———— — 5 2 hek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für gschentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Pck.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 22 = — AL1BUN— Zibliathek deutſcher griginalromane der beliebteſten Schriftſteller. Herausgegeben von J. L. Kohb eL. Zwölfter Jahrgang. Vierzehnter Band. Neblesse ohlige. I. 1857. Prag& Leipzig, Verlag von J. L. Kober. Noblesse oblige. Roman in drei Bänden. Von Karl von Holtei. „Laßt fahren hin das Allzuflüchtige, Ihr ſucht bei ihm vergebens Rath! In dem Vergangnen lebt das Tüchtige, Verewigt ſich in ſchöner That.“ Göthe. Erſter Band. 1857. Prag& Leipzig, Verlag von J. L. Kober. Dem Herrn Dr. Heinrich Laube Dramaturg. Direktor des k. k. Hofburgtheaters Hochachtungsvoll zugeeignet vom Verfaſſer. Vorwort. Wenn ein Schriftſteller einem Theaterdirektor ſein Buch zueignet, ſo wird man nicht abgeneigt ſein, dieſes höfliche Erweiſen für eine captatio bene- volentiae zu nehmen, und die Meinung dürfte ſehr nahe liegen, daß der Autor eine dramatiſche Arbeit eingereicht habe, welcher dadurch auf ihrem Wege zur Bühne Vorſpann geleiſtet werden ſolle? Ich befinde mich nun gerade im entgegenge⸗ ſetzten Falle. Denn ich will durch meine Widmung nichts bezwecken, nichts erreichen; will vielmehr meinem geehrten Landsmann Laube nur ein ſchwaches Zei⸗ chen meiner Dankbarkeit,(ein Schelm gibt mehr als er hat,) überreichen; meiner Dankbarkeit dafür, daß er ein von mir verfaßtes Luſtſpiel nicht zur Darſtellung gebracht. Und wenn ich hinzuſetze, daß VIII der Stoff jenes Luſtſpiels zugleich die Grundlage nachſtehenden Romans bildet; daß ich letzteren aus den Hauptcharakteren und Vorgängen des erſteren entwickelt habe, ſo iſt zugleich die Beziehung ange⸗ deutet, in welcher die Widmung dieſes Buches zum Direktor des kaiſerlichen Burgtheaters ſteht. Die Sache verhält ſich einfach ſo: Vor zwei Jahren überkam mich,— infolge eines artiſtiſch⸗dramaturgiſch⸗theatraliſchen Geſpräches mit Meiſter Ludwig Löwe,— die allerdings etwas aus der Piſtole geſchoſſene Idee, es noch einmal mit einer Komödie zu verſuchen. Ich ſchrieb das Luſtſpiel ‚Jung oder Alt?(ich muß ausdrück⸗ lich erwähnen: mit ſpezieller Berückſichtigung des Hofburgtheaters und daraus hervorgehender Hin⸗ weglaſſung jeglichen ſzeniſchen Ausputzes, der ſonſt leicht anzubringen geweſen wäre!) ließ es als Mannſkript drucken und verſendete es an elf deutſche Bühnen: Wien, Berlin, Dresden, Hannover, Kaſſel, Mannheim, Stuttgart, Weimar, Karlsruhe, Mün⸗ chen, Schwerin. Von Dresden, Mannheim, Weimar, Schwerin wurde mir gar keine Antwort zutheil. Von Hannover, München, Kaſſel ſandte man IX es,(wie ich für ſolchen Fall erbeten hatte) ohne weiteres zurück. Berlin und Karlsruhe nahmen es als ausführ⸗ bar an. Später auch Stuttgart, in einem ſehr freundlichen Schreiben. Wien theilte dieſe Anſicht aber nicht. Laube ſagte mir in ſeiner kurzangebundenen, aufrichtigen und darum nicht verletzenden Weiſe: das ſei kein Drama, ſondern ein recht hübſcher— Roman. Ich ergab mich in alles und wartete. Der erſte Verſuch wurde in Karlsruhe gemacht. Er ſcheint mißlungen zu ſein. Wenigſtens deutet Eduard Devrient dieß in ſeinem ebenſo gütigen, als ſchonenden Berichte an. Dann folgte die berliner Aufführung, die eben auch nur den Beweis geliefert hat, daß Laube Recht gehabt. Sie gewährte mir aber einen namhaften Vortheil, den der Belehrung, der Aufklärung, wenn ich ſo ſagen darf. Denn mir war beim redlichſten Willen zur Einſicht zu gelangen, trotz mancherlei ge⸗ gen mich ausgeſprochenen Tadels, immer noch nicht klar geworden, worin denn eigentlich das Gebrechen des Stückes ſitze? Warum es denn, fleißig ausge⸗ arbeitet und nicht ohne Intereſſe wie es in Anlage und Erfindung iſt, ſo ganz unwürdig ſein ſollte, ſich X neben den gemeinſten und leerſten Erbärmlichkeiten, die man uns häufig auftiſcht, mit einigen Ehren zu behaupten? In einem Aufſatze des Herrn E. Koſſak, den die Schleſiſche Zeitung’ brachte, fand ich endlich, was ich wiſſen wollte. Es war mit wenig eindringlichen Worten ausgeſprochen. Nun ſchwand das letzte Reſtchen von Groll über die getäuſchte Hoffnung. Ich ſah vollkommen ein, was Laube mit ſeinem „Roman“ gemeint. Und ich nahm mir vor, aus der Komödie einen Roman zu machen; immer Koſſak's Worte vor Augen:„Die Konzeption, einen jugend⸗ lich empfindenden Allen Rit dem früh blaſirten, an der Proſa der obenaufliegenden Gegenwart und Ge⸗ ſellſchaft moraliſch und intellektuell zugrundegegangenen Sohne in einen ſchneidenden Kontraſt zu ſetzen, und beide um die Liebe eines jungen Mädchens werben zu laſſen, müßte in liebevollerer Ausführung von einem ungleich beſſeren Erfolge begleitet geweſen ſein.“ —„Lie beoollerer Ausführung!“ da ſaß es. Und aus dieſem Stich⸗ und Schlagwort iſt mein Roman entſtanden. Daß Stuttgart, durch die berliner Niederlage entmuthiget, ſich nun nicht mehr an das Luſtſpiel wagte, iſt ſehr begreiflich. — XI Dagegen fanden ſich plötzlich in Wien noch einmal Gönner und Gönnerinnen dafür, und durch dieſe erregt griff Laube zum Zleiſtift und fing an, hineinzuarbeiten. Er ſchrieb mir, daß er nun ein zmöglicherweiſe darſtellbares Stück⸗ darausgemacht habe; fragte mich auch wohlwollend, ob ich ſeine Umarbeitung ſehen wolle?— wofür ich beſtens dankte und ihm in jeder Beziehung freie Hand ließ. Mir war, aufrichtig geſtanden, nicht gut dabei zu Muthe. Was konnte ich gewinnen? Ward ihm Beiſall, ſo gebührte dieſer von Rechtswegen dem Bearbeiter, nicht mir. Ward ihm keiner, ſo zählte ich einen Fiasko mehr. Aber mich lockte,— o Schmach, daß man es ſagen muß! Doch wofür wäre man ſonſt ein deut⸗ ſcher Schriftſteller?— mich lockte die Ausſicht auf ein Honorar und ich ließ die Dinge gehen, wie ſie gehen wollten. Da hat, wie ich vernommen, ein von höherer Inſtanz ausgeſprochenes Bedenken Laube's freund⸗ ſchaftliche Abſichten gekreuzt,—„Jung oder Alt⸗ wurde nicht aufgeführt.... und ich athmete freier. Bald nach dieſer Entſcheidung ging ich an die Ausführung vorliegenden Buches, deſſen dritter und letzter Band die Hauptvorgänge jenes Luſtſpiels, natürlich mit mannigfachen Zuſätzen von Perſonen möge, iſt mein beſcheidener Wunſch. und Begebenheiten enthält. Der erſte und zweite Band ſind ganz neu und bringen etwa nur einige detaillirte Szenen, die auf der Bühne mit kurzen Worten erzählt und abgefertiget werden mußten, die jedoch vor dem Leſer ſich in Wahrheit zutragen dürfen Wie man mir ſagt, ſoll es einen franzöſiſchen Roman geben, der denſelben Titel führt. Ich habe ihn nie zu Geſichte bekommen; und wer ihn kennt, 4 wird mir das gern glauben, nachdem er den meinigen geleſen. Daß dieß mit einiger Theilnahme geſchehen H. 3 Für die Söhne dieſer Häuſer birgt es unzählige Gründel, Schmerlen, kleine Quabben und anderes kaltblütiges Gethier unter ſeinen Steinen, worauf barfüßige Waſſerjäger mit bewundernswürdiger Ge⸗ ſchicklichkeit und überraſchendem Erfolge zu fahnden verſtehen. Die Eicha iſt die Pulsader jugendlicher Beluſtigung für ſämmtliche Studenten des großen Dorfes Eichenau; mag ſie nun im heißen Sommer, halb ausgetrocknet, reicheren Raubfang geſtatten; mag ſie im Frühjahr und Herbſt, durch heftige Regengüſſe anſchwellend, bis hoch an die Ufer tretend, Schwemm⸗ holz und andere willkommene Gaben heranſpülen; mag ſie im Winter feſtgefroren hier und da einen Eisſpiegel zu gymnaſtiſchen Uebungen darbieten:— immer iſt ſie's, die Leben, Luſt und Freude bringt. Ulrich Graf Eichengrün, Majoratsherr auf Ei⸗ chenau, weiß ihre Verdienſte zu ſchätzen. Er liebt es, den Lauf des ſilberhellen, geſchwätzigen Gewäſ⸗ ſers, von dem ſeine Stammherrſchaft den Namen trägt, zu verfolgen bis auf den Kamm der Berge, wo die Grenze ſeines Beſitzthums den ſchmalen flim⸗ mernden Streifen empfängt, der da oben, dem Ur⸗ ſprunge nicht fern, ſich zwiſchen dürftigem Knieholz zuerſt in die Welt wagt und dann in unzähligen⸗ indungen und Krümmungen, neue Zuflüſſe auf 1*¾ nehmend, ſich hinabſchlängelt, um im Thale ein Bach zu werden. Der Graf ſieht darin ein friſches, an⸗ regendes Bild ſeines alten Geſchlechtes, deſſen Ahnen er kennt bis zu jenem Bauersmanne zurück, von dem es entſpringt. Er iſt ſtolz auf dieſen Urſprung, denn er ehrt den Bauernſtand. Er iſt Landmann mit Leib und Seele. Gegen ſeinesgleichen, gegen Herren und Grafen, die ihm,— ſei's durch Alter des Ge⸗ ſchlechtes, ſei's durch Reichthum, hauptſächlich durch geiſtige und geſellige Bildung nicht ebenbürtig er⸗ ſcheinen, kann er ſich, wenn er gerade übler Laune iſt, mitunter hochmüthig benehmen; wenigſtens ſteht er hier und da in dieſem Rufe. Gegen Geringere iſt er ſtets freundlich, wohlwollend; gegen die Be⸗ wohner der zur Majoratsherrſchaft Eichenau gehöri⸗ gen Dörfer iſt er herzlich, hilfreich wo es noththut, liebevoll. Seine Beamteten beten ihn an. Doch, weil die Läſterzunge nirgend und niemalen völlig ver⸗ ſtummt, ſo ziſchelt ſie auch hinter ihm her, daß er ſich zwiefach liebevoll zeige, wo hübſche junge Frauen und Mädchen ein Haus ſchmücken. Daß er ſeit ſechs⸗ zehn Jahren Witwer iſt, daß er es geblieben, ob⸗ gleich er am Todestage ſeiner Gemalin noch nicht vierzig zählte, mag zur Verbreitung mancher ihn betreffenden Gerüchte nicht wenig beigetragen haben. 5 Heute ſteigt er früher und raſcher als gewöhn⸗ lich aus den höheren Regionen der Nadelholzwaldung herab, wo ihn im Schatten herrlichſter Buchen nicht allein der Kutſcher mit den ungeduldigen Pferden, ſondern auch der Maurermeiſter und ein Oberförſter mit großen Papierrollen in der Hand erwarten. Auf einer Lichtung, die ſich ſanft vom Hügel hernieder⸗ ſenkt, ſind eine Menge kleiner Stäbe ausgeſteckt, welche den bereits ausgeſchrittenen Bauplatz bezeich⸗ nen. Der Graf wirft nur flüchtige Blicke auf die ihm vorgewieſenen, ſauberausgeführten Entwürfe, dann ſagt er:„Meiſter, es thut mir leid, daß ich Euch unnütz herbemüht; ich hatte vergeſſen, daß der junge Graf dieſen Abend eintreffen ſoll, den ich empfangen will. Wir müſſen unſere Berathung noch verſchieben. Das hindert übrigens nicht, mit der Anfuhr von Holz und Steinen zu beginnen. Beſor⸗ gen Sie,“ fuhr er zum Oberförſter gewendet fort, „die Holzfuhren; für alles übrige ſoll das Kameral⸗ amt Anweiſung erhalten. Den Grund können wir heuer noch legen. Wir behalten einen ſchönen Herbſt. Meinen Sie nicht auch, Oberförſter?“ Dieſer bejahte. „Nun vorwärts,“ rief der Graf und beſtieg ſeinen Wurſtwagen. Als er droben ſaß, kehrte er ch!“ zurufend, nach ſich, dem Kutſcher ein„Warte noch!“ den beiden Männern um:„Seid Ihr zu Fuße ge⸗ kommen?“ „Zu Befehl, Erzellenz!“ „So ſteigt auf zu mir; die Sonne meint's noch gut; was ſollt Ihr den weiten Weg zurück⸗ laufen?“ Beide, der Maurer wie der gräfliche Diener, nahmen das Anerbieten ohne Erſtaunen und ohne zierige Weigerung an, als eine gewöhnliche Sache. Sie ſetzten ſich, der Eine vor, der Andere neben den Gebieter, machten gar keine Umſtände, da er ihnen erlaubte, ihre Tabakspfeifen wieder in Brand zu ſtecken und gingen auf ſeine Geſpräche mit jener treuherzigen Unbefangenheit ein, die rechtliche Män⸗ ner, auch Königen und Kaiſern zur Seite, nie ver⸗ leugnen. Natürlich bewegte ſich das Dreigeſpräch zunächſt um den Bau des Jagdhauſes, deſſen Riſſe der Maurer, zuſammengerollt wie einen Marſchalls⸗ ſtab, ſchwenkte. Einigemale drehte ſich der Kut⸗ ſcher zurück und gab ſein Wort mit dazu, indem er bemerkte, die Stallungen könnten wohl ein Bißchen größer gemacht werden, als da auf dem großen Pa⸗ piere ſtünde; denn man wüßte doch nicht, ob nicht manchmal Beſuch käme, der ſeine eigenen Pferde 7 mitbrächte? und wo ſollte das liebe Vieh denn her⸗ nach Unterkunft finden? „Sei unbekümmert, Chriſtoph,“ ſagte der Graf; „für Beſuche bau' ich mir das Jagbſchlößchen nicht; für die iſt Raum im Schloſſe. Dort will ich allein bleiben, wenn mir gerade ſo zu Muthe iſt; dort⸗ hin lad' ich mir keine Gäſte“ Chriſtoph machte ein pfiffiges Geſicht, ſchwenkte die Peitſche,— ohne eines ſeiner edlen Thiere damit zu berühren und ließ ſchärfer austraben. Als die Wege ſich ſchieden,— der breitere über eine ge⸗ mauerte Brücke hinweg, dem Schloſſe zu; der ſchmä⸗ lere eine Pappelallee entlang nach dem Vorwerke hin, welches der Waſſerhof genannt wird, weil es unmittelbar auf dem hohen Ufer der Eicha ſteht;— drehte er ſich abermals um, deutete mit der Peitſche auf den letzteren dieſer Wege und fragte:„Hier?“ „Eſel, baß Du nicht gehört, daß ich den Gra⸗ fen Hermann erwarte?“ ſprach unwillig der Graf; „was ſoll ich auf dem Waſſerhofe machen?“ „Ich weiß es nicht,“ murmelte Chriſtoph;„wenn er's nicht beſſer wüßte, warum ſtieg er denn ſonſt ſo oft beim Verwalter ab? Heute thut er ſo unſchul⸗ dig, wie ein Lamm. Kann ich's denn riechen.“ „Mit wem redeſt Du, Chriſtoph?“ fragte der Graf. „Mit dem Handpferde, Erzellenz. Die dumme Kuh will durchaus rechts anziehen. Sie muß im Waſſerhofe was liebes haben.“ Der Oberförſter und der Maurer blieſen große Wolken aus ihren Pfeifenköpfen, hinter denen ſie ein verlegenes Lächeln zu verbergen wünſchten. Der Graf begnügte ſich mit der Aeußerung: „Ich denke, das Handpferd iſt geſcheidter wie Du, Chriſtoph; Du wirſt täglich dümmer!“ Doch klang dieſer Vorwurf ſo freundlich, daß die Zuhörer faſt verſucht wurden zu glauben, Chriſtoph's Neckerei habe einen günſtigen Eindruck gemacht. 1 Leicht möglich! Vielleicht hörte der Graf nicht ungern, wenn von ſeinen kleinen Liebeleien geſprochen wurde? Vielleicht kannte der vertraute Leibkutſcher des guten Herrn eitle Schwäche?— Sie hatten das Dorf bald erreicht. Der Ober⸗ förſter und der Maurer wurden abgeſetzt, um ſich ihren Wohnungen zuzuwenden, und Chriſtoph wandte⸗ ſich nun raſch dem Schloſſe zu, feſt überzeugt, es würde noch einmal vom Waſſerhofe die Rede ſein. Statt deſſen rief der Graf:„wir kommen ſchon zu ſpät zum Empfange; jetzt eben fuhr Hermann ins Thor hinein.“ „Nein, Erzellenz,“ entgegnete Chriſtoph;„das 9 war nicht unſer jüngſter Graf; das waren Fremde; ſie haben Lohnfuhrwerk.“ 3„Ich erwarte keine Gäſte! wer kann das ſein?“ „Dem Wagen nach kann's ihre gräfliche Gnaden ſein, die Frau Schweſter. Die ſucht ſich, mit Per⸗ miſſion zu reden, immer ſolche altmodiſche Kaſten aus.“ „Schweſter Barbara? Ja das wär' möglich;— fahr' zu, Chriſtoph!— Das wär' möglich. Es iſt zwar noch nicht ihre Zeit; ſie trifft ſonſt immer erſt mit September ein..A „Sie wird halt Wind haben, Erzellenz, daß ihr Herzblatt, der Hermann, auf die Ferien kommt, und da will ſie keinen Tag verſäumen. Darum hat ſie ſich heuer frühzeitiger auf die Strümpfe gemacht.. tta, da haben wir ja ſchon den Herrn Niklas,... und dort die alte Schachtel, die Chriſtiane, mit ihren Schachteln... s wird ſchon recht ſein; es ſind die hann Gräfin Abbatiſſin ſammt ſämmtlichem Zubehör. Tr I Chriſtoph hielt an. Graf Eichengrün ſprang für ſeine fünfzig Jahre unglaublich raſch und ge⸗ wandt herab und fragte den ihn devot begrüßenden Niklas nach Gräfin Barbara. „Meine Graͤfin hat ſich laſſen vom Haushof⸗ meiſter gleich durch den Garten führen, Erzellenz, 10 auf die Seite hin, wo der Weg von der Chauſſee herüberführt. Sie meinte, ſie wollte den Grafen Hermann beim Wegweiſer erwarten; dort hätte ſie vor eilf Monaten von ihm Abſchied genommen und dort wollte ſie ihn wiederſehen.“ Der Graf ſchüttelte wohl den Kopf, aber nichts⸗ deſtoweniger machte er ſich doch auf, ſeiner Schweſter zu folgen. Er fand ſie denn auch am Rande des Chauſſéegrabens auf einer improviſirten Bank von ausgeſtochenen Raſenſtücken ſitzend, ſeinen Haushof⸗ meiſter Lobeſam in ehrerbietiger Entfernung und Haltung vor ihr ſtehend. Schon von weitem rief ſie ihm entgegen:„Gott zum Gruß, Bruder Ulrich, das iſt ſchön, daß Du auch da biſt; nun können wir unſern Hermann mitſammen empfangen. Setz Dich zu mir auf dieſes Kanapee. Dein Tauſend⸗ künſtler und Faktotum hat's aufgerichtet, weil mein altes Pedal nicht mehr taktfeſt war. Wenn der Chauſſéewärter früher des Weges kommt, als den wir erwarten, ſo ſchilt er freilich; aber ich mache ihn ſchon wieder gut, denn er kennt mich. Ver⸗ gangenen Sommer hab' ich ſeinen Kindern manchen Groſchen zugeſteckt, als ich mit meinem Kavaliere promenirte. Das waren gute Zeiten, wie der Her⸗ mann keine größere Freude kannte, als ſeine grau⸗ 11 köpfige Tante zu führen! Gott, wie mir der Junge fehlt! und was ſie nur werden aus ihm gemacht haben in dieſem Jahre!“ „Wir werden's bald ſehen, Barbara,“ ſprach der Graf die Uhr ziehend.„Er kann nicht mehr lange ausbleiben. Meinſt Du nicht auch, Lobeſam?“ Der Haushofmeiſter trat einen Schritt vor. „Sind ſie um ſechs Uhr ausgefahren, wie ich rechne, Erzellenz, und haben ſie ſich über Mittag nicht unnütz aufgehalten, ſo müſſen wir zwiſchen zehn und zwanzig Minuten den Staub von ihrem Wagen ſich auf der Kunſtſtraße erheben ſehen. Die Braunen laufen gut und David iſt ein pünktlicher Burſch.“ Dieß geſagt, machte Lobeſam den Schritt, den er früher vorwärts gethan, wieder zurück und nahm genau ſeine vorige Stellung wieder ein.— „Wie iſt Dir's ergangen, Barbara, ſeitdem wir uns nicht ſahen?“ „Wie immer, mein Freund. Fünf Monate in der Reſidenz,(es war heuer mein Stadtjahr!) ſechs im Stifte und den zwölften denk' ich im lieben Eichenau zuzubringen. Vielleicht geb' ich dießmal etwas zu. Meine Stellvertreterin iſt eine ſolide Dame, eine Schlichten weißt Du, unſeres guten alten Barons jüngſte Tochter, auf die man ſich verlaſſen kann. Auch befindet ſich alles in der ſchönſten Ord⸗ nung. Der Herr Oberpräſident hielt neulich die längſt⸗ erwartete Viſitation und er ſowohl, als ſeine Bureau⸗ menſchen, deren er zwei unausſtehliche moderne Brillen⸗ träger bei ſich führte, konnten des Lobes kein Ende finden über meine männliche Leitung des Stiftes; über meine Energie, wie ſie's zu nennen beliebten. Ich ließ ſie reden und dachte mir: haltet lieber Eure Sachen ebenſo zuſammen; es iſt keine ſo große Kunſt, wenn Kraft und Wille ſich vereinen. In unſern Tagen, Bruder, wird zu viel mit der Feder organiſirt und befohlen, dagegen in Wahrheit zu wenig gethan. Der Geſchäftsgang iſt zu kom⸗ plizirt. Die Stöße von Papieren nur allein, die ſie bei uns vollklekſten! Ich bin ſeit dreißig Jahren Oberin des Stiftes Friedhain; aber in dieſer ganzen Zeit haben meine Kanzelliſten nicht ſoviel verbraucht!“ „Soviel ſich's vermeiden läßt, ſuch' ich auch dem Geſchreibe auszuweichen; aber bei größerem Beſitz geht es doch nicht ohne Federfuchſerei ab. Wie unſer ſeliger Vater ſtarb, fand ich einen Di⸗ rektor, einen Rentſchreiber, einen Forſtſchreiber und drei oder vier Kopiſten im hieſigen Kameralamte. Jetzt ſitzen drei Räthe und mehr wie ein Dutzend andere Beamtete darin und geht keiner müßig. Allerdings 13 hab' ich ſeitdem einige Allodial⸗Güter angekauft, die vom Majorate aus mitverwaltet werden. Aber Du darfſt nicht vergeſſen, Schweſter Barbara, daß die ganze Welt einen andern Zuſchnitt bekommen. Manches mag ſonſt beſſer geweſen ſein, vieles beſſert ſich zuſehends. Es wird einerſeits mehr geſchrieben, leider; andererſeits wird dafür auch weniger ge⸗ prügelt, gedrückt und geſchunden. Offenbare Unge⸗ rechtigkeiten an Schwächeren und Unterdrückten be⸗ gangen, wie wir ſie als Kinder von unſeres Vaters Oberamtmann bisweilen ausüben ſahen, können heute nur ausnahmsweiſe vorfallen, können nur ungeahndet hingehen, wenn der Zufall ſie verheim⸗ licht. Weitläufiger iſt die Verwaltung geworden, koſtſpieliger, mitunter zum Teufelholen umſtändlich!.. deßhalb jedoch auch humaner, gerechter Laſſen wir ſie ſchreiben, die armen Kerls wollen auch leben!“ Gräfin Barbara ſtand im Begriffe, eine Gegen⸗ einwendung zu machen, da rief der Haushofmeiſter: „Erzellenz, die Staubwolke zieht heran; ich erkenne mitten hindurch David's lakirten Hut: es iſt Graf Hermann!“ Tante Barbara erhob ſich von ihrer Ra⸗ ſenbank und ging an ihres Bruders Arme der ſehnlichſt⸗ erwarteten Staubwolke entgegen. Ehe ſie dieſe noch er⸗ reicht hatten, war Graf Hermann ſchon aus dem 14 Wagen geflogen,— zu David's größtem Schrecken, dem er dabei den Glanzhut vom Kopfe geriſſen,— und lag bereits in den Armen ſeiner Tante, als David mit den Pferden von jener, Graf Ulrich mit ſeinem Haushofmeiſter von dieſer Seite nachrückten, um ſich ſämmtlich in einer und derſelben Staubwolke zu vereinigen. David benützte den willkommenen Aufenthalt, vom Bocke zu ſteigen, und den herabgefallenen Hut nachzuholen, während der Kammerdiener mit der Linken die Pferde hielt, mit der Rechten die Uhr zog und zum Grafen ſagte:„Auf die Minute, Ex⸗ zellenz!“ Der Graf ſchluckte ein Weilchen den ihm zugemeſſenen Vorrath von Chauſſéeſtaub geduldig ein; ſodann, eiferſüchtig auf die Zärtlichkeit, die ſein Sohn der Tante Barbara ſpendete, ohne des Vaters zu achten, huſtete er heftig und ſprach:„Ich dächte, wir zögen uns an einen Platz, wenn Eure Embraſſe⸗ ments ſo lange ausgeſetzt werden können, wo gerin⸗ gere Gefahr des Erſtickens droht? Dort ſeh' ich den Schäferknecht mit dem Brackoieh herantreiben, was keine Ausſicht auf ferneres Athemholen verheißt.“ Barbara hörte aus ihres Bruders erzwungen⸗ ſcherzhaftem Tone den gerechten Groll des momentan zurückgeſetzten Vaters heraus. Sie machte Hermann's 15 Arm von ihrem Halſe los, führte den Liebling ihrem Bruder zu und bat herzlich:„Sei ihm nicht böſe, Ulrich, die Schuld iſt mein, ich hab' ihn ſo feſt gehalten. Dafür ſollſt Du ihn den ganzen Abend für Dich allein haben.“ Der Graf ließ ſich von ſeinem Sohne die Hand küſſen, gab ihm einen Kuß auf die Wange, wies noch einmal auf die drohende Heerde, welche wirklich die Kunſtſtraße in ihrer ganzen Breite aufzurühren und deren zarte Beſtandtheile in Wolken zu ver⸗ wandeln ſchien, ergriff ſeiner Schweſter linken Arm, — Hermann führte ſein ‚himmliſches Tantchen⸗ am andern,— und ſie traten die Flucht an; doch konnten ſie nicht ſchnell genug davoneilen, daß ſie nicht mitten auf der grünen Wieſe noch ein Stückchen fliegender Chauſſée erreicht hätte, trotz des Haus⸗ hofmeiſters Bemühungen, der ſein ſeidenes Taſchen⸗ tuch zornig ſchwang, und ſehr verwundert war, weil er Wind keinen Reſpekt vor ihm und ſeiner Signal⸗ fahne bezeugte, welche doch im ganzen Schloßhofe galt. Hermann lachte nach ihm zurück:„Bon soir, Meiſter Lobeſam; wie ſteh' ich in Dero Huld?“ Der Haushofmeiſter verbeugte ſich ſtumm; er konnte ſeine Verlegenheit nicht verbergen. Denn weil er nicht wußte, ob ſein„Herr die Vernachlaͤſſi⸗ 16 gung, die der Sohn ſich jetzt zu Schulden kommen laſſe, ernſtlich übelgenommen habe, ſo wagte er auch nicht, entſchiedene Freude über Hermann's An⸗ kunft und deſſen blühendjugendliches Wachsthum an den Tag zu legen. Erſt als der Graf ihn fragte: „Nu, Lobeſämchen, hat Dir der Staub die Sprache erſtickt?“ erwiederte jener mit abermaliger Vernei⸗ gung:„Wie Erzellenz befehlen!“ „Er iſt ein Diplomat,“ ſagte Graf Ulrich zu ſeiner Schweſter;„ſolange er wähnt, ich könnte mich für verletzt halten in meinen Vaterrechten, wird er ſich anſtellen, als machte er ſich nichts aus dem Jungen; dafür wird er ihm heimlich das Beſte zuwenden und ſich jedem kindiſchen Wunſche willig fügen, wär' es auch mit Gefahr, uns das Schloß überm Kopfe in Brand zu ſtecken.“ „Exzellenz...““ flehte der Haushofmeiſter... „Halt's Maul, alter Sünder! Nos kennimus!“ — Wie ſie in den Garten traten, empfing der Schloßgärtner Gräfin Barbara und ſeines Grafen Sohn mit zwei Blumenſträußen, die er in größter Eile für beide gewunden. Der greiſe Mann hatte Blüten und Blätter ſinnig zuſammengeſtellt, wie es ſich für eine ſechszigjährige Dame und für einen ſechszehnjährigen Jüngling paßte. Seine Gönnerin 17 fand die Bedeutung bald heraus und dankte ihm freund⸗ lich:„Immer noch auf den Beinen, Wiesner? immer noch thätig? wir kennen uns doch ſchon ein Weilchen!“ „Ja, gnädige Gräfin,'s geht nun bald ins neun⸗ undfünfzigſte Jahr. Das Bouquet zu Ihrem erſten Jahrestage ließ mich mein ſeliger Vater binden;'s war das allererſte, wozu ich die Blumen allein aus⸗ wählen durfte. Und weil er zufrieden war, durft' ich es auch übergeben. Ich mag ſo ein Bürſchel von neun oder zehn Jahren geweſen ſein. Sie zer⸗ zauſeten wohl den hübſchen Strauß ein Bißchen mit Ihren kleinen Fingerchen, aber ich freute mich denn doch, daß ich die Ehre hatte.“ Barbara hielt ihre zwei Führer zurück und ſah dem Greiſe lange ins Geſicht.„Treuer Diener unſeres Hauſes,“ ſprach ſie dann gerührt,„Du haſt mir den erſten Blumenſtrauß gewunden!? winde mir auch den letzten, den ich mit in die Gruft nehme; den will ich nicht zerzauſen; das verſprech' ich Dir.“ „Frau Gräfin haben gut verſprechen,“ antwor⸗ tete Wiesner;„im Sarge ſollen wir gewiß ruhig lie⸗ gen, und die Hände ſtillhalten. Aber ich kann nicht verſprechen, daß ich Ihren Befehl erfülle;'s geht auf die Neige mit mir.“ „Dummheiten,“ unterbrach ihn der Graf;„redet 1857. XIV. Noblesse oblige. JT. 2 18 nicht vom Sterben. Davon will ich noch nichts hören; ich bin noch ſehr lebensluſtig.“ „Exzellenz haben zwanzig zugute vor mir,“ ſagte der Gärtner;„ſind noch ein junger Herr!“ „So laß' ich mir's gefallen! Komm', Schweſter Barbara, unſer Souper wartet. Lobeſam iſt ſchon hinauf, der ſchilt, wenn wir ſäumen, und Hermann wird auch hungrig ſein!?“. „Wie ein Wolf, lieber Vater.“ Sie ſetzten ſich wieder in Bewegung. Barbara rief im Gehen dem Gärtner zu:„Eins von beiden, Wiesner: Du ſtreuſt mir eine Hand voll Blumen in den Sarg, oder ich Dir! Es bleibt ſich am Ende gleich, denn ‚am Ende' iſt es ja doch.“ Wiesner blickte ihnen nach, bis ſie über die Teraſſe ins Schloß gegangen waren. Dann mur⸗ melte er vor ſich hin:„Große Feldherren,— gewal⸗ tige Krieger,— tapfere Sieger— alle mitſammen Helden, und keiner ein Held, wie die alte Heldin da, die Frau Aebtiſſin, meines ſeligen Grafen älte⸗ ſtes Fräulein Tochter. Wenn die Leute wüßten, was ich weiß, und ſie und der liebe Gott! Nennen ſie Tante Barbara ſchlechtweg; haben ſie lieb, weil ſie eine freundliche mildthätige Perſon iſt, ſammt ihrem gräflichen Stolze. Uebrigens heißt's: Sie iſt eine 19 alte Jungfer, hat keinen Mann bekommen... v ihr dummen Leute, ich könnte euch mehr von ihr er⸗ zählen, daß euch die Augen übergingen! Doch ihr ſeid's nicht werth; ihr ſeid zu abgeſchmackt, zu al⸗ bern. Dem Grafen Hermann will ich's mittheilen. Der iſt ihr Liebling; der ſoll ſie recht kennen lernen Nein, ins Grab nehm' ich mein Geheimniß nicht mit.“ Dann kroch er in ſein kleines Stübchen, wel⸗ ches auf der Mittagſeite des Schloſſes zwiſchen Glas⸗ häuſern eingeklemmt lag, wie ein Vogelneſt zwiſchen den Aeſten eines blühenden Orangenbaumes. Der Greis hatte es ſchon vor dem Ableben ſeiner Frau, die in der Nachbarſchaft bei Verwandten Unterkunft fand, bewohnen zu dürfen gebeten und zwar ganz allein; es war ganz eigens aus einer Rumpelkam⸗ mer für Gartengeräth zu einem Aufenthalte für ihn umgeändert und eingerichtet worden. Er brauchte keine Bedienung, ſchlief auf hartem Lager, holte ſich ſeine Mahlzeiten aus der gräflichen Kuche und dul⸗ dete ſogar den Gartenburſchen nicht um ſich. Er wollte allein ſein, meinte er, auf ſeine alten Tage, hätte ſich lange genug mit den Menſchen herummar⸗ tern müſſen, und wär' ihrer überdrüſſig, beſonders der Frauenzimmer, jedoch mit Ausnahme von Gräfin Barbara. Seine eigene Ehe war höchſt unglücklich 3 2 20 geweſen. Die alte Wiesner hatte im ganzen Hofe für einen Drachen gegolten. Kinder hatten ſie nicht gehabt.„Meine Kinder ſind Bäume und Blumen,“ pflegte er zu ſagen;„in ihrer Mitte hab' ich gelebt, in ihrer Mitte will ich ſterben; was brauch' ich die Menſchen.“ Er hielt keinen Umgang mit den Be⸗ wohnern des Schloſſes, redete ſo wenig als möglich mit ihnen. Für ihn gab es eigentlich nur noch drei Perſönlichkeiten auf Erden: die Aebtiſſin, den Gra⸗ fen, ſeinen Herrn, und deſſen jüngeren Sohn Her⸗ mann, den wir ihn mit einem Blumenſtrauße begrü⸗ ßen ſahen. Den älteren Sohn, den Majoratserben, ignorirte er, nannte nie ſeinen Namen und vermied ihm zu begegnen, wenn Graf Theoder in Eichenau anweſend war,— was jedoch äußerſt ſelten, in lan⸗ gen Zwiſchenräumen und ſtets nur auf wenige Tage geſchah. Aus ſeiner Abneigung gegen den künftigen Gebieter machte Wiesner kein Geheimniß, und wenn der Koch, der Einzige, mit welchem er gelegentlich ein Wort wechſelte, ihm ſein unkluges Benehmen vor⸗ warf, weil man doch nicht wiſſen könne, wie geſchwind vielleicht einmal ein„Regierungs⸗Wechſel einträte denn ſterblich wären wir alle“ und ſo weiter... entgegnete er freundlich:„mein lieber Herr Küchen⸗ meiſter, bis Graf Theodor einen eigenen Schloßgärt⸗ 21 ner brauchen wird, braucht der alte Wiesner ſchon längſt keinen Grafen mehr und iſt ſicher verſorgt.“ Heute holte ſich der Gärtner kein Abendeſſen ab. Er ſetzte ſich ſtillſchweigend auf ſein Lager und zehrte an Erinnerungen. Deſto lebhafter ging es im gräflichen Speiſe⸗ ſaale zu. Obgleich nur ihrer drei bei Tafel ſaßen, trat doch keine Pauſe im Geſpräche ein. Hermann hatte ſo viel zu erzählen. Sein erſtes Jahr, in der Ritterakademie verlebt, wimmelte von neuen Erleb⸗ niſſen und Eindrücken, die er mit der offenherzigen, luſtigen Lebendigkeit eines guten, klugen, friſchen Schülers fröhlich zum Beſten gab, ſeiner Kameraden wie ſeiner Lehrer in Liebe, aber auch mit kindiſcher Schelmerei gedenkend. Vater und Tante ergötzten ſich ungemein an ſeinen Schilderungen und freuten ſich vorzüglich an der Mittheilungsfähigkeit, die er in dieſem einen Jahre gewonnen, während er da⸗ heim, unter Obhut und Aufſicht eines ſtrengen Er⸗ ziehers, ziemlich ſchweigſam geweſen. „Es war die höchſte Zeit,“ rief der Graf mehr⸗ mals aus,„daß der Junge unter fremde Menſchen kam; er wäre mir völlig verſauert bei ſeiner iſolir⸗ ten Studiererei. Das muß ſich reiben und glätten an andern, ſonſt wird im Leben nichts daraus!“ 22 Tante Barbara begnügte ſich nicht mit ſo ne⸗ gativem Lobe. Sie ſagte gerade heraus:„Du biſt ein prächtiger Burſch geworden, Hermann!“ und dann ſchickte ſie die großen, klaren Augen ringsum den Tiſch, in den Mienen der aufwartenden Dienerſchaft ihres Ausſpruchs Beſtätigung zu ſuchen und zu fin⸗ den. Denn alle ſchauten verklärt darein, weil ſie alle, (nicht ohne Oppoſition gegen den abweſenden Theodor,) den jüngern Bruder liebten. Nur der Haushofmei⸗ ſter, wohl wiſſend, welchen Vorzug der ältere Bru⸗ der in des Vaters Meinung vor dem Anweſenden genoß, wagte nicht unbedingte Zuſtimmung zu zeigen. Er ſah ſeinen Gebieter erſt fragend an. Doch ſobald dieſer freundlich der Schweſter zunickte, erlaubte ſich Lobeſam desgleichen zu thun, und zwar mit großem Vergnügen. Nach aufgehobener Tafel begaben ſich die Herr⸗ ſchaften in das Geſellſchaftszimmer, wo ſie, recht hei⸗ ter geſtimmt, noch ein Stündchen ohne Zeugen zu verplaudern gedachten. Denn mehr oder weniger legt die Anweſenheit der Diener, mögen es auch alte, der Familie engvertraute ſein, der freien Ent⸗ faltung des Geſpräches immer Feſſeln an. Es gibt gar manches, was man in Gegenwart von Zeugen zu berühren fürchtet, weil man ſchon vorher weiß, b Hühner. L bara; Du auch ſeine Mei Hermann wal bitten wollte:„kannſt Die Aebtiſſin zuckte Hermann, machten ſich gefaßt † kommen mußte, der nicht ausbleibent beiden bekannt, den ſie aber gern ve Doch es hatte auch ſein gutes, daß erſten Abende austobe, dann blieb vielleis Liebe, wurde. ſogar dieſe Ite ein,) erwie⸗ entſchieden: der erden, da er im Ver⸗ Barm und angewieſen ſei, ſchende Stellung zu erringen!— Vaber verhielt ſich alles ganz anders. in fühlte ſich ſeinem jüngeren Sohne ſchwärmeriſchen Vorliebe zugethan, daß der ältere, dadurch aus ſeinem Herzen 25 faſt verdrängt worden war. Neun Jahre zählte dieſer, wie Hermann geboren wurde und die Gräfin Mutter ſtarb. Das kleine Knäblein lachte den Gra⸗ fen mit der Verblichenen Augen an. Ihm wendete ſich die Gunſt des Vaters ſo entſchieden zu, daß Theodor darunter litt. Dieſe Ungerechtigkeit war ge⸗ wachſen mit den Söhnen zugleich. Als der ältere ſich den Jahren näherte, wo er nöthigenfalls hätte für majorenn erklärt werden können, hatte ſie den höchſten Grad erreicht: der Graf begann im einſti⸗ gen Nachfolger einen Nebenbuhler zu ſehen. Und da war dann der Umſchlag erfolgt. Bei einem ſo edlen Charakter bedurfte es nur ernſter, aufrichtiger Prüfung und Erkenntniß. Sobald Graf Eichengrün ſich einmal Rechenſchaft gegeben, daß ſelbſtſüchtige Triebe mit im Spiel geweſen, that er ſich Gewalt an; er ſchämte ſich ſeiner Schwächen; er wendete ſich dem bisher zurückgeſetzten Sohne mit übertriebe⸗ ner Zärtlichkeit zu; um ſo übertriebener, weil ſie erzwungen war. Von jenem Tage ſchrieb ſich Theo⸗ dor's Uebergewicht und Hermann wurde der Zu⸗ rückgeſetzte. Hermann mußte dafür büßen, daß ſein Vater ſich ſelbſt tadelnswerth erfunden; mit der Be⸗ hauptung, daß ein armer Graf nicht verwöhnt wer⸗ den dürfte, rechtfertigte dieſer ſeine Härte gegen ihn 26 vor Barbara, vor der Welt, und vor ſeinem eige⸗ nen Herzen, welches ſich oft genug wider den aufge⸗ legten Zwang empörte. Nach dieſer Vorbereitung dürfen wir weiterge⸗ hen und jenes Dreigeſpräch belauſchen, welchem wir das nächſte Kapitel widmen wollen. Zweites Kapitel. Der Graf. Es handelt ſich um Hermann's Zukunft, liebe Schweſter. Ich bin zufrieden mit ihm; er hat ſich im Verlaufe dieſes Jahres recht hübſch gemacht. Die rauhen Ecken, die er aus dem Lehr⸗ zimmer ſeines Gouverneurs und aus den bäuriſchen Umgebungen meines Schloſſes mitgenommen, ſind in der Akademie ſchon ein wenig abgeſchliffen und ich bin gar nicht abgeneigt, ihn noch ein Jahr dortzu⸗ laſſen. Länger jedoch nicht. Als Uebergang von dem väterlichen Hauſe in die große Welt iſt eine ſolche Anſtalt vortheilhaft, inſofern ſie aufs Leben vor⸗ bereitet, und mit verſchiedenartigen Charakteren um⸗ gehen und auskommen lehrt. Aber auf die Dauer reicht ſie nicht aus. Mir ſcheint, daß die eigent⸗ 27 lichen gelehrten Studien neben körperlichen Exerzitien dort zu kurz kommen....— Barbara. Soll denn Hermann ein Gelehr⸗ ter werden? Graf. Kein Gelehrter von Profeſſion; kein dozirender Profeſſor, noch bücherſchreibender; das ver⸗ lang' ich nicht. Aber dem Staatsdienſte ſoll er ſich widmen und dazu iſt nun einmal, wie es jetzt in der Welt ſteht, griechiſch und lateiniſch vonnöthen. Mit beiden Sprachen wird es in der Akademie durch⸗ aus nicht genau genommen. Er muß dieſes zweite Jahr alles Verſäumte mit einem Privatlehrer nach⸗ holen und ſodann die Univerſität beziehen und die Rechte ſtudiren, ſo fleißig wie der erſtebeſte Pa⸗ ſtors⸗ oder Müllers⸗Sohn, der Landrichter zu wer⸗ den hofft, wenn der Himmel ihm wohlwill; nur mit dem Unterſchiede, daß Graf Hermann Eichen⸗ grün ein höheres Ziel zu erſtreben und folglich auch ſeinen Fleiß und ſeine Fähigkeiten doppelt anzuſtren⸗ gen hat. Barbara. Soll er etwa auch in die diplo⸗ matiſche Laufbahn eintreten, wie ſein Bruder Theo⸗ dor? Graf. Du wilſſt mich abſichtlich mißverſtehen, Schweſter. Dazu wäre die griechiſche Sprache nicht 28 vonnöthen und vom Lateiniſchen würde ein kleines Echantillon genügen; ich zweifle, daß der Fürſt⸗Staats⸗ kanzler mehr von Cicero's Reden im Originale ver⸗ ſteht, als ich? Die Rechte ſoll er ſtudiren, hab' ich ausdrücklich geſagt. Er ſoll darauf hinarbeiten, Ju⸗ ſtizminiſter zu werden, wozu bei ſeiner Geburt und meinem Einfluſſe alle Ausſicht vorhanden, wenn er erſt als Präſident eines Kollegiums Ehre eingelegt hat. Sollten ſich in dieſer Branche wider Vermu⸗ then Schwierigkeiten zeigen, ſo bleibt ihm unbenom⸗ men, zur Staatsverwaltung überzutreten, wo er das Oberpräſidium einer Provinz ſo gut wie ſchon in der Taſche hat. Und dann liegt es nur an ihm, ſich ein Portefeuille zu erringen. Die diplomatiſche Car⸗ risre iſt paſſend für einen Majoratserben, deſſen Vater, noch jugendlichkräftig, keine Luſt hegt, ſo ge⸗ ſchwind platzzumachen. Theodor pouſſire ſich wie er kann. Meinetwegen nehm' er auch eine Geſandt⸗ ſchaft an, entfalte einigen Glanz, mache Schulden, nach⸗meinem Tode findet er Eichenau im gu⸗ ten Stande und kann ſich, der Eitelkeiten müde, ins warme Neſt ſetzen. Bei Hermann heißt es: ſich die⸗ ſes Neſt ſelbſt bauen. Dazu muß er mehr lernen, wie ſein älterer Bruder zu lernen nöthig hatte! Er iſt verpflichtet, ſolideren Grund zu legen. Und ich 29 hege das Vertrauen zu ſeiner Einſicht, daß er es nicht an Fleiß und feſtem Willen fehlen laſſen wird. Hermann. O gewiß nicht. Aber eine Be⸗ merkung möcht' ich machen, lieber Vater, wenn Du erlauben wollteſt? Graf. Unbedenklich. Es handelt ſich ja um Deine eigene Zukunft. Dabei haſt Du jedenfalls auch eine Stimme; wenn noch keine entſcheidende, doch eine berathende. Alſo rede! Hermann. Wenn ich aufrichtig reden darf, lieber Vater: ich habe nicht die geringſte Luſt, Ju⸗ risprudenz zu ſtudiren! Graf. Ja was denn ſonſt? Spürſt Du viel⸗ leicht Neigung, Dich der Arzneiwiſſenſchaft zu wid⸗ men? oder möchteſt Du die Kanzel beſteigen? Bei⸗ des wäre in unſerer Familie noch nicht dageweſen! Nicht wahr, Barbara, es müßte poſſirlich zu ſehen ſein, wie Hermann Graf Eichengrün uns in der Kirche anpredigte? oder wie er Deinem Niklas ein Rezept wider der Schwindel verſchriebe? Barbara. Du haſt ihn nicht ausreden laſ⸗ ſen, Bruder! Graf. Ich habe ihn nicht unterbrochen, Schwe⸗ ſter Barbara. Er ſchwieg von ſelbſt. Wenn er noch mehr zu ſagen hat, ſoll er in Gottesnamen wieder 30 beginnen. Ich bin ſehr neugierig zu erfahren, wo⸗ hin ſeine Neigung ſich richtet? Hermann. Mit zwei Worten ausgeſprochen: nach Eichenau! Ich wünſchte mich mit Leib und Seele der Landwirthſchaft zuzuwenden und darin mei⸗ nem guten Vater nachzuahmen, wenn ich dieſen auch nicht erreichen kann. Zum Studiren, was man ſo nennt, fühl' ich keinen rechten Trieb. Graf. Du biſt ſehr gütig, mein Sohn, mich als ein würdiges Vorbild für Dein Streben zu be⸗ zeichnen; nur weiß ich nicht recht, welche Erwartun⸗ gen Du an dieſe Agronomanie knüpfeſt? Gehſt Du etwa darauf aus, nach erlangter Reife Verwalter bei Deinem ältern Bruder zu werden? oder gar Acker⸗ vogt bei irgendeinem der geringeren Gutsbeſitzer in der Umgebung? Ich hätte Dir mehr Ehrgeiz und auch mehr Ehrgefühl zugemuthet. Hermann. Darüber hab' ich wohl noch nicht tiefer nachgedacht. Für den Augenblick ſprach ich nur meine Empfindungen aus. Das Stubendaſein be⸗ hagt mir nicht; über den Büchern zu ſitzen macht mich ungeduldig. Meine Sehnſucht zieht mich nach Wald und Feld, nach den ländlichen Umgebungen meiner Heimat, nach Freiheit und Bewegung in Gottes freier Luft. 31 Graf. Dieß alles ſind ſchöne Dinge, die nie⸗ mand höher zu ſchätzen weiß, wie ich. Es wäre aber dabei zu erwägen, daß dieſe Heimat, nach welcher Deine Sehnſucht Dich zieht, die Heimat eines Ma⸗ joratsherrn iſt und daß der zweite, jüngere Sohn nur Anſprüche auf eine mäßige Rente, und nach meinem Tode auf ein kleines Allodialvermögen hat, wel⸗ ches bei gegenwärtigen Zeitläuften täglich kleiner zu werden droht und kaum hinreichen würde, ein paar Landgütchen zu behaupten, wie jeder erſtebeſte reiche Bauer eines beſitzt. Hermann. Wenn ich aber damit mich gern zufriedenſtellte, theuerſter Vater? Graf. Das meinſt Du jetzt, wo Du noch zu wenig Erfahrung beſitzeſt, um die Anſprüche vor⸗ her in Anſchlag zu bringen, die dereinſt in Dir auf⸗ ſteigen dürften. Sollte jedoch, wider Vermuthen, dieſe entſagende Beſcheidenheit,— ſie müßte denn ein Erb⸗ theil Deiner ſeligen Mutter ſein; von mir iſt ſie nicht auf Dich übergegangen!— noch bei Dir vor⸗ halten? Wäreſt Du wirklich kapabel, Dich in ſo kleinlichen Verhältniſſen wohlzufühlen, ſo könnte dieß dac nur im Widerſpruche mit Deinen Pflichten ſtatt⸗ nden. 32 Hermann. Mit welchen Pflichten, lieber Vater? Graf. Die Dir Deine Geburt, Dein Name auferlegen. Für keinen Grafen Eichengrün ſchickt es ſich, irgendetwas halb zu ſein. Entweder muß er als Gutsbeſitzer im großen unter ſeinen Nachbarn der erſte, reichſte, bedeutendſte, wirkſamſte im Lande Achtung und Auszeichnung genießen, oder, wenn er dieß nicht vermag, weil die Mittel fehlen, muß er ſich ganz und gar dem Staatsdienſte wid⸗ men und ſich durch Fleiß, feſten Willen, und geſtützt auf die Vorrechte ſeines alten Geſchlechtes, zu den höchſten Stufen in der Beamtenwelt emporheben. Unſer Platz, mein lieber Hermann, iſt auf dem Herrenſitz unſerer Väter,(wenn wir Erſtgeborene ſind) im Schloſſe hoher Ahnen, umgeben von ihren Bil⸗ dern, bemüht, ringsum gutes zu wirken;— ſind wir aber zweite Söhne, dann iſt die Pflicht uns auferlegt, uns dem Throne ſo nahe wie möglich zu ſtellen, und, indem wir dem Vaterlande redlich die⸗ nen, uns zugleich ſo hoch zu erheben, als unſere Fä⸗ higkeiten und die Verhältniſſe nur immer geſtatten Hermann. Auch wenn wir weder Neigung noch Beruf dazu empfinden? Graf. Auch dann, mein Sohn. Den Beruf 33 erzeugt nach und nach ernſtliches Streben, konſe⸗ quentes Wollen; die Neigung findet ſich dann von ſelbſt. Hermann. Das kann ſie bei mir niemals: mein Widerwille iſt zu groß. Graf. Deſto ſchlimmer für Dich! Hermann. So wär' ich alſo nichts weiter, wie ein Sklave meiner Geburt, meines Namens? Graf. Gewiſſermaßen, ja! Sind wir das nicht alle, jeder auf ſeinem Flecke? Meinſt Du nicht, daß es manchen Thronerben gibt, der lieber einen Blu⸗ menkranz auf irgendeiner grünen Wieſe für ſeinen Lok⸗ kenkopf flechten ließe, ſtatt der ſchweren Krone, welche Herkommen und Pflicht ihm auf die Stirne drücken? Meinſt Du nicht, daß ich zum Beiſpiel nach dem Tode Deines Großvaters ungleich lieber mich in Paris oder Wien amüſirt hätte, ſtatt hier in Ei⸗ chenau zu arbeiten, Gott weiß es, ärger wie ein Taglöhner? Ich war ſehr jung und voll von Le⸗ bensluſt und Luſt am Leben. Aber mein guter Vater hatte die Sachen gehen laſſen, wie ſie gingen; die damaligen Herrſchaftsbeamten machten ein wenig, was ſie wollten; es war die höchſte Zeit, daß ein Herr energiſch eingriff; ich opferte mich! Ich warf mich mit allen Kräften auf die Verwaltung des 1857. XIV. Noblesse oblige. I. 3 3 34 neugeſchaffenen Majorats, für welche die Geburt mich berufen. Es gelang mir damit, nicht weil es mir damals Vergnügen machte, nur weil ich thun lernte, was meine Pflicht war, meine Pflicht gegen unſere Vorfahren, wie gegen unſere Nachkommen. Nachdem ich aber fortfuhr, dieſe Pflichten redlich zu üben, gewann ich in der Ausübung und im Gelingen Ver⸗ gnügen daran; ſo, daß ich jetzt kein größeres Glück kenne! Deine gute Tante Barbara führt einen Wahl⸗ ſpruch, den ſie mir damals nicht ſelten zu hören gab. Es wundert mich, daß ſie heute ſo lange dar⸗ auf harren läßt? Ich warte vergeblich auf Deine Unterſtützung, liebe Schweſter! Wirf dem jungen Herrn Dein Adage in die Zähne! Barbara. Es iſt mir während Eurer Dis⸗ kuſſion ſchon etlichemale auf die Zunge gekommen, Ulrich! Doch jedesmal, wenn ich es ausſprechen wollte, ſagteſt Du etwas, wodurch es wieder zurückgeſchreckt wurde. Es will mir doch nicht ſo recht hieherpaſſen. Graf. Das heißt mit andern Worten: Du kannſt Dich nicht entſchließen, Deinem Liebling, Deinem Herzpünktchen unrecht zu geben, und trittſt lieber als meine Gegnerin auf? Barbara. Durchaus nicht. Ich billige das meiſte, was Du ausgeſprochen. Nur über eine 6 t 3⁵ von Dir aufgeſtellte Anſicht ſind wir verſchiedener Meinung. Graf. Und das wäre, wenn's beliebt? Barbara. Die von Dir vorausgeſetzte Leich⸗ tigkeit, ſich in einem Berufe auszuzeichnen und zu den höchſten Würden emporzuſchwingen, für welchen der innere Antrieb fehlt. Graf. Dieſer findet ſich, das wiederhole ich, ſchon nach den erſten Reſultaten fleißiger Ausdauer. Fähigkeiten beſitzt Hermann, davon ſind wir beide überzeugt, ſogut wie er ſelbſt. Es kommt nur auf den Willen an. Er ſoll, ſolange er ſtudirt, an jedem Morgen mit dem Gedanken aufſtehen:„mit vierzig Jahren will ich Chef⸗Präſident, mit fünfzigen muß ich Staatsminiſter ſein!“ Dieſer Gedanke wird ihm über alle jene kleinlichen Mühen hinweghelfen; er wird dann gar nicht mehr ſeines Blickes würdigen, was ihm jetzt noch die Bahn zu verengen und un⸗ eben zu machen ſcheint. Hermann. Wenn ich nun aber auch kein Vergnügen an dem Gedanken finde? Graf. Dann werde ich Dich ernſtlich be⸗ fragen, ob der Wunſch,— der wohlerwogene und durchdachte Wunſch— Deines Vaters, weniger gilt, als die kindiſche Widerſetzlichkeit eines Burſchen in 3 3 36 Deinem Alter? Und was wirſt Du darauf ant⸗ worten? Hermann. Daß Ihre Wünſche für mich Befehle ſein müſſen. Graf. Dann ſind wir einig.— Jetzt gehe ſchlafen, mein Sohn. Die Müdigkeit ſieht Dir aus den Augen. Morgen wirſt Du beſſer diſponirt ſein, auf meine Vorſchläge einzugehen. Barbara. Gute Nacht, mein Junge, gib mir einen Kuß.(ihm ins Ohr:) Morgen früh laß Dich bei mir ſeh'n, eh' Du zum Vater gehſt. (laut:) Und träume nach Herzensluſt von Feldern und Wäldern!——— Nun, mein Freund Ulrich, nun ſind wir zwei unter uns, wie wir bisweilen ge⸗ weſen, wenn Vater und Mutter verreiſet waren und meine Gouvernante mit Deiner Bonne beim Karten⸗ tiſche ſaßen... Graf. Jawohl, und mich armen kleinen Kerl der Obhut meiner weiſen Schweſter überant⸗ wortet hatten, die mich zauſete, ſchalt und im Winkel ſtehen ließ nach Herzensluſt. Barbara. Immer nur, wenn Du's verdien⸗ teſt. Und wenn ich die Macht über Dich hätte, wie damals, müßteſt Du mir bisweilen jetzt noch im 37 Winkel ſtehen und ich würde Dich zauſen, wie vor fünfundvierzig Jahren. Graf. Da es ſich aber gefügt, daß ich mich nicht mehr in den Winkel ſtelle auf Befehl der ge⸗ ſtrengen Schweſter, ſo läßt ſie's beim Schelten be⸗ wenden. 