Seiner Erzellenz herzugehen, wie wenn ſie bei Tiſche Brüderſchaft getrunken hätten. Herr von Gluckammer befand ſich einigermaßen leidend; er hatte mit ein paar durchreiſenden Polen einen Spazierritt gemacht, und das Pferd, welches ihm die übermüthigen Sarmaten zu reiten gegeben, hatte ihn abgeworfen. Er ging lahm und war erſt ſo weit hergeſtellt, daß er zur Noth am Stocke hin⸗ und herhumpelte. Dieß der Grund, daß er dem Grafen ſeine Aufwartung zu machen verſäumt hatte. Wie dieſer ihm nun die ſeinige machte, wollte der Herr Bade⸗ inſpektor, der ohnehin an fortdauernden Krümmungen des Rückens litt, deſſen Daſein die ganze Saiſon 267 hindurch ein beſtändiges Sich⸗beugen, Komplimente ſchneiden, Ehrfurcht⸗verſichern und obligates Huldigen war, vor Entzücken des Teufels werden. Daß ein ſolches Glück, beſchwor er, ſeiner niedern Hütte— (und darin log er nicht, denn er ſtieß beinah' mit der Stirn an die Decke,)— ſeiner unwürdigen Be⸗ hauſung, daß ſie ihm widerfahre,— das ſei zu viel! Und nun ging es an ein Aufzählen der Ver⸗ dienſte Seiner Erzellenz, deſſen Schluß für die nächſte halbe Stunde kaum abzuſehen war. Dieß geduldig über ſich ergehen zu laſſen, war der eichenauer Graf nicht willens. Er fuhr demnach raſch dazwiſchen:„Herr Inſpektor, ehe Sie mich bis in den Himmel erheben, muß ich Sie erſuchen, etwas ganz irdiſches mit mir abzumachen. Ich hege den Wunſch, hier in Stahlbrunn zu wiederholen, was ich, lange bevor Sie daran dachten Badebeamter zu werden, mit Glück verſuchte. Ich will ein De⸗ jeuner im Baſſin geben. Haben Sie etwas da⸗ gegen?“ „Aber Erzellenz waren ja bereits entſchloſſen“.. würgte der Doktor heraus, brachte den Satz jedoch nicht zu Ende, weil der Graf ihm Stillſchweigen gebot. Der arme Gluckammer machte eine traurige 268 Figur. Ihm ſchien es unmöglich, dem Willen des Majorathsherrn von Eichenau ſich entgegenzuſetzen, und doch wußte er am beſten, daß er ſeine Anſtel⸗ lung riskirte, wenn er duldete, daß ein ‚Erzeß, ein Unfug⸗— denn mit dieſen Worten ſtanden derlei Dinge auf ſeiner Inſtruktion verzeichnet,— im Baſſin verübt werde. Er ließ einzelne Andeutungen fallen von Dienſtpflicht,— Verantwortlichkeit,— Ehrfurcht,— Ausnahmen,— Fürſprache,— Aus⸗ gleichung,— Anfrage,— nicht ermächtiget ſein,— bis endlich der Graf ſich ſeiner gnädig erbarmte: „Ich wollte Ihnen nur darthun, Herr von Gluckam⸗ mer, daß ich nichts weiter bin, als ein ſtahlbrunner Badegaſt, der ſich Ihren Vorſchriften zu fügen hat, wie Sie denen Ihrer Behörde; daß Sie folglich vermeiden ſollten, mit mir, oder irgendwem, ſoviel unnütze Umſtände zu machen. Wir ſind ganz einig. Mein Frühſtück iſt zum Thee geworden. Hoffentlich haben Sie nichts dagegen, daß getanzt wird? Und nun eine Bitte: laſſen Sie von Ihrem Schreiber ein Verzeichniß aller Anweſenden aufſetzen, ſchicken Sie mir den Menſchen heute noch, und erlauben Sie, daß ich ihn mit einer von mir verfaßten Ein⸗ ladung umherſende. Meine Leute würden ſich nicht zurechtfinden.“ 269 Der Inſpektor lebte wieder auf, ließ ſich's nicht nehmen, die verlangte Liſte mit eigener Feder zu lie⸗ fern, bat Seine Erzellenz einſtweilen Platz nehmen zu wollen und hatte ſehr bald die vordere Seite des Bogens ausgefüllt. Graf Eichengrün überflog das Verzeichniß... „Sind das alle Anweſenden?“ fragte er. „Ja wohl,“ antworteten Gluckammer und Ries⸗ ling zweiſtimmig;„alle, die Anſprüche darauf machen dürfen, durch eine Einladung Euer Erzellenz beglückt zu werden.“ „Ich vermiſſe aber eine ganze Reihe von Per⸗ ſonen, mit denen ich geſtern und heute an einer und derſelben Tafel ſpeiſete?“ „Bitte um Entſchuldigung,“ ſagte der Arzt, „Steuerrath Schraube und mehrere Andere ſtehen hier genannt.“ „Wo iſt mein Paſtor? Wo ſind die guten Leute, die am linken Flügel ſaßen? Und gewiß gibt es eine Menge von Familien, die nie im Salon Mittag eſſen? Es müßen doch mehr, als ſechszig, oder ſieb⸗ zig Menſchen hier ſein?“ „Das wohl,“ entgegnete Herr von Gluckammer, „doch die paſſen durchaus nicht in unſeren Kreis.“ „Meine Herren, ob ſie in den Ihrigen paſſen, 270 vermag ich nicht zu beurtheilen, und wenn Sie ein Feſt veranſtalten wollen, werde ich mir keine Einwen⸗ dung gegen Ihre Arrangements geſtatten. In den Kreis, den ich übermorgen um mich zu verſammeln wünſche, paſſen alle, die ſich in gleicher Abſicht mit mir und den hier bereits Genannten zu Stahlbrunn be⸗ finden; ich wünſche alle zu ſehen, die mir die Freude machen wollen, meine Aufforderung anzunehmen. Wem das nicht gelegen iſt, und wer ſeine abge⸗ ſchmackten Vorurtheile aus der Stadt, oder von ſei⸗ nen Düngerhaufen mit ins Bad gebracht hat, und vielleicht wegbleiben will,— der wird mich zwiefach verbinden. Daraus mach' ich kein Geheimniß. Ich bin nie ein beſonderer Verehrer dieſer Sorte von Adelsſtolz geweſen, die ſich für mich ſchon lächerlich genug ausnimmt, wo ſie ſich in ihren gewöhnlichen vier Pfählen bläht. Setzt ſie aber die Narrheit fort, und dehnt ſie ihre Erkluſivität ſo weit aus, ſich auch dort abſondern und langweilen zu wollen, wo wir Menſchen uns als Menſchen doch ſo gleichſtehen, und unſere Gebrechen in einem und dem nämlichen Becken abzuwaſchen trachten,— da erſcheint ſie mir wirklich insupportable— unerträglich iſt zu wenig geſagt. Im Himmel und im Bade ſind wir alle gleich! Haben Sie die Gefälligkeit, mir eine vollſtän⸗ 271 dige Liſte anfertigen zu laſſen, Herr von Gluckam⸗ mer; eine ganz vollſtändige. Ich muß ernſt⸗ lich darum bitten. Ihren Schreiber werd' ich für ſeine Bemühung honoriren. Bon soir, meine Herren!“ „Eſel!“ rief er aus, als er draußen war;„Eſel!! Eſel!!! Haſt Du's gehört, mein neuer poetiſcher Freund,(und dabei klopfte er mit der Fauſt auf das Buch,) haſt Du's vernommen? Sie wollen Unter⸗ ſchiede machen, dieſe Schäker und Schächer, Unter⸗ ſchiede zwiſchen Herrn von Zwittel, und meinen Pa⸗ ſtorsleuten, zwiſchen dem albernen Witzreißer Schraube und etwa einem armen ehrlichen Strumpfwirker, oder Tuchmacher aus irgendeinem kleinen Städtchen! Sie, denen zunächſt daran gelegen ſein müßte, daß ihr Völkchen ſich rückſichtslos, munter durcheinander bewegte, wie im Gewühl einer großen Redoute, wo der Schuhflicker den Prinzen mit Du anredet, wenn ſie beide maskirt ſind. Der Sommer im Bade ſoll eine Redoute ſein, eine unverlarote, unter Gottes freiem Himmel, wo alle Plackerei und Nergelei des Lebens aufhört. Kommen ſie mir mit ihren ver⸗ fluchten Ständen! Mit ihren erſten, zweiten, dritten Klaſſen! O ihr Eſel!“* „Befehlen, Erzellenz?“ fragte Lobeſam aus der Hausthür entgegen. 272 „Nein, Lobeſämchen, ich habe Dich nicht geru⸗ fen. Dießmal nicht. Ich dachte an Andere!— Aber nun mache Deine Ohren ſo lang, wie der ſchönſte Eſel, damit eingehe durch ſie in Dein Gehirn, was ich Dir verkündigen will. Uebermorgen, Abends ſechs Uhr geb' ich im Salon einen Thee; Thee mit allen Chikanen. Verſtanden?“ „Zu Befehl, Erzellenz.“ „Dann Erfriſchungen jeder Gattung,— jeder — verſtanden?“ „Zu Befehl, Erzellenz.“ „Bis zehn Uhr. Schlag zehn Uhr Souper; Einhundertfünfzig, bis⸗ achtzig Perſonen.— Rechnen wir, um ſicher zu gehen, Zweihundert; die Aufwär⸗ ter müſſen gute Nachleſt halten. Alles, was gut und theuer iſt. Gut und theuer! Verſtanden?“ „Zu Befehl, Erzellenz!“ „Speiſen und Weine, ausgeſucht, nur vom Beſten, in Fülle. Jetzt gehſt Du zum Reſtaurateur im Salon, pflegſt Rath mit ihm, was er im Stande iſt herbeizuſchaffen. Der arme Schlucker will auch leben. Unterdeſſen beſtellt der Jäger Extrapoſt; Du fährſt vom Salon ab direkt nach der nächſten Stadt. Um elf Uhr langſt Du an, forſcheſt einen tüchtigen Koch aus; für gute Bezahlung leiht der Wirth des 8 273 Hötels, wo wir übernachteten, den ſeinigen. Mit Tages⸗ anbruch kauft Ihr zuſammen, was für Geld zu haben iſt. Den Konditor nicht zu vergeſſen. Beladet einen Wagen. Bis morgen Abend ſeid Ihr hier. Dann habt Ihr eine Nacht und einen Tag vor Euch. Ver⸗ ſtanden?“ „Zu Befehl, Erzellenz!“ „Hier iſt Geld. Nicht ſparen. Es gilt Deinem Herrn Ehre zu machen— und Dir! Wer biſt Du?“ „Haushofmeiſter Seiner Erzellenz des Grafen Eichengrün auf Eichenau.“ „Wirſt Du demgemäß fungiren?“ „Zu Befehl, Erzellenz!“ „Glückliche Reiſe, Lobeſämchen!