— — — 8 — ee Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 8. Eduard Otfkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen mü eines Buches, eine dem Werthe deſſelbe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgab ſſen, bei Entgegennahme i entſprchende Summe e von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— ⁰—— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 3 4— 1„=„„ n.„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt ver Leſer zum Erſatz des Ganzen verp flichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. O /96 —— N Bilder agaus dem Leben. Sine Auswahl der neueſten Engliſchen Romane und Erzaͤhlungen, deſonders fuür Frauenzimmer. Achter Theil. Warbeck von Wolfſtein nach Miß Holford. Jena, bei Friedrich Frommann, 132 2. 2 Warbeck von Wolfſtein aus den Zeiten des dreißigjaͤhrigen Krieges. —— Nach dem Engliſchen . der . Niß Holſord. 5 Dritter Theil. * Jena, bei Friedrich Frommann, 18 2 2. ———————— Schnell verbreitete ſich die Nachricht in Wien: Graf Wallenſtein habe ſein zahl⸗ reiches Gefolge ploͤtzlich entlaſſen. Man ſah Die⸗ ner in prachtvollen Livréen, ſtattliche Jager, ge⸗ wandte Stallknechte, Herrenlos einherlaufen, um ihre Dienſte anderweitig anzubieten; ja, ſogar die ſchoͤnen Pferde und koͤſtlichen Equipagen, welche unter ſie getheilt waren, wurden fuͤr ei⸗ nen Spottpreis an den Meiſtbietenden losge⸗ ſchlagen. Dies alles machte den Haupt⸗Gegenſtand der Unterhaltung beim heutigen Lever am Hofe aus; der Kaiſer erſchien nicht, und auf dem Ant⸗ litze der Kaiſerin waren Spuren des Kummers unverkennbar. Unter dem Vorwande einer Un⸗ 6 paͤßlichkeit, fand ſich auch die Fuͤrſtin Stoll⸗ berg nicht ein; es galt ihr in dieſem Augenbli⸗ cke gleich, was die Menge daruͤber urtheilen moͤ⸗ ge. Ihrer guͤtigen Herrſcherin war der Antheil bekannt, den ſie an dem Schickſale des jungen Mannes nahm, ja, ſie hatte es ſich feſt vorge⸗ nommen, dieſe edle Seele mit dem ganzen Um⸗ fang ihres Schmerzes bekannt zu machen, ſobald ſie nur hinlaͤngliche Faſſung zu einem ſolchen Ge⸗ ſtaͤndniß erlangt haben wuͤrde. „Der junge Wallenſtein iſt in Ungnade gefallen!“ fluͤſterte eine geſchwaͤtzige Zunge der an⸗ dern am Hofe zu, obgleich man in der Gegen⸗ wart der Monarchin das Wort nicht laut auszuſpre⸗ chen wagte. Als nun aber Graf Harrach in der neuen, reichen Uniform, behangen mit allen Eh⸗ renzeichen, die er waͤhrend ſeines langen Hofdien⸗ ſtes errungen hatte, ſiegprangend und mit viel⸗ wiſſender Miene, in den Saal trat, da draͤngte ſich alles um den Mann, der gewiß im Stande ſeyn wuͤrde, das Raͤthſel voͤllig zu loͤſen. Er beugte ein Knie vor der Kaiſerin, drüͤckte ſeinen Schmerz aus, ſich ſobald aus ihrem Zau⸗ berkreiſe entfernen zu muͤſſen, da die Pflicht ihn 4 7 ins Feld riefe; ſprach von ſeinem letzten Bluts⸗ tropfen, den er willig zur Ehre des Hauſes Oe⸗ ſterreich vergießen wuͤrde, und als dies alles nur mit ſtummen Verbeugungen von Seiten der Kai⸗ ſerin beantwortet wurde, ging er zuletzt zu dem gerechten Kummer uͤber, den die Entfernung ſei⸗ nes Neffen ihm natuͤrlich verurſachen muͤſſe. Als Marianne es aber eben ſo wenig fuͤr gut fand, hierauf etwas zu erwiedern, deutete er auf gewiſſe Vermuthungen hin, die er freilich laͤngſt in dieſer Hinſicht habe hegen muͤſſen, da ſein erhabener Bruder in den vielfaͤltigen Depe⸗ ſchen, womit er ihn ſeit kurzer Zeit beehrt, nie des Sohnes erwaͤhnt habe, und daß es ihn ſolg⸗ lich keineswegs befremden koͤnne——— Das Publikum, welches ſich um ihn ver⸗ ſammelt hatte, war zu begierig etwas Naͤheres zu erfahren, zu bereitwillig die eigene Klugheit hervorleuchten zu laſſen, um ſich laͤnger mit blo⸗ ßen Vermuthungen und Hindeutungen begnuͤgen zu koͤnnen; jeder trug alſo das Seine bei, die abgebrochenen Phraſen zu ergaͤnzen. Marcoff meinte fuͤr gewiß gehoͤrt zu haben, der junge Graf ſey aus Schmerz uͤber die abſchlaͤgige Ant⸗ 8 wort der Freiherrin, in ein Carthaͤuſer Kloſter gegangen, das tief in den Boͤhmiſchen Gebirgen liege. 8 1 Im Bewußtſeyn gruͤndlicherer Kenntniß der Sachen, ſchuͤttelte Harrach das weiſe Haupt. „Nichts als muͤſſiges Geſchwaͤtz,“ rief er,„ver⸗ laßt euch darauf.— Wir wiſſen das genauer! Ueberlegt Graf, wohin ungezuͤgelter Ehrgeiz den Menſchen zu bringen vermag!— Ich will und darf daruͤber nicht viel reden; aber ich habe alle Urſache zu glauben, daß mein erhabener Schwa⸗ ger dieſem Feuerkopfe lange nicht getraut hat. Von der Wiege an iſt er unbeugſam, widerſpen⸗ ſtig geweſen, hat nach hoͤheren Dingen geſtrebt. Nun liegt es klar am Tage: der Herzog v. Friedland bietet ihm ein Commando an, wie es ſeinen Jahren und Faͤhigkeiten angemeſſen iſt; er glaubt ſich nicht hinlaͤnglich dadurch geehrt, trotzt dem erlauchten Vater, verletzt alle Pflich⸗ ten, allen Anſtand, den der erhabene Poſten, welchen er hier bekleidet fordert, und,——— doch dies ſey hier nur unter vier Augen geſagt, weil es mir als Geheimniß anvertraut iſt:— aber ich weiß von ſicherer Hand, daß es ſeine Abſicht 9 i*ſt, zu den Banditen zu ſtoßen, die ihre Naͤuber⸗ Hoͤhlen in den Karpathen aufgeſchlagen haben. Gott weiß, wie mein Herz fuͤr mich und meinen hochgeehrten Schwager blutet!“—— Die Mehrheit der Stimmen bezeigte jetzt Abſcheu und Erſtaunen; waͤhrend nur wenige ſich laut gegen dieſe Nachricht zu erheben wagten. Zu dieſen wenigen gehoͤrte Lindau, der mit al⸗ ler Kraft dieſer Verleumdung widerſprach. „Behaltet eure Anſicht,“ ſuhr Harrach achſelzuckend fort;„die Zeit wird's lehren! Wenn ein Menſch ſich aber ſo unſinnig betraͤgt, wie mein Neffe ſich leider betragen hat, iſt jeder zu Muthmaßungen berechtigt. Man koͤnnte ihn fuͤr wahnwitzig erklaͤren; doch kann ich einen heiligen Eid darauf ablegen, daß dies, wenigſtens von Muͤtterlicher Seite, kein Erbfehler in der Fami⸗ lie iſt.— Was aber ſagt ihr dazu, Herr Mark⸗ graf, daß der junge Menſch von ſeinem ganzen, fuͤrſtlichen Gefolge, niemand als den ſauertoͤpfi⸗ ſchen Lieutnant behalten hat, der immer ausſah, als wenn er jeden freſſen wollte. Seine ausge⸗ ſucht ſchoͤne Stuterei, ſeine koſtbaren Equipagen, ſind alle dem Lumpengeſindel uͤberlaſſen, und ich bin noch in dieſem Augenblicke ſo gluͤcklich gewe⸗ ſen, zwei ſeiner vorzuͤglichſten Pferde, fuͤr einen Spottpreis zu erſtehen. Wenn mein Neffe nur noch einen Funken geſunder Vernunft beſeſſen haͤtte, waͤre doch wohl nichts natuͤrlicher geweſen, als mir, der ich im Begriffe ſtehe ins Feld zu ziehen, ein Preſent damit zu machen?— Es ſchmerzt, Dinge bezahlen zu muͤſſen, die einem eigentlich von Rechtswegen zukommen!“ „ Gewiß muß euch das auſſerſt ſchmerzlich geweſen ſeyn;“ ſagte Lindau mit veraͤchtlichem Laͤcheln. 3 „Es hat mir doch nie geſchienen,“ bemerkte Marcoff,„als beſaͤße Wallenſtein einen ſo unbeugſamen, widerſpenſtigen Charakter; im Gegentheil ſchien viel natuͤrliche Guͤte und Hoͤf⸗ lichkeit in ihm zu liegen.“ „Lieber Himmel, wie der Menſch ſch irren kann!— Zum Beiſpiel konnte doch wohl nichts meiner Hoͤflichkeit gegen den jungen Mann gleich kommen, wenn ich auch die nahe Verwandtſchaft unter uns nicht in Anſchlag bringen will;— und wie kurz ließ er mich immer ablaufen!— Und dann ſein grobes Betragen gegen den arti⸗ 11 gen, ſcharmanten Roſebec, von dem man doch durchaus nichts Nachtheiliges ſagen kaun, als hoͤchſtens, daß er die Verſchiedenheit des Alters zwiſchen ſich und ſeiner verehrten Gemahlin, nicht immer in genaue Erwaͤgung zieht. Dies Betra⸗ gen empoͤrte mich auch in ſolchem Grade, daß ich ihn den ganzen Handel allein abmachen ließ!“— „Wie veraͤchtlich!“ rief Lindau ſich weg⸗ wendend; dann aber fuhr er zu Marcoff ge⸗ wandt fort:„ich habe nie uͤber ſein Betragen gegen mich zu klagen Urſache gehabt, habe es nie grob, oder zweiſeitig gefunden. Noch geſtern, als ich ihn bat ſeinen Einfluß beim Herzog mei⸗ nenthalben geltend zu machen, weil ich wuͤnſchte eine Stelle in der Armee zu erhalten, geſtand er mir offen, wie er keinen Einfluß habe, und wenn er felbſt wieder in den Krieg ginge, nur als Freiwilliger dienen wuͤrde. Auf ſeinem Ge⸗ ſicht lag ein Ausdruck des Kummers; aber kei⸗ neswegs Jorn oder Erbitterung.“ „Da haben wir's ja gerade,“ rief Harrach die Ohren ſpitzend.„Ein Freiwilliger!— Das Wort wird nur zu oft gemißbraucht, und heißt hier 12. nichts anders als Bandit.— Ich begreife nicht, wie ihr noch einen Augenblick zweifelhaft bleiben konntet!— Uebrigens, lieber Markgraf, thut es mir herzlich leid, erſt jetzt euren Wunſch zu ver⸗ nehmen, da alle Officier⸗Stellen in meinem Regi⸗ mente bereits vergeben ſind. Alles draͤngte ſich dergeſtalt mit Geſuchen an mich, daß ich wahrhaf⸗ tig kaum Luft ſchoͤpfen konnte!— Es war natür⸗ lich da man meine nahe Verwandtſchaft und innige Vertrautheit mit meinem erhabenen Schwager kannte. Aber laßt euch dies nicht niederſchlagen; ich zweifle keineswegs daß demohnerachtet eine per⸗ ſoͤnliche Bitte von mir——— „Wie Lindau,“ rief Wolfſtein, der un⸗ vermerkt zu den Sprechenden getreten war,“ ſeyd ihr begierig eure Sporen zu verdienen? Ich will an den Herzog ſchreiben; ruͤſtet euch waͤhrend der Zeit ſchnell aus. Binnen einer Woche ſollt ihr eine Anſtellung erhalten.“ Harrach konnte ſein Erſtaunen nicht ber⸗ gen, wie ein Anderer vermoͤge, was er nie ge⸗ wagt haben wuͤrde zu unternehmen. Er huſtete, ſtammelte, und mußte alle ſeine Hoͤflings Gewandt⸗ heit zuſammennehmen, um den Blick zu ertragen, 13 mit welchem der Ritter ihn vom Kopfe bis zu den Fuͤßen maß, als wolle er ſagen: Du Wicht! Mit deinem Einfluſſe iſt es nichts. Aus Angſt daß dieſe oder aͤhnliche Worte in der That folgen moͤch⸗ ten, verließ er bald die Kaiſerlichen Zimmer. Nachdem Lindau den Ritter noch einmal gefragt, ob er im Ernſt geſprochen habe, und die⸗ ſer ſeine Verſicherung wiederholt hatte, rief der Markgraf mit einem herzlichen Haͤndedrucke: „Ich danke euch, Herr Ritter; aber erlaubt mir zu ſagen, daß ihr mich in Erſtaunen ſetzt.“ „Das glaube ich gern, Lindau; ich bin auch geboren das Staunen meiner Zeitgenoſſen zu erregen.“ „Faſt eben ſo ſehr aber, als ich euch fuͤr die Verwendung zu Gunſten meiner verbunden öin, danke ich es euch daß ihr mit einem Streiche den elenden Wicht aus dem Felde ſchlugt, der es ſich herausnahm ſo entehrend von ſeinem edlen Neffen zu ſprechen.“ „Wie kann euch das von Harrach befrem⸗ den,“ verſetzte der Ritter.„Wißt ihr nicht daß es in der Art ſolcher kleinen Schaͤferhunde liegt, ſtets im Angeſicht eines jeden herumzuwedeln, und hat er 14 den Ruͤcken gewandt, ihm in die Ferſe zu beißen?— Der junge Wallenſtein iſt,“ fuhr er die Stim⸗ me erhebend fort,„voͤllig geſchaffen um als Held in einem Romane anßzutreten. Seine Bruſt iſt voll jenes erhabenen Gefuͤhls, Tugend genannt, von der jeder geleſen hat, deren ſeltene Erſcheinung auf Erden ſie aber eben ſo zweifelhaft macht, als es die Exiſtenz des Einhorns, oder des Vogels Phoͤnix iſt. Um Wallenſtein's willen thut es mir leid, daß Rieſen und Centauren nicht mehr an der Tagesordnung ſind, und Saracenen und Zau⸗ berer nicht mehr wie vormals, huͤlflofe Schoͤnen in ihren bezauberten Schloͤſſern gefangen halten. Der Graf iſt ganz das Bild des Ritters ohne urcht und Tadel. Bei dieſen Worten verbeugte er ſich ehrfurchts⸗ voll gegen die Freiherrin, als werde er ihre Gegen⸗ wart nun erſt gewahr. Eine kalte Erwiederung des Grußes, war alles was er ihrerſeits erhielt, jedoch mehr als er erwartet hatte. „Ihr ehrt euch ſelbſt, Ritter,“ verſetzte Lin⸗ dau,„indem ihr auf dieſe Weiſe von Jemand redet, mit dem euer Verhaͤltniß bekannt iſt.“ 8 15 „Es iſt wahr daß ich den Grafen nicht liebe, aber ich bewundere ihn; und jetzt uͤber ihn herzu⸗ fallen, hieße einem Harrach gleich ſeyn. Nein, mein Urtheil wird nie durch Leidenſchaft beſtochen, und wenn ich einen Gegner angreife, muß er mir gegenuͤberſtehen, damit er ſehe woher der Schlag komme.“ Obgleich nun zwar die Freiherrin, ſo oft des Ritters Augen ſie trafen, den kalten, ſtrengen Blick beibehielt, konnte ſie doch nicht umhin in ihrem Innern ſeine maͤnnlichen Geſinnungen zu bewun⸗ dern, und ſich zu freuen daß er ſich nicht herunter⸗ laſſe, in die Schmaͤhungen und Verlaͤumdungen uͤber den Verbannten, einzuſtimmen. Als die Kai⸗ ſerin ihr Wolfſteins neuliche Bußreden, nebſt ſeinem Vorſatz, das ſchaͤndliche Buch zu vernichten, 8. mittheilte, aͤuſſerte Lui ſe indeß einige billige Zwei⸗ fel uͤber die Wahrheit dieſer Geſinnungen. „Ich muß fuͤrchten,“ entgegnete die Monar⸗ chin,„daß ihr etwas unglaͤubiger, hartnackiger Natur ſeyd; nehmt euch vor uͤbertriebener Strenge in Acht, da die Hofluft an und fuͤr ſich ſchon leicht Zweifelſucht naͤhrt.“ „Darf ich es wagen zu frogen,“ erwiederte Luiſe erroͤthend,„warum Ew. Mazeſlat ſo hart uͤber mich urtheilt?“ „Weil ich vielfaͤltige Beweiſe eurer Grauſam⸗ keit, aber noch nicht einen eurer Guͤte bemerkt habe. Die Wirkung eurer Strenge auf den ungluͤcklichen jungen Mann,“ ſetzte ſie mit leiſer Stimme hinzu, „der uns auf eine ſo geheimnißvolle Art verlaſſen hat, war jedem nur zu ſichtbar.— Auch uͤber den armen Lindau habt ihr eure Geiſſel geſchwungen; jedoch habt ihr ihn dadurch von ſeinem Hauptfeh⸗ ler, der Eitelkeit, geheilt. Der Kampf mit Wolf⸗ ſtein wird laͤnger dauern; was mich betrifft, ent⸗ zuͤckt mich die Hoffnung, daß es uns gelingen wird, ihn auf den Weg des Beſſern zu leiten. Er beſitzt einen kraͤftigen, erhabenen Geiſt, und es wuͤrde meine hoͤchſte Wonne ſeyn, ihn der Tugend zuge⸗ fuͤhrt zu ſehen, denn ich kann unmoͤglich alle die geſtrauchelt haben, verdammen,“ Die Freiherrin ſeufzte;— der mißfaͤllige Blick ihrer Herrſcherin traf ſie tief. Wohl haͤtte ſie durch die Enthuͤllung ſeines vormaligen Betragens leicht dieſen Unwillen von ſich abwenden koͤnnen; 17 aber ſie beſaß nicht den Muth Wolfſtein anzu⸗ klagen. „Der gegenwaͤrtige Augenblick kann vieles entſcheiden,“ ſetzte die Kaiſerin hinzu, indem ſie bemerkte wie Luiſe die Farbe wechſelte,„und die voͤllige Bekehrung dieſes Suͤnders, liegt wahr⸗ ſcheinlich in euern Haͤnden. Es iſt in der That keine geringe Verantwortlichkeit, die ihr auf euch habt, Baroneſſe, denn hoffentlich gleichet ihr doch nicht der Prinzeſſin Turandot, im Perſiſchen Maͤhrchen, die ſich uͤber die Anzahl der Juͤnglinge ergoͤtzte, welche um ihrer Grauſamkeit willen ſter⸗ ben mußten?— Nein, ich werde es noch erle⸗ ben, euch einen wuͤrdigeren Triumph feiern zu ſehen!“ „Ew. Majeſtaͤt befindet ſich im Irrthume; es beſteht durchaus keine Art von Gemeinſchaſt zwiſchen dem Ritter und mir.“ „Weil ihr euch entzweiet habt?— Dergleichen verliebte Zaͤnkereien ſind unbedeutend. Ich will offen mit euch umgehen, mein Kind. Die Sce⸗ ne in der Sirenen⸗Grotte iſt mir nicht unbekannt; mag die Kunde davon immer auf eine uͤbertrie⸗ bene Weiſe zu mir gelangt ſeyn, das thut nichts W. v. W. 1II.. 2 zur Sache. Ihr ſeyd jung und ſchoͤn, ſchon dies iſt dem Neide genug; aber heimliche Zuſammen⸗ kuͤnfte ſolcher Art, indem man ſich oͤffentlich das Anſehen der Sproͤden giebt, bieten der richten⸗ den Menge nur mehr als zu viel Stoff zum ſtren⸗ gen Urtheil dar. Nein, liebes Kind,“ ſetzte die Kaiſerin liebreich hinzu, als ſie Thraͤnen in Lui⸗ ſens Auge gewahrte,„ich wollte euch nicht betruͤ⸗ ben; aber ihr ſeyd jung, und ſo halte ich es fuͤr meine Pflicht euch zu warnen.“ „Es ſcheint mir leider als wenn jene Scene mich in den Augen meiner erhabenen Monarchin herabgeſetzt habe; und doch folgte ich nur dem Zwange, keinesweges meinem eigenen, freien Willen.“ „Antwortet mir offenherzig⸗ Baroneſſe; habt ihr euch vorher nie unter dier Augen mit Wolf⸗ ſtein befunden, und ſollte ihn nicht ſogar fruͤher euer Laͤcheln begluͤckt haben?— Euer Schwei⸗ gen giebt mir hinlaͤngliche Antwort, und ich will nicht weiter in euch dringen. Alles dies beſt arkt mich jedoch in der Hoffnung, daß es euch aufbe⸗ halten iſt Wolfſtein zum beſſeren Menſchen um⸗ 4 19 zuſchaffen, er aber vom Schickſale erdhen in euch gluͤcklich zu machen.“ Daß ihre Vereinigung wirklich vom Schick⸗ ſal beſchloſſen ſey, glaubte Luiſe; indeß waren die Hoffnungen, welche ſie von dieſer Verbindung hegte, weniger kuͤhn ats die der Kaiſerin. Sein Talent ſich zu verſtellen, war ihr nur zu bekannt, und wiewohl ſie keine Urſache hatte zu glauben, die neu angenommene Rolle werde nur ihrentwegen geſpielt, da er ſich ſeit dem Abend in der Grotte ſtets in ehrerbietiger Ferne gehalten, ſo bemaͤch⸗ tigte ſich ihrer doch eine gewiſſe Furcht, er breite, gleich einer Spinne, ſein Gewebe in gehoͤriger Entfernung aus, um das Opfer deſto ſicherer da⸗ mit umſchlingen zu koͤnnen. * I I. Lindau erhielt ſeine Anſtellung zur ver⸗ ſprochenen Zeit, nebſt dem Befehl ſich unvorzuͤg⸗ lich an die Spitze ſeines Regiments zu begeben. Der Dienſteifer hatte ſich in dieſem Augenblicke aller Gemuͤther in einem ſolchen Grade bemaͤch⸗ 2* 20. 4* tigt, daß jeder Hoͤfling, bis zum Pagen hinab, am Ruhme Theil zu nehmen wuͤnſchte. Alles ſchien zu einem furchtbaren Streiche vorbereitet, und der Herzog v. Friedland erklaͤrte laut, der verhaͤngnißvolle Zeitpunkt nahe, welcher entſchei⸗ den werde, ob er, oder Guſtav Adolph die Welt beherrſchen ſolle. Die erſten Schritte jenes großen Mannes, nachdem ihm die Macht wieder in die Haͤnde ge⸗ geben war, belebten den Kaiſer mit neuen Hoff⸗ nungen, und hemmten das Vorruͤcken der Feinder Des Schwediſchen Helden Feldzug glich nicht mehr einem ſchnell vordringenden Strome; er war ge⸗ noͤthigt um jede Handbreit Landes zu kaͤmpfen. Dennoch aber konnte Ferdinand, mitten im Entzuͤcken uͤber die gluͤckliche Aenderung der Din⸗ ge, nicht ohne innere Demuͤthigung des hohen Preiſes gedenken, durch welchen die Ruͤckkehr die⸗ ſes ſtolzen Feldherrn erkauft war. Nicht allein hatte er ſich das unbedingte Commando uͤber die Kanſerlichen Heere, ſondern auch uͤber die Spa⸗ niſchen Huͤlfstruppen, ausbedungen; er erhob Con⸗ tributionen ganz nach eigener Willkuͤhr, und als der Kaiſer vorſchlug dem Erzherzog, ſeinem aͤlte⸗ 2 . 21 ſten Sohne, dem Scheine nach, ein Commando zu geſtatten, um unter ihm den Kriegsdienſt zu lernen, war die kurze, ruchloſe Antwort dieſes hoͤchſt vermeſſenen Mannes;„er werde nicht ein⸗ mal Gott neben ſich anerkennen.“ In dem ganzen Weſen des Herzogs war, waͤhrend der kurzen Zeit ſeiner Entfernung, eine wunderbare Veraͤnderung vorgegangen. Zwar gab er vor, die Ungnade in welche er nothwen⸗ dig fallen mußte, nur als Glied in der großen Kette ſeines Geſchicks zu betrachten, dennoch aber hoͤrte er nie auf ſie bitter und ſchmerzlich zu em⸗ pfinden. Von der Stunde an, da er ſeine Trup⸗ pen auseinandergehen ließ, ſchien aller Glaube, alles Vertrauen auf ſeine Nebenmenſchen, voͤllig von ihm gewichen zu ſeyn, und er behauptete ſie nur durch Furcht und Strenge an ſich feſſeln zu koͤnnen. Dieſem Grundſatze gemaͤß behan⸗ delte er den Hoͤchſten wie den Niedrigſten, der ſich in irgend einem Zuſammenhange mit ihm befand. Ferdinand begann vor der unumſchraͤnkten Herrſchaft dieſes unbezwingbaren Geiſtes zu zit⸗ tern; aber es war auch nicht die Liebe, ſondern die Furcht ſeines Monarchen, nach welcher der 22 Herzog trachtete. Tod und Schande waren ge⸗ woͤhnliche Strafmittel, die er gegen ſeine Truppen gebrauchte, und die Vergoͤtterung mit der die blinde, ihm gehorchende Menge, dennoch zu ihm empor ſchauete, diente dazu dies Schreckens⸗Sy⸗ ſtem zu rechtfertigen.— Nur ſeinem Sterndeu⸗ ter ſchenkte er unbedingten Glauben, und dieſer war ſchlau genug ſeinen Ehrgeiz immer mehr zu naͤhren. 4 Doch kehren wir an den Wiener Hof zuruͤck, wo Wolfſtein ſich auf einmal gluͤcklicher Weiſe von denen befreit ſah, die ſeine Furcht oder Ei⸗ ferſucht erregen, und ſich ſeinen Plaͤnen widerſe⸗ tzen konnten. Auch der jetzt von ſeiner Eitelkeit geheilte Lindau, haͤtte vielleicht ſtoͤrend fuͤr ihn ſeyn koͤnnen; indem er ihm die Anſtellung verſchaff⸗ te, hatte er alſo auf doppelte Weiſe ſeinen Ent⸗ zweck erreicht, naͤmlich einen Mann entfernt, der ihm laͤſtig war, und ſeinen maͤchtigen Einfluß gezeigt, wodurch er ein neues Gewicht bei Hofe erhielt. Ferdinand gebrauchte ihn von jetzt an oͤfterer zum Vermittler beim Herzoge, wenn er Jemand beſoͤrdert zu ſehen wuͤnſchte, und in dem Grade wie ſeine Verbindlichkeit gegen den 23 Ritter ſtieg, vermehrte ſich auch der Glaube an ſeine Bekehrung. Nur die Fuͤrſtin Stollberg ahnete Liſt und Heuchelei, doch durfte ſie es nicht wagen ihre Zweifel zu aͤußern. Gegen ſie beobachtete er ſtets ein freundliches, ungezwungenes Betragen, welches die gegenwaͤrtige Lage der Dinge ihr unausſprechlich peinlich machte. Er hatte ihre Unterredung mit Wallen ſtein behorcht, war Zeuge ihrer Bewegung geweſen; es lag ſchon etwas ſchmerzlich Erniedri⸗ gendes fuͤr ſie darin, ihn anzuſehen, unertraͤglich aber war es ihr, wenn ſie in ſeinem, oft auf ihr ruhenden Auge, den unverſchaͤmten Ausdruck eines gewiſſen Mitleids zu leſen glaubte, und doch war ſie gezwungen auch dies zu ertragen. Es blieb immer Schwaͤche von ihrer Seite, einem Manne ihre Neigung geſtanden zu haben, der ſie nicht zu erwiedern im Stande war; wie entſtellt aber konnte dieſe Sache aus Wolfſteins boshaftem Munde erſcheinen!— Sie beſchloß daher ſich der Kaiſerin zu vertrauen, um wenigſtens von dieſer Seite geſchuͤtzt zu ſeyn. Ihr Vertrauen ward mit fuͤhlendem, zartem Herzen aufgenommen; beide Frauen weinten dem Andenken Caſimir's eine Thraͤne. Die Kaiſe⸗ rin weilte lange bei dem Abſchieds⸗Briefe an Auguſte, und immer klarer ward es ihr, daß in einer ſo reinen Bruſt, ein finſtrer, unverſoͤhn⸗ licher Geiſt des Zorns gegen einen Vater, nicht Raum haben koͤnne. Das Ganze blieb ihnen dennoch ein Raͤthſel. Nichts war der Fuͤrſtin peinlicher, als der Umgang mit Wolfſtein, zu dem ſie taͤglich ge⸗ zwungen war. Bei ſeinem erſten Auftreten am Hofe hatte die Neuheir ſeines Witzes ſie geblen⸗ der, er hatte ſie ausgezeichnet, und durch dieſe Auszeichnung fuͤhlte ſie ſich damals gewiſſermaßen geſchmeichelt. Spaͤter waren ihr die Augen ge⸗ oͤffnet, ſie durchſchauete ihn, waͤhrend die Menge ihn noch ſtaunend angaffte, und es fuͤr Beweis des Geſchmacks und guten Tons hielt, ihm nach⸗ zuaͤffen. Dies machte der Fuͤrſtin Galle rege; vielleicht kam auch Wallenſteins entſchiedener Abſcheu gegen ihn dazu, und beſtimmte ſie, in ſeiner Abweſenheit, wie wir gehoͤrt haben, den Sta⸗ chel ihres Witzes gegen alle diejenigen zu richten, welche ihn noch als ein Idol verehrten. Dies wurde ihm treulich hinterbracht; nochmehr, er 23 hatte jetzt dies fonſt ſo ſtolz daſtehende Weſen, in aller Schwaͤche der Weiblichkeit belauſcht, und nun war die Reihe an ihn, die Geiſſel ſeiner Bosheit gegen ſie zu ſchwingen, ohne jedoch aus der neuerdings angenommenen Rolle zu fallen. Eines Morgens trat er zur Cour bey der Kaiſerin ein, und mit jenem froͤmmelnden Aus⸗ druck, welchen er ſich ſeit einiger Zeit zu eigen gemacht hatte, legte er ihr em zierlich geſchriebe⸗ nes Manuſcript zu Fuͤßen.. „Endlich iſt es mir gelungen,“ ſagte er ehr⸗ furchtsvoll,“ meiner Feder den Schwung zu ge⸗ ben, der Gnade vor Ew. Majeſtaͤt Augen finden wird.“ Der neben der Kaiſerin ſtehende kleine Page, nahm das Papier auf ihren Wink von der Erde auf, und uͤbergab es ihren Haͤnden. Mit Ent⸗ zuͤcken gewahrte ſie daß es die ſchoͤnſten Stellen 3 der heiligen Schrift, in zweckmaͤßiges Versmaß gebracht, nebſt einer, von einem beruͤhmten Ton⸗ kuͤnſtler dazu verfertigten Compoſition, waren. Gerührt druͤckte die Monarchin ihren Dank fur dieſe vielverſprechende Gabe aus. 8 „Das iſt eine wuͤrdige Anwendung eures ſeltnen Talents,“ ſagte ſie, den wohlwollenden Blick auf Wolfſtein gerichtet.„Ueberredet jetzt eine eurer ſchoͤnen Freundinnen, Herr Ritter, dieſen Hochgeſang mit der Laute zu begleiten; ich bin begierig zu hoͤren, ob die Muſik dem erhabe⸗ nen Gegenſtande voͤllig entſpricht.“ „Von eurer bezaubernden Stimme begleitet, Fuͤrſtin, wuͤrde der Eindruck des Ganzen um vie⸗ les erhoͤht werden,“ ſagte er, ſich zur Stoll⸗ berg wendend. Dieſe, nicht den Nauth dazu in ſich fuͤhlend, und immer befangen in des Ritters Naͤhe, bat zit⸗ ternd ſie zu entſchuldigen, da ihre Stimme alle Kraft verloren habe. 86 7 „Singt immer Fuͤrſtin,“ erwiederte er mit bittendem Tone; aber mit einem Blick der zu ſagen ſchien:„ihr muͤßt ſingen. Wahrlich,“ ſetzte er mit beleidigender Vertraulichkeit hinzu,„es fehlt euch an Aufheiterung, und ihr werdet mir es Dank wiſſen, wenn ich euch zu euren alten Ge⸗ wohnheiten zuruͤckfuͤhre. Die Zeit heilt alles; wir muͤſſen ihr nur zu Huͤlfe kommen. Und ihr, die ihr fruͤher ſo geneigt wart, meine kleinen, leicht⸗ 27 fertigen Lieder mit eurer Stimme zu begleiten, duͤrft es jetzt um ſo weniger abſchlagen, meine erſten Buß⸗Uebungen zu beguͤnſtigen. Gewiß Fuͤrſtin, ihr werdet ſingen!“ So ſchwierig die Aufgabe auch war, ſchien ſie dennoch unvermeidlich. Sie erhielt es uͤber ſich nachzugeben, obgleich man den Unwillen auf ihrem Geſichte nicht verkennen konnte. Schnell riß ſie das Buch aus ſeiner Hand, las die No⸗ ten uͤber, ſtimmte ihre Laute, und nach einigen Accorden, denen die innere Bewegung ihrer Seele, wunderbaren Ausdruck lieh, begann ſie mit einer Kraft zu ſingen, die Alle in Erſtaunen ſetzte. Aber die Anſtrengung war zu maͤchtig geweſen; einen Augenblick darauf ſtockte die Stimme, das Herz ſchlug hoͤrbar in ihrer Bruſt, die Wangen gluͤheten, und Thraͤnen entſtuͤrzten dem Auge. „Euch iſt nicht wohl, Fuͤrſtin,“ ſagte die Kaiſerin theilnehmend.„Ihr duͤrft nicht weiter ſingen; die Hitze des Zimmers wirkt nachtheilig auf euch. Geht einen Augenblick an die friſche Luft.“ Ihr Quaͤlgeiſt nahete ſich, ergriff her Hand, die ſie nicht wegzuziehen wagte, und fuͤhrte ſie 28 mit dem Anſehen der groͤßten Beſorgniß aus dem Gemache, welches von der Kaiſerin und allen Umſtehenden zu ſeinen Gunſten ausgelegt wurde. Als er ſie bis an ihre Zimmer geleitet hatte, ſagte er: „ Nehmt den Rath eines Freundes an, Fuͤr⸗ ſtin!— Ich weiß daß nichts fuͤr ein weibliches Herz bittrer zu ertragen iſt, als ſich von einem geliebten Gegenſtande zuruͤckgewieſen zu ſehen. Es giebt nur eine moͤgliche Heilung dafuͤr. Setzt eure ganze Eitelkeit darin eine andere Eroberung zu machen; ihr duͤrft nicht verzweifeln, weil ihr einmal zuruͤckgeſtoßen ſeyd, es liegt noch ein wei⸗ tes Feld vor euch. Aber, auf meine Ehre! wenn ihr auf dieſem Wege beharrt, werden fruͤhzeitige Runzeln, verwelkte Roſen, graues Haar, bald euer Theil werden, und es bleibt dann kein an⸗ deres Mittel fuͤr euch uͤbrig, als eure Zuflucht zum Spieltiſche, dem Caffee⸗Geſchwaͤtz, der An⸗ daͤchtelei, und allen den Reizmitteln zu nehmen, welche das Leben einer fruͤh verbluͤhten Schoͤnen hoͤchſtens ertraͤglich zu machen im Stande ſind.“ Nach dieſen Worten verließ er ſie, um ſich wieder in die Zimmer der Kaiſerin zu begeben. 29 Die Laute und das aufgeſchlagene Manuſecript, lagen noch auf dem Tiſche; die Monarchin aͤußerte . ihr Bedauern, durch die Unpaͤßlichkeit ihrer Hof⸗ dame, auch um den Genuß der Muſik kommen zu ſollen. Außer der Freiherrin v. Marchfeldt befand ſich keine Dame gegenwaͤrtig, die hier haͤtte aushelfen koͤnnen, und auf dieſe wandte ſich der bittende Blick der Kaiſerin. Luiſe zoͤgerte noch ein paar Secunden, dann nahte ſie ſich mit dem Anſchein der Verzweiflung dem Tiſche, er⸗ griff die Laute, und ſang die vor ihr liegenden Strophen mit Toͤnen, die ſelbſt den gleichgultig⸗ ſten Zuhoͤrer in Entzuͤcken verſetzten. Alle fuͤhl⸗ ten ſich in ſolchem Grade ergriffen, daß, als dieſe Toͤne nun endlich verhallten, Niemand den Zauber zu unterbrechen vermogte; noch ſchien Je⸗ der zu lauſchen, Jeder dem Sphaͤren⸗Geſange zu folgen. Man wagte es nicht dieſem Weſen ein Wort des Betfalls zu ſagen; alles aber draͤngte ſich an Wolfſtein mit den heißeſten Gluͤck⸗ wuͤnſchungen, worunter die des Profeſſors We⸗ ſtermann gewiß nicht die kaͤrglichſten waren. Luiſens faſt freiwillig ſcheinender Vortrag ſeines Werks, kam ihm beinahe wie ein Traum 30 voor; dieſer Triumph uͤberſtieg ſeine kühnſte Er⸗ wartung. Schon oft hatte ſie in ſeiner Gegen⸗ wart geſungen, oft hatte er mit Entzuͤcken ihren Toͤnen zugehorcht; doch glaubte er nie dieſe Se⸗ raphs⸗Stimme in ſolcher Vollkommenheit gehoͤrt zu haben, und wahrlich, die Bewegung ihres Ge⸗ muͤths, indem ſie Wolfſteins Worte ſang, Worte, die den reuigen, gelaͤuterten Menſchen ver⸗ kuͤndeten, lieh ihren Toͤnen eine unendliche Zau⸗ berkraft. Noch wagte er es nicht ihr ſeinen Dank zu ſagen; ſeine Hand zitterte, indem er die No⸗ tenblaͤtter umwandte, und nun bis an eine Hym⸗ ne kam, die er als die Krone ſeiner Arbeit be⸗ trachtete. 1 „Wuͤnſcht ihr daß ich auch dieſe ſingen ſoll, Ritter?“ fragte Luiſe. Er antwortete nur mit einem Blick; gleich aber ergriff ſie die Laute aufs Neue, und begann den himmliſchen Geſang, wo moͤglich, mit noch erhoͤhter Begeiſterung, denn nun war alle anfaͤngliche Verlegenheit von ihr ge⸗ wichen, ſie fuͤhlte ihre volle Kraft zuruͤckkehren, eine Kraft, die durch Andacht geſteigert, ſie zu ſanfteren Gefuͤhlen hinriß. So ſloß ein from⸗ mes Lied nach dem andern von ihren Lippen, bis 31 der ganze Inhalt des vor ihr liegenden Manu⸗ ſeripts faſt erſchoͤpft war. Dieſe Stunde ſchien entſcheidend fuͤr b Ge⸗ ſchick. Jahre ſeines Lebens haͤtte Wolfſtein gerne gegeben um dieſe koͤſtlichen Minuten herbeizufuͤhren, von denen er jetzt um ſo mehr uͤberraſcht wurde, da er ſich dadurch ploͤtzlich aus aller Ungewißheit geriſſen ſah, die er, ſo ſicher er ſeines endlichen Erfolgs auch war, dennoch noch laͤnger erdulden zu muͤſſen, gefuͤrchtet hatte. Wie fruͤher auf dem Schloſſe zu Marchfeldt, ſo fuͤhlte er ſich auch jetzt nur von einem einzigen Gedanken ge⸗ waltſam erfuͤllt, und es koſtete ihn nicht wenig Ueberwindung, ſeinen innern Ungeſtuͤm zu ver⸗ bergen. Endlich wurde das Manuſcript wieder zuſammengelegt, und der ſo lange zuruͤckgehaltene Beifall, ergoß ſich nun auf verſchiedene Weiſe uͤber die bezaubernde Saͤngerin, die mit niederge⸗ ſchlagenen Augen ihr Lob von allen Seiten ertoͤnen hoͤrte. „Was mich betrifft, Ritter,“ ſagte die Kai⸗ ſerin ſich zu Wolfſtein wendend,„moͤchte ich euch rathen, nie durch eine andere Stimme den Eindruck eurer Lieder zerſtoͤren zu laſſen, welchen A die Freiherrin in unſer aller Herzen durch ihren Geſang hervorgebracht hat Niemand wird ſie nach ihr wuͤrdig vortragen.“ „Ew. Majeſtaͤt ſprechen die Empfündungen meiner Seele aus,“ antwortete er, mit ſichtlicher Bewegung.„Keine andere Stimme ſoll ſie je ſingen.“ Die Kaiſerin verſicherte nun, ihr erhabener Gemahl muͤſſe die Hymnen auch hoͤren, und lud den ganzen Kreis ein ſich am morgenden Abend bei ihr zu verſammeln, wo ſie eine Wiederholung des heutigen Vortrags hoffe. Luiſe verbeugte ſich ſchweigend, winkte den Ritter zu ſich, und bat ihn noch einmal alles mit ihr durchzugehen, und ihr zu ſagen wo ſie viel⸗ leicht im Ausdrucke gefehlt habe. „Der vollkommenſte Kuͤnſtler ſelbſt, wuͤrde nirgends einen Fehler haben entdecken koͤnnen,“ ſagte er, indem ein Blatt nach dem andern um⸗ gewandt wurde, und ſie ſich noch vorzuͤglich uͤber das letzte Duett beſprachen, welches, wie er be⸗ bemerkte, das Schoͤnſte der ganzen Compoſition ſey. 33 „So wollen wir es morgen mit einander verſuchen,“ erwiederte ſie ſchnell, ohne die Augen aufzuſchlagen. 3 „Darf ich hoffen euch nicht mißverſtanden zu haben, gnaͤdiges Fraͤulein,“ verſetzte er mit be⸗ ſcheidenem Ton. „Wir wollen das Duett morgen miteinander ſingen,“ wiederholte ſie, indem ſie ſich raſch von ihrem Sitze erhob und ſich mit der Bitte an die Kaiſerin wandte, dieſe Blaͤtter bis zum naͤchſten Abend ihren Haͤnden anzuvertrauen, damit ſie die Muſik noch fuͤr ſich ſtudieren koͤnne. „Ihr betragt euch voͤllig nach meinem Wunſch, Freiherrin,“ fluͤſterte die Kaiſerin ihr ins Ohr. „So moͤchte ich euch immer ſehen!“ Luiſe ſeufzte; ſie fuͤhlte nur zu wohl wie ſehr ihre eigene Schwaͤche mit dem Wunſche der Monarchin uͤbereinſtimmte, denn waͤhrend ſie die⸗ ſer zu willfahren ſchien, jene ſie aber eigentlich aufs Neue zu dem Abgrunde hinzog, fehlte es nicht an der innern Stimme, die ihr ſchon ſo oft eine Warnung vor Wolfſtein zugerufen hatte. Herz und Vernunft befanden ſich aufs Neue im Streite, und ſie beſchloß lieber gar nicht mehr dar⸗ W. v. W. III. 3 84 aͤber nachzudenken, ſondern blindlings dem zu fol⸗ gen, was das Geſchick nun einmal unabaͤnderlich uͤber ſie verhaͤngt zu haben ſchiene. Um die Gedanken, welche ſie auf dieſe Weiſe verfolgten und anklagten, zu betaͤuben, ſang ſie zu Hauſe Wolfſteins Hymnen unaufhoͤrlich uͤber, bei welcher Beſchaͤftigung ſie ihr ehrwuͤrdi⸗ ger Beichtiger traf, der als warmer Verehrer geiſt⸗ licher Muſik, ihr ſeinen Beifall daruͤber nicht ver⸗ ſagen konnte, und nach dem Verfaſſer fragte. Zum erſten Male, ſeit langer Zeit, kam der Name Wolfſtein in ſeiner Gegenwart wieder uͤber ihre Lippen. „Wolfſtein!“ wiederholte er erſchrocken. „Heilige Jungfrau, dann iſt es nichts als Gotteslaͤſterlicher Spott!“— Denn obwohl der gute Mann ſich nie damit befaßt hatte, die freidenkeri⸗ ſchen Schriften dieſes Menſchen ſelbſt zu leſen, ſo hatten doch einige ſeiner Ordensbruͤder ihm davon erzaͤhlltt. „Lieber Vater,“ entgegnete Luiſe,„wie kann der fromme Felir ſo hart urtheilen, und einen Suͤnder der Bekehrung gaͤnzlich unfaͤhig hal⸗ ten? Wolfſtein ſieht ſeinen Irrthum ein, und . 35 bereut ihn; dieſe Hymnen ſind die erſte geſegnete Frucht ſeiner Sinnes⸗Aenderung. Leſt nur die eine hier,“ ſetzte ſie hinzu,„und geſteht ob es moͤg⸗ lich iſt, daß ein Heuchler mit ſo erhabener Begei⸗ ſterung rede.“ „Die Schlange, welche ſchon unſere erſten Eltern im Paradieſe verfuͤhrte, uͤbt noch immer ihr Unweſen uͤber uns Sterbliche aus, mein Kind, und hat auch ihn in ihrer Gewalt,“ erwiederte er, ihrer Frage ausweichend. „Wahrlich, von euch haͤtte ich ein ſo hartes Urtheil nicht erwartet.“— „Moͤgen alle Heilige mich behuͤten, ein har⸗ tes Urtheil uͤber einen meiner Nebenmenſchen zu faͤllen!— Aber, erinnere dich, Tochter, daß dieſer Mann es war, der zuerſt meinen Glauben an die Menſchheit erſchuͤtterte.“ „Auch ich habe das Vergangene nicht vergeſſen, auch habe ich meinen Glauben weder vorſchnell, noch blindlings gefangen gegeben. Als Alle ſchon uͤber ſeine Bekehrung frohlockten, ſtand ich allein noch zweifelnd da, und ſuchte, ſelbſt den Unwillen meiner Monarchin nicht ſcheuend, den Mann in gehoͤriger Entfernung von mir zu halten.“ . 2 3* „Gluͤcklicher Weiſe,“ ſagte Felix ruhig, „waren der erhabenen Kaiſerin wohl die Urſachen unbekannt, welche dir jede Annaͤherung zu dieſem Manne unmoͤglich machen?“ „Freilich ſchien es auch mir unmoͤglich, mich ihm wieder zu naͤhern; aber Vater, habt ihr mich nicht ſelbſt gelehrt, Unverſöhnlichkeit ſey Suͤnde?“ „Kind, Kind,“ rief Felix mit zaͤrtlicher Beſorgniß,„ſey auf deiner Huth! Es iſt dem goͤttlichen Geſetz durchaus nicht zuwider, daß das Lamm dem Wolfe mißtraue.“ „Ihr ſeyd in Vorurtheilen befangen, guter Bater; weilet noch ein wenig bey mir,“ ſetzte ſie laͤchelnd hinzu,„und ich will es verſuchen, euch wenigſtens etwas milder geſinnt zu machen.— Gewiß ſeyd ihr in einigen der ſtrengſten Kirchen⸗ vaͤter vertieft geweſen, und habt ihren finſtern Ernſt eingeſogen;— nicht wahr, ihr habt euch damit unterhalten, Bannfluͤche zu ſtudieren?“— Schmeichelnd ruͤckte ſie nun ſeinen Stuhl naͤher an den ihrigen, und nur zu bald gelang es ihr durch die Macht der Tonkunſt, die Sinne des alten Mannes zu bezaubern. 3. Nachdem ſie endlich aufhoͤrte zu ſingen, ſagte er ſeufzend:„Ich hoffe es iſt keine Heuchelei! Er iſt der erſte Suͤnder an deſſen wahrhafter Bekeh⸗ rung ich je gewagt habe zu zweifeln. Moͤge die heilige Jungfrau ihm Glauben und Wahrheit an⸗ gedeihen laſſen, und mir meinen Mangel an chriſt⸗ licher Liebe verzeihen!“ Bei dieſen Worten druͤckte er einen inbruͤnſtigen Kuß auf das, an ſeiner Bruſt haͤngende, agnus dei. Seine fromme Einfalt ver⸗ mochte nicht den Kampf gegen den Schein zu beſte⸗ hen, und einzig die aͤngſtliche Beſorgniß fuͤr die Ruhe ſeiner geliebten Pflegetochter konnte ihn ver⸗ leiten, einen Augenblick an die Wahrhaftigkeit der Bekehrung des Ritters zu zweifeln. III. Am folgenden Abende fand ſich der ganze Kreis, noch durch die Gegenwart des Kaiſers ver⸗ herrlicht, wieder in den Zimmern der Monarchin ein. Auch die Fuͤrſtin hatte es gewagt zu erſchei⸗ nen, da ſie hoffte die Aufmerkſamkeit ihres Ver⸗ 38 folgers durch einen andern Gegenſtand von ſich ab⸗ gezogen zu ſehen, doch hielt ſie ſich nahe hinter dem Stuhle der Kaiſerin, um auf jede Weiſe vor Beleidigungen ſicher geſtellt zu ſeyn; Wol fſteins Bosheit gelang es indeß, auch hier zu ihr zu drin⸗ gen. Kaum hatte er das Kaiſerliche Paar ehrfurchts⸗ voll begruͤßt, als er ſich mit der ſanften, einſchmei⸗ chelnden Art, welche er ſich ſo gut anzueignen ver⸗ ſtand, an ſie wandte, theilnehmend nach ihrer Ge⸗ ſundheit fragte, und hinzufuͤgte: „Habt ihr meinen Rath in Erwaͤgung gezo⸗ gen, Fuͤrſtin?“ „Wie, Ritter,“ ſiel Ferdinand ein,„ge⸗ hoͤrt auch Arzenei⸗Kunde zu euern vielſeitigen Kenntniſſen?“ „Mit Ew. Majeſtaͤt gnaͤdigſter Erlaubniß, wende ich ſie nur beim ſchoͤnen Geſchlecht an, welches empfaͤnglicher fuͤr guten Rath iſt, als das unſrige. Ueberdies hat dieſe theure Freundinn allen nur moͤg⸗ lichen Anſpruch an meine Dankbarkeit;— ſie war die Erſte welche ſich der Ruͤckehr des lang Verirr⸗ ten annahm, ſie ward mein Buͤrge, und auf ihre guͤtige Vermittelung durfte ich mich wieder meiner 39 huldreichen Monarchin nahen. Ich werde es nie vergeſſen,“ ſagte er mit einem Blick, den nur die Fuͤrſtin ganz zu deuten verſtand,„wer der Reinheit meiner Geſinnungen zuerſt Glauben lieh.“ Durch dieſen bittern Spott uͤber ihre ungluͤck⸗ liche Leichtglaͤubigkeit zwar aufs Aeuſſerſte empoͤrt, wagte die Fuͤrſtin dennoch nicht zu antworten, da ſie ihren Empfindungen nicht die rechten Worte lei⸗ hen durfte. Lui ſe hingegen ſchien gewiſſermaßen erſtaunt, und eben nicht erfreut, uͤber die Art wie Wolfſtein ſich mit einer Dame unterhielt, die lange als herrſchende Schoͤnheit des Hofes geglaͤnzt hatte. Sie ſah wie ſein Auge mit unerklaͤrlichem Ausdruck auf ihrem Angeſicht weilte, welches oͤfterer die Farbe wechſelte; ſie erinnerte ſich, wie Wolf⸗ ſtein ſie am vergangenen Tage faſt mit Gewalt gezwungen hatte, ſeine Lieder zu ſingen, und tau⸗ ſend Vermuthungen, was ſie vielleicht bewegt haben koͤnne, ſo ſchleunig inne zu halten, und das Zim⸗ mer zu verlaſſen, bemaͤchtigten ſich jetzt ihrer Seele. Auch Lindau's einmal geſprochene Worte:„Wem weihete er ſeine Verſe, wem ſtreuete er Weihrauch, wenn ihr es nicht wart, Fuͤrſtin,“ kamen ihr wie⸗ der ins Gedaͤchtniß. 40 Wolfſtein bemerkte den vorſichtig verſtohl⸗ nen Blick, den ſie von Zeit zu Zeit auf ihn warf, und waͤhrend er ſeiner Bosheit bey einem Opfer Genuͤge that, weidete er ſich an der Ueberzeugung, ein anderes zugleich immer mehr in ſein Netz zu ziehen. Als die Freiherrin eintrat, hatte er ihr nur eine ehrfurchtsvolle, ſchuͤchterne Verbeugung gemacht, als wage er es nicht, ſeinem geſtrigen Gluͤcke ſchon zu trauen; dann knuͤpfte er gleich die Unterhaltung mit der Fuͤrſtin wieder an, worin ſich auch die Kaiſerin mengte, und ſcheinbar wenigſtens, warf er keinen zweiten Blick auf Lui ſe. Aber der Ritter beſaß beſſere Augen und Ohren, als die meiſten uͤbrigen Menſchen, und wenig Dinge entgingen ſeiner Beobachtung. Endlich erinnerte ihn die Kaiſerin an die Abſicht der heutigen Zuſam⸗ menkunft. Mit einem Blicke voll Bedauern, wel⸗ cher der Stollberg verſtaͤndlich ſeyn ſollte, ſagte er: „Ich muß euch alſo verlaſſen, und ſelbſt die Befriedigung der Eitelkeit eines Dichters iſt kaum im Stande, mich fuͤr dies Opfer ſchadlos zu halten.“ „Weil,“ erwiederte die Fuͤrſtin leiſe,„ſogar eure Eitelkeit, ſo maͤchtig ſie auch ſeyn mag, den⸗ noch eurer Bosheit untergeordnet iſt.