1 Barbara. Wenn das nur hülfe! Es iſt aber bloß in den Wind geredet. Graf. Geb' ich Dir denn wirklich ſoviel An⸗ laß zur Unzufriedenheit? Hab⸗ ich meine Sachen ſo ſchlecht gemacht? Hältſt Du mich nicht für wür⸗ dig, Regierer des gräflichen Hauſes Eichengrün auf Eichenau zu ſein? Barbara. Bei Gott, Ulrich, deſſen halt' ich Dich für würdig. Kräftig und ehrenvoll ſtehſt Du da, geachtet, geliebt, anerkannt in unſerer Provinz, im ganzen Lande,— kleiner Schwächen nicht zu gedenken, an denen Bosheit und Neid mäkeln mögen, kein edler, gerechter und vernünftiger Menſch. Denn Menſchen ſind wir alle und leiden Mangel des Ruhmes, den wir vor Gott haben ſollen. Die ſchwächſte dieſer Schwächen tritt hervor in Deinem Verhalten zu Deinen Söhnen, und weil dieſe meine Neffen ſind, darf ich mir erlauben, darüber zu ſpre⸗ chen; ausnahmsweiſe,— während ich, wie Du weißt, 38 die ältere Schweſter niemals geltendmache und längſt vergeſſen habe, daß ich Dich erziehen half. In allem, womit Du heute Abend unſeres armen Hermann's Luſt am Landleben bekämpfteſt, muß ich Dir beipflichten, bis auf einen ſeltſamen Wider⸗ ſpruch Deiner eigenen Anſichten. Er ſoll nicht Land⸗ wirth werden, weil ihm die Mittel fehlen, es in großem, ſeines Namens würdigem Maßſtabe zu ſein!?2 Er ſoll ſich für zu gut halten, des Majorats⸗ herrn, ſeines Bruders, Verwalter abzugeben!? Wohl! Es ließe ſich darüber noch ſtreiten, doch ich ſtreite nicht und halte mich an den Troſt, daß Deine(obgleich verſteckte) Vorliebe für den Jün⸗ geren Dir dieſe ſcheinbarſtrengen Aeußerungen ab⸗ zwang. Wie aber verträgt ſich damit Dein Benehmen gegen Theodor, den Du nachgiebig ziehen ließeſt, ja ihm förderlich warſt für eine Laufbahn, welche ſo weit ab vom Endzwecke ſeines künftigen Daſeins, ſeiner wichtigen Beſtimmung führt? Hermann darf ſeiner Neigung fürs Landleben nicht folgen, weil Du ihm keinen großen Beſitz garantiren kannſt? Müßte nach dieſer Anſicht Theodor nicht gerade ebenſo für dieſe Neigung gebildet werden, da ihm der Beſitz gebührt? Du willſt Hermann zwingen, ſich den Studien zu widmen, die ihn dereinſt zum Miniſter 39 machen können. Warum wird Theodor nicht ge⸗ zwungen, ſich dem Berufe jetzt ſchon zu widmen, der nach Deinem Ableben ſo recht eigentlich, nicht allein im allegoriſchen Sinne, Pflug und Egge für ihn ſein muß? Warum darf er den Müßiggänger in der Reſidenz ſpielen und Maulaffen feilhaben in einem Miniſterium des Aeußern, welches ihn vielleicht einmal als Legationsſekretär zweiten Ranges bei einer Geſandtſchaft dritten Ranges at⸗ tachirt? Sieht es nicht gerade aus, als ob dem Ael⸗ teſten, weil das Glück ihn zum Majoratserben machte, und als wenn es an dieſem Vorzuge nicht ſchon genug wäre, nun auch noch jegliche Phantaſie gutgeheißen werden müßte? Als ob dem Jüngeren allein die väterliche Autorität aufgeſpart bliebe? Und glaubſt Du nicht, daß Hermann ſich ſelbſt dieſe bedenkliche Frage ſchon vorgelegt hat oder vorlegen wird? Glaubſt Du nicht, daß er lernen wird, an Deiner Liebe zu zweifeln? Und fürchteſt Du dieſen Zweifel nicht? Du, der ihn ſo innig liebt?— Denn mir mußt Du nicht weißmachen wollen, womit Du andere täuſcheſt! Ich bin die alte Barbara und für mich gibt es kein Geheimniß in dieſen Mauern. Graf. Wenn das iſt, ſo durfteſt Du Dir dieſe Fragen erſparen. Denn es kann Dir ſodann 40 nicht verborgen ſein, weßhalb ich Theodor's Entſchlüſſe billigte, ja ſeine Entfernung wünſchte. Die Gegen⸗ wart eines Nachfolgers iſt an und für ſich ſchon läſtig. Ein künftiger Herr wähnt ſich berechtiget, jeden Schritt des gegenwärtigen zu bekritteln; viel⸗ leicht wohl gar mit hineinzureden, ſeine Weisheit geltendzumachen. Das vertrag' ich nicht. Es hätte Reibungen gegeben. Aus der Ferne bleiben wir ein Herz und eine Seele. Und dann,— ich bin noch ein rüſtiger, friſcher Mann; meine Fünfzig drücken mich noch nicht; ich will mein Leben noch genießen. Ein herangewachſener, ſelbſtſtändigge⸗ wordener Sohn genirt mich in nächſter Nähe: ich habe keine Luſt auf Schloß Eichenau und in deſſen Umgebungen das Luſtſpiel ‚Die beiden Klingsberg’ aufzuführen. Barbara. Mir iſt dieſes,— mit allem Re⸗ ſpekt für Herrn Etatsrath von Kotzebue ſei es ge⸗ ſagt,— niederträchtige Luſtſpiel leider bekannt. Ich wohnte bei einem Beſuche in Wien der erſten Auf⸗ führung bei und habe es der Tante Victoire lange nicht verziehen, daß ſie mich mit in ihre Loge ge⸗ nommen. Deine Abneigung, es im Leben wirklich nachzuſpielen, kann ich nur billigen. Und wenn es mir allerdings lieber wäre, Du gäbeſt die Rolle des 41 Vater⸗Klingsberg beizeiten auf, ſo bin ich Dir doch erkenntlich für Deine Aufrichtigkeit. Nun be⸗ greife ich vieles. Nun begreife ich auch, weßhalb Hermann nicht Landwirth werden darf. Wenigſtens, warum er nicht unter den Augen des b eſten Leh⸗ rers beginnen durfte! Er iſt Dir im verfloſſenen Jahre ſchon zu mächtig herangewachſen und was erſt für Theodor galt, möchte bald auch für ihn gelten. Graf. Du wirſt bitter, Barbara. Befinnſt Du Dich noch, daß ich Dich vor fünfundvierzig Jahren im kindiſchen Zorne einigemale Schweſter ‚Rha⸗ barbarac rief? Barbara. Du darfſt es ungeſcheut wieder⸗ holen, ohne mich zu beleidigen. Auch will ich gar nicht bitter ſein, will Dich nicht tadeln. Nein, ich lobe Dich in Wahrheit, ohne Ironie. Ich bin jetzt au fait. Alles unnütze Hin⸗ und Herreden iſt be⸗ ſeitigt und das iſt ſchon ein großer Vortheil. Nun fragt ſich's nur: was geſchieht mit Hermann? Eben⸗ ſo aufrichtig, wie Du mir das Beiſpiel gegeben, ſag' ich Dir: es wird nicht gutthun, wenn Du ihn for⸗ eirſt, die Rechte zu ſtudiren. Er wird ein fauler Student, glaube mir. Nicht etwa, weil es ihm an Fähigkeiten mangelte, ſich zu unterrichten, und an 42 Luſt, ſich zu bilden. Ich bin feſt überzeugt, daß er ſich darnach ſehnt und daß er die Freiheit,— wenn Du ihm freie Wahl geſtatten wollteſt— nicht miß⸗ brauchen, ſondern auch als ſogenannter Landjunker viel ſtudiren würde. Und ebenſo feſt bin ich an⸗ dererſeits überzeugt, daß er, in das Studium der Jurisprudenz eingezwängt, wenig oder gar keine Progreſſen machen wird. Ihn widert das Zunftmaͤ⸗ ßige dabei an; er hat eine innerliche Abneigung gegen Prozeſſe, Advokaten, Behörden und was da⸗ hineinſchlägt, ſchon von früheſter Kindheit auf. Vielleicht hat er ſie von mir geerbt, wie ja bekann⸗ termaßen von Tanten und Oheimen gar oft innere oder äußere Eigenthümlichkeiten, körperliche oder gei⸗ ſtige, auf Neffen und Nichten übergehen. Wahr⸗ ſcheinlich iſt die Abneigung, die ich gegen die Män⸗ ner des Geſetzes hege, eine ſehr alberne, unzurecht⸗ fertigende; doch ſie wohnt mir nun einmal ein und es thut mir ſehr leid, daß ſie jetzt gar durch Deines Sohnes Vermittlung in Oppoſition mit Dir treten ſoll. Ich haͤtte gewünſcht, ihm ein anderes Erbtheil hinterlaſſen zu können. Graf. Das wäre freilich recht angenehm. Hätte er von Dir eine halbe Million zu erwarten, dann wollte ich gewiß nichts gegen ſein ‚Landjunkerthume 43 einwenden. Nun aber... Deine friedhainer Prä⸗ bende kannſt Du ihm unmöglich zuſchanzen; er würde ſich als Aebtiſſin oder auch nur als Stiftsdame ſchlecht ausnehmen. Was alſo mit ihm anfangen? Wo will's hinaus? Habt Ihr Zwei vielleicht ſchon brieflich gegen mich konſpirirt,— denn ich weiß wohl, Ihr wechſelt Briefe— und ſeid Ihr einig? Dann zögert auch nicht unnütz. Laßt mich nicht um nichts und wieder nichts meine Weisheit auskramen. Was will er werden, wenn nicht Juriſt? Barbara. Darauf kann ich nichts erwiedern, ehe ich nicht vertraulich, von Mund zu Mund mit ihm geplaudert. Schriftlich wurden dieſe ernſten Ge⸗ genſtände nicht berührt. Er ſchrieb mir nur von den Thorheiten, die ſie in der Ritterakademie treiben, kindiſch wie er in manchen Dingen noch iſt. Und deßhalb hab' ich ihn ja ſo lieb, weil er noch wie ein Kind geblieben, in einer ſo altklugen, vorwitzigen Zeit, wo man bald keine Kinder mehr haben wird. Nur Eins hat mich in ſeinen brieflichen Epanche⸗ ments ſtutziggemacht: eine gewiſſe übertrieben libe⸗ rale Färbung, eine zur Schau getragene deutſche Exal⸗ tation, die eben auch der Zeit angehört, die ich denn doch an meinem Neffen nicht ohne Beſorgniß entdecke. Dir gegenüber wird er ſich wohl hüten, ſie zu offen⸗ 44 baren. Sie aber iſt es, die mich das Unioerſitäts⸗ leben für ihn fürchten läßt. Ohne Antrieb für das Fachſtudium, in welches Du ihn einpferchen willſt, wird er ſich auf Zerſtreuungen werfen, ſich in heim⸗ liche politiſche Verbindungen einlaſſen; die Führer derſelben werden ihn, Deinen Sohn, als bonne prise begrüßen, feſthalten, verſtricken,... wer kann vor⸗ herſehen, wohin ſolche Thorheiten führen? In der Ritterakademie iſt wohl dafür geſorgt; auf der Uni⸗ verſität ſtehe ich für nichts. Graf. Hm! Das klingt nun ſchon anders, als alles, was Ihr bisjetzt vorgebracht. Das iſt geeignet, Bedenklichkeiten zu erwecken. An dieſe Schwin⸗ deleien der Gegenwart habe ich zu denken verſäumt. Barbara. Ich meine, Bruder Ulrich, es ſteckt mehr dahinter. Mit der Bezeichnung ‚Schwinde⸗ leiene fertigen wir nicht ab, was die ganze Welt erfüllt. Auf Erden geſchieht nichts gegen die ewige Ordnung der Dinge. Auch die epidemiſchen Fieber haben Zweck und Bedeutung; mögen ſie nun den Einzelnen ſchütteln, oder eine halbe Generation. Graf. Darauf laß' ich mich nicht ein. Zu⸗ erſt greif' ich nach Präſervativen: die Pflicht der Selbſterhaltung iſt die erſte, die menſchlichſte Pflicht; ſie liegt uns am nächſten. 45 Barbara. Zugeſtanden! und folglich... Graf. Folglich ſetzt Ihr's durch: Hermann geht nicht auf Univerſitäten, ſondern wächſt als un⸗ wiſſender, oberflächlicher Kavalier heran; ein junger Graf, der nichts iſt, wie das; eine Sorte, die mich ſchon manchmal bedauern ließ, daß mein Vater nicht Viehhirt oder Hufſchmied war!? Nun wohl be⸗ komm's ihm und mir! Barbara. Wer ſagt das, Ulrich? Er ſoll hier nicht verbauern, er ſoll dort nicht verſauern,... Graf. Wo? Barbara. Was weiß ich jetzt? Ich ſage dort im Gegenſatze zu hier. Dort, wo er leben wird, mein' ich; ſei's an großem Orte, ſei's im kleinen Neſte. Graf. Ja um Gotteswillen, als was denn, Barbara? Mach' ein Ende. Was willſt Du aus ihm gemacht wiſſen? Barbara. Einen Mann! Einen Mann, der ſicherſtehen und feſtauftreten kann, ohne zu poltern. Alles übrige findet ſich von ſelbſt. Mit einem Worte: laß' mich ein Auskunftsmittel finden zwiſchen ſei⸗ nen und Deinen Wünſchen; laß' mich ihm vorſchla⸗ gen, daß er Soldat werde! Graf. Da haben wir's! Ob ich mir's nicht dachte! Nein, mit Frauenzimmern iſt nichts geſcheidtes durch⸗ 46 zuſprechen, auch mit den geſcheidteſten nicht. Soldat, Soldat; nun meint ſie, ſie hat den Stein der Wei⸗ ſen gefunden!? Aber, Barbara, ältere, mich erzogen⸗ haben⸗wollende Schweſter, Stiftsdame, Abbatiſſin! Das iſt ja ein ganz ordinärer, am Wege liegender Prellſtein, über den wir ſchon längſt geſtolpert ſein würden, Hermann und ich, wären wir ihm nicht ſorgſam ausgewichen! Soldat! Lieutenant mit ſchlan⸗ ker Taille; wo möglich noch bei der Garde, die mir ſo angenehm iſt wegen ihrer ungezierten Natürlich⸗ keit und anderen Vorzügen; nicht wahr? Barbara. Gib Dich zufrieden, Ulrich; auf der Garde beſteh' ich nicht; wohl aber auf einer großen Garniſon, die alle Hilfsmittel geiſtiger Fort⸗ bildung darbietet. Und ſintemalen,(wie mein Vogt in Friedhain ſagt) dieſe ſich nirgend mehr konzentriren, als in der Reſidenz; und ſintemalen in ſolcher auch die Garden ſtehen; und ſintemalen endlich der Kom⸗ mandeur ſämmtlicher Garden mein ſehr gnädiger Gönner und hoher Freund iſt, ſo ſtimm' ich für die Garde. Graf. Stimme nur! Hermann ſtimmt nicht ein, dafür ſteh' ich. Barbara. Wollten wir ihn jetzt, wo er wahr⸗ ſcheinlich ſchon im Schlafe eines ſechszehnjährigen 47 Schlafkünſtlers liegt, plötzlich aufwecken laſſen und ihm in die Ohren ſchreien: willſt Du in Reih' und Glied treten? ſo würde er möglicherweiſe zurückgähnen: o Gott nein, laßt mich weiterſchlafen! Das geb' ich zu. Doch wenn ich ihm all' meine Gründe aus⸗ einanderſetze, ihn bedächtig auf die Frage vorbereite, und dann... Graf. Nun ja, Du wirſt ihm von hübſchen Pferden vorſchwatzen, wie er als blitzblauer Drago⸗ ner, oder feuerrother Uhlan durch die Gaſſen ſprengt und alle Mädchen⸗Inſtitute in Aufruhr bringt! Das ſind Kindereien, die ihn auf einen Augenblick reizen können; auf die Dauer gewiß nicht. Barbara. Und die meine Sache auch nicht wären. Nein, ich ſpanne nicht einmal Pferde vor. Es fällt mir gar nicht ein, ihm die Kavallerie an⸗ zupreiſen. Der Pferdeſchacher und die Rennbahn und die geld⸗ wie zeitraubenden modernen hippo⸗ logiſchen Exzeſſe taugen durchaus nicht in meinen Plan, weil ſie ihn viel zu ſehr in Anſpruch nehmen würden. Sein Dienſt muß ihm Zeit laſſen, ſich den Wiſſenſchaften zu widmen; welchen? Darnach frag' ich nicht; nur daß er etwas treibe Bei allem, was der Menſch lernend geiſtig durchdringt, werden ihm zwei Gewinne: der erſte, naheliegende, iſt das 48 Wiſſen, die Kenntniſſe an und für ſich; der zweite, größere, iſt die dadurch zunehmende Veredlung der Seele, folglich des Charakters. Kenntniſſe ſind brauch⸗ bar, nützlich. Erkenntniß iſt unſchätzbar, unentbehr⸗ lich. Ob er Philoſophie treibt, oder alte Sprachen, oder Phyſik und Chemie, oder Hiſtorie, oder Mathe⸗ matik und Kriegswiſſenſchaften: mir völlig gleich! Wenn er nur etwas beſſeres thut, als die elegante Maſſe privilegirter Tagediebe! Wenn er nur, in wahrhaftariſtokratiſchem Stolze ſich über die pöbel⸗ hafte Oberflächlichkeit der vornehmen Welt erhebt. Und daß er dieſes thun wird, dafür bürgt mir ſein ganzes Weſen, welches ich genau kenne, weil ich es mit der Subtilität einer alten Jungfer, einer zärtlichen Tante erforſcht habe. Ja, er wird fleißig ſein, auch wenn kein Staatseramen als drohender opanz vor ihm ſteht. Er wird lernen aus eige⸗ nem, innerſtem Antriebe. Er wird daneben ſeine Pflicht als Friedensoffizier leicht und ſpielend er⸗ füllen. Und wenn dann doch auf die Länge, wie Du Dir in den Kopf geſetzt, ‚miniſterte werden ſoll,— kann er nicht ebenſogut Kriegsminiſter werden, im Falle ſonſt die Gelegenheit günſtig und das Avancement raſch iſt? Die Zeiten ſehen ohne⸗ hin nicht nach ewigem Frieden aus! Ich habe mir 49 all dieſe Chancen wohl durchdacht. Für Hermann kenn' ich nur eine Beſorgniß: die allzuheftige Ent⸗ wickelung ſeiner— passez moi le mot!— ſein er demokratiſchen Gefühle; denn Anſichten oder gar Grundſätze will ich's noch nicht nennen. Der Him⸗ mel ſoll mich behüten, ihm einen Vorwurf daraus zu machen. Ich halt' es lieber mit einem Neffen, der ſich in den Menſchen täuſcht, weil er ſie im all⸗ gemeinen für edel und der Freiheit würdig anſieht, als mit einem geborenen Egoiſten, der nichts auf die Welt mitgebracht hätte, wie adeligen Eigendünkel und Geringſchätzung fremder Rechte. Aus die ſen werden ſpäter Maſchinen, die nichts mehr lieben, keine natürliche Regung des Mitgefühls mehr aufkommen laſſen, alles berechnen, ſogar die Schläge ihres Her⸗ zens,... wenn ſie anders ein ſolches beſitzen, wenn es nicht auch verknöchert iſt.— Jene, denen unſer Hermann gleicht, lernen bei Zeiten einſehen und be⸗ greifen, daß des berühmten Maltheſers Worte: das Jahrhundert iſt noch nicht reif für meine Pläne⸗ und ſo weiter heute ebenſo anwendbar wären, wie zu König Philipp's Zeiten und ſie beruhigen ſich bei ihren frommen Wünſchen. Damit ſie dieſes aber thun können, ohne verbiſſenen Groll, ohne Gift und Galle, beſonders aber ohne Reue, ohne bittere 1857. XIV. Noblesse oblige. I. 3 4 50 Nachwirkungen, mit einem Worte: ohne ſich die Fin⸗ ger verbrannt zu haben, wo ſie für andere heiße Kaſtanien aus glühenden Kohlen nehmen wollten (was den Gutmüthigen ſo leicht begegnet!)— ſoll man bei Zeiten für ſie den Verſtand haben, den ſechs⸗ zig⸗, reſpektive fünfzigjährige Erfahrung neben ſechs⸗ zehnjähriger voraus hat. Deßhalb, mein Bruder, werf ich mich als Mitberatherin auf, dränge mich als Reſpektsperſon ein, miſche mich als Tante und Schwe⸗ ſter in die Verhandlungen zwiſchen Vater und Sohn, die beide herzlich gut und edel, aber beide noch —(verzeihe mir!)— ſehr jung ſind. Du auch, mein alter Ulrich, Du auch. Graf. Gott ſei Dank! Barbara. Gott ſei Dank! Ja wohl, Gott ſei Dank für Deine fünfzigjährige Jugend, und ich gönne ſie Dir aus dem Grunde meiner Seele.— Aber ich bin wirklich alt; und dafür auch: Gott ſei Dank! Und weil ich mit meinem Stifte ſehr wenig zu thun habe,— denn meine Verwaltungsgeſchäfte wickeln ſich wie von ſelbſt ab;— und weil ich mir mit meiner Seele und meinem Geiſte ſehr viel zu thun mache, was wiederum, wie Du wohl weißt, nicht geſchehen kann ohne Rück⸗, Vor⸗ und Umblicke in Welt, Zeit und— Ewigkeit; ſo bin ich, bei aller 51 Beſchränkung, welche Form, Sitte, Geſetz und Her⸗ kommen einer alten Jungfrau auferlegen, doch nicht ohne Beobachtungsgabe geblieben, die ich in meinem ſtillen einſamen Obſervatorium redlich ausgebildet habe. Ich hüte mich zwar, damit hervorzutreten, wo meines Amtes nicht iſt; doch ich hüte mich auch im Reduit, welches der Himmel mir gegönnt, ein⸗ ſeitig und rechthaberiſch zu werden. Deßhalb macht ein Jahr ums andere die friedhainer Nachteule ei⸗ nen Ausflug in die Reſidenz, wo ſie ihre Augen dem Tage öffnet und ſie bisweilen ihr blaues Wunder ſieht. Naſeweiſe Spatzen und freche Krähen läßt ſie ſich nicht an ihr ſaubergehaltenes Geſteder kommen; wehe jedem, der daran zupfen und ſie necken wollte! Es bedürfte gar nicht des Adlers, unter deſſen Schutze ſie ſteht, ihr Sicherheit zu gewaͤhren; ſie vertheidi⸗ get ſich mit ihrem eigenen Schnabel. Gleichwohl wird ihr der Anblick des bunten Gewühles erſprieß⸗ lich: ſie bringt jedesmal eine Reihe lehrreicher An⸗ ſchauungen in ihr Neſt heim und legt ſich, was ſie draußen ſah, drinnen hübſch zurecht. Sie bleibt au courant des Tages die alte Nachteule. Graf. Sie würde folglich auch die Protektion des Adlers,— die gewiſſe andere, ſtets auf ihrem . 4* — 5² Falkenhorſt weilende Vögel längſt verſcherzt zu ha⸗ ben ſcheinen,— für Hermann zu benützen wiſſen? Barbara. Das eigentlich nicht. Auf Zu⸗ ſagen dieſer Art geh' ich nicht ein. Ich habe nie für mich und die Meinigen gebeten,— für Fremde gern. Doch darf ich Dir verſprechen, daß es an gutem Willen von allen Seiten für Deinen Sohn nicht mangeln wird. Ja, ich möchte ſagen, die Konſtellation ſei in jeder Beziehung günſtig,— ſtände nicht ein Stern im Wege, deſſen Einfluß ich fürchte. Ihn näher zu bezeichnen iſt mir ſchmerzlich. Graf. Leider, daß ich Dich errathe! Dieſer unheildrohende Stern iſt— Hermann's Bruder? Barbara. Ja, es iſt Theodor, Dein ſogenann⸗ ter Liebling, deſſen Umgang meinem wirklichen Lieb⸗ ling ſehr nachtheilig werden kann. Theodor, ich darf Dir's nicht verſchweigen, gehört zu jenen ‚Herzlo⸗ ſen,“ zu jenen ſelbſtſüchtigen, berechnenden, kalten Ge⸗ nußmenſchen, die ich vorhin bezeichnete. Graf. Ich begreife Deine Beſorgniß nicht, ſogar wenn ich ſtillſchweigend Dein hartes Urtheil über den künftigen Herrn auf Eichenau beſtätigte, — was ich natürlich nicht thue. Da Hermann von ſeinen philanthropiſchen und ſozialiſchen Faſeleien ge⸗ heilt werden ſoll, ſo iſt ja ein Arzt wie ſein älterer 53 Bruder zu dieſer Kur gleichſam vom Schickſal beru⸗ fen und prädeſtinirt. Oder traueſt Du etwa den ge⸗ müthlichen Eigenſchaften Deines Günſtlings ſo wenig ſoliden Fond zu, daß Du, den Sieg des mei⸗ nigen als unfehlbar vorausſetzend, einen totalen Umſchlag erwarteſt? 4 Barbara. Wer kann darüber jetzt ſchon ur⸗ theilen? Unmöglich wäre auch dieſer Fall nicht, denn ich halte Hermann für keine allzu ſelbſtſtändige Na⸗ tur. Doch faſt noch drohender ſcheint mir der ent⸗ gegengeſetzte: daß er, vor ſeines Bruders Marimen ſchaudernd,— gerade, weil ſie ihm an ſeinem leib⸗ lichen Bruder unerträglicher ſind, als an einem An⸗ dern!— ſich nun erſt mit allen Kräften enthuſtaſti⸗ ſcher Uebertreibung auf die Richtung wurfe, der ich ihn gern entfremden möchte? Graf. Darüber brauchſt Du Dir, ſollt' ich meinen, den Kopf nicht zu zerbrechen. Wie ich Theo⸗ dor kenne, wird er ſich um einen Bruder Lieutenant nicht viel bekümmern; wird nicht darauf ausgehen, ſich einen Schüler für ſeine Philoſophie und Lebens⸗ anſchauung in dieſem zu erziehen. Darin unterſchei⸗ den ſich meines Erachtens überhaupt die beiden feindlichen Parteien, welche die extreme Rechte und Linke unſerer verworrenen Gegenwart bilden, daß nur die Linken eifrig ſind, Proſelyten zu machen und ihrem Feldlager Rekruten zu werben; daß dagegen die Rech⸗ ten in einer vornehmen Nonchalance, wenn auch viel⸗ leicht zu ihrem Nachtheil, alles verſchmähen, was wie Werbung und Entgegenkommen ausſieht. In der Provinz wenigſtens iſt es ſo. Wahrſcheinlich wird es in der Reſidenz nicht anders ſein. Für Theodor möchte ich Bürgſchaft ſtellen, daß er ſeinen Bruder laufen und treiben läßt, was dieſem beliebt; daß er ihn mit derſelben unveränderlichen, herablaſſenden Freundlichkeit empfangen und nur dann die Stirn runzeln wird, wenn Hermann vielleicht einmal in die Nothwendigkeit verſetzt wäre, ihn um ein Darlehen anzuſprechen. Ich bin im allgemeinen nicht dafür, daß mein Sohn die militäriſche Laufbahn betrete, das weißt Du. Aber durch Deine Gegengründe, die Du ſeltſamerweiſe als Waffen wider Dich ſelbſt führſt, wird meine Abneigung nicht beſtärkt. Uebri⸗ gens geb' ich Dir plein pouvoir; bin Dir ſogar höchſt erkenntlich, wenn Du meine Stelle bei Hermann ver⸗ treten und die ganze Sache mit ihm des Breiteren durchſprechen willſt. Denn zuletzt haben wir ihn noch gar nicht erſchöpfend ausgehorcht und ebenſo gut, wie er ſich meiner Jurisprudenz widerſetzte, könnte er ſich Deiner Taktik und Strategie widerſetzen. Er 55 hat das entſcheidende Wort dreinzureden; es geht an ſein Fleiſch und Bein. Ihr beide habt morgen den ganzen lieben Tag für Euch. Mich rufen drin⸗ gende Geſchäfte auf verſchiedene, weit auseinander gelegene Vorwerke, und ich treffe erſt gegen Abend wieder ein. Alſo öffnet Eure Herzen gegenſeitig, macht Ordnung, bringt alles ins reine. Wenn Ihr mich bei meiner Rückkehr ins Schloß mit den Wor⸗ ten empfangt:„Hermann's Entſchluß ſteht feſt!“ ſo will ich Dir ſehr dankbar ſein, gute Barbara. Und nun... Barbara. Schlafe wohl, Bruder Ulrich! Drittes Kapitel. Befand ſich Graf Theodor auf ſeiner Väter Schloſſe zum Beſuch,— was freilich in letzteren Jahren ſelten oder gar nicht geſchehen,— ſo ließ ſich der Haushofmeiſter ſeiner Erzellenz, der ehren⸗ werthe Lobeſam, keine Mühe verdrießen, die mit ihm und ſeinem ganzen Menſchen innerlichſt ver⸗ wachſene Sorgfalt für den Herrn, einer nicht minder lohalen Aufmerkſamkeit für deſſen Sohn möglichſt zu vereinbaren und alle dieſem durch die andere 56 Dienerſchaft erwieſenen Dienſtleiſtungen perſönlich zu überwachen. Wer den Haushofmeiſter darum niedri⸗ ger Geſinnung zeihen, ihm zumuthen wollte, dieß geſchehe aus Vorſicht, welche jetzt ſchon jener Tage gedenke, wo der Vater in der Gruft, der Sohn dage⸗ gen Majoratsherr ſein werde, der beginge himmelſchrei⸗ endes Unrecht gegen Lobeſam. Lobeſam hält ‚ſeinen Grafen⸗, deſſen Vertrauter zu ſein er ſich rühmt, entweder für unſterblich, oder ſetzt wenigſtens das zuverſichtliche Vertrauen in Gottes Fügung, daß ein ſo getreuer Diener einen ſo geliebten Herrn un⸗ möglich überleben werde. Für ihn gibt es keine Zukunft, die über ſeiner Erzellenz Beiſetzung— denn dieſer noch beizuwohnen hält er allerdings für ehren⸗ volle Pflicht!— hinausreichte. Was ihn,(dem An⸗ triebe ſeines Herzens entgegen,) zu den zarteſten Rückſichten für Theodor treibt, iſt lediglich jener Irrthum: der ältere Sohn ſei des Vaters entſchie⸗ dener Liebling. Er theilt dieſen Irrthum mit ganz Eichenau und thut ſich Gewalt an, danach zu han⸗ deln. Deßhalb auch macht er mit Hermann we⸗ niger Umſtände. Er vermeidet, durch äußerliche Zeichen an den Tag zu legen, wie theuer ſeinem Gefühle der Jüngere ſei, und weicht ihm möglichſt aus. Wie er in allem mit eifrigſter Abſicht ſeines * Gebieters Nachahmer ſein will und iſt, wird er es hier auch, doch ohne Ahnung, bis in welches kleinſte Detail er dießmal dem Vorbilde gleichkommt. Der Lakai, der den Auftrag erhielt, die Be⸗ fehle des jungen Grafen entgegenzunehmen, gehörte eben nicht zu den allzubefliſſenen Dienern und ließ jegliche Arbeit lieber an ſich kommen, als daß er ihr nachgeeilt wäre. Er begnügte ſich alſo auch, ſeinen Kopf durch Hermann's Stubenthüre zu ſtecken, und als er den Jüngling noch ſchlafend ſah, ſich zurückzuziehen mit dem edlen Vorſatze: er wolle nicht eher ſich wieder aufdrängen, als bis man ihn verlangen werde. Dieß Verlangen aber wartete der Schlingel nicht im kleinen Vorzimmer ab, wie ſeine Schuldigkeit geweſen wäre, ſondern ging eigenen Wegen nach. So geſchah es denn, daß Tante Bar⸗ bara, obgleich ſie ſonſt die Wiſſenſchaft des frühen Aufſtehens gerade nicht betrieb, längſt im Garten des Neffen harrte, da dieſer noch in ſchweren Mor⸗ genträumen ſich abängſtigte. Wer ihn herausgeriſſen, wäre ſein Wohlthäter geworden. Die Geſpräche des vergangenen Abends hatten ihm die Nacht verdorben, trotz aller Müdigkeit. Und jetzt endlich ſchlummernd, ſtritt er ſich immer noch mit den Gedanken herum, die ihn erſt nicht einſchlafen laſſen, die nun wie 58 düſtere Geſtalten ſich feindlich gegen ihn wendeten. Tante Barbara gelangte auf ihrer Morgen⸗ promenade durch den Garten bis zu den Glashäu⸗ ſern, wo der alte treue Wiesner ſie empfing.„So ganz allein, gräfliche Gnaden Frau Abbatiſſin?“ rief er ihr entgegen. „Was will ich machen, mein Alter,“ antwortete ſie ihm:„ſie laſſen mich im Stiche. Mein Bruder fährt auf der Herrſchaft herum und Hermann ſcheint noch nicht ausgeſchlafen zu haben.“ „Das wollen wir bald kriegen!“ ſagte Wiesner. Er geleitete die Tante bis unter Hermann's Fenſter, ſtieg am Obſtſpalier in die Höhe, klopfte an die Glasſcheiben und ſchrie aus Leibeskräften:„Ich bin's, Tante Barbara; ſteh' auf, mein Sohn!“ Gleich darauf erklang von innen ein freudiger Ausruf:„Ja, Herzenstante, gleich! Nur erſt waſchen! Angezogen bin ich in fünf Minuten!“ Tante Barbara bezeigte dem Gärtner ihre Be⸗ wunderung, daß er noch ſo rüſtig ſei und klettern könne wie eine Eichkatze.„Ach,“ meinte Wiesner, „'s iſt nur noch ſo um Gotteswillen, daß man ſich fortſchleppt und will nirgendmehr recht zuſammen⸗ halten, der ganze Kerl. Heute gerade geht's ein weniges robuſter, weil mir die Freude in den 59 morſchen Knochen ſteckt, von wegen daß der Hermann hier iſt und unſere Tante Barbara! Heute könnt' ich zur Noth auf einen hohen Baum kriechen, wenn es ſonſt was gutes herunterzuholen gäbe für Eins von den zwei Beiden.“ „Nun, ich will hoffen, Wiesner, für meinen Bru⸗ der ſtiegſt Du auch gern hinauf?“ „Für den Erzellenzherrn? Das verſteht ſich; nur daß da kein Ertra⸗Vergnügen dabei iſt, weil ich den das ganze Jahr hindurch ſehe, einen Tag wie alle Tage. Für den ſteig' ich ja in die Höhe, ſeitdem ich lebe, immerwährend, Stunde für Stunde, die ich im Dienſte bin. Klettere von einem Jahr ins andere hinauf, die lange Lebensleiter, wo ich jetzt ſchon ſoweit oben ſtehe, daß ich manchmal ſchwind⸗ lich werde; bis mir noch zu rechter Zeit einfällt: es geht eigentlich gar nicht hinauf; nein, Gott be⸗ hüte, es geht hinab! Gräfliche Gnaden Tante Bar⸗ bara werden ſicher von den ſogenannten Vexirtreppen und Brücken gehört oder gar ſelbſteigen geſehen haben, wie ſich zur Kurzweil in fürſtlichen Gartenanlagen be⸗ finden ſollen? Da klimmt der Menſch erbärmlich, vermeinend, er ſteige? kommt jedoch nicht empor, ſondern vielmehr hinunter. Dermaßen klettert der alte Wiesner der Grube zu.“ 60 „Wie wir alle, treue Seele,“ ſagte Tante Bar⸗ bara;„wie wir alle, wenn die Jahre dazu kommen. Mancher freilich, und manche ſind niemals geſtiegen, auch in ihrer Jugend nicht. Bei ihnen hat das Hinuntergehen ſchon mit dem erſten Schritte be⸗ gonnen.“ Sie hatte, als ſie zmancher und manche“ ſagte, den ehrlichen Gärtner ſo vertraut und wohlwollend angeſehen, daß dieſer die Wärme des theilnehmenden Blickes im Grunde ſeines Herzens empfand, und ihn ebenſo vertraulich und warm erwiederte.„Es iſt nur ein Unterſchied,“ ſprach er nach kurzem Be⸗ ſinnen:„Mancher hat in der Jugend eitle und nichtsnutzige Gelüſte gehabt, hat höher hinaus ge⸗ wollt, hat dumme Streiche gemacht und ſich Wunder was eingebildet und in den Kopf geſetzt. Mußte recht alt werden, bis er einſehen lernte, daß er ein unnützer Knecht ſei? Manche,— nein, daß ich nicht lüge, Eine wollt' ich ſagen, Eine aber Hat“.... „Still,“ unterbrach ihn die Gräfin,„Hermann kommt! Laßt uns, Wiesner. Ich habe viel mit mei⸗ nem Neffen zu verhandeln.“ Der Gärtner blieb nur ſolange ſtehen, bis Hermann, nachdem er ſeiner Tante guten Morgen gewünſcht, ihn freundlich auf die Schulter geklopft — 61 und gegrüßt hatte.„Jetzt hab' ich mein Theil,“ rief er zufrieden und zog ſich in ſeine Frühbeete zurück. „Nun, Hermann, mein Junge,“ hub Barbara an,„jetzt iſt die Reihe an uns. Dein Vater hat Dich mir überlaſſen.“ „In beſſere Hände könnt' ich nicht gerathen, mein Tantchen. Was willſt Du denn aus mir machen? Hat Dich der Papa auf ſeine Seite ge⸗ bracht? Beſtehſt Du auch auf dem Miniſter? Oder gibſt Du's ſchon ein Bißchen geringer?“ „Ich beſtehe auf gar nichts, als auf dem herz⸗ lichen Wunſche: Dich ſo glücklich und zufrieden zu wiſſen, wie es auf dieſer Erde irgend möglich iſt.“ „Dann haſt Du auch die Erlaubniß erſtritten, daß ich des Landlebens froh werden darf. Nicht wahr? O geſteh's nur, Du haſt des Vaters Ein⸗ willigung ſchon fir und fertig in der Taſche!? Rücke heraus damit, laß' mich nicht ſchmachten!“ Die Tante ſchüttelte verneinend den Kopf:„Es iſt nicht meine Art, den Leuten ihr Bißchen Freude vorzuenthalten, wenn ich dergleichen im Vorrath für ſie hätte. Dir am allerwenigſten! Nein, Her⸗ mann, das Landleben mußt Du Dir vergehen laſſen. Auf dieſes Ohr iſt unſer Familienhaupt ſtocktaub.— 62 Doch Du haſt noch nicht gefrühſtückt. Nüchtern läßt ſich nicht gut reden. Das Thier in uns wird zu mächtig, wenn es lange Hunger leidet. Führe mich hinauf. Wir wollen ſehen, was uns Freund Lobeſam vorſetzen läßt und alles bittere in unſerem Geſpräch ſoll Dir der Zucker verſüßen, den ich Dir pfund⸗ weiſe in Deinen Kaffee werfe. Denn Du warſt im⸗ mer eine Naſchkatze.“ „Daß Du Dich deſſen jetzt noch erinnern willſt,“ rief Hermann, indem er ihr den Arm darbot,„trö⸗ ſtet mich doch einigermaßen. Du mußt nothwendig einen Ausweg erkundſchaftet haben, ſonſt gedächteſt Du meines Süßmaules nicht: eine Naſchkatze kann unmöglich Miniſter werden.“ „Meinſt Du, armer Junge? Biſt Du noch ſo naiv und unſchuldig? Nun, das wäre alles mög⸗ liche für ein volles Jahr in der Ritterakademie! Du glaubſt noch an Mächtige, die nicht naſchen? Benei⸗ denswerthe Einfalt der Sitten in Eurer Akademie! Sieh', Lobeſam hat uns erblickt und winkt mit gebie⸗ tendem Arme ſeine Räthe herbei. Denn was iſt er anderes in Eichenau, als erſter dirigirender Staats⸗ und Miniſter des Hauſes? Nun frage den, ob er nicht naſcht?“ 63 „Ich glaube, Lobeſam iſt meinem Vater treu und ergeben, dabei auch redlich.“ „Ja, Hermann, das glaub' ich auch; das weiß ich, dafür kenn“ ich ihn. Deßhalb iſt er doch eine Naſchkatze, und von der bedenklichſten Sorte. Davon verſtehſt Du noch nichts, Gott ſei Dank!“ „Danke Gott nicht zu voreilig, Tantchen. Du hältſt mich für jünger als ich bin.“ „Wenn ich nicht Deinen Geburtstag in meinem Kalender eingezeichnet hätte! Siebzehn wirſt Du..“ „Du hältſt mich— einfältiger mein' ich; Du thuſt unſerer Akademie zu viel Ehre an,— oder zu wenig, je nachdem es genommen werden ſoll. Ich bin nicht ſo kindiſch, nicht ſo kindlich, wie Du mich wähnſt und ich habe recht wohl verſtanden, was Du jetzt über des Haushofmeiſters Miniſterium und über ſeine Naſchhaftigkeit geäußert.“ „Haſt Du, Schelm? Umſo beſſer. Dann er⸗ leichteſt Du mir die Mühe, Dir begreiflich zu ma⸗ chen, daß Dein Vater Dich hier nicht brauchen kann; daß Du Dich entſchließen mußt, einen Stand zu er⸗ greifen, wie man es nennt! Setze Dich zu mir, Her⸗ mann! Ich will Dich bedienen, wie vor zwölf Jah⸗ ren, wenn die Bonne Dich mir brachte. Du ſollſt 64 nichts zu thun haben, als zu eſſen, zu trinken, mich anzuhören.“ „Darf ich nicht manchmal mein Bißchen Weis⸗ heit dazugeben?“ „Nach Belieben, langer Junker; doch gehe ſpar⸗ ſam damit um und erſchöpfe den Vorrath nicht all⸗ zuſchnell. Er dürfte nicht groß ſein.“ „So frag' ich zunächſt,— und halte dieſes vortreffliche craquelin, welches meine alte Achtung für den hieſigen Brezelbäcker neu belebt, in der Schwebe, ohne es in Kaffee zu tunken!— warum könnte ich die Landwirthſchaft, für die ich mich geboren fühle, nicht anderswo, auf irgendeinem großen Staatsdo⸗ mänenamte zum Beiſpiel, als Eleve, praktiſch er⸗ lernen? Dann ſäß' ich meinem guten Alten, der ſo gern noch ein Junger iſt und deßhalb einen großen Bengel von Sohn nicht als lebendiges Frage⸗ und Ausrufungszeichen neben ſich leiden mag, durchaus nicht auf dem Halſe: ebenſowenig, wie wenn ich auf Miniſter ſtudire. Und was iſt's ihm denn zu⸗ letzt, wenn er mich, nach vollbrachter Lehrzeit, zum Ver⸗ walter ſeiner Allodial⸗Güter, für die Zukunft aber zum alleinigen Erben derſelben einſetzt? Ich durfte ihm das geſtern nicht ſo gerade ins Geſicht ſagen; es hätte ihn vielleicht erzürnt; Dich aber, Tantchen, 65 darf ich fragen: iſt es nicht unſers Vaters Pflicht, daß er den jüngern von zwei Söhnen auf dieſe Weiſe für den Nachtheil entſchädiget, nicht Majo⸗ ratserbe zu ſein?“ „Gewiß, Hermann. Und er hat keine andere Abſicht. Er arbeitet darauf hin, Dich reichlich zu entſchädigen. Nur wähne nicht, die Güter, auf die Du baueſt und die Du bebanen willſt, gehörten ſchon ihm? dem Namen, den Kaufbriefen nach mag es ſo ſein. Er heißt Eigenthümer. Aber ſie ſind verſchuldet bis über die Dächer der Vorwerke hinaus. Er hat ſie zu theuer gekauft. Langſam, von Jahr zu Jahr, ſtößt er Kapitalien ab. Soll er Dir einen wirklichen, nicht nur Scheinbeſitz hinterlaſſen, ſo muß er noch lange leben— was Du ihm, dafür bürgt mir Dein Herz, auch ohne dieſe Berück⸗ ſichtigung innig wünſcheſt. Zum Verwalter will er Dich nicht machen. Sein Adelſtolz ſträubt ſich da⸗ gegen, und der meinige auch, damit Du's nur weißt. Denn wer ſteht dafür, daß Gott ihn nicht abruft, bevor Du Dich ſelbſtſtändig zu behaupten vermagſt? Er will Dich nicht von Deinem Bruder abhängig wiſſen. Weil er Dich ſo ſehr liebt, ſcheint er gegen Dich ſtrenger zu ſein, als Dir billig dünkt. Vertraue 1857. XIV. Noblesse oblige. I.. 5 66 ihm, vertraue mir... und nun jiß endlich Deine Brezel!“ Hermann gehorchte zwar, doch nicht mit der ge⸗ ſpannten Aufmerkſamkeit, die er vor ſeinem Abgange zur Ritterakademie den Kunſtwerken des eichenauer Kuchen⸗ und Brezelbäckers zu gönnen gepflegt. Man ſah ihm wohl an, daß er daneben andere Gedanken verfolge! Und Tante Barbara fragte wiederholt: „ſchmeckt Dir der Kaffee nicht?“ „Prächtig, mein Tantchen; ich merke nur nicht viel davon; ich bin ganz wo anders; denn ich ſinne immer wieder nach, warum des Vaters Liebe ſich gerade dadurch kundgeben ſollte—(wenn ſie noch ſo warm wäre, wie Du meinſt und wie ich dereinſt auch gemeint habe,)— meinem einzigen Wunſch, meiner einzigen Bitte ſtreng entgegenzutre⸗ ten? Du biſt in allen Dingen ſo wahr und ſo klar, Tante Barbara; nur ſeit geſtern Abend erſcheinſt Du mir räthſelhaft.“ „Weil ich Dir nicht unbedingt beiſtand? Das müßteſt Du ſchon von mir gewohnt ſein, denk' ich. Und wenn nun Dein Vater wirklich aus Liebe zu Dir darauf beſteht, daß Du einen Stand ergrei⸗ fen ſollſt, der Dich für immer von Deinem Bruder unabhängig macht? Wenn ich aus ſeinem brüsken 67 Begehren heraus dieſen ſüßen weichen Kern der Liebe wie aus einer ſtachlichten Schale zu erblicken vermag, — ſoll ich es etwa läugnen und mit dem eigenſin⸗ nigen, verzogenen Hermann, dem Herzblättchen der Majoratsherrſchaft,(und leider auch dem meinen,) ein Komplott machen? Dann waͤr' ich weder ſo wahr, noch ſo klar, wie Du mich zu finden die Güte hatteſt. Thu' ich nicht ſchon genug, daß ich Dir von der Jurisprudenz helfen will? Thu' ich nicht vielleicht in alttantenhafter Nachgiebigkeit ſchon zu viel, wenn ich Dir die Erlaubniß betreibe, Dir eine „Gott ſei Dank,“ rief jetzt Hermann aus,„endlich werd' ich erfahren, um was dieſes Dejeuner ſich dreht! Du gehörſt zur Diplomatie, Tante. Da wird auch das Schwierigſte bei Tafel verdaut, wie Theodor verſicherte. Rück' heraus, ich bitte Dich!“ „Nun errathe, mein Sohn, was ich Deinem Vater vorſchlug?“ „Das gibt ein Frage⸗ und Antwortſpiel, worin ich niemals beſondere Force entwickelte. Doch ich will's riskiren. Die wenigen denkbaren Fälle ſind geſchwind durchgefragt. Soll ich ins Forſtdeparte⸗ ment treten? Das käme meinen Neigungen noch am nächſten.“ 3 5*½ 68 „Nein!“ „Soll ich Seemann werden? Dir iſt möglicher⸗ weiſe in Erinnerung gekommen, daß ich den kleinen Teich im Waſſerhofe dereinſt mit einem Backtroge durchſchiffte, nicht ohne Talent für Navigation und zum Schrecken aller Enten und Gänſe, die jenen ſtillen Ozean mit wahrhaft großbritaniſcher Selbſt⸗ gefälligkeit für ſich allein in Anſpruch nahmen. Willſt Du einen theerbefleckten Schiffsjungen aus mir machen?“ „O neinl „Oder meinſt Du, daß es mir vorbehalten ſei, im Schooße der Erde den Reichthum zu finden, der mir auf der Erde verſagt blieb? Soll ich nach Metallen und Steinkohlen wühlen? Nach Galmey, Zink und ſolchen hübſchen Biſſen? Soll ich Berg⸗ mann werden?“ „Nein, nein!“ „Blitz, das Spiel iſt ſchwer! Bald find' ich keine Fragen mehr, die ſich zu meiner hohen Geburt rei⸗ men. Auf der Erde ſoll ich nicht ſäen und pflanzen; unter der Erde ſoll ich nicht graben und wühlen; zu Waſſer ſoll ich nicht ſchwimmen und erſaufen. Bliebe gerade noch das Feuer übrig und die Luft, und in keinem von beiden find' ich einen Anhaltspunkt für 69 meine Zukunft, was man einen ſoliden Stand nennt. Ich ſpiele nicht mehr mit, liebe Tante.—“ „Unbegreiflich, daß Du nicht auf den Stand rathen willſt, der doch Deinen Verhältniſſen am nächſten liegt: auf den Soldatenſtand? Blieb dieſer nicht, ſeitdem es ſtehende Heere gibt, die ehrenvollſte Zuflucht für jüngere Söhne alter Geſchlechter?“ „Du kehrſt das Spiel um, Tante Barbara; das Fragen iſt jetzt an Dir, wie es ſcheint? Aber auf dieſe Deine Frage muß ich die Antwort zuruͤck⸗ halten; ich weiß weder Ja, noch Nein zu ſagen.“ „Das heißt ſoviel, als: mein Vorſchlag iſt nicht nach Deinem Sinne.“ „Durchaus nicht. Mir wurde das Militärweſen verhaßt. Unſere Offiziere, wie ich ſie zu ſehen Gele⸗ genheit hatte, machen den Effekt der Zierpuppen. Dieſer ſogenannte esprit de corps, der auf alle Menſchen ohne Uniform und Säbel hochmüthig herab⸗ ſieht, iſt mir zuwider. Ihr point d'honneur ſtützt ſich auf lauter falſche Vorausſetzungen; anſtatt zu bedenken, daß ſie vom Volke bezahlt werden, um es zu ſchützen, maßen ſie ſich an, eine bevorzugte Kaſte zu ſein, und erlauben ſich alles, wozu ihr Ueber⸗ muth ſie treibt.“ 70 „Hat man Dir dieſe Anſichten in der Ritteraka⸗ demie beigebracht?“ „Von amtswegen gewiß nicht, liebe Tante. Im Gegentheil! Auch will ich Dir gerne bekennen, daß die Mehrzahl meiner Kameraden ganz anderer Mei⸗ nung iſt; ja, daß die meiſten gar kein höheres Ziel kennen, als dereinſt die goldenen oder ſilbernen Treſſen eines Garderegimentes auf ihrem Kragen glitzern zu ſehen. Das iſt bekannt.“ „Du aber ſchließeſt Dich einer Minderzahl an?“ „Ja, liebe Tante!“ „Die aus Deinesgleichen beſteht?“ „Wir ſind ſo ziemlich von einem Alter.“ „Darnach fragte ich nicht und Du weißt ſehr wohl, daß ich das nicht meinte. Unter„Deinesgleichen verſteh' ich, was wir darunter verſtehen; und Du verſtehſt mich auch ſehr wohl; nur willſt Du mich nicht verſtehen.“ Hermann erröthete und ſtand vom Frühſtück⸗ tiſche auf. Die Tante nahm ihr altes, wohlbekanntes Ar⸗ beitskäſtchen von der Kommode und trug es nach dem Fenſter hin, wo ſie ſich in einem Lehnſtuhl etablirte. Offenbar ſchmollte ſie. Offenbar wußte ſie mehr von ihres Neffen Umgange und heimlichen Ver⸗ 71 bindungen, als er für möglich gehalten. Woher? Ja, wer konnte das ſagen? Tante Barbara kannte alle Menſchen in der Provinz; Tante Barbara erfuhr alles; ihr trug man alles zu, und ohne ſich darum zu bemühen, ſtand ſie mit den verſchiedenſten Per⸗ ſonen in Verbindung. Hermann ging auf und ab im Zimmer, rannte der Tante alten Niklas, der Kaffeebretter und Geſchirr abzuräumen kam, faſt über den Haufen; ſtieß mit ihrer ebenſo alten Chriſtiane, welche noch einige heute erſt ausgepackte Kleider in den Alkoven trug, feindſelig zuſammen; blieb dann, als er wieder mit ihr allein war, vor der Tante ſtehen; ſetzte mehr⸗ mals an, brachte es aber nicht zum Reden. Sie ermunterte ihn auch nicht. Sie gab ſich ihrer Arbeit hin, wie wenn von Nähen und Sticken der Erwerb ihres Daſeins abhängig wäre und hob die Augen nicht von dem Weißzeuge auf. Der Faden des Geſpräches war abgeriſſen. Her⸗ mann ſuchte ängſtlich und verlegen, wo er wieder anknüpfen könne. So erhaſchte er endlich das bewußte Arbeitskäſtchen, welches von der Perſon der Gräfin Eichengrün unzertrennlich blieb in der Erinnerung eines Jeden, der die Edle kannte; mochte ſie nun für ihn vertraulicherweiſe Tante Barbara, mochte 72 ſie ihm fernſtehend Frau Aebtiſſin ſein: ohne ihren Arbeitskaſten,— denn für ein Käſtchen zeigte er ſich eigentlich zu groß,— konnte ſie nicht gedacht werden, außer wo ſie ſpazieren ging. Und auch dann mußte ihr, wenn es irgend ausführbar ſchien, Niklas in einiger Entfernung mit dem unvermeidlichen Möbel folgen. Die Laſt war eben nicht allzuleicht. Maſſiv aus ſchwerem Mahagoniholze zuſammengefügt, hatte er ein ganz artiges Gewicht und ſchien durch die Solidität ſeines Baues der Ewigkeit trotzen zu wollen. Seine innere Eintheilung beſtand aus zwei geſon⸗ derten Räumen: der eine enthielt unzählige kleine Fächer, worin mit kunſtſinniger Benützung jedes Räumchens alle Inſtrumente ſich bargen, mit denen jemals weibliche Finger zerſchnitten, zuſammennäheten, ſtickten, ſtrickten, flickten, trennten, löſeten, banden, ſchnürten und ſtachen. Die zweite Hälfte bildete nur ein Behältniß für— Seidenfaden. Denn Tante Bar⸗ bara, welche nie müßig blieb und ihren Händen nicht gern unnütze Feierſtunden vergönnte, betrachtete, wenn ihre Augen müde wurden,— eine Brille war ihr zuwider,— das Fleckchenzupfen als erlaubte Er⸗ holung. Ihre Stiftsdamen wußten ihr keine ange⸗ nehmeren Geſchenke zu machen, als abgetragene ſeidene 73 Kleider, welche ſie ihr zu beliebiger Entfaſerung über⸗ antworteten. 2 Hermann hatte als kleiner Junge oftmals mit⸗ zupfen dürfen. Der Kaſten war ihm ein vertrauter Freund aus der Kinderzeit. An dieſen hielt er ſich jetzt, um wieder ins Geleiſe zu kommen mit Tante Barbara. Zwei Buchſtaben, in Perlmutter künſtlich eingelegt, prangten auf dem Deckel: ein N. und ein 0. Er hatte ſie tauſendmal gedankenlos angeblickt; nicht einmal war ihm in den Sinn gekommen, nach ihrer Bedeutung ſich zu erkundigen. Heute fragte er: „willſt Du mir ſagen, Tantchen, was das ſagen will?“ Dabei legte er den Zeigefinger darauf. Sie antwortete:„N— 0O— no!“ „Iſt das engliſch geſprochen, Tante? Soll es Nein heißen? Und Du willſt mir die Bedeutung nicht erklären?— So biſt Du böſe auf mich?“ „Das kann ich nicht ſein, Hermann, weil ich Dir zu gut bin. Aber ebenſo wenig befind' ich mich in der Laune, Dir den Sinn dieſer Initialen zu erklä⸗ ren. Er möchte Dir Gegenſtand des Spottes werden, und das würde mich kränken.“ „Ich über etwas ſpotten, was Tante Barbara gehört?“ „Es wäre doch möglich! Wer in der Akademie 74 den vertrauten Umgang derjenigen ſucht, die gegen uns Partei nehmen, der kann über meinen Wahl⸗ ſpruch— denn von dieſem ſind N und 0 die An⸗ fangsbuchſtaben,— nur lächeln.“ „Tantchen, was redeſt Du da!? Gegen wen wird Partei genommen? Und von wem?“ „Tout simplement: von den Demokraten gegen den hohen Adel. Von Deinen Freunden gegen uns, und folglich, wie toll es auch klingt: von Dir gegen Dich! Oder willſt Du es etwa ableugnen, daß Ihr einen Lehrer habt, der Euch förmlich einweiht in dieſe Gleichmachungstheorieen? Daß Ihr Euerer ſechs oder ſieben hinter dem Rücken des Direktors bei dieſem Phantaſten heimliche Verſammlungen haltet?“ Hermann konnte ſein Staunen und ſeine Ver⸗ legenheit nicht bergen.„Haſt Du dem Vater davon geſprochen?“ ſtotterte er leiſe. „Ich habe mich wohl gehütet! Das hätte eine unabſehbare Geſchichte gegeben Ick habe ihn nur bedenken laſſen, daß Du auf deutſchen Univerſitäten ſehr leicht in Verbindungen verwickelt werden könnteſt, zu denen eine noch kindiſche Unbedachtſamkeit Dich hinzieht, die aber Deiner Stellung und Deinen Pflichten widerſprechen.“ 4 „Meinen Pflichten?“ rief jebt Hermann mit einem 7⁵ Ausdruck von Heftigkeit, daß die Tante erſchreckt zuſammenfuhr.„Meinen Pflichten? Meiner Stellung? Die Stellung eines jüngeren Grafen, dem ſein Vater nicht einmal den beſcheidenſten Landſitz ſichern kann oder will, iſt doch nicht von der Art, daß ſie große Pflichten auferlegen ſollte? Mein Bruder mag mit ſeinen Aus ſichten auch bedeutende Rück ſichten zu verbinden haben, das find' ich begreiflich. Doch warum ich ein Joch tragen müßte, welches man kaum zu verſilbern,— von vergolden iſt gar nicht die Rede,— der Mühe werth findet, das ſeh' ich nicht ein. In unſern Zeiten hat der Adel ohnehin keine Bedeutung mehr; fehlt es ihm nun auch gar noch an Mitteln, ſich durch einen gewiſſen Glanz hervorzuthun, ſo bleibt ihm ja gar nichts. Was iſt denn ein armer Graf, daß er dieſes leeren Titels halber ſeine Menſchenrechte aufzuopfern gezwungen wäre, die jedem Bürger⸗, jedem Bauernſohne ge⸗ ſichert ſind? Was iſt denn Graf Hermann Eichen⸗ grün auf Habenichts?“ „Er iſt der Sohn ſeiner Väter, der Sproß eines edlen Stammes. Er iſt ein Kavalier. Er iſt ge⸗ boren mit dem Namen hoher Ahnen und hat voll⸗ aufzuthun, will er dieſem keine Schande machen!“ Tante Barbara ſagte das in einem ſo feierlich 76 ernſten Tone, wie Hermann nie und zu keiner Zeit von ihr gehört. Das ſetzte ihn umſomehr in Er⸗ ſtaunen, weil ſie nicht ſelten ſich allerlei ſcherzhafte Neckereien über leeren und nichtigen Adelshochmuth erlaubt und den Kaſtengeiſt, der in der Provinz ſich hie und da regte, zum Gegenſtand ihrer witzigen Bemerkungen gemacht hatte. Er verſuchte auch jetzt eine verſöhnlich heitere Wendung. Doch vergeblich. Sie ſaß wieder mit eiſerner Feſtigkeit über ihrer Hände Arbeit, keine Silbe mehr erwiedernd. Her⸗ mann fand ſich unheimlich in ihrer Nähe. Er ſtahl ſich leiſe davon, mit der Hoffnung, ſie nach Verlauf einer Stunde zugänglich und mittheilend zu finden, wie immer. Doch kaum trat er in den Garten, ſo überkam ihn die Beſorgniß, die theuere und geliebte Gönnerin ernſtlich erzürnt zu haben,— zum erſten⸗ male in ſeinem Leben! Dieſer Gedanke ſtimmte ihn ſehr traurig; inniger Wehmuth voll, ſuchte er den alten Wiesner auf. Es verhieß ihm Troſt, mit dieſem von Tante Barbara plaudern zu können. Dem Gärtner kam er nun gerade wie gerufen; wir erinnern uns ja der Aeußerung, welche der weißköpfige Verehrer der Aebtiſſin geſtern gethan, und wie er ſich vorgenommen hatte, ſeines Grafen jüngſten Sohn einzuweihen in ein Geheimniß aus Barbara's Leben. 77 Wiesner ſteckte im Ananashauſe, als Hermann ihn fand. Die Temperatur einer ſolchen Anſtalt wird jedem, der nicht durch langen Beruf daran gewöhnt iſt, unerträglich. Doch das empfand Her⸗ mann in ſeiner augenblicklichen Stimmung nicht, und der Gärtner dachte noch weniger daran. Er hatte juſt die letzte der heurigen Früchte, ein Prachtſtück, das er für die gnädige Frau Tante“ reſervirt, abgeſchnitten und hielt ſie dem Eintretenden entgegen, damit dieſer den billigen Tribut von Bewunderung zolle, den Wiesner über ſeinen Jahrgehalt ſtellte. Hermann ſog den Duft ein und verſicherte, dieſer ſei ihm das Liebſte von der Ananas.