J-Ae==eAeeeAe---reeAer 4μν Leihbibliothel deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 4 ALeih- und Leſebedingungen. 3 4 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 1 Fiangnahaie und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Uhr bis Abends 8 Uhr offen. ¹ Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von edon Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei C K rremahae eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe „ hinterlegen, welche bei deſſen Zuruckgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für woͤchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: Bücher: ) 13—— 2 auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf.. 3 1 Mr. 30 Pf. 2 MNr. pf 3 5. Auswärt tige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſum Erſatz Des Ganzen derp llichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders d darauf aufmereſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. t J Bilder aus dem Leben. Eine Auswahl dey neueſten Engliſchen Romane und Erzaͤhlungen, beſonders für Frauenzimmer. — Siebenter Theil. Warbeck von Wolfſtein nach Miß Holford. Jena, Friedrich Frommann, Warbeck von Wolfſtein ein Roman aus den Zeiten des dreißigjaͤhrigen Krieges. — Nach dem Engliſchen der Miß Holford. Zweiter Theil. 4, 1 Jena, bhei Friedrich Frommann, Wallenſtein hatte jetzt voͤllige Muße zum Nachdenken, und Stoff dazu haͤtte ihm ſchon al⸗ lein der auffallende Gluͤckswechſel im Geſchicke ſei⸗ nes Vaters, geben koͤnnen. Einen Mann, den er ſich nie anders als groß und maͤchtig denken konnte, nun auf einmal ſeiner hohen Wuͤrde be⸗ raubt zu wiſſen, ihn denen gleich geſtellt zu ſehen, die noch kurz zuvot vor ſeinem Wink gezittert, oder ſich im Glanze ſeines Laͤchelns geweidet hatten, dies war ein zu ploͤtzlicher Uebergang, als daß er ruhig . bei dem Gedanken haͤtte weilen koͤnnen. Von einer andern Seite fuͤhlte er ſich auf das aͤußerſte geſpallnt, die Urſache der im Schloſſe von Marchfeldt vorgefallenen Veraͤnderung zu er⸗ gruͤnden. Eine Vermuthung draͤngte die andere, 8 4 9 7 6 von der jedoch keine fuͤr ihn zur klaren Gewißheit werden konnte. Sollte Wolfſtein ſeine eigent⸗ liche Natur nicht laͤnger haben verbergen koͤnnen, und das Fraͤulein von der Niedrigkeit und Heu⸗ chelei ſeines Charakters uͤberzeugt geworden ſeyn? Dieſer Gedanke ſchien ihm der wahrſcheinlichſte; denn von Conrads Ruͤckkehr ahnete er nichts, wohl aber hatte er ſich gleich bei ſeiner Ankunft auf der Abtei nach dieſem treuen Diener erkundigt, weil er durch ihn am leichteſten die Lage der Dinge zu erfahren hoffte, leider aber gehoͤrt, daß er nach Wien geſchickt worden ſey. Von ſo mannigfaltigen Gedanken gequaͤlt, ſuchte er, in den peinlichen Stunden der Einſam⸗ keit, endlich Ruhe am Grabe des Freundes; der Tumult in ſeinem Innern legte ſich allmaͤhlig, und, an den kalten Marmor gelehnt, trat die Nichtig⸗ keit alles Irrdiſchen lebhaft vor ſeine Seele. Er gedachte des Morgens an dem Wilhelm mit ihm auf das Schlachtfeld gegangen war, und die dort Schlummernden beneidet hatte. „Damals begriff ich dich nicht, Freund,“ ſagte er leiſe,„aber Umſtaͤnde koͤnnen unſere Ge⸗ fuͤhle wunderbar veraͤndern! Seit jenem Tage — —,.— „. — —— . habe auch ich das Leben in ganz anderer Getas betrachen gelernt!“ Eine Stunde nach der andern verging, waͤh⸗ rend welcher er entweder die langen, dunklen Gaͤnge der Capelle durchſchritt, oder uͤber das Grab des Freundes gelehnt ſtand. Lange ſchon hatte die Glocke zur Fruͤh⸗Mette gelaͤutet, und noch immer erſchien der Moͤnch nicht; was konnte ihn zuruͤck⸗ halten?— Endlich trieb ihn die Ungeduld zu der Furcht, daß ſein Nachtwachen gaͤnzlich verge⸗ bens geweſen ſey. Wiederholt hatte er ſchon, die vor dem heiligen Schreine brennenden Lampen und Kerzen geputzt, welche ohnehin in den langen, hoch⸗ gewoͤlbten Gaͤngen nur ſpaͤrliches Licht verbreite⸗ ten; jetzt aber droheten ſie zu verloͤſchen, und al⸗ les beſtaͤtigte ihn in der Vermuthung, irgend ein unvorhergeſehener Umſtand muͤſſe den Caplan weit uͤber die beſtimmte Zeit zuruͤckgehalten haben. Aer⸗ gerlich und voͤllig verzweifelnd ſeinen Endzweck hier je zu erreichen, ſchien es ihm noch eine Ewig⸗ keit bis man endlich die Thuͤren oͤffnen werde, und er aus dieſen dumpfen, unterirrdiſchen Schatten⸗ gaͤngen entweichen koͤnne. Jetzt aber glaubte er Fußtritte zu vernehmen, und verbarg ſich hinter dem Grabſtein; eine Ne⸗ benthuͤr wurde geoffnet, der Gegenſtand ſeiner langen, ſehnlichen Erwartung erſchien endlich. Von Kummer niedergebeugt nahete der Moͤnch ſich dem Schreine der heiligen Jungfrau, vor welchem er ſich niederwarf, und die Gebenedeite mit gebro⸗ chener Stimme anrief, das ſterbende Fraͤulein auf ſein Flehen dem Leben wieder zu ſchenken. Wallenſteins Angſt wurde noch um ein Großes vermehrt, als er deutlich dieſe Worte un⸗ ter dem Schluchzen des alten Mannes vernahm; er wagte es nicht ihn im Gebet zu ſtoͤren, ſondern beſchloß den Augenblick zu erwarten, wo er ſich von den Stufen des Altars wieder erheben wuͤrde. Nun erſt trat er leiſe hervor; ſo wie Felix aber die Geſtalt eines Mannes hinter dem Grabe her⸗ vorkommen ſah, rief er vor Schrecken faſt er⸗ ſtarrt: „Begieb dich fort, unſauberer Geiſt! Was weilſt du noch hier?— Iſt auch ſogar dieſer Ort dir nicht heilig? Fort mit dir, Moͤrder!“ „Hoͤrt mich, ehrwuͤrdiger Vater!“ entgegnete Wallenſtein ſanft. 9 „Was ſoll ich hoͤren, welche Hoͤllenthat willſt du nun noch vollfuͤhren? Du haſt die ſchoͤnſte der Noſen geknickt, die je den Garten des Schoͤpfers hienieden zierten. Iſt dir das noch nicht genug? Begieb dich fort, Teufel! Noch nie habe ich mein Ohr den Bitten eines Menſchen verſchloſſen; aber du biſt ein Ungeheuer!— „Ach, Vater, heiliger Felix, ſeht mich nur an! Ich bin nicht Wolfſtein; ich verabſcheue dieſen Menſchen eben ſo ſehr wie ihr.“ „Wer biſt du denn?“ fragte der Moͤnch mit verſtoͤrtem Blick,„und was willſt du hier?“ „Ehrwuͤrdiger Vater, wenn ich nur bedaͤchte wer ich ſey, und was mich hieher fuͤhrt, wuͤrde mein Herz ſich in Verwuͤnſchungen uͤber den er⸗ leichtern, fuͤr den du mich haͤltſt, und der meinen Namen mißbrauchte, meine ſchoͤnſten Hoffnungen zerſtoͤrte; doch ſcheue ich die Heiligkeit des Orts durch ſolche Ausbruͤche des Zorns zu entweihen. Ich bin wirklich Wallenſtein, Wilhelms Freund.“ 1 „ und du waͤreſt alſo kein Trugbild, du waͤ⸗ reſt in der That Graf Caſimir v. Wallen⸗ ſtein? Armer Juͤngling, warum kamſt du nicht 10 fruͤher! Die ungluͤckſeligſte Stunde unſeres Le⸗ bens waͤre dadurch von uns abgewendet worden!“ „Iſt denn alles verloren, mein Vater, iſt keine Hoffnung mehr?“ „Gott allein weiß es! Wilhelm ſtarb, und ich fuͤrchte auch ſie wird ſterben! Ich ſah ihn un⸗ ter dieſen kalten Marmorſtein, an die Seite ſeiner fruͤh erbleichten Braut, legen, und ſang die Tod⸗ ten⸗Meſſe uͤber ihn;— aber Luiſe!— Ach, ſie iſt die Letzte!“— Ein tiefer Seußzer erſtickte hier die Stimme des Alten; heiße Thraͤnen rollten uͤber ſeine Wan⸗ gen. Caſimirs Gefuͤhle waren peinlich auf ei⸗ nen Punkt geheftet; er nahete ſich und legte die Hand auf Felix Arm, indem er mit kaum ver⸗ haltener Wuth die Worte hervorbrachte: „Hat er ſie gemordet? Hat er die Schwe⸗ ſter meines Freundes, der dort unten ſchlaͤft, ge⸗ mordet?— Ha, bei Gott! dann ſoll ſein ſchwar⸗ zes Herzblut dafuͤr fließen! Ich veſag⸗ ihn bis ans Ende der Welt!“— „Das ſey ferne von dir, mein Sußn Das Blut welches du aus Rache vergſeſ, wuͤrde an beiner eigenen Hand kleben!— Bedenke wo du * I1 biſt, und wer dich hoͤrt! Nein, laſſe dem Him⸗ mel die Rache!“— „Wo iſt Wolfſtein, Vater?— „Ich weiß es nicht; er ging geſtern fort, und mag wohl ſchon weit entfernt ſeyn.“ Endlich gelang es dem Grafen, von dem Moͤnch zu erfahren, auf welche Weiſe der Boͤſe⸗ wicht entlarvt worden ſey; nun aber wagte er noch die Frage, ob Luiſens Herz denn ſo ſehr an ihm gehangen habe, daß man, nachdem dies Band gebrochen, und das Bubenſtuͤck enthuͤllt worden, fuͤr ihr Leben beſorgt ſeyn muͤſſe. Felix erwie⸗ derte traurig: „Ich fuͤrchte es nur allzu ſehr; denn wer konnte die Tuͤcke des Menſchen voraus ſehen. Ihre Perſon, ihre Freiheit, ſind gerettet, und beſſer iſt es ſie ſtirbt jetzt mit gebrochenem Herzen, als daß ſie einem ſolchen Boͤſewicht zu Theil geworden waͤre. Wird ſie aber auch dem Leben wieder ge⸗ ſchenkt, ſo hat er ihr die Freude daran geraubt, und ſtirbt ſie, ſo iſt er ihr Moͤrder.“ Eiferſucht und Schmerz bemaͤchtigten ſich Wallenſteins in einem ſolchen Grade, daß er 12 lange nicht antworten konnte. Endlich ſagte er mit nur muͤhſam verhaltenem Grimm: „Die Freiherrin v. Marchfeldt ſtand hoͤ⸗ her in meiner Meinung; nie haͤtte ich geglaubt daß ſie die Beute eines ſolchen Menſchen werden koͤnnte.— Auf dieſe Weiſe, Vater, befinden wir uns beide im Wahne. Stirbt das Fraͤulein, ſo iſt Wolfſtein daran nicht ſchuld, ſondern die ſind es, welche dieſen Abgott von ihrem Her⸗ zen geriſſen haben. Conrad iſt ihr Möoͤrder, und hat mich vor dem Verbrechen bewahrt, da auch ich im Begriff ſtand den Boͤſewicht zu ent⸗ huͤllen.“ „Sey gerecht, mein Sohn,“ erwiederte der Moͤnch.„Als Luiſe dieſen Mann tugendhaft 3 hielt, und den Grafen Wallenſtein in ihm zu erblicken glaubte, ſchenkte ſie ihm ihre ungetheilte Liebe; aber von dem Augenblicke an, da er in ſeiner ganzen Bloͤße, als niedriger, entlarvter Be⸗ truͤger vor ihr ſtand, verabſcheuete ſie ihn. Ich wollte du haͤtteſt den Blick geſehen, welchen ſie auf ihn warf, waͤreſt Zeuge der kalten, entſchloſſenen Waͤrde geweſen, mit welcher ſie ihn aus ihrer Ge⸗ genwart gehen hieß. Er ſchaͤumte vor Wuth; —— —, 13 aber dennoch zitterte er, und gehorchte. Ach, auch ich wurde durch ihr Benehmen getaͤuſcht! Ich ſah nur die anſcheinende Ruhe, und nicht den heftigen Kampf, der ihr Innres verzehrte!“ „Und dieſes Weib haͤtte mein ſeyn koͤnnen!— Vater, ſagt mir, ſpricht ſie jetzt noch von Wolf⸗ ſtein, nennt ſie ſeinen Namen?— Sagt mir alles, Vater, verſchweigt mir nichts!“— „Kein Wort, kein Laut, kommt uͤber ihre Lippen; ſieh dies bleiche, bewegungsloſe Marmor⸗ bild an, es iſt ein treues Abbild von ihr.“ In dieſem Augenblicke oͤffnete ſich eine Ne⸗ benthuͤr, die zur Capelle fuͤhrte; Barbara trat herein.„Ach,“ rief Wallenſtein, ihr haſtig entgegen eilend,„was bringt ihr uns?— Iſt alles voruͤber, oder darf man noch hoffen?“ Barbara, ſelbſt zu ſehr in ihrem Schmerze vertieft, um mehr als voruͤbergehendes Erſtaunen bei der Anweſenheit eines Fremden zu empfinden, war uͤberdies aͤhnlicher Fragen gewohnt, da jeder im Schloſſe ſie faſt mit den naͤmlichen Worten an⸗ redete. „Heiliger Vater,“ antwortete ſie alſo, ſich zum Moͤnch wendend, ohne weiter auf den Ftem⸗ 14 den zu achten,„kommt zu meiner Gebleterin. Sie ſpricht wieder, und nennt euern und des Grafen Namen. Es ſcheint als ſey ſie aus einem tiefen Schlafe erwacht; aber wir wiſſen ihre Fragen nicht gehoͤrig zu beantworten. Eilt alſo zu ihr.“ Dieſe Nachricht uͤberwaͤltigte Wallenſtein voͤllig; ſein Gemuͤth war durch den langen, ſchwe⸗ ren Kampf aufs aͤuſſerſte geſpannt. Er brach in Thraͤnen aus. „Beruhige dich, mein Sohn„ ſagte der Moͤnch, ſeine Hand freundlich druͤckend.„Ich verzweiſle noch nicht; wir erleben vielleicht noch gluͤcklichere Tage.“ „Wo aber werde ich euch wiederſehen, Va⸗ ter? Wollt ihr nicht von Zeit zu Zeit euch meiner Angſt erbarmen?“— „Gewiß, mein Sohn; komm dieſen Mittag wieder hieher, wo ich dich treffen werde.“ Bei dieſen Worten oͤffnete er die ins Dorf fuͤhrende Thuͤr, gab ihm ſeinen Segen, und ent⸗ ließ ihn.. An Geiſt und Koͤrper erſchoͤpft, lenkte Ca⸗ ſimir ſeine Schritte zu der Huͤtte aus welcher er geſtern in die Capelle gegangen war. Aus Alice 15 kunſtloſem Geſchwaͤtz hatte er zuerſt Licht uͤber den wahren Stand der Dinge auf dem Schloſſe erhal⸗ ten, ſie und ihre kleinen Knaben waren ihm un: vermerkt lieb geworden, und wenn er ihr ſchwar⸗ zes Brodt mit ihnen aß, und Milch aus ihrem ir⸗ denen Kruge trank, glaubte er ſich unter dem Da⸗ che eines Freundes zu befinden. Dorthin zog 6s ihn alſo jetzt, er pochte nicht einmal an die Thuͤr, ſondern ging unangemeldet hinein. Eine jam⸗ mernde Stimme ſchallte ihm hinter dem Vorhang des Bettes entgegen; mit gar ehrbaren Geſichtern ſtanden Wilfred und Leonhard in der Mitte des kleinen Zimmers, waͤhrend ein Mann mit ernſter Miene, das Haupt auf den Tiſch geſtuͤtzt, am Fenſter ſaß. Bei Caſimirs Eintritt ver⸗ ließen die Knaben augenblicklich den Platz, wor⸗ auf ſie bisher wie gebannt geſtanden hatten, klam⸗ merten ſich an ihn an, und riefen Beide zugleich: „Vater, Vater, da iſt erl— Das iſt der gute Herr!“ Steffen erhob ſich ſtillſchweigend von ſei⸗ ner Bank, ſetzte ihm einen Stuhl, auf den er voͤllig erſchoͤpft niederſank. 16 „Dem Fremden iſt nicht wohl,“ bemerkte der Bauer,„was koͤnnen wir ihm geben?“ „Lieber Wilfred,“ ſprach Caſimir mit matter Stimme,„reiche mir den Krug mit Milch; ich bedarf einiger Nahrung. Auch ſchaudert der Froſt durch meine Glieder; aber das helle Feuer⸗ chen dort wird mich ſchon wieder beleben.“ Steffen heftete einen ernſten Blick auf ihn, und ſagte dann ſich zu Alice wendend: „Es ſcheint nicht als ob ich mich geirrt haͤtte, Frau, und wenn wirklich deine geſchwaͤtzige Zunge bei dem Ungluͤck, das ſich im Schloſſe zugetragen hat, im Spiele geweſen iſt, ſo wollte ich tauſendmal lie⸗ ber, der Sturm haͤtte meine Huͤtte, und alles was ich auf der Welt beſitze, in die Raab geweht; denn wem danke ich denn, naͤchſt Gott, alles?— Hier, mein Herr,“ fuhr er fort, Wallenſtein ſtarr anſehend, indem er ihm die Boͤrſe mit Geld entgegen hielt,„ihr ſelbſt wißt am beſten wer dies meiner Frau gegeben hat. Ihr ſeyd ein Fremder, ſeyd ſeit mehreren Tagen, Gott weiß in welcher Abſicht, hier herumgeſchlichen, habt uns, wie ich hoͤre, verſchiedene Male mit eurem Beſuche be⸗ ehrt, und Aliee bildet ſich ſo viel auf ihre Weis⸗ 17 heit ein, daß gar leichtlich von ihr heraus zu krie⸗ gen war, was ſie wußte und nicht wußte, uͤber den gnaͤdigen Herrn der unſer Fraͤulein heirathen ſollte. Ja, wenn der boͤſe Feind nicht Unkraut zwiſchen ſie geſtreut haͤtte, ſo wuͤrde der Caplan dieſen Morgen ihre Haͤnde in einander gelegt ha⸗ ben; ſtatt deſſen aber entflieht der junge Herr aus dem Schloſſe, Niemand weiß wohin, noch wa⸗ rum, und die liebe gnaͤdige Herrſchaft, der Stolz der ganzen Welt, iſt dem Tode nahe. Ich will keinen Menſchen beſchuldigen; aber was ich ſagte iſt wahr, und es iſt gleichfalls wahr, daß ihr manche Frage an meine Frau gerichtet, die einen Fremden nichts angehen konnte, und daß ihr ihr zwanzig Thaler fuͤr ihre Antworten bezahlt habt. Dies Geld ſcheint mir Suͤnden⸗Geld, und ich moͤchte es um keinen Preis unter meinem Dache behalten. So wie ihr nur hereintratet, fiel es mir wie ein Stein aufs Herz, eure Blicke ver⸗ riethen euch; ihr habt nichts Gutes im Sinne, und wenn man nach aͤußern Zeichen ſchließen darf, ſo ſeyd ihr wahrhaftig nicht mehr zu be⸗ neiden, als alle die, welche Boͤſes in der Welt anſtiften, es gewoͤhnlich ſind.“ 1 W. v. W. II. 2 —— ———— „Zu beneiden bin ich wahrlich nicht, ehrli⸗ cher Steffen! Ich theile die Sorgen auf dem Schloſſe; aber der Himmel iſt mein denn daß ich nicht ihr Urheber bin.“ Steffens Ahnungen genzichtigten ſich nun gleichfalls des leichtglaͤubigen Gemuͤths der Frau; ſie hielt ſich uͤberzeugt daß ſie die Flamme ange⸗ ſchuͤrt, und daß ihre Mittheilungen alles Ungluͤck uͤber das Schloß gebracht, den Braͤutigam in die weite Welt gejagt, und die Braut getoͤdtet haͤtten. Jetzt kam das Reden an ſie; ſie zog den Vorhang zuruͤck, heftete ihre von Thraͤnen geſchwollenen Augen auf den Fremden, und ſagte mit feierlichem Tone:„Ja, Fremder, Unheil bringend war die Stunde, in welcher ihr De den Fuß uͤber unſere Schwelle ſetztet! Nie, i meinem Leben, bin ich noch ſo getaͤuſcht wardenn Aber ſchien es mir doch als blicke Unſchuld aus eurem Auge, und ſchloſſen die Kleinen ſich doch gleich an euch an!“ „Unſinn!“ rief Steffen. „Nein, nein, lieber Mann; aber ich will rein Wort weiter daruͤber verlieren; doch eins muß ich noch ſagen: Bei eurer Seelen Seligkeit be⸗ 19 ſchwoͤre ich euch, Fremder, verliert keine Zeit euer ſtrafbares Gewiſſen zu entladen. Eilet eure Suͤn⸗ den in der Beichte zu bekennen, und wenn es noch moͤglich iſt etwas wieder gut zu machen, ſo zoͤgert nicht damit.“ 4. Mitten in dieſer pathetiſchen Rede, ſiog die Thuͤr auf, und Conrad ſtuͤrzte herein. „Lieber, theurer Herr, Freund meines Herrn,“ rief er faſt auſſer ſich,„ſehe ich euch wirklich wieder?“— Die Art wie Wallenſtein den treuen Diener willkommen hieß, war nicht weniger herz⸗ lich.—„Ach Herr,“ fuhr jener fort, indem die hellen Thraͤnen ihm uͤber den Bart rannen, „als man mir ſagte meine junge Herrſchaft ſtehe auf dem Punkt den Grafen Wallenſtein zu heirathen, ahnete ich nicht welche Schreckensſtunde uns allen nahe ſey! Aber wer weiß was wir doch noch erleben koͤnnen!“— „Ja wohl,“ fiel Alice ein, die bei der Vertraulichkeit welche zwiſchen Conrad nud dem verdaͤchtigen Fremden herrſchte, aufs Neue in ih⸗ ren Meinungen zu ſchwanken begann,„ja wohl, werr kann das wiſſen! Nun waͤre mein unmaß⸗ 2*¾ 20 geblicher Rath, daß einer ein ſchnelles Pferd be⸗ ſtiege, und ritte, was er nur reiten koͤnnte, um den jungen Herrn wieder einzuholen, und ihm zu ſagen, er ſolle ſo geſchwind als moͤglich zuruͤckkommen, wenn er nicht den Tod einer Chriſten⸗Seele auf ſich laden wolle; und iſt er nicht ein Tuͤrk, ſo wird er ſolcher Aufforderung nicht widerſtehen koͤn⸗ nen! Es wundert mich, Herr Conrad, daß ihr ihm nicht nachſetzt!“— A e. N— „Moͤchte er in der Raab erſoffen ſeyn!“ rief Conrad.„Aber, Herr Graf, ihr ſeht ſo elend aus, haͤtte ich euch doch kaum wieder erkannt! Pater Felix ſagte mir daß ihr hier waͤret, und trug mir auf, euch aufzuſuchen, und euch zu mel⸗ den, daß es mit unſever theuern Herrſchaft weit beſſer gehe. Die gaͤnzliche Bewußtloſigkeit, in welche der toͤdtliche Schreck ſie verſetzte, iſt vor⸗ uͤber; ſie kennt alle Umſtehenden, weiß was mit ihr vorgegangen iſt, und brennt vor Ungeduld ihr Bett verlaſſen zu duͤrfen, um ſich weit, weit von⸗ Marchfeldt zu entfernen. Dieſe Unruhe hat der heilige Mann noch zu bekaͤmpfen; aber er hat ihr beſaͤnftigende Arzeneien gegeben, und ſobald ſie in einen erquickenden Schlummer geſunken iſt, * 21 wird er ſein Verſprechen halten, euch in der Ca⸗ pelle zu ſprechen.“— Alice, die gaͤnzlich zu vergeſſen ſchien, wie ſie ſich fruͤher zu Steffen's Meinung bekehrt hatte, warf jetzt einen triumphirenden Blick auf ihn. „Habe ich es dir nicht geſagt, guter Mann,“ rief ſie;„ein andermal traue mir beſſer! Ich behauptete immer, und behaupte auch noch, daß, wenn Kinder ſich gleich an einen Menſchen haͤngen, ſo bewieſe dies eben ſo gewiß daß kein Arges in ihm ſey, als es Regen wird, wenn die Mauer ausſchlaͤgt.“ „Ich hoffe, Herr,„ſprach Steffen,„ihr werdet vergeſſen was ich⸗geſagt habe; aber die Krankheit unſerer Herrſchaft, brachte mich ganz auſſer Faſſung, und in meiner Herzens⸗Angſt, haͤtte ich mit meinen eigenen Kindern zu zanken anfangen koͤnnen. Der ehrwuͤrdige Pater Fe⸗ lix und Herr Conrad, wuͤrden ſich mit Nie⸗ mand abgeben, der es nicht verdiente, und ich hoffe ihr werdet meinen Irrthum vergeſſen.“ „Ich will ihn unter der Bedingung vergeben, ehrlicher Steffen, daß du dieſe Boͤrſe behaͤltſt; doch vergeſſen werde ich ihn nicht, ſondern oft daran denken; aber in allem Guten. Und wenn mich dann die Verderbtheit der Welt mit Eckel und Abſcheu erfuͤllt, will ich mein Gemuͤth wieder durch den Gedanken an die einfache, treue Red⸗ lichkeit zu erheben ſuchen, die ich in deiner Huͤtte gefunden habe!“ Bei dieſen Worten ging er mit Conrad zur Thuͤre hinaus, um ſich wieder an den Ort zu begeben, wo er die verzangen⸗ Nacht durch⸗ wacht hatte. II. Nach Verlauf einiger Wochen ſchwand die Krankheit des Fraͤuleins allmaͤhlich. Caſimir hatte waͤhrend dieſer Zeit ſein Hauptquartier zwar bei ſeinen Freunden in der Huͤtte genommen, doch oft weilte er auch in der Capelle, oder in einer ſonſt geringen Entfernung des Schloſſes, welches zu betreten er ſich jedoch, ungeachtet der Einladung des Moͤnchs, nicht entſchließen konnte. Es ſchien ihm ein Eingriff in die Rechte eines Andern zu ſeyn, und obgleich er viel darum gegeben haͤtte, ſich mit dem Gegenſtande aller ſeiner Wuͤnſche un⸗ ter dem naͤmlichen Dache zu befinden, unterdruͤckte er doch dies Verlangen, ſo ſchwer es ihm auch wurde.. Als er von Luiſens Geneſung Hutnai üͤberzeugt war, mahnte ihn kindliche Liebe und Pflicht zur Ruͤckkehr nach Prag; nur einmal wuͤnſchte er ſie, wenn auch nur verſtohlner Weiſe zu ſehen, und dann beſchloß er ſich durch nichts mehr zuruͤckhalten zu laſſen, da ſein Zoͤgern im gegenwaͤrtigen Augenblicke hier doch nichts fruch⸗ ten, und er ſeine Hoffnung nur auf die Zeit ſetzen konnte. Bald ſollte ihm dieſer Wunſch gewaͤhrt werden, wiewohl er im Weſentlichen wenig dabei gewann, denn Luiſe wurde auf Anrathen ihres geiſtigen und leiblichen Arztes auf den Schloßwall gefuͤhrt, um dort zuerſt die freie Luft einzuathmen, doch war ſie, weil die Jahrszeit rauh war, in einen großen polniſchen Pelz eingewickelt, der ihre ganze Geſtalt verhuͤllte. * Sobald die Erſcheinung, welche er ſo ſehn, lich herbeigewuͤnſcht hatte, wieder vom Walle ver⸗ 24 ſchwunden war, beſtieg er ein Pferd aus den Schloß⸗Staͤllen, ritt von Conrad begleitet, zur Abtei, wo er einen herzlichen Abſchied von dieſem nahm, und dann ſein eigenes Gefolge aufſitzen ließ, um nun ſo ſchnell als moͤglich nach Prag zu eilen. Als Caſimir die Stadt erreichte, in wel⸗ cher ſich der in Ungnade gefallene Heerfuͤhrer jetzt aufhielt, konnte er, je naͤher er dem Pallaſte kam, ſeine Verwunderung kaum bergen, uͤber das feier⸗ liche Gepräͤnge, das hier uͤberall zu herrſchen ſchien. Zahlreiche Patrouillen machten die Runde um den ungeheuren Pallaſt, damit jeder Laͤrm ſorgfaͤltig von dem Ohre des Beſitzers abgehalten wurde; ja, der Eingang der Straße, welche zur Hauptpforte des Schloſſes fuͤhrte, war ſogar mit 6 Ketten verſperrt. b „Was bedeutet dies?“ rief der junge Graf erſtaunt.„Iſt hier Gefahr?— Wird mein Va⸗ 6 ter von irgend einem Ueberfalle bedroht?“ „Nein, gnaͤdiger Herr,“ antwortete die an der aͤußerſten Barriere ſtehende Wache,„hier iſt weder Gefahr, noch irgend ein Ueberfall zu er⸗ warten. Unſer Herzog hat ſich mit dem Auge 23 gegen den Feind gewandt, zuruͤckgezogen, und der iſt gluͤcklich ſich weit vom Schuße zu befinden; aber ſeit er in Prag iſt, gereicht es zu ſeinem Ver⸗ gnuͤgen, durch nichts in ſeinen Studien unterbro⸗ chen zu werden, und auch ihr muͤßt die Gefallig⸗ keit haben hier abzuſteigen, eure Pferde duͤrfen nicht paſſiren.“ 4 Wallenſtein ließ es ſich gefallen, doch konnte er es nicht begreifen, wie ein Mann, der den groͤßten Theil ſeines Lebens unter kriegeri⸗ ſchem Geraͤuſch zugebracht habe, nun auf einmal den Huftritt eines Pferdes, oder auch nur den Gedanken daran, unertraͤglich finden koͤnne; denn in dieſer Entfernung war es unmoͤglich daß der eigentliche Schall davon ſein Ohr erreichte. Sechs Pforten fuͤhrten in dieſe mehr als koͤ⸗ nigliche Wohnung, und hundert Haͤuſer waren niedergeriſſen, um dem Schloßhofe Raum zu ma⸗ chen. Jede Pforte hatte ihre beſtimmte Wa⸗ che, die regelmaͤßig aufzog, als habe man ſich im Belagerungsſtande befunden. Als Caſimir ſich an der erſten dieſer Pforten zeigte, trat ihm ein junger Ritter entgegen, der den Poſten hier ver⸗ ſah, und auf ſein Verlangen ſogleich vor den 26 Herzog gelaſſen zu werden, erhielt er zur Ant⸗ wort: dies ſey in dieſer Stunde, welche ſeine Ho⸗ heit den Studien widme, unmoͤglich, und ſelbſt der Kaiſer wuͤrde nicht vorgelaſſen werden. „Und wann kann man Zutritt bei ihm er⸗ langen?“ 2. dmger. „Er wird nicht eher ſichtbar ſeyn, bis er ſich ſeinen Offizieren an der Mittags⸗Tafel zeigt; bald darauf zieht er ſich in ſein Audienz⸗Zimmer zuruͤck, doch iſt die Anzahl derer welche vorgelaſ⸗ ſen zu werden begehren, immer ſo zahlreich, und das Andringen derſelben ſo groß, daß es noch da⸗ hingeſtellt iſt, ob ihr Gehoͤr findet.“ Obgleich Wallenſtein die Ueberzeugung hegte, ſeinen Vater, dem Weſentlichen nach, eben ſo groß wieder vorzufinden, als er ihn damals, an der Spitze des groͤßten Heeres von Europa, das durch ſeinen Wink gelenkt wurde, verlaſſen hatte, vermochte er doch nicht ſich von dem in Un⸗ gnade gefallenen Manne, ein anderes Bild zu entwerfen, als daß dieſer, von den Meiſten ver⸗ nachlaͤßigt und verlaſſen, nur auf eigne, innre Kraft geſtuͤtzt, daſtehen muͤſſe.„Dies wuͤrde we⸗ nigſtens das Schickſal jedes Andern geweſen ſeyn,“ ———— ———— 27 dachte er,„hier allein ſcheinen Gluͤck und Herr⸗ ſcher⸗Genie gleich unuͤberwindlich.“ Der Ritter, welcher den jungen Grafen, den er nicht perſoͤnlich kannte, in Gedanken verloren vor ſi ſich ſtehen ſah, glaubte, die Schwierigkeit bald vor den Herzog zu gelangen, mache den Grund dieſes Sinnens aus. „Solltet ihr vielleicht irgend eine dringende Bittſchrift zu uͤberreichen haben,“ ſagte er zu ihm, „ſo wird es unfehlbar das Beſte ſeyn, euch mit dieſem Geſuch an einen der Lieblings⸗Edelknaben oder Kammerherrn zu wenden, denen freier Zu⸗ tritt zu Sr. Excellenz geſtattet iſt, und euer Geſuch kann auf dieſem Wege wahrſcheinlich heute Abend, ſpaͤteſtens Morgen an ihn gelangen.“ „Laͤßt der Herzog ſich denn auf eine ſo koͤ⸗ nigliche Weiſe bedienen?“ „Sechs Barone und eben ſo viele Ritter um⸗ geben beſtaͤndig ſeine Perſon, um jeden ſeiner Winke zu vollziehen; ſechzig Pagen, aus den er⸗ ſten Haͤuſern des Reichs warten im Vorzimmer auf ſeine Befehle. Nicht weniger des ruhmvollen Heerfuͤhrers wuͤrdig, ſind die Maͤnner welche un⸗ ter ihm in ſeinem Heere befehlen, die Generaͤle 28. Terzky, Illo, Kinzky, Blumenberg, und mehrere andere, befinden ſich in Prag, und die erſt ſo kuͤrzlich aufgeloͤſten Truppen, ſtroͤmen taͤglich bei Tauſenden wieder hieher, um unter den Bannern des Mannes zu dienen, der ſie ſo oft zum Siege fuͤhrte.“ 3 „Ich bin euch fuͤr eure Nachrichten verbun⸗ den,“ entgegnete Wallenſtein;„aber ich will eure Zeit jetzt nicht ferner in Anſpruch nehmen. Ihr ſagtet vorhin, der Kaiſer muͤſſe an dieſer Pforte warten, bis die Studien des Herzogs ge⸗ endet waͤren, aber der, welcher jetzt Zutritt von euch begehrt, hat ein naͤheres Recht auf ihn. Ich bin der Sohn des Mannes, dem ſo viele Edle in die Verbannung gefolgt ſind.“ Der Ritter oͤffnete auf dieſe Worte ein kleines Pfoͤrtlein, und nachdem er ſeinen Mund an ein, mit der aͤußern Halle in Verbindung ſtehendes, Sprachrohr gelegt hatte, erſchienen einige Helle⸗ bardier, welche den Grafen ſtillſchweigend einlie⸗ ßen. In der Marmor⸗Halle ſtanden funfzig die⸗ ſer Truppen, lauter auserleſene Maͤnner, von furchtbarem Anſehen, und voͤllig geruͤſtet, in Reih und Glied. Der Graf wurde bis an den Fuß der . 29 8d* Haupt⸗Treppe gefuͤhrt, wo ſich drei, reich geklei⸗ dete Edelknaben befanden; dieſe uͤberlieferten ihn wieder drei Andern, welche einige Stufen hoͤher ſtanden, und ſo ging es fort, bis die hohe, breite Treppe, mit allen ihren Biegungen, erſtiegen war. Oben ward er von einem, mit Orden, Kreu⸗ zen und andern Ehrenzeichen, behangenen Cava⸗ lier empfangen, der den Dienſt eines Ceremonien⸗ Meiſters beim Herzoge verſah; gluͤcklicher Weiſe erkannten ſich Beide auf den erſten Blick, und Caſimir rief nach freundlicher Begruͤßung: „Lieber Winterfeldt, bringt mich ſo bald als moͤglich zu meinem Vater; ich fing ſchon an zu verzweifeln, jemals dieſen Nimbus der ihn um⸗ giebt, durchdringen zu koͤnnen.“ „Nun,“ erwiederte jener, etwas zoͤgernd,„ich hoffe es wird keine große Gefahr dabei ſeyn, euch Zutritt zu ihm zu verſchaffen, Graf; aber ich habe keinen Befehl dazu, und ihr ſeyd wahrlich der ein⸗ zige Mann in Europa, fuͤr den ich es wagen wuͤrde, die Schranken zu durchbrechen, mit wel⸗ chen es eurem erhabenen Vater gefaͤllt, ſich zu um⸗ geben.“ 30 „Iſt er denn jetzt allein?“ fragte Watteu- ſtein befremdet.— „Nein; in dieſen einſamen Stunden ſeht ihm gewoͤhnlich der ſonderbare Mann zur Seite, den ihr vielleicht fruͤher ſchon zufaͤllig bei ihm geſehen habt, und der den Herzog auch waͤhrend des letz⸗ ten Feldzugs, aber immer auf eine ſehr geheimniß⸗ volle Weiſe, beſuchte. Man fuuͤſtert es ſich ſogar unter uns ins Ohr, daß der Feldherr durch ihn von allen heimlichen Cabalen ſeiner Feinde benach⸗ richtiget ward, und ſo viel iſt gewiß, nichts von alle dem, was die Welt in Erſtaunen ſetzte, ſchien ihn auch nur im mindeſten zu befremden. Illo, der grade den Dienſt bei ihm hatte, als er die Kaiſerlichen Abgeſandten empfing, ſagte, er habe ihnen laͤchelnd erklaͤrt, daß er bereits von der Ab⸗ ſicht ihrer Sendung unterrichtet ſey, und gehor⸗ chen werde; auch war ſchon alles zu ſeinem Abzuge in Ordnung, und entweder muß er hoͤchſt ſeltſame Kundſchafter, oder ganz unbegreifliche Ahnungen haben.“ „Ach,“ erwiederte Caſimir,„ſicher meint ihr den Sterndeuter Seni; ja, den ſah ich ſchon zweimal bei meinem Vater, und er iſt ein hoͤchſt 31 gehelmnißvolles Weſen.— Aber kommt, Freund! — Des Herzogs Befehl Niemand vorzulaſſen, hat auf mich keinen Bezug; fuͤhrt mich in ſein Zimmer.“ Nicht ohne Widerſtreben ſchritt Winter⸗ feldt nun durch eine lange Reihe prachtvoller Ge⸗ maͤcher, dem Grafen voran; die in den Vorzim⸗ mern aufwartenden Pagen bemerkten die Annaͤhe⸗ rung mit ſichtlicher Furcht, welche ſelbſt des Gra⸗ fen Name und Bitte nicht zu bannen vermochte. „Devereux,“ ſagte Winterfeldt, ſich an den oberſten dieſer Edelknaben wendend,„wenn irgend Jemand ungeſtraft dieſe Thuͤre oͤffnen darf, ſo biſt du es.“ „Ich mag mich freilich wohl mit einiger Ge⸗ wißheit der großen Gunſt meines Herrn ruͤhmen,“ entgegnere dieſer pralend,„doch habe ich noch nie einen ſo kuͤhnen Verſuch gewagt; eurentwegen in⸗ deß, Graf, will ich es einmal unternehmen.“ Und mit dem Anſehen eines Menſchen, der, in⸗ dem er einen Frevel begeht, ſich keine Zeit geſtat⸗ ten darf, ihn reiflicher zu uͤberlegen, oͤffnete er jetzt ſchnell die Thuͤr, zugleich mit lauter Stimme den im Vorzimmer Wartenden anmeldend. 32 Das Wort: Verwegener! bonnerte noch fruͤ⸗ her von den Lippen des Herzogs, als die Urſache der Stoͤrung ſein Ohr erreichen konnte. Schnell erhob er ſich von dem Tiſche, vor welchem er ſaß, waͤhrend Seni, gleichfalls in der erſten Beſtuͤr⸗ zung, eine Moͤnchskutte uͤber den Kopf zog, und den Tiſch mit einem großen, ſchwarzen Tuche, das neben ihm auf dem Boden lag, bedeckte. Nach⸗ dem dies geſchehen war, ſchritt er haſtig an das obere Ende des Zimmers, um einen langen, ſchwar⸗ zen Vorhang, der von oben bis unten die ganze Breite des Gemachs bekleidete, enger zuſammen zu ziehen. Die Waͤnde des Zimmers, verſchieden von den uͤbrigen im Pallaſt, waren getuͤncht, und mit geheimnißvollen Figuren und Zeichen verſehen, welche Caſimir ſich nicht zu erklaͤren wußte; auch auf dem, nicht mit einem Teppich belegten Fußboden, erblickte man aͤhnliche Figuren und Zeichen. Das einzige Geraͤthe in dieſem Zimmer beſtand aus dem großen Tiſche, ein paar Stuͤh⸗ len, Globen von verſchiedener Groͤße, einigen Buͤ⸗ chern und Charten, auf denen Planeten, nebſt aſtrologiſchen Berechnmdiu⸗ gezeichuet waren. 33 Noch ehe der Herzog ſich hinlaͤnglich von der unwillkommenen Ueberraſchung erholen konnte, um ſeinen Sohn zu begruͤßen, wechſelte er einige heim⸗ liche Worte mit dem Gehuͤlfen; dann nahm er ſchweigend Caſimir's Arm, und entfernte ſich, nicht ohne Zeichen eines nur muͤhſam unterdruͤckten Zorns, mit ihm aus dem Gemache. So ſehr der Sohn auch gewohnt war, ſich von Kindheit an aller Strenge miülitaͤriſcher Zucht, unter der Herr⸗ ſchaft ſeines Vaters zu unterwerfen, ſo lag doch fuͤr ſein Gefuͤhl etwas ſchmerzhaft Verwundendes, in dieſem kalten, ſtolzen, ja faſt unfreundlichen Empfange; jedoch beſchloß er geduldig den Erfolg abzuwarten. Schweigend ſchritten ſie Arm in Arm durch eine lange Reihe von Gemaͤchern, bis ſi ſie zuletzt an ein kleines, aber prachtvolles Enbineßs gelangten. „Haer,“ ſagte der Herzog,„koͤnnen wir un⸗ geſtoͤrt bis zur Mittags⸗Tafel weilen, wenn au⸗ ders noch ein Ort in meinem Pallaſt vor Ueberlaͤ⸗ ſtigen ſicher iſt.“ Caſimir fuͤhlte bei dieſer t. Barnerkange ſo wie beim ganzen Empfange, nicht allein ſeine Liebe, ſondern auch ſeinen Stolz beleidigt. Mit groͤßerer B. v. W. I1. 3 34 Kaͤlte, wie eigentlich in der Natur ſeines Weſens lag, ſagte er: „Sch hoffe, Euer Sceellas werden des Edel⸗ knaben Fehler nicht mit Haͤrte ſtrafen. Ich allein bin eigentlich nur zu tadeln, denn ich allein bin des Irrthums ſchuldig, indem ich vorauszuſetzen wagte, der einzige Sohn wuͤrde unter den Um⸗ ſtaͤnden, die ſich waͤhrend unſerer Abweſenheit zu⸗ trugen, eine Ausnahme von den Regeln machen, die es euch beliebt hat in eurem Pallaſte einzu⸗ fuͤhren. Eine ſolche Lehre iſt indeſſen hinreichend, und ihr koͤnnt verſichert ſeyn, daß ich nie wieder dagegen fuͤndigen werde.“ „Nein, Graf, verzeiht, die Sch) war icht euer; ihr kamt voͤllig unbekannt mit n ſt ugen Maßregeln, die ich fuͤr gut befunt e in meinem Pallaſt einzufuͤhren, hieher; dieſer Knabe Devereuy verlaͤßt ſich zu feſt meine Gunſt, er muß gezuͤchtigt werden!— Du, Ca⸗ ſimir, biſt deiner Meinung nach zu einem ge⸗ ſtͤrzten Manne gekommen, willſt die Truͤmmer eines vormals praͤchtigen Gebaͤudes betrachten? Nun loͤſe mir die Aufgabe: wann iſt der große Mann groͤßer, im Gluͤck oder im Mißgeſchick?— 35 Hoffentlich aber wirſt du laͤnger bei mir weilen, um Zeit zu deinen Bemerkungen zu gewinnen.“ „FEin großer Mann, gnaͤdigſter Herr, wenn ich den Ausdruck recht verſtehe, iſt unter allen Unſtaͤnden der naͤmliche, weder berauſcht im Gluͤck, noch gebeugt im Mißgeſchick. Im erſterem Falle bin ich eurem Benehmen mit einer Bewunderung gefolgt, die noch kein Sterblicher mir eingefloͤßt hat; im zweiten zweifle ich nicht, daß ihr euch gleichfalls eurer wuͤrdig beweiſen werdet.“ Deine Theorie iſt vortrefflich, Caſimir; ob aber gleichwohl in allen Lagen des Lebens daſ⸗ ſelbe Herz in unſerer Bruſt ſchlagen mag, iſt doch eine groͤßere Verſchiedenheit im aͤußern Benehmen nothwendig, als uns die bloße Schul⸗Weisheit lehrt. So, zum Beiſpiel ſoll der große Mann im Gluͤck leutſelig, herablaſſend, unbekuͤmmert um aͤußern Glanz ſeyn, ſtets geneigt ſcheinen nachzugeben, weil es immer in ſeiner Macht ſteht ſich zu erheben, und ſeinen Willen durchzufuͤhren. Im Mißgeſchick aber kleidet ihm der Stolz; er muß ſtrenge, erhaben, entſchloſſen, unzugaͤng⸗ lich daſtehen, und jedes von ihm geſprochene Wort, jede Handlung, muß die ihn Umgebenden 2* 3 erinnern, daß ſeine Macht nicht von ihm gewi⸗ chen iſt.“ Caſimir verbeugte ſich ſchweigend; er hatte nun den Schluͤſſel zu dem gefunden, was ihn im erſten Augenblicke ſo in Erſtaunen ſetzte. Ob aber die Veraͤnderung im Betragen ſeines Vaters durch Umſtaͤnde herbeigefuͤhrt, oder ob ſie, wie er den Schein davon annahm, Wirkung ſeiner Grund⸗ ſätze war, ſchien ihm bisher noch undurchdring⸗ lich. Aus dem was bis jetzt unter ihnen vorge⸗ fallen war, konnte der junge Mann nur wenig Hoffnung ſchoͤpfen, daß dieſer ſtolze Herrſcher ein naͤheres Intereſſe an ſeine Herzens⸗Angelegenhei⸗ ten nehmen wuͤrde; doch hierin irrte er. Der Herzog erkundigte ſich ſogar mit anſcheinender Waͤrme nach ſeinem Erfolg in dieſer Hinſicht, und als Caſimir den Mann nannte, der ihm bei der Erbin von Marchfeldt zuvorgekommen, und ſich ſeines Namens dazu bedient habe, unter⸗ brach er ihn durch die Frage: 5* „Sind Wolſſtein und du je mit einander uneins geweſen?“ „Von der erſten Stunde an, da wir uns ſahen.“ „— 37 „Sonderbar! Wolfſtein ſtand in meinem Vertrauen, doch nie aͤußerte er irgend eine Art Feindſchaft gegen dich, ſogar erinnere ich mich nicht daß er je von dir geſprochen haͤtte.— Dies klaͤrt mir auf einmal auf, was mir bisher dunkel war, und macht alles begreiflich!— Wiſſe, Ca⸗ ſimir, daß es dieſem Wolfſtein, durch Offen⸗ barung einiger, ihm von mir anvertrauten Ge⸗ heimniſſe, mit Huͤlfe des Churfuͤrſten von Bai⸗ ern, und des verſchmitzten alten Heuchlers, Pa⸗ ter Joſeph, gelang, mich bei dem Kaiſer ver⸗ daͤchtig zu machen, oder richtiger geſprochen, die⸗ ſen verblendeten Fuͤrſten dahin zu vermoͤgen, von mir die Niederlegung meines Ober⸗Commando's zu begehren. Ich beleidigte Wolfſtein nie, und konnte nicht begreifen warum er ſich auf die Seite meiner Gegner ſchlug, wiewohl ich ſelten lange uͤber die Beweggruͤnde einer Staats⸗Intrigue nachdenke, da perſoͤnliches Intereſſe die allgemeine Triebfeder iſt.— Wolfſtein aber iſt kein ge⸗ woͤhnlicher Menſch; Haß iſt die Haupt Triebfeder ſeiner Seele, und Zerſtoͤrung das Lieblings⸗Werk ſeiner Macht.“ „Abſcheuliche Natter!“ rief Caſimir. . 38 Der Herzog laͤchelte.—„Ee beſitzt die Gabe eines hoͤchſt uͤberlegenen Verſtandes, den die Welt anerkennen wird; doch ihm ſelbſt wird er wenig Nutzen bringen, da ſeine Laſter die Oberherrſchaft uͤber ihn ausuͤben werden. Das Verlangen einem Feinde zu ſchaden, iſt weit maͤchtiger in ihm, als ſein Ehrgeiz; wenn die Welt ihn nur anſtaunt; ihren Beifall verachtet er. Es ſcheint mir nun klar, daß dieſer Mann, obwohl er keine Feind⸗ ſchaft gegen mich perſoͤnlich hegte, mich zum Ziel erwaͤhlte, um dich zu verwunden. Dies war in den Ereigniſſen des Tages das einzige Geheim⸗ niß fuͤr mich, welches noch einiger Aufklaͤrung be⸗ durfte, und ich danke dir mir zur Enthuͤllung deſſelben geholfen zu haben. Jetzt moͤchte ich deine kuͤnftigen Plaͤne wiſſen, und bitte dich, ſie mir aufrichtig darzulegen.“ 1 „ Vater,“ erwiederte Caſimir,„meine . Wuͤnſche und Hoffnungen, obgleich ſie manches vom erſten, jugendlichen Reize verloren haben, ſind dennoch ſtets auf den naͤmlichen Gegenſtand gerichtet, und dies Ziel moͤchte ich verfolgen, bis ich es entweder mit Erfolg gekroͤnt, oder die trau⸗ — — 4 2— — 39 rige Gewißheit vor Augen ſehe, daß alles verge⸗ bens iſt.“ „Du biſt ſehr beſcheiden in deinen Wiͤnſchen, junger Mann! Mein Ziel fuͤr dich war hoͤher geſtellt. Es war meine Ab ſicht bei dem Kaiſer fuͤr dich um die Hand der Prinzeſſin Cecilie zu werben, welche er dem Koͤnig Ladislaus von Pohlen beſtimmt hat; doch mein Vorſatz hat ſich geaͤndert.— Moͤge die Welt mich immerhin ei⸗ nen in Ungnade gefallenen Mann nennen! Der Erbe von vier Herzogthuͤmern eignet ſich demohn⸗ geachtet noch zum Schwiegerſohn der ſtolzeſten ge⸗ kroͤnten Haͤupter Europa's; an deiner Stelle wuͤrde ich alſo keineswegs an der Gunſt einer Freiherrin v. Marchfeldt verzweifeln. Bald werde ich wahrſcheinlich Gelegenheit haben mich deiner in Wien zu bedienen, wo du aber nicht, wie bisher, als Privatmann auftreten, ſondern in allem, dei⸗ nem Stande gebuͤhrenden, Glanze erſcheinen ſollſt.“ Die Ausſicht einen ſcheinbaren Grund zu er⸗ langen, ſich am Kaiſer⸗Hofe in Wien zeigen zu duͤrfen, war hoͤchſt erwuͤnſcht fuͤr den jungen Gra⸗ fen. Er wußte daß Luiſe bald dort ſeyn werde, da konnte er in eigner Perſon vor ihr auftreten, 40 und leicht Gelegenheit finden, ſeinen Namen in ihren Augen von dem Flecken zu reinigen, welchen Wolfſtein darauf zuruͤck gelaſſen hatte. Er beſchloß alſo des Vaters Plaͤne geduldig abzu⸗ warten. Waͤhrend der Zeit ward ihm im Pallaſte zu Prag, eine lange Reihe praͤchtiger Gemaͤcher zu ſeinem Aufenthalte angewieſen, eine Anzahl Edel⸗ knaben, ein Kammerherr, Ceremonien⸗ und Stall⸗ meiſter zum Dienſte ſeiner Perſon beſtimmt, gleich als ſey er ein Prinz von kaiſerlichem Gebluͤt. Bald aber fuͤhlte er den Glanz„ mit welchem es ſeinem Vater beliebte ihn zu umgeben, hoͤchſt druͤckend und langweilig. Beim Mittags⸗Mahle fanden ſich hundert der Edelleute und Offiziere vom erſten Range ein, welche dem Herzoge nach Prag gefolgt waren. Das Tafelgeſchirr beſtand aus ſchwerem Gold, und mehr denn koͤniglicher Aufwand herrſchte in der Auswahl der Speiſen und Getraͤnke. Der Her⸗ zog aber, welcher am obern Ende des Tiſches ſaß, blieb ſchweigſam, finſter und feierlich; wenn er ſprach waren der Worte nur wenige, und im ſtren⸗ gen, gebieteriſchen Tone ausgeſprochen. Seine 8 41 Gegenwart ſchien jede Froͤhlichkeit des Mahles zu unterdruͤcken, und die Gaͤſte mit gleicher Schweig⸗ ſamkeit anzuſtecken; Caſimir konnte ſich nicht enthalten in ſeinem Innern dies glaͤnzend lang⸗ weilige Mahl, mit den fruͤheren, heiteren, geſel⸗ ligen zu vergleichen, wo der Herzog alles durch ſeine Unterhaltung belebt hatte. Das Volk von Prag war gewohnt bei die⸗ ſen feſtlichen Gelagen in die große Halle zu drin⸗ gen, um die Pracht anzuſtaunen; wer irgend ein Geſuch anzubringen hatte, hoffte bei dieſer Gele⸗ genheit einen Blick des allgefuͤrchteten Mannes auf ſich zu ziehen, und darin zu leſen, ob nicht ein guͤnſtiger Augenblick fuͤr die Bitte zu erhaſchen ſey. Winterfeldt, der neben Wallenſtein ſaß, machte dieſen auf ein huͤbſches, junges Maͤd⸗ ſchen unter der Menge aufmerkſam, deren Auge immer aͤngſtlich dem Blick des Herzogs zu begeg⸗ nen ſuchte, bis ſie endlich, ſchnell ſich an ihn draͤn⸗ gend, den weißen Arm ausſtreckte, um eine Bitt⸗ ſchrift neben ſeinen Teller zu legen, aber von dem aufwartenden Kammerherrn unſanft zuruͤckgeſtoßen wurde. Das hierdurch verurſachte Geraͤuſch ſiel dem Herzog auf, er fragte woher es entſtehe, und 42 Winterfeldt, der ein beſonderes Intereſſe an dem Maͤdchen zu nehmen ſchien, antwortete: „Die Schweſter des Lieutnant's Desmo nd, will wahrſcheinlich bei Euer Hoheit Vergebung fuͤr das Verſehen ihres Bruders erflehen, oder wenig⸗ ſtens um Milderung der Strafe nachſuchen.“ „Der Urtheilsſpruch iſt unwiderruflich, und wird weder wiederholt noch gemildert werden,“ ſagte der Herzog mit finſterm Ernſt. „Was hat er denn verbrochen„“ fluͤſterte Wallenſtein ſeinem Nachbar zu, vund welche Strafe wartet ſeiner?“ „Der Fehler beſteht in einer kleinen Ver⸗ nachlaͤßigung des Dienſtes; die Strafe iſt der Tod. Dies ſtrenge Urtheit ſoll Morgen vollzogen werden.“) „Unmoͤglich! Mein Vater war immer menſch⸗ lich und großmuͤthig; dies kann nicht ſeyn!“ „Es iſt leider! nichts deſto weniger wahr,“ entgegnete Winterfeldt.„Desmond iſt ein junger Boͤhme, aus guter Familie; wir ha⸗ ben uns einmuͤthig, aber fruchtlos fuͤr ihn ver⸗ wandt, und muͤſſen nun geduldig dem Schickſale 43 des jungen Mannes zuſehen, der als Beiſpiel fuͤr uns alle ſtirbt.“ 4— Wallenſtein zoͤgerte nicht laͤnger, ſondern brach das Todten aͤhnliche Schweigen, welches um ihn her herrſchte, durch den ploͤtzlichen Ausruf: „Mein Vater, ſchenkt mir Desmonds Leben!"⸗ „Aus welchem Grunde, junger Mann?“ „Aus dem einfachen Grunde eurer Guͤte, eu⸗ rer Nachgiebigkeit gegen mich. Erhoͤrt mich, gnaͤ⸗ digſter Herr, und auf meine Ehre, nhr ſollt es nicht bereuen!“ Er hatte ſich waͤhrend dieſer Worte von ſei⸗ nem Sitze erhoben; ſeine ſchoͤne Geſtalt, der edle Ausdruck der ihn beſeelte, indem er fuͤr das Le⸗ ben eines Andern bat, zog die Blicke und Bewun⸗ derung aller Anweſenden auf ſich; ſogar der Her⸗ zog betrachtete ihn mit vaͤterlichem Stolz. „Gebt euch zufrieden Graf,“ ſagte er;„Des⸗ mond's Leben ſey euch geſchenkt. Die Erlaub⸗ niß ſeiner Freilaſſung aus der Feſtung, wo er ſein Schickſal erwartet, ſoll dieſen Abend ausgefertigt werden. Sorget dafuͤr,“ fuhr er zu ſeinem Se⸗ 44 cretair gewandt fort,„und laßt meinem Sohne die dazu noͤthige Vollmacht, eingereicht werden.“ Das allgemeine Gefuͤhl der Freude, welches ſich jedes Herzens bemaͤchtigte, verſcheuchte wenig⸗ ſtens augenblicklich, das bisher in der Geſellſchaft herrſchende duͤſtere, peinliche Schweigen; ein lau⸗ tes Beifall⸗Rufen hallte durch den hochgewöͤlbten ten Saal. Der Herzog winkte mit der Hand, und alles verſank wieder in die vorige Stillle. Desmond's Schweſter, die auf des Herzogs erſte, ſtrenge Antwort, ohnmaͤchtig niederſank, war aus dem Zimmer gebracht; jeder der Anweſenden fuͤhlte ſich wenigſtens uͤber des Gefangenen Schick⸗ ſal beruhigt, und freute ſich der Vermittelung des jungen Grafen. Winterfeldt fluͤſterte ihm zu: „Da euer Einfluß vielleicht nicht immer ſo ge⸗ wiß ſeyn moͤchte, freut es mich daß ihr ihn diesmal nicht zu einer geringfuͤgigeren Sache verwandt habt. Ein anderer Suͤnder iſt noch in Strafe gezogen, der, eurem Begriffe von Gerechtigkeit zu Folge, vielleicht ein naͤheres Recht auf eure Fuͤrbitte ge⸗ habt haben möchte, naͤmlich der Devereu r.“ „Iſt Devereuy beſtraft, weil er mir die⸗ ſen Morgen Zutritt zum Herzoge verſchafft hat?“ .₰ 45 „Die Sonne des Herrn iſt ihm wenigſtens fuͤr einige Tage untergegangen,“ erwiederte Win⸗ terfeldt mit leichtem Achſelzucken.„Er iſt ver⸗ dammt eine Woche hindurch Betrachtungen uͤber die Nichtigkeit der irdiſchen Dinge anzuſtellen; aber unter uns geſagt, ſchadet ihn dieſe kleine Lehre nichts. Der Herzog hat ſeinen Duͤnkel ohnehin ein wenig zu ſehr genaͤhrt, und ſein kleines Selbſt kann ſo viel Gnade nicht ertragen. Ich hoffe ihr werdet ihn nicht in dieſer heilſamen Buß⸗Uebung ſtoͤren.“— Der Secretair, welcher gleich allen Uebrigen, das unverdiente Schickſal des armen Desmond beklagt hatte, fertigte, ſobald die Tafel aufgeho⸗ ben war, den Befehl der Freilaſſung deſſelben aus. Er uͤberreichte ihn Caſimir im Audienz⸗ ſaal, wo dieſer gedankenvoll, den Blick auf die Menge der Vornehmen und Geringen heftete, wel⸗ che ſich hier mit ihren Geſuchen dem Herzog na⸗ heten, und ohne Ausnahme, mit weit mehr Stolz als Wohlwollen von ihm empfangen wurden. So⸗ bald der junge Graf das wichtige Papier in Haͤn⸗ den hielt, eilte er das Zimmer zu verlaſſen; der Herzog rief ihm noch nach:„Kehrt nicht zu ſpaͤt heim; ich erwarte euch vor neun Uhr in meinem Cabinett, wo wir allein mit einanber ſpeiſen werden.“ 1 Als er die Treppen hinunterging, wollten die aufwartenden Pagen ihm folgen; er aber forderte ſeinen Mantel mit der Bedeutung, daß es ſeine Abſicht ſey allein zu gehen. Winterfeldt, un⸗ ten ſeiner harrend, ergriff ſeine Hand, die er herzlich druͤckte, indem er ausrief: „Graf, ihr erſcheint wie ein guter Engel in unſerer Mitte, und belebt die menſchlichen Ge⸗ fuͤhle wieder in unſerer Bruſt. Wir ſind wahr⸗ lich ſeit einiger Zeit nur gleich Marionetten herum gezerrt, deren Bewegung und Worte einzig vom großen Meiſter des Spiels abhingen. Aber, auch ich nahe mich euch in dieſem Augenblicke als ein Bittender; erlaubt mir euch nach der Feſtung zu begleiten! Mich zieht ein perſoͤnliches Intereſſe dorthin, denn mein Neſfe liebt Desmond’'s Schweſter, und ich glaube wahrhaftig, der arme Junge wuͤrde aus Mitleid uͤber des Bruders Schickſal geſtorben ſeyn.