“ In einer halben Stunde rollte Lobeſam die Straße entlang. Graf Ulrich ſaß feſt über Friedrich Rückert's Gedichten, und die Vögel im Garten ſangen mit dem großen deutſchen Sänger um die Wette. Neunzehntes Kapitel. Darüber waren alle einig, daß in Stahl⸗ brunn nie und nimmer ein Feſt erlebt worden ſei, 1857. XV. Noblesse oblige. II. 18 274 welches ſich mit dem vom Grafen Eichengrün gegebe⸗ nen meſſen dürfe. Lobeſam hatte in jeglicher Art Ehre eingelegt. Die geſellige Freude war allgemein geweſen. Sogar die gefürchtete Vereinigung der Bade⸗ gäſte von verſchiedenſten Ständen hatte ihr keinen Eintrag gethan. Auch die hochmüthigſten Mitglieder erſter Klaſſe bewunderten und rühmten des Feſtge⸗ bers unermüdliche Sorgfalt und Aufmerkſamkeit, die ſich bis auf die Geringſten erſtreckte, keinen vergaß, für jeden freundliche Worte fand, überall zu gleicher Zeit waltete und dabei noch Zeit behielt, ſich unter die Tanzenden zu miſchen, um wenigſtens den Ehren⸗ und Ertratouren zu genügen, welche die Dankbar⸗ keit der Weiberwelt ihm zumuthete. Am„Grafen Eichengrün,“ äußerten die beſten Tänzerinnen,„könnten unſere jungen Herren ſich ein Beiſpiel nehmen in allem, was Galanterie heißt; es wäre ihnen recht nützlich. Er beſchämt alle.“ Auch mit den Ehrenwächterinnen war, wenn nicht dauernder Friede, doch friedliche Uebereinkunft geſchloſſen. Daß der Graf ſein Feſt gegeben, ohne auf die Ankunft derjenigen zu warten, für die er bei Tafel in die Schranken treten zu wollen ſchien, hatte, (für jetzt wenigſtens) den ſchnurrbärtigen Doyen der feindlichen Heerſchaar entwaffnet; ſie waren in 275 pleno der Einladung gefolgt und ließen ſich's dann vortrefflich ſchmecken. Der Reſtaurationspächter und deſſen Suite, bis zur letzten Küchenmagd poſaunten den Ruf des generöſeſten aller Sterblichen, die jemals in Stahl⸗ brunn einen Thee gegeben, von Haus zu Haus. Kurzum, der gute Graf ſah ſich, den Vorſätzen, die er von Eichenau mitgebracht, zuwider, als Zentrum der Saiſon allgemein anerkannt und geehrt. Er be⸗ reute zwar, was er gethan,— doch nun war es zu ſpät.„Ich habe mich wieder einmal vom Tempera⸗ mente fortreißen laſſen,“— äußerte er gegen Lobe⸗ ſam;—„ich bin immer noch zu jung!“ „Gott ſei's gedankt,“ meinte der Haushofmeiſter, noch zehrend an den Lobſprüchen, womit er über⸗ häuft worden;„Gott ſei's gedankt: wir ſind noch jung und werden auch nicht alt. Euer Erzellenz haben auf dem Balle ſämmtliche andere Herren aus⸗ geſtochen. Das fand auch der Badeinſpektor. Der war ſo gütig, mir einige Winke zu geben. Nun weiß ich, wem die ſtahlbrunner Reiſe gilt!“ Der Graf wurde roth bis an die Stirn:„Was hat er Dir geſagt? Wen hat er Dir genannt?“ „Comteſſe Alexandrine?“ flüſterte Lobeſam,„die Blondine! Ich habe ſchon mit dem Bedienten der 18 276 Gräfin Bekanntſchaft gemacht, der zwar ein höchſt ordinärer Menſch iſt; doch für meinen Grafen ſcheue ich auch den Teufel nicht. Das Kammermädchen konnte ich noch nicht ſprechen, hoffe aber heute Abend“.... „Lobeſam, gib Dir nicht vergebliche Mühe. Ihr ſeid auf falſcher Fährte, Du und Dein Herr von Gluckammer. Comteſſe Alerandrine iſt mir ſo gleichgiltig wie möglich. Der Gegenſtand, der mich nach Stahlbrunn zog, befindet ſich noch nicht hier. Das laſſe Dir geſagt ſein und begehe in übertrie⸗ benem Dienſteifer keine Dummheiten; ſchwatze nicht etwa Unſinn mit der Gräfin Kammermädchen. Gräfin Mutter gehört ohnedieß zum feindlichen Lager, und gerade mit ihr wird es harte Kämpfe ſetzen, wenn die Dame eintrifft, welche ich ſehnſuchtsvoll erwarte.“ Lobeſam ließ den Kopf hängen:„Schade, ſehr ſchade! Ich verſprach mir von einem diplomatiſchen Verkehr mit der ſchwarzäugigen Hexe viel Vergnügen!“ „So mache Diplomatie auf eigene Hand, wenn Du durchaus meinem Sohne Hermann ins Hand⸗ werk pfuſchen willſt. Mich nur laß' aus dem Spiele. Und halte Dir eine Thür zum Rückzuge offen. Viel⸗ leicht bringt. die Erwartete auch ein Kammermäd⸗ chen mit?“ „O ich begreife! Die ſchwarzen Hexenaugen haben Ruhe vor mir,— und ich vor ihnen. Dürft' ich jetzt unterthänigſt erinnern, daß Erzellenz auf heute zum Eſſen verſagt ſind? Die Herren haben ausdrücklich bitten laſſen: um ein Uhr beim Bach⸗ fiſcher. Erzellenz ſind immer ſo vertieft in das Ge⸗ dichtbuch”... „Daß ich ſelbſt das Faſttagsdiner beim Bach⸗ fiſcher vergaß! Du haſt Recht, es muß ſein. Ich komme da in einen Geruch von Frömmigkeit, der mir, dem Ketzer, ſonſt fremd iſt. Und ich fürchte, ich werde als ſolcher der Einzige am Tiſche ſein, der wirklich ein Opfer der Entſagung bringt, weil ich mir aus Faſtenſpeiſen, Fiſche und Krebſe mit einge⸗ ſchloſſen, nichts mache; während die übrigen, ſämmt⸗ lich Rechtgläubige, eingeſtehen mußten, daß ſie ſich darauf freuen. Und getrunken werden wird auch nicht wenig. Mir bleibt die Wahl zwiſchen verdorbenem Magen und ſchwerem Kopfe Doch da heißt es: tu bas voulu, George Dandin! Warum hab' ich mich in den Wirbel begeben?“ „Warum ſind Erzellenz, der Sie ſind?! Können nicht ausweichen. Gräfin Barbara ſagt in ſolchen Fällen: Noblesse oblige.“ „Zu deutſch: Hoffart will Zwang.— Gib mir mein Kleid und laß' David vorfahren.“ 278 Zehn Herren vom ſtahlbrunner Adel hatten ſich vereint, dem Grafen ein Diner zu geben; und da ſie zufällig alle Katholiken waren, und auch, wie ſchon erwähnt, leidenſchaftliche Fiſch⸗ und Krebs⸗ eſſer, ſo hatten ſie einen Freitag auserwählt, und dem Bachfiſcher,— deſſen Häuschen und Küche im beſten Geruche ſtand,— eingeſchärft, alles vorzüg⸗ liche herbeizuſchaffen, was von Waſſer⸗ und Sumpf⸗ thieren in der Umgegend ſchwimme und krieche. Gründ⸗ linge, gebacken; Aale, marinirt; Schmerlen, geröſtet; Hechte, geſpickt und gebraten; Forellen, geſotten; Krebſe, die ſelbſt in einer Seeſtadt als anſtändige Hummer auftreten konnten; Paſteten von Waſſer⸗ hühnern und Fiſchottern,(die einzigen Vögel und Säugethiere, die für Fiſche paſſiren;)— und warme wie kalte Mehlſpeiſen, Bäckereien, Kuchen ſonder Zahl, bildeten den feſten Beſtandtheil der Mahlzeit; den flüſſigen dagegen ein Durcheinander zehn ver⸗ ſchiedener, mit Flaſchen von verſchiedenſter Form an⸗ gefüllter Körbe; deren Inhalt von den reſpektiven Spendern mit dem feierlichen Ausſpruch:„Fiſche wollen ſchwimmen!“ angeprieſen wurde. Es iſt eine von erfahrenen Verehrern der Tafel⸗ freuden anerkannte Wahrheit, daß ſolide Grundlage, wie Roſtboeuf, Hammelkeule, Schinken, Rehrücken, 279 Kalbsbraten wohl gewähren, wünſchenswerth ſei, ſoll das Gemiſch divergirender Weine nicht allzulebhaft wir⸗ ken. Fiſche leiſten dieſes Gegengewicht ſelten, und ſo geſchah es denn, daß noch vor Eröffnung der den Bra⸗ ten vorſtellenden Paſteten die edlen Herren ſehr geſprä⸗ chich wurden. Auch Graf Eichengrün, vielleicht gerade, weil er Trinkgelage mied und deßhalb außer Uebung war, empfand ſehr bald, daß er ‚animirt' ſei und legte, was er redete, nicht mehr auf die Wage. Da gab es denn bald abweichende Anſichten und Meinungen. Unter andern gab Herr von Zwittel die ſeinigen kund über einige der in Stahlbrunn an⸗ weſenden„Bürgerlichen“, das heißt: Nicht⸗Adeligen, welche ſich ſeit dem famoſen Feſte Seiner Erzellenz allerlei Gurken herausnähmen und eine unzweideu⸗ tige Anmaßung verriethen, die man nicht dulden ſollte. Mehrere vornehmere Herren ſtimmten dem Herrn von Zwittel bei, und Graf Straffſchütz, ſonſt ein ganz gutmüthiges Menſchenkind, machte dem Grafen Eichengrün ernſtliche Vorwürfe, daß er durch ſein ins allgemeine, unbegränzte reichendes Gaſtgebot jene Anmaßung provozirt habe. „Wenn Sie, mein theurer Graf,“ erwiederte ihm der eichenaner Majoratsherr,„mich darüber tadeln, ſo empfinde ich die Pflicht, mich zu verthei⸗ 280 digen; gegen Sie und Andere unſeres Gleichen; nicht gegen den Adel von vorgeſtern, gegen den auf⸗ geblaſenen Zwitter⸗Adel—(Herr von Zwittel verbiß ſeine Verlegenheit in einen Krebsſchwanz!) — der beſſer thäte über dieſe kitzlichen Gegenſtände zu ſchweigen,— et pour cause! Ich ſage verthei⸗ digen; nicht wegen deſſen, was ich gethan(denn Badeorte verhalten ſich zur Geſellſchaft, wie mei⸗ lenweite Dörfer zur Univerſitätsſtadt: da gilt kein Komment;) ſondern wegen deſſen, was ich denke. Ich bin ein Ariſtokrat bis in die Fingerſpitzen und ich maße mir ein Recht an, dieß zu ſein! Cest mon métier! Aber wenn ich, wie ich von mediatiſir⸗ ten Reichsunmittelbaren abſtamme, noch regierender Herr und Fürſt, ja wenn ich ein mächtiger Herr⸗ ſcher wäre, ich würde zum Beiſpiel die Hoffähigkeit nicht bloß von hoher Geburt und den damit verbun⸗ denen Auszeichnungen abhängig nachen. Ich würde Bürger und Bauern, Handwerker verſchiedener Gat⸗ tung, die ſich durch Charakter,(nicht durch Reich⸗ thum,) hervorthun und von ihresgleichen allgemein geachtet ſind, geradezu hoffähig erklären, damit ſie auch jene Stände, und nicht nur ausnahmsweiſe, in meinen Sälen repräſentirten. Aber, wie ſich von ſelbſt verſteht: ohne etwa ſie nobilitiren, oder irgend⸗ 281 ein anderes hocus pocus mit ihnen vornehmen zu wollen! Sie müßten eben bleiben wer und was ſie ſind, und ſo müßten ſie am Hoflager erſcheinen dürfen, wann und— wenn ſie wollten. Daß man in Wei⸗ mar gewiſſe Männer adeln zu müſſen glaubte, da⸗ mit ſie dieſes Rechtes theilhaftig würden, darein hab' ich mich nie finden können, und es hat mich faſt irregemacht in meiner unbedingten Verehrung für einen der bedeutendſten Fürſten, die Deutſchland je beſaß.