„Das meint die gnädige Frau Tante nicht,“ ſagte der Gärtner,„die mag gern ein paar Scheiben davon eſſen;'s iſt die einzige Näſcherei, mit der ihr beizukommen iſt.“ Und da waren ſie denn beide, wohin ſie zielten; bei Tante Barbara. Wie wenn er vorhergewußt hätte, was Wiesner im Schilde führte, fragte Hermann:„wenn ich nur erfahren könnte, warum die Tante unvermählt ge⸗ blieben iſt? Sie muß hübſch geweſen ſein!“ „Hübſch? Sie ſagen ‚hübſch⸗, Graf Hermann?“* rief der Alte aus und ſchwenkte dabei die große Goldfrucht, an der Krone feſtgehalten, drohend um ſein Haupt, wie wenn es ein Streitkolben wäre, den 78 Gegner damit niederzuſchmettern!„Hübſch? nur hübſch? Schön müſſen Sie ſagen, junger Herr; mehr als ſchön, erhaben, überirdiſch!“ Hermann mußte lächeln.„Wiesner,“ ſprach er, „allen Reſpekt vor Deinem guten Geſchmack und meiner Tante Schönheit; aber entweder ſie hat ſich in den letzten fünfundvierzig Jährchen bedeutend verändert, oder ſie kann auch als fünfzehnjähriges Mädchen nicht ätheriſch geweſen ſein!“ „Sagt' ich ‚ätheriſche, Graf Hermann? Ich glaube kaum, daß ich dieſes Wort gebrauchte, denn die Wahrheit zu geſtehen, ich kenne es nicht in ſolchem Sinne. Es müßte doch von Aether abge⸗ leitet werden, und dabei denke ich nur an den Aether, worin unſere Mamma Erde ſich herumtreibt,— und an die Krampftropfen, die meine Alte, Gott hab' ſie ſelig, immer bei ſich trug. Meines Wiſſens hab' ich auf Tante Barbara den Ausdruck ‚überirdiſch“ angewendet, der jedoch auch noch nicht der richtige 5 geweſen ſein muß, weil er Ihnen ein Lächeln ver⸗ urſachte. Laſſen wir das Wort beiſeite und halten wir uns an die Sache. Komteſſe Barbara, denn ſo wurde ſie damals genannt, war keine dünne, gebrechliche, verzärtelte Stubenpflanze. Sie glich einem ſchlanken, kräftigen Baume,— wenn ich in 79 3 5 meinen Vergleichen reden darf. Ueberirdiſch war ſie darum doch. Eben auch wie ein Baum, der auf Erden feſtſteht, mit Zweigen, Blättern und Blüten emporſchaut. Ich kann's nicht ſo deutlich machen, wie ich's empfinde.“ „Jetzt verſteh' ich Dich, Wiesner.“ „Das iſt mir lieb, Graf Hermann. So werden Sie auch verſtehen, was ich Ihnen erzählen wollte.“ „Von ihr?“ „Von ihr! Sie wäre die letzte, die zu Ihnen darüber eine Silbe äußerte;z und weil ſonſt niemand darum weiß als ich, ſo muß ich's Ihnen hinterlaſſen, will ich's nicht mit mir nehmen ins Grab.'s wär' ja ewig Schade, ginge ſolch' ein Beiſpiel für die Jugend verloren. Warum ſie unvermählt geblieben, fragten Sie? Ich kann darauf Antwort geben. Sie war ſchon ſogut wie verlobt, wenn auch noch nicht öffentlich. Sie nannte den Fürſten Bräutigam und er nannte ſie: theuerſte Braut. Das hab' ich im Orangenhauſe mit meinen eigenen Ohren vernommen. Ein herrlicher Jüngling, der Fürſt, von freundlichem Angeſicht und hoher Geſtalt; um einen Kopf höher als die Komteſſe, die dazumal für eine Dame auch nicht klein war; ſie iſt erſt ſpäterhin ein Bißchen eingegangen. Das bringt das Alter mit ſich; man 80 ſchrumpft zuſammen; ich ſpür's an mir. Der Fürſt ſchrieb ſich aus dem Polenlande her. Sie meinten hier bei uns zu Lande, ˙s wär' mit ſeiner Herkunft nicht allzuweit her und nur, was man ſo eine jüngſt⸗ inokulirte, oder gar nur gepelzte Fürſtenkrone in einen wilden Stamm nennt? Weiß nicht; war mein ge⸗ ringſter Kummer, und der Komteſſe ihrer gleichfalls. Wenigſtens war die Impfung geſchickt und glücklich vonſtatten gegangen, denn er trug ſein Fürſten⸗ thum, wie wenn es ſeinen Ur⸗Ur⸗Großeltern ſchon von hauſeaus eingewachſen geweſen wäre. Dabei leutſelig und liebevoll mit Menſch und Vieh und Blumenwerk. Der ſah alles, was lebte und blühte, aus ſanften Augen an. Sein Diener konnte ihn auch nicht genugſam loben. Ging viel mit mir um, der gute Mosje Zephyrin, bis auf ſeinen poſſirlichen Namen ein ganz netter Kerl. Aber ich rief ihn kurzweg Zephir; auch, wenn wir Schabernak trie⸗ ben: Boreas. Nun der vertraute mir wohl, daß es mit dem, was ſie, Apanaſche nennen,— bei unſer⸗ einem heißt's Geldbeutel— ſehr ſchwach beſtellt ſei um den durchlauchtigſten Herrn Odo. Seine fürſt⸗ lichen Eltern nagten gleichſam das Hungertuch und hatten ihn auf Reiſen geſchickt, eine gute Partie zu machen, die auch ihnen aufhelfen ſollte. Nun 84 hatt' er ſchon ein hübſches Stück Welt durchzogen, war doch aus allen Netzen, die reiche Erbinnen ihm und ſeinem Titel geſtellt, immer entſchlüpft, weil er ſich nicht verkaufen und ohne Liebe nicht heiraten wollte. So verſicherte mein Freund Zephir hundert⸗ mal und ſetzte immer hinzu: hier wird's Ernſt, hier bleiben wir hängen!— Wer konnte auch daran zweifeln? Man durfte nur einen Blick auffangen, den die zwei Liebenden ſich zuwarfen— das war wie Wetterleuchten, was die ganze Umgebung hell⸗ macht, wenn's noch ſo finſter iſt. Ihr Herr Groß⸗ vater, unſer ſeliger Graf, hatte auch bereits einge⸗ willigt. Das wußte groß und klein im Schloſſe. Aber nun fing das Briefſchreiben an. Hin und her. Und die Geldverhandlungen, das unglückſelige Mein und Dein, was ſchon ſoviele Menſchen dahinge⸗ bracht hat, über dem„‚Mein’ ihre Nächſten hintan⸗ zuſetzen,— und endlich auch ſich ſelbſt. „Mögen wohl von da drüben her gefährliche An⸗ forderungen geſtellt haben, und iſt Seiner hochgräfli⸗ chen Gnaden unſerm Herrn zuviel geworden? Hat ſich üblen Ausganges verſehen! Oder hielt vielleicht die Ahnenprobe nicht Stich? Wer weiß!? Denn in dieſem Punkte verſtand Ihr Großpapa keinen Spaß, Graf Hermann! Na, das iſt ſeine Angelegenheit 1857. XIV. Noblesse oblige I. 6 8² und hat er's vor Gottes Thron auszufechten. Ge⸗ nug, eines Tages flüſterte mein Zephir mir zu und ließ die Flügel dabei ſinken: Traurige Geſchichten, Freund Wiesner; die Heirat zerſchlägt ſich. War mir's doch nicht anders, als gäb' mir Einer den ſchön⸗ ſten Meſſerſtich in mein Herz hinein. Konnt’s gar nicht glauben, daß die Zwei nicht Eins werden ſollten, wie's in der Schrift ſteht: ein Leib. Doch kam der Glaube mir in die Hand. Noch an dem nämlichen Abend!—'s war im Winter. Dasſelbe Plätzchen im Orangenhauſe, wo unter den dickſten und älteſten Stämmen Tiſch und hölzerne Seſſel ſtehen, war dazumal nicht anders wie jetzund. Da ſaß ich gern während der Dämmerungſtunde, zwi⸗ ſchen vier und fünf Uhr, guckte durch die Fenſter, ehe ich meine Strohmatten davor aufzog, noch ein⸗ mal in die Schneelandſchaft hinaus und freute mich an dem ſaftigen Grün unſerer Bäume, wobei ich wohl dachte: ſind doch die ſchönſten im Lande. Und nicht weil ich meines Vaters Sohn bin, aber wahr iſt wahr, und ſchönere Orangerie gibt es weit und breit nicht, und Sie wiſſen, Graf Hermann, in unſe⸗ rer Familie vererbte ſich's von Vater auf Sohn, wie Zitronen⸗ und Pomeranzenbäume aufs beſte ge⸗ deihen. Da ſaß ich denn, Abend für Abend, und 83 bildete mir ſchrecklich viel ein. auf meinen italiſchen Zauberwald im deutſchen Schneegeſtöber. Wie denn ein dummer, eitler, junger Kerl ſolche hochmüthige Einbildungen hegt! Jetzt ſind ſie mir wohl längſt vergangen, der Himmel ſei gelobt!— Und plötzlich hör' ich die Thüre gehen von der kleinen Treppe, die aus dem Speiſeſaale in die Glashäuſer führt, und denke mir ſogleich: das muß die Komteſſe ſein! Ich, wie ein Aal, von meinem Seſſel zwiſchen die großen Kübel, kau're mich nieder und verberge mich; die Dämmerung kam mir auch zu Hilfe. Richtig, ſie war's. Wird einen Gang im grünen machen wollen, darf ſie nicht ſtören in ihren Betrachtungen! So bleib' ich hocken. Währt aber keine fünf Minu⸗ ten, ſtürzt Fürſt Odo durch die große Eingangsthür herein, mit Schneeflocken beſtreut, keinen Hut auf dem Kopfe, offenes Kleid und Weſte, bloßen Hals, ſein treues Geſicht von Weinen verſchwollen, daß man's im Dunkel röthlich ſchimmern ſah. Und nun ging's los. Ja, wie ſoll ich's Ihnen beſchreiben? Wo ſollte ich armer Erdenwurm die Ausdrücke her⸗ nehmen? Das kann überhaupt gar kein Menſch nicht wiederholen, dieſen Jammer, dieſe Heftigkeit, dieſe Anklagen und Beſchwörungen von ihm;— und her⸗ nach wieder dieſe Ruhe, dieſe Ergebung, dieſe Fröm⸗ * 84 migkeit und flehende Bitten von ihr. O mein Je⸗ ſus, Graf Hermann, wenn ich alle Predigten, die ich ſeit kleinauf von den Kanzeln gehört habe, in Eins durcheinanderſiede, und ziehe den Extrakt in einen einzigen Löffel zuſammen, ſo hab' ich immer noch nicht den Balſam für jeglich' Weh' und Leiden, den die paar Tropfen von ihren Lippen gegeben. Es muß ſein, Odo, hat ſie endlich geſagt; die Pflicht erfordert's. Als Tochter und Schweſter kann ich nicht anders; als geborene Eichengrün darf ich nicht an⸗ ders. Und dann ſprach ſie noch ein paar Worte aus, die ich nicht verſtand; ſie klangen wie franzöſiſch. Du liebſt mich nicht, ſchrie er dazwiſchen. Das richte Gott, ſagte ſie wiederum. Du wirſt eines Andern Gattin ſein, ſchluchzte der arme Fürſt. Und wie er das mit einem ſo jammervollen Tone herausbrachte, daß es mich in meinem Verſtecke ordentlich durchrie⸗ ſelte— da tbeilte ſich im Nu das Schneegewölk und die blaſſe Mondſcheibe ſah wie eine Nonne durch weiße Schleier. „Nun hören Sie, was geſchah. Sie umarmte den Prinzen, ſie zuerſt, ihn! Wärſt Du eines Bauern Sohn und ich wäre frei, frei als Tochter und Schwe⸗ ſter,— nichts würde mich von Dir trennen. Doch eines Andern werd' ich nie. Ich ſterbe als Jung⸗ 8⁵ frau, das ſchwör' ich Dir bei Gott. Dieſer Kuß iſt der erſte und letzte, den ich einem geliebten Manne gebe! Da küßte ſie ihn, ja Graf Hermann, ſie küßte ihn, küßte den weinenden Fürſten auf ſeinen Mund, hielt ihn lange umſchlungen, dann richtete ſie ſich auf, daß er vor ihr ſtand, wie ein Knabe vor einer Königsfrau, und flüſterte ſo ſanft, ach Gott! ſo leiſe und doch ſo gebieteriſch: morgen mit Tagesanbruch, mein Fürſt, werden Sie Eichenau verlaſſen. Leben Sie wohl! Gott ſei mit Ihnen!— Und er ſtand noch ohne Bewegung, ohne Regung, als ſie ſchon lange durch die kleine Thüre verſchwunden war. Nach einem guten Weilchen that er einen ſchweren Athem⸗ zug, ermannte ſich und ging hinaus, wo er hereinge⸗ kommen. Nur daß das Schneegeſtöber nachgelaſſen und der helle Mond ſich Bahn gebrochen hatte.— Am andern Morgen hieß es im Schloſſe: unſere Kom⸗ teſſe hat dem Fürſten Odo einen Korb gegeben. Wie's gekommen, wußte niemand, außer mir; und ich hab' es weiter niemandem vertraut, außer Ihnen. Weil Sie ihr Liebling ſind, lieber Graf Her⸗ mann— und meiner auch.— Aber mein Him⸗ mel, wie ſehen Sie aus: als ob Sie der Schlag rühren wollte!? Das macht die Hitze hier im Hauſe. Gehen Sie ins Freie. Und wenn Sie 86 Tante Barbara ſehen, beſtellen Sie's ihr, daß der alte Wiesner heute eine ſchöne Ananas zum Deſſert auf die Tafel ſchickt.“ „Ich werd's ihr beſtellen, Wiesner,“ ſprach Her⸗ mann und reichte dem redlichen Diener freundlich ſeine Hand. Dann begab er ſich geraden Weges zu Tante Barbara. Viertes Kapitel. Er fand ſie noch, wie er ſie verlaſſen, bei ihrer Arbeit, von der ſie emporblickte, da er haſtig eintrat. „Mein Gott,“ rief ſie ihm entgegen,„wie glühſt Du? was iſt Dir geſchehen? Was haſt Du vorgehabt? Wo kommſt Du her?“ „Aus dem Ananashauſe, liebe Tante.“ „Haſt Du Dich wollen treiben laſſen? Ich denke, Du biſt groß genug für Dein Alter. Welch ein Einfall, ſich in dieſe Schmorpfanne zu begeben?“ „Ich ſoll Dir melden, daß Wiesner eine herr⸗ liche Ananas für Dich bewahrt, die Du heute ganz allein aufzehren darfſt; denn Vater iſt nicht da, und ich cedire meinen Antheil.“ 1 87 „Und zu dieſer Mittheilung bedurfte es einer Stunde? Deßhalb ließeſt Du Dich ſieden und braten?“ „Wiesner hat mir eine Geſchichte erzählt.“ „Die muß ſehr intereſſant geweſen ſein, daß Du in ſolcher Umgebung dabei ausgehalten.“ „Leider kennt er ſelbſt ſie nicht in ihrem inner⸗ ſten Zuſammenhange; er vermochte nur Bruchſtücke zu geben.“ „Und wen betraf ſie denn? wenn anders keine Indiskretion in dieſer Frage liegt?“ „Zwei Liebende, die ſich trennen mußten, ob⸗ gleich ſchon miteinander verlobt, oder doch nicht weit davon. Die Gründe der Trennung müſſen äußer⸗ liche geweſen ſein, denn ſie ſchieden mit heißen Schmer⸗ zen. Wiesner wurde ohne Abſicht Zeuge dieſes rüh⸗ renden Auftrittes, der in unſerm Fruchthauſe ſtatt⸗ fand. Der alte Menſch hat die letzten Worte, die jene Zwei ſich ſagten, feſt im Gedächtniſſe bewahrt. Nur ein paar franzöſiſche blieben ihm unverſtändlich. Sind ſie Dir vielleicht bekannt, liebe Tante?“ Sie ließ die Hände mit der Näherei herabſinken und ſchwieg, gebeugten Hauptes, eine lange Weile. „Weinſt Du?“ fragte Hermann beſorgt. Da ſchlug ſie ihre Augen ſo hell und rein zu ihm auf und es redete eine ſo klare Macht aus 88 dieſen zwei Seelenfenſtern, daß der Jüngling an des Gärtners Bezeichnung vom Blitze denken mußte. Wie er ſie ruhig und heiter ſah, trug er kein Be⸗ denken, die Frage nach den franzöſiſchen Worten zu wiederholen. Sie klappte ihren Arbeitskaſten zu und wies auf die beiden Buchſtaben, welche heut ſchon einmal Ge⸗ genſtand der Aufmerkſamkeit zwiſchen Tante und Nef⸗ fen geweſen waren. „N und 02“ ſagte Hermann halb für ſich hin; „O könnte Odo bedeuten—(und da er dieſen Namen ausſprach, ging ein kaum ſichtbares Zittern durch Barbara's Glieder,) aber was will N ſagen? — Iſt der Kaſten ein Geſchenk von ihm, Tante?“ „Er iſt ein Erbſtück meiner Mutter. Der Spruch, deſſen Anfangsbuchſtaben darauf eingelegt ſind, war das letzte, was die Sterbende zu mir ſprach, nach⸗ dem ſie ihr jüngſtes Kind, Deinen Vater, meiner ſchweſterlichen und zugleich mütterlichen Sorgfalt em⸗ pfohlen.“ „Alſo ſpracht Ihr immer franzöſiſch?“ Und in dem Klange, den Hermann dieſer Frage gab, lag etwas bitteres, ſo daß Barbara ſich berufen fühlte, recht feſt zu antworten:„Niemals, mein Sohn! Mut⸗ ter war eine Kerndeutſche; ſie wollte nichts anderes 89 ſein und erklärte jeder Ausländerei den Krieg. Sein Franzoſenthum blieb eins ihrer ſchärfſten Häkchen wider den großen König. Aber ſie war auch weit entfernt, das forcirte Puriſtenſtreben zu billigen, wo⸗ mit Ihr Jüngeren Euch zu zieren gelehrt werdet. Was man auf deutſch nicht ſo prägnant ausdrücken kann, gab ſie ohne Gewiſſensbiſſe franzöſiſch. So dieſen Spruch, den ich Dir bei unſerm Frühſtück vor⸗ enthielt, in der Beſorgniß, Du könnteſt ihn beſpöt⸗ teln. Das war eine kleinliche Stimmung, in der ich mich befand. Die Erinnerungen, die der alte Gärt⸗ ner durch Dich in mir wachgerufen, haben mich neubelebt. Anſtatt Dir etwas vorzuenthalten, will ich Dir lieber alles mittheilen, was Wiesner nicht konnte, weil er's nicht wußte. Will Dir, bei dieſem Wendepunkte Deines Lebens, ein Beiſpiel aus dem meinigen vorhalten. Und will bei dem alten Motto bleiben. Vielleicht machſt Du's auch zu dem Dei⸗ nigen;— braucht deßhalb nicht minder deutſch zu ſein!“ „Ja, einzige Tante; ſei wieder gut mit mir. Und laß' Dein Sprüchlein hören. Vielleicht kann man's überſetzen?“ „Das dürfte Dir ſchwer werden; doch verſuch's: gib mir in zwei deutſchen Worten die ganze volle Bedeutung, und ich werde Dich loben. Verſpreche 90 Dir ſogar, bis zum Tode nur Deine Uebertragung an⸗ zuwenden. Wie ſagſt Du zu deutſch: Noblesse oblige? wollen ſeh'n, was ſie Dich in der Ritterakademie gelehrt haben.“ „Nichts leichter als das!... Nur einen Au⸗ genblick.. Gleich, Tantchen! O ich hab's ſchon: „Adel verpflichtet“— Wie?“ „Das liegt freilich ſehr nahe; dachte nicht, daß Du Dir's gar ſo leicht machen würdeſt, lieber Junge. Soweit hätt' ich's in einem halben Jahrhundert etwa auch gebracht. Nur daß keines der beiden Worte, die Du da anwendeſt, die umfaſſende Bedeu⸗ tung der franzöſiſchen einigermaßen erſchöpft. Noblesse heißt freilich ‚Adel,“ aber es will auch noch gar viel ſagen, was Du durch ‚Adele nur wiedergeben kannſt, wenn Du ihn mit andern Wörtern verbin⸗ deſt: Seelen⸗Herzens⸗Erziehungs⸗Geburts⸗Adel würde eine ganze Zeile bilden, wo ich ein Wort verlangte. Ebenſowenig drückt ‚verpflichtet⸗ mein oblige aus; das letztere begehrt nebſt der proſaiſchen Verpflichtung auch noch den poetiſchen Hauch eines innern höheren Bedürf⸗ niſſes, einer urſprünglichen Weihe, welche auferlegter, konventioneller Formen nicht bedarf. Man kann leider von ſehr altem Adel ſein, ohne wahren Edelmuth(und das ſagt zugleich Noblesse) zu beſitzen; man kann gewiſſen 91 Pflichten ſeines Standes zur Noth genügen, ohne jene er⸗ hebende Freudigkeit, die jedes große Opfer bringt, nicht weil ſie muß, ſondern weil ſie nicht anders vermag,(und das ſagt zugleich oblige;) weil die inwohnende ariſto⸗ kratiſche Natur, nicht der Titel dazu verbindet. Ich fürchte, wenn ich einen Preis ausſetzen wollte für Löſung meiner kleinen Aufgabe, Du würdeſt ihn ſowenig gewinnen, als die Schaar Deiner Vorgänger im Ueber⸗ ſetzen von Wahlſprüchen jene Preiſe erringen konnten, die für zwei ungleich längere, folglich leichtere, dar⸗ geboten, doch niemals in Empfang genommen wor⸗ den ſind.“— „Und dieſe waren?“ „Der eine lautet: „A Dieu mon âme, Mon bras au roi, Mon coeur aux dames, L' honneur pour moi!“ und der andere, ſcherzhafte, den Du häufig, ſchon als Kind, an Deines Vaters Tafel hörteſt, wird gern als Entſchuldigung angewendet, wenn durſtige Jagd⸗ gäſte ihre häßlichen Gelage nicht zeitig genug be⸗ ginnen können: „Aprés la soupe un verre de vin ôte un ducat au médecin.“ 2 92 Beide hat man in dem Versmaße des Origi⸗ nals und gereimt nicht wiederzugeben vermocht, ohne den epigrammatiſchen Sinn zu verändern, oder zu vernichten. Das liegt nun einmal im Eigenſinn getrennter Sprachen. Laſſe mir alſo mein franzöſi⸗ ſches adage und thue hübſch nach Deinen Kräften, ſeine Lehre in deutſches Gemüth und Handeln zu vertiren. Das iſt die ſchönſte Uebertragung, iſt un⸗ ter allen Umſtänden die gelungenſte, wofür unſer ei⸗ genes Bewußtſein auch den höchſten Preis auszahlt. Ich hab' ihn empfangen, Hermann, und genieße jetzt noch die Früchte meines Sieges.“ „Deines Sieges? Nennſt Du das einen Sieg, Tante, wobei alles verlorengeht, was des Men⸗ ſchen Herz begehrt? Du biſt unvermält geblieben! Das iſt ja gerade ſo, wie wenn ein Regent den Frieden erkauft durch Verluſt ſeines halben Landes? Kann man das einen Sieg nennen?“ „Wie Du willſt, mein Hermännchen; nenn' es eine Niederlage; wenn nur der Friede für Land und Herrſcher,— ich meine der dauernde Friede für beide Theile— dadurch erkauft wurde, iſt's immer ein Sieg. Doch was ſollen Gleichniſſe, die nicht recht paſſen? Ich will Dir in gedrungener Kürze ſagen, weßhalb ich kämpfte, und wie ich auf meine 93 Weiſe ſiegte. Du magſt ſodann urtheilen. Eh' meine Mutter hinüberging, machte ſie mir noch mancher⸗ lei Eröffnungen, die für ein Mädchen meines Alters unter andern Verhältniſſen kaum verſtändlich und zweckmäßig geweſen wären; am Sterbebette einer hochverehrten Mutter wird man reifer; die geiſtigen Kräfte entwickeln ſich raſch bei Gram und Schmerz. Auch verſicherte mich Deine Großmutter, daß ſie in mir ſtets ihr Ebenbild erkannt, alle Anlagen zu einem feſten, ausdauernden Charakter entdeckt habe, die nach ihrer Meinung meinem jüngeren Bruder, Deinem Vater mangelten, der in allem dieder mehr ſeinem Vater glich. „SDer Großvater war ein edler Mann, doch nicht immer ſein eigner Herr! Wie denn gar oft die ſo⸗ genannten ‚guten Herzen“, vor lauter Güte ſchwach, das Opfer augenblicklicher Regung werden. Meine Mutter fürchtete eine Nachfolgerin auf Schloß Ei⸗ chenau; ſie hatte vielleicht Urſachen, eine ſolche in einer eben nicht würdigen Dame zu ahnen? Die Beſorgniß, daß Deines Vaters Beſitz durch Stief⸗ geſchwiſter beeinträchtigt, der gediegene Reichthum des Geſchlechtes zerſplittert, der ehrenvoll erworbene, durch tüchtige Führung zuſammengehaltene Güter⸗ kompler zerriſſen werden könne, brachte ſie auf die Idee einer Majoratsſtiftung. Sie hatte wohl ein Wort dareinzureden, weil ihr Vermögen ebenfalls zur Erweiterung, zur Verbeſſerung der Herrſchaft angelegt worden war. Ich mußte ihr geloben, nach ihrem Tode allen Einfluß, der mir bei ihm zu Ge⸗ bote ſtand, auf ihren Witwer, meinen Vater, anzu⸗ wenden, dieſes ihr Vermächtniß ehre und ins Werk ſetze. Ihm ſelbſt nahm ſie ſein Wort ab, und er gab es, unter dem Einfluſſe ſchmerzlicher Rührung, welche in den Abſchiedsſtunden ihn er⸗ füllte. Mir prophezeite ſie unter tauſend Segens⸗ wünſchen reiches Glück an der Seite eines geliebten Gemals, deſſen Beſitz mich entſchädigen werde für die Verluſte, die meinem Erbtheil aus der Stiftung eines Fideikommiſſes natürlich erwachſen müßten. Du biſt ſchön, ſagte ſie, klug, gut und fromm; die Beſten, die Reichſten werden um Deine Hand werben. Doch vergiß niemals meinen Wahlſpruch: Noblesse oblige. Das waren die letzten Laute, die ich aus ihrem Munde vernahm.— Mein Vater, ſo lange die Nachklänge des erſten Schmerzes noch in ſeiner Bruſt bebten, traf die nöthigen Einleitungen und Voranſtalten zur Erfüllung ſeines Verſprechens. Doch da ſich mancherlei Schwierigkeiten der Aus⸗ führung entgegenſtellten, nahm er dieſe mit großer 95⁵ Mäßigung auf, zeigte auch wenig Eifer, ſie zu be⸗ ſeitigen. Vielleicht waren ſie ihm nicht unwillkommen und die Verzögerung ſchien ihm erwünſcht, weil er gern ſo lange als möglich ungebunden blieb. Ich wuchs unterdeſſen ſchnell heran und meiner Mutter Prophezeiung erfüllte ſich. Von allen Seiten langten die Freier an. Schloß Eichenau wurde nicht leer von Gäſten. Väter trafen mit ihren Söhnen ein und die Diener empfingen das Rollen jeder durchs Thor fahrenden Kutſche mit der Aeußerung: Die kommen auf Brautſchau! Doch wenn mein Vater nichts that, mich zu einem Entſchluſſe zu treiben, ſondern viel⸗ mehr deutlich an den Tag legte, wie ungern er nitch, in der er ſeines Hauſes Freude ſah, verlieren würde, ſo ſchwieg die Stimme meines Herzens ebenfalls. Keiner von allen, welche mit mehr und minder ent⸗ ſchiedenen Abſichten ſich näherten, erweckte die leiſeſte Spur einer zärtlichen Empfindung in meiner Seele. Gattin zu werden ohne wirkliche, unwiderſtehliche Zuneigung, ſchien mir ein Frevel an mir ſelbſt, an mieinem Stolze. Da kam Fürſt Odo und der Stolz, deſſen ich mich vor mir ſelbſt gerühmt, ſchmolz in weiche, weibliche, ja wei⸗ biſche Ergebung hin. Ich liebte dieſen Mann.... Doch es ziemt ſich nicht, daß die alte Jungfrau, 96 Dir, dem Knaben, der kaum die Kinderſchuhe ver⸗ treten, ausführlich ſchildere, was damals in ihr vorgegangen!— Mein Vater ſah den neuen, den gefährlichen Bewerber nicht günſtig an. Leider fehlte es nicht an Gründen gewichtiger Art, womit er ſeinen zum Theil egoiſtiſchen Widerwillen gegen denjenigen, der mich ihm zu rauben drohte, belegen und recht⸗ fertigen konnte. Alle Erkundigungen über des Fürſten Urſprung und heimatliche Verhältniſſe lieferten ab⸗ ſtoßende Reſultate. Der Ruf ſeiner Eltern war kein tadelloſer; ſeine eigene Vergangenheit halb myſteriös, halb abenteuerlich. Doch als ich, dieſer Nebendinge nicht achtend,— denn das ſchienen ſie meiner heißen Liebe,— mich nur an ſeine Perſönlichkeit hielt, die doch auch meinem Vater Achtung abgezwungen, da brachte ich dieſen dahin, mit Odv's Eltern einen Briefwechſel zu eroͤffnen,— und da kam denn aller⸗ dings eine niedrige Geſinnung, eine in hochtrabende Floskeln ſchlechtverhüllte Habſucht zu Tage, die mich mit kaum verhehltem Grauen, Deinen Groß⸗ vater mit lautausgeſprochenem Abſcheu erfüllte. Doch wiederum genügte das Zweigeſpräch einer Viertel⸗ ſtunde,— und der Sohn ſtand vor meinen Augen völlig rein da und frei von jedem Fleck, jeder Schuld aus ſeiner Heimat. Sollte er für ſeine Angehörigen 97 büßen? Dieſe Frage ſtellte ich meinem Vater. Und der entgegnete: Thu', was Du willſt, ich lege Dir keinen Zwang an. Folge ihm, wenn Du ihn nicht laſſen kannſt. Dann unterbleibt die Majoratsſtiftung und ich heirate noch einmal. Allein will ich auf Eichenau nicht hauſen! Dieſe Erklärung hätte mich ſchon zur Beſinnung bringen müſſen. Ich hätte an Deinen Vater, an meinen Bruder Ulrich denken ſollen, an ſeine Zukunft, welche durch ſein leichtſin⸗ niges, kindiſches Weſen ihn vielen Gefahren auszu⸗ ſetzen drohte; an die letzten Mahnungen meiner Mutter; an den Namen, an die Ehre des Geſchlech⸗ tes!— Ach, Hermann, etliche Stunden lang dacht' ich an gar nichts, als an Odo!.. Nein, nein, daß ich nicht lüge: ich dachte nur an mich, dachte nur an die Wonne im Arm der Liebe, dachte nur an den unerträglichen Schmerz, von ihm losgeriſſen zu ſein! Liebe, die Beſitz begehrt, iſt Selbſtſucht; Liebe, die zu entſagen vermag, iſt Liebe! Das konnte ein feuriges, blühendes, glühendes Mädchen im erſten Augenblicke noch nicht begreifen. Ich geſteh' Dir's ein, Hermann, ich vergaß Vater, Bruder, Herrſchaft Eichenau und alles was dazu gehört im Taumel be⸗ rauſchender Thränenflut; ich vergaß ſogar meiner Mutter Sterbeſtunde und rannte auf mein Zimmer, dem Gelieb⸗ 1857. XIV. Noblesse oblige. I. 7 98 ten zu ſchreiben, daß ich die Seinige ſei und bleibe, müßten wir auch als Bettler hinausziehen und unter einem Strohdache Zuflucht ſuchen, wenn ich nur ihn hätte.— Alte, ſinnloſe, hochtrabende Schwüre, die auf Stelzen zu allen Thoren hinausprahlen, ſolange die Welt ſteht, und mit wunden Füßen durch Staub und Schmutz heimhinken, ſolange die Erde ſich drehen wird!— Ich ſuchte nach Papier und Schreib⸗ zeug, konnte nichts finden, weil ich mich blind ge⸗ weint, da tropften meine wilden Zähren auf dieſes Käſtchens Deckel und benetzten die zwei Buchſtaben N und 0. Perlen auf Perlmutter⸗Muſchele mur⸗ melte ich gedankenlos und mit meinem Taſchen⸗ tuche wiſcht' ich ſie ab. Auf dem Zipfel des Tuches ſah ich die Grafenkrone über der zierlich genähten „Barbara' eingeſtickt. Das ſtammte von meiner Mutter Kunſtfleiß her. Und wie die Krone über den weißen Lettern hin und wieder fuhr, ſprach es mit alter, wohlgekannter, warnender Stimme: No- blesse oblige!— Ich ſank vor dem Tiſche in die Kniee und betete zu meiner ſeligen Mutter. Wäh⸗ rend des Gebetes kam eine jener wunderſamen Ohn⸗ machten über mich, die, nur ein Abſcheiden von äußeren Umgebungen, ein Inſicheingehen, eine Art von Hell⸗ ſehen bei ungeheuren Aufregungen, wo Sinnenglur 99 und heftiger Schmerz ſich miſchen, nicht ſelten ſind. Ich ſah mich und Odo im Elend— ich vermag nicht zu ſagen, worin dieß Elend beſtand, dem Phan⸗ taſiebilde fehlte jeder Vergleich aus dem gewöhnlichen Daſein— es war ein geiſtiges Elend, ein Seelen⸗ leiden, eine moraliſche Wüſtenei, worin wir ſchmach⸗ teten. Wir liebten uns noch, aber wir waren ſehr unglücklich. Ich ſah das— und wußte zugleich, daß ich vor meinem Tiſche auf den Knieen lag. So deutlich, Hermann, daß ich jetzt, indem ich Dir's erzähle, die Empfindung habe, als wär' es heute geſchehen. Und da erweckte mich die Stimme der Mutter mit ihrem Zurufe: Du kannſt Dich retten und ihn und die Deinigen, wenn Du Kraft ge⸗ winnſt über Deine Leidenſchaft. Ich glaubte die Stimme ſo gewiß zu hoͤren, daß ich aufſprang, mich nach der Sprechenden umzuſehen? Ich war allein, — aber ich hatte mich wiedergefunden! Noblesse oblige! wiederholte ich mir, und ging zu meinem Vater, dem ich feſt und beſtimmt erklärte: wenn er ſich mit ſeinem Ehrenwort verbürge, das Majorat für Ulrich gründen, unvermält bleiben zu wollen, ſo ſei ich bereit, bei ihm auszuharren bis zu ſeinem Tode, und ihm als fromme Tochter die Augen zu ſchließen. Tieferſchüttert legte er einen wae 100 feierlichen Eidſchwur ab, und empfing dafür den meinigen. Wir haben beide gehalten, was wir be⸗ ſchworen, ich und der Großvater... und ſo kam es, mein Hermännchen, daß Tante Barbara eine alte Jungfer wurde.“ Die Glut, welche Hermann aus dem Ananas⸗ hauſe mitgebracht, war unter dieſer kurzen Erzählung von ſeinen Wangen gewichen, um jener feierlichen Bläſſe Raum zu geben, die auf des Menſchen An⸗ tlitz gern erſcheint, wenn ernſte Anläſſe und Stim⸗ mungen einen wichtigen Kampf im Innern vorbe⸗ reiten. Er betrachtete die Aebtiſſin des Stiftes Friedhain mit ehrfurchtsvoller Dankbarkeit, wie er nur einen greiſen Feldherrn betrachtet haben könnte, der als Kommandant eines Invalidenhauſes, ſelbſt Invalide, eine kriegeriſche Laufbahn beſchlöſſe, wenn deſſen erſte Waffenthat etwa dem Hauſe Eichengrün Beſitz und Dauer gerettet hätte Ihm kam es nicht in den Sinn, daß ohne Barbara's Opfer wahr⸗ ſcheinlich keine Majoratsſtiftung zu ſtandegekommen ſein und daß er dann, Miterbe von Eichenau, auch die eine Hälfte der Herrſchaft ſein nennen dürfte, während nun ſeinem Bruder Theodor das Ganze gehörte. Er dachte wirklich nicht an ſich; er dachte in dieſem Augenblick nur an den Hervismus eines 101 jugendlichliebenden Herzens, welches fähig ſei, die heißeſten Wünſche einer Idee unterzuordnen. In wie ſchroffem Widerſpruche eben dieſe Idee mit ſeinen eigenen bishergehegten Anſichten von Welt und Menſchen ſtehe, verſchwieg er ſich ſelbſt, voll von Bewunderung für Tante Barbara. Ihr Vorbild nachzuahmen durch ein Opfer, zu dem auch er ſich verſtünde, ſchien ihm erhaben. Mit der Schmieg⸗ ſamkeit, wie ſie Jünglingen von lebhafter Einbildungs⸗ kraft in dieſem Alter ſo leicht wird, warf er ſich plötzlich von einem Ertrem ins andere und einige⸗ male wiederholte er mit vielſagendem Nachdruck: noblesse oblige! Barbara hätte von ihres Neffen flüchtiger Um⸗ wandlung momentanen Vortheil ziehen und mit er⸗ neuter Ueberredungsmacht in ihn dringen können, um ſeinerſeits ein bindendes Verſprechen zu erzwecken, wodurch er ſich ihrer Führung anvertraute. Auch hielt ſie den jungen Menſchen hoch genug, an ſpä⸗ terer, konſequenter Erfüllung eines einmalgegebenen ortes bei ihm nicht zu zweifeln. Dennoch ver⸗ ſchmähte ſie dieſen wohlfeilen Triumph. Sie ſagte ihm das ganz unverholen:„Ueberrumpeln will ich Dich nicht, mein Junge; jetzt biſt Du nicht in der Stim⸗ mung, ruhig mit mir über Deine Zukunft zu 10² verhandeln. Wir wollen unſer Geſpräch abbrechen und uns trennen. Ich werde ein wenig umherlaufen, werde meinen alten Wiesner aufſuchen und ihn aus⸗ ſchelten für ſein Horchen hinter den Zitronenbäumen; Du magſt Dir ein Pferd ſatteln laſſen und Dir im Freien wieder Deinen hübſchen Dummenjungentrotz holen, der Dich ſo allerliebſt kleidet, weil er treuher⸗ zig und voll Gutmüthigkeit iſt. Dann wollen wir miteinander ſpeiſen und ſind wir bis zu der ange⸗ kündigten Ananas gekommen, auf die ich mich wirk⸗ lich freue wie ein naſchhaftes Kind, dann wollen wir mit erneuten Kräften unſern Strauß wiederaufneh⸗ men. Ehe Dein Vater zurückkehrt, wird er hoffent⸗ lich durchgefochten ſein und der Friedensſchluß ſämmt⸗ liche Parteien zufriedenſtellen.“ Sie ſchickte ſich an, ihr Zimmer zu verlaſſen. Hermann machte keine Miene desgleichen zu thun; er ſtand noch immer ſinnend und ernſt. Da kehrte Tante Barbara wieder um, hob den Deckel eines Koffers auf, worin viele Bücher lagen, nahm eines heraus, deſſen Einband langjährigen Gebrauch ver⸗ rieth, ſchlug ohne zu ſuchen nur einige Blätter um, reichte das offene Buch dem Neffen hin und ließ ihn allein. Dieſer las: „Verlaſſene, aber Geduldige! Verkannte und 103 Verblühte! Erinnere Dich der Zeiten nicht, wo Du noch auf beſſere Zeiten hoffteſt, als die jetzigen und bereue den edlen Stolz Deines Herzens nie. Es iſt nicht allemal Pflicht zu heiraten, aber es iſt allemal Pflicht, ſich nichts zu vergeben; auf Koſten der Ehre nie glücklich zu werden; und Eh eloſigkeit nicht durch Ehrloſigkeit zu meiden. Unbewunderte, einſame Heldin! In Deiner letzten Stunde, wo das ganze Leben und die vorigen Güter und Gerüſte des Lebens in Trümmer zerſchlagen voraus hinunterfal⸗ len, in jener Stunde wirſt Du über Dein ausge⸗ leertes Leben hinſchauen; es werden zwar keine Kin⸗ der, kein Gatte, keine naſſen Augen darinſtehen, aber in der leeren Dämmerung wird einſam eine große, holde, engliſchlächelnde, ſtrahlende, göttliche und zu den Göttlichen aufſteigende Geſtalt ſchweben und Dir winken, mit ihr hinaufzuſteigen— o ſteige mit ihr auf; die Geſtalt iſt Deine Tugend.“*) „Tugend— Tugend!“ ſagte Hermann.„Ja wohl, jene Tugend, welche die Alten virtus nannten: Mannheit, Maännerkraft, Tapferkeit, feſter Wille!! Von Tante Barbara können wir alle lernen, die wir Männer werden ſollen. Ein großes Opfer bringen *) J. P. Fr. Richter im Hesperus II. Band. 104 iſt nichts. Aber, wenn es gebracht ward, viele Jahre lang es ſo heiter tragen, wie ſie, daß kein Menſch eine Klage vernimmt— da liegt's.“ Dieß geſagt, warf er das Buch hin und eilte durchs Vorzimmer hinaus, wo Niklas und Chriſtiane, erſchreckt von ſeiner Haſt, ihm nachſtaunten. Tante Barbara machte einſtweilen ihren alljähri⸗ gen Kurſus durch Schloß, Hof, Stallungen, Garten und Gewächshäuſer. Niklas, ihr Diener, wohlge⸗ ſchult und mit aller Pedanterie verſehen, die dem Dekorum und der Antichambre einer Abbatiſſin ge⸗ ziemt, hat ſchon zuſammengerafft und in einen Korb gepackt, was Chriſtiane ihm zureicht an Geſchenken, die für Schloß⸗ und Hofgeſinde beſtimmt ſind. Das iſt ein hergebrachter Tribut, den Barbara Gräfin Eichengrün ihrem Eichenau darbringt, ſeitdem ſie die alte Heimat nur als Gaſt betritt. Und ſämmtliche Bewohner des Schloßhofes wiſſen das: den Tag nach ihrer Ankunft um zwölf Uhr beginnt die Runde, auf der ſie jeden begrüßt, mit jedem plaudert, nach den Veränderungen ſich erkundiget, die Zeit oder Tod, oder Wechſel anderer Art im Perſonale verur⸗ ſacht haben. Dabei macht ſie ihren Ueberſchlag und entwirft bereits einen Plan zur ſchicklichſten Anord⸗ nung und Vertheilung der von ihr mitgebrachten Ga⸗ 105⁵ ben, wobei Lobeſam, der Haushofmeiſter, ſie beglei⸗ tend nicht ſelten den Ausſchlag gibt. Er iſt erha⸗ ben über Gewinnſucht und Eigennutz der übrigen Dienerſchaft Er iſt ſo gut bezahlt, daß er als Hage⸗ ſtolz,—(denn der Eheſtand iſt das einzige gewe⸗ ſen, worin er ſeinen Grafen nachzuahmen nicht wagen durfte, weil ihm ſtreng unterſagt wurde, ſich zu ver⸗ heiraten!)— vollauf hat; auch ſteht er dem Herrn nahe genug, um ſämmtliche Valetaille vom Salon bis zur Graskammer unparteiiſchvornehm würdigen zu können. Barbara kennt ihn dafür und ehrt ihn als treuen Diener, als der Familie feſtergebenes Pertinenzſtück; als honetten Mann, dem niemals an ſchmutzigen Fingern ein Goldſtück kleben blieb von den bedeutenden Summen, die durch ſeine reinen Hände gingen;— ja, deßhalb ehrt und achtet ſie ihn, obwohl im übrigen ihre Freundſchaft nicht die wärmſte iſt. Sie kennt ihn als den Vertrauten ihres Bruders, und als ſolchem traut ſie ihm, wahrſchein⸗ lich nicht mit Unrecht, viel böſes zu, was er mit dem Mantel unbedingten Gehorſams und hingeben⸗ der Aufopferung bedeckt Er weiß ganz genau, wo ihr Glaube an ſeine Redlichkeit aufhört, und wo ihr Argwohn gegen ihn beginnt. Mit bewundernswer⸗ ther Vorſicht und Zurückhaltung weiß er zu vermeiden, 106 was etwa aus einem Gebiete in das andere ſtrei⸗ fen könnte. Er iſt in ihrer Nähe die Dezenz in Perſon; der Superintendent, wenn er auf Kirchen⸗ und Schulpviſitation zugegen wäre, könnte nicht ſeier⸗ licher neben ihr herſchreiten, könnte den Stubenmädchen, Küchenmägden, den im Garten ihren Rechen führen⸗ den Dorfdirnen kein ſtrengeres Amtsgeſicht, keinen gleichgiltigeren Blick zuwenden. Was ihn heute mit ganz beſonderer Ausdauer an Tante Barbara feſſelt, iſt die Liebe für Grafen Hermann, welche theils in ſeiner(freilich höchſt behutſam verborgenen) Abnei⸗ gung gegen den Majoratserben Theodor, theils in aufrichtigem Herzen wurzelt. Lobeſam weiß, daß Tante Barbara dieſe Zu⸗ und Abneigungen mehr oder we⸗ niger mit ihm theilt. Und da er wohl bemerkt hat, daß ſich, Hermann's Schickſal betreffend, etwas neues vorbereitet, und da dieß einer der wenigen Punkte iſt, worin er vom Vertrauen des Gebieters ausge⸗ ſchloſſen bleibt; ſo hofft er durch Tante Barbara etwas zu erfahren, wenn er ſich als einen Bundes⸗ genoſſen für Hermann entdeckt. Er ſpricht geradezu aus: ſein Graf wäre eigentlich gar kein Menſch, ſondern ein Halbgott, mit allen Tugenden und Vor⸗ zügen geſchmückt, die andern Sterblichen mangelten. Weil aber die himmliſchen Mächte unmöglich geſtat⸗ ten könnten, daß ein Erdgeborner ſchon hienieden den höchſten Grad von Vollkommenheit erreiche, ſo hätten ſie ihm neidiſcherweiſe doch einen kleinen Fehler angeheftet, indem ſie ihm die Vorliebe für Theodor, auf Koſten Hermann's, eingaben. Das ſei ſeiner Erzellenz einzige Schwäche. „Die einzige?“ fragte Gräfin Barbara.„Nun, dann beruhiget Euch, Lobeſam, dann iſt Euer Graf ein wirklich vollkommener Menſch; dann iſt er fehlerfrei! Denn was Ihr ſeine Schwäche nennt, iſt ein Beweis edelſter Kraft. Ich bin feſt überzeugt, daß er die Vorliebe, die er für unſern Hermann zeigte, als dieſer noch ein Kind war, jetzt nicht minder warm und innig für den Jüngling empfindet; daß er ſich aber Gewalt anthut, ſich ſelbſt beherrſcht, um nicht ungerecht zu werden; daß er den älteren Sohn vor⸗ zieht, nur damit er ihn auch gewiß nicht zurückſetze, was erfolgen müßte, wollte er ſeinem Herzen nach⸗ geben. Meines Bruders ſcheinbare Härte iſt mir der ſicherſte Beweis ſeiner zärtlichſten Gefühle für Hermann, und die Zeit wird Euch alle belehren, daß ich richtig geſehen habe. Wenn der Wendepunkt ein⸗ tritt, bin ich gewiß nicht mehr am Leben. Vielleicht beſtätiget erſt des Grafen Teſtament meine Behaup⸗ 108 tung. Dann gedenkt meiner und deſſen, was ich jetzt geſagt habe, Lobeſam.“ „O meine gnädige Gräfin,“ rief der Haushof⸗ meiſter,„wo bin ich dann? Ich ſollte unſere Tante Barbara überleben, und meinen Erzellenz⸗Herrn? So ſchwer wird der Allmächtige mich für meine Sünden nicht beſtrafen!“ Das war keine Heuchelei, als er ſo redete. Er hatte die Augen voll Thränen, ſeine Stimme zitterte, ſogar die vornehme Haltung, die er als fortdauernde Kopie ſeines Herrn zu fingiren ſuchte, gab er in dieſem Augenblicke auf. Die Aebtiſſin lächelte ihm zu:„Ihr ſeid ein altes mauvais-sujet,— aber ein ehrliches treues Fell aus der alten Zeit biſt Du doch. Und die Thränen, die Dir da auf Dein graumelirtes collier-grec fallen, löſchen eine ganze Seite voll Notabene's auf Deinem Schuldenregiſter aus. Um Euren Grafen Hermann macht Euch weiter keinen Kummer, Ihr Eichenauer! man wird für ihn Sorge tragen, ver⸗ laßt Euch darauf!— Und jetzt, Herr Haushofmeiſter, holen Sie mir den Niklas herbei, daß ich meine Vertheilung beginne. David hat mich bereits im Stalle angekündiget und ſie warten der Dinge, die da kommen ſollen.“ 109 — Wäre Tante Barbara mit ihrem unbehilflichen Niklas und Chriſtianen allein geweſen, ſo dürfte viel⸗ leicht beim Geben und Empfangen der mitgebrachten Geſchenke einige Unordnung eingetreten ſein, ſowohl im Stalle, wie unter dem niedern Geſfinde des Schloſſes. Doch Lobeſam's, des gefürchteten Haus⸗ hofmeiſters Gegenwart, der wie die lebendiggewor⸗ dene Wachsfigur des Grafen ungleich mehr Schreck einflößte, als das Original ſelbſt, hielt das Völkchen in Reſpekt und den kleinen Tumult in Ordnung. Ehe noch ſämmtliche Anſprüche der Mägde und Stallknechte in Küche, Flur und Schloßhof geregelt, bevor noch die gehörige Anzahl von Dankſagungen und unterthänigſten:„ich küſſe das Kleid, gnädige Frau Tantel“ erfolgt war; hatte ſich Barbara ſchon verloren und den Haushofmeiſter bei ihren Leuten und dem großen Korbe zurückgelaſſen. Sie begab ſich nach dem Zitronenhauſe,— jetzt freilich leer und wüſt, weil die berühmte Orangerie noch im Freien kampirte. Dort ging ſie einigemale auf und ab, ihrer Sache gewiß. Es währte auch nicht gar lange, ſo ſtellte Gärtner Wiesner ſich ein.„Dir hätt' ich,“ rief ſie ihm entgegen,„Kinderſpielwerk mitbringen ſol⸗ len, Du altes Kind: einen Kopf mit Eſelsohren 110 fürs Horchen; und eine rechte Klapper⸗ und Plap⸗ permühle, wie Du ſelbſt eine biſt!“ „Konnt's unmöglich mit ins Grab nehmen, gnä⸗ dige Frau Tante; mußte dem jungen Gräſlein das Exempel hinterlaſſen. Wer kann heute wiſſen, was für Zeiten über Herrſchaft Eichenau kommen, wenn Graf Theodor Herr iſt? Da wird unſer Hermann die Erinnerung an ſeine Tante Barbara gut gebrau⸗ chen können! Und wer ſollt' es ihm denn erzählen, außer mir, wenn's kein anderer weiß? Und hätt; ich nicht gehorcht, wüßt' ich's auch nicht.“ „Daraus ziehſt Du den Schluß, daß ich Dich noch beloben ſoll? Du alter Horcher und Schwätzer.“ „Beloben? Ach Gott nein; ich verlange kein Lob, und verdiene auch wohl keines. Bin gleichfalls ein unnützer Knecht. Nur ein Horcher bin ich für gewöhnlich nicht. Denn dazumalen kam ich hinter meine Baumſtämme, ich wußte nicht wie? und mußte zuhören, ich mochte wollen oder nicht. Sonſt horch' ich einzig und allein auf die Sprache der Gewächſe, der grünen Blätter und bunten Blumen. Was die Menſchen ſagen, darauf acht' ich ſchon wer weiß wie lange nicht mehr. Und ob ich ein Schwätzer bin, da fragen hochgräfliche Gnaden das ganze Schloß. Mit wem ſollt' ich reden, und über was? Von 111 den guten Leuten erfahr' ich nicht, was mir am Herzen liegt; das ſagen mir die Pflanzen viel deut⸗ licher, jedwede mit ihrer Zunge. Einmal im Leben gehorcht— und nicht wieder! Einmal vor meinem Tode geplaudert— und nicht wieder!“ „Du haſt vielleicht etwas gutes gethan, Wies⸗ ner. Ich würde mich kaum entſchloſſen haben, mit meinem Neffen aus eigenem Antriebe von der alten begrabenen Geſchichte zu ſprechen. Gleichwohl hat ſie nun eine günſtige Wirkung auf ihn gemacht. Ich habe ihn fortgeſchickt, ins Freie. Wie ein ra⸗ ſender Junge iſt er hinausgeritten; geliebt's Gott, wird er als verſtändiger Menſch zurückkehren. Dann will ich ihn noch einmal ins Gebet nehmen und der Nachſchmack von Deiner Ananas ſoll ihm verſüßen, was ich ihm an Bitterkeiten zu verſchlucken gebe. Hier, Wiesnerchen, nimm, was ich Dir mitgebracht; die Andern haben ihre Sachen.“ Und ſie nahm aus dem großen grünen Sammt⸗ ſacke, den ſie ſtets bei ihren Wanderungen um Fried⸗ hain herum am Arm trug, den ſie auch in Eiche⸗ nau nicht ablegte, weil er immer angefüllt war mit allerlei kleinen Gaben und Geſchenken für Kinder und Große, denen ſie begegnete, ein in Pfeffernüſſe vergrabenes, von Mehl ſtaubiggewordenes ledernes 112 Gehäuſe, deſſen ſolider Bau auf einen werthvollen Inhalt hinwies. „Soll das etwa einen Meerſchaum⸗Pfeifenkopf vorſtellen?“ fragte Wiesner beſorgt wegen des unge⸗ wöhnlichen Umfanges;„der wäre für mich doch zu groß.“ „Nichts da. Der Qualm von Tabak iſt mir zu verhaßt, als daß ich ſolche Geſchenke ſpenden ſollte! Nein, Alterchen, ich habe Dir ein Mikroſkop ausge⸗ ſucht, das ſchärfſte, was zu haben war. Du klagteſt voriges Jahr über die Abnahme Deiner Augen und daß Du die kleinen botaniſchen Studien, die Du an Sonn⸗ und Feſttagen treibſt, nicht mit rechter Genauig⸗ keit verfolgen könnteſt. Da dacht' ich, das Ding wird Dir gefallen, wenn Du ſo einem winzigen Blütenkelch⸗ lein bis ins Herz gucken und jeglich feinſtes Fädchen und Stäubchen examiniren lernteſt? Magſt auch die Würm⸗ lein wahrnehmen, die da drinnen, oder in einem Waſſertropfen ihr Bißchen Leben treiben und des Menſchen Augen ſonſt unſichtbar bleiben. Wenn's Dir Spaß macht auf Deine letzten Tage, ſo macht mir's Freude. Guck' hinein in die Herzen der Blu⸗ men!— Haſt ja mir ins Herz geguckt, ohne Mi⸗ kroſkop,— Du einzig und allein!— Und bei den 113 Blumen für den Sarg hat es ſein Verbleiben. Wer den andern begraben hilft von uns beiden, ſteckt in die kalten Hände einen Strauß. Mir iſt, als könnt' ich ſonſt nirgend ſterben, wie in Eichenau, und als könnteſt Du nicht ſterben, wenn ich nicht gerade hier wäre. Gott wird's ſchon machen!“ Barbara nickte ihm noch einmal freundlich zu, und ging; Wiesner hielt das Futteral in beiden Händen, hob es empor und rief ihr nach:„Gräfliche Gnaden, Tante Barbara, in die Ferne zu ſchauen, hilft einem das künſtliche Ding nichts? Nicht ſo?“ Barbara blieb ſtehen:„Natürlich nicht. Willſt Du Dich etwa auch zu den Sternen verſteigen?“ „Das nicht. Möchte nur wiſſen, ob's nicht ſolche Gläſer gibt,— weil ſie doch heutzutage alles mögliche erfinden und alles unmögliche obendrein, — ob's nicht etwa Gläſer gibt, die einem zeigten, was aus dieſem oder jenem geworden iſt? So zum Beiſpiel aus einem ſchönen jungen Fürſten, Odo mit Namen?“ „Was wird aus Deinen Blumen, Wiesner, wenn ſie abſterben? Staub!“ „Wohl wahr! Zu Staub muß werden, was aus Staub wurde. Nur die Art und Weiſe iſt ungleich. Manche welken langſam hin, überleben ſich, wie. 1857. XIV. Noblesse oblige. I. 8 114 halten zu Gnaden, wie alte Menſchen. Andere werden abgepflückt und ſterben ſo recht mitten im Leben. Noch andere bricht ein Sturm... 4 „Im Sturm! im Sturm der Schlacht, mein Alter! Das Schwert in der Hand, die Kugel in der Bruſt, kein langes Krankenlager, Gott vor Augen, meinen Namen auf den Lippen,.... ſo ſchrieb ſein Freund, der ihn begraben ließ. Staub, lieber Wiesner, Staub und Aſche. Dazu braucht's kein Vergrößerungsglas. Das ſtellt ſich unſern Augen deutlich dar. Und was den unſterblichen Theil an⸗ geht, da ſollen die Gläſer noch geſchliffen werden— Sterne mögen ſie zählen, und von ihren Warten in jeder hellen Nacht neue entdecken! Sie haben noch keinen aufgefunden, der darüber Aufſchluß gäbel? Werden ihn auch nicht im großen Weltgebäude finden; den muß jeder in ſeiner eigenen Bruſt tragen; und wohl jedem, der ſich ihn durch nichts verdunkeln läßt! Uns beiden ſoll er leuchten bis zur letzten Stunde. Brauchen ſie nicht zu fürchten, Wiesner, weder Du, noch ich. Es heißt die letzte Stunde, aber beim Licht betrachtet, wenn der Stern recht hell ſcheint, iſt es die erſte: mit ihr beginnt das wahre Leben. Was vorherging, war ja doch nur ein Traum. Heute magſt Du träumen, ich hätte Dir ——— 115 ein Mikroſkop mitgebracht; ich will trämen, Du hätteſt mir Deine ſchönſte Ananas aufbewahrt. Und wir wollen's uns beide ſchmecken laſſen, alter Gärtners⸗ mann!“ Fünftes Kapitel. Hermann hat von ſeinem Ritt rechten Wolfs⸗ hunger mitgebracht. Eines jungen Herrn Magen iſt nicht ſo empfindlich, daß er durch gewaltſame Gemüthserregungen des Beſitzers ſich aus gewohnter Thäͤtigkeit bringen ließe. Vielmehr verdoppelt er nach großen Unruhen im Innern ſoviel möglich ſeine Anſtrengungen, um erforderliches Gleichgewicht zwiſchen Leib und Seele wiederherzuſtellen. Lobeſam iſt nicht zu faul geweſen, in der Küche ſelbſt nach⸗ zuſehen und dem ‚freßlieben’ Gräflein alle Schüſſeln und Schüſſelchen zu beſtellen, die ihm ſonſt angenehm waren. Tante Barbara ſieht ihrem Neffen aufmerkſam zu, wie er verſchlingt und ſagt ihm leiſe:„Du hauſt fürchterlich ein!“ „Wenn ich Soldat werden ſoll, Tantchen?