“ — * III. Als der Graf und Winterfeldt zum fin⸗ ſtern Aufenthalts⸗HOrte der Verbrecher kamen, mußte manche ſchwere Eiſenſtange vor den Thuͤren weggenommen, mancher ungeheure Schluͤſſel um⸗ gedreht werden, bis ſie endlich den kleinen Kerker des Gefangenen erreichten, deſſen Befreiung ſie herfuͤhrte. Sie hoͤrten daß der Beichtiger ihn eben verlaſſen habe, und es auch ſeiner Schweſter, nach ihrer letzten fruchtlofen Verwendung, noch ver⸗ goͤnnt ſeyn werde, ihm ein kurzes Lebewohl zu fagen. „Weiß ich doch kaum ſelbſt was mir fehlt,“ ſagte Caſimir, indem er ſich dem Kerker na⸗ hete;„aber mir iſt zu Muthe, als ſollte ich der Hinrichtung des Juͤnglings beiwohnen, und nicht als kaͤme ich in der Abſicht hieher, ihm ſeine Frei⸗ laſſung zu verkuͤndigen. Geht ihr zuerſt hinein, Winterfeldt; ich will einen Augenblick drau⸗ ßen warten.“ Indem die in ihren Angeln ſich ſchwer bewe⸗ gende Thuͤr, langſam geoͤffnet wurde, rief der Ge⸗ fangene:„Noch erwartete ich dich nicht, Ma⸗ rie!“— Seinen Irrthum bemerkend, gruͤßte er Winterfeldt freundlich, erkundigte ſich in⸗ deß genau, ob er auch des Herzogs Erlaubniß habe, zu ihm zu komnien.— „Beruhigt euch, Desmond,“ erwiederte der Eintretende;„mein Beſuch geſchieht voͤllig mit hoher Genehmigung. Der junge Graf Wallen⸗ ſtein iſt dieſen Morgen in Prag angekommen, euer Schickſal geht ihm nahe, und noch iſt ein Funken von Hoffnung fuͤr euch da.“ „Es thut mir leid,“ antwortete der Gefan⸗ gene;„denn dieſe truͤgeriſche Hoffnung iſt es ja eben, die dem Manne ſeine Kraft raubt.— Ich will nichts weiter mit ihr zu ſchaffen haben; mein Herz iſt ſeit meiner Verhaftung, gleich einem Balle, zwiſchen ihr und ihrer Gefaͤhrtin, der Furcht, unſtaͤtt herumgeſchleudert worden. Ich habe des Spieles ſatt; endlich ſteht der Pendel feſt, und kein Hauch ſoll ihn aufs Neue in Bewe⸗ gung ſetzen. Der morgende Tag wird mir ſchwer⸗ lich eine wahrhafte Beruhigung bringen, und der 49 Tod tilgt am Ende jede Hoffnung, jede Furcht. Glaubt es mir, Freund, ſobald dieſe in uns erlo⸗ ſchen ſind, iſt alle irdiſche Qual voruͤber; und ſie ſind bereits todt in mir.“ 4 „Doch wohl, eigentlicher geſagt, nur be⸗ taͤubt.“ „Nein,“ hob Desmond mit feierlichem Ernſt aufs Neue an;„ich habe jedes kleinliche Spiel des Lebens aufgegeben, und kein anderer Menſch darf es ſich ferner erlauben, ein Spiel mit mir treiben zu wollen. Als der ehrwuͤrdige Mann mich eben verließ, iſt meine Rechnung ab⸗ geſchloſſen worden; er hat mich mit hoͤherem Mu⸗ the beſeelt. Ich bin noch jung, Freund, und habe mich nie eines groͤßeren Verbrechens ſchuldig gemacht, als das iſt, wofuͤr ich mein Leben laſſen ſoll; es iſt mein Schutzgeiſt, der mich ſo fruͤh von dieſer Welt ruft, ehe ich mich wirklicher Suͤnden theilhaftig mache. Glaube mir, ich erwarte mit ruhigem Herzen die Stunde; doch ſteht mir noch ein harter Kampf bevor, und ich wuͤnſchte daß du, oder dein Neffe es bei Marien dahin braͤch⸗ ten, mir dieſen zu erſparen. Ich fuͤrchte das Wie⸗ W. v. W. II. 4 50 derſehen meiner Schweſter!“— Eine Thraͤns drang bei dieſen Worten in ſein Auge. „Du kannſt aber doch vorher den Grafen ſe⸗ hen, und von ihm ſelbſt hoͤren, in wie fern ſeine Hoffnung fuͤr deine Begnadigung gegruͤndet iſt?“ „Ich muß ihn wohl ſehen; was aber ſeinen Auftrag betrifft, ſo wollte ich, er verſchhins mich damit.“ In dieſem Augenblicke trat der Graf ein. „Entſchuldigt meine Zudringlichkeit mit dem Beweggrunde durch welchen ſie herbeigefuͤhrt wird,“ ſprach er. Mein Freund meldete mich wahrſchein⸗ lich bereits bei euch an, doch vielleicht ſagte er euch nicht, daß mein Vater mir die Zuſicherung eines Aufſchubs von einigen Tagen, bis zur Vollſtre⸗ ckung eures Urtheils„geſtattet hat, waͤhrend wel⸗ cher Zeit es uns gelingen koͤnnte, Pehr von ihm ir Erhatfen 4 „Ich danke euch, Hert Graf,“ ſagte der Oefangene mit feſtem, feierlichen Tone;„aber ich leiſte auf allen Aufſchub Verzicht, und will Mor⸗ gen ſterben. Morgen, um zehn Uhr, ſo ſteht es in meinem Urtheil, nicht wahr, Winterfeldt? Verzeiht, Graf, wenn ich es an ſchuldiger Hoͤf⸗ 51 lichkeit gegen euch fehlen laſſe; aber meine Augen⸗ blicke ſind gezaͤhlt, mein Gefolge wartet, meine Beglaubigungsſchreiben ſind unterzeichnet, alles iſt zu meiner großen Reiſe bereit. Ich muß uͤber ei⸗ nen tiefen Abgrund ſpringen, doch ſoll Niemand ſagen daß ich zagend am Rande deſſelben geſtan⸗ den habe.“ „Ihr verwerft alſo beſtimmt jede Vermitte⸗ lung von meiner Seite?“ „Ja, gnaͤdiger Herr. Ich achte das Wohl⸗ wollen, welches euch dazu bewegt; kann aber in keine Erneuerung einer quaͤlenden Ungewißheit fuͤr mich willigen, ſelbſt dann nicht, wenn ſogar die Guͤte eures Herzens dadurch gekraͤnkt werden ſollte. Ich will keinen Aufſchub, und verlange von der Gerechtigkeit des Herzogs, entweder die morgende Vollſtreckung meines Urcheis. oder voͤllige Be⸗ gnadigung.“ 4 „Ihr werdet doch wenigſtens einwilligen die⸗ ſes Papier zu durchleſen? 44 Bei dieſen Worten gab er ihm das ausgefer⸗ tigte Begnadigungs⸗Schreiben, waͤhrend er die, nur ſpaͤrlich die Waͤnde des Kerkers erhellende Lampe, herunternahm, ihm zu leuchten. Schon 4* 52 die beiden erſten Zeilen benachrichtigten den Ge⸗ fangenen, wie er ſeine Freilaſſung einzig der Ver⸗ mittelung des Grafen verdanke; eine hohe Roͤthe uͤberzog ſeine bleichen Wangen, und ſo gefaßt er auch auf den Tod geweſen war, bemaͤchtigte ſich dennoch auf einmal die froͤhliche Hoffnung des Le⸗ bens, mit allen lachenden Ausſichten der Jugend, wieder ſeines Herzens. Sonderbare Klaͤnge er⸗ fuͤllten ſein Ohr, das Auge ward wie geblendet, und die Bruſt von heftigem Pochen faſt convulſi⸗ viſch bewegt. Ploͤtzlich aus dem Traume des To⸗ des erweckt, war der Uebergang faſt zu ſtark fuͤr ihn; ohne ein Wort hervorbringen zu koͤnnen, zog er die Hand ſeines Befreiers an die Lippen, und ſogar der alte Krieger Winterfeldt ſchwamm in Thraͤnen, ſo herzergreifend und erſchuͤtternd war dieſe Scene. Der Schließer ward herbei gerufen, um die Bande des Gefangenen zu loͤſen; indem dieſer ſich aber mit den Beiden aus der Feſtung begeben wollte, bemerkte Wallenſtein, daß er die Klei⸗ dung der Miſſethaͤter trage, und warf mit der ihm eigenen Zartheit des Gefuͤhls, ſeinen Pelz uͤber ihn. Als man bis an Desmond s Wohnung 53 gelangt war, bot Caſimir den Freunden ein kurzes, herzliches Lebewohl, und ſchritt, innerlich von ihrem Segen begleitet, zum großen, weiten Pallaſte ſeines Vaters. „Auf mein Wort, Graf,“ ſagte der Herzog, indem er ihn freundlich laͤchelnd in ſeinem Cabi⸗ nette empfing,„ich ſah noch nie Jemand, der ſich auf eine ſchoͤnere Weiſe um die Gunſt des Volks zu bewerben verſtanden haͤtte; dein erſter Verſuch iſt uͤber alle Erwartung gut ausgefallen. Doch begehſt du einen Fehler; dein Wohlwollen iſt ein freiwilliges Darlehn, und wenn du dich wie ein kluger Abgeſandter betruͤgeſt, ſollte es nur ſyſtematiſch von dir gebraucht werden. Aber ich will meinen Rath nicht an dir verſchwenden, du ſcheinſt mir einmal unverbeſſerlich gut, und ſo bleibe denn wie du biſt.“— Hier vermochte er einen leiſen Seufzer nicht zu unterdruͤcken.—„Es iſt beſſer fortzugehen, wie man begonnen hat; ich kann die Abweichungen von dem einmal erwaͤhlten Pfade nicht leiden, denn am Ende beſteht doch die wahre Groͤße nur in der Beharrlichkeit.“ „Ich wuͤnſchte, Vater, ihr waͤrt mir dieſen Abend zur Seite geweſen.“ 54 „Ich ahne wo du geweſen biſt, Caſimir; als ich in deinem Alter war, haͤtte mir eine ſolche Scene auch Freude gewaͤhrt; aber damit iſt es nun vorbei.“ 3 „Und warum jetzt nicht mehr, mein Vater?“ „Weil ich mich auf einem Punkte befinde, wo ſich mein Herz gegen jede Schwaͤche ſtaͤhlen muß. Ich habe manchen Kampf gegen dieſe Weichlichkeiten der Jugend und Natur zu beſtehen gehabt; endlich aber ſind ſie uͤberwunden, und nun ſtehe ich nicht allein als der Herr Anderer, ſondern auch als Herr meiner ſelbſt, da. In meiner Ver⸗ dammung Desmond's gab ich einen der groͤß⸗ ten Beweiſe dieſer meiner errungenen Herrſchaft. Es iſt dir wahrſcheinlich zu Ohren gekommen, daß ſein Verbrechen nur dem Namen nach eines war; aber ich bin von einer bu‚ntſchaͤckigen Menge um⸗ geben, in welcher Stolz und Partheigeiſt leicht die Oberhand gewinnen koͤnnten. Ich ſah die Nothwendigkeit ein ſtrenges Beiſpiel zu geben, und waͤhlte den erſten Gegenſtand dazu, der ſich mir darbot. Seit dem Augenblicke giebt es keinen unter ihnen, der nicht bei dem Ton meiner Stim⸗ me zitterte. Ich weiß nur zu gut,“ ſetzte er bitter —— — 55 hinzu,„wie ſchwach die Bande der Dankbarkeit und Neigung ſind; ein wahres Spinnengewebe, welches durch die Hand jedes Kindes zerſtoͤrt wer⸗ den kann. Ich muß feſtere Bande ſchmieden.“ „Und iſt dies unumgaͤnglich nothwendig, er⸗ laubt mir hinzuzufuͤgen, iſt es recht, Menſchen ſo zu behandeln, die ihr Gluͤck in eure Haͤnde gelegt haben? Ich halte dieſe Maͤnner fuͤr edel, da ſie euch ihre Anhaͤnglichkeit in einem ſo mißlichen Au⸗ genblicke beweiſen.“ „Lieber Caſimir, du urtheilſt wie ein Kind; ſie laufen mir nach, weil ich ihnen Brodt gebe. Habe ich ſie nicht zu Maͤnnern gemacht, und wuͤrden ſie ſich nicht ohne mein Feuer und Licht wieder im Staube verlieren? Ich bin die Sonne, um welche ſie ſich drehen, ohne mich ſind ſie nichts.— Keiner als du haͤtte esmond's Freiheit von mir erhalten, und ſeit dieſem Beweiſe meiner Nachgiebigkeit gegen dich, wird mir es bange um meine Herrſchaft. Du darſſt nicht lange bei mir weilen, oder es koͤnnte eine Spaltung unter uns entſtehen; uͤberdies iſt mir ein feiner, verſchmitzter Staatsmann am kaiſerlichen Hofe noͤ⸗ thig, und du,“ ſetzte er ironiſch laͤchelnd hinzu, 86 „ſollſt mich dort vertreten. Sollteſt du uͤbrigens bei deinen Begriffen von Dankbarkeit und derglei⸗ chen, beharren, magſt du deinen Schuldner Desmond mit dahin nehmen. Fuͤr meinen Dienſt iſt er unbrauchbar geworden; ſieh du was aus ihm zu machen iſt.“ „Dankbar nehme ich euer Anerbieten an, und hoffe manche Gelegenheit zu haben, mich eures Geſchenks zu erfreuen. Aber gnaͤdigſter Herr, da es mir nicht lange mehr vergoͤnnt ſeyn wird, dann und wann ein Opfer aus den Klauen des Loͤwen zu reißen, ſo hoͤrt mein Bekenntniß daß ich noch eine Gnade von euch zu erbitten habe, dann aber mich verbindlich machen will, gleich dem uͤbrigen Theil eurer Untergebenen, zitternd zu ſchweigen.“ Ueber des Herzogs Angeſicht zog ſich eine finſtre Wolke.„Dachte ich es nicht“ rief er. „Was ſoll nun noch folgen, Graf?“ „Vater, ihr habt um meinetwillen euren Edelknaben beſtraft; gebt ihn dann auf meine Bitte frei. Fuͤhlt ihr es nicht daß ſeine Ungnade mit auf mir haftet?“ Ach, du meinſt den Devereux,“ ſagte der Herzog laͤchelnd.„Iſt das alles? Wohlan, er 57 ſey frei, vorausgeſetzt daß hier deine Vermittelun- gen ein Ende nehmen. Durch dieſe Fuͤrbitte aber, wirſt du in der Volksgunſt nicht hoͤher ſteigen; Devereur iſt mein Liebling, deshalb alſo wenig geliebt von allen Andern. Er haͤtte bis zum juͤng⸗ ſten Tage in ſeinem Gefaͤngniſſe ſchmachten koͤn⸗ nen, ohne daß irgend ein Anderer als du, ſich fuͤr ihn verwandt haͤtte. Dieſe kleine Zuͤchtigung wird ihn lehren, ſich nicht uͤber alle Strafe er⸗ haben zu waͤhnen, und das iſt ihm heilſam.“ „Soll ich ihn auch mit nach Wien nehmen?“ „Nein; er iſt einmal mein Spielzeug; ich betrachte ihn gleich einem Kaͤtzchen, das ich auf⸗ erziehe um mich an ſeinen Spruͤngen zu ergoͤtzen, und daran zu erheitern, wenn der Geiſt zu ſehr angeſtrengt iſt. Er muß an meinem Bette ſitzen, und mich in den Schlaf ſingen; ich kann ihn nicht entbehren, ſein Geſchwaͤtz iſt die einzige Wolluſt, welche ich mir geſtatte.“ Vater und Sohn ſaßen im traulichen Ge⸗ ſpraͤch, bis die Uhr zwoͤlf ſchlug, dann fuhr der Herzog mit einer Art von Unruhe in die Hoͤhe, nahm eine brenuende Kerze vom Tiſche, und eilte ſchnell hinaus. Wallenſtein bemerkte daß er 58 ſeine Schritte durch die lange Reihe der Gemaͤcher nach dem Zimmer lenkte, wo er ihn zuerſt ſo un⸗ willkommner Weiſe uͤberraſcht hatte. Er ſelbſt begab ſich in die Halle, forderte vom Wachthaben⸗ den Hauptmann den Schluͤſſel zum Burgverließ, um auch den jungen Devereux noch heute in Freiheit zu ſetzen. Vom Schließer begleitet na⸗ hete er ſich dem finſtern Kerker, doch mit ganz anderen Gefuͤhlen als er ſich einige Stunden fruͤ⸗ her Desmond's Gefaͤngniſſe genaͤhert hatte⸗ Schwerlich wuͤrde er ſich der Sache dieſes Men⸗ ſchen angenommen haben, haͤtte er ſich nicht als Urſache ſeiner Strafe anſehen muͤſſen. „Gewiß iſt Jemand bei ihm,“ ſagte er, in⸗ dem er die Thuͤr erreichte. „Nein, Euer Gnaden,“ entgegnete der Ker⸗ kermeiſter,„er flucht und tobt nur ſo auf ſeine eigne Hand herum; ſeit man ihn hieher brachte, hat er ſich gleich einem Unſinnigen betragen. Mit Euer Gnaden Erlaubniß, iſt es Schade daß er nicht noch ein wenig laͤnger gezaͤhmt wird.“ Durch das hereinbrechende Licht geblendet, be⸗ merkte der Gefangene nicht wer in den Kerker trat, und rief:„Was giebt's, will der alte Ty⸗ 59 rann einmal heute wieder von mir in den Schlaf geeſungen ſeyn?— Er irrt ſich in mir, wenn er glaubt daß ich ihn vergeſſen werde! Ich bin ſtark in ſeiner Schuld, und ehe man es ſich verſieht, wird aus dem Knaben Devereuy ein Mann ge⸗ worden ſeyn. Ja, ja, die Krallen des Kaͤtzchens werden zu Löwenklauen wachſen!“ 3 4 Der Gefangenwaͤrter ſchien eine boshafte Freude uͤber die Aeuſſerung des Edelknaben in Ge⸗ genwart des Grafen, zu fuͤhlen, und war weit entfernt ihn darin zu ſtoͤren. Bald darauf aber, als Devereur ſeinen Irrthum gewahr wurde, ſtand er, die Entdeckung ſeiner Geſinnung fuͤrch⸗ tend, zitternd vor ſeinem Befreier, der mit ern⸗ ſtem Blick zu ihm ſagte:„ich fuͤrchte mein Wort fuͤr euch iſt ſehr zur unrechten Zeit geſprochen ge⸗ weſen, denn es ſcheint als beduͤrftet ihr noch ge⸗ hoͤriger Muße zur Ueberlegung.— Gute Nacht alſo.“ Er war im Begriff fortzugehen; Devereur aber, der Dunkelheit und Entbehrungen nicht laͤn⸗ ger zu ertragen vermochte, ſprang ihm nach, hing ſich an ihn, und beſchwor ihn ſeine Aeuſſerungen mit der Hitze eines jugendlichen Gemuͤths zu ent⸗ 60 ſchuldigen. Er lie ſeinen Herrn, werde willig fuͤr ihn ſterben; kur er weinte, bat, flehete ſo lange, bis Wallenſtein, ſich zwar der eignen Schwachheit ſchaͤmend, hm dennoch erlaubte den Kerker zu verlaſſen. Am folgenden Tage bei Tafel war der Lieb⸗ lin 2s. Page wieder auf die gewoͤhnliche Weiſe um ſeinen Herrn beſchaͤftigt, reichte den goldnen Be⸗ cher mit der ihm eigenen Kuͤhnheit dar, und ließ es ſich angelegen ſeyn die Gaͤſte zu uͤberzeugen, daß die Strahlen der Gunſt, in welchen er ſich naͤhrte, reichlicher als je oͤber ihn geſpendet waͤren. Winterfeldt machte Wallenſtein auf den Duͤnkel des Knaben aufmerkſam, der ſich in jeder ſeiner Bewegungen und Blicke zeigte.„Wahr⸗ haftig,“ entgegnete der Graf,„es iſt mir leid ihm die Thuͤre ſeines Gefaͤngniſſes geoͤffnet zu haben.“ 1„Und wenn ihr erſt mit ſeinen Verdienſten ſo bekannt waͤret als ich, Graf, wuͤrde eure Reue daruͤber noch groͤßer ſeyn. Desmond hat um die Erlaubniß angeſucht, dem Herzog dieſen Abend aufwarten zu duͤrfen; ſie iſt ihm auf eine harte Art verweigert worden. Nie wuͤrde dies geſchehen 61 ſeyn, wenn die kleine Schlange in ihrem Loche geblieben waͤre.“ 1 „Unmoͤglich!“ „Nur zu wahr; Devereur iſt ein ſchmeich⸗ leriſcher, ſich kruͤmmender, falſcher Teufel; und ſieht dazu aus wie die liebe Unſchuld und Sanft⸗ muth, zwitſchert wie ein Voͤgelein; aber das Buͤbchen iſt voll Galle und Anmaßung. Jede, einem Andern als ihm, erwieſene Gnade ſeines Herrn, ſcheint ihm Beeintraͤchtigung ſeiner Rechte, und durch tauſend ſchlaue Wendungen ſucht er ſie zu hintertreiben. „Wie alt iſt der Burſche?“ fragte der Graf, das Auge ſo feſt auf ihn geheftet, daß der ihn genau beobachtende Page hochroth wurde. „Obgleich er erroͤthet, und laͤchelt und weint, und ſeine Locken uͤber der Stirn zu kraͤuſeln ver⸗ ſteht, gleich einer eitlen Dirne, iſt er doch ſchon achtzehn Jahr,“ erwiederte Winterfeldt.„Es iſt wahrhaftig wunderbar, wenn man bedenkt, welche Anzahl von Feinden ſich das Knaͤblein bereits erworben hat. In ganz Prag hat er nur einen Freund, freilich einen ſehr maͤchtigen; aber ich moͤchte um keinen Preis, ſelbſt nicht um die Gunſt 62 des Herzogs, der Gegenſtand ſo allgemeinen Haſ⸗ ſes ſeyn.“ Wallenſteins Verdruß wurde nicht wenig durch den Gedanken geſteigert, daß der Knabe es wage ſich gegen die gaͤnzliche Verzeihung Des⸗ mondd's aufzulehnen. Als er dem Vater ins Audienzzimmer folgte, und von ungefaͤhr wieder auf ihn ſtieß, druͤckte er ihn, zu des Pagen nicht geringem Erſtaunen, ſehr unſanft an die Seite, und rief:„Aus dem Wege, und bleibt da, wo⸗ hin ihr gehoͤrt!“ Devereuy zog ſich beſcheiden zuruͤck; ſo wie man aber im Audienzſaale ankam, ſagte der Herzog zu ſeinem Sohne: „Hoffentlich ſoll mir dieſer finſtere Blick nicht neue Fuͤrbitten verkuͤnden; ich moͤchte euch lieber bei Zeiten warnen, weil ich heute durchaus nicht in der Laune bin ſie zu gewaͤhren.“. „Um euch die Wahrheit zu geſtehen, gnaͤdig⸗ ſter Hers, bereue ich meine geſtrige Thorheit zu ſehr, um ſie heute zu wiederholen.“ „Wie ſo? Hat der Lieutenant euch Urſache zu dieſer Reue gegeben?“ „Nein; bei dem verlohnte es ſich der Muͤhe einer Verwendung.“ 63 „Was denn in aller Welt hat der arme De⸗ vereux verbrochen, um deine Gunſt zu verſcher⸗ zen?— Doch es iſt nicht der Frage werth; du biſt gegen ihn eingenommen worden! Es waͤre in der That ein Wunder, wenn du der allgemeinen Seuche haͤtteſt entgehen koͤnnen!“— Bei die⸗ ſen Worten warf er einen ſehr ungnaͤdigen Blick auf die Umſtehenden, und ſetzte hinzu: „Ich kenne indeß das menſchliche Herz zu genau, um daruͤber aͤrgerlich zu werden.“ Ein veraͤchtliches Laͤcheln machte den Schluß dieſer Rede. Nach geendigter Audienz, nahm der Herzog den Arm ſeines Sohnes, fuͤhrte ihn in ſein Ca⸗ binett, und befahl den Secretair zu rufen. „Wir muͤſſen dieſen Abend dazu anwenden,“ ſagte er, unſere Depeſchen nach Wien auszufer⸗ tigen; Morgen, oder hoͤchſtens Uebermorgen wirſt du dahin abgehen. Dein Gefolge iſt ſchon bereit, und es iſt mein Wille daß du mit einem Glanze in die Kaiſerſtadt einzieheſt, in dem es nur ein Erz⸗ Herzog dir gleich thun koͤnnte.“ „Es ſcheint mir, gnaͤdigſter Herr,“ erwiederte Caſimir,„als ſuchtet ihr meine Reiſe zu be⸗ ſchleunigen.“ 64 „Nun ſa, mein Sohn, ich will es dir nicht leugnen. Du biſt ſchoͤn, edel, maͤnnlich geſinnt; du wirſt dich vortrefflich als mein Abgeſandter aus⸗ nehmen. Doch, um die Wahrheit zu geſtehen, ſehe ich nur zu deutlich daß du alle Eigenſchaften beſttzeſt, meinen Plaͤnen und Abſichten hier hin⸗ derlich zu ſeyn; daher muß ich dich eine Zeitlang anderswo zu beſchaͤftigen ſuchen.— Laß dich das weiter nicht kraͤnken,“ ſetzte er mit ernſterem Tone hinzu; nes wird die Stunde kommen, in der du wieder den Vater in mir erkennen ſollſt. In die⸗ ſem Augenblicke ſind alle Kraͤfte meiner Seele auf einen Brennpunkt gerichtet; mein ganzes Wefen iſt nur von einem Wort erfuͤllt; es heißt Ehrgeiz! Meine Plaͤne ſind ungeheuer; aber nicht weniger ſind es meine Mittel zur Erreichung derſelben, und ich weiß daß ſie gelingen muͤſſen, denn ſo ſteht es in den Sternen geſchrieben! ⸗/) Der Secretair trat herein; man brachte den noch uͤbrigen Theil des Abends mit diplomatiſchen Angelegenheiten zu. Der Scharfſinn und die Fein⸗ heit in der Staatskunſt, die tiefe Kenntniß des menſchlichen Herzens, die unfehlbaren Mittel den Feind zu taͤuſchen, zu entwaffnen, oder ihn durch 65 Schmeichelreden zu koͤrnen, welche der Herzog bei⸗ dieſer Gelegenheit zeigte, da das ganze Geheimniß der ſchwierigen Wiſſenſchaft, vor Caſimir's Blicken entfaltet wurde, ſetzten dieſen in Erſtau⸗ nen, doch ſchauderte er ſich ſelbſt in dem Gewebe verwieckelt zu ſehen, und nahm es ſich im Innern vor, zu ſeiner eigenen Ausfuͤhrung nur die Auf⸗ traͤge auszuwaͤhlen, welche mit ſeinem Gewiſſen uͤbereinſtimmten. Von Zeit zu Zeit warf der Herzog einen for⸗ ſchenden Blick auf den vorruͤckenden Zeiger der Uhr, als ſey er beſorgt die Stunde der Mitter⸗ nacht abermals zu verſaͤumen. Endlich erhob er ſich mit den Worten: „Graf, bedenket was hier verhandelt iſt; ich kenne euch, und weiß daß Manches mit eurer Neigung nicht uͤbereinſtimmt. Doch baue ich auf eure Liebe zu mir, und dies iſt ein Vertrauen, welches ich auf kein anderes menſchliches Weſen ſetzen wuͤrde. Auf euer Betragen kommt alles an; ſeyd auf eurer Huth, eignet euch eine gluͤckliche Miſchung von Stolz und Geſchmeidigkeit an; ſucht die Geheimniſſe anderer zu erforſchen, doch be⸗ W. o. W. 1.. 3 66 wahrt die euren unentweiht, durchdringt alles, aber bleibt ſelbſt undurchdringlich.“ ITV. An dem vom Pater Feliy beſtimmten Tage, nahm die Freiherrin v. Marchfeldt Abſchied von der Burg ihrer Vaͤter, da ihre Geſundheit hinlaͤnglich hergeſtellt war, die lange Reiſe ohne Gefahr antreten zu koͤnnen. Zwar war die Wunde noch zu neu, um nicht merkliche Spuren zuruͤckzu⸗ laſſen; die Wange hatte das friſche Roth verloren, und die Seele, welche ſich eben erſt uͤber den ſchmerzlichen Verluſt des Bruders einigermaßen zu beruhigen anfing, war durch die bittre Taͤuſchung aufs Neue in truͤbes Hinbruͤten verſunken. Ver⸗ ſchiedentlich hatte ſie gegen den Caplan und Con⸗ rad, Wolfſteins Namen erwaͤhnt, doch nur um ihre Furcht wegen ſeiner ferneren Verfolgun⸗ gen zu aͤußern, da die Drohung, mit welcher er von ihr ging, ſie mit finſtrer Ahnung erfuͤllte. Vergebens bemuͤhete ſich der Moͤnch ſie zu uͤberre⸗ 67 den, daß nur durch Krankheit erhoͤhete Reizbar⸗ keit, ſo truͤbe Ausſichten in die Zukunft hervor⸗ bringe; ſie blieb feſt uͤberzeugt, Wolfſtein werde uͤber ihr kuͤnftiges Geſchick ſtets einen feindlichen Einfluß behaupten. Dieſer Gedanke, der ihre ganze Seele erfuͤllte, war durch keine Vorſtellun⸗ gen zu bekaͤmpfen, und nur von der Zeit und den Umſtaͤnden durfte man Linderung hoffen; jedoch ſchmeichelte ſie ſich im volkreichen Gedraͤnge der Kaiſerſtadt eine groͤßere Sicherheit fuͤr ihre Per⸗ ſon zu finden, und in den nothwendigen Zerſtreu⸗ ungen des Hoflebens ihren Schmerz wenigſtens betaͤuben zu koͤnnen. Wiewohl Con rad ſich ſorgfaͤltig huͤtete, ſeine junge Herrſchaft nicht in ihrer Furcht zu beſtaͤrken, ſo war er doch in aller Hinſicht bedacht, ihr Ge⸗ folge zahlreich, und gut bewaffnet zu machen, denn auch er fuͤhlte einige Beſorgniß fuͤr die Reiſe. Barbara befand ſich in einem Wagen mit ihrer Gebieterin und dem Caplan; letzterer ſaß in ſeinem grauen Mantel gehuͤllt, die Kutte uͤber den Kopf gezogen, in tiefem Nachdenken verloren, da. Der Wechſel der Scene, welchem er entgegen ſah, war eine der haͤrteſten Pruͤfungen fuͤr ihn; das bunte 68 Gewuͤhl der Welt paßte durchaus nicht fuͤr ſeinen Geſchmack, doch, da er ſich uͤberzeugt hielt, es ſey die eigentliche Sphaͤre, worin die junge Freiherrin v. Marchfeldt nunmehr auftreten muͤſſe, hielt er es fuͤr ſeine Pflicht ihr zu folgen, um ferner Uüber ſie wachen zu koͤnnen. So oft ihm alſo in ſeinen ſtillen Betrachtungen der Gegenſatz zwiſchen den friedlichen Ufern der Raab, und dem geraͤuſch⸗ vollen Kaiſerſitze, zu grell erſchien, begann er ſei⸗ nen Roſenkranz zu beten, um die Gedanken ge⸗ waltſam von allem Irdiſchen ab, und zum Himm⸗ liſchen hinuͤber zu ziehen. Barbara hingegen ſchauete mit wahrer Wonne auf das Ziel ihrer Reiſe hin. Die Welt lag gleich einem lieblich duftenden Roſengarten vor ihrer Phantaſie; um die Dornen kuͤmmerte ſie ſich nicht, und wiewohl ein paar Thraͤnchen beim Ab⸗ ſchiede von den alten Bekannten aus ihren Au⸗ gen gefloſſen waren, ſah ſie doch den Tag, an welchem ſie den grauen, finſtern Mauern des Schloſſes, den Ruͤcken wandte, als den gluͤcklich⸗ ſten ihres Lebens an. Dennoch entſprach dieſer erſte Reiſetag wenig der hoch geſpannten Erwar⸗ tung des fluͤchtigen Maͤdchens, die das duͤſtre 69 Schweigen ihrer Gefaͤhrten innerlich verwuͤnſchte, ohne jedoch Muth und Geſchicklichkeit genug zu beſitzen, es zu unterbrechen; die einzige Abwech⸗ ſelung fand noch bei den vorkommenden Poſthaͤu⸗ ſern Statt. Schon oft hatte der Zofe geſchwaͤtzige Zunge dem Fraͤulein Unterhaltung in der Einſamkeit des Schloſſes gewaͤhrt, und ſie war es gewohnt ihr mehr einzuraͤumen, als ſie irgend einem der uͤbri⸗ gen Dienerſchaft geſtattete. So wie nun der Abend hereinbrach, bemerkte ſie mit einigem Erſtaunen, daß man Barbara's Stimme den ganzen Tag ſaſt nicht gehoͤrt habe.„Armes Maͤdchen,“ ſagte ſie, „ich glaubte nicht dich waͤhrend einer Reiſe, der du mit ſo glaͤnzenden Erwartungen entgegen ſahſt, ſtumm und traurig mir gegenuͤber ſitzen zu ſehen. Du haſt den Mund nicht geoͤſſnet, und bereiteſt dich ohne Zweifel durch die peinlichſte aller Kaſtei⸗ ungen auf das bevorſtehende Carneval deines Le⸗ bens vor?“ „ Nicht allein mein Schweigen macht mich in dieſem Augenblicke ſo truͤbſinnig,“ entgegnete das Maͤdchen;„ich dachte grade an etwas, welches ich fuͤr meine Pflicht halte Euer Gnaden mitzu⸗ 70 theilen; und wußte nur nicht recht wo ich anfan⸗ gen ſollte, und ob ich uͤberhaupt damit beginnen duͤrfe.“ Dieſer Eingang ſchien das Fraͤulein zu erſchre⸗ cken, die ohnehin immer in der Furcht vor Wolf⸗ ſtein befangen war. Sie befahl der Zofe alſo ih⸗ rem Herzen Luft zu machen. 1 „Gewiß, gnaͤdiges Fraͤulein,“ hob dieſe nun an,„ich wuͤrde mich in keinem Falle beſinnen, wenn ich nicht nothwendiger Weiſe eines Na⸗ mens dabei erwaͤhnen muͤßte, den ihr nicht gerne hoͤrt.“ 3 „Ich höoͤre ihn freilich ungerne; aber ver⸗ birg um des Himmes willen deshalb nichts, was mit dieſem Namen zuſammenhaͤngt, und Bezug auf mich hat.“ „Davon bin ich nun freilich nicht ſo ganz feſt uͤberzeugt, weil Euer Gnaden Name nicht da⸗ bei ausgeſprochen wurde; doch ſcheint mir alles ſo Wahrſcheinlich, daß ich mich gewiß nicht zu irren glaube.“ „So rede denn; ich will es hoͤren!“ „Je nun, Euer Gnaden wiſſen vielleicht nicht einmal, daß Ruprecht eurer kleinen, fran⸗ 71 zoͤſiſchen Jungfer, der Annette, ſehr angele⸗ gentlich den Hof machte; er ging beſtaͤndig mit ihr ſpazieren, und hatte dann ſo viel zu erzaͤhlen, daß ich gewiß glaube es waͤre ein Paar aus ihnen ge⸗ worden, wenn— wenn— doch das gehoͤrt ja weiter nicht zur Sache. Nun alſo, gnaͤdiges Fraͤu⸗ lein, in einer Nacht, da ihr anfingt euch zu er⸗ holen, und Annette und ich im Vorzimmer Wache hielten, erzaͤhlte mir der kleine Schwarz⸗ kopf, der immer Ruprechts Namen auf der Zunge fuͤhrt, eine Geſchichte, die ſeitdem nie aus meinem Gedaͤchtniſſe gekommen iſt, und die ich mit den Worten, deren ſie ſich bediente, wieder⸗ holen muß:“ „Als wir uns im Lager zu Halberſtadt befanden,“ hatte er geſagt,„ſtieß ein vornehmer junger Herr zu unſerm Armeecorps. Er war ſtill, truͤbſelig, und ſah ſo abgezehrt aus, daß wir ihn nur den Ritter von der traurigen Geſtalt nannten. Jedoch war er aus ſehr edlem Geſchlecht, beſaß große Guͤter, und eine einzige Schweſter, und wenn er noch je den Mund zum Reden oͤffnete, was freilich ſehr ſelten geſchah, war es nur um mit ihr zu pralen.“„Iſt es nun nicht ganz augen⸗ 7² ſcheinlich, Euer Gnaden, daß unſer gnaͤdiger ſeeli⸗ ger Herr hiermit gemeint ſeyn ſoll?“ „Fahre fort, Barbara.“ „Nun, die Rede ging im Lager, daß des jungen Ritters Lebenslicht bald ausgeblaſen, und die ſchoͤne Schweſter dann Erbin aller ſeiner Guͤ⸗ ter, und ein hoͤchſt wuͤnſchenswerther Gegenſtand der Bewerbung jedes Edelmanns ſeyn wuͤrde. Aber unter allen den vornehmen Herrn die ſich dort vereint fanden, gab es vorzuͤglich zwei, die ent⸗ ſchloſſen waren ihr Gluͤck zu verſuchen, und eine Wette anſtellten, wer den Preis davon tragen werde; jeder zeichnete ſich einen beſondern Weg dazu vor, und ſie kamen in nichts uͤberein, als in der grimmigſten Feindſchaft, die ſie gegeneinander hegten. Einer von ihnen beſchloß, um zu ſeinem Zwecke zu gelangen, ſich mit aller Gewalt in die Freundſchaft des jungen Ritters zu ſtehlen, ob⸗ gleich dies eigentlich wohl nicht viel mehr bedeu⸗ ten konnte, als wenn ein hungriger Geier gierig auf den Tod eines ſterbenden Lammes wartet. Seinem Vorſatz zu Folge, hielt er ſich gleich ei⸗ nem Schatten in der Naͤhe des Bruders auf, wich ihm auch im Kampf nicht von der Seite, pflegte ihn, ja er ging ſogar ſo weit, daß er einen ihm beſtimmten hohen Poſten in der Armee, dem Sie⸗ chen uͤberließ, den er, in der vollen Kraft der Geſundheit, bald zu beerben hoffte.— Beide Bewerber geſtanden ſich offen das Recht zu, ſich einander nach Belieben uͤberliſten zu duͤrfen, und betrugen ſich uͤberhaupt dabei, als bei einem Spiele, wo jeder die Freiheit hat dem Gegner ſeine Ueberlegenheit auf alle Weiſe fuͤhlbar zu machen.“ „Was nun den andern jungen Edelmann be⸗ traf, gnaͤdiges Fraͤulein, ſo verachtete er den Plan des Widerſachers, und ſagte, jeder Dummkopf haͤtte einen aͤhnlichen erſinnen koͤnnen, weil er die Maßregel, einen armen Kranken mit falſchen Hoff⸗ nungen zu ſchmeicheln, fuͤr hoͤchſt niedrig und un⸗ wuͤrdig hielt. Ich ſchlage einen entgegengeſetzten Weg ein, ſagte er. Macht mich meinethalben ſo verhaßt wie ihr wollt in den Augen des Rit⸗ ters von der traurigen Geſtalt, ich frage nichts darnach; ja ich will euch ſogar ſelbſt darin huͤlfrei⸗ che Hand leiſten, will ihn gegen mich aufbringen, und es mir recht eigentlich angelegen ſeyn laſſen, ſein ſchwaches Gemuͤth mit Argwohn gegen mich 74 zu erfuͤllen. Es ſoll mein Ziel ſeyn, ſeine Ver⸗ wunderung zu erwecken, ſeinen Haß zu erregen. Wir wollen ſein Arimanes und Oromasdes ſeyn; nur ein Alltags⸗Menſch wird auf die Rolle des Letzteren Anſpruch machen, ich bin gewiß die mei⸗ nige mit Erfolg zu ſpielen.— Und wie, fragte Annette, hat das Spiel geendet?— Ach, er⸗ wiederte Ruprecht, es iſt in dieſem Augenblicke noch in vollem Gange, und mancher Wurf muß noch geſchehen, ehe es zu Ende kommt. Doch waͤre es mir aufs Aeuſſerſte verhaßt, jenen ſchlei⸗ chenden Dieb den Preis davon tragen zu ſehen, der dem armen, ſterbenden, jungen Mann, un⸗ aufhoͤrlich Beweiſe ſeiner Freundſchaft vorheuchelte, waͤhrend er innerlich ungednldig die Stunden bis zu ſeinem Hinſcheiden zaͤhlte. Der Andere war eigentlich des Spaßes laͤngſt uͤberdruͤßig geworden, und wuͤrde willig die Beute dem Gegner zugeſtan⸗ den haben, haͤtte nicht das Bild der Dame, wel⸗ ches er zufaͤllig zu Geſicht bekam, ihm einen neuen Reiz gegeben, ſo daß nun wahre Liebe ihn zu Verfolgung des Plans treibt, welchen Eigennutz, oder augenblickliche Grille in ihm entſtehen mach⸗ ten.“— Dies, gnaͤdiges Fraͤulein, iſt die Ge⸗ 25 ſchichte, welche Ruprecht der Annette erzaͤhlte. „Großer Gott,“ rief Luiſe,„iſt es moͤg⸗ lich daß ſolch niedrer, verwickelter Betrug, Raum in der Bruſt eines Mannes finden kann!“ Der Caplan, welcher andaͤchtig Barbara's Erzaͤhlung zuhoͤrte, ſeufzte tief, denn fuͤr ihn brachte ſie eine hoͤchſt ſchmerzliche Entdeckung mit ſich. Er hatte dem Fraͤulein viel von Wallenſteins Beſuche und ſeinen Aeuſſerungen mitgetheilt, weil er glaubte in ihrem Herzen dadurch Antheil fuͤr den jungen Mann zu erregen; aber nur zu oft ergriff er, aus Mangel an Klugheit, falſche Maß⸗ regeln, und haͤtte auch hier einen guͤnſtigeren Au⸗ genblick abwarten ſollen. Luiſons Neigungen trugen ſich nicht ſo leicht und ſchnell von einem Ge⸗ genſtand zum andern uͤber, ſie hatte ſich der Liebe zu Wolfſtein, bis zum Augenblicke der Entde⸗ ekung ſeines Betrugs, wahr und innig hingegeben, und ihr einziges Gebet war jetzt nur: der Himmel moͤge ihr Herz wieder von dieſen ſchimpflichen Banden befreien; doch ſelbſt dies Gebet zeugte daß das Herz noch nicht frei, und alſo keineswegs empfaͤnglich fuͤr die Liebe eines Andern ſey. Wenn der gute Moͤnch ſich ihr mit ſeinen frommen Wuͤn⸗ 76 ſchen und Lobeserhebungen Wallenſtein's, nahete, bat ſie ihn immer, jetzt davon zu ſchwei⸗ gen, und das Weitere der Zeit und dem Geſchicke zu uͤberlaſſen, da fuͤr den Augenblick das ganze Geſchlecht ihr um dieſes einen Mannes willen ver⸗ haßt geworden ſey. Wenn auch die Wirkung von Barbara's Erzaͤhlung, nicht gleich voͤllig ſichtbar wurde, merkte man doch bald den Eindruck welchen ſie auf Luiſe gemacht hatte. Eine ungewoͤhnliche Anſtrengung ſchien ſie uͤber ſich ſelbſt zu erheben, ſie ſprach mehr, und munterte die geſchwaͤtzige Zofe zum Re⸗ den auf, die ſich ihrerſeits nicht wenig darauf ein⸗ bildete eine ſolche Veraͤnderung in der Laune ihrer Herrſchaft hervorgebracht zu haben. Pater Fe⸗ lix beſchränkte ſich zuletzt einzig darauf, uͤber die Schlechtigkeit aller Menſchenkinder zu ſeufzen, und 4 der Vorſehung zu danken, die Wilhelm noch in der Unſchuld des Herzens aus dieſem Suͤnden⸗ Pfuhl erloͤſt habe. Unter dieſen verſchiedenen Gemuͤthsſtimmun⸗ gen brach der Abend voͤllig herein, und ein rei⸗ tender Bote ward abgefertigt, um den Wirth im naͤchſten Oete von der Ankunft der Herrſchaft zu 72 benachrichtigen. Conrad, der neben dem Wa⸗ gen herritt, rieth zwar, da das Haus klein ſey, und wenig Bequemlichkeit habe, lieber die Nacht, unter hintaͤnglicher Bedeckung, durchzureiſen; al⸗ lein da er bei der Beſchreibung des weiteren We⸗ ges, einer Haide und eines Moors von mehreren Meilen erwaͤhnte, welche man paſſiren muͤſſe, zeigten ſowohl der Moͤnch als Barbara eine ſo unuͤberwindliche Furcht, daß Luiſe endlich, aus Nachſicht fuͤr ſie, ihre Einwilligung gab, in dem ſchlechten Wirthshauſe zu uͤbernachten. Als ſie dies erreichten, fand es ſich daß Conrad kei⸗ neswegs die Maͤngel deſſelben zu grell geſchildert hatte; es ſah einer Raͤuberhoͤhle aͤhnlich, und waͤre das Gefolge weniger zahlreich geweſen, haͤtte man hier wohl eher, als ſelbſt auf der Haide, Urſache zu gegruͤndeter Furcht haben koͤnnen. Das Haus lag voͤllig abgelegen, von keinem Baum oder Strauch umgeben, und trug ſichtliche Spuren der Zerſtoͤrung von Zeit und Wetter, an den alten, zum Theil eingefallenen Waͤnden, und faſt gäͤnzlich offnen Dache. Das elende Zimmer, in welchem die Frauen die Nacht zubringen ſollten, geſtattete durch verſchiedene Oeffnungen, der Luft 8 und den Winden freien Spielraum, und Luiſe, ſing an es ſchmerzlich zu bereuen, der Furcht ihrer Gefaͤhrten nachgegeben zu haben. „Um Gottes willen, Euer Gnaden,“ ſagte Barbara, ſchaudernd vor Froſt und Angſt,„be fandet ihr euch jemals an einem aͤhnlichen Orte? Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, daß hier wohl ſchon Mancher mag hineingegangen, aber nicht lebendig wieder heraus gekommen ſeyn!“ „Das iſt eine aͤuſſerſt troͤſtliche Vorausſetzung, wozu du hoffentlich keinen andern Grund, als die Aermlichkeit der Umgebung haſt?“ „Bewahre der Himmel, gnaͤdiges Fraͤulein! Armuth noͤthigt Leute nie ſo auszuſehen, wie hier der Wirth und ſeine Frau ausſehen. Sobald der erſtere mir nur von weitem begegnet, ſchlage ich heimlich das Zeichen des heiligen Kreuzes; er hat ſo garſtig ſchielende Augen, und eins ſteht einen halben Zoll hoͤher als das Andere, ſo daß er nie beide zugleich auf einen Gegenſtand richten kann. Auch ſcheint es ordentlich als wenn die Natur dieſe Mißgeburten haͤtte durch die dicken, weißen Au⸗ genbraunen verhuͤllen wollen, von denen ſie, gleich einer Decke, uͤberſchattet werden. Aber am wi⸗ . 79 derwaͤrtigſten in ſeinem Geſichte iſt es mir doch, daß, waͤhrend die Stirne in tiefen Runzeln begra⸗ ben liegt, die Winkel des Mundes ſich beſtaͤndig zum Laͤcheln in die Hoͤhe ziehen, ſo daß er mit dem einen Theil ſeines Geſichtes ſchmollt, indem er mit dem andern grinſt.“ 3 „Ein vortreffliches Gemaͤlde! Doch uͤbt ſich deine Einbildungskraft vermuthlich in der Erdich⸗ tung einer Geſtalt, welche die Natur nie hervor⸗ gebracht hat.“. „Und das Weib ſieht ſo duͤrre und hungrig aus, als ein Wolf zur Winterzeit; ſie warf einen Blick auf mich, als wolle ſie mich gleich zu ihrem Raub erkieſen!— Der Himmel verzeih mir die Suͤnde, wenn es eine iſt; aber ich konnte den Gedanken nicht los werden, daß ſie nur am Tage in einer einigermaßen menſchlichen Geſtalt einher⸗ gehe, uͤber Nacht aber zum Wehrwolf werde. Euer Gnaden haben ohne Zweifel von ſolchen ſon⸗ derbaren Weſen gehoͤrt?“ „Freilich, Barbara! Aber hat es jemals ein alberneres Maͤdchen gegeben?— Sich den Kopf mit ſolchen Thorheiten zu fuͤllen!“ 80 faßtet dieſe Leute ſelbſt ins Auge, und urtheiltet dann. Es kriechen auch Kinder unten herum, die ſehen aber wahrhaftig aus, als ob der boͤſe Feind ihr leibhaftiger Vater waͤre! So klein ſie auch noch ſind, ſpricht Bosheit doch aus allen ihren Mienen. Ich kann ſie mit nichts vergleichen, als mit den grinſenden, ſchnatternden, verzerrten Ge⸗ ſtalten, die immer auf meiner Bettdecke herum⸗ huͤpften, und mich greifen wollten, als ich damals im Fieber lag.“ Das treuherzige Geſchwaͤtz der Zofe unterhielt zwar das Fraͤulein fuͤr den Augenblick, doch da ſie wußte daß dies Maͤdchen, ungeachtet ihres fluͤchti⸗ en Sinnes, oft ſcharf und richtig beobachte, onnte ſie nicht umhin ſich ihrer zahlreichen Die⸗ nerſchaft zu freuen, die ſie gegen jeden Ueberfall ſicher ſtellen werde. Es war noch fruͤh und keiner zur Ruhe; der Wirth hatte dem Moͤnch eine Art von Zimmer angewieſen, wenn anders eine kleine, dunkle Kammer unter dem Dache, einen ſolchen Namen verdient, und den uͤbrigen Theil des Ge⸗ folges erſucht, theils bei den Pferden im Stalle, theils in einem alten,„abgelegegen Gebaͤude, Platz „Nun, gnaͤdiges Fraͤulein, ich wuͤnſchte ihr 31 1 zu nehmen. Conrad, als Haupt des ganzen Haufens, erwiederte gleich, daß ſie, in ihre Maͤntel gewickelt, eines ſo ſchlechten Obdaches voͤllig entbehren koͤnnten, und Bewegung ſie uͤber⸗ dies warm erhalten wuͤrde. Er erbot ſich ſeinen alten Poſten als Schildwache vor dem Hauſe wie⸗ der zu verſehen; die Andern, wenige nur ausge⸗ nommen, waren ſeinem Winke gefolgt, und blie⸗ ben gleichfalls auf ihrer Huth. „Es iſt doch Jammer und Schade,“ ſagte der Wirth,„daß ich ſolchen braven Maͤnnern kein beſſeres Quartier geben kann! Noch nie verdroß mich meine armſelige Wohnung ſo ſehr.— Aber mir ſaͤllt ein guter Rath ein; da eurer ſo viele ſind, ſo koͤnnte die Haͤlfte es ſich hier gefallen laſe⸗ ſen, waͤhrend die Andern noch uͤber Nacht bis Sopron ritten. Es gab ja wahrhaftig in mei⸗ nem ganzen Leben keinen ſchoͤneren Mondſchein, und die Sterne ſunkeln gleich Diamanten! Die Pferde ſind jetzt auch wieder friſch; ich will euch einen Fuͤhrer mitgeben, der der Haide an allen Ecken kundig iſt, ſo braucht ihr nicht zu fuͤrchten in die Irre zu gerathen, oögleich es ſonſt ein Weg iſt, worauf ein Fremder leicht die rechte Spur W. v. W. II. 6 82 verlieren kann. Dlie Haͤlfte von euch werden die Leute in Sopron auch ſchon beherbergen koͤnnen, wiewohl ſie nicht vorher davon benachrichtiget ſind; aber alle ſeyd ihr wahrlich fuͤr ein Wirthshaus zu viel, und deshalb ſchon iſt es kluͤger daß ihr euch trennt.“ „Das iſt war ein ganz vortrefflicher An⸗ ſchlag, Freund Sturmo,“ erwiederte Con⸗ rad,„aber es wird weder mir noch meinen Ca⸗ meraden ſchaden, eine Nacht zu durchwachen. Ich habe unter Wallenſtein gedient, und ſcheue alſo dergleichen Dinge ni icht. Wir wollen lieber einen reitenden Boten vorausſchicken, wie wir es hier gethan haben, und werden dann alles im naͤchſten Gaſthofe in Bereitſchaft finden!“ „Nach eurem Belleben, meine Herren,“ ſagte der Wirth etwas verdrießlich.„Doch hoffe ich, ihr werdet wenigſtens nichts gegen einiges warmes Getraͤnk einzuwenden haben, um den Nachtfroſt zu verſcheuchen? Ich kann euch mit vortreffli⸗ chem Meth dienen, wenn euch dies gefallig iſt.“ „Ja, ja, Sturmo, das waͤre ein Vorſchlag zur Guͤte.“ — 83 Der Wirth ging hinein, und kam ſogleich mit dem verſprochenen Getraͤnk zuruͤck, welches ſich Conrad und ſeine Cameraden wohl ſchme⸗ cken ließen. Der reitende Bote, welcher eine Stunde vor ſeiner Herrſchaft hier angelangt war, hatte dem Conrad uͤberdies ein paar Worte ins Ohr gefluͤſtert, die ihn von der Nothwen⸗ digkeit uͤberzeugten, das ganze Gefolge hier bei⸗ ſammen zu halten.— Als er ein wenig auf das Moor hinaus geritten, und durch eine mit Haidekraut ſtark bewachſene Hohle gekommen war, hatte er pfeifen gehoͤrt, und ſeiner Meinung nach, konnten viele Raͤuber da verſteckt ſeyn, ſo daß er erfreut geweſen waͤre, ungeſchlagen davon zu kom⸗ men. Conrad hielt es beſſer das Fraͤulein nicht durch dieſe, vielleicht uͤbertriebene Furcht, in Schrecken zu ſetzen, doch ging er mit ſeinen Cameraden zu Rath, und die einſtimmige Mei⸗ nung fiel dahin aus, daß, da ſie alle wohl be⸗ waffnet waͤren, es noch eben ſo gut ſey, hier uͤber Nacht zu bleiben, als weiter durch die un⸗ ſichere Haide zu reiſen. Jetzt trat Sturmo mit einem Buͤndel Reiſig in das Zimmer, in welchem das Fraͤnlein— 6 X 84 und die Zofe, in ihre Pelze gehuͤllt, bei einer Kohlenpfanne ſaßen, und ſich Muͤhe gaben die er⸗ loſchenen Kohlen wieder anzublaſen. Das Buͤndel Reiſig war ein ſehr willkommner Anblick; aber als Luiſe nun den, der ſie herbeitrug, ſchaͤrfer ins Auge faßte, erſtarrte ihr Blut voͤllig, denn noch nie hatte ſie einen garſtigeren Menſchen ge⸗ ſehen. Licht und Waͤrme ſind indeß vortrefflich geeignet den Muth wieder zu beleben, und dieſe brachte der Mann. Das Fraͤulein fuͤhlte ſogar eine Art von Neugierde in ſich entſtehen, zu er⸗ fahren ob ihres Wirthes Stimme wohl zu ſeinem uͤbrigen Weſen paſſe, und fragte ihn daher: ob er viele Kinder habe, und ob die Wirthſchaft ſie alle ernaͤhren koͤnne?—. „Ach,“ ſagte er im ſchrillenden Tone eines Nachtraben,„ich habe drei kleine heißhungrige Sproſſen zu fuͤttern, und triebe ich kein anderes Gewerbe als das, worin Euer Gnaden mich be⸗ ſchaͤftiget ſehen, ſo wuͤrde ich bald genoͤthigt ſeyn, einem nach dem andern den Hals umzudrehen.“ „ und, mit Erlaubniß, Freund,“ fiel Bar⸗ Bara ein,„was treibt ihr denn fonſt noch fur ein Gewerbe?“ 85 „Je nun,“ entgegnete er, indem er ſie von der Seite unter den langen, weißen Augenbrau⸗ nen anſchielte,„noch ſo einen kleinen Compagnie⸗ Handel.“ Bei dieſen Worten verließ er ſie. „Sahen Euer Gnaden je eine abſcheuli⸗ chere Geſichtsbildung?“— fragie die Zofe ſchau⸗ dernd. „Ich geſtehe, daß ſie mir keineswegs erfreu⸗ lich iſt, und ſo muͤde ich eigentlich bin, moͤchte ich um keinen Preis in der Welt ſchlafen. Komm, Maͤdchen, erzaͤhle mir eine deiner Geſchichten, da⸗ mit ich wach bleibe; ich gebe dir voͤllige Freihrit die ganze Nacht zu plaudern.“ „Nun, wohlan denn; aber ſoll ich etwas Trauriges oder Luſtiges erzaͤhlen? Hoͤrtet ihr je von der Prinzeſſin Agnes, gewoͤhnlich die Hei⸗ lige genannt, die, als ſie einſt ſah wie die Kriegs⸗ leute Kinder auf ihre Spieße ſteckten, ausrief: „jetzt bade ich mich im Maien⸗Thau?“— „Nein, pfui, liebes Maͤdchen, waͤhle dir ei⸗ nen angenehmern Gegenſtand; nichts was die Schrecken des Orts noch vermehren kann!“ „ Laſet ihr denn jemals wie der Pabſt Six⸗ tus V. ſeinem Arzt einen toͤbtlichen Schrecken 86 einfloͤßte, indem er nach ſeinen Fingern ſchnappte? — Alle eilftauſend Jungfrauen ſtehen uns bei!“ ſchrie ſie auf einmal,„was iſt das?“ Der ploͤtzliche Ausruf des Maͤdchens, der ſtarre Blick mit dem ihre Augen auf einen Fleck, der ſich hinter dem Fraͤulein befand, geheftet wa⸗ ren, machten daß auch dieſe ſich umwandte, und nun, zu ihrem nicht geringen Schrecken, die Zi⸗ geunerin aus dem Walde zu Mornau, aus ei⸗ nem, ihr bisher nicht aufgefallenen, Gitterfenſter in der Mauer, auf ſie herabſchielen ſah. „He,“ ſchnarrte die alte Hexe, mit ihrem ge⸗ woͤhnlichen, ſcheußlichen Grinſen,„ihr verſahet euch meiner wohl hier nicht? Aber begruͤßt ihr alte Bekannte immer auf aͤhnliche Weiſe? Der Wolf hat ſeine Beute diesmal fahren laſſen; doch huͤte dich vor's naͤchſte Mal!“ Bei dieſen Wor⸗ ten ſchloß ſie mit lautem Gelaͤchter das Gitterfen⸗ ſter wieder, und verſchwand. Gebieterin und Zofe ſtarrten waͤhrend mehre⸗ rer Minuten einander ſprachlos an; endlich ſprang Barbara von ihrem Sitze auf, und ſuchte durch das Aufſchuͤren des Feuers, und Abputzen der duͤ⸗ ſtern Lampe, wenigſtens wieder ſo viel Licht als 87 möglich, im Zimmer zu verbreiten. Dann rieb ſie die Haͤnde und Schlaͤfe ihrer gaͤnzlich erſtarrten Herrin, und ſuchte ihr Troſt einzuſprechen. „Barbara,“ rief das Fraͤulein endlich,„der Schreck hat mich faſt getoͤdtet! Wenn Conrad nur hier waͤre, ſo wuͤrde ich mich ſicherer glau⸗ ben; aber wo ſollen wir den ſinden?“ Ungeachtet aller Leichtfertigkeit fehlte es doch dem Maͤdchen weder an Eifer noch Entſchloſſen⸗ heit, ſobald es das Beſte ihrer Herrſchaft galt; ja, ſie war in dieſem Augenblicke vie mehr um ſie, als unn ſich ſelbſt beſorgt. Mit beruhi⸗ gendem Tone erwiederte ſie alſo: „Wenn Euer Gnaden mir nur erlauben woll⸗ ten den Conrad zu ſuchen; finde ich ihn nicht, ſo begegnet mir doch wohl irgend ein anderer Menſch, in keinem Falle bin ich lange abweſend.“ „Liebes Maͤdchen,“ erwiederte das Fräͤulein, „ich wagte nicht dich darum zu bitten; aber wenn du den Muth haſt, ſo gehe.“ 48 Das Zoͤfchen trippelte mit etwas unſicherem Schritte hinaus, fand aber den Convad gleich vor der Thuͤre auf und niederſchwanken, indem er 88. mit ſchlaͤfrigem Tone ein militairiſches Lied vor ſich hinbrummte. „Ach,“ rief ſie, hoͤchſt erfreut uͤber ſeinen Anblick, waͤhrend ſie zugleich auf ſeine Cameraden ſchauete, die laut ſchnarchend am Boden lagen, „man kann doch ſicher ſeyn den treuen Conrad immer wach zu finden. Meine Herrſchaft begehrt eurer.— Aber, um Gottes willen ihr ſtiert mich ja an, als ob ihr eurer Sinne nicht maͤchtig waͤ⸗ ret, und ſeht ſo ſchlaftrunken aus. Kommt ge⸗ ſchwind zu dem gnaͤdigen Fraͤulein, ſie ſtirbt faſt vor Furcht!— Ums Himmels willen, wie koͤnnt ihr nur ſo betaͤubt daſtehen?“ „Das gnaͤdige Fraͤulein?— Ja, ja, nun verſtehe ich euch, nun wird mir alles klar!— Das war ein verwuͤnſchter Traum!— Denkt nur, ich bildete mir die ganze Zeit uͤber ein, vor dem Quartier meines ſeeligen, jungen Herrn, in Halle, Schildwache zu ſtehen.— Aber nun begreife ich das Ding, und will ſogleich aufmar⸗ ſchieren.