“ „Was Sie da aufſtellen,“ erwiederte Straffſchütz, „iſt ein charmantes Paradoron, ganz des edlen Grafen Eichengrün würdig, der ſein koſtbares und muſterhaft verwaltetes Eichenau, wo er ſelbſt reſidirt, jeder Re⸗ ſidenz vorzieht. Ein großer, unumſchränkter Regent wäre wohl auch im Stande, dergleichen wenigſtens annä⸗ hernd durchzuführen, ohne allzugroße Inkonveni⸗ enzen; weil er die Macht behielte, Halt zu rufen, wenn es läſtig würde. Wir aber ſind vorzugsweiſe jetzt, wo der Adel ſo vielerlei Anfechtungen exponirt iſt, darauf angewieſen, feſt zuſammenzuhalten, und uns möglichſt ſtreng zu ſondern.“ „Vollkommen einverſtanden, beſter Graf. Sie ſprechen mir aus der Seele. Sondern ſollen wir uns, und feſt zuſammenhalten. Doch wovon und 282 worin? Da liegt der Hund begraben! Wir ſollen uns abſondern von allem niedrigen, gemeinen, un⸗ würdigen und unadeligen. Wir ſollen ſtolz ſein auf uns und ſollen dieſen Stolz mit Konſequenz behaupten; das heißt: wir ſollen unſeren Wünſchen, Launen, Leidenſchaften, Bedürfniſſen nicht Konzeſſionen machen, indem wir zuvorkommend, aufmerkſam, verbindlich, wohl gar kriechend ſind gegen diejenigen, die wir gerade brauchen; indem wir uns hochmüthig von ihnen zurückziehen, ſie nicht mehr kennen wollen, wenn wir ſie nicht mehr brauchen. Das iſt nicht nur nicht adelig, das iſt gemein, recht verächtlich gemein, obwohl es leider alltäglich vorkommt. Es ſei der hochgeborne Herr in Geldnoth; er bedürfe der Ver⸗ mittelung eines ſubordinirten Beamten; er haſche nach der Einladung in ein Haus, wo er eine ihm intereſſante Perſon zu finden hofft; er ſuche bei überfülltem Theater Platz in einer Loge; er gehe darauf aus, ſich an einem modernen Aktienunter⸗ nehmen zu betheiligen; ja, er verſpüre nur tödtliche Langeweile... und er wird ſich nicht entblöden die herabwürdigſten Schmeicheleien zu ſagen, den vertraulichſten, herzlichſten Ton anzunehmen, die ſchmählichſten Avancen zu machen. Ebenſo wird er, iſt ſein Zweck erreicht, hat der ‚Mohr ſeine Schul⸗ 283 digkeit gethan,“ dem Mohren den Rücken wenden, und der ‚Mohr kann gehen.“ Er wird ihn nicht mehr kennen, wird ſeinen Gruß kaum noch erwie⸗ dern. Dieſe Inkonſequenz iſt es, dieſe feige Nachgie⸗ bigkeit gegen momentane Gelüſte, oder niedrige Be⸗ dürfniſſe, die ich dem Adel unſerer Zeit zum Vor⸗ wurf mache. Wer ſich aus einer beſondern Maſſe zubereitet, von beſſerer Gattung als andere Erden⸗ menſchen dünkt,— in Gottes Namen! Ich ſtreite nicht mit ihm: Er habe ſeine Anſicht von ſich und für ſich,— aber, meine Herren, er halte ſie feſt; er bleibe ihr treu, er opfere ſie nicht der Leiden⸗ ſchaft, der Habſucht, dem Bedürfniß; er verhun⸗ gere eher! Er antichambrire nicht ganze lange Vor⸗ mittage als demüthiger Supplikant bei dem einfluß⸗ reichen Theilhaber irgendeiner großen Geldentrepriſe, woran er partizipiren, wovon er Gewinn durch Di⸗ videnden ziehen möchte, wenn er acht Tage zuvor be⸗ ſagten Theilhaber einen ‚unausſtehlichen Judenlaffen“ geſcholten hat, und feſtentſchloſſen iſt, ihn nach er⸗ reichtem Zwecke nicht anders zu ſchelten! Das iſt ignoble, iſt in meinen Augen viel ſchlimmer, als der intimſte Umgang mit Gevatter Schneider und Hand⸗ ſchuhmacher. Die ſchlimmſten in dieſem Punkte ſind jedoch unſere Damen. Nicht gegen Männer. Wie 284 denn auch unſere Herren gegen Frauenzimmer im allgemeinen herablaſſender, nur gegen alte und häß⸗ liche kurz angebunden erſcheinen; doch das iſt weni⸗ ger Hochmuth, als Mangel an Lebensart. Gegen ihr eigenes Geſchlecht leiſtet die weibliche Ariſtokratie mitunter das Unglaubliche; es ſtreift ſo nahe an kind⸗ liche Naivetät, daß es rührend wird: dieß Aufſu⸗ chen derer, die man zu Gefälligkeiten und Dienſten haben will; dieß Laufen⸗laſſen und Ignoriren, wenn's vorüber iſt. Wider dieſes Abſondern, mein theurer Graf, erkläre ich mich entſchteden. Wider dieſes Zuſammenhalten des Adels kann ich mich nicht ſchroff genug ausſprechen. Und aus ſolchen ſchreienden In⸗ konſequenzen leite ich den zunehmenden Adelshaß hauptſächlich her; finde ihn, was noch mehr iſt, in ſeinem guten Rechte; thue deßhalb, was an mir liegt, ihn zu mildern; und wünſchte recht viele Glau⸗ bensgenoſſen zu haben.“ Nicht jeder am Tiſche fühlte ſich frei und ſicher vor den Anklagen, die Einer ihrer Erſten gegen ſie richtete. Der Ernſt, den Graf Eichengrün an ſeine Diatribe geſetzt, wirkte auf ſie und ſchlug die fröh⸗ liche Weinlanne nieder. Es wollte kein rechter Fluß mehr ins Geſpräch kommen. Solche Stockungen ſind in kleinerem Kreiſe ſtets 285⁵ peinlich. Graf Straffſchütz, der ſich innerlich anklagte, dieß verſchuldet zu haben, haſchte nach neuen Bele⸗ bungsmitteln, und der böſe Geiſt, der überall dabei ſein will, wo etwas zu thun iſt, gab ihm ein, Seine Erzellenz glücklich zu preiſen, daß Er ſich in ſo vor⸗ gerücktem Alter noch ſo munter zeige. Das traf einen wunden Fleck. Derſelbe Mann, der ſich vor wenig Minuten edel, weiſe, vorurtheils⸗ frei ausgeſprochen, verfiel alſogleich in die faſt ein⸗ zige Schwäche, die ihn verunzierte. Er wollte nichts von ſeinem Alter hören; hier, in Stahlbrunn, wo ſtündlich Baronin Stjernholm eintreffen konnte, am allerwenigſten. Ihr armen Menſchlein! Wolle doch keiner von Euch auf ſeine Kraft, auf ſeine Stärke trotzen! Ir⸗ gendwo iſt jedem beizukommen. Von nun an wurde Graf Ulrich verdrüßlich, ſetzte die ganz abrupto von ihm wiederaufgenomme⸗ nen Rangſtreitigkeiten mit höhniſcher Bitterkeit fort, anſtatt wie vorher mit guten Waffen zu fechten, und ließ ſich gar ſo weit hinreißen, daß er nicht undeut⸗ lich zu verſtehen gab, die Wenigſten der in Stahl⸗ brunn den hohen Adel Vertretenden hätten Anſprüche auf dieſes Prädikat. Dadurch zog er nun das un⸗ erquickliche Thema auf ein ganz anderes Gebiet. Es 286 würde vielleicht zu verletzenden Aeußerungen gekom⸗ men ſein, hätte nicht glücklicherweiſe Baron Kolau der Sache eine günſtige Wendung gegeben. Dieſer, an manchen ſchnurrigen Einfällen reich, ergriff die Vertheidigung des Adels ohne Ahnen.„Erzellenz,“ ſprach er, mit Salbung:„wozu eine kritiſche Beleuch⸗ tung der Genealogieen? Iſt es nicht erwieſen, und hab' ich es nicht von Ihnen ſelbſt beſtätigen hören, daß uralte Stammbäume zu Zeiten die dürftigſten Früchte tragen? Zuletzt kommt es doch darauf an, wofür Einer gehalten wird, und was er von ſich hält. Wer an ſeinen Adel, an ſeine hohe Geburt recht innig glaubt, und nach dieſem Glauben handelt; wer durch ſein Thun und Treiben den Beweis lie⸗ fert, daß er einer langen, langen Reihe von Ahnen entſtamme, die tüchtige Raubritter waren, Reiſende und Kaufleute tapfer niederwarfen, die Faſten hiel⸗ ten und dabei tranken wie wir, der kann ſich immer ſehen laſſen unter uns, ſollt' ich denken! Die regie⸗ rende Familie der Stadt Purbunder, vom Stamme der Dſchaidwar in Indien, behauptet und glaubt vom berühmten Affen Honuman abzuſtammen und führte bis jetzt den Titel ‚geſchwänzte Rana, weil ein Ahnherr die affenartige Verlängerung des Rück⸗ grathes noch beſeſſen. Ei, Sapperlot, ſollte bei uns 287 die Tatze des Raubthieres nicht dieſelben heraldiſchen Dienſte leiſten? Ex ungue leonem! Aus der Kralle erkenne den Leu'n, nicht aus dem gothaiſchen Al⸗ manach!