“ erwiedert er ihr und verrichtet neue Heldenthaten. Sie redet wenig, um ihn nicht zu unterbrechen; 8* 116 ſie läßt ihn gewähren, weil ſie ihn zu beobachten wünſcht. Er ſpricht auch der Flaſche fleißiger zu, als er es in Gegenwart des Vaters gewagt haben würde. Doch auch darüber macht ſie keine Bemer⸗ kung, wenigſtens nicht hörbar. Als die vielverſpro⸗ chene Ananas zerlegt wird, mit ihrer Krone das zweiſitzige Gaſtmahl—(denn ſtreng genommen, ſind beide Beiſitzer nur noch Gäſte auf Schloß Eichenau,) — zu ſchmücken und mit ihrem Parfüm den Speiſe⸗ ſaal zu durchduften, erweiſet ſie ſich ungenießbar; ſie iſt inwendig angefault und verdorben, vom wid⸗ rigſten Geſchmack.„Wiesner hat ſie zu lange ſtehen laſſen,“ meint Tante Barbara;„ihre Zeit iſt vorüber. Aber ſag' ihm nichts davon, daß wir ſie nicht ge⸗ nießen konnten. Das würde ihm wehethun— und er hat's doch gutgemeint. Biſt Du ſatt, lieber Hermann?“ fragte ſie nachher, mit einem Tone, der noch einigen Zweifel verrieth. „Ich glaube wohl, beſte Tante; wenigſtens hab' ich das Meinige gethan, es zu werden.“ „So begleite mich denn auf die Teraſſe. Wir haben noch viel ins reine zu bringen, ehe Vater da iſt. Und jetzt hab' ich Dich und halte Dich feſt. Ent⸗ ſchlüpfen wirſt Du mir nicht. Wenn die Schlange vom Raub geſättiget iſt, muß ſie ſtillliegen.“ 117 „Thuſt Du doch, als hätt' ich ein Kalb mit Haut und Haar verſchlungen, wie die Boa?“ „Die Häute pflegt man, außer bei Spanferkeln, nicht zu ſerviren und Haare wurden in Deines Va⸗ ters Küche niemals mitbereitet. Doch was man uns heute dargeboten, haſt Du nicht auf die gra⸗ ziöſeſte Weiſe zu Dir genommen. Darin ſcheint die Akademie ebenauch keine Schule feiner Sitten zu ſein, was ſie doch billig ſollte. Oder gehört die Verachtung geſelliger Formen mit in Eure neumo⸗ diſche Weltanſicht?“ „Wenigſtens kann ich dieſe Formen nicht anders als unbedeutend finden und es wäre mir unmöglich, liebe Tante, den Werth eines Mannes darnach ab⸗ zumeſſen, ob er die Gabel in der linken, oder rechten Hand führt? Ob er große oder kleine Mundbiſſen nimmt? Du haſt doch gewiß ſchon ſehr nichtige und ſogar nichtswürdige Laffen geſehen, die ihr ſilbernes Beſteck tadellos führten?“ 1 „Ohne Zweifel ſah ich ſolche. Und ich will Dir eingeſtehen, daß ich ſehr zufrieden damit geweſen bin, und daß ſie mir ſo ungleich lieber waren, als wenn ſie bei ihrer Nichtigkeit, oder Schlechtigkeit auch noch plumpe Manieren gehabt hätten. Uebri⸗ gens kann ich Dir Deine Frage zurückgeben: Denkſt Du, daß ein in jeder Beziehung edler und bedeu⸗ tender Menſch dadurch verliert, wenn er ſich anſtändig„ in der Geſellſchaft benimmt? In meinen Augen ver⸗ liert er am Werthe durch Nichtbeachtung deſſen, was man Anſtand nennt, weil es den hochmüthigſten Ego⸗ ismus vorausſetzt, die Regeln ignoriren zu wollen, welche die gute Geſellſchaft ſanktionirt hat. Wo viele Menſchen in ſtetem Verkehr ſind, haben ſie ſich gegenſeitige Rückſichten und Aufmerkſamkeiten zu gönnen. In den amerikaniſchen Urwäldern mag we⸗ niger gene herrſchen. Dennoch glaub' ich, daß auch dort, ſobald mehrere Anſiedler ſich vereinen, gewiſſe Bräuche ſich etabliren, die reſpektirt werden. We⸗ nigſtens lieſt man dergleichen. Wirkliche Freiheit kann überall nur gedeihen, wo gegenſeitige Beſchrän⸗ kungen durch Achtung gefordert und ertragen werden. Ungebundenheit iſt die unerträglichſte Tyrannei; und wo jeder wähnt, thun zu dürfen, was ihm gerade beliebt, ohne auf ſeinesgleichen Rückſicht zu nehmen, da ſind alle Sklaven der Unſitte, die in Pöbelhaf⸗ tigkeit ausartet.“ Hermann plichtete dieſen Anſichten ſeiner theuren Tante durchaus nicht bei und brachte vielerlei Ein⸗ wendungen dagegen vor. Er ſagte unter anderem: was ſie da verlange, ſei bis jetzt noch etwas ganz 119 vages, unbeſtimmtes, hänge von Zufälligkeiten, von Moden ab, und wechſle mit dieſen. In dieſer Koterie gelte für verpönt, was in jener zum guten Ton gehöre. Und zuletzt liefe es gar darauf hinaus, daß irgendein alter verſchimmelter Zeremonienmeiſter zu entſcheiden habe, ob man ſich ſo oder ſo beneh⸗ men ſolle? Männer von Geiſt, Wiſſen und innerem Werth fragen nach ſolchen Lappalien ſicherlich niemals! Die Tante wurde durch den etwas heftigen Akzent dieſer Entgegnung nicht im mindeſten aus ihrer heiteren Würde gebracht.„Wenn Du Deiner Sache ſo gewiß biſt,“ hub ſie lächelnd an,„da kann es nicht ſchaden, daß ich Dir etwas erzähle, was hierher gehört. Es iſt ſchon eine hübſche Reihe von Jahren her, ſeit ich meine letzte größere Vergnügungs⸗ reiſe machte und in Begleitung der guten, kürzlich verſtorbenen Baronin Kobelsdorf auch nach Dresden kam. Wir hatten uns vorgeſetzt, einige Tage dort zu verleben und einige Partieen in jener Miniatur⸗ Schweiz zu machen, mit welcher man vorliebnehmen muß, wenn man ſich bis in die wirkliche nicht wagt. Du erinnerſt Dich ja noch aus Deiner Kinderzeit auf die Baronin, die mit mir auch in Eichenau ge⸗ weſen iſt? Eine liebe, recht gebildete Dame, nur von einer Ueberſchwänglichkeit der Gefühle und von einer nervöſen Zartfaſerigkeit, daß ſie manchmal ver⸗ himmeln wollte und ich unterwegs mehr wie einmal fürchtete, ſie würde mir unter den Händen zergehen und ſich in Sentimentalität auflöſen, als welche nun wieder meine Sache nicht geweſen iſt. Weßhalb wir beide, ſie und ich, das drolligſte Zwillingspaar jean⸗ paul'ſcher Verehrerinnen bildeten. Sie badete ſich mit ſeinen Duftgeſtalten im Aether und verabſcheute den Humor, den ſie nicht verſtand, und das niedere Stillleben, welches ſie nicht kannte; während ich, von dieſen letzteren Elementen entzückt, wieder nicht mit ihr ſchwärmen und weinen konnte. Deßhalb paßten wir ſo gut zuſammen, weil wir ſo verſchiedener Art waren. Der Hesperus, worin Du heute geblättert, iſt noch ein Andenken von meiner lieben ſeligen Kobelsdorf. „Eine andere ihrer liebſten Dichtungen, die ſie auch buchſtäblich auswendigwußte, war Tiedge's Urania, aus der ſie gern einzelne Paſſagen zitirte, um zu beſchwichtigen, was ſie in ihrer exagerirenden Sprache verzweifelnde Stimmungen nannte, was je⸗ doch bei ihr ſo ſanft auftrat, daß es keiner Fliege Gefahr drohte. Sie ſetzte denn auch dem ſchlechten Wetter in Dresden derlei dichteriſche Troſtgründe ent⸗ gegen, und dadurch ſah ich mich veranlaßt, ſie auf⸗ 121 merkſam zu machen, daß ihr frommer Poet in Dres⸗ den wohne und ſich für ſein altes Leben gern von durchreiſenden Verehrerinnen beſuchen und anbeten laſſe. Das Theater feierte an dieſem Abende, wir beſchloſſen alſo, uns bei Tiedge anſagen zu laſſen und ich betraute meinen Niklas mit dieſer Ambaſſade, zu welcher ich ihn durch unſere Viſitenkarten ausrü⸗ ſtete. Sonſt werden dumme Menſchen mit zunehmen⸗ den Jahren dümmer. Niklas war in ſeiner Jugend ſchon, was er heute iſt: ich habe ihn nie anders gekannt und deßhalb hab' ich ihm auch nie verwickelte Botſchaften zugemuthet. Dieſer einfachen glaubte ich ihn gewachſen.“ „Verzeih, Tantchen, daß ich unterbreche; weß⸗ halb haſt Du dem Herrn Niklas denn nicht ſchon im erſten Jahre den Laufpaß gegeben?“ „Weßhalb? Weil er mir nicht viel verderben kann; was wichtig iſt, beſorgt Chriſtiane, oder ich ſelbſt. Und was wäre denn aus ihm geworden, hätt' ich ihn fortgeſchickt? Das will ja doch auch leben, pflegt Dein Papa zu ſagen. Und er iſt ſo zufrieden mit ſich, hält ſo viel von ſeinem Werthe, iſt ſo über⸗ zeugt, daß ich ohne ihn nicht exiſtiren könnte... ſoll ich ſein Glück zerſtören?'s wäre Grauſamkeit. Außerdem liefert er mir prächtige Geſchichten, mit 4 1 4 122 denen ich Glück mache, wenn ich ſie bei Hofe erzähle. Ich mag nicht undankbar ſein. Sogar die Geſchichte, die ich Dir jetzt erzähle, wäre nicht möglich gewor⸗ den ohne ihn. Laß' mir meinen Niklas! Er brachte uns die Antwort: wir würden ſehr willkommen ſein und würden um ſechs Uhr zum Thee erwartet. Wir hielten pünktlich Stunde, ließen uns in zwei Porte⸗ chaiſen befördern—(ein Vehikel, um deſſen orien⸗ taliſche Bequemlichkeit ich die Reſidenz an der Elbe ſtets beneidet habe!)— und fanden Niklaſen ſchon am Eingange des Hauſes, uns den Weg zu weiſen, der ſich durch eine enge Gaſſe von Kiſten, Fäſſern, Ballen wand, wie in der Niederlage eines Spedi⸗ teurs. Oben empfing uns eine Vierzahl von weib⸗ lichen Weſen, deren ein Paar den Müttern, das an⸗ dere den Töchtern glich, nur daß mir jegliche genea⸗ logiſche Kenntniß mangelte. Ich fand mich völlig desorientirt. Meine Kobelsdorf ſtammelte wohl etwas von der zarten Sängerin ‚Eliſa von der Recke?“ wurde jedoch ſogleich zum Schweigen gebracht durch die Worte:„Vater wird bald erſcheinen;—„Mein Mann war dieſer Tage unpäßlich;— und der⸗ gleichen mehr. So viel ich wußte, beſaß Tiedge weder Frau noch Töchter. Wo befanden wir uns denn?— Jetzt öffnete ſich eine Seitenthür; eine —— —— 125 Anerkennung nie fehlen. Ich will meinestheils über Bosheit und Schlechtigkeit der Menſchen, die mir nicht innerlich verbunden ſind, bald hinwegkommen. Dieſe treffen mich nur, inſofern ich mich davon berühren laſſen will. Aber jene klägliche, alltägliche Gemeinheit, die ſich im Sitzen und Stehen, Gähnen und Sprechen, Schweigen und Schwatzen, Eſſen und Trinken kundgibt, die ſich mir ſo häufig aufdrängt, die kann mich elendmachen, kann mir die Freude am Leben verbittern. Gute Erziehung, Fein⸗ heit des Betragens ſind mir immer ein unentbehr⸗ liches Element geweſen, um nur zum Bewußtſein zu kommen, daß ich eine Seele im Leibe habe.“ So ſpricht Ludwig Tieck, der Sohn eines Handwerkers, der keine anderen Anſprüche an Adel aufzuweiſen hat und keine anderen geltendmachen will, als die ihm ſein Genie, ſeine Gelehrſamkeit ſicherten. Meinſt Du nicht, Hermann, daß der Sohn des Grafen Eichen⸗ grün auf Eichenau wohlthun würde, ebenſo zu ſprechen, ebenſo zu handeln, da ihn ſeine Geburt recht eigentlich darauf hinweiſet, und da er,— bis jetzt wenigſtens,— weder Gelehrſamkeit, noch dichte⸗ riſches Talent, noch irgendandere geiſtige Verdienſte aufzuweiſen hat, mit denen er unfeine Sitten bedecken und verhüllen könnte? Artigkeit und Leutſeligkeit 126 gegen jedermann, Beobachtung der Schicklichkeit in geſelligen Formen ſind die geringſten Eigenſchaften eines vollkommenen Kavaliers; deßhalb auch die un⸗ entbehrlichſten. Wer ſich nicht einmal die Mühe gibt, ſo leichte Pflichten zu erfüllen, wieviel ſchwerere Vernachläſſigungen wird ſich der zu Schulden kom⸗ men laſſen, wo es ſich um ſchwerere Pflichten han⸗ delt!? Die Uniform macht den guten Soldaten noch lange nicht, ich weiß es wohl. Dennoch wird man berechtiget ſein, im voraus übelzudenken von allen höheren Eigenſchaften des Kriegers, der ſeinen An⸗ zug vernachläſſiget; man wird den Schluß ziehen, er achte ſeinen Stand nicht, weil er dem Kleide die⸗ ſes Standes keine Achtung gönnt. Feinheit des ge⸗ ſelligen Betragens iſt des Adelſtandes Kleid. Daß ſo viele, die Adelshochmuth ſchnauben, dieſes Kleid beflecken oder zerreißen, iſt keine der unbedeutendſten Urſachen für die weitergreifende Geringſchätzung der Adeligen. Die Herren vergeſſen ihr Abc; was Wunder, wenn ſie dann, anſtatt flüſſig zu leſen, müh⸗ ſam und unbeholfen buchſtabiren? Ich habe, Gott ſei's geklagt, heutzutage Schneider⸗ und Schuſter⸗ geſellen geſehen, die ungleich beſſere Manieren zeig⸗ ten, ungleich weniger den geſelligen Anſtand verletz⸗ ten, als manche Söhne großer Häuſer. Soll man’'s — 127 A dem ſogenannten Pöbel verargen, wenn er Vergleiche zieht und nach verſtändiger Ueberlegung geradezu aus⸗ ſpricht: ſogut wie dieſe plumpen, rohen, ungeſchick⸗ ten Bengel ſind wir zehnmal! Und dann geht das Volk weiter und gelangt bis zu der Anſicht: mit dem Adel iſt es überhaupt vorbei; nicht einmal durch edelmänniſches Benehmen zeichnet er ſich mehr vor uns aus. Und da läuft der hochgeborene Jüngling durch die Gaſſe, ſeine Zigarre im Maul, ſpricht den nächſtenbeſten Tagelöhner um Feuer an, dampft nach rechts und links wie ein Lohnkutſcherknecht und entblödet ſich nicht, wenn er mir begegnet, mich an⸗ zureden, anzuräuchern, mir auch vielleicht einige Aſche aufs Haupt zu ſtreuen, ein halbes Jahr vor Aſcher⸗ mittwoch. Dieſes se laisser aller bringt er von der Gaſſe ins Haus, aus dem Kreiſe ſeiner Gefähr⸗ ten in den Speiſeſaal, von der Eltern Tafel in den Salon mit und auf den Ball. Zu meiner Zeit tanzte man mit Roßwärtern, Stalljungen und Jokei's nur bei Erntekranzfeſten auf dem Raſen, dieß nur einmal im Jahre. Unſere jungen Fräulein müſſen ſich's öfter gefallen laſſen, und ſeitdem es auch auf öffentlichen Tanzböden nur noch Fräuleins gibt, wer⸗ den die Töchter vornehmer Familien wie die ehema⸗ ligen Mamſells behandelt, was zartere Aufmerkſam⸗ 128 keit und verbindliche Grazie vonſeiten ihrer Herren Tänzer und Standesgenoſſen betrifft. Ich beſchwöre Dich, mein guter Junge, wenn Du noch ein Bißchen Liebe für die alte Tante Barbara im Herzen ſpürſt, thu' ihr das Herzeleid nicht an, die Humanität mo⸗ derner Philanthropie in der Beſtialität plebejer Allü⸗ ren zu ſuchen. Sei Demokrat, wenn Du pour le moment nicht anders kannſt,— lange wirſt Du's ohnehin nicht bleiben, dafür laß' ich die edlen Volks⸗ freunde ſelbſt ſorgen!— aber höre als ſolcher nicht auf, Dich zu kleiden, zu tragen, zu gehen, zu reden, bei Tiſche zu ſitzen, Meſſer und Gabel zu führen, wie die Ariſtokraten. Solange Du Dich benimmſt comme il faut, brauch' ich Dich noch nicht verloren zu geben.“ „Aber ſich'rer iſt ſich'rer, denkt mein Tantchen, darum ſoll ich zweierlei Tuch tragen und zur Fahne ſchwören!? Nun, ich hab mir'’ s überlegt. Ich habe jetzt, zu Pferde, an Deinen Herrn Ludwig Tieck ge⸗ dacht, ohne zu ahnen, daß Du mir ſeine Zitate ſo boshaft vorhalten würdeſt. Ich habe laut gelacht, weil mir eine der verrückten Komödien einfiel, worin er ſich über alles luſtig macht und wo König Ska⸗ ramuz auf dem Eſel, der für Pegaſus gilt, eine Abhandlung über den Nutzen der Familiengemälde — 129 reitet. Ich kam mir ein wenig ſkaramuzziſch vor und ritt eine Abhandlung vom Gehorſam des klei⸗ nen Hermann für ſeine alte Tante Barbara. Du ſollſt Deinen Willen haben, Vater ſoll ſeinen Wil⸗ len haben, ich will meinen Willen nach dem Deini⸗ gen fügen; mache mit mir und aus mir, was Du zu thun für gut hältſt. Das aber ſag' ich Dir im voraus, Tante, zur geſchnürten Zierpuppe, die auf Taille ſchwört und als Wespe um die Süßigkeiten der créme de la créme ſummt, laß' ich mich nicht machen. Einen danseur de princesses, wie Bruder Theodor ſeine Freunde, die Herren Lieutenants, zu nennen pflegte, erzieht ihr nicht in mir. Ich gehe geraden Schrittes auf den Kriegsminiſter los und bleibe fern von der haute volée. Ein paar gleich⸗ geſinnte Kameraden will ich mir ſchon finden.“ „Schon recht, mein Junge. Darüber wollen wir uns nicht entzweien. In der Nähe mag Dir manches ganz anders erſcheinen, als Du es aus der Ferne geſehen. Kommt Zeit, kommt Rath. Fürs erſte ſei von Herzen bedankt, daß Du nachgibſt und Dich fügſt! Du biſt alſo noch unſer guter, treuer Hermann; biſt noch der Sohn meines Herzens; ver⸗ trauſt noch Deiner ehrlichen alten Barbara. Sie hat es um Dich verdient, und wird nicht aufhören 1857. XIV. Noblesse oblige. I. 9 130 es zu verdienen, wenn Gott ihr das Leben läßt. Sieh', da kommt Vater durch den Garten herauf; ſteuert der Teraſſe zu; und hinter uns ſchreitet Mei⸗ ſter Lobeſam aus der Sala Terrina; hat ſeinen Ge⸗ bieter ſchon geahnt, hinter der Thüre auf ihn ge⸗ lauert,— und wahrſcheinlich nebenbei unſerem Ge⸗ ſpräche einige Aufmerkſamkeit geſchenkt? denn er beſitzt ein ſcharfes Gehör.“ Barbara's Muthmaßung erwies ſich als richtig. Denn der Haushofmeiſter ging alsbald ſeinem Gra⸗ fen entgegen, wie wenn er das plaudernde Paar in nächſter Nähe weder gehört noch geſehen hätte. Offen⸗ bar wollte er der Erſte ſein, der Tante erfolg⸗ reichen Sieg zu verkünden. Und er muß das auch ſehr geſchwind und ſehr eindringlich gethan haben. Als der Graf die Teraſſe betrat, waren ſeine Erzel⸗ lenz voll Zärtlichkeit für Schweſter und Sohn. Es wurde ſtehenden Fußes beſchloſſen, daß Her⸗ mann gar nicht erſt in die Akademie zurückkehren, ſon⸗ dern von Eichenau geraden Weges nach der Reſidenz reiſen werde, wo Tante Barbara ſchon vor ihm ein⸗ getroffen, alles für den beſten Fortgang der Sache zu thun ſich verpflichtete.„Es koſtet mich,“ ſeufzte ſie,„allerdings meine ſchönſten Wochen im Jahre; ich muß die himmliſche Luft der alten trauten 131 Heimat hingeben für den Sandſtaub breiter Gaſſen 3 muß charmant ſein mit einer halben Armee von Stabsoffizieren, die mir, das weiß ich, hinterm Rük⸗ ken unzählige ‚alte Jungfern und langweilige Plau⸗ dertaſchen nachſchicken, die aber ins Geſicht doch zuvorkommend ſind, weil ſie wiſſen, unſer Allergnä⸗ digſter iſt mir gewogen. Bei Hofe darf ich auch nicht fehlen, wenn irgendeine Veranlaſſung ſtatt⸗ findet, ſich dort zu zeigen.... und dieß alles für Dich, Du Undankbarer, der Du Dich dabei anſtellſt, als brächteſt Du uns das größte Opfer. Doch wie iſt es denn, Ulrich,“ ſprach ſie zu ihrem Bruder ge⸗ wendet,„haſt Du mir Briefe, oder Aufträge mitzu⸗ geben? Ich reiſe morgen,— denn Du weißt, ich reiſe nicht ſchnell, und wenn ich Eile habe einzutref⸗ fen, ſeh' ich mich genöthiget, früher aufzubrechen, als jeder andere vernünftige Menſch. Soll ich Dir einen Auftrag beſtellen? Ich bin zuverläſſig, dafür kennſt Du mich. Iſt an Theodor etwas auszurichten?“ „Ich habe ihm vorgeſtern ein langes Schreiben überſendet,“ erwiederte der Graf. „Doch darin konnteſt Du ihm noch nichts von ſeines Bruders Ankunft melden?“ „Allerdings nicht, Barbara. Und hätt ich.. 4 . 9 132 hier unterbrach ſich ſeine Erzellenz:„iſt Lobeſam noch bei Wege?“ „Nein, beſter Vater.“ „So geh' ihm nach, Hermann; er ſoll Sorge tragen, daß Morgen in aller Frühe ein Küchen⸗ wagen vorangehe nach Waldbrand. Wir wollen Dei⸗ ner Tante das Geleite geben bis an die letzte Grenze der Herrſchaft, um dort wenigſtens noch mit ihr zu ſpeiſen. Nur ein Gabelfrühſtück, hörſt Du? Und im Freien, in des Verwalters Garten; denn in ſeinen Wohnzimmern ſieht es nicht ſehr appetit⸗ lich aus. Von dort haſt Du noch ein halbes Stünd⸗ chen bis zur Station, Barbara“... Hermann war ſchon gegangen. „Hätte ich,“ fuhr Graf Eichengrün fort,„vor⸗ geſtern ſchon gewußt, welche Wendung Hermann's Zukunft nehmen würde, ich hätte an Theodor dar⸗ üͤber dennoch keine Silbe geſchrieben. Erſtens fürchte ich, es wird ihm höchſt gleichgiltig ſein, was ſein Bruder beginnt. Und zweitens wünſche ich gerade nicht, daß ſie viel miteinander verkehren.“ „Wie ſoll ich das deuten?“ fragte Barbara. „Findeſt Du den armen Hermann unwürdig, daß er des vertrauten Umgangs mit Deinem Liebling theilhaftig werde?“ 133 9 „Sei nicht ſo boshaft und ſtelle Dich nicht ſo naiv und unſchuldig an. Erſtens weißt Du, was ich geſtern über dieſen Gegenſtand geäußert; und zweitens weißt Du ja auch, wie ich für Hermann empfinde;— und Du weißt auch, weßhalb Theo⸗ dor's Beiſpiel ihm bei ſeinem erſten Eintritte in die Welt mehr ſchädlich als nützlich wäre!“ „Hm, hm,“ machte die Aebtiſſin;„das iſt mir doch nicht recht klar.“Ich habe Dich ſo häufig Theodor's Lob aus allen Tönen ſingen hören“... „Vor Fremden vielleicht? Das iſt in der Ord⸗ nung. Es läßt ſich viel gutes von ihm ſagen. Er iſt ein vollkommener Edelmann, und in dieſer Be⸗ ziehung gibt es kein beſſeres Beiſpiel für ſeinen Bru⸗ der. Doch in manchen andern Dingen“... „Da biſt Du, wo ich Dich haben wollte, mein Freund. Iſt Graf Theodor, wie Du verſicherſt, ein vollkommener Edelmann, nach meinen Begriffen“... „Ja, nach Deinen Begriffen, Schweſter! Das iſt wieder ein anderes Ding. Die Begriffe einer be⸗ jahrten, verehrungswürdigen Stiftsdame, mögen ſie die geiſtvollſten und edelſten ſein, müſſen nothwendi⸗ gerweiſe ſehr abweichen von den meinigen“— „Warum ſollten ſie das? Es kann nur eine Wahrheit geben!“ 134 „Nur eine ideale, zugeſtanden. In der Realität zerfällt ſie, den Verhältniſſen, den Individualitäten angemeſſen, in unzählige Unterſchiede. Nach Dei⸗ nen Begriffen wäre vielleicht auch ich nicht, was Du einen Edelmann nennſt? Wäre auch ich kein ‚seigneur', der das Ideal erreicht?“ „Deine hohen, herrlichen Eigenſchaften freudig anzuerkennen, iſt Deine Schweſter die Erſte. Und wehe dem, der es in meiner Gegenwart wagen ſollte, einen Zweifel dawider zu erheben! Er würde erfah⸗ ren, daß eine alte Jungfernzunge ſchärfer trifft, wie der ſchärfſte Dolch. Entre nous aber will ich Dir nicht verſchweigen, daß ich manches an Dir auszu⸗ ſetzen habe.“ „Ich kenne das, Barbara; und ich erlaſſe Dir die Rekapitulation meiner Sünden. Du begehrſt einen Engel zum Bruder. Mache das mit unſerm Herrgott aus, der auch die Söhne der älteſten Ge⸗ ſchlechter als Menſchenkinder geboren werden läßt. Warum ſoll ich beſſer ſein, als alle Weſen von Fleiſch und Blut?“ 3 „Warum? Weil Du vornehmer ſein willſt, als ſie! Das iſt ſehr einfach, Ulrich. Jede Ausein⸗ anderſetzung darf ich mir ſparen. Ich wiederhole nur mein ewiges: Noblesse oblige. Bei Gelegen⸗ 135 heit vernachläſſigter Manieren an der Tafel ſagte ich es heute Deinem Sohne, und ich ſage es jetzt Dir, bei Gelegenheit gewiſſer, unnennbarer Vernachläſſi⸗ gungen(um es nicht ſchlimmer zu taufen!) Der Adel würde gar keine Feinde haben können, wär' er nicht, jetzt mehr als je, ſein eigener Feind geworden. Die Menſchheit im allgemeinen verlangt es gar nicht beſſer, als verehren zu dürfen; ja dieſes eingeborene Bedürfniß iſt ſo vorherrſchend, daß es in Ermang⸗ lung würdiger Gegenſtände, ſogar mit unwürdigen vorliebnimmt. Nur durch die bisweilen totale Ver⸗ ſunkenheit großer Herren iſt es dahin gekommen, daß einzelne Stimmen gegen den Adel überhaupt Widerklang im Volke fanden; daß nach und nach die Ariſtokra⸗ tie gehaßt— oder verſpottet wurde,— je nachdem! Das iſt gegenwärtig ſehr weit eingeriſſen, ich geb' es zu. Ein Jeder von Euch trägt ſein Stückchen Schuld an dieſem Verfall. Und die größte Schuld ladet Ihr Euch dadurch auf, daß Ihr durch hochfahrendes Weſen, durch unzeitigen Hochmuth, durch Erkluſivi⸗ tät im geſelligen Verkehr zu erſetzen wähnt, woran es ſonſt fehlt. Ihr meint Euch für den Verluſt von außen, durch übertriebenen Kaſtengeiſt nach innen zu entſchädigen. Und gleichet den Kindern, welche der Gefahr des Gewitters zu entgehen glauben, 136 wenn ſie, in Kiſſen verſteckt, die Augen dem Blitze, die Ohren dem Donner verſchließen.“ „Von mir gilt das gewiß nicht, Barbara. Ich gehe faſt mit niemand um, der mir ebenbürtig iſt. Ich lebe hier auf dem Lande, und“... „Was wieder zu andern Rügen Anlaß gäbe,— wenn ich nicht vorzöge, darüber zu ſchweigen. Jene Bemerkungen, die mir wider Willen entſchlüpften, galten nicht Dir. Sie richteten ſich auf jene Kreiſe, in welche mich jetzt meine Pflicht für Hermann auf einige Wochen zwingen wird. Auch ſollten ſie mir nur zum Uebergange dienen für eine Behauptung, die ich durchzufechten den Muth hätte vor jeder Verſammlung unſerer Standesgenoſſen.“ „Und ſie lautet?“ „Mitten unter den aufgeregteſten Elementen widerſtrebender Gleichmachungsverſuche, im Geſchrei der wildeſten Demokraten, mögen dieſe nun von fa⸗ natiſchen Theorieen, mögen ſie von ganz ordinärem gemeinen Neide angetrieben ſein, wird ein wahrer, wirklicher Edelmann, ein Kavalier nach meinem Sinne, nicht allein unangefochtenen, erhabenen Haup⸗ tes einhergehen; er wird auch im unverkümmerten Genuſſe jener Vorrechte verbleiben, die unbedingte Ehrerbietung und Anerkennung ſeinen Vorfahren in * 137 einer zur Unterwürfigkeit mehr geeigneten Epoche ſonder Grübeln und Widerſpruch darzubringen ge⸗ wohnt waren. Du ſelbſt verwirklichſt meine Anſicht durch die Stellung, welche Du hier einnimmſt, ſchon theilweiſe; und was daran etwa noch mangelt, ent⸗ geht ihr eben nur durch Dich. So redet eine Schwe⸗ ſter zu Dir, welche die erſte Pflegerin Deiner Kind⸗ heit war, unter vier Augen. Ehe ſie vor Zeugen derlei Zugeſtändniſſe machte, würde ſie ſich in Stücke zerhauen laſſen. Und davon genug. Den Sinn mei⸗ ner Worte haſt Du aufgefaßt. Weiter zu gehen, hab' ich keine Berechtigung. Was aber Deine Söhne anbelangt, ſo hab' ich auch den Sinn Deiner Worte hinreichend verſtanden, nachdem ich in vergangener Nacht ernſtlich darüber und über die beiden Brüder nachgeſonnen. Ich befürchte nichts mehr von Theo⸗ dor für Hermann. Sie ſind zu geſonderte Naturen, um ſich anzuziehen. Theodor wird ſich, wie Du ſehr richtig bemerkteſt, nicht danach ſehnen, Hermann zum Beobachter ſeines großſtädtiſchen Treibens zu machen und ſich in Perſon eines jüngeren, unerfahrenen Bruders ein Bleigewicht anzuhängen; Hermann, in ſeiner Treuherzigkeit wird ſich von Theodor's kal⸗ tem diplomatiſchen Weſen, von dieſer auf alle Men⸗ ſchen verächtlich herablächelnden Ironie durchaus ℳ 138 nicht angezogen fühlen. Jeder wird ſeine eigenen Wege gehen und das wird für beide das Beſte ſein.“ Graf Eichengrün ergriff ſeiner Schweſter Hand:„Wie gut Du biſt, alte Barbara; wie um⸗ ſichtig und verſtändig! Nicht wahr, Du hältſt mich nicht im Verdacht, daß ich ernſtlich ungerecht gegen meinen jüngeren Sohn, daß er im Vergleich mit Theodor zurückgeſetzt ſei?“ „Zurückgeſetzt iſt er an und für ſich, durch ſeine Geburt ſchon, wie jedweder zweite Sohn eines Majoratsinhabers. Dadurch rückt dem Vater die Pflicht um ſo näher, den von Haus aus zu kurz Gekommenen möglichſt zu entſchädigen. Und dieſe Pflicht, glaub' ich, erkennſt Du innerlichſt an, liegſt ihr im Stillen ob, und arbeiteſt für Hermann's Zu⸗ kunft mit der That, während Du ihm mit ſtrengen Worten jede Ausſicht nehmen zu wollen ſcheinſt. Dabei jedoch ſchimpfſt Du mentalement(denn es laut zu thun, wagſt Du nicht vor Andern, am aller⸗ wenigſten vor Deinem Herrn Nachfolger,) auf das löbliche Inſtitut der Majorate, Fideikommiſſe ei caetera— wobei auch der armen Schweſter Bar⸗ bara ihre wohlzugemeſſene Portion an ſtillen Verwün⸗ ſchungen nicht vorenthalten wird, weil ſie entſchieden für die Stiftung dieſes Majorates mitgewirkt.“ 4½ 139 „Verwünſchungen? O nein, Barbara. Ich weiß genug von dem, was Du für mich, für unſer Haus gethan, um Dich bewundernd zu ſegnen. Auch würde es mich ſchlecht kleiden, wollt' ich als Gegner der Majorate auftreten und im Herzen erkenn' ich voll⸗ giltig an, welchen Nutzen ſie nicht allein dem Glanze großer Familien, ſondern auch dem Staate, dem Ganzen, der Armuth zunächſt gewähren. Die abge⸗ ſchmackte, unpraktiſche Lehre vom zerſtückelten und in einzelne Ackerbeete vertheilten Beſitze, wie ſie jetzt überall aufduckt, hat an mir wahrhaftig keinen Partiſan; ich weiß am beſten, was ein großer Be⸗ ſitzer, ein wirklicher Magnat gutes und großes fürs Allgemeine fördern kann,— und ich hoffe, darin meinen Mann geſtellt zu haben. Auch bin ich nicht der Thor, darüber zu klagen, daß von mehreren Kin⸗ dern eines alles, oder doch das Meiſte, die übrigen nur eine geringe Rente bekommen. Was ſchadet das? Die Töchter des Hauſes wird es lehren, hübſch liebenswürdig zu ſein, und löblich in holder Weib⸗ lichkeit, damit ſie Männer um ihrer Eigenſchaften willen kriegen...(Wenn ſie Männer kriegen wollen, warf Barbara dazwiſchen ein.)—— und die jungen Herren ſollen ernſtlich beherzigen, daß manches braven Beamten, oder Gelehrten, Künſtlers, 140 Bürgers Söhne noch zehnmal weniger haben, trotz⸗ dem ihr Vater nicht als Majoratsherr, ſondern lout simplement als armer Mann ſtarb. Ich finde es ganz in der Ordnung, daß die vierte und fünfte Tochter des Grafen Katzengold, und der dritte Sohn des Freiherrn Morgenroth nicht einen Pfennig mehr haben ſollen, als die Erben des Schulmeiſters Hinze und des Käſekrämers Kunze; denn ſie haben nicht ein Krümchen größeren Anſpruchs auf Erdenglück nachzuweiſen, als jener ehrlichen Leute Sprößlinge. Im Gegentheile vielleicht! Aber was ich nicht in der Ordnung finde, ja was ich für eine ſchreiende Ungerechtigkeit erkläre, daß Rang und Name nicht dem Majoratserben allein verbleiben, daß auch der jüngere Sohn beides als einen unbequemen, ihn oft beläſtigenden Schmuck mit auf ſeinen Hals laden muß. Wir ahmen den Herren Engländern ſo viele Narrheiten nach; warum denn nicht das Wichtigſte im alten Grundbau ihrer Ariſtokratie? darin hat unſer ſeliger Vater gefehlt. Er dachte nicht daran, weil er nur einen Sohn hatte, dem Du mit vollen Händen zuwenden halfſt, was auch Dir gehörte. Aber wie viel bequemer und beſſer wär's, hieße unſer Hermann ganz kurz: Hermann Eichen’!? Wie vielen Beſchwerlich⸗ keiten, Rückſichten, Reibungen wäre abgeholfen! Wie viel 141 freier und ſelbſtſtändiger ſtünde er da,— und auch ich, mit meinen aufrichtigen Wünſchen und Abſich⸗ ten für ihn!?“ „Vielleicht, Ulrich. Vielleicht auch nicht. Da gibt es viel zu durchdenken... und zuletzt halte ich mich an die Wirklichkeit. Dieſe zu nehmen, wie ſie iſt, ſie günſtig zu geſtalten, bleibt unſere nächſte Aufgabe. Hermann heißt Graf, er führt einen edlen Namen, er hat dieſem Namen Ehre zu machen. Du nennſt es einen unbequemen Schmuck, eine Laſt? Je leichter ein gerader, kräftiger Nacken ſie tragen lernt, deſto größer der Ruhm, der gerechte, beſchei⸗ dene Stolz.— Nicht wahr, Hermann— da kommt er, Dich zum Abendeſſen zu rufen,— nicht wahr, ich habe Recht?“ „Immer, Tante! Du haſt immer Recht.“ „Und wie heißt der Wahlſpruch, über den wir einen ganzen geſchlagenen Tag debattiren mußten, bis wir einig wurden?“ „Noblesse oblige!“ „Da hörſt Du's, Bruder. Jetzt zu Tiſche: Du wirſt's nöthig haben nach Deinen Erkurſionen.“ Sie aßen doch wenig und ſaßen ſtill beiſammen. 142 Daß morgen ſchon Tante Barbara wieder ab⸗ reiſen werde, wußte bereits die Dienerſchaft und eine ſo ungewöhnliche Abkürzung des heurigen Be⸗ ſuches ſtimmte alle traurig, vom Haushofmeiſter bis zum letzten Lakaien herab. War es doch auch kein Geheimniß mehr im Schloſſe,— denn Niklas wie Chriſtiane hatten es angedeutet,— daß der Aeb⸗ tiſſin plötzlicher Aufbruch in Hermann's Angelegen⸗ heiten unternommen, daß dieſer ihr bald folgen, daß er ‚unter die Soldaten gehen’ werde. Die Sache kam ſo raſch; es ſchien ſo etwas von ‚väterlicher Gewalt dahinter zu ſtecken. Am Ende wohl gar Einflüſſe des Grafen Theodor, der den jüngeren Bru⸗ der nicht gern in der Nähe ſeiner Erzellenz wiſſe? — Lobeſam hatte gut Stillſchweigen gebieten, nicht vermochte er das Geflüſter zu verhindern, welches immer wieder anhub, ſobald ihrer Zwei die Köpfe am Büffet zuſammenſteckten. Hermann’s Ernſt, ſeine faſt feierliche Rührung der Tante gegenüber, die inniger als ſonſt zum Vater gewendeten Augen, alles, was wir uns zum Beſten deuten, worin wir, wie wir dem Laufe des Tages folgten, gemüthvolles Vertrauen leſen, ſchien den am Tiſche Aufwartenden das Gepräge einer düſtern Abſchiedsſtimmung zu tragen. Auf dieſe Weiſe ging das Souper zu Ende, —,— 143 die Herrſchaft zu Bette, die Dienerſchaft auseinander, und über Schloß Eichengrün ſenkte ſich das Schwei⸗ gen der Nacht, nur unterbrochen durch das nie ver⸗ ſtummende Geſchwätz der rauſchenden Eicha, welche ihren Stamm⸗ und Namensvettern ins Schlafge⸗ mach hinauf zuflüſterte:„Was macht Ihr Euch doch für unnütze und langweilige Bedenklichkeiten, Ihr Menſchenkinder? Wenn ich ſo ſorgſam jedes Stein⸗ chen auf meinem Pfade prüfen und muſtern wollte, ich käm' ja nicht aus der Stelle! Ueber die kleinen ſchlüpf' ich hinweg, um die großen hüpf' ich herum! Macht's auch ſo! Macht's auch ſo!“ Die im Schloſſe ſchlummerten, oder im Einſchla⸗ fen begriffen waren, hörten des vorlauten, kecken Bergbächleins Geflüſter. Ein Jeder legte ſich's auf ſeine Weiſe aus. Dem Erxzellenzherrn, dem jungen Grafen Hermann, der Tante Barbara, allen hatte die Eicha das erſte Wiegenlied geſungen. Der ver⸗ traute Klang ihrer Stimme wiegte ſie auch heute in Schlif, jede Sorge verſcheuchend. Geſtärkt, er⸗ friſcht und ermuthiget traten ſie nächſten Morgens die Fahrt bis Waldbrand zuſammen an. Dort er⸗ warteten ſie Barbara's Kutſche ſammt Chriſtiane und Niklas, und das Gabelfrühſtück, welches Lobeſam ſo kopiös als möglich angeordnet. Bruder und Schweſter 144 nahmen dann wieder auf ein Jahr Abſchied. Ihrem lieben Hermann rief Barbara aus dem Wa⸗ genfenſter zu:„In vierzehn Tagen ſpäteſtens kommſt Du mir nach, mein Junge!“ „Und wir,“ ſagte der Graf,„wir mein Sohn, wollen dieſe vierzehn Tage benützen, uns über viele Dinge herzlich auszuſprechen und manches wegzu⸗ räumen, was zwiſchen uns ſtand. Meinſt Du nicht auch?“ Sechstes Kapitel. Tante Barbara hat ihre Sachen ſchnell und gut geordnet. Noch nicht zehn Monate ſind ver⸗ gangen, ſeitdem wir ſie von Waldbrand aus ihre Reiſe antreten ſahen;— ſie ſitzt längſt wieder im ſtillen Stifte zu Friedhain.... aber durch die Gaſſen der Reſidenz bewegt ſich leichten, doch feſten, männlichen Schrittes ein ſehr junger Fähn ch, der in Gang, Haltung, Geberde unwiderleglich darthut, welchen günſtigen Einfluß die rückſichtsloſe Strenge eines alten, mit dem Kreuze gezierten Exerziermeiſters auf ſeine lange Figur ausgeübt hat. Er hat ſich in der kurzen Zeit merklich verändert; dennoch er⸗ ———— — 145 kennen wir in ihm, auf den erſten Blick, Grafen Hermann Eichengrün. Offenbar kommt er aus der Militärſchule; er trägt einige Hefte in der Hand, mit denen er nicht recht weiß, wohin? Die Taſchen des Uniformrockes haben nicht Umfang genug, die ihm läſtigen Papiere zu bergen. Hermann ſchwankt einen Augenblick, ob er ſich ihrer nicht entledigen und ſie in ſeine Wohnung tragen ſoll? Doch er zieht erſt die Uhr und wahrſcheinlich dünkt ihm die Zeit zu kurz, einen ſo weiten Weg zu machen. Er fürchtet etwas zu verſäumen?! Er eutſchließt ſich kurz und gut. Er wickelt ſeine Hefte in eine Rolle zuſammen, umſchließt dieſe mit fünf kräftigen Fin⸗ gern, deren Druck das unſcheinbarſte Volumen zu⸗ ſammenzupreſſen ſucht und greift ſodann mit langen Beinen tüchtig aus. Was muß er vorhaben, der junge Herr? Er wendet ſich einer Seite der großen Stadt zu, die feinen Obliegenheiten fern iſt, wo er gar nichts zu ſuchen hat?. Ei, wir wollen ihm folgen! Müſſen doch in Erfahrung bringen, was er treibt, oder was ihn treibt? Er geht über einige Plätze, durch einige breite Gaſſen, jetzt ſchwebt er über jene Brücke,— will 1857. XIV. Noblesse oblige I. 10 146 er über das Geländer hinab in den Fluß ſpringen? O nein, dieſer hebende, ſchwebende Gang iſt nur ein Merkmal ſeiner freudig⸗erregten Seelenſtimmung. So geht ein Liebender! So lächelt die jugendliche, erſte Liebe rein und menſchenfreundlich ins Straßenge⸗ wühl, ohne ſich durch hemmende Fuhrwerke, unvor⸗ ſichtige Kutſcher, grobe Laſtträger, vorübergehende Rippenſtöße im geringſten aus ihrer Seligkeit brin⸗ gen zu laſſen. Nur Einer, der zum erſtenmale liebt, und auf die Begegnung dieſer Liebe hoffend, wonne⸗ voll ſeinen Pfad wandelt, kann den verfluchten Kerls, die, allen Polizeibefehlen zum Trotze, mit Schläch⸗ terkarren oder haushoch vollgepakten Tragen den Bürgerſteig verengen, ſo reſignirt das Feld überlaſ⸗ ſen, ohne auch nur einen leiſen Fluch auszuſtoßen. Er ſieht ja gar nichts davon. Er erblickt weder die Trottoir⸗Frevler, noch ihre Karren und Tragen, noch überhaupt die Vorübergehenden, ſollten auch aller⸗ liebſte kleine Geſichter unter Hüten hervor ſich nach ihm wenden, welche ſie, dem Frühling zu Ehren, heute das erſtemal auf den Locken tragen? Was fragt er nach Locken, Hüten und Geſichtern!? Was fragt er ſogar nach einem Major, der drüben auf der andern Seite die lange Gaſſe heraufkommt, der ſchon die Hand nach dem Kopfe führt zu nach⸗ 147 läſſigem Danke für einen ihm gebührenden reſpekt⸗ vollen Gruß und jetzt, als dieſer ausbleibt, weil der Liebende einen Major ſo wenig wahrgenommen wie ſonſt irgendetwas, zwiſchen den Zähnen murmelt: „Dieſem Faͤhndrich ſoll ja das Donnerwetter... wie mag er nur heißen?“(Zum Glück iſt niemand vor⸗ handen, der die Frage beantworten könnte.) Und Hermann fliegt weiter,— denn ‚gehen“ kann man's nicht nennen— und erreicht nun ſchon minderbelebte Stadtviertel. Bald wird es menſchenleer auf dem Steinpflaſter; nur ſelten ſtolpert ein zum Mittags⸗ tiſche mit der Bürgerglocke Heimkehrender über die kleinen ſcharfkantigen Marterwerkzeuge, die damals in jenen abgelegenen, vernachläſſigten Gegenden der Reſidenz den ſogenannten Fahrdamm bildeten. So⸗ gar dieſe fußfeindlichen Kieſel ſtören des Fähndrichs ſtille Wonne nicht, obwohl ſie ſeinen feinen, zierlichen Stiefeln grauſam zuſetzen. Jetzt hat er die Roſen⸗ ſtraße erreicht. Blüht hier die Blume, die er ſucht? Nein, noch iſt er nicht am Ziele; er verliert ſich in einem Quergäßchen und gewinnt die wahlauer Holz⸗ gaſſe, die ſich eine deutſche Meile vor ihm hinzuzie⸗ hen ſcheint. Da muß es ſein: da muß die Blume blühen, denn er gibt den Sturmſchritt auf gegen ein langſames, mehr trippelndes, vorſichtiges Tempo, 10* 148 was beim Soldaten ‚kurztreten heißt. Und wie er ſich einem Hauſe nähert, welches von zwei ſtatt⸗ lichen Bäumen,— jetzt freilich noch nicht beſchattet, nur erſt umknospet,— außerhalb der Reihe der übrigen Häuſer, durch grünen Raſen von der Straße getrennt, zwanzig Schritte weit zurückliegt, da rich⸗ tet er ſeine Tritte ſo künſtlich ein, daß ſie ihn faſt gar nicht vom Flecke bringen. Dort alſo! In je⸗ nem klöſterlichen Gebäude haben wir die Blume zu ſuchen? Er ſucht ſie auch. Er durchbohrt mit den Augen eine dicke Umhüllung blattreicher Topfgewächſe, hinter welcher— uns nicht, nur dem Zauberblicke der Liebe, der an Hellſeherei reicht,— ein Mädchen⸗ kopf ſichtbar zu werden ſcheint. Ha, jetzt theilt eine zarte Hand die üppige Pflanzenmauer,— ein paar Augen blitzen einem paar Augen entgegen— aber das iſt ja keine Blume, dort hinter jenem kleinen ſchweben⸗ den Fenſtergarten! Das iſt ja erſt eine Knospe, die täglich erblühen kann, die aber zu wenig Sonne hat, zu wenig freie, friſche Luft. Das Haus da drinnen im Winkel beberbergt eine ‚Mädchen⸗Erzie⸗ hungs⸗Anſtalt“ Und die Führerin dieſes theuren, im beſten Rufe ſtehenden Inſtitutes, kennt kein Er⸗ barmen, was ſtrenge Handhabung der Hausgeſetze betrifft. Könnte ſie ahnen, daß zwiſchen zwölſ und — 149 ein Uhr ſich ein Fähndrich vor ihren Fenſtern blicken läßt, daß Eine ihrer Pfleglinge dieß benützend nach ihm blickt, daß ſie ſogar mit ihrem Händchen eine Oeffnung durchs grüne Laub zu machen verſucht... was würde wohl die Folge ſein? Höchſt wahrſchein⸗ lich das Verbot, je wieder an einem Fenſter zu nä⸗ hen, welches auf die Gaſſe hinausgeht! Deßhalb kann ja ein ſolches unterjochtes Mädchen gar nicht vorſichtig genug ſein und nicht zeitig genug den für einen Moment gemachten Luginsland wiederſchlie⸗ ßen und fein ſäuberlich mit bergenden Epheu⸗ und andern größeren Blättern bedecken. Graf Hermann müßte nicht ſo emſig das Stu⸗ dium der Fortifikationskunſt betreiben, wie er doch thut, ſollte er nicht wiſſen, daß ſeine Augen, mögen ſie noch ſo feurig ſein, ſo weit nicht tragen, um Breſche zu ſchießen durch jenen grünen Wall. Er kennt auch ſchon die Taktik der Beſatzung an dieſem einen Fenſter,—(um andere bekümmert er ſich nicht, ſeitdem er weiß, wo ihr Nähtiſchchen ſteht!)— daß ſie immer nur einmal und dieß nur flüchtig rekognoszirt; daß ſodann kein zweiter Aus⸗, Fern⸗ und Durchblick von dieſer Baſtion mehr erfolgt. Von Sturmlaufen iſt noch lange micht die Rede; dazu müßte ihm erſt einige Kenntniß in dem inneren Bau der Feſtung zugebote ſtehen. Bisher hat er ſich vergebens um eine Planzeichnung bemüht. Oder vielmehr noch gar nichts hat er dafür gethan; denn auf geradem Wege wird der Kommandant dergleichen nicht verabfolgen, und heimliche Unterhandlungen durch Spione anzuknüpfen, widerſtrebt ſeiner unſchul⸗ digen Redlichkeit.— Er begnügt ſich mit dieſem Drittheil einer Minute, die Lebensſtoff genug enthält, um vierundzwanzig Stunden zu beſeelen, um Tag wie Nacht mit weichen ſanften Träumen zu bevölkern, zwiſchen denen ein fleißiger Fähndrich unangefochten den Studien obliegen und dabei ganz glücklich ſein kann. Für heute hab' ich, was ich brauche, ſagt er zufrieden und ſchlägt den Rückweg ein,— weniger ſchwebend; ſein Gang, obwohl immer noch leicht und zierlich, nähert ſich, wie er ſich vom ungrünten Fenſter entfernt, mehr und mehr dem Gange anderer irdiſchen Fähndriche. Ehe noch eine Viertelſtunde verronnen ſalutirt er ſchon etwaige Stabsoffiziere re⸗ glementsmäßig. Wer iſt denn nun die Jungfer im Grünen? Ja mein lieber Leſer, Du haſt leicht fragen; Hermann weiß davon ſoviel wie Du. Und das iſt nicht viel. Ihm fürs erſte hinreichend genug. Uns, Dir und mir, ſoviel wie gar nichts. Sie iſt Penſionärin — 151 der Demoiſelle Prudent und bildet in der Bildungs⸗ anſtalt den Uebergang von Kindern zu— ſchönen Kindern, deren kaum ein älteres, doch kein ſchöneres vorhanden iſt im Inſtitute. So weit reicht Hermann's Wiſſenſchaft. Nicht weiter. Nicht einmal bis zum Taufnamen der Lieblichen, des Familiennamens erſt gar nicht zu gedenken! Geſehen hat er ſie zum erſten⸗ male, als er, den Tag nach ſeiner Einkleidung, der gen Friedhain heimreiſenden Tante Barbara das Geleit gegeben. Er war mit dieſer mehr als müt⸗ terlichen Freundin ein Stück Weges außerhalb des Thores gefahren und kehrte nun, noch bewegt vom Abſchiede, die Bruſt voll Dank und Liebe für ſie, in die Stadt zurück. Er ſteckte in ſeiner neuen Uni⸗ form, ſo meiſterhaft dieſe auch vom berühmteſten Mi⸗ litärſchneider angefertiget ſein mochte, nicht anders als in einem ſchweren Panzer von Erz, der ihn über⸗ all drückte und einengte. Ihm war nicht leicht zu Sinne und am liebſten hätte er Reißaus genommen, den Wagen der Tante einzuholen und mit ihr die geliebte Heimat wieder zu erreichen. Er ſehnte ſich kindiſch nach den Bergen um Eichenau, nach den Waldungen, die er, aller Forſtleute Liebling, ſo oft als Knabe mit ihnen durchſtrichen. Das kleine, kürz⸗ lich erſt angelegte Wäldchen vor dem Stadtthore 15² mußte ihm armſelig erſcheinen bei ſolchen Erinne⸗ rungen. Doch ſiehe, hinter ſchlanken, jungen Birken bewegte es ſich, lachte, ſchlüpfte in weißen Gewändern zwiſchen weißen Baumſtämmen hin und wieder: Made⸗ moiſelle Prudent hatte die ihr anvertraute Lämmer⸗ heerde zu einem Erholungsſtündchen ins Freie ge⸗ trieben, und die armen Dinger, ſeelenfroh, dem Stall entronnen zu ſein, ſprangen luſtig herum. Nur ein Lamm ſtand abgeſondert, allein, wie ein Fremdling da⸗ neben. Geſtern erſt war es eingeliefert worden, fühlte ſich noch nicht vertraut mit den übrigen und hing den Kopf. Hermann gab ſich wirklich keine Rechen⸗ ſchaft darüber, daß dieſes unter vielen andern den⸗ noch vereinſamte Mädchen auch das ſchönſte von allen ſei. Ihm genügte die ſich von ſelbſt aufdrängende Bemerkung, dieß ſei noch ein Fremdling in jüngſt⸗ betretenen Lebenskreiſen. Sie iſt, meinte er, in ihrer Mädchenſchule, was ich in meinem Regimente. Deß⸗ halb ging er, ohne ſich viel nach ihnen umzuſehen, doch ſo langſam weiter, daß ſie ihn bald überholten. Erröthend,— er wußte wahrlich nicht, weßhalb?— ſenkte er die Augen tief zu Boden, als die kleine Schaar an ihm vorübertrippelte. Die Mädchen gingen Arm in Arm, zu dreien oder paarweiſe. Demoiſelle Prudent bildete die Nachhut, an ihrer Seite befand — 153 ſich diejenige, die noch kein Freundſchaftsbündniß geſchloſſen. Erſt als ſie einen weiten Vorſprung gewonnen, ſchlug Hermann die Augen wieder empor. Er ſah, wie die Heerde durch das Gitterpförtlein in den Gartenraum vor dem uns ſchon bekannten Hauſe eingetrieben wurde. Er beſchleunigte ſeinen Schritt. Er kam zurecht, einen Blick aufzufangen, den die letzte der Eintretenden aus der Hausthüre ihm zuwarf. Es war eben nur ein Augenblick, in der doppelten und doppelſinnigen Bedeutung dieſes Wortes. Bei ſolchen„Augenblickene iſt das ſchuldloſe Verhältniß der Liebenden bis heute ſtehengeblieben. Weiter ſind ſie noch nicht gekommen, die beiden Kinder. Dennoch aber hat Hermann unterlaſſen, in ſeinen vertrauten Briefen an Tante Barbara etwas davon zu erwähnen. Nur ſoviel hat er angedeutet, daß er von allen wilden Zerſtreuungen ſeiner Ka⸗ meraden zurückgehalten werde durch eine ‚kleine Nei⸗ gunge, von der ihm unbekannt ſei, ob ſie irgend Er⸗ wiederung finde? Tante Barbara hatte dieſe Andeu⸗ tung nicht aufgenommen; ſomit glaubte der gute Junge, der ihr ſtete Aufrichtigkeit gelobt hatte, ſich weiterer Bekenntniſſe, ſeine Gefühle betreffend, über⸗ hoben. Dem Vater jedoch, dem er wieder kindlich nähergetreten war durch die im vergangenen Jahre vor der Abreiſe zur Reſidenz mit ihm verlebten Tage, dem wagte er, wie fleißig er an ihn ſchrieb, auch nicht eine Silbe vom Hauſe in der wahlauer Holz⸗ gaſſe zu erzählen. Denn der Jüngling fürchtete zweierlei: entweder, daß der in dieſen Dingen immer noch etwas ungebundene alte Herr die Reinheit ſeiner(allerdings höchſt unklaren) Abſichten verdäch⸗ tige? oder, daß er, was noch ſchlimmer wäre, ſich darüber luſtig mache! Ueber die Heiligkeit einer erſten Liebe verſteht und liebt man keinen Spaß; wie ein Jeder wiſſen und gern beſtätigen wird, der nicht etwa mit der zweiten gleich angefangen. Es gibt auch manche, die gar mit der fünften, ſiebenten, drei⸗ zehnten anfingen! Das ſind die richtigen, praktiſchen Lebe⸗ und Weltmenſchen, die, falls ſie in der Jugend nicht daraufgehen, gewöhnlich wohlhabende, ange⸗ ſehene Männer werden, mit Verachtung auf alles ‚unnütze Zeugt, folglich auch auf die Poeſie herab⸗ lächeln, und nicht begreifen, wie jemand Thränen vergießen kann, außer wenn ihm Schnupftabak, oder Zigarrenrauch ins Auge kam! Sie ſind in ihrem Rechte, denn ihnen gehört die Erde. Wir Anderen müſſen uns mit dem Monde begnügen; der wechſelt;— mit den Sternen; die ſind fern. Hermann konnte ſich an jenem Tage, wo wir ihn auf dem täglichen Wege * — ſ 155 zu ſeinem Heiligthume geleitet haben, an Mond und Sterne nicht wenden, denn es war in den erſten Nachmittagsſtunden und er hatte noch Toilette zu machen. Um drei Uhr ſollte er bei ſeinem Bruder, dem Grafen Theodor ſein, der ihm geſtern geſchrieben: „Ich halte es convenable, kleiner Feldmarſchall, daß ich Dir auch wieder einmal zu eſſen gebe; und erwarte Dich morgen um drei Uhr. Nicht ſpäter, weil ich um ſechs Uhr in der Oper ſein muß, die kleinſtäd⸗ tiſcher Weiſe hier zu Lande ſo früh beginnt; nicht früher, weil ich bis drei Uhr andern Beſuch habe. Wer ſich auf dieſer langweiligen Erde nur erträglich amüſiren will, muß ſich eine ſtrenge Zeiteintheilung machen und ordentlich befolgen, ſonſt mengt er Eins ins Andere und daraus entſtehen Geſchmackverwir⸗ rungen, die dem Schönheitsſinne Eintrag thun. Theodor.