“ Schweren Schrittes folgte er jetzt der Zofe ans Zimmer, wo das Fraͤulein, welches bis jetzt nicht gewagt hatte, ihre Augen von den glimmen⸗ 82 —y— 89 den Kohlen wegzuwenden, ihnen bei ihrem Ein⸗ tritt entgegen eilte, um Schutz und Huͤlfe in der Naͤhe des treuen Dieners zu ſuchen. Aber der ſchnelle Uebergang aus der ſchneidenden kalten Luft, in die warme Stube, machte daß dieſer vollends die Beſinnung verlor, und ungeachtet aller Bemuͤ⸗ hung der Frauenzimmer ihn aufrecht zu erhalten, ſank er in der Ecke des Zimmers nieder, wo er al⸗ ſobald in einen todtenähnlichen Schlaf ſiel. V. Jetzt war der Schrecken des Fraͤuleins aufs Hoͤchſte geſtiegen; alle Huͤlfe ſchien ſie zu verlaſſen, und ſie ſah keinen andern Ausweg vor ſich, als mit Ergebung dem Anbruch des Morgens entge⸗ gen zu harren. Barbara, welche noch vor we⸗ nig Augenblicken gar nicht abgeneigt geweſen war, dem Conrad in der Freude ihres Herzens, als ihrem Erretter aus aller Noth, um den Hals zu fallen, betrachtete ihn jetzt mit Wuth und bitterm Spott. Auch Luiſe konnte ſich ein ſo unge⸗ 90⁰ wohntes Betragen des ſonſt ſo treuen, wachſa⸗ men Dieners, nicht erklaͤren, doch wagte ſie kaum ein Wort daruͤber zu aͤußern, ſondern zaͤhlte nur aͤngſtlich die Minuten der fuͤrchterlich langen Nacht. Miitternacht mochte eben voruͤber ſeyn, als die Thuͤr ſich leiſe öffnete, und Sturmo mit forſchendem Blicke hereinſchielte.„Was wollt ihr hier, Freund?“ fragte das Fraͤulein ſchuͤch⸗ tern. „Ich will mich nur erkundigen, ob den Da⸗ men auch etwas gefaͤllig iſt,“ arwiederte er, auf Conrad hinblickend.„Doch da ich ſehe daß Euer Gnaden ſo wohl bewacht und gut bedient ſeyd, haͤtte ich meine Muͤhe ſparen koͤnnen.— Bleibt ihr ſtets die ganze Nacht hindurch munter? — Das wird euch ſchon vergehen, wenn ihr wei⸗ tere Reiſen macht.— Erlaubt mir euch ein we⸗ nig warmen Meth zur Erquickung zu bringen, dar⸗ auf werdet ihr ſicher, in die Pelze gehuͤllt, ſo vor⸗ trefflich ſchlafen, als nur jemals in einem weichen Bette. Folgt meinem Rathe,“ ſetzte er im quaͤr⸗ renden Tone hinzu;„ſolche zarte Geſchäpſe t koͤnnen ſcch nicht zu ſehr in Acht nehiüet. 91 Im Benehmen dieſes Menſchen lag eine Un⸗ verſchaͤmtheit, welche das Fraͤulein, ungeachtet ih⸗ rer Angſt, nicht laͤnget ertragen konnte. „Begebt euch fort,“ ſagte ſie gebieteriſch; 4 „wir beduͤrfen eurer Dienſte nicht.— Nur ſchickt mir einen meiner Leute herein.“ „Mit Vergnuͤgen, Euer Gnaden, wenn ſich nicht ungluͤcklicher Weiſe das Schickſal ereignet haͤtte, daß ſie alle, gleich dem da in der Ecke, am Boden hingeſtreckt laͤgen, ſich alſo wohl keiner auf ſeinen eigenen Beinen zu euch hinein bewegen kann. Einige liegen vor der Thuͤr, andere im Stalle, und wenn Euer Gnaden mir nicht glauben wollen, ſteht es in Dero Belieben ſich von der Wahrheit meiner Ausſage durch den Augenſchein zu uͤberzeugen.— Ja, ja, das iſt nun ſo ein Schickſal, und ich kann es mir nicht anders erklaͤ⸗ ren, als der Teufel muͤſſe ſein Spiel unter uns gehabt haben.— Aber horcht!— Vernehmt ihr nicht auch ein ſonderbares Geraͤuſch?“ „ Ach,“ rief Barbara in Verzweiflung, „ich kann vor dem Klappern meiner Zaͤhne nichts anders hoͤren!“ 92 „RNein, nein! es iſt nicht das Klappern eu⸗ ter Zaͤhne, Juͤngferchen, welches ich vernehme; hoͤrt nur!“— Das Fraͤulein unterſchied jetzt deutlich da Fluͤſtern mehrerer Stimmen, und es blieb ihr laͤn⸗ ger kein Zweifel uͤber die wirkliche Gefahr ihrer Lage. Alle ihre Kraft zuſammennehmend ſagte ſie, den Blick feſt auf Sturmo geheftet: „Ich hoͤre Toͤne, und ahne ihre Bedeutung. Wir ſind in ſchlechte Haͤnde gerathen! eure Ar⸗ muth hat euch vielleicht zu boͤſen Anſchlaͤgen ver⸗ leitet; aber wenn ihr uns aus der Gefahr befreiet, 48 koͤnnt ihr reich, und wenigſtens dieſes Verbrechens nicht theilhaft werden. Hier,“ ſetzte ſie hinzu, ihm eine Boͤrſe reichend,„iſt ſoviel, daß ihr ſi⸗ cher nicht bei unſerer Rettung verlieren ſollt.“ „Gewiß,“ erwiederte er,„muͤßte es eines Menſchen Gewiſſen ſehr beruhigen, zwei ſo arti⸗ gen Frauenzimmerchen das Leben gerettet, und noch im Kauf eine ſolche Boͤrſe voll Gold dabei gewonnen zu haben. So wollen wir denn ſehen was zu thun iſt.“ Bei dieſen Worten verbarg er den Beutel in ſeine Weſte, und ging hinaus. —— 93 „Ach!“ rief Barbara die Haͤnde ringend, „lieber Mann! Wenn er uns rettet, ſoll er auch ein Engel ſeyn, ungeachtet ſeiner Haͤßlichkeit!“ „Er wird uns nicht retten,“ ſagte das Fraͤu⸗ lein kleinmuͤthig.„Die Bosheit ſeines Herzens ſteht zu deutlich auf ſeinem Antlitze geſchrieben. Wir muͤſſen einzig unſere Hoffnung auf die Vorſe⸗ hung ſetzen; alle menſchliche Huͤlfe ſheigß ſhe uis verloren.“ „So muͤſſen wir auch das Vertrauen auf uns ſelbſt nicht verlieren!“ rief das Maͤdchen,„und ich will wenigſtens verſuchen mich gegen den, der Hand an uns zu legen wagt, zu vertheidigen.“ Bei dieſen Worten ſchnallte ſie mit großer Behendigkeit Conrads Saͤbel ab, zog ihn aus der Scheide, und hielt, als Sturmo gleich darauf wieder hereintrat, die Waffe hinter ſich ver⸗ borgen. 3 „Hier iſt einmal wieder viel Laͤrmen um nichts geweſen,“ ſagte er;„nur ein paar arme Zigenner, harmloſes Volk, die Euer Gnaden aus der Hand wahrſagen wollen. Ihr muͤßt euch ſchon darein fuͤgen; auch iſt durchaus keine Gefahr dabei. Es 94 ſind meine allerbeſten Freunde, ich darf ihnen alſo nicht entgegen ſeyn.“— Fuͤnf oder ſechs von der Bande drangen jetzt in das Zimmer und ſchienen durch ihre rauhen Toͤne und Gebehrden, das Fraͤulein einladen zu wollen ihnen zu folgen.„Geht immer mit,“ kreiſchte Sturmo dazwiſchen.„Sie werden euch nichts zu Leide thun, und es iſt auch uͤberdies keine Huͤlfe. Wenn ihr ihnen freiwillig folgt, werdet ihr ſie zehnmal hoͤflicher finden, als wenn ſie euch mit Gewalt fortſchleppen mäſſen. Schreien hilft zu nichts, und dient nur dazu euch unnuͤtzer Weiſe zu bemuͤhen, denn es hoͤrt euch Niemand.“ Niichts deſto weniger zog das Fraͤulein ſich laut ſchreiend in eine Ecke des Zimmers zuruͤck; als nun aber zwei der wildeſten Geſellen ſie wirk⸗ lich beim Arme ergriffen und zur Thuͤre hinſchlepp⸗ ten, verſetzte Barbara, welche wahrſcheinlich in dem Verlangen ſich der Hauptperſon zu bemaͤchti⸗ gen, voͤllig von ihnen uͤberſehen worden war, ei⸗ nem derſelben einen ſo kraͤftigen Hieb mit dem Saͤ⸗ bel uͤber den Arm, daß er unter fuͤrchterlichem Geheul ſeine Beute fahren ließ. In dem Augen⸗ blick hallten Fluͤche und Drohungen im Zimmer 95 wieder, das Maͤdchen, durch die Anſtrengung mit welcher ſie den Hieb vollbracht hatte, ſchon ermat⸗ tet, ward leicht entwaffnet, und wuͤrde ein Opfer der Wuͤthenden geworden ſeyn, wenn nicht in die⸗ ſem critiſchen Moment ſich das Gitterfenſter aber⸗ mals geoͤffnet, und die alte Hexe aus dem Walde zu Mornau mit gellender Stimme herein geſchrieen haͤtte: „Laßt euren Raub fahren, und macht euch aus dem Staube! Die Hunde ſind euch auf der Spur!“ 1 Man wartete keine zweite 2 Warnung ab; ehe noch das Fraͤulein und die Zofe ſich wirklich wa⸗ chend und lebend glauben konnten, waren all Raͤu⸗ ber entflohen, und nur der Schall eines Horns, den man naͤher und immer naͤher ertoͤnen hoͤrte, und der die Ankunft von Reiſenden verkuͤndete, ſagte ihnen daß die Gefahr wahrſcheinlich voruͤber ſey. Conrad lag ungeachtet alles um ihn her entſtandenen Getoͤſes, noch immer betaͤubt am Bo⸗ den. Barbara warf ſich an den Hals ihrer Ge⸗ bieterin; aber Beide vermochten nur durch Wei⸗ enen und Schluchzen die Gefuͤhle welche ihre Bruſt bewegten, auszudruͤcken. Feſter noch ſchloſſen ſie 96 ſich, zitternd und kaum athmend, aneinander, als ſie die Thuͤr raſch oͤffnen, und zwei Maͤnner ins Zimmer treten ſahen. „Dank ſey dem Himmel!“ rief der eine,„ſie ſind gerettet!“ Der Anblick dieſer Fremden, und die Ueber⸗ zeugung der Sicherheit, welche ihre Erſcheinung einfloͤßte, riß Barbara aus ihrem Verſtummen; ſie begann nun ihrem Herzen durch eine ſchnelle Erzaͤhlung alles Vorgefallenen, die zwar oft durch 3 Thraͤnen und Ausrufungen unterbrochen wurde, Luft zu machen. „Aber,“ ſagte einer der Maͤnner mit beſorg⸗ tem Blick,„ihr ſeyd doch wirklich Beide völlig unbeſchaͤdigt? Die graͤßliche Spur von Blut, die uns zu dieſem Zimmer Kähree, machte mich faſt erſtarren.“ 4 „Es ſcheint,“ bemerkt⸗ der Andere,„als ob die Raͤuber hier einigen Widerſtand Definnden haͤt⸗ ten;— aber von wem?“ 1 Barbara ſchauderte indem ſie ſich ihrer That erinnerte; es fehlte ihr an Muth zu dem Bekenntniß, das Blut, welches man geſehen, ſch durch ihre Hand vergoſſen. 1 97 „Es iſt allerdings befremdend, Desmond, daß man kein anderes lebendiges Weſen hier er⸗ blickt, als einige auf die Erde hingeſtreckte Kerle, die im todtenaͤhnlichen Schlummer zu liegen ſchei⸗ nen. Der elende Wirth nebſt ſeiner ganzen Fa⸗ milie ſind verſchwunden.“ „Wie liſtig ſie auch ihre Flucht angeſtellt ha⸗ ben moͤgen, wird es ihnen doch ſchwerlich gelingen, denn wenn ſie Menſchen von Fleiſch und Blut ſind, koͤnnen ſie nicht verſchwinden, und dieſe Haide bietet keinen Zufluchtsort dar. Unſere aus⸗ geſandten Haͤſcher muͤſſen ohnedies bald zuruͤckkeh⸗ ren, und dann werden wir ſchon Kunde von den entſprungenen Voͤgeln bekommen.“. „Edle Herrn,“ hub endlich das Fraͤulein an, nicht ohne ſichtlichen Kampf ſich zu erkennen zu geben,„naͤchſt Gott ſeyd ihr unſere Befreier! Jede Hoffnung war bereits in mir erſtorben, als eure Rettung durch die Vorſicht herbeigefuͤhrt wurde.— Und meine arme Barbaral ſie wuͤrden ſie gemordet haben!“„. „Die Teufel!“ riefen Beide.„Aber ihr ſeyd gewiß verwundet, es war euer Blut das wir ſahen.— Keiner vertheidigte euch, wie ihr W. v. W. II. 7 98 ſelbſt bemerkt; eurer Dienerſchaft muß ein Schlaf⸗ trunk beigebracht ſeyn, doch iſt draußen eine fri⸗ ſche Spur von Blut.— Weſſen kann dies ſeyn?“ „ Wahrhaftig,“ fiel Barbara krampfhaft ein,„es iſt erſchrecklich immer davon hoͤren zu muͤſſen! Wenn ihr es denn durchaus wiſſen wollt, muß ich es nur geſtehen, daß dies Blut aus dem Arme eines der Elenden floß, der meine Herrſchaft fortſchleppen wollte; und wenn daſſelbe ſich noch einmal ereignete, wuͤrde ich es wieder thun, ja ich wuͤrde ihn ſogar toͤdten, wenn es in meiner Macht ſtaͤnde, und ich kuͤmmere mich wenig darum wer es hoͤrt!“— „hr alſo,“ ſagte Desmond, indem er mit Erſtaunen die kleine, zarte Geſtalt des ſchwarz⸗ aͤugigen Maͤdchens betrachtete,„ihr wart wirklich einer ſo tapfern That faͤhig? Es iſt aber wohl nur ein Traum, denn wenn es euch auch nicht an Muth fehlte, wo waͤren denn die Mittel Je⸗ manden ſolch eine Wunde zu verſetzen?“ „Ich beſaß die Mittel; ſeht nur meinen Pelz an, wenn ihr noch daran zweifelt.“ 99 Dieſer war ganz mit dem, aus dem Arm des Naͤubers geſprungenen, Blute befleckt, und die Zofe, welche nun den Beifall uͤber dieſe mu⸗ thige That auf dem Angeſicht der Fremden las, unterließ nicht den Gebrauch zu erzaͤhlen, wel⸗ chen ſie von Conrad's Saͤbel gemacht hatte, der ihr im Augenbl kile nach dem Orench, aus der Hand gefallen war. Jetzt aͤuſſerte das Fraͤulein ihre Angſt uͤber den Pater Felix, der ungeachtet alles Laͤrmens nicht erſchienen ſey. Einer der Fremden erbot ſich ſogleich ihn aufzuſuchen, zugleich die troͤſtliche Bemerkung hinzufuͤgend: er glaube ſeine Stimme beim Eintritt ins Haus ſchon gehoͤrt zu haben, koͤnne aber in der Verwirrung nicht ſagen, woher der Ton gekommen ſey. So wie er das Zimmer verließ, nahte ſich Barbara der Gebieterin, ihr leiſe ins Ohr fluͤſternd: „Gewiß, Euer Gnaden, habe ich den Mann ſchon vorher geſehen, wie ſollte er auch ſonſt wohl die Stimme des ehrwuͤrdigen Vaters kennen? Es iſt derſelbe den ich in der Nacht, nachdem Euer Gnaden ſo krank geworden waren, in der 7* 100 Capelle bei Pater Felix traf, und der ſich fuͤrchterlich daruͤber gebehrdete.“ „Was!“ rief das Fraͤulein erſchrocken,„Graf Caſimir Wallenſtein.— Ein ſonderbares Zuſammentreffen!“— Jede Betrachtung, der ſie ſich eben uͤberlaſ⸗ ſen wollte, wurde jetzt durch die Freude uͤber den Eintritt des Moͤnchs, unterbrochen; der alte Mann zitterte noch vor Angſt, ſein theures Klei⸗ nod in Gefahr, und ſich auſſer Stand zu wiſſen ihr Beiſtand leiſten zu koͤnnen. Er betrat das ihm vom Wirth angewieſene, elende Gemach, keines⸗ wegs in der Abſicht die ganze Nacht dort zuzubrin⸗ gen, ſondern wollte nur ſeine einſame Abend⸗An⸗ dacht hier halten. Da er ſich aber in ſeinem Ge⸗ bet nie kurz faſſen konnte, gingen unvermerkt ein paar Stunden daruͤber hin; wie groß war nun ſein Erſtaunen als er die Thuͤr von auſſen ver⸗ riegelt fand. Umſonſt rief er den Voruͤbergehen⸗ den zu, ihn heraus zu laſſen, keiner ſchien ſeine Worte zu vernehmen, und es blieb ihm endlich nichts uͤbrig als ſich in Geduld zu faſſen, ſo ſchwer es ihm auch wurde. Als er aber ſpaͤter das Angſt⸗ geſchrei weiblicher Stimmen, den Tumult im Hauſe 101T vernahm, und die Unmoͤglichkeit fuͤhlte ihnen nach ſeinen ſchwachen Kraͤften beiſtehen zu koͤnnen, da grenzte ſein Zuſtand an Verzweiflung. Barba⸗ ra's Erzaͤhlung am vergangenen Tage, war ihm dadurch gaͤnzlich aus dem Sinne gekommen, und mit unbeſchreiblichem Entzuͤcken empfing er alſo ſeinen Befreier. Des Fraͤuleins Gefuͤhle fuͤr dieſen waren we⸗ niger guͤnſtig, ſo wie ſie ſeinen Namen erfuhr. Seine critiſche Erſcheinung grade zu dieſer Stunde, machte ſie beſtuͤrzt, und erfuͤllte ihr Gemuͤth mit Argwohn; der Gedanke, ihr Friede und ihre Ruhe ſey und bleibe das Spiel zweier eigennuͤtzi⸗ ger Abentheurer, hatte ſich ihrer ſo ſehr bemaͤch⸗ tigt, daß ſie ſogar geneigt war die Schrecken der vergangenen Nacht, fuͤr eine ſchlaue Erfindung des Mannes zu halten, der nun auf einmal als ihr Befreier auftrat. Ganz in dieſem Wahn befan⸗ gen, beſchloß ſie mit der aͤußerſten Vorſicht zu han⸗ deln, denn die Angſt, abermals die Beute eines liſtigen Betruͤgers zu werden, nahm ihre Seele völlig ein. Als Desmond daher das Zimmer verließ, um die noͤthigen Beſehle zur Abreiſe zu 102 geben, ſagte ſie ſtolz, und nicht ohne Bitterkeit zu dem zuruͤckgebliebenen Begleiter: „Ich glaube dem Grafen Wallenſtein fuͤr die Rettung aus einer aͤuſſerſt ſchreckenvollen Lage, verpflichtet zu ſeyn, und muß zugleich geſte⸗ hen, daß ſeine Dazwiſchenkunſt, grade in dem Augenblick, wo unſere letzte Hoffnung verſiegte, faſt ein Wunder zu nennen iſt.“ „Es iſt einzig die Wirkung einer ſehr natuͤr⸗ lichen Urſache, mein Fraͤulein,“ erwiederte der Graf, etwas verwirrt uͤber den Ausdruck in Ton und Miene, mit dem Lui ſe ſich an ihn wandte. „Es ſcheint freilich ein wahres Wunder des Himmels darob zu walten,“ fiel Pater Felip ein;„denn wenn ich es recht uͤberlege, wie konn⸗ tet ihr hieher kommen? Ich glaubte euch in Prag, oder vielleicht auf der Reiſe von dort nach Wien; hier aber wuͤrde ich nimmer ges traͤumt haben, euch zu begegnen.“ „Und doch war es ein Traum der mich hieher brachte. 4 „Wie,“ rief der gute Pater, indem er ſich bekreuzte,„wurdet ihr waͤhrend des Schlafes von 103 unſerer Gefahr benachrichtiget? Das waͤre eine wahrhaft wunderbare Offenbarung!“ „Ihr verſteht mich unrecht, ehrwuͤrdiger Va⸗ ter,“ entgegnete der Fremde laͤchelnd;„ich wollte nur auf die gewoͤhnlichen Traͤume des Lebens, die Traͤume der Hoffnung, hindeuten. Ich erwartete euch ſchon in Wien; weil ihr aber bei meiner Ankunft daſelbſt noch nicht angelangt wart, und meine Beglaubigungs⸗Schreiben nicht ſogleich ab⸗ gegeben werden konnten, reiſte ich ſchnell mit mei⸗ nem Freunde Desmond, und einem kleinen Ge⸗ folge wieder ab, und wuͤrde euch, haͤtte ich euch nicht hier getroffen, bis an die Ufer der Raab entgegen gegangen ſeyn. Wir ſind allerdings in einiger Verborgenheit gereiſt, denn ſollte mein Va⸗ ter erfahren, wie ſehr ich meiner Schwaͤche nach⸗ gebe, wuͤrde er dieſen jugendlichen Streich wenig dem Ernſt des mir uͤbertragenen Geſchaͤfts, wuͤr⸗ dig halten.“ „Verzeiht mir, Herr Graf,“ fiel das Fräͤu⸗ lein ein,„es ſcheint mir ſogar nach eurer Erlaͤute⸗ rung, etwas ſo Sonderbares und Unbeſtimmtes in dem Beweggrunde zu dieſer Reiſe zu liegen, daß man es dem ſcharfen, durchdringenden Ver⸗ 104 ſtande des Herzogs v. Friedland gewiß nicht verargen koͤnnte, wenn er ein ſolches Beginnen hoͤchlich tadelte.“ „Wie ſchwach und vermeſſen euch, gnaͤdiges Fraͤulein, auch die Gruͤnde erſcheinen moͤgen, die mich zu dieſer Handlungsweiſe trieben, ſo kann ich doch Gott fuͤr den Erfolg nie genug preiſen.“ „Seltſam!“ rief Desmond, indem er wieder ins Zimmer zuruͤckkam,„unſere ausgeſand⸗ ten Kundſchafter haben auch nicht die Spur eines Feindes gefunden. Wenn eure Zeit, gnaͤdiger Herr, es erlaubte, wuͤrde es mir Spaß machen die Elenden ſelbſt zu verfolgen; weit koͤnnen ſie in keinem Falle ſeyn, und binnen einem oder ein paar Tagen muͤßten wir ihnen ſicher auf die Spur kommen. Wir haben aber doch zum wenigſten hier die Be⸗ lagerung aufgehoben; einige von den Marchfeldt⸗ ſchen Leuten waren im Stalle bei ihren Pferden verſchanzt. Man hatte ihnen auch etwas Schlaf⸗ trunk gereicht; jetzt aber fangen ſie an ihrer Sinne allmaͤhlig wieder Herr zu werden. „Guaͤdiges Fraͤulein,“ ſagte Wallenſtein etwas verlegen,„darf ich es wagen Verfuͤgungen über eure weitere Reiſe bis Sopron zu treffen? —Q—Q—QQ—Q—Q—Q—, —Q—Q—QQ—Q—Q—Q—, 105 Conrad mit denen des Gefolges, die noch nicht aus ihrem Schlaf erwacht ſind, koͤnnten euch nach Wien folgen; der Reſt eurer Leute und die mei⸗ nigen werden, wie ich mir ſchmeicheln darf, zu eurem Schutze hinreichend ſeyn.“ „Ja, ja, Kind,“ verſetzte der Moͤnch,„d iſ ein ſehr weiſer Anſchlag, den wir, meines de duͤnkens nach, ſogleich befolgen koͤnnen.“ Der Vorſchlag ihr Gefolge zu trennen, und ſich faſt gaͤnzlich in den Schutz des Grafen bege⸗ ben zu ſollen, vermehrte noch den ungluͤcklichen Argwohn, der einmal in der Seele des Fraͤuleins Wurzel gefaßt hatte. Veraͤchtlich richtete ſie den Blick auf den, der ſie ihrer Meinung nach, auf dieſe Weiſe in ſeine Gewalt zu bekommen hoffte, und erwiederte: „Ueberzeugt als ihr, Herr Graf, von der Groͤße der Verbindlichkeit ſcheint, die ihr mir auferlegt habt, werdet ihr ſie ſchlecht belohnt glau⸗ ben, wenn ich beſtimmt erklaͤre, nicht ohne dieſen Mann hier,(auf Conrad zeigend,) und ſeine Cameraden, weiter zu reiſen. Die Lage worin mein Feind, er moͤge nun ſeyn wer er wolle, es fuͤr gut befunden hat, zur Erreichung ſeiner Ab⸗ * 106 fichten, dieſen braven Diener zu verſetzen, beweiſt wie ſehr man ſeine Treue fuͤrchten muß.“ Empfindlich gekraͤnkt durch dies veraͤchtliche Mißtrauen, dauerte es einige Minuten ehe Ca⸗ ſimir antworten konnte:„Laͤngſt ſchon war ich mit Conrads Verdienſten hinlaͤnglich bekannt, mein Fraͤulein, und ſetzte meinen Stolz darin mit ihm in der Treue fuͤr einen Mann zu wetteifern, dem ich willig mein Leben geopfert haben wuͤrde; auch hier wollte ich ihn nicht ſeiner Dienſte entſe⸗ tzen, ſondern nur auf kurze Zeit ſein Stellvertreter werden.“ Im ungluͤcklichen Wahne immer weiter ge⸗ hend, brachte dieſe, ihrer Meinung nach, heuch⸗ 9) leriſche Hindeutung auf die Freundſchaft fuͤr den armen, betrogenen Wilhelm, ihren Unwillen aufs Hoͤchſte. Schneidend kalt erwiederte ſie: „Es waͤre Unrecht eure Talente ſo unnuͤtzer Weiſe zu verſchwenden, Herr Graf, da ſie noch zu etwas Hoͤherem angewandt werden koͤnnen; aber ich fuͤhle mich zu ſehr angegriffen, um mich weiter daruͤber einlaſſen zu koͤnnen.“ 107 „So muß ich denn ſchließen daß die Freiher⸗ rin v. Marchfeldt mich unwuͤrdig findet, in ihrem Gefolge zu reiten?“ „Dies zu wehren ſteht nicht in meiner Macht; nur bin ich entſchloſſen zu warten bis meine Die⸗ nerſchaft ſich erholt hat.“ „Es wird das Beſte ſeyn,“ ſagte Des⸗ cnd,„dieſen Mann an die freie Luft zu tra⸗ gen, die ihn am ſchnellſten wieder beleben wird.“ Sogar dieſer, an ſich ſo natuͤrliche Vor⸗ ſchlag, wurde zum Gegenſtand neuen Verdachts in den Augen des Fraͤuleins; ſie fluͤſterte dem Moͤnch die Bitte ins Ohr, mit hinaus zu gehen, und zu ſehen wie man ihn behandle. Es bedarf wohl kei⸗ ner Verſicherung daß Conrad nichts zu fuͤrchten hatte; der friſche Morgenhauch gab ihm bald ſein Bewußtſeyn wieder, und ſein Erſtaunen ſich in den Haͤnden des Grafen zu ſehen, kam dem Schre⸗ cken und Kummer gleich, welche er uͤber die ihm nun mitgetheilten Begebenheiten der Nacht em⸗ pfand.„Nein,“ rief er,„ich kann nie wieder vor den Augen meiner Herrſchaft erſcheinen; ver⸗ geben wuͤrde ſie mir, das bin ich von ihrer Guͤte 108 gbelzengt, aber verlaſſen kann ſi ſ e ſi ſa nun nimmer⸗ mehr auf mich.“ 44 „Fuͤrchte das nicht, guter Conrad,“ erwie⸗ berte der Graf traurig.„Gegen dich iſt ſie lauter Dankbarkeit fuͤr vergangene Dienſte, und ganz Vertrauen auf deine kuͤnftige Treue; du haſt nicht einmal um Vergebung zu bitten, haſt keinen Vor⸗ wurf zu ſcheuen. Sie wartet nur deine Wieder⸗ herſtellung ab, um ihre Reiſe fortzuſetzen;— geh, zeige dich ihr.— Ach,“ fuhr er fort, als Con⸗ vad ſeinem Befehle gefolgt war,„mit ihm wird ſie freundlich ſprechen, ihn vielleicht ſogar anlaͤ⸗ cheln.— Desmond, wie ſind meine kuͤhnen Hoffnungen vernichtet!— Womit habe ich denn ihren Haß, ihre Verachtung verdient?“— „Lieber Graf,“ entgegnete Desmond,„es ſcheint mir als ob Uebel und Heilung hier aus der⸗ ſelben Quelle fließen koͤnnten. Verzeiht es mir; aber wenn auch der Stolz dieſer hochfahrenden Dame nicht auf euch uͤbergegangen iſt, ſo bin ich wenigſtens maͤchtig davon angeſteckt, denn nie noch war mein Gefuͤhl mehr empoͤrt; ja, wenn es nicht um des kleinen ſchwarzaͤugigen Maͤdchens willen waͤre, moͤchte ich es faſt bedauern ſie durch unſere 109 Dazwiſchenkunft verhindert zu haben das Roth⸗ welſch der Zigeuner gehoͤrig zu ſtudieren. Wahr⸗ haftig, die Art wie ſie ihrem Befreier begegnet, kann billig zu der Muthmaßung fuͤhren, jenes Volk ſey ihr nicht ſo zuwider, als dieſer. Laßt euch denn wenigſtens erbitten die ſo huldreich er⸗ theilte Erlaubniß bei ihrem Wagen her zu reiten, nicht anzunehmen; ihre Leute ſind jetzt alle herge⸗ ſtellt, moͤge ſie ohne uns rathen. Erwaͤgt, Herr Graf, wer ihr ſeyd!“— „Erwaͤgen wer ich bint— Ach koͤnnte ich mich ſelbſt, ſie und die ganze Welt vergeſſen!“ „Ein ſtarker Gallop wird euch hier die beſten Dienſte verleihen, und zehnmal heilſamer ſeyn, als neben der Senfte dieſer Dame ohne Gleichen herzuſeufzen. Kommt, laßt uns ohne Verzug von hinnen reiten.“ „Macht mich nicht raſend, Desmond!“ rief Wallenſtein heftig.„Weder ihr, noch irgend Jemand auf der Welt ſoll mich von meinem Vorſatze abbringen. Haltet mich meinethalben fuͤr verruͤckt, nennt mich einen Unſinnigen;— alles gilt mir gleich. Es ſteht ohnehin nicht in eurer 110 Macht mich mehr mit mir ſelbſt uneins zu ma⸗ chen, als ich es ſchon bin!“— Hier kam Conrad, froͤhlich uͤber den guten Empfang ſeiner Herrſchaft, heraus, um ſeinen Cameraden den Befehl zum ſchleunigen Satteln der Pferde zu ertheilen, weil das Fraͤulein ſogleich ab⸗ reiſen wolle. „ Und mich beehrt ſie mit keinem Auftrage?“ fuhr der Graf in ſeiner gereizten Stimmung fort. „Sie wuͤrdigt mich nicht einmal einer Nachricht ihrer Abreiſe?— Du haſt Recht, Desmond! Nein, ein wahrer Pinſel, der niedrigſte Sclave ſogar, wuͤrde ſich uͤber eine ſolche Behandlung em⸗ poͤrt fuͤhlen! 1 „Hier muß irgend ein Irrthum obwalten,“ ſagte Conrad.„Soll ich in meiner Herrſchaft zuruͤckkehren?/— „Nein, nein,“ rief der Graf ungeduldig, „thu wie dir beſohlen iſt, du, der du nie Unrecht thun kannſt!“— „Und ich,“ ſiel Desmond innerlich er⸗ freut, daß Caſimirs Stolz endlich empoͤrt war, ein,„will ſogleich zum Aufbruch blaſen, damit 111 wir, wo moͤglich noch fruͤher als ſie von hinnen ziehen.“ hr s43 „Wer lehrte euch meine Worte nach eurem Belieben auslegen? Glaubt nicht daß es Jedem vergoͤnnt ſey, gleich einem Balle mit mir zu ſpie⸗ len. Nein, ich ſagte vorhin daß ich das Fraͤulein erwarten wolle, und 9 will ſie erwarten.“ „Nach eurem Gefallen, gnaͤdiger Herr; es faͤllt Niemand ein euch etwas vorſchreiben zu wollen.“ „Um ſo beſſer, denn dies wuͤrde mir zu kei⸗ ner Zeit behagen, und der leiſeſte Verſuch dazu waͤre in dieſem Augenblick im Stande mich raſend zu machen.“ Desmond zuckte die Achſeln, und ſah mit ſchonender Nachſicht auf ſeinen Freund.— Das Marchfeldtſche Gefolge war in wenigen Mi⸗ nuten bereit; das Fraͤulein erſchien, von Felir und Barbara begleitet; ſie ſah blaß, ſchwach und auf das Aeuſſerſte angegriffen, aus. Ihr Anblick ruͤhrte Wallenſtein aufs Neue; er ſprang an ihren Wagen, um ihr beim Einſteigen behuͤlflich zu ſeyn; daß ſie es ihm nicht abſchlug ihr dieſen Beiſtand zu leiſten, ihm erlaubte ihre 11² Hand kurze Zeit in der ſeinigen zu halten, troͤſtete ihn gewiſſermaßen. Es kam ihm nicht in den Sinn daß dieſe Nachgiebigkeit einzig aus koͤrperli⸗ cher Schwaͤche entſtehe, und er beruhigte ſich mit dem Gedanken, eine ſo wahre, innige Neigung, als ſeine Seele fuͤr ſie belebe, koͤnne unmoͤglich fuͤr die Zerſtoͤrung geſchaffen ſeyn.„Staͤnde es auch in meiner Macht,“ fuhr er in ſeinem Selbſtge⸗ . ſpraͤch fort,„ihr Bild durch einen Wunſch aus meinem Herzen zu verbannen, ſo bin ich doch nicht gewiß, ob die Qual, die ich jetzt leide, der Leere welche dann darin herrſchen wuͤrde, nicht noch weit vorzuziehen iſt.— Denn, was iſt das Leben ohne Liebe? Wozu nuͤtzt mir Reichthum und Groͤße, wenn nicht ein geliebtes Weſen ſie mit mir their— Waͤhrend dieſer ſtillen Betrachtungen, die er im Fpetreiten anſtellte, hatten ſich unvermerkt wie⸗ der ſanftere Gefuͤhle ſeiner Bruſt bemeiſtert; nun gedachte er auch des armen Desmond, und ſchaͤmte ſich der Heftigkeit, mit welcher er ihn vor⸗ hin behandelt hatte. Er bemerkte daß der Lieut⸗ nant ſich in einiger Entfernung von ihm halte, und der Gedanke einem Manne wehe gethan zu 113 haben, der ſich gewiſſermaßen nicht frei gegen ihn verantworten koͤnne, ſchmerzte ihn ſehr.„Iſt er nicht gezwungen zu ſchließen,“ ſagte er,„ich ſey ein kleindenkender Menſch, dem es gaͤnzlich an Zartgefuͤhl mangelt?— Armer Desmond, ich habe ihn beleidigt, und er haͤlt es vielleicht fuͤr ſeine Pflicht dies geduldig zu ertragen!“— Er hielt ſein Pferd an, bis der Lieutnant neben ihm war, ſuchte aber vergebens auf ſeinem Geſicht den Ausdruck eines beleidigten Gefuͤhls. „Freund,“ redete er ihn endlich liebreich an,„ich bin meiner Sinne wieder hinlaͤnglich Meiſter, um die Heftigkeit meines Betragens einzuſehen, und euch fuͤr eure Duldſamkeit zu danken.“ „Um euch die Wahrheit zu geſtehen, gnaͤdi⸗ ger Herr, muß ich bekennen, daß ich Trunkenheit, Tollheit und Liebe, in eine und dieſelbe Elaſſe von Verruͤcktheit ſtelle, und daß alſo die Worte eines Mannes der unter ihrem Einfluſſe leidet, nie als perſoͤnlich beleidigend von mir aufgenommen wer⸗ den koͤnnen. Ueberdies,“ ſetzte er ernſt hinzu, „bin ich uͤberzeugt, ich wuͤrde der letzte Mann in der Welt ſeyn, den ihr abſichtlich beleidigen koͤnn⸗ tet! Doch ohne Umſchweife. Mein Leben iſt B. v. W. II. 8 114 eure Gabe, ich danke es euch; dennoch geſtehe ich, dies wuͤrde nicht bei mir in Betracht kommen, ſo⸗ bald ich meine Ehre wirklich gefaͤhrdet ſaͤhe, ja, ich wuͤrde es fuͤr meine Pflicht halten, dieſe ſelbſt gegen den Erhalter meines Lebens zu vertheidigen. Beſeelt von dieſen Gefuͤhlen habe ich mich ohne Furcht und Scheu eurem Geſchicke zugeſellt, und ich hoffe Klugheit genug zu beſitzen, um behutſam meinen Weg neben euch zu gehen, ohne je zu ver⸗ geſſen was ich euch, noch was ich mir ſchuldig bin.“ Befriedigt uͤber dieſe Erklaͤrung, ritten die beiden Freunde weiter, bis der ganze Zug in So⸗ pron Halt machte. Da aber die folgende Reiſe ohne weitere Abentheuer ablief, wird es hinlaͤng⸗ lich ſeyn hinzuzuſetzen, daß man nach geraumer Zeit in Wien anlangte, Caſimir aber dem Ziele ſeiner Wuͤnſche, um nichts naͤher geruͤckt war. VI. Die erſten Tage des Aufenthalts in der Kai⸗ ſerſtadt, vergingen der jungen Freiherrin unter nothwendigen Einrichtungen ihres neuen Haushal⸗ tes, ihrer Staats Squipagen, Hof⸗Kleider, und anderer, in ihrer gegenwaͤrtigen Lage, unerlaͤßli⸗ chen Angelegenheiten. Graf Erdenheim, et⸗ was unwillig uͤber ihre lange Zoͤgerung, wurde jetzt bei jeder Sache zu Rathe gezogen, und da dies ihm in ſeinen Augen einen Schein von Wichtig⸗ keit gab, ward er bald mit der ſchoͤnen Nichte wieder ausgeſoͤhnt. Ueberdies beſaß er viel natuͤr⸗ liches Wohlwollen in ſeinem Charakter, war ein ſtrenger Catholik, und ein aͤuſſerſt pflichtmaͤßiger Unterthan. Es gab zwar eine Parthei die ihn der Uebertreibung, ſowohl in religioͤſer als politiſcher Hinſicht, zeihete, weil er ungemein an aͤußern Formen hing, eine koſtbare Sammlung aller Maͤr⸗ tyrer und Heiligen Knochen beſaß, und von der Aechtheit eines Splitters vom Holze des Kreuzes, 3 8 116 welchen er beſtaͤndig in einem goldnen Reliquien⸗ Kaͤſtchen bei ſich trug, auf das vollkommenſte uͤber⸗ zeugt war. Eben ſo ſtrenge nahm er es auch mit der Ausuͤbung jeder Art von Devotion gegen ſei⸗ nen irdiſchen Herrn, und die unziemliche Verſaͤu⸗ mung einer ſchuldigen Verbeugung, galt in ſeinen Augen fuͤr Verrath. Keineswegs aber konnte man ihn deshalb be⸗ ſchuldigen, daß ſeine Anhaͤnglichkeit bloß in den aͤußern Formen liege; es war kein Schatten von Heuchelei in dem Manne, reiner, frommer Eifer beſeelte ihn, und wenn er den Spoͤttern auch manchmal durch ſein uͤbergeſchmeldiges, unterthaͤ⸗ niges Weſen, zum Ziel des Witzes diente, mußten doch die Beſſern ſeinen wahren Werth anerkennen. Ferdinand, deſſen Thron keineswegs ein Bett von Roſen war, kannte aus Erfahrung die Treue dieſes vielerprobten Dieners, der ſich bei jedem widrigen Geſchick, welches ſeinen Thron zu erſchuͤt⸗ tern drohte, nur enger an ihn draͤngte, und die Zahl ſeiner Verbeugungen veroͤgypelte, waͤhrend andere ſich zu gewiſſen Zeiten von ihm entſernten. Auf Erdenheims Kopf war freilich in keinem ſchwierigen Falle zu zaͤhlen; aber auf ſein Herz 112 konnte der Monarch rechnen, und ſo war er ſei⸗ nem Herrn unentbehrlich geworden, gleich wie ihm wiederum der Hof und alles dabei uͤbliche Cere⸗ moniet, zu ſeiner Exiſtenz unerlaͤßlich nothwendig ſchien. Mehr durch Desmonds oft wiederhol⸗ te, freundliche Hindeutungen auf Wallen⸗ ſtein's Werth, und das ſtotze, veraͤchtliche Be⸗ tragen des Fraͤuleins, als durch eignen feſten Ent⸗ ſchluß geleitet, faßte der Graf bei bin Ankunft in Wien, den Vorſatz, wo moͤglich die Liebe zu einem Gegenſtande, der ſeine maand ſo wenig erwiederte, zu uͤberwinden. Wenigſtens war ſeine Abſicht ſich mit allem Ernſt den ihm vom Vater aufgetragenen Geſchaͤften zu widmen, ja, er ſchmei⸗ chelte ſich ſogar mit der Hoffnung, ſobald er ſich nur erſt mit Eiſer der Staatskunſt ergeben habe, wuͤrden ihm die Fortſchritte in dieſer feinen Wiſ⸗ ſenſchaft wohl auch zu einem klugen, abgemeſſenen Betragen gegen die ſtolze Schoͤne behuͤlflich ſeyn koͤnnen. Desmond laͤchelte wenn Cafimir ihm augenblicklich vorrechnete, wie er durch ſein kaltes Benehmen ihren Stolz kraͤnken, ja, wie es ihm vielleicht gelingen wuͤrde, ihre Eifer ſucht rege 118 zu machen; er bemerkte dann wohl daß der Freund ſich nicht auf dem rechten Wege der Heilung be⸗ finde, ſo lange er ſich noch einbilde, Luiſe theile ſeine Leidenſchaft, und er vermoͤge ſie durch dies Betragen zu reizen.„Zeigt euch wahrhaft als Mann, und ſie muß euch achten lernen 4 ſetzte er hinzu.„Ich moͤchte euch ſo gerne voͤllig von die⸗ ſen, fuͤr euch ſchimpflichen Banden befreit ſehen, guaͤdiger Herr, ich kenne die Weiber, und ſtand auf dem Punkt mein Leben aus aͤhnlicher Schwaͤ⸗ che zu verlieren, weil ich mich am Narrenſeile ei⸗ nes eitlen Geſchoͤpfs herumfuͤhren ließ.“— Er erzaͤhlte nun in traulicher Mittheilung, wie er bis zur Raſerei in ein Maͤdchen verliebt geweſen, und um ihrentwillen, weil ſie es als einen Beweis ſeiner Liebe gefordert, den Dienſt des Herzogs verſaͤumt habe.—„Am naͤchſten Morgen war ich Gefan⸗ gener,“ fuhr er fort,„und mein Todes⸗Uirtheil geſprochen; ich Narr ſtand doch noch in dem Wahn fuͤr meine Ella zu ſterben! Jeden Augenblick bereitete ich mich darauf, ſie in meinen Kerker ein⸗ treten, ihre Thraͤnen, ihre ſuͤße Reue zu ſehen; ich erkundigte mich bei meiner Schweſten nach ihr, ſie ſuchte meinen Fragen auszuweichen, und rieth 119 mir endlich ſie zu vergeſſen.— Genug, lieber Graf, das Maͤdchen hatte einen andern, einen wahren Lump geheirathet, und noch üͤberdies ge⸗ aͤußert: wenn ich Narr genug geweſen ſey, um ih⸗ rer Bitte willen, meine Pflicht zu verſaͤumen, ſey das meine, nicht ihre Schuld.— Dies brachte mich auf einmal zur Beſinnung und zur voͤlligen Erkenntniß meiner Thorheit.— Als eure groß⸗ muͤthige Verwendung mir nun das Leben erhielt, beſchloß ich dem boͤſen Feind noch einmal grade ins Angeſicht zu ſchauen, um mich und ihn von meiner Heilung zu uͤberzeugen. Ich beeiite mich, noch ehe die Nachricht von meiner Befreiung ihr Ohr erreichen konnte, dem neu vermaͤhlten Paar meinen Gluͤckwunſch zu bringen, und las gleich auf dem Geſicht der jungen Frau, daß ſie ſich auf eine Scene vorbereite; vielleicht war ſie wirklich erſchreckt, denn eine unerwartetere Erſcheinung, konnte wohl nicht leicht vor ihre Augen treten, ſie mußte einen Geiſt zu ſehen glauben. So wurde ſie denn blaß, und lockte ein paar Kryſtall⸗ Tro⸗ pfen in ihre Augen. Mein Blick, mein ganzes Benehmem aber war der Art, daß ſie aus dem Wahne geriſſen ward, noch irgend einen Einfluß 120 uͤber mich ausuͤben zu koͤnnen. Mein Beſuch dau⸗ erte nur wenige Minuten, denn ich verachtete ſie zu ſehr, um irgend ein Vergnuͤgen darin finden zu koͤnnen, ſie laͤnger zu martern.“ „Ihr ſeyd alſo wirklich geheilt:— fragte Wallenſtein. 4„Durchaus, gnaͤdiger Herr; doch geſtehe ich daß meine Cur ſchmerzhaft war, und hoffe ihr ſollt leichter davon kommen.“. Seit Caſimir ſich überſeugt hielt, ſein Freund ſey kein trockner Cyniker, der nur tadle was er nie gefuͤhlt habe, wurde er ihm um vieles theurer, die gegenſeitige Vertraulichkeit nahm im⸗ mer zu, ja, obgleich Desmond wenige Jahre juͤnger als er war, raͤumte er ihm willig die Rechte eines Mentors uͤber ſich ein, und wahrlich, ſein Vertrauen haͤtte in keine tronere, redlichere Bruſt gelegt werden koͤnnen. Um ſich ſobald als moͤglich in gehoͤrige Thaͤ⸗ tigkeit zu ſetzen, ward Desmond zum erſten Kammerherrn geſande, Wallenſtein's Geſuch um eine Audienz beim Kaiſer anzubringen. Mit dem Anſehen diplomatiſcher Wichtigkett, kehrte er zu ſeinem Herrn zuruͤck, und meldete wie er in das 121 Kabinett des Monarchen gefuͤhrt ſey, der ihm ein verſtegeltes Papier mitgegeben habe, unter dem Befehle es in des Grafen eigene Haͤnde zu uͤber⸗ liefern. Das Papier enthielt folgende Worte: „Unterlaßt nicht euch um acht Uhr vor dem weſtlichen Thor des Pallaſtes einzufinden; man bird eurer dort warten, und euch in ein Zimmer fuͤhren, wo wir allein mit einander reden koͤnnen.“ Wallenſtein war hoͤchlich erfreut, ſobald zum Ziele zu gelangen, welches er gefuͤrchtet hatte Tage, ja vielleicht Wochen lang hinausgeſetzt zu ſehen. Natuͤrlich ermangelte er nicht ſich zur vor⸗ geſchriebenen Zeit, in ſeinen Pelz verhuͤllt, am beſtimmten Orte einzufinden. Ein gleichfalls ver⸗ mummter Mann, wartete ſeiner ſchon dort, nahm ſchweigend ſeinen Arm, und fuͤhrte ihn in das Innre des Pallaſtes, von dem er die Thuͤr ſorg⸗ faltig wieder verſchloſſen hatte. Jetzt ſtiegen ſie eine ſchmale Nebentreppe hinauf, welche in ein ab⸗ gelegenes Zimmer fuͤhrte; nachdem auch dieſe Thuͤr wieder verſchloſſen war, warf der Fuͤhrer des Grafen den Mantel ab, und der Kaiſer ſtand vor ihm. Erſtaunt beugte Wallenſtein ein Knie vor dem Monarchen. 122 „Steht auf,“ ſagte der Kaiſer,„Sohn mei⸗ nes beſten Freundes! Wir treffen hier nicht als Herrſcher und Unterthan zuſammen. Des Lebens muͤde und meiner Kraft beraubt durch tauſend Ma⸗ chiavelliſche Raͤnke der Politiker, verlangt mich nach gegenſeitiger Mittheilung; ich ſehne mich die Stimme der Wahrheit endlich einmal wieder zu hoͤren!“ „Eure Majeſtaͤt werden nie eine andere von dem Sohne Wallenſtein's vernehmen.“ „Wenn mich nun aber nach Wahrheit ver⸗ langt, was kann ich anders von euren Lippen er⸗ warten, als den Vorwurf, ein ſchwacher, undank⸗ barer Herr, gegen den treueſten der Diener gewe⸗ ſen zu ſeyn?“ „Gnaͤdigſter Herr, eine ſo großmuͤthige An⸗ erkennung der Verdienſte meines Vaters, iſt der hoͤchſte Triumph fuͤr ein edles Gemuͤth, und Wallenſtein wird es Ew. Majeſtaͤt durch die That beweiſen, daß⸗ihn ſein Ungluͤck nicht veraͤn⸗ dert hat. Er iſt in ſeiner Zuruͤckgezogenheit nicht weniger ſeinem Herrn ergeben, als da er des Gluͤ⸗ ckes genoß, ihm im Angeſicht der Welt dienen zu duͤrfen.“ „Ich bin davon uͤberzeugt, Graf. Seht hier den Beweis, junger Mann,“ fuhr der Kai⸗ ſer nach einer Pauſe fort, indem er das geheime Fach eines Schreibpults oͤffnete, und verſchiedene Papiere herausnahm, die er Caſimir uͤber⸗ reichte,„ſetzt euch ruhig nieder, denn wir haben noch viel mit einander zu ſprechen. Erſt aber leſ't dieſe Briefe, und begreift alsdann wie bitter ich es mir vorwerfen muß, meinen Feinden vergoͤnnt zu haben, mich meiner rechten Hand berauben zu duͤrfen!“ Als der junge Wallenſtein dem Befehle ſeines Herrn folgte, erſtaunte er nicht wenig gleich in dem erſten Papier die Copie eines Briefes von Arnheim zu finden, der aus des Kaiſers Dien⸗ ſten zu den Schweden uͤbergegangen war, ſich nun weitlaͤuftig uͤber Ferdinands Undankbarkeit ausließ, und in dieſem Schreiben den Herzog v. Friedland gleichfalls zum Uehergange ermun⸗ terte, um Rache an dem Kaiſer zu nehmen, und die Lorbeeren Guſtaf Adolphs zu theilen. Zugleich ſicherte er ihm im Namen dieſes Monar⸗ chen, die Beſtaͤtigung ſeiner Auwartſchaft auf das Herzogthum Mecklenburg, die Garanntie aller ſei⸗ 124 ner uͤbrigen, weitlaͤuftigen Beſitzungen, und die Abtretung mehrerer Privilegien zu, die allein ſchon hinreichend geweſen waͤren den gewoͤhnlichen Ehr⸗ geiz eines Mannes zu beſtechen. Wallenſteins Antwort lautete: „Arnheim! euer Rath iſt der eines Ver⸗ raͤthers, und ich verachte ihn, ſo wie ich den ver⸗ achte, der ihn mir ertheilt. Ich werde wieder ſteigen, und, da ihr doch ein Freund von Rath⸗ ſchlaͤgen ſcheint, ſo rathet dann eurem Koͤnig, ſich aus dem Brennpunkt der Sonne entfernt zu halten. Friedland.“ „Seht da den Beweis eines wahrhaft erha⸗ benen Geiſtes,“ ſagte Ferdinand.„Da iſt kein kleinliches Schwanken, kein Warten des Er⸗ folgs, ſondern eine große Seele ſpricht ſich be⸗ ſtimmt und freiwillig aus. Mit Scham und Zer⸗ knirſchung geſtehe ich, daß, als ich das Papier zu eures Vaters Abdankung unterzeichnete, nur meine Hand Theil daran nahm; Kopf und Herz lehnten ſich maͤchtig dagegen auf, und dies Sträͤu⸗ ben iſt ſeitdem nur zu ſehr gerechtfertigt worden. 8„ —O——C—O—— ————————:— 123 Nun kenne ich die Maͤnner, durch deren Antrieb, oder vielmehr Zwang, dieſe Unterſchrift von mir erpreßt wurde; ich kenne ſie ihrem wahren Ge⸗ halte nach, dieſe Creaturen Richelieu's.— Den Baiern⸗ Fuͤrſten, den ich liebte, als ein Pri⸗ vatmann den andern liebt, und den Pater Jo⸗ ſeph, dem ich jedes Geheimniß meines Herzens vertraute. Wahrlich, dieſer Capuziner Moͤnch hat mich mit ſeinem Roſenkranze entwaffnet, und ſechs Churfuͤrſten⸗Huͤte mit ſeiner Kutte bedeckt.“ „Wenn aber Ew. Majeſtaͤt den Schluͤſſel zu dieſen Verwickelungen beſitzen, ſo werden ſie leicht zu loͤſen ſeyn.“ „Der feurigen Einbindungskraſe der Jugend erſcheint alles leicht; ich darf es aber dieſen Maͤn⸗ nern nicht einmal merken laſſen daß ich ſie durch⸗ ſchaut habe. Ich bin verdammt ſchweigend ihren Plaͤnen zuzuſehen, obgleich ich es ſo gut weiß als ſie, daß dieſe Plaͤne auf den Untergang meines Hauſes und die Zerſtuͤckelung meiner Provinzen, abzielen.— Das, junger Mann, nennt man Herrſcher⸗Macht!“. „Vielleicht waͤre es moͤg glich, mein gnaͤdi gſer Herr, daß die geheimen Auftraͤge mit denen ich 126 von meinem Vater beehrt bin, einige Huͤlſe gegen ein ſo maͤchtiges Uebel enthielten.“ Haſtig ergriff der Kaiſer die Papiere, als glaube er einen Zauber in ihnen verborgen zu fin⸗ den, der ihn wieder zu ſeinem Frieden verhelfen, und ſeine Angelegenheiten mit neuem Leben beſee⸗ len koͤnne. Er verſchloß ſie ſorgfaͤltig, und ließ ſich nun weitlaͤuftig gegen den Grafen aus, wie er alle Urſache habe zu glauben, daß manche der Churfuͤrſten und Edlen ſeines Hofes, welche die Maske der Freundſchaft und Treue gegen ihr Ober⸗ haupt truͤgen, bei den Fortſchritten des bis jetzt unuͤberwindlichen Schweden⸗Koͤnigs, durch die Finger geſehen, und wie ihre heimlichen Machi⸗ nationen ihm weit gefaͤhrlicher waͤren, als die offenbare Feindſchaft derer, die ſich im Aufſtande gegen ihn befaͤnden.„Tilly,“ fuhr er fort,„iſt ein tapferer General; aber hoͤchſt verwegen und grauſam, ſo daß ſelbſt ſeine gelungenſten Siege mir Schauder erregen. Die Einnahme von Mag⸗ deburg war eine Greuelthat, deren wohl wenig aͤhnliche in der Chriſtenheit begangen ſind, und der Unmenſch bruͤſtet ſich noch mit einer Verglei⸗ chung des Brandes von Troja und der Zerſtoͤ⸗ 127 rung Jeruſalems. So thuͤrmen ſich, wohin ich auch blicken mag, Ungewitter an meinem Ho⸗ rizonte auf, und auſſer dem Manne, den ich ſelbſt aus meiner Naͤhe getrieben habe, ſucht mein Auge vergebens nach einem Freund.“— Nach dieſen Mittheilungen vertrauete er Wal⸗ lenſtein ferner, daß wenn dieſe, ſeine geheime Unterredung mit ihm bekannt wuͤrde, auch dies ihn in unnennbare Schwierigkeiten verwickeln wuͤrde. „Es iſt ſicher nicht der kleinſte Theil meines Miß⸗ geſchicks,“ ſagte er,„genoͤthigt zu ſeyn mit Heuch⸗ lern zu heucheln. Was mich umgiebt, belauſcht meine Handlungen, wiegt meine Worte ab, ja zaͤhlt ſogar meine Seufzer. Euch, junger Mann, kommt es zu, behutſam zu Werke zu gehen. Wer, wie ihr, in dem Neſte des Adlers geboren iſt, laͤuft keine Gefahr durch das unumſchraͤnkte Ver⸗ trauen ſeines Monarchen verderbt zu werden; aber viele Augen werden auf euch gerichtet ſeyn. Zu⸗ ruͤckhaltung allein iſt nicht hinreichend; auch Ge⸗ wandtheit thut euch Noth, und vor allen Dingen ſeyd behutſam in der Wahl eurer Boten, die von hiier nach Prag geſandt werden.“ — 12s Indem Ferdinand noch ſo in ſeinen War⸗ nungen fortfuhr, und ſich gleichfalls auf das Ge⸗ naueſte nach den ausgezeichneten Maͤnnern erkun⸗ digte, die ſich dem Schickſale des Herzogs v. Friedland angeſchloſſen haͤtten, vernahm man einen leiſen Fußtritt und ein Pochen an die Thuͤr. Caſimir, Verrath dieſer naͤchtlichen Unterre⸗ dung fuͤrchtend, fuhr erſchrocken auf; doch uͤber des Kalſers Geſicht, auf dem tiefe Spuren des Grams ſichtbar waren, verbreitete ſich ein ſanftes Laͤcheln, indem er rief: „Komm naͤher, Marianne!— Sagte ich nicht eben es ſtaͤnde kein Freund mir zur Seite, in deſſen Buſen ich meinen Kummer ausſchuͤtten koͤnne? Doch kommt hier eine Freundin, deren fuͤßes Mitgefuͤhl meine Dornen⸗Krone mit Roſen umwindet; es iſt mein Weib!“ „Es iſt mein Weib!“— Dieſe Worte drangen tief in Wallenſteins Herz, und jetzt beneidete er den Mann, welchem er noch wenige lugenblicke vorher das hoͤchſte Milleid geſchenkt hatte. Er kniete nieder, die ihm huldreich darge⸗ reichte, ſchoͤne Hand zu kuͤſſen; aber die Augen . 4 129 der Kaiſerin blieben nur einen Moment auf ihn geheſtet... „Theurer Ferdinand,“ ſprach ſie,„die Blaͤſſe deiner eingefallenen Wange zeugt nur zu ſehr, wie ſchaͤdlich dir dieſe Nachtwachen ſind.— Der Zeiger zeigt ſchon drei Uhr; dein Auſſen⸗ bleiben beunruhigte mich, ich kam dich aufzu⸗ ſuchen.“ Auch auf dem Geſicht der Kaiſerin, lag gleich wie auf dem ihres Gemahls, ein Ausdruck tiefen Kummers, aus ihrem ſanften blauen Auge ſprach Trauer. Sie war in ein ganz einfaches, wei⸗ hes Gewand gekleidet, kein Schmuck der Herr⸗ ſcherin umgab ſie, weit groͤßer aber erſchien ſie durch den unendlichen Reiz, welchen die Natur ihr verliehen hatte. Ihre Geſtalt war etwas uͤber die gewoͤhnliche Groͤße erhaben, Wuͤrde und Anmuth lagen in ſo ſchoͤnem Verhaͤltniſſe uͤber ihrem gan⸗ zen Weſen verbreitet, daß es ſelbſt beim erſten Blick unmoͤglich war, ihr die ſchuldige Achtung zu. verſagen. Zwar war die erſte Jugendbluͤthe laͤngſt entſlohen, doch leuchtete aus ihren Zuͤgen ein un⸗ beſchreiblicher Liebreiz, der ihr ſteis die unum⸗ ſchraͤnkte Huldigung ihrer Unterthanen erhielt, wel⸗ W. v. W. II. 9 — 130 che leicht in den aufgeregten Gemuͤthern der Zeit, fuͤr eine minder bezaubernde Herrſcherin, durch den Geiſt des Zwieſpalts haͤtte erſtickt werden koͤn⸗ nen. Ihrem Gemahl ſtand ſie als Freundin, Troͤ⸗ ſterin zur Seite, ihr theilte er die innerſten Ge⸗ danken ſeiner Seele mit, an ihrem treuen Buſen ruhete er von ſeinen ſchweren Sorgen aus. Als Caſimir ſeine Augen aufs Neue zu ihr erhob, fiel ihm Luiſe ein; ſo dachte er, wird dieſe nach zwanzig Jahren ausſehen!— Und wirklich lag eine Aehnlichkeit im Weſen der beiden Geſtalten, die dieſen Vergleich wohl herbeifuͤhren konnte. Der Kaiſer theilte ihr nun den Inhalt der Unterredung mit, unter welcher ihm die Stun⸗ den der Nacht ſo unbemerkt dahingeſchwunden wa⸗ ren, und als er ihr den Sohn Wallenſtein's vorſtellte, ſetzte er laͤchelnd hinzu: „Du mußt unſere Geheimniſſe aber nicht dem Vetter Maximilian v. Baiern verrathen; durch die Huͦ ee des Vaters dieſes jungen Mannes verzweiſle ich keineswegs unſern Verwandten bald in Erſtaunen zu ſetzen, moͤchte mir aber durch Niemand vorgreifen laſſen. Morgen,“ ſagte er, ſich zu Caſimir wendend,„muͤßt ihr beim Le⸗ 131 ver erſcheinen, wo ich euch aber mit gutem Bei⸗ ſpiele vorgehen werde, um den Traum dieſer Nacht zu vergeſſen. Laßt euch von keinem froͤſtelnden Schauder ergreifen, was auch aͤuſſerlich ſich zutra⸗ gen mag; der eiſig kalte Prunk wird uns da mit allem kuͤnſtlichen Schein umgeben, was ihr hier ſeht und hoͤrt iſt Wahrheit, das genuͤge eurem Herzen.“— Hierauf wuͤnſchte er ihm treuherzig eine gute Nacht, die Kaiſerin, als ſie ihm aber⸗ mals die Hand huldreich bot, ſetzte noch freundlich hinzu: „Es iſt euch gelungen, Graf, die Nunzeln von der Stirn Sr. Majeſtaͤt durch eure Mitthei⸗ lungen zu verſcheuchen; ſelten haben ſeine ſchlaflo⸗ ſen Stunden eine aͤhnliche Wirkung auf ihn. Eure Anweſenheit ſcheint Heil bringend; moͤge dann auch ein Theil des Guten begluͤckend auf den Geber zu⸗ ruͤckfallen!“ Bewaffnet mit dem Schluͤſſel, der die kleine Nebenpforte oͤffnete, und den er nun zu fernerem Gebrauch behalten ſollte, und unterrichtet wie er die Schildwachen und jedes Spaͤher Auge vermei⸗ den koͤnne, ſchluͤpfte Caſimir die Stiegen hin⸗ unter, und fand ſich bald in ſeiner Wohnung. 