“ Ueber den Schwank mußte Graf Eichengrün laut auflachen, und das brachte ihn zur Beſinnung. Sein Groll war verflogen. Das Diner nahm noch ein erwünſchtes Ende und die Herren gingen ziem⸗ lich frohen Sinnes auseinander. Alle beſtiegen ihre Wagen. Nur David erhielt den Befehl, ohne ſei⸗ nen Herrn abzufahren. Der Graf empfand das Bedürfniß allein zu ſein. Er ſchlug den Weg ein, der von Stahlbrunn ab führt; ſo ging er, die Land⸗ ſtraße entlang, am Ufer eines luſtigen Gewäſſers, theils vergnügt und erwärmt durch den Genuß ſtar⸗ ker Weine, theils ärgerlich, daß er ſich habe verlei⸗ ten laſſen, mehr zu trinken als ihm dienlich ſei. Nur einzelne Landleute zu Fuß und zu Wagen kamen ihm entgegen; von den Badegäſten keine Seele. Die wußten wohl romantiſchere Spaziergänge, als an der Chauſſée hinauf. Er lehnte ſich an die höl⸗ zerne Barritre und ſchaute hinab in die Wellen des Baches, wie ſie über Steine rauſchten und brauſeten. Der Anblick erinnerte ihn an ſeine Eicha, an ſein liebes Heimatflüßchen, an Eichenau, an die Kind⸗ 288 heit, an die Jünglingsjahre. Da ward ihm weich und weh und wohl, wie jedem, der ein Herz hat und eine Heimat, mit der dieſes Herz noch zuſammen⸗ hängt; ſei's von geſtern, ſei's von einem halben Jahrhundert her; ſei er ein reicher Majoratsherr, ſei er ein armer obdachloſer Wanderer! Jedem wird wohl, jedem wird weh, wenn's ihn mit bekannten Tönen an ſein ‚Zu Hauſe’ mahnt. Und da geſchah dem Grafen ſo wunderbar, daß er die ganze Mittagstafel vergaß, ſammt den Her⸗ ren, die ſie ihm gegeben, ſammt den Reden, die ſie mitſammen geführt; auch ſeinen Groll vergaß er, wegen des„Alters, was man ihm kaum abmerke! Ja, vergaß er doch das Alter ſelbſt und wähnte ſich, wie er dort lehnte und in die Wellen ſchaute, ein Jüngling; denn in ſeiner Bruſt war er jung, hatte Liebe darin die Fülle; Liebe zu Gott, Liebe zur Menſchheit,— ach, und Liebe zur Baronin! So jung war ihm zu Sinne, ſo warm, ſo hoffnungs⸗ reich, daß er auch des Weines nicht mehr dachte, den er getrunken; daß er ſich der Wirkung freute, ohne ſich der Urſach zu erinnern. Den leichten, bele⸗ benden Rauſch, der ihn erhob, nahm er für Wahr⸗ heit; die große, weite Welt hätt' er umarmen mögen! Iſt dem Menſchen, gleichviel ob Graf, ob 289 Bauernknecht, einmal zu Muthe, daß er alles umarmen will, dann kehren ſeine zärtlichen Gefühle auch bald auf einen beſtimmten Gegenſtand, auf das Bedürf⸗ niß einer entſchiedenen Richtung zurück. Für das Univerſum reicht irdiſche Seligkeit nicht lange aus: ſie ſtrebt danach ſich dem Einzelnen mitzutheilen. Graf Eichengrün mußte ſich eingeſtehn, daß ihm der ſchönen Stjernholm reizendes Bild niemals noch ſo reizend vorgeſchwebt habe, als jetzt. Er meinte ihre klangvolle Stimme zu vernehmen; ſie übertönte das Ranſchen des Bergwaſſers; und er ſtarrte immer tiefer hinab, horchte immer aufmerkſamer dem Ge⸗ ſchwätz der Wellen. Was Wunder, wenn er das Rollen einer Kutſche hinter ihm auf der Fahrſtraße gar nicht hörte. Doch den Zuruf:„Graf, ſind Sie Angler ge⸗ worden?“— den hörte er; der ſchreckte ihn auf aus den ſüßeſten Träumen, die je ein Erbherr auf und zu Eichenau, Waldbrand, Rabersdorf, Dammnitz, Grünwieſe, Kienhäuſel und Fichtengrund geträumt. Der riß ihn, den Jüngling Ulrich, vom kühlen, er⸗ friſchenden Geplauder des Bergbaches, vom lieblichen Nachhall der Vergangenheit in den wirbelnden Staub des Fahrweges, in die Zweifel und Bedenklichkeiten der Gegenwart. Er wendete ſich um— und ſtand 1857. XV. Noblesse oblige. II. 19 290 vor der Baronin. Sie ganz Uebermuth, ſtädtiſche Koketterie, graziöſe Schelmerei; Er— noch verſun⸗ ken und verſenkt in der Kryſtallwogen Geſang und in Friedrich Rückert's„Liebesfrühlinge'!— das ſtimmte nicht. Und ſollte denn ein erſtes, ſehnſüchtig erwarte⸗ tes Wiederſehn gleich mit Verſtimmung beginnen? Sollte denn die Seligkeit eines ſo frommen Rau⸗ ſches, fromm wie Hafis der Alte je beſungen, vor dem lebendigen Worte der Schönen weichen, die des liebeberauſchten Zechers Hoffnung iſt? Ja, ſo greift das Leben mit kalter Hand in ſeinen ſelbſtgeflochtenen, vollſten Blütenkranz; ſo zer⸗ ſtört es mit der linken, was es mit der rechten gab. So bleibt immer nur das Vergangene heilig, rein, ungetrübt. So iſt nur, was geweſenz ſo dauert nie, was ſein will! Graf Eichengrün vermochte nicht, ſich ſogleich in das zu finden, was man die ‚Sprache der Ge⸗ ſellſchaft; nennt, obgleich er ſich in dieſer auszudrük⸗ ken gewöhnt war, ſeitdem er lebte. Sagen wir was wir wollen und können, dieſer Konverſationston mit all ſeinen Pointen, geiſtreichen Wendungen, fertigen Phraſen, und nach der Mode wechſelnden Formen, werd' er immerhin geiſtvoll geführt, verſteige er ſich 291 ſogar in die Regionen herzlicher Gemüthlichkeit,— nie wird er Gewalt erreichen, ſich ohne weiteres der Seele zu bemächtigen, die da eben aufſteigt aus tie⸗ fen Einſamkeiten der immer wahren Natur, oder wahrer Poeſie, oder, was dasſelbe ſagen will: aus ihrem innerſten, eigenſten, eingeborenen Daſein. Denn jedes Zurückgehen in ſich ſelbſt iſt naturwahr und poetiſch. Jedes Leben für ſich iſt ein Blick in das Weſen der Gottheit. Draußen aber dauert das ir⸗ diſche Thun und Treiben unterdeſſen fort, und was nach innen ein Rauſch der Begeiſterung, wird dann nach außen proſaiſcher Katzenjammer, oder enttäu⸗ ſchende Nüchternheit. Das heißt leben. Baronin Stjernholm, in Wahrheit ſehr erfreut, daß es gerade der Graf ſein mußte, der ihr bei ihrem Einzuge in Stahlbrunn zuerſt begegnete, konnte un⸗ möglich wiſſen oder ahnen, was in ihm vorgegan⸗ gen? Ihre Frage, ob er aus einem eifrigen Jäger in eichenauer Forſten zu einem paſſionirten Fiſcher in fremden Wäſſern geworden ſei, war eine ganz folgerechte, da ſie ihn an die hölzerne Schutzwehr gelehnt, den Fluß des Baches betrachten ſah. Man durfte ihn für einen Angler halten, der ſeine Köder das Ufer entlang geſtellt und jetzt von höherem Standpunkte überſehen will, ob und wo eine leicht⸗ 19 292 ſinnige Forelle zupft und zerrt, um— geliebt es dem guten Glücke,— endlich anzubeißen? Hätte ſich's in der That ſo verhalten, ihre An⸗ kunft würde die Sache umgeſtaltet haben: der Ang⸗ ler wäre zum Fiſche, ſie zur Fiſcherin geworden, die keinen Köder ſpart, ihn anzulocken. Vielleicht war es dieß naheliegende Gleichniß, welches ſie veranlaßte, ihrer übermüthigen Luſtigkeit neuen Stoff zu geben und die Frage fröhlich lachend zu wiederholen, um dann eine Menge ſcherzhafter Einfälle daran zu knüpfen. Doch Graf Eichengrün, wie geſagt, war hier zwiſchen Chauſſée und Berg⸗ waſſer nicht der geſchickte Volant⸗Spieler, der jeglichen Wurf Schlag auf Schlag erwiederte. Schwerfällig, ohne Witz, ohne feine Galanterie ſtand er vor dem Reiſewagen der Baronin; brachte nichts heraus, als die immer wiederkehrende Bitte: man möge ihn nicht ſo geringſchätzen, ihn für einen Angler zu halten; ſo weit ſei es wahrlich noch nicht mit ihm gediehen, und er hoffe auch nie dahin zu gerathen. „Nun dann erbarmen Sie ſich meiner Neugier,“ rief die Stjernholm,„und entdecken Sie mir, was Sie getrieben haben?“ „Nichts, auf Ehre, nichts! Ich ſah dem Spiel 293 der Wellen zu und ſann— und träumte— und dachte“— „An?“— „Vielleicht an——“ ein Blick auf das Kam⸗ mermädchen, welches neben ihrer Herrin ſaß, machte, daß er die letzte Silbe dieſes Wortes ſchuldig blieb. Doch die Baronin ergänzte, was mangelte, durch ihre zweite Frage:„Und das machte Sie ſo ernſthaft, machte Sie faſt traurig?“ Er ſchwieg. „Ich habe Sie, wie ich ſehe, geſtört. Sie hatten Einſamkeit geſucht, und wollen einſam bleiben. Gute Nacht, Graf! Auf Wiederſehn, wenn Sie in ge⸗ ſelliger Stimmung ſein werden!“ Sie gab ihrem Diener einen Wink, dieſer dem Lohnkutſcher einen Stoß, dieſer den müden Gäulen einen Hieb... und Kutſche zog weiter. Wie ſo ganz anders hatte ſich der Heirats⸗ luſtige die Ueberraſchung, die Begrüßung der liebens⸗ würdigen Witwe gedacht, die er zur Gräfin Eichen⸗ grün zu machen beabſichtigte. Welche anmuthige Erwartungen hatte er gehegt und gepflegt für ihre erſte Zuſammenkunft, die gewiſſermaßen nur eine Fortſetzung und Ergänzung des lange gepflogenen Briefwechſels hätte ſein müſſen! Und nun blieb dieſe 294 perſönliche Annäherung weit, ſehr weit hinter dem ſchriftlichen Ideenaustauſch zurück. Faſt ſo weit, als der langſam dem Badeorte zu ſchlendernde Geher hinter den einen Stall witternden und darum raſcher laufenden Miethspferden! Er langte mißmuthig in ſeiner Wohnung an; keine Spur mehr von freudiger Zuverſicht. 4 Lobeſam, ſonſt in obligate Niedergeſchlagenheit verſinkend, ſowie er ſeinen Grafen irgend übel aufgelegt fand, ließ ſich heute nichts dergleichen anwehen. Er ging umher wie Einer, der ſeiner Sache ſicher iſt; der da denkt: oh, ich darf nur ein Wort ſprechen und wir ſind obenauf. Er wartete nur, bis der Jäger ſich entfernt habe. Dann platzte er los:„Erzellenz, vor einem halben Stündchen iſt ein neuer Badegaſt angekommen,— wohnt hier um die Ecke beim Glas⸗ ſchleifer; ſo etwas von Schönheit, Erzellenz.... wo hatt' ich meine fünf Sinne, daß ich mir nur einen Augenblick einbilden konnte, von den bereits hier anweſenden Damen wär's Eine, die,— welche, — um deren willen wir... ha, lächerlich! Als ob ich Euer Erzellenz Geſchmack nicht kennte! Die beim Glasſchleifer muß es ſein! Die iſt es, oder keine!