“* 41 Er verſchluckte die Pille, nahm die Laute, und naͤherte ſich der Freiherrin.„Ihre Majeſtaͤt befiehlt mir,“ ſagte er,„euch um eine Wiederho⸗ lung eurer geſtrigen Guͤte zu erſuchen.“ „Ihr wißt, Herr Ritter,“ antwortete Luiſe, „daß ich nur Stellvertreterin der Fuͤrſtin war; ich bin wohl geneigt auszuhelfen, moͤchte mich aber kei⸗ ner Anmaßung ſchuldig machen.“ „Ha ha! das Gift wirkt,“ dachte er.— „Aber die Fuͤrſtin iſt unwohl,“ fuhr er zu ihr ge⸗ wandt fort,„oder es fehlt ihr an Geſchicklichkeit, oder gutem Willen; denn auch geſtern ward ihre Einwilligung nur erzwungen, und ihr ſaht den Er⸗ folg. Sie weiß indeß ſehr wohl wie wir uͤber ihre Abweſenheit getroͤſtet wurden, und wuͤrde ſich kei⸗ nem Wettkampf ausſetzen. Ueberdem darf ich mein Geluͤbde nicht brechen, daß nie eine andere Stim⸗ me, als die eurige, dieſen Worten Leben einhau⸗ chen ſoll““ Das Werk wurde nun mit derſelben Vollkom⸗ menheit vorgetragen, und mit dem naͤmlichen Bei⸗ falle gekroͤnt. Noch immer aber machte Luiſe keine Miene das Duett zu beginnen, und Wolf⸗ ſtein harrte mit aller nur moͤglichen Geduld, weil 42 er gerne den Vorſchlag von ihrer Seite hoͤren wollte. Als ſie ihn aber bat, die Laute wieder an ihren Platz zu legen, begann er doch zu fuͤrchten, Laune oder Ueberlegung moͤchten ihn des erſehnten Tri⸗ umphs berauben, ſeine Stimme mit der ihrigen vereinigen zu koͤnnen. „Verzeiht gnaͤdiges Fraͤulein,“ hub er an, „ihr ſeyd ſonſt nicht gewohnt euer Verſprechen zu brechen; es moͤchte dann,“ ſetzte er erroͤthend hin⸗ zu,„eine triftige Urfache euch dazu beſtimmen. Die letzten Worte, welche ihr geſtern ſagtet, toͤnen noch immer in meinen Ohren.“ Mitt ſo unbeſchreiblich wohlklingendem Tone, wiederholte er nun dieſe Worte, daß Luiſe ſich ſelbſt ſinnend fragte, ob ſie ſie wohl mit ſo hoher Bedeutung geſprochen haben koͤnne? Indeß machte ſie keine weiteren Verſuche dem Duett auszuwei⸗ chen. So ſehr aber auch der Gedanke, ihre Toͤne wieder mit Wolfſteins Toͤnen zu verſchmelzen, ihr Auge auf denſelben Punkt mit dem ſeinigen zu heften, ihre Seele beſchaͤftigte, ſo konnte ſie doch nicht urnhin ihr Auge einmal auf die Fuͤrſtin zu werfen, die noch immer hinter dem Stuhle der Monarchin ſtand. Sie ſtaunte uͤber den Blick voll Verachtung, mit welcher jene den Ritter betrach⸗ tete, waͤhrend im Ausdruck aller Uebrigen nur Be⸗ wunderung des Mannes lag, der dieſe erhabenen Geſaͤnge dichtete; es ſchien ihr klar, die Fuͤrſtin liebe Wolfſtein, und Eiferſucht ſpreche aus ih⸗ ren Zuͤgen. Als der Wechſelgeſang endigte, fuͤhlte ſich Luiſe ſo hingeriſſen von den Gefuͤhlen, die aufs Neue in ihrer Bruſt erregt waren, daß der um ſie ertoͤnende Beifall vergebens fuͤr ſie erſchallte. Sogar Wolſſtein ſchien ſeine Faſſung verloren zu haben, und zu vergeſſen an welchem Orte er ſich befand; er ſah nur den Gegenſtand vor ſich, den er um jeden Preis ſein nennen wollte, und deſſen Bezauberung ihm nun ſo gluͤcklich zum zweiten Male gelungen war. Sich uͤber ſie beugend fuuͤſterte er ihr leiſe zu:„Luiſe, iſt es nicht ſuͤß miteinander zu ſingen?“— Sie wagte es nicht ihm auch nur durch einen Blick zu antworten; aber noch ein⸗ mal fragte er, von Leidenſchaft hingeriſſen:„Luiſe, wollen wir nicht immer mit einander ſingen?— Verſprecht es mir, nie mit einem andern Manne als Wolfſtein zu ſingen!“ 44 „Ritter,“ ſagte ſie mit ernſtem, ſogar etwas finſterm Blick,„was redet ihr? Vergeßt nicht wo ihr ſeyd, und legt meine Laute wieder an ihre Stelle.“ Er gehorchte etwas verwirrt, nicht recht wiſ⸗ ſend was er daraus ſchließen ſolle; ſobald er aber ihren Befehl vollzogen hatte, fand er ſich wieder an threr Seite ein, und ſah wie ſie noch fortwaͤh⸗ rend in dem Buche blaͤtterte.„Habt ihr nicht irgendwo einen kleinen Raub entdeckt, mein gnaͤ⸗ diges Fraͤulein?“ fragte et.—„Einen ſehr auf⸗ fallenden, Ritter,“ entgegnete ſie laͤchelnd. „Ich kann es nicht laͤugnen, und ergebe mich auf Gnade und Ungnade der ſchoͤnen Dichterin, deren himmliſche Begeiſterung ich mir zu eigen ge⸗ macht habe. Erinnert ihr euch,“ fuhr er, nicht ohne Furcht ein ſo gefaͤhrliches Thema zu beruͤh⸗ ren, ſtammelnd fort,„errinnert ihr euch noch des Entzuͤckens, mit dem ich euch zuhorchte, als ihr mir die herrliche Stelle herſagtet, aus welcher dieſe Zeilen geſtohlen ſind?— Es war an einem mil⸗ den, duͤſtern Herbſtabend, an dem wir mit einan⸗ der laͤngſt den Ufern der Raab hinwandelten; ein ſeliger Abend, dem manche truͤbe gefolgt ſind, an 45 denen Sturm und Aufruhr des Gemuͤths, Furcht und Verzweiflung, in meinem Innern abwechſel⸗ ten!— Erinnert ihr euch noch des Myrthen⸗ zweiges, den ihr mir damals vergoͤnntet aus eurem Strauße zu nehmen? Ich beſitze ihn noch; zwar wollte er nicht wachſen, aber ich hob ihn ſorgfaͤltig auf, als ein Andenken ewig unvergeßlicher Tage, und ein Sinnbild zerſtoͤrter Hoffnungen, denn er iſt welk, duͤrre, und hat die Farbe verloren!“ „Erlaubt mir, Herr Ritter, zu bemerken, daß es grade nicht zu eurem Vortheile gereicht, ſolche Bilder in mein Gedaͤchtniß zuruͤckzurufen; ich beſtrebe mich dieſe Tage zu vergeſſen. Meine mildere Behandlung eurer, die nur durch den Augen⸗ blick herbeigefuͤhrt iſt, hat euch vielleicht zu dem Irrthume verleitet, als haͤtte ich das Vergangene vergeſſen, und ihr ſeyd uneigennuͤtzig genug mich nicht um den Vortheil meiner Erfahrung bringen zu wollen, denn andere Urſachen koͤnnt ihr nicht wohl haben, ſolche Erinnerungen in mein Gedaͤcht⸗ niß zu rufen.“ Gerne haͤtte er ſeiner innern Wuth uͤber dieſe bittere Bemerkung Luft gemacht; doch hielt er ſich 46 gewaltſam, um nicht aus der einmal angenomme⸗ nen Rolle zu fallen, und antwortete demuͤthig: „Ich weiß nicht wie ich zu dieſer Abſchweiſung gekommen bin;— wir ſprachen von der bewußten Stelle. Iſt es mir vergoͤnnt zu bekennen, daß eure bezaubernden Zeilen, die mich mit magiſcher Kraft ergriffen, zuerſt meinen Ehrgeiz weckten, einen aͤhnlichen Verſuch zu wagen. Meine Ein⸗ bildungskraft war in ſolchem Grade hingeriſſen, daß es mir durchaus nicht gelingen wollte, andere Ausdruͤcke zu waͤhlen, und daher der Raub, den ihr nicht verkennen konntet, Vielleicht,“ ſetzte er ſinnend hinzu,„wirkte die oͤftere Wiederholung dieſer heiligen Worte, etwas hoͤheres, als bloße poetiſche Begeiſterung in mir, vielleicht war ein und daſſelbe Weſen dazu beſtimmt mein Herz zu brechen, und meine Seele zu retten.“ „Ach,“ dachte Luiſe,„wollte Gott daß ich beide begluͤcken koͤnnte!“ Er war ſchlau genug zu beobachten, wie er jetzt den rechten Weg eingeſchlagen habe, und fuhr voͤllig unbefangen ſcheinend fort:„Habt ihr be⸗ merkt, mein Fraͤulein, wie ich mir es hier unter⸗ ſtanden habe, etwas von eurem Gedanken abzu⸗ 47 weichen? Dieſe Abweichung liegt aber wohl nur in der Auslegung der Stelle, wie ſie ſich in der heiligen Schrift angefuͤhrt befindet; doch ihr habt reiflich uͤber ſolche Gegenſtaͤnde nachgedacht. Haͤtte ich nicht ſo ungluͤcklicher Weiſe eure Nachſicht ver⸗ ſcherzt, waͤre mir vielleicht das Gluͤck zu Theil ge⸗ worden, euer Schuͤler in der erhabenſten aller Wiſ⸗ ſenſchaften zu werden, und ihr haͤttet mir als Leh⸗ rerin und Vorbild auf dem Pfade gedient, von dem ich mich nur zu lange entfernte, dem einzigen Pfade, der zum wahren Frieden fuͤhrt.— Viel⸗ leicht aber ſchlagt ihr mir die richtige Auslegung dieſer Stelle auch jetzt nicht ab, die ich in meiner Unwiſſenheit falſch verſtanden haben kann.“ Obgleich das feine Lob welches in dieſen Wor⸗ ten lag, Luiſe ſchmeichelte, antwortete ſie doch laͤchelnd:„Wahrhaftig, Ritter, ihr habt einen gar ſonderbaren Begriff von der beſten Art Theolo⸗ logte zu ſtudieren! Habt ihr die Metaphyſik auf demſelben Wege erlernt— Nan ſollte es kaum glauben.— Aber, ernſthaft geſprochen, nicht von den Lippen der Frauen muͤßt ihr euren Unterricht in ſo wichtigen Dingen ſuchen; forſcht in den Kir⸗ 8 48 chenvaͤtern, die euch ſcchereun auniäus uͤber dieſe Geheimniſſe geben werden.“ Wolfſtein konnte ſich bey dem Gedanken, wie wenig ihm die heiligen Vaͤter bey ſeiner eigent⸗ lichen Abſicht helfen wuͤrden, kaum des Lachens enthalten; doch beſchloß er ſich nicht irre machen zu laſſen.„Wohl, Fraͤulein,“ verſetzte er,„wenn ihr dann nicht Mitleid mit meiner Unwiſſenheit haben wollt, ſo geſtattet zum wenigſten dem, der euch unterrichtete, auch mein Lehrer zu werden. Der ehrwuͤrdige Pater Felir wird nicht ermangeln mich auf den rechten Weg zu bringen; er wird mich freundlich leiten, und nicht der Geiſſel dazu beduͤrfen. Gerade ein ſolcher Mann thuti mir Noth.“ Der Freiherrin war ſein Widerwille⸗ gegen die Prieſter im Allgemeinen laͤngſt bekannt; die Wahl des Pater Felir, der lebte wie er lehrte, befremdete ſie alſo keineswegs. Dennoch machte ſie den Einwurf, was ſein Freund, der Pater J Joſeph, dem man das Werk ſeiner Bekehrung zuſchriebe, zu dieſem Wechſel des Lehrers ſagen wuͤrde?— „Meine Bekehrung war nicht das Werk eines Capuziners, ſondern eines Engels,“ erwiederte er⸗ 49 „Wollte ich den Machiavel erklaͤrt haben, ſo wuͤrde ich meine Zuflucht zu jenem gelehrten Freunde neh⸗ men; politiſche Gedanken ſind bey ihm zu ſehr mit den Lehrſaͤtzen verwebt, als daß er mir von weſent⸗ lichem Nutzen ſeyn koͤnnte. So wie ich aber den Pater Felix beobachtet habe, entſprechen auch ſei⸗ ne weltlichen Beſchaͤftigungen ganz meinen Begrif⸗ fen von alt Patriarchaliſcher Einfalt der Sitten, und wenn ich ihn eure Blumen pflegen und warten, eure Voͤgel fuͤttern, oder ſich mit den Kindern eures Dorfes beſchaͤftigen ſah, iſt mir ſchon bey meiner fruͤheren Verderbtheit der Gedanke gekommen, daß Unſchuld auch unter einer Moͤnchs⸗Kutte wohnen koͤnne. Wenn ein ſolcher Mannn mich taͤuſcht, habe ich doch den Troſt zu glauben, er taͤuſche ein⸗ zig nur, weil er ſelbſt getaͤuſcht ſey, und nicht um mich zum Opfer ſeiner Falſchheit zu machen.⸗“, „In der Hoffnung, Herr Ritter, daß es dem Pater Feliy gelingen wird euch beſſere Gedan⸗ ken uͤber ſeine Ordensbruͤder beizubringen, werde ich ihn mit eurem Wunſch bekannt machen, und wenn dann das verirrte Schaf nicht zur rechten Heerde zuruͤck kehrt, liegt die Schuld davon wenig⸗ ſtens nicht an einem treuen Hirten.“ W. v. W. III. 4 50 befand, ließ ſie es ihr erſtes Geſchaͤft ſeyn, ihren Beichtiger aufzuſuchen. Glaubend, daß in jeder menſchlichen Bruſt doch wohl ein Funke Eitelkeit ſchlummern muͤſſe, gab ſie ſich alle Muͤhe den Wunſch des Ritters, grade ihn zum Lehrer zu ha⸗ ben, in ein vortheilhaftes Licht zu ſtellen, und ſeine Zweifel an des Neu⸗Bekehrten Aufrichtigkeit zu zerſtoͤren. Eitelkeit, dieſe faſt allgemeine Schwaͤ⸗ che, war aber nicht das Erbtheil des alten Mannes, oder beſaß er ſie, ſo beſchraͤnkte ſie ſich darauf, am beſten zu verſtehen, wie man den Wein ausputzen, und Kindern die Blattern einimpfen muͤſſe.„Toch⸗ ter,“ antwortete er beſcheiden,„ich will gern mit meinem wenigen Wiſſen dazu behuͤlflich ſeyn, einen Suͤnder auf den Weg der Tugend zu leiten, und keinen andern Lohn dafuͤr erwarten, als der in mei⸗ nem heiligen Berufe liegt; aber er hat zu oft ſei⸗ nen Spott uͤber alle heiligen Gebraͤuche getrieben, als daß ihm nicht eine ſtrenge, ernſte Buße, als erſte Frucht ſeiner wirklichen Reue⸗ auferlegt wer⸗ den muͤßte.“ Der Gedanke an den Neu⸗ Bekehrten beſchaͤf⸗ tigte Luiſe unaufhoͤrlich. Eifrig ſtudierte ſie Als Luiſe ſich wieder in ihrer Wohnung 51 ihre Bibel, wobei ſie die Kirchenvaͤter zu Huͤlfe nahm, aus denen ſie mit vielem Bedacht ſolche Stellen zog, die zu ihrem Zwecke fuͤhren konnten, und welche ſie ſich zu gleicher Zeit bemuͤ⸗ hete, in einen klaren, deutlichen Styl zu brin⸗ gen. Oft hatte ſie ſchon aͤhnliche Uebungen vorge⸗ nommen, nie aber noch mit ſolchem Eifer, und ſie ſegnete jetzt doppelt die gelehrte Erziehung, welche ſie in gleichem Maße mit ihrem Bruder genoſſen hatte, weil ſie ihr jetzt die Mittel gab, dem nach Licht Forſchenden nuͤtzlich zu werden. Den folgenden Tag erſchien Wo lfſtein im Hauſe der Freiherrin, und wurde ins Betzimmer des Caplans gefuͤhrt. Der Einfalt des alten geiſt⸗ lichen Herrn vertrauend, begann er mit heuchleri⸗ ſchen Gebehrden eine ſolche Maſſe von Fehlern und Thorheiten in das Ohr des Beichtigers zu raunen, daß dieſer, dem nie aͤhnliche Dinge im Laufe ſei⸗ nes ruhigen Lebens vorgekommen waren, faſt an eine Geiſteszerruͤttung des Beichtenden glaubte. Nachdem er mit vieler Geduld allen dieſen aͤrger⸗ lichen Vergehungen zugehorcht hatte, fand er es nothwendig dem Suͤnder zur Buß⸗Uebung, fleißi⸗ ges Faſten und Kaſteien fuͤr eine beſtimmte Zeit, 4* 52 unter ſtrenger, geiſtlicher Kloſterzucht, anzurathen. Hierauf oͤffnete Wolfſtein, zu nicht geringer Be⸗ friedigung des Moͤnchs, ſeine Weſte, und zeigte als Kreuzigung ſeines Fleiſches, ein rauhes, haͤrenes Gewand, das mit eiſernen Haken um ſeinen Leib befeſtigt, ihn ſchon ganz wund gerieben hatte; in⸗ deß bezeugte er ſeine Willfaͤhrigkeit, ſich auch zum Heil ſeiner Seele, noch haͤrteren Kaſteiungen unter⸗ werfen zu wollen. Der Zorn des guten Caplans, welcher beym Anblick der Schmerzen ſeiner Mit⸗ bruͤder keineswegs unempfindlich war, wurde durch dieſen Anblick in einem ſolchen Grade gemildert, daß er mit eigenen Haͤnden das Gewand weniger feſt um den Leib des Buͤßenden band; doch hielt er es fuͤr ſeine Pflicht vom einmal erlaſſenen Aus⸗ ſpruche nicht voͤllig abzuweichen, und legte ihm da⸗ her eine monatliche Buͤßung im Carthaͤuſer Klo⸗ ſter auf.— „SHeiliger Vater,“ entgegnete Wolfſtein mit demuͤthigem Blicke,„mein ehrwuͤrdiger Freund, der Pater Joſeph, mit dem ich oft uͤber meine großen Verirrungen geſprochen habe, hat mir ſchon eine aͤhnliche Buß⸗Uebung im Kloſter der buͤßen⸗ den Bruͤder, auferlegt, deren Sorgfalt er mich 53 auf einen Monat empfehlen will; doch moͤchte ich lieber ganz eurer frommen Leitung folgen.“ „Bewahre, mein Sohn— Auch bey den buͤßenden Bruͤdern, werdet ihr eingehen koͤnnen, zum Weg des Heils. Ich kenne zwar den Vor⸗ ſteher des Kloſters nicht; zweifle aber keineswegs daß er ſeines hohen Berufs wuͤrdig ſey.“ 3 Nichts konnte gluͤcklicher abgehen, als dieſe Zuſammenkunft zwiſchen dem Seelſorger und dem Reuigen, in welcher es dem Wolfe voͤllig gelang, den Hirten aufs Neue zu bethoͤren. Nach mehre⸗ ren vaͤterlichen Ermahnungen, fing der Moͤnch noch eine lange Vorleſung aus einigen großen Quartan⸗ ten an, die der Buͤßende, haͤtte er alle ſeine Suͤn⸗ den bekennen wollen, fuͤr hoͤchſt langweilig erklaͤrt haben wuͤrde. Waͤhrend er noch ſo da ſaß, und ſich bemuͤhete mit anſcheinender Aufmerkſamkeit den Lehren des heiligen Chryſoſtomus ein willfaͤhriges Ohr zu leihen, trat die Freiherrin, welche von Wolfſteins Anweſenheit nicht unterrichtet war, herein.— Indem ſie den Buͤßenden erblickte, wollte ſie ſich ſchnell wieder entfernen, der Moͤnch aber gebot ihr zu bleiben, und die, jedem Men⸗ ſchen, heilſamen Lehren, andaͤchtig anzuhoͤren. 4 54 Als die Vorleſung geendet war, entſchuldigte ſie ihre Stoͤrung mit dem Verlangen welches ſie gehabt, ihrem geiſtlichen Lehrer die Auszuͤge, mit denen ſie ſich beſchaͤftigt hatte, zur Pruͤfung vorzu⸗ legen.. „Eure Abſicht, mein Kind,“ ſagte der Moͤnch, nachdem er einen Blick darauf geworfen hatte, „iſt loͤblich und wohl ausgefuͤhrt. Doch hege ich einige Zweifel, ob dieſe leichte, anmuthige Art, wichtige Wahrheiten zu erforſchen, voͤllig geeignet ſey, ſie tief ins Gedaͤchtniß zu praͤgen; euer from⸗ mes Werk ſoll indeß nicht umſonſt geſchehen ſeyn.“ Hierauf gab er die Auszuͤge dem Ritter, mit dem Bedeuten, ſie zu ſeiner Erholung von ſchwereren Pflichten, waͤhrend ſeines Aufenthalts bey den buͤßenden Bruͤdern, aufmerkſam durchzuſtudieren. Bey dieſen Worten warf Luiiſe einen for⸗ ſchenden Blick auf den reuigen Suͤnder, der zu fragen ſchien, ob er wirklich eingewilligt habe, ſich den ſtrengen Buß⸗Uebungen dieſes Ordens zu un⸗ terwerfen. Das freundliche, von Dank erfuͤllte Auge des Moͤnchs ſchien bejahend zu antworten. Wolf⸗ ſtein verhielt ſich ſchweigend, und ſah niederge⸗ beugt vor ſich hin; ſeine Wange wechſelte ſo oft die Farbe, der Ausdruck des Schmerzes lag ſo be⸗ ſtimmt in ſeinen Zuͤgen, daß die Freiherrin, die nichts von den koͤrperlichen Kaſteiungen ahnete, mit denen er ſich bereits quaͤlte, dies alles fuͤr Zeichen wahrer Seelen⸗Reue und Zerknirſchung hielt. Vergebens verſuchte ſie ihm Muth einzuſprechen; ſelbſt ihre bezaubernde Stimme, ihr heilbringendes Laͤcheln, blieben fruchtlos. Koͤrperliche Schmer⸗ zen waren ungewohnt und ſchwer fuͤr ihn zu ertra⸗ gen; ſobald er alſo nur ſeines guͤnſtigen Eindrucks auf die Umſtehenden gewiß war, machte er ſich, unter innern Verwuͤnſchungen ſeiner ſchwierigen Lage, jedoch mit heuchleriſchen Mienen, aus dem Staube. In wenig beſſerm Zuſtande als Herkules, da das ungluͤckliche Geſchenk Dejanire'ns ihn umfing, kam er in ſeiner Wohnung an; doch gluͤcklicher als dieſer Halbgott, wußte er ſich unverzuͤglich von der Urſache ſeiner Qualen zu befreien. Wuͤthend trat er das haͤrene Gewand mit Fuͤßen, ſchwur daß dies die letzte Peinigung ſeyn ſolle, welcher er ſich unterziehe, ergoß ſich in Verwuͤnſchungen uͤber den fanatiſchen Moͤnch; ja, verſchonte ſogar den ſchoͤ⸗ 56 nen Gegenſtand, um deſſentwillen er alle dieſe Pein erduldete, nicht mit ſeinen Fluͤchen. Schon am Abend des naͤmlichen Tages, trat der Caplan, welcher nun wahren Antheil an der Bekehrung des Suͤnders nahm, bei ihm in die Thuͤre, und uͤberbrachte ein praͤchtiges, goldnes Crueifix von der Freiherrin, nebſt einem Roſen⸗ kranze, deſſen der Suͤnder ſich waͤhrend ſeines be⸗ vorſtehenden Aufenthaltes bei den buͤßenden Bruͤ⸗ dern, bedienen ſollte. Der gute Moͤnch hatte gleich⸗ falls ein Flaͤſchchen wunderthaͤtigen Balſams nicht vergeſſen, um damit den Koͤrper wieder von den Wunden zu heilen, welche wiederholte Geiſſelungen nothwendig hervorbringen wuͤrden. Nach erneuer⸗ ten Ermahnungen, und Segens⸗Ertheilungen, die agus einem wahrhaft frommen Gemuͤthe floſſen, nahm der Caplan endlich, zu Wolfſteins großer Freude, wieder Abſchied. Es iſt leicht zu denken, daß es durchaus nicht in Wolfſteins Plane lag, wirklich das Kloſter zu beſuchen. Er kannte den Abt, der obwohl in ein geiſtliches Gewand gehuͤllt, keineswegs geiſtliche Geſinnungen hegte, und ſo war es alſo leicht, mit Huͤlfe dieſes Mannes, und des ſchlauen Pater 57 Joſephs, die Welt und den einfaͤltigen Felir zu taͤuſchen. Sich auf einen ganzen Monat den Sonnenſtrahlen des Laͤchelns der Freiherrin zu ent⸗ ziehen, war an und fuͤr ſich wohl eine ſchwierige Aufgabe; doch ſchien es ihm bei ſeinem aͤußerſt heftigen Temperament, auf alle Faͤlle gerathen, ſich auf einige Zeit vom Hofe zu entfernen. Er fuͤrchtete die augenblicklichen Ausbruͤche ſeiner Lei⸗ denſchaft, die ſelbſt Luiſens Gegenwart bey dem vormaligen Aufenthalte in Marchfeldt nicht zuruͤckzuhalten vermochte, und in dieſer Hinſicht hielt er es fuͤr dienlich ſich auf eine Weile an irgend einen Ort zu begeben, wo er ſeinen Neigungen un⸗ geſtoͤrt froͤhnen koͤnne. IV. Die ſcheinbare Urſache von Wolfſteins Entfernung wurde bald bey Hofe bekannt; einige fuͤhlten ſich hoͤchlich daruͤber erbaut, und Pater Joſeph, dem man dies Wunder der Bekehrung zuſchrieb, ward faſt heilig geſprochen. Zu der An⸗ zahl der an die Wahrheit der Sache Glaubenden 58 gehoͤrte vorzuͤglich auch das Erdenheimiſche Ehepaar, welches blindlings als unumſtößlich ge⸗ wiß annahm, was Kaiſer und Kaiſerin zu glau⸗ ben geruheten. Weſtermann beunruhigte ſich nicht mit Zweifeln, weil er von Jedem gern das Beſte hoffte; Frau v. Roſebec haͤtte um alles in der Welt gern, des delicieuſen Anblicks eines, ſich auf dieſe Weiſe zur Bekehrung neigenden, Suͤn⸗ ders genoſſen, und bedauerte nichts ſo ſehr, als daß es nicht Sitte fuͤr ein Frauenzimmer ſey, in einem Moͤnchskloſter Buße zu thun, um ſich auf der Stelle dahin begeben, und dem ruͤhrenden Schau⸗ ſpiele beiwohnen zu koͤnnen. Die Fuͤrſtin Stollberg und Ulrike von Lindau, waren wahrſcheinlich die einzigen weib⸗ lichen Perſonen am Hofe, welche ſich nicht durch den Schein taͤuſchen ließen; die Maͤnner bemuͤhe⸗ ten ſich entweder nicht weiter uͤber die Sache nach⸗ zudenken, glaubten blindlings, oder zuckten die Ach⸗ ſeln uͤber den, der ſich ſolchen peinlichen Kaſteiun⸗ gen unterwerfen koͤnne. Zu den letzteren gehoͤrte vorzuͤglich Baron Roſebec, der ſich noch uͤber⸗ dies hoͤchlich an den Gedanken ergoͤtzte, jetzt, da Wallenſtein zu den Banditen gegangen, Lin⸗ 9 59 dau den ſchwediſchen Kanouen gegenuͤber poſtirt ſey, und Wolfſtein ſeine Unterhaltung im Klo⸗ ſter ſuche, auf einmal aller Nebenbuhler entledigt, und ohne allen Zweifel der artigſte junge Mann am ganzen Hofe zu ſeyn. 3 Es ward der Kaiſerin nicht ſchwer den Lippen der Freiherrin bald das Geſtaͤndniß wohlwollende⸗ rer Geſinnungen gegen Wolfſtein zu entlocken, ja ſogar das Verſprechen von ihr zu erhalten, wenn der Bekehrte in ſeiner Neigung zu ihr behar⸗ re, ihm nicht laͤnger entgegen zu ſeyn, da der eigent⸗ liche Grund ihrer Abneigung gehoben ſey. Es war nicht zu verkennen, daß ſie die Vereinigung mit ihm als ihre Beſtimmung betrachtete; ſie hielt ſich uͤberzeugt daß kein Zweifel an ſeine wahre Beſ⸗ ſerung laͤnger ihre Bruſt beunruhige, und konnte ſich daher das druͤckende, beaͤngſtigende Gefuͤhl, von welchem ihr Herz dennoch gequaͤlt wurde, ſo bald ſie der Zukunft gedachte, nicht erklaͤren. Unter dieſen Umſtaͤnden kam der Fruͤhling heran, und mit ihm erſchien der Zeitpunkt wo der Hof ſich gewoͤhnlich nach der bezaubernden Som⸗ mer⸗Reſidenz von Linz zu begeben pflegte. Je⸗ doch machte der unſichere, ſchwankende Zuſtand der 60 innern Angelegenheiten des Reichs, welches nicht allein von regulaͤren Kriegsheeren uͤberſtroͤmt war, ſondern auch von Marodeurs und Landſtreichern, die ſich in furchtbaren Haufen uͤber ganz Deutſch⸗ land verbreitet hatten, wimmelte, eine ſolche Reiſe fuͤr dies Jahr hoͤchſt bedenklich und gefaͤhrlich, ob⸗ gleich der Herzog v. Friedla nd den Kaiſer dazu ermuntert, und ihm ſogar ein anſehnliches Deta⸗ ſchement ſeiner Reuterei, als Bedeckung angeboten hatte. Ferdinand fand fuͤr gut dies Anerbie⸗ ten hoͤflichſt abzulehnen, und man fluͤſterte ſich ſogar ins Ohr, er habe eine geheime Warnung er⸗ halten, nicht nach Linz zu gehen, weil er perſoͤn⸗ lich auf dieſer Reiſe Gefahr laufen werde. Laut wagte Niemand dies zu ſagen, indeß wurden alle ſchon getroffenen Einrichtungen zur Veraͤnderung des Aufenthalts ploͤtzlich eingeſtellt, und der Kaiſer beſchloß in Wien zu bleiben. Wolfſtein's Buß⸗Monat war nun auch verfloſſen, und bey ſeiner Nuͤckkunft in die Kaiſer⸗ ſtadt, ſtaunte ein Jeder uͤber den beſonderen Se⸗ gen der uͤber ihn gewaltet haben muͤſſe, da er un⸗ geachtet aller Kaſteiungen und alles Faſtens, von deren ſtrenger Ausuͤbung er durch ein ſchriftliches 61 Zeugniß des Kloſters, jeden uͤberfuͤhren konnte, doch durchaus nicht mager und verfallen ausſah; im Gegentheil alles, ſowohl aͤuſſerlich als innerlich, nur zu ſeinem Vortheile gewirkt zu haben ſchien. Mit unverſtellter Freundlichkeit ward er von der Freiherrin bewillkommt, und da er ſich nun voͤllig von allem Verdacht eines Unglaͤubigen und Freigeiſtes rein gewaſchen hatte, hielt er es auch nicht laͤnger nothwendig, die aͤuſſern Zeichen der Heiligkeit an ſich zu tragen, die ihm zur Pruͤfungs⸗ zeit ſchon ſo aͤuſſerſt laͤſtig geworden waren. Sein Ruf war jetzt begruͤndet, und nichts weiter erfor⸗ derlich, als ſich die Befriedigung aller ſeiner Luͤſte, nur noch ein Weilchen zu verſagen. Er hatte es ſich gelobt ſeine Qualen hier enden zu laſſen, und nun bald den lang erſehnten Preis davon zu tragen. Schon bey ſeiner zweiten Zuſammenkunft mit Lui⸗ ſen, wußte er ſeine Sache ſo geſchickt zu fuͤhren, daß er ſich aufs Neue des Beſitzes von Wilhelms Schweſter verſichert hielt, und ihre Hand einwilli⸗ gend in der ſeinigen erblickte. Nachdem die erſten Ergießungen der Freude und des Entzuͤckens, voruͤber waren, verbreitete 62 ſich ploͤtzlich ein Ausdruck der tiefſten Beſorgniß, uber ſeine, eben noch ſo heitern Zuͤge.. „Welch ein boͤſer Geiſt ſtellt ſich zwiſchen unx. ſer Gluͤck, Wolfſtein?“— fragte Luiſe theil, nehmend. „Schon einmal in meinem Leben,“ ſagte er, die Hand vor die Stirn legend,„fuͤllte ein aͤhnli⸗ ches Entzuͤcken meine Bruſt, das Gluͤck war mir hold, wie jetzt, als eine finſtere Gewalt es mir wieder entriß, und mich vom Gipfel der Wonne, in den Abgrund des Elends ſtieß.— 4 Wer buͤrgt mir, daß dies nicht abermals der Fall wird?“— „Unmoͤglich! Jetzt iſt nichts mehr zu fuͤrch⸗ ten, weil keine Taͤuſchung zu erwarten iſt.“. ⸗„Du, Luiſe, kannſt ruhig ſeyn, es iſt dei⸗ ner Natur gemaͤß; aber, gleich dem Gekraͤchze eines Nachtvogels, ſchreit dieſe finſtere Erinnerung un⸗ aufhoͤrlich in mein Ohr. Ich vermag nicht ſie zu bannen! Nein, Luiſe, bis jene fuͤßen Bande uns vereinigen, die keine irdiſche Hand zu loͤſen im Stande iſt, wird Unruhe und Furcht mein Theil ſeyn.— Liebſt du deinen Warbeck nicht hin⸗ laͤnglich, um die Zeit dieſer ſchrecklichen Ungewißheit zu verkuͤrzen?“— 63 „Welch ein wunderliches, unvernuͤnftiges We⸗ ſen iſt doch der Mann!“ rief die Freiherrin laͤchelnd aus.„Ich ſchmeichelte mir, daß die ſo eben von mir geſprochenen Worte hinreichen wuͤrden, euch zu begluͤcken; doch nur wenig Augenblicke beweiſen ſie ihre Macht, und ſchon thuͤrmt ſich aufs Neue eine finſtere Wolke auf!— Nun, Wolfſtein, mein kuͤnftiges Leben gehoͤrt euch; einmal entſchloſ⸗ ſen, will ich nicht um ein paar Stunden oder Ta⸗ ge ſtreiten. Sucht um eine geheime Audienz bei der Kaiſerin an, bittet um ihre huldreiche Einwil⸗ lignng zu unſerer Verbindung, und dann richtet alles nach Gefallen ein.“ 1 4 Die Einwilligung der Kaiſerin bedurfte nur des Anſtands halber geſucht zu werden, und war leicht zu erhalten; der Ritter machte die Monar⸗ chin mit den bangen Ahnungen bekannt, die ihn quaͤlten, und wie ihm bereits Luiſen's Zuſtim⸗ mung zu einer ſchleunigen Verbindung, auf lein dringendes Bitten, geworden ſey. „Ihr betreibt eure Sache mit ungemeiner Liſt,“ antwortete Marianne lachend.„Ich moͤchte darauf wetten, alle eure Ahnungen ſind 64 nichts wie ein ſchlauer Kunſtgriff, um deſto ſchnel⸗ ler zum Ziel zu gelangen.“ Es ſchien ihm durchaus nicht nothwendig dieſe Beſchuldigung von ſich abzuwaͤlzen, und ſobald er nur die huldreiche Genehmigung, daß die Trauung noch in der naͤmlichen Woche, in Gegenwart des Kaiſerlichen Paars, feierlichſt in der Cathedrale vollzogen werden ſollte, erlangt hatte, eilte er ſeine Aufwartung im Erdenheimſchen Palais zu machen, um zugleich dort mit dem Oheim und Vor⸗ munde des Fraͤuleins, die nothwendigen Punkte naͤher zu verabreden. Als die Kaiſerin mit unverhohlner Freude der Fuͤrſtin Stollberg die nahe Verbindung Lui⸗ ſen's verkuͤndete, ſchauderte jene, obgleich ſie die Freiherrin nie geliebt, ſondern ſie ſogar als ihre Nebenbuhlerin betrachtet hatte, bei dem Gedanken des Elends, in welches ſie ſich ſtuͤrzen wollte. Die Kaiſerin beachtete den ernſten, wehmuͤthigen Blick der Fuͤrſtin weiter nicht, da ſie ſeit geraumer Zeit ſchon gewohnt war ſie nicht heiter zu ſehen; Au⸗ guſte aber fuͤhlte ſich von den fuͤrchterlichſten Ah⸗ nungen fuͤr die arme Verblendete gepeinigt, und hielt es ſuͤr Pflicht, ſie wenigſtens noch einmal zu 55 warnen. Gerade zu durfte ſie dies aus vielen Ur⸗ ſachen nicht wagen, unaufhoͤrlich ſann ſie jedoch auf Mittel, es auf irgend eine Weiſe verborgen ins Werk zu richten. Unbemerkt flogen die Stunden dahin; ſchon war der Vor⸗Abend des verhaͤngnißvollen Tages hereingebrochen, und die prachtvollſten Vorberei⸗ tungen zur Verbindung gemacht. Der Erz⸗Biſchoff hatte es ſich ausgebeten, die Trauung ſelbſt zu vollziehen; Wolfſtein aber beſtand darauf daß dem ehrwuͤrdigen Pater Felix dies Vorrecht ge⸗ buͤhre, und ſchmeichelte dadurch den Gefuͤhlen ſeiner Verlobten auf das feinſte. Gleich nach Beendi⸗ gung der Ceremonie, war das gluͤckliche Paar ent⸗ ſchloſſen, unter der Begleitung des Beichtigers, nach dem, im Oeſterreichiſchen Dalmatien gelegenen, Schloſſe des Ritters abzureiſen. Den Abend vor der Hochzeit brachte die Frei⸗ herrin allein in ihrem Betzimmer zu, waͤhrend Wolfſtein vorgab noch bis in die Nacht hinein im Erdenheimſchen Palais Geſchaͤfte zu haben, um dadurch einer gedroheten, zweiten Vorleſung des Moͤnchs aus dem heiligen Chryſoſtomus zu ent⸗ gehen, indem er den guten alten Mann darauf W. v. W. III. 5 66 vertroͤſtete, in der kuͤnftigen Einſamkeit oft ganze Abende ſolchen erbaulichen Betrachtungen zu weihen. Waͤhrend Barbara im Vorzimmer des Fraͤuleins das reiche Hochzeit⸗Gewand ihrer gelieb⸗ ten Herrin, mit koſtbaren Edelſteinen beſetzte, wurde ſie in ihrer Beſchaͤftigung durch ein lautes Pochen an die Thuͤr geſtoͤrt. Mit dem Vorſatze Jedem den Eintritt zu der Freiherrin zu verſagen, oͤffnete ſie, ward aber nicht wenig durch den Anblick einer dicht verſchleierten Dame uͤberraſcht, die mit vernehmlicher Stimme nach ihrer Herrſchaft fragte. Die ausweichenden Reden der Zofe, die Antwor⸗ ten der Fremden, die ſich nicht abweiſen laſſen wollte, lockten endlich Luiſe an die Thuͤr ihres Zimmers, um Stillſchweigen zu gebieten. Die Verſchleierte nahete ſich ſchnell, verſicherte ihr einige Worte von der groͤßten Wichtigkeit zu ſagen zu haben, und bat ſie, ihre Kammerfrau hin⸗ ausgehen zu laſſen. Was fruͤher, ſo nahe vor dem entſcheidenden Augenblicke, zwiſchen ihre Verbindung mit Wolf⸗ ſtein getreten war, hatte ſich auch Luiſen's Gemuͤthe tief eingepraͤgt, und der Gedanke eines vielleicht aͤhnlichen Dazwiſchenkommens, erfuͤllte 67 ſie mit einer ſo unbeſchreiblichen Angſt, daß 5 am ganzen Leibe zitterte. Die Fremde, ihre Bewegung bemerkend, ſagte mit gedaͤmpftem Tone: „Verzeiht, odles Fraͤulein, die Frage, ob ihr nicht ſchon fruͤher einmal von dem hintergangen wurdet, mit dem ihr jetzt im Begriffe ſteht euch Morgen zu verbinden?“ „Das iſt ein Gegenſtand,“ erwiederte Luif e, „den ich in ewige Vergeſſenheit zu begraben wuͤn⸗ ſche, und der ihn wieder in mir zu wecken ſucht, kann unmoͤglich mein Freund ſeyn.“ 1 „Und doch muß ich noch eine Frage wagen. Wuͤrdet ihr es vorziehen zum zweiten Male blind⸗ lings das Opfer eines Betrugs zu werden, oder es der Stimme Dank wiſſen, die euch noch zu rechter Zeit warnte?— Der Mann an deſſen Geſchick ihr euch binnen wenigen Stunden zu feſ⸗ ſeln gedenkt, iſt ein ſchlauer Betruͤger; ſeine Be⸗ kehrung iſt nichts als elendes Poſſenſpiel, und wenn ihr mir nicht glaubt, wenn ihr nicht zuruͤcktretet, jetzt, da es noch nicht zu ſpaͤt iſt, werden euch erſt als⸗ dann die Augen geöffnet werden, wenn euer Schick⸗ ſal uͤber alle Beſchreibung bejammernswerth ſeyn 3. 5* 68 wird. Gott iſt mein Zeuge, daß kein anderer Be⸗ weggrund, als euer Wohl, mich zu dieſer War⸗ nung treibt. Wollt ihr ruhig die Thatſachen anhoͤ⸗ ren, welche ich euch daruͤber mitzutheilen im Stan⸗ de bin, ſo ſeyd verſichert daß ich euch nicht lange aufhalten werde.“ Luiſe ſchwieg einen Augenblick, dann ſagte ſie mit anſcheinender Ruhe:„Ohne Zweifel wer⸗ det ihr es gerecht finden, daß der Beklagte dem Klaͤger gegenuͤber ſtehe? Seyd ihr geneigt eure Beſchuldigungen in Wolfſteins Gegenwart vor⸗ zubringen, ſo will ich ſie hoͤren.“ „Das kann ich nicht, denn unternaͤhme ich es, ſo wuͤrde ich ohnfehlbar ein Opfer der Wuth, des ſchlechteſten, racheſuͤchtigſten Menſchen werden. Nein, ihr muͤßt euch entſchließen mich allein zu hoͤren, und geloben mich nie zu verrathen.“ In dieſem Augenblick verrieth die immer wei⸗ cher werdende Stimme die Fuͤrſtin, ungeachtet aller Muͤhe, welche ſie ſich gab, den angenommenen Ton betzubehalten. Luiſe fuͤhlte ſich durch dieſe Entdeckung um ein Großes erleichtert, da ſie glaub⸗ te, Eiferſucht ſey der einzige Beweggruͤnd, der ſie hergefuͤhrt habe. Sie dankte der Vorſehung, die d9 ſie bewahrt habe, ihr Ohr Verlaͤumdungen gegen den Verlobten zu leihen, und erwiederte, ohne weiteres Bedenken:— „ Da ihr nicht in meinen Borſchlag williget, duͤrft ihr es mir auf keine Weiſe verargen, wenn ich mich weigere euch weiter Rede zu ſtehn. Tief wuͤrde ich den Mann, dem ich angehoͤre, herab⸗ wuͤrdigen, wenn ich es duldete ſeine Ehre durch die Anklage einer Verſchleierten gekraͤnkt zu ſehen.“ „Leider, Baroneſſe, iſt dies nicht das erſte Mal, daß ihr Glauben in die Ehre eines Mannes ſetzet, der euch fuͤrchterlich taͤuſchte; ihr bautet auch damals auf dieſe, als er euch den ſchaͤndlichſten Betrug ſpielte.“ „Ihr verſteht es hoͤchſt geſchickt eure Kennt⸗ niß vergangener Begebenheiten geltend zu machen; ſeyd indeß verſichert daß die einzige Frucht eures Beſuchs nur darin beſtehen wird, einige, von mir ſchon verſcheuchte Erinnerungen, hoͤchſt unnützer Weiſe wieder aus ihrem Dhlununer geweckt zu haben.“ „Wohlan dann,“ ſagte die Verſchleierte,„ich habe ſchon zu viel fuͤr eure Rettung unternom⸗ men!— Sollte es wirklich voͤllig fruchtlos ſeyn?— 70 So lebt dann wohl, und moͤgen eure Schutzengel wenigſtens dazu beitragen, das Elend, was euch unvermeidlich treffen wird, ſo ſanft als moͤglich an euch voruͤber zu fuͤhren!“— Tiefer bewegt, als ſie es ſich eigentlich zu geſtehen, wagte, verbeugte die Freiherrin ſich ſchweigend, indem ſie, ſelbſt nach der Entfernung der Fremden, eine gewiſſe Unruhe in Hinſicht der Entdeckungen, welche man geneigt geweſen war ihr zu machen, nicht zu unterdruͤcken vermochte. Jetzt trat Barbara mit den Worten herein: „Iſt es doch als wenn die Unterbrechungen heute kein Ende nehmen ſollten! Nun beſteht der Conrad auf eine Unterredung mit euch, und er ſieht aus, daß Ew. Gnaden ſeine Geſtalt die ganze Nacht nicht wieder vergeſſen werden. Was ihm fehlt, weiß ich nicht; aber er geht mit verwirrter Miene draußen vor der Thuͤre auf und nieder.“ Die Freiherrin hatte bemerkt daß dieſer treue Diener ihre Gegenwart, ſeit ihrer Verlobung mit Wolfſtein, abſichtlich mied, und konnte ſich ſeine Unzufriedenheit leicht erklaͤren. Ungerne ließ ſie ihn jetzt vor ſich kommen, um ſein Anliegen zu vernehmen.— 71 Der ehrliche Menſch vermochte nicht ſich der Thraͤnen zu enthalten, indem er muͤhſam die Worte hervorbrachte;„ Bald wird die Stunde ſchla⸗ gen, die ich nimmer zu erieben gewuͤnſcht haͤtte!— Schon drei Naͤchte hinter einander habe ich von meinem lieben, ſeligen Herrn getraͤumt, und ſo traurig ich ihn auch oft bei ſeinen Lebzeiten erblickt habe, ſah er doch nie ſo aus, als er mir in der vergangenen Nacht erſchienen iſt. Er zeigte auf etwas hinter mir, und ſchuͤttelte mit dem Kopf; als ich mich danach umſah, ſtand die Hexe aus dem Walde zu Mornau da, die unter ſcheußlichem La⸗ chen rief:„der Wolf hat das Lamm in ſeinen Klauen!“ Ich erwachte ſtarr vor Angſt, und noch immer doͤnen die fuͤrchterlichen Worte in mei⸗ nem Ohre.“ „Conrad, ihr baut zu ſehr auf die Zunei⸗ gung, welche ich immer um meines theuern, ver⸗ ſtorbenen Bruders willen, fuͤr euch gehabt habe; euer Betragen aber iſt empoͤrend, und aller Ach⸗ tung zuwider; jedoch will ich es des Vergangenen wegen diesmal noch zu vergeſſen ſuchen.“ „Und ich, gnaͤdiges Fraͤulein, muß euch des Vergangenen wegen verlaſſen; ich kann dem nicht 7² dienen, den mein guter Herr ſo gruͤndlich haßte!— Ach, wie oft habe ich die arme, eingefallene Wan⸗ ge, bei der bloßen Nennung ſeines Namens, ſich mit dunkelm Roth uͤberziehen ſehen;— und was nun geſchehen ſoll, war gerade was er am meiſten fuͤrchtete!— Gnaͤdiges Fraͤulein, ich komme euch zu ſagen, daß Conrad fuͤr8 euch beten wird, ſo lange nur noch ein Athemzug in ihm iſt;— ich ward in euerm Schloſſe geboren, und jeder Stein iſt mir dort lieb; aber nie werde ich es wieder betreten. „Conrad,“¹ ſagte Lui ſe geruͤhrt,„ihr koͤnnt mich nicht verlaſſen; wohin wolltet ihr ge⸗ hen? 4. „Ihn aufſuchen, den ich liebe, weil mein Herr ihn liebte, den armen, uͤberliſteten Grafen Wallenſtein.“. „Ich kann mich nicht von t eich, dem Milch⸗ bruder meines Wilhelm's, trennen; nein, Conrad, ich vermag es nicht!— Ihr duͤrft mich nicht verlaſſen.“ 3 Das uͤberwaͤltigte Gefuͤhl des ehrlichen Men⸗ ſchen war nicht im Stande den Bitten ſeiner Her⸗ rin zu widerſtehen, und da er jetzt ſein Herz eini⸗ germaßen erleichtert hatte, willigte er darein in ihrem Dienſt zu bleiben, doch unter der ausdruͤck⸗ lichen Bedingung, morgen, waͤhrend der Vollzie⸗ hung der feierlichen Handlung, nicht in der Kirche gegenwaͤrtig ſeyn zu duͤrfen. Zwei Beſuche dieſer Art ſchienen wenig geeig⸗ net Luiſen's Gemüth zu beruhigen, und nicht ohne große Schwierigkeit gelang es ihr, die ſinſtern Gedanken wieder zum Schweigen zu bringen. Fuͤr diesmal ſollte es indeß hier mit den Warnungen und Stoͤrungen ein Ende nehmen, und immer naͤ⸗ her ruͤckte die verhaͤngnißvolle Stunde heran, wel⸗ che unwiderbringlich uͤber ihr Schickſal beſtimmte. V. Mit aller nur moͤglichen Feierlichkeit wurde die Trauung am folgenden Morgen in der Cathe⸗ dral⸗Kirche vollzogen; das Kaiſer⸗ Paar befand ſich gegenwaͤrtig, und auch der Erzbiſchoff vereinte ſeinen Segen mit dem des Pater Felix. Die Neuvermaͤhlte ſchmeichelte ſich aus der Kirche noch einmal in den kaiſerlichen Pallaſt zuruͤckzukehren, 74 um dort Abſchied vom verſammelten Hofe nehmen zu koͤnnen; aber nur zu bald ward ſie gewahr, daß der Ehemann es anders beſchloſſen, und unter dem Vorwande, ſonſt kein bequemes Nacht⸗Quartier zu erreichen, bereits alle Anſtalten zur ſchleunigen Abreiſe getroffen habe. Unter Thraͤnen und herz⸗ lichen Segenswuͤnſchungen trennte ſich die Kaiſerin von der geliebten Braut, die bis dahin alle ihre Kraft zuſammengenommen hatte, und erſt bei dem zaͤrtlichen Lebewohl ihrer erhabenen Freundin, auf Augenblicke ihre Faſſung verlor. Wolfſtein ge⸗ wann es uͤber ſich, ſeine Ungeduld jetzt noch zu verbergen; er fuͤhrte die Kaiſerin nebſt den uͤbri⸗ gen Damen mit vieler Artigkeit an ihre Wagen, kehrte dann aber zu ſeiner Braut zuruͤck, verbeugte ſich gegen den Erzbiſchoff, der noch mit ihr im Geſpraͤch begriffen war, und ſagte mit beſtimmtem Tone, indem er raſch ihren Arm ergriff:„Soll denn der Unſinn heute nie enden?“ Ein koſtbarer Schleier, den ſie ſchnell uͤber ſich warf, diente dazu den Schmerz zu verbergen, welchen ſie bei dieſen rauhen Worten empfand, in⸗ dem ſie ſich zu gleicher Zeit mehr von ihrem Be⸗ gleiter zum Wagen gezogen, als gefuͤhrt fuͤhlte, in 75 welchen der Ritter und einer ſeiner Diener ſie hoben. Zu ſehr mit dem Gedanken an die verhaͤngnißvolle Zukunft beſchaͤftigt, hatte ſie letzteren kaum be⸗ merkt, als eine kreiſchende Stimme ihr beim Ein⸗ ſteigen zurief:„viel Gluͤck der ſchoͤnen Braut des Ritters Wolfſtein!“ Der höchſt widrige Ton ſchien ihrem Ohre bekannt; kaum aber vermochte ſie einen Schrei des Entſetzens zu bergen, als ſie ſich nach dem Manne umwandte, und die ihr nur zu tief eingepraͤgten Zuͤge der Zigeunerin aus dem Walde zu Mornau, in der Livree ihres Gemahls zu erblicken graubte. „Was giebt es nun wieder?“ rief Wolf⸗ ſtein verdrießlich. „Gewiß, gewiß, habe ich dieſen Menſchen ſchon fruͤher geſehen! Ich irre mich ſicher nicht.— „Iſt das die ganze Sache?— Komm, ehr⸗ licher Scharaffa; deine neue Herrſchaft freut ſich, einen alten Bekannten wieder zu erblicken, und reicht dir ihre ſchoͤne Hand zum Kuſſe.“ Bei dieſen Worten nahm er die widerſtrebende Hand, und zog ſie mit Gewalt an den ſcheußlichen Mund des ekelhaften Menſchen. Jetzt ging es im vollen Trabe davon; Wolfſtein machte 76 durchaus keine Miene, als bemerke er den Schmerz und Unwillen ſeiner neben ihm ſitzenden, ſchoͤnen Frau, ſondern dankte ihr vielmehr, daß ſie einen Menſchen, der ſich ſeiner beſondern Gunſt erfreue, auf eine ſo feine Weiſe, ausgezeichnet habe. „Scharaffa,“ ſetzte er hinzu,„hat auf der ganzen Erde nicht ſeines Gleichen; alles an ihm iſt Vollkommenheit. Er hat euch fruͤher ſchon ſelbſt Proben ſeiner Geſchicklichkeit abgelegt; ich moͤchte ihn um keinen Preis miſſen.