9 8 132 Kopf und Herz waren ſo aufgeregt, daß der Schlaf ihn noch lange floh; ſelbſt der Gedanke an Luiſe fand kaum Raum in ſeiner Bruſt. Der reinſte Eifer fuͤr das Wohl ſeines getaͤuſchten Monarchen, der heißeſte Wunſch ihn und ſeinen Vater auf ei⸗ nem Standpunkt zu ſehen, wo ſie ihrer wuͤrdig uͤber die gemeinſchaftlichen Feinde triumphirten, und das geheime Verlangen, wenn auch nur entfernt dazu beitragen zu koͤnnen, das Gluͤck und die Ruhe der erhabenen Frau wieder herzuſtellen, nahmen ſeine ganze Seele ein. Unbegreiflich fand er es daß die, welche die Kaiſerin taͤglich umgaben, den Muth haben koͤnnten, einen Stachel in dies edle Herz zu ſtoßen; denn Caſimir was wahrhaft ein Ritter vom alten Schlage, und ſo wie es die⸗ ſen die Ehre gebot, fuͤr jede den Frauen erzeigte Ungebuͤhr eine Lanze zu brechen, ſo haͤtte auch er ſeinen Handſchuh ſogleich jenen Elenden hinwerfen moͤgen.* 5 VII. Durch ein ſonderbares Zuſammentreſſen wurde die Freiherrin v. Marchfeldt an dem naͤmli⸗ chen age von ihrer Tante, der Graͤfin v. Er⸗ denheim bei Hofe praͤſentirt, an welchem Ca⸗ ſimir von ſeinem Oheim muͤtterlicher Seite, dem Grafen Harrach, daſelbſt eingefuͤhrt werden ſollte. Luiſe fand bei ihrem Eintritt die Kaiſe⸗ rin von ihren Hof⸗Damen, einigen Kammerherrn und ein paar Pagen umgeben, von denen der eine faſt noch ein Kind war. 4 Eine nicht zu verkennende Aehnlichkeit in der Geſtalt und dem Ausdruck des jungen Fraͤuleins nit der Kaiſerin, verurſachte eine gewiſſe anzie⸗ hende Kraft fuͤr beide, ſo daß ſie ſich ſchon im er⸗ ſten Augenblicke nicht mehr fremd waren. Nie noch hatte Luiſe ſich einer Monarchin genaht; das Gefuͤhl kindlicher Ehrfurcht miſchte ſich mit dem der Bewunderung, indem ſie vor ihrer erha⸗ ₰ 8 4 134. benen Herrſcherin ſtand, die mit ungemein huld⸗ reichem Laͤcheln dem ſchoͤnen Maͤdchen die Wange zum Kuſſe darbot. „So iſt es uns endlich doch gelungen,“ ſagte ſie,„euch aus eurer geliebten Einſamkeit zu locken! Solch eine Roſe darf billig nicht in der Wuͤſte bluͤhen.— Und doch,“ ſetzte ſie gedankenvoll hinzu,„herrſcht Friede in der Wuͤſte, und wenn es auch Niemand dort giebt der uns ſchmeichelt, ſo werden wir auch von Niemanden getaͤuſcht und hintergangen.“ 4 Luiſe ſtimmte innerlich in den Seufzer ein, mit welchem dieſe letzten Worte geſprochen wurden, . obgleich ſie freilich dachte: wohin Bringen Trug und Taͤuſchung nicht?— Nur ſelten erlaubte die Kaiſerin ſich, oͤffent⸗ lich ihre Gedanken durch Worte zu aͤußern, die das Gefuͤhl verrathen konnten, denn Marianne v. Baiern ward eben ſo ſorgfaͤltig bewacht, als ihr erhabener Gemahl. Gewohnt ſich den Schran⸗ ken ſtrenger Hof⸗Etiquette zu fuͤgen, laͤchelte, ſprach und verbeugte ſie ſich, dem Herkommen ge⸗ maͤß. Jedoch hatte ein gewiſſes Etwas im Aus⸗ druck des Fraͤuleins, ſie verleitet einen Augenblick 135 die Grenzen der vorgeſchriebenen Foͤrmlichkeit zu uͤbertreten, und beſorgt einen Fehltritt begangen zu haben, ſagte ſie mit der gewoͤhnlichen Hof⸗ Miene:— „Da wir euch einmal beſitzen, mein Fraͤu⸗ lein, duͤrft ihr uns nicht eutſchluͤpfen bis wir eine vollkommene Hofdame aus euch gebildet haben; und ſollte es uns nicht gelingen euch gluͤcklich in unſerer Mitte zu ſehen, wird unſer Beſtreben we⸗ nigſtens darauf gerichtet ſeyn, euch einigen Ab⸗ ſcheu gegen die Einſamkeit einzufloͤßen. Was iſt eure Meinung in dieſer Hinſicht, Fuͤrſtin?“ ſetzte ſie hinzu, ſich zur Stollberg, ihrer erſten Hof⸗ Dame, wendend. „Ich glaube Ew. Majeſtaͤt haben vollkommen recht; ſobald die Baroneſſe nur erſt von dem Goͤt⸗ tertrank gekoſtet hat, der einzig in der Naͤhe der Großen geſpendet wird, werden die einfoͤrmigen Thuͤrme des Schloſſes ihrer Vaͤter weiter keinen Reiz fuͤr ſie haben. Nur hei uns bluͤht der wahre Lotos; einmal damit befreundet, tilgt er jede Er⸗ innerung an das Haus und die haͤuslichen Freuden.“ „Wenn der Aufenthalt am Hofe das Vor⸗ recht einſchließt, den ſchuldigen Tribut der Ach⸗ 8 136 tung in Perſon zu den Fuͤßen ſeiner Herrſcherin legen zu duͤrfen,“ fiel Luiſe etwas ſcheu ein,„ſo brenne ich vor Verlangen meinen Dienſt ſogleich antreten zu duͤrfen.“ „Unvergleichlich!“ rief die Füͤrſtin Stoll⸗ berg etwas ſpoͤttiſch.„Euer erſter Verſuch, Ba⸗ roneſſe, gelingt ſo uͤber alle Erwartung, daß eure Lehrmeiſter Gefahr laufen, von euch uͤbertroffen zu werden.“ „Obgleich die Phraſe zwar vöͤlig hoͤfiſh ge⸗ ſtellt war,“ bemerkte die Kaiſerin,„ſo verrieth dennoch Miene und Ausdruck noch den friſchen Hauch der Landluft. Ihr, Fuͤrſtin, werdet noch eure Noth haben: Wiewohl nun dieſe Worte doppelſinnig, und von keinem freundlichen Laͤcheln begleitet waren, ſo ſchien doch ein geheimes Verſtaͤndniß unter der Kaiſerin und Luiſen obzuwalten; wenigſtens hegte dieſe die befriedigende Ueberzeugung, von ihrer Monarchin mit guͤnſtigem Blick betrachtet zu werden. 4 1 Was die Graͤfin Erdenheim anbetraf, konnte ſie vollig das Gegenſtuͤck zu ihrem Gemahle abgeben, von dem ſie ſich nur darin unterſchied, 8 —— — 137 daß ſie weniger wahres Gefuͤhl beſaß, und ſeine hoͤſiſchen Foͤrmlichkeiten bis zur hoͤchſten Carrikatur uͤbertrieb. Sie war im eigentlichſten Sinne des Worts, eine Zierpuppe, die ſtrenge auf herge⸗ brachten Brauch hielt, und jede Neuerung haßte; eine wahre Hof⸗Maſchine, ſtets feierlich und ſchweigſam. Kamen einmal einige Worte uͤber ihre Lippen, ſo waren ſie wohl geſetzt, und nie durch einen Gedanken, der ihr auch nur auf die ent⸗ fernteſte Art nachtheilig ſeyn konnte, verunreint; jede Artigkeit befand ſich eigen gemuͤnzt auf die Perſon, bei welcher ſie angebracht wurde, ja ſie ward ſo zweckmaͤßig geſtellt, daß ihre Beziehung gewiß den rechten Punkt nicht verfehlte. Dabei ſchmeichelte ſie nie gradezn, laͤchelte ſelten, ſtets aber ſah man ſie dienſtbefliſſen auf ihrem ange⸗ wieſenen Platz, um ihre mechaniſchen Pflichten ſchuldigſt ausuͤben zu koͤnnen. Ihrem Sinne von Hof⸗ Etiquette gemaͤß, fuͤhlte ſie ſich auf das Aeuſſerſte erſtaunt und be⸗ troffen uͤber die unerhoͤrte Vermeſſenheit ihrer Nichte, die ſie einzig auf die laͤndliche Erziehung ſchrieb. Bei der erſten Praͤſentation am Hofe auch nur den Ton ſeiner Stimme hoͤren zu laſſen, 138 4 war ſchon an und für ſich eine Abweichung vom Decorum; aber uͤberdies noch mit einer Miene und einem Ausdrucke zu ſprechen, die hinlaͤnglich verriethen daß man ein ſo gemeines Ding, als ein Herz, beſitze, mußte jeden erroͤthen machen; und wirklich erroͤthete die Frau Graͤfin, ſelbſt durch ihre ſtark aufgelegte Schminke, ſichtbar uͤber ihre ausgeartete Verwandte, indem ſie es ſich bitter vorwarf, ſie nicht ein wenig laͤnger unter ihrer Privat⸗ Zucht behalten zu haben. Die Kaiſerin, fuͤrchtend durch mehrere Be⸗ weiſe der Aufmerkſamkeit gegen die intereſſante Fremde, das Auge ihrer boshaften Beobachter auf ſich zu ziehen, fing eifrig an mit ihrem kleinen Pagen zu ſpielen, der die Waiſe einer ihr ſehr theuren Frau war. Kaum wird man es glauben, indeß dieſer kleine Theodor genoß des ſeltnen Vorrechts, der Liebling Aller zu ſeyn, und dennoch keinen Feind zu beſitzen. Niemand fuͤrchtete, oder beneidete den Knaben, und das gluͤckliche Kind genoß von allen Seiten nur Liebkoſungen. Indem man nun noch beſchaͤftigt war uͤber ſein kunſtloſes Geſchwaͤtz zu laͤcheln, trat der Kaiſer mit einigen Herrn ſeines Hofes, in den Kreis. Das kaiſer⸗ 139 liche Paar begruͤßte ſich feierlich, und die Reihe kam nun an Luiſe auch dem Monarchen vorge⸗ ſtellt zu werden, welcher, ohne weiter ihrer Ab⸗ neigung fuͤr das Hofleben zu gedenken, die ſie durch ihre verzoͤgerte Ankunft verrathen hatte, ſie auf die gnaͤdigſte Weiſe willkommen hieß. Der kleine Theodor ſtand waͤhrend dieſer Scene unverwandt auf einer Stelle, Luiſe immerfort betrachtend. Den forſchenden Blick des Kindes bemerkend, ſagte Ferdinand freundlich:„Es ſcheint, meine Gnaͤdige, als haͤttet ihr hier ſchon einen Gefange⸗ nen gemacht; ohne Zweifel nur eine kleine Probe von den vielen welche folgen werden.— Aber woran denkſt du, Theodor? Du ſtierſt ſchon drei Minuten, ohne ein Wort zu ſagen.“ „Ich moͤchte gern den Unterſchied zwiſchen meiner gnaͤdigen Kaiſerin und dieſer ſchoͤnen Dame ausfinden.“ 8 „Du biſt ein ſchlauer Bube, und haſt gewiß die Aehnlichkeit bereits ausgefunden. Ohne Zwei⸗ fel iſt eine Aehnlichkeit zwiſchen meiner erlauchten Gemahlin und der Freiherrin v. March fe ldt. 140 und dieſe iſt dem Knaben aufgefallen,“ ſagte er, ſich zu den uͤbrigen Damen wendend. „Ew. kaiſerliche Majeſtaͤt ſind allzu gnaͤdig,“ fiel die Graͤfin Er denheim ein;„doch wuͤrde meine Nichte gewiß um aller Welt willen nicht ſo verwegen ſeyn ſich einzubilden, daß auch nur die entfernteſte Aehnlichkeit zwiſchen ihr und unſe⸗ rer erhabenen Herrſcherin ſtatt finden koͤnnte!“ „Dennoch koͤnnen wir ſie von der verwegenen Thatſache nicht frei ſprechen, ſo unſchuldig ihre Abſichten auch immer dabei ſeyn moͤgen.“ „Ja, ja,“ ſagte Theodor,„ſie ſind Beide ſchlank gewachſen und ſchoͤn, haben Beide blaue Augen; Beide ſehen ernſthaft aus, aber wenn ſie löcheln iſt es hoͤchſt anmuthig.— Und uͤberdies hat doch die neue Dame weit mehr das Anſehen einer Kaiſerin, als alle die Uebrigen.“ 4 „Kleiner Unverſchaͤmter!“ ſtel die Fuͤrſtin Stollberg ein.„Du beſitzeſt ſchon alle Flatter⸗ haftigkeit deines Geſchlechts. Sage mir aber doch, worin liegt denn in der neuen Dame das Anſehen einer Kaiſerin?“ „Ach, das kann ich nicht ſagen, wenn ich ſie auch den ganzen Tag betrachtete; aber ſie floͤßt 141 mir ein Gefuͤhl ein, als muͤſſe ich mich unendlich faͤrchten ſie zu beleidigen, und als koͤnne ich ſie ſo recht herzlich lieben! Grade daſſelbe was ich bei meiner kaiſerlichen Herrinn empfinde.“ Bei dieſen Worten hob er ſein kleines, roſens wangiges Koͤpſchen, mit den dunkeln Augen, aus denen innige Dankbarkeit hervorleuchtete, zu der Kaiſerin empor; der ganze Kreis der Damen ſtand verlegen da, und Luiſe theilte die Empfin⸗ dung der Uebrigen, denn ihre gefunde Vernunft mußte ihr ſchon ſagen, wie ſehr das unſchuldige Geſchwaͤtz den Neid der Frauen uͤber ſie erregte, haͤtte nicht eine finſtre Wolke, die auf der Stirn der Fuͤrſtin Stollberg unverkenntlich war, ihr dies noch weit deutlicher verkuͤndet. Gluͤcklicher Weiſe wurde aller Aufmerkſamkeit in dieſem Augenblicke auf den Grafen Harrach gezogen, der mit Wallenſtein eintrat. Graf Haxrrach war ein Bruder der zweiten Gemahlin des Herzogs v. Friedland, die ſchon in der erſten Kindheit unſeres Helden ſtarb. So lange die Macht des Herzogs dauerte, bruͤſtete der Graf ſich nicht wenig mit dieſem Schwager, und erman⸗ gelte nicht ſie zur Ausfuͤhrung manches Plans, der „ auf ſeine eigne Groͤße abzielte, zu benutzen. Kei⸗ ner konnte mehr als er die ausgezeichneten Talen⸗ te, das erhabene Genie, den allmaͤchtigen Einfluß dieſes großen Mannes ruͤhmen; er fuͤhrte ſeinen Namen beſtaͤndig im Munde, ja um ſeine hoͤchſt uubedeutende Perſon zu heben, brachte er die Worte: mein erhabener Bruder, der Herzog von Friedland, gewiß ſo oft als moͤglich an, ſelbſt bei Gegenſtaͤnden, wo ſie keineswegs paßlich wa⸗ ren. Doch des Grafen bruͤderliche Geſinnungen hatten einen ſchweren Stoß bei der Ungnade erlit⸗ ten, worein, ſeiner Meinung nach, der Her⸗ zog gefallen ſey, um ſich nie wieder zu erheben; auch fuͤhlte er bei ſo bewandten Unſtaͤnden keine beſondere Neigung gegen ſeinen jungen Neffen. Doch da er ein Mann von furchtſamem, hoͤchſt vorſichtigen Charakter war, wollte er es auch nicht ganz mit dem verbannten Schwager verderben, und wagte es alſo nicht den Auftrag, den Sohn bei Hofe einzufuͤhren, foͤrmlich abzulehnen. Nicht ohne veraͤchtliches Ergoͤtzen bemerkte Caſimir die Seelenangſt dieſes Hoͤflings, als er ihn zu der peinlichen Aufgabe noͤthigte die Welt zu erinnern, daß der Sohn eines in Ungnade ge⸗ 143 fallenen Mannes, ſein ſo naher Verwandter ſey. Zum Gluͤck fuͤr Wallenſtein ſtand Luiſe bei ſeinem Eintritt in den Saal, grade hinter der Kaiſerin, er bemerkte ſie alſo nicht, waͤhrend ſein Anblick ſie antrieb, ihren Platz ſorgfaͤltig zu be⸗ wahren. So nahete er ſich unbefangen, mit dem ihm eigenen, einnehmenden Weſen, dem Monar⸗ chen, deſſen kalter Empfang, ihn ungeachtet der geſtrigen Warnung, doch etwas befremdete. Kaum vermochte er ſich vorzuſtellen daß dieſer ſtolze, ſtrenge Mann derſelbe ſey, mit dem er im kindli⸗ chen Vertrauen eines Sohnes zum Vater, mehrere Stunden der vergangenen Nacht zugebracht habe. Er zitterte von der Kaiſerin eines aͤhnlichen Em⸗ pfangs gewaͤrtig ſeyn zu muͤſſen, und wagte es kaum ſich der zu naͤhern, deren ungnaͤdiger Blick ihm eben ſo unertraͤglich ſchien, als ihr Laͤcheln ihn geſtern bezaubert hatte. Graf Harrach, deſſen Verwirrung gleich⸗ falls jede Minute ſtieg, ſah ſich dennoch genoͤthigt den bittern Kelch voͤllig zu leeren, indem er ſeinen Neſſen auch der Kaiſerin vorſtellte, ein Geſchaͤft, welches unter andern Umſtaͤnden, der Kaiſer ge⸗ woͤhnlich ſelbſt uͤbernahm. Zum erſten Male in 2* 144 ſeinem Leben fuͤhlte Caſimir ſeinen Muth wan⸗ ken, ſein Vertrauen ſchwinden; er befand ſich in einer ihm ganz neuen, ſchwierigen Lage, und es bedurfte der aͤußerſten Anſtrengung aller ſeiner . Kraͤfte, um nur das Unvermeidliche leidlich zu be⸗ ſtehen. Seine innre Beklemmung wurde noch um ein Großes vermehrt, als er, indem er ein Knie vor der Kaiſerin beugte, Luiſe hinter ihr ſtehend erblickte; peinliche, demuͤthigende Empfindungen aller Ark, bemaͤchtigten ſich ſeiner in ſolchem Gra⸗ de, daß er kaum im Stande war ſich wieder von der Erde zu erheben. Der Kaiſerin entging ſeine Verlegenheit keineswegs; ſie litt fuͤr ihn, durſte ſich aber ihre Theilnahme nicht merken laſſen. Luiſe verbeugte ſich ſtumm, und ſchien doch we⸗ nigſtens nicht geneigt ſeine Verwirrung noch zu ver⸗ mehren. Als er nun aber eine kurze Frage nach ihrem Befinden an ſie richtete, und die Hoffnung hinzufuͤgte, daß der neuliche Vorfall auf der Reiſe keine nachtheilige Folgen fuͤr ihre Geſundheit ge⸗ habt haben moͤge, wurden feine Erkundigungen mit einer ſo kalten Ruhe beantwortet, die voͤllig hinlaͤnglich war, alle eingebildeten Traͤume eines Verliebten auf einmal zu vernichten. Dieſe ſchnei⸗ 145 dende Kaͤlte that ihm ſo weh, daß er die Unterre⸗ dung ſchnell abbrach; er fuͤhlte ſich uͤber alle Ma⸗ ßen ungluͤcklich, und obgleich in dieſem Moment die Blicke vieler ſchoͤnen Frauen auf ihn geheftet waren, zog er ſich finſter zuruͤck, um, an einen Pfeiler gelehnt, ſich ſeinem Unmuth zu uͤberlaſſen. Um die Pein noch zu vermehren, mußte grade jetzt der ſiegreiche Feind ſeines Vaters, Maxi⸗ milian v. Baiern, eintreten. Der freundli⸗ che Empfang des durch ihn ſo tief gekraͤnkten Kaiſers, das trotzige Selbſtvertrauen mit welchem es dem Verraͤther erlaubt wurde, das ſchuldige Haupt in dem Kreiſe zu erheben, in dem er wegen ſeines aͤuſſerſt zweideutigen Betragens, kaum ein Recht zu erſcheinen hatte, dies alles brachte ihn faſt zur Verzweiflung. Der Baiern Fuͤrſt zog ſich jetzt mit Ferdinand an ein Fenſter zuruͤck, und nur zu deutlich bemerkte er, aus den von Zeit zu Zeit auf ihn geworfenen Blicken, wie er der Ge⸗ genſtand ihrer Unterhaltung ſey; zugleich ſchien es ihm als wenn nicht die freundlichſten Worte unter Beiden gewechſelt wuͤrden. Er vermuthete der Churfuͤrſt mache dem Kaiſer wegen ſeiner Anweſen⸗ heit Vorwuͤrfe und ſchwur es ſich heimlich, wenn W. v. W. II.. 10 146 Ferdinand auch hier wieder nachgiebig ſey, auf ewig dem Dienſte eines ſo ſchwachen Monarchen zu entſagen. Seine Vermuthung war eines Theils nicht ungegruͤndet; Maximilian bezeigte in der That ſeine Verwunderung, den Sohn des Herzogs v. Friedland am Hofe zu finden, und ſtellte dem Kaiſer vor, zu welchen nachtheiligen Folgerungen dies wieder die uͤbrigen Churfuͤrſten, welche all⸗ ihre Stimmen zu ſeiner Abſetzung gegeben, veram laſſen wuͤrde. „Es ſcheint mir Vetter,“ erwiederte Ferdi⸗ dinand,„als behandeltet ihr mich gleich eurem Muͤndel; aber meine Nachgiebigkeit hat bei alle dem doch ihre Grenzen. Es iſt euch gelungen den aͤlteren Wallenſtein von der Spitze meines Heeres zu vertreiben; doch ſollt ihr nie, ſo leicht es euch auch ſcheinen mag, den Sohn aus dieſem Kreiſe verbannen.“ „2 Im Gefuͤhl ſeines bisherigen Uebergewichts uͤber den Kaiſer, murmelte der Baier etwas einer Drohung aͤhnliches, daß entweder er, oder der junge Wallenſtein ſich entfernen muͤſſe, doch 147 Ferdinand wandte ſich ſchnell von ihm, und uͤberließ ihn ſeinen eigenen Betrachtungen. Nicht allein dieſen beiden Perſonen diente Wallenſtein zum Gegenſtand der Unterredung. Die Fuͤrſtin Stollberg welche ihn gleich beim erſten Eintritte mit bewundernder Neugierde be⸗ trachtet hatte, winkte jetzt den Grafen Harrach unter der Bemerkung an ihre Seite: ſein Neffe ſey ein wahrer Apollo, ſeit Jahren habe man nichts Aehnliches am Hofe geſehen, und er koͤnne mit Recht ſtolz auf ihn ſeyn. „Dennoch, meine Gnaͤdigſte,“ erwiederte der Hofmann,“ kann ich ſeine Erſcheinung hier nicht billigen, wenigſtens iſt ſie nicht durchaus mit mei⸗ ner Einwilligung geſchehen!— Was nun den Stolz anbelangt—— ja, ja, der junge Mann iſt ganz huͤbſch; doch ſcheint ein gewiſſer truͤber Geiſt in ihm zu hauſen, ſo daß— daß ich—— „Ich verſtehe, Graf; ihr wollt ſagen daß ihr nicht ſo ſtolz auf ihn ſeyn koͤnnet, als ihr es auf den Vater wart, da dieſer ſich noch auf dem Gipfel ſeiner Groͤße befand! Es iſt mir noch gar ſehr in der Erinnerung wie ihr den vergoͤttertet; 10 † 148 eine ſo reine, uneigenmuͤtzige Freundſchaft hat doch ungemein viel Ruͤhrendes!“— Harrach, dem eine Beziehung auf den lie⸗ ben, beruͤhmten Bruder, eben nicht ſehr willkom⸗ men war, ſah ſich gluͤcklicher Weiſe durch die Be⸗ merkung der Graͤfn Erdenheim aus der Ver⸗ legenheit gezogen, welche meinte durchaus nichts Bewundernswuͤrdiges an dem jungen Graſen wahrnehmen zu koͤnnen.„Es iſt deutlich,“ ſetzte ſie als Beſtaͤtigung ihres Urtheils hinzu:„daß auch Ihre Kaiſerlichen Majeſtaͤten ihn nur ſehr kalt zu betrachten geruhen; uͤberdies iſt mir noch nie ein ſchlecht erzogenerer junger Mann vorgekom⸗ men. Ich habe, Dank ſey dem Himmel, ſchon mancher erſten Praͤſentation junger Edelleute bei⸗ gewohnt; aber nie einen bemerkt, der weder in Miene noch Gebehrden den geringſten Groll, oder die mindeſte Empfindlichkeit haͤtte merken laſſen, die Aufnahme mochte auch beſchaffen ſeyn wie ſie wollte. So wundert es mich freylich nicht, wenn der Herr Graf uͤber dieſen Neffen beſchaͤmt und verlegen iſt.“ „„ Ach, meine Gnaͤdige,“ ſeufzte der Graf, ſich innerlich des Schutzes einer ſolchen Alliirten freu⸗ 149 end,„und wenn die Sache nur damit vorbei waͤ⸗ re!— Aber Sr. Hoheit, der Churfürſt v. Baiern, ein Prinz, den ich um aller Welt wil⸗ len nicht beleidigen moͤchte, geruht mich mit ſo miß⸗ kaͤlligen Blicken anzuſchauen, daß ich in die Erde ſinken moͤchte. Ich darf mir wohl ſchmeicheln daß. Niemand in hoͤherer Gunſt bei dieſem Herrn ſtand, als meine Wenigkeit, bis mein bethoͤrter Schwa⸗ ger den unſeeligen Einfall hatte, mir ſeinen Sohn zuzuſchicken!— Wer weiß ob ich mich nun je wieder eines huldreichen Blickes vom Churfuͤrſten werde zu ruͤhmen haben!“ „Außerordentlich hart““ rief die Gräfin; „eine aͤußerſt difficile Lage!“ „Was mich betrifft;„ fiel die Fürſtin ein, „moͤchte ich weit lieber ein Laͤcheln ar uf dem hoͤchſt bedeutenden Geſichte dieſes jungen Mannes ſehen, das ſo kraͤftig den beleidigten Stolz eines maͤnnli⸗ chen Gemuͤths ausdruͤckt, als zehn gnaͤdige Kopf⸗ nicken des Baiern⸗Fuͤrſten auf mich beziehen duͤr⸗ fen; aber vom Geſchmack laͤßt ſich nicht urtheilen. Mich wundert es durchaus nicht daß dieſe Aufnah⸗ me den jungen Wallenſtein verdroſſen hat, wenn er nur nicht daruͤber in die Erde ſinkt, wie 150 ihr, Herr Graf, uͤber die gerunzelte Stirn Ma⸗ rimilians zu thun droht. Ich muß ihm ein⸗ mal zureden.“ Harrach und ſeine Verbuͤndete hoben Au⸗ gen und Haͤnde gen Himmel.„Es nimmt mich Wunder,“ aͤußerte der Erſte,„wie dieſe vorſchnelle, fluͤchtige Dame noch immer ihren Einfluß bei Ihrer Majeſtaͤt, der Kaiſerin, behaͤlt!“ „Auch mir iſt es ein Raͤthſel,“ entgegnete die Graͤfin leiſe;„denn wahrhaftig, ihre Verſtoͤße gegen das Decorum ſind uͤber alle Begriffe, und es iſt mir unerklaͤrlich wie eine Dame von ihrem Stande ſo wenig Achtung fuͤr den Rang beweiſen kann.“ „Daß ſie Notiz von Wallenſtein nimmt iſt wieder die aller unbeſonnenſte Sache von der Welt! Ich ſchmeichelte mir ſchon, wenn er ſo allein und verlaſſen da ſtehen bliebe, wuͤrde er das ge⸗ ſcheidtſte Mittel ergreifen, und abziehen; aber nun iſt daran nicht zu denken.— Junge Leute ſind ei⸗ tel!— Wahrhaftig, bemerken Euer Gnaden nur, ſie hat ihn ſchon zum Laͤcheln gebracht! Nun behalte ich ihn ſicher auf dem Halſe, waͤre es auch nur um hinter ihr her zu flattern. Bleibt er hier, ſo ſinke ich vor Scham in die Erde!“— So entzuͤckt ſich ein Menſch fuͤhlen muß der, auf einer unbewohnten Wuͤſte einherirrend, ein anderes menſchliches Weſen ſich ihm mit Theilnahme naͤhern ſieht, ſo entzuͤckt fuͤhlte Wallenſtein ſich hier, in dieſer hoͤfiſchen Wuͤſtenei durch die freundliche Stimme, mit der eine ſchoͤne Frau ihn anredete. Er erwachte wie aus einem Traum, er ſah ſich in dem Gewuͤhl ſo mannigfaltiger Ge⸗ ſtalten, nicht laͤnger allein und verlaſſen. Die Fuͤrſtin noch ganz in der ſcherzhaften Laune befangen, mit welcher ſie eben die beiden ſteifen Hofſchranzen gequaͤlt hatte, nahete ſich ihm mit einer ſo wohl⸗ wollenden, einnehmenden Art, die wenn ſie auch nicht ſeine Eitelkeit rege machte, doch ſeine Dank⸗ barkeit in einem hohen Grade erweckte. „Da ihr, Herr Graf,“ hub ſie an,„ohne Zweifel ſchon andere Hoͤfe beſucht habt, muß euch die freudenleere Foͤrmlichkeit unſeres Hofs ſehr be⸗ fremdend ſeyn. Fuͤr einen Neuling iſt dieſer ſteife Zwang allerdings niederſchlagend, aber wer nur die Geduld hat zu beharren, findet doch am Ende Erſatz.“ 15² „Ich huͤte mich nach dem gegenwaͤrtigen Ein⸗ drucke, eine Meinung vom Kaiſer⸗Hofe zu faſſen; die Umſtände der Zeit koͤnnen ihm den finſtern Charakter geliehen haben, der jetzt vorherrſchend zu ſeyn ſcheint. Dennoch wird ſelbſt der unem⸗ pfindlichſte Menſch nicht leugnen, daß er Reize enthaͤlt.“ Eine verbindliche Verbeugung zeigte worauf der letztre Theil der Rede ſich beziehen ſollte. Waͤhrend Beide noch im Geſpraͤch begrif⸗ fen waren, ging der Churfuͤrſt v. Baiern ſo nahe an ihnen vorbei, daß ſein Degen an Wallen⸗ ſteins Degen ſtieß. Eine hohe Roͤthe uͤberzog in dieſem Augenblicke die Wangen beider Maͤnner, indem ſie ſich raſch gegen einander wandten. „Es geſchah unverſehens, Graf,“ ſagte der Churfuͤrſt ſchnell, als wolle er der Frage des An⸗ dern zuvorkommen. „So,“ erwiederte Wallenſtein kurz. „Das iſt nun gegenwaͤrtig der Held des Ta⸗ ges,“ fuhr die Fuͤrſtin fort;„ein Mann voll ein⸗ gebildeten Duͤnkels, der uns ſicher groͤßeres Unheil gebracht hat, als der Nordiſche Koͤnig uns jemals bringen wird, weil er durch ſeine ſchlauen Kuͤnſte den groͤßten Krieger und feinſten Staatsmann 153 von der Spitze unſerer Heere entfernte, und dafuͤr ſein kleines Scheuſal, den Grafen Tilly auf dieſen Platz ſtellte.“ Caſimir konnte ein Laͤcheln nicht zuruͤckhal⸗ ten, indem er erwiederte“: Die Natur iſt frey⸗ lich in ihren aͤußern Gaben ſehr karg gegen Tilly geweſen; aber in dieſer wenig einnehmenden Ge⸗ ſtalt, wohnt dennoch ein tapfrer Geiſt.“ „Wenig einnehmend! Nein, die Natur ver⸗ gaß bei ſeiner Entſtehung gaͤnzlich daß ſie ein menſchliches Geſchoͤpf formen wollte, und ſo ward ein Affe daraus. Ich freue mich aber jedesmal wenn ich ihn hier auftreten ſehe, denn ſein ganzes Weſen ſticht auf eine ſo grell⸗comiſche Weiſe gegen das Weſen verſchiedener unſerer Zierpuppen ab, daß ich oft ſchon auf dem Wege war, eine grobe Suͤnde gegen das Decorum zu begehen, und in ein lautes Gelaͤchter auszubrechen; und dies iſt wahrlich eine große Verbindlichkeit die ich gegen ihn habe. Noch ſehe ich ſie vor mir, dieſe gro⸗ teske Geſtalt, mit dem kleinen, zugefpitzten Ge⸗ ſicht, das faſt gaͤnzlich von dem maͤchtigen Knebel⸗ bart beſchattet wird, dem ſchlichten, kurzen, grauen Haar, und dem bizarren, ſchreckhaften Anſehen, 154 wie ſie mit dem hoch aufgeſtutzten Hut, den eine lange, rothe Straußfeder ziert, im halb Spaniſchen, halb Deutſchen Coſtum, die Piſtole im Guͤrtel, mit dem Schritt einer Schildwache, durch die wei⸗ ten Gemaͤcher ſtolziert, voͤllig unbekuͤmmert wem ſie die Fuͤße abtritt. Auf einem dieſer Maͤrſche haͤtte er bald den Grafen Harrach zu Boden ge⸗ rannt, der ſeine wohl einſtudierte Klugheit bei die⸗ ſem unerwarteten Caſus in ſolchem Grade vergaß, ſich mit einer Art von veraͤchtlichem Unwillen nach ihm umzuwenden; gleich aber wurde er in ſeine geſchmeidige Form zuruͤckgebracht, durch die Stim⸗ me des kleinen Generals, der ihm wie aus einem Sprachrohre zubruͤllte: Ihr moͤcht immerhin uͤber die Verſchiedenheit unſerer Manieren laͤcheln; aber wißt, daß ich mit dieſer Piſtole in meinem Guͤrtel, und ohne ſie jemals da herauszuziehen, ſchon ſie⸗ ben Schlachten gewonnen habe, und wenn ihr euch erſt eines aͤhnlichen ruͤhmen koͤnnt, Graf, ſo wer⸗ det ihr Stand halten beim Laͤcheln eines Gecken!— Bei dieſen Worten kraͤuſelte ſich ſein ſchreckhafter Knebelbart auf eine furchtbare Weiſe in die Hö⸗ he;— ihr glaubt kaum, Graf, wie ſehr die Nerven eures armen Oheims angegriffen wurden.“ 155 Das unterhaltende Geſchwaͤtz dieſer ungemein lebhaſten Dame, zerſtreute auf eine anmuthige Weiſe Wallenſteins finſtre Stimmung; er ſah wenigſtens daß ein Weſen am Hofe Antheil an ihn nahm, und fuͤhlte ſich nicht mehr ſo verlaſſen. Dennoch erſtaunte er uͤber die Freiheit mit der ſie Dinge beruͤhrte, die er fuͤr gaͤnzlich verpoͤnt hielt, und konnte nicht umhin ſeine Verwunderung daruͤ⸗ ber gegen ſie zu aͤußern. „Das ruͤhrt daher weil ich ein lebendiges Weſen unter allen dieſen Automaten bin, und zu⸗ viel von der Weiber Natur beſitze, um das was ich denke und enpfinde, vor Andern verſchweigen zu koͤnnen.“ „Fuͤrchtet ihr aber nicht die Strafe fuͤr dieſe Befriedigung eures Gefuͤhls?“ „Habt ihr noch nicht erfahren daß Feigheit ſich oͤfterer in Gefahr befindet, als Muth? Meine Offenheit iſt keinem verdaͤchtig, und bei einem Charakter, der offenbar als muthwillig, eigenſin⸗ nig, und ſo veraͤnderlich als ein April⸗Tag be⸗ kannt iſt, erſtaunt Niemand uͤber das launenhafte Weſen. So biete ich euch denn zum Beweiſe meines Muthes, meine Freundſchaft an. Aber 156 ſeht, der Kaiſer blickt umher, als habe er Befehle fuͤr mich; ich muß euch jetzt verlaſſen, doch hier iſt mein Handgeld.“ Bei dieſen Worten zog ſie eine Roſe vom Buſen, warf ſie ihm zu, und nahete ſich dem Kaiſer. Faſt in demſelben Augenblicke ging die Kai⸗ ſerin nahe an ihm vorbey, und ſtand unter dem Vorwande, als ſey ihre Schleppe an etwas haͤn⸗ gen geblieben, ſtill; indem Caſimir, aus allge⸗ meiner Hoͤflichkeit, ſich beeiferte ihr behuͤlflich zu ſeyn das Gewand wieder loßzuwickeln, fluͤſterte ſie leiſe:„Um neun Uhr, heut Abend! Bis da⸗ hin verdammt uns nicht, ſondern beklagt uns.“ Sich dann, auf eine anmuthige Weiſe, fuͤr ſeine Huͤlfsleiſtung gegen ihn verneigend, verließ ſie den Saal mit ihren Damen; auch der Kaiſer entließ bald darauf, den nicht zu ſeinem perſoͤnlichen Ge⸗ ſolge, gehoͤrenden Adel. 157 VIII. Als der junge Wallenſtein in den Wagen ſteigen wollte, fuͤhlte er ſich, zu ſeinem nicht ge⸗ ringen Erſtaunen, durch den Grafen Erdenheim zuruͤckgehalten. „Verzeiht es mir, Herr Graf,“ hub dieſer an,„wenn bei der gegenwaͤrtigen Lage der Dinge, ich euch da, wo ich als officielle Perſon erſcheinen muß, auch nicht die ſchuldige Achtung be⸗ weiſen darf, ich dennoch im Innern die Hoffnung hege, daß ihr, als ein ſo genauer Freund meines verſtorbenen Neffen, zuweilen mein Haus mit eurer Gegenwart beehren moͤchtet. Ich bin zwar ein alter, vieljaͤhriger Hofmann, aber mein Herz iſt deshalb keineswegs des natuͤrlichen Gefuͤhls beraubt.“ Wallenſtein, den dieſe ſonderbare Art der Einladung halb erfreute, halb verdroß, ant⸗ wortete:„Nehmt euch in Acht, Herr Graf, der Kaiſer, euer gnaͤdigſter Herr, koͤnnte es mißbilli⸗ gen.“— „Bewahre, ich habe ſeine allergnaͤbigſte Er⸗ laubniß!— Nach Gott bin ich meinem kaiſer⸗ lichen Herrn den ſtrengſten Gehorſam ſchuldig, und haͤtte er meine Einladung nicht gebilligt, ſo wuͤrde ich, was es mich auch gekoſtet haͤtte, meine Dank⸗ barkeit gegen euch einer hoͤhern Pflicht aufgeop⸗ fert haben. Es lag etwas ſo ungemein Naives in dem Bekenntniſſe des alten Hofmanns, daß Wallen⸗ ſtein ihm ſeine Achtung nicht verſagen kounts doch zoͤgerte er mit der Antwort. „Um deſſentwillen den wir Beide liebten und verloren,“ fuhr der Graf fort,„erzeigt mir die Ehre morgen Abend mit mir zu eſſen; ihr werdet auch Wilhelms Schweſter, die liebenswuͤrdige Erbin v. Marchfeldt, bey mir antreffen. Als ich noch ſo jung wie ihr wart, haͤtte mich ein ſolcher Koͤder ſicherlich gelockt.“ Wallenſtein gab ſeine Einwilligung, und gedraͤngt von Gefuͤhlen gar mancheklei Art, fuhr er mit ſeinem ſtattlichen Geſolge heim. Gluͤcklicher Weiſe beſand Desmond ſich ab⸗ weſend, und er hatte alſo hinlaͤngliche Zeit zu uͤber⸗ legen was er jenem mittheilen koͤnne und was er 159 verſchweigen muͤſſe. Gern haͤtte er ſein ganzes, volles Herz in den Buſen dieſes treuen Freundes ausgeſchuͤttet, doch wagte er es gewiſſer Urſachen halber nicht. In dieſer Einſamkeit aber ſtellte ſich ihm das Peinliche ſeiner Lage mit empoͤrender Gewalt vor die Seele. Er ſah ſich kalt, abſto⸗ ßend von einem Weſen begegnet, das er uͤber alles liebte, und mußte nun, nach dem Empſang am Hofe, noch als Gegenſtand allgemeiner Demuͤ⸗ thigung vor ihr ſtehen. Dieſer Gedanke brachte ihn aufs Aeuſſerſte, und er ſchwur, ſich nie einer zweiten, ſo erniedrigenden Behandlung auszuſe⸗ tzen, ja noch denſelben Abend vom Kaiſer ſeine Entlaſſung zu begehren, um allen dieſen Mumme⸗ reien und hoͤfiſchen Falſchheiten auf einmal ein Ende zu machen. Als Desmond eintrat, rief er ihm ent⸗ gegen:„Ich halte es hier nicht acht Tage laͤnger aus; dies falſche Spiel, dieſe hoͤſiſchen Intriguen bringen mich um meinen Verſtand; wir muͤſſen fort von hier!— Ach, wenn ich dir meine Gruͤnde dafuͤr zergliedern duͤrfte, dein redliches, treues Herz wuͤrde meinen Entſchluß billigen.“ 160 „Wohlan denn, Graf,“ erwiederte Des⸗ mond ruhig,„ich ziehe mit euch durch die weite Welt. Fuͤr mich giebt es keine andere Beſtim⸗ mung als euch zu folgen, vorausgeſetzt daß es nicht eure Meinung iſt, ein muͤßiges Leben zu fuͤhren. Wollen wir unter dem Tilly Dienſte nehmen, und unſerm alten Berufe nachgehen?“ „Mein Lieblingswunſch waͤre, ein Regiment von den Anhaͤngern meines Vaters zu errichten, und dem Feinde aufs Neue die Stirn zu bieten; doch dieſer Weg ſteht mir nicht offen. Nie wird der Herzog es mir erlauben das Schwerdt wieder in die Hand zu nehmen, bevor er nicht Haupt⸗ Anfuͤhrer der Kaiſerlichen Truppen iſt; und oh⸗ gleich ich mich unfaͤhig erklaͤre, den mir von ihm auferlegten Poſten zu verwalten, wuͤrde ich doch nie ſeinem Willen auf ſo beſtimmte Weiſe ent⸗ gegen handeln.“ „Was bleibt uns denn anders uͤbrig,“ ſagte der Lieutnant ernſt,„als uns die Zeit mit Schach⸗ ſpielen zu vertreiben, oder uns in ein Kloſter zu begeben?— Ich liebe die ſtrengen Ordens⸗Re⸗ geln grade nicht; aber wir koͤnnten ſtatt des Wehr⸗ 161 gehenk's einen Strick umbinden, und ein paar lu⸗ niae 7⁷ 3 ſtige Franziscaner werden. „Meine Stimmung eignet ſich nicht zum Scherze; weiß ich doch kaum ob ich jemals wieder laͤcheln werde!— Wenige Menſchen ſind wohl mit ſchoͤneren Hoffnungen ins Leben getreten, als ich und doch bin ich im gegenwaͤrtigen Augenbli⸗ cke meines Daſeyns herzlich muͤde; ja, Des⸗ mond, ich beneide das Schickſal des Juͤnglings, um deſſen Tod meine erſten Thraͤnen floſſen!“ Desmond anderte nun den Ton;„Gnaͤ⸗ diger Herr,“ ſagte er,„ihr ſeyd hoͤchſt aufge⸗ regt; was ihr jetzt beſchließen wuͤrdet, moͤchte auf alle Faͤlle zu raſch ſeyn. Wartet bis Morgen.“ „Mein Wunſch iſt, ſogleich einige Depeſchen an meinen Vater aufzuſetzen, die du Morgen mit Tages⸗Anbruch nach Prag bringen ſollſt. Mein Herz wird ſich durch meine Feder erleichtert fuͤhlen, indem ich es dem Herzog auseinander ſetze, warum ich hier nicht bleiben kann und will.“ Die laconiſche Antwort: wie es euch gefaͤllt, zeigte Caſimir das Uebereilte ſeines Betragens. Doch war dieſer einmal in der Laune ſich nicht zuruͤckhalten zu laſſen, und ſeine gereizte Phantaſie W. v. W. II. I1 162 * ergoͤtzte ſich nebenher ſchon an der verſchiedenen Wirkung, die ſeine ſchleunige Abreiſe am Hofe hervorbringen wuͤrde. „Du mußt die Nothwendigkeit einſehen, ſo zu handeln und nicht anders,“ ſagte er,„und ſeit ich nur den beſtimmten Entſchluß gefaßt habe, fuͤhle ich mich ſchon gluͤcklicher.“ „Das freut mich,“ entgegnete der Aundere trocken. 3 Wallenſtein ſetzte ſich nieder um die De⸗ peſchen auszufertigen, wobei er oft pfiff, ein Lied⸗ chen trillerte, und laut dachte, waͤhrend der Lieut⸗ nant ganz ruhig im Zimmer auf und ab ging. „Es ſteht mir noch heut Abend ein harter Kampf bevor, Desmond,“ ſagte er endlich. „Aber es ſchadet nicht; ich will feſt wie ein Fels ſtehen, nichts ſoll mich laͤnger als zwei Tage in Wien zuruͤckhalten!“ Geraume Zeit brachte er bei der Ausferti gung der Papiere zu, da er ſich die aͤußerſte Muͤhe gab, die ihm gebuͤhrenden Schranken der Ehr⸗ furcht gegen den Vater nicht zu überſchreiten; endlich ward alles verſiegelt und indem er es dem Lieutnant hinreichte, ſetzte er hinzu:„es iſt kurz, —— 163 wird aber hoffentlich voͤllig hinreichend zur Ueber⸗ zeugung ſeyn. In wenigen Tagen werde ich dir nach Prag folgen, wo wir unſere weiteren Plaͤne miteinander uͤberlegen wollen.“ „Soll ich nicht den Erfolg eurer naͤchtlichen Unterredung im Pallaſt abwarten?“ „Dieſe kann durchaus nichts aͤndern, ich bin feſt entſchloſſen; doch brauchſt du nicht vor Tages⸗ Anbruch von hier zu gehen.“ Die Aufwallung war noch nicht voruͤber, als er ſchon den Schluͤſſel in dem geheimen Pfoͤrtchen des Pallaſtes umdrehete, und die Nebentreppe hinaufſtieg. An die naͤmliche Thuͤr des Zimmers pochend, wo er das erſtemal den Kaiſer getroffen hatte, ward er nun nicht von ihm, ſondern von der Kaiſerin empfangen. G „Ich bin von meinem Gemahle beauftragt, euch zu bewillkommen., Graf,“ ſagte ſie;„nehmt Platz, damit wir ruhig miteinander reden koͤnnen. Ja,“ ſetzte ſie hinzu, waͤhrend ihre ſchoͤnen Au⸗ gen auf ſeinem heftig bewegten Antlitze weilten, „ich weiß was in eurem Innern vorgeht und kann euch nicht verdammen.“ 1. 11* 164 So wie Wallenſtein einen Blick in das klabe, blaue Auge wagte, und den ſauften Ton der Stimme vernahm, fuͤhlte er den raſch gefaß⸗ ten Entſchluß ſchon wanken, doch blieb er noch auf ſeiner Huth. „Es wuͤrde vermeſſen ſeyn von Ew. Maje⸗ ſtaͤt zu verlangen,“ hub er an,„ſich an die Stelle eines einzelnen Menſchen in eurem weiten Reiche zu verſetzen, auch wuͤrde ich es nicht ohne die aͤu⸗ ßerſte Nothwendigkeit wagen, euer Ohr mit Wor⸗ ten uͤber meine eigene Perſon zu belaͤſtigen; aber ich bin ein Mann, und verzeiht mir, wenn ich hinzuſetze, bis zum heutigen Tage unbekannt mit dem vollen Stolz, der in der maͤnnlichen Bruſt herrſcht.“ „Ihr waͤhnet euch am heutigen Tage auf eine unwuͤrdige Weiſe uͤberſehen?“ „Ich dachte daß in Ew. Majeſtaͤt Kreiſe nicht Naum fuͤr den Sohn des Herzogs v. Friedland ſey, und wurde uͤberzeugt daß hier Kuͤnſte herr⸗ ſchen, die weit uͤber ſein Faſſungs⸗Vermoͤgen ge⸗ hen. Ach!“ fuhr er geruͤhrter durch den mil⸗ den, bittenden Blick, mit dem die Kaiſerin ihn betrachtete, fort, indem er ſich zu ihren Fuͤßen —— warf,„legt mir irgend ein offnes, ehrenvolles Unternehmen auf, dem ich gewachſen bin, oder welches mir gewachſen iſt, nennt es! Und welche Gefahr auch damit verbunden iſt, welche Schwie⸗ rigkeiten zu uͤberwinden ſind, ich ſcheue ſie nicht! Ein Ton eurer Stimme, ein Laͤcheln des Bei⸗ falls von euch, im Angeſichte meines Vaterlan⸗ des, wird mich zu jeder Anſtrengung beſeelen;— aber einer Wiederholung der Pruͤfungen des heuti⸗ gen Tages,— verzeiht es mir, darf ich, will ich mich nicht unterziehen.“ „ Ihr wollt nicht! Steht auf, Graf, ich befehle es euch! Eure Worte und eure Stellung paſſen durchaus nicht zu einander.“ Wallenſtein gehorchte und erwartete mit niedergeſchlagenem Blick was die Kaiſerin noch hinzuſetzen wuͤrde. „Muß ich denn ſchließen, Graf, daß ihr mit irgend einer der Geſtalten tauſchen moͤchtet, die heute in den weiten Gemaͤchern ſigurirten, wo ihr, eurer Meinung nach, ine ſo unwuͤrdige Rolle ſpieltet? Moͤchtet ihr das Zutrauen, wel⸗ ches mein Gemahl ſo ehrendoll in euch ſetzt, gegen das leere Gepraͤnge blos mechaniſcher Höflichkelt 166 vertauſchen, welches ihn Staatsklugheit zwingt ge⸗ gen jene zu beobachten? Ich glaubte euer Ehrgeiz haͤtte einen hoͤheren Schwung, ahnete nicht daß ihr gleich Tauſenden euch einzig nur durch ſolche Jarmſeelige Eitelkeit naͤhrtet.“ „Der Schein wurde nur zu ſehr beobachtet; ich war nicht im Stande das Wahre vom Falſchen zu unterſcheiden, und es iſt beſtimmt daß es mir an Talenten fehlt, meine Rolle in dieſem großen Staats⸗Drama wuͤrdig zu ſpielen.“ „Junger Mann, ihr ſeyd nicht der Erſte welcher ſich dem Throne reich an ſchoͤn geſtellten Verſicherungen, voll gluͤhender Anhaͤnglichkeit und pflichtmaͤßigem Eifer, nahte, begierig auf das erſte Wort des Kaiſers eine Lanze in den Wind zu brechen; deſſen Dienſt keine Laſt ermuͤden, deſ⸗ ſen Muth durch keine Schwierigkeit gebeugt wer⸗ den ſollte; aber der, wenn es nun galt, ſchnell abfiel. Nun kam erſt die Entdeckung daß jede andere Probe, ausgenommen die, welche man grade von ihm verlangte, ritterlich beſtanden ſeyn wuͤrde.— Euch haͤtte ich gerne in eine ſeltenere Claſſe geſtellt!“ 167 Einen Augenblick ſtand Wallenſtein ſprachlos da, dann warf er ſich aufs Neue zu den Fuͤßen der Kaiſerlichen Zauberin. „Macht mit mir was ihr wollt,“ rief er, „nur vergebt meinem jugendlichen Trotz. Von dieſer Minute an bin ich ganz euer! Ueberredet mich nur daß ich euch diene, und ich verhalte mich nach eurem Befehl, leidend oder handelnd.“ Die Kaiſerin laͤchelte, indem ſie ihm die ſchoͤne Hand reichte:„Ihr ſeyd ein wunderlicher Juͤng⸗ ling; aber noch unverdorbenen Herzens.— Ihr werdet mich nicht taͤuſchen!“— „Nein, bei Gott nicht!“ rief er. „Wohlan denn,“ ſagte ſie,„vielleicht troͤſtet ees euch zu erfahren, daß eure Pein am heutigen Morgen redlich getheilt ward. Als mein erhabe⸗ ner Ferdinand ſich mir zuerſt wieder allein na⸗ hete, waren ſeine Augen mit Thraͤnen gefuͤllt; er geſtand mir wie er nie tiefer die Erniedrigung, wozu er durch die Verraͤther gebracht worden ſey, gefuͤhlt habe, als in der Kraͤnkung die er euch da⸗ durch zugezogen; er ſchwur es dieſe ſchmaͤhlichen Feſſeln zu brechen, durch welche er ſich in eu⸗ ren Augen herabwuͤrdigen muͤſſe. Ich kann ihn 168 dieſen Abend nicht ſehen, ſetzte er hinzu! So will ich an eurer Statt mit ihm reden, erwiederte ich, denn wir muͤſſen ihn nicht verlieren!“ „Tanſendfacher Erſatz fuͤr alles was ich ge⸗ duldet habe!“ rief Wallenſtein. Um einer ſo großmuͤthigen Aeußerung willen, fuͤhle ich mich ſtark alles zu tragen, ſelbſt——“ hier hielt er inne.— „Ferdinand,“ fuhr die Kaiſerin fort, „trotzet um euretwillen dem Jorn unſeres hoch⸗ muͤthigen Vetters, und iſt entſchloſſen, wenn es ihm auch nicht vergoͤnnt iſt auf der Stelle ſeine Geſinnung gegen euch offen darzulegen, euch den⸗ noch nie einer aͤhnlichen Behandlung, wie am heutigen Tage, wieder auszuſetzen. Ich bin in ſeinem Namen beauftragt, eure beſtaͤndige Anwe⸗ ſenheit am Hofe zu verlangen, wo ihr fuͤrs erſte euch vorzuͤglich in dem Kreiſe befinden werdet, der mich umgiebt, und ich darf doch wohl auf eure Huldigung Anſpruch machen? Ihr ſeyd noch lange nicht geſchmeidig genug fuͤr einen Hoſmann, muͤßt euch noch ſchmiegen, und mit einer Ceremonien⸗ Miine verſehen lernen; dieſe iſt eben ſo unerlaͤß⸗ lich als das Galla⸗Kleid. Die, welche ihr dieſen ——-y—j— 169 Morgen annahmt, war ſicher noch nie am Kaiſer⸗ lichen Hofe geſehen worden.“ „Ihr ſollt ſie nimmer dort wieder erblicken.“ „Nun wohl, Graf! Um aber alle meine Auftraͤge an euch auszurichten, muß ich dieſe Pa⸗ piere euren Haͤnden uͤberliefern; ſendet ſie auf ſi⸗ cherm Wege an euren erhabenen Vater. Der Kai⸗ ſer iſt mehr als je geneigt Maßregeln zu ergreifen, um ihn ſchnell wieder auf einen ihm wuͤrdigen Platz zu ſtellen, und damit ihr uͤberzeugt werdet, daß eure Anweſenheit in Wien ſchon jetzt nicht frucht⸗ los geweſen, verſichere ich euch, daß die unziemli⸗ che Lage, worin er euch am heutigen, Morgen er⸗ blickt, ihn zur ſchleunigeren Ausfuͤhrung dieſer Maßregeln gereizt hat.— Lebt wohl!— Mor⸗ gen ſehen wir uns wieder!“ Aus Wallenſteins Seele war jeder Ge⸗ danke, Wien zu verlaſſen, verſchwunden, jede Demuͤthigung war vergeſſen. Als er in ſeiner Wohnung ankam, weckte er den Freund eilig, um ihn mit dieſer gaͤnzlichen Umwandlung bekannt zu machen. „Es freut mich daß der Wind ſich ſo ploͤtzlich gedreht hat,“ entgegnete Desmond;„erlaubt 170 mir aber die Frage, ob es die Kaiſerin war, die euch von eurem Vorſatze abbrachte?“ „Ja, ſie war es!— Moͤgt ihr mich des⸗ halb in eurem Herzen auch noch zehnmal mehr ei⸗ nen Narren ſchelten, weil die Kuͤnſte eines Wei⸗ bes ſolche allmaͤchtige Gewalt uͤber mich hatten; ich vermochte es nicht ihren Gruͤnden zu wider⸗ ſtehen.“ „Ihr irrt, Graf; im Gegentheil wuͤrde ich mich wundern wenn euch dies auch nur einen Au⸗ genblick moͤglich geweſen waͤre, euch, dem der Fu⸗ tritt zu dieſer herrlichen Frau geſtattet iſt, der den Ton ihrer Silberſtimme hoͤren, in ihr klares Auge ſchauen darf, ja der dies Auge, mit dem Aus⸗ druck himmliſcher Milde auf ſich weilen ſieht. Es war mir ein Wunder wie euch nur der Gedanke kommen konnte, euch aus dieſem Zauberkreiſe zu entfernen.“ „Vortrefflich Freund!“ rief Wallenſtein lachend, erſtaunt uͤber das Feuer der Begeiſterung mit dem dieſe Worte geſprochen wurden.„Es ſcheint faſt als habe unſere Bayeriſche Juno dein Herz geſtohlen; doch erinnere dich an das Schick⸗ ſal Ixion's!— Un dich fuͤrs erſte aus dieſer 171 gefaͤhrlichen Naͤhe zu entfernen, iſt hier ein Packet, welches ihre Hand in die meinige legte; bringe es anſtatt des fruͤher von mir beſtimmten, nach Prag. Je ſchneller du wieder kommſt, je beſ⸗ ſer; ich werde ungeduldig deiner Ruͤckkunft harren.“ IX. Sobald am andern Tage der Hof ſich in den Zimmern der Kaiſerin verſammelt hatte, erſchien auch Wallenſtein, ohne der Acgide ſeines Oheims zu beduͤrfen, der, voͤllig uͤberzeugt jener ſey geſtern nur ſeinethalben geduldet worden, nicht wenig uͤber die huldreiche Miene des Kaiſers erſtaunte, mit welcher er den jungen Mann em⸗ pfing, und ſich ſogar laut und vernehmlich nach. der Geſundheit ſeines erlauchten Vaters erkun⸗ digte.. „Er iſt ein außerordentlicher Mann,“ fuͤgte der Monarch hinzu,„und nie hat es wohl ein Beiſpiel groͤßerer Selbſtgenuͤgſamkeit gegeben. Im 172 Bewußtſeyn ſeiner eigenen Groͤße ſteht er da, voͤllig unabhaͤngig von der Gunſt irgend einer ir⸗ diſchen Macht. Jeder andere als er, wuͤrde bei den gegenwaͤrtigen Zeitumſtaͤnden entweder in gaͤnz⸗ liche Vergeſſenheit verſunken, oder als Rebell auf⸗ getreten ſeyn. Er hat der Welt ein Beiſpiel wah⸗ rer Groͤße gegeben!“ „Alle Kraͤſte meines Vaters, er moͤge ſich handelnd oder leidend verhalten, ſind einzig eu⸗ rem Dienſte geweiht, mein Fuͤrſt!“— Die Hofleute blickten ſich verlegen an;; vorzuͤg⸗ lich wußte aber Graf Harrach, der ſehr kalt auf ſeinen Neffen herabgeſehen hatte, ſich dieſe ſon⸗ derbare Sprache durchaus nicht zu erklaͤren. Die Graͤfin Erdenheim glanbte zu bemerken, daß der junge Mann doch etwas Vornehmes in ſeinem Weſen habe, und auch der Erfahrenſte nicht von der erſten Präſentation zu urtheil en vermoͤge. Wie willig die Kaiſerin in den Ton ihres Gemahls einſtimmte, bedarf wohl keiner Verſicherung, und Caſimir ſah zu ſeinem nicht geringen Erſtau⸗ nen, auf allen Geſichtern, von denen geſtern nur Geringſchätzung auf ihn herabgeblickt hatte, heute ein huldreiches Laͤcheln verbreitet. —ÿ—ᷣ’——— 178 Die Fuͤrſtin Stollberg wußte ihn bald an ihre Seite zu ziehen.„Ich prophezeie euch einen unendlichen Reichthum von Freuden,“ fluͤ⸗ ſterte ſie ihm zu.„Seht, wie Graf Harrach die Strahlen ſeines glaͤnzenden Angeſichts auf euch leucheen laͤßt; in ſeinem zaͤrtlichen Bruderherzen iſt die Zeit der Fluth wieder eingetreten, jedoch iſt gegenwaͤrtig das vorherrſchende Gefuͤhl ſeines edlen Buſens, gerechter Stolz eines Oheims.— Wir ſind dergleichen Dinge ſchon gewohnt; abet⸗ Graf, wo iſt meine Roſe?“ Wallenſtein erroͤthete uͤber die Vernach⸗ laͤßigung einer gewoͤhnlichen Hoͤflichkeit, und wollte eine Entſchuldigung beginnen. „ Ach,“ unterbrach ſie ihn lachend,„ihr habt ſie vermuthlich auf eurem Kiſſen vergeſſen.— Aber wißt ihr daß ich mich bei alle meinem Leicht⸗ ſinn politiſcher betragen habe, als jene großen Staats⸗Maſchinen? Lange vorher haͤtte ich ih⸗ nen die Neuigkeit von dem Wechſel der Dinge, und eurer abermaligen Erſcheinung am Hofe, ver⸗ kuͤnden koͤnnen; aber ich huͤtete mich wohlweislich. Ihr bemerktet wie der Kaiſer mich geſtern zu ſich winkte; er ſprach einige Minuten hintereinander 174 ungemein gnaͤdig mit mir vom Wetter, und der⸗ . gleichen unterhaltenden Dingen, dann zog er den Brillant⸗Ring von ſeinem kleinen Finger, den ihr hier an dem meinigen glaͤnzen ſeht.— Glaubt ihr daß dies Sinnbild keine Bedeutung habe, Graf?— Seyd ihr aber wirklich ein Juͤngling von kalter, graͤmlicher Natur, und ſpielt ihr alle Tage dieſelbe Miene auf?“ „Es duͤnkt mich, Fuͤrſtin,“ ſagte er in den ſcherzhaften Ton der Dame einſtimmend,„als haͤttet ihr es vorhin eine Alltags⸗ Erſcheinung ge⸗ nannt, ſeine Miene nach dem Wetter zu richten.“ „Um des Himmels willen, nehmt nicht Wolfsſteins Mode an!— Ein ſolcher Cy⸗ niker iſt voͤllig hinreichend; ein zweiter, mit eben ſo viel Galle verſehen, waͤre im Stande dem gan⸗ zen Hof einen brandgelben Anſtrich zu verleihen. Wir Weiber lieben den Roſenduft.“ „Wolfſtein! Seyd uͤberzeugt daß ich von allen lebenden Menſchen am wenigſten in ſeiner Farbe erſcheinen moͤchte.