“ Der Graf ſagte nicht mit klaren Worten, daß ſein Haushofmeiſter richtig gerathen habe; doch daß ſolche Erklamationen ihm wohlgeſielen, gab er durch Mienen zu verſtehen. Nichts eifert den Liebenden bei Jahren zu entſchloſſenen Unternehmungen, oder viel⸗ mehr zu unternehmenden Entſchließungen dringender an, als Widerſpruch, und nächſt dieſem: beifälliges Entzücken. Lobeſam's Bewunderung ihrer Schönheit erſtattete der Baxronin wieder in des Grafen Augen, was ſie ſich ſelbſt heute entzogen hatte durch ihr nicht Eingehen in ſeine elegiſche Träumerei, durch ihr ihn verletzendes Spötteln. Er konnte des Lobes von ihr nicht genug hören; ſtellte ſich, als ob er nicht wiſſe, wen Lobeſam meine? ließ ſich die Per⸗ ſonalbeſchreibung mehrfach rekapituliren; und erſt nachdem er genügende Schmeicheleien der von ihm getroffenen Wahl eingeſchluckt, ſagte er dem alles Ernſtes bezauberten und deßhalb aufrichtigen Schmeich⸗ ler etwas anerkennendes über den richtigen Blick. „Ich wäre unwürdig, hätte ich unſere Zukünf⸗ tige nicht in der Dame ſogleich vermuthet,— un⸗ würdig wär' ich, mit meinem Grafen a...(alt geworden zu ſein, wollt' er ſagen; doch ein guter Geiſt gab ihm ein, noch bei Zeiten innezuhalten! Er verſchliff das gefährliche a in ein gezogenes n und fuhr fort): a nach Stahlbrunn gegangen zu ſein.“ 296 „Ich hoffe, Du zeigſt Dich im Gegentheile würdig, daß ich Dich mit mir nahm! Der Diener der Baronin,— denn es iſt die Baronin Stjernholm, welche heute anlangte,— wenn er noch der Näm⸗ liche blieb, den ich bei ihr in der Reſidenz fand, iſt ein ungeſchliffener— nicht Edelſtein, ſondern Tölpel, un vrai rustre“..... „Erzellenz, ich werde mich um ſeine Freund⸗ ſchaft bewerben. Ich werde vergeſſen, daß ich die unſchätzbare Auszeichnung genieße, des eichenauer Grafen hohes Haus zu führen; man ſoll mich bras- dessus, bras-dessous mit ihm ziehen ſehen. Einen größeren Beweis von gehorſamer Anhänglichkeit weiß ich meinem gnädigen Herrn nicht zu geben; Er müßte denn befehlen, daß ich mein eigenes Blut trinken ſoll?“ „Keins von beiden, Lobeſam! Dich öffentlich mit dem Bengel zu zeigen, würde mir mehr ſchaden als nützen; es würde auf vorzeitige Schlüſſe und Muthmaßungen leiten, die ich vermeiden will. Deine Intimität muß eine heimliche ſein, zugleich eine, die aus Dir und Deinen perſönlichen Abſichten hervor⸗ zugehen ſcheint. Behandle den Burſchen herablaſſend, huldvoll, wie es Deiner Poſition geziemt und halte Dich an die.... 297 „Oh, Erxzellenz, das wird ein bitterer Kelch; ſie iſt grundhäßlich; ich hab' es auf den erſten Blick weggehabt.“ „Wer ſeinem Herrn zu Liebe das eigene Blut trinken will“..... „Wird auch den bittern Kelch an die Lippen bringen!— Nach Sonnenuntergang beſuch' ich den Glasſchleifer, der Abend für Abend im Bierhaus ſteckt, den ich folglich zu Hauſe nicht finde. Ich be⸗ ſtelle ein Trinkglas mit meinem Namenszuge. Die Frau bittet mich wiederzukommen. Ich warte auf dem Bänkchen vor der Hausthür. Kammermädchen finden ſich gewöhnlich auf ſolchem Bänkchen ein, wenn ſie ihre Herrſchaften entkleidet haben. Morgen ſtatte ich Rapport ab.“ „Es intereſſirt mich beſonders, zu erfahren, wen in letzter Zeit Baronin Stjernholm bei ſich ge⸗ ſehen? Mehr brauch' ich Dir nicht anzudeuten. Und von meiner,.... von meiner Verehrung für die Herrin, keine Silbe zur Zofe! Hörſt Du wohl: nicht eine Silbe! Du handelſt nur für Dich!“ „Es gehört ein ſtarker Glaube dazu. Aber ſolche Weibsbilder leiſten darin unglaublich viel. An mir ſoll's nicht fehlen, Exzellenz.“— Nun war das Gleichgewicht in des Grafen 298 Haltung wieder hergeſtellt. Seiner ſelbſt und deſſen bewußt, was er in Stahlbrunn gewollt, verlor ſich der Zwieſpalt jener ihm längſt entfremdeten Gefühle, die er vom Trinkgelage beim Bachfiſcher an das Ufer des Waſſers mitgenommen. Er träumte nicht mehr; er dachte, er überlegte, er berechnete. „Ein wahres Glück,“ ſprach er zu ſich,„daß ſie auf meine arkadiſche Schäferſentimentalität nicht einging. Hätte ſie in das nämliche Horn geſtoßen, wohin wär' es mit mir gediehen? Vielleicht gar zu einer quasi-Verlobung, vor der entſetzlichen Hauderer⸗ anſtalt, die ſie, Gott weiß wo? gemiethet, und Angeſichts der reſpektablen Kammerhuſarin, die Lo⸗ beſam grundhäſſlich nennt? Beſonnenheit, Ulrich! Vorſicht! Mag Dich's beim Eſſen noch ſo ſchwer verdroſſen haben, daß Deiner Jahre Erwähnung ge⸗ ſchah,— wegleugnen kannſt Du ſie denn doch nicht; und bevor Du nicht weißt, ob die Stjernholm dazu geneigt iſt, übereile Dich nicht. Ohne Liebe keine Heirat. Der alte Mann einer ſchönen Gemalin will ich nicht ſein. Entweder ſie nimmt mich für jung, — was ich ja noch bin!— Oder ich erkläre ſie für zu alt und beſiege meine Leidenſchaft. Graf Eichengrün auf Eichenau darf nicht um ſeines Ranges, Namens und Beſitzes willen ſich ehelichen laſſen; Graf Eichengrün muß ſeiner ſelbſt wegen geliebt werden. Wird er das nicht, ſo darf auch er nicht mehr lieben. Noblesse oblige, ſagt Schweſter Barbara.“ 3w anzigſtes Kapitel. Haushofmeiſter Lobeſam mag ein recht ſchlauer Kunde ſein, und recht gut verſtehen derlei Aufträge durchzuführen, wie er von ſeinem Herrn empfangen; aber hexen kann er nicht, und mit der Thür ins Haus fallen darf er nicht; ſchon gar bei einem Glasſchleifer,— bei einer Kammerzofe aus der Re⸗ ſidenz,— bei einer eleganten Dame,— und end⸗ lich in einer Liebesangelegenheit, die ernſthaft gemeint iſt; lauter zerbrechliche Dinge, die ſubtil angegriffen ſein wollen. Deßhalb müſſen wir ihm Zeit laſſen und Spielraum. Eine Woche mindeſtens. Wir laſſen alſo acht Tage vorübergehen, und fragen dann erſt wieder nach. Geduldet ſich doch der Graf ebenſo lange; der gute Graf,— dem die Sache näher lag, als uns; das iſt gewiß. Er benahm ſich überhaupt ſeinem Grundſatze getreu. Zwar konnte er nicht verhindern, daß ganz Stahlbrunn ſich erzählte: Graf Eichengrün macht 300 der ‚neuen Baronin’ auffallend den Hof! Aber was ſchadete das, da alle Männer, die irgend ſo geſtellt waren, daß ſie ſich ihr nähern durften, in demſelben Rufe ſtanden? Jung und Alt! Es ſiel durchaus nicht auf, obgleich es ‚auffallend? genannt wurde. Weit auffälliger würd' es geweſen ſein, hätt' er eine Ausnahme machen wollen. Es iſt ſchon nicht anders. Es gibt nun einmal Frauen, die ſich, mögen ſie auftreten, wo ſie wollen, zur geſammten männlichen Bevölkerung am Orte verhalten, wie der kommandirende General zur Garniſon. Sowie ſie ſich zeigen, wird ins Gewehr gerufen! Was die übrigen, vor denen manchmal kaum eine vereinzelte Schildwacht präſen⸗ tirt, von ſolchen Bevorzugten denken, von ihnen reden, das ſteht auf einem andern Blatte; und dieſes wollen wir nicht umſchlagen. Wozu auch? Weder die hinter forcirter Freundlichkeit ſchlecht⸗ verhehlte neidiſche Erbitterung der weiblichen, noch die auf allerlei frivole Nicht achtung ausgehende Hoch⸗ achtung und Verehrung der männlichen Badegeſell⸗ ſchaft, brachte die Welt⸗erfahrene Stjernholm aus ihrer überwiegenden, zu allen(den Grafen ausge⸗ nommen) huldvoll herniederblickenden Majeſtät. Sie trat einher, blickte um ſich, wie wenn die Welt ihr gehörte, und ſie fände es unter ihrer Würde auf Läſterungen der Frauen, auf Huldigungen der Män⸗ ner zu achten. Nur, wie geſagt, Graf Eichengrün war ausgenommen. Während ſie ſich gegen alle, gegen Neiderinnen, Verleumderinnen, Verehrer und Anbeter mit vollkommen unveränderter, kalter Artig⸗ keit benahm, hatte ſie für jenen entſchiedene Rück⸗ ſichten, beobachtete gegen ihn eine gemeſſene Zurück⸗ haltung, wovon ſchwer geweſen wäre zu entſcheiden, ob es die einem Vater geltende Unterwürfigkeit, ob es die einem Bewerber geltende Vorſicht ſei, welche dieß Betragen regelte? Es wußte niemand, was er daraus machen ſolle? Und derjenige, den es zu⸗ nächſt betraf, wurde gar nicht einig mit ſeinen Ab⸗ ſichten und ſich. Lobeſam hatte denn eben auch nur ſehr lang⸗ ſame Progreſſen gemacht. Die Grundhäßliche“ ſchien ſich nicht dafür zu halten. Wenigſtens kam ſie den Avancen des Haushofmeiſters,(vielleicht waren ſie auch danach?) nicht entgegen, wie Eine, die ſich ver⸗ laſſen fühlt und nach jedweder ihr dargebotenen Rettungshand greift. Sie behandelte den Spion vielmehr, als ob ſie ihn durchſchaue und die Zuver⸗ ſicht hege, ihn zu überliſten. Sie wollte ihrerſeits ihn aushorchen über ſeinen Herrn. Wäre ſie hübſch geweſen, ohne Zweifel hätte ſie den Sieg davon 30² getragen. Ihre Häßlichkeit wurde ſein Bundesge⸗ noſſe. Das Ergebniß lief endlich darauf hinaus, daß Keins dem Andern mehr anvertraute, als es gerade wiſſen laſſen wollte; daß Lobeſam ſeinem Grafen eingeſtehen mußte: dieſe Perſon ſcheine mit allen Hunden gehetzt! daß die Kammerjungfer der Baro⸗ nin zuraunte: ‚Seine Exzellenz hätten offenbar Gründe, ſich ſehr genan um Ihre Gnaden zu bekümmern; dieſer Herr Lobeſam ſei ein Spion von den Spitzen ſeiner Schuhe bis zur Glatze ſeines Scheitels hinauf!