“ Traͤumend ſaß die Ungluͤckliche waͤhrend dieſer Zeit da, nicht wiſſend, ob das an dieſem Morgen Erlebte, Taͤuſchung oder Wahrheit ſei; ihre Sinne waren zu umnebelt, als daß ſie im Stande gewe⸗ ſen waͤre, einen klaren Gedanken zu faſſen. Schon lagen die Thore Wien's weit hinter ihnen, und noch brach ſie das tiefe Schweigen nicht, welches auch von Seiten des Gemahls nur augenblicklich, durch Pfeifen oder Singen einzelner Liederchen, unterbrochen wurde. Endlich rief er haſtig: „Wahrhaftig, heute iſt ja der erſte Tag in unſern Flitterwochen; wir muͤſſen luſtig ſeyn!— Wenn wir jetzt ſchon ſo truͤbſelig ausſehen, wie wird es dann uͤber's Jahr ſeyn? Komm, gieb 77 mir einen Kuß, ſchoͤnes Weibchen!“— Schnell raubte er ihr denſelben, ohne auf weitere Einwilli⸗ gung zu warten.—„Du ſcheinſt nicht in der Laune zum Schwatzen!— Es ſoll dir gewillfahrt werden; um ſo beſſer wirſt du zuhoͤren. Was wohl mein alter Freund, der Ritter von der trau⸗ rigen Geſtalt, dazu ſagen wuͤrde,“ ſetzte er teufliſch lachend hinzu,„koͤnnte er ſehen, was wir dieſen Morgen vorgenommen haben, wie ſeine unver⸗ gleichliche Schweſter ihre Hand dem Manne gege⸗ ben, den er verabſcheuete, und ſein heiliger Beich⸗ tiger den Knoten geſchuͤrzt hat!— Sein Schlaf muß tief ſeyn, wenn dieſe Kunde ihn nicht dazu bringt, ſeinem Marmor⸗Gefaͤngniß zu entſchluͤ⸗ pfen.— Hoffentlich aber wird er doch wohl nicht die Grauſamkeit haben, dich durch ſeine Erſchei⸗ nung zu aͤngſtigen, Luiſe?“ „Wolfſtein,“ rief ſie, durch die fuͤrchter⸗ lichen Worte endlich aus ihrem Schweigen aufge⸗ ſchreckt,„iſt es auch nur menſchlich, ein weibliches Weſen, das ſich deinem Schutze vertraut hat, ſo zu behandeln?“ 1 „Vertraut, nennſt du es?— Liebchen, du vergißſt, welchen Tanz du mit mir durchgefuͤhrt 78 haſt!— Du vergißſt, wie du mich erſt, gleich einem Hunde, aus dem Schloſſe zu Marchfeldt gejagt, vergißſt die haͤrenen Gewaͤnder, den Hoch⸗ geſang, die buͤßenden Bruͤder, und alle die andern Fratzen, wozu du mich getrieben haſt! Bin ich nicht gezwungen geweſen, dich zu betruͤgen?— Geſtehe dies, und ſprich dann noch von Vertrauen! — Niein, gnaͤdige Frau, ihr mögt wohl vergeſ⸗ ſen; ich aber werde die Erinnerung an dieſe Dinge nie verlieren.“ Die hierauf folgende Pauſe wurde erſt auf der naͤchſten Station unterbrochen, wo Conrad, der ſich bisher beim Nachtrabe gehalten hatte, an den Wagen ritt, und ſich bemuͤhete, einige, einem Gluͤckwunſch aͤhnliche Worte, gegen ſeine Gebieterin hervorzuſtammeln. Aber auch er ſah ſo todten⸗ bleich aus, daß Luiſe auf einen Blick bemerkte, daſſelbe unheilbringende Zeichen, welches ihr beim Einſteigen in den Wagen die Augen uͤber ihr kuͤnf⸗ tiges Schickſal geoͤffnet, habe auch ihn aus ſeiner Faſſung gebracht. Wirklich dankte Conrad, in dem Augenblicke da er Scharaffa gewahr wur⸗ de, dem Himmel, ſeine arme Herrin in dieſer Geſellſchaft nicht verlaſſen zu haben⸗ 79 „Sieh, da iſt ja unſer Conrad,“ rief der Ritter.„Komm, reich mir deine Hand! Ich muß ſie dir druͤcken, zum Zeichen meiner Freude, einen ſo ehrlichen Menſchen unter meine Diener⸗ ſchaft zu zaͤhlen.“ Conrad zauderte, doch ein bittender Blick ſeiner ungluͤcklichen Herrſchaft vermochte ihn, dem Ritter die Hand zu reichen; um aber den weiteren Folgen dieſer Begruͤßung zuvorzukommen, befahl Luiſe ihm, ihr ein Glas Waſſer zu holen. Bald ſetzte ſich der ganze Zug aufs Neue in Bewe⸗ gung, und Wolfſtein knuͤpfte ſein Geſpraͤch mit der ſtumm neben ihm ſitzenden, Gattin folgender⸗ maßen wieder an: „Du biſt ſo gluͤcklich, der gewoͤhnlichen Lan⸗ genweile eines ehelichen Lebens zu entgehen,“ fagte er,„weil du einen Mann gewaͤhlt haſt, der in nichts den Uebrigen ſeines Geſchlechts gleicht. Jeder meiner Beweggruͤnde, jede meiner Maßre⸗ geln ſind originell; es giebt Milltonen Manner, aber nur einen Wolfſtein. Liebe, Geiz oder Ehrſucht ſind gewoͤhnlich die erſten Motive, durch weche die meiſten Maͤnner zu einer Heirath getrie⸗ ben werden; mich trieb anfangs bloß Haß dazu. 8⁰ 3 Deines Bruders raſende Abneigung gegen mich, mein Widerwille gegen den jungen Wallenſtein, reizten mich weit fruͤherrzu dieſem Entſchluſſe, als deine perſoͤnlichen Vorzuͤge auf mich wirken konn⸗ ten. Deines Bruders Gemuͤth befand ſich ſtets in einem hoͤchſt reizbaren, fantaſtiſchen Zuſtande;, alle Sonderbarkeiten, die ich ihm blicken ließ, praͤgten ſich tief darin ein, und verbunden mit dem duͤſtern Aberglauben, der es voͤllig beherrſchte, brachte ich ihn faſt bis zum Wahnſinn; mein treuer Scharaffa ſtand mir redlich in meinem Beginnen bei. Nun horche, Liebchen, und lobe 3 mich in Anſehung meiner Kenntniſſe des weiblichen Charakters! Mein ganzer Plan wurde auf den Glauben erbaut, daß du, was auch das Geruͤcht von dir ſagte, dennoch kein Phoͤnix ſeyſt, und die gewoͤhnlichen Widerſpenſtigkeiten deines Geſchlechts beſaͤßeſt. Ich ahnete, wie der weiche, ſieberhafte Wilhelm dich von den Teufeleien unterhalten wuͤrde, die er in mir zu entdecken geglaubt hatte; ich wußte, er wuͤrde dich vor Wolfſtein war⸗ nen, und war uͤberzeugt, daß dieſer Name, der ſo unaufhoͤrlich vor deinem Ohre erſcholl, end⸗ lich in deinem Innern wiederklingen werde. Du 81 hatteſt viel von Tapferkeit und Menſchlichkeit re⸗ den gehoͤrt, manche Romanze geleſen, in welcher dieſe Tugenden beſungen waren; aber ein Weſen der Art, wie Wilhelm mich beſchreiben mußte, war dir noch nirgends vorgekommen. Ueberdies beging er noch die Schwaͤche, dir zu ſagen: er fuͤrchte, unſer Geſchick ſey auf irgend eine Weiſe mit einander verwebt; ſo wirkte Aberglaube ver⸗ eint mit dem natuͤrlichen Geiſt des Widerſpruchs, der in deinem Geſchlechte liegt. Kurz, ich bauete auf ſicherem Grunde, nicht wahr, Liebchen?“ „Vergeßt wenigſtens nicht, Warbeck,“ ſagte Luiſe mit Verachtung,„daß ihr euern Eintritt im Schloſſe zu Marchfeldt nur einem angenommenen Namen verdanktet, und daß in demſelben Augenblicke, da der Betrug entdeckt ward, ihr daſſelbe verlaſſen mußtet.“ „Traut meinem guten Gedaͤchtniſſe, gnaͤdige Frau, daß ihr noch manchen Beweis haben ſollt, wie dies nicht von mir vergeſſen iſt.“ „Ihr feyd ſo außerordentlich mittheilend, Rit⸗ ter,“ ſagte die faſt zur Verzweiflung getriebene Frau,„daß ihr es mir ſchwerlich verhehlen werdet, ob die, von euerm Bedienten meinem Maͤdchen W. v. W. 1II. 6 82 uͤberlieferte Geſchichte, gleichfalls zu den Erzeug⸗ niſſen eurer Schlauheit gehoͤrte?“ „Das war ein aͤchtes Meiſterſtuͤck meiner Kunſt! Wahrhaftig, ich haͤtte faſt aus meiner Natur herausfallen, und den Mann, welchen ich ſo gruͤndlich haßte, wegen der Aufnahme bedauern koͤnnen, die er von euch erdulden mußte, nachdem er euch aus den Haͤnden meiner ergebenen Zigeu⸗ ner befreite, wenn nicht ſeine Dazwiſchenkunft mich gerade in dem Augenblicke, da ich eurer ſchon ge⸗ wiß zu ſeyn glaubte, zu neuen Kunſtgriffen gezwun⸗ gen haͤtte. Wallenſtein ſteht in ſeiner Art eben ſo einzig in der Schoͤpfung da, als ich ſelbſt; er iſt mein Gegenfuͤßler. Er beſitzt im hoͤchſten Sinne alle jene Tugenden, die man den romanti⸗ ſchen, ehrenwerthen Rittern der fruͤheren Zeit bei⸗ legt; aber was half es?— Sein Unſtern wal⸗ tete uͤber ihm.— Euer engelgleicher Bruder bat euch ſterbend, ihn zu eurem Gemahl zu waͤhlen, und der maͤchtige Geiſt des Widerſpruchs, von dem das Weib ſtets beherrſcht wird, wirkte fuͤr mich.“ Von wie unzaͤhligen Dolchſtichen Luiſens Herz waͤhrend dieſer Reden durchbohrt wurde, laͤßt 1 * 3 ſich leicht begreifen; ihr Gewiſſen ſagte ihr, wie ſie die Warnungen ihres Bruders nicht geachtet, eigne Erfahrung unbenutzt gelaſſen, und undank⸗ barer Weiſe die Liebe eines Mannes von ſich geſto⸗ ßen habe, deſſen Tugenden ſelbſt von ſeinem aͤrg⸗ ſten Feinde anerkannt wuͤrden. In tiefen, qual⸗ vollen Gedanken verloren, ſaß ſie eine Weile in ſich verſunken da. „Mach dir keine Vorwuͤrfe, Liebe,“ hub ühr Peiniger wieder an.„Das Schickſal ſcheint eben ſo blind und launenhaft in der Wahl ſeiner Guͤnſt⸗ linge, als es ein Weib nur immer ſeyn kann.— Da irrt nun zum Beiſpiel der arme Wallenſtein, gleich einem Fluͤchtlinge, von ſeinem Vater ver⸗ ſtoßen, bei ſeinem Monarchen in Ungnade gefallen, von der Welt verkannt, unſtaͤt und fluͤchtig ein⸗ her; und das alles, weil er es ſich in den Kopf geſetzt hat, tugendhaft zu ſeyn. Seine Sohnes⸗ Liebe iſt nicht ſtark genug, ihn zum Verraͤther zu machen, da doch ſein Vater einer iſt; einige we⸗ nige Luͤgen zu erfinden, fehlte es ihm gleichfalls an Geiſtesgegenwart, ſo verließ er den Hof ohne allen ſcheinbaren Vorwand. Er wurde unter den gaͤnſtigſten Zeichen geboren; aber die Tugend trat 6* ſeinem Gluͤcksſtern in die Quere. Ich war der letzte Abkoͤmmling eines heruntergekommenen Hau⸗ ſes; traurig und freudenleer war die Stunde mei⸗ ner Geburt; aber mein eigner Genius hat den Sieg davon getragen. Mein Monarch traut mir, die getaͤuſchte Welt laͤchelt mir Beifall zu, mein Vermoͤgen i*ſt betraͤchtlich, meine Macht furchtbar, und die Freiherrin von Marchfeldt, Wil⸗ helm's Schweſter, iſt mein Weib.“ 3 Als Luiſe noch immer traurig und ſtill da ſaß, fing dies den Ritter an zu langweilen, vor⸗ zuͤglich da er durch den dichten Schleier nicht ſe⸗ hen konnte, welchen Eindruck ſeine Worte auf ſie machten. „Weinſt du denn nie, Liebe?“ fragte er. „Braͤute pflegen doch gewoͤhnlich ein paar Thraͤnchen an ihrem Hochzeittage zu vergießen. Thue dir ja meinethalben keinen Zwang an.“ „Nein, Warbeck; mein Kummer t zu tief, als daß Thraͤnen oder Seufzer ihn erleich⸗ tern koͤnnten. Was ich auch leiden mag, nie ſoll eine Klage meinem Munde entſchluͤpfen; ich habe mich unſinniger, freiwilliger Weiſe ſelbſt ins Un⸗ gluͤck geſtuͤrzt, und darf keinen Anſpruch auf die 8⁵ Erleichterung machen, welche Thraͤnen zu gewaͤh⸗ ren pflegen.“ „Du biſt ein ſtarkes Weib, und ich ehre deinen Entſchluß; tauſend andere, die ich gehei⸗ rathet haͤtte, wuͤrden ſchon Stroͤme von Thraͤnen vergoſſen haben.— So ſoll es denn alſo gar keine Unterhaltungs⸗Scenen unter uns geben?— Nun wohl, gnaͤdige Frau, da dies euer Wille ſcheint, freut es mich um ſo mehr, daß ich fuͤr Gaͤſte auf meinem Schloſſe zu Lornberg ge⸗ ſorgt habe, ſonſt muͤßten wir ja vor Langerweile umkommen.— Ich wuͤnſchte, du ſpraͤchſt auch einmal,“ fuhr er nach einer kurzen Pauſe gaͤh⸗ nend fort, ich bin es muͤde, den Ton meiner eigenen Stimme immer nur allein zu hoͤren, ſo melodiſch er auch ſeyn mag. Komm, ſprich! Ich befehle dir zu ſprechen!— Und wie, glaubſt du denn, dein Geſicht gehoͤre dir ganz allein, daß du es in dem Plunder da, vor dem Anblick dei⸗ nes Herrn und Meiſters, verhuͤllſt?“— Bei dieſen Worten ergriff er den koſtbaren Schleier, eine Gabe der Kaiſerin, rollte ihn zuſammen, und warf ihn auf die Heerſtraße, indem er ausrief: 86 „Auf meine Ehre, ich glaube, daß ich ein Auto⸗ mat geheirathet habe!“—. „Wenn ihr glaubt, Ritter, mich zu Thraͤ⸗ nen und Ausrufungen zu zwingen, irrt ihr. Ich fuͤhle, daß ich jede Demuͤthigung verdient habe; euer Betragen iſt nur die gerechte Strafe meiner Thorheit. Ihr ſeyd durch meine eigene, freie Wahl mein irdiſcher Herr geworden; ich will mich nicht gegen eure Gewalt auflehnen, noch durch ſchwaches Straͤuben verſuchen, geſchehene Dinge ungeſchehen zu machen. Einzig nur durch ſtilles Dulden eurer Beleidigungen, darf ich hof⸗ fen, den Himmel einſt wieder mit mir zu verſoͤh⸗ nen. „So trotzt ihr mir wohl gar?“ „Nein, Warbeck; im Gegentheil wird euer Wille mir immer Geſetz ſeyn; ich werde euch nie⸗ mals entgegen handeln. Sagt was euch beliebt, thut was ihr wollt, nie ſollt ihr Widerſpruch von meiner Seite ſinden.“ Durch unzaͤhlige Fragen und boshafte An⸗ ſpielungen, ſuchte er das arme Weib noch ferner zu reizen; dennoch verlor ſie die Faſſung nicht, obgleich ihre Lage eine der verzweiflungsvollſten — 87 in der Welt war, vorzuͤglich da ſie ſich durch ei⸗ gene Schuld ſo elend gemacht hatte. Duͤſter und freudenleer lag der noch uͤbrige Pfad ihres Lebens vor ihr, nur zum Himmel konnte ſie das Auge um Beiſtand erheben. Ermuͤdet an Geiſt und Koͤrper kamen die Rei⸗ ſenden endlich bei der Herberge an, wo man einige Stunden raſten wollte; der Wechſel, ſo gleichguͤl⸗ tig er an ſich ſelbſt war, gewaͤhrte Luiſe dennoch einige Erquickung. Wolfſtein erſchoͤpfte ſich in Sorgfalt fuͤr ſeine Pferde, die er mit den zaͤrt⸗ lichſten Namen belegte, indem er ſeitwaͤrts auf ſeine Frau blickte, als wolle er ſagen: ſiehſt du, daß ich wohl etwas liebkoſen kann.— Zu ihrer nicht geringen Erleichterung, beglei⸗ tete er die Thiere ſogar ſelbſt in den Stall, wo⸗ durch ſie wenigſtens auf kurze Zeit von ſeiner, ihr ſchon ſo widrigen Naͤhe, befreit wurde. In die⸗ ſem Augenblicke ſtuͤrzte Barbara hinter ihr ins Haus, indem ſie alle Heiligen um Beiſtand an⸗ rief. Feſt ſchloß ſie ihre Herrſchaft in die Arme, und theilte ihr, unter vielem Schluchzen, die Ent⸗ deckung mit, daß das ſchauderhafte Weſen, wel⸗ ches ihnen damals im Poſthauſe auf der einſamen 88 Haide, einen ſo tödtlichen Schrecken eingefloͤßt habe, ſich in ihrem Gefolge befinde, und ein gro⸗ ßer Guͤnſtling des Ritters ſey. „Ach, Ew. Gnaden,“ rief die geaͤngſtete Zofe,„was wird aus uns werden, wenn wir nun gar erſt in einem alten, einſamen Schloſſe, mitten in den Gebirgen, eingeſchloſſen ſind! Ich werde das garſtige Fratzen⸗Geſicht allenthalben hinter den Vorhaͤngen hervorgucken ſehen, wie es da⸗ mals durch das Gitterfenſter hervorſchielte. Ich ſterbe gewiß noch vor Angſt!“— So gebeugt Luiſe auch ſelbſt war, ſuchte ſte doch das zitternde Maͤdchen zu beruhigen, aus Furcht Wolfſtein moͤge zuruͤckkommen, und ſie in dieſem aufgeregten Zuſtande antreffen. Ihre Beſorgniß war nur zu gegruͤndet, denn noch jam⸗ merte Barbara laut, als er ſchon hereintrat. „Was giebt's hier?“ rief er mit fuͤrchterlicher Stimme.„Bringt das Maͤdchen zum Schweigen, gnaͤdige Frau! Es war ohnehin ein Beweis mei⸗ ner Schwaͤche, euch zu erlauben, die Naͤrrin mit⸗ zuſchleppen; in meinem Schloſſe zu Lornberg giebt es Weiber genug zu eurer Bedienung.“ „ 89 Die Worte des Herrn wirkten bernhigend auf Barbara; ihr Schluchzen und Weinen hoͤrte ſogleich auf. Sie heftete den Blick erſt auf ihre Herrſchaft, dann auf den Mann, der ihnen jetzt zu gebieten hatte, und jede perſoͤnliche Furcht ſchwand in dem Gefuͤhle des Mitleids und Ab⸗ ſcheu's, mit welchem ſie Beide betrachtete. Aus Furcht, die Unbeſonnenheit des Maͤdchens moͤge ſchlimme Folgen haben, war Conrad ihr ge⸗ folgt, und rief ſie unter einem ſcheinbaren Vor⸗ wande ab. Pater Felix, deſſen Waͤgelchen etwas zuruͤckgeblieben war, trat jetzt ein, erkundigte ſich nach dem Wohlergehen der Dame, pries das ſchoͤne Wetter und die herrliche Gegend, ohne weiter et⸗ was zu ahnen. Das Abendeſſen wurde aufgetra⸗ gen, Lichter hereingebracht, und Conrad und Scharaffa warteten auf. „Was mich anbelangt,“ hub der bisher ſchweigſame Ritter auf einmal an,„haſſe ich alle dieſe laͤcherlichen Umſtaͤnde, die ich nur heute ge⸗ ſtatte, weil es mein Hochzeittag iſt. Kuͤnftig aber verbitte ich alle Weitlaͤuftigkeiten; was zu meinem Haushalte gehoͤrt, nuß eſſen wie ich es ganzhut bin. 44 90 Felix ſah erſtaunt auf, und Luiſe beuer⸗ kend, daß ihr Herr nicht geneigt ſey, einen Platz am Tiſche einzunehmen, fragte demuͤthig; ob er es lieber haͤtte, wenn ſie auch ſtaͤnde, ſo wolle ſe ſeinem Befehle gehorchen. „ Handelt nach eurem Gefallen, gnaͤdige Frau,“ war die Antwort,„und uͤberlaßt es mir, dem meinigen zu folgen. Wenn ihr erſt meine Art kennt, werdet ihr wiſſen, auf welche Weiſe ich zu eſſen gewohnt bin.“ Dieſe Worte trafen den armen Felix, der ohne den mindeſten Verdacht in die Herberge ge⸗ kommen war, gleich einem Blitzſtrahl.„Liebe Tochter,“ ſagte er theilnehmend,„ihr ſeht ſehr angegriffenn und erſchoͤpft aus, und beduͤrft der Erquickung.“ 1 Luiſe ſetzte ſcch ſchweigend nieder, und be⸗ muͤhete ſich, dem forſchenden Blicke ihres alten Lehrers auszuweichen, der, obgleich ihm wohl einiges Licht uͤber ihre Lage aufgegangen war, die Sache doch lange noch nicht ſo ſchlimm hielt, als ſie war, ſondern ſich einbildete, es walte vielleicht irgend ein kleines, leicht zu beſeitigendes Mißver⸗ ſtaͤndniß unter dem jungen Paare ob; muͤhſam 91 ſchluckte ſie einige Biſſen hinunter. Wolfſtein verſchlang ſein Abendeſſen ſtehend, indem er dabei mit großen Schritten im Zimmer auf und nieder ging, und ſich nach Gefallen von jeder Schuͤſſel bediente; die einzige Perſon, gegen welche er noch einige Hoͤflichkeit blicken ließ, war Conrad, der ſeiner Herrin wegen, ſeinen Groll gegen ihn zu verbergen ſuchte. „Scharaffa,“ hub der Ritter zu dieſem an,„ich befehle dir, freundlich und zuvorkommend gegen deinen neuen Cameraden zu ſeyn! Du kennſt meine Geſinnungen gegen ihn, und ich ver⸗ lange, daß er nach Verdienſt behandelt werde.“ „Zweifelt nicht daran, gnaͤdiger Herr,“ er⸗ wiederte das Scheuſal mit ſo mißtoͤnender Stim⸗ me, daß der gute Moͤnch ſich umwandte, und das Auge auf den Sprechenden heftete. „Was ſucht ihr an dieſem Menſchen, Vater?“ fragte Wolfſtein, ſeine Schritte auf einmal hemmend.„Ihr betrachtet ihn, als haͤttet ihr Luſt, den boͤſen Geiſt durch die Gewalt eures Auges aus ihm zu treiben?“ 92 ₰ „Es kam mir vor, als haͤtte ich das Geſicht ſchon fruͤher einmal geſehen, doch entſinne ich mich nicht, wo es geweſen ſeyn mag.“ „Ihr irrt nicht, ehrwuͤrdiger Herr,“ entgeg⸗ nete der freche Scharaffa.„Ich traf euch in der Huͤtte am Ufer der Raab, und durch meine Hand geſchah das Wunderwerk mit dem Miniatur⸗ Gemaͤlde, welches ich in euren Aermel ſteckte.“ Der arme Felix wurde betroffen und ver⸗ wirrt; er vermochte es ſich nicht zu erklaͤren, wo⸗ hin dies fuͤhren ſollte, doch ahnete ihm nichts Gu⸗ tes. Um ſeinen Gedanken eine andere Richtung zu geben, fragte er Conrad, ob das Buch, mit welchem er ſeine Abend⸗Andacht zu ſchließen gedaͤchte, in ſein Kaͤmmerlein gelegt worden ſey. „Reiſen der heilige Chryſoſtomus und die uͤbrigen Kirchenvaͤter, welche einen ſo freund⸗ lichen Antheil an meiner Bekehrung nahmen, auch mit uns?“ fragte der Ritter. I „Ohne Zweifel, mein Sohn.“ „Das freut mich! Lornberg liegt im Winter ſehr kalt, und ſie koͤnnen das ihrige bei⸗ tragen die Tannzapfen in den Caminen heller auf⸗ lodern zu machen.“— 8 4½ 93 VI. Die zweite Tagereiſe war um nichts erfreuli⸗ ccher, als die erſte. Wolfſtein's hartes, an⸗ menſchliches Betragen ſchien eher zu, als abzuneh⸗ men, und ward jetzt noch von Zeit zu Zeit durch Anfaͤlle brutaler Zaͤrtlichkeit vermehrt, die ſo ploͤtz⸗ lich ausbrachen, daß Luiſe oft ſchaudernd glaub⸗ te, mit einem Wahnſinnigen zu reifen. Die Gegend, durch welche ſie kamen, hatte einen wild erhabenen Charakter, welcher, in gluͤck⸗ licheren Tagen Luiſe, die auch fuͤr Natur⸗Schoͤn⸗ heiten dieſer Art empfaͤnglich war, ſehr angeſpro⸗ chen haben wuͤrde; jetzt aber blickte ſie auf die Landſchaft mit einem gleichguͤltigen, faſt erſtarrten Auge hin, das weder fuͤr das Schoͤne, noch Er⸗ habene mehr Sinn zu haben ſchien. Bald wand ſich der Weg durch fruchtbare, gruͤnende Thaͤler, laͤngſt kleinen Doͤrfern hin, deren Bewohner froͤh⸗ lich mit Aufbinden des Weines am Fuße der, ihre Huͤtten beſchattenden Huͤgel, beſchaͤftigt waren; 94 dann ging es wieder Meilenweit durch dickbelaubte Waͤlder von Tannen, Eichen und Buchen. Oft befanden ſie ſich am Abhange ſteiler Bergruͤcken, von deren Hoͤhen maͤchtige Waſſerfaͤlle ſchaͤumend herabſtuͤrzten, als muͤßten ſie eilen durch ihren Giſcht das noch ferne gelegene Flußbette mit neuer Feuchtigkeit anzufuͤllen. Als ſich die Reiſenden auf einer, uͤber die Appeninen fuͤhrenden Bruͤcke befan⸗ den, die unter der Laſt krachend einzuſtuͤrzen dro⸗ hete, ſchaute Luiſe verzweiſlungsvoll in den un⸗ ermeßlichen Abgrund, der ſich ihrem Blicke oͤffnete. Nicht, wie in fruͤheren Zeiten, flehete ſie zum Himmel um Rettung aus dieſer Gefahr; im Ge⸗ gentheil bemaͤchtigte ſich ihrer faſt verſtoͤrten Sinne der Gedanke: hier könne vielleicht ihr Leiden enden. Gegen Abend langte man bei einem einſamen Poſt⸗Hauſe an, aus dem einige Erfriſchungen fuͤr die Herrſchaft an die Wagen gebracht wurden, waͤhrend die Dienerſchaft eifrig beſchaͤftigt war, die noͤthigen Verfuͤgungen zum Wechſel der Pferde, und ſo weiter, in aller Eile zu treffen. Obgleich der Mond bereits hell am Himmel ſtand, verſah ſich jeder Reuter doch mit einer Pechfackel, und 2 1 8 95 als Luiſe maſchinenmaͤßig fragte, in welcher Ab⸗ ſicht man ſich dieſer Erleuchtung bedienen wolle, antwortete der Eheherr hoͤflicher als gewoͤhnlich: „um uns vor den Woͤlfen zu ſchuͤtzen, die wir wahrſcheinlich in einer Ebene, eine halbe Meile von hier antreffen werden. Sie fallen den Rei⸗ ſenden Heerdenweiſe an, und man muß gegen ſie auf ſeiner Huth ſeyn.“ Sie bemerkte bald daß dies nicht die einzige Vorſichts⸗Maßregel ſey, welche man ergreife, denn zugleich wurde auch eine Kuppel Wolfshunde, die im Gefolge nachgefuͤhrt wurde, loßgelaſſen, und erfuͤllte die Luft mit ihrem heiſern Gebelle. „Grauet es dich, Luiſe?“— fragte W olf⸗ ſtein. ¹ „Nicht ſehr, Warbeck,“ antwortete die Zitternde mit gezwungenem Laͤcheln. 3 „Nicht ſehr!“ wiederholte er haͤmiſch.„Sch ſehe immer deutlicher daß ich eine Alabaſter⸗Puppe geheirathet habe!— Wenn dich nicht vor Wöl⸗ fen grauet, biſt du kein Weib. Doch vielleicht fuͤhlſt du dich ſo uͤber alle aͤuſſeren Einfluͤſſe erha⸗ ben, daß du auch meinen Rath, dich jetzt in dei⸗ nen Pelz zu hällen, fuͤr uͤberfluͤſſig erklaͤrſt. Ob⸗ 96 gleich es bisher warm geweſen iſt, wirſt du es bald kalt genug finden, und ſolche Uebergaͤnge ſind ſchaͤdlich. 44 Die Warnung, ſo wenig wahre Guͤte auch ebend darin lag, kam Luiſe doch keineswegs ungelegen; willig huͤllte ſie ſich in ihren Pelz. „ Nun verſuche einzuſchlafen,“ war der naͤchſte gute Rath, welcher ihr ertheilt wurde,„denn vor Tages Anbruch machen wir ſchwerlich wieder Halt. 4 Er ſelöſt ſtreckte ſich bei dieſen Worten aus, ſchloß die Augen, und ſchlug den Mantel uͤber das Geſicht, als wolle er ihr mit gutem Beiſpiel vorgehen; zu ſehr aber von Gedanken gequaͤlt und geaͤngſtigt, vermochte ſie nicht ſich der Vergeſſen⸗ heit im Schlummer hinzugeben. Jetzt kamen ſie an die Graͤnze der gefahrvollen Ebene, wo das Gefolge hielt, und die Wagen in die Mitte nahm. Die Hunde waren im aͤußern Kreiſe geblieben, und folgten dem Ton einer kleinen Pfeife; die Reu⸗ ter luden ihre Piſtolen, ſteckten ſie in die Guͤrtel, und nahmen die brennenden Fackeln in die Hand. Auf einmal vernahm man das Hundegebell lauter und gaͤllender; die Pferde ſchnoben und — 97 wieherten, als befaͤnden ſie ſich in der Naͤhe ei⸗ nes drohenden Feindes. Luiſe glaubte ſogar zwiſchen dieſem Geraͤuſch, von ferne her deutlich ein Heulen zu vernehmen, welches, immer naͤher kommend, ihr die Ankunft der erwarteten, wilden Beſtien zu verkuͤnden ſchien. Das laute, oft durch das Gebruͤll der Thiere unterbrochene Ge⸗ ſchrei der Bewaffneten uͤberzeugte ſie von der Wahrheit ihrer Vermuthung: verſchiedene Schuͤſſe, und abermaliges dumpfes Heulen, kuͤndeten einen Sieg uͤber den Feind an. Jetzt war man bis in die Mitte der Ebene gelangt, die wohl eine Meile im Umfange hatte, und ringsum mit dichtem Buſchwerk und Geſtraͤuch umgeben zu ſeyn ſchien. Ungeachtet alles Laͤrmens war der Ritter bisher ruhig ſchlafend, in ſeinem Winkel ſitzen geblieben; nun aber fuhr er auf einmal empor, und rief laut zum Wagen hinaus: „Was macht ihr denn alle?— Habt ihr vergeſſen—— 7 4 „Nein,“ erwiederte Scharaffa,„wir ſind hier grade am rechten Drte, wenn's Ew. Gnaden gefaͤllt.“ St te. e W. v. W. IMII. 9 „Conrad, ehrlicher Conrad! da?“— rief der Ritter. e Cong ad ritt auf den Ruf an den Schlag. „Guter Freund, erinnert ihr euch vielleicht noch der höͤflichen Art, mit welcher ihr mich da⸗ mals aus Marchfeldt entließet?— Gedenkt Seyd ihr mit einander hielten, indem ich die Zugbruͤcke paſ⸗ ſierte?— Ich merke, ihr habt es nicht ver⸗ geſſen. Nun wohl, ehrlicher Conrad, es iſt meine Art in keines Menſchen Schuld zu bleiben, und lauge habe ich ſchon ungeduldig dem Zeitpunkt entgegen geſehen, wo ich euch wieder bezahlen konnte.— Jetzt iſt er da.“ Conrgd ſah ſich in dieſem Augenblicke von ſeinen Gefährten eng eingeſchloſſen; zwei derſelben ergriffen ſein Pferd beim Zuͤgel. Indem er es dem Guͤrtel zu ziehen, erhielt er von hinten einen Schlag auf den Kopf, welcher ihn betaͤubte, und es alſo leicht machte ihn vom Pferde herunter zu bringen, und zu entwaffnen. Vergebens war alles Flehen der jetzt nicht mehr ſich leidend verhaltenden ihr noch des kurzen Wechſelgeſpraͤchs welches wir verſuchte ein Piſtol zu ſeiner Vertheidigung aus Frau v. Wolfſtein; ſie warf ſich zu den Fuͤßen 99 ihres barbariſchen Gemahls, und als ſie ihn voͤl⸗ lig taub gegen ihre Bitten fand, ſtieß ſie ein fuͤrch⸗ terliches Geſchrei aus, welches oft durch die Stimme des armen Verurtheilten unterbrochen wurde, der ſeine geliebte Herrin beſchwor, ruhig zu ſeyn, und ihn ſeinem Schickſale zu uͤberlaſſen, dem er ſich beim Anblicke ihrer Verzweiflung, ohne alles Widerſtreben unterwarf. Ohne Raſt ging der Zug weiter; noch immer wußte Luiſe nicht, was aus dem treuen Diener geworden ſey. In der Ueberzeugung, Scharaffa habe ihn getoͤdtet, rang ſie die Haͤnde, und hoͤrbar entſchluͤpften ihren Lip⸗ pen die Worte:„unmenſchliche, blutgierige Moͤr⸗ der!“ „Was meint ihr damit, gnaͤdige Frau?“ fragte Wolfſtein ſich zu ihr wendend.„Habt ihr den Verſtand verloren, mich, oder einen mei⸗ 3 ner Leute fuͤr Moͤrder zu halten?— Steht von dieſen niedern, ſchlechten Verlaäumdungen ab!— Wenn die Woͤlfe ſich euren Liebling zur Speiſe auserſehen haben, iſt es meine Schuld?— Es ſteht ihm frei ihnen zu entlaufen, wenn er kann, und dazu findet ſich noch immer eine Mög⸗ lichkeit vorhanden. Stellt das Jammern ein, und * 7 lernt eure Gefuͤhle mit mehr Anſtand beherrſchen; ihr redet von Unterwerfung und Gehorſam; abar ihr ſeyd eine wahre Rantippe!“ „ Iſt er denn wirklich nicht todt, lteber Wolfſtein?“ „Liebe Luiſe, das iſt mehr als ſich mit Wahrheit behaupten laͤßt, denn aller Wahrſchein⸗ lichkeit nach haben die Woͤlfe ſich ſeiner in dieſem Augenblicke ſchon zum Abendeſſen bedient; aber als wir Abſchied von ihm nahmen, buand er ſic noch am Leben.“ Sogar in dieſer Verſicherung— ſchon 9 kleiner Troſt fuͤr Luiſe, da ſie den Umfang der Gefahr nicht voͤllig kannte. Der arme Pater Fe⸗ lix, welcher groͤßtentheils Zeuge dieſer empoͤrenden Gewaltthaͤtigkeit geweſen war, hatte ſeine ganze Kraft angeſtrengt, um ſeinen Wagen zu verlaſſen und zu Huͤlfe zu eilen, wurde aber mit Gewalt zu⸗ ruͤckgehalten, und es blieb ihm nichts uͤbrig, als ſeine Stimme in heiligen Ermahnungen und kraͤf⸗ tigen Drohungen zu erheben; doch waren auch ddieſe fruchtlos, und auch er ſah ſich genothigt, ſich in das Unabwendbare zu ergeben. Doch nun, da er alle dieſe Greuel mit ſeinen Augen geſehen, mit 101 ſeinen Ohren gehoͤrt hatte, und ſich alſo die Bos⸗ heit des Menſchen, der ſo enge mit ſeiner gelieb⸗ ten Pflegetochter verbunden war, nicht laͤnger leug⸗ nen konnte, quaͤlte ihn der Gedanke, doß er es geweſen, welcher Luiſens Hand am Altare in die Hand des Boͤſewichts gelegt habe, der ſeiner gegenwaͤrtigen Ueberzeugung nach, ein voͤllig ver⸗ lorner Suͤnder ſey. Es war ihm fuͤr ſeine eigene Perſon von dieſem Augenblicke an voͤllig gleich⸗ guͤltig, welche Koſt man ihm auf der ferneren Reiſe gab, welche Lagerſtaͤtte er erhielt; nur zit⸗ terte er, daß ſein geliebtes Kind nicht im Stande ſeyn moͤge, die Qualen und Mihſeüieien äde zu ertragen. Erſt da, wo man am naͤchſten Abende an⸗ hielt, ſahen Wolfſtein und der Moͤnch ſich zu⸗ erſt nach der ſcheußlichen Begebenheit wieder. Letz⸗ terer kaͤmpfte mit ſich, ob es um der ungluͤck⸗ lichen Lui ſe willen beſſer ſey, das Vorgefallene mit Stillſchweigen zu uͤbergehen, oder ob ſeine Pflicht ihm gebiete dem Suͤnder Vorſtellungen zu machen. Der Ritter verſtand, was in ſeinem Innern vorging, und redete ihn an. „Nun, Vater, wie geht's?“— begann er mit leichtem Tone.„Aber was ſoll das bedeuten? Ihr weigert euch, mir, eurem Freunde und Goͤn⸗ ner, die Hand zu reichen!— Ich beſaͤße die Mittel euch Morgen eine Abtei zu ertheilen, ſo⸗ bald euch nur eure Verpflichtung gegen mich recht einleuchten wollte!“— „Meine Hand ſoll nie in Beruͤhrung mit der deinigen gerathen, bis eine wahrhafte, ſtrenge Buße ſie von dem Blute gereinigt hat, das jetzt daran klebt.“ „Ach, darauf zielt ihr alſo?— Wie aber konnte ich dies vermeiden?— Ich hatte ein Ge⸗ luͤbde gethan, von dem ich durch Niemand freige⸗ ſprochen war, und das mir alſo heilige Pflicht ſchien zu halten. Merke aber jetzt auf, Pfaff⸗ lein!— Vermoͤge einer gewiſſen Unvollkommen⸗ heit meiner Natur, fuͤhle ich mich zu dergleichen Geluͤbden ſehr geneigt, und bin gewohnt, ſie un⸗ verbruͤchlich heilig zu halten;— meine Freunde follten zu ihrem eigenen Heil dieſe meine Neigung, ſtets im Gedaͤchtniß behalten.“ 103 „Ich fuͤrchte deine Drohungen nicht, Men⸗ chelmoͤrder, und moͤchte lieber an Eonräds s als an deiner Stelle ſeyn!“ 5 „Nach Belieben!— Da ihr aber einmal in der Laune zu ſchwatzen ſcheint, und es mir ge⸗ faͤllt der Ruhe zu pflegen, waͤre es wohl rathſa⸗ mer ihr beſpraͤchet euch mit dem heil. Chryſoſto⸗ mus, oder ſonſt einem aus dieſer langweiligen Bruͤderſchaft.— Scharaffa, fuͤhre den Moͤnch in ſein Schlaf⸗Kaͤmmerlein.“ Der B oͤſewicht erwiederte tntt einem ſcheußli⸗. chen Geſicht, das irgend einen Unfall andeuten wollte: 4 „Ach, gnaͤdiger Herr, es iſt uns heute ein ungluͤck begegnet, das ich kaum zu erzaͤhlen weiß. Ihr erinnert euch wohl der kleinen Bruͤcke, die uͤber den Strom fuͤhrte, welche wir am Nachmit⸗ tage paſſieren mußten; nun, als wir uns grade auf der Mitte derſelben befanden, wollte ein boͤ⸗ ſer Geiſt, daß der Karren mit allen den Kirchen⸗ vaͤtern in den Strom ſiel. Fort ſchwammen ſie, mit einer Schnelligkeit, daß Niemand im Stande war ſie wieder zu erhaſchen!’"“ Is 104 6 „ Iſt denn das arme Maulthier auch linein gefallen?“— fragte Felix. „Nein, als wir die Buͤcher mit dem Karren fallen ſahen, ſchnitten wir die Zugriemen ab, und retteten wenigſtens das Thier.“ „Wahrhaftig“ ſagte Wolfſtein mit ver⸗ ſtellter Theilnahme,„ein hoͤchſt tragiſcher Vorfall! — Wenn nur nicht der Vater Chryſoſtomus auch darunter waͤre, koͤnnte man ſich noch leichter troͤ⸗ ſten.“— e. Felir zweifelte nicht daß dieſer Streich wie der aus Bosheit geſchehen ſey; einige Tage fruͤ⸗ her wuͤrde er den Verluſt ſeiner Buͤcher hoͤchſt ſchmerzlich empfunden haben, indeß nach den jetzt erlebten Auftritten kam er ihm faſt unbedeutend vor, und er erwiederte ruhig: 8 „Nun, wohl dann; heute wenigſtens, werde ich ſi ſie nicht entbehren, da ich mir ohnehin vorge⸗ nommen hatte, die Nacht in Gebet und ſtillem Nachdenken zuzubringen.“ Luiſe, welche bisher in ſtummer Verzweif⸗ lung zugehoͤrt hatte, ſtand jetzt auf, kniete vor ihm nieder, und bat ihn, auch fuͤr ſie zu beteeä. 105 Er legte die Hand ſegnend auf ihr Haupt, und begab ſich mit ſchwerem Herzen hinweg. 8 Das Schloß Lornberg lag auf dem Vor⸗ ſprunge eines hohen Berges, an deſſem Fuße das Adriatiſche Meer voruͤberfloß. In alten Zeiten hatte es den Osmanen gehoͤrt, war wegen ſeiner Feſtigkeit beruͤhmt geweſen, und beherrſchte mit ſeinen Raub⸗Thuͤrmen, die es rings, wie aus dem Berge hervorgewachſen, umgaben, die weite, umliegende Gegend. Die unregelmaͤßige Bauart bewies, daß es bereits verſchiedene Zeitalter uͤber⸗ lebt haben mochte; ſchon hatten ſich hie und da große Steinmaſſen vom Hauptgebaͤude loßgeriſſen, und hingen jetzt drohend uͤber den Abgrund, zum Schrecken der voruͤberziehenden Wanderer. Das Ganze gewaͤhrte in ſeiner verfallenen Herrlichkeit, einen hoͤchſt duͤſtern Anblick; beim Eintritte in den finſtern Schlund des ungeheuern Portals, mußte ſogar das leichteſte, froheſte Herz erſtarren, waͤhrend das ernſte, zur Schwermuth geneigte Ge⸗ muͤth, ſich vielleicht durch dieſen, zu ſeiner innern Stimmung paſſenden Aufenthalt, angezogen fůh⸗ len konnte. 106 Aber der gegenwaͤrtige Beſitzer verſtand es, die ſonderbarſte Miſchung von feindlichem Men⸗ ſchenhaß und uͤppiger Wolluſt in dieſer alten Steinmaſſe zu vereinen; der groͤßte Theil des In⸗ nern entfprach voͤllig dem Geſchmacke eines ver⸗ weichlichten Wuͤſtlings, und enhielt alles was nur die Sinne zu reizen vermag. Hier fand man ein Theater, Muſik⸗Saͤle und Baͤder; Hallen und Gallerien waren mit Statuen geſchmuͤckt, und in den hohen, gewoͤlbten Niſchen, ſah man Fresco⸗ Gemaͤlde von ſeltnem Farbenglanz. Alle koſtbaren Erzeugniſſe Griechenlands und Italiens befanden ſich im Ueberfluſſe in den weiten Gemaͤchern, und die Einrichtung der Prachtzimmer war voͤllig dazu geeignet, das Bild des Sybariten wieder vor die Seele zu rufen, welcher ſich einſt beklagte, daß der Duft der vielen Roſenblaͤtter ſeinen Schlaf ſtoͤre..—— Es war Nacht, als der braͤutliche Zug ſich dieſem Schloſſe naͤherte; ſchon in der Entfernung einer Viertelmeile hatte das Gefolge von Zeit zu Zeit in die Hoͤrner geſtoßen, und bereits hallte das erwiedernde Echo vom Berge zuruͤck. So wie ſie naͤher kamen, wurde der Schall lauter, und 107 Wolfſtein verkuͤndete ſeiner jungen Gemahlin, daß es die Hoͤrner ſeiner Vafallen waͤren, die ihn von den Feſtungswerken her begruͤßten. Als man nun wirklich einzog in die alten Waͤlle der Burg, wurden alle, ſonſt laͤngſt verjaͤhrten Gebraͤucheé des Lehenrechts, genau gegen den ruͤckkehrenden Syerr⸗ ſcher beobachtet, der an der Seite der voͤllig be⸗ taͤubten Gattin ſeinen feierlichen Einzug zu Fuße, durch eine lange Reihe, zu beiden Seiten auf⸗ gepflanzter, hoͤchſt ſonderbar gekleideter Krieger, hielt. „Iſt alles ruhig, Pandulfo?“ fragte Wolfſtein den Anfuͤhrer. „Vollkommen, gnaͤdiger Herr!“ war die Antwort „Dann tritt heran deine neue Herrin zu be⸗ willkommen.“ Hauptmann Pandulſfo beugte ein Knie zur Erde, und kuͤßte die Hand Luiſen's, welche voͤllig gleichguͤltige Zuſchauerin bei allem ſchien. Auf einmal toͤnte eine hoͤchſt wohlklingende Inſtru⸗ mental⸗Muſik zu ihrem Ohr; die ſchweren Thor⸗ fluͤgel des Schloſſes oͤffneten ſich, und man trat in die glaͤnzend erleuchtete Halle. Luiſe war uͤberraſcht ſich hier von einer Gruppe ſchoͤner Maͤd⸗ chen, in verſchiedene Landestrachten gekleidet, um⸗ ringt zu ſehen; ſo verſchieden dieſe Trachten aber auch waren, ſo lag doch in jeder das Ge⸗ praͤge der hoͤchſten Zierlichkeit, und ſelbſt in den Geſichtszuͤgen dieſer Maͤdchen zeichnete ſich deutlich der eigenthuͤmliche Charakter ihres Geburt⸗Landes aus. Die Muſik ſchwieg; jetzt trat eins der Maͤd⸗ chen aus der Gruppe hervor, und ſagte auf die anmuthigſte Weiſe ein Hochzeitgedicht, in ſchoͤn flie⸗ ßendem, italieniſchen Versmaas her. Es war eine Venetianerin, ſehr geuͤbt in der Kunſt der Im⸗ proviſatoren. 1— „Wir danken dir, holde Sirene, liebliche Zanina,“ ſagte Wolfſtein im zaͤrtlichen Tone. Die Schoͤne war wieder zu den Uebrigen getreten, und da die Muſik jetzt aufs Neue begann, ſah man ſie bald mit ihren Gefaͤhrtinnen ein reizendes Ballet tanzen; nachdem auch dies geendet war, naheten ſich zwei der juͤngſten Maͤdchen mit Kro⸗ nen von Roſen und Myrthen in der Hand, die ſie zu den Fuͤßen des jungen Ehepaares legten. Luiſe fuͤhlte ſich erſtaunt und verwirrt; ſie ver⸗ mochte nicht ſich dies ſonderbare Schauſpiel vor 109 ihren Augen zu erklaͤren, und unter dem nur zu wahren Vorwande einer gaͤnzlichen Erſchoͤpfung, bat ſie um die Erlaubniß ſich hinwegbegeben zu duͤrfen. Wolfſtein bemerkte die ungewoͤhnliche Blaͤſſe ihrer Wange, das erloſchene Auge und ſagte: „Es ſoll euch gewillfahrt werden, gudi Frau; eure Fraͤulein ſind bereit euch in eure Ge⸗ maͤcher zu fuͤhren, wo ihr alles zu eurer Bequem⸗ lichkeit finden werdet. Dann aber muß die rothe Roſe wieder auf euren Wangen bluͤhen, denn in⸗ nerhalb der Mauern dieſes Schloſſes darf nur das Schoͤne hauſen, Scharaffa einzig ausge⸗ nommen, deſſen uͤbrige Eigenſchaften zum Erſatz der Schoͤnheit dienen.“ Nach dieſer Rede kuͤßte er ſie ehrerbietig allf die Stirn, und geleitete ſie dann zu ihren liebli⸗ chen Fuͤhrerinnen, die ihr mit wohlduftenden Wachs⸗ kerzen auf den hohen ſteinernen Stiegen vorleuch⸗ teten. Als ſie ſie dann durch die praͤchtige Reihe der Gemaͤcher gefuͤhrt hatten, die zu ihrem Em⸗ pfange auf das Koſtbarſte bereitet waren, beeifer⸗ ten ſie ſich ihr tauſend Dienſtleiſtungen zu erzeigen welche, ſo anmuthig ſie auch erwieſen wurden, der 110 armen Trauernden doch nur peinlich ſeyn konnten. Sie bemerkten bald wie ſie hier nur uͤberlaͤſtig wa⸗ ren, und Zanina, welche den Reihen anzufuͤh⸗ ren ſchien, ſagte, ſich zu den Uebrigen wendend: „unſere ſchoͤne Herrin bedarf der Ruhe! Befehlt dann, gnaͤdige Frau; eurem leiſeſten Wunſche wird unverzuͤglich gehorcht werden. Wah⸗ ler unter uns diejenige zu eurer Bedienung aus, welche das Gluͤck hat euch am meiſten zu gefallen, und die Uebrigen werden ſich auf der Stelle Bln⸗ wenbedehen 44 Luiſe dankte freundlich, erwiederte aher wie ihre von Wien mitgebrachte Kammerfrau, ihr durch Gewohnheit zur Bedienung unentbehrlich ge⸗ worden ſey, und ſie dieſe am liebſten bei ſich ſehen wuͤrde. Die Maͤdchen, ohne im mindeſten em⸗ pfindlich daruͤber zu werden, wuͤnſchten ihr mit vies lem Anſtand eine ſanfte Ruhe, verſchwanden ohne Gerauſch, und ſandten ſogleich die verlangte Kam⸗ merfrau. 3 Da Barbara und Conrad mit einander unter demſelben Dache groß geworden waren, und ſich von Jugend an ais Bruder und Schweſter betrach⸗ tet hatten, iſt es leicht zu begreifen, welchen Ein⸗ 11L druck des Letzteren Schickſal auf das arme Maͤd⸗ chen gemacht haben mußte. Bis zu dieſem Augen⸗ blick konnte ſie ihr Herz gegen Niemand in Klagen erleichtern; jetzt aber brach ſie in einen Strom von Thraͤnen und Verwuͤnſchungen aus. „Gute Barbara,“ fiel Luiſe ihr ſanft in die Rede,„obgleich ich die Wahrheit deiner Worte nicht leugnen kann, muß ich dich doch bitten ſie gegen mich zuruͤckzuhalten. Bedenke daß es mein Herr und Gemahl iſt, von dem du ſprichſt. Uns bleibt nichts, als ſtille Ergebung uͤbrig.“ „Schweigen iſt eine Unmoͤglichkeit,“ fuhr Barbara heraus,„oder ich muͤßte nothwendig berſten!— Sagt mir nur, gnaͤdige Frau, was ihr von allen dieſen huͤpfenden, unverſchaͤmten Dirnen denkt, die da in tauſend verſchiedenen Stel⸗ lungen, vor euch herumſangen und knixten?“— „Ich weiß wahrlich ſelbſt nicht, was 1 da⸗ von denken ſoll.“ „Solche Gedanken ſind auch eigentlich viel zu niedrig fuͤr euch, und keinem Menſchen als dem Ritter wuͤrde es wohl einfallen, ſeine unſchul⸗ dige junge Frau in ſolch ein Neſt von Harpyien zu bringen. 2.2ge e 112 „Sollten denn wirklich dieſe anmuthig ſchei⸗ nenden Weſen, ſo niedriger Art ſeyn, wie du glaubſt?“—.— „Scharaffa ſagt es wenigſtens. Er iſt ein widerwaͤrtiger, abſcheulicher Kerl; dennoch aber behauptet ſogar er, ich ſey es eher werth daß man mich anfaͤhe, als alle dieſe tanzenden, tril⸗ lernden Figuren. Was er fuͤr Urſache zu dieſer Bemerkung haben mag,“ fuhr ſie fort, indem ſie einen Blick in einen großen, praͤchtigen Spiegel warf,„weiß ich nicht, denn nie kam noch ein freundliches Wort gegen ihn uͤber me ne Lippen.“ „Und ſagte er dir wirklich, daß alle dieſe huͤb⸗ ſchen Geſtalten Selavinnen des Laſters waͤren? „Solch ein Ausdruck kann nun wohl nicht aus ſeinem garſtigen Munde kommen; er erzahlte mir nur wie ſein Herr einer nach der andern den Hof mache, und ſie alle durch beſondere Liſt unter ſein Dach gelockt habe. Aber,“ ſetzte ſie leiſer hinzu,„noch eine weit fuͤrchterlichere Sache habe ich erfahren, bei der mir das Haar zu Berge ſtand. Es iſt hier im Schloß auch eine Nonne verborgen, welche der Ritter aus einem Neapoli⸗ taniſchen Kloſter entfuͤhrte, und wenn die Geiſt⸗ 113 lichkeit die wieder in ihre Gewalt bekommt, wird ſie ohne Gnade verbrannt oder lebendig begraben. Sie heißt Schweſter Dominica; Scharaffa half bei dem Raube, nun wuͤnſcht er aber ſie waͤre todt, weil ſie ihm mehr Plage verurſacht, als alle uͤbrigen Dirnen.