“ „Vermuthlich weil ihr im Stande ſeyd in eu⸗ rer eigenen aufzutreten; doch, wenn ihr ſeine Ruͤckkehr erlebt, ſo werdet ihr ſehen wie entzuͤ⸗ — 3 175 ckend es alle Welt findet, von ihm beleidigt zu werden. Auch ich bin ganz bezaubert von Wolf⸗ ſtein, da jedermann es iſt, nur die ausgenom⸗ men, welche er perſoͤnlich und gar zu ſchmerzlich verwundet hat; doch ſelbſt die Buſenfreunde die⸗ ſer Maͤrtyrer bekennen, es ſey ewig Schade daß ein ſo vorzuͤgliches Genie einen etwas zu ſcharfen Sta⸗ chel habe. Unmoͤglich iſt es aber das Lachen dar⸗ uͤber zu laſſen, nur liegt eine Kunſt darin ſich zu huͤten nicht ſelbſt der Gegenſtand des Gelaͤchters zu werden.“ „In meinen Augen iſt das Lob eines ſolchen Menſchen ſchimpflich, und ſein bitterſter Spott wuͤrde mir lieber ſeyn, weil ich erſteres mit dem Veraͤchtlichſten theilte, der andere ſich aber nur uͤber das Ehrwuͤrdigſte und Heiligſte ergießt.“ „Gemach, gemach, Graf! Was iſt euch an⸗ gekommen? Hat jemals ein Menſch ſeine Ketze⸗ reien unbeſonnener geaͤußert! Wenn ihr nicht ei⸗ nen Talismann bei euch tragt, der euch gegen al⸗ les ſchuͤtzt, ſo huͤtet ench vor der zchen Straf⸗ predigt!“ „Fuͤrſtin,“ rief nallenſtetn im Ton tiefſter Verachtung,„ſprecht nicht weiter von ihm, 176 ich haſſe ihn, und ſoll ich es euch geſtehen, er iſt mir furchtbar geweſen. Er hat ein mir bisher fremdes Gefuͤhl, das, des toͤdtlichſten, unaus⸗ loͤſchlichſten Haſſes, in meinen Buſen gedruͤckt; die Nennung ſeines Namens iſt allein ſchon hin⸗ reichend die widrigſten Empfindungen der menſch⸗ lichen Natur in mir zu erregen!“ „Ich kann es begreifen wie er fuͤr den Krie⸗ ger eine wahre Plage ſeyn muß, da er nicht mit gleichen Waffen als dieſer ficht; man hat mir ge⸗ ſagt daß er ſich durchaus nicht ſchluͤge.“ „Es giebt wenig Dinge, Fuͤrſtin, die mei⸗ nen Grundſaͤtzen mehr zuwider waͤren, als der Zweikampf, doch hat er mich gezwungen auch die⸗ ſen Grundſatz meiner Rache aufzuopfern; doch hier bin ich ihm Dank ſchuldig, denn nur ſeinem kalten Verſtande darf ich es zuſchreiben, daß meine Haͤnde nicht von dem Blute eines vorſaͤtzlichen Mordes beſudelt ſind.“ „Ich kann es bei dem allen nicht begreifen,“ fuhr die Fuͤrſtin, ihren Gegenſtand eigenſinnig ver⸗ folgend, fort,„warum wir alle ſo in ihn ver⸗ narrt ſind; kein anderer Mann kann es ihm in 177 unſerer Gunſt gleichthun. Koͤnnt ihr mir das Naͤthſel loͤſen?“ Waͤhrend ſie nun ihr durchdringendes Auge feſt auf ſein Angeſicht heftete, das mit verſchiede⸗ nen Gefuͤhlen kaͤmpfte, trat die Freiherrin v. Marchfeldt in den Saal, und Wallen⸗ ſtein s Wange wurde ſchnell mit dem dunkelſten Roth aͤberzogen. Die Frage der Fuͤrſtin toͤnte nur verwirrt in ſeinem Ohr, aber die merkliche Bewe⸗ gung, die ſich ſichtlich ſeines ganzen Weſens be⸗ maͤchtigte, konnte als beredtſte Antwort dienen.“ „Ach,“ rief ſie nach einer Pauſe,„ich bitte um Verzeihung, Herr Graf, ein Geſpraͤch uͤber einen euch unangenehmen Gegenſtand, ſo lange verfolgt zu haben; doch dient es zu meiner Ent⸗ ſchuldigung, daß ich wahrhaften Antheil an euch nehme, und, wofern ihr es nur geſtatten wollt, gerne den Daͤmon in eurem Innern beſchwichtigen moͤchte. Ihr kennt den Troſt nicht den eine Ver⸗ traute euch gewaͤhren koͤnnte,“ ſetzte ſie mit hoͤchſt einnehmender Stimme hinzu,„noch den Vortheil der fuͤr euch darin laͤge, zu euren eigenen Augen noch ein Paar hinzu zu bekommen, welche ruhig das ganze Spiel uͤberſchauen, waͤhrend ihr nur W. v. W. II. 12 178 in eurer eigenen Rolle befangen ſeyd. Erſchreckt nicht, ſondern ſetzt Vertrauen in die Huͤlfe eines Weibes, der es weder an Scharfſinn gebricht, um wahres Verdienſt zu ſchaͤtzen, noch an Willen ſich damit zu befreunden.“ Wallenſtein, von der Untverſitaͤt zu Pa⸗ dua gleich in das Lager des Vaters gekommen, war bisher wenig an weiblichen Umgang gewoͤhnt, und die Sprache der Freundſchaft und des Ver⸗ trauens, von den Lippen eines geiſtreichen, weib⸗ lichen Weſens, konnte keineswegs von ihm miß⸗ verſtanden werden. Ein dankbarer Blick ſprach ſeine Gefuͤhle aus; ja, vielleicht ſah er es ſogar nicht ungern daß Luiſen's Auge ſeine Vertrau⸗ lichkeit mit einer Dame nicht entging, welche, die Kaiſerin und ſie ſelbſt ausgenommen, in Hinſicht koͤrperlicher und geiſtiger Vorzuͤge gewiß am Hofe nicht ihres Gleichen hatte. „Erinnert ench, Graf,“ ſagte ſi ſie im Fortge⸗ hen„daß unſere Verbindung nie gefaͤhrlich wer⸗ den kann. Ihr, Aermſter, ſeyd ſchon gefangen, und mein Herz iſt gegen jeden Angriff feſt; es iſt . zu ſtolz und zu fluͤchtig um je einen Herrn und Meiſter anzuerkennen. So werde ich denn die 179 Rolle einer Vertrauten ungefaͤhr im Sinne einer Großmutter gegen euch ſpielen, vielleicht etwas anmuthiger anzuſchauen, doch deshalb um nichts gefaͤhrlicher.“ Indem die Fuͤrſtin ſich entfernte, traten die Grafen Harrach und Erdenheim auf ihn zu; herzlich druͤckte er die Hand des Letzteren, nicht laͤnger fuͤrchtend den alten Hofmann durch ein ſolches Zeichen der Vertraulichkeit in Verlegen⸗ heit zu ſetzen. iebſter Neffe,“ rief Harrach,„es thut mir unbeſchreiblich leid daß ihr Bedenken trugt mich heute wieder an den Hof zu begleiten. Ich hielt dies fuͤr eine ausgemachte Sache, und war⸗ tete zu Hauſe, ſo lange ich nur konnte, auf euch. Wahrhaftig,“ fuhr er fort, indem er ein weiner⸗ liches Geſicht zog,„die enthuſiaſtiſche Liebe mit der ich immer an meinen erhabenen Bruder, den Herzog v. Friedland, hing, hat, ſeit ſeinem großartigen Mißgeſchick, noch unendlich zugenom⸗ men. Es liegt ganz in meinem Charakter die elen⸗ den Schmeichler zu verachten, die nur die Gluͤcks⸗ goͤtter anbeten. So lange du in Wien biſt, Caſimir, ſieh mich als deinen Vater an.“ 12* 180 „Ihr ſeyd zu gnaͤdig, lieber Oheim,“ ſagte Caſimir mit einem etwas ſpoͤttiſchen Laͤcheln; „und koͤnntet leicht unter dieſem Vergleiche leiden. Mein Vater iſt in Ungnade, ein Fall, worin Graf Harrach, vermoͤge ſeiner Klugheit, ſich nie be⸗ finden kann.“ „Vielleicht haſt du recht, lieber Caſimir; allein erlaube mir zu ſagen: die Verwandtſchaft mit dieſem in Ungnade gefallenen Manne iſt der hoͤchſte Stolz Stephan's, Grafen v. Harrach!“ Bei dieſen Worten legte er ſeine Hand auf die Stelle der linken Seite, wo man glaubt daß das Herz ſeinen Sitz habe, indem er hinzuſetzte:„ich weiß dies iſt nicht die Meinung der Welt; aber es iſt die meinige!“. Ein großer Theil dieſer pathetiſchen Rede ging voͤllig fuͤr das Ohr desjenigen verloren, fuͤr welchen ſie hauptſaͤchlich beſtimmt war, denn Caſi⸗ mir bemerkte in dieſem Augenblicke, wie ein junger, huͤbſcher Cavalier ſich ſehr angelegentlich mit Luiſen unterhielt, die ihm ein hoͤchſt geneig⸗ tes Ohr zu leihen ſchien. Grade alſo, indem der Graf ſich im Begriffe fand, der letzten Phraſe 181 die gehoͤrige Salbung zu geben, fuhr er mit der Frage dazwiſchen: wer der junge Mann ſey? 22 „Das iſt der Markgraf v. Lindau, ein artiger junger Mann; ſehr wohl gelitten am Hofe, und ein Guͤnſtling der Damen. Soll ich ihn dir vorſtellen?“ „Um des Himmels willen nicht, er moͤchte eure Partheilichkeit gegen den Sohn eines in Un⸗ gnade gefallenen Mannes, tadeln.“ „Du kannſt wieder Recht haben, lieber Neffe; unter uns geſagt, iſt er auch ſo ein klein wenig geckenhaft, und wenn der Ritter v. Wolfſtein erſt unter uns erſcheint, ſo wirſt du ſehen, wie er dies anmuthige Laͤcheln in ein kaltes, abgemeſſenes Hohnlachen verwandelt, und die wohlgefaͤltelte Krauſe wegwir ft, um den Hals à la Brutus zu tragen.“ „Veraͤchtlich!“ murmelte Ca ſimir. „Ja, ja, Neffe,“ lispelte der Graf,„das iſt grade was ich ſage; es liegt wahrhaft etwas Knechtiſches darin, einem andern Mann in ſeiner Art ſich zu kleiden und zu benehmen, nachzuah⸗ men, etwas das gar nicht zu entſchuldigen iſt; aber, lieber Caſimir, verzeihe wenn ich dir ei⸗ 182 nen freundſchaftlichen Wink gebe. Du biſt ein Neuling hier, und ich achte deinen Ruf als den meinigen. Sprich nicht ſo laut, wenn die Rede auf Wolfſtein kommt, ſonſt moͤchte leicht eine haͤmiſche Satire dich treffen, den er hoͤrt alles was von ihm geſagt wird, ja, er waͤre im Stande dir fuͤrs ganze Leben einen Spottnamen anzu⸗ haͤngen.“ „Seyd ruhig, das wagt er nie; und wenn ich ſeiner nicht erwaͤhne, geſchieht es wahrlich nicht aus Furcht vor ſeiner Zuchtruthe, die ſo allgemein gefuͤrchtet zu ſeyn ſcheint, daß ich fuͤr meine Lands⸗ leute erroͤthen moͤchte.“ „Du mußt aber bedenken wie ungemein artig ſeine Balladen ſind; alle unſere jungen Damen ſingen ſie ab, oder declamiren ſie. In ſeinen ernſtern Werken liegt ein kleiner Anſtrich von Frei⸗ denkerei verborgen, grade ſo viel als der Jugend gefaͤllt. Nicht daß ich ihn des Deismus oder Atheismus zeihen wollte, Gott bewahre mich, das waͤre lieblos und unedel, und zeugte noch uͤber⸗ dies von einem ſchlechten Geſchmack; er ſcheint bloß die Wahrſcheinlichkeit eines zukuͤnftigen Lebens zu bezweifeln. Es giebt ſreilich einige die dieſen Lehrſatz verwerfen, aber ich bin kein Critiker und maße mir nicht an in dieſem Punkt eine entſchei⸗ dende Stimme zu haben. Es hat eine große Schwierigkeit eine Meinung zu bekaͤmpfen, und meine Hof⸗Pflichten hemmen mich in jeder Art des ernſten Nachdenkens.“* „Ach!“ dachte Caſimir, indem er ſich mit Abſcheu von ſeinem Oheim wandte,„wohl mag Wolfſtein behaupten daß es keine Seele gebe, wenn man von dieſem Menſchen auf die uͤbrigen ſchließen wollte.“ Er beſaß zwar noch nicht hinlaͤnglichen Muth um ſich Luiſen zu nahen, doch machte ihn ihre ſortgeſetzte Unterredung mit dem Markgrafen un⸗ ruhig; mit ſo viel Gleichguͤltigkeit im Ausdruck, ais er nur uͤber ſich erlangen konnte, naͤherte er ſich alſo dem Platze wo ſie ſtand, und ſagte: „Mein Fraͤulein, ihr ſeht heute ſo bluͤhend aus, daß eine Frage nach eurer Geſundheit uͤber⸗ fluͤſſig waͤre. Jeder Gedanke an die Gefahr und ihre Folgen ſcheint verſchwunden, und ihr ſucht euch fuͤr das Ueberſtandene zu raͤchen, indem ihr jetzt Andere in Gefahr bringt. Meines Oheims allgemeine Negeln der Vorſicht, ſind mir wenig⸗ 184 ſtens in ſo weit behuͤlflich geweſen, daß ich euch nur aus klug gewaͤhlter Ferne bewundert habe.“ Luiſe, welche Wallenſtein bisher nur ſcheu, traurig und hoffnungslos erblickt hatte, wußte nicht was ſie von dieſer Sprache denken ſollte, hielt es aber fuͤrs Beſte mit derſelben Gleichguͤltigkeit darauf zu erwiedern: „Und wie kommt ihr denn jetzt dazu dieſe weiſen Maßregeln aus den Augen zu ſetzen, Herr Graf? Hat eure Klugheit euch verlaſſen, oder iſt die Gefahr voruͤber?“ „Keins von beiden, gnaͤdiges Fraͤulein; die Gefahr beſteht noch, und ich bin nicht fuͤhllos dagegen; doch mit unwiderſtehlicher Gewalt liehr es mich in den Strudel.“ „Aber, um des Himmels willen,“ rief Lin⸗ dau hoͤchſt angelegentlich,„habt ihr euch in Ge⸗ fahr befunden, meine Gnaͤdige, wirklich in Ge⸗ fahr?— Ach, laßt mich die Geſchichte von eu⸗ ren ſchoͤnen Lippen vernehmen; wie konntet ihr die Grauſamkeit haben mich dies durch eine dritte Perſon erfahren zu laſſen?“ „Ich verweiſe euch mit der Erzaͤhlung an den Grafen v. Wallenſtein,“ erwiederte das * Fraͤulein;„er iſt der Held der Geſchichte, und wird nicht verſaͤumen ſich ſelbſt Gerechtigkeit wie derfahren zu laſſen.“ Der junge Markgraf wandte ſich um, und ſagte mit einer Verbeugung:„Sein Heldenmuth iſt nicht zu bezweifeln, wenn man bedenkt in wel⸗ cher Schule er groß geworden iſt. Und doch moͤchte ich es dem Grafen Dank wiſſen, wenn er es dem Mund einer Schoͤnen uͤberließe, ſeine Thaten zu beſingen; es iſt die Art der Wallenſteine kurz in der Aufzaͤhlung ihrer Siege zu ſeyn; Tilly hat uns freilich neuerdings davon entwoͤhnt. „Meine Siege, Herr Markgraf,“ erwie⸗ derte Caſimir,„ſind noch wenig der Erwaͤh⸗ nung werth, der eine welcher mir vergoͤnnt war, trug nur zu ſehr das Gepraͤge einer Niederlage.“ „Ha ha, ich verſtehe! Ihr befreitet die Dame und verlort das Herz dabei; das aber ſollte euch nicht niederſchlägen. Die Haͤlfte von uns hat ſchon das naͤmliche Ungluͤck erfahren, doch gehen wir, ungeachtet dieſes großen Mangels wie audere Menſchen herum, eſſen, ſchlafen——— Aber bei allen ſtolzen Goͤttern des Oiymps, hier kommt die Stollberg. Wolfſtein ſagt, un⸗ 2 186 ſer Hof wuͤrde eine Wuͤſte ſeyn, wenn ihr bezau⸗ vernder Geiſt nicht ſeiner Leere einigen Reiz ver⸗ liehe!“ Luiſe erroͤthete als dieſer Name genannt wurde, und ſah verlegen auf Caſimir, deſſen Stirn ſich runzelte, als wolle er ſagen: muß ich hier denn nur von Wolfſtein hoͤren!— Die Fuͤrſtin, welcher weder der Schluß von Lindau's Rede, noch Luiſen's Erroͤthen, noch Wal⸗ lenſtein's gerunzelte Stirn entgangen waren, nahete ſich. „Ich muß mich wahrlich eurer ſchaͤmen, Lin⸗ dau,“ ſagte ſie.„Thut einen ernſten Blick in euer Inneres, und ihr werdet dort eigne Ge⸗ danken genug unbenutzt liegen finden; warum bringt ihr dieſe nicht zum Vorſchein? Die Natur bildete einen Mann aus euch, und begabte euch, wenn ich nicht ſehr irre, mit hinlaͤnglichem Mut⸗ terwitze; warum verleugnet ihr ihre Wohlthat dann, indem ihr die Rolle eines Affen oder Pa⸗ pagaien annehmt?“ Der Markgraf erroͤthete.„Was wollt ihr damit ſagen, Fuͤrſtin?“— 4 187 „Ich will damit ſagen, daß ein Mann ſeine eigene Zunge entehrt, wenn er ſie zum immer⸗ waͤhrenden Echo der Redensarten eines andern macht. Nichts als Wolfſtein, und wieder Wolfſtein! Euer unaufhoͤrliches Lob, und die ewigen Wiederholungen, koͤnnen vielleicht als Be⸗ weiſe ſeines Verſtandes dienen; aber, verzeiht mir die Bemerkung, Markgraf, ſie fuͤhren un⸗ maßgeblich dahin, als Graf Harrach zu ſagen pflegt, das Daſeyn des eurigen in Zweifel zu ziehen. Beſitzt ihr nicht Kenntniß genug, um zu wiſſen, daß ein Echo aus der Leere entſteht?“— „Von euch eine ſolche Bemerkung, Fuͤrſtin! Von euch, der Gottheit welcher er ſo oft gehul⸗ digt!— An wen richtete er ſeine Verſe, wem opferte er ſeine begeiſterten Geſänge, und wer nahm ſie freundlich auf, ſchmeichelte ihm, ſtreuete ihm Weihrauch dafuͤr, wenn es nicht die Fuͤrſtin Stollberg war?“ „Das iſt nicht zu leugnen, Lindau; auch gab es eine Zeit, wo er der Neuheit wegen be⸗ zaubernd war; aber, du lieber Himmel!— Die Wolfſteine ſind ſeitdem durch ſo manche verunglückte Copie vervielfaͤltigt worden, daß ſie 188 mich zu Tode langweilen; ich ſehne mich nach ets was Originellem. Ihr zum Beiſpiel, Markgraſ, haͤrtet recht wacker in eurer Selbſtheit daſtehen koͤnnen; leider aber zogt ihr es vor als Schatten eines Andern einherzugehen, und dieſe unterge⸗ ordnete Rolle, gelingt euch keineswegs. Es iſt im Grunde ſchlecht beſchaffen mit eurer Menſchen⸗ feindſchaft, ein Dichter ſeyd ihr vollends gar nicht, und was ihr da von eurem Unglauben hererzaͤhlt, — ihr wißt ich koͤnnte auch ein Wort daruͤber mitſprechen. Nein, erröthet nicht, Lindau; wagt nur erſt zu ſcheinen was ihr wirklich ſeyd, und ihr werdet weit hoͤher daſtehen.“ Der Markgraf erinnerte ſich wie die Fuͤrſtin ihn eines Abends, in einer dunkeln Kirche, vor dem Mutter⸗Gottes⸗Bilde hatte knieend gefun⸗ den, grade zu der Zeit als man ſeine freie, auf⸗ geklaͤrte Denkungsart allgemein in dem flachen Kreiſe geprieſen, und ihn den zweiten Wolf⸗ ſtein genannt hatte; er wagte es alſo nicht ſie durch Widerſpruch zu reitzen, und Caſimir wei⸗ dete ſich im Stillen an ſeiner Verlegenheit. .„Scheuet nicht das Aetzmittel,“ fuhr ſie un⸗ barmherzig fort,„es ſchmerzt wohl ein wenig, 189 wenn es aber nur dem Uebel abhilft, ſo ſchadet es nicht.“ „Gnade, Gnade, Fuͤrſtin!“ rief Lindau, indem er den Degen vor ihr auf die Erde legte. Sogleich ward ein Waffenſtillſtand geſchloſſen, und die muthwillige Siegerin zog im vollen Bewußt⸗ ſeyn ihres Triumphs davon. „Wenn es wahr iſt,“ ſagte Luiſe, ent⸗ ſchloſſen Wallenſtein nicht im Wahne zu laſo ſen, als wage ſie es nicht in ſeiner Gegenwart ei⸗ nen Namen auszuſprechen, der auf Jedermanns Lippen ſchwebte,„daß der Ritter v. Wolfſtein zum Gegenſtande allgemeiner Bewundernng und Nacheiferung dient, ſo wuͤrde es eine Satire auf den Geſchmack der Deutſchen ſeyn, ſein Verdienſt zu leugnen. Welch eine beſſere Richtſchnur koͤnnte man annehmen?”“ 1 „Wenn Wolfſteins Verdienſt wirklich das allgemeine Lob verdiente, gnädiges Fraͤnlein,“ ent⸗ gegnete Caſimir,„ſo wuͤrden wir zu dem trau⸗ rigen Schluß genoͤthigt, daß alles was wir bisher heilig und ehrwuͤrdig gehalten haben, ein bloßes Spiel ſey./ 4 1 190 „Warum ſo ſtrenge, Graf?“— ſiel Lin⸗ dau ein.„Sehen wir doch ſelbſt einige unſerer Geiſtlichen ohne Bedenklichkeit mit ihm Arm in Arm gehen, und aͤber ſeine Laͤſterſchriften lachen. Er geht einmal ſeinen eigenen Weg, und der ihn daran hindern wollte, wuͤrde uͤbel fahren.“ „Die eurer Geiſtlichen welche mit Wolf⸗ ſtein Arm in Arm gehen, wuͤrden eben ſo gut Geſellſchaft mit ſeinem hoͤlliſchen Oberhaupte ma⸗ chen, wenn dieſer in Perſon auf der Erde herum⸗ wanderte.“ 4 „Still, ſtill, Graf! Einige von ihnen ſind ſogar Inquiſitoren!“—— Nicht Lindau's Geſchwaͤtz beſchaͤftigte in dieſem Augenblick Wallenſteins Seele, und regte ſein ganzes Gemuͤth auf. Er hatte Worte von Luiſens Lippen vernommen, die wie ver⸗ giftete Pfeile in ſein Innres drangen; kaum ver⸗ mochte er den gerechten Zorn zu unterdruͤcken. Auch ſie ſah ihn mit erhoͤhtem Unwillen an, doch in dieſem Augenblick konnte ſeine Erbitterung nicht geſteigert werden; anſtatt irgend eine Ausſoͤhnung zu verſuchen, wandte er ſich ab, und trotzte ihr, zum wenigſten glaubte er es in ſeiner gegenwaͤrti⸗ 191. gen Stimmung. Graf Erdenheim kam auf ihn zu, erinnerte ihn an ſein Verſprechen, und lud Lindau ein gleichfalls ſein Gaſt zu ſeyn. Der Churfuͤrſt v. Baiern war heute gar nicht am Hofe erſchienen; keiner auſſer der Fuͤrſtin Stoll⸗ berg, wagte es ſeine Abweſenheit zu bemerken, obgleich ſie jedem auffiel, und nebſt dem Empfange des jungen Wallenſteins, viel dazu beitrug, dieſen zum Gegenſtande allgemeiner Aufmerkſam⸗ keit und Verehrung zu machen. X. Wallenſtein fand bei Erdenheims eine große Geſellſchaft vornehmer Cavaliere und Damen, nebſt einigen der ausgezeichnetſten Mit⸗ glieder der Univerſitaͤt, verſammelt. Es gehoͤrte damals in Wien zum guten Tone, Geſchmack fuͤr Kunſt und Wiſſenſchaft zu zeigen, und kein Feſt war gläͤnzend zu nennen, dem e Salze fehlte. Vergebens aber attiſchem uchte Wallen⸗ 192² ſtein in dieſem Zauber⸗Kreiſe nach der Fuͤrſtin Stollberg; ſie war nicht zugegen. Erden⸗ heim hielt ihn, nach den erſten Begruͤßungen, eine lange Weile am Knopfe feſt, um ihn mit dem Namen, Stand und Charakter der verſchie⸗ denen Gaͤſte bekannt zu machen. Geduldig ließ er ſich die Pruͤfung gefallen, bis er auf einmal gewahr wurde, daß das ſo eben noch volle Zim⸗ mer, ploͤtzlich von Menſchen leer wurde, und die ganze Maſſe ſich in ein anderes Gemach draͤngte. Der Wirth, ſeine Unruhe bemerkend, verſicherte ihn nicht laͤnger abhalten zu wollen, da gewiß ſich Alles zu einer angenehmeren Urterhaltung, dem Tanz oder der Muſik, bereite. Seine Freiheit benutzend, folgte der junge Graf dem Strome, doch war es ſein Loos erſt alsdann das anſtoßende Zimmer zu erreichen, als eine Menge Bravo's und Bravissimo's ihm, nach dem eben vollendeten Geſang einer Schoͤnen, ſchon daraus entgegen ſchallten. Des Gedraͤnges hal⸗ ber mußte er in der Thuͤr ſtehen bleiben, beeiferte ſich auch nicht ſehr weiter vorzudringen, ſondern fragte nur ein neben ihm ſtehenden Herrn, den man ihm als Profeſſor Weſtermann genannt 193 hatte, was wohl die Urſache dieſer lebhaften Beifallsbezeugungen ſey. Der Profeſſor, ein klei⸗ ner, geſcheidt ausſehender Mann, mit einer un⸗ gemeinen Lebhaftigkeit im ganzen Weſen, wie⸗ derholte: „Die Urſache, mein Herr! Ich weiß es bei meiner Ehre nicht, vermuthlich hat ſich eine Circe oder Sirene vernehmen laſſen. So viel iſt gewiß daß ich in meinem Leben keine himmliſcheren Toͤne gehoͤrt habe. Aber horcht!“ fuhr er fort,„ſle beginnt aufs Neue! Ah dolcissima!“—— . Wallenſtein, der ſich anſangs an der Be⸗ geiſterung des kleinen Mannes ergoͤtzte, verlor ſich bald in eignem Entzuͤcken, denn alles was er bisher uͤber die Kraft der Muſik geleſen oder ge⸗ hoͤrt hatte, theilte ſich jetzt ſeinen Empfindungen 3 mit. Kein anderer Laut war vernehmbar, bis der Ton, wie in hoͤhere Sphaͤren entſchwand, und nun der ungetheilte Beifall abermals rauſchend erſcholl. Der Profeſſor erſchoͤpfte ſich in unauf⸗ hoͤrlichen Lobeserhebungen, durch alle todte und le⸗ bendige Sprachen, waͤhrend Wallenſtein in ſprachloſer Bewegung an ſeiner Seite ſtand. Als Weſtermann ſich endlich durch Worte und Mie⸗ W. v. W. II. 13 194 nen erleichtert hatte, gewann er Muße das Schwei⸗ gen ſeines Nachbars zu bemerken. „Wo weilt eure Seele, junger Mann,“ rief er.„Solche Harmonien waͤren wohl im Stande Jemanden eine einzuhauchen, und doch ſcheint ihr unbewegt bei Toͤnen, die das Toſen der aufgereg⸗ ten Welle beſchwichtigen koͤnnten.“ „Niemand als ſie kann dieſe Toͤne hexvor⸗ bringen,“ dachte Wallenſtein.—„Ich bitte euch, Profeſſor, ſagt mir wer da ſingt?“ ſetzte er endlich hinzu.. „Ich weiß ja ihren Namen nicht, Herr; aber was thun auch Namen zur Sache.— Genug ſie iſt ein Engel, oder wenigſtens eine Seelige, aus einer andern Welt!“— Wallenſtein machte jetzt einen kuͤhnen Verſuch, die Menge zu durchbrechen, und als es ihm endlich gelang, ſah er Luiſen, von den Strahlen vieler Lichter umgeben, den Weihrauch einerndten, der ihr von unzaͤhlichen Verehrern dargebracht ward. Ihr von freudigem Stolz glaͤn⸗ zendes Auge verrieth nur zu deutlich daß ſie nicht unempfindlich fuͤr dies allgemeine Lob ſey. Lin⸗ dau, der ſicher jeder herrſchenden Gottheit des Tages ſeine Opfer brachte, uͤbernahm auch hier die Rolle des Hohen⸗Prieſters. Er ſtimmte ihre Harfe, wandte das Notenblatt um, und fuͤſterte ſein: vortrefflich! goͤttlich! in ihr Ohr. Der Arme ſpielte in ſeiner Unbeſonnenheit um die Flamme, ſich ihres Glanzes erfreuend, ohne die Gelahr des Verbrennens zu achten.. Verzweiflungsvoll, doch unverwandt ſtarrte Wallenſtein auf die ſchoͤne Erſcheinung vor ihm; kaum ein Strahl von Hoffnung fuͤr ſich ſelbſt miſchte ſich mit dem Gefuͤhl ſeiner Bewunderung, und dennoch vermochte er es nicht den Blick zu wenden. Eine allgemeine Bewegung kuͤndete an daß man ſich bereite zum Abendeſſen zu gehen; ſeiner Sinne kaum maͤchtig, ſtuͤrzte er hinzu um dem Fraͤulein den Arm zu bieten. Lindau, uͤber dies ſchnelle Vordringen erſtaunt, wollte ſich zu⸗ ruͤckziehen, Luiſe aber wandte ſich mit jener zweideutigen Art, die es unentſchieden laͤßt ob ein Gegenſtand bemerkt wird, oder nicht, ab, und reichte ihre Hand dem Markgrafen. Dieſer Au⸗ genblick war fuͤr beide Bewerber ungluͤcklich; jeder Funke von Hoffnung ward in Wallenſteins Bruſt vernichtet, waͤhrend Traͤume truͤgeriſcher 13 X 196 Wonne ſich Lindau's Herzen bemaͤchtigten, der, ungeachtet ſeines geckenhaften Weſens doch im Stande war den Verdienſten ſeines Nebenbuhlers Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen. Als er ihn ſich Luiſen nahen ſah, trat er, im Gefuͤhl von des Andern Ueberlegenheit, beſcheiden zuruͤck. Den ſchoͤnen, edlen, tapfern Wallenſtein, nun aber um ſeinetwillen zuruͤckgeſetzt, ſich vorgezogen zu ſehen, verſetzte ihn in ein vorher nie empfundenes Entzuͤcken; Kopf und Herz waren im gleichen Schwindel befangen. Leider kam es ihm nicht in den Sinn, wie weibliche Laune hier allein die Triebſeder ſeyn koͤnne, nur der Liebe ſchrieb er einzig dieſen entſchiedenen Vorzug zu. Caſimir glaubte ſich zwar ſchon fruͤher al⸗ ler Hoffnung beraubt; aber in dieſem Augenblick ſchien die fuͤrchterliche Gewißheit erſt voͤllig uͤber ihn einzubrechen. Sein erſter Entſchluß war auf der Stelle die Geſellſchaft zu verlaſſen, weil es ihm unmoͤglich ſchien Luiſens Naͤhe am heuti⸗ gen Abend zu ertragen, und nur der Gedanke, daß dann der Triumph ſeines Nebenbuhlers, ſo wie der ihrige, gewiß ſeyn wuͤrde, vermochte ihn zuruͤckzuhalten. Maſchinenmaͤßig folgte er alſo I 197 den uͤbrigen Gäͤſten in den Speiſe⸗Saal, und nahm ſeinen Platz dem Markgrafen und Luiſen gegenuͤber, zwiſchen dem Profeſſor und einer jun⸗ gen Dame, Lindau's Schweſter. Dies Fraͤulein Ulrike war eine jener zar⸗ ten Pflanzen, die nur geboren zu ſeyn ſcheinen, um wieder dahin zu welken, noch ehe ihre Blaͤthe 1 ſich voͤllig entfaltet hat. Ihre ganze Geſtalt hatte etwas ſo aͤtheriſch Zartes, als koͤnne ein leichter Hauch ſie ſchon der Erde entfuͤhren; die faſt durch⸗ ſichtig, blendend weiße Haut, ward nur auf den Wangen von einem hectiſchen Roth gefaͤrbt, wel⸗ ches dem ſchmachtend blauen Auge einen eigenen Glanz verlieh. Sie glich einer lieblichen Erſchei⸗ nung aus dem Geiſterreiche, und als Wallen⸗ ſtein ſie betrachtete/ dachte er ſeufzend an Wil⸗ helm. Der andere Nachbar ſchien im tiefen Hinbruͤ⸗ ten uͤber einen hoͤchſt intereſſanten Gegenſtand, verloren; er ſprach von Zeit zu Zeit mit ſich ſelbſt, in unzufammenhaͤngenden Tönen, und laͤchelte dann wieder wohlgefaͤllig, als ſey ihm auf einmal uͤber etwas ein hoͤchſt erwuͤnſehtes Licht aufgegan⸗ gen. Cafimir, der ſich zwar Muͤhe gab den * 198 Gleichguͤltigen zu ſpielen, konnte dennoch kein Auge von dem, ihm gegenuͤber ſitzenden Paare verwenden; er ſah nur wie angelegentlich Lin⸗ dau die Schoͤne zu unterhalten ſtrebte, und das anmuthige Laͤcheln welches dieſem dafuͤr lohnte. Ein junger Edelmann in der Naͤhe unſeres Freundes, der ihm ſchon fruͤher vorgeſtellt war, ließ es ſich endlich einfallen ihn durchaus ins Geſpraͤch ziehen zu wollen. Eine der erſten Fragen lautete: ob er das neueſte Gedicht von Wolfſtein geleſen habe, und als er eben verneinend antworten wollte, fuhr die Grafin Erdenheim ſchnell mit ſo ver⸗ ſchiedenartigen Bemerkungen uͤber Froſtwetter und Schlittenbahn dazwiſchen, daß man ihre Abſicht, die Unterhaltung von dieſem Gegenſtande abzulen⸗ ken, nicht verkennen konnte. Ulrike wandte ſich leiſe mit den Worten an Wallenſtein:„Es iſt ein wahres Ungluͤck daß Graf Markoff, in ſeiner gutmuͤthigen Luſt zu ſchwatzen, ſo oft Dinge berüͤhrt, die für den Ort nicht paſſen.“ „Befindet er ſich gegenwaͤrtig auch in dem Falle?“ 199 „Es wuͤrde dazu gekommen ſeyn, haͤtte die Graͤfin nicht dem Geſpraͤch eine andere Wendung gegeben. Wolfſteins neues Werk enthaͤlt, außer vielen andern Dingen die der Verachtung und Vergeſſenheit uͤbergeben werden ſollten, eine aͤußerſt unwuͤrdige Satyre auf euern Nachbar. Es iſt kaum der Mahe werth ſich daruͤber zu aͤr⸗ gern, da der Profeſſor ein ſo durchaus wuͤrdiger Mann iſt.“ „Auf welchen ſchwachen Theil richtet der Sa⸗ tyriker denn ſeinen Pfeil?“ „Auf wahre Nebendinge, einige unbedeu⸗ tende, kleine Schwaͤchen. Der Profeſſor iſt merk⸗ wuͤrdig wegen der aͤußerſt excentriſchen Freude, mit welcher er alles, was er der Bewunderung werth haͤlt, in ſich aufnimmt, und hat ſich, im Ueberſtroͤmen ſeines entzuͤckten Gemuͤths, einige kleine ſonderbare Ausrufungen angewoͤhnt. Hier⸗ auf nun richtet Wolfſtein ſeine Bosheit, wo⸗ durch er zugleich ſeine eigne Schwaͤche, ſo wie die Staͤrke des Mannes, dem er gerne eins verſetzen moͤchte, und dem er doch von keiner andern Seite beikommen kann, auf eine jaͤmmerliche Weiſe kund thut. Weſtermann beſitzt einen hinlaͤnglichen. 200 Schatz von Verſtand und Kenntniſſen, um in je⸗ der Hinſicht einen ehrenvollen Platz unter den deut⸗ ſchen Gelehrten behaupten zu koͤnnen; er iſt der Wiſſenſchaft mit ganzer Seele ergeben. Dabei hat er ein vortreffliches Herz, und wer ihn im vortheithafteſten Lichte erblicken will, muß ihm in das Junre ſemnes Hauſes folgen.“ Die Corn Ulrike ſprach dieſe Worte mit einer Begeiſter rung, die ſie faſt gaͤnzlich erſchoͤpfte. „Der Profeſſor kann ſich wahrhaft Gluͤck wuͤnſchen,“ entgegnete Caſimir,„von einem Teufel angefochten zu ſeyn, wenn er ſich dadurch das Vorrecht erwirbt, von einem Engel vertheidigt, zu werden, Sind nicht aber vielleicht der Mark⸗ graf und ſeine liebenswuͤrdige Schweſter in dieſem Punkt ſehr verſchiedener Meinung??“ „Mein Bruder beſitzt unendlich viel Herzens⸗ guͤte,“ erwiederte Ulrike,„aber er iſt froͤhlich und unbeſonnen. Hoffentlich hat er noch eine lange Reihe von Jahren vor ſich, und Erfahrung wird ihn zum Nachdenken bringen, waͤhrend ich mich wohl in Zeiten daran gewoͤhnen muß beſonnen zu urtheilen.“ 4 201. Ein leiſer Seufzer begleitete dieſe letzten Worte; Wallenſtein faͤhlte ſich innig bewegt uͤber die ruͤhrende Trauer, welche in dieſem anzie⸗ henden Weſen lag, das ſichtlich dem Grabe ent⸗ gegen zu bluͤhen ſchien. Waͤhrend er ſo in Ge⸗ danken verloren, nicht gleich eine paſſende Ant⸗ wort zu ſinden wußte, fuͤhlte er ſich, zu ſeiner großen Erleichterung, von dem andern Nachbar am Aermel gezupft. Als er ſich umwandte deu⸗ tote der Profeſſor auf ein Papier, welches er un⸗ ter dem Tiſche verborgen hielt. „Seht das doch gefaͤlligſt einmal durch, wer⸗ ther Herr,“ fluͤſterte er ihm zu,„und ſagt mir unverholen wenn etwas darin euch nicht anſteht. Halt, hier iſt meine Bleifeder; ſtreicht aus, cri⸗ tiſirt, ganz nach Belieben. Jé aufrichtiger ihr ſeyd, um ſo lieber werde ich euch haben.“ Nun hob er Papier und Bleiſeder dem er⸗ ſtaunten Wallenſtein hin; um ihn deſto un⸗ geſtoͤrter zu laſſen, drehete er ſich auf die andere Seite, und knuͤpfte dort ein lebhaftes Geſpraͤch an. „Es wird mir gewiß vergoͤnnt ſeyn in dieſer ſchwierigen Sache einen Beiſtand zu waͤhlen;“ v 202 N ſagte Caſimir, ſich laͤchelnd zu Fraͤulein Ul⸗ rike wendend. Der Profeſſor, welcher ungeachtet ſeiner ſcheinbar angelegentlichen Unterhaltung auf der an⸗ dern Seite, doch immer ein Ohr nach ihm ge⸗ wandt behielt, nickte freundlich mit dem Kopfe, und ſagte:„Ohne Zweifel; es iſt ein liebes Ge⸗ ſchoͤpf, und die beſte weibliche Recenſentin in ganz Deutſchland.“ Mit dieſer Vollmacht verſehen, fcritten beide Critiker nun zum Werke. Das Papier enthielt ein hoͤchſt ſchmeichelhaftes Sonnet auf den Phoͤnix des heutigen Abends, zum Dank fuͤr die himmli⸗ ſchen Toͤne, wodurch der Profeſſor ſich in hoͤhere Sphaͤren verſetzt gefuͤhlt hatte. Ulrikens rich⸗ tigem Urtheil, das ſehr gerechter Weiſe geprieſen ward, entging der einzige Fehler nicht, welcher in dieſer uͤbrigens ſchͤͤnen Poeſie lag; ſie deutete ihn leiſe an, und Beide gaben nun lobpreiſend das Gedicht dem Verfaſſer zuruͤck. „Bei Gott, ſo kommt ihr mir noch nicht da⸗ von, junger Mann,“ rief der Profeſſor;„noch iſt eure Arbeit nicht vollendet! Ich finde daß ihr eine tiefe, ſonore Stimme habt, die Worte gut betont, und eine reine, ſchoͤne Ausſprache beſitzt. Nun iſt euch uͤberdies der Vortheil geworden, mein Sonnet ſchon im Ueberleſen richtig ſcandirt zu ha⸗ ben, mithin iſt euch alles gehoͤrig bekannt. Durch eure Stimme alſo ſoll mein Weihrauch der Muſe geſtreut werden.“ Bei dieſen Worten gab er der Graͤfin Er⸗ denheim einen Wink, daß die Geſellſchaft durch den Vortrag eines kleinen Gedichts erfreut werden ſolle. Das gewoͤhnliche Zeichen zum Stillſchweigen ward an der Tafel ertheilt, waͤhrend man Wal⸗ lenſtein's wiederholte Weigerung voͤllig uͤber⸗ hoͤrte. Als nun aber die verlangte Stille erfolgte, jedes Aug und Ohr auf ihn gerichtet war, lehnte er die Ehre des Vortrags noch einmal beſtimmt ab. Ulrike welche zu bemerken glaubte daß un⸗ ter dieſer Weigerung etwas anderes als bloßer Ei⸗ genſinn verborgen laͤge, warf ſich ſchnell als Ver⸗ mittlerin auf, indem ſie ſcherzhaft zum Profeſſor ſagte: „Und mein Bruder ſollte hintangeſetzt wer⸗ den?— Gewiß dies wuͤrde ihn tief kraͤnken! Mit der groͤßten Wonne wird er ſeine Gefuͤhle 1 299 2 durch eure Gedanken ausdruͤcken; ſieht er doch den ganzen Abend wie die beredtſte Poeſie aus!“— „Nun,“ erwiederte Weſtermann, nicht ohne innerliches Straͤuben,„ſo bitte ich euch denn, liebenswuͤrdige Ulrike, meine Fuͤrſprecherin zu ſeyn. Zwar kann ich es noch nicht vergeſſen, wie moͤrderiſch er einmal mit den zarteſten Verſen um⸗ gegangen iſt, womit die Muſe mich je begeiſtert hatte; es brachte mich damals zur Verzweiſtung, und dafuͤr iſt er mir noch Erſatz ſchuldig.“ „Der junge Mann kann doch leſen,“ verſetzte Ulrike, indem ſie einen freundlichen Blick auf den Bruder warf,„und eine innre Stimme ſagt mir, er werde mit dieſen Verſen nicht moͤrderiſch umgehen.“. Nachdem ſie ihm des Profeſſors Wunſch mit⸗ getheilt hatte, bemaͤchtigte ſich der Narkgraf des Sonnets. Jedermann lauſchte, Lindau erhob ſich, und mit der wahren Begeiſterung eines Im⸗ provisatore trug er das Gedicht vor; Liebe hien ihm den richtigen Sinn für die Poeſte einge hauch zu haben. Der Saal hallte wieder vom Beer Ruf der Gaͤſte; Luiſens Wange faͤrbte ſich mit hohem Roth, liebliche Verwirrung verbreitete ſich 4 8 205 auf ihrem ſchoͤnen Antlit. Der Graf und die Graͤfin fuͤhlten ſich uͤber das ihrer Nichte ſo fein ertheilte Lob, nicht wenig geſchmeichelt, und Lin⸗ dau haͤtte dem Profeſſor um den Hals fallen moͤgen, daß er ihn zum Werkzeug erkoren hatte, die innerſten Gedanken ſeiner Seele auf eine ſo⸗ poctiſche Weiſe ausſprechen zu duͤrfen. Zum er⸗ ſten Male in ſeinem Leben wurde vielleicht ſeine Eitelkeit gezwungen einem hoͤheren Geſuͤhle Raum zu geſtatten; er hatte ſich ſelbſt, ſeinen Vortrag, und was noch mehr ſagen will, das Urtheil der Menge, gaͤnzlich uͤber den Gegenſtand vergeſſen, und jetzt weidete ſich ſein Auge in zaͤrtlichem Mit⸗ gefuͤhl, an der lieblichen Verlegenheit ſeiner ſchö⸗ nen Nachbarin.: ft „Sagte ich es nicht, daß er die Verſe nicht verderben wuͤrde,“ rief Ulrike. Gewiß hat man nie einen herrlicheren Vortrag gehoͤrt.“ Weſtermanns Stirn wurde mit dem wohlverdienten Lorbeerkranz umwunden; er genoß alles Entzuͤcken, welches ein feuriger Dichter em⸗ pfindet, wenn es ihm gelungen iſt, das Hohe, Erhabene, oder das anmuthig Schoͤne, wuͤrdig zu beſingen. Nur Wallenſtein vermochte kein 206 Wort uͤber die Lippen zu bringen; im heftigſten Kampfe mit ſich ſelbſt ſaß er ſprachlos da. Graf Markoff, der es ſich nun einmal in den Kopf geſetzt hatte, den jungen Mann durchaus ins Ge⸗ ſpraͤch ziehen zu wollen, und der durch dies Ge⸗ dicht wieder an Wolfſtein's Werk erinnert wurde, knuͤpfte ſein altes Thema aufs Neue an. „Herr Graf,“ rief er, ſich zu ihm wendend, „ihr bliebt mir euer Urtheil uͤber Wolfſtein's neueſtes Produkt noch ſchuldig.“ „Ich habe es nicht geleſen, und werde es nie leſen.“ Aufgeregt wie Lindau ſich an dieſem Abend fuͤhlte, nahm er keinen Anſtand dazwiſchen zu rufen: 1— „Warum denn nicht, Graf? Ihr koͤnnt nur dadurch gewinnen; es ſprudelt von Witz.” „Um deſto verachtungswerther iſt der Autor, welcher ein ſolches Talent auf eine ſo niedre Weiſe 2..„braucht.“— Der kleine Profeſſor freute ſich heimlich uͤber die fruchtloſen Bemuͤhungen des Wirths, der Wirthin und einiger Gaͤſte, dem Geſpraͤche eine andere Wendung zu geben, und um ſie von der 20⁰7 Verlegenheit zu erloͤſen, unter welcher er ſie arbei⸗ ten ſah, richtete er dieſelbe Frage, mit welcher Markoff zuerſt Wallenſtein gepeinigt hatte, an die junge Freiherrin. Dieſe, unbekannt, daß die darin vorkommenden, beißenden Anſpielungen auf den Frager Bezug hatten, leugnete zwar nicht das Gedicht geleſen zu haben, doch erroͤthete ſie, und ſchlug das Auge nieder, im Bewußtſeyn daß dies Buch eigentlich von keinem Frauenzimmer ge⸗ leſen werden ſollte, und nun zugleich den ern⸗ ſten, vorwurfsvollen Blick Wallenſteins, auf ſich gerichtet zu ſehen. „Und, meine ſchoͤne Dame,“ fuhr der Pro⸗ feſſor fort,„was iſt denn ſo eigentlich eure Mei⸗ nung daruͤber?“ „Man kann gewiß nicht umhin die Verir⸗ rungen eines ſo außerordentlichen Geiſtes tief zu beklagen,“ erwiederte Luiſe mit einem Seufzer. „Ich glaubte,“ rief Wallenſtein, indem die volle Verachtung ſeiner Seele ſich auf ſeinem Geſichte malte,„oder vielmehr ich ſchmeichelte mir, daß kein weibliches Auge auf dieſem Gewebe von Bosheit und Zuͤgelloſigkeit ruhen koͤnnte, ohene ein ſtrengeres Gefuͤhl als Mitleid fuͤr den Verfaſſer 72 3. 2⁰08 dabei zu empfinden. Wahrhaftig, mau muß mir den Inhalt ſehr falſch berichtet haben!“ „Ach 1 erwiederte Lind au,„des Dichters kuͤhner Schwung foͤßt ſogar manchem unſerer Pie⸗ tiſten Hoffnung fuͤr ihn ein; er bekehrt ſich noch einmal zum Orden von la Trappe!“— Um ſo tiefer getroffen von Wallenſteins Worten, je mehr ſie die Wahrheit nicht davon keugnen konnte, und daher doppelt durch ſie gereizt, verſetzte Luiſe mit ſtechendem Blick auf ihn: „Auf alle Faͤlle wuͤrde ich doch eher dem Manne trauen, der in ſeiner eignen Geſtalt einhergeht, und es verachtet ſeine Nebenmenſchen zu taͤuſchen, als dem, der unter der Masle aͤußerer Liebens⸗ wuͤrdigkeit, ein falſches, leeres Herz verbirgt; auch moͤchte ich vielleicht geneigt ſeyn, haͤrter uͤber Wolfſtein zu urtheilen, wuͤßte ich nicht daß jene falſc)e Muͤnze ſehr gangbar unter uns iſt.“ 4 Der Ton, der Blick, welche dieſe Worle egleiresn, war zu bedeutend, als daß Wal⸗ lenſteinn ſich haͤtte ſchmeicheln koͤnnen, ſie ſeyen nicht beſonders auf ihn gerichtet. Vergebens ſtaͤhlte ihn ſein reines Bewußtſeyn dagegen, ſein Herz 4 2⁰9 erlag dieſem Streiche, unwillkuͤhrlich draͤngten ſich Thraͤnen in ſein Auge, jedes Glied zitterte an ihm. „Gerechter Gott!“ rief er, mit halb er⸗ ſtickter Stimme, wwie iſt es moͤglich dies zu er⸗ tragen!“ „Was iſt euch, lieber Herr,“ ſagte der Pro⸗ feſſor, ſich bei dieſer Ausrufung haſti ig zu ihm wendend, und ſein Glas mit Wein fuͤllend,„Trinkt, trinkt, es wird euch ſchlimm; gewiß iſt das Eis euch nicht bekommen.“ „Wo iſt der Schmerz?“ fragte Ulrike theilnehmend, indem ihr die Todtenbleiche nicht entging, welche ſich uͤber ſeinem Geſichte ver⸗ breitete. „Hier, mein Fraͤulein!“ ſagte er auſſer ſich, ſeine Hand aufs Herz druͤckend. Ohne weitere Entſchuldigung ſprang er haſtig auf, verließ das Zimmer, das Haus, und ſah ſich bald in die Ein⸗ ſamkeit ſeiner eignen Wohnung verſetzt.. „Gott ſteh uns bei,“ rief die Graͤfliche Wir⸗ thin durch den Laͤrmen des Aufſtehens erſchreckt, „was kommt dem Grafen Wallenſtein an? ℳ „Ich fuͤrchte er iſt ploͤtzlich krank geworden,“ antwortete der Profeſſor.„Nie ſah ich den AB. v. W. II. 14 210 Schmerz lebhafter in einem Geſichte ausgedruͤckt; alle ſeine Zuͤge waren auf einmal verzerrt. Mei⸗ nes Beduͤnkens nach ſollte jemand ihm folgen.“ Beſorgt daß dadurch irgend eine Stoͤrung in ihrer Tiſch⸗Ordnung verurſacht werden koͤnne, ver⸗ ſicherte die Graͤfin Erdenheim, er habe ein zahlrreiches Gefolge, unter dem ſich ſogar ein Leib⸗ Arzt befinde, es werde alſo auf jeden Fall fuͤr ihn geſorgt ſeyn. Luif ens Gefuͤhle waren wäßrend dieſes Vorgangs nicht die beneidenswertheſten; der Pfeil, im vollen Bewußtſeyn von ihr geſchleudert, hatte ſeine Beſtimmung nicht verfehlt, nun aber be⸗ klagte ſie, gleich manchem Moͤrder, die Folgen ihrer Grauſamkeit, und die Qual welche ſie ih⸗ rem Opfer dadurch verurſachte, erfuͤllte ſie mit zu ſpaͤter Reue. Ulrike hatte auf die tief verwun⸗ dende Rede nicht genau Acht gegeben, ſah aber die Wirkung welche dieſelbe auf ihren Nachbar hervorbrachte. Zugleich fiel ihr die Hartnaͤckigkeit ein, mit welcher der Graf ſich weigerte das an Luiſe gerichtete Lobgedicht abzuleſen, und ſie fuͤhlte ſich nun im Innern uͤberzeugt, daß die Erwiede⸗ 211 rung auf ihre Frage: wo ſich der Schmerz befaͤnde, keinesugs auf koͤrperliche Leiden Bezug habe. 2„Ich bin gewiß,“ fluͤſterte ſie dem Profeſſor „ des armen jungen Mannes Krankheit 5 nicht durch die Kunſt ſeines Arztes zu heben; liegt im Herzen verborgen, und wenn mich t alles täuſcht, habe ich die Urſache davon vor Augen. 3 „ Die Urſache ſolcher Schmerzen wird dem weiblichen Auge leicht ſi ichtbar,“ entgegnete der Profeſſor;„aber ich ſehe worauf ihr hindeutet, denn die Schuld iſt nicht zu verkennen.— Nun, ſolche Dinge muͤſſen auch ſeyn, wie ſollte das Spiel des Lebens ſonſt voruͤber gehen! Es iſt im Grunde auch weiter nichts als ein kleines Rei⸗ ben, Stoßen und Brennen; bald iſt alles wieder geheilt. Der huͤbſche, wackere junge Mann wird gewiß keine Urſache zu verzweifeln haben; er und ſeine ſchoͤne Tyrannin ſind ja wie fuͤr einander ge⸗ ſchaffen.“ 3 „Und doch ſcheint ſie meines Bruders Hul⸗ digungen nicht zuruͤckzuweiſen, und nie noch ſah ich ihn ſo ganz bezaubert von einem Gegenſtand. Armer Friedrich! Wenn es nichts als die 14* ¹ 212² Pfeile ihres Eigenſinns und ihrer Laune ſind, die ſie auf den jungen Mann wendet, welchen ſie eben ſo tief verwundet fortſchickt, was will aus dir werden, den ſie vöͤllig erobert hat?“— 8„Liebes Kind,“ ſagte Weſtermann,„Li n⸗ dau iſt am Hofe groß geworden; ſein und Wale lenſteins Herz, ſo gut ſie beide ſeyn moͤgen, ſind aus verſchiedenartigen Beſtandtheilen zuſam⸗ mengeſetzt; euer Bruder wird nie vor Liebe ſter⸗ ben. Glaubt mir, er laͤßt ſeinen Bart nicht ein⸗ mal laͤnger deshalb wachſen, um nicht in anderer Augen dadurch widerwaͤrtig zu erſcheinen, eine Huldigung die er ſelbſt der paphiſchen Goͤttin nicht erweiſen moͤchte; er wird Parodien auf einige Lie⸗ besklagen ſeines Freundes Wolfſtein verferti⸗ gen, und dann— weiß ich doch kaum was dann folgen wird, bis er ſich aufs Neue verliebt.“ 213 XI. Erſt vierzehn Tage nach der Geſellſchaft beim Grafen Erdenheim, ſing Wallenſtein an ſich von einem Fieber zu erholen, welches er ſich durch die heſtige Gemuͤths⸗Erſchuͤtterung zu⸗ gezogen hatte. So wie er ſeiner Sinne voͤllig wieder maͤchtig, und im Stande war ſeine Ge⸗ danken zu ſammeln, trat auch die Urſache der Krank⸗ heit mit ſo erneuter Lebendigkeit vor ſeine Erinne⸗ rung, daß er ſich oft in den Zuſtand der gaͤnzlie chen Betaͤubung zuruͤck wuͤnſchte, um nur den Stachel des Schmerzes, der unaufhoͤrlich an ſei⸗ nem Innern nagte, weniger peinlich zu fuͤhlen. In den erſten zwey Tagen da ihm das Bewußt⸗ ſein zuruͤckkehrte, verrieth er einzig durch Zeichen ſeine Gefuͤhle. Er druͤckte freundlich Desmond's Hand, ſchloß dann wieder die Augen, als wolle er dadurch ſein Verlangen kund thun, noch unge⸗ ſtoͤrt zu bleiben; die erſten Worte aber welche er ſprach, uͤberzeugten die Umſtehenden von der voͤl⸗⸗ ligen Ruͤckkehr ſeiner Verſtandes⸗ Kraͤfte. 214 „Laßt alle, auſſer Desmond das Zimmer verlaſſen,“ ſprach er.„Mit der groͤßten Unge⸗ duld habe ich dieſen Augenblick erwartet, und glaubt mir,“ fuhr er zum Arzte gewandt fort „daß ich meinen Kraͤften nicht zu viel zutraue.“ „Lieber Desmond,“ ſagte er, nachdem ſich Beide allein befanden,„ihr habt, wie ich mich erinnere, die Kaiſerlichen Depeſchen meinem Va⸗ ter uͤberbrachr; wie wurden ſie aufgenommen?“ „Man konnte die Freude daruͤber nicht ver⸗ kennen, Herr Graf, und der Herzog geruhete den Ueberbringer ſehr gnaͤdig zu empfangen. Ich habe wiederum Depeſchen fuͤr euch, und ein eigen ver⸗ ſiegeltes Packet fuͤr den Kaiſer zuruͤckgebracht; doch da dies, wie mir euer edler Vater ſagte, Sachen von der auſſerſten Wichtigkeit enthielt, die keinen Aufſchub litten, und ich euch bei meiner Ruͤckkehr am Rande des Grabes fand, uͤberſchritt ich meine Vollmacht in ſo weit, es ſelbſt den BHaͤnden des Kaiſers zu uͤberliefern.“ „Gut, Desmond.— Wie lange bin ich krank geweſen?“— „Ungefaͤhr vierzehn Tage, gnaͤdiger Herr.“ 215 „und welcher Urſache ſchreibſt du meine Krank⸗ heit zu,“ fuhr er fort, indem er Desmond ſtarr ins Geſicht ſah, der erroͤthend antwortete: 4„Einer aͤhnlichen Urſache als die war, welche den Untergang vom Hauſe des Priamus her⸗ beifuͤhrte, und den Mark Antonius dahin brachte, eine halbe Welt zu verlieren,— einem Weibe.“ „Iſt dies nur deine Meinung, oder theilen Andere ſie mit dir?“— „Ich will euch nicht taͤuſchen; kein Menſch zweifelt daran.“ Eine lange Pauſe folgte; endlich fuhr Wal⸗ lenſtein fort: „Es ſchien mir oft als naͤhmen ſi ſich mehrere meiner Pflege an; ſage mir, wer iſt um mich ge⸗ weſen?“— „Pater Felix, der Beichtiger der Freiher⸗ rin, hat ſelten euer Bett verlaſſen; ich fand ihn ſchon bei meiner Ruͤckkehr hier. Mein erſtes Ge⸗ fuͤhl, als ich ihn ſah, war Verdacht und Zorn, doch die milde Froͤmmigkeit des guten, alten Man⸗ nes entwaffnete mich, und wahrhaftig, er hat gleich einem ſchuͤtzenden Engel uͤber euch gewacht. Auch Conrad iſt von Zeit zu Zeit hier geweſen.“ 216 „ Aber wer ſonſt noch,“ fragte Wallenſtein mit immer ſteigender Unruhe.„Ich bin uͤberzeugt es war noch ein anderes Weſen hier.“ „Es war allerdings noch Jemand hier, gnaͤ⸗ diger Herr, der es in Sorgſamkeit uns allen zu⸗ vor that; gewiß meint ihr die barmherzige Schwe⸗ ſter.“.— „Ja, ja, eine Nonne aus dem Orden der barmherzigen Schweſtern! War ſie oft um mich?“ „Sie war auf das Zaͤrtlichſte fuͤr euch beſorgt, doch riefen ihre anderweitigen Pflichten ſie manch⸗ mal mehrere Stunden von eurer Seite; waͤhrend ihrer Anweſenheit aber konnte keiner es ihr an Geſchicklichkeit und Aufmerkſamkeit gleich thun.“ „War ſie von ſchlanker Geſtalt und ſchoͤn?“ „Sie war ziemlich groß, aber von braͤunli⸗ cher Geſichtsfarbe; ihre Augen waren ſtets durch ihre Tracht verhuͤllt. Wozu aber dieſe Fragen?“ „Weiß ich es doch ſelbſt käaum, Desmond; — nenne es meinetwegen Neugier.— Wann wird ſie wieder kommen?“— „Sie war geſtern hier, waͤhrend ihr ſchliefet, und da ſie euren Zuſtand auf eine ſo guͤnſtige Weiſe veraͤndert fand, betete ſie uͤber euch, und begab 217 ſich ſogleich wieder fort, indem ſie uns zu verſtehen gab, daß ihr Dienſt hier geendet ſey.“ .„Genug, genug, lieber Desmond! Jetzt nooͤchte ich ſchlafen; laß mich allein.“ Nicht dem Schlummer wollte er ſich uͤbergeben, aber dem eben ſo erquickenden Gedanken an die barmherzige Schweſter. Ihr Bild trat lebhaft vor ſeine Seele, er legte ihm die entzuͤckendſten Zuͤge unter, malte es ſich mit den lieblichſten Far⸗ ben aus.— Daß Desmond ihre Geſichtsfarbe braͤunlich gefunden hatte!— Es war Verſtel⸗ lung; wie konnte ſie es wagen in ihrer wahren Geſtalt hieher zu kommen; nur ihr Beichtiger und der treue Conrad durften um das Geheimniß wiſſen, und heiligten es durch ihre Naͤhe. Indem er durch dieſe Gedanken aufgeregt, den Kopf unruhig von einer Seite des Kiſſens auf die andere wandte, fuͤhlte er etwas ihm Hinderliches um ſeinen Hals gebunden, und bei genauerer Un⸗ terſuchung fand ſich, daß es eine ſeidene Schnur ſey, an der ein kleines, goldnes Herz befeſtigt war. Mit unbeſchreiblichem Intereſſe unterſuchte er das Kleinod, und waͤhrend er es zwiſchen den Fingern herumdrehete, ſprang eine kleine Feder 218 auf, und zeigte eine dunkel kaſtanienbraune Haar⸗ locke, die in der Kapſel verborgen lag. Augen⸗ blicklich ſchien nun zwar der goldne Traum ent⸗ ſchwunden, ſeine Gedanken verwirrten ſich, denn wie konnte dies eine von den Locken ſeyn, die im glaͤnzendſten Lichtbraun um Luiſens Stirn und Schultern fielen?