⸗ ‚„Ich weiß ſchon, was er wiſſen will!“ lächelte ironiſch die Stjernholm. „Ich werde ſchon allein dahinter kommen!“ murmelte, höchſt ungnädig Graf Eichengrün. Er be⸗ fahl ſeinem Diener, das Verhältniße aufzugeben, und ſich dem Hauſe des Glasſchleifers fernzuhal⸗ ten. Lobeſam verſicherte, ſeitdem er das Glück ge⸗ nieße ſeinem Herrn zu gehorchen, ſei ihm der Ge⸗ horſam noch nicht ſo ſüß geweſen, als dießmal. Graf Eichengrün zog ſich nun auch zurück. Er brach gewiſſermaßen mit der Geſellſchaft, indem er keine ihrer Luſtpartieen mehr mitmachte, ſich nirgend mehr zeigte, einſame Spaziergänge aufſuchte, ſich daheim verleugnen ließ. Man beſtürmte die Baronin mit Fragen über —— 303 4 die mögliche Urſache dieſes plötzlichen Wechſels in des Grafen Daſein? Sehr erſtaunt erwiederte ſie:„Weiß ich'’s? Solche Herren haben ihre Launen,— und dürfen ſie haben!“ Sie log, indem ſie ſo ſprach. Sie kannte den Sachverhalt genau. Ihr hatte der Graf zu verſte⸗ hen gegeben, daß er zu erfahren wünſche: ‚ob man ihn vermiſſen werde?⸗ Damit hatte nun die ſeit Anbeginn unklare, von beiden Theilen durch Klauſeln, Reſervationen und Nebenabſichten oder Gedanken verwickelte Lie⸗ besgeſchichte den höchſten Grad ihrer Unnatur erreicht. Dort weiblicher Stolz, der ſich ‚wegzuwerfen“ beſorgt, und unbeſchränkte Macht behält, weil kein zärtliches Gefühl ihn übermannt, weil nur berechnende Erwä⸗ gung ihm zur Seite ſteht. Hier männliche Eitelkeit, die von jugendlichen Erinnerungen geſpornt, von ge⸗ rechten Zweifeln beunruhigt, bald antreibt, bald ver⸗ letzt zuruͤckweicht. Sie will nicht den Anſchein nied⸗ rigen Eigennutzes auf ſich ziehen! Er will noch immer um ſeiner ſelbſt willen geliebt werden. Kei⸗ nes will ſich ‚etwas vergeben!“ Aus ſolchen Keimen erblüht ſelten Heil. Und wahrſcheinlich hätte die ſtahlbrunner Zuſammen⸗ 4 3⁰4 kunft mit Ungewißheit geendet, wie ſie begann, wäre nicht hier auch die vermittelnde Gewalt ewiger Ge⸗ ſchicke eingetreten, die wir immer und überall wahr⸗ nehmen würden, bliebe ihr wunderbares doch folge⸗ rechtes Wirken menſchlichen Augen nicht meiſt ver⸗ borgen. Denn durchſchaueten wir, wie alles in ewiger Gliederung zuſammenhängt, das läſterliche Wort: ‚Zufalle wäre längſt aus dem Wörterbuch gutgeſinnter, an einen Gott glaubender Menſchen geſtrichen! Gebt Euch nur aufrichtige, redliche Mühe, — doch ſonder Schonung für Eure eigenen lieb⸗ werthen Perſönlichkeiten und für Eure hochweiſe Zuverſicht!— Eure Schickſale bis zum erſten Ur⸗ ſprung genau zu verfolgen, und Ihr werdet, Hundert gegen Eins, entdecken, daß Gutes und Uebles, Glück und Unglück Euer Werk war! Werdet eingeſtehen müſſen: mir iſt kein Leid geſchehen, ohne meine Schuld, ich habe keine Freude gehabt, ohne ſie einer edlen Regung zu verdanken. Denn kam die Freude auf anderm Wege, ſo war es keine reine Freude, ſie ſchlug in Kummer um. Und kam der Kummer gänzlich unverſchuldet, ſo löſete er ſich über kurz oder lang in Segen auf. Wer dieſe Wahrheit noch nicht fand, dem mangelte der Muth ſie zu ſuchen. Hätte der Graf die arme Paſtorin nicht auf ſo 305 zarte Weiſe unterſtützt, und ſich dadurch ihre Dank⸗ barkeit gewonnen, ſo würde dieſe ihm nicht zugetra⸗ gen haben, was die Baronin und wie ſie ſich über ſein Wegbleiben geäußert. Hätte er dieſe Aeußerung nicht erfahren, ſo würde er nicht gethan haben, was wir jetzt erzählen wollen, und was wir als einen inkonſequenten, übereilten Schritt erkennen; was man im gewöhnlichen Leben einen ‚dummen Streich“ nennt. Hätte er aber dieſen dummen Streich nicht begangen, ſo wäre er der Baronin nicht aufs neue näher ge⸗ treten. Folglich wäre es nicht zur Entſcheidung ge⸗ kommen; folglich hätte er ſeine folternde Unſchlüſſig⸗ keit, wie er ſie nach Stahlbrunn mitgebracht, nach Eichenau wieder zurückgeſchleppt. Und dann.... doch ich muß abbrechen, ſonſt bring' ich meinen gan⸗ zen dritten Band ſchon ins letzte Kapitel des zwei⸗ ten. Und das geht ja nicht. Die Paſtorin hatte allerdings gehört, was Ba⸗ ronin Stjernholm geſprochen; aber nur aus der Ferne, denn ſie vermied gern jenen Kreiſen näher zu kom⸗ men; achtete wohl auch nicht auf deren Geſchwätz. Dießmal ſchärfte des Grafen Name ihre Aufmerk⸗ ſamkeit, und ohne den ihn betreffenden Satz entſtel⸗ len zu wollen, gab ſie ihn doch ungleich ſchärfer klingend wieder, als er urſprünglich gemeint geweſen. 1857. XV. Noblesse oblige. II. 20 306 Die gute Frau, die ſich in des Wohlthäters Seele gekränkt fühlte, daß eine Dame, welche ihm ſo nahe befreundet ſchien, hinter ſeinem Rücken ihn faſt ver⸗ leugnen wolle, legte es darauf an, ihre Klage vor⸗ zubringen, lauerte ihm auf, als er eiligſt in einen der menſchenleeren Waldpfade einbog, und warf ihm, mit tauſend Entſchuldigungen, vor Verlegenheit faſt ſprachlos, das ‚unverzeihliche Betragen der vorneh⸗ men, falſchen Schlange’ in ſeinen Weg, als ob, was jene geſagt hatte, nicht ein nichtsſagender Redeſatz, ſondern eine wirkliche, lebendige Schlange ſei! Der Graf dankte für die ‚gütige Meinung,“ erzwang ſcherzende Gleichgiltigkeit, entfernte ſich raſch, nahm jedoch beſagte Schlange mit und erwärmte ſie recht vorſorglich an ſeiner, vom heftigſten Herzensſchlage pochenden Bruſt. Anſtatt ſich der beruhigenden Ueber⸗ zeugung zu getröſten, daß auch die wohlmeinendſte, einfachſte Frau unfähig ſei, derlei Zitate unvermehrt und ohne Uebertreibung weiter zu fördern, gefiel es ſeinem Argwohn, anzunehmen, was die Baronin in Wirklichkeit ausgeſprochen, ſei viel ſchlimmer, und nur die friedfertige Paſtorin habe es aus Beſcheiden⸗ heit gemildert. So gewärmt, genährt, gepflegt mußte die Schlange immer dicker anſchwellen, mußte ſich giftgebläht um des Beleidigten Herz ringeln. Er 307 rannte wüthend durch die Berge, und da er endlich das Ungethüm in heftigem Zorne von ſich ſchleuderte, biß es vorher noch ihn recht fühlbar in die Bruſt. Die Wunde brachte er von ermüdendem Irrlaufe mit nach Hauſe. Lobeſam hatte keinen Balſam dafür. Sie brannte wie Feuer und entzündete durch ihre Glut alle Leidenſchaften. In ſolchem Drange wurde obbenannter ‚dummer Streich' empfangen und geboren: Graf Ulrich ergoß, was ihn durchtobte, in einem mächtig⸗langen Schreiben, welches Lobeſam nach des Glasſchleifers Hauſe zu befördern hatte. Es war von bedeutendem Umfang und glich aufs Pünktchen einem herrſchaftlichen Erlaß an ‚hochgräfliches Kameralamt zu Eichenau.“ Was eigentlich darin geſtanden, vermag Verfaſſer dieſes Buches umſoweniger zu berichten, als es der Verfaſſer des Schreibens ſelbſt nicht mehr genau wußte, nachdem er es mit Siegel und Auf⸗ ſchrift verſehen. Es war unter dem Einfluſſe allzu⸗ heftiger Kämpfe hingeworfen. In ſeinen Grundzügen aber muß es doch mehr Liebe als Zorn gewieſen haben, denn ſonſt hätte unmöglich nach Verlauf einer Stunde ſchon die Antwort da ſein können. Sie langte an, da es zehn Uhr ſchlug, und der Haushofmeiſter bereits die Nachtmütze auf dem Kopfe ſitzen hatte, die er auch abzulegen vergaß, als er, höchſt erſtaunt 20* 308 über dieſe nächtliche Poſt, ſeinem Herrn das kleine winzige Ding hineintrug.„Das ſoll“— ſprach er zögernd—„die Antwort ſein von der Frau Baronin?“ Der Graf, ſichtlich bemüht, ſeine geſpannte Er⸗ wartung nicht zu verrathen, fragte wie gleichgiltig: „Warum ‚ſolle es denn nur?“— Worauf Lobeſam erwiederte:„Erzellenz, ich bitte, eine ſo kleine Antwort auf einen ſo großen Brief?“ „Es kommt darauf an, was drin ſteht?“ ſprach der Graf und ließ die Zwergepiſtel unberührt liegen, bis die Nachtmütze ſammt Inhalt das Zimmer ge⸗ räumt.— Dann aber... Wer hat nicht ſchon, wenigſtens doch einmal im Leben, einen Brief zu entſiegeln gehabt, von dem gleichſam Tod und Leben abhing? Wohl demjenigen, der die Empfindung nicht an ſich erfuhr, die da⸗ bei vorherrſcht. Sie iſt fürchterlich. Die Qual weni⸗ ger Minuten gräbt ſich dem Zögernden ſo tief ins Herz, daß ihre Nägelmale lange noch ſchmerzen, auch im günſtigſten Falle. Manche Menſchen ſchieben die Entſcheidung hinaus; laſſen ein wichtiges Schreiben uneröffnet, um ſich die Nacht nicht zu ſtören, um ſich das Vergnügen einer luſtigen Geſellſchaft nicht * 309 zu verderben; andere wieder aus Feigheit, wie man den Zahnarzt wegſchickt und den Peiniger im Munde behält.