“— „Schrecklich!“ rief Luiſe.„War denn dieſe Ungluͤckliche unter den Frauen, die uns am heutigen Abend empfingen?“— „Bewahre, nein!— Sie wandelt in ih⸗ rer Nonnentracht, gleich einer Wahnſinnigen, im Hauſe umher, und hat ſchon oft verſucht zu ent⸗ fliehen, um ſich ſelbſt auszuliefern. Der Ritter aber, welcher ſich ſonſt um viele Dinge nicht kuͤm⸗ mert, weil er maͤchtige Freunde hat, fuͤrchtet doch daß dies ihn in Ungelegenheit bringen koͤnne, und wenn ſie noch einmal einen aͤhnlichen Verſuch wagt, hat er gedroht, ſie in ein unterirdiſches Gefaͤngniß zu ſperren, wo ſie nie den Tag wieder ſchaut.— Wer weiß, ob ſie dann nicht den kuͤrzeſten Weg mit ihr erwaͤhlen, denn wer ſich einmal dem Sa⸗ tan ergeben hat, fuͤrchtet nicht eine Suͤnde mehe auf ſein Schuld⸗Regiſter zu bekommen.“ „Stille, ſtille, Barbaral’“’ G. v. W. III. 8 114 „Ach, gnaͤdige Frau, es iſt mir, als hoͤrte ich Geraͤuſch im anſtoßenden Zimmer!“— Sie naͤherte ſich neugierig der Thuͤr, welche beim leiſe⸗ ſten Drucke aufflog. Das weite Gemach war durch unzaͤhlige Wachskerzen erleuchtet, und in der Mitte deſſelben befand ſich ein gedeckter Tiſch, reich⸗ lich mit Erfriſchungen aller Art beſetzt. Die, welche ihn hineingetragen hatten, waren nicht mehr ſichtbar, und Barbara neigte ſich ſchon zu dem Glauben, daß es unter den ſo ſonderbaren Bewohnern des Schloſſes auch wohl Zauberer und Feen geben moͤge. Da man indeß lange keinen Biſſen angeruͤhrt hatte, ward die wunderbar er⸗ ſchienene Speiſe nicht verſchmaͤht. Auch Weine, von verſchiedener Art und Farbe, befanden ſich auf dem Tiſche, doch die unſichtbaren Haͤnde hatten einen beſondern Becher mit perlendem Toscaniſchen Rebenſaft gefuͤllt, bei dem ein Zettel mit folgen⸗ den Worten lag:„Wolfſtein thut ſeiner holden Braut Beſcheid.“— Auch dies gehoͤrte zu den Sonderbarkeiten ſeines Charakters, daß es ihm geſiel von Zeit zu Zeit ſolche unbedeutende Auf⸗ merkſamkeiten an ein Weſen zu richten, welches er 8.— 115 üͤbrigens auf die ausgeſuchteſte Weiſe quaͤlte und verwundete.. geu Als ſie nach geendetem Mahle das Zimmer wieder verließen, wurde das naͤmliche, leichte Ge⸗ raͤuſch abermals vernommen, und die neugierige Barbara uͤberzeugte ſich bald von dem Ver⸗ ſchwinden der Tafel. Eine andere Thuͤr fuͤhrte in eine lange Reihe prachtvoller Gemaͤcher, wo man zwei Schlafzimmer neben einander fuͤr Luzſe und ihre Kammerſrau bereitet fand. Erſchoͤpft an Geiſt und Koͤrper ſuchten Beide Ruhe, und fanden Erquickung in einem ſanften Schlummer, der wenigſtens auf einige Stunden alle Sorgen von ihnen verſcheuchte. VII. Am folgenden Morgen erſchien der Pater Felir, um ſeine Andacht mit ihnen zu halten. Eine Capelle war nirgends im Schloſſe zu finden, da der gegenwaͤrtige Beſitzer die vormals zu die⸗ ſem Gebrauche geweihete Statte, in ein Theater verwandelt hatte. Luiſe führte ihren Beichtiger 8* 116 durch die lange Reihe praͤchtiger Gemaͤcher, welche ſie bewohnte, von denen ſie das entlegenſte, wel⸗ ches mit dem Hauptgebaͤude eigentlich nicht zuſam⸗ menhing, aber eine wunderſchoͤne Ausſicht auf's Meer hatte, zu ihrem kuͤnftigen Betzimmer er⸗ waͤhlten. Felix verſprach eine Reiſe nach Ve⸗ nedig zu unternehmen, um die zum Ausſchmucke der Capelle nothwendigen heiligen Geraͤthe herbei⸗ zuſchaffen. Jetzt vertraute Luiſe dem ehrwuͤrdi⸗ gen Manne unter dem Siegel der Beichte den b ſchrecklichen Raub, welchen man, nach Barba⸗ ra's Ausſage, an der Nonne follte begangen ha⸗ ben, und er nahm es ſich vor, die arme Verirrte, wo möglich aufzufinden, und zu retten. Unter dieſen Mittheilungen von der einen, und Ermahnungen zur Geduld von der andern Seite, waren die erſten Morgenſtunden ruhig da⸗ hin geſloſſen, bis eins der kleinen, ſchoͤnen, leicht⸗ fertigen Geſchoͤpfe im Zimmer erſchien, und vor der ð Frau des Schloſſes niederkniend, einen Korb von Sandelholz, voll Roſen, Jasminen und Orangenbluͤthen, zu ihren Fuͤßen ſetzte. Ein Zettel von Wolſſtein's Hand geſchrieben, wel⸗ cher oben auf den Blumen lag„enthielt die Bitte 4 117 8 des Niters, mit ſeiner ſchoͤnen Gemalin fruͤhſtüͤ⸗ ken zu duͤrfen, um ihre Befehle zu vernehmen, wie ſie den uͤbrigen Theil des Tages zuzubringen wuͤnſche. Sobald Luiſe die Zeilen geleſen hatte, uͤberreichte ihr das Maͤdchen, welches K Kara hieß, und eine Tuͤrkin war, ein Blatt feines Papier, nebſt einem goldnen Griffel, worauf jene ſogleich eine freundlich einwilligende Antwort ſchrieb. Der Beichtiger entfernte ſich, und bald trat der Hers des Schloſſes herein. Sein ganzes Wefen hatte an dieſem Morgen ctwas von der einſchmeichelnden I Weiſe fruͤherer Zeiten; aber kein aͤußerer Schein vermochte in L Lui⸗ ſens Seele das Andenken an ſein Betragen der letzteren Tage zu verwiſchen. Zwar gab ſie ſich alle Muͤhe, ihre Empfindungen zu verbergen; Abſcheu aber blieb dennoch das herrſchende Gefuͤhl, welches ſich ihrer bei ſeinem Anblicke bemaͤchtigte. Als ſie bemerkte, daß es ihm, aus irgend einer Abſicht einmal wieder gefiel, ſich auf eine ſehr huldreiche Art gegen ſie zu betragen, faßte ſie Muth zu der Bitte um die Einrichtung einer Schloß⸗Capelle, und erwaͤhnte ſogar der, zu die⸗ 4 118 ſem Zwecke nothwendigen Reiſe des Moͤnchs nach Venedig. „Alle dieſe Zimmer ſind voͤllig euer Eigenthum, Luiſe,“ war die Antwort,„und ſobald ich nur nicht durch ſolche Schwachheiten belaͤſtigt werde, moͤgt ihr ihnen immer ein wenig nachhaͤngen. Ich geſtattete es euch, den Moͤnch mitzunehmen, weil er nicht, gleich den uͤbrigen ſeines Gelichters, ir⸗ gend einen Hang zu haben ſcheint, ſich in fremde Haͤndel zu miſchen; denn in meiner Burg kann ich keinen Prieſter mit offnen Augen und Ohren gebrauchen, weil hier manche Geheimniſſe verbor⸗ gen liegen. Es ſoll eine eigene Gondel fuͤr ihn bereit gehalten werden, er mag Morgen abreiſen, und meinethalben ein ganzes Boot voll Narren⸗ tand einkaufen.— Auſſer ſeiner mir einleuchten⸗ den Einfalt, hatte ich aber auch noch einen andern Grund ihn mit mir zu nehmen. Seine Geſchick⸗ lichkeit in der Arzeneikunde kann uns hier ſehr er⸗ ſprießlich ſeyn, und er wird wohl daran thun, ſich in Venedig, außer ſeinen heiligen Wunder⸗ Arzeneien fuͤr die Seele, noch mit Mitteln fuͤr die Heilung des Koͤrpers, hinlaͤnglich zu verſehen.“ 2 119 Nachdem er in dieſer Hinſicht ſeinen Willen ausgeſprochen hatte, erſuchte er ſeine Gemalin mit aller der ihm ſo ſehr zu Gebote ſtehenden Gewandt⸗ heit im aͤuſſern Benehmen, ihm ihre Befehle zu geben, wie ſie den Tag hinzubringen wuͤnſche. Da ſie mit der Antwort zoͤgerte, ſetzte er hinzu: „Soll ich euch auf die Waͤlle fuͤhren, wo ihr den freien Blick in die weite, ſchoͤne Ausſicht habt? Der Tag iſt heiter, und die Sonnen⸗ ſtrahlen vergolden die Oberflaͤche des Meers. Ich will euch meine Gaͤrten, meine Weinberge, meine Anlagen und Grotten zeigen, und euch vor die Reihen meiner gewappneten Krieger ſtellen, um euch einen Beweis zu geben, daß ihr nicht in eine Einoͤde gebracht ſeyd.“ Bereitwillig nahm ſie den Vorſchlag an. Als ſie mit einander um die Waͤlle wanderten, zeugten ſeine Bemerkungen uͤber die Landſchaft, welche ſich ihrem Auge entfaltete, von dem in ihm wohnen⸗ den, reichbegabten Geiſt, den er aber leider immer nur zum Boͤſen anwandte, und der Spatziergang wuͤrde fuͤr Luiſe hoͤchſt angenehm geweſen ſeyn, haͤtte ſie das Herz ihres Begleiters mit ſeinem Verſtande im Einklange gewußt. Ueberall in den 120 Gaͤrten herrſchte der feinſte Geſchmack; es war Mittag, und die Hitze groß, aber die Sonne ver⸗ mochte nicht durch die dichtbelaubten, hohen Baͤu⸗ me zu dringen, unter deren Schatten ſi ſie einhergin⸗ gen, und lieblich plaͤtſchernde Springbrunnen, er⸗ hielten durch die erfriſchenden Duͤnſte, welche aus ihren weißen Marmorbecken ſchaͤumend wieder em⸗ porſtiegen, Laub und Pflanzen ſtets im friſcheſten Gruͤn, indem ſie zugleich die anmuthigſte Kuͤhle um ſich verbreiteten. Es gewaͤhrte Wolfſtein ein ganz beſonde⸗ res Vergnuͤgen, alle dieſe Herrlichkeiten ſeiner jun⸗ gen Gemalin zu zeigen, und auch ſie beſtrebte ſich, die innere Gleichguͤltigkeit zu verbergen, mit der ſie alles, was ihm angehoͤrte, betrachtete. Indem ſie um die aͤuſſern Mauern gingen, fiel ihr die auſſerordentliche Feſtigkeit des Schloſſes auf, und es ſchien ihr, als ſey die große Anzahl der Krieger dem Zwecke eines einzelnen Edelmanns wenig an⸗ gemeſſen. Sie auſſerte daher die Bemerkung: ſeine Burg gleiche voͤllig einer wohlöeſebten Fe⸗ ſtung. 4 „Das ſoll ſie auch,“ war die Antwort.— „Mein Intereſſe iſt hoͤchſt vielſaͤltiger und ſchwie⸗ -—— 121 riger Natur; ich bin in manchen Plaͤnen verwi⸗ ckelt, und eben aus dieſen Verwickelungen entſpringt meine Macht. Jedoch iſt meine Lage keineswegs voͤllig gefahrlos, und ſo muß ich ſtets bereit ſeyn, mich einem Angriffe entgegenſetzen zu koͤnnen.“ Als ſie mit einander ins Schloß zuruͤckkehrten, ſagte er, ſie wohlgefaͤllig anblickend:„Die friſche Seeluft hat einen Huchi vorcelhten Einfluß auf euch gehabt, Luiſe; ihr ſeyd wahrhaft ſchoͤn zu nennen. So moͤchte ich euch einigen der Vor⸗ nehmſten meiner Untergebenen zeigen, und wuͤn⸗ ſche daher, daß ihr bei der heutigen Mittagstafel in alle dem Schmucke erſcheint, welcher der Ge⸗ malin eines Herrn von Lornberg zukommt.“ Luiſe waͤhlte, dieſem Befehle gemaͤß, das reichſte Gewand, welches ſie beſaß, und erwartete zur beſtimmten Stunde ihren Gemal, der ſie mit ſichtlichem Wohlgefallen in den, bereits mit Gäſten angefuͤllten Speiſeſaal fuͤhrte. Auf der ihn am obern Ende umgebenden Gallerie befand ſich ein Chor ausgeſuchter Muſiker, die das eintretende Paar mit einer Symphonie begruͤßten. Mehrere Edelleute ſtanden reihenweiſe im Saale, alle waren in der Schloß⸗Uniform gekleidet, die keiner an⸗ 122 dern glich, welche Luiſe ſich erinnerte, je geſehen zu haben, da die finſtere, ſchwarze Farbe derſelben einzig durch das goldne Wehrgehenk und glaͤnzende Achſelband gehoben wurde. Jeder Officier trug ſeinen Saͤbel und Dolch, und was noch mehr auf⸗ fiel, jeder hatte ſeine Piſtolen im Guͤrtel. Alle dieſe Maͤnner waren von ſchlanker, wohlgewachſe⸗ ner Geſtalt, hatten dunkles Haar, und eine braͤun⸗ liche Geſichtsfarbe; der wilde Ausdruck ihrer Zuͤge wurde noch um ein Großes durch den ungeheuern Schnurbart vermehrt. Aus den verſchiedenen Staͤmmen der Neapolitaner, Raguſaner, Grie⸗ chen und ſo weiter, hatte der ſtolze Beſitzer des Schloſſes ſich dieſe Krieger, vorzuͤglich hinſichtlich einer gewiſſen Uebereinſtimmung in der Geſtalt, mit ſonderbarer, kindiſcher Laune auserwaͤhlt. Hauptmann Pandulfo, der Commandant der Feſtung, welcher Luiſen bereits vorgeſtellt war, nebſt einem andern, jungen Mann, Namens Ru⸗ fo, den Wolfſtein befonders auszuzeichnen ſchien, nahmen, auf deſſen Wink, ihre Plaͤtze zu beiden Seiten der jungen Frau ein. Zanina und Kara befanden ſich auch unter der Geſell⸗ ſchaft, und im Gefuhl beleidigter Wuͤrde, zoͤgerte 123 Luiſe, als ſie ſie gewahr wurde, einen Augenblick ſich niederzuſetzen. Sobald der Eheherr dies Zoͤ⸗ gern, und die Richtung ihres Auges auf die bei⸗ den Maͤdchen bemerkte, ſagte er ſtolz:„Seyd ganz ruhig, gnaͤdige Frau; alles hier hat ſeine Rich⸗ tigkeit, denn mein Wille gilt als Geſetz auf Lorn⸗ berg!“ Es dauerte eine Weile, ehe er die finſtere Wolke wieder von ſeiner Stirne zu ſcheuchen ver⸗ mochte, und Luiſe gewahrte zu ihrem Schrecken, wie er von Zeit zu Zeit feuerflammende Blitze aus ſeinem dunkeln Auge auf ſie heruͤberſchleuderte. Endlich gebot er ſeinem Mundſchenken, den er Corylo nannte, der aber, obgleich in fantaſti⸗ ſchem Knaben⸗Gewande einhergehend, eigentlich ein italiaͤniſches Maͤdchen war, den Pracht⸗Becher ſeiner jungen Gemahlin zu reichen, damit ſie ihn eredenze, und ihn dann ihm wieder zuruͤckſende. Als dem Befehle gehorcht war, und der Becher wieder an ihn kam, that er einen vollen Zug daraus, gab ihm dann der Zanina, die zu ſeiner Rechten ſaß, worauf der Pokal die Runde um die ganze Tafel machte. 124 Die zu beiden Seiten Luiſens ſitzenden Maͤnner ſchienen ſie mit Bewunderung zu betrach⸗ ten, vorzuͤglich ruhete Pandulfo's Blick oft mit einem Gemiſche von Mitleid und Neugierde auf ihr. Waͤhrend der Becher im Kreiſe einherging, wurde das Geſpraͤch immer lauter und allgemeiner, und Luiſo erſuchte ſchuͤchtern um die Erlaubniß, ſich hinweg begeben zu duͤrfen. „Laßt uns nicht glauben, daß ihr eurer Freun⸗ de bereits uͤberdruͤßig ſeyd, gnaͤdige Frau,“ rief Wolfſtein,„dies waͤre in der That undankbar, denn eure Gegenwart iſt uns allen ſo werth, wir uns unmoͤglich ſchon von euch trennen koͤnnen. — Rufo, ich habe euch noch nicht meinen Gluͤck⸗ . wunſch uͤber die euch neulich ſo wohlgelungene Un⸗ ternehmung gebracht; beſſer haͤtte man es nie von einem ſo jungen, anerfahrenen Krieger erwarten koͤnnen.“ Aus Rufo's ſchwarzen Augen blitzten Fruer⸗ flammen, indem er, den vollen Becher an die Lip⸗ pen ſetzend, antwortete:„Moͤgen alle eure Fein⸗ de, Ritter, in ſo ſichere Haͤnde fallen, als die waren, worin der alte Marcheſe fiel! Aber in Wahrheit, ihr ſeyd gut bedient; B runo, und 125 der Pohle Zaſt row haben mir treulich beigeſtan⸗ den. Ich darf ſie ihres Antheils am Siege nicht berauben.“ „Wie habt ihr nur eigentlich die Sache aus⸗ geführt?“— „Auf eine hoͤchſt ernfache Weiſe; die Haupt⸗ Schwierigkeit lag einzig darin, den rechten Augen⸗ blick zu waͤhlen. Zwei oder drei Naͤchte lagen wir veergebens auf der Lauer; endlich ſollte die entſchei⸗ dende Stunde heranruͤcken. Wir paßten ihm nahe an dem Caſſino auf, wo er bis ſpaͤt in die Nacht hinein beim Spiele ſaß; gerade hatte er ſeine Gondelfuͤhrer verabſchiedet, und wollte in die Halle ſeines Pallaſtes hineingehen, als ich ihm das Hin⸗ tere ſeines Mantels uͤber den Kopf ſchlug, und die Dolche des Bruno und Zaſtrow bald dem Dinge ein Ende machten. Wir bemaͤchtigten uns unverzuͤglich ſeines bei ſich habenden Gewinnſtes, und warfen den alten Herrn dann, ohne weiteres Geraͤuſch in den Canal. Ich will nicht prahlen; aber gewiß kam ſelten Jemand ſo ſchnell, ruhig und ſicher aus der Welt. Schon um zwei 14 waren wir wieder nach Haufe.“ 126 „Ich werde dir meinen Dank ſchon abzutra⸗ gen wiſſen, Freund Rufo,“ ſagte der Herr des Schloſſes, mit einem Grauſen erregenden Ausdruck von Zufriedenheit.„Was meint ihr dazu, Bru⸗ no und Zaſtrow in die Gebirge zu ſenden? Sie wuͤrden dort dem Dinge einen herrlichen Aus⸗ ſchlag geben.“— 1— 3 „Gewiß Ritter; aber ſie ſind nicht einmal noͤthig; der Ranutzo hat ſchon einen Haufen trefflicher Geſellen um ſich. Warum ſollten wir unſere Macht hier ſchwaͤchen? Ueberdieß erfordern dieſe vorkommenden, mitternaͤchtlichen Expeditio⸗ nen eine reichlich ſo feſte Hand, und ein eben ſo eiſernes Herz, als die Berg⸗Abentheuer. Nein, nein, wir koͤnnen dieſe Leute nicht entbehren.“ „Du ſollſt deinen Willen haben,“ entgegnete Wolfſtein beſaͤnftigend, denn der junge Raͤu-⸗ ber, jetzt durch Wein und Lobſpruͤche erhitzt, wurde immer lauter und heſtiger in ſeinem Benehmen. Pandulfo's Augen ruheten oft auf der jungen Frau, und er bemerkte ohne große Schwierigkeit, daß die ſchrecklichen Entdeckungen, welche ſie in dieſem Augenblicke vielleicht zuerſt mache, ihr kaum noch Kraft uͤbrig ließen, ſich auf ihrem Sitze auf⸗ recht zu erhalten. Waͤhrend Rufo nun immer⸗ mehr mit der Außzaͤhlung ſeiner eigenen Verdienſte beſchaͤftigt war, verſuchte er ihr leiſe zuzufluͤſtern: „Ich fuͤrchte, gnaͤdige Frau, unſer eigentli⸗ ches Gewerbe iſt euch erſt jetzt kund geworden, und wenn dem ſo iſt, werdet ihr vielleicht fruͤhere, lang genaͤhrte Vorurtheile zu uͤberwinden haben; euch aber darein zu ergeben, oder wenigſtens den Schein davon anzunehmen, bis Gewohnheit euch mit der Nothwendigkeit verſoͤhnt, iſt alles, was euch uͤbrig bleibt. Sucht euren Widerwillen zu verbergen, er koͤnnte leicht euer Loos noch ſchlim⸗ mer machen.“ Betroffen durch den Ausdruck in ſeinem Ge⸗ ſichte, welcher die Wildheit ſeiner Züge um ein Großes milderte, ſagte Luiſe:„gewiß ſehd ihr kein Raͤuber von Natur.“ „Ihr urtheilt ganz rlchtig; ein Schritt ab⸗ waͤrts vom Wege des Rechts, richtete mich zu Grunde, oder noͤthigte mich vielmehr, eine mir bis dahin ganz fremde Lebensweiſe zu beginnen. In meinem ſechzehnten Jahre haͤtte ich mir wahr⸗ lich dies nicht traͤumen laſſen; doch, ihr ſeht, edle Frau, wie Gewohnheit das Herz des Menſchen 128 verhaͤrten kann. Wozu mich auch immer die Na⸗ tur beſtimmt haben mag, dennoch bin ich jetzt ein Raͤuber.“— Es ſchien etwas Gezwungenes in der Feſtigkeit zu liegen, mit welcher er ſich beſtrebte, die letzteren Zorte hervorzubringen; ein tiefer Seufzer ent⸗ ſchluͤpfte ihm ſogar unwillkuͤhrlich. Jetzt ſtand der Ritter auf, und gebot dem Hauptmann ſeine Ge⸗ malin in das anſtoßende Gemach zu fuͤhren, wohin die uͤbrigen Gaͤſte, einige wenige ausgenommen, welche ihren Durſt noch nicht hinlaͤnglich geſtillt hatten, folgten. Zanina eilte ihre Gefaͤhrtin⸗ nen herbeizuholen, und nachdem Luiſe noch ei⸗ nem Ballet zugeſchaut hatte, war es ihr vergoͤnnt, ſich hinweg zu begeben. So war die Geſellſchaft beſchaffen, mit wel⸗ cher die Ungluͤckliche beſtimmt ſchien, den noch uͤbri⸗ gen Theil ihres Lebens hinzubringen. Viele Tage glichen voͤllig dem eben beſchriebenen; Tage des Schmerzes, Abſcheus und groͤßten Elends ſchli⸗ chen langſam voruͤber, und oft hatte es den An⸗ ſchein, als ſey es unmoͤglich, noch mehr Ungluͤck auf ihr Haupt zu haͤufen. Einige Zeitpunkte indeß, in denen der Ritter ſich Wochen, ja oft Monate 129 kang vom Schloſſe entfernte, gehoͤrten zu den ru⸗ higern ihres gegenwaͤrtigen Lebens. Auſſer Felir und der treuen Barbara, gab es hier Niemand, den ſie ohne Schauder betrachten konnte, obgleich ihr Widerwille gegen Pandulfo geringer war, als gegen die Uebrigen; ihr Abſcheu gegen Rufo kannte keine Grenzen, und ſeine Geſinnungen gegen ſie ſchienen voͤllig den ihrigen zu entſpre⸗ chen. Einſt, waͤhrend einer ungewoͤhnlich langen Abweſenheit des Schloß⸗Herrn, leuchtete aus des Moͤnchs Angeſicht, der wenig im Stande war ſich zu verſtellen, ein Ausdruck ſteudigen Dank⸗ Gefuͤhls.——— „Ach, Vater,“ ſagte Luife, indem ſie ihn ernſt anblickte,„was kann ſich unter dieſem Dache zugetragen haben, das ein ſolches Laͤcheln uͤber eure Zuͤge verbreitet?“— „ Lächelte ich, Tochter?— Frage mich nicht; ich moͤchte dich ungern zur Mitwiſſerin ei⸗ nes, von mir ausgefuͤhrten, gefaͤhrlichen Unterneh⸗ mens machen.“— „Und doch ſcheint es euch erheitert zu haben,“ rief Luiſe, indem ſie in Thraͤnen ausbrach;„ach W. v. W. III. 9 130 wann wird ein Strahl der Heiterkeit auch in mein Herz dringen, wann werd' ich einmal wieder laͤcheln koͤnnen?“ Jetzt vermochte der geruͤhrte Alte ſein Ge⸗ heimniß nicht laͤnger zu bergen; er erzaͤhlte ihr, wie es ihm gelungen ſey, die reuige Nonne wieder nach Venedig zuruͤckzufuͤhren, und ſie in welt⸗ licher Tracht, und unter Verſchweigung ihres vo⸗ rigen Standes, in ein Kloſter buͤßender Schwe⸗ ſtern zu bringen, die unter ſtrengen Ordensregeln lebten, wo ſie auf ſein Verwenden, ohne weitere Probezeit, ſogleich eingekleidet, und alſo im Stan⸗ de ſeyn werde, ihr voriges fuͤndhaftes Leben, durch ſtrenge Buß⸗Uebungen und heiligen Wandel, wie⸗ der gut zu machen. Luiſe hoͤrte erſtaunt zu, und bezeigte ihre Verwunderung, wie er eine ſolche That habe in's Werk richten koͤnnen. „Kind,“ erwiederte er,„die Ueberzeugung, daß nicht alle Bewohner dieſes Schloſſes gaͤnzlich verſtockt in der Suͤnde ſind, gereicht zu meiner nicht geringen Freude. Man hat mir Huͤlfe gelei⸗ ſtet, ſonſt haͤtte ich mein Vorhaben wohl unausge⸗ fuͤhrt laſſen muͤſſen. Sey verſichert, Tochter, wie hart auch die Qualen ſeyn moͤgen, die wir hier 131 an dieſem Orte erdulden muͤſſen, ſo ſind wir doch nicht vergebens hierher gebracht worden.“ Er fuhr nun fort, ihr zu berichten, wie Pan duſfo jede Gelegenheit aufgeſucht, ſich im Geheim mit ihm zu unterhalten, ja, wie er ſo⸗ gar Krankheit vorgeſchuͤtzt habe, um ungeſtoͤrt ſei⸗ nen Ermahnungen zuhoͤren zu koͤnnen. Er ſey ſogar ſchon Willens geweſen, aus dieſem ſuͤndhaf⸗ ten Ort fort, in ein Kloſter zu fliehen, habe ſich aber auf ſeinen Rath entſchloſſen, hier zu bleiben, um das Boͤſe, ſo viel es in ſeiner Macht ſtehe, abzuwenden, und vorzuͤglich dahin zu wirken, das Schickſal der in den unterirdiſchen Gefaͤngniſſen ſchmachtenden Ungluͤcklichen zu lindern. 3 Mit ſeiner Huͤlfe hatte auch Felix dieſe Ker⸗ ker beſucht, hatte den Gefangenen geiſtigen und leiblichen Troſt zugefuͤhrt, und dem Hauptmann die Mittel angegeben, wie ihr Schickſal, ſelbſt waͤhrend Wolfſteins Anweſenheit, zu erleich⸗ tern ſey. Wenn der Ritter abweſend war, pflegte Rufo ihn gewoͤhnlich auf ſeinen Streifzuͤgen zu begleiten, Scharaffa aber ward jedesmal als treuer Waͤchter dort gelaſſen; dennoch gelang es den beiden Verbuͤndeten ihn zu uͤberliſten. 9* 132 Schon mehrere Tage nach der Flucht der Nonne, ſuchte der Elende dieſe vergebens; alles aber wurde ſo geheimnißvoll betrieben, daß keine Spur von ihr aufzufinden war, und er ſich alſo mit der Hoffnung ſchmeichelte, ſie habe ihrem un⸗ gluͤcklichen Leben in den Wellen ein Ende gemacht, und er ſey nun ſeine beſchwerliche Buͤrde los. Wolfſtein hegte durchaus keinen Verdacht, viel⸗ mehr ſetzte er ein blindes Vertrauen in die Einfalt des Moͤnchs, und ahneie keineswegs, wie es die⸗ ſem ſchon nach Verlauf weniger Monate gelungen ſey, den Commandanten der Truppen und zwanzig ſeiner Leute, völlig auf den Weg der Bekehrung zu bringen. Jeder von dieſen Menſchen betrachtete Felix als einen vom Himmel Geſandten, um ihn vom Verderben zu retten, und eine ſanfte Er⸗ mahnung von ſeinen Lippen wuͤrde den lauteſten Befehl des Ritters uͤberſtimmt haben. Selig uͤber den gluͤcklichen Erfolg des Wortes welches er ver⸗ kuͤndete, lebte der gute Moͤnch jetzt ſeine Tage hin, indem er ſogar den Verluſt ſeiner heiligen Buͤcher pries, weil ihn das eifrige Studieren derſelben vielleicht mehr von den Menſchen um ſich herum abgezogen haben wuͤrde.— 133 So ſtanden die Sachen im Innern des Schlof⸗ ſes; ſchon war der Monat November herangeruͤckt, und mit ihm die Feier eines jener ſchwelgeriſchen Feſte, welches Wolfſtein, ſeiner Gewohnheit gemaͤß, zum Andenken irgend einer gelungenen, ggeheimnißvollen Unternehmung gab. Auch Lui⸗ ſen war geboten, bei dem Feſte gegenwaͤrtig zu ſeyn, ein Befehl, der jetzt ſeltner an ſie gelangte, als in der erſten Zeit ihrer Verheirathung, und hier ſollte ſich ein Streit erheben, der leicht von den blutigſten Folgen haͤtte ſeyn koͤnnen. Die ſchoͤne Venetianerin Zanin a behauptete auch heute, wie gewoͤhnlich zur Rechten des Schloß⸗ Herrn, ihren Platz. Zufaͤllig war Wolfſtein in ein Geſpraͤch zu ſeiner Linken verwickelt worden, bemerkte aber, indem er ſich ſchnell zu ſeiner ſchoͤ⸗ nen Nachbarin wandte, wie ſie, nachdem ſie den Becher mit ihren Lippen beruͤhrt hatte, ihn mit bedeutenden Blicken dem Corylo gab, welcher ihn ſogleich an's entgegengeſetzte Ende der Tafel zum Ruſo brachte, der neben Luiſen ſaß. Rufo nahm den Becher; das Auge leidenſchaftlich auufu die Venetianerin heftend, ſtand er ſchon im Begriff ihn zu leeren, als Wolfſtein ſchnell von ſeinem 134 Sitze aufſprang, und mit faſt von Wuth erſtickter Stimme ausrief:„Wenn euch euer Leben lieb iſt, ſo trinkt nicht!— Setzt den Becher nieder, oder ihr ſeyd des Todes!“— „Wenn es auch Gift iſt, will ich es dennoch ſchluͤrfen,“ rief Rufo eben ſo laut, indem er gleichfalls aufgeſtanden war. „So ſoll der Tropfen dir dann zu zift wer⸗ den, vermeſſener Gunſtling, denn Tod ſoll ihm folgen!“ Zanina, welche Wolfſtein in den Arm el, hinderte ihn fuͤr den Augenblick auf Rufo einzudringen, der ſchon zu ſeiner Vertheidigung ein Piſtol aus dem Guͤrtel gezogen hatte. Die bei Tafel anweſenden Officiere beſtanden einſtimmig darauf, daß der Beleidiger ſich unverzuͤglich aus dem Saale entfernen ſolle; er gab zuletzt, wiewohl zoͤgernd, ihren vereinten Vorſtellungen nach, waͤh⸗ rend der Ritter noch wie ein Wahnſinniger tobte und ſchrie. Schon in der erſten, allgemeinen Ver⸗ wirrung, hatte Pandulfo die faſt vor Schre⸗ cken ohnmaͤchtige Frau in ihre Gemaͤcher gefuͤhrt, weil er Greuel⸗Seenen fuͤrchtete, doch freuete es ihn, den Rufo bei ſeiner Wiederkehr nicht mehr 135 anweſend zu ſinden. Er vernahm, wie Wolf⸗ ſtein ſeine Drohungen blutiger Rache noch immer wiederholte, und alle Officiere ſich gegen jede zu veruͤbende Gewaltthat an ihren Cameraden auf⸗ lehnten. Endlich legte ſich das allgemeine Geſchrei wenigſtens etwas, und Pandulfo, der nach dem Ritter des groͤßten Anſehens unter den Uebri⸗ gen genoß, trug ruhig darauf an, die Folgen ei⸗ nes ſo willkuͤhrlichen Verfahrens reiflich in Erwaͤ⸗ gung zu ziehen. „Vorausgeſetzt auch, Ritter,“ ſagte er zu Wolfſtein gewandt,„daß wir alle uns leidend dabei verhielten, ſo bedenkt, i welchem Grade Rufo die Liebe der Soldaten beſitzt, und daß ein furchtbarer Haufe von ihnen, mit Bruno und Zaſtrow an der Spitze, ihn gewiß raͤchen wuͤrde. Ihr wißt ſelbſt am beſten, wie wenig ihr auf einen ſolchen Fall bereitet ſeyd.— Die heu⸗ tige Aufwallung iſt Wirkung des Weins; morgen wird jede Erinnerung daran geſchwunden ſeyn. Und war denn Rufo eigentlich zu tadeln?— Nein, wahrlich nicht; dort ſitzt die Schuldige! Haͤtte die ſchoͤne Zanina mir den Becher cre⸗ den, i wuͤrde wie Rufo gehandelt haben, und 136 wer von euch Andern wuͤrde es unterlaſſen ha⸗ ben?“— „Keiner!“ war die einſtimmige Antwort. „Gewiß,“ fuhr Pandulfo fort;„auch waͤre dazu nur eine Memme im Stande geweſen, die unſer tapferer Fuͤhrer nicht unter ſeiner Beſa⸗ bung dulden wuͤrde. Seyd alſo gerecht, Ritter, und geſteht, daß Rufo nicht umhin konnte, der Schoͤnen Beſcheid zu thun.“ Panduffo ſiegte, denn ſchon ſein Stand, ſo wie ſein Charakter, machten ihn maͤchtig im Schloſſe. Er nahm es uͤber ſich, den beleidigten Rufo aufzuſuchen, und ihn zu einer Art von Entſchuldigung gegen ſeinen Anfuͤhrer zu uͤberre⸗ den, wozu er ſich, obgleich mit vielem Widerwil⸗ len, dennoch verſtand. Zanina ward weinend auf ihr Zimmer geſchickt, und der Ritter naͤhrte in ſeinem ftuſtern Geiſte den Entſchluß, ſich bald hin⸗ laͤnglichen Erſatz fuͤr dieſe erzwungene Verſoͤhnung zu verſchaffen; diesmal aber ſollten ſeine Abſichten vereitelt werden. Am folgenden Tage, als die Gaͤſte ſich abermals zu dem Feſte verſammelten, erſchienen weder Rufo, noch Zanings verge⸗, bens ſuchte man ſie uͤberall, und gelangte dlich —- 137 zu der Ueberzeugung, daß Beide mit einander ent⸗ flohen ſeyn muͤßten, ein Umſtand, der Wolf⸗ ſtein zu den beunruhigendſten Betrachtungen Ver⸗ anlaſſung gab, denn der aus ſeiner Obhut gekom⸗ mene Vertraute bewahrte manches hoͤchſt gefaͤhrli⸗ che Geheimniß in ſeinem verraͤtheriſchen Buſen. VIII. Es war am Abend des 15ten Novembers, 1632, als beide feindliche Heereß unter der An⸗ fuͤhrung des Schwediſchen Loͤwen, Guſtav Adolphs, und ſeines nicht minder furchtbaren Gegners, Wallenſtein, ſich zum Kampfe be⸗ reit, auf Luͤtzen's Ebenen einander g enuͤber lagerten. Der Herzog von Friedland, durch ſeinen Sterndeuter berichtet, daß das Horoscop ſeines erhabenen Gegners auf deſſen Tod im No⸗ vember⸗Monate hindeute, hatte durch vielfaͤltig liſtige, und meiſterhaft ausgefuͤhrte Wendungen, die blutigenSchlacht bis zu dieſem Zeitpunkte zu verſchiehen gewußt. 138 Ein dicker, undurchdringlicher Nebel lag noch am verhaͤngnißvollen Morgen des 16ten uͤber die Gefilde verbreitet; erſt gegen Mittag, als die Sonne durchbrach, wurde der Vorhang aufgezogen, und man ſah zwei unermeßliche Heere einander gegenuͤber ſtehen. Waͤhrend Wallenſtein be⸗ muͤht war, ſeinen Truppen durch Ermunterung, Verſprechen und Drohungen Muth einzuhauchen, ſtimmten die Schweden mit einem Munde zum hellen Schalle der Trompeten und Pauken, die Lieder:„Eine feſte Burg iſt unſer Gott,“ und: „Es woll' uns Gott gnaͤdig ſeyn,“ an, und nun ging es auf den Feind los. Beide Theile fochten mit der groͤßten Verzweiflung; ſchon neigte ſich der Sieg auf die Schwediſche Seite, als den Kaiſerlichen eine Verſtaͤrkung von Pappen⸗ heim's Corps zu Huͤlfe kam, und der linke Fluͤgel der Schweden zuruͤckgedraͤngt wurde. Doch ſtets ſuchte der große Anfuͤhrer den Muth der Sei⸗ nen auf's Neue zu beleben, und ſo weit ſprengte er voran, um den Stand des Feindes zu recogno⸗ ſeiren, daß nur der Herzog von Sachſen⸗Lauen⸗ burg, nebſt wenigen Reutern ihm zus Seite blei⸗ ben konnten. In der Hitze der:Sees ſeines. 139 Plans ſtieß er auf eine kleine Anzahl Kaiſerlicher Kuͤraſſiere, die, von einem jungen Manne ange⸗ fuͤhrt, ſich uͤberall da hinzubegeben ſchien, wo die Gefahr am groͤßten war. Der junge Anfuͤhrer des Haͤufleins warf ſich mitten unter die heran⸗ ſprengenden Schweden, indem er dem Monarchen laut zurief: ſich zu ergeben! Guſtav, auf den Verwegenen zielend, erhielt von einem der Kaiſer⸗ lichen einen Schuß in den Arm, waͤhrend die Ku⸗ gel des erſten, ihn ſo kuͤhn auffordernden Gegners, ihm faſt im naͤmlichen Augenblicke in den Leib drang, und er mit dem Ausruf: mein Gott, mein Gott! vom Pferde ſank. Die wenigen, ihn um⸗ gebenden Schweden, jagten im Gallopp zu ihrem Hauptcorps zuruͤck, die Trauerpoſt vom Falle ihres Koͤniglichen Helden zu melden, waͤhrend der junge Krieger, aus deſſem Gewehr die tödtende Kugel geflogen war, unverzuͤglich vom Pferde ſprang, * und laut uͤber Desmond rief, ihm zur Hinweg⸗ ſchaffung des ſterbenden Monarchen behuͤlflich zu ſeyn; indem ſie ſich aber bemuͤheten, ihn ſanft von der Erde aufzuheben, fela er todt in ihre Arme. A 140 Die Diviſion Pappenheim, von welcher Lindau's Schwadron einen Theil ausmachte, wurde jetzt zum Angriff commandirt, und da Wallenſtein und Desmond als Freiwillige unter dem Corps des Markgrafen dienten, ſahen ſie ſich genoͤthigt, in aller Eile zu den Ihrigen zu ſtoßen, und den Koͤniglichen Leichnam liegen zu laſſen; Desmond aber ſchwenkte im Hinangal⸗ loppiren ſeinen Hut, und rief laut:„Lang lebe Ferdinand!— Guſtav iſt todt!“— Sobald Lindau, der dieſe Worte im Ge⸗ tuͤmmel vernommen hatte, nur einen Augenblick Muße gewann, fragte er den Lieutnant, was ſie bedeuten ſollten, worauf dieſer ihm die That ſei⸗ nes Freundes berichtete. Die eilige Flucht des Herzogs von Sachſen⸗Lauenburg, der in dem Augenblicke, da die Kugel ſeinen hohen Ver⸗ buͤndeten traf, ſchnell zu den Schweden zuruͤckeilte, (vielleicht aus Furcht, ſein Schickſal mit ihm thei⸗ len zu muͤſſen,) hat wahrſcheinlich Gelegenheit ge⸗ geben, ihn der ſchwarzen That des Koͤnigs⸗Mords zu zeihen, da viele Geſchichtſchreiber behaupten, er ſelbſt habe dieſe Kugel auf Guſtan Adolph abgeſchoſſen. 3 141 Mitten im Tumulte der Schlacht gelang es dem tapfern Bernhard, Herzog von Sachſen⸗ Weimar, das Geruͤcht zu verbreiten, der Koͤnig befinde ſich am Leben, ſey aber in die Haͤnde der Feinde gerathen, und der Gedanke, den geliebten Monarchen aus denſelben wieder zu befreien, be⸗ ſeelte die Krieger mit faſt uͤbernatuͤrlicher Kraft und Wuth. In dieſem fuͤrchterlichen Kampfe empfing Pappenheim eine toͤdtliche Wunde, und indem man ihn aus den Reihen forttragen ſah, erhob ſich ein allgemeines Geſchrei, die Schlacht ſey verloren. Lindau mit ſeinen Frei⸗ willigen thaten Wunder der Tapferkeit, allein es ſchien in den Geſtirnen beſchloſſen, daß, obgleich Guſtav Adolph ſeinen Tod auf dieſem Schlacht⸗ felde finden, dennoch ſein Name den Schweden Sieg verleihen ſolle. Der dicke Nebel, welcher den Morgen ver⸗ finſtert hatte, ſenkte ſich gegen Abend wieder uͤber beide Heere hernieder, waͤhrend der Ruͤckzug des Herzogs von Friedland, der einen großen Theil ſeines Geſchuͤtzes im Stiche laſſen mußte, den Schweden den ſo theuer errungenen Lorbeer zuerkannte. Der hochfahrende Geiſt des Kaiſer⸗ 142 lichen Heerfuͤhrers gerieth in die aͤuſſerſte Wuth, als er erfuhr, daß ſein Nebenbuhler ihn noch nach ſeinem Tode aus dem Felde getrieben habe; ſein Zorn daruͤber aͤuſſerte ſich in furchtbar ſtren⸗ gen Strafgerichten. Sobald er wieder in Boͤh⸗ men angelangt war, ließ er eine große Anzahl Officiere ohne Verhoͤr hinrichten, waͤhrend die Namen vieler andern am Galgen unehrlich erklaͤrt wurden; hingegen haͤufte er Schaͤtze und Gnaden⸗ ertheilungen auf diejenigen, welche ſich beſonders ausgezeichnet hatten, oder deren Beguͤnſtigung ſein Privat⸗Intereſſe heiſchte. Octavio Piccolo⸗ mini erhielt aus ſeiner Hand ein Geſchenk von 10000 Thalern. Sobald es zu ſeiner Kunde gelangte, daß eine Abtheilung des Lindau'ſchen Huſaren⸗ Regiments den Schwediſchen Monarchen im Au⸗ genblicke des Todes umringt, und auch der Mark⸗ graf ſelbſt mit ſeiner Schwadron ſich vorzuͤglich tapfer bewieſen habe, ließ er den jungen Obriſten zu ſich rufen, ſchlug ihn zum Ritter, und be⸗ ſchenkte ihn mit einem Saͤbel, 300 Thaler an Werth, nebſt zwei köͤſtlichen Pferden. Etwas, dem Herzoge Unbegreifliches, ſchien aber auch nach 143 dieſer Gnadenſpende noch auf dem Geſichte des jungen Kriegers zu liegen, weshalb er die Fra⸗ ge an ihn richtete;„ob er ſich vielleicht noch mit irgend einem Geſuch an ihn zu wenden habe?“ Der Markgraf erwiederte zoͤgernd:„Wißt ihr, gnaͤdigſter Herr, aus weſſen Hand Guſtav Adolph den Tod empfing?“ „Zeigt mir den Mann, und ich will meine ganze Macht erſchoͤpfen, um Belohnungen auf ſein Haupt zu haͤufen! Wo iſt er?“ „Ich kann ihn Ew. Hoheit nicht zeigen, denn ich weiß weder wo er iſt, noch wann oder wie eure Gunſt im Stande ſeyn wird, ihn zu erreichen; Guſtav aber ſiel durch die Hand en. res Sohnes, des Grafen Caſimir von Wal⸗ lenſtein.“ Ein krampfhaftes Zucken bemaͤchtigte ſi 3 aller Geſichts⸗Muskeln des Herzogs; niemand ver⸗ mochte jedoch zu errathen, ob dies durch die ſchnelle Wirkung der Freude oder des Schmerzes hervor⸗ gebracht werde. Er ſchwieg mehte Augenblicke, dann fragte er: „Seyd ihr deſſen gewiß, Lindau?“ 144 „So gewiß, als ich es von der Naͤhe Ew. Hoheit bin, und eben ſo ſicher iſt es, daß die naͤmliche Hand, unterſtuͤtzt von dem treuen, tapfern Desmond, zweimal den von uns allen beklagten Pappenheim aus der Gewalt der Feinde be⸗ freiete, ehe er ſeinen Todesſtreich empfing.“ „Caſimir iſt meiner wuͤrdig!“ rief der Herzog, und indem er des Markgrafen Hand er⸗ griff, ſetzte er mit einer Thraͤne im Auge hinzu: „Iſt er in Sicherheit, Lindau?“ 2 „Ich weiß es nicht, gnaͤdigſter Herr, denn als jener dichte Nebel alle Gegenſtaͤnde wie mit ei⸗ nem Schleier bedeckte, wurden wir getrennt, und ich habe nachher weder von ihm noch von ſeinem Cameraden irgend eine Spur gehabt.“ „Markgraf, ich habe euch einen Beweis gege⸗ ben, daß ich das Verdienſt auszuzeichnen, und er⸗ wieſene Dienſte zu ſchaͤtzen verſtehe. Wenn Caſi⸗ mir euch ſucht, liefert ihn mir ohne Widerrede aus. Ihr braucht weder fuͤr ihn zu fuͤrchten, noch duͤrft ihr euch deshalb eines Verraths anklagen, wenn ihr einen Sohn den Armen des Vaters wie⸗ der uͤbergebt. Jeder Verſuch aber, ihn freiwillig zu dieſem Schritte zu bringen, wuͤrde unnuͤtz ſeyn; — 145 ihr muͤßt durch Liſt das zu erlangen ſuchen, wofuͤr er euch einſt danken wird.— Habe ich enes Wort?“— „Gnaͤdigſter Herr, es ſeht in eurer Macht, uͤber mein Leben zu gebieten, bis jetzt aber iſt meine Ehre von jedem Flecken rein, und, erlaubt mir hinzuzuſetzen, daß ich ſie makellos erhalten moͤchte.“ „Ihr ſeyd eben ſo hartnäͤckig in Boruntheile befangen, als Caſimir ſelbſt es war; ich aber habe keine Zeit an enre Heilung zu verſchwenden, und ihr werdet es daher nicht uͤbel auslegen, Obriſt, wenn ich euch ſtrenge bewachen laſſe.“ Mit dieſem Winke ſchieden ſie von einander. — Der naͤchſte Officier, den der Herzog fordern ließ, um ihn nach Verdienſt zu lohnen, war ſein theurer Schwager, Graf Harrach, der ſchon, Ungluͤck ahnend, ſein Auge zu den an den Galgen befeſtigten Namen erhoben, gluͤcklicher Weiſe den ſeinen aber nicht unter der Anzahl derſelben erblickt hatte. „Harrach,“ hub der Herzog an, indem er das Auge ſcharf auf ihn heftete,„mein guter Nath fuͤr euch iſt kurz und buͤndig der, den ſammt⸗ W. v. W. III. 3 10 146 nen Rock ohne Verzug wieder anzuziehen. Ich habe die Entdeckung gemacht, daß Hofluft eurer Geſundheit beſſer bekommt, als die freie Luft im Felde, weil hergebrachte Foͤrmlichkeit und Hoͤflich⸗ keit ſo mit eurer Natur verwebt ſind, daß ihr es ſogar nicht uͤber euch gewinnen koͤnnt, den Feind etwas unſauber anzugreifen. Nit einem Wort, Herr,“ ſetzte er mit einer ſo furchtbaren Stimme hinzu, die ein krampfhaftes Zittern in allen Glie⸗ dern des armen Grafen erregte,„ihr ſeyd eine Memme, und waͤret ihr nicht der Bruder von Ca⸗ ſimirs Mutter, ſo wuͤrde ich euch den Beweis davon noch auf eine andere Art geliefert haben. Geht heim, und denkt uͤber das Geſagte gehoͤrig nach!“—. Den ſehr verſtaͤndlichen Worten des theuern, erhabenen Bruders, wurde auf der Stelle Gehor⸗ ſam geleiſtet. Graf Harrach kehrte an den Hof zuruͤck, ſteckte ſich wieder in die alte Galla⸗Klei⸗ dung, trug aber vor allen Dingen Sorge, ſein Ge⸗ heimniß treulich fuͤr ſich zu bewahren. Noch am naͤmlichen Abend, da Lindau ru⸗ hig in ſeinem Quartiere ſaß, um der geliebten Schweſter brieflich einen umſtaͤndlichen Bericht von 147.. der Schlacht bei Luͤtzen zu geben, trat ein Mann, in einen Reuter⸗Mantel gehuͤllt, zu ihm hinein. Nachdem er ſorgfaͤltig die Thuͤre hinter ſich ver⸗ ſchloſſen, warf er den Mantel ab, und ſagte mit der wohlbekannten Stimme:„Ich weiß, daß ich bei euch ſicher bin, Lindau.“ „Das iſt mehr als ich behaupten kann, lieber Graf,“ erwiederte dieſer, indem er in aller Eile aufſprang, und der Schildwache gevot, Niemand hereinzulaſſen, und wenn eine Ordre vom Herzoge kaͤme, ihn hinauszurufen. Wallenſtein theilte ihm jetzt in aller Kuͤrze mit, daß die Hoffnung, durch ihn vielleicht Nach⸗ richt von ſeinem Freunde, den er ſeit dem Ausbruch des Nebels am Abend des 16ten Novembers ver⸗ mißt, ihn vermocht habe, ſich ſo in die Naͤhe ſei⸗ nes Vaters zu wagen. Vergebens hatte er an dem folgenden Tage das Schlachtfeld von Luͤtzen nach ſeinem Leichname durchſucht, nirgends aber ſey auch nur die geringſte Spur von ihm zu finden gewe⸗ ſen.— Lindau verſprach alles nur in ſeiner Macht ſtehende zu thun, um Desmond leben⸗ dig oder todt wieder aufzufinden, und als er ihn auf dieſe Weiſe, uͤber den ihm am Herzen liegenden 10* 7 948 Gegenſtand, wenigſtens etwas zu beruhigen geſucht hatte, fing er an ihn hinſichtlich ſeiner Geſinnung gegen den Vater auszuforſchen, und gab ſich alle Muͤhe, zu einer Ausſoͤhnung beizutragen. Nachdem alles Zureden vergeblich ſchien, ſagte er:„Wahrlich, Graf, ich haͤtte euch nicht fuͤr ſo verſtockt gehalten; euer Vater ſehnt ſich nach euch, und welcher Sohn auf der Welt wuͤrde es nicht ruhmvoll halten, dieſen großen, unbegreiflichen Mann Vater zu nennen?“ „Das Geheimniß wird euch einſt klar wer⸗ den, Lindau; ihr ſeyd jetzt nicht im Stande, zwiſchen mir und dem Herzog zu richten. Sey es euch alſo fuͤr die Gegenwart genuͤgend, daß ich mit einem Herzen voll kindlicher Zaͤrtlichkeit, ja, ſogar mit Begeiſterung an die Perſoͤnlichkeit des Vaters haͤngend, geblendet durch ſeinen hohen Genius, ſtolz auf ſeinen Ruhm, dennoch auf immer von ihm getrennt bin.— Und jetzt dringt nicht weiter in mich, ich darf nicht mehr uͤber dieſen Gegenſtand ſagen.“. Kaum waren dieſe Worte geſprochen, als ein leiſes Geraͤuſch an der Thuͤr vernehmbar ward, und der Herzog hereintrat. — 149 8* „Erſtaunt nicht, Markgraf,“ eief er,„ich ſagte euch vorher, daß ihr bewacht wuͤrdet!— Wie aber, Graf, muß ich gezwungen ſeyn, meine Zuflucht zur Liſt zu nehmen, um mir eine Unter⸗ redung mit einem unnatuͤrlichen Sohne zu ver⸗ ſchaffen?