“ Hermann hatte über dieſes doktrinäre Billet⸗ chen gelächelt; wie er denn bisweilen über ſeinen Bruder, den Diplomaten und künftigen Majorats⸗ herrn zu lächeln ſich erkühnte: doch wohl verſtanden, nur fern von jenem. Denn Aug' in Auge mit ihm wurde er durch eine gewiſſe Bangigkeit unter⸗ jocht, die weder brüderliche Liebe des Jüngeren zum Aelteren, noch Hochachtung, noch Bewunderung, noch 156 Abneigung an und für ſich war, jedoch von jedem dieſer verſchiedenen Elemente etwas in ſich trug. Und inſofern war es doch anders geworden, als es der Anſicht gemäß, über welche Tante Barbara und deren Bruder ſich im vorigen Jahre nach kur⸗ zem Widerſpruch geeiniget, hätte kommen ſollen. In ein nahes, inniges und brüderliches Einvernehmen waren die Brüder noch nicht getreten; darin ſollten Vater und Tante fürs erſte Recht behalten; aber Theodor's Einfluß auf Hermann ſchien unvermeidlich, ſobald jener es nur der Mühe werth hielt, ihn geltend zu machen. Das war denn bis jetzt noch nicht geſchehen. Der Legationsrath begnügte ſich, den Fähndrich alle zwei, drei Wochen einmal zum Eſſen zu bitten, wie eben auch heute. Theodor's Diners zählten immer nur drei, höch⸗ ſſtens vier Gäſte, die von einem Tage zum andern wechſelten, je nachdem er ſie aus der Unzahl ſeiner Bekannten herausgriff und zuſammenſtellte. Dieſe Zuſammenſtellung geſchah nach ſehr unterſchiedenen Prinzipien. Wenn er, wie er es ſelbſt nannte, in einem weichen Nachhall ſeiner unſchuldigen Flegel⸗ jahre, zwiſchen ‚Kalb und Nachtigall, zwiſchen jun⸗ gem Fleiſcherhund und Himmelslerche ſchwankte,: da lud er mit ſorgfältiger Auswahl einige harmloſe 157 Leute zuſammen, die gut für einander paßten und mit denen er auf eine hübſche, gemüthliche Abfütte⸗ rung rechnen durfte. Befand er ſich aber in ſeinen menſchenfeindlichen, ironiſchen Stimmungen, wo er ſeinen Tiſchgenoſſen gern ‚Tiegerkotteletten und ſau⸗ gende Teufelchen, wie Spanferkel bereitet,“ vorgeſetzt hätte, da ſuchte er ſich Menſchen mit ſcharfen Zungen und üblem Willen aus, von denen Einer den Andern möglichſt verabſcheute, und ergötzte ſich an ihren Bosheiten; umſomehr, je beſſer ſie verſtanden, die äußerlichen Formen feiner Geſellſchaft dabei feſtzu⸗ halten. Er betrachtete dieß als eine Hauptwürze ſeiner Mahlzeiten, denen er ſelbſt, obgleich ſein Koch recht geſchickt arbeitete, wenig zuſprach. Er nahm gewöhnlich nur von zwei Schüſſeln und von dieſen, beſonders kräftig und nahrhaft bereitet, nur ſo viel, daß, wie er meinte: kein Stillſtand im Magen ein⸗ trete! Eſſen erſchien ihm ein niedriges Bedürfniß; mit ausgeſprochenem Vergnügen eſſen, ſei gemein; nur naſchen dürfe der wahrhaft vornehme Menſch, wie die Götter von Nektar und Ambroſia eben nur gekoſtet hätten. Sein Nektar war das erſte Glas aus der Champagnerflaſche; ſeine Ambroſia ein Repphuhnflügel, eine Schnitte Rehbraten, und ‚ein soupçon“ von Gänſeleberpaſtete. Dabei gewährte 158 es ihm Freude, bekannte Gaſtronomen eifrig ſchlin⸗ gen zu ſehen. Nirgend, behauptete er, lernt man gründlichere Verachtung der Menſchen, als wenn man ſie freſſen ſieht. Und da man, um ſich vor läſtigen Vertraulichkeiten zu hüten, ſehr wohl thut, den Pöbel geringzuſchätzen, ſo thut man auch ſehr wohl einzelne Koryphäen desſelben bisweilen zum Diner zu bitten. Daß Graf Theodor ‚den Pöbel“ nicht ausſchließlich auf der Straße ſuchte, ſondern ihn wohl auch in der guten Geſellſchaft zu finden wußte, geht ſchon aus obiger Aeußerung hervor. Hohe Geburt ſchloß ſeiner Anſicht nach keinesweges davon aus. Er war in ſeiner Art ein noch ſtrenge⸗ rer Vertreter des Wahlſpruches, den Tante Barbara von ſeiner Großmutter geerbt, als dieſe ſelbſt. Nur aber in ſeiner Art. Und dieſe hier auseinanderzu⸗ ſetzen, iſt nicht Raum und Zeit. Wir werden ja den älteren Bruder näher kennen zu lernen Gele⸗ genheit finden, indem wir den Lebenslauf des Jün⸗ geren, unſeres Helden, verfolgen. Wir haben Her⸗ mann verlaſſen auf dem Wege nach ſeiner Woh⸗ nung, wo er ſich umkleiden wollte; jetzt ſehen wir ihn ſeines Bruders Vorzimmer betreten, vom Kam⸗ merdiener mit jener zwiſchen Ergebenheit und Her⸗ ablaſſung liegenden Protektion empfangen, die ein —f 159 dereinſtiger Haushofmeiſter eines dereinſtigen Ma⸗ joratsherrn dem zweiten Sohne des Hauſes ange⸗ deihen läßt, wenn dieſer nichts weiter iſt, als ein auf Avancement harrender Fähndrich, und wenn beſagter Kammerdiener vorauszuſetzen Urſache hat, daß der junge Herr bei ſeinem Herrn gerade nicht ſehr viel gilt! Dennoch lag in Hermann's Betragen ſo viel natürliche Anmuth und jugendlich⸗friſche Freundlichkeit, daß von ihrem Hauche ſogar die in Antichambres unempfindlich gewordene, kalte Seele ſich einigermaßen erwärmt fühlte, und in den glatten, untheilnehmenden Zügen des Mannes ein faſt zu⸗ trauliches Lächeln hervorbrachte. „Mit wem diniren wir?“ fragte Hermann, der größere Geſellſchaft fürchtete. „Sie ſind en trois.“ tröſtete ihn der Kammer⸗ diener:„nur noch Baron Fach, außer Ihnen.“ Da⸗ bei öffnete er die Thür und ließ ihn eintreten. Theodor reichte ſeinem Bruder die Hand, ohne ſich dabei vom Fauteuil zu erheben, warf einen Blick nach der kleinen, alterthümlichen Stockuhr, (die ſich in dieſen Salon ausnahm wie wenn ſie aus der eichenauer Ahnengruft heraufgeſendet ſei, eines vergangenen Jahrhunderts längſtverklungene Stunden nachzuſchlagen!) und ſagte dann:„Auf —ꝙf 160 die Minute! das iſt löblich; Pünktlichkeit iſt die Tugend der Monarchen und ihrer Soldaten.“ Hier⸗ auf ſtellte er den ‚Kammerherrn Baron Fach dem Fähndriche vor. Dieſe Beiden ſahen ſich zum er⸗ ſtenmale. Hermann hatte ſchon oft den Freund des Bruders nennen hören. Jetzt betrachtete er ihn und fand ſich ſehr frappirt von dem Anblick. Etwas ähn⸗ liches hatte er nie geſehen und auch niemals für möglich erachtet, daß ein lebendiger Menſch von dieſer Magerkeit exiſtiren könne. Baron Fach beſtand im ſtrengſten Sinne des Wortes nur aus Haut und Bein und that nicht das Geringſte, durch täuſchende Bekleidungskünſte anders zu erſcheinen. Eher zeigte er ſich ſtolz auf ſeine Fleiſchloſigkeit, denn er wußte ſie durch knappe Tracht erſt recht ins Licht zu ſtellen. Man darf dieß als eine Konſequenz ſeiner Anſichten über Mäßigkeit im Eſſen und Trinken betrachten. Von ihm ging Graf Tbheodor's ſchon angedeuteter Abſcheu gegen ſchwelgeriſche Genüſſe dieſer Art ei⸗ gentlich aus. Auch in dieſer Richtung hin war der Kammerherr des Legationsrathes Erzieher gewor⸗ den, wie er dem jüngeren Manne denn überhaupt ſeine Lebensphiloſophie einzuimpfen bemüht geweſen, und inſofern mit günſtigem Erfolge, als der Graf ſich emſig bemühte, ſein Vorbild nachzuahmen und —— — — V 161 in verba magistri ſchwur. Daß Hermann heute ge⸗ würdiget wurde, beim Tiſche, den dieſes Paar ver⸗ einigte, der Dritte zu ſein, deutet auf eine beſtimmte Abſicht hin, und dürfte für nichts weniger als Zu⸗ fall gelten. Der arme Junge befand ſich ſeinem Bruder ge⸗ genüber niemals recht wohl und frei; er hatte, wenn Theodor das ſcharfe Auge über ihn gleiten ließ, im⸗ mer die Empfindung, als werde er gemuſtert; nicht etwa wie auf dem Ererzierplatze in Beziehung auf äußere Ordnung und Sauberkeit; ſondern in Bezie⸗ hung auf innere Anſichten von Welt und Menſchen und auf ſein Verhältniß zu beiden. Als wolle der Majoratserbe dem Bruder durch die Uniform ins Herz ſchauen und leſen, was etwa an Liebe,— vielleicht auch an Haß, der kurze Aufenthalt in der Reſidenz dieſem kindlichen Herzen ſchon eingeprägt haben möge? Auch heute, bei Tiſche, bohrten ſich einige dieſer Forſcherblicke ein, doch der Kammerherr lenkte ſie jedesmal auf ſich durch irgendeine kaum hörbar geflüſterte Aeußerung, welcher dann Theodor ſogleich achtungsvolle Aufmerkſamkeit widmete und ſolche mit der Anſchauung ſeines Lehrers begleitete. Es iſt wahr, dieſer hagere, magere Baron, der, ſo⸗ lange er ſchwieg, nach gar nichts ausſah, gewann 1857. XIV. Noblesse oblige. I. 11 Bedeutung, ſobald er die Lippen bewegte. Was er ſagte, was er vielmehr hinhauchte,— denn er ſprach, wie ſchon bemerkt, ſo leiſe, daß man recht aufmerk⸗ ſam ſein mußte, um kein Wort zu verlieren!— war nicht nur geiſtvoll, es war auch originell; es gab ſich als das Reſultat vielſeitiger Erfahrungen und, wenngleich einſeitiger, doch ſcharffinniger Auffaſ⸗ ſung. Dabei ſprach er für gewöhnlich nur wenige Worte hintereinander; lange Reden hatte kein leben⸗ diger Menſch jemals aus ſeinem Munde vernommen, außer etwa Theodor, bei dem er ſich bisweilen ‚auf⸗ knöpfte, wie er es nannte. Sonſt ließ er die An⸗ dern ſprechen, entwickeln, ſtreiten, warf höchſtens ein anregendes:„Hm“ oder„oh?“ dazwiſchen und hörte aufmerkſam zu, bis ſie ſich erſchöpft hatten. Dann gab er den Ausſchlag, kurz und bündig. Er liebe es nicht, meinte er, ganze Fluten von Fleiſchbrühe zu ſchlürfen und ziehe vor, die ihm nöthige Nah⸗ rung in eine kleine Maſſe konzentrirt, zu ſich zu nehmen; eben ſo laſſe er gern das breite Geſchwätz der Geſellſchaft in eine kräftige Sentenz einkochen. Gemein ſei es, viel zu plaudern; gemein aber auch, dem Magen derbe Stoffe zur Verdauung aufzubür⸗ den. Wie die Konverſation nur wenige gediegene Beſtandtheile für des Geiſtes Befriedigung, ſo ent⸗ 163 halte die Speiſe nur wenige nahrhafte Subſtanzen für den Körper. Beide wiſſe der wirklich Vornehme auszuſcheiden, und darin beſtehe der Unterſchied zwi⸗ ſchen Menſchen und Thieren,— zweibeinige Thiere, Menſchen genannt, mit eingeſchloſſen. Vergebens hatte ein berühmter Neſtor aller Aerzte in der Re⸗ ſidenz dem kammerherriſchen Sophiſten zu beweiſen geſucht, daß der innere Organismus jedes Menſchen, ſogar eines Kammerherrn, außer den ſeineren Er⸗ nährungsſtoffen auch eines gröberen Volumens be⸗ dürftig ſei, welches,(wie der alte Herr in ſeinem zyniſchen Humor ſich ausdrückte)„die Funktionen gemeiner Straßenfeger auch im freiherrlichſten Darm⸗ kanal zu verſehen habe; und daß die naturwidrige, nur aus Conſomes, Gelées und Erémes beſtehende Atzung gar leicht mit einer gänzlichen Erſchlaffung und Verengung desjenigen Eingeweides endigen könne, welches von gewiſſen charmanten Thieren ent⸗ lehnt werde, um die Hülle für eine Fülle zu bilden, die im gewöhnlichen Leben Wurſt heiße!“ Der Kammerherr hatte auf dieſe Warnung eines tüchtigen Praktikers nur mit verächtlichem Achſelzucken erwiedert. Heute wagte Graf Theodor ſeinen Gaſt an den 11* 1464 bekannt gewordenen Ausſpruch des für unfehlbar gehaltenen Arztes zu mahnen. „Ach bah,“ hauchte der Baron,„cela raisonne comme un vilain! Und wenn er Recht hätte, will ich doch Recht behalten. Man muß verſtehen, für ſeine Marimen zu ſterben! So oder ſo. Noblesse oblige!“ Dieſe zwei Worte erregten natürlich Hermann's größte Aufmerkſamkeit. In ſein Herz geſchrieben hatte er ſie von Eichenau mitgebracht und bei jedem Briefe von oder an Tante Barbara, bei jedem Ge⸗ danken an ſie, war die Schrift ihres Wahlſpruches im jugendlichen Buſen lebendig hervorgetreten, wie jene künſtlichbereitete Tinte, die belebender Glut bedarf, um ſichtbar zu werden. Der Wahlſpruch— und die geliebte Tante, er konnte ſich die Beiden nicht von einander ſondern; daß er jemals von ei⸗ nem Dritten diejenige Deviſe, die er für eine auf ihn übergegangene, ihm heimlich anvertraute Zau⸗ berformel genommen, würde ſo gleichgiltig zitiren, auf ſo armſelige Gegenſtände angewendet hören, hätte er nicht möglich gehalten und es klang ihm wie Entweihung. Dennoch reizte ihn die Neugier, zu erfahren, welche tiefere Bedeutung der Baron etwa damit verbinden möge, und er überwand ſeine 165 ſchüchterne Abneigung ſo weit, daß er anfing, ſich ein wenig in die Tiſchgeſpräche zu miſchen. Aber ſchon die erſten Schritte auf dieſem Felde erwieſen ſich ſehr ſchlüpfrig für ihn. Er vermochte durchaus nicht Gang zu halten neben ſeinem Bruder und dem Kammerherrn, welche ihre höchſt außergewöhnlichen Ge⸗ danken in ebenſo außergewöhnliche Ausdrücke faßten, die Hermann weder in Eichenau, noch in der Aka⸗ demie, noch von ſeinen jetzigen Kameraden jemals hatte gebrauchen hören. Die gute Geſellſchaft hat ebenſo gewiß ihr Rothwelſch, wie irgendeine Räu⸗ berbande. Und da fand er ſich denn eigentlich zwi⸗ ſchen den Beiden verrathen und verkauft, und ſie ließen ihn mehr oder weniger fühlen, daß er tief unter ihnen ſtehe. Doch blickte hier und da die Abſicht durch, zu verſuchen, was ſich etwa aus ihm machen und ob er ſich zu ihnen emporziehen laſſe? Dieß bemerkend, ſtrengte er ſich über Gebühr an, vor ihnen zu beſtehen und wenigſtens hier und da ſein Wort einzumiſchen. Dreimal ſchon hatte er ein ſchüchter⸗ nes Bekenntniß ſeiner zarten Liebe auf den Lippen; — dreimal ſetzte er wieder ab, gewarnt durch die Befürchtung: er könne ſich dadurch vor ſeinen Rich⸗ tern lächerlich machen und die Angebetete dem Spotte preisgeben?— Und worauf gründete ſich dieſe 166 Befürchtung? Wer ſagte ihm, daß vor dem philoſo⸗ phiſchen Lehrſtuhl des Kammerherrn erſte kindliche Liebe keine Schonung zu erwarten habe?— doch nur eine dunkle Ahnung; nur jener eingeborene, aber unbewußte Inſtinkt, der die junge Taube vor dem Falken ſich verbergen heißt; der auch die reine Neigung warnt, ſich zu flüchten, daß die Krallen ſchonungsloſer Selbſtſucht ſie nicht zerreißen. Deßhalb auch verſetzte ihn ſeines Bruders Frage: ob er bereits„Verhältniſſee habe? wie ſie plötzlich im Tone oberflächlichſter Gleichgiltigkeit an ihn er⸗ ging, in unverkennbare Verlegenheit. Er wurde roth bis über die Ohren, brachte aber, ſtatt einer Ant⸗ wort, nur wenige geſtotterte Silben hervor, als: „wie ſo? o ja!— das heißt....“ Theodor ſah ſeinen Mentor forſchend an; dieſer machte eine Geberde mitleidiger Geringſchätzung und murmelte:„Kalbfleiſch!“ Dann wieder wendete ſich Theodor zu ſeinem Bruder:„Oder biſt Du noch im Stadium der Sen⸗ timentalität?“ Dieſe Frage trug nichts bei, Hermann's Verlegenheit zu verſcheuchen. Er empfand das unab⸗ weisliche Bedürfniß, ſich herauszureißen und zwar energiſch; demgemäß lachte er plötzlich laut auf: „Sitz' ich doch hier, als ſollt' ich mein Offizier⸗ * 167 Examen machen! 2 Ueber Geheimniſſe des Herzens läßt man ſich nichts abfragen, Herr Kammerherr; und auch meinem theuern Herrn Bruder, obwohl ich ihn ſonſt wie eine Reſpektsperſon zu betrachten gelehrt worden bin, erkenn' ich das Recht nicht zu, mich darüber auszuforſchen. Ich nehme mir die Freiheit, à propos von Eramen, den Herren ein Geſchichtchen zu erzählen; weniger weil es hieher paßt, als viel⸗ mehr, um ein geringes Kontingent zur geiſtreichen Un⸗ terhaltung zu ſtellen, welcher ich heute beiwohnen dürfen. Bei der Prüfung gemeiner Artilleriſten, deren einige befördert werden ſollten, war General B. an⸗ weſend. Dieſer nahm lebhaften Theil an der Un⸗ wiſſenheit eines hübſchen Burſchen, der auch nicht die leichteſte Frage genügend beantwortete. Seine Erzellenz ſagte zum examinirenden Kapitän: ‚Ich kann mir nicht denken, daß der nette Junge ſo dumm ſein ſollte, wie er ſcheint; ich glaube, Sie ſtellen Ihre Fragen zu wiſſenſchaftlich; man muß ihn zutraulich machen. Dann ſprach er zu jenem: ‚ſieh, mein Sohn, Du mußt vergeſſen, daß Du hier geprüft wirſt! Du mußt denken, wir ſind Deine Kameraden und Lands⸗ leute und ſitzen mit Dir im Bierhaus. Verſtehſt Du mich?⸗ „Zu Befehl, Erzellenz! 168 „‚Alſo: Der Herr Hauptmann iſt Bruder A. Du biſt Bruder F., ich bin Bruder B. Und nun frag' ich Dich ganz treuherzig: Sag' mir mal, Bruder F., aus wie viel einzelnen Stücken iſt ein Fahrzeug zuſammengeſetzt? Was wirſt Du mir darauf entgeg⸗ nen? ‚Da werd' ich zu Dir ſprechen: Bruder B., nach ſolchen Dingen haſt Du einen Quark zu fragen! Seine Erzellenz ließen die Prüfung nicht weiter fortſetzen!“ „Pas mal!“ rief jetzt Graf Theodor.„Dein Ge⸗ ſchichtchen, mein lieber Hermann, bekräftiget nicht undeutlich den Entſchluß, uns nichts von Deinen Liebſchaften anzuvertrauen. Und wenn das auch nicht ſehr brüderlich iſt, ſo iſt es doch vielleicht ganz klug.“ „Vielleicht,“ ſetzte der Kammerherr hinzu,„ergeht es Ihrem Herrn Bruder, wie jenem hübſchen Sol⸗ daten, der ſeinen wohlwollenden Chef deßhalb ſo kurz abfertigte, weil er ihm wirklich nichts zu ſagen hatte!? Ich barnagm Graf Hermann ſchmach⸗ tet noch für eine ihm völlig unbekannte Schöne, deren Namen er uns debenſowenig anzugeben ver⸗ möchte, als der unwiſſende Artilleriſt die Beſtand⸗ theile einer Kanone. Beide ſchweigen aus gleichen Gründen.“ 3 Dieſe eben nur auf gutes Glück hingeworfene 169 Behauptung traf(wie uns wohl bekannt) die Wahr⸗ heit ſo ſcharf, daß Hermann die Faſſung verlor und daß ihm unvorſichtigerweiſe die Worte entſchlüpften: „Woher wiſſen Sie das, Baron 2“ „Hab' ich's errathen?“ ſagte dieſer vornehm⸗ gleichgiltig.„Die Charade war nicht ſchwer.“ Doch dieß geſagt, ſchien er nicht abgeneigt, die Sache fallen zu laſſen, wie eine ihm ſehr unbedeutende. Anders Theodor, dem alles daran gelegen ſchien, ſeinen Bruder vertraulich zu machen und das Eramen fortzuſetzen, wo möglich mit beſſerem Erſolge, als der General. Das Deſſert wurde gerade abgeräumt, der Kammerdiener brachte ſchwarzen Kaffee. Der Herr vom Hauſe ſuchte beim Kammerherrn die Er⸗ laubniß nach, dem jungen Fähndrich eine ‚Havannah“ zu offeriren, um ihn recht ‚à son aise“ zu ſetzen. „Verkaufen Sie nicht mit dem unſchuldigen Blute, Theodor,“ hub der Kammerherr ſpöttiſch an; „Sie ſelbſt ſind noch befangen in dieſer unwürdigſten unſerer modernen Sklavereien; Sie ſelbſt ſehnen ſich noch danach, ſtinkende Wohlgerüche zu verbreiten, trotz meines Beiſpiels, dem Sie in allen. übrigen Richtungen ſo eifrig nachzuſtreben behaupten.“ „Ich will's eingeſtehen: von Zeit zu Zeit be⸗ hagt es mir, blaue Wölkchen um mich her ſchweben 170 zu ſehen, ihre aromatiſchen Düfte einzuathmen; denn daß meine Zigarren übel röchen, können Sie ihnen nicht nachſagen, Baron!? Ich rauche die feinſten, die hier zu Lande verkauft werden.“ „Zugegeben, daß ſie nicht übel riechen, ſolange ſie brennen. Deſto abſcheulicher der penetrante Geſtank, den ſie in Kleidern, Meubeln, Vorhängen hinterlaſſen. Und alle Raucher ſind nicht künftige Majoratsherren, um für eine Kiſte ſolcher Dinger ſechszig bis achtzig Thaler wegzuwerfen. Auf eine leidliche hat man zwanzig unleidliche zu ſchlucken. Ich behaupte, daß der Tabaksrauch die Geſellſchaft verpeſtet.“ „Sie ſind ein unerbittlicher Rigoriſt. Wahrhaftig unerbittlicher, als die Damenwelt, die nach und nach ſchon geſtattet, daß ſich ein Raucher bis ins Boudoir wage!“ „Die Damenwelt!... Beſter Graf, berufen Sie ſich nicht auf die Damenwelt unſerer Zeit. Was duldet die nicht?! Es gibt eine alte Wachtſtuben⸗ Geſchichte, und ich hörte ſie oft von meinem Onkel, einem zum Pfeifenkopf gewordenen Graukopf erzäh⸗ len: wie und auf welche Weiſe ein jüngſtvermälter Ehemann es nach und nach durchgeſetzt, daß ſeine Frau, trotz ihrer urſprünglichen Abneigung, ihm nicht nur geſtattete bei ihr zu qualmen, ſondern ihm endlich 171 aus eigenem Antriebe eine Pfeife um die andere ſelbſt ſtopfte und darreichte. Der Zynismus dieſer Geſchichte unterſagt ihre ausführlichere Erzählung in Gegenwart eines platoniſch Liebenden. Gewiß aber bleibt ihr Grundthema unveränderlich dasſelbe und alle Siege des Meerſchaums und der Zigarre ſind nur Variationen darüber. Auf unſern Fortſchritts⸗ wegen zur Freiheit werden wir, unſern Vorbildern ähnlich, auch Tabak kauen lernen. Voll genug nehmen die Vertreter und Vortreter des Fortſchrittes ihren Mund ſchon jetzt. Dann werden liebende Frauen erſt recht Gelegenheit finden, im Kampfe wider Ekel und Grauen die Macht ihrer Opferfähigkeit zu üben.— Von ſolchen, die bereits ein Pfeiſchen ſchmauchen, red' ich gar nicht; dieſe ſchweben bereits auf Ihren blauen Wölkchen“, mein lieber Theodor, in der Höhe des Zeitgeiſtes.“ „Noch einmal, Kammerherr, Sie ſind zu rigo⸗ riſtiſch, zu exkluſiv“ „Noch tauſendmal, mein edler, hochgeborner Graf, Sie und Ihresgleichen, Ihr ſeid zu inkon⸗ ſequent. Ihr wollt aus ganz beſonderem Teige ge⸗ knetet ſein und blickt ſogar auf ein Freiherrnthum wie das meinige, als ein apokryphiſches hinab, weil irgendein Skeptiker behaupten wollen, daß unſer 1542 Stammbaum einige Lücken aufweiſet. Durch Beweiſe widerlegen kann ich ſie nicht, ſo hab' ich Sorge ge⸗ tragen, ſie mit feinen Sitten und Manieren zu be⸗ decken, und ich gelte bei Hofe wie in der Stadt für einen vollkommenen Kavalier; das müßt Ihr mir eingeſtehen; ich hätte auch unter Louis quatorze dafür gegolten. Das Blut, die Race allein ſind es unmöglich, worauf die Anſprüche der Ariſtokratie (gerechte wie ungerechte) ſich giünden. Denn wäre dieß, ſo müßten ſie ja augenblicklich aufhören, wo fremdes Blut eingeſchwärzt wurde. Das thun ſie aber nicht. Man erhält ſie aufrecht,— quand mêmel Wie der größeſte Autokrat keinen Anſtand nimmt, ſeinen Thronfolger einer Prinzeſſin zu vermälen, deren leiblicher Vater notoriſch ein anderer geweſen, als ihrer Mama erlauchter Gemal,— ebenſowe⸗ nig wird der ſtolze, angeſehene, hochgebildete und ſittlich⸗ſtrenge Graf ſeiner Tochter Hand dem Sohne eines Sekretärs oder Leibjägers verſagen, wenn der junge Herr Namen, Rang, Beſitz ſeines Rich t⸗Va⸗ ters geſetzlich erbt und ſich dieſer Glücksgüter durch adeliges Benehmen würdig zeigt. Worauf bildet ſich nun der hohe Adel eigentlich etwas ein? Worauf darf alſo Euresgleichen ſich wirklich etwas einbil⸗ den? Doch eben nur auf das, was Euch in Wahr⸗ 173 heit vor der Maſſe auszeichnet! Was durch ſorg⸗ fältige Erziehung gegeben, dann aber durch aus⸗ dauernden feſten Willen veredelt worden iſt. Ein wohlerzogener Kavalier muß jedem andern Menſchen in allen Dingen zum Vorbild dienen können; folg⸗ lich auch in der Anmuth beim Genießen, in der Heiterkeit beim Entbehren! Aber davon wollen die Wenigſten wiſſen. Sie wähnen, weil ſie hochgeboren ſind, könnten pöbel⸗ hafte Sitten und Gebräuche ihrer Vornehmheit keinen Eintrag thun? Ich war von jeher anderer Meinung: erſt wenn man ſieht, daß ſie ſich wahrhaft vornehm halten und betragen, wird man ſie dafür gelten laſſen. Wer ſich nichts verſagen will, dem wird die öffentliche Meinung alles verſagen; ſie richtet ſich nach dem Scheinez ſie wird durch den Schein geleitet und beſtimmt; alſo ſcheint wenigſtens, was Ihr wollt, daß man Euch ſein laſſe.“ Dieſe und ähnliche Anreden, die der ſonſt ſo einſilbige, nur über dieſes Thema geſprächig wer⸗ dende Baron Fach an die Brüder richtete, machten auf beide ſehr verſchiedenen Eindruck. Theodor nahm ſie hin, wie etwas oft gehörtes, deſſen tiefſte Wahr⸗ heit er zwar demüthig anerkenne, dabei aber einge⸗ ſtehen müſſe, von praktiſcher Ausübung ſolcher weiſer 174 Lehre noch weit entfernt zu ſein. Hermann wurde dadurch beunruhiget, weil er unwillkürlich an Tante Barbara dabei denken mußte; wie dieſe ihm faſt das Nämliche, faſt mit denſelben Worten zugerufen, und wie dennoch, was ſie geſagt, eine ganz andere Be⸗ deutung gehabt, ein ganz anderes Endziel verfolgt habe. Worin dieſer Unterſchied beſtehe? Welch eine Kluft zwei ſo gleichlehrende Erzieher von einander trenne? darüber vermochte er ſich keine Rechenſchaft zu geben. Doch er empfand, daß er dem Kammer⸗ herrn mißtraue, daß er in die Reinheit dieſer Leh⸗ ren Zweifel ſetze, ebenſo zuverläſſig, wie er an Tante Barbara und die ihrigen geglaubt habe. Dennoch empfand er nicht minder die Gewalt gei⸗ ſtigen Uebergewichtes, welches der Freund ſeines um ſo viel mehr erfahrenen Bruders auf dieſen, folglich auf ihn ausübte. Deßhalb war er zufrieden, daß Theodor, nachdem er einigemale fragenden Blickes die Wanduhr zu Rathe gezogen, jene lange Sitzung aufhob. In peinliches Erſtaunen aber brachte es ihn, ſich ins Ohr flüſtern zu hören:„Hermann, ſprich dieſer Tage gelegentlich bei mir vor; ich will das Erxamen fortſetzen, Deine Liebſchaft betreffend. Du darfſt keine dummen Streiche machen.“ Hermann umgürtete ſich eben mit ſeinem 175 Schwerte, wodurch er Gelegenheit fand, dem inqui⸗ rirenden Blicke, der dabei auf ihn gerichtet wurde, auszuweichen.„Zu welcher Stunde beftehlſt Du?“ fragte er ſchüchtern.. „Früh, eh' ich aufſtehe, zwiſchen elf und zwölf Uhr; was Ihr Mittag nennt. Dann ſind wir am ungeſtörteſten.“ „Ich werde mich einſtellen,“ ſagte der Geängſtigte und entfloh eiligſt, ohne den gnädigen Gruß zu erwiedern, den Herr Paul, der Kammerdiener, ihm gönnte; was dieſen veranlaßte, ihm einen ‚dummen Jungen' mit auf den Weg zu geben. Siebentes Kapitel. Der Sommer war da; er war mit dem Früh⸗ ling zugleich eingetroffen, wie das in manchen Jah⸗ ren wohl geſchieht, wo der Mai ſchon die wärmſten Nächte bringt, deren eine genügt, auch die letzte zögernder Blattknospen üppig zu entfalten. Alle Bäume gaben vollen Schatten, alle Vögel ſangen, und die wegen ihrer Sandwüſteneien ſo oft mit Unrecht beſpöttelte große Stadt,— mit Unrecht ſag' ich, weil ſie an grünem reicher iſt wie viele andere; 5 176 und weil nirgend ſchönere Pflanzen in kleinen Gärten und vor Fenſtern blühen;— grünte und blühte wie wenn ſie ein Garten wäre, und keine Stadt. Es war alles ‚über Nachte ſo geworden, ſagen die Leute, um zu bezeichnen, wie ſchnell die letzten Spu⸗ ren des Winters verſchwunden ſind;—„man ſieht es wachſen“ ſetzen ſie hinzu; und ſchlägt ſich ein lauer, ausgiebiger Landregen fördernd auf ihre Seite, ſo iſt dieſer Ausdruck keine Hyperbel mehr. Alles iſt gewachſen, iſt grün geworden,— und unſer Hermann ſcheint die wenigen Wochen, ſeitdem er mit Baron Fach bei ſeinem Bruder dinirte, auch gewachſen zu ſein. Er trägt ſeinen Kopf allerdings etwas höher, er tritt wirklich ein wenig ſicherer auf; ja er iſt gewachſen; denn er iſt, wenn nicht grün, wie die Bäume, doch auch anders,— er iſt Lieute⸗ nant geworden: er hat das Offiziereramen mit allen Auszeichnungen beſtanden; und der Mai hat ihm eine Blüte gebracht, die an ſeiner Seite hängt; die man höchſt proſaiſch und undeutſch,„Porte epee“ nennt, die ihm aber für den Augenblick lieber iſt, als eine noch ſo prachtvolle erotiſche Blume mit dem gelehrteſten botaniſchen Namen. Er hat es hinter ſich, was ihn bisher bei all ſeinem Fleiße, bei all dem gerechten Selbſtvertrauen, deſſen er ſich rühmen 177 durfte, immer beunruhigte, weil„man doch nicht wiſſen könne“— meinten die Uebrigen; auch hätten „die Herren Stabsoffiziere manchmal ihre Mucken, und fragen ſei leichter als antworten.“ Nun iſt's vorüber. Graf Hermann Eichengrün hat zuvörderſt Seiner Erzellenz dem Herrn Vater ſchuldigen Rapport abgeſtattet; dann hat er einen luſtigen, kindiſch⸗frohen Brief an Tante Barbara ge⸗ ſchrieben; hat beide Schriftſtücke richtig nach Eichenau und Friedhain adreſſirt; hat ſeinem Burſchen befoh⸗ len ſie auf die Poſt zu tragen, jedoch ehe dieſer marſchfertig war, ſie ihm wieder aus der Hand geriſſen und(ſicherheitshalber) perſönlich beſtellt; iſt ſodann zu ſeinem Bruder gelaufen, den er abermals nicht zu Hauſe fand, oder bei dem er abermals nicht vor⸗ gelaſſen wurde, was ihm ſeit jenem von uns beſchrie⸗ benen Mittagsmale bei jeglichem Beſuche widerfuhr; hat Herrn Paul erſucht, die Meldung zu übernehmen — unndd ſieht jetzt einen freien Nachmittag und Abend vor ſich, über den er ganz und gar nach ei⸗ genem Gutdünken verfügen darf. Im Zimmer zu bleiben, könnte ihm gar nicht einfallen, er müßte ja nicht klug ſein? Aber wohin denn? Ja, wer die Wahl hat, iſt übel daran, wenn kein beſtimmter An⸗ reiz ihn da oder dorthin zieht. Ins Freie! das ſteht 1857. XIV. Noblesse oblige. I. 12 * feſt. Doch ſo allein!? Mit Kameraden? Der Ver⸗ kehr mit den bisherigen lockt ihn eben nicht; er wünſchte ſchon längſt ſeinen Herren Fähndrichen und Junkern entwachſen zu ſein. Hatte er doch keinen Freund unter ihnen gefunden; es war juſt kein guter „Jahrgang' geweſen. Und zu den neuen Kameraden, die ihn noch nicht kennen, die er noch nicht kennt, zieht es ihn heute auch nicht. Er möchte— nun was möchte er denn?— Allein möchte er bleiben mit ſeinen wehmüthig⸗ſüßen Empfindungen, die zwi⸗ ſchen äußerlichem Wohlbehagen und innerlicher Sehn⸗ ſucht nach der Heimat ſchwanken; die ſich theilen in ſanfte Erinnerungen und heiße Wünſche. Ja, er möchte allein bleiben, allein umherirren, der Ver⸗ gangenheit leben, von der Zukunft träumen,— und nebenbei auch ein klein Bißchen Gegenwart genießen, im Sinne eines neugebackenen, lebensluſtigen Lieute⸗ nants, wenn ſich letzteres nur in ſelbſtgewählter Einſamkeit bewerkſtelligen ließe!? Ich ſehe ſchon, er wird unſchlüſſig die ſchön⸗ ſten Stunden vertrödeln! Doch nein, er ſetzt ſich in Bewegung. Er geht,— wohin?— Ob ich mir's nicht dachte! Er geht wieder auf die langweilige wahlauer Holzgaſſe zu. Ach Gott, ja, es iſ derſelbe Weg, den ich ſchon 179 beſchrieben habe! Dieſelben Plätze, dieſelben Gaſſen, dasſelbe ſchlechte Steinpflaſter,— nur daß uns heute noch weniger Menſchen begegnen als neulich, denn die ganze Stadt iſt ſpazieren gegangen. Mir kommt das Gähnen an! Jetzt ſteht er vor dem bewußten Hauſe. Er kann nicht einmal ins Fenſter gucken; die Bäume ſind ſo dicht belaubt.... Das iſt die eigentliche Schattenſeite des lieben Sommers, daß er nicht bloß Schatten ſpendet, wo man ihn ſucht; daß er auch Aus⸗ und Einſichten raubt, an denen doch ſehr viel gelegen iſt. Hermann ſtößt einige Flüche aus. Ich fürchte, ſie gelten den grünen Bäumen, die er doch im eichenauer Forſte ſo innig liebt! O, er würde dieſe Bäume auch lieben, wenn ſie im eichenauer Forſte ſtänden, oder in irgendeinem anderen, oder auf dem Blocksberge! Nur gerade hier kann er ſie gerade jetzt nicht brauchen, und er ſähe ſie mit Freuden verdorren! Aber auch dazu iſt nicht die geringſte Hoffnung vorhan⸗ den: ſie befinden ſich unverſchämt wohl; es ſind an⸗ maßend geſunde Bäume; ſie ſtrotzen von Saft und Körperfülle. Zwar allzuhoch haben ſie noch nicht getrieben, ſtrecken ſich mehr in die Breite. Aus den Fenſtern des zweiten Stockwerks gegenüber könnte man zur Noth über ſihre Wipfel hinweg die ‚Jungfer im grünen ſitzen ſehen. Aus dem dritten nun ganz gewiß! 82 12 180 Er muſtert das gegenüberſtehende Haus, ob es ſich in der That eines dritten Stockwerks rühme? Und nachdem er ſich davon überzeugt hat, und ſei⸗ nen Blick wieder herabgleiten läßt, bleiben die vom Sonnenglanze geblendeten Augen auf einem Täfel⸗ chen hangen, welches wie eine Vermiethungsanzeige an der Hausthüre baumelt, von heiteren Zephyren geſchaukelt, die ſich am großen Hauſe brechen und dann ſchnurſtracks zu den Bäumen hinüberſäuſeln, wo es ihnen unzweifelhaft beſſer gefallen mag. Hermann faßt einen kühnen Gedanken,— oder vielmehr der Gedanke faßt ihn, und ſo gewaltig, daß dem angehenden Helden und künftigen General das Herz gegen die neue Uniform ſchlägt, wie es nur in der erſten Schlacht beim erſten Kanonenſchuße thun könnte. Doch kühnen Muthes ſetzt er über den Straßendamm, erreicht die Hausthür, lieſet: „Zimmer für einen einzelnen Herrn, mit Möbeln, dritter Stock bei Madame Puſelmeyer!“ Und augen⸗ blicklich ſtürzt er hinauf, den Namen„Puſelmeyer“ Stufe für Stufe wiederholend, wie wenn es eine Heilige wäre, die er um Fürbitte anzuflehen hätte! „Iſt das Zimmer hier noch zu haben?“— Mit dieſer in Todesangſt herausgeſchrieenen Frage ch wirft er ſich durch einen Lattenverſchlag und eine 181 finſtere Küche in das hintere Gemach der kleinen, ärmlichen Wohnung, ſo wild und heftig, als ob in den wenigen Sekunden, die ihm für drei hohe, ſteile Stiegen genügten, irgendein Nebenbuhler ihm zu⸗ vorgekommen ſein könnte. Die arme Puſelmeyer, die mutterſeelen⸗allein, zum Fenſter hinaus der Ausſicht auf Nachbardächer und Schornſteine froh war und nach ſchwerer häuslicher Arbeit ihr Vesper⸗ Verdauungsſtündchen durch ſolche beſcheidene Ergötz⸗ lichkeit feierte, erſchrack dermaßen, daß ſie, ohne ſich nur zum Umſehen Zeit zu nehmen, rücklings auf den Stuhl am Fenſter hinſank und ſinkend ausrief:„Gott in Deine Hände, was gibt es! 24 Der raſſelnde Schleppſäbel wirkte ſo gewaltig auf ſie. Hermann wiederholte ſeine Frage etwas ruhi⸗ ger. Der angenehme Klang dieſer jugendlichen Stimme brachte ſie einigermaßen zur Beſinnung.„Menſch,“ ſagte ſie, noch immer bebend,„Sie ſind mein Tod, mein Kirchhof ſind Sie! Wer brüllt denn ſo entſetz⸗ lich und klappert ſo fürchterlich mit dem Sarras, wenn er nach Schamber garnie fragt? Das Zimmer drüben? Na, natürlich iſt's noch zu haben, ſonſt hinge ja der Zettel nicht unten. Das iſt doch klar! haben Sie's denn ſo ſehr ängſtlich?“— 182 „Ich miethe das Zimmer, jetzt gleich, führen Sie mich hinüber, im Augenblick; ich bezahle vor⸗ her, auf ein ganzes Jahr, wenn Sie wollen.“ „So? auf ein ganzes Jahr! und wiſſen noch nicht, was es koſtet! Und haben es noch nicht ein⸗ mal geſehen! Fragen nicht nach der Einrichtung! Wenn es Ihnen nu nicht gefällt?“ „Es braucht mir nicht zu gefallen. Ich nehm' es in jedem Falle. Es wird mir aber auch gefal⸗ len; das weiß ich ſchon vorher.“ „Aber mir gefällt das nicht, Herr Leutnant,“ ſagte die Puſelmeyer und ſtand auf. Sie war jetzt wieder auf den Beinen. Der Schreck hatte ſich ge⸗ legt.„Mir gefällt das nicht, daß Sie ſchon vorher wiſſen wollen, wie es Ihnen gefallen wird. Denn daraus kann ich mir abklavieren, daß es Ihnen nicht ums Zimmer zu thun, ſondern um was anderes; und ehe wir darüber nicht im reinen ſind, nehm' ich keinen Groſchen von Ihnen. Ich bin eine arme Frau und es kommt mir ſehr hart an, daß ich ſeit drei Monaten keinen Miether habe, denn warum, es iſt darauf bei mir gerechnet, wenn ich durchkom⸗ men ſoll. Aber ehe ich mein Kind in Schande und Unglück brächte, wollte ich lieber die Stube drüben Uhnoch drei Monate leerſtehen laſſen.“ — — 183 „Ja, liebe Frau,“ ſagte Hermann aufrichtig er⸗ ſtaunt,„wer Teufel denkt daran, Ihrem Kinde etwas zu Leide zu thun? Ich weiß wahrhaftig nicht, ob Sie ein Kind haben, oder ein Dutzend, oder gar keins. Iſt mir auch gleichgiltig.“ „So kennen Sie meine Tochter nicht? Haben das Mädchen nie geſehen?“ „Machen Sie mich nicht ärgerlich, Madame Puſelmeyer. Was kümmert mich Ihre Tochter? Auf mein heiliges Ehrenwort, ich frage nicht nach Ihrer Stube, nicht nach den Möbeln, nicht nach der Toch⸗ ter, ſogar nicht nach Ihnen. Kurz und gut: ich will nur ſehen, ob man aus den Fenſtern des Zim⸗ mers, welches Sie vermiethen, das ſehen kann, was ich zu ſehen wünſche! Hab' ich mich davon überzeugt, ſo fordern Sie— und wir ſind einig. Und ich verſpreche Ihnen, daß ich weder Ihnen, noch Ihrer Tochter, und wäre ſie das ſchönſte Mädchen der Stadt, im geringſten beſchwerlich fallen will. Ich will täglich, wenn es ſein kann, nur einige Stun⸗ den hier zubringen, ohne Geſellſchaft, ganz allein, ganz ruhig, ganz unbemerkt. Es ſoll ſein, als ob Sie gar keinen Miethsmann hätten, was Geräuſch und Unruhe betrifft; und Sie ſollen nichts von mir ſpüren, als das Geld, womit ich Sie bezahlen werde. 184 Und nun, machen Sie weiter keine Umſtände mehr und ſchließen Sie mir das Thor zu meinem Para⸗ dieſe auf.“ Die Puſelmeyer fing an zu begreifen. Sobald nur ihre mütterlichen Beſorgniſſe ſchwiegen, ſprach das Bedürfniß wieder laut und vernehmlich.„Wenn es ſo ſteht,“ meinte ſie;„und wenn nichts unrech⸗ tes bei mir geſchehen ſoll, keine Rendezvous, keine Saufgelage, kein Skandal zu befürchten iſt..... das Weitere geht mich nichts an, und die Polizei nicht, und keinen Menſchen. Eine arme Witwe will auch leben und zum Fenſter hinausgucken iſt weder gegen göttliche noch menſchliche Gebote. Gucke ich doch auch zu meinem Fenſter hier hinaus und gucke in manche Dachkammer, in manchen Hofraum hin⸗ ein. Was iſt dabei? Wer nicht will, daß man ihm ins Fenſter hineinſieht, der muß Gardinen vorma⸗ chen, oder Schaluſieen. Zum Sehen hat uns der Schöpfer die Augen gegeben. Ja, Herr Leutnant, ich verlaſſe mich auf Sie, daß Sie die Wahrheit ſagen; Sie können gewiß nicht lügen; Ihnen glaub' ich. Kommen Sie, ich ſchlteße auf. Proper und reinlich iſt, denk' ich, alles; na, Sammt und Seide kann nicht ſein für fünf Thaler monatlich.— Aber Sie ſollen nur vier zahlen, weil Sie keine Bedie⸗ 18⁵ nung gebrauchen.“— Damit öffnete ſie und Hermann überſah auf den erſten Blick, daß ein beſſeres Obſer⸗ vatorium für ſeine Zwecke nicht zu erſinnen ſei. Heute war nun allerdings nichts zu beobachten, nichts zu entdecken. Alle Fenſter in der weiblichen Bildungsfabrik der Demoiſelle Prudent ſtanden ſperrangelweit auf. Im Innern ging es bunt über Eck; da wurde gefegt, gebürſtet, ausgeklopft, gelüf⸗ tet,.... offenbar hatte man die Heerde ausgetrie⸗ ben, um unterdeſſen den Stall gründlich zu ſäubern; wahrſcheinlich kehrten die Lämmer erſt ſpät zurück!? Hermann erwies ſich, ſobald er ſich nur dieſe Ver⸗ hältniſſe klar gemacht und logiſch geordnet hatte, eines diplomatiſchen Bruders nicht unwürdig. Er nahm eine planmäßig geleitete Ueberſchau ſämmtli⸗ cher gegenüberſtehenden Nachbarhäuſer vor und ver⸗ weilte mit Aufmerkſamkeit und ſcheinbarer Neugier auf dieſer ſteinernen Fronte ungleich länger, als auf dem in Zurückgezogenheit hinter den Bäumen ver⸗ ſteckten Mädcheninſtitute. Die Puſelmeyer mußte irrewerden an ihren zunächſtliegenden Vermuthun⸗ gen. Und auch darüber ſprach ſie ſich ehrlich aus. „Sehen Sie, guteſter Herr Leutuant, nu ſind Sie mir noch dreimal lieber wie vorerſt, nu ich ſehe, daß Sie'was anderes auf dem Striche haben, als das * 186 junge Mädelvolk bei Prudents. Denn warum, das hätte mich ſchenirt, wegen meiner Dore.... jetzt iſt alles gut. Und dem großmäuligen Rennthier da drüben im zweiten Stock mit ſeine Spiegelſchei⸗ ben und Kaktuſſe dazwiſchen iſt's recht geſund, wenn ſeine junge Frau ein flottes vis-à vis kriegt. War⸗ um läßt er ſie ſo viel allein und reitet ſeinen dicken Wannſt überall herum! Kann er nicht einen recht⸗ ſchaffenen Einſpänner draus machen und das hübſche Weibchen mitnehmen, wo er ſich amüſirt? Aber nein, das will ſeinen Vergnügungen nachreiten und fragt nichts danach, ob Madamchen ſich zu Hauſe langweilt, wie der Mops in der Schublade. Reite man aus, Rennthier!“ Hermann ſtellte ſich, als ginge er auf die rach⸗ ſüchtigen Phantaſiegebilde dieſer gegen weibliche Sklaverei ſtreitenden Frau vertraulich ein. Er legte den Finger auf ſeinen Mund und machte ein mög⸗ lichſt wichtiges Geſicht, um ihr feſtes unverbrüchliches Schweigen anzuempfehlen.„Es iſt ein tiefes Geheim⸗ niß, Madame Puſelmeyer,“ flüſterte er.„Sie dürfen auch Ihrer Dore nichts merken laſſen.“ „Na, wo werd' ich denn, Herr Leutnant? Das bleibt zwiſchen uns beiden und ich nehm' es mit mir in das Sarg. So gewiß... 187 Er legte einige Goldſtücke auf den Tiſch, uner⸗ achtet ihrer Weigerung.„Mein Burſche wird einen Korb voll Bücher bringen; weiter brauch' ich hier nichts. Ich beabſichtige hier zu leſen. Hören Sie wohl? Nur um ungeſtört von den Beſuchen ſei⸗ ner Kameraden hier den Studien obliegen zu können, hat Lieutenant ‚Hermann⸗ dieſes Abſteigequartier gemiethet. Nur deßhalb, beſte Madame Puſelmeyer. Und nun leben Sie wohl und nehmen Sie den Miethzettel von der Hausthüre weg; vergeſſen Sie das ja nicht.“ „Hier haben Sie einen Schlüſſel,“ rief ſie ihm nach;„ſtecken Sie ihn bei, goldenſtes Leutnant⸗ chen. Es könnte geſchehen, daß ich nicht ‚bei mir⸗ wäre, wenn Sie juſtament abſolut rechte Luſt zum Studiren hätten, und durchs Schlüſſelloch geht's nicht, mag Ihre Taille auch noch ſo dünn ſein.“ Er ſtieg die Treppen hinab, des Bewußtſeins voll, daß er eine große That gethan habe! War es doch ſeine erſte, und er hatte ſie klug und glücklich vollbracht. Aufjauchzen hätte er mögen, ſo zufrieden fühlte er ſich. Welchen ſchönen Stunden ſah er entgegen! Unten angelangt, vermochte er einem Aus⸗ bruche ſeiner freudigen Gefühle nicht zu gebieten. Er zog den Säaͤbel, ſpießte den verhängnißvollen * 188 Wohnungsanzeiger auf, holte ihn herab und ſteckte ihn in die Taſche, als fühlbares Zeichen kühn er⸗ rungenen Glückes. Dann ging er weiter; planlos zwar, doch darum nicht minder angezogen von einer unwi⸗ derſtehlichen Macht, die ihn jenem Wäldchen zuführte, in welchem er ſchon einmal die prudentiſchen Schü⸗ lerinnen gefunden. Kinderei! Als ob ſie heute, wo ihr ganzes Haus umgedreht wird, und ſie einen ſchö⸗ nen langen Tag vor ſich haben, ſich ſo dicht vor dem Thore aufhalten würden!?— Aber man iſt ſo dumm. Bleibt es auch noch in ſpäteren Jahren, wenn man doch ſchon durch Erfahrung klug geworden ſein ſollte. Immer knüpft man ſüße träumeriſche Erwartungen, unmögliche Hoffnungen an Plätze, wo dereinſt eine entzückende Begegnung zufällig ſtattfand. Und man ſtarrt eine Raſenbank, eine Laube, eine Straßenecke traurig an, weil man ſie leer findet. Leer fand er nun das Wäldchen nicht. Es wimmelte von Kindern darin; doch keinesweges von ſchönen. Sie ſchüttelten Maikäfer die wilden Spröß⸗ linge einer übelberufenen Vorſtadtbevölkerung und lärmten dabei ſo furchtbar, daß ſie den Liebenden gar bald verſcheuchten aus dieſem frevelhaft durch ſie entweihten Haine. Er ſchlug ſich rechts und ge⸗ langte ans Ufer des Fluſſes. Hier hielten mehrere 2* 189 Gondeln, deren Inhaber ihre Dienſte zu einer Waſ⸗ ſerfahrt anboten. Die Wellen zogen weich und lok⸗ kend dahin; die Sonne wärmte noch, aber ſie brannte nicht mehr; wie ſchoͤn, im kleinen Kahn zu ſchwim⸗ men und dem Strome zu folgen, ohne Ziel und Endzweck; wie ſchön, die Gluten des Innern ſanft verkühlen zu laſſen auf dunklen Wogen! Wie reizend aus ihrer Tiefe feuchte Bilder emportauchen und wieder verſchwinden zu ſehen im Gewühle der Flut! Das rechte Bild beſchaulichen Lebens, wechſelnden Daſeins, undurchdringlicher Zukunft. Hermann beſtieg ein zierlich gebautes, grünan⸗ geſtrichenes Fahrzeug, deſſen Führer, ein hübſcher Junge ſeines Alters, in grauleinenem Beinkleid, bar⸗ füßig, ein buntes Hemd und kleinen Hut aus gro⸗ bem Stroh geflochten trug, von dem wimpelgleich das breiteſte rothe Band wehte. „Wohin, Herr Obriſtleutnant?“ fragte der Junge mit dem Tone gutmüthiger Neckerei, die allen ſeinen Landsleuten eigenthümlich, ſo leicht in verletzenden, ſcharfen Witz ausartet, wenn ſie ſchroff behandelt wird, die aber, bei freundlichem Entge⸗ genkommen in den Grenzen beluſtigender oft witzi⸗ ger Vertraulichkeit bleibt. „Wohin Du willſt, mein Junge,“ ſagte Hermann 2 190 lächelnd und ſtreckte ſich bequem aus, ſo weit es der ſpärlich zugemeſſene Raum ihm geſtattete. Dabei ge⸗ rieth der Kahn in bedenkliches Schwanken. „Viel Manövers dürfen wir nicht machen,“ rief der Schiffer;„ſo breit wie der Exerzierplatz iſt mein Dreimaſter nicht und wackeln thut er auch ein Biß⸗ chen. Bleiben Sie man liegen, wo Sie einmal lie⸗ gen, ſonſt ſchütten wir um; und ſo'n junger Feld⸗ marſchall verſauft geſchwinde. Oder haben Sie auch „‚zu Waſſer’ geſchworen?“ „Natürlich,“ erwiederte Hermann;„zu Waſſer wie zu Lande! Und ſchwimmen kann ich auch.“ „Na, dann dürfen wir keine Bange nicht haben,“ rief der Ruderer vergnügt und ſtieß tüchtig ab, mitten ins Fahrwaſſer hinein. Der Fluß,— oder, wenn wir verbindlicher uns ausdrücken wollen: der Strom zeigte ſich, trotz des heißen Tages nicht allzubelebt. Eher legt der Reſidenzler voreilig ſeine ‚frühen weißen’ an, un⸗ bekümmert, ob noch zurückgeſchlagene Fröſte tückiſch hinter den Blüten lauern, als daß die Reſidenz⸗ lerin ſich vor wirklichem Eintritt des vollen Som⸗ mers zu Waſſerpartieen drängen ſollte. Nur aus⸗ nahmsweiſe begegneten Hermann und ſein ſchelmi⸗ ſcher Gondolier einigen größeren Kähnen, worinnen * 191 meiſt junge Leute beiderlei Geſchlechtes ſaßen, denen Erſterer ſehnſuchtsvoll und nicht ohne Neid nach⸗ blickte, denen Letzterer allerlei anzügliche Bemer⸗ kungen nachſchickte, von denen die geſungene:„Das Schiff ſtreicht durch die Wellen, Fri dolin; drinn ſitzen zwei Mamſellen— wer kauft Kien?“ noch eine der harmloſeſten war. Es iſt nicht zu leugnen, die meiſten der aufge⸗ putzten Frauenzimmer erwieſen ſich durch die Röthe ihrer entblößten Arme und durch ihr ganzes Beneh⸗ men als ‚endimanchirte Küchendragoner:— denn warum ſollten wir ſie nicht auch an einem Wochen⸗ tage ſo nennen dürfen, da doch dieſer für ſie ein „Ausgeh'⸗ folglich Sonntag zu ſein ſchien? Und weßhalb ließ Hermann Graf Eichengrün dieſen ihm höchſt gleichgiltigen Damen ſeine von Zauberthau der Wehmuth umſchleierten Blicke fol⸗ gen? Weßhalb ſeufzte er bei jeder ähnlichen Begeg⸗ nung, ſobald ſich wieder eine Gondel näherte? Der Schifferjunge fand bald die richtige Spur. „Beſter Herr Leutnant,“ ſagte er pfiffig, nachdem wie⸗ der ein ſchwerer Seufzer über die Wäſſer fuhr,„wiſſen Sie, wie ich heiße?“ „Wie ſoll ich das wiſſen?“ „Na, rathen Sie mal!“ „ 192 „Wird wohl ſo'was ſein wie Auguſt, Wilhelm oder Fritze?“ „Meiner Seele, Fritze iſt getroffen. Aber mit Vaters ſeinen Namen?“ „So weit verſteig' ich mich nicht, Fritze! Väter⸗ namen gibt es zu mannichfaltige.“ „Meiner heißt Merk. Merken ſie was?“ „Nicht das Geringſte, Friedrich Merk!“ „Ich aber! Hurrjeh! Ich merke alles, ich merke, daß Sie jedesmal tief Athem holen, ſowie uns eine Ladung Mädchen in die Quere kommt. Und ſind doch kleine Schiffchen, wo nicht viele Platz drin haben, ſo leichte Waare es auch ſein mag. Nu hab' ich auch bemerkt, daß heute früh eine von unſern größten Gondeln abgeſegelt iſt, wo ein halbes Schock Fräuleins drin'rumzappelte, lauter Backfiſchchens, mit höchſtens zwei oder drei Stück alte bemvoste Karpfen'mang. Sind hinuntergefahren, ſtromab, mit vier Matroſen, und ich ſagte noch zu Auguſt, Auguſt ſagt' ich, da möcht' ich bei ſein. Seh'n Sie, Herr Leutnant, das iſt eine alte Regel hier auf dem Waſſer: was Vormittag ſtromab fährt, das kommt Nachmittag, oder Abend ſtromauf retour. Wenn's Ihnen nu vielleicht nicht ſo ſehr um Aale und Hechte zu thun wäre, auch nicht um Krebſe,— als vielmehr * um Backfiſchchens.... und ich hätte richtig bemerkt... Nee, es iſt aber graulich, was Sie für Augen machen!“ „Friedrich Merk, merk auf. Wenn wir mit der Familiengondel, von der Du erzählſt, zuſam⸗ mentreffen; oder wenn Du mich an einen Ort bringſt, wo die jungen Damen ausgeſtiegen ſind, und wo ich auch ausſteigen kann.. kennſt Du dieſe gelbe Münze?“ „Das iſt, was man einen Fritzedor nennt, mit unſerm Alten ſeinem Porträt drauf; hat noch ei⸗ nen hölliſchen Zopf der Allergnädigſte, aber iſt ſolide ſo'n Rechenpfennig; ſolide wie unſer Alter, und hält feſten Kurſch wie der: Fünf Thaler zwanzig Groſchen, wie die Semmel beim Bäcker!“ „Der iſt Dein, wenn geſchieht, was ich wünſche!“ „Iſt ſchon mein. Der Herr Leutnant müſſen mir aber nicht drein reden, und mir's Kommando übergeben. Ich hab' meinen Plan fertig. Jetzt kann's losgehn!“— Und Fritze gab ſeiner Nußſchale kräftige Hilfen mit dem langen Ruder.