— Doch der feurigen Einbil⸗ dungskraft eines Liebhabers iſt es in der Stunde der Begeiſterung leicht moͤglich, noch groͤßere Ab⸗ ſtufungen der Farben zu verwechſeln, und ſo ſchmei⸗ chelte auch Caſimir ſich, daß das ſchoͤne, reiche Haar vielleicht nicht an allen Stellen ſo hell ſey, wie es bisher im ſonnigen Glanze ſeinem Auge erſchienen waͤre. Er beſaß eine Locke von ihrem Haar und damit keiner ihm ſeine Ueberzeugung be⸗ ſtreiten koͤnne, verbarg er das theure Kleinod ſorg⸗ faͤltig an ſeiner Bruſt, und huͤtete ſich wohl ge⸗ gen irgend Jemand ein Wort davon zu erwaͤhnen. Luiſe hatte eine peinliche Zeit verlebt; ſie wußte den, welchen ihr Bruder wenigſtens fuͤr ſei⸗ nen Freund gehalten hatte, gefaͤhrlich krank, und konnte es ſich nicht verhehlen die Urſache dieſer Krank⸗ heit zu ſeyn. Sie hielt es unmoͤglich, daß belei⸗ digter Stolz allein dieſe Wirkung hervorbringen 219 koͤnne, und war nun in Zweifeln befangen, wel⸗ cher Grund einen Mann, wie den jungen Grafen Wallenſte in bewegen koͤnne, ſich als einen ver⸗ ſchmaͤhten und verzweifelnden Liebhaber, zum be⸗ mitleidungswerthen Gegenſtand des ganzen Hofes aufzuſtellen, wenn nicht dennoch ein wahres, alles uͤberwaͤltigendes Gefuͤhl in ſeiner Seele Statt faͤnde. Wenn ſie dieſem letztern Gedanken auch keine bleibende Gewalt uͤber ſich einraͤumte, ſo ſchreckten ſie dennoch die taͤglichen Berichte ſei⸗ nes hoͤchſt gefaͤhrlichen Zuſtandes, und ſcheuchten jede Ruhe von ihrem Lager. Sie konnte ſich dem Verlangen des guten Möͤnchs, ihm in ſeiner Krank⸗ heit beizuſtehen eben ſo wenig widerſetzen, als ſie Conrads Bitten ſeiner zu pflegen, abzuſchlagen vermochte. Von ihnen erforſchte ſie nun jeden naͤhern Umſtand, und aus ihren einfachen Dar⸗ ſtellungen wurde es ihr klar, daß, was auch im⸗ mer ſeine erſten Abſichten auf ſie geweſen ſeyn moch⸗ ten, ſein ganzes Herz jetzt nur von einem Gegen⸗ ſtande erfuͤllt ſey. Mit ihr, Wolfſtein und Wilhelm beſchaͤftigte ſich ſeine krankhafte Phan⸗ taſte fortwaͤhrend; unaufhoͤrlich bat er letzteren mit den ruͤhrendſten Worten, zu ſehen, wie ſein Freund 220 das Opfer eines niedern Verrath's wuͤrde, und beſchwor ihn die Augen ſeiner Schweſter zu oͤffnen. Luiſe war zu edel um ſich eines Triumphs dieſer 1 Art freuen zu koͤnnen, Wallenſteins Lage ging ihr im Tiefſten der Seele nahe, ſie zitterte vor den Folgen; doch da ſie wußte, daß der ganze Hof ſeine gegenwaͤrtige Gefahr der Strenge ihres Betragens gegen ihn zuſchrieb, vermied ſie ſorg⸗ faͤltig die ſie peinigende Unruhe zu verrathen, um nicht dadurch noch die allgemeine Meinung zu be⸗ ſtaͤtigen. So ſchwer es ihr in dieſer Stimmung nun auch wurde, fand ſie ſich abſichtlich bei jedem Hoffeſte ein, tanzte auf den Baͤllen, ſang in den Concerten, und glitt im praͤchtigen Schlitten des Markgrafen von Lindau uͤber den Eisſpiegel der Donan. Die Angelegenheiten des Kaiſerlichen Hauſes nahmen waͤhrend dieſer Zeit eine immer ungluͤckli⸗ chere Wendung. Tilly hatte eine bedeutende Niederlage erlitten, und der Kaiſer, welcher dem Koͤnig v. Schweden einen Frieden anbot, erhielt von dieſem großen Monarchen die Antwort:„er werde erſt alsdann, und nicht eher an Frieden denken, wenn er ſich voͤllig geheilt von den Wun⸗ 221 den n fähle, welche des Adlers Klauen ihm geſchla⸗ gen haͤtten.“ Auf dieſe Weiſe wurden Ferdi⸗ nand's Gedanken immer einziger auf den maͤch⸗ tigen Feldherrn gerichtet, deſſem großen Talent und unerſchoͤpflichen Huͤlfsquellen er unbedingt trauete, und er wartete nur auf einen ſchicklichen Zeitpunkt, um ihn aufs Neue mit der hoͤchſten Ge⸗ walt und allen Wuͤrden, zu bekleiden. Der ge⸗ genwaͤrtig unguͤnſtige Stand des Krieges, hatte den Ton der Maͤnner, welche fruͤher am meiſten fuͤr ſeine Entlaſſung geſtimmt, merklich geaͤndert; Ferdinan d wagte es ſogar ſeinen Unwillen uͤber ihren Rath laut gegen ſie zu aͤuſſern, und ſelbſt der Baiern Fuͤrſt, deſſen unuͤberwindlicher Feldherr geſchlagen war, betrug ſich etwas demuͤthiger. Bevor Wallenſtein ſeine Zimmer wieder verließ und ſich oͤffentlich zeigte, legte er dem Pa⸗ ter Felix ſeine Beichte ab. Geruͤhrt und erſtaunt empfing der alte Mann dies reuige Suͤnden⸗ Be⸗ kenntniß, denn noch war ihm in ſeinem langen Lebenswandel kein junger Krieger von reineren Sitten und edlerem Herzen vorgekommen, Als dieſe heilige Pflicht beobachtet war, begann Wal⸗ lenſtein die Depeſchen ſeines Vaters mit allem 222 Ernſte zu durchleſen; ſie beſtanden aus verſchiede⸗ nen, in Chiffern geſchriebenen, nur auf den Staat Bezug habenden Papieren, einigen noͤthigen Nach⸗ weiſungen, und folgendem Privat⸗ Briefe an ihn: „Du haſt mein Vertrauen bisher auf eine edle Weiſe gerechtfertigt, haſt Dich waͤhrend der kurzen Zeit auf eine ſo vorzuᷣgliche Art am Kaiſer⸗ lichen Hofe betragen, daß Du meinen Plaͤnen ſchon ſehr behuͤlflich geweſen biſt; ich haͤtte mir keinen beſſern Stellvertreter erwaͤhlen können, und ge⸗ wahre mit Stolz und Befriedigung, wie Deine Perſon dem Kaiſer nicht weniger wohlgefaͤllig er⸗ ſcheint, als Deine Botſchaft. Halte Dich nur noch kurze Zeit wacker auf dieſem Standpunkte, und wir haben das Spiel gewonnen. Die Angelegen⸗ heiten des Reichs befinden ſich in ganz vortreffli⸗ cher Unordnung; Guſtav dringt ohne Hinder⸗ niß vor, und es ſteht in meinem Horoſcop ge⸗ ſchrieben, daß nur ich ihm ſeine Sahen bezeich⸗ nen kann. „Nun, Caſimir, ein Wort a an Sich allein. Ich will Dich jetzt, da Du eingeweiht biſt in den tiefen Geheimniſſen des Ehrgeizes, ſelbſt nicht 223 einmal mit dem Gedanken beleidigen, als koͤnne in Dir auch nur noch ein Funke Deiner Jugend Traͤume glimmen, und Dir alſo ohne alle weitere Vorrede mittheilen, was unſere gegenwaͤrtige, gluͤck⸗ liche Lage von Dir heiſcht. Es iſt ein wuͤnſchens⸗ werther Punkt fuͤr mich geworden, Wolfſtein wieder fuͤr uus zu gewinnen. Du erwiederſt mir vielleicht, daß dies keine leichte Aufgabe ſey; wohl⸗ an, ich will Dich lehren wie es ohne große Muͤhe zu erreichen iſt. Jeder Mann beſitzt ſeine ſchwache Seite; die ſeinige beſteht in der Eitelkeit fuͤr ei⸗ nen Dichter gelten zu wollen, greifſt Du ihn bei dieſer Schwachheit an, ſo biſt Du ſeiner gewiß. Ueberdies kann Deine Neigung fuͤr die Erbin v. Marchfeldt nicht laͤnger Deine Ruhe ſidren, da Du zu ſolchen Spielereien keine Zeit haſt, und ſie es auch, wie man mir berichtet, ihrer Waͤrde ge⸗ maͤß haͤlt, Dir mit einem unverſchaͤmten Stolze zu begegnen, den kein Mann ertragen darf. Ich fordere alſo nicht einmal ein Opfer von Dir, wenn ich hoffe, daß Du dem Ritter uͤberlaͤßt, was Du doch nicht beſitzeſt, und auf deſſen Erwerbung Du ohne Erniedrigung Deiner ſelbſt nicht beharren könnteſt. Wir muͤſſen die, welche uns als unſere 224 Agenten dienlich ſeyn koͤnnen, auf jede Weiſe zu kö dern ſuchen; mit etwas leerer Schmeichelei, und der anſcheinenden Verzichtleiſtung auf ein uͤber⸗ muͤthiges, eigenſinniges Maͤdchen, iſt W eifſein der Deine. Auf dann, mein Sohn, zum Ruhme! Lriedland. So uneceiſtich es auch Manchem ſcheinen e8 ſo befand ſich dennoch bereits eine woͤrtliche Abſchrift dieſes Briefes in Wolfſteins Haͤn⸗ den, dem der Gedanke nicht wenig Unterhaltung gewährte, welche. Wirkung dieſe Vorſchriften auf den hochfahrenden Geiſt, und das treuherzige Ge⸗ muͤth ſeines Nebenbuhlers hervorbringen wuͤrden; zwar achtete er es kaum mehr der Muͤhe werth, ihn mit dem Namen Nebenbuhler zu beehren, ſeit man ihm den, bei Erdenheims vorgefallenen Auftritt, und deſſen Folgen genau berichtet hatte. Sein Verlangen war in dieſem Augenblick einzig darauf beſchraͤnkt, Luiſe v. Marchfeldt ſein zu nennen; auf dieſen Punkt beſchloß er fuͤrs erſte aalle ſeine Kraͤfte zu wenden, um durch Liſt oder Gewalt ſein Ziel zu erreichen. An dem Er⸗ 225 folg zweifelte er keineswegs; ſeine Spione hinter⸗ brachten ihm treulich jedes Wort, er wußte ſie von den Schmetterlingen des Hofes umflattert, und vergoͤnnte ihnen willig ihr kindiſches Spiel. Es war ihm bekannt wie der huͤbſche, artige Lindau fuͤr ſie ſeufzte, liebaͤugelte, ſich in zaͤrtlichen Son⸗ netten ergoß, ja ſich ſogar ſchon mit Hoffnungen ſchmeichelte, dies alles aber trug nur dazu bei, ihm ſeines Sieges gewiſſer zu machen. Er kannte Luiſe, und wußte Lindau ſey kein gefaͤhrlicher Nebenbuhler fuͤr ihn; Wallen ſtein allein haͤtte ihn unruhig machen koͤnnen, und jetzt ſah er ſich auch von dieſer Seite geſi cert zweimal hatte der Kaiſer Wallenſteins Krankenſtube incognito beſucht, und bei ſeiner Ge⸗ neſung den lebhafteſten Antheil gezeigt. Die wahr⸗ ſcheinliche Urſache ſeines Uebels war ſogar ſeinem theilnehmenden Blicke nicht entgangen, und er aͤuf⸗ ſerte, ſobald man ſeine oder der Kaiſerin Einfluß auf die Freiherrin v. Marchfeldt wuͤnſche, ſollte es keineswegs daran fehlen. Caſimir war indeß zu ſtolz da eine Vermittelung anzunehmen, wo, ſeiner Meinung nach, nur das Herz entſchei⸗ W. v. W. II. 15 3 220 den muͤſſe, und dankte ſeinem Kaiſerlichen Herrn auf die ihm ſchuldige Weiſe. Der junge Geaf erſchien jetzt wieder unter ſeinen Freunden, wo ihm manches huldreiche Laͤ⸗ cheln, manches ſchmeichelhafte Wort, empfing. Die Kaiſerliche Gnade ſtrahlte nun im vollen Glan⸗ ze, und ohne alle Zuruͤckhaltung, auf ihn herab; viele ſchoͤne Augen richteten zaͤrtlich den Blick auf ihn, und ſelbſt unter den eitelſten und ehrgeizigſten Hofleuten, gab es wenige die ihn nicht beneideten. Sie ſchloſſen nur nach der glaͤnzenden Auſſenſeite, und ahneten nicht wie beklagenswerth der allge⸗ mein Gefeierte ſich in ſeinem Innern fuͤhlte. Als er zum erſten Mal in der Cour bei Hofe erſchien, fuͤhrte Ferdinand ihn ſelbſt zu ſeiner Gemahlin, die ihm mit der herzlichſten Theilnahme zu ſeiner Geneſung Gluͤck wuͤnſchte. Die Furſtin Stollberg, von der er den freundlichſten Gruß erwartet haite, war zwar die Letzte, welche ſich ihm naherte, indeß uͤberzeugte er ſich bald, daß nicht Mangel an Theilnahme die Urſache davon ſey. Kaum erwaͤhnte ſie ſeiner Krankheit; aber das unverkennbare Zittern der Stimme, die Roͤthe welche ſich ploͤtzlich auf ihren Wangen ergoß, und 227 der durchſichtige Schleier mit dem ſich ihr ſonſt ſo klares Auge uͤberzog, gaben den wenigen Worten, die ſie hervorbrachte, eine tiefe Bedeutung. „Ich bin eurer Theilnahme verſichert, lie⸗ benswuͤrdige Freundinn,“ ſagte er,„und ſie giebt meiner Geneſung Werth. Wo aber ſind die Ro⸗ ſen eurer Wangen geblieben? Ihr ſeyd merklich blaͤſſer, als da ich euch zuerſt ſah.“ „Ach,“ erwiederte ſie mit gezwungenem Laͤcheln, „ich glaube ich bin verliebt. Ihr habt dies zur Mode an unſerm Hofe gemacht, denn nach grade erſcheint Niemand mehr, der nicht Herzenspein empfaͤnde. Alle unſere vortrefflichen Juͤnglinge, die, bis ihr unter uns auftratet, ſich nicht traumen ließen, daß zu ihrer Vollkommenheit noch etwas fehle, bemuͤhen ſich jetzt à la Wallenſtein zu ſeufzen. Aber was in aller Welt vermochte euch dem Publikum eure ſo uͤbel verſchwendete Neigung zu dem gefuͤhlloſen Fraͤulein, Preis zu geben? Vielleicht dient es indeß zu eurer Heilung; die ſcheinbare Demuͤthigung, das Geſchwaͤtz des Au⸗ genblicks, ſind voruͤbergehend, und Gewinn fuͤr euch, ſobald ihr nur wieder Herr eurer Sinne ge⸗ worden ſeyd, denn nimmermehr kann ich es mir 15* 228 einbilden, daß ein Mann wie ihr, ſo wenig Ge⸗ walt uͤber ſeinen Willen beſitzen ſollte, um ſich noch laͤnger am Triumph⸗ Wagen dieſes hochmus thigen Geſchoͤpfs herumſchleppen zu laſſen.“ „Ach Fuͤrſtin, all mein Trachten iſt auf das Herz dieſes Maͤdchens gerichtet, und noch ver⸗ zweifle ich nicht gaͤnzlich es dennoch zu gewinnen.“ „Ihr Herz, Graf! Ich moͤchte euch eben ſo gern davon reden hoͤren den Stein der Weiſen auffinden zu wollen; beide ſind gleiche Undinge. Auf alle Faͤlle aber habt ihr euer Spiel verdor⸗ ben; das einzige Mittel war ihre Eitelkeit zu kraͤn⸗ ken, und durch den letzten ungluͤcklichen Auftritt, habt ihr dieſe nur immer mehr genaͤhrt. Da ſtan⸗ det ihr in eurer Schwaͤche vor ihr, und um der gaf⸗ fenden Menge einen Beweis ihrer Macht zu ge⸗ ven, ließ ſie vollends ihr ganzes Geſchuͤtz auf euch ſpielen. Ihr ſchaudert, Wallenſtein:— aber bedenkt, daß ich als treue Freundinn zu euch rede! Ehe man die Wunde heilt, muß man ſie gehoͤrig unterſuchen.“ „Dennoch habe ich Urſache zu glauben, daß Luiſe— daß die Freiherrin v. Marchfeldt ein Herz beſitzt, und daß ihr Mittleid wenigſtens auf 229 mich gerichtet iſt, und iſt dies nicht oft der Vor⸗ bote zaͤrtlicherer Gefuͤhle?“— „So ſagt man. Sie haͤtte euch alſo Beweiſe ihres Mitleids gegeben?“ „Ich habe Grund es zu glauben.“ „Moͤgt ihr dieſe Beweiſe nicht meiner Pruͤ⸗ fung anvertrauen?“ „Ich weiß nicht ob dies nicht der Ehre zu⸗ wider waͤre.“ „Nun, ich will nicht weiter in euch dringen, aber wenn Luiſe v. Marchfeldt ein Herz be⸗ ſitzt, welches Liebe und Mitgefuͤhl faͤhig iſt, ſo glaube ich, daß in der marmornen Statue der medicei⸗ ſchen Venus ſich ein aͤhnliches befindet.“ In dieſem Augenblicke trat der Gegenſtand ihrer Unterredung herein, gefolgt von ihrem treuen Schatten, dem Markgrafen. Ihre Lage war pein⸗ lich, und ſie fuͤhlte es, denn ſie wußte wie Aller Augen auf ſie gerichtet waren, um ihr Benehmen zu pruͤfen und zu eritiſiren. Ungeachtet die Fuͤr⸗ ſtin Stollberg das Daſeyn ihres Herzens leug⸗ nete, beſaß ſie dennoch eins; dies Herz war wirk⸗ lich ſanfter gegen Wallenſtein geſinnt worden, und nicht ohne innern Vorwurf ſah ſie die Spu⸗ 230 ren ſeiner Krankheit uͤber ſeiner Geſtalt verbreitet. Gleich beſtimmt ſtand der Entſchluß in ihr feſt, ihn weder durch die Kalte ihres Betragens ſerner zu verwunden, noch auf irgend eine Weiſe taͤu⸗ ſchende Hoffnungen in ihm zu erregen. Sie glaubte er ſelbſt werde ſie wegen des Vorgefallenen ver⸗ meiden, und hierauf ſetzte ſie ihre großte Hoffnung. Es dauerte jedoch nicht lange bis Beide, wie zufaͤllig, einander gegenuͤber ſtanden; Luiſe fuͤhlte ſich wirklich uͤberraſcht, denn ſie war ſeiner nicht gewahr geworden, bis ihre Augen ſich begeg⸗ neten, und als Wallenſtein die Bewegung ſah, mit welcher ſie ihm einige Worte der Freude uͤber ſeine Wieder herſtellung herſtammelte, unter⸗ ſuchte er den Grund dazu weiter nicht. Fuͤr ihn war es ſchon hinreichend, daß ſie ſichtlich bei ſei⸗ nem Anblicke die Farbe wechſelte, und der kalte, ſtolze Blick ihn nicht länger traf. Auf einen abge⸗ meſſenen, vorwurfsvollen Gruß war ſie ſeinerſeits gefaßt geweſen; augenblicklich aber bemerkte ſie nun in ſeinem Benehmen, daß er nur von dem Krankenbette, auf welches ihre Behandlung ihn geworfen, wieder erſtanden ware, um mehr als je der Sclave ihrer Reize zu ſeyn. 3 231 Der von Natur gutmuͤthige Lindau, uͤber⸗ zeugt der arme Graf leide nur ſeinetwegen, gab ſich ſichtlich Muͤhe ſeinem Nebenbuhler, weder durch Wort oder Miene wehe zu thun, obgleich eigent⸗ lich in dieſem Augenblick Niemand an ihn dachte. Sein Duͤnkel kam ihm theuer zu ſtehen. So lange ſeine Aufmerkſamkeiten fuͤr den neuen Gegenſtand ſeiner Anbetung, in den Schranken der gewoͤhnli⸗ chen Artigkeit eines Welt⸗ und Hofmannes blie⸗ ben, hatte Luiſe ſie geduldet, weil ſie ihm gut anſtanden; ſobald er aber auf eine ſo merk⸗ liche Weiſe, die ſelbſt das Laͤcheln der Umſtehenden erregte, die Miene der Schonung gegen den Gra⸗ fen annahm, fuͤhlte ſich ihr Stolz empoͤrt, und als er nun gar bei deſſen Entfernung mit mit⸗ leidigem Achſelzucken ausrief: harmer Mann! ich bedaure ihn vom Grunde meiner Seele!“ fragte ſie mit ſchneidendem Tone! „Wen bedauert ihr, Markgraf?“— „Nun, Wallenſtein!— Seßht ihr denn nicht, in welch einen Schatten euer unguͤnſtiger Blick ihn verwandelt hat? Der Pfeil ſteckt im Herzen;— fuͤr alle Herzogthuͤmer ſeines Vaters moͤchte ich nicht an ſeiner Stelle ſeyn!“ 232 „Meiuer Meinung nach,“ erwiederte das Fraͤulein,„wuͤrde Caſimir v. Wallenſtein, ſelbſt dann noch, wenn auch die Beſitzungen ſei⸗ nes Vaters auf einen einzigen alten Thurm am Ufer der Donau beſchraͤnkt waͤren, ein Gegenſtand des Neides fuͤr jeden, auch noch ſo vollkommnen Hoffmann bleiben. Wie koͤnnt ihr, Lindau, euch nur die Pralerei einfallen laſſen, vom Be⸗ dauern eines ſolchen Mannes zu reden?“ In dieſem Augenblicke fuͤhlte der Markgraf wohl, daß die Schoͤne noch nicht alle ihre Pfeile verſchoſſen habe. Es war auch ihre Abſicht ihn zu verwunden, denn ſie begann ſeiner Zudringlich⸗ keiten muͤde zu werden, und wollte ihn von fei⸗ ner ferneren Bewerbung abſchrecken. Noch ehe der Hof auseinander ging, winkte der Kaiſer Wallenſtein zu ſich, und als in dem⸗ ſelben Moment auch der Churfuͤrſt v. Baiern ſich nahete, ſtellte Ferdinand Beide einander vor, indem er hinzuſetzte: „Seine Hoheit iſt geneigt den Maßregeln beizutreten, welche die Lage des Reichs nothwen⸗ dig macht, und ich hoffe alle meine Freunde wer⸗ 333 den nun ihre Treue gegen mich durch gemeinſchaft⸗ lich wirkſame Unternehmungen beweiſen.“ Ein gewiſſes Etwas im Blicke Maximi⸗ lians ſchien zu verrathen, daß er es mit der neuen Verbindung nicht ſo ganz aufrichtig meine; doch begruͤßte er den jungen Wallenſtein mit gezwungener Hoͤflichkeit, und mehr war in dieſem Augenblicke nicht von ihm zu verlangen. Nach einigen foͤrmlichen Worten begab er ſich hinweg, und der Kaiſer theilte nun Caſimir im Geheim die wichtige Nachricht mit, daß alles eingeleitet ſey, um ſeinen Vater in alle ſeine Wuͤrden und Ehren wieder einzuſetzen, und der Prinz Schaum⸗ burg ſchon am folgenden Tage, mit unumſchraͤnkter Vollmacht, zu dieſem Zwecke nach Prag abrei⸗ ſen werde. XII. Die Fuͤrſtin Stollberg, kein Hehl aus ihrer Freundſchaft fuͤr den jungen Wallenſtein machend, war natuͤrlich auch eine erklaͤrte Anhaͤn⸗ gerin ſeines ganzen Hauſes, und wollte als ſolche 234 die Erſte ſeyn, welche die Erhebung des Hetzogs v. Friedland feierte. Zu dieſem Zwecke kuͤn⸗ digte ſie einen glaͤnzenden Maskenball fuͤr den fol⸗ genden Abend in ihren Zimmern an. Dies Feſt galt als Probierſtein der Geſinnungen des Hofes, und wer nicht dabei erſchien, erklaͤrte ſich dadurch ſtillſchweigend ſchon fuͤr einen Unzufriedenen; man betrachtete es alſo nicht allein als Sache angeneh⸗ mer Unterhaltung, ſondern Jeder beeiferte ſich aus ſtaatsklugen Abſichten nicht dabei zu fehlen. Selbſt das Kaiſerliche Paar, um oͤffentlich ſeinen Antheil zu bezeigen, miſchte ſich unter die bunte Menge. Lange ſah man in dieſen Zeiten des Zwieſpalts und der Partheiſucht, kein ſo glaͤnzendes Feſt; und um den Reiz des Ganzen noch zu erhoͤhen, hatte die Kaiſerin die weite Reihe der Gemaͤcher oͤffnen laſſen, welche an die Zimmer ihrer Ober⸗Hofdame ſtießen. In dem Augeublick da die Fuͤrſtin zwei Ti⸗ roler Jaͤger in den Saal treten ſah, erkannte ſie in ihnen Wallenſtein und ſeinen Freund Desmond; ſie ſelbſt war als Spanierin ge⸗ kleidet, mit der Guitarre am Arm. Kaiſer und Kaiſerin, erfreut waͤhrend einiger Stunden der zaſtigen Pracht entledigt zu ſeyn, erſchienen im 235 ſchmuckloſen Anzuge eines Venetianiſchen Gondelk⸗ Faͤhrers und ſeiner Frau, und Luiſe hatte ſich auf Anrathen ihrer Monarchin, mit dem ihr ſo wohlſtehenden Kaiſerlichen Hermelin⸗Mantel und Diadem geſchmuͤckt. Wir wuͤrden kein Ende fin⸗ den, wenn wir die zahlreichen Gruppen der Chi⸗ neſer, Tuͤrken, Tartaren, Mohren, Teufel, Zau⸗ berer, Zigeuner, Harlequine, Cireaſſierinnen, Feen, Bauern, Nonnen und Moͤnche, aufzaͤhlen wollten, welche in buntſchaͤckiger Menge eintraten. Ein allgemeiner Geiſt der Eimrracht ſchien ſich in⸗ deß uͤber die ungleichartigſten Geſtalten verbreitet zu haben; nur wenige hatten ſich vom Feſte aus⸗ geſchloſſen, alles athmete Freude. Wallenſtein befand ſich in lange nicht gekanntem Entzuͤcken; das kleine, goldne Herz wirkte als wunderbarer Talis⸗ mann auf ihn, belebte ihn mit neuem Muthe, und lullte jeden ſtoͤrenden Gedanken in den Schlum⸗ mer der Vergeſſenheit ein. Bald wagte er es auch ſich dem Gegenſtande ſeiner Hoffnungen zu naͤhern, und erfreute ſich eines aͤuſſerſt gnaͤdigen Empfanges. „Ich erwartete nicht, Graf,“ ſagte ſie,„den eigentlichen Helden des Feſtes, in ſo demuͤthigem Auſzuge erſcheinen zu ſehen; doch wahre Groͤße 236 bietet jeder Verſtellung Trotz, und dies iſt ohne Zweifel auch euer Wahlſpruch.“ „Im Gegentheil, ſchoͤne Dame, ſteht die Beſcheidenheit meines Anzugs im richtigen Ver⸗ haltniß mit dem Grade meiner Hoffnungen; man⸗ cher ehrliche, unbefangene Bergbewohner würde ſchlecht fahren bei einem Tauſche mit dem Helden des Feſtes, den jedoch ein guͤnſtiges Neigen eures Koͤniglichen Scepters, zum zunähften Manne der Erde umſchaffen koͤnnte.“ 3 Indem er den Blick bei dieſen Worten ange⸗ legentlich auf die Maske heftete, welche den obern Theil von Luiſens Geſicht bedeckte, fuͤhlte er die Hand eines Dominikaners auf ſeine Schulter gelegt. Aergerlich uͤber die Unterbrechung in die⸗ ſem Augenblicke, fragte er ſchnell nach dem Anlie⸗ gen des Paters; der Moͤnch zog die Kutte zuruͤck, und Wolfſtein ſtand vor ihm. „Graf,“ hob dieſer im freundlichen Tone an,“ ich. habe euch lange uͤberall geſucht; es iſt endlich einmal Zeit dein unnuͤtzen Streit ein Ende zu machen, deſſen ich laͤngſt muͤde bin. Ueberdies habe ich euch vieles von eurem Vater zu ſagen, denn ich komme von Prag; ſo wie ich aber hier 237 in der Naͤhe von dem großen Feſte zu Ehren des Hauſes Wallenſtein reden hoͤrte, eitte ich ſelbſt Zeuge davon zu ſeyn.“⁰ Luiſe kennte zwar nicht das Geſicht des Dominikaners ſehen; aber ſie hoͤrte ſeine Stimme, die ihr in keinem Winkel der Erde unkenntlich ge⸗ blieben ſeyn wuͤrde.* Erſtaunen und Furcht hiel⸗ ten ſie im erſten Augenblicke wie feſt gebannt; ſo⸗ bald ſie indeß wieder zur voͤlligen Beſinnung ge⸗ langte, verſuchte ſie ſich fortzubegeben, woran aber die herandraͤngende Menge ſie hinderte, ſo daß ſie nun den Inhalt von Wolfſteins Worten voͤllig ver⸗ nahm, jedoch waͤhnte von thm nicht entdeckt wor⸗ den zu ſeyn. Als es ihr endlich gelang ſich aus der Naͤhe des Weſens zu entfernen, an deſſen entſchiedene Einwirkung in ihr Geſchick, ſie nicht laͤnger zu zweifeln vermochte, ging ſie mit ſich zu Rathe, ob es nicht beſſer ſey, ploͤttzlich aus dem Kreiſe zu ver⸗ ſchwinden. Der Gedanke aber, daß ſie dann Stoff zu mancher Vermuthung geben, Wolfſtein ſelbſt ſogar den Glauben faſſen moͤge, als fuͤrchte ſie ihn, und endlich die Ueberzeugung, ihn doch nir⸗ gend am Hofe vermeiden zu koͤnnen, gebot ihr zu bleiben, ſich aber fuͤrs erſte in aller nur moͤglichen Enrfernung zu halten. Waͤhrend dieſer Zeit hatte Wolfſtein, noch ehe ſein erſtaunter Rebenbuhler ſich von der hoͤchſt unwillkommnen Ueberraſchung voͤllig erholen konn⸗ te, ein Packet unter ſeinem Gewande her vorgezo⸗ gen, welches er ihn bat ſorgf faͤltig in ſeinem Buſen zu verbergen, da es wichtige, geheime Papiere von ſeinem Vater enthalte. Dieſer neue Beweis von des Herzogs Vertrauen auf den Mann, verwirrte Wallenſtein voͤllig; kaum traute er ſeinen Sin⸗ nen; endlich ſagte er: „Es ſcheint faſt, Ritter, als wolltet ihr mich sglauben machen, das Vergangene ſey ein Traum, und die zwiſchen uns tief eingewurzelte Feindſchaft, welche euch zu den groͤßten Bubenſtuͤcken verleitet, und mich zu unausloͤſchlicher Rache getrieben hat, ſey nichts als ein Spiel geweſen.“ 1 „ Grade ſo iſt es,“ erwiederte Wolfſtein; hß faßt meine Meinung ganz vollkommen auf, und beſaͤßet ihr die Lebens⸗ Philoſophie, welche ich mir zu eigen gemacht habe, ſo wuͤrdet ihr durchaus nichts Befremdendes in dieſer Vorausſetzung finden. Das 4 Vergangene iſt auf alle Faͤlle nur ein Traum, ein leeres Phantom! Ob es in der Gegenwart wirk⸗ lich, oder eingebildet war, iſt auch nicht der Un⸗ terſuchung werth; genug daß es nun nicht mehr beſteht. Aber laßt uns einander nicht mißverſte⸗ hen. Es hat mir gefallen den Abſichten eures Va⸗ ters nuͤtzlich zu werden, und er traut mir. Das Pflegen und Hegen meiner Abneigung gegen euch, war auch einſt mein Zeitvertreib; doch man wird aller Dinge muͤde, und ich mag mich nicht laͤnger damit abgeben euch zu verfolgen.“ „So entſagt ihr alſo jedem Anſpruch auf die Hand der Freiherrin v. Marchfeldt, und ſeyd auch aus dieſem Traume erwacht?“ „In ſo weit bin ich voͤllig daraus erwacht, daß ich alles fruͤher Vorgefallene als nicht geſche⸗ hen anſehe; wir wollen jetzt aufs Neue Bekannt⸗ ſchaft machen, denn ſie iſt ein Gegenſtand der mei⸗ nes Strebens werth iſt, und als ſolchen betrachte ich ſie. Wenn ihr es noch der Muͤhe werth achtet auch eurerſeits die Beute ferner zu verfolgen, ſo laßt uns den Wettkampf wieder mit einander be⸗ ginnen.“.. „Iſt es moͤglich, Ritter, daß ihr ſo klein von Luiſen denken koͤnnt, euch nach der Entde⸗ 240 ckung eures niedertraͤchtigen Betrugs, noch mit ei⸗ ner Hoffnung des Erfolgs zu ſchmeicheln?“ „Nein, nein,“ erwiederte Wolfſtein mit teufliſchem Lachen,„ich bin nicht ſo vermeſſen zu hoffen; Hoffnung iſt mir zu unſicher.— Ich bin meiner Sache gewiß.— Doch, das alles iſt Kinderei; es verlohnt ſich nicht der Muͤhe an dieſe Knabenſtreiche zu denken! Ich erwartete in euch einen geſchmeidigen Staatsmann zu finden, der, mit den Geheimniſſen der Cabinetter bekannt, den Kopf voll hoher Entwuͤrfe, Siege, Buͤndniſſe, Enthronungen und Revolutionen, truͤge, und ſtatt deſſen finde ich den Arcadiſchen Schaͤfer wieder, der auf nichts als Liebeslieder ſinnt!— Wahr⸗ lich, ich glaubte ihr haͤttet dieſen Unſinn ſatt. Doch will ich euch keineswegs in den Weg treten; das Schickfal, nicht ich, iſt an eurem Mißlingen Schuld.— Wollt ihr mir die Hand geben, Wal⸗ lenſtein?“— „Nie, Wolfſtein!— „Meinethalben,“ entgegnete der Ritter im ernſteren Tone,„mit alle dem iſt es Schade um euch! Ihr ſpielt wie ein Kind um die Hoͤhle der Natterſchlange herum; laßt zuch warnen! Ich 241 habe fuͤrchterliche Mittel euch zu verderben in mei⸗ ner Gewalt. Wenn die Stunde des Erwachens kommt, wird ſelbſt der Unglaͤubigſte zittern! We⸗ nigſtens erſuche ich euch mich nicht noch mehr zu reizen, bis ihr des Herzogs Briefe geleſen habt.“ Wallenſtein legte wenig Gewicht auf dieſe letzte Drohung; er glaubte ſie habe nur Bezug auf ſeines Vaters fruͤhere Ermahnungen, Wolſ⸗ ſtein's Freundſchaft zu benutzen, und alle Hoffo nungen auf Luiſe aufzugeben; Maßregeln, zu denen ihn die kindliche Liebe, ſo hoch der Vater auch in ſeiner Meinung ſtand, nie gebracht haben wuͤrde. Sein erſter Gedanke war, Luiſe aufzu⸗ ſuchen; aber indem er in den Saͤlen umherirrte, ſte zu finden, trat die Fuͤrſtin Stollberg ohne Maske auf ihn zu, legte ihren Arm in den ſeini⸗ gen, und zog ihn aus dem Getuͤmmel hinweg. „Ihr ſuchtet aͤngſtlich nach Jemanden,“ ſagte ſie;„wahrſcheinlich fuͤhltet ihr das Beduͤrſniß euch eurer Freundin einmal wieder zu naͤhern; laßt uns einen kuͤhleren Aufenthalt ſuchen.“ Sie gingen in ein etwas abgelegenes Cabi⸗ nett, das gleich einer Sirenen⸗Hoͤhle, mit Mu⸗ ſcheln, Corallen und Seegras, ausgeſchmuͤckt war; . v. W. II. 16 242 das Meerweib ſchien ihren Aufenthalt aber fuͤr dieſen Abend den Bewohnern der Oberwelt einge⸗ raͤumt zu haben, und die ſchoͤne Spanierin nahm nebſt dem Tyroler waͤhrend ihrer Abweſenheit Be ſitz davon, um, fern vom Getümmel, ſich unge⸗ ſtoͤrt hier mit einander unterhalten zu koͤnnen. „Wer iſt der Dominicaner, der ſo angelegent⸗ lich mit euch redete, und durch welchen Gegenſtand feſſelte er eure ganze Aufmerkſamkeit?“ „Woher wißt ihr, daß er dies that?“ „Ich bemerkte euch genau; glaubt ihr denn nur das Auge enthuͤlle das Innerſte des Gemuͤths? — Auch der Mund, ſelbſt wenn er ſchweigend iſt, verraͤth uns oft Geheimniſſe. Die Kutte ver⸗ barg mir das Geſicht des Sprechers, doch meine ich ihn errathen zu haben;— es war Wolf⸗ ſtein.“ „Ihr habt euch niät geirrt, Fuͤrſtin.“ 634 „um eurentwillen, lieber Wallenſtein⸗ freut mh ſeine Ankunft.“ „Um meinentwillen! Entweder ihr ſeyd mir unerklaͤrlich, oder behandelt mich mit ſehr unzei tigem Spott.“ 243 „Nein, Freund, uͤber dieſen Gegenſtand kann ich nicht mit euch ſcherzen. Seine Anwe⸗ ſenheit wird eure Angelegenheit zur Criſis bringen, und ihr werdet geheilt ſeyn. Alle Arzenei iſt un⸗ ſchmackhaft; aber ſie muß verſchluckt werden. Ein bitterer Trank wartet eurer, dann aber wird die Herzens⸗Krankheit voruͤber ſeyn, und ihr werdet es ſogar dem Arzte noch Dank wiſſen.“ „Ihr ſcheint hartnaͤckig auf den Gedanken zu beharren, Fuͤrſtin, daß ich nicht allein alle Hoffnung auf das Fraͤulein aufgeben ſoll, ſondern, daß ſie auch ſicher die Beute des Elenden werden muß. Sprecht es deutlich aus, iſt dies eure ent⸗ ſchiedene Meinung?“ Kiider iſt ſie es, lieber Freund! Ich kann es nicht ertragen euch ſo ungluͤcklich zu ſehen, und verabſcheue Alle die Urſache daran ſind.“ „Aber theure Fuͤrſtin, ihr taͤuſchet euch,“ verſetzte Wallenſtein indem er ſich Muͤhe gab einen ruhigen Ton anzunehmen.„Ich koͤnnte euch Beweiſe liefern; ja waͤre nicht dieſe Peſt aller geſelligen Freude, am heutigen Abend dazwiſchen getreten, grade als ich auf dem Punkt war mich voͤllig zu erklaͤren, ſo moͤchte wohl alles glucklich 16* 3 f 344 fuͤr mich ſtehen. Mein Herz weißſagte wir Gu⸗ tes; nie hatte es hoͤher vor Hoffnung geſchlagen, als da der boͤſe Feind zwiſchen uns trat, und dann“—-—— „Wallenſtein, ihr tauſcht euch auf eine grauſame Weiſe!— Waͤre nicht der Ausſpruch durch dieſe Dazwiſchenkunft verſchoben worden, ſo moͤchte wohl in dieſem Augenblicke kein Funken von Hoffnung mehr in eurer Bruſt glimmen.“ „Dieſer Streitpunkt unter uns ſoll ſchnell be⸗ richtigt werden; noch dieſe Nacht ſoll die Unge⸗ wißheit enden.“ Bei dieſen Worten ſprang er von ſeinem Sitze auf, und wuͤrde Luiſe ſogleich aufgeſucht haben, wenn nicht die Fuͤrſtin ihn zuruͤckgehalten haͤtte. „Geduldet euch nur einen Augenblick, ich be⸗ ſchwoͤre euch Caſimir! Ihr redet von Bewei⸗ ſen; habt ihr dieſe wirklich? Vertraut ſie mir, ich verrathe euch nicht.“ Vor innrer Bewegung zitternd, loͤſete er die ſeidene Schnur mit dem goldnen Herzen von ſeinem Halſe, und legte es voll Zuverſicht in die Hände der Freundin.„Seht hier den Beweis; ich bin nicht ein ſolcher Thor nur Schloͤſſer in die 245 Luft zu bauen; wenn dies aber nicht ein Oeweis weiblicher Liebe iſt, was iſt es denn?“ „Ich halte dies wahrhaft auch dafuͤr; von wem aber empfinget ihr es?“ „Von wem ſonſt, ais von Luiſen?“ „„Das entſcheidet freilich! Und wann?“ „Fuͤrſtin, in dem Herzen welches ihr ſo kalt waͤhnet, wohnt Guͤte, Mitleid, Neigung, alles was ein Weib liebenswerth macht!— Verhuͤllt in dem demuͤthigen Gewande einer barmherzigen Schweſter, wachte der Engel taͤglich an meinem Krankenbette, machte mir mein hartes Lager ſanft, und lullte mich mit ihrer Seraphs⸗Stimme in ſuͤßen Schlummer. Welch ein maͤchtiger Tyrann iſt die Krankheit, daß ſie auch die Seele in Feſ⸗ ſeln legt, und uns ſühllos gegen den hoͤch⸗ ſten Reiz ſtimmt, der uns bei geſunden Krauͤften hinreichend duͤnkt Todte erwecken zu koͤnnen! Sie ſaß an meinem Bette, und ich blieb bewußtlos uͤber ihre Naͤhe; doch ſchwebte, als ich genaß, der Gedanke von etwas Himmliſchem, das mich umgeben hatte, vor meiner Phantaſte; aber die Engels⸗Geſtalt war verſchwunden.“ 246 „Wahrhaftig eine hoͤchſt wundervolle Geſchich⸗ te! Seyd uͤberzeugt, lieber Graf, es war der Freiherrin von Marchfeldt Geiſt, der euch umſchwebte, denn ihr Koͤrper war, waͤhrend eurer Krankheit, am Morgen, Nachmittag und Abend, bis in die Nacht hinein, anderweitig beſchaͤftigt. Anſtatt euch durch ihre Geſaͤnge in den Schlummer zu lullen, ließ ſie es ſich vielmehr angelegen ſeyn, alles was in Wien zur vornehmen Welt gehoͤrte, wach zu erhalten, und waͤhrend ihr Geiſt an eurem Bette auf und nieder glitt, glitt der Koͤrper dieſer Dame, in Lindaus prachtvollem Schlitten, uͤber das Eis der Donau. Ich ſagte euch oft, ſie beſaͤ⸗ ße kein Herz; nun iſt es wenigſtens ausgemacht, daß Koͤrper und Seele bei ihr ſich nicht immer an der naͤmlichen Stelle befinden.“ „Ihr ſeyd nun einmal ſo ſehr in eurem Vorur⸗ theile gegen Luiſe befangen, daß es durchaus keine Freude gewaͤhrt mit euch uͤber dieſen Gegen⸗ ſtand zu ſprechen.“. „Ereifert euch nicht, lieber Wallenſtein; obgleich allerdings etwas Unbegreifliches in der Allgegenwart der Freiherrin liegt, ſo ſind eure Hoffnungen ja auch nicht allein auf dieſe Eigen⸗ 247 ſchaft begruͤndet, da ſie dies ſichtbare, koͤrperliche Zeichen ihrer Huld in euren Haͤnden gelaſſen hat.“ Indem druͤckte ſie an die Feder, und oͤffnete die Kapfel; nachdem ſie die Haarlocke einen Au⸗ genblick betrachtet hatte, fuhr ſie fort: „Wie der Menſch ſich doch irren kann! Jetzt liegt es nun klar vor mir, daß die Dame, welche ich waͤhrend eurer Krankheit, am Hofe von Lieb⸗ habern und Minneſaͤngern umringt ſah, die gieich Terpſichore tanzte, gleich der heiligen Cecilie ſang, keineswegs die Freiherrin v. Marchfeldt war, denn dieſe hatte ſehr lichtbraunes Haar, und die Locke hier von Luiſens Haar iſt ja ganz dunkel. kaſtanienfarbig.“„ 4 Dieſe Bemerkung ſetzte Wallenſtein eini⸗ germaßen in Verlegenheit.„Ich geſtehe,“ hub er nach einer Pauſe an,„daß die Farbe des Haars mir beim erſten Anblick auch etwas auffiel; aber ganz dunkelbraun iſt es doch nicht.— Auch ſagt man ja, daß eine abgeſchnittene Locke oft dunkler werde’.. „Ein ſolches Phaͤnomen iſt mir noch nicht in gleichem Grade vorgekommen; ihr muͤßt einen ge⸗ 248 lehrten, Sachverſtaͤndigen Mann daruͤber zu Ra⸗ the ziehen.“ „Fuͤrſtin, ihr ſcheint Freude darin zu finden, mir alle meine Hoffnungen abzuſchneiden.“ „Staͤnde es doch in meiner Macht euch von einer ungluͤcklichen, verderblichen Taͤuſchung zu be⸗ freien, die eure Sinne umnebett, euch der edelſten Fahigkeiten beraubt! Ihr ſeyd jetzt nicht mehr al⸗ lein geiſtig, ihr ſeyd auch koͤrperlich blind; wenn ihr dieſen Corallen⸗Zweig fuͤr einen Orangen⸗ Baum hieltet, koͤnntet ihr den Irrthum eurer Sinne wahrlich nicht triftiger dadurch beweiſen, als indem ihr waͤhnt dieſe dunkte Haarlocke ſey auf Luiſens Haupte gewachſen.“ „Ach, es iſt alſo wohl nicht zu leugnen,“ ſagte Wallenſtein tief ſeufzend, indem er die goldne Kapſel auf die Erde fallen ließ. „Nun tretet immerhin darauf; edles Metall bricht nicht ſo leicht.“”“ Er ſchien nicht auf ihre Bemnerkung zu achten, ſondern ſagte nach einer Pauſe hoͤchſt ſchwermuͤthig: „Gebietet mir was ich thun ſoll; ich habe die Herrſchaft uͤber mich ſelbſt verloren.— Herz und Verſtand ſind in wilder Verwirrung!— Fuͤr⸗ 249 ſtin, wenn ihr je die Qualen hoffnungsloſer Liebe gefuͤhlt haͤttet, wuͤrdet ihr mich beklagen!“ „Sagt mir den Gedanken den der Augenblick euch eingiebt; ich will ihn gut heißen, oder ver⸗ werfen, je nachd em ich finde, daß er ſich mit eurer Wuͤrde vertraͤgt, oder nicht.“ „Ich moͤchte mein Geſchick auf einmal erfah⸗ ren! Sey es auch das Schlimmſte, Gewißheit er⸗ traͤgt ſich leichter.. „Woht, thut dies! Die gewaltige Erſchuͤt⸗ terung wird euch aus dem fieberhaften Traume reißen, und der Mann wird nachher feſter in ſich begruͤndet daſtehen. Alſo Muth gefaßt!— Bei dieſen Worten ſtand ſie raſch auf.„Doch,“ ſagte ſie im Weggehen,„wollt ihr den Beweis der Liebe eines Weibes hier ſo veraͤchtlich am Boden liegen laſſen? Wie ſelbſtfuͤchtig ſeyd ihr Maͤnner doch! — Dies kleine Herz zeugt, daß eine Andere die⸗ ſelben Qualen fuͤr euch empfindet, durch die euer Buſen jetzt im Gefuͤhl fuͤr Luiſe zerriſſen wird.“ „Ihr habt Recht,“ entgegnete Wallen⸗ ſtein, indem er die Kapſel aufhob, und die Schnur wieder um ſeinen Hals befeſtigte.„Ich will nicht gefuͤhllos dies liebe Andenken der barm⸗ d 1 25⁰ herzigen Schweſter von mir ſchleudern. Es ſoll an ſeinen Standpunkt zuruͤckkehren.“ Als ſie nun mit einander durch die von Men⸗ ſchen angefuͤllten Saͤle gingen, um die Gruppe auszufinden, in welcher ſich Luiſe befand, hoͤrten ſie von allen Seiten nur Wolfſteins Namen erſchallen. Einige waren ſchon ſo gluͤcklich gewe⸗ ſen ihn geſehen zu haben, und gaben ſich Muͤhe ſeine Blicke zu beſchreiben, oder ſeine Ausdruͤcke zu wiederholen. Andere forſchten wo er wohl ſeyn koͤnne, in welcher Verkleidung er ſtecke, und nach den Beſchreibungen zu urtheilen, mußte er wie ein zweiter Proteus einherwandeln, denn man wollte ihn wenigſtens ſchon in zwoͤlferlei verſchie⸗ denen Geſtaiten erblickt haben, in welchen allen er ſich unvergleichlich gezeigt haben ſollte. „Noͤchte ich doch lieber das Schreien eines Eſels hoͤren,“ ſagte die Fuͤrſtin zu ihrem Beglei⸗ ter,„als dies Geſumſe des ſogenannten vorneh⸗ men Volks. Er hat es in der That weit gebracht, denn er wird da, gleich einer heidniſchen Gottheit, auf einer Wolke die aus lauter Narren⸗Witz be⸗ ſteht, zum Olymp getragen.“ 25 1 Indem ſie dieſe Bemerkung machte, ging der Gegenſtand, welchen ſie eigentlich ſuchten, nahe an ihnen vorbei. Ein junger Armenier fuͤhrte ſie, deſſen Abſicht es ſchien, ſie ſo bald als moͤglich aus der Menge zu entfernen, um mit ihr die Schritte nach der eben beſchriebenen Grotte zu lenken. Wallenſtein wollte dieſen Augenblick nicht ver⸗ lieren, ließ ſeine Dame bei Bekannten, und eilte Luiſen nachzukommen. „Wenn es euch gefiele, mein Fraͤulein,“ fli⸗ ſterte er ihr ins Ohr,„mir nur wenige Minuten zu einer kurzen, aber ernſten Unterredung zu ſchen⸗ ken.“— „Ich will es euch nicht leugnen, Graf, daß ich ahne was ihr mir ſagen wollt; da ich aber nichts als meinen verbindlichſten Dank darauf zu erwiedern habe, wuͤrde die Unterredung uns Beide nur in Verlegenheit ſetzen. Auch bin ich jetzt be⸗ ſchaͤftigt; wenn dies aber auch nicht der Fall waͤ⸗ re—-—— „So müͤrdet ihr mich doch nicht anhoͤren?“ Bei dieſen Worten nahm er die Maske ab, unter welcher er faſt erſtickte.. 252 „Nein, Graf, um unſer Beider willen wuͤrde ich es nicht.“ Ihr Herz pochte heftig, indem ſie ihn anblick⸗ te; ſchon hatte der Armenier ſich wieder ihres Arms bemaͤchtigt, und beſtrebte ſich ſie fortzuziehen; den⸗ noch zoͤgerte ſie noch einen Augenblick. „Ihr muͤßt es felbſt eingeſtehen, Graf,“ ſaate ſie, ſich nahe zu ihm wendend,„daß ich nie ein Spiel mit euren Gefuͤhlen getrieben habe; ſchon unſere erſte Zuſammenkunft haͤtte entſcheidend ſeyn ſollen: Es war ſelbſt damals ſchon zu ſpaͤt!“ — Siie winkte noch mit der Hand, und ver⸗ ſchwand dann unter der Menge. „Zu ſpaͤt!“ hallte es in Wallenſtein wie⸗ der;„zu ſpaͤt!“— Dies aber war nicht der erſte Ausſpruch aͤhn⸗ licher Art, den Luiſe, wiewohl mit ſehr verſchiede⸗ nem Gefuͤhl, an dieſem Abende ertheilt hatte. Auch Lindau wagte es ihr ſeine Liebe zu geſte⸗ hen, auch ihm wurde jede Hoffnung abgeſchnitten, wobei ſie indeß weiter keinen Schmerz empfand. Doch als ſie ſich jetzt von dem Freunde ihres Bruders wandte, ſtand es ganz anders in ihrem Innern, und ihre letzten Worte bezeichneten genau 253 ihre Gefuͤhle. Seit dem Feſte bei Erdenheims, ſeit die Wahrheit und Innigkeit ſeiner Neigung ſich ihr im unzweifelhafteſten Lichte gezeigt, hatten ihre Gedanken oft bei ihm geweilt, und tauſend⸗ mal hatte ſie ſich in ihrem Innern zugerufen:„es iſt zu ſpaͤt!“— Sie war ſchon die Beute eines Andern geworden, ihr Herz war nicht mehr frei, fonſt wuͤrde ſie ſich jetzt unbedingt fuͤr Wallen⸗ ſtein entſchieden haben.„Haͤtten wir uns fruͤher geſehen,“ ſagte ſie oft im ſtillen Nachdenken ver⸗ loren,„er wuͤrde mich gluͤcklich gemacht haben! Doch mein Loos iſt gefallen; ich kann mich nicht wieder von den Feſſeln befreien, und muß mein Schickſal tragen.“ Nichts konnte kunſtreicher angelegt ſeyn, als die Worte mit denen Wolfſtein am heutigen Abende zuerſt ſeinen Widerſacher anredete; ſie riefen in Luiſens Seele den Betrug zuruͤck, der ihrer Mei⸗ nung nach, ihrem Bruder geſpielt war; doch, an⸗ ſtatt den herabzuſetzen, den er eigentlich verderben wollte, machten ſie einen ganz entgegengeſetzten Eindruck auf ihr Gemuͤth. Nie hatte ſie Wal⸗ lenſtein in einem vortheilhafteren Lichte erblickt; ſie ſah ihn, umgeben von allem was die Eitelkeit rei⸗ 2 254 zen oder die Einbildungskraft verfuͤhren konnte, im⸗ mer den naͤmlichen einfachen, geraden, maͤnnlichen Charakter behaupten, der weder durch Wort oder Handlung verraͤth, daß es in der Macht der Um⸗ ſtaͤnde liegt, ihn uͤbermuͤthig im Gluͤck zu machen. Haͤtte ſein guter Genius Wolfſtein's Ankunft jetzt verſpaͤtet, ſo moͤchte er dieſer Stunde vielleicht viel zu danken gehabt haben. Als ſie die entſcheiden⸗ den Worte ausſprach, fuͤhlte ſie wie unheilbringend der Augenblick welcher ihm alle Hoffnung abſchnitt, vielleicht auch fuͤr ſie ſeyn koͤnne, und ſie nahm es ſich vor, ſich wenigſtens nicht ohne Kampf ihrem Schickſale zu unterwerfen. Der junge Armenier, welcher ſie jetzt zur Grotte zog, war ihr laͤngſt auf allen ihren Schritten geſolgt, und hatte, waͤhrend zahlloſe Anbeter ſich um ſie draͤngten, ſchon ihre Aufmerkſamkeit zu erregen geſucht. Einmal hatte er ihr bereits ins Ohr gefluͤſtert:„Schoͤne Da⸗ me, wenn euch an eurer Wohlfahrt gelegen iſt, ſo geſtattet mir ein kurzes Gehoͤr.“ Der angelegentliche Ton mit dem dieſe Worte geſprochen wurden, ſiel ihr auf, doch ehe ſie noch Zeit zum Antworten gewann, ſtand Lindau an iihrer Seite, und quaͤlte ſte mit Liebeserklaͤrungen 4 *1 in Verſen und Proſa. Die aufgeregte Stimmung in welche ſie ſich durch des Fremden Aufforderung verſetzt fuͤhlte, ließ ſie den laͤſtigen Anbeter ſo ſtrenge abfuͤhren, daß er, ungeachtet aller ſeiner Eitelkeit, nicht an die Haͤrte ſeines Schickſals zu zweifeln vermochte, und ſich gedemuͤthigt zuruͤck⸗ zog. Nun nahete der Armenier wieder: „Habt ihr endlich Muße mich anzuhoͤren, oder muͤſſen noch mehr Wuͤrmer in den Staub getreten werden, ehe ihr mir eine Unterredung ge⸗ ſtattet? Es iſt um eurent«, nicht um meinentwil⸗ len, daß ich ſo dringend darum erſuche.“ „So redet, Fremdling, ich bin bereit euch zu hoͤren.“ „Hier nicht; nicht in dieſer Menge, wo man⸗ ches Ohr auf uns lauſchen wuͤrde. Was koͤnnt ihr fuͤrchten? Ich will euch zur Grotte fuͤhren. Muth⸗ gefaßt, ſchoͤne Dame!“ Kaum glaubte er ſie auf dem Wege dahin zu haben, als Wallenſtein ſich zu ihnen draͤngte, uand den enrſcheidenden Ausſpruch erhielt. Aufs Neue druͤckte die Maske ihre Ungeduld aus. 256 „Ich habe euch Worte von groͤßerer Wichtig⸗ keit zu ſagen, als ihr vielleicht ahnet, ſonſt wuͤr⸗ det ihr nicht ſo unheilbringend zoͤgern.“ 4 Luiſe waͤhnend ihr Fuͤhrer koͤnne vielleicht irgend einen Auſchlag Wolfſtein's ihr zu ent⸗ decken haben, da ſie dieſen boͤſen Feind in ſeinem Dominicaneranzuge, in einiger Entfernung lauernd, zu erblicken glaubte, freute ſich, daß er ſich ihr bis jetzt wenigſtens noch nicht genaht habe. Als ſie ſich nun mit dem Unbekannten auf die Felsbank ſetzte, welche Wallenſtein und die Fuͤrſtin kurz zuvor verlaſſen hatten, zog er die Maske ab, und ſie gewahrte Wolfſtein an ihrer Seite. Noch hielt er die Hand feſt, an welcher er ſie hineinge⸗ fuͤhrt hatte, als fuͤrchte er, die Beute moͤge ihm entſchluͤpfen, wozu aber Schrecken und Erſtaunen ihr kaum Kraft ließen. Er bemerkte wie ſie ſich, an allen Gliedern zitternd, nur leidend verhalte, zog alſo die Hand ſanfter an ſich, und ſuchte den Blick tiefer Schwermuth, der zuerſt ihr Herz fuͤr ihn gewonnen hatte, in ſeine dunklen, feſt auf ſie gehefteten Angen, zu locken; nur dieſe ſollten fuͤr ihn reden, er ſprach kein Wort, und wartete ſchwei⸗ 257 gend dan Zeitpunkt ab, wo ſich der erſte Schrecken gelegt haben wuͤrde. Endlich hub er mit dem unwiderſtehlichen Tone, der fruͤher nie den Weg zu ihrem Herzen verfehlt hatte, an:„Ja, Luiſe, ich bin es! Ich konnte den Gedanken nicht ertragen mich dir zuerſt, umgeben von der Menge, zu nahen. Ver⸗ zeih einer unſchuldigen Liſt, und wenn es dir moͤg⸗ lich iſt, ſo gebiete meine Entfernung, denn ich bin Wolfſtein, das Ungeheuer Wolfſtein!“ Mit aller Kraft, die Unwille und Verachtung ihr in dieſem Augenblicke einfloͤßten, rief ſie: „Entfernt euch, niedriger Verfolger!“ „Wohl, mein Fraͤulein, ich will mich entfer⸗ nen! Doch erſt laßt dieſe ſchoͤnen Lippen mir meine Vergehen vorwerfen; dann will ich es nicht weiter wagen euch durch meine Naͤhe zu belaͤſtigen. Warum aber ſoll ich verbannt ſeyn?“ „Unbegreiflich!“ rief ſie.„Sagt euch euer Gewiſſen nichts, ſoll ich die Reihe eurer niedern Betruͤgereien noch aufzaͤhlen?“ „Hoͤrt mich, Luiſe!“ Sie ſtand auf um die Grotte zu verläſſen. „Nein,“ rief er ſie zuruͤckhaltend,„ihr ſollt W. v. W. 11. 17 258 mich erſt hoͤren! Ja, ich taͤnſchte euch, trat unter fremdem Namen in euer Haus, bemaͤchtigte mich eures Herzens; aber die eigentliche Veranlaſſung dazu war ein leichter, jugendlicher Scherz, ein Knaben Streich. Haͤtte ich euch nicht, von dem Augenblick an da ich euch ſah, wahrhaft geliebt, ſo wuͤrde ich meine Schuld bekannt, und euch wieder verlaſſen haben. Das Schickſal aber ent⸗ ſchied anders. Nur Wallenſtein's verzoͤger⸗ tein Kommen, dankte ich meinen Vorſprung; un⸗ ſere Abſicht war gleich ſtrafbar. Wenn nun ein ſolcher Fehler durch Reue nicht getilgt werden kann, darf ich mich freilich einzig nur an eure Barmherzigkeit wenden. Sprich Luiſe, ver⸗ giebſt du mir?“— In dieſem Moment lag er vor ihr auf den Knien, indem er die Hand, welche ſie vergebens zuruͤckzuziehen ſtrebte noch immer in der ſeinigen hielt, und ſie mit Kuͤſſen bedeckte. Ihre Lage war unbeſchreiblich angſtvoll, ſie ſtarrte nach dem Ein⸗ gang der Grotte, die ſich jeden Augenblick mit Eintretenden fuͤllen konnte. „Moͤge die ganze Welt Zeuge meiner Reue 259 und eurer Grauſamkeit ſeyn!“ rief er noch immer in der vorigen Stellung. „ und glaubt ihr mich zu erweichen, indem ihr Beſchimpfung auf Beſchimpfung haͤufet? Nein, Wolfſtein, nie ſollt ihr eine Verzeihung von mir erzwingen!“ „So ſchuͤtzet mich wenigſtens vor Verzweif⸗ lung!— Sagt, daß ihr mich nicht haßt!“ „Ich ſage kein Wort bis ihr aufſteht, bis ihr meine Hand fahren laßt!“— Indem er aufſtand und ſie loß ließ, fragte „Habt ihr noch irgend eine andere Beſchuldi⸗ gung gegen mich, als die, daß ich mich unter Wallenſteins Namen bei euch eindraͤngte 27— „Ja, noch tauſendmal haͤrtere!— Dies al⸗ lein wuͤrde ich vielleicht ſchwach genug gewefen ſeyn zu verzeihen.“. „Dann werdet ihr das Uebrige auch verzei⸗ hen; denn hat nie eine innre Stimme euch zuge⸗ fluͤſtert: der Menſch kann ſeinem Schickſale nicht entgehen?² Ueberwaͤltigt durch die ſtreitenden Gefuͤhle in ihrer Bruſt, brach ſie in einen Strom von Thraͤ⸗ nen aus. Sie empfand die ganze Schaͤrfe, wel⸗ 17* 260 che in dem beleidigenden Betragen dieſes Mannes lag, das volle Maaß ſeiner unverſchaͤmten Sicher⸗ heit. Iſt es moͤglich, daß Liebe und Haß ſich zu⸗ gleich des Herzens fuͤr denſelben Gegenſtand be⸗ maͤchtigen koͤnnen, ſo liebte und verabſcheuete ſi ſie Wolfſtein in dieſem Augenblicke. Ihre Thri⸗ nen aber machten ihn nur kuͤhner. „Nun,“ ſagte er,„geſtattet mir nur ein Fuͤnk⸗ lein Hoffnung, daß meine Bitten euch erweicht haben, und herrſchet dann uͤber mich nach Geſällen. Ich bin auf ewig euer Sclave.