— Schlaft wohl, Markgraf!“— Bei dieſen Worten ergriff er des jungen Gra⸗ fen Arm, entfernte ſich mit ihm aus Lindau's Quartier, und fuͤhrte ihn, ohne weiter eine Silbe zu ſprechen, in ſein eigenes. Nachdem er die Thuͤr 92 des Zimmers wohl verwahrt hatte, ging er, ſei⸗= ner Gewohnheit gemaͤß, wenn etwas ihn heftig bewegte, mit großen Schritten mehrere Male in ſeinem Gemache auf und ab, ſtand dann ploͤtzlich mit verſchraͤnkten Armen vor dem Sohne lle. und fragte mit ernſtem Blicke:— „Eieb mir Antwort, ſind wir Freunde oder Feinde?“ „Ich bin euer Freund, Vater, der Freund eurer Ehre, eures Gewiſſens, eures ewigen Frie⸗ dens.“ „Gewinſel, nichts als heuchleriſches Gewin⸗ ſel, unwerth eines Mannes und Kriegers!— Zrgend ein Prieſter, ein verkappter Fanatiker muß d 150 dich bezaubert haben! Caſimir, wo iſt deine wahre Lebensweisheit? Sohn, vermoͤchte ich es doch uͤber dich, daß du dieſe weibiſchen Ketten, die dich entehren ,von dir wuͤrfeſt!— Du be⸗ Höeſt beides, Verſtand und Kraft, das Hohe mei⸗ nes Plans zu begreifen, und in Ausfuͤhrung zu bringen;— denke nur einen Augenblick daruͤber nach, was wir vereint zu wirken im Stande waͤ⸗ ren!“— 8 „Wir vermoͤchten uns zu der hoͤchſten Hoͤhe menſchlicher Groͤße zu ſchwingen; aber Vater, taͤuſcht euch nicht, nie werde ich es um einen ſolchen Preis unternehmen. Nicht fuͤr alle Kronen der Welt will ich meine Seele dem Teufel ergeben!“— „Weibiſcher, unbaͤrtiger Knabe!— Wo iſt denn dieſer Teufel, und wer iſt er?— Das Ammenmaͤhrchen eines alten Weibes, um die Kin⸗ der damit zur Ruhe zu ſcheuchen!— Selbſt Moͤnche muͤßten uͤber dich lachen!— Ich hoffte, Caſimir, Zeit und Umſtaͤnde wuͤrden der kind⸗ lichen Liebe zu Huͤlfe kommen, und dich ſchon fru⸗ her in die Arme deines Vaters zuruͤckgefuͤhrt haben. Siehſt du denn nicht,“ ſetzte er feierlich hinzu, „daß ſowohl Schickſal als Natur dich zu meinem 151 Berbuͤndeten, zu meinem maͤchtigſten Beiſtand aus⸗ erkohren haben? War es nicht deine Hand, die unter Tauſend erwaͤhlt wurde, an Guſtav Adolph das Gericht zu vollziehen, welches ſchon in der Stunde der Geburt ſeine Stunde des To⸗ des beſtimmte? Fuͤhlſt du es denn nicht, daß du dich eben ſo ſtraͤflich dem Geſchicke widerſetzeſt, als du die Bande der Natur mit Fßen trittſt, und wagſt du es in deiner blinden Verzweiflung, dich gegen den großen, ewigen, unwiderſtehlichen Lauf der Dinge aufzulehnen? Bedenke, daß auch ohne dich das Unvermeidliche geſchehen wird!“— „Ja, mein Vater, ich habe geleſen, daß Aergerniß kommen muß; aber wehe dem Menſchen, durch den es kommt!— So lange die Welt ſteht hat es nicht daran gefehlt, doch entſchuldigt dies den Suͤnder nicht. Verrath, Meineid und Gewaltthat ſi ſind ſtets geuͤbt, und werden ferner geuͤbt werden, aber ich will mich deshalb nicht ihrer theilhaftig machen. Wenn es auch nicht immer in meiner Macht ſteht, das Boͤſe zu hintertreiben, will ich wenigſtens die Summe deſſelben nicht ver⸗ mehren.“ 8 15²2 „So will ich dir denn das Hoͤchſte ſagen, was du im Stande biſt durch deine Widerſpenſtigkeit auszurichten. Du kannſt deines Vaters Herz mit Kummer beladen, kannſt ihn dazu treiben, das Andenken derjenigen zu verwuͤnſchen, durch deren Milch dieſe grillenhaften, halsſtarrigen Grundſätze genahrt ſind; aber nimmer gelingt es dir, mich auch nur einen Schritt ruͤckwaͤrts zu leiten, von dem einmal begonnenen Pfade.“ Caſimir ſtand mit uͤbereinander geſchlage⸗ nen Armen, das Auge auf den Boden geheſtet, ſtumm da, waͤhrend ſein Vater, der ihn aufmerk⸗ ſam betrachtete, jetzt einen gelinderen Ton an⸗ ſtimmte. „Es ſcheint,“ ſagte er,„als habe ſich dein Eigenſinn ſchon an dir geſtraft; wie mager und abgezehrt du ausſiehſt!— Nein, die Natur be⸗ ſtimmte dich nicht zu der Rolle, die du ſpielſt;— gieb ſie auf, Sohn!“— Bei dieſen Worten oͤffnete er ſeine Arme, und Caſimir, deſſen kindliches Gefuͤhl ihn noch im⸗ mer maͤchtig zum Vater hinzog, ſtuͤrzte ſich, von demſelben uͤberwaͤltigt, hinein; fuͤr den Augenblick war aller Streit, alle Verſchiedenheit der Mei⸗ 7 nung vergeſſen. Noch hielt der Herzog den einen Arm um den Nacken des Sohnes geſchlungen, und ſchauete ihn an, als halte er ihn wenigſtens fuͤr halb uͤberwunden.„Sprich ein Wort, Ca⸗ ſimir,“ ſagte er mit ungewohnter Milde, und es bleibt immer ſo unter uns.“ 8 „Ach, Vater, daß dies Wort nie zeſprochen werden darf!“— „So ſey es denn genug! Schon zu viel Zeit habe ich verſchwendet, das Unerreichbare zu erlan⸗ gen, und da das, was ſeyn muß, ſeyn wird, uͤber⸗ laſſe ich dem Schickſale das Uebrige.— Wahr⸗ ſcheinlich aber dringt die Zeit nicht ſo auf dich ein, daß du deinem alten Feldherrn nicht noch einige Stunden ſchenken, und mit ihm zu Nacht eſſen koͤnnteſt?— Ich hoffe, du wirſt heute Abend mein Gaſt ſeyn?“— 4 „Mit Vergnuͤgen, gnaͤdigſter Herr.“ „Nun, ſo laß allen fruchtloſen Zank unter uns enden; ich will zu Lindau und Winterfeldt ſchicken, wir wollen ein gemuͤthliches Maßl us einander halten.“ 5 1 Die beiden Officiere gehorchten willig dem Ruſe, und der letztere begruͤßte den jungen Grafen um ſo freudiger, da man ſich lange in der Armee zugefluͤſtert hatte, Vater und Sohn ſeyen mit ein⸗ ander entzweit, und mancher ſi ſich auch wohl ſchon im Geheim den Grund davon erklaͤrte. Zu dieſen Forſchern gehoͤrten indeß weder Lindau, noch Winterfeldt, die zwar Beide mit einem ge⸗ ſunden, maͤnnlichen Verſtande begabt, ſich doch keineswegs damit befaßten Complotte einzuleiten, ja, ſie nicht einmal ahneten, ſich alſo einzig mit dem Bedauern begnuͤgten, daß zwei ſolche Maͤn⸗ ner unter einander entzweiet ſeyn muͤßten. Froͤh⸗ lich und guter Dinge wohnten ſie dem Mahle bei, ohne den geringſten Verdacht zu hegen, dieſe Aus⸗ ſoͤhnung koͤnne nur ſcheinbar, und von kurzer Dauer ſeyn. Beide beklagten aufrichtig Des⸗ mond's Verſchwinden, vorzuͤglich Winter⸗ feldt, der ihn ſtets geliebt hatte; die Schlacht bei Luͤtzen wurde in der Erinnerung noch einmal gefochten, und Caſimir erzaͤhlte, auf des Va⸗ ters Bitten, die naͤheren Umſtaͤnde vom Falle des Koͤnigs von Schweden genaudr. Anſtatt aber ſich ſelbſt einen Schein von Wichtigkeit bei dieſer Gelegenheit zu geben, klagte er ſich zielnnaß wegen ſeiner Vorſchnelligkeit an. f 1 „Haͤtte ich nicht von der Hitze des Augen⸗ blicks hingeriſſen, den ungluͤcklichen Schuß gethan,“ ſagte er,„ſo wuͤrdet ihr, mein Vater, nun des Triumphs genießen, euch im Beſitz des gefangenen Helden zu ſehen; die Hoffnung eines ganzen, ta⸗ pfern Volks waͤre nicht vernichtet und die große Seele Guſtav Adolphs boͤnnte noch ferner durch ihre Tugenden der Welt zum Vorbild die⸗ nen.— Als Desmond den Koͤnig mit der Piſtole auf meinen Kopf zielen ſah, ſchoß er ihn durch den Arm, und auf dieſe Weiſe auſſer Stand geſetzt, ſich ferner zu vertheidigen, muͤßte er unfehl⸗ bar in unſere Haͤnde gefallen ſeyn, denn der Her⸗ zog von Sachſen⸗Lauenburg erwartete nicht den Erfolg, ſondern verließ ſeinen Herrn, ehe noch der Blitz unſeres Feuergewehrs voruͤber war.“ 1 „Der Abtruͤnnige!“ rief der Herzog;„waͤre er doch zu mir geflohen!“ „Wuͤrden Ew. Hoheit ihn bei ſich aufgenom⸗ men haben?“— fragten Lindau und Win⸗ terfeldt mit einer Stimme. „Ja, um ihn zur Warnung fuͤr meine Offi⸗ diere aufknuͤpfen zu laſſen.“ 156 Die ferneren Gegenſtaͤnde des Geſpraͤchs dre⸗ heten ſich fortwaͤhrend in aller Einigkeit um mili⸗ taͤriſche Gegenſtände, denn der Herzog verleugnete an dieſem Abende, voͤllig wider ſeine Gewohnheit, die, ſeit einiger Zeit angenommene Strenge und Einſilbigkeit des Betragens. Schon war die Nacht weit herangeruͤckt, ehe die Officiere ſich bei ihrem Anfuͤhrer beurlaubten, und unter herzlichem Haͤn⸗ dedruck von Caſimir ſchieden, den ſie nun in ſeinen vorigen Poſten wieder eingeſetzt zu ſehen hofften, da alles Vergangene vergeſſen ſchien. Nachdem ſie fort waren, ſagte der Herzog zu ſei⸗ nem Sohne: „Was auch deine ferneren Plaͤne ſeyn moͤgen, Caſimir, ſo glaube ich doch, daß es dir im ge⸗ genwaͤrtigen Augenblicke an Mitteln zu ihrer Aus⸗ fuͤhrung fehit.— Wahrſcheinlich iſt es nicht deine Abſicht bei mir zu bleiben, da meine bereits er⸗ griffenen Maßregeln und deine Meinungen ſich ſtets im Widerſpruche befinden wuͤrden; aber Mor⸗ gen, vor dem Scheiden, wollen wir uns auf alle Faͤlle noch einmal ſehen, denn obgleich du dich nicht auf meine Seite neigen willſt, kann ich dir doch 157 von weſentlichem Nutzen ſeyn, ohne deine Botut⸗ theile zu beleidigen.“ Nachdem ſie ſich freundlich eine gute Nacht gewuͤnſcht hatten, wurde der junge Wallenſtein in ein anſtoßendes Gemach gefuͤhrt, wo er eines erquickenderen Schlummers genoß, als er ſich ſeit Monden hatte erfreuen koͤnnen, denn die wieder beſtehende Herzlichkeit zwiſchen dem Vater und ihm, ſo verſchieden ihre Meinungen auch immer ſeyn mochten, trug nicht wenig zur Beru⸗ higung ſeiner Seele bei. Am folgenden Morgen fruͤhſtuͤckten Beide zeitig mit einander; der Herzog erkundigte ſich nach der gegenwaͤrtigen Abſicht des Sohnes, ein ſchwer zu beantwortender Punkt, da die er ſich ſelber von ſeinem naͤchſten Ziel keine klare Antwort zu geben vermochte. 4 4 „Es ſcheint mir,“ ſagte der Herzog,„als waͤreſt du noch im Zweifel, wohin du zunaͤchſt dei⸗ ne Schritte lenken wollteſt, und mit deiner Ge⸗ nehmigung will ich ihnen die gehoͤrige Richtung ge⸗ ben. In dieſem Augenblicke biſt du mein Gefan⸗ gener; hier behalten aber darf ich dich nicht, weil ich fuͤhle, daß ſchon die Luft, welche du aushauchſt, meinen Geiſt niederſchlaͤgt, und meine Schwung⸗ 158„ kraft laͤhmt. Ich will dich aber an einen Ort ſchicken, wo du ſicher ſeyn wirſt, bis meine Ab⸗ ſichten erreicht ſind.“ „Fuͤrchtet ihr mir meine Freiheit wieder zu geben?“ fragte. Caſimir unwillig. „Daruͤber wage ich kaum mir ſelbſt Rechen⸗ ſchaft abzulegen; indeß bin ich uͤberzeugt, daß die von mir ergriffenen Maßregeln der Klugheit ge⸗ maͤß ſind. Sie ſind der Erfolg reiflicher Ueberle⸗ gung, und koͤnnen durch keine Vorſtellungen er⸗ ſchuͤttert werden.“ „Dann will ich mich lieber aller enthalten.“ „Ein weiſer Entſchluß!— So lebe denn wohl, Caſimir!— Wenn wir uns wiederſe⸗ hen, bitte ich dich nicht mehr zu meinen Plaͤnen mitzuwirken, ſondern nur die Fruͤchte derfelben mit 8 mir zu theilen und zu genießen. Alles iſt dann unwiderruflich vollbracht, und da du die Unmoͤg⸗ lichkeit einſehen wirſt, geſchehene Dinge ungeſche⸗ hen zu machen, wird deine Weisheit dich hoffentlich jeder unnuͤtzen Klage uͤberheben. Noch einmal, 1 jebe wohl, Caſimir!“ Der Sohn konnte nicht umhin, die nach ihm ausgeſtreckte Hand des Vaters zu ergreifen, und 159 ſie mit Herzlichkeit an ſeine Bruſt zu druͤcken; dann eilte er die Stiegen hinunter, und ſprang, von zwei Officieren begleitet, in einen, von bewaffneten Reutern umgebenen Wagen. 8 11 Seit Rufo's und Zanina's Flucht war eine gewiſſe Unruhe und Unſtaͤtigkeit in Wolf⸗ ſtein's Betragen unverkennbar geweſen; ſelten verweilte er zwei Naͤchte hintereinander im Schloſ⸗ ſe, oft begab er ſich in Geſchaͤften, die ſeine per⸗ ſönliche Gegenwart erforderten, nach Venedig, oder andern benachbarten Orten, wohin er ſich manchmal ſogar durch eine Schaar bewaffneter Krieger begleiten ließ. So zahlreich ſeine Beſa⸗ tzung auch ſchon fruͤher geweſen war, ließ er ſie dennoch jetzt noch verſtaͤrken; verſchiedentlich ſah man ihn, ganz ſeiner Gewohnheit zuwider, her⸗ ablaſſend mit ſeinen Leuten reden, ihnen Geſchenke machen, kurz ein ganz anderes Betragen gegen ſie annehmen. Gegen die Officiere betrug er ſich 160 im Gegentheil mißtrauiſch, uͤbellaunig, ſuchte ſie oft von einem Orte zum andern zu verlegen, waͤh⸗ rend er den Neuangekommenen nicht geſtattete die Waͤlle zu verlaſſen, und ſie gewiſſermaßen im Zu⸗ ſtande der Gefangenſchaft hielt, als ſollten ſie ſtuͤndlich bereit ſeyn, ſich auf ſeine Anklage wider ſie gehoͤrig zu vertheidigen. Pandulfo genoß zwar noch ſcheinbar ſeiner Achtung und ſeines Ver⸗ trauens, bauete aber nicht auf dieſe aͤuſſern Zei⸗ chen, weil er bemerkte, daß manche ſeiner Came⸗ raden eben ſo freundlich als er behandelt, dann aber ploͤtzlich, ohne Weiteres abgedankt und gefan⸗ gen genommen wurden. An rechtliche Unterſuchung war freilich bei dieſem Betragen nicht zu den⸗ ken, da keine Thatſachen ſie verdammten, ſondern nur innre Furcht und Bewußtſeyn eigner Schuld, Wolfſtein ſo, und nicht anders handeln ließ. Bis zu dieſem Zeitpunkte hatte er immer, in der Ueberzeugung ſeiner Gewalt und Liſt, jeder Gefahr ruhig, ja ſogar veraͤchtlich entgegengeblickt, geſtuͤtzt auf das Vertrauen, welches er auf die Ueberlegenheit ſeines Verſtandes und ſeiner Raͤnke ſetzte. Doch eben durch dieſe Raͤnke ſah er ſich jetzt ploͤtzlich in ein Labyrinth verwickelt, aus dem 161 er den Faden ſelbſt nicht mehr zu finden vermochte, und bemerkte nun in der That, was er einſt fruͤher. hochmuͤthig ſcherzend, gegen den jungen Wallen⸗ ſtein aͤuſſerte:„daß er naͤmlich zu viele Figuren auf dem großen Schachbrette der Welt in Bewe⸗ gung zu ſetzen habe.“ Ueberdies hatte er nie die ihm zu Gebote ſtehenden phyſiſchen Kraͤfte geſpart, ſondern ſich ruͤckſichtlos von einem Taumel der Sinne in den andern geſtuͤrzt, bis nun das ganze Nervenſyſtem erſchuͤttert ſchien, und im Kampfe mit dem aͤuſſern und innern Feinde zu erliegen drohete. An einem ſchoͤnen, heitern Fruͤhlingsmorgen begab Luiſe ſich einſt in Begleitung ihrer treuen Barbara auf die Waͤlle, um friſche Luft eine zuathmen, und gewahrte dort, in einiger Entfer⸗ nung, Pandulfo neben einem andern Manne, der an Armen und Beinen leichte Feſſeln trug, die, wenn ſie ihn auch nicht gaͤnzlich am Gehen hinder⸗ ten, doch jede Entweichung unmoͤglich machten. Die Gegenwart der Frauen ſchien in dieſem Au⸗ genblicke dem Schloß⸗Hauptmanne ſo zur ungele⸗ genen Zeit zu kommen, daß er, der ſonſt jede Gelegenheit aufſuchte, ihnen zu nahen, ſich 2 a. v. W. III. 3 11 3 162 jetzt ploͤßlich umwandte, und ſeinen Begleiter auf⸗ eorderte ein Gleiches zu thun. „Aus irgend einer Urſache muß es Pandul⸗ fo unangenehm ſeyn, uns hier zu treffen,“ ſagte Luiſe zu ihrer Kammerfrau,„laß uns daher umkehren. Er kann es nicht ſcheuen, mir ſeine Nachſicht gegen einen der Gefangenen blicken zu laſſen; vielleicht aber will er es vermeiden, mich in ein gefaͤhrliches Geheimniß zu verwickeln.“ Bei dieſen Worten wandte ſie ſich ſchnell um; Bar⸗ bara aber, die noch hinter ſich blickte, rief ihrer Gebieterin zu: „Wie der arme junge Mann nech ſeine Feſ⸗ ſeln niedergedruͤᷣckt wird; er muß ſich an der Mauer aufrecht erhalten! Ach, gnaͤdige Frau, ſahet ihr jemals eine abgezehrtere Geſtalt? Und doch hat er einen ſo edlen Anſtand! Wer er nur ſeyn mag?“— „Wahrſcheinlich einer der vielen Ofſtiere, die im Laufe der letzten Monate beim Ritter in Un⸗ gnade gefallen ſind,“ entgegnete Luiſe. „Lieber Himmel,“ ſuhr Barbara im mit⸗ leidigen Tone fort,„der Hauptmann weiß nicht, 163 was er mit ihm anfangen ſoll! Er kann ſich nicht mehr allein fortſchleppen!“— Dieſer Ausruf veranlaßte Frau von Wolf⸗ ſtein ſich umzuſehen, und nun wurde auch ſie gewahr, wie der arme Gefangene vergebens ſtrebte ſich von der Mauer wieder empor zu richten, wäͤh⸗ rend Pandulfo ſichtlich zwiſchen der Furcht ih⸗ rer Annaͤherung, und Theilnahme mit der huͤlflo⸗ ſen Lage ſeines Gefaͤhrten kaͤmpfte. „Es iſt doch gewiß kein Verbrechen,“ ſagte Barbara,„dem Ungluͤcklichen zu Huͤlfe zu kom⸗ men!— Sehen Ew. Gnaden nur, wie verkehrt der baͤrtige Krieger ihn anfaßt!“— In dieſem Augenblicke lehnte der Hauptmann den voͤllig erſchoͤpften Gefangenen ſanft wieder ge⸗ gen die Mauer, und naͤherte ſich ihnen. 3 „Gnaͤdige Frau,“ ſprach er,„ich befinde mich in der groͤßten Verlegenheit. Jener junge Mann, den ihr dort ſeht, iſt ſchon ſeit mehreren Monaten auf dieſem Schloſſe gefangen geweſen,. und meiner beſondern Aufſicht mit ſo genauen Be⸗ fehlen uͤbergeben, die ich ſchon an und fuͤr ſich, ohne die aͤußerſte Gefahr fuͤr meine eigene Ehre, nicht wagen durfte zu uͤberſchreiten, wenn ich auch 11* 16 Scharaffa's ſpaͤhendem Auge zu entgehen hoff⸗ te. Nun iſt der arme junge Menſch ſehr krank geweſen, und nur die unermuͤdete Sorgfalt des Pater Felix hat ihm das Leben erhalten; da dien ſer heilige Mann mir aber ſagte, er werde ohne den Genuß der friſchen Luft dennoch ſterben muͤſ⸗ ſen, habe ich es an dieſem Morgen unternommen ihn auf die Waͤlle zu fuͤhren. Ihn gaͤnzlich ſeiner Feſſeln zu entladen, wagte ich nicht, aus Furcht vor der Ruͤckkehr unſeres Herrn, der uns jeden Augenblick uͤberraſchen kann. Gerade als wir um die Ecke bogen, und eure Ankunft bemerkten, muß die ungewohnte Waͤrme des ſchoͤnen Fruͤhlings⸗ Morgens ihn betaͤnbt haben; ich bin nicht im Stande ihn von der Stelle zu bewegen. Haͤttet ihr vielleicht etwas belebendes Salz bei euch, um ihn dadurch wieder zu ſtaͤrken?“— 1 „Ja freilich,“ rief Barbara,„und ich ſelbſt will ihm behuͤlflich ſeyn, denn Maͤnner betra⸗ gen ſich immer ſo linkiſch mit Kranken!“— Schon war ſie im Forteilen begriffen, als Pandulſo ſie mit Gewalt zuruͤckhielt.„Ihr duͤrft, ihr muͤßt dem Gefangenen nicht nahen,“ ſagte er heftig.„Ihr wißt nicht, was ihr thut 1— 165 „Ereifert euch nicht, Hauptman,“ ſiel Luiſe vermittelnd ein.„Wir wollen euch nicht durch unſere Zudringlichkeit in irgend eine Gefahr brin⸗ gen. Nehmt das Satz; es wird ſeine Wirkung nicht verfehlen.„— Sie bat nun noch den Haupt⸗ mann, die Feſſeln des Gefangenen wenigſtens ſo lange zu loͤſen, bis er ihn wieder in ſeine Haft gebracht habe. Willig gehorchte er der Bitte; ge⸗ rade aber, als er die Hand an's Werk legte, warf er zufaͤllig einen Blick auf das Meer, und bemerkte des Ritters Barke, die ſich dem Landungsplatze nahete. Wolfſtein ſelbſt ſtand mit verſchraͤnk⸗ ten Armen auf dem Verdeck und hielt den Blick feſt auf die Waͤlle geheftet. „Wir ſind verloren!“ rief Pandulfo, i in⸗ dem er mit uͤbernatuͤrlicher Anſtrengung den Kran⸗ ken zu der Treppe hinſchleppte, die in die unter⸗ irdiſchen Gaͤnge fuͤhrte, und einen Augenblick dar⸗ auf mit ihm verſchwand. Mit Schrecken gewahr⸗ ten Frau von Wolfſtein und ihre Begleiterin die Landung des Schloß⸗Herrn, um ſoenehr, da ſie fuͤrchteten, Falkenblick habe die beiden Maͤn⸗ ner erſpaͤh., und noch berathſchlagten ſie mit ein⸗ ander, ob es beſſer ſey, ſich ſogleich in ihre Zim⸗ 166 mer zu begeben, oder mit ſcheinbarer Ruhe den Spatziergang fortzuſetzen, als der Gegenſtand ihrer Furcht bereits vor ihnen ſtand. „Ei,“ ſagte er, ſeine Frau ſcharf in's Ange⸗ ſicht blickend, das ploͤtzlich von einer hohen Roͤthe uͤberzogen ward,„welche Bewegung ſchnelle Freude doch verurſacht!— Meine unerwartete Ruͤckkehr wirkt ſo ſonderbar auf dich, Luiſe, daß wenn ich dich nicht kennte, oder zur Eiferſucht geneigt waͤre, ich es leicht uͤbel deuten koͤnnte. Wie dein zartes Herz wohl vor Freude ſchlug, als du deines Wolf⸗ ſtein's Gondel das Geſtade erreichen ſahſt!— War es nicht ſo, Liebchen?“ „Wahrlich, Ritter, ich erwartete euch nicht ſo fruͤh,“ antwortete ſie zitternd. „Und doch beſtimmte ich die Dauer meiner Abweſenheit nicht!— Aber unbeſchreiblich wohl thut es dem liebenden Gatten bei ſeiner Ruͤck⸗ kunft zu ſehen, wie die ſchoͤnere Haͤlfte ſeines Selb⸗ ſtes die langſam ſchleichenden Stunden der Tren⸗ nung in ſtetem Schauen nach dem Segel zubringt, das ihn ihr uͤber die Wogen des Meers wieder in die treuen Arme fuͤhren ſoll.“ 4 . 167 Luiſe war dieſer bittern Schmeicheleien zu gewohnt, um nicht zu wiſſen, daß ſie gewoͤhnlich das Vorſpiel zu den Ausbruͤchen der heftigſten Wuth waren. Er ſandte Barbara fort, und ihren Arm in den ſeinigen legend, begann er von der Schoͤnheit und Friſche des Morgens, und an⸗ dern unbedeutenden Gegenſtaͤnden zu reden. Ploͤtz⸗ lich ſtand er mit den Worten ſtille: „Wo wohl Pandul fo heute ſeyn mag?— Ich fuͤrchte er iſt krank, da nicht er, ſondern Va⸗ letti mich bei meiner Landung bewillkommte.“ Luiſe wagte es nicht, eine Silbe zu erwie⸗ dern. „Findeſt du die Luft ſcharf, mein Kind?“ fragte er; worauf ſie, ohne recht zu wiſſen, was ſie ſagke, und ſich ihrer zitternden Bewegung nur zu bewußt, mit Ja antwortete. „Guͤtiger Himmel, dann haſt du das Fieber,“ rief er,„denn die Sonne brennt fuͤrchterlich heiß. — Gewiß, es muß Fieberfroſt ſeyn, der dies hef⸗ tige Zittern in dir erregt, oder die Wirkung der ploͤtzlichen Freude bei meiner Ruͤckkehr? Ich glaube faſt, es iſt das Letztere. Sprich die Wahr⸗ heit; zitterſt du nicht wie Eſpenlaub, und dachteſt 168 du nicht, indem du mein Schifflein erblickteſt, welch ein Gluͤck es ſeyn wuͤrde, wenn die Wellen es ver⸗ ſchlängen?— Komm, keine Luͤgen!— Du weißt, ich gehoͤre nicht zu den gewoͤhnlichen ehrli⸗ chen Leuten, die nicht im Stande ſind, Wahrheit von Verſtellung zu unterſcheiden.— Wer ſind die beiden Maͤnner, mit denen du in dem Augenblicke in Unterredung begriffen warſt, als das Erſcheinen meines Schifſleins die ganze Gruppe mit einem Schrecken erfuͤllte, der mir ſelbſt in ſolcher Futen nung ſichtbar wurde? 2 „Einen dieſer Maͤnner ſah ich nicht in der Naͤhe, und kann euch alſo weiter keine Rechenſchaft uͤber ihn geben; der andere war————— „Mein treuer Schloß⸗Hauptmann.— Und biſt du gewiß, ganz gewiß, das Geſicht des andern nicht geſehen zu haben?“(Hier griff er nach dem an ihrem Buſen haͤngenden agnus dei.)„Willſt du dies zur Beſtaͤtigung der Wahrheit deiner Worte küſſen, und es mir noch einmal verſichern, daß du ſein Geſicht nicht ſaheſt, ſeine Stimme nicht hoͤrteſt, ſeinen Namen nicht weißt?“ Sie that, was er verlangte, und wiederholte ihre Verſicherung. 169 „Nun wohl, gnaͤdige Frau; obgleich ich uͤber⸗ zeugt bin, daß es euch, ſo wie allen eures Ge⸗ ſchlechts, nicht an Ausſtuͤchten gebricht, weiß ich doch, ihr wuͤrdet es fuͤr ein Verbrechen halten, auf dieſe Weiſe eine gaͤnzliche Unwahrheit zu behaup⸗ ten.— Die Sache an und fuͤr ſich iſt durchaus von keiner Wichtigkeit, es war einzig mein Wunſch zu erfahren, in wiefern Pandulſd ſeine Pflicht verletzt habe.“ „Hieruͤber glaube ich euch hinlaͤngliche Aus⸗ kunft geben zu koͤnnen, Ritter,“ ſagte Luiſe, ihre Furcht uͤberwindend. Die Schoͤnheit des Mor⸗ gens lockte mich fruͤher als gewoͤhnlich in's Freie:. kaum hatte ich, in Barbara's Geſellſchaft, die Suͤd⸗Seite des Walles erreicht, wo ich die friſche Seeluft einathmen wollte, als wir Pandulfo neben einem Fremden gewahr wurden, dem die Feſſeln das Gehen aͤuſſerſt ſchwer machten. Deut⸗ lich bemerkten wir, wie unſer Anblick den Haupt⸗ mann in Unruhe verſetzte; anſtatt, wie ſonſt, zu gruͤßen, wandte er ſich ſchnell mit ſeinem Gefaͤhrten von uns, und bemaͤhete ſich, ihn aus unſerer Naͤhe fortzuſchaffen, woran er indeß, durch die große Schwaͤche des Fremden, der an der Mauer nieder⸗ 170 ſank, verhindert wurde. Barbara wollte un⸗ beſonnener Weiſe zu Huͤlfe eilen, Pandulfo aber hielt ſie ſogar mit Gewalt davon ab. So ſtanden die Sachen, als euer Anblick, und wahr⸗ ſcheinlich die Furcht euch zu mißfallen, den Com⸗ mandanten veranlaßte alle ſeine Kraͤfte aufzubieten, den faſt Ohnmaͤchtigen hinwegzutragen.“ „Was aber in aller Welt konnte denn ein ſol⸗ ches Zittern in euch erregen?“ „Koͤnnt ihr noch fragen, Wolfſtein? Zit⸗ tern iſt mir leider! zur Gewohnheit geworden.“ Ohne ſich den Anſchein zu geben, als verſtehe er dieſe Anſpielung, ſagte er freundlich:„Weiß ich doch ſelbſt kaum, welche Schwaͤche dieſer ſanfte Hauch des Windes, dieſer heitere Himmel, in mir hervorgebracht haben! Ich fuͤhle mich ſo weich, ſo wehlwollend, und koͤnnte dir in dieſem Lugenblicke alles zugeſtehen. Du traͤgſt ein hoͤchſt gefuͤhlvolles Herz im Buſen, und koͤnnteſt vielleicht aus Mitleid wuͤnſchen, den armen, kranken Ge⸗ fangenen in Freiheit geſetzt, zum wenigſten aus ſeinem Kerker und von ſeinen Banden erloͤſt zu ſehen?“ 4 171 Sie war zu ſehr an Fallſtricke ſeiner Bos⸗ heit gewoͤhnt, um hierauf gleich beſtimmt zu ant⸗ worten.— „Nein, wenn es dir gleichgültig iſt,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„ſo gebe ich meinen Vor⸗ ſatz auf. Ich bildete mir ein, daß entweder Neu⸗ gierde oder Mitleid, von deiner Seite ein freund⸗ liches Wort fuͤr den Gefangenen veranlaſſen wuͤr⸗ den, und ich befand mich gerade in der Stimmung, dir dein Geſuch zu gewaͤhren. Wohl uͤberlegt, iſt es indeß am Beſten, er bleibt wo er iſt!“ „Wolfſtein, haͤngt es in der That von mir ab, die Thuͤr ſeines Gefaͤngniſſes zu oͤffnen, und werdet ihr mir meine Bitte wirklich gewaͤhren, wenn ich um ſeine Freilaſſung erſuche?“— „Gnaͤdige Frau, wann fiel es mir ein, ein aͤhnliches Kinder⸗Examen mit euch anzuſtellen?— Glaube ich nicht blindlings, was ihr vorzubringen beliebt?— Warum bezweifelt ihr denn meine Worte? Aber, um euch zu zeigen, wie aufrich⸗ tig ich es mit euch meine, muß ich euch ſagen, daß ein Courier mit Depeſchen von der aͤuſſerſten Wich⸗ tigkeit meiner wartet, und einzig der Trieb, meine ſchoͤne Frau erſt zu begruͤßen, mich vermoͤgen konnte, 172 ihn harren zu laſſen.— Bis ich die Nachrichten, welche dieſer Mann mir bringt, geleſen habe, kann ich euch nicht beſtimmt mein Wort geben den Ge⸗ fangenen freizulaſſen; wenn aber ihr Inhalt mei⸗ nen? Wuͤnſchen entſpricht, foll er durch eure Vermit⸗ telung die Erlaubniß erhalten, auf ſein Ehrenwort frei im S Schloſſe herumgehen zu duͤrfen.“ Luiſe beſtrebte ſich zwar aͤuſſerlich ihren Dank hervorzubringen, zweifelte indeß in ihrem Herzen noch an die Erfuͤllung des Verſprechens, oder glaubte wenigſtens irgend eine Liſt darunter verborgen. Als ſie in's Schloß zuruͤckkam, fand ſie Felix, dem der Vorfall am Morgen durch Pandulfo und Barbara berichtet war, ſchon ungeduldig ihrer harrend. Er folgte ihr in ihre Zimmer, und beſaß kaum den Muth ſich nach dem weiteren Verlauf der Sache zu erkundigen; um ſo groͤßer war ſein Erſtaunen, als er Wolfſtein's Verſprechen erfuhr, doch wagte auch er noch nicht darauf zu bauen.“ „Wenn irgend ein Uebel aus der Nachſicht entſpringen ſollte, die Pandulfo heute geuͤbt hat,“ ſagte er,„ſo bin ich die Urfache davon. Aber unfehlbar wuͤrde der arme, junge Mann in 123 dem feuchten Gewoͤlbe geſtorben ſeyn, wenn er noch einen Tag, ohne den Genuß der friſchen Luft, darin zugebracht hatte!— Ich konnte ihn nicht ſo hin⸗ welken ſehen, und waͤre mein Leben der Preis da⸗ von geweſen!“ „Wer aber iſt denn dieſer Gefangens, uig was iſt der Grund ſeiner ſtrengen Einkerkerung 2 „Bewahre deine Unwiſſenheit in dieſer Hin⸗ ſicht, Tochter! Es iſt ein Gluͤck, daß du es nicht wußteſt, als dein Gemal dich daruͤber zur Rede ſtellte; ſicher waͤre dann jede Gunſt fuͤr ihn ver⸗ loren geweſen. 3 In dieſem Augenblicke vernahm man Wolf, ſtein's Schritt in den langen Gaͤngen, und Fe⸗ lix, der jede Zuſammenkunft, ſo viel als moͤglich, mit ihm vermied, machte ſich durch die anſtoßenden Gemaͤcher davon. „Schlich der Moͤnch dort von hinnen ꝛ⸗ frnote der Ritter beim Eintreten. „Pater Feliy verließ mich ſo eben,“ ant⸗ worte Luiſe. „Warum ſcheuet er meine Gegenwant, was furchee er?— Es gab eine Zeit, wo er die golde⸗ nen Spruͤche des heiligen Chryſoſtom ns fleißig 174 auf mich uͤberfließen ließ. Wenn er ſchon meinen Schritten ſo zu entfliehen ſucht, was wuͤrde er thun, ſollte der boͤſe Feind ihm einmal in leibhaftiger Geſtalt begegnen?— Er wuͤrde es kaum ſo gut als der heilige Dunſtan machen, der eine Hand⸗ voll geweihten Waſſers uͤber ſeine Schulter ihm entgegen ſpritzte. Aber ich vermuthe dieſer Moͤnch hat andere Urſachen, ſich vor mir zu verbergen; er iſt wie das uͤbrige Geſchmeiß ſeiner Bruͤder⸗ ſchaft; doch mag er ſich in Acht nehmen!“ Luiſe wagte in dieſem Augenblicke nicht ih⸗ rem Freunde das Wort zu reden, ſondern verhielt ſich ſchweigend. „Nun, Liebe,“ fuhr der Ritter nach einer kleinen Pauſe fort,„ich bin gekommen mein Wort zu loͤſen. Du haſt den Gefangenen befreiet, er wartet deiner im Speiſeſaal, wo du ihn als Frau dieſes Schloſſes empfangen wirſt.“ Hierauf nahm er ihren Arm, und ging mit ihr hinunter. Die Tafel war ſchon gedeckt, die Gaͤſte verſammelt; Pandulfo ſtand mit dem Fremden an einem offnen Fenſter, das die Aus ſicht in den Garten hatte, und Beide wurden den Ein⸗ 175 tritt der Herrſchaft nicht eher Lennhe. bis der Ritter ſagte: „Graf, fuͤhrt die Frau von o lfſein zu ihrem Sitze.“ 1b Der Fremde wandte ſich um, zu gehorchen; — es war Wallenſtein. Vergebens harte er alle Kraft in ſich hervorgerufen, um dieſen Augen⸗ blick zu ertragen; aber die koͤrperliche Schwaͤche druͤckte den Geiſt nieder. Er oͤffnete ſeine Lippen zum Reden, doch die Zunge verſagte ihren Dienſt, und mehrere Minuten ſtand er unfaͤhig da, ohne auch nur einen Schritt vorwaͤrts thun zu koͤnnen. Als Luiſen's Auge auf der abgezehrten Geſtalt vor ihr ruhete, und in ihr den vormals ſo ſchoͤnen jungen Mann wieder erkannte, vermochte auch ſie ihre Gefuͤhle nicht laͤnger zuruͤckzuhalten, ſondern rief, in Thranen ausbrechend, ſeinen Namen, mit einem Tone voll Erſtaunen und Theitnahme aus. Wolfſtein betrachtete ſie Beide eine Weile mit innrer Wuth, dann ſagte er hoͤhnend: „Unvergleichlich!— Ich haͤtte es wahrlich nicht erwartet, durch eine ſo ruͤhrende Scene be⸗ lohnt zu werden, denn Frau von Wolfſtein iſt ſonſt karg mit ihren Thranen. Ich glaube dies 176 ſind die erſten, welche ſie ſeit unſerer Hochzeit ver⸗ goſſen hat.— Wir waren ſo gluͤcklich!— Aber das Mittagseſſen wird kalt; wenn es euch gefaͤllt, ſo gebt das noch uͤbrige des Schauſpiels zum Nach⸗ tiſch. Wallenſtein vernahm die veraͤchtlichen „Reden kaum; Luiſe, Wilhelm's Schweſter, ſtand vor ihm, ſie blickte ihn theilnehmend an, vergoß Thraͤnen um ihn!— Anders ſah und hoͤrte er nichts; ein heilender Balſam ergoß ſich in ſein tief verwundetes Herz. Fuͤrchtend die ihm ertheilte Erlaubniß zu verlieren, ſie an ihren Platz fuͤhren, an ihrer Seite ſitzen zu duͤrfen, eilte er auf ſie zu und ergriff ſchweigend ihre Hand, waͤh⸗ rend die uͤbrigen Gaͤſte ſich in der Sawohalichen Ordnung ſetzten. Der tiefe Kummer, welcher ſo lange an Wal⸗ lenſtein genagt hatte, konnte wohl Spuren der Vernichtung in dieſer edlen Geſtalt hervorbringen, unmoͤglich aber die Schoͤnheit ganz zerſtoͤren, wo⸗ mit ſie von der Natur in ſo reichem Maße begabt war, und auch fuͤr den, der ihn nie in der vollen Bluͤthe der Jugend und Geſundheit geſehen hatte, mußte noch etwas Unwiderſtehliches in feinem We⸗ 177 ſen liegen. Wolfſtein nahm den Schein an, als ſey er mit ſeinem Nachbaren im gleichguͤltigen Geſpraͤch begriffen, waͤhrend ſein Auge faſt im⸗ mer auf Luiſe und dem Geſangenen ruhete. Es dauerte eine Weile, ehe einer von ihnen den Muth fand, den andern anzureden. Caſi⸗ mir hatte, auſſer Luiſen, nie ein anderes weib⸗ liches Weſen geliebt; zwar glaubte er, daß ſeine Liebe zu ihr, von dem Augenblicke an da er er⸗ fuhr daß ſie Wolfſtein ihre Hand gegeben habe, voͤllig erloſchen ſey, jedoch wußte er ſich das unbefriedigte Gefuͤhl, was ſich ſeines Herzens im⸗ merwaͤhrend bemaͤchtigte, nicht zu erklaͤren. Seit er der Gefangene ihres Gemahls geworden war, ſeit er wußte, daß ſie in denſelben Mauern mit ihm ¹ wohne, trat ihr Bild wieder lebhafter vor ſeine Seele; doch nannte er ſeine Empfindung nicht Lie⸗ be; es war Mitleid, inniger Antheil am Schickſal der Schweſter ſeines Freundes. An dem Morgen aber, als ihm ſchon beim fernen Anblick ihrer Ge⸗ ſtalt, beim kaum vernehmbaren Tone ihrer Stim⸗ me, die Sinne ſchwanden, begann er allerdings zu fuͤrchten, das alte Uebel in ſeiner Bruſt moͤge noch nicht erſtickt ſeyn; doch als ſeine Ketten nun W. v. W. III. 12 128 ſo unerwarteter Weiſe geloͤſt wurden, als es ihm vergoͤnnt war, ſie wieder in der Naͤhe zu betrach⸗ ten, beſaß er nicht Kraft genug der Gefahr zu widerſtehen, ſo gut er auch jetzt ſeine Schwaͤche kannte. 3 In Luiſen's Seele war der Gedanke an Wilhelm und Caſimir unvermerkt eins ge⸗ worden; ihre Behandlung des Letzteren mußte alſo unfehlbar Beide beleidigt haben, und oft war Wolſſtein's unſeliger Spoit ſchon in Erfuͤllung gegangen, denn oft ſchon hatte der Geiſt ihres Bruders ihren Schlummer geſtoͤrt. Die kalte, duͤrre Hand, welche ſie jetzt an die Tafel fuͤhrte, die eingefallene Wange, das hektiſche Roih was auf derſelben ſpielte, alles rief die letzten Tage des Bruders in ihr Gedachtniß zuruͤck; ihr Herz ſchlug heftig als ſie Caſimir anſah, und ſie fuͤhlte die ganze Schwere ihrer an ihn begangenen Schuld. In dem Schweigen welches Beide ge⸗ gen einander beobachteten, lag etwas ungemein Druͤckendes, und doch wußte Keiner wie er es brechen ſolle, obgleich Jeder muͤhſam nach irgend einem gleichguͤltigen Gegenſtande ſuchte, um ein Geſpraͤch anzuknuͤpfen. Endlich erinnerte ſich Luiſe 179 der Freundſchaft, welche er immer fuͤr die Fuͤrſtin Stollberg gehegt hatte, und fragte ihn: ob er lange nichts von ihr gehoͤrt habe. „Sehr, ſehr lange nicht,“ erwiederte er. „Seit meiner damaligen Entfernung vom Hofe, habe ich durchaus keine Nachricht von ihr, doch werde ich das Andenken an ſie, die mir eine ſo großmuͤthige Theilnahme bewies, bis zum letzten Augenblacke meines Lebens im Herzen tragen.“ „Sch bin jetzt üͤberzeugt daß ſie viele hoͤchſt vorzuͤgliche Eigenſchaften beſaß,“ ſagte Luiſe, „vögleich der Schein oft gegen ſie war. Wollte Gott,“ ſetzte ſie mit einem Seußzer hinzu,„daß ich ihre Vorzuͤge fruͤher erkannt haͤtte!— Aber, wir ſind beſchraͤnkte, kurzſichtige Weſen, und kein Gedanke druͤckt uns im Laufe des Lebens ſchwerer zu Boden als der, wie oft wir Verdienſte nicht richtig geſchaͤtzt, oder uns undankbar gegen erwie⸗ ſene Guͤte bezeigt haben.“ Der Ton mit dem ſie dieſes ſprach, lehrte Caſimir den Sinn der Worte voͤllig verſtehen. „Jetzt laͤßt ſie mir Gerechtigkeit widerfahren,“ dachte er,„aber ach, es iſt zu ſpaͤt!“— Doch 12* ——— konnte er dem Drange nicht widerſtehen, ſie noch ein wenig zu pruͤfen, und ſagte daher: „Ihr, gnaͤdige Frau, koͤnnt doch wahrſchein⸗ lich nie die Qual eines ſolchen Gefuͤhls an euch. ſelbſt erfahren haben?“ 1 „Kann das Herz des treuen Freundes mei⸗ nes Bruders mich von der Schuld freiſprechen?“ — erwiederte ſie tief erroͤthend, indem ſie ſich uͤber ihren Teller beugte, um ihre innre Bewegung zu verbergen. Er antwortete nicht beſtimmt; aber ſie vernahm, wie er leiſe die Worte:„es iſt zu ſpaͤt“ wiederholte, mit welchen ſie ihn auf dem ungluͤcklichen Maskenballe bei der Fuͤrſtin Stollberg entlaſſen hatte.— Um der Unter⸗ haltung, welche fuͤr Beide zu peinlich wurde, eine andere Wendung zu geben, ſagte er endlich: „Ich ſehe ja Conrad, meinen alten Freund und Troͤſter, nirgends; auch Vater Felix wich jeder meiner Fragen uͤber ihn aus.— Daß er ſich nicht mehr in eurem Dienſte befindet, iſt mir zwar begreiflich, da ſeine Vorurtheile ihn wahr⸗ ſcheinlich von euch getrennt haben doch koͤnnt ihr mir vielleicht Nachricht von ſeinem Schickſale ge⸗ 181 88 ben, denn ihr habt den treuen Diener doch ge⸗ wiß nicht voͤllig aus den Augen verloren.“ „Ach, Caſimir,“ rief ſie, indem ſie tod⸗ tenbleich wurde,„nennt den Namen nicht! Es iſt zu ſchrecklich!“—— Pandulfo, der wie gewoͤhnlich zur Linken der Frau von Wolfſtein ſaß, legte in dieſem Augenblicke ſeinen Arm hinter ihren Stuhl, und druͤckte Wallenſtein's Schulter ſo merklich, daß dieſer, indem er ihn anſah, den Wink ver⸗ ſtand. Der Herr des Schloſſes hatte waͤhrend dieſer Zeit, mit auf den Tiſch geſtuͤtztem Arm, ſein Auge voll duͤſtern Zornes, unaufhoͤrlich auf die beiden Sprechenden gerichtet, und der Hauptmann, aus dieſem Blicke Unheil ahnend, glaubte, es ſey 3 die hoͤchſte Zeit, den Grafen darauf aufmerkſam zu machen. Luiſe erſchrack, Caſimir fuͤrch⸗ tete fuͤr ſie; ein todtenaͤhnliches Schweigen herrſch⸗ te auf einmal am ganzen Tiſche. „Was giebt's?“ rief Wolfſtein.—„Wa⸗ rum ſeht ihr euch Alle einander an?— Iſt es denn etwas ſo Auſſerordentliches, daß ein ange⸗ nehmer junger Mann und eine artige Dame zu⸗ ſammen fluͤſtern, roth und bleich werden, und ihre 13² leiſen Seufzer im Angeſicht des Ehemannes aus⸗ ſtoßen?— Ich ſehe, ihr ſeyd Neulinge, weil ihr nicht wißt, daß dergleichen Dinge ſich alle Tage zutragen.— Aber die Unterhaltung darf nicht ſtocken; ich liebe es, meine Gaͤſte froͤhlich zu ſe⸗ hen! Nun, weil ihr Alle ſtumm da ſitzet, muß ich euch wohl ein Geſchichtchen erzaͤhlen.“ Und nun erzaͤhlte er zum Schrecken aller An⸗ weſenden die bekannte Sage vom Ritter Fayal, und weilte mit beſonderm Nachdruck bei der fuͤrch⸗ terlichen Scene, wo der auf's Aeuſſerſte erbitterte Ehemann ſeiner ungluͤcklichen Gattin das Herz ih⸗ res Geliebten, Raout de Coucy, beim Mahle vorſetzen laͤßt.—„Manche wollen dieſe Geſchichte fuͤr eine bloße Erdichtung halten,“ fuhr er fort; —„was iſt eure Meinung daruͤber, gnaͤdige Frau?“— „Ich glaube daß ſie wahr ſeyn kann,“ er⸗ wiederte Lui ſe. „Moͤge nun de Fayal ſeine Frau wirklich mit dem Herzen ſeines Nebenbuhlers geſpeiſt haben, dder nicht, ſo bleibt das Ganze doch immer ein artig erſonnenes Rach⸗Mittel, und kann manchem beleidigten Ehemann als Beiſpiel dienen.— Wer 183 ſo gluͤcklich mit ſeinem Weibe iſt als ich, moͤge den Sternen danken; es giebt aber Maͤnner ge⸗ nug welche ſich des Ritters Rath zu Herzen neh⸗ men koͤnnten.“ „Ihr muͤßtet auch zuvor einige von uns auf die Seite bringen, ehe ihr dieſe hoͤlliſche Kocherei anfangen koͤnntet!“ murmelte Pandulſo zwi⸗ ſchen den Zaͤhnen. 4 „Graf Caſimir von Wallenſtein, ich thue euch Beſcheid!“ rief Wolfſtein. Corylo fuͤllte zwei Becher, von denen er dem Grafen einen reichte, der jedoch, in der Erbit⸗ terung uͤber das Vorgefallene, zoͤgerte denſelben anzunehmen; aber die leiſe ausgeſprochene Bitte ſeiner Nachbarin machte daß er den Trunk hinun⸗ ter ſchiuekte „Auf das Wohl eures erlauchten Vaters, Graf fuhr der Ritter fort,„des Herzoges von Friedland, Sagan, Mecklenburg und Groß⸗ Glogau, und vormaligen Generaliſſimus aller Truppen Sr. Kaiſerlichen Majeſtaͤt!“ „Vormaligen Generaliſſimus ſagtet ihr, Ritter,“ erwiederte Wallenſtein, in der Hoff⸗ nung, der Herzos habe vielleicht ſeine eiteln Plaͤne . 184 aufgegeben, und ſich freiwillig vom Schauplatze entfernt;„hat mein Vater ſein Commando nieder⸗ gelegt?“—. „Das iſt eine critiſche Frage, Graf, deren Beantwortung nicht ohne Schwierigkeit iſt.“ „Verzeiht, Ritter; ich moͤchte nur wiſſen, ob mein Vater ſein Commando freiwillig niedergelegt, oder ob es ihm auf's Neue vom Kaiſer genommen iſt. Ein Wort von euch wird mich daruͤber beleh⸗ ren.“ „So fuͤrchte ich denn, daß Ferdinand, indem er die Niederlegung des Herzogs verlangte, ſich der Dienſte eines ſo treuen, uneigennuͤ⸗ tzigen Dieners unwerth erklaͤrt hat. Mit einem Wort, Graf, Boͤhmens Krone befindet ſich noch in demſelben Geſtirne, in welchem der alte Stern⸗ deuter ſie zuerſt erblickte, und wird, bis dieſes Geſtirn zur Erde faͤllt, nie eures Vaters Haupt er⸗ reichen.“ „Unmaͤnnliche Beleidigung!“ ljef Wallen⸗ ſtein bleich vor Wuth. „Seyd ruhig,“ fluͤſterte Luiſe ihm zu, er⸗ ſchrocken durch den Gedanken, daß, ſeine Schwaͤ⸗ che abgerechnet, er uͤberdies auch noch der einzi⸗ 183 ge unbewaffnete Mann in der ganzen Geſellſchaft ſey. „Maͤßigt eure unnoͤthige Aufwallung, Graf! — Es befindet ſich in dieſem Augenblicke ein Cou⸗ rier aus Eger im Schloſſe, und gerne wollte ich euch zu eurer Befriedigung den Inhalt ſeiner Depe⸗ ſchen mittheilen, fuͤrchtete ich nicht neue Scenen dadurch herbeizufuͤhren, deren ich ſchon am heuti⸗ gen Tage zu viel gehabt habe. Morgen ſollt ihr, falls mein Sinn ſich nicht aͤndert, mit allen Bege⸗ benheiten bekannt gemacht werden, die auf eures Vaters Schickſal Bezug haben.“ Die Gaͤſte erhoben ſich von der Tafel; Pan⸗ dulfo wollte, wie gewoͤhnlich, ſein Recht behaup⸗ ten, die Frau des Schloſſes in ihre Zimmer zu fuͤhrhen, doch Wolfſtein trat ihm ploͤtzlich in den Weg, ergriff Luiſen's Hand, und geleitete ſie ſelbſt in ihre Gemaͤcher. Hier ſetzte er ſich zu ihr und fragte haſtig: „Was geruhtet ihr zu ſagen, gnaͤdige Frau, als der dienſtfertige Pandulfo euch den wohl⸗ gemeinten Wink gab? Ohne Zweifel iſt es etwas hoͤchſt Unterhaltendes geweſen, und ſo goͤnnt auch S mir das Vergnuͤgen, daran Theil zu nehmen.