„Sehn Sie,“ ſprach er dazwiſchen,„ich rechne ſo: auf hinunter iſt das fix gegangen, und ſie haben Eil' gehabt auf die grüne Wieſe zu kommen und Reifen zu ſchlagen. Dann haben ſie gefuttert, im Haidekrug; dann ha⸗ ben ſie Maiblümchen geſucht und Sträuße gewunden, oder ſo was. Dann ſind ſie wieder eingeſtiegen in 1857. XIV. Noblesse oblige. I. 13 194 die Fregatte und haben ſich auf die Rücktour bege⸗ ben. Aber da ſtuckert's! Wie mein ſeliger Vater immer ſagte, ich war noch ein kleiner Junge, wenn er mir mit der Hand übers Geſichte fuhr: hinunter geht's prächtig, aber hinauf geht's ſchwer, vonwe⸗ gen die Naſe! Stromauf will's was wiſſen! Na, da kehren ſie erſt im Fiſcherhäuschen ein und ſchlabbern Koffeh. Wenn ſie hernach wieder einſteigen, da wird gebettelt: jetzt noch ein Bißchen auf den See! Und ſind ſie erſt auf dem See, ſo legen ſie auch am Kirchhofe an und betrachten ſich die Gräber. Unter⸗ deſſen iſt's kühle geworden und ihre Aufſeherinnen und Lehrerinnen kriegen's mit der Angſt, daß ſich die Backfiſche auf dem Waſſer den Schnupfen holen könnten; da, haſt Du nicht geſehn, auf die Beine gemacht und per Achſe nach Hauſe gereiſet; wie die jungen Rephühner hinter der Henne her. Und die Dore bleibt in der Gondel bei der Bagage. Die Dore fürchtet ſich nicht vor dem Schnupfen und iſt überhaupt nicht furchtſam. So war's im vorigen Früh⸗ jahr bei der großen Waſſerfahrt von der prudent'ſchen Anſtalt, und ſo wird's heuer auch ſein, denk' ich Alſo denk' ich, wir ſpielen uns langſam bis an den Kirchhof... und der gelbe Schwede, den Sie mir gezeigt haben, wird verdient ſein.“ — 195 „Wer iſt die Dore, die bei der Bagage bleibt?“ „Na, wer ſoll denn die Dore ſein? Das iſt ein Laufmädel, ein Schicketanz, eine Aushelferin bei Prudents. Des Morgens geht ſie hin, hilft im Hauſe, in der Küche, macht Beſtellungen, und Abends rückt ſie wieder bei ihrer Mutter ein, bei der alten Puſelmeyer. Ich und die Dore wir kennen uns ſchon von Kindsgebeinen an. Wir ſind zu gleicher Zeit Gaſſenjungen geweſen, ſie und ich. Jetzt gibt ſie's ein Bißchen höher, wenn ſie das zimmtbraune Umſchlagetuch um hat, was ſie ihr vorigen Weih⸗ nachtsabend geſchenkt haben, die Backfiſche alle zu⸗ ſammen; denn ſie iſt ſo gewiſſermaßen Vertraute von allen und holt ihnen zu naſchen, hinter der Prudent ihrem Rücken; deßwegen haben ſie ihr viele Geſchenke gemacht zum heiligen Chriſt und das zimmt⸗ braune iſt nicht bitter. Aber ſtolz iſt die Dore darum doch nicht und kennt ihre alten Freunde von der Gartenſtraße noch immer.“ „Wie ſich das ſo fügt und trifft!“ murmelte Hermann.— Sodann erfolgte eine feierliche Stille, nur durch Fritze's plätſcherndes Ruder unterbrochen. Auch dieſer hing ſtillen Gedanken nach. Ob ſie Doren galten? Wer weiß? Wohin Hermann die ſeinigen richtete, das iſt uns wohl bekannt. Zunächſt 13 „ 196 gingen ſie auf den Kirchhof, der denn auch bald erreicht war. Es iſt ein kleines Kirchlein, welches da einſam ſteht, von einem heimlichen Fleckchen Erde umgeben, von einem Halbinſelchen im großen, blauen Landſee. Die meiſten Inſchriften über grünen Grabhügeln reden von Opfern, die der See gefordert. Der kühle See, der ſie erquickend angelächelt, der ihnen aus kraͤuſelnden Wellen lüſtern zugelispelt: ſteigt hernie⸗ der in meinen Schooß, rettet Euch vor der Glut des Tages in mein friſches, belebendes Reich; ich verheiße Euch wonnige Labung. Mit weichen Armen will ich Euch umfangen, liebevoll Euch tragen und wiegen; alle Luſt Euch ſpenden!.. Und ſie folg⸗ ten der verführeriſchen Lockung. Warnenden Bitten vom Uſer, die ihnen die Tücken der wandelbaren Flut, die Launen der Unterirdiſchen vorhielten und mahnend auf die Gräber deuteten, ſtellten ſie in ihrer Begierde kühnes Vertrauen auf eigene Kraft entgegen; riefen ihnen fröhlich zu, daß ſie mit gewandten Gliedern ſchlimmeren Gefahren, reißenden Strömungen Trotz geboten. Sie warfen ſich jauchzend kopfüber in den See,— ein Schrei,— ein krampfhaftes Zuk⸗ ken,— ſie waren verſchwunden,— ſie waren ſein, er behielt ſie, und erſt, wenn er ihrer überdrüſſig —ᷣ—O—B—Qꝑ—OCnQQQ—Qn:n— wurde, warf er die entſeelten Leichname wieder aus, wie böſe Kinder den todten Vogel wegwerfen, den ſie quälten, bis er ſtarb. Manches Vaters Hoffnung und Stolz, mancher armen Mutter einzige Freude modert hier im feuchten Sande. Die Grabſchriften ſagen's. Sie ſind ebenſo viele Zungen, die da ins Leben hineinrufen: Traut den ſchmeichleriſchen Wogen nicht!!— Vergeblich! Jahr um Jahr verſchlingt der Unerſättliche neue Opfer. Fritze machte ſein ‚beſtes Leutnantchen! auf⸗ merkſam auf eine Gedächtnißtafel, die den Namen eines jungen Malers trug;„Wilhelm K., den hab' ich,“ ſagte der Burſch mit Thränen im Auge,„unter⸗ gehen und ertrinken ſehen; acht Tage ſpäter hab' ich ihn helfen herausziehen, eine halbe Stunde weiter da unten. Und wie er da ausſah— hu— gruſelich! Und war ſo ſchön geweſen,— ſo ſchön wie Sie, Herr Leutnant, nicht viel älter wie Sie. Es waren ihrer ein Dreißig, Vierzig und mehr. Feierten ein Künſtlerfeſt, wie ſie's nannten, einem alten Deutſchen zu Ehren, ich hab' den Namen vergeſſen; am zwan⸗ zigſten Mai vor zwei Jahren. Wir hatten auch ſo heißes Wetter, wie heuer; und drüben im Gaſthauſe war tüchtig gebügelt worden und ſie kochten wie die Ofentöpfe um Mittagszeit. Mitten auf dem See 198 riß ſich der Wilhelm die Kleider vom Leibe und ſtellte ſich zum Steuer hin, hielt eine lange Rede von deutſcher Kunſt und Vaterland; und daß er einen Preis erworben hätte zur Reiſe nach Rom; aber dort auch wollt' er ein Deutſcher bleiben und als großer berühmter Mann wollt' er nach drei Jahren wieder zurückkommen, ſo gewiß wie er jetzt ins Waſſer ſpränge und ans Ufer ſchwämme. Spring' nicht, Wilhelm, ſchrieen die Andern, Du biſt erhitzt, kannſt den Tod davon haben... da war er ſchon drin! Einmal tauchte er wieder herauf, ein ganzes Stüůck⸗ chen fort,— und hob den Arm— gleich wieder weg. Donnerwetter, ſagte mein Vater, der verſauft. — Wie wir mit den Kähnen hinkamen, fanden wir nicht die Probe von einem Maler— Hier liegt er, Herr Leutnant, und iſt nicht nach Rom gereiſet, und ein berühmter Maler iſt er auch nicht geworden.“— Hermann ging von einem Grabkreuze zum an⸗ dern. Um einige hingen friſche Kränze, die erſt ge⸗ ſtern, oder heute von der Hand der Liebe gewunden ſein konnten. Auch um Wilhelm's Namen ſchlangen ſich grüne Blätter und bunte Wieſenblümchen. Die hätte ein junges Mädchen gebracht, verſicherte Fritze. „Mir würde niemand einen Kranz flechten, wenn ich hier läge,“ murmelte der Graf. ———— 199 „Aber vielleicht wenn Sie hier ſäßen?“— meinte der Schiffer;„es ſitzt ſich ganz gut auf einem Grabe, im Sommer, bei Mondſchein. Und da ſchwimmt ju⸗ ſtament eine Kompagnie herüber, wo jedwede Blu⸗ men und Zweige in der Hand hält. Die ſind auf Graſung geweſen, ſehen Sie man. Das ganze pru⸗ dentſche Mädelvolk; und ſingen thun ſie auch.“ Ja, ſie ſangen die lieben Kinder, einen hellen hübſchen Chor, der ſich gar anmuthig über die glatte Oberfläche des tückiſchen Sees erhob und wie ein Gruß erſter, innigſter, reinſter Liebe zu Hermann's Herzen drang. Wähnte er doch ihre Stimme her⸗ auszuhören!? „Groß und klein durcheinander,“ ſprach Fritze; „wie's der Hirte austreibt. Und die den großen Freß⸗ kober hält, wo aber nichts mehr drinnen ſticht, das iſt Dore, Herr Leutnant!“ Zunächſt würdigte Hermann die Tochter ſeiner neuen Freundin Puſelmeyer keiner allzuverbindlichen Aufmerkſamkeit. Er ſuchte einen andern Gegenſtand für ſeine Feuerblicke und fand ihn bald heraus, mitten aus dem Gewühl der ungeduldigen Mädchen, die es kaum erwarten konnten, den Begräbnißplatz mit ihrer lärmenden Anweſenheit zu beehren. Jetzt ſtieß der Schnabel des Fahrzeuges ans Ufer, der vorderſte 200 der vier Ruderer reichte der Kleinſten im Schiffe ſeine Arme und warf ſie wie einen Ball auf feſten Boden. Ihr folgten kichernd einige Andere. „Der räumt geſchwinde auf,“ äußerte Fritze und nickte dabei Doren zu, die den Gruß erwiederte, dann aber ſogleich den leeren ‚Zökere vor das ſchamröth⸗ liche Angeſicht hielt; was Fritzen veranlaßte zu flü⸗ ſtern:„Bange machen gilt nicht!“ Mittlerweile trat im Ausladungsgeſchäft eine Stockung ein. Die ſchönſte von den ſchon halber⸗ wachſenen Penſionärinnen der Demoiſelle Prudent— (und wir ſprechen es aus im Selbſtgefühle des be⸗ friedigten Biographen, daß dieſe keine andere gewe⸗ ſen, als Hermann's ‚Jungfer im grünen; doch ihren Namen kennen wir noch nicht!)— hatte ſchon den einen ihrer zierlichen Füße in der Schwebe, um ſich auf feſtes Land zu ſchwingen,... da that ſie einen leiſen Ausruf des Schrecks, oder der Freude? und fuhr wieder ins Schiff zurück.„Mais qu' avez vous donc. Mathilde?“ fragte Demoiſelle Prudent.— Mathilde,— ha nun wiſſen wir den Namen, und Graf Hermann weiß ihn auch, denn Demoiſelle Prudent pflegte, wie die meiſten Erzieherinnen ſehr laut und ein⸗ dringlich zu fragen und zu lehren, damit man eine Vier⸗ telmeile im Umkreiſe Gelegenheit finde, zu hören, wie 201 muſterhaft ſie erzog!— Mathilde hütete ſich ſehr, zu antworten, daß ſie plötzlich den jungen Herrn in zweierlei Tuch erblickt habe, den bis dahin die Grab⸗ kreuze gedeckt und ihrer Wahrnehmung entzogen. Sie ſtammelte eine ungenügende Entſchuldigung, worauf Demoiſelle ihre Brillen zurechtrückte und die Halbinſel mit bewaffnetem Auge obſervirte. Die Folge davon war eine retrograde Bewegung ſämmt⸗ licher Flottillenbeſatzung, welcher ſogar ein Befehl folgte, die bereits aus Land geſetzten leichten Vor⸗ poſten wieder einzuziehen;— denn die weiblichen Admirale konnten ja nicht gutſtehen, ob nicht viel⸗ leicht hinter verſchiedenen Denkmälern noch ver⸗ ſchiedene Offtziere ſteckten, und was ſolche in ſolchem Hinterhalte etwa beabſichtigten?? S Hermann, allen zum erſtenmale Liebenden ähnlich, wie mit Blindheit geſchlagen für jede Wahr⸗ nehmung, welche nicht die Geliebte ſelbſt betraf, konnte nicht begreifen, was da vor⸗ und weßhalb die Ausſchiffung zurückging? Fritze hatte die Einſicht für ihn.„Die riechen Lunte,“ ſprach der ſchlaue Sohn der Reſidenz;„ſie fürchten ſich vor Ihnen, Herr Leutnant. Die Pru⸗ dents ſind hölliſch hinterher, daß ihnen kein Wolf nicht zwiſchen die Heerde kommt.“ 202 „So laß' uns das Feld räumen; ich will nicht verhindern, daß die jungen Damen hier ans Land ſteigen. Mathilde könnte ſich erkälten, wenn ſie länger auf dem Waſſer bliebe in den Abend hinein.“ Fritze ſprang in ſein Schifſchen, band es los und ergriff das Ruder. Hermann hing den puſel⸗ meyerſchen Miethzettel an ein Grabkreuz auf den Nagel, der einen welken Kranz trug. Dann folgte er ſeinem Schiffer— und ſie ſtießen raſch vom Ufer mit aller Eil hochachtungsvoller Rückſicht für die bedenkliche Zögerung der Lehrerinnen. Alſobald begannen dieſe wieder die Entleerung ihrer großen Gondel zu fördern. Hermann ſah ſich ſcheidend faſt die Augen nach Mathilden aus und ob ſie ſich etwa dem Grabe nähern werde, über welchem er ſeine Votipotafel befeſtigt? Doch dieß geſchah nicht. Die zarte Jungfrau hielt ſich dicht zu ihrer Gouvernante Brillen. Dore jedoch— und Fritze gab dieſer That ſeinen Beifall zu erkennen,— ſtibitzte das ihr be⸗ kannte Blatt weg und brachte es in den Verſteck ihres leergegeſſnen Magazins, ehe ein anderes Auge es hätte entdecken können.— 203 „Sie hat's,“ verſicherte Fritze,„und vor Schla⸗ fengehen weiß die Mathilde, was auf dem Liebes⸗ briefe ſteht, da können Herr Leutnant Gift drauf nehmen.“ „Nimm Du einſtweilen den Friedrichsd'or,“ ſagte Hermann;„wer ſeine Schulden bezahlt, verbeſſert ſeine Umſtände.“. 3 „Und meine auch, guteſter Herr Leutnant!“ Achtes Kapitel. Graf Theodor hatte wahrſcheinlich ganz vergeſ⸗ ſen, oder war durch die Zerſtreuungen der großen Welt, worin er ſich bewegte, verhindert worden, dar⸗ auf zu achten, daß er ſeinen Bruder ausdrücklich aufgefordert, einem der naͤchſten Levers beizuwohnen. Jetzt, wie Paul ihm erzählte, Graf Hermann habe ſich als Lieutenant melden wollen, fiel dem diplo⸗ matiſchen Majoratserben von Eichenau alles wie⸗ der ein; auch, daß er die Abſicht gehegt, ‚über des Jungen Inklinationen ſich zu informiren. Er gab daher Befehl, Hermann ſolle vorgelaſſen werden, das nächſtemal wo er ſich einſtelle; müſſe man dadurch auch den ſüßen Morgenſchlaf des Erſtgeborenen ſtören. 204 Doch Hermann ſtellte ſich nicht ein. Der hatte ganz andere Sorgen, ganz andere Geſchäfte, als ſei⸗ nem Herrn Bruder den Hof zu machen. In dem puſelmeyerſchen möblirten Zimmer war er bald heimiſch geworden, und was er zuerſt wie einen Vor⸗ wand gebraucht, daß er dort ungeſtört leſen und ſich allerlei Studien widmen wolle, geſtaltete ſich ſchon in den erſten Tagen zur Wirklichkeit. Sein bekann⸗ tes, anerkanntes, offizielles ‚zu Hauſe’ befand ſich in belebter Gegend der Stadt, mitten unter den Woh⸗ nungen der Kameraden, unweit ihrer Regimentska⸗ ſerne, welche auch mehrere derſelben beherbergte. Von ſeinem ſtillen Zufluchtsorte wußte außer dem Burſchen, der ihn bediente, niemand das Geringſte; und dieſem Vertrauten war tiefes Schweigen aufer⸗ legt. Der Kerl hätte ſich eher die Haut vom Leibe, als ein Wort des Verrathes aus dem Munde zie⸗ hen laſſen, ſo feſt ergeben hing er an ſeinem Gra⸗ fen ſeit der erſten Stunde, daß er um ihn geweſen. — Und da fiel es denn weiter nicht auf, daß Graf Eichengrün, der ſchon vorher für einen jungen Son⸗ derling gegolten, ſich auch als Lieutenant iſolirte und mit ſeinesgleichen keinen vertrauten Umgang pflegte. Bedeutende Zulage ſchien er nicht zu haben, machte keinen Aufwand, vermied jede unnütze Ausgabe, kon⸗ 205⁵ trahirte keine Schulden und ſtieß durch ſein wiſſen⸗ ſchaftliches Streben diejenigen zurück, die nur in zeit⸗ tödtenden Zerſtreuungen Vergnügen fanden. Dieſe ſuchte er auch ebenſowenig, als den Verkehr mit der übrigen vornehmen Welt, obſchon ihm, dem Sohne ſolchen Vaters, dem Neffen der Gräfin Bar⸗ bara, viele vornehme Hänuſer offengeſtanden hätten. In jenen Regionen wußte man kaum von ihm, und Graf Theodor that ſeinerſeits nicht das Geringſte, an ihn und ſeine Anweſenheit irgendwo zu erinnern. Er(Hermann) hatte der Tante ſein heiliges Ehren⸗ wort gegeben, keine Verbindung anzuknüpfen, die ihn auch nur dem Anſcheine nach in Kreiſe bringen könnte, wo moderner Adelshaß die Loſung wäre. Dieß Ver⸗ ſprechen erfüllte er gehorſam. Doch weiter ging er auch nicht und bewahrte noch immer jene liberalen Geſinnungen, die er als werdender Jüngling einge⸗ ſogen; die ſeinen humanen Gefühlen aufs innigſte entſprachen. Deßhalb befand er ſich allein, bei lehrreichen, oder Geiſt und Gemüth anregenden Büchern am wohlſten, bedurfte keiner anderen Unterhaltung. Deß⸗ halb auch gewährte ihm ſein kühles Aſyl bei heißen Sommernachmittagen eine ſtets erwünſchte Labung, mochte ſchon von den Vorausſetzungen, die er gewagt, 206 als er es miethete, bis jetzt keine ſich bewährt haben. Denn Mathilde zeigte ſich jetzt ſehr ſelten an ihrem Fenſter, und wenn ſie dort ſaß, verwendete ſie keinen Blick mehr von ihrer Hände Arbeit, oder von dem Buche, in welches ſie verſenkt blieb, als gäb' es nichts erquicklicheres wie eine franzöſiſche, engliſche, viel⸗ leicht auch italieniſche Sprachlehre. Ha, kein Zweifel: Dore hatte ihr die mütter⸗ liche Vermiethungsanzeige nicht vorenthalten; hatte nicht ermangelt zu beſtätigen, daß der Offtzier vom Kirchhofe am See,(denn dieſen poetiſchen Beinamen trug Hermann in den Plauder⸗, vielmehr Flüſterminuten prudentſcher Penſionärinnen,) nun wirklich bei Madame Puſelmeyer eingezogen ſei und wenn auch nicht die Morgen und Nächte, doch ge⸗ wiß die bis zum Abende ſich verlängernden Nach⸗ mittage dort zubringe! Ha, gewiß war Mathilde davon unterrichtet! Und wahrſcheinlich weil ſie es war, gab ſie nicht das leiſeſte Zeichen. Und wendete ſich denn Hermann nicht an Dore, die ſeit einiger Zeit unglaublich oft herüberkam, ‚nach Muttern zu ſehen?e Viel, viel öfter denn ſonſt? An Doren, die nur ſo darauf brannte, aus⸗ gefragt zu werden, Rede zu ſtehen und wohl auch einen Bruder des runden gelblichen, für ſeinen Um⸗ fang gewichtigen Goldſtückes zu erwerben, welches ihr Freund aus der Gaſſenjungenzeit, der gegenwär⸗ tige Schiffspatron Friedrich Merk ihr zur Anſicht und Bewunderung vorgewieſen,— ſo gewiß! Ja, Dore hielt ſich überzeugt, hier ſei auf ‚ganz anſtän⸗ dige Art' ein Friedrichsd'or zu verdienen, wenn der ſchöne ſtumme Leutnant nur ein allereinzigſtesmal das Maul aufſperren wollte. Sie konnte doch nicht anfangen! Das hätte ſich nicht geſchickt. Doch Hermann fing noch weniger an. Ihm wär's ja Entweihung ſeines Heiligſten geweſen, mit einem Mädchen wie Dore von Mathilde zu reden, von den wunderſeligen Schmerzen, die ihn mit un⸗ begreiflichen Ahnungen durchbebten, wenn er dieſen Namen nur dachte! In dieſer Andacht, deren Selbſt⸗ täuſchung der reifere Mann zu verſpotten pflegt, die aber den gläubigen unerfahrenen Jüngling lieblich kleidet, vermied er ſogar mit der Dore Puſelmeyer auf dem Flur oder auf der Treppe zuſammenzutreffen. Er kam und ging ſchleichenden Trittes, um ſich nicht bemerkbar zu machen. Und wenn auch bisweilen eine halbe Woche verſtrich, bis er Mathilden, oder vielmehr ihr glänzendes Haupthaar—(denn viel mehr ſah er nicht von ihr)— hinter den Blumen entdeckte, war er ſchon glücklich und zufrieden. Freilich 208 wurde ihm bisweilen zu Muthe, als müßte er hinüber ins offene Fenſter ihr zurufen: Mathilde, blicke auf, ich bin hier! Oder als müßte er, wenn er Doren draußen bei ihrer Mutter hörte, in den Lattenverſchlag ſtürzen, um mit Einer ſprechen zu dürfen, die ſtuͤndlich mit ihr ſprechen durfte. Doch dieſe momentanen Regungen führten niemals zum Ausbruch und er fand ſeine Sammlung und beſchei⸗ dene Ruhe ſogleich wieder, wenn er ſich beſann, welche Verdrüßlichkeiten für Mathilden daraus ent⸗ ſtehen könnten. Mitunter kam es ihm doch auch vor, als ob das ſpröde Kind nach und nach ergriffen würde von der Ahnung ſeiner unausgeſetzt auf ſie gerichteten Gedanken;— denn mögen es die ſchönen Leſerinnen nun glauben oder nicht: Graf Hermann hatte es dahin gebracht, mit Aufmerkſamkeit zu leſen, leſend zu lernen, und daneben doch an Mathilden zu denken. Wie iſt das möglich? hör' ich fragen— O, es geht ganz natürlich zu, und ſei hiermit zu gelegentlicher Nachahmung empfohlen. Er las ihr alles vor; er ſetzte ſich vor ſie hin— nein, daß ich es deutlicher mache: er rückte die beiden Häuſer ſo dicht an einander, daß ihr Kopf und ſein Kopf ſich nöthigenfalls hätten berühren können, wofern ſie nur einwenig die Hälſe zu ſtrecken vermochten! 209 Und in ſolcher Nähe mußte ſie ja natürlich jede Silbe vernehmen, die er noch ſo leiſe ſprach. Und wenn eine ſchöne Stelle kam, hielt er inne, um zu fragen:„Wie gefällt Dir das?“ der auch fragte er ſie um eine engliſche Vo⸗ kabel, um einen neufranzöſiſchen Ausdruck; denn ſie mußte das nothwendig am Schnürchen haben. Kurz er war immer bei ihr, und ſie immer bei ihm, und er vereinigte die ſonſt ſo ſchwer zu verbindende Nah⸗ rung für Geiſt und Herz. Bis dann die Dämmer⸗ ſtunde kam,— da wurd' es aber erſt himmliſch⸗ſchön im erbärmlichſten Studentenzimmerchen, welches je⸗ mals ‚Chambregarniſten“ vermiethet haben mögen. Denn er verwandelte es vermittelſt ſeiner Phantaſie, welcher Dunkelſtunden und zugedrückte Augen be⸗ hilflich waren, in das eichenauer Zitronenhaus. Die Worte des alten Wiesner: wie Comteſſe Bar⸗ bara den Fürſten Odo zum Abſchiede geküßt habe, tönten einer wunderſam klingenden Melodie ähnlich um ihn her. Halb war er Hermann, halb war er Odo, und Mathilde war wohl keine Aebtiſſin, aber ſie küßte ihn doch; ſie riß ſich nicht von ihm los, aber er wagte doch nicht, ſie Braut zu nennen; ſie weinten nicht, aber es wühlte doch ſoviel Schmerz in der von Wonne glühenden Bruſt. Die Orangen⸗ 1857. XIV. Noblesse oblige. I.— 14 210 blüten dufteten, fielen herab auf ihn, draußen fiel Schnee,... da geſchah ihm plötzlich, als träte die Puſelmeyer dazwiſchen und mahnte drohend: no⸗- plesse oblige!— Und es war dann auch gewöhn⸗ lich die wirkliche und reale Puſelmeyer, welche leiſe die Thüre aufklinkte, durch die ſchmale Oeffnung beſcheiden fragend: ob der Herr Leutnant etwa Licht beföhlen? Eine Frage, welche ſich, obgleich täglich verneint, täglich wiederholte und jedesmal die Zau⸗ berwonne der Dämmerſtunde verſcheuchte. Hermann war über die Störung immer nur ein kurzes Weil⸗ chen aufgebracht. Hernach beſann er ſich, daß es ohnedieß Zeit geweſen ſei, aus dem Reich der Träume ins Gebiet der Wirklichkeit rückzukehren, und er raffte ſich zuſammen, ſchnallte ſeinen Sarras um und er⸗ wiederte ſtets mit derſelben unermüdlichen Geduld: „Sie wiſſen ja, Puſelmeyer, daß ich hier kein Licht brennen will; man ſoll ja nicht wiſſen, daß ich hier — ſtudire.“ Worauf ſie jedesmal einwendete:„Wir können ja die Fenſter verhängen, daß kein Menſch“... Das Weitere hörte er nie, denn er war dann ſchon unten, und wenn es nicht in Strömen goß, rannte er gewiß noch ein Stündchen in die Nacht hin⸗ ein, um ſich Schlafluſt zu holen! Ein kurioſes Leben für einen jungen Offizier 211 Namens Hermann Graf Eichengrün!— So einför⸗ mig und auf gewiſſe Weiſe doch ſo vielgeſtaltig. Er entbehrte dabei keinen der Genüſſe, deren ſeine Ka⸗ meraden bedurften, und vergaß manchmal, daß es außer ihm und ihr noch Menſchen gebe. So vergaß er auch ſeinen Bruder vollſtändig. Dachte ſogar an den Vater und was noch mehr ſagen will, an Tante Barbara nicht und ſchrieb länger als einen Monat hindurch weder nach Eichenau, noch nach Friedhain. Graf Theodor hatte wohl einigemale gegen ſeinen Paul geäußert: wo mag Graf Hermann ſtek⸗ ken? Doch dabei war es verblieben und weder Herr noch Diener ſtellten Nachforſchungen an; wie nicht ſelten in einer großen Stadt vorkommt, daß nächſte Bekannte und Verwandte nichts von einander erfah⸗ ren. So hätte es denn auch bei des einen Bruders Stimmung und bei des andern Egoismus, der bis⸗ her für den Jüngern keine beſondere Innigkeit auf⸗ kommen laſſen, wer weiß wie lange fortdauern kön⸗ nen, wäre nicht ein Schreiben aus Friedhain in Ei⸗ chenau eingetroffen, worin Tante Barbara fragte: „Biſt Du auch ſo lange ohne Nachricht von unſe⸗ rem Hermann, wie ich?“ Und wäre durch dieſe Frage Graf Ullrich nicht veranlaßt worden, wieder einmal an Theodor zu ſchreiben und ſeinerſeits zu 14* 212 fragen:„Hat denn ein kürzlich aus dem Ei gekro⸗ chener Lieutenant ſo gewaltige Geſchäfte, daß er weder an Vater noch an Tante mehr ein Briefchen zuſtande bringt?“ „Richtig,“ ſagte Graf Theodor zu Paul:„wo ſteckt der Hermann?“ „Weiß ich's, Euer gräflichen Gnaden? Wo ſtecken ſolche jungen Herren? In der beſten Geſell⸗ ſchaft ſchwerlich!“ „Wir müſſen doch nach ihm ſehen,“ ſprach der Graf. Das hieß ſoviel, als: erkundige Du Dich nach ihm, und Paul that dieß. Er wählte zu dieſem Gange einen Nachmittag, wo ſein Herr zum Diner fuhr, und fand natürlich den Geſuchten nicht im Standquartier. Der Burſche hielt lange genug feſt, ihr Geheimniß mit allen Kräften des Geiſtes ver⸗ theidigend. Mit dieſen aber griff ihn auch der ſchlaue Paul von allen Seiten an. Und da war der Kampf ungleich: der pfiffige abgedrehte Kammerdiener des älteren lockte den ungehobelten Bengel des jüngeren Bruders auf ſchlüpfrigen Boden, dort rang er mit ihm, und der ehrliche Bengel glitt aus, wobei ihm jener das anvertraute Kleinod entriß. Als Graf Theo⸗ dor vom miniſteriellen Diner heimkehrte, konnte Paul ihm genau angeben, wo eine ſichere Puſelmeyer 213 hauſe, in deren Wohnung Graf Hermann das Er⸗ holungsſtübchen’ gefunden, in welchem er die Hälfte ſeiner Tage zubringe. „Ich will ihn morgen dort überraſchen,“ äußerte Graf Theodor,„und ihn aus dem Schlamme reißen, in den er gerathen iſt. Puſelmeyer!— Pfui, wie gemein!“ Zu derſelben Stunde, als dieſer brüderliche Entſchluß in einer von jenen Straßen der großen Stadt ausgeſprochen wurde, worin die vornehme Welt Haus bei Haus waltet, begab ſich in der ab⸗ gelegenen wahlauer Holzgaſſe etwas unerwartetes, was bedeutenden Einfluß auch auf Hermann's ganze Zukunft gewinnen ſollte. Dieſer gerieth nämlich mit der Dore ins Geſpräch, und zwar ohne ſeine Schuld, ohne böſen Willen. Er hörte das Mädchen, gerade während ſeiner Traum⸗Dunkelſtunde, draußen im Küchenverſchlage der Mutter, eine lange, von hef⸗ tigem Schluchzen unterbrochene Geſchichte erzählen, die nach Art dieſer Leute, der ergiebigſten Quelle gleich, fortrann und durch hineinfallende Thränen nur immer ſchnelleren Fluß erhielt. Anfänglich be⸗ mühte er ſich, darauf nicht zu achten. Er wollte nicht geſtört ſein. Nun aber ſonderte ſich, wie eine Perle aus trübem Waſſer, deutlich der Name Mathilde 214 ab und wiederholte ſich einigemale. Auch ‚unſer Leutnant’ drang an ſein Ohr. Das war mehr, als er ruhig mitanhören konnte. Thränen, für ſie vergoſſen,— von denen er vielleicht unbewußt Ur⸗ ſache war?... Er ſprang auf und lauſchte durch die halbgeöffnete Thüre.— Augenblicklich ſtand die murmelnde Quelle ſtill. Dore verſtummte und zog ſich mit ihrer Mutter in deren Hinterſtübchen zurück. Ahnungsſchwere, bange Nacht legte ſich um des Liebenden Seele. Düſterer Ahnungen voll verließ er das Gemach, das Haus, die Gaſſe, aus denen er zum erſtenmale, ſeitdem er dort weilte, traurige Ge⸗ danken mitnahm. Was mochte vorgefallen ſein? Er hätte doch fragen, hätte das ſich gegen Dore auferlegte Schweigen doch brechen ſollen! Nun, heute war es zu ſpät, wieder umzukehren; aber morgen wollte er verſuchen . Er brachte eine ſchlafloſe Nacht zu; verſtört und überwacht ging er an die militäriſchen Berufsge⸗ ſchäfte, die ihn ohnehin nicht entzückten; mußte viel⸗ erlei Neckereien anhören, die der Bläſſe ſeiner Wan⸗ gen, der fiebernden Glut ſeiner hohlen Augen gal⸗ ten; verwünſchte innerlich die Konvenienz, die ihm den Zwang auferlegte, verletzende Scherze ſcherz⸗ haft hinzunehmen und freundlich zu ſein gegen die⸗ — 215 jenigen, mit denen er lieber Kugeln gewechſelt hätte. Je näher die ſonſt erſehnte Stunde rückte, welche ihn gewöhnlich dem ſtädtiſchen Tuskulum zuführte, deſto bänger ſchlug ſein Herz beim Gedanken an das beabſichtigte Geſpräch mit Dore.„Wird ſie bei ihrer Mutter ſein, wenn ich die Treppen hinauf am Lattenverſchlage vorüberkomme? Werd' ich ſie ſehen? Werd' ich ſie wieder ſprechen hören? Wird ſich eine paſſende Gelegenheit finden, zu erfahren, was ich wiſſen will?“ Solcher an ſich ſelbſt, oder vielmehr an das Schickſal gerichteter Fragen zogen unzählige durch ſeinen Sinn. Endlich beſchloß er,— mit der fataliſtiſch⸗abergläubigen Thorheit, der ſich zarte und verzagte Liebe ſo willig und gern zuneigt,— ſein Benehmen davon abhängig zu machen, ob ihm das Mädchen, wie es öfters geſchehen war, in den Wurf kommen werde?„Begegnet ſie mir, dann iſt's ein Wink, daß ich ſie anſprechen ſoll! Außerdem thu“ ich's nicht!“ In dieſes einigermaßen unverſtändige Reſul⸗ tat liefen zuletzt all ſeine Für und Wider hinaus. Und ſiehe da, ſie begegnete ihm, oder er ihr, ſie ſtand groß und breit unten in der Hausthür. Aber——— oerlaſſe ſich Einer nur auf des Schickſals Winke! Es winkt, o ja, es hört gar nicht auf zu winken, leider jedoch in den meiſten und ge⸗ 216 rade in den am meiſten verwickelten Zuſtänden, ſo unklar und zweideutig, daß man es oon der perfiden Hinterliſt alter Orakeleinflüſterungen inſpirirt wäh⸗ nen möchte! Dore ſtand allerdings in der Hausthür, und obenein zu einer Tageszeit, wo ſie ſonſt nim⸗ mer müßig dazuſtehen pflegte. Doch ſie war nicht allein; ſie redete lebhaft zu einem hinter der Thüre Stehenden;(weßhalb ſie auch der Straße den Rük⸗ ken kehrte und den Grafen nicht kommen ſah!) ſie ſprach zu Friedrich Merk, dem deutſchen gondoliére. Dieſer gewahrte ihren Miethsmann, zog den bebänu⸗ derten Strohhut, Dore machte Front und grüßte auch,— und Hermann eilte, beider Grüße erwiedernd, vorüber. Da er den Fuß ſchon auf die erſte Trep⸗ penſtufe ſetzte, däuchte ihm wohl, als riefe Fritze leiſe ihm nach. Er ſah ſich nicht um und klomm weiter empor. Droben erſt bereute er, nicht Halt gemacht zu haben. Doch die Reue ſollte nicht länger währen als der helle Sonnentag. Gegen Abend vernahm er ſchlürfende Tritte, eifriges Geflüſter vor ſeiner Thür; ein behutſames Klopfen erfolgte; mit zitternder Stimme rief er herein— und Fritze erſchien, die ſich ſträubende Dore an der Hand nachziehend. „Das kann alles nichts helfen,“ ſagte er,„erfahren muß es der Herr Leutnant; denn warum, ohne ihn wärſt Du drüben nicht weggeſchickt worden, und viel⸗ leicht läßt ſich noch eine Hilfe finden. Sechs Au⸗ gen ſehen mehr wie viere. Seh'n Sie, guteſter Herr Leutnant, es ſteht nämlich ſo. Die arme Dore hat damals den Miethszettel vom Grabkreuze'runterge⸗ riſſen und in das große Pompadur geſtochen, daß die Prudent nicht ſollte Wind kriegen. So weit wär' auch nichts dagegen einzuwenden geweſen. Nur darin hat ſie's verſehen, daß ſie das verteufelte Stück Pappendeckel der Mathilde auf ihren Nähtiſch prak⸗ tizirt hat. Wozu? frag' ich. Reiner Unſinn! So was können die Weibsbilder nun einmal nicht blei⸗ ben laſſen. Und die Mathilde hat das Ding falſch verſtanden und hat's unter ihre Stickmuſter gelegt. Auch wieder Unſinn! Was nützt mir ſo'n Scham⸗ bergarnie⸗Zettel? Kann ich mit dem reden? Kann ich dem man einen einzigſten Kuß geben? Heißt das, ja, küſſen kann ich ihn, das iſt richtig. Aber küßt er retur? Nicht die„Probe! Iſt ein verflucht ſchlechtes Vergnügen. Na, das iſt ihre Sache und ginge uns weiter nichts an. Nu muß aber die Pru⸗ dent ihre Naſe mit der Brille drauf in jedweden Quark ſtecken, mit Erlaubniß, und kömmt auch über der Mathilde ihre Stickmuſter, wo ſie denn das Zim⸗ mer für einzelne Herren im dritten Stock findet, ihr 218 gegenüber und einen Leutnant drin! Waſſerfahren, Begräbnißplatz, Uniform, Pappendeckel, eins zum andern! ‚Wo kömmt das her?“ brüllt ſie; die Ma⸗ thilde verſchrickt, verwirrt ſich; das iſt Natur! ‚Ich glaube, Dorchen hat ihn liegen laſſen! Dorchen iſt die Tochter von dieſer Wohnung, in der Wohnung zeigt ſich ein Leutnant am Fenſter, der ſich ſchon im Wäldchen draußen und auf dem Waſſer gezeigt hat! Da ſind böſe Abſichten hinter; Dore will kuppeln, und etzeterra! Dore wird weggejagt. Dore ſoll ſich nicht mehr unterſtehen die Penſionsanſtalt zu be⸗ treten. Punktum. Nu frag, ich bloß, Herr Leutnant, ob das ſo ſtillſchweigend hingehen kann, oder ob da nicht ein Donnerwetter dirinſchlagen muß!? Den Dienſt verlieren, um ſo'n lumpichten Miethszettel, auf dem nicht einmal mit Blei gekritzelt war: ich liebe Dir, Tilde! oder ſo was, nichts ſtand drauf, das will ich beſchwören, als das vom Zimmer.“ Hermann hatte aus Fritze's Bericht nur her⸗ ausgehört, was ihn mit unbeſchreiblichem Glück durchdrang: Mathilde erwiederte ſeine Liebe in ſtil⸗ ler, inniger Zuneigung; er konnte ihr nicht gleich⸗ giltig ſein, ſonſt hätte ſie ja den verhängnißvollen Miethszettel nicht heimlich aufbewahrt. Um Dorens, oder deren Mutter willen war ihr dieß werthloſe 219 Papier nicht werth geweſen. Zehnmal ließ er Dore den Hergang wiederholen; zehnmal mußte dieſe aufs neue beſtätigen, daß auch ſie von Mathildens Liebe für ihn vollkommen überzeugt ſei. Und ebenſo oft ſetzte Fritze hinzu: davon kriegt die Dore ihren Dienſt nicht wieder; was hat die von der Mathilde ihrer Liebe zum Militär?“ „Was ſie davon hat?“ fragte Hermann, nachdem er zuletzt doch den Sinn dieſer Frage aufgefaßt. „Was hat ſie denn drüben gehabt?“ „Was ich gehabt habe, Herr Leutnant? Drei Thaler monatlich von den Prudent'ſchen und ein Thaler hat ſich mit Geſchenken auch noch zuſammengeklappert.“ „Nun, ſo geb' ich Dir monatlich fünf Thaler; dann ſtehſt Du Dich um einen beſſer, und haſt nichts dafür zu thun. Denn für jede Botſchaft, die Dei⸗ ner Geſchicklichkeit gelingt, falls ich es nöthig fin⸗ den ſollte, dieſe auf die Probe zu ſtellen, bezahle ich Dich beſonders!“ „Nicht menſchenmöglich!“ rief Dore noch un⸗ gläubig. „Einem jungen Offizier,“ belehrte ſie Fritze,„iſt alles möglich, wenn er verliebt iſt— und hat Geld. Und daß der Herr Leutnant Geld haben, das iſt mir ſchon bekannt!“ „Hier, mein Kind,“ ſagte Hermann, dem ein ganz neues Daſein aufgehen wollte,„hier haſt Du Dein erſtes Lohn für den laufenden Monat. Und er warf ihr ein Goldſtück auf den Tiſch, deſſen Klang fröhlich ſchallte. In dieſem Augenblicke fragte Fritze:„Wer krab⸗ belt an der Thürklinke?“ „Mutter wird es ſein,“ entgegnete Dore.— Die Thüre ging auf. Graf Theodor Eichengrün zeigte ſich, begleitet von Madame Puſelmeyer, die ihre Küchenlampe in der Hand, dem mit einem ſehr ausländiſchen, exoti⸗ ſchen Orden gezierten vornehmen Herrn vorleuchtete. Der Eintretende ſah gerade noch, wie Dore den Friedrichsd'or vom Tiſche nahm. Dann prüfte er ihr Aeußeres durch die Lorgnette und ſagte zu ſeinem Bruder:„Pas mal, mon cher Armand; je vous fais mon compliment. Mais qui donc est ce garçon la?“ Hermann war ſo verdutzt, daß er mit offenem Munde, ohne ein Wort herauszubringen, den uner⸗ warteten Beſuch anſtarrte. Fritz und Dore erſchracken heftig über ihres ‚lie⸗ ben Leutnants“ Schreck; ſie ſetzten voraus, es müſſe wenigſtens ein verkleideter Feldmarſchall oder gar ein regierender Herzog ſein, der den jungen Herrn dermaßen aus der Faſſung bringe. 221 Alle ſchwiegen. Die Puſelmeyer machte ein höchſt beſorgtes Geſicht; ihr ahnete ſo etwas, als könne ihre Unoorſichtigkeit, den Fremden trotz ihres Miethers Verbot eingeführt zu haben, den Verluſt des Letzteren nach ſich ziehen und ihr Zimmer wie⸗ der leerſtehen bleiben. 1 Graf Theodor hub zuerſt wieder an:„Du kennſt wahrſcheinlich nicht die köſtliche Geſchichte von unſe⸗ rer alten trefflichen Gräfin von der Galß? Oder kennſt Du ſie, Hermann?“ „Ich kenne weder die Geſchichte, noch die Gräfin!“ „Nun ſo höre; ſie iſt ſublim. Ein Feſt bei Hofe hatte einen Haufen neugieriger Gaffer um je⸗ nes Portal des Schloſſes verſammelt, wo die Equi⸗ pagen vorfuhren. Als die gute alte Gräfin ausſtieg, war das Gedränge ſo heftig geworden, daß ihr Lakai zurückgeſtoßen wurde, ohne ihr Beiſtand leiſten zu können, und auch ihr drohte Gefahr. Da ſagte ſie mit feſter Stimme entſchieden, aber freundlich: ‚Lie⸗ ber Pöbel, wollen Sie erlauben, daß ich paſſire; ich habe nothwendig oben zu thun.- Man machte ihr ſogleich Raum und ſie gelangte bis an die Treppe.“ „Was bringt Dich jetzt auf dieſe Aeußerung der Gräfin?“ fragte Hermann, der wirklich gar keinen als von dem Bedürfniſſe, den Bruder zum Vertrau⸗ Zuſammenhang zwiſchen jener Anrede und ſeiner ge⸗ genwärtigen Situation entdeckte. „Was mich darauf bringt? Ganz einfach der Wunſch, Du möchteſt mir geſtatten, Deine hier ver⸗ ſammelte Geſellſchaft in demſelben Style anzureden: ‚Lieber Pöbel, wollen Sie erlauben, daß ich mit meinem Bruder allein bleibe; ich habe nothwendig mit ihm zu ſprechen!““ Ob der Ausdruck ‚Pöbele die Anweſenden mehr verletzte? ob das Wort ‚Bruder“ ihnen größeren Re⸗ ſpekt einflößte? ob ſie aus gekränktem Ehrgefühl, oder aus Furcht vor dem ſtolzen Grafen das Feld räumten? das laſſen wir dahingeſtellt. Genug ſie gehorchten und Theodor war mit Hermann allein. „Das Geſchöpf,“ ſprach er,„iſt in ſeiner Art ganz nett; aber weißt Du, Freund, daß Du den unver⸗ ſchämteſten Zudringlichkeiten dieſer ganzen Bande un⸗ terliegen kannſt, wenn Du nicht bei Zeiten dekam⸗ pirſt? Wer hat gehört und erlebt, daß ein ſolches Frauenzimmer einen Helfer ihres Standes mitbringt, um ſich bezahlt zu machen? Auf dieſe Weiſe rauben ſie Dich aus und Du riskirſt über kurz oder lang einen Skandal, der Deine Eriſtenz bedroht.“ Von nichts war wohl Hermann weiter entfernt, 223 ten zu machen. Ein deutliches Vorgefühl verkündete ihm, daß eine Liebe wie die ſeinige, von Theodor höchſtens mit höhniſcher Nachſicht aufgenommen wer⸗ den könnte. Doch der jetzt eben gegen ihn ausge⸗ ſprochene Verdacht, als hätte er ſich feiger Weiſe durch Geſindel den Friedrichsd'or abtrotzen laſſen, den Dore eingeſtrichen, erbitterte ihn zu ſehr und er konnte nicht umhin, ſich zu rechtfertigen. Er theilte ſeinem Bruder den wirklichen Sachverhalt mit, ohne das geringſte Faktum dabei zu entſtellen, oder zu ver⸗ ſchweigen. Was er aber doch entſtellte, war die Reinheit ſeiner Gefühle für Mathilden, war die ſchüchterne Verzagtheit dieſer erſten unſchuldigen Liebe⸗ Denn er ſchämte ſich,— und ſo wunderbarlich ‚mi⸗ ſchen ſich die Elemente“ in manchen Naturen!— ja er ſchämte ſich des Höchſten und Heiligſten, was ihn beſeelte, weil er vor einem Lebemann wie Theo⸗ dor nicht als unerfahrener Neuling gelten wollte. „Ah,“ ſagte dieſer,„das laß' ich mir gefallen. Parlez moi de cela! Eine primeur, eine junge De⸗ moiſelle im Penſionat! Das macht Dir Ehre. Ich glaubte Dich noch nicht ſo avancirt in der Kunſt zu leben und Du ſürprennirſt mich! Da kann man wohl anwenden, was der Dichter ausſpricht:„Es bildet ein Talent ſich in der Stille! Wie ich Dir Unrecht ge⸗ 224 than habe! Wenn die Sachen ſo ſteh'n, konſervire Dein Abſteigequartier und verfolge Dein Ziel. Ich will mich wohl hüten, Dich zu derangiren. Viel Vergnügen, Kleiner! Verſäume nicht, mich au fait zu halten. Mir behagen derlei Schilderungen, die ich zwar nicht ohne Neid hoͤre, die mich dabei doch in eine Zeit zurückverſetzen, wo ich noch jung war.“ „Und was biſt Du denn jetzt?“ fragte Hermann. „Was die meiſten jungen Männer meinesglei⸗ chen ſind: ein ausgebrannter Vulkan.— Doch davon ein andermal. Beſuche mich jetzt öfters. Fürchte nicht, daß ich moraliſiren will; das fällt mir nicht ein, denn ich weiß, es hilft zu nichts. Doch guten Rath kann ich Dir ertheilen, praktiſchen. Adien, mein Junge. Grolle mir nicht wegen meines unge⸗ rechten Argwohns. Ich gebe Dir Ehrenerklärung! Und wenn Du Geld brauchſt, wende Dich nur an mich. Für ſolch' pikantes Abenteuerchen ſteht Dir meine Börſe immer offen.“ Theodor machte Anſtalt, ihn zu verlaſſen; Her⸗ mann erbot ſich, ihm das Geleit zu geben. Drau⸗ ßen auf dem Flure ließ ſich niemand blicken. Die Brüder fanden an der Straßenecke Theo⸗ dor's Equipage halten. Sie beſtiegen den Wagen und der Aeltere brachte den Jüngeren bis vor deſſen legitime Wohnung, wo er ihn abſetzte und ihm nochmals dringend empfahl, ſich nicht ſo ſelten zu machen! Hermann's Burſche, der ſeinen Lieutenant aus dem Wagen ſteigen ſah, machte ſich auf das Schlimmſte gefaßt. Schon ſeitdem es geſchehen, bereute er gegen den Herrn Kammerdiener geſchwatzt, das Geheimniß der Wahlauergaſſe ausgeplaudert zu haben; und die gräfliche Equipage war ihm ein furchtbarer Beweis, daß ſein Verrath Folgen gehabt, daß der Herr Le⸗ gationsrath den Paul nur als Spion entſendet hatte. Er ſchielte den jungen Gebieter nach der Seite an, mit geſenktem Kopfe, wie ein Vorſtehhund, der laut⸗ gejagt und das Huhn außer Schuß gebracht hat. Von einer Minute zur andern meinte er: jetzt wird's losgehen!? Doch Hermann that gar nicht, als wüßte er, daß neben ihm ein Diener walte und räume. Das Theegeſchirr ließ er unberührt ſtehen; dem kalten Fleiſch, dem friſchen Gebäck gönnte er keine Auf⸗ merkſamkeit. Einige Bogen feinſten Briefpapieres ſuchte er hervor— da fand ſich obenauf ein be⸗ gonnenes Schreiben: ‚Wie lange ſchon, meine theure, einziggeliebte Tante«... weiter war es noch nicht 1857. XIV. Noblesse oblige. I. 15 gediehen, und er ſchob es raſch beiſeite. Dann prüfte er verſchiedene Federn, und wie er die beſte ausgeprobt, ſetzte er zu nachfolgender Epiſtel an: „Jungfräulich⸗ Kind! Blume unter Blumen! En⸗ gelbild von grünen Blättern umkränzt! Sei, wer Du willſt; nie wird aus meiner Seele die Hoffnung weichen, daß Du geboren wurdeſt, mein zu ſein. Daß ich Dich einſt erringe, ſei's mit dem Schwert in der Hand, ſei's mit einer Blume, lieblich gleich Dir! Ja Du wirſt mein werden, wie ich Dein bin auf ewig. Hermann.“ Ob es Doren gelingen könne, dieß ſein erſtes Liebesbrieſchen, an welchem wir, wollen wir die Form nicht loben, doch die Kürze preiſen müſſen, ſicher und ohne Aufruhr bei Prudents in Mathildens Be⸗ ſitz zu bringen? Darüber grübelte der beglückte Autor nicht. Er legte das zierlich kouvertirte Sendſchreiben vor ſich auf den Tiſch und betrachtete es fortwährend mit der Andacht eines Kindes, dem man geſagt, daß aus Kernen Bäume wachſen und welches nun den geheimnißvollen Stein des edelſten Pfirſichs in die Erde ſtecken will, voll Zuverſicht, nach Verlauf kurzer Tage ſüßeſte Früchte zu pflücken. Es durfte, es konnte nicht fehlſchlagen: auf ſolche Zuſchrift mußte Mathilde erwiedern. Binnen hier und zwei⸗ mal vierundzwanzig Stunden lag ihre Antwort eben⸗ ſo zierlich vor ihm, wie jetzt ſein eigenes Brieflein. Ach, und wie lieblich würde ihn erſt das ihrige an⸗ lächeln, da das ſeinige ſchon die papiernen Falten ums gräflich eichengrün'ſche Wappen herum zum Lächeln verzog! Er ſchob es, da er endlich zu Bette gehen mußte, an die äußerſte Ecke des Tiſches, da⸗ mit es morgen bei Tagesanbruch der erſte Gegen⸗ ſtand ſei, auf den er von ſeinem Lager aus die Augen richten könne.. Und dann entſchlief er ſo ſanft, ſo ſüß, ſo ſe⸗ lig wie nur die liebende Unſchuld, die unſchuldige Liebe einſchläft: matt von reiner unbeſchreiblicher Freude; genügſam im Wünſchen, keuſch im Begehren, über⸗ ſchwänglich im unbeſtimmten Hoffen. Um zwei oder drei ſolcher Nächte wegen,— denn auf mehr bringt es ein armer Sterblicher ſelten!— iſt es eigentlich doch der Mühe werth, das Erdenleben angetreten zu haben. Vielleicht nur deßhalb!? denn alles übrige, mag der erſte Biß noch ſo ſehr den Gaumen kitzeln, ſchmeckt beim zweiten ſchon bedeutend nach Sterblichkeit, und beim dritten und weiter iſt der moderichte Grabesparfüm gar nicht mehr zu verkennen. Uebrigens kann unſer Hermann kaum begieri⸗ ger auf die Ereigniſſe des kommenden Tages ge⸗ 15* 228 weſen ſein, als ich ſein würde, wenn ich eine Leſerin dieſes Buches wäre. Da ich leider jedoch der Autor bin und den Verlauf ſchon vorher kennen muß, ſo will ich die ſchöne Seele, die ſich für meinen Hel⸗ den intereſſirt, auch nicht unnütz martern und hin⸗ halten. Ich führe ſie mit einem Satze lieber gleich ins Monatzimmerchen unſerer Mutter Puſelmeyer, ſetze den Leutnant aufs harte Kanapee, ſtelle Doren ihm gegenüber und nehme ihr den Bericht von den Lippen weg, der in drei Worten ein ganzes Buch voll Weisheit aufwiegt. Dore ſpricht:„Sie hat ihn!“ Und nachdem ſie dieß, noch keuchend vom raſchen Lauf über drei Treppen, herausgebracht hat, holt ſie tief Athem und ſetzt ſich einſtweilen auf einen Stuhl, dem Kanapee gegenüber, ſeſt entſchloſſen, nicht eher fortzufahren in ihrem Bericht, bis ſie ſich erholt hat. „Sie hat ihn!“ ruft Hermann aus— und neigt ſich dem Fenſter zu, guckt verſtohlen durch die Scheiben— als ob ſie ſich etwa gleich, den Brief in der Hand, vor ihm zeigen und ihm zunicken würde?! Dore ſieht die Albernheit dieſer Vorausſetzung ein. Doch fühlt ſie ſich zu erſchöpft, um ſich aus⸗ führlich darüber auszulaſſen. Sie murmelt bloß: „J Gott bewahre!“— Das bringt den Lieutenant zur Einſicht und er ſinkt wieder in die Sophaecke, aus 229 welcher noch einige Dutzend geflüſterter:„Sie hat ihn!“ hervorſäuſeln. Dore merkt ihm wohl ab, daß er vor Erwartung brennt, zu erfahren, wie ſie er⸗ reichte, was ſo ſchwierig ſchien! Sie iſt ein gutes Mädchen, ſie läßt ihn nicht harren, ſobald ſie nur erſt wieder ‚bei Puhſte“ iſt. Es iſt ſehr einfach vor ſich gegangen, und lag ſo nahe, daß ich mich wun⸗ dern müßte, wenn's nicht jede aufmerkſame Roman⸗ leſerin ohne mich ſchon innehätte. Dore war ge⸗ raden Weges zu Prudents eingedrungen, hatte ſich unbekümmert um die beſorgten Geſichter größerer und kleiner Schülerinnen zu Mathildens Nähtiſch gedrängt, dort die Schublade geöffnet und dann, als Demoiſelle Prudent die Reifere wüthend herbeiſtürzte, fragend wie ſie ſich unterfangen könne, noch einmal dieſe Räume zu betreten, mit beſcheidener Würde entgegnet:„Nur meiner Mutter Miethszettel brauch' ich; unſer Offizier muß ausziehen!“— Daß jenes corpus delicti nicht mehr in Mathildens Nähkaſten weilte, hatte Dore längſt gewußt. Dadurch nun traf ſie zwei Fliegen auf einen Schlag: Demoiſelle Prudent entfernte ſich auf den vierten Theil einer halben Minute, herbeizuholen, was bereits in der Lade, die ſämmtlichen konfiszirten Gegenſtänden gewidmet war, unter heimlich geleſenen Romanen, 230 verſchimmelten Näſchereien, gegenſeitigen Mädchen⸗ konfidenzen in Form von Tagebüchern, zerſtreuendem Spielwerk, verbotenen Federbällen, zufällig eroberten Porträts von Virtuoſen, Kunſtreitern und Schau⸗ ſpielern, kurz unter jenem Krame ſteckte, den heran⸗ wachſende Jungfrauen in ſolchen Inſtituten nicht beſitzen ſollen und doch immer wieder erhaſchen.— Und dieſer vierte Theil der halben Minute hatte für Dore ausgereicht, Mathilden zuzulispeln:„Es ſticht ein Brieſchen im Schube!“— Sodann hatte ſie ihre ‚Abfertigung: erhalten— und da wäre ſie nun, ſagte ſie triumphirend. „Vortrefflich, Dorchen; Du haſt ſehr klug ge⸗ handelt,“ ſprach Hermann.„Nur weiß ich nicht, wie es künftig werden ſoll? Du kannſt jetzt keinen Vor⸗ wand mehr erſinnen, bei Prudents Eingang zu ſuchen..“ „Nein, das auf keinen Fall; denn der alte Drache, die tückiſche Brillenſchlange, grölte hinter mir her, wenn ich mich noch ein allereinzigſtesmal'rin wagte, ſchickte ſie nach der Polizei. Na, und die hab' ich im Magen.“ „Nun alſo, Dorchen. Was beginnen wir? Wie ſoll Mathilde antworten? Wie ſoll ich wieder ſchreiben? Denn Du mußt wiſſen, ich habe ſehr viel zu ſchreiben. Unglaublich viel werden wir uns 231 zu ſagen haben, hinüber und herüber! Das ſieht bedenklich aus.“ 8 „Wenn nicht ein neues Laufmädchen ſchon meine Stelle hätte! Wenn dieſes nämliche Laufmädchen nicht per Zufall Fritze Merkens ſeine leibliche Schweſter wäre? Wie? Nee, Prudents, ſo dumm ſind wir nicht, daß wir uns von ch einen Zopp machen laſſen. Puſelmeyer und Merk in Kompagnie, das iſt ein ſolides Haus. Schreiben Sie, ſchönſtes Herr Leutnantchen, ſchreiben Sie alle Tage dreimal, Pine beſtellt's. Abgemacht, Sela!“ „Dore, das iſt zu göttlich!— Aber halt— noch eins...“ 5 „Noch was? Was denn na nu?“ „Wenn die Brillenſchlange meine Briefe ent⸗ deckt?“ „Darum dürfen Sie keine Bange nicht haben: Sehen Sie, das ſteht ſo. Wär' es eins von die andern Mädchens, wo Sie ſcharmiert wären, da wollt' ich nicht gut ſagen, denn warum, die haben bloß Laden, wo die alten Mamſells ihre Schlüſſel auch zupaſſen. Denn die führen reguläre Dietriche, die Prudentſchen. Die Mathilde hingegen gehört erſtens ſchon zu den ganz Großen und zweitens hat ihr Onkel ihr zum vorigen heiligen Chriſt eine 232 lederne Brieftaſche geſchickt, ein Porto——, na nu weiß ich nicht, wie ſie's genannt haben?“ „Portefeuille?