“ „Nein Ritter, ich kann einem Freigeiſt und Unglaͤubigen keine Hoffnung geben.“ Mit wildem Blick trat er, waͤhrend ſie dies ſprach, ſo nahe auf ſie zu, daß ſie ſich aufs Neue des Zitterns nicht ervehren konnte:„Vortreff⸗ lich, Fraͤulein!“ rief er mit fuͤrchterlichem Tone, „Vortrefflich! Doch bedenkt, welcher gefaͤhrliche Daͤmon in den Worten Freigeiſt und Unglaͤubiger, verborgen liegt. Huͤtet euch vor ihm!“ In dieſen Anfalle von Wuth ergriff er ihren Arm auf eine ſo barbariſche Weiſe, daß die Spu⸗ ren des Druckes daran ſichtlich wurden, und ſie vor Schmerz faſt lant aufſchrie. 26½ „Nun geht, Fraͤulein, und freuet euch kurze Zeit noch eures Daſeyns! Wolfſtein lebt noch!“ Schnell ſtuͤrzte er aus der Grotte, indem er ſeine Maske auf dem Boden liegen ließ, als wolle er abſichtlich dies Zuſammentreffen mit der Freiher⸗ rin v. Marchfeldt der ganzen Welt verrathen; auch blieb ſein Wunſch nicht unerfuͤllt, denn viele Augen waren ihnen ſchon auf der Spur geweſen. Luiſe verließ nicht gleich die Grotte; Schrecken, Erſtaunen und Unwille hielten ſie eine Zeitlang noch wie feſt gebannt auf ihrem Platze. Daß die eben vorgefallene Scene Zeugen gehabt haben koͤn⸗ ne, erfuͤllte ſie mit Scham und Verwirrung, und sbwohl ſie ſich in ihrem Gewiſſen rein fuͤhlte, und das ſchiefe Urtheil der Menge in ihrem Innern nicht zu fuͤrchten brauchte, that es ihr doch leid, es unwillkuͤhrlich auf ſich gezogen zu haben. 262 4 XIII. Schon begruͤßten die erſten Strahlen der Mor⸗ genroͤthe die hohen Zinnen der Thuͤrme Wiens, als die Gaͤſte allmaͤhlich begannen ſich aus den Saͤ⸗ len zu entfernen, und auch dies prachtvolle Feſt nicht mehr der Gegenwart, ſondern der Vergan⸗ genheit angehoͤrte. Die Blumen waren verwelkt, die Lichter erloſchen, die Toͤne der Muſik verhallt, und die bunten, froͤhlichen Gruppen verſchwunden; doch blieben in manchem Buſen Erinnerungen zu⸗ ruͤck, die viele kommende Tage und Naͤchte ſchwer⸗ lich zu tilgen vermochten. Auch ſie, durch deren Anordnung die Freu⸗ den des Abends geſpendet waren, fuͤhlte ſich ſchmerz⸗ lich durch die vergangenen Stunden bewegt, ob⸗ gleich ſie ſich ſorgſam bemuͤhete dieſe Gefuͤhle in ihrem Innern zu verbergen. Ihr Herz, anfangs nur aus Laune und Theilnahme zu Wallenſtein gezogen, erlag der gewaltigen Leidenſchaft der I 263 Liebe; vergebens hatte der Stolz und das Gefuͤhl weiblicher Wuͤrde, lange gegen eine Neigung ge⸗ kaͤmpft, die der Gegenſtand derſelben nicht zu er⸗ wiedern vermochte, ſie hoffte ihn endlich von der Taͤuſchung geneſen zu ſehen. Seine eigenſinnige Behauptung, daß die dunkelbraune Locke ihres ei⸗ genen Haars, vom Haupte ihrer Nebenbuhlerin geſchnitten ſey, war eine harte Pruͤfung; doch beſtand ſie auch dieſe ſiegreich, und geſtattete ihrem ſchmerzlich beleidigten Gefuͤhl nicht die Oberhand zu gewinnen. Geduldig beſchloß ſie Wallen⸗ ſtein's Heilung von der Taͤuſchung zu erwartens darauf hoffte ſie, und die Liebe zog ſie ſo all⸗ maͤchtig fort, daß ihr Stolz den Gedanken ertrug, das von einer Andern verſchmaͤhte Herz, willig als ihr Eigenthum aufzunehmen. Ihr Scharf⸗ ſinn ahnete den Erfolg ſeiner Unterredung mit Luiſen; ſie wartete ſeiner in einiger Entfernung, und obgleich ſie wohl zitterte, Zeugin ſeiner Ver⸗ zweiflung zu ſeyn, vermochte ſie es dennoch nicht, ihn ohne Abſchied zu entlaſſen. Stumm ging er an ihr voruͤber; ploͤtzlich aber ſtand er ſtill, wandte ſich zu ihr, druͤckte herz⸗ lich ihre Hand und ſagte: 4 264 „Gott ſey mit euch, theure Freundin! Schlaft wohl.“— Die feierliche Ruhe welche uͤber ſeinem gan⸗ zen Weſen verbreitet zu liegen ſchien, erſchreckte ſie.„Caſimir,“ rief ſie,„wie ſteht es mit euch?“. „Schlimm genug,“ erwiederte er mit gezwun⸗ genem Laͤcheln;„doch fuͤrchtet nicht fuͤr mich, Fuͤr⸗ ſtin. Eine kurze Qual, und alles iſt voruͤber!“— Mit dieſen Worten verließ er ſchnell den Saal; die Fuͤrſtin aber, durch ſein ruhig ſcheinendes Be⸗ tragen in Schrecken geſetzt, ſuchte den noch in den Zimmern weilenden Desmond auf, theilte ihm in aller Eile mit, was ſein Freund gelitten, und vpeſchwor ihn, ihm nachzueilen und beizuſtehen. Kaum hatte alſo Wallenſtein ſein Haus er⸗ reicht, als Desmond ſich auch ſchon an ſeiner Seite befand. „Freund,“ redete Erſterer ihn mit gehaltener Ruhe an,„wuͤnſche mir Gluͤck zu der Vernichtung einer Taͤuſchung, die mich lange in ſchmaͤhlichen Feſſeln gehalten hat.“ 3 Sein Ton blieb feſt; Desmond's Stim⸗ me aber zitterte, indem er erwiederte:„Iſt ſie 265 denn gaͤnzlich geſchwunden?— Nun, ſo laßt uns nicht mehr daran denken!“ Als Wallenſtein ſeine Weſte zfete, fiel das Packet von ſeinem Vater auf die Erde; Des⸗ mond hob es auf. „Die Zeit zum Schlaſen iſt voruͤber,“ ſagte Wallenſtein, das durch die Fenſter hereinbre⸗ chende Licht betrachtend.„Laß uns fruͤhſtuͤcken, und dieſe Papiere durchſehen; hernach wird ein Gang am Ufer der Donau uns abkuͤhlen und er⸗ feiſchen, und uns Muße gewaͤhren die Antwort in Ueberlegung zu ziehen. „Das Packet iſt aber an euch allein uͤberſchrie⸗ ben.“ Wahr,“ erwiederte der Graf, indem er es aus den Haͤnden des Andern nahm,„da aber Wolfſtein ſeinen Inhalt kennt, brauche ich iihn dir nicht zu verhehlen.“. Er riß den Umſchlag ab, und fand, daß es, wie gewoͤhnlich, mehrere Papiere in Chiffern ge⸗ ſchrieben, und folgenden, eigenhaͤndigen Brief an ihn, enthielt: 3„Durch den Stern, unter welchem ich gebo⸗ ren bin, iſt aufs Neue ein Wechſel der Begeben⸗ 266 heiten herbeigefuͤhrt, und der Erfolg alles ſichtba⸗ ren und unſichtbaren Beginnens, dient nur dazu meinen Ruhm zu verherrlichen! Hierauf koͤnnen einzig alle Triebe gelenkt ſeyn, und auf dieſen Punkt muß alles ſich mit Gewalt vereinigen. Tauſend Legionen unſichtbarer Weſen, weben an dem Schick⸗ ſale eines großen Mannes, und die Dinge welche ſcheinbar zu der Vollendung des Ganzen leiten, ſind allein nur das Werk dieſer geheimnißvollen Diener, denen die unvermeidliche Aufgabe auferlegt iſt. Wallenſtein muß groß ſeyn!— Dieſer Ausſpruch war Jahrtauſende zuvor ſchon in den Sternen geſchrieben, und keinem menſchlichen Ver⸗ ſtande, noch irgend einer menſchlichen Kraft, iſt 1 es vergoͤnnt ihn zu vernichten. Die Natur hat mich ſichtbarer Weiſe mit allem Noͤthigen begabt um zu ihrem Zwecke mitzuwirken, und mein Ge⸗ ſchick zu verherrlichen. Es wohnt in mir ein auf⸗ ſtrebender Geiſt; der Flug meines Genius geht ins Unendliche; dennoch haͤtten dieſe Natur⸗Ga⸗ ben mich taͤuſchen koͤnnen, denn ſchon mancher uͤberwundene Abentheurer, trat mit aͤhnlichen Ga⸗ ben ausgeſteuert voll kuͤhner Hoffnung, in die Schranken des Ruhms. Doch ſo iſt es nicht mit 267 mir!— Ich habe das nie luͤgende Schickſals⸗ Buch erforſcht; es liegt offen vor mir, ich kenne meine Bahn, und glaube es mir, Caſimir, was ich auch thue, muß gethan werden! Jene großen Begebenheiten, die nur das Werk meines Willens ſcheinen, und nach den Folgen berechnet werden, ſind durch Urſachen hervorgebracht, de⸗ nen keine menſchliche Macht widerſtehen kann.“ „Aber es iſt fruchtlos in Deine Seele dieſe unwandelbare Wahrheit praͤgen zu wollen, denn ſo gewiß als ich die mir einmal vorgezeichnete, hohe Bahn bis zum Gipfel erſteigen muß, eben ſo gewiß wird Deine Natur und Dein Geſchick Dich treiben, einen Anſtoß an meinem Gluͤcke zu nehmen, und die Umſtaͤnde zu verwuͤnſchen, wel⸗ che es, Deiner Meinung nach, herbeifuͤhren wer⸗ den. Davor moͤchte ich Dich noch einmal warnen, und dies iſt alles was ich thun kann. Koͤnnteſt Du es uͤber Dich erhalten, das, was Du den Ehrgeiz Deines Vaters nennſt, mit dem alles um⸗ faſſenden Worte: Schickſal, zu bezeichnen, wuͤrde Dir alles leicht ſeyn, und Du wuͤrdeſt ru⸗ hig zuſehen, wie ich ſtufenweiſe mich auf den Thron 268. erhoͤbe, den ich, einem hoͤheren Ausſpruche zufol⸗ ge, beſitzen ſoll.“ „Erſchrick nicht, mein Sohn!— Nur dem gewoͤhnlichen Menſchen erſcheint der Thron als et⸗ was Ungeheures; meine Seele hat ſich laͤngſt mit dem Gedanken vertraut gemacht, und Gewohn⸗ heit koͤnnte ein Gleiches auf Dich wirken. Ich habe geduldig der Entwickelung der Umſtaͤnde zuge⸗ ſehen, die zu dieſer blendenden Hoͤhe fuͤhren muß⸗ ten; jetzt nahen ſie ſich raſch und beſtimmt ihrer Endſchaft, obgleich es noch einige Zeit dauern wird, bevor der Knauel völlig abgewickelt iſt. Jedoch mag ich mich dem entſcheidenden Augenblicke nicht noch mehr naͤhern, ohne Dich, in ſo weit es mir geſtattet iſt, darauf vorzubereiten. Ich gebiete Die nicht erſt dies Geheimniß zu bewahren, denn wenn es auch Deinen Grundſaͤtzen gemaͤß waͤre, mich einen Verraͤther zu nennen, ſo liegt es doch weder in Deiner Natur, noch ſteht es in Deinem Geſchicke geſchrieben, daß Du ein Vater⸗Moͤrder werdeſt.“ „Ein großer Streich äßet— Die glaͤn⸗ zende Laufbahn des Schwediſchen Helden, wird die Entwickelung nur noch ſchneller herbeifuͤhren; 269 bald wird er vom Schauplatze verſchwinden, und dann——— Doch, es ſey genug. Bereite den Stern Deines Auges allmaͤhlich ins Licht zu ſchauen, dann wird das Glanzmeer Dich weder blenden, noch ſchrecken. Deine Antwort vertraue Niemandem als Desmond an.“ So lautete der Brief, den Wallenſtein und Desmond mit einander durchlaſen. „Es iſt ein Bubenſtuͤck,“ rief Erſterer,„von Wolfſtein und ſeinen Geſellen geſchmiedet!— Nie kamen dieſe Gedanken in meines Vaters Kopf, noch ſchrieb ſeine Hand dieſen Brief. Nicht wahr, das iſt auch deine Meinung? „Ich fürchte nur zu ſehr, gnaͤdiger Herr, die gefährlichen Traͤume ſind allerdings im Gehirne eures Vaters erzeugt; in wiefern Wolſſtein ihm dabei behuͤlflich geweſen, iſt eine andere Frage. Der Keim aber hat lange im Buſen eures Vaters gelegen. 3 6 Noch einmal uͤberlas Wallenſtein den Brief. „Was aber ſoll es, was kann es anders be⸗ deuten, als Verrath?— Wenn Pflichtmaͤßig⸗ keit, Treue, Ehre, Worte ſind, die ich in ihrer 270 Bedeutung recht verſtehe, wenn es Verrath iſt, daß ein Diener den Herrn, dem er Treue geſchwo⸗ ren hat, hintergeht, ſo iſt der Mann, welcher dieſen Brief ſchrieb, ein Verraͤther.“ „Graf, euer Vater ſchrieb dieſen Brief, und in dem was er enthaͤlt, ſpricht ſich der Mann klar aus. Er verfaͤhrt offen mit euch, er ſetzt euch aus⸗ einander, daß er nicht erſt jetzt ſeine gefaͤhrliche Laufbahn beginnt, ſondern, daß er ſchon auf dem Wege fortgeſchritten iſt, daß er ferner fortſchrei⸗ ten will und muß. Er fragt weder nach eurem Rathe, noch nach eurer Billigung; er ſagt euch was er thut, und ferner zu thun geſonnen iſt, in⸗ dem 3 znuch eurem eigenen Willen, oder wie er es nennen wuͤrde, eurem Schickſale uͤberlaͤßt. Wenn eure Grundſäͤtze heiſchen, ſeine Abſichten nicht bil⸗ ligen zu koͤnnen, ſteht dies euch frei, ihr habt voͤl⸗ lige Vollmacht dazu. Euch ihm widerſetzen koͤnnt ihr uicht, ihn angeben werdet ihr nicht.“ Einige Minuten ſaß Wallenſtein mit bei⸗ den Haͤnden feſt an die Stirn gedruͤckt, ſchweigend da, dann rief er im Tone halber Verzweiflung: „Es giebt in dieſem Augenblicke keinen un⸗ Kluͤcklicheren Menſchen auf dem ganzen Erdboden, 271 als ich bin, um ſo ungluͤcklicher weil ich mich von dem Gefuͤhle der Schuld nicht frey ſprechen kann! — Oh!l daß mein Vater mich zum wenigſten un⸗ wiſſend uͤber ſeine Abſichten gelaſſen haͤtte. Sie zu wiſſen iſt Verrath, ſie zu enthuͤllen Vatermord! Vor einer Stunde fuͤhlte ich mich ungluͤcklich; aber ich war ſchuldlos. Desmond, mit welchem Stolz, mit welcher Bewunderung, hob ich meine Augen zu dem Manne empor!— Mit welchem hohen Bewußtſeyn ſprach ich das Wort Vater aus!“— Noch einmal ſiel er in dumpfes Schweigen, unnd Desmond hoffend, der Aufruhr in ſeinem Innern werde ſich allmaͤhlich legen, vermied einige Augenblicke ihn zu unterbrechen. Endlich ſagte er: „Theurer Graf, eure Lage iſt allerdings hoͤchſt ſchwierig; ihr ſteht zwiſchen dem rechtmaͤßigen Herr⸗ ſcher und dem Vater, fuͤhlt euch von Pflicht und indlicher Liebe hingeriſſen. Doch iſt euer Cha⸗ rakter nicht ſchwankender Natur, und ihr habt unſtreitig ſchon eine Wahl getroffen.“ „Was meinſt du, Desmond? Ich ſtehe zwiſchen zwei Verbrechen muß ich durchaus eins⸗ waͤhlen? Muß ich meinen Herrn veirchen, oder meinen Vater anklagen?“— „Nein, ihr ſeyd nicht zu def fuͤrchterlichen Wahl gezwungen,/“ 4 „Wenigſtens will ich ſogleich an den Herzog ſchreiben, er ſoll nicht laͤnger uͤber meine Grund⸗ ſaͤtze in Zweifel bleiben, ſoll nicht den einzigen Sohn unter die ſchwarze Zahl ſeiner Mitperſchwor nen zaͤhlen.“ 8 „So feyd ihr alſo unwiderruflich entſchloſſen, weder gegenwaͤrtig ſeine Maßregeln zu billigen, noch jemals in der Zukunft zu ſeinen Plaͤnen mit⸗ zuwirken? Bedenkt, daß dies eine wichtige Ent⸗ ſcheidung iſt, und die Zeit eure Anſichten aͤndern koͤnnte.“ Es lag ein gewiſſes Etwas im Tone und Aus⸗ drucke des Lieutenants, welches verurſachte, daß Wallenſtein eine Weile ſchwieg und ihn mit for⸗ ſchendem Blicke betrachtete. 4— „Was geht in deinem Herzen vor, Des⸗ mond?“ ſagte er endlich.„Ich habe ein Recht danach zu fragen. Mein Vater behandelte dich einſt auf eine tyranniſche Wette, und du gedenkſt 8 273 3 deſſen jetzt?— Muß ich nicht ſo den ungewoͤhnli⸗ chen Ausdruck deines ganzen Weſens erklaͤren?“— „Euer Verdacht erniedrigt uns Beide, Herr Graf. Von allen unwuͤrdigen Neigungen, die das menſchliche Gemuͤth beherrſchen, halte ich langſam ſchleichende Rache am verabſcheuungswuͤrdigſten; und glaubt ihr denn mein Herz weniger treu in Aufbewahrung erzeigter Wohlthat, als empfange⸗ nen Uebels? Doch eure Lage entſchuldigt euch. Nein, Graf, nie werde ich das am heutigen Mor⸗ gen erfahrene Geheimniß verrathen; ſelbſt die Fol⸗ ter wuͤrde es mir nicht entreißen! Nie werde ich weder meine Hand, noch meine Stimme gegen euren Vater erheben, und wenn ihr es mir auf dem Kreuze eures Schwerdt's ſchwoͤren wollt, nie ſeine Parthei gegen unſer rechtmaͤßiges, geſalbtes Oberhaupt zu ergreiſen, ſo bin ich Zeitlebens der eure.“ 4 Wallenſtein nahm ſein Schwerdt von der Wand, kuͤßte das Heft deſſelben, und leiſtete ei⸗ nen feierlichen Eid, nie vom Wege des Rechten abzuweichen, nie ſich in irgend einen Bund einzu⸗ laſſen, der den Untergang des Hauſes Oeſterreich zum Zweck habe, und wenn es den heiligen Ban⸗ W. v. B. II. 1 274 den der Natur entgegen waͤre, die Exiſtenz eines ſolchen Bundes zu enthuͤllen, ſeinerſeits wenigſtens mit allen Kraͤften, die ihm Gott verliehen habe, dagegen anzukaͤmpfen. Jetzt war die naͤchſte Sorge Wallenſteins Antwort an den Vater in genauere Erwaͤgung zu ziehen. Waͤhrend ſie den Maskentand voͤllig von ſich warfen, ward folgender Brief unter Beiden verabredet, den Caſimir augenblicklich ſchrieb: „Gnaͤdigſter Herr! „Ich darf mir nicht ſchmeicheln irgend einen Eindruck auf ein Gemuͤth hervorzubringen, das ſo feſt begruͤndet in ſich ſelbſt daſteht, als das Eure; was ich alſo ſchreibe, ſoll nur dazu dienen mich perſönlich zu rechtfertigen. Ihr glaubt unbedingt an eine unwiderſtehliche Macht des Geſchicks, wel⸗ ches uͤber den Menſchen herrſcht, und in Hinſicht des Einfluſſes den es auf das, was wir Gluͤck nennen, haben kann, bin ich nicht Willens mit euch daruͤber zu ſtreiten, da es ja doch weit mehr auf Handeln, als auf Glauben ankommt. Ich, mei⸗ nerſeits, hege die feſte Ueberzeugung, daß die Seele jedes Menſchen durch gewiſſe Einwirkungen 273 bewegt werde„ deren richtige Leitung vom Gewiſ⸗ ſen abhaͤngt, und daß, je nachdem das Gewiſ⸗ ſen oder die Leidenſchaften mehr die Obergewalt gewinnen, der Menſch frei, oder ein Selave ſey. Eure Seele iſt von vorherrſchenden Leidenſchaften erfuͤllt, welche, verzeiht es mir, mein Vater, den rechtmaͤßigen Herrn aus dem Felde geſchlagen, und den Sieg uͤber euer Gewiſſen davon getragen haben.“ „Dem Glaubensbekenntniß Eures Briefes zufolge, ſind Laſter und Tugend, Gutes und Boͤ⸗ ſes, Dinge, die nur dem Namen nach exiſtiren, und die Lehren der beſſern und kluͤgeren Menſchen aller Zeiten, waͤren alſo nichts als Hirngeſpinſte. Der Sterndeuter mag mir immerhin einen gluͤckli⸗ chen Erfolg meiner Unternehmungen verſprechen, oder die Geſtirne moͤgen mir durch ſeinen Mund Verderben drohen, ich will ſeine Behauptungen nicht beſtreiten; wenn er mir aber ſagt, daß ich ein ſchaͤndlicher Verraͤther werden, das Vertrauen meines Herrn taͤuſchen, allen Grundſaͤtzen entſagen ſoll, die den Menſchen der Gottheit naͤher brin⸗ gen, und ihm Muth verleihen, jedes Schickſal mit gleicher Ruhe und Ergebung zu tragen, ſe 18* 276 nenne ich ihn einen Luͤgner, weil ich die Freiheit in mir fuͤhle, der Macht der Verhaͤltniſſe zu wider⸗ ſtehen, und wenn ich nicht widerſtaͤnde, durch eigne Schuld das Verderben uͤber mich herbeigezogen haͤtte.“. „Mein Ehrgeiz, gnaͤdigſter Herr, iſt darauf gerichtet, meine Ehre fleckenlos, meinen Glauben unerſchuͤtterlich, und mein Herz ſo rein zu erhal⸗ ten, als die Unvollkommenheit der menſchlichen Natur es geſtattet. Vater, iſt es zu ſpaͤt?— Wollt Ihr nicht noch einen Augenblick uͤberlegen, bevor Ihr Euch in den Abgrund ſtuͤrzt? Welch einem unſich ern Gluͤcksſpiel wollt Ihr alles, was einem edlen Geiſte theuer ſeyn muß, opfern? Das Hoͤchſte was Ihr dafuͤr erlangen koͤnnt, ſind einige kurze Jahre aͤuſſern Glanzes, durch innre Reue verbittert; dies iſt aber auch der hoͤchſte, einzige Gewinn fuͤr Euch, denn ich will lieber meine Stirn Zeitlebens unter einer Moͤnchskutte verhuͤl⸗ len, als daß ein Diadem, um ſolchen Preis erkauft, darauf prangen ſoll. Euer Ehrgeiz reißt Euch hin keinen Preis fuͤr einen Thron zu hoch zu halten; der meinige treibt mich ihn zu verachten.“ 277 „Erweckt, was wahrhaft groß in Eurer Bruſt iſt, Vater, um dieſem eingebildeten Phantom von Geſchick die Stirne zu bieten! Der Liebe und des Vertrauens Eures Monarchen gewiß, ſteht Ihr jetzt da als ſchuͤtzender Engel ſeiner Rechte, ge⸗ fuͤrchtet und geehrt von ſeinen Unterthanen, der Schrecken ſeiner Feinde, und Ihr beſitzt, ja, mein Vater, Ihr beſitzt noch jetzt, wenn es Euch der Erhaltung werth ſcheint, die kindliche Achtung Eures einzigen Sohnes!— Iſt es moͤglich dies Alles durch einen verzweifelten Schlag vernichten zu wollen?— Ach! ich darf es nicht hoffen Euch zu ruͤhren; aber, wenn Ihr denn unerweichlich ſeyd, wenn Ihr waͤhnt durchaus Eurem Geſchicke gehorchen zu muͤſſen, oder vielmehr, wenn Euer furchtbarer Ehrgeiz jedes heilige Band mit Fuͤßen tritt, ſo laßt das erſte Vertrauen uͤber dieſen ver⸗ haßten Gegenſtand, auch das letzte ſeyn. Ich bin fuͤr ſolche Anſchlaͤge nicht empfaͤnglich, mein In⸗ nerſtes empoͤrt ſich dagegen, und haͤttet Ihr mir nicht das Daſeyn gegeben, ſo wuͤrde ich Euer An⸗ klaͤger werden.— Wenn wir es nun aber nicht wagen duͤrfen, auf die Mitwirkung der beſſeren Menſchen zu zaͤhlen, zu welchen ſchwarzen, gefaͤhr⸗ 278 lichen Verbindungen ſind wir gezwungen uns her⸗ abzulaſſen! So trauet Ihr einem, der bei er⸗ ſter, ſchicklicher Gelegenheit Euch verrathen wird. Mit teufliſcher Freude ſagte Wolfſtein mir, er beſitze furchtbare Mittel uns zu verderben. Er beſitzt ſie wahrlich, und glaubt mir, er wird ſie nutzen.“ So lautete Wallenſteins Antwort; er uͤberlegte nun noch mit Desmond wie ſie auf eine ſichere Weiſe nach Prag geſandt werden koͤnne, denn man hatte allerdings Urſache zu fuͤrch⸗ ten, daß der Lieutnant, wenn er ſelbſt der Ueber⸗ bringer waͤre, nicht allein gefangen genommen, ſondern die Strafe erdulden muͤſſe, der er fruͤher nur eben entgangen war. Dennoch nahm er die Botſchaft uͤber ſich, weil das Leben des Herzogs verwirkt ſeyn wuͤrde, ſobald dieſer Brief in un⸗ rechte Haͤnde geriethe, und Wallenſtein, zugleich den Edelmuth ſeines Freundes, und die Richtig⸗ keit ſeiner Gruͤnde einſehend, mußte endlich ein⸗ willigen, jedoch nicht, ohne alle nur moͤglichen Vorſichtigkeits⸗ Maßregeln, auf das Genaueſte an⸗ zuempfehlen. 279 Man kam uͤberein, daß Desmond unter anſehnlicher Begleitung, ſogleich in groͤßter Eile abgehen; doch in einer Entfernung von fuͤnf Mei⸗ len vor Prag, ſich als Moͤnch verkleiden, ſein Pferd mit einem Maulthier vertauſchen, uner⸗ kannt in die Stadt reiten, ſeinen Brief an Win⸗ terfeldt uͤbergeben, und ſodann gleich wieder mit ſeinem, vor den aͤuſſern Mauern wartendem, Gefolge zuruͤckkehren ſolle. Waͤhrend alles zur Reiſe geordnet wurde, legte der Lieutnant ſich noch eine Stunde aufs Bette, und Wallenſtein, von tauſend Gefuͤhlen zerriſſen, lenkte ſeine Schritte nach dem Ufer des Fluſſes, der mit Eis und Schnee bedeckt, wenig dazu beitrug ihn durch ſeinen An⸗ blick zu erheitern. Vergebens ſuchte er Troſt im ruhigern Nach⸗ denken; ſein kuͤnftiger Lebensweg ſchien eben ſo ſtarr und kalt vor ihm zu liegen, als der zugefrorne Strom, anf dem ſein Auge weilte. Auf dieſem wird das Eis doch wieder ſchmelzen, dachte er, ſeine ufer werden ſich wieder verjuͤngen, und die erſtorbenen Baͤume mit neuem Gruͤn prangen. Mein Schickſals⸗Buch ſcheint geſchloſſen, Ungluͤck, —. 280 Othene„ harrt meiner; doch meine Unſchuld ſou mir Niemand rauben! Eine einfache Capelle ſtand nicht weit vom Wege; der ſchwache Geſang der wenigen, bejahr⸗ ten Moͤnche, denen der Dienſt dort anvertraut war, wurde durch gen kalten Morgenwind zu ihm heruͤbergetragen. Er folgte dem Rufe, und hin⸗ geworfen vor dem Altar, erneuerte er das heilige Geluͤbde, welches er kurz zuvor auf ſeinem Schwerdt, in Desmonds Gegenwart, abgelegt hatte. In⸗ bruͤnſtig flehete er den Himmel an, ihn feſt zu hal⸗ ten auf dem Wege des Rechten, denn wie ſehr er auch ſeiner eigenen Beharrlichkeit trauete, erkannte er es dennoch im Innerſten ſeiner Seele an, daß nur der Beiſtand des Hoͤchſten ihm dazu Kraft verleihen, und ihn ſchuͤtzen koͤnne. 2 Xlv. 3 Wallenſtein empfand eine ſo wahrhafte Erhebung im Gebet, daß er die Zeit nicht berech⸗ nete, welche er an den Stufen des kleinen Altars zubrachte, und nun, indem er aus der Thuͤre trat, 281 erſtaunte er, die ſchoͤne Welt Wien's ſchon in Polniſchen Pelzen gehuͤllt, am Ufer der Donau luſtwandeln, und in leichten Schlitten, oder auf Schlittſchuhen, uͤber den gefrornen Eis⸗Spiegel des Fluſſes, hingleiten zu ſehen. Kaum trat er uͤber die Schwelle der Capelle, als Graf Har⸗ rach ihm ſchon kreiſchend entgegen kam. „Wahrhaflig, theurer Neffe, ihr koͤnnt al⸗ len jungen Leuten eures Alters zum Muſter die⸗ nen! Nein, erroͤthet nicht, ihr ſeyd auf meine Ehre ein hoͤchſt exemplariſcher junger Mann!“— Obgleich es Wallenſtein nun zwar gleich⸗ guͤltig war, wer ihn aus der Capelle treten ſaͤhe, empoͤrte ihn doch der Bombaſt von Worten, mit dem der Oheim ihn anredete, und willig wuͤrde er der Menge ausgewichen ſeyn, wenn der Graf es nur geſtattet haͤtte. Dieſer aber bemaͤchtigte ſich ſeines Arms, und ſetzte die angenehme umterhal⸗ tung fort. „Wißt ihr ſchon,“ ſprach er ohne Athem zu ſchoͤpfen weiter,„daß mein vielgeliebter Bruder, Sr. Excellenz der Herzog v. Friedland, in guͤtiger Erinnerung der Wohlfahrt ſeiner Ver⸗ wandten, die jeder große Mann billig nie aus der 282 Acht laſſen ſollte, mich auf die huldreichſte Art mit einem ſchoͤnen Regimente beſchenkt hat? Es iſt nicht die Sache an und fuͤr ſich, nicht die beſon⸗ dere Auszeichnung, noch der mir daraus erwachſende Vortheil; nein, Caſimir, es iſt die Art, wel⸗ che mich ſo tief ruͤhrt!“ Hier war ihm die friſche Morgenluft wahr⸗ ſcheinlich behuͤlflich, ein paar Thraͤnen in ſeine Augen zu locken. Dann hub er ohne Raſt wie⸗ der an: „Bei meiner armen Seele, der Herzog v. Friedland iſt ein großer Mann! Ein unge⸗ heuer großer Mann!— Man ſagt er verſchenke Regimenter, Titel und Beſitzthuͤmer, gleich einem regierenden Fuͤrſten! Dem Baron Holk hat er, wie man erzaͤhlt, die Wahl zwiſchen vier großen Landguͤtern gelaſſen. Es iſt billig, das man ſol⸗ chen Mann vergoͤttere, und ich erklaͤre hiermit feierlich, daß ich Sr. Excellenz mit unausſprechlicher Ehrfurcht betrachte, ja, ihn fuͤr den erſten Mann in ganz Europa halte!“ 3 Als er ſo auf die Hoͤhe ſeiner Ausrufungen gelangt war, mußte er nothwendig einmal wieder Athem ſchoͤpfen; waͤhrend dieſer Zeit kamen We⸗ 283 ſtermannn und Lindan von verſchiedenen Seiten zu ihnen. Der freundliche Profeſſor hatte die Geſellſchaft in der vergangenen Nacht mit einer Ode, bei Gelegenheit des Feſtes, beſchenkt, worin die ſchon errungenen und noch zu erwartenden Siege des Herzogs, auf eine gluͤckliche Weiſe zu⸗ ſammengeſtellt waren. Die Compoſition war voll Leben und Feuer, denn der Dichter ehrte, gleich ſenen Barden alter Zeit, den Ruhm eines Krie⸗ gers, und beſang ihn gern. Seine Lobeserhebun⸗ gen aber wichen im Weſen und in der Art ſehr von denen ab, welche der Graf eben hatte erſchal⸗ len laſſen, der nur aus perſoͤnlichem Intereſſe in die Poſaune des Ruhmes ſtieß. Der arme Lin⸗ dau ſah blaß und traurig aus, doch beſtrebte er ſich den einmal gewohnten Ton anzunehmen. „Ei,“ rief Weſtermann, ihn erblickend, „wo iſt denn das Schneegloͤckchen, die weiße Pri⸗ mel? Wo iſt die intereſſante Ulrike? Die kleine Unzufriedene! erſchien ſie doch nicht bei dem geſtrigen Feſte!“— „Ach,“ erwiederte Lindau, indem das ſtu⸗ dierte Laͤcheln ſchwand, und ſeine Wange ſich hoͤ⸗ her faͤrbte,„ſie kann keinem Triumphzuge beiwoh⸗ 284 nen! Die Blumen, von denen ihr ſpracht, ſind wahrhaft das Sinnbild meiner ſuͤßen Schweſter; ſie iſt auch nur eine fruͤhe Fruͤhlingsblume, die nie den Sommer erreichen wird.“ Weſtermann fuhr mit der Hand an die Augen„klagte uͤber Schaͤrfe der Morgenluft, und ſtilſchweigend gingen ſie einige Schritte weiter, bis der Markgraf wieder anhub: „Graf Wallenſtein, ich habe euch um eine Gunſt zu erſuchen. Zu lange ſchon fuͤhre ich ein muͤßiges, nutzloſes Leben; ich fange an mich deſſen wahrhaft zu ſchaͤmen, und wuͤnſche Kriegs⸗ dienſte zu nehmen. Ein Wort von euch an den Herzog v. Friedland wuͤrde hinreichen mir ei⸗ nen Poſten in ſeinem Heere zu verſchaffen, den ich mit Ehren annehmen koͤnnte. Ich ſuche kei⸗ nen Sold; aber Auszeichnung wuͤrde ich zu ver⸗ dienen ſtreben. Hunderte werden euch, ohne Zweiſel mit aͤhnlichen Bitten beſtuͤrmen; ich wende mich aber deshalb grade mit meinem Wunſche an euch, weil mir etwas daran liegt, unter eurem Vater zu dienen. Wollt ihr mir die Gefaͤlligkeit erzeigen, Herr Graf?“ Willig wuͤrde Walle nſtein ſeine Bitte er⸗ fuͤllt haben; doch, ſo wie die Sachen gegenwaͤrtig ſtanden, gerieth er in eine ſo merkliche Verlegen⸗ heit, die ihn zu antworten hinderte, und Lindau befremdete. „Wenn es euch irgend Schwierigkeit verur⸗ ſacht,“ fuhr dieſer fort,„den Namen des Mark⸗ grafen v. Lindau gegen euren Vater zu erwaͤh⸗ nen, ſo denkt nicht weiter daran.“ „Ich habe allerdings eine maͤchtige Schwie⸗ rigkeit dabei, naͤmlich die keinen Einfluß zu beſi⸗ tzen.“ „Vermuthlich keinen, den ihr an mir ver⸗ ſchwenden wollt,“ ſagte Lindau mit beleidigtem Laͤcheln. „Hoͤrt meine Erklaͤrung, die euch genuͤgen wird. Ehe der Herzog ſich nach Prag zuruͤk⸗ zog, diente ich vier Jahre in ſeinem eigenen Re⸗ gimente als Lientnant; nach dieſer Probezeit ver⸗ trauete er mir die Stelle eines Obriſten an, und dies war der einzige Vorzug deſſen ich genoß. Ich nahm demuͤthig an, was mir geboten wurde, bat aber nie um etwas, weder fuͤr mich noch An⸗ dere, und meine Beguͤnſtigung beſchraͤnkte ſich ein⸗ — 286 zig darauf, die Officiere in meinem eigenen Corps ernennen zu duͤrfen. Wie weit mein Einfluß ſich vielleicht haͤtte erſtrecken koͤnnen, kann ich nicht be⸗ ſtimmen, weil ich nie den Verſuch wagte. Im gegenwärtigen Augenblicke bekleide ich keinen Po⸗ ſten in der Armee, auch habe ich es mir zur Re⸗ gel gemacht, weder fuͤr mich noch Andere um ir⸗ gend eine Gunſt zu bitten.“ „Ihr ſetzt mich in Erſtaunen,“ fiel der Mark⸗ graf ſchnell ein.„Unmoͤglich koͤnnt ihr doch dem Kriegsdienſt abgeneigt ſeyn?“ „So wenig, daß ich mit Freuden meinen letz⸗ ten Blutstropfen fuͤr das Haus Oeſterreich vergie⸗ ßen wuͤrde! Nehme ich wieder Dienſte, ſo werde ich wahrſcheinlich als Freiwilliger zur Armee gehen.“ Waͤhrend dieſes Geſpraͤchs hatten die beiden jungen Maͤnner ſich immer mehr von den Uebrigen entfernt; die Freimuͤthigkeit mit der ſie ſich gegen⸗ einander erklaͤrten, brachte ſie gegenſeitig naͤher. Das Eigenthuͤmliche in Wallenſteins Lage, fiel dem Markgrafen auf; ohne ihn ganz begreifen zu koͤnnen, gewann er ihn lieber, ja, er ſtand hoͤher als je in ſeinen Augen da. Haͤtte Graf Harrach dieſe Unterredung gehoͤrt, wuͤrde frei⸗ 287 lich die Wirkung davon auf ſeine Neigung voͤllig entgegengeſetzt geweſen ſeyn, und die Menge, welche ſich jetzt in die Naͤhe des Sohnes jenes großen Mannes draͤngte, moͤchte ſich gleichfalls in weiterer Entfernung gehalten haben. Indem Lindau und Wallenſtein ſo un⸗ vermerkt bis nahe ans Ufer der Donau gekommen waren, und nun Arm in Arm den Scohlittſchuh⸗ laͤufern zuſahen, kam Graf Harrach yloͤtzlich wieder an ſie hinangeſauſt. An ſeiner Seite ging ein huͤbſcher junger Mann, an deſſem Arme eine Dame hing, deren Runzeln verkuͤndeten, daß die Jahre jugendlicher Thorheit billiger Weiſe laͤngſt bei ihr voruͤber ſeyn koͤnnten, und ſie ſich ſtark dem Zeitpunkte nahe, wo, wie man zu ſagen pflegt, alles eitel auf der Erde iſt. Die Farbe der Lilien und Roſen war indeß durch Kunſt auf ihrem Antlitze hervorgebracht, und die Luſt der Welt ſchien noch nicht in ihr erſtorben zu ſeyn. Graf Harrach beeiferte ſich keuchend Baron Ro⸗ ſebee ſeinem Neffen vorzuſtellen, und wollte eben ein Gleiches mit der Dame thun, als der gluͤckli⸗ che, junge Gatte ausrief: „Halt, Harrach! Glaubt ihr, daß ich * 288 meinem kleinen, ſuͤßen Weibchen erlaube mit allen huͤbſchen, jungen Maͤnnern ſchoͤn zu thun?“ „Ach!“ lispelte die Baronin, mit vielem Pathos, ſo wie ſie Wallenſtein gewahr wur⸗ de,„Goͤttergleicher Menſch! Es hat mir ſo un⸗ geheuer leid gethan, ja ich moͤchte tauſendmal lie⸗ ber den neulich verlornen Edelſtein aus meinem Halsbande nimmer wiedergefunden habenz als daß mir der ruͤhrende, herzerhebende Anblick ent⸗ gangen iſt!“ „Welcher Anblick iſt euch denn entgangen, gnaͤdige Frau?“— fragte Lindau. „Ach, der liebe, ſuͤße Mann! Er iſt mir noch veil theurer um ſeiner Froͤmmigkeit, als um all ſeines Heldenmuths willen. Ach, daß man mir es nicht zeitig genug geſagt hat! Ich waͤre ja gerne fruͤher aufgeſtanden! Dann waͤre ich mit ihm in der Capelle geweſen, und haͤtte zu gleicher Zeit auch meinen Roſenkranz abbeten koͤnnen. Es giebt keinen delicieuſern Anblick als die Froͤmmig⸗ kein eines Sohnes des Mars zu ſehen!— Wie viel Pater noster habt ihr wohl in der Stunde gebetet? Ach, verheimlicht mir es nicht! So etwas muß man ganz aus dem Grunde wiſſen.“ „ 289 Bis zu dieſem Augenblicke, wo die Schoͤne ſich voͤllin zu ihm wandte, hatte Wallenſtein noch immer gezweifelt der Gegenſtand ihrer hoͤchſt verwirrten Ausrufungen zu ſeyn; als ihm die Sa⸗ cche aber jetzt klar wurde, vermochte er zeum ſei⸗ nen Aerger zu verbergen. „Wahrhaftig, gnaͤdige Frau,“ ſagte er mit unverhaltenem Hohn,„ich verſtehe euch nicht. Ich war dieſen Morgen in der Capelle, viele andere Menſchen werden auch gebetet haben; wo, darauf kommt es nicht an, und ich muß uͤberhaupt verbit⸗ ten uͤber dieſen Gegenſtand weiter zu reden.“ Keineswegs durch den Ton u die Worte getroffen, fuhr die begeiſterte Frau in ihrem Thema fort:„Ihr entſprecht ganz dem was ich je uͤber Helden⸗Tugend geleſen oder gedacht habe. Ja, Theurer! Beſcheidenheit iſt eine wunderhohe Per⸗ le, und ſchmuͤckt den Helm des edlen Kriegers. Ach, wenn es nicht unbeſcheiden waͤre zu fragen, wie viele Boͤhmiſche Rebellen habt ihr wohl mit eigner Hand in der Schlacht bei Halle erſchla⸗ gen? Ich hoͤrte oft davon ſprechen, doch der Him⸗ mel weiß wie es wieder aus meinem armen Kopfe gekommen iſt; nun aber, da alle Welt von euch B3. v. W. II. 19 * H⁸ von nichts wuͤrde ich ein Gleiches hun, wenn ch nur die 290 redet, moͤchte ich gar zu gerne alles recht genau wiſſen.“— 1 „Meine Hebe,“ ſagte Roſebec,„laß den jungen Krieger doch zu Athem kommen, und habe die Gnade ſeine Beſcheidenheit, die du ſo gerechter Weiſe preiſeſt, ein wenig zu ſchonen.“ „Warte, Maͤnnchen,“ rief die Baroneſſe ſcherzhaft drohend,„ich ſchicke dich auch noch in den Krieg, um mir Lorbeeren heim zu bringen! Ach, ein tapferer Mann iſt mir ganz erſchrecklich lieb, und wie ſuͤß iſt es den verwundeten Krieger zu pflegen und zu warten!— Wurde da nicht ein Laͤrmen von der Graͤfin Blumenberg ge⸗ macht, als ſie ihren Mann ſo pflegte! Man hörte ham reden.— Und wie gerne Gelegenheit——— „Auſſerordentlich verbunden, Theure!“ rief der Baron lachend.„Es liegt ſo viel Reizendes in dem Gedanken deiner zaͤrtlichen, ruhigen Sorg⸗ falt, daß ich mich bei naͤchſter Gelegenheit vor den Lauf einer Kanone ſtellen werde.“ „Ja, was ich ſagen wollte, lieber Graf“ fuhr die Dame fort, indem ſie ihre zarte Hand 291 auf Wallenſteins Arm legte,„dies iſt grade der Punkt, woruͤber ich ein paar Worte mit euch allein reden moͤchte. Ihr muͤßt mir doch eingeſte⸗ hen, daß es wohl wenig ſo huͤbſche Leute in der Armee giebt, als mein Roſebe iſt, und wenn ihr ihn vollends in der Ungariſchen Uniform ſehen ſolltet, da iſt ihm gar nicht zu widerſtehen! Er wuͤrde ein wahrer Pracht⸗Officier werden!— Nicht, daß ich ihn getoͤdtet haben moͤchte, nein, um aller Welt willen nicht! Gewiß, ich wuͤrde ihn nicht uͤberleben.“(Hier wurde das feine, 4 8 weiße Taſchentuch an die Augen gebracht;)— „Doch kann Niemand ſagen, was er im Stande i*ſt zu uͤberſtehen, ehe er die Probe davon gemacht hat.— Aber, nicht wahr, Graf, es kommen wohl wenig junge Leute, ohne eine, oder ein paar Wunden davon? Ach, erzaͤhlt mir doch, wie oft ihr verwundet geweſen ſeyd?“ „Da, meiner Meinung nach, Behutſamkeit ſich mit der Tapferkeit eines Kriegers vertraͤgt, und mir das Schickſal die pflegende Hand einer zaͤrtlichen Gattin verſagte, habe ich mich auf alle nur moͤgliche Weiſe zu huͤten geſucht, und es iſt mir immer ziemlich gelungen.“ 19* 292 z„Wahrhaftig, Graf, ſo ſehr ich auch die Beſcheidenheit an Maͤnnern liebe, moͤchte ich doch wohl, daß ihr ein wenig mittheilender waͤret.“ „Ich vermuthe,“ ſagte Weſtermann, wel⸗ cher ſich heimlich an dieſem Geſpraͤche ergoͤtzt hat⸗ te,„dem Grafen iſt das ſchwere Geſchuͤtz von ein paar ſchoͤnen Augen, gefaͤhrlicher Letborden⸗ als die Mansfeldſchen Canonen.“ „Alſo iſt er auch verliebt? 0), das iſt de⸗ licieus!“ rief die Baroneſſe.„Dann ſehlt ihm ja nichts zur Vollkommenheit!— Ach, hoͤrt, theu⸗ rer Graf, um von etwas anderm zu reden, ihr habt einen ganz goͤttlichen Schlitten! Nie werde ich es euch vergeben, wenn ihr mich nicht einmal einla⸗ det, darin zu fahren.— Und dann vergeßt nicht meinen Roſebec beim Herzog zu erwaͤhnen.“ Eben wollten Wallenſtein und Lindan ſich zu Gnaden empfehlen, als Roſebec auf ſie zugeflogen kam.„Nein, nein, ihr kommt noch nicht von der Stelle!— Ich habe einen ganz vortrefflichen Spaß vor.“ So wenig Beide ſich auch in einer ſcherzhaf⸗ halten. ten Laune befanden, mußten ſie dennoch Stand 293 „Hebe, Hebe!“ rief er,„was glaubſt du wohl, daß ich gethan habe? Ich habe mit Hol⸗ ben zwanzig Thaler gewettet, daß du, wenn du Schlittſchuhe liefſt, nicht fallen wuͤrdeſt.“ Viele der ſchoͤnen, vornehmen Damen Wien's, glitten anmuthig, mit untergebundenen Schlitt⸗ ſchuhen, uͤber den gefrornen Strom; aber, daß Frau v. Roſebec das Wagſtuͤck unternehmen wuͤrde, glaubte keiner. Sie proteſtirte auch maͤch⸗ tig, verſicherte ohne ihre eigenen Schlittſchuhe nicht fahren zu koͤnnen, und gab noch uͤberdies vor, geſtern beim Walzen ſo heftig von ihrem Taͤnzer auf den Fuß getreten zu ſeyn, daß ſie ihn kaum bewegen koͤnne. Es half nichts; der zaͤrtliche junge Ehemann beſtand darauf, ſein Ehrenwort auf die Wette gegeben zu haben, und die Dame gab endlich unter lieblichen Weigerungen nach. Der entzuͤckte Gatte wandte ſich an ein junges Fraͤulein, mit der Bitte ihre Schlittſchuhe ſeiner Gemahlin zu borgen, die kichernd einwilligte, in⸗ deß Lindau ſich ihr nahete, und ſie leiſe bat, ihre Hand nicht zu einem ſo barbariſchen Scherz zu leihen. Das Fraͤulein Erminia aber fand es ſchon vorher zum todt Lachen unterhaltend, die 294 alte, junge Frau der Laͤnge lang auf's Eis hin⸗ ſtuͤrzen zu ſehen; die Schlittſchuhe wurden, unter gebunden, und Hebe ſegelte unter lautem Freu⸗ dengeſchrei ihres leichtſinnigen Ehegatten, ab. Wallenſtein und Lindau, aufs Hoͤchſte uͤber dieſen unziemlichen Scherz empoͤrt, gingen ſo nah als moͤglich an den ſchwankenden Segler hinan, um bedeutenden Unfaͤllen vorzubeugen. „Das gilt nicht!“ rief Roſebec.„Wenn ihr ſie anruͤhrt, iſt die Wette verloren.“ 4 „Es iſt gar zu laͤcherlich,“ ſagte Fraͤulein Erminia mit ſchleppendem Ton,„und wirklich abſcheulich, uns dieſen kleinen, unſchuldigen Scher⸗ verderben zu wollen!“— „Verzeiht mir die Bemerkung, Fraͤulein,“ verſetzte Lindau,„daß es dem weiblichen Weſen ſchlecht anſteht, Freude am Unfall eines Andern zu empfinden.“ „Fuͤr dieſe weiſe Bemerkung,“ erwiederte die Dame beleidigt,„wuͤnſche ich euch von ganzem Herzen bald eine aͤhnliche Hebe.“ „Sie wuͤrde ſich auf jeden Fall unter dem Schutz eines Mannes von Ehre und Mhenſahiche keit befinden.“ * 295 „Was wollt ihr damit ſagen, Herr Mark⸗ graf?“ rief Roſebec wuͤthend. „Meine Worte ſind einfach und verſtaͤndlich; aberlegt ſie, und die Bedeutung kann euch nicht ſehten. 44 „Was geht mich ihre Bedeutung an, ſo bald ſie mich nur nicht beleidigen ſollen.“ „Es kann nichts anders darin liegen;“ ſagte das kleine erbitterte Fraͤulein.„Ich wollte es wuͤrde ihm fuͤr ſein Moraliſiren die Strafe aufer⸗ legt, gleich dem Zerbino im raſenden Roland, mit der Hebe hinter ſich auf dem Sattel, durch ganz D Deutſchland zu reiten. Das waͤre ein gar koͤſtlicher Spaß!“ G Wallenſtein war unterdeß der huͤlfloſen Hebe auf jedem Schritte geſolgt, ein Dienſt den Niemand zu unternehmen wagte, bis der Held des Tages das Beiſpiel gab, und nun mancher Mo⸗ denarr glaubte ohne Scheu ein Aehnliches wagen zu koͤnnen. Als ſie eben im Begriff ſtand einen hoͤchſt gefaͤhrlichen Fall zu thun, fing Wallen⸗ ſtein ſie auf; doch hatte ſie ſich ſchon das Bein verrenkt, und war vor Schmerz und Schrecken faſt ohnmaͤchtig. Er trug ſie an das Ufer, und Ro⸗ 296 ſebec, bereits durch den mit Lindau gehabten Wortwechſel aufgebracht, lief wuͤthend nach dem⸗ Platze, wo man ſich bemuͤhete die Schlittſchuhe von ihren Fuͤſten loßzubinden, uͤberhaͤufte den Befreier mit Vorwuͤrfen uͤber ſein unziemliches Einmiſchen in Sachen die ihn nichts angingen, und verlang⸗ te, daß er nun an ſeiner Statt die verlorne Wette bezahlen ſollte.. Mit Verachtung erwiederte Wallenſtein, er werde ihm, ſo bald er nach Hauſe komme, die Summe durch einen ſeiner Leute ſenden. Jetzt begann ein lautes Gemurmel unter der umſtehen⸗ den Menge: Roſebec, durch das Verſprechen ſchon etwas beſaͤnftigt, ſuchte ſich nun mit den Re⸗ geln einer einmal angeſtellten Wette, worin ſich kein Dritter mengen duͤrfe, zu entſchuldigen. „Ja,“ begann Graf Harra ch,„es thut mir leid; aber das Recht iſt allerdings auf eurer Seite; doch hat mein Neffe gewiß aus den edel⸗ ſten Abſichten gehandelt, nur iſt er mehr mit den Sitten im Felde, als mit denen am Hofe bekannt, und ſo ſind ihm die ſtrengen Regeln, die bei einer Wette obwalten, fremd. Wuͤrde ich doch wahr⸗ haftig ſelbſt fuͤr mein Leben gern, meiner werthe⸗ 297 ſten Freundin, der Frau Baroneſſe, zu Huͤlfe ge⸗ eilt ſeyn, wenn die Geſetze es mir nicht verboten haͤtten.— Nun, lieber Baron, wenn ihr alſo die Unerfahrenhelt meines Neffen erwaͤgt, was ſagt ihr zu einem Vergleiche? Theilt die Sum. me, und gebt euch die Hand darauf.“ „Hier muß ich durchaus jede Einmiſchung verbitten,“ ſagte Wallenſtein ernſt;„ich uczuhlo die zwanzig Thaler.“ Man hob nun die ſehr beſchaͤdigte Dame in einen Schlitten, und Roſebec, welcher wohl gewahr wurde, daß die Stimme der Menge gegen ihn war, entſchloß ſich die Zuͤgel in die Hand zu nehmen, und ſeine leidende Hebe heim zu fahren. Als Wallenſtein ſich wieder in die Ein⸗ ſamkeit ſeines Hauſes verſetzt fand, fiel ihm der Gedanke an Desmond's gefahrvolles Unter⸗ nehmen ſchwer auf die Seele. Jeder Tag hatte ihm den Lieutnant theurer gemacht; er beſaß zwar nicht den weichen, hingebenden Charakter ſeines armen Wilhelm's, deſſen er ſich annehmen, den er ſchuͤtzen konnte, und der ſich ſo tief in ſein GHeerz geſtohlen hatte. Im Gegentheil war Des⸗ mond ſtrenge, beim erſten Anblicke ſogar etwas .. .—* 298 ſchroff; aber gab er ſich einmal Jemanden als Freund hin, ſo konnte man auf ſeine Treue bauen, und alles, auſſer ſeiner Ehre. opferte er willig dem Dienſte des Freundes. In ſeinem Weſen lag wes der etwas Zartes, noch beſonders Erhabenes, eher haͤtte man ihn den Aeuſſerungen nach oft gefuͤhl⸗ los, kalt, nennen koͤnnen; doch galt es die That, ſo ließ er gewiß auch den Begeiſteriſten in bei⸗ ſpielloſer Aufopferung nicht hinter ſich zuruͤck. Wallenſtein hatte die edlen Seiten ſeines Cha⸗ rakters erkannt, ſchenkte ihm ſein volles Vertrauen, ſeine Achtung und Freundſchaft, obgleich es ihm wohl oft vorkam, als ließe es ſich nicht ſo ſanſt an ſeinem Buſen ruhen, als an dem ſeines hinge⸗ ſchiedenen Wilhelm's. Ein kleines, zierliches Billet der Fuͤrſtin Stollberg hatte Wallenſtein bei ſeiner Heimkehr begruͤßt, worin er freundlichſt gebeten wurde, zu ſagen wie es mit ihm ſtuͤnde. Sie ſchloß mit den Worten:„Wenn Ihr das Ge⸗ ſchlecht nicht ganz verſchworen habt, ſo kommt die⸗ ſen Abend zu mir. Ihr werdet mich nicht allein finden, alſo braucht Ihr Euch nicht zu ſcheuen. Die Kaiſerin hat die Abſicht geaͤußert, mich auf 299 eine Stunde zu beſuchen; Lindau, Euer Oheim, Erdenheims, und ich weiß nicht wer ſonſt noch, werden kommen. Taͤuſcht mich nicht in meiner Erwartung Euch zu ſehen.“— e Er erwiederte:„Obgleich ich eigentlich in keiner Geſellſchaft tauge, vermag ich Eure Einla⸗ dung, theure Freundin, dennoch nicht abzuſchla⸗ gen.“— Weit lieber haͤtte er freilich fuͤr ſich in der Einſamkeit hingebruͤtet; aber er fuͤhlte, daß es doch im Grunde einerlei ſey, wie er ſeine Zeit hinbringe, da er eigentlich nirgend im Stande war, einen ordentlichen Gedanken zu faſſen.“ In dieſem Augenblick wurde ſeine Thuͤr geoͤffnet, und Wolfſtein trat herein. „Wohl moͤgt ihr mit Recht uͤber mein Kom⸗ men erſtaunen, Graf,“ rief er,„denn Zudring⸗ lichkeiten dieſer Art ſind bei mir eben nicht an der Tages⸗Ordnung. Ich komme aber um euch um ein Mittags⸗Eſſen, und zwar unter vier Augen, zu bitten.“ Wallenſtein faßte ſich ſchnell; er hielt es ſogar fuͤr raͤthlich ruhig mit dem Manne zu ſpre⸗ chen, um zu erfahren wie weit er die Geheimniſſe des Herzogs wiſſe. 300 „Gut,“ Ritter,“ ſagte er,„ein herzliches Willkommen koͤnnt ihr nicht von mir erwarten, doch werde ich ſelbſt gegen euch, nicht die Rechte der Gaſtfreiheit beleidigen.“ Er rief einen Edel⸗ knaben, und befahl den Tiſch im Bibliothek⸗Zimmer fuͤr zwei Perſonen zu decken.. „Ich nahm meine Zuflucht zu euren Haus⸗ goͤttern, in vollem Vertrauen auf ihren Beiſtand,“ fuhr Wolfſtein fort.„Vollkommne Kenntniß des Menſchen, mit dem ich zu ſchaffen habe, iſt mir jederzeit eigen. Ich wußte wir wuͤrden mit einander eſſen, weil ich euren Empfang ganz rich⸗ tig berechnete. Kein Mann in Europa iſt im Stande mich Schach matt zu machen, und nicht weniger meines Erfolges ſicher, bin ich in jedem andern Spiele. Eins koͤnnte indeß in gewiſſer Hinſicht meine Berechnungen verwirren, naͤmlich, daß ich zu viele Koͤnige, Koͤniginnen, Laufer, Springer u. ſ. w. in Bewegung zu ſetzen habe. Indeß, das Werk wird den Meiſter kroͤnen!“— Dieſe Worte wurden mehr halb laut hinter einander hergemurmelt, als ſie ordentlich geſprochen wurden, wie es uͤberhaupt zu Wolfſteins Ge⸗ wohnheiten gehörte laut zu denken; obgleich ſeine 301 Bruſt der Sitz der ſchmutzigſten Geheimniſſe war, ſchien er ſeine Nebenmenſchen dennoch zu ſehr zu verachten, um es der Muͤhe werth zu halten, jene vor ihnen zu verbergen. Gewoͤhnlich wurden ſolche Reden als dunkle, zweideutige Spruͤche eines Orakels betrachtet, und beſtaͤrkten die Schwachglaͤubigen nur in dem Wahne ſeines uͤberwiegenden Verſtandes und ſeltenen Forſchergeiſtes. Das Mittagsmal ließ er ſich heute wohl ſömne⸗ cken, und ſprach mitunter uͤber Politik, einzelne Perſonen, Buͤcher, mit vollkommner Gleichguͤl⸗ tigkeit. Von Zeit zu Zeit ermahnte er Wallen⸗ ſtein ſein Theil von den Fruͤchten der Erde nicht zu verſchmaͤhen; verſicherte dann wieder, daß der Umgang den er jetzt mit den Dominicanern habe, ihn nun bald zu einem Heiligen umſchaffen, und er dann in einem ganz neuen Lichte erſcheinen wuͤrde. Zum Zeichen ſeiner Bekehrung zog er ein Agnus dei aus dem Buſen, welches er lodtteind kuͤßte Wallenſtein fnz faſt immer ſchweigend da es koſtete ihn nicht wenig Ueberwindung die Reden des Laͤſterers mit ſcheinbarer Ruhe anzuhoͤ⸗ ren. Jetzt ſchien ſeine Eßluſt geſtillt; er ruͤckte naͤher an Caſimir, und ging ohne weitere Vor⸗ rede zu der Urſache uͤber, die ihn hergefuͤhrt habe. „hr habt das Packet eures Vaters geleſen,“ hub er an,„und ich darf euch alſo nun foͤrmlich als den kuͤnftigen Koͤnig Boͤhmens begruͤßen.— Nun, ſeht nur nicht aus, als ob euer Haupt ſchon von der Schwere des Diadems zu Boden gedruͤckt wuͤrde!“—— 3 „Haſt du mich doch in deinen Krallen, du Feind alles Guten!“ rief Wallenſtein.„Oft ſchon haben deine Drohungen mich verfolgt, wenn aber der Brief, welchen ich dieſen Morgen las, nicht das Machwerk deiner Bosheit iſt, ſo iſt dir die Zerſtoͤrung gelungen; du haſt den hellſten Ver⸗ ſtand umnebelt, das edelſte Gemuͤth in Europa durch dein Gift angeſteckt!““ „Schmeichelt mir nicht zu ſehr, Graf; eures Vaters Ehrgeiz iſt eins mit ſeiner Natur, ſteckt in ſeinem eigenen Blute, und die großen Gedan⸗ ken welche ihn nach dem Hoͤchſten ſtreben laſſen, ſind auf eigenem Grund und Boden geſproſſen, und koͤnnen auch nur mit ſeinem Untergange enden. Es liegt mir nichts daran euch zu taͤuſchen, ihr moͤgt mir alſo immerhin glauben; der einzige An⸗ 3⁰03 1 theil den ich an eures Vater Plaͤnen habe, beſteht in der Kenntniß ſeiner Abſichten, und in der Verbind⸗ lichkeit die ich uͤber mich genommen habe, dieſe ſo lange zu befoͤrdern, als mein eigenes Intereſſe es heiſcht. Wie er zuerſt bemerkte, daß ich ſeine Ab⸗ ſichten durchſchauete, haͤtte er mir gerne auf an⸗ dere Weiſe, als durch ein Buͤndniß, Stillſchwei⸗ gen auferlegt; aber ich bin ſogar ihm furchtbar, er wagte es nicht!