“— — 186 Sie zoͤgerte mit der Antwort.—„Ach, ihr habt es vermuthlich vergeſſen!— Aber,“ ſetzte er hin⸗ zu, indem er ihren Arm mit der ihm gewoͤhnlichen Roheit ergriff,„beſinnt euch, denn ich will es wiſſen!“ „Es betraf einen Gegenſtand, Wolfſtein, deſſen ich um euretwillen nicht gerne erwaͤhnen mag; wenn aber der Name Conrad nichts Widriges fuͤr euer Ohr hat, kann ich ihn immer nennen.“ „Vortreffliche Ausfluͤchte!“ rief er, indem er die Farbe wechſelte, denn wirklich erregte ihm dieſer Name immer einen kalten Schauder. „Es iſt keine Ausflucht,“ erwiederte Luiſe ſo ruhig als moͤglich. Wallenſtein kannte den Werth dieſes treuen Dieners, ſo wie meines Bru⸗ ders Anhaͤnglichkeit fuͤr ihn, und fragte mich, wo ich ihn gelaſſen haͤtte. Dieſe Frage war allerd ings peinlich, und die Unterbrechung, welche durch eure drohenden Blicke entſtand, uͤberhob mich der Ver⸗ legenheit ſie beantworten zu muͤſſen.“ Ein gluͤcklicher Zufall fuͤhrte allerdings in die⸗ ſem hoͤchſt critiſchen Augenblicke Conrad's Na⸗ men herbei, denn unter allen finſtern Geſtalten, die ſich oft im Innern des Ritters erhoben, gab 4 1987 es keine, die er bereitwilliger verſcheuchte. Er fuͤhlte ſein ganzes Nervenſyſtem uͤberhaupt erſchuͤt⸗ terter, konnte nicht mehr, wie in fruͤheren Zeiten, mit Gleichguͤltigkeit auf die begangenen Greueltha⸗ ten zuruͤckſchauen, und mit kuͤhner Vermeſſenheit in die Zukunft blicken, war jetzt weder klar und beſtimmt in ſeinen Vorſaͤtzen, noch entſchloſſen in ſeinen Handlungen. 1 X.— Am folgenden Tage trafen unaufhoͤrlich Cou⸗ riere aus verſchiedenen Gegenden ein, deren Nach⸗ richten von aͤuſſerſter Wichtigkeit fuͤr den Ritter ſeyn mußten, da ſogar die Stunde des Mahles uͤber die gewoͤhnliche Zeit hinausgeſetzt wurde; dann aber fuͤhrte er ſeine Gemalin ſelbſt in den Speiſeſaal, wo eine ungewoͤhnliche Stille zu herr⸗ ſcchen ſchien. Durch die am geſtrigen Mittage vor⸗ gefallene Scene gewarnt, huͤtete Caſimir ſich kein Wort mit ſeiner Nachbarin zu reden, oder auch nur einen Blick auf ſie zu werfen, der Wolf⸗ 188 ſtein's Wuth auf's Neue haͤtte rege machen koͤn⸗ nen? er begnuͤgte ſich einzig damit, anzunehmen, was ihre Hand ihm reichte, und zu bemerken, wie ſie mit großer Aufmerkſamkeit die koͤſtlichſten Biſ⸗ ſen der ausgeſuchteſten Speiſen ihm zukommen ließ, um ſeine Eßluſt dadurch zu reizen. Als das Mahl, welches mit großer Haſt gefoͤrdert wurde, geendet war, befahl Wolfſtein verſchiedenen der Anwe⸗ ſenden hinauszugehen, und ſagte dann, ſich zu Wallenſtein wendend: „Ich verſprach es euch halb und halb, Graf, euch heute mit den von Eger angekommenen Nach⸗ richten bekannt zu machen; ſeitdem aber habe ich noch ausfuͤhrlichere erhalten. Seyd ihr geneigt, ihnen euer Ohr zu leihen, oder zieht ihr irgend eine andere Unterhaltung vor?“— „Ihr wißt, Ritter,“ erwiederte Caſimir, indem ſeine Wange ſich mit hohem Roth faͤrbte, „wie lange ich nichts von meinem Vater gehoͤrt ha⸗ be. Es iſt mein innigſter Wunſch, dieſe Nachrich⸗ ten zu vernehmen.“ „Wohlan dann! Um euch aber den ganzen Umfang meiner Achtung zu beweiſen, ſoll euch dieſer Wunſch nicht allein auf der Stelle gewaͤhrt 189 werden, ſondern ihr ſollt noch uͤberdies die Befrie⸗ digung haben, den Bericht durch die ſchoͤne Stim⸗ me der Schweſter eures Freundes zu vernehmen.“ Bei dieſen Worten zog er ein Papier aus ſeinem Buſen, ließ es Luiſe'n uͤberreichen, und ſetzte hinzu: „Liebe, erzeige dem Grafen die Gefäligkei. ihm dieſen Brief vorzuleſen. Keiner von euch al⸗ len,“ fuhr er, den Blick auf die uͤbrigen Gaͤſte wendend, fort,„hat noch des Gluͤcks genoſſen, meine Gemahlin leſen zu hoͤren. Ihre Stimme, ſo wohltoͤnend ſie auch ſchon beim Sprachen klingt, beſonderen Reiz und Ausdruck. Leſ' alſo, gnaͤdige Frau, und leſ't recht laut!“— Erſtaunt und verlegen ergriff ſie das Blatt, wie gewoͤhnlich fuͤrchtend, daß unter dieſer anſchei⸗ nenden Schmeichelei irgend eine verſteckte Bosheit verborgen liegen moͤge; kaum aber war ſie im Begriff Gehorſam zu leiſten, als Pandulfo ſeinen vol⸗ len Becher Wein auf ſie fallen ließ, erſchrocken aufſprang, und ſie unter tauſend Entſchuldigungen bat, ihm zu erlauben ſie hinauszufuͤhren, damit ſie ſich anders ankleiden koͤnne.* 190 „Bleitt, Hauptmann,“ ſagte Wolfſtein ruhig,„es iſt feuriger Geiſt genug in dieſer fluͤſ⸗ ſigen Mae, um meine Gemahlin vor einer Erkaͤl⸗ tung zu bewahren. Schade, daß eine ſo feine Kriegsliſt fehlſchlagen mußte! Nicht wahr, Mam du ſfo⸗— „Was meint ihr damit, Ritter?“ „Die Frage iſt uͤberfluͤſſig; doch jetzt zum Briefe! Gnaͤdige Frau, gefäͤllt es euch, uns da⸗ mit zu erfreuen?“ „Vergoͤnnt der Frau von Wolfſtein ſich wegzubegeben, um die Wirkung dieſes kleinen Un⸗ falls wieder gut machen zu koͤnnen,“ fiel Caſi⸗ mir ein.„Vielleicht erlaubt ihr mir ſelbſt einen Blick in dies Blatt zu werfen, oder hubt die Ge⸗ fͤlligkeit es mir vorzuleſen.“ „Nein, Graf; wenn dieſe Nachrichten nicht von der Frau von Wolfſtein vorgeleſen werden, wird Niemand ſie leſen; ſobald ſie das Zimmer verlaͤßt, uͤbergebe ich das Blatt dem Feuer, und begrabe den Inhalt deſſelben in Vergeſſenheit.“ „Entfernt euch, dieſer Drohung ungeachtet, gnäͤdige Frau,“ fluͤſterte Pandulfo.— Die geſpannte Erwartung ihres andern Nachbaren aber, 191 nebſt der Furcht vor ihrem Gemahle, ſchien Luiſe zum Leſen zu beſtimmen. Sie entfaltete den Brief und begann langſam: „Seit unſern letzten Nachrichten aus Pil⸗ ſen werdet Ihr ſchwerlich mehr an die Wahrheit deſſen zweifeln, was wir Euch heute mitzutheilen haben. Ihr waret ſchon vorbereitet, wie der Kai⸗ ſer bereits den ganzen verwegenen Plan des Her⸗ zogs ahnete, ſelbſt ehe noch unſere Anzeige davon ſein Ohr erreichen konnte.“— Hier begann Lui⸗ ſens Stimme zu zittern; ſtarr heftain Caſimir ſein Auge auf ſie. „Fahrt fort, gnaͤdige Frau, fahrt fort,“ rief er;„ich bin auf alles gefaßt, werde euch nicht ſtoöͤren, ſondern auch das Schlbeeſie zu ertragen wiſſen.“ „Leſ't, gnaͤdige Frau, und leſt deutlich!“ don⸗ nerte Wolfſtein. 1 „Nachdem die Abſetzung des Herzogs im Kai⸗ ſerlichen Cabinette beſchloſſen, und allgemein be⸗ kannt gemacht worden war, ließ ſich dennoch der hochfahrende Geiſt dieſes großen Mannes nicht beugen; er glaubte ſich noch immer von hoöchſt er⸗ gebenen Anhaͤngern umringt, und bauete feſt auf 6 192 die Oberherrſchaft des Sterns, der ihm ein Reich verhieß. Der Feldmarſchall Illo, Terzky und viele Andere, ſogar Piecolomini, unterzeiche neten ein Papier, durch welches ſie ſich anheiſchig machten, ihrem Wohlthaͤter in jeder Gefahr beizu⸗ ſtehen; aber noch am naͤmlichen Abende reiſte Piccolomini heimlich nach Wien ab, und wußte ſich, verſehen mit dem vom Sterndeuter verzeichneten Horoſcop des Herzogs, nebſt man⸗ chen andern Beweiſen des Verraths, ſogar in der Nacht Zutritt beim Kaiſer zu verſchaffen. Die Flucht des Piccolomini, Gallas und Alt⸗ ringer, auf welche Friedland ein ſo unbe⸗ grenztes Vertrauen geſetzt hatte, erſchuͤtterte wohl ſchon etwas ſeinen Glauben an die Allgewalt der Geſtirne; aber es ſchien eine noch haͤrtere Pruͤfung uͤber ihn verhaͤngt zu ſeyn. Von mir und Butt⸗ ler begleitet, dem er, wie Ihr wißt, erſt kuͤrz⸗ lich ein Dragoner⸗Regiment gegeben hat, verließ er heimlich Pilſen, und unter der Eseorte des Terzky'ſchen Regiments, gelangten wir gluͤck⸗ lich bis nach Eger. Abermals bauete er hier blindlings auf die Treue Gordon's, des dorti⸗ gen Feſtungs⸗Commandanten, deſſen Gluͤck er ge⸗ 8 193 gruͤndet hatte. Wir waren mit geheimen Befehlen verſehen, uns der Perſon des Herzogs zu bemaͤch⸗ tigen, da er ſich aber, ungeachtet ſchon mancher von ihm abfiel, noch immer von einigen kuͤhnen Getreuen umgeben befand, die wir nicht auf unſere Seite zu bringen vermochten, ſchien uns die Sache auf dieſe Weiſe unmoͤglich ausfuͤhrbar zu ſeyn.— Meuchelmord war das einzige Auskunftsmittel, und hierzu entſchloſſen wir uns dann!“— Hier hielt Luiſe ſchaudernd inne, und bat mit dem ferneren Leſen des Blattes verſchont zu werden. Aber Caſimir legte die eiskalte Hand auf ihren Arm, beſchwor ſie fortzufahren, und ihn aus der ſehrecklichen Ungewißheit zu reißen. 2 „Der Graf wird ſeines Vaters Schickſal von euren Lippen, oder nie erfahren,“ ſagte Wolf⸗ ſtein. Zitternd las ſie weiter.„Gordon lud ſei⸗ nen Wohlthaͤter, nebſt allen ſeinen Getreuen, den Terzky, Illo, Kinsky, Winterfeldt, zu einem Schmauſe auf die Citadelle ein; ſogar der alte Secretair Niemann fehlte nicht, und um es kurz zu machen⸗——— W. v. W. III. 13 194 Hier ſtockte Lui ſe, ihre Wange ward bleich, die Lippen zitterten, und konnten die Toͤue nicht mehr hervorbringen. Caſimir richtete fra⸗ gend das ſtarre Auge auf ſie, als wolle er das entſcheidende Urtheil von ihr vernehmen, waͤhrend der unmenſchliche Wolfſtein keinen Blick von den beiden Ungluͤcklichen wandte. Der wahrhaft maͤnnlich geſinnte Pandulfo vermochte es nicht laͤnger dieſe Marter zu ertragen; ſchon längſt hatte er ſich ungeduldig von einer Seite ſeines Sitzes zur andern gewandt; jetzt ſprang er ploͤtzlich auf, und indem er Luiſen das Papier mit deligtei aus der Hand riß, rief er: 6 „Der Inhalt dieſes Blattes eignet ſi ſch nicht fur eine Frau zum Vorieſen!— Es klebt Blut daran, und zeugt von Grauſen erregendem Ver⸗ rath!— Graf, der Herzog iſt todt; er ſtarb un⸗ ter den Dolchſtichen feiger Meuchelmoͤrder; aber er verleugnete ſeine große Natur auch in dem Augen⸗ blicke nicht!“— Frau v. Wolfſtein hoͤrke kein Wort weiter; die ſchreckliche Anſtrengung zu welcher ſie ſchon waͤhrend des Leſens gezwungen war, hatte ſie voͤl⸗ lig erſchoͤpft. Bewußtlos ſank ſie jetzt von ihrem 195 Stuhle, und wuͤrde auf den Boden gefallen ſeyn, haͤtte Caſimir ſie nicht in ſeinen Armen aufge⸗ fangen. Des Grafen Nexven waren anf das auſſerſte geſpannt; die tragiſche Erzaͤhlung welcher er ſein Ohr hatte leihen muſſen, fuͤllte ſeine Einbildungs⸗ kraft mit unbeſtimmten, fieberhaften Bildern; das Gehoͤrtẽ erſchien ihm in dieſem Augenblicke wie ein Traum, alles gaukelte im bunten Spiel der Phan⸗ taſie vor ſeinen verſtoͤrten Sinnen, und nichts war ihm klar, als daß eine Zentner⸗Laſt auf ſeinem Her⸗ zen liege, und er Luiſen's lebloſe Geſtalt in ſei⸗ nen Armen halte, die er ungeachtet ſeiner Schwaͤche, mit faſt wahnſi unniger Wuth an die Bruſt druͤckte. Pandulf v durchſchauete ſeinen fuͤrchter lichen Zu⸗ ſtand, und bemuͤhete ſich vergebens Frau v. Wolf⸗ ſtein von ihm loszureißen, waͤhrend d der ſcheuß⸗ liche Urheber dieſer ganzen Schreckensſeene ſich ihnen mit bedaͤchtlichen Schritten nahete. „Was iſt das, Graf,“ fragte er.„Sol ich es dulden mein Weib in den Armen meines Neben⸗ buhlers zu ſehen?“—— „Euer Weib!“ wiederholte Caſtmir mit ſtar⸗ rem, geiſterartigen Blick—„Ach, nur zu wahr!— Dann muß ich ſie freilich laſſen; aber ſte hatte mein 5. 13* 196 ſeyn ſollen!“— Nuhig uͤbergab er ſie, die noch immer einer voͤllig Abgeſchiedenen glich.—„Sie iſt todt,“ fuhr er wehmuͤthig, als aus einem Traume erwachend, fort,„und auch mein Vater, und Wil⸗ helm und Blanca ſind todt! Wer doch auch neben ihnen im kuͤhlen Boden laͤge!“— Als aber Wolfſtein die theure Geſtalt aus dem Speiſeſaal trug, lief er ihm haſtig nach, und rief flehend:„Lebend gehoͤrte ſie euch, oh, laßt ſie nach dem Tode mein ſeyn!— Laßt ein Grab uns umſchließen, wie es Wilhelm's und Blanca's Ueberreſte umſchliehrr— Dann iſt alles, alles gut!“— „Pandulfol“ rief Wolfſtein wäthend „wenn ihr nicht wollt daß ich in dieſem Augen⸗ blicke eurem Gefangenen meinen Dolch durch den Leib ſtoße, ſo haltet ihn zurück!— Nachher wol⸗ len wir weiter mit einander ſprechen;— der dies ungeahndet ertragen koͤnnte, muͤßte von weicherem Stoffe gebildet ſeyn, als ich!— Kehrt in den Saal zuruͤck; ich will Huͤlfe fuͤr die Dame ſuchen, und bin gleich wieder bei euch.“— Man ſetzte ſich wieder an den Tiſch; Caſi⸗ mir nahm ſeinen alten Platz ein, und ſtarrte, mit 197 7 gefalteten Armen, unverwandt auf den leeren Sitz neben ihm hin, waͤhrend Pandulfo, um ſeine Aufmerkſamkeit abzuziehen„das zur Erde ge⸗ fallene Papier wieder aufnahm. Dies erregte Wal⸗ kenſtein's Aufmerkſamkeit, und er that einige verwirrte Fragen uͤber den Inhalt deſſelben. Nur wenigen Officieren war es vergoͤnnt worden bei der Vorleſung des Briefes gegenwaͤrtig zu bleiben, der von dem treuloſen Verraͤther Devereux unter⸗ zeichnet war; von dieſen begannen nun aber einige laut ihren Unwillen uͤber die eben vorgefallene, grauſame Scene, zu aͤußern, und die Uebrigen fragten Pandulfo um Rath, ob ſie Wolf⸗ ſtein's Ruͤckkehr erwarten ſolten, oder nicht. „Bleibt ſagte der Hanpttnann.„Es wird ſich wahrſcheinlich ein Streit erheben, und es liegt mir daran, Zeugen bei den Worten oder Handlun⸗ gen zu haben, zu denen ich gezwungen werden koͤnnte.“ „Was mich betrifft,“ entgegnete einer aus der Schaar,„ſo hat der Wein meine Urtheilskraft etwas umnebelt; ich kann euch alſo von geringem Nutzen ſeyn.“ 198 „ Und ich,““ ſiel ein Anderer ein,„moͤchte um keinen Preis in den Zank verwickelt werden; ich habe ohnehin ſchon Beweiſe genug von des Ritters kurzem und buͤndigen Benehmen, als daß ich die Erfahrung noch an meiner eigenen Perſon machen moͤchte.“ e n Die Anzahl derer, welche bei Pandulfo und dem nur halb ſeiner Sinne maͤchtigen Wal⸗ tenſtein blieben, war alſo ſehr geringe. Wahrend dieſer Zeit hatte der Ritter die noch immer lebloſe Geſtalt ſeiner Gattin, unſanft auf ein Bette geworfen und Barbara gerufen.„Seht nach eurer Frau,“ rief er ihr beim Eintreten entge⸗ gen, holt den Moͤnch und laßt ihn ſeine Lan⸗ cette mitbringen; wenn ſie noch am Leben iſt, muß ihr zur Ader gelaſſen werden.“ „Ihr habt ſie getoͤdtet!“ ſchrie Barbara ren Herrin erblickte.„Ihr habt ſie getoͤdtet, Ummenſch, und werdet euer Leben dafuͤr auf dem Rade enden muͤſſen!“— Alle Furcht vor der Gewalt des Tyrannen, ſchwand in dem Gedan⸗ ken ihn als Luiſen's Moͤrder vor ſich zu ſehen. auſſer ſich, als ſie die erſtorbenen Zuͤge ihrer theu⸗ 5 199 „Schweig Thoͤrin!“ rief Wolfſtein, indem er ſie unſanft zum Gemache hinaus ſtieß,„hole den Moͤnch, wie ich dir befohlen habe, und ia den Augenblick wieder hier!“ Mnh eedicht ohne eigene Furcht fah er Luiſe ſo voͤllig erſtarrt, ohne den leiſeſten Athemzug, da⸗ liegen. Bald betrachete er ſie ſtumm, mit in ein⸗ ander geſehtungenen Armen, bald rieb er ihre Haͤnde, fuͤhlte ihren Puts, rief von Zeit zu Zeit ihren Na⸗ men, und ſagte finſter zu ſich:„Sie iſt todt, und 8s iſt mein Werk!“— Dann beugte er ſich wie⸗ der uͤber ſte, und da er vergebens auf einen Athem⸗ zu 3 lauſchte, ſtieß er im neuen Ausbruche der Wuth, mit dem Fuße auf den Boden, und ſchrie gellend in ihr Ohr:„Luiſe, oͤffne die Augen, wenn ich es beſehle!“ Endlich wurde er Ane ſilberne Vaſe voll wohl⸗ reichenden Waſſers gewahr, ergriff dieſe ſchnell, und goß den ganzen Inhalt derſelben auf einmal aͤber ihr Geſicht; ſie ſtieß einen tiefen Seufzer aus, und hob das Haupt leiſe empor. In dieſem Au⸗ genblicke traten der Moͤnch und Barbara herein. 3 200 8 3„Suͤndhafter, ungluͤckſeliger Mann,““ rief der Erſtere,„was haſt du begangen?“ „Nichts,“ erwiederte er, in ſeine vorige, kalte Gleichguͤltigkeit zuruͤckſinkend.„Ich glaubte ſie ſey todt; aber es war wieder nichts als Gaukel⸗ ſpiel. Habt Acht auf ſie, mich rufen anderweitige Geſchaͤfte.“ Und nachdem er ſie nun ſo den treuen Haͤn⸗ den derjenigen auͤberließ, deren einzige irdiſche Gluͤck⸗ ſeligkeit in ihrem Daſeyn beſtand, richtete er ſeine Schritte mit einem Unheilbruͤtenden Herzen wieder nach dem Speiſeſaale, ſetzte ſich an ſeinen Platz, und ſtuͤrzte einen Becher voll Wein hinunter. „Es freut mich,“ hub er dann um ſich ſchau⸗ end an,„daß einige von denen, welche Zeugen des eben vorgefallenen Aufritts waren, die mit eige⸗ nen Augen meinen Schimpf ſahen, ſich noch als Richter zwiſchen mir und meinem Gaſte gegenwaͤr⸗ tig befinden. Keiner wird laͤugnen daß Sympathie, (ſo glaube ich nennt man das Ding,) fuͤr den Mann da, die einzige Urſache der Ohnmacht meiner Frau war jedoch, nachſichtig gegen die Schwaͤchen eines Weibes, unterdruͤckte ich meine Empfindungen, und wuͤrde den ganzen Umſtand, wie ſehr er auch mei⸗ 2 201 nen gerechten Argwohn vermehren mochte, vergeſ⸗ ſen haben, haͤtte nicht mein Gaſt,(ihr Alle wart Zeugen davon,) in gaͤnzlicher Verachtung aller Rechte eines Ehemanns, dieſe, meine Frau in ſeine Arme genommen, indem er ſich ſogar weigerte ſie mir zuruͤck zu geben, und ſie mit faden Liebkoſungen aͤberſchuͤttet, bis ich ſie ihm mit Gewalt entriß. Seyd ihr nicht alle Zeugen davon geweſen?“— Jeder blickte den Andern an; aber keiner ant⸗ wortete. „Ich bin es zwar ſonſt nicht gewohnt,“ fuhr Wolfſtein fort,„meine Angelegenheiten vor den Richtſtuhl irgend eines ſterblichen Menſchen zu bringen; aber ich bin im Angeſichte meiner Un⸗ tergebenen, vor den Augen meiner Freunde, deren Pflicht es iſt mich zu raͤchen, beſchimpft, entehrt.— Ihr wenigſtens, mein treuer, zuverlaͤſſiger Pan⸗ dulfo, werdet nicht im Schweigen beharren! Sprecht, ich frage euch einzig, ob das eben von meit wefahne von irgend jemand Zelaucne wer⸗ den koͤnne?“ „Da ihr die Frage beſtimmt an mich rich⸗ tet, gnaͤdiger Herr,“ erwiederte Pandulſo, .„will ich auch mit der Antwort nicht zoͤgern. — — 202* Die Thatſachen welche ihr anfuͤhrt, ſind wahr; aber verzeiht mir, der eigentliche Grund der Dinge iſt entſtellt. Meine treuen Dienſte gegen euch haben mir ein Vorrecht erworben, ohne Ruͤck⸗ halt mit euch zu ſprechen, und weil ihr mich uͤber⸗ dies noch beſonders dazn auffordert, will ich mich des Rechts bedienen. Euer Gaſt wurde von ſei⸗ nem Vater eurer Gaſtfreundſchaft und Sorgfalt uͤbergeben;— in wieſerne ihr dieſem Vertrauen entſpracht, bin ich vielleicht hier nicht berufen weitlaͤuftiger auseinander zu ſetzen.“ „Wenn ihr geſinnt ſeyd;“ rief Wolfſtein veraͤchtlich,„mich in dieſer Hinſicht zu beſchuldi⸗ gen, ſo fuͤrchte ich eure Anklage nicht. Ich nahm das mir uͤberlieferte Pfand an, und wuͤrde das Vertrauen gerechffertigt haben, haͤtte der Graf nicht, anſtatt ſich geduldig in ſein Schickſal, mein Gefangener auf ſein Ehrenwort zu ſeyn, zu erge⸗ vben, mir gedroht jede nur anſcheinende Moͤglich⸗ keit zu ſeiner Entweichung zu benutzen, und mir, in meinem eigenen Schloſſe mit einer Unverſchaͤmt⸗ heit begegnet, die mich voͤllig berechtigte ſeine Freiheit zu beſchraͤnken.“ 4 * 203 „Ihr habt mehrmals Verſuche gemacht ihm ans Leben zu kommen; aber vergoͤnnt mir, ohne weitere Unterbrechung, meine Anſichten uͤber die eben vorgefallene Scene darzulegen, und dann ſtellt zum Schiedsmanne zwiſchen uns auf, wen ihr wollt, ſobald er nur die Geſtalt eines Man⸗ nes beſitzt, und das Herz deſſelben in der Bruſt traͤgt. Seit zweien Tagen habt ihr euren Ge⸗ fangenen, nachdem er mehrere Monate im finſtern, feuchten Kerker geſchmachtet hatte, wieder an das Licht des Tages gezogen, habt ihn zu eurer Tafel geladen;— aber womit ſpeiſtet ihr ihn?— Mit Gift!— Oder eigentlicher geſagt, ihr gabt es ihm ſo Tropfenweiſe ein, daß es ſich allmaͤhlich allen ſeinen innern Faſern und Nerven mittheilen mußte, und euer zartes Weib zwangt ihr zur Vollziehung dieſes ſcheußlichen Geſchaͤftes, bei dem jeder von uns Maͤnnern geſchaudert haben wuͤrde. Graf Caſimir ſing die lebloſe Geſtalt der hingemar⸗ terten Frau in ſeinen Armen auf, und druͤckte ſie feſt an ſeinen Buſen; keiner von uns kann dieſe Thatſache leugnen, wir Alle waren Zeugen!— Aber damals fehlte ihm ſchon die Herrſchaft der Vernunft, er handelte unter dem, durch eure 204 Qualen hervorgebrachten, Einſluſſe des Wahn⸗ ſinns. Jetzt befindet er ſich auf ſein und mein Ehrenwort in Freiheit, und wenn er in ſeinen Kerker zuruͤckkehren maß. ſo begleite ich ihn da⸗ hin.“ Wolfſtein ſaß mit dem Ellenbogen auf den Tiſch geſtuͤtzt, die gerunzelte Stirn mit der Hand bedeckend, und die Zaͤhne vor Wuth zuſammenknir⸗ ſchend. Auſſer Pandulfo und dem voͤllig theil⸗ nahmloſen Grafen, befand ſich kein Mann am Tiſche gegenwaͤrtig, der nicht vor den Folgen die⸗ ſer kuͤhnen Sprache gezittert haͤtte. Zum Erſtau⸗ nen Aller aber rang Wolfſtein ſo lange mit ſei⸗ ner Wuth, bis er ſie unterdruͤckt hatte. „Ihr ſeyd es alſo, Pandulſo“ ſagte er mit anſcheinender Gelaſſenheit, indem er ſich von ſeinem Sitze erhob,„ihr, in deſſen Hand ich mein Leben gelegt habe, auf deſſen Treue meine Sicherheit beruht, auf deſſen Anhaͤnglichkeit ich allein ſtolz bin, ihr ſeyd es welcher dem Auſeußre die Fahne ſchwingt? Ihr bietet eurem Freunde und Oberhaupte vor den Augen eurer Cameraden Trotz? Ihr ſtrebt danach durch Drohung zu ge⸗ winnen, was ihr durch Bitten ſicher wuͤrdet er⸗ 2— Haft zu halten. 205 langt haben?— Pfui, Pandulſo, euch hinr. ich etwas Beſſeres zugetraut!“— Pandulfo ſtand gleichfalls auf, und be⸗ muͤhete ſich den ernſten Ausdruck ſeines Geſichts zu mildern.„Ich habe mich in gewiſſer Hinſicht vergangen, gnaͤdiger Herr,“ ſagte er,„ aber die Leiden dieſes edlen, jungen Mannes empoͤrten mein Gefuͤhl.“ „So moͤge denn alles vergeſſen ſeyn,“ er⸗ wiedeene der Ritter;„laßt ihn auf ſein Zimmer fuͤhren, und der Sorgſalt des Moͤnchs uͤbergeben werden. Wir wollen die unfreundlichen Stunden der Nacht in einem Becher ſchaͤumenden Weins ertraͤnken.“ Panduſffo fuͤhrte Caſimir in ſeine Stube, und bemerkend wie ungemein zur Verwoͤhnlichkeit geneigt Wolfſtein's Gemuͤthsſtimmung ſey, eine Laune, deren Entſtehung er ſich ungefaͤhr erklaͤren konnte, nahm er es ſich vor zu verſuchen, ob nicht irgend. ein Verſprechen in Hinſicht des kuͤnftigen Geſchicks ſeines Gefangenen, beim Freuden⸗Becher von ihm zu erhalten ſey, da ohnedies jetzt jeder Grund aufhoͤrte, den jungen Grafen laͤnger in der . 2⁰06 Wolfſtein kannte das allgemelne Vertrauen, deſſen Pand ulfo als Commandant der Feſtung genoß, ſo wie ſeine Kraft und Redlichkeit. Als er ihn das Zimmer mit Caſimir verlaſſen ſah, uͤberwand indeß ſein Haß gegen ihn augenblicklich alle Betrachtungen des perſoͤnlichen Intereſſes. „Loscho,“ rief er, einen der Officiere ins Fenſter ziehend, aus welchem ſie ſich lehnten, als wollten ſie der Kuͤhle des Abends genießen,„irre ich mich, oder blickte aus deinem offnen Geſicht ein Abſcheu gegen das aufruͤhreriſche Betragen, welches der Hauptmann ſo eben an den Tag legte. Es ſchien mir etwas in deinem Auge zu leuchten, welches dieſe Empfindung mehr als einmal ver⸗ rieth.“ 5 Ueberraſcht antwortete dieſer:„Freilich, gnaͤ⸗ diger Herr, gieng Pandulfo zu weit.“ „Es iſt nicht zu leugnen daß er viel Talent zum Befehlshaber beſitzt, daß er ein geſchickter Ingenieur iſt;— aber was helfen mir alle ſeine Verdienſte, wenn er nicht zu gehorchen verſteht, wenn er ſeinen Untergebenen Aufruhr predigt; wenn er, mit einem Worte gefagt, einen verſoͤn⸗ lichen Widerwillen gegen mich hegt. Ich habe 207 die Sache wohl uͤberlegt, und, guter Loscho, mein Auge iſt nicht vergebens auf dich gefallen. Du zeigſt einen ausgezeichneten Eifer fuͤr meinen Dienſt, und waͤrſt Du an Pandul fo's Platze, ſo haͤtte aller Streit ein Ende.— Aber kein Wort weiter, ehrlicher Loscho, denn dort kommt Halte dich nuͤchtern,„fluͤſterte er noch, wich — trinken.“ Man ſebzte ſich wieder an die Tafel.— Nach⸗ dem der Wein eine Zeitlang im Kreiſe herumge gangen war, ſagte Pan dulfo: 2 „Es iſt mir ſchon eingefallen, Ritter, daß nun, da der Herzog von Friedland nicht mehr iſt, eure Sorge wegen des Sohnes auch ein Ende hat. Wahrſcheinlich kann es eure Abſicht Kih ſeyn, den jungen Grafen laͤnger hier zu halten?“ „Gewiß nicht; ich habe keinen Grund ihn zurückzuhalten. Doch da ſeine Geſundheit inner⸗ halb der Mauern meines Schloſſes gelitten hat. moͤchte ich ihn hier auch erſt wieder hergeſtellt ſehen. ihr wißt der Moͤnch iſt ein zweiter Galen.“ Der Commandant war befriedigt, und welle die Sache fuͤr's erſte nicht weiter treiben. 208 „Der Gedanke, bald die Mittel in Haͤnden zu haben, euch, meine tapfern Freunde, nach Wuͤr⸗ den fuͤr eure Dienſte lohnen zu koͤnnen, begluͤckt mich,“ hub Wolſſtein nach einer Pauſe an⸗ „Die ungeheure Beute des Leviathan, der kuͤrzlich unter der Laſt ſeines eigenen Ehrgetzes erſtickt iſt, wird nun nach Verhaͤltniß unter diejenigen ver⸗ theilt werden, welche zu ſeinem Sturze beitrugen.— Der meinige kann nicht gering ſeyn, denn der Bei⸗ ſtand, den ich dem Herzog durch meine Leute und manche ihm wichtige Kunde, zu ertheilen im Stande war, vermochte ihn mir ſein voͤlliges Vertrauen zu ſchenken, und mich tief in das Innerſte ſeiner Naͤnkevollen Bruſt ſchauen zu laſſen. Seni, Devereur und ich, waren eigentlich die Haupt⸗ werkzeuge ſeines Falles.“ Er ſprach nun ſo lange von den ungeheuren Beſitzungen des gefallenen Heerfuͤhrers, und dem Antheil, der wahrſcheinlich davon in ſeine Haͤnde fallen muͤſſe, bis die Gier ſeiner Beuteſuͤchtigen Krieger dadurch völlig entflammt wurde. Der Wein trug das Seinige bei die Köpfe noch mehr zu er⸗ hitzen, und Betheurungen ewiger Anhaͤnglichkeit und Treue an einen Fuͤyrer, der ihre Verdienſte 209 alf eine ſo buͤndige Weiſe zu lohnen verſprach, floſſen von aller Lippen. Eine Weile hatte Pan⸗ dulfo es gaͤnzlich zu vermeiden gewußt, ſich in dieſe Unterhaltung zu miſchen; er verabſcheuete je⸗ den Verrath, und wenn ſeine Lage ihn bisher zwang oft Zeuge davon zu ſeyn, geſchah es ſtets mit wider⸗ ſtrebendem Herzen. Wolfſtein hatte ihm den Becher ſo oft geſandt, und ihn zum Ausleeren deſ⸗ jelben ſo vielfaͤltig genoͤthigt, daß ſeine Beſonnen⸗ heit zuletzt zu wanken begann, und dieſen langer⸗ ſehnten Augenblick benutzte der verſchmitzte Haͤupt⸗ ling, ſich einiger Ausdruͤcke zu bedienen, welche ſein Gegner, wie er hoffte, nicht ungeahndet voruͤber gehen laſſen wuͤrde. Ein kurzer, aber ſtar⸗ ker Wortwechſel erhob ſich unter ihnen, worin Pandulfo nur zu deutlich zeigte, daß ſeine Sinne vom Wein umnebelt waren. Wolfſtein erwie⸗ derte nichts, ſondern wandte ſich einfach mit der Frage an die Uebrigen:„ob es einem Anführer gezieme geduldig da zu ſitzen, und den wiederhol⸗ ten, immer beleidigender werdenden Beſchimpfun⸗ gen eines ſeiner Officiere ein ruhiges Ohr zu leihen— ob ſie ihm ihre Einwilligung verſagen wuͤrden, den Beleidiger eines Poſtens zu entſeten, den er ein⸗ B. v. W. 1II. 14 210 zig ſeiner freien Wahl danke, oder ob ſie es faͤr beſſer hielten daß er ſich taͤglich auf dieſe Wafe Trotz bieten laſſe?“ Loscho, der aͤngſtlich dem Rathe ſich nuͤch⸗ tern zu erhalten, gefolat, und der einzige nicht vom Wein benebelte Mann in der ganzen Geſeltchaſt war, rief mit lauter Stimme: „Wer ſeinen Haͤuptling auf dieſe Weiſe tal beleidigen ſehen, iſt ein Verraͤther!“ Im Augenblicke hallten viele Simmen dieſe Worte nach; Pandulſo's Lage war in der That gefäͤhrlich, denn jedes Kriegers Hand lag ſchon am Schwerdt. Wolfſtein und Loscho aber baͤn⸗ digten die Wuth der halb Trunkenen. „Ihr ſeht,“ rief der Erſtere,„daß wir uns ſeiner ohne alle Schwierigkeit bemaͤchtigen koͤnnen, er iſt eigentlich ſchon uͤberwunden, und es bedarf weder der Gewalt noch des Verſtandes ihn zu beſie⸗ gen. Geh, guter Loscho, rufe mir den Scha⸗ raffa, und beſiehl ihm Vespo und Scorezzo mitzubringen. Mache weiter keinen Laͤrmen, ſon⸗ dern rede nur mit Scharaffa; ich mag ſo etwas gerne in aller Stille ausfuͤhren. 211 Der neuerwaͤhlte Commandant kehrte bald mit ſeinen Haͤſchern zuruͤck. „Scharaffa,“ ſagte Wolfſtein, indem er ihm einen geheimen Wink gab,„Hauptmann Panduſſfo iſt, wie du leicht ſehen wirſt, etwas vom Wein benebelt; er iſt nicht im Stande allein auf ſein Zimmer zu gehen. Erzeige ihm die Hof⸗ lichkeit ihn dahin zu fuͤhren.“ Scharaffa ſah den Herrn ernſt an, als ſey ihm dieſer Anftrag eben nicht ſehr erfreulich, denn man lebte in kritiſchen Zeiten, und der Schritt war gewagt. Wolfſtein aber, jetzt ſelbſt durch die Fuͤlle des genoſſenen Weins zur Wuth getrieben, rief, mit dem Fuße ſtampfend: „Was bedeutet das, du ſchwarzer Sohn der Hoͤlle!— Was ſtarrſt du mich an?— Bring ihn fort, ſage ich, und laß ihn im gewoͤlbten Zim⸗ mer den Rauſch ausſchlafen! Schieb ihn hinein, und verriegele die Thuͤr hinter ihm; Morgen ſollſt du weitere Befehle erhalten.“ Es blieb nichts als Gehorſam uͤbrig; Scha⸗ raffa und ſeine Helfershelfer ſchleppten alſo den wehrloſen Hauptmann fort. Die uͤbrigen Gaͤſte begaben ſich bald in ihre Gemaͤcher, Wolfſtein — 14* 21² aber und L oscho machten die Runde ums Schloß, ließen die Wachen abloͤſen, ſagten, der Hauptmann ſey betrunken, und auſſer Stande ſeine Schuldigkeit ſelbſt zu thun, wuͤnſchten ſich dann gegenſeitig Gluͤck über die leichte Art, wie ihr Vorhaben ausgefuͤhrt worden ſey, und endlich begab ſich auch Loscho zur Nuhe, indem er das Verſprechen erhielt, Mor⸗ gen foͤrmlich in ſeinen neuen Poſten eingeſetzt zu werden. Pater Feliy brachte die Nacht wechſelſeitig am Bette ſeiner beiden Kranken zu. Frau von Wolfſtein's Zuſtand konnte ihn nicht laͤnger be⸗ unruhigen; nachdem ſie aus der langen Ohnmacht erwacht war, erfolgten weiter keine Ruͤckfaͤlle, und nur Ruhe that ihr Noth. Weit anders ſtand es mit Caſimir; ſchon die peinliche Einkerkerung, welcher er waͤhrend mehrerer Monate ausgeſetzt ge⸗ weſen war, verbunden mit der Unruhe die ſein Gemuͤth zerriß, hatte ſeine Kraͤfte untergraben, ein hektiſches Fieber drohete ſeinen ſonſt ſo ſtarken Koͤrperbau zu zerſtoͤren. Jeder neue Stoß mußte gewaltſam auf ihn einwirken, und Pater Felir begann zu fuͤrchten, der Tod habe ihn unvermeid⸗ lich zu ſeinem Raube erkohren. Der Gedanke mit Luiſen nun vereint zu werden, hatte ſich ſeiner ausſchließend bemeiſtert, und in den Fieber⸗Phanta⸗ ſien dieſer Nacht, außerte es ſich deutlich, wie ihr Tod’, und die Hoffnung ihr bald zu folgen, die einzigen ihm, von den Ereigniſſen des Tages, uͤbrig gebliebenen Bilder waren. XI. Im ſtolzen Rauſche worin Wolfſtein s Sinne durch den Genuß des Weins befangen waren, ſchmeichelte es ihm nicht wenig, mit ſo leichter Muͤhe eine ſo weſentliche Umwaͤlzung in ſeiner Re⸗ gierung hervorgebracht zu haben; aber mit dem erſten Strahle der Morgenröthe, und bei voͤlliger Nuͤchternheit, ſah er die Gefahr dieſes Unterneh⸗ mens ein. Einen Augenblick uͤberlegte er ſogar, ob er nicht, der Klugheit gemaͤß, den ganzen Vor⸗ fall als einen leichten, nur durch den Wein erzeug⸗ bien Scherz behandeln, Pandulſo ſchnell be⸗ freien und verſoͤhnen, Loscho aber auf anderwei⸗ iige Weiſe entſchadigen ſolle; doch Hochmuth und — 214 perſoͤnliche Abneigung bekäͤmpften dieſen hoͤchſt zwweck⸗ maͤſſigen Einfall, und der Gedanke, voͤllig unum⸗ ſchraͤnkter Herr in ſeinem Schloſſe zu ſeyn, einzig alles nach ſeiner Willkuͤhr auszufuͤhren, es moͤge daraus entſtehen was da wolle, behielt die Obere hand. 2 Waͤhrend er noch ſo mit ſich zu Rathe ging, und ſich ſeiner Allgewalt erfreute, trat Scharaffa herein, um ſeine Befehle zu vernehmen, ob er den Hauptmann eher in Freiheit ſetzen ſolle, als die Beſatzung von dem Auftritte der vergangenen Nacht unterrichtet ſeyn werde. „Wie,“ rief Wolfſtein im Zorn,„ſoll ich mit meinen Sklaven unterhandeln? Bin ich nicht Herr von Lorn hers⸗ iſt mein Wille nicht Geſetz?“— Scharaffa erkannte dies letztere voͤllig an, wagte indeß doch die Aeuſſerung: daß ſelbſt die Maͤchtigſten der Erde zuweilen ihren Willen der Klugheit unterwerfen muͤßten. 14„Menſch,“ rief der Ritter, beide Hände vor dem Kopfe ballend,„ich bin es muͤde Plaͤne fuͤr die Zukunft zu ſchmieden! Mein ganzes Leben iſt ein verworrener Plan geweſen, von dem 215 mein Gehirn jetzt voͤllig, wie von einem Gewebe umſponnen iſt, und noch iſt mir nicht der Preis dafür geworden meinen Willen unumſchraͤnkt aus⸗ zufuͤhren; diesmal aber will ich den Verſuch wagen! — Ich haſſe Pandulfo, und er ſoll dieſen Haß empfinden.“ 3„ „Und ich, gleich einem treuen Rnechte, haſſe ihn nicht weniger,“ entgegnete Scharaffa grin⸗ ſend.„Glaubt ihr ich wolle ihm das Wort reden? — Nein, gnaͤdiger Herr; aber ihr ſeyd noch nicht ſicher genug, wartet bis ihr mehr Gewalt in Haͤn⸗ den habt.“ „Wie, ſollte ee Verraͤther in meinen Mau⸗ ern geben?“— „Wohl moͤglich!— Wartet, gnaͤdiger Herr, bis einige von den Banden zuruͤckkehren, welche ihr dem Herzoge geliehen hattet, und dann ſucht dieſe unvermerkt gegen die alte Beſatzung auszuwechſeln. Wartet, bis ihr euren reichen Antheil von der Beute des Herzogs empfangen habt, mit einem Worte, wartet einen guͤnſtigeren Zeitpunkt ab; jetzt duͤrft ihr den Streich nicht wagen.“ In dieſem Augenblicke pochte Jemand an die 7 Thuͤre des Vorgemachs, und nachdem Scharafſa 4 216 hinausgegangen war, um zu ſehen wer es ſey, kehrte er haͤmiſch lachend mit der Nachricht zuruͤck: der nene Feſtungs⸗Commandant warte drauſſen. Auf Wolfſteins Geboth trat Loscho bleich wie ein Schatten herein und berichtete zitternd, wie die ganze Garniſon ſich im Aufruhr befinde.„Man hoͤrt nicht auf mein Wort,“ ſetzte er hinzu, „fordert ſtuͤrmiſch den Hauptmann zuvuͤck, und ich———— „ Und ihr ſeyd eine Memme!“ ſiel Wolf⸗ ſtein ein.„Die Macht der Rebellen beſteht einzig in der Schwaͤche ihres Deeidaidtsn Bleibt hier bei Scharaffa.“ Indem er dieſe Worte ſprach, ergriff er ſei⸗ nen Saͤbel, ſteckte die Piſtolen in den Guͤrtel, und begab ſich in den Schloßhof, wo die Sol⸗ daten Haufenweiſe laͤrmend bei einander ſtanden; jeder hatte ſeinen Poſten verlaſſen, die Waͤlle waren unbeſetzt. Als Wolfſtein mit bedaͤchtlichem Schritt ſich ihnen nahete, uͤberlegte er den Rath des klu⸗ gen Scharaffa, und wurde gewahr daß ſeine gegenwaͤrtige Lage doch wohl Liſt und Geduld 21⁷ heiſche, um die Rache mit groͤßerer Gewißheit auf eine guͤnſtigere Stunde verſchieben zu koͤnnen. „Was ſoll das bedeuten, Cameraden?“ ſagte er indem er traͤftig, und dem Anſcheite nach voͤllig furchtlos, in ihre Mitte trat. „Edler Ritter,“ antwortete einer aus der Menge,„es hat nicht gerade viel zu bedeuten; wir wuͤnſchten nur zu wiſſen was aus unſerm tapfern Hauptmanne Pandulfo geworden iſt, und ob wir der feigen Memmͦ⸗ dem Loscho, gehorchen ſollen?“— 1 „Und das iſt alles?— Wahrlich ich glanste euer Hauptmann haͤtte euch beſſer gezogen! Die Art wie ihr fragt entſpricht keineswegs einer ſtrengen Mannszucht. 44 Eiferſuͤchtig auf den Ruf ihres allgemein ge⸗ liebten Anfuͤhrers, lieſſen ſie es ſich angelegen ſeyn den Ritter zu verſichern, er wuͤrde nie Ur⸗ ſache haben, weder an ihre gute M annszucht, noch an ihren Muth zu zweifeln, wenn er ihnen nur einen wuͤrdigen Fuͤhrer gebe.—„Aber was, geſtrenger Herr,“ ſetzte einer hinzu,“ ſoll⸗ ten wir wohl gegen den Feind unter einem Haupt⸗ manne anfangen, der roth und bleich wird, wenn 27 82 ſeine eigenen Leute üm nur ſtarr ins Geſicht ſehentza Ii Aene . Wolfſtein entdeckte nun augenblicklich, daß Loscho ihnen binnen wenigen Minuten, zwei Haupt Fehler eines zweckmſſigen Anfuͤhrers, ue bereilung und Feigheit, 4 gezeigt hatte. Die ruhige Be onnenheit ſeines 8 eigenen Betragens erinnert* ſe ſogleich daß ſie vor einem Herrn ſtanden. 6⁶ 4 8* 77 „Leute, ¹ ſagte er,“ laßt uns einander ver⸗ ſtehen 1 Ihr habt ungluͤcklicher Weiſe durch dieſes rebelliſche Verfahren fowohl euch, als euren Haupt⸗ mann in meinen Augen herabgeſetzt, denn ich glaubte unter der Beſatzung meines Schloſſes herrſche ſtren⸗ gere Mannszucht als in irgend einer Feſtung von ganz Enropa, und hielt Pandulfo, als Krie⸗ ger, ſeiner Pflicht ſo ergeben, daß, haͤtte ich ſei⸗ nen Kopf von euren Haͤnden verlangt, er euch ſelbſt zu der Vollztehung meines Befehls be⸗ ondert haben wuͤrde. Doch das iſt nun vorbei, ich bin nicht der Erſte, welcher ſich in der Treue ſeiner Untergebenen taͤuſchte!— Ich hielt euch fuͤr Helden; aber ihr ſeyd nichts als gewoͤhnliche 219 Menſchen, und die Schuld liegt nicht in eurer Unvollkommenheit, ſondern in meinem Irrthume.“”“ „Gewiß, Ritter,“ erwiederte einer der Maͤnner,„wird unſer tapferer Hauptmann der Erſte ſeyn, welcher unſer raſches Betragen tadelt und ſtraft. Wir wollen blos einen Anfuͤhrer den wir fuͤrchten; nur nicht einen der uns fuͤrchtet.“ „Gut Leute, ſo will ich euch denn die Urſache der Abweſenheit eures Hauptmanns ſagen, damit ihr bei naͤchſter Gelegenheit erſt denkt, und dann handelt. Ich hielt geſtern einen Schmaus auf dem Schloſſe, um ein gluͤckliches Ereigniß im Staate, das auch fuͤr mich guͤnſtige Folgen hat, und euch reiche Belohnungen zuziehen kann, wenn ihr ſie anders durch eure Treue verdient, zu fei⸗ ern; ja, es war ſogar meine Abſicht auch mei⸗ ner Beſatzung heute ein Geſchenk und einen Feier⸗ tag zu geben, damit ſie ſich gleicher Weiſe erfreuen koͤnne. Unſere Herzen waren zum Frohſinn ge⸗ neigt, und in der Freude vergaßen wir die ge⸗ hoͤrige Vorſicht, welche Maͤnnern geziemt die andern befehlen ſollen.— Wir tranken zu viel, auch Pandul fo blieb ſeiner nicht mehr maͤchtig, einige ſtuͤrmiſche, wilde Prahlereien, deren Sinn 220- ich nicht voͤllig verſtand, entſchluͤpften ihm. Der mir noch uͤbrig gebliebene Funke von Vernunft zeigte mir, wie unſchicklich es fuͤr euren Haupt⸗ mann ſey, ſich in dieſem Zuſtande euch zu zeigen, daher ließ ich ihn an einen Ort bringen, wo er keine Zeugen ſeiner Schwaͤche haben ſollte. Waͤre der unnuͤtze Aufruhr nicht erfolgt, wuͤrde er die⸗ ſen Morgen, wahrſcheinlich unbewußt deſſen was ihn die Nacht betroffen hätt⸗ unter euch getreten ſeyn.“ „ Aber gnaͤdiger Herr, Loscho aͤberſchritt ſeine Befehle, indem er gleich einem Prahler un⸗ ter uns auftrat. 77 „Ach, der hatte auch den Rauſch noch nicht 7 völlig verſchlafen! Wahrſcheinlich traͤumte ihm von Befoͤrderung, und er ſetzte ſeinen Traum wachend fort.“ Die Krieger ſchwenkten nun alle ihre Muͤtzen und riefen: Lange lebe unſer edler Ritter!— Die Officiere, welche einer nach dem Andern herbei gekommen, aber noch ungewiß waren, zu welcher Parthei ſie ſich halten ſollten, traten jetzt auch naͤher um Wolfſtein herum. 221 „ Ich gehe,“ ſagte der Ritter,„, euch euren Hauptmann zu ſenden. Aus Liebe zu euch, habe ich meine Nachgiebigkeit zu weit getrieben; doch ſtellt mich nicht zum zweitenmal auf die Probe!“ Unter dem Beyfall⸗Ruf der Menge verließ er den Schloßplatz, und begab ſich etwas milde⸗ ren Sinnes wieder zu Loscho und Scharaffo. „Gnaͤdiger Herr,“ ſagte letzterer,„ich habe mich eben mit dem Ehrenmanne da unterhalten, und die ganze Urſache des Tumults iſt mir nun klar geworden. Der Spaß, der geſtern waͤhrend des Rauſches in ſeinen Kopf gefahren iſt, hat ſich in ſeinem Gehirne feſtgeſetzt. Dieſen Morgen — glaubte er in der That Hauptmann eurer Beſatzung zu ſeyn, und fing an, ohne weitere Beglaubigung 5⸗ Scheine, ſeine Rolle zu ſpielen... ile „Iſt es moͤglich, Loscho?“ erwiederte Wolfſtein veraͤchtlich.„Es hat wohl ſchon kluͤgere Maͤnner gegeben, denen der Wein die Sinne benebelte; aber eine Stunde Ueberlegung, fuͤhrte den Rauſch hinweg.— Du biſt ein ſon⸗ derbarer Menſch, die Geſtalten eines erhitzten Ge⸗ hirns in die Wirklichkeit uͤberzutragen! wrrhsdas dieſe thoͤrichten Einbildungen, dein Rauſch moͤcht 222 dir ſonſt als Wahnſinn ausgelegt werden. Ich haͤtte dich niche fuͤr ſo ſehwachköpſig gehaltent Der arme Loscho ſtand erſtaunt da, und fing faſt an zu glauben, daß anſtatt ſich ſeiner Nuͤchternheit am geſtrigen Abende mit Recht er⸗ freut zu haben, er im Grunde doch wohl der Trunkenſte von allen Gaͤſten geweſen ſeyn muͤſſe. Eins vermochte er ſich indeß durchaus nicht t abzu⸗ leugnen, naͤmlich ſeine voͤllige Untauglichkeit zu dem Amte, welches er ſich ſo ſehnlich gewuͤnſcht hatte, und ſo war er denn froh daß alles nur ein Traum ſey, obgleich ihn die kalte Verachtung, mit welcher der geſtern noch ſo huldreiche Haͤupt⸗ ling auf ihn herab blickte, und der Hohn des Tra⸗ banten, verdroß. „Ihr koͤnnt gehen, Loscho,“ ſagte Wolf⸗ ſtein,„und euch freuen auf keinem Platze zu ſtehen, zu dem beſondere Faͤhigkeiten erforderlich ſind. Gluͤcklich genug, daß euer wachender Traum nicht mit dem Sturze in einen Abgrund endete!