“ „Richtig, ſo hieß es. Das iſt dick und feſt zum Zuſchließen; da hat ſie alle Briefe drein von ihrem Onkel und ihrer Mutter und Vatern und die ganze Proſtemahlzeit. und ihre Mutter hat aus⸗ drücklich geſagt, wie ſie zum Beſuche drüben war, (denn die iſt gewöhnlich auf Reiſen!) hat ſie zu Mam⸗ ſell Prudent geſagt: ſie will, daß man ihrer Tochter dieß Vergnügen nicht ſtören ſoll. Jedesmal wenn die Verwandten ſchreiben,— aufgeſchloſſen und hinein mit, und haſt Du nicht geſehn, ſchnappt das Schloß wieder zu! Den Schlüſſel trägt ſie an einer Haarſchnur um ihren Hals und legt ihn auch nicht ab, ſolange ſie ſchläft. Wenn ſonſt des Herrn Leut⸗ nants ſeine kleine Briefchen ruhig in dem Leder⸗ ſacke liegen und ſich mit Mathildens Verwandren ihren vertragen wollen... vor andern Leuten brau⸗ chen Sie ſich nicht zu fürchten. Durch das Pfund⸗ leder kömmt keine Brille durch.“ „Dore, Deine Nachrichten ſind Goldes werth. Nur das Eine erkläre mir noch, wie Fritze's Schwe⸗ ſter Deine Stelle bei Prudents erlangen konnte, 233 ohne Argwohn zu erwecken? Sie iſt doch ſozuſagen Deine Schwägerin, oder ſoll's werden?“ „Damit hat's noch gute Wege. Und auf der Stirne ſteht's der Pine doch nicht geſchrieben, daß ſie einen Bruder hat? Und ſo dumm wird ſie doch nicht ſein, drüben von ihm zu reden? Gleich wie ich weggeſchickt war, ſagt'ich's Fritzen und Fritze lief zu ſeiner Schweſter und holte ſie, dann haben wir ſie gehörig abgerichtet und heute früh hat ſie ſich gemeldet: ‚ob hier ein Poſten vakant wäre?“ Wer vor kommt, der mahlt vor. Sie war die Erſte, und anſtändig ausſehn thut ſie auch. Wir mußten doch für unſern Herrn Leutnant bedacht ſein?— Man das möcht' ich wiſſen, ob Sie wirklich ein Graf ſind?“ „Warum das? Haſt Du etwas dagegen?“ „Und da wird vielleicht aus der Mathilde eine Gräfin? Nicht ſo?“ „Wenn es nach meinen Wünſchen geht, zuver⸗ läſſig!“ „Hernach werden Sie Dienſtboten gebrauchen, Herr Graf. Da vergeſſen Sie nicht auf uns!“ Mit dieſer Bitte verließ Dore das Zimmer und Hermann blieb zurück, einem Vogel ähnlich, dem ein Schuß, mitten im kühnſten Fluge, die Schwingen ge⸗ ſtreift hat: er fliegt noch, aber ſchon ſenkt er ſich. * 234 Des Mädchens Hinweiſung auf des Hausweſens all⸗ tägliche Sorgen riß den Hochbeglückten aus idealen Sphären ins Gebiet der Wirklichkeit zurück. Er ge⸗ dachte der letzten Unterredungen mit ſeinem Vater, der Ungewißheit ſeiner künftigen Stellung, der un⸗ zähligen Hinderniſſe, die noch zu beſiegen ſein dürften, ehe er daran denken könne, ſich Mathilden offenkun⸗ dig zu nähern, vor ihr Eltern aufzutreten.... Und wer waren ihre Eltern? Welcher Familie ge⸗ hörte ſie an? Welcher Name war es, der in dem Namen ſeines Vaters aufgehen, ſich dieſem ver⸗ ſchmelzen ſollte? Wenn nun... o welch' trauriges wenn! Wenn nun Tante Barbara ihr:„Noblesse oblige“ dazwiſchenzurufen Veranlaſſung fand!? Tante Barbara! Weßhalb war er unfähig dieſer theuren mütterlichen Freundin jetzt nur noch anders, als mit peinlichem Widerſtreben zu gedenken? Weß⸗ halb erſchien ihm ihr Bild nicht mehr freundlich wie ſonſt, nur ernſt und finſter?— Doch zwiſchen all dieſen Wenn's, Warum's, und Weßhalb's regte ſich immer wieder ein Troſt:„Morgen find' ich Ma⸗ thildens Antwort, wenn ich hier eintrete!“ Und die⸗ ſer Troſt verſcheuchte den Trübſinn. 235⁵ Neuntes Kapitel. Fand Hermann, was er ſo ſehnlich gehofft? Ach nein, weder am nächſten, noch an den folgen⸗ den Tagen. Vergeblich blieb ſein ſchmerzliches Har⸗ ren; unerwiedert wie der erſte auch alle nachfolgen⸗ den Briefe, die er Saenggeenue und welche von dieſer, wie ſie hoch un euer mit Eiden be⸗ kräftigte, zur gewiſſenhaften Abgabe befördert wur⸗ den. Pine ſagte aus, daß ſie ſehr behutſam ſein müſſe, weil vieler Blicke auf ſie gerichtet wären. In ſolcher Ungewißheit, zwiſchen gerechten Zwei⸗ feln und beruhigenden Erklärungen hin⸗ und herge⸗ worfen, empfand der junge Mann das Bedürfniß gegen ſeinen Bruder aufrichtiger zu werden. Er gab, wenn er bei Theodor ſaß, die erkünſtelte Heiterkeit eines beglückten Siegers auf, um bisweilen in ſchwer⸗ müthige Klagen zu verfallen. Daraus entnahm der Legationsrath, daß hier keinesweges, wie es anfäng⸗ lich den Schein gehabt, von einer vorübergehenden Frivolität, ſondern von ciner tiefgehenden, den ganzen Menſchen ergreifenden Leidenſchaft die Rede ſei. Der Kammerherr nahm denn ſeines Freundes und Ver⸗ ehrers Bruder förmlich ins Gebet, wobei dem Arg⸗ loſen, ohne daß er es merkte, mit ſcheinbar harm⸗ 236 loſen Fragen und Scherzen das tiefinnerſte Herz bis in die verborgenſten Falten durchſtöbert wurde. Dieſe Entdeckungen hatten zur Folge, daß der ältere Bru⸗ der ſich verpflichtet hielt, einen ausführlicheren Brief als gewöhnlich an ihren Vater nach Eichenau zu erlaſſen. Graf Ulrich Eichengrün gerieth in Beſorg⸗ niſſe, denen eatcſetda er ſich nicht kaltes Blut genug zutrallte; auch in Erwägung eigener Jugenderinnerungen befürchtete, durch ſeine Da⸗ zwiſchenkunft nur Oel ins Feuer zu gießen. An wen hätt' er ſich in dieſer Noth wenden ſollen, als an die erprobte Helferin, die aufopfernde Ausgleicherin jeder bedenklichen Familienangelegenheit, an die be⸗ ſonnene, wohlwollende Schweſter, die ſoviel Gewalt über Hermann gehabt? Er ſchickte Theodor's Schrei⸗ ben durch Eſtaffette nach Friedhain, ohne etwas an⸗ deres beizuſetzen wie nur die zwei Worte: ‚Barbara, hilfl⸗ Eine Stunde nach Empfang dieſes in antiker Gedrungenheit abgefaßten Briefes ſaß Tante Bar⸗ bara im Reiſewagen, feſt entſchloſſen, ſich kein Stünd⸗ chen Ruhe zu gonnen, bis ihr Ziel erreicht war. Wer aber meint, ſie habe, in der Reſidenz angelangt, nichts eiligeres zu thun gewußt, als ſich den lieben Freoler herbeirufen zu laſſen und mit Fragen und 237 Vorwürfen in ihn zu ſtürmen, der kennt ſie ſchlecht. Sie reiſte unter dem Namen eines ihrer Stifts⸗ fräulein. Sie ſtieg nicht wie ſonſt bei ihrer Freun⸗ din, der ehemaligen Oberſthofmeiſterin Ihrer Hoheit der verſtorbenen Prinzeſſin M., ſondern dießmal in der beſcheidenen Wohnung eines penſionirten Majors ab, deſſen Schweſter in hain lebte, und auf deren Namen ſie eben die rt unternommen; deſ⸗ ſen Frau ihr als eine ſtille, einfach⸗lebende, zuver⸗ läſſige Matrone bekannt war. Sie hatte, um ihr Inkognito ſicher durchzuführen, weder Chriſtiane noch Niklas mitgebracht: eine große Entbehrung für ſie auf unbequemer Reiſe. Nun bat ſie nur um ein Kämmerchen— und um Stilſſchweigen, brachte die Tage bei der Majorin zu, ſchlich ſich gegen Abend weg, kehrte pünktlich Schlag zehn Uhr zurück und zeigte durch nichts, daß es eigentlich unangenehme Geſchäfte waren, denen ſie oblag. Nach Verlauf einer halben Woche etwa ſtellten ſich ihre Leute ein. Niklas und Chriſtiane fuhren mit der gewöhnlichen Reiſekutſche der Frau Aebtiſſin vor, Gräfin Barbara nahm dankbaren Abſchied von dem braven, diskreten Ehepaar und ließ ſich nach abgeſtreiftem Inkognito ohne fernere Heimlichkeit zu der Oberſthofmeiſterin bringen, wo ſie ein für allemal ihr Zimmerchen be⸗ 238 reit fand. Nun erſt war Gräfin Eichengrün einge⸗ troffen. Nun erſt ſandte ſie Niklaſen ab, den Neffen ihre glückliche Ankunft zu melden. Dieß geſchah Nachmit⸗ tags. Niklas fand Hermann nicht zu Hauſe; der Offizierburſche, der den fremden Diener nicht kannte, verſicherte, nicht zu wiſſen, wo ſein Graf zu ſuchen ſei! Theodor ſtellte ciena bei der Tante ein. Er hatte keine Ahnüng, weßhalb ſie gekommen; ſetzte voraus, ſie wolle ihre Reſidenzmonate abhal⸗ ten und erwähnte Hermann's Namen nicht. Kaum hatt' er ſich empfohlen, ſo machte ſich die Gräfin auf, unterſagte dem Niklas ihr zu folgen, ſchlug al⸗ lerlei Wege durch Gaſſen ein, in denen ſie auch ſchwerlich ſonſt ſich umgethan, wo ſie aber jetzt doch Beſcheid wiſſen und eine beſtimmte Richtung verfolgen mußte,— denn ehe wir's uns verſehen, biegt ſie in eine Verlängerung der wahlauer Holzgaſſe ein, macht links um und geht die Häuſerreihe entlang bis vor den kleinen Raſenplatz, der die prudent'ſche Penſionsanſtalt vom Straßenpflaſter trennt. Dann unterwirft ſie die, jenem gegenüberliegenden Gebäude einer kurzen Muſterung und ohne ſich lange zu be⸗ ſinnen, ruft ſie aus:„Dort iſt's!“ Sogleich verſchwindet ſie hinter dem Hausthor und nicht lange nachher ſteht ſie im Lattenverſchlage der Puſelmeyer, der ſie 239 freundlich zunickt und gütig fragt:„Iſt mein Neffe hier?“ Dore, welche ſich eben auch im Verſchlage be⸗ findet, taucht hinter dem Waſſerbehälter in die Tiefe, wie wenn ſie im Umgange mit Friedrich Merk dem Schiffer zur Nire geworden wäre; ihre Mutter je⸗ doch, durch den Anblick einer würdigen alten Dame, die ſich als Tante zu erkennen gibt, in bange Schrecken verſetzt, deutet ſtumm, wie ein vor einer Pulvermühle aufgeſtellter Warnungspfahl mit ausge⸗ ſtrecktem Arme nach der verbotenen Thüre, als wollte ſie andeuten: auf Deine eigene Gefahr, Tante; ich habe nichts geſagt. Wie viel reſoluter hatten ſich Mutter und Toch⸗ ter benommen, da Graf Theodor eindrang!? Aber es hilft nichts, auch der ſtolzeſte Mann, und trag' er ein Firmament voll Ordenſterne auf der breiten Bruſt, imponirt einer Puſelmeyer und einer Dore nicht halb ſoviel, als eine alte Dame mit vorneh⸗ men Manieren, in zuverſichtlicher Würde. Hermann durchlebte gerade die ſchwerſte Zeit ſeiner Liebe. Verletzte Eitelkeit fing ſchon an die Wehmuth in Schwermuth, die Schwermuth in dum⸗ pfen Groll umzuwandeln; was bitterſüß geweſen, begann ſchlechthin bitter zu werden. Er glaubte ſich 240 von Dore hintergangen, oder von Mathilde unbeach⸗ tet, denn auch nicht ein geringſtes Zeichen, weder ein ſchriftliches, noch ein lebendiges war ihm zu Ge⸗ ſichte gekommen. Die ‚Jungfrau im grünen’ benahm ſich, wie wenn er nicht ihr vis-à-vis, wie wenn er gar nicht auf der Welt wäre. „Hätt' ich nur eine menſchliche Seele, nur ein Herz, dem ich das meinige ausſchütten dürfte;“ ſo ſeufzte er:„Theodor verſteht mich nicht; ihm ſind die Empfindungen, die in mir ſtreiten, fremd, und der Kammerherr ſieht immer aus, als ſänd' er mich ſei⸗ nes Mitleids werth. Vielleicht bin ich es auch; nur von ihm mag ich mich nicht bemitleiden laſſen. O wäre meine alte Tante Barbara hier! Der könnt' ich's klagen, der möcht' ich mich anvertrauen! Zwar würd' ich mich erbärmlich ſchämen, und ſie mich tüchtig ſchelten; aber lächeln würde ſie nicht, das weiß ich! Und weinen würd' ich; Thränen würd' ich fin⸗ den an ihrem Halſe, wie ſonſt, wenn Vater böſe war, und ſie mich tadelte und belehrte, und ich ſie dann mit beiden Armen umhalſete, meine liebe, liebe, alte Tante.. „Da haſt Du ſie, Hermännchen!“— Und ſchon hatte ſie den Schlüſſel draußen abgezogen, und in⸗ 241 nen zugeſchloſſen, und ſaß neben ihm auf dem har⸗ ten Sopha, ehe er zu ſich ſelbſt kam! „Da bin ich, mein Junge! Da iſt die alte Barbara. Hat ſie doch nicht gefehlt, wenn Du an einer Kinderkrankheit darniederlagſt, hat redlich bei Dir ausgehalten mit Pflege, Rath und luſtigem Ge⸗ ſchwätz; ſollte ſie jetzt fehlen, wo Dir das allerärgſte Fieber in den Adern tobt? Ich weiß alles, Hermann. Dein cher frére hat an meinen cher frere rap⸗ portirt, dieſen Rapport hab' ich brühwarm empfan⸗ gen, hab' mich aufgemacht, bin ſchon etliche Tage hier, unangemeldet, nur umhergezogen wie die Fle⸗ dermäuſe entre chien et loup. Wollte erſt meiner Sache gewiß ſein, mußte ſelbſt ſehen, hören und pruüͤ⸗ fen. Habe auch mit Theodor nicht davon geredet. Mit Dir aber will ich reden, offen und ehrlich. Ich hoffe zu Gott, Du wirſt's auch thun; wirſt nicht ver⸗ geſſen, wer ich bin,— wirſt Dich an unſern Gärt⸗ ner dabei erinnern, und was der Dir von mir er⸗ zählt hat? Und was wir dann auf meinem Zimmer mit einander geſprochen haben? Willſt Du? Ja, mein Kind, mache Dir Luft, halte Deine Thränen nicht zurück. Es iſt vielleicht dem Reglement zuwi⸗ der, daß ein Herr Lieutenant bei ſeiner alten Tante weint, wie ein kleiner Schulknabe. Doch da wir 1857. XIV. Noblesse oblige I. 16 ohne Zeugen ſind, darfſt Du's immer thun. Mir iſt das ein Beweis, wie Du noch unverändert ge⸗ blieben biſt in dieſem Jahre und wie ehrlich Du's mit dem meinſt, was wir beide Liebe nennen, was bei den meiſten jungen Herren Deines Alters und Standes ganz anders heißen ſollte. Dein Vater würde Zeter ſchreien, wenn er dieſen Eingang unſeres Zweigeſpräches mitanhören könnte, und Freund Theodor nicht minder. Das darf mich nicht kümmern. Sie haben mich aufgejagt, aus meinem Neſte, auf daß ich zum Rechten ſähe! Nun muß ich nach meiner Weiſe vorgehen, ſonſt embrouillir ich die Geſchichte, anſtatt ſie ins reine zu bringen. Ehe ich Dich hörte, ehe ich mit Dir ſprach, mußte ich das Mädchen kennen, von dem Theodor ſpöttelnd meldete, daß es Dich par distance verrückt gemacht habe! Ich gehöre nicht zu den Ungläubigen, die derlei Wunderwerke ableugnen. Ich kenne eine ſehr glückliche Ehe, die zwei der edelſten Menſchen auf ſolches Erkennen aus der Ferne hin eingegangen ſind. Alſo das Mädchen wollt' ich kennen lernen, und die Verhältniſſe, denen es angehört. Du weißt, Hermann, ich bin berechtiget, auf ſolche ſcheinbare Nebenum⸗ ſtände Werth zu legen. Hier beſonders.— Doch bevor ich fortfahre, vernimm wieder ein Artikelchen 243 aus meinem ariſtokratiſchen Glaubensbekenntniſſe. Wohl verſtanden: aus dem meinigen; denn ich habe nicht das Recht, und leider nicht die Macht, es andern aufzudrängen— zum Beiſpiel Deinem Papa, der es verwerfen würde, was dieſen Punkt betrifft. Dir theil' ich's mit, weil ich will, daß Du mich kennſt und erkenneſt, wie ich bin. Dieſe Kennt⸗ niß wird Dein Vertrauen zu mir befeſtigen. Mes⸗ alliancen, was man im gewöhnlichen Sinne ſo nennt, dürften gar nicht eriſtiren, wenn ich zu befehlen hätte; das heißt, ich würde keinen Anſtoß daran nehmen, daß ſie geſchloſſen würden. In meinen Augen iſt's eine weit ärgere Mesalliance für einen honetten Ka⸗ valier, die alberne, herzloſe Tochter des älteſten Hau⸗ ſes zu heiraten, als die friſche, edle, blühende eines armen Beamten, Gelehrten, oder meinethalb Hand⸗ werkers. Ja ich gehe noch weiter: der hohe Adel ſoll ſich auf ſeine Privilegien und Vorrechte vor der Welt nichts einbilden, ſolange dieſe nicht dem Erben eines großen Geſchlechtes das naturgemäße Prioilegium zugeſteht, diejenige zu ſeinem Range zu erheben, die ihn zu ihrer Seele, zu ihrem Herzen erhob; ſolange dieſes Privilegium nicht durch die That anerkannt wird, und eine ſolche Gemalin nicht überall, in jedem Kreiſe, auch in den allerhöch⸗ 16* 244 ſten, für ebenbürtig gilt. Ich berufe mich dabei auf die ſtolzeſte und mächtigſte Ariſtokratie Europa's, und behaupte, daß der unſrigen etwas mangelt, weil es bei uns nicht ſo iſt.— Nachdem ich dieß voraus⸗ geſchickt, wirſt Du mir gerne glauben, daß ich nicht darauf ausging, heraldiſche Unterſuchungen anzuſtel⸗ len und des Mädchens Wappen zu prüfen. Du biſt nicht Majoratserbe von Eichenau, der leider durch eine Klauſel der Stiftungsurkunde verbunden wird, ſeiner Gemalin Ahnen zu zählen und ihren Stamm⸗ baum beizubringen;— das machte mir alſo nicht viel Kopfzerbrechen. Worauf ich jedoch nicht gefaßt war, und was mich,(in Deine Seele, mein Hermann) — rebütirt hat,— ich finde keinen andern Ausdruck! das iſt Mathildens mehr als zweifelhafte Herkunft. Auf Eltern ohne Rang, ohne Namen war ich gefaßt. Aber Eltern mußten es ſein; anſtändige, wohlhabende, bürgerliche Eltern. Nun findet ſich ein von ſeiner Gattin getrennter, längſt im Auslande lebender Va⸗ ter; eine ſehr dubioſe, gänzlich unbekannte, gleichfalls abweſende Mutter;— und freilich, was noch eini⸗ gen Halt verſpricht, ein nicht allzuweit von allen Grenzen menſchlichkultivirter Fluren angeſeſſener Oheim, ein kleiner Gutsbeſitzer, über deſſen Exiſtenz ich natürlich nie und nirgend etwas vernahm. Voilaͤ 245 tout! Sonſt war nichts herauszubringen: man hüllt ſich abſichtlich in Geheimniſſe, und wenn ich nicht ſehr irre, hat des Mädchens Mutter dazu gegrün⸗ dete Urſachen, deren näheren Zuſammenhang ich übri⸗ gens auch bald kennen würde, wenn es die Mühe lohnte, danach zu forſchen. Auf keinen Fall kommt viel günſtiges dabei heraus.— Soviel von der Mutter! Was nun die Tochter anlangt—“ „Tante,“ unterbrach ſie Hermann, der mittler⸗ weile ſeine Rührung bemeiſtert hatte,„ich danke Dir tauſendmal für die Mühe, die Du Dir gemacht, der jungen Dame Familienverhältniſſe aufzuklären. Sie ſelbſt betreffend, muß es mir jetzt faſt gleichgiltig ſein, wie ſie Dir erſchienen...“ „Gleichgiltig? Alſo iſt Dir gleichgiltig, Her⸗ mann, was ich von einem Mädchen halte, dem Du Dein Leben weihen willſt?“ —„Wollteſte, darfſt Du ſagen, Tante Barbara. Ja es iſt mir faſt gleichgiltig, welche Meinung Ma⸗ thilde Dir abgewonnen, da ich die Meinung ge⸗ wonnen habe, daß ich Mathilden gleichgiltig gewor⸗ den bin.“ „Und wodurch gewannſt Du dieſe Meinung, wenn's beliebt, mir das zu erklären?“ 246 „Durch ihr Benehmen. Sie hat auf meine Briefe nicht geantwortet, ſie hat nichts gethan...“ „Um Dich in Deinen unerlaubten und unſchick⸗ lichen Zudringlichkeiten zu ermuntern? Das ſpricht für ſie, nicht gegen ſie.“ „Für ihre Sittſamkeit, ihren Gehorſam gegen Demoiſelle Prudent mag es ſprechen; für ihre Nei⸗ gung zu mir ſpricht es nicht.“ „Neigung— Neigung zu Dir!— was ſind das für junkerhafte, oberflächliche Ausdrücke! Ein Kind, eine Schülerin, eine klöſterlich Beaufſichtigte ſoll da dem erſten beſten Offizierchen, das ſie mit feurigen Papierkugeln bombardirt, in Liebesbriefen Rede ſteh'n!? Möͤchteſt Du nicht etwa auch als Be⸗ weis dieſer ihrer ‚Neigung' verlangen, daß ſie ſich aus dem Fenſter zu Dir ‚herüberneigte“, Dir eine Zuſammenkunft um Mitternacht anzutragen, und daß ſie Dir dabei den Vorſchlag machte ſie zu entführen? Von dieſem Schlage iſt das Mädchen nicht. Aehn⸗ liche ‚Neigungen’ ſind ihr völlig fremd. Und gerade deßhalb halt' ich ſie einer tiefen, tüchtigen,— wenn auch mit einem Anfluge ſentimentaler Schwärmerei verbundenen— Geſinnung fähig. Daß ſie Dich liebe, wie Du zu lieben meinſt, iſt nicht wohl mög⸗ lich; das verbietet ihr Geſchlecht, ihre Jugend, ihre Unerfahrenheit, ihre Erziehung, ihre Umgebungen. Sie weiß nichts von Dir, als was Deine wahrſchein⸗ lich überſpannten Zuſchriften ihr geſagt haben— und das mag weder das Klügſte noch das Zuverläſſigſte ſein. Daß ſie Dich aber zu lieben wünſcht, daß ſie Dich ihrer Liebe dereinſt würdig wiſſen möchte, da⸗ von bin ich durchdrungen, hab' ich mich überzeugt, aus allem, was ich von ihr und von andern über ſie erfuhr. Daß Du auf dem beſten Wege biſt, ein reines, jungfräuliches Herz unglücklich zu machen, ja es zu brechen, wenn Du fortfährſt wie Du be⸗ gannſt, iſt leider wahr. Mathilde iſt ein liebes, klu⸗ ges, achtungswerthes Kind. Was kann ſie für ihre Mutter? Sie iſt mir theuer geworden; eine Stunde genügte, den ſeltenen Werth dieſes herrlichen Ge⸗ ſchöpfes zu entfalten. Ich nehme Partei für ſie. Ich bitte Dich, ſie zu verſchonen, Dich zu beherrſchen, männlich zu entſagen. Denke an Deinen Vater, an Deine Zukunft, an des Mädchens(im beſten Falle) dunkle Herkunft; an die Unmöglichkeiten,— denn Hinderniſſe wäre zu wenig geſagt,— denen Du Trotz bieten müßteſt. Denke daran,— nur um Gotteswillen nicht an die Fortführung einer In⸗ trigne, die zu nichts führen kann, als zu Unglück und Reue: Unglück für das Mädchen, Reue für den leicht⸗ ſinnigen Urheber ihres Unglücks. Nimm Dir kein Beiſpiel an Egoiſten in Deiner Nähe; ſogar an Deinem Bruder nicht, deſſen Lehren und Warnungen vielleicht verſchieden von den meinigen lauten! Er trägt zwar auch den Namen Eichengrün, doch er hat dabei den Beſitztitel auf Eichenau, womit er zu decken mag, was an ihm ſchadhaft wäre. Du haſt nichts als den Namen, Du biſt ein armer Graf; ſei ein edler, Hermann; ſei ein Edelmann im gan⸗ zen, großen Sinne; handle nicht wie ein moderner adeliger Reiter, beherrſche Dich wie ein alter, echter Ritter und folge der Deviſe: Nohlesse oblige! Mit einem Worte: gib dieſe Wohnung auf, betritt dieſe Gaſſe nicht mehr,— laſſe das arme Mädchen un⸗ geſchoren!“ Ei, Tante Barbara, verſtändige hochachtbare Aebtiſſin des Damenſtiftes zu Friedhain, was haſt Du angeſtiftet! Haſt Du Dich nicht bei all Deiner Klugheit, bei Deiner Herzensgüte, Deinen beſten Abſichten dießmal auf einen Boden gewagt, der Dir fremd iſt? Der einer alten Jungfrau fremd ſein muß? Löſchen wollteſt Du die heiße Glut, die nur glimmte, und haſt ſie, fürcht' ich, zur Flamme ange⸗ blaſen? Warum denn Deinen Liebling nicht in ſei⸗ nen Zweifeln laſſen? Warum denn ihm zu verſte⸗ 249 hen geben, daß Mathildens Zurückhaltung keine Kälte, daß ihr Schweigen keine Gleichgiltigkeit war? O weh, o weh! Das Oel, welches Dein Bruder Graf Ulrich ins Feuer zu gießen vermeiden wollte, ich ſorge, Du haſt es recht bedächtig hineintrö⸗ pfeln laſſen. Betrachte nur Deines Neffen Augen und Wangen: iſt's nicht, als wollten ſie Funken ſprühen? Ja, er verhehlt es gar nicht; er poltert her⸗ aus mit ſeiner ehrlichen, eichenauer Offenheit:„So glaubſt Du in der That, ſie könne mich liebge⸗ winnen?“ Da haben wir's. Soweit hat ſie's mit ihrer langen Auseinanderſetzung gebracht. Nun wird ſie nicht wenig erſchrecken über dieſen unwillkommenen Erfolg ihrer Sophapredigt! Doch nein! Sie nimmt des Neffen Frage gleich⸗ müthig auf, wie etwas unausbleibliches. Sie ruft auch nicht etwa zürnend aus: iſt das die Frucht meiner Bemühungen? Gott behüte! Sie fährt viel⸗ mehr freundlich fort:„Ich hätte Dich täuſchen, ich hätte Dir vorlügen können, das Mädchen wolle durch⸗ aus nichts von Dir wiſſen; Du ſeieſt ihr mit Deiner zur Schau getragenen Verehrung läſtig. Das wär' ein leichtes Mittel geweſen, Dich mit dem Tranke 250 verletzter Eitelkeit vom Liebesſieber zu heilen. Doch dieſe Heilung hätte nur momentan, nur für dieſen einzelnen Fall gewirkt. Und damit konnte der Tante Barbara nicht gedient ſein, wo es ihren Hermann gilt. Du darfſt, indem Du Dich unwillig von Ma⸗ thilden abwendeſt, wie ein verſchmähter Kurmacher, nicht hinter ihr höhnen: hole der Geier die dumme Gans, die mich nicht zu ſchätzen wußte! Du ſollſt, wenn Du in wohlerwogener Selbſtbeherrſchung mild und freundlich entſagſt, wenn Du Dich aus innerer Ueberzeugung dem Nothwendigen fügſt, ohne Groll ſprechen: Gott ſegne das gute, unverdorbene Mäd⸗ chen! Soviel erwarte ich von Dir. Soviel begehr' ich von meinem Hermann. O Dein Vater wußte wohl, weßhalb er mich ſchickte. Um Dich eben nur von einem kindiſchen Liebeshandel loszumachen, hätte Lobeſam genügt. Und nun iſt meine Miſſion erfüllt, ich kehre nach Friedhain zurück. Was ich Dir noch ſagen, mit welch unzähligen Variationen des⸗ ſelben Themas ich ferner in Dich dringen könnte.. ich halte es für unnütz. Ich habe mich an Deinen Edelmuth gewendet, ich habe mein gutes Wort in Deine Bruſt gelegt. Dort muß es keimen und ge⸗ deihen. Weiteres Geſchwätz iſt vom Uebel. Je länger ich verweile, deſto unwirkſamer müßten meine War⸗ 4 251 nungen, meine Bitten werden; ja meine Gegenwart ſchiene Dir bald läſtig. Vielleicht iſt ſie es ſchon? Bin ich aber fort,— das weiß ich,— dann wird die alte Tante wieder in ihre Rechte bei Dir treten, wird ihre ſanfte Macht über Dich ausüben, und was ſie Dir geſagt, wird Dir zu denken geben. Mehr braucht es nicht! Sinnſt Du erſt über Dich und Deine Pflichten nach, ſo haben wir ſchon gewon⸗ nen.— Jetzt gib mir Deinen Arm und führe mich bis zum Hauſe der Oberſthofmeiſterin, wie ſich's für einen wohlerzogenen Neffen und Lieutenant ſchickt. Daß ich dieß Gemach nicht wiederbetreten werde, iſt ſicher. Hoffentlich betrittſt auch Du es nur noch ein⸗ mal, um ihm Lebewohl zu ſagen? Wie?“ Hermann küßte ihr die Hand:„Was ich ver⸗ ſpräche, das müßt' ich halten, Tantchen. Heute kann ich Dir nichts verſprechen, als daß ich ernſtlich in mich gehen und Deine Worte durchdenken will. So⸗ bald ich mit mir einig bin, werd' ich Dir ſchreiben und mein Brief ſoll keine Unwahrheit enthalten.“ „Gut, Hermann! Und nun genug davon!“ Sie gingen mit einander. Barbara wünſchte der Puſelmeyer und deren Tochter ſo gütig güte Nacht, daß beide ſehr froh waren, dieſen bedroh⸗ lichen Beſuch noch huldreich abziehen zu ſehen. 252 Am nächſten Morgen verließ Tante Barbara, ihrem geſtern gethanen Ausſpruch gemäß, die große Stadt. Als Hermann vom Crerzieren dickbeſtaubt zur Oberſthofmeiſterin eilte, empfing ihn der Portier auf ſeine Nachfrage mit der kurzen Entgegnung: „Schon fort!“ So war er denn wieder ſich ſelbſt überlaſſen, hatte Zeit und Weile jenes Eingehen in ſich ſelbſt ernſtlich zu betreiben, eine genaue Durchforſchung ſeines inneren Menſchen anzuſtellen, und zu prüfen, was an der Liebe zu Mathilden dauernd, was ver⸗ gänglich ſei? Da gerieth er denn zuvörderſt auf die Entdeckung, daß die ſehnſüchtigen Wünſche, denen er ſich ſeit des Mädchens erſtem Aublicke hingegeben, an deren Reinheit er nie im geringſten gezweifelt hatte, nicht ſo ganz uneigennützig, nicht von verſteckten Nebenabſichten frei geweſen ſein könnten, weil ſie doch offenbar nur auf äußerliche Anmuth und Reize ge⸗ richtet waren; weil er von der Schönen anderweiti⸗ gen Vorzügen und Mängeln keine Kenntniß habe; weil ſie ihm eine Fremde ſei!„Und kann,“ fragte er ſich weiter,„kann, darf Leidenſchaft, die eine Verbin⸗ dung fürs ganze Leben erſtrebt, auf Lebensglück hoffen, wo nicht unerſchütterliche Achtung und Ehr⸗ furcht neben ihr ſtehen, die ſie feſthalten, wenn ſie 253 entfliehen, die ſie erfriſchen, wenn ſie verwelken will? Was weiß ich ſonſt von Mathilden, als daß ſie hin⸗ reißend ſchön und lieblich iſt? Daß ich ſie mein nennen, daß ich ſie beſitzen möchte!? Und was heißt beſiz⸗ zen?e Was bedeutet dieß oft gemißbrauchte Wort? Es knüpft ſich eben an die Dauer der Blütezeit, an die ſchwelgeriſchen Entzückungen des Frühlings! Aber dann... 2 Ja, wer das ſo vorherſehen, wer der Zukunft den Schleier entwinden könnte? Nehmen wir an, die Beſorgniſſe der Tante wären unbegründet, erwieſen ſich als nichtig, Mathilde wäre von guter, fleckenloſer Abkunft, beſäße ſogar wohlha⸗ bende Eltern, mein Vater hätte nichts gegen eine ſolche Schwiegertochter einzuwenden,.. gleichwohl könnte jetzt von ehelicher Verbindung nicht die Rede ſein. Man würde halb und halb eine Verlobung ge⸗ ſtatten, die Verheiratung bliebe unmöglich vor drei — vier Jahren. Und würde der Frühling, deſſen Zauberhauch mich jetzt mit heißen Ahnungen erfüllte, ſo lange währen? Würde ich ihm ſo lange treu blei⸗ ben, unverlockt von— ich weiß nicht welchen Ver⸗ führungen? Woher kommt es denn, Hermann, daß Du in Mathilden wie ſie jetzt als„Jungfrau im grünene am Fenſter weilt, und in Mathilden, wie Du ſie heute über zehn Jahre als Dein Eheweib Dir 254 vorſtellſt, zwei völliggetrennte Perſonen zu erblicken wähnſt? Fehlt da nicht ein unentbehrliches Element, welches die Gegenwart mit der Zukunft vereinen müßte, ſollte Deine Liebe die wahre, unerſchütterliche, den ganzen Menſchen ausfüllende ſein? Und iſt's edel, ja iſt's erlaubt, aufs ungewiſſe hin, um Deiner lüſternen Laune willen, den Frieden einer Knospe zu ſtören, die nur erſt beginnt, dem Daſein entgegen⸗ zublühen, die ſich ſchüchtern entfaltet? Soll der Mehl⸗ thau meiner kühnen, unerlaubten Geſtändniſſe ihre Ruhe vergiften? Tante Barbara hat Recht, hat auch dießmal Recht. Ich ſchmeichle mir gern da⸗ mit, beſſer zu ſein, höher zu ſtehen, als viele meines⸗ gleichen. Hier iſt Gelegenheit, es durch die That zu bekräftigen. Ich gebe es auf, das holde Kind länger zu quälen durch Martern, die ich ihr vielleicht be⸗ reite, wo ſie zwiſchen Pflichtgefühl und— nun ja: Liebe ſchwankt. Ich entſage. Ich ſcheide von mei⸗ nen ſüßen Träumen. Und nicht im Groll; nein, gewiß nicht in brüderlicher Freundſchaft ruf' ich ihr hinüber: Gott ſegne Dich, gutes, unverdorbenes Mädchen! Er mache Dich glücklich!— Dann Lebe⸗ wohl ihr und meinem Stübchen in der wahlauer Gaſſe; dann betret' ich es nimmermehr!“ Faſt wörtlich, wie es hier angegeben, berichtete 255 Hermann das Reſultat ſeiner Betrachtungen in einem ausführlichen Schreiben an Tante Barbara. Er fügte hinzu, daß er, um die arme Puſelmeyer und die gutmüthige Dore, welche letztere obendrein durch ſein Verſchulden ihre mäßige Beſoldung bei Prudents eingebüßt, nicht zu kränken, ſeine Stube nicht aufge⸗ kündiget, doch den feſten Vorſatz gefaßt habe, keinen Gebrauch mehr davon zu machen, ſondern allmonat⸗ lich die Miethe durch ſeinen Burſchen bezahlen zu laſſen. Dieſen Brief zur Poſt gegeben, hielt er ſich durch Ehre und Pflicht gebunden, betrachtete jeden Rückſchritt für unmöglich. Nun aber ſtellten ſich bald leere Stunden ein, die er nicht auszufüllen wußte. Vergebens ſchleppte der Burſche die Bücher, welche ſich nach und nach bei Puſelmeyers aufgeſammelt hatten, korbweiſe zurück. Sein Herr Lieutenant war ſchon ſo daran gewöhnt, in der wahlauer Holzgaſſe zu leſen, daß er bei ſich daheim keine Ausdauer mehr fand. Die Zeit wurde ihm ſchrecklich lang, er hatte kein Mittel, ſie zu tödten. Jetzt erſt fing er an zu vermiſſen, was ihm bis dahin ſo entbehrlich geworden: den Verkehr mit um⸗ gänglichen Familien. Hatte er doch nirgend Viſite gemacht, ſich in keinem vornehmen, in keinem bür⸗ gerlichen Hauſe vorſtellen laſſen. Was blieb ihm endlich, als bisweilen Zuflucht bei Theodor zu ſuchen? Dieſer zeigte zuerſt einige Beſorgniß, ſein Bruder werde ihm Vorwürfe machen, daß er als Verräther ſtiller Liebe aufgetreten ſei? Doch Hermann beruhigte den Diplomaten zuvorkommend, indem er nicht ver⸗ heimlichte, welchen Erfolg der Tante Beſuch gehabt habe.„Die Sache iſt abgethan,“ ſagte er,„ſie iſt zwar noch nicht vergeſſen, aber ſie ſoll vergeſſen werden. Dazu bedarf ich der Zerſtreuung und ich bin noch ſo ungeſchickt, bin noch ſo fremd in der Welt, daß ich mir dieſe auf anſtändige Weiſe nicht zu bereiten verſtehe. Du klagſt Dich an, Theodor, mich in Eichenau verklagt zu haben. Ich bin Dir dankbar dafür; aber ich werde es Dir doppelt ſein, wenn Du mir helfen willſt, jene Zerſtreuungen zu finden, die ich brauche und ſuche. Um eine ſentimentale Liebe zu verwinden, gibt es, hab' ich gehört und geleſen, kein beſſeres, zugleich kein angenehmeres Mittel, als eine Liaiſon leichterer Gattung anzu⸗ knüpfen! Sollteſt Du nicht der Mann ſein, mir zu ſo etwa zu verhelfen?“ „A ce trait je reconnais mon sang, oder viel⸗ mehr das unſeres verehrten Vaters! Das heißt ge⸗ ſprochen wie ein junger Herr von Verſtand. Hab' 257 ich doch bisher kaum gewußt, was ich erwiedern ſoll, wenn man mich fragte: ‚Sie haben einen Bruder hier? Weßhalb ſieht man ihn nirgend? Man ſagt, er ſei ein Original, ein Erzeptioneller, wohl gar ein Liberaler? Ihr Bruder, ein Demokrat? Fürchterlich!⸗ Ich wußte mir dann nicht anders zu helfen, als daß ich Deine Rechtfertigung vonſeiten guter Ge⸗ ſinnung übernahm, daß ich Dich für einen zwar viel⸗ verſprechenden, aber pour le moment für einen im Irrgarten der Liebe, c'est à dire der Circe herum⸗ taumelnden Kavalier erklärte. Du giltſt für den unwiderſtehlichſten Eroberer ſämmtlicher kleiner Bür⸗ gerstöchter in ſämmtlichen chriſtlichen Armeen, und dieſer Ruf, den Du mir verdankſt, wird Dir die neu⸗ einzuſchlagende Laufbahn ſehr erleichtern. Es gibt nichts, was einen ganz jungen Burſchen bei den Weibern mehr in Reſpekt ſetzt, nichts, was ihm zar⸗ tere Rückſichten verſchafft, als ein Parfüm von Ruch⸗ loſigkeit, einige Odeurs à la Don Juan, die vor ihm herziehen. Jede macht ihm Avancen; jede kokettirt mit ihm nach ihrer Art. Eine will ihn ſo nahe als möglich ſehen, wie man einen Tieger neugierig betrachtet. Eine andere möchte verſuchen, ob ſie ihn beſſern kann? Noch eine andere, wünſcht zu wiſſen, ‚ob das beißt, oder ob es ſich apprivoiſiren läßt? 1857. XIV. Noblesse oblige. I. 17 258 Und eine noch andere geſteht ehrlich ein: ich will mich auch erobern laſſen!“ „Du gehſt grauſam mit dem zarten Geſchlechte um,“ ſagte Hermann;„ſollte es nicht ausnahmsweiſe auch Frauen geben, die vor einer Renommée, wie Du mir zu bereiten für dienlich fandeſt, zurückſchaudern und ihr den Rücken kehren?“ „Mitunter, ja. Das ſind die Prüden, Lang⸗ weiligen; die zählen nicht.“ „Und doch möcht' ich ſchwören, Du würdeſt keine andere heimführen wollen, wenn Du Dich vermälteſt!“ „Wenn ich mich vermälte!— Biſt Du ein Tänzer?“ „Wie ſo?“ „Wie ſo? Nun ich meine, wenn Du gern tanzeſt, ſo benütze den kommenden Karneval und alle nächſt⸗ folgenden, Deine Luſt zu büßen; nur hebe Dir's nicht zu meiner Hochzeit auf. Sonſt verlernſt Du einſtweilen, was Dich der Tanzmeiſter in der Aka⸗ demie gelehrt hat.“ „Du gedenkſt Hageſtolz... „Davon ein andermal. Das iſt ein diaboliſch ernſtes Kapitel und hier kommt der Kammerherr, der mit mir von der Serviette ſpeiſen will. Er wird nichts dagegen haben, wenn Du bleibſt. Du haſt 71 259 Glück, Hermann. Gleich heute, beim erſten Schritte, den Du in die Welt thun willſt, erſcheint Dir an der Eingangspforte ein Führer von ſolcher Bedeutung. Laſſe keine ſeiner Aeußerungen verlorengehen. Er ſagt nichts, was nicht werth wäre, niedergeſchrieben zu werden.“— Wir kennen ja ſchon die kleinen Diners des Grafen Theodor. Heute war der Abend frei, folg⸗ lich drohte keine Unterbrechung und die Geſpräche konnten ſich recht behaglich ausdehnen. Der Kammerherr belobte den Lieutenant wegen ſeiner ‚rupture“, wie er es nannte.„Liebſchaften mit Mädchen aus Erziehungsanſtalten,“ ſagte er,„ſind oft gefährlich, immer beſchwerlich. Ebenſowenig als ich mich, wenn ich zu meiner Jugendzeit nach Kon⸗ ſtantinopel gekommen wäre, mit Haremsintriguen befaßt haben möchte, halt' ich es hier zu Lande für angemeſſen, die Augen auf Penſionate zu werfen. Wo ſoviele Frauensperſonen beiſammenſtecken, gibt es kein Geheimniß auf die Länge, und die Dinge nehmen gewöhnlich einen ſchlechten Ausgang. Wir werden freilich nicht geſpießt, und die allerliebſten Elevinnen einer Prudent werden nicht in Säcke ge⸗ näht und ins Waſſer geworfen; doch fehlt es nicht an tauſenderlei andern Verdrüßlichkeiten. Le jen ne 17* 260 vaut pas la chandelle. Es iſt überhaupt nicht rath⸗ ſam, ſich in Ihrem Alter, Graf Hermann, in ein noch jüngeres Weſen zu verlieben. Es wird nichts kluges daraus. Für Ernſt zu wenig, für Scherz zu oiel. Ein Kind ſoll von einem Manne gouvernirt werden. Ein Mann, der ſelbſt noch ein halbes Kind iſt, ſoll erſt ſeine eigene Schule durchmachen, bevor er mit Geſchick und Grazie als Lehrer auftritt. Der Schüler braucht keine Schülerin, eine Lehrerin thut ihm noth. Niemand vermag dem Debütanten auf der großen Welt⸗ und Lebensbühne, auf der es oft ſehr ver⸗ worren hergeht, feſteren Applomb, glätteren Schliff beizubringen, als eine ſchöne Frau, die den Jahren und der Erfahrung nach ſeine Mutter ſein könnte, die ſich aber ſo konſervirt hat, daß jede von ihr gewährte Auszeichnung Neid erregt. Ich ſetze voraus, daß ſie nicht verſchwenderiſch damit iſt; daß ſie, wenn auch für eine galante Frau geltend, die déhors be⸗ obachtet; daß ſie ihre Stellung in der Geſellſchaft zu behaupten weiß. Sie darf ſich nicht herablaſſen, ſie muß zu ſich erheben.“ „Und gäb' es eine ſolche für unſeren Her⸗ mann?“ fragte Theodor. Der Kammerherr faltete die Stirne:„Bin ich ein Radoteur, Graf Eichengrün? Pfleg' ich ins un⸗ 4 261 gewiſſe zu ſchwatzen? Wenn ich rede, ſo hab' ich vor⸗ her überlegt; wenn ich andeute, ſo iſt mir klar, was ich damit will. Laſſen Sie ſich's geſagt ſein, Her⸗ mann; je tiens voôtre affaire.“ „Das geht über mein Verſtändniß,“ rief der Legationsrath kopfſchüttelnd.„Mag ich doch ſinnen und Revue paſſiren laſſen wie ich will”.... „Zerbrechen Sie ſich den Kopf nicht unnütz, Sie können mich nicht errathen, weil Sie noch nicht wiſ⸗ ſen, was ich erſt auf dem Wege hierher entdeckt habe. Der Prinz iſt aus Neapel angelangt, uner⸗ wartet.“ „Und die Stjernholm?“ „Iſt vierundzwanzig Stunden vor ihm ein⸗ getroffen.“ „Ah, meroeilleus!“ „Noch einmal, Hermann, je tiens vôtre affaire!“ „Baron Fach,“ entgegnete etwas unwillig Her⸗ mann,„Sie wiederholen mir das mit der Zuverſicht eines Börſenmäklers, der unſichere Staatspapiere offerirt. Wenn ich nun gar nicht zu kaufen geſon⸗ nen, kein Geſchäft zu machen willens bin? Wenn mir eben gar nicht danach zu Muthe iſt?“ „Dann ſchmachten Sie noch unter dem Ein⸗ fluſſe zärtlicher Empfindungen für eine Penſionärin? 262 Deſto beſſer! Umſo wohlthätiger wird ein Ver⸗ hältniß ganz verſchiedener Gattung auf Sie wir⸗ ken. Beurtheil' ich Sie richtig, ſo haben Sie noch gar nicht an ſich erlebt, was es heißt, einer geiſt⸗ vollen, brillanten Frau gefallen zu wollen!? Glau⸗ ben Sie mir, Graf Hermann, und laſſen Sie ſich's von Ihrem Bruder beſtätigen, der in dieſem Felde friſchere Erinnerungen aufzuweiſen hat: wir wiſſen nicht, wir ahnen kaum, welche Kräfte des Geiſtes, welche Anlagen und Fähigkeiten in uns ſchlummern, ehe nicht die heiße Begierde liebenswürdig zu erſchei⸗ nen unſer ganzes Weſen in Anſpruch genommen, ehe nicht das Aufgebot an uns ergangen iſt, die Mittel anzuwenden, die uns gegeben ſind. Wenn ſich erſt alle Sinne und Gedanken auf das eine Ziel richten; wenn der Jüngling, den holden Flegeljahren kaum entwachſen, anſtatt ſich wie bisher gehen zu laſſen und allem, was ſeine Bequemlichkeit derangi⸗ ren könnte, auszuweichen, ſich zuſammenraffen muß, weil jeden Augenblick ein ſtrafender Blick auf ihn fallen könnte— oh wie aufmerkſam wird er da auf ſich ſelbſt! Wie tüchtig übt er ſich ein im Bereiche deſſen, was Anſtand und feine Sitte fordern! Und wie gern thut er es, welch feurigen Willen bringt er mit; denn er darf ja hoffen durch ermunternde 263 und belobende Anerkennung belohnt zu werden. Es gab zu meiner Zeit eine Oper— leider iſt ſie ganz aus der Mode gekommen; die Sontag war deli⸗ ziös darin!— ſie hieß der ‚Zögling der Liebe.“ Je⸗ der junge Menſch iſt in gewiſſer Weiſe ein Sargi⸗ nes, heutzutage beſonders. Aber nicht jeder kann eine Sophia zu finden wähnen, wie die einzige Son⸗ tag war. So halte er ſich an das, was erreichbar iſt, nehme vorlieb mit einer Meiſterin, die zwanzig Jahre mehr zählt, wenn ſie nur ſchön iſt. Als ich ſagte: je tiens vôtre affaire, wußt' ich, was ich ſagte. Und ſobald Sie ein Viertelſtündchen mit der Dame geredet haben, die ich im Sinne hatte, werden Sie mich nicht mehr mit einem Börſenmäkler vergleichen, deſſen Offerten man ſchnöde zurückweiſet. Ich gebe zu, daß die Baronin kein ſolides Staatspapier, kein ſicherer Pfandbrief iſt, wie etwa der Vormund ſucht, der ſeiner Pflegebefohlenen kleines Vermögen auf lange Jahre zuverläſſig anlegen will. Vergleichen Sie meinetwegen das intereſſante Weib einer Aktie, die täglich im Kurſe ſinken kann,— aber was küm⸗ mert das Sie? Jetzt ſteht ſie noch ziemlich hoch und man verlangt von Ihnen kein bares Kapital; nur eine beſcheidene Einlagsſumme, die Sie lächelnd ein⸗ büßen, ſobald der Kauf rückgängig wird. Sie ſehen, 264 ich ahme Ihnen nach und entlehne meine Gleichniſſe der Börſe, die ich übrigens deteſtire, wie ſämmtliche dazugehörige Geldariſtokratie.“ „Es iſt ein glorioſer Einfall,“ hub Theodor an, „ganz Ihrer würdig, Baron, meinen Bruder an die Stiernholm zu feſſeln, ſei's auch nur auf kurze Zeit. Er wird unendlich profitiren dabei; er wird errin⸗ gen, was ihm noththut, das unentbehrliche Gleichge⸗ wicht, woran man einzig und allein den wahrhaft Vornehmen erkennt. Es iſt unglaublich ſchwer zwi⸗ ſchen zuvorkommender Freundlichkeit und adeliger Haltung Maß zu treffen, daß auf keine Seite hin weder zu viel noch zu wenig geſchehe. Du laborirſt noch ſehr fühlbar an einer treuherzigen Derbheit, die nach Eichenau und deſſen biedern Bewohnern riecht, und von Deinen jetzigen Kameraden wirſt Du nicht viel brauchbares abſehen können. Die Mei⸗ ſten, die ſich in Uniform ganz leidlich bewegen, würden in Verlegenheit gerathen, ſollten ſie ohne Sei⸗ tengewehr auftreten. Der Wunſch, unſerer Baronin zu gefallen, wird Dich beſeelen, Du wirſt nach und nach Deiner Sache gewiß werden, wirſt Dir ver⸗ trauen— und ſobald Du Dir vertrauſt, ſobald weißt Du zu leben, wie der“..... 265 —„Teufel behauptet,“ unterbrach Hermann ſeinen Bruder. „Es iſt ſehr weiſe von Göthe,“ ſprach Baron Fach,„daß er ſolch tiefes Wort dem humoriſtiſchen Mephiſtopheles in den Mund legt; von dieſem ſteht zu erwarten, daß auch bei dieſem Ausſpruch der Schelm im Nacken ſitzt. Um zur klaſſiſchen Sentenz erhoben zu werden, fehlt ihr noch eine Silbe: es müßte heißen: ‚ſobald Du Dir vertrauen darfſt⸗ und ſo weiter. Denn wär' es einzig und allein mit dem edlen Selbſtoertrauen, ohne Berechtigung dazu, abgethan, dann wimmelten unſere Salons von jun⸗ gen Männern, die zu leben wüßten,“ was gegen⸗ wärtig aber nicht der Fall iſt, obgleich ſie wiſſen, daß ſie leben, und uns ſehr beläſtigende Beweiſe ihres Daſeins geben.“ Hermann hielt es gerathen, was in ſeinem Her⸗ zen vorging, hier und heute nicht mehr zur Sprache zu bringen. Er fühlte ſich ſeinen beiden Gegnern, (wenn er ſeine Gönner ſo nennen durfte,) vorzüglich dem Baron in keiner Art gewachſen und gab ferne⸗ ren Streit willig auf.„Ich bin ſchon im voraus ſehr dankbar,“ ſagte er ſo unbefangen wie ihm irgend möglich war,„daß Sie, meine theuren Herren, mich Ihrer Protektion würdigen und mir den entzücken⸗ 267 meidet, was Schmerzen macht, aber keinem Schmerze unterliegt, weil die Kraft der Idee ihn über die Ma⸗ terie erhebt. Verſtehen Sie mich?“ „Sublim! Sublim!“ ſtöhnte Theodor. „Ste, mein lieber Legationsrath, befinden ſich noch keinesweges à la hauteur. An Senſualismus hat es Ihnen nie gemangelt, aber die Idee iſt da⸗ bei häufig zu kurz gekommen. Haben Sie mich ver⸗ ſtanden, Hermann?“ „Halb und halb wohl. Mit Beſtimmtheit wag; ich es noch nicht zu behaupten. Aber wie paßt die Baronin, die Sie mir, oder der Sie mich zuden⸗ ken, in Ihr Syſtem? Hoffentlich hält auch ſie das juste milieu zwiſchen Stoa und Epikuräismus, zwiſchen Idee und Realität?“ Der Kammerherr ſtand auf, und legte ſeine dürre feingegliederte Hand auf Hermann's Kopf:„Ich habe nicht lange mehr zu weilen auf dieſer Erde, meine Zeit iſt gemeſſen. Aber wenn mich nicht alles täuſcht, werd' ich fortleben in dieſem hier!“ „Etwas ähnliches haben Sie von mir nie geäußert,“ rief, einigermaßen gekränkt, Theodor ihm nach. Und als der Baron, ohne darauf zu achten, das Zimmer verließ, blieb der Zurückgeſetzte faſt trau⸗ —ÿ 266 den Unterricht einer Lehrmeiſterin verſchaffen wollen. Nur behalt' ich mir vor, die Gerühmte und— wie es ſcheint,— Berühmte vorher zu ſehen! Denn reizt ſie mich nicht, das ſag' ich Dir, Theodor, dann lauf' ich aus der Schule ſchon in der erſten Lektion.“ „Zugeſtanden, mein lieber Graf!— Ihr Bru⸗ der gefällt mir immer mehr und mehr. Ich prophe⸗ zeie ihm, daß er fähig werden wird, ſich meine Phi⸗ loſophie praktiſch anzueignen; daß er vielleicht Sie darin übertreffen wird, Theodor!“ „Und worin beſteht eigentlich Ihre Philoſophie, Baron? wenn ich ſo frei ſein darf...?“ fragte Hermann.„Der Menſch will doch nothdürftig wiſſen, wozu er ſich bekennt?“ „Ich kann heute auf keine ausführliche Ent⸗ wicklung eingehen, denn ich habe erſtens ſchon wie⸗ der mehr geredet, in einer Stunde, als ſonſt in einem Jahre; und zweitens: ich muß Euch allein laſſen, Ihr Herren Gebrüder, weil ich bei unſerer— Ihrer!— Baronin anklopfen will. Deßhalb in aller Kürze: meine Philoſophie beſteht in einer ſelbſt⸗ erfundenen, ſelbſtdurchlebten, ſelbſterprobten eigenthüm⸗ lichen Verſchmelzung und Vereinigung zweier an⸗ derer, ſich feindſeliger, der epikuräiſchen mit der ſtoi⸗ ſchen. Ein idealiſirter Senſualismus, der gern ver⸗ 268 rig am Tiſche, nur ſchwach flüſternd:„Ein ſeltener Menſch! Ein großer Geiſt!“ „Ich habe nichts dagegen einzuwenden! Doch indem ich ſeine Größe beſcheiden anerkenne, kann ich die Befürchtung nicht unterdrücken, daß er mir zu viel Ehre anthut. Mein Magen iſt ein zu pronon⸗ zirter Anhänger des Materialismus, um der idealen Richtung zu huldigen, die der ſeine verfolgt; und mein Herz wird es nie ſoweit bringen, jedes wär⸗ mere, innigere Gefühl verleugnend, nur einer ver⸗ feinerten Sinnlichkeit zu gehorchen. In mir bildet er ſich keinen praktiſchen Erben ſeiner Weltweisheit heran. Ich muß Dir's nur eingeſtehen, lieber Theo⸗ dor, während unſeres heutigen Diners iſt mir ei⸗ nigemale zu Muthe geworden, als müßt' ich auf⸗ ſpringen, Euch verlaſſen, und Euren lebensklugen Unterweiſungen zum Trotz ein Briefchen an Mathil⸗ den ſchreiben, worin ich ſie früge, ob ſie mir ge⸗ ſtatten will, ſie als meine Braut zu betrachten? Je mehr der Kammerherr ſeine Baronin anpries, deſto lebendiger ſtand der erſten Liebe Bild vor mir; und wenn Ihr es wirklich ausführt, mich mit der alten Kokette zuſammenzubringen, ſo bürg' ich für nichts. Es iſt ſchwer genng, den Verhältniſſen ein ſo wider⸗ natürliches Opfer zu bringen, wie ich es durch meine 269 freiwillige Entſagung gethan. Macht mir's nicht noch ſchwerer und wollt mich nicht verkuppeln an eine Perſon, die Euch ſehr liebenswerth erſcheinen mag, die mir aber jetzt ſchon aufrichtig zuwider iſt, ehe ich ſie noch geſehen.“ „Ehe Du ſie geſehen! Sieh' ſie, höre ſie— dann urtheile. Doch ſei's, wie Du begehrſt. Wir nennen fürs erſte ihren Namen nicht vor Dir, er⸗ wähnen ſie nicht mehr! Dich verkuppeln? Welch ge⸗ meiner Kaſernenausdruck!— Kehren wir zu Deiner erſten Liebe zurück! Zu Deinem Herzensweh! Ich habe dergleichen nie empfunden. In Deinem Alter hatt' ich längſt hinter mir, was Sentimentalität, was ſüße Schwärmerei gebiert. Ich konnte mich nie⸗ mals der Sehnſucht ergeben, weil mir niemals zu wünſchen übrigblieb. Ohne Deinen Zuſtand an mir erlebt zu haben, begreif' ich ihn vollkommen; vermag mir ſehr gut zu denken, wie Dich alle Sinne und Triebe dahin ziehen, wo Du beſitzen möchteſt, was Dir einzig und allein genießenswerth erſcheint, — weil Du es nicht haben kannſt. Dieſe Täuſchung hat ſchon viele dumme Streiche befördert, und die dümmſten, die wildeſten, die ertravaganteſten, die zu Ent⸗ oder Verführung führten, waren nicht immer die ſchlimmſten, verglichen mit jenen, welche in un⸗ paſſende Ehen ausliefen, auf nichts baſirt, als auf die Vermiſchung der Begriffe. Weil der Knabe wähnte, was ihn heute entzückt, werde ihn nach Jah⸗ ren noch beglücken, hat der Mann ſeine Kette hin⸗ ter ſich her ſchleppen müſſen... Man nennt das „ſich verplempern, Hermann. Es iſt auch ein gemei⸗ ner Ausdruck, ſeinem Urſprunge nach; doch iſt er mit richtigem Takt aufgenommen worden ins Diktio⸗ när der Akademie feiner Sitten, weil er durch ſei⸗ nen rohen Klang an das Raſſeln und Klirren jener Feſſeln bildlich mahnt. Du wärſt kapabel Dich zu verplempern, Junge! Man ſieht Dir's an.“ „Meinſt Du wirklich, Bruder?