— Ich hatte einen Bekannten, deſſen nächſte Zukunft von einer Entſcheidung des Monarchen be⸗ ſtimmt werden ſollte. Ob ihm der erbetene Kammer⸗ herren⸗Schlüſſel ertheilt würde, oder verweigert, davon hatten Eltern ihre Einwilligung zu ſeiner Heirat mit ihrer Tochter abhängig gemacht; nicht aus nich⸗ tiger Titelſucht, ſondern weil die Gewährung den Beweis liefern ſollte, daß gewiſſe Antezedentien ver⸗ geben und vergeſſen wären. Kompetent kleidete ſich zu einer Aſſemblee an, als der Briefträger ihm die erſehnte Kabinetsordre brachte. Er ließ ſie liegen, feſt entſchloſſen, erſt nach dem Balle ſie zu leſen. Schon eilte er dem ihn erwartenden Wagen zu,— da überkam ihn plötzlich der Gedanke: wie wenn Du heute Abend verkünden dürfteſt, was Du erfleht haſt? Er kehrte um,— ſein Diener konnte nicht raſch ge⸗ nug mit dem Leuchter folgen,— er ſtürzte an ſeinen Schreibtiſch,— riß das Kouvert auf,— las beim ſchwachen Schimmer einer trübe brennenden Kerze:„Ich finde mich veranlaßt, die von Ihnen nachgeſuchte Kammerherren⸗Würde Ihnen zu ertheilen,— küßte die eigenhändige Unterſchrift ſeines Königes,— legte das beglückende Blatt in den Schub,— warf ſich 310 in den Wagen,— ſtellte ſich dem Feſtgeber als Kam⸗ merherr vor,— empfing die Glückwünſche der Ver⸗ ſammlung, auch der Eltern ſeiner Geliebten,— es fehlte nicht viel, ſo wurde die Verlobung gefeiert! Schwindlich von Wonne langte er gegen Morgen in ſeiner Wohnung an, holte ſeinen Schatz hervor und überlas die beiden wichtigen Zeilen noch einmal bei heller Beleuchtung. Dießmal las er: ‚Ich finde mich nicht veranlaßt, die von Ihnen nachgeſuchte Kam⸗ merherren⸗Würde Ihnen zu ertheilen!— Aehnlicher Gefahr ſetzte ſich Graf Eichengrün keinesweges aus Seine Kerzen gaben noch genügen⸗ des Licht und er vermochte mit feſtem Blicke zu leſen: DOb ich Sie liebe, Graf? Das ſchreibt ſich nicht, das ſagt ſich nur. Das Zettelchen, worauf dieſe verführeriſchen Worte, von bunten, vergoldeten Arabesken, wie die Inſchrift auf einer Wand des Alhambra, umflochten prangten, legte er auf den Schlangenbiß— undalle Leiden ſchienen beſchwichtiget. Nun begann eine zweite Woche, wo die ſtahl⸗ brunner Geſellſchaft den Grafen entbehren mußte. Aber nun fehlte er nicht allein. Die Baronin ahmte — — — 311 ihn nach. Daß ſie in ihrer Wohnung weilte, konnte nicht unbekannt bleiben. Daß Graf Eichengrün ſich viel bei ihr aufhielt, wußte man. Daß Baronin Stjern⸗ holm nicht lange ſäumen werde, Gräfin Eichengrün zu heißen, vermuthete man. Sie hatte keine Eltern, die vom künftigen Schwiegerſohne verlangten, daß er Kammerherr ſei. Und hätte ſie deren gehabt, ſo konnte der Majoratsherr auf Eichenau ſchon längſt mit dem wirklichen Geheimerath aufwarten. Da bedurfte es keiner Kabinetsordre, da gab es kein Hinderniß, da gab es nur ein unzweifelhaftes, von allen Seiten beneidetes, von allen Zungen bekritteltes, vielleicht auch einwenig beſpötteltes Brautpaar. Wenigſtens einen ‚für ſehr verliebt, ſehr nachſichtig, ſehr ſchwach geltenden Bräutigam in mehr als reifen Jahren.“ Auch wurde verbreitet, ſein verſtorbener älteſter Sohn habe eine Witwe und zwei Kinder zurückgelaſſen, und die beiden Enkel würden am Polterabende Amor und Pſyche darſtellen. Die gute Paſtorin hatte viel zu hören, und ſich viel zu ärgern; glücklicherweiſe immer aus an⸗ gemeſſener Ferne. Denn ſeitdem Graf Eichengrün mit ſeinem vermittelnden Einfluſſe ausblieb, war es beinahe ſo weit gediehen, wie Herr von Gluckammer, von oben und unten gleich in Anſpruch genommen, 312 als Vertreter ſämmtlicher Forderungen und Beſchwich⸗ tiger ſämmtlicher Reibungen, voll verzweifelnder Iro⸗ nie einſt vorgeſchlagen, daß man im Salon drei große Käfige aufrichten, und darin, wie bei wilden Thieren, die man trennt, die Hauptfütterung der drei verſchiedenen Klaſſen vor ſich gehen laſſen ſollte. Symboliſch hatten ſich die abſondernden Schranken ſchon erhoben, und nur ein rebelliſcher Bär, oder eine widerſpänſtige Hyäne wagte daran zu rütteln. Gönnen wir ihnen die kurzen Genüſſe ihrer ohnmächtigen Widerſetzlichkeit und wenden wir uns unſerm Grafen zu. Wiſſen wir doch, bei wem wir ihn zu ſuchen haben! Hat ihm denn die Baronin jetzt endlich geſagt, was ſie ſchreiben zu können für unmöglich hielt und was er durchaus hören will, eh' er ihr in beſter Form, mit unumwundener Entſchließung Hand und Namen anträgt? Es ſcheint doch nicht. Sie belauern ſich gegenſeitig. Sie will ſich nicht unbedingt auf Gnade und Ungnade ergeben; er will nicht gebunden ſein, bevor er weiß an wen? und hält ſein Wort ſo hoch, daß er ihm bin⸗ dende Kraft beilegt; deßhalb zögert er; deßhalb zögert ſie, weil ſein Zögern ſie mißtrauiſch macht. ——— So ſind drei Tage hingeſchlichen, für beide Theile drückend, ſchwül. Heute hat ſie ſich entſchloſſen, ein Ende zu finden. Sie nimmt einen Anlauf, zärtlich, hingebend zu ſein. Es gelingt ihr ſo weit, daß ſie ſich faſt überredet, Graf Eichengrün Vater könne die Lücke in ihrem Herzen ausfüllen, die Hermann's Verluſt ihr gelaſſen. Sie zwingt ſich, den alten Mann für einen Jüngling zu nehmen. Sie findet wirkliche und ein⸗ gebildete Aehnlichkeiten heraus. Sie lauſcht dem Klange ſeiner Stimme, und macht ſich weiß, es ſei Hermann, der mit ihr rede. Sie verſetzt ſich künſt⸗ lich in jene Tage zurück, wo ſie in Liebe für den Undankbaren lebte, kämpfte, litt und trotzig ent⸗ ſagte. Sie vergißt auf einen Augenblick, daß ſie nicht den Grafen Ulrich, nein, daß ſie Eichenau zu erobern, nach Stahlbrunn kam. Dieſer Augen⸗ blick genügt dem Grafen. Jetzt glaubt er, daß er um ſeinetwillen geliebt ſei. Und er hebt an— ſchon ſind Einleitungen zum Heiratsantrag über ſeine Lippen geglitten...(ich hab' ihn, denkt die Ba⸗ ronin)— da poltert's heftig herein— und der hundert Dukaten⸗Mann ſteht vor ihnen. Eine unwillkommenere Störung konnt es eigent⸗ lich in dieſem Augenblicke nicht geben, und der Graf 314 wie die Baronin ließen dieß deutlich merken, denn ſie blieben ſitzen, wie ſie ſaßen und ſtaunten den Eintretenden ſchweigend an. Dieſen dagegen hatte ſeine Frechheit verlaſſen bei dem Anblick, der ihm hier wurde, und auch er ſtand ſtumm und ſtarr. Eben in Stahlbrunn angelangt, am Salon vorge⸗ fahren, hatte er einen Kellner nach Seiner Erzellenz befragt, und der, um ſich ein Späßchen zu machen, hatte den Fremden in des Glasſchleifers Haus ge⸗ wieſen, wo jener beſtimmt zu finden ſei. Graf Heide, feſt überzeugt, dort wohne ſein eichenauer Gönner und Goldmann, hatte die Equi⸗ page ins Gaſthaus entſendet, war ſtehenden Fußes zum Glasſchleifer und dort in den oberen Stock ge⸗ drungen, wo er in Graf Eichengrün's Wohnung zu ſein wähnte! Wie mußt' es ihn verblüffen, dort, auf dem Sopha des Witwers, eine Dame zu erblicken von dieſer Schönheit, dieſer gebicteriſchen Hoheit, dieſer vor⸗ nehmen Haltung, dieſer imponirenden Würde? Er brachte nichts heraus, als:„pardon, Erzellenz, ich derangire... 2 „Mich haben Sie nicht um Entſchuldigung zu bitten, Graf Heide; Sie befinden ſich bei Baronin Stjernholm!“ — 315 „Ah, dann hatte man mich falſch berichtet,“ ſtotterte Heide, und verneigte ſich gegen die Mietherin der glasſchleiferiſchen Bel⸗Etage mit jener wilden Unterwürfigkeit, die ihm ſchon ſo viele Weiberherzen gewonnen. Die Baronin ſprach noch nicht. Sie ſah, daß Graf Ulrich noch etwas auf der Zunge hatte, und wollte ihm darin nicht hinderlich werden. Jetzt war der kritiſche Moment eingetreten für Eichenau und deſſen Gebieter. Fuhr dieſer fort:„Graf Heide, meine Braut wird erlauben, daß ich Sie ihr vorſtelle!