“— „Nun kommt die ſchwerſte Aufgabe,“ fuhr er ſich zu ſeinem Helfershelfer wendend fort, nach⸗ dem Loscho das Zimmer verlaſſen hat.„Ich 223 muß mich durchaus deines Beiſtands bedienen, Scharaffa; folge mir alſo!“— Es lag ſo viel Bosheit in dieſem ungeſtalteten Weſen, daß ihm die Verlegenheit ſeines Herrn und Beſchuͤtzers zur hoͤchſten Freude gereichte; Wolfſtein ſelbſt empfand ſogar eine gewiſſe Furcht vor ihm. Die teufliſche Kraft und Ge⸗ wandtheit, welche in dieſem Hoͤllenſohne vereint war, machte dies Scheuſal oft zu ſeinen Zwecken hoͤchſt nothwendig; auch uͤbertraf Scharaffa ſei⸗ nen Meiſter bei weitem an Kaltbluͤtigkeit und Be⸗ ſonnenheit. Doch, wie es bei dergleichen Ver⸗ bindungen gewoͤhnlich der Fall iſt, ſo war es auch hier nur Eigennutz, der einen an den andern band, und es gab Augenblicke in denen Wolfſtein ſo⸗ gar mit nicht zu verbergendem Widerwillen auf die Mißgeſtalt dieſes Dieners ſchauete, den er ſedolh nicht entbehren konnte. Der Morgen war ſchon ziemlich hereinge⸗ prochen, als Beide, mit einer Fackel verſehen, durch die langen, feuchten Gaͤnge gingen, die zum unterirdiſchen Gewoͤlbe fuͤhrten. Nachdem man die ſchweren Riegel des Kerkers geoͤffnet hatte, nahm Wolfſtein ſeinem Diener die Fackel 224 ab„ und trat hinein. Pandulfo, der gerade mit in einander geſchlungenen Armen in den be⸗ ſchraͤnkten Raͤumen ſeiner gegenwaͤrtigen Behauſung auf und nieder ging, ſtand jetzt ſtille, und heftete den Blick ſo feſt auf den Eintretenden, als der ploͤtzliche Uebergang von der Finſterniß zum Licht es nur immer geſtattete. „Meiner Treu, Pandulſo,“ rief Wolf⸗ ſtein,„von allen unſinnigen Streichen die der Wein je eingegeben hat, iſt es doch wohl der tollſte, euch in ein ſolches Loch geſteckt zu haben! Die ganze Begebenheit war mir entfallen, und ihr haͤttet hier wahrhaſtig noch wer weiß wie lange ſtecken koͤnnen, ſo voͤllig hatte mein geſtriges Trank⸗ Opfer jede, waͤhrend deſſelben vorgefallene That⸗ ſache, aus meiner Erinnerung verwiſcht! Aber kommt,“ ſetzte er ſchaudernd hinzu,„dies iſt kein Aufenthalt zur Unterhaltung. Hoffentlich hat die Feuchtigkeit euch doch nicht geſchadet, ſonſt wuͤrde ich es mir nie vergeben. Kommt, ich will euch eini⸗ ge Streiche vom geſtrigen Rauſche erzaͤhlen, bei denen ihr vor Lachen berſten werdet; denkt euch nur, weil ihr heute Morgen nicht erſchient, iſt es dem Narren Loscho eingefallen, ſich in euer 225 Amt einzuſetzen, und den Commandanten auf eine ſo neue Weiſe zu ſpielen, daß eure Leute dadurch aufruͤhreriſch wurden. Aber kommt heraus, dann will ich euch die ganze Geſchichte weiziauing er⸗ zäͤhlen.⸗ anae „Nicht alſo Ritter,“ erwiederte der tuhne Pandulfo.„Wenn auch die Begebenheiten der geſtrigen Nacht eurem Gedaͤchtniſſe entfallen ſeyn moͤgen, ſind ſie dennoch in dem meinigen treulich bewahrt. Ich erinnere es mich ſehr wohl wie ich beleidigt und entehrt worden bin; Urſache und Wirkung ſind mir gleich klar, und ich ver⸗ geſſe es nicht bis ich hinlaͤngliche Genugthunng habe.“ „Pandulfo, ihr muͤßt im Traume ſeyn, um mit ſolcher Hartnaͤckigkeit einer Beleidigung gedenken zu koͤnnen, die im Zuſtand der Bewußt⸗ loſigkeit geſchah. Ich freue mich wahrlich daß einige Stunden des Schlummers jene Dinge aus meinem Gedaͤchtniſſe getilgt haben, ſonſt moͤchte ich heute auch noch ein Suͤnden⸗Regiſter aufzu⸗ zaͤhlen haben, daß dem eurigen vielleicht nichts nachgaͤbe.— Aber deine uͤble Laune laͤßt ſich ent⸗ ſchuldigen, Freund; du haſt ein kaltes, hartes W. o. W. III.. 15 226 Lager gehabt, und fuͤhlſt die Folgen davon in allen Gliedern. Komm, komm! Deine Leute harren deiner.“ „Es waͤre kluͤger von euch, Ritter, mich hier in meinem Gewahrſam zu laſſen, denn wenn ich zu meinen Leuten komme, werde ich ihnen den gan⸗ zen Vorgang erzaͤhlen, werde ſagen, daß ich ihnen nicht laͤnger befehlen kann; ſolche Maͤnner verdie⸗ nen einen voͤllig makelloſen Anfuͤhrer. Sobald ich in Freiheit geſetzt bin, lege ich meinen Poſten nieder, und alsdann nicht mehr in eurem Dienſte befindlich, koͤnnen wir unſern Streit mit einander ausfechten, wie es Kriegern geziemt.“ Indem er noch ſprach trat Scharaffa mit dem Pater Felix herein. „Was bringt euch hierher, Vater?“ fragte der Hauptmann im gemaͤßigtern Tone. „Ich komme deinen harten Sinn zu brechen, mein Sohn, komme dich zu bitten deinen Poſten nicht aufzugeben, die Truppen welche deiner Fuͤh⸗ rung anvertraut ſind, nicht zu verlaſſen, und dich zu beſchwoͤren, Frieden mit dem Herrn des Schloſ⸗ ſes zu machen. 77. 227 Es lag etwas Unwiderſtehliches in Felir Wor⸗ ten und Blicken. Pandulfo ſah Wolfſtein durchdringend an, zoͤgerte noch und fragte dann: „Wie ſteht es mit dem Grafen, ehrwuͤrdiger Bater?“— „Er iſt in einem hoͤchſt bedenklichen Zuſtande, und redet noch immer irre.“ 8 „Nun,“ fragte der Ritter muͤrriſch,„werden wir unſere Thorheit mit einem Zweikampfe enden, Hauptmann, oder wollt ihr meine Entſchuldigung annehmen? Sprecht, Moͤnch, wer von uns Bei⸗ den iſt jetzt der beſſere Chriſt?“— „Sey verſoͤhnlich, Sohn,“ ſagte Felir mit Nachdruck, leiſe hinzuſetzend:„zum Beſten Vie⸗ ler!“— Kalt, aber ungeſaͤumt nahm Pandulfo jetzt die ſo oft wiederholte Entſchuldigung des Rit⸗ ters an, welcher uͤber den Einfluß des Moͤnchs nicht wenig erſtaunte.— Man wanderte an das Licht des Tages zuruͤck, der Hauptmann kleidete ſich um, und ging dann mit Wolfſtein zu den Truppen, welche uͤber die Verzoͤgerung aufs Neue begannen unruhig zu werden. Jetzt aber, da ſie ihren geliebten Anfuͤhrer ſo friedlich mit dem Schloß⸗ 15* „ 228 herrn herankommen ſahen, wurde ein allgemeiner Ju⸗ bel unter ihnen laut. „Eure Anhaͤnglichkeit, Kinder, thut meinem Herzen wohl,“ ſagte Pandulfo;„aber die Art wie ihr ſie mir bewieſen habt, muß ich ver⸗ dammen. Ihr macht der Mannszucht, welche ich mich beſtrebt habe unrer euch einzufuͤhren, wenig Ehre; ſolche heftige Ausbruͤche paſſen durchaus nicht zur militaͤriſchen Ordnung. Wir muͤſſen ſie abzuſtellen ſuchen.“ Dieſer Vorwurf verfehlte ſeine Wirkung nicht; der laͤrmende Haufe ſtellte ſich alsbald in geſchloſ⸗ ſene Reihen, riefes Stillſchweigen herrſchte. Wolf⸗ ſtein nannte ſie brave Burſche, lobte und entſchul⸗ digte ſie laut, indem er hinzufuͤgte, daß er das ver⸗ ſprochene Geſchenk alſobald unter ſie werde verthei⸗ len laſſen.. „Verzeiht, Ritter, wenn ich im Namen meiner Krieger dies Geſchenk fuͤr heute und einige folgende Tage ablehne; unſere Mannszucht hat ohnehin gelitten; wenn ſie völlig wieder herge⸗ ſtellt ſeyn wird, werde ich euch an euer Verſprechen erinnern.“ „Ihr ſeyd zu frchge, Hauptmannl“ 4 229 Ein Sergeant, der ſchon fruͤher den Spre⸗ cher gemacht hatte, trat jetzt vor, und bemerkte chrerbietig, wie die Soldaten von der Gerechtig⸗ beit ihres Hanptmanns uͤberzeugt waͤren, und bis er nicht voͤllige Urſache haͤtte mit ihnen wieder zu⸗ frieden zu ſeyn, keine Verguͤnſtigung annehmen wuͤrden.— Kurz, Wolfſtein wurde, zu ſeiner nicht geringen Demüthigung, im Zeitraume weniger Stunden voͤllig uͤberzengt, daß es Leute von gröͤßerem Einfluſſe innerhalb dieſer Mauern gebe, als er ſelbſt ſey. Entſchloſſen aber jetzt die ganze Schule auf einmal durchzumachen, aͤußerte er den Wunſch, in Geſellſchaft des Moͤnchs und des Hauptmanns, das Krankenzimmer ſeines Gaſtes zu beſuchen, und jemehr er gewahr wurde, wie gern der Erſtere ihn von dieſem Vorſatze abhalten wollte, um ſo hart⸗ naͤckiger beſtand er darauf. 4 Man fand Caſimir noch immer in wilden Fieber⸗Phantaſien; es ſchien als glaube er, die Fuͤrſtin Stollberg ſtaͤnde neben ſeinem Bette, denn an ſie richtete er fortwaͤhrend die verworrenen Reden, ſprach zu ihr von Wilhelms Schweſter, und wie dieſe einzig das Herz beſitze, uͤber welches er nicht mehr gebieten koͤnne. Pandulfo und der 230 Moͤnch geriethen daruͤber in Verlegenheit; Letzterer bemerkre, wie es in dieſem Zuſtande durchaus ſchaͤdlich fuͤr den Kranken ſey, mehrere Gegenſtaͤnde zu ſehen, und indem er den Hauptmann bat ſich hinwegzube⸗ geben, hoffte er auch den Ritter zu entfernen. Die⸗ ſer aber ſich ſtellend, als ſey er ganz von Mitleid hingeriſſen, beugte ſich uͤber ſein Bett, und er⸗ griff ſogar eine ſeiner brennenden Haͤnde. „Ich weiß es wohl,“ ſagte Caſimir ihn ſtarr anſehend,„und will euch weiter keinen Vor⸗ wurf machen, Ritter.— Ihr thatet was in euren Kraͤften ſtand; ich vergebe euch daß ihr ſie zur Frau genommen habt.— Das iſt voruͤber!— Ihr habt uns Beide getoͤdtet, damit wir im Grabe vereint wuͤrden. Der Gedanke troͤſtet mich!— Auguſte! Theure, barmherzige Schweſter!— Du wirſt Blumen darauf ſtreuen, und das Requiem ſingen.“ Es ſcheint doch ſonderbar,„ſagte Wolfſtein ſich zu den Anweſenden wendend,„daß ſeine Ge⸗ danken ſo ausſchließend mit meiner Gemahlin be⸗ ſchaͤftigt ſind.— Ihr koͤnnt mir antworten, er rede in Fieber⸗Phantaſien; aber in dieſen ſpre⸗ chen ſich gerade die geheimſten Gefuͤhle der Seele 231 aus, ſo wie der trunkene oder wahnſinnige Geiz⸗ hals gewiß auch im verwirrten Zuſtande, ſeiner gehaͤuften Schaͤtze erwaͤhnen wird. Der Menſch kann verruͤckt ſeyn, aber das Gepraͤge bleibt den⸗ noch aͤcht.“ „Und doch,“ entgegnete Pandulfo,„kann ein voͤllig zerruͤtteter Verſtand, ſehr wohl den Ge⸗ genſtand ſeiner Neigung oder Abneigung, in ſei⸗ ner Verruͤcktheit verwechſeln.“ „Glaubt ihr vielleicht daß dies hier der Fall iſt?“— Fragte der Ritter hohnlaͤchelnd. „Was mich betrifft, ſo kann ich wenig Ge⸗ wicht auf ſolche Dinge legen, auch habe ich noch nie gehoͤrt, daß Worte, im hitzigen Fieber aus⸗ geſprochen, als Wahrheit betrachtet, oder als Ora⸗ kel anerkannt waͤren.“ „Seyd erſt Ehemann, Dandulfe, hoͤrt ſolche Worte in aͤhnlicher Beziehung, und ſagt mir dann welch ein Gewicht ihr darauf legt.“ „Stille!“ rief der Moͤnch,„er iſt nun ruhig.“ Bei dieſen Worten ſchob er ſie zur Thuͤr hinaus, doch bevor er ins Krankenzimmer zuruͤckkehrte, richtete er ſeine Rede noch an Wolf⸗ ſtein: 232 „Ritter, die Fieber⸗Phantaſien dieſes un⸗ gluͤcklichen jungen Mannes ſcheinen euch verdroſ⸗ ſen zu haben; aber ſeyd voͤllig ruhig deshalb. Sein Herz iſt gebrochen, ſein Koͤrper ſchwindet ſichtlich dahin, und die euch beleidigende Stimme wird bald nicht mehr vernommen werden!— Aber waͤre auch dies nicht der Fall, ſollte er den⸗ noch ins Leben zuruͤckkehren, ſollte er zu dem Be⸗ wußtſeyn erwachen, daß die geheime Neigung ſeines Herzens verrathen iſt, ſo wird er dem Gegenſtand derſelben bis ans Ende der Welt zu entfliehen ſuchen. — Nein, fuͤrchtet nichts, Herr!— Fuͤr alle glaͤnzen⸗ den Erdenguͤter, wuͤrde er die Hoffnung einer Verei⸗ nigung nach dem Tode mit der Schweſter ſeines Wil⸗ helm's, nicht verwirken, und dort“——— Hier wandte er den Blick gen Himmel, als wolle er hinzuſetzen:„wirſt du nicht zwiſchen ſie treten!“ Wolfſte in beſand ſich in einer ſonderbaren, ihm ganz fremden Stimmung; er fuͤhlte ſich gekraͤnkt, niedergeſchlagen, gedemuͤthiget. Fruͤher war er wohl ſtolz darauf geweſen, ſich gehaßt zu ſehen, weil er zu gleicher Zeit gefuͤrchtet wurde; jetzt aber ſchien ein heimlicher oder offenbarer Geiſt des Widerſtandes ſich ſeinem Willen entgegen zu ſetzen, den er, ſo hart ihm auch die Daldung deſſelben ſiel, dennoch fuͤr den Augenblick nicht zu baͤndigen wagte. Der nie gehegte Gedanke, daß es kein Weſen gebe, dem er trauen koͤnne, keines, das ihm wahrhaft ergeben ſey, erregte zum erſten Male einen kal⸗ ten Schauder in ihm. In dieſer Stimmung lenkte er ſeine Schritte zu den Zimmern ſeiner Gemahlin. „Ich will zu ihr gehen,“ dachte er,„will freundlich mit ihr reden. Einſt liebte ſie mich; dieſe Neigung wird wohl wieder zu gewinnen ſeyn!“—. hatte es nicht gewagt ſich nach ihr zu erkundigen, wußte alſo nicht ob ſie noch ſchliefe, und oͤffnete leiſe die Thuͤr des Vorzimmers, um ſie nicht ploͤttzlich zu erwecken. Eine ſchwache doch hoͤchſt vernehmliche Stimme toͤnte ihm entgegen: „Welche Nachrichten bringt ihr, Vater?— Sprecht, iſt er ruhiger?— Wie geht es dem ungluͤcklichen Caſimir?“ „Zum raſend werden!“ rief Wolfſtein heftig mit dem Fuße ſtampfend;„ich bin von Furien verfolgt! Engel ſogar werden zu Teufeln um mich zu quaͤlen!“ 234 Barbara, in demſelben Jerthume wie ihre Herrſchaft, war ihm entgegen gegangen, und ſtieß nun bei ſeinem Anblick einen durchdringen Schrei aus, weil die Bilder des vergangenen Abends noch ſchauderhaft vor ihrer Seele ſchwebten. Kurz, Zeichen des lauten oder geheimen Widerwillens und Abſcheu's empfingen ihn von allen Seiten. Zerknirſcht wandte er ſich ſchnell um, indem er lei⸗ ſe in ſich hinein murmelte:„Nein, dies iſt nicht der rechte Augenblick!“— In der Halle begegnete ihm Scharaffa. „Schon geraumere Zeit wartete ich eurer mit die⸗ ſen Depeſchen,“ ſagte er;„moͤge ihr Inhalt euch willkommen ſeyn!“— Die Papiere ihm ſchnell aus der Hand reißend, fragte Wolfſtein: wer ſie gebracht habe?— Als er den Namen Ubaldo hoͤrte, oͤffnete er das Packet, indem er mit haſtigen Schritten ſei⸗ nem Zimmer zueilte, wahin ſein Trabant ihm ſolgte. Der Brief war von Devereur und be⸗ nachrichtigte den Ritter in kurzen, buͤndigen Aus⸗ druͤcken, wie er es bedaure daß es nicht in ſeiner Macht ſtehe gewiſſe Bedingungen zu erfuͤllen, wo⸗ 233 zu er ſich fruͤher anheiſchig gemacht habe.— Auch haͤtten ſich G allas und Piccolomini bereits durch Beſtechungen und Drohungen der Truppen bemaͤchtigt, welche der Ritter dem vormaligen Ge⸗ neraliſſimus als Huͤlfsvoͤlker geliehen habe. Wolf⸗ ſtein's Name ſey bei der Theilung der Guͤter durchaus nicht genannt, und jede weitere Verwen⸗ dung wuͤrde jetzt unnüͤtz ſeyn, da alles bereits an den rechten Mann gebracht waͤre.— Schließlich verſicherte der Schreiber dieſes, daß, da der Zweck ihrer gemeinſchaftlichen Angelegenheit gegenwaͤrtig erreicht ſey, aller weitere Courier⸗Wechſel unter ihnen unnoͤthig ſeyn wuͤrde, und wuͤnſchte dem Rit⸗ ter Gluͤck und Ruhe auf ſeinen Beſitzungen in Dalmatien. „Nicht wahr,“ ſagte Scharaffa, der ſeinen Herrn, waͤhrend dieſer den Brief las, ſtarr angeblickt hatte,„der Knabe Devereux hat ſeine Rolle vortrefflich geſpielt?— Wer das haͤtte vorher ſehen köͤnnen! Was iſt nun zu thun?— „Im ſchlimmſten Falle,“ erwiederte Wolf⸗ ſtein,„das Schloß in die Luft zu ſprengen, und unſer Poſſenſpiel im Grunde des Adriatiſchen Meeres zu enden!“— 236 XII. Wir muͤſſen nun auf einige Zeit die Kuͤſten des Adriatiſchen Meeres verlaſſen, um uns an die Ufer der Donau zu verſetzen, und an den Wiener Hof zuruͤckkehren, wo unterdeß manche ſchmerzliche Veraͤnderung vorgefallen war. Sie, welche Ferdinand's Dornen⸗ Krone mit den Roſen der Liebe und Freundſchaft um⸗ wand, die edle Marianne war nicht mehr, und ſchmerzlich blutete das Herz, des um ſie trauern⸗ den, erhabenen Gemahls, uͤber dieſen, fuͤr ihn unerſetzlichen Verluſt. Er hatte mit manchem furchtbaren Feind im Aeuſſern und Innern zu kämpfen gehabt, doch ſie lehrte ihn Geduld; aber das ihn ſtets erheiternde Laͤcheln war nun erloſchen, der treue Buſen, dem er jeden Kummer vertrauen konnte, war kalt und gefuͤhllos, keine ſeiner Sor⸗ gen oder Freuden fanden dort mehr Anklang. Wo ſollte er nun in der haͤngſten Stunde des Lebens 237 Troſt ſuchen, da ihre holde Stimme ihm ſchwieg? — Doch wenn er den Blick gen Himmel wandte, wohin ihr ſeeliger Geiſt entflohen war, ſchien es ihm, als ſaͤuſelten ihm von dorther Toͤne, den ihrigen gleich, entgegen, welche ihm zuriefen: „harre nur noch kurze Zeit!“— Und dieſe Worte wurden ſein Troſt hienieden. Auch die Fuͤrſtin Stollberg, wie wir ſie vormals kannten, war nicht mehr; zwar hatte ihre Geſtalt noch nicht unſere Erdenraͤume verlaſſen; aber in dem früher ſo lebhaften, von Witz und Laune ſprudelnden Geiſt, ſchien Feuer und Leben erloſchen zu ſeyn; Seele und Koͤrper waren ge⸗ e beugt. Lange hatte ſie an dem Krankenlager ihrer kai⸗ ſerlichen Freundin gewacht, die bange Scheideſtunde herannahen ſehen, manche bittre Thraͤne der Ent⸗ ſchlafenen geweint, und es ſich oſt gewuͤnſcht an ihre Seite das muͤde Haupt zum Todesſchlummer hinlegen zu koͤnnen. Lindau einſt, gleich einem Schmetterlinge, froͤhlich von einem Gegenſtande zum andern flat⸗ ternd, hatte ſeinerſeits auch den Ernſt der Zeit ge⸗ fuͤhlt; das wahrhaft Edle in ihm war dadurch ent⸗ wickelt worden, und mit Ekel und Verdruß blickte 238 er jetzt auf die kindiſchen Spielereien ſeiner Jugend zuruͤck. Gerade als die eigentlichen Plaͤne des Her⸗ zogs von Friedland kund wurden, und die Of⸗ ſiciere genoͤhtigt waren ſich fuͤr ihn oder den Kaiſer zu erklaͤren, erhielt der Markgraf, deſſen Ergeben⸗ heit der Herzog durch vielfäͤltige Gunſtbezeugun⸗ gen zu erlangen geſtrebt hatte, ſo beunruhigende Nach⸗ richten von dem Geſundheits⸗Zuſtande ſeiner ein⸗ zigen geliebten Schweſter, daß er um Urlaub bat, welches man ihm in dieſem Augenblicke nicht ab⸗ ſchlagen konnte. Desmond, nach welchem er die ge⸗ naueſten Nachforſchungen angeſtellt hatte, war end⸗ lich unter einem Haufen Erſchlagener, gefaͤhrlich, jedoch nicht toͤdtlich verwundet, wieder aufgefunden. Nachdem es Lindau gelungen war, ihn in ſeine Obhut zu bekommen, verbarg er ihn ſorgfaͤltig, pflegte ſeiner, und ergriff nun die Gelegenheit, ihn heimlich mit ſich nach Wien zu nehmen. Conrad, den wir auf einer weiten Ebene, allein, unbewaffnet, von Woͤlfen bedroht, ſeinem Schickſale uͤberließen, befand ſich gleichfalls im Ge⸗ folge des Markgrafen. Seines Saͤbels, ſeiner Piſolen und ſeiner Fackel beraubt, ſchien ſein Un⸗ tergang damals unvermeidlich. Als die uͤbrige Rei⸗ 2839 ſegeſellſchaft ſich von ihm entfernte, und das Ge⸗ ſchrei der beiden laut um ihn jammernden Frauen, ſo wie Felix Bitten und Vorſtellungen, ſeinem Ohre nicht mehr hoͤrbar waren, richtete er, anſtatt ſeine Moͤrder zu verfluchen, ein inbruͤnſtiges Ge⸗ bet fuͤr ſeine bedraͤngten Freunde und ſeine eigene, ewige Wohlfahrt, gen Himmel, das Letzte, was er ſei⸗ ner Meinung nach, hienieden zu ſprechen im Stande ſeyn wuͤrde. Waͤhrend er nun die Augen wieder zur Erde neigte, wurde er in einiger Entfernung etwas Glaͤnzendes am Boden liegend gewahr, nahete ſich demſelben, und fand daß es eine ſeiner eigenen Piſtolen ſey, die vermuthlich im Ringen niederge⸗ fallen war, und deren Schloß, von den Strahlen des Mondes beſchienen, ihm hell in die Augen leuch⸗ tete. Noch wenige Minuten zuvor kam kein Strahl der Hoffnung in ſeine Seele, doch jetzt raffte er, von neuem Muth belebt, dies Feuergewehr vom Boden auf; zwar war es bei dem kurzen, unglei⸗ chen Kampfe zwiſchen ihm und ſeinen Verfolgern, abgeſchoſſen worden, aber da ſich in ſeiner Taſche noch hinlaͤnglicher Vorrath an Ladung befand, ver⸗ lohr er keine Zeit es wieder damit zu fuͤllen. 240 „Die Vorſehung ſteht mir bey,“ ſagte er, „und was auch aus mir werden wird, will ich doch dieſe Nacht wenigſtens den Wülſen noch nicht zur Speiſe dienen!“ Der nnoch war ſeine Lage hoͤchſt mißlich; nur mit einer einzigen Piſtole bewaffnet, von Raub⸗ thieren umringt, vermehrte ſich ſeine Gefahr noch dadurch, daß er leicht in dieſer Wuͤſte den rechten Weg verfehlen, und ſeinen Feinden in die Haͤnde fallen konnte. Aber, wie dem auch ſeyn mochte, die vom Himmel gerade auf das Schloß der Piſtole fallenden Mondſtrahlen, ſchienen ihm ein guͤnſtiges Zeichen zu ſeyn, und wirich taͤuſchte ihn ſeine Hoffnung nicht. In der Abſicht ſein Schickſal mit dem des Grafen v. Wallenſtein zu vereinigen, lenkte er ſeine Schritte nach der Richtung, wo ſeiner Meinung nach, das Lager des Herzogs v. Fried⸗ land ſeyn muͤſſe, und kam gluͤcklich daſelbſt an; doch auch hier hörte er nichts von dem Freunde ſeines theuren Herrn, und wanderte nun noch durch manche Staͤdte und Ortſchaften, bis er endlich, in dem huͤlfloſeſten Zuſtand auf Lindau ſtieß, der ſeine Treue ehrte, und ihn mehr als Freund, 241 denn als Diener behandelte. Ein gemeinſchaftli⸗ ches Intereſſe verband natuͤrlich Desmond und Conrad ſehr eng miteinander; beide beklagten den naͤmlichen Gegenſtand, doch erſtarb die Hoff⸗ nung ihn noch wieder aufzufinden, keineswegs in ihnen, und mit Verlangen ſahen ſie dem Tage ent⸗ gegen, wo es ihnen vergoͤnnt ſeyn wuͤrde, ihn mit Gefahr ihres Lebens aufzuſuchen. Da Lindau und Winterfeldt aber bei dem Gedanken zitter⸗ ten, Desmond boͤnne in des Herzogs Haͤnde fallen, ſo wurde er von ihnen, ſo lange er ſich im Lager befand, in ktrenger Gefangenſchaft ge⸗ halten. Winterfeldt's nachmaliger Entſchluß ging dahin des Herzogs Schickſal zu theilen; keine Vorſtellungen ſeiner Freunde vermochten ihn in die⸗ ſem Vorſatze wankend zu machen, und er fand ſpaͤter ſeinen Tod, indem er ſeinen Herrn gegen den Ver⸗ raͤther Devereuy vertheidigte. Auf ſeinen ent⸗ ſeelten Koͤrper ſiel die Leiche des großen Mannes. Lindau kam nur noch eben zeitig genug in der Kaiſerſtadt an, um den letzten, freundlichen Gruß der ſchon halb verklaͤrten Schweſter zu empfan⸗ gen, und ſo lange er ihrem Tode auch ſchon als 2B. v. W. II. 16 242 unvermeidlich entgegen geſehen hatte, traf ihn due dieſer Verluſt ſo hart, daß es ihm ſchwer wurde, das Auge wieder von der Erde zu erheben, die dieſe zarte, fruͤhzeitig gereifte Pflanze, in ihren muͤtterlichen Schooß aufgenommen hatte. Der ſelbſt ſo hart gebeugte Kaiſer betrachtete den Trau⸗ ernden als ſeinen Freund und Bruder, und zeich⸗ nete ihn beſonders aus. Das erſte Geſpraͤch wel⸗ ches ſie unter vier Augen miteinander hatten, be⸗ traf Wallenſtein. „Meine unvergeßliche Gemahlin,“ aitgegnete Ferdinand auf Manches was der Markgraf ihm uͤber jenen mitgetheilt hatte,„ſagte es immer, daß der Charakter dieſes jungen Mannes noch ein⸗ mal voͤllig rein in unſern Augen daſtehen wuͤrde, und ich ſehe ihr Urtheil jetzt beſtaͤtgt.— Was hat er nicht alles erduldet um ſeiner Pflicht gegen ſeinen Herrſcher getreu zu bleiben, und ſeinen Va⸗ ter nicht zu verrathen!“ Die Kaiſerin hatte vor ihrem Hinſcheiden dieſen ungluͤcklichen, aber edlen jungen Mann, nicht allein verſchiedentlich ſeinem beſondern Schutze anbefohlen, ſondern noch ein Schreiben hinterlaſſen, welches ihn an dieſe Bitte erinnern ſollte, und da jeder, 248 auch nur wif von ihr gehegte Wunſch, jeßzt als hei⸗ liger Befehl von ihm angeſehen wurde, gab er ſich alle nur erſinnliche Muͤhe Caſimir's Aufenthalt auszuſpaͤhen. Er beſprach ſich nun ernſtlich mit Lindau, der ihm die Art wie der Herzog ſich des Sohnes bemachtigt, und ſein geheimnißvolles Ver⸗ ſchwinden, genau berichtet hatte, uͤber die weiteren Maßregeln, welche man in dieſer Hinſicht noch er⸗ greifen koͤnne. Auch Desm ond wurde mit in den Rath gezogen, jedoch kein ſicherer Weg ausgefunden. Endlich ſiel es der Fuͤrſtin Stollberg, die den Freund unablaͤſſig in ihren Gedanken trug, aufs Herz, wo man ihn vielleicht koͤnne verborgen haben, und ſie theilte Lindau ihre Ahnung mit. Dieſer hatte zwar perſoͤnliche Verbindlichkeiten gegen den Ritter, doch durch Conrad's Erzaͤhlungen von ſeiner Schlechtigkeit uͤberzeugt, ſchien ihm die Sache nicht ſo ganz unmoͤglich. In der feoͤhlichen Hoffuung daß dieſe peinliche Ungewißheit dadurch ein Ende nehmen koͤnne, beſchloß er mit Desmond und Conrad, als Pilgrimme verkleidet, das Schloß Lornberg zu beſuchen, und alle drei verbanden ſich durch ein heiliges Geluͤbde, nicht von dort zu weichen, bis ſie uͤberzeugt waͤren, daß der Ge⸗ 16* 244 genſtand ihrer Nachforſchungen ſich nicht inner⸗ halb der Mauern deſſelben beſinde, oder bis ſie ihn von dort befreit haͤtten.— So raſch als ſchnelle Pferde nur immer zu traben vermochten, ging es nun auf die Kuͤſte von Dalmatien zu, bis ſie ſich endlich in einer Oeſterreichiſchen Feſtung, welche nur ſieben Mei⸗ len von Wolfſtein's Schloſſe entfernt war, be⸗ fanden. Hier zeigten ſie dem Commandanten die, vom Kaiſer mitgebrachten Papiere, worin ihm auf das Strengſte anbefohlen ward, den drei Rei⸗ ſenden in allen ihren Forderungen beizuſtehen, und ihnen die beſten Mittel an die Hand zu ge⸗ ben ihren Vorſatz auszufuͤhren. Dem Comman⸗ danten war es keineswegs unangenehm zu bemer⸗ ken, daß es vielleicht bald mit der Macht ſeines furchtbaren Nachbars ein Ende nehmen koͤnne, deſ⸗ ſen Raͤuberhorden oft die Einwohner ſeiner Stadt beunruhigten, und dicht unter den Waͤllen ihre Heerden hinwegtrieben. Mit folcher Vollmacht verſehen ſtand eralſo keinen Augenblick an, ihnen die verlangte Huͤlfe zu leiſten, und ein anſehnliches Truppencorps auf hal⸗ bem Wege zu poſtiren, deſſen Hauptmann gemeſ⸗ 8 245 ſenen Befehl hatte, das Schloß von Lornberg anzugreifen, wenn binnen dreien Tagen keine Nach⸗ eicht von den Fremden erfolgen ſollte, die, nachdem, ſie ſich den Ruͤcken auf dieſe Weiſe gedeckt hatten, in graue Maͤntel gehuͤllt, mit dem Wanderſtabe in der Hand, ihre Wallfahrt voll kuͤhner Hoffnung eines gluͤcklichen Erfolgs antraten. Auch wir wol⸗ len ihnen Segen auf den Weg wuͤnſchen, uns aber erſt nach den Bewohnern des Ortes umſehen, wo⸗ hin ſie ihre Schritte lenken. Von der Stunde an, da Devereux Brief Wolſſtein voͤllig die Augen uͤber eine Wahrheit geoͤffnet hatte, die von dem groͤßten Theil der Menſchheit wohl laͤngſt anerkannt iſt, ſo ſehr er ſie ſich auch bis jetzt zu verbergen ſuchte, daß naͤmlich unter Boͤſewichtern keine Treue ſtatt findet, wurde ſeine Stimmung immer finſterer und kaͤlter. Alle ſeine weitausſehenden, u ungeregelten Gedanken und Plaͤne, ſchienen auf einmal erſtarrt, gleich den Wellen eines See's, die noch eben in raſtloſer Be⸗ wegung, durch einen Nachtfroſt ploͤtzlich zur Eis⸗ flaͤche verwandelt werden. Er wurde ungewoͤhnlich ſchweigſam, und ſogar der ſonſt ſo ſcharfe, ſtets . beobachtende Blick, war nicht mehr an ihm 246 wahrzunehmen. Es ſchien mit einem Wort als habe er ſich einer voͤlligen Gleichguͤltigkeit ergeben, und ſey entſchloſſen das Geſchick frey uͤber ſich wal⸗ ten zu laſſen. Scharaffa blickte ihn oft ſpaͤhend 3 an; aber er vermochte nicht zu ergruͤnden, was im Innern ſeines Herren vorging. Zu den vielen Haͤndeln in welchen der Ritter verwickelt war, gehoͤrte auch ein geheimes Verſtaͤnd⸗ niß mit ſeinen Nachbaren, den Osmanen, denen er oft Nachrichten zukommen ließ, fuͤr welche er durch reiche Geſchenke belohnt wurde; zu dieſem Zwecke befand ſich verſchiedentlich ein italieniſcher Jude in ſeinem Schloſſe, der die Rolle eines tuͤrki⸗ ſchen Agenten ſpielte. Waͤhrend Wolfſtein ſcheinbar in voͤllige Fuͤhlloſigkeit verſunken war, uͤberreichte Scha⸗ raffa ihm ein Packet, das, ſeiner Ausſage nach, an der aͤußern Warte durch einen Schaͤfer niedergelegt, der aber ſogleich wieder verſchwunden ſey. Der Ritter entfaltete es und uͤberſah ruhig den Inhalt, waͤhrend Scharaffa ſich aufs Aeuſſerſte bemuͤ⸗ hete den Ausdruck ſeiner Geſichtszuͤge zu ſtudieren, welcher ihm jedoch unergruͤndlich blieb. Eine innere Ahnung fluͤſterte indeß dem S chara ffa zu, daß 247 der Brief unguͤnſtige Nachrichten melde, und da er ſah, wie der Ritter ihn bis zu Ende las, wie⸗ der zuſammenfaltete, und zu ſich ſteckte, vermochte er dies Schweigen nicht laͤnger zu ertragen, und ſuchte durch verſchiedene Fragen ſeinen Herrn zur Mittheilung zu vermoͤgen. Anfangs wich er allen aus, doch endlich gelang es dem verſchmitzten Die⸗ ner zu erfahren, daß dieſer Brief eine ernſtliche Warnung vor der Inquiſition enthalte, die dem Ritter auf der Spur ſey. 8 „Und das ſagt ihr ſo ruhig,“ ſiel Scha⸗ raffa ein.—„Von wem kommt denn die War⸗ nung?“ „Ich weiß es nicht,“ entgegnete der Ritter;“ aber nimm den Brief, und hoͤre endlich auf mit Fragen! Mein Leben iſt ſtuͤrmiſch genug geweſen; ich ſehne mich nach Ruhe!“— „Wenn ihr am Rande eines ſolchen Abgrun⸗ des ruhig bleiben koͤnnt!— Was mich betrifft, wollte ich doch lieber meine Augen noch eine Weile mit Gewalt offen erhalten, als aus meinem Schlum⸗ mer erwachen, um dem feierlichen Zuge zu einem auto da fé beizuwohnen!“— 248 „Du biſt eine Nachteule deren Schreien mir unertraͤglich iſt.“ „Herr, der Brief kommt von einem Freunde, und iſt zu eurer Warnung geſchrieben.— Soll er umſonſt zu euch geredet haben?“— „ Ich ſage dir daß ich muͤde bin, und von allen dieſen Dingen genug gehoͤrt habe! Wenn du es fuͤr gut findeſt, irgend eine Vorſichtsmaßregel zu gebrauchen, gebe ich dir voͤllige Freiheit dazu; nur plage mich nicht weiter!“— 4 Genug, gnaͤd iger Herr! So ſchlaft dann, wenn es euch gefaͤllt; meine Augen ſollen fuͤr uns Beide wachen!— Habt ihr etwas dagegen wenn ich ſuche den Pandulfo ſchleunig wegzuſchaffen? Seine Gegenwart koͤnnte uns bei einer Anfrage der Inquiſition höchſt gefaͤhrlich ſeyn.“ „Nein, nein, mache was du willſt, nur laß mich allein.“ Wolfſtein's einzige Bezaftrgung beſtand jetzt darin, Luiſe und Caſimir auf ihren Zime mern zu beſuchen. Obgleich des letztern Krank⸗ heit, durch die Sorgfalt des Moͤnchs wohl etwas an Heftigkeit verlohren hatte, ſo war der Geiſt doch noch manchen Abweſenheiten unterworfen; 249 der Ideen⸗Gang ſeiner zerruͤtteten Sinne blieb derſelbe, und heftete ſich fortwaͤhrend auf den ei⸗ nen Punkt: nach dem Tode mit Luiſen vereint zu werden. Vorzuͤglich machte Wolfſtein's An⸗ weſenheit dieſe Gedanken immer auf's Neue in ihm rege; da dieſer dann aber ruhig neben dem Bette des Leidenden ſaß, und keineswegs Verdruß oder Erbitterung uͤber Phantaſien zeigte, die, ob⸗ gleich ſie wohl die Groͤße der Leidenſchaft ſchilder⸗ ten, dennoch den klarſten Beweis von der reinen, unverdorbenen Seele des jungen Mannes lieferten, ſo glaubte Felix daß ſein Herz nicht ungeruͤhrt davon bleiben koͤnne, und ſuchte auf keine Weiſe dieſe wiederholten Beſuche zu hintertreiben. Einſt, als Wallenſtein, ſeiner Gewohnheit gemaͤß, die Bitte mit Wilhelm's Schweſter in einem Grabe zu ruhen, wiederholte, ſich dabei in die Hoͤhe rich⸗ tete, und des Ritters Hand ergriff, um das Ver⸗ ſprechen daruͤber von ihm zu erlangen, ſtand Wolfſtein ploͤtzlich auf, und legte, zu des Moͤnchs nicht geringem Erſtaunen, einen feierlichen und furchtbaren Eid ab, daß ein Gelhis ſie Beide weſſen ſolle. 250 „Denn,“ ſagte er nach einer Pauſe,„ſie kann nicht ſterben, Wallenſtein, bis auch du ſtirbſt!— Das Schickſal hat gewollt daß du ohne ſie leben ſollteſt; aber ihr muͤßt miteinander ſter⸗ ben!“ 1 Caſimir's zerruͤtteter Verſtand hinderte ihn den ganzen Umfang dieſer Worte zu verſtehen; er nahm ſie als eine Verſicherung kuͤnftiger Selig⸗ keit, und drückte Wolfſtein's Hand an ſeine Bruſt, waͤhrend Felix ausrief: „Um des Himmelswillen, was meint ihr damit?“— „Die Zeit wird meine Meinung entraͤthſeln, und nur auf dieſe kann ich euch verweiſen!“— Er begab ſich darauf in das Zimmer ſeiner Frau, wo er ſie mit Malen beſchaͤftigt fand. Den ernſteren Studien welchen ſie ſich in fruͤheren Zei⸗ ten wohl geweiht hatte, konnte ſie in dem gegen⸗ waͤrtigen Zuſtande ihrer Seele nicht die volle Auf⸗ merkſamkeit geben; ihr Auge ſtarrte ohne Theil⸗ nahme auf die ſchoͤnſten Stellen ihrer Lieblings⸗ Diechter hin, und was vormals die hoͤchſte Begei⸗ ſterung in ihr geweckt hatte, konnte ihr jetzt keinen Troſt mehr verleihen; es ſchien als ſey Sinn und 231 Gefuͤhl dafuͤr verloren gegangen. Nur ihr Pin⸗ ſel gewaͤhrte ihr noch zerſtreuende Beſchaͤftigung, wenn auch keine Erheiterung; mehrere Stunden des Tages brachte ſie damit hin, und, als herrſche eine gewiſſe Uebereinſtimmung in den Gebilden ihrer und Caſimir's Phantaſien, waren es auch nur Umriſſe zu Grabmaͤhlern, kleine Capellen, mit Blumen beſtreute Bahren, und aͤhnliche Ge⸗ genſtaͤnde, die ſie auf dem Papiere entwarf. Uebri⸗ gens war ſie ſtill und duldend, theilte Niemand wie dem Himmel ihre Sorgen und Klagen mit; eine voͤllige Gleichguͤltigkeit ſchien ſich auch ihrer be⸗ maͤchtigt zu haben, und dieſe zeigte ſich vorzuͤglich in der Ruhe, mit der ſie jetzt Wolfſtein's haͤufige Beſuche ertrug. Er ſaß oft Stundenlang an ihrer Seite, waͤhrend ſie ungeſtoͤrt fortzeichnete. Manchmal ſagte er dann wohl im freundlichen Tone:„Lege den Pinſel nieder, Luiſe, und gieb mir die Hand.“— Sie gehorchte maſchinen⸗ maͤßig; aber der Druck ſeiner Hand erhielt keine Erwiederung, und oft duͤnkte es ihn, als ſey in den Fingern, die er zwiſchen den ſeinigen hielt, eein Leben mehr zu ſpuͤren. Er verſuchte es zu⸗ weilen ſie an ihre vormalige Liebe zu ihm zu erin⸗ 252 nern, fragte ob ſie kein Fuͤnkchen davon mehr in ihrem Herzen fuͤhle?— Wenn dann ein kaltes Laͤcheln die ganze Antwort war, welche ihm darauf wurde, kehrte ſeine Wuth wohl angenblicklich zu⸗ ruͤck. Er erzaͤhlte ihr im Zorn Wallen ſtein's Bekenntniſſe, ſeine thoͤrichte Bitte ein Grab mit ihr zu theilen, und als ſie auch dies ſchweigend anhoͤrte, ohne die mindeſte innre Benalgun zu verrathen, rief er: „Wahrhaftig, ich wuͤnſchte ihr waͤrt erſt ver⸗ eint!— Doch, die Zeit wird kommen, der Ab⸗ grund iſt geoͤffnet, das Werk muß den Meiſter kroͤnen!“— Manche aͤhnliche Seenen fielen in dieſen letz⸗ etern Tage unter dem ungluͤcklichen Ehepaare vor; Luiſe ertrug ſie mit gleicher Ruhe, und Wolf⸗ ſtein ſchien ſeine Freude darin zu ſetzen, ſie oft zu wiederholen. Eines Abends uͤbergab einer der Soldaten einen Brief an Pandulfo, welcher ihm, waͤhrend er auf einem Auſſenpoſten Schildwache ſtand, durch einen Fremden gereicht war, der ſich aber gleich wieder auf einem an der Kuͤſte liegenden Nachen davon gemacht hatte. 253 Pandulfo oͤffnete das Papier und las mit freudigem Erſtaunen: „Wenn der Commandant des Schloſſes Lorn⸗ berg ſeinen Poſten auf wenige Stunden einem andern anvertrauen und in der Cervo Bianco erſcheinen will, wird er dort Jemand treffen, der ihm Nachrichten von ſeiner Familie geben, und von dem er, wenn ſein Herz nicht jedes fruͤhere, zaͤrtliche Gefuͤhl verlernt hat, alles erfahren kann, was das Schickſal ſeines, ihm einſt ſo theuren, Bruders Julian betrifft.“— „Julian, mein Julian!“ rief er faſt auſſer ſich;„alſo lebſt du noch?— Iſt es keine Taͤuſchung!— Ich wuͤrde bis an der Welt Ende fliegen, um dich noch einmal zu umarmen!“ „Hauptmann,“ ſagte der Soldat, indem er ſein Entzuͤcken gewahr wurde,„dies Papier ſcheint euch ſehr gluͤcklich zu machen;— aber wenn nuur nicht eine Liſt dahinter ſteckt, euch vom Schloſſe zu locken! Der Mann, welcher mir es gab, war ſo ſchnell daß ich ihn nicht recht ins Auge faſſen konnte; die uͤbrigen aber, welche im Bote zuruͤck blieben, ſahen aus als wenn ihnen nicht zu trauen waͤre. Einen darunter glaube ich gewiß ſchon 254 geſehen zu haben, und ich muͤßte mich ſehr irren, wenn er nicht ſo geſchickt mit ſeinem Dolche um⸗ zugehen weiß, als nur irgend einer in ganz W enedig.“ Pandulfo, voͤllig verloren in dem Ge⸗ danken den lange todt gewaͤhnten Bruder wieder in ſeinen Armen zu ſehen, achtete wenig auf die Vorſtellungen des alten Kriegers. Indem er den Brief noch einmal durchlas, bemerkte er noch die Worte:„Komm allein;“ allein alſo beſchloß er zu gehen, und fuͤhrte auch ſeinen Vorſatz aus, nachdem er einem Officier, Namens Alexi s, das Commando bis zum andern Nachmittage uͤbergeben hatte. 38 XIII. Scharaffa hatte ſich ſeit einigen Tagen un⸗ erſchoͤpflich in Aufmerkſamkeiten gegen die Soldaten der Feſtung bezeigt; dabei aber war er eifrig be⸗ muͤht ihnen einige Winke von der Haͤrte und Strenge ihres Hauptmanns ins Ohr zu fuͤſtern, hinzuſetzend, 255 daß ſogar der Herr des Schloſſes ſich durch ſein hochmuͤthiges, zankſuͤchtiges Betragen beleidigt fuͤhle, und daher manche Gunſtbezeigung unterließe, welche er der Beſatzung zugedacht haͤtte; kurz, daß ſeine Abſetzung wohl bald dem Dinge ein Ende machen, und ſie alle aus der egyptiſchen Sclaverei befreien werde.— Einige der Schwaͤchſten und Leichtglaͤubigſten liehen wohl dieſen Verlaͤumdungen ein williges Ohr, Andere ſtellten ſich ſo; Mehrere aber wieſen den Verlaͤumder hart ab, obgleich er ſich bemuͤhete ſeinen Worten durch Gold Eingang zu verſchaffen. Scharaffa war bisher bei der ganzen Beſatzung wegen ſeiner Bosheit allgemein verhaßt geweſen; ſeine ploͤtzliche Bekehrung und Freundſchaft fuͤr die, welche er ſonſt bei jeder Ge⸗ legenheit verfolgt hatte, ſchien doch ein wenig ver⸗ daͤchtig; allein wer kann ſich wundern daß es unter einem ſo großen Haufen von Menſchen einige gab, bei denen ſeine Gruͤnde dennoch Gewicht fanden. Alexis, einer von Felix Bekehrten, ſah und hoͤrte daß alles nicht waͤre wie es ſeyn ſollte, und verdoppelte daher ſeine Aufmerkſamkeit. Ein aufs Neue am aͤußern Wachtthurm hin gelegter Brief, wurde vom Scharaffa ſogleich 256 in Beſchlag genemmen, und fuͤrchtend ſein Herr moͤge ſich bei dem Inhalt deſſelben wieder ſo laͤſſig bezeigen als das erſte Mal, beſchloß er, ihn lieber gleich ſelbſt zu leſen. Er las und ſchauderte, ſo ſehr wie er es bei ſeiner Verſtocktheit im Stande war; die Stunde der Gefahr nahete mit ſo ſchnel⸗ len Schritten, daß ſeine Gedanken augenblicklich dadurch verwirrt wurden. „Sollte es wohl etwas nuͤtzen wenn anc er ihn laͤſe,“ murmelte er fuͤr ſich.„Wir wol⸗ len wenigſtens den Verſuch wagen; vielleicht reißt es ihn aus ſeinem Stumpſinn, und weckt noch einmal den Scharfſinn in ihm, der ihm ſonſt ſo vorzuͤglich eigen war. Zeit darf auf keinen Fall verloren werden; wenn er nicht handeln will, 3 muß ich es thun!“— Er flog zu Wolfſtein, den er in ſeinem Mantel gehuͤllt, die Muͤtze mit dem Federbuſch tief uͤber die Augen gezogen, mit verſchraͤnkten Armen, gleich einem Geſpenſt im Corridor auf und niederſchreitend fand. „Ha Scharaffa!“— rief der Ritter mit 4 geiſterartigem Laͤcheln,„was bringſt du mir?“ 257 „ Etwas, gnaͤdiger Herr, das hoffentlich wie der Schall eines Horns zu eurem Ohre dringen, und euch aus eurer Erſtarrung wecken ſoll.“ Bei dieſen Worten uͤberreichte er ihm den Brief, und fragte dann nach einer Weile:„Iſt es nicht Zeit zum Erwachen?“— „ Es wird bald Zeit zum Schlafen ſeyn,“ entgegnete Wolfſtein, ohne die mindeſte Be⸗ wegung zu zeigen. „Wie,“ rief Scharaffa,„und ihr woll⸗ tet euch ſo blindlings der Verzweiflung uͤberge⸗ ben?— Iſt dies noch der, durch eigene Kraft in ſich begruͤndete, ſelbſtſtaͤndige Wolfſtein?“ „Stille, ſtille!— Jedes Ding erreicht ſei⸗ nen Endpunkt; der meinige ſowohl wie der deinige naht jetzt heran!“ ſagte er mit fuͤrchterlichem La⸗ chen.—„Erſchrick nicht, Menſch; wir haben ja alles geſehen, nur nicht das Ende.— Biſt du denn nicht neugierig darauf? „Wahnſinniger!“ ſchrie Scharaffa mit den Zaͤhnen knirſchend, indem er ſo ſchnell er nur 3 konnte forteilte, um die noͤthigen Vorkehrungen gegen die dringende Gefahr zu treffen. So ſchlecht er auch ſelbſt war, ſetzte er doch mehr Zurrauen W. v. W. III. 17 258 in gute, als in boͤſe Menſchen, und ſo hielt er es fuͤr kluͤger ſich dem Alexis zu vertrauen, und deſſen Muth und Treue in Anſpruch zu nehmen. Er fand den Commandanten im Schloßhofe, und theilte ihm ſein fuͤrchterliches Geheimniß mit, daß naͤmlich ein anſehnliches Truppencorps von der In⸗ quiſition geſandt, im Anmarſche ſey, um ſich des Ritters und ſeiner Anhaͤnger zu bemaͤchtigen. „Wann der Angriff geſchehen, ob man Ge⸗ walt oder Liſt gebrauchen wird, weiß ich nicht,“ ſetzte er hinzu;„aber von dieſem Augenblicke an hat es mit unſerer Sicherheit ein Ende, und einzig in unſerer tapfern Beſatzung liegt unſer Schutz.“ „Ich wuͤnſchte Pandulſo waͤre hier,“ ſagte Alexis nach einem Augenblicke des Nachdenkens. „Wenn du es wahrhaft treu meinſt, biſt du allein hinlaͤnglich.“ S „Willig wuͤrde ich den, in deſſem Sold ich ſtehe, gegen jede Macht, ausgenommen die der heiligen Kirche, vertheidigen; aber da er ſich dieſe zur Feindin gemacht hat, und da alles ſo ploͤtzlich uͤber uns los bricht.——— Doch ich will den Mann nicht verlaſſen, der mir ſein Vertrauen 259 ſchenkt, obgleich ich gerne einen andern Feind mir gegenuͤber geſehen haͤtte.“ „Ein wahrhaft edler, ritterlicher Entſchluß!