“ Bei dieſen letzten Worten, die nur zöͤgernd uͤber die immer bleicher werdenden Lippen des Spre⸗ chers kamen, ſchauderte Wallenſtein. Der Ritter aber ſchluckte die Galle hinunter, und ſuhr fort:. „Euer Vater kann die Maske jetzt nicht laͤn⸗ ger tragen; er hat ſeinen Weg gewaͤhlt, und die, welche ihn daran hindern koͤnnten, muͤſſen fuͤr ihn gewonnen, oder zermalmt werden. Ein paar Tro⸗ pfen Blut mehr oder weniger, gilt dem Ehrgetze gleich. So wuͤrde er auch mich gerne zerſtoͤrt ha⸗ ben, denn jedes andere Mittel iſt unſicher, das fuͤhlt er wohl. Fuͤr den Augenblick indeß ſteht al⸗ les gut; ich ſehe keinen Vortheil dabei, mein In⸗ tereſſe von dem ſeinigen zu trennen.“ 304 „Der beſſere Genius meines Vaters wird ſei⸗ nen Schritten Einhalt thun; er wird am Rande des Abgrunds zuruͤckſchaudern. Noch iſt es nicht zu ſpaͤt.“. „Vernehmt, Wallenſtein! der Abgrund iſt bereits uͤberſprungen; er muß jetzt weiter vor⸗ waͤrts ſchreiten, kann nicht mehr zuruͤck. Nein, es ſteht nicht laͤnger in ſeiner Macht! Das Vor⸗ waͤrts iſt gefaͤhrlich; aber jetzt ſeine Schritte zu hemmen, wuͤrde unausbleibliches Verderben uͤber ihn herbeiziehen.“ Wallenſtein fuͤhlte die ganze Schwere dieſer Worte um ſo mehr, da er innerlich von der Wahrheit uͤberzeugt war. „Einige Augenblicke ruhigen Nachdenkens werden auch euch mit dem Gedanken verſoͤhnen,“ ſagte Wolfſtein, als er den ſchweren Kampf be⸗ merkte, der ſich in ſeines Gegners Zuͤgen nur zu deutlich malte.„Denkt, anſtatt einzig das Ge⸗ fuͤhl in euch herrſchen zu laſſen, und ihr werdet zufrieden ſeyn. Euer Vater muß, ſeiner Mei⸗ nung nach, ſein Geſchick erfuͤllen; ſolche Menſchen werden geſchaffen, um in den Annalen der Ge⸗ ſchichte dazuſtehen, oder Stoff zu tragiſchen See⸗ 3⁰03 nen zu liefern. Bis die Welt wieder in das Chaos zerfaͤllt, oder ſich in das Nichts aufloͤſt, wohin der Endpunkt aller Dinge geht, wird der Name eures Vaters, und der Ruf ſeiner Thaten, vielleicht noch mit einigen Uebertreibungen, in Buͤchern be⸗ ſchrieben, und auf den Bretten dargeſtellt, erſchei⸗ nen. Betrachten wir es aus minder erhabenem Geſichtspunkte, wie wenig liegt dann daran, ob die Peſt, das Beil des Henkers, der Dolch des Meuchelmoͤrders, oder gewoͤhnliche Krankheit, uͤber Seyn oder Nichtſeyn, entſcheidet.— Einmal muß es geſchehen, ob fruͤher oder ſpaͤter, auf dieſe oder jene Weiſe, kann doch wohl nur zum Gegen⸗ ſtand der Betrachtung fuͤr Kinder und alte Weiber dienen.— Wenn ich mich in meinen Vermuthun⸗ gen nicht irre, ſeyd ihr nicht voͤllig einig mit Sr. Excellenz. Iſt es nicht ſo?— „Ihr koͤnnt darauf rechnen, Ritter, daß ich nie Antheil an etwas nehme, das mein Gewiſſen verdammt.“ „So irre ich mich nicht, ihr befindet euch in einer hoͤchſt ſchwierigen Lage, und es gehoͤrt viel Geſchicklichkeit dazu euch darin aufrecht zu erhal⸗ W. v. W. I. 20 8⁰⁰⁵ ten. Vermuthlich iſt Desmond abgereiſt, oder habt ihr einen andern Boten geſchickt?“ „Desmond verließ mich dieſen Morgen mit meiner beſtimmten Erklaͤrung.“ „Und wann erwartet ihr ſeine Ruͤckkehr? Ihr duͤrft uͤber ſein Zoͤgern nicht ſtaunen, denn nur zu gewiß muß er dem alten Charon ſein Faͤhrgeld zah⸗ len, oder ohne Haupt an den Ufern des Styx umherwandeln.“ „Ihr ſprecht nicht im Ernſt! Solch einen Frevel wagt mein Vater nicht.“ „Er wagt ihn gewiß, wenn Desmond nicht klug genug iſt, ihm zu entwiſchen. Haͤtte ich ge⸗ glaubt, daß euch an dem Abgeſandten ſo viel laͤ⸗ ge, wuͤrde ich euch gewarnt haben.“ „So will ich keinen Augenblick verlieren,“ ſagte Caſimir, indem er ſchnell aufſprang,„ich will ihm nach Prag folgen, und wenn ich ihn nicht mehr auf dem Wege dahin ereile, auf ſeine Frei⸗ laſſung beſtehen, ja mich ſelbſt fuͤr ihn ausliefern. „Folgt meinem Rathe, Graf, wir leben in eritiſchen Zeiten! Wenn ihr euch jetzt vor euren Vater ſtellt, laͤßt er euch ſo lange im Gefaͤngniß ſitzen, bis entweder euer Geiſt, oder euer Koͤrper 307 erliegen. Das Opfer waͤre uͤberdies voͤllig nutz⸗ los; der Herzog hat gegen einige Menſchen ent⸗ ſchiedene Abneigungen, und Desmond iſt mit unter dieſer Anzahl begriffen.— Aber faßt Muth! er ſoll nicht ſterben. Ich habe eine maͤch⸗ tige Stimme im geheimen Rath, die gewiß keine Fehlbitte thut, und diesmal ſollt ihr daruͤber be⸗ fehlen“ „Darf ich euch trauen, Wolfſtein?“ „Ja, unter einer Bedingung. Ihr geht die⸗ ſen Abend zur Fuͤrſtin Stollberg; ich bin nicht grade zu eingeladen, werde aber dennoch erſchei⸗ nen. Wenn wir uns in ihren Zimmern treffen, ſo reicht mir die Hand.— Was, iſt dies ein zu hoher Preis?— Armer Desmond!“ „Welche Sicherheit wollt ihr mir geben, daß mein Freund fuͤr dieſes Opfer mir wirklich wieder gegeben werde?“ „Habe ich je zweideutig gegen euch gehan⸗ delt? Pruͤft euch wohl, und wenn ihr nach reif⸗ licher Ueberlegung findet, daß das Leben eures Freundes nicht der Herablaſſung werth ſey, die ich von euch verlange, ſo iſt der Handel aufgeho⸗ 8 20* 308 den, er ſtirbt, und eure Hand hat ſich durch die verhaßte Beruͤhrung nicht verunreint.“ „Ich will den Preis eingehen, den ihr ver⸗ langt, obgleich mit großem Widerwillen.“ „Das bleibt euch, und eurem Gefuͤhle uͤber⸗ laſſen; nur auf die Handlung kommt es mir an. Warum aber ſollten wir laͤnger Feinde bleiben, da wir aufgehoͤrt haben Nebenbuhler zu ſeyn? Eure Beharrlichkeit Wilhelm's Schweſter zu ero⸗ bern, iſt endlich uͤberwunden, nicht wahr? Und hiemit hat der ſtreitige Punkt unter uns ein En⸗ de. Geſtern Abend ließ die Dame furchtbare Richterſpruͤche ausgehen; ſie vernichtete euch und meinen Schatten faſt in derſelben Minute, denn dem armen Lindau hat ſie gleichfalls alle Hoffnung abgeſchnitten. Nun, auf Wiederſehen, W Wallen⸗ ſtein! Ich erwarte euch ohne Handſchuh.“ 8⁰9 XV. Wallenſtein traf bei der Fuͤrſtin Stoll⸗ berg einen kleinen, auserleſenen Kreis um die Kaiſerin verſammelt; eben war Graf Harrach hoͤchſt angelegentlich beſchaͤftigt, die Geſellſchaft mit dem Vorfalle am Morgen zu unterhalten, in⸗ dem er den unerhoͤrten Heldenmuth ſeines Nef⸗ fen, mit der ihm eigenen Beredſamkeit ſchilderte. Wer unbekannt mit der Weiſe dieſes Hoͤflings ge⸗ weſen waͤre, haͤtte glauben koͤnnen, alle Thaten der Helden alter und neuer Zeit, ſeyen nichts im Vergleich des Abentheuers, welches Caſimir am heutigen Morgen zu Gunſten einer bedraͤng⸗ ten Dame, beſtanden hatte. Sein redneriſcher Ver⸗ ſuch wurde indeß mit lautem Beifall gekroͤnt, denn der hoch geprieſene Neffe war jetzt der allgemeine Guͤnſtling der Schoͤnen. Als der Held eintrat, ſchoͤpfte der Lobredner Athem; die Fuͤrſtin ging ihm entgegen, und fuͤhrte ihn zu der Kgiſerin, welche ihm die ſchoͤne Hand mit unausſprer licher Anmuth reichte. Aller Blicke waren mit beſonde⸗ 310 rem Antheil auf ihn gerichtet, Jeder wußte ſchon den geſtrigen harten Ausſpruch der Freiherrin v. Marchfeldt, jedes weibliche Herz geſtand ihm freiwilliges Mitleid zu, und wuͤrde ihm gern zur Entſchaͤdigung mehr gegeben haben, denn er galt nicht allein fuͤr den ſchoͤnſten Mann am Hofe, ſon⸗ dern genoß auch noch des Ruhmes, der Tapferſte und Edelſte zu ſeyn. Wie das Geheimniß bereits am Hofe kund geworden, wußte man nicht; aus Schonung fuͤr ihn aber, war die Freiherrinn nicht zu dieſem Feſte geladen. Mit vieler Wichtigkeit theilte Harrach nun ſeinem Neffen die Nachricht mit: ſein Soͤtterglei⸗ cher Bruder habe ihn eiligſt zum Heere entbieten laſſen, und nach der kurzen Art, wie ihm dies Ver⸗ langen kund gethan, muͤſſe er ſchließen, Sr. Ex⸗ cellenz ſey bereits ſelbſt zum ſchleunigen Aufbruche geruͤſtet. „Freilich,“ ſetzte er hinzu,„gehoͤrt die promte Ausfuͤhrung der Plaͤne, auch zu den unzaͤhli⸗ chen Tugenden meines erhabenen Bruders; doch wuͤrde es mir diesmal fehr gelegen geweſen ſeyn, wenn es ihm gefallen haͤtte, noch ein wenig zu verziehen, denn die Ausruͤſtung meiner Selbſt, und 311 meines zahlreichen Gefolges, iſt keine Kleinigkeit, da ich gerechter Weiſe wuͤnſchen muß, daß der Schwager des groͤßten und geehrteſten Mannes in ganz Europa, in allen Dingen ſeines nahen Ver⸗ wandten wuͤrdig erſcheine. Wann gedenkſt du ab⸗ zugehen, lieber Caſimir?“ Die Muͤhe der Antwort ward ihm durch Wolfſtein's Eintritt erſpart, welcher allge⸗ meine Aufmerkſamkeit erregte; die Fuͤrſtin eilte ihm mit einer Miene mißfaͤlligen Erſtaunens ent⸗ gegen. „Wahrlich, ich erwartete euch nicht, Herr Ritter,“ ſagte ſie.„Ihr ſeyd keineswegs eine unbedeutende Perſon, und wenn ihr alſo nicht ge⸗ laden wuͤrdet, koͤnntet ihr das immer als eine be⸗ ſtimmte Erklaͤrung nehmen.“— „Daß ich nicht willkommen bin, Fuͤrſtin?“ fiel er ſchnell ein. „Ich moͤchte nicht gern dies unhoͤfliche Wort ausſprechen; aber, die Wahrheit zu geſtehen, ihr duͤrft hier nicht bleiben, Wolfſtein. Ich er⸗ warte den Profeſſor Weſtermann, und ſollte ſeine philoſophiſche Gutmuͤthigkeit auch geneigt ſeyn, die Beleidigung zu uͤberſehen, welche fuͤr ihn in 31² eurer Gegenwart liegt, ſo wuͤrde Ihre Kaiſerliche Majeſtaͤt, die den Kreis gewaͤhlt hat, ſich perſoͤn⸗ lich beleidigt fuͤhllen. Beſtimmt muß ich euch alſo bitten, eure heutige Unterhaltung anderweitig zu ſuchen.“ „Erſt hoͤrt mich, reizende Fuͤrſtin! Ich wußte daß ihr den Profeſſor dieſen Abend erwartetet, und kam grade deshalb her. Nein, hoͤrt mich geduldig an! Es thut mir leid ihn beleidigt zu haben, ich ſuche eure Vermittelung. Ich kaufe alle Abdruͤcke dieſer abſcheulichen Schmaͤhſchrift an mich, ich will ſie zu Aſche verbrennen, oder ins Waſſer ver⸗ ſenken!“ „Sprecht ihr im Ernſte, Wolfſtein?“ „Wenn,“ erwiederte er mit beleidigtem Ge⸗ fuͤhl,„ihr nicht feſt entſchloſſen ſeyd, meiner Reue Thuͤr und Thor zu verſchließen, indem ihr mir jede Gelegenheit abſchneidet, und mich zwingt ruͤck⸗ waͤrts zu gehen, ſo werdet ihr bald erfahren, daß ich im Ernſte rede.“ „Aber die Kaiſerin?— Das offne Be⸗ kenntniß eurer ruchloſen Denkungsart hat ſie ſo empoͤrt, daß ſie euer Bleiben nicht geſtatten wird.“ 313 „Wohl dann, Fuͤrſtin! So moͤgen meine Suͤnden auf euer Haupt und das ihrige fallen!— Ein Umſtand, den ich unmoͤglich Zufall nennen kann, hat meinen Gedanken und Meinungen auf einmal eine andere Richtung gegeben; dieſer Au⸗ genblick iſt entſcheidend! Ich trete heute aus der kalten Nachtluft, in dieſen Kreis des Lichts, der Waͤrme und Schoͤnheit, mit einem Herzen voll Gefuͤhl im Buſen;— ſtoßt mich von euch, ver⸗ bannt mich, und ich werde aufs Neue verſteinern, und ewig hart bleiben!“ Er ſprach mit ſo rührendet, doch verzweif⸗ lungsvoller Begeiſterung, daß ſelbſt die ſonſt ſo klare Hofdame ſich erſchuͤttert fuͤhlte, und ſich dazu verſtand ſeinetwegen mit der Kaiſerin zu unterhan⸗ deln. Kaum hatte ſie dies Wort geſagt, als er ihre Hand ergriff, ſie an die Lippen druͤckte, und eine helle Thraͤne darauf fallen ließ. Ein Augen⸗ blick ruhigen Nachdenkens wuͤrde ſie vielleicht an⸗ ders geſtimmt haben. 3 Sie mußte ſich aber der Kaiſerin ſchnell na⸗ hen, welche ſchon mit ſichtlichem Mißfallen be⸗ merkte, wie der ihr verhaßte Menſch nicht allein eingetreten ſey, ſondern auch noch im Zimmer *½ 314 verweile. Ihr war er aus tauſend Gruͤnden zu⸗ wider; ſein Unglaube, ſeine Ausſchweifungen, ſeine Pflichtvergeſſenheit, die beiſſende Satyre, durch welche er einige ihrer ſchaͤtzbaren Untertha⸗ nen gekraͤnkt hatte, mit einem Wort, die Verachtung und Hintanſetzung alles deſſen, was ſie werth und heilig hielt, machten ihn zu einem Gegenſtande des Abſcheu's in ihren Augen. Der allgemeine Freibrief, mit welchem dieſer Mann bisher uͤber⸗ all aufgetreten war, hatte ihm auch am Hofe Zu⸗ tritt verſchafft; die Kaiſerin hatte ſeine Gegenwart, als die eines Verbuͤndeten ihres Vetters Maxi⸗ milian, und des Paters Joſeph, wohl dul⸗ den muͤſſen, da ſie Beide, waͤhrend eines gewiſ⸗ ſen Zeitpunkts, nicht beleidigen durfte. Jetzt ſtanden die Dinge anders, und ſie war feſt ent⸗ ſchloſſen ſich fuͤr den peinlichen Zwang, der ihre Zunge ſo lange gebunden hielt, zu entſchaͤdigen; als ſie alſo gewahrte, daß die Fuͤrſtin ſich ihr mit einem Anliegen nahe, bereitete ſie ſich ſchon auf eine beſtimmte, abſchlaͤgige Antwort vor. So wie dieſe, welche jede Miene im Geſicht ihrer Ge⸗ bieterin verſtand, dies bemerkte, huͤtete ſie ſich wohl mit ihrer Bitte ſogleich vorzutreten, ſondern 315 hielt nur die Hand hin, auf welcher Wolfſteins Thraͤne noch ſichtbar war, und ſagte: „Wenn dies, wie ich hoffe, aufrichtig gemeint iſt, beſitzen Ew. Majeſtaͤt keine koſtbarere Perle in ihrer Krone. Es iſt die Thraͤne der Reue, aus dem Auge eines Suͤnders, und ſollten Ew. Ma⸗ ſeſtaͤt geruhen den reuigen Suͤnder aufzunehmen, moͤchte dieſe edle Ueberwindung vielleicht herrliche Fruͤchte tragen.“ Gleich manchen andern hohen und niedern Perſonen, fehlte es auch der Kaiſerin an gehoͤriger Menſchenkenntniß; ſie konnte ſich eine Verſtellung der Art kaum als moͤglich denken. Treu den Pflichten ihrer Religion ergeben, erfuͤllte die Hoff⸗ nung, zu der Bekehrung eines ſolchen Suͤnders beitragen zu koͤnnen, ſie mit himmliſchem Entzuͤ⸗ cken. Die Fuͤrſtin ward im Ausdruck ihres rei⸗ nen Auges die guͤnſtige Stimmung gewahr, und erwaͤhnte, was der Ritter uͤber die Vernichtung ſeines letzten Werks geaͤußert hatte; genug, es ward Wolfſtein vergoͤnnt ein Knie vor der Kaiſerin zu beugen und ihre Hand zu kuüͤſſen. Mariannens blaues Auge hob ſich im Dank⸗ gefuͤhl, uͤber dieſe unerwartete Bekehrung vom 316 Laſter zur Tugend, gen Himmel, waͤhrend ſie in⸗ bruͤnſtig betete, daß dies gute Werk nicht allein begonnen, ſondern auch ausgefuͤhrt werden moͤge. Wolſſtein betrug ſich in Ton und Geber⸗ den ſo vollkommen ſeiner neuen Aufgabe gemaͤß, daß ſogar der durchdringende Blick der Fuͤrſtin den Heuchler nicht entdeckte. Die Kaiſerin ver⸗ ſprach ſelbſt die Vermittelung zwiſchen ihm und Weſtermann zu uͤbernehmen, denn er erklaͤrte das Auge nicht aufſchlagen zu koͤnnen, bis die Verſoͤhnung unter ihnen zu Stande gekommen ſey. Jetzt ſchritt er quer durch das Zimer, wo Wal⸗ lenſtein in einer Ecke mit Lindau und der liebenswuͤrdigen Ulrike im angelegentlichen Ge⸗ ſpraͤch verwickelt ſchien, nahm ſeine Hand, ſchuͤt⸗ telte ſie ſchnell, und ſagte laut: „Unſer Geſpraͤch zog ſich dieſen Nachmittag ſo in die Laͤnge, lieber Graf, daß ich fuͤrchtete euch zu lange von der Gsſelſhnn abgehalten zu ha⸗ den.“— Nie hatte Wallenſt ein es vermieden, ſei⸗ nen Abſcheu gegen Wolfſtein oͤffentlich zu zei⸗ gen; auch war es nur zu bekannt daß ſie Neben⸗ buhler waren. Dieſer Beweis der Vertraulichkeit 317⸗ erregte alſo nicht ällein allgemeines Erſtaunen, ſon⸗ dern beſtaͤrkte auch jeden in der Meinung der wirk⸗ lichen Beſſerung des Suͤnders; ſelbſt die Fuͤrſtin aͤuſſerte dieſe Bemerkung gegen ihre Kaiſerliche Herrin. In dem Augenblick trat der Profeſſor ein; er ſtaunte ſeinen Gegner in dieſem Kreiſe zu fin⸗ den, und wollte ſich wieder zuruͤckziehen, nachdem er der Kaiſerin feine Ergebenheit bezeigt hatte. Indeß war es eine leichte Aufgabe, den guten Mann, der willig alles hoffte, alles glaubte, von der Reue des Suͤnders zu uͤberreden, und als er nun vor ihm ſtand, um ſeine Entſchuldigungen zu ſtammeln, reichte der Profeſſor ihm die Hand entgegen, und rief? „Kein Wort weiter, lieber Herr! Wir wol⸗ len den Oelbaum pflanzen, und den Janus Tem⸗ pel ſchließen!“ Waͤre Wolfſtein faͤhig geweſen zu erro⸗ then, ſo haͤtte die Erwaͤhnung der Gottheit mit den beiden ſo verſchiedenen Geſichtern, ihm das Blut in die Wangen treiben muͤſſen, denn nie war wohl ein unverſchaͤmter Betrug, mit groͤßerer Meiſterſchaft ausgefuͤhrt worden, als der ſeinige. 4 318 „Sagte ich es euch nicht ſchon laͤngſt,“ fluͤ⸗ ſterte Lindau, ſich zu Wallenſtein wendend, „daß wir Wolfſtein noch in dem Orden von la Trappe erblicken wuͤrden?“ „Schade nur, lieber Friedrich,“ fel Ul⸗ rike mit ſchlauem Laͤcheln ein,„daß ſich Alle welche daran glauben, ſelbſt in la Trappe be⸗ ſinden.“ „Wie, du kleine verſtotkte Zweiflerin, biſt du die Einzige, welche es wagt, nicht durch dieſe öffentliche Buße geruͤhrt zu werden?“ „ Sie iſt nicht die einzige Perſon in der Ge⸗ ſellſchaft, die man eines Zweifels beſchuldigen kann,“ ſagte Wallenſtein.„Wie aber, ſchoͤne * Utrike, gelang es eurem argloſen Auge, dieſe hoͤchſt gelungene Verſtellung zu durchſchauen?“ „Weil ich auf der großen Buͤhne der Welt mehr als Geſpennſt, denn als handelnde Perſon einherwandele, und es mir daher leicht wird, an⸗ 3 ſtatt Leidenſchaften und Gefuͤhle, Gedanken und Betrachtungen zu naͤhren. 4 Es ward nun ſchicklich befunden, dem Ge⸗ ſpraͤche eine andere Wendung zu geben, und da⸗ durch den Neu⸗Bekehrten aus der Verlegenheit zu 319 ziehen, zum alleinigen Gegenſtand der Unterhal⸗ tung zu dienen. Erfahren in der Kunſt, ſolche Wendungen ſchnell herbei zu fuͤhren, bemerkte die Fuͤrſtin, wie der kleine Theodor am vergange⸗ nen Abend krank geweſen, alſo nicht an der Freude der Mummerei habe Theil nehmen koͤnnen, und erbat ſich die Erlaubniß von der Kaiſerin, aufs Neue fuͤr Verkleidung der Gaͤſte ſorgen, und den Kleinen auf eine Stunde aus ſeiner Krankenſtube herbeiholen zu duͤrfen. Da der Vorſchlag von Allen willig angenommen wurde, fuͤhrte die Fuͤr⸗ ſtin die Geſellſchaft allſobald in Neben⸗Zimmer, wo ſich jeder nach Belieben die Kleidung waͤhlen konnte. Wallenſtein, muͤrbe, truͤbe geſtimmt, und eigentlich zu nichts in der Welt aufgelegt, griff maſchinenmaͤßig nach dem erſten Domino, den er liegen ſah, und konnte ſich nicht enthalten zu dem neben ihm ſtehenden Wolfſtein, der ſich als Spaniſcher Maulthier⸗Treiber verkleidete, zu fagen: „Ihr beduͤrftet eigentlich keiner Maske, Herr Ritter; eure hohe Geſchicklichkeit waͤre vollkom⸗ men hinreichend ſogar euren Meiſter zu taͤuſchen. 320 Der Teufel ſelbſt wuͤrde euch am heutigen Abend fuͤr einen Heiligen gehalten haben.“ 4 1„Ja, meine Rolle gelang mir, und ich glaube beinahe daß ihr recht in eurer Bemerkung habt, da ſelbſt die ſpitzbuͤbiſchen, ſchwarzen Au⸗ gen der Stollberg getaͤuſcht wurden. Ihr aber,“ ſagte er ſich ernſthaft zu ihm wendend, „ſeyd klug genug, die Folgen berechnen zu koͤnnen, die ein Verrath nach ſich ziehen wuͤrde.“ „Desmond's Leben und Freiheit binden mich hinlaͤnglich.“ „Das iſt wahr, und ich loͤe mein Verſprechen; 4 aber,“ ſetzte er boshaft hinzu,„ich beſitze noch eie nen wichtigeren Buͤrgen fuͤr euer Schweigen. Wiſß⸗ ſet, ſo wie die Stollberg mir auf die Spur kommt, ehe es mir ſelbſt gefaͤllt die Maske abzus werfen, ſoll keine Erwaͤgung perſoͤnlichen Intereſ⸗ ſes mich zuruͤckhalten, den Donnerkeil auf das ſtolzeſte Haupt in ganz Europa zu ſchleudern. Es iſt nicht meine Abſicht euch unnuͤtzer Weiſe zu dro⸗ hen, Wallenſtein; es genuͤgt mir es in mei⸗ ner Macht zu wiſſen, zur rechten Zeit meinen Fuß auf den Nacken meines Feindes ſetzen zu koͤnnen; lich rufe euch nur freundſchaftt ich ins Gedaͤchtniß, . 321 wie viel ein einziger Hauch von euch zu thun im Stande iſt, und welch ein maͤchtiges Geſchtss da⸗ von abhaͤngt!“— Wallenſtein's Herz erſtarrte; er ſah ſi ſich gezwungen dieſe Gift hauchenden Reden ſtillſchwei⸗ gend anzuhoͤren, die Beleidigung ruhig zu ertra⸗ gen. Auch vermehrte es noch ſeine Qual, daß der Menſch, den er ſo oͤffentlich verachtet hatte, ſich nun den Schein geben durfte, als ſtehe er mit ihm auf freundſchaftlichem Fuße, denn ſelbſt waͤh⸗ rend er dieſe teufliſchen Worte in ſein Ohr fluͤ⸗ ſterte, legte er die Hand auf ſeinen Arm, und das Ganze hatte das Anſehen einer traulichen Mit⸗ theilung. Als man ſich gehoͤrig vermummt hatte, ver⸗ ſammelte ſich alles wieder um die Kaiſerin„ die noch immer ihren kleinen Pagen vermißte, um deſſentwillen das ganze Feſt angeſtellt war. Grade in dieſem Augenblick nahete ſich ihr ein lieblicher Cupido, mit ſchneeweißen Fluͤgeln, einem Bogen und einem Koͤcher mit Pfeilen verſehen. Er kniete vor ihr nieder, und druͤckte ſeine Roſenlippen auf ihre Hand. Zu Caſimirs nicht geringem Er⸗ ſtaunen, ſtand die naͤmliche barmherzige Schwe⸗ d. v. W. II. 27 322 ſter, welche er waͤhrend ſeiner Krankheit an ſei⸗ nem Bette zu ſehen geglaubt hatte, an der Seite des Liebegottes, und nur zu bald hoͤrte er die ihm ſo wohlbekannte Stimme, der Fuͤrſtin Stoll⸗ berg durch die Maske reden, welche die Kai⸗ ſerin bat, dem kleinen Schalk zu befehlen, ihr ei⸗ nen ſeiner Pfeile zu borgen. „Wo iſt die Freihekrin v. Marchſeldt,“ rief der Knabe, im Sale umherblickend;„ihr wollte ich ſie alle ſchenken.“— Das Kind haͤtte nichts Schmerzlicheres fuͤr die Fuͤrſtin ſagen koͤnnen, und alle ihre Geiſtesge⸗ genwart war noͤthig, um ſogar unter der Maske, die innre Bewegung zu verbergen. „Du ſpielſt deine Rolle vortrefflich, Cupido,“ rief ſie.„Man ſchildert dich immer als einen wunderlichen, undankbaren, kleinen Gott, und nun ſehe ich daß man dir nicht Unrecht thut.“ Noch immer ſtand Wallenſtein wie ver⸗ ſteinert da; es ſchmerzte ihn tief, die reine, auf⸗ opfernde Liebe, eines ſo edlen weiblichen Weſens, nur mit bruͤderlicher Neigung erwiedern zu koͤnnen. Jetzt aber faßte er ſich ſchnell, und ſuchte durch eine Wendung, die dem Spiel des Augenblicks 3²3 augemeſſen zu ſeyn ſchien, der Fuͤrſtin die richtige Lage der Dinge vor die Seele zu ſtellen. „Wohl habt ihr recht,“ rief er,„Cupido iſt ein wunderliches, undankbares Buͤblein, das nichts als Verwirrungen und Unheil ſtiftet; auch ich habe mich gaͤnzlich von ſeinem Dienſte losgeſagt, fromme Schweſter, und mein Herz einer freund⸗ lichern Gottheit zugewandt. Weiht auch das eure der reinen, himmliſchen Freundſchaft, und laßt uns dem kleinen, eigenſinnigen, unbeſtaͤndigen Gotte auf immer entſagen.“ Obgleich es ihm gelungen war, dieſe Worte mit ziemlich ruhigem Tone hervorzubringen, hoͤrte er dennoch nicht auf, unbeſchreiblich fuͤr die Freundin zu leiden, fuͤr welche er die innigſte Dankbarkeit, Achtung, Freundſchaft, nur nicht Liebe empfand. Ein feindliches Geſchick ſchien ihn von allen Sei⸗ ten zu verfolgen, jede zarte Faſer ſeines Herzens zerreißen zu wollen. Tief bewegt zog er ſich in eine entlegene Ecke des großen, geraͤumigen Saa⸗ les zuruͤck, und ſtand dort im finſtern Nachdenken verloren. Auch die Fuͤrſtin fuͤhlte nun ſchmerzlich, wie ſie durch Leidenſchaft getrieben, das Geheimniß ih⸗ —. 21* 324 rer Liebe enthuͤllt, und den, welchen ſie um jeden Preis haͤtte begluͤcken moͤgen, nur noch ungluͤckli⸗ cher durch dieſe Entdeckung gemacht habe. Die Maske verbarg ihre vor Scham brennende Wange, und nur unter dieſer wagte ſie ſich ihm zu na⸗ hen, um, im vollen Vertrauen auf ſeinen Edel⸗ muth, durch voͤllige Offenherzigkeit, vielleicht ſeine Schmerzen noch zu lindern, und die ſchwere Laſt von ihrem Buſen zu waͤlzen. In dieſem dum⸗ pfen Schweigen konnte ſie nicht beharren, wenn ſie je wieder das Auge zu ihm emporheben wollte. Waͤhrend der ganze Kreis noch angelegent⸗ lich mit gegenſeitigem Beſchauen, in allgemeiner Unterhaltung, begriffen war, nahete ſie ſich dem Freunde. „Wallenſtein,“ ſagte ſie, indem ſie ſich bemuͤhete mit feſtem, ruhigem Ton zu reden,„ein Augenblick der Thorheit hat den Schleier von einem Geheimniſſe gezogen, das euch beſſer ver⸗ borgen geblieben waͤre. Ihr leidet fuͤr eure Freundin, eure Wange erroͤthet vor Scham un⸗ ter der Maske, uͤber meine Schwaͤche.“ 325 „Auguſte,“ rief er, ihre Hand ergreifend, „meine Wange erroͤthet, mein Herz empoͤrt ſich, uͤber den unuͤberwindlichen Eigenſinn meiner eig⸗ nen, verkehrten Neigung. Keinem andern Weibe verdanke ich, was ich dir verdanke. Oh, laß dieſer ſchreckliche Irrthum nicht das Band zerſtoͤ⸗ ren, was uns an einander knuͤpft; laß heilige, unaufloͤsliche Freundſchaft uns auf immer verbin⸗ den!“ „Caſimir, ſind wir nicht wie die Kinder, die nach dem Monde greifen, den ſie nimmer erhaſchen koͤnnen.— Eine heilige, unaufloͤsliche Freundſchaft, die Vereinigung unſerer Seelen, hier und dort;— mir genuͤgt dies. Warum wegen eines Namens ſtreiten?“ „Es iſt kein leerer Name, Auguſte! Freund⸗ ſchaft und Liebe ſind ſehr verſchiedene Dinge, ich kenne ſie, denn von beiden wird mein Herz in dieſem Augenblicke heftig bewegt. Freundſchaft kann man fuͤr Mehrere empfinden, ſie iſt theil⸗ bar; Liebe erſtreckt ſich nur auf einen Gegen⸗ ſtand.— Reine, ſchoͤne Seele, entſcheide du fuͤr uns!— Auch du liebſt mich ungetheilt, haſt jedes Opfer gebracht, wuͤrdeſt willig noch groͤßere 326 bringen.— Und oh, daß ich dieſe himmliſche Liebe nicht erwiedern kann!— Der Theil mei⸗ nes Herzens, den ich dir anzubieten habe, iſt dei⸗ ner nicht werth, denn ſieh, ich will dich nicht taͤuſchen, noch in dieſem Augenblicke liebe ich Luiſe bis zur Verzweiflung. Wenn ein Mann, der dir dies offen geſteht, noch Werth in deinen Augen behalten kann, ſo nimm mich hin, und baue auf meine Ehre! Was auch die innern Empfindungen meiner Seele ſeyn moͤgen, nie ſoll Luiſens Name in deiner Gegenwart wieder uͤber meine Lippen kommen. Mache mit mir was du willſt, nur weine nicht, ſuͤße Freun⸗ din!“— G 4 Die Thraͤnen der Fuͤrſtin floſſen waͤhrend dieſer Worte heftig unter ihrer Maske hervor. „Laß meine Thraͤnen dich nicht ſchrecken, Caſimir,“ ſagte ſie,„es ſind nicht die erſten, welche deinetwegen fließen; ſchon manche habe ich heimlich vergoſſen, als dies ſtolze Herz, was ſich ſo ſicher waͤhnte, ſich dennoch fuͤr beſiegt er⸗ klaͤren mußte, und ich in unausſprechlicher Angſt an deinem Krankenlager ſtand. Kein Opfer iſt mir fuͤr dich zu theuer; alſo muß auch dieſes ge⸗ 327 bracht und der ſchwerſte Kampf meines Lebens gekaͤmpft und beſtanden werden.— Caſimir, wir muͤſſen uns trennen, hier darfſt du nicht bleiben; mein Auge wuͤrde ſich nie wieder frei zu dir erheben koͤnnen. Wann verlaͤßt du Wien?“ „Goͤnne mir Zeit zu uͤberlegen, Auguſte. — Ja, ich will Wien verlaſſen; aber vor Desmond's Ruͤckkehr kann ich es nicht.“ „Und dann wirfſt du dich dem Tode in die Arme, ſuchſt ihn auf dem blutigen Schlachtfelde! Oh, laß mir nicht die ſchreckliche Ueberzeugung, daß ich, die dich nicht begluͤcken konnte, noch zu deiner Verzweiflung beigetragen habe!“ „Es hat auch ſeine Vorzuͤge,“ ſagte er feier⸗ lich,„den ganzen Kelch auf einmal zu leeren!— Aber nein, ich darf mich nicht taͤuſchen; der bit⸗ terſte Tropfen bleibt dennoch fuͤr mich noch darin zuruͤck!“ „Faſſe Muth, Freund! Du gehſt zu dei⸗ nem Vater, theilſt ſeinen Ruhm. Das Gewuͤhl der Schlachten, Hochgefuͤhl des Siegers, dies, und tauſend andere Dinge, werden dein Herz wenigſtens betaͤuben!“— 328 „Du irrſt, Auguſte! Keine ſolche Siege warten meiner; die Hoffnung des Ruhmes iſt mir, gleich manchem andern Traume, entſchwun⸗ den!“— 2 Die Fuͤrſtin ſuchte ſich vollends zu faſſen, um dem Freunde Muth zu geben.„Das ſpricht nur der Kleinmuth des Augenblicks aus euch,“ ſagte ſie mit feſter Stimme;„wo werdet ihr mit dem Herzog zuſammentreffen?“ „Nirgends, Fuͤrſtin.. „Ermannt euch, Freund, und ſteht eurer wuͤr⸗ dig da! Wohin gedenkt ihr von hier zu gehen?“ „Ich habe noch keine beſtimmte Abſicht; gerne ginge ich dahin, wo keine menſchliche Stimme mich mehr erreichen koͤnnte, denn nur zu bald werde ich vernehmen muͤſſen, was mich vollends zur Verzweiflung bringen wird.“ „Caſimir, ihr muͤßt zu eurem Vater ge⸗ hen, Pflicht und Ehre heiſchen es!— Soll es in der Macht eines Weibes ſtehen, die ſchoͤne Flamme in euch zu verloͤſchen? Ihr ſeyd zu et⸗ was hoͤherem geboren, und ich haͤtte gehofft euch ſelbſt in eurer Verzweiflung groͤßer vor mir zu ſehen. Tauſendmal lieber moͤchte ich euch todt 329 wiſſen, als daß irgend Jemand es wagen duͤrfte, eurer auf eine erniedrigende Art zu erwaͤhnen!““ „Recht ſo, Fuͤrſtin!“ rief Wolfſtein, welcher ſchon lange unbemerkt hinter ihnen ge⸗ ſtanden hatte,„euer Rath iſt gut. Wallen⸗ ſtein iſt nicht gemacht um ſeufzend unter einer Thraͤnen⸗Weide zu liegen; er muß zu ſeinem Vater.“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich wieder.— 3 „Teufel!“ murmelte Wallenſtein;„weiß er doch, daß ich es nicht kann!“ .„Ihr koͤnnt nicht! Habt ihr ihn belei⸗ digt? „Nein, Fuͤrſtin, er hat mich beleidigt.“ „So verzeiht mir, wenn ich euch unverhoh⸗ len ſage, daß euer Groll daruͤber unrecht iſt. Euer Verhaͤltniß als Sohn zum Vater wuͤrde zu jeder Zeit verlangen, daß ihr die Empfindlich⸗ keit unterdruͤcktet; jetzt aber heiſcht dies nicht al⸗ lein die Pflicht, ſondern auch Ehre und guter Ruf fordern es von euch!“ „Auguſte, wenn ihr einen Blick in dies Herz thun koͤnntet, wuͤrdet ihr uͤber die Groͤße meines Elends erſchrecken. Unverdiente Schande, 330 8 allgemeiner Tadel werden die Summe meines Ungluͤcks noch vielleicht vermehren; ich muß es ertragen; nur in euren Augen wuͤnſchte ich ſchuld⸗ los dazuſtehen. Doch auch das iſt mir verſagt, weil ich das Wort der Rechtfertigung nicht aus⸗ ſprechen darf.“ Hier nahte ſich Wolfſtein aufs Neue, ſagte im feierlichen Tone:„ſeyd auf eurer Huth!“ und ſchritt dann wieder langſam voruͤ⸗ ber. Wallenſtein biß die Zaͤhne zuſammen, und rieb die Stirn, als tüne er die Qual nicht laͤnger ertragen. „Um Gotteswillen ſagt, was Wolfſtein meint!“ rief die Fuͤrſtin.„Er ſcheint eine finſtre Macht uͤber euch zu uͤben, im Beſitz eines Ge⸗ heimniſſes zu ſeyn, das den Tag ſcheut.— Ich kann mir dieſe Vertraulichkeit nicht erklaͤren. Wallenſtein, vergeßt meine Schwaͤche, ſeht mich einzig als eure Freundin, eure Troͤſterin an, theilt euren Kummer mit mir, vielleicht finde ich ein Mittel ihn zu erleichtern!“— „Ich darf es nicht, Wurſein, ich muß ihn allein tragen!“ „Und dennoch weiß Wolfſtein ihn?“ 8 331 „Ja Wolfſtein kennt ihn, und daß er dies thut, iſt ein toͤdtlicher Tropfen mehr in mei⸗ nem Wermuth⸗Becher. Aber ſeht, er naht ſich noch einmal; laßt uns ſeinen Namen nicht nen⸗ nen.“— Noch ehe der Verfolger ihn erreichen konnte, ſprang er von ſeinem Sitze auf, und da der kleine Theodor das erſte Weſen war, welches ihm in den Weg kam, hob er ihn in die Hoͤhe, und fing ſo ungeſtuͤm an mit ihm zu ſpielen, daß das Kind faſt ſchreiend bat, es loß zu laſſen. „Du haſt einen meiner Fluͤgel zerbrochen,“ rief es weinend,„du biſt ein roher Kriegsmann!— Ich mag lieber mit den Frauen ſpielen.“ „Ich. beneide des Grafen behende, koͤrper⸗ liche Kraft,“ ſagte Wolfſtein boshaft. Er hatte ſich naͤmlich ſchnell des Sitzes neben der Fuͤrſtin bemaͤchtigt, um zu erforſchen, ob ihr Glaube an ſeine Bekehrung vielleicht ſchon wan⸗ kend gemacht ſey. Zwar ſchienen ihm die eher⸗ nen Bande mit denen er Wallenſtein gefeſ⸗ hatte, ſtark genug, aber da er den durchdringen⸗ den Blick der Fuͤrſtin kannte, hielt er es der Muͤhe werth, ſich ihrer gleichfalls zu verſichern; 33² auch ſloͤßte ihm der Ton ihrer Stimme einige Zweifel ein. 1 „ Furſtin,“ fluͤſterte er ihr zu,„ich merke meine Naͤhe macht euch gewiſſermaßen verlegen; doch ſeyd verſichert daß die Zunge nie ausſpre⸗ chen wird, was das Ohr zufaͤllig hoͤrte. Der Menſch kann einmal nicht fuͤr ſeine Neigungen, und daß ihr euch getrieben fuͤhltet, die eurige da anzutragen, wo man ſie nicht aufnehmen konnte, iſt ein Mißgeſchick, welches Niemand auſ⸗ ſer ihr ſelbſt, mich zwingen kann, je zu verra⸗ then.“ Hier verließ er ſie, damit ſie die Drohung gehoͤrig erwaͤgen und verdauen koͤnne. ** 333 XVI. Nur wenige Tage vergingen, bis Des⸗ mond gluͤcklich wieder heim kam. Er war als Moͤnch verkleidet in Prag hineingegangen, es gelang ihm Winterfeldt zu ſprechen, der das Geheimnißvolle der Unterhandlung um ſo weni⸗ ger begreifen konnte, da er mit dem Inhalt der Papiere, welche ſeinen Haͤnden anvertraut wur⸗ den, voͤllig unbekannt war; nichts deſto weniger aber gelobte er ſie erſt alsdann dem Herzoge zu 4 uͤberliefern, wenn der Lieutnant ſicher wieder aus Prag heraus ſeyn wuͤrde. Da alles ohne die mindeſte Gefahr beendet war, ſchaͤumte Desmond faſt vor Wuth, als er den Preis erfuhr, welchen Wolfſtein auf ſeine Befreiung geſetzt hatte; doch, es war zu ſpaͤt hier irgend etwas wieder zu aͤndern. 334 Wallenſtein ſchickte ſeinen Abgeſandten gleich nach der Ruͤckkehr, zum Kaiſerlichen Pal⸗ laſt um eine Abſchieds⸗Audienz zu erbitten, die auf das Huldreichſte geſtattet wurde. Schon ſeit mehreren Tagen hatte er ſich vom Hofe entfernt gehalten; man ſchob ſeine Abweſenheit auf die nöthigen Vorbereitungen zum vorhabenden Feld⸗ zuge, waͤhrend er groͤßtentheils vom Morgen bis zum Abend in der umliegenden Gegend, zu Pferde oder zu Fuß umherſtreifte, in der Hoffnung durch koͤrperliche Ermuͤdung den Kummer zu betaͤuben, unter welchem ſeine Seele faſt erlag. Schwer laſtete auch dieſe letzte Zuſammen⸗ kunft mit dem Kaiſer⸗Paare auf ihm; er fuͤrch⸗ tete die unzaͤhlichen Fragen, welche ihn in Ver⸗ legenheit bringen konnten; doch nach reiflicher Ueberlegung beſchloß er, den Augenblick walten zu laſſen, in keinem Falle, aber ſeinen Vater zu verrathen, noch eine Unwahrheit zu ſagen. Das erhabene Paar empfing ihn mit allen nur moͤglichen Zeichen der Huld.„Wir ſind lange unentſchieden geweſen,“ hub der Kaiſer an,„welch aͤußeres Zeichen unſerer Liebe, bei ei⸗ 335 nem Manne anwendbar ſeyn moͤchte, zu deſſen Gluͤcksguͤtern und Anſehen wir auch mit unſerm beſten Willen, ſchwerlich mehr hinzufuͤgen koͤnn⸗ ten, als er nicht ſchon beſitzt, oder einſt ererben wird. Nur zu eurer perſoͤnlichen Neigung zu uns konnten wir daher unſere Zuflucht nehmen, und auch nur an jene iſt dieſe Gabe gerichtet.“ Bei dieſen Worten uͤberreichte der Monarch ihm ein kleines Gehaͤuſe, das ſein und der Kaiſerin Miniatur⸗Gemaͤlde, mit einer koͤſtlichen Einfaſ⸗ ſung von Juwelen, enthielt.„Keinen Dank,“ fuhr er fort, indem er den tiefen Eindruck be⸗ merkte, welchen dieſes Geſchenk auf den Em⸗ pfaͤnger machte.„Euer Mund ſoll kein Wort des Dankes ſagen; nur zu bald werdet ihr Ge⸗ legenheit haben, eure Anhaͤnglichkeit fuͤr uns durch die That zu beweiſen. Ohne Zweifel hat euer Vater einen Poſten fuͤr euch aufbewahrt, der auch, ſelbſt wenn ihr nicht ſein Sohn waͤret, eu⸗ ren Verdienſten angemeſſen iſt.“ Wallenſtein ſchlug die Augen nieder und blieb ſtumm.— „Wißt ihr Graf,“ hub der Kaiſer aufs 8 — ℳ 336 Neue an,„daß es wahrſcheinlich oft in eurer Macht ſtehen wird, eurem Monarchen eine Ge⸗ faͤlligkeit zu erweiſen?— Der Herzog v. Fried⸗ land hat es als Preis ſeiner Verdienſte zur Be⸗ dingung gemacht,“(hier uberzog eine etwas finſtre Woike die Stirn des Kaiſers,)„einzig und al⸗ lein uͤber die Armee zu befehlen. Er hat unſe⸗ rer Wahl nicht einmal die Ernennung eines Ge⸗ nerals uͤberlaſſen, ich darf nicht uͤber das Com⸗ mando eines einzigen Regiments beſtimmen. Wenn ich alſo einmal einem Freund dienen will, muß dies durch eure Vermittelung geſchehen, und die, welche ich befoͤrdern moͤchte, ſollen ſich an euch wenden, da ihr am meiſten auf den Vater wir⸗ ken koͤnnt.— Was dann vielleicht feine Eifer⸗ Fucht der Einmiſchung des Herrſchers abſchlagen wuͤrde, wird ſeine Zaͤrtlichkeit ſicher der Bitte des Sohnes geſtatten.“ Wallenſtein verbeugte ſich ſchweigend. Mit Erſtaunen und innigem Mitgefuͤhl bemerkte die Kaiſerin die immer ſteigende Bewegung des und ſeiner natuͤrlichen Beſcheidenheit, theils dem jungen Mannes, welche ſie theils ſeinem Gefuͤhll 1 337 Kummer zuſchrieb, mit welchem er ſich von ei⸗ nem Orte entfernte, wo er die bitterſte Taͤuſchung ſeines Lebens erfahren hatte. „Ich wuͤnſchte euch, junger, edler Freund, mit heitererm Blick in den Streit ziehen zu ſe⸗ hen;“ ſagte ſie wohlwollend;„aber ſicher wer⸗ det ihr mit Ruhm beladen zu uns zuruͤckkehren.“ „Was denkt ihr von des Ritters Wolf⸗ ſtein ſchneller Bekehrung,“ ſiel der Kaiſer ein; „die Kaiſerin ſchmeichelt ſich mit kuͤhnen Hoff⸗ nungen; aber ich bin noch etwas unglaͤubig.“ „Ich fuͤrchte, gnaͤdigſter Herr, daß er es nie verdienen wird, heilig geſprochen zu wer⸗ den.“— 3 „Und doch,“ verſetzte die Kaiſerin,„beſtaͤrk⸗ tet ihr uns in unſerm Glauben durch Zeichen der Vertraulichkeit, die man bisher nie gewohnt geweſen iſt, zwiſchen ihm und euch zu ſehen.“ „Ew. Kaiſerliche Majeſtaͤt muͤſſen geruhen zu bemerken, daß ich ſeit kurzem ein Staatsmann geworden bin, und es iſt ein Zeichen meines B. v. W. II. 22 33⁸ neuen Berufs, die Hand zu geben, ohne das Herz dabei zu Rathe zu ziehen.“ „Haltet ihr denn unſern Neu⸗ Belehrten fuͤr einen Heuchler?“ 1„Entſchuldigt mich, Jnaͤdigſte Kaiſerin, ich bin einmal befangen; es iſt nur zu bekannt daß ich Wolfſtein nie liebte.“ „Euer Haß gegen ihn iſt wenigſtens kein Erbtheil,“ bemerkte Ferdinand,„denn er ſteht ſich ſehr gut mit dem Herzog.“ „So iſt es, mein Fuͤrſt, und eben ſeine Vertraulichkeit mit meinem Vater, veranlaßte mich zu den aͤußern Zeichen, welche Ihrer Ma⸗ jeſtaͤt und der Fuͤrſtin Stollberg aufgeſallen ſind.“ „Wann gedenkt ihr von hier zu gehen, Graf?“ „Mit eurer gnaͤdigſten Erlaubniß, Morgen.“ „Moͤgen alle Schutzengel euch auf euren Wegen begleiten,“ ſagte die Kaiſerin,„und in 339 dem Kampfe, der eurer bald harren wird, einen unſichtbaren Schild uͤber euch halten! Geht mit Gott in die Schlacht, mein treuer Ritter, und kehret ſiegreich heim!“ Der Kaiſer erhob ſich jetzt, um aus ſeinem Schreibpult ein kleines, verſiegeltes Packet zu nehmen. „Es liegt mir daran, Graf,“ ſprach er, „daß dieſe Papiere ſicher in eures Vaters Haͤnde gelangen; ihr erzeigt mir einen Gefallen wenn ihr ſie nicht aus den eurigen laßt. Ihr Inhalt iſt ſehr zarter Natur.“ Jetzt ſtieg Wallenſteins Verlegenheit auf das Hoͤchſte; wohl fuͤhlte er, daß noch ir⸗ gend eine Erklaͤrung erfolgen muͤſſe, bevor er ſich aus dem Pallaſt entfernte, vergebens aber ſuchte er nach Kraft dazu. Er wechſelte die Farbe mehrere Male, oͤffnete die Lippen umſonſt zum Reden, und lehnte ſich feſt an die Ruͤckſeite des Seſſels, auf welchem die Kaiſerin ſaß, um ſich aufrecht zu erhalten. Noch ſtand der Kaiſer mit ausgeſtreckter Hand, ihm die Papiere entgegen⸗ 22* reichend, und als er jetzt die heſtige Bewegung des jungen Mannes bemerkte, fragte er: „Iſt euch nicht wohl, Graf, oder worauf ſoll ich ſonſt dieſe gewaltige Erſchuͤtterung eures ganzen Weſens ſchreiben?“ „Ach, ich gehe nicht zu meinem Vater“ „ Nicht zu eurem Vater!— Und wohin gedenkt ihr dann zu gehen, junger Mann?“ „Gnaͤdigſter Herr, weiß ich es doch ſelbſt kaum;— wohin der Zufall mich fuͤhrt!“ Bei dieſen Worten warf er ſich zu den Juͤßen der Kaiſerin, die erſtaunt von ihrem Sitze aufſtand, und wollte ihre Hand kuͤſſen, „welche ſie aber zuruͤckzog. „Steht auf, Graf,“ ſagte ſie kalt,„eine Er⸗ klaͤrung dieſes ſonderbaren Benehmens iſt nothwen⸗ dig; wir erwarten ſie von euch.“ Caſimir erhob ſich, und mit der kalten Ruhe, welche die hoͤchſte Verzweiflung oft eingiebt, ſagte er:„Vernehmen Ew. Majeſtaͤten dann, ich ——— gehe nicht zu meinem Vater, ich kann nicht zu ihm gehen.— Wohin ich aber gehe, kann Jedem, ſo wie mir ſelbſt, hoͤchſt gleichguͤltig ſeyn, da gewiß kein Elenderer auf der ganzen, weiten Erdf einher⸗ irrt.“ Durch ſeinen Anblick erweicht, fragte die Kai⸗ ſerin im gewohnten, guͤtigen Tone:„Ohne Zwei⸗ fel habt ihr das Ungluͤck gehabt euern erhabenen Vater zu beleidigen? Doch, wenn ihr in einem Grade gefehlt haben koͤnntet, der keine Verzeihung verdient, wuͤrde ich nie dem aͤußern Scheine wieder trauen.“ „Vertraut euch mir an,“ ſagte Ferdinand, ſeine Hand theilnehmend ergreifend;„ich will der Vermittler zwiſchen euch und eurem Vater ſeyn, und ihr ſollt in Wien bleiben, bis euch die vaͤter⸗ lichen Arme aufs Neue geoͤffnet ſind.“ „Ach, es kann leider nicht ſeyn! Eure guͤ⸗ tige Vermittelung iſt fruchtlos. Der Herzog von Friedland hat keinen Sohn mehr,— ich be⸗ ſitze nicht laͤnger einen Vater!“— 342 Nichts glich dem Schrecken und Erſtaunen des Kaiſerlichen Paares, als ſie aus den Worten ihres jungen Lieblings ſchließen mußten, daß ent⸗ weder ein unausloͤſchlicher Haß zwiſchen Vater und Sohn beſtehe, oder er einen Fehler hegnngen habe, der keine Virjeihans verdiene. „ „Muß ich alſo glauben, zunger Mann, daß ihr meine Vermittelung gaͤnzlich ablehnt, oder daß ihr euch weigert mit dem Vater wieder verſoͤhnt zu werden?“ Caſimir verharrte im dumpfen, tiefſinnigen Schweigen; was durfte, was konnte er hierauf erwiedern? Ferdinand aber, der dies Schwei⸗ gen fuͤr Halsſtarrigkeit nahm, ſetzte nach einer Pauſe hinzu: „Da ihr die heiligſten Bande der Natur ſo gering achtet, darf es mich freilich nicht wundern, euch taub gegen die Stimme eures Monarchen zu .(Es iſt Zeit daß unſere Unterredung ein Ende dehm, ich empfehle euch eurer eigenen beſ⸗ ſeren Ueberlegung an, Graf!“— 343 Maſchinenmaͤßig bewegte Caſimir ſich der Thuͤre entgegen. Die Kaiſerin, durch bittere Er⸗ fahrung leider in der Kunſt geuͤbt, als Vermittle⸗ rin zwiſchen Vater und Sohn dazuſtehen, dachte in dieſem Augenblick an ihren Erſtgebornen, und empfand wahrhaft muͤtterliches Mitleid fuͤr den 1 ihr gegenuͤberſtehenden, verirrten Juͤngling. Sigr warf einen bittenden Blick auf ihren Gemahl, und da es ihr vorkam als laͤſe ſie wenigſtens keine Miß⸗ billigung in ſeinen Zuͤgen, ſagte ſie: .„Nein, Wallenſtein, ſcheidet nicht auf dieſe Weiſe von eurem Monarchen; bedenkt gegen wen eure Nachgiebigkeit gefordert wird! Wenn ihr zu ſtolz ſeyd Vergebung von eurem irdiſchen Vater zu erbitten, werdet ihr nur zu bald vergeſ⸗ ſen euer Knie vor dem himmliſchen zu beugen. Ich verlange ja keine bloße, aͤuſſere, hoͤfiſche Willfaͤh⸗ rigkeit von euch; glaubt es mir, eure Hartnaͤckig⸗ keit wird euch gereuen! Sprecht, junger Freund, öffnet mir euer Herz.“ Die milde Guͤte, welche dieſe Fuͤrſtin ſo ſehr mit der Wuͤrde der Herrſcherin zu vereinigen wuß⸗ 344 te, verfehlte ihre Wirkung auf Wallenſtein nicht; ein Strom von Thraͤnen erleichterte ſein gepreßtes Herz; indem er ihre Hand ergriff und einen heißen Kuß darauf druͤckte, rief er faſt auſſer ſich:„Moͤge Gott euch ſeinen beſten Segen ver⸗ leihen, und die Pfeiler eures Throns unerſchuͤtter⸗ lich erhalten!“— Mit dieſen Worten ſtuͤrzte er ſchnell aus dem Zimmer und dem Pallaſte, worin er das Kaiferliche Paar, in aͤngſtlicher Beforgniß, erſtaunt zuruͤckließ. 1 „Auch das waͤre uͤberſtanden!“ ſagte er, als er ſich wieder in ſeiner Wohnung befand;„alle Bande ſind nun zerriſſen, und mein Herz ſollte wohl recht leicht feyn! Desmond, Freund, oͤffne jenes Schubfach; es iſt viel Geld darin. Bezahle mein Gefolge reichlich, gieb allen den Ab⸗ ſchied, behalte Niemand von ihnen; wir Beide wollen, wie es kecken Abentheurern ziemt, fuͤr uns ſelbſt ſorgen. Mein Mirza und dein Ajax ſollen uns vogelfrei durch die Welt tragen. Spute dich, guter Desmond; dieſe Nacht noch muß alles vollbracht ſeyn!“ 1 — Mit ſchwerem Herzen, aber rnhigen Ange⸗ ſichts, gehorchte Desmond ſchweigend, waͤh⸗ rend Wallenſtein im Zimmer auf und nieder ging, von Zeit zu Zeit ein paar Strophen einer kleinen ſchwermuͤthigen Balladde, Wilhelm's Lieblings⸗Lied, vor ſich hin ſang, dann haſtig nach Feder und Papier griff, und mit unſicherer Hand folgende Zeilen ſchrieb: „Lebt wohl, theure Freundin! Ich gehe gleich einem Verbannten, mit Ungerechtigkeit und Kum⸗ mer beladen, hinaus in die weite Welt; doch glaubt mir, nur die Haͤlfte der Laſt iſt meine ei⸗ gene Schuld!— Das kleine Pfand, welches ich hier beilege, und wobei ihr meiner gedenken wer⸗ det, iſt das theuerſte Kleinod, daß ich auſſer dem kleinen goldenen Herzen, beſitze. Es gehoͤrte einſt einem, deſſen Sorge das Grab fruͤh endete; er empfing es von ſeiner jungen Verlobten, die der Tod ihm entriß, und gab es mir. Sonderbare Dinge haben ſich ſeitdem zugetragen, aber der ſchaͤdliche Zauber, den es vielleicht enthalten mag, iſt auf mein Haupt gefallen; es wird jetzt nicht 346 9 mehr feindlich wirken. So nehmt es denn ohne Scheu von mir an, und wenn Ihr zuweilen eine ſtille Stunde der ſuͤßen Wehmuth weiht, ſo moͤge dieſer kleine Ring mein Bild in Enre ſchoͤne Seele zuruͤckrufen.— Lebt wohl⸗ lebt ewig wohl, Au⸗ guſte!“ Wallenſtein.“ Er faltete das Papier zuſammen, legte den Ring hinein, der aus einem Rubin⸗Herzen, von einem brillantenen Pfeil durchbohrt, beſtand, uͤber⸗ ſchrieb es an die Fuͤrſtin Stollberg, und ſteckte es in ſeinen Buſen; dann begann er ſeine vorige eintöͤnige Bewegung wieder, indem er die ganze Nacht hindurch, in ſeinem Zimmer auf und nieder ſchritt. Desmond hatte waͤhrend der Zeit ſein ſchweres Geſchaͤft vollendet. Er wollte zwar nicht, durch uͤbel angebrachte Sparſamkeit, das Andenken an einen großmuͤthigen Herrn, im Herzen der Dienerſchaft ſchmaͤlern; doch fuͤhlte er die Noth⸗ wendigkeit, etwas von dem anvertrauten Schatze 347 zuruͤckzubehalten, um nicht in der Folge nebſt Wal⸗ lenſtein, von allem entbloͤßt zu ſeyn. Des jun⸗ gen Grafen zahlreiches Gefolge forſchte nach der urſache ſeiner ſo ploͤtzlichen Entlaſſung, machte Vorſtellungen, bat, und Desmond hatte hin⸗ laͤngliche Arbeit, um ſeine Ruhe und Kaͤlte zu be⸗ haupten. Endlich, mit Tages Anbruch, war er mit allem fertigg und legte den Beutel, welcher die Truͤmmer ihres Vermoͤgens enthielt, in Wal⸗ lenſteins Haͤnde. „Nun ſind wir allein, in dieſem großen, wei⸗ ten Pallaſte,“ ſagte er; alles iſt fort, und un⸗ ſere Pferde ſtehen geſattelt im Stalle.“ „Gut, Freund!— Aber was ſoll dies?“ „Es ſoll zu unſerer Erhaltung dienen, Graf.“ „Ach, du haͤtteſt es meinen Leuten noch ge⸗ bin ſollen!“ „Und wovon ſollten wir denn leben? Bet⸗ teln iſt kein anmuthiges Geſchaͤft, und ich glaube 3 348 wir wuͤrden uns Beide nicht beſonders dazu ſchi⸗ cken.“ „Stehen uns denn die Minen nicht offen?— fragte Caſimir finſter. „Was auch immer euer Geſchmack ſeyn mag, Graf, ich ziehe die Oberflaͤche der Erde ihren Ein⸗ geweiden vor; obgleich wenn ihr gezwungen waͤ⸗ ret, hinabzuſteigen, Desmond euch auch dort, wie uͤberall, folgen wuͤrde.“ „So behalte, was deine Vorſorge fuͤr uns bewahrt hat; ich wuͤrde doch nur verſchwenderiſch damit umgehen.“ 3 Als ſich die Stunde nahete, in welcher man die Thore oͤffnete, beſtiegen beide Freunde, in vol⸗ ler ungariſcher Uniform, mit einem kleinen Buͤn⸗ del Waͤſche hinter ſich, die wiehernden Pferde. Wallenſtein hielt an dem Fluͤgel des Pallaſtes 4 ſtill, den die Fuͤrſtin Stollberg bewohnte, gab den Brief einem ihrer Pagen, und als er 349 auch dies letzte Geſchaͤft beſeitiget hatte, ſagte er mit geiſterartigem Laͤcheln: „Nun, Freund, liegt die weite Welt vor uns!“— Bald war die Kaiſerſtadt aus ihren Blicken verſchwunden. Ende des 2ten Theils. Jena, gedruckt bey Frommann und Weſſelhöft. 6 1. 8 † f. 2* 8* 4 8 ℳ — 8* 1