“ dann galt das ſo viel, als hätte der Juſtizrath, bei⸗ der Rechtsfreund in der Reſidenz, die Ehepakten ſchon zur Unterſchrift vorgelegt. Auch täuſchte ſich die Ba⸗ ronin nicht; Eichengrün ſtand im Begriffe, auf ſolche Weiſe den Knoten zu zerhauen; und er hätte es be⸗ ſtimmt gethan, jedem Andern gegenüber. Nur dem nicht, deſſen ſpöttiſchen Glückwunſch er fürchtete. Graf Heide ſah, von der ſchnellen Fahrt erhitzt, von dem überraſchenden Anblick der Baronin erregt, ſo friſch, ſo jung, ſo blühend aus, muſterte das vor ihm ſitzende Paar ſo keck herausfordernd, daß der Heiratsluſtige ihn im Geiſte ſchon von ‚ſechszig Jahren reden hörte, und deßhalb nichts weiter ſagte. Wie erſt die Baronin darüber hinaus war, und * 316 die Gewißheit hatte, ſie verderbe ſich ihr Spiel nicht, ließ ſie ſich ungehindert gehen, empfing den Fremden mit allen Ehren und pries den glücklichen Zufall, der ihr dieſe angenehme Bekanntſchaft gebracht. Was wußte ſie, zum erſtenmale in dieſer Provinz, vom Grafen Heide? Nichts weiter, als was ſie ſah. Und das war ja genug, um ſie wünſchen zu machen, er auch möge ein épouseur ſein, wenn vielleicht nur halb ſo reich wie Eichengrün, doch gewiß nur halb ſo alt, als dieſer! Zugleich mußte der abermals Zögernde, Hinausſchiebende beſtraft werden für ſein ſchmäh⸗ liches Verſtummen in ſolch entſcheidender Situation. Dieſe Strafe lag in abſichtlich geweckter Eiferſucht. Darauf wurde hingearbeitet. Die Aufgabe bot keine Schwierigkeiten. Und Graf Heide arbeitete treulich mit. Ihm fiel nicht im entfernteſten ein, daß ſeine Dazwiſchenkunft ernſte Abſichten und Lebenspläne zerſtöre. Er hielt ſeinen Nebenbuhler für der Baronin„Courmacher über die Saiſon und meinte mindeſtens ebenſoviel Anrecht auf ſolche Charge zu haben. Dame Stijernholm beſaß zu richtigen Takt und feinen Sinn, um unbeachtet zu laſſen, daß die unmit⸗ telbare Nähe dreier gegen einander wirkender Per⸗ ſonen, im beengenden Raume ihres improviſirten Salons, niederdrückend wirke und freieren Künſten der Koketterie hinderlich ſei. Sie brachte einen Spa⸗ ziergang in Vorſchlag. Und obgleich der Nachmittag trübe, die Luft ſchwül und regendrohend, Graf Heide ein fauler Fußgänger war, fügte er ſich doch; umſo lieber vielleicht, weil er die Abſicht der Ba⸗ ronin errieth. Die inneren Promenaden ſtanden leer, wie ſtets um dieſe Stunden. Nur wenige, voereinzelte Bade⸗ gäſte aus der zweiten oder letzten Klaſſe ſtießen ihnen auf, die dem durch einen unbekannten Dritten be⸗ gleiteten Paare neugierig nachguckten. Vor ihrem kleinen Hüttlein ſaßen auch die Paſtorsleute. Daß die Paſtorin an das Geſchenk ihres Gutsherrn nicht geglaubt und ſich nur dem Grafen Eichengrün ver⸗ pflichtet gehalten hatte, erwähnten wir bereits. An⸗ ders der Paſtor, der ſich nicht ausreden ließ, im „Heiden“ könne ein beſſerer, chriſtlicher Sinn erwacht ſein? Wie er dieſen nun den ſchmalen Pfad zwiſchen zwei Zäunen einherwandeln ſah, der ihn dicht an ihrem Sitze vorüberführen mußte, und noch dazu in Geſellſchaft des eichenauer Erzellenzherrn, da be⸗ ſchloß der kränkliche, rechthaberiſche Mann, ſich in dieſer dunklen Sache Licht zu verſchaffen. Nun geſchah etwas ganz abſonderliches. Graf 4 318 Eichengrün, dem es nicht angenehm war, gerade jetzt von der Paſtorin(ihrer Warnung gedenkend) mit Baronin Stjernholm— und einem Begleiter wie Heide,— geſehen, vielleicht gar angeredet zu wer⸗ den, beeilte ſich vorbeizukommen, grüßte kurz, und ließ dadurch jene beiden um eine ganze Strecke hinter ſich zurück. Des, in ſeines neuen Nebenbuh⸗ lers Namen gemachten, Geſchenkes dachte er nicht; hatte er doch an andere Dinge zu denken. Er ver⸗ nahm alſo auch nicht, was hinter ihm geſprochen wurde. Er ſtrebte nur nach dem Eingange zum Walde, als ob ihn dort die verlorene Ruhe erwarte? Graf Heide benützte dieſe günſtige Gelegenheit, die Baronin zu verſichern, daß er ſich ihretwegen mit den beſten und berühmteſten Schützen des Lan⸗ des auf Barrisre zu ſchießen bereit ſei. Er war ganz und gar verrannt in die Retze dieſer gefähr⸗ lichen Frau, weßhalb er denn auch ſeinen demüthig herantretenden Paſtor kaum bemerkte und erſt dann erkannte, als die Stjernholm ihm ſagte:„Graf, die⸗ ſer Mann will ſie anreden.“ „Ah, mein Herr Paſtor?... Wie geht's? Schlägt das Bad gut an?“ Damit dachte er genug gethan zu haben. Doch jener brachte ſeine wohlgeſetzte Dank⸗ 319 ſagung vor, ſprach von großen Summen, edelmüthi⸗ gen Unterſtützungen, Befreiung aus Nahrungsſorgen, ewiger Dankbarkeit, himmliſcher Vergeltung, göttli⸗ chem Segen... und Graf Heide, um die günſtige Wirkung, die er in der Baronin Mienen las, nicht zu verſcheuchen, nahm es hin, wie wenn es ihm ge⸗ bührte.„Warum ſoll ich,“ dachte er,„einen Irrthum berichtigen, der mir ſo ſchön zuſtatten kommt?“ Und laut fügte er bei:„Nicht der Rede werth, mein armer Paſtor! Ich gebe gern, Sie wiſſen's ja! Näch⸗ ſtens mehr— Wohl zu bekommen!“ Der Baronin reichte er den Arm, zog ſie faſt gewaltſam weiter und wiederholte mehrmals: „Wohlthun mag recht ſüß ſein; aber ſolche Reden anhören müſſen, iſt bitter.“ Wie ſie den Grafen Eichengrün im Walde er⸗ reichten, ſah dieſer mit bangem Erſtaunen, welche Fortſchritte ſein Gläubiger binnen einigen Minuten in der Baronin Gunſt gemacht habe. Daß ſein den Paſtorsleuten dargebotenes Geſchenk die Veran⸗ laſſung ſein könne, davon hatte er keine Ahnung. In dem Grade, wie er ſtiller, düſterer wurde, zeigte ſich Graf Heide vorlaut, dreiſt, beinahe unverſchämt. Und ſie ſchien Wohlgefallen daran zu finden, belachte plumpe Scherze, überſah ſogar Vertraulichkeiten, die 320 ſie in anderen Verhältniſſen unfehlbar ſich verbeten haben würde. Mehrmals fühlte Eichengrün ſich verſucht, den dreiſten Herrn zu befragen:„Haben meine Dukaten zur Reiſe hierher ausgereicht? oder haben Sie ſich anderswo noch Kredit zu erſchwindeln gewußt?“ Er bildete ſich eine ſolche Frage, um ſie möglichſt ge⸗ drungen und ſchlagend zu ſtellen, förmlich im Kopfe aus. Doch als er endlich ſo weit im Reinen damit war, ſie wohlſtyliſirt herauszulaſſen, beſann er ſich noch zu rechter Zeit, wer Er ſei— und mit wem er es zu thun habe!„Noblesse oblige,“ mur⸗ melte er, und miſchte ſich wieder, ſo gut es gelingen mochte, ins Geſpräch. Er wurde allgemach ſo weit Herr über ſich, daß er keinen Verdruß mehr zeigte. Ein drohendes Gewitter zwang ſie, auf den Rückweg zu denken. Eichengrün, mit allen Wald⸗ ſteigen bekannt, ward ihr Führer. Sie verdoppelten ihre Schritte, doch vor der Thür des Glasſchleifers wurden ſie ſchon naß. „In dieſem Wetter, meine Herren, können Sie nicht fortgehen. Wollen Sie bei mir Thee trinken?“ fragte die Baronin. „Ich habe nur einen Sprung nach Hauſe,“ 321 rief Graf Eichengrün, und entzog ſich im dicken Regenguſſe ihren Blicken. „Seine Erzellenz ſind unbegreiflich,“ ſeufzte ſie. Dann wünſchte ſie dem Grafen Heide gute Nacht. „Mich wollen Sie nicht zum Thee haben?“ „In Gegenwart Eichengrün's, wäre die Ihrige mir ſehr angenehm geweſen. Allein kann ich Sie nicht empfangen.“ „Und doch waren Sie mit— ihm allein, als ich Sie— ſtörte?“ „Graf Eichengrün könnte bequem Ihr Vater ſein. Einen alten Herrn darf ich wohl bei mir ſehen ohne Zeugen. Wenn Sie nach dreißig Jahren wieder anfragen wollen, wird mir's beſonderes Vergnügen gewähren.“ „Und ſo lange ſoll ich im Platzregen ſtehen? Sie ſind gar zu gnädig!“ „Gute Nacht, Graf Heide! Ich wünſche Ihnen gute Nacht und hüten Sie ſich, vom Regen in die Traufe zu kommen. Es wird in Stahlbrunn ſtark geſpielt, wie ich höre!“ b Sie ſtieg die kleine Treppe hinan und gleich darauf überbrachte ihr Diener dem Grafen Heide einen Schirm. 1857. XV. Noblesse oblige. II. 21 322 Den ergriff dieſer— und ging, die Reſidenz des König Pharao aufzuſuchen. Am nächſten Morgen hieß es: ‚Seine Erzellenz Graf Eichengrün ſind vor einer Stunde abgereiſet.⸗— 8 „Oho,“ machten die Herren. „‚Aha,“ kicherten die Damen. Ende des zweiten Bandes. Prag 1857. Druck von Kath. Gerzabek. N. Veinr'’s Pingraphir. In meinem Verlage erſchien die intereſſante lebensgeſchichtliche Schrift: 5. Heine. Denkwürdigkeiten und Erlebniſſe aus meinem Zuſammenleben mit ihm. Von Friedrich Steinmann. Mit dem Porträt und zwei Autographenkopien H. Heines. Ein ſtarker Band in 80. Preis 2 fl. K. M.= 1 2 Thlr. Der Verfaſſer, einer der älteſten Freunde Hei⸗ ne's, von den Gymnaſial⸗ und Univerſitätsjahren her in Zuſammenleben und Verkehr mit ihm, erſcheint vor allen zu lebensgeſchichtlichen Aufzeichnungen über ihn berufen, da er dazu durch eigene Anſchauung und vieljährige Verbindung befähigt, obenein ſtrengſte Wahrheit mit größter Unpartei⸗ lichkeit gepaart ſich bei Löſung ſeiner biographiſchen Aufgabe zum Ziele ſtellte, welches er in klarer Auffaſſung und Dar⸗ ſtellung ſeines Stoffes zu erreichen ſtrebte. Das Werk gibt, nebſt Notizen über die erſten Lebensjahre Heine's, aus⸗ führliche Mittheilung über deſſen Aufenthalt zu Bonn, Göttingen, Berlin, Hamburg und Paris, enthält treffliche Reſumes einiger ſeiner weniger bekannten Schöpfungen und außerdem mehrere Gedichte und proſaiſche Aufſätze Heine's, welche bisher keiner Sammlung ſeiner Schriften einverleibt worden und demnach von bedeutendem literar⸗ hiſtoriſchen Intereſſe ſind. Somit ſei das Buch als ein paſſender Supplementband zu den Schriften H. Heine's allen Freunden des großen deutſchen Lyrikers be⸗ ſtens empfohlen.— Prag& Leipzig, Juni 1857. Die Verlagsbuckhandlung J. L. Kober. Prag 1857. Druck von Kath. Gerzabek.