“— „30 will die Waͤlle und Auſſenwerke beſetzen laſſen; aber nimm dich in Acht, Scharaffa, was du den Leuten uͤber die Art der Gefahr mit⸗ theilſt!— Einige wenige muͤſſen zwar ins Ver⸗ trauen gezogen werden, doch kann ich ſie ſelbſt am beſten auswaͤhlen; uͤberdies werden die, welche in ihrer Unwiſſenheit ſtreiten, nicht mit ins Ver⸗ derben gezogen, das uns bedroht.“ Scharaffa haͤtte ihm gerne jede weitere Be⸗ merkung erlaſſen, aber da er ſah daß er geneigt war, ſeine Pflicht als Commandant zu thun, ließ er ihn ſchwatzen, ſuchte indeß doch auf jeden Fall fuͤr ſeine perſoͤnliche Sicherheit zu ſorgen. Er ließ es ſich daher angelegen ſeyn, einen unterirdiſchen Gang, der von der vormaligen Capelle in die Ge⸗ birge führte, und auf den er ſchon lange, als letz⸗ tes Auskunftmittel, ſein Augenmerk perichtet hatte, genauer zu unterſuchen. Befreit von dem jetzt ihm fo beſchwerlichen Trabanten, ſchritt Wolfſtein noch einige Male im Corridor auf und nieder, ſtand dann bei einer, 37* 3 260 an ſeine Zimmer ſtoßenden Kammer ſtill, und rief mit lauter Stimme:„Rolfo! Nolfol“— Her⸗ vor kam ein Zwergartiger, ſcheußlicher Bube, den er, zum Erſtaunen aller Bewohner des Schloſſes, ſeit einigen Tagen mit Liebkoſungen uͤberhaͤuft hatte. Dies kleine Scheuſal verdankte ſein Daſeyn dem Scharaffa, war ein Inbegriff der Haͤß⸗ lichkeit ſeines Vaters, und trug uͤberdies noch in ſeinem ganzen Weſen die Natur boͤsartiger Affen an ſich. Von ſeiner Geburt an war er ein Gegen⸗ ſtand des allgemeinen Abſcheus und der Verachtung geweſen; uͤberall erfuhr er Grauſamkeit und Ver⸗ nachlaͤſſigung. Der Gegenwart des Vaters entlief er ſtets zitternd, weil er von ihm immer doppelte Streiche zu erdulden hatte, und nicht ſelten be⸗ droht wurde, an den Beinen aufgehangen, oder von den Schloß⸗Waͤllen hinabgeſtuͤrzt zu werden. — Durch dieſe Begegnung war ihm von je her ein Haß gegen jedes menſchliche Weſen und beſonders gegen den Urheber ſeines Daſeyns eigen gewor⸗ den. Wolfſtein's Liebkoſungen gingen alſo an dieſem, von allen Uebrigen Verſtoſſenen, kei⸗ neswegs verloren, der jetzt auf den Ruf der be⸗ kannten Stimme aus dem Loche hervorkroch, und 261 ihn zaͤhnefletſchend angrinſte, waͤhrend der Ritter ſein mißgeſormtes, von zottigem Haar umgebenes Haupt ſtreichelte, ihn dann bei der Hand nahm, und ihn eine Wendeltreppe hinunter, in die un⸗ terirdiſchen, an der See⸗Seite gelegenen, Ge⸗ wölbe des Schloſſes fuͤhrte. Hier gab er ihm, mit einer ſolchen Beſtimmtheit, und Genauigkeit gewiſſe Verhaltungs⸗Befehle, daß ſogar ſein ſchwa⸗ cher Verſtand im Stande war ſie zu faſſen, vor⸗ zuͤglich da ſie ſeit einiger Zeit taͤglich wiederholt worden waren. 2 „Sieh Rolfo, mein Junge,“ ſagte er, wenn du es ſo machſt, wie ich es dir gezeigt habe, gerade in dem Augenblicke, da du Jemand drei⸗ mmal ins Horn ſtoßen hoͤrſt, ſchenke ich dir dies, und dies,“ auf den glaͤnzenden Stern, den er an der Bruſt trug, und auf ſeinen Saͤbel zeigend. „Und das auch?“ fragte das kleine Mon⸗ ſtrum, indem es an das Horn ſchlug, welches Wolfſtein immer um die Schulter haͤngen hatte, und welches der Bube des daraus erſchallen⸗ den Geraͤufches wegen, beſonders liebte. „Ja, ja, das auch; nur ruͤhre dich nicht, „bis du dreimal hineinſtoßen hoͤrſt, und dann, lieber 262 Junge, vergiß nicht!— Richte alles aus, wie ich es dir befohlen habe!“— Den Finger an das Kinn gelegt, wieder⸗ holte der Knabe vor ſich hin murmelnd die er⸗ haltenen Befehle. Wolfſtein hatte ihn in der That ſo gut unterrichtet, daß er ſich auf ihn ver⸗ laſſen konnte; nachdem er ihm alſo noch eine große Deute Confekt hingelegt, uͤberließ er ihn ſeiner Einſamkeit, und ſtieg wider ins Schloß hinauf. Als er ſich den Gemaͤchern ſeiner Frau nahe⸗ te, zog er bedaͤchtlich eine kleine Flaſche mit Opium aus ſeiner Taſche, ein Geſchenk des Groß⸗Sul⸗ tans, und verſchluckte eine anſehnliche Doſis da⸗ von. Erſt ſeit er ſahe daß das Drama ſeines Le⸗ bens bald ein Ende nehmen wuͤrde, hatte er ſich dieſe morgenlaͤndiſche Gewohnheit zu eigen gemacht, denn fruͤher wuͤrde er ſicher nichts gethan haben, um ſein Verſtandes⸗Vermoͤgen zu betaͤuben; jetzt aber ergriff er jedes Mittel wodurch er ſich wenigſtens in einen augenbliklichen Rauſch verſetzt fuͤhlte. Es war ein ſchoͤner, heitrer Herbſt⸗Abend; Luiſe ſaß wie gewoͤhnlich an ihrer Staffelei, doch heute brachte ihr Pinſel weniger duͤſtere Gegenſtaͤn⸗ de hervor. 263 „Wie ſonderbar iſt doch die Laune der Wei⸗ ber,“ ſagte Wolfſtein, indem er uͤber ihren Stuhl gelehnt, den Entwurf betrachtete.„Sonſt ſchuf deine Einbildungskraft immer nur finſtre Gra⸗ bes⸗Geſtalten auf das Papier, und nun ſcheinſt du grade den Geſchmack daran verloren zu ha⸗ ben.“ „Es liegt etwas ſo erheiterndes in dieſer ru⸗ higen Abendſtille; iſt es mir doch als laſte das Le⸗ ben mit allen ſeinen Buͤrden, nicht ſo ſchwer auf mir, und ſo entſtanden, ohne daß ich es mir vor⸗ nahm, auch andere Geſtalten auf dem Papier.“ „Deutlich ſpricht ſich die eigentlich unter uns herrſchende Antipathie auch hierin aus; immer wi⸗ derſtreben ſich unſere Empfindungen. Grade jetzt trage ich den Tod im Herzen, und dies Gefuͤhl kann nicht durch einen ſanften Abendhauch ſchwin⸗ den.— Nicht wahr, Luiſe, mit dieſen ſchoͤn gerötheten Wolken, dieſen gruͤnen Matten, und blaͤulich ſpiegelndem Waſſer, wuͤrde dir die Welt und das Leben heiter erſcheinen, wenn Wolfſtein nur auf einmal zur marmornen Statue verwandelt waͤre?— Dann moͤchteſt du wieder ſingen, lachen und ſcherzen; aber, Liebchen, dazu koͤnnen wir 264 unns nun einmal nicht verſtehen!— Unſere Hoch⸗ zeit war kein leeres Spiel, das wird ſich jetzt zeigen.— Iſt dir der Gebrauch einiger barbari⸗ ſchen Koͤnige nicht auch lobenswerth erſchienen, die, wenn ſie ſich vom glaͤnzenden Schauplatze des Lebens entfernen mußten, ihre Weiber, ihre Lieblings⸗ Pferde und Falken, mit auf die finſtre Wanderſchaft nahmen?— Meiner Meinung nach liegt etwas erhabenes in dieſem Gedanken.— Alles wird mit einander zu Staub, denn was findet ſich in den Graͤbern anderes als Staub und Gewuͤrme?“— „Wenn du geneigt biſt die Frage, was uͤber den Graͤbern iſt, beantwortet zu haben, will ich den frommen Felir rufen, der dich gerne daruͤber belehren wird.“ „Nein, nein Luiſe, es iſt zu ſpaͤt zum Fragen, und er iſt ein Traͤumer!— Ich habe nichts mit den Menſchen gemein die am Vorabend einer weiten Reiſe noch den Blick auf die Charte des Landes werfen, wohin ſie ihre Schritte lenken wollen; daß aber das Grab nichts anders iſt, als ein Loch in der Erde, wo das, was Koͤrper an uns war, verweſ't, weiß ich. Was nun den Koͤrper ſonſt 265 helebte, was Gedanke, Leidenſchaft war, wird wieder von dem Element verſchlungen, aus dem es entſprungen iſt. Auf dieſen Satz bernht die ganze Lebensweisheit, welche das Geplaͤrre eines Moͤnchs nie zu widerlegen im Stande ſeyn wird.““ „Ich vermag es zwar nicht deinen Gedanken eine andere Richtung zu geben; aber ich weiß, daß wer hienieden lebt um zu teiden, einſt aus ei⸗ ner beſſeren Welt, lachend auf dieſen kurzen Er⸗ den⸗Kampf herabſchauen wird; deshalb hebe auch ich ſo gerne meinen Blick zu jenem blauen Firma⸗ ment, und laſſe meine Gedanken in dieſen weit entlegenen Raͤumen herumſchweifen!“— „Schon gut,“ ſagte Wolfſtein ungedul⸗ dig;„morgen um dieſe Zeit wird der Streit ent⸗ ſchieden, und die Sache ausgemacht ſeyn.“ Indem er noch ſprach, ließ ſich in einem entlege⸗ nen Theile des Schloſſes deutlich Laͤrmen vernehmen. Mit verſtoͤrtem Geſicht guckte einer der Diener zur Stube hinein, rief:„Wir ſind verrathen!“ und entfernte ſich dann ſchnell wieder. Wolfſtein's Augen gluͤheten;„Nun denn, KLuiſe,“ rief er,„vor dem Donnerſchlage noch 266 einen Kuß!— Wir Feiern heute die zweite Hoch⸗ zeit!— Er ſchloß ſe lang und heftig an ſeine Bruſt, riß ſich dann von ihr loß, und ſtuͤrzte zum Zimmer hinaus. Wir aber wollen uns nun erſt wieder auf ei⸗ nige Zeit zum Pandulfo wenden, da wir uns ſchmeicheln daß ſein Schickſal dem Leſer nicht ganz gleichguͤltig ſeyn wird. Als er auf der Piazza angekommen war, wo das Wirthshaus ſtand, in welchem er ſeinen lang verlornen Bruder erwartete, und haſtig ſeinen Weg durch einen Saͤulengang fortſetzte, ward erd durch den Schall von Fußtritten uͤberraſcht, die ihm ſo nahe zu folgen ſchienen, daß er es unmoͤglich zuſaͤllig halten konnte, und ungeachtet der Heiterkeit dle ſein Gemuͤth erfuͤllte, fiel ihm doch Vasco's Warnung in dieſem Augenblicke ſchwer aufs Herz. Indem er ſeine Hand an den Saͤbel legte und ſich nach den Verfolgern umwandte, deren er zwei gewahrte, wurde ihm von einem derfelben ein Mantel uͤber den Kopf geworfen, waͤhrend der Andere ihn entwaffnete. Dies alles war das Werk eines einzigen Augenblicks; doch als er ſich 267 auf dieſe Weiſe verhuͤllt befand, und ſchon den kalten Stahl in ſeiner Bruſt zu fuͤhlen waͤhnte, hoͤrte er auf einmal eine wohlbekannte Stimme ihm zurufen: „Signor Capitano, habt ihr die Streiche eines alten Cameraden gaͤnzlich vergeſſen?— Ue⸗ 3 bergebt euch blindlings unſerer Fuͤhrung, und es ſoll euch kein Leids widerfahren.“ Es war Rufo's Stimme; da aber Panu⸗ dulfo ihn als einen verwegenen Moͤrder kannte, fuͤhlte er ſich eben nicht ſehr beruhigt durch die Verſicherung. Indeß blieb keine Wahl, alſo muß⸗ te er ſich der Fuͤhrung wohl aͤberlaſſen, fuͤhlte je⸗ doch bald daß man ihn aus der freien Luft weg⸗ brachte, und ſo viel er fpuͤren konnte, durch eine Art von Haus oder Gebaͤade, auf einen Hofplatz geleitete. Als er uͤber dieſen gegangen war, ließ man ihn eine lange, verfallene Treppe hinabſtei⸗ gen, die in einen ſo ſchmalen Gang fuͤhrte, daß zwei nicht neben einander Raum hatten; Ruſfo aber, der dicht hinter ihm blieb, bat ihn nur furchtlos ſortzuſchreiten, da er nicht fehl treten koͤnne, und ſie nun gleich zum Ziele gelangt waͤren. Bald war der enge Pfad auch wirklich zu Ende; 265 und nachdem Ruſo drei laute Schlaͤge an eine Thuͤr gethan hatte, wurde dieſelbe geoͤffnet, um ſie hineinzulaſſen. Indem man Pandulſo vorwaͤrts fuͤhrte, bemerkte er daß er ſich in einem hell erleuchteten Zimmer befinde, und in dieſem Angenblicke wurde ihm auch der Mantel vom Kopfe genommen. Verſchiedene Maͤnner, von nicht ſehr vortheilhaf⸗ tem Anſehen, ſaßen in der Mitte dieſes unterirdi⸗ ſchen Gemachs, um einen Tiſch; der am oberen Ende befindliche Vorſitzer gebot ihm naͤher zu tre⸗ ten, und bat ihn ſeine Blicke auf einen ſchwer ge⸗ feſſelten jungen Mann zu werfen„ welcher zur Seite ſtand. „Vermuthlich, Signor Paudulfg,* re⸗ dete er ihn an,„findet ihr hier bekannte Zuͤge, wonach euer Herz ſich ſehnt?“— 1 „Eure Frage macht mich beſtuͤrzt, Herr; ſo viel ich weiß, ſah ich dies Geſicht nie vorher in meinem Leben.“ 8 8 „Ihr erkennt alſo die Zuͤge eures geliebten Bruders Julian nicht?— Man ſollte kaum denken, daß ein ſolcher Naturtrieb eurem Herzen fremd ſeyn koͤnne!“— 269 „Seit dem Schiffbruche Julians ſind zehn volle Jahre verfloſſen, er war damals erſt acht⸗ zehn Jahr alt. Doch hat ſich mir ſeine ganze Geſtalt tief eingepraͤgt, er war ein wohlgewachſe⸗ ner, huͤbſcher junger Menſch; das iſt nicht Ju⸗ lian.““ 4 „Dennoch ſchrieb dieſes Mannes Hand die Einladung, welche euch nach der Cervo Bianca lockte; auch war ſein Vorgeben nicht ganz falſch, denn haͤtten wir uns nicht darein gemengt, moͤchte ſein Dolch euch wohl jetzt ſchon mit eurem Bruder in der andern Welt veveint haben.— Hegt ihr ir⸗ gend eine Vermuthung wodurch ihr euch die Feind⸗ ſchaft dieſes Mannes zugezogen habt?“ „Durchaus keine; ich ſah ihn nie zuvor.“ „Ahnet ihr was ihn zu dieſem Schritte ver⸗ leitet haben kann?“ Pandulfo ſchwieg eine Weile, dann ant⸗ wortete er:„Einer, der ſo Manchem, ohne Unter⸗ ſchied und Anſehen der Perſon Schaden zugefuͤgt hat, muß erwarten daß auch ſeine Stunde ſchlage, und wer mit Raͤubern in enger Verbindung ſteht, darf ſich nicht uͤber Verrath wundern.“ 270 „Gut, Hauptmann,“ ſagte der Vorſitzer, „werft nun einen Blick auf dies Schreiben; es kann euch vielleicht fuͤr die Gegenwart Licht ge⸗ ben, und fuͤr die Zukunft nuͤtzlich ſeyn.“ Es war von Scharaffa an den Gefange⸗ nen, welchen er Veraldi nannte; er meldete ihm daß Wolfſtein ſeiner Dienſte beduͤrfe, um ihn vom Pandulfo zu befreien. Zugleich hatte er den Entwurf zu einem falſchen Briefe von Ju⸗ lian beigelegt, bat ihn denſelben abzuſchreiben, ⸗ und ihn dem Commandanten von Lornberg zu⸗ zuſenden, der gewiß in dieſe Schlinge fallen wuͤrde. Schließlich verſprach er eine anſehnliche Belohnung, ſobald die blutige That vollbracht ſey. „Vernehmt,“ fuhr der Vorſitzer fort,„daß zu eurem Gluͤck und unſerem Vortheile, dieſer Brief in unſere Haͤnde gerieth. Veraldi's Hand iſt gewandter als ſein Verſtand; nachdem er den Inhalt ſorgfaͤltig abgeſchrieben hatte, ver⸗ gaß er das Original zu vernichten. Wir haben euch aus den Klauen eurer Feinde gerettet, ihre Schaͤndlichkeit vor euren Augen aufgedeckt, und haben alſo wohl billig ein Recht auf eure Erkennt⸗ lichkeit.”. ☛ 271 „Sagt mir wodurch ich ſie euch beweiſen ſoll.“ 1 1 „Fuͤhrt uns nach dem Scchloſſe von Lorn⸗ berg, und haltet die Beſotzung zum ſtummen Gehorſam in jede Maßre gel an, die wir fuͤr noͤthig halten werden zu ergreifen.“ „Wer ſeyd ihr denn, und was bezweckt ihr durch dieſe Unternehmung?“ „Wir ſind eigentlich an ſolche Fragen nicht gewoͤhnt, Freund, jedoch ſoll dir Befriedigung werden.“— Hier Zeigte er auf ein großes Cru⸗ ciſir und fuhr dann fort: „Unter dieſem Zeichen beginnen wir unfern Weg: wir ſind Diener der heiligen Kirche. Auch ohne deine Fuͤhrung koͤnnten wir unſere Abſicht erreichen; aber du kannſt uns das Werk erleich⸗ tern, dir zu gleicher Zeit Abſolution fuͤr die Jrr⸗ thuͤmer deines vergangenen Lebens erwerben, und ſo auch dieſen Schritt der Rache heiligen.“ Pandul fo, der ſeit ſeiner Bekehrung oft ſchon von Gewiffensbiſſen gequaͤlt worden war, warf ſich zu den Fuͤßen des Inquiſitors nieder, und verſprach Gehorſam, doch unter der Bedingung, daß alle Reuigen unter der Beſatzung, die auf 282 die Stimme des Pater Felix gehoͤrt haͤtten, un⸗ gekraͤnkt abziehen duͤrſten. Alles wurde ſchnell un⸗ ter ihnen verabredot, und der Hauptmann erfuhr jetzt auch, wodurch ſich dieſe finſtere Wolke ſo ploͤtzlich uͤber Wolfſtein's Haupt zuſammenge⸗ zogen hatte. Als Rufo mit der Zanina vom Schloſſe entfloh, ſchaͤumte er faſt vor Wuth und Rache gegen ſeinen vormaligen Herrn, dem er zwar die Geliebte entfuͤhrte, in welchein er jedoch noch im⸗ mer den Nebenbuhler vor ſich ſah. Auch fuͤrch⸗ tete er zu gleicher Zeit die heimlichen Dolche, welche ſich nun gegen ihn erheben wuͤrden, ſo wie er das offene Auge der Gerechtigkeit ſcheuete. Wohin er den Blick wandte, ſchien Verderben ihm zu drohen, und nicht laͤnger im Stande ein Le⸗ ben in ſteter Furcht zu ertragen, beſchloß er ſeine Sicherheit durch die Enthuͤllung aller Verbrechen Wolfſtein's, in welche er eingeweiht war, zu erkaufen. Der Schloßherr hatte, waͤhrend einer geraumen Anzahl von Jahren, die Nachſicht der Inquiſition genoſſen, theils durch verſchiedene ihr heimlich geleiſtete Dienſte, theils durch die Ver⸗ 273 mittelung des Pater Joſephs, der ſelbſt Inqui⸗ ſitor war. Wolfſtein, der ſie bisher nur als ſeine Helfershelfer angeſehen hatte, taͤuſchte ſich aber auch hierin, da er eigentlich nichts als ihr Werk⸗ zeug war, denn nun, da ſie ſeiner nicht laͤnger be⸗ durften, ſondern er ihnen eigentlich hinderlich erſchien, beſchloſſen ſie ſeinen Untergang. Rufo hingegen, der ſie mit den beſten Mitteln zu ihrem Zwecke ausruͤſtete, empfing ſeinerſeits vollkommene Los⸗ ſprechung von allen Suͤnden, und erlangte die Wuͤr⸗ de eines beſoldeten, privilegirten Bluthundes der Inauiſition. Das Unternehmen wurde auf den folgenden Abend feſtgeſetzt; Pandulfo, welcher einen Haupt⸗Schluͤſſel beſaß, der ihm jeden Eingang zum Schloſſe oͤffnete, ſchlug vor die Inqutſitoren mit ihren Truppen in der Dunkelheit der Nacht, an eine kleine, an der Hinterſeite der Burg befindliche Bucht, landen zu laſſen, wo ſelbſt er ſicher war ſie bis zum paßlichen Augenblicke verbergen zu koͤnnen. Wir verließen Scharaffa in dem unterirdi⸗ ſchen Gange, der von der vormaligen Capelle in W. v. W. III.. 18 274 die Gebirge fuͤhrte. An ſeiner Seite hing ein Saͤbel, die geladenen Piſtolen ſteckten in ſeinem Guͤrtel, in der Hand hielt er eine Blendlaterne, ohne welche er den Weg durch dies halb verfallene Gewoͤlbe ſchwerlich gefunden haben wuͤrde; ſein Koͤrper wurde von dem Gewichte der Juwelen und anderer Koſtbarkeiten von Werth, die er bei ſich fuͤhrte, faſt zu Boden gedruͤckt. Als er ſich fol⸗ gender Geſtalt ſchon nahe am Ausgange befand, ſchien es ihm als vernehme er das leiſe Fluͤſtern ei⸗ ner Stimme; ſchnell drehete er die Laterne um, und ſchauete nach allen Seiten, doch da er nichts gewahrte und ſich nun am Ziel ſeiner Wanderung glaubte, ſetzte er ſie auf die Erde, ſteckte den Schluͤſſel in die niedrige, ſchwere Thuͤre, und ſprach zu ſich ſelbſt: „Jetzt, Wolfſtein, ſey auf deiner Huth; dieſer Augenblick trennt mein Schickſal von dem deinigen!“ Indem er dieſe Worte ſagte, bemaͤchtigten ſich ſeiner mehrere ſtarke Arme, ſtopften ihm ein Tuch in den Muͤnd, und ſicherten auf dieſe Weiſe ſein Stillſchweigen. 1 275 „Wie,“ rief Pandulfo,„auch ihn ver⸗ aaͤſſeſt du! Dann freilich muß ich dir wohl deinen guten Willen in Hinſicht meiner vergeben, denn weil du mit Leib und Seele Teufel biſt, waͤre es Tollheit deine Wuth zu reizen.“ Er nahm jetzt die Laterne vom Boden, und Scharaffa ſichern Haͤnden uͤberlaſſend, ſchritt er durch das Gewoͤlbe, zeigte ſich auf dem Schloß⸗ hof und ward mit allgemeinem Jubel von Alexis und der Beſatzung bewillkommt. Er fand ſeinen getreuen Stellvertreter eifrig beſchaͤftigt alle nur moͤg⸗ liche Vorkehrungen zu treffen, um eine drohende Gefahr beſtehen zu koͤnnen; jeder Poſten war be⸗ ſetzt, das Geſchuͤtz aufgepflanzt, die Waͤlle bemannt, kurz alles befand ſich im beſten Vertheidigungsſtande. Pandulfo nahm Alexis beim Arme, und machte ihm mit wenigen Worten bekannt, was ſich ſeit ſeiner Entfernung vom Schloſſe zugetragen hatte, indem er Gruͤnde hinzuſuͤgte, die ihn auf der Stelle bewegten ſich bei allem, was ſich ferner zutragen koͤnne, neutral zu verhalten. Schnell ward ein Beſehl an die Mannſchaft in Umlauf gebracht, der ihr gebot auf ihren verſchiedenen Poſten ruhig zu bleiben, und durchaus keinen thatigen 18* 276 Antheil zu nehmen, es moͤge begegnen was da wolle. Nachdem auf dieſe Weiſe alle Maßregeln ge⸗ troffen waren, den Truppen der Inquiſition keinen Widerſtand zu leiſten, eilte Pandulfo in die Gemaͤcher der Frau v. Bolfſwein, beſchwor ſie in groͤßter Eile, ſich durch nichts, was in wenig Augenblicken Auſſerordentliches begegnen koͤnne, erſchrecken zu laſſen, ſondern bei allem ruhig zu bleiben; als er dieſe Bitte kurz, aber dringend einige Male wiederholt hatte, kehrte er in die vor⸗ malige Capelle zuruͤck. Gerade als er im Begriffe ſtand in Luiſen's Zimmer zu gehen, ſtuͤrzte Wolfſtein heraus, eilte ſchnell uͤber den Vor⸗ ſaal, und ſtieg einige Stiegen hinunter, die auf den Wall fuͤhrten. Da er weiter gar keine Ruͤckſicht auf Pandulſo zu nehmen ſchien, hielt dieſer es unter ſeiner Wuͤrde, den am Abgrunde befindli⸗ chen Feind, durch irgend eine Aeußerung noch zu demuͤthigen. MNaach dem wilden, feierlichen Lebewohl ihres Gemahls, und der dringenden Warnung Pan⸗ dulfo's, konnte Luiſe nicht laͤnger zweifeln, daß irgend ein entſcheidender Augenblick herannahe. 277 Sie faßte Barbara unter den Arm, ging mit ihr in das entlegene Betzimmer, wo ſie Pater Feliy ſchon fanden, und hingeworſen vor dem heiligen Kreuze, befahlen ſie ſich dem Schutz der Vorſehung an. Als Pandul fo ſich ſeinen Verbuͤndeten wie⸗ der nahete, begriff er die Urſache von Wolf⸗ ſtein's ſchleuniger Flucht aus den Zimmern ſeiner Frau. Die hinter dem Schloſſe poſtirten Trup⸗ pen, hatten ſich, ihrer Sicherheit gewiß, zu ſehr ausgebreitet, waren entdeckt worden, und dies hatte den allgemeinen Schrecken verbreitet. Der Commandant rief im Voruͤbergehen dem beſtuͤrz⸗ ten Hausgeſinde zu, ſich ruhig zu verhalten, und ſich vor jeder Beleidigung der Truppen der heiligen Inquiſition zu huͤten. Nachdem er nun dem An⸗ fuͤhrer des ſeindlichen Haufens ſeine getroffenen Maßregeln mitgetheilt, und ihn verſichert hatte, daß kein Widerſtand erfolgen werde, drang eine kleine Truppen⸗Abtheilung, vom Rufo befehligt, der ſich diefen Poſten erbeten hatte, und der den gefeſſelten Sch araffa mit ſich fuͤhrte, in das Schloß. Waͤhrend dieſer Zeit ſtellte der Groß⸗ 278 Inquiſitor dem Pandulfo drei Pilgrimme vor, indem er ſagte: „Dieſe Maͤnner wurden um das Schloß her⸗ umſchleichend, von einigen meiner Soldaten ge⸗ funden, die ſie hieher brachten. Sie verlangen den Sohn des verſtorbenen Herzogs v. Frie d⸗ land im Namen des Kaiſers, von dem ſie eine Vollmacht bei ſich fuͤhren. Geleite ſie ſogleich zu ihm; dies iſt eine leichtere Aufgabe fuͤr dich als an der Verhaftung deines Herrn perſoͤnlich Theil zu nehmen.“ Freudig ergriff Pandulfo dies Geſchaͤft, denn nie noch hatte er ſich ſo feige in ſeinem In⸗ nern gefuͤhlt. Sein Herz pochte, ſeine Knie wank⸗ ten, und als er ſich zu dem Theile des Schloſſes wandte, in welchem Caſimir ſich aufhielt, konnte er nicht umhin den Blick ſchandernd nach den Stufen zu wenden, die er den ſchuldigen, aber doch ungluͤcklichen Wolfſtein hatte hinanſteigen ſehen. G Zuſaͤllig befanden ſich auf der Baſtion, wo der Ritter jetzt gleich einer marmornen Bildſaͤule, mit den Augen feſt auf das Adriatiſche Meer gehef⸗ tet ſtand, unter anderen Kriegern auch Bruno 275 und Zaſtrow, die treuen Haͤſcher Ruſo's. So wie dieſe ihren Fuͤhrer herankommen ſahen, brachen ſie in ein lautes Freudengeſchrei aus, Wolfſtein wandte ſich auf dieſen Ton um. „Sieh da, Freund R ufo,“ rief er.„Dies iſt ein koͤſtlicher Augenblick fuͤr dich, nicht wahr? — Du biſt ein vortrefflicher Menſch!— Eigens zu deinem alten Herrn zuruͤckgekehrt, um dich nie wieder von ihm zu trennen.— Aber Scha⸗ raffa, was iſt das? Hat der Teufel ſeinen Zwil⸗ liugsbruder verlaſſen, und ausgeliefert? Das haͤtte ich nimmer von ihm gedacht; doch wir wollen es ihm ſchon eintraͤnken!“— 24 „Es befinden ſich indeß noch mehrere Glieder. dieſer Hoͤllen⸗Familie hier,“ erwiederte Nuſo, mit einem boshaſten Blick auf den Ritter,„die ſich freuen werden wenn man es ihnen vergoͤnnt, Scharaffa's Feſſeln zu theilen.“ „Ich verſtehe deine Anſpielung, Freund,“ ſagte Wolfſtein kalt und ruhig.„Du willſt mich auf eine hoͤfliche Art mit deinem Auftrage be⸗ kannt machen, und ich will dich nicht zu beſtimmte⸗ ren Ausdruͤcken zwingen.“ 280 „Hier,“ fuhr er fort, indem er ſeine Piſto⸗ len aus dem Guͤrtel zog, waͤhrend alle Umſtehen⸗ den der Bewegung mißtrauiſch zuſahen, und auf ihrer Huth blieben; ſchnell aber befreiete er ſie von dieſer Furcht, da er Rufo die Piſtolen uͤberreichte, darauf ſeinen Saͤbel abſchnallte, und ihn gleichfalls auslieferte; nicht einmal den Dolch behielt er. Alle blickten mit Erſtaunen auf ihn. Der Feigheit konnte man nicht wohl eine Handlung zuſchreiben, die mit allen Zeichen der Gleichguͤltigkeit und Unerſchrocken⸗ heit vollbracht wurde. Seine Hand blieb feſt, nicht die geringſte zitternde Bewegung war weder in Wort noch That zu ſpuͤren. Eben ſo wenig konnte dieſe voͤllige Unterwerfung aus Reue oder Furcht vor der Macht, in deren Haͤnde er gefallen war, entſpringen, denn ein kaltes, veraͤchtliches Laͤcheln ſpielte waͤhrend des ganzen Vorgangs auf ſeinen Lippen, und ſeine Sprache druͤckte Hohn aus. „Er gefaͤllt mir nicht,“ fluͤſterte Ru fo dem Zaſtrow zu;„ſicher hat er noch etwas im Sinne, und wenn ich mich nicht irre, fuͤhrt er noch Waffen bei ſich.“ Wolfſtein's ſcharfes Ohr hoͤrte die Worte; 7 — 28 1 „durchſucht mich,“ rief er,„thut euch keinen Zwang an!“— Der Inquiſitor welcher ſich in der Naͤhe be⸗ fand, trat jetzt dazwiſchen.„Der Ritter,“ be⸗ merkte er,„iſt ungewoͤhnlich nachgebend geweſen, welches zu Gunſten ſeiner nicht vergeſſen werden ſoll. Wenn er auf ſeine Ehre verſichert, daß er keine Art von Waffe mehr an ſeiner Perſon ver⸗ borgen haͤlt, wollen wir die Unterſuchung unter⸗ laſſen.“ Wolfſtein lud ſie ſpoͤttiſch ein, und for⸗ derte ſie unaufhoͤrlich auf, ſich durch den Augen⸗ ſchein davon zu uͤberzeugen.„Denn,“ ſetzte er hinzu,„wenn Rufo's Behauptung in Hinſicht meiner gegruͤndet iſt, bin ich immer noch gefaͤhrlich, und ihr ſolltet mir nicht trauen. Seht hier zum Beiſpiel;“(er hob das an ſeinem Halſe haͤngende Horn in die Höͤhe)„ich habe von einem Manne geleſen der, mir einer noch weniger ſcheinbaren Waffe als dieſe, eine ganze Schaar von Feinden ſchlug. Warum wolltet ihr euch dieſes Werkzeugs nicht verſichern?— Es eoͤnnte ſich leicht eben ſo moͤrderiſch zeigen als ein Eſels⸗Kinnbacken.“ 282 Es lag etwas unbeſchreiblich Beleidigendes in der veraͤchtlichen Ruhe, mit der Wolfſtein ſelbſt jetzt, da alles auf dem Spiele ſtand, derjenigen ſpottete, in deren Gewalt er ſich befand. „ Laßt uns ihn in Feſſeln legen,“ ſagte Rufo, „ſein Hohn iſt mir unertraͤglich.“ „Ich glaube es wird hinreichend ſeyn,“ er⸗ wiederte der Inquiſitor,„wenn wir ſeine Arme leicht binden, bis wir ihn hinunter gefuͤhrt haben. Er kann uns auf den engen Stiegen nicht ent⸗ wiſchen, ſelbſt wenn er widerſpenſtiger waͤre, als er zu ſeyn ſcheint, und feſtere Bande wuͤrden ſein Fortbringen nur Erſchweren. „Nach eurem Belieben,“ verſetzte Rufo; „aber ich kenne ihn beſſer als ihr, und ungeach⸗ tet ſeines Scherzes wuͤrde ich ihm das Horn abneh⸗ men. Er ſteckt ſo voller Kunſtgriffe, daß man nicht genug mit ihm auf ſeiner Huth ſeyn kann.“ Mit ſcheinbarer Bereitwilligkeit nahm Wolf⸗ ſtein die Schnur an welcher das Horn hing, von ſeinem Halſe, und war im Begriff es zu uͤberreichen, wie er es mit den Waffen gemacht hatte, als er auf einmal, wie wenn ihm plöͤtzlich 2 8 5 3 ein beſonderer Gedanke kaͤme, die Hand wieder zuruͤckzog, und ſagte: „Dennoch, ehe ihr mich meines lieben Horns beranbt, vergoͤnnt mir noch einmal, zum Letzten male, das Echo ſeiner Toͤne von den Wellen wiederhallen zu hoͤren.“ „Iſt es moͤglich,“ fragte der Inquiſtior, „daß der Schall als Signal dienen, und einige ſeiner Spießgeſellen zur Huͤlfe herbeifuͤhren kann? Kann er irgend einen andern Grund als den von ihm angefuͤhrten haben in dies Horn zu ſtoßen?“— 1 „ Moͤglicher Weiſe keinen,“ antwortete Scharaffa⸗ „Keinen,“ wiederholten Zaſtrow und Bruno. „So blaſ't und ſolgt uns gis ann. ſagte der Inquiſitor. „Ja,“ rief Wolfſtein,„dreimal noch ſchmettere es ein Lebewohl uͤber die Wogen des Meers, und dann!—— Seht ihr den herr⸗ lichen Sonnen⸗ Untergang? Betrachtet ihn alle! Morgen wird dies Geſtirn noch roͤther unter⸗ gehen!“— 284 „Blaſ't Ritter,“ rief Rufo ungeduldig, „und uͤberlaßt den morgenden Tag dem Zufall!“ „Hoͤchſt weiſe geſprochen,“ erwiederte Wolf⸗ ſtein, indem er das Horn an ſeine Lippen ſetzte, und kraͤftig hineinſtieß.„Hoͤrt ihr das Echo, wie es langſam auf den Wellen dahin ſtirbt?“ Noch einmal wiederholte er den Ton; indem er ſich aber bereitete zum drittenmale hineinzuſtoßen, ſagte er, ſich ſtolz emporrichtend: „Merkt auf die Wirkung des letzten Echo's, ſie wird euch Alle in Erſtaunen ſetzen!“ Noch hielt er das Horn an ſeinen Lippen, als ſchon mit einer fuͤrchterlichen Erſchuͤtterung, welche die Welt zu vernichten drohete, die Baſtion auf der ſie ſtanden, in die Luft geſprengt wurde. Die ganze Natur ſchien mit in dem Aufruhre be⸗ griffen; Dampf und Finſterniß verwandelten alles in ein Chaos. Ein großer Theil des Schloß⸗Ge⸗ baͤudes ward aus ſeiner Grundfeſte geriſſen, und zugleich mit dem Herrn von Lornberg, nebſt der ihn umgebenden Menge wenig auf den Tod berei⸗ teter Seelen, in die Tiefe des Adriatiſchen Meeres geſchleudert. — 285 XIV. Der furchtbaren Erſchuͤtterung, dem Donner aͤhnlichen Krachen, und dem, augenblicklich alles in tiefe Finſterniß begrabenden Dampfe, folgte ploͤtzlich eine Grauſen erregende Stille.— Faſt der ganze Theil der nach dem Meerbuſen von Vene⸗ dig zu liegenden Baſtion, war von dem uͤbrigen Gebaͤude losgeriſſen und zertruͤmmert; in die darun⸗ ter befindlichen Gewoͤlbe hatte Wolfſtein ſeit geraumer Zeit das Pulver und andere leicht ent⸗ zuͤndbaren Materien ſchaffen laſſen, um die Mine zu bereiten, und hier war dem R olfo ſein Platz angewieſen. In dieſem Theile des Schloſſes lagen die prachtvollen Gemaͤcher, in denen oft uͤppige Feſte gefeiert wurden, und die dann vom Jubel der ſchwaͤrmenden Menge wiederhallten; hier hauſe⸗ ten die leichtfertigen Genoſſinnen ſeiner Freuden; ein furchtbarer Knall hatte alles in die Luft ge⸗ ſprengt, und nichts als dampfende Ruinen waren mehr davon ſichtbar. 286 Am aͤuſſerſten Ende dieſer Baſtion befanden ſich auch die Gemaͤcher der Frau des Schloſſes; alle waren in den Fall mit begriffen, ausgenommen das, eigentlich nicht mehr mit dieſem Theile des Gebaͤudes zuſammenhaͤngende Betzimmer, in wel⸗ chem ſie, im Augenblicke des Derderbens, mit ihrem Beichtiger und Barbara, vor dem heiligen Kreuze kniete. Die Erſchuͤtterung war zu heſtig und ploͤtz⸗ lich, um ein deutliches Bewußtſeyn zu geſtatten, und ehe noch der Schrecken ſich ihrer bemeiſtern, und einen Schrei des Entſetzens ihren Lippen ent⸗ reißen konnte, lagen alle Drei beſinnungslos vor dem Gnadenbilde hingeſtreckt. Die, an der einen Seite dieſes Zimmers befindlichen Mauern waren gaͤnzlich vernichtet, ſo daß man alſo, nachdem Rauch und Qualm ſich etwas verzogen hatten, die leblos ſcheinenden Geſtalten vor dem noch aufrecht ſtehenden Crucifixe, von außen konnte liegen ſehen. Woher es kam daß Wolfſtein's Plan nicht in ſeiner voͤlligen Ausdehnung gelang, laͤßt ſich ſchwer mit Gewißheit beſtimmen. Daß es ſeine Abſicht war das ganze Gebaͤude, nebſt allen Bewohnern deſſelben, zu vertilgen, Iſt wohl nicht zu bezweifeln. Vielleich mangelte es ihm an hin⸗ 287 laͤnglichen Kenntniſſen, um die Maſſe des Pulvers und anderer brennbarer Materien, richtig berech⸗ nen zu koͤnnen, die im Stande waren ein Gebaͤu⸗ de von ſolchem Umfange, das dazu nicht auf glei⸗ chen Grundfeſten ruhete, gaͤnzlich in die Luft zu ſprengen; vielleicht kannte er die Feſtigkeit des Schloſſes nicht hinlaͤnglich. Genug, ſein Plan war mißlungen, denn obwohl das Ganze eine heftige Erſchuͤtterung erlitt, war nur die Baſtion nach der Seeſeite zu voͤllig vernichtet. Verwirrung, Schrecken und bange Zweifel, bemaͤchtigten ſich in dieſem furchtbaren Augenblicke aller noch Lebenden; jeder ſuchte zu fliehen, denn jeder fuͤrchtete einen zweiten Ausbruch dieſes unter⸗ irdiſchen Feuers; aber nirgends boten die wanken⸗ den Mauern einen ſichern Schutz dar, und aͤngſt⸗ lich umherirrend, lief alles wild durcheinander. Conrad und Pandulfo entdeckten zuerſt die ſchauerliche Lage der Frau v. Wolfſtein; ihre naͤchſte Sorge war ſie, nebſt ihren Geſaͤhrten, von einem Orte fortzutragen, deſſen Schlund ſich bei der leiſeſten Erſchuͤtterung unausbleiblich zu ih⸗ rem Verderben oͤffnen wuͤrde. Sie ruheten nicht eher, bis ſie ſie an einen, wenigſtens ſcheinbar ſicherern 288 Platz getragen hatten, und erſt dann uͤberließen ſie ſich dem Entzuͤcken, als ſie nun dieſe, ihnen ſo theuern Gegenſtaͤnde nach und nach zum Bewußt⸗ ſeyn zuruͤckkehren ſahen. Erſtaunt und mit fragen⸗ dem Blick ſtarrten ſie auf die, unter Truͤmmern ſie Umgebenden hin; der ganze Vorfall war ihnen ein Raͤthſel. Luiſens Freude bei Conrad's Anblicke, laͤßt ſich ſchwerlich beſchreiben, und mit⸗ ten in dieſer Scene des Schreckens und Abſcheu's, den eine ſolche Cataſtrophe in jeder menſchlich fuͤh⸗ lenden Bruſt erregen mußte, empfand dieſer treue Diener das reinſte Entzuͤcken uͤber die ſo wunder⸗ bare Rettung der Schweſter ſeines geliebten Herrn. ——y—— Ein Jahr nach dem Tode Wolfſtein's gab Luiſe dem Grafen von Wallenſtein ihre Hand, und das Schloß Marchfeldt, an den Ufern der Raab, wurde der Wohnſitz einer ſo reinen, haͤuslichen Gluͤckſeligkeit, wie ſie wohl ſelten Sterblichen zu Theil wird. Die Herzen beider Ehegatten waren hinlaͤnglich durch Wider⸗ waͤrtigkeiten gepruͤft, und gingen gelaͤuterter aus * 289 dieſer Feuerprobe hervor. Das erlittene Ungluͤck hatte vorzuͤglich Luiſens Charakter ſanfter ge⸗ macht, und Beiden mehr Feſtigkeit verliehen; doppelt genoſſen ſie nun jedes Gute, wenn ſie es mit der ſo ſchrecklichen Vergangenheit verglichen. Obgleich der Graf die Maßregeln des Kaiſers, in Hinſicht des Herzogs von Friedland, nicht durchaus tadeln konnte, da er deſſen verraͤtheriſche Anſchlaͤge kannte, ſo war das Andenken des Va⸗ ters ſeinem Herzen doch zu theuer, als daß er im Stande geweſen waͤre auch nur eine der vielfaͤltig angebotenen Gnadenbezeugungen fuͤr ſeine eigene Perſon anzunehmen. Ueberdies war Ehrgeiz die Haupt⸗Klippe des Verderbens ſeines Vaters gewe⸗ ſen, und er beſchloß ſein Gluͤck auf ſicherern Grund zu bauen. Unter ſeiner milden Herrſchaft bluͤheten und erweiterten ſich die Fluren von Ma rchfeld t, er ſah ſich nicht weniger geliebt und geehrt von ſeinen Unterthanen, als es die vormaligen Stamm⸗ beſitzer geweſen waren, und ward Vater mehrerer edlen Soͤhne und lieblicher Toͤchter; Segen waltete uͤber ſein Haus und ſein Beſitzthum. Conrad, dem Barbara ihre Hand an demſelben Tage gegeben hatte, der ihre geliebte W. o. W. III. 19 290 Gebieterin mit dem Grafen vereinigte, folgte ſei⸗ nem alten Vater Siegmund in deſſem Poſten als Burgwart, und Steffen, der Mann un⸗ ſerer alten Bekanntin, der weiſen, geſchwaͤtzigen Alice, die nun voͤllig geſund war, wurde zum Schloßvogt ernannt, welchem Amte er mit uner⸗ ſchuͤtterlicher Redlichkeit vorſtand. Der ſo maͤnnlich geſinnte, treu ergebene Desmond, wollte ſeinen Freund nicht verlaſſen, und da in dieſen Grenz⸗Beſitzungen jeder Lehns⸗ herr nothwendig eine gewiſſe Anzahl Fußvolk und Reuter auf den Beinen, und eine nicht unbedeu⸗ tende Beſatzung haben mußte, wurden dieſe Kriegs⸗ völker unter ſeine Anfuͤhrung geſtellt. Nur bei ganz beſonderen Vorfaͤllen zog der Graf ſelbſt ins Feld, und wenn Huͤlfstruppen geliefert werden mußten, haͤtte er ſeine wackern Marchfeldter keinem beſſern Fuͤhrer anvertrauen koͤnnen, als dem tapfern, erfahrenen Desmond. Als Lindau nach Wien zuruͤckkehrte, und den Ausgang der Sachen berichtete, konnte er nicht umhin das ihm ertheilee Lob der Fuͤrſtin Stollberg im Innerſten ſeines Herzens zu fuͤh⸗ len. Die Freude welche ſie uͤber die gluͤckliche Be⸗ 291 freiung Caſimir's verrieth, die Herzlichkeit mit der ſie den begruͤßte, welcher zu ſeiner Erret⸗ tung ausgezogen war, zeigten freilich wie ſehr die⸗ ſe Neigung noch in ihrem Innern Wurzel gefaßt hatte; doch Dankbarkeit von der einen, und das Gefuͤhl einen Dienſt geleiſtet zu haben, von der andern Seite, knuͤpften bald ein maͤchtiges Band unter Beiden. Sie ſuchten ſich gegenſeitig, bis ſte einander unentbehrlich wurden, und Freund⸗ ſchaft ſich in Liebe verwandelte. Auguſte geſtand Lindau offen, welch ein Verhaͤltniß fruͤher zwi⸗ ſchen ihr und dem Grafen Statt gehabt hatte, indem ſie ihm zugleich das kleine Andenken uͤber⸗ reichte, welches dieſer ihr bei ſeiner ſchleunigen Ab⸗ reiſe von Wien, hinterlaſſen hatte.„Es war das Pfand reiner Freundſchaft,“ ſetzte ſie hinzu, „empfangt es von mir, lieber Friedrich, als Opfer eines zaͤrtlicheren Gefuͤhls.“ Der Markgraf hatte freilich dies Geſtaͤndniß mit keinem aͤhnlichen zu erwiedern; ſeine Leiden⸗ ſchaft fuͤr die Freiherrin war eigentlich nicht viel mehr als Spiel der Eitelkeit geweſen, und mit dem Hofleben erloſchen. 19* 292 Bald nachdem die Fuͤrſtin Stollberg Mark⸗ graͤin von Lind au geworden war, begab ſich das gluͤckliche Paar zum Beſuch nach March⸗ feldt, der in der Folge faſt jedes Jahr wieder⸗ holt wurde. Ein immer engeres Freundſchafts⸗ band zog ſich um dieſe Familien, das auch ſpaͤter in den Kindern erhalten, und durch ſie noch feſter geknuͤpft wurde. Wir duͤrfen uns wohl nicht ſchmeicheln, daß Graf Harrach ein beſonderes Intereſſe bei un⸗ ſern Leſern erweckt hat; es wird daher hinlaͤnglich ſeyn, wenn wir von ihm berichten, daß er ſeinen unbedeutenden Weg bis ans Ende des Lebens, mit den gehoͤrigen Verbeugungen und geziemenden Laͤcheln fortſetzte. Von Niemand geachtet oder geliebt, ward auch ſein Tod von Niemand ſonder⸗ lich beklagt, obgleich man ihn gradezu keiner Laſter zeihen konnte; aber er beſaß auch keine Tugend, und war ſtets ein ungluͤckſeliges Mittelding gewe⸗ ſen. Sein Sohn ſtarb fruͤher als er, und da er ſelbſt immer nur mit Schaudern auf die Stunde hingeblickt hatte, die ihn vom heitern Erdenleben abrufen wuͤrde, war jede weitere Verfuͤgung uͤber ſeine irdiſchen Guͤter unterblieben. Als naͤchſtem, — 293 rechtmaͤßigen Erben ſielen ſie alſo dem Sohne ſei⸗ nes einſt ſo theuren, erhabenen, aber nun in ſei⸗ nem Falle, verabſcheueten Schwagers, zu, und Graf Wallenſtein von Marchfeldt,(denn dieſen Namen hatte Caſimir gleich nach ſeiner Verheirathung angenommen,) verdankte dem Klein⸗ muthe des Oheims, einen anſehnlichen Zuwachs ſeiner, bereits ſchon ſo betraͤchtlichen, Gluͤcksguͤter. Pater Felix lebte noch manches Jahr, in heiliger Ruhe und ſtetem Dankgefuͤhl gegen die Vorſehung, liebend und geliebt, unter ſeiner kleinen Heerde in Marchfeldt. Sein Segen verbreitete ſich uͤber das jung aufbluͤhende Ge⸗ ſchlecht, bis auch er zuletzt ergeben den Weg alles Irdiſchen ging, innig beweint und beklagt von ſeinen Freunden und Schuͤlern. Druckfehler. Pag.„oo ſechste Zeile von unten lies woht⸗ riechenden, ſtakt wohlreichenden. 5 294 Bilder aus dem Leben. Eine Auswahl der neueſten engliſchen Ro⸗ mane und Erzaͤhlungen, beſonders fuͤr 4 Frauenzimmer. 8 Theile in 8. 1819. 20. 21. 22. Inhale. Erſter Theil. Mrs Opie kleine Romane und Erzaͤhlungen. Erſter Theil. 1. Frau Arlington oder es iſt nicht alles Gold was glaͤnzt. S. 1 3 2. Heinrich Woodwille.— 242 3. Der Quaͤker und das Weltkind— 379 Zweiter Theil. Mrs. Opie kleine Ro⸗ . 1 mane und Erzaͤhlungen. Zweiter Theil. 7 r. Die Heimkehr oder der Ball— 1 2. Geraldi Duͤval..— 66 3. Luͤge und Wahrheit —— 293 Dritter Theil. Auswahl kleiner Erzaͤh⸗ lungen nach dem Engliſchen der Maria Edgeworth. Erſter Theil. 1. Morgen. S. 1 2. Die Handſchuhe aus Limmerich— 139 3. Murad der Ungluͤckliche„— 203 Vierter Theil. Auswahl kleiner Er⸗ zaͤhlungen nach dem Engliſchen der Ma⸗ ria Edgeworth. Zweiter Theil. 1. Der Contraſt.— 1 2. Der dankbare Neger.— 1062 3. Die Fabrikanten— 207 Faͤnfter Theil. Der Schiffbruch, ein Roman nach dem Engliſchen der Mrs. S. H. Burney. Sechſter bis achter Theil. Warbeck von Wolfſtein, ein Roman aus den Zei⸗ ten des dreißigjaͤhrigen Krieges. Nach dem Engliſchen der Miß Holford. Drei Theile. Noch im Laufe dieſes Jahres erſcheinen in meinem Verlage zweckmaͤßige Bearbeitungen von folgenden zwei eben in London auspegebanen i neuen, hoͤchſt ausgezeichneten, Romanen: 296 Sir Andrew Wylie of that 11 K. London. Maid Marian. 1. Vol. London. Eine geiſtreiche, heitre Behandlung der Ge⸗ ſchichte Robin Hoods, in welcher die Leſer von Scotts IJoanhoe mit Vergnügen nicht nur Ro⸗ bin Hood, ſondern auch den Bruder Tuck, ja von vielen neuen Seiten werden kennen lernen. lungen zu haben: L. Ariosto'srasender Koland. Ue- bersetzt von J. D. Gries. 4 Theile. gr. 8. Velinpapier geheftet 22 Rthlr. Einzelne Theile zu 3— 8à8 gr. Franzoͤſiſch Schreibpapier 9— Gewoͤhnlich Druckpapier 6— T. Tasso's befreites Jerusalem. Uebersetzt von J. D. Gries. Zwei Theile. Dritte rechtmäſsige Aufl e. Neue Bearbeitung. gr. 8. 1819. Feines franzoͤſiſches Druckpapier 4 Rthlr. Jena, im Juny 1822. Friedrich Frommann. 3. Volumes. Edingburgh and ſelbſt Koͤnig Richard und den Prinz Johann, Auch iſt von mir verlegt und in allen Buchha⸗ — Luulu 1 4 6 fffffffffffffffffſfffſff iduu ſſl V 14 15 16