“ „Ja, ich glaube ſogar, Du hätteſt gar nicht übel Luſt, mir und dem Kammerherrn durch einen Ver⸗ zweiflungscoup darzuthun, daß Du Dich eigentlich über uns und unſere Warnungen luſtig machſt? Ich nehme Dir das nicht übel. Was haſt Du eigentlich zu verlieren als jüngerer Bruder des Majoratsherrn? Nicht wahr, ſo denkſt Du? Und denkſt ferner: Weß⸗ halb ſoll ich die jugendlich⸗warmen, natürlichen und ſogar edlen Regungen meines Herzens Rückſichten unterordnen, die mir perſönlich ſoviel wie nichts gelten? Alles prediget in mich hinein; der Vater will nicht geſtatten, daß ich den Stand ergreife, der mir einzig zuſagen würde! Die Tante ermahnt mich, ihrem alten reinen Adel keinen Fleck zu machen! Nun kommt auch noch mein Herr Bruder, warnt mich vor Verplemperung und macht mir Vorſchläge, die dem innig Liebenden indezent erſcheinen! Er hat leicht reden! Wenn er ſich vor einer Mesalliance hütete, dann wußte er wohl warum; ihn hätte ſie vom Beſitz ausgeſchloſſen. Aber ich.... und nun juckt und brennt es Dich, uns ein Schnippchen zu ſchla⸗ gen; und ohne Deine Pietät für Tante Barbara wär' es ſchon geſchehen. Wir ſind keine Minute ſicher vor Dir. Aber das iſt ein peinlicher Zuſtand, welchem ich nicht länger unthätig zuſehen darf. Du biſt ein Nachtwandler, Hermann, den ein lautausgeſproche⸗ nes Wort erwecken ſoll. Solange Du auf hohen Dächern Deine ſentimentalen Mondſcheinpromena⸗ den machteſt, wagte ich nicht, Dich bei Namen zu rufen, aus Furcht, Du könnteſt jählings herabſtürzen. Heute hab' ich Dich hier auf ebenem Boden und heute ſollſt Du erwachen. Was ich Dir jetzt an⸗ vertrauen werde, iſt ein ernſtes, mich verletzendes Eingeſtändniß. Daß ich es nicht zurückhalte, ſei Dir ein Beweis brüderlicher Liebe, deren Du Dich bis⸗ her wohl kaum zu mir verſehen haſt? In Wahrheit habe ich auch wenig oder nichts gethan, ſie Dir zu. 272 zeigen. Theils liegen derlei Kundgebungen gar nicht in meinem Weſen; theils hat ſich zwiſchen mich und Dich eine feindliche Macht geſtellt, deren Daſein auch Du empfandeſt, nur mit dem Unterſchiede, daß Du mich für den Begünſtigten, Dir Vorgezogenen hiel⸗ teſt, während.... doch vernimm, worin Dein Irrthum beſtand. Alle Welt, Tante Barbara an der Spitze, tadelt mich, daß ich nicht heirate. Wenn unſer Vater nicht am heftigſten gegen mein Jung⸗ geſellenthum auftrat, ſo unterließ er es nur, weil die Ausſicht auf Großvaterſchaft ihn bei ſeinen Anſprü⸗ chen an unvergängliche Jugend einwenig beſorgt macht. Aber alle ſind darüber einig, daß ich mich an keine Gemalin binden mag, weil ich ungebunden ſein, weil ich meine Freiheit im Umgange mit Weibern nicht aufgeben will. Ich unterziehe mich der erſinn⸗ lichſten Mühe dieſe Anſicht aufrechtzuerhalten, ſpreche mich überall und gegen jeden, beſonders gegen jede in dieſem Sinne aus— und laſſe mich verdammen. Was die Leute von mir denken und ſchwatzen und urtheilen, iſt mir höchſt gleichgiltig. In dem einen Punkte ſprechen ſie wahr: ich werde mich nie ver⸗ mälen. Doch über die Haupturſache dieſes Ent⸗ ſchluſſes ſind ſie im dunkeln, und ich fühle nicht den leiſeſten Antrieb ſie aufzuklären. Du aber wiſſe: ich 273 bin ein kranker, zerſtörter Menſch; ich habe nicht mehr lange zu leben; und wenn ich dieſe Friſt be⸗ nützen wollte, ein Ebebündniß zu ſchließen, ſo wür de ich bei meinem Hingange wohl eine Witwe in Trauer,(darum doch keine trauernde Witwe,) in keinem Falle jedoch einen Erben meines Namens und meiner Anſprüche auf die Majoratsherrſchaft Eichenau hinterlaſſen. Daß es ſo iſt, weiß ich, fühl' ich ſelbſt am beſten, und jener große Arzt,— der⸗ ſelbe, der unſerem Kammerherrn ein von dieſem ſo geringſchätzig aufgenommenes Prognoſtikon geſtellt, — hätte mir's nicht erſt zu ſagen gebraucht. Ehe Du, mein lieber Hermann, volljährig wirſt, bin ich ein Leichnam, der in unſerer Familiengruft modert. Deßhalb ſah ich Deine friſche muntere Jugend nicht ohne Neid an; deßhalb blieb ich Dir ferner und fremder, als für Brüder ſich ziemt. Ja, ich geſtehe es Dir, deßhalb ließ ich Dich Dein ſeltſames Trei⸗ ben in der wahlauer Holzgaſſe fortführen, ohne früher einzuſchreiten, denn ich hatte— und ſo erbärmlich ſteht es um den Menſchen— krankhafte Stim⸗ mungen, wo eine niedrige Schadenfreude ſich meiner bemächtigte, daß Du Dich leichtſinnig und kindiſch um die Vortheile bringen könnteſt, die mein Tod Dir gewähren muß. Sott ſei Dank, das iſt überwun⸗ 1857. XIV. Noblesse oblige. I. 18 274 den. Ich habe mir klargemacht, wie unwürdig eines Eichengrün ſolch boshafter Neid, ſolch gemeine Mißgunſt ſei, gegen den Sohn ſeiner Eltern, gegen den leiblichen Bruder. Habe mir ausgemalt, wohin es führen ſollte, wenn Agnaten aus fremden Landen, deren Verwandtſchaft mit uns ſchon ſo weit zu den Vätern hinaufreicht, daß ſie nicht einmal zu ſchriftli⸗ chen Höflichkeitserweiſungen aufforderte, Anſprüche zu machen kämen an den Sitz unſerer Väter, den Du verſcherzteſt, weil Du unbedacht und ungewarnt wider die Beſtimmungen der Stiftung verſtoßen hätteſt? Ich erröthete vor mir ſelbſt. Ich fand mich wieder. Jede kleinliche Selbſtſüchtelei verſchwand vor dem großen Gedanken meines Todes— und der Fort⸗ dauer unſeres Geſchlechtes durch Dich! Ich werde keinen Sohn haben, keinen Erben! Du biſt der Erbe, ſei Du mein Sohn; ſei mein Sohn und mein Bruder! In dieſer feierlichen Stunde lege ich, was ich beſitzen ſollte, was ich(aus eigenem Verſchul⸗ den) nicht beſitzen werde, in Deine Hand! Du biſt Majoratserbe von Eichenau! Hermann, Graf Ei⸗ chengrün, wirſt Du noch ſchwanken, ob Du Dein Mädchen, die Tochter zweifelhafter Eltern, aufgeben ſollſt? Oder willſt Du im Vertrauen auf mich, mei⸗ ner Führung Dich überlaſſend, die letzten Jahre, die ich noch zu leben habe, treu und brüderlich an meiner Seite bleiben, dankbar für dieſe Stunde?“ „Ich will,“ erwiederte Hermann, ſo heftig er⸗ ſchüttert, daß er kaum ſprechen konnte. „Dann Wort um Wort, Hand um Hand: Du gelobſt mir Schweigen, bei Deiner Ehre! Niemand, auch unſer Vater, auch Tante Barbara nicht, darf erfahren, was Du jetzt weißt.“ Hermann gab das verlangte Ehrenwort. „Nur der Baron iſt ausgenommen. Er kennt den Ausſpruch des Arztes und glaubt daran, bei mir, wie bei ſich. Der Proteſt, den er bisweilen ver⸗ achtend dagegen einlegt, rührt nicht etwa aus Todes⸗ furcht her, die ſich wider ſolche düſtere Vorherſagung zur Wehr ſetzen möchte. Er hat mit ſich abgeſchloſſen. Aber weil er mir nicht dieſelbe Energie zutraut, gibt er ſich den Anſchein zu zweifeln, damit auch ich zweifeln ſoll. Er iſt der merkwürdigſte Menſch, den ich kenne. Ich habe von ihm lernen wollen zu leben; wahrſcheinlich werd' ich von ihm ſterben lernen: ſein Ziel iſt noch kürzer geſteckt als das meinige. Armer Hermann, da wirſt Du mit zwei wandelnden Leichen umgehen, denen der Schreiner ſchon Maß genommen zum letzten Kleide. Nun, ſorge nicht; wir wollen Rath ſchaffen, daß die Kälte, die von uns 18* 276 ausſtrömt, Dich nicht vor der Zeit durchſchauere! Iſt's nicht die Stjernholm, die Dir Wärme und Freude ſpendet, ſo iſt's eine And're. Finde ſchön, wen Du willſt, nur verliebe Dich nicht mehr ernſtlich, da Du nun weißt, was auf dem Spiele ſteht.— Jetzt wollen wir ſpazieren fahren.“ Zehntes Kapitel. Es herbſtelte bereits. Beim Grafen Theodor Eichengrün war eine kleine Geſellſchaft verſammelt, die ſonſt, wenn ihre Theilnehmer und Theilnehmerinnen geſondert und zerſtreut in weiteren Räumen, in größeren Kreiſen ſich bewegten, zu der beſten und vornehmſten zählte; die aber hier ſo eigenthümlich gruppirt ſchien, daß ſie faſt anrüchig genannt werden dürfte. Die fünf bis ſechs Herren und die faſt ebenſo vielen Frauen, (denn Mädchen waren nicht anweſend) trugen klin⸗ gende Titel und Namen. Doch unter den Schönen, deren zwei vorhanden, unter den Alternden, welche den Reſt bildeten, befand ſich nicht eine Dame, die nicht von ſchlechtem Rufe geweſen wäre. Bekanntlich hat das gar nichts zu ſagen, wofern nur gewiſſe 277 Förmlichkeiten beobachtet und eklatante Herausforde⸗ rungen der öffentlichen Meinung vorſichtig und ge⸗ ſchickt vermieden werden. Ein leidenſchaftliches Weib, welches ihrem Gemal ehrlich ſagt: ich verabſcheue Dich, wir trennen uns, ich liebe einen Andern; wird ausgeſtoßen, als ob es die Peſt hätte, und zum Lohne ihrer redlichen Aufrichtigkeit dreht ihr alles den Rücken; auch diejenigen, welche der Aermſten vollkommen beipflichten. Die Heuchlerin, die Lügnerin aber, die ſo pfiffig iſt, ihren Mann zu täuſchen, oder ſo glücklich einen blinden oder tauben Mann(ich meine blind und taub für ihre ſchlimmſten Streiche) zu beſitzen, kann und darf mit jedem Monde ihren Liebhaber wechſeln, darf ſich verſchenken, wegwerfen, ja verkaufen... ſie bleibt, die ſie war, und wird 2 nicht ermangeln, ihre Doſis Gift auf die Ausgeſtoßene, Verpeſtete zu ſpritzen. So war es, ſo iſt es, ſo wird es bleiben, und da man uns verſichert, es ſei ganz in der Ordnung, ſo wagen wir nicht, uns da⸗ gegen aufzulehnen und finden alles vortrefflich. Doch darf es uns einigermaßen befremden, daß Graf Theodor, wie wir ihn nun zu kennen meinen, für ſeine Soirée eine ſolche Auswahl getroffen? Um⸗ ſomehr, da es eben keine geiſtigen Vorzüge zu ſein ſcheinen, durch welche das Fehlende erſetzt würde. 278 Hat er vielleicht ſämmtliche übrige Gäſte nur dazu be⸗ ſtimmt, den dunkleren Hintergrund zu bilden, der eine Begünſtigte in deſto helleres Licht ſtellen wird? Ich vermuthe ſo etwas, denn er iſt unruhig, zeigt ſich ſogar verlegen, inſofern ein Mann wie er ſich überhaupt verlegen zeigen kann, und hat ſich bei jeder einzelnen Dame einzeln entſchuldiget, daß die huld⸗ reiche Gönnerin, welche großmüthig die Honneurs ſeines Garçonhaushaltes übernommen, unerklärlicher⸗ weiſe auf ſich warten laſſe. Ja ſo iſt's: Baronin Stjernholm verſprach ihm, die Frau vom Hauſe zu repräſentiren. Ich entnehme dieß aus Hermann's Ungeduld. Er wirft penetrante Blicke nach der Thür des Vorzimmers, und jedesmal, wenn ſie aufgeht, und ſtatt der Baronin Paul, oder ein anderer Diener ſicht⸗ bar wird, malt ſich bitterer Groll in unſeres jungen Freundes Mienen wider die Unſchuldigen, die ja nur ihrer Dienerpflicht genügen, indem ſie ab⸗ und zugehen. So hat ſich der unerfahrene Hermann wirklich fangen laſſen? So haben einige Wochen vertraute⸗ ren Zuſammenlebens mit Theodor und dem Kam⸗ merherrn hingereicht, ihn das berauſchende Opiat, welches ſie ihm zur Beruhigung verordneten und an⸗ empfahlen, für wohlthätige Arzenei verſchlingen zu machen?— Nein, ſoweit ſind wir noch nicht. Er hat die Baronin geſehen, gehört, hat ſie verführeriſcher, anmuthiger, ungleich jünger,(wenigſtens dem Aeuße⸗ ren nach), gefunden, als er ſie ſelbſt nach ſo über⸗ triebenen Lobeserhebungen ſich vorgeſtellt. Er iſt hingeriſſen von ihr; er ſetzt alles daran, was ihm zugebote ſteht, ihren Beifall zu gewinnen. Aber lieben kann er ſie nicht. Nicht einmal ſich in ſie zu verlieben vermag er. Es zieht ihn hin zu ihr mit unbeſchreiblichem Zauber, und wenn ſie kalt, gleich⸗ giltig, wohl gar unfreundlich gegen ihn iſt, möchte er ſich wie raſend zu ihren Füßen werfen. Doch bei der leiſeſten, durch ſie hervorgebrachten Ahnung, daß ſie ihn zärtlich aufheben werde, iſt's ihm doch, als gerönne ſein Blut zu Eis, lege ſich in dicken Reifen ums Herz, und jeder Wunſch verſtummt.„Ich bin überzeugt,“ hat er zu Theodor geäußert,„wenn ich eine Zuſammenkunft unter vier Augen von ihr erflehte, wenn ſie mein Flehen erhörte, wenn ich in ſtolzem Bewußtſein ſolcher Auszeichnung vor ſie hinträte und ſie empfinge mich mit offenen Armen... es würde ſich etwas zwiſchen Sie und mich ſtellen, ich weiß nicht was? Aber es würde verhindern, daß ich mich ihr näherte, daß ich ihr eine Silbe, eine einzige arme Silbe von Liebe ſagte! Und bei all dem 280 kann ich mich nicht von ihr losmachen, kann nicht gleichgiltig ſein, welche Mühe ich mir gebe.“ „Sei kein Narr,“ hatte Theodor darauf erwie⸗ dert,„Dich ſo unnütz zu bemühen. Beſſer konnten wir ja die Sache nicht einrichten, wenn wir ſie bei Vaucanſon, Kempelen oder einem hoffmann'ſchen Automatenverfertiger ganz beſonders beſtellten! Was wollte ich denn mit Dir und ihr? Wollt' ich Dich in die Arme einer— einer Baronin liefern? Wollt' ich Joſeph, vielmehr Benjamin, einer Potiphar überantworten? Zerſtreuen wollt' ich Dich; auf an⸗ dere Gedanken wollt' ich Dich bringen; Dir Deine ‚Jungfer im grünen aus Kopf und Herzen trei⸗ ben. Nun findet ſich's, daß dieß gelingt, daß dieß Verhältniß Dich vollauf beſchäftiget, allarmirt, Dich in Anſpruch nimmt, ohne eigentlich ein Verhältniß zu ſein. Je ne demande pas mieux. Du ziehſt alle erſinnlichen Vortheile von Deiner Bekanntſchaft mit der Dame, ohne auch nur einen der Nachtheile fürchten zu müſſen, die bisweilen von einer Liaiſon unzertrennlich ſind. Du biſt ein Glückskind.“ An dieſe Behauptung dachte Hermann heute Abend immerwährend, doch keinesweges, um ſie zu beſtätigen.„Ich wäre ein Glückskind? Um glücklich zu ſein, müßte man vor allen Dingen wiſſen, was man will; müßte mit ſich ſelbſt einig ſein, ſollt' ich meinen? Kein Menſch aber iſt weniger im klaren über ſich und ſeine Abſichten, als ich. Ein ſchönes Glück, das! Steh' ich nicht wie auf glühenden Kohlen, weil ſie ausbleibt? Empfind' ich nicht eiferſüchtige Nachwehen von dem Gewäſch jener einbalſamirten Mumien am L'Hombre⸗Tiſch, die ſich ſo laut wie möglich durch ihre falſchen Zähne in die Ohren zi⸗ ſchelten: Die gute Baronin wird nicht kommen kön⸗ nen, hier die Wirthin zu machen, weil ſie bei ſich zu Hauſe zu bewirthen hat; der Prinz wird ſie über⸗ raſcht haben! Ging mir dieſe Verläumdung nicht durch Mark und Bein? Und ſteht mir denn jemand dafür, ob es nicht vielleicht gar keine Verläumdung iſt? Theodor und der Kammerherr hüllen die nea⸗ politaniſche Reiſe in nebelhafte Entſchuldigungen. Mir aber müßte das alles ganz gleichgiltig ſein. Und es wäre mir's auch, hätt' ich ihr nicht doch zu tief in ihre Höllenaugen geſehen. Ja gewiß, das hab' ich. Wenn ich nun wenigſtens zum Entſchluſſe käme! Den erſchwing' ich nicht. Es iſt nicht wahr, daß ich Mathilden vergeſſen habe. Es iſt nicht wahr, daß meine Liebe erloſchen iſt. Nie fühl' ich ihre Glut unter der Aſche heißer, als wenn die Stjern⸗ holm mich anlächelt, wenn ſie mir freundlich antwor⸗ 282 tet, wenn ſie auf eine kecke Frage bedeutſam ſchweigt, und mich nur von der Seite anſchaut, als wollte ſie prüfen, wie feſt ſie mich hat? Da wird mir doch manchmal, als müßt' ich laut aufſchreien: Mathilde! Ich liebe Mathilde!— Das iſt zum verzweifeln; und ich ſoll ein Glückskind ſein!“ Sein Unmuth wuchs von einer Viertelſtunde zur andern. Theodor that eben auch nicht viel, die wenigen ſeiner Gäſte zu animiren, die nicht ſpielten. Der Baron regierte ſeine Karten mit einer Aufmerk⸗ ſamkeit, als ſtünden Millionen zu gewinnen. Die Konverſation lahmte. Gräfin Kappenheim gab ſich unglaubliche Mühe, den Lieutenant zu überzeugen, daß junge Offiziere nirgend beſſer aufgehoben wären, als im Schooße einer Familie, wo man das Militär liebe. Er verſtand ſie nicht. Und während ſie ſeine Augen ſuchte, ſuchten die ſeinigen die Thür, welche ſich unaufhörlich öffnete und ſchloß, doch immer nur für Paul und Konſorten Man ſonpirte hier und da noch, als dieſe Dinge ſich begaben. Es war noch kein Verbrechen gegen den guten Ton, einzugeſtehen, daß man um zehn, elf Uhr einigen Appetit verſpüre, wenn man um drei, vier Uhr dinirt hatte; und daß man bequemen Platz an gedeckter Tafel den Raubzügen auf zu plündernde Büffets, wo nur das Recht des Stärkeren gilt, vor⸗ ziehe, und dem haſtigen Verſchlingen zuſammengeſtoh⸗ lener Brocken, die in unheilvoller Miſchung, ſüß und ſauer auf einem Tellerchen, durcheinander liegen. Doch war die Uebergangsperiode ſchon eingetreten und ſoweit vorgerückt, daß ein Feſthalten am alten Regime eben nur noch tolerirt wurde. Für ſo kleinen Zirkel hatte Theodor gemeint, es wagen zu dürfen. Er hatte ſehr auf die Baronin dabei gerechnet. Sie ſollte in jeder Art präſidiren und Hermann ſollte ihr gegenüberſitzen. Als die Spielpartieen beendigt waren, blieb nichts übrig; es mußte zur Tafel gezogen werden ohne diejenige, für welche eigentlich ſervirt war. Graf Theodor gab ſeinem Paul ein Zeichen. Paul er⸗ wiederte dieſes Zeichen mit einem höchſt auffälligen Ausdruck von Einverſtändniß, der den Gebieter ſtutzig machte. Doch es war nicht mehr Zeit, ſich die Be⸗ deutung der anſpruchsvollen Pantomime erklären zu laſſen: der kleine Zug ſetzte ſich ſchon in Bewegung aus dem Spielzimmer in den Speiſeſaal. Wer trat ihnen dort eutgegen, ſie ‚bei ſich zu bewillkomm⸗ nen?— Baronin Stjernholm, die vergeblich Erwar⸗ tete! Hermann that einen Ausruf der freudigſten Ueberraſchung, der Gräfin Kappenheim offenbar belei⸗ 284 digte; und Theodor begrüßte ſie mit Vorwürfen, daß ſie ſolange auf ſich habe warten laſſen! „Seid Ihr doch Kleinſtädter hier zu Lande,“ rief ſie lachend.„Ich habe Ihnen verſprochen, Graf, den ſchönen Damen die Honneurs des Hauſes zu machen und bin Schlag drei Viertel nach zehn Uhr eingetroffen; kann man pünktlicher ſein? Kann ich wiſſen, daß in dieſer großen Stadt immer noch zu Bette gegangen wird, wo in Paris oder Neapel die Geſellſchaften erſt beginnen? Ich war ſolange abweſend; muß um Nachſicht bitten, bis ich mich wieder eingelebt. Und meinen guten Willen zu zeigen, ließ ich mich von Freund Paul ſogleich an den ge⸗ deckten Tiſch führen, hier meine Gäſte zu empfangen. Ja ich ſchrecke ſogar vor einem bürgerlichen„‚Abend⸗ brot⸗ nicht zurück, nachdem ich den vorhergehenden „Theee leichtſinnig verſäumt habe.“ Sie nahmen ihre Stühle ein. Der Kammerherr wußte es einzurichten, daß er die Kappenheim neben Hermann brachte, wozu er gute Gründe hatte. Er ſelbſt ſetzte ſich an des Lieutenants linke Seite, denn es fanden ſich die Damen um ihrer zwei in der Minderzahl und er wollte, indem er zwiſchen zwei Herren vorliebnähme, das Gleichgewicht herſtellen, wie er ſagte. Seinem Nachbar Hermann flüſterte 285 er zu:„Halten Sie ſich tapfer, Graf; boudiren Sie die Stjernholm, und bewerben Sie ſich um die Kap⸗ penheim. Ich will endlich ſehen wie ‚Haſe“ lauft?“ Ein ſolches Manveuvre paßte für unſeren Helden nicht im geringſten. Aber die üble Stimmung des Abends ließ ihn den Rath wie einen guten anneh⸗ men und befolgen. Zu eigenem Erſtaunen entdeckte er, daß er nicht ohne Talente ſei für geſellige Lüge und galanten Betrug. Die Genugthuung, ſich an der Baronin für ihr langes Ausbleiben zu rächen, machte ihn beredt. Die Kappenheim ließ ſich's nicht zweimal ſagen. Sie kehrte dem Nachbar zur Rechten den Rücken, um Front zu machen gegen Hermann, den ſie ſich ſchon gewonnen wähnte. Baronin Stjernholm nahm keine Notiz davon. Sie ſcherzte und lachte nach allen Seiten hin, hatte für jeden ein paſſendes Wort, für jede hingeworfene Aeußerung ein verbindliches Gehör, ſprach lebendig, machte die Andern ſprechen, und ſpendete der Gräfin die unbefangenſten Lobeserhebungen ihrer blühenden Schönheit. Ja, ſie erwies ihr gar die Ehre, den Grafen Kappenheim in harmloſer Neckerei zu warnen vor dem gefährlichen Eroberer, der an ſeiner Ge⸗ malin Seite ſäße. Der Graf, berühmt durch die Großartigkeit, womit er ſeiner himmliſchen Seraphine 286 Thun und Treiben ignorirte, fühlte ſich ſehr ge⸗ ſchmeichelt dadurch. Er ſagte ſelbſtzufrieden:„Ja, ſie wird täglich ſchöner!“ Hermann ſtieß den Kammerherrn unterm Tiſche mit dem Knie und legte in dieſen ſanften Druck ſein Erſtaunen über des Mannes Apathie. „O ich haſſe ihn,“ murmelte Baron Fach, laut genug, daß Hermann es verſtehen mochte;„ich haſſe ihn gründlich. Nicht weil er die Frau beginnen läßt, was ihr beliebt; denn das wäre noch ſeine verſtändigſte That. Aber er iſt ein Brotknacker!“ „Was iſt er? Ein Brot... 2* Und der Kammerherr ging aus dem Gemurmel in lautes Reden über. Ja er betonte ſogar mit erhobener Stimme den Ausdruck:„Ein Brotknacker, hab' ich geſagt. Wiſſen Sie nicht, was Brotknacker iſt? Kennen Sie noch nicht aus eigener Erfahrung dieſe abſcheulichſte Ausgeburt unſerer täglich tiefer ſinkenden ſchlechten Sitten? Nun, dann preiſen Sie den Schöpfer dafür. Brotknacker nenn' ich die Men⸗ ſchen, die in gemeiner ſelbſtſüchtiger Rückſichtsloſig⸗ keit, bei Reſtaurants, wo Table d'höte oder à la Carte geſpeiſet wird, um die Tiſche herumſchleichen und mit ihren Fäuſten alle Körbe und Körbchen durchwühlen, in denen kleines Weißbrot und anderes feineres Gebäck aufgeſtellt iſt. Sie knicken, knacken der Reihe nach Stück für Stück durch, dasjenige für ſich herausſuchend, was ihnen durch ſcharfes Kniſtern und Knirſchen am beſten zuſagt; ja, ſie entſchließen ſich nicht eher zu ihrer Wahl, bis der ſämmtliche Inhalt durch ihre Finger gegangen iſt. Das nennt man Brotknacker. Der Eine hat kurz vorher eine Priſe genommen, deren Reſte noch ſicht⸗ bar ſind; der Zweite hat eine Tabakspfeife von wohl⸗ riechenden Oelen entleert und ſich parfümirt; der Dritte.... und was dieſe Herren verſchmähten, iſt für die andern Gäſte dann gut genug. Welche Brutalität!“ Wie laut der Kammerherr auch geſprochen, die übrigen Geſpräche hatten dadurch keine Unterbrechung erlitten; derjenige, dem es zunächſt galt, hatte am wenigſten darauf geachtet. Nur die Baronin war aufmerkſam geblieben, wie ſie es immer war, wenn Baron Fach eine ſeiner originellen Diatriben gegen irgendwen, oder etwas ertönen ließ.„Wovon leiten Sie,“— ſo fragte ſie plötzlich abſpringend,—„wo⸗ von leiten Sie Brutalität, brutal’ eigentlich her?“ „Meines Erxachtens auf dem geradeſten Wege von brutum, das Vieh! Es kann keine naturgemä⸗ ßere Derivation geben, meine Gnädige.“ „Ich würde es am liebſten für ein souvenir an den hochedlen Herrn Markus Brutus nehmen, den alle Welt zu bewundern einverſtanden iſt, den ich aber mir die Freiheit nehme, ſeine vorzüglichen Eigenſchaften beiſeite, für ein Vieh zu halten. Denn ein Vieh muß man geweſen ſein, ein blödes blindes Vieh, um ſo wenig von der Welt zu begrei⸗ fen; um nicht einzuſehen, daß die Zeit der Vielherr⸗ ſchaft vorüber, daß die Monarchie bedingt war; daß ſie Cäſar nur erdolchten, um das Vaterland zu zer⸗ fleiſchen. Schiller's granſenhaftes Lied: ‚„Ja, Du biſt zum größten Römer worden, da ins Vaterherz Dein Eiſen drang, würde mich, als eine begeiſterte Schillerianerin untröſtlich machen, wär' es nicht noch zum guten Glücke ein Räuber, den er es anſtim⸗ men läßt.“ „Aber welch ein Räuber, Baronin!“ rief Her⸗ mann; es waren die erſten Worte, die er heute an ſie richtete; ſie waren ihm entſchlüpft. Die demo⸗ kratiſchen Tendenzen, welche Tante Barbara ihm in Eichenau zugemuthet, regten ſich augenblicklich in ihm. „Sie ſtehen noch in der Räuberepoche? Sie ſind eben noch ſehr jung, Graf Eichengrün der Jün⸗ gere! Die Räuber ſind es nicht, die mich für Schil⸗ ler begeiſtern. Und nicht nur trotz Schiller, auch 289 trotz Shakſpeare, der ſeinen Brutus ungerecht genug über alle übrigen Mörder ſtellt, bleibe ich bei mei⸗ ner Anſicht. Ein geiſtvoller Franzoſe, der einige Zeit in des Kaiſers unmittelbarer Nähe zubrachte, erzählte mir, Napoleon habe einmal geſagt:„Cäſar zu werden läßt ſich nicht erlernen; man muß als Cäſar geboren ſein. Aber was ſich erlernen läßt, iſt ein geſundes Urtheil über menſchliche Angelegenhei⸗ ten. Man ſoll den Genius verſtehen; ſoll Cäſar zu rechter Zeit auerkennen, anſtatt gegen ihn zu dekla⸗ miren. In dieſe Schule war Ihr Brutus nicht gegangen.“ „Sollte der gute Kaiſer bei dieſer Tirade nicht mehr an ſich und ſeine Widerſacher gedacht haben, als an Rom und Rom's Diktator?“ „Möglich, ſehr wahrſcheinlich, Graf Hermann. Wir denken alle an uns, jeder an ſich, ſind gebo⸗ rene Egoiſten; mögen wir nun Cäſaren ſein, oder — Brotknacker; jeder in ſeiner Art. Was war Cäſar ſonſt, als eine andere Gattung von Brotknak⸗ kern!? Nicht wahr, Kammerherr? Was iſt eine ſchöne Frau, die nicht Anbeter genug haben kann, was iſt ſie ſonſt, als eine andere Gattung von Brot⸗ knackerinnen? Nicht wahr, Gräfin Kappenheim?“ Das war zu ſtark! Baron Fach gab dem Lieutenant ſeinen vorhe⸗ 1 857. XIV. Noblesse oblige. I. 19 290 rigen Kniedruck wieder und lispelte:„Sie iſt eifer⸗ ſüchtig; ſie hat ſich verrathen.“ Die Gräfin ſchäumte vor Wuth; noch fand ſie keine Entgegnung, die bitter genug geweſen wäre. Als jedoch die Stjernholm mit ungeſtörter Seelenruhe nach rechts und links neue Geſpräche entamirte, wie wenn ſie kein Wäſſerchen getrübt hätte, da raffte die ſchwerverletzte Gräfin, die im Grunde eine gutmüthige Haut war, das Bißchen Bosheit, worüber ſie disponiren konnte, zuſammen und erkun⸗ digte ſich, recht aus der Piſtole geſchoſſen: ob Ba⸗ ronin Stjernholm lange keine Briefe von ihrem theu⸗ ren Gatten gehabt? Und wo derſelbe gegenwärtig weile? Sie war ſchwach genug, durch ihre zitternde Stimme die innere Aufregung zu verrathen, in der ſie ſich befand, und dadurch verdarb ſie den beſten Effekt. Denn die Baronin erholte ſich vom erſten Schreck über dieſe verpönte Frage, weil ſie wahr⸗ nahm, daß die Fragerin ihrer ſelbſt kaum mächtig war. Dieſe Entdeckung gab ihr die volle Beſonnen⸗ heit wieder und ſie antwortete mit wahrhafter En⸗ gelsmilde:„Tauſend Dank, ſchöne Gräfin; Sie ſind gar zu gut, an meinen Oskar zu denken. Er weilt noch auf unſern Gütern in Schweden.“ „Alſo nach Neapel haben Sie ihn nicht mitge⸗ 291 nommen?“ ſtammelte nun Gräfin Kappenheim, durch der Baronin heuchleriſche Freundlichkeit aufs äu⸗ ßerſte gebracht. „Ach Gott nein, ſüße Gräfin. Ich hatte dort ein Rendezvous, daß ich's nur eingeſtehe. Und nicht alle Frauen ſind ſo glücklich Männer zu beſitzen, wie ... Graf Kappenheim, waren Sie ſchon einmal in Neapel?“ Der Graf, ohne die geringſte Idee von der grimmigen Wuth, die da hinter ſammtnen Larven ſprühte, gab in ſeiner Bonhommie ganz ehrlich Aus⸗ kunft:„Nein, Baronin! Ich bin nur bis Rom ge⸗ kommen; ich fürchtete die Hitze— und den Veſuv, der damals gerade Drohungen machte.“ „Ich fürchte, er iſt auf dem Punkte auszubre⸗ chen,“ höhnte die Baronin zu Hermann's Nachbarin hinüber, die ſo heftig bebte, daß er es an der Lehne ihres Stuhles ſah, welche davon erſchüttert mitbebte. „C'en est assez,“ ſprach der Kammerherr und rückte den ſeinigen vom Tiſche ab; Graf Theodor verneigte ſich gegen die Baronin und dieſe erhob ſich. Mitternacht war ohnedieß vorüber, der Auf⸗ bruch allgemein und raſch. Hermann, in ſehr be⸗ greiflicher Unſchlüſſigkeit, welche von beiden Gegne⸗ rinnen er ſchicklicherweiſe bis an ihre Equipage ge⸗ leiten ſolle und dürfe? erwählte das klügere Theil, 19 292 verlor ſich in Theodor's Schlafkabinet und warf ſich dort in einen Lehnſeſſel, um abzuwarten, bis die Luft rein wäre. Als er den letzten Wagen rollen, das heißt, als er keinen mehr hörte, wagte er ſich aus dem Schlupfwinkel hervor, ging ins Geſellſchafts⸗ zimmer und fand dort die Baronin etablirt, ſeinen Bruder und den Kammerherrn bei ihr. Sein Er⸗ ſcheinen machte merkliche Senſation.„Hab' ich's nicht gewußt?“ ſprach der Baron und verrieth da⸗ durch, daß von ihm die Rede geweſen ſei. „Nun komme nur, mein Sohn,“ rief Theodor ihm wohlwollend zu;„meine ſchöne kluge Freundin hat Dir ſchon verziehen, daß Du Dir heute den Hof haſt machen laſſen, wie ein Sultan. Du haſt mehr Glück wie“... die Stjernholm unterbrach ihn: „Setzen Sie ſich zu mir, Hermann, und ſeien Sie guter Dinge. Sie können für nichts. Der perfide Kammerherr hat gegen uns machinirt; mich wollte er ärgern, dafür kenn' ich ihn und auf die arme Gräfin iſt das Unwetter gefallen. Ich ſah ſie flie⸗ hen, poule mouillée, und lachte ihr nach. Sie ſchüttelt's ab und morgen iſt's vergeſſen.— Graf Theodor klagt Sie an, Sie hätten ſich den Hof machen laſſen, wie ein Sultan! Das iſt ungerecht. Wie ein Sultan gar nicht. Eher wie ein heimlich Liebender, deſſen Tichten und Trachten ganz wo an⸗ 293 ders weilt, als bei der, die ihn zu kaptiviren ſucht. Sie ſahen aus, wie wenn Sie dächten: plaudre nur, ich höre nicht auf Dich. Ja, Sie waren mit Ihren Gedanken weit von der Gräfin.“ „Drei bis vier Schritte weit,“ meinte Theodor; „auf Tafelbreite?“ „O nein; weiter! viel weiter!“ „Dann hat er ſich vielleicht gar bis in die wahlauer Holzgaſſe verloren?“ Die Baronin fuhr auf:„Wohin, Graf?“ „Wo die letzten Häuſer ſtehen, oder doch nicht fern davon! Warſt Du wieder bei Mathilden, mein armer Hermann, als Du uns wähnen ließeſt, Du ſeiſt bei Gräfin Seraphine?“ Hermann ſchwieg. Es wurde nicht deutlich, ob aus Verdruß, oder aus Beſchämung? „Das muß ich wiſſen, das müßt Ihr mir um⸗ ſtändlich erzählen. Eine erſte Inklination. O ſo etwas iſt ja paradieſiſch Wer iſt dieſe— wie heißt ſie? Wer ſind ihre Angehörigen? Beichten Sie, Hermann!“ „Ich habe nichts zu beichten, Baronin Stjern⸗ holm. Ebenſowenig iſt mir danach ums Herz, mich verhören zu laſſen. Verſchonen Sie mich mit müßigen Fragen. Als Gegenſtand des Spottes zu dienen, iſt Mathilde zu gut.“ Und zum Bruder gerichtet, fügte 294 er hinzu:„Das iſt wider die Abrede, Bruder!— Nicht wahr, Kammerherr? Stehen Sie mir bei.“ Der Kammerherr trat wirklich auf ſeine Seite: „Sie begehen eine Indelikateſſe, Legationsräthchen, indem Sie uns nach der verlorenen Holzgaſſe locken wollen. Graf Hermann hat die Kinderei längſt hinter ſich, und das Mädchen ſitzt hinter ihrem Stickrah⸗ men oder läßt ſich von Demoiſelle Prudent franzö⸗ ſiſche Exerzitien korrigiren.“ „Wenn ſie nicht, wie ich mit größerer Wahr⸗ ſcheinlichkeit vermuthe, jetzt im Bette liegt, wohin wir übrigens auch wohl thun werden, uns zu bege⸗ ben. Gute Nacht, meine Herren!“ Dieß geſagt, empfahl ſich die Baronin und ſo raſch, daß nicht einmal Theodor Gelegenheit fand, ſie hinauszubegleiten. Sehr bald nachher hörte man ihren Wagen aus dem Hauſe poltern. „Was zum Teuſel iſt ihr in die Krone gefah⸗ ren?“ fragte Theodor. „Die Mathilde; was ſonſt als die Mathilde? Gräfin Seraphine war leicht zu verwinden, und zu überwinden; mit der nehmen wir's auf, und ſind wir ſechs Jahre älter, haben wir uns doch um zwölf beſſer konſervirt. Aber ſolch eine Penſionärin... das iſt ſehr jung, ſehr friſch, das iſt eine gefährliche Rivalin. Hermann, empfangen Sie meinen Glück⸗ — — 295 wunſch! Die ſchönſte, geiſtreichſte, beleſenſte und— kälteſte aller galanten Damen des Univerſums, iſt eiferſüchtig auf eine prudentſche Schülerin um Ihretwillen! Bon soir, Graf Theodor!“ „Hermann, Du biſt ein Glückskind! Träume von lauter Luſt und Glück! Ich gönne Dir's, mein Junge. Ich gehe auf den Lehnſtuhl vor meinem Bette, wieder einmal den Kampf mit einer Nacht durchzufechten.“ „Leideſt Du ſehr?“ fragte Hermann herzlich; „ſoll ich bei Dir bleiben?“ „Wozu, Freund? Ich bin das ſchon gewohnt! Nicht ſo, Baron, man gewöhnt ſich auch an unſere Nächte?“ „Gewiß! Aber man redet nicht davon und leidet ſchweigend. Kommen Sie, Hermann!“ Unſer junger Freund benützte die wenigen Stunden, bis es Tag würde, nicht zum Schlafen. Er wechſelte nur Kleider, vertauſchte die Uniform mit einem be⸗ quemen Schlafrock und überließ ſich ſodann den höchſt verſchiedenen Rückerinnerungen des vergangenen Abends. Er gedachte auch lebhaft ſeines armen Bruders und wie fern dieſer noch ſei von praktiſcher Durchführung Baron Fach'ſcher Philoſophie, welche er zwar ſeinerzeit in ihren epikuräiſchen Theilen ge⸗ nügend angewendet haben, deren ſtoiſche Hälfte ihm 296 in der Ausübung doch noch nicht recht geläufig ſein mochte. Theodor zeigte noch das Bedürfniß, von ſei⸗ nen Qualen zu reden; verſchmähte nicht, ſich bemit⸗ leiden zu laſſen. Der Baron vermied nicht nur jede leiſeſte Anſpielung auf ſeine Zuſtände, ſondern hatte geiſtige Kraft und feſten Willen genug, ſeine heitere Ruhe, ſeine gemüthliche Ironie auch in heftigſten Schmerzen feſtzuhalten. Eines Gentleman ſei es un⸗ würdig, erklärte er dem ihn geleitenden Hermann, andern Menſchen durch Klagen läſtig zu werden; ihnen wohl gar zuzumuthen, daß ſie ihn, wenn er daniederliege, beſuchen und bongré malgré Augen⸗ und Ohrenzeugen unangenehmer, vielleicht ekelhafter Anfälle ſein ſollten. Wenn er bemerke, daß es mit ihm auf die Neige gehe, und daß der ‚Anfang des Endes' eintrete, dann ſei er entſchloſſen, ohne Ab⸗ ſchied vom Schauplatze zu verſchwinden und in irgend⸗ einer abgelegenen Gegend allein zu ſterben. Dieſer düſtere Vorſatz, den der Kammerherr wie etwas höchſt gleichgiltiges, entſchieden abgemachtes ausgeſprochen, dünkte Hermann fürchterlich. Deſto ſicherer nahm er ſich vor, ſeinem Bruder aufmerkſam zur Seite zu bleiben; ſich ihm, wenn es ſonſt nicht thunlich wäre, ſogar aufzudrängen und anzubetteln, damit dieſer durch ſein verhängnißvolles Vorbild nicht etwa zu ähnlichen, gewaltſamen Entſchließungen angelockt 297 werde. Bei dieſem Erwägen der Dinge, die da kom⸗ men ſollen, mußte nothwendig die gänzliche Umge⸗ ſtaltung ſeiner eigenen Verhältniſſe ihm wieder vor Augen treten. Mag man mit zwanzig Jahren über Beſitz und Reichthum gleichgiltiger denken, wie ſtreng genommen recht und klug iſt; mag ein von Eigen⸗ nutz und Habſucht reiner Jüngling vor einem Glücke zurückſchaudern, welches ihm nur aus des einzigen Bruders Grabe erblühen kann;— immer iſt es doch ein Glück und für unſern Sohn eichenauer Fluren, für unſern Freund eichenauer Forſten ein unnennbares! Theodor's wiederholter Zuruf: ‚Du biſt ein Glückskind! klang ihm während dieſer nächtlichen Herbſtmorgenſtunden mit jedem Glockenſchlage des nahen Thurmes wieder in die Seele, Dazwiſchen ſchlummerte er doch auch einwenig ein und dann waren es die Stjernholm und Mathilde, die beide, in ein ſeltſames Weſen verſchmolzen, ihn aufſchreckten, um ſich vor den matten Sinnen des halb Verſchla⸗ fenen ſogleich wiederzutrennen. Der erſte Trommelwirbel aus der Kaſerne her⸗ überraſſelnd rief ihn zunächſt zur trockenſten Wirklich⸗ keit zurück. Aber auch aus dem Staube, den ſein Bataillon, vom ſelten zufriedengeſtellten Obriſten wacker herumgehetzt, aufwühlte draußen im Sande, bildeten ſich für ihn immer wieder Wölkchen und *½ 298 Wolken, hinter denen bald eine ſtattliche, gebieteriſche Dame, bald ein zierlich⸗beſcheidenes Mädchen ihm winkten! Dort Leben und Genuß in rauſchenden Freu⸗ den;— hier ſtilles Daſein, vielleicht Mangel, aber friedliche Behaglichkeit!— „Himmel Donnerwetter, Herr Lieutenant, Ihr Zug ſchwenkt falſch; was machen Sie denn?“ Und die Bilder verſchwanden. Auf dem Rückwege vom Erxerzierfelde, wo ſich's die Mannſchaft leicht geſchehen ließ und die Offi⸗ ziere mit einander plauderten, vernahm er, wie Einer zum Andern ſagte:„Du, vorgeſtern hab' ich die Stjernholm geſehen; auf Ehre, die hat ſich in Ita⸗ lien noch verſchönert und auch verjüngt. Das iſt ein Weib!“ „Das ſagt der Prinz auch!“ „Ah, weiß der Henker, mit dem Prinzen und ihr ſoll es aus ſein? Man ſpricht von“— hier hörte Hermann nicht, was geſprochen wurde; es kam ihm beinahe vor, als ſpräche der Kamerad ab⸗ ſichtlich leiſe. Der Andere aber ließ ſich bald darauf umſo lauter vernehmen:„Sei's wer's wolle, ich beneid' ihn! Dieſe Frau nimmt es mit allen jungen Frauen und Mädchen auf.“—— Ohne dieſes vorübergehende, zufällige Zwiege⸗ * — 299 ſpräch hätte Hermann ſich wahrſcheinlich lange be⸗ ſonnen, bis er Anlauf zu einem Beſuche bei der Ba⸗ ronin genommen. Jetzt, wo ſeine Phantaſie, und mehr noch vielleicht ſeine Eitelkeit herausgerufen war, bravirte er ſogar die Möglichkeit, den Prinzen bei ihr zu finden, wovor er ſich geſtern noch entſetzt hätte. Er wußte nicht, und woher hätt' er's wiſſen ſollen, daß der Prinz die Baronin nie und nimmer in ihrer Wohnung geſehen; daß Seine Hoheit nur am dritten Orte mit ihr zuſammentraf. Er wußte das nicht, und beachtete es nicht. Vielleicht wünſchte er gar, die Empfindung der Stjernholm,(die wirk⸗ liche, nicht die affichirte) auf die Probe ſtellen zu können, und zu erfahren, was ſie thun würde, wenn der jüngere Graf neben dem älteren Freunde ſtünde? Es brannte etwas von herausforderndem Trotze in ihm, ſeit dem Geflüſter ſeiner Kameraden. Er be⸗ zog, was ſie ſich zugeraunt, entſchieden auf ſich ſelbſt: „Bin ich doch ſchon im Gerede, dann läßt ſich ohne⸗ hin nichts mehr verderben, und ich will wenigſtens erleben, woran ich mit den Koketterieen des gefähr⸗ lichen Weibes bin!“ Kurz vor der Theaterzeit ließ er ſich bei ihr melden; verſuchte vielmehr ſich melden zu laſſen, denn der Diener zögerte:„Er wiſſe nicht...“ „Aber ich weiß ſchon,“ rief Hermann, ſchob — 300 den verblüfften Wächter barſch bei Seite und ſtürmte hinein. Wäre ſie in Geſellſchaft des Herrn geweſen, der überall für ihren Begünſtigten galt, unſer Ein⸗ dringling hätte ſich gewiß betragen, wie ſich's in ſolchem Falle ziemt: beſonnen, artig, ohne eine Spur von Erſtaunen, von Aerger zu verrathen. Darauf hatte er ſich gefaßt gemacht. Nun fand er ſie nicht nur allein; ſie ſaß in Betrübniß verſunken; ſie ſchien geweint zu haben, oder war nicht weit davon es noch zu thun. Sie redete ihn verwundert an:„Graf Her⸗ mann bei mir? Was will das bedeuten? Was brin⸗ gen Sie mir?“ Die Worte, ‚was bringen Sie mir? wurden geſprochen, als könnte er wirklich der Ueberbringer einer für ſie wichtigen, aber unangenehmen Neuigkeit ſein. Und das trug noch mehr dazu bei, ihn zu verwirren. „Was könnt' ich Ihnen bringen, Baronin,“ fragte er zurück.„Ich wagte mich nur ſo dreiſt her⸗ ein, mir ein gütiges Wort, einen gnädigen Blick zu holen.“ Sie nahm dieſe höchſt unbedeutende Phraſe, die wohl einwenig nach einem Komplimentirbuche, oder einem ‚Rathgeber für Liebende’ klang, mit ſichtbarer Befriedigung hin; aber noch muß ſie dem — — — 301 d unerwarteten Beſuche nicht vollkommenes Vertrauen geſchenkt haben, denn ſie hub noch einmal an:„Wie iſt Ihnen unſer geſtriger Abend bekommen? Wie und wo brachten Sie den heutigen Tag zu? Durchirrten Sie wohl guch die wahlauer Holzgaſſe?“ Hermann legte Rechenſchaft ab, von jeder Stunde und Minute. Je weiter ſein Bericht der letzten Se⸗ kunde ſich näherte, wo er hier Sturm gelaufen, deſto glätter wurde der Baronin Stirn, deſto heller ent⸗ ſchleierten ſich ihre Augen. „Nun, ſchönſte der Frauen, bin ich hier; nun darf ich auch berichten, weßhalb ich hier bin? Wie ſich's gewendet, daß ich heute erſt wagte, was ich ſchon längſt hätte wagen ſollen!“ „ Sie reden nicht ſehr heldenhaft, Graf Eichen⸗ grün. Gilt Ihnen Ihr Sieg über meinen Tölpel im Vorzimmer für ein Wagniß, dann ſieht es, fürcht' ich, mit Ihrer kriegeriſchen Laufbahn dürftig aus.“ „Wer weiß, wozu mehr Muth gehört: ſich in die Kugeln einer Batterie werfen? oder bei einer Dame wie Sie ſich eindrängen, ohne Aufforderung dazu? Sie müſſen das muthig nennen, wenn Sie es nicht frech ſchelten wollen; und damit Sie dieſe Strafe nicht über mich verhängen, laſſen Sie mich mein Journal vervollſtändigen. Bis jetzt gab ich 302 1 nur Daten und Thaten; jetzt erfolgt der raiſonni⸗ rende Artikel.“ „Article raisonné!— und raisonnable wie ich hoffe?“ „Ich zweifle, daß Sie ihm die letztere Eigen⸗ ſchaft zugeſtehen werden.“ „Dann iſt er im voraus geſtrichen. Es liegen politiſche Veranlaſſungen vor, die Zenſur ſtrenger zu handhaben, als jemals.“ „Ich widerſetze mich der Zenſur, dem Zenſor, wäre dieſer auch eine Hoheit!“ „Graf Eichengrün— 2“ „Baronin Stjernholm! Ich will, daß Sie mich hören! Unſere Bekanntſchaft iſt ein Werk des Kam⸗ merherrn und meines Bruders. Beiden bin ich da⸗ für zu unbeſchreiblichem Danke verpflichtet,— aber nachgerade behandeln mich die Herren zu lange als Kind. Das möchte hingehen, wenn Sie jenen nicht beiſtimmten. Auch Sie treiben Ihr Spiel mit mir. Zu welchem Zwecke? Sagen Sie mir die Wahr⸗ heit. Setzen Sie einen hohen Preis auf Ihre Huld, — er kann nicht hoch genug ſein!— ſoll ich für Sie etwas außerordentliches thun? Gebieten Sie! Ich werde nicht zögern, werde mich nicht bedenken. Wollen Sie von einem läſtigen Bande befreit wer⸗ den? Ich binde mit der ganzen Welt an. Je ge⸗ 3 — —x fährlicher, mir deſto lieber. Ich bin gelaunt, das Tollſte zu thun; nur nicht länger hingezogen werden zwiſchen zwei Mächten, die ſich um mich ſtreiten.“ „Und für eine dieſer Mächte wollen Sie meine Wenigkeit gelten laſſen? Das iſt wunderhübſch von Ihnen, ich weiß es gebührend zu ſchätzen. Nur mit der gewünſchten Gelegenheit, für meine Freiheit zu kämpfen, kann ich nicht aufwarten. Ich bin frei; mich beläſtiget kein Band. Vielleicht aber würde ge⸗ rade dasjenige, womit Sie mich binden wollen,— denn darauf gehen Sie ja aus, nicht wahr?— meine Freiheit gefährden. Sie ſind ſehr jung, Her⸗ mann. Ich kann Sie lieben, wie eine ältere Schwe⸗ ſter es thun würde. Sind Sie damit nicht zufrie⸗ den? Mißgönnen Sie mir dieſe Macht?“ „Die älteren Schweſtern gängeln gern ihre Brüder. Sogar meine gute, beſte Tante geſtand mir ein, daß ſie meinen Vater kurzgehalten, ſolange der ſich kurzhalten ließ. Ich habe, Gott ſei Dank, ſchon Kurzhalter genug. Einer Schweſter bedarf ich nicht. Wollen Sie mir nichts anderes ſein, als Schweſter, dann, Baronin, hab' ich heute zum erſten⸗ und zum letztenmale dieſes Zimmer betreten.“ „Iſt das Ihr unwiderruflicher Entſchluß? Nun, ſo ſehen Sie ſich vorher hübſch darin um, damit Sie ein deutliches Bild meiner Wohnung mitneh⸗ men. Zur zweiten Beſichtigung dürften Sie keine Gelegenheit finden.“ „Zweiſle ich doch, daß ich Sie ſuchen werde? Ich bin nicht lüſtern danach, den naiven Landmann vorzuſtellen, der vor der Bude des Wunderdoktors ein Elirir verſchlucken, und deſſen Wirkungen anprei⸗ ſen muß, um den Zuſpruch zu vermehren.“ „Und ich bin Ihrer Impertinenzen müde. Ihr Bruder legt ſchlechte Ehre ein mit Ihrer Erziehung. Ich will mich bei ihm über Sie beſchweren.“ „Und ich will niemandem das Recht mehr zu⸗ geſtehen, Beſchwerden über mich entgegenzunehmen. Ich bin mündig geworden, in mir ſelbſt, in meinem Wollen und fernerem Handeln durch den Schritt, den ich über dieſe Schwelle gethan. Von heute an folg' ich nur noch meinen Eingebungen, entſtehe daraus, was immer wolle! Der Weg, den ich jetzt einſchlage, ſoll es beweiſen.“ „Viel Glück,“ ſprach die Baronin, und drehte ihm den Rücken, um ſich in ihr Schlafgemach zu begeben. Hermann rntfernte ſich erſt, nachdem er eine Minute allein zurückgeblieben. Hatte er darauf ge⸗ rechnet, ſie würde noch einmal umkehren?— Er kannte die Weiber nicht. Eine Stunde ſpäter ſtieg er die Treppen zu —— 305 ſeinem Gaſtzimmerchen in der wahlauer Holzgaſſe hinauf. Er verhehlte ſich's nicht, daß er dadurch ein Wort breche, welches er mit ſeinem Briefe in Tante Barbara's Hände wie ein Gelübde gelegt. Er verhehlte ſich's nicht, und dennoch that er's. In ſeiner Bruſt kochte etwas wie Groll gegen alle Men⸗ ſchen; auch Groll gegen die geliebte Abbatiſſin,— ja ſogar gegen Mathilden! Wenigſtens zürnte er vor ſich hin:„Warum ſollt' ich ſie ſchonen? auf ſie Rückſicht nehmen? Hat ſie Rückſichten für mich ge⸗ habt? Hat ſie mich durch Entgegenkommen, durch Vertrauen verpflichtet? Sie hat mich nur von der Seite angeſchielt, wie das Lamm den Wolf. Nun gut, ſo verſuche denn der Wolf, ob er Schäferinnen und klaffende Hunde überliſten, ob er eindringen kann? Ich attaquire!“ „Nein, ich ſage doch, ſo'was muß auch noch paſſiren!“ Mit dieſer Ausrufung, der es nicht ab⸗ zumerken war, ob ſie Freude oder Schreck athmete, empfing Dore ihren Miether, den ſie ſo lange nicht geſehen; und die Puſelmeyer ſagte erſt ‚herein“, als der ‚Leutnante ſchon bei ihnen am Tiſche ſtand. Mutter und Tochter hatten ſich nämlich mit ihren Wäſchpräparaten ‚nach vorne⸗ gezogen, weil ja der Herr Graf doch keinen Gebrauch von der ‚Piece: nicht machten; und wenn der Burſche nicht ‚jeden 1857. XIV. Noblesse oblige. I. 20 306 Erſten mit Gelde anrückte, ſo wüßte bei Puſelmeyers keine Seele nicht, ob ihr einzigſtes junges Herrchen noch lebe?— Uebrigens wollten ſie gleich den Platz räumen...... Hermann unterſagte das Er bekümmerte ſich auch weiter nicht um die Mutter, noch um ſein Stübchen, noch um die ſeltſamen Hemden und an⸗ dere Leinenwaaren, die an dünnen Fäden baumelten und den Aufenthalt für jeden unmöglich machten, der nicht ſchon als Waſchfrau geboren wurde. Ganz verſchieden von ſeiner ſonſtigen, zaghaften Verſchämtheit, warf er der Dore die Frage hin:„Wie geht's drüben.“ Und ehe ſie noch antworten konnte, ſetzte er hinzu: „Folge mir aus dieſen Battiſtalleen in eine andere Atmoſphäre, auf den Flur hinaus, oder ſonſt wo⸗ hin, wo es einfach nur— übelriecht, aber wo man nicht von ſchwarzer Seife erſtickt wird! Ich habe dringend zu reden mit Dir, Dorothea Puſelmeyer!“ „Kreuzluſtig iſt er,“ ſagte die Mutter. „Alſo wiſſen Sie allens?“ fragte draußen die Tochter. „Was ſoll ich wiſſen?“ „Wohin ſie geſchickt iſt?“ „Wer?“ „Na, ſie— die Mathilde.“ „Mathilde fort? Seit wann?“ — 307 „Heute. Herr Je, Sie wiſſen nichts und ſind ſo vergnügt? Heute Mittag kommt Pine rüber und erzählt, die Prudents haben in aller Früh ein Bil⸗ letchen gekriegt, haben die Köpfe zuſammengeſtochen, dann hat Eine eine Droſchke genommen, iſt eine gute Stunde ausgeblieben und wie ſie retur war, ſagt ſie zu Mathilden: Packen Sie Ihre Sachen zu⸗ ſammen, Ihr Herr Onkel verlangt Sie! Die Ma⸗ thilde nicht faul, haſt Du nicht geſehen, ſo ſiehſt Du doch, wie ſie man das Wort Onkel hört, ſputet ſich— Pine konnte gar nicht genug wundern, wie ihr das von der Hand gegangen iſt. Und auf den Koffer hat Pine müſſen einen Papierbogen kleben, da hat die Mathilde mit großen Buchſtaben drauf geſchrieben: Freiin von Schmalkow, Paſſagiergut,“ und den Namen bei von ſo'nem kleinen Städtchen, Gott weiß, in was vor'nem Weltende, wo die Ge⸗ gend noch nicht entdeckt iſt und die Landwehr in Pechſtiefeln eingefangen wird. Glock' vier Uhr ſoll's nach der Poſt gehen.— Gut, ſag' ich zu Pinen, ich bin da. Glock vier Uhr ſteh' ich im Hofe, wo die Wagen abrumpeln. Dauert auch nicht lange, rückt mein Mathildchen an, und wie ſie mich ſieht, ſchreit ſie gleich: Ach, Dore! Aber die Brillenſchlange ſaß neben ihr, und iſt ihr nicht mehr von der Seite ge⸗ gangen, bis der Kondukteur ſie in die Schnellpoſt . 20 308 hineingeſchoben hatte. Mit dem tuſchelte die Alte noch ein langes und breites, und er verſprach, daß er für das gnädige Fräulein Sorge tragen wolle, bis er ſie dem Herrn Baron übergeben hätte. Und fort ging's. Aus dem Kutſchfenſter wedelte ſie mir mit dem Schnupftuche zu, das war wie wenn der Telegraphe ſpielt— aber ich habe nichts verſtanden. Weg iſt ſie, das iſt gewiß. Und wiederkommen thut ſie nicht mehr, das iſt klar. Die Kaſten, die ſie in der Penſion für ſich gehabt hat, ſind ſchon vergeben. Pine war gerade hier, Sie müſſen ihr noch vor der Hausthüre begegnet ſein.“ Hermann's wildtrotzige Luſtigkeit war einem milden Ernſte gewichen:„Ich danke Dir, Dore! Deine Nachricht war gut; ſie verhindert, was ich ſpäter doch vielleicht bereuet haben würde. Es iſt beſſer ſo,— mag es auch noch ſo ſchlecht kommen! Mathilde iſt fort, die wahlauer Holzgaſſe für mich nicht mehr vorhanden, aber die Wohnung behalt' ich. Sag' das Deiner Mutter; grüße Pine von mir— und den Fritze auch.“ „Aber einzigſter Herr Leutnant, ſchönſter Herr Graf....“. Hermann hörte nicht mehr auf ſie. Ende des erſten Bandes. Prag 1857. Druck von Kath. Gerzabek. 4